7 7 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und eſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Ein⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenvmmen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: „* 5 Juswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder veferte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleiheneit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. auf 1 Monat: T N W 1W ———— * . 4 † — Der Raub Straßburgs im Jahre 1681. Vaterländiſcher Roman in 3 Theilen von Heribert Rau. Dritter T heil. Franſifurt a. M. Literär iſche An ſt b (Rütten und Löning.) 1862. ————— Druck von C. Adelmann in Frankfurt a. M. cn c d— 00— c ht. Dunkele Wege. Der Brautwerber. Die Herenküche Die Herzogin von Fontanges Eine Audienz Nacht und Schmerz Straßburgs Fall. Das Geheimniß auf der Brücke Die Blumengärtnerin. Hannibal ante portas Ein ſchwerer Tag... 10. 12. 13. 14. 15. Die Capitulation Schaum und Traum Eine welke Roſe Das Walten der Nemeſis Des Raubes Heiligung Schmerz und Glück 118 136 186 2138. 247 261 300 330 346 356 346 Berichtigungen. 10, Zeile 25 lies: bekleidete ſtatt bekleitete. 5 77,„ 15 240,„ 23 241, 15 „ ſagte ſtatt ſage. königlichem ſtatt königlichen. freie ſtatt frei. Hatte ihn Jeneggen in Händen ſtatt: Hatte in Jeneggen ihn Händen. Namens ſtatt Names. — — Dunkele Wege. Der Brautwerber. Die Lerche war's, nicht die Nachtigall, Die eben am Himmel geſchlagen; Schon ſchwingt er ſich auf, der Sonnenball, Vom Winde des Morgens getragen; Der Tag, der Tag iſt erwacht, — Die Nacht, Die Nacht ſoll blutig verenden— Heraus, wer an's ewige Licht noch glaubt! Ihr Schläfer, die Roſen der Liebe vom Haupt, Und ein flammendes Schwert um die Lenden! Die Lerche war's, nicht die Nachtigall: Erhebt euch vom Schlummer der Sündenß 5 Schon wollen die Feuer ſich überall, 5. Die heiligen Feuer entzünden. 3 5 Friſch auf und die Waffen gefeit! Der Streit, Der Gottesſtreit ſoll beginnen. Hinweg aus des Liebchens roſigem Arm Und hinein in der Feinde gepanzerten Schwarm * Und auf fliegenden Roſſen von hinnen! Der Ranb Straßburgs II. P Die Lerche war's, nicht die Nachtigall: Kein Küſſen gilt es und Koſen, Sie ſingt von nahendem Donnerhall, Sie ſingt von des Schlachtfelds Roſen. Den Roſen, damit in Todesluſt Die Bruſt, Die Bruſt der Helden ſich ſchmücket. D'rum auf und wohlan, bis frei die Welt, Sei der Himmel ein einig Kriegerzelt Und der Dolch der Rache gezücket. Die Lerche war's, nicht die Nachtigall: So laß, o Jugend, dein Träumen, Und wie von den Bergen mit Jubelſchall Die muthigen Waſſer ſchäumen, Und wie ſie jagen in's tieſſte Thal Den Strahl, Den ſilbernen Strahl durch's Gelände, So gib' ihr dein Blut, ſo gib' ihr dein Wort, Daß die Erde nicht ganz und gar verdorrt, So gib' ihr dein Herz, deine Hände. Die Lerche war's, nicht die Nachtigall; Die kecke Geſpielin der Wolke Fliegt jauchzend hinter dem Sonnenball, Hoch über dem ſtaunenden Volke, Und unter dem Scheffel bleibt auch nicht Das Licht, Das Licht der Freiheit verborgen; Viel tauſend Herzen ſind angefacht, Und preiſet die Liebe die Sterne der Nacht, Die Völker, ſie preiſen den Morgen!“ Herwegh. Morgenrufe, wie dieſer, ſchlugen ſchon oft an die Ohren des deutſchen Volkes, es erwachte dann auch wohl auf kurze Zeit; aber. wach und gerüſtet bleiben, oder gar dem Rufe that⸗ kräftig folgen, das iſt ſeine Sache nicht. Lieber lauſcht es den Schlummerliedern, die man ihm— von bedrohter Seite her— vorſingt, und läßt ſich durch ſie wieder gemüthlich in den alten Schlaf ein⸗ wiegen. Ol es träumt ſich ja ſo ſchön! Auch Träume haben, wenn nicht gerade der Alp drückt, ihre Poe⸗ ſie und Poeſie liebt der Deutſche! Die Kloſterverſchwörung in Straßburg war in der That ein Wecker⸗Ruf für die Bevölkerung der Stadt. Wer bis dahin noch blind über Dasjenige geweſen, was Frankreich, Straßburg gegenüber, be⸗ abſichtigte, dem mußte unleugbar der Staar ge⸗ ſtochen ſein. So begann denn auch wirklich, von dieſem Mo⸗ mente an, in dem kleinen Freiſtaate ein ganz neues, ungemein reges, politiſches Leben. Der Sieg der deutſchen Parthei, der Patrioten im Magiſtrate, war— wenigſtens für den Mo⸗ ment— ein vollſtändiger. Günzer ging ja, wie man zu ſagen pflegt, das Waſſer bis an den Kragen. Er und ſeine Parthei hatten ſich nicht nur durch die 1* ſeinerzeitige Verbannung des jungen Hugo von Zed⸗ litz und die jetzige Widerrufung derſelben ſtark com⸗ promittirt, ſondern Günzer war ja auch der Ueber⸗ führung des eigenen Hochverrathes kaum und nur wie durch durch ein Wunder entgangen. Dies Be⸗ wußtſein drückte den ſonſt ſo kecken Mann jetzt nie⸗ der, wie das Bewußtſein der eigenen Schuld die vielen übrigen, bereits von Frankreich durch Gün⸗ zer's Vermittelung beſtochenen und erkauften Magi⸗ ſtrats⸗Mitglieder. Die Oppoſition gegen Syndicus Frantz und die Parthei der Patrioten ſchwieg daher in den erſten Tagen ganz, ja der Einfluß der Letzteren trat mit einemmale ſcharf in den Vordergrund. Freilich ſtand jetzt faſt die ganze Bevölkerung der Stadt hinter ihr. Die alten guten Straßburger waren nämlich ſeit jenem verhängnißvollen Ereigniſſe politiſch wie neu geboren. Alle Herzen ſchlugen mit einemmale wieder für die alte reichsſtädtiſche Verfaſſung,— für die wieder aufzunehmende Bewaffnung und neue militä⸗ riſche Organiſation der Bürgerſchaft in den Zünf⸗ ten und durch dieſelben. Jede Bruſt hob ſich wieder höher in dem alten reichsſtädtiſchen Stolz. Was Hugo von Zedlitz mit ſeinen wenigen Ge⸗ treuen gethan, ſchrieb ſich bald jeder Einzelne im Bewußtſein ſeiner eigenen Thatkraft zu, und dies Bewußtſein eigenen Heldenmuthes ſteigerte ſich dann, im Lichte des Eigendünkels und der Ueberhebung, bis zu einem, ganz Frankreich gebotenen Trotz. In der That ward jetzt die Bewaffnung der Zünfte mit großem Eifer betrieben. Die Zunft⸗ und Trinkſtuben wandelten ſich nahezu in militäriſche Bureaux und kleine Zeughäuſer um. Geldbeiträge zur Anſchaffung von Waffen wurden geſammelt und Stunden ausgeſchrieben, in welchen man ſich in der Handhabung der Waffen zu üben habe. Die Bürger bezogen ſogar alle drei Tage die Wachen ſelbſt. Alles war Feuer und Flammen!... nur... hatte nichts die rechte Art und Weiſe, weil man Alles übertrieb und zu haſtig und unüberlegt ausführte. Ob die angeſchafften Waffen tauglich ſeien oder nicht, darauf ſah man wenig: wenn ſie nur da waren. Ob das Weſen und der Charakter ſo manchen Mannes auch eine Bürgſchaft dafür leiſte, daß er — im Falle eines ernſtlichen Kampfes— ſich auch ſtelle,.. darnach frug man nicht, wenn nur die Fähnlein gebildet und recht viele Namen in den Re⸗ giſtern derſelben eingetragen. Von einer ordentlichen Subordination war auch —— — 6—= wenig die Rede. Natürlich!... ſtanden doch Bür⸗ ger neben Bürger... und... es war ja doch alles nur guter Wille. Auch betrieb jede Zunft ihre Angelegenheiten für ſich; an ein feſtes, ordnungsmäßiges Band zwiſchen Allen,... an eine Unterordnung der ſämmtlichen Zünfte unter einen entſchiedenen und kräftigen Ober⸗ befehlshaber dachte man nicht. Wohl war hie und da von Hugo von Zedlitz die Rede geweſen. Aber das ging doch nicht! Den Einen war er zu jung, den Anderen gar zu eifrig; dieſe ſtießen ſich an dem Vater, Jene an ſeiner adligen Abſtammung... kurz... die Frage blieb in der Schwebe. Es wollte eben, vor lauter Haſt und gutem Wil— len, keine Ordnung in das Ganze kommen, ſo viel Mühe ſich auch Frantz, der junge Zedlitz, Wenck und andere tüchtige Männer gaben... und doch iſt Ordnung für eine derartige Organiſation die erſte Grundbedingung. Straßburg war— wenigſtens dem Namen nach — eine kleine Republik;... aber... wo blieben hier wie anderswo die wahren ächten Repu⸗ blikaner? Republikanismus— ächte, wahre Vaterlands⸗ liebe ſetzt Uneigennützigkeit voraus. Da aber die Uneigennützigkeit gerade auch wieder aus der — ächten Vaterlandsliebe entſpringt— ſich ihres edlen Urſprunges alſo bewußt iſt und bewußt bleibt— ernährt und entwickelt ſie auch Uneigennützigkeit. Aus ſeiner Perſönlichkeit herausgehen, für das Ganze leben, in das Allgemeine ſich verlieren, und gewiſſer⸗ maßen ſich verſenken, glücklich ſein, indem man das Glück der Anderen befördert; ſeinen Reichthum im Wohlſtande des Staates, ſeine Ehre in der Ehre der Nation, der man angehöret, ſeinen Stolz in die Macht des Vaterlandes zu ſetzen, das heißt: Re⸗ publikaner ſein. Dieſes Gefühl, wenn es einmal das Ganze ergriffen hat, bringt aber auch alle öffent⸗ lichen Tugenden hervor, da Tugend, im höchſten Sinn des Wortes, doch nur freiwillige Entäußerung ſeiner ſelbſt um der Anderen Willen iſt; dies iſt denn auch die ſicherſte Stütze der wahren Freiheit: denn Freiheit iſt das Gemeingut aller Bürger; ohne Gemeinſinn wird man die Freiheit für ſich allein wollen, und ſie dazu brauchen, die der Anderen zu unterdrücken. Aber, wie geſagt, wo ſind die Menſchen zu fin⸗ den, die ſo denken... und handeln? Die Welt ſah ſchon viele Republiken... aber noch gar wenige ächte Republikaner! Auch Günzer war ſo klug, dies einzuſehen. Als daher der erſte Schrecken und die erſte Gefahr vor⸗ 5 über waren, erholte er ſich raſch. Sein diplomatiſches Genie verließ ihn auch jetzt nicht, und— ſich in ſeine Lage und den Augenblick findend— ſchaute er dem ſich überſtürzenden Treiben ſeiner Mitbürger ſtill lächelnd zu. Günzer kannte dies Flackerfeuer plötzlicher Volkserregung, das praſſelnd bis zum Himmel ſchlägt, um dann... deſto eher wieder in ſich ſelbſt zuſammenzuſinken. Weniger ruhig ließ ihn der Einfluß, den Hugo von Zedlitz auf die Bevölkerung gewonnen, und wel⸗ chen ſich der junge Mann— wenn gleich er, ſich auf ſein juriſtiſches Examen vorbereitend, zurückge⸗ zogen lebte— zu erhalten wußte. Indeß... Volksgunſt iſt ja ebenfalls ſo gut als Strohfeuer! Das„Hoſiannah!“ von heute und „kreuzigt ihn!“ von morgen, war dem ſchlauen Stadtſchreiber nichts Neues; auch die Art und Weiſe war es nicht, wie man es anfängt, daß ſich der Wind bei dem vielköpfigen Ungeheuer, Volk ge⸗ nannt, drehe. Lag doch der Zauberſtab für alle der⸗ artige Manipulationen in ſeiner Hand.. er be⸗ ſtand ja in den franzöſiſchen Beſtechungs⸗ geldern! Sobald alſo Günzer gewiß war, daß er nicht compromittirt ſei, nahm er, leiſe und unbemerkt, die Zügel wieder in die Hand. Anfangs geſchah dies —— ohne Oppoſition, ja ſelbſt mit dem Anſchein einer Aenderung ſeiner Anſichten. Der Schlaue ließ aber damit nur dem Volke Zeit, ſeinen patriotiſchen Rauſch auszutoben. Er wußte, was ſolche Bewe⸗ gungen dem Einzelnen für Opfer, auch in pecu⸗ niärer Beziehung, koſten; wie bald aber auch gerade die ewige Opferbereitſchaft die gewöhnlichen Menſchen ernüchtert und abkühlt. Er baute daher auf dieſe Erfahrung... und... mit Recht. Schon nach wenigen Wochen ließ die allgemeine Begeiſterung merklich nach und zeigte in nicht allzugroßer Ferne ihr ſanftſeliges Erſterben. Natürlich waren dabei ſeine Creaturen im Ge⸗ heimen nicht unthätig, ſo wenig wie er ſelbſt. Gel⸗ der floſſen in Menge, und wann wären die Men⸗ ſchen Beſtechungen nicht zugänglich geweſen? Einmal aber ſo weit, trat Günzer wieder nach und nach mit der alten, bald ſogar mit verdoppelter Entſchiedenheit auf, um das verlorene Terrain aber⸗ mals zu gewinnen. Wohl bekämpften Frantz und ſeine Parthei dies neue Vordringen aus allen Kräf⸗ ten; allein die Zeit der Betäubung der Mittelpar⸗ thei— der Parthei der Halben, der Aengſtlichen und Schwachen— war vorüber und dem alten In⸗ ſtinkte ſowohl, wie geheimen Verpflichtungen folgend, klammerte ſich dieſe— Selbſtſtändigkeit iſt ohnedem —= 10— die Sache der wenigſten Menſchen— wieder an den alten Führer. Da trat für ſie und Günzer ein Er⸗ eigniß hinzu, das den Muth der Franzöſiſchgeſinnten ungemein ſtärkte und hob, und den der Gegenparthei gewaltig niederdrückte: der Hof von Frankreich, den König an der Spitze, erſchien auf einer Rundreiſe plötzlich in dem benachbarten Städtchen Colmar machte dort für längere Zeit Halt und über⸗ ſchwemmte Straßburg mit Freundſchaftsbeweiſen. Frantz und die Seinen, Hugo von Zedlitz, Wenck und mancher ſonſtige Ehrenmann durchſchauten zwar dies Mannöver und warnten vor den Freundesge⸗ ſchenken der Danaer... aber das Schreien der Günzer'ſchen und die liebe Eitelkeit der geſchmeichel⸗ ten Bürgerſchaft ließ ihre Stimme fruchtlos verhallen. Ehe man es ſich verſah, ſtanden die Dinge in Straßburg ganz auf demſelben Punkte, wie. vor der Kloſterverſchwörung: Günzer war wieder Herr der Stimmung des Magiſtrates. Unterdeſſen hatte ſich aber im Geheimen unter Günzer's Augen noch ein anderes, ſich freilich in den Gränzen des Familienlebens bewegendes Drama vorbereitet. Günzer war von niederer Abkunft. Als er noch in den Kinderjahren ſtand, bekleitete ſein Vater die Stelle eines Beiſitzers bei dem Ausſchuſſe der zwanzig Zünfte. Da derſelbe aber die Geheimniſſe dieſes Collegiums gegen Geld verrieth und verkaufte, wurde er mit Schande aus demſelben ausgeſtoßen.*) Einen noch tieferen Schatten warf aber ein Vor⸗ kommniß mit dem Bruder des Beiſitzers auf die Familie Günzer. Dieſer nämlich— der Oheim des jetzigen Stadtſchreibers— war der Falſchmünzerei beſchuldigt. Er floh auf die andere Seite des Rhei⸗ nes, wurde jedoch ergriffen und nach Straßburg zu⸗ rückgeführt. Kaum aber hatte er die Brücke erreicht, als er ſeinen Wächtern entſchlüpfte, über das Ge⸗ länder hinaus in den Rhein ſprang und ertrank.*) Was nun Günzer— der jetzt eine ſo wichtige Rolle in Straßburg ſpielte— ſelbſt betrifft, hinter⸗ ließen ihn ſeine Eltern in den betrübteſten Verhält⸗ niſſen. Wohl war er ein Knabe von Geiſt und Kopf, aber auch von durchtriebenem Charakter. Gänzlich verwahrloſt, würde er ſicher ſchon frühe untergegan⸗ gen ſein, hätte ſich ſeiner nicht die alt⸗adlige Familie Zorn von Plobsheim und beſonders auch jene von Bernhold, die mit den Plobsheim's enge verbunden war, liebevoll angenommen. Günzer wurde hier völlig wie ein Kind des *) Coste: p. 150. *) Coste: p. 150. Hauſes aufgenommen, erzogen und in die niederen und höheren Unterrichtsanſtalten gehalten. Bald zeigte ſich denn auch in der That ſeine große Be⸗ fähigung, ſo daß ihn ſeine Beſchützer nicht nur mit Wohlthaten geradezu überhäuften, ſondern Herr von Bernhold ihn auch ſeinem älteſten Sohn faſt gleich ſtellte. Zur Zeit nun, als Türenne ſeine großen Er⸗ folge im Elſaß feierte, war Herr von Bernhold er⸗ ſter Stadtrichter in Straßburg. Und da es ſchon damals galt, die immer weiter greifende Macht Lud⸗ wigs XIV. mit aller Vorſicht, der Vaterſtadt gegen⸗ über, zu beſchränken, zu dieſem Zwecke aber ein ju⸗ riſtiſch und diplomatiſch gebildeter Kopf an den fran⸗ zöſiſchen Hof geſandt werden mußte, ſo verwendete Herr von Bernhold den jungen Günzer dazu, den er durch ſeine zahlreichen und fortwährenden Wohl⸗ thaten an ſich gefeſſelt glaubte. Nachdem Herr von Bernhold alſo ſeinem Schütz⸗ linge die nöthigen Vollmachten der Regierung ver⸗ ſchafft und ihn mit den Mitteln zur Reiſe und zu einem längeren Aufenthalte in Paris reichlich aus⸗ geſtattet hatte, eröffnete er ihm die diplomatiſche Laufbahn dadurch, daß er ihn bei dem Grafen von Ruvigny einführte. Graf von Ruvigny verſchaffte denn auch Günzer, — 13—= in Folge der Empfehlung des Herrn von Bernhold, die Bekanntſchaft mehrerer hochgeſtellter Perſönlich⸗ keiten am Hofe, namentlich auch die des Marquis von Louvois. Der Scharfblick des Miniſters durch⸗ ſchaute Günzer aber ſofort, und da er ſchon damals in dieſem jungen Manne ein treffliches Werkzeng für ſeine weitausſehenden Pläne ahnte, beehrte Lou⸗ vois den damals noch ganz jungen Mann mit ſei⸗ nem beſonderen Vertrauen. Die Sache ging ſo weit, daß man Günzer„le mignon connu de la France“ nannte.*) Indeß ſchien Günzer bis dahin ſeinen Einfluß nur zu Gunſten ſeiner Vaterſtadt gebraucht zu ha⸗ ben. Volles Vertrauen von Seiten des Magiſtrates lohnte ſeine Geſchicklichkeit und ſeinen Eifer, und ſo kam es denn auch, daß er bei ſeiner Rückkehr nach Straßburg erſt zum Stadt⸗ und in der Folge ſogar auch zum Rathsſchreiber ernannt wurde. Natürlich übertrug man dabei dem geſchickten diplomatiſchen Unterhändler, dem durch Louvois Gunſt geehrten Manne, auch die auswärtigen Angelegenheiten, na⸗ mentlich die Geſchäfte mit Frankreich. Dahin aber hatte ja Günzer längſt im Gehei⸗ NM. Coste:„Réunion de Strasbourg à la France.“ Documents ete. pP 150. — 14— men geſtrebt— und— auf dieſem Poſten gerade wollte ihn auch der ſchlaue Louvois haben. Beide verſtanden ſich ja nur zu gut; ſo daß denn auch Günzer— als nach wenigen Jahren die rechte Zeit gekommen ſchien— ohne eine weitere Aufforderung von franzöſiſcher Seite, im Stillen— Louvois gegenüber— die Maske fallen ließ und von der Stunde an im Intereſſe Frankreichs handelte. Welchen Verrath Günzer hier geſponnen, durch welche ungeheuere Summen er ſich beſtechen ließ, um durch ſeine Stimme in den Sitzungen des Ma⸗ giſtrates, durch ſeine Rathſchläge und tauſend andere Machinationen den Fall Straßburgs und die Ueber⸗ lieferung dieſer wichtigen deutſchen Reichsſtadt und Reichsfeſtung an Frankreich herbei zu führen, wiſſen wir bereits. Außerdem war ihm ja von Louvois für den Fall der Uebergabe ſeiner Vaterſtadt die Stelle als Syndicus und Director der Staatskanzelei in Straßburg zugeſagt. Dies war Günzers Verfahren, dem Staate und der Vaterſtadt gegenüber;. wie aber benahm er ſich nun gegen ſeinen Wohlthäter und deſſen Familie? Es iſt traurig, Blicke in Herzen werfen zu müſ⸗ ſen, in welchen Nacht und Verdorbenheit ihren Thron aufgeſchlagen.. und doch!... gibt es denn in der ganzen Geſchichte des Menſchen ein Kapitel, das wichtiger für unſere eigene Beſſerung, unterrichtender für unſer Herz und unſeren Geiſt iſt, als die An⸗ nalen menſchlicher Verirrungen? Bei jedem Unrecht, bei jedem großen Verbrechen war eine verhältniß⸗ mäßig große Kraft in Bewegung. Wenn ſich das geheime Spiel der Begehrungs⸗ kraft bei dem matteren Lichte gewöhnlicher Affekte ver⸗ ſteckt, ſo wird es im Zuſtande gewaltſamer Leiden⸗ ſchaft deſto hervorſpringender; der feinere Menſchen⸗ forſcher, welcher weiß, wie viel man auf die Mecha⸗ nik der gewöhnlichen Willensfreiheit eigentlich rech⸗ nen darf, und wie weit es erlaubt iſt, analog zu ſchließen, wird manche Erfahrung aus dieſem Ge⸗ biete in ſeine Seelenlehre herübertragen, und für das ſittliche Leben verarbeiten. Es iſt etwas Einförmiges und doch wieder ſo Zuſammengeſetztes, das menſchliche Herz. Eine und eben dieſelbe Fertigkeit oder Begierde kann in tau⸗ ſenderlei Formen und Richtungen ſpielen, kann tau⸗ ſend widerſprechende Phänomene bewirken, kann in tauſend Charakteren anders gemiſcht erſcheinen, und tauſend ungleiche Charaktere und Handlungen kön⸗ nen wieder aus einerlei Neigung geſponnen ſein, wenn auch der Menſch, von welchem die Rede iſt, nichts weniger denn eine ſolche Verwandtſchaft ahnt. — 6— Stände einmal, wie für die übrigen Reiche der Na⸗ tur, auch für das Menſchengeſchlecht, ein Linnäus auf, welcher nach Trieben und Neigungen klaſſifi⸗ zirte, wie ſehr würde man erſtaunen, wenn man ſo manchen, deſſen Laſter in einer engen bürgerlichen Sphäre und in der ſchmalen Umzäumung der Ge⸗ ſetze jetzt erſticken muß, mit dem Ungeheuer Borgia in einer Ordnung beiſammen fände. Als Günzer ſich noch als ganz junger Menſch in der Familie des Herrn von Bernhold befand, und dieſer— ſein Wohlthäter, ſein zweiter Vater, — ihn mit ſeinem vollſten Wohlwollen beehrte, und ſelbſt ſpäter, als der alte Herr geſtorben und deſſen Sohn, mit welchem Günzer erzogen worden war, das Haupt der Familie wurde, vertraute man dieſem unter Anderem auch die Archive der Familien Bern⸗ hold und von Zorn an. Namentlich aber hatte der junge fähige Mann damals von ſeinen Beſchützern den Auftrag, die Urkunden und Rechtstitel der Herrſchaft Plobsheim aufzuſuchen, in Betreff deren ſich manche Streitigkeiten erhoben hatten. Aber auch der jüngere von Bernhold ſtarb raſch und unerwartet. Seine Wittwe eine geborene von Zorn war untröſtlich. Mitten in dieſer unruhigen Zeit ihrer Stütze beraubt, wandte ſie ſich,— über⸗ zeugt, daß Günzer ihrer Familie ganz ergeben ſei— ⸗ an dieſen, ja ſie wählte den Stadtſchreiber ſogar zu ihrem Curator und Beiſtand. Und was that nun Günzer?... Er trat auch hier mit einem niederträchtigen Plane hervor;. mit einem Plane den ſein Stolz, ſeine Habſucht und Herrſchgierde längſt ausgebrütet, und den bisher nur die ernſte würdevolle Perſönlichkeit des Herrn von Bernhold zurückgehalten. Jetzt war dieſer Mann todt... Frau von Bernhold Wittwe.. die Familie ohne Haupt und Halt jetzt. unterſchlug Günzer die in den Archiven längſt gefundenen, die Herrſchaft Plobsheim und deren Beſitz betreffenden Urkund en und Rechtstitel... um.. ſich ſelbſt in den Beſitz dieſer Herr⸗ ſchaft zu ſetzen.*)——— Es waren lichte, vom herrlichſten Wetter begün⸗ ſtigte Sommertage, die Alma, das liebliche Töchter⸗ chen des Syndicus Frantz, zum Beſuche auf Plobs⸗ heim zubrachte. Beide Familien, jene des Syndicus und die von Bernhold, ſtanden ſeit lange in freundſchaftlichen Verhältniſſen zu einander. Manche ſchöne Stunde, manchen frohen Tag hatten ſie zuſammen verlebt; *) Coste: a. d. p. 151. Der Raub Straßburgs III. 2 „ A—= ſo war es denn auch für Mutter Hedwig und Alma Pflicht, jetzt, nach dem kaum erfolgten Tode des jüngeren Herrn von Bernhold, die junge, tief und innig trauernde Wittwe zu tröſten. Frau Hedwig freilich konnte und mochte den Gatten in dieſen ſchlimmen Zeiten nicht lange ver⸗ laſſen; Alma aber hatte Zeit, der Trauernden einige Wochen zu widmen und ſo hatte ſie denn Mutter Hedwig in der That ſchon vor längerer Zeit nach Plobsheim gebracht, und Alma hier auch gern und willig das Amt einer liebevollen Tröſterin über⸗ nommen. Und Alma's ſchlichtes, klares Weſen, das vom Vater die hohe Kunſt geerbt: alles Unſchöne, Pein⸗ liche und Verworrene grundſätzlich in die engſten Schranken zurückzuweiſen, damit dem klaren freien Leben Raum verſchafft werde, war für das über⸗ nommene Amt wie geſchaffen. Es kam ihr nicht in den Sinn, die junge un⸗ glückliche Frau damit tröſten zu wollen, daß ſie ihr andere Perſonen aufzählte, die gleiches Unglück ge⸗ troffen. Alma's Vernunft ſagte ihr, daß dies ein ſchlechter Troſt, der das leidende Herz nur mit bleier⸗ ner Hand noch mehr zerknirſche, nicht aber mit dem Schickſale ausſöhne. Ihr Troſt beſtand in etwas ganz Anderem. Al⸗ — ma ſuchte allmälig in der Gebeugten die eigene Kraft, die der furchtbare Schickſalsſchlag nieder⸗ geſchmettert, wieder zu wecken. Sie wußte, daß für den Unglücklichen die Gegenwart die furchtbarſte Zeit ſei ſo ſuchte ſie denn bei Frau von Berunhold die Gedanken an dieſe Gegenwart durch ihren freund⸗ lichen liebevollen Umgang, durch Anregung zu vielſeitiger Thätigkeit im Hausweſen und bei den Kindern und durch die Erinnerung an eine ſchöne Vergangenheit zu verſcheuchen. Auf der Schwelle der Gegenwart umarmen ſich ja Hoffnung und Erinnerung ſchweſterlich,— ſie, die ſich ſo innig verwandt ſind und ſtets ſo freund⸗ lich zuwinken. Endlich lag in Alma's tiefem Gemüthe, in ihrer großen ſchönen Seele noch ein dritter Weg zu trö⸗ ſten, den ihr ſelbſt— zur Zeit der Verbannung des Geliebten— das Schickſal gezeigt. Es war: großes Unglück mit Größe zu tragen. Darin lag ja auch ein Stück ihrer Religion. Sie gab ihm in den Worten Ausdruck: O ringe nicht nach Paradieſen! Von Größe fern und Erdenluſt Iſt uns ein Himmel angewieſen: Der Himmel in der eignen Bruſt. Trag' alle deine ernſten Zähren 9* — — In dieſes große Heiligthum! Dort wandelt ſie zu goldnen Aehren, Zu Kronen, ſtill dein Engel um. Auf dieſe Weiſe aber ward Alma der trauern⸗ den Wittwe ſelbſt zu einem lieblichen Engel des Troſtes und der Erhebung. Frau von Bernhold konnte ſie bald gar nicht mehr entbehren; während Al⸗ ma in der allmäligen Aufrichtung der Gebeugten eine ſtille, ſchöne Genugthuung fand. Und doch entging es der Tochter des Syndicus nicht, daß ſich— trotz alledem— gar manchmal der Schleier tiefer Schwermuth über das Haupt der kleinen Frau legte. Der aber war nicht— das durch⸗ ſchaute Alma's weiblicher Scharfblick ſogleich— aus Schmerz, ſondern aus Sorgen gewoben,. aus Sorgen, die Frau von Bernhold der jungen Freundin bisher verborgen. Auch heute lag dieſe Schwermuth wieder auf ihr. Es war Sonntag. Die Sonne ſtrahlte warm und freundlich vom Himmel. Frau von Bernhold und Alma ſaßen an einem der Fenſter des ſtattlichen Schloſſes zu Plobsheim, dem Mittelpunkte der ſchönen, gleichnamigen Be⸗ ſitzung, deren alleinige Herrin die junge Wittwe jetzt war. — Und dieſe junge Wittwe konnte noch immer als eine recht ſchöne Erſcheinung gelten. Ihrer drei, in noch ſehr zartem Alter ſtehenden Kinder ungeachtet, hatte ſie ſich, bis zu dem Tode ihres innig geliebten Gatten, die volle Friſche der Jugend erhalten. Freilich löſchte dieſer herbe Schlag die Roſen momentan von ihren Wangen.. indeß konnte nicht auch hier die Zeit den Frühling zurück⸗ führen? Außerdem waren ihre Geſtalt und ihr Glieder⸗ bau zart, ihre Züge von gewinnender Lieblichkeit, ſo daß man ſie mit Recht eine feine und hübſche Frau nennen konnte. Ein ſanftes gutes Weſen war ſie ohnedem, wie ſie ihrem Manne eine treue liebe Gat⸗ tin geweſen, ihren Kindern eine gute Mutter war. An Geiſt, Energie und Lebensfriſche wurde Frau von Bernhold freilich von Alma, ihrer viel jüngeren Freundin, bei weitem übertroffen. Da ſie ſich indeß Reinheit und Kindlichkeit der Seele erhalten, ſo machte ſich der Unterſchied der Jahre zwiſchen Bei⸗ den kaum bemerkbar. Jetzt hatte der Schmerz der Wittwe und das edle Streben Alma's, ihn zu ſänftigen, Beide völlig verſchmolzen. So ſaßen ſie denn auch jetzt neben einander. Eine leichte Handarbeit beſchäftigte ſie, während die ſanft bewegte Luft die Blumendüfte des Gartens zugleich mit dem Geläute der Sonntag⸗Nachmittags⸗ Glocken durch das geöffnete Fenſter hereintrug. —— Unten, im Garten ſelbſt, ſpielten in ſchattiger Laube— überwacht von einer älteren Frau— die Kinder. Alles athmete Friede, Ruhe, ſanfte behagliche Heiterkeit, nur in der jungen Wittwe Zügen lag, neben dem bereits ruhiger gewordenen Schmerz, ein recht ſorgenvoller Ausdruck. Alma hatte dies wohl bemerkt. Ihn zu verſcheu⸗ chen, lenkte ſie jetzt die Aufmerkſamkeit der Mutter auf die lieblichen Kinder, die in ihrer Unſchuld und Unerfahrenheit ſo luſtig und ſo heiter ſpielten, als ob nichts in der Familie vorgefallen,.. als ob das Vaterherz noch ſchlüge, das ſie bis dahin ſo treu bewacht... und... das jetzt doch für immer zu ſchlagen aufgehört. Es lag etwas unendlich Rührendes in dieſem heiteren Spielen, Plaudern und Lachen der in tiefſte Trauer gekleideten Kleinen. Es war der Gedanke an den unerſetzlichen Verluſt, den ſie erlitten und den ſie jetzt noch nicht ahnten. Und doch mußte der Blick auf ſie der Mutter wieder ein Troſt und ein Sporn zur inneren Erhebung ſein; waren ſie doch die Ebenbilder des geliebten heimgegangenen Gatten; lag doch in ihrem Anblick für die Mutter die lebendige Mahnung: den armen, vaterloſen Kleinen nun eine doppelte Liebe und Aufmerkſamkeit zuzu⸗ — 23—„ wenden, um ſie zu Menſchen zu erziehen, die ihres Vaters würdig. Mutterliebe erhebt ja jedes weibliche Weſen auf einen höheren, bis dahin ungekannten Standpunkt. Sie that es auch bei der jungen Wittwe;.. jetzt erſt ging ihr die ganze Bedeutung der Pflichten auf, die ihr als Mutter geworden. Aber gerade dies war es ja auch, was ſeit dem Austoben des erſten Schmerzes um den verlorenen Gatten ſo ſchwer, ſo erdrückend auf ihr laſtete. Als daher die Kleinen freundlich herauflächelten, mit ihren Händchen grüßten und„Mutter!“ riefen, ſtürzten mit einemmale Thränenſtröme aus den Augen der Wittwe. Ol... Mutter!.. Mutter! Süßer klingt kein Ton, kein irdiſch Wort; von heiliger Rührung macht es die geheimſten Faſern des Her⸗ zens erzittern, dem es gilt;. aber.. welche Wucht liegt auch in ſeinem Mahnrufe! „Mutter!“ hallte es in dem Herzen der jungen Wittwe wider, und mit dieſem Klange ſchrie es auch zugleich in ihm auf:„Sie haben keinen Va⸗ terhmehrlh. ſie haben nur dich, dich, ihre Mutter, zu ihrer Erziehung, zu ihrer Vertheidigung gegen die böſe Welt, zur Aufrechthaltung ihrer ſchwer bedrohten Rechte!“ ½ — 24 Und dies!... dies war es ja, was die Berge von Sorgen auf die Seele der jungen Frau wälzte. Sie weinte bitter. Alma war aufgeſtanden und hatte das Haupt der älteren Freundin ſanft an ihre Bruſt gelegt. Sie ſprach kein Wort. Sie ließ Frau von Bern⸗ hold ruhig ausweinen; aber der ſanfte Druck an das treue Herz, die leiſen liebevollen Küſſe auf die Stirne der Weinenden wirkten erleichternd und be⸗ ruhigend: ſie gaben ja das Bewußtſein des nicht ganz Alleinſtehens... das Bewußtſein: doch noch ein treues Herz ſein zu nennen, in das man ſeinen Schmerz und ſeinen Kummer ausgießen könne. Und... dies that denn auch die Weinende jetzt unaufgefordert. Konnte ſie ahnen, daß ihre Mittheilung Alma erbeben machte? Frau von Bernhold nannte ja einen Namen, der die Seele des Mädchens mit Schrecken erfüllte. Es war der Name... Günzer's! Freilich nannte ihn die junge Wittwe— ihrer Seits— ohne alle und jede ſchlimme Nebenbedeutung: Günzer war ja die rechte Hand der Familie, der er Alles, was er war und hatte, verdankte. Was das Herz der jungen Frau aber ſo ſchwer drückte, war: daß Stadtſchreiber Günzer— wie er —— verſicherte— noch immer in den Familienarchiven die Rechtstitel und Urkunden nicht aufgefunden hatte, die der Familie Bernhold— jetzt der Wittwe und deren Kindern— den Beſitz der ſchönen und reichen Herrſchaft Plobsheim außer Zweifel ſtellten. Und... dies hatte ja ſchon der alte, längſt verſtorbene Herr von Bernhold,— der Wohlthäter und zweite Vater Günzer's— mit der vollſten Ueberzeugung behauptet: ſie mußten in den Familienarchiven vorhanden ſein... ſie mußten ſich endlich irgendwo finden. Von dem Auffinden dieſer Urkunden aber hing für die junge Wittwe Alles ab, da ſie die Reunions⸗ kammern zur Vorlage verlangten. Konnte dies nicht geſchehen, ſtand von der franzöſiſchen Regierung— deren rückſichtsloſes Schalten und Walten in dem Elſaß genugſam bekannt war— das Schlimmſte zu erwarten. So ſtand die ganze Exiſtenz, die ganze Zukunft der Mutter,.. und was für dieſe mehr ſagen wollte, ihrer Kinder, auf dem Spiele; denn be⸗ ſaß die Familie auch ſonſt noch Vermögen, ſo bildete der Beſitz der Herrſchaft Plobsheim doch den Haupt⸗ ſtock deſſelben. Alma hatte dieſer vertrauensvollen Mittheilung mit klopfendem Herzen zugehört. Auch ſie ängſtigte jetzt die Lage der jungen Frau;... aber ihr Herz ſchnürte noch etwas Anderes zuſammen: Der Ge⸗ danke, daß die ganze Angelegenheit in Günzer's Händen liege. Günzer— von deſſen verrätheriſchen Abſichten in Beziehung auf Straßburg man in der Familie Frantz moraliſch überzeugt war, wenn man ihm auch bis jetzt noch keine Schurkerei beweiſen konnte;.. der ſich gegen Hugo von Zedlitz ſo ſchändlich be⸗ nommen— Günzer war Alma ein Gräuel. Er hatte für die unſchuldige, reine und kindliche Alma etwas Dämoniſches. Aber durfte, konnte ſie hier etwas gegen den Mann ſagen, der ſeit Jahren das ganze volle Ver⸗ trauen der Familie beſaß? Auch war ja hier wohl nichts von ihm zu fürchten, da zahlloſe Wohlthaten ihn an dieſe Familie banden. id doch c Alma kämpfte lange in ihrem Innern. Es war etwas wie eine dunkele, dumpfe, pein⸗ liche Ahnung mit dieſer Mittheilung über ſie ge⸗ kommen. Es war ihr, wie Jemanden, dem eine innere unabweisbare Ueberzeugung ſagt: es brennt im Hauſe! und der, ob er will oder nicht,„Feuer!“ rufen muß,. wenn er auch keines ſieht. Alma mußte leiſe an eine Warnung vor Günzer hinſtreifen. „Und ſind Sie auch von der Redlichkeit dieſes Charakters überzeugt!“— frug ſie endlich ent⸗ ſchiedener. „Von ſeiner Anhänglichkeit an unſere Familie gewiß!“— entgegnete die Wittwe.—„Günzer verdankt meinem verſtorbenen Schwiegervater und meinem eigenen Vater alles was er iſt und hat. Auch mein unvergeßlicher Mann hat ihn mit Wohl⸗ thaten überhäuft. Ich denke mir, daß es für ihn eine Freude und eine Genugthuung ſein muß, jetzt mir und meinen armen Kindern den Beſitz von Plobsheim ſichern zu helfen.“ Alma ſeufzte... aber ſie ſchwieg; es kam ihr doch unrecht vor, ein ſolches wohlbegründetes Ver⸗ trauen zu erſchüttern. In demſelben Augenblicke ſah man zwei Reiter von der Landſtraße nach dem Schloße einbiegen. Die beiden Damen ſahen ſcharf nach ihnen hin erblaßten aber im gleichen Momente. Es war Stadtſchreiber Günzer und ſein Schwager Kämpffer, der ebenfalls den Familien von Bernhold und von Zorn befreundet war und denſelben Alles, namentlich auch ſeine Stellung als Syndicus des Niederelfäſſiſchen Adels, verdankte. ————— —— Die beiden Damen erhoben ſich mit klopfenden Herzen, ohne eigentlich zu wiſſen warum. Ein zweiter Blick durch das Fenſter belehrte ſie, daß Kämpffer weiter— wie es ſchien um das Schloß herum reite; Günzer aber den andern Weg nach demſelben nahm. Alma bat, ſich auf ihr Zimmer zuruckziehen zu dürfen. Frau von Bernhold hatte nichts dagegen, da eine geſchäftliche Unterhaltung vorauszuſehen war. Wenige Minuten ſpäter trat Stadt⸗ und Raths⸗ ſchreiber Günzer ein. Er war auffallend ſorgſam und fein gekleidet. Aber auch ſeinen Geſichtsausdruck und ſein Weſen ſchien der Stadtſchreiber beſonders zu überwachen. Eine ungemeine Freundlichkeit lag in ſeinen nicht unſchönen Zügen; die ſtechenden Augen aber hatten einen wunderbar gekünſtelten, darum auch faſt un⸗ heimlichen Blick. Sein ſonſt immer ſo unſicher ſchei⸗ nendes Weſen war dabei einem ſo zuverſichtlichen, ſogar herausfordernden Auftreten gewichen, daß es ſelbſt Frau von Bernhold auffiel. „Sie bringen mir wohl günſtige Nachrichten!“ — ſagte jetzt, nach den erſten Begrüßungen, die junge Wittwe, indem ein leichtes Roth— ein matter Wie⸗ derſchein ihrer früheren Blüthe— die bleichen Wan⸗ gen auf Momente färbte, was ihr bei dem tief ſchwarzen Anzuge etwas eigenthümlich Schönes und Intereſſantes gab. „Gute Nachrichten ſogar!“— entgegnete Günzer mit verbindlichem Tone—„wenn Sie die⸗ ſelben günſtig aufnehmen.“ „Warum ſollte ich nicht,“— fuhr Frau von Bernhold fort— ich bedarf ihrer in meiner ver⸗ laſſenen und traurigen Lage ſehr. Sie wiſſen dies ja ſelbſt recht gut, Herr Stadtſchreiber. Aber neh⸗ men Sie Platz.“ Beide ließen ſich nieder. „Und worauf beziehen ſich Ihre Nachrichten?“— hub jetzt die Wittwe wieder an—„doch wohl auf unſere Angelegenheit mit Plobsheim?“ „In einer Beziehung ja!— verſetzte der Stadt⸗ ſchreiber mit eigenthümlichem Lächeln und einer Ar⸗ tigkeit, die Frau von Bernhold ſonſt gerade nicht an ihm gewohnt war. „In einer Beziehung?“ „So iſt es!“ „Und die andere?“ „Erlauben Sie mir, gnädige Frau, daß ich von ihr ſpäter ſpreche.“ „Wie Sie es für gut finden. Aber ſpannen Sie mich vor allen Dingen nicht auf die Folter. Wie ſteht es mit den Urkunden? Haben Sie dieſelben —— gefunden? Seitdem mein guter Mann todt iſt, liegt dieſe Angelegenheit mit Bergeslaſt auf meiner Seele. Gott, der Allmächtige, weiß es, nicht wegen mir, wohl aber um meiner armen vaterloſen Kinder willen!“ Und Thränen ſtürzten aus den Augen der jun⸗ gen Wittwe, deren Schmerz um den unerſetzlichen Verluſt bei dieſer Erinnerung mit ſeiner vollen Wucht wieder erwachte. Ein eigenthümlicher Blick Günzers traf die junge Frau. Es lag etwas herausforderndes, triumphiren⸗ des in ihm. „Sie müſſen ſich tröſten!“— ſagte er dabei.— „Die Sache iſt nun einmal nicht zu ändern. Damit, daß man ſich ſeinem Schmerze hingibt, macht man in der Welt nichts gut. Man muß im Leben alles diplomatiſch auffaſſen, das heißt,“— ſetzte er hinzu, und das ihm angeborene ſchleichende Weſen machte ſich unwillkürlich wieder geltend—„man muß einer Sache in jeder Lage diejenige Seite abgewinnen, die für uns Gewinn in Ausſicht ſtellt.“ „Für mich hat das Leben Alles verloren!“— meinte die Wittwe traurig. „Sie gehen zu weit!“— entgegnete Günzer.— „Jeder Schmerz findet mit der Zeit ſeine Aus⸗ gleichung. Sie, gnädige Frau, ſind noch jung, hübſch.“ — 851— „Günzer!“ „Sie können noch glücklich werden.“ „Und das ſagen Sie, der Sie meinen trefflichen Mann ſo genau kannten? Der Sie mit ihm erzo⸗ gen wurden?“ „Ja!“— fuhr Günzer lauernd fort.—„Er war allerdings ein recht guter und trefflicher Menſch. Aber im Leben iſt alles zu erſetzen.“ „Meinen Gatten erſetzt mir nichts!“— ſagte die Wittwe leiſe, und abermals drängten ſich Thrä⸗ nen in ihre Augen. „Die Zeit wird Sie anders denken lehren. Das Leben iſt ein großes ewig bewegtes Meer. Wir Menſchen ſind die vom Hauche der Zeit aufgeregten Wogen: unbedeutende Produkte eines leichten Luft⸗ hauches, oder auch gewaltige, von den mächtig er⸗ regten Elementen erzeugte Erſcheinungen. Aber iſt das nicht gleich viel? In dieſem Momente geboren hat uns der kommende ſchon wieder verſchlun⸗ gen. Es hebt und ſenkt ſich keine Welle, die nicht gleich wieder erſetzt wäre.“ „Das mag für das Leben und unſere Stellung in demſelben gelten,“— entgegnete Frau von Bern⸗ hold—„für ein liebendes Herz gilt es nicht. Aber laſſen wir das, Herr Stadtſchreiber, beruhigen Sie lieber mein bangendes Mutterherz über die vorhin erwähnte Angelegenheit.“ Ein ſtechender Blick zuckte aus Günzers Augen nach der jungen Wittwe. Dann ſagte er trocken: „Damit ſteht es ſchlecht!“ Frau von Bernhold erblaßte. „Wie!“— ſagte ſie, und die Stimme verſagte ihr faſt den Dienſt,—„ſagten Sie denn vorhin nicht, ſie hätten gute Nachrichten?“ „Wenn Sie das, was ich vorzutragen habe, günſtig aufnehmen würden.“ „Ich verſtehe Sie nicht! Haben Sie denn die Urkunden und Rechtstitel, die uns die Herrſchaft Plobsheim auf ganz unantaſtbare Weiſe zuſprechen, noch nicht gefunden?“ „Nein!“ „Aber, du mein Gott! ſie müſſen ja da ſein!“ „Ich ſuche jetzt bereits ſeit Jahren danach!“ „Dafür unſeren innigen Dank!... aber. haben Sie denn alles in den Archiven durchgeſehen?“ „Jeden Winkel,... jedes Pergament!“ „Günzer!“— rief die junge Frau in unbe⸗ ſchreiblicher Aufregung—„Sie wiſſen, wie unend⸗ lich viel für mich und meine Kinder von dem Auf⸗ finden dieſer Urkunden abhängt!“ „Ich weiß es!“— verſetzte der Stadtſchreiber mit eiſiger Ruhe.—„Alles!... Wenn die Rechts⸗ titel nicht aufgefunden werden....4 „O ſprechen Sie es nicht aus, das Entſetzliche!“ „Iſt die Herrſchaft Plobsheim für Sie verloren. Die Reunionskammern haben ſich ausgeſprochen!“ „Und ich und meine Kinder?“ „Es gibt Mittel ſich dagegen zu ſchützen!“ „Aber, nein! nein!“— rief hier die junge Frau —„es gibt ja noch einen gerechten Gott im Him⸗ mel, der nicht zugeben wird, daß man einer Wittwe und ihren Kindern ihr Eigenthum mit frechen Hän⸗ den raubt!“ „Frankreich und ſeine Reunionskammern beab⸗ ſichtigen keinen Raub. Im Gegentheil! um das recht⸗ mäßige Beſitzthum feſtzuſtellen, verlangen ſie die ge⸗ ſetzmäßigen Beweiſe dafür.“ „Und die müſſen da ſein! Mein Vater und Schwiegervater, ſo wie viele Glieder der Familien Bernhold und Zorn„erinnerten ſich recht gut, ſie mit eigenen Augen geſehen zu haben!“ Die Züge des Stadtſchreibers verfinſterten ſich. Abermals zuckte ein ſtechender Blick nach der Wittwe; dann ſagte er mit dem Ausdruck der Kränkung: „Mißtrauen Sie mir, gnädige Frau? oder hal⸗ ten Sie mich in dieſer wichtigen Angelegenheit für nachläſſig?“ „Gewiß nicht!“— rief Frau von Bernhold er⸗ ſchrocken; Günzer war ja noch in dieſer Angelegen⸗ Der Ranb Straßburgs MI. — heit ihr einziger Halt.—„Aber Sie könnten die Urkunden doch vielleicht überſehen haben. Die Ar⸗ chive unſerer Familie ſind mit Documenten vollge⸗ pfropft!... Vielleicht haben ſie ſich verſchoben.. vielleicht...“ „Hier ſind die Schlüſſel für beide Archive!“— ſagte Günzer ernſt.—„Bitte, gnädige Frau, un⸗ terſuchen Sie die Sache ſelbſt!“ „Wie könnte ich das? und... „Wählen Sie ſich einen anderen Rechtsfreund!“ „Günzer?!“ „Ihr Vertauen fehlt mir.“ „Wie können Sie dies ſagen? Wollen Sie mich, die Wittwe des Mannes, mit dem Sie wie ein Bruder erzogen wurden,... wollen Sie mich, ſeine Wittwe und ſeine armen Kinder jetzt im Stiche laſ⸗ ſen?.. jetzt?... wo man uns unſer Eigen⸗ thum, den durch Jahrhunderte geheiligten Beſitz der Herrſchaft Plobsheim, rauben will?“ „Nein!“— ſagte Günzer jetzt, mit einem plötz⸗ lich ganz eigenthümlich aufleuchtenden Anfluge von Freundlichkeit, die aber etwas Unheimliches in ſich trug,—„nein, das will ich nicht!.. ſondern gerade das Gegentheil.“ „Guter Gott!“— rief Frau von Bernhold freudig—„ſo wiſſen Sie einen Ausweg? So —— haben Sie doch vielleicht ein Mittel gefunden, Plobs⸗ heim aus den gierigen Händen der Reunionskam⸗ mern zu reißen?“ „Vielleicht!“ „Warum vielleicht? Koſtet es Opfer, ich will ſie ja gern für meine Kinder bringen!“ „Ich denke nicht, daß man die Sache ein Opfer nennen kann.“ „Welche Sache?“ „Laſſen Sie mich deutlich ſein.“ „Bitte!“ „Mit Frankreich und den Reunionskammern iſt nicht zu ſpaſſen.“ „Wer wüßte das nicht.“ „Es gilt alſo das Aeußerſte an die Erhaltung von Schloß und Herrſchaft Plobsheim zu ſetzen; mithin auch an den Titel und die damit verbundenen großen Adelsrechte; denn... wem Plobsheim durch die Kammern zugeſprochen wird, dem überkommen Titel und Rechte eines Seigneurs, eines Beſitzers derSeigneurie de Plobsheim.“ „Das wäre.. „Gnädige Frau, das iſt ſo!... Leider! „Aber wir haben Beiſpiele genug dafür.„ „Aber, ich bitte Sie.. 8 — „Bleiben wir bei dem Sachverhalt. Man muß im Leben immer den ruhigen Verſtand den Gefühlen überordnen, und den eigenen Rechtsbegriff nicht mit dem verwechſeln, was einmal als Recht geſetz⸗ lich gilt.“ „Aber „Es muß alſo das Aeußerſte an den Erhalt der Seigneurie Plobsheim geſetzt werden. Dies aber iſt ſchwer und gefährlich. Schwer, weil die bewußten Dokumente fehlen... gefährlich, weil Frankreichs Feindſchaft dabei im Hintergrunde droht.“ „Louvois iſt ihr Freund!“ „Darauf baue ich auch.“ „Und Sie wollen für mich und meine Kinder das Aeußerſte wagen.“ „Ja!— unter einer Bedingung.“ „Und die wäre?“ „Laſſen Sie uns gemeinſame Sache machen?“ Frau von Bernhold blickte den Stadtſchreiber erſtaunt an: „Wie meinen Sie das?“— frug ſie dann— „ich verſtehe Sie nicht...“ „Nun Sie ſind Wittwe. „Leider „Undich Frau von Bernhold glaubte ihren Ohren nicht zu trauen. — 37— „Sie haben die Freundlichkeit mein Rechtsan⸗ walt zu ſein!“— ſagte ſie, blaß wie der Tod. „Ja!“— fuhr Günzer fort.—„Allein ich bin zu gleicher Zeit auch Stadt⸗ und Rathsſchreiber zu Straßburg, ein Mann... der ein ſehr ſchönes Vermögen aufweiſen kann... und. ledig!“ „Aber was hat das mit unſerer Angelegenheit zu thun?“ „Sehr viel! Ich verpflichte mich Ihnen Plobs⸗ heim zu erhalten, wenn... wir gemeinſame Sache machen... das heißt mit einem Wort wenn Sie mir Ihre Hand als Gattin reichen!“ Ein leiſer Schrei entfuhr bei dieſen Worten der Wittwe. Alma's Warnung flog durch ihre Seele. O Gott! o Gott!... den Hügel, der ihres geliebten Gatten Hülle barg, deckte noch friſcher Raſen... und.. Günzer... der Sohn eines Ehrloſen, der Neffe eines Falſchmünzers. der, durch ihre Familie aus dem Staube Emporgezogene, wagte es nicht nur um ihre Hand anzuhalten! nein! es lag ja jetzt klar am Tage: der Elende warb um ſie, um ſich in den Be⸗ ſitz der Herrſchaft Plobsheim zu ſetzen. Das war zu viel für ein einfaches ſchlichtes red⸗ liches Herz;... zuviel für eine Dame, wie Frau ——————— —— —— von Bernhold;.. zu viel für ein liebendes Weib, das noch mit blutendem Herzen um den theuern Gatten weinte;.. zu viel für eine Mutter, die das rechtmäßige Erbtheil ihrer Kinder von der räu⸗ beriſchen Habgier eines Elenden bedroht ſah' Groß und ſtolz, aber bleich wie der Tod, erhob' ſie ſich, die Schlüſſel der Archive ergreifend, die Günzer vor ſie auf den Tiſch gelegt. Dann ſagte ſie mit einer, der kleinen Frau ſonſt ganz fremden Hoheit: „Herr Stadt⸗ und Rathsſchreiber, Sie ſind ent⸗ laſſen! Ich werde mir einen anderen Rechtsanwalt wählen.“ Auch Günzer hatte ſich erhoben. Sein Geſicht war jetzt erdfahl, die Augen ſchleuderten ſtechende Blicke, um den Mund aber zuckte es wie kalter dia⸗ boliſcher Hohn. Dennoch zitterte ſeine Stimme, als er ſagte.—„Bedenken Sie, was Sie thun!“ „Ich denke nur eines!“— entgegnete Frau von Bernhold—„daß es da oben bei dem ewigen Gott noch Gerechtigkeit geben wird!“ „Und Sie ſchlagen wirklich meine Hand aus?“ „Ich habe auf dieſe, mich ſo tief verletzende Frage, nur ein Ja der Verachtung.“ „Bedenken Sie Ihre Zukunft und die Ihrer Kinder!“ — 8 „Wittwen und Waiſen ſtehen in Gottes Hand!“ „Sie werden es eines Tages bereuen!“ „Nie!“— rief die Wittwe feſt und ſtolz— „auch wenn Sie, den die Wohlthaten meiner Fa⸗ milie groß gezogen,... einen Schurkenſtreich gegen mich und meine Kinder im Sinne hätten!“ Und mit dieſen Worten verließ Frau von Bern⸗ hold, am ganzen Leibe zitternd, das Zimmer.. um. in dem anſtoßenden Gemache laut weinend zuſammenzubrechen. Die Hepenküche. „D'Auvauy, wie viel Zeit fehlt noch?“ „Noch volle zehn Minuten.“ „Teufel! ich dachte die Stunde müſſe herum ſein.“ „Die Zeit ſchleicht für den Erwartenden und jagt davon für den Genießenden.“ „Dem, für den wir dieſe Suppe brauen, wird ſie allerdings nur zu ſchnell davon jagen.“ „Von ſolchem Genuß ſprach ich nicht.“ „Und doch iſt es auch einer.“ „Allerdings, Leſage, da haſt du Recht und noch dazu ein doppelter.“ „Wie ſo?“ „Nun. ein verdammt bitterer für Denjeni⸗ gen, der das Tränklein ſelbſt genießt und ein laben⸗ der für den. der es genießen läßt.“ „Jedenfalls iſt der Letztere ſeiner Sache gewiß.“ —— „Ich denke überhaupt, wir machen unſerer Kunſt Ehre.“ „Aber die Kunſt macht uns keine.“ „Weil wir Narren ſind.“ „Narren?“ „Freilich! arbeiten wir nicht für die Voiſin, ſtatt für uns?“ „Nun! ich meine doch ſie zahle gut.“ „Was will das heißen! Es ſind elende Abfälle, die ſie uns giebt, gegen die ungeheuren Summen, die ſie einſteckt.“ „Rücken wir ihr auf den Pelz, und zwingen ſie, uns beſſer zu ſtellen.“ „Wie willſt du das machen?“ „Wir haben ſie in unſerer Hand.“ „Und ſie... uns!“ „Aber das Succeſſionspulver... iſt das nicht unſere Erfindung?“ „Ich denke. doch nicht ſo ganz; wir. wir haben es von Exili, dem ſchlauen Italiener, dem Lehrmeiſter des La Croir und der Mar⸗ quiſe von Brinvillier.“ „Nenne mir dieſe Namen nicht.“ „Warum?“ Weil ich— aus ſehr triftigen Gründen— ſehr ungern an das Ende dieſer Menſchen denke.“ — „Warum ließen ſie ſich ertappen. Ich denke unter unſerer Hirnſchale ſieht es beſſer aus.“ „Bah! darauf möchte ich keine Vohne geben: der Krug geht ſo lange zum Waſſer, bis er bricht. Was mich allein beruhigt, iſt einzig, daß wir und die Voiſin durch unſere Hauptkundſchaft gedeckt ſind; gehören dazu nicht: Monſieur, der Bruder des Kö⸗ nigs, die Königin ſelbſt, der Marquis von Effiat, die Gräfin Soiſſon, der Herzog von Lauzun, der Prinz Cardinal von Bovillon, Groß⸗Almoſenier von Frankreich, der Herzog von Saint⸗Aignan und viele andere hohen Häupter. Man wird ſich hüten, dieſe Namen zu compromittiren.“ „Möglich! Viel gebe ich aber auch darauf nicht. Eine Krähe hackt der anderen die Augen nicht aus. Wenn der König ſich einmal genöthigt ſehen ſollte, durchzugreifen.. 8 „Dann bleiben wir, die armen Teufel, in der Schlinge hängen— das iſt richtig— und die Großen ſchlüpfen durch.“ „Denken wir nicht an ſolche alberne Dinge. Für uns heißt es— ein kluger Mann iſt ſich in Allem klar— für uns heißt es: Das Leben bis auf die Hefe genießen. Läßt uns vann der Teufel im Stich nun.. ſo iſt der Spaß am Ende.“ „Und ich bin es mit meiner Brauerei jetzt wohl auch?“ —— „Ja!... noch eine einzige Minute und das Ding hat genug gekocht.“ Dies Geſpräch wurde von d'Auvaux und Le⸗ ſage, den beiden Prieſtern, geführt, welche— nebſt der Vigoureux und im Vereine mit der berühmten Kartenſchlägerin La Voiſin— damals in Paris die geheime Giftfabrikation mit ſo großem Erfolg betrieben, daß ganz Frankreich, ja ganz Eu⸗ ropa davor erbebte. Sie waren es ja auch geweſen, welche die La Voiſin bei jener Teufelsbeſchwörung unterſtützten, durch die der Groß⸗Almoſenier von Frankreich, Prinz Cardinal von Bouillon, in Geſellſchaft des Herzogs von Saint⸗Aignan, die Schätze Türenne's heben wollte. Jetzt und bei dem Geſpräche, welches ſie eben geführt, befanden ſie ſich in ihrem Allerheiligſten, d. h. in ihrem Laboratorium, in welchem jene furcht⸗ baren Gifte bereitet wurden, die in der damaligen Zeit und bei der allgemeinen gränzenloſen Sitten⸗ loſigkeit und Verdorbenheit des franzöſiſchen Hofes eine ſo ausgebreitete Anwendung fanden, daß es noch heute jeden ehrlichen Menſchen ſchauert, auf jene entſetzliche Zeit zurückzublicen. 3 Die Umgebung entſprach dem 6 äft. 8 war ein dunkeles, dumpfes, kellerartiges Ge⸗ —— wölbe, in welchem ſich die beiden Männer befanden: ein Gewölbe, das den unteren Stock des Hinterge⸗ bäudes eines finſteren, dumpfen Hauſes der Faubourg Saint⸗Germain einnahm. Weite Höfe ſchloſſen es von dem Lärm der Straßen ab, und gaben dem finſteren Gewerbe, das hier betrieben wurde, eine erhöhte Sicherheit. Licht fiel hier nur durch einige hoch in den Mauern angebrachte kleine Fenſter ein, die noch dazu mit ſtarken Eiſen vergittert waren. Retorten und Deſtilirgefäße aller Art, Glas⸗ Kolben und Tigel in den verſchiedenſten Formen, Mörſer und andere abenteuerliche Gefäße waren an den Wänden und in den Ecken aufgeſpeichert. Von einem Gerüſte herab blickten finſter— wie Tod verkündend— Büchſen und Gefäße mit Opium⸗Präparaten, ſublimirtem Mercur, calcinirtem und präparirtem Vitriol, Höllenſtein und Anti⸗ monium. Seltſame Thiere, theils getrocknet, theils ausge⸗ ſtopft, hingen— wie man es in den Zeiten des Mittelalters in den geheimnißvollen Werkſtätten der Alchimiſten liebte— von der Decke herab: ein aus⸗ geſtopfter Wihz und ein getrocknetes kleines Kro⸗ kodil. Zwiſchen beiden Ungeheuern hatte eine meſ⸗ ſingene Hängelampe ihren Platz. — Auf einem großen, von einem gewaltigen Schorn⸗ ſteine überragten Herde aber brannte eben ein Koh⸗ lenfeuer, über welchem Leſage ſeit einer Stunde eine braune Flüſſigkeit kochte. Uebelriechende Dämpfe ſtiegen von ihr auf und ſuchten— wie erſchrocken und als ob ſie etwas von dem, was hier vorgehe, errathen könnten— das Weite. Hinter dem Herde in der Ecke lag eine todte Katze mit angeſchwollenem Bauch, die ihre ſteifen Glieder weit ausſtreckte. Man hatte mit ihr einen Verſuch über die Wirkſamkeit eines neu erfundenen Giftes gemacht. Kaninchen huſchten hin und her. Die armen Thiere ahnten nicht, daß ſie zu ähnlichen Experi⸗ menten beſtimmt ſeien. Ol die La Voiſin, d'Auvaux und Leſage waren noch lange nicht ſo weit, wie die Marquiſe von Brinvillier. In der Befürchtung, die Gifte, welche dieſes furchtbare Weib mit Hülfe ihres Geliebten, des Herrn von Sainte⸗Croix, bereitete, möchten nicht wirkſam ſein, machte die Marquiſe erſt mehrere Ver⸗ ſuche an Thieren; dieſe fielen na Wunſch aus; da ſie aber vielleicht nicht von ten Erfolge bei Menſchen ſein konnten, ſo fuhr ſie mit dieſen ſchau⸗ — 26— derhaften Unterſuchungen fort, indem ſie die Gifte nun auch an menſchlichen Weſen erprobte.— Wenn ein von der Laſt des Unglücks und Elendes dar⸗ niedergebeugter Mann ihre Hülfe in Anſpruch nahm, ſo gab ſie vor, Mitleid für ſeine unglückliche Lage zu fühlen, ſtillte ſeinen Hunger, und in der Speiſe, die ihre großmüthige Hand ihm reichte, war der Tod. Unter dem Vorwande, arme kranke Menſchen zu be⸗ ſuchen, zu tröſten und ihnen beizuſtehen, vertheilte ſie vergiftetes Brod an ſie. Sie unterrichtete ſich alsdann genau von den Wirkungen, die es hervor⸗ brachte, aber mit großer Behutſamkeit, damit ſie nicht verdächtig wurde. Wer hätte übrigens auch gewagt, Prgwohn gegen dieſe vornehme und doch ſo menſchenfreundliche Dame laut werden zu laſſen? gegen eine Dame mit allen Reizen der Jugend und Schönheit, ja der Tugend und Milde geſchmückt, die ſich den Vergnügungen, die ſich ihr ohne Aufhör darboten, entriß, um in den Aufenthalt der Noth und des Schmerzes armen Kranken Troſt und Hülfe zu bringen! Stand ſie nicht da, wie ein zum Heile armer Menſchen vom Himmel geſandter Engel?... Wer hätte da wagen ſollen, in dieſem Engel des Friedens und der Sanftmuth einen Dämon der Hölle zu erblicken, der die gräuliche Verworfenheit beſaß... die gräßlichſten Thaten unter der Hülle der Wohlthätigkeit zu verüben!... —— Aber die Fürchterliche iſt durch dies Alles noch nicht befriedigt;... die Opfer der Marquiſe hau⸗ chen ja ihr Leben fern von ihren Blicken aus; ſie kann die Erſcheinungen, die ſchrecklichen Wirkungen nicht berechnen. Um ſich daher der Ausführung ihrer Mordpläne zu vergewiſſern, will ſie Augenzeugin der Fortſchritte und Symptome des Giftes ſein. Sie will deſſen Gang, ſei er ſchnell oder langſam, je nachdem es in ihrem Wunſche liegt, belauſchen. Da erſieht ſie ſich zu dieſem dämoniſchen Studium ein Weib, das in ihrem Dienſte ihr ganz ergeben iſt und ihr täglich Beweiſe ſeiner Zuneigung giebt, nämlich ihre Kammerfrau. Sie ſagt zu ihr, ſie wolle ihr etwas recht Gutes zu eſſen geben und ſetzte ihr delicaten Schinken und Compot von vergifteten Jo⸗ hannisbeeren vor; die Beklagenswerthe ſpürt bald die traurigen Wirkungen dieſer Güte; ſie empfindet die ſchneidendſten Schmerzen in den Eingeweiden, und dieſer Fall iſt Sainte Croix ein Anzeigen, welches ihn lehrt, das Gift, das noch nicht von gehöriger Wirkung iſt, ſtärker zuzubereiten. Und die Marquiſe wiederholt zu verſchiedenen Malen ihre fürchterlichen Verſuche an Perſonen, die ſie zu Liſche eingeladen. Sie vergiftete— ſagt Frau von Sevigné in ihren Briefen— mehrere Perſonen, die ſie nicht — tödten wollte, durch Verſuche mit Taubenpaſteten. Der Chevalier von Guet nahm an einer dieſer net⸗ ten Mahlzeiten Theil und ſiechte ſeitdem zwei, drei Jahre lang, nach deren Verlauf er endlich ſtarb. Als die Marquiſe im Gefängniſſe war, fragte ſie, ob er todt ſei, und als man dies verneinte, war ihre Antwort:„Der hat ein ſehr zähes Leben!“ Die Vergiftung ihres eigenen Vaters war hier⸗ auf die nächſte— wohl auch die unerhörteſte Schandthat der Brinvillier. So weit entmenſcht waren aber doch die La Voiſin und ihre Helfershelfer noch nicht. Sie mach⸗ ten Proben an Thieren.. höchſtens einmal an einem Bettler, dem ja ſterben eine Wohlthat war. Uebrigens kam ihnen dabei auch zu ſtatten, daß ſie Exili— der Italiener— die Bereitung jener furchtbaren Gifte gelehrt. Sie betraten daher einen gebahnten Weg und hatten nur zu prüfen, ob ihnen die Recepte gelungen ſeien. Und dieſe Gifte!... Es war etwas Eigen⸗ thümliches mit denſelben, wenn auch viel Uebertrie⸗ benes von ihnen gefabelt wurde. Soviel ſteht feſt, daß Eyili, Saint⸗Croir, die Marquiſe von Brinvillier, die La Voiſin und die Prieſter d'Auvaur und Leſage in der diaboliſchen Kunſt der Zubereitung der Gifte— dem damals niederen Stand der Chemie und Arzneikunde gegen⸗ über— große Kenntniſſe und Fertigkeiten beſaßen. Die Berichte der damaligen Sachverſtän⸗ digen können nicht genug ihre Verwunderung über die Art und Beſchaffenheit jener tödtlichen Subſtan⸗ zen ausdrücken, welche freilich, wie ſchon angedeutet, alle Kenntniſſe und Erfahrungen der Arzneikunde jener Zeit überſtiegen. Die Saint⸗Croix'ſchen Gifte— ſo ſagen ſie— entzögen ſich allen Verſuchen, welche man nach den Geſetzen der Chemie mit ihnen anſtelle. Die Gift⸗ ſtoffe ſeien dabei dermaßen verſteckt, daß man ſie nicht erkenne, und ſo fein, daß ſie die Kunſt und Ein⸗ ſicht des Arztes betrögen. Alle bisherigen Regeln bewieſen ſich als unanwendbar und alle Erfahrungen als falſch. Sicher waren hier auch die Aerzte ſelbſt, bei der Betheiligung der meiſt ſehr Hochgeſtellten, nicht geneigt, Vergiftungen nachzuweiſen. Bei den Verſuchen an Thieren, zum Beiſpiel, hätten ſich die giftigen Subſtanzen ſo künſtlich ver⸗ borgen, daß man nicht im Stande geweſen ſei, ſie zu entdecken. Die Hühner, Tauben und Hunde, welchen man von dem vergifteten Waſſer des Sainte⸗Croix etwas Der Raub Straßburgs III. 4 eingeträufelt, ſeien zwar kurze Zeit darauf geſtorben; bei der Oeffnung derſelben habe man aber alle Theile des Leibes geſund und friſch gefunden und nur etwas geronnenes Blut in der Herzkammer. Auch die Pulver des Sainte⸗Croir(man fand ſie nach ſeinem Tode in einem Käſtchen) hätten eine Katze ſofort zum ununterbrochenen Speien und dar⸗ auf zum Tode gebracht; aber auch hier ſei kein einziger Theil ihrer Leibes von Gift angefreſſen ge⸗ funden worden. Die Gifte, die jene ſchrecklichen Menſchen berei⸗ teten, ſind nicht mehr vorhanden, um den Chemikern unſerer Zeit vorgelegt werden zu können. Unſtrei⸗ tig würden ſie ſich zumeiſt auf Arſenik zurück⸗ führen laſſen. Ein ſchreckliches Zeichen des tiefen Sittenverfalles jener Tage aber bleibt es, daß deren Bereitung, Verhüllung und Anwendung ſich bis zu einer Art„Kunſt“ aufſchwingen konnte. Erili und Sainte⸗Croir ſollen die Giftmiſcherei in der That als Wiſſenſchaft betrieben haben. Die Ge⸗ noſſen der La Voiſin, die Prieſter d'Auvaux und Leſage, traten in die Fußſtapfen dieſer würdigen Männer. So waren denn beide in der That in dieſem Augenblicke mit einer neuen Giftbereitung beſchäftigt. Leſage hatte— wie wir wiſſen— eine braune Flüſſigkeit ſeit einer Stunde über einem Kohlenfeuer zu einer dicklichen Maſſe eingekocht. Jetzt— bei Beendigung des vorhin angeführ⸗ ten Zwiegeſpräches— nahm er das Gefäß vom Feuer und löſchte die Kohlen. „So!“— ſagte er dabei—„mag es jetzt ver⸗ kühlen.“ Eines der Kaninchen ſprang in dieſem Momente munter herbei, ſich neben dem Herde niederſetzend. Ein widerliches Lächeln ſpielte um Leſage's Züge. „Meldeſt dich wohl ſelbſt!“— fuhr er, zu dem Thiere gewandt, mit rohem Humore fort.—„Nun, es ſoll dir die Ehre werden, dies Säftchen zuerſt zu probieren.“ „Es muß in einer viertel Stunde unter heftigen Zuckungen verenden!“— ſagte d'Auvaur mit Ge⸗ müthsruhe—„ſonſt iſt das Ding für einen Men⸗ ſchen zu ſchwach.“ „Du vergißt“— fiel Leſage ein—„daß es nicht gleich tödten ſoll. Die Wirkung iſt auf acht bis vierzehn Tage zu berechnen und.. wohlgemerkt.. ohne auffallende Erſcheinungen.“ „Erili's Recept: Nummer 351“— entgegnete d'Auvaur kopfnickend. In dieſem Augenblicke ließ ſich ein ſonderbar klapperndes Geräuſch hören. 4* „Die Voiſin!“— ſagte Leſage—„Sie gibt ihr Zeichen!“ „Laß ſie kommen!“— verſetzte d'Auvaux.— „Ich wünſchte, ſie müßte ſelbſt einmal eines von den Tränkchen ſchlucken, die wir ihr brauen, und die ſie zu ſo ungeheueren Preiſen verkauft. Dann könnten wir auf eigenen Füßen ſtehen und die Summen ungeſchmälert aus erſter Hand empfangen.“ „Das Weib muß einen coloſſalen Reichthum be⸗ ſitzen!“— ſagte Leſage, indem er hinging, ein Glas, das eine in Spiritus aufbewahrte Mißgeburt ent⸗ hielt, hinweg nahm und an einem, hinter demſelben in der Wand angebrachten kleinen Ringe zog. „Wir ſollten wirklich einmal...“— meinte d'Auvaux. Die beiden Männer wechſelten einen Blick des Einverſtändniſſes.. einen Blick!„ der jede ehrliche Seele hätte erſchauern machen. „Kommt Zeit, kommt Rath!“— ſagte Leſage, und ſchob die eiſernen Riegel von der Thüre zurück. Die La Voiſin trat ein. Sie war reich aber mit jener Ueberladung ge⸗ kleidet, die emporgekommenen Perſonen zumeiſt eigen iſt. Ihre nicht unſchönen Züge trugen den Charakter der Verſchmitztheit. Farbe, Ausſehen und Fülle der Körperformen deuteten auf Behäbigkeit und reich⸗ lichen materiellen Genuß. 53 — 53— Jetzt, im Augenblicke, ſchien ſie von etwas auf⸗ geregt und unangenehm berührt. „Eine fatale Neuigkeit!“— ſagte ſie eintretend und die Thüre wieder hinter ſich ſchließend.—„Der König und ſein Hof verlaſſen Verſailles.“ „Nun, was liegt daran!“— entgegnete d'Auvaux. —„Man wird ſich auf einige Zeit nach irgend einem Luſtſchloß begeben.“ „Ja! wenn es das wäre, wer würde alsdaun davon reden!“— fuhr die Voiſin fort.—„Aber der König will weiter.“ Leſage zuckte die Achſeln:—„Der König oder die Herzogin von Fontanges.“ „Diesmal der König!“— meinte Madame Voiſin. „Und wohin?“— frug d'Auvaur. „Nach Rheims, Thionville, Metz, Nancy!“ „Aha!“— ſagte Leſage lachend.—„Merkt ihr was?“ „Was denn?“— frug d'Auvaux. „Majeſtät ſcheint ſich einmal den Straßburger Münſter in der Nähe beſchauen zu wollen.“ „Mag wohl an dem ſein!“— verſetzte die Kar⸗ tenſchlägerin.—„Der Herzog von Saint⸗Aignan, der mich geſtern beſuchte, um ſich die Karten wegen einer gewiſſen Sache legen zu laſſen, vertraute mir — im Geheimen: der Hof werde ſich ſogar einige Zeit in Colmar aufhalten.“ „In Colmar?“— wiederholten Leſage und d'Auvauy. „Glaub's nicht! Was ſollte die vergnügungs⸗ füchtige Herzogin in dem Neſt.“ „Wenn aber der König ſeine beſondere Ab⸗ ſicht hat!“ „Und die Fontanges will nicht?“ „Bſt!“— machte Madame La Vvoiſin, die ſich unterdeſſen auf einem alten Stuhle niedergelaſſen.— „Es ſteht nicht mehr alles wie ſonſt!“ „Mit der Herzogin?“— frug d'Auvaur mit dem Ausdrucke höchſten Zweifels. „Mit der Fontanges!“— bekräftigte die Dame. „Madame!“— verſetzte d'Auvaur mit Sicher⸗ heit—„da irren Sie ſich. Die Fontanges ſteht feſter denn je. Wiſſen Sie denn nicht, was die neueſte Mode iſt?“ „Die Haare à la Fontanges zu tragen!“— ſagte die Voiſin achſelzuckend. „Was iſt das für eine Geſchichte?“— frug hier Leſage, der die ganze Zeit über ſeinen Trank zur Abkühlung in ein Gefäß mit Waſſer gehalten hatte. „Die vergangene Woche“— berichtete d'Auvaux —„war eine große Jagdparthie angeſagt. Sie wurde in Begleitung des ganzen Hofes ausgeführt. Die Luſtparthien und Vergnügungen nehmen ja kein Ende mehr, ſeitdem die ſchöne Marmorſtatüe aus der Li⸗ magne die Maitreſſe des Königs iſt.“ Leſage lachte laut auf und rief: „D'Auvaux wird Moraliſt!“ „Den Teufel auch!“— meinte d'Auvaux.— „das Land kann die Koſten bald nicht mehr er⸗ ſchwingen.“ „Was geht das uns an!“— ſagte Leſage ver⸗ ächtlich—„wir leben vom Hof und den Hohen Herrſchaften, nicht vom Volke. Aber wir ſprachen ja von einer neuen Mode?“ „Richtig!“— rief d'Auvaux.—„Alſo auf je⸗ ner Jagdparthie brachte der Wind die Friſur der Maitreſſe in Unordnung. Die Herzogin befſtigte ihr Haar ſo gut ſie konnte, ganz leicht mit einem Bande. Da dies nun durch Zufall unvergleichlich hübſch angebracht war und der Fontanges reizend ſtand, erſchienen den folgenden Tag alle Damen des Hofes— Prinzeſſinen, Herzoginen, Marguiſinen, bis zum letzten Ehrenfräulein— mit einem ähn⸗ lichen Bande im Haare.“ „Und dieſe Coiffüre iſt jetzt Mode?“— frug Leſage.“ „Ja!“— ſagte die Voſin—„und wird es un⸗ ter der Bezeichnung: coiffure à la Fontanges in ganz Europa werden. Aber will denn das etwas für die Stellung der Herzogin bedeuten? Abbé Choiſy ſagte jüngſt, als er bei mir war, die Fontanges ſei ſchön, wie ein Engel, aber einfältig wie ein Gäns⸗ chen. Und er hat recht! Ihre Stellung hat ihr den Kopf verrückt. Sie überläßt ſich ſeit einiger Zeit einem Hochmuth, der ſie ſtürzen wird. Sie geht an der Königin vorüber, ohne dieſelbe zu grüßen. Die Montespan aber hat ſie mit ſolcher Nichtachtung be⸗ leidigt, daß dieſe ihre tödtliche Feindin wurde.“ „Alles noch kein Grund, an ihren Fall zu glau⸗ ben!“— ſagte d'Auvaux.—„der König liebt ſie bis zum Wahnſinn.“ „Liebte!“— meinte die Voiſin. „Er ließ ihr erſt die vergangene Woche ein rei⸗ zendes Appartement einrichten und die Wände ihres Salons mit Tapeten behängen, in welche die Dar⸗ ſtellungen ſeiner Siege eingewoben ſind. Der witzige Schmeichler Saint⸗Aignan war gleich mit einem Verſe bei der Hand, der dem König und ſeiner Ge⸗ liebten ſehr gefiel.“ „Und der lautete?“— frug Leſage. „Wie folgt!“— verſetzte d'Auvaux. „Le plus grand des héros Parait dans cette histoire; Mais quoi! je n'y vois point sa dernière victcire! De tous les coups qu'à faits ce généreus vainqueur, Soit pour prendre une ville ou Pour gagner un coeur, Le plus beau, le plus grand et le plus difficile Fut la prise d'un coeur qui sans doute en vaut mille, Du coeur d'lris enfin, qui mille et mille fois Avait bravé Pamour et méprisé ses lois 1“ „Seid Ihr nun zu Ende, d'Auvaux?“— frug die La Voiſin. „Zu dienen!“ „So will ich Euch nun ſagen warum ich— für meine Perſon— glaube, daß der Boden unter den Füßen der ſchönen Fontanges wankt.“ „Ich bin ganz Ohr! denn... fällt ſie, ſo muß man wiſſen, an wen man ſich für die Zukunft zu halten hat. Alſo, Madame, Ihre Gründe!“ „Ich habe ſchon erwähnt, daß geſtern...“ „Der Herzog von Saint⸗Aignan bei Ihnen war, ſich die Karten ſchlagen zu laſſen.“ „Und was meint Ihr, d'Auvaur, was er erfah⸗ ren wollte?“ „Wie ſoll ich das wiſſen!“ „Ob eine gewiſſe jetzt ſehr hochſtehende Perſon noch lange am Ruder bleibe!“ „Teufel!“— rief d'Auvaux mit dem Ausdruck des größten Staunens.—„Ja, wenn es freilich ſo ſteht;.. dann wenn ein Saint⸗Aignan dieſe Frage an das Schickſal richtet.. „Dann hat er, der dem Könige und ſeiner Mai⸗ treſſe ſo ſehr nahe ſteht, ſchon eine Ahnung woher der Wind zu blaſen anfängt.“ „Nun, und was ſagten die Karten?“ „Was mir mein Bischen Verſtand zuflüſterte. Auf die Herzdame folgte— nach vier anderen Kar⸗ ten— Kreuz⸗Aß.“ „Trefflich! trefflich!“— rief d'Auvaux—„die Gewaltige iſt nach einer gewiſſen Zeit... es kön⸗ nen vier Tage, vier Wochen, vier Monate ſein... ausgeſtochen.“ Sie iſt kalt!“— ſagte hier Leſage. „Wer?“— frug d'Auvauy erſtaunt—„die Herzogin von Fontanges 2 „Ach was!“— meinte Leſage—„meine Suppe!“ „So wollen wir die Probe machen!“— verſetzte d'Auvaur ruhig und pockte eines der herumſpringen⸗ den Kaninchen an den Ohren.—„Hier!“ Leſage ergriff es und flößte ihm einige Tropfen des braunen Saftes ein. Die Voiſin lachte:—„Wohl bekomm's— ſagte ſie dabei. DAuvaux hielt das arme Thier noch feſt. Die drei finſteren Dämone umſtanden es jetzt ſchweigend und mit geſpannter Aufmerkſamkeit;.. es galt, ſich der Wirkung des Giftes zu verſichern. — 5— Es war für Menſchen berechnet und auf nicht ſofortige Wirkung, dennoch mußte es, nach Exilis Angabe ein Kaninchen binnen 20 Minuten tödten.“ Nach einigen Minuten ward das kleine Thier unruhig... die Augen erweiterten ſich... ſon⸗ derbare Halsbewegungen traten ein. Die Voiſin lachte wieder laut auf.—„Der Schelm coquettirt wie ein Mädchen, das eben flügge wird!“ — ſagte ſie dabei: „Nein, er würgt!“— meinte Leſage heiter— „wie ein Herr vom Hofe, dem die Majeſtät eine Pille gegeben hat, die nicht hinunter will. und doch muß!“ „Die brennt manchmal nicht weniger im Hals, als mein Trank!“— ſage Leſage und beobachtete behaglich die Bewegungen des Schmerzes, die das arme Thier machte. Aber ſchon ſtellten ſich bei demſelben auch Zuckungen ein: brennende Schmerzen und Krämpfe im Magen. „Es geht zu ſchnell!“— meinte d'Auvaur— „der Trank iſt zu ſtark. Zuckungen dürften ſich frühe⸗ ſtens bei einem Kaninchen nach zehn Minuten zeigen.“ „Auch nach fünf!“— meinte Leſage. „Nein!“— ſagte d'Auvaux.—„Exili ſtellt ausdrücklich, in Betreff der Probe, auf: bei ei⸗ nem Kaninchen mittleren Alters: nicht vor zehn Minuten.“ „Was gilt die Wette, ich habe mit fünf — rief Leſage lebhaft. „Drei Flaſchen Sect!“ „Gut!“ Leſage ging nach einem alten Schranke, nahm eine beſchmutzte Rolle heraus, öffnete ſie und las— den Zeilen mit dem Finger folgend— einige Worte. Dann blickte er plötzlich triumphirend auf, deutete auf eine Stelle und rief: „Was ſteht hier?“ D'Auvaur und die Voifin blickten hinein. „Fünf!“— rief die letztere heiter—„Leſage hat gewonnen!“ „Auch recht,“— meinte d'Auvaux.—„Man kann ſich irren. Ich werde zahlen.“ „Und ich trinke mit!“— verſetzte die Voiſin.— „Es ſoll eine Stunde geben, ſo köſtlich, als wir ſie noch je zu Dritt erlebt. Ich fühle mich zu Allem aufgelegt. Aber der Sect muß ächt und ſtark ſein. „Aufgepaßt!“— meinte d'Auvaur—„unſer Todeskandidat erbricht ſich.“ „Iſt Blut dabei?“ „Nein!“ „Wird noch kommen!“ 6 „Hopp! hopp! das nenn' ich Zuckungen!“— rief die Voiſin.—„Es iſt übrigens doch recht ein⸗ fältig, daß wir die Proben an Thieren machen müſ⸗ ſen. An Menſchen würden ſie ganz ſichere Anhalts⸗ punkte geben.“ „Wir hätten aber acht bis vierzehn Tage Zeit nöthig!“— meinte Leſage—„und unſer Trank iſt noch heute Nacht abzuliefern.“ „Das iſt wahr!“— verſetzte die Voiſin.— „man eilt ſehr damit.“ Män. „Ich kenne den Beſteller nicht!“ „Doch vom Hofe?“ Die Voiſin legte den Finger auf den Mund, in⸗ dem ſie d'Auvaux zugleich einen bedeutſamen Blick zuwarf. „Verſtehe!“— ſagte dieſer.—„Regierungsan⸗ gelegenheiten. Was geht's mich an!“ „Reiſen nicht Monſeigneur Louvois morgen früh' ab?“— frug Leſage. „Wie man ſagt.“ Leſage trillerte ein Liedchen vor ſich hin. Das kleine Thier lag in den letzten Zuckungen. Blut drang ihm aus Maul und Naſe. Seine Schmer⸗ zen und ſeine Angſt ſchienen fürchterlich. „Und die Bezahlung?“ „Iſt, wie ich Euch ſchon geſagt, Meiſter d'Au⸗ vaux, fürſtlich!“— verſetzte die Kartenſchlägerin.— „Der Mann knauſert bei ſolchen Dingen nicht.“ „Ich glaub's!“— rief Leſage lachend.—„Es koſtet ihn ja nichts.“ „Nur chrlich theilen!“— meinte d'Auvaur und warf Leſage einen bedeutſamen Blick zu, den dieſer mit einem Blitz der Augen auf die Voiſin beant⸗ wortete. „Wie immer!“— beſtätigte die Dame Voiſin. „Frrüg!“— rief im gleichen Augenblicke Leſage. —„Der Candidat hat verendet.“ Und er nahm das Thier bei den Löffeln und arf es zu der todten Katze. „Der Trank iſt recht.“ „Wenn nicht zu ſtark. „So nimmt man eine kleinere Gabe.“ „Aber ich muß genau wiſſen, wie viel Tropfen auf einen Becher Wein,“— ſagte die Voiſin.— —„Lebensfriſt acht bis vierzehn Tage.“ „Ohne auffallende Zeichen?“ „Ohne ſolche. Es iſt das ausdrückliche Bedingniß.“ „Mann? Weib? Kind?“ „Mann.“ „Alter?“ „Einige ſechszig Jahre!“ „Kräftig?“ „Nicht mehr ſo ganz.“ „Da thun es fünf Tropfen.“ „Gut!“ „Und wann bekommen wir unſer Geld?“ „Heute Abend noch ſollt Ihr es haben, wenn wir Eure drei Flaſchen guten Sect bei mir in dem bewußten geheimen Zimmer trinken!“— ſagte die Voiſin mit einem widerlich leuchtenden Blick auf ihre beiden Gefährten.—„Ich ſorge für ein Souper deſſen ſich Monſeigneur Louvois nicht zu ſchämen hätte.“ „Da reichen aber drei Flaſchen nicht!“ „So ſetze ich noch drei dazu!“— meinte die Voiſin. Leſage und d'Auvaux lachten lascive auf. „Wird gut werden!“— ſagte Leſage. „Wir haben geſchafft, ſo wollen wir auch ge⸗ nießen.“ „Wie man ſich ehrlich durch die Welt bringt!“ Abermals füllte lautes Lachen die finſtere Halle. „Aber noch eines, ehe wir gehen!“— ſagte jetzt dAuvaux, zu der Voifin gewandt, während Leſage die Riegel der Thüre zurückſchob.—„Warum traten Sie vorhin ſo alterirt über die Nachricht ein, daß der Hof Verſailles auf einige Zeit verlaſſe.“ — „Als ob wir dadurch nicht ſo gut als brach ge⸗ legt würden?“ „So ruhen wir die kurze Zeit auf unſeren Lor⸗ beeren. Uebrigens fällt ja das Kartenſchlagen, Pro⸗ phezeien u. ſ. w. für Sie nicht aus. 4 „Lumpereien!“— meinte die Voiſin.—„Doch, damit ich es nicht vergeſſe: Frau von Montespan ver⸗ treibt ſich ja jetzt die Langeweile auf eigene Weiſe.“ „Mit Beten wahrſcheinlich; das iſt ja gewöhn⸗ lich das Ende vom Liede!“ „Möglich! aber... „Nun?“ „Die Einſame ſucht jetzt... den Stein der Weiſen.“ „Hätte ſie das gethan, ehe die Fontanges an's Ruder kam.“ „Spaß bei Seite!“— ſagte die Voifin, und mit dem Munde zugleich ſprachen die Blicke.— „Sie treibt Alchemie!“ „Wer ſagt das!“ „Sie ließ es einen et Die⸗ ner wiſſen, und... bittet... um einige Che⸗ mikalien.“ „So! ſo!“— rief Leſage mit boshaftem Lachen. „Aber daß ja.. keine Giftſtoffe darun⸗ ter ſeien.“ 3 „Verſtehe!“— ſagte Leſage—„ich werde ihr das Nöthige zurecht legen.“ „So bringt es heute Abend mit; der Diener will es dieſer Tage bei mir abholen.“ „Soll geſchehen!“ Die drei verließen das Gemach. Leſage aber ſang unter dem Schließen der Thüre— die todte Katze und das todte Kaninchen hingen über ſeinem Arm—: „Die Welt iſt ſchön! die Welt iſt ſchön! Nur muß man ſie verſteh'n! Hübſch ſachte gehn! hübſch ſachte geh'n, Und nicht auf kleine Dinge ſeh'n: Denn klein iſt groß, und groß iſt klein; Drum heißt es klug und pfiffig ſein: Und ſieh! die Welt iſt dein!“ Der Raub Straßburgs III. 5 Die Herzogin von Fontanges. — Vierzehn Meilen von Straßburg und ſechs und neunzig Meilen von Paris entfernt liegt das Städt chen Colmar.. Unter der fränkiſchen Monarchie war Colmar — Columbaria— nur eine Meierei, die indeß all⸗ mälig zu einem Dorfe heranwuchs. Schon Kaiſer Karl der Große hatte hier ein Arbeitshaus für Weiber— Genitium oder Gynaecium— geſtiftet, während Kaiſer Friedrich II., der edle Hohenſtaufe, es zu einer Stadt erhob, die ſo ſchnell heranwuchs, daß ſie ſchon im Jahre 1282 erweitert werden mußte. Bald darauf trat Colmar in den Rang einer freien deutſchen Reichsſtadt ein und behauptete von da an unter den zehn Reichsſtädten der Land⸗ vogtei Hagenau den zweiten Rang, bis Ludwig XIV. ſie 1673 mit Gewalt an ſich riß, ihre Feſtungs⸗ werke demolirte und ihre Freiheit zerſtörte. Seit jener Zeit war es um Colmar's Blüthe geſchehen... und doch ſchien gerade jetzt— in der Zeit, von welcher wir hier reden,— dem alten Co⸗ lumbaria ein neuer Stern aufgegangen zu ſein: denn— die Einwohner begriffen es kaum ſelbſt— Ludwig XIV., der Große, wie ihn die Welt ſchmei⸗ chelnd nannte,... Ludwig XIV. und ſein Hof weilten ſeit einigen Tagen in Col⸗ mar's Mauern! Das alte ehrwürdige Rathhaus— in der Zeit, da Colmar noch deutſch war,„Wagkeller“ ge⸗ nannt, von einer als Sinnbild der Gerechtigkeit daran angebrachten Wage,... ſeit dem franzöſiſchen Regime aber Palais de justice— war, wenigſtens auf kurze Zeit, in ein königliches Schloß umgewan⸗ delt; während der ganze übrige Hof alle nur einiger⸗ maßen anſtändigen Wohnungen in Beſchlag genom⸗ men hatte. Freilich geſchah dies von den vornehmen, ver⸗ wöhnten Herren und Damen mit Weh und Ach und verzweifeltem Naſenrümpfen... aber... der Kö⸗ nig wollte es,... der König hatte es befohlen und.. ſo war Colmar plötlich und wie durch Zauber in ein kleines Verſailles umgewandelt. 5* Das beſcheidene Städtchen und ſeine Einwohner wußten beide nicht, wie ihnen geſchah. Da es aber Gold regnete und Alles ſehr gut bezahlt wurde, ſo fügte man ſich gern. Wohnungen und Lebensmittel erreichten dabei unerhörte Preiſe, und dennoch war kaum das Nöthigſte an Victualien aufzubringen. Fürſten und Herren, Marquiſen und Herzoginnen mußten ſich oft— aus Mangel feinerer Dinge— mit Milch und Käſe begnügen. Wohnungen und Betten ſtanden faſt durchweg denjenigen nach, die in Verſailles oder Paris ihre niedere Dienerſchaft inne hatte. Aber... hier kam den Betheiligten, nach der erſten peinlichen Ueberraſchung, der franzöſiſche Charakter zu Hülfe. Allgemein und nur mit wenigen Ausnahmen betrachtete man die Sache ſofort von der leichten und komiſchen Seite. Die mannigfachen Entbehrungen gaben zu tauſend luſtigen Scenen, zu heiterem Lachen, zu endloſen Witzen und köſtlichen Calembours Veranlaſſung. Dazu kam alsdann noch das Piquante der Sache, das für überreizte und überſättigte Menſchen— zeitweiſe wenigſtens— in einem gewiſſen houtgodt des Lebens und ſeiner Verhältniſſe liegt,... in einem überreizt⸗wollüſtigen Behagen und Untertauchen in ſonſt verachtete Sphä⸗ ren. Endlich aber hob hier die Freiheit, die man auf Reiſen genießt, die letzten Schranken der Zurückhal⸗ — 5 tung noch auf. Die Gelegenheit bot zahlloſe Aben⸗ teuer und Niemand an dieſem Hofe wäre ſo thörigt geweſen, ſolche zurückzuweiſen. An jedem hereinbrechenden Abend ſchlüpften die feinſten Damen in die einfache Tracht Colmarer Bürgersfrauen und Mädchen, die ſie ſcherzweiſe von ihren Hausleuten entlehnten,... und die Herren? nun ſie thaten natürlich daſſelbe. Die bürger⸗ lichen Tugenden der guten Colmarer zogen ſie frei⸗ lich damit nicht an... und... Verſailles und Paris hätten ſich vielleicht gewundert, wenn ſie das erlebt. was um jene Zeit Colmar ſah. Der ganze Aufenthalt des Hofes ward in der That zu einem, aus zahlloſen köſtlichen Epiſoden zuſammengeſetzten Schäferroman; auch Colmar ſelbſt lieferte ſeinen Contingent dazu, und zwar gerade aus ſeinen höchſten und... niederſten Sphären. Die Sache war neu und fameuſe piquant! Selbſt von dem Könige hieß es... er ſei dem reizenden Romane nicht ganz ferne geblieben. Aber Ludwig XIV. und ſeine Miniſter, Lou⸗ vois und Colbert⸗Croſſi, waren nicht die Männer, nur, um einer Laune oder eines Schäfer⸗ romanes Willen, Reiſen— wie die angetretene— zu unternehmen. Unter dem buntſchillernden Deck⸗ mantel dieſes vriginellen, ächt franzöſiſchen Treibens ſpielte das große, ernſte Drama der Zeit fort. Aber auch dieſes Drama ſchien in dem vorletzten Acte, nach Außen hin, einen freundlicheren Character an⸗ nehmen zu wollen. Nie war der Verkehr zwiſchen dem franzöſiſchen Hofe und dem jetzt ſo nachbarlichen Straßburg ein ſo lebhafter, aber auch ein ſo beruhigender geweſen. Die Krone Frankreichs hatte die KloſterVer⸗ ſchwörung in Straßburg auf das Entſchiedenſte von ſich abgewieſen,... den Mönchen und namentlich dem Guardian die ganze Verantwortlichkeit über⸗ laſſend. Dieſer freilich hatte ſich mit ſeinen frommen Brüdern ſofort unter Frankreichs Schutz geſtellt und über die Gränze begeben. So mußte die Sache vor der Hand auf ſich beruhen. War hier doch auch ein tieferes Eindringen— dem mächtigen Nachbar gegenüber— zu gefährlich... demnach unrathſam. Nun aber ſchien es Ludwig XIV. wirklich darauf abgeſehen zu haben, die in Straßburg noch immer nachgrollende Aufregung ſo bald als möglich zu be⸗ ſchwichtigen; denn er und ſeine Miniſter ſtrömten mit einemmale von freundlichen Geſinnungen über. Namentlich geſchah dies bei der Annäherung des Hofes an Straßburg. Die freund⸗nachbarlichſten Ver⸗ ſicherungen trafen ein. Frankreich beabſichtigte ja von — jeher nichts anderes, als das Wohl und die Blüthe der Stadt; und nur, weil dieſe ſo ganz von Kaiſer und Reich im Stiche gelaſſen wurde, wünſchte Lud⸗ wig XIV. ihr ſeinen Schutz angedeihen laſſen zu können. Der franzöſiſche Reſident, Herr von Friſchmann, hatte vollauf zu thun, alle dieſe Artigkeiten ſchrift⸗ lich und mündlich dem Magiſtrate Straßburgs zu übermachen. Die Franzöſiſchgeſinnten, die Schwachen und Halben, ſtrahlten vor Entzücken; die Warnungen der Gegenparthei— die in allen dieſen Manoeuvres nur diplomatiſche Fallſtricke ſah— verhallten im Winde. Jo! die Regierung Straßburgs beſchloß ſogar: den König von Frankreich bei ſeinem Aufenthalte in dem benachbarten Colmar durch eine Deputation aus ihrer Mitte begrüßen zu laſſen. Syndicus Frantz, Stadt- und Rathsſchreiber Günzer— als:„le mignon connu de la Frange — und einige andere Mitglieder des Magiſtrates wurden dazu erwählt. Frantz lehnte entſchieden ab; Günzer dagegen ſetzte merkwürdiger Weiſe ſeinen ganzen Einfluß daran, daß der Syndieus dieſe Ehrenſendung an⸗ nehme. Dennoch würde dies nicht geſchehen ſein, wenn nicht— auf eine Anfrage bei ſeiner Majeſtät — — der König den Wunſch, Syndicus Frantz an der Spitze der Geſandtſchaft zu ſehen, ausdrücklich zu erkennen gegeben. Unter dieſen Umſtänden wäre eine Ablehnung von Seiten des Syndicus eine ſchroffe Verletzung allen diplomatiſchen Herkommens... ſ eine Feigheit geweſen. Frantz ſagte alſo zu, wenn auch mit ſchwerem Herzen;... denn— da er nun einmal kein Heuchler, kein Achſelträger und Lügner ſein konnte— war ein gefährliches Zuſammentreffen mit dem damals mächtigſten Monarchen der Erde faſt unvermeidlich. Der Entſchluß des Syndicus war ein helden⸗ müthiger. Aber es iſt nicht die Art und Weiſe bedeutender Charaktere, aus dem, was ſie Großes beginnen wol⸗ len, viel zu machen. Syndicus Frantz ſah mit klarem Blick, daß er einer großen Gefahr entgegengehe. Einem Monarchen, wie Ludwig KIV., und einem Miniſter, wie Louvois, die Wahrheit ſagen, kann leicht... Freiheit oder Leben koſten. Deshalb aber zurückzubeben wäre Engherzigkeit geweſen... und dieſe kannte ein Mann, wie Frantz, nicht. Engherzigkeit umgiebt die Bruſt des Menſchen mit einem undurchdringlichen Panzer, der keinem — 73— Gedanken Zutritt geſtattet, als dem: an ſich ſelbſt und das Nächſte; große, ſchöne, freie Seelen aber vergeſſen ſich ſelbſt über das Wohl ihrer Mit⸗ bürger und der Welt. So war es auch hier. Der Angſt ſeiner Gattin und ſeines Kindes,.. den Warnungen Hugo's ſetzte der würdige Mann jetzt eine ruhige Entſchie⸗ denheit entgegen;... aber... er ordnete in der Stille der Nacht auch ſein Haus,... traf ſogar alle nöthigen Vorkehrungen für den Fall ſeines nicht Wiederkehrens oder... ſeines Todes. So kam der Tag heran, welchen die Majeſtät von Frankreich in Gnaden anberaumt hatte, die zu ſeiner Begrüßung beſtimmten Geſandten von Straß⸗ burg zu empfangen. Die Geſandtſchaft war eine pompöſe, und— wie bei allen derartigen ſtädtiſchen Angelegenheiten— in mittelalterlichem Style gehalten. Sie ging in fünf ſchwerfälligen Caroſſen ab. In der erſten ſaßen zwei Herolde der Stadt, in die Farben derſelben gekleidet, Straßburg's Wappen auf Bruſt und Rücken, die weißen Stäbe zur Hand. In den vier folgenden Wagen befanden ſich die hochweiſen und hochedlen Herren des Rathes: Do⸗ minique Dietrich, Johann Leonhard Fröreiſen, Jo⸗ hann Störr, Stadt⸗ und Rathsſchreiber Günzer und Syndicus Frantz. Alle waren in die maleriſche Tracht der ſtädti⸗ ſchen Gerichtsbarkeiten des Mittelalters gekleidet: in ſchwarzen Sammt mit pelzverbrämten Röcken und Baretten. Frantz fuhr allein mit Hugo von Zedlitz, der es ſich nicht hatte nehmen laſſen, dem würdigen Manne, dem Vater ſeiner Geliebten, als Privatſecretär zu folgen. Hugo durchſchaute ja mit klarem Blick die gefährliche Lage des Syndicus. Konnte er demſelben auch bei der Audienz nicht zur Seite ſtehen, ſo war er ihm ſonſt doch nahe und entſchloſſen, jede Gefahr mit ihm zu theilen. Geſtern waren die Herren von Straßburg abge⸗ gangen, heute ſollten ſie empfangen werden. Jetzt war es noch frühe am Tage— das heißt früh für Menſchen, deren eigentliches Leben erſt mit der Nacht beginnt, und die den Morgen nach dem Stande der Mittagsſonne meſſen— als ſich Saint⸗Aignan bei der Herzogin von Fontanges mel⸗ den ließ. Nur der König hatte offiziell um ſolche Stunde freien Eintritt bei ihr. Marie Angeline Scoraille de Rouſille, Herzogin von Fontanges, befand ſich in einem reizenden Mor⸗ gen⸗Habit. Ein weißes Gewand von indiſchem Ge⸗ webe, ſo leicht und duftig, daß es den ſchönen Kör⸗ — 75— per wie ein durchſichtiges Wölkchen umfing und das Unterkleid von weißem Atlas in ſeinem vollen Glanze durchſchimmern ließ, verhüllte nur ſpärlich die un⸗ übertrefflich ſchönen Formen. Spitzen von ungeheurem Werth wallten leiſe um Hals, Bruſt und Arme, hie und da durch Agraffen weißer Zahlperlen neckiſch gehalten. Das Reizendſte aber war, daß Ober- und Unter⸗ kleid durch ähnliche Agraffen nach vorn ebenfalls hinaufgezogen waren und ſo ein zweites blendend weißes Unterkleid ſehen ließen.. Aber auch das Fleiſch dieſes wunderbaren Wei⸗ bes kam weißem Marmor, kam Alabaſter gleich; während die prächtigen, eigenthümlich rothen Haare ſie wie mit einer Goldglorie umgaben. Angeline von Fontanges war ſchön wie eine Königin; aber... auch ſtolz wie eine ſolche; und dieſer Stolz, bei der ihr eigenen äußerlichen Kälte und dem Mangel geiſtiger Belebung, gab ihr— da er ſich fort und fort ſteigerte— in der letzten Zeit etwas Hartes, Herriſches, Zurückſtoßendes. Am enpfindlichſten fühlte dies im Geheimen Saint⸗Aignan. Er war es ja, der— im Vereine mit der Montespan— die kleine unbedeutende Marie Angeline an den Hof von Frankreich gebracht und ihr den Weg zu ihrer jetzigen Macht gebahnt. Er war es geweſen, der ihr zuerſt ſchützend und rathend zur Seite geſtanden, ihm hatte ſie ſich früher ganz vertraut,—... von ihm ſich leiten laſſen, ihm und ſeinen Wünſchen, dem Könige gegen⸗ über, gedient,.. ihm ſogar in ſüßen Stunden ihr Herz geſchenkt. Freilich war dies alles auch jetzt noch theilweiſe der Fall... aber doch.„ nur theilweiſe, da Angelinens angeborene Eitelkeit, durch den ſie umgebenden königlichen Glanz, ihrem Stolz und ihrer Herrſchſucht eine ſolche Nahrung gab, daß ſie nachgerade auch Saint⸗Aignan wie alle Uebrigen zu beherrſchen ſtrebte. Saint⸗Aignan aber hatte ſic an den Hof ge⸗ bracht, um ſelbſt durch ſie über den König zu herrſchen. Er that es auch jetzt noch— äußerlich mit der Geduld eines ſchlauen Höflings die Feſſeln der reizenden Fontanges tragend— in ſeinem Inne⸗ ren aber trat, durch dieſen Stolz und dieſe Herrſch⸗ ſucht eines Weſens gercizt, das er gehoben und gei⸗ ſtig überſah, eine gewiſſe Kälte zwiſchen ihn und ſie. Auch wenn eine Leidenſchaft wild und gewaltig in dem Buſen eines Wüſtlings aufflammt, hat ſie keine Dauer. Die Kraft des Beſtandes fehlt; Ueber⸗ ſättigung lebt von Abwechslung; in der Erfül⸗ lung der Wünſche liegt nur gar zu oft, namentlich wenn ſie unlauter ſind, deren Tod. — Indeß hatte Saint⸗Aignan's ſcharfes Auge ſeit einiger Zeit auch noch etwas Anderes beobachtet, etwas, was ſtets unbedingt beſtimmend auf jeden Höfling einwirkt: es kam ihm vor, als gehe es dem Könige... wie ihm. Wohl ſtand die Herzogin gerade jetzt auf dem Gipfel ihrer Macht;— wohl war es ein wahrhaft königlicher Glanz, den Ludwig XIV. um ſie ver⸗ breitete;— wohl liebte ſie der König noch.. aber es nagte, ſeit jener Nacht, in welcher er Gauthier bei ihr getroffen und verhaftet, ein Wurm an der Blüthe dieſer Liebe. Wohl ſah es Ludwig XIV.— der Stolze— gern, daß die Geliebte ſeines Herzens ebenfalls mit königlichen Stolze auf alle Welt neben ihm herab⸗ ſah; er freute ſich ſogar im Geheimen über die Herabſetzungen, die die Königin hie und da durch ſeine Maitreſſe erleiden mußte;... aber im Tief⸗ innerſten ſeiner Seele vergaß er— ſo widerſprechen ſich die Menſchen oft— Angelinen doch dieſe Be⸗ leidigungen der Majeſtät nicht. Saint⸗Aignan's ſcharfen, lauernden Blicken ent⸗ ging nichts von dem Allen. Er kannte ſeinen Herrn und König genau— ein Höfling weiß von keinem anderen Studium—; er kannte ſeine Größe und Schwächen, ſeine wahrhaft königliche Generoſität, — — wo er liebte und ſein vernichtendes Weſen, wenn Haß ihn erfaßte; er kannte vor allen Dingen aber... ſeinen Unbeſtand in der Liebe!... Nur wo Witz und Schärfe des Verſtandes über⸗ wiegend vorhanden waren, konnnte... vielleicht! dieſem Unbeſtand geſtenert werden. Hier... war dies nicht der Fall. Nicht Geiſt, ſondern nur körperliche Schönheit,... Neu⸗ heit und Eigenthümlichkeit der Erſcheinung gaben Angelinen Reiz für den König- Soint⸗Aignan aber wußte, wie ſchwach ein ſol⸗ ches Band bei einem Ludwig XIV. war. Er ſah: wie der König bercits, als guter Feldherr, mitten im Flor ſeiner Liebe, ein geheimes Arſenal von Schutzwaffen gegen dieſelbe in ſeinem Inneren an⸗ legte, um im paſſenden Augenblicke, d. h. in dem der Ueberſättigung, gehörig zum Rückſchlage gewaff⸗ net zu ſein. Für Saint⸗Aignan gab es alſo jetzt eine dop⸗ pelte Aufgabe, und die war: einmal, ſo lange als nur immer möglich Angelinens Einfluß auf den König— hinter dem er ja ſelbſt ſtand— zu hal⸗ ten und zu ſtützen; dabei aber andererſeits den Ba⸗ rometer der königlichen Gunſt, der Herzogin von Fontanges gegenüber, genau zu beobachten, um... ſobald ſich hier ein entſchiedenes Sinken zeigte, die eigene Hand auf der Stelle von Derjenigen zurückzuziehen... deren baldige Ungnade bevorſtand. Indeß— wie ſchon geſagt— dies war ja für den Augenblick noch nicht zu fürchten. Noch überſtrahlte die Sonne der königlichen Gunſt Angeline mit voller Kraft und Klarheit, die leiſen Wölkchen einzelnen Mißbehagens tief unten am Horizonte zurückhaltend. Und wahrlich! die rei⸗ zende Geliebte des Königs machte den vollſten Ge⸗ brauch von dieſer Gunſt. Namentlich ſeit einiger Zeit gab ein rauſchendes Feſt dem anderen die Hand;.. eine Luſt folgte der anderen in ſchwin⸗ delnder, betäubender Haſt. Aber freilich es gab auch gar manches in der Seele Angelinens, was zu betäuben war: dir Re⸗ gungen des Gewiſſens,— die Erinnerung an eine Mutter, die über den Fall der Tochter in Gram und Schmerz dem Grabe entgegenwelkte— und— vor allen Dingen der Gedanke an... Gauthier! Wußte ſie denn, ob er noch lebe oder todt ſei? Und wenn ihn— den unſelig Geopferten— die Ruhe des Grabes noch nicht umfing, ſo. wehe! wehe! der Gedanke war entſetzlich!... ſo war er in der Baſtille lebendig begraben!... Le⸗ bendig begraben, wegen ſeiner Liebe zu — 80— ihr! zu ihr!... die für ihren Verrath an ihm und den Lohn der Sünde in königlichem Glanze, in Reichthum, Macht, Ueppigkeit und Herrlichkeit ſchwelgte. O! das unſelige Geſpenſt von Loches verfolgte ſie noch!... nicht als eine Weſenheit, nicht als ein Schatten, nicht als ein Trugbild... wohl aber als ein ewig und ewig wiederkehrender Auf⸗ ſchrei ihres Gewiſſens! Darum die unaufhörlichen Feſte; darum der raſende Strudel von Luſtbarkeiten und Vergnügungen, die Millionen verſchlangen. und ihr Ge⸗ wiſſen doch nicht betäubten.——— Saint⸗Aignan war ſo eben bei der Herzogin von Fontanges eingetreten. Angeline glich, in ihrem weißen, duftigen Re⸗ gligé— das durch ſein leichtes Verhüllen noch mehr reizte, als durch ſein reizendes Enthüllen,— einer aus dem Kelche einer Lilie aufſteigenden Fee. Der Herzog begrüßte ſie mit dieſer Artigkeit, indem er zugleich die kleine, zarte Hand Angelinen's ergriff und einen leiſen Kuß auf dieſelbe drückte. Die Herzogin nahm beides— an ähynliche Hul⸗ digungen gewöhnt— mit ſtolzem Lächeln hin. Sie betrachtete ſich bereits als die eig entliche Königin von Frankreich. Saint⸗Aignan befürchtete aber gerade — 6— von dieſem unklugen Stolz und Hochmuth, von die⸗ ſer gefährlichen Eitelkeit, am erſten ihren Sturz. Er wußte, wie die wirkliche Königin darüber dachte, und— auf das Tiefſte beleidigt— ſammt ihrer ganzen Parthei, der Parthei des hohen Adels, gerade deshalb, gegen die Fontanges bei dem Könige arbeitete. Er ließ es daher an Winken nicht fehlen, die Angeline aber freilich ſelten verſtand. Gewöhnlich waren dieſelben, ſeiner eigenthümlichen Weiſe nach, in Aneedoten gehüllt. Auch heute machte er es ſo. Um die Herzogin zum Nachſinnen über ſich ſelbſt zu bringen, wußte er mit ungemeiner Geſchicklichkeit das Geſpräch auf die ſchöne, ſanfte und unglückliche La Valière— eine der erſten ihrer Vorgängerinnen— zu leiten. Die neue Mode à la Fontanges mußte den Ueber⸗ gang bilden. Man ſprach von ihr, kam auf ſonderbare gril⸗ lenhaften Moden überhaupt, als Saint⸗Aignan plötz⸗ lich rief: „Aber ich wette, ſchöne Herzogin, daß Ihnen die tollſte aller weiblichen Moden unbekannt iſt!“ „Und die wäre?“— frug die Fontanges. „Als ſich die Marquiſe von Montespan zum erſtenmale nach ihrem Bekanntwerden mit ſeiner Der Raub Straßburgs III. 6 Majeſtät, Ludwig XIV., Mutter fühlte,“— Saint⸗ Aignan betonte den Satz ziemlich ſtark—„ſchien ſie ſehr verwirrt über den Zuſtand, in dem ſie ſich befand. Um ihn daher zu verbergen, erfand ſie eine neue Mode: ſie kleidete ſich nämlich männlich, mit Ausnahme eines Rockes, über den in der Ge⸗ gend des Gürtels das Hemde gezogen und ſo ge⸗ bauſcht wurde, daß es den ganzen Leib bedeckte.“ „Pfui!“— rief die Herzogin—„das muß nicht ſchön geweſen ſein!“ „Und doch ahmte es ſofort der ganze weibliche Theil des Hofes nach. Merkwürdigerweiſe verließen von dieſem Momente an alle Höflinge die arme Herzogin de la Valière.“ „Warum?“ „Weil“— ſagte Saint⸗Aignan, wie gleichgültig und doch mit einem eigenen Tone—„weil mit der Schwangerſchaft der Montespan der Sturz der La Volière ausgeſprochen war. Es trat auch in der That ſofort Alles zu der Marquiſe über, und dies um ſo mehr, als die arme La Valiöre— einzig bemüht, dem König zu gefallen— nie⸗ mals darauf bedacht geweſen war, ſich Freunde zu erwerben.“ „War es nicht genug, daß der König ihr Freund war?“— rief hier die Herzogin von Fontanges —— ſtolz, den ſchönen Kopf zurückbiegend als zöge eine ſchwere goldene Krone ihn in den Nacken. „Es ſchien das nicht ſo ganz die Meinung des Marſchall von Grammont zu ſein.“ „Wie ſo?“— frug Angeline mit einem kleinen Aufwerfen der Lippen. „Nun!“— fuhr Saint⸗Aignan heiter und un⸗ befangen fort—„als ſich die Herzogin von La Valière gegen dieſen über ihr plötzliches Ver⸗ laſſenſein beklagte, antwortete er: Teufel! liebe Freundin, während Sie Urſache zum Lachen hatten, hätten Sie die Anderen auch lachen laſſen ſollen; denn jetzt, wo Sie Urſache zum Weinen haben,.. werden die Anderen Ihnen höchſtens weinen helfen... und...— ſetzte Grammont ſteptiſch hinzu— das nur... vielleicht!“ Die Herzogin von Fontanges lächelte verächtlich. Dann ſagte ſie— ihr Bild in einem großen Spie⸗ gel betrachtend, der auf ihren Befehl mit der ganzen Einrichtung ihres Boudoirs hierher vorangeeilt war, —„die La Valière war ein unbedeutendes Kind. Man muß verſtehen ſeine Majeſtät mit ſtärkeren Banden und für immer zu feſſeln.“ Der Herzog von Saint⸗Aignan, der der Fon⸗ tanges— die leicht hingegoſſen in einem koſtbaren Fauteuil lag— den ſchönen Federhut in der Hand 6* gegenüber ſtand, lächelte fein, indem er ſich zugleich verbeugte und mit verbindlichem Tone ſagte: „Eine Aufgabe, die einer ſo reizenden und geiſt⸗ reichen Dame, wie der Frau Herzogin, nicht ſchwer fallen kann.“ „Ein Tabouret!“— befahl Angeline. Es ward von einem Pagen dem Seſſel der Her⸗ zogin auf vier Schritte Entfernung gegenüber geſetzt und.. Soaint⸗Aignan nahm mit einer Ver⸗ beugung Platz. Das Geſpräch kam jetzt auf das bevorſtehende Tages⸗Ereigniß: die Audienz der Straßburger Abgeſandten; aber Angeline liebte die Politik nicht... ſie wollte Zerſtreuung, ſelbſt jetzt;.. ſie wollte ſich ſelbſt nicht Zeit laſſen, zu einem Gedanken zu kommen; das unausſtehliche Colmar langweilte ſie ohnehin tödtlich. „Vertreiben Sie mir die Zeit, Saint⸗Aignan!“ — rief Sie daher jetzt gähnend—„erzählen Sie mir eine von Ihren tauſend Geſchichtchen oder Anecdoten. Sie können unterhaltend ſein, wenn Sie wollen.“ Der Herzog biß ſich auf die Lippen, verbeugte ſich aber dennoch lächelnd: „Ihre Anerkennung, hohe Frau, iſt höchſt ſchmei⸗ chelhaft für mich!“— ſoagte er dabei, diesmal aller⸗ — 5— dings mit kaum zurückgehaltener Ironie,—„und da mir die leiſeſten Wünſche aus dieſem reizenden Munde Befehle ſind, ſo becile ich mich, zu gehorchen.“ „Nehmen Sie, was Sie wollen, nur muß es für mich neu und... zerſtreuend ſein.“ „Kennen Sie die artige Geſchichte von Racan, dem Dichter, und Fräulein von Gournay?“ „Nein!“ „Nun denn, ſo hören Sic, ſchöne Frau!“ „Ich bin bereit!“— ſagte die Herzogin, mit ihrer kleinen Hand über die Stirne fahrend, als wolle ſie da die peinlichen Gedanken wegwiſchen, die ſie wieder verfolgten und beläſtigten.“ Der Herzog aber hub an: „Zu Paris lebte um die Mitte des vorigen Jahrhunderts eine alte Jungfer Namens Maria Le Jars, Fräulein von Gonrnay, an welcher bereits ſiebzig und einige Frühlinge leiſe vorüber ge⸗ eilt waren. Sie ſelbſt erzählt in einem kurzen Bericht über ihr Leben, daß, als ſie in ihrem neunzehnten Jahre Montaignes berühmtes Werk,„Essais,“ geleſen, ſie von einem brennenden Verlangen, den Verfaſſer kennen zu lernen, ergriffen worden ſei. As daher Montaigne einige Zeit ſpäter nach Paris kam, ſandte ſie ſogleich zu ihm, um ihn be⸗ —— grüßen und ihn der Achtung verſichern zu laſſen, in welcher er und ſein Buch bei ihr ſtanden. Montaigne beſuchte ſie denn auch noch denſelben Tag, um ſich bei ihr zu bedanken, und ſeitdem faß⸗ ten ſie eine ſolche Zuneigung zu einander, daß ſie anfing ihn Vater zu nennen, und Montaigne„meine Tochter!“ zu ihr ſagte. Aber... Fräulein von Gournay ward im Laufe der Zeit auch Schriftſtellerin. Da die Män⸗ ner und die Liebe für ſie ausblieben, lud ſie die Poeſie und die Muſen zu ſich ein. Eine Blüthe die⸗ ſer jungfräulichen Schriftſtellerei war nun ein Buch im Style jener Zeit geſchrieben, welches an ſchmach⸗ tenden herzrührenden Ausdrücken Alles übertraf, was bis dahin geſchrieben worden war: dies Buch führte den wunderlichen Titel— es iſt immer gut, wenn wenigſtens der Titel originell iſt—„Schat⸗ ten des Fräulein von Gournay.“ Aber... Beſcheidenheit bleibt ſtets ſchön!— fuhr der Herzog fort.— Obgleich Fräulein von Gournay nun ſelbſt Autor geworden, blieb ihr doch eine nicht minder lebhafte Verehrung für alle großen Geiſter jener Zeit, Malherbes aus⸗ genommen, den ſie verabſcheute, weil er ſich erlaubt hatte, ihr Buch zu kritiſiren. Als nun„ihr Schatten“ erſchien, ſchickte ſie— es war damals ſchon Gebrauch— denſelben an mehrere berühmte Männer jener Tage: unter anderen auch an Racan. Racan war über dieſe Aufmerkſamkeit erfreut⸗ Wie hätte er denken ſollen, daß ihm ſein böſer Ge⸗ nius dabei ſchlecht aufſpielen ſollte. Als der Dichter nämlich dies artige Geſchenk der vierundſiebzig jährigen Jungfrau erhielt, befan⸗ den ſich gerade unglückſeligerweiſe der C hevalier von Bueil und Jvrande, zwei ſeiner Freunde — luſtige und joivale Seelen— bei ihm. Racan, der ſich geſchmeichelt fühlte, erklärte vor ihnen, daß er den nächſten Tag nach drei Uhr die liebenswürdige Schriftſtellerin beſuchen werde, um ſich bei ihr zu bedanken. Der Teufel aber gehe mit witzigen Köpfen um. Solche Gehirne ſind wie Wes⸗ penneſter, eche man es ſich verſieht greift man hin⸗ ein, und zieht die Hand, mit tauſend Stichen bedeckt, zurüc. Racan's Erklärung war für den Chevalier und Jvrande nicht verloren; die beiden luſtigen Vögel nahmen ſich vor, ihrem Freunde Racan, deſſen un⸗ erſchöpfliche Gutmüthigkeit allgemein bekannt war, einen tollen Streich zu ſpielen. „Aber!“— ſagte hier der Herzog, in ſeiner Er⸗ zählung einhaltend—„ich langweile wohl die Frau Herzogin?“ „O nein!“— entgegnete Angeline, aus einem pein⸗ lichen Brüten auffahrend, und warf dem Herzog von Saint⸗Aignan einen gnädigen Blick zu.—„Fahren Sie nur fort, Herzog, wir haben ja jetzt doch für den Moment nichts Beſſeres zur Unterhaltung.“ Saint⸗Aignan verbeugte und bedankte ſich mit ironiſchem Lächeln, indem er ſagte: „Wie glücklich ſind wir Anderen gegen Sie!“ „Warum?“— frug die Herzogin erſtaunt. „Weil Jedem, der Sie, reizende Frau, an Kör⸗ per und Geiſt zu bewundern das Glück hat, kein Augenblick lang wird und... ſtünde er eine Ewig⸗ keit vor Ihnen!“ „Schmeichler!“— ſagte die Herzogin gnädig— „aber fahren Sie fort. Verſcheuchen Sie mir die Er⸗ innerung an das unſelige Geſpenſt von Loches, die mich wieder verfolgt.“ „Denken Sie an die Stunden, die ſeinem letzten Verſchwinden folgten!“— lispelte der Herzog mit einem eigenthümlichen Blicke. Ein dunkeles Roth färbte das ſchöne Antlitz Angelinens: „Weiter! weiter!“— rief ſie dabei, den Fächer vor ihrem Geſichte auf und zuſchlagend—„die Geſchichte, Herzog!“ „Vergebung!“— rief dieſer—„wer aber ließe —— ſich in Ihrer Nähe nicht von ſeinen Vorſätzen ab⸗ ziehen. Ich wollte erzählen und... bewundere... bete an... wie immer.“ „Und der Streich, welchen der Chevalier und Ivrande ihrem Freunde ſpielten?“ „Ja ſo!“— ſagte der Herzog.—„Nun! Sie befehlen, Hoheit, und ich nehme meine Erzählung wieder auf.— In der That ſtellte ſich den folgen⸗ den Tag um ein Uhr der Chevalier von Bueil bei dem Fräulein von Gournay ein und klopfte an ihre Thüre. Eine Geſellſchaftsdame, welche die gute alte Jungfer bei ſich hatte, öffnete ihm. Der Chevalier gab ihr das Verlangen zu erkennen: ihre Gebieterin ſprechen zu wollen. Fräulein Jamin— dies war der Name der Geſellſchaftsdame— ging ſogleich in das Cabinet des Fräuleins von Gournay, die gerade Verſe machte, und meldete ihr, daß ſie Jemand zu ſprechen wünſche. „Wer iſt es?“— frug die Gournay. „Er will ſeinen Namen nur Ihnen ſagen, Madame!“ „Wie ſieht er denn aus?“ „Es iſt ein ſchöner Mann von dreißig bis fünf⸗ unddreißig Jahren, der von gutem Haus zu ſein ſcheint!“— antwortete die Jamin. „So laſſen Sie ihn eintreten!“— gebot Fräu⸗ lein von Gournay;—„der poetiſche Gedanke, dem ich auf der Spur war, war ſchön, aber er kann wieder kommen,... während... der Cavalier vielleicht nicht wieder kommen würde.“ Die Jamin ging und der Chevalier trat ein. „Mein Herr!— ſagte die Schriftſtellerin nach der erſten Begrüßung—„ich ließ Sie eintreten, ohne Sie zu fragen, wer Sie ſeien, weil mir die Jamin berichtete, daß Sie ein Cavalier ſeien. Darf ich vielleicht jetzt perſönlich um Ihren Namen bitten?“ „Mein Fräulein,“— entgegnete der Chevalier mit einer tiefen Verbeugung—„ich heiße Racan!“ Fräulein von Gournay, die Racan nur dem Namen nach kannte, war außerordentlich erfreut und bedankte ſich tauſendmal, daß ein ſo junger und wohlgewachſener Mann, wie er, die Güte habe, ſich wegen einer ſo alten Jungfer, wie ſie, zu bemühen; worauf der Chevalier, der ein Kopf voll Witz und Geiſt war, ihr tauſend hübſche Erzählungen auf⸗ tiſchte und ſie ſo gut unterhielt, daß ihr drei Vier⸗ telſtunden wie zehn Minuten entſchwanden. Endlich entfernte er ſich, eine ganze Taſche voll Complimente wegen ſeiner Artigkeit mitnehmend, und die gute alte Jungfer auf eine enthufiaſtiſche Weiſe von ſich ein⸗ genommen zurücklaſſend. Fräulein von Gournay befand ſich jetzt in einer — glücklichen Stimmung, um den verlorenen Gedanken wiederzufinden, über welchem ſie unterbrochen worden und der— einmal verſcheucht— entflohen war. Sie machte ſich alſo wieder an ihre Studien; kaum aber hatte ſie ſich geſetzt, als Jvrande, in ihre Wohnung ſchlich, und bis in das Heiligthum drang, in welchem ſich Fräulein von Gournay befand. „Ich erlaube mir eine große Freiheit!“— ſagte er eintretend—„aber die berühmte Verfaſſerin des „Schatten“ kann man nicht wie gewöhnliche Sterbliche behandeln.“ „Ein artiges Compliment!“— meinte die er⸗ ſtaunte Jungfer, ſich gegen Jvrande wendend,— „ich werde es in meinen Tabletten aufzeichnen; aber, mein Herr, welchem Beweggrund verdanke ich die Ehre Ihres Beſuches?“ „Mein Fräulein!“— ſagte Jyrande—„ich komme, mich für die Ehre zu bedanken, die Sie mir durch das Geſchenk Ihres Buches erzeigten.“ „Ich, mein Herr?“— verſetzte die Schriftſtel⸗ lerin überraſcht—„ich habe es Ihnen noch nicht geſchickt;.. Sie ſind gewiß Schriftſteller... ich geſtehe Ihnen mein Unrecht ein; es hätte ge⸗ ſchehen ſollen... aber.. Jamin! einen„Schat⸗ ten“ für dieſen Edelmann!“ „Vergebung!“— rief hier Jvrande—„ich bin ſchon ſo glücklich durch Sie in ſeinem Beſitz zu ſein, und hier... bringe ich Ihnen einige Verſe von mir, die ich Ihnen als Tauſch für Ihr reizen⸗ des, tiefgefühltes Buch anbiete.“ „Aber dieſe Verſe“— ſagte die Dame, nach einem flüchtigen Blick auf das Geſchenk,—„ſind ja von Herrn Racan!“ „Der bin ich ſelbſt!“— entgegnete Jvrande lächelnd. „Wollen Sie ſich über mich luſtig machen?“— rief die alte Jungfer erſtaunt. „Ich, mein Fräulein?“— verſetzte Jvrande— „ich ſollte mich über die Tochter des großen Mon⸗ taigne luſtig machen, von der Lipſius geſagt hat: videamus quid sit paritura ista virgo*), und der junge Heinſius: Alusa virgo concurrere viris scandit supra viros!**)“ „Gut!“— ſagte Fräulein von Gournay, durch dieſe Lawine von Lobeserhebungen über alle Beſchrei⸗ bung gerührt—„dann hat mich der Herr, der mich eben verließ, zum Beſten gehabt. Nun, die Jugend lacht gern über das Alter, und ich vergebe, weil ich *) Wir werden ſehen, was dieſe Muſe hervorbringen wird. **) Das Weib, das mit den Männern zu kämpfen wagt, erhebt ſich über ſie. —— durch den Scherz wenigſtens zwei geiſtreiche Männer kennen lernte.“ Nach einer jetzt folgenden längeren Unterhaltung entfernte ſich auch Jvrande. Er war ſo liebenswür⸗ dig und geiſtreich geweſen, daß er Fräulein von Gournay in der feſten Ueberzeugung zuruckließ, die⸗ ſesmal mit dem wahren Verfaſſer der reizenden „Bergeries“(Schäfergedichte) zu thun gehabt zu haben. Kaum war indeß Jvrande weg,. als. der wahre Racan erſchien. Da Racan engbrüſtig war, ſo trat er ganz außer Athem herein und warf ſich in einen Armſtuhl. Durch das dadurch hervorgerufene Geräuſch wurde Fräulein von Gournay, die noch immer den ſchönen Gedanken ſuchte, den der Chevalier von Bueil verſcheucht hatte, aufmerkſam, drehte ſich um, und erblickte mit Erſtaunen eine Art von dickem Pächter, der, ohne ein Wort zu ſagen, die Backen aufbließ und ſich die Stirne wiſchte. „Jamin!“— rief ſie—„Jamin, kommen Sie ſchnell!“ Die Geſellſchafterin eilte herbei. „Um Gottes Willen!“— rief ihr Fräulein von Gournay zu, die ihre Augen nicht von Racan ab⸗ wenden konnte und laut lachte—„um Gottes Wil⸗ len!. ſehen Sie doch dieſe komiſche Figur!“ „Mein Fäulein!“— ſagte Racan, der unglück⸗ licherweiſe den Naturfehler hatte, die Buchſtaben R und C nicht ausſprechen zu können—„mein Fäu⸗ lein, in eineh Vietelſtunde wehde ih Ihnen ſagen, wahum ih hieheh gekommen bin; abeh jetzt laſſen Sie mih zu Athem kommen.— Wie zum Teufel mohten Sie ſih ſo hoh logiehen? Ah! Sie wohnen ſeh hoh, mein Fäulein!“ „Sie begreifen, ſchöne Herzogin!“— ſagte hier Saint⸗Aignan—„daß, wenn Racan's Geſtalt und Haltung das Fräulein von Gournay ſchon amüſirte, dies noch weit mehr der Fall bei dem Kauderwelſch war, von dem ich eben verſuchte, Ihnen einen ober⸗ flächlichen Begriff zu geben.“ Endlich aber wird man Alles müde, ſelbſt das Lachen, und nachdem daher Fräulein von Gournay wieder zu Athem gekommen war, ſagte ſie: „Aber, mein Herr, nachdem die Viertelſtunde, die Sie von mir begehrten, um iſt, werden Sie mir zum Wenigſten ſagen, was Sie eigentlich bei mir wollen?“ „Mein Fäulein,“— erwiderte Racan—„ih komme, Ihnen füh das mih gemahte Geſhenk zu be⸗ danken.“ „Welches Geſchenk?“ „Ei, Ihen Shatten.“ „Meinen Schatten?“— frug das Fräulein, welche anfing, die Sprache des Herrn Racan zu ver⸗ ſtehen—„meinen Schatten?“ „Feilih, Jhen Shatten.“ „Jamin!“— ſagte Fräulein von Gournay— „ich bitte Sie, helfen Sie doch dem armen Mann aus ſeinem Traum. Ich habe mein Buch Niemand als dem Herrn von Malherbe geſandt, der mich ſchlecht genug dafür belohnt hat,... und dem Herrn Racan, der ſo eben von hier wegging.“ „Wie, deh ſo eben von hieh wegging?“— ſchrie Racan—„ich bin ja Ah—— an“. „Wer ſind Sie?... Ahan?“ „Ih ſage niht Ah— an, ih ſage Ah— an!“ Der arme Poet gab ſich unendliche Mühe, um ſeinen Namen auszuſprechen, der unglücklicherweiſe in den fünf Buchſtaben, aus welchen er beſtand, ge⸗ rade die beiden enthielt, die er nicht ausſprechen konnte, und den er daher immer ſo entſtellt hervor⸗ brachte, daß Fräulein von Gournay, nachdem ſie ſich vergebliche Mühe gegeben hatte, ihn zu verſtehen, endlich ungeduldig ausrief: „Mein Herr, können Sie ſchreiben?“ „Wie, ob ih ſcheiben kann? geben Sie mih eine „Geben Sie dem Herrn eine Feder, Jamin!“ — Jamin gehorchte und reichte dem unglücklichen Beſucher ein Feder, der denn auch mit großen Buch⸗ ſtaben ſeinen Namen Racan ſchrieb. „Racan!“— rief die Jamin. „Racan?!“— wiederholte Fräulein von Gour⸗ nay.—„Sie Sie ſind Racan?!“ „Ja doch!“— erwiderte der Dichter, ganz ver⸗ gnügt, endlich verſtanden zu werden; überzeugt zu⸗ gleich, jetzt eine ganz andere Aufnahme zu finden. Aber. er hatte ſich getäuſcht. „Sehen Sie doch, Jamin, die hübſche Figur, um ſich einen ſolchen Namen anzueignen!“— rief Fräulein von Gournay ganz wüthend.—„Die beiden Anderen waren doch wenigſtens liebenswür⸗ dig und angenehm, während dieſer Schwachkopf nur ein elender Poſſenreißer iſt!“ „Mein Fäulein, mein Fäulein!“— fuhr Racan auf—„was ſoll das heißen, was Sie da ſagen? ich bitte Sie?“ „Das ſoll heißen, daß Sie der Dritte ſind, der ſich mir heute unter dieſem Namen vorſtellt!“ „Deh Ditte?... deh Ditte?“— ſchrie Racan außer ſich.—„Ih weiß niht, mein Fäulein... „Zum Teufel mit Ihrem Fäulein!“... „Ih weiß niht, was Sie meinen; abeh ih weiß, daß ih deh wahhe Ah— an bin.“ „Ich weiß nicht!“— rief, roth vor Zorn, die vierundſiebenzigjährige Schöne—„wer Sie ſind; ſo viel aber weiß ich, daß Sie der Einfältigſte von den Dreien ſind. Mordieu! ich werde nicht dulden, daß man ſich über mich luſtig macht! Verſtehen Sie mich?“ Und mit dieſem Fluche, den die Gournay auf ihre Weiſe und zu ihrem Gebrauche erfunden hatte, ſtand ſie raſch auf, indem ſie mit der Hand eine Bewegung machte, durch welche ſie den Herrn ein⸗ lud, ſie zu verlaſſen. Bei dieſer ſehr verſtändlichen Einladung ſprang Racan, der nicht mehr wußte, was er thun ſollte, nach einem Bande von ſeinen Werken. „Mein Fäulein!“— rief er dabei—„ih bin doh deh wahe Ah— an, wenn Sie dies Buh neh⸗ men wollen, ſo will ih Ihnen von einem Ende zum andehn alle Vehſe ſagen, die dainnen ſtehn!“ „So haben Sie ſie geſtohlen!“— ſchrie Fräu⸗ lein von Gournay außer ſich—„ſo wie Sie den edlen Namen Racan geſtohlen haben, und ich erkläre Ihnen, daß, wenn Sie mich nicht den Augenblick verlaſſen, ich um Hülfe rufen werde.“ „Abeh, mein Fäulein... „Jamin! Jamin!“— rief die Gournay— „ſchreien Sie Spitzbuben, Räuber, Mörder!“ Der Raub Straßburgs III. 7 Jetzt aber hatte der arme Poet genug; i das Ergebniß und die Folgen dieſer Drohung nicht erſt abwartend, nahm er das Treppenſeil zur Hand, und eilte, trotz ſeiner Engbrüſtigkeit, gleich einem Pfeil davon. Noch den nämlichen Tag erfuhr Fräulein von Gournay zu ihrem Entſetzen den Zuſammenhang der ganzen Geſchichte. Sie wollte verzweifeln, daß ſie gerade Demjenigen die Thüre gewieſen, der der wirkliche Racan geweſen. In ihrer Herzensangſt miethete ſie daher in aller Frühe des nächſten Morgens eine Kutſche und eilte zu dem tief gekränkten und ſchwer beleidigten Dichter. Racan lag noch im Bette und ſchlief ſeinen Schreck und Aerger von geſtern aus. Aber die arme, alte Jungfrau hatte ſo große Eile, einem Manne, den ſie ſo hoch ſchätzte, ihre Entſchuldigungen zu machen, daß ſie— ohne auf den Kammerdiener zu hören— in Racan's Zimmer drang, auf das Bett zueilte und deſſen Vorhänge auseinander riß. Racan, der dadurch plötzlich wach wurde und die alte Jungfer vor ſich ſah, bildete ſich ein, ſie wolle ihn nochmals verfolgen. Er ſprang alſo mit einem Satze aus dem Bette und lief im Hemde davon, die Thüre ſeines Toilettenzimmers dreimal verriegelnd und verſchließend. Aber die Gournay war ihm nachgeſtürzt,.. und nun klärte ſich nach einigen Augenblicken die Sache auf. Racan vernahm durch die Thüre hindurch, daß es keine Vorwürfe mehr, ſondern Entſchuldigungen waren, die Fräulein von Gournay ihm machte. Na⸗ türlich ſöhnte dies den Gutmüthigen ſofort aus... er öffnete die Thüre, und... von dieſem Augen⸗ blicke an.. waren Racan und das Fräulein von Gournay die beſten Freunde von der Welt. Nichts aber iſt ſchöner, als daß Bois⸗Robert dieſe Scene ſpäter, im Beiſein Racan's— deſ⸗ ſen Sprache er bewunderungswürdig nachmachen konnte— oft dem großen Cardinal wiedererzählen mußte. Sie brachte jedesmal allgemeine Heiterkeit hervor. Racan ſelbſt aber warf ſich dann ſtets auf einen Stuhl, lachte, daß ihm die Thränen in die Augen traten und rief: Dos iſt wah! das iſt wah! nichts iſt waheh!“ Der Herzog ſchwieg. hatte ſeinen Zweck er⸗ reicht: Angeline von Fontanges hatte ſich vergeſſen und lachte herzlich. k Ihr leichter Sinn bedurfte ja nur oberfläch⸗ licher Anregung, um jede ernſte Mahnung zu ver⸗ ſcheuchen. 7* — 1050— Stunden verfloſſen ihr jetzt in heiterem Geſpräche mit Saint⸗Aignan, der, wie gewöhnlich, in Witzen und Anecdoten überſprudelte. Um wie viel ernſter waren dieſe Stunden für Andere! 3 Eine Andienz. Die große Audienz hatte bereits begonnen; ſie fand im Saale des alten Rathhauſes ſtatt, deſſen Wände mit koſtbaren Tapeten behängt und der ſo reich ausgeſtattet war, als ſich dies in der Kürze und bei der Entfernung von Paris hatte thun laſ⸗ ſen. Ueberall ſtrahlte dabei das königliche Wappen von Frankreich, nur von dem Mittelpunkte der Decke herab blickte— wie zum Hohne— das in Holz geſchnitzte Wappen Oeſtreichs. Hier nun war Ludwig XIV. mit ſeinem ganzen Hofe erſchienen;... mit ſeinem ganzen Hofe, da es ihm darauf ankam, den Abgeſandten Straß⸗ burgs auf alle Weiſe zu imponiren. Alles glänzte in Sammt und Seide, blitzte in Gold, Silber und Edelſteinen, und all dieſe Herrlichkeit überſtrahlte noch der Kranz reizender Damen, der ja in der — 102— Umgebung des galanteſten Königs jener Zeit nie fehlen durfte. Es war, als ob ſich alle Sterne des Himmels hier um die Sonne verſammelt hätten, die in ihrer Mitte voll Glanz und Herrlichkeit, voll Majeſtät und Größe thronte. Die Sonne aber war Ludwig XIV., der auf einem erhöhten Thronſeſſel Platz genommen. Um ihn ſtanden die Prinzen von Geblüte, ſowie die Mi⸗ niſter: Marquis von Louvvis und Colbert⸗Croiſſi. Prinz Condé nahm nach Monſieur, dem Bruder des Königs, den erſten Rang ein; zu ihren Seiten ſtanden die Herzöge von Beaufort und Lauzun, die Herzöge und Herzoginnen von Chatillon, von Ro⸗ han, von Montbazon und Briſſac, von Sévigné, Lamothe, d'Argenteuil, Chateau⸗Regnault, d Humisres, Caumartin und d'Hacqueville. Dem Prinzen Saint⸗ Fargeau zur Rechten aber zeigte ſich die ſtolze Fi⸗ gur des Biſchofs von Stroßburg, Fürſten Franz Egon von Fürſtenberg. Dies waren indeß nur die Sterne erſter Größe; an ſie ſchloſſen ſich in zweiter Linie die weiteren Träger des hohen Adels von Frankreich: Marquis und Marquiſinnen, Grafen und Gräfinnen, ſowie die übrigen Barone und Würdenträger des Reiches. Auch an berühmten Männern: Schriftſtellern und — 103— Künſtlern aller Art fehlte es nicht. Ludwig XIV. liebte es, dem Namen„des Großen“, den ihm ſein Jahr⸗ hundert ertheilt, in ſeiner Erſcheinung zu entſprechen. Und vor dieſer glanzvollen Verſammlung erſchie⸗ nen jetzt, unter Vortritt der beiden Herolde, die ein⸗ fachen Bürger Straßburgs: Ammeiſter Dominique Dietrich, Syndicus Frantz, Rathsſchreiber Günzer und die Räthe und Schöffen Frörciſen und Hecker. Wunderbar ſtachen ſie mit ihrer ſchlichten, ſchwarz⸗ ſammten Tracht von der in allen Farben, in den prachtvollſten Gold- und Silberſtickereien und dem Schmucke blitzender Edelſteine ſchillernden Maſſe der Herren und Damen des Hofes ab. aber auch in ihrem Auftreten. Rings umher nur ſtolz lächelnde, höhniſch drein⸗ ſchauende Geſichter, den Stempel des Uebermuthes und des den Hof Ludwigs XIV. charakteriſirenden unbegränzten Leichtſinnes in den Zügen;... hier, bei den Abgeſandten Straßburgs, den Bürgern der alten freien deutſchen Reichsſtadt, tiefer Ernſt, der ſich der Wichtigkeit des Augenblicks, der Mißlichkeit der Lage, klar bewußt war. In keinem dieſer Herzen wohnte Furcht und doch waren ſie alle blaß, dieſe Männer, außer Günzer, der dem Hofe und ſeinem Leben befreundet— un⸗ berührt von dem Imponirenden blieb, welches die — 104— Erſcheinung Ludwigs KIV. und ſeines glanzvollen ſtrahlenden Hofes für die Anderen haben mußte. Und doch ſah man Ammeiſter Dietrich und Syn⸗ dicus Frantz, die innere Würde an: ruhig, ernſt und gemeſſen traten ſie ein und nachdem ſie ſich tief vor dem König verbeugt, hoben ſich ihre Häupter wieder feſt und ſtolz, wie es dem freien Mann ge⸗ bührt... ſelbſt wenn er Königen und Kaiſern gegenüberſteht. Ludwig XIV. aber war heute ganz ungewöhnlich huldvoll und freundlich. Mit gnädigem Lächeln nahm er die Begrüßungs⸗ worte entgegen, die Günzer, der Mignon Frank⸗ reichs,— im Namen und Auftrage des Magiſtra⸗ tes von Straßburg— an ihn richtete. Wußte ſie der ſchlaue und gewandte Sprecher doch ſo zu ſtellen, daß ſie in ſeinem Munde den Ausdruck einer viel größeren Devotion annahmen, als man ihnen zu geben beabſichtigt hatte. Der gleich huldvollen Aufnahme erfreute ſich auch das koſtbare Geſchenk, welches Ammeiſter Diet⸗ rich von Seiten der Stadt, als Zeichen ihrer Ehr⸗ erbietung und freund⸗nachbarlichen Geſinnung, dem Könige Frankreichs zu Füßen legte. Ludwig XIV. dankte freundlich; und nie trug — ſeiner Verſicherung nach— Frankreichs Thron — 105— einen Monarchen, der es ſo gut und ſo aufrichtig mit Straßburg gemeint, wie er. Die Worte des Königs floſſen wie Honig. Sie wirkten auch in der That ſichtlich auf die Abgeſand⸗ ten... nur nicht auf den Syndicus Frantz. Wäh⸗ rend die Häupter der Anderen ſich dankbar und ehr— furchtsvoll immer mehr neigten, blieb er allein hoch⸗ aufgerichtet ſtehen, einen kalten ſchneidenden Ernſt in den Zügen. Dem Adlerblick Ludwigs XIV. konnte dies nicht entgehen,— war er doch auch vollſtändig und auf das Genaueſte über die Geſinnungen des Syndicus unterrichtet. Plötzlich brach er daher ab und ſagte in ſeiner langſamen und nachdrücklichen Weiſe: „Und ſeid Ihr, Syndicus Frantz, mit dieſen unſeren Anſichten nicht einverſtanden?“ „Nein, Majeſtät!“— entgegnete der Syndicus ruhig aber feſt. „Und warum nicht?“— frug der König mit einem Blick, der jeden Anderen in der Tiefe ſeiner Seele hätte erbeben machen.—„Wir wollen die gute Stadt Straßburg zu nichts zwingen, obgleich ſie Frankreich nach ſeinen natürlichen Gränzen und den Rechts⸗Ausſprüchen der Reunions⸗Kammern zu⸗ gehört. Wir wollen und werden ſeine Neutralität achten... Unſerer Anſicht nach, ſollten indeß die — 106— guten Straßburger klug ſein, und ſich ſelbſt unter die ſchützenden Adlerſchwingen unſerer Macht ſtellen. Iſt das Eure Anſicht nicht, Syndicus?“ „Nein, Majeſtät!“— entgegnete Frantz abermals. Todtenſtille herrſchte in dem Sagle. Günzer, Dietrich und die Uebrigen ſtanden entſetzt.. „So ſprecht Eure Meinung aus!“— ſagte der König nach ſecundenlangem Schweigen—„und gerade und offen; wir wollen und verlangen Offen⸗ heit von Euch!“ Abermals trat eine kurze, lautloſe Stille ein. Frontz ſtand noch immer hoch aufgerichtet... aber auch ſein Antlitz deckte jetzt Todtenbläſſe.. der große Augenblick, wie er ihn ſich gedacht, wie er ihn erwartet... war gekommen. Jetzt! jetzt! galt es... Mann, Patriot, ein ächter Deutſcher, ein freier Bürger zu ſein... dem Feinde Deutſchlands, dem Räuber des Elſaſſes, dem Könige Frankreichs, dem allmächtigen Ludwig XIV. gegenüber! Und, wie von den Schwingen einer höheren hei⸗ ligen Begeiſterung getragen, ſprach ſich jetzt Syn⸗ dicus Frantz aus. „Majeſtät!“— rief er, und ſeine Stimme klang — 107— ſo voll und mächtig, daß ſich alle Anweſendem er⸗ ſchüttert fühlten—„Majeſtät! Straßburg, die alte frei deutſche Reichsſtadt, hat uns hieher ge⸗ ſandt, dem erhabenen Könige von Frankreich, Lud⸗ wig XIV., den die Welt den Großen nennt, als ihren durchlauchtigſten Nachbar freundlichſt und ehr⸗ furchtsvoll zu begrüßen.“ „Gewiß, kein Sterblicher wird die Größe Lud⸗ wigs XIV. leugnen, wenn er auf Frankreich und die Fortſchritte blickt, die dies große und ſchöne Land unter der Regierung Ew. Majeſtät gemacht!“ „Frankreich herrſcht zu Land und Meer, es blüht durch Handel und Induſtrie, es überſtrahlt alle üb⸗ rigen Reiche Europas durch die Glanzperiode, die Ludwig XIV. in Poeſie und Künſten heraufgeführt.“ „Corneille und Racine theilen ſich in den Scepter der Tragödie, in den Ruhm, Repräſentanten der modernen Eleganz, Nachfolger der Griechen zu ſein. Moliore läßt ſeine Meiſterſtücke aufführen: Muſter des Geſchmackes, des geſunden Menſchen⸗ verſtandes und des Frohſinns. La Fontaine ſchreibt ſeine Fabeln, Boſſuet ſeine Weltgeſchichte, Fenelon ſeinen Telemach, Fontenelle ſeine Wel⸗ ten Boileau wird aufhören zu ſchreiben, wenn Ludwig XIV. aufhört zu leben, da er dann keinen Feldzug in Holland mehr wieder zu geben, keinen Uebergang über den Rhein mehr zu berichten hat.“ — 108 „Und wie das Reich der Poeſie, ſo öffnete das Zauberreich der Töne unter Ew. Majeſtät Scepter ſeine Pforten: Quinault und Lully berauſchen die Welt in Entzücken, und Ludwig XIV. baut an den Stufen ſeines Thrones der Muſik einen ſtolzen Tempel, wie ſein erhabener Sinn die römiſche Ma⸗ ler⸗ und die Pariſer Bauakademie hervorrief. Ewig wird Verſailles in der Kunſtgeſchichte den Namen Ew. Majeſtät verkünden,— jenes Verſailles, wo Marmor und Bronze ſich unter den kunſtfertigen Händen Manſard's und Perrault's, Girar⸗ don's, Coyſevox und Coſtou's, ſchneller als die Bäume unter dem Hauche Gottes geſtalten und Lebrun dem todten Elemente durch ſeinen Pinſel das reichſte Leben einhaucht.“ „Und nicht nur durch Poeſie, durch Künſte und Wiſſenſchaften, auch durch die ſtaatskluge Beförde⸗ rung der Induſtrie verſtand es Ew. Majeſtät, Frankreich allen Länder, die es umgeben, überlegen zu machen. Kein Jahr, das nicht die Errichtung neuer Manufakturen bezeichnet. An 44,000 Weber⸗ ſtühle gehen im Königreiche, franzöſiſches Tuch und Seidenſtoffe, Tapeten und Teppiche, Spitzen und Spiegel bieten aller Welt eine ſiegreiche Concurrenz.“ „Und... was ſoll ich ſagen von Ew. Majeſtät Armeen? Hier ſchweigt mein Mund, wo die Namen — 109— Condé, Tültenne, Luxemburg, Catinat, Vandone ſprechen und... die Geſchichte in ihr Recht tritt.“ „Majeſtät! ich verkündige es gern und laut: Schmach würde Derjenige auf ſich laden, der hier Ludwig XIV. nicht ſtaunend„den Großen, nennen wollte!“ „Darum auch ſendet uns Straßburg, und dieſe Huldigung legen wir gern zu Ew. Majeſtät Füßen.“ „Aber,„Sire!... nun laſſen Sie uns Straß⸗ burgern auch die Freude, Ludwig KIV.„den Ge⸗ rechten“ nennen zu dürfen!“ Eine Bewegung durchzuckte hier die lautlos har⸗ rende Maſſe. „Straßburg iſt eine alte, ehrwürdige, freie... deutſche Reichsſtadt!. Sie verehrt den König von Frankreich, als ihren durch⸗ lauchtigſten, ſtarken und mächtigen Nachbar; aber ſie ſetzt in eben dieſe Stärke und Macht ihres Nach⸗ bars das Vertrauen. daß er dieſe nicht miß— brauchen werde.“ Eine leichte Unruhe entſtand. Ludwig XIV. ſaß unbeweglich, keine Muskel ſeines Geſichtes zuckte. „Straßburg!“— fuhr Syndicus Frantz fort —„Straßburg iſt deutſch und will deutſch bleiben! Straßburg iſt eine freie Stadt und will und wird ſeine Freiheit wahren! — 110— .. und... deß ſind wir gewiß: Ludwig XIV., den man den Großen nennt, wird dieſe Größe, den Adel ſeiner Geſinnung dadurch beweiſen, daß er Straßburg in ſeiner Freiheit und Unabhängigkeit ſchützt, und die Treue, mit der es am deutſchen Reiche hängt, ehrt!“ „Es iſt dem deutſchen Mann eigen, das Vater⸗ land treu im Herzen zu tragen; und ſchließt uns Deutſche auch in politiſcher Beziehung, kein Band ſo feſt aneinander, wie Frankreichs Söhne, ſo ſind wir uns doch unſeres Vaterlandes und unſerer Na⸗ tionalität mit Stolz und mit Freude in Herz und Geiſt bewußt. Hier tragen wir es, hier ſchaffen wir es uns: groß, ſchön und gewaltig; denn, wie der Einzelne ſeines Glückes Schmied, ſo wird auch einem Volke im Ganzen nur zu Theil, was es verdient, was es liebt, was es zu achten weiß, und bewahrt es auch nur, was es ſich aus dem Schachte ſeiner vollen Kraft erarbeitet.“ „Das will man freilich da noch immer nicht verſtehen, wo man zu glauben ſcheint, man könne das politiſche Leben eines Volkes in die eigenwillige Form zwingen. Das aber heißt: das rechte Leben eines Volkes ertödten.“ „So auch, Sire, ſo denkt man in Straßburg. Wohl gibt es auch dort der Schwachen manche; — 111— aber das friſchere, ſelbſtbewußtere und ſelbſtſtändigere Leben, das in allen Schichten unſeres kleinen Frei⸗ ſtaates pulſirt,... dies nicht ſehen, nicht erkennen zu wollen, hieße doch ihm ſchweres Unrecht thun.“ „Wenn aber Ew. Majeſtät fragen: warum denn das deutſche Reich Straßburg ſo vereinzelt läßt,. ſo habe ich darauf eine Antwort, die allerdings zu⸗ gleich eine ſchwere Anklage der deutſchen Fürſten iſt: Die Reichsariſtokratic nimmt Straßburgs Sache ſo leicht hin... weil es ſich hier nur... um eine Reichsſtadt... und nicht um ein fürſtliches Haus handelt.“ „Aber.. fürſtlich iſt es wahrlich nicht, ſich und ſeine Macht durch Unterdrückung des Bürger⸗ thumes, durch Vernichtung der Freiheit einzelner Städte, durch willkürliche Aufhebung ihrer wohler— worbenen Rechte zu heben! Es iſt nicht fürſtlich, ſage ich, und wahrer Größe geradezu entgegen. Dies— Straßburgs Bürgerſchaft iſt es überzeugt — dies, Sire, iſt gewiß auch Ew. Majeſtät An⸗ ſicht. Ein großes Hetz fühlt auch nur groß, wie ein erhabener Geiſt auch nur groß und er⸗ haben handeln kann!“ Louvoi's Geſicht unterlief hier blutroth vor Zorn . Ludwig XIV. ſaß noch immer unbeweglich, nur ſchoſſen von Zeit zu Zeit tödtliche Blicke nach dem kühnen Sprecher. — 112— Syndicus Frantz beachtete weder das Eine noch das Andere; von ſeinem Gegenſtande ergriffen, fuhr er fort, die perfide Politik der damaligen Zeit mit ſcharfen Strichen zu zeichnen, ohne jedoch den König von Frankreich ſelbſt zu berühren. Dann aber wandte er ſich plötzlich an dieſen und rief: „Eine ſolche Politik zu verfolgen, vermag aber Ludwig XIV. nicht! Er weiß es, daß die Völker die Kämpfe des Ehrgeizes und der Selbſtſucht haſſen; daß ſie die Geſchichte— dies ewige göttliche Welt⸗ gericht— verdammt. Der Scharfblick Cw. Majeſtät durchſchaut den Nebelſchleier, der ſo manches be⸗ fangene Auge deckt,. er durchſchaut ihn und er⸗ kennt es an, daß die Folgen jener unſeligen Politik des Ehrgeizes und der Selbſtfucht ſich leicht auch zu Illuſionen geſtalten können; daß ſie zu Verwick⸗ lungen und Kriegen führen können, die die Welt mit Blut und Verderben überſchwemmen müßten, und im Stande wären, alle beſtehenden Verhältniſſe zu erſchüttern.“ „Der Deutſche iſt friedfertig,— der Deutſche ſchätzt nichts höher, als einen ehrenhaften und dauern⸗ den Frieden. Sein Herz iſt groß und weit und voll Menſchenliebe. Darum auch haßt er weder Frankreich noch das franzöſiſche Volk. Er beneidet ihm auch nicht, was es iſt und was es hat. Aber das deutſche — 143— Herz ſchlägt auch für ſein Heiligſtes: für ſein Va⸗ terland und ſeine Ehre! Wenn die Angriffe auf dieſe, ſeine Geduld erſchöpfen ſollten, möchte Schlim⸗ mes bevorſtehen; und. bei dem Allmäch⸗ tigen! es wird, es muß ſo kommen, wenn die Politik der Mächtigen, jene des Ehrgeizes und der Selbſtſucht bleibt!“ „Aber nein, nein! ich wiederhole es, eine ſolche Politik zu verfolgen, vermag Ludwig XIV. nicht! Dafür ſchlägt ſein Herz zu hoch, denkt ſeine Seele zu edel; Wen die Geſchichte mit dem Namen„des Großen“ zieren ſoll, der wird, der kann auch nur groß handeln!“ „Und groß wird es ſein, in der altehrwürdigen, freien, deutſchen Reichsſtadt.. 3 die deutſch bleiben will. Nationalität, Freiheit und Selbſtſtändigkeit zu ehren!“ „In dieſem Sinne, Sire, begrüßen die Bürger Straßburg's Ludwig XIV. als ihren erhabenen Nachbarn und vertrauen auf ſeine Gerechtigkeit und den Schutz ihrer Rechte!“ Syndicus Frantz ſchwieg. Todtenſtille herrſchte ringsumher. Günzer und ſeine Genoſſen ſtanden bleich, ſtarr, leblos. Der König rührte ſich nicht; aber die Nächſt⸗ ſtehenden hörten das Knirſchen ſeiner Zähne,— die Der Ranb Straßburgs II. 8 — 114— tiefen, ſchweren Athemzüge, die ſich— mit Gewalt zurückgehalten— nur mühſam aus der Bruſt her⸗ vorarbeiteten. Alle Blicke waren auf ihn gerichtet. Aber ſchon hatte ſich Ludwig XIV. wieder gefunden. Das Leben auf und an dem Throne iſt eine einzige Verſtellung von der Wiege bis zum Grabe. Leiſe— ja lächelnd— neigte er jetzt ſein Haupt;.. dann ſagte er langſam und jede Silbe betonend: „Wir lieben Offenheit und achten jede Meinung. Mögen die Herren Abgeſandten Straßburg's ihrer Stadt Unſeren Gruß und die Zuſage Unſeres Wohlwollens entbieten. Straßburg's Schickſal iſt Uns an das Herz gewachſen.. Wir werden es nicht aus den Augen verlieren!“ Und mit dieſen Worten erhob ſich der König, Louvois einen Wink gebend. Sofort trat der Marquis, gefolgt von fünf Pagen, vor, von welchen jeder eine goldene Ehren⸗ kette auf ſammtnem Kiſſen trug. In ſchmeichelnden Worten erklärte hierauf der Miniſter: daß ſeine Majeſtät die Herren Abgeſand⸗ ten und in ihnen die gute Stadt Straßburg ſelbſt — zu ehren beabſichtige, indem er jeden der Depu⸗ tirten mit einer goldenen Ehrenkette ſchmücke. —— — So traten denn, auf Louvois' Wink, Günzer, Dietrich und die beiden Anderen vor, unter tiefer Verbeugung die Ehrengabe empfangend, die ihnen Monſeigneur Louvvis, unter den Augen des Königs, mit eigenen Händen umhing. Als aber Louvois auch den Syndicus Frantz näher zu treten bat, wies dieſer ruhig, aber mit Entſchiedenheit die goldene Ehrenkette zurück: Ketten ſeien Ketten, meinte der Syndicus dabei lächelnd, ob ſie nun von Gold oder Eiſen geſchmiedet ſeien. Ein freier Mann aber dürfe ſich keine ſolchen anlegen laſſen, außer jener der Liebe, die ihn an Vaterſtadt und Vaterland knüpfe. Jetzt glitt eine tödtliche Bläſſe ſelbſt über das Antlitz des Königs. Louvois aber ſagte mit höhniſchem Lächeln „Auch Conſequenz iſt eine Tugend! Majeſtät werden gewiß dieſen republikaniſchen Ehrenmann nicht ganz ohne Gnadenzeichen entlaſſen wollen; da er ſich aber ſo gewaltig vor Ketten ſcheut— die ihm nie mehr im Leben begegnen mögen— erlauben Majeſtät vielleicht, daß ich ihm den Ehrentrunk reichen laſſe?2“ „Ja!“— ſagte der König kurz und kalt... und doch zitterte ſeine Stimme etwas bei dieſem flüchtigen Laute. 8* — 446— Louvois winkte nach der Ecke des Saals: zwei Pagen traten vor, der eine einen goldenen Becher, der andere eine goldene Kanne auf Tellern von gleichem Metall tragend. Louvois goß ein. Jetzt konnte Frantz, ohne zu beleidigen, nicht wieder zurücktreten. Mit einer Verbeugung gegen die Majeſtät ergriff er den Becher und ſetzte ihn an den Mund. Im gleichen Augenblicke gewahrte der Syndicus den Biſchof von Straßburg hinter Louvois. Wie ein Dolch fuhr der Anblick dieſes Mannes durch ſeine Seele. Er nippte nur an dem Becher und gab ihn, nachdem er einen Schluck genom⸗ men, Louvois zurück. Der König brach auf. Die Audienz war vor⸗ über. Hof und Abgeſandte entfernten ſich. An der Thüre des Rathhauſes erwartete Hugo von Zedlitz mit Angſt und Sorge den Syndicus. Hugo erſchrak über die Bläſſe des würdigen Mannes, der ſein zweiter Vater geworden. „Es iſt nichts!“— ſagte Frantz—„nur etwas aufgeregt bin ich. Machen wir, daß wir in unſer Abſteigequartier kommen.“ Aber der Syndicus ward unterweges immer bleicher. ——— —— „Was iſt Euch, Vater?“— frug Hugo beſorgt noch einmal. „Es wird vorübergehen!“— meinte Frantz— „die Aufregung hat mir übel gemacht auch habe ich etwas Leibſchmerz. und großen Durſt!“ Man kam in dem Abſteigequartier der Straß⸗ burger Abgeſandten an. Der Syndicus verlangte eine Kanne Wein und etwas Brod und Fleiſch. Aber, du lieber Gott! wo war in dem kleinen Colmar unter den jetzigen Umſtänden für Jemanden, der nicht zu den erſten Größen des Hofes gehörte, Wein und Fleiſch zu haben. Hugo von Zedlitz konnte, ſelbſt für Gold, nichts auftreiben, als. einen Topf Milch, die noch da⸗ zu ſehr fett war. Noth aber bricht Eiſen. In des Syndieus Ein⸗ geweiden brannte ein furchtbarer Durſt. Er trank den Topf Milch mit tiefen, mit ge⸗ waltigen Zügen aus. Nacht und Schmerz. In dem Schlafzimmer des Syndicus Frantz herrſchte tiefe Stille. Die Vorhänge an den Fenſtern waren— obgleich es heller Tag— niedergelaſſen, ſo daß nur ein trüber Dämmerſchein über dem eben nicht großen Raume lag, dem der leiſe, taktmäßige Pendelſchlag der Uhr noch mehr Unheimliches und Beängſtigendes gab. Auch die Vorhänge des Bettes waren ſo weit zugezogen, daß nur ein kleiner Zwi⸗ ſchenraum einen Blick auf Denjenigen zuließ, der in demſelben ſchlummernd lag;... und dies war Syndicus Frantz ſelbſt. Frantz war von der Audienz in Colmar ſchwer erkrankt zurückgekommen. Es war keine eigentliche feſtausgeſprochene Krank⸗ heit, die ihn niedergeworfen, wohl aber ein ganz — eigenthümliches Siechthum, das ihn an das Lager feſſelte. Die Medizin lag damals noch ſehr im Argen; und da auch der Hausarzt des Syndicus ein ſchlich⸗ ter, gutmüthiger Mann, keinesweges aber eine wiſ⸗ ſenſchaftlich hervorragende Größe war, ſo blieb die Urſache der Erkrankung ein Räthſel. Im Anfang traten brennende Schmerzen und Krämpfe im Magen auf, auch Erbrechen, Durſt und Angſt; nach und nach aber ließen dieſe Erſcheinungen nach und es folgte ihnen eine ungemeine Entkräftung und ein auf⸗ fallend vermehrter Schlaf, die aber beide allerdings ſeit den acht Tagen der Rückkunft ſo bedeutend zu⸗ genommen, daß der Hausarzt den Kopf vollſtändig verlor, während Mutter Hedwig, Alma und Hugo — ja ein großer Theil der Bürgerſchaft— in der größten Angſt und Veſorgniß ſchwebten. Auch bei Meiſter Wenck war dies der Fall; ber bri ihm war noch mehr: Wenck ſchien wie verwandelt; irgend etwas mußte ſeine Seele furchtbar niederdrücken; er war ſchweigſamer wie je, und ſtatt ſeines beliebten:„Wer weiß, wozu's gut iſt!“ ſchüttelte er nur finſter brütend ſein Haupt. Es mußte ihn— das ſah man wohl— ein ſchwarzer, furchtbarer Gedanke verfolgen;.. aber er ſprach ihn nicht aus gegen Niemand, nicht einmal gegen Hugo von Zedlitz. — 420— Auch heute war Wenck im Hauſe des Syndicus geweſen, um ſich nach deſſen Befinden zu erkundigen auch heute hatte er es trüb und mit finſterem Kopfſchütteln verlaſſen. Frantz lag noch immer völlig entkräftet— einer Art Schlafſucht in den Armen. Der Arzt ſprach von einem Schlaganfalle und ließ wenig Hoffnung. Hedwig, Alma und Hugo waren außer ſich vor Schmerz. Wie natürlich, verbreitete ſich die unſelige Nach⸗ richt von dem bedenklichen Zuſtande des Syndicus alsbald auch in der Stadt, woſelbſt ſie um ſo mehr Theilnahme fand, als mit ihr zugleich eine weitere Schreckensbotſchaft unter das Volk drang,— eine Botſchaft, die ſofort bewies, was Straßburg ſchon jetzt durch die Abweſenheit des Syndicus im Magi⸗ ſtrate verlor. Hier nämlich war von der Günzer'ſchen Parthei— die jetzt, da den Patrioten ihr Haupt⸗ führer fehlte, gewonnenes Spiel hatte— ein Be⸗ ſchluß durchgeſetzt und augenblicklich auch in Aus⸗ führung genommen worden, der die ganze Stadt in Schreck und Aufregung verſetzte. Ludwig XIV. hatte nämlich, ehe er ſammt dem Hofe Colmar verlaſſen, durch Louvois dem Magi⸗ ſtrate von Straßburg nochmals ſeine freund⸗ nachbarlichen Geſinnungen und die Ver⸗ — — 121— ſicherung ſeines allerhöchſten königlichen Wohlwollens ausdrücken laſſen, dabei aber auch von dem Straßburger Magiſtrate ein gleiches Ent⸗ gegenkommen verlangt. Den Beweis für dies Ent⸗ gegenkommen ſollten aber die hochedlen und hoch⸗ mögenden Herren dadurch beurkunden: daß ſofort der gegen Kehl hin angebrachte Brückenkopf zerſtört und abgetragen werde. Nur eine unbedeutende Ver⸗ ſchanzung könne Frankreich dort dulden.. denn . dies nur ſei der Stadt im Nimwegiſchen Frie⸗ den zugeſtanden. Was aber hieß das anders, als eines der wich⸗ tigſten Bollwerke Straßburg's aufgeben? was anders, als die Stadt von dieſer Seite aus einem feindlichen Ueberfalle geradezu bloßſtellen. Nie und nimmer wäre denn auch dieſer Vor⸗ ſchlag angenommen worden, hätte Syndicus Frantz ſeinen Platz im Magiſtrate einnehmen können. Wer aber wußte beſſer als Louvois, daß Frantz auf dem Tode liege und Günzer das Heft der Regierung voll⸗ ſtändig in der Hand habe. Der Augenblick war alſo trefflich gewählt. Die Herren, welche Ludwig KIV. mit den golde⸗ nen Ehrenketten bedacht, ſchwärmten für den großen König, für ſeine freundſchaftlichen Geſinnungen, für ſeinen Edelmuth, für ſein Wohlwollen— Dinge, — 12— die man ja nicht zurückſtoßen dürfe; während Gün⸗ zer die Aengſtlichen dadurch gewann, daß er den Magiſtrat beſchwor: doch um Gottes Willen Alles zu vermeiden, was das Mißtrauen der franzöſiſchen Regierung erwecken könnte. Der König und Louvois ſeien gerade jetzt ſo freundlich gegen Straßburg ge⸗ ſinnt, daß man ſie um keinen Preis der Welt zu⸗ rückſtoßen dürfe. Wohl kam es zu ernſten Kämpfen.. aber der Führer der patriotiſchen Parthei fehlte;... wer nicht beſtochen war, ließ ſich einſchüchtern... und der Beſchluß: den Wünſchen Frankreichs nachzukom⸗ men, ging nicht nur durch, nein!... er wurde ſo⸗ gar auf der Stelle zum Staunen und Schrecken der ganzen Bürgerſchaft— in Ausführung gebracht. Wenck ſchäumte vor Wuth;... die Zünfte eil⸗ ten auf ihre Stuben,.. flammende Reden wurden gehalten, Deputationen in aller Eile gewählt und an die Regierung abgeſandt;— Hugo von Zedlitz ſuchte mündlich und ſchriftlich den höheren Theil der Bürgerſchaft nebſt allen Patrioten zu einem ſofor⸗ tigen Proteſt anzufeuern... vergeblich!... in den höheren Schichten vereitelten Aengſtlichkeit oder Corruption jeden derartigen Schritt, und außerdem kam ja alles zu ſpät;. denn... während man zuſammen kam, Reden hielt, ſchrieb und Unterſchriften 423— zu dem angedeuteten Proteſte ſammelte,. war bereits das beſte und ſtärkſte Bollwerk Straßburgs gefallen. Hugo brachte die Schreckensbotſchaft Alma und Mutter Hedwig, die— an dem Bette des Bewußt⸗ loſen ſitzend— jetzt in doppelter Verzweiflung auf den geliebten, am Rande des Grabes ſchwebenden Gatten und Vater blickten. Ach! ſeiner ſtarken Hand war jetzt auch das Steuerruder des kleinen Staats⸗ ſchiffes entglitten.. und. auch dieſes trieb rettungslos dem Abgrunde entgegen. Und doch war dies noch nicht alles Weh, was Alma trug: neben dem Schmerz über den auf den Tod erkrankten Vater,.. neben dem Schrecken, der Angſt und Beſorgniß über die Vaterſtadt und ihre Zukunft, beugten ſie auch noch die ſchrecklichen Schickſalsſchläge nieder, die gerade jetzt die ihr be⸗ freundete Wittwe, Frau von Bernhold, getroffen. Stadtſchreiber Günzer hatte ſich nach jenem Tage an welchem er auf ſo ungeziemende Weiſe die Kühn⸗ heit gehabt, um die Hand ſeiner hohen Gönnerin, der noch den kaum begrabenen Gatten beweinenden Wittwe, anzuhalten— nicht mehr auf Plobsheim ſehen laſſen. War dies nun auch Frau von Bernhold lieb, ſo klangen ihr doch fort und fort die drohenden — 124— Worte in den Ohren:„Sie werden es eines Tages bereuen!“ Und dieſe Worte ängſtigten ſie um ſo mehr, als ſie ſelbſt von den Familienpapieren ſo gut als gar nichts wußte, Günzer aber— ſchon ſeit Jahren mit dieſer Sache vertraut— ſie ganz in der Hand hatte. Frau von Bernhold war dabei mehr um die Zu⸗ kunft ihrer Kinder, als um ihr eigenes Geſchick be⸗ ſorgt. Uebrigens redete ſie ſich auch die Möglichkeit aus, daß Günzer— der ja doch ihrer Familie alles was er war und hatte verdankte— das ihm ge⸗ ſchenkte Vertrauen mißbrauchen könne. Sie ſchrieb nachgerade ſein tacktloſes Auftreten gegen ſie, ſeiner, ihr wohlbekannten, Habſucht zu. Entnüchtert und ruhiger geworden, bereute er ſicher— ſo wenigſtens dachte die junge Wittwe— ſein Thun. Sie war ja eine jener ſchlichten aber guten Frauenſeelen, die bei ihren Mitmenſchen lieber das Gute als das Schlechte annehmen. „Das Böſe,“— hatte ſie gegen Alma geäußert —„iſt ja nicht in dem Menſchen, ſondern an ihm. Es kommt mir immer vor, wie ein ſchmutziges Kleid ſeiner urſprünglich reinen Seele. Er kann es ablegen, wenn er nur ernſtlich will, und dann ſteht ihm das reinliche der Tugend und der Recht⸗ lichkeit immer zur Hand. Jeder Mißklang in den ————— ———————— — 4½5— Menſchen und unter ihnen löſt ſich endlich doch auf in den harmoniſchen Allklang des Univerſums.“ Aber Alma war nicht mehr bei ihr; die Krank⸗ heit des Vaters hatte ſie nach Hauſe gerufen, und in der Einſamkeit werden alle unſere Sorgen ſchwerer. Was half es, daß das herrliche Gut Plobsheim im reichſten Sommerſchmucke vor ihr lag. Ihr ge⸗ drücktes und beängſtigtes Herz hatte, in ihrer jetzigen Lage keinen Sinn für die Schönheiten der Natur, für welche die kleine Frau doch ſonſt ſo zugänglich geweſen. Deuchte es ihr doch, als ob über Allem: über ihrem ſchönen Garten, über dem Schloſſe, ja über der ganzen Welt und Menſchheit ein ſchwarzer Schleier liege. Ihr Herz war ſo voll, daß es zu zerſpringen drohte. Jede neue Blume, jeder Ton der Muſik konnte ſie weinen machen der bloße Anblick ih⸗ rer Kinder that es oft genug, und während ſich die Bruſt willenlos unter ſchweren Seufzern hob, ſuch⸗ ten ihre Gedanken angſtvoll einen Ausweg aus der mißlichen Lage, in welche ſie— als Herrin des Gutes und des Schloſſes Plobsheim— durch die Anforderungen der Alles an ſich reißenden Reunions⸗ Kammern, den Tod ihres Gatten und das Betragen ihres Anwalts gerathen. — 126— Nur in einem fand ſie noch Troſt und Auf⸗ richtung: in der Religion. Wie eine vom Gewitter⸗ ſturm niedergebeugte Blume ſich an den lichten war⸗ men Strahlen der Sonne emporzuheben ſtrebt, ſo blickte die trauernde Wittwe zu Gott empor, auf ihn bauend, auf ihn vertrauend, ihr Schickſal in ſeine Hände legend. So ſaß ſie auch heute Morgen an einem Fen⸗ ſter des Schloſſes und ſchaute— nachdem ſie ihr Herz durch ein inbrünſtiges Gebet erquickt hatte— gedankenvoll in die reiche Landſchaft hinaus. Sie hatte— da Günzer ſich gar nicht mehr ſehen ließ — den Entſchluß gefaßt, einen anderen Rechtsan⸗ walt mit der mißlichen Plobsheimer Angelegenheit zu betrauen. Zu dem Ende wollte ſie ſich den kom⸗ menden Morgen nach Straßburg begeben, mit dem neugewählten Rechtsbeiſtande die Familien⸗Archive in ihrem Hauſe in der Stadt ſelbſt noch einmal nach den verhängnißvollen Urkunden auf das ſorgfältigſte durchſuchen und ſich dann, ebenfalls in eigener Per⸗ ſon, an die Reunions⸗Kammern, nöthigenfalls an den König ſelbſt wenden. Hier— am Throne des gro⸗ ßen Ludwigs— mußte ja doch unter allen Um⸗ ſtänden Recht und Gerechtigkeit zu finden ſein. Schon der Wille, kräftig zu handeln, erhebt und erleichtert eine niedergedrückte Seele. Es kam daher —— wie ein leiſer Troſt in das Herz der Wittwe, und dieſer Troſt und die innere Kraft wuchſen, wenn ſie die Blicke auf ihren Kindern ruhen ließ, die ſich ſchweigend an die ſchweigende Mutter ſchloſſen. Das Jüngſte ſaß dabei auf ihrem Schooße, die beiden anderen drückten ihre Lockenköpfchen an ihre Kniee. Ol es war ein ſchönes, ein reizendes Bild, als ſie die Kleinen nun unter Thränen herzte und küßte. Das Weib iſt ja Alles durch die Liebe; aber die Liebe iſt erſt dann Alles bei ihm, wenn ſie ſich zur Mutterliebe verklärt hat. In dieſer liegt des Weibes größte Stärke, die ganze Aufgabe ihres Lebens. Das fühlte auch Frau von Bernhold in dieſem Momente ſo recht klar, und mit dieſem Gefühl ſtei⸗ gerte ſich ihre Willenskraft unendlich. Jetzt wäre ſie ſchon gern heute abgereiſt!—— Aber was iſt das, was ſich dort auf dem Wege gegen Schloß Plobsheim herbewegt? Der aufwirbelnde Staub läßt kaum die Gegen⸗ ſtände erkennen. Frau von Bernhold ſchaut ſchärfer hin. Es ſind Reiter. Aber was ſollen dieſe hier? Die Wittwe erhebt ſich, um die langſam Näher⸗ kommenden deutlicher zu ſehen. Es ſind in der That Reiter. und und dazu franzöſiſche Truppen. Zwanzig bis dreißig Mann. Eigenthümlich! Was wollen die Franzoſen mitten im Frieden hier? Führt doch hier keine Landſtraße nach einem franzöſiſchen Garniſonsplatze durch. Aber wie?.. „Reiten da nicht zwei Männer in Civil an der Spitze der Truppen?“ „Die unſeligen Staubwolken... man kann nichts erkennen!“ Eine Pauſe entſteht. „In der That.. das ſind.. zwei Civiliſten!“ Plötzlich wankte die Wittwe. ſie wird bleich wie der Tod.. es hat ſie im Herzen wie mit einem gewaltigen Schlage getroffen. Sie ſetzt— an allen Gliedern bebend— das Kind, das ſie auf dem Arme gehalten, auf den Bo⸗ den. ſie führt die Hand mit der hohlen Fläche an die Augen, um beſſer zu ſehen... „Gerechter Gott!... nein!. es kann nicht ſein?... und doch... die beiden Männer in CFivil ſfind Günzer und Schwager Kämpffer!“ „Was wollen dieſe hier?... auf Plobsheim?... in Begleitung von franzöſiſchen Truppen!“ —— Frau von Bernhold muß ſich an einem Stuhle halten. Die Beſinnung droht ſie zu verlaſſen. Jetzt biegen die Reiter in den Weg, der in den Schloßhof führt Zetzt ſchlagen die Hufe auf dem Plaſter des Schloßhofes.. Günzer und Kämpffer ſteigen ab... Die Reiter halten hinter ihnen... Aber was hat Günzer vor?.. Er geht nach der Glocke, die zum Zuſammenläuten der Dienerſchaft beſtimmt iſt. „Was iſt das? wer hat hier zu befehlen?“— ruft Frau von Bernhold. Sie will hinunter. aber die Kräfte verſagen der kleinen Frau ihre Dienſte. Sie ſteht wie ge⸗ feſſelt. Horch! wie die Glocke ſo laut und herriſch ertönt! Die Dienerſchaft eilt herbei: aus dem Schloſſe, aus dem Garten, aus den Ställen kommen ſie her⸗ W und ſtehen ſtarr vor Staunen. Fünf und zwanzig Mann franzöſiſche Reiter mit gezogenen Schwertern!. 5 Und hier der Herr Stadt⸗ und Rathsſchreiber Günzer aus Straßburg ſtreng, ernſt und ſtolz um ſich blickend. Der Raub Straßburgs III. 9 — 130— Still!... er wird ſprechen!.. Und Günzer zieht ein Pergament mit großen Siegeln aus der Taſche und lieſt laut und feierlich: „Im Namen ſeiner glorreichen Majeſtät, Lud⸗ wig XIV., König von Frankreich, und der zu Recht beſtehenden Reunions-Kammern, geben wir hiermit allmänniglich kund und zu wiſſen: daß, nachdem erwieſenermaßen die Belehnung der Fa⸗ milien von Bernhold und von Zorn mit der Herrſchaft(Seigneurie) Plobsheim er⸗ loſchen iſt, dieſelbe nunmehr an die Hrn. (Seigneurs) Stadt⸗ und Rathsſchreiber Günzer und Kämpffer, Syndicus des Nie⸗ derelſäſſiſchen Adels, mit Beſitz und Rech⸗ ten— laut von uns ausgeſtellter, von Sr. Majeſtät unterzeichneter Urkunde, — übergegangen iſt. Wir befehlen ſomit allen Gliedern der Familien von Bernhold und von Zorn ſofort Schloß und Herrſchaft Plobsheim zu verlaſſen, ſo wie allen zur Dienerſchaft gehörenden Individuen den obengenannten Sieurs Günzer und Känpffer als nunmehrigen Beſitzern der Herrſchaft(Seigneurie) Plobsheim den Eid der Treue zu ſchwören.“ Bei dieſen Worten ertönte aus einem Fenſter des Schloſſes ein lauter durchdringender Schrei, be⸗ gleitet von dem Schreien und Weinen einiger Kinder. — 434— Frau von Bernhold war ohnmächtig zuſammen⸗ gebrochen und lag bewußtlos am Boden. Im Hofe aber ritten die franzöſiſchen Dragoner — in einer Reihe aufgeſtellt— einige Schritte vor⸗ wärts. Die blanken Säbel blitzten dabei gar wun⸗ derlich in der Sonne. Seigneur Günzer aber nahm der erſchrockenen, an allen Gliedern bebenden Dienerſchaft als nun⸗ mehriger Herr und Beſitzer von Plobs⸗ heim, für ſich und ſeinen Schwager, den Eid der Treue ab. Günzer hatte in der That bei den Reunions⸗ Kammern ein gefälſchtes Aktenſtück vorgelegt, nach welchem die Belehnung der Familien von Bernhold und von Zorn mit der Herrſchaft Plobsheim abge⸗ laufen war. Auf die Empfehlung Franz Michel le Telliers, Marquis von Louvvis hin, empfingen er und ſein Schwager hierauf dieſelbe ohne Weiteres. Sie ward ſofort von der betreffenden Behörde ein⸗ regiſtrirt.*) Als die Sonne ſank, ſchwankte eine bleiche Dame — ein kleines Kind auf dem Arm, zwei andere neben ſich— dem Schloßweg entlang der Landſtraße zu. ———— NRéunion de Strasbourg à 1a France.„Documents ete. par M Coste: p. 151. 9* — 132— Es war. Frau von Bernhold mit ihren Kindern!.. Günzer hatte ſie, ihres fußfälligen Flehens, ihrer Thränen, ihres Jammers ungeachtet, unerbitt⸗ lich aus dem Schloſſe ihrer Väter ausgewieſen!*) *) Coste: p. 151. (Remarques importantes des nobles familles des Zorn sur l'origine des Sieurs Gunzer et Kämpffer et sur les excès qu'ils ont commis dans la province d'Alsace, sur les artifices criminels dont ils se sont servis pour sur- prendre le don de la terre et de la seigneurie de Plobs- heim, au préjudice des nobles familles de Zorn, leurs bien faiteurs etc.— Récapitulation pour Fr. Aug. Zorn de Plobsheim et consorts, demandeur en rapport des lettres de don de la terre de Plobsheim contre les Sieurs Kämpffer et Günzer etc. Straßburgs Fall. Das Geheimniß. Frangois Michel le Tellier, Marquis de Louvois, trat ſoeben in ſein Arbeitszimmer. Es war ein ungemein großes, mit fürſtlicher Verſchwendung ausgeſtattetes und doch in ſeinem Totaleindruck finſteres Gemach. Tapeten von gepreßtem Leder mit reich vergol⸗ deten Blumenbouquets deckten die Wände. Alte Bil⸗ der in ſchwarzen, kunſtreich geſchnitzten Rahmen, vor⸗ treffliche venetianiſche Spiegel in Cartouche⸗Einfaſ⸗ ſung, Marmortiſche mit ausgeſchweiften Platten auf vergoldeten Bocksfüßen zeigten ſich in Menge. Die gewaltigen Fauteuils, die ringsum ſtanden, waren von ſo ſchöner und kunſtreicher Arbeit, daß das Herz eines Alterthümlers unſerer Tage bei ihrem Anhlicke vor Freude hoch aufgeſchlagen haben würde. Ueber den Thüren zeigten ſich herrliche Basreliefs — 136— von John Bacon dem Jüngeren: eine Geiſterſcene aus Milton's verlorenem Paradieſe und die Scene aus Titus Andronicus darſtellend, in welcher der Knabe Lucius, dem ſeine— der Zunge beraubte — Mutter Larinia nacheilt, ſcheu flieht und er⸗ ſchrocken ſeinem Großvater Titus Andronicus und ſeinem Oheim Markus zueilt, weil er ſeine Mutter für wahnſinnig hält. S Die Hauptzierde aber machten Prachtſtücke; Becher, Kannen und Trinkgeſchirre in getriebenem Gold und Silber und namentlich glänzender Waf⸗ fenſchmuck aus, der an den Wänden in ſchön geord⸗ neten Gruppen maleriſch angebracht war. Und auf dieſer letzten Zierde ruhte denn auch der Hauptſtolz des Herrn Staatsſecretär und Kriegsminiſters, da ein Theil dieſer Waffen an die Feldzüge nach Flan⸗ dern und der Franche⸗Comté, ſo wie an manche andere Siege erinnerten. Koſtbare Teppiche deckten dabei den Boden; die Fenſter verhüllten Vorhänge von ſchwerem, dunkelem Sammt, der, auf ſeine Beſtimmung eiferſüchtig, dem Tageslicht kaum den Zutritt erlaubte, während ein koloſſales Kamin von dunklem Marmor, von dem Wappen des Marquis überragt und von rieſigen Karyatiden getragen, eher einem Grabdenkmale, als einer Zimmerausſchmückung glich. —.———— Landkarten, Bücher, Pergamente, Stöße von Acten und eingegangenen Berichten deckten die Tiſche; auf den Fauteuils aber lag dicker Staub, zum Beweiſe, daß hier eben ſo ſelten Jemand zu der Ehre des Niederſitzens gelangte, als in der Gegenwart Sr. Majeſtät. Durften ſich dort die Miniſter— ſelbſt im Staatsrathe— nicht niederlaſſen, wie hätte ihr Stolz dieſe Vertraulichkeit gegen Andere, ihnen Unter⸗ gebene, zugelaſſen. Dort gedemüthigt, rächten ſie ſich in ihrer eigenen Umgebung durch ein doppelt hoch⸗ müthiges Auftreten. Ernſt, finſtere Prachtliebe und eine ſtolze Strenge charakteriſirten das weite Gemach;— gewaltig aber hob dieſen Eindruck noch die Stille, die in ihm herrſchte, obgleich ſich an zwanzig Edelleute in dem⸗ ſelben befanden. Alle ſtanden ſchweigſam, die mit breiten Gold⸗ treſſen gezierten Hüte in den Händen. Und doch waren dies, die in das Heiligthum Befohlenen; in den Vorzimmern des Miniſters befanden ſich an dreihundert Edelleute. Aber dieſe kleine Gruppe von ohngefähr zwanzig Männern war wunderbar zuſammengeſetzt. Alle ſtan⸗ den neben einander in einem weitgeſchweiften Halb⸗ kreiſe, dem gewaltigen— jetzt noch leeren— Fau⸗ teuil gegenüber, der für den allmächtigen Miniſter bereit geſetzt war. — 138— An der Spitze des Halbkreiſes, der in der That aus Statüen zuſammengeſetzt ſchien, befand ſich— dem Zeitgeiſte entſprechend— ein Stellvertreter der Kirche. Es war eine lange, blaſſe, abgezehrte Mönchs⸗ geſtalt, die trefflich als Modell für den frommen Schächer hätte paſſen können. Ein ſolches Heuchler⸗ geſicht war gewiß noch nie dageweſen. Seine dürre Figur, ſeine gelbliche Geſichtsfarbe, das braune hä⸗ rene Gewand, die langen knochendürren Finger, der lauernde Blick... dies alles zuſammengenommen, gab ihm eine ſchlagende Aehnlichkeit mit einer jener großen Spinnen, die an dunklen Orten ihre faſt unſichtbaren Netze ausſpannen, und, in einem Win⸗ kel zuſammengekauert, mit gierigen Blicken auf ihren Raub lauern. In ſeinen Zügen lag dabei ſo ganz das geiſt⸗ und ſeelenloſe Weſen, das jedes friſche Leben der katholiſchen Kirche erſtickt und einer weichlichen Schlaffheit, einer todten Form unterordnet. Er war ein Bild des frommen Nichtthuns, das ſtets zu Laſterhaftigkeit führt und Schurkerei ſo gerne an die Stelle eines arbeitsvollen Lebens und Schaffens ſetzt. Ging er— Pater Medardus, der Beicht⸗ vater des Miniſters,— an weiblichen Weſen und nun gar an Damen des Hofes vorüber, ſchien er ſie nie anzuſehen. Und doch ſah er ſie... aber als — 139— Geſtalten des Verdammten beim jüngſten Gericht, und ſich als den Teufel, dem der ſüße Auftrag ge⸗ worden, ſie in alle Ewigkeit und mit allen Martern der Hölle zu verfolgen und zu quälen. Dies teufliſche Gelüſte aber war für ihn ſo entzückend, daß er mit allen Kräften und Mitteln ſchon jetzt darnach ſtrebte einen Anfang auf Erden damit zu machen; dazu aber boten ja die Hugenot⸗ ten die beſte Veranlaſſung. Des frommen Vaters Morgen⸗ und Abendgebet— gegenüber ſeinem Beichtkinde dem Marquis,— war daher die Mah⸗ nung, an Wiederaufnahme der alten Ketzerverfol⸗ gungen. Pater Medardus ging übrigens darin mit La Chaiſe, dem Beichtvater des Königs, Hand in Hand. Bereitete ſich doch ſchon damals iene traurige und ſchaurige Verfolgungsſucht aller Nicht⸗Katholiken in Frankreich vor, die ſpäter— unter der frömmeln⸗ den Maintenon— zu einer ewigen Brandmarkung der Regierung Ludwi g8 XIV. wurde. In einem Geſetze über den Janſenismus heißt es ſchon damals:„Wir haben den Plan, alle Unſere Unterthanen für denſelben Glauben zu vereinigen.“ Auch vollzog der König eine Verfügung, durch welche ſechszig zweifelhafte Punkte ſämmtlich gegen die Huge⸗ notten entſchieden wurden. Auch jetzt ſann Pater Medardus— ſein hohes — 140— Beichtkind erwartend— über dieſen ſeinen Lieblings⸗ gegenſtand nach. Ganz anders war die Erſcheinung des jungen Mannes, der neben dem Pater ſtand. Es war ein hübſcher Cavalier, Herr von Chamilli, der Träger eines alten Namens. Seine Züge verriethen Geiſt, Kühnheit und ein leidenſchaftliches Streben nach Vorwärts. Stolz thronte in ihnen, neben Jugend⸗ friſche und kecker Lebensluſt. Herr von Chamilli hielt nicht wenig auf ſich ſelbſt. Da er aber ein offener Kopf und ehrgeizig war, ſo begriff er ſchon früh: daß auch das ſchönſte Gemälde ohne günſtige Beleuchtung kalt läßt. Er ſuchte alſo die Strahlen der miniſter⸗ lichen Gunſt auf, da jene der Sonne der Maje⸗ ſtät doch noch zu hoch über ſeinem Haupte dahin⸗ ſtrichen. Und er hatte Glück, der Chevalier Cha⸗ milli: Louvois hatte die Gnade— vielleicht auch den Scharfblick— ihn unter den Hunderten von jenen jungen Edelleuten hervorzuheben, die in ſeinen Vorzimmern um die Gunſt einer Heranziehung tag⸗ täglich warben. Schon öfter war Chamilli zu kleinen Geſchäften verwandt worden. Heute hatte er über den Erfolg eines ſolchen zu berichten; ſein Ehrgeiz hoffte dabei, ſich jetzt für größere und wichtigere Staatsgeſchäfte — 144— fähig gezeigt zu haben und daher auch von dem Mi⸗ niſter mit ſolchen betraut zu werden. Die Jugend iſt ſtürmiſch in ihren Erwartungen und freigebig in dem Vertrauen, das ſie ſich ſelbſt ſpendet. Aber auch darin liegt eine weiſe Vorkehrung der Natur: Der Menſch iſt verloren, der, einzig auf fremde Anerkennung vertrauend, die Selbſt⸗ erkenntniß und die Thätigkeit, der er naturgemäß ſeine wirkliche Größe verdanken muß, vernachläſſigt. Der junge Chevalier that dies wahrlich nicht. In der Erwartung, ſeine Sonne, den allmächtigen Miniſter, eintreten zu ſehen, ſchwelgte er in phan⸗ taſtiſchen Träumen der Zukunft, in welchen er ſich ſelbſt. als unumſchränkten Miniſter erblickte. Davon wußte ſein Nebenmann— der Intendant des königlichen Hoftheaters— nichts. Es war Graf Rhuliores, eine kleine, runde, wohlgenährte Figur: das verkörperte ruhige Wohlbehagen, das ſich mit ſtiller Seligkeit und ſeliger Zufriedenheit in der ein⸗ mal erlangten Stellung wiegt. Er langweilte ſich bei dem Erwarten des Miniſters durchaus nicht: dachte er doch mit ſtillem Lächeln an Donna Antonie Tor⸗ deſillas, die allerliebſte neue ſpaniſche Schauſpie⸗ lerin, die er engagirt und an die„Blanquette aux champignons“ und die„Mayonnaise de poisson“, die ihn heute an der Tafel erwarteten. 142 Seine Augen glänzten dabei wie zwei Sterne in dunkler Nacht, während ſeine Lippen feucht von Sehnſucht und Vorgeſchmack wurden. Wie mit Har⸗ fentönen klang es beſtändig in ſeiner Seele:„Donna Antonie Tordeſillas“ und„Blanquette aux cham- pignons!“ Der ernſte vornehme Herr an ſeiner Seite ärgerte ſich ordentlich über dieſe ſtille Glückſeligkeit des klei⸗ nen dicken Intendanten, den er— als Rath der Reunionskammern des Elſaſſes— ſchon in ſeiner Stellung, als Leiter der Bühne, auf das Gründlichſte verachtete. Generalprocurator Forbonnais drückte daher mit wegwerfender Miene die Augen zu.. und ließ die wichtigen Gegenſtände und Verhandlungen an ſeiner Seele vorüberziehen, über welche er dem Miniſter Bericht zu erſtatten hatte. Auch in der weiteren Geſellſchaft herrſchte eine ſeltſame Miſchung: Offiziere, Rechnungs⸗ und Ver⸗ waltungsbeamte des Kriegsminiſteriums,— Secre⸗ täre der verſchiedenen Abtheilungen dieſes Departe⸗ ments mit Actenſtößen,— Räthe der Krone und Herren des Hofes befanden ſich hier. Ueber Allen aber lag ein gewiſſer Ernſt, eine nicht zu verkennende Gedrücktheit, die eine eigenthüm⸗ liche Folge der hier herrſchenden Atmosphäre zu ſein ſchien; denn ſelbſt in der Nähe des Königs laſtete — 143— es weniger ſchwer auf den Audienzſuchenden, als hier. Jedermann fürchtete den unbegränzten Stolz, den ſcharfen Hohn und die rückſichtsloſe Strenge Louvoi's. Und jetzt trat er ein— der Mann ſeiner Zeit — der gefürchtete Staatsſecretär und Kriegsminiſter Ludwig's XIV., Frangois Michel le Tellier, Mar⸗ quis de Louvois. Alles beugte ſich tieß ſo tief, wie vor dem Könige. Louvois ſchritt hochaufgerichtet vorüber. Das mit dem mit Federn geſchmückten Treſſenhute bedeckte Haupt neigte ſich kaum ſichtbar. Tiefe Stille herrſchte im Gemache. Der Miniſter nahm Platz die Umſtehen⸗ den erhoben den Rücken ein wenig, verharrten dann aber ſämmtlich in halbgeneigter Stellung. Ein kalter, hochmüthiger, höhniſcher Blick Lou⸗ vois flog über die Gruppe. Sein ſtolzes Herz wei⸗ dete ſich an der ſklaviſchen Demuth, die man ihm — dem Allmächtigen— entgegentrug. Le Tellier fühlte in dieſem Augenblicke... daß er. Kö⸗ nig von Frankreich war! Alles ſchwieg. Aber auch die Gewaltigen der Erde haben Rück⸗ ſicht zu nehmen; dem Miniſter gegenüber ſtand — 144— ein Vertreter der Kirche... ſein Beicht⸗ vater. Thron und Kirche ſind nur ſtark und unüber⸗ windlich, wenn ſie Hand in Hand gehen. Pater Medardus— Louvois haßte und ver⸗ achtete ihn im Geheimen— ſtand zwar am tiefſten gebeugt von Allen, ſeine Heuchlermiene drückte De⸗ muth, Unterwürfigkeit und Frömmigkeit aus;.. aber.. er war Jeſuit. Der Marquis kannte ihn durch und durch. Seine Macht war die Macht der Kirche, eine unſichtbare, über die Gemüther und Geiſter der Menſchen herrſchende, daxum aber um ſo gefährlicher;... ſie reichte bis nach Rom. und was war Rom unmöglich?! Kaiſer und Könige hatte es ſchon zu ſeinen Füßen geſehen... was waren ihm, wenn es zürnte, Miniſter.. auch wenn ſie allmächtig ſchienen? Und bedurfte Louvois, um zu regieren, nicht der Kirche? Ihr war es ein Leichtes jeder ſeiner Hand⸗ lungen entgegen zu treten. „Ehrwürdiger Vater!“— ſagte der Miniſter daher jetzt in einem milderen Tone, als er gewöhnt war gegen Untergebene anzunehmen—„welche Angelegenheit führt Euch hieher. Der heiligen Mutter⸗ Kirche ſteht das Ohr Eures Beichtkindes ſtets offen.“ „Der Aus⸗ und Eingang Ew. Excellenz ſei ge⸗ „ — 45— net— entgegnete, ſich noch tiefer verneigend, mit gefaltenen Händen, der Pater.—„Monſeigneur Louvois iſt die allgewaltige Stütze der Kirche und des Thrones! Frankreich blüht herrlicher denn je unter dem Zepter ſeiner allerchriſtlichſten Majeſtät, Ludwigs XIV., und der ſtarken Hand Ew. Exellenz!“ „Der Ruhm und die Größe der Regierung ſei⸗ ner Majeſtät und das Heil der alleinſeligmachenden Kirche ſind mein Augenmerk!“— verſetzte der Mi⸗ niſter.—„Kann ich neuerdings für beide etwas thun, ſo ſprecht, ehrwürdiger Vater!“ Der Jeſuit kannte Louvois Eigenheiten: der Mi⸗ niſter liebte keine Umſchweife. Er hatte als Staats⸗ und Hofmann keine Zeit unnöthig zu verlieren: „Zwei Bitten lege ich Monſeigneur zu Füßen.“ „Und dieſe ſind?“ „Einmal möge es der Regierung ſeiner Majeſtät gefallen, endlich dem immer mehr zunehmenden Luxus im Volke, durch ein Geſetz, zu ſteuern.“ „Iſt der ſo groß2— frug Louvois finſter, denn er und ſein König liebten ihn ſelbſt und wuß⸗ ten, warum ſie ihn im Volke und Adel hegten: dem Volke war er ein Spielzeug, das zur Beruhigung dient der Adel ein Aderlaß, der ihn ſchwächte und unterwürfig hielt. entgegnete Pater Medardus unter Der Ranb Straßburgs III. 10 neuem Verbeugen mit mildem frommem Tone—„er führt die franzöſiſche Chriſtenheit dem Verderben zu.“ „Mir deucht, er iſt eine Folge des Wohlſtandes?“ „Das heißt, der Wurm, der ſchon in deſſen zar⸗ ter Blüthe ſitzt.“ „Er gilt mit Recht, als ein Zeichen ſteigender Cultur. Uebertreiben ſoll man ihn nicht. Aber er iſt das Kleid der Sitte, das jedes Volk anlegt, welches der Barbarei entwächſt;... als ſolchem aber möchte ich ihm nicht entgegentreten. Die Sitte kann keinem Menſchen erlaſſen werden; ſie iſt eine Art Aller⸗ weltſprache, ohne die man nie verſtanden wird; doch ſoll der Menſch in ſie eben ſo wenig von Jugend auf hineingezwungen werden, als er ganz unfähig für ſie werden darf. Schön aber iſt es, wenn ſie der Menſch mit freiem Willen ergreift, ſie durch die ſchöne Eigenthümlichkeit ſeines Daſeins veredelt, und ſo allen Andern in dieſer allgemeinen Sprache ſich ſelbſt liebenswürdig und verſtändig macht. So, from⸗ mer Vater, ſieht die Sache Seine Majeſtät, ſo ſehe ich ſie an.“ „Früher war es anders, einfacher... und... die Menſchen waren frömmer. Noch im ſechszehnten Jahrhundert kam es häufig vor, daß eine Fürſtin einem Fürſten einzelne ſelbſtgefertigte Hemden ſchenkte.“ „O ja!“— rief hier Louvois, und Blick und — 447— Ton konnten ſich des Spottes nicht erwehren— „und der Mittelſtand pflegte nackt zu ſchlafen. Ich denke wir dürfen froh ſein, uns dieſem Zuſtande der Barbarei entwunden zu haben. Uebrigens war es gerade die Kirche, die vor allen Dingen den Luxus einführte und beförderte... und zwar durch Muſik, Gemälde, Sculpturen, ausländiſchen Weihrauch, bunte Gewänder und koſtbare Geräthe.“ „Zur Ehre Gottes!“— rief der Jeſuit ſal⸗ bungsreich.—„Die heilige Kirche bemühte ſich die Kunſt einzuführen und damit neben der Größe Schönheit! Aber das iſt noch nicht Luxus.“ „Was iſt Lurus?“— rief Louvvis, den dieſe neue Einmiſchung des Paters in die Anſichten der Regierung verdroß.—„Jeder Einzelne und jeder Stand, jedes Volk und jedes Zeitalter erklären alles das für Luxus, was ihnen entbehrlich ſcheint. Ihr, Pater Medardus, ſeid freilich ein ſo frommer Mann“— ein höhnender Blick ſtrich über die lange gebeug e Prieſtergeſtalt—„daß ihr alle irdiſchen Dinge verachtet. Indeß nicht alle Menſchen können Heilige ſein. Wir beſitzen noch einige Viſita⸗ tionsberichte von Domänen Karls des Großen: auf einer derſelben gibt es an Leinenzeug weiter nichts als zwei Betttücher, ein Hand⸗ und ein Tiſchtnch Bei Homer ſpeiſen die Könige nur Fleiſch, Brod 40* — 148— und Wein. Soll etwa der königliche Haushalt ſei⸗ ner Majeſtät Ludwigs KIV. darnach eingerichtet werden?“ „Monſeigneur belieben zu ſcherzen!“— flüſterte der Jeſuit demüthig, und ſein Oberkörper nahm faſt eine wagrechte Richtung ein.—„die Kirche will nicht das geſalbte Haupt der Majeſtät berühren, ob⸗ gleich der Hof in Wahrheit mit einem guten Bei⸗ ſpiele vorausgehen dürfte; wo aber das Volk...“ „Der Hof?... Was hier geſchieht, erfordert der Glanz der Majeſtät. Der berühmte Graf von Warwick bewirthete täglich an 30,000 Perſonen. Geſandte unter Englands Jacob I. führten ein Ge⸗ folge von 500 Perſonen mit ſich, worunter 300 Edelleute. Der Herzog von Medina⸗Celi zahlt jähr⸗ lich 490,000 Realen Bedientenlohn!... Schon in der rohen Zeit Ludwigs des Frommen ſchildert das Lobgedicht des Nigellus Hermoldus eine auffallende Menge von Gold und Juwelen als Schmuck der Fürſten. Spaniſche Romanzen ſprudeln über, wenn ſie von dem ungeheuren Glanze berichten, der in dem Anzuge des großen Cid und der Mitgift ſeiner Töchter geherrſcht. Doch genug!... und im Volke? nun, der Luxus iſt hier der Beweis der ge⸗ ſteigerten Induſtrie und der Wohlfahrt. Mein from⸗ mer Vater,. wehe der Monarchie, in welcher — 149— bei dem Volke allzugroße Einfachheit und eine an⸗ nähernde Ausgleichung der Stände durch Kleidung, Wohnung, Lebensweiſe und Sitten einreißt. Ich liebe ſolch' Gleichheitliches nicht. Wo dies Platz greifſt va ſind auch Gleichheitsgedanken unterweges.. Gedanken überhaupt... Ver⸗ gleichungen... Blüthen, deren giftige Frucht eine allgemeine Ausgleichung 5 das heißt: der Sturz der Monarchie ſein dürfte!“ „Jeſus⸗Maria!“— ſtöhnte der Pater und be⸗ kreuzte ſich—„an ſolche Dinge will die Kirche nicht rühren. Der Scharfblick eines Staatsmannes, wie Monſeigneur„ „Frommer Vater, Eure zweite Angelegenheit!“ — unterbrach Louvois den Sprechenden.—„Die Zeit iſt einem Staatsmanne, der an der Spitze einer Monarchie, wie Frankreich, ſteht, knapp zuge⸗ meſſen.“ „Monſeigneur!“— flüſterte der Jeſuit und blickte den Miniſter bedeutſam an. Louvvis verſtand ihn. „Tretet näher!“— ſagte er, und ein leichtes Zeichen mit der Hand ließ die übrigen ſich in den Hintergrund zurückziehen. Pater Medardus trat mit lauerndem Blick und ſcheinheiliger Miene etwas näher. — 150 Der Mann war ſchlau, wie ein Fuchs. Hatte er doch die erſte Bitte dem Miniſter nicht in der Hoffnung vorgelegt, ſie bewilligt zu ſehen;... im Gegentheil! Pater Medardus wußte im Voraus, daß Louvois gar nicht auf die Sache eingehen werde. Aber das gerade wollte er. Hatte der Miniſter das erſte Anſuchen des Vertreters der katholiſchen Kirche abgeſchlagen, ſo konnte. ſo durfte er klugerweiſe nicht auch das zweite raſch und entſchieden zurück⸗ weiſen... und. nur an dem zweiten war Pater Medardus gelegen! „Alſo, frommer Vater!“— ſagte Louvois jetzt auffordernd; aber er hatte Mühe den Ausdruck ſei⸗ ner Verachtung zurückzuhalten. Er kannte ſeinen Mann, der— wie ein Hecht— ſeine ganze Re⸗ ligion und Paſſion: Kelch, Schwamm, Kreuz, Lanze, Nägel und Dornenkrone im Kopf... den Raub aber im Magen hatte. Ein Klausner, der am Tiberſtrand Einſt fiſchte, zog in ſeinem Netze Den ſchönſten Hecht erfreut an's Land. „Verweg'ner!“— rief der Fiſch—„verletze „Nicht meine heilige Perſon! „Du weißt, die ganze Paſſion: „Den Kelch, den Schwamm, das Kreuz, die Lanze, „Die Nägel ſammt dem Dornenkranze, „Hab' ich im Kopfe!“ — 5— „„Wunderlich!““ Verſetzt der Greis:—„doch, darf ich fragen, „„Was trägſt du denn in deinem Magen? „„Sprich', oder ich zerglied're dich!“ „Ach! nichts, ein Neſt mit jungen Alen, „Hochwürdiger Herr Eremit! „Ein kleines Frühſtück!“ „„Ha! Bandit! „„Ich dacht' es wohl; ihr Kanibalen „Tragt die Religion im Kopf, „„Und in dem Buſen das Verderben!““ Hier warf er ihn in ſeinen Topf Und ließ ihn wie St. Vitus*) ſterben. Nur ſchade, daß Louvois dies Gedichtchen nicht kannte. Es wäre ihm ſicher eingefallen, als er jetzt Pater Medardus aufgefordert zu ſprechen. Der Jeſuit rückte denn nun auch mit ſeinem Vorhaben heraus. Louvois hatte ſich ſchon gedacht, was kommen würde: es war die erneute Aufforde⸗ rung, die Regierung ſeiner Majeſtät möge gegen die Erzketzer, gegen die Hugenotten, endlich ernſt auftreten. „Und auf welche Weiſe, frommer Vater, denkt Ihr daß dies zu thun ſei?“— frug jetzt der Mi⸗ niſter lauernd.—„Der König hat das Edikt von Nantes bei ſeiner Thronbeſteigung beſchworen!“ *) Dieſer Heilige wurde in Oel geſotten. —— Die tiefliegenden Augen des Paters fingen jetzt in ihren Höhlen unheimlich zu funkeln an, als er, ſeine lange hagere Geſtalt aufrichtend, ſagte: „Aus dem Standpunkte des unbedingten gött⸗ lichen Rechtes der Könige iſt erwieſen: daß jedes Recht, jede Gabe, jedes Verſprechen nach Belieben widerruflich iſt, und eine heilige Gewiſſenspflicht den Herrſchern es auflegt: alle Ketzer in den Bezirk der heiligen alleinſeligmachenden katholiſchen Mutter⸗ kirche hineinzuzwingen.“ Louvois horchte ruhig auf; er war ſolchen Ge⸗ danken durchaus nicht Feind, ſchon aus geheimem Haß gegen Colbert, ſeinen Collegen im Miniſterium, der, obgleich ſelbſt Katholik, ſtets ein Vertheidiger des Ediktes von Nantes und der Hugenotten war. Notürlich nur in ſo fern es die Aufrechthaltung beſchworener Verträge und den Schutz ungerecht Verfolgter galt. Pater Medardus aber erſchöpfte ſich— immer lebendiger, immer leidenſchaftlicher werdend— in Anſichten und Erörterungen ſeines Gegenſtandes. Er war reich an Vorſchlägen zur Einſchüchterung der Proteſtanten. „O!“— rief er, und ſein hageres gelbes Ge⸗ ſicht flog allmälig eine fieberartige Röthe an, die dem knochendürren Antlitz das Ausſehen einer ge⸗ — 153— ſchminkten Leiche gab—„Ol es iſt ja nichts leich⸗ ter, als dieſe Ketzer der Mutterkirche wieder zuzu⸗ führen. Verbiete man nur den Hugenotten an katho⸗ liſchen Faſttagen Fleiſch zu kaufen oder zu verkaufen; bei Tage ihre Todten zu begraben. Man ſchließe ſie von Zünften und Gewerken aus;... man ent⸗ ferne ſie von allen öffentlichen Aemtern, von allen Pachtungen geiſtlicher Güter, von jedem zeither ge⸗ übten Patronatsrechte. Aerzte, Apotheker und Heb⸗ ammen müſſen katholiſch ſein;... Kinder aus ge⸗ miſchten Ehen werden als unchelich betrachtet, und alle Baſtarde müſſen ſich zur katholiſchen Kirche hal⸗ ten. Die getheilten Gerichtshöfe ſchaffe man ab; reiße allmälig— unter dem Vorwande der Bau⸗ fälligkeit oder anderen beliebigen Vorwänden— die proteſtantiſchen Kirchen ein. Man laſſe die Huge⸗ notten, dieſe verdammten Ketzer, nicht auswandern; erkläre jeden, ein Jahr vor etwaiger Entfernung abgeſchloſſenen Verkauf, für nichtig;... man un⸗ terſage ihnen, außerhalb ihres Wohnortes dem Got⸗ tesdienſte beizuwohnen, und Griechiſch, Hebräiſch, Philoſophie und Theologie zu lehren;... man er⸗ kläre— da ſiebenjährige Kinder im Beſitze der Vernunft und fähig ſind in Sachen, die ihr Seelen⸗ heil angehen, eine jede Wahl zu treffen— man er⸗ kläre, daß ſolche ſiebenjährige Hugenotten⸗Kinder zu — 154— entſcheiden haben, ob ſie bei ihren proteſtantiſchen Eltern bleiben wollen oder nicht. Im letzten Falle erziehe man ſie katholiſch... im Falle des Eigen⸗ ſinnes geißle man ſie blutig!“ Pater Medardus hielt hier einen Augenblick inne; er war in eine ſolche Exaltation gerathen, daß ihm der Athem verſagte. Seine Augen hatten ſich aus ihren tiefen Höhlen gewaltſam hervorgedrückt, ſeine gelben Wangen brannten unheimlich und in den Winkeln ſeines Mundes ſtand ein weißer Schaum, während die langen knochendürren Finger krampf⸗ haft zuckten, als wollten ſie ſchon eines der armen jugendlichen Opfer des Fanatismus packen und martern. 6 Selbſt Louvois— der Mann mit dem Herzen von Stein und Eiſen— erbebte: ihm war es ein Kleines, urkundliche Rechte umzuſtoßen, wohlerwor⸗ benes Eigenthum zu rauben, häusliche Verhältniſſe mit Füßen zu treten;... aber er that dies alles ruhig, mit kalter Ueberlegung, nicht mit dieſer an den Blutdurſt eines Raubthiers ſtreifenden Wuth. Aber Pater Medardus ließ ihm keine Zeit zur Ueberlegung. Der fromme Mann hatte ſich ſchnell wieder er⸗ holt. Jetzt trat er dem Miniſter noch einen Schritt näher, beugte ſich tief herab und lispelte: — 155— „Wenn Monſeigneur— wir ſind alle Menſchen! —— wenn Monſeigneur, mein erhabenes Beicht⸗ kind, etwas auf dem Gewiſſen haben ſollte,... die heilige Mutterkirche würde für ſolche Dienſte voll⸗ kommenen Ablaß bieten... den Weg zum Himmel bahnen.“ Ueber Louvois Antlitz zuckte es finſter;... aber.. er hielt an ſich. Pater Medardus fuhr fort zu flüſtern: „Monſeigneur könnten...“ „Was?“ „Wenn Sie dem Anliegen der Kirche den welt⸗ lichen Arm liehen...“ „Was?“ „Ihre Macht und Ihren Einfluß ungemein er⸗ höhen!“ Der Miniſter ſtutzte. Die Schlange hatte den rechten Fleck getroffen... hier war ſeine Achillesferſe! „Excellenz konnten bisher,“— fuhr die Schlange zu ziſchen fort—„von Ihrem Kriegsminiſterium aus, auf die religiöſen Angelegenheiten nicht viel ein⸗ wirken. Wenn man nun zunächſt...“ „Nun ſo ſprecht doch!“ „Wenn man nun zunächſt den reichen Hugenot⸗ ten— verſteht ſich ganz ohne Erwähnung der Re⸗ ligion—...“ — 156— „Nun?!“ „Dragoner einlegen würde!“ Es zuckte heiß und leuchtend zugleich durch Louvois Herz und Seele. „Dragoner!“— rief er dabei halblaut—„zu was?“ „Nur!“— fuhr der Pater lauernd fort— „nur unter dem Vorwande: es ſei dies zur Ver⸗ pflegung des Heeres nothwendig geworden.⸗ „Wenn man aber die Katholiken dabei ver⸗ ſcon „Wird jeder Einſichtige leicht begreifen, auf was dieſe Maßregel abgeſehen iſt... und... was man thun müſſe, die Einlagerung los zu werden. Dabei haben Monſeigneur mit einem Schlage auch als Kriegsminiſter die Hand mitten in den kirchlichen Angele⸗ genheiten. Iſt dieſe Art Bekehrung aber erſt ein⸗ mal im Zug, dann... „Still, frommer Vater!“— ſagte Louvvis, er⸗ regt aufſtehend,—„das wird ſeine Majeſtät nie zugeben!“ „Man muß das Herz ſeiner Majeſtät mehr kirchlich zu ſtimmen ſuchen... Louvois ſchüttelte das Haupt, dann ſagte er— „So lange noch die Herzogin... — 1— „Es wird anders werden!“— flüſterte der Pater—„und dann muß man ſeiner Majeſtät eine fromme Seele an die Seite ſetzen.“ Louvois ſchwieg; aber er ging einigemale mit großen Schritten in ſeinem Arbeitszimmer auf und ab. Die Blicke des Paters verfolgten ihn. In Me⸗ dardus Seele jubelte es auf. Er ſah, daß— wenn er auch noch nicht ſiegend durchgedrungen— manches von dem, was er geſagt, in des Miniſters Seele haften geblieben war. Das war genug für den ſchlauen Jeſuiten. Als daher Louvois jetzt plötzlich vor ihm ſtehen blieb und mit einem leichten Verneigen des Kopfes ſagte: „Mein frommer Vater, wir wollen, als guter katholiſcher Chriſt, die Mahnungen der Kirche in Erwägung ziehen!“— verbeugte ſich Pater Medar⸗ dus tief, ſprach ſeinen Segen und ent⸗ fernte ſich. Louvvis ſchritt lange ſchweigend auf und ab. Todtenſtille herrſchte in dem Gemach. Endlich hob der Miniſter wieder das Haupt. Das Herz des jungen Chamilli ſchlug laut, ſtolz und hoffnungsvoll. Die Reihe war an ihm;... — 158— die nächſten Momente konnten die Erfüllung ſeiner ehrgeizigen Pläne bringen. Da— der Jüngling ward blaß wie eine Leiche — ließ ſich Louvois abermals in den Seſſel nieder und... befahl dem kleinen, dicken, lebensfrohen Intendanten, Graf von Rhulièrs, näher zu treten. Rhuliers tänzelte unter tiefen Bücklingen herbei .. lächelnd, trotz der ernſten Miene des allge⸗ fürchteten Miniſters. Den engen und kleinen Hori⸗ zont dieſes, in ſeinem vollen Nichts glücklichen Men⸗ ſchen trübte ſo leicht nichts. „Die ſpaniſche Schauſpielergeſellſchaft iſt ange⸗ kommen?“— frug der Miniſter kurz und wegwerfend. „Zu dienen, Excellenz!“— entgegnete Rhulièrs —„und iſt vortrefflich!“ „Hervorragende Mitglieder?“ „Donna Antonie Tordeſillas iſt ein Engel an Schönheit, eine Göttin im Spiel....“ „Und am Ende auch noch eine Königin in der Küche!“— bemerkte der Miniſter mit ſcharfem Hohne.—„Ich wünſche indeß, daß ſie ſich Mühe gebe, ſeiner Majeſtät zu gefallen. Den Tag nach der erſten Aufführung will ich ſie ſprechen.“ Das Geſicht des Intendanten war etwas länger geworden,.. indeß verbeugte er ſich doch ehr⸗ furchtsvoll, und ohne das ſüße Lächeln um ſeine Mundwinkel erſterben zu laſſen, frug er: „Welches Stück befehlen Monſeigneur zur erſten Vorſtellung?“ „Die famosa comedia: el Embaxador de si- mismo von Lope de Vega Carpio!“— ſagte Lou⸗ vois, und eine leichte Handbewegung verabſchiedete den Intendanten. Chamilli athmete auf. Jetzt war die Reihe wohl an ihm. Doch wie?... Der Miniſter überging ihn noch einmal. Die Aufforderung, vorzutreten, erging an den Generalprocurator Forbannais, Rath der Reunionskammern des Elſaſſes. Der ernſte Mann näherte ſich mit feſtem Schritt und tiefer Verbeugung. „Waren Sie bei Colbert, Ihrem Departements⸗ Chef?“— frug der Marquis. „Ich werde mich pflichtſchuldigſt zu ihm ver⸗ fügen,“— entgegnete Forbonnais ruhig—„wenn ich zuvor dem erſten und größten Manne im König⸗ reiche, Monſeigneur Louvois, meine Ergebenheit be⸗ zeugt habe: Ihm, vor Allem, gehört meine Thätig⸗ keit und mein Leben.“ Ueber die ſtrengen Züge des Marquis glitt ein kaum bemerkbares Lächeln. Der Stolz Le Telliers fühlte ſich doppelt geſchmeichelt, da die Functionen des Rathes eigentlich mit dem Kriegsminiſterium — 160— nichts zu ſchaffen hatten. Generalprocurator For⸗ bonnais war dieſe Nacht erſt aus dem Elſaß ange⸗ kommen, ſeine erſte Aufwartung hätte Colbert gelten ſollen,... er machte ſie Louvois. Louvois war noch immer der mächtigſte der Miniſter. Hofgunſt aber iſt eine zerbrechliche und gefährliche Leiter; wer emporſteigen will, darf ſich nur den ganz feſten und ſtarken Sproſſen anver⸗ trauen. In den Angelegenheiten des Elſaſſes zumal hatte Marquis de Louvois ſeine Hände, und For⸗ bonnais war mit ſeinem Vertrauen im Geheimen beehrt. Ihm brachte alſo der Generalprocurator die erſte Huldigung. „Wie ſteht es mit Plobsheim?“— frug der Miniſter. „Wie Monſeigneur befohlen!“— entgegnete Forbonnais.—„Da die Urkunden der Familien von Zorn und von Bernhold erloſchen ſind und ſich Herr von Günzer für dies Lehen Frankreichs meldete, ſein Erſuchen auch durch Epcellenz unter⸗ ſtützt wurde, ſo ward er und Sieur Kämpffer damit belohnt. Herrſchaft und Schloß ſind in ſeinen Hän⸗ den, die Sache iſt einregiſtrirt und ſo für alle Zeit abgemacht.“ „Und die Familien von Zorn und Bernhold?“ „Werden ein großes Geſchrei machen; aber es hilft ſie nichts.“ „ — 6 „Hat auch nichts zu bedeuten: beide Familien ſind antifranzöſiſch geſinnt. Mit dem Verluſt der Herrſchaft Plobsheim iſt ihr Einfluß gebrochen. Außerdem ſagt ſeine Majeſtät: tel est notre plaisir! Und von Günzer? Haben Sie mir von ihm nichts mitzutheilen?“ „Doch, Monſeigneur; aber ich weiß nicht ob ich hier„ „Und was, was?“— frug Louvois, kaum das hohe Intereſſe verbergend, das er an dieſer Mitthei⸗ lung zu nehmen ſchien. „Es iſt trotzdem im Ganzen nicht viel„ „Sprechen Sie, ſprechen Sie!“ „Er läßt Ercellenz wiſſen, daß von den beſol⸗ deten Truppen jetzt gerade über die Hälfte an ei⸗ ner bedenklichen Krankheit darnieder lägen, und ſelbſt von den Offizieren nur noch einer Dienſt thun könne. Ferner ſei die Frankfurter Meſſe im An⸗ zuge, und viele Bürger reiſten noch dieſe Woche zu ihrem Beſuche nach der alten Wahl⸗ und Krö⸗ nungsſtadt ab. Der Rath ſchwieg. In Louvoi's Seele jubelte es; aber keine Miene ſeines ernſt⸗kalten Geſichtes zuckte. Im Gegentheile, es ſchien ein verächtlicher Hohn in ihm zu liegen, Der Ranh Straßburgs III. — 162— als er jetzt frug: ob dies alles ſei, was Günzer dem Herrn Rath anvertraut. Dieſer bejahte. „So wollen wir zu den anderen Dingen über⸗ gehen!“— meinte der Miniſter. Forbonnais mußte jetzt noch näher treten und es ſpann ſich ein längeres, geheimes Geſpräch zwi⸗ ſchen ihm und dem Miniſter an. Der Rath der Reunionskammern des Elſaſſes berichtete ausführ⸗ lich, vorab Monſeigneur Louvois, was er ſpäter dem Miniſter Colbert zu berichten hatte. nur gab es hier gar manche Winke und Wünſche Le Telliers entgegenzunehmen, die auch auf fruchtbaren Boden fielen. Sie kreuzten ſogar ſehr häufig diejenigen Colbert's... und... behielten doch zumeiſt die Oberhand. Die Stellung Louvois und Colbert's zueinander war ja— wenn auch äußerlich vortrefflich— doch im Geheimen, ſchon der Rivalität wegen, eine feindliche. Colbert war der Sohn eines Tuch⸗ und Wein⸗ händlers zu Rheims. Der Staatsſecretär Le Tellier, der Vater Louvois, nahm ihn 1648 in ſeine Dienſte, welche Colbert indeß bald mit jenen des Cardinals Mazarin vertauſchte, der den Talentvollen zu ſeinem Intendanten ernannte. Von jetzt an nahm Colbert an der Finanzver⸗ — 163— waltung Frankreichs Antheil; wurde dann, 1654, zugleich Secretär bei der jungen Königin und endlich von dem ſterbenden Mazarin, nebſt Louvois, dem Könige als Miniſter empfohlen. Hier aber hob auch zugleich die Rivalität beider an, die indeſſen nur im Verborgenen ihr Weſen trieb, da ſie ſich öffentlich einander nöthig hatten. Lvuvois war groß im Kriegsweſen, Colbert in den Finanzen; beide hoben— durch Krieg und Finanzen— Lud⸗ wig XIV. auf die Höhe der Macht, die ihm ſeinen Glanz und ſeinen Namen gab. Sie waren alſo beide auch dem Könige unentbehrlich, wie einander ſelbſt nur.. wollte keiner dem Anderen einen überwiegenden Einfluß bei der Majeſtät und in der Regierung zugeſtehen. Es war immer und immer wieder der alte Streit um die Herrſchaft! Und die Maulwürfe wühlten gut. Auch jetzt grub Louvois wieder an ſeinen unter⸗ irdiſchen Maulwurfsgängen. Er gewann allerdings auf dieſe Weiſe unbemerkt viel für ſich; Colbert aber hielten ſeine großen Verdienſte um Frankreich aufrecht. Er hinterließ dem Staate eine Einnahme von 146 Millionen und eine Blüthe der Künſte, Wiſſen⸗ ſchaften und Induſtrie, welche die Schmeichelei auf — 164— die Rechnung.. Ludwigs KIV. des..„Großen“ ſetzte. Die geheime Unterredung Forbonnais und Le Telliers— während welcher der Rath ein, wie es ſchien, ſehr wichtiges Schreiben Günzers überreicht hatte— war jetzt beendet. Wieder hoffte Chamilli... und wieder umſonſt. Der junge Mann war in Verzweiflung. Womit hatte er dieſe Ungnade verdient? Er war ſich be⸗ wußt, alles, was ihm von dem Miniſter aufgetragen worden war, auf das Pünktlichſte ausgeführt zu haben. Ja er hatte als Lohn für ſeine Geſchicklichkeit und Treue auf ein geſteigertes Vertrauen des allmäch⸗ tigen Miniſters mit Sicherheit gerechnet!... und nun?... Tiefe Röthe und Todtenbläſſe wechſelten vor Scham auf ſeinem Geſichte, als er ſich von Monſeigneur gar nicht beachtet,.. als er einen der Anweſenden nach dem anderen vorgerufen ſah... und... allein zurückbleiben mußte. Zwei Stunden währte jetzt die Audienz.. der junge Chevalier von Chamilli ſtand noch im Hintergrunde. Offiziere, Rechnungs⸗ und Verwaltungsbeamte des Kriegsminiſteriums,— Secretäre der verſchiede⸗ nen Abtheilungen dieſes Departements mit ihren Actenſtößen,— Räthe der Krone,— Herren des — 465— Hofes, welche die mannigfaltigſten geheimen Berichte — ſelbſt die der laufenden Chronique ſcanda⸗ leuſe des Hofes— vorzutragen, waren abgefertigt worden. Jetzt verließ der letzte derſelben— unter tiefen Bücklingen der Thüre rückwärts zuſchreitend— das Arbeitszimmer des Miniſters. Der junge Chamilli ſtand wie vernichtet. Wie viele höhniſchen Blicke hatten ihn getroffen; wie hatte ihn, faſt bei dem Weggehen eines Jeden, ein ſpöttelndes Lächeln geſtreift; wie furchtbar durchzuckte es jedesmal ſeine Bruſt, wenn der Allgewaltige einen anderen, als ſeinen Namen ausrief einem Anderen das Zeichen des Herantretens zukommen ließ. Und kein Blick Louvois hatte ihn getroffen! Keiner traf ihn jetzt ₰. und doch war er noch allein mit dem Miniſter, der langſam und nachdenk⸗ lich in dem Zimmer auf⸗ und abging. Der junge Mann war in ſeinem Ehrgefühl, in ſeinem Selbſibewußtſein, in ſeinem aufkeimenden Ehrgeize bis in den Tod getroffen. Plötzlich blieb der Miniſter vor ihm ſtehen. Chamilli erbebte. Die Blicke Louvois ruhten ernſt aber nicht mißfällig auf ihm. „Junger Mann!“— hub jetzt Le Tellier, Marquis de Louvvis, an— vich habe Euch lange — 166— warten laſſen und ſcheinbar übergangen. Wißt Ihr warum?“ „Monſeigneur werden in Ihrer Weisheit triftige Gründe dafür haben!“— ſagte der junge Chevalier mit tiefer Verbeugung. „Ja!“— entgegnete Louvois—„die habe ich allerdings,... und.. ſie ſind doppelter Natur. Einmal hielt ich Euch zurück, gerade um Euch einen Beweis meines Vertrauens zu geben: ein wich⸗ tiger, geheimnißvoller Auftrag ſoll Euch werden; dann aber kam es mir darauf an, dem angehenden Staatsmanne in Euch eine Lehre zukommen zu laſſen, von welcher ſeine ganze Carriere abhängt. Macchia⸗ velli's Politik ruht auf dem großen Grundſatze: daß dem höheren Gute das geringere zu opfern ſei. So muß— in Eurer Lage— die feurige, von einem allzugroßen Selbſtgefühle beherrſchte Jugend dies zu ſtarke Selbſtbewußtſein dem höheren Staatswohle unbedingt unterordnen. Jeder, der ſich abſchließt und allein glänzen will, gleicht einem prächtigen Springbrunnen, den man— müßiger Weile— anſtaunt; ſtocken aber einmal die Waſſer, oder kommen die Röhren, die ſie führten, aus ihrer Lage, ſteht die Fontaine mit ihren Pretenſionen ſtill und iſt bald verlaſſen und vergeſſen. Dann wendet Jeder ſein Auge dankbar auf die Bäche und OQuel⸗ — 167— len, die in ſegensvollem Wirken ſich in Flüſſe ſam⸗ meln, und mit edler Selbſtverleugnung die Weltbe⸗ gebenheiten auf die Höhe des Weltmeeres tragen. Gedenkt immer, junger Mann, dieſer Stunden, die Euch das Gefühl des eigenen Nichts ſo klar mach⸗ ten; dann wird Euch die, zu einer diplomatiſchen Laufbahn ſo nöthige Selbſtverleugnung und Hingabe an eine höhere Leitung nie fehlen.“ Etwas Sarkaſtiſches lag immer in dieſen letzten Worten, ſelbſt wenn ſie vielleicht gut gemeint waren; ein höhniſches Weſen charakteriſirte nun einmal den berühmten Staatsmann. Der junge Chamilli war zu einem Verſtändniß dieſes Weſens klug genug. Aufgefordert, über das Ergebniß ſeiner letzten Sendung zu berichten, that er es mit Ruhe und Beſcheidenheit. Er hatte in der That alles geleiſtet, was man erwarten konnte. Der Miniſter erklärte ſich daher zufrieden, was ſelten geſchah. Chamilli's Erwartungen auf höhere und wich⸗ tigere Verwendung ſtieg damit wieder bedeutend. Der Miniſter hatte ihm ja erſt vorhin geſagt, daß ihm ein wichtiger, geheimnißvoller Auftrag werden ſolle. Im Stillen ſprach man ohnedem am Hofe ſeit den letzten Tagen viel von großen politiſchen Ereigniſſen, die nahe bevorſtänden. Die — 168— Blicke waren dabei theils auf die Niederlande, theils auf Straßburg, ſelbſt auf die Schweizer Gränze und Baſel gerichtet, deſſen Einverleibung in Frank⸗ reich die franzöſiſche Eitelkeit hoffte und erwartete. Keine Seele aber wußte über das, was in der poli⸗ tiſchen Atmosphäre ſchwebte, etwas Genaueres zu ſagen. Der König und ſeine Miniſter ſchwiegen wie das Grab, und die ſchöne Geliebte Ludwigs XIV., die Herzogin von Fontanges, hatte keinen Sinn für Politik. Angeline betäubte ſich— zum Entſetzen des Finanzminiſters— fort und fort in den rauſchendſten und verſchwenderiſchſten Vergnügungen... und genügte ihrer unbegränzten Eitelkeit damit.. die Königin von Frankreich zu ſpielen. Immerhin ſchwebte etwas in der Luft, und dafür haben Hofleute einen ſo guten Inſtinkt, als der Hahn für den Regen. Der junge Chevalier von Chamilli durfte alſo ſchon hoffen, mit in die Ereigniſſe ein⸗ greifen zu dürfen. Dieſe Erwartung las denn auch der ſcharf⸗ blickende Louvois ſicher in den Zügen des jungen Mannes, der ja die Schule höfiſcher Verſtellung erſt betreten und nichts weniger als Meiſter in die⸗ ſer Kunſt war. Abermals glitt daher ein leiſes höhniſches Lächeln über ſeine ſonſt ſo ſtrengen und fin⸗ 6 ſteren Züge, als er das Wort wieder ergriff und ſagte: „Chevalier! Sie haben das Vertrauen gerecht⸗ fertigt, welches ich in Sie ſetzte. Zum Lohne ſoll Ihnen jetzt ein neuer, höchſt wichtiger Auftrag werden.“ „Befehlen, Monſeigneur!“— rief der junge Mann eifrig und mit freudig ſtrahlenden Augen —„ich werde mein Leben daran ſetzen, Ew. Excel⸗ lenz zu genügen.“ „Gut!“— fuhr Louvois mit einem eigenthüm⸗ lichen Blicke ruhig fort—„ſo hören Sie jetzt ge⸗ nau auf!“ Chamilli richtete ſich geſpannt empor. „Reiſen Sie“— fuhr jetzt der Miniſter lang⸗ ſam und jedes Wort nachdrücklich betonend, fort,— „reiſen Sie noch dieſen Abend nach Baſel in der Schweiz. Sie werden in drei Tagen dort ſein. Am vierten, Punkt zwei Uhr nach Mit⸗ tag, ſtellen Sie ſich auf die Rheinbrücke, ein Heft Papier, Feder und Tinte zur Hand. Mit größter Genauigkeit beobach⸗ ten und ſchreiben Sie Alles, was wäh⸗ rend zwei Stunden unter Ihren Augen vorgeht, auf. Punkt vier Uhr nehmen Sie Poſt⸗ pferde, reiſen ab, fahren Tag und Nacht und bringen — 170— mir Ihre Beobachtungen. Zu welcher Stunde Sie auch ankommen, ſtellen Sie ſich mir ſogleich vor!“*) „Haben Sie verſtanden?“— frug Louvois hier. Chamilli bejahte, obgleich ihn dieſer Auſtrag faſt in die Erde ſinken ließ. Dies alſo war die gehoffte höhere diplomatiſche Verwendung? Konnte man zu einer ſolchen Sen⸗ dung nicht jeden einfachen Schreiber gebrauchen? Aber... Louvois, der allmächtige Miniſter, hatte befohlen!... und.. war es denn nicht möglich, daß auf der Baſeler Brücke— Gott weiß was für Verwicklungen bevorſtanden? Von Wich⸗ tigkeit... ja von großer Wichtigkeit mußte die Sendung denn doch ſein... darauf deuteten ja namentlich die Schlußworte:„Zu welcher Stunde Sie auch ankommen, ſtellen Sie ſich mir ſogleich vor!“ „Und“— fügte Louvois jetzt noch ernſt dazu —„Sie bürgen mir mit Ihrem Kopfe für die un⸗ bedingteſte Geheimhaltung dieſes Auftrages und alles deſſen, was damit in Berührung ſteht!“ „Ich bürge dafür!“— verſetzte der Chevalier ſich verbeugend. *) Louvois wörtlicher Befehl an H. v. Chamilli.„Paris, Versailles et les provinces au 18. siscle.“ Paris 1817. — „So reiſen Sie mit Gott!“— ſagte Le Tellier —„und vergeſſen Sie nicht, was ich Ihnen vor⸗ hin über die Fontaine ſagte!“ Und er verabſchiedete den jungen Mann mit einer leichten Handbewegung. Es war am vierten Tage nach dieſer Unterre⸗ dung, Punkt zwei Uhr nach Mittag, als Chevalier Chamilli auf die Rheinbrücke bei Baſel trat. Wie ſich von ſelbſt verſteht, hatte er ſchon bei ſeiner Abreiſe von Paris ſein Hofkleid abgelegt und einen bürgerlichen Anzug— in der Art, wie ihn damals Künſtler und Schriftſteller trugen— ge⸗ wählt. Und in der That, dieſer Anzug kleidete den jungen Mann ganz hübſch; er gab ihm etwas Ori⸗ ginelles, das auf einen angehenden Maler ſchlie⸗ ßen ließ. Auch der Diener, der ihn auf dieſer Reiſe be⸗ gleitete, mußte ſeine Livree gegen einen ſchlichten Rock vertauſchen. Hätte der junge Diplomat nur auch die pein⸗ liche Stimmung, die ihn verfolgte, gegen eine heitere umtauſchen können. Aber was er ſich auch ſagte, ſo viel auch ſeine Eigenliebe dagegen demonſtrirte und ſeine Phantaſie an Möglichkeiten höherer Bedeutung hineinlegte... der erhaltene Auftrag ſchien ihm — 172— kindiſcher Natur zu ſein und zu bleiben. Mißſtimmt und ärgerlich hatte er Paris verlaſſen und in der⸗ ſelben Stimmung kam er auch in Baſel an. Aber länger verfing der Mißmuth doch nicht. In ſeinen Adern rann ja leichtes franzöſiſches Blut. Chamilli lachte endlich über ſich und ſeinen Auf⸗ trag; die Neugierde— was nun alles auf der Rheinbrücke zu Baſel geſchehen werde— überwog ſein verletztes Selbſtgefühl;... und als er nun, mit Papier, Feder und Tinte bewaffnet, ſeinen ſon⸗ derbaren Poſten bezogen hatte, kam er ſich ſelbſt ſehr drollig vor. Indeß... es blieb ihm keine Zeit, jetzt über ſich ſelbſt und ſeine Situation nachzudenken; die Paſſage war lebhaft genug, um ſeine vollſte und angeſtrengteſte Thätigkeit in Anſpruch zu nehmen. Raſch war eine Ecke gewählt, das kleine, mit einem Stachel verſehene und mit einem Deckel geſchloſſene Tintenfaß in einen Balken feſtgedrückt und geöffnet, das Papier aus der Taſche und die Feder aus einem kleinen Blechbehälter genommen,.. und. die ſonderbarſte aller Protokollierungen begann. Bauernweiber, mit ihren leeren Körben, kehrten vom Markte zurück;. ein Reiſender zu Pferd im blauen Rocke ritt über die Brücke. Chamilli ſchrieb: Bauernweiber u. ſ. w. ein — 73— Reiſender im blauen Rocke, mit hohen Reitſtiefeln, eine Hundepeitſche in der Hand Jetzt kam ein alter Bauer, ein zerlumpter Bett⸗ ler ein Laſtträger.. Dem jungen Diplomaten rann der Schweiß von der Stirne. Er ſollte, wie der allmächtige Miniſter befohlen, Alles was während zweier Stun⸗ den hier vorgehe mit der größten Genauig⸗ keit beobachten und aufſchreiben. Glücklicherweiſe war Herr von Chamilli ein Franzoſe;. einen Deutſchen hätte dies„Alles“ zur Verzweiflung gebracht, da er darunter auch die Phyſiognomien, womöglich auch die Lebensbeſchreibun⸗ gen der Vorübergehenden verſtanden hätte. Chamilli hatte indeß genug zu thun, um nur mit den äuße⸗ ren Erſcheinungen und dem, was von Reden in ſein Ohr drang, fertig zu werden. „Es war ein wunderlicher Kautz!“— ſagte in dieſem Augenblicke ein Basler Bürger zu einem an⸗ deren, die langſam vorüberſchritten und, im Ge⸗ ſpräche verloren, nahe bei dem Chevalier einige Au⸗ genblicke anhielten: „Es war ein wunderlicher Kautz, der alte Laguille.“ „Ja das bezeugen ſeine Verſe.“ „Ein ganz eigenthümlicher Charakter, der fleißig ſchrieb und dichtete, und ſich doch vor nichts mehr fürchtete, als vor dem Arbeiten.“ — 174— „Fürchtete?“ „Ja! und zwar ſo ſehr, daß er bei ſeiner letz⸗ ten Erkrankung ſagte: Gott ſei Dank, daß ich krank bin; nun kann und darf ich doch nicht arbeiten. Jetzt bin ich der glücklichſte Menſch; ich habe noch meinen Verſtand, ich kann noch ſehen, eſſen und trin⸗ ken; und ſo verſchwindet das Bischen Schmerz in dem allgemeinen Glück.“ „Nun freilich! es iſt allerdings ein Glück auf dem Krankenlager ſo denken zu können.“ „Ein Freund warf ihm dagegen ein, es ſei aber nun doch mit ſeinen Liebeleien und Galanterien zu Ende— Ihr wißt ja, er war in dieſen Dingen ein ächter Franzoſe!“ „Ich weiß es; und was antwortete er darauf?“ „Ach!— gab Laguille zur Antwort—„das langweilte mich ſchon, als es mich noch amüſirte.“ Beide lachten. „Der Mann war Philoſoph!“— ſagte der Eine und wollte gehen; aber der Andere hielt ihn bei einem der Knöpfe ſeines Rockes feſt und fuhr ge⸗ ſprächig fort:—„Sinn für Ordnung und Geld⸗ verhältniſſe hatte Laguille auch nicht. Noch wenige Tage vor ſeinem Tode kam ein Mann zu ihm, der angab, er habe von Madame Laguille noch eine ge⸗ wiſſe Summe zu fordern; als der angebliche Gläu⸗ — 15— biger aber ſah, daß der arme Laguille ſehr krank war, meinte er: er wolle in einigen Tagen wieder kommen.„Gut!“— antwortete der Kranke—„auf dem Gottesacker wollen wir mit einander über die Sache reden.“ „Welch' ein Humor!“— rief der Andere lachend, und Beide gingen weiter. Der junge von Chamilli wiſchte ſich den Schweiß von der Stirne. Sein wunderbares Protokolliren machte ihm heiß. Kopfſchüttelnd nahm er die Feder wieder zur Hand;... aber die leichten Falten ſei⸗ ner Stirne glätteten ſich ſofort: ein äußerſt nettes Mädchen in bürgerlicher Tracht ſchritt an ihm vorüber. Die Blicke der beiden jungen Leute trafen ſich und ſie und er errötheten tief. Chamilli protokollirte:„Ein nettes Bürgermäd⸗ chen, ſchlicht in Anzug und Weſen, ein kleincs offe⸗ nes Körbchen am Arm, ſchreitet vorüber“ hier aber ſchlich ſich eine Lücke in dem Protokoll ein: das gegenſeitige freundliche Anblicken und Erröthen fiel aus. Abermals Marktweiber, Bauern, ein Hirte mit einer Heerde Schaafe. „Nun, nun!“— ſagte ein alter geiſtlicher Herr, der mit mehreren Eleven von einem weiteren Spa⸗ — 176— ziergange zurückzukommen ſchien, und ſich für einen Augenblick ermüdet auf einen Eckpfoſten niederließ —„Baſel darf ſchon mit einigem Stolz in die Ver⸗ gangenheit zurückſchauen. Zur Zeit der Römer ſtand hier ein Caſtell, von welchem noch Spuren gefunden werden; nach der Völkerwanderung aber eine frän⸗ kiſche Burg, aus welcher, durch Verlegung des Bi⸗ ſchofshofes von Augſt, die Stadt entſtand.“ „Ich dachte, ſie rühre von Heinrich dem Vogel⸗ ſteller her?“— meinte einer der Knaben. „Durch die Hungarn 917 zerſtört,— fuhr der geiſtliche Herr fort—„wurde Baſel durch Kai⸗ ſer Heinrich den Vogelſteller, 924 bis 932, wieder aufgebaut. Daher gilt Munatius Plancus, welcher eine römiſche Colonie in Auguſta gründete, für den erſten, Kaiſer Heinrich aber für den zweiten Erbauer von Baſel.“ „Hat nicht Rudolph von Habsburg Baſel ein⸗ mal eingenommen?“— frug ein anderer der Knaben. „Nein!“— rief der erſtere—„er hat es nicht eingenommen; aber als Rudolph von Habsburg die Stadt zum zweitenmale vergeblich belagerte, erhielt er hier die Kunde von ſeiner Erwählung zum deut⸗ ſchen Kaiſer. Iſt's nicht ſo?“ Der alte Herr nickte freundlich, dann ſagte er: „Und im Jahre 1356 wurde Baſel.. — „Durch ein fürchterliches Erdbeben ganz zerſtört!“ — rriefen die Eleven faſt einſtimmig. „Recht!“— fuhr der alte Herr fort—„im fünfzehnten Jahrhundert war Baſel ſodann ſiebzehn Jahre lang der Sitz des weltberühmten Conciliums, auf welchem ein Papſt entſetzt und ein anderer gewählt wurde. Auch große Männer machten es berühmt: Erasmus von Rotterdam lebte hier, ſo wie Holbein in Baſel geboren wurde. In der Folge„ Die Worte verhallten hier, denn der geiſtliche Herr hatte ſich erhoben und mit ſeinen Zöglingen die Brücke verlaſſen müſſen, da Juden einen Trupp fetter Ochſen über dieſelbe trieben. Auch ein Dieb wurde— die Hände auf dem Rücken zuſammengebunden— von Häſchern hinüber geführt. Wieder Bürger, die hinüber und herüber gingen — Fuhrwerke aller Art,— ein Trupp Zigeuner, — Spielleute,— Betrunkene, die in ihrer Seligkeit luſtige Lieder ſangen. Chamilli ſchwitzte; aber er war innerlich auch wüthend, ſolche Bagatellen aufſchreiben zu müſſen, zu einer ſolchen Miſſion wahrhaft mißbraucht zu ſein. Er zankte ſich innerlich ordentlich in ſeiner raſch erregten Leidenſchaftlichkeit mit dem Miniſter und erhitzte ſich dabei ſo ſehr, daß ſein Herz ſtür⸗ miſch ſchlug. Der Raub Straßburgs III. 42 Aber plötzlich legte er lächelnd die Hand auf dies wildpochende Herz: zwei Schreinergeſellen tru⸗ gen einen neuen Sarg— die ſtille Behauſung für einen ſtill gewordenen Mann— auf einer Tragbahre über die Brücke. „Ruhig!“— ſagte er dabei, die Hand feſt auf die Bruſt drückend,—„ruhig, du kleines kindiſches Ding! Iſt das nicht das Ende aller Erregung? Wer kann wiſſen, wie bald auch du hier... für immer ruhig wirſt. Für was war alsdann all dies leidenſchaftliche Aufflammen? Ruhig alſo... und laß dich von dem Tode belehren, über das Leben und ſeine Bagatellen zu lachen!“ Und heiteren Muthes notirte Chamilli auch die Schreiner und den Sarg. Die Glocken in Baſel ſchlugen jetzt drei Uhr. In demſelben Augenblicke——— bleibt ein Mann in gelber Weſte und gelben Hoſen mitten auf der Brücke ſtehen; tritt dann nach dem Fluſſe zu, lehnt ſich auf die Brüſtung, ſieht in das Waſſer hinab, tritt einen Schritt zurück und führt mit einem großen Stock drei vernehmliche Stöße auf das Pflaſter des Fußweges. „Narr!“— dachte Chamilli und ſchrieb, ſich über ſeine kindiſche Aufgabe ärgernd, die Sache nie⸗ der. Wäre es nicht Monſeigneur Louvois geweſen, — 179— der ihm den Auftrag gegeben, er hätte geglaubt, ſelbſt zum Narren gehalten zu ſein. War er doch, bei Gott! nahe daran, das Papier in das Waſſer zu werfen. Aber Se. Excellenz, Le Tellier, Marquis von Louvois, ſcherzten nicht! Teufel! Der Chevalier hatte zwiſchen pünktlichem Gehorſam und der Gnade des Miniſters.. oder der Baſtille zu wählen. Die Wahl konnte da nicht ſehr ſchwer werden. Chamilli nahm ſeine ganze Geduld und Energie zu⸗ ſammen und notirte weiter. Abermals verfloß faſt eine Stunde. Aber ſiehe!— o! das war doch eine kleine Entſchädigung für die langweilige Arbeit— das hübſche Bürgermädchen von vorhin kam des Weges zurück. Sie mochte wohl nahe bei der Brücke in einem Garten geweſen ſein, denn ihr Körbchen war jetzt mit Herbſtroſen gefüllt; aber roſiger wahrlich als dieſe glühten ihre Wangen, ſobald ſie des jungen Mannes wieder anſichtig wurde. Es iſt ſonderbar, wie manchmal ein gegenſeitiges Wohlwollen, eine gegenſeitige Anziehung ſo plötzlich in jungen Herzen aufflammt, ohne daß eine Annähe⸗ rung geſchehen, oder auch nur ein Wort gewechſelt 12* — 180— wurde. Von Begründung iſt hier freilich nicht die Rede;... aber ein Gefallen, eine Neigung, ja viel⸗ leicht ein ſchnell aufloderndes leidenſchaftliches Ver⸗ langen nach Annäherung, das ſich in die Farben einer plötzlich erwachten Liebe kleidet, läßt ſich in ſolchen Fällen weder leugnen noch zurückdrängen. So auch war es hier; und daß es ſo war, ver⸗ kündete das gegenſeitige Erröthen, die Blicke, mit welchen ſich die beiden jungen Leute anſchauten.. offenbarte ihnen die wunderbare Empfindung, die ſich ſo unerwartet und plötzlich in ihren Herzen kund gab. War es dabei Zufall oder Abſicht? als das Mädchen dicht an dem hübſchen jungen Manne — den ſie wohl für einen Künſtler halten mochte — vorüberkam, fiel eine der ſchönſten Roſen zu Chamilli's Füßen. Natürlich fing jetzt das leidenſchaftliche Herz des jungen Franzoſen doppelt Feuer. War die Roſe dem heißblütigen Chevalier doch ein offenes Liebesgeſtändniß, das ſeine volle Beſtätigung in dem glücklichen Lächeln fand, welches die Züge des Mädchens umſchwebte, als ſie— zu⸗ rückblickend— gewahrte, wie dieſer die Blume raſch aufgenommen und nun freudig an ſeine Lip⸗ pen drückte. — 8 Der Chevalier hatte in dieſem Augenblicke ſeinen Auftrag, die Brücke, ſelbſt Louvois und ſeine eige⸗ nen Zukunftsbeſtrebungen rein vergeſſen. Ihr nach! rief es in ihm— ihr nach, der Lieblichen! Und es war in der That nahe daran, daß er über das reizende kleine Abenteuer Papier und Feder, ſammt den kindiſchen und nichtsſagenden Auf⸗ zeichnungen, über die er ſich ja ohnedem ärgerte, über die Brüſtung in das Waſſer geworfen hätte, als ſein Wagen angefahren kam und faſt im gleichen Momente die Glocken der Stadt vier Uhr ſchlugen. O verwünſcht!—„Punkt vier Uhr neh⸗ men Sie Poſtpferde, reiſen ab, fahren Tag und Nacht und bringen mir Ihre Be⸗ obachtungen. Zu welcher Stunde Sie auch ankommen, ſtellen Sie ſich mir ſogleich vor!“— hatte Louvois, der Allgewaltige, mit ſtrengem Blick und ernſter Miene geſagt. Alle Wet⸗ ter! Dahinter lag denn doch kein Scherz, ſondern ein Ernſt, zu dem der Gedanke an die Baſtille den düſteren Hintergrund bildete. Er brachte denn auch den Chevalier wieder vollſtändig zu ſich. Noch einen einzigen Blick ſandte er der hübſchen Dirne nach... noch einmal kehrte dieſe ſich halb nach ihm um, dann warf ſich der junge Mann— — 182— ſein Geſchick und alle diplomatiſchen Aufträge ver⸗ wünſchend— in ſeinen Wagen. Die Pferde zogen an, und raſch wie der Wind ging es davon, Paris zu. Aber die Rückfahrt war für Herrn von Chamilli noch viel peinlicher als die Herreiſe. Was, um Gottes und aller Heiligen Willen, hatte er nun dem Miniſter zu melden! Nichts, gar nichts von Bedeutung war in den zwei Stunden auf der Brücke geſchehen. Was ent⸗ hielten denn ſeine Aufzeichnungen: Marktweiber, Bauern, Bettler, Bürger, einen Schaafhirten, einen alten Geiſtlichen mit ſeinen Zöglingen, Inden mit einem Trupp Ochſen, einen Kerl in gelber Weſte und gelber Hoſe, der ſich wie ein Narr geberdet, ach! und ein verdammt hübſches Mädchen... mit dem ein reizendes Abenteuer lockte... und.. das er laufen laſſen mußte! Chamilli ſchlug ſich im Aerger vor die Stirne! Und was ſollte nun der Miniſter zu dieſen Ba⸗ gatellen ſagen! O gewiß, gewiß, er hatte ſich mehr, er hatte ſich ganz andere Dinge erwartet! Konnte dies den jungen Mann nicht um die Gnade Monſeigneurs bringen, und damit um ſeine ganze Zukunft, ohne daß er etwas dabei ver⸗ ſchuldet;. denn... das wußte er gewiß,.. entgangen war ihm nichts! — 183— Chamilli war in Verzweiflung. Und dabei die Anſtrengung der ununterbrochenen Hin⸗ und Herreiſe, deren ſo ſtreng befohlene Eile nicht den mindeſten Aufenthalt geſtattete.. und dann noch etwas, wie ſollte er es mit dem zweiten Begegnen des Mädchens, wie mit der fallenden Roſe halten? Konnte dahinter nicht etwas ſtecken? Und ſollte er anders dem ernſten ſtrengen Miniſter dies Abenteuer auch entdecken? O! er kämpfte ſchwere Stunden ch aber„Alles“ hatte der Miniſter geſagt, ſolle no— tirt werden. Dies„Alles“ ſiegte. Chamilli fügte auch dies Vorkommen noch bei. Näher und näher kam er jetzt dem Ziele. Höher und höher klopfte ſein Herz. Scham und Verzweif⸗ lung erfüllten ihn aber. was war zu machen: Paris wurde erreicht.. das Unabänder⸗ liche mußte geſchehen! Zwei Tage— nachdem er die Brücke verlaſſen — kommt er in Paris an. Es iſt Mitternacht... aber die Thüren zu des Miniſters Gemächern öffnen ſich ihm ſogleich. Raſch tritt ihm Louvois entgegen. „Das Papier!“— ſind ſeine einzigen Worte. Herr von Chamilli reicht es ihm in der tödt⸗ lichſten Verlegenheit. — 184— Le Tellier, Marquis von Louvois, ſetzt ſich und lieſt es mit geſpannter Aufmerkſamkeit. Plötzlich, als er an die Stelle kommt, welche den Mann mit der gelben Weſte und den gelben Hoſen erwähnt, der mit dem Stock dreimal auf den Boden geſtoßen hat, ſpringt er vor Freuden auf. „Der Sieg iſt unſer!“— iſt ſein Ruf.— „Zum König!“ Chamilli muß folgen. Die Majeſtät ſchläft. Louvois läßt den König wecken. Dann tritt er ein. Chamilli harrt, außer ſich vor Staunen, im Vorzimmer.—— Jetzt hört er, daß vier Couriere bereits ſeit Stunden auf ſeine Ankunft warten. Da öffnet ſich nach einer Viertelſtunde die Thüre des königlichen Schlafgemaches;. der Miniſter, höchſt aufgeregt, verläßt es. Vier Depeſchen ruhen in ſeiner Hand. Die Couriere treten einzeln vor... jeder erhält ſeine Depeſche und einen verſiegelten Befehl, der auf der nächſten, ihm beſtimmten Station zu eröffnen iſt. Ein Wink... und ſie eilen davon. Wem bringen ſie das Todesurtheil?. für wen hat die Schickſals ſtunde geſchlagen? In Louvois ſtolzen, höhniſchen Zügen ſpiegelt ſich Siegesfreude! Es iſt gewiß, eine gewaltige That iſt geſchehen... oder.. vollzieht ſich in der nächſten Zukunft. „Wir ſind zufrieden, Chamilli!“— ſagte der Miniſter.—„Ruhen Sie jetzt von Ihrer beſchwer⸗ lichen Reiſe aus. Ihre diplomatiſche Laufbahn wird, bleiben Sie auch ferner ſo pünktlich, eine glückliche ſein. Sie dürfen die Verſicherung Aller⸗ höchſter Gnade und meiner Gunſt mit ſich nehmen. Damit Sie aber das hübſche Roſenmädchen wieder ſehen— ſetzte Louvois hier lächelnd hinzu— ſollen Sie in acht Tagen in einer friedlicheren Geſandt⸗ ſchaft nach Baſel zurückkehren.“ Und damit entließ der Miniſter den auf das Angenehmſte überraſchten jungen Mann. Die Blumengärtnerin. Wenn man noch heute in Straßburg durch das alte„Weißethurmthor“— jetzt Porte natio- nale getauft— ſchreitet, gewahrt man an der inne⸗ ren Seite dieſes der Reformationszeit entſtammenden Thores ein in Stein gehauenes Fratzengeſicht, das ſeine breite und dicke Zunge weit herausſtreckt. Dieſer ſonderbaren, der Aeſthetik nicht gerade entſprechenden Steinhauerarbeit entgegengeſetzt, zeigt das„Weißethurmthor“ an ſeinem äußeren Theile eine Inſchrift, die— um ein Bedeutendes älter— hier nur eingemauert worden. Sie iſt ſo eigenthümlich wie die Fratze und lautet: „Gottes Barmherzigkeit, „Der Pfaffen Grittigkeit“) „Und der Bauern Bosheit „Durchgründ niemand bei meinem Eid.“ *) Geiz. — Dieſe Inſchrift ſtammt nämlich aus dem An⸗ fange des fünfzehnten Jahrhunderts. Die Bauern des benachbarten Königshofen muß⸗ ten damals an die Stiftung St. Thomas den Zehn⸗ ten in Natura entrichten, wurden aber dann, bei der Ablieferung dieſes Zehnten, nach altem, aus undenk⸗— lichen Zeiten heraufragendem Brauch von den Geiſt⸗ lichen des Stiftes— den Stiftsherren— tüchtig regalirt. Nun fanden aber die Stiftsherren— wahrſchein⸗ lich in liebevoller Beſorgniß für das Wohl ihrer Brüder— daß ſich die guten Bauern bei dieſer Gelegenheit gar leicht den Magen an den ungewohn⸗ ten Speiſen und Getränken verderben könnten. Sie faßten alſo den menſchenfreundlichen Entſchluß: wohl den Zehnten zu nehmen, aber das Regaliren zu unterlaſſen. Als nun im Jahre 1418 die erſten Wagen voll Frucht gebracht wurden... ſiehe! da fehlte der gedeckte Tiſch! Bauern aber laſſen nicht mit ſich ſpaßen. In kindiſcher Verkennung der edlen Abſicht der geiſt⸗ lichen Herren gingen ſie hin.. und... ſteckten den ganzen Fruchtvorrath, der noch draußen auf dem Felde lag, in Brand. Von dem Poeten aber iſt es gottlos, zugleich mit den böſen Brandſtiftern — 188— auch die guten und wohlmeinenden Pfäfflein an⸗ zuklagen. „Gottes Barmherzigkeit, „Der Paffen Grittigkeit „Und der Bauern Bosheit „Durchgründ' niemand bei meinem Eid.“ „ So ſteht es zu ewigem Andenken am„Weiße⸗ thurmthor“ zu Straßburg mit feſter Hand in Stein gehauen. Aber was iſt das eine wirre Maſſe von alten Häuſern, Scheunen, Schoppen, Cabanen und Bara⸗ ken aller Art, die ſich, durch Krautgärten und wink⸗ liche Höfe unterbrochen, rechts von hier zum„Kro⸗ nenburgerthore“*) hinzieht und an deren Nord⸗ rand eine Kaſerne den Platz der einſtigen„Ketzer⸗ grube“ einnimmt,... jene traurige Stelle, wo man vor ſiebenthalbhundert Jahren die Walden⸗ ſer zu Dutzenden verbrannte!... was iſt das für ein Knäuel von alten Häuſern, Scheunen, Schoppen, Cabanen und Baraken aller Art, durch Krautgärten und winkliche Höfe unterbrochen? Dieſer Knäuel war zu der Zeit unſerer Ge⸗ ſchichte und iſt noch heute... das Revier der Straßburger Gärtner. *) Jetzt: Porte de Saverne. — 189— Von Alters her berühmt durch ihre trefflichen Gemüſe und derben Fäuſte haben dieſe Leutchen eine Art Ahnenſtolz, demzufolge ſie noch heute in Klei⸗ dung, häuslicher Einrichtung und Sitte dem alten Herkommen treu geblieben ſind und gewiſſermaßen eine Nation für ſich, ein Dorf in der Stadt bilden.*) Selbſt die Reichen unter ihnen— und deren giebts nicht Wenige— ſind mitten unter den Bür⸗ *) Die Gärtner, wozu die Gartenmänner und Tagner gehörten, bildeten die einzige Zunft, welche in drei Zunftſtu⸗ ben vertheilt war, deren jede ein beſonderes Zunft⸗Gericht hatte. Im vierzehnten Jahrhundert hatte ſie ſogar 5 Stuben und eben ſo viele Gerichte. Die erſte der drei Zunftſtuben war die der Gärtner⸗ Unterwagner, die Gärtnerſtube in der ehemaligen Unter⸗ wagner⸗ ſpäter Weißthurm⸗ und jetzigen Nationalſtraße No. 6. Die zweite, die der Gärtner ane Steinſtraß, die Gärtnerſtube in der Steinſtraße No. 31. Und die dritte, die der Gärtner ane Krautenau, die Gartnerſtube in der Krautenau No. 95. Jede dieſer Zunftſtuben lieferte ihre beſonderen Abgeord⸗ neten zum Schöffenrathe; ſie hatten aber mit einander nur einen Ober⸗ und einen Rathsherrn, welcher letztere jede der drei Abtheilungen präſidirte. 2 Bei Gegenſtänden, welche die ganze Zunft angingen, ver⸗ einigten ſich jedoch alle Mitglieder der drei Zunftſtuben. Die vereinigte ganze Gärtnerzunft— deren Wappen 2 Rettige zeigte, rechts und links von einem Querbalken, den Helm von einer Schippe überragt— zählte im Jahre 1789: — 190— gern complette Bauern geblieben; nur hie und da ſchickt Einer ſein Töchterlein in's Penſionat, damit es„Franzöſiſch und ſo Dings“ lerne. Wie wenig dann auch ſolch' ein Jüngferchen heimbringen mag, 15 HH. Schöffen. 10 5 12— Gelehrte und leibzünftige Zudiener. 5 294 Gärtner. 288 6 86 Gärtenmänner. 71 15 91 Taglöhner und übrige Leibzünftige. 76 15 112 Leibzünftige Wittwen. 105 7 22„ ſo das Almoſen von St. Marx genoſſen. 19 3 632 der Zunft Dienende. 577 55 Die Gartnerzunft hatte das ausſchließliche Recht die Lei⸗ chenwagen bei den Begräbniſſen zu liefern; die erſte„Todten⸗ Führerſtelle“ gehörte der Familie von Friedolsheim und die zweite der Drenßiſchen Familie; waren mehrere Wagen nöthig, ſo kam es an die anderen Gärtner nach der Ordnung in der Zunft. Zur Zeit der biſchöflichen und lothringiſchen Kriege durf⸗ ten die Gärtner und ihre Knechte nicht anders als bewaffnet ſich auf ihre Felder vor den Stadtthoren begeben. Ein Decret von 1666, den Zwiebelſamen betreffend, ver⸗ ordnete, daß man, wegen der„jetzigen ſorgſamen Läufften, da man die Garniſon zu verſtärken, und damit aus den Kriegs⸗Kaſſen, durch Zugang ein und anderer Gefälle zu hel⸗ fen gemüßigt worden,“ die bisherigen an der Gärtnerzunft entrichteten Abgaben auf den Zwiebelſamen, an die Kriegs⸗ Kaſſe abtreten ſoll. „Das Zunftweſen in Straßburg,“ geſchichtliche Darſtellung, begleitet von Urkunden und Aktenſtücken. Her⸗ ausgegeben von F. C. Heitz. jedenfalls wird's genug ſein, ihm Karſt und Spaten für immer zu verleiden, und ſo dürfte auch hier der wühleriſche Zeitgeiſt allgemach die alte Originalität — die„Unſchuld“— wegſchleifen. Ja, ja! das Abſchleifen, das Nivelliren, das Zerſtören! Zwar ſteht, diesſeits des Gärtnerviertels, die Alt⸗Sankt-Peterkirche noch, obgleich einzelne Stücke des einheitsloſen Durcheinanders ſchon in den erſten Chriſtenzeiten erbaut ſein ſollen;. wo aber iſt die gigantiſche, faſt ein Städtchen für ſich bildende Commthurei des Johanniter-Ordens geblieben, die nicht weit von ihr auf dem linken Ufer der Ill ge⸗ ſtanden? Wo iſt Papſt Johann XXIII., der vom Con⸗ ſtanzer Concil hieher flüchtete; wo Max I., der„letzte Ritter“, der mehr als einmal hier reſi⸗ dirte? Wo ſind die Kaiſer überhaupt, und zu welch' kläglicher Mumie iſt der ſonſt ſo ſtolze, ſo gewaltige Orden ſelbſt eingeſchrumpft?! Freilich iſt der Geiſt ein luftig Ding; aber, wenn er ſo im Kriegswagen der Geſchichte daherraſſelt, dann. halten Ordensketten, Kaiſer⸗ kronen und goldene Pantoffeln ſo wenig unter ſeinen Rädern. wie des Bauern Zwilchkittel!*) —— *) Albert Grün:„Das Elſaß.“ — 192— In wenig Zeit wird der Geiſt der Nivellirung auch Straßburgs Gärtnerviertel umgeſtalten und die Sitten und Eigenthümlichkeiten jener Wackeren mit der übrigen Bevölkerung auszugleichen bemüht ſein. In der Zeit, von der wir ſchreiben, war aber dies Gärtnerviertel und die Zunft der Gärtner noch in vollſter Blüthe. Manche der jetzt alten und halb⸗ verfallenen Häuſer und Häuschen waren damals auch noch neu und blickten freundlich aus den Gär⸗ ten hervor, die ſie umgaben. So ſtand auch am Ende dieſes Viertels— der Stadt am weiteſten abgekehrt— ein zwar nur ein⸗ ſtöckiges, aber recht artiges Gebäude, an welches ſich Gemüſefelder und ein kleiner wohlverſorgter Blumen⸗ garten anlehnten. Alles das war Eigenthum eines jungen, erſt zwei Jahre verheiratheten Gärtners mit Namen Geiger, der aber allgemein— ſeiner ſchö⸗ nen Blumenzucht halber— nur der„Blumen⸗ geiger“ hieß. Ein Spitzname, den ſich der Mann um ſo lieber gefallen ließ, als er ſich durch den⸗ ſelben in ſeinem Berufsgeſchäfte geehrt fühlte. Und fleißig war der Blumengeiger, das mußte man ihm nachſagen. Die Sonne fand ihn beſchäftigt, wenn ſie auf⸗ und niederſtieg, und Anns, ſein Weib, blieb in dieſer Tugend nicht hinter ihm zurück. Wenn man ſie nur auch ſonſt der Tugend ſo hätte xühn können. Da aber hopperte es ein wenig. Uebrigens ſagt die böſe Welt den Leuten oft auch Dinge nach, die nicht wahr ſind. Die Blumengeigern war ein dralles, kräftiges Weib. Schön nicht, aber auch nicht häßlich; kräftig und derb, wie es ihr Gewerbe mit ſich brachte, denn auch ſie war eines Gärtners Tochter. Kinder hatte ſie nicht und ſo konnte ſie ſich ihrem Geſchäfte ganz hingeben: dies aber beſtand hauptſächlich darin, daß ſie— während ihr Mann in Feld und Garten ar⸗ beitete— Gemüſe und Blumen feil hielt, oder auch letztere zum Verkaufe in den Häuſern herumtrug. Schlechte Geſchäfte machte dabei die Blumen⸗ geigern nicht, denn ſie war ſchlau und vor allen Dingen über die Maßen habſüchtig. Um Geld zu verdienen, war ihr alles feil. Ja, ihre Habſucht war unter den Nachbarn und Zunftgenoſſinnen ſo zum Sprüchwort geworden, daß dieſe in ihrer derben Weiſe, wenn ſie eine andere habſüchtige Frau be⸗ zeichnen wollten, riefen:„Ja! die verkauft auch Rock und Seele wie die Blumengeigern!“ Und doch hatte man mit ihr auch wieder gern zu thun, denn ſie war bei all' ihrer Derbheit heiter und luſtig und verſtand und liebte einen kecken Spaß. Aber ſonderbar! heute wollte die ſonſt ſo be— Der Rauß Straßburgs III. 13 — 194— triebſame Frau, wie es ſchien, nicht an ihre Berufs⸗ arbeit gehen. Wohl war der Mann mit der Frühe des Mor⸗ gens hinaus gegangen nach ſeinem Gartenfelde außerhalb der Stadt;... wohl ſtand vor dem Hauſe des Gärtners auf einer Steinbank ein großer mit Blumentöpfen und blühenden Gewächſen gefüll⸗ ter Korb, den die Frau auch heute— wie faſt täg⸗ lich im Sommer und Herbſt und wenn es gerade nicht Markttag war— in der Stadt herumzutragen beabſichtigte, um die Blumen in den Häuſern der reicheren Bürger zu verkaufen;... aber... der Korb war noch unberührt, die Blumen— es waren freilich nur noch die ſpäteſten Nachzügler des Som⸗ mers— warteten noch auf das Austragen, obgleich die Sonne ſchon ziemlich hoch ſtand. Die Frau des Gärtners ging dabei unruhig auf und ab, wie man zu thun pflegt, wenn man Je⸗ manden erwartet. Oft auch ſchritt ſie bis an das Ende des kleinen Hausgartens, hinausſehend nach der Straße. Aber es zeigte ſich Niemand. Sie rückte den Korb mit den Blumen aus der Sonne. Die armen Schelme hängten die Köpfchen. Sie begoß ſie. Noch Niemand! Fertig, zum Ausgehen angekleidet, war die Frau auch, und zwar— wenn gleich nur einfach und ganz in der Weiſe wie alle Mädchen und Weiber der Gärtnerzunft— doch ſehr reinlich. Die weißen Aermel des friſchen blanken Hem⸗ des ſchimmerten weithin in dem hellen Sonnenſcheine und wetteiferten ordentlich mit dem weißen Hals⸗ tuche, das die runde volle Bruſt nur leicht und halbverhüllend deckte. Sie ſah ganz gut aus, die Blumengeigern, mit ihren hellen Augen und rothen Wangen, die ihr— bei dem ſonnverbrannten Geſichte— den Ausdruck überſprudelnder Geſundheit gaben. Und wie die bräunlichen, runden Arme ſo friſch und kräftig gegen die weißen Hemdärmel abſtachen! Sie hatte ſelbſt ihre Freude daran; blieb ſie doch vor der kleinen Grube ſtehen, die mit Waſſer zum Begießen der Pflanzen gefüllt war, und ſchaute in deſſen Fläche ihr Spiegelbild an. Warum ſie wohl lächelte? Sie drückte mit beiden Händen die Röcke in den Seiten etwas herunter. So! Und das Mieder auch etwas. Die Figur war gleich ſchlanker. 13* — 196— Jetzt band ſie ſich das Strumpfband, das loſe geworden. Sie mußte ſelbſt dabei über die ſchöne Wade lächeln, die ihr die Fläche des Waſſers wiederſpiegelte. Auch das zweite Strumpfband ward jetzt gebunden. Von wem mochte ſie wohl die hübſchen Strumpf⸗ bänder haben? Von ihrem Mann? O nein! Ein einfacher, ſchlichter Gärtner kauft keine ſo feinen Sachen. War das nicht ein G von Perlen, was ſich in der Mitte eines jeden zeigte. Wieder mußte die Frau lächeln, als ſie das zweite Strumpfband mit dem Perlen⸗G über dem Knie befeſtigte. Ihr Mann— dem übrigens ein großer Reſpect vor dem Mundwerk ſeiner Ehehälfte eigen war— hatte ſie einmal gefragt, woher ſie denn die„Dinger“ hätte und was das G bedeute? „Von einer Freundin!“— hatte ſie, die Arme in die Seite geſtützt, geantwortet—„und das G bedeutet: Gott bewahre uns vor einem dummen und vorwitzigen Mann!“ Der Blumengeiger frug ſeit der Zeit nichts mehr der Art. 197 Die Strumpfbänder ſaßen jetzt feſt und die Frau richtete ſich auf. Es zeigte ſich noch immer keine Seele. Schon drei Stunden ſtand jetzt der Korb mit den Blumen auf der Bank;.. ſchon drei Stun⸗ den war die Frau zum Weggehen bereit;... wo⸗ ran mochte es fehlen? Sie verſäumte ſonſt keine Minute, und... wenn ſie zu einer Verſäumniß im Geſchäfte veran⸗ laßt wurde, ſo mußte ihr dieſe gut belohnt werden. Uebrigens war die Frau ſicher auch ſchon für die Verſäumniß an dieſem Morgen bezahlt, denn ſonſt hätte ſie nicht ſo freundlich darein geſchaut. Der Himmel hätte ſonſt auch Demjenigen gnä⸗ dig ſein dürfen, der ſie dazu veranlaßt. Sein Kopf wäre ohne Zweifel von einem wahren Gewitterregen von Schimpfworten mit obligater Blitz⸗ und Don⸗ nerbegleitung gewaſchen worden. Wirklich nahm ſie jetzt auch, wie zum Troſte, einen Ducaten aus der Taſche und liebäugelte mit ihm. Nach einigen Minuten ſteckte ſie ihn wieder ein. Noch Niemand! Aber halt! am da nicht Jemand der Straße her? Ja!... in der That. Aber der Jemand war nicht der Erwartete.. — 198— er hatte weder eine gelbe Weſte noch gelbe Hoſen an... trug auch keinen Stock! Die Figur war klein, der Kopf ſtack ſteif zwiſchen den ziemlich hohen Schultern. „Ach der iſt es!“ ₰½ ſagte die Frau des Gärtners mit verächtlichem Tone—„was will denn der hier?“ Es war Meiſter Wenck, der die Straße herkam. „Verwünſcht!“— ſetzte ſie dann hinzu— „und gerade jetzt. Wär' die Schneiderſeele doch wo der Pfeffer wächſt! Ich muß nur machen, daß ich den läſtigen Menſchen raſch wieder fortbringe. Wenn der Herr Stadtſchreiber wüßte... oder.. wenn gar Meiſter Wenck trat eben in den Garten, die Frau eilte ihm entgegen. „Guten Morgen Frau Geiger!“— rief der kleine Schneider der Gärtnerin freundlich entgegen. „Guten Morgen!“— entgegnete dieſe, eben nicht gerade in derſelben Weiſe. „Freue mich Euch noch zu treffen; fürchtete, Ihr wäret ſchon in die Stadt.“ „Geſchäfte!“— antwortete die Frau trocken.— „Mit was kann ich dienen!“ „Möchte einen recht hübſchen Blumenſtrauß ha⸗ ben!“— entgegnete Meiſter Wenck, und man ſah ihm an, daß er ſeelenvergnügt war. —* „Blumenſtrauß?“— verſetzte die Gärtnerin finſter—„hab' jetzt keine Zeit, einen ſolchen zu pflücken.“ „Auch nicht nöthig.“ „Soll ich ihn herbei hexen?“ „Warum das? da habt' Ihr ja mehrere in Eu⸗ rem Korb.“ „Sind beſtellt!“ „Alle drei!“ „Und was koſtet einer?“ Die Blumengeigern, ärgerlich über die peinliche Störung, nannte einen horribelen Preis. Wenck ſah ſie mit unendlich komiſcher Miene an. Da er dies Weib aber kannte, ſagte er weiter kein Wort, ſondern legte noch etwas mehr als ſie gefordert auf die Steinbank neben den Korb. Das wirkte. „So nehmt Euch einen davon. Ich verdiene nichts daran, denn ſie ſind jetzt ſchon ſelten und nur noch in Glashäuſern zu halten!“— ſagte die Frau des Gärtners etwas geſchmeidiger, und ſchob das Geld raſch in ihre Hand und in die Taſche. Wenck folgte und wählte ſich eines der Bou⸗ quette aus. „Und wenn Ihr wüßtet, Frauchen,“— fuhr er — 200— dabei fort—„für wen der Blumenſtrauß beſtimmt iſt und zu welchem Feſte.“ „Wie ſollt ich's?“ „Rathet!“ „Zu einer Hochzeit?“ „Pah!“ „Kindtaufe?“ „Auch nicht!“ „Nun ſo weiß ich's nicht.“ „Zu einem Geneſungsfeſte.“ „Und wer iſt geneſen?“ „Wer? einer der erſten und beſten Männer in ganz Straßburg.“ Die Frau ſchaute ſich ängſtlich um... indeß es zeigte ſich noch immer Niemand. „Und wißt Ihr, wen ich meine?“— fuhr der kleine Schneider redeſelig fort. „Nein!“. „Nun, für den Syndicus Frantz“ „Wie?“— rief die Blumengeigern überraſcht —„iſt der geneſen?“ N rief Wenck und die helle Freude ſtrahlte aus ſeinen lebhaften Aeuglein.—„Mit Gottes Hülfe iſt der edle Mann dem Tode ent⸗ gangen. Nun! wer weiß wozu's gut iſt. Heute zum erſtenmale beſucht er wieder— obgleich noch blaß — 201— und ſchwach— die Rathsſitzung... und da muß ich ihm doch meine Herzensfreude kund geben.“ „Man hat doch geſagt, er käme nicht davon.“ „Freilich! und es gibt vielleicht auch gottloſe Menſchen in und außer Straßburg, die es gewünſcht haben. Aber unſer Herr Gott hat Einſicht gehabt und hat der Stadt ihren beſten Mann erhalten.“ „Nun!“— rief die Blumengeigern ſpöttiſch— „ſo arg wird's auch nicht ſein. Es gibt noch andere tüchtige Männer i „Keinen beſſeren als den Syndicus, Himmel! war der arme Mann übel d ſeine Familie mit. Lag Wochen lang auf dem Tode, und Mutter und Tochter und. noch Jemand kamen nicht von ſeinem Bette. O! liebe Frau, da hättet ihr lernen können, was treue Liebe iſt. Wie haben ihn die gepflegt, Tag und Nacht und Nacht und Tag und gönnten ſich nicht einen Augenblick Ruhe.“ Die Frau des Gärtners blickte unruhig umher. „Und ſie hatten ihm bös eingebrockt!“— meinte der Schneider mit ſcharfer Betonung. „Ich muß fort!“— ſagte das Weib.—„Geht, Meiſter Wenck, ich muß fort,„ich habe in der Stadt zu thun.“ „Schön!“— aufhalten.“ „So lebt wohl!“ „Aber der Himmel wird's denen vergelten!“... „Wem? was?“ „Jenen, die die Suppe gebraut.“ „Ich verſtehe kein Wort.“ „Wäre nicht glücklicherweiſe die Milch geweſen.“ „Jetzt auch noch Milch? Meiſter, ich glaub' es rappelt bei Euch.“ „Aber ich ſagt's gleich: wer weiß wozu das gut war!“ Jetzt aber ward die Blumengeigern unangenehm. Es kam ihr vor, als ob ſich in der Ferne eine andere Geſtalt ſehen laſſe und raſch nähere. Sie vermochte ihre Unruhe nicht mehr zu bergen. „Adieu, Meiſter!“— ſagte ſie daher noch ein⸗ mal und diesmal kurz angebunden.—„Ihr geht am beſten hier hinaus.“ Und ſie öffnete ihm eine Thüre, die jener ent⸗ gegengeſetzt war, durch die Wenck in den Garten getreten, und die durch das Gärtnerviertel in das Innere der Stadt führte. Zugleich aber mit dieſen Worten ſchob ſie den kleinen Schneider gerade nicht auf das Zärtlichſte hinaus. „Daß ihn der Satan hole!“— murmelte ſie rief dieſer—„will Euch nicht — 203— dabei.—„Hätt' ich gewußt, daß der Strauß für den Syndicus Frantz iſt... er hätt' ihn wahr⸗ haftig nicht bekommen!“ Als Wenck den Garten verlaſſen, ſchloß ſie die Thüre, durch welche er hinausgegangen, ſorgfältig, und eilte nun auf die entgegengeſetzte Seite. Der vorhin in der Ferne geſehene Mann näherte ſich ſo ſchnell, daß die Bewegung ſeiner Füße mehr eine laufende als gehende war. Auffallen konnte dies indeß hier Niemanden. Das Häuschen der Blumengeigers lag ja, wie ſchon erwähnt, ganz am Ende des Gärtnerviertels; auch waren um dieſe Stunde nur einige Kinder zu Hauſe, da alle: Männer und Weiber, Söhne und Töchter, ſelbſt Großväter und Großmütter entweder in den Feldern und Gärten vor der Stadt oder auf dem Markte und an den Straßenecken mit dem Ver⸗ kaufe ihrer Produkte beſchäftigt waren. „Er iſt es!“— rief jetzt die Frau des Blu⸗ mengeigers in ſichtbarer Erregung. Richtig! der Dahereilende trug eine gelbe Weſte, gelbe Hoſen und einen dicken Stock. Als er der an der Gartenthüre harrenden Frau anſichtig wurde, blieb er plötzlich ſtehen, warf den. Stock, wie ſpielend, dreimal in die Höhe, fing ihn jedesmal wieder auf und ging alsdann raſch auf das Weib zu. — 204— Dieſe nahm ihm— ohne ein Wort zu ſagen— den Stock ab. Es mußte dies ein Verſtändigungszeichen ſein, ſo gut, als das eben vorgekommene Werfen des Stockes in die Lüfte. Jetzt ſchritt die Gärtnerin voraus, der Mann folgte. Er war in Schweiß gebadet,. mit Staub bedeckt. Man ſah ihm deutlich an, daß er einen weiten Weg laufend zurückgelegt. In der That ſank er denn auch, ſobald er das Gärtnerhaus erreicht, faſt ohnmächtig auf eine Holz⸗ bank. Aber es ſtand hier auch ſchon gebranntes Waſſer, Brod und Käſe für ihn bereit. Den Schweiß mit dem Aermel aus dem Ge⸗ ſichte wiſchend, nahm er das große Glas und goß es auf einen einzigen Zug hinunter. Noch war kein Wort zwiſchen den beiden Leuten gewechſelt worden. Aber.. die Frau des Gärtners hielt dem Manne die Hand entgegen, als erwarte ſie etwas von ihm zu erhalten. „Hier!“— ſagte jener endlich, zog unter der Weſte eine kleine lederne Taſche, die an einem Rie⸗ men hing, hervor und reichte ſie der Frau. Die Blumengeigern erfaßte ſie mit haſtiger Aengſt⸗ — — 205— lichkeit. Dann riß ſie das Halstuch von den Schul⸗ tern, ſchlüpfte mit dem Kopf durch den Riemen, ließ die Taſche zwiſchen den Mieder und ihre Bruſt hin⸗ abgleiten, warf das Halstuch wieder über, lief dann nach dem ſchon ſeit Stunden bereitgehaltenen Korb mit Blumentöpfen und hob ihn auf den Kopf. Sie war ſo eilig, ſo aufgeregt dabei, daß ihr— trotz der gewaltigen Muskelkraft ihrer Arme— der Korb beinahe wieder herabgefallen wäre. Als ſie ihn nun aber feſt auf dem Kopfe fühlte, eilte ſie— ohne ſich auch nur im Geringſten um den in ihrem Hauſe ſitzenden Mann zu bekümmern— davon und der inneren Stadt zu. Der Mann aber, der heute ſchon vier Stunden weit hergekommen und dieſen Weg von dem Orte an, wo ihm ein auf ſchweißbedecktem Pferd entgegen⸗ ſprengender franzöſiſcher Courier, der Abſprache nach, die Ledertaſche übergeben, faſt laufend zurück⸗ gelegt... ſchlief, nachdem er das Frühſtück einge⸗ nommen, vor Müdigkeit ein. Die Frau des Blumengeigers eilte indeß, ſo ſchnell ſie ihre Füße tragen konnten, dem Hauſe des Stadt⸗ ſchreibers zu. Hier angekommen, ſtieg ſie die Treppe raſch hin⸗ auf, öffnete ohne Weiteres eine Thüre und ſtand in dem Zimmer des Hausherrn. „ — 206— „Ha!“— rief Günzer, der augenſcheinlich in größter Erregung auf⸗ und abgegangen war und die Eintretende längſt erwartet hatte—„endlich! end⸗ lich! Iſt er gekommen?“ „Ich lief, wie der Herr Stadtſchreiber befohlen, auf der Stelle mit dem ſeit Stunden bereitgehaltenen Korbe wie ein Wieſel davon!“— ſagte die Gärt⸗ nerin, den Korb mit Günzer's Hülfe abnehmend und auf den Boden ſetzend. „Und die Taſche! die Taſche!“ Das Weib nahm das Halstuch weg und zog die Taſche aus dem Buſen. Günzer langte haſtig nach ihr; kaum konnte er erwarten, daß die Gärtnerin den Kopf erſt aus dem Riemen gezogen, an dem ſie hing. Jetzt zog er einen kleinen Schlüſſel hervor, den er ſelbſt an einer Schnur um den Hals getragen und öffnete das Schloß der Ledertaſche damit. Wenn Günzer— zum Tode verurtheilt— unter dem Galgen geſtanden, und nun in der Ledertaſche ſeine Begnadigung erwartet haben würde, hätten ſeine Bewegungen nicht haſtiger ſein können. Die Hände zitterten ihm, als er aufſchloß und nun eine Depeſche mit großem Siegel herausnahm. Es war Louvois Siegel,... die Adreſſe an Sieur Günzer von Plobsheim gerichtet. — 207— Mit flammenden Blicken überflog Günzer die Zeilen;... von Wort zu Wort heiterte ſich ſeine Stirne auf;... an die Stelle einer ängſtlich ge⸗ ſpannten und beſorgten Miene trat der Ausdruck höchſten Triumphes. Die Frau des Gärtners, die hier wie zu Hauſe ſchien, hatte ſich indeß auf einen Stuhl geſetzt, und den Stadtſchreiber beobachtet. Das Halstuch lag noch neben dem Korb an der Erde: die verwünſchten Strumpfbänder aber, mit dem Perlen⸗G, wollten heute gar nicht feſtſitzen. Als Günzer mit dem Schreiben zu Ende, band die Gärtnerin das eine derſelben gerade wieder feſt. Günzer's Blicke flammten... es brannte ihm im Kopfe, heiß ſchoß das Blut durch ſeine Adern er that einen Schritt vor... kehrte aber raſch um, als habe ihn eine Eiſenfauſt gepackt und reiße ihn zurück. „Wahnſinniger!“— flüſterte er dabei—„laß die Kindereien. Haſt du nichts Wichtigeres zu thun?“ Und nach einer Schublade ſeines Schreibtiſches eilend, nahm er eine Hand voll Ducaten, kehrte dann zu der Gärtnerin zurück und warf der Hocherfreuten dieſelben in den Schooß. „Das zum Dank für Deine Dienſte, Anna!“ — ſagte er dabei—„aber ſie ſind noch nicht zu — 208— Ende„ und„ Du mußt mir noch weitere Dienſte leiſten.“ Das ganze Geſicht der Frau des Blumengeigers war ein einziges, breites, ſtrahlendes Entzücken. So freigebig wie hente, war der Stadtſchreiber noch nie geweſen. Warum ſollte ſie ſich nicht gern zu allen weiteren Dienſten bereit erklären? Sie that es auch, und zwar mit einem ſo eigen⸗ thümlichen Lächeln, daß der Stadt⸗ und Rathsſchrei⸗ ber den Kopf ſchütteln mußte. „Verſtehe mich nicht unrecht, Anna!“— ſagte er dabei—„jetzt verlange ich einen Eid!“ „Einen Eid?“— wiederholte Anna erſtaunt— „Und worüber und wozu?“ „Daß Du von allen den geheimen Dienſten, die Du mir bisher geleiſtet und noch leiſten wirſt, gegen alle Welt— auch gegen Deinen Mann— bis in den Tod ſchweigen wirſt.“ „Gegen den Dummbart?“— rief das Weib lachend—„da hätt' ich viel zu thun, wenn ich dem alles auf die Naſe hängen wollte, was er nicht zu wiſſen braucht!“ „Aber auch gegen Niemand ſonſt!“ „Habt Ihr denn ſchon geſehen, Herr Stadt⸗ ſchreiber, daß mein Maul mit der Vernunft davon läuft?“ — 209— „Anna!“— ſagte der Stadtſchreiber und legte vertraut und zärtlich ſeinen Arm um ihre Hüften— „es gilt hier Geheimniſſe einer Art...„ „Was gehn mich Eure Geheimniſſe an. Ich will ſie nicht wiſſen. Wenn ich etwas dabei verdiene.. „Nun, ich meine, Du könnteſt heute zufrieden ſein!“ „Bei Gott! das bin ich auch.“ „Wenn Du aber noch Weiteres in dieſer Art verdienen willſt...“ „Sagt den Eid vor, Herr Stadtſchreiber!“— rief die Gärtnerin und hob die Finger der rechten Hand in die Höhe. Günzer ließ ſie nun in der That ihre Verſchwie⸗ genheit mit einen ſchweren Eide beſiegeln. „Und nun,“— ſagte er, als dies geſchehen— „höre!“ „Und was?“ „Haſt Du es mit den Blumen in Deinem Korbe gemacht, wie ich Dir geſagt?“ „Verſteht ſich!— Es ſind zwölf kleine Töpf⸗ chen mit Blumen darin und drei Bouquett.“ „Eins, zwei, drei.. ſechs neun zwölf richtig! Aber nur zwei Bouguetts!“ „Dann muß mir eins aus dem Korb gefallen ſein.“ „So mache raſch aus dem einen zwei!“ Der Raub Straßburgs Ir. 14 —— Die Gärtnerin that es, indem ſie ſich tief zu dem Korbe herabbeugte. Günzer trieb die Bewegung des Weibes das Blut nach dem Kopfe. Er ſah, da das Halstuch noch an der Erde lag, mehr... und Schöneres als Blumen. Aber hatte er denn nicht ein Zaubermittel in der Hand, das, wenigſtens für heute, alle ſinnlichen Regungen niederſchlug? Günzer hielt Louvois Depeſche vor ſeine Augen und.. die Beſinnung und kalte Ueberlegung kehrten zurück. Auch das Bouquet war jetzt in zwei Sträuß⸗ chen zertheilt. Die Frau des Blumengeigers richtete ſich auf. „Jetzt alſo, Anna, raſch!“— rief Günzer mit einer an ihm ganz ungewöhnlichen Energie.—„Es gilt die größte Eile. 12 Blumentöpfe und 3 Bou⸗ quetts macht 15 Stück. Hier haſt Du die genauen Adreſſen von fünfzehn der angeſehenſten Magiſtratsperſonen. Du gehſt nun— ſo ſchnell Dich Deine Füßen tragen, doch ſo, daß es kein Aufſehen erregt— zu einem jeden dieſer Herren, fragſt nach ihm ſelber, und übergiebſt einem Jeden verſtehſt Du mich?“. „Gewiß!“ „Einen der Blumentöpfe oder Sträuße und ſagſt merke genau!“ „Ich höre!“ „Ihn ſchickt Herr Stadtſchreiber Günzer: Gruß und Glück im Lande!... Behalten?“ „Sapperment!“— rief die Gärtnerin lachend —„ſeit wann halten mich der Herr Stadtſchreiber denn für ein Kind. Ich gebe jedem von den fünf⸗ zehn hochweiſen Herren einen Blumentopf oder einen der Blumenſträuße und ſage dabei: Ihn ſchickt der Herr Stadtſchreiber Günzer: Gruß und Glück im Lande!“ „Bravo!“— rief Günzer, umſchlang die Gärt⸗ nerin und gab ihr einen tüchtigen Kuß, den ſie auch ruhig hinnahm. „Und jetzt fort! fort! ſo ſchnell die Füße tra⸗ gen!“— ſagte Günzer und half der Frau den Korb aufnehmen.—„Acht Tage lang. Anna, dürfen wir uns jetzt nicht ſehen. Heute nach acht Tagen aber, komme wieder mit Blumen zu mir dann brauche ich ſehr ſchöne. Mußt mir alſo dann auch Zeit zum wählen laſſen und... „Adieu, Herr Stadtſchreiber!“— rief die Gärt⸗ nerin und war ſchon unterweges.—„Heute in acht „Tagen!“ 14* — 212— Günzer hielt ſich den Kopf. Herr! wie es da ſtürmte! „Bekommen die Fünfzehn die Blumen, ſo ſendet jeder von Ihnen ſofort, nach Abſprache, zu den ihm zugetheilten Freunden. In einer Stunde können wir, wenn ſich Anna nicht aufhält, an dem bewußten Orte zuſammen ſein. Aber der Teufel... dies Weib. doch was? was? was hab' ich jetzt mit ihr zu ſchaffen? jetzt, jetzt, da der durch jahrelange Arbeit heraufbeſchworene Augen⸗ blick des Sieges naht?!... Raſch vorwärts, die Würfel ſind gefallen! General Montelar und Oberſt von Alsfeld ſind unterweges. heute um Mitternacht... Hurrah!... iſt Straßburg ner Majeſtät, Ludwig XIV., König von Frankreich zu Füßen!“ Und Günzer drückte vor Entzücken beide Hände auf ſeine hochklopfende Bruſt. Er ſchaute dabei triumphirend in die Zukunft und ſchlürfte in gie⸗ rigen Zügen den Freudenbecher. ſeines nieder⸗ trächtigen Verrathes. Hannibal ante portas. Es war am Abende deſſelben Tages. Das Haus des Syndicus Frantz hatte in ſeinem Inneren ein feſtliches Gewand angezogen. Namentlich aber war dies in dem Stockwerke der Fall, welches die Familie bewohnte. Laubgewinde zogen ſich an der Treppe herauf und ſchmückten oben den Vorplatz, wandelten ſich hier aber in Blumengewinde, die in den reichen Farben der Herbſtflora prangten. Auch das Zimmer des würdigen Syndicus war bereits zierlich geſchmückt, und empfing gerade jetzt aus Mutter Hedwig und Alma's Händen die letzte ſinnige Ausſtattung, die aus einem, im Hin⸗ tergrunde angebrachten, von Guirlanden umfaßten Transparente beſtand, welches in ſchlichten aber tief⸗ gefühlten Worten die Geneſung des geliebten Gatten und Vaters feierte. — 214— Es war dies freilich ein Werk Hugo's; die ganze weitere Ausſchmückung aber war aus den Herzen und Händen der Mutter und Tochter her⸗ vorgegangen. Sie durfte ja als der reine, un⸗ gekünſtelte, natürliche Ausdruck ihrer innigen Freude angeſehen werden. Und einfache ungekünſtelte Naturen waren dieſe Beiden ja in der That;.. Naturen, bei welchen Geiſt und Herz auf dem rechten Flecke ſaßen, ſo daß klarer ruhiger Verſtand einer tiefen Empfindung die Wage hielt. Ein weibliches Weſen ohne Empfindung— ſei es nun Mädchen oder Frau— iſt und bleibt eine harte, kalte, zurückſtoßende Erſcheinung. Gewiß!.. dies waren hier Mutter und Toch⸗ ter nicht; noch weniger aber gehörten ſie zu den Allzuempfindſamen. Die Gattin des Syndicus wußte es— und ſie hatte es der Tochter theils angeboren, theils auch bei ihr durch kluge Erziehung zur ſchönen Aus⸗ prägung gebracht— daß ein wahrhaft gebil⸗ detes weibliches Weſen neben dem Sinn für alles Schöne und Gute, ſein Herz auch zarten Empfin⸗ dungen: jedem rührenden Eindruck, den tauſendfachen Leiden und Freuden ſeiner Mitmenſchen, zunächſt natürlich der ihm Nächſtſtehenden, offen halten muß. — 215— Nur— und das war ein Hauptgrundſatz in ihrem Weſen und ihrer Erziehung— nur um Gettes Willen hierin das ſchöne und richtige Maß gehalten! Die Stimmung des inneren Menſchen muß immer der Natur der Sache angemeſſen ſein und bleiben, wenn die Harmonie der Seele nicht ge⸗ ſtört und damit das ſchöne Gleichgewicht, dieſe Grundlage der Anmuth, aufgehoben werden ſoll. Und iſt dies nicht wahr? Iſt das weibliche Weſen nicht zu beklagen, das in dem Einen oder dem Anderen, in dem Entzücken oder in dem Schmerz, kein Maß und kein Ziel kennt? Und dann wie unendlich widrig tritt bei dem weiblichen Geſchlecht.— bei dem man vor allen Dingen Natur ſucht— jede Ucbertrei⸗ bung hervor. Iſt ſie allzugroße Lebhaftigkeit des Gefühls, nun... ſo muß ſie eine kluge Erziehung oder energiſche Selbſtbeherrſchung zu zügeln wiſſen; iſt ſie aber Ziererei vann% wehe! dann iſt ſie das Widerlichſte des Widerlichen! Der ruhige vernünftige Mann ſchätzt ein gefühl⸗ volles Herz gewiß unendlich hoch. Ziererei aber... wird er ſtets verlachen und verachten. Und wie oft wird ſolche Unnatur, ſolche Gefühlsübertreibung und eitle Spielerei mit Gefühlen, zur Urſache der peinlichſten Unzufriedenheit mit der eigenen Lage, — 216— zum Grunde des größten Elendes im häuslichen Leben. Die Hauptſache iſt daher bei jedem weiblichen Weſen— und dies gerade bewahrheitete ſich ſo ſchön bei Mutter Hedwig und namentlich auch bei Alma — daß das Gefühl ſich in jeder Lage des Lebens, bei jedem wichtigen Vorkommniß als wahr beweiſe. Die Gewohnheit, Andere zu täuſchen: namentlich beſſer, vornehmer und gebildeter zu erſcheinen, als man iſt, geht zuletzt gar leicht in Selbſttäuſchung über. Die Eitelkeit affectirt dann gewiſſe höhere Ei⸗ genſchaften oder unwahre Empfindungen ſo lange, bis man ſelbſt glaubt, ſie zu beſitzen. So aber wird man unzuverläſſig, falſch und unwahr. Daraus entſteht ferner die weibliche Empfin⸗ delei, die immer außer ſich— nicht freudig er⸗ faßt, ſondern„entzückt“ iſt!... nicht trauert, ſondern„vor Schmerz und Wehmuth ver⸗ geht,“... und ſich ſelbſt durch die unbedeutendſten Dinge in den Zuſtand der heftigſten Erſchütterung hineinheuchelt. Das alles iſt dann aber nicht mehr die ſchöne einfache, liebenswürdige und alle Herzen gewinnende Natur, ſondern Erkünſteltes und Nachge⸗ ſtümpertes; es iſt nicht mehr naturwüchſige Gefühlstiefe, ſondern Exaltation... es ſind„mit einem Wort, leere Grimaſſen! — 217— Nichts Abgeſchmackteres als ſolche gemachte Scenen der Rührung, der erkünſtelten Empfindelei. „Die Seufzer, die ſchmelzenden Blicke, die naſſen Augen verrathen alsdann doch bei aller Geläufigkeit das Erzwungene.“ Wie himmelweit von allem dem war Alma— als ſchönes Spiegelbild der trefflichen Mutter— entfernt. Sie war ja ganz Naturz... die ſchöne, einfache, durch eine ausgezeichnete Erziehung und eigene geiſtige und moraliſche Kraft, ſo wie durch feinen weiblichen Takt gehobene und veredelte Natur. Und hatte die Liebliche nicht gerade dadurch Hugo's Herz gewonnen? Den einfachen, natürlich empfindenden Mann— der den Werth des Weibes nicht nach äußerem Schein taxirt, oder auf der Wage der Sinnlichkeit wägt— kann ja nichts mehr feſſeln, als eine ſolche naturwüchſige Erſcheinung, eine ſolche ſchlichte lieb⸗ liche Blume im großen Menſchheitsgarten! Sie iſt ihm intereſſanter, als die„intereſſant ſein Wollendſte;“ aber ſie iſt ihm eben auch mehr als „intereſſant,“ denn ſie feſſelt ihn durch die Wahrheit ihrestiefen Gefühles und Gemüthes. So war denn auch heute bei Mutter Hedwig, bei Alma und Hugo die Freude wahr und tief ge⸗ — 248— fühlt, die in ihren Herzen bei der eben vorgenom⸗ menen Ausſchmückung des Hauſes und Zimmers ſchlug. O! es war ja ein großer,. ſeit langer Zeit vielleicht der größte Feſtag, den die Familie erlebt: der theure, geliebte, ſo innig verehrte Gatte und Vater war, nach recht gefährlicher Krankheit, den Seinen wieder gegeben. Heute zum erſtenmale hatte Syndicus Frantz die Rathsſitzung wieder beſuchen können, und jetzt erwarteten ihn Mutter Hedwig, Alma und Hugo von dieſem erſten geſchäftlichen Ausgange wie⸗ der zurück. Mutter Hedwig beſchäftigte eben in den Räumen des unteren Geſchoſſes der Empfang einiger lieben Freunde und Geſinnungsgenoſſen— die gleichfalls gekommen waren, den Syndicus bei ſeiner Rückkunft zu beglückwünſchen,— während Alma und Hugo in den für den alltäglichen Gebrauch beſtimmten Zimmern des oberen Stockes die letzte Hand an die ſchon angedeutete Ausſchmückung legten. „Hier, Hugo!“— ſagte jetzt Alma, und warf dem Geliebten einen ſo warmen innigen und freudigen Blick zu, daß dieſer ſie hätte umarmen mögen,— „hier laß uns das letzte Blumengewinde befeſtigen. Es wird an der hohen Rücklehne des Seſſels recht — 219— gut ausſehen. Setzt ſich alsdann der Vater hinein, ſo iſt es, als ob ihn die lieben Blumen in ihre Arme nähmen.“ „Du haſt recht!“— entgegnete Hugo von Zed⸗ litz, und half Alma ihren Gedanken ausführen.— „Nur bedaure ich die Blumen.“ „Bedaure?. wie ſo?“ „Ja nun, der Eiferſucht wegen, die ſie erfaſſen wird, wenn Du dem Vater um den Hals fällſt; denn alsdann umarmt ihn doch die ſchönſte und lieb⸗ lichſte der Blumen.“ „Schmeichler!“— entgegnete Alma leicht er⸗ röthend und doch mit einem ſo offenen, freundlichen Blick, daß Hugo ſich nicht halten konnte und ihr, über die Lehne des Seſſels hinüber, einen herzlichen Kuß auf die Wange drückte. Alma ließ es lächelnd geſchehen. Sie liebten ſich gegenſeitig wahr und offen,... ſo brauchten ſie keine zehn Gebote; denn wahre Liebe iſt die Sittlichkeit ſelbſt;... ſie trägt den Schutz und Schirm für ihre Reinheit und Keuſchheit in ſich. Und doch waren ſie zugleich ſo ſehr von dem Glück ihrer Liebe durchdrungen, daß ſie im Ganzen wenig darüber ſprachen... außer durch ſelige Blicke. Es lag in Beiden ein feſtes, ſchönes Bewußt⸗ — 220— ſein... Weichheit, Gefühlstiefe... und doch auch Kraft. Sie waren nicht leer in ihrem Inne⸗ ren, wie ſo viele Jünglinge und Mädchen: denn die Ideale des Menſchen ſtanden noch aufrecht, wie Göt⸗ terbilder, in ihrer Bruſt. Wie aber ſieht es dort aus, wo dieſe Götterbilder geſtürzt ſind? Wo das Ideal in der Menſchenbruſt ausgetilgt iſt, da verſchwinden mit ihm Tempel und Opferaltar. Zumal blieb Hugo bei aller Innigkeit ſeiner Liebe, doch auch ſeiner ſchönen feſten Männlichkeit treu. Er war ein Anderer, als ſo Viele, die.. ohne das heilige Feuer der Jugend, ohne Flügel, ohne große Plane, mit einem Wort ſo nackt in das kalte enge Leben hineinkrie chen, als die meiſten Menſchen aus demſelben heraus! Aber in Hugo's Bruſt glühte auch das ächte Kernfeuer. Sein feſtes männliches Wollen ging gleichmäßig durch ſein ganzes Leben; es gab ſich nicht in einzelnen ſtoßweiſen Wallungen kund, wie ſie bei leidenſchaftlichen aber ſchwachen Jünglingen vorkommen, ſondern als Charakterſtärke. Beiden war dabei ihre Liebe das Höchſte. Und da ſie gegenſeitig ſich ſelbſt und ihre Herzen durch und durch in dieſem Höchſten faßten— dieſer ſchön⸗ ſten Faſſung des ſchönſten Juwels— ſo waren ſie reicher als reich und glücklicher als glücklich. — W— Sie empfanden dies auch in dieſem Augenblicke ſo recht voll und wahr. Schon die freudige und dankbare Bewegung ihrer Herzen über die Geneſung des Vaters— Hugo nannte den Syndicus ja ſeit langer Zeit auch ſo— rief eine gehobene Stimmung in ihnen hervor, die die gemeinſame ſinnige Arbeit des Ausſchmückens, das Vorgefühl eines, wenn auch beſcheidenen, doch recht glücklichen und frohen Fami⸗ lienfeſtes, noch merklich erhöhte. Als ſie daher ihre kleine Arbeit vollendet und dem ſchönen Blumenſtrauß, welchen heute Morgen der ehrliche Meiſter Wenck überbracht, den Ehren⸗ platz auf des Vaters Schreibtiſch angewieſen, war es, als ob ſie eine ſtille Befriedigung, ein innerer allgewaltiger Zug zuſammenführe. Den Arm um die Geliebte geſchlungen, betrach⸗ tete Hugo mit Wohlgefallen das gelungene Werk, während Alma, den Kopf auf des Jünglings Schul⸗ ter gelegt, ſeinen Blicken mit Hlücklichem Lächeln folgte. Dann wandte ſich der junge Mann der Ge⸗ liebten zu und in die Tiefe ihrer Augen ſchauend, ſagte er: „Wie uns doch ſchon jetzt dies gemeinſame Füh⸗ len, Denken und Handeln ſo ſchön verbindet. Wie himmliſch, Anna, wird es erſt ſein, wenn wir uns Beide ſo ganz und gar und auf immer für das Leben angehören!“ — 222— „Ja!“— es wird ſchön, unendlich ſchön ſein!“—„ ſagte ſie leiſe und ihre Wangen färbte jenes eigene, jeden anderen Reiz übertreffende, mädchenhafte Er⸗ röthen, das nicht nur den liebenden Jüngling, ſon⸗ dern auch den reifen ernſten Mann, ja ſelbſt den Greis mit Zaubermacht zu erfaſſen vermag.—„Es wird ſchön ſein... und doch bangt mir manchmal vor dieſer Zukunft...“ „Es bangt Dir davor?“ „Weil ich ſie nicht zur Ggenwart werden ſehe. Mehren ſich denn nicht von Tag zu Tag die politiſchen Stürme? Wo iſt die Ausſicht auf die glückliche Zeit, auf die uns der Vater vertröſtet?“ „Auch ſie wird kommen!“ „Und auch hinter ihr liegen Stürme.“ „Stürme?!— o, liebes Herz!“— rief hier Hugo ernſt und innig zugleich und zog die Geliebte ſanft an ſich—„wenn wir erſt Eines ſind, ein liebendes, durch die Ehe verbundenes Pan dann laß die Stürme kommen. Dann halte Dich nur feſt an mich und unſere Liebe. Bleibe wie jetzt offen, treu, freudig und guten Muthes... dann werden wir alles überwinden, was von Außen auf uns einſtürmt;... ja! je mehr und je finſte⸗ rer es draußen ſtürmt, deſto lichter und glücklicher wird es in unſeren Inneren ſein! Glaube mir, her⸗ — W ziges Weſen, ich kenne meine Pflicht als Mann und freue mich darauf, ſie im vollſten Maße erfüllen zu können: die Pflicht des Mannes aher iſt, daß er das Weib ſeiner Wahl feſt an ſich ſchließe, ſchütze und führe;... daß er ſie ehrt, als das höchſte, das unverletzliche Heiligthum ſeines Hauſes und ſei⸗ nes Herzens, als ſeine Ehre, als ſeinen Schmuck, als die Bewahrerin edler und ſchöner Sitte, die kein hartes Wort, kein unreiner Hauch trüben darf.“ „Und wie leicht und ſüß ſoll mir die Pflicht einer guten Hausfrau und Gattin werden!“— ent⸗ gegnete, reines, ſeliges Entzücken im Auge, Alma. —„Wie will ich Dir, Du treue, gute, wackere Seele, ſtets mit Sanftmuth und Freundlichkeit ent⸗ gegen kommen, damit unſer gemeinſames Leben wic ein ſchöner Wohlklang, ein lang dahintönender reicher Accord ſei, in welchem ſich alle Mißtöne des äuße⸗ ren Lebens freundlich auflöſen. Ein ſchöner ſtiller Friede ſoll bei uns herrſchen;— ein Friede, der unſichtbar durch das Haus geht und Alles hinweg weiſt, was Streit hervorrufen kann. Und weißt Du, Lieber, welche Genien ich als Hausgötter alsdann auzunehmen gedenke?“ „Nun?“— frug Hugo mit mildem Lächeln, denn er kannte ja dieſe Götter ſchon aus dem Hauſe, in dem er ſich eben befand. . „Dieſe Genien ſind der Geiſt der Ordnung, der ſchlichten, ſchönen, bürgerlichen Sitte, des Fleißes und der Anmuth! Sie ſollen Dir Dein Haus zu einem Tempel ſtillen Wohlbehagens machen, ſo daß Du in ihm und bei mir am liebſten auf Erden wei⸗ leſt,.. am liebſten an dieſem treuen Herzen von den Mühen des Tages ausruheſt!“ „Liebe, gute Seele!“— rief Hugo, und ſeine Lippen brannten in einem langen warmen Kuſſe auf den ihren—„wie wollen wir glücklich ſein! Und damit dies Glück ſo recht voll und wahr werde, wollen wir uns noch Eines vorſetzen.“ „Und das wäre?“ „Wir wollen nicht neben einander, ſondern mit einander leben. Wir wollen nicht Dies oder Jenes, ſondern Alles mit einander theilen.“ „Ja Alles!“— wiederholte ſie—„Freud und Leid, Luſt und Schmerz, Glück und Unglück, . Leben„ und Tod!“ „Vorab das Leben!“— rief Hugo heiter und vertrauensvoll.—„Und was in dieſem Leben das Eine empfindet, das ſoll das Andere mitempfinden; — was die Seele des Einen berührt, das ſoll wie⸗ derklingen in der des Anderen. Vor allen Dingen aber ſoll ſich dieſem ſchönen Austauſch der Seelen Nichts verſchließen, Nichts dunkel und geſtaltlos 2— bleiben... ſondern“— und hier ward Hugo's Stimme faſt jubelnd—„ſondern frei und voll ſtröme in jedem Augenblicke das geiſtige Leben des Einen über in das des Anderen, auf daß Keines von uns mehr ſagen könne, was ihm davon ange⸗ höre, was es empfangen und was es wieder gegeben!“ „Sö ſei es ſagte Alma, und ſchlug freudig in die ihr dargebotene Hand des Geliebten.— Jetzt kam der Vater und wurde mit Jubel em⸗ pfangen. Mutter Hedwig ſah mit Freuden auf den erſten Blick, daß auch die heutige Rathsſitzung nicht unangenehm auf den Gatten zurückgewirkt hatte. Und ſie ſah in der That recht. Auf einige beunruhigende Gerüchte über Truppen⸗ bewegungen im Elſaß, und namentlich über eine Zu⸗ ſammenziehung ſolcher von Breiſach und Freiburg her, hatte man bei dem franzöſiſchen Reſidenten angefragt. Nun aber waren von Herrn von Friſchmann ſo gans und gar beruhigende Auskünfte eingegangen und heute dem verſammelten Rathe vorgelegt wor⸗ den, daß ſich ſelbſt die antifranzöſiſche Parthei durch dieſelben vollſtändig beruhigt erklärte. General Mont⸗ clar beabſichtigte nur eine Heerſchau.. und dieſe . hatte denn auch nicht allzuweit von der Gränze des Straßburger Gebietes ſtattgefunden. Der Raub Straßburgs III. 45 — 226— Uebrigens hatten in derſelben Sitzung die aus⸗ geſandten und wieder zurückgekehrten Kundſchafter auch ſchon die ganz beſtimmte Botſchaft davon ge⸗ bracht: daß ſich die franzöſiſchen Truppen ſofort wieder nach ihren Garniſons⸗Plätzen zurückziehen würden. Herrn von Friſchmann's Schreiben an den Rath erſchöpfte ſich dabei in den wärmſten Betheurungen der friedlichen und freundlichen Geſinnungen Frank⸗ reichs. So war denn auch der Syndicus für den Augen⸗ blick ziemlich beruhigt nach Hauſe gekommen, und da er den Seinen und ſich ſelbſt die Freude an dem heutigen Feſte nicht trüben wollte, ſo bannte ſein feſter Wille auch den letzten Reſt von Sorge aus ſeiner Seele. Sein ſchönſtes Dankgebet bei allen freundlichen Gaben des Himmels war ja ohnedem ſtets ein dank⸗ bar⸗freudiges Aufleben, ein heiterer Genuß geweſen. So ſollte es auch heute ſein. Freunde und Verwandte— gleichgeſinnte See⸗ len— hatten ſich ohnedem ſchon zum Beſuche ein⸗ gefunden und alle vereinte nun ein einfaches aber gutes Abendeſſen und weit über daſſelbe hinaus ungebundene Heiterkeit. Alma zeigte ſich vor allen Anderen glücklich. Hugo glaubte ſie noch nie ſo geſehen zu haben. Sie war heiter und leicht in ihrem Glück, ließ ihrem Witz und ihrer frohen Laune freies Spiel, und doch prägte ſich dabei in ihrem ganzen Weſen, in allem was ſie ſagte und that, eine ſolche natür⸗ liche Hoheit und Zierlichkeit aus, daß Aller Augen mit Entzücken auf ihr ruhten. Natürlich vor allen Dingen die des Geliebten. In Alma's einfachem Weſen lag ohnedem ein ganz eigener Zauber. Selbſt die geringſte Begeben⸗ heit ward durch die Art, wie ſie dieſelbe erzählte, ſo reizend wie ein hübſches Mährchen. Sie hatte dabei Sinn für alles Schöne, ohne dafür in Exal⸗ tation zu gerathen, und wenn ſie über irgend etwas mit erhöhter Theilnahme ſprach, ſo ſpielte in ihrem feinen Geſichtchen eine ganz eigene Muſik von geiſt⸗ vollen und lieblichen Mienen. Die Augen, die Blicke, die freundlichen Züge alles dies redete mit und alles ſprach zum Herzen. Namentlich war es dieſen Abend der Fall. Die glückliche Stimmung ihrer Seele kehrte ja alle ihre guten Eigenſchaften in erhöhtem Maße heraus: vor⸗ ab ihren hellen reifen Verſtand und ihren geraden geſunden Sinn. Hugo ſah ſie oft ſtaunend an, ſo viel Neues 45* — 228— und Schönes entdeckte er heute an ihr, obgleich er ſie ja ſchon lange kannte. Als im Laufe des heiteren und ungezwungenen Geſpräches einmal die Rede auf Freundſchaft kam, ſagte ſie: „Wenn ich es auch noch nicht erfahren habe, ſo glaube ich es doch zu fühlen, daß Freundſchaft bei ungebildeten Menſchen meiſt nur ein Mittel zum Fort⸗ und Durchkommen im Leben iſt,.. nicht Ziel und friſche Lebensluſt; bei ſteigender Bildung dagegen, wird das eigene Herz für das fremde er⸗ zogen; die Freundſchaft liebt ſich alsdann um ihrer ſelber Willen und wir achten ſie höher, als ihre Zeichen und Vortheile.“ Hugo drückte ihr die Hand, er wußte, daß, was ſie von Freundſchaft ſagte, ihr in erhöhtem Maße von der Liebe galt. Und dieſe Liebe zu dem trefflichen Mädchen, hatte ſie ihn denn jemals mehr beglückt als eben jetzt? Sie kam ihm wie ein breiter und tiefer Strom vor, in den er mit wonnigem Gefühle untertauchte; aber ſie erfüllte ihn auch zugleich als ein untheilba⸗ res und einfaches Gefühl ohne die leiſeſte Störung von unruhigem Streben. So blieb auch die Heiterkeit und die frohe Laune der Geſellſchaft den ganzen Abend und bis ſpät in — 229— die Nacht ungeſtört und ungetrübt: es ſetzte ſich ja keine Prätenſion an ihre Seite. Alle Anweſenden waren wirklich glücklich, und als die Freunde und Bekannten gegen zwölf Uhr— aus Rückſicht für den kaum Geneſenen— aufbre⸗ chen wollten, bat dieſer ſie ſelbſt, noch zu bleiben. Man that es gern. Mutter Hedwig holte noch ein paar Flaſchen alten köſtlichen Sect hervor, und ſo erreichte bei Scherz und Lachen die Gemüthlich⸗ keit und Luſt einen lang entbehrten Höhepunkt. Auch der Syndicus war heute einmal ſo recht glücklich. Sein feſter Wille hatte ja für dieſen Abend alle Sorgen der Politik und des Staatsregimentes abgeſtreift. Alle ſahen es ihm an. Einer der Anweſenden ſchüttelte ihm dabei die Hand und ſagte: „Wie freue ich mich, alter Freund, Sie heute ſo froh zu ſehen. Möge Sie uns der liebe Gott noch recht lange ſo erhalten.“ Der Syndicus nickte. ſagte er dann—„es bedarf da⸗ zu nur dreierlei.“ „Dreierlei?“— frug der Freund. „So iſt es?“ „Und was iſt das für eine Dreifaltigkeit?“— frug ein Anderer der Anweſenden. — 230— „Sie heißt!“— verſetzte der Syndicus freund⸗ lich—„Seelenruhe, Heiterkeit und Zufriedenheit: denn dies ſind die Grundlagen alles Glücks aller Geſundheit und eines langen Lebens.“ „Wohl!“— meinte der Erſtere—„aber das ſind keine Mittel, die wir uns ſelbſt geben können.“ „Warum nicht?“ „Weil ſie gar oft und gar zu ſehr von den äußeren Verhältniſſen abhängen.“ Der Syndicus ſchüttelte lächelnd mit dem Kopfe: „Scheint mir doch nicht ganz ſo!“— ſagte er dabei. „Mir auch nicht!“— meinte Mutter Hedwig, indem ſie die Gläſer auf's Neue füllte—„denn ſonſt müßten ja die Großen und Reichen die Zu⸗ friedenſten und Glücklichſten, die Armen aber die Unglücklichſten ſein. Die Erfahrung zeigt aber gar häufig das Gegentheil.“ Der Freund ſchien zu zweifeln. „Es iſt doch ſo, mein Beſter!“— fuhr Frau Hedwig fort.—„Es exiſtirt zuverläſſig mehr Zu⸗ friedenheit in der Dürftigkeit, als bei den Reichen und Großen!“ „Ihr lieben Leutchen!“— rief hier der Syn⸗ dicus, und ſein ausdrucksvolles Geſicht, mit den feinen bedeutungsvollen Zügen, ſtrahlte in Freund⸗ „ — 231— lichkeit und Wohlwollen,—„die Quellen der Zu⸗ friedenheit die liegen in uns ſelbſt. Wir müſſen ſie nur ſorgfältig aufſuchen und benutzen. Seelen⸗ ruhe kann ſich aber auch Jeder, der ernſtlich will, aneignen und wer etwas Lebensphiloſophie hat, dem bleibt am Ende auch— wenn es nicht gar zu ſchlimm geht— innere Heiterkeit!“ „Ja! wenn es nicht gar zu ſchlimm geht!“— wiederholte der Freund, und dachte daran, wie doch die Sorgen um die Vaterſtadt den guten Syndicus ſelbſt für gewöhnlich niederbeugten. Der alte Herr aber leerte ſtill lächelnd ſein Gläschen und rief: „Kinder! ich ſage Euch nochmals: wollt Ihr lange leben und geſund und heiter bleiben, dann hört auf mich. Erlaubt mir, daß ich Euch in dieſer ſchönen Stunde, obgleich ich kein Arzt bin, das Recept da⸗ zu verſchreibe.“ „Ja, Väterchen!“— rief hier Alma, die hinter den Seſſel des Vaters geſprungen war und dem Syndieus jetzt freundlich mit ihrer kleinen zierlichen Hand auf die Wangen klopfte—„)j, Väterchen, verſchreibe uns Allen dein Recept!“ Der alte Herr küßte ſie mit einem ſtrahlenden Blick väterlichen Stolzes auf die Stirne. „So hört!“— ſagte er dann, das geliebte Kind, — 232— das ſich an ihn lehnte, mit dem Arm umſchlingend: —„Vor allen Dingen muß ſich der Menſch zum Herren ſeiner Leidenſchaften machen. Wer ſich immer durch Leidenſchaften hin und her treiben läßt, fällt aus einem Extrem, aus einem epaltirten Zuſtande in den andern. Das reibt auf, Kinder, das konſumirt das innere Leben fürchterlich! Aber das iſt's nicht allein: um Seelenruhe, Heiterkeit und Zufriedenheit— dieſe Grundlagen alles Glücks, dieſe Geſundheits⸗Erhalter und Lebens⸗Verlängerer — zu gewinnen, müſſen wir auch ein Herz voll Vertrauen und Menſchenliebe beſitzen. Man halte jeden Menſchen für gut, bis man durch unwider⸗ ſprechliche Beweiſe vom Gegentheile überzeugt iſt, und ſelbſt dann müſſen wir ihn als einen Irrenden betrachten, der mehr unſer Mitleid, als unſeren Haß verdient.“ „Gewiß!“— fiel hier Mutter Hedwig ein— „und er würde wohl ebenfalls gut ſein, wenn ihn nicht Mißverſtand, Mangel an Erkenntniß oder falſchverſtandenes Intereſſe verführten. Wehe dem Menſchen, deſſen Lebensphiloſophie darin beſteht, Niemanden zu trauen!“ „Sein Leben“— fuhr der Syndicus fort— „wäre allerdings nur ein einziger immerwährender Krieg, und wie könute da an Heiterkeit — — 233— und Zufriedenheit gedacht werden. Je mehr man Allen um ſich herum wohl will, je mehr man An⸗ dere glücklich macht, deſto glücklicher wird man ſelbſt. Aber!“— rief hier der alte Herr und hob ſein Gläschen—„und dadurch ſind wir ja auf dies Ge⸗ ſpräch gekommen,.. auch Freude iſt eine der größten Lebenspanaceen. Man glaube doch nicht, daß immer ganz ausgeſuchte Gelegenheiten und Glücks⸗ fälle dazu nöthig wären, ſie zu wecken. Durch die eben geſchilderte Seelenſtimmung macht man ſich da⸗ für empfänglich, und da wird es an Gelegenheit nicht fehlen, ſich zu erfreuen. Keine ſchönere und lebensverlängernde Freude gibt es aber wohl, als die.. die wir im häuslichen Glück und in dem Umgange mit frohen und guten Menſchen finden. Und darum, Ihr Lieben, macht es wie ich, ergreift Euer Gläslein und ſtoßet mit mir an es lebe das häusliche Glück und Freude allen guten Menſchen!“ Mitternachtsſchläge hinein. „Mitternacht!“— riefen Mehrere— jetzt aber iſt es Zeit.. Da! da! plötzlich. verſtumm⸗ ten Alle. „Was war denn das!“ frug der Syndicus. „Mir deucht, es hat in der Ferne geſchoſſen!“ — entgegnete Hugo, das Fenſter öffnend. „Am Ende iſt gar Feuer in der Stadt ausge⸗ brochen!“— rief Alma erſchrocken.—„Die armen Menſchen die es betrifft!“ Alle liefen nach ihren Kleidern. Aber wie? „Hört Ihr nichts?“— ſagte jetzt der Syndicus, der mit einemmale blaß wie der Tod geworden war, als ob ein furchtbarer Gedanke ihn durchzuckt hätte, —„noch ein Schuß!... noch einer!... maſ⸗ ſenweiſe „Was iſt das?“— riefen Alle. „Um Gottes Willen, was ſoll das bedeuten?“ „Was das bedeuten ſoll?“— rief jetzt der Syn⸗ dicus hoch aufgerichtet, und ſeine Augen flammten wie die eines Löwen,—„was das bedeuten ſoll?“ — wiederholte er und ſeine Stimme bebte... und das Glas, das er bis jetzt in der Hand ge⸗ halten am Boden zerſchmetternd, ſetzte er mit einem Schmerzensſchrei hinzu—„Ha! das bedeutet Ver⸗ rath!“. „Verrath?“— wiederholten Alle erblaſſend. — 235— „Ja! ja! Verratht“— rief der Syndicus noch einmal—„darum die faſt übertriebenen Freund⸗ ſchaftsverſicherungen Frankreichs in der heutigen Sitzung! darum!.. O Gott!. Gott! das iſt Montclar, der von ſeiner Heerſchau kommt!„ Jetzt, mit einemmale auch fingen die Glocken der Kirchen⸗ und Feſtungsthürme zu ſtürmen an. dann: ein. zwei drei ſchwere Schläge. „Die Alarmkanonen der Wälle!“— riefen Alle und rannten durch einander, nach Mütze und Stock, Tuch und Ueberwurf. Auch Hugo kam jetzt athemlos zurück; da er am Fenſter nichts Genaueres hatte vernehmen kön⸗ nen, war er herab auf die Straße geeilt. Aber auch hier wußte man nicht, was dies nächtliche Schießen zu bedeuten habe. „Nur ſo viel iſt gewiß!“— rief Hugo nicht minder blaß als der Syndicus—„daß die Schüſſe an oder in der Gegend der Rheinſchanze fielen!“ „Und was hältſt Du, Junge, davon?— rief der Syndicus jetzt. „Daß Gott die Sonne über dieſem Hof von Frankreich verfinſtern möge!“— ſtieß Hugo zähne⸗ knirſchend heraus—„denn Alles müßte trügen, wenn dies nicht ein elender nichtswürdiger Friedens⸗ — 236— bruch iſt, ein Raubanfall nach den heiligſten Freund⸗ ſchaftsverſicherungen mitten in Nacht und Dunkel!“ „So iſt es, Junge!“— rief der Syndicus— „meinen Rock, meine Amtsmütze...“ „Was willſt du Vater?“— riefen Mutter und Tochter zugleich.— „Meine Pflicht thun, wie immer.... Auf die Pfalz will ich und.. „Aber bedenke, du warſt erſt ſo krank!“— fleh⸗ ten Hedwig und Alma. „Die Zeit iſt kränker, wie ich... ſie leidet an Schurkerei!“— rief der Alte, die Weiber abwehrend, —„meinen Ueberwurf, meine Mütze!“ Hedwig und Alma flehten,... von Ferne tönte das Schießen noch immer fort,... die Sturm⸗ glocken heulten,.. die Alarmkanonen warfen ſchauerlich ihre Schläge dazwiſchen,.. auch die Signalhörner ſtöhnten jetzt in die Nacht hinaus, die Bürgerſchaft und Zünfte auf die Sammelplätze rufend. Der Syndicus war zum Wegeilen fertig. auch Hugo. Die Gäſte waren bereits alle nach Hauſe geſtürzt. „Und nun fort!“— rief der Syndicus mit einer Energie, die einem jungen Manne Ehre gemacht haben würde,—„fort! und Gott ſchütze Euch und unſere gute Stadt!“ — 237— Aber in demſelben Augenblicke flog die Thüre weit auf und Wenck— bis unter die Zähne be⸗ woaffnet— ſtürzte mit einem vor Zorn und Wuth rothglühenden Geſichte herein; ſeine Augen ſtanden ihm faſt vor den Höhlen, ſeine Stirnadern waren dick und blau angeſchwollen, der Kopf ſaß— da die auf's Aeußerſte erregte Leidenſchaft der Gewohn⸗ heit nach wirkte— noch tiefer als ſonſt in den Schultern. „Himmel⸗ und Höllenſakrament!“— rief er jetzt, alle Rückſichten in ſeiner ganz unbeſchreiblichen Wuth über Bord werfend,—„da haben wir nun die Beſcheerung! Das ſind die Folgen, wenn Lan⸗ desverräther im Rath ſitzen und die Regierung lei⸗ ten. Hätten lieber gleich alle Feſtungswerke ſchleifen ſollen, wie ſie die Rheinſchanze demolirt haben, wäh⸗ rend der Herr Syndicus krank waren. Da haben wir's nun!“ „Was denn?“ „Was iſt geſchehen?“ „Die Rheinſchanze? ſagt' ich's doch?“ „Was iſt mit ihr?“— tönte es durcheinander. „Was mit ihr iſt, Herr Syndicus?“— rief der kleine Schneider und ſtreckte dabei die beiden Arme mit den geballten Fäuſten weit vom Körper ab—„was mit ihr iſt? Beim Teufel iſt ſie! Die Franzoſen haben ſie überfallen und genommen!“ Alle bebten zuſammen, als ob ein Stich ihr Herz getroffen. „Die Franzoſen 2!... genommen? in der Nacht... Mitten im Frieden?!“— rief Mutter Hedwig. „O! warum waren wir ſolche Dummköpfe, den Verſicherungen zu glauben!“— rief Wenck. „Und wißt Ihr gewiß, Wenck“— frug jetzt haſtig der Syndicus—„daß die Rheinſchanze von Franzoſen überfallen und genommen wurde?“ „Leider! leider!“ „Dann raſch an unſere Stellen!“— rief der alte Herr—„jſetzt gilt es zu handeln!“ Und mit dieſen Worten eilten der Syndicus, Hugo von Zedlitz und Wenck davon. Aber welche unnennbare Verwirrung und Auf⸗ regung herrſchte jetzt in der Stadt. Alle Welt rannte in der Dunkelheit durchein⸗ ander. Niemand wußte noch Genaueres über das, was geſchehen ſei. „Die Franzoſen!“ „Die Franzoſen ſind da!“ „Die Rheinſchanze iſt genommen!“ „Die ganze Stadt iſt umzingelt!“ „Bürger heraus, die Feinde! die Feinde!“ „Auf die Wälle!“ — 239— „Zu den Waffen!“ „Nieder mit den Verräthern!“ „Nieder mit Friſchmann, dem Heuchler, dem Lüg⸗ ner! dem franzöſiſchen Hunde!“ „Nieder mit den Verräthern im Rath!“ „Die Geſchutze auf die Wälle!“ „Heraus! heraus! Bürger heraus!“ „Tod und Verdammniß den Verräthern!“ So rief und ſchrie und heulte es durch die Nacht und fernher noch immer Schüſſe.. und von den Thürmen das Aechzen der Sturm⸗ glocken... und von den Wällen die Schläge der Alarmkanonen.. und in den Straßen die Sig⸗ nalhörner!... Alles lief und rannte die Magiſtratsper⸗ ſonen nach dem Rathhauſe, der ſogenannten Pfalz; . die Bürger, bewaffnet und unbewaffnet, nach den Sammelplätzen der Zünfte und auf die Wälle die wenigen dienſtfähigen Söldner nach den Thoren, um dieſe ſtärker zu beſetzen,. Weiber mit fliegenden Haaren, in der Eile nur halb beklei⸗ det, an die Straßenecken, um zu hören und zu ſehen, was es gebe! Und dabei die Dunkelheit, hie und da nur durch ſchnell herbeigebrachte Pechfackeln unſicher und flackernd erleuchtet. — 240— Was aber das Schlimmſte war, es fehlte überall an Ordnung und Leitung. Ein großer Theil der Rathsherrn hatte den Kopf verloren... Stadtcommandant von Jeneggen war nicht zu finden.. die Söldner hatten nur einen einzigen dienſtfähigen Offizier, während überhaupt die Hälfte von ihnen und mehr krank darniederlagen die Offiziere und Hauptleute der bewaffneten Bürger und Zünfte fehlten zum Theil am Platze, oder wußten ebenfalls nicht, was zu thun ſei, oder geriethen gar mit einander in Streit, weil der Eine dies, der Andere jenes wollte. Wer ſollte nun befehlen? wer ordnen? Wie und von wem ſollten die weitläufigen Wälle und Feſtungswerke der großen Stadt beſetzt werden? Es war dies ja gar nicht möglich und hätte man auch ſämmtliche Söldner und Bürger zuſammenge⸗ nommen... und dann... von den Letzteren war ja ohnehin eine ſehr bedeutende Zahl auf der Frank⸗ furter Meſſe. Man ſchrie nach dem Schlüſſel des Zeughauſes, um die Geſchütze auf die Wälle zu fahren. Hatte in Jeneggen ihn Händen oder der Rath? . Niemand wußte es. Und der Magiſtrat ſelbſt?... Von ihm wollte ein Theil der Bürger Rath, Hülfe, Aufklärung, — 241— Befehle.. ein anderer wüthete gegen denſelben und ſchob ihm alle Schuld an dem Unglücke, an der Verwirrung zu oder ſchrie gerade zu: er habe die Stadt verrathen. Maſſen ſtürmten daher nach dem Rathhauſe: ſchreiend, ſchimpfend, fluchend! Und wahrlich! in der. Rathsverſammlung ging es nicht viel beſſer her. Auch hier herrſchten Unord⸗ nung, Verwirrung, Unentſchloſſenheit und die finſter⸗ ſten Leidenſchaften. Nur ein kleiner Theil der Raths⸗ glieder behielt den Kopf oben: an ihrer Spitze Syn⸗ dicus Frantz und Dominique Dietrich. Der Rathsſchreiber war zu Herrn von Friſch⸗ mann geeilt, um von dem franzöſiſchen Refidenten Names des Senates Erklärung über dieſen Angriff zu verlangen. Jetzt kam er mit der Meldung zurück: Herr von Friſchmann betheure hoch und heilig, daß er ſo wenig von der ganzen Sache wiſſe, als der hochweiſe Senat ſelbſt. Und er log hier nicht... Monſeigneur Louvois hatte es nicht für nöthig erachtet, den Reſidenten da⸗ von zu benachrichtigen. Nur die Weiſung war Friſch⸗ mann zugegangen; dem Magiſtrate von Straßburg bei allenfallſigen Anfragen wegen Truppenzuſammen⸗ ziehungen und Bewegungen die beruhigendſten und wärmſten Freundſchaftsverſicherungen zu geben. Der Raub Straßburgs I. 16 — 242— Er that es, und unterdeſſen?... hatten auch die vier Couriere ihre Pflicht gethan, die Louvois nach Herrn von Chamilli's Zurückkunft und Bericht abgeſandt: Der Befehl zum Raube Straß⸗ burgs war gegeben! General Montclar, der im Elſaß commandirte, zog ſofort— unter dem Vorwande über ſeine Trup⸗ pen Heerſchau halten zu wollen— 30,000 bis 35,000 Mann zuſammen. Sie paſſirten auch wirklich die Muſterung... nur ſetzte ſich zugleich der Obriſt von Alsfeld mit einer ſtarken Abtheilung in Be⸗ wegung und ſchlug merkwürdiger Weiſe den Weg nach Straßburg ein, ja er beſetzte noch denſelben Abend leiſe und vorſichtig die in der nächſten Nähe der Stadt liegenden Gehölze, in welche man bereits Kriegsvorrath gebracht. Niemand hatte davon eine Ahnung. Um Mitter⸗ nacht aber brach Alsfeld hervor und ſtürzte ſich mit ſeiner ganzen Abtheilung auf die nur ſchwach beſetzte, ſchon früher auf Louvois Wunſch und freundſchaft⸗ lichen Rath halb demolirte Rheinſchanze. Natürlich fiel ſie nach kurzem Gefecht in ſeine Hände. Der Poſten wurde genommen und die kleine Beſatzung, ſoweit ihr nicht die Flucht in die Stadt gelang, zu Gefangenen gemacht. So ſtellte ſich auch jetzt die Sache heraus. — 233— Aber war das alles? mußte man jetzt nicht ſtündlich auch von anderen Seiten Ueberfälle, viel⸗ leicht eine vollſtändige Ueberrumpelung und Erſtür⸗ mung der Stadt befürchten? uUnd war es denn in der That möglich, daß eine ſolche himmelſchreiende Ungerechtigkeit, ein ſo offener Friedensbruch, eine ſo beiſpielloſe Schandthat von der franzöſiſchen Regie⸗ rung ausgehe?.. Oder war die ganze Sache nur ein Mißverſtändniß?. oder ein Uebergriff mili⸗ täriſcher Befugniß von Seiten des Oberſten von Alsfeld oder des General Montclar? Das vor allen Dingen mußte man wiſſen. Indeß hatten ſich jetzt auch, nach dem erſten paniſchen Schreck und dem Rufe Hannibal ante portas! die tüchtigeren der Bürger im Magiſtrate wie im Volke eingefunden. Heulten auch noch die Sturmglocken und Sig⸗ nalhörner, lärmten auch noch die Trommeln durch die Straßen, erſchallte auch noch allüberall lärmen⸗ des Geſchrei, wälzten ſich auch noch Volkshaufen hin und her Wenck, Hugo von Zedlitz und ähnliche wackere Männer hatten doch bereits, wenn auch mit Mühe, Ordnung unter die bewaffneten Zünfte gebracht. Bürgerſchaft und Miliz eilten auf die Wälle, um ſich bei allenfallſigen weiteren Ueber⸗ fällen zum Kampfe zu ſtellen. 16* — 244— Auch im Magiſtrate hatte die entſchiedene und patriotiſche Parthei raſch geſiegt und die Ordnung hergeſtellt. Mit der Schnelligkeit, welche die peinlichſte Lage von der Welt, die drohende Gefahr eines Umſturzes der Republik, der argliſtige Ueberfall eines unver⸗ ſöhnlichen und überlegenen Feindes nothwendig mach⸗ ten, wurden jetzt die dringendſten Maßregeln getroffen. Mehr als ſechszig Bürger mit ihrer Dienerſchaft hielten vor dem Rathhaus Wache— auch Reſident Friſchmann, den das Volk in ſeiner Wuth nieder⸗ machen wollte, empfing eine ſolche;— der Senat blieb in Permanenz verſammelt und von allen Sei⸗ ten fuhr man Kanonen auf die Wälle. Zugleich aber wurden auch Parlamentaire an den Oberſt von Als⸗ feld und wiederholt an Herrn von Friſchmann ge⸗ ſandt, um zu erfahren, was ein ſo trotziger Angriff, ein ſo unerwarteter Friedensbruch bedeute;... wie es komme, daß nach allen Verſicherungen des Königs, nach den ſchweren Bürgſchaften, welche die Stadt für ihre Neutralität geliefert, dieſelben auf ſo ſchmäh⸗ liche Weiſe zerriſſen würden.*) Auch Couriere mit Depeſchen an den Kaiſer und *) Fr. v. Raumer's hiſt. Taſchenb. N. F. 4. J. 78, Coste 70. Strobel. V. 126 etec. — 245— den Reichstag in Regensburg wurden ſogleich abge⸗ ſandt. Es waren dringende Noth⸗ und Hülferufe! Indeß verharrte die ganze Bürgerſchaft in namen⸗ loſer Angſt und Aufregung. O wie langſam ſchlich die Zeit dahin, bis die Parlamentaire zurückkamen. Endlich!... endlich! Der Reſident blieb bei ſeiner Verſicherung, mit dem Vorgefallenen in keinerlei Einverſtändniß zu ſtehen. Oberſt von Alsfeld aber geſellte— nach Louvvis Manier, vielleicht ſogar in deſſen Auftrag — der ſchmählichen Gewaltthat auch den Hohn bei: „General Montclar“— antwortete er in glatten Worten—„habe für gut gefunden ſo zu handeln, weil er in Erfahrung gebracht, daß kaiſerliche Trup⸗ pen in den Paß gelegt werden ſollten. Der Stadt werde dadurch alſo. ein wirklicher Dienſt geleiſtet!“ Dieſer Hohn empörte alle rechtlichen Männer im Senate auf das Höchſte; während die Angabe von den kaiſerlichen Truppen eine lügenhafte Erfin⸗ dung war. Aber auch ein zweiter Parlamentair kam unver⸗ richteter Sache, wenn auch mit einer Botſchaft zu⸗ rück, die wie ein zerſchmetternder Blitz auf die pa⸗ triotiſche Parthei niederfuhr: Man hatte dem Oberſt von Alsfeld bewieſen, —3 daß auf fünfzig Meilen in der Runde gar keine kaiſerlichen Völker anzutreffen ſeien und die ſchwache Beſatzung von Philipps⸗ burg ein ſolches Unternehmen nicht wagen könne: darauf lachte der Oberſt und entſchuldigte ſich mit dem von General Montelar erhaltenen Befehle, dem er blindlings zu folgen habe. Indeß— und das war der zerſchmetternde Blitz— möge ſich hochwei⸗ ſer Magiſtrat nur bis zum Morgen gedulden, bis dahin.. werde General Montclar ſelbſt da ſein und beſſere Auskunft geben können. Die eiſernen Würfel des Kriegsſpieles waren alſo gefallen! „Hannibal ante portas!“— rief Syndicus Frantz todtenbleich, während ſein finſterer Blick Günzer traf:—„Hannibal ante portas!“ Werden ihm die Verräther unter uns nun auch noch die Thore öffnen?“ Ein furchtbarer Sturm entſtand als plötz⸗ lich die Nachricht eintraf: Louvois ſei in Brei⸗ ſach.. der König auf dem Wege nach Straßburg. Alles ſchwieg... bleich und ſtarr wie Mar⸗ morſtatüen ſaßen ſie da, die ernſten Geſtalten... in den Augen des Syndicus Frantz aber.. blitzte eine Thräne. ſie fiel auf die Leiche.. der vielhundertjährigen Republik Straßburg. Ein ſchwerer Tag. Es war eine furchtbare Nacht geweſen, die über Straßburg dahingezogen... furchtbar namentlich durch die Aufregung, in welcher ſie die ganze Ein⸗ wohnerſchaft erhielt. Standen doch Tauſende und Abertauſende in der Dunkelheit lauſchenden Ohres auf den Wällen, jeden Augenblick, von hier oder dort aus, einen neuen Ueberfall erwartend. Da kam der Morgen und mit ihm wälzte ſich, von General Montelar geführt, eine Armee von ca. 30,000 Mann der Stadt zu. Wie ungeheuere dunkele Wogen ſah man von der Höhe des Münſters herab ſchon beim erſten Morgengrauen gewaltige Truppenkörper von allen Seiten heranziehen. Der Magiſtrat war, wie natürlich, in Perma⸗ nenz beiſammen geblieben. Die furchtbare Lage der — 248— Stadt hatte die Stürme beſchwichtigt. Günzer und die Seinen thaten, als ſeien ſie außer ſich vor In⸗ dignation über das, allem Völkerrecht widerſtreitende Verfahren Frankreichs; Syndicus Frantz und die pa⸗ triotiſch und deutſch Geſinnten ſaßen finſteren Blickes, entſchloſſen, das Aeußerſte zu wagen. Konnten ſie doch noch immer auf den überwiegenden Theil der Bürgerſchaft und Zünfte rechnen. Wenn die Stadt ſich nur muthig hielt, bis Hülfe von Außen, von Philippsburg oder ſonſt kam. Straßburg war ja noch nie eingenommen worden,... Straßburg hatte vor Karl dem Kühnen, Heinrich II., vor der zahl⸗ reichen Armee der Schweden und Franzoſen während des dreißigjährigen Krieges unverletzt beſtanden und ſeine Freiheit und Selbſtſtändigkeit gerettet; warum nicht auch jetzt? Und wenn auch von einer gewaltigen Armee bedrängt, war es denn anzunehmen, daß Ludwig KIV. ſeine Willkür ſo weit treiben werde, einen offenbaren Raub am deutſchen Reiche zu begehen und mit Waffengewalt einen Friedensbruch zu wagen, der jedes Recht mit Füßen treten und vielleicht ganz Europa zu einem Kriege entzünden werde? Es kam darauf an. und.. die patriotiſche Parthei im Magiſtrate und in der Bürgerſchaft war entſchloſſen, das Aeußerſte zu wagen. — 249— Daß die ſchwachen Gemüther unter dieſen Um⸗ ſtänden Angſt und Beſtürzung beherrſchte, daß ſie und die Halben nun völlig allen Halt verloren, war natürlich. Dafür aber traten— wie ſtets in ſolchen Zeiten — die Männer von Kraft und Charakter deſto ent⸗ ſchiedener hervor. Ammeiſter Dominique Dietrich und Syndicus Frantz nahmen jetzt die Sache in die Hand und merk⸗ würdigerweiſe ſchloß ſich ihnen diesmal Stadt— und Rathsſchreiber Günzer unbedingt an. Zunächſt kam es darauf an, hinreichende Mann⸗ ſchaft unter die Waffen zu bringen, damit die Ver⸗ bindung mit Außen erhalten und der Einzug der umliegenden Landbewohner in die Stadt unbehindert geſchehen könne. Dadurch wäre dann vor der Hand für Hülfe einiger Tauſend wehrfähiger Männer geſ geweſen. Zum Erſtaunen des Syndicus— der Günzer ſeit deſſen Schurkenſtreich gegen die Familie von Zorn nun wirklich ebenſo verachtete als haßte— ſtimmte dieſer auch hier bei und zwar mit einem ſolch' ſcheinba⸗ ren Eifer, daß er manchen der Anweſenden irre machte. Aber es war nur das Ziſchen der Schlange, die ſich vorſichtig aber ſicher ihrem Ziele näherte. — 250— Auch einen zweiten Courier fertigte man, der Sicherheit wegen, an den Kaiſer und den Reichstag ab. Ferner wurden jetzt auch noch die letzten im Zeughauſe verwahrten Geſchütze der Bürgerſchaft ausgeliefert, um die Wälle der Stadt damit zu gar⸗ nieren. Ebenſo alle vorräthigen Waffen, damit auch Diejenigen der bedrängten Stadt zu Hülfe eilen konnten, die bis dahin noch nicht unter die Bürger⸗ wehr eingetheilt waren.. Unterdeſſen kamen Boten auf Boten— von den auf den Wällen aufgeſtellten bewaffneten Zünften, namentlich auch von Wenck und Hugo von Zedlitz ausgeſandt— nach dem Rathhauſe und brachten Kunde über Kunde, von welcher freilich immer eine ſchlimmer als die andere war. Mit dem erſten Grauen des Morgens ſchloß ſt von Alsfeld die Stadt von der Rheinſeite ab. Eine Viertelſtunde ſpäter kam die Nachricht: daß ſich auch von anderen Seiten her Truppen⸗ maſſen näherten. Flüchtige Landleute beſtätigten dies, mit dem Hinzufügen: es ſeien Theile der Armee des Gene⸗ ral Montclär. Bald war auch die Weſtſeite eingeſchloſſen... bis zum Mittag die ganze Stadt. Günzer triumphirte im Inneren: er wußte ja dies alles im Voraus. Jetzt auch galt das große Wort:„zu ſpät!“ für die Maßregeln des Magi⸗ ſtrates, welchen er ſelbſt eben beigepflichtet. Ehe die von Außen herbeigerufene Hülfe der Landleute ein⸗ treffen konnte, waren alle Zugänge zu der Stadt mit Franzoſen beſetzt und jeder Verkehr abgeſchnit⸗ ten. Was aber das Schlimmſte war: Straßburg befand ſich dabei in einer ſolch' engen Blockade, daß auch alle Couriere an Kaiſer und Reichstag— ob⸗ gleich ſie ſich der verſchiedenartigſten Verkleidungen bedienten— aufgefangen und ihre Depeſchen an Montelar ausgeliefert wurden. Davon freilich erfuhr man innerhalb der Stadt nichts. Günzer hatte indeſſen die Karten ſo gemiſcht, daß das Spiel nicht verloren gehen konnte. Der Senat machte nun einen Verſuch, auf dem Wege des Briefwechſels nähere Erläuterungen von Montelar zu erhalten. Die Antwort ward mit tödtlicher Spannung er⸗ wartet. Endlich kam ſie der franzöſiſche General ſchlug das Verlangen des Magiſtrates rund ab; begehrte dagegen, einem königlichen Befehle gemäß, mit dem Stadtrathe durch Abgeordnete zu unterhandeln. Nach lebhaften Kämpfen ward endlich in ſeine Forderung eingewilligt. — 252— Sie trafen auf ächtfranzöſiſchen Uebermuth. Hochmüthig— halb in befehlendem, halb in ſpöttiſchem Tone— ſetzte der Feldherr den Abgeord⸗ neten auseinander:„Die Stadt ſei durch den weſt⸗ phäliſchen Frieden dem Könige überlaſſen worden, und der Nymwegiſche habe ihm das Recht an die⸗ ſelbe beſtätigt. Obgleich nun ſeine Majeſtät, Ludwig XIV., bis dahin nicht für zweckmäßig erach⸗ tet hätte, daſſelbe geltend zu machen, ſo ſei es jetzt ſeinem Intereſſe gemäß, es zu thun, da er die un⸗ vorhergeſehene Nachricht erhalten habe, daß eine be⸗ deutende Anzahl kaiſerlicher Truppen in die Stadt und Rheinpäſſe verlegt wer⸗ den ſolle.“ Waren dieſe, rein aus der Luft gegrif⸗ fene Annahmen ſchon empörend für die Abgeord⸗ neten, ſo mußte ſich natürlich, nach dem Beiſpiele des Herrn Kriegminiſters, auch noch der Spott dazu geſellen. Montclar fügte noch mit der Miene eines Pro⸗ tectors hinzu: „Er habe die Stadt, welcher er von Alters her zugethan ſei, bei Zeiten von dem Stande der Dinge benachrichtigen wollen, damit ſie ſich nicht durch un⸗ beſonnene Hartnäckigkeit in Unglück und Verderben ſtürze. Am nächſten Tage werde der Miniſter, Mon⸗ — 253— ſeigneur Louvois, ſelbſt anlangen, und von ihnen hänge es alsdann ab, ob ſie durch Unterwer⸗ fung ihre Rechte und Verfaſſung erhal— ten, oder ſich durch Widerſtand dem Falle ausſetzen wollten, wie Feinde und Re⸗ bellen behandelt zu werden!“ Indignation erfaßte bei dieſen Worten die beſ⸗ ſeren der Abgeordneten, und vor allen Dingen den Syndicus Frantz, der an ihrer Spitze ſtand. Hoch aufgerichtet, feſt und ernſt— wie es dem deutſchen Manne geziemt— entgegnete er dem feind⸗ lichen General mit Würde: daß ſie ſich auf die, ſeit Jahrhunderten beſtehende Unabhängigkeit ihres kleinen Freiſtaates bezögen, deſſen Exiſtenz völker⸗ rechtlich eben ſo unantaſtbar ſei, als die jedes ande⸗ ren anerkannten Staates;. daß ſie ſich ferner auf die Worte des weſtphäliſchen Friedens beriefen, welche den vorigen Beſtand als fortdauernd feſtſetz⸗ ten;... daß die Stadt bis auf den Nymweger Frieden ſtets als ſouveraine Herrſchaft mit Frank⸗ reich verhandelt und Frankreich ſogar bis zum heu⸗ tigen Tage einen Reſidenten bei ihr accreditirt habe; daß es endlich dabei aber Frankreich nicht zu⸗ ſtehe, einſeitig die Verträge zu interpretiren. General Montclar, der allerdings ein ſo ernſtes, würdevolles und entſchiedenes Auftreten von keinem der Abgeordneten erwartet haben mochte, hörte des Syndicus Rede überraſcht und mit finſterem Stolze an. Wohl fühlte er dabei die Wucht des Rechtes in der Hand dieſer ſchlichten Bürger; was aber iſt „Recht“ bei Menſchen, die gewohnt ſind, der Will⸗ kür mit unbedingtem Gehorſam und ſklaviſcher Auf⸗ opferung aller eigenen Selbſtſtändigkeit zu dienen! . Was iſt„Recht“ bei dem, einem abſolu⸗ ten Herrſcher dienenden, Söldner— ſei er nun Führer oder Landsknecht— wenn jener gebie⸗ tet?.. Was iſt„Recht“ bei allen Jenen, die gewohnt ſind, mit ſoldatiſchem Uebermuthe bei jeder Rechtsfrage das Schwert in die Wagſchale zu werfen? Auch Montclar verbiß kaum ſeinen Zorn... nur die Maske kalten Hohnes und militäriſcher Brutalität vermochte ihn zu bergen. Mit ihr be⸗ waffnet, erklärte er jetzt kurz: daß er ſich in keine Unterhandlungen einzulaſſen, ſondern allein die ihm gegebenen Befehle auszuführen habe. Der Rath habe die Antwort zu erwägen, welche er Morgen dem Miniſter geben wolle; die des Miniſters könne er ihnen aber im Voraus ſagen: ſie laute Unter⸗ werfung oder Zerſtörung der Stadt bis auf Grund und Boden!“ Und mit dieſen Worten wandte er den Abgeord⸗ neten ſtolz den Rücken. — 25— O Gott! o Gott! welch' ein Sonntag war dies für Straßburgs unglückliche Bewohner. Mit Angſt wurde in der Stadt die Rückkunft der Deputation erwartet. Maſſen drängten ſich um die Stadtthore. Ueberall ſah man bleiche, angſtvolle oder kummerſchwere Geſichter. Als nun aber die Abgeordneten— ſelbſt finſter und niedergebeugt— zurückkamen, wurden ſie von aller Welt mit Ant⸗ worten beſtürmt, wollten Alle das Schickſal wiſſen, das die geliebte Vaterſtadt erwarte. Der Magiſtrat aber, im höchſten Grade über den Thatbeſtand be⸗ ſtürzt, verlor nun ſelbſt zum überwiegenden Theile ſeine Faſſung. Alle Klaſſen der Bevölkerung wurden von Montclars unſeliger Antwort ſofort in Kennt⸗ niß geſetzt; öffentliche Gebete wurden angeordnet, der ganze große Rath mit ſeinen 300 Schöffen wurde berufen und dem Stadtcommandanten von Jenneggen der Befehl ertheilt: ſich auf allen mög⸗ lichen Widerſtand vorzubereiten. Jenneggen erſchien auch ſofort vor dem Magi⸗ ſtrate; aber.. ſeine Erklärung ſiel ebenfalls ſchlimm aus. Es ſchien, als ob ſich der Himmel ſelbſt gegen Straßburg verſchworen habe. „Er ſei gerne bereit, ſeine Pflicht zu thun und dem Befehle hochmögenden und hochweiſen Rathes Folge zu— ſagte er—„nur liege die — 256— Moöglichkeit einer wirklichen und wirkſamen Verthei⸗ digung allzuferne... ja.. eine ſolche ſei völlig undenkbar. Man möge doch nur berückſichtigen, daß Straßburg vierzehn unregelmäßige Baſtio⸗ nen beſitze, die alle vertheidigt werden müßten, von welchen er aber auch nicht eine mit hinreichender Mannſchaft zu beſetzen im Stande ſei, da von den fünfhundert Söldnern über die Hälfte krank und nur ein Offizier disponibel ſei. Zudem wiſſe ja hoch⸗ weiſer Rath, daß die Bürgerſchaft vor ſieben Jahren ebenfalls durch eine hitzige Krankheit, welche die Al⸗ liirten in die Stadt gebracht, ſehr zuſammengeſchmol⸗ zen, und daß, da jene Seuche gerade die jüngeren Männer häufig hingerafft, jetzt in Allem kaum drei⸗ tauſend wehrbare Männer übrig ſeien. Und hierbei wolle es auch der unglückliche Zufall noch, daß ſich ein guter Theil auf der Frankfurter Meſſe befinde.“ Jetzt hatte die Muthloſigkeit im Magiſtrate den⸗ jenigen Höhepunkt erreicht, auf welchen Stadtſchrei⸗ ber Günzer bisher mit geheimer Ungeduld gewartet. Als ſich daher jetzt Syndicus Frantz— der allein mit Wenigen dieſer hohen Körperſchaft Herz und Kopf auf dem rechten Flecke erhalten hatte— erhob und mit glühendem Eifer, mit der ganzen Kraft und Fülle einer, aus der Tiefe der Seele hervordringen⸗ den Beredtſamkeit, die Väter der Stadt beſchwor, — 257— den Muth nur jetzt nicht ſinken zu laſſen;— als er auf die Stärke hinwies, die die Bevölkerung einer Stadt wie Straßburg immerhin entwickeln könne, wenn ſie ein kühner, ein männlicher, ein ächt patrio⸗ tiſcher Geiſt beſeele;— als er dazu rieth, Männer, Jünglinge, Kinder und Greiſe unter die Waffen zu rufen;— als er darauf aufmerkſam machte, daß Hülfe von Außen immer noch erſcheinen könne und Straßburgs Wälle ja mit einer großen Zahl der herrlichſten Geſchütze garnirt ſeien, die zu bedienen — im Nothfalle— kein unüberſteigliches Hinderniß wäre——— da!— dal!— trat mit einemmale Günzer auf, ſpielte den angſtvollen, den um das liebe ſchöne Straßburg beſorgten Patrioten, und be⸗ ſchwor nun ſeiner Seits in glühendem Redefluß alle Anweſenden: um Gottes Willen doch nicht auf dieſe gutgemeinten, aber wahrhaft tollkühnen Ideen des Herrn Syndicus einzugehen. „O, ihr Männer der Stadt, laßt Euch nicht ver⸗ blenden!“— rief er, wie von Schmerz zerriſſen, und Thränen traten in ſeine Augen,—„laßt Euch nicht verblenden. Ihr habt ja eben vernommen, wie ſchwach wir leider ſind, und... vor unſeren Mauern ſteht ein ſieggewohntes Heer vou 40,000 Mann! Ein einziger Schuß von unſeren Wällen und das Signal iſt gegeben... und General Montclar gibt das Der Rauh Straßburgs III. 47 — 255— Zeichen zum Sturm! Dann aber wehe uns und Straßburg! Dann wird unſere geliebte Vaterſtadt in Flammen aufgehen,... Eure Häuſer werden in Schutt und Aſche ſinken,... Plünderung wird Jedem das Seine bis auf das letzte Korn rauben,— .. ſchänden werden ſie Eure Weiber und Töch⸗ ter,... niederſtoßen, wen ſie finden und Ströme Blutes—— hört es, Ihr Väter der Stadt!—— Ströme Bürger-Blutes werden zum Himmel auf⸗ ſchreien über Diejenigen, die Euch und das Volk irre geführt. Ich ſtimme für eine vernünftige Unter⸗ handlung mit der Krone Frankreichs und vor allen Dingen dazu: daß man den wahnſinnigen Bürger⸗ haufen, in deren Beſitz jetzt die Wälle und Geſchütze der Stadt ſind... wohl dieſe Geſchütze aber alle und jede Munition unter beliebigen Grün⸗ den vorenthält!“ „Ja! ja! ja!“— tönte es hier von allen Sei⸗ ten her; denn nicht nur die franzöſiſch Geſinnten im Rathe ſtimmten hierin für Günzer, ſondern auch alle Halben, alle Aengſtlichen und ſogar ein großer Theil der völlig eingeſchüchterten Patrioten und ſonſt gut Geſinnten. Was half es Frantz und einigen anderen Män⸗ nern ſeines Gleichen, mit aller Kraft, mit aller Be⸗ geiſterung, mit aller Logik nun noch gegen die Phan⸗ — 235— tome der Angſt und ſelbſtgeſchaffener gräßlicher Phantaſiebilder anzukämpfen? Sie wurden überſchrien, und... zuletzt mit koloſſaler Mehrheit überſtimmt. Auch Am⸗ meiſter Dominique Dietrich und alle Bedächtigen ſtanden hier auf Günzers Seite. Es waren Ehren⸗ männer genug darunter.. und.. Wunder der Kraft, des Muthes, der Ausdauer und der Auf⸗ opferungsfähigkeit und heiligſten Begeiſterung for⸗ derte der Vorſchlag des Syndicus freilich Der Vorſchlag: den kommenden Morgen mit Monſeigneur Louvois zu unterhan⸗ deln, und vor der Hand den Bürgern jede Munition zu verweigern, damit kein Un⸗ vorſichtiger, kein Hitzkopf, Unglück her⸗ aufbeſchwöre... wurde zum Beſchluß erhoben. Mit vor Schmerz und Aufregung zitternder Stimme gaben Syndicus Frantz und die wenigen ihm gleichgeſinnten Männer ihre Verwahrung gegen dieſen Beſchluß zu Protokoll. Günzer biß ſich auf die Lippen, daß ſie bluteten. „Jetzt ſind die Gimpel gefangen und eingethan!“ — flüſterte er dabei dem neben ihm ſitzenden Rath Hecker, der auch einer der Erkauften und zwar einer der franzoſen⸗freundlichſten war,— in die Ohren. — 260— „Gott ſei Dank!“— murmelte dieſer; aber in demſelben Augenbick erblaßte er... Syndicus Frantz appellirte an die ganze Bürgerſchaft und den großen Rath. Neue Stürme braußten einher. Stunden lange kämpften die Partheien. Endlich kam es zum Reſultat: der ebengefaßte Beſchluß ward aufrecht erhalten, die letzte Entſchei⸗ dung aber— nach den Verhandlungen mit Louvois— dem großen Rathe der Dreihundert, als der Vertretung der ſämmtlichen Bürgerſchaft — wie natürlich in ſo unendlich wichtigem Falle— an Handen gegeben. Die Cnpitulativn. —— Die Nacht von dem 28. auf den 29. September des Jahres 1681— eine der ſchrecklichſten Nächte für Straßburg— war in Angſt, in Sorgen nnd Beklemmung.. aber doch ruhig vorübergegangen. Weder der Magiſtrat noch die Bürgerſchaft hat⸗ ten ihre Poſten verlaſſen, da Niemand wiſſen konnte, ob General Montelar nicht abermals einen räuberi⸗ ſchen Angriff auf die geängſtigte Stadt unternehmen werde. Aber es war ſtill geblieben und jetzt endlich dämmerte der Morgen langſam herauf, und brachte den Männern, die durch zwei überwachte Nächte ſchon bis zum Tode ermüdet waren, neue ſchwere Sorgen. Sollte doch dieſer kommende Tag den, von aller Welt gefürchteten, Europa fortwährend in Schwanken und Zittern erhaltenden L ouvois, und — mit ihm... die gefürchtete Entſcheidung über das zukünftige Schickſal Straßburgs herbeiführen. Und der Gedanke an dieſe Entſcheidung lag ſchwer und bang auf allen Seelen; waren doch faſt nur zwei Möglichkeiten dafür vorhanden: ent⸗ weder Unterwerfung unter die Krone Frankreichs und damit völlige Aufgabe der ſo theuren uralten Selbſtſtändigkeit und Freiheit,— Hingabe der durch Geſchichte, Geburt und Gewohn⸗ heit eingelebten republikaniſchen Form,— Lostren⸗ nung von dem großen deutſchen Vaterlande, den deutſchen Bruderſtämmen, von Sprache, Sitten und Gewohnheiten... oder aber ein furchtbarer, faſt hoffnungsloſer Kampf, der mit der völligen Zerſtörung der Stadt, mit deren Verwand⸗ lung in Schutt und Aſche, mit dem Opfer von Eigenthum und Leben enden konnte. Freilich war es auch möglich,— ſo wenigſtens hoffte der muthigere Theil der Einwohner— daß auf die ausgeſandten Couriere— es waren deren auch nach der nahen deutſchen Feſtung Philippsburg und an die angränzenden deutſchen Fürſten, ſo wie an den Congreß in Frankfurt abgegangen— bald Hülfe erſcheinen werde; aber dieſe Hoffnung war ſo klein, als jene: daß Louvois und Ludwig XIV. vor einem wirklichen Gewaltſtreich zurückbeben würden. — 263— Die ſchreckenerregenden Beiſpiele, die in den Nie⸗ derlanden und der Pfalz vorgekommen, lebten noch zu friſch und lebendig in Aller Herzen, als daß man an eine menſchliche Regung, an die leiſeſte Ach⸗ tung des Völkerrechtes bei Frankreichs Herrſcher und ſeinen Miniſter und Generalen hätte glauben können. Indeß.. es ſchlugen in Straßburg doch auch noch viele Herzen, die nicht ganz hoffnungslos waren... Männerherzen, in welchen ſich der Hoff⸗ nung ächt deutſcher Muth und ächt deutſche Ge⸗ ſinnung beigeſellten... und... dieſe Herzen gehörten zumeiſt dem Volke, gehörten den Zünften an. Bei Weitem die Mehrzahl der Bürger bewahrte ia eine ſolch' ächt deutſche Geſinnung, ſah in den Franzoſen nur Feinde des Vaterlandes und Unter⸗ drücker der Freiheit, und war unter allen Umſtänden zu den größten Opfern für die Erhaltung ihrer Un⸗ abhängigkeit bereit.*) Sollten Straßburgs Bürger, die mit Stolz auf ihre vierhundertjährige republi⸗ kaniſche Freiheit und Selbſtſtändigkeit zurückſahen, bei welchen dieſer Stolz in Fleiſch und Blut über⸗ „Elſaß und Lothringen.“ Nachweis wie dieſe Pro⸗ vinzen dem deutſchen Reiche verloren gingen. Von Adolph Schmidt. — 264— gegangen war.. ſollten dieſe ihre köſtlichen Privi⸗ legien ſo leichten Kaufes hingeben? Wäre nur auf dieſer Seite auch die Einheit und Macht geweſen, die ſich auf der anderen geltend machten. Während aber unter Louvois ſeit Jahren alle Vorbereitungen des Gewaltaktes gereift, jetzt— im Momente des Handelns— alle nöthigen Befehle zu raſcher und kräftiger Ausführung erlaſſen, ein rechtzeitiges Ineinandergreifen aller cooperirenden Factoren verabredet worden... hatte ja hier der ſchändlichſte Verrath jede Vorbereitung verhindert, alle Möglichkeit einer erfolgreichen Vertheidigung be⸗ ſeitigt, die Banden des Gehorſams gelockert, die ein⸗ heitliche Kraft der Regierung geſpalten und, durch Zer⸗ ſplitterung in erbitterte Partheien, geradezu vernichtet. Jetzt nun gar waren die Räuber wie der Dieb in der Nacht an ihre Beute herangeſchlichen“).. und... die Verräther banden den Bedrohten auch noch ſchändlicherweiſe die Hände, indem ſie den mu⸗ thigen Bürgern, wie zum Spott, zwar die Geſchütze überließen, deren Gebrauch aber dadurch vollſtändig verhinderten,... daß ſie die Kanonen ohne Mu⸗ nition ließen. Wenck und Hugo von Zedlitz, ſowie ein großer Theil der Zünfte— die Schneiderzunft an der Spitze — 265— — waren von dieſem Betragen des Magiſtrates empört. Alles verlangte Erbrechen der Zeughäuſer. Hugo von Zedlitz hatte indeß in der Berathung, die während der Nacht auf den Wällen ſelbſt ſtattge⸗ funden, dieſen Akt der Selbſthülfe noch für den Moment abgewehrt; doch war eine Deputation, Meiſter Wenck an der Spitze, an den Magiſtrat abgeſandt worden, um mit der größten Energie auf Auslieferung der nöthigen Munition zu dringen. Die Deputation befand ſich ſeit vier Uhr Mor⸗ gens auf dem Rathhauſe... Stunden waren ver⸗ gangen„. die Bürgerſchaft harrte noch immer vergebens auf ihre Rückkunft... Unterdeſſen war Hugo von Zedlitz von den auf den Wällen aufgeſtellten Zünften mit dem Oberbe⸗ fehle betraut worden. In richtiger Erkenntniß der Lage der Dinge hatte der junge Mann denn auch dieſe wichtige Ehrenſtelle trotz ſeiner Jugend ange⸗ nommen, während Jenneggen das Commando der Miliz behielt. Vor allen Dingen war nun für Hugo ein Ueber⸗ blick der Sachlage und die Kenntniß nöthig, in wel⸗ cher Weiſe die Feinde das Terrain um die Stadt beſetzt. Auch galt es zu ermitteln, ob ſich nicht etwa in der Ferne Hülfe zeige. Hugo beſtieg zu dem Ende und während — 266— man die Rückkunft der Deputation erwartete, den Münſter. So jung und kräftig Hugo von Zedlitz indeß auch war, heute ward ihm die Erſteigung des herr⸗ lichen Bauwerkes ſchwer. Zwei Tage und zwei Nächte hatte er nun weder geſchlafen, noch das Ge⸗ ringſte von Speiſe zu ſich genommen. Die Auf⸗ regung, das Durcheinander, die Spannung und die von der Nothwendigkeit gebotene Wochſamkeit ließen für Niemand Ruhe und Befriedigung der Bedürf⸗ niſſe zu. Aber was überwindet eine kräftige Jugend und ein feſter männlicher Wille nicht! Als Hugo von Zedlitz die Krone des Münſters erreicht, umfloſſen gerade die erſten Strahlen der aufgehenden Sonne die Spitze des Thurmes. O Himmel! Himmel! wie herrlich lag es da, das weite, das paradieſiſche Land! Ueber die anſehnliche Stadt, die weitumherliegen⸗ den, mit herrlichen dichten Bäumen beſetzten und durchflochtenen Auen,... dieſen Reichthum der Vegetation— jetzt noch erhöht in ſeiner Schönheit durch die vielfältige Färbung des Herbſtes— dieſen Reichthum der Vegetation, der, dem Laufe des Rheins und der Ill folgend, die Ufer, die Inſeln und Wer⸗ der bezeichnet!... Und... welch' ein reizender Anblick von Wald und Wieſenwuchs! — 267— Und zwiſchen den in dem erſten Aufblitzen der ſich hebenden Sonne erſtrahlenden üppig ausgeſtreck⸗ ten Matten, zwiſchen dieſen fröhlich ausgeſäeten Hai⸗ nen, die lieblichen Ortſchaften! O Gott! wie oft hatte Hugo hier ſchon, in Ent⸗ zücken verloren, geſtanden und in ſeligem Aufwallen den Himmel geprieſen, der ihm ein ſo ſchönes, ein ſo reiches, ein ſo herrliches Vaterland gegeben!... und nun?... wohin er blickte... aufſteigende dichte Rauchwolken, die Wachtfeuer der Feinde und ihre Lagerſtätten bezeichnend;. auch wohl die traurigen Spuren eines nächtlichen Brandes, den der Leichtſinn, der Uebermuth oder die Habgierde roher Söldner hervorgerufen. Wohin er blickte weitausgedehnte Reihen von Zelten,... die Lagerſtätten der Krieger, die beru⸗ fen waren, das ſchöne friedliche Straßburg zu rau⸗ ben... oder wohl gar Feuer und Schwerdt, Tod und Verderben Preis zu geben. O! es war Hugo zu Muthe, als ob jetzt tau⸗ ſend Schwerter auf einmal ſein Herz durchſchnitten! Und keine Hülfe von außen! keine Mög⸗ lichkeit, daß auch nur die zu Straßburg gehörigen Landleute hätten die Stadt erreichen können! Jeder Weg war ja mit ſtarken Truppenabthei⸗ kungen verlegt,... jedes Dorf und jeder Paß beſetzt! — 265— Sein ſcharfer Blick ſtreifte in die Ferne! Keine Hülfe! kein Zuzug! nicht ein einziges Fähnlein deutſcher Reichstruppen! Es war Hugo als müſſe er Heere mit ſeinen Blicken herbeiziehen. Es war ihm zu Muthe, als müſſe er hinüber⸗ ſchreien nach dem deutſchen Reiche:„So kommt doch ihr deutſchen Brüder! kommt doch euren bedrängten Landsleuten und Stammgenoſſen zu Hülfe. Sie ſind ja bereit, ſo viel ſie es vermögen, ſich ſelbſt zu hel⸗ fen,. ſich ihrer eigenen Haut zu wehren,.. zu kämpfen auf Tod und Leben!... aber es wird ſie, ohne eure Hülfe nichts nützen, da ſie der enor⸗ men Uebermacht nicht gewachſen, ja faſt aller Mittel zu ihrer Vertheidigung beraubt ſind.“ O! Herr Gott in deinem Reich! Dort dehnte es ſich ja mächtig aus, das große liebe deutſche Vaterland! Dort! dort!... nach Oſten hin— kaum drei Meilen entfernt— zog ſich ja der Schwarzwald hin, den man hier vom Murgthale bis zur Schweizergränze überſehen konnte. Wie herrlich lag er da, eine Kette von rundlichen Höhen, und winkte in reizendem Farbenreichthum herüber! Voraus drängte ſich der breite Rücken der Hor⸗ nisgrinde, der den wildromantiſchen Mummelſee — 269— trägt; weiterhin, ſüdlich von der Ruine Ortenberg, als inſularer Vorſprung, der Kaiſerſtuhl. „O! Kaiſer und Reich! warum habt ihr eure gute treue Stadt Straßburg ſo ſchmählig ver— laſſen? Straßburg, deſſen Banner einſt, allen reichs⸗ ſtädtiſchen voran, unmittelbar hinter dem kaiſerlichen Adler wehte!——— Straßburg, die alte deutſche Reichsſtadt!... Straßburg, den beſten Schild und Schirm gegen Frankreich! den Schlüſſel zum Elſaß! das beſte deutſche Bollwerk gegen das feindliche Frankreich!“ Hugo von Zedlitz ſchlug ſich beide Hände wi⸗ der die Stirne, als könne er ſeinem eigenen Kopf nicht mehr trauen, der ja wahnſinnige Gedanken ausbrüte;... denn Wahnſinn war es ja von dem deutſchen Reiche, von dem deut⸗ ſchen Kaiſer, von den deutſchen Fürſten und Völkern, daß ſie hier geſchehen lie⸗ ßen, was geſchah! Daß ſie mit ewig unverant⸗ wortlichem Gleichmuthe in aller Gemüthlichkeit zu⸗ ſahen, wie der länder- und habgierige König von Frankreich dem deutſchen Vaterlande, dem deutſchen Reiche, eine ſeiner beſten, ſchönſten und wichtigſten Städte,. eine große reiche Provinz, eine wahre Perle des Reiches zu rauben daher kam! Hugo konn.e ſich nicht mehr halten; in ſeinem — 270— Schmerz, in ſeiner Erregtheit, in ſeinem gerechten Unwillen, durch den ſich doch immer noch ein Strahl der Hoffnung durchdrängte, rief er laut: „Erwache Deutſchland!... erwache!... Auf, ihr Brüder, aus eurem unſeligen Schlafe!... Aufl kommt Straßburg, kommt euren bedrängten Lands⸗ leuten zu Hülfe, ehe es zu ſpät iſt! ehe ſie ſich — die deutſche Ehre zu retten— unter den Trüm⸗ mern ihrer Wälle begraben!“ hallte in den Lüften. Nicht den Kaiſer, nicht das Reich, nicht die deutſchen Fürſten und Völker hatte er aufgeſchreckt, — ſondern nur... Naochtgeflügel... Käuzchen und Dohlen... die in dem alten Gemäuer niſteten Räuber in ihren hohen Felſenhöhlen... die jetzt ſchreiend ſein Haupt umkreiſten,. als wollten ſie ihn ſchelten, daß er hier zu Gott und den Menſchen gegen den größten Räuber ſeiner Zeit aufſchreie. — Und kein Fähnlein, kein einziges Fähnlein deut⸗ ſcher Truppen,.. ſo weit das Auge reichte! — 271— Hugo ſtand noch immer, beide Hände an die Schläfe gedrückt, und ſtarrte hinaus. Für große Seelen gibt es in großen Augenbli⸗ cken einen Schmerz, der ſo gewaltig iſt, daß ihn eben auch nur große Seelen ahnen und nachempfinden können. Nicht für Stroßburg allein blutete hier, Hugo's Herz, ſondern für das ganze deutſche Vater⸗ land, das er erniedrigt, in den Staub getreten, von ſeinen übermüthigen Feinden verhöhnt und zer⸗ ſtückelt ſah! Es waren Minuten der Troſtloſigkeit.. aber .. doch auch nur Minuten! Dort!— wo eine Brücke über die Ill führt— lag das Dorf Illkirch. Es war Montclar's Hauptquartier und hier ſollte heute noch Louvois eintreffen... und... Straßburgs Geſchick ent⸗ ſchieden werden. Dieſe Erinnerung ſtieß wie ein Edelfalke auf die Schmerzensgedanken Hugo's und zerriß ſie in Stücke. Zorn und Erbitterung ſtiegen in ihm auf, und der alte Muth erhob ſich wie auf Adlerſchwingen. Die Arme ſanken und die Fäuſte ſchlugen an Bruſt und Schwert; der Körper richtete ſich feſt und ſtolz auf, und aus den Augen blitzte es nach Illkirch hinüber, als ſollten ihre Blicke die Knechte des gekrönten Räubers vernichten. Aber der Raub war ja noch nicht in ihren Krallen! Noch fühlte Hugo ſein eigenes Herz voll Vater⸗ landsliebe ſchlagen, und— er wußte es ja— da unten auf den Wällen ſtanden noch Tauſende von Bürgern, die wie er dachten und fühlten,— die ihn zum Anführer ernannt,— die es verſuchen wollten, was es auch koſte, die Stadt zu halten, bis doch vielleicht noch Erſatz komme oder der freche Räuber— durch den Widerſtand beſchämt— ſich zurückziehe. Gelang dies nicht... nun... ſo war es ja unter ihnen ausgemacht: wenigſtens die Ehre Straß⸗ burgs und Deutſchlands zu retten,... ind die Stadt bis auf den letzten Mann zu vertheidigen. Hugo von Zedlitz war ſich und dem Zwecke wiedergegeben, der ihn auf die Krone des Münſters geführt. Kalt und ruhig prüfte jetzt ſein ſcharfer Blick die weite Umgegend, in der ihm ja jeder Baum, jeder Strauch bekannt. Raſch maß er die Kräfte des Feindes, prägte ſich ſeine Stellungen ein, überſchlug die größere oder minder große Gefahr, die jeder der Baſtionen Straßburgs drohe. Dann... noch einmal einen Blick in die Ferne, ob keine Hülfe nahe;... noch einmal einen , ſchmerzlichen Seufzer, und... Hugo kehrte ſich zum gehen. Aber wie?.. ſah er recht?. ſandte Gott einen Engel zu ihm herauf? Wahrlich in ſeiner wie⸗ derkehrenden Erregung deuchte es ihm ſo;... denn eben betrat ein reizendes Mädchen; gefolgt von einem anderen weiblichen Weſen, die Plattform des Münſters. Hugo ſchaute auf! o Himmel! es war Alma und ihre Mutter. „Alma!“— rief Hugo, ihr mit ausgebreiteten Armen entgegen eilend.—„Alma! Mutter Hedwig, wie kommt ihr hieher?... in dieſer ſchweren Zeit? in dieſer Stunde?“ „Wir kommen, dich zu ſuchen!“— entgegnete mit ſchmerzlichem Lächeln die Tochter des Syndicus, und ihr liebes bleiches Antlitz röthete ſich auf einen Moment. „Die Todesangſt und die Beſorgniß um den Vater und Dich,“— ergänzte die Mutter— „ließen uns nicht zu Hauſe... Ihr habt einen ganzen Tag und zwei Nächte nichts genoſſen...“ „Es iſt wahr!“— ſagte Hugo—„ſeit jenem ſchönen Abende, an dem wir des Vaters Geneſung feierten!“ „Und der ſo ſchrecklich unterbrochen wurde...“ Der Raub Straßburgs III. 18 — 274— „Wer hätte damals ahnen ſollen... „Aber es macht nichts!“— fiel Hugo hier ein —„mir wenigſtens nicht. Wer hat jetzt Zeit an etwas anderes zu denken, als an die Vertheidigung der Stadt. Wenn nur der Vater...“ „Wir ſuchten ihn im Stadthauſe auf,“— fuhr Alma fort—„er iſt nicht zu kennen; die in ihm wohnende Energie hat ſeine Kräfte verdoppelt; er arbeitet, redet und kämpft gegen die Günzer'ſchen an, wie ein Jüngling.“ „Aber die Stärkung that ihm doch wohl. Wer tüchtig kämpfen will, ſei's geiſtig oder leiblich, der muß ſich die Kraft des Körpers erhalten.“ „Darum eilten wir, auch Dich aufzuſuchen...“ „Und erfuhren auf den Wällen, daß Du hier oben ſeieſt, die Stellung des Feindes zu über⸗ „Und hier haben wir Speiſe und Trank!“— fügte Alma eifrig hinzu, indem ſie aus einem Tuche das Mitgebrachte hervornahm und Mutter Hedwig eine Feldflaſche mit gutem Wein aus ihrer Taſche zog—„und nun ſtärke Dich!“ „Ihr guten Seelen!“— rief Hugo dankbar. „Keine Worte, mein Sohn!“— ſagte die Gattin des Syndicus—„in ſolchen Zeiten fällt Jedem ſein Pflichttheil zu. Alle braven Mädchen und Frauen in Straßburg machen es in dieſem Augen⸗ blicke wie wir.“ „O! dann ſchöpf' ich neue Hoffnung!“— rief Hugo freudig. Alle drei ſetzten ſich jetzt für einen Augenblick auf eine Steinbank der Plattform, während ſich der junge Mann raſch hinter die ſo unerwartet em⸗ pfangene Stärkung machte. Zeit war ja keine zu verlieren; man erwartete ihn ſicher ſchon wieder unten.. auch konnte ſeine Gegenwart nöthig ſein. Aber auch unter dem kleinen eiligen Mahle waren ſeine Gedanken bei den Brüdern und Waffengefähr⸗ ten. Er frug: ob die Deputation der Zünfte zurück und die Munition herausgegeben ſei. Erfuhr aber nur, daß der Vater eben noch auf dem Stadthauſe darum kämpfe: Angſt und Beſorgniß vor Unvor⸗ ſichtigkeit und Uebereilung halte aber die Köpfe der Hochmögenden faſt durchweg ſo ſehr gefangen, daß alle Vernunftgründe bisher nicht durchgedrungen. Hugo verſchlang raſch die letzten Biſſen. „Ich muß hinunter!“— rief er dabei—„ich muß zu den Herren, um ſie zu beſchwören, der Bürgerſchaft zu trauen! Die Zünfte ſind gut und treu geſinnt;.. ſie ſind bereit, Gut und Blut, Leib und Leben zur Rettung der Stadt ein⸗ zuſetzen;. ich bürge auch, daß, ehe denn die Feinde 18 — 276— uns angreifen, kein Schuß fallen wird;... aber man muß die Bürgerſchaft auch nicht zum Narren halten, namentlich jetzt, wo alles auf dem Spiele ſteht;... man muß ihren Muth, ihre Aufopferung mit Vertrauen lohnen!“ „So gehe hin, wohin Dich Deine Pflicht ruft!“ — ſagte Alma in ſchöner Erhebung und weit ent⸗ fernt von jeder ſchwächlichen Regung.—„Ich bin ſtolz auf Dich und will es auch ferner bleiben.“ „Und Ihr?“— frug Hugo erſtaunt. „Wir wollen auch unſeren Theil an dem heiligen Kampfe haben!“— rief Alma. „Ihr? wie ſo?“ „Der Thürmer hier oben“— fuhr die Mutter fort—„iſt alt und hinfällig; ſein Sohn und Ge⸗ hülfe aber ein junger kräftiger Menſch. Solche Män⸗ ner ſind jetzt nicht mit Gold aufzuwiegen. Darum ſoll der Sohn hinunter, mit in die Reihen der Ver⸗ theidiger der Stadt...“ „Und wir!“— rief Alma in ſchöner Begeiſte⸗ rung—„wir bleiben für die Tage hier oben und leihen dem Alten unſere guten Augen und unſere Hände. Sehen wir Hülfe nahen, ſo laſſen wir die weißen Tücher, die wir hier mitgebracht, als Freu⸗ denfahnen in den Lüften flattern;... ſollten wir aber eine verdächtige Bewegung des Feindes gegen —— die Stadt bemerken, ſo ſchlagen wir gegen die Sturm⸗ glocke an und geben Euch damit ein Warnungszei⸗ chen; die Richtung, von welcher aus die Gefahr naht, mag der alte Thürmer alsdann dadurch ver⸗ künden, daß er die rothe Feuerfahne nach der be⸗ treffenden Gegend ausſteckt.“ „Herrlich!“— rief Hugo, mit vor Freude blitzen⸗ den Augen,—„ſo wachen ja gute Engel über uns und unſere Stadt!“ „Mit der Dunkelheit aber“— fuhr die Mutter fort—„ſteigen wir herab und ſuchen den Vater und Dich auf, um Euch zu ſtärken. Auch hat die Dienſtmagd den Auftrag, jeden Mittag einen Korb mit Brod, Fleiſch und Wein auf die Wälle zu tragen, um Diejenigen zu ſtärken, welchen es an Nahrung gebricht. Ich bin überzeugt, dies findet Nachah⸗ mung und dann iſt auch hier geholfen.“ „O Straßburg! Straßburg!“— rief hier Hugo von Zedlitz begeiſtert—„du biſt nicht verloren, ſo lange du ſolche Bürgerinnen haſt!“ Und Alma und die Mutter umarmend, ſagte er:—„Jetzt hinunter und dem Geſchicke kühn ge⸗ trotzt. Hat uns auch Kaiſer und Reich verlaſſen, ſo wollen wir doch nicht ſelbſt feige zurückbeben, ſon⸗ dern uns halten bis auf den letzten Mann und die Stadt bis zu unſerem letzten Athemzuge.“ —— „Gott ſchütze ſie und uns!“— rief die Mutter. Alma aber fiel dem Geliebten noch einmal um den Hals, drückte einen heißen Kuß auf Hugos Lippen und ſagte: „Der Himmel ſei mit Dir! ich bin Dein. im Leben und im Tode!“ Dann wandte ſie ſich ab... und winkte Hugo zu gehen. Ihr Herz war zu voll und ſchlug zu groß für weitere Worte. Als Hugo die Straße erreichte, war Alles in auffallender Bewegung. Er frug einen Vorübereilenden nach der Urſache und erfuhr: der franzöſiſche Staatsminiſter, Mar⸗ quis von Louvois, ſei im Hauptquartier zu Illkirch angekommen und habe ſofort verlangt, daß ſich eine Deputation des Magiſtrates zu ihm begebe, da er dem⸗ ſelben im Namen ſeiner Majeſtät des Königs von Frankreich, Ludwig XIV., Eröffnungen zu machen habe. Die Deputation ſei auch wirklich im Begriff, ſich nach Illkirch zu begeben. Hugo eilte den Wällen zu. Sein erſtes war hier die an Wenck gerichtete Frage: was der Magiſtrat wegen der Munition geſprochen? Der kleine Schneider lachte vor Zorn und Wuth laut auf, dann ſagte er:—„Was er beſchloſſen? — 279— er hat beſchloſſen, daß er jetzt in dieſer Sache vor der Rückkunft der Deputation von Illkirch... nichts beſchließen könne!“ „Wie?— rief Hugo erbleichend—„noch nicht?“ „Geduld! junger Hitzkopf!“— ſagte Wenck, und er ward im Geſichte ordentlich grün und gelb vor Aerger—„Geduld! auch die Munition kommt noch,.. nur daß ſie der Schurke Günzer nicht uns... ſondern den verdammten himmelverfluchten Franzoſen ausliefert. Na! wer weiß wozu's gut iſt!“ Und er biß ſich auf die Lippen, daß das Blut hervorquoll. Nicht weit von Straßburg, im offenen Lande, liegen die Dörfer Illkirch und Graffenſtaden. Noch heute iſt in erſterem das ewig denkwürdige Verhand⸗ lungslocal von 1681 zu ſehen, freilich verſtümmelt und der ſchönen Erker beraubt, aus deren Fenſter Monſeigneur Louvois mit triumphirenden Blicken ſeine Beute fixirte. Damals aber flankirten noch zwei ſolcher Erker — kleinen Thürmen mit hohen ſpitzigen Dächern ähnlich— auf der einen Seite das nicht unanſehn⸗ liche, in drei übereinanderhängenden Stockwerken aufgeführte Haus, während ſich an die entgegenge⸗ ſetzte Seite kleinere Wirthſchaftsgebände ſchloſſen. 3 — 280— Das hohe Giebeldach wurde indeß noch von den ſchlanken, hohen und ſpitzen Dächern der Erker⸗ thürmchen überragt. Die Fronte zeigte in dem unte⸗ ren Geſchoß neben der Thüre zwei, in den beiden oberen Geſchoſſen aber je drei unregelmäßig ange⸗ brachte Fenſter. Stallungen— damals zu einer Wache eingerichtet und benutzt— nahmen den unte⸗ ren Raum weg, während die oberen Gelaſſe jetzt von dem allmächtigen und allgewaltigen Miniſter Frankreichs eingenommen waren. Montelar begnügte ſich, als ächter Soldat, während Louvois Anweſen⸗ heit mit dem Nebengebäude. Dieſem Hauſe näherte ſich jetzt ein kleiner Reitertrupp. Es war die Deputation der Stroßburger Rathsherrn. Voraus ritten ein Stadttrompeter und zwei He⸗ rolde in den Farben der Stadt. Denſelben folgten in kleiner Entfernung acht ſchwarz gekleidete ernſte und bleiche Männer, die ſchweigend einherritten und durch ihr würdiges Aus⸗ ſehen vergeſſen machten, was ihnen vielleicht, in den Augen eines geübten Reiters, an Gewandtheit in dieſer ritterlichen Kunſt abging. Es waren die Mo⸗ giſtratsperſonen: von Zedlitz, Dominique Dietrich, Hecker, Fröreiſen, Richshoffer, Stör, Frantz und Günzer, Herr von und zu Plobsheim. — 281— Als der kleine Trupp ſich dem obenerwähnten Hauſe zu Illkirch genaht, trat die Wache unter die Waffen und empfing ihn ſalutirend. Der Trompeter blies, die Herolde hielten— die weißen Stäbe in die Seiten geſtemmt— an, und die Herren des Rathes ſtiegen ſchweigend von ihren Pferden. Tiefer Ernſt lag in ihren Zügen. Zwei Offiziere hatten ſie unten an der Thüre empfangen und führten ſie jetzt in ein weites ge⸗ räumiges Zimmer des oberen Geſchoſſes. Hier wurden ſie bedeutet, ſeine Excellenz zu er⸗ warten. Und in der That... es dauerte wohl eine viertel Stunde, bis es Monſeigneur beliebte, die Sonne ſeiner Gnade vor ihren Augen aufgehen zu laſſen. Es war dies eine unendlich peinliche Viertel⸗ ſtunde, die ſich— namentlich für Frantz und Dietrich — ſcheinbar zu Stunden ausſpann. Niemand ſprach ein Wort; aber Aller Herzen pochten gewaltig;.. vielleicht auch war es das Gewiſſen, das bei dem Einen und dem Anderen in dieſer entſcheidenden Stunde mit eiſernem Finger anklopfte. Endlich öffnete ſich die Thüre. und.. Monſeigneur Francvis Michel le Tellier, Marguis de Louvois, Staatsſecretär — 282— und Kriegsminiſter ſeiner Majeſtät von Frankreich, trat ein, gefolgt von General Mont⸗ clar und ſeinem ganzen Staabe. Louvois war bedeckten Hauptes. Beim Anblick der ſich tief verneigenden Herren des Rathes von Straßburg lüpfte er leicht ſeinen Hut. Sein Antlitz war, wie immer, finſter ernſt und ſtreng; Stolz ſprach aus ihm und jener vernichtende Hohn, der ſein ganzes Weſen und Sein durchdrang und charak⸗ teriſirte Seine durchdringenden lauernden Blicke flogen über die Gruppe der vor ihm ſtehenden ſchlich⸗ ten Männer, dann hafteten ſie finſter auf dem blei⸗ chen Antlitze des Syndicus Frantz... finſter und als wollten ſie ſich einbohren. War es eine Erinne⸗ rung an Colmar, die hier den Miniſter durchzuckte? Wer konnte es ſagen!— Als ſie aber über Günzer, Zedlitz und die Anderen flogen, glitt der Schimmer eines verächtlichen Lächelns an Louvois Mundwin⸗ keln vorüber. Der Miniſter ſetzte ſich... die Unterhandlung begann.. aber.. ſie war ganz dieſelbe, wie jene, den Tag zuvor mit General Montclar gepflogene. Auch die Einwürfe und Entgegnungen der Ab⸗ geſandten waren dieſelbe.— Syndicus Frantz ſprach mit der ihm eigenen Wärme und Beredſam⸗ keit, Louvois aber fiel ihm raſch in das Wort. „Es iſt gut, meine Herren!“— rief er finſter und barſch—„ſparen Sie Ihre Worte. Nicht um zu berathſchlagen bin ich gekommen, ſondern um den Willen meines Herrn und Königs zu vollziehen. Die Stadt iſt durch den weſtphäliſchen Frieden dem Könige von Frankreich überlaſſen worden und der Nymwegiſche hat ſeiner Majeſtät Ludwig XIV. das Recht an dieſelbe beſtätigt.“ „Halten zu Gnaden, Excellenz!“— fiel hier Syndicus Frantz mit einem Muthe ein, der ſeine Genoſſen zittern machte,—„halten zu Gnaden, Excellenz, aber dem iſt nicht ſo! Im weſtphäliſchen Friedensabſchluß heißt es, wie folgt!“ Und Frantz zog ein Pergament aus ſeiner Taſche und las:„Frankreich erhält die Einwilligung des Reiches zum Beſitze der ſchon 1552 beſetzten Bis⸗ thümer Metz, Toul und Verdun, ſpwie außerdem noch die Landgrafſchaft Ober⸗ und Nieder⸗Elſaß, das Sundgau, Breiſach und die Landvogtei Hagenau, jedoch mit der Ausnahme, daß den Biſchöfen von Straßburg, der Stadt Straßburg und zehn anderen Reichsſtädten im Elſaß, vier Aebten, den Grafen und Herren von Lützelſtein, Hanau, Flecken⸗ ſtein und Oberſtein und der geſammten dortigen Reichs⸗Ritterſchaft ihr Zuſammenhang mit dem deutſchen Reiche erhalten werden ſoll.“ — 284— „Der Friedensabſchluß zu Nymwegen aber, das wiſſen Excellenz genau, hat an dieſer Poſition nichts geändert. Der Weſtphäliſche Friedenstractat ward im Allgemeinen beſtätigt, und eben darum iſt von Straß⸗ burg darin gar keine Rede!“ Frantz ſchwieg. Die Augen Louvois ſchoſſen Blitze. „Genug des Redens!“— rief er mit Donner⸗ ſtimme.—„Darüber haben bereits die Reunions⸗ kammern entſchieden.. „Was ſie nicht können!“— entgegnete Frantz feſt.—„Weder den Reunionskammern noch ſeiner Majeſtät von Fronkreich ſteht es zu, den Weſtphä⸗ liſchen und Nymweger Friedensvertrag einſeitig zu deuten und zu erklären. Zu einer gültigen Interpre⸗ tation dieſer Verträge gehören die Urtheile und die Uebereinſtimmung ſämmtlicher Mächte, die jene Ver⸗ träge unterzeichnet.“ „Wohl auch Ihr Urtheil, Syndicus!“— rief Louvois mit bitterem Hohn.—„Schade, daß Frank⸗ reich dies koſtbare, dies Salomoniſche Urtheil nicht braucht. Wie geſagt, die Reunionskammern haben geſprochen... und.. damit iſt die Sache abgemacht. Merken Sie wohl, meine Herren!“— fügte er hier, zu den übrigen Deputirten gewandt, hinzu—„merken Sie wohl, da General Montclar — 285— den Magiſtrat von Straßburg bereits mit den An⸗ ſichten ſeiner Majeſtät bekannt gemacht hat, die Herren alſo auch Zeit zum Ueberlegen hatten, ſo fordere ich eine ſchnelle Entſcheidung. Wenn bis um ſieben Uhr dieſen Abend keine bejahende Antwort er⸗ folgt iſt, ſo verleihe ich kein ferneres Gehör, und behandle die Bürger Straßburgs nicht bloß als gewöhnliche Feinde, ſondern... als Re⸗ bellen!“ „Von Schonung aber iſt dann, nach der Er⸗ oberung der Stadt, keine Rede mehr. Werden iudeß die Bürger die angebotene Gnade ſeiner Majeſtät des allerchriſtlichſten Königs, Ludwigs XIV. von Frankreich, annehmen, ſo ſollen denſelben ihre ſämmtlichen, ſowohl weltlichen als geiſt⸗ lichen, Privilegien beſtätigt werden'*). Unterwirft ſich die Stadt nicht, ſo haben die Ein⸗ wohner, nach allem ſelbſtherbeigeführten Schaden, auch noch die Kriegskoſten zu zahlen!“ Und mit dieſen Worten erhob ſich Louvois und verließ, mit höhniſchem Gruße, das Gemach. In welche Aufregung, in welche Trauer, in *) Wenckers Chronik.— Strobel's„Vaterländiſche Ge⸗ ſchichte des Elſaſſes“ V. 130. Raumers h. Taſchb.(der Ver⸗ rath Straßb. an Frankreich von H. Scherer) N. F. 4r J. 91. 2c. — 286— welche Verzweiflung verſetzte nun aber die Heimkehr der Abgeordneten die ganze Stadt! Ammeiſter Dominique Dietrich, Syndicus Frantz und Hugo von Zedlitz hatten die undenklichſte Mühe im Vereine mit anderen einſichtsvollen und vernünf⸗ tigen Männern die Ruhe aufrecht zu erhalten. Die Zünfte ſchrien nach Munition;— hundertfach wur⸗ den die Rufe laut:„Nieder mit den Verräthern im Magiſtrate!“ „Man will die Stadt in die Hände der Feinde ſpielen, darum hält man uns die Munition vor!“ „Stürmt die Zeughäuſer!“ „Auf! nach dem Rathhaus! Wir wollen nicht franzöſiſch werden, wir wollen deutſch bleiben! wir wollen uns vertheidigen!“ „Munition zu den Geſchützen!“ „Die Stadt vertheidigen, nicht übergeben!“ „Pulver und Blei heraus!“ „Es kann noch Hülfe kommen!“ „Nieder mit den Verräthern! nieder mit den Franzoſen!“ So tönte es auf den Wällen; unter ſolchen Aus⸗ rufungen wälzten ſich Volkshaufen, aus Männern, Weibern, Kindern und Greiſen beſtehend, durch die Straßen und dem Stadthauſe zu. Aber Hülfe kam keine! — 287— Wie oft flogen Hugo's Blicke nach der Krone des Münſters.. die weißen Tücher wollten nicht wehen! Er konnte es ſich denken: kein Fähnlein... nicht ein einziges Fähnlein Reichstrup⸗ pen zeigte ſich! Am meiſten aber hatte Hugo an Meiſter Wenck zu ſänftigen. Der kleine, ſonſt ſo joviale Schneider war zu einem Tiger geworden. Seine glitzernden Aeuglein ſchoſſen jetzt Blitze. Er lechzte ordentlich nach Franzoſenblut, namentlich ſeitdem er, von einem der Wall⸗Thürme aus, ein franzöſiſches Küraſ⸗ ſier⸗Regiment in der Nähe der Stadt entdeckt. „Haut die Kerle all' in Stücke!“— rief er ein über das anderemal—„Wer weiß wozu es gut iſt.“ Dennoch gelang es endlich Hugo, dem Syndicus und den Anderen, die Ruhe und Ordnung in dieſem für die Stadt ſo unendlich wichtigen Momente wie⸗ der herzuſtellen. Auch die Innungen— und ſelbſt die aufgereg⸗ teſte kampfbegierigſte unter dieſen, die Schneiderzunft mit ihrem Anführer Wenck— ließen ſich bereden, jetzt vor allen Dingen abzuwarten, was der große Rath der Dreihundert, die Mler, die KVer und XIIIer beſchließen würden. So wurden denn die Berathungen und die Be⸗ wachung der Stadt mit Eifer fortgeſetzt. Das Vertrauen kehrte mit der Einberufung der „Dreihundert“ zurück; denn durch dieſe, den „großen Rath“ bildende Körperſchaft, wußte ſich die ganze Bürgerſchaft vertreten. Was er be⸗ ſchloß, mußte als geſetzliches Ergebniß des Allgemeinwillens angeſehen werden. Aber Stunde auf Stunde verging,... und man kam zu keinem Entſchluß. Frantz und die Seinen eiferten für Zurückwei⸗ ſung der franzöſiſchen Forderungen und Verthei⸗ digung der Stadt. Ammeiſter Dietrich und die Aengſt⸗ lichen, ſahen— wenn ſich die Stadt nicht geradezu in ihr Verderben ſtürzen wolle— nur einen Aus⸗ weg, den: ſich dem unvermeidlichen Geſchick, als von dem Höchſten beſtimmt, zu fügen. Stadtſchreiber Günzer aber, in ſeiner Schlauheit, griff die Ver⸗ ſammelten auf der empfindlichſten Seite, d. h. bei ihrem Geldbeutel, an, malte wiederholt mit glühen⸗ den Farben die entſetzlichen Folgen einer Erſtürmung, Eroberung und Plünderung der Stadt aus, und berechnete in erſchreckenden Zahlen, was die Kriegs⸗ ſteuer für die Geſammtheit, was ſie für jeden ein⸗ zelnen Kopf betragen werde. Dennoch ſchwankten die Schaalen der Wage fort und fort, hin und her. Ol es hing ja ſo unendlich viel, es hing ja Alles an dieſem Beſchluß! — 269— D — r Zeiger wies ſchon auf fünf Uhr Nach⸗ mittag. um ſieben Uhr war die Friſt, die Louvois geſtattet, abgelaufen;... aber die Mehr⸗ heit der Stimmen im Rathe neigten ſich jetzt auch für Unterwerfung. Indeß die Schwierigkeit, in den nächſten zwei Stunden einen formell gültigen Entſchluß zu Stande zu bringen, nöthigte den Magiſtrat, ein Auskunfts⸗ mittel zu ſuchen. Man ließ durch einen reitenden Boten Mon⸗ ſeigneur Louvois um eine Verlängerung der Friſt bis zum Mittag des folgenden Tages bitten. Louvois gewährte ſie. Aber der Sachverhalt änderte ſich nicht... die Erwägungen, die Reden, die Berathungen, die Auf⸗ zählungen der Gefahren auf der einen und der an⸗ deren Seite, die Umfragen und Abſtimmungen dauer⸗ ten die ganze Nacht hindurch. Von Stunde zu Stunde gab man dabei den auf den Wällen vertheilten Zünften Nachricht von dem Stande der Dinge im Rathe. Ja der Rath frug ſelbſt die dort Verſammelten um ihre Anſicht und Meinung. Sie war hier überwiegend: Vertheidigung der Stadt! Der Raub Straßburgs III. 19 — So brach der neue Morgen an. O Gott! er konnte ja vielleicht Hülfe bringen! Die Augen von Tauſenden ruhten auf der Krone des Münſters... die weißen Tücher wehten nicht! Kein Fähnlein... auch nicht ein ein⸗ ziges Fähnlein Reichs⸗ und Hülfstrup⸗ pen ließ ſich ſehen! Da kam mit einemmale eine Nachricht, die alle und jede... auch die letzte Hoffnung niederſchmet⸗ terte: es war die beſtimmte Nachricht, daß ſämmt⸗ liche, von dem Magiſtrate ausgeſandten Couriere mit den um Hülfe rufenden Depeſchen.. von den Franzoſen abgefangen und letztere ſelbſt ſich in den Händen des Miniſters befänden. Jetzt war an keine Hülfe mehr zu denken... und jeder Widerſtand Uebermuth und Thorheit! Die eiſernen Würfel des Geſchickes rollten da⸗ hin... die weit überwiegende Mehrzahl des Ra⸗ thes beſchloß... Capitulation. Nur die Schnei⸗ derinnung verwarf jeden Vergleich und wollte ſich bis zum Tode vertheidigen. Auch Frantz und ſeine Parthei ordneten ſich jetzt dem ſo entſchieden ausgeſprochenen Willen der All⸗ gemeinheit unter. Ihr Verſtand ſagte ihnen, was ihnen ſelbſt die Liebe zu ihrer Vaterſtadt jetzt dietirte: — Straßburg iſt unter ſolchen Umſtänden nur durch Uebergabe vor völliger Zerſtörung zu retten. Auch Hugo von Zedlitz fügte ſich ſeufzend dem Unvermeidlichen... er hätte ſich in der That lie⸗ ber unter den Trümmern der Wälle begraben. Raſch wurden nun die einzelnen Artikel der Ca⸗ pitulations⸗Acte entworfen und das Ganze, ſo bald es die Genehmigung des Magiſtrates und der Bür⸗ gerſchaft erhalten, an den Marquis von Louvois überſandt, der bei dem Anblicke dieſes Aktenſtückes außerordentliche Freude zeigte. Die Capitulation lautete: „Wir, Franz Michael le Tellier, Mar⸗ quis von Louvois, Staatsſecretär Sr. aller⸗ chriſtlichſten Majeſtät, und Joſeph de Ponts, Freiherr von Montelar, Generallieutenant der Armeen, des Königs commandirender General im Elſaß. In Kraft der uns durch Se. Majeſtät er⸗ theilten Vollmacht, die Stadt Straßburg unter ſeine Souveränetät aufzunehmen, haben unter nachfolgende Artikel Clauſeln und Bemerkungen geſtellt, denen wir die Ratification Sr. Majeſtät und die Zurück⸗ gabe an den Magiſtrat innerhalb hier und zehn Ta⸗ gen verſprechen.“ Vorgeſchlagene Artikel von Seiten der Richter — 292— Conſuln und Magiſtrat der Stadt Straßburg, den 30. September 1681, und mit Bemerkungen erläu⸗ tert durch die Herrn von Louvois und Montclar. Artikel 1. Die Stadt Straßburg erkennt nach Beiſpiel des Hrn. Biſchofs von Straßburg, des Grafen von Hanau, des Hrn. von Fleckenſtein und der Ritterſchaft des Unterelſaſſes Se. allerchriſt⸗ lichſte Majeſtät fürihren ſouverainen Kö⸗ nig und Schutzherrn an. Bemerkung. Der König nimmt die Stadt mit allem Zugehör in ſeinen königlichen Schutz auf. Artikel 2. Se. Majeſtät wird ſämmtliche alte Privilegien, Rechte, Statuten und Gewohnheiten der Stadt Straßburg, kirchliche wie politiſche, im Ein⸗ klang mit dem Weſtphäliſchen und Nymweger den beſtätigen. Bemerkung. Bewilligt. Artikel 3. Se. Majeſtät wird freie Reli⸗ gionsübung geſtatten, wie ſie ſeit dem Jahre 1624 bis jetzt beſtanden hat bei allen Kirchen und Schulen, und nicht zu⸗ geben, daß irgend Jemand dagegen ſei, noch An⸗ ſprüche auf kirchliche Güter und Stiftungen erhebe, als da ſind die Abtei des heil. Stephan, das Ka⸗ pitol von St. Thomas, St. Marcus, St. Wilhelm, Alle Heiligen und was ſonſt darunter begriffen iſt. — 293— Vielmehr wird er dieſelben auf alle Zeit bei der Stadt und den Bürgern erhalten. Bemerkung. Bewilligt, hinſichtlich der Be⸗ nutzung der Kirchengüter nach dem Münſter Frie⸗ den, jedoch mit Vorbehalt der Kirche zu unſeren Frauen, welche den Namen „Münſter“ führt, die den Katholiken eingeräumt werden ſoll. Doch bewilligt Se. Majeſtät, daß man von den Glocken dieſer Kirche allen bisher üblichen Gebrauch fortſetze. Artikel 4. Se. Majeſtät will den Magiſtrat in ſeinem dermaligen Stand belaſſen mit allen ſeinen Rechten und der freien Wahl ſeiner Collegien, na⸗ mentlich alſo des Collegiums der Dreizehn, der Fünfzehn, der Einundzwanzig, des großen und klei⸗ nen Senats, der Schöffen, der Stadtoffiziere und der Kanzlei der geiſtlichen Convente; die Univerſität mit allen ihren Doktoren, Profeſſoren und Studen⸗ ten, in welcher Eigenſchaft ſie ſich auch befinden, die Zünfte, Gilden und Meiſterſchaft, Alle wie ſie ſich dermalen befinden, mit peinlicher und bürgerlicher Gerichtsbarkeit. Bemerkung. Bewilligt mit dem Vorbehalt, daß, wenn das Streitobject die Summe von tauſend franzöſiſchen Franken überſteigt, eine Berufung an das Tribunal in Breiſach ſtattfindet, ohne daß jedoch — 294— dieſelbe die Vollſtreckung des Urtheils aufhebt, welche dem Magiſtrat gebührt, wofern nicht von mehr als 2000 Franken die Rede iſt. Artikel 5. Se. Majeſtät verſpricht der Stadt ihre Einkünfte und Rechte, Zölle, Brückengelder und Mauthverkehr in vollem Genuß der Freiheit zu be⸗ wahren, wie ſie bis jetzt beſtanden, nebſt der unge⸗ ſtörten Verfügung des Pfennigthurms und der Münze, der Magazine und Waffenvorräthe, ſowohl im Ar⸗ ſenal, auf den Wällen, als in den Häuſern der Bürgerſchaft, der Speicher von Korn, Wein, Holz, Kohlen und der übrigen allen, ebenſo auch der Ar⸗ chive, Urkunden und Papiere, von welcher Beſchaf⸗ fenheit ſie auch immer ſeien. Bemerkung. Bewilligt, mit dem Vorbehalt, daß die Kanonen und die der Stadt gehs⸗ rende Kriegsmunition nebſt Waffenkam⸗ mer den Offizieren Sr. Majeſtät über⸗ geben werden; was die den Privaten gehörigen Waffen anlangt, ſo ſollen dieſelben auf das Rath⸗ haus in einem Saal niedergelegt werden, wozu der Magiſtrat den Schlüſſel hat. Artikel 6. Die ganze Bürgerſchaft bleibt frei von jeder Kriegscontribution und andrer Leiſtung. Der König überläßt der Stadt directe, wie indirecte Steuern zu ihrem Bedarf. Bemerkung. Bewilligt. Artikel 7. Se. Majeſtät überläßt der Stadt und den Bürgern Straßburgs die freie Benutzung der Rheinbrücke, aller Städte, Flecken, Dörfer, Land⸗ häuſer und Grundſtücke, die ihnen zugehören und wird die Gnade haben, der Stadt Anſtandsbriefe gegen ihre Gläubiger, ſowohl im Reich als aus⸗ wärts zu erwirken. Bemerkung. Bewilligt. Artikel 8. Se. Majeſtät gibt eine allgemeine Amneſtie für die Vergangenheit, ſowohl dem öffent⸗ lichen Gemeinweſen, als auch allen Privaten ohne Ausnahme, und wird darunter begreifen: den Pfalz⸗ grafen von Veldenz, den Grafen von Naſſau, den Reſidenten Sr. kaiſerl. Majeſtät, ſeinen Wohnungs⸗ bezirk, den Bruderhof nebſt allem Zubehör. Bemerkung. Bewilligt. Artikel 9. Es ſoll der Stadt erlaubt ſein, Kaſernen bauen zu laſſen, um die Be⸗ ſatzungstruppen einzuquartiren. Bemerkung. Bewilligt. Artikel 10. Die Truppen des Königs werden heute, den 30. September 1684, Nachmittags vier Uhr, ihren Einzug in die Stadt halten. — 296— Geſchehen zu Illkirchen,*) den 30. September 1684. Gezeichnet von Louvois, Joſeph von Ponts, Freiherr von Montclar, Johann Georg von Zedlitz, Dominique von Diet⸗ rich, Johann Leon hard Fröreiſen, Johann Philipp Schmidt, Daniel Richshoffer, Jonas Stör, J. Joachim Frantz, Chri⸗ ſtoph Günzer. Aber, o Himmel! wie zitterten den Abgeordneten des Magiſtrates bei dieſen Unterſchriften die Hände! Ja! ſie zitterten... und zwar den edlen Män⸗ nern, wie den Verräthern. Louvois aber hatte auch hier wieder ſeiner Ge⸗ waltthat den ſchneidend ſten, den bitterſten Hohn bei⸗ geſellt. Wie ſchrie dieſer ſchon allein in dem Artikel 9 auf, den er ſelbſt dictirte:„Es ſoll der Stadt „erlaubt ſein“ Kaſernen bauen zu laſſen, um die Beſatzungstruppen— alſo die Unterdrücker Straßburgs— einzuquartieren. Und wie ſtand es mit der, Artikel 3 garantirten Religionsfreiheit? Die freie Uebung des proteſtantiſchen Gottes⸗ dienſtes ward bald genug auf alle nur erdenkliche Weiſe *) Ein Dorf, eine halbe Stunde von Straßburg, wo das franzöſiſche Hauptquartier war. — 297— gehindert. Man nahm den Straßburger Proteſtanten die ausdrücklich eingeräumten Kirchen weg und zwang ſie mit den verwerflichſten Drohungen und durch die ſchändlichſten Beeinträchtigungen und Chicanen zum Abſchwören ihres Glaubens. Alle jene Scenen un⸗ barmherziger Verfolgungswuth, welche Frankreich um Hunderttauſende ſeiner beſten Unterthanen brachte, hatten auch in Straßburg ihren Schauplatz. Die Stadt, deren Rechte und Privilegien bald zu einer leeren Förmlichkeit herabſanken, erlag in ihrer Blüthe dem Druck der Tyrannei, bis die Revolution von 1789 für ſie ſelbſt, für Frankreich und für die ganze civilifirte Welt eine neue Zeitepoche herauf⸗ führte.*)——— In Kraft der Capitulation beſetzte nun die fran⸗ zöſiſche Armee, 15,000 Mann ſtark, am 30. Sept. 1681 die Stadt Straßburg. Mit dem Schweigen ſchmerzvoller Reſignation ſahen die Einwohner auf die einziehenden Truppen. Alles blieb ruhig... nur Einer ertrug dieſe Schmach und dieſen Schickſalsſchlag nicht. Es war Meiſter Wenck. Zähneknirſchend, mit geballten Fäuſten hielt er lange an ſich; als er jetzt aber mit einemmale ein — *) Friedrich v. Ranmer. A a. O. S. 134. — 298— Regiment ſeiner verhaßteſten Feinde, der franzöſiſchen Küraſſiere, einziehen ſieht,... da!... da kann er ſich nicht mehr halten. Wie von Furien getrieben, eilt Wenck nach Hauſe reißt ſeine Büchſe von der Wand,„.. wirft die Taſche mit Pulver und Blei über und kehrt flie⸗ genden Schrittes zurück. „Wo, wo ſind die Hallunken!“— ſchreit er, vor Wuth ſchäumend. „Welche Hallunken?“ fragt man erſtaunt. „Nun die franzöſiſchen Küraſſiere!“— ruft Wenck und ſeine Augen flammen. „Sie bivouaquiren auf dem Barfüßerplatz „Gut!“— ſagte der kleine Schneidermeiſter, und fliegt wie ein Pfeil vorwärts. Jetzt hat er den ebengenannten Platz erreicht... jetzt faßte er ſie in's Auge... und mit dem Rufe: „Nieder mit den Tyrannenknechten,... es lebe die Freiheit! es lebe Straßburg! Mir nach ihr Bür⸗ ger!“— kracht die Doppel⸗Büchſe... die Ladung pfeift dahin... und... vier Küraſſiere taumeln verwundet zu Boden. „Wahnſinniger!“— ſchreit in dieſem Augenblicke Hugo von Zedlitz und reißt ihn zurück in die zu⸗ ſammenlaufende Menge. „Wahnſinniger! Was kann der Einzelne gegen die Menge; fort von hier und rette Dich!“ 1 1 . „Der Einzelne?“— rief Wenck mit glühendem Haupte.—„Hätten ſie Alle wie ich gedacht, unſer gutes ſchönes Straßburg wäre noch frei. Aber vier von den Hunden hab' ich doch angebrannt. So Gott will ſind ſie todt!... Wer weiß wozu's gut iſt!“ „Fort!“— rief Hugo, der jetzt ein Commando Küraſſiere heranſprengen ſah.—„Fort!“— und er zog Wenck mit Gewalt nach ſich. In wenig Sprüngen waren ſie an der Straßenecke.. aber die Verfolger hatten ſie bemerkt... mehrere Schüſſe krachten und Wenck lag todt am Boden. Eine franzöſiſche Kugel hatte ihn durchbohrt. Schaum und Traum. Straßburg war alſo in den Händen der Franzoſen. Am folgenden Tage, den 1. October, wurden die 300 Schöffen verſammelt und ihnen die Capitulation in der vom Miniſter Louvois angenommenen Weiſe vorgeleſen. Als ſie darin alle ihre Privilegien auf⸗ recht erhalten und die Uebung der proteſtan⸗ tiſchen Religion geſichert ſahen, gaben ſie ſich zufrieden. Die Städtemeiſter waren mehrere Tage mit der Einquartirung der Truppen beſchäftigt. Louvois bat in dem Briefe, worin er mit freudiger Genugthuung ſeinem Könige die Capitulation Straß⸗ burgs anzeigte, um ſchnelle Ratification, da er Eile hatte, die Vertheidigungswerke zwiſchen der Stadt und dem Rheine in Angriff zu nehmen. Bereits am Morgen des 1. Octobers beorderte er Ingenieure, — 301— um Pläne zu zeichnen, damit Vauban, der kommen⸗ den Tages eintreffen ſollte, im Stande wäre, ſeine Feſtungsprojecte ſo bald als möglich in Ausführung zu bringen. Bereits am 4. October begann Vauban ſeine Arbeit; den ſchon vorhandenen Werken, welche er im beſten Zuſtande fand, fügte er die Citadelle hinzu, nicht allein um den Platz uneinnehmbar zu machen, ſondern auch um die Bewohner im Zügel zu halten; auch wurde zu jener Zeit der Breuſch, ein Kanal gegraben, um die Baumaterialien herbeizuſchaffen. Der Bau der Citadelle und mehrerer Kaſernen beſchäftigte eine große Anzahl von Arbeiter. Man fertigte ein Verzeichniß ſämmtlicher Kanonen und Munitionsſtücke, die ſich in dem Platz gefunden hatten; zu gleicher Zeit begann die Entwaffnung; die Bürger brachten ihre Waffen in die Zunfthäuſer, von wo ſie in das Rathhaus geliefert wurden. Die Einwohnerſchaft ſelbſt wurde einer allgemeinen Zäh⸗ lung unterworfen. Louvois, der in der Stadt reſi⸗ dirte, lenkte durch das ihm treu ergebene Organ des Stadtſchreibers Günzer ganz nach ſeinem Willen den fügſamen Magiſtrat. Sobald die Ratification des Königs eingelaufen war, ließ General Montclar die Richter, Conſuln und Senatoren der königlichen freien Stadt Straß⸗ — 302— burg nachſtehenden Eid ſchwören:„Ihr ſchwöret vor Gott Treue und Gehorſam dem König, Euerm oberſten Herrn und Gebieter, daß Ihr nie Etwas thun noch erlauben wollt, was gegen ſeine Dienſte und Intereſſen ſei, und daß Ihr mit ſeinen Feinden kein verderbliches Einverſtändniß halten wollt. So wahr, als Gott Euch helfe.“ Louvois berichtet in folgenden Ausbrücken über die Ereigniſſe der erſten vier Tage an den König: „Herr von Montelar hat heute Morgen den Eid der Treue entgegengenommen, welchen der Magiſtrat mit gutem Willen leiſtete. Auch habe ich die Umge⸗ bungen der Stadt beſucht, deren Feſtungswerke da⸗ für, daß ſie von Bürgern gebaut ſind, alles Lob verdienen; für eine Summe von 12,000 Thalern könnte man das Waſſer der Ill und der Breuſch in alle Gräben leiten. Für die Citadelle kann man das Waſſer des Rheins benutzen, der beträchtlich höher liegt als die Stadt, was ein großer Vortheil iſt, da, wenn auch die Stadt Straßburg verloren iſt, doch der Zugang der Citadelle durch einen Kanal des Rheins abgeſchnitten und unangreifbar gemacht werden kann. Ew. Majeſtät darf darauf zählen, daß, wenn die Citadelle vollendet und am Ende der Brücke, nach der Breisgauer Seite zu, ein Fort mit vier Baſtionen errichtet iſt, keine Macht in Eu⸗ — 303— ropa es wagen wird, Ew. Majeſtät mit Gewalt von dieſem Poſten zu vertreiben. Nach dem Eſſen ging ich heute mit Herrn von Vau⸗ ban an die Orte, wo die Kaſernen erbaut werden. In ihrer Nähe ließen ſich wohl einige verſchanzte Quartiere anlegen, die, da ſie von der Citadelle am entfernteſten liegen, für alle Fälle gegen die widerſpenſtige Bürgerſchaft zu gebrauchen wären“*) Paris jauchzte. Der König aber verließ die Hauptſtadt, um ſich mit ſeinem ganzen Hofe nach Straßburg zu begeben und dort die Huldigung ſeiner neuen Unterthanen zu empfangen. ₰ In dem Herzen Ludwigs XIV. aber ſah es trübe und finſter aus. Wilde Stürme waren in der letzten Zeit an ihm vorübergebrauſt, und die ſtolze Sieges⸗ freude über den Fall Straßburgs verdunkelten ſchwarze, von einer anderen Seite herüberfallende Schlag⸗ ſchatten. Es war nämlich kurz nach der Rückkehr von Colmar, als die Herzogin von Fontanges— ſie *) Man errichtete nach dieſem Vorſchlag innerhalb der Mauern die weiße Schanze und die Steinſchanze, beide wur⸗ den jedoch am 14. September 1791 von den Straßburger Republikanern als ein Denkmal der Tyrannei Lud⸗ wig's XIV. zerſtört. — 304— ſtand jetzt gerade, wenigſtens dem Anſcheine nach, auf dem Gipfelpunkt ihrer Macht— durch eine ihrer Kammerfrauen eine Nachricht empfing, die ſie gewaltig berührte und ergriff. Seit jener Verhaftung Gauthiers auf ihrem Zimmer und ſeiner Verbringung in die Baſtille, war es ihr unmöglich geweſen, auch nur das Ge⸗ ringſte über das Schickſal des unglücklichen Gefähr⸗ den ihrer Jugend zu vernehmen. Nur einmal hatte ſie es gewagt, den König um Gnade für ihn zu bitten; aber ſie hatte an dieſem einenmale genug. Der Zornausbruch ihres könig⸗ lichen Geliebten bei dieſer Gelegenheit ſchloß ihr für immer den Mund. In Marie Angeline Seoraille de Rouſilles Cha⸗ rakter lag aber nichts, das an Tiefe und Energie erin⸗ nerte. Die ihr angeborene Eitelkeit und Glanzſucht verflachten im Gegentheile alle tieferen Gefühle und ließ ſie— in dem fortdauernden Rauſche der Luſt, die ſie umbrauſte,— nur zu leicht allen Ernſt des Lebens, alles was ſie unangenehm berührte, ver⸗ geſſen. Die Erinnerung an jene Scene in ihrem Schlaf⸗ gemache, ſo wie überhaupt an Gauthier, war ihr ohnedem peinlich genug und verfolgte ſie wie ein Geſpenſt. Warum daran denken? Ketteten ſich doch — 305— noch ſo viele andere peinliche Erinnerungen an dieſe Gedanken und das ſtörte die ſchöne ſtolze Herzogin in ihren Vergnügungen, in dem ſüßen Taumel, in dem ſie ſich auf der Sonnenhöhe der königlichen Gnade ſo glücklich wiegte. Wäre es nicht ein Wahnſinn geweſen, dieſe unſchätzbare königliche Gnade zu verſcherzen? So ſchwieg denn Marie Angeline und die lei⸗ dige Sache war bald vergeſſen. Aber auch die Baſtille pflegte von jeher über das, was in ihr vorging, zu ſchweigen. Sie war zu⸗ meiſt ein gewaltiges, ein rieſiges Grab für alle Die⸗ jenigen, die ihr ein unſeliges Geſchick zugeführt. Wie ein furchtbares Geheimniß ſtand ſie da— mit⸗ ten in dem heiteren leichtſinnigen Paris— mit ihren Graben, Baſtionen und acht großen Thürmen in welchen ja ſo Mancher... lebendigen Lei⸗ bes auf ewig begraben war! Indeß Einfluß und Geld vermögen auch die dickſten und feſteſten Mauern zum Reden zu bringen. Und es gab in Frankreich Jemand, den es intereſ⸗ ſirte, was mit Gauthier vorging. Das frühere Ver⸗ hältniß mit dieſem jungen Manne und die Geſchichte ſeines Zuſammentreffens mit dem Könige in dem Schlafgemache der Herzogin... waren die Achilles⸗ verſe der ſtolzen Fontanges. Der Raub Straßburgs III. 20 — 306— Hier war der Fleck, wo man ſie tödtlich ver⸗ wunden konnte,.. ſie... und den König. Blieb es nicht immer auch möglich, die Verhaßte noch durch dieſe Geſchichte zu ſtürzen? Wer konnte es wiſſen? Und es gab Jemand, der die überſtolze Mai⸗ treſſe des Königs tödtlich haßte,... nichts mehr erſehnte, als ihren Sturz;... Jemand, der dieſen Sturz der Fontanges, deren Erhebung ſein Fall war, zu ſeiner Lebensaufgabe gemacht hatte. Und dieſer Jemand war... die Marquiſe von Montespan. Der Hof Ludwigs KIV. war die Hoheſchule der Liebe und des Haſſes. Die Marquiſe hatte dieſe Schule nicht umſonſt durchlaufen; aber auch die ihr ſo qualvolle Einſamkeit ihrer Verbannung nach Tonnay⸗Charante nicht umſonſt durchſeufzt. War ſie doch längſt im Geheimen nach Paris gekommen, um die Dinge, die ſie intereſſirten, in der Nähe zu beobachten. Und wahrlich! ſie— die ſelbſt ſo viele Hofintriguen geſponnen und bekämpft— beſaß einen Adlerblick in dergleichen Dingen. Aber... ſie beſaß auch noch etwas, was jener Zeit eigen war... den Aberglauben derſelben. Und dieſe Schwäche führte ſie zu der berühmten Kartenſchläge— rin La Voiſin. — 307— Sie mußte durch dies Weib das zukünftige Ge⸗ ſchick ihrer verhaßten, jetzt ſiegreichen Nebenbuhlerin erfahren. „Das Regiment der Fontages iſt nur kurz!“ — antworteten die verhängnißvollen Karten— „aber nur die Hand, die ſie S vermag ſie zu ſtürzen.“ Die Marquiſe jauchzte in ihrem Inneren auf. Die Antwort der Kartenblätter war freilich räthſelhaft. Wer denn hatte die kleine Fontanges ge⸗ hoben? unzweifelhaft ſie, die Marquiſe;.. indeß man konnte auch ſagen der König, auch der Herzog von Saint⸗Aignan hatte Theil daran und ſelbſt Gauthier, der als Mittel dazu benutzt worden. Wie die Sache nun anfangen? Die Schlauheit der Marquiſe verhalf ihr zu einem Meiſterwerke in der Kunſt der Intriguen. Sie ſagte ſich: der Ausſpruch der La Voiſin muß wahr werden, wenn ich die vier Hände, die ſich ver⸗ einten, die Fontanges zu heben.. jetzt auch in einanderlege, um ſie zu ſtürzen. Mit dieſem Gedanken war denn auch ihr Ent⸗ ſchluß gefaßt, den ihr ſcharfer Geiſt keine Mühe hatte ſofort in die Form eines Planes zu gießen. Was die Marquiſe von Montespan ferner mit der La Voiſin verhandelte, deckte Nacht und Schwei⸗ 20* — 308— gen. Vorerſt öffnete ihr Geld der Baſtille den Mund. Sie erfuhr genau, wie es um Gauthier ſtehe, und da die Kammerfrau der Herzogin von Fontanges in einem geheimen Verhältniſſe zu der Marquiſe von Montespan ſtand, ſo erfuhr— auf den Wink der Montespan— die ſchöne ſtolze Herzogin jene Nachricht, von der wir geſagt, daß ſie Marie Ange⸗ line auf das Tiefſte ergriff und erſchütterte. Es war die Nachricht: Gauthier lebe zwar noch, ſei aber zum Tode verurtheilt. Die Ausfüh⸗ rung des Urtheils ſtehe in wenigen Tagen bevor. Dieſer Schlag traf denn doch Angeline zu ge⸗ waltig, um ſie nicht aus ihrem Leichtſinn aufzu⸗ ſchrecken. Ihr Herz war ja nicht böſe, nicht gefühl⸗ los, ſondern es mangelte ihm nur die Tiefe des Gefühls, wie ihrem ganzen Weſen überhaupt... Charakter. „Zum Tode verurtheilt!“— es iſt ein ſchreckliches Wort und noch dazu, wenn das Gewiſ⸗ ſen ſagt, daß man die Schuld an dieſem entſetzlichen Urtheil trage. Aufgeſchreckt aus ſchwindelnder Luſt, aus dem Taumel des Glanzes und der Herrlichkeit, ſchmet⸗ terte ſie dies Todesurtheil faſt zu Boden. Sie ſah ſchon in ihrer aufgeregten Phantaſie das Schreckliche geſchehen! — 309— Sie ſah Gauthier, den treuen Geſpielen ihrer Jugend,... Gauthier, der ſie ſo innig gelicht,. ſie ſah ihn auf der Richtſtätte. Sie ſah die bleiche, für ſie duldende Geſtalt in die Gruft ſinken.. ſie ſah den kleinen Hügel, der dies arme Herz deckte, . den friſchen Raſen darüber;... ſie ſah, wie ſelbſt die Reſte dieſes Leibes bald Anderen wieder Platz machen mußten,... wie die zehrende Luft die hinausgeworfenen Gebeine bleichten. Und die leidende Geſtalt und die Gruft und der Hügel und die Gebeine ſchrien:„Mörderin!“ Angeline war außer ſich. Schmerz, Kummer und Gewiſſensbiſſe waren bis dahin in dem Buche ihres Lebens noch wenig aufgezeichnet. Mit erſteren hatte ſie das Schickſal, mit letzteren ſie ſich ſelbſt ver⸗ ſchont. Aber... ihr Gewiſſen war diesmal kein Höfling: es beugte ſich nicht, es ſchwieg nicht, ſon⸗ dern es ſchrie fort und fort laut auf:„Du biſt ſeine Moͤrderin!“ Es iſt ein eigenes Ding um das Gewiſſen! Dieſer furchtbare innere Richter, der der Macht aller Könige und Kaiſer trotzt, wer iſt er denn? Wo greifen wir ihn? wo hat er ſeinen Sitz?— Aalglatt iſt er, und wenn wir ihn zu haben glauben und denken, er iſt erdroſſelt und erſtickt,.. ſo ſchlüpft er uns durch und kommt auf der anderen — 310— Seite wieder lebendig hervor, nur daß alsdann ſeine Stimme noch mahnender, noch ernſter, noch furcht⸗ barer iſt! Und dieſe Stimme, ſpricht ſie nicht am Tage und in der Nacht? Ruft ſie nicht die Phantaſie zu Hülfe und malt dem Schuldigen die ſchrecklichſten Bilder aus, die ihn dann— ob wachend, ob träu⸗ mend— vor der Seele ſtehen und ihn verfolgen und ängſtigen und quälen, bis ſie ihn zu Verzweif⸗ lung und zu Wahnſinn treiben. Schrecklich ſchön iſt der Ausdruck, den ihm ſchon die alten Griechen in der Geſchichte des Oreſt gaben und dem Schiller und Göthe in unſerer herr⸗ lichen Mutterſprache neuen Glanz verliehen. „Selber die ſchrecklichen Furien ſchwangen Gegen Oreſtes die hölliſchen Schlangen, Reizten den Sohn zu dem Muttermord an; Mit der Gerechtigkeit heiligen Zügen Wußten ſie liſtig ſein Herz zu betrügen, Bis er die tödtliche That nun gethan.— Aber, da er den Schoos jetzt geſchlagen, Der ihn empfing und liebend getragen, Siehe, da kehrten ſie Gegen ihn ſelber Schrecklich ſich um... Und er erkannte die furchtbaren Jungfrau'n, Die den Mörder ergreifend faſſen, Die von jetzt an ihn nimmer laſſeu, — 311— Die ihn mit ewigem Schlangenbiß nagen, Die von Meer zu Meer ihn ruhelos jagen Bis in das delphiſche Heiligthum!“ Und der Gedanke erfaßte auch ſie und nagte mit Schlangenbiſſen an ihrer Seele:„Du biſt Gauthiers Mörderin! Du haſt ihn, den edlen Jüngling,. den, der dich liebte, der der Schutz und das Glück deiner Jugend war,„ der dich in ſeiner Treue warnen und auf den Weg der Tugend mit Gefahr ſeines Lebens zurückrufen wollte... du haſt dieſen Edlen auf das Schaffot geliefert!“ Vergebens verſuchte die ſchöne ſtolze Herzogin jetzt den alten leichten Sinn wieder heraufzubeſchwö⸗ ren.. es ging nicht! Vergebens wollte ſie ſich, in ihrer inneren Angſt und Verzweiflung, in einen noch tolleren Strudel von Vergnügungen und Zerſtreuungen ſtürzen. es half nichts! Das unſelige bleiche Geſpenſt von Loches ſtand wieder, und jetzt wie feſtgemauert vor ihrer Seele! Das namenlos peinliche Gefühl des Unrechtes, deſſen ſie ſich gegen Gauthier ſchuldig gemacht, war ihr nie ſo klar geworden, als jetzt, da es zu ſpät war, das Unrecht wieder gut zu machen. Aber ge⸗ rade in der Erkenntniß dieſes:„zu ſpät!“ lag ja auch wieder eine grauenhafte Steigerung ihrer Qual. — 312— Auf den Knien hätte Angeline jetzt Gauthier um Vergebung anflehen mögen... und doch— ſo ſchwach war ihr Charakter— wagte ſie es nicht, ſich an den König zu wenden. Die Furcht vor der Ungnade ihres königlichen Geliebten,... die Angſt, ihre Stellung zu gefährden, gewannen auch jetzt wieder das Uebergewicht über die beſſeren und edle⸗ ren Regungen ihres Herzens. Aber zum Schweigen brachten ſie dieſe allerdings nicht. In der Allgewalt ihres Schmerzes theilte ſie ſich jener vertrauten Kammerfrau mit, die ihr im Geheimen die unſelige Botſchaft von Gauthiers be⸗ vorſtehender Hinrichtung gebracht. Jedes menſchliche Herz fühlt ja in Schmerz und Unglück das Bedürfniß, ſich mitzutheilen, ſeinen Kummer in den Buſen eines vertrauten Weſens aus⸗ zuſchütten. Und jene Kammerfrau war ihre Vertraute und verdiente es zu ſein. Tauſendmal hatte ſie dies bewieſen und Tauſende von Freundlichkeiten, Gunſt⸗ bezeugungen und Wohlthaten ketteten ſie außerdem an ihre ſchöne jugendliche Gebieterin.. Bewies ſie doch auch jetzt wieder, wie gut ſie es mit der jungen Herzogin meine. Liebevoll hörte ſie dieſelbe an;... liebevoll ſuchte ſie Angelinen zu tröſten;... ja ſie that noch mehr, ſie gab ihr 6 „ einen Plan zur Rettung des Unglücklichen an die Hand. „Gold“— ſagte ſie—„Gold vermag Alles in der Welt.“ „Ich werde den Werth eines Fürſtenthums mit Freuden dahingeben!“— rief Angeline—„wenn ich ihn im Geheimen retten kann! Ich will Gold, ich will Juwelen ausſäen... nur helfen Sie mir, ihn vor dem Tode zu bewahren!“ „Und hätten Sie den Muth, ihn im Geheimen zu ſehen?“ „Es wäre mein heißeſter Wunſch, ihm auf den Knien abzubitten, was ich an ihm verbrochen;... aber dver König „Er erfährt nichts davon!“ „Und die Baſtille?“ „Wird ſich Ihnen in ſtiller Nacht öffnen. Sie haben den Schlüſſel in Händen.“ „Ich?“ „Ihr Gold!“ „Nehmen Sie, nehmen Sie, was Sie brauchen!“ „Es wird viel ſein!“ „Mir gleich! Die Güte ſeiner Majeſtät gegen mich iſt unerſchöpflich. Aber durch wen...7“ „Durch den Herzog von Saint⸗Aignan.“ „Durch Saint⸗Aignan?... Nein, das geht nicht Er haßt Gauthier... „. — 314— „Aber er liebt... Sie!“ „Um Gottes Willen!...“ „Und wird darum alles, was er nur kann, für Sie thun, wenn wir ihn darum angehen.“ „Es iſt zu gewagt.“ „Laſſen Sie mich die Sache arrangiren. Der Herzog hat den Gefangenen ja nicht zu fürchten.“ „Nein!“— ſagte Angeline mit trübem Lächeln —„und Saint⸗Aignan iſt allerdings mein beſter und zuverläſſigſter Freund.“ „So willigen Sie ein, Frau Herzogin, und ſchenken Sie mir, wie ſo oft ſchon, Ihr Vertrauen.“ „Als ob Sie dies nicht im vollſten Maße be— ſäßen. Ich denke, ich gab Ihnen Beweiſe genug davon.“ „Für die ich Ihnen ewig dankbar bin!“— ſagte die Kammerfrau und küßte die Hand ihrer Gebieterin —„es bleibt alſo dabei?“ „Ja!“— verſetzte die Herzogin von Fontanges. —„Aber ich beſchwöre Sie um die größte Vorſicht. Der König darf um keinen Preis der Welt das Leiſeſte davon ahnen.“ „Er lebt im Augenblick nur für die Politik. Verlaſſen Sie ſich im Uebrigen auf mich, Frau Herzogin.“ Angeline nickte. Das Geſpräch wurde durch Ein⸗ tretende unterbrochen.———„ — — 315— In der zweiten Nacht, die auf dieſen Tag der Aufregung folgte, hielt ein gewöhnlicher Miethwagen in einer der kleinen Straßen von Paris nicht all⸗ zuweit entfernt von dem königlichen Schloſſe. In demſelben ſaß ein bürgerlich gekleideter Mann. Es war Saint⸗Aignan. Er hatte das Haupt in ſeiner Hand, den Elen⸗ bogen auf das Knie geſtützt, und war in tiefe Ge⸗ danken verloren. „Was iſt doch das Leben,“— ſagte er jetzt halblaut vor ſich hin—„was die Gunſt des Glückes!.. wahrlich, nicht mehr als Schaum und Traum. Im Ganzeñ hat Jeder recht, der es wie ich und die kleine Fontanges macht und in dem Strudel der Luſt ſo tief untertaucht als möglich. Jede Minute, in der wir nicht genießen, iſt ver⸗ loren... und.. der Teufel weiß... wie bald der Schaum und Traum verflogen und verrauſcht iſt. Wohl iſt es wahr: lade die Sünde nicht ein, ſo wird ſie dich nimmer beſuchen, liebäugelſt du aber mit ihr, ſo iſt ſie bald dein Genoſſe. Und doch.. es iſt eine verfluchte Geſchichte— gerade Liebäugeln mit der Sünde und die Sünde ſelbſt... ſind das Schönſte und Beſte im Leben. Ich möchte um keinen Preis der Welt etwas anderes ſein, als was ich bin: ein kecker Abenteurer, der dem Geſchick — 316— die raffinirteſten Genüſſe, ein heiteres tolles Leben abtrotzt. Es iſt wahr, ich bin bei dieſer Maxime früh gereift und... ſogar innerlich verwelkt durch die Athmosphäre in welcher mein Daſein dahin ſchwindet... indeß... was thut es?... ich lebe.. und... an dem ſchwindelnden Abgrund mit dämoniſcher Luſt dahinſtreifend,... iſt es nur noch der glühende Hauch verbotenen Genuſſes, der mich erfriſcht, ſtürmiſch bewegt und ſättigt.“ „Nur conſequent muß der Menſch dabei bleiben, ſonſt iſt er verloren. Wer einmal alles Heilige in ſich todtgeſchlagen, muß ſtark genug ſein, ſich von jeder Gefühlsauferſtehung frei zu halten. Das aber vermag ein Weib ſo leicht nicht. Es gibt bei ihnen immer noch das eine oder das andere Fleckchen, wo die Sentimentalität ſitzen geblieben iſt,... und.. darüber gehen ſie zu Grunde... zumal... wenn es an geiſtiger Kraft fehlt,... wie bei der kleinen Herzogin von Fontanges.“ Saint⸗Aignan hielt einen Augenblick inne. Er ſchien nach etwas hinzulauſchen; aber alles blieb ſtille. Das enge finſtere Gäßchen, in dem er mit ſei⸗ nem Wagen hielt, war wie ausgeſtorben. Der Herzog ſank in ſein Sinnen zurück. „Ja!“— fuhr er wie vorhin fort.—„Die kleine Fontanges ſie wird keine Ausnahme von ihren Vorgängerinnen machen... es wird hei ihr kommen, wie man von den ſchönen, überprächtigen, ſonnengoldenen Tagen der tropiſchen Zonen erzählt auf Glanz und Tageshelle folgt plötzlich die Nacht. 6 Es iſt ſchade für ſie... oder beſſer: um ſie. Sie iſt verteufelt ſchön und wenn auch ſonſt kalt wie Marmor... in der Liebe. ein Vulkan!“ „Aber der Boden iſt eben unterhöhlt!... der König fängt an, ſich bei ihr zu langweilen... natürlich!... Schönheit ohne Geiſt, ohne Witz und Laune kann Niemand lange feſſeln,... am wenigſten... ein ſo verwöhntes Menſchenkind.. wie Ludwig XIV.... Ein ſolcher Gaumen will piquante Speiſen! Der Böſe ſoll mich holen, wenn meine feine Naſe nicht die rechte Spur wit⸗ tert... wenn... wenn... ſeine allerchriſtlichſte Majeſtät nicht ſchon ſeit einiger Zeit ein Auge auf die geiſtreiche und tugendſame Erzieherin ſeiner Kin⸗ der, des Herzogs von Maine und des Grafen von Toulouſe, geworfen. Sie ſcheint zwar ſehr fromm, die gute Wittwe Scarrons... aber das iſt ja eben das Neue und Piquante... verſuchen wir uns einmal in Frömmigkeit!... Majeſtät haben — 318— ihr das ſchöne und koſtbare Landgut Maintenon aus Dankbarkeit geſchenkt.. ſie damit auch zur Mar⸗ quiſe erhoben... Saint⸗Aignan!... Saint⸗ Aignan!. ich glaube immer.. dieſe neuge⸗ backene Marquiſe von Maintenon... wird bald Frau von... Maintenant ſein!“ Der Herzog richtete ſich etwas empor, dann rief er leiſe: „Aufgepaßt! der Wind hat gewechſelt.. ein Narr, der gegen ihn ſteuern will! Und wahrlich! dieſen Titel wird ſich Saint⸗ nicht verdienen wollen.“ „Alſo keine Grillen über das, was Du heute thuſt. Hat dieſe kleine Fontanges doch auch mich, wie die Königin und den ganzen hohen Adel, oft genug durch ihren bodenloſen Stolz beleidigt... ſpielen wir alſo Revanche!... und zwar ſo... daß wir bei der Parthie gewinnen. Die Kurzſichtige — durch den Schein meiner Liebe und Unterwürfig⸗ keit getäuſcht— gibt ſich ja ſelbſt in meine Hände. Armes Köpfchen!“— und der Herzog lachte leiſe vor ſich hin—„du legſt Dir durch eine alberne Sentimentalität den Strick ſelbſt um den Hals. Machen wir für uns eine nene goldene Kette dar⸗ aus, durch die wir den König an uns feſſeln. Welch' ein Verdienſt in ſeinen Augen, wenn ich ihm — 319— auf ſo geſchickte Weiſe die ihm läſtig gewordene kleine Limagneſerin vom Hals ſchaffe. und. der guten Maintenant den Weg bahne!“ In dieſem Augenblick ſchlug es zehn Uhr. „Zehn Uhr!“— ſagte der Herzog—„jetzt wird ſie gleich hier ſein... und... der König mein Schreiben in Händen haben.“ Saint⸗Aignan verſtummte. Dann ſtieg er aus dem Wagen und lauſchte nach dem Eingang der Straße hin. Wenige Minuten ſpäter nahten zwei verhüllte weibliche Geſtalten. Es war die Herzogin von Fon⸗ tanges und ihre Kammerfrau. Beide ſtiegen ein, der Herzog mit ihnen.. dann fuhr der Wagen, auf ein gegebenes hin, der Baſtille zu. Kalte Schauer überrieſelten Angeline, als ſie das alte finſtere Mauerwerk jenes unſeligen Gefäng⸗ niſſes betrat, über das bereits Jahrhunderte mit ihren Stürmen, Seufzern, Verbrechen und Schand⸗ thaten dahingefahren. Mußte doch ſchon das Schick⸗ ſal des Erbauers der Baſtille, uls unſelige Vorbe⸗ deutung der Gräuel gelten, welche die Tyrannei der Herrſcher Frankreichs hier Jahrhunderte lang aus⸗ führen ließ: Hugo Aubriot, Intendant der Finanzen — 800— am franzöſiſchen Hofe, war es, der— auf des Kö⸗ nigs Befehl— die Baſtille baute und der ſelbſt ſpäter— der Ketzerei angeklagt— als erſter Gefangener in ihr, ſein Leben aushauchte. Und was wußte man nicht alles von dieſem furchtbaren Staatsgefängniſſe zu erzählen? Jeder Stein ſchien Angelinen ein verkörperter Seufzer; jeder, von den feuchten Wänden herabſickernde Tro⸗ pfen... die Thräne eines für ewig hier Einge⸗ kerkerten. Peinliche Beglommenheit überdeckte jetzt den ſonſt ſo lachenden Frühling ihrer Seele wie mit einem grauen Gewölke. Die Stufen, die ſie hinabſtieg, ſchienen ihr Stufen des Grabes;. es kam ihr faſt vor, als ſteige ſie ſelbſt in ein ewiges Gefäng⸗ niß hinab... als ſei ihr ſelbſt ein Todesurtheil geſprochen. Die Herzogin zog den Mantel, der ſie einhüllte, feſter um ſich. Unwillkürlich fuhr zugleich die Hand nach dem Herzen, um zu fühlen, ob es noch ſchlage. Wäre es möglich geweſen zurückzukehren, ſie würde es gethan haben, ſolche tödtliche Angſt erfüllte Aber.. ſie ſtanden vor einer ſchwer mit Ei⸗ ſen beſchlagenen Thüre, welche drei große Schlöſſer verwahrten. Es war— wie der Wärter kalt — 34— und ruhig bemerkte— die Thüre zu Gauthiers Gefängniß. Die Herzogin von Fontanges drückte dem Manne eine mit Gold gefüllte Börſe in die Hand;„ ihre eigene zitterte indeß dabei ſo ſtark, daß ihr das Geld beinahe entglitten wäre. Der Gefangenwärter nahm den Schlüſſelbund von ſeiner Seite. Die drei Schlöſſer wurden geöff⸗ net,„drei Riegel knarrten. die Thüre ging auf. Nacht und Stille herrſchten in dem engen feuch⸗ ten Raume. Die Luft, die der jungen Herzogin entgegenkam, erſtickte ſie faſt. Die Sinne wichen.. es fiel wie Eis auf ihr Herz. ſie war einer Ohnmacht nahe Glücklicherweiſe reichte ihr Saint⸗Aignan in dieſem Momente den Arm... ihr Fuß ſuchte die Schwelle. der Kerkermeiſter ging mit Licht voran. Sie traten ein. Nichts rührte ſich... nichts war noch zu er⸗ kennen. Der ſchwache Schein der Lampe, die der Wärter in die Höhe hob, um ihren kümmerlichen Strahlen einen größeren Spielraum zu geben, flackerte matt und unſicher in dem grabesdunkelen Raume und an den düſteren feuchten Wänden hin und her. Der Raub Straßburgs III. 21 — 322— Angeline und Saint⸗Aignan bedurften einige Secunden Zeit, ehe ſich ihre Augen zurechtfanden. „Er ſchläft!“— ſagte der Wärter in jenem kalten zurückſchreckenden Tone, der allen Menſchen eigen iſt, deren Mitgefühl die traurige Gewohnheit, tagtäglich mit Unglücklichen umzugehen, vollſtändig abgeſtumpft hat. Und bei dieſen Worten deutete ſeine Hand nach einem Winkel des Gefängniſſes. Die Herzogin trat näher;... aber ein Grauen ergriff ſie, als ſie eine faſt zum Skelett abgemagerte menſchliche Geſtalt auf einer Streu halb verfaulten Strohes liegen ſah. Mit einem Schlag auf das Herz, nachdem ſich unwillkürlich beide Hände zogen, trat ſie zurück. Entſetzen und Wiederwillen machten ſich bei der vom Glücke ſo übermäßig Verwöhnten plötzlich geltend. Ihr ganzes Nervenſyſtem bebte. Sie bereute ernſtlich ihren Schritt. Saint⸗Aignans ſcharfem Auge entging nichts. Auch er bebte jetzt... aber... aus anderen Gründen. Wenn ſich die Herzogin zu frühe zurück⸗ zog, konnte ſein Spiel verloren gehen. Raſch ent⸗ ſchloſſen näherte er ſich daher Angelinen und ſagte leiſe: — 326— „Wollen Sie den Unglücklichen denn nicht ſprechen?“ Röthe der Schaam flog jetzt über die bleichen Züge der Dame. Die Nähe des Herzogs— durch deſſen geheime Vermittlung ſie dieſen, für ſich und ihn ſo gefährlichen, Gang unternommen— drängte ſie, gegen ihren Willen, vorwärts. Aber ihr Entſetzen war noch nicht überwunden und auf die regungslos ausgeſtreckte menſch⸗ liche Geſtalt deutend, frug ſie mit bebenden Lippen: „Und das.. ſoll... Gauthier von Mont⸗ ferrand. ſein?“ „Ja!“— ſagte der Wärter kurz und kalt. „So weckt ihn!“— befahl Angeline von Fontanges—„und... laßt uns. auf einen Augenblick allein.“ Der Wächter, der bereits beſtochen war, und ſelbſt alles Nöthige zur Flucht Gauthiers vorbereitet hatte, ſtellte die Lampe auf einen Steintiſch und ſchickte ſich an, dem Befehle zu gehorchen. „Aufwachen!“— rief er jetzt im rauhen Tone —„aufwachen, man will Euch ſprechen!“ Und er ſchüttelte den Körper des Regungsloſen. Aber im gleichen Augenblicke hielt er wieder inne legte die Hand auf die Stirne des Man⸗ nes griff nach dem Handgelenke.. ſah ihm 2 — 324— dann in das Geſicht... und ſagte endlich, indem er ſich ruhig abwandte: „Da ſteht nichts mehr auf... der iſt todt!“ Ein zerſchmetternder Schrei wand ſich aus der Herzogin Bruſt: „Er iſt todt!“— wiederholte ſie und die Sinne verwirrten ſich ihr. Wankend hielt ſie ſich an Saint⸗Aignan. „Todt!“— wiederholte nochmals der Wärter, im Stillen ſich freuend, daß er nun das viele Geld verdient habe, ohne ſelbſt mit dem Flüchtling flüchtig werden zu müſſen. „Zu ſpät!“— ſtöhnte die Herzogin und ihre Hände ſanken matt an ihren Seiten herab, als ob ſie eben ihr Todesurtheil vernommen habe. Sie ſtand wie eine Miſſethäterin ſtill und mit verbundenen Augen vor dem Geſchick. „Faſſen Sie ſich!“— ſagte der Herzog—„es iſt vielleicht ſo beſſer.“ Aber dieſe Worte riſſen mit einemmale das ganze Herz Angelinens auseinander;... ein ungeheurer Schmerz, das Gefühl unendlicher Reue, kam über ſie, und— die Hände vor das Geſicht ſchlagend— brachen Thränenſtröme aus ihren Augen. „O Gott! o Gott! ſo bin ich ſelbſt denn wirklich ſeine Mörderin!“— rief ſie dabei. — 325— Und, ſich ſelber ganz vergeſſend, ſank ſie an Gau⸗ thiers Leiche nieder, erfaßte ſeine kalte, ſtarre, kno⸗ chendürre Hand und preßte ſie gegen ihr Herz. Wenn ein ſo furchtbarer Schlag, ein ſo gewal⸗ tiger Schmerz ein Herz trifft, das noch gar nichts geſehen, als heitere Frühlingstage der Luſt und der Freude, des Glanzes und der Herrlichkeit,—— ein Herz, mit dem das Leben bis dahin nur hold getändelt, wie der goldgeſäumte Schmetterling mit der duftenden Blume,——— dann freilich ge⸗ hört viel Kraft dazu, dieſem furchtbaren Schlag, die⸗ ſem gewaltigen Schmerz nicht ganz zu unterliegen. Eine ſolche moraliſche Kraft wohnte aber Ange⸗ linen nicht inne. Sie war wie zerbrochen, wie ver⸗ nichtet—— die ganze letzte ſtolze Zeit, die ſie im Glanze des Hofes verlebt, war— wenigſtens für den Augenblick— wie aus ihrem Leben geſtrichen. Die gewaltige Woge des ungewohnten Leides hatte Alles aus ihrer Seele weggeſpült, was ſeit ihrer Abreiſe aus der Limagne geſchehen. Nur die Jugenderinnerungen waren ihr geblieben... aber alle dieſe Jugenderinnerungen drangen wie Dolche auf ſie ein! Sie ſah ſich im elterlichen Hauſe;.. ſie ſah die gute treue Mutter;... den frommen Pater Hilaire;... ſie ſah Gauthier als ihren Jugend⸗ — und Spielgenoſſen an ihrer Seite, wie er ſie ſo treu liebte, auf den Händen trug, ihr alles an den Au⸗ gen abſah!.. ſie ſah die göttlich ſchönen Tage, die ſie damals ſo unendlich glücklich in Kindlichkeit und Unſchuld verlebt... und nun?! Ihre Thränen floſſen in Strömen.. ſie hätte ſich vor Reue über das, was ſie gethan, das Herz aus dem Leibe reißen mögen. Sie flehte Gauthier mit zärtlichen Worten an, wieder zu erwachen;.. ſie rüttelte ihn;.. ſie ſchrie zu Gott, daß er den Unglücklichen wieder in das Leben rufen möge! Dann ſank ſie wieder über ſeinen kalten ſtarren Leichnam und bat den Todten mit den rührendſten Worten um Verzeihung für all das Elend, für all die Leiden... für all das Entſetzliche, das ſie über ihn gebracht! „O vergieb! vergieb mir! Gauthier! vergieb deiner Mörderin!“— rief ſie mit herzzerſchneidendem Tone—„vergib ihr, daß ſie Dein junges ſchönes Leben geopfert—— ſo geopfert hat!... O höre mich doch, Gauthier!... höre mich!... o ſchlag' doch noch einmal Deine Augen auf, um meine Reue zu ſehen!“ ½ „Gauthier!... gerechter Gott!.. er iſt todt!... todt!.. er hört, er ſieht ſeine Ange⸗ — 327— line nicht mehr,... er ſieht nicht mehr, wie ſie ſich vor ihm im Staube windet, um ihm abzubitten, daß ſie ſein armes treues gutes Herz gebrochen!“ „Ja, ich habe es gebrochen!. ich war es, die Dein ſchönes Leben geknickt... und. ich kann es dir nicht wiedergeben!“ Plötzlich ſchrie es in ihrer Nähe:—„der Kö⸗ nig!“— und mit dieſem Worte erhellte ſich das Gewölbe zu Tageslicht. Die Herzogin fuhr wie vom Donner gerührt zu⸗ ſammen. Sie fand ſich nicht. Was ſollte es mit dem König?... wer war? . was wollte der König? War ſie nicht in der Limagne?... gab es, außer Gauthier, noch etwas in der Welt? Sie fuhr mit der Hand an die Stirne. ihre Augen ſtarrten weit und groß in den blenden⸗ den Glanz. ſie legte die Hand jetzt wie ſchir⸗ mend über ſie. „Der König!“ es bedurfte aller Anſtrengung ihrer geiſtigen Kräfte, um ſich wieder... und... in die Wirklichkeit zu finden. Aber dieſes Finden!!... ſie ſtieß einen Schrei des Entſetzens aus. Ludwig XIV. ſtand ernſt und finſter am Ein⸗ gange zu ſeiner Seite, etwas zurück, befanden — 328— ſich vier Fackelträger,... den Hintergrund ſchloſſen, ſonderbarer Weiſe, einige Nonnen. „Sie hier, Madame?“— ſagte der König jetzt mit eiſiger, mit entſetzlicher Kälte.—„Wir erwar⸗ teten nicht, Sie hier zu finden!“ „Majeſtät!“— entgegnete die Herzogin von Fontanges mit zitternder, in Wehmuth aufgelöſter Stimme,—„Majeſtät ſehen... bei. einem ie „Und ich fand den Lebenden... auch ſchon einmal bei Ihnen!“ „Ich kam hierher... von einem ſterbenden Jugendgeſpielen... von einem theuren Verwand⸗ ten... Abſchied zu nehmen.“ „Von einem Sterbenden... der aber. wenn er nicht geſtorben wäre,.. ſich nicht mehr hier befände. Indeß.. laſſen Sie das gut ſein, Madame! Ich ehre und ſchätze dieſen Schmerz.. dieſe wahrhaft chriſtliche Hingabe an das Schickſal eines Anderen...“ i „Und damit Sie ſehen, Madame, daß ich nicht gottlos genug bin, dieſem.. ihrem gerechten Schmerz. und.. ihrer frommen Stim⸗ mung entgegen zu treten... und... damit die⸗ er ernſte und heilige Eindruck.. ſich nicht ver⸗ — 329— wiſche.. habe ich die fromme Abtiſſin des Klo⸗ ſters Port⸗Royal in der Vorſtadt Saint⸗Jacques gebeten. Sie... in ihren Schutz zu nehmen!“— Und der König wandte ſich— in dem er zu den frommen Schweſtern, ſagte:—„Thun Sie ihre Pflicht, Abtiſſin!“— um, und verließ, vorange⸗ ſchritten von den Fackelträgern und gefolgt von dem Herzog von Saint⸗Aignan, den Kerker. Die Herzogin ſtieß einen Schrei aus und ſank ohnmächtig den Nonnen in die Arme. Eine welke Roſe. Ueber dem Kloſter Port⸗Royal in der Vorſtadt Saint⸗Jaques lag Todtenſtille. Es war der Aufent⸗ halt der„reuigen Büßerinnen“— und manch' reuiges und büßendes Herz ſchaute in der That von hier aus zurück in die kalte Nacht der Menſchen ſchauerte zuſammen... und.. verblutete ſich im Stillen. Ob es auch Herzen hier gab, an welchen ſich das alte feſte Schickſalswort bewährte, daß eine neue ſtille Seligkeit dem Herzen aufgeht, wenn es aus⸗ hält und die Mitternacht des Grames durchduldet, und daß, wie Nachtigallengeſang im Dunklen, gött⸗ lich erſt in tiefem Leid das ſchmerzlich-ſüße Lied der ewigen Liebe uns tönt? Todtenſtille herrſchte hier und der Friede. eines Kirchhofes. Und war es denn nicht wirklich ein Kirchhof, dies Kloſter Port⸗ Royal?... Nur wandelten die Leichenſteine als bleiche, ſtille, eenhafe Geſtalten umher, in Nonnengewändern. Unter jedem dieſer wandelnden Leichenſteinen aber... lag. ein verkohltes, in Staub und Aſche zerfallenes Her Die Mauern des Kloſters waren die Mauern... eines ungeheueren Mauſoleums. Wir bedauern die Todten, als fühlten ſie den Tod, und die Todten haben doch Frieden;... aber kein menſchliches Herz hat vollen Frieden, ſo lange es der wandelnde Körper noch trägt... auch nicht, wenn es ſich in einem Kloſter begraben. Die Zellen des Kloſters Port⸗Royal waren Grä⸗ ber... nur ein Raum des weiten Gebäudes con⸗ traſtirte ſeltſam mit der erſchreckenden Einfachheit und Armuth der übrigen Räume. Es war dies ein weites Gemach, deſſen ſchmale hohe Fenſter in den inneren Hof gingen. Der Fußboden der Zellen beſtand aus harten kalten Steinen, und die ihn betraten, hatten nackte Füße, denn... es waren„reuige Büßerinnen.“ Den Fußboden jenes Gemaches überzog ein koſt⸗ barer weicher Teppich, wie ihn wohl noch kein Klo⸗ ſter geſehen. Jede Zelle des Kloſters Port⸗Royal ſchloß als — 332— Lagerſtätte eine hölzerne Pritſche ein, die oft mit Brennneſſeln oder Dornenreiſern beſtreut wurde, denn... die ſich ihrer bedienten, waren„reuige Büßerinnen.“ In jenem eben erwähnten Gemache befand ſich ein koſtbares Bett, reich geziert mit Spitzen und Seide. In dem weiten Kloſter bediente man ſich irdener Gefäße zur Aufnahme von Speiſe und Trank. Die Bewohnerin jenes Gemaches wurde auf Silber bedient. Nackt waren die Wände der Zellen; gewirkte Tapeten jene des Gemaches. Mit einem Worte, es war reich ausgeſtattet, und wöchentlich dreimal fuhr der Herzog de la Feuillade an, die Inhaberin des Gemaches zu beſuchen und ſich, im Namen ſeiner Majeſtät des Königs, nach ihrem Befinden zu erkundigen. Aber freilich!... mit dieſem Befinden ſtand es auch ſchlecht genug! In dem prunkenden Bette des reich und ſchön eingerichteten Gemaches lag eine bleiche leidende Geſtalt. Es war Marie Angeline Scoraille de Ruuſille, einſt Fräulein von Fontanges, ſpäter... die allgewaltige, in Schönheit, Macht und Glanz — 333— ſtrahlende Herzogin von Fontanges, Geliebte ſeiner Majeſtät König Ludwigs XIV. von Frankreich. Aber wo war denn bei dem armen, noch nicht zwanzigjährigen Kinde die Schönheit hingekommen? Wo die Röthe der Wangen? wo die Friſche des Teints? wo die üppige Fülle der Glieder? War denn überhaupt dieſe bleiche, ſchmächtige geknickte Geſtalt, mit den eingefallenen Wangen und den matten, rothgeweinten Augen,... war denn das wirklich jene ſtolze Herzogin, die noch vor ſo kurzer Zeit das Herz des Königs von Frankreich und mit dieſem den ganzen Hof beherrſchte? Die an der Königin vorüberging, ohne ſie zu grüßen? Vor der ſich Herzöge und Herzoginnen, Prinzen und Prinzeſſinnen beugten? um deren Gunſt der ganze Hof, der älteſte Adel buhlte? Wie zerknirrſcht, wie ſo ganz in ſich zuſammen⸗ gebrochen... lag ſie da... dieſe früh gewelkte Roſe! Wie unbegreiflich raſch war ſie ſo weit gekommen! Erſt vor vierzehn Tagen hatte ſie die Aebtiſſin in Begleitung zweier Schweſtern in einer dunklen ſtürmiſchen Nacht ohnmächtig in das Kloſter gebracht, nur gefolgt von einer einzigen Kammerfrau. Ein gewöhnlicher Miethwagen hatte ſie am Thore der Baſtille damals aufgenommen. — 334— Aber in dieſen vierzehn Tagen war mit Ange⸗ linen eine faſt fabelhafte Umwandlung vorgegangen. Sie, die bis dahin ſo geſund und kräftig geweſen, ſiechte plötzlich auffallend dahin, obgleich ſie ihre Kammerfrau mit außerordentlicher Sorgfalt pflegte, — ja es nicht einmal duldete, daß ſie eine der büßen⸗ den Schweſtern in ihrem ſchweren Dienſte ablöſte. Gleich in der erſten Nacht ſchon hatte ſie der, von einer Ohnmacht in die andere ſinkenden Her⸗ zogin, in einem Momente des Halbbewußtwerdens, einen braunen ſtärkenden Trank eingegeben, der ſie wirklich zu ſich und bald auch in einen faſt vierund⸗ zwanzig Stunden dauernden Schlaf ſenkte. Aber.. aus dem Schlafe erwacht,... waren Angelinens Züge wunderbar entſtellt. Ihre ſonſt ſo blendend weiße Haut hatte eine gelbe kränkliche Färbung angenommen. Ihre Nerven waren ſo ſehr erſchlafft,. die Kräfte ihres Geiſtes ſo geſchwächt, ihr Denkvermögen von einer ſolchen Betäubung erfaßt, daß ſie ganze Tage thränenlos zubrachte. und ſtarr.. faſt wie abweſend. vor ſich hin⸗ blickte. Die Arme lagen dabei ſchlaff am Körper, die Füße ſchienen gelähmt, Schwindel betäubte ſie, die Pupillen der Augen waren bis zur Unſcheinbar⸗ keit zuſammengezogen, und der Puls ging faſt un⸗ fühlbar. — 335— Sie ſprach dann kein Wort. Ihr Schweigen ſchien das Echo der Todtenſtille, die auf dem ganzen Kloſter der„reuigen Büßerinnen“ lag. Dieſem Zuſtande folgten indeß bald noch andere bedenkliche Erſcheinungen: Ueblichkeiten, raſender Kopfſchmerz und ein raſches Zuſammenfallen und Abnehmen des Körpers und ſeiner Kräfte. Kehrten jetzt auch Bewußtſein und Gefühl zurück, ſo war dies ein trauriges Geſchenk;... denn, im Gefolge dieſer beiden, fand ſich auch der Schmerz wieder ein... und ihm ſtrömten jetzt Tag und Nacht, faſt ohne Unterbrechung, die heißeſten, die bitterſten Thränen. Die Kammerfrau kam nicht mehr von dem Bette ihrer Herrin. Sie nahm ja einen ſo innigen und treuen Antheil an ihr, daß ſie dieſelbe ſogar vor der Annahme jeden Arztes warnte, da man in dieſer ſchlimmen und verworfenen Zeit, namentlich wenn man mächtige Feinde habe, Niemanden trauen könne. Angeline willigte ein;... was war für ſie noch das Leben... und... die Welt. Aber das Siechthum nahm von Tag zu Tag zu, ſie ward ſchwächer und ſchwächer... und fühlte bald... daß ſie ſterben werde. Und wunderbar! mit dieſer Ueberzeugung ward es ruhiger in ihr— namentlich in Betreff Gauthiers. — 336— „Ich büße, was ich an ihm geſündigt, mit dem eigenen Tode!“— dachte ſie... und nahm ihr Geſchick ergeben hin. Die Kraft, anders zu denken oder zu handeln, war ja auch gebrochen... und viel moraliſche Kraft lag ohnedem nie in der ſonſt ſo ſchönen und reizenden Erſcheinung. Aber das Unglück, das ſie ſo mit einemmale erreicht und mit ſolch' furchtbaren Keulenſchlägen zu Boden geſchmettert, hatte doch auch die Binde von ihren Augen geriſſen. Furchtbar war ihr Sturz, und als ſie ſich nun in der Tiefe zerſchmettert liegend fand,... lebendig begraben in der Nacht und Kirchhofseinſamkeit des Kloſters... da mit einemmale fiel ihr der Traum wieder ein, den ſie einſt in der Limagne gehabt,.. und den ihr der gute fromme Pater Hilaire als eine von Gott geſandte Warnung gedeutet und dargeſtellt. Ach ja! ja!.. ſie hatte den Gipfel eines ſehr hohen Berges erſtiegen,. ſie hatte ſich blenden laſſen von einer glänzenden Wolke— — und lag nun plötzlich, von Schreck und Angſt umgeben, in tiefer, tiefer Dunkelheit! Ihre Thränen ſtrömten auf's Neue,... aber ſie waren diesmal koſtbare Perlen... denn . ſie floſſen aus wahrer aufrichtiger Reue über ihr bisheriges Leben. O du gütiger Gott! da fiel ein letzter Sonnen⸗ ſtrahl in die Nacht ihrer Seele... Pater Hilaire trat an ihr Sterbebette. Er hatte ihr Leben verfolgt, und war ihr nahe geblieben, weil er wußte,... wie es enden werde. Außerdem hatte ihn auch Gauthiers Schick⸗ ſal an Paris gefeſſelt. Aber was konnte der arme greiſe Pater für den Unglücklichen thun? Ein Fußfall vor dem Könige und die Bitte um Gnade für Gauthier hätte ihn ſelbſt einſt faſt in die Baſtille gebracht. Dennoch ließ ſich Pater Hi⸗ laire nicht zurückſchrecken; er verſuchte auf jede nur denkliche Weiſe Gauthiers Schickſal zu mildern... aber umſonſt. Der Zorn des Königs hatte geſprochen, und dies war gleich dem Urtheilsſpruch des finſte⸗ ren Minos. Jetzt war ſein Liebling hinabgeſunken in das ſchweigſame Grab... Pater Hilaire hatte keine Thräne für ihn. „Der Menſch feiert ſeinen Geliebten ein ſchöne⸗ res Todtenfeſt, wenn er fremde Thränen trocknet, als wenn er ſeine vergießt; und der ſchönſte Blu⸗ men⸗ und Cypreſſenkranz, den wir an theure Grab⸗ mäler hängen können, iſt ein Fruchtgewinde aus guten Thaten.“ Angelinens letzter Beſuch bei Gauthier, von dem Der Raub Straßburgs IIM. 22 — 338— er erfahren, hatte ihn mit der ſo lange Verblendeten verſöhnt, wie es der Sturz der Armen und ihr Unglück that. Er bat um die Gnade, ſeinem früheren Beicht⸗ kinde in den letzten bangen Stunden den Troſt der Kirche bringen zu dürfen... und es ward ihm geſtattet. Ludwig XKIV., der„große“ König, war jetzt willfährig.. er fühlte ſich ja unendlich erleich⸗ tert, daß die Roſenketten, die ihn an die Herzogin gefeſſelt, ſo leicht und glücklich gefallen waren, und hatte eine andere Eroberung im Auge, . die geiſtreiche Marquiſe von Main⸗ tepn. Die Leidende— das Herannahen des Todes fühlend— hatte den König ſchon dreimal bitten laſſen, er möge ihr doch, als letzte Gnade, nur noch einmal ſein geliebtes Antlitz zuwenden,— ſie, die ihn ja doch ſo innig, ſo unausſprechlich geliebt, noch ein einzigmal ſehen. Aber der König wollte davon nichts wiſſen. Schon der Gedanke; ſich einer Sterbenden nahen zu müſſen, war ihm höchſt peinlich und unangenehm. Und Ludwig XIV. liebte nicht, auf irgend etwas Unangenehmes in ſeinem Leben zu ſtoßen. Er kam nicht. — 339— Da ſandte Angeline zum viertenmale. Auch diesmal weigerte ſich der Monarch; doch ſein Beichtvater,— ohne Zweifel in der Hoffnung, daß der Anblick der Sterbenden heilſam auf das Gemüth des nur zu weltlichen Monarchen wir⸗ ken werde,— beſtimmte ihn endlich zu dieſem Beſuche. So hatte denn Ludwig XIV. ſein Erſcheinen im Kloſter Port⸗Royal auf heute Morgen zugeſagt. Todtenſtille lag über dem Kloſter der reuigen Büßerinnen.. und... Todtenſtille herrſchte in dem Gemache der Sterbenden. Angeline hatte Pater Hilaire unter heißen Thrä⸗ nen inniger, tief empfundener Reue ihre Beichte ab⸗ gelegt und die Abſolution empfangen. Die ſchlichten Troſtesworte des frommen Mannes waren dabei wie ein lindernder Balſam in ihre Seele gedrungen und ließen dort die koſtbare Blüthe eines kindlichen Ver⸗ trauens auf Gottes Vatergüte ſich leiſe entfalten. Er hatte mit ihr aus tiefſtem Herzensgrunde gebetet;... keine lateiniſchen, keine Kirchen⸗Gebete . ſondern wie es ihm ſeine väterliche Liebe zu der irregeleiteten Tochter eingegeben. Was aber das Athemholen den Lungen, die Wiſſenſchaften dem Verſtande, das iſt das Gebet dem Herzen. Wie geſunde Luft leibliches Wohlſein ſchafft, ſo ſchafft das rechte, das der innerſten Seele 22* — 340— entquellende Gebet, geiſtiges. Hinter ihm her geht der Friede und das Vertrauen, ihm zur Seite ſtehen Zuverſicht und Ergebung. Angeline lag jetzt ſchweigend da,— die geiſtige Anſtrengung hatte die letzten Kräfte erſchöpft;... aber. es lag ein ſtilles friedliches Lächeln über ihren Zügen, der Abglanz des Friedens, den ihre Seele ſeit einer Stunde athmete. Nur Pater Hilaire war anweſend. Er betete jetzt ſtill in ſeinem Brevier. Die Kammerfrau harrte auf dem Gange vor dem Zimmer mit klopfendem Herzen auf die Ankunft der Majeſtät. Man konnte nicht ſagen, daß in ihrer Seele auch Friede geherrſcht. Erſt vor einer halben Stunde war ſie beſchäftigt geweſen, mit einer gewiſſen Haſt den ſilbernen Becher, aus welchem ſie der Sterbenden oft zu trinken gereicht, verſchwinden zu machen. Sie war aufgeregt,— ſehr aufgeregt, und.. Aufregung herrſchte heute auch in dem ganzen, ſonſt immer ſo grabesruhigen Kloſter... man erwartete ja den Beſuch Seiner Majeſtät des Königs. Endlich erſchien er. Er war, ſammt ſeinem Ge⸗ folge, in Trauer gekleidet: der Leibrock mit den un⸗ geheueren Aufſchlägen von ſchwarzem Sammt, die kurzen Beinkleider vom ſelben Stoffe, die Strümpfe — 341— von ſchwarzer Seide; ſchwarz auch Achſel⸗ und Degen⸗ gehänge, ſo wie die ungeheueren Verzierungen, mit welchen die Mode ſeiner Zeit die Schuhſchnallen umgab. Dieſe und die Knöpfe waren aus ſchönen, hellblitzenden Brillanten zuſammengeſetzt. Manchetten und Halsbinde mit Wolken von Spitzen garnirt. Es lag etwas gewaltig Majeſtätiſches in dieſer ernſten Erſcheinung, und Ernſt und Majeſtät thron⸗ ten auf dem ſchönen Antlitze. Den Kopf bedeckte, wie immer, die mächtige Perücke;.. aber— und das wollte viel heißen — nicht der breitkrämpige Hut mit den drei koſt⸗ baren weißen Straußfedern. Ludwig XIV. nahm ihn bei ſeinem Herantreten an das Lager der Sterbenden ab. Das Gefolge war natürlich entblößten Hauptes eingetreten. Nur einer aus der ſteten Begleitung des Königs fehlte: es war der Herzog von Saint⸗Aig⸗ nan. Er hatte ſich mit plötzlicher Erkrankung ent⸗ ſchuldigen laſſen. Abermals herrſchte Grabesſtille in dem weiten Gemach. Der König trat leiſe heran;... als er aber nun diejenige erblickte, die er vor nicht langer Zeit noch ſo leidenſchaftlich geliebt,— die vor ihm in einer Fülle der Schönheit und Geſundheit geblüht, — 342— von der man nicht geglaubt, daß ſie je untergraben werden könnte, erblaßte er. Die Veränderung in Angelinens Zügen war ſo ungeheuer, daß Ludwig Mühe hatte, ſeine frühere Geliebte wieder zu erkennen. Ihre Bläſſe, ihre ein⸗ gefallenen Wangen, ihr wehmüthiger und doch noch voll Liebe matt aufleuchtender Blick ergriffen ihn ſo mächtig... daß... Thränen in ſeine Augen traten. Da glitt ein unausſprechlich ſanftes, ein engel⸗ gleiches Lächeln über die Züge der Sterbenden, und, ſich leiſe und mühevoll halb aufrichtend, ſagte ſie, indem ſie dem Könige die kleine abgemagerte Hand hinreichte: „O jetzt kann ich zufrieden ſterben, da meine letzten Augenblicke die Thränen meines Königs geſehen!“ „Sprechen Sie nicht ſo, Frau Herzogin,“— verſetzte der König leiſe und mit ſchwankender Stimme—„Sie werden nicht ſterben, und wenn Sie wieder geneſen ſind... „Nicht doch, Sire,“— lispelte Angeline—„ich fühle ſchon den kalten Hauch des Todes. Aber eben, „ weil ich es weiß, daß ich... den heutigen Tag. nicht überleben werde... bat ich Eure Majeſtät ſo dringend... um die Gnade...“ — 343— „Strengen Sie ſich nicht an!“ „eines Beſuches!“ „Der Ihnen gerne ward.“ Die Sterbende warf einen langen innigen Blick auf den König. „Sire!“— ſagte ſie dann—„ich habe Eure Majeſtät... unendlich geliebt... und... Gauthier von Montferrand... ich ſchwöre es in dieſer ernſten Stunde vor Gott, dem Allwiſſenden war nur mein Freund... mein Ver⸗ wandter... mein Jugendgenoſſe!“ „Laſſen wir das!“— entgegnete Ludwig und ſeine Stirne verfinſterte ſich wieder etwas.—„Gott ſelbſt hat entſchieden. Ruhe ſeiner Aſche!“ „Und.. Sire... wenn ich Sie jemals er⸗ zürnt verletzt habe.. „Welche Thorheit, Herzogin! Wir ſind alle Men⸗ ſchen und haben unſere Leidenſchaften. Bitten Sie um eine Gnade, und Wir wollen Ihnen beweiſen, wie hoch Wir Sie auch noch jetzt ſchätzen.“ Thränen füllten die Augen Angelinens. Ein tie⸗ fer Seufzer wandte ſich ſchmerzlich aus ihrer Bruſt los, dann ſagte ſie: „Für mich... hab' ich nur noch eine Gnade zu erflehen und das iſt di Gnade.. Gottes!... Wollen aber Majeſtät — 344— meiner alten Mutter... Pater Hiläre... und... meiner guten Barbezieux“— ſie blickte nach der Kammerfrau, die ſie auf den Kiſſen halb aufrecht hielt,—„in Gnaden gedenken...“ „Wir werden es!“— ſagte der König feſt und ernſt. Plötzlich trat der Tod heran und warf ſeinen ſchwarzen Schleier über die Augen der Sterbenden. Sie ſtöhnte... ihre Finger ſpielten ſonderbar über der ſeidenen Decke... „So ſterbe ich ruhig!“— lispelte Angeline und ihr Kopf ſank leiſe zurück. „Gehen Wir!“— ſagte der König—„die Aufregung iſt für die Arme zu groß.“ Und ein Kreuz über die Sterbende ſchlagend, drehte er ſich um, und verließ mit ſeinem Gefolge leiſe das Gemach. Wieder herrſchte Grabesſtille. Die irdiſche Majeſtät hatte das Gemach verlaſſen... die Ma⸗ jeſtät des Todes war eingetreten. Pater Hilaire murmelte halblaut die von der Kirche vorgeſchriebenen lateiniſchen Gebete. Angelinens Augen ſtarrten groß und gläſern vor ſich hin. Die Finger ſpielten noch über der Decke. „Gauthier!“— lispelte ſie matt—„Gauthier! ile nicht ſo ich komme j HOl der Berg! die Wolke! weh! ih mir! 6 wird finſter.“ „Nicht doch!“— ſſagte jetzt der greiſe Pater und beugte ſich— die herabſtrömenden Thränen nicht mehr zurückhaltend— über Angeline.— „Gott iſt gnädig und barmherzig! Gott iſt die Liebe und die Liebe iſt Licht und Seligkeit!“ „Die Liebe!“— ſprach die Sterbende kaum hörbar noch—„ja!.. die Liebe iſt Licht und Seligkeit!“ „Amen!“— ſagte der Mönch. „Amen!“— flüſterte Angeline. Da zog leiſer Orgelton durch die Luft, ihm folgte ein weicher und doch ernſter vielſtimmiger Geſang. Die Ronnen flehten zu Gott um einen ſanften Hintritt der Sterbenden. Und der Tod war milde. Er küßte Angeline auf die Stirne... ein lautes Stöhnen... ein ſchmerz⸗ liches Zucken... dann... ein Ausrecken des Körpers... und... Marie Angeline Sco⸗ raille de Rouſille, Herzogin von Fon⸗ tanges... war nicht mehr! Das Walten der Nemeſis. Ganz Paris war in einer fieberhaften Aufregung: aber nicht etwa über den Tod der ſo jung verſtor⸗ benen reizenden Herzogin von Fontanges; dieſe war am Hofe— als eine gefallene, im Geheimen ver⸗ haßte Größe— ſchon in wenigen Tagen vergeſſen, während das Volk ſich geradezu über den Sturz Derjenigen freute, die durch ihren Stolz, ihre Eitel⸗ keit und Vergnügungsſucht den König zu den uner⸗ hörteſten Ausgaben verleitet hatte. Uebrigens war ja auch die Nation an dies Kom⸗ men und Gehen königlicher Maitreſſen gewöhnt. Lachend fragten ſich in dieſen Tagen die Pariſer mit ächt franzöſiſchem Leichtſinn:„Wer denn jetzt wohl an das Ruder kommen werde?“ Angeline von Fontanges hatte, wie eine liebliche, ſüß duftende Roſe, nur wenige Frühlingstage ge⸗ 2 — 347— blüht und entzückt. Raſch war ſie dann, von einem jähen Sturme geknickt, dahingewelkt. Der Sturm neuer Begebenheiten verwehte die Erinnerung an ſie, wie der Sturm in der Natur... der Roſe Blüthen⸗ blätter. Ihr Stolz und ihre Eitelkeit hatten ſie nur an ſich denken laſſen;... wie ſollten die übrigen Menſchen jetzt an ſie denken? Ohnedem trafen wichtigere, den Hof und einen guten Theil von Paris ſehr nahe angehende Dinge mit der Nachricht von dem Tode der Herzogin von Fontanges zuſammen;... Dinge, die den guten Pariſern die Haare ſtreuben machten und ſie mit jenen angenehmen Schauern erfüllten, welche die Entdeckung großer Verbrechen auf die meiſten Men⸗ ſchen ausüben. Ganz Paris war— wie geſagt— in fieber⸗ hafter Aufregung, denn, nachdem in der letzten Zeit wieder die geheimen Vergiftungen einen wahrhaft Schrecken erregenden Umfang angenommen, war nicht nur der zur Entdeckung ſolcher Verbrechen vom Könige ſelbſt eingeſetzte Criminal⸗Gerichtshof— die Chambre ardente— den Verbrechern auf die Spur gekommen, ſondern man hatte ſie auch in der Kar⸗ tenſchlägerin la Voiſin und ihren Verbündeten wirklich entdeckt und eingezogen. — 348— Der Prozeß währte ſchon einige Zeit und jetzt gerade war es der Urtheilsſpruch in demſelben, der Paris und die guten Pariſer ſo gewaltig aufregte. O Himmel! welche Namen vom höchſten Adel waren aber auch dabei compromittirt; welche Opfer waren dieſer Verbrecherbande gefallen, zu der auch noch die Gehülfin der La Voiſin, die Vigoureux und zwei— die Welt vernahm es mit Ent⸗ ſetzen— zwei Prieſter, Leſage und d'Auvaux, gehörten. Man raunte ſich des Seltſamen, des Furchtba⸗ ren, des Unerhörten eine Menge in die Ohren;... aber... die Chambre ardente ſchwieg, wie es die entſetzlichen unterirdiſchen Räume der Tortur auch thaten. Dennoch erfuhr man, daß ſelbſt mehrere Per⸗ ſonen vom Hofe vor das Gericht gezogen wurden, und unter dieſen namentlich die Herzogin von Buuillon, und der Marſchall von Luxemburg. Auch mit der Marquiſe von Montespan ſollte etwas vorgekommen ſein, ſo wie man die Namen des Herzogs von Saint⸗Aignan und ſeines Ver⸗ wandten, des Cardinal⸗Groß⸗Almoſenier, mit in die Sache miſchte. Bei den beiden Letzteren handelte es ſich um eine wahrhaft gottesläſterliche Teufelsbe⸗ ſchwörung, die ſie ſeiner Zeit mit der La Voiſin unternommen, und von der man behauptete, daß ſie — 349— 2 dem Herzog und dem Cardinal unermeßliche Reich⸗ thümer eingetragen. Saint⸗Aignan lachte darüber, machte Witze und blieb der erſte Günſtling des Königs. Die Gräfin von Soiſſon, für welche Seine Majeſtät immer viele Theilnahme gehabt, gab dem Wunſche Ludwigs XIV. nach, und zog, ihrer Geſundheit wegen, nach Brüſſel. Die Herzogin von Byuillon und Franz Heinrich von Montmorency⸗Bouteville, Herzog, Pair und Mar⸗ ſchall von Frankreich, welcher den Namen der Mont⸗ morencyh mit dem Namen des kaiſerlichen Hauſes Luxemburg vereinigte... wurden freigeſprochen. Warum auch nicht? es waren hochadelige Häup⸗ ter.. und dann. wo hätte man aufhö⸗ ren ſollen, wenn man hier angefangen? Die„poudres de succession“ waren eben damals in den höheren Sphären Mode. Die guten Pariſer ſpöttelten auch hierüber und machten Bonmots. Anders freilich ſtanden die Dinge bei der La Voiſin und ihren Helfershelfern. Hier ſcheute ſich die Nemeſis nicht, ihre Opfer mit feſter Hand zu greifen und der wohlverdienten Strafe zuzuführen. Heute— gerade am Sterbetage der armen Her⸗ zogin von Fontanges, von der ein dunkeles Gerücht ebenfalls behauptete, daß ſie an Gift geſtorben ſei, — 350— — heute alſo gerade war, wie ſchon erwähnt, ganz Paris durch die Verkündigung des Urtheilsſpruches der Chambre ardente in der La Voiſin'ſchen An⸗ gelegenheit, auf das heftigſte aufgeregt. Das Urtheil beſtimmte: daß die La Voiſin bei lebendigem Leibe verbrannt, die Vi⸗ goureux gehängt, die beiden Prieſter Le⸗ ſage und d'Auvaux aber erdroſſelt wer⸗ den ſollten. Die Nachricht hiervon machte in ganz Paris einen gewaltigen Eindruck. Man dankte Gott für dies Urtheil des Gerichtshofes, von deſſen Ausfüh⸗ rung man nicht allein die Vernichtung der ganzen Mörderbande, ſondern auch eine für alle Zeiten ab⸗ ſchreckende Wirkung hoffte. Wie natürlich hörte man jetzt am Hofe und in der Stadt nur von dieſer Cause célébre reden;... aber... es bebten und ſchlugen auch— am Hofe ſo gut als in der Stadt,— eine Menge Herzen, die die Secunden bis zu der Hinrichtung der Ver⸗ brecher zählten... weil ſie jeden Augenblick fürch⸗ ten mußten, die eigenen Verbrechen durch dieſe, ihre Mitſchuldigen, verrathen zu ſehen. Aber ihre Furcht ſchien ſich nicht rechtfertigen zu ſollen. Mit der Vigoureux hatte man den Anfang in — 351— dem Prozeſſe gemacht. Sie war bei allen Verhören entweder ganz ſtumm geblieben, oder hatte ſtandhaft geleugnet; als ſie aber verurtheilt war, ließ ſie Monſeigneur Louvois ſagen, ſie werde die wichtig⸗ ſten Dinge entdecken, wenn er ihr das Leben ſchen⸗ ken wolle. Louvvis aber entgegnete: „Pah! die Tortur wird ihr ſchon die Zunge löſen.“ Indeß der allgewaltige Miniſter Frankreichs irrte ſich hier. Als man der Vigoureux die Worte des Marquis überbrachte, antwortete ſie ruhig: „Gut, ſo wird der allweiſe Herr nichts erfahren.“ Und wirklich— eine ſolche Energie lag in die⸗ ſem verworfenen Charakter— überſtand die Vigou⸗ reux alle Grade der ſo entſetzlichen Tortur, ohne ein Wort zu ſagen. Nackt warf man ſie rückwärts über den Folter⸗ tiſch, befeſtigte Hände und Füße auf beiden Seiten am Boden, und ſchraubte den Tiſch nun in die Höhe, bis alle Gelenke faſt auseinander gerenkt wur⸗ den, und das Blut unter den Nägeln, aus Mund, Augen, Ohren und Naſe trat. Die Vigoureur geſtand kein Wort. Man brannte ihr Schwefelfaden unter den Ar⸗ men und auf dem Leibe ab. Sie krümmte ſich— 2 ſo viel es ihre Lage ermöglichte— wie ein Wurm aber. ſie geſtand kein Wort. Man gab ihr das doppelte ſpaniſche Fußband; man brannte ſie mit glühenden Zangen.. die Vigoureur ſchwieg... nur ihre Auge ſchoſſen Baſiliskenblicke. Dieſe Standhaftigkeit war aber um ſo erſtaun⸗ licher, als der Arzt mehr als einmal erklärte: man müſſe aufhören, die Deliquentin werde ſonſt den gräßlichen Qualen erliegen! Welche abſcheuliche, die ganze Menſchheit entehrende Verirrung des Geiſtes!... welche Verhärtung der Herzen!. welche Begriffsverwirrung in juriſti⸗ ſcher Beziehung! Die Richter, beſtimmt Recht zu ſprechen und menſchliche Vergehen menſchlich zu ſtra⸗ fen, werden— Mörder richtend— ſelbſt zu Mörder!... und nicht immer waren es ja Mörder, die der Tortur anheimfielen, ſondern nur zu oft Unſchuldige! Werfen wir, blutenden Herzens, einen Schleier über die entſetzlichen Gräuel jener Zeit, in welcher die gränzenloſeſte Sittenloſigkeit, der ausſchweifendſte Leichtſinn mit dem finſterſten Aberglauben,... die größte religiöſe Schwärmerei mit dem blutigſten Fa⸗ natismus Hand in Hand ging! Am folgenden Tage auf dem Gréveplatz angelangt, ließ die Vigoureur die Magiſtratsperſonen rufen. — 353— Dieſe eilten herbei, in der Hoffnung, doch noch ſchließlich einige Geſtändniſſe von der Verurtheilten zu vernehmen; aber die Vigoureux, ſchon mit einem Fuße auf der Leiter des Galgens, ſagte ihnen nur folgende Worte: „Meine Herren, haben Sie die Güte, dem Mar⸗ quis von Louvvis zu ſagen: daß ich ſeine Dienerin ſei, und... ihm Wort gehalten habe; vielleicht hätte er es nicht ſo gemacht!“ Dann wandte ſie ſich zum Henker und rief: „Nun, mein Freund, verrichte dein Amt!“ Und ſie ging zum Galgen und half dem Nach⸗ richter bei ſeinem Geſchäft, ſo viel es ihr zermarter⸗ ter Körper zuließ. Ein düſteres Leben hatte in wenigen Minuten geendet. Als man der La Voiſin den Tod der Vigoureur mit allen Umſtänden erzählte, ſagte dieſe: „Daran erkenne ich ſie, ſie iſt ein wackeres Mäd⸗ chen, aber ſie hat verkehrt gehandelt; was mich be⸗ trifft, ich werde Alles ſagen.“ Ihr Mittel ſchlug indeß nicht beſſer an, als das ihrer Mitſchuldigen. Wie jene über die Folterbank geſtreckt, bekannte ſie viel aber man wollte noch mehr wiſſen, und da ſie nichts mehr Der Raub Straßburgs III. 23 — 354— ſagen konnte, übergoß man ſie mit brennbaren Flüſ⸗ ſigkeiten und zündete dieſe alsdann an. Um dabei ihr entſetzliches Wehgeſchrei zu vermeiden, ſetzte man der Deliquentin die ſogenannte Birne auf den Mund. So ließ ſie die Wuth der Richter alle Grade der Folter durchmachen. Nemeſis, die finſtere Göttin der Rache, ſchwang triumphirend ihren dunklen Eſchenzweig. Den anderen Tag— nachdem ſie der Erdroß⸗ lung ihrer beiden weiteren Mitſchuldigen, der Prie⸗ ſter Leſage und d'Auvaux, mit zugeſehen— ward ſie zum Richtplatz geſchleppt. Hier, auf einen Holzſtoß gebracht, ſuchten die Henkersknechte ſie mit Stroh zu bedecken... aber die La Voiſin ſtieß Knechte und Stroh in ſchauerlichem Todeskampfe mehrere⸗ male zurück,... bis ihr die Kräfte ſanken. Raſch war nun Stroh und Holz entzündet und praſſelnd brachen die Flammen über der Unſeligen zuſammen. Als der Holzſtoß eingeſunken, ſtreute man die Aſche in alle Lüfte. Die Welt war von vier gräßlichen Menſchen befreit!*) *) Ludwig XIV. und ſein Jahrhundert. Thl. V. S 56 u.f. — 355— Aber ſchrecklich, ja namenlos peinlich war auch der Eindruck, den dieſer Prozeß, das darin gefällte Urtheil, die vielen dadurch hervorgerufenen Verhaf⸗ tungen und Verwicklungen und endlich die Hinrich⸗ tungen ſelbſt in jedem Gemüthe hervorriefen. Auch der König— auch Ludwig XIV.— ent⸗ ging dieſem Eindrucke nicht, der für ihn ſogar noch tiefer und gewaltiger wurde, als er in derſelben Zeit an dem Todtenbette der Herzogin von Fon⸗ tanges geſtanden. Es trieb ihn wie mit dämoniſcher Gewalt von Paris und Verſailles hinweg;— und ſiehe, das Schickſal kam auch hier ſeinem Lieblinge entgegen. Straßburg war gefallen... Louvois rief ſeinen Monarchen zum feierlichen Einzuge und zur Huldigung der erober⸗ ten Stadt herbei. Hatte nun Ludwig XIV. dieſen Ruf auch er⸗ wartet, ſo kam er ihm doch in dieſem Momente doppelt erwünſcht. Schon am kommenden Tage brach der König, gefolgt von dem ganzen Hofe, nach dem Elſaſſe auf. 23* Des Raubes Heiligung. Ein wunderſchöner Octobertag lag über der Erde. Der Himmel war ſo rein und ſo tief blau, daß er an Italien erinnerte, und die Sonne ſchien ſo freundlich und golden von ihm herab, daß jedem guten Menſchen das Herz hätte aufgehen und fröh⸗ lich werden ſollen... wenn... ja, wenn ſich eben die Menſchen nicht ſelbſt das Paradies der Erde gar oft unter einander zur Hölle machten. Da lag ja eine ganze Stadt, vom Sonnengolde überglänzt, und dem bei weitem überwiegenden Theile ihrer wackeren Einwohner lag tiefe ſchwere Trauer im Herzen. Die Glocken läuteten feierlich, die Häuſer waren feſtlich geſchmückt, von dem Thurme des Münſters wehten Fahnen; aber nur wenige Straßburger vermochten es heute, die Blicke zu der Spitze ihres — 357— herrlichen Münſters zu erheben, denn dort flatterte — hoch über den Fahnen der Stadt— das ſtolze, das gewaltige Banner Frankreichs! Auf den Plätzen und Straßen wimmelte es von geputzten Menſchen... aber... nur wenige da⸗ von waren eingeborene Straßburger; die Meiſten waren vom Lande hereingeſtrömt, aus dem umliegen⸗ den Elſaß, oder von den franzöſiſchen Gränzbezirken herübergekommen. Louvois hatte ſogar im Geheimen verfügt, daß alle benachbarten franzöſiſchen Städte und Gemeinden eine gewiſſe Anzahl ihrer Inſaſſen ſchicken mußten. So war denn heute das Leben und Treiben in Straßburg ein gewaltig bewegtes, obgleich ſich die Bürger der Stadt zumeiſt ſtill und ernſt in ihren Häuſern hielten. Nahm es doch ſelbſt den Charakter einer freudigen Erregtheit an, da die vielen anweſen⸗ den Franzoſen allerdings Grund genug hatten, den Tag für einen wahren Feſt⸗ und Siegestag zu nehmen. Heute!. heute ſollte ja der feſtliche Einzug des Königs von Frankreich in Straßburg und die Beſitznahme dieſes wichtigen Platzes denſelben ſtattfinden. Deuchte ſich dabei doch jeder einzelne, über die Gränzen herübergekommene Franzoſe, ſelbſt der ruhm⸗ gekrönte Sieger zu ſein; beſah er ſich doch mit Stolz — 358— und ausgelaſſener Freude die ſchöne Stadt, die von nun an Frankreich einverleibt bleiben ſollte. Und die ſtolze Anmaßlichkeit der Franzoſen ſteigerte ſich auch noch durch ein neues Siegesgerücht, das ſich wie ein Lauffeuer verbreitete. Es war die Nachricht, daß die Truppen des Königs an demſelben Tage, an welchem Straßburg, der Schlüſſel Deutſch⸗ lands, fiel, auch die Feſtung Caſale, die der Schlüſſel zu Italien genannt werden konnte, beſetzt. Dieſe Beſitznahme aber erſchien als erſter Schritt Ludwigs XIV., ſich auch den Weg zur Herrſchaft über Italien anzubahnen. Die Franzoſen jubelten,.. der Ruhm des„großen Königs“ flog von Munde zu Munde;... man ſah ſchon den Weg zu einer Univerſalmonarchie, Frankreichs Herrſcher an der Spitze, angebahnt: Frankreich und den Franzoſen gehörte die Welt! Europa erbebte... und... Deutſchland vor allem; denn jetzt war auch die Wegnahme Kölns und des ganzen linken Rheinufers doppelt zu fürchten. Der Schmerz und die Trauer in den patriotiſch geſinnten Familien Straßburgs war daher ein gar tiefer, ein wahrhaft endloſer; aber endloſer noch war der Jubel der Franzoſen auf den Straßen. — 359— Zu Tauſenden wogten die Volksmaſſen, nament⸗ lich vor dem Hauſe des neuen franzöſiſchen Gou⸗ verneurs der Stadt, des Marquis von Cha⸗ milli, auf und ab; ein:„Es lebe der König; es lebe der Sieger von Straßburg und Caſale!“ dem anderen folgen laſſend. Ein jeder ſolcher Ruf aber war ein Dolchſtoß für die Herzen der Straßburger Patrioten, und mancher von ihnen beneidete jetzt den armen kleinen Meiſter Wenck, der— in den Schooß der Mutter Erde ſanft gebettet— von dem, was hier geſchah, nichts mehr ſah und nichts mehr hörte. Am meiſten litten dabei Syndieus Frantz und die Seinen. Stürmten doch fortwährend wahrhaft empörende Nachrichten auf ſie ein: jetzt, da das Schickſal der Vaterſtadt entſchieden und das katholiſche Frankreich zur Herrſchaft gelangt war, fielen dem neuen Regi⸗ mente die längſt gereiften Früchte des Verrathes ge⸗ radezu in die Hände. Eine Menge der erſten Fami⸗ lien— meiſt dem Magiſtrate angehörend— erklär⸗ ten jetzt laut und öffentlich ihre Bereitwilligkeit: Frankreich auf jede Art und Weiſe dienen... und . zur katholiſchen Kirche übertreten zu wollen. An der Spitze dieſer feigen und beſtochenen dop⸗ — 360— pelten Ueberläufer ſtanden die Namen: Günzer, Stößer, Zedlitz, Obrecht, Hecker, Friſchmann u. ſ. w. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß die glänzendſten Be⸗ lohnungen für ſolche Edelthaten in Ausſicht ſtanden. Günzer war bereits— mit Verbleibung in ſeinen Aemtern und deren Gehaltsbeziehung— auch noch zum General⸗Syndicus der Stadt und Kanzlei⸗Di⸗ rector ernannt worden. Für Rath Hecker ſchuf man eine eigene neue einträgliche Stelle, die eines könig⸗ lichen Stadtrichters(une charge de Lieutenant proteur royal).*). Die Uebrigen erwarteten ähnliche Belohnungen. Aber... Katholizismus und Franzoſenthum glänzten ja jetzt auch als Sterne erſter Größe an dem Himmel der neuen Aera. War doch vor wenigen Tagen Fürſt Franz Egon von Fürſtenberg, Adminiſtrator der Ab⸗ teien Murbach, Lure und Stablo, Graf von Hei⸗ ligenberg, Werterberg und Loigne, Biſchof von Straßburg, mit wahrhaft königlichem Pompe in die Stadt eingezogen. Krone und Altar, weltlicher und geiſtlicher Ab⸗ ſolutismus feierten ja mit einander ihren Sieg und die Beſitznahme ihrer Herrſchaft. *) Coste: p. 159. 6 Franz Egon, der fromme Mann, kam von Za⸗ bern, welches ſeit der Reformation die eigentliche Reſidenz der Biſchöfe von Straßburg geweſen;... er kam, um triumphirend nach dem alten Biſchofs⸗ ſitze zurückzukehren und die ſtolze, die herrliche Ka⸗ thedrale wieder in Beſitz zu nehmen. Er kam— nicht als ein beſcheidener Verkündiger der Botſchaft der Liebe;— er kam als ſtolzer Triumphatyr, gewappnet mit irdiſcher und geiſtlicher Macht; den feſten Willen im Herzen, den Proteſtan⸗ tismus in Straßburg wo möglich bis auf die letzte Spur zu vernichten. 6 Den Zug eröffnete der Controleur des biſchöf⸗ lichen Hofes, begleitet von vier Edelleuten, ſämmt⸗ lich zu Pferde und gefolgt von acht Küraſſieren des Königs mit gezogenen Schwertern. Hinter dieſen ritten der Maréchal de Logis und der Stallmeiſter ſeiner biſchöflichen Gnaden, einem Trupp von prächtig aufgezäumten, von Reitknechten geführten Pferden voran. Dann kamen die fürſt⸗biſchöflichen Räthe und jene des Capitels, welchen eine ganze Esquadron königlicher Küraſſiere, die blanken Waffen in der Hand, ſchmetternde Trompeter voraus, folgten. Jetzt nahm die überaus prächtige Cavalcade der Vaſallen und Hofherren des Fürſten Franz Egon — 362— von Fürſtenberg die Aufmerkſamkeit der ſtumm und finſter ſtarrenden Menge in Anſpruch, die ſich noch ſteigerte, als der Fürſt-Biſchof nun ſelbſt in einer reich vergoldeten, von ſechs prächtigen Schimmeln gezogenen offenen Caleſche daherkam, den Prinzen von Naſſau, Dechant des Domkapitels, zur Seite, den Wagen von vierzehn in Gold und Sammt ge⸗ kleideten Pagen umgeben. Vier Herolde in den Far⸗ ben des Biſchofs und vier prächtig geſchmückte, jnbelnde Fanfaren ſchmetternde Trompeter ritten voraus. Wieder folgte jetzte eine ganze Esquadron Kü⸗ raſſiere, den Mann des Friedens, den Mann Got⸗ tes, mit gezogenen Schwertern in ſeinen Kirchen⸗ ſprengel einführend. Aber das war nicht genug, den Küraſſieren rückte die Leibgarde des Fürſten, ihren Hauptmann an der Spitze, nach; dann kamen acht Caroſſen, wäh⸗ rend den Schluß des impoſſanten Zuges, die ſämmt⸗ liche Dienerſchaft des Fürſten und ſeines ganzen Gefolges bildete. In den acht Equipagen befanden ſich unter An⸗ deren der Prinz Wilhelm, die Grafen Maximilian und Philipp Eberhard von Löwenſtein, der Graf Salm, der Graf Felix von Fürſtenberg, und die Barone Roswurm, Lerchenfeld, Elſenheim, von Wan⸗ —— — — 363— gen und endlich die kirchlichen und weltlichen Be⸗ amten des Fürſt⸗Biſchofs. So zog Franz Egon, unter dem Donner der Kanonen, dem Geläute der Glocken, zwiſchen den Spalier bildenden franzöſiſchen Truppen, unter Fanfaxen und Trommelſchlag„.. aber... bei vollſtändiger Stille von Seiten des Volkes— nur die Umgebung der Stadt und die niederſten Klaſſen der Bürger hatten zu den ſtumm und finſter Gaf⸗ fenden ihr Contingent geſtellt— in Straßburg ein. Aber es ſollte ja auch gleich von der ſo lange und auf ſo unlauteren Wegen erſtrebten Herrlichkeit des Münſters Beſitz genommen werden. Der Triumphzug des Biſchofs bewegte ſich da⸗ her auf geradem Wege nach dem großartigen Denk⸗ mal des unſterblichen Erwin von Steinbach, dem Stolze Straßburgs, der alt⸗ehrwürdigen Cathedrale. Hier, am Haupteingange derſelben, ſalutirt von den umſtehenden Truppen, und begrüßt von einund⸗ zwanzig Kanonenſchüſſen, empfing der nene franzö⸗ ſiſche Gouverneur, Marquis von Chamilli, den Kir⸗ chenfürſten, ihm, im Namen Seiner Majeſtät, Lud⸗ wig XIV., Königs von Frankreich, den Dom über⸗ gebend. Als ſodann auch dieſer große Moment vorüber, begab ſich Fürſt Franz Egon nach dem prächtig für — — 364— ihn eingerichteten Palaſfte ſeiner Schweſter, der Mark⸗ gräfin von Baden. Ein königlicher Hauptmann mit ſiebzig Mann bildete hier, auf ausdrücklichen Befehl Louvvis, ſeine Leib⸗ und Ehrenwache. Kaum aber war der fromme Herr hier abgetre⸗ ten, als ihm General⸗Lieutenant, Baron von Viſat, Befehlshaber der in Straßburg verbliebenen 15,000 Mann franzöſiſcher Truppen, ſo wie Alles, was be⸗ reits von franzöſiſchem Adel hier eingetroffen, ſeine Aufwartung machte. Auch der Magiſtrat ſandte ſeine Deputation, wozu er natürlich Männer, wie Günzer, Stößer, Obrecht und ähnlich Geſinnte wählte, die denn auch— ächte Verräther an Glauben und Va⸗ terland— dem ſiegreich Eingezogenen aus vollem Herzen Glück zu der eben erfolgten Beſitznahme wünſchten. Aber die großen Ereigniſſe hörten jetzt für Straßburg nicht auf: für den kommenden Tag war der Einzug des Katholicismus in der Cathedrale beſtimmt. Das Münſter war herrlich geſchmückt und mit Fahnen beflaggt; der Zug des Biſchofs von einer imponirenden Pracht. Aber... es galt ja auch, die ganze mittelalterliche Größe der ka⸗ tholiſchen Kirche, die ganze Verwerflich⸗ keit des proteſtantiſchen Ketzerthumes zu zeigen. — 365— Fahnen wehten, Weihrauch ſtieg auf, Chöre er⸗ ſchallten, weißgekleidete Mädchen zogen voran; in Mitten der ganzen Geiſtlichkeit aber, des Domkapi⸗ tels und umgeben von dem Suffragan⸗Biſchof, dem Domdechanten, dem Prinzen von Naſſau, dem Groß⸗ Vicar und den in Purpur gekleideten Canonicis, be⸗ trat Fürſt⸗Biſchof, Franz Egon von Fürſtenberg, den Dom, um vor allen Dingen den großen Exorcis⸗ mus vorzunehmen: das heißt, den Teufel der Ketzerei in den heiligen Räumen zu beſchwören und auszutreiben. Dann erſt folgte die Jubelfeier der neuen Einweihung und die erſten Meſſen an den ſieben, in der Schnelligkeit errichteten Altären. Auch von dieſen Feierlichkeiten hielt ſich, wie natürlich, der überwiegende Theil der Einwohner Straßburgs fern. Nur die Ueberläufer mit ihren Familien drängten ſich, in feigem Servilismus und in der Abſicht recht geſehen zu werden, mit doppel⸗ tem Eifer heran, wie hie und da die immer ſchau⸗ luſtige Maſſe der niedrigſten Volksſchichten. Wer aber vermöchte die Trauer und den Schmerz zu beſchreiben, die ſich in jenen Stunden in ſo viele Tauſende von ächten treuen proteſtantiſchen Herzen herabſenkten? Wer hätte die im Stillen vergoſſenen Thränen zu zählen vermocht, die unaufhaltſam, ſelbſt aus gar — 366— manchem Männerauge, hervorbrachen, als die Glo⸗ cken des alt⸗ehrwürdigen Münſters nun, zum er⸗ ſtenmale wieder ſeit der Reformation, die Katholiken zu den Hallen des prächtigen Domes riefen, der nun den Proteſtanten für immer geſchloſſen! Es ging nur ein Schmerz durch ganz Straß⸗ burg;. aber. es war ein großer tiefer Seelenſchmerz! Ein Schmerz, der ſich dem deutſchen Volke vererbt hat; und der jetzt beinahe zwei Jahr⸗ hunderte nachhält. Schneidend war dabei der Gegenſatz, der ſich bis dahin in der ernſten, abgeſchloſſenen, grollenden Trauer der Bürger und in dem, durch die Sieger künſtlich hervorgerufenen Enthuſiasmus nach Außen hin gel⸗ tend machte. Aber noch an demſelben Tage ſtrömten zahlloſe Beſucher von den umliegenden franzöſiſchen Gränzen — theils freiwillig, theils von Louvois befohlen,— der Stadt zu; denn... der kommende Morgen ſollte den Einzug Seiner Majeſtät, Ludwigs XIV., ſehen, und dem Könige von Frankreich durfte— dies fühlte der kluge Staatsmann und Höfling nur allzugut— die Kälte und Zurückhaltung der ſtarr⸗ köpfigen Republikaner nicht entgegentreten. Ein Fürſt und König iſt nicht gewöhnt und nicht dazu ge⸗ — 367— macht, die Wahrheit zu hören oder Widerſpruch zu dulden. Nur Jubel, Freude und Bewunderung ſoll überall die Mäjeſtät begrüßen, wo ſie ſich als ſtrah⸗ lende Sonne zeigt. Louvois ſorgte für dieſen Jubel durch ſeine 15,000 Mann Truppen,— durch den befohlenen Zuzug franzöſiſcher Unterthanen,— und— durch reichliche Geldſpenden unter den Pöbel Straßburgs. Jetzt alſo war dieſer wichtige Morgen angebro⸗ chen und ſtand, als ein wunderſchöner Oktobertag über der Welt. Der Himmel zeigte ſich rein und tief blau, die Sonne ſtrahlte freundlich und golden. Die Häuſer waren— auf den ſtrengen Befehl des Gouverneurs hin— feſtlich geſchmückt; von allen Thürmen der Stadt und der Wälle wehten franzöſiſche Fahnen, von der Spitze des Münſters das große Banner Frankreichs. Auch die fünfzehntauſend Mann unter dem Com⸗ mando des Generals⸗Lieutenant, Baron von Viſat, ſtanden bereits, Spalier bildend, unter den Waffen auf den Straßen, aber hinter den Reihen der auf⸗ geſtellten Truppen wogte eine unüberſehbare Men⸗ ſchenmaſſe auf und ab, während Andere bemüht wa⸗ ren, ſich einen guten feſten Platz zu erobern, um den König beſſer vorüberziehen zu ſehen. Straßburg— das alte gute deutſche Straß⸗ burg— hatte dabei heute zum erſtenmale vollſtändig den Charakter einer franzöſiſchen Stadt angenommen, da man faſt überall nur dieſe Sprache hörte, nur franzöſiſche Geſichter ſah,— nur die Rufe: „Vive le roi!“. ive le vainqueur de Stras- bourg et Casale!“ hörte. Freilich hatten ſich auch der Magiſtrat, die ſämmtlichen übrigen Behörden der Stadt, ſo wie die Zünfte verſammeln müſſen;— freilich harrten auch ſie der Ankunft des neuen Herrſchers in ihrer beſten Amtstracht und Feſtkleidung;... hier aber herrſchte bei der überwiegenden Mehrheit nichts we⸗ niger als eine feſtliche Stimmung,... hier herrſchte unter den Verſammelten ein finſterer ſchweigſa⸗ mer Ernſt. Jeder ehrliche und patriotiſche Mann fühlte es ja, daß er am Grabe der alten Freiheit ſtand und die heutige Feier... eine Leichenfeier ſei. So waren Stunden verſtrichen und der König nahte ſich noch immer nicht. Die Ungeduld in den Volksmaſſen wuchs von Minute zu Minute. Ein reitender Bote nach dem anderen wurde gen Vitry ausgeſandt, von woher der König ſich mit ſeinem Gefolge näherte; aber immer ſah man, ſelbſt an der Gränze, noch nichts von dem Siegeszuge. 4 — 369— Endlich!— es ging ſchon gegen elf Uhr— ſtiegen in der Ferne Feuerzeichen auf. Couriere, mit Schweiß und Staub bedeckt, flogen der Stadt zu, den Behörden die Nachricht zu brin⸗ gen: daß ſich die Majeſtät nähere. Eine neue erhöhte Bewegung ging durch die Maſſen, alle Glocken der Stadt fingen zu läuten an und von den Wällen don⸗ nerten die Kanonen mit ernſten gewaltigen Schlägen. Und endlich! endlich! war denn auch die Stadt erreicht, und Ludwig XIV. zog in ihr ein. Und:—„Vive le roi!“— donnerte es durch die Lüfte. Und:—„Vive le vainqueur de Strasbourg et Casale!“ wälzten ſich die Rufe nach;... aber .„Es lebe der König!“— hörte Niemand. Große Truppenmaſſen eröffneten den Zug. Ihnen folgten in langer unabſehbarer Reihe die verſchiede⸗ nen Chargen des königlichen Hofes, ſtets durch reitende Abtheilungen von Küraſſieren, Trompe⸗ tern, Herolden und Unterbeamten unterbrochen. Alles ſtrahlte und glänzte dabei in einer kaum zu beſchreibenden Pracht, deren Farbenſchimmer und Aufblitzen das herrliche ſonnige Wetter noch erhöhte. Und dieſe Pracht ſteigerte ſich, je näher die Ma⸗ jeſtäten herankamen, bis ſich der, von acht Pferden gezogene, in ſeinem Pracht⸗Schnitzwerk durchaus ver⸗ Der Raub Straßburgs II. 24 — 370— goldete Wagen des Königs und die übrigen kaum minder koſtbaren ſechsſpännigen Equipagen der kö⸗ niglichen Familien nahten. Seine Majeſtät, Ludwig XIV., König von Frank⸗ reich, war aber begleitet von Ihrer Majeſtät der Königin, von Monſeigneur dem Dauphin, Madame der Dauphine, Monſieur und Madame, und gefolgt von allen Seigneurs, Prinzen von Geblüt, Herzögen und Herzoginnen, Marquis und Marquiſinen, Gra⸗ fen und Gräfinnen, Baronen und ſonſtigen Großen des Reiches und des Hofes. Und nun alle die Equipagen, Pferde, Diener und Dienerinen dieſes ganzen Hofſtaates, und die Pagen und Beamten des königlichen Hauſes und endlich die folgenden Truppenmaſſen! In der That dauerte denn auch dieſer impoſſante Triumphzug nahe an zwei Stunden. Ja! der König hatte längſt— trotz den Empfangsfeierlichkeiten an dem Thore, durch welches er einzog, und der damit in Verbindung ſtehenden Ueberreichung der Schlüſſel der Stadt und Feſtung durch die Behör⸗ den— das Münſter erreicht, als das Ende des Zu⸗ ges ſich noch weit außerhalb der Stadtmauern befand. Und fort und fort läuteten die Glocken, donner⸗ ten die Kanonen, ſchmetterten die Fanfaren, erſchall⸗ ten die Rufe der Menge. ————— — 374— Aber in gar vielen Häuſern blieben die Fenſter — ſelbſt bei dem Vorüberziehen des Zuges— feſt geſchloſſen... geſchloſſen... wie die Herzen... die ſich Frankreichs König gleich von vorn herein durch die Bekanntmachung der Befehle auf's Neue abgewandt: „Daß während ſeines Aufenthaltes in Straß⸗ burg kein Proteſtant das Münſter beſuchen dürfe; außerdem aber der Bürgerſchaft überhaupt jede Cor⸗ reſpondenz mit dem Auslande bei hoher Strafe ver⸗ boten ſei.“*) War dies doch ein ſchöner Wink: auf welche Weiſe man ſeine in der Capitulation gegebene Ver⸗ ſprechen halten werde. Aber ein Mann Gottes empfing ja am Fuße des Münſters den anderen: Fürſt Franz Egon von Fürſtenberg, Biſchof von Straßburg. den allerchriſtlichſten König! Ja! hier ſtand er, der ſchamloſe Ver⸗ räther, der Herr Fürſt⸗Biſchof, abermals umgeben von der ganzen Geiſtlichkeit und ſeinem Domkapitel;.. hier ſtand er, der elende Ver⸗ räther an der Vaterſtadt und dem deut⸗ ſchen Vaterlande, unflattert von Kirchenfahnen, *) Theatr. Europ. S. 279. Strobel, a. a. O. S. 134. 24* — 3 2— umgeben von Crucifixen, von welchen er ſelbſt ein großes, in Diamanten gefaßtes, auf der treu⸗ und ehrloſen Bruſt trug. Hier ſtand er, der Schamloſe, und begrüßte den Uſurpator Straßburgs, Ludwig XIV., mit den Wor⸗ ten:„Gelobt ſei Gott der Vater, Gott der Sohn und Gott der heil. Geiſt für dieſe Stunde! Nach⸗ dem ich durch den ſtarken, durch den allgewaltigen Arm Ew. Majeſtät, des größten Königs der Erde, in den Beſitz dieſer Kirche wieder eingeſetzt bin, aus welcher die Gewaltthätigkeit der Ketzer meine Vor⸗ gänger vertrieben hat, kann ich wohl mit dem alten Simon ſagen: Herr nun läſſeſt du Deinen Diener in Frieden fahren, denn... meine Augen ha⸗ ben deinen Heiland geſehen!“ „Von Ew. Majeſtät Vorfahren hat König Chlod⸗ wig den erſten Grundſtein zu dieſem herrlichen Ge⸗ bäude gelegt,— König Dagobert das Bisthum er⸗ richtet; Ew. Majeſtät aber machen ſich durch das, was Sie jetzt gethan, zu einem neuen, zu einem viel ruhmwürdigeren Stifter.“ „O Sire! das Herz zerſchneidet mir, daß ich nicht mehr Beredtſamkeit beſitze, um Ew. Majeſtät das Uebermaß von Freude auszudrücken, welches ich und mein Kapitel für die Wohlthat fühlen, die eine ſo erhabene und der Frömmigkeit — 373— des allerchriſtlichſten Königs wahrhaft würdige Handlung, ſowohl zum Ruhme Gottes, als zur Ehre Ew. Majeſtät ge⸗ reichen läßt.“ „Da mir aber die Worte dazu fehlen, ſo bin ich genöthigt, Sire, in unſeren Herzen die tauſend Em⸗ pfindungen von Ehrfurcht, Dankbarkeit, Ergebung und Verehrung für die erhabene Perſon Ew. Ma⸗ jeſtät aufzubewahren und Sie zu verſichern, daß wir nie aufhören werden, als die gehorſamſten und treueſten Knechte und Unterthanen in dieſem Haus Gottes, wo der wahre Cultus wieder hergeſtellt iſt, ohne Unterlaß unſere Gebete gen Himmel zu ſenden, daß es der hoöchſten Allmacht gefalle, Ew. Majeſtät mit Glück und Segen zu überſtrömen!“*) So ſprach der ſchamloſe Verräther an Vaterſtadt und deutſchem Vaterland, der deutſche Fürſt: Franz Egon von Für⸗ ſtenberg, Biſchof von Straßburg und hielt Lud⸗ wig XIV., dem Könige von Frankreich, das Crucifir zum küſſen hin. Dann bot er, dem *) Laguille„Preuves“ im Anhang der Histoire d'Alsace. Thl. II. S. 171. Fr. v. Raumer a. a. O. S. 109. 110. Coste p 145. — 374— Herkommen nach, den Majeſtäten das Weihwaſſer „„die Thüren des Portales flogen auf, die Orgel tönte, der König und ſein Gefolge zogen in die weiten hohen herrlichen Hallen ein.. und das Te Deum laudamus begann. Und mächtig und immer mächtiger ſchwollen die Töne an, und von den Wänden hallten die Worte des gewaltigen ambroſianiſchen Lobgeſanges wieder: „Herr Gott Dich loben wir!“ Und die Glocken läuteten, und die Kanonen donnerten von den Wällen herab, und Frankreichs Banner flatterte hoch oben auf der Spitze des Münſters luſtig im Winde. Vor dem Hochaltare aber lag Lud⸗ wig XIV., König von Frankreich, auf den Knieen und dankte Gott, daß er ihm... deu Raub Straßburgs ſo trefflich hatte gelingen laſſen.———— Schmerz und Glütk. Der König hatte Straßburg wieder verlaſſen. Noch läuteten die Glocken, noch donnerten die Ka⸗ nonen, der Majeſtät bis zu der Gränze des Gebie⸗ tes der jetzt franzöſiſchen Stadt das Geleite zu geben. Der Eindruck aber, welchen Ludwig KIV. auf den beſſeren Theil der Einwohner gemacht, war ein ſehr ungünſtiger und ſteigerte die allgemeine Beſorg⸗ niß für die Zukunft ungemein. Gleich ſeine erſte Handlung gab ja Mißtrauen und ein tyranniſches Gelüſte kund. Setzte ſich doch der König, kaum angelangt, zu Pferde, um— von Louvvis und Vauban begleitet— die von Letzterem entworfene, ſchon gleich in den erſten Tagen abge⸗ ſteckte Citadelle— dieſes Zwing⸗Uri für Straß⸗ burg— in Augenſchein zu nehmen. — 376— Der Weiterbau wurde dabei von Sr. Majeſtät auf das Eifrigſte anempfohlen; ebenſo die Anlage der, von Louvois bereits vorgeſchlagenen beiden Schanzen innerhalb der Stadt, zur allenfall⸗ ſigen Zügelung einer widerſpenſtigen Bürgerſchaft. Ferner befahl Ludwig KIV. noch an demſelben Tage, daß man achtzig Stück der eroberten Geſchütze — unter ihnen die uralte, der Bürgerſchaft an die Seele gewachſene Maiſe,— zum Umgießen nach Breiſach abführe. Zugleich erhielt die Bürgerſchaft, einiger freien Reden wegen, einen neuen und ſcharfen Befehl, ihre Gewehre, ja ſelbſt ihre Degen und Pi⸗ ſtolen, auf die Pfalz zu liefern*). Mit tiefem zürnendem Schweigen nahm Straß⸗ burg dieſe Erſtlingsfrüchte der neuen Fremdherrſchaft hin. Was auch wollten ſeine Einwohner dagegen machen? Fünfzehntauſend Mann Franzoſen hielten ſie ja im Zaum und bewachten das Grab ihrer vier⸗ hundertjährigen Freiheit. Aber ſtolz und feſt hatten auch die Patrioten— in ſofern es ihnen möglich war— all den glänzen⸗ den Feſtlichkeiten der letzten acht Tag Augen und Ohren verſchloſſen. Selbſt die Häuſer waren es in *) Strobel, a. a O. S. 135. — 377— vielen Straßen, und viele Hunderte von Fenſter blieben von Gardinen verhängt, während draußen das uſurpirte Königthum ſeinen Glanz und ſeine Pracht entfaltete. Ol der Schmerz im Inneren der Patrioten war ja zu groß;. er war ein nicht zu beſchreibender in der Familie Frantz. Dem tiefen Leid über den Fall Straßburgs ge⸗ ſellte ſich hier die innere Empörung, die Entrüſtung über die Art und Weiſe des Verrathes und die Verräther ſelbſt, ſo wie die Trauer über des braven Wencks Tod. Hugo von Zedlitz und der Syndicus hatten ihn im Stillen begraben laſſen und waren ſeiner Leiche gefolgt. Nie war ein Schmerz aufrichtiger, als der ihre... aber ſie ſchloſſen ihn in dieſer ernſten Zeit tief in ihre Bruſt. Und mußten ſich dem allen denn nicht auch Be⸗ fürchtungen zugeſellen? Wortbrüchig war ja die neue Regierung ſchon vielfältig geworden, wer wollte ſie verhindern, auch den Artikel 8 der Capitulation und das darin enthaltene Verſprechen einer allgemei⸗ nen Amneſtie zu brechen? Und waren denn nicht Frantz und ſeine Familie, ſo wie Hugo von Zedlitz, der neuen Regierung gegenüber, arg compromittirt? Hatten ſie nicht von Günzer, der jetzt die erſte Stelle — 378— im Magiſtrate einnahm und dieſen vollſtändig leitete, ja— kraft ſeiner Stellung— geradezu von der franzöſiſchen Regierung den Auftrag hatte, Rath und Bürgerſchaft zu überwachen, und alles, was ihmregierungsfeindlich ſchien, nach Paris zu berichten“),... hatten ſie von dieſem, ihrem Todfeinde, nicht das Schlimmſte zu erwarten? Und wie ſollte ein ſo ächt deutſch geſinnter Mann, wie der Syndicus, dem Deutſchthume ab⸗ und dem Franzoſenthume zuſchwören? Wie ſollte dies Hugo von Zedlitz thun? Syndicus Frantz hatte daher auch, gleich nach Abſchluß der nicht zu vermeidenden Capitulation, keine Rathsſitzung mehr beſucht,— war auch bei Ablegung des Eides nicht erſchienen. Hugo mußte ſich auf ſeinen Rath verborgen halten,.. wenig⸗ ſtens für die erſte Zeit. Mit Schmerz und Trauer gewahrten Mutter Hedwig und Alma dabei, daß Derjenige, an dem— als an dem treueſten und beſten Gatten und Vater — ihre ganze Seele hing, ſeit ſeiner letzten Krank⸗ heit und namentlich auch ſeit dem Fall der geliebten Vaterſtadt, unendlich gealtert ſei. Sein braunes, bis *) Friedrich v. Raumer. A. a. O. S. 112. — 379— in die letzte Zeit nur grau gemengtes Haar war jetzt weiß geworden, ſeine ſonſt ſo aufrechte Haltung war einer gebückten gewichen; ſeine ſchönen, würde⸗ vollen und ernſten Züge hatten einen noch weit tieferen Ernſt. ja etwas Herbes und Hartes angenommen, was doch ſonſt ſeinem milden und menſchenfreundlichen Character ſo ganz fremd war. Auch ſprach der Syndicus in der letzten Zeit faſt gar nichts mehr,— nicht einmal mit den Sei⸗ nen. Den ganzen Tag auf ſeinem Zimmer einge⸗ ſchloſſen, arbeitete er bei verhängten Fenſtern ſehr eifrig und kam nur zur Eſſensſtunde herab. Was er ſchaffte, wußte Niemand, nur bemerkte Mutter Hedwig einmal, daß Briefſchaften durch einen ge⸗ heimen und verkleideten Boten abgingen und andere kamen.. Die Gedrückteſte von allen im Frantz'ſchen Hauſe war indeß jetzt Alma. Ihre ſchönen Hoffnungen waren ja ſämmtlich zertreten... in ihrem Herzen und über ihrer Zukunft lag tiefe ſchwere Nacht. Alma hätte indeß nicht des Syndicus Tochter ſein müſſen, wenn ſich ihre Gedrücktheit anders, als ebenfalls in größerer Stille, in einem energiſch, ſchweigenden Ernſte gezeigt. Mutter Hedwig aber ehrte in Beiden, was ſie nur zu ſehr mitempfand. — 380— So war das Haus des Syndicus— dem Münſter ſo nahe gelegen und daher von all dem Tumult und Lärm umbrauſt— ſtill wie ein Grab geworden. Eine ernſte Feierlichkeit lag über demſelben und heute— es war an dem Tage, an welchem der König Straßburg wieder zu verlaſſen gedachte,— heute trat auch noch etwas Geheimnißvolles hinzu. Frantz hatte Mutter und Tochter gebeten, um die Zeit des Abzuges des Monarchen in ihren ſchwarzen Sonn— und Feſtkleidern bereit zu ſein. Beide ſahen den alten Herrn ſtaunend an. aber... an Gehorſam gewöhnt und den reſignirten Ernſt aw mit welchem der Vater den Wunſch ausgeſprochen, ſagten ſie, ohne ein weiteres Wort, zu. Noch auffallender aber war Mutter und Tochter der Befehl: zugleich auch alles einzupacken, was zu einem mehrwöchentlichen Aufenthalte außer dem Hauſe nöthig ſei. So war der Nachmittag herangekommen, und Se. Majeſtät, Ludwig XIV., König von Frankreich, jetzt auch Herr des ganzen Elſaſſes und Straßburgs, hatte dieſe Stadt nach empfangener Huldigung mit dem gleichen Pompe verlaſſen, mit dem er, wenige Tage zuvor, in derſelbe eingezogen. Noch läuteten die Glocken, noch donnerten die Kanonen, der Majeſtät bis zur Gränze des Gebie⸗ tes das Geleite zu geben. — 381— Im Hauſe des Syndicus dagegen herrſchte auch jetzt Todtenſtille. Er ſelbſt hielt ſich wieder in ſeinem Zimmer eingeſchloſſen; Mutter und Tochter aber waren eben mit ihrer Toilette fertig geworden, nachdem ſie den Wunſch des alten Herrn erfüllt, und alles ein⸗ gepackt hatten, was die ganze Familie zu einem mehr⸗ wöchentlichen Aufenthalte außerhalb bedurfte. Hedwig und Alma traten in dieſem Augenblicke — jedes aus ſeiner Schlafkammer kommend— in das Wohnzimmer. Beide waren recht bleich, doch ſtand die Bläſſe und das ſchwarze ſeidene Gewand Alma ſo ſchön, daß ſie das verwöhnteſte Auge kaum hätte anders denken mögen. Es lag in der That etwas Hohes in ihren lieblichen und jetzt doch ſo ernſten Zügen, während aus den großen wundervoll blauen Augen eine ſtille wehmüthige Reſignation, ein tief bewegtes Gemüth ſprach. Und doch gab auch wieder das dichte blonde Haar, das in einfachen Flechten den ſchönen Kopf nach oben und den Seiten hin einſchloß, der hohen, ſchlanken, ernſten Mädchengeſtalt etwas Mildes. Alles aber wurde gehoben durch die einfache ſchwarze Sonn- und Feiertagskleidung, die dem lieb⸗ lichen Kinde einen wahrhaft rührenden Reiz zulegte. Alma war geſchmückt, wie zu einem hohen kirchlichen Acte, und zu der Annahme, daß ſie einen ſolchen — 382— begehen wolle, konnte die natürliche Anmuth und Würde ihres Weſens nur beitragen. Es that es aber auch die innere gedrückte Stimmung, die weh⸗ müthige und doch charakterſtarke Entſagung, die in ihr wohnte. Noch läuteten— als ſie eben bei der Mutter eintrat— die Glocken, noch donnerten die Kanonen, der Majeſtät bis zur Gränze des Stadtgebietes das Geleite gebend. „So ſind des Vaters Wünſche denn erfüllt!“ — ſagte ſie jetzt ruhig und milde, als ſie auch die Mutter im Feſtanzuge erblickte;—„was aber ſoll nun wohl weiter geſchehen?“ „Weiß ich es, mein Kind?“— entgegnete dieſe. —„Was aber auch der Vater mit uns vor hat, folgen wir ihm ohne Widerrede. Wir wiſſen es ja, wie gut er es immer mit uns meint, kennen ſeinen klugen, vorſorglichen Sinn und müſſen ſeinen tiefen Schmerz durch ſtillen Gehorſam ehren.“ „Ich vertraue ihm ganz!“— ſagte Alma ruhig. „Und der Vater verdient auch dies Vertrauen,“ — verſetzte die Mutter—„ja, es ſtärkt ihn in ſeinen ſchweren Kämpfen. Sollen wir in den vielen Wirren und Drangſalen des Lebens nicht geradezu untergehen, ſo müſſen wir Herzen zur Seite haben, welche uns nicht nur verſtehen und mit uns fühlen, — 383— ſondern auch die Tiefe unſeres Weſens kennen und auf uns ſchwören, ſelbſt wenn uns die ganze übrige Welt verläßt.“ „Nun!“— ſagte Alma mit trübem Lächeln, aber mit dem Ausdrucke der reinſten Kindlichkeit, in⸗ dem ſie ſich an die Mutter ſchmiegte und ſie küßte, —„ein ſolches Herz habt ihr an mir.“ Mutter Hedwig erwiderte den Kuß; aber ſie ſah dabei auf die Thräne, die ſich unwillkührlich in des Kindes Auge zeigte. Dennoch ſchwieg ſie darüber. Sie wußte ja, was dieſe Thräne zu bedeuten habe; aber es war hier leider nichts zu erörtern; der Vater hatte ſeiner Zeit bei der im engen Kreiſe ſo heiter gefeierten Verlobung geſagt:—„Mit dem Tage, der uns wieder entſchieden frei macht, ſeid ihr, meine Kinder, Mann und Weib!“ aber... wie ſtand es jetzt mit dieſer Frei⸗ heit?... war ſie nicht auf ewig verloren? Stan⸗ den nicht ſelbſt die bürgerliche Exiſtenz und die per⸗ ſönliche Freiheit des Syndicus und Hugo's auf dem Spiele?.. war nicht— für den Augenblick wenigſtens— die Zukunft in Nacht und Dunkel gehüllt. „Habe nun auch Du hier Vertrauen, mein Kind,“— ſagte daher jetzt die Mutter.—„Noch — 384— hat der Ewige keines ſeiner Kinder verlaſſen, das ſich mit Liebe und kindlichem Vertrauen an ſein Vaterherz legte. Uebrigens vertraue auch Dir ſelbſt und Deinem eigenen Herzen. Der tüchtige Menſch muß in Zeiten des Kampfes und der Schickſalsſchläge das Unvermeidliche mit Kraft und Würde zu tragen wiſſen; thut er dies, dann hält ihn auch der Glaube an eine beſſere Zukunft oben“ „Ich will es thun, Mutter!“— verſetzte Alma. Und die Mutter wußte, daß es ihrer Tochter nicht an Charakterſtärke gebräche, dies Verſprechen zu halten. In dieſem Augenblicke trat der Syndiecus ein. Auch er war im Feierkleide, wenn auch nicht in Amtstracht. Mutter und Tochter gingen ihm entgegen. „Kinder!“— ſagte der Syndicus jetzt mit mil— dem Ernſte, indem er jeder von Beiden eine ſeiner Hände hinreichte, und es flog, zum Staunen Hed⸗ wigs und Almas, etwas über ſeine Züge, das einem leiſen Lächeln glich,—„Kinder, noch lebt der alte Gott, und er verläßt die Menſchen nicht, wean ſie ſich nicht ſelbſt verlaſſen. Kommt, laßt uns han⸗ deln. Ich liebe keinen trägen Schmerz, der zu nichts führt und nur die Thatkraft in uns ſelbſt ver⸗ zehrt.“ — 385— „Aber was ſoll es, Väterchen?— frug Mutter Hedwig noch immer ſtaunend. „Kommt!“— entgegnete der alte Herr—„und ihr werdet es ſehen und hören.“ Und er ſchritt ihnen voran; aber ſeine Geſtalt war nicht mehr ſo gebeugt, wie in den letzten Tagen: „Er muß ſich durch einen kühnen Entſchluß ſtark und kräftig durchgearbeitet haben!“— dachte die Mutter. Und wahrlich!.. ſie kannte ihren Mann. Der Syndicus aber ſchritt den beiden voraus, die Treppe hinauf, bis zu der Etage, in welcher ſein Arbeitszimmer lag, an das ſich noch ein anderes Gemach anſchloß, in das man aber nur durch 5 Arbeitszimmer ſelbſt gelangen konnte. Als ſie oben angekommen waren, öffnete der Syndicus die Thüre und ließ die Damen eintreten. Wie aber ſtaunten Hedwig und Alma, als ſie hier einen Kreis lieber Freunde erblickten. Es waren Männer und Frauen; aber nur Leute von den glei⸗ chen Geſinnungen, wie die Familie Frantz ſie hegte. Auch Hugo von Zedlitz, Frau von Bernhold— die kleine liebliche Wittwe, die Günzer ſo ſchmählich von ihrem Gute Plobsheim vertrieben,— und der alte würdige Pfarrherr, deſſen frommen Predigten Alma und Mutter Hedwig ſo oft in den ſchönen Der Raub Straßburgs II. 25 — 386— herrlichen Hallen des nun für ſie verſchloſſenen Münſters gelauſcht, waren dabei. Dieſer ſogar in ſeiner geiſtlichen Amtstracht, Hugo im Feſtkleide. Gott! was hatte das zu bedeuten? Ein freudiger Schreck durchzuckte Mutter und Tochter und über⸗ goß die letztere mit einem flüchtigen glühenden Roth. Hugo grüßte ſie innig; doch wich der tiefe, wenn auch milde Ernſt nicht aus ſeinen Zügen. Auch bei den Anderen war es ſo. Als die ſtillen, die Trauer eines jeden Herzens verkündenden Begrüßungen vorüber, ſagte der Syn⸗ dicus: „Liebe Freunde! Ernſte Zeiten verlangen ernſte Schritte. Ich will nicht die tiefe, gewiß nie ver⸗ harſchende Wunde meines, nicht jene Eurer Herzen aufreißen. Straßburgs vierhundertjährige Freiheit iſt geſunken;... Stroßburg gehört nicht mehr dem deutſchen Reiche,... es gehört jetzt, freilich durch Verrath und unerhörte Gewalt,.. Frankreich an. Ich habe als rechtlicher Mann, als guter Bürger und ächter Deutſcher bis zum letzten Augenblicke gegen dieſe Gewalt⸗ und Schand⸗ that angekämpft. Das Schickſal hat es anders ge⸗ wollt,.. wir müſſen uns dem Unvermeidlichen fügen. Damit aber iſt nicht geſagt, daß ächte deutſche — 387— Männer ſich unter das franzöſiſche Knechtesjoch beugen müſſen. Ich wenigſtens... kann es nicht! Darum auch habe ich mein Amt niedergelegt;. darum auch verlaſſe ich heute noch mit meiner Fa⸗ milie die Stadt, die mich gebar, die mir an die Seele gewachſen iſt. Ich verlaſſe ſie mit blutendem Herzen;... aber.. ich kann nicht anders! . Grott helfe mir!“ Eine allgemeine Bewegung gab ſich kund; Nie⸗ mand aber wagte es, ein Wort zu ſprechen. „Ich kann indeß von der geliebten Vaterſtadt nicht ſcheiden, ohne noch einen letzten Act meines politi⸗ ſchen Wirkens vollzogen zu haben!“— fuhr Syn⸗ dicus Frantz fort.—„Ich that dies, indem ich in den letzten Tagen in aller Stille eine kleine Schrift niederſchrieb, in welcher die Urſachen aufgezeichnet ſind, die den Fall und die Uebergabe der Stadt an Frankreich bedingten*). Wir ſind, dem beſſeren Theile in Magiſtrat und Bürgerſchaft und unſerer Ehre— Deutſchland, Kaiſer und Reich, ſowie der Nachwelt gegenüber— eine ſolche Darlegung und Vertheidigung ſchuldig. Hier iſt dieſelbe, ich werde *) Kurze jedoch gründliche Erzählung, wie und aus wel⸗ chen Urſachen die Stadt Straßburg ſich der Krone Frank⸗ reich Gewalt und Protection untergeben“ Von Syndicus Frantz. — 6 dieſelbe drucken laſſen und auf dem Altare des Vater⸗ landes niederlegen.“ „Damit aber iſt meine Wirkſamkeit in dem jetzt franzöſiſchen Straßburg geſchloſſen. Ich bin Deutſcher und ich will ein Deutſcher bleiben! Wenn aber die Sturmglocken wieder läuten,.. wenn des deutſchen Reiches Kaiſer das alte Banner wieder entrollt,... wenn der Ruf durch alle deut⸗ ſchen Gauen erſchallt: auf, ihr deutſchen Brüder, auf nach dem Rheine! rächt die Schmach und das Unrecht, die man an euch und dem deutſchen Vater⸗ lande durch den Raub des Elſaſſes und Straßburgs begangen,... dann, dann, meine Freunde, dann ſoll der alte Frantz nicht feh⸗ len;... dann, dann kehre ich wieder heim zu dir, du geliebtes theures Straßburg und helfe dich er⸗ obern und ſollte ich mein altes Blut vor deinen Wauern verſpritzen!“ Frantz hatte mit glühender Begeiſterung ge⸗ ſprochen;... jetzt ſtand er, trotz ſeinem Alter, hochaufgerichtet da, ſeine Blicke flammten, ſeine Wangen glühten, und beide Hände zum Himmel erhoben, als wolle er dieſen beſchwören, ein ſolches Aufwachen des deutſchen Volkes, eine ſolche Rück⸗ eroberung ſeiner Ehre bald herbeizuführen,.. ſtürzten ihm große Thränen aus den Augen. — 389— Und von dem feierlichen Momente erfaßt und dem Drange der eigenen Herzen folgend, riefen alle anweſenden Männer, die Hände wie zum Schwur gehoben: „Ja! ja! dann ſind wir auch da!... dann wollen auch wir mitkämpfen, unſerer guten Vater⸗ ſtadt die alte Freiheit und die alte Deutſchheit zu⸗ rückzuerobern!“ Und Alle gaben ſich, glühenden Herzens, Thrä⸗ nen der Wehmuth aber zugleich auch eines heiligen Zornes in den Augen, die Hände und ſchüttelten ſie als Mannesſchwur und Manneseid. „So ſei es!“— nahm jetzt Syndicus Frantz wieder das Wort.—„Und mit dieſem Schwur und mit dem Entſchluß: ſammt meiner Familie Straßburg zu verlaſſen, iſt für mich und die Mei⸗ nen der Tag der Freiheit wiedergekehrt. Ich habe mir längſt in einem der ſchönſten Thäler jen⸗ ſeits des Rheines— auf deutſchem Grund und Boden— ein kleines beſcheidenes Gut er⸗ worben. Nach dorthin gehe ich noch heute mit den Meinen ab. Ein Rechtsfreund hier wird meine übrigen Angelegenheiten in Straßburg ordnen und uns den Reſt unſeres Vermögens nachſenden. Es wird genügen, die kleine Beſitzung ſo weit zu ver⸗ größern, daß wir Alle, bei beſcheidenen Anſprüchen, —— — 390— auf und von ihr— frei in der freien Natur Got⸗ tes und fern den Jämmerlichkeiten der Menſchen— leben können.“ „Aber auch ehe dies geſchieht, habe ich noch eine mir liebe Pflicht zu erfüllen.“— Und die Arme ausbreitend, rief er, zu Alma und Hugo ge⸗ wandt:—„Kommt an mein Herz, meine Kinder! Ich habe Euch verſprochen: Mit dem Tage, der uns wieder entſchieden frei macht, ſollt Ihr Mann und Weib werden. Nun ja!“— ſetzte er trübe hinzu—„es iſt wahr, ich dachte mir damals ein anderes Freiwerden. Gott hat es nicht ſo gewollt;... wir Menſchen müſſen uns vor ihm und ſeiner oft verhüllten Weisheit in den Staub beugen. Thun auch wir es. Aber knechten brauchen wir uns deshalb nicht zu laſſen. Freiheit und Deutſchheit iſt unſer aller geiſtiger Athemzug. Darum, fort mit den Ketten und frei und deutſch im deutſchen Vaterlande. Somit aber iſt der Tag unſeres Weggehens von hier auch der Tag, der uns wieder entſchieden frei macht... das heißt: Euer Hochzeitstag!... der Tag, an dem der Segen Gottes, unſer Segen und die Liebe Eure Hände als Mann und Weib in einanderlegen.“ Und bei dieſen Worten trat— das ſchöne — 391— bleiche Antlitz von Thränen übergoſſen,— Alma's Freundin, die junge Frau von Bernhold heran und drückte der Tiefbewegten einen Myrthenkranz auf das volle Haar. Der Vater aber öffnete die Thüre des anſtoßenden Gemaches: es war in eine einfache kleine Kapelle umgewandelt. Auf einem ſchlichten Altare lag die heilige Schrift. Kerzen flammten zu beiden Seiten. Und als nun das Brautpaar, geführt von dem alten chrwürdigen Pfarrherrn, gefolgt von den El⸗ tern und den übrigen Anweſenden eintrat.. und tiefe, tiefe Stille herrſchte... da hörte man von außen das noch immer fortdauernde feierliche Ge⸗ läute aller Glocken, in das ſich, ernſt und dumpf, der Donner der Kanonen miſchte. Und von hohem Ernſte waren die Worte, die 4 alte würdige Prediger jetzt ſprach;.. ſie waren von hohem Ernſte aber doch von Innigkeit durch⸗ drungen: eine Hochzeitsrede am Grabe der Freiheit; aber die Freiheit— meinte der alte würdige Mann— ſei ja der eigentliche Meſſias der Menſchheit:ſie werde darum immer undewig aus jedem Grabe erſtehen! Und als er geendet, da ſchwiegen die Glocken und... die Kanonen. Draußen in der Ferne hatte Seine Majeſtät Ludwig XIV., König von Frankreich, die Gränze des Straßburger Stadtgebietes hinter ſich: der Raub Straßburgs war nach allen Seiten hin vollendet und. Hier innen, in dem kleinen ſtillen Zimmer aber, umgeben von wenigen treuen, unter Thränen Ab⸗ ſchied nehmenden Freunden... lagen ſich zwei tief bewegte und doch in ihrer Liebe unendlich glückliche Menſchen in den Armen.— In derſelben Stunde ſtellte, auf Veranlaſſung Hugos von Zedlitz, eine unbekannte Hand ganz im Geheimen eine aus gebranntem Thon geformte Statue des kleinen ehrlichen Meiſters Wenck hoch oben auf dem Giebel ſeines Hauſes auf. Sie ſtand dort— der treuen patriotiſchen Seele zum Andenken— bis in die jüngſte Zeit. Aber wenn auch ſie endlich der Zeit zum Opfer fiel, und viele, viele Jahre den Beſitz Straßburgs für Frankreich zu ſanctioniren ſcheinen... ſo ſoll und darf von Deutſchland und dem deutſchen Volke doch nie und nimmermehr Ei⸗ nes vergeſſen werden, und das iſt: Der Raub Straßburgs im Jahre 16841 Schluß) -* 6 17 18 19 ſſſſſ 1 1 6 7 8 9 10 11 2 13 14 5 — ₰ —— ₰ * 6 1 3 * * X 2 —