lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 2 — vℳ„ 3 Leihbibliothek on Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. GLeih- und eſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zug Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 8 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 5 jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lescpreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von I beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersätz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, Ste ver⸗ Werkes, ſo iſt 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmertſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben vo geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Der Raub Straßburgs im Jahre 1681. Vaterländiſcher Roman in 3 Theilen von Heribert Rau. 3 weiter Theil. Frankfurt a. R. Literariſche n ſt alt. (Rütten und Löning.) 1862. Druck von C. Adelmann in Frankfurt a. M. Politik und Teidenſchaft. ———— Der Maskenball. Wenn man von Tours aus den Ufern der Loire und der Indre folgt, gelangt man in die ſchöne und anmuthige Gegend, die mit Recht der„Gar⸗ ten Frankreichs“ heißt, und welche das berühmte, — beſſer geſagt berüchtigte— Schloß Loches krönt.. Loches, um deſſen finſtere Mauern, Zinnen und Wälle noch heute die düſteren Geiſter Ludwigs Kl. und ſeiner Henkersknechte zu ſchweben ſcheinen. Ernſt und ſtolz ragt es auf einem Hügel empor, die Stadt Loches beherrſchend, die ſich zu ſeinen Füßen ausdehnt. Von ſeinen Höhen aber ſchweift der Blick mit Entzücken über weite Wieſen und Triften, die einem prachtvollen grünen Teppiche gleichen, der von dem Silberfaden der Indre durch⸗ Der Raub Straßburgs II. 1 zogen und von dem dunkelen Saume dichter ſchat⸗ tenreicher Wälder begränzt wird. Mächtige Felsblöcke, welche zu beiden Seiten die Wieſenfläche unterbrechen, heben noch den male⸗ riſchen Reiz, und geben dem weiten farbenreichen Bilde einen kernigen Charakter. Die Gründung des Schloſſes Loches muß wohl in die früheſten Zeiten der franzöſiſchen Monarchie zurückgeführt werden, davon zeigt ſchon ſeine Bauart. Umgaben das eigentliche Schloß doch ſeit den älteſten Zeiten ungeheuere, mit Zinnen gekrönte Ringmauern, von mehr als ſechs Ellen Stärke. Dann kamen, nach Außen hin, Wälle und Gräben, von runden Thürmen flankirt, die mit Wurfgeſchoſ⸗ ſen verſehen waren. Das Hauptthor ſchützten ebenfalls vier Thürme und eine Zugbrücke, über die hinweggelangt, ſich ein zweites und drittes Thor— jedes mit gewalti⸗ gen Fallgittern verſehen— den Schritten des küh⸗ nen Eindringlings entgegenſetzten. Der intereſſanteſte Theil des Schloſſes aber war jedenfalls der Donjon— ein hohes viereckiges Ge⸗ bäude— welches thurmähnlich die ganze Burg überragte. Es iſt ſchwierig, die Epoche zu beſtimmen, in welche die Erbauung dieſes Schloßtheiles fällt. Meh⸗ rere gelehrte Alterthumsforſcher haben dieſen bemer⸗ kenswerthen Bau dem Grafen Nerra von Anjou, der in der erſten Hälfte des elften Jahrhunderts lebte, zu⸗ geſchrieben, obgleich ſein zwar derber, aber doch zu⸗ gleich eleganter Styl mit ſeinen zierlichen Pylaſtern mehr für das zwölfte Jahrhundert zu ſprechen ſcheint, in welchem die militäriſche Architectur ſchon mehr ausgebildet war. Der Donjon von Loches erhebt ſich hundert und zwanzig Fuß über den Gipfel des Hügels. Man kann ihn in zwei Abtheilungen theilen, nämlich in den Hauptthurm, der ein längliches Viereck von ohn⸗ gefähr hundert Fuß Länge bis dreißig Fuß Tiefe bildet und in einen zweiten ähnlichen Thurm, der aber weit kleiner iſt und ſich gewiſſermaßen nur als Vorpoſten an erſteren anlehnt. Letzterer Thurm hatte anfangs dieſelbe Höhe wie jener; heutzutage iſt er ſogar ein wenig höher; ſeine Dimenſionen mögen die Hälfte des Hauptthurmes betragen, von dem er als die Vorhalle zu betrachten iſt. Wenn man dieſen kleineren Thurm betritt, be⸗ merkt man noch die Spuren einer Treppe, deren Stufen,— ſie ſind jetzt weggenommen worden— auf einer Doppelmauer ruhten, in welcher man ge⸗ wölbte Arkaden angebracht hatte; dieſe Treppe, die durch mehrere kleine Fenſter Licht erhielt, endigte 12 6— ſich trichterförmig an einer Thüre, welche mit dem erſten Stockwerk des großen Donjons in Verbindung ſtand. Zu gleicher Zeit diente ſie aber auch als Eingang zu einem ſehr geräumigen Gemach, deſſen gepflaſterter Fußboden auf einer ſteinernen Wölbung ruhte. In dem zweiten Stockwerke befand ſich eine Kapelle mit einem nach Oſten zu liegenden Altare. Eine dritte Etage, die jetzt nicht mehr exiſtirt, befand ſich über dieſem Betſaal. Das Schloß Loches war von jeher wegen ſeiner hohen Wälle, tiefen Gräben und ſtarken Ringmauern, ſeiner mit Zinnen verſehenen Thürme, ſeiner Zug⸗ brücken, eiſernen Thüren, Fallgitter, bedeckten Wege und der doppelten Umgürtung ſeiner Fortificationen eine der furchtbarſten Feſten Frankreichs. Es bot den Perſonen, die es bewohnten, wenn auch nicht eine angenehme Reſidenz, doch wenigſtens eine ſichere Zufluchtsſtätte dar. Und ſolche Feſtungen waren zu einer Epoche von Wichtigkeit, in welcher die Könige, gleich den großen und kleinen Feudalherren, ewig damit zu thun hatten, ſich entweder gegen überſeeiſche Invaſionen, oder gegen die Angriffe benachbarter Seigneurs zu vertheidigen, die, in Abweſenheit der Engländer, für gut fanden, ſich gegenſeitig zu be⸗ kämpfen, um ihren Haß und ihre Raubgierde zu ſättigen,. ſich wohl auch unter einander zu — 0— verbinden, um der königlichen Macht Abbruch zu thun. Wohl auch feſſelten die Schönheiten des Landes und die großen, an herrlichem Wild ſo reichen Wal⸗ dungen die franzöſiſchen Könige an Loches. Der hei⸗ lige Luwig, Philipp der Schöne, Johann I. und namentlich der Wütherich, Ludwig Kl., brachten hier einen großen Theil ihres Lebens zu. Auch Ludwig XIV. hatte ſich in der letzten Zeit hierher begeben. Der jetzt allmächtigen Herzo⸗ gin von Fontanges war ſelbſt Verſailles lang⸗ weilig geworden. Man kannte ſie hier, die zauber⸗ haft ſchöne„Marmorſtatue“— wie man ſie, ihrer äußeren Erſcheinung nach, am Hofe nannte— man kannte ſie hier genügend, und ihre unbegränzte Eitelkeit fand daher nicht mehr die gewünſchte Nah⸗ rung. Die reizende Geliebte des Königs, der ſelbſt die endloſen Schmeicheleien des Hofes nicht mehr genügten, wollte neue Bewunderer. In Paris und Verſailles, in Marly und Saint Germain glänzte die Sonne der Schönheit: Marie Angeline Scoraille de Rouſille, Herzogin von Fon⸗ tanges in dem Zenith ihrer Herrlichkeit und Macht; aber auch das übrige Frankreich ſollte ſie bewundern und anbetend ihr zu Füßen ſinken;... darum hatte ſie den König vermocht, mit ihr und dem ganzen Hofe Orleans, Blois, Tours Angers und Nantes zu beſuchen, wogegen Ludwig auf der Rückreiſe zu Loches anhielt und hier— der prächtigen Jagden halber— für längere Zeit ſeinen Hof aufſchlug. Dieſer Aufenthalt freilich war der ſchönen Fon⸗ tanges gerade nicht ſehr angenehm. Was ſollte ſie auf dem einſamen Loches? Hier war wenig zu glän⸗ zen! Der Stadt und der Umgegend hatte ſie ſich bald gezeigt;— der umwohnende Adel aber war nicht zahlreich und dabei weniger geſchmeidig und ſchmeichleriſch als der Hof; ja wenn dieſer— ge⸗ wohnt ſeinen König ſelbſt beſtändig in den Feſſeln einer Geliebten ſchmachten zu ſehen— Angeline von Fontanges mehr faſt als der Königin huldigte, ſo hielt ſich der rauhere, noch weniger verdorbene Land⸗ adel oft mit Kälte und abſtoßender Strenge zurück. Freilich gab der König, ſeiner ſchönen Geliebten zu Ehren, Feſte auf Feſte: Jagden, Spiele, theatra⸗ liſche Darſtellungen und ländliche Bälle, bei welchen er ſich freute, wenn Angeline recht glänzen konnte; ihr aber deuchte es doch öde und leer auf der alten ungeheuerlichen Burg;... ja es überkam ſie oft Furcht und Bangen in den weiten unheimlichen von einer finſteren Pracht ſtrotzenden Gemächern. Gin⸗ gen doch auf dem Schloſſe und in der Ungegend — Sagen genug von Gräuel, die hier begangen wor⸗ den,.. von Geiſtern und Geſpenſtern, die ſich noch immer in den alten Thürmen und Gemächern zeigen ſollten. Es war nur ein Glück, daß Angeline neben ihrem königlichen Geliebten in dem Herzog von Saint⸗Aignan einen ſo heiteren Freund an der Seite hatte. O! er war ihr hier in dem finſteren Loches doppelt willkommen mit ſeinen tauſend und aber⸗ tauſend Geſchichten und Anecdoten, mit ſeinen Witzen und ſeiner unerſchöpflich heiteren Laune. Wie gerne aber ließ ſie ſich auch— aus Dankbarkeit dafür— von dem Herzoge leiten, der ja ohnedem unbedingt ihr größter Verehrer, ihr enthuſiaſtiſchſter Bewun⸗ derer war. Aber freilich... ſie hatte eine ſolche fortwäh⸗ rende Zerſtreuung jetzt auch nöthiger denn je; nicht allein des Aufenthaltes in dem finſteren geſpenſti⸗ ſchen Schloſſe wegen, ſondern in Folge einer viel peinlicheren Sache. Regte ſich doch, in unbewachten Augenblicken, etwas in Angelinens Bruft, das gar nicht mit dem glücklichen Leben, welches ſie nach Außen hin führte, übereinſtimmen wollte. Es war die Stimme des Ge⸗ wiſſens, die in ihr erwacht war... und— wie oft auch betäubt— immer wieder erwachte, zumal wenn ihr im Traume oder im Wachen die Bilder ihrer guten Mutter, des alten treuen Lehrers, Pater Hiläre,... oder gar das blutige Geſpenſt Gau⸗ thiers vor die Seele traten. Und... Gauthiers ſchrecklichen Tod— ſie hatte ihn erſt ſpäter erfahren— konnte ſie nicht vergeſſen, ſo ſehr ſie ſich auch in die Wogen der rauſchendſten Luſt,... ſo ſehr ſie ſich auch in die Arme des Leichtſinns ſtürzte und in dem ſtolzen Gefühle der überſättigtſten Eitelkeit, mit der Liebe eines Königs und der Pracht und der Herrlichkeit einer Fürſtin, betäubte. Himmel! ſie war ja doch und blieb in gewiſſer Beziehung Gauthiers Mörderin! Ihr Leichtſinn, ihre Untreue, ihr Abirren von dem Wege der Tugend hatte ſein treues reines Herz zur Verzweiflung. ihn ſelbſt in den Tod getrieben! Freilich rang und kämpfte ſie ſolche Gedanken ſo viel ſie nur konnte, in ſich hinab,.. übertäubte ſie durch Luſt und Zerſtreuung jeder Art;... aber ſie kamen hie und da doch wieder.. und dann ſtieg eine bleiche blutige, in Leichentücher ge⸗ hüllte Geſtalt vor ihrer Seele auf, hinter der ge⸗ wöhnlich jene ihres alten Lehrers ſtand, der, den Finger warnend aufhebend, im Grabeston die Worte — rief:„da du Gott verlaſſen, wirſt du un⸗ tergehen in ewiger Nacht!“ Und dieſe unſeligen Gedanken und dieſe unſeligen Phantaſiegebilde kamen Angeline jetzt, auf dem alten unheimlichen Felſenneſte Loches mehr denn je. Wie gerne hätte ſie es verlaſſen; aber der König erfreute ſich ſo ſehr an den herrlichen Jagden der umliegen⸗ den Gegend, daß ſie es nicht wagte, ſo ſchnell auf die Rückkehr nach Verſailles zu dringen, zumal ſie ſelbſt die Urſache geweſen, daß man dieſes verlaſſen. Aber betäuben mußte ſie weniſtens ihr Gewiſſen, und ſo ſchuf ihre innere Unruhe und Angſt täglich neue Feſte. Auf heute war ſogar— obgleich die übliche Zeit dazu längſt vorüber war und der Sommer über der Erde lag— ein Mummenſchanz angeſagt worden. Der Gedanke hatte Ludwig XIV. in ſofern gefallen, als er— entfernt von Paris und Ver⸗ ſailles— bei dieſer Gelegenheit einmal alles Cere⸗ moniell für Stunden abwerfen konnte;... vielleicht auch hatte der Monarch noch andere Dinge dabei im Auge. Kurz... er ging bereitwillig auf den desfallſigen Wunſch ſeiner ſchönen Geliebten ein, nur mit der Bedingung: daß auch der umliegende Adel, ja ſelbſt die angeſeheneren Bewohner der Stadt Loches daran Theil nehmen ſollten. —— um indeß ſeiner königlichen Würde— auf die ja Ludwig XIV. ſo viel und ſo ſtrenge hielt— nichts zu vergeben, gingen die Einladungen von der Her⸗ zogin von Fontanges aus. Seine Majeſtät— ſagte dabei das Gerücht— würden ſich von dem Feſte fern halten. So kam der Abend heran. Zwei der alten un⸗ geheuren Säle waren vorgerichtet worden, um die verkleidete und maskirte Menge aufzunehmen. Der eine war von oben bis unten in ſeiner ganzen Aus⸗ dehnung mit Holz getäfelt, in welches mit Reben behangene Bachusſtäbe und Reliefs geſchnitzt waren, die in reicher Vergoldung glänzten. An der Decke bemerkte man mit cicelirten Figuren verſehene Quer⸗ balken, die von geflügelten Teufelchen getragen wur⸗ den, welche ſchreckliche Grimaſſen zogen und mit ihren Hinterköpfen als Karnieſe das ſchwerfällige Geſims dieſes gothiſchen Bauwerks unterſtützten. Die Einfaſſung des Kamins ruhte auf den kräftigen Schultern zweier Kariatyden— abſcheuliche Unge⸗ heuer, wie ſie wohl die bizarre Phantaſie der Archi⸗ tecten der Zeit Ludwigs Kl. geſchaffen. Auf den herausgeſtreckten Zungen dieſer Kariatyden wie auf den Kronleuchtern brannten Kerzen von gelbem Wachs, welche mit ihrem bleichen Glanze den weiten düſte⸗ ren Saal kümmerlich erleuchteten. Uebrigens war — Alles frottirt, polirt und glänzend; Bürſten und Beſen waren in Thätigkeit geweſen, die Decken, Ecken und Geſimſe von dem Staube und den Spinngewe⸗ ben zu befreien, die ſeit langen Jahren hier ihr ein⸗ ſames Regiment geführt. Was den anderen Saal betraf, der reicher ge⸗ ziert als der erſte und mit ſchwarzem und weißem Marmor getäfelt war, ſo hatte man ihn mit flan⸗ driſchen Teppichen und koſtbaren Fenſtervorhängen geſchmückt. An den Wänden hingen, ſtatt des Holz⸗ getäfels, außerordentlich große und ſorgfältig ge⸗ ſtickte Tapeten, welche verſchiedene Scenen aus der Leidensgeſchichte Jeſu Chriſti darſtellten;... in der That eine eigenthümliche Verzierung für einen Ballſaal— ſo eigenthümlich, als die Zeit ſelbſt, in der man auch... beten und ſündigen, beichten und morden, Religion und Sittenloſigkeit wunderlich durcheinander warf. In einem angränzenden Gemache hatte die Muſik ihren Platz gefunden. Jetzt wurden die Säle eröffnet, und ſogleich dräng⸗ ten ſich Hunderte von Masken herein. Welch' ein Geſchwirre! Alle dieſe buntſcheckigen grotesken Coſtüme glichen einem gewaltigen, auf zauberhafte Weiſe aus menſch⸗ lichen Figuren zuſammengeſetzten Moſaikwerke. Alles was Gold, Sammt, Seide oder— bei den weniger reichen Klaſſen— Flittergold, Felbel, Taffet und ſonſtige bunte Stoffe an Närriſchem.. oder auch an Feinheit, Auswahl, Glanz und Reich⸗ thum darbieten konnten, war hier verſchwendet. Bunt und luſtig wogte es durcheinander, ſummend und lachend, quickend und näſelnd! Ueberall Anreden, Geſchrei, luſtiges Gefrage: Alles drängte, ſtieß, arbeitete ſich durch, kam und verſchwand im bunten Spiele der wogenden Menge. Aber der König war noch nicht von der Jagd zurückgekehrt und Angeline wollte die Säle nicht betre⸗ ten, bevor ſie nicht ihren königlichen Geliebten begrüßt. So ſaß ſie,— etwas verſtimmt über das War⸗ ten— gehüllt in die von Goldſtickereien und Edel⸗ ſteinen ſtrotzenden Gewänder einer Juno, in einem jener altmodiſchen aber koſtbaren Seſſeln, wie ſie Loches vielfältig aufzuweiſen hatte und auf welchen vielleicht einſt ſchon Philipp der Schöne geſeſſen. Ihr Gefolge, den ganzen Olymp darſtellend, be⸗ fand ſich in dem geöffneten Nebenzimmer... nur eine Perſon ſtand, die Geſichtsmaske in der Hand, wenige Schritte von ihrem Fauteuil. Es war der Herzog von Saint⸗Aignan, dem das Coſtüm des Mars ſo reizend ſtand, als Angelinen jenes der Götterkönigin. — Wie immer ſpielte ein feines Galanterie und Artigkeit verkündendes Lächeln um ſeine hübſchen Züge,— ein Lächeln, das augenſcheinlich diesmal bemüht war, ſein liebliches Gege nüber ebenfalls hei⸗ ter zu ſtimmen. Aber es wollte dem Herzog nicht recht gelingen. Angeline von Fontanges war ungeduldig. Noch kam der König nicht... und.. ſie ſehnte ſich aus den trüben gewölbten unheimlichen Hallen, die, für die Dauer ihres Aufenthaltes in Loches, hier ihre Wohnung bildeten, hinüber nach den Sälen, in wel⸗ chen bereits die Muſik rauſchte und tolle zerſtreuende und betäubende Luſt mit heiterem Uebermuthe ihre Flügel ſchlug. Jo, ja! ſie ſehnte ſich hinüber, um ſich zu be⸗ rauſchen in dem Staunen der Menge, das ihre, in der That einer Königin gleiche Erſcheinung hervor⸗ bringen mußte;.ſie ſehnte ſich hinüber und zwar um ſo mehr, als gerade heute wieder die al⸗ bernen Gedanken an die Mutter, an Pater Hiläre und Gauthier ſie verfolgten. Angeline hatte bisher nur halb auf die Schmei⸗ cheleien des Herzogs von Saint⸗Aignan gehört. Ihre kleine Hand ſpielte mit dem purpurnen Gewande, das leicht von ihren herrlichen Schultern herabfiel, —— und in deſſen breitem goldgeſticktem Rand eine Menge Edelſteine kunſtvoll eingewirkt waren. So hatte die kleine unſchuldige Marie Angeline Scoraille de Rouſille einſt in den Thälern der fried⸗ lichen Limagne mit Kieſelſteinen geſpielt. Alle dieſe Koſtbarkeiten gehörten jetzt ſie war am Hofe des mächtigſten Herrſchers dama⸗ liger Zeit nicht nur Königin der Schönheit ſondern faſt die Königin ſelbſt... aber „Herzog!“— ſagte Angeline von Fontanges jetzt, und eine innere Aufgeregtheit ließ ſich bei der, ſonſt nach Außen immer ſo Marmorkalten nicht ver⸗ kennen.—„Herzog! Sie haben doch immer Ge⸗ ſchichten und Anecdoten die Fülle bereit... ich bitte Sie, erzählen Sie mir eine. Die Langweile bringt mich ſonſt in dieſem finſteren ungeheuerlichen Rattenneſte noch um!“ „Mit Vergnügen, hohe Königin des Himmels und der Schönheit!“— entgegnete Saint⸗Aignan mit leichter gefälliger Verbeugung—„und wir kön⸗ nen noch dazu gleich auf dieſem finſteren Ratten⸗ neſte bleiben.“ „Wie ſo?“— frug die Herzogin zerſtreut. „Weil auf Loches ſchon einmal ein ganz ähn⸗ liches Feſt, wie das heutige ſtattgefunden.“ — „In der That? Sie machen mich neugierig. Und wer gab es?“ „Der Vorfahre des großen Königs, der Ihnen, reizende Göttin der Schönheit, zu Füßen liegt.“ „Und welcher?“ „Ludwig Kl.“ „So erzählen Sie!“ Angeline winkte aus dem Hintergrunde des Zim⸗ mers einen Pagen her, der dem Herzoge ein Ta⸗ bouret— einige Schritte von ihrem Seſſel entfernt — hinſtellte. Der Herzog ließ ſich— fein lächelnd, mit einer Verbeugung— auf daſſelbe nieder. Dann ſagte er, einen wunderbar glühenden Blick auf An⸗ geline richtend. „Sie befehlen alſo?“ „Ich bitte darum!“— entgegnete Jene, wäh⸗ rend, von dem Blicke des Herzogs getroffen, ein tiefes Roth über ihr Antlitz lief. Es mußte etwas Eigenthümliches in dieſem Blicke gelegen haben. Angeline ſenkte das Haupt und ſpielte wieder mit den koſtbaren Steinen. Der Herzog hub an: „Sie wiſſen, erhabene Frau, daß Karl VII. das Schloß von Loches zu einer königlichen Reſidenz erhob. Es befindet ſich ja hier noch in dem ſoge⸗ nannten„Agnesthurme“ das Grabmal der reizenden Agnes Sorel, der Geliebten des Königs.“ „Ich weiß es!“— verſetzte die Herzogin von Fontanges.—„Die Canonici der Domkirche von Loches ſuchten zu verſchiedenen Zeiten um die Er⸗ laubniß nach, das Mauſoleum der ſchönen Agnes Sorel aus dem Chor in einen anderen Theil der Kirche verlegen zu dürfen. Seine Majeſtät ſprachen mir erſt geſtern davon.“ „Es hinderte durch ſeine ungewöhnliche Größe die Ceremonien des Gottesdienſtes.“ „Und des Königs Vorgänger wollten nicht nach⸗ geben, bis unſer erhabener und geliebter Herr, Lud⸗ wig XIV., ſeine Einwilligung ertheilte“... „Und die Translocation ſtattfand.“ „Aber Sie wollen mir doch wohl nicht von den Grabmälern hier in Loches erzählen?“ „Gewiß nicht! der Göttin der Schönheit und Liebe, will ich Erinnerungen der Liebe weihen!“— ſagte der Herzog, und wieder flog ein eigenthümlicher Blick zu Angelinen hinüber. Die Steine parirten ihn. Der Herzog fuhr fort: „Nach dem Tode Karls VII. blieb das Schloß von Loches fortwährend eine königliche Reſidenz*). *)„Geheime Chronik der königlichen Luſtſchlöſſer Frank⸗ reichs.“ II. 165 u. ſ. w. — Unter Ludwig Kl. indeſſen, dieſem düſteren und fal⸗ ſchen, abergläubigen und grauſamen Fürſten, fanden darin nicht mehr ſo viele anmuthige und heitere Er⸗ eigniſſe wie früher ſtatt. Dennoch begab er ſich zu⸗ weilen mit ſeinem ganzen Hofſtaate hierher, und dann erinnerten wohl die Feſte, die hier gefeiert wurden, wie zum Beiſpiel die des Jahres 1465, wenn auch mit gewiſſen düſteren Nüancen an die heiteren Luſt⸗ barkeiten des vorigen Regenten.“ „Niemals aber hatten wohl die Glocken, die Trom⸗ meln der Kriegsleute und der furchtbare Schall der Kanonen auf den Schloßwällen, die Bewohner von Loches ſo in Aufregung verſetzt, als dies am 3. Februar des Jahres 1465 geſchah. Der gute König Ludwig XI., welcher in äußerſt fröhlicher Laune erwacht war, rief ſeinen vertrauten Kammer⸗ diener, Doyat, und ſagte zu ihm:„Geh' hinunter zu meinen Bürgern und Bauern und verkündige ih⸗ nen meinen Willen, welcher lautet: daß ſich heute ein Jeder erluſtigen ſoll, ſo lange, bis er nicht mehr kann.“ Das war mehr, als es bedurfte, um eine nach rauſchenden Vergnügungen gierige Um⸗ wohnerſchaft in Bewegung zu ſetzen. Mit Haſt und Geſchäftigkeit umdrängte man ſofort den Geſandten, als er vom Schloſſe herabkam; mit Begeiſterung wurden die Worte aufgenommen, welche den Bewoh⸗ Der Ranb Straßburgs II. 2 — —— nern von Stadt und Land befahlen, ſich zu amüſi⸗ ren! Es war ein Glück, ein Geſchrei, ein Freuden⸗ geheul, das das Himmelsgewölbe faſt erſchüttert hätte. Ohne Zeitverluſt eilte man, jauchzend und lärmend an das Werk. Man brach die Sparbüchſen auf und nahm das Erſparniß eines ganzen Jahres heraus... da nun doch einmal Faſching gekommen war und— was unter Ludwig XI. ſelten genug — eine Freudenzeit, ſo mußte dieſe auch unter Bacha⸗ nalien, Mummerei und Myſterien gefeiert werden. Reiche und Arme, Adlige und Bauern, Troubadours und Scholaren, alle beeilten ſich um die Wette, den Befehlen des Königs nachzukommen!“ „Und das geſchah' hier und von dem finſteren Ludwig XKI.?“— frug die Herzogin erſtaunt. „Ja!“— entgegnete Saint⸗Aignan—„und fällt Ihnen dies auf, ſchöne Frau? Haben wir nicht heute hier ein ähnliches Feſt? und iſt es nicht der ernſte, auf ſeine königliche Würde ſo eiferſüchtige Ludwig KIV. der es gibt?“ „Auf meine Veranlaſſung!“— ſagte die Her⸗ zogin—„und der König wird ihm nicht beiwohnen.“ „Wer kann das wiſſen?“ meinte Saint⸗Aignan. —„Vielleicht hat dies Ludwig XI. auch zu der rei⸗ zenden Gräfin von Saſſenages, der Geliebten ſeines Herzens, geſagt.“ —65— Die Herzogin horchte auf. „Erzählen Sie weiter!“— bat ſie dann; aber ihre Hand ließ das Purpurgewand mit den Stei⸗ nen ſinken und ihre Aufmerkſamkeit wandte ſich ſichtlich dem Erzähler zu. Der Herzog fuhr fort: „So wurde denn der ganze Tag in Mummen⸗ ſpiel, in Poſſen, Schwänken und moraliſchen Darſtel⸗ lungen zugebracht, welche letztere der Schöngeiſt jener Zeit, der ſehr gelehrte Claudius Alaudel, angefertigt hatte, der an dieſem Tage von dem Könige in höchſt eigener Perſon viele Complimente nebſt einer guten Belohnung empfing.“ „Am Abende ſollte alsdann Ball bei Hofe ſein, an welchem die ſchöne Gräfin Elfriede von Saſſe⸗ nages, die mächtige Freundin und Liebſte des Kö⸗ nigs, als Souverainin herrſchte.“ „Vorher aber war folgendes noch vorgegangen.“ „Vom Schloßthurm hatte die Glocke ſo eben die neunte Morgen⸗Stunde angekündigt. Ludwig KI. lag bequem auf ſeinem langen Wappenſeſſel, als ſein vertrauter Barbier mit dem verzierten Becken und der ſpaniſchen Seife in das Gemach trat.“ „Vorwärts, ſpude dich, fuhr ihn der König hart an, denn es verlangt mich, die Ergötzlichkeiten mei⸗ ner Lieben und Getreuen mit anzuſehen.“ „Der das Scheermeſſer führende Liebling, der ſeinen königlichen Kunden genau kannte, ſowie die günſtigen Augenblicke, wenn er irgend eine Forde⸗ rung an ihn ſtellen durfte, ging ſogleich an's Werk, um die Functionen ſeines Standes zu erfüllen. Nach⸗ dem er das abgemagerte Geſicht des Königs gehörig eingeſeift hatte, befürchtete er nicht mehr in ſeinem Verlangen unterbrochen zu werden und ſagte zögernd:“ „Sie. „Hum, hum.. brummte der König.“ „Sire, Ew. Majeſtät hat bereits die Güte ge⸗ habt, den Spottnamen Olivier der Teufel durch den Olivier le Daim zu erſetzen. Jetzt.. wenn ich wagen dürfte“.. „Hum, hum, brummte der König von Neuem, indem er mit dem Kopfe ſchüttelte und den Mund nicht zu öffnen wagte, aus Furcht Seifenſchaum zwiſchen die Lippen zu bekommen.“ „Wenn ich wagen dürfte,— fuhr Olivier le Daim fort— ſo würde ich Ew. Majeſtät bitten, in ihren Gunſtbezeugungen gegen mich fortzufahren.“ „Ludwig XI. warf ihm einen finſtern Blick zu.“ „Olivier aber, ohne ſich aus der Faſſung brin⸗ gen zu laſſen, ergriff mit der linken Hand die Naſe Sr. Majeſtät und indem er mit der rechten das Meſſer an die Oberlippe des Königs legte, ſagte er ruhig„Sire, der Graf von Meulan iſt ſo eben —— = 24—= ohne Nachkommenſchaft geſtorben; die Grafſchaft iſt vacant“ „Die Peſt über den Schinder! rief Ludwig XI., indem er ſich aus den Händen ſeines Barbiers be⸗ freite wrirſt du bald aufhören mich zu lang⸗ weilen?“ „Die Grafſchaft Meulan iſt ohne Beſitzer, wie⸗ derholte Olivier le Daim, indem er das Raſſier⸗ meſſer an den Hals des Königs ſetzte; ſie würde gewiß in den rechten Händen ſein, wenn ſie in den Beſitz einer Perſon käme, welche in ſo innigem Ver⸗ hältniß mit Ew. Majeſtät ſteht und deren Sorgfalt dieſelbe täglich das Koſtbarſte überläßt, nämlich den erlauchten Kopf ſelbſt.“ „Dieſe Worte machten den König beben; der Barbier bemerkte es und indem er mit dem Meſſer über das Geſicht des Königs ſtrich, fuhr er fort: Sire, ich wage mir das rühmliche Zeugniß zu ge⸗ ben, der treueſte Unterthan Frankreichs im Dienſte Ew. Majeſtät zu ſein. Um dies zu beweiſen, bin ich jeden Augenblick bereit mein Leben für Sie zu opfern; zur Belohnung meiner Treue und Ergeben⸗ heit aber flehe ich Ew. Majeſtät unterthänig an, gewähren Sie mir die Bitte, welche ich ſo eben an Sie zu richten wagte.“ „Das Kinn des Königs war glatt, und der Bar⸗ bier warf ſich ſeinem Herrn zu Füßen.“ „Ludwig XI. ſtellte ſich mit flammendem Blicke vor den liſtigen und verwegenen Bartkünſtler und ſchrie ihn an: Was ſoll das heißen, du Schlingel! . du verdienteſt, daß ich dich für deine Vermeſ⸗ ſenheit beſtrafte und meinem Gevatter Triſtan übergäbe, damit er Dich von meinen Pathchen lieb⸗ koſen ließe*)!... Aber nein, Spitzbube, das will ich nicht thun, denn ich bedarf deiner Dienſte.. Ich erhebe Dich alſo zum Grafen von Meulan.“ „Unterthänigen Dank, Sire!“ „Ja, aber eine Bedingung habe ich“.. „Sprechen Sie, Sire, ich bin Ihr unterthäniger Diener.“ „Von Dir iſt jetzt nicht die Rede.“ „Von wem denn?“ „Höre, Schurke, komm hieher... du kennſt das hübſche Bürgermädchen, das am Jakobsthore wohnt?“ „Mit den prachtvollen blauen Augen, der hohen Haltung, den Sammethändchen?“ „Ganz recht.“ „Es genügt, Sire; ich verſtehe Ew. Majeſtät.“ *) Von meinen Henkern foltern ließ. Ludwig Kl. nannte in ſeinem königlichen Kauderwelſch die Executoren ſeiner Rache„mein Pathchen, Mädchen, Töchterchen.“ „Doch daß Du nicht etwa für Deine eigene Rechnung handelſt, verdammter Gauner!“ „O, Sire, ich bin zu wohlgezogen, als daß ich den Vortritt vor meinem Herrn nehmen ſollte.“ „Was ſagſt Du?.. ſchrie Ludwig XI., in⸗ dem er ihn ſcharf anblickte.“ „Ich wiederhole Ew. Majeſtät meine ſtete Un⸗ terwürfigkeit.“ „Noch ein Wort, Lümmel von Graft Dü wirſt Sorge tragen, daß die Säle und großen Ge⸗ mächer zu dem heutigen Ball eingerichtet werden; Frau von Saſſenages ſoll heute Abend mit dem ganzen Hofe darin tanzen.“ „Sehr wohl, Sire.“ „Das iſt noch nicht Alles. Vergiß nicht das junge Mädchen, das ich deiner Sorgfalt anvertraue, verkleidet hierherzuführen. Geh' jetzt, und beſorge deine Aufträge ſchnell und geſchickt.“ „Olivier le Daim verneigte ſich bis zur Erde und trat ab.“ „Am Abend alſo begann Spiel und Tanz. Die Anreden, das Geſchrei und luſtige Gefrage fing an, man ſtieß und drängte ſich, flog von Einem zum Andern und die belebte Menge wälzte ſich, inmitten eines durch rauſchende Tänze noch vermehrten Lär⸗ mens, von Saal zu Saal, von Gemach zu Gemach.“ —— „Aus dieſem luſtigen und thörigten Treiben hat⸗ ten ſich indeß zwei, wie Mönche gekleidete Masken in eine gewölbte Fenſterbrüſtung zurückgezogen und, indem ſie von hier aus der wogenden Menge zu⸗ ſahen, unterhielten ſie ſich mit leiſer Stimme.“ „Du haſt alſo meine Befehle ausgeführt?“ „Ich habe ſie geſehen und geſprochen.“ „Biſt Du ſicher, daß ſie kommen wird?“ „Ja wohl.“ „Wie iſt ihr Coſtüm?“ „Sie geht als Fiſchermädchen gekleidet, trägt ein grünſeidenes Netz, einen Ueberwurf von ſchwarzem Taffet und ein Häubchen von blauem Sammet mit ſilbernen Eicheln.“ „Gut... Wie heißt das Erkennungswort?“ „Liebe und Treue.“ „Sehr ſchön!.. Jetzt entferne Dich.. Halt! noch ein Wort: der Graf von Maulevrier wird nicht kommen:... Du ſtehſt mir dafür?“ „Unterthänigſt „Nichts von Unterthänigkeit, Titulaturen und Ehrfurcht, du Dummkopf! Willſt du, daß man mich erkenne? Alſo, ſprich klar und bündig.“ „Nun, ich habe es Ihnen ja geſagt: Sie tra⸗ gen das Coſtüm des Grafen... ſie wird Sie für ihn halten.“ —— „Sie liebt ihn alſo ſehr?“ „Sie iſt ganz vernarrt in ihn.“ „Sie iſt ſehr ſchön, nicht wahr?“ „Schön wie ein Engel! Ach, Sie haben guten Geſchmack!“ „Jung?“ „Achtzehn Sommer zählt ſie kaum.“ „Geh', Teufel, geh'! du wirſt mich in ewige Verdammniß bringen!... Wieviel Paternoſter werde ich beten müſſen!“ „Einer der Mönche entfernte ſich und verſchwand in der Menge.“ „Zehn Minuten ſpäter verließen zwei Masken den Ballſaal und gelangten, nachdem ſie eilig eine Wendeltreppe hinaufgegangen waren, in ein kleines Stübchen. Es ſah aus, wie das Zimmer eines Kam⸗ merdieners oder Pagen, und war beſtimmt das kleinſte und abgelegenſte Gemach in dieſem ganzen Schloſſe. Die beiden Masken ließen ſich ſogleich auf eine gepolſterte Ruhebank nieder, dann ſagte die eine von ihnen; der Graf von Meulan hat Ihnen wohl verſprochen, zu ſchweigen, Meſſire?“ „Bei ſeiner Seele, meine Schöne.“ „Warum verſtellen Sie alſo Ihre Stimme? „Die Klugheit gebietet es.“ — „An einem ſo geheimen Orte?“ „Haben wir nicht ein Erkennungswort?“ „Gewiß; es heißt: Liebe und Treue.“ „Der Mönch und die Fiſcherin näherten ſich nun einander mehr und unterhielten ſich mit leiſer Stimme.“ „Die Zeit verging; bald mußte es Mitternacht vom Wachtthurme des Schloſſes ſchlagen und das verliebte Paar machte noch kein Ende... die ſchöne Fiſcherin bemerkte es und ſagte ſchmachtend: Aber warum behalten wir immer noch unſere Masken vor dem Geſicht und verſtellen unſere Stimmen? Fürch⸗ ten Sie, daß wir in dieſem dunkelen Stübchen von irgend Jemand überraſcht werden?“ „Ich fürchte es nicht; dennoch aber könnte an dem heutigen Feſttage ein anderes verliebtes Paar in einem anſtoßenden Gemache verborgen ſein.“ „Ach, es thut ſo wohl, das Antlitz deſſen zu ſehen, den man liebt und eine Stimme zu hören, die zu Herzen dringt.“ „Sollten Sie mich ſo ſehr lieben?“ „Können Sie— nach dem Beweis, den ich Ih⸗ nen von meiner Liebe gegeben— noch daran zweifeln?“ „O, nein, mein Engel, mein kleiner Schelm, ich zweifle durchaus nicht daran.“ „Wenn ich meine Maske abnähme, wenn ich ſo, wie ich bin, vor Ihnen erſchiene, würden Sie dann nicht ein Gleiches thun?“ „Das ſoll geſchehen, antwortete der Mönch... Kann ich Ihnen, meine Schöne, etwas abſchlagen?“ „Immer galant, Monſeigneur, daran erkenne ich Sie.“ „Nun, Geliebteſte, was hält Sie noch ab?“ „Ach, Meſſire, Ihr Geſicht möchte ich ſo gerne ſehen... Gewähren Sie mir dieſe Gunſt; demas⸗ kiren wir uns zu gleicher „Und ſie nahmen beide ihre Masken vom Geſicht.“ „In dieſem Augenblicke warf die Lampe, der es an nöthigem Oehle fehlte, ehe ſie erlöſchte, einen letz⸗ ten glänzenderen Strahl von ſich, welcher die Geſich⸗ ter der beiden Masken beleuchtete, und ſogleich er⸗ ſchollen die Worte aus beider Mund:„Der Kö⸗ W „Die als Mönch verkleidete Maske war Lud⸗ wig XI. und die Fiſcherin war Frau von Saſſe⸗ nages, die Geliebte Sr. Majeſtät.“ „Frau Elfriede von Saſſenages,— rief Ludwig — ein ſolches Rencontre erwartete ich nicht „Die Gräfin hielt es für das Beſte, in Ohn⸗ macht zu fallen, und Ludwig Kl. ſuchte taſtend die Wendeltreppe auf, indem er die Worte murmelte: dieſer Schurke, der Olivier, hat mir da einen ſchlech⸗ ten Streich geſpielt... Aber es thut nichts... Verſpielt iſt noch nicht verloren... Mein kleines Bürgermädchen vom Jokobsthor ſoll deßhalb noch nicht vergeſſen ſein!... Graf Maulevrier aber ſoll erfahren, daß es unklug iſt, auf dem Reviere des Königs zu jagen.“ „Ein Monat war ſeit dem verfloſſen. Ludwig Kl. bewohnte noch immer Schloß Loches. Von ſeiner Maxime„wer ſich nicht verſtellen kann, kann nicht regieren,“ Gebrauch machend, hatte er nichts unter⸗ laſſen, um ſeine ſchlechte Laune und ſein tiefes Miß⸗ behagen nicht bemerkbar zu machen. Die Gräfin von Saſſenages erſchien wieder bei Hofe und wurde mit derſelben Rückſicht und Ehre, wie vorher, behandelt. Ihr königlicher Geliebter affectirte ſogar eine grö⸗ ßere Zuneigung für ſie. Wenn er mit ihr ſprach, ſchwebte das freundlichſte Lächeln auf ſeinen Lippen, während er in ſeinem Herzen den tiefſten Groll ge⸗ gen ſie hegte. Eines Abends wurde die Ankunft des Grafen von Maulevrier angekündigt. Das Geſicht Ludwigs KlI. glänzte plötzlich wie von einer uner⸗ warteten Freude. Er geht dem Grafen einige Schritte entgegen und reicht ihm ſeine trockene und knöcherne Hand. Nachdem die Audienz zu Ende iſt, erhebt ſich der Graf und bemerkt, vom König begleitet, daß man ihn auf einen anderen Gang zurückführt, als der war, durch welchen er zur Audienz ging. An der Schwelle der letzten Thüre angekommen, dreht er ſich um und verneigt ſich tief; der argliſtige Monarch, der ihm mit den Augen folgt, ſagt zu ihm: Möge Gott Sie in ſeinen Schutz nehmen und die Heiligen Ihnen immerdar beigethan bleiben, Monſeigneur.“ „In demſelben Augenblicke aber krachte der ſich öffnende Fußboden und der unglückliche Edelmann verſchwindet mit furchtbarem Geſchrei in einem tie⸗ fen, unergründlichen Abgrunde.“ „Ludwig XI. ging höhniſch lachend in ſein Gemach zurück und bekreuzte ſich.“ „Glücklicherweiſe, murmelte er dabei zwiſchen den Zähnen, war die Fallthüre gut und das Burgver⸗ ließ kann nicht reden.“ „Ein Jahr ſpäter courſirte das Gerücht, der Graf von Maulevrier, Großſeneſchall der Norman⸗ die, ſei in Sicilien, im Dienſte des Herzogs von Anjou, umgekommen.“———— Der Herzog ſchwieg und erhob ſich. Das Ge⸗ ſtampf mehrerer Pferde verkündete die Ankunft des Königs. Auch die Herzogin ſtand jetzt raſch auf. Sie war etwas bleich und verwirrt. Ihr Gefolge nahte ſich auf ihren Wink. „Und was ſoll die Erzählung?“— frug ſie flüſternd den Herzog. „Es iſt eine wahre Geſchichte!“— ſagte dieſer. „Ohne Bezug?!“— frug Angeline raſch. „Nicht ganz!... Es gibt auch heutzutage noch hübſche Bürgersmädchen in Loches noch lie⸗ bende Chevaliers... aber auch.. noch Fallthüren! Vorſicht, göttlich ſchönes Weſen... Vorſicht in allen Dingen!“ In dieſem Augenblicke öffneten ſich die Thüren und Ludwig XIV. trat ein. Alle Anweſenden ver⸗ beugten ſich tief; der König aber näherte ſich Ange⸗ linen, die ihm entgegeneilte, neigte ſich leiſe, erfaßte ihre Hand und küßte ſie. „Ja, ja!“— ſagte er dann, die zauberhaft ſchöne Geſtalt ſeiner Geliebten mit Wohlgefallen betrach⸗ tend—„Sie ſind eine würdige Beherrſcherin des Olymps... Jupiter hat nicht ſchlecht gewählt. Die Welt wird ihn beneiden;... aber... man wird Sie auch erwarten. Gehen Sie, Herzogin, der Abend wird für mich ein trüber ſein, da ich ihn nicht an Ihrer Seite zubringen kann.“ Angeline wollte antworten, aber der König gab für ſie und ihr glänzendes Gefolge ein Zeichen der Verabſchiedung. Sie verbeugte ſich daher tief, die Anweſenden folgten;... man wandte ſich, die Zim⸗ mer der Herzogin zu verlaſſen. Im gleichen Augenblicke ſtreifte der König an Saint⸗Aignan. „Alles beſorgt?“— lispelte er. „Alles, Sire!“ „Der blaue Domino alſo?“ „Der blaue Domino mit dem blaßgelben Kreuze.“ „Gut!“ Niemand hatte das Flüſtern des Königs bemerkt. Er verließ jetzt raſch durch eine andere Thüre, ge⸗ folgt von den Seinen, das Gemach. Saint⸗Aignan und die übrige Begleitung der Herzogin nahmen ihre Geſichtsmasken vor. Die Her⸗ zogin ſelbſt verſchmähte es, ihr Geſicht zu bedecken. Der Gedanke ihrer ſtrahlenden Schönheit durch eine Larve Eintrag zu thun, war ihr zu peinlich. Da erſchallten Fanfaren... Marie Angeline Scoraille de Ruuſille, Herzogin von Fontanges, die ſchöne ſtolze Feſtgeberin,... Juno— die zauber⸗ hafte Königin des Himmels— trat ein. ihr folgten alle Beherrſcher und Beherrſcherinnen des Olymps. Jetzt war das Feſt officiell eröffnet,... die tolle Luſt ſteigerte ſich. Angelinen ſtrömten von allen Seiten die ſüße⸗ ſten Schmeicheleien, die übertriebenſten Lobeserhebun⸗ gen zu. Aber Angeline verſtand es nicht, das Uebertrie⸗ bene— in dem gar oft ein ſchneidender Sarcasmus lag— von der gerechten Anerkennung ihrer Schön⸗ heit zu unterſcheiden. Sie hatte dafür nicht Schärfe des Geiſtes genug; auch war ihre Eitelkeit ſeit ihrer Erhebung zur Herzogin und ihrem Aufenthalte am Hofe ſo ſehr geſtiegen, jetzt ſo unbegränzt, daß keine Schmeichelei mehr für ſie zu ſtark war. Die ſchöne Fontanges ſchwelgte in Seligkeit. Der Weihrauch, den man ihr opferte, berauſchte, betäubte ſie... und berauſcht und betäubt wollte ſie ja ſein. Wie rauſchte dabei die Muſik,... wie wim⸗ melte und wogte es bunt durcheinander,. wie lachte, ſcherzte, quickte es auf allen Seiten, wie hatten hier alle Länder und Stände ihre Vertreter hergeſandt,... wie machte ſich das Spiel der kühn⸗ ſten Phantaſie hier geltend. Nur zwei Masken genirten Angeline unbegreiflich es war eine weiße Geſtalt und ein Mönch, die— unzertrennlich von einander— ihr überall in den Weg traten. — Es war augenſcheinlich, daß ſie ſich der Herzo⸗ gin zu nahen ſuchten. Aber Angeline wich ihnen aus... ſie wußte eigentlich nicht warum. Ha! da kam ein kleiner Maskenzug!. wie gut!.. er ſchnitt die Herzogin von ihren geſpen⸗ ſtiſchen Verfolgern ab. Es waren die ſieben Todſünden und die ſieben Tugenden. Die Todſünden warfen ſich vor ihr in den Staub, die ſieben Tugenden führten ſie, wie im Triumphe, zu einem für ſie bereit ſtehenden koſtbaren Fauteuil. Dann gruppirten ſich die vierzehn Masken vor ihr und führten einen mimiſchen Tanz auf, in welchem die Tugenden mit den Sünden anſcheinend kämpften, in Berührung kamen und ſich abſtießen, bis— nach immer leidenſchaſtlicherer Steigerung dieſer Gebär⸗ den— die Tugenden endlich ſiegten, die Sünden niederwarfen und die erſteren, in einer ſchönen Gruppe der Herzogin huldigend, vor dieſer in die Kniee ſanken. Ein dichtes Gedränge hatte während des Tanzes den Fauteuil der Herzogin und die tanzenden Mas⸗ ken umgeben; doch wogte es immer noch in den Sälen von den Hunderten von Masken, die— eben Der Raub Straßburgs II. 3 des Gedränges wegen, nicht beikommen und nichts ſehen konnten. Da begegneten ſich zwei blaue Domino's mit mattgelben Kreuzen. Es war ein männlicher und ein weiblicher. Ein kurzes Geflüſter.. dann waren ſie ver⸗ ſchwunden. Auch die Tugenden hatten den Saal verlaſſen, .. nur die Todſünden waren geblieben und mach⸗ ten jetzt unter der Menge ihre Späße, die freilich nicht immer ſehr fein waren und deren Schlagworte gar häufig tief und einſchneidend trafen. Angeline von Fontanges erhob ſich raſch. Die unſelige weiße geſpenſtiſche Geſtalt, den Mönch hinter ſich, nahte ſich ſchon wieder. Ein Fröſteln erfaßte Angelinen... ſie konnte ſich nicht erwehren bei dem Anblick des weißen Ge⸗ wandes unwillkürlich an ein Todtengewand zu den⸗ ken. Und die Geſtalt... es war ſchauerlich ſie rief eine Erinnerung wach!... Ho! ho! welch' tolle Luſt um ſie her wie rauſchte die Muſik... wie lachte, ſcherzte, tanzte das Alles!* „Königin der Schönheit und des Himmels— flüſterte jetzt ein ſchlanker, ganz in ſchwarzen Sammt gekleideter Spanier, auf deſſen Bruſt und an — — — deſſen Barett⸗Agraffe große Brillanten funkelten— „Königin der Schönheit und des Himmels! Laß mich Dir endlich, in dieſer Stunde, mein Herz zu Füßen legen.“ Angeline erſchrak. Wer durfte zu ihr, der Ge⸗ liebten des Königs, ſo ſprechen? Wenn ein anderes Ohr dieſe Worte gehört? wenn ſie dem Könige überbracht werden ſollten! Ludwig XIV. hatte überall Spione— die All⸗ wiſſenheit der Könige iſt nicht die der Götter— und.. man befand ſich auf Schloß Loches! Angeline ſchaute ſich entſetzt inftzi aber die Todſünden waren doch für etwas gut ſie machten einen ſolchen Lärm, daß man ſein eigenes Wort nicht hören konnte. „Angeline!“— ſagte jetzt die Maske—„Du weißt, Götterkind, daß ich Dich bis zum raſend⸗ werden liebe.“ „Wer wagt es“ „Wer es wagt, ſo zu Dir zu ſprechen?“— fuhr die Maske fort—„num, das kann am Hofe wohl nur Einer außer dem Könige ſein... und ich hoffe, füßes Weib, Dein Herz verräth Dir ſeinen Namen!“ „Saint⸗Aignan!“— lispelte Angeline erſchrocken und ward feuerroth. 3* „Ich bin es“. „Und Sie wagen“. „Angeline! ſollte ich zu viel gewagt haben? ſollte mich mein Herz betrügen?“ „Gerechter Gott!“— flüſterte die Herzogin— „man wird uns bemerken.“ „Nur ein Wort von Dir, Heißgeliebte, Ange⸗ betete... nur ein einziges Wort!“ „Denken Sie doch, um des Himmels Willen, an den Grafen von Maulevrier, von dem Sie mir eben erſt erzählten.“ „Mein Schickſal liegt in Deiner Hand, Angeline, verrathe mich und ich werde“.. „Herzog! und Sie könnten denken“ „Laß mich nur eines denken, Angeline, nur das eine. daß ich Erhörung finde.“ „Und ich ſollte ſo undankbar ſein, denjenigen zu verrathen, der mich ſo innig liebt,„der mich zu ſich erhoben“. „Denke an Ludwig Kl. und Olivier le Daim!“ „Herzog, Sie verleumden!“ „Und wenn ich Beweiſe liefre 7 „Nein, nein! es iſt unmöglich!“ Die mit Edelſteinen bedeckte Maske einer Wahr⸗ ſagerin trat heran. „Nun, mein Freund!“— ſagte ſie—„Ihr habt ja die Rolle eines ſtolzen Spaniers übernommen. Gebt nur acht, daß Ihr nicht aus der Rolle fallt; man iſt hier, wie in Spanien, verdammt eiferſüchtig.“ „Beruhige Dich, ſchöne Wahrſagerin!“— ent⸗ gegnete der Spanier.—„Ich ſpiele keine Rollen, ſondern nur mit Rollen.“ „Das weiß Gott!“— rief die Wahrſagerin lachend—„mit Geldrollen „Es ſind die angenehmſten und dankbarſten!“ „Und die, die Dir am geläufigſten ſind.“ „Ja, leider! denn ſie laufen alle fort, ehe ich nich deſſen verſehe.“ „Weil Du es ſo gut verſtehſt.. ſie durchzu⸗ führen!“ „Deſto gewandter bin ich in ihrer Auffaſſung.“ „Das iſt allerdings keine ſchwere Aufgabe.“ „Schwer wenn ſie leicht und leicht wenn ſie ſchwer ſind.“ „Du ſetzt die leichten und die ſchweren auf's Spiel und wirſt mit beiden fertig.“ „Weil ich ihren nichtsſagenden Inhalt kenne“ „Der Dir doch manchmal— gerade wenn er recht nichtsſagend iſt— ſehr peinlich wird.“ „Mein Gott! ich liebe nun einmal den inneren Gehalt.“ „Da ſcheinſt Du mir aber eben auf irrigem Wege zu ſein.“ „Gib acht, gib acht!“— warnte der Spanier— „verbrenne Dir die Finger nicht. Du denkſt ein Glühwürmchen zu faſſen und greifſt vielleicht eine feurige Kohle an. Was mich betrifft, ſo empfahl ich mich eben der erhabenen Beherrſcherin des Olymps zu Gnaden.“ „Das iſt auch eine ſchöne Rolle!“— meinte die Wahrſagerin.—„Nur ſchade, daß ſie ſo kurz ſein wird, als ſie glänzend i Die Herzogin hatte nichts gehört; ſie dachte an dasjenige, was ihr der Spanier vorhin geſagt. Saint⸗Aignan ſchien erſchrocken. „War das eine Prophezeihung?“— frug dieſer die Wahrſagerin. „Ich falle nicht aus meiner Rolle!“— autwortete die Letztere.—„Richtet Euch danach, edler Spanier, denn Ihr bemeßt doch alle Eure Handlungen.. nach dem Vortheil der Euch daraus erwächſt.“ Und mit dieſen Worten miſchte ſich die Maske unter die Menge. „Und Sie hätten Beweiſe für die Untreue des Königs?“— frug jetzt flüſternd aber in unverkenn⸗ barer Erregung die Herzogin. Ich habe Beweiſe, ja!“ 6 „Und welche?“ „In dem Agnesthurme“ „Was haben Sie mit ihm! Ich mag nichts von ihm hören. Es ſpuckt dort. Seit drei Tagen läßt ſich das alte Geſpenſt von Loches eine weiße Ge⸗ ſtalt, in ihm ſehen...« In dieſem Momente entfuhr der Herzogin ein halblauter Schrei... die weiße Geſtalt, die ſie den ganzen Abend ſchon verfolgt, ſtand dicht neben ihr. Sie hob drohend den Finger... auch die Hand war weiß, wie Marmor. „Was iſt's!“— frug der Spanier. „Die unſelige Maske!“— entgegnete die Her⸗ zogin, beide Hände auf ihr klopfendes Herz drückend, denn tief, tief aus den Augenhöhlen der weißen Maske funkelten ihr ein paar Augen entgegen. ein paar Augen.. die ſie kannte. die ſie ge⸗ kannt hatte... die aber „Laßt den ſchlechten Witz!“— ſagte jetzt der Spanier und trat zwiſchen die Maske und die Her⸗ zogin—„wer wird Damen auf ſolch' einem Feſte erſchrecken.“ Die Geſtalt ſtand unbeweglich... aber es blitzte grauenerregend aus ihren tiefen Augenhöhlen. Das Göttergefolge der Juno hatte ſich heran⸗ —— gedrängt und umgab ſie mit einem glänzenden und ſtrahlenden Kranze. Der Spanier war verſchwunden,... Geſtalt und Mönch ebenfalls. Die Herzogin mußte ſich erſchöpft auf ihrem Seſſel niederlaſſen. Sie verlangte nach einer Erfriſchung... man reichte ſie ihr in einem prachtvollen goldenen Becher. Eben begann die Muſik ein neues Stück. Es war ein Marſch. Die Thüren öffneten ſich und eine lange Reihe anſcheinender Zwerge mit ungeheuren Köpfen erſchien. In der Mitte des Zuges aber ſchritt eine liebliche Fee, von Elfenmädchen umgeben, von wel⸗ chen das ſchönſte, der Fee vorangehend, einen glän⸗ zenden Gegenſtand auf purpurnem Kiſſen trug. Langſam, mit den dicken häßlichen Köpfen wackelnd, ſchritten die Zwerge und Gnomen dahin;— langſam, aber unter dem Jauchzen der Menge, nahm der Zug ſeinen Weg rings um den großen Saal, bis er vor der Feſtgeberin Halt machte und zwar ſo, daß die liebliche Fee mit ihren Elfenmädchen der Herzogin gegenüber zu ſtehen kam. Jetzt ſchwieg die Muſik, und die Fee mit ihrem Elfengefolge trat vor. Es war wirklich ein ſchönes Mädchen, die Toch⸗ ter eines hochgeſtellten Beamten der Stadt Loches; und lieblich, wie ſie, waren die Verſe, die ſie jetzt vortrug und die, zierlich geſetzt, das Lob der Schön⸗ heit Angelinens ausſprachen. Und.. dieſe Schön⸗ heit zu krönen war ſie ja gekommen aus der Tiefe der Wälder und Berge mit ihren Gnomen und Elfen, gerufen von der Stadt Loches und ihren Einwohnern... denn die Stadt Loches wollte wie Orleans, Blois, Tours, Angers und Nantes der Geliebten Ludwigs XIV. einen Beweis ihrer Verehrung bieten. Und die liebliche Fee winkt der kleinen Elfin mit dem Purpurkiſſen. Da kniete die Kleine vor Angeline von Fontanges nieder, die holde Fee aber nahm das prachtvolle Diadem mit der Herzogskrone — das Geſchenk der Stadt Loches— und ſetzte es unter Fanfaren und dem endloſen Jubel der Gäſte Angelinen auf das Haupt. Aber die ſchöne Herzogin war bläſſer als ge⸗ wöhnlich, und nur mit leiſer faſt zitternder Stimme vermochte ſie ihren Dank auszuſprechen. Wieder erſchallten Fanfaren und unter Jubel und luſtigem Kopfnicken der Zwerge entfernte ſich der Zug. Ach! welche andere Gedanken beſtürmten in die⸗ ſem Augenblicke Angeline: der König ihr untreu? wenn es wahr wäre! Eiferſucht fing in ihr zu kochen an!— und Soint⸗Aignan's Liebe!... o! er war ſchön... und... ſein Bild thronte heimlich ſchon lange in ihrem Herzen. Wenn ihr der König wirklich untreu... dann... dann.. Ein Bettler trat zu ihr und bat um ein Al⸗ moſen. Angeline war ſo in Gedanken verloren, daß ſie im Augenblick gar nicht daran dachte, ſich auf einem Maskenfeſte zu befinden. Nur halb die Bitte des Bettlers hörend, riß ſie einen der an ihrem Kleide befeſtigten Smaragdknöpfe ab und warf ihn dem Bettler in den Hut. „Danke!... danke!“— flüſterte dieſer mit vor Freude zitternder Stimme—„Grün iſt die Farbe der Hoffnung! O ſüße Königin der Schön⸗ heit, wann aber folgt der Hoffnung die Erfüllung?“ Angeline bebte zuſammen: es war wieder Saint⸗ Aignan. „Geh'!“— ſagte ſie mit gedämpfter Stimme. —„Geh', Alter, du möchteſt mich ſelbſt zur Bettle⸗ rin machen, indem Du mir unbegründete Eiferſucht in das Herz gießeſt.“ „Es iſt traurig und gefährlich blind zu ſein!“ — meinte der Bettler—„darum öffne ich Dir die Augen.“ „Und doch iſt es oft beſſer blind ſein, als zu ſehen.“ „Am beſten aber iſt es, ſehen... und.. klug danach handeln“ „Und wenn es ein Abgrund iſt, den man ſieht?“ „So kann man ihn vermeiden, eben weil man ihn ſieht. Blind... würden wir unrettbar hinein⸗ ſtürzen.“ „Es ſteht Alles auf dem Spiele.“ „Gar nichts... wenn man klug iſt. Laß dem verwöhnten Kinde das Spielzeug, mit dem es momentan tändelt; aber räche dich im Stillen, himm⸗ liſche Angeline. Ich biete Dir die Hand dazu.. und ein Herz voll glühender Liebe!“ „Memento mori!“— ſagte hier eine tiefe ernſte Stimme. Angeline und Saint⸗Aignan fuhren auf. Wieder ſtand die weiße Geſtalt vor ihnen und hinter ihr der Mönch, der den Todesgruß geſprochen. Angeline war keines Wortes fähig, die Augen der Geſtalt glühten in ihren tiefen Höhlen wie Koh⸗ len und ihre Blicke hafteten durchbohrend auf der Herzogin. „Unerträglich!“— rief der Bettler, mit der Hand nach der Seite fahrend, als ob er hier einen Degen trüge. Die Geſtalt hob langſam und drohend die Hand. „Wer ſeid Ihr?“— frug jetzt die Herzogin mit zitternder Stimme. „Wir ſind“— entgegnete der Mönch ernſt— „was wir ſcheinen!“ „Ich befehle Euch, daß Ihr Euch entfernt!“— herrſchte, nach Luft ringend, die Feſtgeberin. „Wenn Du unſer Wort gehört!“— ſagte der Mönch mit unerſchütterlicher Ruhe. „Ich will nichts hören!“— rief die Herzogin —„geht! oder ich gebiete der Schloßwache!...“ „Gebiete Dir ſelbſt und Deinen Leidenſchaften!“ — entgegnete der Mönch. Maſſen von Menſchen umringten jetzt die Gruppe. „Das geht zu weit!“— rief der Bettler— „die Masken herunter!.. Wache!“ Und ehe es die tihe Geſtalt verſehen konnte, hatte er ihr die Maske abgeriſſen. Ein Todtenkopf war darunter. Ein lauter Schrei ertönte aus allen Kehlen. „Das Geſpenſt vom Agnesthurm!“— riefen Hunderte von Stimmen zugleich. Alles wich zurück, ſelbſt die Wachen. Die Herzogin hielt ſich zitternd an dem Fautenil. Nur der Bettler war nicht zurückgebebt. „Weg mit der Gaukelei!“— rief er,—„her⸗ unter mit der zweiten Maske!“ Und er griff danach. Aber ein gewaltiger Schlag ſchmetterte ſeinen Arm zurück. Langſam hob ſich die Hand der weißen Geſtalt. „Du haſt Gott verlaſſen!“— tönte es dabei wie aus der Tiefe des Grabes—„darum hat Gott auch Dich verlaſſen. Wehe Dir! Wenn Du nicht umkehrſt, ſo wirſt Du untergehen in ewiger Nacht!“ Im gleichen Augenblicke zog die weiße geſpenſti⸗ ſche Geſtalt die Todtenlarve ab: das bleiche, fahle Geſicht eines dem Grabe Entſtiegenen erſchien. Da tönte ein doppelter Schrei... und... die Herzogin ſank ohnmächtig in die Arme ihrer Damen, die ſie entſetzt umſtanden. Auch der Bettler hatte einen Schrei der Ueber⸗ raſchung und des Schreckens ausgeſtoßen und war, wie vor einem Geiſte, zurückgewichen. „Das Geſpenſt aus dem Agnesthurme!“— hallte es von allen Seiten wider. Die Maſſe ſtob entſetzt aus einander. Auch die Wache trat, ſich bekreuzend zurück. Die weiße Geſtalt aber und der Mönch ſchritten langſam der Thüre zu... und verſchwanden. Die Politik Frankreichs. Ludwig KIV. ging mit ſtarken Schritten in ſei⸗ nem Gemache auf und ab. Es war finſter, wie alle Zimmer auf Loches, und ſelbſt die Ausſtattung deſ⸗ ſelben hatte etwas Strenges und Düſteres: dunkeles Holzwerk mit Schnitzereien an Wänden und Decke — Jagdgegenſtände vorſtellend;— Seſſel in glei⸗ chem Genre mit Leder überzogen, das königliche Wap⸗ pen in Gold auf Sitz und Lehne;— ein ſchwerer ſilberner Kronleuchter,— unter ihm ein coloſſaler Tiſch mit einem nicht minder rieſigen und daher etwas plumpen ſilbernen Schreibzeng: alles noch aus den Zeiten Ludwigs Kl. Auch der Betpult jenes gekrönten Heuchlers fehlte nicht. Er nahm eine der dunkelen Ecken ein, und ward von einem mächtigen ſilbernen Crucifix überragr. Ludwig XIV. hatte noch nicht daran gebetet. Er wandte ſogar, ſo oft er im raſchen Auf⸗ und Ab⸗ gehen in ſeine Nähe kam, die Blicke von ihm ab,.. nicht aus Mangel an Religioſität— er bekreuzte ſich ſogar manchmal dabei— ſondern... weil ihm ganz eigene Gedanken kamen. Man ſagte im Geheimen, und der König hatte es erlauſcht, das Geſpenſt, das im Agnesthurme umgehe, ſei der Geiſt ſeines Ahnherrn, Ludwig KI., der hier ſchwere Verbrechen begangen haben ſollte. Und in der That!... als er dieſe Nacht den Agnesthurm verließ... hatte er in der Tiefe eines langen, nach dem Donjon führenden Ganges mit eigenen Augen eine weiße Geſtalt geſehen. Das tollſte aber war, daß ſie ſich auch in dem großen Saale, mitten unter dem Mummenſchanz gezeigt, und die Herzogin von Fontanges ſo ſehr erſchreckt hatte, daß man ſie ohnmächtig auf ihr Zimmer bringen mußte. Ludwig XIV. war die Sache doch nicht einerlei. Schon die Erinnerung an die ſchweren Thaten, welche die Mauern von Loches geſehen haben mochten, laſtete jetzt auf ihm und verdarben ihm die Luſt an dem Aufenthalte;— auch fühlte ſich ſein ſtolzer Geiſt durch den Gedanken gedemüthigt: hier die Seele eines ſeiner königlichen Ahnen büßend zu wiſſen. Der Entſchluß, Loches ſo bald als möglich zu — verlaſſen, ſtand in ihm feſt, doch war noch auf die⸗ ſen Morgen ein geheimer Miniſterrath angeſagt, zu welchem Marquis von Louvois und Colbert de Croiſſi eigens dieſe Nacht von Verſailles angekom⸗ men waren. Der König erwartete ſie jetzt. Sie konnten jede Minute eintreten. Hauptmann von Torey, der die Woche vor dem Zimmer hatte, war angewieſen, die Miniſter ohne weitere Anmeldung eintreten zu laſſen. Es lagen Dinge von höchſter Wichtigkeit und Eile vor. Geſandte des Fürſten Tököli, der, im Vereine mit Frankreich, die Inſurgenten Ungarns gegen Oeſterreich führte, ſo wie Abgeordnete der Türkei waren angekommen und mußten ſchleunigſt abgefer⸗ tigt werden. Jetzt auch traten die Miniſter ein. Der König ſetzte ſich bedeckten Hauptes. Marquis von Louvois und Colbert de Croiſſi ſtanden in halbgebeugter Haltung, die Hüte in der Hand und durch den co⸗ loſſalen runden Tiſch von der Majeſtät getrennt, dem Könige gegenüber. Die Berathung begann. O, ihr Mauern von Loches, in welch' eine per⸗ fide Politik wurdet ihr hier eingeweiht! Mit welch' einer raffinirten Taktik hatten bereits Ludwig XIV. und Louvois den deutſchen Kaiſer, = 4— Leopold I., umgarnt. Durch Ungarn und die Tür⸗ kei beſchäftigt und in Athem erhalten, war der Au⸗ genblick nahe gekommen, in welchem der Kaiſer wie ein an Händen und Füßen geknebelter Mann daſte⸗ hen mußte. O ſchöner, lang erſehnter Augenblick für Ludwig und Louvois! wenn du gekommen, dann... dann war es ja auch die rechte Zeit: Straßburg mit dem ganzen oberen linken Rheinufer zu nehmen! War das nicht die alte bewährte Politik Riche⸗ lieu's und Mazarin's. Ja, ſie war es, denn Lou⸗ vois— der ſchlaue, kluge, herrſchſüchtige Louvois hatte ſie adoptirt!—— Das Fundament zu der Größe Frankreichs hat unſtreitig Richelieu gelegt. Er vereinigte als Cardi⸗ nal, Prieſter und Miniſter in ſeinem Plane alle die gefährlichen Grundſätze ſeiner Vorfahren, leitete die⸗ ſelben mit ſeltener Geſchicklichkeit zu ſeinem Zweck, ſetzte ſich dabei über Alles, was bisher unter den Mächten heilig war, hinweg, plünderte das eigene Reich an den beſten Beſtandtheilen, um nur zur Beſoldung der Heere, zur Beſtreitung der Subſidien und zu Beſtechungen Geld aufzubringen, und nahm ſich die Unterdrückung des öſterreichiſchen Erzhauſes beider Linien, ſeine Entfernung von den franzöſiſchen Der Raub Straßburgs H. 4 — 50— Gränzen, die Erwerbung der Niederlande und die Ausdehnung der franzöſiſchen Macht bis an den Rhein, dieſe alte Lieblingsidee der franzö⸗ ſiſchen Ländergier, zum einzigen Gegenſtande ſeiner politiſchen Handlungen. Das Werk, was er nach Innen mit gleicher Kunſt als Beharrlichkeit und Kraft verfolgte, war die Unumſchränktheit des königlichen Thrones. Was ihm zu thun übrig ge⸗ blieben war, vollendete ſein Nachfolger in Amt und Würde, der Cardinal Mazarin. Das Syſtem Riche⸗ lieu's in den inneren wie äußeren Geſchäften wurde unverändert fortgeſetzt. Glücklich überwältigte dann Mazarin den inneren Aufruhr der Fronde. Die Kö⸗ nigsmacht, früher mannigfach eingeengt, feierte end⸗ lich den vollſtändigſten Sieg. Die Reformirten waren im Innern Frankreichs politiſch vernichtet, kirchlich kaum geduldet;— der Adel gebändigt. Niederge⸗ worfen von des Miniſters ſtarker Hand, ſuchte er ſeine Ehre fortan im Dienen, ſeinen Glanz in den Strahlen des Thrones. Aber nicht nur den Adel, auch die Gemeinen und das Parlament unterjochte der energiſches Mazarin. Von nun an gab es in Frankreich keine politiſchen Fractionen mehr. Der Parteiung blieben als einziges Feld die königlichen Vorzimmer und als einziges Ziel der gnädige Blick des Monarchen. Der Despotismus hatte Wohnung genommen, die Revolution grub ihre Minen. In⸗ deß auch für Frankreichs äußere Größe war Ma⸗ zarin entſcheidend wirkſam, er ſchloß den Frieden zu Münſter und mit Spanien den pyrenäiſchen Frieden, welche beide koſtbaren Gewinn brachten. Als er ſtarb, übergab er dem dreiundzwanzigjährigen Ludwig XIV. ein beruhigtes, ſieggekröntes, und dabei die Kräfte zu großen Dingen in ſich tragendes Reich. Aber Ludwigs ſcharfer Blick wußte auch den rechten Mann zu wählen, der im Stande war, in politiſcher Beziehung die Erbſchaft Richelieu's und Mazarin's zu übernehmen. Es war Francois Michel le Tellier, Marquis de Louvois,. den ihm frei⸗ lich Mazarin ſelbſt noch auf dem Todtenbette empfoh⸗ len hatte. Und Louvois trat— wie wir wiſſen— dieſe Erbſchaft mit feſter Hand an. Die alte Eroberungs⸗ und Vergrößerungs⸗Politik wurde fortgeſetzt, und ihr fiel, zum Schrecken Euro⸗ pa's, der Elſaß. Jetzt war, wie geſagt, nur noch Straßburg und das letzte Theilchen des oberen lin⸗ ken Rheinufers zu nehmen. Indeß die Sache war nicht leicht.. ſie konnte ſogar nur dann durchgeſetzt werden, wenn man ſich von Seiten Frankreichs auch aus den niederträchtig⸗ * — ſten Mitteln kein Gewiſſen machte. Was aber frägt ein Staatsmann, wie Louvois, nach dem Gewiſſen? Recht, Billigkeit, Menſchenwohl und Völkerglück waren dem edlen Marquis lächerliche Dinge, auf die er mit Stolz und Hohn herabſah. Straßburg und die Ufer der oberen linken Rhein⸗ ſeite mußten Frankreich zufallen was lag Louvois und Ludwig XIV. daran, wenn auch, zur Erreichung dieſes Zweckes, Kriege entſtanden, Ströme Blutes floſſen, ganze Länder verwüſtet, ganze Völker unglücklich wurden? Und ſo verband ſich denn der„allerchriſtlichſte“ König, Ludwig XIV. von Frankreich, nicht nur mit den gegen Oeſterreich in Aufſtand begriffenen Ungarn, an deren Spitze der Fürſt Tököli ſtand, ſondern auch — zu ſeiner und Louvois ewiger Schmach ſei es geſagt— mit dem Erbfeinde des Chriſten⸗ thums und aller Cultur. mit den Türken! Die ſchredlichen, die blutigen Lürktenttiege welche damals die öſterreichiſchen Erblande, ja ſelbſt Wien bedrohten, waren zum großen Theile die Folge des franzöſiſchen Einfluſſes bei der Pforte Ludwig XIV. hielt ja ſeit 1673 eine Geſandtſchaft in Konſtan⸗ tinopel, welche ein geheimes Bündniß zwiſchen Frank⸗ reich und dem mächtigen Fürſten des Halbmondes unterhalten mußte*). Ungarn und die Türkei wurden alſo im Oſten von Ludwig und Louvvis auf den Kaiſer, auf Oeſter⸗ reich und Deutſchland gehetzt, damit Frankreich im Weſten deſto ungenirter ein Stück nach dem anderen von Deutſchland abreißen könne. So lange der alte Vezier Ahmed Köprili lebte, ſcheiterten freilich alle Bemühungen Ludwigs XIV., in Ungarn einen offenen Krieg zu erregen, damit er ſeinerſeits mitten im Frieden neue Eroberungen machen könne. Als aber der friedliebende Vezier ge⸗ ſtorben und ſein kriegeriſcher Schwager, Kara Mu⸗ ſtapha, ihm im Amte gefolgt war, ſchloß Ludwig neue Verträge mit den Inſurgenten. Er ſchickte zwei Geſandte an Tököli, der ſich rühmte, daß er achttauſend Mann habe; und dieſe verſprachen demſelben in einem beſonderen Vertrage, ihn durch fünfzehntauſend Siebenbürger, ſo wie durch fünf⸗ tauſend Polen, welche mit franzöſiſchem Gelde ge⸗ worben werden ſollten, zu verſtärken. Zum Glück für den Kaiſer waren jedoch die ungariſchen Magna⸗ *) Siehe Friedrich von Raumers:„Hiſtoriſches Taſchen⸗ buch. Neue Folge V. Jahrgang S. 65— Schloſſer XV. S. 569 u. f. ten unter ſich eiferſüchtig und mißtrauiſch, ſo daß ſie, als ſie Michael Teleki zum Oberfeldherrn er⸗ nannt hatten, demſelben einen Kriegsrath von zwölf Perſonen zur Seite ſetzten. Auch ließen ſie die Polen für die Dauer des Winters wieder nach Hauſe zu⸗ rückkehren. Es war daher nicht möglich, etwas Be⸗ deutendes zu unternehmen. Der neue Oberbefehls⸗ haber Teleki konnte ſich außerdem mit den Franzo⸗ ſen im Kriegsrathe nicht vertragen; er überließ alſo den Oberbefehl dem jungen Emmerich Tököli, und zog ſich nach Siebenbürgen zurück, wo er an Apaffi einen Gönner hatte. Die ungariſchen Angelegenheiten wurden damals franzöſiſcher Seits von Chriſtoph d'Allanday, Marquis von Boham, geleitet. Dieſer hatte die Polen vorher nach Ungarn ge⸗ führt, die Verbindung der Inſurgenten mit den franzöſiſchen Miniſtern ange⸗ knüpft, und über die von Paris empfan⸗ genen Gelder verfügt. Auch als die Türken endlich den Kaiſer aufs neue angreifen und die In⸗ ſurgenten mit einem furchtbaren Heere unterſtützen wollten, unterhielt der Marquis die Cor⸗ reſpondenz der Rebellen mit dem franzö⸗ ſiſchen Cabinet. Dies geſchah aber noch dazu auf eine verrätheriſche, das Völkerrecht verletzende Weiſe. Die franzöſiſche Regierung ſchickte nämlich — die Briefe und Wechſel für die Inſurgenten unter der Adreſſe des franzöſiſchen Geſandtſchafts⸗Secre⸗ tärs nach Wien, von wo ſie dann an den Marquis und durch dieſen an die Inſurgenten gelangten. Die Sache ward entdeckt und der franzöſiſche Geſandt⸗ ſchafts⸗Secretär verhaftet, worauf Ludwig auch den kaiſerlichen Geſandten in Paris einſperren ließ. Die Inſurgenten erlangten jetzt bedeutende Vor⸗ theile. Sie nahmen faſt alle Bergſtädte und machten in denſelben ſehr große Beute; in Kremnitz und Chemnitz erbeuteten ſie nicht weniger als hundert⸗ und achtzigtauſend Dukaten. Dort ließ der Marquis von Boham, während die Ungarn im Beſitze der Münzſtätten waren, zweierlei Dukaten ſchlagen, die einen mit dem Bilde Ludwigs XIV. und mit der Umſchrift:„Beſchützer der Ungarn“, die an⸗ deren mit dem Bilde Tököli's als Fürſten der von ihm beſetzten Theile Ungarns und mit der Auf⸗ ſchrift:„Für Religion und Freiheit.“ Den Beſitz jener Städte konnten jedoch die Inſurgenten nur kurze Zeit behaupten, weil Tököli bald nachher von Dünewald und Wurm bei Heiligenkreuz geſchla⸗ gen wurde. Leopold ſelbſt hätte gern den Frieden wieder hergeſtellt, da das Morden, Sengen und Brennen der Ungarn nicht blos von Seiten der Ungarn, ſondern auch von Seiten der türkiſchen Paſchas in den Städten fortdauerte, und viele hun⸗ dert Dörfer ganz niedergebrannt waren; allein mit ſeinen Jeſuiten⸗Räthen war nichts anzufangen. Auch als 1680 eine beſondere Commiſſion zur Ausſöh⸗ nung beſtellt worden war, konnte nichts zu Stande gebracht werden, weil einerſeits Ludwig einen Akakia mit Geld und reichen Geſchenken für Tököli und Apaffi nach Siebenbürgen ſchickte, und andererſeits der Groß⸗Vezier den Inſurgenten mit der ganzen türkiſchen Kriegsmacht Hülfe zu leiſten verſprach. Tököli ſchickte ſogar zu derſelben Zeit, als er mit dem Kaiſer unterhandelte, Geſandte nach Paris und Conſtantinopel, und ſetzte ſein Mordbrennen fort. Dieſe Geſandten nun waren es, welche die heu⸗ tige eilige und geheime Miniſterſitung hervorgeru⸗ fen; ſie verlangten von Frankreich für den Fürſten Tököli die Zuſage der Ungariſchen Königskrone, wogegen Tököli und ſeine Inſurgenten Oeſterreich aufs Neue den Krieg zu erklären verſprachen. Auch der Groß⸗Vezier der Türkei, Kara Muſtapha, hatte Abgeordnete geſchickt, die— im Intereſſe Frankreichs— ſofort zu beſcheiden und mit Hülfs⸗ geldern abzufertigen waren, wenn der Krieg zwiſchen den Türken und Kaiſer Leopold mit Entſchiedenheit geführt werden ſollte. Und ſo wurden denn auch jetzt dieſe Angelegen⸗ heiten in erſter Linie von Louvois dem Könige vor⸗ getragen und in dem geheimen Conſeil beſprochen. Der Erfolg war, daß Krone und Hülfsgelder— gegen die wiederholte feſte Verpflichtung der Ungarn und Türken, Oeſterreich ſofort anzugreifen— be⸗ willigt wurden. Als dieſe höchſt wichtige und folgenſchwere An⸗ gelegenheit geordnet war, frug der König: „Sind Wir jetzt zu Ende?“ Louvois verbeugte ſich tief, dann ſagte er ernſt: „Wie Majeſtät befehlen!“ „Liegt nichts mehr vor?“ „Doch, Sire, noch eine andere wichtige Sache. Wenn Majeſtät die Gnade haben wollten, den Con⸗ ſeil noch einige Augenblicke auszudehnen...“ „Und welche Angelegenheit?“ „Es betrifft Straßburg!“ „Ach!“— rief der König—„dann ſprechen Sie, Marquis! Iſt die Frucht noch nicht reif, daß man ſie abſchütteln kann?“ „Sie reift ſichtlich und wird bald zu den Füßen Ludwig des Großen, des Unvergleichlichen, liegen!“ — entgegnete der Miniſter mit lächelnder Miene und tiefer Verneigung. „Es geht langſam!“— meinte der König. „Aber ſicher!“— entgegnete Louvois. — 6— „Und wo und wie ſtehen wir?“ „Ew. Majeſtät Reſident, Herr von Friſchmann, hat neue Berichte eingeſandt.“ „Laßt Uns das Wichtigſte davon hören... aber nur das Wichtigſte. Wir ſind der langen Be⸗ rathung ſatt... und... es wird Zeit zur Jagd. Alſo das Wichtigſte!“ Louvois zog ein Schreiben aus ſeiner Taſche. „Erlauben Majeſtät den Vortrag einer Depeſche Friſchmann's?“ Der König nickte und Louvois las:*) „Sire, ſeit meinem letzten Berichte glaube ich bemerkt zu haben, daß einige mit Pulver und Ku⸗ geln beladene Wagen, die in den Elſaß gekommen ſind, die Herren in Straßburg beſtürzt gemacht haben. Der Stadtrichter, Herr von Zedlitz, einer der ernſten, klügſten und, wenn ich ſagen darf, wohl⸗ geſinnteſten von dem Rathscollegium, hat ziemlich lebhaft darüber mit mir geſprochen und mir bekannt, daß man ſich hier von den kriegeriſchen Vorberei⸗ tungen mitten im tiefſten Frieden keine andere Vor⸗ ſtellung mache, als das die Stadt unglücklich genug geweſen ſei, ſich eine Minderung in Ew. Majeſtät *) M. Coste:„Réunion de Strasbourg à la Frange.“ Documents etc. p. 86 Huld und Gnade zugezogen zu haben. Dieſe Beſorg⸗ niß begleitete er mit tiefer Unterthänigkeit und Ehr⸗ furcht für Ew. Majeſtät und verſicherte mir nach⸗ drücklich, der Magiſtrat denke durchaus nicht mit dem kaiſerlichen Bevollmächtigten, Herrn von Mercy, zu unterhandeln und noch weniger kaiſerliche Trup⸗ pen aufzunehmen. Zugleich verſicherte mir Herr von Zedlitz, er ſei bereit, in einen angelegentlicheren Ver⸗ kehr mit mir zu treten, als die anderen Herren des Senats. Ich glaubte, Sire, ihm meinen beſonderen Dank für die Dienſte, welche er durch Ueberbrin⸗ gung obiger Nachricht der franzöſiſchen Sache ge⸗ leiſtet, ausdrücken und ihm das Verſprechen geben zu müſſen, daß ich Ew. Majeſtät von ſeinem Eifer, ſeiner Unterthänigkeit und ſeiner Ergebenheit in Aller⸗ höchſtihre Intereſſen in Kenntniß ſetzen werde.“ „Gut!“— ſagte der König.—„Wir haben ja Beſtechungsgelder bewilligt.“ „Stadtſchreiber Günzer hat auch bereits für ſich fl. 30,000 und für die Beſtechung anderer Ma⸗ giſtratsmitglieder fl. 100,000 erhalten;... aber...“ „Nun?“ „Er gibt an, daß ſie nicht ausreichen!“ „Iſt der Mann ſicher und eifrig in Unſeren Dienſten?“ „Beides Sire! Er leiſtet uns große Dienſte. — Günzer iſt ein trefflicher Agent und ein ausgezeich⸗ neter Spion. Hier habe ich eine Schrift von ihm erhalten, in welcher er die volle Schwäche ſeiner Vaterſtadt darlegt und zwar in Betreff des man⸗ gelnden Geldes, der ungenügenden Beſatzung, der Feſtungswerke und des Verlaſſenſeins von Kaiſer und Reich. Er iſt es dabei hauptſächlich, der die Spaltungen in Rath und Bürgerſchaft nährt und ſchürt und die franzöſiſche Partei im Magiſtrate vertritt.“ „Dann, Colbert,—“ rief der König hier leb⸗ haft—„laßt ihm noch einmal fl. 20,000 für ſich und weitere fl. 200,000 für die Bearbeitung des Magiſtrates auszahlen..7) Wir wollen und Wir müſſen Stroßburg haben.“ Colbert verneigte ſich. „Da iſt auch eine andere dieſer feilen Magiſtrats⸗ Seelen,“— ſagte jetzt Louvois höhniſch—„mit Namen Stößer; er bat den Reſidenten um das Bild Ew. Majeſtät!“**) „Am beſten wäre es, Wir ließen es ihm auf die Stirne brennen!“— meinte der König mit ver⸗ ächtlicher Miene.—„Es iſt doch nur Heuchelei! *) Coste: p. 150. *) Coste: p. 98. Wenn dieſe käuflichen Schurken Uns dienen wollen nun, ſo wären Wir Thoren, ſie nicht zu be⸗ nutzen... Landesverräther bleiben ſie indeß immer. Friſchmann mag dieſem Elenden eine Summe Gel⸗ des hinwerfen... Unſer Porträt erhält er nicht. Das Geld wird ihm ohnedem lieber ſein.— Aber zur Sache... Wir wollen fort!... Was war das mit der Aufregung?... das iſt verdrießlich! wie beſchwichtigen Wir ſie? „Wenn es Majeſtät gnädigſt geſtatten,“— ſagte Louvois mit höhniſchem Blick und Lächeln— ſo drehen wir dem hochweiſen Rathe von Straßburg und den Spießbürgern der guten alten Stadt... eine Naſe.“ „Ach!“— rief Ludwig lachend—„man merkt, Louvois, daß ihr auf Loches zur Zeit eines Mum⸗ menſchanzes ankamt!“ „Naſen und Larven, Masken und Mäntelchen gehören in den Reſſort der Politik!“— meinte der Miniſter.—„Das Leben iſt ja überhaupt nichts als eine große Maskerade und die Welt der Ball⸗ ſaal dazu.“ „Nicht übel!“— ſagte der König—„und— Louvois— was tragt ihr jetzt für eine Maske?“ „Die des Miniſters eines großen Königs!“— entgegnete Louvois mit tiefer Verbeugung—„ob' gleich ich in Wahrheit nichts bin als.. der unterthänigſte Diener, der ergebenſte Sklave des erhabenſten aller Fürſten und Herrſcher, Lud⸗ wigs XIV.!“ Der König lächelte geſchmeichelt.„So ſchätzen Wir in dem treuen Diener... den Miniſter und in dem Miniſter... den treuen Diener!“— ſagte er dann.—„Aber... Wir ſind abgekommen!... Wie ſoll die Aufregung beſchwichtigt werden?“ „Wenn es Majeſtät gnädigſt geſtatten“— ver⸗ ſetzte der Marquis—„ſchicke ich allen Offizieren, die im Elſaß ſtehen und darum gebeten haben, den Abſchied. Damit werden die Gemüther beruhigt und wir ſchaden uns ſelbſt nicht, denn, ſobald der rechte Augenblick herannaht, befehlen Ew. Majeſtät einen Garniſonswechſel, und unter dieſem trefflichen Vor⸗ wande werden die Truppen zuſammengezogen und die beurlaubten Offiziere, die man in der Nähe zu⸗ rückgehalten hat, wieder zu ihren Regimentern ein⸗ berufen.“ Der König ſchwieg einen Moment in Nachden⸗ ken verſunken, dann neigte er langſam das ſtolze Haupt und ſagte:—„Genehmigt! Aber Wir fürch⸗ ten, Unſere militäriſchen Rüſtungen im Elſaß wer⸗ den auch auswärts widerhallen.“ „So haben Majeſtät die Gnade unſeren Geſand⸗ —— ten beim Regensburger Reichstag und dem Congreß zu Frankfurt den Befehl zu ertheilen: jede militäri⸗ ſche Rüſtung im Elſaß geradezu abzuläugnen, mit dem Bedeuten: die Krone Frankreich werde es als eine Beleidigung aufnehmen, wenn man ihr derartige Dinge unterſchiebe.“ „Das iſt ſtark!“— meinte der König. „Aber es wird zurückſchrecken und die Schreier zur Ruhe bringen. Keckes Auftreten und Verblüffen hat bei den guten Deutſchen ſchon viel gewirkt.“ „So ſei es!“ „Und nun noch Eines, Majeſtät!“— ſagte Louvois.—„Ich bitte Sie, Sire, mich zu ermäch⸗ tigen, den Marſchall Vauban, unſeren berühmteſten Strategiker, im ſtrengſten Incognito nach dem Elſaß zu beordern.“ „Und ſollte das verſchwiegen bleiben?“ „Er mag eine Reiſe nach Italien vorgeben, Sei⸗ tenwege einſchlagen und die großen Städte und bevölkerten Gegenden vermeiden. Wir müſſen das Terrain um Straßburg vollkommen kennen und vorbereitet ſein.“ „Gut! Wir genehmigen auch dies!“— ſagte der König.—„Für den Fall des Zuſammeutreffens haben Wir aber noch etwas zu bemerken: wenn es bei der Sache hier oder dort zu Gefechten kommt, —— ſind die proteſtantiſchen Truppen— wenn immer thunlich— vorzuſchieben. Wir ſind es unſerer hei⸗ ligen Mutterkirche ſchuldig, ihre Kinder zu ſchonen; an ketzeriſchen Hunden liegt nichts!“ Louvois verbengte ſich; er kannte dieſe Maxime ſchon von Türenne her und theilte ſie mit dieſem und dem Könige. Mit Freuden konnte er Seiner Majeſtät daher auch melden, daß— durch den Biſchof von Straß⸗ burg und Günzer bearbeitet und erkauft— ſich bereits wieder über zwanzig angeſehene Familien, als dem Katholicismus zugethan, erklärt hätten. Sie warteten nur auf den Fall der Stadt, um auch öffentlich überzutreten. In dieſem Augenblicke hörte man einen Wort⸗ wechſel in dem Vorzimmer. Deutlich war die Stimme des Hauptmanns von Torcy zu vernehmen. „Niemand kann ſeine Mojeſtät jetzt ſprechen!“— ſagte er laut und entſchieden. „Und warum nicht?“— frug eine andere Stimme. „Es iſt Miniſterrath!“ „Aber ich muß ſeiner Majeſtät etwas melden!“ „Ich kann Niemand einlaſſen.“ „Das Geſpenſt... „Louvois!“— rief der König, ſich erregt er⸗ hebend. „Sire?“ „Laßt eintreten wer draußen iſt!“ Louvois ging zur Thüre und befahl Torcy den Eintrittverlangenden hereinzulaſſen. Es war ein Diener aus dem Gefolge der Her⸗ zogin von Fontanges. Er war bleich wie der Tod und zitterte an allen Gliedern. „Was giebt es?“— herrſchte ihn der König an. „O Mazeſtät!“— rief der Zitternde—„das Ge⸗ ſpenſt hat ſich wieder gezeigt. Majeſtät haben mich beauftragt, es zu melden, wenn ſich der Spuk wie⸗ der erneue.“ „Und wo erſchien es?“ „Dicht bei den Gemächern der Frau Herzogin.“ „Mort de ma vie!“— rief der König, zornig mit dem Fuße aufſtampfend.—„Was ſoll das heißen?“ „Es war wieder die ſchreckliche weiße Geſtalt.. man ſagt. es ſei der Geiſt...“ „Laß das!“— rief der König raſch und mit finſterer Stirne—„und was geſchah?“ „Die Wachen liefen, ſich bekreuzend, davon...“ „Feiglinge!“— brummte Louvois in den Bart. Der Raub Straßburgs II. 5 „Da ſchritt der Geiſt gerade auf die Gemächer zu, in welchen ſich die Frau Herzogin befand...“ „Und? weiter!. weiter!“ 6 „Aber benachrichtigt durch das Schreien der Wache.. „Nun?“ „Hatte man ſie geſchloſſen?“ „Geſchloſſen?... und der Geiſt?... „Als er dies fand. kehrte er um.“ „Diable!“— rief der König—„er kehrte um? dann ſteckt Betrug hinter dieſer Larve! Auf, meine Herren, folgt Uns... Wir wollen doch ſehen, welcher Schurke es wagt, den Geiſt un⸗ ſeres glorreichen Ahn, Ludwigs XI., hier zu ſpielen und.. Unſere ſanfte Taube, die Herzogin von Fontanges, zu erſchrecken!— Und wohin hat ſich das Ding gewandt?“ „Nach dem Agnesthurme? „Und die Wache hat es nicht angehalten?“— frug Louvois finſter. „Niemand wagte das.“ „Nun!“— rief Louvois, roth vor Zorn und Scham,—„ſo will ich ſie lehren, mit Geſpenſtern umzugehen.“ Der Diener trat auf einen Wink des Kö⸗ nigs ab. —— „Habt Ihr, Louvois, ſchon heute Nacht bei Eurer Ankunft von der Sache gehört?“ „Ja, Majeſtät, alles; das ganze Schloß war ja in Aufruhr.“ „Und was haltet ihr davon.“ „Was der Scharfblick Ew. Majeſtät ſogleich auch erkannt hat.. daß hier Betrug im Spiele iſt!“ „Und wer könnte der Unſinnige ſein, der dieſes kecke Spiel zu unternehmen wagt?“ „Sire „Nun? heraus damit!“ „Sire„ „Wir befehlen Euch, Eure Meinung zu ſagen!“ „Wenn ſie ſich beſtätigte,“— ſagte Louvois mit ſchlecht verhaltener Schadenfreude—„könnte ſie dem Verräther den Kopf koſten, da er unzweifelhaft nach dem greift, was Ew. Majeſtät das Liebſte iſt.⸗ „Mort de ma vie!— Eure Meinung!“ „Man ſoll, ſo wurde mir berichtet, geſtern Abend..“ „Runs „Den Herzog von Saint⸗Aignan auf dem Mum⸗ menſchanz vermißt haben.“ Der König erblaßte. Schnell aber ſagte er: „Nein! da hat man Euch falſch berichtet, Lou⸗ vois. Wir ſahen ihn ſelbſt und mit eigenen Augen, als Mars gekleidet, die Säle betreten.“ 5* „Vollkommen richtig, Sire! indeß Mars ſoll bald verſchwunden, unſichtbar geworden ſein.“ „Wie?“— rief der König hier mit flammen⸗ den Blicken—„ſo wäre er Uns vielleicht behülflich geweſen... um. „Sire!“— wiederholte Louvois lauernd, aber mit kaum unterdrücktem Hohn,—„haben Sie die Gnade, ſich zu erinnern, daß, was ich ſagte, nur Vermuthung iſt.“ „Den Teufel über eine ſolche Vermuthung!“— rief der König.—„Ja, bei Gott, wenn ſie ſich beſtätigen ſollte... wird es auf Erden einen Kopf weniger geben. Folgt Uns, ihr Herren, Wir wollen ſelbſt den Geiſt ſtellen!“ Und der König eilte raſchen Schrittes, hoch und ſtolz aufgerichtet, mit zorniger Miene dem Agnes⸗ thurme zu. Saint⸗Aignan war ſein Liebling aber... wenn er das Geſpenſt wivklich ge⸗ ſpielt... wenn er... Ludwig mochte die Gedanken, die ihn hier be⸗ ſtürmten, nicht ausdenken. Noch ſtanden die Wachen verdutzt, kaum fähig, bei dem Herannahen des Königs die ſchuldigen Hon⸗ neurs zu machen. Ludwig XIV. ſah es nicht;... raſch trat er mit Louvois und Colbert in den Gang, der zu dem —. —— beruͤchtigten Thurme führte, und wo, nach den Aus⸗ ſagen der Wache, der Geiſt eben verſchwunden war. Jetzt bog er um eine Ecke, als ihm ein:„Mort de ma vie!“— entfuhr. Von einer anderen Seite kommend, ſtürzte der Herzog von Saint⸗Aignan, den bloßen Degen in der Fauſt, ebenfalls auf den Gong. Der König hielt erſchrocken an. „Herzog!“— rief er halb erſtaunt, halb ent⸗ ſezt,—„was ſoll das? der blanke Degen im Hauſe des Königs iſt Hochverrath!“ „Sire!“— rief der Herzog erhitzt—„ich zog ihn für das Haus des Königs. Laſſen Sie mich um Gottes Willen, ich muß den Geiſt...“ „Wie?“— rief der König finſter—„ſpielen wir heute noch Mummerei?“ „Der Verräther.. „Wir glauben ihn zu ſehen. „Er entgeht uns... „Schwerlich!“ Dot ort! „Was! Sie wagen es, Herzog.. Aber die Worte erſtarben dem Könige im Munde; denn unwillkührlich der Hand Saint⸗Aignan's mit den Blicken folgend, gewahrte er in der That ganz deutlich durch ein Bogenfenſter des Ganges, das in die Agneſenhalle der Kirche von Loches führte, die weiße Geſtalt. „Ha!“— fuhr der König wie erleichtert auf— „alſo Sie, Aignan, ſpielten dieſen ſchurkenhaften Geiſt nicht?“ „Ich? Mojeſtät?!“— ſogte der Herzog wie aus den Wolken gefallen; aber ein Blick auf Lou⸗ vois führte ihn auf den rechten Weg.—„H nein, Sire, ich ſpielte den Geiſt nicht; aber es ſcheint, daß ein Anderer mir übel aufgeſpielt hat.“ „Keine Worte jetzt!“— rief Ludwig XIV.— „Die Degen heraus und mir nach! das ſchlaue Geſpenſt hat ſich gefangen... die Kirche iſt ge⸗ ſperrt... der Verwegene entgeht uns nicht! Nie⸗ der mit ihm, wenn er ſich zur Wehre ſetzt.“ Louvois und Colberts Degen blitzten neben dem Saint⸗Aignan's. Alle Drei ſtürzten, dem Könige folgend, nach dem Ende des S6 der in der Kirche mündete. Jetzt hatten ſie die Kirche erreicht. „Dort iſt es!“— riefen Alle, wie aus einem Munde und— in der That— nahe dem Mauſo⸗ leum, dem Andenken der ſchönen Agnes Sorel er⸗ richtet, ſah man die weiße Geſtalt. „Nieder mit ihm!“— rief jetzt der König außer W—„Laßt es die Ahnenprobe aller Gei⸗ — ſter machen. Wenn ihm Eure Degen nichts thun, dann wollen Wir tauſend Meſſen für das Seelen⸗ heil unſeres erhabenen Vorfahren, Ludwig Kl., leſen laſſen!“ Die drei Begleiter des Königs ſtürzten vor. Nur ein großes, ſchweres, vergoldetes Eiſengit⸗ ter und einige mächtige, das Gewölbe der Kirche tragende Säulen trennten ſie noch von der Geſtalt. Jetzt hatten ſie und der König das Mauſoleum erreicht.. ernſt hob es ſich und finſter aus ſchwar⸗ zen Marmor gebildet;... die reizende Geſtalt der ſchönen Schläferin, in weißem Marmor gearbei⸗ tet, ruhte, ſanft hingegoſſen, bewegungslos auf dem Sarkophag. Das Kiſſen, auf welchem der Kopf der ſchonen Todten lag, hielten zwei Engel. Zwei Läm⸗ mer, als Symbole der Sanftmuth, lagen zu ihren Füßen. Alles war hier ſtill, ernſt und feierlich. Es war Niemand zu ſehen. Der König und ſeine Begleiter ſtanden erſtarrt. S„Laßt uns alles genau unterſuchen!“— ſagte jezt Louvois—„vielleicht gibt es hier einen Schlupf⸗ winkel oder einen geheimen Ausgang.“ Man unterſuchte, es fand ſich nichts. Alles feſtes Mauerwerk... ungeheure Wände, rieſige Säulen, ein Mauſoleum von Mar⸗ — mor.. hinter demſelben ein großer Beichtſtuhl aus Eichenholz... ſonſt nichts. Es war Niemand zu ſehen... die Ge⸗ ſtalt war verſchwunden.— Der König be⸗ kreuzte ſich.——— Noch am Mittage deſſelben Tages verließ Lud⸗ wig XIV. und ſein Hof das Schloß von Loches. Sturm und Wetter. Syndicus Frantz war endlich mit ſchwerem Herzen von Wien zurückgekehrt. Mit ſchwerem Her⸗ zen!.. denn... Hülfe brachte er nicht! Waren doch der Kaiſer und ſeine Miniſter taub geblieben bei all' ſeinen Vorſtellungen, Bitten und Ermahnungen. Das Ungewitter, das von der Tür⸗ kei her im Anzuge war, hielt Wien und den Hof in Angſt und Beſorgniß: man rüſtete... aber... nur gegen die Türken. Mit Straßburg hatte es keine ſolche Eile; waren doch von Monſeigneur Lou⸗ vois und dem Herrn Biſchof von Straßburg, Franz Egon, Fürſten von Fürſtenberg, die beruhigendſten Verſicherungen eingelaufen, nach welchen der König von Frankreich nicht im Eutfernteſten an eine feind⸗ liche Haltung, gegenüber Straßburgs, dachte. Auch der franzöſiſche Geſandte am Wiener Hofe beſtätigte dies. Außerdem war ja der Biſchof von Stroßburg ein deutſcher Fürſt und Lehnstrã⸗ ger des deutſchen Reiches, der ſich— wie aus ſeinen Schreiben deutlich hervorging— mit warmem Patriotismus der deutſchen Sache an⸗ nahm. Der Lärm, den Syndicus Frantz am Wie⸗ ner Hof machte, kam nur— wie der Biſchof mel⸗ dete— von der öbertriebenen Aengſtlichkeit der Straßburger Spießbürger her, die in kleinlicher Le⸗ bensanſchauung und kindiſcher Eitelkeit bei dem geringſten Anlaſſe für ihre engherzige republikaniſche Freiheit erbebten. Frantz ſolbſt, ſo wie ſämmtlichen Herren im Magiſtrate, bange es vor dem Verluſte ihrer kleinbürgerlichen Herrſchaft, auf die ſie eifer⸗ ſüchtig wie kleine Kinder ſeien. War das nicht genug, um die Ohren des Wiener Hofes den Angſt⸗ und Hülferufen zu verſchließen, die aus dem Elſaſſe herüber ſchallten. Syndicus Frantz wurde immer kälter und kürzer empfangen, und endlich mit dem Bedeuten: ein Congreß in Frankfurt am Main werde die Sache in die Hand nehmen, verabſchiedet. Sein Herz blutete! Wie aber hätte es wohl den edlen Mann erſt niedergebeugt, wenn er des Kaiſers wahre Geſinnung gekannt. Der Kaiſer ſelbſt wollte nämlich von dem Elſaß am liebſten gar nichts mehr hören und Jeden ſeine 7 — Sache für ſich ausmachen laſſen; denn ihm bangte vor dem Schreckbilde, daß Frankreich— wenn ihm der ganze Elſaß nicht unbedingt und unumſchränkt überlaſſen werde— denſelben als Lehn vom deutſchen Reiche tragen wolle, unter der Bedingung, dann ſelbſt auf dem Reichstage Sitz und Stimme einzu⸗ nehmen. Dieſe gefürchtete Nebenbuhlerſchaft abzuweh⸗ ren, ließ der Kaiſer lieber der Gewalt und dem ſchreiendſten Unrecht freien Lauf, indem er ſeine Ohren den Nothſchreien ſeiner Unterthanen ver⸗ ſtopfte. Und doch beſchwerte dies nicht allein das Herz des wackeren Syndicus Frantz: ſeine Frau hatte ihm ja geſchrieben, was ihr der kleine Schneider Wenck entdeckt. Günzer war ihm längſt verdächtig, und nun deuteten gar geheime nächtliche Zuſammenkünfte mit dem Straßburger Biſchof auf wirklich verrätheriſche Unternehmungen hin. Frantz war entſchloſſen, der Sache nachzuforſchen, und, wenn ſich die Anſchuldi⸗ gung Meiſter Wencks beſtätigte, mit Entſchieden⸗ heit gegen den Stadt⸗ und Rathsſchreiber vorzu⸗ gehen. Ahne es dem Syndicus doch längſt, daß in dem Ferzen ſeiner guten Vaterſtadt,— daß in dem Masſtrate Straßburgs ſelbſt... Verrätherei ihren Sitz genommen! So verließ denn der Syndicus Wien mit ſchwe⸗ rem, recht bekümmertem Herzen, und eilte nach der Heimath, obgleich ihm die Ordre zugegangen wart ſeine Bemühungen am kaiſerlichen Hofe noch weiter fortzuſetzen. Hier aber war nichts mehr zu machen... und... Frantz war ſcharfblickend genug, dieſe Weiſung zu durchſchauen: die Gegenparthei wollte um jeden Preis ihn, als die Spitze und den Führer der Patrioten, von der Vaterſtadt und den Sitzungen des Ma⸗ giſtrats ferne halten, um ihrerſeits freie Hand und freies Spiel zu haben. Geſtern nun war der Syndicus— zum Schreck und zur Beſtürzung der Gegenparthei— in Straß⸗ burg angelangt;.. heute ſogleich fand eine Sitzung im engeren Rathe ſtatt... aber eine Sitzung ſo ſtürmiſch und erregt, wie ſie die hochweiſen Väter des alt⸗ehrwürdigen Argentoratum noch nicht erlebt. Begrüßte doch die Parthei der Patrioten ihren würdigen Führer mit Jubel; während die Halben und Aengſtlichen finſter vor ſich hinſchauten— den nahenden Sturm ahnend, den die Entſchiedenheit des Syndicus heraufbeſchwören werde,— die 2 arthei Günzers aber darüber wüthete, daß Syuldicus Frantz gegen den Villen der Regierung— d. h. —. 77— gegen ihren Willen— Wien verlaſſen habe und zurückgekehrt ſei. Die Rathsherrn Obrecht und Hecker— von dem Stadtſchreiber dazu angeſpornt— traten ſogar mit dem Antrage hervor: den Syndicus Frantz we⸗ gen Ungehorſams gegen die Befehle der Regierung, in Anklageſtand zu verſetzen. Ein furchtbarer Sturm entſtand;. die Pa⸗ trioten kämpften mit flammender Beredtſamkeit für ihren Führer;... die franzöſiſch Geſinnten, und an ihrer Spitze Dr. Obrecht, wütheten gegen Frantz und ſeine Parthei, die ſie beſchuldigten, den kleinen Staat bereits an den Rand des Abgrundes gedrängt zu haben. Die Halben und die Achſelträger ſuchten zu vermitteln; einige der Aengſtlichſten verließen ſo⸗ gar die Sitzung. Alles war Sturm und Wetter; nur Frantz ſelbſt und Günzer blieben ruhig und feſt: erſterer geſtützt auf ſein gutes Gewiſſen und das Bewußtſein, daß Vernunft und beſſerer Sinn am Ende doch ſiegen würden,— der Stadt⸗ ſchreiber als ſchlauer Diplomat, der nach Außen den Unpartheiſchen und Gemäßigten ſpielte, während er es doch gerade geweſen, der im Geheimen dieſen auf den Sturz des Syndicus zielenden Sturm vor— bereitet hatte. Aber auch dieſer Sturm, wie alle Stürme im menſchlichen Leben und in der Natur, legte ſich end⸗ lich und Syndicus Frantz kam zum Wort. Wie ruhig und klar legte der würdige Mann jetzt ſein ganzes Verfahren in Wien der Verſamm⸗ lung dar; wie ſchlagend bewies er durch Wort und Aktenſtücke, daß für Straßburg an dem Hofe des deutſchen Kaiſers für den Augenblick nichts zu hoffen ſei, und daß er Wien habe verlaſſen müſſen, wenn er nicht geradezu bei den Miniſtern und ſeiner kaiſerlichen Majeſtät ſelbſt... eine ge⸗ reizte Stimmung gegen die Stadt habe hervorrufen wollen. Klar, einfach und überzeugend hatte der Syndicus geſprochen. ſelbſt die Halben und Aengſtlichen, die Kopfnicker und Unentſchloſſenen wandten ſich ihm jetzt zu und Dr. Obrecht mußte beſchämt ſeinen An⸗ trag zurückziehen. Aber der Tag war heute für Sturm und Wet⸗ ter beſtimmt. Als es zur weiteren Discuſſion über die Lage der Stadt und über das, was nun zu thun ſei, kam, und ſich auf vielen Seiten Unruhe und Beſorgniß ausſprach, ergriff Stadtſchreiber Günzer das Wort und ſuchte mit lächelnder Miene darzuthun, daß Straßburg nichts zu fürchten habe. 70 = 6— Syndicus Frantz und ſeine Parthei trauten kaum ihren Ohren. War das doch etwas ganz Neues, was ſie hier erfuhren! In pomphafter Rede breitete ſich der Stadt⸗ und Rathsſchreiber über die großen Verdienſte Lud⸗ wigs KIV. aus... und wie der große König ja doch nur das Glück Straßburgs, ſeine und des deutſchen Reiches Wohlfahrt und Freiheit wolle, während Kaiſer und Reich die Stadt verlaſſen hätten. Es ſei in der That eine Thorheit, irgend etwas von Frankreich zu fürchten. Da aber konnte Syndicus Frantz nicht mehr ſchweigen. „Wie!“— rief er—„es ſoll eine Thorheit ſein, etwas von Frankreich zu fürchten? Sind wir denn hier alle blind? oder iſt es der Herr Stadt⸗ ſchreiber allein? Mit einer Thätigkeit, welche einſt Europa überraſchen wird, vollſtreckt der allmächtige Miniſter Frankreichs, vollſtreckt Louvois in tieſſter Verborgenheit die Befehle ſeines Königs. Unter dem Vorwande, an den Feſtungen zu arbeiten, läßt er fortwährend zahlreiche Truppenabtheilungen in Loth⸗ ringen, in die Freigrafſchaften und in den Elſaß einmarſchiren. Wiſſen wir dies etwa nicht?“ „Es ſind Täuſchungen, die einem allzuängſtlichen — Vaterlandsfreunde, wie der Herr Syndicus, zu ver⸗ zeihen ſind!“— meinte Günzer, deſſen ruhigem und ſcheinbar unbeſorgt lächelndem Geſichte man weder die innere Beſorgniß noch den Hoß anſah, der in ſeinem Herzen gegen Frantz wüthete. „Täuſchungen?“— rief der Syndicus—„ei ſeht doch! Was iſt denn das für eine Geſchichte mit der zerplatzten Mchlkiſte?“ „Und was iſt das?“— frug der Ammeiſter Dominique Dietrich. „Heute morgen“— fuhr Syndicus Frantz fort —„noch che ich mich zur Rathsſitzung begab, be⸗ kam ich von einem Freunde einer benachbarten Stadt, einem ächten wohlgeſinnten Patrioten, die ſchriftliche Anzeige, daß das Land ringsum in größter Auf⸗ regung ſei.“ „Kindernährhent“— rief Günzer und ein ſcharfes Auge konnte bemerken, wie ſich ſein unheim⸗ liches Geſicht momentan entfärbte. Der Syndicus ließ ſich nicht ſtören: „Es ſei längſt aufgefallen, ſchreibt der Freund“ — fuhr Frantz fort—„daß ſeit längerer Zeit eine Maſſe Kiſten von Frankreich eingeführt würden vorgeblich mit Waffen für Breiſach und andere feſten Plätzen beſtimmt. Niemand habe indeß an der Rich⸗ tigkeit der Sache gezweifelt, noch gerade etwas be⸗ — —— ſonderes daran gefunden, da Frankreich in dieſen Plätzen Truppen unterhalte. Nun aber ſei vor we⸗ nigen Tagen eine dieſer Kiſten auf dem Transporte zerbrochen worden und habe dadurch zum allgemeinen Staunen ihren eigentlichen Inhalt verrathen.“ „Und der war?“— riefen viele Stimmen zu⸗ gleich. „Mehl!“— entgegnete Frantz. „Und was iſt dabei!“— meinte Günzer— „darf Frankreich nicht für den Unterhalt ſeiner Gar⸗ niſon ſorgen?“ „Das thut es ohnehin und zwar, wie auch na⸗ türlich öffentlich. Warum und wozu dies geheim⸗ nißvolle Einführen von Proviant?“ „Man wird den Schwätzern und Schreiern kei⸗ nen Stoff zu kindiſchem Lärm haben geben wollen!“ „Nein, Herr Stadt⸗ und Rathſchreiber 1— rief hier Syndicus Frantz mit flammenden Augen— „Monſeigneur Louvois läßt an entfernten Orten Getreide mahlen und das Mehl heimlich verpackt in großen Maſſen in das Elſaß einführen, um für einen gewiſſen möglichen Fall Vorraths⸗ kammern in Bereitſchaft zu haben.“ Eine allgemeine Bewegung— Ueberraſchung, Unwillen, Schrecken verkündend— gab ſich hier in der Verſammlung kund. Der„gewiſſe mögliche Der Raub Straßburgs II. 6 Fall“ konnte nur auf eine Beſetzung des Landes bei einem Anſchlag auf Straßburg bezogen werden. Günzer ſuchte zu beruhigen. „Kommen wir Frankreich nur auf vernünftige Weiſe auch ein klein wenig entgegen!“— hub jetzt Herr von Zedlitz an—„ſo haben wir nichts zu fürchten.“ „Entgegenkommen?“— rief Syndicus Frantz. „Ja!“— fuhr Zedlitz fort—„der Herr Re⸗ ſident von Friſchmann hat uns darüber eine Note ſeines Hofes mitgetheilt.“ „Und was fordert Monſeigneur Louvois?“ „Der König von Frankreich verlangt den Eid der Tteüs Ein wilder Tumult entſtand. Die ganze patrio⸗ tiſche Parthei war Feuer und Flammen. Der präſidirende Ammeiſter gebot Ruhe und rief zur Ordnung. Aber an beides war in dieſem Momente nicht zu denken. In lautem Durcheinander machte die pa⸗ triotiſche Parthei die Pflicht der unmittelbaren deut⸗ ſchen Reichsſtadt geltend... deutſch... ganz deutſch zu bleiben! „Eine deutſche Stadt kann einer fremden Macht den Eid der Unterthänigkeit nicht leiſten!“ — riefen mehrere Stimmen. „Herr von Zedlitz iſt mißverſtanden worden!“— ſchrie jetzt Günzer mit der ganzen Kraft ſeiner Stimme dazwiſchen—„auf die Reichsunmittelbar⸗ keit der Stadt iſt es durchaus nicht abgeſehen; aber Straßburg beſitzt mehrere im Elſaß gelegene Vog⸗ teien, die Frankreichs Oberherrſchaft zugefallen ſind, . ſomit iſt es Lehnsträger Frankreichs und hat, als ſolcher, Ludwig XIV. den Eid der Treue zu ſchwören!“ „Das ſind Schlingen!“— rief jetzt Syndicus Frantz, glühend im heiligen Eifer,—„Schlingen in welchen man uns fangen will!“ „So werden wir Frankreich reizen, bis es zu der Gewalt der Waffen greift!“— ſchrie Dr. Obrecht alle Klugheit vergeſſend. Jetzt aber war kein Halt mehr, der Tumult ſtieg auf das Höchſte. Man ſprang auf, man rief„Ver⸗ rath!“ die verſchiedenen Partheien des hochedlen und hochweiſen Rathes der Stadt waren in der That nahe daran handgemein zu werden. Günzer ſchoß Obrecht einen finſteren verweiſenden Blick zu. Zed⸗ litz und Dietrich ſuchten zu beruhigen... als— aufgefordert von dem Präſidirenden— zwei Herolde mit den Bannern der Stadt mitten in den Saal traten. Es war dies das übliche Zeichen— Sturm⸗ gebot genannt— bei welchem jegliches Mitglied des 6* — 6— Magiſtrates ſchweigen und dem präſidirenden Am⸗ meiſter— bei Strafe ewiger Verweiſung aus dem Rathe gehorchen mußte. In der That trat im gleichen Momente in dem die Herolde die Stadtbanner in Mitten des Saales entfalteten, Ordnung und Ruhe wieder ein; wenn ſich auch noch, von verſchiedenen Seiten her, ein dumpfes Murren hören ließ, das ferner Meeres⸗ brandung glich. Nach einigen ernſten Worten des Präſidirenden verlangte Syndicus Frantz abermals das Wort. Er erhielt es auch und legte nun ruhig aber mit Schärfe dar, daß der eben angedeutete Vor⸗ ſchlag Frankreichs: der erſte gegen die poli⸗ tiſche Exiſtenz und Unabhängigkeit Straß⸗ burgs geführte Anſchlag ſei. Als er geendet, erhob ſich Günzer. Sein Geſicht war dabei ſo ſpiegelglatt und ruhig lächelnd, als ob gar nichts vorgefallen. Er tadelte entſchieden Ob⸗ rechts Aeußerung, ſprach lange in ſchönen und ge⸗ wählten Phraſen von dem Hochgefühle ächten Pa⸗ triotismus, kam dann allmälig darauf, wie nöthig es aber doch ſei, gute Nachbarſchaft mit dem mäch⸗ tigen Frankreich zu halten... und wie ja Lud⸗ wig XIV. nur und allein Straßburgs und Deutſchlands Glück, Wohlfahrt und Frei⸗ heit wolle. Bei dieſer wiederholten ſchmeichleriſchen Anprei⸗ ſung der Regierung Ludwigs XIV. fing es aber in des Syndicus Bruſt wieder zu kochen an. Seine Augen blitzten, ſeine Geſichtsmuskeln zuckten und als er ſich erhob, glich er— ſeiner Jahre ungeach⸗ tet— einem Jünglinge, der kampfesmuthig in die Arena tritt. „Wie?!“— rief er—„wagt man hier, An⸗ geſichts der Geſchichte, Straßburg's Sicherheit, Frankreich gegenüber, zu bevorworten? wagt man hier von dem Herrſcher Frankreichs als einem Beſchützer deutſcher Wohlfahrt und deut⸗ ſcher Freiheit zu ſprechen?... Bin ich ge⸗ nöthigt an den Raub der Bisthümer Metz, Tull und Verdun zu erinnern?!“ „Zu mächtig, zu allgewaltig greift dies, mit Liſt, Verrath, Blut und Thränen geſchriebene Stück der Geſchichte in unſere eigenen Verhältniſſe ein, als daß ich darüber in dieſem ernſten Momente ſchwei⸗ gen dürfte!“ „Erinnert Euch, hochedle und hochweiſe Herren, — Väter der Stadt— erinnert Euch daran, wie Frankreich ſich damals benommen. Und was es da⸗ mals gethan, wird es auch heute thun, wenn wir 3„ ſchwach und blind ſind; denn.. Frankreichs Er⸗ oberungs- und Vergrößerungs⸗Politik hat und behält für alle Zeiten nur Eines im Auge, und das iſt das Hinausrücken ſeiner Gränzen... bis an den Rhein.“ „Schaut doch zurück, wohledle Herren! Das Herzogthum Lothringen war die äußerſte deutſche Provinz. Dies Land, früher ein Königreich und von ſeinem König Lothar, Sohn des Kaiſers Lothar, Lothringen benannt, war nach deſſen Tode, wo es an Ludwig den Deutſchen fiel, ein fortdauernder Gegenſtand des Streites zwiſchen den fränkiſchen und deutſchen Königen, bis endlich Otto I. es unter ſeine Gewalt brachte und dem Reiche als ein Lehn einverleibte. Die lothringiſchen Herzöge waren alſo deutſche Vaſallen und Reichsfürſten und bei der Errichtung der Reichskreiſe von Maximilian wurde ihr Fürſtenthum zum oberrheiniſchen Kreiſe gerech⸗ net. Seine damaligen Gränzen gingen im Norden an Luxemburg und das Erzbisthum Trier, gegen Oſten an das Elſaß und das Herzogthum Zweibrücken, gegen Süden an die Freigrafſchaft, gegen Weſten an die Champagne und das Herzogthum Bar. Die Hauptſtadt war Nanzig(Nancy) und in den Be⸗ zirk gehörten auch die drei Bisthümer Metz, Tull und Verdun. Deren Biſchöfe führten den Titel Fürſten des heiligen römiſch⸗deutſchen Reichs, die von Tull und Verdun nannten ſich Grafen, und alle erhielten vom Kaiſer die Inveſtitur. Die Metropolitankirche war Trier. Die Herzoge von Lothringen hatten keine Souveränetät über dieſe Städte, nur über Tull übten ſie eine Schirm⸗Schutz⸗ gerechtigkeit aus, womit ſie ſich von den Kaiſern belehnen ließen und wofür die Stadt 1000 bairiſche Franken jährlich zahlte. Sonſt waren dieſe Städte freie deutſche Reichsſtädte, die allein die Oberherrſchaft des Kaiſers und in Rechts⸗ ſachen die Competenz der kaiſerlichen Kammer in Speier anerkannten. Tull hieß im Lande die Heilige, weil es Biſchöfe gehabt, die ſich durch ihre Heiligkeit hervorgethan,— Verdun die Edle, weil dieſer Biſchofſitz ſeit undenklicher Zeit faſt beſtändig von Prinzen, oder doch von ſonderlich an⸗ geſehenen Prälaten beſeſſen worden,— und Metz, die Reiche, weil es große Einkünfte bezog. Ueberhaupt war Metz ſchon der Größe nach die bedeutendſte Stadt und als Gränzfeſtung von doppelter Wichtig⸗ keit. Die deutſchen Kaiſer lebten immer viel in Metz, beſonders Karl IV., der hier im Jahre 1356 den Reichstag hielt, auf welchem die berühmte goldne Bulle zu Ende gebracht und öffentlich bekannt ge⸗ ½ 56— macht wurde. Dies geſchah' im ſchönſten Ge— pränge der alten deutſchen Kaiſerpracht und Majeſtät. Auch die Bürgerſchaft zeigte immer gute deutſche Geſinnung und viele Anhänglichkeit an die Gebräuche und Sprache des Vaterlandes. Wenn ſie unterlag und uns verloren ging, ſo gelang es allein der Lift und Uebermacht des Feindes und unſerer Schwäche und Nochgiebigkeit.“ „Auch damals war es ja wie heute!... auch damals gelüſtete es einen mächtigen Herrſcher Frank⸗ reichs, Heinrich II., nach den ſchönen umliegenden deutſchen Gauen;— auch damals ſchon ſandte Frankreich ſeine lüſternen Blicke bis nach dem Rhein;... aber auch damals ſchon gebrauchte man dieſelbe Liſt wie heute!“ „Heinrich II., Frankreichs König— o Wunder über Wunder— trat als ein Beſchützer und Retter der deutſchen Wohlfahrt und Frei⸗ heit auf!“ „Ganz uneigennützig, ganz edel!... nur brach er plötzlich, um dem ſchönen Lothringen die rechte Freiheit zu bringen, mit 25,000 Mann Fußvolk und 10,000 Reiter, die unter dem Befehle des Con⸗ netable von Montmorency ſtanden, in Lothringen ein,.. nahm Tull und Verdun und rückte vor Nancy.“ —————————— —————— 6 Günzer und ſeine Freunde erblaßten; der Syn⸗ dicus aber ließ ſich nicht ſtören. „Wie aber“— fuhr er mit finſterer Stirne und blitzenden Augen fort—„wie aber benahm ſich nun Frankreich's König, Heinrich IH., der Auf⸗ richter deutſcher Freiheit, ſobald er deutſches Gebiet betreten?“ „Er trat ſein— wie er ſagte: uneigennützi⸗ ges Werk der Befreiung... mit dem Bruch beſchworener Verträge, mit Gewaltthaten und den empörendſten Treuloſigkeiten an!“ „Warum auch nicht? das ſchöne Lothringen lag ja ſo bequem am Wege... ſo bequem... wie jetzt Straßburg... wie vielleicht in ſpäteren Zeiten das fromme Trier, das goldene Mainz, das herrliche Cöln!“ „Das kleine Land war dabei ſo unvermögend zum Widerſtande... ſo unvermögend... faſt faſt wie jetzt eine andere bedrohte Stadt!“ „Man beſchloß daher im Rathe des großen Kö⸗ nigs von Fronkreich— ich meine Heinrich I. den uneigennützigen Beſchützer deutſcher Wohl⸗ fahrt und Freiheit,— man beſchloß im Rathe dieſes großen Königs“.. Günzer ſprang hier empor und wollte reden.. 66 aber der präſidirende Ammeiſter winkte ihm zu ſchweigen. „Ich berichte geſchichtliche Thatſachen!“— ſagte Syndicus Frantz, nicht ohne ſchneidende Ironie, und fuhr fort: „Man beſchloß daher im Rathe dieſes großen Königs vor allen Dingen: die Abſetzung der ange⸗ ſtammten Herzogin⸗Regentin. Und ſo geſchah es.“ „Der Herzogin Mutter wurde, ungeachtet ihrer Proteſtation, die Regierung entzogen, der junge Her⸗ zog Carl nach Paris abgeführt und nach Nanzig eine Beſatzung von 6000 Mann gelegt. Alſo kam Lothringen ganz in Abhängigkeit von Frankreich,— wo aber blieb die deutſche Freiheit?“ Frantz hielt inne... Alles ſchwieg erſchüttert. „Heinrich begab ſich nunmehr zu ſeinem Heere“ — fuhr der Syndicus fort—„das in einer wei⸗ ten Ebene vor Metz lagerte. Dieſe Stadt, ſchon aus alter Zeit her ein feſter Platz, an dem mancher An⸗ griff geſcheitert war, bedurfte nur einer guten Ver⸗ theidigung, um ſich bei der damals noch üblichen Kriegsführung längere Zeit auch gegen einen ſo zahlreichen Feind zu halten. Die Bürgerſchaft zeigte, trotz der nahen Gefahr und der Entfernung von jeder Hülfe, viele Entſchloſſenheit zu ernſthaftem Widerſtand. Franzöſiſcher Seits mochte man denſel⸗ ½ 94 ben fürchten, und wiewohl an der Spitze einer Ar⸗ mee von 35,000 Mann zog der König doch vor, ſtatt über Blut und Leichen, ſich über Verrath und Hinterliſt eine Brücke in die Stadt zu bauen. Car⸗ dinal Robert von Lenancourt, für den Car⸗ dinalshut und den noch zukünftigen Lohn der Be⸗ ſtechung ein unterwürfiger Knecht Frankreichs, ſaß damals auf dem Biſchofsſtuhl in Metz... hört, meine Herren,— ſaß damals auf dem Biſchofs⸗ ſtuhl von Metz. Wie er ſelbſt Creatur in fremdem Solde, entſchädigte er ſich für eignen Sklavendienſt durch die Gönnerſchaft, welche er in gleicher Weiſe auf Untergebene übte. So gewann er zwei angeſe⸗ hene Patrizier, Robert und Caspar von Heu, für ſeine Pläne. Ihr Einfluß, unterſtützt durch franzöſiſches Gold, machte mehrere obrig⸗ keitliche Perſonen in ihren Pflichten wan⸗ kend und der Sache des Vaterlandes ab⸗ trünnig.“ „Während dergeſtalt verderbliche Spaltungen in der Stadt entſtanden, indem die eine, zwar geringe, aber einflußreiche Parthei ſich für den König, die andere, zahlreiche, aber unangeſehene Parthei, ſich für den Kaiſer erklärte, wurde beſchloſſen, eine Geſandt⸗ ſchaft an den Oberbefehlshaber der franzöſiſchen Truppen, den Connetable von Montmorency, abzu— ſchicken. Dieſelbe überbrachte ihm das Anerbieten der Bürgerſchaft, ſeinen Soldaten Lebensmittel zu liefern und ſogar der Perſon des Königs mit einigen aus ſeinem Gefolge, wohlverſtanden, wenn dieſe Beglei⸗ tung gering ſei, den Durchzug durch ihre Stadt zu geſtatten. Der Connetable antwortete:„ihre Aner⸗ bieten ſeien ſo unzuläſſig, daß er ſich ſcheue, ſie nur dem Könige vorzutragen, übrigens kenne er wohl den Zuſtand ihrer Stadt und das, was ſie für den Kai⸗ ſer gethan hätten; der König führe die Schlüſſel zu den Oertern bei ſich, in welche er Eingang ſich ver⸗ ſchaffen wolle; es ſei ihre Sorge, ihre Stadt wohl zu ſchützen.“ Etwas eingeſchüchtert durch dieſe dro⸗ hende Sprache, kehrten die Geſandten zurück.“ „Darauf rückte der Connetable hart vor die Thore der Stadt. Man glaubte, er würde die Be⸗ lagerung beginnen, oder einen Sturm auf die Mauern wagen. Statt deſſen ſandte er zwei Hauptleute, Bour⸗ dillon und Tavannes, an den Magiſtrat mit der Anzeige, daß er gekommen ſei, um die Armee des Königs durch die Stadt zu führen, in der Abſicht, ſie, ohne dieſelbe darin einzuquartieren, auf einer Wieſe, welche jenſeits lag, ein Lager beziehen zu laſſen. Zugleich bat er, man möge dem König mit ſeiner gewöhnlichen Garde Quartier in der Stadt — geben, damit er daſelbſt ſeine Anordnungen über die Vertheilung der Lebensmittel treffe.“ „Dieſem Antrage zu willfahren, wie die franzö⸗ ſiſche Parthei auf der Stelle verlangte, widerſetzte ſich der größte Theil der Bürgerſchaft. Man ſuchte Zeit zu gewinnen, um Truppen herbeizuziehen und die Stadt in beſſeren Vertheidigungszuſtand zu ſetzen, bis daß der Kaiſer Hülfe ſchicke. Die Abgeſandten wurden mit einer unbeſtimmten Erklärung hinge⸗ halten.“ „Endlich vereinigten ſich, auf Anſtiften des Car⸗ dinals und Biſchofs von Lenancourt, mehrere von den beſtochenen Patriziern und gingen, ohne Auftrag und Wiſſen der übrigen Bürgerſchaft, zum Conne⸗ table, einleitende Verabredung mit ihm zu treffen. Dieſer, ohne lange ihre Rede abzuwarten, empfing ſie wie die beſten Freunde, wie Boten der Obvrigkeit, welche ihm die Genehmigung ſeines Antrags über⸗ brachten. Er bewies ihnen mit vieler Artigkeit, allein könne er doch unmöglich ſeinen Einzug halten, aber er wolle ſich nur von einem Fähnlein der Garde und den Cavalieren ſeines Stabs begleiten laſſen.“ und wirklich lic der ehrliche Man nur ein Fähnlein aufſiten,— aber ein Fähnlein ganz eigner Art, ein Fähnlein, wie er es ſich zu dieſer Helden⸗ that auserleſen. Aus fünfen eins zu machen, war — ihm ein Leichtes, und die einfältigen Metzer be⸗ merkten ſolch' arithmetiſchen Fchler nicht früher, als bis ſie die Rechnung ſchon bezahlt hatten. 1500 Corcelets délite rückten, und zwar ohne Schlacht⸗ linie, um ihre feindliche Abſicht und ihre Zahl zu verſtecken, vor die ſorgloſe Stadt, welche keine Ahnung hatte, daß ihre vielhundertjährige Freiheit ohne Schwertſtreich dem fremden Feinde zum Opfer falle. Selbſt den verrätheriſchen Abgeordneten dünkte dies Verfahren allzu eigenmächtig und gewaltſam; ſie beſtanden darauf, zuvor der Obrigkeit Antwort zu bringen und ſie wenigſtens vorzubereiten. Doch der Connetable, der für ſolche Einreden außerordentlich ſchwer hörte, unterließ nicht, ſie mit den ſchönſten Schmeichelworten ihrer loyalen Bürgerpflichten zu überhäufen, freute ſich, in ihrer Geſellſchaft nach Metz zu kommen, und ſtellte ihnen vor, wie viel Muße ſie unterwegs hätten, ſich über ihre Angele⸗ genheiten zu beſprechen. Die Pferde wurden vorge⸗ führt, der Connetable beſtieg das ſeine und lud die Herren mit höflicher Verneigung zur Begleitung ein. Sie mußten folgen, ob freiwillig oder unfreiwillig.“ „Als ſie nun bis an die Thore gelangten, wohin ſich ſeltſamerweiſe ein großer Theil des Heeres nach⸗ gedrängt hatte, erſtaunte der Connetable über ſolchen Zudrang und bewies erſchrecklichen Unwillen. Er machte ſogar Miene, als wolle er, mit Ausnahme der Garde, Allen befehlen, ſich augenblicklich zurück⸗ zuziehen. Während dieſer Komödie aber ſchlichen meh⸗ rere Cavaliere wie Katzen durch die halboffene Pforte und ihnen nach die Soldaten der Garde. Mit Blitzes⸗ ſchnelle war das Thor von den Franzoſen beſetzt. Zuletzt ganz, wie aus den Wolken gefallen, erſchien der Herr von Palvux, an der Spitze ſeiner 2000 leichten Reiter. Der Connetable, der ſich unterdeß von der Entrüſtung erholt hatte, ſagte, als er bei dem Anblick des Ritters die Ueberraſchung der Ab⸗ geordneten wahrnahm:„Meine Herren, Sie können dieſe Leute recht wohl mit uns eintreten laſſen, ich werde Sorge tragen, daß ſie ſich augenblicklich wie⸗ der entfernen, um dem König über den Stand Ihrer Magazine Nachricht zu geben.“ Nach dieſem Vorfalle fielen alle Schranken; ſoweit ſie zulangte, drang die ganze Armee wie in eine eroberte Stadt hinein, und was nicht Platz fand, quartierte ſich in die umlie⸗ genden Dörfer.“ „So fiel Metz,— eine der ſtärkſten Gränzfeſtungen Deutſchlands ohne einen Tropfen Blut, ohne einen Schuß Pulver. Ueber den Antheil der Schuld des Magiſtrats lau⸗ ten die Angaben verſchieden, in jedem Falle aber — waren ſeine Geſinnungen beſtochen und ſein Benehmen äußerſt zweideutig.“ „Wie?“— rief hier Günzer, bleich wie der Tod und vor Wuth zitternd—„ſoll der Magiſtrat dort die Schuld tragen, wo Gewalt die Stadt nahm?“ „Die Chronik von Metz“— entgegnete Syndi⸗ cus Frantz ruhig—„erklärt ihn wenigſtens gerade⸗ zu im Einverſtändniſſe mit den Franzoſen. Es wäre dies allerdings eine Schande und eine Schmach... es wäre Verrath, niederträchtiger Verrath geweſen, auf dem der Stadt und des Va⸗ terlandes Fluch auf ewige Zeiten ruhen müßte! Aber dieſen Verrath krönte noch eine andere Schand⸗ that: der Connetable, nunmehr unumſchränkter Herr der Stadt, belohnte die Demuth und Unterwürfig⸗ keit durchaus nicht mit Milde und Schonung. Sein nächſtes Vorhaben war, den patriotiſchen Theil des Magiſtrats zu entfernen. Zu dieſem Zweck legte er ſich plötzlich auf das Krankenbett, indem er das be⸗ denklichſte Gichtleiden vorgab, das ihn nöthige, an den Tod und ſein Teſtament zu denken, und berief als Zeugen dazu die Magiſtratsperſonen zu ſich, welche man ihm als feindſelig bezeichnet hatte. So⸗ bald dieſe aber verſammelt waren, ſprang er vom Bette auf,... und durchbohrte den Schöp⸗ penälteſten. Zugleich ſtürzten ſich ſeine — Garden über die Uebrigen und mor⸗ deten ſie!“ Syndicus Frantz ſchwieg. Todtenſtille herrſchte im Saal. Es war Keiner hier, der ſich nicht tief erſchüttert fühlte. An manches Herz klopfte das Gewiſſen mit eiſerner Hand. Nach Minuten peinlichen Schweigens fuhr der Syndicus fort: „Jetzt kam Straßburg an die Reihe. Frankreich's erhabener Herrſcher, Heinrich II., im Siegestaumel über den unblutigen Erfolg ſeiner tapfern Waffen, verſuchte nun auch dem Elſaß wohlwollende, unei⸗ gennützige Hülfe zuzuwenden. Er ſchickte Geſandte gegen Hagenau und Straßburg, und ließ um Ge⸗ treide und Zufuhr bitten, und damit er ja ſogleich am Platze wäre, rückte er am 3. Mai mit dem gan⸗ zen Heere durch Lothringen bis an das nahe Elſaß⸗ zabern vor. Sein Plan war unverkennbar, ſich das linke Rheinufer zu unterwerfen und über den Fluß in das InnereDeutſch⸗ lands einzufallen. Schon in Saarbrück empfin⸗ gen ihn die Abgeordneten Straßburgs und boten eine ziemliche Quantität Wein und Getreide an. Sie wurden damit als zu geringen Gaben ihrer Unterthänigkeit abgewieſen. Der König wiederholte Der Raub Straßburgs II. 7 —— ſeine Geſandtſchaft; zwei Herren vom höchſten Adel kamen nach Straßburg. Sie ſchilderten mit beredter Zunge die große Zuneigung, welche der König gegen die deutſche Nation trüge, und mit was für Bedenken er ſich in die gegen⸗ wärtige Kriegsrüſtung begeben, um die unter⸗ drückte„deutſche Freiheit“ zu retten. Dann baten ſie in ſchöner Rede, dem Kriegsvolke, das Allerlei bedürfe, zu erlauben, Eines oder das Andere in der Stadt für ihr Geld zu kaufen, ſowie den Handwerkern, ihre Waaren in's Lager zu brin⸗ gen und feil zu bieten. Der Rath gab zur Antwort: man pflege in ſo wichtigen Sachen nichts zu be⸗ ſchließen, ohne des ganzen großen Raths Bewilligung; wenn ſie die Angelegenheit berathſchlagt, wollten ſie ihre Meinung dem Könige erklären. Dies geſchah am anderen Tage. Die Stadt erbot ſich zu einer ver⸗ mehrten Lieferung, verweigerte aber hartnäckig den Truppen den Einlaß. Auf dieſe Erklärung gerieth der Connetable, welcher, wie ſeither, das Commando führte, in großen Ungeſtüm und hielt den Geſandten eindringlich vor,„wie ihre Mitbürger doch verblen⸗ det ſein müßten, daß ſie nicht zwiſchen den Wohl⸗ thaten des Königs und dem Unfug des Kaiſers un⸗ terſcheiden könnten; ſie ſollten nur ſelbſt mit ſeinem Gebieter reden, der ihnen ganz daſſelbe beſtätigen werde.“ Die Audienz bei dem Könige, der wieder⸗ holt die Rettung„der deutſchen Freiheit“ betheuerte, führte zu keinem Vergleich und die Geſandten kehr⸗ ten unverrichteter Sache nach Straßburg zurück. Hier traf man nunmehr rüſtige Anſtalt zu lebhaf⸗ tem Widerſtand. Der Ueberfall von Lothringen und den Bisthümern hatte die Vorſicht geweckt, man war auf ſeiner Hut. In aller Eile wurden 5000 Mann Landsknechte als Beſatzung in die Stadt gezogen, Gebäude, Gärten und Bäume, außerhalb der Stadt⸗ mauern, ſowie Alles, was die Ausſicht verhinderte, oder dem Feinde zum Vortheil gereichen mochte, nie⸗ dergeriſſen und, wo es nöthig, neue Feſtungswerke aufgeführt. Dieſe ernſten Vorbereitungen geſchahen den Franzoſen recht ungelegen, die unter dem Schein guter Freundſchaft, womit ſie Metz überrumpelt hat⸗ ten, auch Straßburg zu bethören glaubten. Da ſie aber ſahen, daß die Stadt feſt, die Bür⸗ gerſchaft zu tapfrer Gegenwehr gerüſtet und ihr weder durch Liſt und Betrug, noch durch gute Worte oder durch Dro⸗ hungen und Gewalt beizukommen war, ſo fürchteten ſie in einem ritterlichen Kampfe den un— blutigen Sieg ihrer Waffen auf's Spiel zu ſetzen, brachen ihr Lager bei Elſaßzabern ab und zogen ſich nach Hagenau und von da nach Weißenburg zurück, — 5— nachdem ſie zuvor ihre Roſſe im Rhein hatten trin⸗ ken laſſen.“ „So entging Stroßburg, unſere geliebte Vater⸗ ſtadt, damals durch zeitige Vorſicht, durch Muth und energiſches Auftreten dem Schickſale der Schweſterſtädte.. der Beglückung des großen franzöſiſchen Königs, der ſo uneigennützig dem ſchö⸗ nen Lothringen die Freiheit brachte: das heißt.. der es raubte und den letzten Funken ſeiner Freiheit mit Hohn zertrat.“ „Merket dabei wohl, hochedle Herrn, Metz. verkaufte ein Würdeträger der Kirche um ſchnöden Lohn an den Erbfeind ſeines Vaterlandes!... Möge Straßburg nie ſolche Verräther finden!“ Syndicus Frantz ſchwieg abermals; die tiefe Erſchütterung aber, die ſeine Rede hinterlaſſen, machte ſich im ganzen Saale geltend. Freilich bebten die Hoalben und die Aengſtlichen vor deren Folgen, wenn ſie zu den Ohren des allmächtigen Miniſters oder Ludwig's XIV. ſelbſt kommen ſollte;— frei⸗ üch kochte in gar manchem Herzen Gift und Galle über den muthigen kühnen Sprecher, der ihren im Dunkel dahinſchleichenden Wegen auf der Spur zu ſein ſchien und wohl im Stande war, das Aeußerſte herbeizuführen;— dagegen aber jauchzte auch die — 101— Parthei der Patrioten um ſo freudiger und begei⸗ ſterter auf, und da ſie— durch den Eindruck den die Rede des Syndicus gemacht— für den Augen⸗ blick moraliſch das Uebergewicht erlangt hatte, ver⸗ ſtummte jeder Widerſpruch. In der That bedurfte es längerer Zeit, bis ſich die allgemeine Aufregung gelegt und die Berathung fortgeſetzt werden konnte. Ammeiſter Dominique Dietrich und der Stett⸗ meiſter von Zedlitz ſprachen jetzt nacheinander. Beide konnten, was die geſchichtlichen Thatſachen betrifft, dem Syndicus nur Recht geben, verwahrten ſich aber auf das Feierlichſte gegen die Anſicht, als befinde ſich die Vaterſtadt jetzt in einer ähnlichen Lage, wie damals. Zu jenen Zeiten— meinten ſie— habe noch rohe Gewalt geherrſcht, die könne ein großer König, wie Ludwig XIV., nur verachten; auch ſeien ſie überzeugt, daß ſeine Majeſtät von Frankreich es wirklich gut mit Straßburg meine. Man möge da⸗ her den König und ſeine Miniſter doch ja nicht durch eine ſolch' übertriebene Auffaſſung reizen. Be⸗ ruhigung, nicht Aufregung, ſei jetzt nöthig, und der Congreß zu Frankfurt werde die Sache ſchon zu bei⸗ derſeitiger Befriedigung ordnen. Uebrigens würden Deutſchland und die deutſchen Fürſten im Falle der Noth der bedrängten Stadt ſchon zu Hülfe eilen. Syndicus Frantz lächelte trüb. Ach! gerade dieſe Schwäche, dieſe Halbheit, dies blinde Vertrauen waren ja die Bundesgenoſſen der Verrätherei, die, ſeiner Ueberzeugung nach, im Geheimen ſchon ihr Spiel mitten im Schvoße des Magiſtrates trieb. „Was ſoll ein Congreß!“— rief er—„wo es zu handeln gilt? Sie werden uns durch ſchöne Reden betäuben und ſicher zu machen ſuchen, und... wenn wir ſo thörigt ſind, die Augen nach Frankfurt zu richten... uns die Schlinge über den Kopf werfen.“ „Mäßigung! Mäßigung!“— rief Herr von Zedlitz, dem die Angſt auf dem Geſichte ſtand und große Schweißtropfen austrieb—„was will denn Straßburg, das verlaſſene Straßburg, dem mächtigen Frankreich gegenüber machen? Geben wir, was den Lehnseid für die Vogteien betrifft, nach“.. „Um des Himmels Willen nicht!“— rief der Syndicus—„das hieße Frankreich den Schlüſſel der Stadt und damit jenen von ganz Deutſchland überliefern!“ „Das iſt Uebertreibung!“— rief Obrecht. „Keinesweges!“— entgegnete Frantz.— —— „Wer wird wohl glauben, daß ein Habgieriger ſich an dem Schlüſſel eines Geldkaſtens begnügen werde, wenn man ihm denſelben gibt. Ich denke viel⸗ mehr, er wird ſich bei der erſten beſten Gelegenheit über den Geldkaſten ſelbſt hermachen und das beſte herausfiſchen.“ „Deutſchlands Fürſten aber werden vor dem Kaſten mit gezogenem Schwerte Wache halten!“— fiel hier Günzer ein.—„Warum dies ewige Auf⸗ ſtacheln?“ „Deutſchlands Fürſten?“— rief der Syndicus mit finſterer Miene und ſchmerzbewegter Stimme. —„Ol ſie haben uns kein gutes Beiſpiel gegeben. Wehe dem Vaterlande, wenn es ihnen traut!“ „Das iſt zuviel!“— ſchallte es aus den Rei⸗ hen der Günzer'ſchen und Zedlitz'ſchen Partheien. „Zuviel?“— wiederholte der Syndicus—„muß ich auch hier die Geſchichte für mich ſprechen laſſen? Liegt uns nicht ein ſchlagendes Beiſpiel nahe genug eine Thatſache, die wir alle erlebt haben? Der unerwartete Tod Kaiſer Ferdinand's III.— der 23. Mai 1657— eröffnete der franzöſiſchen Politik einen ganz neuen Spielraum. Es ſollte der Verſuch wiederholt werden, dem öſterreichiſchen Hauſe die kai⸗ ſerliche Krone zu entziehen und ſie wo möglich dem Könige von Frankreich zuzuwenden. Eine ebenſo glän⸗ — 104— zende Geſandtſchaft, wie einſt nach Münſter, wurde für den Wahltag nach Frankfurt abgeſandt und Wagen voll Geld folgten ihr auf dem Fuße.„Siehe, ſo viel will ich dir geben, wenn du vor mir nieder⸗ fällſt und mich anbeteſt,“ dieſe Worte ſagte der Ge⸗ ſandte, Marſchall von Grammont, dem einen und dem aonderen der deutſchen Fürſten. Und... mit 110,000 Reichsthalern und einem Jahrgeld von 40,000 Reichsthalern auf drei Jahre wurde zuerſt der neue Kurfürſt von der Pfalz erkauft und verſprach dafür Alles zu thun, was die Ge⸗ ſandten von ihm im Namen des Königs verlangen würden. Ebenſo war der Kurfürſt von Cöln ein Mann ganz nach dem Herzen der Franzoſen. Auch der Kurfürſt von Mainz, deſſen Vorfahren ſonſt ſtets treu am Vaterlande gehangen und den glänzendſten Verſuchungen unzugänglich geblieben waren, wankte in ſeiner Pflicht. Baiern ſtand natürlich, wie immer, auf franzöſiſcher Seite.“ „Allein ſo tief auch die Würde der Nation be⸗ reits geſunken war, der Gedanke eines franzöſiſchen Kaiſers empörte doch die Gemüther. Alle Bemühun⸗ gen der franzöſiſchen Unterhändler ſcheiterten und Leopold, der zweite Sohn Ferdinand's III., wurde zum deutſchen Kaiſer erkoren.“ — 105— „Und wie?... hat man in dieſem Saale den rheiniſchen Bund vergeſſen?“ „Um den franzöſiſchen Einfluß deſto beſſer zu begründen und zu legaliſiren, wurde, insbeſondere durch die thätige Vermittlung des Kurfürſten von Mainz am 18. Auguſt 1658 der ſogenannte rheiniſche Bund geſchloſ⸗ ſen. Die drei geiſtlichen Kurfürſten, der Biſchof von Münſter, der König von Schweden, als Herzog von Bremen und Verden, der Herzog von Neuburg, die Häuſer Braunſchweig und der Landgraf von Heſſen verbanden ſich mit dem König von Frank⸗ reich zur Erhaltung des weſtphäliſchen Friedens und zu gegenſeitiger Vertheidigung; namentlich mach⸗ ten die verbündeten Fürſten ſich anheiſchig, daß keine Truppen gegen Frankreich durch ihre Länder ziehen ſollten. Anſtatt offenbare Gewalt zu gebrauchen, wie während des 30 jährigen Kriegs, ſchien dem Kö⸗ nig von Frankreich ein kürzerer Weg zu ſein, einige deutſche und beſonders ſolche Fürſten, die dem Rhein nahe waren, durch einen Bund und durch einen jährlichen Sold an ſich zu ketten, überhaupt den Schein anzu⸗ nehmen, als wäre er für Deutſchland äußerſt be⸗ ſorgt, in den Streitigkeiten der Fürſten gern den Friedensſtifter zu machen, Denjenigen, die es ver⸗ — 106— langten, mit Geld und Soldaten ohne Verzug bei⸗ zuſtehn und ſich überhaupt ſo zu betragen, daß die, ſo eine Hülfe nöthig haben, ſich überzeugt halten müſſen, die Freundſchaft Frankreichs gewähre ihnen zuverläſſigeren Schutz, als der Kaiſer und die Ge⸗ ſetze des Reichs. Daß auf dieſe Weiſe der gerade Weg zum Umſturz der deutſchen Freiheit gebahnt wurde, muß Jedermann ein⸗ ſehen, wer nicht ſeinen Verſtand verloren hat.“ „Das iſt es,“— rief Frantz mit flammenden Augen—„was wir von den Fürſten zu er⸗ warten haben! Ein Stückchen franzöſiſcher Gunſt, einen kleinen Vortheil für ſich... und ſie wenden uns den Rücken... ja! ſie verrathen ihr eigenes Volk und Vaterland!... Nein, nein! nicht auf die Fürſten laßt uns vertrauen, ſondern auf das Volk!“ „Es iſt eine rühmenswerthe Erſcheinung, daß in jener Zeit des Verrathes, wo insbeſondere die deut⸗ ſchen Fürſten ſich vor dem Erbfeinde der Nation zu ſchmachvollem Dienſt erniedrigten, die treue Liebe zum Vaterlande nur noch in den Reichsſtädten bei dem Bürgerthum Schutz und Zuflucht fand. Selbſt Straßburg, das, losgetrennt von ſeiner Provinz und von Kaiſer und Reich, bereits als verlorener Poſten betrachtet, rings um ſeine Mauern das franzöſiſche — 107— Feldzeichen ſah, hat in der überwiegenden Mehrheit ſeiner Bürger bis heute, bei deutſch nationaler Ge⸗ ſinnung feſt ausgehalten.“ „Die große Mehrzahl der Bürger Straßburg's iſt durchaus deutſch und haßt die Franzoſen, die ſich ja all' überall im Elſaß als Feinde des Vaterlandes und als Unterdrücker gezeigt haben. Stützen wir uns daher auf unſer Recht, auf Mannesmuth und die Bürgerſchaft unſerer guten Vaterſtadt, ſie wird, im Falle der Noth, Muth und Ausdauer bis auf das Arußerſte beweiſen! Treten wir endlich feſt und ent⸗ ſchieden auf— jetzt, da es noch Zeit iſt. Denken wir an Metz, Tull und Verdun!“ „Mit jenem vertragswidrigen, allem Völkerrecht in das Antlitz ſchlagenden Raub deutſcher Reichs⸗ ſtädte und Reichslehen begann die Ländergier des benachbarten Frankreichs an ſeinen öſtlichen Gränzen ſich auf eine Weiſe auszudehnen, daß bald auf der ganzen Länge des deutſchen Gebietes keine Stelle zu finden ſein wird, wo ſeine Integrität ungefährdet geblieben wäre. Die innere Conſolidirung des fran⸗ zöſiſchen Staates gibt ihm dann doppelte Kraft nach Außen, die Schwäche des deutſchen Reiches in ſeiner innern Politit macht es gegen den Feind von Außen wehrlos. Freunde! Collegen! Väter der Stadt! ſo weit die Geſchichte reicht, iſt das Betragen der Fran⸗ . — 108— zoſen gegen Deutſchland ſich immer gleich, das heißt ein feindſeliges, geweſen, die geographiſche Lage der beiden Länder, die unmittelbar an einander ſtoßen, an mehreren Punkten faſt in einander fließen, mußte noth⸗ wendig feindliche Berührungen veranlaſſen. Frank⸗ reich trachtete von jeher darnach, deutſche Gebietstheile an ſich zu reißen, und die „natürliche Rheingränze“ iſt ein alter Einfall unſrer Nachbarn. Von natürlichen Gränzen kann aber zwiſchen Staaten ſo wenig die Rede ſein, als zwiſchen Individuen; wenn ſie ſich gegenſeitig in einer gewiſſen Perſönlichkeit anerkennen, treten ſie in ein rechtliches Verhältniß ein, und hier bildet die Gränze nur ein rechtmäßiger Beſitz, es kann gleichgültig ſein, ob ein Strom oder eine ein⸗ gebildete Linie ſie bildet; wer das Recht nicht ehrt, den wird, wie ſchon Tacitus ſagt, auch ein Fluß nicht aufhalten. Zu allen Zeiten, aus denen geſchicht⸗ liche Denkmäler übrig ſind, haben dieſſeits des Rhei⸗ nes deutſche Stämme geſeſſen, er iſt niemals die natürliche Gränze zwiſchen Deutſchland und Gallien oder Deutſchland und Frankreich geweſen. Wo die deutſche Sprache und Sitte aufhören, wo der ger⸗ maniſche Geiſt um ſeine Geltung kommt,... dort beginnt das neue Land.“ „Der Zweck, den Frankreich im weſtphäliſchen — 109— Frieden zu erhalten ſuchte, war eine ſolche Auflöſung der Einheit in Deutſchland, eine ſolche Vernichtung aller alten Grundſätze und Begriffe, die es ihm leicht machen mußte, immer den Meiſter im Reiche zu ſpielen und den lang genährten Entwurf zu verwirk⸗ lichen, ſeinem Könige endlich die kaiſerliche Krone zu verſchaffen. Deswegen wurde der Grundſatz aufge⸗ ſtellt, daß alle deutſchen Fürſten ſouverain ſeien, daß ſie das Recht hätten über das Leben, die Güter und die Ehre ihrer Unterthanen, daß ſie zum Beiſtand fremder Mächte Truppen werben könn⸗ ten, daß die Fürſten und ſelbſt die Städte nach Be⸗ lieben unterhandeln und Bündniſſe ſchließen könnten. Durch ſolche heilloſe Grundſätze hoffte man die Fürſten zu gewinnen; mit beiden Händen, glaubte man, würden ſie zugreifen, um in ihrem Gebiete kleine Sultane zu werden, die Unter⸗ thanen ohne alle Scheu vor den Landſtänden, den Reichsgerichten, kaiſerlichen Kommiſſionen und Execu⸗ tionstruppen zu plagen und auszuſaugen, oder, wie es in der feinen, von Frankreich aufgebrachten Sprache diplomatiſcher Artigkeit lautete, nach allerhöchſteignen Anſichten zu beglücken. Sie würden, hoffte man, im⸗ mer bereit ſein, die ſchützende Hand anzunehmen, die Frankreich ihnen darbiete; es ſollte ihnen immer vor⸗ gehalten werden, ſie hätten kein andres Intereſſe, als ſich dicht an dieſe Macht anzuſchließen, die nichts weiter wünſche, als im Stande zu ſein, ihnen bei jeder Gelegenheit ſogleich zu Hülfe zu kommen; es ſ ei darum zum größten Vortheil Deutſch⸗ lands, wenn Frankreich die deutſchen Gränzlande beſitze; es wären deßwegen auch die Forderungen ſo äußerſt mäßig, nur das Elſaß verlange man, nur die Waldſtädte, nur Breiſach und Philippsburg mit den umliegenden Gegenden.“ „Alſo entwickelte ſich ein Zuſtand der Dinge, der das deutſche Reich ſeinem Weſen nach vernichtete, ſeine Kraft auflöſte, in Stücke brach und das heiligſte Gut des deutſchen Volkes, die freie ſtändiſche Verfaſſung verloren gab!“ „Und... o der Schmach! daß Deutſchland's Kaiſer, Fürſten und Volk auch jetzt wieder die Hände in den Schoos legen und dem Raube des Elſaſſes .. der bedrängten Lage Straßburg's unthätig zuſehen!“ „Bei dem Allmächtigen!“— rief hier in glühen⸗ dem Eifer der Syndicus—„das Herz zerſpringt nir faſt, daß ich Deutſchland nicht zurufen, nicht über alle ſeine Gauen hinaus die Worte ſchmettern kann: Deutſchland! du weites, großes ſchönes Vater⸗ land... raffe dich auf! ohne Krieg zu wol⸗ len, ohne Eroberungsſucht... aber um deine Gränzen zu ſchützen und mit feſter Hand zurückzunehmen, was man dir ge⸗ raubt!“ „Aber wehe dir!... wehe!... wenn du auch ferner die Hände müßig in den Schvos legſt: wiſſe . wiſſe Deutſchland... es iſt dein Verfall! Es handelt ſich hier von unveräußerlichen Rechten und Pflichten; deiner Trägheit aber fällt eine Strecke deutſchen Landes nach der anderen! Beginnt denn damit nicht auch der Abfall von aller politiſchen Einheit, von aller Thatkraft, von aller Energie? Wohin denn ſoll dieſe Thatloſigkeit führen?“ „O, meine Freunde, ich will es Euch ſagen, wo⸗ hin ſie führt: fährt Deutſchland ſo fort, ſo wird es ein armſeliges Conglomerat un⸗ gleichartiger Beſtandtheile, nie aber ein großes mächtiges Reich, das bei einem gleich⸗ förmigen Organismus einen reifen, kräftigen Staats⸗ körper bildet. Das einzelne Intereſſe wird der Ge⸗ ſammtheit den Vorrang ablaufen;— die Bande der Unterwürfigkeit gegen das kaiſerliche Oberhaupt wer⸗ den ſich mehr und mehr lockern; nid 56 alles Beſtreben der einzelnen Fürſten dahin gerichtet iſt, die eigene, wenn auch noch ſo kleine Macht, zur Unabhängigkeit zu erheben, ſo wird dadurch ſelbſt das ge⸗ meinſame Vaterland,. ja!... die deutſche Nationalität verloren gehen!“ „Mit Karl V. gab Deutſchland die erſte Rolle, welche es ſeither in der europäiſchen Politik beſaß, aus den Händen und hat ſie bis heute noch nicht zurückbekommen. Mit der Wegnahme von Metz, Tull und Verdun aber wurde das erſte Zeichen für die lange Reihe von Raub und Erpreſſung gegeben, die Deutſchland bis in unſere Zeit erduldete.. und o! ich ſehe es im Geiſte kommen!... noch erdulden wird!“ „Kaum eine Scholle Land von dem, was man ihm da und dort, im Norden, wie im Süden, im Oſten, wie im Weſten von ſeinen Gränzen entriß, hat es bis heute wieder bekommen. Auch Liev⸗ land, Eſthland, Kurland, Flandern, Bra⸗ band, Burgund und manche Schweizer⸗ ſtadt, ſie waren nach Urſprung, Sitte und Sprache deutſchen Stammes, und ſtanden, ſeitdem ein deutſches Reich be⸗ ſteht, nirgends anders als unter ſeinem Scepter.“ „Aber was helfen denn Worte?! Freunde!... Männer!... Väter der Stadt!.. laßt uns zu Thaten übergehen!“ „Auf uns, ihr Männer von Straßburg, auf — 113— uns hat das Vaterland, das in kurzer Zeit vielleicht ſchwer bedrängte, hart bedrohte, ſein Auge gerichtet. Der Mann— der ächte deutſche Mann— kennt keine Furcht, keine Halbheit, keine Engherzigkeit, kei⸗ nen Egoismus, er kennt vor Allem nicht die allzurückſichtsvollen Erwägungen und Bedenken, Kniffe und Pfiffe einer im Dunkelen ſchleichenden, dem Verrathe oft verwandten Politikl Gerade ausſchauend, mit Entſchiedenheit auf ſein Ziel losgehend, wohnt rückſichtsloſe unerſchütterliche Treue zum Vaterlande in ſeinem Herzen und neben dieſer... ein unbedingtes Vertrauen auf ſich ſelbſt, auf die eigene Kraft, auf ſeine Brüder und auf die große heilige Sache, die er vertritt!“ „Dieſe große heilige Sache iſt aber für uns die Erhaltung der Selbſtſtändigkeit und Freiheit unſerer Stadt. Treten wir für dieſe ein mit Gut und Blut, mit Leib und Leben; retten wir ſie, vetten wir uns, unſere Exiſtenz, unſere Mitbürger, unſere Wei⸗ ber und Kinder durch ein entſchiedenes Auftreten. Jede Halbheit, jedes Nachgeben und Ent⸗ gegenkommen führt in das Verderben. Das Rechtiſt für uns... ſei es auch der Muth! Straßburg ward ſchon einmal auf dieſe Weiſe gerettet... retten wir es wieder ſo. Zeigen wir dem getheilten, zerklüfteten, zerriſſenen Deutſch⸗ Der Raub Straßburgs II. 8 — 114— land, daß Bürgertreue und Vaterlandsliebe, geſtützt auf heilige unveräußerliche Rechte, auch dem mäch⸗ tigſten Fürſten der Welt zu trotzen vermögen. Dem Recht und der Dreue gehört zuletzt doch die Welt!— ihnen gehört zuletzt doch noch der Sieg!... und ſollten Uebermuth und Gewalt uns auch zertreten, ſo wollen wir uns unter den Trümmern der Stadt begraben und ſinkend dem deutſchen Vaterlande zurufen: wir ſterben für dich, ge⸗ liebtes Vaterland!... Verſteht es, Brüder, wie wir zu fallen... und der Sieg iſt uns... und Deutſchland bleibt groß, einig und frei für alle Zeiten!“ Syndieus Frantz ſchwieg; aber ſeine Worte hat⸗ ten in vielen Herzen gezündet. Selbſt manche der Halben und Schwachen, der Unentſchloſſenen und Furchtſamen glühte das Herz;... und als nun lauter jauchzender Zuruf von Seiten der patriotiſch Geſinnten dem würdigen Redner entgegenſchallte, miſchten auch ſie ihre Stimme darunter. Nur Günzer und ſeine Parthei ſchwiegen und ſchauten finſter darein. Aber der Stodt⸗ und Raths⸗ ſchreiber fürchtete doch nichts. denn.. er kannte ſeine Leute. Bis morgen war bei den Meiſten dieſer momen⸗ tane Enthuſiasmus verraucht.. und... die Uebrigen... waren erkauft! — 115— Aber heute mußte die Discuſſion um jeden Preis geſchloſſen werden. Günzer trat an den Präſidirenden heran. Nach einigen Minuten kündete der vorſitzende Ammeiſter an: daß die Rathsſitzung— der allzugroßen Auf⸗ regung wegen— für heute geſchloſſen ſei. Die Wichtigkeit des Gegenſtandes bedürfe einer voll⸗ ſtändig ruhigen Berathung, deren Fortſetzung morgen erfolgen ſolle. Ein diaboliſches Lächeln glitt über Günzers Züge. Er wußte. daß er geſiegt habe. 8* 1— Der Congreß zu Frankfurt. In nichts ſpricht ſich wohl der Jammer der damaligen rechtlichen und ſtaatlichen Verhältniſſe Deutſchlands entſchiedener und ſchärfer aus, als in der volksthümlichen Bezeichnung, die der großen Halle zu Regensburg wurde, in welcher der Reichs⸗ tag ſeit 1663 ſeinen beſtändigen Sitz hatte das Volk nannte ſie„den Saal der verlorenen Worte.“ Auch die Klagen der zehn Städte des Elſaßes über die von Frankreich erduldete Gewalt verſchollen in dieſem„Saal der verlorenen Worte“ wie in einer Wüſte, denn... mit der Fixirung des Reichstags zu einer immerwährenden Verſammlung ward die Ohnmacht Deutſchlands durch ſeine eigene oberſte Behörde gewiſſermaßen legitimirt. Mit tiefem Unwillen im Herzen und Schamroͤthe — 147— im Geſicht überblickt der deutſche Patriot dieſe Ge⸗ ſchichte des Regensburger Reichstages*), das demũ⸗ thigende Schauſpiel ſeiner glänzenden Erbärmlichkeit, ſeiner Unbehülflichkeit und Indolenz in allen großen Angelegenheiten und Nationalſachen,... dagegen aber— o Schmach und Erbärmlichkeit!— ſeines feierlichen Ernſtes, ſeiner unverdroſſenen Mühe in Erörterungen von Lappalien, zumal von leeren und kindiſchen Formalitäten und ſchnödem Rangſtreit. Wer ſollte es glauben, wer es für möglich hal⸗ ten!... als im Jahre 1663 die Türken ſiegreich ſchon in Mähren eindrangen, gelangte man über die Menge von Vorfragen, wie und in welcher Ordnung zu berathen ſei.. erſt binnen Jahresfriſt zur Hauptſache!! Ganz bezeichnend ſchrieb daher der am Reichs⸗ tage accreditirte franzöſiſche Geſandte ſeinem Könige: „von den deutſchen Fürſten ſei nichts zu fürchten, à cause de la lenteur des déliberations de empire.“ Und dieſe unverbeſſerliche Jammerwirthſchaft er⸗ neute ſich jetzt auch wieder bei Gelegenheit des Con⸗ greſſes zu Frankfurt, der, auf Anregung des ſchlauen Louvvis zur Regulirung der Streitfragen über den *) Siehe Friedrich von Raumer a. a. O. — 118— Elſaß und Straßburg— d. h. eigentlich: um dem Kaiſer, dem Reiche, ſowie ganz Europa Sand in die Augen zu ſtreuen— eröffnet worden war. Wäh⸗ rend ſich jene alsdann die Augen rieben und nichts ſahen, konnte ja Louvois ſein falſches Spiel unge⸗ nirt und unangefochten zu Ende führen. Und— o unſelige Blindheit— Kaiſer und Reich hatten ja dieſen Vorſchlag mit Freuden ange⸗ nommen! So waren denn auch die Deputirten bereits ſeit zwei Monaten in der Wahl⸗ und Krönungsſtadt Frankfurt am Main eingetroffen, und zwar Seitens des Kurfürſtlichen Collegiums: Kurmainz und Kur⸗ ſachſen;— Seitens des fürſtlichen: Oeſterreich, Bamberg, Baiern, Pfalz⸗Lautern, Sachſen⸗Weimar und Braunſchweig;— Seitens des ſtädtiſchen: Köln und Regensburg. Sie erwarteten hier gemüth⸗ lich ſeit acht Wochen die Eröffnung des Congreſſes. Auch die franzöſiſchen Abgeordneten fanden ſich ein; zögerten aber, laut höherem Auftrage, in dem benachbarten Städtchen Höchſt und ließen ſo den deutſchen Geſandten Muße, über die Plätze, welche die Geſandten in den verſchiedenen Sitzungen— mit und ohne Theilnahme der Franzoſen— an den Sitzungstiſchen einnehmen ſollten, ſich zu berathen, d. h. gemüthlich zu zanken. — 119— Die Sache ging alſo vorerſt an den Reichstag in Regensburg. Hierauf gab der Reichstag in Regensburg nach einigen Wochen ein Gutachten ab und ein kai⸗ ſerliches Commiſſionsdekret ließ— nach Verlauf einiger weiteren Wochen— den Reichsſtän⸗ den zwei Schemate für dieſe Plätze mit der Aeußerung zugehen: daß ſeine allergnädigſte Maje⸗ ſtät der Kaiſer nicht zweifle, die Seſſionen würden darnach eingerichtet werden,„damit die aller⸗ höchſt kaiſerliche Präminenz obſerviret und Difficultäten, welche die franzö⸗ ſiſche Geſandtſchaft obmoviren könnte, vorgebaut werden möge.“ Während ſo der alte erbärmliche Zank über ler⸗ res Ceremoniel und eitle Etiquette ausgefochten wurde, gingen die Reunionen ungeſtörten Ganges fort,— ja Louvois hatte bereits ſchon den Arm gehoben, um, mit dem Raube Straßburgs, den letzten entſcheidenden Schlag an der oberen linken Rheingränze zu führen. Heute nun war wieder eine vorbereitende Sitzung der Abgeſandten des deutſchen Reiches anberaumt. Herr von St. Romain, der Geſandte Frankreichs, unterhielt ſich eben darüber mit ſeinem Begleiter, Herrn von Hautefort. Beide befanden ſich auf dem — 120— Wege von Höchſt nach Frankfurt in der Equipage St. Romains. „Wir werden Frankfurt bald erreicht haben,“— ſagte jetzt Herr von Hautefort, indem er den Kopf aus dem Wagen ſchob—„ich ſehe dort den Thurm des alten Domes.“ „Es iſt auch Zeit!“— entgegnete St. Romain —„denn wenn wir bei den Geſandten der Kurfür⸗ ſten von Mainz und Sachſen vorſprechen wollen, bleibt uns für beide nur eine Stunde. Die Herren haben um zwölf Uhr wieder eine ihrer großartigen Sitzungen.“ Die beiden Franzoſen lachten laut auf. „Kurmainz und Kurſachſen werden erſchrecken, wenn ſie uns ſehen!“— meinte Hautefort.„Deſto beſſer!“— entgegnete St. Romain—„Furcht muß den Wald hüten!“ „Kurmainz fürchtet ſich übrigens nicht; das läßt Politik... Politik und unſeren Herrgott einen gu⸗ ten Mann ſein, wenn es nur gut tafeln, ſehr viel trinken und recht hoch ſpielen kann.“ „Ja! es macht ſeiner kurfürſtlichen Gnade Ehre. Die Louis nennt der dicke Herr Abgeſandte nur Tapeziernägel, und manchmal miſcht er auch Silber, Brillanten, Uhren und andere Kleinigkeiten unter ſeine Lombreſätze.“ — 121— „Und trinken kann er...!“ „Ja, was das Trinken betrifft, iſt Mainz die hohe Schule der Deutſchen. Es iſt ſchaudererregend was dieſe Menſchen ertragen können! Bertin ſchrieb mir im verwichenen Jahre nach Verſailles: ich habe nunmehr die Höfe der drei geiſtlichen Kurfürſten beſucht, und bin ſo in Rheinwein eingetaucht wor⸗ den, daß ich nicht weiß, was aus mir werden ſoll, wenn ich erſt zu den weltlichen Kurfürſten komme.*)“ „Nun!“— rief Hautefort lachend—„man muß Kurmainz wenigſtens zugeſtehen, daß es un⸗ partheiiſch iſt: wilde Schweine, Rehe, Haſen, Schne⸗ pfen, Rebhühner und Gänſe ſind ihm ebenſo lieb als Rheinweine! Doch iſt auch Kurmainz in Ge⸗ ſchäften ein Pedant.“ „H!“— ſagte hier St. Romain—„dieſe deut⸗ ſchen Diplomaten mit ihrer ernſten und wichtigen Geſchäftsmiene, ihrem noch ſchrecklicheren Geſchäfts⸗ ſtyle, den ſeitenlangen Perioden, den ellenlangen Worten und lateiniſchen Brocken... ſind gräßliche Leute. Sie hätten Seiler werden ſollen.“ „Seiler?“ „Nun ja! wer ſeine Geſchäfte in die Länge * Jenkins collection. Vol. IV. ziehen, und dennoch fertig werden will, taucht am Beſten zu einem... Seiler!“ „Es iſt wahr!“— rief Hautefort—„der weſt⸗ phäliſche Congreß dauerte elf Jahre!... Gott! wenn wir hier in dem Satan's⸗Neſt Höchſt nur halb ſo lange ſitzen ſollten...“ „Darüber können Sie ruhig ſein!“— meinte St. Romain—„Monſeigneur Louvvis ſorgt dafür, daß wir den Winter wieder in Verſailles tanzen!“ „Oder auch in Straßburg!“— meinte Hautefort. „Bah!“— rief St. Romain—„der Himmel bewahre mich dafür.“ „Mich nicht!“— meinte Hautefort— ich würde ſogleich den Poſten eines Finanzpächters von Mon⸗ ſeigneur Colbert⸗Croiſſy dort annehmen. Man könnte ſich in zwei, drei Jahren ein ungeheures Vermögen erwerben. Ich kenne die Principien zu genau, welche die Politik unſeres Miniſteriums in den eroberten Gränzprovinzen leiten.“ „Nun!“— meinte St. Romain lächelnd— dieſe Politik iſt ſehr einfach: Monſeigneur Louvois hat ſeinen Macchiavel nicht umſonſt ſtudirt. Den Ruin eines angränzenden eroberten Landes bedingen zwei Rückſichten. Man ſchafft die eroberten Gränzen in künſtliche Wüſten um; das iſt dann einmal ein gutes Gränzvertheidigungsmittel, — 123— und zweitens— da die Laune des Waffenglücks die Eroberung dem Beraubten wieder zurückgeben kann— findet dieſer in dem gedachten Falle auf der wiedergewonnenen Erde Nichts als unfrucht⸗ bare Steine.“ „Und wie ſchön ſyſtematiſch wiſſen die Herren Louvvis uud Colbert auch in dieſem Punkte ihre Abſicht zu erreichen!“— meinte Hautefort heiter. —„Die Feſtſetzung der Steuern wird definitiv ſtatt zeitweilig;... ſie geſchieht auch natürlich nicht mit Zuziehung der Betreffenden, ſondern von unſeren Verwaltungsbehörden; die Beitreibung aber— und da liegt hauptſächlich der Haſe im Pfeffer— bleibt ganz und gar der Willkür und Einſicht der Finanz⸗ pächter überlaſſen.“ „Hautefort! Hautefort!“— rief lachend Herr von St. Romain—„Ihr Mund wäſſert ja ordent⸗ lich bei dem Gedanken an eine ſolche Finanzpächter⸗ ſtelle. Gott ſei aber dann dem armen Lande gnädig, das unter Ihre Hände kommt.“ „Nun!“— meinte Hautefort mit einem häß⸗ lichen Ausdruck in ſeinem abgelebten Geſichte— vich würde nicht mehr und nicht minder thun, als meine Herren Collegen: die hergebrachten Taxen unter der Hand erhöhen, neue kleine Steuern er⸗ finden, namentlich das Unentbehrlichſte mit Ab⸗ gaben belaſten, und... unerbittlich im Ein⸗ treiben ſein.“ „Ich werde Sie ſeiner Excellenz, dem Herrn Miniſter, recommandiren.“ „Thun Sie das, mein Beſter, es ſoll auch Ihr Schaden nicht ſein.“ „Ich ſehe, Sie verſtehen die Sache.“ „Und werde ganz im Sinne des Miniſteriums vorwärts gehen, da denn doch einmal die eroberten deutſchen Gränzländer zu Wüſten umgeſchaffen wer⸗ den ſollen.“ „Und wie würden ſie, wenn Sie Finanzpächter werden ſollten, die Sachlage ausbeuten.“ „Ich würde für dieſen Fall namentlich die ge⸗ ringen Trankſteuern erhöhen und die Maße verklei⸗ nern. Kein Lamm, kein Kalb und Schwein dürfte mir geſchlachtet werden, ohne daß vorher der Gang auf das Steuerbüreau vorgenommen. So müßte es bald dahin kommen, daß in meinem ganzen Verwal⸗ tungsbezirk kein einziger Mann mehr zu finden ſei, von dem man ſagen könnte: er ſei reich. Sehen Sie, lieber St. Romain, das würde zu viererlei führen: Seiner Majeſtät Caſſen würden ungeheuere Summen zuſtrömen, in unſeren Taſchen blieben auch einige Milliönchen hängen, die dummen Deutſchen würden — 125— zuhm und das Land— nach allerhöchſtem Wunſch — eine Wüſte!“ „Gewiß!“— meinte St. Romain nachſinnend —„und das letztere um ſo mehr, als die Eigen⸗ thümer die Verwerthung ihrer Ländereien vernach⸗ läſſigen würden, da ſie ihnen durch die übermäßige Belaſtung doch nichts einzutragen vermöchten. Vieh⸗ zucht und Hände fehlen zuerſt und dann geht der Ackerbau zu Grunde und endlich lieber Haute⸗ fort, ich ſehe... ſie verſtehen die Sache.“ „Laſſen Sie uns gemeinſam handeln, St. Ro⸗ main! Ich ſichere Ihnen gewiſſe Procente— über die wir uns noch verſtehen können— zu... und Sie— Ihr Einfluß iſt von großer Bedeutung— Sie verwenden ſich für mich bei Louvois und Colbert.“ „Es ſei!“— rief hier St. Romain.—„Mor⸗ gen ſprechen wir weiter darüber. Frankfurt iſt er⸗ reicht. Jetzt mein lieber Hautefort, geht die Comödie an. Gott! dieſe deutſchen Diplomaten! wir beſprechen uns bereits, wie wir ihre Schaafe ſcheeren wollen und ſie ſiel ſie eſſen, trinken und „ſchwatzen!“—————— Während aber die beiden franzöſiſchen Geſandten ſich auf dieſe Weiſe nutzbringend unterhielten und den eigenen Vortheil in einen ſchönen Einklang mit der Politik ihres Königs, des„großen“ Lud⸗ wigs KIV. und ſeiner edlen Miniſter zu bringen ſuchten, begab ſich im„alten Braunfels“ zu Frank⸗ furt am Main, woſelbſt ſeine hochgräfliche Execellenz, der Herr Graf von Roſenberg, kaiſerlicher Plenipotentiarius wohnten, folgendes: Seine Epcellenz machten Doilette!. denn in einer Stunde ſollte eine diplomatiſche Be⸗ ſprechung von höchſter Wichtigkeit ſtattfinden. Aber auch die Toilette ſeiner Excellenz war von hoher Wichtigkeit... denn ſeine hochgräfliche Gna⸗ den hatten kaiſerliche Mejeſtät zu vertreten und mußten daher an Glanz und Pracht alle übri⸗ gen Geſandten übertreffen... umſomehr, als, im entgegengeſetzten Falle, dem Reiche— ja ganz Eu⸗ ropa gegenüber— eine Einbuße der gebührenden und etiquettmäßigen Achtung vor ſeiner Mäjeſtät und dadurch Gefährdung allerhöchſter Macht, in Ausſicht geſtellt ſein konnte. Es iſt wahr: große Staatsmänner müſſen ge⸗ boren werden, wie große Generale und Künſtler, und ihr Talent muß die Kraft aller Stände umfaſſen. Das war nun gerade bei„hochgräflicher Excel⸗ lenz, dem Herrn Grafen von Roſenberg, kaiſerlichem Plenipotentiarius“ nicht der Fall. Der ganze Denk⸗ und Empfindungs⸗Barometer ſtand bei ihm nur — 27— wenige Grade höher, als bei ſonſt einer ſchlichten bürgerlichen Menſchenſeele; während ihn der Ge⸗ ſchäftsmechanismus und ſeine Formen... ſelbſt zu einem wandelnden Mechanismus und einer leben⸗ den Zuſammenſetzung aus Formen gemacht hatte. Vor allen Dingen betrachteten Eeellenz als das wichtigſte Erforderniß eines großen Staatsmannes und Diplomaten... ein gravitätiſches Geſchäfts⸗ Air, hinter welchem zu leſen war: Laffaire du Sallut est la grande affaire. Dabei war er ein Mann von ächten ariſtokra⸗ tiſchen Geſinnungen,— ein Mann der Privilegien und Diplome. Der Nachtſtuhl der Bourbonen hieß auch chaise daffaire, und das hohe Adelsprivilegium, dabei ſein zu dürfen, wenn der König von ihm Gebrauch machte, Brevet d'affaire.“) Wären ſeine hochgräfliche Excellenz Franzoſe ge⸗ weſen, Sie würden jedenfalls um dies brevet d'affaire ſollicitirt haben. Natürlich verbanden der Herr Graf mit dem Air d'affaire auch das, einem Diplomaten durchaus nöthige Geheimnißvolle. In ſeinem Geſichte, dem die große gewaltige, ſtark gepuderte und ebenſo *) Thatſache. — 128— ſtark parfümirte Allonge⸗Perrücke— Excellenz hat⸗ ten den 745 Druckſeiten langen lateiniſchen Brief des gelehrten Salmaſius in Leyden, über den da⸗ mals in den Niederlanden herrſchenden Perrücken⸗ kampf, mehr als einmal mit Intereſſe geleſen,— ohnehin etwas ungemein Feierliches gab, lag zugleich ſtets ein Etwas, das wie das Dunkel des Fatums ausſah'. Wenn er ſeinen Kammerdiener anblickte.. um, nach einigen Secunden feierlichen Schweigens, ſeine Unterbeinkleider von demſelben zu verlangen, hätte ein Unbefangener aus ſeinen Mienen die zu⸗ rückgehaltene Kunde des nahen Weltunterganges herausſtudiren können. Und wenn Excellenz an den Wiener Hof zu berichten hatte, daß Kurmainz in der letzten vorberathenden, vertraulichen Beſprechung mit gelb⸗ſeidenen Hoſen erſchienen ſei, ſo geſchah' dies jedenfalls... in geheimen Chiffern. Deshalb lag auch ſeine ernſte feierliche faſt ge⸗ heimnißvolle Antwort auf jede Anfrage über zu erwartende Entſcheidungen aus Wien, ſtets in den Worten: „Vienna vult expectari!—“„Wien will er⸗ wartet werden!“ Indeß war damit für den kaiſerlichen Geſandten bei dem Congreſſe in Frankfurt noch lange nicht die — 1 Bedeutung einer diplomatiſchen Stellung erſchöpft: der Schwerpunkt einer ſolchen Stellung ſchien dem Grafen namentlich darin zu liegen, daß man ſie durch ein ſtrengſtes Ceremoniell, durch Entfaltung von Pracht und Luxus und beſonders durch häufige und luculliſche Diners und Soupers behaupte. Graf Roſenberg bewies denn auch wirklich da⸗ durch, daß er ein feiner Diplomat ſei: denn wo und wann könnte ein feiner Diplomat ſeinen Herren Collegen beſſer die Würmer aus der Naſe ziehen, als bei gutem und vielem Eſſen und Trinken. Wird doch in ſolchen Fällen der Menſch heiter und ge⸗ ſprächig,— öffnen ſich doch hier die menſchlichen Herzen am eheſten! Und dann... Diejenigen, welche mit den Füßen anklopfen, ſind ſtets willkommener, als Andere— meinte jener Bauer— weil man daraus ſchließt, daß ihre Hände nicht leer ſind. Hochgräfliche Gna⸗ den klopften daher bei den übrigen Herren Diploma⸗ ten zwar nicht mit den Füßen an;... aber mit vollen Schüſſeln und Flaſchen... bei... ihrem Magen. Das ſollte denn auch heute wieder geſchehen und ſo ſtand denn— während der Kammerdiener den gnädigen Herrn unter feierlichem Ernſt ankleidete und der Friſeur die große Allonge⸗Perrücke mit Der Raub Straßburgs I. 9 — 130— Würde auf der rechten emporgehobenen Hand bereit hielt— der Chef de cuisine in einiger Entfernung vor ihm und verlas den Küchenzettel für das heutige diplomatiſche Diner. Das ganze Geſicht ſeiner Excellenz, des kaiſerlichen Herrn Plenipotentiarius ſah dabei aus, gie ein ein⸗ ziges, großes, verhängnißvolles Geheimniß, und drückte vollkommen die Wichtigkeit aus, welche hoch⸗ gräfliche Gnaden auf dieſe diplomatiſche Angelegen⸗ heit legten. „Alſo!“— ſagte der Herr Graf jetzt mit tiefem Ernſt.—„Les er mir den Menu noch einmal vor; aber... longſam und deutlich... damit ich alles ganz genau verſtehe... die Sache iſt von hoher Importance!— Majeſtät, unſer allergnädig⸗ ſter Herr und Kaiſer, muß den kurfürſtlichen und fürſtlichen Herren Geſandten gegenüber würdig ver⸗ treten ſein. Ich habe ihm den Menu des letzten Di⸗ ners bei Kurſachſen gegeben. er muß weit in Schatten geſtellt werden.“ Der Chef de cuisine verbeugte ſich tief: „Hochgräfliche Gnaden, Excellenz!“— ſagte er dann mit leiſer, unterwürfiger Stimme—„ich glaube nur Mögliche aufgeboten zu um. „Nun gut!“— meinte der Herr Graf ſeierlch — 131— und ließ ſich mit großer Würde in einen Seſſel nieder— der Friſeur ſtand noch immer, ſteif wie ein Grenadier, die Perrücke auf der aufgehobenen Hand—„nun gut! Les er alſo noch einmal!“ Der Chef de cuisine verbeugte ſich noch ein⸗ mal tief und las: „Huitres d'Ostende!“ Hochgräfliche Gnaden nickten feierlich, dann wandte er das Haupt ein wenig nach dem Kammer⸗ diener und ſagte: „Dazu kommt von Wein: Vieus Sauterne“. Der Kammerdiener verbeugte ſich; der Chef de cuisine fuhr fort! „Potage Mock Turtle.“ Excellenz neigten das Haupt. „Consommé à la Fleury.“ „Consommé à la Fleury!“— wiederholte der Bevollmächtigte ſeiner Majeſtät des deutſchen Kai⸗ ſers langſam und nachdenklich—„geht nicht!— Pfui! iſt kaiſerlicher Geſandtſchaft unwürdig . war bei Sachſen⸗Weimar auf der Tafel.“ Der Koch verneigte ſich und ſagte: „Geruhen Eycellenz Artichauts à la poivrade dafür?“ Eine kleine Pauſe ernſten Sinnens entſtand, dann ſagte der Herr Plenipotentiarius: 9* „Mag ſein!“ Der Chef de cuisine las weiter: „Petits pätés au naturel.“ Der Graf ſchüttelte den Kopf. „Warum denn au naturel? Fühlt er denn nicht, daß das gemein und undiplomatiſch klingt?. ſetze er: à la Louis XKIV.“ Der Koch verbeugte ſich bejahend. „Weiter!“ „Turbot, sauce hollandaise. Truite au bleu.“ Graf Roſenberg neigte das Haupt; dann wandte er es abermals um einen viertel Zoll dem Kammer⸗ diener zu und ſagte: „Dazu Sherry des Indes!“ Der Kammerdiener verbeugte ſich; der Chef de cuisine fuhr fort: „Emince de gigot aux Echalottes“ „Selle de mouton à la Chartreuse.“ „Dindes truffées, sauce Perrigueux.“ „Gut! ſehr gut!“— meinte Excellenz—„aber er wird die Sachen mit höchſter Aufmerkſamkeit behandeln. Bedenke er... daß die Ehre ſeiner Maje⸗ ſtät unſeres erhabenen Kaiſers dabei auf dem Spiele ſteht!“ Der Koch antwortete mit einer ehrfurchtsvollen Neigung ſeines Rückens. „Weiter!“ Er las: „Filets de chevreuil aus champignons. Pate „Halt!“— gebot gräfliche Gnaden—„wir haben den Wein zu den letzten Gängen vergeſſen.“ Er ſann einige Minuten; dann rief er mit Wirde und ſtolzer Haltung: „Hochheimer Dom⸗Präſenz Nr. 1. Einen ſolchen Wein führt kein anderer der Herren Reichsabgeord⸗ neten in ſeinem Keller!... Er dürfte auf der Tafel ſeiner kaiſerlichen Majeſtät ſtehen.“ In gleicher Weiſe ging nun die diplomatiſche Berathung zwiſchen dem Herrn Grafen, dem Koch und dem Kammerdiener noch eine gute halbe Stunde fort. Manches ward noch verworfen, manches ge⸗ ändert;... auch waren noch gefüllte Zungen von Troies, Kapaunen à la Fontanges— der Graf lächelte wohlgefällig ſo oft er an dieſen Witz dachte — und Rothkelchen von Metz erwartet, die hoch⸗ gräfliche Gnaden ſelbſt beſtellt; deren Nochnicht⸗ eingetroffenſein Excellenz jetzt ungemein beunruhigte. Aber die Zeit für Toilette und häusliche Be⸗ rathung war um. Die verſchiedenen Geſandten fuh⸗ ren vor. — 134— Jetzt gab es neue große und gewichtige diplo⸗ matiſche Schwierigkeiten zu löſen. Die Sitzungen— ſie galten nur als vorbe⸗ reitende, einmal, da die franzöſiſchen Geſandten noch in Höchſt weilten und dann, weil man ja noch lange nicht mit der Art und Weiſe, wie die Herren ſitzen ſollten, im Reinen war— die Sitzungen hatten ebenfalls in dem Hauſe„zum Braunfels“ ſtatt, in welchem auch der kaiſerliche Bevollmächtigte, Graf Roſenberg, wohnte, und zwar in dem Saale, den ſchon Kaiſer Friedrich III. bei ſeinem Aufenthalt in Frankfurt und ſpäter das Kammergericht inne hatte. Aber was war nun der Inhalt dieſer diplo⸗ matiſchen Sitzungen an dem eben bezeichneten hiſto⸗ riſchen Orte? O! es bleibt ja unglaublich, ſo wahr es auch iſt! Während Ludwig XIV. und Louvvis handelten; während ſie Deutſchland ein Stück des El⸗ ſaſſes nach dem anderen entriſſen;... während Straßburg laut und eindringlich um Hilfe rief und jeden Augenblick in ſeiner Eriſtenz bedroht war;... während es ſich um eine derwichtigſten Gränz⸗ feſtungen, ja um den Schlüſſel Deutſch⸗ lands handelte——— ſtritten hier die Her⸗ ren Geſandten des deutſchen Reiches um.. den —,————— — 435— Excellenztitel, welchen nicht nur der kaiſerliche Bevollmächtigte, Graf von Roſenberg, beanſpruchte, ſondern auch die kurfürſtlichen Geſandten den fürſt⸗ lichen gegenüber forderten!... ſtritt man über die Reihenfolge der gegenſeitigen Be⸗ ſuchel... debattirte man bereits ſchon in achtzehn Sitzungen über die Plätze am Sitzungstiſch; .. unterhielt man einen ſchriftlichen Notenwechſel zwiſchen Höchſt und Fronkfurt, indem man den fran⸗ zöſiſchen Geſandten nicht länger einräumen wollte, ihre Erklärungen in franzöſiſcher Sprache abzugeben — was Colbert in Nimwegen aufgebracht— ſon⸗ dern den Gebrauch der lateiniſchen Sprache ver⸗ langte, da der deutſche Kaiſer mehr als der König von Frankreich ſei!*) Das waren die Dinge, mit welchen ſich die Ge⸗ ſondten des Kaiſers und des deutſchen Reiches be⸗ reits in achtzehn Sitzungen befaßt hatten und heute wieder befaßten. Nach vierſtündiger, ſehr ernſter, ja zum Theile heftiger Debatte kam endlich als„Vorfrage“ an die verſchiedenen Abſender der anweſenden Diploma⸗ *) Friedrich von Raumers hiſtoriſches Taſchenbuch: der Verrath Straßburgs an Frankreich v. H. Scherer IV. T. Neue Folge.(S. 120.) — 136— ten, folgendes, auf achtundzwanzig Seiten modifirtes Actenſtück zu Stande: Die anweſenden Herren Abgeſandte haben an ihre resp. Regierungen die Fragen zu richten und die betreffenden Regierungen um die gefällige Rück⸗ äußerung ihrer Meinung in Beziehung auf die nachfolgenden Fragen zu bitten: 1) Ob dem kaiſerlichen Bevollmächtigten allein, oder auch den kurfürſtlichen Geſandten, gegenüber den fürſtlichen und ſtädtiſchen, das Prädicat:„Ex⸗ cellenz“ zukomme? 2) In welcher Reihenfolge die gegen⸗ ſeitigen Beſuche der Herren Geſandten untereinander abzuſtatten ſeien? 3) In welcher Rangordnung die Her⸗ ren Abgeordneten den Ein⸗ und Vortritt zu nehmen hätten? 4) In welcher Reihenfolge dieſelben am Sitzungstiſche Platz nehmen ſollten? 5) Ob es zu genehmigen ſei, daß bei den ordent⸗ lichen Sitzungen des Congreſſes— ſobald derſelbe erſt einmal eröffnet— der kaiſerliche Geſandte einen Seſſel mit Rück⸗ und Armlehnen und einem Ueberzug von rothem Sammt, nebſt Fußdecke von gleichem Stoffund glei⸗ cher Farbe beanſpruchen könne? Während: — 137— 6) Die kurfürſtlichen Geſandten ſich grün⸗ ſammtener Seſſel mit Rück⸗ und Armlehnen und grüner Fußdecke, 7) Die fürſtlichen grün-ſammtener Seſſel ohne Armlehnen und Fußteppich, 8) Die ſtädtiſchen nur Tuchſeſſel ohne Rück⸗ und Armlehne und ohne Teppich zu bedienen hätten? Sodann: 9) Ob bei den Gaſtmählern der kaiſerliche Ge⸗ ſandte von Edelknaben zu bedienen ſei, und mit goldenen Meſſern und Gabeln eſſen ſolle, während die fürſtlichen Geſandten ſich nur mit Lakaien und ſilbernen Meſſern und Ga⸗ beln zu begnügen hätten?*) 40) Ob es überhaupt zuläſſig, daß ſämmtliche Abgeordnete an einer Tafel ſpeiſen könnten, oder mehrere Tiſche nach Rangordnung zu beſtellen ſeien? 14) Ob— bei einer Tafel— man im Cir⸗ kel, Oval oder Quadrat zu ſitzen habe 2*) Endlich: 12) Wie es bezüglich der Geſchäftsſprache bei *)„Elſaß und Lothringen“ von Ad. Schmidt.(Leipz. 1859). S. 48. **)„Elſaß und Lothringen.“ S 49. — 138— Eingabe der Noten u. ſ. w. der franzöſiſchen Ge⸗ ſandten zu halten ſei? Es war ein Glück, daß, nach dieſer Körper und Geiſt anſtrengenden Arbeit, ein wahrhaft luculliſches Diner bei ſeiner hochgräflichen Excellenz, dem Herrn Grafen von Roſenberg, k. Plenipotentiarius, die Herren Diplomaten wieder ſtärkte und einigte. Man ſpeiſte und trank auf das Wohl Deutſchlands von vier bis zehn Uhr. — Das Geſpenſt. Die Nacht war bereits weit vorgerückt. Es war eine ſchöne warme Sommernacht;... aber auch zugleich eine Nacht, die nicht nur halb Paris und Verſailles, ſondern wohl auch einen großen Theil der Bewohner von ganz Europa auf den Füßen hielt, denn... jener große und gewaltige Komet, der das Jahr 1680 kennzeichnete, ſtand wie eine ungeheure feurige Ruthe an dem Himmel. Heute erſt war er vollkommen ſichtbar geworden, da ihn die Nächte vorher Wolken verbargen; aber wie entſetzte nun auch ſein Erſcheinen die ganze Welt! Zeigte er ſich doch ſo groß, daß, ſelbſt wenn ſein Kopf ſchon untergegangen, man dennoch die ganze Nacht hindurch einen Theil ſeines über 70 Grade langen und ſehr breiten Schweifes über dem Horizonte ſehen konnte. — 140— War es da ein Wunder, daß man dieſe ſeltene feurige Erſcheinung in jenen Zeiten des tollſten Aber⸗ glaubens mit Schaudern und Entſetzen anſtaunte? War es ein Wunder, daß vor dieſer ausge⸗ ſteckten Zuchtruthe Gottes alle Welt erbebte? die ganze Bevölkerung Europas in eine faſt unglaub⸗ liche Aufregung verſetzt wurde? Die Menſchen zitterten, beteten und drängten ſich in die Kirchen, denn: Weltuntergang, Erdbeben, Krieg und Peſtilenz wurden prophezeit; während in Deutſchland der Schreckensruf erſchallte:„die Tür⸗ ken! die Türken!... das bedeutet den Untergang des Reiches durch die Türken!“ Auch in Verſailles an dem Hofe Ludwig's XIV. war die Aufregung in Folge dieſer imponirenden Himmelserſcheinung eine ungemein große; obgleich ſich— bei dem hier herrſchenden gränzenloſen Leicht⸗ ſinne und der unglaublichen Frivolität— der ge⸗ heimen Angſt nach Außen hin ein philoſophiſch ſein ſollendes Höhnen und Spötteln über dieſe Angſt ſelbſt bei Vielen beigeſellte. Der Herzog von Saint⸗Aignan ging, wie natür⸗ lich, auch hier mit gutem Beiſpiele voran. Im In⸗ neren ſtill erſchüttert und in der That peinlich an die Legion ſeiner Sünden erinnert, war er doch nach Außen hin voll Witz und Laune über den ungebe⸗ — 141— tenen Gaſt und ſein anecdotenſüchtiger Mund kam über Kometen, Geſpenſter, Teufels⸗Erſcheinungen und derartige Geſchichten gar nicht mehr zur Ruhe. An ein Inſichgehen dachte dabei ein Saint⸗Aignan natürlich ſicht; im Gegentheil, ſeinem Charakter gemäß ſuchte er jede beſſere Regung durch ein noch tolleres und ausſchweifenderes Leben zu übertäuben. O es gab ja damals mit ihm noch Tauſende und Abertauſende, an deren Gewiſſen der Aber⸗ glaube, an Weltuntergang und Weltgericht mah⸗ nend pochte, und die— ſich gerade darum betäu⸗ bend— jetzt erſt noch recht den Becher des Lebens in wildem Rauſche zu ſchlürfen ſuchten. In noch größerer Aufregung befand ſich aber die Herzogin von Fontanges— in einer Aufregung, die ſie heute Nacht noch nicht einmal ihr Lager hatte ſuchen laſſen. Sie war längſt ausgekleidet und im tiefſten Negligé;... ſie hatte längſt ihre Damen und ſelbſt ihre Kammerfrauen entlaſſen... aber zu Bette gehen konnte ſie noch nicht. Bei Gott! es war ein eigenes unübertrefflich ſchönes Bild, als ſie jetzt an dem geöffneten Fenſter ihres Schlafgemaches ſtand... hinaufſchauend— halb voll Schauder, halb voll Staunen und Ent⸗ zücken— zu dem nächtlichen Himmel, an den der — 142— Ewige die große, die gewaltige Erſcheinung des flammenden Kometen geſtellt hatte. Es war ein eigenes, ein unübertrefflich ſchönes Bild! Angeline glich einem Engel, der bei dem Anblick des Unendlichen in ſich zuſammenſchauert. Ihr wunderbar herrliches Haar war unbedeckt— in dichten Flechten den Hinterkopf wie mit einer Krone von röthlichem Golde zierend⸗ Ein leichtes weißes Battiſtgewand mit zierlichen Stickereien hüllte kaum die zauberhaften Formen ihres Körpers ein, und ließ zwiſchen den— wie Nebelwölkchen ſie umfließenden ächten Spitzen, die die nackten Arme, den reizenden Nacken, den aus dem feinſten Leinen hervorquellenden untadelhaften Buſen ſehen. Leicht nur und gefällig hielt dabei der Gürtel das leichte Gewand. Und waren denn nicht alle dice untadelhaften Formen von höchſter Künſtlerhand aus blendend weißem Marmor hervorgezaubert? O ja! ein Künſtler hatte ſie geſchaffen... dieſe Zauberformen.. dieſe Engelsgeſtalt.. und zwar ein Künſtler, dem keines Sterblichen Hand jemals nachzuſchaffen vermag;... derſelbe Künſtler, der dort in des nächtlichen Himmels unendliche Tiefe den flammenden Kometen geſtellt! — 143— Den flammenden Kometen, der alle Welt in Aufregung gebracht,.. auch Angeline, die ſtolze ſchöne Herzogin von Fontanges. Und doch war es nicht dieſer Komet allein, der in ihr die Aufregung bis zu fieberhaften Erſchütterungen trieb... ſondern . jene geſpenſterhafte Erſcheinung, die ſich ihr auf Loches... und— das war ja das Entſetz⸗ liche— in der letzten Zeit auch hier in Verſailles gezeigt. Der König, der ganze Hof hatte von dem Ge⸗ ſpenſt gehört;... geſehen worden war es aber nur von einzelnen Wachen... freilich wieder in der Nähe der Gemächer der Herzogin. Und dieſe... hatte ſie denn nicht in Loches ſein bleiches, erdfahles Antlitz geſchaut?.. das Antlitz eines Todten, das ihr Mark und Bein er⸗ ſchütterte und deſſen Andenken ihr mit der Poſaune des jüngſten Gerichtes in die Seele und in das Gewiſſen ſchmetterte?! „Jo! es war ſein Geiſt!“— rief es in Ange⸗ linen— und dieſer Geiſt verfolgte ſie nun auch hier! Lächeln wir, Kinder des 19. Jahrhunderts, nicht! Gerade jene Zeit des äußerſten Leichtſinnes und der unerhörteſten Frivolität erſtickte ja auf der anderen Seite in Pfaffenthum und Aberglauben. Iſt doch der Aberglaube— oder Ueber⸗ — 144— glaube— der ächte Waffenträger der Pfäfferei und des Deſpotismus! Der Glaube an Geiſter iſt übrigens ſo alt als die Welt. Indier und Egypter, Griechen und Römer, Hebräer und Chriſten— Völker der Kultur und Unkultur haben von jeher Geiſter geſehen, und ſehen ſie noch; Dämonen, Geiſter, Geſpenſter, ſtille und friedliche(lares) böſe Poltergeiſter Carvae, lemures), reine und unreine, Engel und Teufel, weiße, ſchwarze und graue Geſpenſter, mit Wohlgerüchen im Him⸗ melsglanz, und mit Höllengeſtank in ſcheußlichen Geſtalten. Noch heute macht der Geiſt im Hamlet, der ſteinerne Gaſt oder die Ahnfrau in den Galle⸗ rien und im Paradies der Theater ſeine Wirkung, während der Philoſoph etwa nur an ein Geſpenſt glaubt, das in ſeinem eigenen Leibe ſpuckt, den Geiſt oder die Seele. Dieſer allgemeine Geſpenſterglaube lehrt, komiſch genug, was der Satz auf ſich hat: Alle Völker glauben das, folglich iſt es wahr! Geiſterglaube ſcheint einmal für die Rengierde für Gefühl und Phantaſie vom höchſten Intereſſe zu ſein, überall neigt ſich das Gemüth zu dem Un⸗ bekannten und Unſichtbaren, und das Schauerliche hat eigene Reize, namentlich in der Jugend. Heſe⸗ tiels weites Feld voll verdorrter Gebeine, die auf des Herrn Wort rauſchten, ſich regten, ſich zuſam⸗ — — 145— menthaten, jedes Gebein zu dem ſeinigen, Fleiſch und Haut bekamen und wieder lebendig auf den Füßen ſtanden, wie ein großes Heer— macht gewiß auf jeden Menſchen von Phantaſie einen tiefen Eindruck. Alt iſt der Glaube, daß die nicht zur Ruhe kom⸗ men, die nicht begraben ſind. Vergrabene Schätze, nicht gehaltene Verſprechungen und nicht gebüßte Verbrechen laſſen eben ſo wenig ruhen, und an die⸗ ſem Glauben mag Plato Schuld haben, der in ſei⸗ nem Phädon unreine Seelen ſichtbar um ihre Grä⸗ ber irren läßt zur Strafe eines übelgeführten Le⸗ bens. Die Poeſie benützte dann dieſen Aberglauben zu Geſpenſtermährchen. So kam es denn, daß es in der Blüthe der Mönchswelt im ganzen abergläubiſchen Mittelalter nirgendswo mit rechten Dingen zuging: Kirchhöfe wimmelten voll Geiſter, keine alte Burg und kein Kloſter war ohne unterirdiſche Bewohner, die bald Schätze oder freundliche Hülfe gaben, bald zwickten und prügelten nach Laune. Selbſtmörder und Gemordete kehrten regelmäßig wieder, um Mit⸗ ternacht gingen die Todten in den Kirchhöfen aus ihren Gräbern, hielten Kirche, oder zogen gar als Todtenheer aus. Wenden ſich doch noch Lobende er⸗ ſchrocken von den langen Fenſtern der ſtillen Kirche, und den verfallenen Mauern des Gottesackers, nicht Der Raub Straßburgs M. 10 — 446— wiſſend, ob ihr Abendglanz von den Todten, oder vom Monde herrühre. Wann und wo aber wäre dieſer Aberglaube mehr zu Hauſe geweſen, als gerade am Ende des ſiebzehnten Jahrhunderts und in dem katholiſchen, leichtgläubigen Frankreich. Wie viel hatten dazu auch die berühmten Feen⸗ märchen, Fabliaus et Contes,*) von den Kreuz⸗ rittern nach dem Abendlande verpflanzt, und die Spiritus familiares berühmter Männer, von Plo⸗ tinus an bis auf Cardanus, Scaliger, Bodinus und Taſſo herab, beigetragen. Glaubte denn nicht der ganze Hof Ludwigs XIV. an Liebes⸗ und Zaubertränke? an Waohr⸗ ſagerinnen und Geiſterbeſchwörungen? Hatte nicht der Herzog von Saint⸗Aignan an der Seite eines höchſtgeſtellten Prieſters, des Cardinal⸗Groß⸗Almo⸗ ſenier, ſelbſt einer ſolchen Teufelsbeſchwörung beige⸗ wohnt und die Entdeckung eines Schatzes von ihr er⸗ wartet? Mit einem Worte: der fürchterlichſte Aber⸗ glaube war es ja allein, der damals die Welt bei dem unerhörteſten Despotismus und der ſchmählich⸗ ſten Pfaffenwirthſchaft zuſammenhielt! *) Alte franzöſiſche Gedichte vom 12. bis 15. Jahrhundert. — 147— Ja! der König, der Hof, die Herzogin von Fon⸗ tanges glaubten an das Geſpenſt!... und dieſen Glauben befeſtigte jetzt noch die Aufregung, welche die Erſcheinung des großen Kometen hervorgerufen. Man ſchrie von Weltuntergang!... man hätte ſich nicht gewundert, wenn ganze Kirchhöfe aufer⸗ ſtanden wären. Warum auch nicht?... Predigte denn nicht die Geiſtlichkeit von allen Kanzeln davon? Verkün⸗ dete ſie nicht ſelbſt dieſen Weltuntergang?.. Stellte ſie nicht Gebete aller Art an?... Rief ſie nicht, auf dieſes Zeichen des Himmels hin, alle Seelen zur Buße? O! Angeline büßte bereits in Gre Gewiſſen für das, was ſie gethan! Sie war die angebetete Geliebte des Königs;... ſie war Herzogin gewor⸗ den; ſie war reich, mächtig, faſt einer Königin gleich; ſie blühte in der Fülle ſtrahlender Schönheit und Jugend;. die kühnſten Wünſche ihrer Eitelkeit waren längſt erreicht und übertroffen; ſie hatte ſich bis dahin unendlich glücklich gefühlt und jetzt?. Seit ſie der geſpenſtiſchen Erſcheinung von Loches in das bleiche, erdfahle Antlitz geblickt, war ihre Ruhe dahin ſchrie ihr Gewiſſen auf: du biſt von dem Pfade da gewichen! du 10* — 148— haſt deine arme Mutter, deinen treuen Lehrer ver⸗ geſſen!... du haſt ihn, der dich ſo redlich, ſo innig, geliebt, in den Tod geſandt, du biſt... Gauthier's Mörderin!—— denn Gauthier's Züge trug das Antlitz jener unſeligen Erſcheinung! Der Eindruck war damals ein fürchterlicher.. und doch verwiſchten ihn ſchon die nächſten Tage wieder: mit ihren Abwechslungen, mit ihren rau⸗ ſchenden Freuden, mit ihren Huldigungen und ihrem Glanz, ihrer Pracht und Herrlichkeit. Angelinen's Charakter war eben ein unendlich leichtfertiger. Sie hatte ja keinen Begriff von Tiefe des Geiſtes oder des Gemüthes. Sie hatte ein ganz gutes Herz... aber dies kleine Ding beherrſchte die unbegränzteſte Eitelkeit und die unerſättlichſte Genußſucht. Sie konnte finnlich ſchön erglühen... aber ſie war wie Marmor gegen Alles was nicht ihr eitles Ich betraf und tiefer ging, als die leicht aufſchäumende Oberfläche. Und hatte ſich denn nicht Saint⸗Aignan— die ſchleichende ſchmeichelnde Schlange— gleich von Anfang an dieſes ſchwachen Charakters bemächtigt? Hatte er durch ſein leichtſinniges frivoles Weſen nicht den Reſt des Guten vergiftet, das in Angeli⸗ nen lag. nur, um ſie vollſtändig— und durch ſie den König— zu beherrſchen? — 149— Frevelnd, und mit kaltem Blute, mit Hohn in der Seele hatte er dies Werk begonnen; aber auch hier fehlte die Nemeſis nicht. Das Herz, das er le⸗ diglich mit ſeinen Schmeicheleien beſtricken wollte, um es zu ſeinen ehrgeizigen Plänen zu benutzen... koſtete ihm das ſeine. Wenigſtens entzündeten die Reize Angelinen's eine ſolch' allgewaltige Leidenſchaft in ihm, daß er ſie nicht mehr— wie er als kluger Höfling gern gethan— zügeln konnte. Noch war er nicht erhört;... aber. was wäre einem Saint⸗Aignan unerreichbar geweſen, wenn ihn ſein leidenſchaftliches, verwildertes Herz dazu trieb?„Mit lächelndem Munde über Leichen hinweg zum Ziele!“ war ſein geheimes Motto... und mit ſolchen Grundſätzen läßt ſich allerdings viel erreichen! Sonderbar!.. es war ordentlich, als ob ihn mit der Grauen erregenden Erſcheinung am Him⸗ mel. die Hölle noch mächtiger erfaſſe. Es durch⸗ zuckte ihn mit diaboliſcher Luſt jetzt gerade den Becher der Freude und der Sünde— gleichſam Himmel und Hölle zum Hohn— noch mit einem gewal⸗ tigen Zuge zu leeren! Einem Spieler gleich, der in Verzeiflung mit wahnſinniger Luſt ſein letztes Geld auf einen Satz ſetzt... bereit, im unglücklichen Falle ſein Leben — 150— mit Verachtung wegzuwerfen, ſtand auch er da, das⸗ jenige zu wagen, von dem ihn bis dahin Klugheit und kaltblütige Berechnung abgehalten. Sein ſollte die Geliebte des Königs werden,. in ſeinen Armen wollte er ſie, die himmliſch ſchöne Angeline, wiſſen, und dann!... dann!... nun dann mochte der flammende Gaſt da oben Recht behalten und... die Welt in Trümmer gehen.—— Angeline ſtand noch immer an dem geöffneten Fenſter ihres Schlafgemaches. Es war ein eigenes, ein unübertrefflich ſchö⸗ nes Bild! Sie glich einem Engel, der bei dem Anblick des Unendlichen in ſich zuſammen ſchauert. Ihr wunderbar herrliches Haar war unbedeckt — in dichten Flechten den Hinterkopf wie mit einer Krone von röthlichem Golde zierend. Ein leichtes weißes Battiſtgewand mit zierlichen Stickereien, hüllte kaum die zauberhaften Formen ihres Körpers ein, und ließ zwiſchen den— wie Nebelwölkchen ſie um⸗ fließenden— ächten Spitzen, die nackten Arme, den reizenden Nacken, den aus dem feinſten Leinen her⸗ vorquellenden untadelhaften Buſen ſehen. Leicht nur und gefällig hielt dabei der Gürtel das leichte Gewand. Und waren denn nicht alle dieſe untadelhaften — 15 Formen von höchſter Künſtlerhand aus blendend weißem Marmor hervorgezaubert? O ja! ein Künſtler hatte ſie geſchaffen... dieſe Zauberformen... dieſe Engelsgeſtalt.. und zwar ein Künſtler, dem keines Sterblichen Hand jemals nachzuſchaffen vermag;... derſelbe Künſtler, der dort in des nächtlichen Himmels unendliche Tiefe den flammenden Kometen geſtellt! O unübertrefflich ſchönes reizendes Weſen,— — du, mit dem Gepräge der Engel,... mit dem Glanz einer Fürſtin... wie weit iſt jetzt dein Herz davon entfernt, den Engeln gleich, den Frieden der Unſchuld in ſich zu tragen! Nur auf kurze Zeit hatte ja der Leichtſinn die Erinnerung an jene unſelige Erſcheinung in dir ver⸗ wiſcht; da rüttelte die Nachricht, das Geſpenſt zeige ſich jetzt auch in Verſailles, dein Gewiſſen wieder auf. Daß ſie die Geliebte des Königs ſei, beunruhigte die reizende Angeline von Fontanges wenig. An ſolche Dinge war man damals— beſonders am Hofe Ludwig's XIV.— gewöhnt. Die Majeſtät hatte ja ſchon eine Reihe von Geliebten ge⸗ habt,. liebte dabei auch alle ſchönen Damen des . Hofes,. ſelbſt ſeine eigene Schwägerin. Alle Prinzen und Prinzeſſinnen, alle Großen des Reiches, der ganze Hof— ob verheirathet oder nicht— — 152— hatten ja ihre Liebes⸗Intriguen und Liebesverhält⸗ niſſe mit und unter einander. Ja! die Begriffe von Sittlichkeit und Ehre waren in jenen Tagen und am Hofe Ludwigs's XIV. ſo eigenthümlich, daß es ſo⸗ gar für eine Schande galt, kein ſolches Liebes⸗Ver⸗ hältniß zu haben. Ihr Verhältniß zum Könige beunruhigte daher Angeline wenig;... hätte ſie nur nicht bei Tag und bei Nacht die Angſt vor der geſpenſtiſchen Er⸗ ſcheinung verfolgt. O! es war ja Gauthier's Geiſt, davon blieb ſie überzeugt;... und daß ſie den Geliebten ihrer Jugend geopfert, war es vorzüglich, was jetzt ihre Seele beunruhigte. Natürlich ſteigerte dabei die Erſcheinung des Kometen ihre Angſt und Beſtürzung nur noch mehr. Und doch war dieſe Erſcheinung wieder ſo groß⸗ artig erhaben und ſchön, daß ſie Angeline wie mit magiſcher Gewalt anzog. Sie hatte, wie von einer höheren Macht getrieben, das Fenſter ihres Schlaf⸗ gemaches noch einmal öffnen.. ſie hatte noch ein⸗ mal mit Schaudern und Entzücken zu dem Flam⸗ menzeichen des Himmels aufblicken müſſen. Da ſtand er, der gewaltige Komet von dem Nie⸗ mand wußte woher er ſo plötzlich gekommen und wohin er gehe! Vor deſſen räthſelhafter Bedeutung alle Welt erbebte... der ſich vielleicht gar in der — 153— nächſten Zeit auf die Erde ſtürzen und ſie zertrüm⸗ mern konnte! Groß, herrlich, erhaben ſtand er da in der ſchwei⸗ genden Tiefe des nächtlichen Himmels, ſeinen flam⸗ menden Schweif drohend über den unendlichen Raum hinziehend,... den erſchütterten Gewiſſen der Men⸗ ſchen eine furchtbare Mahnung. Angeline bebte. Ihr Geiſt hatte ja nicht die Kraft, ſich über den allgemeinen Aberglauben zu er⸗ heben— nicht den ruchloſen Leichtſinn eines Saint⸗ Aignan: mit diaboliſchem Entzücken daran zu den⸗ ken, im Rauſche der Sünde, im Rauſche der ſüße⸗ ſten Luſt mit einer ganzen Welt unterzugehen. Angeline bebte. Ihre Seele war voll Unruhe, voll Angſt. Eine, ihr bis dahin ganz fremde Unbe⸗ haglichkeit erfaßte ihr Inneres. Ol ſie ſah' in dieſer Verwirrung noch reizender aus, als ſonſt. Jetzt ſchloß ſie das Fenſter und ließ den ſchwer⸗ ſeidenen faltenreichen Vorhang nieder. Ein Seufzer hob ihre Bruſt: er galt der Nacht, die ſie vor ſich hatte. Wäre es Morgen geweſen, ſie würde auf der Stelle zur Beichte geeilt ſein, ihr Gewiſſen zu er⸗ leichtern. Dann. dann hätte ſie ja wieder ruhig ſein können. Sie beſchloß wirklich mit dem früheſten Morgen — 154— dieſen unſeligen und unbequemen Zuſtand im Beicht⸗ ſtuhle abzuſchütteln. Angeline näherte ſich jetzt dem Bett. Leiſe löſte ihre Hand den Gürtel... da... da kam es ihr vor. als habe ſie ein Geräuſch vernommen. Raſch zog ſie das zierliche Battiſtgewand wieder n ſic Alles blieb ſtill. Und doch!... und doch!... jetzt hörte ſie es wieder.. Es ſchienen leichte Tritte zu ſein... Tritte, auf dem geheimen Gange, der von den Gemächern des Königs zu ihren Zimmern führte. Sie erbebte.. ſollte es.. Da öffnete ſich unhörbar— durch den Druck einer Feder— die Tapetenthüre.. Aber in demſelben Augenblicke entfuhr auch An⸗ gelinen ein halblauter Schrei... auf der Schwelle ſtand... die weiße geſpenſtiſche Erſcheinung. Schon wollte ſich ein Hülferuf auf die Lippen der Herzogin drängen,... da ſollte dem Schreck eine neue Ueberraſchung folgen. Das Geſpenſt war eingetreten... ſein weißes, faltenreiches Gewand fiel... und vor der ent⸗ ſetzten, an allen Gliedern zitternden Herzogin ſtand ——— Saint⸗Aignan. — 155— Der Herzog— hoch aufgerichtet, ein triumphi⸗ rendes Lächeln in den ſchönen Zügen,— Blitze leidenſchaftlichen Entzückens in den ſchwarzen feurigen Augen,— gehüllt in eine von Edelſteinen und Gold ſtrotzende Kleidung, glich in dieſem Augenblicke einem Götterſohne. Die Herzogin ſtand verwirrt,... ihren eigenen Augen nicht trauend,... wie in Stein verwandelt. Da ließ ſich Saint⸗Aignan auf ein Knie vor ihr nieder und ſagte mit dem ihm eigenen einſchmei⸗ chelnden Tone: „Vergebung, himmliſche Angeline, zweifache Ver⸗ gebung! einmal dafür, daß ich Dich, Du Zauber⸗ hafte, erſchreckt, und dann... daß ich es gewagt.. „Gerechter Gott!“— ſtotterte die Ueberraſchte, glühend in dem Purpur der höchſten Verlegenheit, —„gerechter Gott! wenn der König...“ „Vor ihm ſind wir ſicher!“— entgegnete lächelnd der Herzog, immer noch in Entzücken verloren, vor Angelinen knieend.—„Der König hat ſich unwohl gefühlt und zu Bette begeben.“ „Aber wer berechtigt Sie hier einzudringen?“ „Wer? Angeline?“— rief Saint⸗Aignan leiden⸗ ſchaftlich und ſeine Blicke trafen jene der reizenden Fontanges mit einem eigenthümlichen beſtrickenden Zauber, den man, der Klapperſchlange zuſchreibt, — 156— und der ihr Opfer zwingt, ſich in ihren Rachen zu ſtürzen,—„wer anders, als mein liebeglühend Herz! Himmliſche, vergieb, ich kann nicht anders! die glühendſte, die leidenſchaftlichſte Liebe zu Dir verzehrt mich. Laß mich glücklich ſein... oder. zu Deinen Füßen untergehen.“ Angeline bebte wie Espenlaub. Ihr Herz pochte wie ein Hammer,.. ihr Buſen wogte ſtürmiſch. Wie hatte ſie ein einziger Moment aus einer Stim⸗ mung in eine andere ſo ganz entgegengeſetzte geworfen. Es flimmerte ihr vor den Augen. „Angeline!“— flehte der Herzog wieder, und ſuchte ihre Kniee wie bittend zu umfangen. „Stehen Sie auf!“— bat jene zurücktretend. „Nicht eher, als bis ich weiß, daß Du mir meine Kühnheit vergeben.“ „O Gott! o Gott!“— ſtammelte die Herzogin —„wenn uns Jemand hörte!... wenn der König davon erführe...“ „Er wird es nicht. Höchſtens hat man das Ge⸗ ſpenſt wieder geſehen.“ ⸗ „Und Sie 7 „Ja, ich... ich, der ich mit dieſem Gang vertraut bin, habe es diesmal geſpielt; aber es iſt kein böſer Geiſt, der in dieſer Stunde zu Dir, Schönſte der Schönen, gekommen, ſondern der Geiſt ————— ——— — 157— der Liebe. O laß ihn einzichen in Dein Herz, laß ihn aufflammen in Dir ſelbſt. Sieh! dort draußen kündet ein furchtbares Geſtirn den Untergang der Welt!— Heißgeliebte, laß uns glücklich ſein... und die Welt und Alles mit ihr dann in Trüm⸗ mer gehen!“ „Freveln Sie nicht!“— rief hier Angeline.— „Laſſen Sie uns an unſere Sünden denken und nicht neue begehen. Stehen Sie auf!“ Der Herzog erhob ſich. Angeline zog ihr leichtes Gewand dichter an ſich; aber es vermochte den lüſter⸗ nen Blicken Saint⸗Aignan's nur wenig zu verhüllen. Glühend und leidenſchaftlich ſtreckte er ſeine Arme nach ihr aus und wollte die Reizende eben umfaſſen und an ſich ziechen— als beide— wie von einem Donner gerührt— auseinanderfuhren. Abermals ließ ſich Geräuſch vernehmen. „Gerechter Gott!“— hauchte Angeline leichen⸗ blaß—„wir ſind verloren!... der König!“ Aber jetzt deckte auch des Herzogs Antlitz Tod⸗ tenbläſſe Einen Moment weiter... und ihr Leben war verwirkt! Die Erinnerung an des Grafen von Maulevrier's Schickſal auf Loches zuckte wie ein Blitz durch beider Seele;— einen Moment ſpäter und ihr Todesurtheil war geſprochen;. — 6— es mußte ſie erreichen, gleichviel ob raſch durch blu⸗ tige Gewalt oder in gräßlicher Langſamkeit in der Tiefe eines.. ſich nie mehr öffnenden Kerkers. Aber dies hatte auch Saint⸗Aignan ſofort be⸗ griffen. Raſch flog ſein Blick durch das Zimmer... und im nächſten Moment barg ihn der ſchwerſeidene, faltenreiche Vorhang, der das nächſtliegende Fenſter verhüllte. Angeline hielt ſich zitternd an der Lehne eines Seſſels. Da öffnete ſich abermals die geheime Thüre.. und abermals— die Herzogin brach faſt zuſammen — ſtand die weiße geſpenſtiſche Erſcheinung auf der Schwelle. Diesmal aber war es die rechte;„ denn Angeline ſtarrte entſetzt in das bleiche, erdfahle Antlitz Gauthier's. Und—„Gauthier?!“— entſchlüpfte es in dem Tone des Schreckens und des Erſtaunens ihren Lippen. „Ja!“— antwortete eine hohle Stimme lang⸗ ſam und feierlich—„ich bin Gauthier!“ Angeline griff nach ihrer Stirne, auf der dicke Tropfen kalten Schweißes ſtanden. Dann durchzuckte es ſie, als wolle ſie ſich ermannen, und mit dem — 459— Aufgebot aller ihr noch innewohnenden Kraft rief ſie, mit der Hand ein Kreuz ſchlagend: „Im Nomen Gottes, des Dreieinigen, biſt du ein Geiſt... ſo... hebe dich weg von mir!“ Aber die Geſtalt verharrte ruhig und unbeweglich. Eine Pauſe entſtand. Die Herzogin kämpfte mit einer Ohnmacht. Sie ſchwankte;... die Arme glitten wie erſtarrt an den Seiten herab. „Frau Herzogin!“— ſagte jetzt die Ge⸗ ſtalt mit zitternder Stimme, aber ſcharfer, ſchneiden⸗ der Betonung—„Sie täuſchten ſich. Nicht ein Geiſt ſteht vor Ihnen, ſondern nur ein Menſch.“ „Unmöglich!“ „Wunderbar mag es ſein; aber daß es möglich iſt, ſehen Sie!“ „So hat man mich belogen!... Gauthier von Montferrand hat ſich nicht...“ „Als ihm Ihre Untrene, Ihre Schandthat, Frau Herzogin, das Herz gebrochen, ſuchte er das ſeine unter Ihrem Fenſter durch eine Kugel zu durchbohren...5 Angeline hatte ſich abgewandt und bedeckte mit beiden Händen ihr Geſicht. Die Geſtalt kehrte der Thine, durch die ſie eingetreten und die offen ge⸗ blieben, den Rücken. Niemand im Zimmer bemerkte, daß jetzt der König,— daß Ludwig XIV. unter ihr ſtand. Die Nochricht: das Geſpenſt habe ſich wieder zweimal im Schloſſe gezeigt, hatte ihn— obgleich unwohl— beſtimmt, das Bett zu verlaſſen, um, in der Ferne von Bewaffneten gefolgt, in eigener Per⸗ ſon den Spuck zu unterſuchen. „Die Kugel“— fuhr die Erſcheinung ruhig fort—„tödtete mich nicht, obgleich man mich für todt vom Platze trug.. ſie tödtete mich nicht; aber die Wunde war doch ſo gefährlich, daß ich Monate lang in Gefahr ſchwebte.“ „O, Gott ſei Dank, Gauthier!“— rief hier Angeline—„Ihr Tod war mir gräßlicher Vorwurf.“ „Beruhigen Sie ſich, Frau Herzogin!“— ſagte kalt und ſchneidend die Geſtalt mit dem bleichen erdfahlen Geſichte—„beruhigen Sie ſich... ich nehme Ihnen dieſen Vorwurf nicht vom Herzen. Die Wunde zwar iſt geheilt... aber der Schuß koſtet doch mein Leben... meine Geſundheit iſt zzerſtört.. ich wanke dem Grabe entgegen.“ „Sprechen Sie nicht ſo, Gauthier!“— flehte hier Angeline—„erhalten Sie ſich Ihrer Mutter!“ „Meine Mutter iſt todt!“ „So denken Sie an ſich ſelbſt!“ „Auch ich bin todt für die Welt, wenngleich ich — 161— noch ein elendes Daſein friſte. Was hätte auch die Welt noch für mich... da das, was mein Höchſtes, mein Heiligſtes, mein Liebſtes war... in dem Staube liegt.“ „Gauthier?!“ „Ich ſterbe bald... und ſterbe gern! Aber bevor ich mein müdes, mein armes gebrochenes Herz zur letzten Ruhe legen darf, habe ich mir noch eine Aufgabe geſtellt... und dieſe Aufgabe zu löſen, ſtehe ich hier!... dieſe Aufgabe iſt: Ihnen, Frau Herzogin!...“ Gauthier unterbrach ſich, dann ſagte er in unendlich ſchmerzlichem Tone. „Dir, Angeline, noch einmal entgegenzutreten; ... Dich noch einmal anzuflehen... umzukehren von der Bahn der Sünde auf den Weg des Rechtes und der Tugend. Zu dieſem Zwecke trieb ich das Larvenſpiel;— denn wie, wie hätte ich mich ſonſt auch Dir nähern können.“ „Unmöglich! in Loches war es...“ „Gauthier von Montferrand, wie hier.“ „Aber der König ſelbſt verfolgte ja die Erſchei⸗ nung bis an das Grabmal Agnes Sorel's, wo der Geiſt.. „Dank der Vorſicht der Kanonici der Kirche von Loches ſpurlos verſchwand, und zwar durch einen, hinter dem Mauſoleum befindlichen Der Raub Straßburgs II. 41 = 162— Beichtſtuhl, der den Eingang in die Crypta der Kirche verbirgt. Sie werden fragen, Frau Herzogin, wie ich überhaupt nach Loches,... wie ich zu dieſem Geheimniſſe kam?.. Ich will es Ihnen ſagen. Als meine Mutter geſtorben und meine Wunde ſoweit geheilt war, daß ich mit hinwelken⸗ dem Körper wieder wandeln konnte, hatte ich nur noch einen Gedanken, einen Entſchluß: Diejenige zu retten, die— mir verwandt— die glücklichen Tage der Jugend mit mir getheilt,... die einſt, in ſtiller keuſcher Liebe, mein Glück, mein Alles war.“ Angeline war in den Seſſel geſunken und be⸗ deckte mit beiden Händen ihr Geſicht. „Aber wie ſollte nun der arme Gauthier bis zu der ſchönen, ſtolzen, in Luſt und Leichtſinn, in Glanz und Pracht ſchwelgenden Herzogin dringen?“ „Gauthier!“ „Bis zu den Stufen des Thrones, wo— die Mahnungen der armen verlaſſenen Mutter, die from⸗ men Lehren des greiſen treuen Erziehers, Gott, Tu⸗ gend und das eigene Heil vergeſſend— Angeline von Fontanges in den Armen eines Königs. Ludwig XV. zuckte zuſammen. Zorn blitzte in ſeinen Augen, gewaltſam trieb es ihn vorwärts; aber... er faßte ſich wieder und bezwang ſich, bis er alles gehört. — 465— „Ich mag es nicht ausſprechen!“— fuhr Gau⸗ thier finſter fort.—„Mag Ihr Gewiſſen ſtatt mei⸗ ner reden. Ich wollte, ich mußte alſo zu Ihnen ge⸗ langen, Herzogin. Geld aber, ſoviel hatte ich be⸗ reits am Hofe gelernt,... Geld iſt der Schlüſſel zu Allem in der Welt. 36 verkuuft daher, was ich beſaß.. ſelbſt unſer kleines Stammſchloß und machte mich, in Begleitung Pater Hilaires auf, meine letzte Lebensaufgabe zu löſen.“ „Ja!“— ſogte Ludwig XIV. vor ſich hin— „deine letzte Lebensaufgabe ſoll es geweſen ſein.“ „Wir bemühten uns lange umſonſt,“— fuhr Gauthier fort—„da begab ſich der Hof nach Lo⸗ ches, und.. hier hatte Pater Hilaire einen alten Bekannten unter den Kanonici. Was brauche ich mehr zu berichten, ich erlangte dort wie hier 1 verſchwenderiſche Beſtechungen, die Möglichkeit,. mich Ihnen, Frau Herzogin, zu nahen. O, die Menſchen thun ja alles für das Geld! Sie ver⸗ rathen Gott und ihren König, ja! ſie verkaufen ſich ſelbſt!“ „Gauthier! Gauthier!“— rief die Herzogin, noch immer mit bedecktem Geſichte, ſchmerzlich. „Auch den Schlüſſel zu dem geheimen Gange, der von dem Flügel des Königs hieher führt... auch dieſer koſtbare Schlüſſel.. war zu erkaufen. 442 Der König knirſchte mit den Zähnen; dann murmelte er: „Aber er wird den Schuldigen nachträglich noch theuer zu ſtehen kommen. Der Preis iſt.. die Baſtille!“ „Aber der Schlüſſel war es nicht allein, auch die Wachen mußten beſeitigt werden. Hier aber wa⸗ ren keine Beſtechungsverſuche zu wagen... und ſo mußte mir... Furcht und Aberglauben den Weg bahnen. Jetzt, Herzogin, wiſſen Sie wie und warum ich als Geiſt zu Ihnen kam. Wäre es an⸗ ders möglich geweſen, ſo würde ein Mann, wie ich, der ſchon mit einem Fuße im Grabe ſteht, den Mum⸗ menſchanz verachtet haben.“ Gauthier ſchwieg einen Augenblick... Angeline weinte leiſe... hinter dem Vorhange regte ſich nichts... der König ſtand unbeweglich, hochaufge⸗ richtet unter der Thüre... Zorn und Verderben thronten auf ſeiner Stirne. „Und nun!“— fuhr Gauthier nach einer klei⸗ nen Pauſe fort—„nun, Frau Herzogin!... nun ruft Ihnen der Sterbende in die Seele, was Sie einſt Gott, ihrer armen verlaſſenen Mutter und Vater Hilaire gelobt! Nun ruft er Ihnen den Traum in die Seele zurück. den Ihnen der Ewige einſt geſandt!“ Angelinen's Haupt ruhte tief niedergebeugt in ihren Händen. Sie ſchluchzte laut. Gauthier ſank ihr zu Füßen. „Angeline!“— rief er dabei, und ſeine Stimme zitterte in tiefſtem Seelenſchmerze.—„Höre die Stimme eines Sterbenden! Nichts, nichts will ich ja für mich. nur deine Seele möchte ich ret⸗ ten, nur deine Zukunft vor Entſetzlichem be⸗ wahren. Kehre zurück, Angeline,... kehre zurück auf den Weg der Tugend!.. zurück in die Arme Deiner verlaſſenen Mutter, die ſich blind weint über ihr verlorenes Kind!... Kehre zurück, Angeline, in die ſtillen, freundlichen Thäler der Limagne, wo wir einſt, in unſerer Jugend, ſo unendlich glücklich waren. Du biſt tief, tief gefallen.. aber der un⸗ endlich gütige Gott iſt gnädig!“ Gauthier hielt inne... Angeline weinte, aber ſie regte ſich nicht. „Angeline!“— rief der Jüngling abermals und ſeine Stimme zitterte vor innerer Bewegung— „Angeline! wirf den eitlen Tand von Dir! der König „Er liebt mich!“— rief Angeline unter Thrä⸗ nen—„und ich liebe ihn wieder!“ — 166— „Aber eure Liebe iſt Sünde, der König iſt ver⸗ heirathet!“ „Und ſollte ſie Schmach ſein ſie iſt immer Liebe!.. „Nein!“— rief hier Gauthier, ſich erhebend, und ſeine Augen leuchteten jetzt aus dem bleichen erdfahlen Antlitze mit wirklich geiſterhafter Unheim⸗ lichkeit hervor—„nein! nicht Liebe verbindet Sie, Frau Herzogin, mit dem Könige, ſondern eine auf Eitelkeit gegründete Leidenſchaft. Der König liebt Sie?. o ja!.. heute. morgen vielleicht auch noch übermorgen! Aber bald wird der Unerſättliche Ihrer überdrüſſig ſein,.. wie er ſchon ſo Vieler überdrüſſig wurde und dann.. dann, Herzogin, wird er ſie wegwer⸗ fen, wie die Anderen auch, und in Nacht und Elend und Verzweiflung werden Sie Ihre Thorheit und Schwäche bereuen und beweinen.“ „Nein! nein! nein!“— rief hier Angeline— „das iſt der König gegen mich nicht fähig!“ „Nein!“— rief jetzt mit einemmale eine ge⸗ waltige Stimme—„das iſt er nicht fähig!“ Angeline ſchrie auf.. Gauthier zuckte zuſammen und wondte ſich um: der König ſtand vor ihnen. Ein tiefes Schweigen folgte. es war ein furchtbares Schweigen das Schweigen.. — 16 welches der Verkündigung eines Todesurtheiles vor⸗ ausgeht. Der König winkte nach der Thüre; Hauptmann von Torcy mit der Wache trat ein. Verhaftet dieſen Mann!“— befahl der König — und liefert ihn in die Baſtille!“ Torecy ſtand vernichtet. „Euer Kopf haftet Uns dafür!“— ſetzte der König ſtreng hinzu.—„Er ſteht, wie er ſelbſt ſagt, mit einem Fuße im Grabe, nun... dann wird er ja den anderen leicht nachziehen.“ Torcy trat vorz... aber der alte Krieger wankte. Gauthier ſtand hoch aufgerichtet. Noch einen ern⸗ ſten bedeutſamen Blick warf er auf Angeline,— einen Blick der Mahnung... ewigen Scheidens... dann folgte er ruhig und feſten Schrittes der Wache. „Angeline!“— ſagte jetzt der König ſ „Ich habe alles gehört. Du biſt unſchuldig, mein Kind; Du liebſt mich treu und aufrichtig und treu wird Dir Dein König bleiben. Vergiß den Schwärmer und lege Dich zur Ruhe,.. Du bedarfſt ihrer nach dieſer ſtürmiſchen Stunde.. und wenn Du je über mich zu klagen haben ſolleſt... dann.. er— innere mich an ſie!“ Und der König küßte Angeline auf die Stirne . und verließ das Zimmer. In der Verbannung. 1 Die Entdeckung. Eine wundervolle Sommernacht lag über der Erde. Die Luft war warm und weich. Von den Wäldern aus Nadelholz ſtiegen köſtliche Düfte auf .. harzig und würzig zugleich. Dabei ſchien der Mond ſo klar und hell, daß die prächtige Landſchaft weit aufgedeckt vor den Blicken des nächtlichen Wan⸗ derers lag, der eben, von der Höhe eines Berges herab, ſtill in ſich gekehrt über ſie hinſchaute. Und tiefe lautloſe Stille lag ja auch über der Welt! Wie ſie ruhten und ſchlummerten alle dieſe Berge und Wälder und Thäler und mit ihnen die Burgen und zerfallenen Klöſter auf den einſamen dicht bewal⸗ deten Höhen. Sie war wildromantiſch dieſe Gegend: Berge reihten ſich hier an Berge,.. ſteil aufſteigend, * bald bedeckt mit zahlloſen ſchwarzen rieſigen Tannen, die dicht gedrängt, wie zum Kampf bereite Heere ſtanden, .. bald kahl und ſteinig, nur von wunde lichen Felsmaſſen gekrönt, die wie finſtere Geiſter unheim⸗ lich hinausſtarrten in die ernſte, ſchweigende Nacht. O! es war kein Wunder, daß der einſame Wan⸗ derer hier träumeriſch ſtille ſtand;... ſchien doch auch die ganze Umgebung hier zu träumen von längſt vergangenen Zeiten, von längſt erblaßten Jahrhunderten. Dort über das tiefverfallene Stift und den präch⸗ tigen Hochwald hinaus glitt der Blick an der Ruine eines Kloſters vorüber, die ferne ruhende Ebene hinab oder heftete ſich ſehnfüchtig an den vom Monde ſanft beglänzten Schwarzwald. Und wehte es denn nicht von den ringsum im Dickicht verſteckten Waldſchlöſſern herüber wie leiſer Harfenklang und Minneſang? wie Klagen und Sagen der Vergangenheit? Und wahrlich! ſie kann viel er⸗ zählen, dieſe Vergangenheit, von dem was ſich ſeit Jahrtauſenden hier zugetragen... hier... zwi⸗ ſchen Jura, Schwarzwald und Wasgau. O ſtille! ſtille!... da flüſtert's ja gar wunder⸗ bar um die Mauern und Zinnen des uralten Klo⸗ ſters St. Odilien, das dort den hohen waldigen Berg krönt. — 173— Wie ernſt, wie feierlich liegt es da, vom Monde überglänzt! Aber horch!.. es flüſtert wieder! Ob irgend ein Stück dieſer Mauern ſtand, als der böſe Auſtrafier Attich, der erſte Herzog des El⸗ ſaſſes, hier hauſte und ſein ſanftes frommes Töchter⸗ lein zur Heiligen, zur geſegneten Schutzpatronin des Landes mißhandelte? Zwölfhundert Jahre ſind es nun— ſo ſpricht die Sage, daß dem harten Gemahl der weichen Bereswinde ein Mägdlein geboren wurde; das Mägdlein aber... war blind. Darüber entbrannte Herzog Attich in en Zorne. Einen Knaben hatte er gehofft und... nun war es nur ein Mädchen, dem noch dazu das Licht der Augen verſchloſſen! Da gedachte der tyranniſche Vater in ſeinem leidenſchaftlichen Ingrimme: es tödten zu laſſen; doch Mutterliebe rettete im Geheim das Kind nach Kloſter Palma in Hochburgund. Dem frommen Biſchof Erhard zu Regensburg aber ſagte eine Stimme vom Himmel:„Pilgere hin nach Hochburgund, und ſiehe, du wirſt— Palma ein Kindlein finden, das blind iſt. Taufe e im Namen des dreieinigen Gottes auf den Namen Odilie... ſo wird ihm der Augen Licht aufgethan.“ Und der Mann Gottes that, wie ihm geheißen ₰. — 174— war, und ſiehe da, während der Taufe blickte ihn die Kleine ſonnenhell an. Da begab ſich der fromme Biſchof Erhard zu Herzog Attich, die Wiederauf⸗ nahme des Kindes von dem harten Vater zu erflehen. Attich aber hatte kein Herz für die Unglückliche. Trotzig und mit harten Worten wies er den Mann Gottes zurück. Odilie aber wuchs als Waiſe im Kloſter auf. Einſt— ſie war unterdeß eine liebliche Jung⸗ frau geworden— erfuhr ſie, daß ihr daheim ein jüngerer Bruder, mit Namen Hugo, lebe. Da zog ſie die Sehnſucht gar ſehr zum Vaterhauſe... ſo ſehr, daß ſie dem Bruder ſchrieb, er möge den Vater zur Milde ſtimmen, auf daß ſie heimzukehren ver⸗ möge. Der Vater indeß war taub für alle Bitten des Sohnes. Aber auch Hugo ſehnte ſich jetzt nach der Schweſter und ließ ſie heimlich nach dem Schloſſe bringen. Sie kam.„Wer naht da?“ rief der Vater, als er ihrer anſichtig ward.„Deine Tochter!“— er⸗ wiederte der Sohn.„Wer rief ſie?“— donnerte Attich ihn an, und als Hugo's zitternde Stimme antwortete:„Ich that es, dein Sohn!“ erhob der Wütherich einen ſchweren Stab und ſchmetterte den Jüngling nieder. Der Knabe war todt. Die ſanfte liebliche Odilie aber ward von jetzt an von dem grau⸗ ſamen Vater wie eine elende Magd gehalten.. ja, es war Attich, dem finſteren Tyrannen, eine Luſt, die zarte Jungfrau bis auf das Blut zu peinigen. Odilie aber litt in ſtiller Ergebung. Und ſiehe, ſie ward mit jedem Tage lieblicher und frommer. Bis in die weiteſte Ferne drang ihrer Schönheit und Güte Ruf. Da ſtrömten— wie einſt um Hagen's Tochter Hilde— die Freier aus allen Landen her⸗ bei. Ritter und Grafen, Herren und Fürſten. Odilie aber, die ſich den Heiland zum Bräutigam erkoren, wies Alle zurück. Herzog Attich ſchäumte vor Wuth. „So will ich Dich zwingen, Elende!“— rief er und er befahl der Tochter, einem burgundiſchen Finſtenſohne ihre Hand zu reichen. Odilie aber ent⸗ floh' in ärmlichem Gewande. Eben hatte ſie ſich im waldigen Se niedergeſetzt, um auszuruhen, als Hufſchlag und Woffengeklirr ihr die Nähe ihrer Peiniger verkündete. Raſch ſpringt ſie auf; geflügelten Schrittes eilt ſie den Berg hinan; da ſchwinden ihr die Kräfte. Angſt und Entſetzen erfaßt ſie... nur noch wenige Schritte entfernt ſind Vater und Bewerber und vor ihr gähnt eine hohe Felſenwand. „Rette mich! rette mich, mein Gott!“— ruft ſie mit emporgeſtreckten Armen. Und,... o Wunder! die Felſenwand öffnet ſich wie ein Thor, nimmt — 176— die Jungfrau auf und ſchließt ſich wieder hinter ihr, daß keine Spur der Oeffnung übrig bleibt. Das trifft den verſtockten Alten wie Wetterſchlag! Urplötzlich erweicht, jammert er, einem Kinde gleich, ruft die Tochter bei Namen und gelobt, ihr nie mehr Gewalt anzuthun, ſie nie mehr zu miß⸗ handeln... wenn er ſie nur wieder habe. Und abermals klafft die Wond, der Fels giebt ſeinen Schützling heraus und mit ihm eine Quelle, die heute noch unter der Odilienkapelle ſprudelt und blinde Augen ſehend macht. Herzog Attich aber ſchenkt der frommen Dulde⸗ rin das Schloß Hohenburg und läßt ſie dort ein Kloſter bauen, wo ſie— nun eine Heilige— ihn ſelber, nachdem er geſtorben, ſo unermüdlich aus dem Fegefeuer herausbetet, daß die Spuren ihrer Kniee noch jetzt in einem Steine vor dem Altar der „Zährenkapelle“ zu ſehen ſind.——— 3 Und Hohenburg, das Kloſter ſammt Johannes⸗ und Zährenkapelle, wo iſt es? O, ſchau doch auf, du ernſter Wanderer in ſtiller Mitternacht! *) Sagen aus der Geſchichte des deutſchen Volkes, von F. Bäßler.— Albert Grün.„Bilder aus den deutſchen Gauen.“ Das Elſaß. —— Siehſt du denn nicht im Mondenſcheine die bei⸗ den gewaltigen Ruinen? Es ſind die Ueberbleibſel der Schlöſſer Lützelburg und Rathſamhauſen;.. links aber auf dem mächtigen Felsrücken die düſtere Mauermaſſe mit der uralten Linde.. das iſt... St. Odilien. So murmelt und flüſtert es von jenen Mauern und Zinnen herüber, dem müden nächtlichen Wan⸗ derer zu, der ſich erſchöpft auf das Moos niederge⸗ laſſen hat und nun gedankenvoll in die mondbe⸗ glänzte Ferne ſchaut. Es iſt ein hübſcher kräftiger junger Mann, in die einfache Bauerntracht jener Gegend gehüllt; aber die Tracht wiederſpricht, bei ſchärferer Beobachtung, den Zügen ſeines wohlgebildeten Geſichtes, die Geiſt und feinere Bildung verrathen. Und ſie lügen nicht, denn der einſame nächtliche Wanderer iſt Hugo von Zedlitz, der edle junge Mann, den Straßburg... den ſeine eigene Vater⸗ ſtadt. in die Verbannung geſandt! Oler hat viel, ſehr viel gelitten, ſeit jener un⸗ glücklichen Nacht, in der er ſich aus den Armen Almo's geriſſen und Stroßburg unfreiwillig den Rücken gekehrt. Verbannung iſt ein ſchweres Wort, das manchem kräftigen Mann ſchon das Herz gebrochen Der Ranb Straßburgs II. 12 — 178— und Heimweh— dies tiefe, ſtill verzehrende Gemüthsleiden— iſt ſeine tödtliche Frucht. Hugo hatte freilich dieſe Frucht nicht aufkommen laſſen, dafür war er ein zu thatkräftiger Menſch. Sein ganzes Sinnen und Trachten ging ja ſeit dem erſten Tage ſeiner Verbannung dahin: der geliebten Vaterſtadt ſo bald als möglich zu beweiſen, wie ſchreiend Unrecht ſie ihm gethan, wie ihr Glück, ihre Freiheit und Selbſtſtändigkeit ſein höchſter, ſein innigſter Wunſch,... das Ziel ſeines Stre⸗ bens ſei! Aber, wie konnte er denn in der Verbannung, in der Ferne für Straßburg wirken? Er verſuchte es auf alle Weiſe; es bot ſich keine Gelegenheit. Da zog ihn der inwohnende Thatendurſt, da zog ihn die Sehnſucht nach der Vaterſtadt und der Geliebten wieder nach dem Elſaß... nach den Ufern des Rheines. Nach den Ufern des Rheines!... Ol es iſt ein eigenes Ding, welche Anziehungskraft der edle majeſtätiſche Rheinſtrom auf ein deutſches Herz aus⸗ zuüben vermag. Verſteht denn eine andere Nation den alten Vater Rhein, wie die deutſche?— So ganz und gar, ſo tief und mächtig durchdrungen von ſeiner Schönheit und Herrlichkeit, wie das deutſche Volk, iſt kein anderes. Kein deutſcher Dichter, der nicht . — 179— den Rhein beſungen, dem nicht ein Lied für ihn im tiefſten Herz erklungen. Seht den Franzoſen, wenn er den Rhein be⸗ fährt! Flüchtig blickt er hin, aber wie ſchnell und wie leicht ziehen ihn andere Dinge ab: Geſellſchaft, Converſation, Witz, Scherz.. und allenfalls der Gedanke: der gehört doch eigentlich uns... der großen Nation... und muß auch noch unſer werden! Und der Engländer?. ja! er beſchaut ihn, den großen herrlichen Strom.. er beſchaut ihn ernſt, durch Gläſer und Fernröhren ſogar, aber kalt und gleichgültig, wie es dem Weltmann, dem kalten Sohne Albion's, eigen iſt. Seine Blicke ruhen dabei mehr in dem Reiſehandbuch und auf der Karte als auf der göttlichen Natur. Er kann doch ſagen: „Ich habe den Rhein geſehen.“ Nur der Deutſche ſchwärmt mit ganzer Seele auf der Fahrt am Rhein; nur er iſt ganz Aug', ganz Herz, ganz hingeriſſen, nur Anſchauung, nur Andacht. Darum aber auch ſpricht Vater Rhein mit dem Deutſchen am aufrichtigſten; darum vertraut er ſich auch nur dieſem, wie einem alten Freunde, ganz und gar; läßt er nur ihn die ganze Fülle ſeiner Schönheit finden und würdigen. Und iſt es denn nicht ſo? Sieht der Deutſche dieſen prächtig und ſtolz dahinfließenden Strom, mit ſeinen grünen Reben, 2 — 180— mit ſeinen anmuthigen Hügeln, mit den ſchönen friedlichen tief⸗ſchattigen Wäldern, die ſeine blauen Berge umwallen, mit ſeinen an Vorzeit und Ver⸗ gänglichkeit mahnenden Burgen, mit ſeinen lieblichen Dörfern, geheimnißvollen Auen, ſeinen ernſten gothi⸗ ſchen Kirchen und Domen,... dann geht ihm Herz und Seele auf. Schlägt dann aber auch noch plötz⸗ lich tiefer Glockenklang an ſein Ohr, mahnend zur Andacht, dann iſt er ganz hingeriſſen, ganz deutſch⸗ ſelig. Und nun ächten Johannisberger und alle Schleußen des Geiſtes und der Poeſie ſind geöffnet! Ach, und wenn das Schickſal mit Adlerklauen ihn vom Rhein hinwegreißt, welche Sehnſucht hat er dann ſtets zurück nach dem lieben heimathlichen Strome! Auch der kältere Norddeutſche, obſchon er den Rhein nie geſchaut, hat eine Ahnung von ſeiner Schöne, und er ruht nicht, bis er endlich den Lang⸗ erſehnten geſehen hat, und das Bild nimmt er mit nach Hauſe— es verwiſcht ſich nie— ja es be⸗ herrſcht ſein Herz und die Sehnſucht, das Heimweh, das„Rheinweh“ erwacht noch manchmal,— ja, ehe er ſtirbt muß er, wenn möglich, noch einmal hin, dem alten Vater Rhein den ſtillen, wehmüthigen Abſchiedsgruß zu bringen. O! auch jetzt in der ſtillen einſamen Nacht— — 181— hoch oben auf ſeiner Bergeshöhe— ſandte Hugo über die ferne mondhelle Ebene hinaus die Blicke nach jener Gegend, wo der geliebte heimathliche Strom dahinzog;... nach der Gegend, wo Straß⸗ burgs alt⸗ehrwürdiger Dom, wie ein ferner, ferner Rieſe ernſt und ſchweigend ſich hob,— und wo das holde liebe Weſen athmete, für das ſein Herz ſo warm, ſo treu, ſo innig ſchlug. Monate waren ja vergangen, ſeit er Alma nicht mehr geſehen. Und wie viel hatte er in dieſer Zeit gelitten, körperlich und geiſtig. Erſt war er gen Heidelberg gezogen, in der Hoff⸗ nung, ſeinen Aufenthalt für einige Zeit bei Ver⸗ wandten nehmen und, von dieſer nicht allzuweit von Straßburg entfernten Stadt aus, für die Va⸗ terſtadt ſelbſt wirken zu können. Auf welche Weiſe er dies bewerkſtelligen wollte, war ihm damals frei⸗ lich noch nicht klar. Aber auch dieſe dunkele Hoff⸗ nung ward ihm gleich von vornherein abgeſchnitten, da die Verwandten— ſeinen Angaben nicht trauend und ſeiner Flucht übele Dinge unterſtellend— ihn ſo kalt und zurückſtoßend empfingen, daß ihnen Hugo mit gekränktem Stolze ſofort wieder den Rücken wandte. Jetzt war freilich ſeines Bleibens in Heidelberg — 162— nicht mehr, da ſeine ſchwachen Geldmittel hierzu nicht ausreichten. Weit wollte er ſich dabei von Straßburg nicht entfernen. Er ſann und ſann... da erinnerte er ſich, daß ihm im Breisgau ein Ju⸗ gendfreund wohne, der als Juriſt bereits eine An⸗ ſtellung gefunden. War das nicht vortrefflich? Konnte er dem Freunde nicht an die Hand gehen und auf dieſe Weiſe ſeinen Unterhalt, wenigſtens für die nächſte Zeit ehrenhaft verdienen? Während deſſen fand ſich dann wohl auch der Weg, der zur Ausführung ſei nes Vorhabens, in Betreff ſeiner Rechtfertigung, füh⸗ ren konnte. Hugo von Zedlitz machte ſich alſo auf den Weg. Da er aber unerkannt bleiben wollte— es konnten ja von ſeinen Feinden Späher ausgeſchickt ſein, um ihn aufzufangen und an Frankreich abzuliefern— behielt er die Elſaß ſche Bauerntracht bei, zu der ihm Meiſter Wenck bei ſeiner Flucht verholfen. Auch konnte er ſo ſeinen Weg— er mußte ihn ohnedem zu Fuße machen— allein zurücklegen, da ſeine kleine Kaſſe bereits faſt auf nichts zuſammen⸗ geſchmolzen war, und ihm ſein Ehrgefühl nicht er⸗ laubte, von ſeinen unwürdigen Verwandten etwas zu verlangen. Und wohrlich! ſeine Verkleidung erwies ſich als⸗ — 183— bald für ſtreng geboten; denn ſchon in den nächſten Tagen kam ihm das Gerücht zu Ohren, daß fran⸗ zöſiſche und elſäſſiſche Spione auf einen jungen flüch⸗ tigen Straßburger— der Hochverrath und Empö⸗ rung gegen Frankreich gepredigt— in der ganzen Gegend fahndeten. So trieb denn den Verbannten vernünftige Vor⸗ ſicht dem Schwarzwalde zu; ja er mußte ſich zu⸗ meiſt während des Tages verborgen halten, um in nächtlicher Weile ſo unbemerkt als möglich fort zu kommen. Welche Gefahren, welche Anſtrengungen und Ent⸗ behrungen waren da zu überwinden und zu tragen! Hugo that es mit der Kraft und dem Muthe eines ungeſchwächten jugendlichen Körpers, eines friſchen kräftigen Geiſtes und eines reinen und guten Ge⸗ wiſſens. Und doch litt er geiſtig unendlich mehr als körperlich, da ſein Ehrgefühl und ſeine Vaterlands⸗ liebe gekränkt, ſein liebendes Herz tief niedergebeugt und bekümmert war. Aber das Schickſal ſollte ſeine Hand noch ſchwe⸗ rer auf Hugo's Nacken legen. Als er in Freiburg angekommen, den Jugendfreund aufſuchen wollte, er⸗ fuhr er... daß derſelbe vor kurzer Zeit geſtorben. So war denn auch dieſe Hoffnung zerſtört und in Nichts zuſammengebrochen! ₰ — 184— Wohl fand Hugo für einige Zeit Unterkommen bei einem Advokaten; wenn er ſich dabei aber auch nichts daraus machte, oft mit wirklicher Noth zu kämpfen, ſo ertrug er doch den Gedanken nicht: auf dieſe Weiſe ganz von der geliebten Vaterſtadt abge⸗ ſchnitten und jeden Verſuches, ſich durch eine patrio⸗ tiſche That rechtfertigen zu können, beraubt zu ſein. So vergingen für ihn Monate wirklicher See⸗ lenqual. Endlich aber vermochte es Hugo nicht mehr in ſolcher Entfernung von Straßburg— deſſen Frei⸗ heit und Exiſtenz er ja fortwährend bedroht wußte — nicht mehr in dieſer unſeligen politiſchen Unthä⸗ tigkeit auszuhalten. Raſch war ſein Entſchluß ge⸗ faßt, ruaſch ausgeführt... und. in dieſer Nacht war er dem Ziele bereits ſo nahe gekommen, daß er mit ſtürmiſchem Herzklopfen in der Ferne die Gegend erkennen konnte, in der die geliebte Va⸗ terſtadt liegen mußte. O! wie wunderbar war es ihm da zu Muthe, wie freudig und wie ſchmerzlich bewegt zugleich. Welch' eine Maſſe aufregender Gedanken und Ge⸗ fühle ſtürmten auf ihn ein. Alles kochte, wogte und gährte in ihm, und ſo müde und ſo erſchöpft er auch von der langen Wonderung war, er konnte hier nicht länger liegen bleiben. — ———— —— — 465— Nicht hörte er mehr das Flüſtern der Mährchen und Sagen, nicht ſah' ſein Auge mehr die finſteren Ruinen der Burgen und Klöſter, nicht mehr die dunkel bewaldeten Berge, die ſtillen friedlichen Thäler, die prachtvolle vom Monde zauberhaft überglänzte Nacht! Mit einemmale von wunderbarer Sehnſucht er⸗ faßt, von dem alten, mit doppelter Kraft erwachten Thatendrang durchſtrömt, ſprang Hugo auf und rief: „Ja! ich will der Verbannung ſelbſt ein Ende machen! Ihr ſollt nicht mich, und vielleicht in kur⸗ zer Zeit alle die treuen patriotiſchen Bürger hin⸗ würgen wie wehrloſe Tauben vom Marder gewürgt werden, und Lämmer ſich vom Wolfe zerfleiſchen laſſen! Jeder Gefahr zum Trotz, will ich mich Mit⸗ ten unter euch ſtürzen... und habt ihr mich auch gebrandmarkt, und ſollte ich auch untergehen,... o!... ihr ſchlagt der Geſchichte doch nicht in das Antlitz; die Nachwelt ſetzt doch Jeden in ſein Ehren⸗ recht;... denn... Gott iſt gerecht und das End⸗ urtheil der Geſchichte verjährt nicht,... es wird auch für mich die Freiſprechung in ſeinem Schooße tragen!“ Und mit dieſem Troſt, der ja eines jeden un⸗ ſchuldig Verkannten Zuverſicht ſein muß, wandte ſich jetzt der Jüngling der Gegend zu, in welcher — 486— die Vaterſtadt— wenn auch noch in weiter, weiter Ferne— lag. „Nicht ich bin ja von dir abgefallen!“— ſagte er dabei vor ſich hin—„ſondern du von mir. Nicht ich bin ein Abtrünniger der guten Sache, noch ein Verräther an ihr, ſondern diejenigen ſind beides, die mich verbannt. Noch aber wandle ich als freier Mann, als ächter treuer Sohn des alten biederen Argentoratum, und als ſolcher.. ich ſchwöre es bei Gott... will ich mich bewähren wrill ich leben und ſterben!“ Und von dieſem Hochgedanken beſeelt, gehoben und getragen, ſchritt der Jüngling raſch und kräftig weiter. Indeß... die Natur hat ihre Gränzen. Auch die Kräfte des ſtärkſten Mannes erliegen mit der Zeit anhaltenden Anſtrengungen. Hugo von Zedlitz war bereits ſeit zwei Tagen und zwei Nächten auf den Beinen. Nur wenig hatte er dazwiſchen auf ſeiner Wanderung geruht. So war es denn natürlich, daß ihn nachgerade Müdigkeit überwältigte, zu der ſich jetzt auch noch die ſchlim⸗ men Gefährten, Hunger und Durſt, geſellten. Was aber war in der Einſamkeit und tiefen Nacht zu machen? Mit Rieſenanſtrengung überwand ſich der Wan⸗ —— derer. Die Willenskraft ließ ihn auch jetzt noch dem Körper gebieten; wie aber ſollte es werden, wenn nun der Tag kam, der ſich bereits mit dem erſten leiſen Dämmerſcheine ankündigte. Für den Ver⸗ bannten war er ja um ſo gefährlicher, je mehr ſich dieſer Straßburg näherte. Und doch war jetzt kaum mehr an ein Weiter⸗ ſchreiten zu denken. Da o welche freudige Ueberraſchung!... da zeigte ſich im Morgengrau bei der Biegung des Weges ein kleines ärmliches Wirthshaus, vor wel⸗ chem faul und ſchläfrig ein Knecht die Pferde eines mit Güter beladenen Wagens fütterte. „Guten Morgen, mein Freund!“— ſagte der Jüngling, bleich und ſchwach vor Hunger, indem er müde heranſchwankte. Der Knecht ſchaute ihn mit halbgeſchloſſenen Augen an; aber der Dank war ſeiner ſchläfrigen Seele noch zu viel. „Kann ich einen kleinen Imbiß haben?“— frug der Jüngling weiter. „Schläft noch Alles!“— meinte der Knecht mürriſch. ao ſuchte in ſeiner Taſche die letzten kleinen Münzen zuſammen und warf ſie auf den ſteinernen — 188— Tiſch, der ſich vor dem Hauſe befand, daß ſie laut klangen. Der Schläfrige ſchaute um. Hugo wiederholte ſeine Frage. „Wenn's Brod und Käſe thut?“— meinte der Knecht. „Wohl!“— entgegnete der Ermattete, der ſich auf die Steinbank, die neben dem Tiſche ſtand, nie⸗ dergelaſſen—„und ein Trunk friſchen Waſſers.“ Jetzt war Hugo bald bedient. Wie labte ihn das karge Mahl! Nur ließ es ihn die Müdigkeit kaum genießen... ſeine Augen ſanken ihm faſt zu. Auch der Knecht, der unterdeſſen den Fuhrmann und ſeinen Wagen befördert hatte, bemerkte es. „Seid wohl müde und möchtet etwas ruhen?“ — frug er daher. „Wohl möcht' ich das!“— meinte Hugo— „aber es iſt wohl noch alles im Hauſe geſchloſſen.“ „Der Heuſchoppen daneben nicht!“— meinte der Knecht lakoniſch und ging, die Mütze tiefer her⸗ unterziehend in das Haus. Für Hugo aber war die Andeutung genug. Raſch entſchloſſen und gewandt wie die Jugend, ſtieg er der Leiter, die außen an dem freiſtehenden Schop⸗ pen hing, hinauf, und warf ſich— unbekümmert um die friſch durchziehende Morgenluft— in das Heu. — 189— Wenige Minuten ſpäter lag Hugo von Zedlitz in tiefem Schlafe. Aber, Himmel! war das auch ein Schlaf. Die Natur forderte ihre Rechte und der jugendliche Kör⸗ per gewährte ſie ihr im vollſten Maße. Und wer hätte den ſanft Ruhenden auch ſtören ſollen? Der Knecht war ſchon am Morgen mit Auf⸗ trägen nach der Stadt gezogen und da er Nieman⸗ den etwas von dem jungen Bauern, der auf dem Heuſchoppen ſchlief, geſagt,... ſo wußte auch Niemand ein Wort von ihm. Am Tage aber war der Zuſpruch nicht groß geweſen und erſt mit dem Nachmittage trafen— wie zufällig— einige Mönche und Söldner hier zuſammen. Schon ſenkte ſich die Sonne ihrem Untergange entgegen, als Hugo durch lauten Geſang aus ſeinem tiefen Schlafe erwachte. Erſtaunt ſchlug er die Augen auf, ohne im er⸗ ſten Augenblicke begreifen zu können, wo er ſich be⸗ finde? wie er hierhergekommen? und was das wilde Getöne aus rauhen Kehlen bedeute? Doch blieb ihm Klugheit genug, um ſich regungslos zu verhalten. Hatte er ſich doch ſeit Monaten an die größte Vor⸗ ſicht gewöhnt. Bald kehrte ihm auch das Gedächtniß zurück und mit ihm alle Erinnerungen, an das, was in —— der letzten Nocht und dieſen Morgen mit ihm hier vorgegangen. Richtig!... durch eine Spalte der Bretter⸗ wond erblickte er ganz nahe das alte ärmliche Wirths⸗ haus. Dort auch befand ſich der ſteinerne Tiſch, an dem er ſein frugales Frühſtück eingenommen. mw hiee hier laß er noch oben im Heu⸗ ſchoppen... wo er, bei Gott!... bis zur ſin⸗ kenden Sonne geſchlafen hatte. Das war nun alles ganz gut und ſchön— er hätte ohnedem zu viel gewagt, am hellen Tage wei⸗ ter zu wandern;— was aber ging denn jetzt da unten, dicht neben dem Schoppen vor? Wem gehörten die rauh geſtimmten, ſicher etwas zu ſtark befeuchteten Kehlen an?— Es waren Sol⸗ daten⸗ und Schelmenlieder, die man unter Lachen und Jubeln ſang... und... mitunter ſogar in franzöſiſcher Sprache. Teufel! da hieß es doppelt vorſichtig ſein. Aber wiſſen mußte Hugv doch das Genauere. Leiſe kehrte er ſich um... keiſe ſchob er ſeinen Körper der alten durchbrochenen Bretterwand näher. Jetzt hatte er ſie erreicht und fand zwiſchen zwei Balken einen hinlänglich großen Raum, um alles was zwiſchen dem Wirthshauſe und hier vorging —— genau ſehen und hören zu können, ohne dabei ſelbſt bemerkt zu werden. Da erblickte er denn eine Scene, die zwar heiter und originell genug, aber für ihn gar nicht beruhi⸗ gend war. Dicht neben dem Schoppen ſtand nämlich ein großer gewaltiger Lindenbaum, unter welchen man Tiſche und Bänke gerückt hatte. An dieſen aber ging es ungemein luſtig her. Zechend und ſingend ſaßen hier Söldner und Mönche bei einander, welchen eine von Geſundheit ſtrotzende rothwangige Kellnerin Wein in großen Krügen zutrug. Das Mädchen war wirklich hübſch, nur war ihre Schönheit von etwas derber Natur, wie auch ihr ganzes Weſen. Lachend ſetzte ſie den derben Späßen der Soldaten und Mönche noch derbere Antworten entgegen, und als ſie jetzt zum allgemei⸗ nen Jubel einer der Mönche auf ſeinen Schooß zog, ließ ſie ſich auch dies laut lachend gefallen, ja ſie wehrte ſeine Küſſe nur ſcherzend ab. Ein neues Jauchzen aber erſchallte, als einer der Söldner— er war augenſcheinlich und wie ſeine franzöſiſch⸗deutſche Ausſprache beurkundete, ein El⸗ ſäßer von der franzöſiſchen Gränze her— den Krug hob, und mit rauher Stimme zu ſingen anfing: — 492— „Ich ſing' euch ein artiges Stückchen, ihr Lieben, Womit ich ſchon mancherlei Kurzweil getrieben. Es wird euch gefallen, mir iſt d'rob nicht bang, Es iſt euch ein luſt'ger, ein heit'rer Geſang. Ich war eine Wittwe kaum zwanzig an Jahren, Doch hatt' ich im Leben ſchon manches erfahren; Da nahm mir, als gerade der Krieg jetzt begann, Der leidige Tod den braveſten Mann. Er ließ mir zwei Kinder und mancherlei Schulden. Ich konnte nicht länger die Leiden erdulden, Verließ meine Hütte mit männlichem Sinn, Und ward in dem Krieg Marketenderin! Ein allgemeines Hallo erſchallte, die Weinkrüge klangen gegen einander und Mönche und Söldner wiederholten im Chor: „Verließ meine Hütte mit männlichem Sinn, Und ward in dem Krieg Marketenderin!“ Als wieder Ruhe eingetreten, fuhr der Sän⸗ ger fort: Das war mir ihr Freunde, ein glückliches Leben, Ich wußte zu nehmen, ich wußte zu geben. Ich leiſtete gern den willigſten Dienſt, Für jeden für mich erlaubten Gewinnſt. Luſtig wiederholte der Chor die zwei letzten Zei⸗ len. Der Sänger fuhr fort: — 193— „Zwei Jahre, da hatt' ich an goldenen Stücken, Zweihundert, die band ich wohl feſt auf den Rücken, Im Kätzlein und ſchlich mich zum Lager hinaus, Wollt' ſehen die Welt auch, die weite da drauß. Doch ſang' ich zu früh' mir ein luſtiges Stückchen; Kaum nahm ich zum Frühſtück ein kräftiges Schlückchen. So ſah' ich in ſchimmernder Ferne: hop! hop! N'en Reiter herſprengen in vollem Galopp. „„Hurrah!““— tönte es in die Lüfte— „„N'en Reiter herſprengen in vollem Galopp!““ „Der Krieg ſoll leben und Reiter und Fußmann dabei!“— rief einer der Söldner. „Der Krieg und Fußmann und Reiter!“— ſchallte es aus allen Kehlen,... und abermals klangen die Krüge und Becher, daß es eine Luſt war. Nach einigen derben Zügen fuhr der Sänger mit weingrüner Stimme fort: „Ha! dacht' ich: nun biſt du um all' die Piſtolen; Was fang ich jetzt an? mir brannt' es wie Kohlen Am Herzen! O Himmel! ich ſah' es ganz klar, Es war Euch ein hübſcher, ein raſcher Huſar!“ Der Chor wiederholte: „Es war Euch ein hübſcher, ein raſcher Huſar!“ „Ein Bächlein und drüber ein Brückchen am Wege, Das machte in mir den Gedanken gleich rege: Du ſollteſt hinunter an's Bächlein dort gehn, Die Börſe verſtecken,. er wird es nicht ſeh'n. Der Raub Straßburgs II. 13 — 194— Kaum kam ich am Ufer herauf jetzt gegangen; So ward' ich auch gleich mit den Worten empfangen: „Was thateſt denn unter der Brücke du dort? „Fein Liebchen, das Geld her! und weiter kein Wort!“ „Ich ging nur, mein Herr, um den Durſt zu vertreiben. Und Geld?... ach!... wie ſollte mir ſolches verbleiben? Da! ſeht nur!.. hier ſchüttelt die Taſchen ich aus: Da fielen nur wenige Groſchen heraus. „Ei Poſſen! Du ſollſt mich gewiß nicht beluchſen!“ Da mußt' ich, ich Arme, ohn' Murren und Muchſen, Sogleich bis auf's Hemdchen mich auszieh'n und dann..“ „„Holla! hurrah!““— jauchzte der Chor der Mönche und Söldner durch die Lüfte. „Und dann“— fuhr der Sänger fort—„So hört doch, Cameraden, was weiter begann!“ „Hören! hören!““— riefen Alle und das Lied ging weiter: „Daß Gott dich verdamm! da ſteh' nun und friere, Und halt' mir den Zügel von meinem Thiere!“ Er nahm meine Kleider, daß Gott es erbarm'! Mit ſchnaubendem Grimme und Fluchen in Arm. Und ging hin zum Bächlein und unter die Brücke: Da ſah' er hell blinken, o traurig Geſchicke! Das Geld in dem Beutel und zog es heraus; Da war es mit meinem Geduldigſein aus. Ich ſchwang mich auf's wiehernde Rößlein behende Und klatſchte im vollen Galopp in die Hände! — 195— Und lachte und jauchzte und ſang: trallara! Als ich ihn ſo hinter mir herlaufen ſah'. „Sie lachte und jauchzte und ſang: trallara;““ wiederholte der Chor: „Als ſie ihn ſo hinter ſich herlaufen ſah!““ „Ja, lauf' du, ſo dacht' ich, du ſollſt mich nicht kriegen; Die Weiberliſt wird ſtets die Männer beſiegen. Lauf Männlein, lauf immer, du ſollſt es hier ſeh'n, Wie ich dir im Hemdchen weiß Naſen zu dreh'n!“ „Hurrah! hurrah!““— ſchallte es— „Wie ich dir im Hemdchen weiß Naſen zu dreh'n!““ „So kam ich in's Dörfchen, ein Glück war's bei Tage: Sonſt hätt' mich gewiß in der ſchnakiſchen Lage, Ein Jeder, unwiſſend was mit mir geſcheh'n, Mit Schrecken für einen Geiſt angeſeh'n.“ „„Mit Schrecken für einen Geiſt angeſeh'n!““ „Und als ich die Wirthin um Kleider gebeten, Da gab ſie mir willig, was mir jetzt von Nöthen; Dann ging ich zum Pferde und als ich's beſah': So fand ſich ein ſchöner Mantelſack da. Ich ließ ihn ſogleich auf mein Kämmerlein bringen; Der Hausknecht, er trug's kaum.— Nebſt andere Dingen, Befanden ſich— Himmel! mir ſchwand faſt der Sinn— Ein Tauſend der ſchönſten Dukaten darin!“ 8 — 196— „„Bravo! bravo!““— ertönte es— „„Ein tauſend der ſchönſten Dukaten darin!““ Der Söldner fuhr fort: „Ich freute mich jetzo der Beute von Herzen, Ha! ſiehſt du, Huſar, das mußt' nun verſchmerzen! Geh' hin mit dem Raube und trink dir n'en Rauſch, Und ſag' mir aufrichtig; gefällt dir der Tauſch? Bekenne, daß Weiberliſt, wer ſie verſteht, Weit über der Männer Verſchlagenheit geht, Ich bin ein lebendiges Beiſpiel davon: Drrum bitt' ich, man ſpreche den Weibern nicht Hohn!“ Ein allgemeiner Applaus lohnte die Anſtrengung des Sängers. Von allen Seiten reichte man ihm Krüge und Becher zum Trinken hin. Einer der Mönche aber rief, indem er die rothwangige Kellne⸗ rinn feſt umſchlungen hielt: „Drum bitt' ich, man ſpreche den Weibern nicht Hohn!““ Neues Gelächter erſchallte, neuer Wein kam her⸗ bei; die luſtigen Scenen erneuten ſich,. als ſich mit einemmale— unbemerkt von den Zechenden— etwas zutrug, was Hugo nicht wenig erſchreckte und in die größte Gefahr brachte. Einer der Mönche, der ſich augenſcheinlich vom Trinken ſo viel als möglich fern gehalten, hatte näm⸗ lich einem der Söldner— wohl dem einflußreichſten unter ihnen— einen Wink gegeben. —= 397— Nach ein paar heimlich gewechſelten Worten, wandten ſich nun beide leiſe der Seite des Heu⸗ ſchoppen zu, an welcher die Leiter zum Emporſteigen angebracht war. Hugo erſchrack zum Tode. Wenn ſie heraufſtiegen!.. wenn ſie ihn ent⸗ deckten! Er war ja verloren, mochte er nun ſeinen Landsleuten oder den Franzoſen in die Hände fallen! Hugo lauſchte.... Richtig.. ſie gingen leiſe und von den An⸗ deren unbemerkt auf die Leiter zu... Des Jünglings Herz klopfte zum Zerſpringen. Der Mönch deutete nach dem oberen Theile des Schoppens, in dem ſich der Verbannte befand. Nickend gab der Söldner ein Zeichen der Zu⸗ ſtimmung. Hatten ſie von ihm gehört? hatte ihn der Knecht verrathen? Aber er war ja noch gar nicht ſichtbar geweſen. Oder war es Zufall, der die beiden hierher führte? Einerlei!... wie ſollte ihnen Hugo entgehen? Er durfte ſich nicht zeigen, und dann... es war ja auch nur eine Möglichkeit hinunter zu kom⸗ men.. und dies war vermittelſt der Leiter, auf — 198— welcher die Beiden eben Anſtalten machten. heraufzuſteigen. Gerechter Gott!... wenn man ihn am Ende gar für einen Spion hielt... für einen ehr⸗ loſen Spion! Mußten das ſeine Feinde in Straßburg nicht gleich mit der vermeintlichen Verſchwörung, wegen welcher er verbannt worden, in Zuſammenhang bringen? Wo war alsdann noch ein Schimmer für ſeine Unſchuld?* Kalter Schweiß trat auf ſeine Stirne. Aber horch!.. Wahrhaftig ſie kamen... Hugo hörte ſchon den Einen auf die Leiter ien Jetzt war kein Augenblick mehr zu verlieren.. Raſch wie der Blitz ſchlüpfte er unter das Heu, welches in der einen Ecke noch hoch aufgethürmt lag, während ſich in der anderen nur einige zuſam⸗ mengeknüpfte Bündel deſſelben befanden. Kaum blieb ihm noch die Zeit, zwei derſelben über ſich herzurollen, um ſeinen Kopf— ohne Ge⸗ fahr erſticken zu müſſen— verbergen zu können. Eben war es geſchehen,.. als der Mönch einſtieg... der Söldner folgte ihm. — 199— „So!“— ſagte jetzt der Mönch—„da können wir ungenirt das übrige noch beſprechen.“ „Meinethalb!“— entgegnete der Söldner. „Laßt uns hier auf dieſen Heubündeln Platz nehmen.“ „Es geſchah'. „Und... was ſoll's nun geben?— frug der Soldat, deſſen Sprache ebenfalls den von der fran⸗ zöſiſchen Gränze ſtammenden Elſäſſer verrieth. „Ihr ſeid hierher beordert.“ „Ja! „Nun, au Pünktlichkeit hat es Euch nicht ge⸗ fehlt.“ „Daran iſt der Soldat gewöhnt.“ „Und an Gehorſam,“— meinte der Mönch— „wie wir auch.“ „Gehorſam unſeren Vorgeſetzten.“ „Iſt auch unſere Pflicht. Wir auch bilden eine Armee.“ Der Söldner lächelte verächtlich, dann ſagte er: „Jo! eine Armee Kutten!“ „Wir ſind die Krieger Gottes, die Kämpfer der Kirche.“ „Mag ſein!“— rief der Andere—„mir iſt, was das betrifft, das Schwert lieber als das Kruzifir!“ — 200— „Am beſten iſt es: Schwert und Cruzifix käm⸗ pfen mit und neben einander für eine und dieſelbe gute Sache, d. h. für unſere heilige Mutterkirche.“ Der Mönch bekreuzte ſich fromm, der Söldner folgte ſeinem Beiſpiele; aber er ſchien mit der eben ½ geäußerten Meinung nicht ganz einverſtanden. „Ich denke!“— ſagte er daher—„es iſt doch beſſer, wenn jeder auf ſeinem Platze ſteht. Unſer Einer weiß mit dem Schwerte drein zu ſchlagen... Ihr, frommer Pater, wißt mit dem Gebet, mit Beicht und Meſſe umzugehen; aber— den Teufel auch!— wie ſollte es ausſehen, wenn man mich in die Kutte und Euch in den Rock des Königs ſteckte!“ „Vielleicht nicht ſo ſchlecht, wie ihr denkt!“ „Ihr ſcherzt Pater!“ „Es käme auf eine Probe an!“ Der Söldner ſprang mit finſterer Miene auf: „Wollt ihr mich bekehren?“ „Möchte ſchwer halten.“ „Glaub's auch.“ „Und doch müſſen wir darüber reden.“ „Worüber?“ „Ueber das.. in die Kutte fahren.“ „Schwerenoth... „Ruhig!“ „Was ſoll das ganze Geſchwätz!“ — 201— „Ihr ſeid hieher commandirt.“ „So iſt es.“ „In Eurer Ordre an mich gewieſen.“ „Ja! unbegreiflich genug.“ „Nicht ſo ganz.“ „Nun ſo redet einmal von der Leber weg. Was ſoll all' das Geheimnißvolle mit dem wir hieher beſchieden ſind heimliche Wege... dies Reſt von einem Wirthshaus... Zuſammentreffen mit Pfaff.. mit Euch...“ „Seid Ihr und Eure Leute gute katholiſche Chriſten? „Jo!“ „Seid Ihr brave Soldaten?“ „Donnerwetter!... ja!“ „Dient ihr ſeiner Majeſtät dem großen König von Frankreich? „Nun, ſo werdet Ihr auch gern— abgeſehen von Eurer Dienſtpflicht— als gute katholiſche Chri⸗ ſten, als brave Soldaten und als Franzoſen thun, was der König, Euer Kriegsherr und was die heilige Mutterkirche von Euch verlangt!“ „Zu was die Umwege! ſtellt uns hin, wo es dreinzuſchlagen gilt und wir werden unſere Fäuſte zu gebrauchen wiſſen. So ein Bischen Blut küm⸗ mert uns nicht, und wenn es in Strömen fließt... — 202— ſein Leben achtet der Soldat auch nicht... alſo ſ Der Mönch griff in ſeine Bruſt und zog unter der Kutte ein Pergament hervor. „Lest!“— ſagte er dabei, indem er es dem Söldner hinhielt. „Der Teufel leſe!“— meinte dieſer—„wenn er keinen Buchſtaben kennt.“ „Aber die Unterſchrift kennt Ihr doch?“ „Ja! Saperment, wer kennt die nicht es iſt die Unterſchrift des Herrn Kriegsminiſters, Marquis von Louvois.“ 3 „Nun, ſo hört, was in der Ordre ſteht.“ Und der Mönch las einen Befehl Louvois vor, nach welchem die hieher beorderten Soldaten dem vorleſenden Pater René, dem Abgeordneten des Herrn Biſchofs von Straßburg, unbedingt gehorchen ſollten. Des Kriegers Stirne zog ſich in düſtere Falten. „Beruhigt Euch!“— ſagte jetzt Pater René, als er den unangenehmen Eindruck bemerkte, den dieſe Mittheilung auf ſeinen Geſellſchafter gemacht. —„Ich werde nichts von Euch verlangen was Eure kriegeriſche Ehre antaſtet. Im Gegentheil, Ihr und die Eurigen ſollt ein Werk verrichten, durch das Ihr Euch den Dank eures Königs und der Kirche verdienen werdet.“ — — 203— „Und das wäre?“ „Ihr ſollt ſeiner allerchriſtlichſten Majeſtät.. „Nun?“ „Straßburg, das Ketzerneſt, erobern helfen.“ „Wir?“ „Ja, Ihr „Und wie? ich wäre begierig, das zu erfahren wir ſind hier zu ſechs.“ „Habt Ihr noch nicht geſehen, wie es Nacht wird?“ „Tauſendmal.“ „Nun, da habt Ihr auch bemerkt, daß, wenn es dunkelt, erſt ein Sternlein kommt“... „Ja!“ „Und dann noch ein's.. „So iſt's!“.. „Und dann zehne und zwanzig.“ „Gewiß!“ „Und am Ende?“ „Zahlloſe!“ „Nun ſo kann's mit den Truppen des Königs in Straßburg auch gehen.“ „Verſtehe!“ „Nun hört, wie der fromme und heilige Mann, der Herr Biſchof von Stroßburg, Fürſt Franz Egon von Fürſtenberg, dieſer fromme Streiter der heiligen Mutterkirche, alles angeordnet hat, und wie es der 1 — 204— Herr Miniſter, Monſeigneur Louvois, pünktlich aus⸗ zuführen befiehlt.“ „Ich höre!“ „Seid Ihr in Straßburg bekannt?“ „Nein!“ „Nun, das thut nichts... ich ſelber werde Euch führen.“ „Nach Straßburg?“ „Ja! Aber hört mich erſt an.“ „Sprecht.“ „Wir ſind Barfüßermönche, wie Ihr uns an⸗ ſehen werdet.“ Der Andere nickte. „Nun, unſer Kloſter— eines der älteſten in Straßburg und jetzt noch das einzige, das in dem verfluchten Ketzerneſte exiſtirt,— liegt mitten in der Stadt.“ „Gut! und was ſoll es mit dem Kloſter?“ „Hier werden nach und nach— im Stillen und Geheimen— die Sternlein aufgehen, die zu dem Falle Straßburg's leuchten ſollen.“ „Wie ſo?“ „Ei! ich ſagt es ja vorhin: hier in dem Bar⸗ füßerkloſter, das unter der alleinigen Aufſicht des Herrn Biſchofs ſteht, läßt ſich von unſerer Seite alles machen. Hier werden alſo nach und nach Trup⸗ pen eingeſchmuggelt, von welchen Ihr die Ehre habt, die erſten zu ſein. Sind deren genug vorhanden, dann... nun das werdet Ihr ſpäter erfahren.“ „Aber man wird uns an den Thoren der Stadt nicht paſſiren laſſen?“ „Als franzöſiſche Truppen gewiß nicht!“ „Aber wie kommen wir hinein?“ „Durch Liſt: Seid klug wie die Schlangen und ohne Folſch wie die Tauben! ſagt der Apoſtel und deſſen Worte weiß unſer Herr Biſchof vortrefflich auszulegen.“ „Aber ich weiß immer noch nicht wie?“ Der Mönch lächelte pfiffig, während er den Finger auf den Mund legte. Dann neigte er ſich zu dem Söldner und ſagte ihm halblaut ins Ohr: „Drunten im Wirthshauſe liegt ein großer Sack, den wir mitgebracht haben. Rathet was da⸗ rin ſteckt?“ „Wie kann ich das?“ „Ich wills Euch ſagen.“ „Nun?“ „Sechs Kutten für Barfüßer⸗Mönche.“ „Und was ſoll's mit dieſen?“ „In dieſe ſchlüpft Ihr hinein...“ „Nimmermehr!“— rief jetzt der Andere auf⸗ fahrend, indem er ſich trotzig den Bart ſtrich.— — 206— „Peſt und Teufel! glaubt Ihr, Herr Pater, wir kröchen in Kutten?“ „Wohl glaub ich es.“ „Dann täuſcht Ihr Euch. Wir ſind Soldaten und keine Pfaffen.“ „Ihr ſeid“— ſagte der Mönch ganz ruhig— „Ihr ſeid gute katholiſche Chriſten, brave Soldaten und habt Eurem Kriegsherrn den Eid der Treue ge⸗ ſchworen. Wollt Ihr durch Widerſtreben den Fluch der Kirche auf Euch laden? werdet Ihr dieſem Be⸗ fehle des Herrn Kriegsminiſters— alſo auch Eures Herrn und Königs— den Gehorſam verweigern?“ Und der Mönch hielt dem finſterblickenden Kriegs⸗ mann das Pergament vor die Augen. Der Mann ſchwieg; aber man ſah, wie es in ſeinem Inneren kämpfte. Der Mönch hatte die Hand mit der Rolle wieder ſinken laſſen. Jetzt ſagte er freundlich: „Seht, lieber Freund, wie Euere Leute da unten ſingen und zechen und ſchwelgen. Sie ſind nichts denn„Ihr ſeid Ihre Seele. Darum habe ich mich an Euch gewandt. Ihr müßt für dieſe da denken und ſie zum Handeln beſtimmen. Seine Ma⸗ jeſtät und der Herr Biſchof würdigen Euch deß!“ „Aber. 4 „Die Verkleidung iſt ja nur für kurze Zeit. — 207— Seid Ihr einmal im Kloſter, dann wird man euch verbergen und Ihr werft die Kutten weg.. e „Und der hochwürdige Pater Guardian wird trefflich für Euch ſorgen...“ „Ganz recht, aber...“ „Beruhigt Euch nur!“— fuhr der Mönch lächelnd fort und neigte ſeinen Mund wieder zu dem Ohre des Andern—„ich ſage Euch im Vertrauen . wir haben einen trefflichen Keller im Kloſter und eine Küche.. eine Küche ſage ich...“ Die Züge des Kriegers ließen etwas in ihrem finſteren Ausdrucke nach. „Und wenn es uns gelingt, Stroßburg dem Könige in die Hände zu ſpielen...“ „Nun?“ „Dann ſeid Ihr gemachte Leute. Ablaß für alle Sünden Eures ganzen Lebens... und das will viel ſagen...“ „Hm! hm!“— brummte der Söldner. „Und Geld und...4 „Wird geplündert?“ „Verſteht ſich! die Einwohner ſind ja Ketzer.“ „Wohl!“ „Und Ehrenſtellen...“ „So mag's denn ſein!“— rief mit einemmale —— entſchloſſen der Kriegsmann.—„Wir fahren in die verdammten Kutten, aber nur ſo lange.. „Bis Ihr im Kloſter ſeid.“ „Und wann brechen wir auf?“ „Noch dieſe Naocht, wenn alles ſchläft.“ „Zuſammen?“ „Behüte Gott! das würde Aufſehen erregen⸗ Sie halten uns in dem Ketzerneſt den Daumen ſcharf auf's Auge.“ „Und wie denn 2 „Immer zwei und zwei. Und zwar ſo, daß im⸗ mer einer von uns wirklichen Mönchen, einen von Euch verkappten an die Seite nimmt. So nähern wir uns auf verſchiedenen Wegen der Stadt und treten, wenn's morgen dunkelt, zu verſchiedenen Stunden und Thoren ein.“ „Abgemacht!“— rief der Söldner und ſchlug kräftig in die Hand ein, die ihm der Mönch hinhielt. „So kommt jetzt herab!“— ſagt der Pater— „und macht die Sache mit den Euren in Ordnung.“ Bald ſah man die Mönche aufbrechen; einer von ihnen trug einen großmächtigen Sack auf ſeinem Rücken. Eine viertel Stunde ſpäter zogen auch die Sol⸗ daten ſingend ab. Aber auch ein junger Bauer ſchlich ſich aus — 209— dem Heuſchuppen davon... und. den Sol⸗ daten nach. Er war blaß und ſah aufgeregt und erſchüttert aus. Plötzlich hielt er an. Auf einer Lichtung des Waldes, die jetzt ſchon vom Monde erleuchtet war, ging es luſtig her ſchier, als ob der Faſching im Anzug ſei. Aus einem Sack zog man Mönchskutten, die alsdann unter Lachen und Jubel, wohl auch unter Fluchen, von den Kriegsleuten übergeworfen wurden. Es gab der drolligen Scenen viele, bis man ſich endlich theilte und paarweiſe die Lichtung verließ. Nur der junge Bauersmann blieb noch lange, vorſichtig lauſchend, ſtehen; dann wandte auch er ſich raſch Straßburg zu. — Der Raub Straßburgs I. 14 Im Schnakenloch. — Jede Zeit hat ihre eigene Aufgabe zu löſen. Am beſten wird dies gelingen, wenn ſie ſich ſelbſt im Spiegel der Vergangenheit be⸗ greifen lernt, und von blinder Nachahmung wie von Hochmuth und Ueberſchätzung gleich ferne hält. Wer hätte dies mehr zu berückſichtigen, als das deutſche Volk? O möchten doch die Deutſchen, anderer Länder und Völker Geſchichte nicht weniger, wohl aber die ihre genauer kennen lernen und ſich überzeugen, daß hier der reichſte und anwendbarſte Quell ächter politiſcher Weisheit fließt. Zu der Zeit, von welcher wir ſchreiben, zur allgemeinen Warnung— der Raub der Bis⸗ thümer Metz, Tull und Verdun vor. Vergebens! Koiſer und Reich blieben blind. Wird nun dieſe * — — —,——— — — 2114— Warnung und das weitere Auftreten Frankreichs gegen Straßburg, wik ks aus unſerer Erzählung hervorgeht, auch für unſere Zeit verloren ſein? Napoleon I. trug ſich mit der Idee einer Uni⸗ verſal⸗Monarchie, die ſchon in Ludwig XV. voll⸗ ſtändig Platz gegriffen hatte. Richelieu, Mazarin und Louvois ſtreckten die Hand ſo gut nach der Rheingränze aus, wie die Herrſcher und Miniſter Frankreichs in unſerem Jahrhundert. Die Politik unſeres weſtlichen Nach⸗ bars— Deutſchland gegenüber— iſt 1862 dieſelbe, die ſie 1681 war! Heute, wie damals, ſucht ſie Deutſchland in einem zeriſſenen Zuſtande zu erhalten, damit es, Frankreich gegenüber, ſchwach und ohn⸗ mächtig bleibe;— heute, wie damals, befördert ſie im Stillen jede religiöſe Reibung, um Deutſchland wo möglich in zwei feindliche Lager: ein katho⸗ liſches und ein proteſtantiſches, zu thei⸗ len;— heute, wie damals, bietet die Politik Frank⸗ reichs im Geheimen alle nur erdenklichen Mittel auf: die Einheit Deutſchlands zu ver⸗ hindern. Aber die Deutſchen haben gelernt, über ihre ver⸗ 14* — 212— ſchiedenen Landesgränzen hinaus zu denken und zu empfinden; es gibt eine Einheit Deutſchlands, und eine ſolche, welche noch mehr werth iſt, als die po⸗ litiſche Einheit, die wir vermiſſen. Deutſchland iſt ein natürliches und geiſtiges Ganzes. Ein natürliches Ganzes iſt aber ein Volk vornehm⸗ lich durch ſeine Sprache; und von der Oſtſee bis zur Schweiz herrſcht ſie ja, dieſe kräftige deutſche Urſprache, welche zwar einzelne Wörter in ſich auf⸗ genommen, nie aber ihr urſprünglich Weſen ver⸗ loren hat. Nicht Berge oder Flüſſe oder Schlag⸗ bäume, ſondern die Sprache bildet die natürliche Gränze eines Volkes. Mag man Deutſchlands Kar⸗ ten malen buntſcheckig, wie ſie ſind, wir erkennen unſere Brüder, wo wir ſie reden hören. Ein Volk, welches einig redet und ſich ver⸗ ſteht, muß auch, aller Hinderniſſe unge⸗ achtet, einig denken lernen. Zwar ſind die Deutſchen getrennt in Proteſtanten und Katholiken; allein dieſer Unterſchied, ſo alt er ſei, iſt dennoch nur vorübergehend, ein Unterſchied, welcher durch die wachſende Macht der Vernunft allmälig aufgehoben wird, und der im Volke ſelbſt ſeine Härte längſt verloren hat. Wie das deutſche Volk über ſeine inneren Landesgränzen deutſch zu denken lernt, ſo lernt es über ſeine * — — — 213— Confeſſionsgränzen hinaus auch vernünftig denken. Mächtiger als Jeſuiten und Genoſſen iſt die deutſche Wiſſenſchaft. Mögen ſie im deutſchen Volke den alten Glaubenshaß von Neuem anzufachen ſuchen: ſchon ſind die Zeichen zahlreich und deutlich genug, die uns die unzerſtörbare Geiſteseinheit des deutſchen Volkes verkünden. Wir wiſſen wohl, was unſerem Volke fehlt; es hat uns oft betrübt, wenn wir ſahen, wie Deutſchland als ſolches, das große mäch⸗ tige Deutſchland, in Weltangelegenheiten ohne Stimme war; wenn wir ſahen, wie dieſes Volk in ſeinen äußerſten Gliedern von dem übermüthigen kleinen Nachbar verhöhnt und gedrückt wurde; wie die Deut⸗ ſchen im Auslande ohne diplomatiſchen Schutz ge⸗ ſtoßen und verletzt wurden, wo ein ſolches Verfahren gegen Franzoſen oder Engländer alsbald ſeine Strafe gefunden hätte; allein wir haben über dieſem äuße⸗ ren Mangel unſeres Volkes niemals deſſen innere Würde und Größe verkannt. Der Werth deutſchen Weſens iſt uns ſtets im Auslande am fühlbarſten geworden. Die politiſche Einheit, ſo werthvoll ſie ſei, iſt dennoch nur Form, die geiſtige Einheit eines Volkes iſt Weſen, und darum eben begrüßen wir jedes neue Zeichen der geiſtigen Einheit Deutſchlands mit Freuden. Dieſe geiſtige Einheit muß einſtweilen die politiſche erſetzen, aber dieſe einſt noth⸗ * — 214— wendig auch zur Folge haben. In dem Maße, als wir Deutſchen lernen, uns einig zu fühlen, in dem Maße ſind wir es und werden in demſelben Maße, auch ohne unſere Diplomaten, politiſch mäch⸗ tig. Was dem deutſchen Volke bisher am Meiſten mangelte, war das Volksgefühl, das deutſche Bewußtſein. Und Schuld an dieſem Mangel waren nicht allein unſere politiſchen Zuſtände, ſondern ſelbſt viele unſerer Volksverbeſſe⸗ rer, unſerer Schriftſteller. Statt das Volk in ſeinem äußeren Mangel hinzuweiſen auf ſeinen inneren Reich⸗ thum, hatten ſie nur Hohn und Spott über deutſche Zerriſſenheit und deutſche Machtloſigkeit. Und doch hätten ſie bei richtiger Betrachtung erkennen müſſen, daß ſelbſt dieſe Zerriſſenheit auch ihr Gutes gehabt hat. Frankreich hatte nur eine Hauptſtadt und in dieſer zog ſich Kunſt, Wiſſenſchaft und Geiſt zuſam⸗ men. Deutſchland hatte viele Hauptſtädte, an vielen Punkten ſammelte ſich Kunſt, Wiſſenſchaft und Geiſt; überall Schulen, Bibliotheken, Kunſtſammlungen, Bildungsanſtalten. Genug, das deutſche Volk beſitzt eine über alle Stände und Landestheile verbreitete Geiſtesbildung, wie ſie kein anderes Volk beſitzt; an Geiſtesbildung iſt das deutſche Volk das erſte der Welt. Und Geiſt iſt Macht, eine Macht, die in dem Maße ſteigt, als die Macht der * — — 215— Menſchen von den Fäuſten in den Kopf übergeht Konnte Deutſchland nicht politiſch miträſonniren, ſo hat es deſto mehr geiſtig ſtudirt; konnte es keinen Volksſtolz gewinnen, ſo iſt es auch frei geblieben von franzöſiſchem oder engliſchem Volksdünkel; es hat deſto mehr weben müſſen an weltbürgerlichen allgemein menſchlichen Gedanken, und dieſe ſind es doch zuletzt allein, welche allen Völkern gerecht ſind, allen Heil und Frieden bringen. Aber— ſagt man — das iſt ja eben der Fehler, daß die Deutſchen nur ein Volk der Denker, der Philoſophen, daß ſie ein unpraktiſches, ein ſtudirendes Volk ſind. Wir ſagen dagegen: dieſes Urtheil über Deutſchland iſt ein überlebtes, durch die That widerlegtes. Die neueren Weltausſtellungen haben gezeigt, daß die Deutſchen auch ein praktiſches Volk ſind. Unter den ungünſtigſten Verhältniſſen, gehemmt durch innere Gränzen, ohne die ſo wichtige Stütze einer Central⸗ macht, hat ſich der deutſche Gewerbfleiß dennoch den Weltmarkt erobert,... hat er in vielen Dingen die höchſtbegünſtigten Engländer erreicht, ja in einigen Erzeugniſſen ſogar übertroffen Deutſchland hat wie ſchon längſt durch ſeinen Geiſt und ſein Wiſſen, ſo auch jetzt durch ſeinen Gewerbefleiß die Achtung der anderen Völkern erobert. Die Zeit iſt vorüber, wo deutſche Waaren nur unter engliſchem oder franzð⸗ — 216— ſiſchem Namen ihren Käufer finden konnten. Mag das deutſche Volk als ſolches auf Diplomaten⸗Con⸗ greſſen, wo es politiſchen Worten und Satzungen gilt, nicht vertreten ſein, auf dem Weltſchauplatze, wo es Volkesthaten gilt, kriegeriſche oder friedliche, da wird dies Volk ſtets eine gewichtige Vertretung finden und ſeine Stimme Achtung erwerben. Mögen andere Völker ſich größerer politiſcher Freiheit rühmen; wir rühmen uns größerer Geiſtesfreiheit, größerer Frei⸗ heit von religiöſer Unmündigkeit und nationalem Vorurtheil; wir ſind in weniger freien Formen, dennoch innerlich und wahrhaft freier als die Schwei⸗ zer und die ſtolzen Engländer. Die gebildeten einge⸗ wanderten Deutſchen in Amerika ſind es, welche die dortige Freiheit am beßten verſtehen, welche ihre feſteſten Träger und Stützen bilden. Die Deutſchen ſind dort, wie überall, nicht nur die beſten Denker, ſondern auch die beſten Arbeiter. Nur als die Deut⸗ ſchen ſich ſelbſt nicht kannten, wurden ſie von anderen Völkern verkannt; je mehr ſie ſich ſelbſt erkennen und achten lernen, deſto mehr werden ſie auch von anderen Völkern Achtung erzwingen. Möge Deutſch⸗ land auf dem Wege ſeiner Entwicklung fortſchreiten; es wird ſein Ziel erreichen⸗ Stolz ſind wir, ihm anzugehören, dem — 217— großen ſchönen Deutſchland und ſeinem gebildeten geiſtbegabten Volke. Aber 2 Ihr Könige und Fürſten! ihr Männer Deutſch⸗ lands! ihr Alle, durch die das Vaterland zur wah⸗ ren Größe und weltgeſchichtlichen Bedeutung auf⸗ ſteigen kann, wenn ihr nicht ausziehet mit hohen Geſinnungen,.. wenn der niedrige Geiz oder die Eitelkeit des Eroberers, wenn Ehrſucht oder der geheime Groll des Neiders nicht ferne von euch ſind, ſo werdet ihr nimmer ſiegen!“ Zeigt den Franzoſen, ihr Deutſchen, daß ihr gegen ſie, als ein Brudervolk, nichts Böſes im Herzen tragt, daß ihr nicht mit ihnen Krieg führen wollt,... ſondern... mit Ihm, wenn er es wagt, ſeine Hand nach Deutſchland und der Rheingränze auszuſtrecken;— zeigt den Franzoſen daß ihr nicht ihr Land wollt, ſondern euer eige⸗ nes, ſammt ſeinen unangetaſteten Grän⸗ zen und eure Einheit, Selbſtſtändigkeit und Freiheit! Aber— wohlgemerkt— ſelbſt Siege retten noch nicht! Sie können den Augenblick befreien; aber der Zukunft geben ſie darum noch keine Dauer. Nichts wird werden, ihr Fürſten, wenn ihr es nicht wagt, ſelbſt freie Männer — 218— und ächte Söhne des großen deutſchen Vaterlandes zu werden;... wenn ihr es nicht wagt, euch dem Hochgedanken der deutſchen Einheit unterzuordnen;„ wenn ihr es nicht wagt, trotzige, kühne, tapfere Menſchen, die auf Freiheit und Selbſtſtändigkeit ſtolz ſind, um euch her zu erziehen! In einem kühneren Geiſte muß das folgende Ge⸗ ſchlecht ſich bilden, Tyrannei und Geſetzesungehorſam muß es haſſen,— ein nationaler Geiſt muß es durchglühen,— und an dem Fürſten und Bettler muß es laut und entſchieden tadeln dürfen..„ was Unrecht iſt. Es muß ſtolz le ben und glorreich ſterben lernen. So werde unſer Geſchlecht erzogen und gebildet⸗ ſo erwachſe ein kühner Bürgerſinn, ein edler Stolz auf das Vaterland! Und... dieſer Sinn und ſeine Blüthe ſei die Schule des Knaben und des Jünglings Zucht. Rufet wie Hamilkar in Hannibals große Secele die Worte:„Tod oder Freiheit, Stolz und Hoheit des Lebens,... oder... gar kein Leben!“—————— — 249— Meiſter Wenck ſaß auf der Zunftſtube der Schneider. Es fand im Handwerk keine eigentliche Sitzung ſtatt, und doch hatten ſich faſt alle Mitglieder der Zunft eingefunden und— nach Abſprache— ſogar auch Abgeordnete der anderen Gewerke. Die Zuſammenkunft hatte nur den Zweck ſich gegenſeitig über die kritiſche Lage der Vaterſtadt und über dasjenige zu beſprechen, was für die nächſte Zukunft zu thun ſei. Freilich war dies eigentlich die Aufgabe des Magiſtrats;... da es in dieſem aber über lauter Worte und über das ewige Zanken und Streiten der Partheien zu keinem Handeln kommen wollte, ergriff Ungeduld und Mißbehagen— ja ſogar hie und da Mißtrauen— die Bürgerſchaft. Man fing an, ſich erſt in den Wirthshäuſern darüber auszuſprechen,... dann auf den Zunft⸗ ſtuben Verſammlungen zu halten,— und jetzt ſah' Stadt⸗ und Rathſchreiber Günzer und ſeine Parthei mit Unruhe, daß man es im Volke ſogar ſchon wagte, Beſchlüſſe zu faſſen, die als ſehr ernſte Bit⸗ ten an den Magiſtrat zu gelangen beſtimmt waren. Eine ſolche Eingabe an den Magiſtrat ſollte denn auch heute auf der Zunftſtube der Schneider berathen und alsdann den übrigen Zünften zur Be⸗ — 220— theiligung vorgelegt werden. Stand doch in Straßburg unbeſtritten die Zunft der Schneider bei jeder politiſchen Bewegung an der Spitze der übrigen Zünfte;*) ſo wie ſie es war, die ſich namentlich durch Patriotismus und Opferwilligkeit ſtets und zu allen Zeiten auszeichnete. Der zu beſprechenden Gegenſtände waren verſchie⸗ dene, darunter aber vor allen Dingen ein Geſuch der Bürgerſchaft an den Magiſtrat; eine Verordnung zurückzunehmen, die eine gewaltige Erbitterung in der Stadt hervorgerufen. Die Sache verhielt ſich folgendermaßen: wie es in politiſch aufgeregten Zeiten zu gehen pflegt— namentlich wenn die eigene Exiſtenz oder die des größeren oder kleineren Vaterlandes auf dem Spiele ſteht— waren die Gemüther und Geiſter in Straß⸗ burg für den Augenblick ſehr erhitzt. Das Benehmen des Magiſtrates rief bei einem großen Theile der Bevölkerung böſes Blut hervor, während ein anderer *) Thatſache:„I est remarquable que 109 ans plus tard, lorsque le Conseil des échevins de la ville de Strasbourg fut exhorté par le Commissaire du Roi, Dietrich, à donner sa démission, pour faire place à la nouvelle administration municipale, ce fut encore la tribu des tailleurs qui sopposa à cette innovation liberticide, par suite de quoi elle à été remise à plusieurs mois.“ Goste, Réunion de Strasbourg à la France p. 30. — 221— Theil— durch franzöſiſches Geld und Günzeriſche Creaturen aufgehetzt— die Parthei der Franzöſiſch⸗ geſinnten ergriff und ſomit auch unter die Bürger Uneinigkeit und Partheiung brachte. Da es nun natürlich dabei nicht an zornigen und heftigen Worten fehlte, die oft genug— nament⸗ lich in Weinſtuben und bei den Bierſiedern— fielen und die Regierung hart trafen, ſo hatte der Ma⸗ giſtrat unter dem Einfluße Günzers und ſeiner Par⸗ thei— auch hier wirkte das franzöſiſche Geld ſchon mächtig— ein Decret von 1673 erneuert und in Erinnerung gebracht, in welchem ſämmtlichen Wir⸗ then und Bierſiedern bei ſtrenger Strafe befohlen wird, dem regierenden Ammeiſter Alles anzuzeigen und zu hinterbringen, was in den Trinkſtuben ge⸗ ſprochen werde. Die Erbitterung über dieſe Verordnung war— wie bemerkt— ungemein; man ſchalt und lärmte gegen die Behörden... und doch.. die richtige Bedeutung jener mißliebigen Maßregel, die von un⸗ gemeiner Tragweite war, erkannte Niemand,. konnte ſogar Niemand ſo leicht erkennen, weil ſie in der That zu perfide war. Günzer wollte nämlich durch dieſe Handlungs⸗ weiſe weniger ein Syſtem des Spionirens und An⸗ gebens einführen, als den Magiſtrat, und mit ihm — 222— die jetzige Regierungsform, bei den Bürgern Straß⸗ burgs... verhaßt machen. Auch auf dieſe Weiſe ſollte Fronkreich und ſei⸗ ner Regierung, als einer weiſeren, humaneren und beſſeren in die Hände gearbeitet werden. So tief ſahen freilich die guten Bürger nicht: ſie fühlten nur ihre perſönliche Freiheit angegriffen und der Unſittlichkeit und Schlechtigkeit Thür und Thor geöffnet. Eine gewaltige Agitation entſtand. An ihrer Spitze befand ſich vor allen Dingen die ehrſame Schneiderzunft, zu deren Seele ſich in dieſen be⸗ wegten Zeiten der kleine Meiſter Wenck emporge⸗ ſchwungen hatte. Auch die heutige Zuſammenkunft war eine Folge dieſer Bewegung; die jetzt bereits begonnene Be⸗ rathung aber leitete Meiſter Wenck. Auf einem Tiſche ſtehend— mit dem ſonderbaren Gemiſche ſeiner ko⸗ miſchen äußerlichen Erſcheinung und ſeinem nach Innen doch ſo tief ernſten und begeiſtert patrioti⸗ ſchen Weſen— gab er allerdings ein merkwürdiges Bild ab, das den Fremden zu einem Lächeln hätte zwingen können, während bei ſeinen Mitbürgern der hochachtbare Charakter des Mannes bereits entſchie⸗ den über den drolligen Eindruck ſeiner äußeren Er⸗ ſcheinung geſiegt hatte. — — 223— Einem natürlichen Zuge der Anerkennung und Achtung folgend, geſtand man ihm auch heute, wie von ſelbſt, faſt die ganze Führung der Debatte zu. So kam es denn, daß Wenck eben— auf einem Tiſche ſtehend— über die entſittlichende Bedeutung jenes Dekretes ſprach. „Aber“— ſagte der kleine Mann jetzt—„ich vin auch überzeugt, daß die Wenigſten der hier An⸗ weſenden den Inhalt dieſer gehäſſigen alten und ver⸗ alteten Verordnung kennen.“ „Nur Wenige!“—„Niemand!“— rief es aus der Menge. „Theilt ſie uns mit!“— tönte es von ande⸗ rer Seite.. „Gut!“— ſagte Wenck—„das ſoll geſchehen. Wenu man gegen etwas auftreten will, muß man es auch kennen. Ich habe eine Abſchrift der alten Verordnung zu mir geſteckt, dachte: wer weiß wozu es gut iſt!... und nun trifft es ſich vortrefflich⸗ Hört alſo, lieben Freunde, und urtheilt alsdann ſelbſt.“ und Meiſter Wenck holte eine Schrift aus der Bruſttaſche ſeines Rockes, entfaltete ſie, und las: „Demnach auf eingezogene fleißige Kundſchaft ſich, wieder beſſere Zuverſicht, ſo viel erzeigt und hervor gethan, daß die letzt entſtandene Unruh nicht geringen theils ihren Urſprung daher genommen, und nach der Hand merklich vergrößert worden ſeyn, daß in denen Wührts⸗ und Bierhäuſern, durch allerhand ohngegründete und falſche Geſpräche, die Gemüther zu vielerley, ohngleichem Verdacht, und ohnerfind⸗ lichen einbildungen, von übelgeſinnten, und die zer⸗ rüttung gemeinen Weſens ſuchenden Perſonen, ver⸗ leitet und angefriſchet worden ſeynd; Solchem übel aber, dafern allein die Würth und Bierſieder, Ihren eydlich gelobten und geſchwornen Ordnungen gemäß, dergleichen Geſpräch alſobalden gehöriger Orthen angebracht hätten, gar wohl in zeyten vorgebogen, und, durch erſtattung beſſern und gründlichern be⸗ richts, das entſtandene Ohnheil hätte verhütet wer⸗ den können; Als haben Unßere Gnädige Herren die Räth und XMI. eine höchſte nohtturfft zu ſeyn er⸗ meßen, mehrerem Ohnglück in das künfftig zu ſtew⸗ ren und vorzubiegen, ſamptliche Würth und Bier⸗ ſieder Ihrer Pflichten und Eydt uff das ernſtliche zu erinnern, und zu befehlen, daß hinanfürter ein jeglicher derſelbigen, ſo balden Er dergleichen nach⸗ denkliche und weytaußſehende reden und Geſpräch vernemmen würdt, nicht allein Seine gäſt darvon wohlmeinend abmahnen, ſondern auch ſelbige ohngeſäumt einem jeweilenden Regieren⸗ den Herrn Ammeiſtern mit allen Umbſtän⸗ — 225— den anzeigen und hinterbringen ſolle: Mit dem Anhang, daß der oder die Jenigen, welche ein ſolches underlaſſen, und dieſem widerholten Ge⸗ bott muhtwillig entgegen handeln würden, zu wohl⸗ verdienter Straff gezogen, und mit verluſt Ihres Burgerrechten, ſampt Weib und Kind, zur Statt hinaus geſchafft werden ſollen. Im übrigen werden auch alle hieſiger Statt Einwohner, Burger und Hin⸗ terſaßen, bei ihren geleiſteten Eyden und Pflichten, nachmahlen erinnert, wann Sie etwas verdäch⸗ tiges von jemanden, wer der auch ſeye, mit gutem grundjetztmalen zu wißen ver⸗ meinen, oder hiernächſt erfahren würden, daß Sie ſolches, ſobalden und ohnver⸗ züglich, entweders dem Regierenden Hrn. Ammeiſtern, oder ſonſten einem vertraw⸗ ten Herrn des Regiments oder des Raths, hinterbringen und anzeigen, ſonſten aber es in höchſter geheim halten, und gegen einigem Men⸗ ſchen das wenigſte darvon nicht vermelden ſollen. Dann ſollte dieſer widerholten ernſtlichen erinnerung zu wider, ein ſolches nicht geſchehen, ſondern, wie bißhero, alſo noch ferners, allerhand ohnnützes ohn⸗ gegründetes geſpräch hin und wider in der Stadt wollen außgeſtrewt werden, würde auch gegen die, ſo es nachgeſagt und weiter gebracht, mit ernſtlicher Der Raub Straßburgs II. 45 — 226— beſtraffung an leib oder gutt, nach befundenen umb⸗ ſtänden, ohnumbgänglich verfahren werden. Wornach ſich dann männiglich zu richten und vor Schaden zu hüten wiſſen wird.“*) Meiſter Wenck ſchwieg; die Vorleſung dieſes alten Aktenſtückes aber hatte eine gewaltige Senſa⸗ tion gemacht. Der Unwille war allgemein. Die ganze Zunft ſprach den Vorſatz aus: ſich nicht in die trüben Zeiten des Mittelalters mit ſeinen Inquiſitionen, Spionierereien und ähnlichen Dingen zurückführen laſſen zu wollen. Es war wirklich eine Freude, welch' entſchiedene Geſinnung unter dieſen ſchlichten Bürgern herrſchte. Die Eingabe an den Magiſtrat ward einſtimmig angenommen. Man ſah, daß dieſe einfachen Männer, allen politiſchen Umſchweifen und Kniffen fremd, mit wackerem Sinn das Rechte wollten. Hier hatte ſich der Verrath noch nicht einge⸗ ſchlichen; deutſch war man, deutſch wollte man blei⸗ ben... und.. ein freier Straßburger Bürger dabei. Und dieſen Geſinnungen gab der kleine Meiſter *) Heitz: Das Zunftweſen in Straßburg.“ Urkunden und Aktenſtücke Fol. 171. — 227— Wenck Ausdruck: nicht in glanzvoller Rede— da⸗ von verſtand das Schneiderlein nichts— aber in geraden, offenen und ſchlichten Worten, die bei ihm vom Herzen kamen und daher auch zum Herzen drangen. Wohl waren dieſe Worte oft derb und ſcharf; aber ſie trafen zumeiſt auch den Nagel auf den Kopf. Und der kleine Meiſter Wenck mochte ſchon ſo ſprechen; hatte er doch thatſächlich in mancher Schlacht bewieſen, daß ihm der Muth nicht blos auf der Zunge ſitze. „Männern mit feindlichen Waffen“— rief er jetzt, und ſeine kleinen Aeuglein blitzten muthig dazu, —„habe ich gar manchmal gegenüber geſtanden im offenen redlichen Kampfe; kriegeriſchen Schaaren in Gefechten und Treffen, im Befreiungskriege von aus⸗ ländiſcher Herrſchaft. Da dachte ich nicht anders, als ich hätte mich für Freiheit, Vaterland und Ehre gewappnet. Und noch jetzt halte ich meine damalige Meinung nicht für Thorheit und Wahn. Ich bin ihr treu geblieben, gehe gerade aus, mitten hindurch, blicke nicht links, blinze nicht rechts, bin keiner Ge⸗ noſſenſchaft höriger Mann, der ſeine„geſtimmte“ Stimme zum Frohndienſt einer ſogenannten Parthei⸗ frage hergibt. Wer ſich zu ſolch' nächtlichen Freveln verleiten läßt, wird Meuchelmörder der Freiheit, 15* — 228— führt die Freiheit im Munde, und bringt im Ge⸗ heimen Knechtſchaft und Ketten.“ „Wer ſeine Meinung für richtig hält, ſeine Ueberzeugung für wahr, und die Vorſchrift ſeines Gewiſſens für recht, darf abweichende Meinung und Ueberzeugung nicht zum Verbrechen ſtempeln, nicht den argloſen Andersmeiner in Acht und Bann thun und ihm den tollen Hund der gräßlichſten Mord⸗ brunſt an Leib und Leben hetzen.“ „Hör's wer Ohren hat,... wer weiß, wozu's gut iſt.“ „Was wollen wir Straßburger Bürger denn? Wir wollen der guten Vaterſtadt Freiheit und Selbſt⸗ ſtändigkeit und Deutſchlands Ehre erhalten.“ „Aber Deutſchlands Ehre? O, armes Deutſch⸗ land! O, armſelige verarmte Ehre! Buben rühmen Dich mit ehrloſem Munde, und Schufte der Ehr⸗ loſigkeit wollen Deine Ehrenſache führen. Wäre die⸗ ſen Ehrenſchändern doch eher die Zunge verkrümmt, bevor ſie das Wort Ehre ausgeſprochen. Saubere Ehrenwächter von Deutſchlands Ehre, die ſie ver⸗ rathen und verkaufen!“ „Männer von Straßburg! ich frage euch: was ſind das für Leute im Magiſtrate, die da immer Frankreichs Herrſchaft preiſen... und uns unter ſeinem Schutz— wohlgemerkt, unter dem — Schutz eines Louvois und Colbert— eine plötzliche ſelige Verjüngung verſprechen?“ „Nicht wahr? das iſt eine liebe Geſellſchaft von Leuten, die Alles allein und eigenköpfig machen wollen, denen jedes Mittel erlaubt iſt, wenn es nur ihre unerlaubte Sache fördert. Ein Volk kann ſich nur zeitgemäß verjüngen und langſam entwickelnd erneuen, aber nicht wie die alten Weiber im Mähr⸗ chen zur Mühle trippeln, um ſich jung mahlen zu laſſen. Ein Volk ſoll kein Blatt aus ſeiner Geſchichte ausſtreichen, und ſein Leben knicken. Vielweniger ſoll es gar gegen ſeine eigenen Eingeweide wüthen, und ſich ſein Lebensblut abzapfen, um anderes hinein zu quirlen.“ „Ich wenigſtens bin deutſch und will deutſch bleiben, ein Bürger der freien deutſchen Stadt Straß burg. Und ihr, Männer und Brüder, wollt dies ge⸗ wiß auch!“ „Ja! ja!“— rief es von allen Seiten.—„Wir wollen deutſch bleiben und Bürger der freien dent⸗ ſchen Stadt Straßburg!“ „Nun!“— fuhr Meiſter Wenck mit freudeſtrah⸗ lenden Blicken fort—„ſo loßt uns dieſe unſere Meinung niederſchreiben, damit wir die Schrift dem hochedlen Magiſtrate einreichen können. Er muß vor allen Dingen in dieſen ſtürmiſchen Zeiten wiſſen, wie die Bürgerſchaft denkt.“ — 230— Und dies geſchah denn auch. Der Zunftſchreiber ſchrieb nieder, was an den Magiſtrat gelangen ſollte. So kam noch eine weitere Eingabe zu Stande, in welcher nicht nur die ächt deutſche Geſinnung der Bürgerſchaft ausgeſprochen, ſondern auch die Regierung aufgefordert wurde, die Bürger wieder zu bewaffnen und in Fähnlein neu aufzuſtellen, auch auf das Schleunigſte neue Truppen anzuwerben. Die Zünfte ſeien bereit jedes Opfer zu bringen, was zur Sicherſtellung der Stadt nöthig ſei: an Geld und Leib und Leben! Und jeder Einzelne fühlte ſich geſtärkt und ge⸗ hoben durch den friſchen muthigen Geiſt, der die Geſammtheit durchdrang. Wußte doch Jeder zugleich, daß es auch bei den anderen Zünften ähnlich wie hier bei der ehrſamen Schneiderzunft ausſehen werde. Die Schneider ſelbſt aber bildeten ſich nicht wenig darauf ein: die Muthigſten unter allen Zunft⸗ genoſſen zu ſein, und ſo nicht nur das Vorurtheil, das gegen ihre Profeſſion herrſchte, lügen zu ſtrafen, ſondern ſogar auch noch den anderen Zünften in Patriotismus und ächt deutſchem Bürgerſinn voran zu gehen. So war es ſchon ziemlich ſpät geworden, als die Verſammlung ſich auflöſte. Meiſter Wenck war nith — 234— überglücklich: er hatte ja als treuer ehrlicher Patriot gewirkt und geſchafft und frei und muthig das aus⸗ geſprochen, was er und Andere längſt auf dem Her⸗ zen trugen. Nach ſolcher Kundgebung der Bürger⸗ ſchaft ſtand wohl ſicher für die patriotiſche Parthei der Sieg bevor. Wie aber ſtaunte Meiſter Wenck, als ihn beim Heraustreten auf die Straße ſein Pathchen aus dem „Schnakenloch“ erwartete. „Ei ſieh doch!“— rief er überraſcht—„Fränz⸗ chen! was bringſt du mir, mein Kind, zu ſo ſpäter Stunde?“ „Ach, Herr Pathe, ich habe viel gewagt.“ „Gewagt? was denn?“ „Der Vater iſt wieder einmal.. 4 „Verſtehe ſchon!... in einem ordentlichen Rauſch und tobt und wüthet wohl gegen euch arme Würmer... es iſt doch eine Schmach.. 4 „Nein, Herr Pathe,“— entgegnete das Mäd⸗ chen mit gepreßter Stimme— oheute hat er uns i „Nun?“ „Schläft er feſt.“ „Doch nicht den Schlaf des Gerechten?“— frug Meiſter Wenck erſchrocken, denn er dachte an — 232— das Haus voll Kinder, die der Wirth zum„Schna⸗ kenloch“ ſein nannte. Das Mädcheu aber verſtand ihn nicht. „Feſt ſchläft er, ja!“— wiederholte ſie daher— „darum habe ich es auch gewagt, das Haus zu ſchließen und zu Euch zu laufen.“ „Und was ſoll's mit mir?“ „Ich habe Euch etwas ganz im Geheimen aus⸗ zurichten.“ „Im Geheimen?“ „Und von wem?“ „Von einem jungen Bauersmann.“ „Von einem Bauersmann?... und im Ge⸗ heimen?“ „Ja!“— ſagte das Mädchen eifrig—„s iſt ein recht ſchöner junger Bauer,... und freundlich dazu aber arm ſcheint er zu ſein und weit herzukommen.. er bat mich nur um ein Stück Brod und einen Trunk friſchen Waſſers!“ „Weit hergekommen?“— wiederholte der Schnei⸗ der und zog erſtaunt die buſchigen Augenbrauen in die Höhe.—„Ich begreife nicht; aber was ſollſt du denn ausrichten?“ „Er ſchien zu wiſſen, daß Ihr mein Pathe ſeid.“ — 233— „Das ſchien er zu wiſſen?.. und hat er ſeinen Namen nicht genannt?“ „Nein!“ „Sonderbar.“ „Rber „Nun?“ „Ich muß die ganze Sache erzählen.“ „So ſprich.. aber raſch.“ „Es war ſchon Abend, da ſaß ich.. 6 „So rede doch!“ „Weinend vor der Thüre.“ „Ha ha! Es hat doch etwas abgegeben.“ „Ach nein! aber ich war ſo traurig, daß der Vater „Armes Kind!... aber ich will nächſtens ein⸗ mal... doch zur Sache.“ „Ich ſaß alſo vor dem Haus und weinte, da kam mit einemmale aus dem nahen Buſch ein junger Bauer. Er frug mich, wer ich ſei und was mir fehle, und als ich es ihm geſagt, nannte er Euch, als meinen Pathen— meinte, das füge ſich mit dem Vater ganz gut, und bat mich: ihm ſelbſt und Euch, Herr Pathe, einen großen Gefallen zu thun.“ „Mir einen Gefallen?“ „Ja, und es hänge von der Erfüllung ſeiner Bitte ſehr viel ab, ſein und euer und wohl vieler Menſchen Glück oder Unglück.“ — 234— „Ich verſtehe kein Wort. Und was ſollteſt du thun?“ „Nun, ich ſollte ſofort, aber ſo unbemerkt als möglich, nach der Stadt eilen,... Euch um jeden Preis aufſuchen und dann im Geheimen ſagen.. Meiſter Wenck neigte bei dieſen Worten ſein Ohr dem Mädchen zu, dieſes aber flüſterte: „Ihr ſollt doch noch dieſe Nacht— aber ohne daß irgend Jemand etwas davon erfahre— hinaus zu ihm kommen.“ „In's Schnakenloch?“ „Jo!“ „Und du lief'ſt auch fort?... und der Vater ſchläft?... und der Menſch blieb im Hauſe? „Ja!“ „Aber Kind, Kind!... wenn das nun ein Dieb iſt?“ „Nein!“— ſagte das Mädchen lächelnd und zutrauensvoll—„der iſt kein Dieb, das habe ich ihm angeſehen.“ „Man kann ſich täuſchen.“ „Nein! ein Dieb hat kein ſo ehrliches und gutes Geſicht.“ „Der Schein kann trügen! nun... wir wollen hoffen, daß du Recht behältſt. Wer weiß, wozu es — 235— gut iſt. Aber hat er dir nichts weiter aufgetragen? kein Zeichen, kein Wort gegeben?“ Oit „Nun?“— rief Wenck geſpannt. „Wenn ihr, Herr Pathe, zweifeln würdet oder nicht kommen wolltet...“ Sp „Soll ich euch ſagen...“ Wenck neigte wieder ſein Ohr. „Straßburg ruft!“ Der kleine Schneider fuhr wie elektriſirt empor. „Straßburg ruft?“— wiederholte er ſtau⸗ nend und ſein Herz pochte heftig. „Ja!“— ſagte er dann entſchieden—„auf dieſen Ruf folgt Meiſter Wenck... und... ſetzte er etwas nachdenklich hinzu—„wäre es ſelbſt auf die Gefahr hin, in eine Falle zu gehen.“ Eine viertel Stunde ſpäter ſchlug das Mädchen — einige Laib Brod unter dem Arm— den ge⸗ wöhnlichen Weg nach dem„Schnakenloch“ ein, als ob ſie nur zur Stadt gekommen, den Brodeinkauf zu beſorgen. Der kleine Schneider hatte es ſo ver⸗ anſtaltet und ihr das Geld zu dem Einkauf gegeben. Aber auch er verließ zu gleicher Zeit Straßburg, nur durch ein Thor auf der entgegengeſetzten Seite. Freilich mußte er dadurch einen Umweg von — 236— einer ganzen Stunde machen:—„aber“— dachte er—„wer weiß, wozu's gut iſt. Vorſicht kann in unſeren Zeiten und bei ſolchen Angelegenheiten nichts ſchaden.“ Und erwartungsvoll ſchritt er vorwärts. Mitternacht hatte bereits auf den Thürmen der Stadt geſchlagen, als ſich Meiſter Wenck dem Wirths⸗ haus zum„Schnakenloch“ näherte. Sonderbar! hier hatte er ſchon einmal eine Nacht in großer Aufregung hingebracht: als er die Feinde der Vaterſtadt in geheimer Zuſammenkunft entdeckte; und heute?... heute rief ihn dieſe Vaterſtadt — für deren Glück und Heil ſein Herz ſo warm ſchlug— ſelbſt hieher an den au und für ſich un⸗ heimlichen Ort. Und wirklich unheimlich lag jetzt in der ſtillen mondloſen Nacht die Spelunke vor ihm, in die er ſo geheimnißvoll entboten worden war. Das halb zerfallene Haus, die ſumpfige Um⸗ gebung, die nahgelegenen elenden Hütten, der kleine Buſch, aus deſſen niederem Geſtrüpp die Weiden⸗ bäume ſich in den ſeltſamſten und geſpenſterartigſten Formen und Geſtaltungen erhoben, machten einen eigenen, faſt beklemmenden Eindruck auf den nächt⸗ lichen Wanderer. Meiſter Wenck war gewiß weder furchtſam noch — 237— abergläubiſch; die Aufregung aber, in welche ihn erſt die patriotiſche Zuſammenkunft und dann die räthſelhafte Botſchaft geſetzt, gab für den Augenblick ſeiner Stimmung etwas geſpanntes. Er konnte doch auch durchaus nicht wiſſen, ob ſeine Feinde ihn nicht hier in eine Schlinge lock⸗ ten. Und Feinde hatte er ja eine Menge und zwar obendrein ſehr mächtige und einflußreiche, wie den Rathsſchreiber Günzer, die Magiſtratsherren Zed⸗ litz, Obrecht, Hecker und Andere von dieſer Parthei. All' dieſen Leuten— das wußte er recht gut— war er ein Dorn im Auge, und ſein Auftreten heute Mittag und Abend war nicht geeignet geweſen, das Racheſchnauben der Gegenparthei zu beſänftigen. Fiel er dieſen Menſchen unbemerkt in die Hände, war er ſicherlich unrettbar verloren. Und das verhängnißvolle Wirthshaus lag es denn nicht vor ihm, wie ein wirkliches Räu⸗ berneſt? Konnte... durfte er ſelbſt dem Wirthe— wenn er auch deſſen Verwandter und Wohlthäter war— trauen, ihm, der auch Günzer und dem Biſchof von Straßburg zu verrätheriſchen Zuſam⸗ menkünften die Thüre geöffnet? Wohl wußte Wenck, daß ihn das Kind nicht betrüge und belüge; aber... konnte Fränzchen nicht ſelbſt hintergangen und in ihrer kindlichen Un⸗ ſchuld zu einer Verrätherei benutzt worden ſein? Wenck hielt an. Es galt ja nicht ſeine Frei⸗ heit, ſein Leben allein;... wenn er von der Welt verſchwand, fehlte der Vaterſtadt immer ein reges patriotiſches Element innerhalb der Zünfte.. und... er wußte, wie ſehr es auf ein ſolches, und wenn es auch unbedeutend, wie er, war, ankam. So ward es ihm immer ernſter, finſterer, auf⸗ geregter zu Muthe. Dort!... dort!... lag einſam und unheim⸗ lich das Ziel ſeiner nächtlichen Wanderung. Faſt wie drohend und warnend ſchaute ihn das ruinenhafte Gebäude an. Todtenſtille herrſchte dabei rings umher;... mit kaltem Glanze leuchteten die Sterne;... und als ſich nun der Mond drüben über dem Gebirge zu erheben begann, da war es, als ob die nah und ferne aus dem ſumpfigen Boden aufſteigenden Nebel ſich zu geſpenſtiſchen Geſtalten bildeten,... zu Gei⸗ ſtern, die in lang hinter ihnen nachziehenden weißen Todtengewändern einen Unglücklichen verfolgten. Und die Weiden nahmen ebenfalls menſchliche Geſtalten an— nein! fratzenhafte, geiſterartige! Die knorrigen runden Ausläufer der dicken un⸗ terſetzten Stämme wurden zu gräßlichen Geſichtern, — die Aeſte aber zu weit ausgeſtreckten, drohend erho⸗ benen Armen. Selbſt die Wurzeln und die umge⸗ ſunkenen Stämme ſchienen Leben zu gewinnen. Wie Gerippe von Selbſtmördern, die ſeit Jahrhunderten ihren Tod hier geſucht,— wie die Schatten Der⸗ jenigen, die räuberiſche Fäuſte hier erſchlagen und in dem Moor und Sumpf verſenkt, ſchauten ſie aus demſelben heraus, mit großen Augen, mit geöffnetem Munde hinausſtarrend, als hätte Reue und Ver⸗ zweiflung ſie erweckt, oder der Schrei um Rache ſie aus der langen Ruhe aufgeſchreckt. Wenck bebte zuſammen;... aber es war doch nur für einen Moment, daß die überreizte Phantaſie ihm dieſe Scenen vorgaukelte. Raſch fuhr er jetzt mit der Hand über die Stirne, und an die Worte gedenkend:„Straßburg ruft!“ war er der Wirklichkeit zurückgegeben und jede Un⸗ ſchlüſſigkeit überwunden. Als er an das Haus herangetreten, öffnete ſich leiſe ein Fenſterladen im oberen Geſchoß. „Parole!“— flüſterte es von oben herab. „Straßburg ruft!“— entgegnete Meiſter Wenck. Dann ward eine Leiter geräuſchlos dem Fenſter, das nicht hoch gelegen war, hinausgeſchoben. Als ſie die Erde erreicht, ſtieg der Meiſter an ihr hinauf, — 240— ſchlüpfte durch das Fenſter, die Leiter glitt zurück und der Laden ſchloß ſich wieder. Nach einigen Secunden hörte man einen halb⸗ lauten Schrei der Ueberraſchung... war es der einer freudigen oder... einer furchtbaren?... Wer konnte es da außen wiſſen? Dann ward wieder Alles ſtill. Langſam ſtieg der Mond empor; ruhig funkelten die Sterne; geiſterartig zogen die Nebel; wie finſtere Geſpenſter blickten die Weiden;... wie ein großer, weiter, unendlicher Kirchhof lag die Welt. cheeeeheee Der Guardian der Franziskaner. Ernſt, ruhig, wie ausgeſtorben lag das Franzis⸗ kanerkloſter mitten in dem vielbewegten Straßburg. Der Lärm des Tages brauſte um es her, aber er brach ſich an ſeinen alten grauen, wie in Sack und Aſche trauernden Mauern gleich der lärmenden Mee⸗ resbrandung, wenn ſie an die Steinrieſen eines ge⸗ waltigen Felſengeſtades ſchlägt. Das alterthümliche Gebäude ſah' wirklich ſelbſt wie ein graubärtiger verwitterter Franziskanermönch aus, der in ſeinem ſchmutzigen groben härenen Kleide Buße thut. Ja, ja! hier war das weltliche Leben abgeſchloſſen; hier drang keine fröhlich überſprudelnde Weltluſt ein;— hier mußte ein ſtilles beſchauliches Leben zu Hauſe ſein, ein Leben in Armuth, Demuth, in Buße und Gebet zugebracht... dies alles kündete ja Der Raub Straßburgs II. 16 ſchon das ernſte ſchweigſame Aeußere des Kloſter⸗ gebäudes. Hoch ragten die Mauern empor, nur von we⸗ nigen kleinen, mit Eiſenſtangen vergitterten Fenſtern durchbrochen, deren Scheiben längſt erblindet waren und hinter welchen ſich niemals eine menſchliche Ge⸗ ſtalt zeigte. Auch das große eiſenbeſchlagene Thor mit den aus Eichenholz geſchnitzten, durch die Länge der Zeit faſt ſchwarzbraun gewordenen Apoſteln, ließ kaum einmal im Tage durch ſeine kleinere Pforte eine menſchliche Geſtalt ein und ausſchlüpfen, und wenn dies geſchah, ſo war es ein ſchmutziger Bettel⸗ mönch, in härener Kutte, den Strick um den Leib und Sandalen an den nackten Füßen... ein Bru⸗ der Franziskaner, der nach der Regel ſeines Ordens betteln ging. Denn die Regel des Franziskaner⸗Ordens war ſtreng: ſie ſchrieb unbedingten Gehorſam, gänzlichen Mangel alles Eigenthums, ſtrenge Keuſchheit, gedul⸗ dige Ertragung des Unrechts, Demuth und Selbſt⸗ verachtung vor. Und wer das alte finſtere Gebände anſah, der wurde wahrlich an alle dieſe Dinge erinnert;— ſcheu wich er wohl aus, zurückgeſchreckt durch die Kirchhofsſtille die über dem weiten, mit Höfen verſehenen Kloſter lag, und durch den Gedanken: ——— — ——,— — 243— daß hier Menſchen ihr ganzes Leben unter ununter⸗ brochenem Beten, Faſten, Wachen und Geißeln zu⸗ brachten. So auch dachte ein kräftiger Burſche, der eben — einen großen verſiegelten Brief in der Hand— an das Thor des Kloſtergebäudes trat. Er mußte viel Ehrfurcht vor dem Hauſe und den heiligen Männern darinnen haben, denn er nahm— che er noch die Glocke zog, die neben dem Eingang ange⸗ bracht war— ſeine Mütze ſchon ab. Jetzt erklang der dumpfe Ton der metallenen Anmelderin, und wenige Augenblicke ſpäter öffnete ſich vorſichtig ein kleines Schubfenſterchen. Der kahl⸗ geſchorene Kopf eines Mönches erſchien und eine heißere Stimme frug nach dem Begehren des Außen⸗ ſtehenden. „Ei!“— ſagte der Burſche und ſchaute dabei den Pförtner mit eben nicht allzukluger Miene an —%ich ſoll dem hochwürdigen Bruder Guardian den Brief da bringen.“ „Und von wem kommt der Brief?“ „Da ſoll's zu ſeh'n ſein!“— entgegnete der Burſche, indem er den Brief dem Pförtner hinreichte und auf das Siegel deutete. Die Bewegung zeigte dem Mönch ein Paar muskulöſe Arme und ein Paar Hände, die für 16* „ Hammer und Ambos;.. überhaupt zum Drein⸗ ſchlagen wie gemacht waren. Der Bruder Pförtner lächelte wohlgefällig bei dieſem und dem Anblick des Siegels. Dann öffnete ſich die kleine Pforte, die ſich in dem einen Flügel des mächtigen Thores befand, und der Burſche ſchlüpfte auf einen Wink des Paters, durch dieſelbe in das Innere des Kloſters. Er ſtand jetzt in einem ziemlich dunkelen, durch das Vordergebäude führenden Thorgang, von deſſen Seitenwänden ihn ſteinerne Heiligen ernſt und ſtreng anſtarrten. Ein leiſer Schauer überkam ihn. Er fühlte ſich halb wie in einer Kirche, halb wie in einem Gefängniſſe, und unwillkürlich ſchlug die Hand das übliche Kreuz über Stirne und Bruſt. Die Mütze in der Hand, mit ſcheuem Blick— als fürchte er mit jedem Schritt auf einen Mönch zu ſtoßen, der ſich, halb nackt, blutig und bis auf den Tod geißele— folgte er dem Pfortner. Der dunkele Thorweg wurde durchſchritten. Ein zweites Thor öffnete ſich an dem Ende des Ganges und die Beiden traten in einen geräumigen Hof, der in ſeiner Mitte das eigentliche Kloſtergebäude mit der Kirche zeigte. Auch dieſe Gebäude waren aus gewaltigen Quadern maſſiv aufgeführt, dunkel⸗ grau von Zeit und Witterung, und hätten eher das — — 2— Anſehen einer mittelalterlichen Feſtung, als das eines Kloſters gehabt, wenn ſich nicht über der Haupt⸗ pforte die ſteinerne Bildſäule des heiligen Franz von Aſſiſi und auf dem ein gewaltiges Eruifi gezeigt. Auf dem Hofe ſuſt herrſchte dabei eine wahr⸗ haft erſchreckende Oede und Stille, ſo daß die ver⸗ nehmbaren Tritte der darüber Hinſchreitenden in einem lauten Echo wiederhallten. Zwiſchen den Steinplatten aber wucherte Gras empor, ſo daß das Ganze einem Friedhofe un⸗ ähnlich ſah. Jetzt war das Hauptgebäude erreicht. Auf ein von dem Pförtner mit der Klinke gegebenes Zeichen wurde von Innen ein ſchwerer Riegel zurückgeſcho⸗ ben, die Thüre öffnete ſich halb, der Bruder Pfört⸗ ner übergab den Burſchen einem zweiten Pater, wechſelte mit dieſem einige Worte und zog ſich dann auf ſeinen Poſten im Vorderhauſe zurück, während der Pförtner des Hauptgebäudes die Thüre hinter dem Eingetretenen wieder verriegelte und dem Bur⸗ ſchen zu folgen winkte. Jetzt ging es durch lange Kreuz⸗ und Bogen⸗ gänge; dann über breite ſteinerne Treppen, durch dunkele Corrivors, an deren Seitenwänden rechts und links in gleichmäßigen Entfernungen die zu den —— Zellen der Brüder führenden Thüren angebracht waren. Wieder überlief den Burſchen— den draußen auf ſeinem Dorfe bei einer blutigen Schlägerei ſicher Luſt und freudiger Muth durchzuckt hätten,— hier ein kalter Schauer. Glaubte er doch oft ein fernes Tönen, wie leiſes Wimmern, zu hören; kam es ihm doch vor, als vernehme er hie und da aus den Zel⸗ len ein tiefes Seufzen. Aber die erregte Phantaſie täuſchte ihn, die früher allerdings bewohnten Zellen ſtanden jetzt zu meiſt leer. Das Kloſter war in der proteſtantiſchen Stadt nur durch ein beſonderes Vorkommniß geduldet. Die Mönche aber waren zum größten Theile ausgeſtor⸗ ben, während keine neuen aufgenommen wurden. Endlich hielt der Pater vor einer der Thüren, hieß den jungen Mann warten und trat ein. Der Burſche betete ein Paternoſter. Da kam der Franziskaner wieder und hieß ihn bei dem hoch⸗ würdigen Pater Guardian eintreten. Der Guardian der Franziskaner war eine ächte Mönchsfigur: nicht groß, aber von gedrängtem Kör⸗ perbau, derben Formen und einem wohlgenährten fleiſchigen Geſicht, in welchem ſich der Ausdruck einer gewiſſen widerlichen Sinnlichkeit mit demjenigen geheuchelter Frömmigkeit eigenthümlich miſchte, wäh⸗ — 247— rend die ſchlaff herabhängenden faltenreichen Wangen, ſo wie der in den Winkeln herabgezogene Mund ſeinem Antlitz das Gepräge endloſer Langweile ga⸗ ben. Nur zuweilen zuckte dabei etwas aus den glanz⸗ loſen wäßrigen Augen, das ein Dolchſtich gemeiner Bosheit... oder auch... ein Echo längſt ver⸗ ſchwundener Thatkraft und Energie ſein konnte. Auch ihn umhüllte das härene Ordenskleid, ge⸗ halten von dem Stricke;... auch er trug an den nackten Füßen alte unreinliche Sandalen;... auch ſeine Atmosphäre athmete jenen abſonderlich wider⸗ lichen Mönchsgeruch, aus Schweiß, Unreinlichkeit, und ekelhafter Ausdünſtung zuſammengewoben, der jeder anſtändigen Naſe ein Gräuel, dem gemeinen gläubigen Volke aber... der Geruch der Heilig⸗ keit iſt. Er war dies auch für den Burſchen, der jetzt vor dem Guardian ſtand und— mit frommer De⸗ muth Mütze und Brief in den Händen haltend— ehrerbietig zu dem heiligen Manne aufblickte. „Der Herr ſegne dich, mein Sohn!“— ſagte jetzt der Guardian ſalbungsvoll. Der Burſche verneigte ſich mit heiliger Scheu. „Und was bringſt du uns?“— frug der Franziskaner weiter. Der junge Mann überreichte den Brief. — 248— Pater Bartholomäus— der Guardian— nahm ihn in Empfang; ſtatt ihn aber zu öffnen, ſchaute er den friſchen lebenskräftigen Burſchen mit wohl⸗ gefälligem Lächeln an. „Wie alt?“— frug er dann. „Sechsundzwanzig!“— antwortete jener. „Bauer?“ „ Ja!“ „Nun!“— meinte der Pater—„die Arme ſind ſtark genug zum Dreſchen.“ Der Burſche lächelte wohlgefällig. „Schlägſt wohl gern drein?“ „Wenn's ſein muß, ja!“— meinte der junge Bauer und zeigte lachend zwei Reihen prächtiger Zähne. „„Und was denkſt du denn dabei, wenn du dre⸗ ſchend auf das Korn ſchlägſt?“ Der Burſche ſchüttelte mit dem Kopfe, als wolle er die Zumuthung des Denkens bei einer ſolchen Beſchäftigung als einen Spaß von ſich abweiſen. „Nun!“— mweinte der Pater Guardian, indem er ihm freundlich auf die Achſeln klopfte—„ich will dir ſagen, was ein guter katholiſcher Chriſt dabei denken muß. Er muß dabei denken: die Frucht⸗ halme, die da vor ihm liegen,. das ſeien dick⸗ köpfige Ketzer und er habe ſie, im Namen ſeiner S — 249— heiligen Mutterkirche zu vertilgen. Holla! da wird ihm die Kraft in die Arme fahren und das piff, paff, puff!... piff, paff, puff! wird noch einmal ſo gut gehen!“ Ein grinzendes Lächeln ſtand wieder in den Zů⸗ gen des Burſchen, während er freudig zuſtimmend mit dem Kopfe nickte. Pater Bartholomäus öffnete jetzt den Brief, ſah' flüchtig hinein und ſteckte ihn dann in ſeine Kutte. „Und was wirſt du jetzt thun?“— frug der Guardian. „Heimkehren, hochwürdiger Herr!“— antwor⸗ tete jener. „Wohin?“ „Nach Illkirch.“ „Und wieder pflügen, ſäen, dreſchen 2* „Ja!“ „Wenn dich der Herr aber zu etwas Größerem beſtimmt hätte.“ Der Burſche ſperrte Mund und Augen auf. Er begriff nicht, was der Mönch meinte. „Wenn dir nun die heilige Mutterkirche und dein hochwürdigſter Herr Biſchof befehlen, eine Ernte heimzuthun, die dich Gott dem Herrn vor allen ſei⸗ nen Knechten wohlgefällig macht... wirſt du da als treuer Knecht und frommer Chriſt gehorchen?“ — „Wenn's Erntezeit iſt und unſere Frucht zu Haus. warum nicht!“— meinte der Bauer. „Vor dem Herrn iſt die Ernte immer reif!“— ſagte der Guardian mit Ernſt und Würde—„die Ernte des Herrn aber iſt die Vernichtung der Ketzer.“ „Aber, hochwürdiger Herr!...“ „Du verſtehſt mich nicht, nun, das iſt natürlich und wird ſich geben. Jetzt höre, was ich dir ſage: die heilige Mutterkirche verlangt von dir einen Dienſt.“ Der Burſche nickte, begleitet von einem faſt ſimplen Geſichtsausdruck. „Es wird in wenigen Tagen nöthig ſein, daß du für ſie deine Fäuſte gebrauchſt.“ Der junge Mann nickte abermals mit einem zu⸗ ſtimmenden Lächeln. „Und zwar— bedenke deine heilige Sen⸗ dung— gegen Ketzer!“ „So! ſo!“— meinte der Burſche, in deſſen Kopf es, durch das Anſchüren des anerzogenen Fa⸗ natismus zu dämmern anfing, und deſſen Fäuſte ſich nachgerade ballten. „Du bleibſt alſo jetzt hier.“ „Hier?“— rief der Bauer ſichtlich erſchrocken. „Ja!“— entgegnete der Guardian—„dein hochwürdigſter Biſchof, der fromme Herr Franz — 251— Egon, Fürſt von Fürſtenberg, gebietet es dir im Namen Gottes!“ Aber „Du ſollſt kein Mönch werden, beruhige dich.“ Aben „Es ſoll dir auch gut gehen...“ „r „Du ſollſt Speiſe und Trank und Luſt und Freude im Ueberfluß haben.“ „Aberg Jetzt aber verfinſterten ſich die Mienen des Franziskaners, ein eigenthümlicher Blitz ſchoß aus ſeinen Augen; dann ſagte er feſt und befehlend: „Kein aber mehr! Bei deiner ewigen Verdamm⸗ niß! du biſt auserwählt von dem Herrn mit anderen getreuen Knechten zu einer großen, Gott wohlgefälli⸗ gen That. Worin ſie beſteht und wie ſie ausgeführt werden ſoll, wirſt du erfahren, wenn es Zeit iſt. Jetzt verlangen Gott und die heilige Kirche, dein hochwürdigſter Biſchof und ich... unbedingten Gehorſam von dir. Willſt du ihn leiſten?.. oder willſt du von der Kirche verflucht und auf ewig verdammt ſein?“ „Gnade, Barmherzigkeit!“— rief jetzt der Burſche vor dem Guardian auf die Knie fallend, und Angſt und Entſetzen malten ſich in ſeinen Zügen⸗ — 252— „Alſo willſt du gehorchen?“ „Ja!“ „Und ſchwörſt mir unbedingten Gehor⸗ ſam?“ „Ja!“ „So ſchwöre!“ Und der Franziskaner nahm dem vor Schrecken am ganzen Leibe zitternden Bauer mit Ernſt und Feierlichkeit und unter Androhung aller erdenklichen hölliſchen Strafen den betreffenden Eid ab. „Oremus!.— ſagte er ſodann, und, die Hände faltend, ſprach er raſch und in dem gleichförmigen Gebettone der katholiſchen Kirche die Worte: „Omnipotens sempiterne Deus! qui dedisti famulis tuis in confessione verae aeterne Trini- tatis gloriam agnoscere, et in potentia majesta- ttis adorare unitatem, quaesumus, ut ejusdem ſidei irmitate ad omnibus semper muniamur adversis.“ „Deus, cujus misericordiae non est mumerus et bonitatis infinitus est thesaurus, piissimae majestati tuae pro collatis donis gratias agimus, tuam semper clementiam exorrantes, ut qui petentibus postulata concedit, eosdem non dese- rens, ad praemia futura disponas. Per Christum dominum nostrum“ — 253— „Amen!“— ſagte der Mönch, der den Burſchen gebracht, und der bei dem Oremus wieder einge⸗ treten war. Pivinum auxilium maneat semper nobis- cum!“— endete der Guardian und der Pater ſagte abermals„Amen!“ „So!“— fuhr nun Pater Bartholomäus, zu dem Mönche gewandt, fort,—„„jetzt nimm ihn mit dir, er iſt zum Streiter des Herrn geweiht und ſoll ſich ſtärken zur großen That durch die Tröſtungen des Lebens.“ Und der Pater winkte und der Burſche folgte ihm. Aber es war dem armen Teufel hier in dem finſteren Kloſter keineswegs wohlgemuth. War es ihm gleich beim Eintritt halb wie eine Kirche, halb wie ein Gefängniß erſchienen, ſo nahm es jetzt in ſei⸗ nem Kopfe und in ſeiner aufgeregten Phantaſie ganz und vollkommen den Charakter eines Gefängniſſes an. Trotz allen Verſicherungen des hochwürdigen Pater Guardian trat ihm dabei immer wieder der Gedanke vor die Seele: man wolle ihn am Ende gar ſelbſt zu einem Mönche machen, und um dieſen Gedanken gruppirten ſich in ſeinem Geiſte die Bil⸗ der einſamer dunkler Zellen faſtender Brüder und aller Marterwerkzeuge, von welchen er jemals ge⸗ hört, oder die er auf dem großen Gemälde in ſeiner Dorfkirche geſehen. — 254— Und wahrlich! der Weg, den er geführt wurde, war nicht der Art, ihn von dieſen Schrecken abzu⸗ bringen. Ging es doch abermals durch lange finſtere Gänge, dunkelen ſteinernen Treppen hinab, als wolle man in die Tiefen der Erde ſteigen. Und wie? War das nicht ein fernes Tönen? Vielleicht gar das Jammern eines Eingekerkerten oder.. eines ſich geißelnden Bruders? Doch nein! Aber was war denn das? Das klang ja faſt. wie luſtiger Geſang? Lächelnd ſah ſich der ſtumm voranſchreitende Pater nach dem ſtaunenden Burſchen um. Bei Gott! das klang wie ein munteres Trink⸗ lied... und... der Geſang ward immer lauter. Da ertönte plötzlich ein vielſtimmiges luſtiges „Hurrah!“ In demſelben Augenblicke aber öffnete der Fran⸗ ziskaner eine ſchwere Eiſenthüre und er und ſein Be⸗ gleiter traten in ein gewaltiges Kellergewölbe. Doch wie?... Welches Bild... war man denn hier in einem Kloſter? In einem weiten ungeheueren, auf kurzen aber dicken ſteinernen Säulen ruhenden Keller, deſſen Seitenwände und Hintergrund den Augen der Ein⸗ — 256— tretenden nicht mehr erkennbar waren, da die matte Beleuchtung der wenigen hier brennenden Lichter ſich in den weiten Räumen bald in völlige Dunkelheit verlief— befanden ſich in bunter Miſchung Sol⸗ daten und Mönche. Der wirklichen Moönche waren es allerdings nur wenige; viele der Soldaten aber ſtaken, wie zum Scherze, in Franziskanerkutten, die ſie nur leicht übergeworfen hatten, ſo daß hier die mit Lederhoſen und mächtigen Stiefeln bekleideten Beine, dort der ſoldatiſche Wamms, bei jenem ein Theil des Schwer⸗ tes, bei dieſem ein breites Vandelier herausblickten, während Andere bei den mönchiſchen Kutten den runden breitkrämpigen Soldatenhut jener Zeit auf⸗ geſtülpt hatten. Mitten unter ihnen bewegten ſich aber auch ſechs bis acht wirkliche Franziskaner, die— gewaltige Weinkannen im Arme— mit ihren weinglühenden Geſichtern und ihrer ausgelaſſenen Luſtigkeit, den härenen Kutten, welche ſie trugen, dem Strick und den Barfüßen, alle Ehre machten. In dem Augenblicke, in dem der junge Burſche von ſeinem Begleiter durch die Eiſenpforte dieſes ge⸗ heimen mönchiſchen Paradieſes hereingeſchoben wor⸗ den war, und nun ſo ſtarr vor Staunen daſtand, wie die Salzſäule von Loths Weib... in dieſem 5 — 256— Augenblicke bildete ein gewaltiges, man konnte ſagen, ein rieſiges, von den umſtehenden Lichtern hell über⸗ ſtrahltes Weinfaß den Mittelpunkt des Bildes. Vor ihm ſaß zapfend, mit Blicken, die vor Seligkeit ſtrahlten, der Bruder Kellermeiſter. Sein üppiges Geſicht übergoß ein dunkeles Purpurroth, die kleinen Augen waren zuſammengekniffen, aber die Luſt, die in ihnen lag, war eine unausſprechliche. Hätte ſtatt der Mönchskutte ein Pantherfell den ſchwammigen Leib umſchloſſen, es wäre kein ſchöne⸗ rer Bachus zu finden geweſen. Die ganze Figur war ja ein Urbild ſchwellender Lebensfülle, die begeiſtern⸗ den Genuß und ſüßen Taumel aus ihrem ſhůn⸗ menden Becher ſchenkt. Und ſeine Becher, das heißt gewaltige Kannen, füllte der würdige Bruder Kellermeiſter fleißig ge⸗ nug, ſie den anderen frommen Brüdern oder den Söldnern hinreichend, die ringsum theils auf dem Boden, theils auf anderen kleineren Fäſſern ſaßen und lagen. Und der durſtigen Soldatenkehlen waren hier nicht wenige. Prächtig machten ſich dabei die einzelnen Gruppen, in welchen Mönche und Krieger auf umgeſtülpten Fäſſern Landsknecht ſpielten. Wie lagerte ſich doch das unſicher flackernde Licht— das ſich in den weiten dunkelen Räumen faſt zu fürchten ſchien— ſo wunderbar abenteuerlich — — 257— auf den braunen bärtigen Geſichtern der Krieger, deren Ausdruck zumeiſt kecke Lebensluſt und friſcher Muth war; während in den noch bärtigeren Ge⸗ ſichtern der ſchmutzigen Mönche bei aller bachantiſchen Luſt doch immer etwas Unheimliches lag. Das war überall eine derbe kräftige Färbung; helle ſcharfe Lichtreflexe bei dicht herantretenden ſchneidenden Schlagſchatten. Und welches Leben in dem Bilde! „Hurrah!“— rief eben einer der Söldner, der etwas mehr als die anderen zu ſein ſchien, und hob ſeinen Weinkrug in die Höhe—„Hurrah! ſo lob' ich mir das Leben! Hätt' ich gewußt, daß der hei⸗ lige Franz von Aſſiſi ein ſo guter Wirth ſei, ich hätte bei allen Heiligen auch die Kutte ſtatt des Schwertes genommen.“ „Ob der wohl auch einen ſo guten Keller führte?“ — rief lachend ein Anderer. „Dem heiligen Franz von Aſſiſt ſei Ehre in Ewigkeit!“— ſagte einer der Mönche, indem er den Weinkrug, den er in dem linken Arm hielt, gegen ſein Herz drückte und mit der rechten Hand ſanft ſtreichelte, wie eine Mutter wohl ihrem Kinde zu thun pflegt,—„dem heiligen Franz von Aſſiſi ſei Ehre in Ewigkeit. Arm war er und nackt, wie wir, ſeine Schüler, es ſind.“ Der Raub Straßburgs II. 8 17 — Ein lautes Gelächter hallte durch die Wölbungen und kehrte in vielfachem Echo wieder. „Lacht nur!“— fuhr der Pater Franziskaner ruhig fort—„wir ſind an den Spott gewohnt und tragen ihn in Demuth, wie unſer großes Vor⸗ bild der heilige Franz ſelbſt. Was heute hier vor⸗ geht, geſchieht nur Eurer ungewaſchenen Mäuler und durſtigen Kehlen wegen.“ „Bravo!“— tönte es heiter. „Ja!“— nahm ein Anderer das Wort— „wir leben ſonſt immer— nach unſerem heiligen Vorbilde.“ „Und wie lebte der?“— frug lachend einer der Söldner, indem er ſich ſeine Kanne neu füllen ließ. „Er vertheilte ſeine Güter an die Armen“— fuhr der Mönch fort—„trug, wie wir, ein härenes Kleid auf bloßem Leibe, wachte, betete und faſtete...“ Wieder dröhnte das allgemeine Lachen. „Sprang oft nackt in den Schnee“— fuhr der Mönch fort—„ſein Fleiſch zu züchtigen, und geißelte ſich in jeder Nacht dreimal: einmal für ſich ſelbſt, einmal für die ſündige Mitwelt und einmal für die armen Seelen im Fegefeuer.“ „Teufel!“— rief der erſte der Söldner wieder —„ich hätte mit einmal genug gehabt.“ „Und das thut Ihr alles wohl auch?⸗— ein Anderer in ſpöttiſ chem Tone. — „Gewiß!“ „Aber!“— rief es aus einer Ecke her—„heißt man denn das bei Euch Armuth, wenn man ſolche Keller voll der prächtigſten Weine hat? Schwert und Spieß, ich verſtehe nicht, wie das heißt⸗ ſein Gelübde der Armuth halten?“ „Ganz einfach!“— ſagte der Pater Kellermeiſter, und zwickte ſelig mit den Aeuglein.—„Jeder von uns hat für ſich ſelbſt das Gelübde der Armuth abgelegt und das halten wir auch ſtreng;.. aber, Ihr Schaafsköpfe, das ſchließt ja nicht aus, daß die Klöſter für ſich Güter beſitzen können.“ „Donnerwetter!“— rief der erſte der Söldner —„das heiß' ich pfiffig auslegen!“ „Gar nicht, die Sache iſt ganz einfach.“ „Und da ſauft Ihr heiligen Väter denn auch all' den herrlichen Wein nicht für Euch... ſondern für das Kloſter!“ Ein neuer Halloh entſtand. „Der Herr ſei Euch Sündern gnädig!“— ſagte hier der Kellermeiſter, ſein Lächeln ſchwer verbergend. —„Uns armen demüthigen Patres kommt ſonſt nie ein Tropfen Wein über die Zunge. Heute nur und in dieſen Tagen regaliren wir Euch ſündige Men⸗ ſchen im Namen des Kloſters und der heiligen Mutter⸗Kirche, deren Dienſt 6. Euch geweiht.“ — 260— „Ja!“— ſagte jetzt der Pater, der den Burſchen im Auftrag des Guardian hiehergeführt,—„und hier iſt ein neuer Zuwachs. Heute ſoll er ſich hier ſtärken und morgen ſoll man ihn militäriſch ein⸗ ſchießen! das Dreinſchlagen verſteht er ſchon.“ „Bravo!“— riefen alle Anweſenden. Der arme Burſche aber wußte vor Verlegenheit nicht, wo hinaus noch wo hinein. Er war noch ſo überraſcht, ſo erſtaunt, ſo ganz betäubt von alledem, was er hier ſah, hörte und erlebte, daß er ſich ge⸗ radezu willenlos leiten ließ. Erſt als er— faſt ge⸗ zwungen— eine halbe Kanne Wein hinunter gegoſ⸗ ſen, erwachte er aus ſeiner Betäubung und fühlte andere Geiſter in ſich aufſteigen. Das wilde, luſtige Durcheinander war unterdeſ⸗ ſen fortgegangen. Wohl prießen die Söldner dabei den Kloſterkeller und ſeine Weine; aber ſie waren doch zufrieden, daß ſie die Waffen und nicht die Kutten trugen. Dem luſtigen freien Leben in der weiten luſtigen Welt ſchallte manches„Lebehoch!“. ja man prieß ſelbſt— im Gegenſatze zu dem einförmigen Kloſter⸗ leben— die Gewerbe. Da ergab es ſich denn im Geſpräche, daß der eine der Söldner in ſeinem früheren Leben dies, der andere jenes Gewerbe getrieben hatte. „ 6— Die Köpfe erhitzten ſich: man ſtritt über den Vorzug des einen und des anderen Gewerbes; aber die rohen, ungebundenen und leidenſchaftlichen Men⸗ ſchen, von dem Weine erhitzt, kamen bald in einen ſo ernſtlichen Streit, daß es nahe daran war, ihn mit den Klingen auszufechten. Bei rohen und wilden Naturen liegen Scherz und Todtſchlag nebeneinander. Die Sache ging weiter und weiter, bis der Pater Kellermeiſter den Streit damit ſchlichtete, daß er— bei Verweigerung ſeiner ferneren Dienſte— gebot, den tollen Zank zu laſſen. Er ſchlug dabei einen anderen Wettſtreit vor. Jeder, der ein Gewerbe geführt, kenne doch gewiß ein Loblied deſſelben. und... das ſolle er der Geſellſchaft vorſingen. Der gute Bruder verſprach zur Belohnung: dann ein noch beſſeres Faß anzuſtechen. Himmel! das wirkte! Sogleich flogen die Klingen in die Scheiden; der erſte der Söldner aber ergriff das Wort und rief: „Ja!“ ſo ſoll's ſein! Der ehrwürdige Bruder Kellermeiſter hat recht!... und... da ich in meiner Jugend ein Waffenſchmied war, ſo ſollt ihr ſofort von mir ein Liedchen auf dies Gewerbe hören!“ Und mit einer mächtigen und gewaltigen Baß⸗ ſtimme, die weithin voll und rund die Räume füllte, ſang er: — 262— „Kling und klang! Mit Hochgeſang Will ich mein Handwerk preiſen. Thubalkain war der Mann, Der die große Kunſt erſann, Brod zu zieh'n aus Eiſen. Kling und klang! Zieht raſch den Strang, Blas' tapfer liebe Käte! Schmieden will ich, weil es glüht, Daß es helle Funken ſprüht; Nachmals iſt's zu ſpäte. Kling und klang! Und kling und klang! Nur luſtig nach dem Takte! Schlagt das harte Eiſen weich: Wißt wie manches Königreich Schon das Eiſen packte. Kling und klang! Bei munterem Sang: Es ſoll ein Schwert mir werden; Klirrt es an der Seite mir, Dann im Krieg'— mir oder dir— Den ſchönſten Tanz auf Erden. Kling und klang! Der Funke ſprang Wohl auch aus Liebchens Herzen. — 263— Wer Stahl und Eiſen zwingt und biegt Wohl auch der Weiber Herz beſiegt Mit Koſen und mit Scherzen. Kling und klang! Der Tag entſprang, Jetzt iſt es Zeit zum Trinken! Nach der Arbeit Lieb' und Luſt Und ein Lied aus voller Bruſt Bis die Sterne ſinken!“ Der Sänger hatte geendet; u aber ſchalt im Chorus nach: — vw „Kling und klang! Der Tag entſprang, Jetzt iſt es Zeit zum Trinken! Nach der Arbeit Lieb' und Luſt Und ein Lied aus voller Bruſt Bis die Sterne ſinken!“ Wie aber klangen da die Becher und Kannen... und mit welch' noch köſtlicherem Weine füllte ſie jetzt der hochwürdige Pater Kellermeiſter. Da rief ein anderer der Söldner: „Aufgepaßt! jetzt kommt die Reihe an mich. Ich war ein Seiler.. „O ho!“— ſchrie es lachend und lallend von vielen Seiten. — 264— „Nur Geduld!“— rief Jener—„und erſt mein Lied angehört, ehe Ihr räſonnirt!“ Und er ſang: „Wo iſt ein fromm'rer Mann, als ich Auf dieſer Welt zu ſehen? Den„Kummer“*) weiß ich meiſterlich Mit Hanf zu überdrehen; Durch mich wird jene Regel wahr, Bei mir kann man ſie finden: Man muß das Böſe immerdar Mit Gutem überwinden! Auch bin ich ſtolz d'rauf, wenn ich ſeh', Wie manche wack're Dirne Strickt Netzarbeiten von Filee, Von Silber, Gold und Zwirne. Strickt immerhin! denn theils geſchieht's, Um Männer drin zu fangen; Und theils iſt mir dadurch noch nichts Bisher am Brod entgangen. Es ſind der Stände mancherlei, Die meine Waaren ſchätzen: Dem Fiſchfang und der Jägerei Dien' ich mit Garn und Netzen; Der Schieferdecker ſteigt mit Macht Auf Kloben in die Lüfte; Den Bergmann laß' ich in den Schacht, Die Todten in die Grüfte. *)„Kummer“ heißt bei den Seilern der„ſchlechte Hanf“„ Werrig. — 265— Soll Glockenklang gehöret ſein, So zieht man ſie mit Stricken: Mit ihnen läßt man Bier und Wein In kühle Keller rücken. Dem Gärtner, Bauer, Zimmermann Dien' ich, dem Arm' und Reichen... Der ſtrenge Franziskaner kann Durch mich ſich weidlich ſtreichen! Ein lautes„Halloh!“ jauchzte durch die Räume und in wildem Chore von rauhen lallenden Stim⸗ men tönte es nach: „Der ſtrenge Franziskaner kaun Durch mich ſich weidlich ſtreichen! Eben aber war das Jauchzen, Lachen und Singen ein wenig verhallt, und ein dritter wollte ſein Lied beginnen,... als man das Läuten der Kloſterglocke vernahm, das die Patres täglich zu dieſer Stunde zum Abbeten der Litanei der Heiligen aufforderte. Da veränderte ſich die Scene wie durch Zauber⸗ ſchlag. In einem und demſelben Momente waren die Krüge der frommen Brüder zur Seite geſetzt, wäh⸗ rend ſie ſelbſt auf die Kniee ſanken und mit gefal⸗ teten Händen und tiefgebeugten Häuptern— auch die Söldner folgten ihrem Beiſpiele— laut und uniſono beteten. Und durch die Wölbungen, die eben noch von Lachen und Singen und Jauchzen widergehallt, tönte es einförmig: „Herr, erbarme dich unſer! Chriſtus, erbarme dich unſer! Herr, erbarme dich unſer! Chriſtus höre uns! Chriſtus, erhöre uns! Gott Vater vom Himmel, erbarme dich unſer! Gott Sohn, Erlöſer der Welt, erbarme dich unſer! Gott heiliger Geiſt, erbarme dich unſer! Heiligſte Dreifaltigkeit, erbarme dich unſer: Heilige Maria, bitt' für uns!. Heilige Gottesgebärerin, bitt' für uns! Heiliger Michael, Heiliger Gabriel, Heiliger Raphael, Alle heiligen Engel und Erzengel, bittet für uns! Heiliger Joſeph, Alle heiligen Patriarchen und Propheten, bittet für uns! Heiliger Petrus, Heiliger Paulus, Heiliger Andreas, Heiliger Jacobus, Heiliger Johannes, Heiliger Thomas, Heiliger Philippus, Heiliger Bartholomäus, Heiliger Matthäus, Heiliger Simon, — 267— Heiliger Thaddäus, Heiliger Matthias, Heiliger Barnabas, Heiliger Lukas, Alle heiligen Apoſtel und Evangeliſten, bittet für uns! Alle heiligen Jünger des Herrn, bittet für uns! Alle heiligen unſchuldigen Kinder, bittet für uns! Heiliger Stephan, Heiliger Laurenzius, Heiliger Vinzenzius, Heiliger Kosmos und Damian, Heiliger Gervaſius und Protaſius, Alle heiligen Märtyrer, bittet für uns! Heiliger Silveſter, Heiliger Gregorius, Heiliger Ambroſius. Heiliger Hieronymus, Heiliger Martius, Heiliger Nikolaus, Alle heiligen Biſchöfe, bittet für uns! Heiliger Antonius, Heiliger Benedikt, Heiliger Bernhard, Heiliger Dominikus, Heiliger Franziskus, bitt für uns! Alle heiligen Mönche und Einſiedler, St uns! Heilige Magdalena, Heilige Agatha, Heilige Luzia, Heilige Agnes, Heilige Cäcilia, — 268— 4 Heilige Katharina, Heilige Anaſtaſia, Alle heiligen Jungfrauen, bittet für uns! Alle Heiligen Gottes, bittet für uns! Sei uns gnädig: verſchone uns, o Herr! Von allen Uebel: erlöſe uns, o Herr! Von aller Sünde: erlöſe uns, o Herr! Von deinem Zorne: erlöſe uns, o Herr! Durch das Geheimniß deiner heiligen Menſchwerdung, Durch deine Ankunft, Durch deine Geburt, Durch deine Taufe und dein heiliges Faſten, Durch dein Kreuz und Leiden, Durch deinen Tod und dein Begräbniß, Durch deine Auferſtehung, Durch deine Himmelfahrt, Durch die Ankunft des heiligen Geiſtes, des Tröſters, Am Tage des Gerichtes, Wir armen Sünder: wir bitten dich, erhöre uns! O du Lamm Gottes, welches du hinwegnimmſt die Sünden der Welt: Verſchone uns, o Herr! O du Lamm Gottes, welches du hinwegnimmſt die Sünden der Welt: Erhöre uns, o Herr! O du Lamm Gottes, welches du hinwegnimmſt die Sünden der Welt! Erbarme dich unſer, o Herr! Chriſtus, höre uns! Chriſtus, erhöre uns! Herr, erbarme dich unſer! — 269— Chriſtus, erbarme dich unſer! Herr, erbarme dich unſer! Vater unſer und das Gebet verlief ſich in ein unverſtändliches Murmeln, das mit dem Ave Maria ſchloß. Als dieſe Gebet⸗Arbeit vorbei, ſprang Alles wieder auf... und fünf Minuten ſpäter ſchallten wieder bei heiterem Becherklang die luſtig⸗ ſten Lieder durch die dunkelen Kellerhallen. Die Stimmen aber wurden immer rauher, die Lieder immer freier, die Späſſe immer toller. Nicht der neuangekommene Burſche war es al⸗ lein, der jetzt— mit dem Rücken an ein Faß ge⸗ lehnt, ſteif an allen Gliedern, mit ſtarren Augen vor ſich hinblickend— regungslos daſaß, ein Opfer des ſchweren trefflichen Weines, den der Bruder Kellermeiſter ſo freigiebig in großen Kannen um⸗ reichte; auch ältere Mäuner— Krieger, die Länder und Völker geſehen, und mit dem Schwerte ſo gut als mit dem Becher Schlachten die Menge geſchlagen — auch ſolche bärtige, beim Trinken bewährte Kumpane waren bereits der Allgewalt des Weingottes verfallen. Und zwiſchen den jetzt immer wüſter werdenden Geſängen hörte man das Rollen der Würfel, das Fluchen der bei'm Landsknecht verlierenden Spieler. 6— Während es aber hier in dem unterirdiſchen Paradieſe der Mönche luſtig genug herging, be⸗ ſchäftigten den frommen Pater Guardian ganz an⸗ dere Dinge. Er ſtand eben— die Hände wie zum Gebet über dem Bauche zuſammengelegt— in einem zwei⸗ ten, an ſeine Zelle gränzenden Gemache, und ſah mit wohlgefälligem, behaglichem Lächeln dem Treiben eines jüngeren Franziskanermönches zu. Freilich war dies zweite Gemach ſchon ein Ver⸗ ſtoß gegen die Ordensregel: denn jeder Bruder durfte nach dieſer eigentlich nur eine Zelle bewohnen und zwar eine Zelle, die außer den vier nackten Wänden — deren einziger Schmuck ein Cruzifir— nichts enthielt, als eine Britſche um S zu ſchlafen. 4 Auch dem Bruder Guardian war pierin keine Ausnahme geſtattet— denn der heilige Franz von Aſſiſi hatte in ſeiner faſt übermenſchlichen Strenge alle Brüder gleichgeſtellt und ſie eben darum— und um der Demuth willen— als fratres minores, als„kleine Brüder“ bezeichnet. War doch ſeine erſte Ordensregel ſo ſcharf, ſo alles Menſchliche abſtrei⸗ fend geweſen, daß Papſt Innocenz III., als ſie ihm zur Beſtätigung vorgelegt wurde, ausrief:„das iſt ² eine Ordensregel für Schweine... nicht aber für Menſchen!“ Der gute Pater Guardian des Franziskanerklo⸗ ſters in Straßburg mochte nun dieſer Meinung auch geweſen ſein, und ſo hatte er ſich denn ſchon längſt im Stillen eine kleine Thüre in die Nebenzelle bre⸗ chen laſſen, ſeine eigene Zelle aber— die der Zelle jedes anderen Bruders auf ein Haar glich— nur durch ein ſchlecht gemaltes lebensgroßes Bild des ſich blutig geißelnden heiligen Franziskus ausge⸗ ſchmückt— ein ſchrecklich anzuſehendes Bild, das freilich aber geſchickt genug angebracht war, um die geheime Thüre zu der anſtoßenden Zelle zu verbergen. Und dieſe anſtoßende Zelle war gar ſo übel nicht. Vor allen Dingen ſtand in ihr ein recht gutes, weiches und einladendes Bett. Wollene Decken wa⸗ ren auf dem Steinboden ausgebreitet; auch ein be⸗ haglicher Lehnſtuhl befand ſich hier neben einem Tiſche... und... in der Wand ein Wandſchrank, mit Bechern und Kannen, Schüſſeln, Tellern und manch' leckerem Biſſen. Das war denn, für einen Franziskaner⸗Mönch, allerdings eine luxurieuſe Ausſtattung, zu der der heilige Franziskus— der ſtets auf nackter Erde ſchlief— ſonderbare Augen gemacht haben würde; dem frommen Guardian aber ſagte ſie recht zu, und 6 da er eben einen Theil derſelben— nämlich den In⸗ halt des Wandſchrankes— benutzt hatte, räumte der jüngere Bruder die leeren Gefäße ab. Ihm aber ſah' bei dieſem Geſchäfte der Guar⸗ dian, die gefalteten Hände auf den Bauch gelegt, ſo freundlich und wohlgefällig zu. Und man mußte ſagen, es war ein hübſcher Burſche, dieſer Bruder. Gewiß noch ſehr jung, denn ſein Geſicht— von dem man freilich nicht viel ſehen konnte, da er die Kapuze ſeines härenen Kleides über den Kopf gezogen— hatte faſt etwas mädchenhaftes. Es war friſch und rothwangig, ja die freundlichen Augen ſchauten lebensluſtiger aus der dunkeln Kopf⸗ umhüllung hervor, als man es von einem angehen⸗ den armen Franziskaner⸗Bruder hätte erwarten ſollen, der die häßliche härene Kutte trug, nur mit ginem Strick umgürtet,.. deſſen Füße nur Sandalen ſchützten, der faſten, beten und ſich nächtlich dreimal geißeln mußte. Aber dies alles ſchien dem jungen Bruder ganz gut anzuſchlagen, da nicht nur ſein Geſicht— wie ſchon geſagt— friſch und blühend, ſondern auch ſein Körper von kräftigen Formen war. Kein Wunder, daß ſich der fromme Guardian deſſen freute und mit ſolchem Behagen der Geſchäf⸗ tigkeit zuſah, mit welcher Bruder Stephan eben die — 273— leergewordenen Eß⸗ und Trinkgeſchirre vom Tiſche ab und in den Wandſchrank einräumte. Pater Bartholomäus ſchien nach denſelben nicht ganz allein bei ſeinem geheimen Schmauſe geweſen zu ſein. Vielleicht hatte ihm der junge Mönch Geſellſchaft geleiſtet;... worauf wohl auch deſſen glühende Wangen hindeuteten. „So recht, mein Sohn!“— ſagte jetzt der Guardian mit freundlicher Stimme und ffiffig lächelnder Miene—„ich ſehe, Du verſtehſt Deine Sachen trefflich. Es iſt nur Schade, daß ich Dich jetzt wichtiger Dinge halber, verlaſſen muß.“ „Ich werde meinen Roſenkranz beten!“— ent⸗ gegnete eine jugendliche, faſt mädchenhaft klingende Stimme ihe Tone. „Thue dies, mein Kind!“— verſetzte der Guar⸗ dian—„aber vergiß vor allen Dingen nicht, Dich hier ruhig zu verhalten. Jeder Ton, den man in meiner Zelle hören könnte, wäre mir peinlich.“ „Ich werde mich ſo ſtill halten, wie eine Kir⸗ chenmaus.“ „Gut!“— ſagte der Guardian lächelnd— „dafür ſoll Dir auch mein Segen und Abſolution für alle Deine Sünden werden.“ „Auch für die, die ich noch nänft begehe?“ Der Raub Straßburgs II. „Auch für dieſe... doch... nur beding⸗ ungsweiſe.“ „Wie ſo!“ „Nur für diejenigen, die Du hier im Kloſter und mit meinem Wiſſen begehſt.“ „Seid nicht ſo geizig mit Eurer himmliſchen Gnade!“— meinte der junge Mönch ſpöttelnd. „Dein Betragen, mein Sohn, wird mir dabei zur Richtſchnur dienen.“ „Und was muß ich thun, Euer Wohlgefallen zu erringen, hochwürdiger Herr? „Vor allen Dingen... unbedingt gehorſam ſein, wie es bei uns ohnedem das Ordens⸗Gelübde gebietet.“ Der junge Franziskaner lächelte auf eigene Weiſe; dann ſagte er: „Habe ich nicht ſchon Proben neit unbeding⸗ ten Gehorſams abgelegt?“ „Gewiß!“— entgegnete der Guardian den jun⸗ gen Bruder mit unverkennbarem Wohlwollen an⸗ ſchauend.—„Aber die wahre Tugend des ſams liegt in ſeiner Dauer.“ „So werde ich wahrhaft tugendhaft ſein!“ „Und die Krone himmliſcher Freuden wird Dich ſchmücken.“ — 275— „Amen!“— rief der junge Mönch lachend. Auch Pater Bartholomäus lachte; dann ſagte er: „Doch es iſt Zeit, daß ich gehe! Tritt zu mir, mein Sohn, damit ich Dir ſcheidend den Bruder⸗ kuß gebe.“ Und der fromme Mann, der würdige, von chriſt⸗ licher Liebe durchdrungene Pater Guardian, umarmte den jungen, auf ihn zutretenden Bruder mit auf⸗ richtiger Innigkeit und drückte ihm warme Küſſe der Liebe auf Stirne, Augen und Mund.. dann riß er ſich los. und verſchwand durch die Seitenthüre. Der, ſich auf furchtbare Weiſe blutig geißelnde heilige Franziskus. ſchloß ſich hinter ihm. Pater Zartholomäus, der Schüler Franz von Aſſiſis, Prfand ſich in ſeiner nackten, armſeligen Kloſterzelle———— Indeß, er ſollte nicht lange allein bleiben. Noch waren nicht zehn Minuten verfloſſen, als ſich draußen auf dem langen dunkeln Corridore die Schritte eines anderen Mönches hören ließen. Sofort warf ſich der Guardian vor dem Wand⸗ bilde auf die Knie, ergriff ſeinen Roſenkranz und fing laut zu beten an: Pater noster 2 18* — 276— Zwei Minuten ſpäter öffnete ſich die Thüre und abermals trat eine Mönchsgeſtalt ein. Diesmal aber war es eine hohe ſtolze Geſtalt, die in der Franziskanerkutte ſteckte und von der man auf den erſten Blick erkannte, daß ſie nicht in die⸗ ſelbe gehöre. Der Kopf des Eintretenden war dabei ſchön geformt, bezeichnete einen Mann in der Blüthe ſeiner Jahre und zeigte jene äußere Würde, die durch Uebung den Trägern geiſtlicher Aemter ſo leicht zur Gewohnheit wird. Die Züge dieſes Kopfes wa⸗ ren außerdem ſehr markirt; Hände und Füße be⸗ kundeten durch Form und Zierlichkeit ariſtokratiſche Abkunft; in den Augen lag Geiſt.. aber auch Verſchmitztheit, ja ſogar ein gewiſſes unheimliches Feuer. Als der Eintretende den Guardian knien und ſo eifrig beten ſah', konnte er ſich auf einen Moment eines höhniſchen Lächelns nicht erwehren; doch war es auch nur ein Moment, daß ſich der Ausdruck des Spottes in dem ſchönen Geſichte des Verhüllten zeigte;... raſch nahm es den des Ernſtes und der Würde wieder an. In demſelben Augenblicke ſchaute der Betende auf.. ein leichtes Verneigen des Hauptes ver⸗ kündete, daß er den Eingetretenen erkannt habe„. dennoch blieb er, wie in tiefe Andacht verſunken, — der bisherigen Lage, die pater nosters und Ave Marias des Roſenkranzes mit ungeheuerer Geläufig⸗ keit herſagend. „Laßt Euch in der Erfüllung Eurer heiligen Pflichten nicht ſtören, frommer Vater!“— ſagte dabei der neue Ankömmling.—„Ich werde ruhig warten, bis Ihr zu Ende ſeid. Nur die Verhüllung, die hier nicht mehr nöthig und die mir läſtig iſt, will ich abſtreifen!“ Und mit dieſen Worten warf der Eingetretene die Franziskaner Kutte mit ſchlecht verhülltem Wider⸗ willen weg und neben dem betenden Guardian ſtand Franz Egon, Fürſt von Fürſtenberg, Biſchof von Straßburg, Adminiſtrator der Abteien Murbach, Lüre und Stablo, Graf von Wertenberg, Heiligen⸗ berg und Loigne. Jetzt auch hatte der Guardian ſeinen Roſenkranz zu Ende gebracht und ſich, nachdem er ſich erhoben, dem Biſchofe nähernd, grüßte er denſelben mit tiefer Ehrerbietung. „Vergebung, biſchöfliche Gnaden!“— ſagte er dabei—„daß ich warten ließ; aber die Ordens⸗ regel des heiligen Franziskus iſt eine ſtrenge und ſchwere.“ „Deſto heiliger und ehrwürdiger ſind aber auch die Männer, die ihr mit ſo viel Treue und Pünkt⸗ — 278— lichkeit obliegen, wie Ihr, ehrwürdiger Pater Guar⸗ dian!“— entgegnete Franz Egon mit einem leiſen ſpöttiſchen Anhauch. „Was unſeres Herzens heißer Wunſch und Verlangen!“— rief emphatiſch der Mönch— „wird uns ſeliges Spiel!⸗ Und er küßte die Geißel, die an ſeiner Seite hing. Das Bücken dabei erſparte es ihm wenigſtens, den höhniſch⸗verächtlichen Blick zu gewahren, der bei dieſen Worten aus den Augen des Biſchofs zuckte vielleicht auch ſein eigenes Lächeln zu zeigen. „Und können wir jetzt unſere wichtige Be⸗ rathungen beenden?“— frug der Biſchof—„die acht Tage meines geheimen Aufenthaltes in Eurem Kloſter ſind morgen vorüber. Ich muß nach Frank⸗ reich zurück. Die Frucht iſt reif, ſie muß fallen.“ „Der hochwürdigſte Herr Biſchof haben nur zu befehlen!“— entgegnete der Guardian. „Sind wir unbelauſcht?“ „Wie immer?“ „Nun gut denn! die Vorkehrungen zur Ueber⸗ rumpelung der Stadt ſind alle getroffen.“ „Wird die Hand voll Leute.. „Wie viel bergt Ihr bis jetzt in Euerem Kloſter?“ „Fünf und ſechszig Mann.“ „Gut! in den nächſten Tagen kommt, unter allen — 279— möglichen Verkleidungen, noch die doppelte Zahl hinzu.“ „Aber die Verpflegung?“ „Iſt Euch ja von Frankreich aus zugeſichert wor⸗ den und Ihr wißt, daß, während Euer Kloſter unter der jetzigen Ketzerregierung nur ein Schatten iſt, es — wenn Straßburg erſt wieder katholiſch— zu einem Kloſter erſten Ranges aufſteigen wird. Hab' ich Euch nicht, hochwürdiger Pater Guardian, dar⸗ über und über all' die Eurem Kloſter zugeſagten koſtbaren Privilegien, Brief und Siegel gegeben?“ „Ja, dies thaten biſchöfliche Gnaden!“ „Nun ſo bernhigt denn auch Euer Gemüth.“ „Aber was ſoll die Hand voll Leute in dem großen deutſchgeſinnten Straßburg?“ „Gemach!“— ſoagte der Biſchof mit ſtolzem zuverſichtlichem Lächeln—„dieſe Hand voll tüchtiger Kerls, die den Teufel nicht fürchten und drein⸗ ſchlagen, wenn wir es befehlen, ſtehen nicht verein⸗ zelt. Auch Stadtſchreiber Günzer hat eine gleiche Zahl untergebracht. Sind ſie ordentlich fanatiſirt, ſo ſchonen ſie das Kind im Mutterleibe nicht und waten— wenn es darauf ankommt— für ihre heilige Mutterkirche durch Ströme Blutes.“ „Aber die ungeheure Mehrzahl der Bürger und die Söldner der Stadt?“ — 20— „Die Bürger ſind ſchlecht bewaffnet, ſchlecht ge⸗ leitet und zum Theile uns. Die Söldner aber.. ſind eben. ſtädtiſche Söldner im Frieden faul und bequem geworden... ohne Dis⸗ ciplin... Soldaten zum Schein und.. was die Hauptſache it abhängig von den Be⸗ fehlen des Magiſtrates.“ „Aber ihr Commandant?“ „Herr von Jenneggen?“ „Ja!“ „Iſt ebenfalls gewonnen. Aber das iſt ja alles nichts: zur rechten Stunde werden 30,000 Mann unter General Montelar, wie von dem Himmel heruntergeſchneit, vor der Stadt ſtehen.“ „Ich verſtehe nicht!“ „Das, mein würdiger Vater, überlaßt uns: mir, Monſeigneur Louvois und dem tapfern Gene⸗ ral, den ich eben nannte⸗ Für Euch iſt die Sache folgende: vorab verbergt Ihr noch die bereits einge⸗ troffenen Truppen und nehmt die noch kommenden auf. Beſchäftigt ſie einſtweilen, wie Ihr bereits ge⸗ than, mit Schwelgereien und benutzt zu gleicher Zeit jede Gelegenheit, ſie gegen die Ketzerhunde zu fana⸗ tiſiren. Der Löwe muß Blut ſchmecken und gereizt werden, dann ſei Gott Denjenigen gnädig, die ihm entgegentreten.“ — 281— „Aber was weiter? das eben Geſagte wollen wir ſchon beſorgen.“ „Iſt die rechte Zeit da,— hat die Stunde ge⸗ ſchlagen, wird ſich der nöthige Anführer für die Truppen bei Euch melden.“ „Und woran erkenne ich ihn 2⁵ „An Brief und Siegel von meiner Hand.“ „Gut!“ „Dann wird Günzer, der ſchon den größten Theil des Magiſtrates in Händen hat, es der Art einrichten, daß es bei einer Sitzung, die' ſich bis in die Nacht hinauszieht, zum Eelat kommt. Im Sturm der Leidenſchaften muß die Sache biegen oder brechen. Frantz und ſeine Parthei werden gereizt, bis es zu Beleidigung des Magiſtrates kommt. Iſt das ge⸗ ſchehen, rufen die Unſeren Verrath. Günzers bereitge⸗ haltene Mannſchaft bricht ein, verhaftet Frantz und die Seinen oder macht ſie nieder, wenn ſie ſich weh⸗ ren. Zu gleicher Zeit werfen ſich die entſchloſſenen Männer, die Euer Kloſter birgt, auf zwei der Haupt⸗ ſtadtthore und bemächtigen ſich ihrer. Günzer hat indeſſen dafür geſorgt, daß in mehreren Häuſern Feuer ausbricht, um die dahineilenden Bürger zu beſchäf⸗ tigen und zu theilen. Andere Feuerſignale geben zu⸗ gleich der nahe herangerückten franzöſiſchen Reiterei— jeder Reiter nimmt einen Infanteriſten hinter ſich — 282— auf das Pferd— die verabredeten Zeichen, und ehe noch die Bürger ſich ſammeln können, ehe die Stadt ſich von ihrem Schrecken und Staunen erholen kann. ſind die Unſeren in den Mauern Straß⸗ burgs!“ „So Gott walte!“— ſagte der Guardian.— „Wenn's nun aber ſchief ausläuft, wie dann mit uns und unſerem Kloſter?“ „Der Orden der Franziskaner iſt von jeder weltlichen Gerichtsbarkeit befreit und Frankreich iſt groß und dankbar genug, um ſo wacke⸗ ren Verbündeten zu lohnen, was ſie bereit waren, für daſſelbe zu thun.“ „So mag die Sache mit Gott ihren Lauf neh⸗ men!“— rief der Guardian.—„Es gilt dem Ruhme, der Ehre, der Macht und der Herrſchaft der heiligen Mutter⸗Kirche!— Es gilt, das ſchöne Straßburg den vermaledeiten Ketzern zu entreißen! . Der ewige, der dreieinige Gott und die heilige Maria werden uns ihren Segen geben!“ „Sie werden es!“— ſagte Biſchof Franz Egon von Fürſtenberg feierlich—„ſie werden es, dazu ſage ich Amen!“ Es erfolgten nun noch verſchiedene andere Verſtändigungen, worauf ſich der Fürſtbiſchof zu⸗ rückzog, um unter dem Gewande eines Franzis⸗ — 283— kaners noch weitere Schritte im Inneren der Stadt zu thun. Der Pater Guardian aber ſann noch einige Zeit ernſt nach;... dann... fuhr er mit der Hand über die Stirne, riegelte die Thüre ſeiner Zellen zu und... verſchwand hinter dem Bilde des ſich blutig geißelnden heiligen Franziskus. Der Stern des Lebens. — Es gibt Menſchen, welchen das Bedürfniß häus⸗ lichen Glücks angeboren iſt, und wieder andere, die dies Bedürfniß gar nicht kennen. Die Letzteren leben ſich und der Welt, und finden darin ihre Be⸗ friedigung;.. die Erſteren dagegen fühlen: daß die Welt zu groß für ihr Herz ſei, und ihr Herz zu gut für die Welt. Aber darin gerade liegt ja auch die Zaubermacht häuslichen Sinnes . darin: daß er das Haus zu ſeiner Welt umſchafft und die Herzen ſeiner Lieben zu ſeinen ſieben Himmeln. Der Sinn für häusliches Glück und das Be⸗ dürfniß nach ſolchem war aher nirgends mehr zu Hauſc, als in der Familie des Syndicus Frantz. Es war wirklich ſchön, zu ſehen, wie Vater, Mutter und Tochter hier für und mit einander leb⸗ ten. Wie hätte auch der Syndicus ſonſt alle die Stürme und Widerwärtigkeiten des äußeren Lebens überwinden und verſchmerzen ſollen, wenn ihm das Haus und ſein kleiner Familienkreis nicht zeitweiſe den Frieden gebracht, der ihm in dieſen ſchlimmen Zeiten nach Außen ſo ganz und gar entging. Hier aber war es eine Freude, wie Mutter Hed⸗ wig und Alma wetteiferten in der Erfüllung häus⸗ licher Pflichten, in der innigen theilnahmsvollen Zärtlichkeit, mit der ſie Beide an dem geliebten Gatten und Vater hingen;... eine Freude war es, zu ſehen, wie hier gegenſeitiges Wohlwollen, ge⸗ meinſame Achtung und Liebe die drei ſchlichten Menſchen in ſchöner Verknüpfung zu einander zog und an einander hielt; eine Luſt war es, zu ſehen, wie Mutter und Tochter die Geſchäfte, die im Hauſe vorkamen, mit ſo viel Ruhe, Freudigkeit und Klug⸗ heit verrichteten;... wie ſie alle ihre Wünſche auf das Haus und ihr Familienleben beſchränkten, oder doch mit beiden in Verbindung zu ſetzen wußten;... mit einem Wort, wie ſie ſich aus Haus und häus⸗ lichem Leben ihre kleine ſtille und beglückende Welt ſchufen, in der ſie, als in ihrem eigenſten Gebiete, ſchalteten,... in welche ſie den ganzen reichen Ueberfluß ihres Lebens, ihres Empfindens, Denkens und Wiſſens ergoſſen. — 286— Und iſt es denn nicht unendlich wahr?— Will eine Frau nicht bloß einen Anſtrich von Cultur zur Schau tragen, müſſen ihr die Pflichten ihres Hauſes die heiligſten unter allen ihren Pflichten ſein. Was kann ſie denn auch richtiger und beſſer beurtheilen, als eben dieſe, die ihr ja von allen Dingen in der Welt am nächſten liegen, die ein Stück ihres eigenen Selbſt ausmachen, zu deren freudiger Erfüllung ſie ſchon die Natur treibt. Will eine Frau ſich der Achtung eines verſtändigen Man⸗ nes erfreuen, ſo muß ſie zeigen, daß ſie ſich ſelbſt achte, in und durch die Achtung ihrer eigenen weib⸗ lichen Pflichten. Iſt doch kein Amt ſo klein, daß man es nicht durch pünktliche und verſtändige Er⸗ füllung ehrenvoll machen könnte. Eine tüchtige Haus⸗ frau aber erregt immer Achtung, und wenn ſie auch nichts als Hausfrau iſt; ſelten aber wird ein Weib ſo viel Vollkommenheit beſitzen, daß man den Ausfall dieſer einzigen Tugend nicht mit Wider⸗ willen bemerken ſollte. Geſtehe man doch nur chrlich zu: eine Frau, welche denkt, kann keinen Mann achten, der nicht in ſeinem Amte oder ſeiner Stellung dasjenige iſt, was er ſein ſoll; ebenſowenig aber wird der Mann ſeine Frau ſchätzen, wenn ſie ihre Pflichten nicht kennt und ehrt!— Und braucht man denn dabei einſeitig, — 287— zu ſein. Auch Mutter Hedwig und Alma waren häuslich und glücklich durch ihren Sinn für Häus⸗ lichkeit und blickten doch auch mit freiem Auge und warmem Herzen über dieſe kleine ſtille häusliche Welt in die große Welt und ihr Treiben hinaus. Das war ja gerade ſo ſchön an ihnen, doß der Sinn für Häuslichkeit die Theilnahme an dem Weh und Wohl für Vaterſtadt und Vaterland nicht aus⸗ ſchloß... die ächt weiblichen Tugenden die menſch⸗ lichen nicht überwucherten. Mutter und Tochter blieben im Patriotismus nicht hinter dem Vater zurück. Sie dachten wie er .. lebten mit ihm in der gleichen gei⸗ ſtigen und politiſchen Sphäre... was überhaupt geſchehen muß, wenn das Glück einer Ehe, einer Familie, mehr als Schein ſein ſoll. Denn .. bleibt ein Theil im geiſtigen Leben und Em⸗ pfinden zurück, ſo muß ſich ja der andere naturge⸗ mäß vereinſamt fühlen. Uebrigens war Alma die Freude der Eltern, das Bild der Mutter und des Vaters zugleich... und glühende Patriotin. Als ſolche erhob ſie ſich denn auch anfänglich über den Schmerz, den ihr die Verbannung des Geliebten verurſacht. Daß er für ſeine patriotiſchen Geſinnungen litt, dies eben hob ihn noch unendlich in ihren Augen; daß Hugo alles aufbieten werde, ſeine Feinde Lügen zu ſtrafen und der Vaterſtadt und ſeinen Mitbürgern glänzend zu beweiſen, daß er nicht nur kein Verräther, ſondern gerade im Gegentheil einer der glühendſten Patrioten ſei, tröſtete ſie, und der freudige Muth der Jugend— dies himmliſche Ge⸗ ſchenk— hielt ſie lange aufrecht. Daß dabei dennoch ein tiefer Schmerz in ihrer Seele nachzitterte war natürlich. Der Muth, der ſie beſeelte, das Vertrauen, welches ſie auf den Gelieb⸗ ten ſetzte, ſchloßen eine tiefe Trauer über ſeine Ent⸗ fernung und ſein hartes Schickſal nicht aus. Wohl hatte Alma Stunden, ja ganze Tage, in welchen ſie ſich gehoben fühlte, angehaucht von einem eigenen, faſt heroiſchen Geiſte. In ſolcher Stimmung traten alsdann auch Schmerz und Trauer völlig in den Hintergrund und ſie bedauerte im Stillen nur, Hugo's Geſchick nicht theilen,— zur rechten Stunde an irgend einer kühnen, die Vaterſtadt rettenden That nicht theilnehmen zu können. Aber dieſe gehobene Stimmung wich eben auch recht häufig wieder einer gedrückten, in welcher das gute Kind alles trübe und ſchwarz ſah', und ihr armes gepreßtes Herz ein ſolch' endloſes Leid durch⸗ zog, daß es die ganze Kraft ihres Charakters be⸗ durfte, um ſich in dieſem Schmerze nicht zu verrathen. — 289— O! es waren dies ſchwere, recht ſchwere Stun⸗ den, und nur das kindliche Vertrauen auf eine höhere Führung, das in ihrem Herzen wohnte, half ihr, ſie tragen. Trat alsdann Hugo's treues Bild vor ihre Seele, dann faltete ſie wohl ſtill die Hände und betete leiſe. Und daß ſie dies nur um ſo wärmer und inniger konnte, je freundlicher ſie das Bild des Geliebten grüßte, dies gerade hob ſie dann wieder; es war ja der Beweis, daß ihre Liebe rein und edel ſei und ſie damit vor Gott treten könne. Und wenn ſie dann noch einmal ſo recht mit aller Gluth der Seele an den Entfernten gedacht, erhob ſie ſich wieder gekräftigt und eilte, von neuem Muthe und neuer Hoffnung erfüllt, an die Arbeit. Raſch ging ihr dann alles von den Händen, und, ſeiner Rückkunft gedenkend, vollendete ſie, in ſüßen Hoff⸗ nungen ſchwelgend, faſt ſpielend ihr Tagewerk. So iſt eben die Liebe. Wer vermag ſie beſſer zu ſchildern, als dies Göthe, in den wenigen unüber⸗ trefflich ſchönen Worten gethan hat: „Freudvoll Und leidvoll, Gedankenvoll ſein, Langen Und bangen In ſchwebender Pein; Der Raub Straßburgs I. 19 — 290— Himmelhoch jauchzend, Zum Tode betrübt; Glücklich allein Iſt die Seele die liebt.“ Und doch!... wirklich glücklich konnte ſie ja nur in dem Gedanken ſein: daß ſie Hugo gränzenlos liebe... und.. von ihm wieder geliebt werde. Aber dies Gefühl des Glücks war eben für ſie, un⸗ ter den obwaltenden Umſtänden, doch immer nur wie ein flüchtiger Sonnenblick, der auf Momente zwiſchen ſchweren düſteren Wolkenmaſſen durchbricht, um dann gleich wieder zu verſchwinden, damit er einer um ſo düſteren Nacht Platz mache. Und die Gewitterwolken häuften ſich ja in der That täglich mehr und mehr an ihrem und dem Lebenshorizonte ihrer Familie. Doch!... verzage nur nicht, armes Kind, wenn dich das Leben immer wilder und rauher umſtürmt. Sagt dir denn nicht eine innere Stimme: aus dem Verworrenen geht ja doch ſtets wieder Ordnung und Schönheit hervor. Erſt mußt du die Schreckens⸗ ſtimme des finſteren Winters vernehmen, ehe dein Ohr ſich in jenem milden Tone berauſcht, den der freundliche Mai mit ſeinen tauſend und abertauſend Blüthenzungen anſchlägt. Und Alma verzagte wirklich nicht, wenn es ihr — 291— auch manchmal recht ſchwer um das Herz wurde. Sie hatte den Charakter ihres Vaters geerbt, der es wunderbar verſtand: das Unſchöne, das Peinliche und Verworrene in ſeinem Leben durch Grundſätze in die engſten Schranken zu weiſen, damit dem kla⸗ ren freien Leben Raum verſchafft werde. Auch wußte ſie, daß das Leben ſeine Schnellkraft verliert, wenn wir nicht von Zeit zu Zeit in Lagen kommen, in welchen wir alle unſere Kräfte anſpannen müſſen, um ſie mit Ehren zu beſtehen. Aber es bedurfte wahrlich auch eines ſo feſten und ſtarken Charakters, wie der ihre war, um den Muth nicht ganz ſinken zu laſſen: denn in Straß⸗ burg ging es immer mehr durcheinander, wurden die Partheiungen immer ſchroffer, die Stürme gegen den Vater immer heftiger,... gewann die Gegen⸗ parthei— Guͤnzer an der Spitze— unbegreiflicher⸗ weiſe von Tag zu Tage mehr Anhang im Magiſtrate. Dazu kam eine immer größere Spannung zwi⸗ ſchen ihrer und der von Zedlitz'ſchen Familie, da die Achſelträgerei des alten Herrn und ſeiner und der Familie Neigung zum katholiſch werden immer ſchär⸗ fer hervortraten. Auch blieben in der letzten Zeit— und dies war der ſchwerſte Schlag für Alma— alle Nach⸗ richten von Hugo an den würdigen Meiſter Wenck 3 — 292— aus;.. ja, ein neues unheimliches Gerücht durch⸗ lief ſeit geſtern Straßburg... die Nachricht näm⸗ lich: Wenck ſei auf räthſelhafte Weiſe ver⸗ ſchwunden. Und ſo war es, zum Schrecken aller achtbaren und patriotiſchen Bürger, in der That. Man hatte den kleinen Meiſter zum letztenmale in jener Verſammlung auf der Trinkſtube des Schnei⸗ derhandwerkes geſehen. In jener Nacht aber war er nicht mehr nach Hauſe gekommen und ſeitdem auch nicht mehr in Straßburg erblickt worden. Die Aufregung in der Bürgerſchaft war groß. Wenck war der Günzer'ſchen Parthei, war Frank⸗ reich verhaßt,— er hatte in jener Verſammlung ſeine Mitbürger zu entſchiedenem Auftreten vermocht war es da nicht ein möglicher Fall, daß ihn ſeine Feinde bei Seite geſchafft? Auch Syndikus Frantz beunruhigte die Sache ſehr; denn er hielt etwas auf den kleinen, komiſchen und doch ſo geſinnungstüchtigen Mann. Kein Wunder war es daher, daß er jetzt— der Abend war bereits angebrochen— mit finſterer ſor⸗ genſchwerer Stirne von ſeinem Amte heimkehrend, in das Zimmer trat. Ach! in dieſem beſcheidenen Zimmer hatte ihn ſonſt ein ungetrübtes häusliches Glück begrüßt. — — 293— Jetzt war dies allerdings noch hier zu Hauſe, aber doch umflort von all' den peinlichen und nieder⸗ drückenden Ereigniſſen der Außenwelt. So kam es denn, daß auch heute der gegenſeitige Empfang zwar, wie immer, innig... keinesweges aber freudig war. Auf jedem der drei Herzen lag ja eine gewaltige Laſt, die niederdrückte und beengte und den ſonſt ſo fröhlichen und freien Schlag in ein peinliches banges Klopfen umwandelte. Wie aber erſchracken erſt Mutter und Tochter, als ſie nun aus dem Munde des Vaters die Nach⸗ richt empfingen: man vermiſſe den kleinen Schneider Wenck. Derſelbe ſei plötzlich ſpurlos verſchwunden. Alma zumal erblich wie der Tod. Mit Wenck ſtand ja Hugo allein noch in Verbindung;.. durch Wenck allein hatte ſie zeitweiſe Nachricht von ihm erhalten... und nun?. Die Beſorgniſſe, die der Vater über dieſes fa⸗ tale Verſchwinden ausſprach, ängſtigten ſie noch mehr. Es war ihr, als hänge das Schickſal dieſer beiden Menſchen zuſammen, und als müſſe jedes Mißge⸗ ſchick, das über Wenck hereinbreche, ein böſes Omen für den fernen Geliebten ſein. Ach! wenn ſie ihre Liebe nur den Eltern hätte geſtehen dürfen und auf deren freundliches Eingehen hätte hoffen können! dann wäre doch auch ein Aus- — 294— ſchütten ihres ſchwer geängſtigten Herzens möglich geweſen; und die Angſt dieſes kleinen, armen kind⸗ lichen Herzens wuchs noch durch die Gewiſſens⸗ Serupel, die ihr eben das Geheimniß ihrer Liebe machte. Alma, das treue gute Kind, hatte ja bis jetzt und außer dieſer Herzensneigung, noch nie ein Ge⸗ heimniß vor den geliebten Eltern gehabt. Ihr gan⸗ zes Weſen, ihr Thun und Laſſen, lag klar vor den Augen derſelben, die gewohnt waren, in die Tiefen dieſes reinen kindlichen Gemüthes wie auf den Bo⸗ den eines kryſtallhellen See's zu ſchauen. Aber eben darum kam Alma dies erſte Ver⸗ ſchweigen einer Sache,.. dies erſte Geheimniß vor den Eltern, wie eine ſchwere Sünde vor. Und zwar wuchs dieſe Wncht noch im gleichen Maße mit der ſteigenden Beſorgniß für den Geliebten. Die erſte, die unerläßlichſte Pflicht eines guten Kindes iſt ja: daß es auch nicht das geringſte Ge⸗ heimniß gegen die Eltern habe. Nichts kann dabei in einer glücklichen Häuslichkeit mehr erfreuen, nichts kann mehr mit der Welt und ihren Verhältniſſen ausſöhnen, nichts kann mehr Vertrauen und Freu⸗ digkeit im Schoße einer Familie— namentlich zwi⸗ ſchen Eltern und Kindern— erwecken, als wenn man ſich gegenſeitig mit ungeheuchelter Wahrheit und Offenheit entgegen kommt;... wenn Alle, die dem ſchönen Verbande einer Familie angehören, im ſtillen häuslichen Kreiſe ſo ganz und ſo recht Menſch ſein können;... wenn jedes Einzelne hier des ſchweren, alle Freuden ſtörenden, alle freie Bewegung engenden Geſchäftes der zurückhaltenden Prüfung der Anderen überhoben iſt. O! das fühlte ja Alma ſo tief!— Ja, es durchzuckte ſie ein peinliches Gefühl, ein ſchneidender Schmerz, eine unbeſchreibliche Angſt, wenn ſie daran dachte: daß ſie jetzt gegen die ge⸗ liebten Eltern nicht ganz wahr und offen ſei,. daß ſie ein wichtiges Geheimniß vor denſelben ver⸗ ſchließe... und... daß ihr die mögliche Ent⸗ deckung dieſer einzigen Verheimlichung das Vertrauen und die Liebe ihrer theuren Eltern koſten könne. Nie! nie! hatte bis heute Alma ſo deutlich ge⸗ fühlt, daß ohne die Billigung der Eltern ihrer Liebe zu Hugo das rechte Glück und der rechte Segen fehlen müſſe. Und doch!... mit welcher unendlichen Pein erfüllte ſie der Gedanke wieder, dies ſüße Geheim⸗ niß ihres Herzens ausſprechen, dadurch zugleich aber auch die ſchon ſo ſchwer geprüften Eltern noch mehr betrüben... den guten Vater vielleicht ſchwer ver⸗ letzen und bekümmern zu ſollen. Und... an eine Zuſtimmung und Einwilligung war benn daran zu denken? So ſaß denn auch heute Abend— nachdem der Syndikus bereits zu Bette gegangen— Alma, mit einer weiblichen Handarbeit beſchäftigt, in ein ſchmerz⸗ liches Nachdenken verſunken, ſchweigſam neben der ſchweigſam gewordenen Mutter. Die Zeit lag ſchwer auf der guten Frau, und oft geht dem wirklich guten Menſchen in ſolch' ſchweren und bewegten Zeiten, in welchen ſich ſo viele ſchlechte und böſe Ele⸗ mente vordrängen, für Momente der richtige Begriff der Welt und der moraliſchen Weltordnung aus. Aber wie ſorgenvoll die Gattin des Syndikus auch war, es entging ihrem mütterlichen Scharf⸗ blicke nicht, daß Alma ein noch ſchwererer Kummer drücke. Mutter Hedwig glaubte dies in der letzten Zeit ſchon öfter bemerkt zu haben; heute aber trat dies innere Ringen und Kämpfen der Tochter ſo ſichtbar vor ihr beſorgtes Mutterauge, daß ſie ſich endlich nicht mehr enthalten konnte, Alma mit liebe⸗ vollen Worten nach der Urſache des Kummers zu fragen, der ſie ſo ſehr und ſo augenſcheinlich belaſte. Alma erblaßte und erröthete raſch nach einander. Die Sinne vergingen ihr faſt bei dem Gedanken: die Mutter könne ſie errathen, ihr Geheimniß ent⸗ deckt haben. In ihrer Unſchuld und Kindlichkeit war dieſe ganz unverfängliche Frage ſchon ein Poſaunen⸗ ſtoß des jüngſten Gerichtes. — 297— Alles zuckte in ihr durcheinander... Athem und Sprache verſagten in ihre ſchönen Augen aber traten zwei große Thränen. Thränen!.. wunderbar!... Thränen haben unter zarten und liebenden Gemüthern eine eigene Gewalt: ſie locken — in dem Auge des Einen glänzend— das gleiche Naß in jenen des Andern hervor. Auch die Augen Mutter Hedwig's waren feucht geworden. Milde beugte ſie ſich zu der neben ihr ſitzenden Tochter, legte ihre Hände ſanft auf die des Kindes und ſagte in herzgewinnendem Tone: „Alma! liebes gutes Kind! ich habe es ſchon lange bemerkt, du trägſt und nährſt in deinem In⸗ neren ein großes und ſchweres Leid.“ „Mutter!“— ſtammelte das Mädchen in namen⸗ loſer Verlegenheit. „Ich weiß“— fuhr jene fort—„daß dir, wie deinen Eltern, als gute Patriotin, das Schickſal der Vaterſtadt, die ihre viel hundertjährige Exiſtenz ſchwer bedroht ſieht, nahe geht. Ich kenne dein treues kind⸗ liches Herz, das ſich grämt über die ſchweren und vielen Kämpfe, die dein guter Vater jetzt durchzu⸗ machen hat. Wahrlich, das iſt Grund genug, oft recht verſtimmt, bekümmert und traurig zu ſein... und doch. und doch ſagt mir mein Mutterherz, daß noch etwas Anderes in deiner Seele vorgehen — 298— muß, das dir in der letzten Zeit ſo ganz und gar deinen früheren Gleichmuth, deine ungetrübte kind⸗ liche Heiterkeit geraubt hat. In deinem Herzen, ich weiß es, hat nichts Unrechtes Raum;... darum ſage mir, mein Kind, was iſt es, das dich ſo ſchwer niederbeugt,... innerlich ſo augenſcheinlich kämpfen und ringen macht?“ „Mutter!“— ſtammelte Alma; aber Thränen⸗ ſtröme erſtickten jetzt ihre Stimme Weinend verbarg ſie ihr Antlitz in dem Schvoße der Geliebten. Die Gattin des Syndicus ließ ihr Kind eine Weile ruhig gewähren. Auch über ihre Wangen liefen jetzt Thränen, während ihre Hände wie ſeg⸗ nend auf dem Haupte des theuren Kindes ruhten. Da ward Alma's Schluchzen leiſer und leiſer. Die Mutter beugte ſich nie r und küßte mit In⸗ brunſt das reiche volle Hagr der Tochter. „Alma!“— hub ſie dann wieder ſanft und milde an—„meine liebe gute Alma, ſprich ſprich mit Freimuth. Sieh' Freimüthigkeit iſt eine ſehr große Tugend. Gewöhnlich haben ſie nur Men⸗ ſchen, die auch an anderen Tugenden reich ſind. Ich bin ſie an dir gewohnt!“ Aber Alma war es noch nicht möglich, zu ſprechen. Gerade das letzte Wort der Mutter ſchnürte ihr das Herz wieder zuſammen. — 299— „Sieh'!“— fuhr die Mutter freundlich und ermunternd fort—„es wäre ſchon gar manches Verkehrte in der Welk nicht geſchehen, wenn die Menſchen den Muth gehabt hätten, immer recht auf⸗ richtig zu ſein;... auch dann, wenn es vielleicht galt, einen Irrthum, den erſten falſchen Schritt zu geſtehen. So läuft der Menſch einen ſteilen Berg hinab, einem verſchlingenden Abgrunde zu; er kann, wenn er einmal den erſten Schritt gethan hat, nicht ſtehen bleiben, ſondern ſtürzt immer ſchneller hinab; er hat kein anderes Mittel, dem Abgrunde zu ent⸗ gehen, als ſich auf den Boden niederzuwerfen. Aber dazu— ſich niederzuwerfen und zu ſagen: ich habe mich geirrt, getäuſcht,.. ich habe gefehlt. ich war ein Thor!... hat der Menſch ſelten Muth genug,... dies iſt ſein Unglück!“ Mutter Sen Eine kurze Pauſe ent⸗ ſtand, dann ſagte Alma leiſe: „Ja, liebe Mutter, ich habe in etwas gefehlt, und ich will mich vor dir, Guten, und es geſtehen.“ Wieder trat eine kurze Pauſe ein. Die Gattin des Syndicus war etwas erſchrocken;... aber nein!... warum denn? Sie lächelte jetzt mit noch feuchtem Auge; eine innere Stimme ſagte ihr:„es kann ja nichts wirk⸗ — 300— lich Schlimmes ſein, deſſen ſich dein gutes braves Kind anzuklagen hat.“ Sanft ſtreichelnd glitt dabei ihre Hand über das weiche Haar der Tochter, und während ſie einen recht mütterlichen Kuß auf deren Stirne drückte, flüſterte ſie ihr zu:. „Schütte dein Herz in das deiner Mutter aus, mein Kind; dein Leid und deine Sorgen werden die meinen ſein.“ Alma athmete tief auf; es war ihr wunderbar zu Muthe. Schwer drückte ſie das Bekenntniß nie⸗ der, das jetzt auf ihren Lippen ſchwebte, und doch hätte ſie auch Gott wieder dafür danken mögen, daß er dieſen Moment der Erleichterung ſo mit einem⸗ male und doch ſo ſanft und milde herbei geführt. Und nun folgte— während ſie das erröthende Geſicht verſchämt in dem Schooße der Mutter barg — das Geſtändniß ihrer Liebe zu Hugo von Zed⸗ litz und das noch drückendere ihrer erſten und einzigen Zuſammenkunft mit ihm. O wie ſchwer kam ihr dieſe Beichte an!... wie tief fühlte ſie das Unrecht, ſich nicht gleich der Mutter offenbart zu haben!... wie oft ſtockte ſie und doch... welche Wärme, welche Tiefe des Gefühls, welch' noch ſo ganz rein kindlicher Sinn ſprachen aus der ſchlichten Darſtellung des Geſche⸗ — 301— henen. Wie glühend vertheidigte ſie den armen Ver⸗ bannten; wie verrieth die ſchöne Begeiſterung, mit welcher ſie von Hugo, ſeinem beſcheidenen Weſen, ſeinem glühenden Patriotismus, ſeinem politiſchen Märtyrerthume ſprach, die Innigkeit und Wahrheit ihrer Neigung. Es lag eine wunderbare Keuſchheit des Herzens in dieſem Liebesgeſtändniß,... ein Zauber der Reinheit, der Unſchuld, der Innigkeit, der ſelbſt die Mutter erfaßte, ſo ſehr ſie bei dem Namen Zedlitz erſchrocken war. Vor allen Dingen fühlte ſie mit Stolz und Freude, daß ſie ſich in ihrem Kinde nicht getäuſcht hatte: in dieſem kindlich reinen Herzen war kein Raum für etwas Böſes... und... dies war Mutter Hedwig die Hauptſache: weibliche Unſchuld und Reinheit iſt ja das Höchſte und Heiligſte auf Erden. Sie ſind die Wiege des Göttlichen im Men⸗ ſchen. Dennoch berührte ſie die Sache auf das pein⸗ lichſte; ſah ſie doch— bei der entſchiedenen Feind⸗ ſchaft der Väter und den jetzt waltenden politiſchen Verhältniſſen— keinen Ausweg aus dieſer unſeligen Geſchichte. Als die Tochter— ihr purpurglühendes Geſicht jetzt noch tiefer in ihre Hände und den Schooß der Mutter bergend— vollendet hatte, ſagte dieſe daher nach einigem Schweigen: ——————————————————— „Liebes Kind, da haſt du freilich neben einer großen Unklugheit einen recht großen Fehler be⸗ gangen. Unklugheit war es, dein Herz dem Sohne eines Mannes zuzuwenden, mit deſſen Familie die unſere auf dem geſpannteſten Fuße,— ja nahezu in entſchiedener Feindſchaft lebt. Ein großer Fehler aber bleibt es, daß du dein Herz nicht früher deinen Eltern— wenigſtens deiner Mutter— offenbart haſt, von der du doch weißt, wie unendlich gut ſie es mit dir meint.“ Unter Thränen um Vergebung bittend, geſtand Alma beides zu; aber konnte ſie denn etwas für ihre Liebe, für das heilige reine Gefühl innigſter Zuneigung, das— ohne ihr Wiſſen und ihren Willen— nach und nach ganz unbemerkt in ihr aufgekeimt war? Trug ſie die Schuld, daß Hugo's ſchöne patriotiſche Gedichte ſo mächtig auf ſie einge⸗ wirkt? daß ſie den allgemein als brav anerkannten Jüngling achten mußte? daß ein wunderbares Etwas ſie mit unabweisbarer Gewalt zu dem ſchönen edlen jungen Mann hinzog, der ſchon als Knabe— in früheren glücklicheren Zeiten, in welchen die Fami⸗ lien Zedlitz und Frantz noch auf das Innigſte mit einander befreundet waren— ihr täglicher Geſpiele geweſen? Verſchämt— und doch auch wieder innerlich — 303— gehoben durch das Gefühl ihrer Unſchuld und das Bewußtſein der Reinheit ihrer Liebe— ſtellte Alma jetzt mit beredten Worten dies alles der Mutter dar. O! wie das ſo ſchön glühte in dem kleinen lie⸗ ben Herzen und auf den jungfräulichen Wangen! Welche ganz ungewohnte Beredſamkeit jetzt auf Alma's roſigen Lippen lag! Wie das ſo rein und heiligbe⸗ geiſtert aufblitzte in den tiefen ſeelenvollen Augen des Mädchens. Und bedurfte es denn dies alles, um Mutter Hedwig's Herz für die Neigung des Kindes zu ge⸗ winnen? Gewiß nicht! Sie kannte und ſchätzte ja den jungen Zedlitz ſelbſt. Ach! dieſe Neignng war es nicht, was ſie tadelte und beängſtigte; wohl aber bekümmerte ſie es, daß ſie nicht früher davon erfahren, um ein kluges Nach⸗ geben bei dem geliebten Kinde zu verhindern und damit unendlichem Schmerz und Kummer vorzu⸗ beugen. Sie ſelbſt machte ſich jetzt Vorwürfe, nicht auf⸗ merkſamer geweſen zu ſein. Indeß, ſie war ja eine kluge Frau, die manches zu leiten, zu ſchicken und zu machen wußte, und ihr Gatte, der Syndicus,.. war das nicht ein vernünftiger, wohlwollender Mann? der den Sohn vom Vater, den für das Vaterland glühenden patriotiſchen Jüngling von dem ſchwachen⸗ — 304— unterſcheiden vermochte? Und war denn nicht Hugo von dem eigenen Vater aufgegeben und ſo zu ſagen verſtoßen worden? Na! ſo waren ja doch noch einzelne Hoffnungs⸗ ſterne am Himmel und eine glückliche und ſchickliche Austragung der Sache möglich. So klärte es ſich denn auch jetzt wieder allmälig in Mutter Hedwig's Seele auf, zumal ſich dabei das alte ſchöne Gottvertrauen in ihrem Herzen gel⸗ tend machte,... und, jenen Ausdruck ſanfter Freund⸗ lichkeit im Gefühl und in den Worten, der das treue gute Mutterherz nicht verkennen ließ, ſprach ſie der Tochter beruhigend und tröſtlich zu: nicht, als ob ſie ihren früheren gerechten Tadel zurückgenommen, ſondern nur, um die Wunden mit ſanfter Hand zu verbinden, die doch nun einmal geſchlagen waren und für die es jetzt auf dem einen oder dem anderen Wege Heilung zu ſuchen galt. „Und der Vater?“— frug jetzt Alma ängſtlich. „Ueberlaſſe es mir, mein Kind!“— entgegnete die Mutter—„den ſchicklichen Augenblick zu fin⸗ den, um auch ihn in dein Geheimniß einzuweihen. Er muß es kennen, wie ich... und dann wollen wir beide berathſchlagen, was zu thun iſt.“ Alma ſeufzte tief auf, ſchlang ihre Arme um ängſtlichen und achſelträgeriſchen Stettmeiſter zu — 305— den Hals der Mutter, küßte ſie mit Ungeſtüm und lispelte: „Und du vergibſt?“ „Ja, mein Kind!“— entgegnete die Gattin des Syndicus—„denn ich bin gewiß, daß meine Alma von jetzt an kein Geheimniß mehr vor ihrer Mut⸗ ter hat.“ „Und du verdammſt meine Liebe zu Hugo nicht? „Ich halte es für unklug, daß du ihr unter den obwaltenden Umſtänden nachgegeben;... aber verdammen will ich ſie nicht. Wer von uns Men⸗ ſchenkindern iſt bei der Liebe ſo ganz Herr ſeines Herzens und Verſtandes? Das Weib, das nie die Sehnſucht der Liebe empfand, kennt auch den heiligen Geiſt des Glaubens und der Tugend nicht. Liebe iſt des Weibes Kraft und Leben, iſt ſeine Religion, ſeine ſchönſte heiligſte Pflicht, ſeine höchſte Ver⸗ klärung!“ „Mutter! Mutter! wie danke ich dir!“— rief hier Alma, indem ſie die Geliebte ſelig erglühend umſchlang—„du haſt mir Muth, Kraft, Hoffnung . du haſt mir mein Lebensglück zurückgegeben.“ „So bewahre es dir in treuem reinem Herzen“— ſagte die Mutter—„und bitte Gott, daß er deine Angelegenheit mit ſtarker Hand hinausführe zu einem für Alle erſprießlichen und glücklichen Ziele!“ 20 Der Raub Straßburgs II. — 306— Und Alma that, wie ihr die Mutter geſagt. O wie ward es ihr da nach dem innigen herz⸗ lichen Gebete ſo leicht,... wie ſchlummerte ſie nach langer Zeit zum erſtenmale wieder ſo ſanft ein; wie ſüß, wie ſelig waren die Träume, die ſie umgaukelten. „Die goldnen Sterne grüßen So klar am Himmelszelt, Es geht ein Weh'n und Küſſen Heimlich durch alle Welt; Die Blumen ſelber neigen Sehnfüchtig einander ſich zu; Die Nachtigall ſingt in den Zweigen.. Träume! träume.. Und liebe auch du!“ Der Retter. Stadt⸗ und Rathsſchreiber Günzer befand ſich zu Hauſe. Es hatten dieſen Morgen keine Magiſtrats⸗ ſitzungen ſtatt. Dennoch ſaß Günzer in ſeinem Pri⸗ vat⸗Arbeitszimmer tief in Geſchäfte vergraben. Sein Ehrgeiz, ſeine Hab⸗ und Herrſchſucht und der, in Folge dieſer Leidenſchaften angeknüpfte Verrath ſeiner Vaterſtadt an Frankreich, zogen ihn von Tag zu Tag mehr in eine Uebermaſſe, in einen wahren Strudel von Arbeiten aller Art, die zum Theil um ſo ſchwie⸗ riger waren, als ſie um jeden Preis geheim gehal⸗ ten werden mußten. Enger und enger zog ſich dabei das Netz zu⸗ ſammen, in welchem Straßburg mit einem Ruck ge⸗ fangen werden ſollte; aber je näher dieſer Tag her⸗ bei kam, deſto ungeduldiger und drängender wurden 20* — 308— auch ſeine franzöſiſchen Gönner: König Ludwig XIV. und ſein allmächtiger Miniſter Monſeigneur Louvvis. Auch Franz Egon, Fürſt von Fürſtenberg und Biſchof von Straßburg, konnte jetzt die Zeit kaum mehr abwarten, in der er in Straßburg und deſſen Münſter als geiſtlicher Herrſcher einziehen könne. Welch' ein doppelter Sieg— für Rom und Frankreich— war alsdann für ihn zu feiern! Und welche Vortheile waren aus dieſen Siegen zu ziehen. Franz Egon ſah' ſich bereits ſchon in Ge⸗ danken mit dem Cordinalshut geſchmückt;... kein Wunder alſo, daß er die Sache mit wahrem Feuer⸗ eifer betrieb. Aber dem frommen Herrn Biſchof war dabei eine beſſere Rolle als Günzer geworden; während ſich dieſer am Herde der Verſchwörung befand, mit⸗ ten unter den erbittertſten und fanatiſchſten Anhän⸗ — gern der Freiheit und Deutſchheit Straßburgs, ſaß Fürſt Egon ferne auf ſeinem biſchöflichen Schloſſe; — während Günzer täglich, ja ſtündlich allen Wechſelfällen eines launenhaften Schickſals aus⸗ geſetzt war, und mit wirklich großer Schlauheit das kleine Staatsſchifflein durch zahlloſe Klippen durch⸗ zuſteuern hatte, umlauſcht von Verrath und Gefahren, . keitete der Biſchof die Angelegenheit in voller Gemüthsruhe von ſeinem Lehnſeſſel aus, den Ge⸗ nuß des Lebens dabei bis zu dem letzten Tropfen er⸗ ſchöpfend. Und wie ſchwierig war die Rolle, die der Stadt⸗ ſchreiber, dem Magiſtrate und der Bürgerſchaft gegen⸗ über, übernommen hatte. Wahrlich! es gehörte ein hoher Grad juriſtiſcher und diplomatiſcher Gewand⸗ heit, ein durch und durch jeſuitiſches Genie dazu, ſie auf die Weiſe durchzuführen, wie Günzer es that. Vermochten doch ſelbſt Männer wie Frantz, die von ſeinen verrätheriſchen Abſichten moraliſch über⸗ zeugt waren, keinen Anhaltspunkt zu finden, um entſchieden gegen den ſchlauen Heuchler auf⸗ zutreten. Günzer beſaß dabei eine ungemeine Arbeitskraft, die man ſeiner äußeren Erſcheinung, ſeiner ſchlanken ſchwankenden Figur, ſeinem unſicher ſcheinenden We⸗ ſen, ſeinem bleichen Geſichte durchaus nicht angeſehen hätte. Schon ſein Amt als Stadt⸗ und Rathsſchreiber beſchäftigte ihn viel, und dabei lagen doch auch noch die ausgebreitete geheime Correſpondenz mit Louvvis, dem Biſchof von Straßburg, dem Reſidenten von Friſchmann,.. die gefahrvolle Arbeit der Beſtechung des Rathes und einflußreicher Bürger, die Verhand⸗ lungen mit dem Guardian der Franziskaner, mit ei⸗ nem Wort die Leitung der ganzen Verſchwörung in ſeinen Händen. — 310— Was aber vermögen die aufgeſtachelten Leiden⸗ ſchaften des Ehrgeizes und der Habſucht nicht. Günzer gönnte ſich Nachts kaum drei bis vier Stunden Ruhe; am Tage blieb keine Minute unbe⸗ nutzt. Nur in einem beſtand ſeine Erholung, in dem Gedanken an die bereits ſchon erbeuteten Sum⸗ men— jene ſo reich von Frankreich fließenden Be⸗ ſtechungsgelder—, und in der Berechnung zu wel⸗ chen Ehren und zu welcher Macht er erſt, mit der Uebergabe der Vaterſtadt an Frankreich, ſteigen werde. War ihm dann nicht zugleich die Gewalt zuerkannt, ſeine Feinde— vor allem aber die Familie Frantz — zu vernichten und in den Staub zu treten? Uebrigens war es dieſe Familie nicht allein, die ſeine Rache verfolgte;.. es lag noch ein wahr⸗ haft teufliſcher Plan gegen diejenigen Menſchen in ſeiner Seele, deren Wohlthaten er ſeine ganze bis⸗ herige Exiſtenz verdankte.. gegen die Familien von Zorn und von Bernhold. Nacht aber, tiefe Nacht umhüllte bis jetzt noch dieſe weitausgrei⸗ fenden ehr⸗ und habſüchtigen Schurkenpläne. Und doch waren es— wie geſagt— gerade dieſe Gedanken, die Günzer bei ſeiner enormen Thätigkeit und Anſtrengung immer wieder aufrich⸗ teten und kräftigten. Wie in der ſchauerlichen Sage die menſchlichen Vampyre ihre ſinkenden Lebenskräfte — 311— aus dem Blute ergänzen, das ſie jenen Menſchen ausſaugen, von welchen ſie geliebt werden, ſo gibt es finſtere verworfene Naturen, die ſich mit einer Art Wolluſt ein ſtärkendes Gift aus ihren Untha⸗ ten gegen ihre eigenen Wohlthäter und die Menſch⸗ heit überhaupt brauen. Günzer gehörte zu dieſen: er konnte ſich im Stillen an ſeinen Racheplänen wahr⸗ haftig berauſchen;... er konnte mit jener eben er⸗ wähnten diaboliſchen Wolluſt ſchwelgen in dem Ge⸗ danken: Andere im Elende untergehen zu ſehen. Uebrigens ließ ihm der Andrang der Geſchäfte jetzt wenig Zeit zu ſolchen Genüſſen— ſie drehten ſich namentlich auch um den Gedanken an Alma, die ſeine Werbung ſo ſchnöde verſchmäht,— zumal in den nächſten Tagen die Verſchwörung losbrechen ſollte. War doch bereits das Franziskanerkloſter mit ſchlagfertigen Leuten angefüllt und auch ſeine Mannſchaft geheim und verkleidet eingezogen und untergebracht. Günzer erwartete täglich den letzten entſcheiden⸗ den Befehl von Monſeigneur Louvois. Eben war denn auch in der That wieder auf geheimem Wege ein Schreiben von dem franzöſiſchen General Montelar eingetroffen. Der Stadt⸗ und Rathsſchreiber öffnete es mit zitternder Hand... nahte doch die Stunde, in der — 31— der Schlag geführt werden ſollte;. die Stunde, bei der Alles auf dem Spiele ſtand;... die Stunde, die ihn zum Siege... aber eben ſo gut auch in den Abgrund des Verderbens führen konnte. Der Brief war in Chiffern geſchrieben. Der franzöſiſche General Monclar meldete, daß er ſich bereits mit einer bedeutenden Macht unter einem falſchen Vorwande Straßburg nähere. Günzer und der Guardian möchten ſich bereit halten. Die Ueberrumpelung müſſe indeß— laut Befehl Sr. Majeſtät Ludwig's XIV.— den Anſchein haben, als ſei ſie aus der Bürgerſchaft ſelbſt hervorgegan⸗ gen, da der allerchriſtlichſte König— Europa gegen⸗ über— jeden äußeren gewaltthätigen Angriff ver⸗ meiden wolle. Sein Erſcheinen in Straßburg müſſe, nach gethaner Arbeit, als ein Zuhülfeeilen auf den Ruf der guten Straßburger er⸗ ſcheinen. Noch war jetzt Stadtſchreiber Günzer mit der Dechiffrierung dieſes Schreibens beſchäftigt, als ſein vertrauter Diener den Stadtkommandanten, Herrn von Jenneggen, meldete. Die Störung war eine unangenehme; indeß mußte Jenneggen einen wichtigen Grund haben, um den Stadtſchreiber— mit dem er nur in gewiſſen ge⸗ heimen Relationen ſtand— zu dieſer Stunde und in ſeinem Hauſe aufzuſuchen. — 313— Günzer verbarg daher raſch die erwähnte De⸗ peſche, während er den Herrn Stadtkommandanten erſuchen ließ, gefälligſt einzutreten. „Sein Sie mir willkommen, Hr. von Jenneggen!“ — rief er alsbald, dem Militär entgegentretend, und ſein Auge ſuchte den, ihnen eigenen ſtechenden Blick ſo viel als möglich zu mildern.—„Was ver⸗ ſchafft mir zu dieſer ungewöhnlichen Stunde das Vergnügen?“ „Ich halte es für meine Pflicht, Herr Stadt⸗ ſchreiber, Sie in eigener Perſon auf ein Vorkomm⸗ niß aufmerkſam zu machen, das meinen Verdacht er⸗ rregt hat.“ „Und das wäre?... nehmen Sie Platz, Herr Stadtkommandant.“ Beide ließen ſich nieder. „Sie kennen mein Intereſſe für Straßburgs Wohlfahrt!“— fuhr Herr von Jenneggen fort. „Haben Sie doch Beweiſe genug davon abgelegt.“ „Nun, die Zeiten ſind jetzt ſchlimm, die Stellung der Stadt iſt ſchwierig.“ „Allerdings! weil thörige Menſchen, in ihrer Leidenſchaftlichkeit blind für das wahre Wohl der⸗ ſelben ſind.“ „Wer aber kann wiſſen wohin Leidenſchaft führt, zumal auf politiſchem Gebiete.“ — 314— „Sehen wir das nicht an unſeren ſogenann⸗ ten Patrioten?“ „Wir verſtehen uns, Herr Stadtſchreiber.“ Günzer lächelte. Er wußte warum: Herr von Jenneggen hatte durch Herrn von Friſchmann— auf Günzers Verwendung am frarzöſiſchen Hofe— jüngſt eine koſtbare, mit Brillanten reich beſetzte Tabatiere und für ſeinen Sohn ein Hauptmanns⸗ Patent in der franzöſiſchen Armee erhalten. „Ich halte es daher für meine Pflicht,“— fuhr der Stadtkommandant fort—„in dieſen gefährlichen Zeiten meine Wachſamkeit zu verdoppeln.“ „Sehr anerkennungswerth! Und hat ſich irgend etwas ergeben... „Allerdings!“ „Ich bitte berichten Sie!“ „Die Rapporte der Thorwachen lauten verdächtig.“ „Wie ſo?“ „Es paſſirten ungewöhnlich viele Franziskauer⸗ mönche und Arbeiter herein.“ Der Stadtſchreiber vermochte ſeine Verlegenheit kaum zu verbergen. Die Verkleideten waren ohne Zweifel die im Kloſter und bei ihm Verborgenen und. er durfte ſelbſt Jenneggen keine Mit⸗ theilung über dieſen Gegenſtand machen. Die Stellung des Stadtkommandanten war doch immer zu zwei⸗ deutig. Er ſtand ja in Dienſt und Eid der Stadt. „Und ſollte dahinter etwas zu ſuchen ſein?“— frug daher Günzer mit anſcheinender Gleichgültig⸗ keit.—„Der Zufall möchte wohl hier ſein Spiel treiben.“ „Kaum denkbar!“— meinte Herr von Jenneggen und zog einen Pack Papiere aus der Bruſttaſche.— „Hier die acht letzten Rapporte vom Weißenthurm⸗ thor, vom Kronenburgerthor, vom Steinthor, vom Fiſcher⸗, Juden⸗, Metzger⸗ und Hoſpital⸗Thor. Be⸗ lieben Sie ſelbſt nachzuleſen.“ Günzer, deſſen Verlegenheit hier wirklich nicht gering war, beugte ſich über die Papiere, die Un⸗ ruhe zu verbergen, die ſich in ſeinen Zügen malen mußte. „Sehen Sie!“— fuhr der dienſteifrige Oberſt fort—„jeden Tag und an jedem Thore Franzis⸗ kanermönche, und das hieſige Kloſter birgt doch nur wenige.. und Arbeiter...“ „Welcher Profeſſion?“ „Meiſt Schneiver.“ „Schneider?... Und fanden ſie Arbeit?“ „Durchweg, wie es ſcheint; denn hinauspaſſirte keiner derſelben.“ „Lieber, beſter Herr von Jenneggen!“— ſagte hier Günzer, der unterdeſſen ſeinen vollen Gleich⸗ muth wieder gefunden hatte, mit dem Anſcheine — 3¹6— größter Leichtigkeit,—„empfangen Sie, im Namen unſerer guten Stadt, den Ihnen und Ihrem Eifer gebührenden Dank. Mich dünkt indeß doch, daß hier nur der Zufall walte. Demohnerachtet will ich die Rapporte behalten und in dem Rath zur Beſprechung bringen. Sie haben aber wohl die Güte vorab ein tiefes Schweigen über die Sache zu verbreiten.“ „Schön!“— entgegnete Herr von Jenneggen, ſich erhebend—„es war nur meine Pflicht, die ich zu erfüllen kam.“ Die Herren verneigten ſich gegenſeitig und der Stadtkommandant verließ das Zimmer. Günzer begleitete ihn bis zur Treppe; als er aber wieder in ſein Zimmer trat, ſagte er unmuthig: „Dummkopf! Die verwünſchte Tabatiere hat ihn ſo dienſtfertig gemacht, daß er nahe daran iſt, unſer Complott zu entdecken und zu verrathen. Als ob das nicht meine und des Guardians Leute geweſen ſeien!“ Und der Stadtſchreiber ging wieder an die Dechiffrierung des eben erhaltenen Schreibens.—— Aber auch Syndicus Frantz war um jene Zeit mit einer höchſt wichtigen Zuſchrift beſchäftigt, die ihm auf räthſelhafte Weiſe zugekommen. Er fand ſie auf ſeinem Zimmer, ohne das Jemand im Hauſe wußte, wer ſie dahin gebracht habe. Das Haus des — 317— Syndicus war allerdings am Tage nicht verſchloſſen; bis in ſein Arbeitszimmer im zweiten Stockwerke konnte aber doch nur ungeſehen gelangen, wer mit Haus⸗ und Familieneinrichtung genügend bekannt war. Aber nicht das wie dieſe Schrift hieher⸗ gekommen? war die Hauptſache, die den Syndi⸗ eus ſtaunen machte, ſondern deren Inhalt, der Frantz geradezu die Haare zu Berge trieb. In Kürze fand der Syndicus hier zu ſeinem Entſetzen einen der Vaterſtadt drohenden Verrath aufgedeckt. Das Schreiben lautete: „Straßburg droht die Gefahr eines Verrathes. Im Kloſter der Franziskaner haben die Feinde der Vaterſtadt ſtreitbare Männer in großer Zahl einge⸗ ſchmuggelt und verborgen. Allnächtlich kann die Ver⸗ ſchwörung losbrechen, die mit Außen im Zuſammen⸗ hang ſteht. Die Art und Weiſe, wie und die Zeit wann ſie ausgeführt werden ſoll, iſt dem Schreiber dieſer Zeilen unbekannt. Das Ganze aber wird und kann vereitelt werden, wenn das Kloſter ausgehoben wird, doch muß dies raſch und geheim geſchehen. Der Schreiber dieſes Briefes, ein ächter, für das Wohl Straßburgs, ſeiner Vaterſtadt, begeiſterter Patriot, wird daher morgen Nacht 11 Uhr mit ver⸗ bündeten Freunden dies Wageſtück unternehmen und — 318— es, ſo Gott will, ausführen, auch wenn er ſein Leben zum Opfer bringen ſollte. Aber der Gefahren für die Stadt möchten dabei ebenfalls viele ſein. Wer wäre nun geeigneter, dieſelben zu beſchwören, als Sie, edler Mann! Berathen Sie ſich alſo in Eile mit den Führern Ihrer Parthei, aber unter un⸗ verbrüchlicher Verſchwiegenheit der Be⸗ theiligten. Treffen Sie Vorkehrungen, um wenig⸗ ſtens einem Aufſtande der Uebelwollenden innerhalb der Stadt Schranken ſetzen zu können. Auf der Trinkſtube der Schneider finden Sie morgen zur zehnten Stunde bewaffnete Genoſſen. Laſſen Sie dieſe leiſe und ſo unbemerkt als möglich dem Kloſter zu⸗ ziehen, um uns nöthigenfalls Hülfe zu leiſten. „Liebe und Vaterland“ ſind die Parole. In der betreffenden Nacht überlaſſen Sie— bei Ihrer Liebe zur Vaterſtadt beſchwöre ich Sie!— die Füh⸗ rung des Ganzem dem, der ſich mit dieſer Parole zu erkennen gibt. Zur Oeffentlichkeit darf nichts ge⸗ langen, auch weder der Rath noch die bewaffnete Macht beigezogen werden, ſonſt iſt alles verloren. Gott ſtärke und ſchütze uns!“ Als der Syndicus dieſe Zeilen geleſen, ſtand er ſtarr vor Staunen und Schrecken. Sollte es wirklich wahr, ſollte der Verrath in der That dem armen Straßburg ſchon ſo nahe ge⸗ — 3— rückt ſein? Die Sache hatte Wahrſcheinlichkeit für ſich; waren doch die Mönche im Spiel alſo auch der Biſchof von Straßburg, das heißt: die Kirche und Frantz wußte, wieviel dieſer an dem Wiedergewinnen Straßburgs lag. Aber wie? konnte denn der Brief nicht auch eine Schlinge ſein, den Syndicus in irgend ein tolles Unternehmen zu verwickeln? Suchten ſeine Feinde nicht vielleicht ihn zu compromittiren... um ihn unſchädlich zu machen? Und doch, je öfter er das Schreiben las„ deſto ſtürmiſcher klopfte ihm das Herz, deſto wahrſchein⸗ licher kam ihm die Sache vor, deſto mehr Wahrheit ſchien ihm in den einfachen Worten, die es enthielt, zu liegen.. deſto lauter ſprach eine innere Stimme für die hier angeführten Thatſachen. Die Aufregung, die den ſonſt immer ſo ruhigen Syndicus erfaßt, war eine ungemeine. Es bedurfte wirklich längerer Zeit, bis er den inneren Sturm der Gefühle bewältigt und der Vernunft die Allein⸗ herrſchaft wieder zugewandt. Jetzt freilich blieb ihm nach ruhiger Ueberlegung kein Zweifel mehr über das, was zu thun ſei. In der Furcht vor einer Schlinge lag ein, dem innerſten Weſen des Syndicus fremder Egoismns. Die Vaterſtadt war bedroht, ſie konnte wenig⸗ — 320— ſtens bedrängt ſein... vielleicht am Abgrunde des Verderbens ſchweben... hier galt raſche, thatkräftige Hülfe, hier galt es, für einen Mann wie Frantz ſur einen Patrioten, mit Leib und Leben, mit Gut und Blut einzutreten. Noch in derſelben Stunde eilt der Syndicus zur geheimen Berathung mit ſeinen vertrauteſten Freun⸗ den und bewährten Sinnesgenoſſen. „Liebe und Vaterland!“ war die Parole. Mit ihr wollte auch Frantz ſiegen oder untergehen. Der Abend des kommenden Tages hatte ſich be⸗ reits über Straßburg gelagert. Der Tag ſelbſt war, wie jeder ſeiner Brüder, im ewigen Gleichmaß der Zeit und der Geſchäfte, gekommen und gegangen. Die Menſchen hatten ſich an ſeinem Morgen wie gewöhnlich erhoben und angekleidet, um ſich nach Sonnenuntergang wieder auszukleiden und niederzu⸗ legen. Dazwiſchen lagen für die Mehrzahl viele und lange Stunden voll Arbeit, Mühen und Sorgen, einige Momente der Erholung und zur Würze, viel⸗ leicht auch hie und da eine heitere beglückende Mi⸗ nute; aber auch dieſe nur für die Glücklicheren, während gar Vielen— heute wie geſtern und geſtern wie ehedem— nur Arbeit und Sorge, Mühe und — 3— Laſt, Verdruß und Aerger oder auch unendliche Langweile beſcheert war. Der ſchöpferiſchen Geiſter, die dem maſchinen⸗ mäßigen Gange des Daſeins ein höheres Leben ein⸗ zuhauchen verſtehen, gibt es ja nur wenige. Für die Meiſten iſt das Leben ein Uhrwerk, das Morgens aufgezogen wird und Abends abläuft. Glück genng, wenn dann das Räderwerk noch des Ganges fähig iſt. Noch regelmäßiger, noch einförmiger, noch für die Dauer langweiliger iſt aber das Leben einer großen Stadt ſelbſt. Alle Morgen, die Gott an den Himmel kommen laßt, erwacht das träge vielköpfige Ungeheuer einer Stadt genau mit denſelben Sypmtomen. Zuerſt ſchlägt es, noch ſchläfrig, mit namenloſer Langweile und dem Gedanken:„ach! wieder ein Tag zu durchleben!“ die Augen auf, d. h. hier und dort und dort und hier öffnen ſich einzelne Fenſterläden und Fenſter und laſſen die ſchläfrigen Geſichter träger Dienſt⸗ boten ſchauen. Dann gehen nach und nach immer mehr Augen auf, während auf den Straßen verein⸗ zelte Milchverkäufer, überwachte Bäckermägde, duſe⸗ lige ſtraßenreinigende Hausknechte erſcheinen, die daſſelbe Pflaſter in zehn Jahren bereits bei Regen, Wind, Sonnenſchein, Eis und Schnee mindeſtens 3568 mal gefegt haben. Der Raub Straßburgs II. 21 — 322— Jetzt kommen die Marktweiber, dann werden die Magazine geöffnet; hierauf folgt die gar nicht lern⸗ begierige Schuljugend, jeden Morgen dem Tage grol⸗ lend, wenn es kein Sonn⸗ oder Feiertag iſt und langſam und unmuthig der dumpfen Zwangsanſtalt zukünftiger Geiſtesgröße mit ſchneckenartiger Bewe⸗ gung entgegenſchleichend. Nun ſind auch die hoffnungsvollen Sprößlinge einer großen Zukunft allmälig verſchwunden, müde und angeekelt von dem Wege, den ſie— Jahre hin⸗ durch— alle Tage machen müſſen. Da entwickelt ſich das geräuſchvollere alltägliche Leben der Stadt: die Wagen fahren hin und her,... die Menſchen han⸗ deln und feilſchen, hintergehen und betrügen ſich. Die Gewerbe hämmern und klopfen, feilen und ſägen, ſpinnen und ſpuhlen, wirken und ſchaffen— immer heute wie geſtern und geſtern wie ehedem; ——— man rennt und läuft, man keucht und ſchwitzt, und Alles... Alles jagt. in. für ſich und die St auf irgend eine eWeiſe ſein karges Stückchen Brod für dieſen Tag zu ver⸗ dienen!... und das alle, alle Tage... das ganze Leben hindurch... bis der Tod bei den Menſchen und die Nacht in der Stadt Allem ein Ende macht. Da geht es dann bei beiden an's Einpacken. Es — 323— wird müd und matter, ſtill und ſtiller; das Toben und Brauſen iſt vorüber, die Freuden und Leiden der längeren oder kürzeren Lebensperiode ſind ge⸗ tragen; die Farben erblaſſen, die Töne verrauſchen .. die Augen und Fenſter ſchließen ſich noch ein kurzer lichter Traum... dann. Nacht . Schlaf, Ruhe, Vergeſſen!.. Und das heute wie geſtern und geſtern wie ehedem!——— Auch der Tag, den Straßburg heute verlebt hatte, war in ganz gleicher Weiſe den Bewohnern dieſer Stadt entſchwunden. Ganz das gewöhnliche Treiben— genau die⸗ ſelbe Phyſiognomie der Stadt, wie alle Tage! Die Schuſterjungen waren gemüthlich pfeifend, die Hände unter der Schürze, heimgekehrt;— die Wirths⸗ und Trinkſtuben hatten ſich mit den ge⸗ wöhnlichen Gäſten gefüllt und zur gewöhnlichen Stunde geleert. Die Abendglocke hatte geläutet.. der Abendſegen war von allen guten Chriſten ge⸗ betet worden... und nun. ruhte und ſchlief das alte ehrwürdige Argentoratum mit allen ſeinen Bürgern. Mit allen 2 „Aufgepaßt!“— ſagte ein kleiner Mann, der. * — 324— in einen dunkelen Mantel gehüllt, einen Schlapphut auf dem Kopfe, in einer Straßenecke— dem Fran⸗ ziskanerkloſter gegenüber— ſtand, zu einer anderen dunkeln Geſtalt—„Aufgepaßt! eben ſchlug es neun Uhr,... um dieſe Zeit kommt täglich ein Pärchen an. Stehen unſere Leute auf der Lauer?“ Die zweite Geſtalt zeigte nach einer anderen Straßenecke; aber die Nacht war zu finſter, um etwas dort zu erkennen. Einzelne ſchwere Regentropfen fielen nieder. Schweigen trat ein. Auf den Straßen herrſchte Todtenſtille. Theils hatte ein heranziehendes Gewitter die Leute nach Hauſe getrieben, theils brachte es damals noch die alte gute Sitte mit ſich, daß der anſtändige Bürger vor neun Uhr ſein häusliches Aſyl ſuchte. Die Lauernden hörten faſt jeden Regentropfen um ſich her fallen. Plötzlich horchten ſie beide überraſcht auf. Es kam ihnen vor, als hörten ſie vom Kloſter her eigenthümliche Töne. „Was iſt das?“— flüſterte der Kleine. „Geſang!“— entgegnete die andere Geſtalt. Beide lauſchten wieder. Die Töne ſchienen weit, weit herzukommen,. faſt wie aus fernen unterirdiſchen Räumen. — 325— „Das iſt im Kloſter!“— hub jetzt wieder der Kleine an. „Es ſcheint faſt... und doch..“ „Nun?“ „Iſt's unmöglich.“ „Warum?“ „Sonderbare Frage... iſt das Kirchengeſang?“ Wieder trat eine Pauſe des Lauſchens ein. Das klang nun allerdings durchaus nicht kirchlich. „Soll mich der Teufel holen!“— flüſterte jetzt der Kleine—„wenn das nicht eines unſerer tollſten Schelmen⸗ und Trinklieder iſt!“ „Und doch kommt es aus dem Kloſter.“ „Warum auch nicht? Sie denken dadrinnen: die Welt ſchlafe jetzt, und feiern in ihren wohlver⸗ ſorgten Kellerräumen ein luſtiges Bachanal mit ihren neuen ſauberen Kameraden, den Kriegsknechten.“ „Im Kloſter?“ „O Unſchuld! als wenn der böſe Feind mit allen ſeinen Laſtern nicht gerade in den Kloſtern ſeinen Lieblingsaufenthalt hätte.“ „O der Schmach!“— rief halblaut der jüngere der Vermummten—„dem Verrath geſellen ſich auch bei dieſen falſchen Heiligen noch alle anderen Laſter.“ „Freundchen!“— meinte der Kleine—„kennt ihr das alte Sprüchlein auf die Pfaffen nicht?“ — 326— „Nein!“ „Nun ſo horcht... und vergeßt es nicht: „Ein jedes Thier hat ſeine Finten, Der Ochs von vorn, das Pferd von hinten. Doch begegnet dir ein Pfaff von Weitem, So weich' ihm aus nach allen Seiten.“ „Schlimm genug, daß es mit den Trägern und Verkündern der chriſtlichen Religion ſo ſteht!“— meinte der Andere. „Wer weiß wozu's gut iſt!“— meinte der Kleine.—„Uns, zum Beiſpiel, kann dies Singen unzüchtiger Trinklieder heute nur willkommen ſein.“ „Wie ſo?“ „Weil ich feſt überzeugt bin, daß wir das ganze Neſt, Mönche und Söldner, in der liebenswürdig⸗ ſten Trunkenheit finden.“ „Das freilich wäre gut... es könnte viel Blut geſchont werden.“ „Ich kenne das, Meiſter Hugo,. ich kenne die Mönche und Kriegsknechte aus den Feldzügen her, die ich mitgemacht. Bei den Einen heißt's. Dreinſchlagen... und dann Rauben, Sengen, Brennen, Plündern, Saufen und——— und bei den Anderen.. Beten... und dann. ebenfalls, nur auf anderem Wege.. ich meine — 327— auf kirchlichem... Rauben, Plündern.. und .. wo's im Geheimen geſchehen kann... Sau⸗ ſen m „Stille!“— gebot hier der Jüngere—„mir deucht, ich höre Schritte!...“ Beide ſchwiegen. In der That ließen ſich von ferne Schritte ver⸗ nehmen. „Jetzt gilt's!“— flüſterte der Kleine und gab einen leiſen Pfiff von ſich. Zu gleicher Zeit traten die beiden Vermummten etwas vor, ſo daß, wer zu der Kloſterpforte wollte, dicht an ihnen vorbei mußte. Faſt im gleichen Augenblicke bogen zwei düſtere Geſtalten um die nächſte Straßenecke. Wer es ſei, konnte man in der Dunkelheit nicht erkennen. Erſt als ſie dicht vor den Vermummten ſtanden, erkannten dieſe zwei Franziskanermönche in ihnen. Die Vermummten traten denſelben entgegen. „Gelobt ſei der heilige Franziskus!“— ſagte der Jüngere. „Amen!“— antworteten zwei rauhe tiefe Stimmen. „Ihr wollt in das Kloſter, liebe Brüder?“ Die Geſtalten ſchwiegen, wie es ſchien, in Ver⸗ legenheit. — 328— „Aha!“— ſagte der junge Mann—„die Wölfe ſtecken ſchon in der Falle. Und er wiederholte ſeine Frage in franzöſiſcher Sprache. Jetzt wurde er verſtanden und die Frage bejaht. „So kommt und folgt mir!“— fuhr der Ver⸗ mummte fort. In demſelben Augenblicke aber ertönte ein zwei⸗ ter leiſer Pfiff. „Was iſt das?“— frug einer der Mönche in ſeiner Mutterſprache. Noch aber hatte er die Frage nicht vollendet, als er und ſein Kamerad ſich von mächtigen Armen gepackt fühlten. Zu gleicher Zeit verſtopften Knebel⸗Birnen, wie man ſie damals, ihrer Form nach, hieß— beiden den Mund. Das Geſchehene war die Frucht weniger Momente. Als Reſultat ergab der Fang: daß unter den Mönchskutten zwei wohlbewaffnete Franzoſen ſtaken. Wenige Minuten ſpäter war die ganze Gruppe ſo geräuſchlos wie möglich verſchwunden. Fernher, wie aus der Tiefe der Erde,.. ein⸗ zelne dumpfe Klänge luſtiger Trinklieder... Regen jetzt in Strömen.. über Allem aber Nacht.. tiefe. ſchweigſame h Hugo von Zedlitz und Wenck— denn dieſe beiden waren es geweſen, welche die zwei als Fran⸗ ziskanermönche verkleideten franzöſiſchen Soldaten — 6829— aufgehoben— begaben ſich jetzt, gefolgt von den Gefangenen und den ſie führenden bewaffneten Bür⸗ gern, nach einer nahegelegenen Straße. Hier ſtand ein altes, finſteres, baufälliges Haus, dem nichts willkommener ſein konnte, als eine ſo dunkle reg⸗ neriſche Nacht, wie die heutige war, da es ſich im Lichte des Tages, ſelbſt unter den beſcheidenen Nach⸗ barhäuſern, ſeines Daſeins wirklich ſchämen mußte. Man ſoll indeß nichts verachten. Das alte, häß⸗ liche, dem Einſturz nahe Haus nützte heute Nacht Straßburg unbedingt mehr, denn alle ſonſtigen ſtol⸗ zen Bauten ringsumher. Nahm es doch jetzt Zedlitz und die Seinen ſchweigſam auf und gönnte den Ver⸗ ſchworenen ein ſicheres Aſyl nahe bei demjenigen Orte, auf welchen der zu führende Schlag abgeſehen war. Der Eigenthümer des Hauſes war ein Freund Wenck's, auch ein Schneider und guter Patriot, und jetzt ein Mitverbündeter. Hatten doch Zedlitz und Wenck ſeit der Nacht, in welcher ſie ſich in der Kneipe„zum Schnakenloch“ getroffen, eine völlige Verſchwörung zu Stande gebracht. Der Leſer erinnert ſich des Ausrufes der höch⸗ ſten Ueberraſchung, der den Lippen des kleinen Meiſters entglitten, als er damals in die obere Stube jenes Wirthshauſes auf der Leiter geſtiegen und nun Hugo von Zedlitz, den Verbannten, vor ſich ſtehen ſah. — 330— Einem herzlichen Willkommen folgte damals von Seiten Hugo's raſch die Erklärung: was ihn zu⸗ rückgetrieben, und vor allen Dingen die Auseinan⸗ derſetzung desjenigen, was er— zu ſeinem Entſetzen und doch zum Glück— in jenem einſamen Wirths⸗ hauſe entdeckte. Wenck war von der die Vaterſtadt bedrohenden Gefahr überraſcht und beſtürzt, aber auch, wie Hugo ſelbſt, ebenſo ſchnell entſchloſſen: hier um jeden Preis und mit Daranſetzung des eigenen Lebens durch raſches Handeln Straßburg zu retten. Allerdings erkannten beide Männer ſogleich die Hauptſchwierigkeit dieſer Aufgabe. Sie beſtand da⸗ rin, daß alles, was zu geſchehen habe,... ohne Mitwiſſen und Hülfe der Obrigkeit geſchehen mußte; denn— das war ja gerade der Fluch— dieſer Obrigkeit ſelbſt war in der überwiegen⸗ den Mehrzahl ihrer Mitglieder nicht zu trauen;... es war ſogar anzunehmen, daß Günzer, ſammt der ganzen franzöſiſchen Parthei im Senate, hier mit unter der Decke ſtecke. Das arme Straßburg war alſo ſeiner natür⸗ lichen Hülfe beraubt; denn konnte man auch bei der Regierung auf Syndicus Frantz und die Patrioten rechnen, ſo war doch vorauszuſehen, daß bei einem Bekanntwerden der Sache, der Guardian der Fran⸗ — 331— ziskaner ſogleich Wind erhalten und dann auf ſeiner Hut ſein werde. Die Regierung mußte alſo aus dem Spiele blei⸗ ben... die Vaterſtadt war in ihrer Exiſtenz be⸗ droht, demnach zu retten... was alſo blieb übrig, als.. ſelbſtändiges Handeln. Und wahrlich! dazu waren Hugo von Zedlitz und Meiſter Wenck die rechten Männer. Aber konnten ſie allein das verrätheriſche Neſt ausheben, in welchem ohne Zweifel ſchon eine gute Anzahl wohlbewaffneter Krieger verborgen war? Gewiß nicht.. Hier bedurfte es einer ſtarken materiellen Unter⸗ ſtützung; hier bedurfte es einer bedeutenden Anzahl ächter patriotiſcher Männer zur Mitwirkung, aber guch ſchlagfertiger Fäuſte. Eine geheime Verſchwörung der tüchtigſten und zuverläſſigſten Patrioten und die Herbeiſchaffung je⸗ ner Fäuſte, war alſo die erſte Aufgabe. Hugo und Wenck machten ſich ſofort an das Werk. Darum auch verſchwand damals Meiſter Wenck. War er indeſſen für das öffentliche Leben auch un⸗ ſichtbar, ſo war er deshalb doch keinesweges un⸗ thätig. Wie ein Maulwurf wühlte der kleine Schnei⸗ der in Nacht und Dunkel, und bald ſtand faſt das ganze Schneiderhandwerk mit ihm im geheimen Bunde. — 332— War er doch die Seele, und der Liebling der Zunft — die ja bekannterweiſe ohnedem die freiſinnigſte unter allen übrigen Zünften Straßburgs—; haßte man doch allgemein Günzer, die Mönche und vor allen Dingen die Franzoſen. Aber Meiſter Wenck that noch mehr: ſobald er einer Anzahl Patrioten ſicher war— es waren, wie geſagt, zumeiſt Schneider, entſchlüpfte er— verſehen mit allem Gelde, was er bei Freunden auf ſein Haus und ſein kleines Vermögen hatte aufneh⸗ men können— auf das Land. Hier aber warb er vollſtändig und ſchickte die Betreffenden, unter dem Vorwande: ſie ſuchten als Schneider Arbeit in der Stadt, nach Straßburg. Jeder Geworbene hatte dabei ſchon die Adreſſe irgend eines Meiſters, der denſelben alsdann auch abgeſprochenermaßen zum Scheine in Arbeit ſtellte, während er im Stillen für die nöthige Bewaffnung ſorgte. Einer organiſirten Kriegsmacht bedurfte es ja nach Hugo's und Wenck's Plan nicht, ſondern nur einer Anzahl muthiger und ſchlagfertiger Männer. Daher kam es denn auch, daß dem dienſtfertigen Stadtkommandanten, Herrn von Jenneggen, in den Thor⸗Rapporten die große Zahl arbeitſuchender Schneider aufgefallen war. — 333— Die Sache war dadurch nahe daran, verrathen zu werden. Diesmal aber konnte man mit Meiſter Wenck von der Schurkerei Günzers ſagen:„Wer weiß wozu's gut iſt!“ denn da gleichzeitig auch die für das Kloſter und namentlich für Günzer beſtimm⸗ ten Söldner unter verſchiedenen Verkleidungen in die Stadt geſchmuggelt wurden, ſo glaubte der Stadt⸗ und Rathsſchreiber irrthümlich ſein eigenes Geheim⸗ niß bedroht und wies den Commandanten ab. So war denn die Sache zur Reife gediehen. Hugo hatte die Ausführung übernommen. Das Klo⸗ ſter mußte überrumpelt, die Mönche nebſt dem Guar⸗ dian in Verwahrſam, die franzöſiſchen Soldknechte aber gefangen genommen oder niedergemacht werden. Erſt nach dieſer Arbeit und effectiven Rettung der Stadt, war Hugo von Zedlitz entſchloſſen, die ganze Angelegenheit der Oeffentlichkeit und der Re⸗ gierung zu übergeben und ſich bei dieſer Gelegenheit dem Magiſtrate ſelbſt zu ſtellen. Wichtig war dabei, daß Wenck ausgekundſchaftet, daß allabendlich um neun Uhr ein Paar als Mönche verkappte Söldner in dem Kloſter eingeſchmuggelt würden. Hugo baute hierauf ſeinen ganzen Plan. Fielen dieſe— die ſicher ein Paßwort beſaßen — in ſeine Hände, ſo mußte ihm und den Seinen dies Paßwort und die abgenommenen Kutten, Ein⸗ gang verſchaffen. War der Eingang aber erſt bei dem einzelnen Pförtner erzwungen, bangte ihm vor dem Weiteren nicht mehr. Und in der That das Glück begünſtigte ihn. Die verkappten Mönche waren in ſeiner Hand. In ihren Taſchen aber fand man Papiere und un⸗ ter dieſen das ſo erwünſchte Paßwort. Jetzt konnte vorgeſchritten werden, zumal auch Syndicus Frantz durch jenes geheime Schreiben von Allem unterrichtet war. Hugo und Wenck wußten, daß ſie auf ihn bauen konnten. Durch ſeine Vermittlung war ſicher auch die lieberale und patriotiſche Parthei des Magiſtrates, für den Fall die Sache um ſich greifen ſollte, jetzt bereit und mit ihrem Anhange ſchlagfertig. Auf der Trinkſtube der Schneider erwartete zugleich faſt die ganze Zunft, wohlbewaffnet und zum ernſtlichen Kampfe bereit, den Syndicus. Und doch ſah' und hörte man von allem dem nicht das Mindeſte. Straßburg, die weite große Stadt, ſchien in tie⸗ fem, tiefem Schlafe zu liegen. Nacht und Dunkel⸗ heit, Ruhe und lautloſe Stille umfing ſie. Da ſchlug es elf Uhr!... elf Uhr vom Mün⸗ ſter... elf Uhr von den übrigen Thürmen. — 335— Elf Uhr tönten die Glocken der wachhabenden Söldner von den Thürmchen der Wälle nach. Aber wunderbar!... geräuſchlos, wie aus der Erde gewachſen, hatten ſich die Straßen um das Kloſter her— an den Häuſern hin und in ihren Winkeln und Ecken— mit dunkelen Geſtalten gefüllt. Es regnete nicht mehr, aber die Nacht war fin⸗ ſter, daß man keine drei Schritte weit ſehen konnte. Da erklang die Glocke an der Pforte des Kloſters. Es dauerte einige Zeit, ehe der Schieber an dem kleinen viereckten Fenſterchen, das in das Thor ge⸗ ſchnitten war, ſich langſam öffnete und eine Stimme ſchläfrig frug: wer denn zu ſo ſpäter Stunde die Ruhe des Kloſters noch ſtöre?“ „Zwei Söhne des heiligen Franziscus!“— war die faſt ſtammelnde Antwort eines Mönches in fran⸗ zöſiſcher Sprache. „Um dieſe Stunde?“— frug es erſtaunt und ärgerlich ebenſo zurück. „Mort de ma vie!“— tönte es dagegen— „wir ſind auf dem Wege zur Stadt naß geworden, wie Seefiſche, da haben wir auch innerlich nachge⸗ holfen. Parbleu!. der Teufel hole die Maske⸗ rade. Macht auf, ehrwürdiger Bruder, daß wir die verdammte Kutte los werden. Auch haben wir Hun⸗ ger und Durſt!“ — 336— Die Rede verrieth einen ſtark Angetrunkenen. „Sprecht leiſer!“— gebot die Stimme von innen, mit unverkennbarer Aengſtlichkeit. „Bah!“— ſogte der anſcheinende Mönch laut genug—„es iſt Nacht, das Hundevolk von' Bürgern ſchläft. Was ſoll der Witz?. macht auf!“ Der Bruder Pförtner— kaum aus ſanftem Schlaf erweckt, ärgerlich darüber und in Angſt ge⸗ ſetzt, da möglicherweiſe ein nächtlicher Lauſcher oder ein zufällig Vorübergehender dies mehr als verdäch⸗ tige Zwiegeſpräch hören konnte,— befand ſich in äußerſter Verlegenheit. Abweiſen konnte und durfte er die Ankömmlinge nicht, waren ſie doch wohl das ſchon um neun Uhr erwartete, durch Regen und Trunk verſpätete Paar. Durch ihren Zuſtand wurde alles auf das Spiel geſetzt. Und doch?... wer ſtand bei der Dunkelheit dafür, daß es die rechten waren? „Den Aermel eures Gewandes!“— ſagte jetzt der Pförtner, und ſtreckte fühlend die Hand aus dem Schiebfenſterchen. Es war die rauhaarige Kutte der Franziskaner, die er faßte. „Das Poßwort?“ — 337— „St. Croix de Bejar!“ Es war das richtige: der Pförtner athmete auf. Jetzt hatte er das unbeſtrittene Recht ſie einzu⸗ laſſen, und... einmal im Kloſter, war keine Ge⸗ fahr des Verrathes mehr. „Nun? wird's bald?“— rief der Trunkene. „Schweigt doch!“— ſchalt der Pförtner ent⸗ gegen.—„Ich öffne ja ſchon.“ Die Schlüſſel am Bunde des Mönches klirrten. Im gleichen Augenblicke ertönte ein leiſer, kaum vernehmbarer Pfiff. Jetzt ſchoben ſich die ſchweren Riegel zurück. der Schlüſſel wurde gedreht.. die kleine Pforte ging auf. Aber der Trunkene mußte ſich ungeſchickt gegen dieſelbe gelehnt haben;... ſtürzte er doch, fluchend, geradezu auf den Bruder Pförtner, der ihn, etwas zurückweichend, erſchrocken in ſeinen Armen auffing. „Brüderchen!“— lallte der Trunkene dabei und umfaßte den Mönch mit einer Gewalt, die dieſen entſetzte. Ehe aber der Pförtner noch ein Wort hervorge⸗ bracht, ſollte ſich dies Entſetzen noch mehren.. denn... mit der Schnelle des Blitzes verſtopfte ein Knebel ſeinen Mund, umſchlangen feſte Bande Arme und Füße. Der Mönch ſah nur noch eine Der Raub Straßburgs II. 22 — 338— Maſſe dunkeler Geſtalten durch die ihm anvertraute Pforte eindringen,... dann ſchleppte man ihn in den inneren Hof, wo er— das Geſicht der Erde zugekehrt— niedergelegt wurde. Bald verriethen nur gleichmäßige Schritte eine neben ihm auf⸗ und abgehende Wache. Aber Hugo und Wenck mußten an der inneren Kloſterthüre ihr Spiel noch einmal erneuen. Des Sieges gewiß, klopften Sie an;. in⸗ deß... hier hatten ſie ſich zu ihrem Schrecken verrechnet. Der Kloſterordnung nach hatte der Pförtner vom äußeren Thore alle Ankömmlinge an der Thüre des im Hofe ſtehenden Gebäudes ſelbſt zu melden. Wo war er? Auch wußte der ſchlaue, hier Wache haltende Bruder, daß ein wenig Lärm, von den Trunkenen im Inneren des Kloſterhofes gemacht, keine Gefahr bringe. Er wies alſo die Zumuthung, ſo ſpät noch zu öffnen, mit den Worten barſch zurück: „Trunkenbolde! ſchlaft euren Rauſch unter freiem Himmel aus.“ Die anſcheinenden Mönche tobten. Vergebens! der Bruder Pförtner ließ nichts mehr von ſich hören. Hugo und Wenck waren in keiner kleinen Ver⸗ legenheit. — 339— Wohl hätten ſie mit ihren Leuten Gewalt ge⸗ brauchen und die Thüre ſprengen oder einſchlagen können. Dann aber war an eine Ueberrumpelung nicht mehr zu denken... und. den feindlichen Inſaſſen des Kloſters blieb Zeit, ſich zu verbergen — verborgene Schlupfwinkel gab es ja genug in allen Klöſtern— oder vielleicht gar durch irgend einen geheimen Gang zu entfliehen. Was war nun zu thun?... An dieſen Fall hatte Hugo in der That nicht gedacht. Noch überlegte er mit Wenck, als ſich der ſchon früher gehörte Geſang wieder vernehmen ließ, nur klang derſelbe jetzt bedeutend näher und deutlicher. Da kam Hugo auf einen guten, ganz naheliegen⸗ den Gedanken. Noch einmal pochte er derb an die Thüre. Der Pförtner gab keine Antwort. Da that Hugo, als ſei ihm die Geduld ausge⸗ gangen und mit einem: „Mort de ma vie!“ fing er an der Schelle an zu läuten, als ob das Kloſter im Brand ſtehe. Das half! Richt nur, daß der erſchrockene Mönch jetzt öfſ⸗ nete, der Lärm rief auch den Bruder Guardian her⸗ bei, der, roth vor Zorn, den Eintretenden eben eine Fluth Schimpfreden entgegen donnern wollte, als er 22 — 340— zu ſeinem Schrecken, die beiden Flügel der Thüre jetzt aufgedrängt, ſich und den Pförtner umringt und die weiten Räume von bewaffneten Männern angefüllt ſah. Alles dies war das Werk weniger Secunden. Auch dieſe beiden wurden gebunden und ge⸗ knebelt. Der Weg war gebahnt;. jetzt aber war es mit der Liſt zu Ende und das Schwert mußte ſprechen. Raſch, der bereits ſchon zuvor getroffenen Ver⸗ abredung nach, beſetzte jetzt ein Theil der Bewaffne⸗ ten die Eingänge, um des Kloſters Herr zu bleiben und einen möglichen Rückzug zu decken. Alle Anderen folgten, die Waffen zur Hand, Hugo und Wenck, die ſich indeß der läſtigen Kutten entledigt hatten und ſelbſt bis zu den Zähnen be⸗ waffnet waren. Es war ein bunter Haufe, regellos, theils mit Schwertern, theils mit Spießen oder Büchſen be⸗ waffnet; aber Leute, die Kraft in den Fäuſten und Muth im Herzen hatten. Leiſe ging es durch die langen einſamen Gänge. Niemand ließ ſich ſehen noch hören. Die Thüren der Zellen ſtanden zumeiſt auf;.. allein ſie waren leer. — 341— Nur von Ferne und aus der Tiefe tönte dumpf ein wirrer Geſang herauf. Hugo und Wenck mit den Ihren folgten ſeinen Klängen. Und immer deutlicher wurde er... und immer rauher und wilder klangen die Stimmen durch einander: ſingend, lachend, fluchend wie bei einem tollen Bachanal mitten in einem Feldlager. Meiſter Wenck's kleine Aeuglein glitzerten voll Luſt: er fühlte ſich in ſeine alten Feldzüge im dreißig⸗ jährigen Kriege verſetzt. Jetzt waren ſchon die Worte genau zu unter⸗ ſcheiden... Hugo hielt an... nur noch eine Kellertreppe... „Brüder, Freunde!“— flüſterte er zurück— „jetzt gilt es! Wie viel ihrer ſind, wiſſen wir nicht: wohl zwei auf unſer einen. Aber das wiſſen wir, daß die meiſten alte gediente Soldaten ſind, die ihre Klinge zu führen verſtehen, auch wenn der Wein im Kopfe ſitzt. Wir alle ſind nur ſchlichte Bürger oder einfache Handwerker... aber!.. wir kämpfen für eine gerechte Sache gegen Verrath und Schurkerei!... das muß uns Muth und Kraft geben. Alſo drauf, für Gott und Vaterſtadt! Wer ſich wehrt, den ſtoßt nieder, todt oder gefangen muß die ganze Rotte in unſere Hände fallen!“ — 342— Und mit dieſen Worten ſtieß Hugo mit einem Fußtritte die eiſerne Kellerthüre auf, und mit dem Rufe:„für Gott und Vaterland!“ ſtürzten er und die Seinen ſich auf die Ueberraſchten. Aber Hugo hatte richtig vorausgeſehen: wohl feierte Freund Bachus hier bereits große Triumphe, wohl waren die Köpfe ſo ſchwer, als die Kehlen rauh... kaum aber erblickten die alten Krieger blinkende Schwerter, blitzende Waffen, als auch ihre Schwerter aus der Scheide flogen und ein Kampf wilder Verzweiflung begann. Es war ein tolles furchtbares Bild! In den finſteren, nur durch die grellen Streiflichter einzelner Fackeln erleuchteten Kellerwölbungen, zwiſchen rie⸗ ſigen Fäſſern, umgeſtürzten Tonnen und Krügen,— hier, wo eben noch die ausgelaſſenſte Luſt geherrſcht — tobte jetzt ein erbitterter Kampf. Blut miſchte ſich mit dem dahinſtrömenden Wein,— furchtbare Flüche mit dem Angſtrufe der Mönche. Trunkenheit und Wuth verzerrten dabei die Ge⸗ ſichter der Kämpfenden;— Todtenbläſſe und Ent⸗ ſetzen malte ſich in jenen der Mönche, die ſämmtlich ihre Zuflucht zwiſchen und unter den Fäſſern ge⸗ nommen hatten. Schon lagen ſchwer Verwundete und Sterbende am Boden. — 343— Der Muth auf beiden Seiten war gleich.. aber Uebermacht und Gewandtheit in der Führung der Waffen ſtanden auf Seiten der Angegriffenen. Hugo und Wenck kämpften wie Löwen. dennoch mußten ſie und die Ihren mehr und mehr weichen. Jetzt waren ſie zur Treppe gedrängt;. jetzt mußten ſie, immer kämpfend, den Rückzug nach den äußeren Gängen nehmen. Hugo und Wenck kämpften in erſter Linie und wichen nur Schritt vor Schritt. Wild ſaußten die Schwerter um ihre Häupter,— ſie achteten es nicht; — immer mehr der Ihren ſanken verwundet nieder, — ſie ſahen es nicht;— der Tod umſchwebte ſie in tauſend Geſtalten... es kümmerte ſie nicht. Nur ein Gedanke brannte in ihrer Seele: Sieg oder Tod! Der Ueberzahl weichend, waren ſie jetzt aus dem Keller verdrängt, hallten bereits die langen Kloſter⸗ gänge ſchauerlich von Schwerterklang und Sc wieder. Da.. da traf Hugo's Ohr auch das Sturmgeläute von den Thürmen der Stadt. Jetzt war der Moment der Entſcheidung gekom⸗ men... aber mit ihm brach auch Syndicus Frantz an der Spitze der Schneiderzunft, die ſich nicht mehr hatte halten laſſen, in dem Kloſter ein. — 344— Wilder Jubel begrüßte die Brüder. Mit doppel⸗ ter Macht brach Hugo jetzt vorwärts. Seiner Kühn⸗ heit wichen die Söldner... noch ein kurzer Wi⸗ derſtand. und... das Kloſter ſammt allen ſeinen Inſaſſen— todt und leben⸗ dig— waren in der Hand Hugo's! Der grauende Morgen begrüßte ernſt... die ermatteten Sieger. Liebesglüc. Wie ſich von ſelbſt verſteht, wußte den kommen⸗ den Morgen ganz Straßburg, was während der letzten Nacht vorgefallen. Die Aufregung war eine ungeheuere. Der Zorn und die gegen die Franzis⸗ kanermönche gerichtete Volkswuth kannten keine Gränzen. Der Magiſtrat mußte das Kloſter mit ſtädtiſchen Söldnern umſtellen laſſen, um einem Sturm auf daſſelbe vorzubeugen. Auch den Biſchof von Straßburg, Fürſt Franz Egon von Fürſtenberg, verwünſchte man; denn jeder trug die moraliſche Ueberzeugung in ſich, daß er es geweſen, der dieſe ganze Verſchwörung angezettelt und im Geheimen geleitet habe. Für Günzer war es ein Glück, daß auch nicht eine Ahnung ſeiner Mitwiſſenſchaft bei dem beab⸗ — 346— ſichtigten Hochverrath bekannt wurde; die aufgeregten Volksmaſſen hätten im entgegengeſetzten Falle ſicher ſein Haus erſtürmt und den ohnehin Verhaßten niedergehauen oder aufgeknüpft. Es iſt eigenthümlich, daß die größten Schurken bei den unerhörteſten Schurkereien oft das größte Glück haben. Selbſt wenn die mörderiſche Bombe, die ſie Anderen zum Verderben gelegt, vor der Zeit in ihrer nächſten Nähe platzt, bleiben ſie zunächſt unverwundet, während Unſchuldige an ihrer Stelle und für ihre Frevel büßen müſſen. Natürlich ſpielte auch der Stadtſchreiber den Em⸗ pörten; ja der erſte Antrag, den er den kommenden Morgen in der ſchnell berufenen Sitzung des großen Rathes ſtellte, ging auf augenblickliche Ausweiſung der Franziskanermönche aus Straßburg und Ein⸗ ziehung ihres Kloſters. Wirklich ſetzte die patriotiſche Parthei, diesmal mit Günzer ſtimmend, dieſen Antrag auch durch. Die Ausführung deſſelben folgte auf dem Fuße. Günzer, dem die Schlauheit im Nacken ſaß, ver⸗ ſprach dabei— da man die Stadt von dem wenigen Militär nicht entblößen wollte— für zuverläſſige Leute, behufs der Escortirung der Patres, zu ſorgen. Er hielt auch Wort, indem er ſich gerade auf dieſe Weiſe einen Theil der Leute vom Hals ſchaffte, die — 347— er bisher in Auftrag des Biſchofs, für den verab⸗ redeten Moment der Ueberrumpelung der Stadt, verborgen, und deren Entdeckung ihm nun den Ver⸗ rath ſeiner ganzen Schlechtigkeit und damit Tod und Verderben drohte. Der Anderen entledigte er ſich auf die Weiſe, wie ſie gekommen. Aber es waren doch auch noch andere Empfin⸗ dungen, die ſich bei den guten Bürgern Straßburgs unter den Zorn gegen die frommen Verräther miſch⸗ ten. Es war die Freude darüber, daß die beabſich⸗ tigte Schandthat noch bei Zeiten entdeckt worden und die Dankbarkeit, die ihre Herzen gegen denjeni⸗ gen erfüllte, der nicht nur den Schleier der Nacht von dem Geheimniſſe gezogen, ſondern auch mit Ge⸗ fahr ſeines Lebens der vielgliederigen Schlange den Kopf zertreten. Ganz Straßburg war voll von dem Lobe des jungen Zedlitz;.. ſein Name flog von Munde zu Munde. Jedermann behauptete jetzt: daß er es ſeiner Zeit gewußt und vorausgeſagt habe, daß der junge Zedlitz unſchuldigerweiſe verbannt worden. Hätte ſich Hugo gezeigt, würde ihn überall lau⸗ ter Jubel begrüßt haben. Auf den Händen hätte die begeiſterte Volksmaſſe ihn und den kleinen Wenck getragen. Beide aber waren zu klug und zu beſchei⸗ den, um ſolche Triumphe feiern zu wollen; ja, — 348— Hugo beſtand in ſeinem gekränkten Ehrgefühle dar⸗ auf, ſich als Verurtheilter dem Magiſtrate zu ſtellen. Und er führte dieſen Vorſatz in der That ſchon in der Frühe des kommenden Morgens aus. Freilich war die Verlegenheit, die er dadurch der Günzer'ſchen Parthei bereitete eine ungemein große, zumal da— als ſich die Nachricht verbreitete: der Retter der theueren Vaterſtadt, der unſchuldig Ver⸗ bannte, habe ſich ſeinen Feinden geſtellt— die Zünfte ſich wie auf einen Schlag auf ihren Zunft⸗ ſtuben verſammelten, und ſofort— der Schneider⸗ zunft folgend— mit ihren Fahnen und Standarten vor das Rathhaus zogen, die Zurücknahme der Ver⸗ bannung und die Freilaſſung ihres Helden und Lieb⸗ linges laut und ſtürmiſch verlangend. Da blieb denn freilich den Günzeriſchen bei der allgemeinen Aufregung nichts übrig, als zum böſen Spiele gute Miene zu machen, zumal Frantz und die liberale Parthei ganz auf der Seite des Volkes ſtanden. Hugo von Zedlitz wurde vorgeführt und erhielt die Erlaubniß, ſich wegen der früheren Anklage zu vertheidigen. Er that dies mit der vollen Kraft der Wahrheit. Schlicht und einfach war ſeine Rede, aber allgewaltig durch die Wucht der Ueberzeugung, durch das Feuer einer heiligen Begeiſterung, durch die — 349— Gluth eines reinen edlen Patriotismus, die aus ihr ſprachen. Die Situation war dabei eine mächtig gehobene. Während der Jüngling ſich mit edlem Stolze vertheidigte und der ungekünſtelten Rede gewaltiger Fluß dahinbrauſte, wie ein wilder Bergſtrom, der ſchäumend und Alles mit ſich fortreißend über Fel⸗ ſen und Klippen tobt... während die patriotiſche Parthei mit leuchtenden Augen und freudiger Span⸗ nung ſeinen Worten lauſchte, die heimlich er⸗ kauften Verräther aber, die Schwachen und Halben finſter oder ängſtlich vor ſich. hinblickten, beſchämt über die eigene Erbärmlichkeit,.. lärmte und tobte das Volk draußen vor dem Rathhauſe, erſchallte ſein tauſendſtimmiger Ruf: „Hugo von Zedlitz frei!“—„Freiheit dem Retter der Stadt!“—„Nieder mit den Verräthern!“ Da erbebte wohl mancher der hochedlen Herren des Raths in ſeinem Inneren, geſchreckt von dem eigenen böſen Gewiſſen und der von außen her, aus der Mitte der eigenen Bürgerſchaft drohenden Gefahr. Und je länger es dauerte, deſto wilder und lei⸗ denſchaftlicher tobte und brüllte es, gleich einem brandenden Meere, auf den Straßen. Da endlich öffneten ſich die mittleren Fenſter des Rathhauſes der regierende Ammeiſter erſchien — 350— an denſelben und verkündete unter Todtenſtille— —— daß Hugo von Zedlitz unſchuldig befunden, die Verbannung zurückgenom⸗ men, er ſelbſt aber der Freiheit wieder gegeben ſei. Himmel! war das ein Jubel! Aus tauſend und abertauſenden von Kehlen ertönte in ein und dem⸗ ſelben Moment ein jubelndes: „Hurrah!“—„hurrah!“—„hurrah!“ Und die Bannerträger ſchwangen die Fahnen und Standarten, daß ſie fröhlich im Winde flatter⸗ ten und ſich neigten wie vor einem Könige, und immer und immer wieder ſchallte das tauſendſtim⸗ mige:„Hurrah!“ und„Hoch! dem Retter der Vater⸗ ſtadt!—„Hoch! Hugo von Zedlitz!“ Die Führer der Gewerke aber drängten ſich in das Rathhaus und als ſie mit Hugo zurückkamen, da wollte der Jubel nicht enden. Nur mit Mühe hielt der Jüngling die Aufge⸗ regten zurück, ihn im Triumphe auf den Schultern nach Hauſe zu tragen; aber daß ihn die Zünfte ju⸗ belnd, und ſeine eigenen patriotiſchen Lieder ſingend, bis an ſeine Wohnung in langem, langem Zuge be⸗ gleiteten, das konnte er nicht hindern. Es war der ſchönſte Triumphzug, den Straß⸗ burg je geſehen! — 351— Als er an dem Hauſe des Syndicus Frantz vorüberkam, ſtanden an einem der Fenſter zwei weib⸗ liche Geſtalten, die— wie die Frauen und Mädchen in faſt allen umliegenden Häuſern— dem vorüber⸗ ziehenden Retter der geliebten Vaterſtadt mit weißen Tüchern zuwinkten. O! wie ſelig durchzuckte es da Hugo! wie über⸗ ſelig war es Alma zu Muthe ſie lachte, ſie jubelte... und doch ſtürzten dabei Thränen über ihre Wangen. Als aber der Zug jetzt vorüber war, ſank ſie laut weinend der Mutter in die Arme. „Liebes, theures Kind!“— ſagte die Mutter, und drückte einen Kuß auf das Haupt der geliebten Tochter. Aber ſie ließ ſie ausweinen.. denn es waren ja Thränen der höchſten, der reinſten, der heiligſten Frendel————— Zwei Stunden ſpäter war der Mittagstiſch im Hauſe des Syndicus gerichtet. Aber er zählte ſtatt wie gewöhnlich drei... heute fünf Gedecke. Wer die Gäſte ſein würden, dies wußte weder Mutter noch Tochter. Syndicus Frantz hatte ein⸗ fach nach Hauſe ſagen laſſen: man möge ſich zu Mittag auf zwei Gäſte richten und dabei aufbieten was Küche und Keller vermöchten. Da gab es denn nun freilich für Mutter und Tochter viel zu thun. Indeß ſie thaten es heute mit doppelter Freude: der Tag war ja für ihre Herzen wie für ganz Straßburg, zu einem Feſttage gewor⸗ den, und wie es draußen auf den Straßen fort und fort jubelte, und„hoch!“ rief und ſang,.. ſo jubelte es auch in ihren Herzen nach:„Straßburg, unſer liebes Straßburg iſt gerettet!“... und da⸗ bei erröthete Alma fortwährend, denn zu dieſem in⸗ neren Freudenrufe geſellte ſich der Gedanke:„durch ihn, durch Hugo, durch den Geliebten deines Her⸗ zens. Er hat ſein Wort gelöſt... und... nun kann der Vater nichts mehr gegen ihn haben!“ Aber auch die Mutter lächelte ſtill vor ſich hin. Entging ihr doch nicht die innere Seligkeit der Tochter;— war ſie doch jetzt ſelbſt ausgeſöhnt mit Hugo;— konnte ſie doch, nach dem Vorgekommenen, daran denken, dem Vater das Geheimniß Alma's in einer ſchicklichen Stunde und bei guter Stimmung mitzutheilen;.. ja ihr mütterliches, für das Glück des einzigen Töchterchens ſo beſorgtes Herz ſah ſelbſt einen Hoffnungsſtern für die jungen Leute aufgehen. So regten und bewegten ſich denn Mutter und Tochter friſch und fröhlich in Küche und Keller; während die Spannung: wer doch wohl die Gäſte ſein möchten? ihrem Schaffen eine beſondere Würze gab. Man rieth hin und her: auf den regierenden Ammeiſter, auf Dominique Dietrich, auf Herrn von — 353— Merey ſogar, bis die Mutter fand, daß dies rathen ja doch zu nichts führe und abwarten das Beſte ſei. Jetzt war alles vorbereitet: der Tiſch gedeckt, die Küche beſorgt, der beſte Wein, den der Keller führte, auf einem Schencktiſche neben der kleinen Tafel aufgepflanzt;... der Syndicus aber mit den Gäſten erſchien noch immer nicht. Alma befand ſich allein in dem Zimmer, da ſich die Mutter, die die Küche zum größten Theile ſelbſt beſorgt hatte,— etwas, was ſie ſich bei ſolchen Ge⸗ legenheiten nie nehmen ließ,— ſchnell noch um⸗ kleidete. Ol wie wunderbar war es dem guten Kinde zu Muthe. Geſtern noch lag es mit Bergeslaſt auf ihrer Seele;— geſtern noch wähnte ſie den Geliebten in weiter unbekannter Ferne;— bebte ſie bei der Be⸗ fürchtung, daß ſich ihm vielleicht gar keine Gelegen⸗ heit bieten würde, ſeinen Feinden und ganz Straß⸗ burg zu beweiſen, wie unrecht man ihm gethan, und daß er kein Verräther ſei, ſondern im Gegentheile ein Herz voll glühender Vaterlandsliebe in ſeinem Buſen trage. und heute? o Gott! o Gott! . heute kam es ihr vor, als ſeien ihrer Seele über Nacht Schwingen gewachſen, ſo leicht, ſo ſelig fühlte ſie ſich;— heute wußte ſie Hugo in Straß⸗ Der Raub Straßburgs II. 23 —— — — 354— burg zurück.. in ihrer nächſten Nähe und als den Retter der Vaterſtadt!... freigeſprochen von dem ſchmählichen Urtheile, das man ſeiner Zeit über ihn gefällt,.. von der Verbannung frei,... als den hochgefeierten Helden des Tages!. heute! heute!.. das Herz wollte ihr vor Seligkeit ſpringen, heute!... hatte ſie ihn geſehen! O ſie war überglücklich: ſelig ergriffen aus Freude, ſtill aus Ueberfüllung der Seele, heiter und doch fromm geſtimmt aus inniger Dankbarkeit gegen Gottes ſo wunderbare Führung. So ſaß Alma da, in tiefe Gedanken verloren: ſelig in der inneren, taub für die äußere Welt. Ach! was ließ ſich nicht alles an das Ereigniß dieſer Nacht knüpfen? und wirklich ſpannen ſich denn auch wunderbare Gedankenfäden deren Knotenpunkte: Vater... Ausſöhnung... ein Land voll Früh⸗ ling und Sonnengold waren! Alma war ſo vertieft, daß ſie ſogar nicht ein⸗ mal das beſcheidene Pochen an der Thüre hörte, welches ſich jetzt ſchon zum drittenmale wiederholte. Erſt als die Thüre jetzt leiſe geöffnet wurde und eine männliche Geſtalt unter ihr erſchien, fuhr ſie aus ihren Träumereien auf. Aber.. du, mein Gott!... was war denn das? — 355— Wachte oder träumte ſie? Alma fuhr mit der Hand über die Stirne das Gebilde wich nicht; ſie träumte nicht, ſie wachte! und das! das! war.. „Hugo!“— jauchzte ſie jetzt auf, und—„Alma! liebe gute Alma!“— tönte es von des, auf ſie zu⸗ eilenden jungen Zedlitz Lippen wieder. Alma konnte ſich vor Freude, aber auch vor Staunen kaum faſſen: es war der Geliebte, der vor ihr ſtand,.. es war Hugo von Zedlitz, der es wagte, ſie in ihrem elterlichen Hauſe zu begrüßen. „Gelobt ſei Gott, daß Du wieder zurück biſt!“ — ſagte Alma jetzt und ſchlug ſtrahlenden Auges in ſeine dargebotene Hand. Hugo ſchüttelte ſie mit Herzlichkeit. „Ja! ihm ſei Dank!“— ſagte er dabei— „und ich hoffe, jetzt nicht wieder ohne Dich zu gehen!“ Aber mehr vermochten auch Beide in dem Ucher⸗ maße ihres ſie in der That verwirrenden Glücks jetzt nicht zu ſprechen. Trunken vor Luſt ſchauten ſie ſich gegenſeitig in die glühenden Geſichter. Sie wußten nicht recht, was ſie ſich ſonſt ſagen ſollten; aber in dem wunderbaren Glanze ihrer Augen ging Beiden eine ungeahnte Herrlichkeit auf, ein heller goldener Tag voll Herzensluſt und Seligkeit! 23* — 356— Nein! ſo hatten ſie ſich noch nie angeſehen; ihr Mund ſchwieg.. aber ihre Blicke ſprachen wie mit Engelszungen. Ol wie zog es da Hugo ſo mächtig, ſeine Arme um die ſchöne, zarte Geſtalt zu ſchlingen und ſie ſein zu nennen, ganz... ganz ſein eigeir Alma aber lächelte ihn ſo ruhig und unſchuldig an, ſo glücklich in dieſer Ruhe, daß er es nicht wagte. Jetzt aber fanden ſich auch Beide wieder; ehe indeß ein geregelter Austauſch der Gedanken und Gefühle ſtattfinden konnte, beſtürmte natürlich ⸗ lichkeit Alma's Herz „Und Du haſt es gewagt,“— ſagte ſie, wäh⸗ rend Beſorgniß und Schüchternheit ihr Herz beſtürm⸗ ten—„ſo geradezu hieher zu kommen?... ohne daß mein Vater...“ Ein ſchönes Lächeln verklärte Hugo's Züge. „Nein!“— verſetzte er dabei—„das würde ich nicht gewagt haben;— aber Dein Vater bat mich, als ich heute Morgen das Rathhaus verließ, ihn zu dieſer Stunde zu beſuchen.“ „Mein Vater?“— rief Alma freudig erſtaunt. „Ja!“ „Und er zürnt Dir, dem Sohne der Familie Zedlitz, nicht mehr?“ „Syndicus Frantz war und iſt ein Ehrenmann!“ ——— —————— — 357— — ſagte Hugo mit Ernſt.—„Er fühlte, daß mir bitter Unrecht geſchehen;. er hat ſich überzeugt, daß ich es redlich mit Straßburg meine... und ſo ſcheint es mir, als wolle er... „Das Unrecht, das Dir in ſeiner Abweſenheit durch den Magiſtrat geſchehen, wieder gut machen!“ — rief Alma freudig—„O! daran erkenne ich meinen guten Vater!“ „Und wahrlich!“— ſagte Hugo mit freudeſtrah⸗ lenden Augen—„das kann er im vollſten Maaße. Und weißt Du auch wodurch?“ „Hugo, Hugo!“— rief ſtotternd das Mädchen und tiefe Röthe übergoß ihr liebes Geſichtchen mit dem Zauber mädchenhafter Verſchämtheit. „Und wodurch?“— wiederholte der Jüngling, indem er die beiden Hände der Geliebten ergriff und ſie leiſe und liebevoll an ſich zog—„o ſage es7 mir, wodurch?“ 3 Alma glühte wie eine dunkele Roſe. Sie wagte Hugo nicht anzuſehen, und doch ſpielte etwas Schel⸗ miſches in ihren Zügen, als ſie— mit einem halben Blick unter den langen Wimpern hervor— flüſterte: „Daß er unſere Liebe ſegnet!“ „Ja! daß er unſere Liebe ſegnet!“— rief Hugo ſelig entzüct und einmal. ein einzigmal — 358— vrückte er ſeine Lippen auf die ihren und hielt das liebliche Mädchen umfaßt, als wolle er ſie nie mehr loslaſſen im Leben. Da hörte man Tritte auf der Treppe und Stim⸗ 1 men. Die Liebenden fuhren erſchrocken auseinander. Wenige Minuten ſpäter öffneten ſich die Thüren zu beiden Seiten des Zimmers faſt zu gleicher Zeit, und während Mutter Hedwig durch die eine derſelben eintrat, erſchienen unter der anderen zwei Männer. Es war der Syndicus Frantz und der würdige Schneidermeiſter Franz Blaſius Wenck. „Ach! ſieh da! Hugo! da iſt er ja, der alte Junge!“— rief Syndicus Frantz, der heute nach langer Zeit einmal wieder in Luſt und Freude ſtrahlte. Mutter Hedwig ſtand ſtarr vor Staunen. „Ja, ſtaunt nur!“— rief der Syndicus zu Mutter und Tochter gewandt,—„ſtaunt nur, daß ich den Stammhalter der Zedlitz, die uns jetzt ſo feindlich gegenüberſtehen, wie die Montagues den Capulets, hieher beſchieden und zu Tiſche gebeten 5 habe. Aber ich will nach Kräften gut zu machen ſuchen, was man hier in Straßburg an dem braven Hugo geſündigt hat. Er iſt der Retter unſerer Vater⸗ ſtadt, der Held des Tages; er hat mit Lebensgefahr Straßburg ſich ſelbſt erhalten, und ſo müßte ich mich verachten, wollte ich den traurigen Haß, der — uns Alte trennt, auf den Sohn meines Gegners übertragen.“ Und mit dieſen Worten dem jungen Zedlitz die Hand reichend, fügte er hinzu: „Sei mir willkommen, Hugo; ich war Dein väterlicher Freund, als Du noch ein Kind warſt, und die leidige Politik mich noch nicht von Deinem Vater trennte. Nimm mich auch jetzt wieder zu Dei⸗ nem väterlichen Freunde an, und betrachte mein Haus wie das Deines Vaters. Und nun, ihr Bei⸗ den!“— rief er zu Mutter und Tochter gewandt, die Beide noch immer vor freudiger Ueberraſchung ſprachlos daſtanden,—„begrüßt auch Ihr den alten und doch neuen Freund unſeres Hauſes!“ Und wahrlich, Mutter und Tochter ließen ſich dies nicht zweimal ſagen, nur war Alma von dem Allem ſo verwirrt, daß ſie in der That kein ver⸗ ſtändiges Wort heraus bringen konnte. Hugo's edle, männliche Seele ſchwamm in Glück und Freude. Herz und Mund ſtrömten in Dank und Liebe über. „Aber wer iſt der zweite Gaſt?“— frug jetzt Mutter Hedwig. „Wer?“— rief der Syndicus—„Derjenige, dem nach Hugo die Ehre des Tages gebührt: unſer alter würdiger Meiſter Wenck!“ „Zu viel Ehre! zu viel Ehre! Herr Syndicus!“ — rief der Meiſter, und ſeine kleine, in den Achſeln ſteckende Figur nahm ſich bei den Verbeugungen, die er bei dieſen Worten machte, ſo drollig aus, daß alle Anweſenden lachen mußten.—„Was ich that, war meine Pflicht. Ich freue mich nur, daß die Sache ſo glücklich ausging und unſer wackerer junger Freund dabei wieder zu Ehren kam. Wer weiß, wo⸗ zu es gut iſt!“ Abermals mußten Alle lachen; wozu es gut war, hatte ſich ja theilweiſe ſchon gezeigt. Freilich dachte jedes von den Vieren— außer dem Syndicus— dabei noch an etwas Anderes. Jetzt aber ging es an das Mittagsmahl. Es war nicht luxuriöſe, aber trefflich zubereitet und von guten Weinen begleitet. Den Theilnehmern ſchmeckte es köſtlich, und heiterer und glücklicher als die hier Verſammelten es waren, konnten Könige und Kaiſer nicht ſein. Die jungen Leute ſchwammen in Seligkeit, nur Mutter Hedwig ſchien noch etwas zu drücken. Der Syndicus merkte es in ſeiner eigenen Freude lange nicht. Erſt nachdem die Mahlzeit geendet und mancher Trinkſpruch ausgebracht worden war:„auf Straßburgs Glück und Wohlergehen!“— auf das „ſchöne deutſche Vaterland!“— auf„die muthigen — 361— Retter der Stadt“ und auf die„Familie Frantz“ . ſiel ihm die Nachdenklichkeit ſeiner Frau auf. Traulich beugte er ſich zu der treuen Gattin hin und frug:„ „Was haſt Du, Alte?“„ Mutter Hedwig lächelte.—„Nicht viel!“— ſagte ſie dann.—„Es ging mir eben nur ſo ein Gedanken im Kopfe herum.“ „Und was war das für ein Gedanke?“— frug der Syndicus glücklich lächelnd—„gewiß ein guter. Haſt Du mir doch ſchon manchen guten Gedanken im Leben eingegeben.“ „Meinſt Du?“ „Wahrhaftig! Wir Männer vergeſſen über unſere ſtürmiſch in das Weite eilenden Gedanken gar oft das Naheliegende. Da iſt denn eine gute, vernünf⸗ tige Frau ein rechter Segen; wollen wir auf den Schwingen unſeres Enthuſiasmus in die Unendlich⸗ keit hinauf und hinausfliegen, faßt ſie uns an den Füßen, zieht uns ſanft zurück und ſagt: ſieh, lieber Freund, hier iſt ja noch ſo viel zu thun. Und wir müſſen alsdann ja ſagen und zugeſtehen, daß ſie recht hat. So wird manches Gute in unſerer nächſten Nähe gefördert, was wir, Weltſtürmer, ohne die Frau überſehen hätten. Wohl geben die Gedanken des Mannes jenen der Frau oft Tiefe und groß⸗ *— 362— artigen Aufſchwung; aber die Gedanken des Weibes geben dafür auch jenen des Mannes gar manchmal Innigkeit und praktiſche Richtung.“ „Wodurch wir Weiber die ächten Begründerinnen häuslichen Glücks werden!“— meinte Mutter Hedwig.—„Und iſt das nicht das Höchſte auf Erden?“ „Gewiß, gewiß!“— rief der Syndicus, der heute wieder einmal ſo recht glücklich war, und reichte der Gattin mit Innigkeit die Hand.—„So leben ſie Eines im Anderen, und kennen keine Furcht, als daß Eines vielleicht länger als das Andere in dieſer Welt zurück⸗ und noch eine Weile allein bleiben muß.“ Thränen glänzten hier in den Augen der Gatten. Sie ſahen es beide, neigten ſich gegen einander und küßten ſich herzlich. „Aber Deine Gedanken!“— rief jetzt der Syn⸗ dicus heiter. „Je nun!“— meinte Mutter Hedwig.—„Beim beſten Herzen darf der Menſch immer etwas egoiſtiſch ſein. Sagt doch ſchon die heilige Schrift: Seid klug wie die Schlangen, und ohne Falſch wie die Tauben.“ „Nun?“— rief der Syndicus lachend—„was wird da herauskommen.“ „Eine Bitte.“ „So ſprich, Mütterchen!“ ————————— — 363— „Es iſt nicht alle Tage Sonntag!“ „Da haſt Du recht.“ „Und ein gewiſſer Sindicus Frantz iſt nicht immer ſo heiter und glücklich geſtimmt, wie heute.“ „Leider! haſt du auch da wieder recht!“ „Gut! ſo möchte ich als kluge Frau von dieſer glücklichen Stimmung profitiren!“ Der alte Herr lachte herzlich; dann frug er: „Und in wiefern?“ „Nun!“— meinte Mutter Hedwig—„Du könnteſt jedem von uns erlauben, eine Bitte an Dich zu richten, die Du dann aber auch erfüllen mußt.“ Hugo und Alma übergoß bei dieſen Worten der glücklich vor ſich hinlächelnden Mutter tiefe Röthe. „Gut!“— ſagte der Syndicus.—„Hat mir der liebe Gott heute einen ſo frohen und glücklichen Tag geſchenkt, ſo will ich gern auch zu Anderer Glück und Freude beitragen. Was meint Ihr, Meiſter Wenck? Der Schneider zog die Augenbraunen hoch in die Höhe, kehrte— wie es ſeine Gewohnheit war — ſeine kleine gedrungene Figur mit dem in den Achſeln ſteckenden Kopf ſteif nach dem alten Herrn hin, was ihm etwas ſo Komiſches gab, daß Alle lachen mußten,... blinzelte verſchmitzt mit ſeinen flackerigen, kecken Aeuglein und ſagte: — 364— „Thut's immerhin, Herr Syndicus, wer weiß, wozu's gut iſt!“ „Nun, gut denn!“— rief Frantz in Heiterkeit ſtrahlend—„wer aber fängt an?“ „Die Mutter! die Mutter!“— rief Alma in unbeſchreiblicher Verlegenheit und ward blaß wie der Tod. „Alſo, Mütterchen!“— commandirte der Syn⸗ dicus—„angefangen! Was ſoll ich Dir für eine Bitte gewähren?“ „Zu ſprechen, wenn unſer junger Freund, der gefeierte Retter unſerer guten Vaterſtadt, der Held des Tages, geſprochen hat.“ „Mag ſein! Alſo, Hugo, was iſt Deine Bitte?“ Jetzt aber entſtand auf einmal eine lange feier⸗ liche Pauſe. Hugo und Alma wurden abwechſelnd blaß und roth... ihre Herzen ſchlugen zum Zer⸗ ſpringen. Selbſt Mutter Hedwig und Meiſter Wenck waren für Momente bleich geworden und zeigten Unruhe und Spannung in ihren Zügen. „Nun?“— rief der Syndicus erſtaunt und ſchaute die kleine Tafelrunde mit großen Augen an. Da erhob ſich Hugo von ſeinem Sitz; ein ſchö⸗ ner männlicher Ernſt lag in ſeinen Zügen, ein wun⸗ derbares Feuer ſtrahlte aus ſeinen Augen: „Ja!“— ſagte er jetzt—„ich habe Ihnen, würdiger Mann, der Sie ſich meiner ſchon in der Kindheit und jetzt wieder ſo väterlich wohlwollend angenommen, eine Bitte vorzulegen;... aber, Herr Syndicus, es iſt nicht ein kleines ſcherzhaftes An⸗ liegen, wie Sie vielleicht im Augenblicke denken,.. ſondern eine ernſte vielbedeutende Bitte, an deren Gewährung das Glück meines Lebens hängt. Mit einem Wort, mein väterlicher Freund“— und hier ſtreckte Hugo dem alten Herrn die Hand hin —„machen Sie mich zum glücklichſten der Men⸗ ſchen, machen Sie mich zu Ihrem Sohne geben Sie mir die Hand ihrer Tochter, meiner theu⸗ ren, meiner innig geliebten Alma!“ Syndicus Frantz war wie vom Donner gerührt. Eher hätte er ſich wohl des Himmels Einſturz er⸗ wartet, als dieſe Bitte. Es war ihm in der That unmöglich, ſich gleich zu faſſen. Was ihn— den ſonſt ſo ruhigen Mann— aber noch mehr ver⸗ wirrte, war die eigenthümliche Haltung ſeiner Um⸗ gebung. Mutter Hedwig ſchien gar nicht überraſcht, ſondern lächelte den Gatten, ſo ſtill vergnügt, ſo ruhig und zuverſichtlich an, als wolle ſie ſagen:— „Geh', Alter, willige ein; ſie lieben ſich ja ſo innig, die beiden guten Menſchen,.. das fehlt uns ja gerade noch an unſerem häuslichen Glück!“ — 366— Vielleicht hatte ſie auch ſo geſprochen. Auch Wenck machte ein Geſicht auf dem die Worte ſtanden: „Immerzu, alter Herr, wer weiß wozu's gut iſt!“ Und Alma? Nun, Alma, die Liebliche, war aufgeſprungen, hatte ſich dem Vater zu Füßen geworfen, umklam⸗ merte ſeine Knie und ſchaute ihm jetzt mit ſo ſelig ſtrahlenden und doch zugleich ſo innig flehenden Blicken an, daß es dem alten Herrn ſo wunderlich zu Muthe ward... ſo wunderlich... wie da⸗ mals, als er ſeiner Hedwig zum erſtenmale tief, tief in die Augen geſchaut. Hugo aber ergriff jetzt noch einmal das Wort. Ruhig und einfach ſchilderte er, wie er Alma von Kind auf liebe;... wie ihn das Zerwürfniß der beiden Familien ſo unglücklich gemacht, er aber doch ſeiner Herzensneigung treu geblieben;... wie er, von der Nothwendigkeit gezwungen, vor ſeiner Flucht Alma geſprochen;... wie ſich beide damals treue Liebe gelobt... und wie er endlich heute, ſeinen väterlichen Freund und Schützer nicht habe über⸗ raſchen und überrumpeln wollen, ſondern die Er⸗ klärung ſo ganz zufällig gekommen ſei. Und wie er ſo ſprach, wurde ſeine Rede immer — 367— wärmer und inniger und überzeugender, daß es dem Alten wirklich an's Herz ging. „Aber Du! Du!“— rief jetzt der Syndicus ſeiner Gattin zu—„biſt Du denn gar nicht über⸗ raſcht?“ „Nein, Väterchen!“— entgegnete Frau Hedwig, und drückte einen Kuß auf des Gatten Stirne.— „Alma hat mir vor wenigen Tagen unter Thränen ihre Liebe geſtanden. Ich wartete nur auf einen paſ⸗ ſenden Augenblick, Dir das Geheimniß ihres kleinen Herzens mitzutheilen; aber es wollte ſich nicht machen, bis uns heute ein glückliches Geſchick ſo unerwartet zuſammenführt, daß ich Gottes Hand darin erkennen mußte. Darum iſt meine Bitte: gieb ſie ein⸗ ander!“ „Ja, ja!“— riefen jetzt Hugo und Alma freu⸗ dig—„das iſt auch unſere Bitte:—„Gieb uns einander, Väterchen!“ „Und meine Bitte iſt's auch, Herr Syndicus!“ — rief jetzt Meiſter Wenck mit köſtlichem Pathos: —„Gebt ſie einander: wer weiß wozu's gut iſt!“ Alle mußten herzlich lachen. Syndicus Frantz aber fuhr ſich mit der Hand hinter die Ohren: „Alſo Eure vier Bitten zu einer verſchmolzen?“ — rief er, und ſein väterlich liebevoller Blick ge⸗ währte, was der Mund noch nicht ausgeſprochen. — 368— „Ja!“— riefen Alle—„und die Erfüllung unſerer Bitten iſt zugeſagt!“ „O Welt! Welt!“— ſeufzte der Syndicus lächelnd—„heute Nacht entkomme ich ſammt dem Staatsſchifflein einer politiſchen Verſchwörung, um heute am Tage einer Verſchwörung im eigenen Hauſe zu erliegen. Nun denn, ſo mag es ſein: ich gebe meinen Segen zu Eurer Liebe!.. Der Se⸗ gen der Kirche aber und die Weihe der Ehe die bleiben verſchoben, bis ſich das Schickſal Straßburgs, unſerer guten Vaterſtadt, entſchieden hat. Jetzt gilt es nicht lieben und tändeln und feiern,. jetzt iſt die Zeit des Wachens und Kämpfens. Mit dem Tage, der uns wieder entſchieden frei macht.. ſeit Ihr, meine Kinder, Mann und Weib!“ Welch' ein Jubel aber erfüllte jetzt das Haus des Syndicus. Alles war Freude, Glück und Se⸗ ligkeit. Hugo ſchied erſt mit dem Abend. Alma beglei⸗ tete ihn herab. Ehe ſie aber die Thüre öffnete, ſag⸗ ten ſie ſich noch einmal Lebewohl. Wie von Genien in leichten Schlummer geſungen, lag das reizende Köpfchen Alma's auf Hugo's Schul⸗ ter. Süßer Friede lächelte aus ihm und ſchlug ſein ätheriſches Auge nach dem theuren Jünglinge auf in fröhlichem unerfahrenem Staunen, als blicke es eben jetzt zum erſtenmale den Geliebten an. O! es war ja das Gefühl der innigſten, der reinſten, heiligſten Liebe, das die Seele an ihre Gött⸗ lichkeit erinnerte, und ſie jetzt über die Körper⸗ welt, die ſie umgab, ſelig erhob. „Und weißt Du, wie es mir in dieſem Augen⸗ blicke zu Muthe iſt?“— frug Alma jetzt ſanft. „Und wie denn?“— entgegnete Hugv. „Mir iſt es“— fuhr Alma, wie in glücklichem Traume fort—„als dränge ich an das Licht, wie das Saatkorn, das einen langen, langen Winter hin⸗ durch in der Erde verborgen lag und jetzt von der Frühlingsſonne wach geküßt wird.“ „Weil Du liebſt“— entgegnete Hugo—„ath⸗ met deine Seele Unſterblichkeit!“ „So iſt die Liebe gleichſam ein geiſtiges Auf⸗ erſtehen?“ „Ja! denn ſie erkennt das Himmliſche in Licht und Klarheit. Liebe iſt der Grund des Daſeins, ſein Weſen und ſein Ziel. Nur durch die Liebe lernen wir uns ſelbſt, Welt und Leben verſtehen.“ „O Hugo!“— rief hier Alma und ſchmiegte ſich, ſanft erröthend, noch inniger an den Geliebten an—„ſeit heute fühle ich erſt: wer nicht liebt, der kann auch kein Freund der Menſchheit ſein; wer 24 — 370— aber liebt, der umſchlingt die ganze Menſchheit, S „Der iſt zu jeder ſchönen und großen Thatfähig!“— ergänzte Hugo ſtrahlenden Auges. —„Ja! ich fühle es, wie ſich durch ihre heiligende Gluth, Geiſt und Arm ſtärken, daß ſie die fernſten Dinge erreichen, die ſchwerſten Thaten vollbringen können. Und Thaten warten noch auf mich, Alma, das fühle ich auch, und durch ſie will ich mir Dich erkämpfen, durch ſie Deiner noch ganz würdig werden!“ Und er drückte einen heißen Kuß auf die Lippen der theuren Braut und eilte davon. Er eilte hinaus in die Nacht... aber die Nacht war Licht für ihn, und der Sturm ein milder Zephir; denn:„Frühling iſt Leben der Liebe, und Liebe der Frühling des Lebens. Lebſt Du der Liebe, ſo lebt Licht und ewiger Frühling in Dir!“——— Inhalt. Politik und Leidenſchaft. Der Maskenball. Die Politik Frankreichs.. Sturm und Wetter Der Congreß zu Frankfurt. Das Geſpenſt.. S 6 do— 6. Die Entdeckung 7. Im Schnackenloch 88. Der Gnardian der Fraujistaner 1 9. Der Stern des Lebens 10. Der Retter Liebesglück In der Verbannung. Seite 46 73 116 139 171 210 241 284 307 Nuochtrag. „ Seite 84 Zeile 21 lies ſtatt Patriotismus.. Patriotis⸗ muſes. 97 22 lies ſtatt Saarbrück.. Saarbrücken. 209 1„„ Heuſchuppen.. Heuſchoppen. 223 16„„ Wenu, Wenn 294 16„Wucht cht 313 22„„ thorige. thörigte. * R, d— ſ 6 7 8 9 10 11 12 13 14 1 5