8 Leihbiliochet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur EFduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und geſebedingungen. oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe Le entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zuruckgabe von mir zurückerſtattet wird. 6 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: P für whcheutlich 22 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mrt.— Pf. S„. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. gir beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Sſ das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene und defecte Buch ein Theil Ines größeren Werkes, ſo iſt zum Erſatz des Ganzen llchtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Hiejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 2 3—— 3 Die Pietiſten. Roman aus dem Leben der neueſten Zeit von Heribert Rau. Stuttgart. Verlag der J. F. Caſt ſchen Buchhandlung. 1811. — Gevruckt bei K. F. Hering& Comp Judäas Glanz war erblichen. Herabge⸗ ſtürzt von der Größe und Herrlichkeit, zu welcher es die Makkabäer und deren Nachfolger auf kurze Zeit erhoben hatten, erlag es der allgewaltigen Hand Roms. Pompejus zog triumphirend in Jeruſalem ein, die Mauern Zions ſtürzten, das Reich verlor ſeine neuen Eroberungen, die Na⸗ tion ihre Unabhängigkeit. Vergebens verſuchten die Söhne Ariſtobuls die verhaßten Feſſeln ab⸗ zuſchütteln, die kaum errungene Freiheit ihres Volkes wieder herzuſtellen; ihre Bemühungen erlagen der römiſchen Uebermacht, und unter Herodes Magnus ſtarb der letzte der Hasmo⸗ näer, Antigonus, Sohn Ariſtobul des Zweiten, auf dem Blutgerüſte. Der Verluſt der Freiheit, das erdrückende III. 1 2 Gefühl einer ſchmachvollen Unabhängigkeit, beug⸗ ten den ſtolzen Nacken des auserwählten Volkes, welches die Erinnerung an ſeine frühere Macht und Größe nicht verſchmerzen konnte; während die Mordthaten, die der König Herodes an ſeiner Familie verübte, und die harten Bedrückungen, die ſich die Römer gegen die Neubeſiegten er⸗ laubten, den tiefſten Unwillen deſſelben erregten. In dieſem allgemeinen Unglücke waren die viel⸗ fältigen Verkündigungen der Propheten und Begeiſterten, die den Söhnen Abrahams der⸗ einſtige unüberſchwengliche Herrlichkeit verſpra⸗ chen, der einzige Troſt der Niedergebeugten, und mehr und mehr ſprach ſich der Wunſch nach einem lang verheißenen Meſſias, dem geprieſe⸗ nen Erretter, dem Könige vom Hauſe David, bei dem Volke aus, das in demſelben den Stifter eines neuen politiſchen, alle andern Reiche über⸗ ſtrahlenden jüdiſchen Reiches erwartete. 1* * Die Anmerkungen ſiehe am Schluſſe des Bändchens —— — 3 Aber auch in höherer Beziehung fühlte man das Bedürfniß eines neuen intellectuellen Auf⸗ ſchwunges. Der Geiſt Moſe's, der Geiſt des Ewigen, ſchien für die Ration unwiederbringlich verloren. Spitzfindigkeiten und leeres Formenweſen hatten die alte Religion verdrängt und wurden, vom herrſchenden Sektengeiſte hingeriſſenen, Gelehrten zur reichhaltigen Quelle hartnäckiger und kin⸗ diſcher Zänkereien, während die höheren Stände, angeſteckt von der Sittenloſigkeit des Hofes, in üppigem Sinnentaumel eingewiegt, die Schmach ihres Falles zu vergeſſen ſuchten. So waren die Verhältniſſe Judäa's im Jahre 750 der Erbauung Roms. Um dieſe Zeit wohnte in Nazareth, einer kleinen Stadt Galiläa's, eine Jungfrau mit Na⸗ men Maria.* Ihre erſte innige, aber unglückliche * Matthäus 1. V. 18—25. Markus 1. Lukas 1. V. 26—80. Johannes. 1 X 4 Liebe beweinend, hatte ſie in ſtiller Zurückgezo⸗ genheit ihrem Kummer gelebt, als der redliche Zimmermann Joſeph um ſie warb und ſich mit ihr verlobte. Nur mit Mühe hatte Maria, dem Drange der Verhältniſſe nachgebend, ſich zu dieſem Schritte entſchloſſen; doch vermochte ſie nicht ihren Bräutigam über ihren derma⸗ ligen Stand zu täuſchen. Joſeph, tief erſchüttert durch das Geſtändniß ſeiner Geliebten, dachte zu edel, ſie dem Geſchrei der Welt bloszuſtellen, und faßte daher den Entſchluß, ſie heimlich zu verlaſſen. Niedergebeugt von dem Kummer, ſeine liebſten Wünſche, ſeine ſchönſten Hoffnungen vernichtet zu ſehen, ſuchte er ſein Lager; aber der erquickende Schlaf floh ſein feuchtes Auge. Er überlegte hin und wieder, was in ſeiner Lage am Beſten zu thun ſey, und ſiehe! ſein gutes Herz ſiegte über die kalten Einwürfe der Welt und, wie Liebe Liebe verſteht, ſtand er auf mit dem feſten Entſchluſſe, ſein Wort zu 5 halten und Marien zu ehelichen. Und er that, wie er beſchloſſen. Doch das friedliche Leben des neuen Paares wurde bald geſtört. Kaiſet Auguſtus, ſtolz herabſchauend auf ſein ungeheures Reich, be⸗ gierig die Zahl ſeiner Sclaven zu kennen, gebot eine allgemeine Schätzung. Zur Erleichterung derſelben erlies der Landpfleger Cyrenus den Aufruf, daß ſich ein Jeder in die Stadt ſeines Stammhauſes und Geſchlechtes begeben ſolle. Da machte ſich denn auch Joſeph mit ſeinem Weibe auf und ging mit ihr nach Bethlehem, der Stadt David's in Judäa. Als ſie aber nun hier ankamen, fanden ſie alle Wohnungen über⸗ füllt, und da ihnen die Mittel fehlten, ſich einen bequemeren Aufenthalt zu verſchaffen, mußten ſie zu einem Stalle ihre Zuflucht nehmen.? Kaum hatten ſie denſelben betreten, als die von der Reiſe erſchöpfte Maria niederkam und einen lieblichen Knaben gebar. Unter Thränen des Schmerzes und der Wonne empfing die 6 Mutter das geliebte Kind, wickelte es in reinliche Windeln und bettete es in eine Krippe. Als nun die Herren des Stalles, gutmüthige, ein⸗ fache Hirten, vom Felde heimkehrten und das ſchöne Kind und die hochbeglückte Mutter mit ſeiner Pflege beſchäftigt ſahen, ſtanden ſie ſtau⸗ nend vor Bewunderung, prieſen das Kind, ver⸗ einten ſich mit der entzückten Mutter zu frommen Dankgebeten und räumten gaſtfrei ihren letzten Zufluchtsort. Nach Verlauf von acht Tagen vollbrachten die Aeltern die Geſetze Moſe's und nannten das Kind: Jeſus.? Alle aber, die es ſahen, freuten ſich deſſelben und lobeten Gott. Während nun Joſeph, durch des Kaiſers Befehl* an Bethlehem gefeſſelt, mit Maria die Sorgen für den Neugeborenen theilte, er⸗ ſchienen in der Reſidenz des König Herodes Magier(Zeichendeuter),? welche auf ihren Matth. 2. V. 1—23. 7 ausgedehnten Reiſen auch das jüdiſche Reich berührten. Da dieſelben in der Sterngruppe, welche, ihrer Wiſſenſchaft nach, ſich auf Judäa bezog, eine beſondere Vereinigung von Sternen beobachtet hatten, ſo ſchloßen ſie auf irgend ein wichtiges Ereigniß für dieſes Land; etwa auf die Geburt eines, dem unterdrückten Volke ſo er⸗ ſehnten, neuen Königs aus Davids Stamm. Mit Freuden horchte man auf dieſe Deutung, die bald genug auch dem argwöhniſchen Tyran⸗ nen zu Ohren kam, welcher nicht wenig über das Wort der Magier erſchrack, das ihn auf eine drohende, kaum beachtete Gefahr hinwies; und wohlbekannt mit der Erbitterung des Volkes gegen das römiſche Joch, mußte er für ſeine Eriſtenz Alles fürchten, ſobald ein unternehmen⸗ der Kopf die Vorurtheile, den fanatiſchen Aber⸗ glauben und die Aufregung der Maſſe benutzte, dieſelbe aufzurühren und ſich an deren Spitze zu ſtellen; denn auch er fürchtete, wie natürlich, in dem verkündeten Meſſias einen irdiſchen 8 Nebenbuhler. Er beeilte ſich daher, von dem Synedrium,? dem hohen Rathe der Juden in geiſtlichen Angelegenheiten, zu erfahren, ob nicht angegeben ſey, wo denn jener zu erwartende, heilbringende Unterkönig Jehova's, jener neue Meſſias geboren werden ſollte, und erhielt Beth⸗ lehem als deſſen wahrſcheinliche Geburtsſtadt bezeichnet. Schlau forſchte nun der König die Magier aus, überhäufte ſie mit Huld, munterte ſie zu weiteren Forſchungen nach dem Kinde auf und bat ſie, ihm den Erfolg ihrer Bemühungen kund zu thun. Die Morgenländer ſetzten ihre Reiſe fort, erreichten Bethlehem, fanden aber keine Spur des geſuchten neugeborenen Königs. Als ſie nun ſo die Kinder Bethlehems ge⸗ muſtert hatten, trafen ſie noch ganz zuletzt die arme Familie Joſephs in ihrem dürftigen Aufent⸗ haltsorte. Wenn ſie von den Reichen der Stadt bei ihren Forſchungen kalt zurückgeſtoßen worden waren, ſo wurden ſie hier, im niederen Stalle, — ——— — 9 mit freundlicher Herzlichkeit aufgenommen; und, gerührt von der Güte dieſer Menſchen, über⸗ häuften ſie die Familie nicht nur, nach morgen⸗ ländiſcher Sitte, mit reichen Geſchenken, ſondern, als ſie den kommenden Morgen den Stall, in welchem ſie geruht, verließen, riethen ſie ihrem freundlichen Wirthe, Bethlehem heimlich zu ver⸗ laſſen, da man der Tücke des heuchleriſchen Königs nicht trauen könne. Die Aeltern Jeſu empfingen dankbar dieſe Warnung und die Reiſenden zogen ihres Weges weiter. Joſeph aber machte ſich noch dieſelbe Nacht auf und floh mit Weib und Kind nach Aegypten, wo⸗ ſelbſt ſie bis zum Tode des Herodes blieben. Der König aber, als er ſah, daß die Magier nicht zurückkehrten, ergrimmte und ließ plötzlich, ſeinen Argwohn zu beſchwichtigen, in Bethlehem und der dortigen Gegend alle Knaben von zwei Jahren und darunter ermorden. Nach Vollziehung dieſes grauſamen Befehles wähnte ſich der Tyrann nun ſicher auf ſeinem Throne; dachte die Hoffnungen des Volkes, die Prophezeiungen der begeiſterten Seher ver⸗ nichtet, und einer Reformation, ſie ſey geiſtig oder politiſch, vorgebeugt zu haben. Allein gerade dieſes furchtbare Morden verrieth den Glauben und die Furcht des Tyrannen; und was bisher das Augenmerk Einzelner geweſen war, wurde nun zum allgemeinen Geſpräch, zum Ziele vielſeitiger Forſchungen, und gewann, wie natürlich, nur noch an Glaubwürdigkeit. Wie aber alles Ungewöhnliche bald unter dem Geräuſche der Zeiten verhallt, ſo verlor ſich auch nach und nach die Aufregung, welche dieſe Begebenheit unter den Zeitgenoſſen erregt hatte, und Herodes ſtarb 756.(n. E. R.) eines na⸗ türlichen Todes, worauf deſſen Sohn Archelaus den Thron beſtieg. Als Joſeph dieſe Kunde erhielt, kehrte er voll Freude mit ſeiner Familie in die Heimath zurück und bezog auf's Neue Nazareth. Leider geben uns nun die alten Schriften 11 keine nähere Auskunft über die Jugend und das Jünglingsalter Jeſu, noch über die Art ſeiner damaligen Ausbildung, nur der einzige Lukas erzählt uns,* zum Beweis, wie frühe und hoff⸗ nungsvoll ſich die Talente des Knaben entwickel⸗ ten, wie er in ſeinem zwölften Jahre mit ſeinen Aeltern auf das Oſterfeſt Jeruſalem beſuchend, ſich unter den Lehrern ſo wohl befand, ſolchen Antheil an deren Auslegung der Schrift nahm, daß er die Seinen ganz vergaß und weiter zie⸗ hen ließ; während die Gelehrten über die geiſt⸗ reichen Fragen und den Scharfblick des Knaben höchlichſt erſtaunten. Und als ihn ſeine Mutter, die ihn drei Tage vermißt hatte, nun wieder fand und mit ſanftem Vorwurfe frug:„„Mein Kind, warum haſt du uns das gethan?—““ antwortete er:„Dachtet ihr denn nicht gleich daran, daß ich im Hauſe meines Vaters ſeyn würde, um die Lehren zu hören, die ihr mir ja * Lukas 2. V. 41—52. 12 ſo oft gebt und anempfehlt?“— Es bleibt zu vermuthen, daß ſeiner Mutter edles, tiefes Ge⸗ müth den erſten Grund zu ſeiner Bildung ge⸗ legt und dem Geiſte des Knaben jene hohe Richtung gegeben habe, die er denn auch nie aus dem Auge verlor, und welche ſeines ganzen Lebens Grundlage blieb. Im Schooße einer ſchönen, reichen Natur, dem ſorgfältigen Studium der heiligen Schriften hingegeben, entwickelte ſich ſein Geiſt ohne Zuthun der Außenwelt und durch ſich ſelbſt mehr und mehr. Zu ſtillem Nach⸗ denken geneigt, fühlte er wohl tief, wie nöthig eine geiſtige Revolution für ſeine Zeitgenoſſen ſey, und daß nur in einem kräftigen Aufſchwung das Heil ſeiner Nation, ja das der ganzen Menſchheit gefunden werden könne. Geleitet durch dieſe Gedanken, verloren in Beſchauung des ewigen Geiſtes und des Ver⸗ hältniſſes der Menſchen zu demſelben, ward ihm jene hohe, bis dahin nie geahnte und aller Zu⸗ kunft als höchſte Erkenntniß gegebene Ueberzeu⸗ 13 gung: daß das ewige Urſeyn Alles er⸗ fülle, erhalte und im Daſeyn trage, und außer ihm Nichts wirklich beſtehe; daß des Menſchen Geiſt, ſein Ausfluß, in ihm auf's Innigſte gewurzelt, auch nur im einſtigen Zuſammenfluſſe im gänzlichen Hingeben an denſelben, fein ſeliges Ziel finden könne. Von dieſer Gewißheit durchdrungen, ſtand nun die Welt und das Erdenleben in höherem Lichte vor ſei⸗ nem geiſtigen Auge. Nun war ihm der eifrige, zürnende Gott Israels zum liebenden Vater ge⸗ worden, der aus unausſprechlicher Liebe ſeinen Kindern dies irdiſche Daſeyn gab, damit ſie ſich, ſelbſtbewußt, ihrem Urquelle durch Vervollkomm⸗ nung nahen, und in dieſem Streben zur unaus⸗ ſprechlichen Seligkeit gelangen möchten. Und von nun an ſtand ſeine Grundmarime: Werde vollkommen, wie dein himmliſcher Vater vollkommen iſt! unerſchütterlich bei ihm feſt, und mit der heiligſten Gewißheit konnte er ſagen:„Ich und der Vater ſind Eins!“— Zu dieſer beſeligenden Erkenntniß gelangt, hingeriſſen zur begeiſterten Liebe zu Gott und den Menſchen, reifte in ihm der Entſchluß: Die nun einmal, unmittelbar durch die Anſchauung des himmliſchen Vaters, ihm gewordenen Wahr⸗ heiten, in deren Verbreitung er Gottes heili⸗ gen Willen erkannt, an die Welt zu bringen, und ſeine Mitbrüder dadurch von der dumpfen Geiſtesbefangenheit zu erlöſen, dieſelben auf den einzig wahren Weg des ewigen Heils zu führen. Noch mit dieſen hohen Ideen beſchäftigt, bot ihm ein beſonderes Ereigniß zu deren Aus⸗ führung die Hand. Als ſich nämlich Jeſus ſeinem 30ſten Jahre genähert, erſcholl im ganzen jüdiſchen Reiche der Ruf eines neuen Propheten, welcher am Jordan dem Volke Buße predige, und daſſelbe taufe. Dieſer kühne Redner aber war Johannes, der 15 Sohn des Prieſters Zacharias und der Eliſabeth, ein Verwandter Jeſu.* Beide Männer waren öfter zuſammenge⸗ kommen und hatten, als gleichgeſinnte Freunde, am Austauſche ihrer gegenſeitigen Gedanken Freude gefunden. Wenn Johannes die erhabene Geiſtesgröße ſeines Freundes bewunderte, und mit innigem Wohlgefallen den Reden voll tiefen Sinnes lauſchte, ſo konnte wiederum Jeſus den kräftigen, offenen und kühnen Johannes nur ſchätzen uud lieben. Während nun Jeſus in ſtiller Einſamkeit über den erhabenen Plan, ſich zum Wohle ſeiner Mitmenſchen aufzuopfern, noch nachdachte, war der feurige Johannes ſchon öffentlich aufgetreten. Ueberzeugt, daß ſeinem Volke nur durch eine geiſtige und ſittliche Umgeſtaltung zu helfen ſey, war ſein Vorſatz gefaßt, es ſo viel als möglich von dem Gedanken * Matth. 3. V. 1—17. Mark. V. 1— 11. Luf. 3. V. 1— 22. Joh. 1. V. 6—36. 16 einer politiſchen, unter den damaligen Ver⸗ hältniſſen unmöglichen Revolution ab- und zu einer geiſtigen Reorganiſation hinzuleiten. Mit Aufopferung aller Bequemlichkeiten trat er daher, gehüllt in die gröbſten Stoffe, ſich nährend von den einfachſten Speiſen, in den Umgebungen des Jordans auf, Buße predigend allem Volke. Indeſſen fühlte Johannes recht gut, daß die Ausführung einer eben ſo erhabenen als ſchwierigen Aufgabe, welcher in den Zeitumſtän⸗ den, der Böswilligkeit und Sinnlichkeit der Men⸗ ſchen, und hauptſächlich in den Intereſſen der herrſchenden Sekten, denen an der Erhaltung der alten Ordnung und geiſtigen Erſchlaffung Alles gelegen ſeyn mußte, ſo viele Hinderniſſe entgegen traten, für ihn, den einfachen, zwar gutwilligen, aber doch zu wenig ausgebildeten Mann, zu ſchwer und nicht zu erreichen ſey. Er baute daher auf ſeines Verwandten Alles übertreffende Geiſtesgröße, gab ſich gleich bei ſeinem Auftreten in beſcheidener Demuth nur für den Vorläufer eines Höhern, Begeiſterteren aus, welchem er nur den Weg bahnen wolle, und rief mit Jeſaias dem Propheten:„„Ich bin die Stimme eines Rufenden in der Wüſte: Be⸗ reitet den Weg des Herrn, machet ſeine Fuß⸗ ſteige eben!—““ Und wie er ſprach, ſo that er auch. Vor Allem mußten die verſtockten Ge⸗ müther erſchüttert und reuig werden, damit ſie empfänglich ſeyen für die höheren Lehren und fähig, ſich bis zum Gedanken eines rein gei⸗ ſtig-ſittlichen Reiches aufzuſchwingen. Seine Hauptlehren waren daher: Thut Buße und beſſert euch, das Himmelreich(die einzig wahre Lehre ſelig zu werden), iſt nahe euch verkündet zu werden, darum bereitet euch vor durch Empfänglichkeit für die Wahrheit, für das Edle und geiſtig Große!— Natürlich mußte eine ſo auffallende Er⸗ ſcheinung ein ungemeines Aufſehen erregen. Alles, was nur immer konnte: Gelehrte, Volk, Söldner, Alt und Jung, ſtrömten an die Ufer m. 2 18 des Jordan, den neuen Propheten zu hören. Seine Reden, einfach und von Herzen gehend, mit Kühnheit und Begeiſterung vorgetragen, machten einen tiefen Eindruck auf die Maſſe, und Viele, die ihn hörten, gingen reuig in ſich und ließen ſich, zum Zeichen, daß ſie die alten Fehler und Irrthümer, wie hier ſymboliſch die äußeren Unreinigkeiten, ablegen wollten, von ihm im Jordan untertauchen, taufen. Durch Alles dies wurde die Erinnerung an die Verheißungen eines Meſſias bei dem unterdrückten Volke Israels lebhaft aufgeregt und Viele waren geneigt, Johannes für den⸗ ſelben zu halten; nur machte ſie die ihnen an⸗ geborene Idee, dieſer Meſſias müſſe ſich durch Bildung eines neuen, irdiſchen Reiches zum Könige deſſelben machen und als ſolcher Israels Glanz erneuen, zweifelhaft, da Johannes gerade das Gegentheil, Verläugnung alles irdiſchen Ruhmes zeigte. Sie frugen ihn daher: ob er nicht etwa Chriſtus(der Verheißene, der 19 Geſalbte des Herrn) wäre?— Johannes aber antwortete:„„Nein! Ich taufe zwar mit Waſſer und mahne euch zur Buße; es wird aber Einer kommen, der mächtiger im Geiſte iſt, als ich; Einer, der ſo gut, ſo fromm, ſo tugendhaft und erhaben iſt, daß ich nicht würdig wäre, ihm die geringſten Dienſte zu thun. Dieſer wird das Werk vollenden, wird euren Geiſt reinigen durch ſeinen heiligen, feurigen Geiſt, wie ich jetzt ſinn⸗ bildlich euren Körper durch Waſſer reinigte.““ Und wie Johannes vorausgeſagt, ſo geſchah es. Auch Jeſus fand ſich an dem Jordan ein, ſeinen Freund und Verwandten zu hören und ſich taufen zu laſſen. Und wie er nun bei der frommen Handlung mit inniger Herzensfülle zu Gott betete und der Gedanke ſeinen Geiſt durch⸗ glühte, ſich hinzugeben, aufzuopfern ſein ganzes irdiſches Daſeyn für die Ausbreitung der gött⸗ lichen Wahrheit, zur Erhebung, Aufrichtung, Errettung ſeiner Brüder, ſiehe! da ward ihm wunderbar ſelig zu Muthe, und es ſchien ihm, 2* 20 als öffne ſich der blaue Himmel und der all⸗ liebende Vater blicke ſegnend auf ihn herab.“ Um indeſſen ſich nochmals ſtreng zu prüfen und ſeine Gedanken zu ordnen, bevor er das große Werk beginne, begab ſich Jeſus auß einige Zeit in die Wüſte. In ſtillem Nachdenken ver⸗ loren, ſich mit den einfachſten Speiſen, die ihm die Natur bot, begnügend, ging er hier noch⸗ mals das Für und Wider des zu ergreifenden Theiles durch. Aber die Leidenſchaften, die Reize eines genußreichen Lebens, alle jene vermeinten Glückſeligkeiten der zerſtreuten Menſchheit, konn⸗ ten keinen Eindruck auf den machen, in welchem die Ueberzeugung, daß nur in Gott, in der Er⸗ füllung des göttlichen Willens die wahre Selig⸗ keit beſtehe, lebendig geworden war. So trat er denn öffentlich auf, das erhabene Ziel ſtets vor Augen: die Menſchen, und zunächſt ſein Volk, aus dem Elende der Unwiſſenheit und des Laſters zu retten, dem matten Fluge ihrer beengten Gedanken die 21 kühnſte, beſeligendſte Richtung nach Oben, ihren Herzen Ruhe, Troſt und Hoffnung zu geben. Unerſchütterlich dieſen Zweck verfolgend, wandelte er durch das Reich, Segen und Heil verbreitend unter ſeinen Tritten. Niemand geht von ihm, ohne etwas Gutes ge⸗ lernt oder erfahren zu haben; überall mit Rath und That hülfreich, die Unglücklichen tröſtend, die Hoffnungsloſen aufrichtend, die Ungläubigen hinreißend durch ſeine einfachen, aber von Herzen kommenden Reden, die Kranken durch Rath und weckmäßige Mittel heilend, war es natür⸗ lich, daß er von der unwiſſenden Menge wie ein überirdiſches Weſenbetrachtet, und die natürlichen Folgen vernünftig angewandter Mittel als unvergleich⸗ liche Wunder angeſtaunt wurden.? Jo⸗ hannes, welcher indeſſen, im glühenden Eifer für das begonnene Werk, auch vor den Vier⸗ fürſten Herodes getreten war und demſelben ſeine vielen Vergehen mit kühner Sprache vor⸗ 22 gehalten hatte, büßte im Kerker ſeine Wahr⸗ heitsliebe. Da Jeſus dies hörte, zog er ſich nach Galiläa zurück. Zugleich wählte er ſich mehrere ſchlichte, nicht durch die ſophiſtiſche Ge⸗ lehrſamkeit der damaligen Zeit verdorbene, Män⸗ ner, deren frommes und kindliches Gemüth eine richtige Auffaſſung ſeiner Lehren verſprach, zu ſeinen ſteten Begleitern aus. Willig verließen dieſe Haus und Hof und folgten dem erhabenen Lehrer, dem ſanften, menſchenfreundlichen Jeſu nach. Sein Ruf aber verbreitete ſich in ganz Syrien und das Volk ſtrömte aus allen Landen zu ihm. Einſt, als Jeſus eine ſolche Menge um ſich verſammelt ſah,* begierig, ſeine Lehren zu hören, ſetzte er ſich an einem Berge nieder, wandte ſich zu ihr und ſprach: „Selig ſind die Armen im Geiſte,8 denn ihrer iſt das Himmelreich.“2 * Matthäus 5—7. 23 „Selig ſind die Sanftmüthigen, denn ſie werden das Land beſitzen.“ „Selig die Trauernden, denn ſie werden getröſtet werden.“ „Selig, die nach Gerechtigkeit hungern und dürſten, denn ſie werden geſättiget werden.“* „Selig die Barmherzigen, denn ſie werden Barmherzigkeit erlangen.“ „Selig, die reines Herzens ſind, denn ſie werden Gott ſchauen.“ „Selig die Friedfertigen, denn ſie werden Gottes Kinder heißen.“ „Selig, die um der Gerechtigkeit willen Ver⸗ folgung leiden, denn ihrer iſt das Himmelreich.“ „Selig ſeyd ihr, wenn euch die Menſchen um meiner Lehre willen läſtern, verfolgen und verläumden. Freuet euch alsdann, denn groß iſt euer Lohn.“** * Lukas 6. V. 21. ** Lukas 6. V. 22. — „Ihr, die ihr meinen Lehren folgt, ſeyd gleich dem Salze der Erde, ſeyd das Licht der Welt. Laſſet aber euer Licht vor den Menſchen leuchten, damit ſie eure guten Werke ſehen und euren Vater im Himmel preiſen.“ „Ich bin nicht gekommen die alten weiſen Geſetze, weder die der Vernunft noch die der Natur, umzuſtürzen, ſondern im Gegentheile euch an deren Vollziehung zu mahnen. Denn ich ſage euch, wenn ihr weiter keine Verdienſte habt als die Schriftgelehrten und Phariſäer, und nur wie ſie dem Scheine nach gerecht ſeyd, wird die Seligkeit eines geiſtigen, gottgefälligen Lebens nie zu euch kommen.“ Und er lehrte ferner Nächſtenliebe und ſprach:„Wenn du dein Opfer, dein Gebet darbringen willſt und du erinnerſt dich, daß du etwas gegen deinen Nächſten haſt, ſo laß dein Opfer vor dem Altare liegen, bete nicht, ſon⸗ dern geh' und verſöhne dich zuvor mit deinem Nächſten; dann erſt komm', opfere und bete. 25 Auch verſchiebt die Verſöhnung mit euren Wider⸗ ſachern nicht, damit ihr öffentlichem Streite vor⸗ beugt und keinen Schaden leidet.“* „Durch die Moſaiſchen Geſetze ſind euch Thätlichkeiten unterſagt; ich aber ſage euch, daß ſchon der Gedanke, ein Geſetz zu übertreten, eine Sünde iſt. Wenn euch aber Etwas zum Sündigen reizt, ſo entfernt es von euch und wenn es euch auch Aufopferung oder ſchmerz⸗ liche Ueberwindung koſten ſollte; denn es iſt beſſer, ihr entſagt euch Etwas, oder ihr ent⸗ behrt Etwas, als daß ihr euren böſen Gelüſten fröhnt und dadurch den Frieden eures Herzens aufopfert.“ „Ihr habt ferner gehört, daß den Alten geſagt worden: Du ſollſt nicht falſch ſchwören, ſondern dem Herrn deine Eidſchwüre halten. Ich aber ſage euch: ihr ſollt gar nicht ſchwören, weder beim Himmel, noch bei der Erde, noch * Lukas 12. V. 58. Markus 9. V. 46. 26 bei irgend Etwas, ſondern eure Rede ſey: Ja, ja! Nein, nein! und was darüber iſt, das iſt vom Uebel.“ „Dann ſagt man auch: Aug um Aug, Zahn um Zahn. Ich hingegen ſage euch:* Duldet lieber unſchuldig, als daß ihr Böſen mit Böſem vergeltet. Liebet vielmehr eure Feinde, ſegnet die, die euch fluchen, thuet denen Gutes, die euch haſſen und betet für die, die euch ver⸗ folgen und läſtern, damit ihr würdige Kinder eures himmliſchen Vaters ſeyd, der ſeine Sonne über Gute und Böſe aufgehen und über Unge⸗ rechte wie über Gerechte regnen läßt. Suchet alſo vollkommen zu werden, wie euer Vater im Himmel vollkommen iſt.“ „Hütet euch aber dabei, daß ihr eure guten Werke nicht vor den Menſchen thut, um von ihnen geſehen zu werden. Wenn ihr Almoſen gebt, ſo laßt die linke Hand nicht wiſſen, was * Lukas 6. V. 29. 27 die rechte thut, damit eure Almoſen im Ver⸗ borgenen bleiben, und euer Vater, der im Ver⸗ borgenen ſieht, wird es euch vergelten. Ebenſo macht es, wenn ihr betet, und nicht wie die Heuchler, die es nur thun, um geſehen zu wer⸗ den. Wahrlich, ich ſage euch, damit haben ſie ihren Lohn ſchon empfangen. Gehet aber in eure Kammer, verſchließet die Thüre und betet zu eurem Vater, und euer himmliſcher Vater, der das Verborgene ſieht, wird es euch reichlich vergelten.“ „Wenn ihr betet, ſo macht nicht viele Worte, ſondern betet einfach und von Herzen, ſo zum Beiſpiel:* Unſer Vater, der du im Himmel biſt! Dein Name werde geheiligt! Dein Reich komme! Dein Wille geſchehe auf Erden wie im Himmel! Gib uns heute unſer täglich Brod! Vergib uns unſere Schulden, wie auch wir unſeren Schuldnern vergeben wollen! und führe * Lukas 11. V. 1— 13. 28 uns nicht in Verſuchung, ſondern erlöſe uns vom Uebel! Amen.“ „Suchet nicht euer ganzes Heil im Sam⸗ meln irdiſcher Schätze, welche Roſt und Motten freſſen und die Diebe ausgraben und ſtehlen, ſondern trachtet vorzüglich darnach, euch Schätze für den Himmel zu ſammeln, welche weder Roſt noch Motten verzehren und die Diebe nicht aus⸗ graben und ſtehlen. Denn wo euer Schatz iſt, da iſt auch euer Herz, und da Niemand zweien Herren dienen kann,? ſo könnt ihr nicht zugleich Gott und dem Mammon dienen. 0 Arbeitet fröhlich in eurem Berufe, aber ſorget nicht ängſt⸗ lich für euer Leben, was ihr eſſen und trinken und womit ihr euch kleiden werdet. Sehet die Vögel des Himmels, ſie ſäen nicht, ſie ärnten nicht, ſie ſammeln nicht in die Scheunen, und dennoch nährt ſie euer Vater im Himmel. Seyd ihr denn nicht viel mehr als ſie? Betrachtet * Lukas 16. V. 13. — 29 die Lilien auf dem Felde, wie ſie wachſen! ſie arbeiten nicht und nähen nicht, und doch ſag' ich euch, daß Salomon in all' ſeiner Herrlich⸗ keit nicht ſo ſchön gekleidet war, wie eine von ihnen. Wenn nun aber Gott das Gras auf dem Felde, das heute ſteht und morgen in den Ofen geworfen wird, ſo kleidet, um wie viel mehr wird er euch kleiden, ihr Kleingläubigen! Suchet alſo vor Allem das Reich Gottes in eurem Innern zu gründen und alles Andere wird euch als eine leichte Zugabe beigelegt werden.“* Und Jeſus ſprach ferner:„Richtet nicht, damit auch ihr nicht gerichtet werdet.** Denn mit dem nämlichen Maße, mit welchem ihr meſſet, wird man euch wieder zurückmeſſen.“**8 „Warum ſeht ihr überhaupt ſo leicht den Splitter in dem Auge eurer Brüder, und des * Lukas 12. V. 22— 34. ** Lukas 6. V. 37 u. 38. **5 Markus 4. V. 24. 30 Balkens in dem eigenen Auge werdet ihr nicht gewahr? Heuchler! heilet zuerſt eure Gebrechen, und dann mögt ihr zuſehen, wie ihr euren Brüdern zur Heilung verhelfen könnt.“* „Was die Erlangung geiſtiger Gaben be⸗ trifft, ſo bittet, ſo wird euch gegeben werden; ſuchet, ſo werdet ihr finden; klopfet an, ſo wird euch aufgethan werden.“** „Aber der Weg zum Heile iſt rauh und die Pforte enge; der Weg zum Verderben dagegen iſt breit und viele wandeln darauf.*** Laßt euch aber nicht irre führen und hütet euch be⸗ ſonders vor den Heuchlern, den Scheinheiligen, die mit ſanften Geberden zu euch kommen, in deren Inneren aber die Bosheit herrſcht und alle Leidenſchaften wüthen. Schauet auf! aus ihren Werken werdet ihr ſie erkennen.“ * Lukas 6. V. 42. ** Markus 11. V. 24. Lukas 11. V. 9. Johannes 16. V 23 * Lukas 13. V. 24. 31 „Auch wird nicht jeder, der zu mir ſagt: Herr! Herr! deine Lehre iſt aus Gott, ich glaube ihr! ſelig werden; ſondern nur der, der den Willen meines himmliſchen Vaters erfüllt. Wer aber meine Worte hört und darnach thut, der iſt gleich einem Manne, der, als er ſein Haus baute, tief eingrub und den Grund auf einen Felſen legte. Als nun eine Ueberſchwem⸗ mung kam, ſchlug der Strom an das Haus und vermochte es nicht zu erſchüttern, denn es war auf Felſen gegründet. Wer aber mein Wort hört, und nicht darnachthut, iſt gleich einem Manne, der ſein Haus auf Sand baute, ohne Grundfeſte; es ſchlug der Strom an daſſelbe, alsbald fiel es, und ſein Einſturz war groß.“* Nachdem nun Jeſus dieſe Reden vollendet hatte, gerieth das Volk über ſeine Lehren in Erſtaunen, denn er ſprach voll Kraſt und Be⸗ geiſterung und ſeine Worte, die von Herzen * Lukfas 6. V. 46— 49. 32 gingen, drangen auch zu den Herzen ſeiner Zuhörer. Als er aber vom Berge herab ſtieg, folgte ihm das Volk, und eine Menge Kranker und Bedrängter nahten ſich ihm um Hülfe fle⸗ hend, und Jeſus tröſtete ſie und gab ihnen zweckdienliche Mittel an, ſo daß ſie geſtärkt und hoffnungsvoll ihn verließen und ihrer Leiden alsbald ledig waren. Indeſſen hatte ſich die Volksmaſſe ſo ſehr vergrößert, daß Jeſus für gut fand, ſich zu entfernen, und da ſie ſich gerade an den Ufern eines Sees befanden, beſtieg er zu dem Ende mit ſeinen Jüngern ein Schiff. Da trat ein Schriftgelehrter hinzu und ſprach zu ihm:„Mei⸗ ſter! ich will dir nachfolgen, wohin du immer gehen wirſt.“ Jeſus aber antwortete:„Die Füchſe haben ihre Gruben und die Vögel unter dem Himmel ihre Neſter; der Menſchen⸗Sohn aber hat nicht, wo er ſein Haupt niederlege.* Bedenke dies zuvor wohl.“ * * Matthäus 8. V. 18—20. Lukas 9. V. 57—58. Als ſie nun einige Zeit auf dem See ge⸗ fahren waren, erhob ſich ein Sturm, und die Wellen drohten das Schiff zu verſchlingen. Jeſus aber ſchlief ruhig. Da traten ſeine Jünger ängſtlich zu ihm, weckten ihn und riefen:„Herr! rette uns, ſonſt gehen wir zu Grunde.“ Jeſus aber ſprach zu ihnen:„Ihr Kleingläubigen! warum ſeyd ihr ſo furchtſam?“ Dann ſtand er auf, ging mit heiterer Ruhe den Schif⸗ fern an die Hand und rettete ſo durch ſeine ruhige Beſonnenheit die verzagten Jün⸗ gerz indeß die Leute im Schiffe über die Ruhe und Hoheit Jeſu ſtaunten, der ſelbſt den toben⸗ den Elementen zu gebieten ſchien.* In der Gegend der Geraſener, die Galiläa gegenüber liegen, angelangt, kam ihnen ein Wahnſinniger entgegen, der ſich, nach den be⸗ kannten Vorurtheilen ſeiner Zeit, einbildete, es ſeyen unreine Geiſter in ihn gefahren und * Lukas 8. V. 22—25. III. 8 34 plagten ihn nun.*11 Auch bis zu dieſem, deſſen Aufenthalt die Grabhöhlen waren, hatte ſich das Gerücht von Jeſu Wohlthätigkeit, die, wie ſchon erwähnt, von der ungebildeten Maſſe zur Wun⸗ derkraft erhoben wurde, verbreitet, und mit der vollen Ueberzeugung, daß es dieſem erhabenen Propheten allein möglich ſey, ihn von den Teufeln, die ihn ſeiner Meinung nach plagten, zu befreien, warf er ſich, um Hülfe flehend, vor demſelben nieder. Der Scharfblick des Meiſters hatte nach wenigen, an den Geiſteskranken gerichteten Fragen, deſſen Zuſtand bald erkannt und, auf des Leiden⸗ den Idee eingehend, beſtätigte er ihm die Wahrheit derſelben. Zufälligerweiſe weideten in der Nähe Schweine. Jeſu benutzte dieſes Ungefähr und gebot, im Sinne des Kran⸗ ken, den Teufeln, in die Schweine zu fahren. * Matthäus 8. V. 28—34. Markus 5. V. 1—20. Lukas 8. V. 26—39. Kaum hatte er dies Wort geſprochen, als der Kranke, von der Ueberzeugung durchdrungen, die böſen Geiſter ſeyen nun von ihm gewichen und befänden ſich nun wirklich in den Thieren, aufſprang und, um einem allenfallſigen Rück⸗ tritt derſelben vorzubeugen, die ganze Heerde von einem Felſen in die See jagte, woſelbſt ſie ertrank. Die krankhafte Idee war von dieſem Augenblick an, durch den feſten Glauben an die Wunderkraft Jeſu, vernichtet und der Geneſene ging fröhlich nach Hauſe. Welch' neuen Ruf mußte dieſe That Jeſu in den Augen der ſtaunenden Menge, die den natürlichen Hergang der Sache nicht begriff, erwecken! 12 Bald darauf ging Jeſus an einer Zollbank vorüber, und ſah daſelbſt einen Menſchen ſitzen, der Matthäus hieß, und er ſprach mit ihm.* * Matth. 9. V. 9— 13. Mark. 2. V, 13— 17. Luk. 5. V. 27—32. 3* 36 Und Matthäus frug: wie er ſein Glück am ſicherſten finde, und Jeſu ſprach: folge mir nach! — und Matthäus ſtand auf und folgte ihm. Jeſus aber, von allen Vorurtheilen ſeiner Zeit frei, ging in deſſen Haus und legte ſich mit ſeinen Jüngern bei ihm zu Tiſch. Siehe! da kamen viele Zöllner, legten ſich zu ihnen und aßen auch mit. Da dies die Phariſäer bemerkten, ſprachen ſie zu ſeinen Jüngern:„Warum ißt denn euer Meiſter mit den verrufenen Zöllnern und Sündern?“— Und Jeſus, der ihre Worte gehört hätte, ſprach:„Die Geſunden bedürfen des Arztes nicht, ſonderu die Kranken. Gehet hin und lernet, was es heiße: Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer. Denn ich bin nicht gekommen Gerechte, ſondern Sünder zu rufen.“ Und auch die Jünger Johannis machten ihm Vorwürfe und ſprachen:*„Warum faſten * Matthäus 9. V. 14— 17. Markus 2. V. 18—22. Lukas 5. V. 33—29. denn wir und die Phariſäer, und deine Jünger faſten nicht?“— und Jeſu antwortete:„Könnt ihr ihnen verdenken, daß ſie fröhlich ſind, ſo lange ſie die frohe Kunde von mir empfangen. Es werden Tage für ſie kommen, Tage der Trübſal, an welchen ſie faſten und beten wer⸗ den. Zudem paſſen dieſe veralteten Formalitäten zu meiner Lehre, die rein geiſtig bleiben ſoll, durchaus nicht; ſo wenig wie ein neues Stück Zeug auf ein altes Kleid oder neuer Wein in alte Schläuche. Denn der neue Fleck würde ſich vom alten losreißen und ſo den Riß ärger machen, und der junge Wein würde die mürben Schläuche zerſprengen und auslaufen, und ſo wäre Eines wie das Andere verloren.“ Indem er noch ſo mit ihnen redete, ſiehe! da nahte ſich ihm Jairus, einer der Synagogen⸗ Vorſteher, fiel ihm zu Füßen, bat ihn dringend und ſprach:„Meine Tochter liegt in den letz⸗ ten Zügen, komm' und lege ihr die Hand auf, damit ſie gerettet werde und beim Leben 38 bleibe.““ Das milde Herz Jeſu fühlte Mit⸗ leiden mit dem Jammer des unglücklichen Va⸗ ters, er ging mit ihm, ihn und die Seinen zu tröſten. Als er aber das Kind erblickte und deſſen Zuſtand genau unterſucht hatte, fand er, daß es nur in einer tiefen Erſtarrung lag, nur ſchein⸗ todt war; und er wandte ſich mit herzlicher Freude zu den Verwandten und dem lärmenden Volke, die weinend und klagend das Haus füllten und ſprach:„Warum lärmet und weinet ihr? Das Mägdlein iſt nicht geſtorben, es ſchlummert nur. Da verlachten ihn die Verſammelten, die von des Kindes Tod ſich überzeugt glaubten. Jeſus aber ſchaffte alle hinaus, nahm nur die Aeltern der Kleinen und drei ſeiner Jünger mit ſich in das Gemach, in welchem das Mädchen lag. Und wie er 8 Matthäus 9. V. 18—26. Markus 5. V. 21— 43. Lukas 8. V. 41—56. 39 geſagt, ſo verhielt es ſich. Nachdem die angeord⸗ neten, zweckdienlichen Mittel gebraucht worden waren, hatte er die Freude, das Kind erwachen zu ſehen. Und heiter verließ er die glückliche Familie. Den Schritten des Meiſters aber folgten, ſobald er ſich nur zeigte, Kranke und Unglück⸗ liche aller Art, welche er tröſtete und heilte wo und wie er konnte.“ Die Phariſäer indeſſen, voll Neid gegen dieſen erhabenen Menſchen, deſſen herrliche Tugenden, deſſen vorzüglicher Charakter, deſſen tiefer, klarer, eindringender Verſtand, ge⸗ paart mit anſpruchsloſer Beſcheidenheit, ſo grell gegen ihr heuchleriſches, egviſtiſches Weſen ab⸗ ſtachen, ſuchten ſeinen Ruf auf alle Art zu ſchmälern, z. B. durch Verbreitung der Meinung, ſeine Wiſſenſchaft rühre von den böſen Geiſtern her. Jeſus, der ſie durchſchaute, bedauerte nur das arme Volk, das, durch ſie irregeleitet, im * Matthäus 9. V. 27—38. 40 Geiſte verſchmachtend, einer Heerde zerſtreuter Schafe glich, die keinen Hirten haben. Der Meſſias hatte ſich indeſſen zwölf ein⸗ fache, redliche Männer zu ſeinem ſteten Umgange gewählt, die er ſpeziell unterrichtete und deren kindlich unverdorbene Gemüther ihm zur Auf⸗ nahme ſeiner Lehre am geeignetſten ſchienen. Sie waren: Simon, genannt Petrus(der Felſenmann), Andreas, deſſen Bruder. Jakobus, der Sohn des Zebedäus, und Johannes, deſſen Bruder. Philippus, Bartholomäus, Thomas, Matthäus der Zöllner, Jakobus, der Sohn des Alphäus, Lebbäus, genannt Thaddäus, Simon von Kana, und Judas der Iskariot. Er nannte ſie Apoſtel und ſprach alſo zu ihnen: „Ihr ſeyd beſtimmt, die Lehre, welche ihr ietzt durch mich höret, einſt fortzupflanzen und in der ganzen Welt zu verbreiten. Fanget aber vor Allem an und prediget den Kindern Israels und ſprecht:“ 41 „Das Himmelreich iſt nahe gekommen, wir lehren euch den Weg zur Seligkeit.“ 12 „Heilet die Geiſteskranken und erwecket die, ſo todt ſind im Glauben. Lehret die Sünder ſich reinigen vor Gott, und verſcheuchet die Geiſter des Vorurtheils und des Wahnſinnes. Und wie ihr eure Lehren umſonſt empfangen habet, ſo lehret auch ihr ſie umſonſt. Nehmet weder Geld noch Geldeswerth, denn ihr werdet immer Jemanden finden, der euch aus Liebe den nöthigen Unterhalt reichet.“ „Sehet! ich ſende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe. Seyd alſo klug wie die Schlan⸗ gen, doch ohne Falſch wie die Tauben. Nehmet euch aber vor den böswilligen Menſchen in Acht; ſtürzt euch nicht muthwillig in Gefahr, denn ihr werdet viel um meiner Lehre willen leiden müſſen. Seyd indeſſen unbeſorgt, und vertraut dem Geiſte der Wahrheit, der in euch wohnt und folget ſeinem Drange. Denn nicht ihr ſeyd es, die da reden, ſondern der Geiſt 42 Gottes, der Geiſt der Wahrheit iſt es. Meine Lehre wird blutige Kämpfe und Spaltungen zur Folge haben, wird oft die zarteſten Bande der Natur zerreißen und Viele werden euch darum haſſen. Aber nur Geduld! wer bei ihr ausharrt, der wird dennoch durch ſie ſelig werden. Auch fürchtet euch vor denen nicht, die nur den Leib tödten, die Seele aber nicht tödten können, ſon⸗ dern fürchtet vielmehr gegen Gottes Willen, gegen der Vernunft Gebote zu handeln, denn ſolches Thun verdirbt durch ſeine Folgen Leib und Seele. Ueberhaupt wißt ihr ja, daß ſelbſt die Haare eures Hauptes gezählt ſind, daß Alles, ſelbſt das Unbedeutendſte in der Hand des all⸗ gütigen Vaters ruht; verzweifelt darum nie an deſſen ewiger Güte.“ „Wer meine Lehre vor den Menſchen be⸗ kennt, den wird mein Vater im Himmel auch anerkennen; wovon euch die ſichere Ueberzeugung der verdienten Liebe Gottes Beweis ſeyn wird. Gott aber und ſeinen Beifall ſollt ihr höher 43 ſchätzen, als alles Vergängliche; denn der Herr ſpricht: Wer ſelbſt Vater oder Mutter mehr liebt, als mich, iſt meiner nicht werth; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, iſt meiner nicht werth, d. i., zu dem kann die Gottſeligkeit, die nur durch vollkommene Hingebung an Gott erzeugt wird, nicht gelangen.“ „Wer ſein irdiſches Leben zu erhalten ſucht, wird ſein wahres, ſein geiſtiges Leben verlieren; und wer ſein Erden⸗Leben um meinetwillen ver⸗ liert, wird ein höheres, ſeligeres Seyn dafür finden. Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf, und wer mich aufnimmt, der nimmt den auf, der mich geſandt hat. Wer aber auch nur dem Geringſten von euch, den unbedeutendſten Dienſt leiſtet— darum, weil er mein Jünger iſt— wahrlich! ich ſage euch: Der wird ſeinen Lohn nicht verlieren.“ Daß indeſſen der Lehrer der erhabenſten Wahrheiten, bei einer vernünftigen Gleichgültigkeit 44 gegen alles Irdiſche, geſellige Freuden im Kreiſe vertrauter Freunde recht gut mit ſeiner Lehre zu einigen und das Glück der Freund⸗ ſchaft zu ſchätzen wußte, bewies er mehrere Male. So war er einſt mit ſeinen Verwandten und Jüngern(Lehrſchülern) bei einer Hochzeit zu Kana.* Unter fröhlichen Reden, und bei einer vielleicht größer als vermutheten Zahl von Gäſten, war der zum Feſte beſtimmte Wein ausgegangen, und der Bräutigam ſah ſich in großer Verlegenheit, denn er hatte ſeinen Wein allegegeben. Da überraſchte Jeſus, welchen die unſchuldige Heiterkeit der Menge innig er⸗ freute, die Geſellſchaft mit neuem, guten Weine und die gemüthliche, einnehmende Fröhlichkeit des Meiſters, der, in der Welt ſo ernſt erhaben daſtehend, hier ſo ſanft und freundlich war, theilte ſich der Geſellſchaft mit, ſo wie dies oh W ſ 45 Zeichen freundlicher Vorſicht, theilneh⸗ mender Menſchenliebe Alle entzückte.“— Der Ruf der Thaten Jeſu und ſeiner Lehre war indeſſen ſelbſt bis in das Gefängniß gedrungen, in welchem Johannes ſeine Frei⸗ müthigkeit büßte.** Da nun die Jünger des letzteren eiferſüchtig auf den Ruhm ihres Meiſters und ungeduldig darüber, daß Jeſus ſein Anſehen nicht zur Freimachung deſſelben benutzte, irre an ihm wurden und zu zweifeln anfingen, ob denn Jeſus wirklich der erwartete Meſſias ſey? verwies ſie Johannes an ſeinen Freund ſelbſt und ſprach:„Gehet hin und fraget ihn, er wird euch die beſte und ſicherſte Auskunft darüber geben!“— Da machten ſich zwei von ſeinen Jüngern auf, gingen zu Jeſu und legten ihm ſelbige Frage vor. Jeſus aber erwiderte:„Gehet hin, und verkündiget, was ihr höret und ſehet. * Er belebte die erſterbende Heiterkeit,— er ſchuf, durch ſeine Ueberraſchung, aus Waſſer— Wein. ** Matth. 11. V. 1— 19. Luf. 7. V. 9—35. 46 Die Gebrechen der Seele und des Leibes werden geheilt, die geiſtig Todten zu frohem Leben erweckt und den Verlangenden eine tröſtliche Lehre gepredigt. Wohl dem, der ihr glaubt und an mir keinen Anſtoß nimmt!“— Als die Jünger Johannes weggegangen waren, benutzte Jeſus die Gelegenheit, mit dem Volke von Johannes zu reden. „Warum,“ frug er„ſeyd Ihr wohl zu Johannes in die Wüſte gegangen?— Ihr ſuchtet nicht ein Rohr, von jeglichem Winde hin und hergetrieben?— auch nicht einen Mann in üppigen, weichlichen Kleidern? denn die ſich weichlich kleiden, ſucht man nicht in der Wüſte, ſondern an den Höfen der Könige. Oder was war es denn, was euch hinaustrieb?— Doch wohl der Wunſch, einmal wieder einen Prophe⸗ ten zu ſehen. Und, ich ſage euch, ihr habt mehr als einen gewöhnlichen Propheten geſehen; denn auf dieſen, den größten aller bis jetzt Gebo⸗ renen, kann man mit Recht die Schriftſtelle 47 (Malach. 3. V. 1.), anwenden:„Siehe, ich ſende meinen Boten vor deinem Angeſichte her, der dei⸗ nen Weg vor dir bereiten wird!“— „Mit dem Beginnen ſeiner Lehre wird es nicht mehr heißen: das Himmelreich? kommt zu euch! ſondern von nun an iſt euch ſelbſt, eben durch ſeine und meine Lehre, die Macht und Gelegenheit gegeben, es an euch zu bringen. Dies war auch ſchon die Mei⸗ nung aller Propheten und der Sinn des Geſetzes.“ „Von wem ihr nun dieſe beſeligende und wahrhaft göttliche Anweiſung annehmet, der iſt für euch der Elias⸗ artige, der Chriſtus und Meſſias, der da kommen ſoll. Merket euch aber dies, denn in dieſen wenigen Worten liegt der ganze Umfang meiner Lehre.“ „Wem aber ſoll ich dieſe Zeitgenoſſenſchaft vergleichen, etwa Kindern, denen man Freude bot, und die ſie nicht wollten; die man warnte, und ſie hörten es nicht; denn über Alles müſſen 48 ſie ſchelten. Als Johannes kam und faſtete, nannten ſie ihn toll. Wenn ich komme und mit guten Menſchen froh bin, ſchelten ſie uns Freſſer und Weintrinker. Aber Gott ſey Dank, es gibt noch einfache, natürliche Menſchen, und zu dieſen wende ich mich. So kommt denn zu mir alle, die ihr mühſelig und beladen ſeyd, und ich will euch erquicken. Nehmet mein Joch, das Geſetz der Vernunft, auf euch, und lernet von mir, ſanft⸗ müthig und von Herzen demüthig ſeyn; ſo werdet ihr Ruhe für eure Seelen finden. Denn mein Joch iſt ſanft und meine Bürde iſt leicht!““— Um jene Zeit lud ihn ein Phariſäer zu Tiſche; Zeſus nahm die Einladung an, obgleich er wußte, daß weder Gaſtfreundſchaft noch Liebe, ſondern die Sucht, ihn in ſeinen Reden oder Hand⸗ lungen auf irgend eine Art zu fangen, der Grund zu dieſem heuchleriſchen Zuvorkommen war.** * Matthäus 12, V. 9— 37. Markus 3. V. 1— 30. Lukas 6. V. 1— 11. * Lukas 7. V. 36— 50. In derſelben Stadt wohnte aber ein Weib, welches reuig ſeine Sünden beweinte. Als dieſe vernahm, daß Chriſtus im Hauſe des Phari⸗ ſäers zu Tiſche wäre, machtẽ ſie ſich auf, nahm ein Gefäß von Alabaſter voll köſtlicher Salbe, eilte zu Jeſu, benetzte ſeine Füße mit Thränen der Reue, trocknete ſie mit den Haaren ihres Hauptes, küßte und ſalbte ſie. Als dies der ſtolze Phariſäer, der ihn ge⸗ laden hatte, ſah, ſprach er bei ſich ſelbſt: Wenn dieſer ein Prophet wäre, ſo würde er wohl wiſſen, was für ein Weib das iſt, bie ihn an⸗ rührt; denn ſie iſt ja eine Sünderin. Jeſus aber las aus des Wirthes Zügen ſeine Gedanken.„Simon!“— ſprach er, ſich zu ihm hinneigend—„Ich habe dir etwas zu ſagen.“ Dieſer entgegnete ihm:„„Lehrer ſprich.““ „Ein Gläubiger“— fuhr darauf Jeſus fort —„hatte zwei Schuldner. Einer war ihm fünf⸗ hundert Denare ſchuldig, der Andere nur fünfzig.“ III.. 4 50 „Da ſie ihn nun nicht bezahlen konnten, ſchenkte er es ihnen beiden. Sage mir nun, welcher von beiden wird ihn mehr lieben?“ Simon antwortete:„„Ich denke wohl, der, dem er das Meiſte geſchenkt hat.“„ „Du haſt recht geurtheilt,“— entgegnete Jeſus und ſich zu dem Weibe wendend, ſprach er zu Simon:„Siehſt du dieſes Weib? Ich kam in dein Haus und du beobachteſt gegen mich die kleinen Gebräuche der Liebe nicht. Du gabſt mir kein Waſſer, meine Füße zu waſchen; ¹ dieſe aber benetzte meine Füße mit Thränen, und trocknete ſie mit ihren Haaren. Du gabſt mir keinen Kuß; ſie aber hörte nicht auf, meine Füße zu küſſen, ſeitdem ſie her⸗ eingekommen iſt. Du ſalbeſt mein Haupt nicht mit Del; dieſe aber ſalbte mit köſtlicher Salbe meine Füße.“ „Darum ſage ich dir: Es ſind ihr viele Sünden vergeben, weil ſie ſo ſehr liebt. Wem weniger vergeben wird, der liebt auch weniger.“ 51 Und er ſprach zu ihr:„Deine Sünden ſind dir vergeben; denn dein Glaube an meine Lehre, den du durch aufrichtige Reue beweiſeſt, hat dir geholfen. Gehe hin im Frieden.“ Die aber mit zu Tiſche waren, ärgerten ſich darüber, daß ſich Jeſus herausnähme, ſelbſt Sünden zu vergeben. Mächtig wuchs durch dieſe und andere Re⸗ den der Haß der Phariſäer und Schriftgelehrten gegen Jeſum, der ſie nicht nur vor allem Volke entlarvte, ſondern auch ihre bisherige allgewal⸗ tige Herrſchaft über den Geiſt der Nation durch ſeine Lehre zu zerſtören drohte. Auf alle Weiſe ſuchten ſie ihm daher zu ſchaden, ihn verdächtig zu machen und wandten alle Mittel an, ſich wo möglich dieſes läſtigen Menſchen zu ent⸗ ledigen. Sie machten ihm und ſeinen Jüngern aus jeder unſchuldigen Kleinigkeit ein Verbre⸗ chen und gingen ſo weit, ihn ſogar zu tadeln und zur Rede zu ſtellen, wenn er am Sabbat ſich mit menſchenfreundlichen Handlungen, wie 52 Heilungen, beſchäftigte. Jeſus ließ ſich indeſſen nicht irre machen, that Gutes, wo und wann er konnte und widerlegte ihre unſinnigen Anklagen. Vergeblich hatten ſich die Phariſäer be⸗ müht, ihn in den Augen der Menge als Sab⸗ batſchänder herabzuſetzen, voll Wuth über die Vereitlung ihres Vorhabens ſüchten ſie nun das Gerücht auszuſprengen, er ſey verrückt geworden, und brachten es ſogar dahin, daß ſeine Mutter und Brüder die Heimath verließen, um ihren unglücklichen Verwandten, wo mög⸗ lich, der Lebensweiſe zu entreißen, die, ihrer Meinung nach, ſeinen Geiſt durch Ueberſpan⸗ nung verwirrt hatte. Als er nun einſt zum Volke redete, ſagte man ihm, ſeine Mutter und ſeine Brüder, zu⸗ rückgehalteh durch die ihn umgebende Menge, harrten draußen und wünſchten ihn zu ſprechen.“ * Matthäus 12. V. 46— 50. Markus 3. V. 31— 35. Lukas 8. V. 19— 21. 53 Jeſus, dem das böswillige Gerücht genugſam bekannt war, und der den Zweck dieſes Be⸗ ſuches ſeiner Verwandten wohl erkannte, wandte ſich voll heiligen Ernſtes zu ſeinen Jüngern, ſtreckte ſeine Hände über ſie, und ſprach:„Sehet hier meine Mutter und Brüder!— Denn Jeder der nach dem Willen meines Vaters, der im Himmel iſt, thut, der iſt mein Bruder, meine Schweſter und meine Mutter!“— Zu den Phariſäern aber ſich wendend ſprach er:„Was ihr wider mich redet und thut, das verzeihe ich euch gern; nur hütet euch und ſprecht nicht gegen eure eigene Ueberzeugung, verleugnet den göttlichen Geiſt nicht, der in euch wohnt, und handelt nicht gefliſſentlich gegen das ſelbſt als gut Anerkannte; denn dieſes iſt die größte, die unverzeihlichſte der Sünden, die Sünde gegen den heiligen Geiſt der Wahrheit. An euren Werken wird man euch erkennen; aber auch für eure un⸗ nützen Worte ſeyd ihr verantwortlich.“ 54 Ein andermal, als Jeſus, ſeiner Gewohn⸗ heit nach die Jünger lehrend, in der freien Na⸗ tur wandelte, gewahrte er, daß das Volk, wel⸗ ches ihn bemerkt hatte, herbei ſtrömte. Er zog ſich daher nach dem Geſtade des nahgelegenen Sees, ſetzte ſich in ein Schiff, lehrte von da aus das Volk nach orientaliſcher Weiſe in Gleich⸗ niſſen, und ſprach unter Anderem:„Es ging ein Säemann aus zu ſäen und, indem er den Saamen auswarf, fiel Einiges an den Weg; und die Vögel kamen und fraßen es weg. An⸗ deres fiel auf ſteinigen Grund, wo es nicht viel Erde hatte, da ging es zwar bald auf; aber weil es keine Wurzel hatte, verdorrte es im Sonnenſcheine. Einiges fiel unter die Hecken, die Hecken aber wuchſen auf und erſtick⸗ ten es. Wieder Anderes aber fiel in gutes Erdreich und brachte reichlich Frucht, Einiges? * Matthäus 13. V. 1—58. Markus 4. V. 1—34. Lukas 8. V. 4— 18. zu hundert, Einiges aber zu ſechzig, Anderes dreißigfältig.“— Als Jeſus mit ſeinen Lehrſchülern allein war, frugen ihn dieſe, warum er mit dem Volke in Gleichniſſen rede:„Ihr“— antwortete der Meiſter—„ſeyd durch Uebung wohl im Stande Wahrheiten, die ich euch nackt und einfach gebe, zu verſtehen; Jene aber ſind in ihrer geiſtigen Bildung noch nicht ſo weit, das Geiſtige und Unſinnliche ohne Bild faſſen zu können. Wer einmal Uebung im Verſtändniß hat, deſſen Be⸗ greifen und Wiſſen wird leicht vermehrt, und er kann es ohne große Mühe dahinbringen, reich an geiſtigen Schätzen zu werden. Wer aber die Fähigkeit zu begreifen nicht hat und ſich nicht Mühe gibt, ſie zu erlangen, der wird auch dieſe natürliche Anlage leicht verlieren. Deswegen ſpreche ich zu ihnen in Gleichniß⸗ reden, weil ſie, phyſiſch ſehend und hörend, geiſtig blind und taub ſind.“ „Was nun das eben erwähnte Gleichniß 56 betrifft, iſt deſſen Sinn folgender: Die Saat iſt die Lehre von dem Willen Gottes. Wer dieſe hört, ſich aber durch äußere Eindrücke oder ſeine Leidenſchaften zerſtreuen läßt, bei dem iſt die Rede gleich dem an den Pfad Geſüeten.“ „Der hingegen gleicht dem Felſenboden, der die Botſchaft mit Freuden aufnimmt, in deſſen Herz ſie aber keine Wurzel ſchägt; und der von Widerwärtigkeiten bedrängt, oder von Unannehmlichkeiten bedroht, zaghaft zurücktritt“ „Wer die Lehre hört, ſich aber durch die Sorgen des Reichthums und des Lebensgenuſ⸗ ſes bethören läßt, ſo daß jedes edlere Gefühl in ihm erſtickt, bei dieſem hat das Wort Got⸗ tes gleiches Schickſal mit dem in die Hecken gefallenen Saamen.“ „Auf gutes Land fällt aber der Saamen der Gottſeligkeit bei Jenen, welche die Lehre in einem ſchönen und guten Gemüthe aufneh⸗ men; ſie wird reichlich Früchte bringen bei Je⸗ dem nach ſeinen Anlagen!“— 57 Eein anderes Gleichniß legte er dem Volke vor, und ſprach:„Das Himmelreich iſt gleich einem Menſchen, der guten Saamen auf ſei⸗ nen Acker ſäete. Während aber die Leute ſchlie⸗ fen, kamen ſeine Feinde und ſäeten Unkraut mitten unter das Getraide, und gingen davon. Als nun die Saat hervorſproßte und Früchte trieb, kam auch das Unkraut zum Vorſchein. Da traten die Knechte zum Hausvater und ſprachen: Herr, haſt du nicht guten Saamen auf deinen Acker geſäet? woher hat er denn das Unkraut? Er aber antwortete ihnen: Ein feindlicher Menſch hat dies wohl gethan. Die Knechte aber ſagten: Willſt du nicht, daß wir hingehen und es ausjäten?— Nein entgegnete der Hausvater, ihr möchtet ſonſt, indem ihr das Unkraut ausjätet, mit demſelben zugleich das Getraide ausreißen. Laſſet beide mitein⸗ ander auswachſen bis zur Erndte. Dann will ich den Schnittern befehlen: Sammlet vorerſt das Unkraut, und bindet es in Bündel zuſammen, 58 daß man es verbrenne; das Getraide aber ſammelt in meine Scheune.“— „So fällt der gute Saamen der göttlichen Wahrheitslehre auf den großen Acker der Welt. Er geht auf in den Herzen derer, die ſie an⸗ nehmen; aber die Feinde des Guten, verkehrte, böswillige Menſchen,(auch die eigene Sinn⸗ lichkeit) benutzen die Zeit der Schwäche und ſäen die böſe Frucht. Der allgütige Gott aber läßt dem Verirrten Zeit, ſeine Verkehrtheit ein⸗ zuſehen und ſich zu ändern; wenn er aber dennoch verſtockt bei ſeinem Eigenwillen verharrt, wer⸗ den, während Seelen⸗Ruhe und innere Glück⸗ ſeligkeit den Guten lohnen, Gewiſſensbiſſe und Verzweiflung den Schlechten martern und ver⸗ folgen; und zwar nicht nur in dieſem irdiſchen Leben, ſondern fort durch alle künftige Leben und ſo lange bis er reuig ſeinen Irrthum be⸗ kennt und ſich beſſert.“ Und Jeſus fuhr fort und ſprach:*„Das * Lukas 13. V. 18 und 19. 59 Himmelreich iſt ferner ähnlich einem Senfkorn, das ein Menſch nimmt und in ſeinen Acker ſäet. Es iſt zwar unter den Saamen eines der kleineren; wenn es indeſſen aufgewachſen iſt, ſo wird es größer als alle Kräuter und wird ein Baum, und die Vögel des Himmels kommen und niſten unter ſeinen Zweigen.“— „Auch die Anweiſung zum ſeligen Leben, die ihr empfangt, ſcheint vielleicht Manchem geringfügig und verächtlich; aber wer ſie auf⸗ nimmt im bereitwilligen Herzen und ſie Wur⸗ zel ſchlagen läßt und pflegt, ſehet, bei dem wird ſie wachſen und er wird in ihrem ergquickenden Schatten ausruhen von den Beſchwerden des Lebens, und himmliſche Freuden werden bei ihm einkehren und ihn reichlich belohnen.“ „Weiter gleicht das Himmelreich einem Schatze, der in einem Acker verborgen liegt. Findet ihn Jemand, ſo verbirgt er ihn wieder und geht voll Freude darüber hin, verkauft Alles was er hat und kauft dieſen Acker.“ 60 „Oder es gleicht wiederum das Him⸗ melreich einem Handelsmann, der gute Per⸗ len ſucht. Wenn er aber eine recht koſtbare Perle gefunden hat, ſo geht er hin, verkauft Alles was er beſitzt und kauft dieſelbe. Wer alſo die Seligkeit in Gott erlangen will, der werfe das Irdiſche von ſich und folge meiner Lehre.“ „Noch iſt das Gottesreich einem großen Netze ähnlich, welches, in das Meer geworfen, alle Gattungen von Fiſchen zuſammenfaßt. Iſt es voll, ſo zieht man es heraus, ſcheidet das Gute von dem Faulenden und wirft ſolches hin⸗ weg. Alſo wird es immer ſeyn im Gottesreiche, denn alles Unreine wird von ihm ausgeſtoßen, immer und ewiglich, und die Gottwidrigen werden nicht ruhe finden bis an das Ende ihrer Bosheit.“ Um jene Zeit brachten die Jünger Johan⸗ nis Jeſu die traurige Nachricht, daß Herodes ihren Lehrer, den kühnen Vertheidiger der Wahr⸗ 61 heit und Sittlichkeit, habe hinrichten laſſen.“* Jeſus betrauerte ſeinen Freund auf das Innigſte und ſuchte, niedergebeugt von Kummer über den frühen Tod dieſes edlen Menſchen, die Einſamkeit. Allein das Volk hatte bald erfah⸗ ren, wo er ſich hinbegeben hatte, es ging ihm nach und ſuchte ihn, bis es ihn fand. Und Jeſus, der nie verdroſſene, unermüdlich zum Guten bereite Menſchenfreund, erhörte gern ihr Bitten. Er wandte ſich zu ihnen und lehrte ſie. Als nun aber der Abend heranrückte, tra⸗ ten ſeine Lehrſchüler zu ihm und ſagten:„Der Ort hier iſt öde, und es iſt ſchon ſpät; entlaß das Volk, damit es gehe und Nahrung und Obdach ſuche.“ Jeſus aber ſprach:„es iſt nicht nöthig, daß ſie hingehen, ich will für ihre Sättigung Sorge tragen.“ * Matthäus 14. V. 1—21. Markus 6. V. 14— 44. Lukas 9. V. 7— 17. Jvohannis 6. V. 1— 15. 62 „Wie iſt dies möglich?“ entgegneten ihm ſeine Jünger,„wir haben hier nichts als fünf Brode und zwei Fiſche, und ihre Anzahl be⸗ läuft ſich hoch in die Tauſende.“* Jeſus aber ordnete an, daß ſich Alle nie⸗ derlegten, Tiſchgeſellſchaft zu Tiſchgeſellſchaft, (wie ſie bei den Karawanen zuſammen gehör⸗ ten). Dann nahm er das Brod und die Fiſche, ſprach nach damaliger Sitte ein Lantgebet, zertheilte die wenigen Speiſen und gab ſie ſei⸗ nen Jüngern, ſie hinzulegen dem Volke, damit davon nehmen möge, wer etwa ſelbſt Nichts habe. Durch dieſe edle Gaſtfreund⸗ ſchaft, die ja wie allbekannt im Orient als eine der erſten Tugenden galt, aufgefordert, wurde die Menge zu ſchöner Nacheife⸗ rung erweckt. Niemand wollte zurückſtehen; wer mehr Vorrath hatte, als er für ſich bedurfte, * Matthäus 14. V. 22—36. Markus 7. V. 45—53. Johannes 6. V. 15—21. 82. theilte freudig den Aermeren mit, und ſo wur⸗ den nicht nur Alle geſättigt, ſondern es blieben ſogar noch ſoviel Reſte übrig, daß man mehre Körbe damit füllen konnte. ¹6 Es iſt ſehr natürlich, daß dieſe Geiſtesge⸗ genwart Jeſu und die Aufmerkſamkeit und Theil⸗ nahme, welche er gegen die Armen dabei be⸗ wies, einen großen Eindruck auf die Menge und hauptſächlich auf den ärmeren Theil der⸗ ſelben machte. Das iſt wahrhaft der rechte Meſſias, rufen ſie aus: Solch ein liebevoller, für unſere Bedürfniſſe ſo aufmerkſamer Mann muß unſer König ſeyn. Jeſus aber ſieht mit Bedauern, daß die Begeiſterung des Volkes dieſe Richtung nimmt. Weit entfernt, ſich ihrer Hoffnung auf gewalt⸗ thätige Umänderung ihres dermaligen Zuſtan⸗ des anzuſchmiegen, will er ja nur durch mora⸗ liſche Beſſerung eine glückliche Veränderung für ſie herbeiführen. Er trieb alſo die Seinigen an, ſich nach 64 dem für ſie bereiten Schiffe zurückzuziehen, während er das Volk auf eine gute Att zu entlaſſen ſuchen wollte Nachdem dies geſche⸗ hen, begab er ſich auf einen Berg, um in ſtiller Gemüthſammlung ſich in der Betrachtung Got⸗ tes zu erquicken und für die Ausführung ſeiner edlen Entſchlüſſe zu kräftigen. Schon war es tiefe Nacht geworden, als er den Berg verließ. Das Schiff, in welchem ſich die Jünger befanden, ſteuerte nach dem jen⸗ ſeitigen Bethſaida Galiläa's. Ein heftiger, ihnen widriger Wind hatte ſich erhoben, und ſie muß⸗ ten daher mühſam mit den Elementen kämpfen. Als ſich nun die vierte Nachtwache näherte und die Morgendämmerung allmählig anbrach, ge⸗ wahrten die Schiffenden, welche ſich nach Art der Alten in der Nähe des Ufers hielten, von Ferne eine Geſtalt. Durch Schlafloſigkeit und Anſtrengung aufgeregt, glaubte ihre erhitzte Einbildungskraft ein Geſpenſt zu ſehen, weßhalb ſie vor Furcht laut aufſchrieen.— Es war Jeſus, 65 welcher, auf dem höher liegenden Ufer wandelnd, an ihnen vorübergehen wollte. Als er ihr Schreien hörte und daraus ihre Angſt erkannte, rief er ihnen zu:„Seyd doch ruhig und getroſt; ich bin es ja, fürchtet euch nicht!“— Noch zweifelte Petrus, ob es wirklich der Meiſter ſey, er rief daher:„„Herr, wenn du es biſt, ſo heiße mich über das Waſſer zu dir kommen!““— „So komme!“— entgegnete Jeſus, und Petrüs ſtieg aus dem Schiffe, und ſchwamm durch das Waſſer, Jeſum zu erreichen. Gegen das Ufer aber, wo die Brandung ſtärker wurde, verliert der Schwimmer das Vertrauen und furchtet zu ſinken.„„Rette mich, Herr!““ ruft er daher dem Naheſtehenden zu, und ſogleich ſtreckte Jeſus die Hand aus, faßte ihn und zog ihn heraus, indem er mit leiſem Vor⸗ wurfe ſprach:„Kleingläubiger, warum ver⸗ zagſt Du?“— m. 5 66 Indeſſen hatte ſich auch das Schiff dem Geſtade genähert, und Jeſus ſtieg nun mit Petrus wieder ein. Da ſich zu gleicher Zeit der Wind legte, oder Jeſus ihnen eine Richtung angab, die dem Winde weniger ausgeſetzt war, ſo entſtand darüber allgemeine Bewunderung.* Obgleich ſich Jeſus nach jener Speiſung der aufgeregten Volksmenge entzogen hatte, waren doch Viele, welche ihre Hoffnung, ihn als Volksanführer an ihre Spitze zu ſehen, noch nicht aufgaben. Sie folgten daher den kommen— den Tag der Spur des großen Rabbi und fanden denſelben in der Synagoge zu Kapernaum.* Auf ihre Frage, wann Jeſus dahin gekom⸗ men ſey? nicht eingehend, lenkte er die Rede ſogleich auf den Beweggrund ihres Nachfolgens. „Warum ſeyd denn ihr mir gefolgt?“ hub er an,„wahrlich nicht, weil ihr in meiner Handlungsweiſe erkannt habt, daß ich den 67 göttlichen Sinn auf Erden zu verbreiten ſtrebe, ſondern weil ihr durch meine Veranlaſſung ſart geworden ſeyd.“ „So bewerbet euch doch nicht immer nur um Speiſe, die vergänglich iſt, ſondern um die Speiſe, welche bis in's ewige Leben dauert, und die ich euch ja täglich reiche. Nicht Moſe hat euch Brod vom Himmel gegeben, ſondern der gütige Vater gibt euch durch mich das wahre Himmelsbrod. Denn meine Lehre iſt das Brod Gottes, welches vom Himmel kommt und der Welt das geiſtige Leben gibt; wer zu mir kommt, und meinen Worten glaubt, den wird nicht mehr(im Geiſte) hungern noch durſten. Seht, ich bin ja gekommen nicht um meinen Willen zu thun, ſondern den Willen deſſen, der mich geſandt hat. Der Wille meines Gottes aber iſt, daß ich euch Alles mittheile, was ich von ihm habe; Alles lehre, was ich als göttlich erkannte, und auch in euch die gleiche Hingabe an ſeinen heiligen Willen erwecke.“ 68 Da murrten die Juden und ſprachen unter— einander:„„Wie kann er ſagen, er ſey von Gott geſandt; wiſſen wir doch Alle, daß er des Joſeph und der Maria Sohn iſt. Wie kann er denn nun behaupten, vom Himmel gekommen zu ſeyn?““ Und Jeſus, der ihre Reden vernommen hatte, antwortete:„Was murret ihr? Verſteht mich nur recht. Niemand hat den Vater mit leiblichen Augen geſehen. Nur wer das Weſen der Gottheit und ihr Verhältniß zu den Men⸗ ſchen richtig erkannt hat, der hat ſie gleichſam geiſtig geſehen. Wahrlich, wahrlich! wer mir dies glaubt, hat ſchon in ſich das ewige Leben. Ich bin das Brod des Lebens. Eure Väter haben Manna gegeſſen in der Wüſte und ſind geſtorben. Hier aber reiche ich euch in meiner Lehre eine Seelenſpeiſe vom Himmel, damit Keiner, der ſie genießet, ſterbe; und wer von dieſem Brode ißt, der wird leben in Cwigkeit.“ 69 „Und das Brod, das ich geben werde, iſt wie mein Fleiſch, für das Leben der Welt.“ (d. i. Aber auch mein irdiſches Daſeyn will ich hingeben für das geiſtige Leben der Menſchen.)— „Sehet! wie der Körper nicht von dem Anſchauen der irdiſchen Nahrungsmittel leben fann, ſondern, ſoll er kräftig gedeihen, dieſelben verzehren und verdauen, und ſie dadurch zu Theilen ſeiner ſelbſt machen muß; ſo reiche ich eurer Seele in meiner Lehre, welche in mir ſo zum Leben geworden iſt, daß ſie gleichſam mein Fleiſch und Blut, meine ganze Eriſtenz bildet, eine geiſtige Nahrung, die aber ebenfalls nicht allein gehört werden darf, ſondern die euer Geiſt, ſoll ſie ihm zur Kräftigung und zur Herbeiführung eines edleren und glücklicheren Zuſtandes dienen, auch verſtehen, verdauen, und ſich dadurch ſo aneignen muß, daß dieſelbe mit eurem ganzen Weſen und Seyn Ein's wird. Darum wiederhole ich, wer mich, als die Per⸗ ſonification,(die lebendige Darſtellung) meiner 70 Lehre nicht geiſtig verzehrend zu ſeinem eigenen ſelbſt macht, der wird und kann nie das oft erwähnte ſelige Leben, das ja gerade durch dieſe Aneignung bedingt iſt, erringen.“ Viele aber, die Jeſu nachgefolgt waren und dieſe Worte vernommen hatten, konnten dem begeiſterten Fluge des Redners nicht folgen. Während ſich nun der unſterbliche Weiſe be⸗ mühte, die Grundſätze ſeiner Lehre dem Volke durch ſinnliche Bilder näher zu bringen, weil ſie, wie er ſich ſelbſt ausdrückte, mit offenen Augen nicht ſahen und mit hörenden Ohren nicht hörten noch verſtanden, hielten ſich dieſe dennoch nur ſtreng an das Wort und haſch⸗ ten nach dem Bilde, während ihrem trägen Geiſte der tiefe Sinn der Gleichniſſe entſchlüpfte. So ging es auch hauptſächlich diesmal, und Manche konnten ſich daher des Murrens gegen dieſe, wie ihnen dünkte, harten Worte nicht enthalten. Als dies der Meiſter vernahm, ſprach er die wichtigen, bei ſeinen Lehren nie zu 71 vergeſſenden Worte:„Der Geiſt iſt es, der da lebendig macht. Die Form nütztnichts. Die Worte, die ich zu euch geredet habe, ſind Geiſt und Leben.“ Viele aber, die ſich in ſeinem Vorhaben getäuſcht, und ſtatt einem nach Ruhm und irdi⸗ ſcher Herrſchaft ſtrebenden, einen Lehrer geiſtiger Wahrheit und ſittlichen Lebens gefunden hatten, verließen ihn. Mit Bekümmerniß gewahrte Jeſus auf's Neue, wie wenig noch ſein Volk eines geiſtigen Aufſchwunges fähig ſey, und tief betrübt wandte er ſich zu ſeinen Auserwählten und frug:„Wollt ihr nicht auch weggehen?“ Sie aber nahten ſich dem größten der Menſchen voll Ehrfurcht und Liebe, und Petrus rief: „„Ach, Herr! zu wem ſollten wir denn ſonſt gehen, der herrlicher wäre denn du?— Du haſt Worte des ewigen Lebens!““— Es wurde ſchon oben erwähnt, daß die Phariſäer und Schriftgelehrten, die in der Lehre des Nazareniſchen Propheten den Untergang 72 ihrer Herrſchaft klar vor Augen ſahen, die größte Aufmerkſamkeit auf das Verhalten Jeſu und ſeiner Jünger verwandten, um wo mög⸗ lich Stoffe zu einer paſſenden Anklage bei Volk und Gericht zu finden. Aber vergebens war ihr Bemühen, ſie konnten in dem untadelhaften Wandel Jeſu keine Anſtößigkeit entdecken. Allen politiſchen Aufreizungen fern, ſelbſt den ge⸗ ringſten Anlaß zu einer, in den Augen der Regierung zweideutigen oder verdächtigen Be⸗ wegung des Volkes, welches, oft genug irre⸗ geleitet durch die falſchen Auslegungen der auf einen Erretter Iſraels hindeutenden poetiſchen Stellen der alten Seher und Propheten, ihn zu ihrem Könige ausrufen wollte, ſorgfältig vermeidend; konnten ihn ſeine Feinde keines Vergehens gegen den Staat zeihen. Es blieb ihnen daher nichts anderes übrig, als auf den Grund des, den Maſſen noch immer heiligen Moſaiſchen Geſetzes ihre Anklagen zu ſtützen, um Jeſu, welcher ſtets auf geiſtiges, nicht aber 73 auf leer formelles Weſen dringend, daher manche der längſt veralteten Moſaiſchen Gebräuche gerne überſah, wegen Nichtachtung und Uebertretung dieſer Geſetze, in den Augen der beſchränkten Menge zu verdächtigen. Als zum Beiſpiel eines Tages die Phari⸗ ſäer bemerkten, daß ſich die Jünger Jeſu zu Tiſche legten und aßen, ohne vorher dem Mo⸗ ſaiſchen Gebrauche durch das Waſchen ihrer Hände Genüge geleiſtet zu haben, traten ſie zu ihm und ſprachen:„„Warum gibſt du zu, daß deine Jünger die Ueberlieferung der Alten über⸗ treten? denn ſiehe, ſie eſſen und haben ihre Hände zuvor nicht gewaſchen!““*— Da entgegnete Jeſus:„Warum übertretet denn ihr Gottes Gebote, eurer Ueberlieferung wegen? Gott hat ausdrücklich befohlen: Ehre Vater und Mutter!— Ihr aber lehrt: Wenn * Mätthäus 15, V. 1— 20. Markus 7, V. 1— 23. Lukas 11, V. 37 und ff. 5 74 Jemand uur die Tempelgabe gibt, ſo hat er für ſeine Aeltern genug gethan, denn der Segen für dieſe Gaben fällt auch auf die Seinen zu⸗ rück!— Hebt ihr nicht Gottes heiligſte Gebote durch ſolche Spitzfindigkeiten, eben eurer Ueber⸗ lieferung und eures Nutzen wegen auf?— Ihr Heuchler! treffend paßt auf euch was Jeſaias geſagt hat: Mit den Lippen nur ehrt mich dies Volk, ſein Herz aber iſt weit von mir entfernt! Aber ſie ehren mich vergeblich, denn ihre Lehren ſind nur i und gebote.“— „Wie fromm ſcheint ihr Phariſäer von Außen; aber euer Inneres iſt voll Raubgierde und Bosheit. Wehe euch! ihr, die ihr den Schlüſſel der Erkenntniß(als Volkslehrer) au euch geriſſen habt; ihr ſelbſt benutzt ſie nicht, und denjenigen, die ſie gern ergreifen vuwen denen enthaltet ihr ſie vor.“ Hierauf wandte ſich Jeſus zum Volke und ſprach:„Höret und faſſet es doch: Nicht was 75 in den Mund eingeht, verunreinigt den Men⸗ ſchen; ſondern was aus dem Munde heraus⸗ tommt, das macht den Menſchen unrein.“ Da traten ſeine Jünger zu ihm und ſpra⸗ chen:„„Weißt du, daß die Phariſäer ſich geärgert haben, als ſie deine vorhin geſprochenen Worte hörten?““ Er aber antwortete:„Jede Pflanze, die mein himmliſcher Vater nicht gepflanzt hat, wird von der Wurzel ausgerottet werden. (Alle Menſchenſatzungen, die nicht in dem Sinne des Gotteswillen abgefaßt und mit dieſem, und dem Ausdrucke der reinen Vernunft harmoniren, müſſen der Zeit weichen.) Laſſet ſie in⸗ deſſen, ſie ſind blind und Führer der Blinden. Wenn aber ein Blinder einem Blinden den Weg weiſet, ſo fallen beide in die Grube.“ Da fiel ihm Petrus in die Rede und ſprach: „Erkläre uns doch jenes Gleichniß über Ver⸗ unreinigung und Nichtverunreinigung.““ „Wie!“ frug Jeſus verwundert,„ſeyd denn 76 auch ihr noch immer ſo ſchwer begreifend? Wiſſet ihr denn nicht, daß alles, was zum Munde eingeht, wie die Speiſen, in den Magen kommt und ſeinen natürlichen Ausgang nimmt? Was aber aus dem Munde geht, das kommt aus dem Herzen, und das macht den Menſchen unrein. Denn in dem Herzen entſtehen die böſen Gedanken und verleiten zu Lügen und Läſterungen und allen ſonſtigen böſen Thaten. Dieſe Dinge aber ſind es, die den Menſchen verunreinigen; aber mit ungewaſchenen Hän⸗ den eſſen, das macht den Menſchen nicht unrein.“— Jeſus ſah indeſſen die Erbitterung ſeiner Feinde mächtig ſteigen; er fand es daher fur räthlich, ſich nach der Gegend der Handels⸗ ſtädte Tyrus und Sidon zurückzuziehen, um ihren Auflaurern auf einige Zeit zu entgehen. Natürlich iſt es deßwegen, daß er, alle Oeffent⸗ lichkeit vermeidend, die Cananäerin, welche um der Heilung ihrer Tochter wegen zu ihm kommt, 77 von ſich zuruͤckzuweiſen ſucht. Aber die Angſt einer Mutter, der unumſtößlich feſte Glaube einer Ausländerin, beſiegten ſein edles Herz, und er willfährt ihren Bitten.* Bald darauf ſah ſich Jeſus auf's Neue in dem Falle, die Gaftfreundſchaft einer bedeu⸗ tenden Volksmaſſe durch die ſeine zu entflam⸗ men, und es gelang ihm auch dieſesmal voll⸗ kommen. ¹6** Und wiederum kamen die Phariſäer und Sadduzäer zu ihm und verlangten, daß er, da alle Welt von ſeinen Wunderthaten erzähle, auch vor ihren Augen einmal ein ſolches Zeichen ſeiner überirdiſchen Kräfte geben ſolle. Jeſus ant⸗ wortete:„Ihr kennt als Gelehrte doch ſelbſt die Kräfte der Natur und deren ewige Regeln, welche zu überſchreiten Niemand möglich iſt; die aber den Weiſen untrüglich leiten, * Matthäus 15. V. 21—28. Markus 7. V. 24—30. ** Matthäus 15. V. 29—39. 78 und die, von ihm zweckmäßig ange⸗ wandt, allerdings oft für die Unge⸗ bildeteren ſcheinbar Wunder wirken.“* „Ihr weiſſaget bei Abendroth ſchönes, und bei Morgenroth übles Wetter. Richtige Fol⸗ gerungen auf Beobachtung der Natur und Er⸗ fahrung geſtützt. Seyd ihr denn nun nicht im Stande, aus den Zeitverhältniſſen ſchließen zu können, daß eine neue geiſtige Umgeſtaltung an der Zeit iſt?— Gewißlich wird euch verſtockten Sündern kein anderes Zeichen gegeben wer⸗ den, als das Zeichen des Propheten Jonas. Denn wie jener unter den Niniviten Buße predigend auftrat, ſo ſtehe ich unter euch mit gleichem Beginnen; und ſind meine Lehren und Handlungen nicht Zeichen genug für ſich und mich?!“— Und betroffen von der Wahrheit ſeiner Rede ließ er ſie ſtehen und ging fürbaß. * Matthäus 16. V. 1—4. Markus 8. V. 11—13. 79 Im Weitergehen frug er die Jünger:„Wo⸗ für halten mich die Leute?“* Sie antworteten:„„Einige glauben du feyſt Johannes der Täufer; andere, du ſeyſt Elias, oder ſonſt ein Prophet!““ „Ihr aber„ fuhr Jeſus fragend fort,„für wen haltet ihr mich denn?“ Und Petrus antwortete:„„Du biſt Chri⸗ ſtus, der Sohn des lebendigen Gottes!““— Jeſus aber erwiderte:„Selig biſt du, Si⸗ mon, Jonas Sohn! denn du haſt die wahre, nur aus der Erkenntniß Gottes fließende Ueber⸗ zeugung. Du biſt mit Recht ein Fels genannt, auf dich hauptſächlich ſtütze ich die Hoffnung der Ausbreitung meiner Lehre, und das Böſe in der Welt wird ſie nicht überwältigen. Eben in dieſer meiner Lehre haſt du die Schlüſſel des Himmelreichs. Bedenke daher wohl, welche Verantwortlichkeit *Mutthäus 16. V. 13—26. Markus 8. V. 27—38. Lukas 9. V. 18—27. 5ch 80 auf dir laſtet; denn wem du dieſe Troſt⸗ lehre nicht verkündigeſt, dem wird die Anleitung, ſelig zu werden, dadurch vor⸗ enthalten; wem du die Freudenbotſchaft aber mittheileſt, dem iſt der Himmel mit aller ſeiner Seligkeit geöffnet.“ WVon dieſer Zeit fing Jeſus an, ſeine Jün⸗ ger darauf vorzubereiten, daß er irdiſche Ver⸗ folgungen nicht werde vermeiden können; ja, daß er wohl die Wahrheit ſeiner Lehre mit ſeinem Tode werde beſiegeln müſſen. Da dies Petrus hörte, nahm er Jeſum auf die Seite, und frug ihn, wie denn dies mit ſeinem Plane, ein neues Meſſianiſches Reich zu gründen, vereinbar ſey. Verwundert blickte der Meiſter den an, welcher ſo eben erſt den Geiſt ſeiner Lehre ſo ſchön gefaßt zu haben ſchien und ſprach:„Petrus, Petrus, dies iſt die Verſuchung der Sinnlich⸗ teit, die auch ich einſt hatte. Ich habe nich in dir getäuſcht, du haſt immer noch keinen rechten Sinn für das wahre Göttliche, ſondern 8 nur fur das Irdiſche.— Wollt ihr mir nach⸗ folgen,“ fuhr Jeſus, ſich zu den andern Jün⸗ gern wendend, fort,„ſo gebt nicht nur die ſtolze Idee eines irdiſchen Reiches auf, ſondern ent⸗ ſagt vielmehr allem Irdiſchen zu Gunſten des Geiſtigen, und nehmet das, was ihr leiden müßt, geduldig auf euch. Denn was nützte es dem Men⸗ ſchen, wenn er die ganze Welt gewänne, an ſeiner Seele aber ſchaden leiden würde? Oder was für einen Erſatz kann es geben für die Ruhe der Seele?“ Nach Verlauf von ſechs Tagen begab es ſich,* daß Jeſus in Geſellſchaft des Petrus, Jakobus und deſſen Bruder Johannes einen hohen Berg beſtieg, um in ſtiller Abgeſchieden⸗ heit von dem Gewühle der Menge, in Mitten der herrlichen Natur, über die fernere Ausfüh⸗ rung ſeines hohen Planes nachzudenken, und wohl auch dieſe, ſeine Lieblings⸗Jünger, auf die * Matthäus 17. V. 1—9. Markus 9. V. 1— 12. Lukas 9. V. 28—36. m. 6 ihm augenſcheinlich bevorſtehenden Gewaltthaten vorzubereiten. Vom langen Gange ermüdet, lagerten ſich die Begleiter Jeſu, und während ihr Meiſter in Gedanken vertieft auf und abwandelte, drückte ein labender Schlummer die Augen der Müden zu Als ſie nun nach einiger Zeit erwachten, ſahen ſie Jeſus in einiger Entfernung. Himm⸗ liſches Entzücken war über ſeine edlen Züge ver⸗ breitet, ſeine Augen ſtrahlten hohe Begeiſterung und ſeine Lippen bewegten ſich wie in heiliger Rede.— Da ſtaunten die Jünger und dachten, er ſpreche mit den Geiſtern einer beſſern Welt. Aber tief in ihrem Herzen ſprach eine Stimme: Wahrhaftig, wer ſo beten kann, wen fromme Begeiſterung den himmliſchen Weſen ſo nahe rückt, der muß hoch ſtehen in der Liebe des ewigen Vaters, und wahr und heilig muß ſeine Lehre ſeyn. Und ſie faßten auf's Neue den feſten Vorſatz, dem Beiſpiele dieſes erhabenen Menſchen in allen Dingen zu folgen. 83 Jeſus aber zog ſich in der Stille mit ſeinen Jüngern nach Galiläa zurück. Unterweges wie⸗ derholte er ihnen öfter, worauf er ſie ſchon früher vorbereitet hatte und ſprach:„Ich werde wohl bald durch meine Feinde den Gerichten ausgeliefert werden, und mein Ende wird ſeyn, wie das des Johannes und ſo vieler Gottbe⸗ geiſterter. Aber verzaget nicht, mein Geiſt wird auferſtehen aus der Nacht des leiblichen Todes und über euch kommen und euch leiten.“ Die Zeit des Paſchahfeſtes 17 rückte allmäh⸗ lig heran, als Jeſus,* begleitet von den Seinen und einer zahlreichen Volksmaſſe ſich dem Gali⸗ läiſchen Städtchen Nain näherte. An dem Thore angelangt, verſperrte ihnen ein Leichenzug den Eingang in daſſelbe und nöthigte Jeſu zu einem Verweilen. Es war ein Jüngling, welchen man dahertrug, der einzige Sohn einer armen Wittwe, die, ihre verlorene Stütze beweinend, der Bahre * Luk. 7. V. 11—17. 6* 84⁴ folgte Bewegt nahte ſich Jeſu der Troſtloſen, ſie ſanft aufrichtend, und als er ſich ſo über den Jüngling bückte, gewahrte der erfahrene Meiſter, daß der unglückſelige Gebrauch, die Todten in der größten Eile zu beſtatten, beinahe wieder ein trauriges Opfer gekoſtet hätte. „Halt!“ ruft er den Trägern zu,„ſetzt nieder!“ — und ſich zu dem Scheintodten wendend, ſpricht er zu dem ſich ſchon nach und nach Er⸗ holenden:„Jüngling, ſtehe auf!“ Welche Freude der Mutter, welch' Staunen des ungebilbeten Volkes.„„Ein neuer Prophet iſt unter uns erſtanden,“ jauchzen ſie,„„Gott hat ſich ſeiner Nation wieder erbarmt!““— Und der Ruf, Jeſu erwecke Todte, ging von Munde zu Munde. Zu jener Zeit kam ein Geſetzlehrer zu Jeſu und frug ihn:„„Meiſter, im Geſetze ſteht: Du ſollſt deinen Nächſten lieben wie dich ſelbſt. Wer aber iſt denn mein Nächſter?““* * Lukas 10. V. 25— 37. 85 Jeſu erwiderte und ſprach: „Es ging ein Menſch von Jeruſalem nach Jericho hinab und fiel unter die Räuber; dieſe plünderten ihn aus und ließen ihn halbtodtgeſchla⸗ gen liegen. Von ungefähr reiste ein Prieſter die⸗ ſelbe Straße hinab, ſah ihn liegen und ging vor⸗ über Gleicherweiſe kam auch ein Levit an den Ort, ſah ihn und ging vorüber. Ein reiſender Sama⸗ riter aber kam zu ihm, und als er ihn ſah, erbarmte er ſich. Er verband die Wunden des Unglücklichen, labte ihn, ſetzte ihn auf ſein Laſt⸗ chier, führte ihn in eine Herberge und ſorgte für ihn.— Welcher nun von dieſen Dreien ſcheint dir der Nächſte von dem geweſen zu ſeyn, der unter die Räuber fiel?“ Jener ſprach:„„Der, welcher Barmherzigkeit an ihm gethan hat.““ „Gut,“ antwortete Jeſus,„gehe hin und thue deßgleichen.“— Es geſchah nun, da ſie lehrend umherzogen,“ „* Lukas 10. V. 38—42. 86 ging Jeſus in einen Flecken; und ein Weib mit Namen Martha nahm ihn in ihr Haus auf. Sie hatte eine Schweſter, die Maria hieß. Während nun dieſe Letztere ſich zu den Füßen des Meiſters ſetzte und mit Aufmerkſamkeit ſeine Reden anhörte, war jene auf das Eifrigſte be⸗ ſchäftigt, dem geliebten Lehrer und Freunde den Aufenthalt ſo angenehm als möglich zu machen, und ihn recht gut zu bedienen. Als ſie nun ſah, daß ihre Schweſter an ihren Sor⸗ gen keinen Theil nehmend, bei dem Gaſte ſaß; trat ſie hinzu und ſprach:„Herr, kümmert es dich nicht, daß mir meine Schweſter die Bedie⸗ nung ganz allein überläßt? Sage ihr doch, daß ſie mir helfe.““ Und der Herr antwortete ihr:„Martha! Martha! es iſt wahr, du biſt ſorgfältig für mein leibliches Wohlſeyn bemüht; aber du beun⸗ ruhigſt dich mit zu vielen Dingen. Nur Eines iſt Noth; vor allem Andern für das geiſtige Leben zu ſorgen, und Maria hat den beſten 87 Theil erwählt, der ihr nicht kann genommen werden.“ So war es ſtets eine Hauptſorge Jeſu, die Herzen ſeiner Schüler und Zuhörer mehr und mehr von der Liebe zu irdiſchen Schätzen abzu⸗ lenken, und ſie zu einem thätigen Eifer für die Ausbildung ihrer geiſtigen Anlagen zu entflam⸗ men. Als daher eines Tages ein Menſch zu ihm trat, und ihn erſuchte, in einer Erbſchafts⸗ angelegenheit zwiſchen ihm und ſeinem Bruder zu entſcheiden,* wieß er die Bitte von ſich ab; nahm aber Gelegenheit hievon und ſprach zu ſeinen Jüngern: „Hütet euch vor dem Geize, denn wenn nun auch Jemand Ueberfluß hat, ſo hängt doch ſein Leben nicht von ſeinen Gütern ab. Macht es nicht wie jener Mann, der viele Früchte ärntete, und dachte: Was ſoll ich thun, es ge⸗ bricht mir an Raum für die Früchte?“ * Lukas 12. V. 13—20. 8 „Und er ſprach: So will ich's machen; ich will meine Scheunen niederreißen, und größere bauen, und darin all meine Güter ſam⸗ meln. Dann will ich zu meiner Seele ſprechen: Nun, liebe Seele, haſt du vielen Vorrath auf viele Jahre beiſammen ruhe nun, iß und trink und laß dir wohl ſeyn. Gott aber ſprach zu ihm: Du Thor! dieſe Nacht wird man deine Seele von dir fordern, wem gehört denn, was du geſammelt haſt?“ Was die Lehre des ſanften Menſchenfreun⸗ des unter Anderem auch von der Denkungsart der Juden ſo ſehr unterſchied, war, daß er an die Stelle des zornigen, unerbittlich ſtrengen Gottes, das Bild eines langmüthigen, barmherzigen Weſens, voll unend⸗ licher Liebe gegen ſeine Geſchöpfe, ſtellte. Und während Moſes mit zitternder Stimme das unergründliche Seyn mit„Herr!“ anredete; ſpricht Chriſtus nur von ſeinem und aller Men⸗ ſchen Vater, der ſeine Kinder zu ſich führen 89 will, damit ſie ſeine Herrlichkeit ewig mit ihm theilen möchten. In welch' ſchönem und treffendem Beiſpiele ſuchte er dies dem Volke anſchaulich zu machen. „Es war ein Menſch,“— ſprach er— „der hatte zwei Söhne* Der jüngſte von ihnen ſprach zum Vater: Vater gib mir den Antheil des Vermögens, der mich trifft! Und er cheilte das Vermögen unter ihnen. Kurz dar⸗ auf nahm der jüngere Sohn Alles zuſammen, zog in ein fernes Land und verſchwendete dort ſein ganzes Vermögen durch ein üppiges Leben. Bald zwang ihn die bitterſte Noth, ſeinen küm⸗ merlichen Unterhalt ſich durch ſeiner Hände Ar⸗ beit zu verdienen. Sein harter Herr hielt ihn tkarg, und der Hunger nagte oft an ſeinem Herzen. Da ging er in ſich und ſprach: Wie viele Tagelöhner ſind im Hauſe meines Vaters, die alle Brod im Ueberfluß haben, und ich muß Lua 5 V 32 90 hier faſt vor Hunger ſterben. Ich will mich aufmachen, zu meinem Vater zurückkehren und zu ihm ſagen: Vater! ich habe geſündigt wider den Himmel und an Dir; ich bin nicht werth dein Sohn zu heißen; halte mich nur, wie einen deiner Tagelöhner!“ „Und er machte ſich auf und kehrte zu ſeinem Vater zurück. Als er noch weit ent⸗ ferntwar, ſah ihn ſein Vater, erbarmte ſich, eilte ihm entgegen, fiel ihm um den Hals und küßte ihn.“ „Der Sohn aber ſprach: Vater, ich habe geſündigt wider den Himmel und an Dir, ich bin nicht werth, Dein Sohn zu heißen.“ „Der Vater aber befahl ſeinen Knechten: Geſchwind bringet Kleider und Schmuck, und zieht ſie ihm an, und bereitet ein köſtliches Mahl, auf daß wir eſſen können und fröhlich ſeyn. Denn dieſer, mein Sohn, war todt und iſt nun wieder lebendig geworden; er war ver⸗ loren und iſt nun wieder gefunden worden.“ 91 „Und ſie bereiteten ein Freudenmahl.“ „Als nun der älteſte Sohn vom Felde zurückkam und ſich dem Hauſe nahete, hörte er Muſik und Freudentöne. Da rief er einen Knecht herbei und frug, was das bedeute?“ Dieſer antwortete: Dein Bruder iſt zurück⸗ gekommen, und weil ihn der Vater geſund wie⸗ dergefunden hat, feiert er deſſen Ankunft mit einem frohen Mahle.“ „Da ward der ältere Sohn zornig und wollte nicht hineingehen. Als der Vater dies hörte, ging er zu ihm hinaus und redete ihm zu. Er aber erwiderte und ſprach: Siehe! ſo viele Jahre diene ich Dir und habe nie dein Gebot übertreten; und niemals haſt Du mir nur das Geringſte gegeben, daß ich mit mei⸗ nen Freunden hätte fröhlich ſeyn können. Deinem jüngeren Sohne aber, der ſein Vermögen leicht⸗ ſinnig verſchwendet hat, läßt du bei ſeiner Rück⸗ fehr ein köſtliches Mahl bereiten. Der Vater aber ſprach: Mein Sohn! Du biſt ja immer 92 zu ihm kommen.“ Himmelreich.“ * Johannes 3. V. 16— 18. bei mir, und all das Meinige iſt Dein. Heute aber mußte ich mich doch freuen und von Her⸗ zen fröhlich ſeyn; denn dieſer, dein Bruder, der für uns todt war, iſt wieder lebendig gewor⸗ den; er, der verloren war, iſt wieder gefunden.“ „Darum ſage ich euch: Wenn Einer auch die größten Sünden begangen hat, bereut ſie aber von Herzen und beſſert ſich, ſo wird das Reich Gottes“ „Denn dadurch beweist Gott gerade ſeine Liebe, daß er euch durch mich dieſe tröſtliche Botſchaft ſendet, damit Alle, die an dieſelbe glauben, nicht verloren gehen, ſondern das ewige Leben haben.* Und wer an ie glaubt, wird nicht untergehen, wer aber nicht an ſie glaubt, der richtet und ſtrafet ſich ſelbſt, denn er verwirft den ihm dargebotenen Schlüſſel zum 93 Wie ſehr ſich aber auch Chriſtus bemühte, dem Volke die Idee eines durch Vernunft und veruunftgemäßes Handeln gegründeten Reiches Gottes auf Erden deutlich und anſchaulich zu machen, ſo gelang es ihm doch nur bei Weni⸗ gen, und die Phariſäer und Sadduzäet bemüh⸗ ten ſich oft nicht umſonſt, das Volk zu ver⸗ wirten. Gar gerne hätten ſie den allberühm⸗ ten Rabbi einmal in ſeinen Ausſprüchen gefan⸗ gen und auf Widerſprüchen ertappt. Allein vergebens verſchwendeten ſie ihren Scharfſinn. Mit ſcheinbarer Wißbegierde traten ſie daher auch einſt, als er gerade von dem Him⸗ melreiche zu ſeiner Uumgebung geredet hatte, zu ihm und frugen, wann denn dieſes verheißene und viel geprieſene Reich Gottes komme? Jeſu blickte die Heuchler ernſt an, denn er durchſchaute ihr verſtocktes Herz und kannte den Zweck dieſer Frage, die ſie, die ihn wohl verſtanden, aber nur nicht verſtehen wollten, ſich leicht ſelbſt beantworten konnten. 94 „Das Reich Gottes,“ fuhr er fort, ſich mit der Antwort an ſeine Zuhörer wendend, die mit geſpannter Erwartung auf die Löſung der Frage harrten,—„Das Reich Gottes kommt nicht auf eine ſichtbare Weiſe, auch bindet es nicht Raum noch Zeit, denn es iſt geiſtig und in euch““ Aber nur der kann das Reich Gottes gewahren, der gei⸗ ſtig neu geboren wird. Das heißt,“ ſetzte er mit einem ernſten Blicke auf die Phariſäer hin⸗ zu—„der die alten Verkehrtheiten ablegt und mit reinem Sinn und gutem Willen meine Lehre auf⸗ und annimmt.“ So wie Jeſus ſelbſt bei all' ſeiner Weis⸗ heit und der Fülle des göttlichen Geiſtes, die ihn ſo hoch über ſeine Mitmenſchen hob, ſtets beſcheiden und demüthig war, ſo empfahl er dieſe Tugend auch vor andern ſeinen Nach⸗ * Lukas 17 V. 20 1. 24. ** Johannes 3. V. 3—6. 95 folgern, indem er ihnen zeigte, daß Stolz nicht nur ein Zeichen eines beſchränkten Verſtandes ſey, ſondern auch zu vielen andern Fehlern verleite. Vor Allen waren es die Phariſäer, die ihm durch ihren Eigendünkel zuwider waren; er ſuchte auch hierüber dem Volke die Augen zu öffnen, indem er ihnen folgendes treffende Gleichniß vorlegte:„Zwei Menſchen gingen in den Tempel um zu beten. Der eine ein Phariſäer, der andere ein Zöllner.“* „Der Phariſäer ſtellte ſich hin und betete bei ſich alſo: Mein Gott! ich danke dir, daß ich nicht bin wie die übrigen Menſchen und Sünde auf Sünde häufe, oder wie dieſer Zöllner da. Ich faſte zweimal in der Woche und ver⸗ zehnte alles, was ich beſitze.“ „Der Zöllner aber ſtand von ferne, wagte nicht die Augen zum Himmel zu erheben, ſon⸗ dern ſchlug an ſeine Bruſt, und ſprach: O Gott, ſey mir Sünder gnädig!“ 8 * Lukas 18. V. 9— 14. 96 Ich ſage euch, dieſer Zöllner ging gerecht⸗ fertigt nach Hauſe, der ſtolze Phariſäer nicht; denn wer ſich ſelbſt erhöht, der wird erniedrigt werden, wer ſich aber ſelbſt demüͤthigt, wird erhöhet werden.“ 5 6 Mehr und iehr hatte durch die kräftigen, die Scheinheiligen entlarvenden Reden Jeſu der Haß der dominirenden Kaſten zugenommen, und die Feinde der Wahrheit waren auf alle mög⸗ liche Weiſe bemüht, den verhaßten Rabbi zu ſtürzen. Noch war das Wirken des Meiſters zu nöthig, noch war das Werk nicht weit genug gediehen, und Jeſus zog ſich daher, ihre Schlin⸗ gen vermeidend, nach der. Grenze des Reiches zurück.. Da kam er zu einer Stadt in Samaria, mit Namen Sichar, in deren Nähe ſich der, von altersher berühmte Jakobsbrunnen befand.* * Joh. 4. V. 1— 24 Müde von der Reiſe, ſetzte er ſich an die⸗ ſem kühlen Orte nieder und erwartete die Rück⸗ kunft ſeiner Jünger, welche in die Stadt ge⸗ gangen waren, um Speiſe zu kaufen. Als er ſo in Gedanken verloren da ſaß, kam ein ſamaritiſches Weib, um Waſſer zu ſchöpfen.„Gieb mir zu trinken!“— bat ſie der Meiſter. Erſtaunt wandte ſich das Weib um und ſprach zu dem, an ſeiner Ausſprache leicht erkenntlichen Juden:„„Wie kannſt du als ein Jude von mir zu trinken begehren, da ich ein ſamaritiſches Weib bin? dunken ſich die Juden doch zu gut, um ſolche Gemeinſchaft mit uns, den verhaßten Nachbarn, zu pflegen.““ Jeſus aber antwortete und ſprach:„Wenn du die Gabe Gottes kennteſt und wüßteſt, wer der iſt, der zu dir ſagt: Gieb mir zu trinken! ſo hätteſt du ihn gebeten, und er hätte dir leben⸗ viges Waſſer gegeben.“ Verwundert ſprach das Weib:„„Herr, du MI. 7 98 haſt ja nichts zum Schöpfen; woher wollteſt du denn lebendiges Waſſer nehmen?““ Jeſus antwortete ihr:„Wer von dieſem Waſſer trinkt, den dürſtet wieder. Wer aber von dem Waſſer trinkt, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht mehr dürſten; ſondern das Waſſer, das ich ihm geben werde, wird in ihm ſelbſt zur Quelle eines Waſſers werden, das bis in das ewige Leben quillt.“ Als nun das Weib gewahrte, daß der mit ihr Redende ein gelehrter Rabbi, wohl gar ein Prophet ſey, legte ſie ihm prüfend die zwiſchen Juden und Samaritanern obſchwebende Strei⸗ frage vor und ſprach:„„Unſere Väter haben ihren Gottesdienſt auf dieſem Berge verrichtet, und ihr Juden ſaget, zu Jeruſalem ſey der Ort, wo man anbeten ſoll. Rabbi! wer von den beiden ſtreitenden Theilen hat denn nun Recht?““ Jeſus aber ſprach zu ihr:„Weib! glaube mir, es kommt die Zeit, wo ihr weder auf dieſem Berge, noch zu Jeruſalem den Vater anbeten werdet. Gott iſt ein Geiſt, und die ihn anbeten, müſſen ihn im Geiſte und in der Wahrheit anbeten.“ Als das Weib nun ſeine Reden alle ver⸗ nommen, lief ſie zur Stadt und verkündete ihren Landsleuten, der Meſſias ſey vor ihren Mauern, und ſie eilten zu ihm und baten ihn, daß er bei ihnen bliebe. Da verweilte er einige Zeit in ihrer Stadt und Viele glaubten an ihn. Wie herrlich und erhaben, wie wahr und ergreifend aber auch die Lehren des Meiſters ſeyn mochten, ſie überzeugten das ungebildete Volk weniger als manche wohlgemeinte und glücklich vollbrachte That, deren guten Erfolg man nie der durchblickenden Vernunft und vielſeitigen Erfahrung Jeſu, ſondern ſtets einer ihm von Gott zugetheilten, den Meſſias verkündenden, wunderthätigen Macht zuſchrieb. Keine ſeiner Thaten erregte aber mehr Aufſehen, als die glückliche Errettung ſeines ſcheintodten 7* 100 Freundes Lazarus aus dem ihn zu früh umfan⸗ genden Grabe.* Raſch verbreitete ſich der Ruf dieſer ſegens⸗ vollen Handlung im ganzen jüdiſchen Reiche, und Jedermann war bemüht, dieſer wunderbaren Errettung noch etwas Wunderbares beizufügen, ſo daß am Ende der durch ähnliche Thaten erregte Lärm, Jeſu erwecke Todte, um Vieles erhöht und beſtätigt, allſeitig ertönte. Auf einer der Wanderungen Jeſu durch das Land hatten ſich ſeine Lehrſchüler geſtrit⸗ ten, wer wohl der Größte unter ihnen in dem neuen Reiche des Meſſias ſeyn würde. Zu Kapernaum angekommen rief Jeſus ſeine Jünger und frug:„Was habt ihr unterweges für einen Streit gehabt?“**— Sie aber ſchwiegen be⸗ ſchämt. Da nahm der Meiſter, dem der Inhalt ihres Geſpräches nicht entgangen war, ein Kind, * Joh. 11. V. 1—57. ** Matth. 18. V. 1— 35. Mark. 9. V. 32— 50. Luk. 9. V. 46—50. 101 ſtellte es mitten unter ſie, umarmte es und ſprach:„Wahrlich, ich ſage euch, wenn ihr euch nicht bekehret und werdet wie dies Kind, ſo könnt ihr nie das Himmelreich s erlangen. Denn nur einem reinen, kindlichen Gemüthe iſt es möglich, meine Lehre richtig zu faſſen. Sehet! wer ein ſolches Kind aufnimmt, der nimmt mich auf, wer aber mich aufnimmt, der nimmt meinen himmliſchen Vater auf, der mich geſandt hat.— Wer aber eines dieſer unſchul⸗ digen Kleinen irreleitet, oder zum Schlechten ver⸗ führt, dem wäre beſſer, er ſtürbe vor dieſer That des ſchnellſten Todes.“* „Wehe der Welt der Lerführung wegen! Es muß zwar das Böſe in der Welt ſeyn; aber wehe jenen Menſchen, die es verbreiten, und Andere zu ihrer Laſterhaftigkeit herab⸗ ziehen.“ „Ich wiederhole euch hier, was ich ſchon 102 früher oft geſagt habe: Entäußert euch Alles deſſen, was euch Veranlaſſung zur Sünde geben kann, denn es iſt beſſer, ihr verlieret alles irdiſche Gut, als die Reinheit eurer Seele.“ „Findet ihr aber Einen, der der Lockung des Böſen nachgegeben und ſich vom rechten Wege verirrt hat, ſo weiſet ihn ſanft zurecht. Denn der Menſchen⸗Sohn iſt gekommen, ſelig zu machen, was verloren war. Was dünkt euch?— Wenn Jemand hundert Schafe hätte, und es wäre eines davon verirrt, wird er nicht die neun und neunzig auf den Bergen zurück⸗ laſſen und hingehen und das verirrte ſuchen? Und wenn es ihm gelingt, daß er es findet, ſo ſage ich euch, wahrlich, er freut ſich über daſſelbe mehr, als über die neun und neunzig, die ſich nicht verirrt haben. Alſo iſt es nicht der Wille eures Vaters im Himmel, daß Eines von dieſen Kleinen verloren gehe.“ „Ferner ſollt ihr gegen den Verirrten mit Liebe und Schonung verfahren. Wenn ſich dein 103 Bruder gegen dich verfündiget hat, ſo gehe hin und verweiſe es ihm zwiſchen dir und ihm allein. Hört er dich, ſo haſt du deinen Bruder gewonnen. Gibt er dir aber kein Gehör, ſo verſuche alle friedlichen Mittel, ihn von ſeinem Unrechte zu überzeugen; und wenn er auch dann nicht hört, ſo laß ihn ſeines Weges ziehen, und betraure ihn, als einen für das Gute Ver⸗ lorenen.— Als der Meiſter geendigt hatte, trat Petrus zu ihm und ſprach:„„Herr! wie oft muß ich denn meinem Bruder, wenn er ſich an mir verfündigt, vergeben?““ Jeſus antwortete:„Stets ſollſt du ihm vergeben, und eure Langmuth ſey ohne Grenze, wie die Gnade eures himmli⸗ ſchen Vaters.“—* Und er gab ihnen zur Warnung folgendes Beiſpiel. „Es war ein König, der mit ſeinen Unter⸗ L 104 e gebenen Rechnung halten wollte. Da er nun zu rechnen anfing, brachte man ihm Einen, der ihm zehntauſend Talente ſchuldete. Da dieſer aber nicht bezahlen konnte, ſo befahl ſein Herr, ihn und ſein Weib und ſeine Kinder, und Alles, was er hatte, zu verkaufen, und damit zu bezahlen. Der Schuldner aber fiel vor ihm nieder und rief: Herr! habe Geduld mit mir, ich will dir mit der Zeit Alles bezahlen. Und es erbarmte ſich der Herr über dieſen Knecht, ließ ihn los, und ſchenkte ihm die ganze Schuld.“ „Als nun der Begnadigte hinauskam, fand er einen ſeiner Mitbrüder, der ihm hundert Denare ſchuldig war; und er drang in ihn und ſprach: Bezahle, was du mir ſchuldig biſt!— Sein Mitbruder aber fiel ihm zu Füßen und bat ihn und ſprach: Habe Geduld mit mir, ich will dir nach einiger Zeit Alles bezahlen!— Er aber wollte nicht, ſondern ging hin und ließ ihn in's Gefängniß werfen, bis er die Schuld bezahlt hätte.“ 105 „Da dies nun dem Könige zu Ohren kam, ließ er ihn rufen und redete ihn ernſt an: Du boshafter Menſch! jene ganze Schuld habe ich dir erlaſſen, weil du mich gebeten haſt; ſoll⸗ teſt denn nicht auch du deines Mitmen⸗ ſchen dich erbarmen, wie auch ich mich deiner erbarmte? Und der König übergab ihn den Gerichtsdienern, bis er ſeine ganze Schuld bezahlt haben würde.“— „So hütet euch denn und ſeyd barmherzig und voll Liebe, wie euer himmliſcher Vater, und es verzeihe ein jeder ſeinem Bruder gerne und von ganzem Herzen!“— Hierauf zog ſich Feſus von Galiläa weg, und begab ſich in die Gegenden von Judäa jen⸗ ſeit des Jordans und predigte daſelbſt.* Seine Feinde umſchwärmten ihn auch hier, ſuchend, ihn, den Fleckenloſen, durch ſchlaue und * Matth. 19. V. 1—30. Mark. 10. V. 1—31. Luk. 18. V. 15—30. 106 verfängliche Fragen zu fangen; aber auch dies⸗ mal war ihre Mühe vergebens, und beſchämt mußten ſie ihn verlaſſen. Hier war es auch, wo der große Weiſe ſeinen Lehrſchülern ein ſchönes Beiſpiel unermüd⸗ licher Thätigkeit in Vollbringung des Guten gab. Erſchöpft von dem anſtrengenden Tagewerke ſaß Jeſus, in Gedanken verloren, und genoß, den Blick auf die freundliche Gegend gerichtet, die erquickende Kühle des Abends. Der Kreis ſeiner Schüler umſtand ihn in einiger Entfer⸗ nung, das ſinnende Schweigen ihres Meiſters ehrend. Siehe! da kamen ſchüchtern einige fromme NMütter und brachten ihre Kinder, da⸗ mit der göttliche Prophet über ſie beten und ſie ſegnen möge. Die Jünger aber beſorgt, daß der Meiſter dadurch in ſeiner Ruhe geſtört. werden möchte, wieſen die Bittenden zurück⸗ Als dies Jeſus gewahrte, verwies er den Jün⸗ gern ihre Ungefälligkeit, rief die Kinder und ſprach: 107 „Laſſet die Kleinen zu mir kommen, und wehret ihnen nicht; denn für ſolche iſt das Himmelreich. Wahrlich!“— fügte er, die Kin⸗ der herzend, hinzu,—„Wer Gottes Wort nicht mit ſo reiner Seele aufnimmt, wie ein Kind, der wird nie eines höheren, beſeeligenden Lebens theilhaftig werden!“— Hierauf umarmte er ſie, legte ihnen die Hände auf und ſegnete ſie.— Zu jener Zeit kam auch ein Jüngling zu Jeſus, kniete vor ihm nieder und frug:„Guter Meiſter! was muß ich thun, um das ewige Leben zu erlangen?“ Jeſus antwortete:„Wärum heißeſt du mich gut?— Gut iſt Niemand als Gott allein. Du kennſt die Gebote Gottes, halte dieſe, ſo wird deine Sehnſucht erfüllt.“ Da erwiderte jener:„„Meiſter, dieſe alle habe ich von meiner Jugend an erfüllt.“ Jeſus, dem das offene, zutrauensvolle We⸗ ſen des Jünglings gefiel, blickte ihn freundlich 108 an und ſprach:„Eins fehlt dir noch: Entſage dem Irdiſchen, gehe hin, verkaufe was du be⸗ ſitzeſt, gib es den Armen und folge mir nach, ſo wirſt du dir einen reichen, überwiegenden Schatz himmliſcher Freuden erwerben.“— Dies hörend, ward der Jüngling traurig und ging betrübt von dannen, denn er hatte viele Güter. Jeſus blickte ihm mitleidig nach, wandte ſich darauf zu den Seinen und ſprach:„Wie ſchwer iſt es doch für die Reichen, das höhere, geiſtige Leben an ſich zu bringen. Ja es iſt faſt unmöglich, denn ihre Seele hängt zu feſt an ihrem Mammon.“ Da fiel Petrus ein und ſprach zu ihm. „„Siehe, wir haben Alles verlaſſen und ſind dir nachgefolgt; was wird uns wohl dafür werden?““ „Ihr werdet,“ entgegnete der Meiſter,„wie⸗ dergeboren im Geiſte, mit mir theilen die Herr⸗ lichkeit eines ſeligen Lebens in Gott, und werdet 109 fur die verlaſſenen, unbedeutenden irdiſchen Güter hundertfältigen Lohn und Erſatz finden in dem Bewußtſeyn, nach Gottes Willen gehandelt zu haben; ein ganz neues Seyn wird euch auf⸗ gehen, ein Seyn voll unausſprechlicher Selig⸗ keit in der Liebe eures himmliſchen Vaters und es wird euch tragen durch dies und alle zu⸗ künftigen Leben.“ „Viele aber, die da auf der Erde die Erſten waren und die Glücklichſten ſchienen, werden jenſeits(im Reiche der Geiſter) die Letzten, und Viele, die hier zu den Letzten und ſcheinbar Unglücklichſten gehorten, werden einſt, ja ſie können hier ſchon, die Erſten, d. die Glück⸗ lichſten Als nun die Zeit des Oſterfeſtes nahe war, begab ſich Jeſus mit ſeinen Jüngern auf den Weg nach Jeruſalem.* Der Haß ſeiner Feinde. „ Matthäus 20. V. 17—28. Markus 10. V. 3245. Lukas 18. V. 31—34. 110 war bis zum höchſten Grade geſtiegen, alle Mühe ihn zu ſtürzen, hatten ſie bis dahin ver⸗ geblich verſchwendet, doch trieb ſie dies nur zu noch größerer Thätigkeit an. Dem klaren, ſcharf⸗ blickenden Geiſte des Meiſters konnte die Gefahr, welche ihm bei einem Beſuche Jeruſalems drohte, nicht verborgen bleiben, und ſein Schickſal, das Schickſal ſo vieler kühnen Bekenner der Wahr⸗ heit ſchwebte ihm ahnungsvoll vor Augen. Wenn aber auch er dieſe Gefahren nicht fürchtend, ſelbſt den Tod für ſeine Worte zu leiden ent⸗ ſchloſſen war, ſo hatten doch ſeine Jünger kaum eine leiſe Furcht vor der Zukunft, denn ſicher hofften ſie,— die überhaupt noch immer nicht recht wußten, ob das von ihrem Lehrer ver⸗ ſprochene neu zu gründende Reich ein irdiſches oder geiſtiges ſey,— daß der Meiſter alle die Verſuche ſeiner Feinde, ihn zu ſtürzen, ohne Mühe vereiteln würde. Jeſus, ihre Gedanken kennend, fing daher an, ſie von Zeit zu Zeit auf das Unabwend⸗ 111 bare aufmerkſam machen. So redete er ſie auch hier an, indem er ſprach:„Sehet Kinder, wir gehen nun nach Jeruſalem hinauf, dort aber werden die Hohenprieſter und Schriftgelehrten wohl endlich ihren Zweck erreichen, mich gefan⸗ gen nehmen, den Gerichten überliefern, martern, ja wohl gar tödten. Aber laßt euch dadurch nicht irre machen, wenn auch mein Körper euch entriſſen wird, mein Geiſt und meine Liebe bleibt bei euch. Was iſt denn der Tod des Leibes, dieſes unbedeutenderen Theiles unſeres Seyns, die freie Seele wird auferſtehen aus dem Grabe des Kör⸗ pers, zu einem höheren und ſchöneren Leben!“— Aber ſie verſtanden ihn nicht, denn die Meinung, daß Jeſus ein irdiſches Meſſias⸗Reich bilden würde, ſtand zu feſt bei ihnen, wie denn auch die Mutter der Söhne Zebedäi ſogleich be⸗ wies, indem ſie vor dem Meiſter niederfiel und ihn bat, er möge doch ihren Söhnen in ſeinem Reiche die erſten Plätze anweiſen, und einen zu ſeiner Rechten, den andern zu ſeiner Linken ſetzen. 12 Jeſus entgegnete betrübt:„Ihr wiſſet nicht, was ihr von mir bittet, und erkennt noch immer das Reich nicht, das ich gründen will. Ich kann für jenes Reich keine Ehrenplätze austheilen, das ſteht einzig in der Gottheit Hand, wer ſich ihr ganz widmet, den wird ſie überſchatten. Auch gibt es ja in dem Reiche, welches ich auszubreiten beabſichtige, kein Größer und Klei⸗ ner, wie in den Reichen der irdiſchen Könige; ſondern der wird der Größte ſeyn, der am de⸗ müthigſten iſt. Seht doch auf mich, euren Lehrer, bin ich denn gekommen, irdiſche Größe zu erzielen und mich bedienen zu laſſen?— Nein, ich kam, um meinen Mitmenſchen zu dienen, und ſelbſt mein irdiſches Daſeyn für das Heil ihrer Seelen zu opfern!“— Ein anderes Beiſpiel, wie wenig die Jün⸗ ger bis dahin die Lehren ihres herrlichen Mei⸗ ſters begriffen und deren Grundideen aufgefaßt hatten, gaben ſie bei folgender Gelegenheit. Eines Abends nahten ſie ſich einer Sama⸗ 113 ritaniſchen Stadt. Müde von der Reiſe, ſetzte ſich Jeſus nieder und ſandte ſeine Junger, ihm und ſich in deren Mauern eine Herberge zu bereiten. Aber die Einwohner verweigerten den verhaßten Juden eine wirthliche Aufnahme. Als nun die Jünger dem Meiſter die Antwort brachten, riefen ſie:„„Herr! willſt du dieſe Stadt nicht verfluchen und verderben?““ Zeſus aber wandte ſich um, verwies ihnen ihren Zorn und ſprach:„Ihr wißt nicht, weß Geiſtes Kinder ihr ſeyd. Iſt denn nicht die Grundlage meiner Lehre die Liebe?— Der Menſchen⸗Sohn iſt nicht gekommen, Seelen zu verderben, ſondern ſelig zu machen!““ Zu Bethphage am Oelberge angekommen,* ſandte Jeſus zwei Jünger ab, ein Saumthier * Lukas 9. V. 51—59. ** Matthäus 21. V. 1—46. Markus 11. V. 1—33. Markus 12. V. 1—12. Lukas 19. V. 29— 48. Lukas 20. V. 1— 19. Johannes 2. V. 13—25. Jo⸗ hannes 12. V. 12 u. ſ.f. IMI. 8 114 aufzutreiben; als ſie nun eines gefunden hatten, brachten ſie es ihm, und er beſtieg es und ritt in ihrer Mitte der Hauptſtadt zu. Kaum aber hörte das Volk, Jeſus, der allberühmte Lehrer und Prophet, nahe ſich, als es auch in Maſſen herzuſtrömte. Jeder wollte ihn ſehen, den größ⸗ ten Mann ſeiner Zeit, jeder wo möglich ſeine Reden hören, deren Kraft und Gediegenheit all⸗ bekannt; die vom Herzen gehend, auch zu den Herzen dringend, ihm ſchon ſo manchen Jünger erworben hatten. Während nun die Gebilde⸗ teren in ihm den Weiſen verehrten, jubelte ihm das Volk als dem lang verheißenen, lang erſehnten Meſſias, dem Erretter der Nation! entgegen. Ergriffen von der Würde ſeiner ſanften Züge, hingeriſſen von der Ungewöhnlichkeit des Aufzuges, erfaßte bald eine allgemeine Begei⸗ ſterung die Menge. Kleider und Zweige bedeckten den Weg, und die Schaaren, die vor ihm her⸗ zogen, und die, ſo ihm folgten, riefen:„Hoſianna 115 dem Sohne Davids! Hochgelobt, der da kommt im Namen des Herrn! Hoſianna in der Höhe!“— Als er nun zu Jeruſalem einzog, kam die ganze Stadt in Bewegung, und Alle frugen: Wer iſt der?““— und es ſchallte von Munde zu Munde:„„Es iſt Jeſus, der Pro⸗ phet von Nazareth in Galiläa!““—— Sobald Jeſus angekommen war, begab er ſich zum Tempel. Aber kaum war dieſer für einen der Gottheit geweihten Ort zu erkennen, denn Habgier und Gewinnſucht hatten ihn einem großen Kaufhauſe ähnlich gemacht. Statt der feierlichen Stille, welche den in den Vorhöfen Betenden die Nähe des Heiligſten verkünden und ſie zu frommen, ehrfurchtsvollen Gefühlen hin⸗ reißen ſollte, ertönte das laute Gebrüll und Geblöcke unzähliger Opferthiere, den Opfernden zum Kaufe angeboten;— Geldwechsler harrten begierig, um gegen Gewinn Tempelmünze aus⸗ zutauſchen, und Koth und Blut beſchmutzten die Eingänge des herrlichen Gebäudes. 116 Nit tiefſter Entrüſtung gewahrte Jeſus dieſe, von den Prieſtern als für ſie einträglich erachteten und daher gebilligten Mißbräuche Konnte ſich hier, wo die ſchmutzigſten Leiden⸗ ſchaften hausten, der Geiſt in freudigem Fluge zum höchſten Weſen erheben?— War ein ſol⸗ ches Getümmel geſchaffen, die Seele dem Irdi⸗ ſchen zu entreißen und ihrem Urquell näher zu führen?— Gewiß nicht. Mit heiligem Eifer trieb er daher Wucherer und Verkäufer hinaus und rief:„Mein Haus ſoll ein Bethaus heißen; ihr aber habt eine Räuberhöhle daraus gemacht“— Wie natürlich erregte dieſe kühne und eigen⸗ mächtige Handlung des Nazareners den Zorn der Prieſter und Schriftgelehrten, doch wagten ſie, der Menge wegen, die den neuen Propheten mit Staunen und Ehrfurcht umwogte, noch keine Gewaltthat. Sie traten alſo zu ihm und fru⸗ gen:„„Rabbi, wer gab dir das Recht ſo zu handeln?““— Und Jeſus antwortete:„Ich will euch erſt ein Wort fragen, und, wenn ihr 117 mir dies beantwortet, ſo will ich euch auch ſagen, aus was für einer Macht ich dies that.“ „Wer gab Johannes das Recht und die Macht zu taufen!— Gott, oder die Men⸗ ſchen?“— Da dachten ſie bei ſich: Sagen wir Gott, ſo wird er ſagen, warum habt ihr ihm nicht geglaubt? Sagen wir aber die Menſchen, ſo haben wir das Volk zu fürchten, weil alle den Johannes für einen Propheten halten. Sie antworteten daher:„„Wir wiſſen es nicht!““— Da ſprach Jeſus zu ihnen:„Das heißt ſo viel als wir wollen es nicht wiſſen, ich aber ſage euch nun auch nicht, wer mir das Recht gibt, ſo zu handeln, wie ich es thue, denn es wäre bei euch ja doch umſonſt.“ „Was ſagt ihr aber zu dem?— Ein Mann hatte zwei Söhne. Er ging zum erſten und ſprach: Geh' und arbeite heute in meinem Wein⸗ berge. Der aber antwortete: Ich mag nicht. Nachher aber reute es ihn und er ging hin. 18 Jetzt ging der Vater auch zu dem anderen Sohne und befahl ihm das Nämliche. Ja, Herr! ſprach dieſer, aber er ging nicht.“ „Welcher von dieſen beiden hat nun den Willen des Vaters gethan?“— Sie antworteten:„„Der Erſte.““—„Gut,“ erwiderte Jeſus,„ſo geht es auch bei euch; ihr ſagt:„Ja!“ zu des Vaters Gebote, und thut ſie doch nicht. Darum ſage ich euch, die ärgſten Sünder werden ſich eher bekehren und der Gnade Gottes theilhaftig werden, als ihr ſcheinheilige, verſtockte Menſchen.“ „Höret ein anderes Gleichniß: Es war ein Hausvater, der pflanzte einen Weinberg, um⸗ gab ihn mit einem Zaune, und baute ein Haus hinein. Dies Haus aber verpachtete er. Da nun die Zeit der Weinleſe kam, ſandte er Knechte zu den Pächtern, um ſeine Früchte zu empfangen. Die Pächter aber ergriffen die Knechte, ſchlugen den einen, und ſteinigten die anderen. Aber⸗ mal ſchickte der Herr andere Knechte, und zwar 19 mehrere als vorher, und ſie machten es ihnen ebenſo. Zuletzt ſandte er ſeinen Sohn zu ihnen und ſprach, Sie werden ſich doch vor meinem Sohne ſcheuen. Als aber die Pächter ſeinen Sohn ſahen, ſagten ſie unter einander: Das iſt der Erbe; kommt! wir wollen ihn umbringen, und ſein Erbe in Beſitz nehmen. Und ſie er— griffen ihn und warfen ihn zum Weinberge hinaus und ermordeten ihn.“ „Wenn nun der Herr des Weinbergs kommt, wie wird er wohl jenen Pächtern thun?“ Sie ſprachen:„„Böſe wird er mit den Böſen verfahren, und ſeinen Weinberg an Andere verpachten, die ihm zu ihrer Zeit die Früchte abgeben.““ „Habt ihr,“— fuhr darauf Jeſu fort, „noch nie in der Schrift geleſen, wie es die Menſchen von jeher mit den vom Göttlichen Begeiſterten gemacht haben?“ „Habt ihr die, welche euch die Wahrheit ſagten, euch eure Fehler vorwarfen und mit 120 Eifer an die Worte des Herrn mahnten, nicht ſtets geſteinigt und gemordet?— Kennt ihr nicht die Stelle:„Der Stein, den die Bauleute verwerfen, der iſt zum Eckſtein geworden. Vom Herrn iſt dies geſchehen, und es iſt wunderbar n unſern Augen!“— „Darum ſage ich euch: Ihr habt die An⸗ eeitung, Gott wohlgefällig, ſelig zu werden; aber ihr nutzt ſie nicht, und ſo iſt ſie für euch verloren. Aber ſie wird Andern gegeben wer⸗ den, die Früchte daraus ziehen werden.“ Daß dieſe und ähnliche Reden die Phari⸗ ſäer und Schriftgelehrten, die ſich in den Augen des Volkes dadurch entlarpt ſahen, und ſich daher auf das Empfindlichſte beleidigt fanden, in Wuth ſetzten, iſt leicht begreiflich. Indeſſen ließ ſich der Meiſter dadurch nicht ſtören und lehrte ungehindert alle Tage im Tempel; die Nächte indeſſen verließ er, der Sicherheit wegen, die Stadt und brachte dieſelben in Bethanien zu. Als Jeſus wieder bei dem Volke war, legte 121 er demſelben ein neues Gleichniß, die Auffor⸗ derung zu einem geiſtigen und ſeligen Leben betreffend vor, und ſprach:“ „Ein König hatte ſeinem Sohne ein Hoch⸗ zeitmahl bereitet. Er ſchickte ſeine Knechte aus, die Gelabenen zum Mahle zu berufen, doch der Diener Bemühen war umſonſt, die Gäſte wollten nicht kommen. Da ſandte der Herr nochmals andere Knechte und ſprach: Saget den Geladenen: Seht! Alles iſt bereit, kommet zur Hochzeit. Dieſe aber achteten der Auffor⸗ derung nicht und ſchützten alltägliche Geſchäfte vor; ja einige ergriffen ſogar die Abgeſandten des Königs, die ihnen läſtig waren, mißhan⸗ delten und ermordeten ſie. Als dies der König hörte, ſchickte er ſeine Kriegsvölker hin, die Mörder zu ſtrafen. Zu ſeinen anderen Knechten aber ſprach er: Das Hochzeitmahl iſt bereitet, * Matthäus 22. V. 1— 46. Markus 12. V. 13—40. Lukas 20. V. 20— 47. Lukas 14. V. 16—24. 122 aber die Geladenen waren deß nicht werth. Gehet nun hinaus und ladet zum Feſte, wen ihr antrefft. Und ſie gingen, und brachten alle zuſammen, Gute und Böſe, und das Mahl ward mit Gäſten ganz beſetzt.“ „Als der König nun hereintrat, die Gäſte zu beſchauen, ſah er daſelbſt einen Menſchen, der mit ſeinen alltäglichen, unreinen Kleidern zum Feſte gekommen war. Und er frug ihn: Freund! warum haſt du dein ſchmutziges Kleid nicht erſt abgelegt und biſt im Hochzeitgewande gekommen? Der Gefragte aber verſtummte. Da ließ ihn der König aus dem glänzenden Feſt⸗Saale hinauswerfen in die Finſterniß.“ An euch, die ihr ſchon durch den Glauben an den einig wahren Gott, zu der Glückſelig⸗ keit des höheren Lebens berufen ſeyd, ergeht auf's Neue die Einladung des barmherzigen Gottes; aber ihr wollt ſie nicht hören, denn ſie ſtört euch in dem trägen Gange des alltäg⸗ lichen Lebens; ſo wird der Ruf an die ergehen 123 die ihr verachten zu dürfen glaubt. Wer ihn aber hört, und ihm Folge leiſten will, der lege ſeine alten, ſchlechten Gewohnheiten ab und werde zuvor ein neuer Menſch; ſonſt wird er nie fähig ſeyn, die Freuden der Gottheit zu ärnten. „Alle ſind berufen, wenige aber haben die Kraft, dieſem Rufe zu folgen.“— Die Schwierigkeit, Jeſus auf eine oder die andere Art zu ſtürzen, vermehrte ſich für deſſen Feinde mit jedem Tage. Schon vom Anbeginne ſeines Auftretens an hatten ſie ge⸗ ſucht, ihn in den Augen des Volkes zu ver⸗ kleinern und waren daher unabläßig bemüht geweſen, an ihm irgend einen moraliſchen Fehl⸗ tritt zu entbecken; mußten aber beſchämt von dieſem Vorhaben abſtehen, da Jeſu ganzes Leben nur eine Verwirklichung ſeiner Lehren war. Einſehend, daß ſie auf dieſe Art ihr Ziel nie erreichen würden, verſuchten ſie es auf eine andere Weiſe und waren glücklich, als ſie in den wohlthätigen Handlungen, welche 124 der Meiſter auch am Sabbate vornahm, eine Verletzung ihrer, im Aeußerlichen ſo ſtreng beobachteten Geſetze fanden. Jetzt konnten ſie ihn dem Volke als Verächter der Moſaiſchen Geſetze, als Sabbatſchänder, verdächtig machen; allein theils verwiſchten die vielen ſegensvollen Thaten des Propheten dieſen Vorwurf, theils konnte auch dies noch keinen gewichtigen An⸗ klagepunkt geben. Gelang es ihnen aber, Jeſum mit einer politiſchen Frage zu fangen, ihn der Regierung als Aufwiegler des Volkes zu über⸗ liefern, dann würden ſie der Erfüllung ihrer Wünſche gewiß ſeyn; dies ſahen ſie ein und ſandten daher, nachdem das Synedrium einen langen Rath gehalten hatte, ihre Creaturen auf's Neue zu ihm. „„Meiſter!““— ftugen ihn dieſe mit heuch⸗ leriſcher Unbefangenheit—„„wir wiſſen, daß du wahrhaft biſt und den Weg Gottes nach der Wahrheit lehreſt, dich auch um Niemand fümmerſt, denn vor deiner Wahrheitsliebe iſt 125 dir Jeder gleich. Sage uns daher doch: Sollen wir dem Kaiſer Steuer geben oder nicht?““— Jeſus, ſie durchſchauend, warf einen ſtra⸗ fenden Blick auf ſie. „Zeigt mir eine Steuermünze!“ entgegnete er ernſt. Sie reichten ihm einen Denar.„Weſ⸗ ſen iſt dies Bild und dieſe Umſchrift?“ fuhr er fragend fort: „„Des Kaiſers!““ war ihre Antwort. „Wohl,“ ſprach er und wandte ſich ver⸗ ächtlich von ihnen,—„ſo gebet dem Kaiſer, was des Kaiſers iſt, und Gott, was Gottes iſt.“ So war ihre boshafte Liſt abermals vereitelt. Auch die Sadduzäer, b welche die Fort⸗ dauer der Seele nach dem Tode läugneten, ver⸗ ſuchten ihre Weisheit an ihm.„„Meiſter!““ ſprachen ſie,„„Moſes hat geſagt: Wenn einer ſtirbt, ohne einen Sohn zu hinterlaſſen, ſo ſoll ſein Bruder die Witwe heirathen, und ſeinem Bruder Nachkommen erwecken.““* 126 „„Nun hatten wir den Fall, daß ſieben Brüder unter uns waren. Der erſte nahm ein Weib und ſtarb, und weil er keine Kinder hatte, hinterließ er das Weib ſeinem Bruder. Ebenſo ſtarb auch der zweite, und der dritte, bis auf den ſiebenten. Zuletzt von Allen ſtarb auch das Weib.““ „„Wem nun von dieſen ſieben wird bei der Auferſtehung das Weib angehören?““ Jeſus antwortete ihnen und ſprach:„Wie irrig ſeyd ihr doch, wie wenig verſteht ihr die Schrift, wie gar nicht die Kräfte und Geſetze der Natur. Aber es kommt daher, weil euer Sinn am Buchſtaben klebt, und euer träger Geiſt eines kräftigen Aufſchwunges unfähig iſt.“ „Wenn ſie auferſtehen, das iſt, wenn ſich ihre Seelen, von ihrem irdi⸗ ſchen Körper losreißend, in ungebun⸗ dener Freiheit mit der Gottheit einen, dann werden ſie weder freien, noch gefreit werden; ihr Seyn wird ein rein geiſtiges ſeyn. Aber ſo lang euer Gemüth taub für das Göttliche iſt, könnt ihr ja dieſe höhere Exiſtenz weder ahnen noch faſſen.“ Mit heimlicher Freude bemerkten die Pha⸗ riſer dieſe Zurechtweiſung der Sadduzäer, die ſich, hierdurch gekränkt, alsbald mit jenen gegen Jeſum verbanden. Ein neuer Verſuch war die Folge hievon. „„Meiſter! welches iſt das größte Gebot im Geſetze?““ frugen ſie ihn. „Du ſollſt den Herrn, deinen Gott, lieben aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele, und aus allen deinen Kräften.“ Erwiderte der Meiſter, „dies iſt das größte und das erſte Gebot. Das andere Gebot aber: Du ſollſt deinen Nächſten lieben, wie dich ſelbſt, iſt dem erſteren ganz gleich. In dieſen wenigen Worten liegt das ganze Geſetz und die Lehre aller Propheten.“ 4 — Und ſich zum Volke und ſeinen Jüngern * Matthaus 23. V. 1— 39. Lukas 20. V. 45— 47. 128 wendend, rief er warnend aus:„Habet acht!— Die Schriftgelehrten und Phariſäer verwalten nach dem Geſetze die geiſtlichen Aemter, darum haltet und thut, was ſie ſagen; aber nach ihren Werken richtet euch nicht, denn ſie lehren wohl das Gute, chun es aber ſelbſt nicht. Und ſollten ſie ja einmal etwas Gutes ſchaffen, geſchieht es einzig, um von den Leuten geſehen und für fromm und gerecht geprieſen zu werden. Stolz ſchauen ſie auf ihre Mitmenſchen herab, und verlangen bei jeder Gelegenheit mit tiefer Ehr⸗ furcht als die Erſten behandelt zu werden. Ihr aber, die ihr meine Jünger ſeyn wollt, ihr ſollt euch nicht wie ſie:„Meiſter“ nennen laſſen, denn es gibt nur Einen der euer Meiſter ift. Auch ſollt ihr Niemanden auf Erden Vater nennen, und ihn an die Stelle Gottes ſetzen, denn nur einer iſt euer wahrer Vater, und dies iſt der, der im Himmel wohnt.“ Wer ſich aber in ſeinem Stolze erhöhen — wird, der erniedrigt ſich ſchon ſelbſt; und wer ſich beſcheiden demüthigt, wie ſehr wird deſſen Werth dadurch erhöht.“ „Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pha⸗ riſäer, ihr Heuchler! die ihr das Himmelreich den Leuten vor den Augen zuſchließt! Denn ihr ſelbſt gehet nicht hinein, und die hinein wollen, laſſet ihr auch nicht hinein.“ „Liegt doch in euren Händen die Macht, die Maſſen des Volkes aufzuklären und geiſtig aus⸗ zubilden; aber da euer Vortheil ihre Unwiſſen⸗ heit erheiſcht, ſo laßt ihr ſie lieber im Aberglau⸗ ben verſchmachten. 4 „Wehe euch, ihr Lehrer des Volks! ihr Heuchler!— Während ihr lange Gebete für die Witwen haltet, erſchleicht ihr deren Gut und verpraſſet es. Alle Geſetze und Gebote verdrehet ihr zu euerem Vortheile und ſucht in glatten, ausgeſpitzten Reden euer Heil.“ „Wehe euch, ihr Scheinheiligen!— Von Kleinigkeiten. gebt ihr den geſetzlichen Zoll, aber 9 130 die heiligſten Forderungen des Geſetzes, Gerech⸗ tigkeit und Barmherzigkeit vernachläßigt ihr. Dies letztere ſolltet ihr thun, und jenes dabei nicht laſſen.“ „Ihr blinden Wegweiſer! die ihr die Mücken ſäugt, aber das Kameel verſchlingt; unbedeu⸗ tende Wohlthaten thut, um das verblendete Volk deſto ungeſtörter und im Großen berauben zu können.“ „Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pha⸗ riſäer! ihr Heuchler! die ihr übertünchten Grä⸗ bern gleicht, ſchön von Außen in die Augen fallend, inwendig aber voll Moder und Un⸗ rath!— Gerade ſo erſcheint auch ihr, von Außen zwar gerecht vor den Menſchen, in⸗ wendig aber ſeyd ihr voll Heuchelei und Unge⸗ rechtigkeit.“ „Wehe euch, ihr Verderbten! ihr ſprecht: Hätten wir zu den Zeiten der Propheten gelebt, wir würden an ihrem Morde teinen Antheil genommen haben. Ihr Schlangen und Nattern⸗ 131 gezüchte umlauert ihr nicht im Augenblicke mich mit mordbegieriger Seele?“ „Jeruſalem! Jeruſalem! die du die Pro⸗ pheten mordeſt, und ſteinigeſt die, welche zu dir geſandt worden! Wie oft wollte ich deine Kinder verſammeln, wie eine Henne ihre Jungen unter ihre Flügel ſammelt! Du aber haſt nicht gewollt!“— Jeſus hatte geendet, ließ die vor Wuth und Rachſucht zitternden Schriftgelehrten ſtehen und begab ſich mit ſeinen Jüngern in die Nähe des Gotteskaſten,?* in welchen die Vorübergehen⸗ den ihre Gaben zu werfen pflegten. Hier ſetzte er ſich nieder und ſah eine Weile den Opfern⸗ den ſchweigend zu. Unter den vielen Reichen, die bedeutende Gaben ſpendeten, fand ſich auch eine arme Witwe, die nur einen Heller einwarf. Als dies der Meiſter gewahrte, rief er voll froher „ Markus 12. V. 41— 44. Lukas 21. V. 1—4. 6 Rührung ſeine Schüler, erzählte ihnen den Vor⸗ gang und ſprach: „Wahrlich, ich verſichre euch, dieſe Witwe hat in den Augen Gottes mehr eingelegt, als Alle, die in den Gotteskaſten gaben. Denn jene haben von ihrem Ueberfluſſe eingelegt, dieſe aber gab, trotz ihrer eigenen Dürftigkeit, ihr Letztes hin.“ Darauf verließ er den Tempel und ging dem Oelberge zu.“ Im Weggehen machten ihn ſeine Jünger auf die ungeheuren Steinmaſſen des Tempel⸗Gebäudes aufmerkſam. Und der Meiſter, von trüben Ahnungen ergriffen, ant⸗ wortete:„ch fürchte und ſehe voraus, daß die Halsſtarrigkeit und der Unverſtand dieſes Volkes bald ſeinen Untergang herbeiführen wird. Wie lange wird es dauern, ſo ſteht von allen dieſen Prachtgebäuden kein Stein mehr auf dem andern.“ * Matthäus 24. V. 1—51. Markus 13. V. 1—37. Lukas 21. V. 5—38. 133 In den Gärten des Oelberges, in welchen er oft die Nächte zubrachte, angekommen, ſetzte er ſich nieder und redete, die Gedanken noch immer auf die Zukunft gerichtet, ſeine Lehrſchüler alſo an:„Wenn ich einſt nicht mehr bei euch bin, ſo nehmet euch in Acht, daß euch Niemand irre führe. Unruhige, gefahrvolle und ſtürmiſche Zeiten werden kommen; viel Drangſal werdet ihr um meiner Lehre willen leiden müſſen; aber verzaget nicht. Denn wer beharrt bis an's Ende, der wird ſelig werden. Aber ich wieder⸗ hole es euch: Haltet mit unerſchütterlicher Glau⸗ benstreue feſt an dem, was ich euch lehrte. Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte, die Worte der ewi⸗ gen Wahrheit, werden nicht vergehen.“ „Indeſſen ſeyd vorſichtig, denn es werden mit der Zeit viele aufſtehen und in meinem Namen lehren und ſagen: Ich bin Chriſtus, der da das Heil durch ſeine Worte bringt; glaubt ihnen nicht, nur irre ſuchen ſie die Menſchen 134 zu führen, denn es gibt nur eine Wahrheit und nur einen Weg ſelig zu werden, den, wel⸗ chen ich euch zu wandeln befahl.“ „Die Stunde eures Todes aber wißt ihr nicht. Unvorhergeſehen wird ſie kommen. Sonne, Mond und Sterne werden(für zuch den Glanz verlieren, und die Kräfte der Natur erſchlaffen; aber dann naht ſich auch das Reich, das der Menſchen⸗Sohn* euch verheißen und hier ſchon zu gründen geſucht hat, und die Herr⸗ lichkeit Gottes wird zu euch niederſteigen, und ihr werdet ſelig der ewigen Liebe in die Arme ſinken.“ „Sehet aber zu, daß ihr immer bereit ſeyd, denn ihr wißt nicht, wann es Zeit iſt. Macht es wie jener getreue und kluge Knecht, den ſein Herr über das Geſinde ſetzte, um demſelben zur rechten Zeit die Nahrung zu reichen. Wohl dieſem Knechte, ſieht ihn ſein Herr, wenn er kommt, alſo handeln. Wahrlich, ich verſichre euch, über alle ſeine Güter wird er ihn ſetzen.“ 135 „Wenn aber jener Knecht böſe dächte und in ſeinem Herzen ſpräche: Mein Herr ſäumt zu kommen; und dann anfinge ſeine Mitknechte zu ſchlagen und mit den Zechern zu eſſen und zu trinken. So wird der Herr dieſes Knechtes kommen an einem Tage, an dem er es nicht erwartet, und zu einer Stunde, da er es nicht weiß, und wird ihn zur Rede ſtellen und ihn züchtigen.“ Und er legte ihnen über dieſen Gegenſtand ein anderes Beiſpiel vor und ſprach:“„Die Berufung zu jenem höheren Leben iſt gleich der Ankunft eines Brautpaares, welchem zehn Jung⸗ frauen entgegen gingen. Fünf von ihnen waren chöricht, und fünf klug. Die Thörichten nahmen zwar ihre Lampen, aber kein Oel. Die Klugen hingegen nahmen mit den Lampen auch Oel in ihren Gefäßen mit. Als nun Braut und Bräu⸗ tigam lange ausblieben, wurden ſie alle ſchläfrig * Matthäus 25. V. 1— 46. 136 und entſchliefen. Mitten in der Nacht aber entſtand ein Geſchrei: Seht! der Bräutigam kommt, gehet ihm entgegen! Da ſtanden die Jungfrauen auf und ſchmückten ihre Lampen. Die Thörichten aber ſprachen zu den Klugen: Gebt uns von eurem Oele, denn unſre Lampen erlöſchen. Die Klugen aber antworteten und ſprachen: Es möchte nicht zureichen für uns und euch; gehet lieber hin zu den Krämern und kaufet euch. Während dieſe nun hingingen, um zu kaufen, kam der Bräutigam; und die bereit waren, gingen mit ihm zur Hochzeit hinein, und die Thüre ward geſchloſſen. Endlich tom⸗ men auch die andern Jungfrauen und ſagen: Herr! thue uns auf. Er aber ſprach: Ich kenne euch nicht.“— „Wachet alſo, und bereitet euch vor, denn ihr wiſſet nicht den Tag noch die Stunde eures Todes!“— „Zugleich iſt es aber nicht genug, daß ihr die Lehren, welche euch Gottes Geiſt durch mich 137 ſpendet, höret; es iſt nicht genug, daß ihr nun eine ſichere Anleitung zum Seligwerden in Hän⸗ den habt, und dann doch euren alten Weg weiter geht und ſagt: Wir haben eine ſchöne Gabe von Gott erhalten!— Nein!— ihr müßt nun auch zeigen, daß ihr dieſe Gabe des himmliſchen Vaters zu benutzen wißt; ihr müßt Früchte bringen aus dem guten Samen; ſonſt iſt ihr Werth dennoch für euch verloren. Höret darüber ein Gleichniß: 6 „Es war ein Menſch, der eine Reiſe unter⸗ nehmen wollte.* Da rief er ſeine Knechte, und übergab ihnen ſeine Güter zur Verwaltung. Einem gab er fünf Talente, dem andern zwei, dem dritten aber nur eines, jedem nach ſeinem Vermögen; gleich darauf reiste er ab. Der nun, welcher die fünf Talente empfangen hatte, ging, und wirthſchaftete damit und gewann andere fünf dazu. Ebenſo gewann auch der, * Matthäus 25. V. 14—30. Lukas 19. V. 11—26. 138 welcher zwei empfangen hatte, andere zwei. Der aber, welcher das eine erhalten hatte, ging hin, machte eine Grube in die Erde und verbarg darin das Geld ſeines Herrn. Nach langer Zeit kam der Herr jener Knechte, und hielt Rechnung mit ihnen. Da trat hinzu, der die fünf Talente empfangen hatte, brachte andere fünf Talente und ſprach: Herr! fünf Talente haſt du mir übergeben, ſieh! ich habe noch an⸗ dere fünf dazu gewonnen.“ „So that auch jener, der zwei Talente be⸗ fommen hatte, und brachte ebenfalls noch zwei Talente. Da ſprach der Herr zu ihnen: Wohlan! ihr guten und getreuen Knechte! weil ihr über Weniges treu geweſen ſeyd und es zu benutzen gewußt habt, ſo will ich euch über Vieles ſetzen. Gehet ein in die Freude eures Herrn!“— „Es trat nun auch hinzu, der das eine⸗ Talent empfangen hatte, ſagend: Herr! ich kannte dich, als einen ſtrengen Mann, der große For⸗ derungen macht und ich fürchtete mich; darum 139 ging ich hin und verbarg dein Talent in der Erde. Siehe! da haſt du das Deine.“ „Da antwortete ihm ſein Herr und ſprach: Du fauler Knecht! Du wußteſt, daß ich dir das Talent gab, damit du mit demſelben handeln und dadurch etwas gewinnen ſollteſt! aber deine Trägheit hat dich vermocht, es müßig liegen zu laſſen. Nehmet ihm alſo das Talent, und gebt es dem, der die zehn Talente hat. Denn jedem, der da hat und es benutzt, wird gegeben, daß er Ueberfluß habe; wer aber das Gegebene nicht benutzt(demnach ſcheinbar nichts hat,) für den geht auch das Wenige, was er hat, verloren.“ „Den nichtswürdigen Knecht aber werfet hinaus in die Finſterniß.“— „Wollt ihr daher reichen Ueberfluß an geiſti⸗ gen Gütern haben, und der beſeeligenden Wirkun⸗ gen meiner meſſianiſchen Wirkſamkeit theilhaftig werden, ſo gewinnt Glaubenstreue, höret nicht nur meine Lehren, ſondern nehmet ſie 140 in euch(euer geiſtiges Leben) auf, und übet ſie in thätiger Liebe.“ Und ferner lehrte er ſie, daß Gott allge⸗ recht ſey, und daß gerade das geiſtige Leben, welches er ihnen zu gewinnen ſo ſehr anempfehle, der Schlüſſel zu den vielen ſcheinbaren Mißver⸗ hältniſſen des irdiſchen Lebens ſey. Er wandte ſich aber, ſeiner Gewohnheit nach, mit einem Gleichniſſe an das Volk und ſprach: „Die Vergeltung für eure Thaten, gute oder böſe, bleibt nicht aus; und trifft ſie euch nicht durch natürliche Folgen oder Gewiſſensbiſſe ſchon hier auf dieſer Erde, ſo wird ſie euch nach den Tode werden. Wenn nun die Herrlichteit eines geiſtigeren Lebens, die euch jetzt der Men⸗ ſchen⸗Sohn verheißt, durch den Tod an euch tommen wird, ſo werdet ihr Gott in hellerem Lichte erkennen, als es euch bisher möglich war; und dieſer zu höherem Leben erwachte, göttliche Geiſt wird aldann Feden, er ſey weß Volkes oder Landes er wolle, richten. Und wie ein 141 Hirte die Schafe von den Böcken ſcheidet, ſo werden die Beſſeren von den Schlechteren unter⸗ ſchieden ſeyn. Und zu den Guten wird der Geiſt Gottes ſprechen: Ihr geſegneten Kinder des Lichtes! nehmet nun Beſitz von den Selig⸗ keiten, die ſchon ſeit Ewigkeit eurer harren. Denn ich war hungrig, und ihr habt mich ge⸗ ſpeist. Ich war durſtig, ihr habt mich getränkt. Ich war ein Fremdling, ihr habt mich beher⸗ bergt. Ich war nackt, ihr habt mich gekleidet. Ich war krank, ihr habt mich gepflegt. Ich war in Trübſal, und ihr habt mich getröſtet. Denn was ihr dem Geringſten eurer Mitgeſchöpfe ge⸗ than habt, das habt ihr mir gethan, der ich bin die ewige Liebe, die da Alles trägt und erhält und belebt.“ „Und zu den Böſen wird der göttliche Geiſt ſprechen: Wehe euch, warum habt ihr meine Stimme nicht gehört auf Erden, wenn ich euch ſuchte. Denn was ihr dem Unbedeutendſten eurer Brüder lieblos verweigert oder Böſes gethan, 142 das habt ihr mir verweigert oder mir gethan, der ich Eins bin mit Allem, was da iſt. Gehet denn hin, ſuchet mich, erkennet euer Irren und bereuet euer unkluges Handeln; denn ſo lange ihr in eurer Verſtocktheit verharrt und euch nicht unbedingt dem göttlichen Willen hingebt, werdet ihr unſelig ſeyn, und ſollte es währen durch jedes nachfolgende, künftige Leben.“——— Allmählig waren die Oſtertage herangerückt; eine außerordentliche Maſſe Volks war in und um die Stadt verſammelt, die Tage der unge⸗ ſäuerten Brode nach Vorſchrift zu feiern. Täg⸗ lich hatte der Meiſter im Tempel öffentlich ge⸗ lehrt; Tauſende bewunderten in ihm den größten Propheten, Viele glaubten an ihn, als den erwarteten Meſſias. Dieſe, Jeſu ſo günſtige Stimmung der Menge, hielt auch die Feinde des Weiſen noch. zurück, ihre rachſüchtigen Plane in Erfüllung zu bringen: doch war ſein Urtheil bereits gefällt, und der günſtige Augenblick wurde begierig erwartet. 143 Noch einmal vor ſeinem ihm ſicher bevor⸗ ſtehenden Leiden und Tode wünſchte Jeſus die ihm auf's Innigſte ergebene Familie ſeines Freundes Lazarus zu ſehen. Er begab ſich daher zu dem⸗ ſelben nach Bethanien.“ Die geſchäftige Mar⸗ tha, die Schweſter des vom Tode glücklich Ge⸗ retteten, hatte ein einfaches Mahl bereitet, an dem die kleine Familie des Wirthes, Jeſus und ſeine Jünger Theil nahmen. So heiter der menſchenfreundliche Meiſter ſonſt bei ſolchen Ge⸗ legenheiten zu ſeyn pflegte, ſo ſtill und weh⸗ müthig war er heute; denn trübe Ahnungen umlagerten die freie Stirne. Die Stimmung des Meiſters hatte ſich über die ganze Tiſch⸗ geſellſchaft verbreitet; und während Martha ſchweigend die Gäſte bediente, nahm deren ſinnige Schweſter, Maria ein Pfund köſtlicher Salbe, und goß ſie, zum Zeichen ihrer Achtung, * Matthäus 26. V. 6—13. Markus 14. V. 3—9. Johannes 12. V. 1—8. 144 ihrem geliebten Freunde und Lehrer auf Haupt und Füße. zich 2. Mißgünſtig errieth der habſuchtige Judas Iskariot aus dem herrlichen, das ganze Haus erfüllenden Geruche, den Werth der Salbe und tonnte ſich nicht enthalten, ſeine Unzufrieden⸗ heit über dieſe Verſchwendung auszuſprechen; da man für den Erlös derſelben bei deren allenfallſigen Verkaufe, wie er beſchönigend hin⸗ zufügte, die Armen Feichlie hätte beſchenttn fönnen. Mit einem Blick voll unausſprechlicher Güte auf die zu ſeinen Füßen weinende Maria, ſprach der Meiſter ſanft:„Warum beunruhigt ihr ſie? laſſet ſie ungeſtört. Die Armen habt ihr ja allezeit bei euch, mich aber nur noch eine kleine Weile. Sie hat den Willen, ein gu⸗ tes Werk an mir zu thun, und wahrlich, darum hat ſie auch eines gethan. Sie that, was ſie konnte“— fügte er wehmüthig an den Abſchied von den Theuren denkend, 145 hinzu,—„Sie ſalbte ſchon zum Voraus mei⸗ nen Leib zum Begräbniſſe ein!“— Es würde Jeſu nicht unmöglich geweſen ſeyn, auch dieſesmal den Schlingen ſeiner Feinde zu entgehen, oder gar deren Unternehmen durch träftiges Einwirken auf das ihm geneigte Volk mit einem Schlage zu ſtürzen, wenn er die Erreichung ſeines Zieles auf jenen Wegen vor Augen geſehen hätte. Durch ſeinen gehaltvollen Vortrag, welcher die matten, ſich um kleinliche Streitfragen ſophiſtiſch drehenden Reden der gleichzeitigen gelehrten Rabbinen, bei Weitem übertraf, durch Wohlthaten und Hülfeleiſtungen, die oft an das Wunderbare grenzten, durch die unantaſtbare Reinheit ſeines Wandels, det als eine ſtete lebendige Wirkung ſeiner göttlichen Lehren erſchien, und durch die Uneigennützigkeit, mit welcher er die Fülle ſeiner Weisheit über 8 Alle ausgoß, hatte ſich der Ruf des Nazareniſchen Propheten ſo allgemein verbreitet, daß ſowohl die Gebildeteren, als auch das Volk, ihn als m. 8 0 146 einen von Gott begeiſterten Menſchen hoch ver⸗ ehrten, und ſich in Maſſen zu ſeinen Vorträgen, die er bald hier bald dort zur größeren Bequem⸗ lichkeit der Wißbegierigen hielt, herbeidrängten. Um ſo ſchroffer ſtanden ihm die Gelehrten ent⸗ gegen, und die vielen ſonſt ſo unverſönlichen Secten, ¹ welche damals ihr Unweſen auf Koſten der Geiſtesfreiheit ihrer Nation trieben, waren im Haß gegen dieſen Neuerer feſt verbunden. Wohl einſehend, wie gefährlich dieſe neue, ſich auf die ſtrengſte Sittlichkeit ſtützende Lehre, den alten ihnen ſo günſtigen Gewohnheiten ſey, und daß dieſelbe, einmal feſten Fuß faſſend, die drücken⸗ den Geiſtesfeſſeln, die ſie ihren ungelehrten Brü⸗ dern aufgelegt hatten, bald zerſtören und ihre Macht völlig vernichten würde, verſchworen ſie ſich, den Untergang dieſes gefährlichen Menſchen auf jede Weiſe herbei zu führen. Wenn nun auch Jeſus auf der einen Seite mit Freude die Gährung bemerkte, welche ſein Unterricht in den bisher todten Geiſtern her⸗ vorgerufen hatte, und in ihr, und ihren mate⸗ riell oft unheilvollen Folgen, die nöthigen Wehen einer neu zu gebärenden reineren Philo⸗ ſophie erblickte, ſo war es ſeinem hellſehenden Kopfe auf der andern Seite nicht entgangen, daß ſeine Feinde, die er ſo oft mit der größten Freimüthigkeit in den Augen der ſtaunenden Menge entlarvt, bereits ſeinen Tod beſchworen hatten. Noch war er bisher vorſichtig ihren Schlin⸗ gen aus dem Wege gegangen, da er in ſeinem Plane noch nicht weit genug gediehen. Nun aber, überzeugt, daß ſeine Jünger zur weiteren Ausführung des begonnenen Werkes genugſam angewieſen ſeyen,— nun, da die Aufmerk⸗ ſamkeit des ganzen Volkes auf ihn gerichtet war, mußte die, ſelbſt bei ſeinen Schülern noch ſchwankende Meinung, ob denn das verkündete Meſſiasreich ein irdiſches oder ein geiſtiges ſey, mit einemmale feſtgeſtellt und entſchieden werden. Blut forderte der Haß ſeiner Gegner, mit 10 148 ſeinem Blut und Leben wollte denn auch der Göttliche die Wahrheit ſeiner Lehre beſiegeln, ſeinen Freunden und Feinden zeigend, daß er mit Freudigkeit ſeine irdiſche Eriſtenz für die unüberſchwenglich herrlichere geiſtige in Gott aufopfere. So unerſchütterlich feſt nun auch ſein reif⸗ lich durchdachter Plan vor ihm ſtand, ſo mächtig ſein kühner Geiſt, ſeinem, an alle Entſagungen gewohnten Körper gebot, ſo konnte er ſich als Menſch doch nicht ganz über die Schwachheiten der menſchlichen Natur hinausſetzen. Aber gerade je größer die zu beſiegenden Schwächen ſeiner Natur waren, deſto herrlicher mußte ja auch der zu er⸗ ringende Sieg ſeyn. Tiefe Trauer ergriff ihn, ſah er ſeine geliebten Lehrſchüler an, von denen er ſich trennen mußte; und die, gewohnt ſich auf ihren kräftigen Meiſter zu ſtützen, feſt vertrauend, daß er einſt, auch in dieſem Leben noch, über ſeine 149 Feinde triumphiren würde, um mit einem Male ſich ſelbſt überlaſſen, die dornenreiche Bahn zum ewigen Heile wandeln ſollten. Bange erzitterte ſein Herz im Buſen, ge⸗ dachte er der unerſchöpflichen Rachſucht ſeiner Feinde, die ihn ſicher durch alle möglichen Qualen, ſeine kühne Freimüthigkeit entgelten laſſen würden. Aber ein Blick zum Himmel, für deſſen heiligen Willen er dies Opfer erkannte, ein Gedanke an das geiſtige Elend ſeiner Mit⸗ brüder, und das Bewußtſeyn der Schöpfer ſo vieler Glücklichen zu werden, gab ihm ſei⸗ nen Muth, ſeine unerſchütterliche Seelen⸗Ruhe wieder. Das Oſterlamm war bereitet. In Mitten ſeiner geliebten Schüler lag der Meiſter, von einer ſtillen Wehmuth übergoſſen.* „Ach,“ ſprach er zu den Seinen,— „wie ſehr hat mich verlangt dies Mahl noch * Matthäus 26. V. 1—27. Markus 14. V. 10 72. Lukas 22. V. 1—65. Johannes 13— 19. 150 mit euch zu verzehren; denn Kinder, es wird auf Erden wohl das Letzte ſeyn, das ich in eurer Mitte einnehme.“ „Was mich aber ſo ſehr betrübt, iſt, daß ich vorausſehe, einer von euch, die ihr mir ſtets ſo lieb ward, die ihr jetzt mit mir zu Tiſche liegt, und aus einer Schüſſel mit mir eßt; einer von euch, ſage ich, wird mich an meine Feinde verrathen. Zwar muß meine Auslief⸗ rung geſchehen, aber wehe dem, der ſo viel Liebe mit ſolchem Undanke lohnt.“ Als die Jünger dieſe Rede hörten, erſchracken ſie ſehr und wurden betrübt; aber keiner hielt einen von ſeinen Brüdern einer ſo ſchwarzen That fähig; und doch hatte der Scharfblick Jeſu recht geſehen, denn Judas der Jöskariot, deſſen Geitz und Habſucht ihm genugſam bekannt war, hatte ſich für dreißig Silberlinge von den Feinden ſeines Meiſters verleiten laſſen, und ihnen verſprochen: Jeſum in ihre Hände zu liefern. 151 Da ſie nun gegeſſen hatten, nahm Jeſus das Brod, ſprach ein ſtilles Dankgebet für dieſe Gabe, brach es, gab es ſeinen Jüngern und ſprach: „Nehmet hin und eſſet, dies iſt gleich meinem Leib!“ Dann nahm er den Kelch, dankte, gab ihn ebenfalls ſeinen Jüngern, und ſprach: „Trinket alle daraus, denn dies iſt gleich wie mein Blut, dem Blute eines neuen Bundes, welches für Viele vergoſſen wird, zu ihrer Seelen Heil.“ (Denn wie ich jetzt Brod und Wein euch hingegeben habe, zur Nahrung eures irdiſchen Körpers, ſo werde ich auch mein Fleiſch und Blut hingeben zur Beſtätigung meiner Lehre, die ja ſtets die Nahrung eurer unſterblichen Seele ſeyn ſoll) „Wenn ich aber nicht mehr unter euch wandle, und ihr habt euch mit den Meinen 152 zu einem ſtillen Mahle vereinigt, ſo thuet, wie ich jetzt that, und erinnert euch dabei eures väterlichen Freundes.“— Und als er dies geſagt ſtand er auf, legte ſein Oberkleid ab, goß Waſſer in ein Becken, nahm ein Tuch, ging,— und wuſch ſeinen Jüngern die Füße. Nachdem er dies gethan, legte er ſich wieder zu Tiſche, und ſprach: „Wiſſet ihr nun, was ich euch gethan habe?— Ihr heißet mich Meiſter und Herr, und das mit Recht; denn ich bin es. Wenn nun ich, der Herr und Meiſter, euch die Füße gewaſchen habe, ſo müßt auch ihr einander die Füße waſchen. Denn ich habe euch ein Bei⸗ ſpiel gegeben, damit auch ihr thut, wie ich euch gethan habe, und jeder bereit ſey, ſeinem Bruder gerne und willig zu dienen. Da ihr nun dies wiſſet, ſo ſeyd ihr ſelig, wenn ihr es auch thut.“ 47 „Und ein neues Gebot gebe ich euch: Daß ihr einander liebet. Wie ich 153 euch geliebet habe, ſo ſollt auch ihr einander lieben. Und daran wird Jedermann erkennen, daß ihr meine Jünger ſeyd, wenn ihr einander liebet.“ „Kindlein! nur eine kleine Weile bin ich noch bei euch. Bald werdet ihr mich ſuchen und nicht finden.“ Da frug ihn Simon Petrus:„„Wo gehſt du hin?““ Jeſus antwortete:„Wo ich hingehe, dahin kannſt du mir jetzt nicht folgen, du wirſt mir aber ſpäter folgen.“— Petrus erwiderte:„„ Herr! ich will dir folgen, wohin du gehſt, und will mein Leben ſur dich ſe „Du willſt dein Leben für mich laſſen?“ entgegnete der Meiſter.„Wahrlich, wahrlich, ich ſage dir: Ehe noch der Hahn kräht und der Morgen graut, wirſt du mich mehr denn ein⸗ mal verleugnet haben.“ „Doch euer Herz betrübe ſich nicht. Ihr 154 glaubt an Gott, ſo glaubt ihr auch an mich. Und ſeht, im Hauſe meines Vaters ſind viele Wohnungen. Ich gehe hin, euch eine Stätte zu bereiten. Und wenn ich hingegangen bin, und euch eine Stätte bereitet habe, ſo will ich wiederkommen, und euch zu mir nehmen, damit auch ihr ſeyd, wo ich bin. Nun wiſſet ihr alſo wo ich hingehe, und kennet auch den Weg, der da dahin führt. Denn meine Lehre iſt der Weg und die Wahrheit und das Leben, und Niemand kommt zum Vater, er thue denn, wie ich gelehrt.“ „Wenn ihr mich kennet, ſo kennt ihr auch den Vater; und von nun an kennet ihr ihn, und ſehet ihn.“ Da ſprach Philippus zu ihm:„„Herr! zeige uns den Vater, ſo ſind wir zufrieden!““ Jeſus ſpricht verwundert und betrübt zu ihm:„So lange Zeit ſchon bin ich bei euch, und du kennſt mich nicht Philippus? Wer mich ſieht, der ſieht den Vater.(Denn der Geiſt — 155 der Wahrheit und der Liebe, der mich erfüllt, und aus mir ſpricht, das iſt der lebendige Gott, euer himmliſcher Vater.) Wie kannſt du denn ſagen: Zeige uns den Vater?“ „Glaubſt du denn nicht, daß ich im Vater bin, ſo wie auch ihr es ſeyd, wenn ihr thuet ſo wie ich that, und daß der Vater in mir iſt, gleich wie in euch? Die Worte, die ich zu euch rede, rede ich nicht von mir ſelbſt; der Gott aber, der in mir wohnt, der thut die Werke. Glaubt ihr aber meinen Worten nicht, daß ich im Vater bin, und der Vater in mir iſt, ſo glaubet es doch um der Werke willen. Habe ich nicht, ſo lange ihr mich kennt, nur Gutes gethan? habe ich nicht ſtets nach dem Willen Gottes ge⸗ handelt?— Wohl, wenn ich ſo gethan habe, ſo überzeuget euch denn doch, daß ein göttlicher Geiſt in mir wohnt. Wer aber an meine Lehre glaubt und nach derſelben han⸗ delt, der wird und muß unfehlbar 156 dieſelben guten Werke thun, die ich gethan, ja noch größere wird er thun, denn meine Lebenszeit iſt bald vollendet. Und um was ihr immer den Vater in meinem Sinne bittet, das wird er, zur Verherrlichung meiner Ausſage euch gewähren.“ „Liebet ihr mich wirklich, ſo beweist es dadurch, daß ihr meine Gebote haltet. Dann wird euch Gott an meiner Stelle einen anderen Tröſter geben, damit er bei euch bleibe in Ewig⸗ keit. Den Geiſt der Wahrheit nämlich, den die Kinder der Welt nicht empfangen kön⸗ nen, weil ſie ihn nicht erkennen. Euch aber wird er aufgehen, ihr werdet ihn erkennen, und er wird in euch wohnen, und in euch wird er ſeyn. Auch hinterlaſſe ich euch durch die euch gegebene Lebensanweiſung, der Erde höchſtes Gut: Den Frieden Gottes. Meinen Frieden, die Seelen⸗Ruhe, die Rechtthun und ein Gott gefälliger Wandel erzeugt.“ „Euer Herz betrübe ſich nicht, und fürchte 157 ſich nicht. Denn wenn ich auch, wie ich euch geſagt habe, zum Vater gehe, ſo laſſe ich euch doch nicht als Waiſen zurück, ſondern mein Geiſt bleibt bei euch. Und hättet ihr mich recht lieb, ſo würdet ihr euch freuen, daß ich zum Vater gehe, denn der Vater iſt größer als ich.“ „Dies alles ſagte ich euch, damit ihr auf das Kommende vorbereitet ſeyd. Damit aber die Welt erkenne, daß ich den Vater liebe, und gern und willig thue, wie er mir befohlen hat— ſo ſtehet auf und laſſet uns von hinnen gehen.“ „Ich bin der Weinſtock, und mein Vater iſt der Weingärtner. Jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen; jede aber, die Frucht bringt, wird er reinigen, daß ſie noch mehr Frucht bringe. Bleibet in mir, ſo bleibe ich in euch. Wie eine Rebe keine Frucht von ſelbſt bringen kann, wenn ſie nicht im Weinſtock bleibt, ſo auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibet. Ich bin der Weinſtock; ihr ſeyd die Reben. Wer in mir bleibt, und 158 in dem ich bleibe, der bringt viel Frucht, denn ohne mich könnet ihr nichts thun.“ „Wie ſehr ich euch liebe, ſeht ihr daraus, daß ich mein Leben für euer Wohl hingebe, und eine größere Liebe hat wohl Niemand, als dieſe, daß er ſein Leben für ſeine Freunde läßt. Ihr ſeyd aber meine Freunde, wenn ihr thut, was ich euch gelehrt habe; und Freunde, nicht mehr Schüler nenne ich euch, denn der Schüler weiß nicht was ſein Lehrer thut; euch aber habe ich kund gethan, was ich von Gött⸗ lichem erkannt.“ „Wie ich aber ausgegangen bin vom Vater, Geiſt von Geiſt, und in die Welt gekommen, ſo verlaſſe ich nun auch wieder die Welt, und gehe heim zum Vater.“ Nachdem Jeſus alſo geredet hatte, erhob er ſeine Augen gen Himmel, und ſprach:„Vater! Die Stunde iſt gekommen. Verherrliche Deinen Sohn, damit Dein Sohn, durch ein würdiges Ende auch Dich, der Du Dich durch ihn offen⸗ 159 barteſt, verherrliche, auf daß ſie finden mögen das ewige Leben, das da erzeugt wird durch die Erkenntniß des allein wahren Gottes und der Lehren, die ſie empfingen durch Jeſum Chriſtum, Dein Kind.“ „Vollendet habe ich das Werk, das Du mir übergeben haſt, treu wie ich es als Deinen heiligen Willen erkannt habe; ſo nimm mich denn wieder auf zu Dir, damit ich nun ſelbſt⸗ bewußt die Seligkeit des göttlichen Seyns theile, in dem ich war von Anbeginn. Nicht länger bin ich nun unter den Deinen; darum, heiliger Vater! erhalte ſie in Deinem Namen, damit ſie Eins ſeyen mit Dir, wie wir Eins ſind. Aber nicht nur für dieſe allein, die mich jetzt umgeben, bitte ich, ſondern auch für diejenigen, die durch ihr Wort an mich glauben werden. Damit Alle Eins ſeyen, wie Du, Vater, in mir und ich in Dir, damit auch ſie dieſe Wahrheit erkennen, und die Welt ſich überzeuge, daß meine Lehre von Dir, daß ſie göttlich ſey!“—— 160 Hierauf verließen ſie den Saal, und begaben ſich ſchweigend in die Gärten des Oelberges. Sie richteten den Weg über den Bach Kedron, nach Gethſemane, einem Meyerhofe, öſtlich von Jeruſalem gelegen, woſelbſt Jeſus öfters zu über⸗ nachten pflegte. Dort angekommen, ſprach er zu ſeinen Jüngern:„Setzet euch hier, während ich dorthin gehe und bete“ Petrus aber, Jakobus und Johannes n er zu ſich, und ging mit ihnen weiter hinauf in den Garten. Da ward ihm bange zu Muthe und Zittern überfiel ſeine Glieder. Und er ſprach zu ſeinen Begleitern:„Meine Seele iſt betrübt bis in den Tod; bleibet hier und wachet mit mir.“ Darauf ging er einige Schritte weiter, fiel nieder, betete und rief:„O mein gütiger Vater! iſt es denn nicht möglich, daß ich das begonnene Werk vollenden kann, ohne den bitteren Kelch eines ſchmachvollen Leidens zu leeren?— Doch nicht mein, ſondern dein Wille geſchehe, denn 161 dein Wille iſt ja auch der meine!“— Und er ſtand auf und ging zu ſeinen Jüngern. Aber ach, hier fand er keinen Troſt! Angegriffen und abgeſpannt durch die Ereigniſſe der letzten Tage und vorzüglich dieſes Abends, hatte ſich ihrer ein ſanfter Schlummer bemächtigt. Schweigend betrachtet der Meiſter ſeine Lieblinge und ſpricht leiſe:„So vermochtet ihr nicht eine Stunde mit mir zu wachen?— O! ihr ſolltet wachen und beten, daß ihr nicht in Verſuchung fallet, denn der Geiſt iſt zwar willig, aber das Fleiſch iſt ſchwach.“ Darauf ging er abermals hin und betete: „Gott, mein Gott, iſt es denn durchaus nicht möglich, dem Aeußerſten zu entgehen, ohne dei⸗ nem heiligen Werke zu ſchaden. Doch nein, ich murre nicht, ich bin bereit, mich der Wahrheit zu opfern.“ Und zum zweitenmale fand er ſeine Jünger ſchlafend. Da ging er wiederum, fiel nieder und rief:„Vater! iſt's möglich, ſo gehe dieſer IIi. 11 162 Kelch vorüber, doch nicht mein, ſondern dein Wille geſchehe!“— Ein ſchwerer, banger Kampf war es, den der beklommene Geiſt des Propheten mit den Schwächen ſeines menſchlichen Kör⸗ pers zu kämpfen hatte. Aber auch hier ſiegte die Willenskraft des unerreichbaren Weiſen, und einſehend, daß er dem bevorſtehenden Ungemache nicht entgehen könne, ohne ſein ganzes Werk zu gefährden, kam er feſten Entſchluſſes zu ſeinen ſchlafenden Jüngern zurück.„Auf!“— rief er ihnen zu,„ſchlafet ihr denn noch und ruhet? Seht die Zeit iſt da, in welcher euer Meiſter ſeinen Feinden wird überliefert werden.“ Und als er noch ſo redete, ſiehe da kam Judas der Iskariot mit den bewaffneten Hä⸗ ſchern und Dienern der Hohenprieſter und Aelteſten. Der Verräther aber hatte mit ihnen ein Zeichen verabredet und geſagt: den, welchen ich küſſen werde, der iſt's, den ergreifet!— und 163 ſogleich trat er zu Jeſus und ſprach:„Sey gegrüßt, Meiſter!““— und küßte ihn. Jeſus aber frug ihn ſchmerzlich bewegt: „Judas! verräthſt du deinen Lehrer mit dem Zeichen der Liebe, einem Kuſſe?“— Die Häſcher aber ergriffen und banden ihn. Da zog Petrus das Schwert und hieb nach ihnen. Jeſus aber verwies es ihm und ſprach: „Stecke dein Schwert in die Scheide! denn wer Gewalt braucht, wird durch Gewalt umkommen!“ Und zu den Schaaren ſich wendend, fuhr er fort:„Ihr habt euch bewaffnet, als wolltet ihr einen Mörder fangen; täglich ſaß ich doch im Tempel in eurer Mitte, und ihr habt keine Hand an mich gelegt.“— Sie aber banden ihn und führten ihn zu Kaiphas, dem derzeitigen Hohenprieſter, bei welchem ſich das Synedrium verſammelt hatte; während ſeine Jünger, Petrus ausgenommen, der ihm von Weitem folgte, flohen. Es mochte ungefähr um Mitternacht ſeyn, 11 164 als der verhaßte Gefangene, mit Feſſeln beladen, in dem Gerichtsſaale des Hohenprieſters erſchien. Ruhig, mit würdevoller Miene trat er ſeinen erbitterten Feinden entgegen. Wild tobten um ihn die gehäſſigſten Leidenſchaften, ſich vereinigend zu dem einen Zwecke, ihn zu verderben. Alle Nittel wurden verſucht, ſeinen Fall herbeizu⸗ führen. Klagen folgten auf Klagen; aber um⸗ ſonſt, das Synedrium ſelbſt mußte ſie als unzu⸗ länglich verwerfen. Falſche, erkaufte Zeugen, verwirrten ſich vergebens in ihren, nicht über⸗ einſtimmenden Ausſagen, ſie mußten beſchämt zurückweichen. Stillſchweigend hatte der Meiſter dieſem Treiben zugeſehen, ohne den Anklagen auch nur eine Sylbe entgegen zu ſetzen. Da frug ihn endlich der Hoheprieſter und ſprach: „„Ich beſchwöre dich bei dem lebendigen Gott, daß du uns ſageſt, ob du Chriſtus, der Sohn Gottes biſt?““ „Du ſagſt es.“— Antwortete Jeſus.„Ich aber verſichere euch: Von nun an werdet ihr 165 erkennen, daß ich aus der Kraft Gottes han⸗ delte, und mein verheißenes Reich, wird auf den Wolken des Himmels hernieder kommen!“— Da zerriß der Hoheprieſter ſein Kleid, und ſprach:„„Er hat Gott geläſtert, was haben wir noch weiter Zeugen nöthig. Habt ihr doch alle ſeine Läſterung gehört. Was dünket euch?““ Sie aber antworteten einſtimmig:„„„Er iſt des Todes ſchuldig!“““— Darauf verſpot⸗ teten ſie ihn, und ließen ihre Bosheit in klein⸗ lichen Mißhandlungen aus. Indeſſen ſaß Simon Petrus im Vorhofe, um den Ausgang dieſes traurigen Ereigniſſes zu erwarten. Das geſchwätzige Geſinde hatte ſich um ein Kohlfeuer geſtellt, ſich eifrig über das Geſchehene unterhaltend, und Petrus forſchte von Zeit zu Zeit nach dem ferneren Schickſale des Ge⸗ fangenen. Nachdem ihn die Dienerſchaft wieder⸗ holt gefragt, ob er denn nicht auch einer von den Lehrſchülern des Nazareners ſey? läugnete er es aus Furcht vor einem ähnlichen Schickſal, 166 und beharrte in ſeiner Erſchrockenheit darauf. Siehe, da hörte er zufällig den Morgenruf des Hahnes, und mit Beſchämung erinnerte er ſich der Worte ſeines guten Lehrers, und ging hinaus und beweinte ſeine Schwachheit bitterlich. Die Hohenprieſter und Aelteſten des Volkes hielten aber Rath bis an den Morgen,?“ auf welche Art ſie Jeſum am Beſten zum Tode brächten. Denn waren ſie auch unter ſich über den Mord des verhaßten Rabbi einig, ſo war es doch eine ſchwierige Aufgabe, die Römiſchen Gerichte, welchen die Gewalt über Leben und Tod zu entſcheiden allein zuſtand, zu bewegen, über einen Angeſchuldigten ohne allen Beweis der Schuld das Verdammungsurtheil auszu⸗ ſprechen. Da ſie nun wohl einſahen, daß ihre Verläum⸗ * Matthäus 27. u. ff. Markus 15. u. ff. Lufas 32. u. ff. Johannes 18. u. ff. 167 dungen vor dem Tribunal einer nüchternen und unbefangenen Gerechtigkeit ganz unſtatthaft wa⸗ ren; gründeten ſie ihre letzte Hoffnung auf die, ihnen bekannte Schwäche des dermaligen Römi⸗ ſchen Landpflegers: Pontius Pilatus, und be⸗ mühten ſich, der rein moraliſchen Lehre Jeſu eine politiſche Tendenz zu unterſchieben, indem ſie die Ausſprüche deſſelben, welche auf die Gründung eines neuen geiſtigen Reiches ziel⸗ ten, benutzten, und angaben, er habe, ſich fuͤr einen jener, aus der Davidiſchen Dynaſtie ab⸗ ſtammenden Gottesſöhne, auf welche das unruhige Volk mit Sehnſucht warte, ausgebend, zum Könige der Juden aufwerfen wollen. Pilatus nahm Jeſum in's Verhör. Da er aber durchaus keine Schuld an ihm finden konnte, trat er heraus und ſprach zu den Klä⸗ gern:„„Ich finde kein Verbrechen an dieſem Menſchen; was iſt's denn, was er Unrechtes ge⸗ than hat?““ Da antworteten ſie ihm mit obiger Anklage, ——— — —————— 168 und füͤgten hinzu, er verführe das Volk und reize es zu Unruhen auf. Pilatus begab ſich auf's Neue zu ihm und frug Jeſu:„„Iſt es wahr, weſſen deine Feinde dich beſchuldigen, willſt du ein neues Reich gründen, und dich zum Könige der Juden machen?““ „Mein Reich!“— antwortete Jeſus— „iſt nicht von dieſer Welt. Denn hätte ich darauf geſonnen, ein irdiſches Reich zu gründen, ſo würde ich mir Diener und Anhänger geſammelt haben, die darum kämpften.“ Pilatus fuhr fort Jeſum zu verhören, aber ohne beſſeren Erfolg als bisher; denn wie hätte er an dem Beſten der Menſchen ein todeswür⸗ diges Verbrechen finden können?— Um ſich indeſſen aus dieſer Verlegenheit zu ziehen, be⸗ nutzte der Landpfleger, welcher im Laufe des⸗ Verhörs vernommen hatte, daß der Angeſchuldigte ein Galiläer ſey, die Gegenwart des Galiläiſchen Vierfürſten Herodes zu Jeruſalem, und ſandte 169 demſelben Jeſus, als unter deſſen Gerichtsbar⸗ keit gehörig. Herodes und ſein ganzer Hofſtaat fühlten ſich durch des ſchlauen Römers Aufmerkſamkeit nicht wenig geſchmeichelt und freuten ſich ſehr, endlich einmal dieſen Jeſus, von dem ſo wun⸗ derbare Gerüchte in Umlaufe waren, zu ſehen; hoffend, daß er ihre Neugierde durch ein unter⸗ haltendes Wunder befriedigen würde. Aber wie ſehr fanden ſie ſich getäuſcht. Auf alle Fragen, auf alle Anklagen verharrte er in einem tiefen Schweigen. Hatte er doch ſeiner Zeit laut und öffentlich geſprochen, und den Glauben an ſeine Lehre um deren göttlicher Wahrheit, nicht aber ſeiner oft wunderbar ſchei⸗ nenden Wohlthaten wegen verlangt. Als Herodes aber ſah, daß er ſeinen Wün⸗ ſchen zu entſprechen nicht bereit ſey, vereinigte er ſich mit ſeinem ganzen Hofe, ihn zu verſpot⸗ ten, ließ ihm ein weißes Kleid anziehen, und ſandte ihn dem Landpfleger zurück. 17⁰ So hatte dem Römer dieſe Liſt nichts gefruch⸗ tet. Wohl fühlte er, daß nur Haß und Rache der Prieſter dieſen gerechten, in ſeinen Augen nur ſchwärmeriſch überſpannten Menſchen zu verder⸗ ben ſuchte; aber dem klugen Weltmanne war auch hinlänglich bekannt, wie weit Prieſter⸗Rache zu gehen vermöge. Schon wogte das Volk, auf⸗ gereizt durch ſeine Aelteſten und Geſetzlehrer, in dicht gedrängten Maſſen um das Richthaus, ſchon ließen ſich laut und lauter die Stimmen der Unzufriedenen hören, und es bedurfte nur noch wenig, um einen, bei der derzeitigen Ueber⸗ füllung der Hauptſtadt nur um ſo gefährlicheren Aufruhr herbeizuführen. Da bot ſich dem unſchlüſſigen, zwiſchen Gerechtigkeitsliebe und Furcht peinlich ſchwanken⸗ den Pilatus, der es weder mit den höheren jüdiſchen Beamten, noch mit ſeinem Gewiſſen, noch mit dem Kaiſer verderben wollte, ein Aus⸗ weg dar. Auf das Oſterfeſt ſtand dem Landpfleger n das Recht zu, einen von den im Laufe des Jah⸗ res zum Tode verurtheilten und ſich noch in Haft befindenden Verbrecher, nach der Wahl des Volkes, frei zu geben. Mit Freude ergriff er daher dieſe Gelegenheit, auf das Rechtlichkeits⸗ gefühl der Menge bauend, und ſtellte derſelben die Wahl zwiſchen Jeſu und Barnabas, einem berüchtigten Mörder, frei. Aber auf ſeine wohlgemeinte Frage: Wel⸗ chen von beiden er losgeben ſolle?— ertönte von der bethörten und auf jede Weiſe beſtoche⸗ nen Maſſe faſt einſtimmig der Ruf:„„„Bar⸗ nabas!““4— „„Was ſoll ich denn mit dieſem machen??““ fuhr der Römer unwillig fort, indem er auf Jeſum wies. Und tobend erſchallte es von allen Sei⸗ ten:„„„Hinweg mit ihm!— an's Kreuz mit ihm!“““ 121 Noch einen letzten Verſuch wagte der geängſtigte Pilatus, des Volkes Mitleid in 172 Anſpruch nehmend; er übergab den Gefangenen zur Geißlung. Mit Frohlocken ergriffen die rohen Söldner ihr Opfer, der Ausführung des grauſamen Befehls noch ihren wilden Spott zufügend. Mit einer Krone aus Dornen geflochten und einem Purpurmantel ſchmückten ſie den ſtill Duldenden, traten vor ihn und ſprachen:„„Sey gegrüßt du König der Juden!““— und ſchlugen und geißelten ihn. In dieſem Zuſtande ließ ihn der Landpfleger nochmals dem Volke vorführen.„„Seht!““— rief er aus—„„dieſen kläglich gezüchtigten Menſchen! Er iſt nun genug für ſeine Thor⸗ heiten beſtraft.““ Die Creaturen der Hohenprieſter und Schrift⸗ gelehrten aber ſchrien laut:„„„Kreuzige ihn!“““— „Ich kann ihn nicht tödten laſſen,““— entgegnete der Landpfleger,—„„denn ich finde keine Schuld an ihm. Wollt ihr es verantwor⸗ ten, ſo nehmet und kreuziget ihn.““ 173 Da nun die Feinde Jeſu ſahen, daß Pilatus entſchloſſen ſey, ihn nicht zu verurtheilen, griffen ſie zu dem letzten Mittel:„„„Wenn du dieſen los läßt,“““— ſchrien ſie,„ biſt du des Kaiſers Feind! denn wer ſich zum König auf⸗ wirft, empört ſich gegen den Kaiſer.“““ Als aber Pilatus dieſe Worte hörte, ſchei⸗ terte ſeine Gerechtigkeit, denn ihm bangte vor einer Anklage der heimtückiſchen Prieſter am Throne des Kaiſers. Er wuſch daher vor Aller Augen ſeine Hände, zum Zeichen ſeiner Unſchuld, und über⸗ lieferte Jeſum den Schergen zum Kreuzestodte. Und ſie führten ihn hinaus auf den Richt⸗ platz, Golgatha, Schädelſtätte genannt. Allda treuzigten ſie ihn und mit ihm zwei Verbrecher, den einen zur Rechten, den andern zur Linken; und hefteten eine Aufſchrift an das Kreuz, die da lautete: Jeſus von Nozaret, König der Ju⸗ den. Die Söldner aber theilten ſeine Kleider nach Herkommen unter ſich. 174 Unter dem Kreuze mit zerknirſchten Herzen, von namenloſem Jammer zerriſſen, ſtanden die Mutter Jeſu, deren Schweſter, und Maria Magdalena. Als nun Chriſtus ſeine Mutter und den Jünger, den er namentlich lieb hatte, erblickte, ſprach er zu ihr:„Mutter, ſieh' da deinen Sohn!“— und zu dem Jünger:„Sieh' da deine Mutter.“— Und von der Stunde an nahm ſie der Jünger zu ſich. Der unerſättliche Haß ſeiner Feinde aber weidete ſich noch an dem blutenden Opfer ſeiner Rache, und ſpottend riefen ſie dem ſanften Dul⸗ der zu:„„„Du Auserwählter Gottes, der du Andern ſo oſt halfſt, hilf dir nun ſelbſt! Steige herab vom Kreuze und beweiſe, daß du ein Sohn Gottes biſt, ſo wollen wir dir glauben!“““ Mitleidig ſchaute, unter entſetzlichen Qualen, der Gekreuzigte auf ſeine rohen Feinde, und bat, ſeiner göttlichen Menſchenliebe, welche ſelbſt die entſchiedenſte Bosheit ſeiner Feinde nicht zu 175 mindern vermochte, das Siegel aufdrückend: „Vater, vergib ihnen, denn ſie wiſſen nicht was ſie thun!“—. Sogar einer der Miſſethäter, die mit ihm gekreuzigt waren, rief ihm läſternd zu:„„Wenn du wirklich Chriſtus biſt, ſo hilf dir ſelber und uns!““— Der andere aber verwies es ihm und ſprach:„„„Auch du fürchteſt Gott nicht, da du doch in gleicher Strafe biſt? und wir empfangen dazu mit Recht unſerer Thaten Lohn; dieſer aber hat nichts Böſes gethan;“““ und zu Jeſu gewandt, fuhr er fort:„„Gedenke meiner, Herr! wenn du in dein Reich kom⸗ meſt.““ Und Jeſus ſprach zu ihm:„Wahr⸗ lich! ich ſage dir, heute noch wirſt du mit mir im Paradieſe ſeyn.“ Um die neunte Stunde(3 Uhr Nachmittags nach unſerer Zeitrechnung) ſchrie Jeſus, im Ueber⸗ maße des Schmerzes:„Gott! mein Gott! haſt du mich verlaſſen?“ Dann ſchwieg er, bis er nach einer kleinen Weile ſein Ende ſich nahen 176 fühlte, da ſprach er noch ein Mal mit lauter Stimme:„Vater! in deine Hände befehl' ich meinen Geiſt!“ neigte ſein Haupt und er⸗ blaßte.——— Als aber der Hauptmann, welcher die Wache hatte, Jeſum ſo vollenden ſah, rief er erſchüttert:„„Wahrlich! dieſer war ein Sohn Gottes und ein frommer Menſch!““— So endete Jeſus Chriſtus im 34ten Jahre ſeines Lebens um die zte Nachmittagsſtunde des Rüſttages, des 15ten im Monat Niſan, ſeinen ſegensvollen, für alle kommende Zeiten ſo überaus wichtigen Wirkungslauf. Weil es nun gerade an dem Rüſttage war, und der große Sabbat bevorſtand, ſo baten die Juden den Landpfleger, er möchte die Gekreu⸗ zigten völlig tödten und abnehmen laſſen, da⸗ mit die Leichname nicht über den Sabbat am Kreuze blieben. Es kamen alſo Söldner und brachen den beiden mit Jeſu Gekreuzigten, die noch lebten, 177 die Bruſtknochen und Beine; da ſie aber zu dieſem gingen, fanden ſie denſelben ſchon leblos, denn ſein zarter, von den Anſtrengungen der letzten Tage, und den erduldeten Mißhandlungen erſchöpfter Körper war der ſonſt nicht ſchnellen Todesart bald erlegen. Sie verſuchten daher auch keine weitere Mittel, ihn vollends zu tödten, um ſo weniger da, als ſie ihm mit einer Lanze eine Seite leicht öffneten, ſogleich Blut und Waſſer herausfloß. Unterdeſſen hatte ſich Joſeph von Arima⸗ thäa, ein heimlicher Anhänger Jeſu, von Pila⸗ tus die Erlaubniß erbeten, den Leichnam des hingerichteten Nazareners abnehmen zu dürfen, und dieſelbe auch erhalten. Vereinigt mit Ni⸗ kodemus, einem vornehmen aber gleichfalls heim⸗ lichen Jünger des Herrn, eilten ſie, mit Spe⸗ zereien verſehen, zum Kreuze, nahmen den ſtarren Körper des geliebten Freundes ab, wickelten ihn ſammt den Gewürzen in Tücher und legten ihn, da ſie die völlige Einbalſamirung nach orien⸗ III. 12 178 taliſcher Sitte, des kommenden Sabbats wegen. nicht mehr vornehmen konnten, in ein ganz neues, in einem benachbarten Garten gelegenes Grabgewölbe. In tiefe Trauer vetſenkt, brachten die Freunde Jeſu die Tage des Feſtes zu. Kaum aber be⸗ gann die neue Woche, als ſie auch zum Grabe des Theuren eilten, die letzten Pflichten an ihm zu vollziehen. Aber wer beſchreibt ihr Entſetzen, ihr Erſtaunen, ihre Freude als ſie die Gruft leer, den Geliebten unter den Lebenden fanden? Maria Magdalena war die Erſte die den Wiedererwachten, gehüllt in die Kleider des Gärt⸗ ners, erblickte; aber wenn er gleich noch nicht hinübergeſchlummert war, ſo fühlte er doch ſeinen Heimgang nahe:„Rühre mich nicht an,*— ſprach er bittend zu der heftig bewegten, vor Entzücken ſeligen Maria,—„denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater; gehe daher zu meinen Brüdern und ſage ihnen, daß ich bald auffahren werde zu meinem Vater und zu 179 eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott!“— Und er beſchied ſeine Jünger nach Galiläa zu gehen, wohin auch er ſich zurückziehen würde. Oefter noch zeigte er ſich ihnen alsdann, und als er, ſein großes Werk zu vollenden, ſie end⸗ lich ausſandte, ſprach ſcheidend der erhabene Weiſe:. „Gehet hin in alle Welt, lehret alle Völker, und taufet ſie in meinem Namen, zur Ehre des Vaters, mit dem Geiſte der Wahrheit. Und lehret ſie Alles halten, wasich euch anempßnhen habe. Und ſeht, ich bin bei euch alle Tage, bis an's Ende der Welt!“ Und ſie gingen und thaten, wie ihnen der Meiſter befohlen.——— —— . Anmerkungen. „Entſtehung des Begriffs: Meſſias Gottes. Der hochbegabte Moſes hatte ſein Volk, nachdem er es aus der Aegyptiſchen Sklaverei befreit, zu einem Staate eigener Art gebildet. Einſehend, daß jede Menſchenregierung an ſich unvollkommen ſeyn müſſe, daß die unvollkommenſte diejenige ſey, bei welcher Alles der Willkührlichkeit der Gewalthaber überlaſſen würde, daß die Regenten ſelbſt ein höheres Vorbild, ein Geſetz der Geſetze, über ſich haben ſollten, daß aber ſelbſt dieſes, weil von Menſchen gegeben, zu keiner Zeit vollendet gut ſeyn könne, in gleichem Grave verbeſſerlich ſeyn müſſe, je nachdem die Völker ſelbſt ſich in ihren Einſichten verbeſſern und nach Veränderung ihrer Umſtände auch einer Vervollkommnung ihrer Geſetze be⸗ dürfen,— entſagte mit wunderbarer Selbſtüberwindung der Großmüthige aller eigenwilligen Herrſchſucht und faßte den erhabenen Entſchluß, ſein Volk für alle Folgezeiten ſo frei wie möglich und doch immerfort zur Selbſtvervoll⸗ kommnung reifend zu erhalten. Menſchen mußte Moſe als Geſetzgeber und Geſetzvoll⸗ ſtrecker ſeinem Volke nun wohl vorſetzen und hinlerlaſſen; aber eben dieſe Menſchen ſtellte er ſo, daß ſie ſich immer nur das, was Gott wollen könnte, zum Maßſtabe nehmen — 181 ſollten und ſich ſelbſt als die Unterregenten des Jehova betrachten müßten. Eine immer perfektible, ariſtokratiſch- republikaniſche Theokratie, eine unter Prieſtern, heerführenden Richtern, Stammoberſten und Propheten verwirklichte Regierung nach dem, was als gotteswürdig erkennbar wäre, iſt es, was er von der Abrahamidiſchen Glaubenstreue gegen Einen, aber heiligen, höchſten Gott ausgehend, bei ſeinen Hirtenſtämmen einführte und ſie dadurch zur Nation zu bilden anfing. Erſt ſpäter, als man, genöthigt durch die mißlichen politiſchen Verhältniſſe der Nation,— die lediglich aus der, aus Trägheit unterlaſſenen Ausführung der Grund⸗ anlagen Moſe's entſprangen,— das Reich der Prieſter, wie Moſe es ſich gedacht hatte, in ein Königreich eines Gottgeſalbten oder Unterkönigs von Jehova, umänderte, beginnt der Gedanke: Die Hebräer⸗ Nation regiert ein König, nur als Stellvertreter des un⸗ ſichtbaren National⸗Königs, der dennoch zugleich als der Gott über Alles gedacht und verehrt blieb. Von da an aber wurden nun die Begriffe Meſſias des Jehova, oder ſichtbarer Unterkönig über Israel, und alſo Stellvertreter des Jehova, gleichbedeutende (ſynonyme) Begriffe und Worte. Dieß begann mit der Salbung des Saul(1 Sam. 10, 4. 15. 1). Und Saul war auch für den ſchon ebenſo geſalbten David der un⸗ verletzliche Meſſias des Jeihova(. Sam. 24, 7. 14.), ungeachtet derſelbe den ſchuldloſen David verfolgte. Dieſer zum Gehorſam gegen eine Gotteswürdige geſetzliche Verfaſſung verpflichtende, aber auch zur Unverletzlichkeit heiligende Begriff(1. Sam. 26, 10. 16. 24.) dauerte zum Beſten Sauls in dem Gemüth des wohlkundigen Davids immer fort, ſelbſt bis nach deſſen Tod. Den Amalekiter, —————— 182 welcher ſich einen Lohn dadurch zu erlügen hoffte, daß er mit eigener Hand den Saul umgebracht zu haben ver⸗ ſicherte, läßt David(2. Sam. 4, 44.) ſehr klug und folge⸗ richtig vor ſeinen Augen niederhauen, weil er ſich nicht geſcheut hatte, ſeine Hand„an den Meſſias des Je⸗ hova“ zu legen. Der Lohngierige hatte dies nur erdich⸗ tet; aber David(V. 16.) ſagt ihm: Dein Mund hat gegen dich ſelbſt gezeugt, da du ſagteſt: ich habe getödtet den „Meſſias des Jehova!“ Jederrechtmäßige König in dem hebrä' ſchen Gottesſtaat waralſo ein Meſſias des Jehova. Als nun der kluge David den Thron beſtiegen hatte, ging ſein Hauptbeſtreben dahin, denſelben für ſich und ſeine Nachkommen zu ſichern. Er eroberte daher Jeruſalem, und richtete ſich auf dem Zionsberge eine Königsburg ein, und wenn auch der umſichtige Nathan die Verlegung des bis dahin beweglichen Gotteszeltes in einen feſten Tempel, in Mitte der Königsſtadt, noch zu vereiteln wußte, ſo nahm doch David„öffentlich in dem Gotteszelt vor Je⸗ hova ſitzend,“(2. Sam. 7.) alſo in einer feierlichen Be⸗ ſprechung mit dem unſichtbaren, aber in dem Gotteszelt vergegenwärtigten Oberkönig, jene Zuſage der Unver⸗ letzbarkeit ſeiner Dynaſtie(Erbfolge ſeines Ge⸗ ſchlechtes) mit den feierlichſten Worten an: Groß ſey die Huld ſeines Herrn, des Jehova, daß er ihn und ſein Haus bis hieher gebracht habe. Jetzt halte Gott dies noch für zu wenig, er habe vielmehr über ſeine Familie bis in die Zeitferne hinaus, Etwas ausgeſprochen, was von nun an⸗ ein Geſetz für die Menſchen ſeyn müßte. Hoch erkennt David dieſe ihm von Gott gewährte Größe und verbindet nun das Heil Ifraels ganz mit ſich und ſeiner Nachkommenſchaft, als„Meſſiaſen Gottes.“ „Die Nation habe Jehova ſich als ſein Eigenthum 183 herzugeführt; und jetzt habe eben derſelbe über ihn und ſein Haus ausgeſprochen, daß er es für die Folgezeit auf⸗ recht erhalten wolle. Immerfort werde man alſo ſagen: Jehova, der Wohlgerüſtete, iſt der hochverehrte Gott über Iſrael und vor ihm iſßt feſt die Familie ſeines Knechtes Davids.“ Mit anderen Worten: Der Unterkönig, der M eſſias des Jehova ſoll zum Wohl des Volkes auf die unbe⸗ ſtimmbare Zeitferne hinaus kein anderer, als ein Nach⸗ komme Davids ſeyn. Er ſoll als ein Sohn der Gottheit zu handeln ſich verpflichtet denken und dann auch als einer der Gottesſöhne, ſelbſt wenn er Fehler begeht, ſchonend behandelt werden. Von dieſer(politiſch- religiöſen) Verhandlung her pflanzte ſich nun die folgereiche Ueberlieferung fort, daß das Wohl der Nation für immer an die Nachkommenſchaft Davids geknüpft ſeyn ſolle. Welche Idee ſich nach und nach idealifirte und vergeiſtigte, und in allen traurigen Lagen Iſrael voll zuverſichtlicher Hoffnung auf das Haus Davids hinblicken ließ. 636 „Das Leben Jeſu, von Dr. H. E. G. Paulus. „Man denke hierbei nicht an die meiſtens ſehr ſchmutzi⸗ gen Stallungen unſeres Vaterlandes, welche, zumal in unſerem Klima, einen wenig erträglichen Aufenthaltsort abgeben würden. In dem warmen Paläſtina hingegen mochte die rein⸗ liche, mehr zum Zufluchtsorte der Hirten, als der meiſtens auf freiem Felde übernachtenden Heerden beſtimmte Ueber⸗ dachung nicht zu verachten ſeyn. „Jeſus“— Joſua, Jehoſchüah,— im Griechi⸗ ſchen Jeſus, bedeutet— einen, der Rettung ſchaffen wird. 184 Ein Name, den beſonders die Nachkommen Davids gerne wi Söhnen beilegten. „Magier“ oder„Chaldäer“ nannte man in dem Zeitalter der Geburt Jeſu jene über das ganze Rö⸗ miſche Reich verbreiteten Zeichendeuter, welche aus der Stellung der Sterne das Schickſal einzelner Menſchen und ganzer Völker deuten zu können vorgaben. Daß darunter dreierlei Könige zu ver⸗ ſtehen ſeyen, iſt ein falſcher Zuſatz der Kir⸗ chenväter, und iſt in dem Urterte keine Spur davon zu finden. Ausführliches hierüber in Pr. Pau⸗ lus: Jeſu.“ Ater Theil Seite 106. 5„Synedrium,“ Sanhedrin, der hohe Rath des Jüdiſchen Volkes, durch welchen in Sachen der Religion und des Staates, ſo weit dieſer unabhängig war, Alles entſchieden wurde. Die Sage macht den Anführer der aus Babylon zu⸗ rückgekehrten Juden, Esra, zum Stifter und erſten Vor⸗ ſteher deſſelben, doch iſt es wahrſcheinlicher, daß der San⸗ hedrin im Jahre 137 vor Chriſtus von Johannes Hyrkanus geſtiftet wurde. Nach dem Johannes⸗Evangelium waren Jeſus und Johannes allein. Während der betende Jeſus(nach Luk. 5, 21.) im Waſſer untergetaucht wurde, war Alles ſtill und ohne Veränderung. Als er heraustrat, theilten ſich gerade die Wolken, der Himmel ſchloß ſich gleichſam auf. Eine(weiße) Taube wurde den Beiden ſichtbar, aus der Höhe herabſteigend und über Jeſu hinſchwebend. Dies, dachten ſie Beide, dies iſt das Sinnbild der göttlichen Begeiſterungs⸗Kraft!— So ſprach es ſich aus in dem tiefgerührten Gemüthe dieſer, an Bildſprache und Bilddeu⸗ tung gewohnten Morgenländer. Denn auch ſie, wie das ganze Alterthum, waren gewohnt, nicht nur in artikulirten 185 Stimmen, ſondern auch in anderen Erſcheinungen die Gottheit zu hören und ihren Sinn ſich bedeutſam auszu⸗ legen. Die Thatſachen erſchienen, die Auslegungen waren und ſind die Sache der Menſchen. In jener außerordent⸗ lichen Anſpannung und Erhöhung der Seelenkräfte erſcholl ihnen auch eine Stimmgebung über den geliebten Sohn der Gottheit, an welchem Gott ſein Wohlgefallen habe, der alſo jetzt auf's Vollkommenſte zum Meſſias beſtimmt ſich erkennen ſollte. Ob eine ſolche Stimme äußerlich oder innerlich ihnen erſcholl, wie hätten ſie dies in einem ſolchen Gemüthszu⸗ ſtande, unter augenblicklich entſtehenden Erſcheinungen und Empfindungen, ruhig genug unterſcheiden können? Selbſt die Evangeliſten geben die darauf bezüglichen Ausdrücke nicht ganz übereinſtimmend. „Das Leben Jeſu,“ von Dr. Paulus 1. Th. S. 140. Die meiſten wunderſamen Handlungen Jeſu hingen von dem Glaubensvertrauen ab, daß neben dem Meſſias kein böſer Geiſt ausharren könne. Nur über die Behand⸗ lung einiger anderen Krankheiten fehlen uns genauere An⸗ zeigen der Umſtände, inſofern hie und da auf gebrauchte Mittel hingedeutet iſt. Heilungen jener Zeit beruhten überhaupt faſt nirgends auf etwas Wiſſenſchaftlichem, ſondern auf Kenntniß einzel⸗ ner Mittel, auf einem beobachtenden Blick und zum Theil (etwa bei Augenkrankheiten) auf Fertigkeit in der An⸗ wendung. „Das Leben Jeſu,“ von Dr. Paulus 1. Th. S. 158. s Uunter:„Armen im Geiſte“ ſind wohl diejenigen zu verſtehen, welche, geleitet durch ihre geſunde Vernunft 186 und ihren für's Rechte und Gute empfänglichen Sinn, die ewigen Wahrheiten, ſie mögen nun von Außen durch Lehren, oder auch durch ſelbſtthätige Reflexion Rachdenken, Ueberlegung) an ſie kommen, einfach aufnehmen und feſt⸗ halten; ohne durch Spitzfindigkeiten dieſelben zu verdrehen, oder in gelehrtem Uebermuthe die Sache ſelbſt über todtem Wotiſchwal zu verlieren. »„Himmelreich.“— Das Reich der abſo⸗ luten Vernunft. Das Bewußtſeyn der Gott⸗Wohl⸗ gefälligkeit, durch Gott ähnliches Handeln. H ſ ich ſelbſt bewußte Seyn in Gott. Einer unſerer größten Philoſophen erläutert den Be⸗ griff dieſes Wortes, ganz im Sinne Jeſu, wie folgt: Es hilft nichts, daß man die Seligkeit recht weit aus den Augen bringe, und ſie in eine andere Welt jen⸗ ſeits des Grabes verlege. Was ihr über dieſen euern Himmel auch ſagen möget, ſo beweiſet doch ſchon der einzige Umſtand, daß ihr ihn von der Zeit abhängig macht, und ihn in eine andere Welt verlegt, unwiderſprech⸗ lich, daß er ein Himmel des finnlichen Genuſſes iſt.— Suchtet ihr die Seligkeit da, wo ſie allein zu finden iſt, rein in Gott, und darin, daß er heraustrete(in euch das Gott ähnliche Handeln ſichtbar würde), ſo brauchtet ihr euch auch nicht auf ein anderes Leben zu verweiſen, denn Gott iſt ſchon heute, wie er ſeyn wird in alle Ewigkeit. Ich verſichere euch, und gedenket dabei einſt meiner, wenn es geſchieht,— ſo ihr im zwei⸗ ten Leben, zu dem ihr allerdings gelangen werdet, euer Glück wiederum von den Umgebungen abhängig machen werdet, werdet ihr euch eben ſo ſchlecht befinden, wie hier, und werdet euch ſodann eines dritten Lebens tröſten, und im dritten eines vierten und ſo in's Unendliche. Denn Gott kann weder, noch will er durch die 187 umgebung ſelig machen, indem er vielmehr Sich ſelbſt, ohne alle Geſtalt uns geben will. „Fichte's Anweiſung zu einem ſeligen Leben.“ Bte Vorleſung. o Der eben Erwähnte bezeichnet den Seelenzuſtand jener, ihre Glückſeligkeit nur im Irdiſchen Suchenden, mit folgenden treffenden Worten: Glückſelig, ruhig, von ihrem Zuſtande befriedigt, möch⸗ ten Alle gern ſehn; aber worin ſie dieſe Glückſeligkeit finden werden, wiſſen ſie nicht, was eigentlich ſie lieben und anſtreben, verſtehen ſie nicht. In dem, was ihren Sinnen unmittelbar entgegenkommt, und ſich ihnen darbietet,— in der Welt, meinen ſie, müſſe es gefunden werden. Muthig begeben ſie ſich auf dieſe Jagd der Glückſeligkeit, innig ſich aneignend und liebend ſich hingebend, dem erſten beſten Gegenſtande, der ihnen gefällt und der ihr Streben zu befriedigen verſpricht. Aber ſobald ſie einkehren in ſich ſelbſt, und ſich fragen:„Bin ich nun glücklich?“— WVird es aus dem Innerſten ihres Gemüthes vernehmlich ihnen enigegentönen:„O nein, du biſt noch eben ſo leer und bedürftig als vorher!“— Hierüber mit ſich im Reinen, meinen ſie, daß ſie nur in der Wahl des Gegenſtandes gefehlt haben, und werfen ſich in einen andern. Auch dieſer wird ſie eben ſo wenig befrie⸗ digen als der erſte, kein Gegenſtand wird ſie befrie⸗ digen, der unter Sonne und Mond iſt. Denn gerade das ja, daß nichts Hinfälli⸗ ges und Endliches befriedigen kann, das ja gerade iſt das einzige Band, wodurch ſie noch mit dem Ewigen zuſammenhängen und im Daſeyn verbleiben. So ſehnen und ängſtigen ſie ihr Leben hin; in jeder Lage, in der ſie ſich befinden, denkend, wenn es anders 188 mit Ihnen werden möchte, ſo würde ihnen beſſer werden, und nachdem es anders geworden iſt, ſich doch nicht beſſer befindend: an jeder Stelle, an der ſie ſtehen, meinend, wenn ſie nur dort, auf der Anhöhe, die ihr Auge faßt, angelangt ſeyn würden; würde ihre Beängſtigung weichen;— treu jedoch wieder⸗ findend, auch auf der Anhöhe, ihren alten Kummer. Und ſo irrt denn der arme Abkömmling der Ewigkeit, immer umgeben von ſeinem himmliſchen Erbtheile, nach welchem ſeine ſchüchterne Hand zu greifen bloß ſiſch fürchtet, unſtät und flüchtig in der Wüſte umher, allenthalben bemüht, ſich anzubauen; zum Glücke durch den baldigen Einſturz jeder ſeiner Hütten erinnert, daß er nirgends Ruhe und dauernde Glückſelig⸗ keit finden wird, als in ſeines Vaters Hauſe. „Anweiſung zu einem ſeligen Leben.“ 1te Vorleſung. Dämonen— Daimonen.—— Die ausſchweifende Phantaſie der Rabbinen bildete die Dämonenlehre, die Annahme von Mittelgeiſter zwiſchen Gott und Menſchen, bis in das Kleinlichſte aus, und unterſchied ſehr ſtreng gute und böſe Engel. Die Erſteren wurden mit dem Worte IRd Malach, Chaldäiſch und Syriſch Ron Malacha, ein Geſandter, ein Bote Gottes) bezeichnet; die Letzteren hatten mehre Namen, Satan, Haſſer, Dor Sche⸗ dim, Verwüſter u. ſ. w. Der Oberſte dieſer böſen Engel wurde auch mit dem Namen: Beel⸗Dſebul Gerr des Kothes) bezeichnet. Zu den böſen Geiſtern rechnete man ferner die:„Un⸗ reinen“ d. h. bösartigen, abgeſchiedenen Menſchengeiſter GManes“), von denen die damalige Zeit allgemein glaubte, daß ſie noch in der Luft und auf der Erde herumſchweben dürften und im Sinnlichen mancherlei Spuck und Uebel aus böſer Luſt zu bewirken vermöchten. 189 Dr. Paulus ſagt hierüber ferner: „Dergleichen im Volksglauben vorausgeſetzte Spuck⸗ geiſter ſind es, die im neuen Teſtamente unter den„Dai⸗ monen“ verſtanden werden, von denen man glaubte, ſie kämen gerne wieder in menſchliche Leiber, verurſachten aber in dieſen„beſeſſenen“ Interimswohnungen, auffallende Krankheiten und Uebel, weil ſie nach ihrer fortdauernden Bösartigkeit am Schadenthun ihre Luſt fanden. So waren dieſe Daimonen nach den Volksbegriffen nicht eigentliche Teufel, d. i. von Gott abgefallene Engel, gehörten jedoch als böſe Geiſterweſen gleicher Art unter den Befehl und in das Gebiet des Beelzebub, als des oberſten, dem Meſ⸗ ſiasgeiſt eiferſüchtig und übermüthig entgegenſtrebenden Teufels, eines gefallenen Thronengels, der ſie, wenn er wolle, wohl auch austreiben könne, ſofern es ſeinen höhern Abſichten diene. Nach all dieſem waren ſolche Körperbe⸗ ſitzende, krankmachende Daimonen am meiſten dem ähnlich, was wir Teutſchen Geſpenſter nennen und Daimoniſch⸗ Kranke könnten nicht unpaſſend Geſpenſtiſch⸗Kranke genannt werden.“ „Eben dieſer Volksglauben ſchloß nun aber auch dieſes in ſich, daß man als gewiß annahm, dergleichen verderbliche Spuckgeiſter könnten nicht in der Gegenwart eines heiligen Mannes, am Wenigſten alſo in der Nähe des Meſſias aus⸗ harren. Sie müßten vielmehr, ſo ungern ſie einen ſolchen Körper verließen, ſchon um ſeiner Annäherung willen ſcheu werden und auf ſein Gebot gar entfliehen.“— Schon in den Schuljahren hatte die Geſchichte des Geraſener, wie dieſelbe aus Luthers Ueberſetzung genugſam bekannt iſt, einen unangenehmen, ja widerlichen Eindruck auf mich gemacht. Oft ſuchte ich ſeit jener Zeit' irgend einen vernünftigen Aufſchluß über dieſe Begebenheit zu finden; aber mein Bemühen war lange vergebens. Ich 190 konnte mir nicht denken, daß die ganze Erzählung aus der Luft gegriffen ſeyn ſollte; aber eben ſo wenig vermochte ich ſie mit meiner Vernunft in Uebereinſtimmung zu brin⸗ gen. Es ſchien mir daher ſchon damals wahrſcheinlich, daß ſich eine einfache und natürliche Thatſache durch Un⸗ wiſſenheit der Zuſchauer und Enthuſiasmus der Bericht⸗ erſtatter zu einem unbegreiflichen Wunder geſtaltet habe. Da gab mir folgende Begebenheit den Schlüſſel zu dieſem Räthſel. Der Vater einer zahlreichen Familie und Chef eines angeſehenen Hauſes, ein Mann von ausgezeichneter Bil⸗ dung und umfaſſenden Kenntniſſen, hatte ſich die tolle Idee in den Kopf geſetzt, er trüge ein Neſt mit jungen Vögeln im Gehirne. 2 Uunbegreiflich iſt es, wie ein ſolcher Gedanke einem Manne von ſonſt ſo hellem Verſtande, wie der Gedachte war, in den Sinn kommen konnte. Wie natürlich lachten ſeine Freunde und Bekannten im Anfange darüber; allein die Sache nahm bald eine ernſte und betrübende Richtung, indem man einſah, daß es gegen alle Vermuthung unſerem Freunde mit der Behauptung Ernſt ſeo. Alle vernünftigen Vorſtellungen, alles Verlachen und Abſcherzen half nicht, ſondern trug im Gegentheil nur dazu bei, den Kranken in ſeiner Idee zu beſtärken. Der ſonſt ſo arbeitſame Mann ward unfähig, ſeinen Berufsgeſchäſten nachzugehen, und die troſtloſe Familie ſah mit Zittern die Zeit nahen, in welcher die abſtrakte Einbildung alle ande⸗ ren Gedanken des Unglücklichen beherrſchen und ihn zum völlig Wahnfinnigen machen würde. Die Aerzte wußten kein Mittel gegen dieſen Fall an⸗ zugeben und man fügte ſich jammernd in das harte Schick⸗ ſal, welches einer vortrefflichen Familie einen zärtlichen und ſorgſamen Vater, der Welt einen braven Bürger zu 191 entziehen drohte. Zufällig kam um dieſe Zeit ein geſchick⸗ ter Operateur in die Gegend, hörte die ſeltſame Geſchichte und entſchloß ſich, dem Unglücklichen zu helfen. Demſelben kaum vorgeſtellt, klagte ihm der Irre ſein Schickſal und ſand zu ſeiner Freude, daß der fremde Arzt ſeine Meinung beſtätigte. Nach einer längeren Unterhaltung über dieſe Sache bedauerte ihn der Doktor ſehr, daß er das Unglück habe, ein Neſt mit Vögeln im Gehirne zu tragen, da dieſes fatale Neſt nur durch eine ſchmerzliche und gefährliche Operation aus dem Kopſe zu nehmen ſey. Der Kranke überglücklich, die Hoffnung einer Befreiung von ſeiner Plage vor Augen zu ſehen, entſchloß ſich ſogleich zu der vorge⸗ ſchlagenen Cur, und der Arzt. trepanirte den geduldig Lei⸗ denden auf das Glücklichſte. Kaum war die Operation vollendet, als man dem Patienten ein, zu dieſem Zwecke bereit gehaltenes Neſt mit jungen Vögeln mit der Aeuße⸗ rung zeigte: Dies ſey das Neſt, welches man ſo eben aus ſeinem Kopfe genommen und das ihn ſo lange gequält habe; von dem Augenblicke an war unſer Freund von ſeiner firen Idee befreit. So hatte der Glaube den Geſunden krank, den Kranken geſund gemacht. Zehn Jahre verfloſſen dem gänzlich Geheilten glücktich im Schooße ſeiner Familie, da begegnete er eines Tages einem alten Bekannten, der ihn in jener Leidensperiode geſehen hatte, und ſeither durch Verhältniſſe von ihm ent⸗ fernt gehalten worden war. Mit inniger Freude wünſchte derſelbe unſerem Helden Glück, daß er durch jene heilſame Täuſchung vom Wahnſinn gerettet worden ſey.„Wiez— rief der Erſtaunte,—„man hätte mich damals getäuſcht? — Das Neſt wäre nicht aus meinem Kopfe gekommen?“ — Lachend erzählte der Andere darauf den wahren Her⸗ gang der Geſchichte, und von der Stunde an fiel der ſo 192 glücklich Geheilte in den alten Wahnſinn zurück und war nicht mehr zu retten.“ Man vergleiche dieſe, oder ſo manche ähnliche Hei⸗ lung, mit dem Benehmen Jeſu bei dem Geraſener, und von Wunderdingen entblößt, wird ſich uns die einfache Thatſache zeigen, bei der wir mit Ehrfurcht den Scharfblick des größten der Menſchen und die liebevolle Bereitwilligkeit deſſelben zu Hülfe⸗ leiſtungen aller Art auf's Neue bewundern müſſen. Fußwaſchen, war bei den Orientalen eine Pflicht der Gaftfreundſchaft, welche der Wirth den bei ihm ankom⸗ menden Reiſenden entweder perſönlich, oder durch ſeine Diener leiſtete. u Selbſt Dr. Auguſt Neander ſagt hierüber: „Mit Recht erkannte man damals dieſe Wirkung als ein Werk des Geiſtes Chriſtt, aber man deutete daſſelbe vom Geiſtigen in's Materielle, aus der Macht Chriſti über die Gemüther der Menſchen machte man eine Macht deſſelben über die Natur, man überſprang das Mittelglied in Beziehung auf die Vervielfältigung der wenigen Nahrungsmittel für die zahlreiche Menge.“ Dieſe einfache und natürliche Thatſache wurde ein⸗ zig durch unrichtige Ueberſetzung zu einem großen Wunder erhoben. Indem zwar(man ſehe hierüber Dr. Pau⸗ lus und Andere) das griechiſche Wörtchen„epi“ ſowohl als das hebräiſche„al“ nicht„an“ oder„neben,“ ſon⸗ dern immer„über“ bedeutet; der althebräiſche Sprach⸗ gebrauch aber unter dem Ausdruck:„über einer Sache ſeyn“ angewendet wurde, wenn man auf etwas Hö⸗ herem ſich befand. Z. B. Prediger 11, 1. 2. Das Korn über dem Waſſer, d. h. auf dem Acker, welcher höher als die vorbeigehenden Waſſergräben iſt. 2. Moſ. 14, 2. 15, 27. Die alten Hebräer lagerten 6 ſich über dem Meere, oder: dort über den Waſ⸗ ſern u. ſ. w. Auch J. C. Greiling, welchem gewiß Niemand Freiſinnigkeit vorwerfen kann, iſt hierin ganz gleicher Meinung. Siehe deſſen„Leben J. v. N.“ 6 Pr. Paulus ſagt hierüber Folgendes: Wenige Zeit nach der Speiſung der Fünftauſend, leſen wir(Matth. 15, 32.), daß noch einmal ein ähnlicher Fall von viertauſend des Eſſens Bedürftigen vorkommt, wo Jeſus wieder gerne Speiſe genug hätte austheilen laſſen, abermals aber nur wenig Vorrath zu kaufen war. Wenn wenige Wochen vorher Jeſus durch eine den Lehrſchülern unverkennbäre Vervierfäl⸗ tigung ſeines kleinen Vorraths viele Tau⸗ ſende ſatt gemacht hätte, wie wäre es zu be⸗ greifen, daß die nämlichen Apoſtelnicht ſogleich wieder daran gedacht und das ähnliche Außer⸗ ordentliche von Ihm abermals erwartet und erbeten hätten?— Aber auch dort iſt in den Texten wieder blos davon die Rede, daß Jeſus über ſeinen Vor⸗ rath ein Dankgebet geſprochen habe und ihn alsdann durch die Lehrſchüler dem Volke vorlegen ließ. Auch diesmal veranlaßte Er dadurch, daß Alle aßen und geſättigt wurden und noch mehreres Entbehrliche aufbewahrt werden konnte. Auch dort iſt der Erfolg eben ſo einfach, ohne Bemerkung einer außerordentlichen Urſache und ohne Rückerinnerung, daß kurze Zeit vorher eine ſolche auch gewirkt habe, erzählt. „Paſcha, Peſach, Oſter⸗Feſt, das Feſt der un⸗ geſäuerten Brode. Am 15ten des Monats Niſan(der grißtenteis n in unſern April fällt) tritt bei den Juden das Oſterfeſt ein. Es wird zum Andenken an den Auszug aus Aegypten ge⸗ feiert und dauer acht Tage, von denen die beiden erſten III. 13 und die beiden letzten faſt ſo ſtreng, wie der Schabbes gefeiert werden; die Zwiſchentage ſind halbe Feiertage, an welchen ſie ihren Geſchäften nachgehen dürfen. * Berückſichtigt muß hier werden, mit welcher Eile man bei den Jsraeliten verfuhr, die Todten zu beſtatten. Da man einmal der Meinung war, die Seele könne nicht eher Ruhe finden, als bis der Körper begraben ſey, ſo hatte man Nichts eifriger bei einem Geſtorbenen zu thun, als ihm die Wohlthat einer ſchleunigen Einſenkung zu erzeigen. Beſaß die Familie nicht Mittel genug, ihn in einer Gruft beizuſetzen, ſo ſchob man den Körper in eine enge, ſenkrechte, auf dem allgemeinen Begräbnißplatze an⸗ gebrachte Grube, bedeckte den Kopf mit Erde und ſchloß das Loch durch einen Stein. Wie Viele mögen da⸗ her durch dieſe übereilte Begräbnißart leben⸗ dig begraben worden ſeyn!— Unter den damaligen Sekten zeichneten ſich aus: a) Die Phariſäer. Am Aeußern klebend, deutete dieſe Sekte das Geſetz nicht nach ſeinem Geiſte oder Inhalt, ſondern ſuchte in den Buchſtaben, in der Stellung derſelben, in verſchiedenen Leſearten, einen doppelten, oft einen vielfachen Sinn, ge⸗ rieth durch Uebertreibung des Allegorifirens häuſig in Un⸗ ſinn und gewöhnte das Volk an jenen Kleinigkeitsgeiſt, der ihm am Ende den Geiſt und den Sinn des Moſaiſchen Geſetzes völlig entrücken mußte. Dabei ſetzten ſie der hei⸗ ligen Schrift die Ueberlieferung nicht blos an die Seite, ſondern ſogar vor, inſofern ſie den Grundſatz geltend machten, daß dieſe den Sinn jener beſtimme. Da ſie das ganze Weſen der Religion in äußere Werkheiligkeit und mönchiſche Bußübungen ſetzten, und dabei eine ſehr ſchlaffe Moral lehrten, in ihrem eigenen Leben und Wandel aber ſich Alles erlaubten, nicht blos Unſittlichkeiten, ſondern — 195 wahre Schändlichkeiten, ſo konnte es nicht anders kommen, als daß ſie das Volk, auf welches ſie den entſchiedenſten Einfluß hatten, in Grund und Boden verdarben. Ihr Anſehen, welches ſie auf die Behauptung der Recht⸗ gläubigkeit und den Schein der Frömmigkeit gründeten, war ſehr groß, ihr Einfluß aber wurde ſo bedeutend da⸗ durch, daß ſie Alles in ihre Geſellſchaft aufnahmen, was ſie brauchen konnten, Geſetzlehrer, Staatsmänner, Ge⸗ ſchäftsleute und Landbauern, und ſelbſt Weibern Zutritt zu ihren Verbindungen geſtatteten. Als die Römer das jüdiſche Land beſetzten, ging der Ueberreſt von Macht, der den Juden gelaſſen wurde, völlig in die Hände der Phariſäer über, und obgleich ihre Macht mit ihrem Staate zu Grunde ging, ſo hat ſich doch ihr Einfluß erhalten, und ihr Lehrbegriff iſt die Grundlage des heutigen herrſchenden Judenthums. b) Die Sadducäer. Ihr Stifter war ein Rabbine, Namens Saddok, der ungefähr 200 Jahre vor Chriſtus gelebt hat. Dieſer hatte den Grundſatz aufgeſtellt,„daß man die Tugend um ihrer ſelbſt willen und ohne Rückſicht auf Belohnung ausüben müſſe,“ und folgerte daraus, daß man weder hier noch dort weder Belohnung noch Strafe von Gott zu erwarten habe. Seine Anhänger nun, gleichfalls weiter folgernd, läugneten die Auferſtehung der Todten, welche die Juden, freilich nach der grobſinnigſten Vorſtellung, glaubten, auch verwarfen ſie die Lehre von Engeln und Teufeln, als dem Moſaismus fremd, und die Tradition und alle allegoriſche und myſtiſche Deutung des Moſaiſchen Geſetzes. In ihren Sitten waren ſie ſehr ſtreng; wir finden daher nicht, daß Chriſtus, der ihnen wohl den Vorwurf machte, daß ſie die Schrift nicht verſtänden, ſie einmal ihres Lebens wegen getadelt hätte, da er doch den Phariſäern in dieſer Be⸗ ziehung bei allen Gelegenheiten die gewichtigſten Vorwürfe 13 196 machte Ihre Grundſätze wurden bei den Jüdiſchen Königen und Fürſten die Hofreligion, wo ſie freilich nicht in ihrer ganzen Strenge ausgeübt wurde. c) Die Eſſäer. Dieſe gewöhnlich weniger bekannte Sekte der Juden, deren Namen am richtigſten von dem Hebräiſchen„Eſſa, ſich vollkommen beſſern“ abgeleitet wird, war in Syrien und Paläſtina, in Aegypten und Kleinaſien weit verbreitet. Die Zeit und Art ihrer Entſtehung iſt unbe⸗ kannt; Einige leiten ſie ſogar von den aus dem Moſaiſchen Geſetze bekannten Naſiräern ab, mit welchen ſie allerdings eine entfernte Aehnlichkeit hatten. Im Ganzen hatten ſie einen religiöſen Sinn und ein reine Handlungsweiſe, wenn ſie ſchon nicht ganz frei von Schwärmerei waren. Ihre Geſellſchaft glich einem Orden, in welchen man mit gewiſſen Feierlichkeiten aufgenommen wurde, hauptſächlich Männer, jedoch, unter gewiſſen Be⸗ dingungen, auch Frauen. Ihre Hauptlehren waren, die Einheit Gottes, die Unſterblichkeit der Seele und die Ver⸗ geltung nach dem Tode. Sie erkannten Moſen für einen göttlichen Geſandten, nahmen ſeine Schriften an, verwarfen aber die phariſäiſche und ſadducäiſche Deutungsweiſe und achteten mehr auf den Geiſt, als auf den Buchſtaben des Geſetzes. Auf Tempeldienſt und Opfern hielten ſie nicht viel; deßhalb reisten ſie nicht nach Jeruſalem, ſondern ſchickten nur Geſchenke an den Tempel und gaben, ohne ſelbſt zu opfern, den Prieſtern das Geſetzliche. Den Sab⸗ bath feierten ſie ſehr ſtrenge. Ausgezeichnet war ihr Glaube an die Vorſehung Gottes, der auf rein vernünftige Gründe gebaut war, und ihre Vorſtellung von der menſchlichen Freiheit, die ſie vollkommen richtig anſahen. Sie nahmen einen Läuterungszuſtand nach dem Tode an, welcher ſich auf ihre Lehre von der Fortdauer der menſchlichen Seele gründete. 197 „„Menſchen-Sohn.“— Gerlach ſagt über dieſe Zuſammenſetzung in ſeinem Fides: „In den Evangelien, beſonders den harmoniſchen, (den von Matthäus, Marcus und Lukas verfaßten), nennt ſich Jeſus häufig den Menſchen⸗Sohn, welches von ver⸗ ſchiedenen Auslegern verſchieden erklärt wird, indeſſen glau⸗ ven wir doch zu der Annahme berechtigt zu ſeyn, daß auch dieſes Wort gleichbedeutend mit Meſſias ſey, oder wenig⸗ ſtens auf dieſen hinweiſe.“— Mir ſcheint eher, daß Jeſus mit dem Ausdruck „Menſchen⸗Sohn,“ die gänzliche Hingebung ſeiner ſelbſt zum Beſten der geſammten Menſchheit habe bezeichnen wollen. So daß Menſchen⸗Sohn(Sohn der Menſchheit) ſo viel bedeute, als: Ein Menſch, auf den die ganze Menſch⸗ heit Anſprüche habe, deſſen Wirken der Welt angehöre, der ſich zum Dienſte, zur Aufopferung für dieſelbe anerkenne. 21 Das Kreuz war ein Römiſcher Galgen, und die Kreuzigung eine zur damaligen Zeit ſehr gebräuchliche Todesſtrafe. Schon in dem Vorworte wurde erwähnt, daß die⸗ ſes Werkchen durchaus keine gelehrte Auseinanderſetzung der Wunder zum Zwecke habe, da dies zur Auffaſſung der erhabenen Lehren des großen Weiſen durchaus nicht nö⸗ thig ſey. Indeſſen möchte doch Einer koder der Andere Leſer zu wiſſen wünſchen, auf welche Weiſe die geachtetſten Män⸗ ner unſerer Zeit jene Wunder, nach den Regeln einer ge⸗ ſunden Vernunft und nach vorhergegangenen vielſeitigen Forſchungen beurtheilten. Ich verweiſe dieſelben an das oft erwähnte, gediegene Werk des Herrn Dr. Päulus, welches in Heidelberg unter dem Titel:„Das Leben Jeſu“ erſchienen iſt. Da es jedoch vielleicht Manchem an Gelegenheit fehlt, 198 ſich dieſes Buch zu verſchaffen, ſo laſſe ich hier wenigſtens über die Auferſtehung Jeſu(die übrigen ſogenannten Wunder ſind mehr oder weniger erklärend berührt worden) die Anſicht eines würdigen Greiſes, des, der literariſchen Welt genugſam bekannten, achtzigjährigen Dr. Fetzer in Reutlingen folgen. Der gedachte Schriftſteller gibt in ſeinem intereſſanten Werke:„Teutſchland und Rom,“(Erſter Theil, 2uſte An⸗ merkung zum erſten Abſchnitte) folgende Bemerkungen zur Auferſtehungsgeſchichte Jeſt. „Die Auferſtehungsgeſchichte Jeſu wird von allen vier Evangeliſten erzählt. Sie weichen aber in verſchiedenen Nebenumſtänden von einander ab. Johannes, der Liebling Jeſu, war der einzige ſeiner Jünger, der ſich unerſchrocken unter das Kreuz hinſtellte, an dem ſein Herr und Meiſter angenagelt hing. Ihm hatte dieſer ſeine Mutter Maria, damals Witwe, beſonders empfohlen. Er ſollte ſie als ſeine Mutter, ſie ihn als ihren Sohn anſehen, obgleich Maria noch einen andern leiblichen Sohn hatte, den Apo⸗ ſtel Jakobus nämlich, den auch Paulus den Bruder des Herrn nennt. Jeſus ſcheint demnach ſelbſt beſorgt zu haben, die Martern, welche er dulden müſſe, würden ſeinen unvermeidlichen Tod zur Folge haben, was auch aus ſeinem ſchmerzlichen Ausruf:„Mein Gott, mein Gott, warum haſt Du mich verlaſſen,“ abzunehmen iſt. Dieſer Johannes, ein Augenzeuge, erzählt dieſelbe, die Angaben der übrigen Evangeliſten, wie es das Anſehen gewinnt, gleichſam nach eigener Anſchauung berichtigend, Cap. 19 und 20.) alſo: Joſeph von Arimathäa, vorher ſchon in der Stille ein Verehrer Jeſu, habe beim Pilatus die Erlaubniß ein⸗ geholt, den Leichnam Jeſu zum Begräbniß vom Kreuze abnehmen zu dürfen. Er kam und nahm den Leichnam ab. —— 199 Zu ihm geſellte ſich Nikodemus, der nämliche, welcher einſt bei Nacht zu Jeſu gekommen war, und brachte Myrrhen und Alve unter einander gemiſcht, wohl hundert Pfund. Man kann wohl annehmen, daß dieſe frommen Männer, die ſich um den Neid der Jüdiſchen Prieſterſchaft nun nicht mehr bekümmerten, da die Befehle des Pilatus ſie ſicher ſtellten, bei dieſem Geſchäfte der Liebe und der letzten Verehrung mit der zarteſten Vorſicht zu Werke ge⸗ gangen ſeyn werden. Mit Spezerei, das heißt, mit wohl⸗ riechenden, geiſtigen Salben, womit ſie wahrſcheinlich die Wunden ausgewaſchen, und den vom Blute gereinigten Leichnam beſtrichen und einbalſamirt haben mögen, wickel⸗ ten ſie denſelben in Leinwand, und legten ihn in das in der Nähe befindliche Grab.— Dieſes Grab war nicht wie unſere Gräber, eine Vertiefung in der Erde, ſondern, was wir aus den Nachrichten der andern Evangeliſten wiſſen, in einen Fel⸗ ſen eingehauen; es glich einer gewölbten und geräu⸗ migen Felſen⸗Niſche, oder kleinen Höhle, vor deren Ein⸗ gangs⸗Oeffnung ein großer Stein hingeſtellt war, den die Juden aus argwöhniſcher Vorſicht verfiegelten. Das Begräbniß hatte am Freitag Abend ſtattgefunden. Tags hernach, am Sabbat, war zugleich das Oſterfeſt. Die Grabhöhle konnte alſo an dieſem Tage erſt gegen Abend beſucht werden, und nach Matthäus(28, 1.) und Marcus(16, 1.) hatten Maria Magdalena, Maria Jakobi und Salome ſchon am Abend des Sabbats, etwa 24 Stun⸗ den nach der Grablegung, den Grabgarten beſucht. Am darauf folgenden Sonntag, Morgens frühe ſchon, da es noch dunkel war, kam Maria Magdalena zum Grabe. Dieſes ſtand, was ſie ſchon in der Ferne wahrgenommen, offen; der Stein am Eingang war weggerückt. Sie ging zurück und begegnete dem Petrus und Johannes, welche 200 im Begriff waren, eben dahin zu gehen. Dieſen erzählte ſie, man habe den Herrn aus dem Grabe weggenommen, ſie wiſſe aber nicht, wohin man ihn getragen habe. Jo⸗ hannes, der auf dieſe Nachricht ſchneller lief, als Petrus, kommt zuerſt zum Grabe, ſchaut hinein und ſieht die Leinwand, mit welcher Jeſus umwickelt war, leer da liegen. Mittlerweile kommt auch Petrus, und dieſer nimmt wahr, daß das Schweißtuch— jene mit Geiſtern beſonders ge⸗ tränkt geweſene Hülle, welche um des Herrn Haupt gelegt geweſen war— abgeſondert von dem Leintuch, ſeitwärts liege. Beide, indem ſie nun miteinander in's Grab hinein⸗ gingen, überzeugten ſich, daß der Leichnam nicht wohl anderswohin gebracht worden ſeyn könne, weil man, wenn dies geſchehen wäre, auch die Wickeltücher mitgenommen haben würde. Petrus und Johannes gingen nun wieder zurück gegen die Stadt, wahrſcheinlich um Joſeph von Arimathia und die übrigen Jünger von dem, was ſie ge⸗ ſehen hatten, zu benachrichtigen. Maria Magdalena aber, durch denſelben Vorgang neuerdings ermuthigt, geht zurück und ſchaut nun ſelbſt auch in's offene Grab hinein, und es dünkt ihr,— denn Petrus und Johannes hatten Nie⸗ mand in der Grabhöhle geſehen— als ſehe ſie zwei Engel darin mit weißen Kleidern. Gleich darauf erblickte ſie Jeſum, den ſie Anfangs für den Gärtner hielt. Er gab ſich der Weinenden zu erkennen, und ertheilte ihr, weil Petrus und Johannes ſchon wieder fortgegangen waren, Auſträge an ſeine Jünger, denen er ſich dann ſelbſt auch mehrfältig zeigte.— Alles dieſes ſcheint anzudeuten, daß der für todt Gehaltene wieder zum Leben erwacht ſey. Hier iſt nun, unter Berückſichtigung deſſen, was die andern Evangeliſten erzählen, zu bemerken: 1) Man wollte die drei Gekreuzigten über den Oſter⸗ ſabbat nicht am Kreuze laſſen. Sie mußten alſo durch das . 201 Zerſchlagen der Gebeine getödtet werden, Jeſus aber ſchien den Geiſt ſchon aufgegeben zu haben, ihm wurden alſo, wahrſcheinlich wegen Joſephs ſchneller Dazwiſchenkunft, die Gebeine nicht gebrochen, was ſeinen völligen Tod hätte bewirken müſſen. Auf einen Lanzenſtich floß Blut und Waſſer aus der verwundeten Seite. Selbſt Pilatus wun⸗ derte ſich, als Joſeph ihn bat, ihm den Leichnam zu überlaſſen, daß Jeſus ſchon verſchieden ſey, denn die Gekreuzigten konnten öfters Tage lang am Leben bleiben. 2) Joſeph und Nikodemus, welche mit einander die Kreuzabnahme vollzogen, hatten ſich mit vielen gewürz⸗ haften, geiſtigen, ſtärkenden und wohlriechenden Gegen⸗ ſtänden verſehen, ſey es nun, daß ſie ihrem verehrten Lehrer und Freunde damit blos die letzte Ehrerbietung erweiſen wollten, oder weil ſie vielleicht glaubten, wenn etwa noch Leben vorhanden wäre, ſo könnten die noch ſchlummernden Lebensgeiſter wieder erweckt und geſtärkt werden. 3) Das Grab im Felſen war neu und trocken. Um die Jahreszeit, in welche das Oſterfeſt fiel, war in Palä⸗ ſtina die Aernte im Anzug. Die Luft war alſo auch bei der Nacht erwärmt, was rückſichtlich der Wirkſamkeit der angewandten Spezereien von erfreulicher Folge ſeyn mußte. 4) Aus einer Stelle bei Johannes(19, 47— a2.) iſt zu ſchließen, daß der Leichnam Jeſu nur einſtweilen in das benannte Grab gelegt worden ſey.— Höchſt wahrſcheinlich hatten Joſeph und Nikodemus von Pilatus die Erlaubniß erhalten, den Leichnam anderwärts beerdigen zu dürfen. In dieſer Abſicht mögen ſie ſchon am Sonntag in aller Frühe, und ehe noch Maria Magdalena das Grab erreicht hatte, vielleicht ſchon in der mondhellen Nacht, weil Oſtern immer zur Zeit des Vollmondes gefeiert wurde, dahin gekommen ſeyn. Sie ſchaffen, auf Pilatus mächtiges Wort 202 ſich ſtützend, den vor dem Eingange aufgeſtellten Stein bei Seite. Der fallende Stein erfüllte die Wächter, welche wahrſcheinlich geſchlummert hatten, mit Furcht, ſie ergriffen die Flucht, eine höhere, eine unſichtbare Mitwirkung ahnend 5) Die reichlichen Einbalſamirungsmittel, deren man ſich bei der Grablegung bedient hatte— denn wenn die hundert Pfund, wie Johannes ihr Gewicht bezeichnet, auch nur hundert Loth unſeres Gewichtes geweſen wären Pr. Pfaff gibt aber zu Joh. 19, 39. an, ein Pfund ſey nach unſerem Gewicht zwölf Unzen geweſen), ſo war die Menge der Spezereien ſchon bedeutend— waren nicht ohne Wirkung geblieben. Die beiden Freunde unterſtützten den Wiedergeneſenen. Sie mochten ihn wohl in Kleider des Gärtners gehüllt haben, weil ihn außerdem Maria Magdalena nicht für den Gärtner gehalten haben würde. 6) Was Maria für Engel hielt, nennt Lucas(24,4.) zwei Männer. Wer anders als Joſeph und Nikodemus wird es geweſen ſeyn?— Matthäus(28, 2.) ſpricht nur von einem Engel, der vom Himmel herabgekommen ſey und den Stein abgewälzt habe, wie man denn im Mor⸗ genlande überhaupt geneigt iſt, Ereigniſſe, von welchen man den natürlichen Grund weder kennt noch begreift, eigenen Boten Gottes zuzuſchreiben. Ebenſo berichtet 7) Matthäus(20, 19.) und Lucas Gs, 32.) Jeſus habe ſeinen Jüngern eröffnet, daß er am dritten Tage wieder auferſtehen werde. Johannes aber ſagt(20, 9.): Er und Petrus haben die Schrift nicht gewußt, daß er wieder auferſtehen müſſe. Wie will dieſer Wieder⸗ ſpruch gehoben werden? Eine bildliche Aeußerung Jeſu verſtand Matthäus— aber freilich erſt lange nach ſeinem Tode— wörtlich; Johannes hingegen, dieſer in den Geiſt ſeines göttlichen Herrn und Meiſters tiefer als die Uebrigen eingedrungene Jünger, hatte ſie bildlich, — — ——— — 203 nicht wörtlich, verſtanden. Durch den Erfolg war die Auffaſſung des Matthäus wahr geworden. Nicht ſo die des Johannes, welcher, um das, was Zeſus früher geſpro⸗ chen, richtig deuten zu können, auf die Schrift zurückblickt, obgleich Moſes und die Propheten dieſes Ereigniß nicht ausdrücklich vorhergeſagt hatten. Es heißt zwar(Pſalm 16, 10.), worauf die Ausleger ſich berufen:„Du wirſt meine Seele nicht in der Hölle(im Grabe) laſſen, und nicht zugeben, daß dein Heiliger verweſeze allein David hat ſich in dem beſagten Pſalm auf Gottes weiſe Lenkung ſeiner Schickſale im Allgemeinen bezogen, und ſeine Hoff⸗ nungen dichteriſch ausgeſprochen.(Siehe Schlußwort.) Daß übrigens Jeſus 8) nach ſeiner Auferſtehung mit ſeinen Jüngern ge⸗ backene Fiſche, Brod und Honigſeim gegeſſen, daß er ihnen geſagt, er ſey es leibhaftig, weil ein Geiſt nicht Fleiſch und Blut habe, wie er, daß der ungläubige Thomas ſeine Nägelmale und Seitenwunden betaſtet habe, wird von den Evangeliſten umſtändlich erzählt, ſo daß die Thatſache, er ſey wieder körperlich aus dem Grabe hervorgegangen, nicht beſtritten werden kann.— Indeß war 9) der zarte Leib Jeſu durch die erduldeten Martern dennoch viel zu ſehr geſchwächt, als daß er noch lange hätte bei Leben bleiben können. Schon nach 40 Tagen ſtarb er des natürlichen Todes. Seine Jünger, die um ihn waren, drückten dieſes Hingehen zum Vater, wie er ſelbſt es genannt hatte, als ein Emporgehobenwerden in den Himmel aus, wie wir von theuern Verſtorbenen auch noch jetzt ſagen: Der Herr hat ihn zu ſich in den Himmel genommen. Schlußwuort. Der Verfaſſer dieſer Schriſt kann nicht umhin, hier noch einige Bemerkungen folgen zu laſſen, welche zum richtigen Verſtändniß ſowohl des alten als des neuen Teſtamentes unumgänglich nöthig ſind und deren Nicht⸗ berückſichtigung ſo viele unſinnige Folgerungen hervorrief. In den geſammten heiligen Schriſten des alten und neuen Bundes werden eine Menge Thatſachen aufgeführt, welche man, da ſie ihrer abgekürzten, poetiſchen oder aben⸗ teuerlichen Erzählungsweiſe nach oft den Geſetzen und regelmäßigen Wirkungen der Naturkräfte widerſtreiten, oder doch zu widerſtreiten ſcheinen, als durch Gott ſelbſt oder durch deſſen Günſtlinge bewirkte Ausnahmen von jenen Naturgeſetzen betrachtet und mit dem Worte:„Wunder“ bezeichnet. Es iſt eine tief in dem Innerſten des Menſchen ver⸗ borgene, ſich nach dem Grade der geiſtigen Ausbildung mehr oder weniger zeigende und daher bei Kindern und ſich im Kindheitszuſtande befindenden Völkern beſonders hervortretende Neigung, ſich dem Ungewöhnlichen und Beſonderen, kraft ſeiner ihm angeborenen dichteriſchen Eigen⸗ ſchaften, lieber als dem Alltäglichen und Ratürlichen an⸗ zuſchließen. Schon der umſichtige Moſes hatte, dieſer Erfahrung vertrauend, die durch einen langen Aufenthalt in der arabiſchen Wüſte geſammelten Kenntniſſe großartiger Na⸗ turereigniſſe klüglich zu benutzen gewußt, indem er jenen, ihm ſelbſt als natürlich wohl bekannten Erſcheinungen, eine, von Jehova unmittelbar ausgehende, die alltäglichen —— 205 Naturgeſetze zu Gunſten ſeines auserwählten Volkes über⸗ ſchreitende Wirkung unterſchob; wodurch er die rohen Gemüther ſeines ungebildeten Volkes zu feſſeln und leicht zu lenken im Stande war. Vielſeitige Forſchungen und Erfahrungen haben nun auch uns mit jenen, aus Unwiſſenheit als„Wunder“ aus⸗ geſchrienen Erſcheinungen bekannt gemacht. Wir wiſſen, daß das rothe Meer zur Zeit der Ebbe an ſeichten Stellen zu durchwaten iſt, während den unvor⸗ ſichtig Zögernden die rückkehrende Fluth, wie einſt Pharaon, verſchlingt. Wir kennen„das Man“ oder„Manna“ als den eingetrockneten, klebrigen, ſchleimſüßen und eßbaren Saft gewiſſer Pflanzen(wie z. B. des Hedysarum).— Haben uns überzeugt, daß um den Berg Sinai noch heut zu Tage gewitterartige Detonationen Statt finden. Es iſt uns ferner nicht unbekannt, daß die weite Ebene der ara⸗ biſchen Wüſte, von den Strahlen der Sonne gleichſam entzündet, einem wallenden Feuermeere gleicht; daß Stürme Berge von Sand anhäufen und wieder verſetzen u. ſ. w. Dem wiſſenſchaftlich gebildeten, ruhigen Beobachter wird auf dieſe Weiſe ein großer Theil alt und neu teſta⸗ mentaliſcher Wunder klar; während ein anderer Theil ſich durch Ausfüllung eines, aus allzulakoniſcher Schreibart ausgelaſſenen, Mittelgliedes der Erzählung erklären läßt. Wenn z. B. Buch Joſua 6, 20., woſelbſt von der Eroberung Jerichos geſprochen wird, geſagt iſt:„Da machte das Volk ein Feldgeſchrei und blieſen die Poſaunen. Denn als das Volk den Schall der Poſaunen hörte, machte es ein groß Feldgeſchrei und die Mauern fielen um und das Volk erſtieg die Stadt, ein Jeglicher ſtracks vor ſich. Alſo gewannen ſie die Stadt,“ — ſo iſt dies ſehr glaublich. Nur wird ſchwerlich weder der Schall der Poſaunen, noch das Feldgeſchrei des Volkes allein, ſondern ein, durch den feierlichen Umzug und den 206 triegeriſchen Schall der Poſaunen erregter, heftiger Sturm gegen die Stadt, den Sturz Jerichos herbeigeführt haben. Allein außer dieſen, ſich für uns alſo jetzt auf zwei Arten natürlich erklärenden Ereigniſſen, finden wir noch eine Gattung ſcheinbarer Wunder, welche, obgleich ſie ruhig und hauptſächlich a priori on Vornherein) betrachtet, alle Wunderbarkeit verlieren und uns klarer als alle an⸗ dere erſcheinen, dennoch durch unſinnige und myhſtiſche Auffaſſung der fortſchreitenden Aufklärung mächtig im Wege ſtanden. Es ſind dies die Propheten und deren ausgeſprochene Fernblicke, Prophezeiungen. Werfen wir einen Blick auf die Geſchichte der ver⸗ ſchiedenſten Völker, ſo gewahren wir bei ſämmtlichen eine ſtufenweiſe, dem animaliſchen Leben analoge Entwick⸗ lung. Sie treten in dem Zuſtande der moraliſchen und politiſchen Unmündigkeit auf, gewinnen im Laufe der Zeit an phyſiſcher und geiſtiger Kraft, werden ſelbſtſtändig, mächtig, reich, übermüthig, gehen ſodann einer durch Ueppigkeit hervorgerufenen Verdorbenheit entgegen und finden durch dieſelbe über Kurz oder Lang ihren Sturz oder gänzlichen Untergang. So betrübend für den Geſchichtsforſcher nun jene Zeiten einer allgemeinen Verdorbenheit ſind, ſo demüthi⸗ gend der Anblick der gröbſten Verirrungen des menſchlichen Geiſtes ſeyn muß, in eben dem Maße iſt es aber auch erfreulich, alsdann einige lichte Köpfe auftauchen zu ſehen, die um ſo größer erſcheinen müſſen, als rings um ſie Laſter und Verworfenheit ihr zügelloſes Spiel treiben. Gleich lichten Sternen glänzen ſie am finſtern Horizont, Heil oder Unheil verkündend der erſtaunten Welt, der ſie mit donnernder Stimme ihre Verirrungen vorwerfen, ſie zur Beſſerung auffordern und ihr die nothwendig Unheil⸗ bringenden Folgen ihrer ſittlichen Verworfenheit vorhalten. Auch die Geſchichte des israelitiſchen Volkes hat ſolcher —— ——— 207 vom Göttlichen Begeiſterter aufzuweiſen, welche die alten Urkunden mit dem Namen„Propheten“ bezeichnen. Unter Prophet verſtand man aber zu jenen Zeiten nichts anderes als„einſichtsvolle Lehrer, Buß⸗ und Sitten⸗ prediger, welche von den Mißgeſchicken ihrer Nation Ver⸗ anlaſſung nahmen, dieſelbe zum Vertrauen auf Gott zurückzuführen, ſo wie ſie, vermöge ihrer geläuterten Ein⸗ ſichten, von der Gegenwart auf die Zukunft wohlberechnete und folgerichtige Schlüſſe machten.“ Bald wurde indeſſen der Beruf der Wropheten unter dem Volke Israel umfaſſender. Samuel, jener ſcharf⸗ ſichtige Prieſter, hatte den Kummer gehabt, die Regierung ſeiner Nation, die bisher faſt einzig in den Händen des Hohenprieſters gelegen, mit einem Könige theilen zu müſſen, der, obgleich als Unterkönig Jehovahs, als ein Meſſias der Gottheit betrachtet und alſo, in gewiſſer Hinſicht, dem Hohenprieſter und erſten Miniſter des Ewigen wenn nicht unter- doch beigeordnet, ſeine einmal begründeten Rechte zu wahren, eine Partei gegen die herrſchſüchtige Prieſter⸗ kaſte bilden mußte. Fürchtend, daß jene weltliche Macht im Laufe der Zeit der geiſtlichen gefährlich werden könnte, erſchuf der ſchlaue Samuel eine neue Kaſte, welche im Kampfe um die Oberherrſchaft der königlichen Partei als Gegengewicht dienen ſollte. Er gründete nämlich eine Prophetenſchule, eine Anſtalt, in welcher die erleſenſten, geiſtvollſten Jünglinge aus allen Stämmen zu Volks⸗ lehrern ausgebildet wurden, und rief dadurch eine neue privilegirte Geſellſchaft in's Leben, deren Beſtimmung dahin ging, reinere Gotteserkenntniß zu verbreiten, für gewiſſenhafte Verehrung des Höchſten zu eifern, ſtrenge Beobachtung des moſaiſchen Geſetzes nachallen Theilen einzuſchärfen und die Leiter, Rath⸗ geber und geiſtigen Zuchtmeiſter der Könige und des Volkes zu ſeyn. 208* Wie viel oder wie wenig dieſe neue Anſtalt dem Wunſche ihres Schöpfers entſprach, zeigt die Geſchichte der Reiche Juda und Israel. Jedenfalls hatte ſie die beſten Folgen für das Volk; denn als nach einer Reihe ſelbſt⸗ verſchuldeter Unglücksfälle die Zeiten des Jammers und der Noth heranrückten, waren es Männer, dem Geiſte jener Schule entſproſſen, welche der Nation Muth, Er⸗ gebung und Vertrauen einſprachen und ſie zur Einheit und moraliſchen Kraft zurückführten. Sie verhießen dann wohl ihren leidenden Brüdern, im Fall ſie ihrer warnenden Stimme folgen wollten, beſſere Zeiten, herbeigerufen durch kühne Söhne Gottes, und beſangen auch wohl jene gehofften Tage des Glücks und deren zu erwartende Gründer in kühnen, begeiſterten Ausſprüchen. Mehrmals erſchienen auch ſolche Helden und Männer Gottes, wie z. B. die Makkabäer, allein auch ihre Zeiten verſchwanden und Judäa erlag Rom. Jeſus von Nazareth ſtand auf, lehrte und ſtarb. Eine neue Secte, die Chriſtianer oder Chriſten, hatte ſich gebildet und ſchien, allen Verfolgungen ungeachtet, immer kräftiger zu erblühen. Je mehr dieſelbe gedrückt wurde, deſto inniger hingen ihre Glieder ihrem edlen Stifter an, deſto begeiſterter ſtritten ſie für deſſen göttliche Abſendung. Chriſtus ſelbſt, mit den religiöſen Schriften ſeines Volkes auf das Genaueſte vertraut, hatte oft paſſende Stel⸗ len aus jenen ehrwürdigen Urkunden ange⸗ führt und auf ſich vergleichungsweiſe ange⸗ wandt; ja er hatte ſelbſt behauptet, daß er einer jener, ſchon von den Propheten, den begeiſterten Volkslehrern der Nation, verſprochener Heilbringer, ein Meſſias, ſey. Jetzt begingen aber die glaubenseifrigen, doch meiſt wiſſenſchaftlich ungebildeten Anhänger des Gekreuzigten in ihrem allzugroßen Eifer den Fehler und gaben— ſtatt mit logiſcher Richtigkeit von dem 209 ſeit langen Zeiten Geſchehenen auf die neueſten Exeigniſſe ſchließend, umgekehrt und unlogiſch von dem ſich letzt Be⸗ gebenen auf die Erſcheinungen des grauen Alterthums folgernd— den allgemeinen Ausſprüchen und Hinweiſungen der Propheten auf Meſſiaſſe, Volksretter u. ſ. w. eine ganz unrichtige und ein⸗ ſeitige Deutung, behauptend: Alle jene Hinweiſungen hätten nur eine beſtimmte Perſon gemeint und dieſe ſey Jeſus Chriſtus. Einmal dieſen, den Meinungen der Chriſten ſo gün⸗ ſtigen Weg betreten, ging man immer weiter und folgerte die unfinnigſten Dinge. „So wandte unter andern ſchon Juſtin der Märtyrer, der in der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts lebte, gegen den Rabbiner Tryphon, um denſelben für das Chriſtenthum zu gewinnen, den Pſalm 22 auf Chriſti Leidensgeſchichte an, ohne jedoch ſeinen Zweck zu erreichen, weil dieſer gelehrte Jude, der das dem Juſtin unbekannte Hebräiſche gründlich verſtand, gar wohl eingeſehen haben mochte, nach dem Zuſammenhang dieſes Pſalms ſey von einem, von kriegeriſchen Feinden Umgebenen die Rede, der ſich vor derſelben Schwert, nicht vor dem Kreuze zu fürchten habe, und, während ihn ſelbſt eine Fieber⸗ krankheit niedergeworfen hatte, ſo umzingelt war, daß ſeine Feinde ſchon ſich in ſeine Kleider und ſonſtige Geräth⸗ ſchaften, als eines Gefangenen, zu theilen ſich freuten. (Klavis über die Pſalmen“ von Dr. Paulus, Heidelberg 1815.) Ebenſo war man unſinnig genug, vieler anderen ähnlichen Folgerungen nicht zu gedenken, die Stelle bei Jeſaias V, 14.) auf die Jungfrau Maria zu deuten, da doch der ganze Zuſammenhang es mit ſich bringt, daß das be⸗ ſprochene Ereigniß den König Ahas, nicht aber die Nach⸗ welt, über die Niederlage ſeiner Feinde habe beruhigen ſollen.“ III. 14 210 „Von dieſer Vorbilderlehre irre geführt, hat man kein Bedenken getragen, dem gedachten Pſalm 22 die Ueberſchrift zu geben:„Weiſſagung von Chriſti Leiden und Herrlichkeit“ und der Inhalt des erwähnten Kapitels bei Jeſaias wird mit den Worten bezeichnet:„Der Meſſias ſoll von einer Jungfrau geboren werden.“— Es war der Schriftforſchung unſerer Zeiten vorbehalten, die Regel aufzuſtellen, daß die heilige Schrift durchgängig nach dem natürlichen Zuſammenhange und unter ſorgfäl⸗ tiger Anwendung hiſtoriſcher und philologiſch ⸗kritiſcher Forſchungsmittel verſtanden werden müſſe, indeß die An⸗ führung ſolcher Stellen, wie die erwähnten ſind, nur als paſſende Gleichnißſtellen, nicht als Weiſſa⸗ gungen anzuwenden ſeyen.(„Teutſchland und Rom,“ von Dr. Fetzer, Frankfurt a. M. 1850.) Durch Folgerungen, wie die oben erwähnten, verwan⸗ delte man die Propheten, jene einfachen, aber geiſtes⸗ kräftigen, für das Wohl ihrer Nation hochbegeiſterten Sittenlehrer, in Weiſſager und verband von nun an mit der Benennung Prophet den Begriff des Vorausſehens und Vorausverkündens zukünftiger Dinge. Welche unſelige Folgen dieſer Irrthum hatte, beweist die Geſchichte des Chriſtenthums; ja ſelbſt noch heut zu Tage iſt er die Ouelle moſtiſcher und abgeſchmackter Be⸗ hauptungen und ein großes Hinderniß der rationellen Auffaſſung der Evangelien, indem ſich die Freunde der Finſterniß auf dieſe, durch Zeit und Gewohnheit eingebür⸗ gerte und heiliggewordene Anſicht zu ſtützen wiſſen. 3 Dieſe wenigen Erinnerungen wollte der Verfaſſer ſeinen geneigten Leſern ſcheidend noch zurufen, mit der 3 Bitte, ſolche, iſt es ihnen wirklich um ein richtiges Ver⸗ ſtändniß der Bibel zu thun, nicht unberückſichtigt zu laſſen. — 0—— —— 7 18 19 ſ 1§ 1 1 9 10 11 2 13 14 1 6