rrr 8 1 Leihbibliothek von Eduard Ottmann in Gießen. Täglicher Leſepreis für ein deutſches Buch 1 Kr. „ Das Abonnement beträgt: für wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher: auf 6 Monat: 2 fl. 30 Kr. 5 i F Kr. „„ 1 „„„ Aarararhrhrarhrhrhrhrh „„ 5 3 s Shphhrurhruphrunhraratara Sir Ta Die pietiſten. — Die Pietiſten. Roman aus dem Leben der neueſten Zeit von Heribert Rau. 3 weit Ban d Stuttgart. Verlag der J. F. Caſt'ſchen Buchhandlung. 1841. Gedruckt bei K F. Hering& Comp. 1. Die Rheinreiſe. 8 „Wir lachen der grämlichen Runzeln der Zeit, Und bleiben die Nämlichen Morgen, wie heut.“ Matthiſſon. Das Dampfſchiff„Victoria“ durchſchnitt pfeilſchnell die Fluthen des Rheins. Wie der Leviatan, gierig ſeine Beute verfolgend, mit den mächtigen Floßen das feuchte Element zu Schaum ſchlägt, ſo flog es, von den weißen Wellen um⸗ ſpült, brauſend dahin in majeſtätiſcher Kraft, und die aufgeregten Wogen ſchienen ſich frendig zu heben, um dem ſchlanken Schiffe ihren Gruß noch einmal zuzunicken. II. 1 2 Welch' reges Leben aber zeigte ſich auf dem Verdecke, auf welches ein herrlicher Maitag alle Paſſagiere gerufen; die nun in mannichfaltigen Gruppen ſich hin und her bewegten, oder ſich niedergelaſſen hatten. Alle Nationen ſchienen hier repräſentirt. Franzoſen, Engländer und Ruſſen, Italiener und Deutſche miſchten ſich bunt, und boten dem ſtill Beobachtenden durch ihre Eigen⸗ thümlichkeiten, in welchen ſich wieder die Na⸗ tionalcharaktere ſpiegelten, eine angenehme Unter⸗ haltung. Auf dem vorderen Theile des Schiffes be⸗ wegte ſich eine dichte Maſſe von Menſchen, aus welcher, der Menge wegen, kaum eine Einzelheit zu erkennen war; wenn wir zwei Kammermäd⸗ chen ausnehmen, die ſich, von den Böcken zweier großer und koſtbarer Wagen, mit einander oder mit den ſie umſtehenden Dienern unterhielten. Ja das liebliche Geſichtchen der einen dieſer Zofen, ſo ſchelmiſch lächelnd, ſo munter und auf⸗ fordernd um ſich blickend, hatte ſogar einige 3 Herren von dem zweiten Platze angezogen; und die kleine Franzöſin von einer Anzahl Männer umgeben, die ſich eifrigſt um ihre Gunſt be⸗ warben, ſaß auf dem Kutſchenbocke wie eine Königin auf dem Throne, von einem reichen Hofſtaat umgeben. Aber ſie ſchien eine Königin der Freude, denn aus ihren Augen blitzte Schalk⸗ haftigkeit und Laune und ihre munteren Reden, ihre Witze und Bonmots erregten, bei den ſie Umſtehenden, oft ein lautes Lachen; und wenn auch die größere Maſſe der auf dem vorderen Theile der Victoria verſammelten Menſchen ſie nicht verſtehen konnte, da ſie franzöſiſch ſprach, ſo ſchien dennoch ihr munteres Weſen eine all⸗ gemeine Heiterkeit zu verbreiten, und Einer zeigte dem Andern die muntere Franzöſin, und Jeden ſteckte ihre Lachluſt an, ſo daß ſich end⸗ lich die ganze Geſellſchaft des dritten Platzes in eine allgemeine Freude verſetzt fand, die ſich laut und geräuſchvoll in lachen und ſingen, in ſcherzen und jubeln kund gab. 1 4 Weniger lärmend, aber zum Theile doch auffallend genug, zeigte ſich die Luſt, welche ein heiterer Himmel, eine warme Sonne, eine grü⸗ nende Erde und eine herrliche Natur in den Herzen der Paſſagiere der beiden erſten Plätze hervorrief. Während Herren und Damen in bunten Reihen auf den ſchön gearbeiteten Bän⸗ ken ſaßen, welche den Pavillon rings unſchließen, und ſich in intereſſanten Geſprächen verloren, Andere auf und abgingen und wieder Andere ein Spielchen Schach oder Domino machten, hatten ſich vier junge Engländer um einen Tiſch geſetzt, und ließen ſich ihre Beef⸗Steaks recht trefflich ſchmecken, während ſie unter lautem Lachen, eine Flaſche Champagner nach der andern ausſtachen. Jeder hatte in ſeiner Taſche eine koſtbar gebundene Beſchreibung des Rheins und ſeiner göttlichen Ufer, nebſt einer koloſſalen Karte; denn ſämmtliche vier junge Männer reisten, die Naturſchönheiten zu bewundern. Wenn indeſſen auch die Engländer aßen 5 und tranken, die jüngeren Franzoſen liebelten und den Damen den Hof machten; ſo wurde doch immer der größere Theil der Anweſenden von den Schönheiten hingeriſſen, welche die Natur in ſo reicher Fülle darbot. Schon hatte die Sonne tauſend Keime geweckt und in's Leben gerufen, ſchon ſchmückte die Bäume das friſche Laub, und die Berge, welche ſich majeſtätiſch am Ufer hoben, deckte jenes helle, ſaftige Grün, das uns, als erſtes Kind des Frühlings, um ſo freundlicher und lieblicher dünkt. Wie prächtig ſtrömte der ſtolze Strom da⸗ hin, von des Schiffes ſchlankem Kiele gewaltſam durchſchnitten; wie finſter hoben ſich die Felſen der Ufer, das gewaltige Element in ſeine enge Bahn zwängend; wie ſtolz und kühn blickten die Burgen, jene großartigen Reſte einer kräfti⸗ gen Zeit, hernieder und luden den Beſchauer zu ernſten Betrachtungen ein; wie freundlich und heiter dagegen lachten, halb hinter Bäumen und Mauern verſteckt, die Oertchen und Städtchen 6 hervor, die ſich in langen Reihen gaſtlicher Häu⸗ ſer an dem Strande dehnten. O Natur! Du erhabene Prieſterin des höch⸗ ſten Weſens, wer Deine Sprache verſteht, deſſen Herz iſt noch unverdorben, noch empfänglich für das wahre Schöne und Große, noch nicht irre geleitet durch die verſchrobene Richtung einer Zeit, die in Ertravaganzen und Abſurditäten ihr Ergötzen, ja ihr Heil ſucht. Aber wie wenige Menſchen kennen die Seligkeit, die Du zu bieten im Stande biſt, wiſſen: daß gerade Du alle ihre Zweifel zu löſen, ihnen allein die gewünſchte Aufklärungen und mit dieſen die erſehnte Ge⸗ müthsruhe zu geben vermagſt!— So eben flog das Schiff an der Ruine Rheinfels vorüber, dem freundlichen St. Goar zu, als einer jener vier Gentleman einen Blick in die neben ihm auf einem Stuhle ausgebrei⸗ tete Karte„The Course of the Rhine“ warf, und den Kellner, welcher eben die ſiebente Flaſche Champagner brachte, fragte: ob dies etwa das 0 Siebengebirge ſey. Der ſchadenfrohe Menſch verbiß mühevoll ſein Lachen und bejahte die Frage; worauf der Brite ſehr zufrieden, ſeine ganze Aufmerkſamkeit wieder der neu angekom⸗ menen Flaſche zuwandte. Während ſo von den verſchiedenſten Urſachen angeregt, ſich dennoch eine allgemeine Luſt über das ganze Schiff verbreitete, ſchien nur ein Paſſagier dieſelbe nicht zu theilen. Es war ein langer, dürrer Mann, in einfacher, beinahe abgetragener ſchwarzer Kleidung. Seine Züge trugen mehr den Ausdruck einer etwas albernen Demuth, als daß ſie einen großen Kummer verriethen, und dennoch ſchien dieſe Bläſſe, dieſe eingefallenen Wangen, dieſe tiefgefurchte Stirne für ein langes und tiefes Seelenleiden zu ſprechen. Er ſaß faſt auf der äußerſten Spitze des Schiffes, nahe der Glocke, und ſtarrte gedankenlos in das Waſſer. Seinen Kopf etwas vorgebeugt und nach der linken Seite neigend, ließ er die langen Arme ſchlaff herunter hängen, ſo daß ſie faſt den Boden berührten, und ſtreckte die noch längeren Beine gerade aus. Was aber ſeine Figur ganz zum Jammerbilde machte, war ſeine herunterhängende Unterlippe, die einen breiten, faſt zahnloſen Mund ſehen ließ. Unbekümmert, was um ihn vorging, bemerkte er nicht einmal, daß er längſt die Zielſcheibe des allgemeinen Witzes geworden war; und da er die Reden der kleinen Franzöſin auf dem Bocke nicht verſtehen konnte, ſo hielten ihn auch die ſarkaſtiſchen Scherze dieſes Mäd⸗ chens nicht ab, allmählig in einen ſüßen Schlum⸗ mer zu verfallen, in welchem ſein edles Haupt, wie das eines chineſiſchen Pagoden, bei jedem Stoße des Schiffes hin und her nickte. „Und warum, mein charmantes Kind,“ rief in dieſem Augenblicke ein elegant gekleideter Herr der niedlichen Franzöſin zu, um deren Gunſt er ſich lange ſchon beworben,„warum wollen Sie mich nicht als Ihren Chevalier annehmen. Erwecken dieſe alten Burgen nicht in Ihnen die Erinnerung an jene Zeiten des Ritterthums und der Liebe?“ 9 „O ja gewiß, mein Herr; alle die fürch⸗ terlichen Romane und Rittergeſchichten, welche ich geleſen, werden wieder wach in mir, aber...“ „Aber?“ „Nun ja, wenn ich mir dieſe meine Lieb⸗ lingshelden denke, oder mir auch einen ſolchen Ritter wünſche, der ſo recht fürchterlich in mich verliebt iſt— denn ſo Einen wünſcht ſich jedes Mädchen— da möchte ich denn aber auch einen recht kräftigen, mit ſtarkem Bart, großen Augen, der überhaupt ausſieht als ob er mich lieben und beſchützen und auch allenfalls zähmen könnte, wenn ich zu wild würde..“ „Nun, und glauben Sie nicht, daß ich dies im Stande ſeyn könnte, auch ohne Bart?“ ent⸗ gegnete etwas verblüfft das glatte Herrchen in ſeinem ſchlechten Deutſchfranzöſiſch. „Sie!?“ lachte die Schelmin,„o gewiß nicht. Sie möchten in Frauenkleidung ein allerliebſtes Mädchen ſeyn, und ich glaube wohl, daß ich mich als Herr dann in Sie verlieben könnte. 10 Aber als Ritter?.. nein, nein!— Wiſſen Sie was ich mit Ihnen machte, wenn Sie mein Mann wären?“ „Nun?“ „Ich ſetzte Sie auf einen ſchönen Schrank mit Porzellan und indiſchen Gefäßen, und ſagte dem Stubenmädchen, es möge Acht haben, Sie nicht zu zerbrechen.“ Die umſtehenden Franzoſen lachten laut auf. Das junge Herrchen ward feuerroth, doch war er klug genug, ſich nicht beleidigt zu zeigen; ſondern ſagte, indem er ſeinen bisher etwas eraltirten Ton zu einer gewiſſen Gleichgültigkeit herabſtimmte: „Ja, wenn Sie freilich einen ſo handfeſten Geſchmack haben, dann müſſen Sie ſich etwa einen Latour dAuvergne auswählen.“ „Vor der Hand bedarf es keiner Wahl,“ entgegnete die Franzöfin etwas piquirt; aber ihre Lachluſt hatte ſchnell wieder die Oberhand gewonnen, und ſie rief:„denn ich habe bereits 11 einen Ritter angenommen, einen zweiten Qua⸗ ſimodo, nur etwas eingeſchrumpft!“ und damit deutete ſie auf den langen ſchwarzen Schläfer, welcher noch immer neben der Glocke auf einem Bündel Schiffstaue ſitzend, den Rücken an die leichte Gallerie gelegt, laut ſchnarchte. Aller Blicke waren der Richtung gefolgt, welche ihr nettes Händchen angegeben, und man gewahrte nicht ſobald den Gegenſtand ihres Witzes, als auch ein ſchallendes Gelächter denſelben belohnte. Der allgemeine Muthwille war nun auf den Pagoden gerichtet, und während das feine Herr⸗ chen ſich mißmuthig nach dem hinteren Theile des Schiffs zurückzog, ſich andere Verehrer nun um die muntere Zofe ſammelten, und dieſe neue Hiebe austheilte: hatten ſich einige übermüthige Geſellen herbeigeſchlichen, und unbemerkt die obere Brüſtung des Geländers, gegen welches ſich der Schlafende geſtützt hatte, herausgenom⸗ men, ſo daß daſſelbe nur noch die halbe Höhe der übrigen Umgebung des Schiffes hatte. Dieſer 1— unüberlegte Scherz, einen leichten Schrecken be⸗ zweckend, nahm indeſſen ein faſt tragiſches Ende; denn als das Schiff bei Bacherach anlegte, und der Schläfer bei dem zweiten Zeichen der Glocke erſchrocken emporfuhr, und ſich, mit einem Fuße in den Schiffstauen verwickelnd, gegen die feh⸗ lende Brüſtung anlehnen wollte, bekam ſein langer Körper das Uebergewicht, und er ſtürzte über Bord. Ein Schrei des Entſetzens durch⸗ ſchnitt die Luft. Alles eilte nach dem Schnabel des Schiffes, denn obgleich daſſelbe feſt lag, war doch kaum an eine Rettung des Unglücklichen zu denken, da ihn die Strömung unter den Kiel des Schiffes treiben mußte. Ein glücklicher Zufall hatte indeſſen den Langen gerettet; denn gerade die Ver⸗ wickelung ſeines Fußes in die Taue, gab ein Mit⸗ tel ſeiner Rettung. Er hatte dieſelben zum Theil nachgezogen, und da ſich durch den Sturz der Kno⸗ ten feſter um den Fuß geſchlungen, wurde es den Matroſen leicht, den Körper wieder heraufzu⸗ ziehen, ehe die Strömung ihn fortgeriſſen. — —— 13 Nach einigen Minuten lag die dürre Ge⸗ ſtalt wieder auf dem Verdecke, ohnmächtig zwar und ganz durchnäßt, aber doch ohne Verletzung; und das Schiff konnte, nachdem man den Pa⸗ tienten in die Kajüte des Kapitains gebracht, ſeinen Lauf fortſetzen. —— „ 2. Bruder Mathias. „Deines Lebens Sonnenlicht Iſt Vernunft; die fliehe nicht, Wird ſie Dir im Rücken ſtehn, Wird Dein Schatten vor Dir geh'n.“ Herder. Die Freude, welche auf der Victoria geherrſcht, hatte durch den Fall jenes Mannes nur eine kurze Unterbrechung erlitten; denn ſo⸗ bald man denſelben wieder wohlbehalten an Bord ſah und erfuhr, daß nicht das Geringſte für ihn zu fürchten ſey, mußte ſogar auch dieſer Vorfall zur Erhöhung der Heiterkeit dienen, und man ſprach und lachte während der Tafel, welche, des herrlichen Wetters wegen, auf dem Verdecke — 15 des Schiffes aufgeſchlagen worden war, über die ſonderbare Figur und ihren Unſtern. Nicht ſo behaglich war es dem Unglücklichen ſelbſt. Nachdem er ſich von ſeinem Schrecken erholt, und, da er ſelbſt, außer dem was er am Leibe trug, keine Garderobe bei ſich führte, als ein Schnupſftuch und zwei alte Hemden— in die Kleider eines Kellners geworfen hatte, ſetzte er ſich traurig auf das Sopha der Kajüte, in⸗ dem er es nicht wagte, ſich auf's Neue, und in dieſer Kleidung dem lachluſtigen Publikum dar⸗ zuſtellen. In der That würde ſein Erſcheinen einen tollen Auftritt herbeigeführt haben, denn wenn er auch in die Kleider des längſten Kellners geſchlüpft war, ſo ſahen doch Füße und Arme ſpan⸗ nenlang aus Hoſen und Kamiſol heraus, und ſämmtliche Stücke ſchlotterten in weiten Falten um ſeine dürre Figur; dazu kam, daß man ihm ſtatt eines Rockes nur eine Jacke gegeben, wodurch die Länge ſeines Körpers und die Dürre ſeiner Glieder nur noch mehr herausgehoben wurden. 16 Traurig beſah er ſich in dem Spiegel und drückte ſich, ängſtlich jede Entdeckung meidend, in die Ecke des Gemaches. Er war allein, und überließ ſich, nach eingenommenem frugalen Mittageſſen, den düſtern Reflerionen ſeiner Seele. „Man hat mich für ein kleines Vergehen hart geſtraft,“ murmelte er halblaut vor ſich hin,„und meiner Wiederaufnahme in die heilige Gemeinde, meiner Rückkehr in die liebe Vater⸗ ſtadt eine Bedingung geſetzt, die meine Kräfte überſteigt, mir eine Aufgabe geſtellt, für deren Ausführung ich wohl am wenigſten geſchaffen war.—“ Er ſchwieg eine kleine Weile, dann fuhr er finſter fort:„Noch höre ich die Worte des Heiligen, noch ſeh' ich ihn mit ausgeſtreckter Hand, mit flammenden Augen ſich gegen mich wenden: Laß Dir an meiner Gnade ge⸗ nügen; denn meine Kraft iſt in den Schwachen nächtig!— rief er aus, Dir ward ein Stachel in's Fleiſch gegeben, ein Engel des Satans, daß er Dich mit 17 Fäuſten ſchlage.“ Aber wie der Zorn des furchtbaren Gottes die Sünder trifft, alſo auch iſt ſeine Gnade offen, denen, die ihn lieben. Im Namen der heiligen Gemeinde verkünde ich Dir denn, daß Dir Deine Sünden vergeben, Dir wieder Aufnahme werden ſoll, wenn Du voll⸗ bracht haſt, was ſie Dir auflegt durch meinen Mund: Ziehe aus in die Wüſte; und ſchaffe für die Sache des Herrn. Ich übergebe Dir dieſe Traktätchen; ſie enthalten die ſüße Stimme unſeres Lammes, das da rufet zur Auferbauung einer neuen gottſeligen Gemeinde; und die Donnerworte der Wahrheit, die da zerſchmettern das Gewebe aller eitlen Lügen, welche die Kinder Belias nennen: Aufklärung und Fortſchreiten. Verbreite in aller Welt dieſe gottſeligeu Schriftchen, damit das Reich des Herrn bevölkert werde. Vor allem Anderen aber laß Dir angelegen ſeyn zu werben für unſere * Zweiter Brief des Apoſtels Paulus an die Korinther, 12tes Kapitel. Vers 7—9. I. 2 18 Gemeinde. Nur wenn es Dir gelingt drei neue Glieder derſelben zu gewinnen, aus deren Auf⸗ nahme der Sache Gottes, d. h. unſerer heiligen Vereinigung Vortheil erſprießt, magſt Du hoffen, in Deine Vaterſtadt und in unſeren Schvoß zu⸗ rückzukehren. Du wirſt Bedrängniß ha⸗ ben in der Welt, aber ſey getroſt:ich habe die Welt überwunden, ſpricht der Herr.“ „Und mit dieſen Worten gab er mir die Traktätchen und eine kleine Summe, und ſchwe⸗ ren Herzens verließ ich die Stadt.“ Bruder Mathias ſchwieg abermals, als ſinne er ſeinem traurigen Schickſale nach. Erſt nach längerer Zeit, als die Töne der Freude, welche an der reichbeſetzten Tafel erſchallten, an ſein Ohr ſchlugen, fuhr er mit einem wehmü⸗ thigen Blicke auf ſeine Figur fort: „Sie ſchwelgen draußen in Ueppigkeit und Fülle, die Kinder der Welt, und ich ſitze hier ein Bild des Mangels und des Elendes! Meine 19 kleine Baarſchaft iſt faſt gänzlich verzehrt; auf neue Unterſtützung der Gemeinde darf ich nicht rechnen, und meine Unternehmungen ſind bis jetzt alle geſcheitert. Ueber die Traktätchen bin ich zweimal geprügelt, und wenigſtens zehnmal zur Thüre hinaus geworfen worden; bekehrt hatte ich ein altes Weib, und als ich meines Sieges gewiß, die Feder ergreife, es dem ehren⸗ feſten Herrn Paſtor Krumm anzuzeigen, ſtirbt meine Proſelytin, und die Früchte einer ſchau⸗ derhaften Arbeit ſind verloren. In Frankffurt hatte ich einen jungen Menſchen zwiſchen die Fin⸗ ger bekommen, der gerade zwei Thaler brauchte; um ihn an mich zu ziehen, gebe ich ihm dieſelbe, er verſpricht mir dagegen meine Lehren zu hören, und nachdem ich zwei Stunden mich in herr⸗ lichen Floskeln geübt und meine ganze Weis⸗ heit erſchöpft, er aber gut zu Mittag gegeſſen und getrunken hatte, ſtand er auf, lachte mich aus, und nannte mich einen frommen Schaafs⸗ kopf.— Das ſind meine Siege, und die Früchte 0 S2 SSe —————— ———— — 20 meiner anſtrengenden Reiſe und Arbeit!“— Hier verſank Mathias abermals in düſteres Nachdenken.„Und was nun beginnen?“ frug er ſich endlich leiſe, und alle trüben Erfahrungen die er in ſeinem freudenarmen Leben gemacht, zogen an ſeiner Seele vorüber. Er mühte ſich vergeblich ab, den Grund zu finden, warum er ſtets dem Unglücke anheim fallen müſſe, während andere Menſchen im Schooße des Ueberfluſſes, ein ſo bequemes und angenehmes Leben zu führen im Stande wären. Hatte er doch in ſeinem Leben ſchon alles mögliche getrieben, ſich, gleich einem guten Diplomaten, ſtets nach dem Winde gedreht, und war nun in ſeinem Alter ſelbſt noch fromm geworden?— Aber, wie ge⸗ ſagt, bei ihm wollte nichts helfen, und da er nun auch noch dieſes letzte Rettungsmittel ſchwin⸗ den ſah, blickte er mit Bangen, ja mit einem Gefühle von Verzweiflung in die Zukunft, die ſich vor ihm wie ein ſchwarzer Abgrund öffnete, in dem die düſteren Geſpenſter Jammer und 21 Elend, Hunger und Noth, ihr Weſen trieben. Aus dieſen und ähnlichen Gedanken erweckte ihn erſt die Nachricht: daß man in Mainz an⸗ gekommen ſey.— Als das Dampfſchiff den andern Morgen ſeine Reiſe nach Mannheim fortſetzte, befanden ſich auf demſelben nur zwei jener Paſſagiere, die den vorhergehenden Tag mit ihm von Cöln angegekommen. Es waren Mathias und eine ältliche Dame, deren Aeußeres verrieth, daß ſie den höheren Ständen angehöre. Sie mochte einige vierzig Jahre alt ſeyn. Zu den unan⸗ genehmen Zügen ihres Geſichtes, hatten ſich nachgerade die Spuren des Altwerdens geſellt, die eine geſuchte, wenn auch weder geſchmackvolle noch ganz moderne Toilette, vergeblich zu ver⸗ bergen bemüht war. In ihren Bewegungen zeigte ſie indeſſen vielen Anſtand und ihr Be⸗ nehmen richtete ſich mit Gewandheit nach dem jedesmaligen Standpunkte desjenigen, mit welchem ſie gerade in Berührung kam. Unter der übri⸗ gen Geſellſchaft ſchien ſich Niemand von ihrer Bekanntſchaft zu befinden; obgleich ſie ein vor⸗ nehmer Herr, deſſen Bruſt mit Orden decorirt war, im Einſteigen freundlich gegrüßt hatte. Ihre Zofe befand ſich auf dem dritten Platze, und dadurch veranlaßt, dehnte auch die Dame ihre Spaziergänge auf dem Verdecke manchmal bis zu jenem Theile des Schiffes aus, und wechſelte dann mit dem, übrigens ganz unwiſſen⸗ den und bäuriſchen, Dinge, wohl auch ein paar Worte. Bei dieſer Gelegenheit gewahrte ſie denn auch jenen langen, dürftig ausſehenden Menſchen, deſſen Sturz ſie geſtern ſo erſchreckt, daß ſie Nervenkopfweh bekommen hatte, und den ſie ſich noch ſehr gut zu erinnern vermochte. Die Lange⸗ weile mochte dem Mitleiden einigen Platz in ihrem adeligen Herzen einräumen, und ſie fand ſich daher bewogen, dem Bruder Mathias mit gnädigem Lächeln entgegentretend, anzureden. „Sie ſind alſo wieder ganz hergeſtellt, und 23 der geſtrige Fall— o, ich kann gar nicht an den Schrecken, den er mir gemacht, denken, ohne wieder die verwünſchten Nervenanfälle zu bekom⸗ men— der geſtrige Fall hat keine nachtheiligen Folgen für Sie gehabt?“ „Nein, gnädige Frau, der Allmächtige ſandte ſeine Engel aus, daß ſie mich trugen und be⸗ wahrten vor einem ſchrecklichen Tode!“ „Allerdings können Sie Gott und nach dieſem den Matroſen, die Sie gerettet, nicht genug für die ſchnelle Hülfe danken, die Ihnen wurde, denn es fehlte wahrlich nicht viel, ſo waren Sie unter dem Kiele des Schiffes. Sie haben ohne Zweifel die guten Leute reichlich belohnt?“ „Belohnt?—“ wiederholte achſelzuckend Mathias und ſtrich mit ſeinen beiden Händen über die leeren Seitentaſchen.„Ach gnädige Frau, wenn es keine Sünde wäre, ſo möchte ich beinahe wünſchen, ich wäre verſunken in die Tiefe des Meeres.“ 24 „Des Rheines! wollen Sie ſagen; aber warum denn dieſe traurigen Ideen, ſind Sie unglücklich?“ Mathias war im Begriff ſein Leid zu geſtehen, aber eine gewiſſe Schaam hielt ihn zuruͤck, denn bis jetzt hatte er, trotz allem ertra⸗ genen Mißgeſchicke, dennoch nie gebettelt. Und liegt dieſes Gefühl nicht in eines jeden Menſchen Bruſt?— Sind wir nicht tauſendmal eher be⸗ reit, unſere Verkehrtheiten einzugeſtehen, als zu⸗ zugeben, daß wir uns in drückenden Verhältniſſen befinden, als ob unverdientes Armſeyn ſchlim⸗ mer wäre, als übel thun? Auch Mathias trieb dies mißverſtandene Schaamgefühl zu einer Lüge. Er ſeußzte tief und ſprach: „Ach, die Laſt meiner Sünden beugt mich tief nieder, und unſer Gott iſt ein ſchrecklicher Gott, der da die Miſſethaten ſeiner Kinder ſtraft bis in's dritte Glied.“ „Sie werden ja doch nicht ſo ſehr an der Liebe Gottes zweifeln, das Sie— aber, o mein 25 Gott! wie zieht es hier, ich werde meine Ner⸗ venanfälle wieder bekommen!—“ unterbrach ſich die Sprecherin ſelbſt, warf ihr Schnupftuch um den Hals und winkte Mathias, ihr auf einen weniger zugigen Platz zu folgen. Als ſie einen ſolchen gefunden, wandte ſich die Dame neuerdings zu ihrem Begleiter und frug: „Alſo glauben Sie wirklich an einen ſo ſtrengen Gott?“ Dieſe Frage und die Heftigkeit, mit welcher ſie gethan wurde, hätte wohl einem Scharfſichti⸗ geren als Mathias den Seelenzuſtand der Fragenden entdeckt, und es würde ihm nicht ſchwer geworden ſeyn, ein Gemüth zu erkennen, das, mit ſich ſelbſt zerfallen, und ohne einen geiſtigen Haltpunkt zu finden, im Meere der Ungewißheit umhergeworfen, und von einer Klippe zur andern geſchleudert wurde. Aengſt⸗ lich ſuchte ſie einen feſten Grund, ihren Anker auszuwerfen, und faßte daher krampfhaft nach jedem Punkte, der ihr einen ſolchen zu verrathen 2** n — ——— 26 ſchien. In ihr, die mit den Jahren die Nich⸗ tigkeit des Irdiſchen hatte einſehen lernen, war die große Frage über das:„Dereinſt“ wach geworden; und geiſtreich genug, nicht unbedingt zu glauben, irrte ſie nun in dem Labyrinthe der Meinungen umher. Vor allem hatte ſie aber ſtets die Idee eines unerbittlich ſtrengen Richters erſchreckt, und natürlich war es daher, daß ſie mit großer Bewegung die Frage: „Alſo glauben Sie wirklich an einen ſo ſtrengen Gott?“ wiederholte. Mathias, eine genaue Prüfung ſeines Glaubensbekenntniſſes fürchtend, griff raſch in die Taſche, und zog eines jener ſchon erwähnten Traktätchen hervor. „Ja meine Gnädige, gewiß! denn ſprach nicht ſelbſt unſer heiliger Erlöſer: Fürchtet den, der, nachdem er getödet, auch die Macht hat, in die Hölle zu werfen!. Aber mehr als meine ſchwache Zunge ſie beleh⸗ ren könnte, werden Sie in dieſem Schriftchen 27 finden, das unter des Geiſtes Flügeln geſchrie⸗ ben, die höchſten Wahrheiten ausſpricht!“ Während Mathias bei dieſen Worten der fremden Dame ſein Büchelchen übergeben hatte, war unbemerkt jener Herr mit den Orden auf der Bruſt zu den Sprechenden getreten. Er hatte noch die letzten Worte des Langen gehört, und indem er ſich artig gegen das Frauenzimmer verbeugte, ſagte er in leichtem Tone: „Meine liebenswürdige Baroneſſe, wenn Sie ſelbſt auf der Reiſe für das Wohl Ihrer ſchönen Seele bedacht ſind, dann kann Ihnen der Himmel, deſſen Sie ja ſchon als Dame ge⸗ wiß ſind, nicht entgehen; aber ich beneide Sie nicht darum, dort muß man par foree ſelig ſeyn, Gnädige, denken Sie, ſelig— ohne Ende und immer ſelig!— Nein, da halte ich es lieber mit der Hölle, denn flammt die Gluth höher auf, ſo bleibt uns doch noch die Hoffnung, daß es einmal wieder beſſer werde; und wiegen nicht Veränderung und Hoffnung, dieſe höchſten Güter 28 des Menſchen, eine langweilige, ewig gleiche Freude auf?— Aber den Scherz bei Seite, man darf Ihnen gratuliren?“ „Gratuliren, Ercellenz, und wozu?“ „Nun zu dem Vermögen, das Sie erwartet. Verhüllen Sie ſich nur nicht in ein diploma⸗ tiſches Schweigen. Alle Welt weiß ja, daß der alte Baron Hohenſtein ſeinen Sohn zu Ihren Gunſten enterben wird.“ „Dies zu verhüten reiſe ich nach Mannheim.“ „Zu verhüten?“ frug die Excellenz mit maliciöſem Lächeln. „Ja, auf mein Wort, ich will den jungen Mann nicht ſeiner gerechten Anſprüche berauben.“ „Berauben? verehrte Baroneſſe, wer ſpricht davon. Der junge Mann ſoll, wie man ſagt, oder vielmehr wie der Vater ſagt, ein Tauge⸗ nichts ſeyn, und ſo hat der alte Herr wohl nicht Unrecht, wenn er ſein Erbe in Ihre lie⸗ benswürdigen Hände legt. Daß Sie übrigens dem jungen Baron mit wahrer, ſchweſterlicher 29 Liebe zugethan ſind, weiß ja die ganze Welt,“ fügte der Sprechende ironiſch hinzu. Die Baroneſſe biß ſich auf die Lippen: nickte dem noch immer hinter ihr ſtehenden Mathias flüchtig zu, und ging mit den Worten: „Ich werde Sie wiederſehen!“ mit der Erx⸗ cellenz dem hintern Theile des Schiffes zu. Mathias hatte die Unterredung der Bei⸗ den genau gehört; ſah ein, daß die Dame für ſeine Jeen und Lehren nicht unempfänglich war, daß ſie ein bedeutendes Vermögen ererben ſollte, und ſo erheiterte plötzlich ein Sonnenſtrahl die Nacht ſeiner Zukunſt, gerade in dem Augenblicke, in welchem ſie ihm am finſterſten umwölkt ſchien. 3. Hoffnungen. „Was ſind Hoffnungen, was ſind Entwürfe? Die der Menſch, der flüchtige Sohn der Stunde, Aufbaut auf dem betrüglichen Grunde!“ Schiller. In Träume der Hoffnung verſunken ſaß nun Mathias und malte ſich ſeine nächſten Schickſale mit eben ſo freundlichen Farben aus, wie er kurz zuvor die ſchwärzeſten Tinten für ſeine Zukunft noch zu licht gefunden hatte. Er gehörte zu jenen Menſchen, die ſich eben ſo ſchnell tröſten, als ſie verzweifeln, und welchen der geringſte Hoffnungsſtrahl ein Tau iſt, an dem ſie ſich aus dem Abgrunde des Schreckens und des Elendes zu den Sonnenhöhen des 31 Glückes, wenn auch nicht wirklich hinaufarbei⸗ ten, doch in ihrer leicht zu erregenden Phantaſie hinaufträumen. Und iſt dieſe Fähigkeit nicht eine köſtliche Gabe der Natur, mit welcher ſie dem Unglücklichen gleichſam einen Zauberſtab reicht, der ihn mit einem Schlage über die Klüfte hebt, die ſich zwiſchen ihm und den Kindern der Fortuna dehnen?— Nachdem ſich Bruder Mathias lange Zeit auf ſolche Weiſe in den lieblichſten Zauber⸗ gärten der Einbildung ergangen hatte, ſtieg er allmählig von jenen dichteriſchen Höhen zu der Wirklichkeit herab, und fing nun zu überlegen an, wie er wohl das Vertrauen jener vorneh⸗ men Dame am leichteſten zu gewinnen im Stande ſeyn möchte. Er nahm ſich Dies und Jenes vor, aber immer fehlte ſeinen Planen ein ſicherer Grund, auf welchem er hätte weiter bauen können; denn erſt mußte er doch wohl mit derſelben in eine nähere Verbindung ge⸗ treten ſeyn, um alle die ſo ſchön ausgedachten 32 Intriguen auszuführen. Da er nach langem Ueberlegen zu keinem Entſchluſſe kommen konnte, und nicht vorausſah, wie ſich eine dauerhafte Verbindung zwiſchen ihm und der Baroneſſe einleiten laſſe, ſo nahm er ſeine Zuflucht zu jenem Ausſpruche, der den Leichtfinn und die Trägheit immer retten muß, wenn Erſterer kei⸗ nen Ausweg mehr ſieht, und Letztere ſich nicht aus ihrer behaglichen Ruhe erheben will; er rief nämlich unentſchloſſen:„Es mag dem Zufall überlaſſen bleiben!“ Aber einen wichtigen Vortheil konnte er doch ſchon jetzt aus dem Geſchehenen ziehen, und zwar einen Vortheil, der ſeine Eriſtenz betraf, die ja, in Folge ſeines leeren Beutels, ſehr gefährdet war. Er ſchrieb nämlich augen⸗ blicklich an den Paſtor Krumm, meldete dem⸗ ſelben in pomphaften Worten, was er bis jetzt gethan und noch thun wolle, welch großes und für die Gemeinde wichtiges Werk ihn namentlich jetzt in Anſpruch nehme; verfehlte nicht ſeine 33 Hoffnung und Erwartung auf das Schönſte auszumalen, und ſchloß mit der Bitte um einige Unterſtützung, damit er im Stande ſeyn möchte, das gottgefüllige Unternehmen, welches er zum Vortheil und zur Ehre der Gemeinde begonnen, auf eine würdige Art durchzuführen. Unter dieſen Beſchäftigungen war der Mor⸗ gen verſtrichen, und man fuhr eben an dem alten, ehrwürdigen Worms vorüber, als er das Verdeck wieder betrat. Seine Blicke ſuchten die Baroneſſe, aber umſonſt; denn die Furcht vor Nervenanfällen hatte dieſelbe in die Schiffsräume getrieben, und da er nicht wagen durfte, bis zu den Gemächern des erſten Platzes vorzudringen, ſo mußte er geduldig das Wiedererſcheinen ſeiner Schönen erwarten. Da gewahrte er die Zofe jener Dame in ſeiner Nähe auf einem Butter⸗ faſſe ſitzen, und ſogleich kam ihm der Gedanke, ſich bei derſelben über Namen und Wohnort ihrer Gebieterin zu erkundigen; aber da er am verwichenen Tage durch jenen Kellner, deſſen Il. 3 34 Kleider er mit ſeinen naſſen vertauſcht hatte, erfahren, daß die Veranlaſſung zu ſeinem Sturze durch die Witze eines Kammermädchens herbei⸗ geführt worden wäre, ſo fühlte er nun gegen Alles, was zu der Gattung„Zofe“ gehörte, einen gewiſſen Widerwillen. Wie die Erde um die Sonne, ging er daher in großen Kreiſen um das Butterfaß und die darauf thronende Jungfrau; indem ſeine Neugierde,— getrieben durch die Angſt, daß er ſonſt möglicherweiſe die Spur ihrer Herrin, und mit dieſer alle die kaum aufgegangenen Hoffnungen wieder verlieren möchte— mit jener Averſion gegen Kammer⸗ mädchen einen harten Kampf zu beſtehen hatte. Endlich führte der Gedanke: daß man bald in Mannheim ſey, woſelbſt man ſich trennen müſſe, den Sieg herbei; feſten Schrittes trat Mathias auf die Schöne zu, die eben im Begriff war, in einen rothbackigen Apfel, einen Reſt des Deſſerts, zu beißen, und ſagte, indem er ſeinen. langen Oberkörper weit und ſteif vorbeugte 35 „Wir haben heute ſchönes Wetter, mein Fräulein!“ Die Angeredete ſah den langen, ſchwarzen Menſchen mit großen Augen an, biß mit ſtviſcher Ruhe in ihren Apfel und entgegnete: „Ja ſchön, aber windig!“ „Allerdings, der Wind weht ziemlich ſtark, und iſt wohl auch die Urſache, daß Ihre ſchöne Herrſchaft ſich in die Kajüte begeben hat.“ „Schön?“ lachte das Mädchen laut auf, „nun wenn Sie die ſchön finden, dann...“ „Ich meine liebenswürdig, geiſtig ſchön.“ „Liebenswürdig?“ ſpottete die Kleine nach, „müßten Sie nur acht Tage bei ihrer Toilette zugegen ſeyn, wahrhaftig, Sie würden ſie nicht mehr liebenswürdig ſchimpfen.“ Mathias ſah ſich ängſtlich um, ob die Beſprochene nicht etwa auf dem Verdeck ſey, denn die Zofe ſprach ſo laut, daß man ihre Worte faſt von einem Ende des Schiffes bis zum andern hörte. 3* 36 „Ich bitte Sie um Gotteswillen, meine Schöne,“ lispelte Mathias mit Herzklopfen, „wenn dies Ihre Herrſchaft hörte.“ „Ei, die mag es immer hören; ſo wie wir in Mannheim ſind, gehe ich ohnedem von ihr, denn bei der mag es kein Menſch aushalten. Nervenübel will ſie haben?— ja wenn ſie unſereins erſt beim Ankleiden halb zu Tode ge⸗ ärgert,— geſchimpft und getobt hat, daß einem Hören und Sehen vergeht, dann wirft ſie ſich auf's Sopha und klagt und jammert über Ner⸗ venanfälle. Und dabei iſt ſie geizig; geizig ſag ich Ihnen!— daß man ſich kaum ſatt eſſen kann.“ Bruder Mathias ſtand wie auf glü⸗ henden Kohlen, er hatte die langen Hände auf der Bruſt wie zum Beten zuſammengelegt, den Kopf, wie gewöhnlich, auf die Seite geneigt, die Augen in Verzweiflung nach dem Himmel gerichtet und hörte nun in Todesangſt der Klei⸗ nen zu, die in ununterbrochener Suada fortfuhr: „Jetzt geht ſie zu ihrem Stiefvater, dem 37 Baron Hohenſtein in Mannheim, der kinderlos ſeyn ſoll und ſie daher in ſeinem Hauſe wünſcht. Der alte Narr wird den Tag ihrer Ankunft noch oft verfluchen.— Nun? was ma⸗ chen Sie denn für Geſichter, man meint ja, Sie ſtänden auf der Kanzel und wollten das Vater⸗ unſer beten, ſchau'n Sie auf, dort kommt eben die Baroneſſe Lindersdorf her, und ſagen Sie mir, ob nicht all ihr inneres Gift aus dem ſpinnigen Geſichte guckt.“ Mathias war bei dieſen Worten zuſam⸗ mengefahren, als ob eine Kugel an ſeinem Ohre vorübergepfiffen wäre. Mit Schritten, ſo groß als die Natur ihm, vermöge ſeiner Stelzenbeine, zu machen erlaubte, ging er der Dame entgegen und verbeugte ſich, ſeine Verwirrung beſtmög⸗ lichſt verbergend, tief vor derſelben. Die Baroneſſe ſchien indeſſen ſchon be⸗ merkt zu haben, daß ein Zwiegeſpräch zwiſchen ihrer Dienerin und dem Mann des Tractätchens Statt gefunden hatte; denn ſie warf einen 38 ſtechenden Blick auf das erhitzte Geſicht der Er⸗ ſteren, die indeſſen nach dieſem Herzenserguſſe in dem Conſumo ihrer Aepfel ruhig fortfuhr. Nach dieſer flüchtigen Bemerkung, die kaum einen Augenblick ausgefüllt, wandte ſich die Dame mit freundlicher Miene an Mathias: „Mein Herr, ich bin Ihnen für dies Schrift⸗ chen verbunden, es hat mir die Zeit nicht un⸗ angenehm ausgefüllt; denn ich habe über manche darin enthaltene Albernheit recht herzlich lachen müſſen; indeſſen geſtehe ich, daß ich auch gar manches darin fand, was meine Aufmerkſamkeit in hohem Grade erregt hat. Ich möchte mich darüber mit Ihnen gerne beſprechen, denn ſie ſcheinen mir ein verſtändiger und religiöſer Mann zu ſeyn, und Religion iſt ja doch am Ende das Einzige, was uns auf dieſer Erde dauerhaften Frieden gewährt und eine geiſtige Schöne gibt, die allen Stürmen trotzt. Bei dieſen Worten fuhr die Sprecherin mit einem tiefen Seufzer unwillkührlich über 39 ihre Stirne, die Falten glatt zu ſtreichen, welche die ungalante Zeit bereits zu ziehen begonnen hatte.. Mathias, durch der Baroneſſe freundliche Anrede beruhigt, und durch das Verlangen der⸗ ſelben entzückt, war bereit, ſein Bekehrungswerk ſogleich anzufangen; aber die Dame kam ihm zuvor, indem ſie raſch fortfuhr: „Nicht jetzt wollen wir dieſe ernſte Unter⸗ haltung beginnen, hier iſt weder Ort noch Zeit dazu— dort ſehen wir ſchon Mannheim— aber wenn Sie ſich vielleicht länger in Mann⸗ heim aufhalten?...“ Mathias nickt beja⸗ hend.„So hoffe ich auf Ihren Beſuch. In ſtillen Stunden liebe ich vor allem Anderen, mich jenen geiſtigen Genüſſen hinzugeben, die ein ſcharfes Forſchen über die unerklärlichen Stellen der Bibel, eine ſtrenge und philoſophiſche Prü⸗ fung der daraus angezogenen Folgerungen ge⸗ währen. Hier meine Adreſſe, und ſomit hoffe ich, Sie recht bald wieder zu ſehen. Und 40 hiermit nickte ſie dem tief Gebückten noch ein⸗ mal gnädig zu und wandte ſich dann raſch nach der Kajüte. Man war in Mannheim angekommen. 4. Zimmelreich und Hölle. „Wohl iſt es jedem eingeboren, Daß ſein Gefühl hinauf und vorwärts dringt, Wenn über uns, im blauen Raum verloren, Ihr ſchmetternd Lied die Lerche ſingt; Wenn über ſchroffen Fichtenhöhen Der Adler ausgebreitet ſchwebt, Und über Flächen, über Seen, Der Kranich nach der Heimath ſtrebt.“ Göthe. Der Schwarzwald, ſo reich an Naturſchön⸗ heiten, bietet wohl eine ſeiner reizendſten Par⸗ thien unweit der freundlichen Univerſitätsſtadt Freiburg, in den ſo bezeichnend benannten Ge⸗ genden:„der Hölle“ und„des Himmel⸗ reichs“ dar. Nachdem wir uns der Stadt, von den Hochebenen des Schwarzwaldes aus, bis auf 42 einige Stunden genähert, führt uns ein unge⸗ wöhnlich ſteiler Weg, in weiten und kürzeren Biegungen, von den Bergen hinab in ein freund⸗ liches Thal, das ſich mit ſeinen ſchweizeriſchen Brüdern, in Rückſicht romantiſcher Schönheit, getroſt meſſen kann. eingeſchloſſen von hohen und jäh aufſtet genden Bergen, die faſt undurchdringliche Wal⸗ dungen von Nadelholz bedecken, erblicken wir ſchon, von der Höhe herabſteigend, das freund⸗ liche Wirthshaus, das, gleich am Fuße des Steiges erbaut, uns nach einer ermüdeten Wan⸗ derung Stärkung und Ruhe verſpricht; unweit deſſelben hebt ſich, meleriſch zwiſchen Fichten halb verſteckt, ein Kapellchen mit dem kleinen Glockenthurme, der, gleich dem Kirchlein, in bunten Farben ſtrahlend, ſich munter aus dem dunkeln Grün des Gebüſches hebt. In der Tiefe braust raſch und gewaltig der Waldbach über Felſen und Felsgerölle, als wolle er ſeine Ju⸗ gendkraft an den Hinderniſſen prüfen, die der 43 Zufall ihm in den Weg geſchleudert. Und im⸗ mer weiter zieht ſich der Weg, an des Baches Ufer dahin, durch das freundliche Thal, das die weiter auseinandergetretenen Berge jetzt bilden. Fette, üppig grüne Wieſen dehnen ſich auf bei⸗ den Seiten; hie und da blinkt eine Sennhütte von den Höhen, und zwiſchen den dichten Wal⸗ dungen ſind Schneißen gehauen, durch welche die Holzhauer das geſchlagene Holz über den ſteilen Abhang hinabgleiten laſſen, daß es mit lautem Getöſe niederſtürzt und abprallend weit in das Thal ſpringt. Aber plötzlich wird die Schlucht enger und enger, die Berge heben ſich zu rieſiger Höhe, ungeheure Felsmaſſen ſteigen, dicht an des Baches Rand, ſenkrecht auf, und wir ſehen uns in wenigen Minuten von den hochgethürmten Steinmaſſen rund umgeben, in einem Thale, das nur von dem Wege und dem wild rauſchenden Bache gebildet wird. Kein Sonnenſtrahl dringt in dieſe ſchauerliche Tiefe, in welche einzelne Tannen von den Höhen 44 herniederblicken, und kleinere Bäche in langen Waſſerfällen von Stein zu Stein, von Abhang zu Abhang hüpfend, ſich ſchäumend werfen. Dieſe finſteren, nächtigen Schluchten, die die Seele des ſchlichten Landmannes mit Schauer erfüllen, hat er in banger Ahnung„die Hölle“ genannt. Aber ſetzen wir weiter unſeren Weg fort, ſo öffnet ſich auch das Thal allmählig wieder, und an der Seite des Weges, dem Bache ge⸗ genüber, zeigt ſich eine Reihe niedlicher Schwei⸗ zerhäuschen, die den Holzhauern und Arbeitern als Wohnungen dienen, welche bei den Schneid⸗ und Sägmühlen beſchäftigt ſind, die ſich von Strecke zu Strecke über dem Bache aufbauen, und durch ihr gleichförmiges Getöſe den melan⸗ choliſchen Charakter des Thales erhöhen. Jetzt endlich treten die Berge weit zurück; eine fruchtbare Ebene dehnt ſich vor unſern Augen aus, geſchmückt mit allen Reizen einer üppigen, produktiven Natur, und läßt uns in 45 nebliger Ferne die Thürme Freiburgs ſehen. Hoch auf ſchlägt und frei das Herz; denn wir ſind durch die„Hölle“ in das„Himmel⸗ reich“ eingetreten. Kräftig, aber rein und anſpruchslos, ſind die Bewohner jener Thalhütten, wie die Natur, die ſie umgibt. In dem engen Kreiſe ihrer phyſiſchen und geiſtigen Bedürfniſſe drehen ſie ſich Jahr ein Jahr aus und bei allem, von ihnen nicht gekannten und daher auch nicht ver⸗ mißten Mangel, an jenen tauſend Kleinigkeiten, die uns ſo nöthig, ſo unentbehrlich ſcheinen, ſchlägt ihr Herz ruhiger und zufriedener als das unſere, das, von dem Genuſſe angereizt, ſich nur immer nach neuen Genüſſen ſehnt, und in dieſem unerſättlichen Treiben, ſich vergeblich abmühend, endlich erſchlafft, und dann ſeine Ruhe nur in dem Aufhören ſeines Schlagens findet.——— Es war Sonntagmorgen. Die Natur ſchien den Tag der Ruhe mitfeiern zu wollen, ſo 46 ſchweigſam und ſtill, ſo erhaben groß breitete ſie ſich aus über die Erde. Hoch in den blauen Lüften ſchwebte die Lerche, dem Schöpfer ihr Morgenlied ſingend, ihm unbewußt dankend für die Gabe des Lebens in der Luſt ihres Daſeyns. Millionen Leben regten ſich in freudiger Ge⸗ ſchäftigkeit; die Biene ſummte im warmen Son⸗ nenſtrahle von Blüthe zu Blüthe, bunte Schmet⸗ terlinge prüften die kaum entfalteten Flügel; Käfer und Würmer, die befiederten Sänger und die ſcheuen Vierfüßler des Waldes begrüßten ſtumm oder in Tönen des Wohlbehagens den freundlichen Frühling. Die Sonne hatte ſich kaum erhoben, und das Glöckchen der Thalkapelle verkündete in hellen Tönen die Zeit des Morgenſegens; da ſtand auf dem Wege, unfern jener Häuschen, eine freund⸗ liche Schwarzwälderin, gehüllt in die reizende Sonntagstracht jener Gegenden. Ihr heiteres und offenes Geſichtchen ſtrotzte von Geſundheit die friſchen rothen Wangen ſchienen gleich einer ₰% — überreifen Frucht auſſpringen zu wollen; ihre halbgeöffneten Lippen ließen zwei Reihen herr⸗ ich weißer Zähne ſehen, die blauen Augen aber verbecte beinahe die linke Hand, die ſie ſchir⸗ mend über dieſelben hielt, damit ſie die Sonne nicht am Sehen eines Gegenſtandes verhindere, der ſich, wie es ſchien, auf der höchſten Spitze eines jener ſteilen Felſen befand, welche die Hölle bilden. In dieſem Augenblicke kam ein anderes Mädchen dahergehüpft, in dem reinlichen Eimer Bachwaſſer zu ſchöpfen, als ſie aber ihre Freun⸗ din gewahrte rief ſie munter: „Gott grüß Dich Lisli!— Wos ſchauſt denn ſo eifrig nach dem Zwingerfels?“ „Ey Bebi, ſiehſt Du dort den ſchwarzen Punkt!“ Welchen Punkt?“ „Dort oben auf der Spitze des Fels, neben der alten Tanne!“ „Nu, das iſt ein verdorrter und geknickter Baum.“ 48 „Ey warum nicht gar ein verdorrter Baum! Er iſt's, er iſt's!“ „Er? wer denn Lisli?— Du wirſt doch keinen Schatz haben, ohne daß ich's weiß?“ „Pfui Bebi!“ entgegnete die friſche Dirne halb ſchmollend,„wer wird ſo was von mir ſagen, und noch gar am heiligen Sonntag.“ „Nu, nu! wenn Du dem Pater Wer⸗ ner keine ſchwerere Sünde zu beichten haſt, brauchſt Du Dich vor der Buße nicht zu fürch⸗ ten. Aber wer iſt denn der„Er“!2 „Wie Du nur fragen kannſt, wer wird es anders ſeyn, als Lord Ahasver.“ „So? der Engländer, der ſeit acht Tagen bei euch wohnt?“ „Derſelbe.“ „Höre Lisli, ich glaube, das iſt kein guter Menſch.—“ „Warum denn?“ „Er macht immer ſo ein böſes Geſicht, iſt ſtill und ſtumm, und klettert mit fuͤrchterlicher 49 Verwegenheit den ganzen Tag auf den Felſen herum Was hat er denn jetzt wieder da oben zu ſuchen, jetzt, wo alle gute Chriſten i für die Kirche bereiten?“ „Wie Du wieder ſonderich biſt, Bebi; freilich iſt er immer ſtill und verdrüßlich und geht einſame Wege,— Vater aber meint, er ſey wohl unglücklich geweſen und trage einen tiefen Gram im Herzen, und daß mein Vater die Welt kennt, weißt Du, denn er hat ſie drei Jahre lang durchzogen, als er noch ledig war und mit Uhren handelte.“ „Ja, wenn das Dein Vater meint, dann iſt es ein ander Ding; er iſt der geſcheidteſte Mann im Dorfe und muß das wohl beurtheilen können. Warum aber ſchauſt Du denn ſo nach dem Fremden?“ „Ei ſieh, Bebi, das hat ſo ſeine eigene Bewandtniß. Der Mann iſt finſter, das iſt wahr, aber er iſt doch auch gut dabei. Du weißt, daß meine gute Mutter vor Kurzem, Lord II. 4 50 Ahasver, wie ſich der Fremde nennt, war gerade ſeit zwei Tagen in unſerem Hauſe,— mir ein Brüderchen geſchenkt hat,— nun die arme Frau wurde ſehr ſchwach und krank darauf, und da hat ihr eben jener finſtere Mann ein ſchön Stück Geld gegeben, damit wir ihr kräf⸗ tige Speiſen kaufen könnten, und jetzt...!“ „Nun und jetzt?“ frug neugierig die Andere. „Jetzt will er auch noch als Pathe bei meinem Brüderchen zur Taufe ſtehen.“ „Was ſagſt Du Lisli, der Lord Asver oder Ahasper will Euch Pathe ſtehen?“ „Nun, und was wundert Dich denn dabei ſo ſehr!“ „Ei wie kannſt Du noch fragen, iſt er nicht ein Ketzer?“ „Das iſt freilich wahr, aber er wird nur ein Hülfspathe ſeyn, denn Vetter Andres wird der rechte Pathe.“ „Ja wenn das ſo iſt.“ „Siehſt Du Bebi, nun hat er heute, wie 51 gewöhnlich, ſeinen Morgenſpaziergang gemacht, und ſoll doch bis um zehn Uhr zur heiligen Taufe da ſeyn, und da ich gleich fürchtete, er würde wieder bis zum Zwingerfels ſteigen, ſo ſchaute ich emſig dorthin, und ſieh', ich habe mich nicht geirrt.“ „Nun bis zehn Uhr kann er längſt wieder da ſeyn.“ „Hoffentlich, ſonſt iſt unſere ganze Freude verdorben. Du kommſt doch auch Bebi?“ „Gewiß.“ „Nu, ſo behüt Dich Gott.“ „Behüt Dich Gott, Lisli.“— Und beide Mädchen trennten ſich, raſchen Schrittes ihren Wohnungen zueilend. Lord Caſtelcaunt, der in Folge ſeiner neu aufgefaßten Idee ſich Ahasver nannte, war, nachdem er ſeine Fußreiſe anfangs ohne Unterbrechung fortgeſetzt hatte, bis in dieſe Ge⸗ gend gekommen, ohne daß ſein Trübſinn auch nur im Entfernteſten gewichen wäre; doch hatte 52 ihm die Anſtrengung des Gehens einen wichtigen Vortheil gebracht: er ſchlief nämlich Abends durch ſeine Müdigkeit nicht nur bald ein, ſon⸗ dern hatte ſich ſogar anhaltender Nachtruhe zu erfreuen;— eine Wohlthat, die ihm ſeit Jahren verſagt geweſen, und die zu erhalten er nun, durch Fortſetzung der einmal begonnenen Motion, eifrigſt bemüht war. Kaum hatte er aber dieſes Thal erreicht, als er ſich von deſſen grotesker Schönheit ſo angezogen fühlte, baß er ſich zu einem kurzen Aufenthalte in dem„Höllenthale“ entſchloß und bald ein kleines, armſeliges Stüb⸗ chen, im Hauſe der Aeltern jener ſchönen Schwarz⸗ wälderin, bezog, deren wir eben erwähnt haben. So ſtrich er nun, ſeiner firen Idee vom Fluche Gottes nachhängend und; ſich Ahasverus identifirend, durch die düſtern Wälder, erklimmte die ſteilſten Felſen und ſprach dann laut die Gefühle aus, die ſein Herz zerriſſen, ſeinen Geiſt beängſtigten. Während ihm aber dies ſonderbare Spiel Unterhaltung, ja Zerſtreuung 53 ſchaffte, wälzte er durch dieſe Mittheilung ſeines Leidens— wenn ſolche auch nur gegen eine, für ihn todte Natur geſchah,— eine mächtige Laſt von ſeiner Seele. Ja er fing allmählig ſogar an, Sinn für die Schönheiten der Natur zu äußern, und dieſe liebende Mutter aller Lei⸗ denden war ja auch einzig im Stande ſeine Wunden zu heilen, indem ſie ihn aus einem eraltirten Zuſtande allmählig an ihren Bu⸗ ſen zog. Den Bitten der armen, aber braven und beſcheidenen Familie, bei welcher er ſich einge⸗ wohnt hatte, bei dem jüngſt geborenen Kinde Pathe zu ſtehen, widerſetzte er ſich zwar lange mit Beharrlichkeit, indem er ſeine alte Behaup⸗ tung aufſtellte: daß er dem kleinen Weltbürger durch dieſe Verbindung nur Unglück bringen würde. Da aber die Aeltern des Kindes mit ihren, immer indeß auf beſcheidene Weiſe ange⸗ brachten Bitten nicht nachließen, ſo hatte er endlich zugeſagt, und ſah ſich nun nach langen 54 Jahren wieder in eine bürgerliche, in eine kirch⸗ liche Handlung verwickelt. Seinen Widerwillen bezwingend, trat er, umgeben von fröhlichen und kräftigen Menſchen, in die kleine Kapelle, die ſich in der Nähe der oben gedachten Häuſerreihe befand; ſie war ein⸗ fach, aber überaus freundlich. Der Prieſter, ein alter, ehrwürdiger Mann, vollzog die heilige Ceremonie mit einem ſo ſeelenvollen Ernſte, ſprach ſo natürliche und erquickende Worte, die Züge aller Anweſenden zeigten eine ſo rührende Andacht und Hingebung, daß Caſtelcaunt, ſo finſter und kalt er ſchien, doch nicht ohne einen leiſen Anflug von Rührung blieb, und eine innere Stimme ihm zuflüſterte:„Daß ein Gott lebe, ein allgütiger Vater der Menſchen, und ſein unerforſchliches Weſen die Liebe ſey, mit der er das All umfaſſe.“ Nach geendigter Ceremonie trat man aus der Kirche, und die kleine Gemeinde,— denn jedes nahm an dem Feſte Theil,— feierte nun 55 den Tag mit lautem Jubel. Hatte aber Ca⸗ ſtelcaunt auch der religiöſen Handlung bei⸗ zuwohnen ſich gezwungen, ſo konnte er doch dieſe fröhlichen Scenen nicht mit anſehen, ohne ſein Herz neuerdings ſchmerzlich zerriſſen zu fühlen. Er entſchlüpfte daher bald dem heiteren Kreiſe und ſog in der Ferne noch aus dem Jubel der Gemeinde das bittere Gift des Haſſes jeder unſchuldigen Freude. Der Mond war längſt aufgegangen als er heimkam; aber er hatte auf ſeinem nächtlichen Spaziergange den Entſchluß gefaßt: dieſe Fa⸗ milie, mit der er nun in nähere Berührung gekommen, und dadurch auch natürlich die Ge⸗ gend, in der ſie weilte, zu verlaſſen. Den kommenden Morgen ſetzte Caſtel⸗ caunt, nachdem er das Kind noch beſchenkt, zum Leidweſen der ganzen Gemeinde, ſeinen unſtäten Wanderſtab weiter fort. Der FHaustenfel. Kein⸗ Klauen, tinen Schnunz. Doch bleibt es ohne Zweifel, So wie die Götter Griechenlands, So iſt auch ſie ein Teufel!“ Söthe. Um tiefee Zeit, in welcher Caſtelcaunt das friedliche Höllenthal verließ, hatte ſich das Haus des Baron von Hohenſt ein, in wel⸗ chem es ſeit Oskar's Abreiſe ſehr ſtil gewor⸗ den war, wieder belebt. Nicht nur verſah ſeit einiger Zeit eine junge Haushälterin darin die Geſchäfte der Küche und des Kellers, ſondern auch die Stieſſchweſter des verbannten Sohnes, die Baroneſſe von Liedersdorf, war 57 feierlich eingezogen und hatte bereits von den Zügeln der Regierung Beſitz genommen. Die Baroneſſe hatte der alte Hohenſtein in früheren Jahren erheirathet; das heißt: ſie war die Tochter ſeiner erſten Gattin, die er als Wittwe heimgeführt; aber auch deren ganzer Reichthum. Als daher die Mutter geſtorben und ſich Hohenſtein nicht in den glänzendſten Um⸗ ſtänden befand,— ein Güterproceß war der Zankapfel der Edlen gleichen Namens, und wurde um ſo heftiger betrieben, als die fraglichen Grundbeſitzungen faſt das einzige Erbe dreier Brüder waren— übernahmen nahe Verwandte ihrer Mutter die weitere Erziehung des Kindes. So hatte der Stiefvater daſſelbe bald nicht nur aus den Augen verloren, ſondern faſt vergeſſen. Da feſſelten den Wittwer die Reize einer andern Dame, er verheirathete ſich zum zweitenmale und ſah aus dieſer Che einen Stammhalter er⸗ ſproſſen, dem der Name Oskar beigelegt wurde. Da nun aber auch die zweite Gattin— man 58 ſchließe daraus auf des Barons Uneigennützig⸗ keit— nur ein unbedeutendes Vermögen mit⸗ brachte, ſo war es Fortuna gerade zur rechten Zeit eingefallen, den edlen Herrn zu begünſtigen, und dieſer ſah ſich daher noch in den Flitter⸗ wochen durch die Nachricht überraſcht: der Proceß über die Liegenſchaften der Familie Hohenſtein ſey für ihn gewonnen, das Urtheil glücklich durch alle drei Inſtanzen durchgegangen, und er nun Herr von einer nicht unbeträchtlichen Revenue. Als daher ſechsundzwanzig Jahre nach dieſer Begebenheit ſich der Vater mit dem Sohne ent⸗ zweit, konnte dem Erſteren Niemand das Recht nehmen, den Letzteren zu enterben; das kleine Vermögen ſeiner Mutter ausgenommen, welches Oskar, wie natürlich, unangefochten blieb. Ob der Baron recht gehandelt, war eine andere Frage; aber gerade weil Jedermann ſeine Handlungsweiſe tadelte,— gerade darum ſetzte er, wie er ſich auszudrücken pflegte, ſeinen Kopf darauf, und berief die faſt vergeſſene Stieftochter 59 zu ſich, um ſie gerichtlich als Erbin ſeines Ver⸗ mögens einzuſetzen. Sie war erſchienen. Aber ein Zeitraum von vierzig Jahren lag zwiſchen Hohenſtein's Erinnerung und der Gegenwart, und aus dem netten Kinde war bereits eine fünfundvierzig⸗ jährige Jungfrau geworden. Es liebt ſich ſo ſelig über die Sterne und über die Berge, denn mit der Ferne ſchwinden die Fehler der geliebten Gegenſtände, und nur ihre Tugenden und Schönheiten bleiben uns tief eingeprägt. Auch der alte Baron erinnerte ſich nur noch des netten Kindes ſeiner erſten Gattin, malte ſich ihr Bild nach ſeinem Sinne aus, und war daher— er mußte es ſich geſtehen— bei dem Erſcheinen der alten Dame, mit dem ſtolzen, moquanten Geſichte, unangenehm überraſcht. Außerdem hatte er ſeine Hitze, und namentlich die Berufung ſeiner Stieftochter, ſchon einiger⸗ maßen bereut, denn ehe dieſelbe noch angekom⸗ men, knüpfte ihn ſchon ein ſonderbarer, ihm 60 ſelbſt unerklärlicher Zug ſeines Innern an das junge Mädchen, welchem er erſt kurz zuvor die Sorge für ſein Haus übertragen. Unter den vielen Perſonen, die ſich um jene Stelle bemüht und zu dieſem Behufe dem Baron ihre Aufwartung gemacht hatten, behagte ihm ſogleich das einfache, natürliche und freund⸗ liche Weſen dieſes Mädchens. Er ließ ſich mit ihr in ein längeres Geſpräch ein, ſetzte ihr darin auseinander, daß die erſten Forderungen, welche er an ſeine Haushälterin richte: Redlichkeit, Ordnungsliebe, Fleiß und Beſcheidenheit ſeyen, er aber zugleich und vor allem Anderen auf ein Frauenzimmer ſehe, deſſen Mund weder einem Perpetuum wobile gleiche,— indem ein ſolch' ewiges Geſchwätz ihn zum Wahnſinn bringen könne, noch daß er es mit Jemanden zu thun haben wolle, das leb- und geiſtlos, ihn in ſtillen Stunden nicht zu unterhalten wüßte, oder gar durch Launen und finſtere Geſichter quäle; keines von allen dieſen Fehlern, ſchloß er endlich ſeine 61 lange Rede, glaube er bei ihr vermuthen zu müſſen, und ſo wolle er ſie denn, vorausgeſetzt, daß ſie mit ſeinen übrigen Bedingniſſen einver⸗ ſtanden ſey, in dem gedachten Platze inſtalliren. So ſah ſich denn Mathilde im Hohen⸗ ſtein'ſchen Hauſe aufgenommen, und kraft ihrer liebenswürdigen Eigenſchaften bald ſogar von dem alten Herrn gerne geſehen. Aber es war auch ein eigener Reiz über Alles ausgegoſſen, was Mathilde unternahm. Nicht als ob ſie mit Vorbedacht und feinem, künſtlichem Weſen ſich bemühte, die Aufmerkſam⸗ keit ihres neuen Herrn auf ſich zu lenken, nein, im Gegentheile vollendete ſie die meiſten der ihr obliegenden Arbeiten ungeſehen; aber als z. B. gleich nach ihrem Eintritte in das Haus der Baron zum erſtenmal aus ſeinem Studierzimmer in die Wohnſtube trat, fand er ſich von der Ordnung und namentlich von der Art, mit wel⸗ cher die kleinſten Kleinigkeiten aufgeſtellt waren, ſo angenehm überraſcht, daß er einen Augenblick 62 an der Schwelle der Thüre ſtehen blieb, prüfend, ob er denn auch in ſein eigenes Zimmer trete. Es gibt Menſchen, welche Poeten ſind, ohne je ein Gedicht oder ſonſt eine literariſche Arbeit geliefert zu haben, noch die Fähigkeit beſitzen, je eine ſolche Aufgabe zu löſen; aber nichtsdeſtoweniger erfreuen ſie ſich einer reichen 1 Phantaſie, eines ſchöpferiſchen Geiſtes, und wer⸗ den von einem zarten und ſinnigen Gefühle ge⸗ leitet. Ihre Seele wallt auf von dem Drange und dem Leben dieſer inneren Welt; da ihnen aber die Gabe nicht ward, ihre Gefühle in geordneter Weiſe auszuſprechen, ſo treibt ſie dieſe geiſtige Gährung, ihre Poeſie in Thaten auszudrücken, und ſo e ſie, je nach dem Standpunkte, auf welchem ſie ſich in der Welt befinden, oder ihren Umgebungen und ſonſtigen Verhältniſſen: Helden, Schöpfer großer und erhabener Bauten, Maler, Bildhauer, Schau⸗„ ſpieler u. ſ. w., oder auch— und das beim weiblichen Geſchlechte, deſſen Glieder namentlich 63 größtentheils zu dieſen poetiſchen Naturen ge⸗ hören— verbreitet ſich, ſelbſt über ihre kleinſten Schöpfungen, Anordnungen und Bewegungen ein unausſprechlicher Reiz, deſſen Urſache und Wurzel aufzuſuchen wir uns oft umſonſt be⸗ mühen. Dies war auch bei Mathilden der Fall. Sie wußte einige Blumenſtöcke, welche der Baron ſehr gerne ſah, denen er aber im Zimmer keinen rechten Platz geben konnte, und ſie daher bald dort, bald dahin geſtellt hatte, je nachdem er die Möbel, auf welchen ſie ſtanden, benutzte, ſo zu gruppiren, daß ſie nicht nur keinen Platz mehr verſperrten, ſondern ſogar eine Hauptzierde des Zimmers wurden. Was aber den alten Hohen⸗ ſtein hauptſächlich feſſelte, war ihre Natürlich⸗ keit. Immer heiter, war die junge Haushälterin weit von jener zudringlichen und geſchraubten Freundlichkeit entfernt, die oft Wirthe und Un⸗ tergebene zeigen, und welche beengend und ab⸗ ſtoßend auf uns einwirkt, und die wir nicht mit 64 Unrecht mit dem Worte:„Katzenfreundlichkeit“ bezeichnen, da ſich gewöhnlich unter dieſer Maste ein falſches Herz verbirgt.— Ihrer Zunge war Mathilde ganz Herrin, ja ſie ſchien ohnehin verſchloſſen und oft nach⸗ denklich zu ſeyn; denn obgleich ſie alles aufbot, den alten Herrn, der faſt niemals das Haus verließ, und ein abgeſagter Feind von Geſell⸗ ſchaften und allen Spielen war, bei Tiſche und in den Abenſtunden durch Vorleſen und Ge⸗ ſpräche zu unterhalten, ſo hing ſie doch, ſch ſie ſich unbemerkt, oft ihren Gedanken nach, und deutlich ſprachen dann ihre Züge ein S See⸗ lenleiden aus. Bisher hatte der Baron die Abendſtunden immer mit Bangen herannahen ſehen, die, nach⸗ dem er die Zeitungen geleſen, träge und lang⸗ ſam vorüberſchlichen; jetzt freute er ſich faſt des Endes ſeiner Arbeiten, um nur recht bald in Schlaftock und Pantoffeln auf dem Sopha zu ſitzen, und, den Theekeſſel auf dem Tiſche, die 65 Pfeife im Munde, den Reden ſeiner kleinen Tilde, wie er ſeine neue Hausgenoſſin wohl ſcherz⸗ weiſe nannte, zu lauſchen. Wunderbar, dachte er oft, wunderbar iſt es, daß dies einfache Mäd⸗ chen ſolche Weltkenntniß entwickelt, ſo reichen und mannichfaltigen Stoff zu Unterhaltungen bietet, und faſt von allen Dingen zu ſprechen, ja richtig zu urtheilen weiß. Das Band, wel⸗ ches aber den alten Baron am feſteſten an Ma⸗ thilden knüpfte, war die Entdeckung, daß die⸗ ſelbe faſt gleich ihm von der Welt dachte, und ebenfalls behauptete: Man müſſe nie weder Wahrheit noch Ehrlichkeit auf das Spiel ſetzen, um Etwas zu erreichen und zu gewinnen, und ob es auch das Höchſte und das Edelſte ſey.— Ob hierin, vielleicht ſich unbewußt, Mathilde nicht ſelbſt in der That von ihren Worten abwich?— So hatte der Baron einige Wochen zuge⸗ bracht, und zwar vergnügter als je, nur der Gedanke an Oskar und die Reue über die Berufung ſeiner Stieſtochter trübten manchmal II. 5 66 ſeine Heiterkeit. Mußte er doch fürchten, daß der neue Zuwuchs ſeiner Geſellſchaft, die kaum empfundene und liebgewonnene Behaglichkeit zer⸗ ſtören könne. Da brachte Mathilde eines Morgens dem Baron die Nachricht auf das Arbeitszimmer: die erwartete Baroneſſe ſey angekommen. Der Alte ſtand verblüfft auf und folgte ſeiner Haus⸗ hälterin, die ebenfalls etwas verwirrt ſchien. Wie ſtaunte aber der gute Mann über die Per⸗ ſon, welche ſich ihm als ſeine kleine Lidia zu erkennen gab. Selbſt ein Siebziger, wollte ihm nicht in den Kopf, daß das nette Kind mit dem lieblichen Köpfchen und dem zarten Teint zu einer ſolchen— brummte er es doch zwiſchen den Zähnen— Mumie herangereift ſey. Aber ſein unangenehmes Staunen ſollte noch um einige Grade erhöht werden, als die Baroneſſe mit ſchneidendem und gebieteriſchen Tone ihrer Zofe und Mathilden ſo wie dem Bedienten die ge⸗ meſſenſten Befehle zur Beſorgung ihres Gepäckes 67 gab, und zugleich mit einer militäriſchen Auto⸗ rität ankündigte, wie man ſich künftig zu ver⸗ halten habe, da ihr Eintritt in das väterliche Haus eine gänzliche Reform nöthig mache. Als aber bei dieſer Gelegenheit das Kammermädchen der edlen Dame mit der Erklärung herausrückte: daß ſie von allem dem nichts thun würde, da es ihr, der Abſprache nach, frei ſtünde, nach ihrer beiderſeitigen Ankunft in Mannheim, aus dem Dienſte der Baroneſſe zu treten, und ſie dies hiermit zu thun ankündige, als— in Folge dieſer Erklärung, die Gnädige höchſt ungnädig wurde, und in eine entſetzliche Wuth gerieth, in welcher ſie nicht nur über ihre eigene Zofe, ſon⸗ dern über die ganze Klaſſe aller Dienenden fürch⸗ terlich ſchimpfte und zankte,— als ſie darauf, in Thränen ausbrechend, ſich auf das Sopha warf, und unter Betheuerung der entſetzlichſten Nervenanfälle behauptete, daß ſie ſich über dieſe Menſchen noch den Tod zuziehen würde— ſtand der alte Baron Hohenſtein, der dem kräftigen, N 5 68 aber immer gemäßigten Auftreten ſeines Sohnes kalte Ruhe, faſt Hohn entgegengeſetzt hatte, der einſt mitten im Kugelregen der Feinde ſchrecken⸗ los gefochten, zitternd vor einem Weibe, das noch dazu ſeine Tochter war. Sprachlos, todten⸗ bleich und mit beklommenem Herzen verließ er raſch das Zimmer und ſetzte ſich wieder an 3 ſeinen Arbeitstiſch. Aber vergeblich ſuchte er ſeine Gedanken zu ſammeln; er ſaß nachdenklich, bis er endlich unmuthig ausrief: „Verdammt! da habe ich einen dummen Streich gemacht, und mir einen wahren Teufel in's Haus geſetzt!“ — 5—— 6. Die Betſtunden. „Welch' redlich Herz! welch' heiliges Vertrauen! Sie liest das Jahr hindurch die Bibel zweimal aus, Und reißt dadurch ihr ganzes Haus Auf ewig aus des Teufels Klauen.“ Gellert. Die Reue des Barons kam zu ſpät. In wenigen Tagen hatte ſein Haus ein anderes Anſehen bekommen, und die ſtille Behaglichkeit, die ihn ſo kurze Zeit beglückt hatte, war entflo⸗ hen. Die Baroneſſe blieb fortan der Mittel⸗ punkt, um welchen ſich Alles drehte; ihren Wor⸗ ten mußte die ſchnellſte Folge geleiſtet werden, wenn es nicht Scenen geben ſollte, wie diejenige war, welche beim Eintritte derſelben das ganze 70 Haus erſchreckt; und obgleich Jedes ſich bemühte, die Stieftochter in allen ihren Forderungen zu befriedigen, damit nur ihre böſe Laune nicht erweckt würde, ſo fand die Gnädige doch immer etwas vergeſſen, oder gegen ihren Willen gethan, ſo daß ſich den ganzen Tag der Zank fortſpann, und er nur dann unterbrochen wurde, wenn die Nervenanfälle der geplagten Dienerſchaft zu Hülfe kamen, und die neue Gebieterin wenig⸗ ſtens auf kurze Zeit an Bett oder Sopha feſſelten. Der Baron rettete ſich den Tag über in ſein Studierzimmer, in welchem er allein,— ſey es, gezwungen durch die Nothwendigkeit, ſich die Achtung in den Augen ſeiner Büreau⸗Arbeiter zu erhalten, oder durch den verzweifelten Ge⸗ danken, auch das letzte friedliche Aſyl zu verlieren — ſeine Autorität zu erhalten wußte, und in der er ſich feſt und beſtimmt, für ein und alle⸗ mal, jede Störung verbat. Mit Widerwillen kam er zur Tafel. Denn da die Baroneſſe dem Vater gleich den erſten 71 Tag die Unſchicklichkeit, daß die Haushälterin, als eine dienende Perſon, an einem Tiſche mit⸗ ſpeiſe, bitter vorgeworfen hatte, der Baron aber auf Mathilden's Geſellſchaft beſtand, ſo gab dieſe Meinungsverſchiedenheit zu den unange⸗ nehmſten Reibereien Veranlaſſung. Erſt als Mathilde ſelbſt den Baron erſuchte, ſich, des Hausfriedens wegen, von der Tafel der Herr⸗ ſchaft zurückziehen zu dürfen, willigte derſelbe und nur ungern ein. Damit war aber auch faſt alle Unterhaltung für ihn aufgehoben, wenn man nicht das Tadeln dazu rechnen will, mit welchem die Baroneſſe faſt jede Schüſſel empfing. Eben ſo unangenehm wurden die Abende hin⸗ gebracht, in welchen das Fräulein von Lie⸗ dersdorf immer Gelegenheit fand, die Haus⸗ hälterin außerhalb des Wohnzimmers zu beſchäf⸗ tigen. So kam es denn, daß der Baron immer verdrüßlicher wurde, und ihm im Aerger manch⸗ mal der Gedanke kam, dieſe Geißel ſeiner alten Tage ſey eine Strafe für die Verbannung des 62 eigenen Kindes. Aber ſein unbiegſamer Charal- ter verhöhnte ſogleich wieder dieſe Idee, und er dachte: lieber ſieben ſolcher Weiber ertragen, als einem ungehorſamen Sohne nachzugeben, der, jede kindliche Achtung aus den Augen ſetzend, nur ſeinem eigenen Starrkopfe folgt. Niemand aber im ganzen Hohenſtein⸗ ſchen Hauſe hatte unter der neuen Regentſchaft mehr zu leiden, als die arme Mathilde; auf welche, da ſie der alte Herr nicht ungern zu ſehen ſchien und ſich ihrer oft väterlich an⸗ nahm, die Baroneſſe ihren ganzen Haß geworfen hatte. So ſehr die junge Haushälterin bemüht war, ſich ihre Zufriedenheit zu erwerben, ſo wenig wollte ihr dies gelingen; ja die boshafte Behandlung der Tochter des Hauſes nahm von Tag zu Tage zu, und Jedermann bewunderte die Geduld und Gelaſſenheit, mit welcher Ma⸗ thilde alle Kränkungen ertrug. Da aber 4* Baroneſſe gehofft hatte, die zarte, für ihren Stand faſt zu gebildete und feinfühlende Haus⸗ 73 hälterin durch ihre Intriguien und Mißhand⸗ lungen zu vertreiben, ſo wurde ihr Ingrimm gegen dieſelbe gerade nur durch das duldende Weſen des Mädchens erhöht. Die meiſten Chikanen dieſer Art blieben dem Baron verborgen, denn Mathilde be⸗ klagte ſich nie, und wenn auch dem Hausherrn davon Kunde zugekommen wäre, er würde ſie nicht haben ſchützen können, bebte doch dieſer ſonſt ſo ſtarre und unbiegſame Mann vor dem Zorne ſeiner Stieftochter, wie das Kind vor der ſtrafenden Ruthe. So ſchienen denn die ſchönen Tage des Friedens für immer verloren, als beide plötzlich durch einen Engel ganz eigener Art, wenigſtens zum Theile, aus ihrer Hölle erlöst wurden. Dieſer Engel war aber Niemand anders als der lange Mathias. Vier Tage waren nämlich ſeit der Baro⸗ neſſe Ankunft verſchwunden, als er ſich bei der Tochter des Hauſes anmelden ließ, und auch 5 74 ſofort Zutritt fand. Man führte ihn in die Zimmer derſelben und hier hatte er ſich einer Aufnahme zu erfreuen, die ſeine kühnſten Hoff⸗ nungen überſtieg. Die Baroneſſe, ſonſt ſo ſtolz und eigen, ſchien in ſeiner Nähe kaum dieſelbe zu ſeyn. Sie lud ihren neuen Bekannten mit freundlicher Vertraulichkeit ein, neben ihr auf dem Sopha Platz zu nehmen, rückte einen kleinen Tiſch, der mit Süßigkeiten und guten Weinen beſetzt war, dicht vor denſelben, und forderte ihn auf, ſich ſ fleißig zu bedienen. Mathias war es, als würfe er von Ho⸗ rebs Höhen einen Blick in das gelobte Land; ſein eingeſchrumpfter Magen, gereizt durch den Geruch und aufgemuntert durch den Rapport der gierigen Augen, zog ſich vor Luſt krampf⸗ haft zuſammen, und dehnte ſich hoffnungsvoll wieder aus; ſo daß ſich unſer langer Freund nicht veranlaßt fühlte, eine zweite Aufforderung an ſich ergehen zu laſſen, und ſich mit rieſigem 75 Appetite über die lockenden Gerichte hermachte. Auch ſeine edle Freundin, beim Mittag- und Abendeſſen ſonſt immer über Mangel an Eßluſt klagend, ſchien ſich nicht zu vergeſſen, und ſo war, unter dem anziehendſten Geſpräche über die Kocharten der verſchiedenen Länder, binnen einer halben Stunde der Tiſch bis auf die Flaſchen geleert. Nachdem man ſo dem Körper hatte Gerechtigkeit widerfahren laſſen, ging man auf die geiſtigen Intereſſen über, und die Ba⸗ roneſſe wandte ſich, das Traktätchen ergreifend, mit der Bitte um Aufklärung über einige dunkle Stellen darin, an ihren Gaſt. Bruder Mathias faßte, angefeuert durch die oft wiederholten Züge aus dem vor ihm ſtehenden Cryſtallbecher, alle ſeine Geiſteskräfte zuſammen, und es gelang ihm in der That, die erwähnten Stellen in der Art Ratzler's und Krumm's zu erklären, das heißt: ſeine Zuhörerin durch einen Schwall unverſtändlicher Worte und die Gitirung vieler myſteriöſen 76 Bibelſtellen von ihrer eigentlichen Frage abzu⸗ leiten, und in ein Labyrinth von Phraſen, An⸗ nahmen und Sentenzen zu verwickeln, daß ſie ſich endlich überzeugt glaubte, während ſich ihre Ideen nur noch mehr verwirrt hatten. Viele Menſchen glauben, wenn ſie nur ſchwülſtige, dunkele und unverſtändliche Reden hören oder ſolche Schriften leſen, es müſſe auch Sinn und Verſtand unter denſelben verborgen ſeyn; finden ſie nun aber trotz aller Anſtrengung keinen klaren Begriff aus der Sache heraus— was ja nicht möglich iſt, da keiner darin ſteckt — ſo ſchreiben ſie es meiſt dem Mangel eigener Fähigkeiten zu. Zu ſchwach indeſſen, dies geſtehen zu wollen, geben ſie ſich die Miene eines tiefen Verſtändniſſes, und lügen ſich ſelbſt eine Er⸗ bauung vor, die gar nicht ſtatt gefunden hat, und nur darin beſteht, daß einzelne wichtige Worte, wie: Gott, Tugend, Weisheit, Ewigkeit, Wiederſehen, ihr Ohr getroffen haben. Die natürliche Folge hiervon iſt, daß der nächſte 77 Augenblick das Gehörte oder Geleſene verwiſcht, und Herz und Verſtand ſo unbefriedigt als zu⸗ vor ſind. Dies das Geheimniß ſo mancher Redner, dies der Aufſchluß, warum ſo viele Menſchen die Kirche nutzlos beſuchen.— Bruder Mathias war zwar ein ſehr beſchränkter Kopf, welchem die vielſeitig gebildete Baroneſſe bei weitem überlegen war; da ſich dieſelbe aber, wie ſchon erwähnt, durch ihre Halbbildung hatte verleiten laſſen, auch die Wahr⸗ heiten der Religion, ja die Bibel prüfen zu wollen, ſo war ſie in ein ſolches Meer von Zweifeln verſunken, daß ſie, um nur dieſer Un⸗ gewißheit zu entgehen, gern bereit war, jede poſitive Lehre zu umklammern. Mathias hatte dies, wenn auch nicht erkannt, doch inſtinkt⸗ mäßig geahnt, und wurde von den ſchon früher erwähnten Urſachen noch geſpornt, hier ſein Apoſtelamt beſtens zu verwalten. Es gelang ihm beſſer als er gehofft. Denn obgleich ſich die Baroneſſe anfangs vertheidigte, und die von 78 ihm aufgeſtellten Behauptungen erwieſen haben wollte, brachte er dieſe kühnen Forderungen doch bald durch die Feſtſetzung jener Annahme zur Ruhe, mit welcher alle Feinde des Lichtes den Forderungen der Aufklärung entgegentreten, mit dem Satze nämlich: Die Bibeliſt die un⸗ mittelbare Offenbarung Gottes durch den heiligen Geiſt, und was in ihr iſt, iſt unverletzliche Wahrheit. Obgleich Mathias frühe am Mittag ge⸗ kommen, verließ er dennoch erſt gegen die Zeit der Abendtafel das Hohenſteiniſche Haus. Von dieſer Zeit an wurden ſeine Beſuche öfter wiederholt, und endlich war es zur Regel geworden, daß er täglich gegen ſechs Uhr in den Zimmern der Baroneſſe erſchien, und dieſelbe erſt gegen zehn, eilf Uhr verließ. Die gute Dame trug jedesmal Sorge für ein reiches und pikantes Abendeſſen, und einige Flaſchen guten Wein, denn ſie ſelbſt nahm— wegen Mangel an Appetit und Nervenanfällen, welche ſich, 79 wie ſie ſagte, öfters Abends einſtellten— keinen Theil mehr an des Barons Nachtmahl. In re⸗ ligiöſen Discuſſionen, abwechſelndem Leſen der Bibel und ähnlichen frommen Beſchäftigungen entſchwanden die Abende ſchnell, und in kurzer Zeit konnte Mathias ſeinem Meiſter den voll⸗ kommenen Triumph der Sache Gottes melden. Während ſich aber Mathias Magen bei dieſer Arbeit am beſten befand, hatte er durch ſeine Schwärmereien und namentlich durch ſein Aus⸗ malen der göttlichen Gerechtigkeit, der ewigen Strenge, der Unerbittlichkeit des Allwiſſenden, den Geiſt der Baroneſſe förmlich unterjocht, und die ſonſt kluge und er⸗ fahrene Dame zu ſeinem Spielzeuge herabgezogen. Ihr Gewiſſen, vielleicht nicht ganz frei, quälte ſie mit Vorwürfen, ſelbſt über unbedeutende Dinge, wie ſie ſich dann namentlich auch daraus eine unverzeihliche Sünde ſchuf, daß ſie jemals gewagt, die Unantaſtbarkeit der Bibel zu be⸗ zweifeln und anzugreifen. 80 Durch doppelte Frömmigkeit ſollte das Ge⸗ ſchehene nun ſo viel als möglich gut gemacht werden; was ſie indeſſen durchaus nicht ver⸗ hinderte, vor wie nach alle Welt zu plagen, und namentlich gegen die arme Mathilde alles aufzubieten, was dieſer ſchaden oder ſie kränken konnte. Mathilde blieb ſich gleich, und ſie und der Baron dankten dem Schöpfer, daß er den langen, ſchwarzen Mann geſandt hatte, der die edle Baroneſſe ſo ſehr zu feſſeln wußte, daß ihnen wenigſtens die Abende blieben, die denn auch bald wieder auf die alte, behagliche Weiſe zugebracht wurden; und der gemeinſame Druck hatte nur dazu beigetragen, daß ſich der Baron um ſo enger an Mathilden anſchloß, die ſich dagegen doppelt bemühte, ihn die Laſt vergeſſen zu laſſen, die er ſich ſelbſt aufgebürdet hatte. Das Lie d. „Lehrer waren meine Schmerzen, Heil iſt, was dem Druck entquillt, Und in meinem innern Herzen Trag ich ein geliebtes Bild.“ Eliſe von der Recke. Eine Eigenheit des Barons war, nie etwas von dem zu äußern, was er zu thun be⸗ ſchloſſen. So zurückhaltend er in ſeinen Ge⸗ ſchäften war, ſo verſchwiegen wußte er ſeine Projekte durchzuführen, und die ihn Umgebenden waren gewöhnt, ſich durch Thatſachen überraſcht zu ſehen, deren Herbeiführung ſie oft nicht geahnt. Kein Wunder war es daher, daß der alte Herr kein Wort über die Enterbung ſeines Sohnes II. 6 82 fallen ließ, obgleich er doch zu dieſem Behufe ſeine Stieftochter hatte kommen laſſen. Die Baroneſſe ſelbſt war zu klug, dieſer Sache zu erwähnen; ſie beſchränkte ſich darauf, den Vater gegen den Sohn mehr und mehr aufzu⸗ reitzen, indem ſie bald dieſe bald jene Anekvote außer dem Hauſe gehört haben wollte, welcht immer auf einen leichtfinnigen oder gar ſchechten Streich Oskar's hindeutete. Obgleich nun dieſe Erzählungen meiſt ihre Erfindung, oder doch. einer ganz unſchuldigen, oft aus den früheſttn Jugendjahren des Bruders herrührenden Ge⸗ ſchichte entlehnt waren, ſo wußte ſie dieſelben immer auf eine gehäſſige Art ausgeſchmückt dem Vater vorzutragen. Dann vertheidigte ſie zwar ihren Stiefbruder, und warf alle Schuld auf die Welt und deren Verdorbenheit, aber damit wurde nur Oel in's Feuer geſchüttet; denn ge⸗ rade dieſe Hingabe ſeines Sohnes an die Welt war dem Alten ein Gräuel, und er ſah ſich durch die Erzählungen der Baroneſſe nur in 83 dem Rechte beſtärkt, ſein Vermögen vor dem Uebergang in ſolch' unwürdige Hände zu be⸗ wahren, ja er hielt dieſen Act ſogar für ſeine Pflicht. Weit entfernt indeſſen, durch das herviſche und boshafte Weſen ſeiner Stieftochter, von dieſem Entſchluſſe abgeleitet worden zu ſeyn, — wie man wohl denken ſollte, und was Jeder⸗ mann im Hauſe hoffte,— ſann er gerade im Gegentheil darauf, dieſen Gegenſtand ſo ſchnell als möglich zu ordnen, um dadurch die üblen Launen der Baroneſſe zu beſchwichtigen, oder die⸗ ſelbe wieder aus ſeinem Hauſe zu entfernen. Ueber all' dies äußerte er ſich indeſſen gegen Niemanden, ja nicht einmal gegen Mathilde, welcher er doch von Tag zu Tag geneigter wurde. Dies Mädchen hatte etwas Räthſelhaftes in ſeinem ganzen Weſen, was den alten Herrn nur noch mehr an ſie kettete. Sie pflegte ihn mit einer Aufmerkſamkeit und Sorgfalt, welche von der zärtlichſten Liebe eines Kindes nicht übertroffen werden konnte Sie zeigte bei allen Gelegenheiten 3 84 ein tiefes Gemüth, eine zartfühlende Seele, ohne dadurch in jene Sentimentalität zu verfallen, welche ſo oft bei Mädchen die Stelle geſunden Verſtandes vertritt. Was aber die Aufmerkſam⸗ keit und Neugierde des alten Herrn hauptſächlich erregt hatte, waren folgende Entbeckungen. Durch ſeinen alten, vertrauten Schreiber nämlich, wel⸗ cher ebenfalls im Hohenſteiniſchen Hauſe wohnte, erfuhr er, daß Mathilde, ſo heiter ſie in ſeiner Gegenwart erſcheine, ſo freunblich ſie Jedermann begegne und entgegenkomme, wenn ſie ſich allein oder unbemerkt glaube, einem ſtillen Gram nachzuhängen ſcheine, und oft noch ſpät in der Nacht, in ihrem Manſardenſtübchen ein⸗ geſchloſſen, ihre Gefühle in Geſüngen ausſpreche, welche ſie dann auf der Guitarre auf das an⸗ muthigſte begleite. Von dem Inhalte dieſer Lie⸗ der konnte der Schreiber keine Auskunft geben, und er verſicherte nur, daß ſie gar zu ſchön und rührend ſeyen. Der Baron lachte zwar anfänglich über die Eraltation, welche den alten 85 Menſchen erfaßte, als er von Mathilden und ihren nächtlichen Geſängen ſprach, und frug, ob er nicht etwa ſchon um ihre Hand geworben, konnte aber endlich doch ſeine Neugierde nicht bezwingen, und gab daher gerne den Bitten des Schreibers nach, ſeine Haushälterin in einer der nächſten Nächte zu belauſchen. Mathilde hatte den Abend dem Baron Schillers Räuber vorgeleſen, und zwar mit einer ſo hinreißenden Begeiſterung, mit ſo vollendet ſchönem Ausdrucke, daß dem alten Herrn die Pfeife längſt ausgegangen war, ohne daß er es bemerkt, und er nun mit der größten Spannung hoch aufgerichtet auf dem Sopha ſaß, ſeiner ſchönen Vorleſerin horchend. Aber zu welcher ſonderbaren Bewegtheit, zu welcher Gluth, zu welcher ergreifenden Weichheit ſteigerte ſich ihre Stimme, als ſie die Scene las, in welcher Carl, der verkannte und mißhandelte Sohn, ſeinen alten Vater aus dem Thurme befreit. Sie bebte, Thränen drangen in ihre Augen, und ſie mußte 86 für einen Augenblick das Buch niederlegen. Hohenſtein war tief erſchüttert. Er erhob ſich und verbarg ſeine innere Bewegung unter raſchem Auf⸗ und Abſchreiten. Das Abendeſſen wurde aufgetragen, man war ſchweigſamer als je und trennte ſich früh. Als Mathilde ſich entfernt, trat der alte Schreiber ein, und beruhigte durch Geſchäfts⸗ berichte die Aufregung des Barons. Man ſprach dann über verſchiedene Gegenſtände, und kam endlich auf die alten guten Zeiten. Da waren nun die beiden Männer in ihrem Elemente, und mit den vorſchreitenden Stunden, hatte Ho⸗ henſtein ſeine gewöhnliche Gemüthsruhe wie⸗ der erlangt. Es ſchlug zwölf Uhr, als der Schrei⸗ ber ſich entfernte. Kaum hatte aber der Baron die erſten Anſtalten zum Auskleiden getroffen, als jener wiederkehrte und ſeinen Bureauchef benach⸗ richtigte: Mathilde ſinge. Leiſe ſchlichen nun die beiden Greiſe in der Dunkelheit nach der Kammer des Mädchens, 87 und ſtellten ſich, ihren Athem anhaltend, vor deren Thüre. Sanfte Klänge präludirten eine ergreifende Melodie, zu welcher Mathilde mit halber Stimme folgende Worte ſang: Ich bin allein mit meinem Kummer; In ſüßem Schlummer Ruht die Welt. Sie zählet nicht die heißen Thränen, Kennt nicht dies bange, tiefe Sehnen, Das meinen Buſen ſchwellt. Ich hab' entſagt und abgeſchloſſen; Was ihr genvoſſen Frag ich nicht. Ich hab entſagt und abgeſchloſſen, Das holde Traumbild iſt zerfloſſen, Fragt ſeiner Deutung nicht. Ein ſchönes Ziel iſt mir gegeben; Mein junges Leben Setz' ich dran! Iſt es erreicht, dann will ich ſcheiden Von dir, v Welt, und deinen Freuden, Die Pflicht iſt dann gethan. 88 Ich hab' entſagt und abgeſchloſſen; Was ihr genoſſen Frag ich nicht. Ich hab' entſagt und abgeſchloſſen Das holde Traumbild iſt zerfloſſen Fragt ſeiner Deutung nicht. Die Töne waren allmählig verklungen, nur tiefe Stille herrſchte rings umher, als die beiden Alten noch ſchweigend auf derſelben Stelle ſtan⸗ den. Endlich ſchlich der Baron davon und der Schreiber folgte ſeinem Beiſpiele. „Haben Sie ſich nun von der Wahrheit meiner Worte überzeugt?“ frug der Letztere, als ſie bis zum Corridor des erſten Stockes herab⸗ geſtiegen waren, und wiſchte ſich eine Thräne aus den Augen. Der Baron nahm ihn am Arme, führte ihn gegen eine Laterne, und drehte das graue Haupt des Schreibers ſo, daß er ſein Geſicht erkennen konnte. Als er aber die Thräne ſah, rief er lachend: 89 „Allmächtiger Gott! ich glaube, der alte Eſel iſt wahrhaftig verliebt!?“ „Gnädiger Herr!“ entgegnete der Ange⸗ redete verdroſſen,„ich glaube kaum, daß es ein Eſelsſtreich iſt„wenn man auch in ſeinen alten Tagen noch ein Herz hat, welches Antheil an den Leiden ſeiner Nächſten nimmt.“ „Leiden? wo ſtecken denn die Leiden?— das Mädchen wird ſich in einen Menſchen ver⸗ gafft haben, den ſie nicht bekommen kann. Haben die dummen Dinger die albernſten Streiche ge⸗ macht, und ſehen nun endlich, daß ſie ſich betro⸗ gen, ſo iſt ihr ewiger Refrain: Schickſalstücke.“ „Entſchuldigen Sie, gnädiger Herr, es gibt auch unverſchuldetes Unglück———“ „Ei was, Narrheiten!“ rief ungeduldig der Baron,„gehn wir zu Bette, und laſſen in Gottes Namen alle Welt ihre Lieder ſingen.“ Damit trat er in ſeine Stube, die er verdrüßlich ſchloß. Aber ſo war der ſonderbare Mann! Ma⸗ thilden's Lied hatte ihn tief ergriffen; er kannte 90 ſie zu gut, als daß er das von ihr geglaubt, was er geſagt; er fühlte ſich mächtig zu ihr gezogen, denn ſo rauh er in ſeinem Umgange erſchien, ſo empfänglich war ſein Gemüth. Was ihn aber namentlich verſtimmt hatte, war der Gedanke, daß auch ſein einziges Kind, ſo ein⸗ ſam wie Mathilde in der Welt ſtehe. Das räthſelhafte Schickſal ſeiner ſchönen Haushälterin beſchäftigte ihn noch lange, bis er endlich gegen Morgen entſchlief. Von dieſem Augenblicke an näherte er ſich dem Mädchen mehr und mehr, ja er ging end⸗ lich ſo weit, ſie, gegen ſeine Gewohnheit, zur Vertrauten zu machen, und erzählte ihr eines Abends, als er ſich über die Herrſchſucht und Tyrannei der Baroneſſe beklagte, und ihn Ma⸗ thilde gefragt hatte, warum er ſie denn ge⸗ rufen habe, ſein ganzes Zerwürfniß mit Oskar. Die kluge Haushälterin tadelte anfangs den Sohn, zeigte dann aber dem Vater ſein über⸗ eiltes Handeln, und ſuchte endlich durch alle ———————— —— 91 Künſte ihrer Beredtſamkeit eine Verſöhnung her⸗ beizuführen. Der Baron vertheidigte ſich tapfer; da er aber wohl merken mochte, daß das Un⸗ recht mehr auf ſeiner als auf des Sohnes Seite war, ſo brach er die Unterhaltung raſch ab.— Es wurde längere Zeit über die Sache geſchwie⸗ gen, bis er nach einigen Wochen ſeiner Stief⸗ tochter, in Gegenwart der Haushälterin, den Tag ankündigte, an welchem die Teſtamentsſache geord⸗ net werden ſollte. Mathilde erblaßte und ver⸗ ließ raſch das Zimmer. —0—— 8. Der Maler. „Die Völker und die einzelnen Menſchen ſind am beſten, wenn ſie am froheſten ſind, und verdienen den Himmel, wenn ſie ihn genießen. Fean Paul. Die Ereigniſſe der letzten Monate— die Erſcheinung Oskar's, die Aufnahme in die heilige Gemeinde, der Tod ihres Vaters— hatten in Gabrielen's Innerem mächtige Veränderungen hervorgerufen. In dem Herzen des Mädchens, bis dahin ſo ruhig, ſo kindlich fromm, waren die heterogenſten Gefühle erwacht, hatten Leidenſchaften ſich zu regen begonnen, die ſie früher kaum geahnet. Aus den ſtill 93 häuslichen Verhältniſſen an die Welt hervor⸗ gezogen und mit in deren lautes und gefährliches Treiben verwickelt, durch Schmerzen und Leiden aufgeſchreckt, hatte ſich ihr Charakter feſter aus⸗ gebildet, und ſie ſtand nun, körperlich vollkom⸗ men entfaltet, in der ganzen Lieblichkeit einer reifen Jungfrau, und mit der Würde des Weibes, auf der Schwelle eines bewegten Lebens. Aber ſo ſehr ſich ihr Charakter mit einer für ihre Jahre ungewöhnlichen Strenge zu den ernſteren Seiten des Lebens neigte, ſo entging ihr dabei doch der Vortheil der Erfahrung, die bei Mäd⸗ chen ihres Ranges und Alters nicht nur die Folge einer ſorgſamen, weiblichen Erziehung, ſondern auch der früheren Einführung in die große Welt iſt. Hatte ſie doch ihre Mutter in ihrem zarteſten Alter verloren, und die folgenden Jahre auf dem einſamen Sturmau, unter der Aufſicht eines guten, aber zur Erziehung eines Mädchens wenig geeigneten Vaters, hingebracht. Sich ſelbſt überlaſſen, hatte ſich nun ihr 94 Geiſt auch aus ſich ſelbſt gebildet. Auf der Grundlage einer einfachen und herzlichen Reli⸗ gioſität fortbauend, riß das aufkeimende Kind eine glühende Phantaſie mehr und mehr auf falſchen Wegen fort; verkehrte Materialien gaben dem Bau ihres geiſtigen Tempels eine aben⸗ teuerliche Form, bis der Zufall ſie mit Krumm zuſammenführte, der in der Freude, eine ähn⸗ liche Schwärmerin gefunden zu haben, nun mit eifriger Hand das angefangene Werk durch den bizarren Schlußſtein der Weihe zu einem neuen Bunde krönte. Krumm war für die junge Gräfin der erſte Menſch, dem ſie ihr Inneres vollkommen öffnen konnte, der Erſte der ſie verſtand, und Nichts iſt daher natürlicher, als daß er bald ihr ganzes Vertrauen im höchſten Grade beſaß. Durch Gabrielen's Aufnahme aber war der frühere Freund nun auch ihr geiſtiger Oberer, ihr Seelſorger— durch des Vaters Tod— ihr Rath und ihre Stütze geworden. So hatte der — Paſtor in kurzer Zeit eine ſo vollkommene Herr⸗ ſchaft über das Gemüth der Gräfin gewonnen, daß es nur eines Winkes von ſeiner Seite be⸗ durfte, um das unerfahrene Mädchen zu jeder Handlung zu bewegen, wenn ſolche nur ihrem Sittlichkeitsgefühle nicht widerſprach. Aber auch dies Letztere ſuchte Krumm, ohne ſich ſelbſt ſeines Unrechts klar bewußt zu ſeyn und nur ſeinen ſchwärmeriſchen Ideen nachgebend, all⸗ mählig abzuſtumpfen; indem er ſich und ſeine Schülerin durch ſophiſtiſche Reden von der Un⸗ ſchuld, ja der Gottſeligkeit eines rein natürlichen Zuſtandes überredete. Auf dieſe Weiſe war es ihm möglich geworden, die ſchüchterne und ſitt⸗ ſame Gabriele zu den oft erwähnten Buß⸗ übungen zu bewegen. Die Folgen derſelben für den Paſtor ſelbſt ſind uns bereits bekannt. In des fanatiſch religiöſen Mannes Herzen hatte ſich plötzlich eine Empfindung gedrängt, die, demſelben bisher unbekannt, ſein Inneres nun wunderbar erregte; 96 die ſtolze Ruhe ſeiner Seele war dahin; ein unbegreifliches Sehnen nach Befriedigung eines ihm räthſelhaften Etwas folterte ihn unaufhör⸗ lich, und ſeine, ſonſt nur nach dem Himmel gerichteten Gedanken waren wie durch Zauber an das Bild der ſchönen Gräfin gefeſſelt. Mit der ganzen Kraft ſeiner Seele ſuchte er der Urſache jener inneren Umwandlung, die ihn nur unangenehm berührte, auf die Spur zu kommen, und mußte ſich endlich geſte⸗ hen: daß doch wohl nur Gabriele daran ſchuld ſey. Wie ſich aber nach den Lehren der Katoptit in dem Hohlſpiegel die einfallenden Strahlen durch Reflerion in dem Brennpunkte vereinigen, ſo nimmt in dem Kopfe des Schwär⸗ mers jeder Gedanke die Färbung an, welche die fire Idee trägt, die ſein ganzes Denkſyſtem beherrſcht; ſo auch Krumm's Entdeckung: daß Gabriele die Urſache ſeiner inneren Aufregung ſey. In kurzer Zeit war er von der Ueberzeu⸗ gung durchdrungen: Gott habe mit ihm und 97 der jungen Gräfin einen hohen Zweck beabſich⸗ tigt, und ſie Beide zu Werkzeugen ſeiner beſon⸗ deren Gnade beſtimmt. Hatte er im Anfang ſeine aufkeimende Liebe zu Gabrielen bekämpft, ſo ließ er nun der⸗ ſelben die Zügel ſchießen und nahte ſich der reizenden Jungfrau mit begeiſterter Schwärmerei, durch welche indeſſen eine hohe Achtung, eine religiöſe Scheu durchleuchtete. Gabriele trug, wie ſchon erwähnt, auf ſeine Veranlaſſung in der Gemeinde den Namen Maria, während er ſeinen eigenen Vornamen: Joſeph geltend machte. Gabriele dachte nicht an Liebe, ihr Herz ſchwelgte in frommer Begeiſterung.—— Ungefähr eine kleine Stunde von Sturmau entfernt liegt, in einem heitern Wieſenthale, eine Schneidmühle. Ein ſchattenreicher Pfad zieht an den Ufern des Baches unter Weiden und Buſch⸗ werk dahin, und bietet an verſchiedenen Punk⸗ ten die freundlichſten Fernſichten dar. Dieſer II. 7 98 Lieblingsſpaziergang G abrielen's erfreute ſich in letzterer Zeit um ſo mehr ſeiner jugendlichen Gönnerin, als die Mühle, zu welcher er führte, die ungefähre Mitte des Fußweges bildete, welche Sturmau von dem Landſtädtchen trennte, in dem Krumm angeſtellt war, und die fromme Schülerin an jenem Orte mit ihrem Freunde faſt täglich zuſammentraf, wenn nicht die förm⸗ lichen Religionsübungen die ſämmtliche Ge⸗ meinde auf Sturmau vereinte. Auch heute, an einem heiteren Frühlings⸗ morgen, hatte ſich Gabriele auf den Weg gemacht, um den Paſtor zur beſtimmten Zeit auf der Mühle zu treffen und einige Stunden in ſeiner für ſie ſo belehrenden Nähe zuzubrin⸗ gen. Man fand ſich; ein einfaches Frühſtück wurde gemeinſchaftlich verzehrt, worauf der Pa⸗ ſtor mit ſeiner jungen Gefährtin, in eifrigem Geſpräche verloren, dem Hügel entlang ging. Sie hatten ſich kaum entfernt, als die Auf⸗ mertſamkeit des Wirthes, denn der Inhaber der Schneidemühle betrieb nebenbei auch eine kleine Wirthſchaft, auf einen neuen Ankömmling ge⸗ richtet wurde. Es war ein junger Mann von kaum zwanzig Jahren, der ſingend, mit kräftigen Schritten auf die Mühle zuging. Sein Geſicht zeigte feine Züge, die durch einen faſt mädchen⸗ haften Teint gehoben, ihm ein ſanftes Anſehen gaben, dabei blickten aber ſeine himmelblauen Augen keck und unternehmend in die weite Welt. Hellblonde Locken fielen in reicher Fülle auf ſeine Achſeln herab und dienten dem Winde zu loſem Spiele Eine ſchwarze Sammtmütze und ein eng anſchließendes Röckchen von gleichem Stoffe, der blendendweiße Hemdenkragen, nach Studen⸗ tenart umgeſchlagen, und die etwas offene Bruſt erhoben noch das Sonderbare der Erſcheinung; denn nur ſelten verlor ſich wohl ein Muſen⸗ ſohn, und ein ſolcher ſchien der Fremde zu ſeyn, in dieſe Gegend. Zu einer munteren Melodie ſang er mit den Lerchen folgende Strophen um die Wette: 7* 100 Blaue Luft, Blumenduft Und der Winde Weh'n. Immerzu, Ohne Ruh' Ueber Thal und Höh'n. Ohne Geld Durch die Welt Flieg ich froh und reich; Durch die Gunſt Meiner Kunſt Jedem König gleich. Wie der Ort, Immerfort Wechſelt Lieb und Schwur; Jede Maid Wird gefreit, Iſt ſie reizend nur. Lieb und Luſt In der Bruſt Trotz ich Sturm und Noth. Man wird alt Und zu bald Winkt uns nur der Tod. 101 Mit den letzten Worten hatte er einen der Tiſche erreicht, die vor der Mühle ſtanden, und indem er mit Leichtigkeit ſein Ränzchen vom Rücken ſchwang und ſorgfältig auf den Tiſch legte, rief er mit der eben erprobten wohltö⸗ nenden Stimme: „Wirthſchaft!“ Der Schneidemüller trat freundlich näher und erkundigte ſich, was der Gaſt verlange, worauf jener einen Schoppen Neckarwein und ein Frühſtück beſtellte. Beides war bald verzehrt, und der junge Mann ſchien ſchon weit gegangen zu ſeyn, denn er ließ ſich mit einer Miene, in welcher ſich die volle Behaglichkeit einer zufriedenen Seele ausſprach, die Flaſche noch einmal füllen. Als ſie der Wirth gebracht, ſchenkte er demſelben ein Glas voll Wein ein und nöthigte ihn, ſich zu ihm zu ſetzen. Der Müller ließ ſich dies gerne gefallen, und ſuchte, indem er mit dem freund⸗ lichen Gaſte anſtieß, ſeine Neugierde zu befriedigen. 102 „Der junge Herr ſind wohl dieſen Morgen ſchon weit gegangen?“ hub er an. „Pah! ſechs kleine Stunden!“— entgeg⸗ nete der Angeredete. „So— ſo? wollen gewiß in's nächſte Städtchen?“ „Vor der Hand auf das Schloß, was dort auf jenem Hügel liegt,— das heißt: wenn es bewohnt iſt.“ „O ja, mein Herr, von unſerer jungen Gräfin.“ „Von einer jungen Gräfin?— Iſt ſie ſchön?“ „Sehr ſchön.“ „Ledig oder verheirathet?“ „Ledig und Waiſe.“ „Der Teufel, das iſt ja charmant!— hat ſie Sinn für Malerei?“ frug der Jüngling eifrig weiter. Der Wirth ſtand etwas verblüfft und ſah ſeinen Gaſt dumm lächelnd an, indem er ſagte: 103 „Was meinen der Herr?“ „Nun, ob ſie Luſt an Gemälden hat—“ rief ungeduldig der Andere. „Das weiß ich wahrlich nicht zu ſagen. Jedenfalls nur an gottesfürchtigen.“ „Gottesfürchtigen?— wie ſo? jetzt ver⸗ ſtehe ich Sie nicht.“ „Je nun, ſie iſt fromm und....“ „Fromm?— Ich gehe nicht auf das Schloß. — Was bin ich ſchuldig?“ „Sechsunddreißig Kreuzer.“ Der Jüngling griff in die Taſche und zog einen langen, aber ſehr ſchmalen Beutel hervor. Er ſuchte auf der einen, dann auf der andern Seite, und nachdem er ſeine Schuld getilgt, ſah er kopfſchüttelnd auf den Reſt ſeines Vermögens, den er in der hohlen Hand hielt und ſagte halb⸗ laut vor ſich hin: „Acht Kreuzer!— Du ſchöne Einſicht in das Nichts, vermagſt doch aus dem wildeſten Burſchen einen Philoſophen zu machen.— Acht 104 Kreuzer!— und das bemerke ich jetzt erſt, da muß einmal wieder meine getreue Wünſchelruthe hervor;— Palette und Pinſel, ihr werdet eurer Ruhe enthoben und der Genius aller genialen Maler wird mich auch diesmal nicht verlaſſen. — Aber auf's Schloß?— zu der frommen Magdalena?“ „Junger Herr!“ rief in dieſem Augenblicke der Wirth aus der Thüre ſeines Hauſes hervor, unter welcher er ſtand, und deutete auf ein ſchlankes, weibliches Weſen, welches an der Seite eines geiſtlichen Herrn dahergeſchritten kam: „Junger Herr! dort kommt ſo eben die Gräfin!“ Der Jüngling blickte auf und rief erſtaunt: „Beim allmächtigen Gott, das Weib iſt ſchön!“ 9. Die heilige Marin. „Die Reinſte, wie die Engel rein, Wird Mutter und auch Jungfrau ſeyn.“ Lothar Marr. Waren es die acht Kreuzer, welche einzig noch in ſeiner Taſche weilten und deren kleine Summe zu neuer Thätigkeit rief, oder hatte Gabrielen's Schönheit einen ſo mächtigen Eindruck auf den jungen Maler gemacht,— kurz, er entſchloß ſich plötzlich, Alles aufzubieten, um einige Zeit auf Sturmau beſchäftigt zu werden. Ganz ſeinem ſchelmiſchen Charakter und ſeiner Schlauheit entſprechend, nahm Eduard ſchon bei'm Nähertreten des erwähnten Paares eine 106 ernſte Miene an, und wartete an einem der hinteren Tiſche, bis ſich ein günſtiger Augenblick zu ſeinem Auftreten zeige. Die Gräfin von der Rode und Krumm hatten unterdeſſen bei einem Glas friſcher Milch unweit deſſelben Platz genommen, und fuhren mit Eifer in dem begonnenen Geſpräche fort, ohne den Jüngling auch nur im Geringſten zu beachten. Schon ſeit ihrem heutigen Zuſammentreffen hatte Krumm ſeine Schülerin darauf aufmerk⸗ ſam gemacht, daß die Weisheit Gottes ſich öfter einzelner ſchwacher Menſchen als Werkzeuge ihrer Gnade zur Vollziehung ihrer hohen Zwecke be⸗ diene, und ſich denſelben alsdann gewöhnlich durch eine innere mächtige Stimme offenbare, auch an ihn ſey längſt dieſer heilige Aufruf er⸗ gangen, und habe ihn mit Begeiſterung auf dem Wege des Heils fortgeführt. Nie, ſetzte er dann mit feierlicher Stimme hinzu, ſey ihm indeſſen dieſe Beſtimmung klarer geworden, als in der 107 letzten Zeit, und namentlich ſeit jener Stunde, welche die junge Gräfin in den Schvoß der Ge⸗ meinde geführt habe. Jetzt wiſſe er: daß nicht allein er ſelbſt, ſondern auch Maria,— er nannte Gabrielen ſchon ſeit längerer Zeit nicht mehr anders— für die höchſten Zwecke der Gottheit beſtimmt ſeyen; die, wenn ihnen auch bis jetzt noch unbekannt, der heilige Geiſt ihnen alsbald offenbaren werde. Es ſey daher vor der Hand ihre beiderſeitige Pflicht, ſich gegenſeitig zu nähern, und in gemeinſchaft⸗ licher Andacht der göttlichen Offenbarung zu harren. Gabriele, obſchon überzeugt, daß die hohen Miſſionen des Geiſtes durch würdige Menſchen zur Ehre Gottes vollzogen werden konnten, und gerne und mit hoher Achtung ihrem Freunde eine ſolche Würde zuerkennend, wollte doch keines⸗ weges einräumen, daß ſie ſelbſt, ſo ſchwach und ſündhaft, zu ſolchen Zwecken auserleſen ſeyn könne, und beugte ſich tief im Gefühle ihrer Demuth und Beſcheidenheit. Dieſe Wendung des Geſpräches benutzend, führte Krumm als Beiſpiel die heilige Maria ſelbſt an, welche von dem Geiſte überſchattet, in all' ihrer Demuth und Beſcheidenheit auch erſt durch den Gruß des Engels und deſſen tröſtendem Worte, die Ueberzeugung gefaßt habe, daß ſie das heilige Werkzeug ſey, durch welches ein Gott zum Ein⸗ tritte in die Sündenwelt gelangen ſollte. Dann verbreitete er ſich mit vieler Beredtſamkeit über die Seligkeit eines ſo hohen Berufes, über das Glück des heiligen Joſeph und der heiligen Maria, und ſetzte ſchließlich, im Schwunge der Begeiſterung, ſich und ſeine Schülerin an die Stelle jenes heiligen Paares. Er hatte im Lauf dieſes langen Geſpräches nicht nur ſich, ſondern ſelbſt Gabrielen mit ſolcher Eraltation hin⸗ geriſſen, daß nur Wenig fehlte, und Letztere würde ſich in vollem Ernſte zu einer zweiten Mutter Gottes beſtimmt gehalten haben; um ſo mehr, als ihr der Paſtor zeigte, wie unumgänglich 09 nöthig die Wiedergeburt des Meſſias für dieſe Sündenwelt ſey. Der letzte Theil dieſer Unterredung war noch am Tiſche vor der Mühle, und zwar mit ſolchem Eifer geführt worden, daß der junge Maler, wenn auch nicht alles, doch einen Theil deſſelben gehört hatte. Zwar vermochte Eduard von den verwirrten, und nur einzeln aufgefan⸗ genen Reden nur Weniges zu verſtehen, indeſſen hatte er ſo oft den Namen der heiligen Maria in Beziehung auf die ſchöne Gräfin, die er ſo gern portraitirt hätte, nennen hören, daß er— ſchnell entſchloſſen wie gewöhnlich— ſeinen Plan darauf gründete. Nachdem daher die beiden an⸗ deren Gäſte ihr Geſpräch beendet, und, wie es ſchien, ſich zum Weggehen rüſteten, trat er ehr⸗ erbietig zu denſelben, und ſtellte ſich als einen Maler vor, welcher ſeine Kunſt dem Wohlwollen der edlen und frommen Gräfin empfehle. Schon bei dem erſten Blick, auf die edle und feine Geſtalt des Jünglings, deſſen frivole 110 Kleidung alle Nerven des Paſtors erbeben machte, hatte ſich Krumm's Stirne verfinſtert; als ſich aber der Jüngling gar als Maler zu erkennen gab, nahm er in tiefem Unwillen das Wort, und ſchmähte eine Kunſt, die ſich in der letzteren Zeit ſo ganz von ihrem urſprünglichen Zwecke: das Göttliche und Heilige zu verſinnlichen und dem menſchlichen Auge in ſeiner vollendeten Schöne vorzuführen, entfernt habe, ja jetzt faſt einzig befliſſen ſey, dem Laſter zu fröhnen. Schweigend hatte Eduard die an ſeine edle Kunſt gerichtete Strafpredigt angehört, und wäh⸗ rend er im Innern des engherzigen Frömmlers ſpottete, entgegnete er demſelben mit einer Be⸗ ſcheidenheit, die dem ſanften Antlitze des Jüng⸗ lings lieblich entſprach: daß das Geſagte aller⸗ dings leider! wahr ſey, glücklicherweiſe aber auch noch hie und da Künſtler auftauchten, die mit kindlichem Gemüthe ſich nur der Darſtellung des Edlen, Schönen und Göttlichen widmeten. Auch er gehöre, wenn auch nicht zu jenen Künſtlern, 111 doch zu der Schule, die ſich in dem gedachten Streben eine. Als er nun hier die ſchöne Gräfin erblickt, ſo habe ihm ihr ſanftes, frommes Auge, ihr heilig milder Ernſt, ihre edlen Züge, die göttliche Madonna von Raphael in das Gedächt⸗ niß gerufen, und er erlaube ſich nun ſeine Bitte auszuſprechen, die nämlich dahin ziele, das Por⸗ trait der edlen Gräfin in Form der heiligen Maria, der ſie ſo ähnlich ſehe, zu malen. Mit ſtillem Triumphe bemerkte Eduard das Staunen, welches ſein ſchlaues Betragen in den beiden Angeſprochenen erregt hatte, die nicht im Entfernteſten daran dachten, daß der junge Maler ſie belauſcht habe, und ihre Schwäche nun zu ſeinem Vortheil benutze. Der Ausſpruch des ſeltſamen Jünglings, mit dem ſanften Antlitze und den blonden Locken, ſchien den beiden Eral⸗ tirten ein zweiter Gruß des Engel Gabriel's, das Anerbieten deſſelben ein Wink Gottes, und ſo war es Krumm ein Leichtes, ſeine ſchöne Schülerin zu beſtimmen, ſich von dem räthſel⸗ 112 haften Fremden malen zu laſſen. Die Stunden, an welchen Gabriele ſitzen ſollte, wurden beſchloſſen, und dem Maler einſtweilen— da man ihn der Schicklichkeit wegen nicht auf das Schloß logieren konnte— ein freundliches Zimmer auf der Mühle angewieſen, was die Hoffnungen des jungen Mannes freilich ſehr herabſtimmte, der ſich ſchon, wenigſtens für einige Zeit, in die beſtändige Umgebung der ſchönen Gräfin geträumt hatte. Eduard ließ ſeine Pläne indeſſen durch eine fehlgeſchlagene Hoffnung nicht zertrümmern, und ſah, in Erwartung der morgenden erſten Sitzung, das liebliche Mädchen mit klopfendem Herzen ſcheiden.— Kaum war Gabriele und der Paſtor auf verſchiedenen Wegen dem Jüngling aus den Augen verſchwunden, als er, mit den Fingern glackend und mit einem Freudenrufe in die Höhe ſprang. „Ihr Narren!“ rief er aus, und holte den Reſt ſeines Weines hervor, den er ſorgſam vor 113 den Augen der jetzt Verſchwundenen verborgen hatte,„glaubt mehr an Gottesurtheile und himmliſche Zeichen; ihr ſelbſt bereitet euch durch euren Wahnſinn eine Täuſchung, von welcher ich wenigſtens allen möglichen Vortheil ziehen will. Aus unſeren Schwächen entſpringen oft unſere Größen, wie umgekehrt oft unſere Größen zu Schwächen werden, und das Spiel eines einzigen klugen Menſchen, mit euren Schwächen, vermag oft über das Schickſal einer halben Welt zu entſcheiden. Wir ſind ein Spiel von jedem Druck der Luft!“— Dies ſagend, zündete er ſich eine Cigarre an, und folgte der Einladung des eben herangekommenen Wirthes, das für ihn beſtimmte Zimmer in Augenſchein zu neh⸗ men. Es warklein, aber freundlich, und Eduard nahm ſofort von demſelben Beſitz. Die übrige Zeit des Tages wurde dazu verwendet die Um⸗ gegend zu beſehen, und unwillkührlich leiteten den Spazierengehenden ſeine Schritte nach der Ge⸗ gend des Schloſſes Sturmau, aber er gewahrte l. 8 114 nur deſſen Gebäude und Gärten, die holde Be⸗ wohnerin deſſelben blieb ſeinen Blicken verborgen. Der kommende Tag führte ihn endlich auf Sturmau, die Arbeit wurde begonnen; aber ſo freundlich und artig er auch gegen das ſchöne Original war, ſo kalt ſchien daſſelbe gegen ihn zu verharren, und zu des Künſtlers Aerger ſtellte ſich nun auch noch oft in den Arbeitsſtunden der finſtere Paſtor ein, und brachte den Maler durch ſeine Unterhaltungen zur Verzweiflung. Nur ſelten gelang es Eduard, war er mit Ga⸗ brielen und deren Zofe allein, ſie in ein in⸗ tereſſantes Geſpräch zu verwickeln, und auch dann genirte ihn das Kammermädchen; denn da ſein kühnes Beſtreben dahin ging, Gabrielen's Aufmerkſamkeit, ja ihre Neigung zu gewinnen, er aber auch ſchon gleich in den erſten Tagen ein Liebesverhältniß mit der netten Louiſe ange⸗ ſponnen hatte, ſo war ihm dieſe Lage zwiſchen zwei Feuer faſt noch unangenehmer als des Pa⸗ ſtors längſte Predigt. 115 Nichts deſtoweniger ging die Arbeit ihren regelmäßigen Gang fort, und Ebuard verrieth bald in derſelben, daß er trotz ſeiner Jugend, kein unwürdiger Jünger der Kunſt ſey. —— 10. Der engliſche Gruß. „Der Engel des Herrn brachte Mariä die Botſchaft und ſie empfing vom heiligen Geiſte. Ave Maria! Sie ſprach: Sieh', ich bin eine Dienerin des Herrn, mir geſchehe nach deinen Worten. Ave Maria! Und das Wort iſt Fleiſch geworden, und hat unter uns gewohnt. Selig iſt der Leib der es getragen hat, und ſelig ſind die Brüſte die es geſogen haben. „ Ave Maria! Die Arbeit welche Eduard mit großem Kunftfleiße, vielleicht gefliſſentlich auch etwas langſam, ausführte, ſchaffte ihm faſt täglich Ge⸗ legenheit die angebetete Gräfin zu ſehen. Bald hatte der wiederholte Umgang auch die ernſte 117 Zurückhaltung Gabrielen's gemildert, und da der junge Maler ſich beſtändig in den Schran⸗ ken des Anſtandes und der größten Beſcheiden⸗ heit hielt, auch von Tag zu Tage ſchweigſamer wurde, und faſt immer myſteriöſe Reden hören ließ, ſo feſſelte die ſchöne Beſitzerin Sturmau's bald ein gewiſſes Intereſſe an den blonden Jüng⸗ ling. Auch Krumm neigte ſich mit faſt aber⸗ gläubiſcher Verehrung vor dem jungen Künſtler, der, in ſeinen Augen ein Bote des Himmels, mit wunderbarem Zauber die Reize Gabrie⸗ len's auf die Leinwand trug, und ſie ſo ganz in jene Glorie ſetzte, die in dem erhitzten Ge⸗ hirne des Paſtors die geliebte Schülerin umgab. Aber weder Krumm noch Gabriele ſahen ſcharf genug, um hinter Eduard's kaltem Ce⸗ remoniel und abgeſchloſſenem Weſen ein glühen⸗ des Verlangen zu erblicken, das, mit dem Schlei⸗ chen der Schlange, die ihre ſchillernde Haut im hohen Graſe birgt, nur um ſo ſichrer ſein Ziel erreicht. Mählig, aber feſten Schrittes, ging er —— 118 der Erfüllung ſeiner Wünſche entgegen; da bahnte ihm ein unerwarteter Zufall den Weg zu Ga⸗ brielen's Herz. Als ſich nämlich in einer Arbeitsſtunde, in welcher Krumm nicht zugegen war, das Ge⸗ ſpräch auf denſelben gewendet, und das Fräu⸗ lein von der Rode ſich in deſſen Lob erſchöpft hatte; erwähnte ſie auch gegen den jungen Maler, daß in Kurzem des Paſtors Geburtstag anbreche, welches Feſt ſie gerne, aus Dankbarkeit für ihren Freund und Lehrer, mit irgend einer Ueber⸗ raſchung ſchließen möchte. Sie bat ſich dazu Eduards Rath aus, der ihr auch verſprach, auf irgend etwas Paſſendes zu denken. Es war bald gefunden und verabredet. An dem Nachmittage des gedachten Tages vereinigte eine allgemeine Betſtunde die ganze Gemeinde auf Sturmau, und ſelbſt Eduard wohnte derſelben mit Geduld und Reſignation bei. Krumm hhielt eine lange und ſalbungs⸗ reiche, von tauſend Kern- und Bibelſprüchen 119 durchflochtene Rede, in der er bewies: daß die Welt im Argen liegend, ihrem Untergange und dem jüngſten Gerichte mit Sturmſchritten ent⸗ gegengehe, wenn nicht die Liebe Gottes einen neuen Meſſias erwecke.— Ein Tert, auf welchem der Apoſtel der Gemeinde ſeit einiger Zeit beſtän⸗ dig ritt, und der ihn namentlich zur höchſten Begeiſterung hinriß. So kündigte er auch heute mit gewichtigen und feierlichen Worten die An⸗ kunft dieſes neuen Erlöſers an; der, gleich ſeinem erhabenen Vorgänger, von einer Jungfrau ge⸗ boren werden ſollte. Gabriele, zu welcher hingerichtet dieſe Worte des Redners geſprochen wurden, ſaß in tiefem Sinnen verloren, ſchwan⸗ kend, ob ſie den Prophezeihungen ihres Freundes glauben, oder ihre Hoffnung mit der Gemeinde vereinigt, auf irgend eine glücklichere Jungfrau derſelben ſetzen ſollte. Der Gottesdienſt dauerte länger als gewöhnlich, und nach deſſen Ende vereinigte ein frugales Abendeſſen die Glieder der frommen Geſellſchaft. 120 Nachdem daſſelbe vollendet, verbreitete man ſich in allgemeine Geſpräche, und nur Krumm bemerkte, daß ſich Gabriele und der junge Maler heimlich entfernt hatten. Da er aber noch immer in Gedanken ſeine heute gehaltene Rede rekapitulirte, und ſich mehr und mehr in ſeine Prophezeihungen, und die Gründe für die⸗ ſelben verlor, ſo beachtete er für den Augenblick dieſe Entfernung um ſo weniger, und folgte bald darauf der Einladung des jetzigen Schatz⸗ meiſters der Gemeinde und der Gräfin, dem ehemaligen Schneider Ratzler, in einen anſtoßen⸗ den Saal, deſſen Hintergrund durch einen grü⸗ nen Vorhang verborgen wurde. Krumm ſchrack bei dieſem Anblicke aus ſeinen Träumen auf. Sein erſter Gedanke war: ſollte ſich Maria ſo weit vergeſſen haben und ein Theater, dies gottloſe Spiel des Teufels, aufführen laſſen? Aber ſeine Ueberzeugung rief ihm die Unmöglichkeit dieſer gottesläſterlichen That zu. Da begann eine verborgene Muſik 121¹ ein ſanftes Adagio, der Vorhang theilte ſich, und ein Ruf des Staunens drang aus allen Kehlen. Krumm ſtand bewegungslos. Die kleine Bühne zeigte ein alterthümliches aber freundliches Stübchen, an deſſen Fenſter Roſen und Lilien aus weiten Vaſen ſproßten. Vor einem Betpulte kniete, ſanft erröthend die heilige Maria, die zarten Hände andächtig gefalten; ein Gewand von mattem Roſa, fiel faltenreich der glorreichen Jungfrau von den Schultern bis zu den Füßen, maleriſch trappirt, herab, und wurde nur, von einem leichten licht⸗ braunen Ueberwurfe hie und da bedeckt. Ein magiſcher Schein floß um das zauberiſch ſchöne Haupt, welches die edlen Züge der jungen Gräfin trug. Vor ihr, auf einem Wölkchen ſchwebend, neigte ſich in hoher Anmuth, gehüllt in einen himmelblauen Talar, der Engel Gabriel. Von ſeinem Haupte floßen in reicher Fülle die blonden Locken auf die Schultern, ſeine Hand trug, ein Zeichen der frohen Botſchaft, den 122 ſchlanken Lilienſchaft, und ſein blaues Auge blickte mit unendlicher Liebe auf die erröthende Jungfrau herab. Liebliche Engelein ſtreuten Blumen zu den Füßen der Gebenedeiten, und vollendeten das Zauberiſche der ganzen Gruppe, die regungslos ein göttlich ſchönes Bild darbot. Dies Bild, von Eduard auf das Sinn⸗ reichſte angeordnet und zum größten Theile aus⸗ geführt, machte auf die ganze Gemeinde einen tiefen, auf Krumm einen unerlöſchlichen Ein⸗ druck. So gelungen und der Sache entſprechend indeſſen auch der Hintergrund gemalt, und die Lage und Kleidung der Hauptfiguren gewählt waren, ſo gewann daſſelbe dennoch ſeinen vor⸗ züglichſten Reiz durch die himmliſche Schönheit ſeiner Madonna, die in holder Schaam er⸗ röthend, ein Bild der kindlichſten Demuth und Hingebung, erſchien. Was aber ein wunderbares Leben über dieſe regungsloſe Gruppe goß, war der Ausdruck, 123 welcher ſich in den Geſichtern der heiligen Jung⸗ frau und des Engels malten, ein Ausdruck, welchen der größte Maler anzugeben nicht im Stande geweſen wäre, den auszuführen aber alle menſchliche Bemühungen überſtiegen hätte. Nur der hellflammenden Idee des Augenblicks, nur der plötzlich in Gluth auflodernden Leidenſchaft, war es möglich, ſolche ſehnſüchtige Anbetung, gepaart mit einer ſtrahlenden Begeiſterung und einem heiß verlangenden Blicke in die Züge des Engels— ſolche göttlich ſüße, liebeglühende Ver⸗ wirrung in die der Mutterfreuden ahnenden Jungfrau zu legen. Und ſo war es auch geſchehen. Denn als Gabriele und Eduard mit den Kindern, welche die Engel vorſtellten, ihre Plätze einge⸗ nommen hatten, als jene unſichtbare Muſik in ſanften Molltönen begann, als der Duft des Weihrauchs, der aus einem Becken zu Füßen der Jungfrau ſüß betäubend aufſtieg, und mit ſeinem leichten Rauche einen magiſchen Schleier 124 über ſeine Umgebung ausbreitete, als des Lichtes und der wohlgeordnete Farben⸗Glanz wunder⸗ bar angenehm das Auge überraſchte, als endlich von all' dem Sinnenrauſch hingeriſſen, Maria in ſüßem Entzücken aufſchauend den Bucen ihres Engels begegnete— fuhr es wie ein elel triſcher Schlag durch Beider Seele,— ſie wuß⸗ ten daß ſie liebten und wieder geliebt wurden. In dieſem Momente der Seligkeit, der Verwir⸗ rung war es, als ſich der Vorhang theilte, und der ſiaunenden Menge das reizende Tableau zeigte. Nach wenigen Minuten ſchloß ſch der Vor⸗ hang wieder, und die Erſcheinung zitterte nur noch in ungewiſſen Conturen, wie das Bild eines holden Traumes in der Erinnerung der Menge. 11. Der GCrzengel. „Die Teufel läſtern Gott, das Vieh, das acht ihn nicht, Die Menſchen lieben ihn, die Engel ſchaun ſein Licht Stets unverwendet an. Aus dieſem kannſt du kennen, Wen du ſollſt Engel, Menſch Vieh oder Teufel nennen.“ Angelus. Von jenem Abende an hatte ſich manches geändert, vorzüglich aber war Krumm's Be⸗ tragen noch ſonderbarer als früher, ja oft auf⸗ fallend geworden. Er nahte ſich dem jungen Maler nur mit einem Ausdruck der tiefſten Ehr⸗ furcht, die ſogar eine Art heiliger Scheu durch⸗ blicken ließ, und behauptete ein für allemal gegen Gabrielen: jener junge Mann ſey nicht was er ſcheine, ſondern ſeine irdiſche Hülle berge 126 einen Boten Gottes— er ſey in der That der Engel Gabriel, der ſeine Lichtgeſtalt der ſchwa⸗ chen Menſchen wegen verhülle. Schon einmal habe er ſich ja offenbart, denn die Glorie die ſeinen Körper in jenem lebenden Bilde umfloſſen, ſey nicht irdiſch geweſen, und nur ein Bewohner jener göttlichen Regionen könne, wie er damals, ſo ganz Licht, Glanz und Entzücken ſeyn. Ga⸗ briele hörte dieſe Worte ihres verehrten Leh⸗ rers, deſſen Ausſprüche ſie gewöhnt war, als unbedingte Wahrheiten hinzunehmen, mit einer ſtillen Rührung an, die ſich in den letzten Tagen über ihr ganzes Weſen ausgebreitet hatte. Sie ſuchte im Gebet Aufklärung über ihre Lage, Ruhe für ihr Gemüth zu finden, aber je mehr ſie durch anhaltende Religionsübungen ihre Ner⸗ ven anſpannte, deſto mehr nahm ihre innere Aufregung zu, deſto unſicherer ward ihr Zuſtand. Wie die ſchwanke, von jedem Winde bewegte Epheuranke, ſuchte ihre Seele einen Anhaltpunkt und mit der Innigkeit und Feſtigkeit jener Pflanze 122 ſchlang ſie ſich daher um Krumm; der aber nicht fröhlich grünend, ſeine friſchbelaubten Zweige ſegnend über die Erde ſtreckte, ſondern ſich wie ein finſterer Cypreſſenſtamm, dunkel und leblos in gewitterſchwere Lüfte hob, und mit ſeinem Wipfel den drohenden Blitz einzuladen ſchien, der ihn und die zarte Pflanze, die ſich ver⸗ trauensvoll um ihn geſchlungen, zu vernichten drohte. Krumm entſchied unbedingt: jener angeb⸗ liche Maler ſey ein Bote der Gottheit, und ſie, die ſanfte Maria, die eine ewige und uner⸗ forſchliche Weisheit zur neuen Gottesgebärerin erkohren habe, während ihm der Geiſt im Traum offenbart hätte: daß er, als zweiter Joſeph, der Vater zu jenem erwarteten Geiſteskinde ſeyn ſolle. Verglich Gabriele dieſe Ausſprüche ihres ſo hochverehrten Lehrers mit dem Eindrucke, welchen an jenem Abend der Jüngling auf ſie gemacht,— und geſtand ſie ſich, daß er ihr 128 damals ebenfalls nicht ein irdiſches Weſen ge⸗ ſchienen habe— gedachte ſie des ſonderbaren Gefühles, welches ſeit jenem Augenblick ihr Herz zerriß, und ſie mit einem unerklärlichen Drange demſelben entgegen trieb, ſo mußte auch ſie ſich zu jener Meinung neigen. Aber noch war ihre geſunde Vernunft nicht ganz den ſchwärmeriſchen Ideen Krumms er⸗ legen, und ſie konnte daher auch die Zweifel nicht ganz unterdrücken, die ſich ihr unwillkühr⸗ lich über Eduard aufdrängten. Er war ihr lieb geworden, ob Menſch, ob Engel; und ſo fromm ſie war, ſo hoch ſie eine göttliche Sen⸗ dung entzückt haben würde, ſo regte ſich doch leiſe in ihrem Herzen der Wunſch, Eduard möge zu ihresgleichen gehören. Getrieben von dieſen Zweifeln, hoffte Ga⸗ briele von dem Jünglinge ſelbſt die beſte Aus⸗ kunft erhalten zu können, ob er ein Erden⸗ oder ein Himmelsbürger ſey. Doch hielt ſie mäd⸗ chenhafte Schüchternheit und die Scheu: ſich 129 allenfalls lächerlich zu machen, von dieſer direkten Frage zurück, und ſie verſuchte nun aus Eduard die Erzählung ſeiner bisherigen Schickſale zu ziehen, von welchen ſie vollen Aufſchluß er⸗ wartete. Aber der junge Maler, der ſeit der letzten Zeit, auf dem Schloß wohnte, ſollte auf dieſe Frage vorbereitet werden. An einem heiteren Morgen nämlich, an welchem Gabriele ihren gewöhnlichen Spazier⸗ gang nach der Mühle eingeſchlagen hatte, ſaß Eduard in einer der Lauben des weitläufigen Schloßgartens. Auf ſeinem Schooße wiegte er Luiſe, der Gräfin nettes Kammermädchen, und Beide fütterten ſich unter Lachen und Scherzen mit den friſchen Kirſchen, die in einem reinlichen Körbchen vor ihnen auf dem Tiſche ſtanden. „Nimm, tolle Seele!“ rief der junge Maler lachend, und hielt eine prächtige Frucht über des Mädchens Haupt, doch ſo, daß ſie ſich mit dem Kopfe weit zurückbeugen mußte, um die Kirſchen I. 9 e* 145 zu haſchen. Luiſe mühte ſich umſonſt, denn näherte ſie Mund oder Hand dem verſprochenen Gegenſtande, ſo zog der loſe Jüngling ihn ſchnell zurück. In dem leichten Kampfe nun, der hier⸗ durch hervorgerufen wurde, lösten ſich die Locken der Kleinen auf, und fielen wie ein Schleier über Ed uards Geſicht, ſo daß er, die Bewe⸗ gungen Luiſens nicht mehr ſehend, das Spiel verlor, und das Mädchen bald die Frucht gewann. „Jetzt aber, laſſen Sie mich los!“ rief ſie, ſprang von des Malers Schvoß herab und ſuchte ihre Haare ſo viel als möglich zu ordnen.„Denn wenn die Gräfin unerwartet zurückkäme und mich ſo zerſtört fände, was würde ſie denken. Und erſt gar von Ihnen!“ Dieſe letzteren Worte begleitete ein ſchallendes Gelächter. „Nun was reizt denn bei dieſem Gedanken Ihre Lachmuskeln ſo ſehr, Luischen?“ „Das will ich Ihnen ſagen. Mich hält Gabriele im Stillen immer für etwas profan; aber Sie.. 131 Hier brach die Sprecherin in neues Lachen aus. „Nun, aber was iſt denn an mir zu lachen, mich hält ſie, wenn ich mich nicht ſehr täuſche, für irgend einen göttlichen Boten, und...“ „Richtig gerathen, Herr Eduard, aber für was für einen Boten?“ „Ja, wie kann ich das wiſſen, glauben Sie, ich hätte eine Phantaſie à la Krumm?— à propos von dem Paſtor zu reden, ſagen Sie mir einmal offen, Schätzchen, iſt der Mann nicht wirklich verrückt?“ „Allerdings, mein Herr, bis jetzt verrückt, und ich glaube recht bald toll!“ „War er denn von jeher ſo?“ „Bewahre; er war im Anfang als er auf Sturmau kam— der ſelige Herr Graf lebten damals noch— ein ganz vernünftiger Mann, nur finſter und ſchwärmeriſch. Wie oft warnte ich meine Gebieterin vor ihm, aber ſie hörte mich nicht, und nun——“ „Nun?“ 9* 132 „Nun haben die überſpannten Ideen bei dem Paſtor ſo überhand genommen, daß er wirk⸗ lich öfter Spuren der Verrücktheit zeigt, und leider haben ſeine Ideen einen ſolchen Einfluß auf die Gräfin, daß ich— Gott verzeihe mir meine Sünde— fürchte, ſie ſchnappt auch noch über.“ „Sie übertreiben, Herzchen. Was den Pa⸗ ſtor betrifft, gebe ich Ihnen recht; aber Ga⸗ briele— nein, ſie läßt ſich zwar von dem frömmelnden Weſen und den Krummiſchen Ieen auf verkehrte Wege reißen; aber ihr Herz und Verſtand iſt noch geſund.“ „Nicht ſo ganz wie Sie denken, mein kluger Herr!“ entgegnete ſchnippiſch die Zofe. „Was glauben Sie denn für wen ſie Ihre hohe Perſon hält?“ „Nun für einen Engel, will ich zur Be⸗ friedigung meiner Eigenliebe hoffen!“ „Ja, aber was für einen Engel?“— rief lachend Luiſe. „Nun?“ 133 „Für Gabriel, den Erzengel!“ „Wie!“ rief bei dieſem Worte der Maler, und ergriff des Mädchens Hand,„ſcherzen Sie, oder iſt das Geſagte Ihr Ernſt?“ „Mein völliger Ernſt. Seit ſie den Erzengel ſo allerliebſt dargeſtellt haben— und es iſt wahr, Sie ſahen allerliebſt aus—“ unterbrach ſich erröthend die Zofe. „Wirklich?“ rief Cduard und zog dabei die Sprecherin näher.„Gefiel ich Dir?“ „Ach hier iſt ja von der Gräfin die Rede.— Seit jener Zeit iſt der Paſtor und Gabriele überzeugt, Sie ſeyen wirklich der Erzengel Ga⸗ briel und wären abgeſandt... „Nun wozu?“ Um „Nun?“ „Ach es iſt gar zu abgeſchmackt.“ „Sag es nur heraus, Täubchen, und gib mir einen Kuß darauf ſo iſt die albernſte Rede verſüßt.“ 134 „Um ihr als Maria anzukündigen, daß...“ „Bravo!“ rief hier der junge Mann,„für dieſe köſtliche Nachricht folgt der Lohn auf der Stelle“ Und damit brückte er Luiſen einen flammenden Kuß auf die Lippen. Das Mädchen machte ſich ſträubend los und rief ſchmollend: „Für dieſe Unart ſage ich Ihnen auch nun das Weitere nicht!“ „Himmliſche!“ rief Eduard,„zürne mir nicht. Hier bin ich bereit, meinen Kuß zurück⸗ zunehmen: aber fahre in Deiner Erzählung fort.“ „So?“ entgegnete Jene,„ich ſoll Sie nun wohl gar ſelbſt küſſen?— Nein, mein Herr, daraus wird nichts.“ „Nun verſchwören Sie ſich nur nicht... aber zur Sache.“ „Eigentlich ſollte ich Ihnen nun nichts mehr ſagen.“ „Laſſen Sie ſich erweichen.“ „Nun denn, des Lachens wegen. Denken 135 Sie ſich, Krumm hält ſich für den heiligen Jo⸗ ſeph, Gabriele für Maria, Sie, wie geſagt, für den Erzengel, und hofft auf einen neuen Meſſias!“ „Und Gabriele?“ „Hat der Paſtor ſo lange beſchwätzt, bis ſie es auch zu glauben anfing. Heute, während der Zeit ihres Sitzens, will ſie Sie nach ihrer Vergangenheit fragen, um ſich ſelbſt zu über⸗ zeugen, ob Sie ein Engel oder....“ In dieſem Augenblick ſah man durch eine Oeffnung der Laube, Gabrielen den Schloß⸗ berg heraufſteigen. Luiſe ſprang auf, um fort⸗ zueilen; Eduard umſchlang ſie noch einmal gewandt und küßte ſie, dann entfernten ſich Beide auf verſchiedenen Wegen.— Zur beſtimmten Stunde trat der junge Maler in das Zimmer der Gräfin. Er war ernſter und zurückhaltender als je, und eine Würde, die mit der Offenheit ſeines Geſichtes contraſtirte, hatte ſich über ſeine Züge ausge⸗ goſſen. Die Arbeit begann unter beiderſeitigem 136 Schweigen. Nach einiger Zeit ertheilte Gabriele ihrem Kammermädchen einen Auftrag, der daſſelbe 6 auf längere Zeit aus dem Zimmer entfernen mußte, fiel aber ſodann in ihr Schweigen zu⸗ rück. Nach Verlauf einer kleinen Viertelſtunde, einer Zeit, unter welcher Gabrielens Buſen, durch heftiges Wogen den innern Kampf ver⸗ rathen hatte, begann ſie endlich mit unſichrer Stimme: „Aber, Herr Eduard, Sie ſind nun ſchon ſo lange auf Sturmau, und haben uns noch immer Ihren Familiennamen nicht geſagt. Ge⸗ wiß knüpfen ſich an denſelben intereſſante Erinne⸗ rungen Ihres jungen Künſtlerlebens.“ „Hohe Jungfrau!“ entgegnete mit feierlicher Stimme der Angeredete.„Mein Name iſt ein Räthſel für alle irdiſche Ohren; nur Sie Ma⸗ ria, ſollen ihn erfahren, wenn ich meine Sen⸗ dung erſt vollzogen habe.“ „Ihre Sendung?“ wiederholte die Ange⸗ redete bebend. n 137 „Ja!— die Zeit iſt gekommen, daß ich ſie vollende; denn mit dem letzten Pinſelſtrich an dieſem Gemälde, dem ewigen Denkmal Ihrer jungfräulichen Schönheit,— kehre ich heim zu meinem Vater.“ „Und dieſe Sendung?“ „Mit dem Glockenſchlag der zehnten Nacht⸗ ſtunde erwarten Sie mich in Ihrem Zimmer, in die Gewänder gehüllt, die Sie als Maria in jenem Bilde trugen, welches ein Wink des ewigen Schickſals war, und Sie ſollen ſie vernehmen.“ Gabriele bebte und ſtammelte leiſe: „Ich erwarte Sie!“— Luiſe trat ein. Nach wenigen Minuten verabſchiedete ſich der Maler ſchweigend, und weder er, noch die junge Gräfin war im Laufe des Tages zu ſehen. Als um zehn Uhr des Nachts Alles ſchlief, trat mit leiſen Schritten der Erzengel Ga⸗ briel in Mariens Schlafgemach. —— 12. „Allein, allein!— und ſo will ich geneſen? Allein, allein!— und das der Wildniß Segen? Allein, allein!— o Gott, ein einzig Weſen, Um dieſes Haupt an ſeine Bruſt zu legen“ Freiligrath. Der Drang der Begebenheiten hat uns, ſeit Oskar's Abreiſe aus dem väterlichen Hauſe, in raſchem Fluge mehrere Monate fort⸗ geriſſen. Ein Zeitraum, in welchem ſich die ſonſt ſo freundlichen Ausſichten des jungen Barons mächtig getrübt, ſo daß ſein Seelenauge finſter über die weiten Wüſten flog, die ſich vor ſeinem Blicke in die Zukunft ſo dürr und hoffnungsarm dehnten. 139 Sein männlicher Entſchluß: ſelbſtſtändig zu werden, und durch eigene Verdienſte ſich die Achtung der Welt und einen ehrenvollen Poſten in derſelben zu erwerben, hatte er ſofort aus⸗ zuführen geſucht. Aber wie die Seeküſte dem Coloniſten, der nach ſtürmiſcher Fahrt dem lang⸗ erſehnten Lande naht, aus täuſchender Ferne reich grünende paradieſiſche Geſtade zu zeigen ſcheint, ſich mit der mähligen Näherung in ſchroffe, nackte Steinmaſſen wandelt, über welche nur Cactushecken und die ſtachlichten Alvepflanzen ſich ausbreiten; ſo mußte auch Oskar manche Erwartung getäuſcht, manche Bemühung fehl⸗ ſchlagen ſehen. Während ſeine Erziehung und ſein Stand ihm auf der einen Seite manche Wege zur Er⸗ reichung ſeines Zweckes abſchnitten, die ihm, bürgerlich erzogen und dazu vorbereitet, eine ganz angenehme Eriſtenz hätten ſchaffen können, gingen ihm auf der anderen Seite wieder die Mittel und Conectionen ab, welche ſelbſt der 140 Höhergeſtellte ſo unumgänglich bedarf, um ſich über die Spiegelfläche des diplomatiſchen Lebens zu heben und über dieſer unſicheren Tiefe zu erhalten. Seine Bemühungen um eine Anſtel⸗ lung waren vergeblich; ſeine Kenntniſſe, ſo ausge⸗ breitet ſie waren, für ein gelehrtes Fach zu wenig gründlich, und ſo blieb ihm endlich kein anderer Ausweg übrig, als nach dem Degen zu greifen. Aber der Frühling des Jahres 1840 bot, außer den Kriegen in den Barbareskenſtaaten, der kampf⸗ und ehrgierigen Jugend wenig Sieges⸗ hoffnungen dar, und da Oskar bei Freunden oft genug Gelegenheit gehabt hatte, den Militär⸗ 6 n 5„ dienſt in Friedenszeiten von ſeinen vielen Schatten⸗ ſeiten kennen zu lernen, und ſein volles, vom Zorn des Vaters und der Trennung von der Liebe zerdrücktes Herz ſich ſehnte, unter einem thatenreichen Leben die Schmerzen zu vergeſſen, die es nicht ausſprechen durfte; ſo entſchloß er ſich kurz in Afrika ſein Glück,— wenigſtens ſeine Seelenruhe,— zu ſuchen. Dies Vorhaben 141 gedieh in Straßburg zur völligen Reife, indem er durch Vermittlung eines ſeiner Freunde, deſſen Va⸗ ter in jener Feſte Kommandirender war, Empfeh⸗ lungsſchreiben an Marſchall Vallé empfing, und ſo die Reiſe mit der begründeten Hoffnung auf eine angenehme Stellung antreten konnte. Auſſer⸗ dem war ſeinem gekränkten Kindes⸗ und Ehr⸗ gefühl die größtmöglichſte Entfernung erwünſcht, und ſo riß er ſich gewaltſam von dem Vater⸗ lande los, das bald mit allem was er liebte und ſchäzte, weit hinter ihm liegen ſollte.— Einen Monat ſpäter ſchwellte ein friſcher Nordwind die Segel des Dampfſchiffes„Tri⸗ colore,“ welche daſſelbe, ſeine Schnelligkeit noch zu befördern, wie die weißen Flügel des Schwanes ſtolz ausgeſpannt hatte, und trieb es der Küſte Algieriens zu. Die finſtere Nacht war einem herrlichen Morgen gewichen; kühle Lüfte hatten jede Spur des Nebels zerſtreut und die Nachricht man nahe ſich dem Ziele! alle Paſſagiere auf das Verdeck 142 gerufen. Auch Oskar fand ſich ein, und rich⸗ tete, die Arme gekreuzt, und mit dem Rücken wider aufgethürmte Ballen gelehnt, die trüben Blicke nach der angedeuteten Gegend. Wie ſchlug das Herz, wie pochte der Buſen eines Jeden in unruhiger Erwartung, den Ort ſeiner Beſtimmung zu ſehen. Hoffnungen und Beſorgniſſe kreuzten ſich in der gefolterten Seele, und eine eiſerne Fauſt ſchien ihm das Herz zu packen, und mit teufliſcher Gewalt krampfhaft zuſammen zu preſſen. Weit— weit hinter ihm lag ſein geliebtes Deutſchland, aus welchem ihm manche freundlichen Erinnerungen, wie leicht geflügelte Elfen, nachgezogen waren, und in dem er ein Weſen zurückließ, an dem ſein Herz— an deſſen Beſitz ſein Glück hing. Jetzt hob ſich in Oſten die Sonne aus dem Schooße des Meeres, und goß in langen Strah⸗ len ihr glühendes Gold über das Vorgebirge und die Bai von Sidi Ferruch. Es war ein erhabener, ein göttlicher Anblick, welchen 143 das Staunen aller Zuſchauer ſchweigend pries. Ein lauter Jubelruf der franzöſiſchen Matroſen weckte die Menge aus ihren Träumen; die Söhne der großen Nation hatten Torre chicca, den Landungsplatz der franzöſiſchen Erpedition unter Bourmont, freudig begrüßt. Bald verſcheuchte ein lautes Fragen und Erzählen die feierliche Stille, die wenige Minuten vorher auf dem Verdecke geherrſcht hatte. Mit der ihnen eigenen Geläufigkeit, und unterſtützt durch ihre rege Einbildungskraft, berichteten die Fran⸗ zoſen, deren einige jener Landung beigewohnt, die Eroberung dieſes für die Geſchichte Algiers ſo bedeutungsvollen Punktes. Kriegeriſche Scenen wurden mit Begeiſterung geſchildert, und den Paſſagieren aus der Entfernung die Schanzen gezeigt, in welchen die arabiſchen Strandbatterien aufgepflanzt waren, die das Feuer der Dampf⸗ ſchiffe bald demontirt hatten, worauf alsdann die Landung bewerkſtelligt werden konnte. Raſch folgten nun die intereſſanteſten Punkte auf einander, und zogen wie bunte Bilder, an den Augen der neuen Ankömmlinge vorüber. Jetzt ſprang Ponte peſcada, die äußerſte nordweſtliche Spitze der Halbinſel hervor. Meh⸗ rere fernſegelnde Schiffe, welche von Algier kamen, oder dahin gingen, ſo wie die in dieſer Gegend kreuzenden Kriegsſchiffe zeigten ſich allmählig, und einzelne weiße Landhäuſer, freundlich aus dem ſie umſchattenden Grün hervorblickend, verriethen der immer höher klopfenden Bruſt die Nähe der Stadt, in deren Mauern ſich ſo manches Schick⸗ ſal für immer entſcheiden ſollte. Da machte das Schiff eine raſche Wendung und vor den Augen der Erwartenden lag Algier;— Algier — das ſo lange der Schrecken der Seefahrer— Algier— in welchem ſo manches unruhige Herz ſein Eldorado ſuchte!— Wie eine zerriſſene weiße Steinmaſſe, dehnte es ſich in der weiten Entfernung, aus welcher man die einzelnen Theile noch nicht unterſcheiden konnte, erſt als ſich der„Tricolore“ allmählig näherte, wurden ———— — ———— aus den weißen Quadern teraſſenförmig ſich immer deutlicher geſtaltende Häuſer⸗Reihen, aus welchen bald die Moſcheen mit ihren ſchlanken Minarets, und der in der Frühſonne blinkende Halbmond ſich erkennen ließen. Rechts über der Stadt thronte auf einem Berge ein weißes geräumiges Gebäude, nach und nach zeigten ſich die Landhäuſer der fremden Conſuln in den Bergen hervorblickend. Die Stadt ſelbſt aber überragte, wie eine Mauer⸗ krone, die Caſauba, der ehemalige Sitz des Dey, und auf den Bergen in Oſten erglänzte das Fort de l'Empereur. Auf allen dieſen Punkten begrüßten das Schiff die dreifarbigen Fahnen der Juliusrevo⸗ lution, und bekundeten durch ihr fröhliches Wehen, daß keine Seeräuber mehr ihr unmenſch⸗ liches Weſen hier trieben, ſondern die Regierung einer mächtigen Nation ihren Wohnſitz daſelbſt aufgeſchlagen, und Civiliſativn, Geſetze und Kul⸗ tur eingeführt habe. II. 10 Kaum iſt es möglich die Gefühle auszu⸗ drücken, welche bei dem Anblick aller dieſer Gegen⸗ ſtünde Oskar beſtürmten. Einen Angenblick hatte ſie der Reiz des überraſchend ſchönen An⸗ blickes betäubt, aber die nächſte Minute ſah ſie mit doppelter Gewalt erwachen. Mit dem erſten Schritt auf jenen Boden dehnte ſich ein Meer zwiſchen ihn und alles was er liebte, neue Ver⸗ hältniſſe— ob glücklich, ob trübe, wer konnte es wiſſen?— nahmen ihn auf; fremde Menſchen blickten ihn kalt an— und— nicht einmal die Liebe eines Vaters begleitete ihn in dieſes wilde Treiben, nicht eine frohe Hoffnung wagte er an Roſa's Bild zu knüpfen.— Eine innere Stimme rief ihn warnend zurück, und die braunen und ſchwarzen Geſichter, aus den Kähnen die jetzt das Schiff mit Lebensmitteln umtanzten, hervorgrinzend, ſchienen ihm teuf⸗ liſche Fratzen, warnende Geſpenſter einer fin⸗ ſteren Zukunft. Aergerlich über ſeine Aufregung ging er mit 147 großen Schritten auf dem Verdecke auf und ab, und ſuchte in dem Anblicke neuer Gegenſtände eine heilſame Zerſtreuung. Erſt nach zwei Tagen durften die Paſſa⸗ giere das feſte Land betreten. Die engen Straßen, welche zum Theil nicht Raum für zwei neben einander Gehende bieten, die vielen Häuſer, die noch aus den Mauriſchen Zeiten herrührend, nur wenige und enge Fenſter nach der Straße wenden; das Gemiſch von Tür⸗ ken, Mauren, Beduinen, Negern, Juden, Mal⸗ theſern und Europäern, welche ſich geräuſchvoll durch jene ſchmalen Gäßchen drängen; die Dun⸗ kelheit der Straßen ſelbſt, der Schmutz, der durch die Maſſe der Kameele, Maulthiere und Pferde nicht wenig vergrößert wird,— alles dies war nicht geeignet, den ungünſtigen Eindruck zu zer⸗ ſtören, welchen Algier auf Oskar gemacht hatte, ſondern vermehrte nur noch den Trieb und Wunſch deſſelben, die Hauptſtadt ſobald als möglich zu verlaſſen, um an den Grenzen der 10 148 Provinz, dem gefährlichen Spiele des Krieges vertrauend, ſich entweder einen ehrenvollen Na⸗ men und Stand zu erringen, oder ſeine Bruſt muthig der Kugel darzubieten, die alle Stürme derſelben mit Einmal zum Schweigen bringen ſollte. 13. Der Araber. „Wär' Mitleid für mich Armen In einem Menſchenherzen, So wollt' ich eifrig flehen: O ſtehe du mir bei, du reine Seele!“ Wohl würde ſie erbarmen Sich meiner großen Schmerzen, Wenn nur ſie könnte ſehen Wie ſehr in tiefem Kummer ich mich auäle. „Ich Armer,“ ſprach ich,„hoffe Noch auf der Menſchen Güte.“ Doch zweifelt mein Gemüthe; Denn ſolch' ein Leid betrübte Noch keinen, der da liebte.“ Campanaecei. Es war an einem Abende, wie deſſen ſich ſelbſt die Tropenländer ſelten zu erfreuen haben, als der Lieutenant Oskar von Hohenſtein vor einem Blockhauſe unweit Moſtaganem ſaß. Die kleine Mannſchaft, die er befehligte, 150 vertrieb ſich in dem Innern der Schanze die Zeit durch Spiel und Geplauder, während die Schildwachen mit gleichmäßigem Schritte auf und ab gingen. Ein alter Feigenbaum, um deſſen knorrigen Stamm wilder Weinſtock ſeine Zweige ſchlang, breitete ſeine ſchattigen Aeſte über den Jüngling, der tief ſinnend vor ſich hinblickte und in die Betrachtung einer Natur verloren ſchien, die an dieſem Orte die ganze Fülle ihrer Schönheit, die volle Ueppigkeit ihrer Kräfte zu verſchwenden ſchien, die ſie den ausgedehnten Steppen der Umgegend entzog. Vor den Blicken des Offiziers dehnte ſich ein kleines Thal, in welchem ſich das Laub der indiſchen Feige mit dem der hundertjährigen Eichen, das freundliche Grün des Zitronenbaums mit den Blättern des Johannisbrodſtrauches miſchten, während Granatäpfel in hochrothem Scheine mit den prachtvollen Blüthen rieſiger Cac⸗ tusſtauden durch das dunkele Laubwerk blickten, 151 und die Blüthen ſchlanker Pfirſichſtämme, von einem leichten Winde geſchüttelt, wie duftige Flocken herniederfielen. Zu ſeiner Rechten wiegte die friſche Abendluft die ſchweren Blüthenſtängel einer zwanzig Fuß hohen Aloe und unzählige Meerzwiebel deckten mit ihren Blumen⸗Dolten, gleich einem herrlich bunten Teppiche, den Boden. Wie flötete aus ihrem kühlen Verſtecke die Nachtigall ihr ſüßes Lied, wie jubelten auf all' den Zweigen tauſend Vögel, wie girrte die Tur⸗ teltaube in froher Luſt ſo liebestrunken. Dort huſchte eine Kette Feldhühner unter die Sträuche, hier ſtrich ein Faſan wie ein gol⸗ dener Blitz durch das dunkele Grün, während mächtige Adler ſich in der dunkelblauen Höhe auf ausgebreiteten Fittigen wiegten. Und durch all' dieſe Herrlichkeit fuhren wie Feuerfunken tauſende von leuchtenden Inſekten und gaben dem ganzen Bilde einen feenartigen Zauber. Oskar hatte in Dely Ibrahim ſchon manch' ſolche Nacht verlebt, aber die übervolle 152 Pracht dieſer ercentriſchen Natur hatte ihn auf's Neue zu tiefer Bewunderung hingeriſſen, und von dem ſüßen Hauche, den Millionen Kelche wie ein Opfer zu dem Throne des Höchſten ſandten, berauſcht, träumte er ſich in Armidas Gärten, deren ſchattige Gänge er an der Hand einer lieben Geſtalt durchwanderte. Sein ganzes Leben zog an ſeiner Seele vorüber, das Bild ſeines Vaters und ſeiner Geliebten ſtieg aus den Nebeln der Vergangen⸗ heit auf; aber alle ihre Strahlen concentrirten ſich 3 auf das Letztere, bis es hell und leuchtend, wie der Stern der Venus, vor ihm ſtand. Wie durchbebte ihn der Gedanke an ſie, wie zitterte leidenſchaftliche Liebe durch alle Saiten ſeiner Seele und entlockten ihr, gleich dem erſterbenden Hauche des Abendwindes, der durch die Aeols⸗ harfe führt, tiefe, ſchmerzliche Seufzer. Die Sehnſucht nach der Geliebten, nach der Heimath, wälzte eine Centnerlaſt auf ſeine Bruſt, und preßte ſie krampfhaft, bis kalte Todesangſt ſeine 153 Glieder ſchüttelte. Er ſprang auf und ging dem Blockhauſe entlang. Wie der freundliche Abend der Nacht ge⸗ wichen war, ſo folgte eine namenloſe Schwer⸗ muth auf die gemüthlichen Betrachtungen, welche Oskar noch vor Kurzem beſchäftigt hatten. Sein Zuſtand war ihm unerträglich, er hätte mit dem Fluge der Gedanken über die Länder und Meere ſtürmen mögen, die ihn von Roſa trennten; er verwünſchte ſein Unglück, ſein Miß⸗ geſchick; er ſehnte ſich nach Kampf und Todes⸗ gefahr und mit einer unwillkührlichen Bewegung nach ſeinen Piſtolen blickte er wild auf, als wolle er eine Welt herausfordern. Da traf ſein Auge auf eine düſtere Geſtalt, die bewegungs⸗ los neben ihm ſtand und ihn ruhig betrachtete. Oskar bebte zurück, denn er glaubte im erſten Augenblicke eine nächtliche Erſcheinung zu ſehen. Es war ein kleiner, ſchlanker Mann, ſein ziemlich weißes Geſicht umſchloß ein ſchwar⸗ zer Bart und ein langer Schnurrbart hob das 154 Feuer ſeiner Augen, die in wunderbarem Glanze funkelten. Seine Kleidung beſtand in einem weißen Haikh, über welchen ein brauner kameelhaarener Bernuß fiel. Die ganze Geſtalt aber trug einen Ausdruck von Würde und Hoheit, der dem über⸗ raſchten Deutſchen Ehrfurcht gebot. Als Oskar in dem Unbeweglichen einen Araber erkannte, zog er raſch die Piſtole aus ſeinem Gürtel und hielt die Mündung derſelben auf die Bruſt des Feindes. Jener aber verlor ſeine Ruhe nicht, ſchweigend winkte er dem jungen Krieger ſeine Waffe zu ſenken und ſprach in tiefem, faſt ge⸗ bietendem Tone:„Ich bin unbewaffnet und fürchte daher keinen bewaffneten Franzoſen.“— Unwillkührlich, halb von Scham, halb von Stolz getrieben, gehorchte Oskar dem Winke, ohné indeſſen die geſpannte Waffe in Ruhe zu ſetzen, da er ſeit ſeinem kurzen Aufenthalte in der Colonie ſich oft und genügend von der Liſt und Falſchheit der Araber überzeugt hatte. Sein erſter Gedanke war, den Poſten wieder zu 155 gewinnen, von dem er etwa fünfzig Schritte entfernt war, und von welchem die Feinde viel⸗ leicht ſeine Aufmerkſamkeit ablenken wollten, oder doch denſelben durch einen Schuß zu warnen; da ihm aber ein Rückzug als Feigheit hätte aus⸗ gelegt werden können, entſchloß er ſich zu letz⸗ terem; aber noch ehe er den Arm gehoben, hatte der Araber ſeine Hand auf denſelben gelegt und hielt ſie ruhig aber mit faſt übermenſchlicher Kraft feſt. „Schießt nicht, junger Mann,“ ſagte er in milderem Tone. Ich bin allein und kein feind⸗ licher Zweck führt mich hierher. Ich ging durch den Garten Allahs und ſtärkte meine Seele in der Betrachtung ſeiner Werke, und ſiehe den Sirokko der Leidenſchaft, der verſengend über ſie hinfuhr, wandelte ſein Wille in die erquickenden Lüfte eines heiteren Abends.“ Die Ruhe, mit welcher dieſe Worte ge⸗ ſprochen wurden, der ſeelenvolle Ton der Stimme, die würdevolle Haltung des Fremden, alles 156 dies flößte Oskar Vertrauen ein, und ſich ſeiner raſchen Bewegung halb ſchämend, ſagte er ge⸗ laſſen: „Ich traue Deinem Worte. Aber gehe zurüͤck, woher Du gekommen; denn meine Pflicht widerſpricht meinem guten Willen für Dich.“ „Es ſey. Aber ehe ich gehe noch eine Frage. Drückt Dich ein Kummer?“ „Das iſt meine Sache!“ entgegnete finſter der Angeredete. „Und die Deines Mitmenſchen. Der große Prophet, deſſen Name gelobt ſey, befiehlt: die Leidenden zu tröſten. Du ſcheinſt gebeugt unter der Laſt des Kummers, Dein Schmerz bäumte ſich wie ein unbändiges Roß; aber ſchwinge Dich auf daſſelbe, zügle es mit der Gewalt Deiner Lende,— den Gram mit dem uner⸗ ſchütterlichen Vertrauen auf Allah, und Deine Seele wird gleich dem Thiere ſich der Macht des Willens fügen und ruhig werden. Dies Wort gab Dir Dein Bruder in einer Friedens⸗ 157 ſtunde. Wir ſehen uns wieder in wildem Kampfe und dann grüßen ſich die Flammenzeugen un⸗ ſerer Klingen. Bis zu dieſer Zeit möge Allah Dich ſchützen.“ Dies ſprechend, wandte ſich der Mann und verſchwand im nahen Dickicht. Oskar ſah ihm lange nach. Die kurze Unterredung hatte ihn ergriffen und einen ſon⸗ derbaren, einen tiefen Eindruck auf ihn ge⸗ macht. Er ging zu dem Blockhauſe zurück, ließ ſeine Leute unter das Gewehr treten und empfahl ihnen doppelte Wachſamkeit an. Die Nacht verging ruhig. Acht Tage darauf bedrohte die ganze Ca⸗ vallerie Abd⸗el⸗Kader's die Garniſon von Moſtaganem bei einem Zuge derſelben nach den Abhängen der Kette des kleinen Atlas, um die Strecke von Kalah bis nach Mascara zu decken. Bei dieſer Gelegenheit griffen die Reiter von Ben⸗Thamy, unter dem Befehl K 158 des großen Emirs, den General Lamoricieère an. Dieſer vertheidigte ſich tapfer und erfocht einen nicht unwichtigen Sieg, den er indeſſen mit vielen Todten und noch mehr Verwundeten erkaufen mußte. Unter den letzteren befand ſich auch ein Offizier, welcher ſich namentlich aus⸗ gezeichnet hatte: es war der Lieutenant Oskar von Hohenſtein. Als Lamoricisre dieſe Nachricht empfing, eilte er, den Verwundeten ſelbſt außzuſuchen. Oskar lag auf einer Bahre, bleich und ent— ſtellt, den Kopf umwanden blutige Tücher. Der General warf dem Militärarzte, wel⸗ cher um den jungen Mann beſchäftigt war, einen fragenden Blick zu, den Jener mit einem zweideutigen Achſelzucken beantwortete. Da faßte der alte Krieger mitleidsvoll die Hand des bleichen Jünglings, beugte ſich über denſelben und frug mit leiſer Stimme: „Wie fühlen Sie ſich, mein Lieutenant?“ Der Verwundete öffnete halb die matten 159 Augen, ſah groß und wirr ſeinen Obern an und lispelte: „Ich hab' ihn wieder erkannt; ſein Flam⸗ menauge geſehen.— Abd⸗el⸗Kader hielt Wort!“ Und hiermit ſank er bewußtlos zurück. — 2— 14. Roran und Pibel. Chriſt. Guten Tag, Alter. Marabout. Gleichfalls; ich wußte nie von einem ſchlim⸗ men Tage. — Chriſt. Mein Gruß war, daß es Dir wohlgehe. Marabout. Es hat mir immer wohlgegangen. Chriſt. Nun, ſo ſey glücklich! denn ich begreife Deine hohen Worte nicht. 161 Marabout. Ich weiß auch nicht, daß ich jemals un— glücklich geweſen bin. ns Chriſt Dabei erhalte Dich Gott; erkläre Dich aber deutlicher. Marabout. Sehr gerne. Du wünſcheſt mir einen guten Tag; kann aber wohl ein Tag böſe ſeyn, den Gott ſchickt? In Froſt und Hitze, in Hunger und Durſt habe ich den zu loben, deſſen Wille hiemit geſchieht. Dann wünſcheſt Du, es ſolle mir wohlgehen. Geht es aber nicht dem wohl, der mit Gott übereinſtimmt und nur von ihm Alles erwartet? Endlich wünſchteſt Du, ich ſolle glücklich ſeyn. Das bin ich; denn ich ſuche Gott ähnlich zu werden in dem Mangel aller Bedürfniſſe, und behalte mir kein Wollen vor, als das von Gottes Willen abhängt. 6hriſt. Wie aber, wenn Gott Dich verwürfe? i 11 162 Marabout. Er kann nicht. Ich umfaſſe ihn mit den Armen demüthiger Liebe und hohen Glaubens. Mittelſt ihrer bin ich mit Gott unaufhörlich verbunden; wo er iſt, werde ich mit ihm ſeyn. Mit Gott lieber in der tiefſten Tiefe, als ohne ihn auf dem höchſten Gipfel. Chriſt. Woher biſt Du? Marabout. Ich komme von Gott, lebe in ihm und gehe wieder zu Gott. Chriſt. Wo fandeſt Du die Gottheit? Marabout. Wo ich alles, was Geſchöpf iſt, verließ. Chriſt. Und wo wohnt Gott? Marabout. In einem reinen Herzen und in einem bereiten Willen. Chriſt. Wer aber biſt Du? 163 Marabout. Ein König. Chriſt. Wo iſt Dein Reich? Marabout. Meine Seele iſt's, deren Herrſchaft mir von Gott dazu anvertraut ward, daß weder ihre innern noch äußern Sinne umherſchweifen. Chriſt. Und die Regeln, nach denen Du regierſt? Marabout. Sind: Schweigen, Gebet, Geduld, Ge⸗ horſam. Chriſt. Dein höchſter Zweck? Marabout. In nichts ruhen, was nicht Gott iſt. Chriſt. Und Deine Krone? Marabout. Ruhe der Seele!—— —— 14 15. Birmandrais. „Und wie empor an blauen Himmelshöhen Mit meiner Kraft zugleich die Sonne ſchwebt, Und weit hinweg die dunkeln Wolken wehen, Die dort das Licht, wie mich das Leid, umwebt, Läßt ſich auch mir die Welt von neuem ſehen, Wie einſt ihr Bild in meiner Bruſt gelebt; Die Strahlen, die, mir lang verſchleiert, ſchliefen, Erwachen hell, in ihren heil'gen Tiefen. Schulze. Eine halbe Stunde vor Algier, in der Gegend des Thores Babelount, liegt das Hoſpi⸗ tal La Salp etrière. Hier hatte der verwun⸗ dete Lieutenant Hohenſtein eine längere Zeit unter den Händen der Chirurgen und Aerzte zugebracht; denn ſeine Kopfwunde war ſehr bedeutend geweſen. Ein heftiges Fieber, welches 165 ſich in Folge derſelben eingeſtellt, und ihm die Beſſerung geraubt, führte ihm in wilden Phan⸗ taſien die wunderbarſten Bilder vor. Bald ſah er ſeinen Vater zürnend an ihm vorüberſchreiten und ſeiner Roſa Leben bedro⸗ hen; bald führte jener Araber, den er auf dem Blockhauſe geſehen, und im Kampfe an der Spitze der Seinen wieder erkannt hatte, ihm die Geliebte zu, und hob, die glühenden Augen auf ihn gerichtet, ſeine Hand bedeutungsvoll gegen den Himmel, indem ſeine Lippen den Namen Allah auszuſprechen ſchienen, als ſey bei dieſem allein das Mittel zur Wiedervereinigung mit der Er⸗ ſehnten zu finden. Allmählig aber legte ſich das Fieber, und ſein beſchwichtigter Geiſt fiel nun in eine Ab⸗ ſpannung zurück, welche in den erſten Tagen einer völligen Lethargie glich. Dieſe Windſtille auf dem oft ſo bewegten Meere ſeines innern Menſchen war für Oskar eine Wohlthat. Alle Erinnerungen der Vergangenheit ſchienen 166 vergeſſen, und der Leidende fühlte ſeit langer Zeit zum erſtenmale eine Seelenruhe, nach der er ſo lange gerungen. Aber dieſe Stille war trügeriſch, und mit dem Zunehmen ſeiner Kräfte kehrten die alten Stürme in ſein Herz zurück. Dazu kam noch, daß er, unfähig zu jeder Be⸗ ſchäftigung, den beunruhigenden Gedanken völ⸗ lig zum Raube gegeben war, und ihm ſein Arzt ſelbſt jede Lektüre vorenthielt. Wenn er nun, theils von Schmerzen ge⸗ foltert, theils in kraftloſer Ermattung dalag, ſo zog wohl das Bild jenes abenteuerlichen Arabers an ſeiner Seele vorüber, und die wenigen Worte des außerordentlichen Mannes, die einen ſo tiefen Eindruck auf Oskar gemacht, reizten ihn wohl zu tieferem Nachſinnen.„Zügle deinen Kummer durch ein unerſchütterliches Vertrauen auf Allah!“ hatte jener geſagt, und der Chriſt mußte ſich geſtehen, daß ihm der Muhamedaner damit eine Lehre gegeben habe, die ihn erröthen machte. Er folgte der Ideenreihe, die ſich von 267 jenem Gedanken ausſpann, und ſeine Seele wandte ſich dem Ewigen zu. Da ward in ihm der Wunſch rege, einmal wieder einen Blick in die Bibel zu werfen; er bat den Wärter darum, und erhielt von demſelben ein ſchön gebundenes neues Teſtament, welches ein Deutſcher, der unter ſeinen Händen geſtorben, ihm hinterlaſſen. Oskar ſchlug es mit matten Händen auf. Seine Blicke fielen auf das erſte weiße Blatt. Wenige Worte waren darauf geſchrieben, und die Zierlichkeit der Handſchrift ließ vermuthen, daß ſie aus der Feder eines weiblichen Weſens gefloſſen ſeyen. Er las: „Du biſt viel zu klein, gemeines Leben, für die Troſtloſigkeit eines Unſterblichen. Auf dieſer, aus tauſendjähriger Aſche gegründeten Kugel, unter dieſen Erdengewittern aus Nebel, in dieſer Wehklage eines Traumes iſt es eine Schande, daß der Seufzer nur mit ſeiner Bruſt erſtirbt und nicht eher, und die Zähre nur mit ihrem Auge.“ 168 Er hatte genug geleſen. In ſtillem Sinnen ſank er zurück, und eine neue Welt entfaltete ſich vor ſeiner Seele. Erſt den kommenden Tag verlangte er das neue Teſtament wieder. Von nun an las er oft und viel in demſelben; aber wie ihn auch die Lehren des göttlichen Meiſters entzückten, ſo ekelten ihn jetzt— wie früher— die grauen Mährchen der Wunder an. Unter ſolchen Beſchäftigungen war Oskar ſo weit geneſen, daß er La Salpetridre ver⸗ laſſen konnte, und nun, für den Dienſt noch unfähig, bezog er auf den Rath ſeines Arztes ein freundliches Landhats, in der zwei Stunden von Algier entfernten Gegend von Birmandrais. Das Haus lag in einem romantiſchen Thäl⸗ chen, auf einem ſanften Hügel, welchen eine gewaltige Hecke von cactus opuntia umſchloß. Gegen Oſten grenzte die Ausſicht an die Straße, welche den Hügeln entlang zu dem ſogenannten kleinen Kaffeehaus führte, im Norden zog ein 169 dichtes Buſchwerk auf einem ſteilen Berge bis an die Marken von Cabaki, und von dort in ein enges Thälchen niederſteigend, und nach Südweſt ſich wendend, ſtieg es bis zu der Woh⸗ nung unſeres Freundes herab. Gegen Süden machte die Straße nach Tirrain die Grenze Zwiſchen dem Landhauſe und Cabaki aber hob ſich ein anderer Hügel, auf welchem das Grab⸗ mal eines Marabout thronte, um das ſich ein dichtes Wäldchen von Silbertannen, Erdbeer⸗, Feigen⸗ und wilden Olivenbäumen ſchloß. Der Hüter dieſes Grabes war ein alter Maure, der arm und beſcheiden ſich ſeinen nothdürftigen Unterhalt durch die Anfertigung von Pfeifen⸗ köpfen gewann, welche er aus einer rothen Erde bereitete, und dieſe Arbeit friſtete ſein beſchau— liches Leben. Oskar hatte ſich bald näher an dieſen Einſiedler angeſchloſſen, und genoß in ſeinem Umgange manch' angenehme Stunde. Er frug den Alten über die Lehren des Korans, und dies — gab ihm Gelegenheit, ſein Studium der Bibel, welches er im Hoſpitale,— ein zweiter Loyola— begonnen, fortzuſetzen, und mit den heiligen Büchern beider Religionen vergleichend zu ver⸗ fahren. Da ihm aber in dem Teſtamente ſo manches ſtörend entgegentrat, ſo entſchloß er ſich endlich, die Sache ſich dadurch zu erleichtern, daß er aus jenem Buche einen Auszug machte, welcher das Weſentliche der chriſtlichen Religion — die erhabenen Lehren Jeſu— rein wiedergab, und in welchem er alle jene wunderlichen Schnör⸗ kel einer überreizten Phantaſie, jene mißverſtan⸗ denen Thatſachen, mit dem Lichte der Vernunft beleuchtete, und einfach, nach den Regeln der geſünden Vernunft, erzählte. Und wie ſeine Arbeit wuchs, und ſeine Kräfte zunahmen, erheiterte ſich auch ſeine Seele, denn ſo manches, was ihm bisher noch dunkel, ward ihm nun klar, und Oskar ſah deutlicher ein als je, daß das wahre Chriſtenthum, unabhängig vom Glauben an die — 171 Wundererzählungen der Schrift, ein⸗ zig in der ſelbſtbewußten Auffaſſung und thätigen Ausübung der Lehren des Meiſters beſtehe. Die wenigen Wochen zu Birmandrais hatten ihn geiſtig und körperlich geneſen laſſen. Zu gleicher Zeit aber fühlte er, daß ſeine Stel⸗ lung in der afrikaniſchen Armee ihm nicht ge⸗ nügen konnte. Er hatte ſo Manches anders gefunden als er gehofft, und ſelbſt für die Ehre, die er zu erringen gedacht, ſchien ihm der Boden Algieriens nicht geeignet. Eine namenloſe Sehnſucht zog ihn nach dem Vaterlande zurück, und ſo machte er Anſtalten, ſeinem friedlichen Aufenthalte Lebewohl zu ſagen, um in Algier ſeine Entlaſſung zu bewirken, und heimzukehren nach dem geliebten Deutſchland. 16. Das Wiederſehen. „Dein Blick iſt mir bekannt, Und deine edlen Züge Erinnern mich an meiner Heimath Land.“ Herder. Die Jugend iſt raſch in ihren Entwürfen und kühn in ihren Hoffnungen, das praktiſche Leben aber, zögernd den gewohnten Gang gehend, iſt ihr eine unerträgliche Schule. Oskar's Entlaſſung verzog ſich zu ſeinem Aerger ungewöhnlich lang, und der Aufenthalt in Algier wurde ihm dadurch nur noch wider⸗ licher; zumal da er in der düſtern Stadt ganz allein ſtand. War die Hitze nicht zu unerträg⸗ lich, ſo ging er wohl von Zeit zu Zeit mit dem 173 Tagesanbruch aus den Thoren und beſuchte ſeinen Freund in Birmandrais. Aber auch dieſe Abwechslung war ihm ſelten gegönnt, da er, der Erſchütterung des Kopfes wegen, nicht reiten durfte, und das Gehen nach jenem Orte ihn zu ſehr erhitzte. Seine Kameraden lagen außerhalb in Gar⸗ niſon, und ſo war er lediglich, wollte er ſich zerſtreuen, auf den Beſuch der Kaffeehäuſer und des Theaters beſchränkt. In letzteres ging er aber um ſo ſeltener, als ihm die kühlen Abende, im Freien zugebracht, die größte Erholung nach der erſtickenden Hitze des Tages waren. Glück⸗ licherweiſe gewährte ihm das Haus, in welchem er wohnte, und das früher einem reichen Türken angehört hatte, einigen Schutz gegen die Un— annehmlichkeiten des ungewohnten ſüdlichen Klima's. Das Gebäude bildete ein regelmäßiges Viereck und erhob ſich in zwei Stockwerken, einen ſchönen mit Marmor gepflaſterten Hof einſchließend, in welchem ſich, außer zwei tiefen 174 Ciſternen, ein kunſtvoll gearbeiteter Springbrun⸗ nen zeigte. Eine gewundene breite Treppe, eben⸗ falls von Marmor, führte aus demſelben nach einer bedeckten Gallerie, welche das ganze obere Stockwerk umſchloß, in welchem Oskar ſeine Zimmer hatte. Auch dieſe waren von der gleichen Steinart, wie Hof und Treppe, und empfingen ihr Licht von der Gallerie; indem, den eindrin⸗ genden Sonnenſtrahlen zu wehren, nur ein einziges kleines Fenſter nach der Straße ging. Durch dieſe Einrichtung erhielt ſich die Tempe⸗ ratur in den, natürlich nicht hellen Gemächern, wenigſtens in einer erträglichen Höhe. Erſt nach dem Untergang der Sonne durfte Oskar ſich in die Luft wagen, und er ſchlug alsdann gewöhnlich den Weg nach dem großen Ererzier⸗ platze in der Vorſtadt Babelount ein, in welchem ſich, bei der abwechſelnden Muſik zweier Regimenter, Algiers ſchöne Welt zu verſammeln pflegte. Lieber aber noch als dieſer Spaziergang 175 war ihm das platte Dach ſeines Hauſes. Oft ſaß er dort, wenn der Abend angebrochen, und ließ, umſpült von kühlen Seelüften, ſeinen Ge⸗ danken freien Lauf. Die Augen ſchweiften als⸗ dann über einen Theil der Stadt, die ſich in immer niederern Terraſſen vor ihm ausdehnte, und ihre letzten Mauerreihen in dem Schaum des Meeres badete; oder glitten ſeine Blicke über den unermeßlichen Ocean, der ſich rieſig aus⸗ dehnte zwiſchen ihm und der Heimath, und welchen dennoch der Gedanke mit der Schnelle des Blitzes überflog. Endlich brach der Tag an, der ihm ſeine Entlaſſung überbrachte. Sie war von einem freundlichen Schreiben ſeines frühern Chefs, des Generals Lamoricisre, und der Ernennung zum Grade eines Kapitäns begleitet. Eine angenehmere Ueberraſchung hätte den jungen Baron nicht treffen können, und namentlich freuten ihn dabei die wahrhaft väterlichen Zeilen ſeines Generals. 176 Alles wurde nun zur Ueberfahrt bereitet, denn in vier und zwanzig Stunden ſollte ein franzöſiſches Boot, welches nach Havre de Grace ging, ihn Europa wieder zuführen. Den letzten Abend benutzte Oskar noch einmal, den Exercierplatz zu beſuchen. Die Sonne war bereits untergegangen, und die Alleen des Platzes hatten ſich mit Spa⸗ ziergängern jeden Geſchlechtes und Alters gefüllt. Kaum möchte es aber möglich ſeyn, einen Ort zu finden, an welchem eine ſolche Menge ver⸗ ſchiedener Nationen ihre Trachten und Sprachen ſo bunt miſchten als hier. Neben dem feinen und gewandten Franzoſen, der, leicht auf die Lehne des Stuhles geſtützt, auf welchem ſeine in allem Glanz einer Pariſerin ſtrahlende Dame Platz genommen hat, dieſelbe mit heiterer Laune unterhält, zeigt ſich eine Gruppe ernſter Mauren in ihrer nationellen Tracht. Ihre vollen und weißen Geſichter contraſtiren ſcharf mit den dunkeln und magern Kabylen, zwiſchen welchen 177 ſich ein Haufen franzöſiſcher Offiziere in ihren glänzenden Uniformen durchdrängt. Hier ſchreitet, würdevoll, in ſeinen ſeidenen Kaftan gehüllt und mit dem koſtbaren Turbane geſchmückt, ein reicher Türke dahin; dort zeigt der wohlgebaute Araber ſeinen olivenfarbenen Teint; deutſche Auswan⸗ derer, in den Colonien der Umgegend ein ver⸗ ſprochenes Glück ſuchend, was ſie nie finden, ziehen, den Kopf mit mächtigen⸗ Strohhüten be⸗ deckt, vorüber. Aus den neuen Kaffeehäuſern ſchaut die civiliſirte Jugend auf die ſchmutzigen Kulugli herab, die ihre Kameele mühſam durch das Gedränge führen. Da haben ſich Juden gruppirt und beſprechen mit Eifer einen Handel, während an ihrer Seite eine Maurin ſteht, die ſorgfältig ihre Reize unter einem Mantel von feinem Wollenzeuge, der den ganzen Körper eng verhüllt, und die ſelbſt ihre Züge unter einem Schleier deckt, welcher einzig zwei feurige Augen gewahren läßt. Hier ſtiebt eine Heerde wilder Araberbuben auseinander und eine Jüdin, II. 12 178 von ihrer Dienerin gefolgt, miſcht ſich in die Menge. Ueber ein Hemde von Gaze trägt ſie weiße, ſeidene Hoſen, auf welche eine Tunika fällt, und ein ſeidenes Miederchen, welches nur ganz ſchmal unter den Brüſten und Schulter⸗ blättern ſchließt Waden und Füße, welch letere ſaffianlederne Pantoffeln mit Goldſtickereien zie⸗ ren, ſind nackt, ſo wie die vollen Arme. Die rabenſchwarzen Haare, mit Corallen⸗ oder Per⸗ lenſchnüren geflochten, tragen ein, von durch⸗ brochener Silberarbeit, verfertigtes Thürmchen, von welchem ein reich mit Gold oder Silber durch⸗ wirkter Schleier bis zu den Füßen herabfließt. Aus allen dieſen ſo verſchiedenartigen Er⸗ ſcheinungen webt ſich auf dem großen Exerzier⸗ platze eine ſummende Maſſe zuſammen, welche ſich bewegt und kreuzt, zerſtreut und ſammelt, und die der Schall der kriegeriſchen Regiments⸗ muſiken, welche die neueſten Stücke aus Paris hören laſſen, größtentheils auf einem Punkte wieder concentrirt. 179 Oskar hatte ſich dieſen Anblick noch einmal verſchaffen wollen, und ſchlenderte gemächlich und beobachtend in der äußerſten Allre dahin, als ſeine Aufmerkſamkeit plötzlich von dem Ge⸗ wirre der Maſſe abgezogen und auf eine Gruppe geleitet wurde, welche durch ihr wildes Schreich kund gab, daß ſie in Streitigkeit gerathen war. Der Kapitän trat näher und ſah mehrere deutſche Auswanderer, die ſich mit zwei Kulugli zankten, von welchen ſie forderten: daß ſie, der Abſprache und des Akkordes nach, noch heute ſie und die mitgebrachten Habſeligkeiten auf ihren Kameelen nach der Kolonie Dely Ibrahim ſchaffen mußten, wogegen ſich die Kameeltreiber aber laut und eifrig vertheidigten. Da der Zank nicht enden wollte, trat Oskar zu ihnen, und ſuchte ſeine Landsleute durch Vernunftgründe zu be⸗ ſchwichtigen; wie ſtaunte er aber, als ſein Auge unter denſelben ein Geſicht entdeckte, welches ihm bekannt war, ohne daß er ſich erinnern konnte, wo er es geſehen. 125 180 6e war ein langer, hagerer Mann. Die markirten, obwohl gealterten Züge ſeines Ge⸗ icus verriethen, daß er einem höheren Stande als dem ſeiner bäuriſchen Gefährten angehört haben mußte, doch trug er mit ihnen eine gleiche P in die er ſich indeſſen nur ungeſchickt finden konnte. Während ſeine Kameraden auf deutſche Art zankten und fluchten, ſtand er ruhig und gelaſſen, und ſein Auge glitt kalt über die tumultuariſche Menge. Oskar's Bemühungen führten bald eine friedliche Uebereinkunft zwiſchen den ſtreitenden Theilen herbei, und nun wandte er ſich zu jenem Manne mit dem bekannten Geſichte. Er frug ihn freundlich, aber der Angeredete antwortete kalt und kurz mit einem faſt fremden Accente: daß er den Herrn Kapitän nicht kenne. Hohenſtein, der ihm freundlich, ja herzlich ent⸗ gegengekommen war, fand ſich durch deſſen Kälte einigermaßen gekränkt, entſchuldigte ſich, und ſetzte ſeinen Spaziergang ſchweigend fort. 181 Das Geſchehene war bald vergeſſen, um ſo mehr, da nur ein Hauptgedanke Oskar's Seele beſchäftigte, und dieſer war: Bald ſiehſt du der Heimath Berge wieder! Nach zwei Tagen ſtach das Schiff, welches Oskar trug, in die hohe See. Der Kapitän hatte der Barbareskenſtadt ſein letztes freudiges Lebewohl zugewinkt, und ſie war allmählig aus ſeinen Blicken entſchwunden; aber nicht die mannigfaltigen Erinnerungen des dort Er⸗ lebten. Und als er die bunten Bilder noch ein⸗ mal durchlief, ſiehe da tauchte ihm auch das Geſicht jenes Auswanderers wieder auf, das ihm ſo bekannt geweſen, und wie ein Blitz zuckte es durch ſeinen Geiſt, und er rief: „Es war Lord Caſtelcaunt!“ 17. Die Tiedersdorf. „Wenn du der Liebe Gottes vergiſſeſt, vergiſſeſt du deiner ſelbſt; denn die Liebe Gottes iſt dein Leben, o Sterblicher; ſie iſt das Band der Kräfte deines Kopfes und deines Herzens, und die Auflöſung die⸗ ſes heiligen Bandes deiner Quelle iſt die Quelle ihrer Zerrüttung, und ihre Zerrüttung gebieret die Sünde, die dich tödtet. O Menſch! darum hüte der Quelle deines Lebens, und des Bandes deiner edelſten Kräfte, und liebe Gott, der dich ja mit ſo unendlicher Liebe umſchließt.“ Peſtalozzi. In dem Hohenſteiniſchen Hauſe zu Mann⸗ heim hatte ſich in den letzten Monaten nichts verändert. Mathilde wagte noch einmal, den alten Baron vor einem Schritte zu warnen, der ihn 183 ſpäter reuen, ſeinen einzigen Sohn aber ſo hart treffen mußte. Indeſſen waren ihre Bemühungen vergeb⸗ lich; denn die Baroneſſe war ſo klug geweſen, den kleinen Reſt väterlicher Neigung nach und nach gänzlich zu erſticken, und als der alte Herr noch aus zweiter Hand erfuhr: Oskar ſey nach Algier gegangen, war er vollends gegen denſelben empört und ſtellte dieſen Ent⸗ ſchluß, den er unbegrenzten Leichtſinn nannte, als den Beweis dar, wie Recht er habe, dieſen WMenſchen, der es nicht ſcheue, mit dem Aus⸗ bund aller europäiſchen Staaten Gemeinſchaft z machen, ein ſauer erworbenes Vermögen zu entziehen. Was helfen Vernunftgründe, was liebe⸗ volles Ermahnen gegen Eigenſinn und leiden⸗ ſchaftliche Vorurtheile?— Eher magſt du des WMeeres Tiefen ergründen, eher dem Lauf der Sonne gebieten, als du jene Söhne der Finſter⸗ niß beſiegſt. 184 Die ſämmtlichen Punkte des Hohenſteini⸗ ſchen Teſtamentes zu Gunſten der Baroneſſe von Liedersdorf waren bereits ſtipulirt, als dem gerichtlichen Abſchluſſe ein Ereigniß zuvor⸗ kam, welches alle Verhältniſſe änderte. Dieſe Erbſchaft war nämlich die Haupt⸗ triebfeder, welche den Bruder Mathias an die Baroneſſe feſſelte, konnte er die alte Dame bewegen, aus ein oder der andern Urſache, ſich mit ihr in den Schvoß der Krummiſchen Gemeinde zu flüchten, und hier, der Welt ent⸗ ſagend, das einſt zu Erbende an jene Geſellſchaft zu vermachen, ſo war ihm, laut Ratzler's letztem Schreiben, eine ehrenvolle Exiſtenz unter derſelben geſichert. Die letzte Hoffnung ſeines verkümmerten Lebens hing alſo von der Errei⸗ chung dieſes Zweckes ab, und Mathias ſchlang ſich daher mit hundert Polypenarmen um die Seele des Fräuleins. Die Wichtigkeit der Auf⸗ gabe ſchärfte ſeinen Verſtand, der ängſtlich um⸗ hertaſtete, um ein Mittel zu finden, durch welches 185 er ſein Opfer der Erde entheben und in den Abgrund des Verderbens ziehen konnte. Bald hatte er ihre ſchwache Seite entdeckt. Es war die Angſt vor einem unerbittlichen, ſtrengen Richter, und dieſe Schwäche benutzend, erſchreckte er ihre bange Seele mit den furchtbarſten Bil⸗ dern eines zornigen Gottes. Gleich einem hungrigen Geier ſchwebte er auf den ausge⸗ breiteten Fittigen einer ſchwärmeriſchen Phan⸗ taſie in der nebelgrauen Höhe myſtiſcher Reli⸗ gioſität; ſein Auge ſchoß gierige Blicke auf die ſtillgraſende Heerde, bis es ein verirrtes Schaf gewahrte,— da ſtürzt er pfeilſchnell herab, ſchlägt die ſcharfen Klauen ſeiner Verdammungs⸗ urtheile in den Nacken des betäubten Thieres, und reißt das ſich mattſträubende mit in die ſchwin⸗ delnde Höhe; über Felſen, über Klippen ſchießt er dahin, bis unter ihm ein unabſehbarer Abgrund gähnt, da öffnet er die bluttriefenden Fänge, hinab ſtürzt das Opfer, und triumphirend ver⸗ zehrt der Räuber ſeine unglückliche Beute. 4⁸5 Die Baroneſſe hatte in Mathias Umgang einen Haltpunkt für ihre ſchwankenden Meinun⸗ gen,— Troſt und Beruhigung geſucht, und ward durch ihn nicht nur in ihrer Furcht be— ſtätigt, ſondern dieſelbe wurde ſogar bis zur höchſt möglichen Höhe geſteigert, ſo daß ſie ſich oft wahrer Todesangſt und Verzweiflung hin⸗ gegeben ſah; denn nun wurde die geringſte Schwäche und Sünde in ihren Augen zur un⸗ verzeihlichen Schuld. Dieſe Seelenfolter nahm aber noch zu, wenn ſie gewahrte, daß ſie trotz allem Beten nicht beſſer wurde, und daß die alten, eingeroſteten Fehler nicht zu überwinden ſeyen. „Du biſt ewig verdammt!“ tönte es ihr beſtändig in den Ohren,„jeder Tag mehrt deine Schuld, und bürdet dir eine neue Qual der Ewigkeit auf.“ Mathias ſchürte dieſes Feuer mit allen Zornſprüchen der Bibel, und er, der vorgab, an Krumm's Stelle eine neue, rein chriſtliche —————————— ——————————————— 187 Lehre verbreiten zu wollen, wandelte die Aus⸗ ſprüche des unerreichbar herrlichen Meiſters, ſein hohes Troſteswort, welches den zornigen Gott Iſraels in einen liebenden Vater umſchuf, in finſtere Drohungen. „Der Tag des Herrn iſt nahe!“— rief er der bebenden Schülerin zu,„und dieſer Tag iſt ein Tag des Grimms, ein Tag der Trübſal und der Angſt, ein Tag des Wetters und des Ungeſtüms, ein Tag der Finſterniß und des Jammers.“* Oder er ſagte mit hohler Stimme: Und es wird eine Zeit kommen, da Sonne und Mond ihren Schein verlieren, und die Sterne vom Himmel fallen. Und alsdann wird der Menſchenſohn er⸗ ſcheinen, und heulen werden alle Ge⸗ ſchlechter auf Erden; und er wird kom⸗ men unvermuthet, und wird die Sünder * Zephanja 1. V. 14 und 15 188 zerſchmettern und ſie ſtoßen dahin, wo Heulen und Zähnklappern iſt Bebend und zerknirſcht flehte ihn dann die ſonſt ſo ſtolze Dame um einen Rath an, und Mathias unterließ nicht ihr anzuempfehlen, ſich mit ihm in den Schooß der heiligen Gemeinde zu begeben. Er war dabei klug genug, nichts von ihren Vermögensumſtänden zu erwähnen, und noch weniger die Hoffnung zu zeigen, welche er auf den einſtigen Gewinn ihres Nachlaſſes zu Gunſten der Gemeinde ſetzte. Die Baro⸗ neſſe hatte ſich zu ſeiner Freude auch hiezu ent⸗ ſchloſſen, und wollte nur noch, auf Math ias beſonderes Anrathen, die gerichtliche Beglaubi⸗ gung des Teſtamentes abwarten, um ſodann mit ihrem Rathgeber nach Württemberg abzureiſen. Aber zu gleicher Zeit hatte ſich ihrer eine ſo düſtere Melancholie bemächtigt, daß ſie oft Tage lang in ihrem Zimmer eingeſchloſſen blieb, und Niemand als Mathias vor ſich ließ. Da * Matthäi 24. V. 29. 50 u. 31. ——————————— brachte ihr eines Tages der Letztere eine Bro⸗ ſchüre:„Das jüngſte Gericht,“ und bat ſie, dieſelbe zu leſen. Die Baroneſſe that es. Es war ſchon ſpät am Abend, als ſie jenen pietiſtiſchen Unſinn von der Rache Gottes, die auch nicht die kleinſte Sünde ohne die ſchreck⸗ lichſten Strafen vergebe, vollendet hatte. Lange ſaß ſie regungslos und geiſterbleich auf dem Sopha, dann erhob ſie ſich und warf einen Shwal um, und verließ ohne Kopfbedeckung raſchen Schrittes das Haus. Den andern Morgen fand das Dienſt⸗ mädchen ihre Zimmer offen und das Bett un⸗ berührt; aber die Stieftochter des Barons war nicht zu ſehen. Auf dem Fußboden lag jene Broſchüre. Die Nachricht lief wie ein Lauffeuer durch das Haus, und drang ſelbſt bis zu den Ohren des Barons. Man kam; aber Niemand konnte Auskunft geben. Da indeſſen die Son⸗ derbarkeiten der Baroneſſe ſchon öfter an's Un⸗ glaubliche geſtreift hatten, ſo legte man dieſem 190 Verſchwinden auch wieder eine ſolche Laune unter, und erwartete geduldig ihre Heimkunft. Den Nachmittag, zur gewöhnlichen Stunde, kam Bruder Mathias, und war ſo über⸗ raſcht von der Freundin Verſchwinden, als es die Hausgenoſſen derſelben über Mathias Betheurung:„daß er nicht das Geringſte von ihr wiſſe,“ waten. Mathias verſprach Alles aufzubieten, um ſie zu finden, und wollte eben die Wohnung verlaſſen, als mehrere Männer, von einer Polizeiwache begleitet, eine Bahre brachten, auf welcher, unter einem weißen Tuche, ein Körper zu liegen ſchien. Mathias blieb wie eingewurzelt ſtehen, und ſah— als man das Tuch hob— in das ſtarre, aufgedunſene Geſicht der Vermißten. Die Baroneſſe von Liedersdorf hatte ſich, in Folge der Verzweiflung an der Gnade Gottes, in den Rhein geſtürzt und ertränkt. Mathias verſchwand und zeigte ſich nie wieder. — 0— —.—————— ——————— Das Geſtändniß. „Fließ hinab mein ſtilles Leben, Hier iſt nicht das Thal der Ruh Trüb und ſchleichend zitterſt du, WVon Cypreſſennacht umgeben, Deinem Waſſerfalle zu. Fließ, o fließ hinab mein Leben, Wo die Segnungen der Ruh Um ein ſtilleres Ufer ſchweben. Fließ, o fließ hinab mein Leben, Dort! wie ſtill! was zögerſt du?“ Tiedge. Der Eindruck, welchen dieß Ereigniß auf den Baron gemacht, läßt ſich kaum beſchrei⸗ ben. Das Mitleid über das ſo traurige als unerwartete Ende ſeiner Stieftochter wurde von den gewöhnlichen Ideen über das Entehrende 192 des Selbſtmordes getrübt. Die Scham, eine ſo Unwürdige dem Sohne vorgezogen zu haben, kämpften mit dem Zorne gegen den Sohn. Der Unwille über den öffentlichen Wandel miſchte ſich mit dem Aerger über die fatalen Gerüchte, welche in Folge dieſer Geſchichte in der Stadt umliefen, und die den Namen der Baroneſſe immer neben dem des Bruder Mathias nannten, kurz tauſend Gefühle be⸗ ſtürmten den Buſen des alten Hohenſtein mit ſolcher Macht, daß er den Kopf völlig ver⸗ lor, und auf Sohn und Tochter, Stadt und Welt fluchte und ſchimpfte. Seinen höchſten Grimm erregte aber die Erinnerung an Ma⸗ thias, den heimtückiſchen Schleicher, den from⸗ men Schurken— wie er ihn im Zorne nannte der die Unglückliche durch ſeine Dummheiten zur Kopfhängerei verführt, und ſie bis zu die⸗ ſem entſetzlichen Mordgedanken gebracht habe. Die erſten Tage verlebte der alte Herr in einer ſo furchtbaren Aufregung, daß Niemand mit ihm umzugehen vermochte, und man für die Erhaltung ſeiner Geſundheit ſehr bange war. Roſa— oder vielmehr Mathilde, wie ſich dieſelbe ja in dem Hohenſteiniſchen Hauſe nannte— beobachtete ihn mit ſcharfem Auge, ſorgte aufmerkſam für alle ſeine Bedürfniſſe, vermied aber dabei ſo viel als möglich jedes Geſpräch, ja jede nähere Berührung, um dem aufgeregten Elemente ſeines Zornes keine neue Nahrung zu geben. Die Zeit, dieſer alle Schmerzen lindernde Balſam, wirkte endlich auch auf das Gemüth des Barons, ſein Zorn legte ſich, und an deſſen Stelle trat finſterer Unmuth, der beinahe in Menſchenhaß ausartete. Selbſt Mathilden's Geſellſchaft ſchien ihm gleichgültig, und nur in einer unausgeſetzten und anſtrengenden Arbeit ſuchte er Sun 3 und Zerſtreuung. Mathilde beſorgte vor wie nach mit Sorgfalt und Fleiß die häuslichen Angelegen⸗ heiten im Hohenſteiniſchen Hauſe, und II. 13 194 verlor dabei keinen Augenblick ihren Haupt⸗ zweck,— eine Ausſöhnung zwiſchen Vater und Sohn herbeizuführen— aus den Augen. Ihre Beredtſamkeit haͤtte ſie zu dieſem Behufe ſchon öfter, aber leider immer ohne Erfolg, angewandt, und ſo ſann ſie nun auf neue Mittel, um das Herz des Vaters zu erweichen. Ihre größte Hoffnung aber ſetzte ſie auf das traurige Ereigniß mit Oskar's Stieſſchweſter, welches, wie ſie dachte, den Baron um ſo eher dem Sohne wieder zufüͤhren würde, als der alte Herr nun keine nahen Anverwandte mehr hatte, denen er auf Koſten des Kindes ſein Vermögen vermachen konnte. Wenn ſich jetzt Oskar dem Vater nur zeigte, dachte ſie oft, dann würde ſich ſo man⸗ ches aufklären, und den unnatürlichen Zorn des Vaters möchte wohl ein einzig freundliches Wort des Sohnes zerſtreuen. Wie bereit war ſie, ihr eigenes Glück der Ruhe und Zufrieden⸗ heit des Geliebten zu opfern; aber ſie malte ſich 405 in ihrer Phantaſie alle dieſe Pläne vergeblich aus; Oskar erſchien nicht; ja nicht einmal eine Zeile von ihm beurkundete dem Vater ſei⸗ nen Aufenthalt und ſeine Verhältniſſe. Das Teſtament war jedenfalls vernichtet, und ſo hatte, da man mit Beſtimmtheit vor⸗ ausſetzen konnte, daß der Baron nun keine weitern Schritte zur Enterbung thun würde— Mathilde nur noch eine Annäherung der beiden Verwandten herbeizuführen. Sie ſann und ſann auf Mittel, aber ver⸗ gebens. Sie ſchob dem Baron Bücher zu, welche über ähnliche Fälle handelten, und woraus er entweder die traurigen Folgen oder das Ge⸗ häſſige eines ſo unnatürlichen Verfahrens er⸗ kennen konnte, aber ſobald er die Tendenz derſelben gewahrte, ſchlug er ſie zu, ohne ein Wort über den Gegenſtand zu verlieren und blickte ſie nicht wieder an. Da fand Mathilde einſt, bei dem Aus⸗ räumen eines Schrankes, die Jugendgarderobe 185 196 ihres Oskar's. Als ſie die niedlichen Klei⸗ dungsſtücke, welche zärtliche Mutterliebe vor langen Jahren aufbewahrt, in den Händen hielt, und dachte, wie weit das ſonſt ſo ge⸗ liebte Kind nun von dem väterlichen Unwillen vertrieben, wie unglücklich es vielleicht ſey— und daß gerade ſie ſelbſt, wenn auch willenlos, dieſes feindliche Verhältniß herbeigeführt habe— da traten Thränen der Wehmuth und der Sehn⸗ ſucht, der Liebe und des Mitleidens in ihre ſchönen Augen. Und warum ſie verbergen dieſe Thränen der Wehmuth? ſind dieſe Flügelkleidchen nicht einſt die Hülle geweſen, in der wir oder ein geliebter Gegenſtand ſeine unſchuldigen Tage verlebt und genoſſen; ſind ſie nicht, wie getrock⸗ nete und gepreßte Blüthen, Erinnerungen aus einem verwehten Frühling, die wir in dem Stammbuche des Lebens verwahrten, deſſen Blätter ſo voll geſchrieben find voll Namen und Gedächtniſſen an Schmerzen und Freuden, 197 und die auch ſo manches Kreuz zeigen. Waren ſie nicht die Puppe, aus welcher der junge Schmetterling hervorbrach, der vielleicht in hei⸗ terer Luſt nach dem Lichte fliegend, längſt die bunten Falter verbrannt hat, und nun hoff⸗ nungslos am Boden kriecht; oder ein Raub roher und verderbter Hände, ſeinen Leichtſinn und ſeine Unvorſichtigkeit beklagend, an den ſtechenden Schmerzen der Reue ſtarb?— Schäme dich nicht, menſchliches Herz, einer ſolchen Rüh⸗ rung; aber erbebe vor dir ſelbſt, wenn du ſolcher nicht mehr fähig biſt, und zu kalt dabei und zu leer. Als Mathilde ihrer vollen und gemar⸗ terten Bruſt, die nur im Verborgenen ſeufzen und klagen durfte, durch einen Thränenſtrom Luft gemacht hatte, und eben im Begriffe war, die Reliquien aus Oskar's erſten Kinderjahren — ſie hatte einen kleinen Raub daran began⸗ gen— wieder an die alte Stelle zu legen, fuhr ihr der Gedanke durch den Kopf: ob ſie 198 nicht durch dieſelben vielleicht auch des Vaters Herz ſanft, und für den Sohn wohlthätig zu berühren vermöchte. Mit Begeiſterung eilte ſie ſogleich zur Ausführung dieſer Idee, die ge⸗ lingen mußte; denn, ſo rief ſie ſich ſelbſt er⸗ muthigend zu: wie könnte dieſer Anblick den Vater ungerührt laſſen. Aber Mathilde hatte dabei Eins ver⸗ geſſen; eine ſonderbare aber alltägliche Erſchei⸗ nung: daß nämlich der Acten⸗, der Geld-, der Parade⸗, der Kleider⸗, der Bücher- und ſonſti⸗ ger Berufs⸗Staub auf die Herzen der Männer denſelben Einfluß hat, welchen eine Salz⸗ und Kalkquelle auf ein hineingeſtelltes Vogelneſt übt:— Herz und Neſt werden mit der Zeit inkruſtirt und verſteinert. Die Weiber haben meiſtens probate Mittel gegen dieſe Verhärtung des edelſten Theiles unſeres Körpers: ſie be⸗ feuchten nämlich daſſelbe von Zeit zu Zeit mit Thränen, die ſie durch die Religion, Romane, unglückliches Lieben u. ſ. w. aus ihren ſchönen 199 Augen preſſen. Aber wahrhaftig! beſſer ein naſſes Auge und ein weiches Herz, als ein kalt berechneter Blick und eine marmorne Bruſt. Als der Baron Abends in ſein Zimmer trat, und, wie gewöhnlich, zuerſt zu ſeinen Blumen ging, ſah er auf dem Tiſche, auf wel⸗ chem dieſelben ſtanden, einige Kleidungsſtücke und ein Portrait liegen. Er bückte ſich ver⸗ wundert und erkannte ſogleich in Letzterem die Züge ſeiner zweiten Frau. Es lief glühend durch alle ſeine Adern, denn eine ſüße Erinne⸗ rung tauchte für einen Augenblick in ihm auf. Schweigend blickte er auf das ſanfte Antlitz der längſt Verblichenen. Wer mochte es ihm hin⸗ gelegt haben, das Bild, das ſeit Jahren in einem entfernten Zimmer, faſt vergeſſen, hing? — Und warum es jetzt ſo gefliſſentlich ihm vor die Augen bringen?— Indem er noch dar⸗ über nachdachte, hob er neugierig die kleinen Kleidungsſtücke auf, und indem er ſie ſogleich als zu Oskar's Jugendgarderobe gehörig 200 erkannte, war er auch überzeugt, daß nur Ma⸗ thilde ſie und das Bild hingelegt hatte und er bedurfte nun auch keinen Commentar zu der Frage„warum?“ mehr. Aber die Ueberraſchung hatte g6 den Ba⸗ ron gerade den entgegengeſetzten Eindruck ge⸗ macht, welchen Mathilde erwartete. Als ſie eintrat, war er finſter und kalt. 4 Nach wenigen Minuten des Schweigens wandte er ſich an die Haushälterin und frug: „Warum liegen jene Sachen in meinem Zimmer?“ Mathilde, von der eiſigen Kälte ſeines Tones überraſcht, erbebte und ſchwieg eine Minute. „Sie haben recht,“ fuhr der Baron mit der gleichen Ruhe in Stimme und Haltung fort, es bedarf keiner Crklärung. Ich kenne den Beweggrund. Da Sie aber, Mathilde, ſchon ſo oft meine Meinung über meinen Sohn gehört haben, und meinen feſten Entſchluß 201 kennen, ſo muß ich geſtehen, daß mich ihre fortgeſetzten Verſuche, mich an dies unangenehme Verhältniß zu erinnern, um ſo mehr wundern, als Sie ſonſt mit lobenswerther,— um gerecht zu ſeyn, muß ich es ſagen— faſt kindlicher Aufmerkſamkeit bemüht ſind, alles Unangenehme von mir zu entfernen.“ „Herr Baron,“ entgegnete ſchüchtern und mit hochklopfender Bruſt die Angeredete,„ge⸗ rade darum möchte ich ſo gerne Ihren alten Tagen eine bittere Reue erſparen.“ „Sachte, Kind, wir bereuen nur unſere Albernheiten und Fehler!“ „Und öfter noch die Uebereilungen, die ein gutes aber aufgeregtes Herz beging.“ „Ich habe die Gewohnheit nichts zu thun, was ich nicht reiflich erwogen, und Uebereilun⸗ gen ſind meiſtens Folgen der Jugend, nicht meines Alters. Indeſſen hiervon genug. Mein Sohn iſt meiner Liebe unwerth und mag ſeinen eigenſinnigen Kopf in der Welt anrennen. Er 202 hat meinem väterlichen Rathe nicht gefolgt, nun iſt mein Ohr ihm verſchloſſen. Aber was bedarf es hier einer Vertheidigung.— Ich möchte hauptſächlich von Ihnen erfahren, war⸗ um er in Ihnen, Mathilde, die Sie ihn gar nicht kennen, eine ſo lebhafte und uner⸗ müdliche Vertheidigerin findet?“ „Iſt der Fluch: von ſeinem würdigen Vater auf immer getrennt zu ſeyn, nicht entſetzlich genug, um das Mitleid eines jeden Menſchen zu erregen, und kann es ein ſchöneres Glück auf Erden geben, als auszuſöhnen und Frie⸗ den zu ſtiften?“ „Sie führen mich nicht irre. Mich kennen Sie, wie ich hoffe, nur von guten Seiten, von meinem Sohne dagegen haben Sie von Jeder⸗ mann nur Schlechtes gehört...“ „Schlechtes?“— entgegnete raſch und mit Feuer Mathilde,„nein, Herr Baron, er mag hie und da Unrecht gegen Sie, als ſeinen Vater haben, aber ſchlecht....“ 203 „Holla,— Sie haben ſich verrathen!— Sie kennen ihn!“— rief hitzig der Baron. „Ich?“ ſtammelte über ihre Unbedachtſam⸗ keit verlegen das Mädchen. „Ja, ja, nur keine Verſtellung mehr. Ihr räthſelhaftes Betragen hat mich ſchon lange aufmerkſam gemacht.“ „Mein Betragen, Herr Baron.. „Iſt untadelhaft. Darüber keinen Zweifel. Sie haben mehr als Ihre Pflicht gethan, und ſind mir dadurch werth geworden. Aber warum mein Vertrauen täuſchen?— warum in meiner Gegenwart heiter, und hinter meinem Rücken traurig, oft ſogar weinend?“ „Wer konnte... „Und die Lieder von Entſagung.. 4 „Mein Herr,“ entgegnete Mathilde mit Würde,„es iſt keine Schande und kein Ver⸗ brechen, unglücklich zu ſeyn!“— Der Baron waͤr von dieſen Worten und der Hoheit, mit welcher ſie geſprochen wurden, frappirt. „ 204 „Ich wollte Sie nicht kränken, Mathilde,“ ſagte er ruhiger,„aber eben weil ich Sie ſchätze, beunruhigt mich Ihr geheimnißvolles Weſen, das wie eine ſperrende Wand zwiſchen mich und Sie tritt.— Haben Sie Vertrauen, erzählen Sie mir Ihre Schickſale, und ſagen Sie mir vor allen Dingen, was Sie an Oskar knüpft.“ „Darf ich zuerſt eine Bitte an Sie wagen?“ „Und die wäre?“ „Was iſt die Haupturſache, die den Sohn von Ihrem Herzen riß?“ „Sein Eigenſinn.“ „Aber die eigentliche Veranlaſſung?“ „Sie wiſſen es ja, eine Heirath, die ich für ihn abgeſchloſſen hatte, die er wegen einer Komödiantin ausſchlägt und mich Zeitlebens dadurch compromitirt.“ „Und wenn er nun auf jede Verbindung mit jener Komödiantin,“ entgegnete Roſa hocherglühend und mit zitternder Stimme,„ver⸗ zichtete, würden Sie ihm dann vergeben?“ —— 205 „Das wird er nie.“ „Wenn er es aber thäte!“ „Ich kenne ihn!“ „Wenn aber...“ „Dann, und wenn er mir mit kindlicher Reue entgegen kommt, werde ich ihm vergeben. Aber für was dieſe Spielereien?“ „Es ſind keine Spielereien, dieſe Worte, Herr Baron, ſie ſind entſcheidend für das Lebens⸗ glück eines, für das Unglück eines anderen Menſchen.“ „Wie ſo?“ „Oskar liebt jenes Mädchen, das zwar Komödiantin war, aber bei ihrer Armuth rein, fromm— ich darf es ſagen— gut i Sit liebt ihn wieder, ohne es ihm geſtanden, ohne ihn zu feſſeln je verſucht zu haben. Sie hört von ſeinem Entſchluß, von ſeinem Zwiſt mit dem Vater, ſie verläßt die Bühne, ſie eilt, das heiligſte Verhältniß wieder herzuſtellen, dem Sohne die Liebe des Vaters,— dem Vater 206 den Troſt ſeines Alters zu erhalten; ſie hat entſagt auf Oskar's Liebe, entſagt auf das Glück ihres ganzen Lebens, ſie fleht nur für dieſen hohen, traurigen Preis um Verzeihung und Wiederaufnahme für ihn, ſie...“ „Mathilde! kennen Sie dieſelbe?“ „Ja!— es iſt Roſa Alberti, die zu Ihren Füßen liegt!——— 3 19. Das Opfer der Tiebr. Ich hab' entſagt und abgeſchloſſen, Was ihr genoſſen Frag' ich nicht. Ich hab' entſagt und abgeſchloſſen Das holde Traumbild iſt zerfloſſen, Fragt ſeiner Deutung nicht.“ Wer hat nicht ſchon an einem Herbſt⸗ morgen den Kampf beobachtet, welchen das heitere Sonnenlicht mit dem Nebel zu beſtehen hat. Nur ſelten vermag dann das göttliche Geſtirn des Tages die dichten Ausdünſtungen zu beſiegen, um in ſeiner vollen Klarheit auf⸗ zuſteigen; viel öfter unterliegt der Sonne ge⸗ ſchwächte Kraft den ungeſunden Dünſten und wir ſehen den Himmel ſich mit einer finſteren Decke überziehen, die ſelbſt auf unſer Gemüth traurig einwirkt. 208 Aber dieſer Kampf materiell, erneuert ſich geiſtig wohl täglich in den Köpfen der Menſchen⸗ in welchen die Nebel der Vorurtheile ſo gerne die Sonne der Vernunft anfeinden. So ging es auch bei dem Baron Hohen⸗ ſtein, als er das Geſtändniß ſeiner Haushälterin vernommen. Im erſten Augenblicke von ihren Worten ergriffen, von der ſonderbaren Lage, in welcher er ſich befand verwirrt, hob er Roſa, die ihm weinend zu Füßen lag, tief erſchüttert auf. Aber dieſe edleren Gefühle durchzogen nur momentan ſeine Bruſt, und der Gedanke: ſie iſt Komödian⸗ tin und hat dich hintergangen, vielleicht aus Eigennutz, in der Hoffnung, den jungen Baron doch noch, und zwar mit Hülfe des betrogenen Vaters ſelbſt, zu fangen— verſcheuchte ſchnell jede beſſere Regung, jeden vernünftigen Entſchluß. Nichts über die bei Vielen eingeroſteten Vorurtheile gegen die Jünger und Jüngerin⸗ nen Thaliens. Auch dieſes mächtige Geſpenſt, —————— 2 entweicht mit der neueren Zeit mehr und mehr aus den Augen der Aufgeklärten, und die Be⸗ theiligten tragen zum großen Theile ſelbſt zu dieſer freudigen Erſcheinung u ein tadel⸗ ftet Leben bei. Der Baron aber war noch ganz in der alten, ſtrengen, unfreundlichen Meinung hierüber befangen, und hielt an dieſer, wie an allen ein⸗ mal gefaßten Ideen, mit einem Eigenſinne feſt, der um ſo weniger zu beſiegen war, als er ihn für Conſequenz und Seelenſtärke hielt. Zu der Verachtung einer Schauſpielerin geſellte ſich aber noch der für ihn peinliche und demüthigende Gedanke: daß es einem Mädchen gelungen ſey, ihn ſo lange zu täuſchen. Er berückſichtigte jetzt keineswegs mehr, was Roſa gethan, wie liebe⸗ voll gegen ihn, wie edel gegen den Sohn ſie gehandelt; denn ſeitdem er wußte, ſie ſey Schau⸗ ſpielerin, war er überzengt, ja von der Gewißheit durchdrungen, daß dies alles nur erheuchelt, und zwar nur aus unuteten Zwecken erheuchelt I. 14 210 ſey. So befangen ſind unſere Urtheile, regiert ſie nicht die Vernunft. Kaum hatte daher der Baron Roſa auf⸗ gehoben, als er einen Schritt zurücktrat, und mit einem kälteren Tone als je zuvor ſein Mißfallen über die Täuſchung ausſprach, in welcher ſie ihn ſo lange erhalten. Roſſa betheuerte, daß ihr einziger Zweck dabei eine Ausſöhnung zwiſchen Vater und Kind geweſen, und daß ſie ja, zum Beweiſe ihrer Uneigennützigkeit, ſich bereit erklärt habe, gänz⸗ lich zurückzutreten, wenn ſie nur dem Geliebten dadurch die Neigung ſeines Vaters wieder er⸗ kaufen könne. Aber die Sachen geſtalteten ſich, trotz ihrer Aufopferung, nicht freundlicher; denn jetzt kam dem alten Herrn auch noch die unglückliche Idee: Roſa ſtehe mit ſeinem Sohne im Ein⸗ verſtändniß, und man habe ihm nur eine Ko⸗ mödie ſpielen wollen, um ihn nach Willen zu gängeln. 211 Als das arme Mädchen daher endlich nach langem Kampfe einſah, daß weder Edelmuth noch Vorſtellungen, weder Vernunftgründe noch Bitten den Eigenſinn des alten Mannes zu be⸗ ſiegen vermöchten, trocknete ſie ſchnell ihre Thrä⸗ nen und ſagte mit feſtem Tone: „Wenn denn Alles umſonſt iſt Sie zu er⸗ weichen, wenn Sie durch Nichts bewegt werden können, Ihren harten, unväterlichen Entſchluß aufzugeben, wenn Oskar Ihnen fremd und verſtoßen bleiben ſoll, dann wandelt ſich für mich das, was bisher Pflicht war, der Vorſatz nämlich: ihm zu entſagen, in die umgekehrte Pflicht: ihn im Unglücke nicht zu verlaſſen, zu tröſten für den Verluſt ſeines Vermögens, und was mehr heißen will, für den eines Vaters.— Ich gehe aus Ihrem Hauſe, in welches ſchwer⸗ lich Ruhe und Zufriedenheit mehr einkehren wird, ich werde den in aller Welt ſuchen, der einſt Ihr Sohn, Ihr einziges, liebes Kind war, und es wird mein höchſtes Gluck ſeyn, ſein freuden⸗ 4 212 armes Leben zu erheitern, mit allen meinen Kräften die Mühen deſſelben zu erleichtern.“ Und mit dieſen Worten ſich leicht gegen den Baron verneigend, verließ ſie raſch das Zimmer. Ob Roſa dieſen Vorſatz wirklich gefaßt, ob ſie durch denſelben den Baron nur zu einem edleren Entſchluſſe beſtimmen wollte, ſey dahin⸗ geſtellt. Der Erfolg aber rechtfertigte die letz⸗ tere Meinung, denn nach langem Kampfe trat der alte Herr in Roſa's Zimmer, und ver⸗ pflichtete ſich mit ſeinem Ehrenworte zur Wie⸗ deraufnahme ſeines Sohnes, wenn nämlich der⸗ ſelbe freiwillig und unaufgefordert dem Vater reuig entgegenkomme, und Roſa, vor Allem auf ſeine Hand verzichtend, ſich ſogleich und für immer in eine andere Stadt begebe. Roſa leiſtete willig, obgleich mit ſchwerem Herzen, dieſe Zuſage, und traf ſofort die nöthigen Anſtalten zur Abreiſe. Wohin?— das war ihr ſelbſt noch nicht klar. —— 20. Segen und Fluch. „So iſt der ſchwache Menſch; verblendet Iſt ihm der Blick im Leidenſchaften⸗Wahn! Er ſchürt die Flammen an, und wenn die Glut . nun zündet, Dann fragt er: Wer hat es gethan?“ G. H. de Wilde. Seit jenem Abende, an welchem Gabriele von der Rode, als Marig gekleidet, den ge⸗ heimnißvollen Jüngling in ihrem Schlafzimmer empfangen hatte, waren bereits vier Monate verſtrichen. Acht Tage brauchte der Erzengel, um bei der holden Jungfrau ſeine hohe Miſſion zu vollenden. Endlich reich beladen mit Ge⸗ ſchenken— er bat ſich dieſelben aus, um Wohl⸗ thaten auf Erden damit zu ſtiften— verließ ⸗ der Blondlockige am neunten Tage nach jener 214 Nacht, Sturmau mit der Morgendämmerung. Niemand hatte ihn gehen ſehen, und als ſich die Nachricht von ſeinem Verſchwinden verbrei⸗ tete, erröthete erſt Gabriele und erblaßte dann, und ſchloß ſich tief ſinnend in ihrem Zimmer ein, während Luiſe in der dichten Gartenlaube ſaß, den Kopf in die Hände geſtützt, bitterlich weinend. Vier Monate waren, wie erwähnt, ſeitdem vergangen, und mit dem Schwinden des Som⸗ mers auch aller Gram aus Luiſen's Bruſt gewichen, während tauſend neue Gefühle den Buſen Gabrielen's bewegten. So lag die Letztere an einem Septembermorgen, in ein blen⸗ dend weißes Negligée gehüllt, leicht auf das Sopha hingeſtreckt. Die linke Hand ſtützte ihr ſchönes Haupt, ihr Haar einfach geſcheitelt, hob durch ſeine Schwärze den Glanz ihres reinen Teint, und über ihre Wangen lief öfter ein leich⸗ tes Roth, als wolle es verrätheriſch die Aufregung verkünden, die in ihrem Innern kämpfte. Ihre ————— — ——— Augen blickten feucht von Sehnſucht, auf ein goldnes Medaillon, das ſie in ihrer rechten Hand hielt, und welches eine blonde Locke umſchloß, 16 die an Glanz und Zartheit ihr koſtbares Gehäuſe faſt überſtrahlte. War es Liebe, war es Andacht, oder viel⸗ mehr eine innige Miſchung beider Gefühle, die ſie bei dem Anblicke dieſer Reliquie durchbebte? — Wußte ſie es doch ſelbſt kaum; denn jenes ſchöne Haupt, dem ſie einſt angehörte und das längſt verſchwunden, hatte ein ſo mnſtiſcher Schein umhüllt, daß Gabriele, der Meinung Krumm's beipflichtend, es gerne in den Sphä⸗ ren einer höhern Welt ſuchte.— Wie oft hatte ſie in den ſtillen Nächten zu dem Sternenhimmel aufgeblickt, von Sehnſucht nach dem Entſchwun⸗ 1 denen getrieben. Wie zogen ſie dann die Strah⸗ len der leuchtenden Welten mit unendlicher Macht an, wie drang es die Seele, die enge drückende 1 Hülle des Körpers zu zerſprengen, um aufzu⸗. fliegen zu jenen Höhen und ſich zu ſtürzen in die Lichtmeete, die den Unendlichen umfloſſen. Und an ſeinem Throne welch' ſüßes Bild fand ſie da wieder, wie durfte ſich dann die Knoſpe der Liebe in aller Fülle entfalten, wie ſelig, wie unendlich ſelig ſank ſie im Geiſte in ihres Engels Arme, wie verſchwammen ihre Gefühle, ihr gan⸗ zes Weſen in eine, lange, nn ſüße Suuung. Aber nicht allein die Lte uichzog heute ihren Buſen, nicht nur die Sehnſucht hatte ihr Auge befeuchtet, ihr ganzes Seyn ein anderes wunderbares Gefühl. Wie Flammen ſchoß es durch ihre Adern, die Bruſt war beklommen, Wehmuth ergriff ſie und ſie weinte. Aber es waren wohlthätige Tropfen, die eine Laſt von ihrem Herzen ſchwemmten und ein Gewicht, das ſie nicht zu nennen wußte.— In ihrem Schooße aber es von einem neuen Leben.. Gabriele war iberzengtt ſie ſey Mutter. 217 Mit Entzücken, mit Begeiſterung, bald mit Demuth, bald mit ſüßem Stolze erfüllte ſie dies Erkennen. Alle Zweifel waren abgeſtreift, der Wille Gottes hatte ſie zu dem Werkzeuge erkoren, der Welt einen neuen Heilbringer zu ſchenken, und mit der Gluth einer Andacht, die ſich in ſich ſelbſt verſenken möchte, pries ſie die Gnade des Herrn. Nach einem langen, brünſtigen Gebete er⸗ hob ſich Gabriele wieder, und wankte matt dem Sopha zu, auf das ſie ſich abermals hin⸗ legte. In dieſem Augenblick rat Krumm ein, welchen die Jungfrau, da Schwächen ſie verhin⸗ dert hatten nach der Mühle zu gehen, mehrere Tage nicht geſehen. Die tiefe Schwermuth, welcher er ſchon ſeit längerer Zeit zum Raube geworden, und die von Tag zu Tage merklich zunahm, hatte ſich auch heute über ſeine Züge gelagert, dabei waren dieſelben durch das zeitweiſe Aufflammen einer, faſt fürchterlichen Eraltation, zerriſſen und bleich, 14** 218 und die hohl liegenden Augen blizten mit un⸗ heimlichem Lichte unſtät hervor. War Krumm ſonſt finſter geweſen, ſo ergriff den Fremden jetzt ein ängſtliches Gefüͤhl in ſeiner Nähe, und nur Gabriele, beſtändig um denſelben und durch den Sturmwind ſeiner Phantaſie zu gleicher Schwärmerei fortgeriſſen, gewahrte dieſe Verän⸗ derung nicht. „Gegrüßet ſeyſt Du Maria!“ ſagte er feier⸗ lich, als er eintrat, ließ ſich auf ein Knie nieder und küßte mit Haſt und wilder Gluth, den klei⸗ nen Fuß Gabrielen's, welcher nur mit der Spitze unter dem weißen Gewande hervorſah. Dann erhob er ſich raſch und ſein Blick flog forſchend und fragend über ihre liebliche Geſtalt. Da zuckte es plötzlich wie ein Blitz über ſein Geſicht, ſeine Augen öffneten ſich weit ſei⸗ nen Mund umſpielte ein leiſes, ſchnell erſterben⸗ des Lächeln und ſeine Stirne ſtrahlte von Be⸗ geiſterung, denn ſeine Blicke hatten bemerkt, was er ſo lange geſucht, was er ſo ſehnlichſt gehofft.— 219 Das leichte Regligée vermochte die ſanfte Runde nicht zu bergen, in welcher ſich Gabrielen's Die Jungfrau erröthete hoch. Krumm aber warf ſich noch einmal vor ihr nieder, und küßte mit Begeiſterung den Saum ihres Gewan⸗ des, dann aber brach er in ein jauchzendes Gebet aus. Von dieſem Momente an war des Paſtors Tiefſinn wie verſchwunden. Sein Gemüth war heiterer, denn er ſah ſeine Hoffnung mit dem ſchönſten Erfolge gekrönt. Seine Maria, die hohe, die reizende Jungfrau, fühlte ſich Mut⸗ ter von einem himmliſchen Weſen, das längſt verſchwunden, und ihm, dem zweiten Joſeph⸗, ward nun die Seligkeit ſie heimzuführen. Wie natürlich hielt er auch keinen Augen⸗ blick zurück, und warb um Maria's Hand, die ihm auch alſobald zugeſagt wurde. Das erſte Weſen, welches Krumm nach⸗ dem er Maria verlaſſen, mit ſeinem Glücke 220 und der Gemeinde Ehre bekannt zu machen dachte, war ſein Bruder und Freund Ratzler, ehedem Schneider, jetzt Kaſſirer undScatmeie der Gemeinde und der jungen Gräfin. Das kleine, halbverfallene und ſchmutzige Haus, wel⸗ ches er in dem nahen Städtchen bewohnte, hatte er gleich bei dem Antritt ſeiner neuen Funktionen mit Sturmau, wohin ihn das Fräulein von der Rode berufen, vertauſcht. Mit Sack und Pack, mit Kinder und Kegel war er einge⸗ zogen in die Mauern des Schloſſes, eine fromme Dankhymne ſingend, und den Herrn preiſend, der ihn ſo unverdient mit Wohlergehen ſegnete. Hatte Ratzler je etwas Wahres geſagt, ſo war es der Ausſpruch: daß ihn das Glück unverdient verfolge; wenigſtens lag ſein Ver⸗ dienſt gewiß nicht in einem arbeitſamen und ruhigen Leben, denn ſeit Jahren war Nichtsthun ſeine Liebhaberei und nur durch den gleisneri⸗ ſchen Schein der Frömmigkeit, welchen er ſich 224 in den Augen der Welt zu geben wußte, gelang es ihm, die Gemeinde und die fromme aber ver⸗ blendete Gräfin zu täuſchen. Dies, ſein phari⸗ ſäiſches Weſen, mochte wohl auch einzig der Grund ſeyn, warum man ſo viel Vertrauen in ihn ſetzte, und ihm die alleinige Verwaltung von zwei Kaſſen überließ, von denen wenigſtens die eine ſehr bedeutend war. Man muß freilich geſtehen: daß der Erſchneider ſein Amt bis jetzt nicht nur redlich, ſondern auch mit einer Pünkt⸗ lichkeit verwaltet hatte, die das in ihn geſetzte Vertrauen vollkommen rechtfertigte. Die Folgen hiervon entſprachen ſeinen Hoffnungen; es ge⸗ lang ihm bei mehreren Gemeindemitgliedern ſolche Zuverſicht zu erwecken, daß ſie ihm auch ihre Kapitalien zur Anlage übergaben. Bei den gemeinſchaftlichen Verſammlungen war Ratzler immer der Erſte,— was freilich kein Verdienſt war, da er auf dem Schloß wohnte, — ſang am lauteſten und predigte am ſchönſten. Das heißt: ſeine Reden waren ein begeiſterter 222 Wirrwar, von Bibelſprüchen, myſteriöſen Phraſen und kompletem Unſinn, welche er ſämmtlich mit großer Geſchicklichkeit zu miſchen wußte, ſo daß die wort⸗ und bilderreiche Sprache die Ohren der andächtigen Zuhörer mit vielen angenehmen und vielbedeutenden Klängen kitzelte, und Jeder am Schluſſe derſelben, von der Begeiſterung des Redners mit fortgeriſſen, entzückt ſagen konnte: „O! welche unüb erſchwengliche Worte, welch eine tiefe, nicht zu erforſchende Weisheit, wie unerklärlich wunderbar.“ Kurz Ratzler war der Typus eines ächten Pietiſten, denun Krumm, zu ſehr, zu redlich Schwärmer, ſah weniger auf das äußere Hei⸗ ligthum, als auf den Geiſt, wenn dieſer freilich auch ſehr verſchroben war. Der Paſtor hatte bald die Zimmer ſeines Glaubensgefährten erreicht. Obgleich bei wei⸗ tem beſſer als ſeine früheren, herrſchte demohn⸗ erachtet die gleiche Unordnung in denſelben und auch des Schatzmeiſters Kleidung war ſehr 223 ſchlecht und ſchmutzig, wie die des Schneiders geweſen. Wie gewöhnlich lag die Bibel auf⸗ geſchlagen auf dem Tiſche. Krumm's Blicke ſuchten begierig den Bruder und fanden ihn endlich angekleidet auf einem Bette liegend, laut ſchnarchend. Durch des Paſtors Anruf erwacht, fuhr Ratzler raſch auf und ſagte, nachdem er ſich die Augen ge⸗ rieben und den Freund erkannt: „Ei, Herr Paſtor! Willkommen im Namen des Herrn!— Ich lag eben in himmliſcher Betrachtung verſenkt und dachte über die Wohl⸗ fahrt der Gemeinde nach, als.. „Ich glaubte,“ entgegnete der Eingetretene, „mein Bruder hätte geſchlafen.“ „Geſchlafen?— jetzt— o nein! Aber ſo geht es mir oft; wenn der Geiſt über mich kommt, ſo falle ich manchmal in eine Ent⸗ zückung, die der von der Sache nicht Unter⸗ richtete für Schlaf nehmen könnte. Aber ſehen Sie Paſtor, ich ſchließe die Augen nur, um 224 ungeſtörter über das Wohl der Gemeinde denken zu können.“— „Das Wohl unſerer frommen Gemeinde iſt geſichert; denn wie die Schrift ſagt: Abraham hat Gott geglaubt und das iſt ihm zur Gerechtigkeit gerechnet worden, ſo hat auch der Herr unſere Stimme gehört und un⸗ ſeren Glauben beachtet. Er hat ſeine Hand auf⸗ gethan und ſie geſegnet; er hat ſie zu einem neuen Bethlehem erhoben und dieſes Schloß zu jenem heiligen Stall, in dem Ochs und Eſelein ſtanden.“ Ratzler ſah bei dieſen Worten Krumm etwas verblüfft an, dann kratzte er ſich in ſeinen rothen, ſtruppigen Haaren und fragte etwas maliziös: „Soll dies eine Allegorie ſeyn?“ „Hat mein Bruder die Sprache der Schrift vergeſſen?“ entgegnete Jener,„denkt der Pro⸗ phezeihungen nicht mehr, die mein Mund der Gemeinde offenbarte?— Ja, der Geiſt hatte 225 mir wahr verkündet: eine Jungfrau aus unſerer glucklichen Gemeinde trägt das neue Heil in ihrem Schooße.“ „Und wer iſt die Gebenedeite?“ frug Ratz⸗ ler mit einem gläubigen Geſichte. „Wer?— wer anders als unſere fromme Schweſter Maria, deren Verkündigung wir alle geſehen.“ „Die Gräfin?!“ rief der Schatzmeiſter er⸗ ſtaunt... „Iſt in einem andern Stande,“ ergänzte die Frau des Erſchneiders, die eingetreten war und das Ende des Geſpräches gehört hatte. „Ich habe es ſchon lange von dem Kammer⸗ mädchen gehört. Aber ſagen Sie, Herr Paſtor,“ ſetzte ſie mit boshaftem Lächeln hinzu,„iſt es war, was Luiſe ſagt, daß der Erzengel Ga⸗ briel, der hier ſo lange logirt hat, nichts als ein junger Maler ſey, der leichtſinnig in der Welt herumziehe und....“ „Schweigt ſtill, Unglückſelige!“ rief hier II. 15 26 donnernd der Paſtor.„Luiſe iſt eine ver⸗ worfene und ungläubige Seele, der böſe Feind ſitzt auf ihrer Zunge und end die men des Herrn!“ „Aber Herr Paſtor, was ſagen S denn, wenn ich Ihnen erzähle, daß mein Chriſtoffel, als er vor einigen Tagen aus der Hauptſtadt kam, den Erzengel dort geſehen hat, und zwar wie ihn die Polizei Schulden halber, die er nicht bezahlen konnte, einſteckte.“ Das iſt leicht möglich, Frau, denn wird ſich einſtecken laſſen, um dann durch ein Wunder den Kerker zu verlaſen und die Un⸗ gläubigen zu bekehren. 4 „Herr Paſtor!“ verſetzte haruaci Raz⸗ ler's Frau und ſtemmte die Arme in die Seiten, „ich glaube Ihnen alles, was Rügion anbe⸗ trifft; aber der Gelbkopf war ein Menſch ind 5 zwar ein recht ſleiſchlicher Menſch“ Bei dieſen Worten war Krumm' bleiches BGeſicht feuerroth geworden. Er holte tief Athem 227 und wollte eben mit einem fürchterlichen Ana⸗ them über die Ketzereien losbrechen, als der Bote einen Brief an Ratzler brachte, und dieſer das Blatt, nachdem er es kaum durch⸗ ſlogen, dem Paſtor hinreichte und verdrießlich ausrief: 1 „Da ſitzt der Segen der Gemeinde. Wenn man denkt einen guten Fang gethan zu haben, geht er einem aus den Händen. Aber das kommt davon, wenn man Menſchen, wie den Mathias hinausſchickt; nicht allein das ſchöne Geld der Gemeinde iſt für nichts und wieder nichts verzehrt, der Dummkopf bringt auch noch den Namen derſelben in Mißkredit.“ Krumm hatte unterdeſſen den Brief ge⸗ 1 leſen. Er kam von Mathias und kündete den Tod der Baroneſſe Liedersdorf, und mit ihm den Untergang ſo mancher ſchönen Hoff⸗ nung, die der Schatzmeiſter auf die Eroberung der alten Dame geſetzt hatte, an. Ein azt Jank zwiſ ſchen den Groß⸗ 15 228 würdenträgern der frommen Gemeinde ſchloß die Scene, und Krumm ſah ſich genöthigt, in ſeiner Maria Nähe die Begeiſterung wieder zu ſuchen, aus welcher ihn Frau Ratzler und der Mann⸗ heimer Brief geſtürzt hatte. 21. Ein Frommer. „Aus einem Funken wird ein großes Feuer, und ein Heuchler und Mörder ſind Nach⸗ bars Kinder.“ Hippel. Die Nachricht von den Hoffnungen der jungen Gräfin war mit Gedankenſchnelle nicht nur in der ganzen Gemeinde, ſondern ſogar in der Umgegend verbreitet, und man kann ſich denken, wie die Damen der benachbarten Güter die Naſen rümpften, die Herren lachten und ſpotteten und den Erzengel beneideten, welcher dem reizenden Mädchen ſein Glück hatte ver⸗ kunden können. Mit tauſend Uebertreibungen ausgeſchmückt, fand dies Geſchichtchen ſogar den Weg in die Hauptſtadt, und die Hautvolée freute ſich recht herzlich, daß ihre Chronique scandaleuse auch von dem Lande aus einen ſo lächerlichen Zuwachs erhalten. Was die fromme Gemeinde betrifft, ſo glaubten Viele an Krumm's Ausſage, und die Wenigen die es wagten, anders zu denken, empfingen die Nachricht wenigſtens mit einer gläubigen Miene. O wunderbare Welt, o Welt des Scheines und des Truges!— wie viel gilt doch in dir das Aeußere, wie ſelten erwägſt du den inneren Werth, wie wenig faſſeſt du den Geiſt!— Krumm allein war ſelig. Seine Werbung um Gabrielen's Hand entſprang aus ſeinen oft erwähnten ſchwärmeriſchen Ideen, die ſelbſt ein Konflomerat von religiöſem Fanatismus und erwachter Liebe waren, in ihrer dermaligen Ver⸗ bindung aber weder einen Anflug von Sinnlich⸗ keit noch Habſucht trugen. Kaum dachte der Paſtor daran, daß er mit der Angebeteten Hand auch Reichthümer erwerbe, und wenn ihm einmal ————————————— dieſer Gedanke kam, ſo freute er ſich, dieſelbe der Gemeinde zuwenden, oder zu frommen Zwecken gebrauchen zu können. Weniger aber noch war er ſinnlich, denn alle Regungen des Fleiſches erſtarben in einer unbegränzten Achtung für Maria, die beinahe zur völligen Anbetung überſprang; und da nun auch die junge Gräfin ſo ganz in ſeinen Ideen lebte, ſo war es kein Wunder, daß ſie ihre Hand dem Manne reichte, den, wie ſie einmal überzeugt war, der Wille Gottes ihr beſtimmt hatte. Der Tag der Trauung war ereits beſtimmt, i da der Paſtor ſeine Stelle als Seelſorger nicht aufzugeben gedachte, ſo ſollte Maria vor wie nach auf Sturmau, er aber in der nahen Stadt wohnen, was auch ſeinen heiligen An⸗ ſichten von dieſer Ehe gänzlich entſprach. . Joſeph ſah mit Entzücken die Stunde nahen, die ihn mit Mari ia auf ewig vereinigen ſollte, da warf das Schicſal ein unangenehmes Creigniß in den Schvoß der gottſeligen Gemeinde. — — 232 Wenige Tage nach der kurzen und nicht ſehr chriſtlichen Unterhaltung, welche Krumm, Ratzler und deſſen Frau gepflogen hatten, und die durch den Brief aus Mannheim nur noch erbitterter geworden war, befand ſich die ganze Geſellſchaft in dem ſchönen, geräumigen Saale des Schloſſes, welchen die fromme Gräfin zum Gottesdienſte hatte einrichten laſſen. Nachdem Krumm die gewöhnliche Rede gehalten und das Schlußlied geſungen worden war, ſchritt man zu einer allgemeinen Angelegenheit, zu der Ab⸗ rechnung der Gemeindekaſſe, die Ratzler für dieſen Abend angekündigt hatte. Der Katheder war frei und die Geſellſchaft geſpannt, die vielen Verbeſſerungen und die be⸗ deutende Kapitalerhöhung zu vernehmen, welche, laut des Schatzmeiſters Ankündigung, ſeit der letzten Zeit ſtattgefunden hatte, und zu der na⸗ mentlich Gabriele viel beigetragen. Außergewöhnlicherweiſe war Ratzler heute in der Betſtunde nicht erſchienen, was man indeſſen 233 den Vorbereitungen zuſchrieb, welche er noch zur Vorlegung der Rechnung nöthig haben konnte. Man wartete lange; eine Viertelſtunde nach der andern verging, der Schatzmeiſter kam nicht. Man frug ſeine Frau, welche der Andacht bei⸗ gewohnt, aber dieſe konnte nichts ſagen, als daß Ratzler ſchon am Abende zuvor ſich, mit Eſſen und Trinken reichlich beladen, in ein ein⸗ ſames Zimmer des alten Schloßflügels begeben habe, um— wie er geſagt— hier während der Nacht und dem kommenden Tage ſein be⸗ gonnenes Werk zu vollenden. Die Frau hatte dieſer kurzen Scheidung um ſo weniger Schwie⸗ rigkeiten in den Weg gelegt, als ſie gerade mit ihrem Gatten in einem ſehr bedeutenden Zwiſt lebte. Man entſchloß ſich, noch eine kurze Zeit zu warten und ſandte unterdeſſen die Frau des Erſchneiders nach jenem Zimmer ab, ihren Mann zu benachrichtigen, die Gemeinde ſey ver⸗ ſammelt und warte auf ihn und ſeine erquick⸗ liche Offenbarungen. 234 Kaum aber waren ſeit dem Weggehen der Frau einige Minuten verfloſſen, als ſich dem Saale ein fürchterliches Weinen, Schreien, Toben und Fluchen näherte, und ehe man ſich noch von der Ueberraſchung und dem Schreck, welchen dieſe Klagetöne erregt hatten, erholen konnte, ſtürzte des Schneiders Weib mit fliegenden Haa⸗ ren, von einem Zug heulender Kinder gefolgt, durch die Thüre. Jeder erhob ſich raſch von den Sitzen und eilte der Verzweifelten entgegen. „Brennt es?— Was iſt geſchehen?— Gibt es ein Unglück?“ tönte es von allen Seiten. Man mühte ſich umſonſt. Von Thränen erſtict, konnte die Eintretende nicht reden; auf einen Stuhl geſunken, ſchien ſie vor Schmerz oder Wuth erſticken zu wollen und erſt nach einigen Sekun⸗ den fand ſie die Sprache wieder. In demſelben Augenblicke aber, in dem ſie ihrer Zunge wieder. mächtig geworden, blitzten ihre Augen wild auf, wie die einer Hyäne, und ein ſolcher Strom 255 Zornesworte entfluthete ihren vor Wuth blauen Lippen, daß die ſie Umſtehenden weit zurück⸗ drängten, als ob ein geöffneter Krater ſeine gluͤhende Lavaſtröme auf ſie ergöße. Nach dem erſten Ausbruch ihres Zornes, welcher in unverſtändlichen Flüchen und Aus⸗ rufungen beſtand, unter denen ſie ſich ihr Haar zerrauft hatte, fiel ihr Blick auf ihre ſchmutzigen Kinder, die ſie, ebenfalls ſchreiend, umgaben, und nun brach ſie auf's Neue zu weinen und zu jammern an. Krumm hatte ſich zu ihr gedrängt und ſuchte vergeblich ſie zu beruhigen und ihr die An⸗ gabe des Unglücks zu entlocken, welches ſie mit ſolch furchtbarer Gewalt ergriffen hatte. Da aber der Paſtor ſah, daß auch er nicht gehört werde, ſo rief er einem Diener zu, ſogleich den Mann der Unglücklichen aufzuſuchen und herbei zu bringen. Aber kaum war dieſer Befehl ertheilt, als die Jammernde aufſprang und mit gellender Stimme ſchrie: 236 „Ja ſuchen, ihr könnt lange ſuchen, Her Spitzbube, der Rabenvater, der Ehrvergeſſene, fort iſt er, fort nach Amerika! mit Geld und Gut und läßt mich und meine Kinder im Elende zurück!“ Wie ein Donner aus heiteren Höhen trafen dieſe Worte die Gemeinde; eine plötzliche Toden⸗ ſtille entſtand, nur von dem Schluchzen der Schneiderin unterbrochen, und bleich und ſtarr blickten die frommen Geſichter. Krumm erholte ſich zuerſt.„Es iſt nicht möglich, Frau!—“ hub er an,„Ihr täuſcht Euch, Euer frommer Mann....“ „Iſt ein Schurke, ein Dieb, der mit der ganzen Kaſſe davon gegangen iſt, um in Saus und Braus zu leben, und mich nicht einmal mitgenommen hat!“ „Aber die Beweiſe Eurer ſchweren Anklage, die Beweiſe,“ rief ungeduldig der Paſtor, für ſeine Gemeinde bangend. „Hier ſind ſie!“ rief die Jammernde, dem 237 zitternden Krumm einen Zettel reichend.„O ich unglückliche, geſchlagene Frau, mich nicht mitzunehmen; bei all dem Vermögen mich hier im Elende zu laſſen.“ Der Geiſtliche hatte unterdeſſen geleſen. Er ward todtenbleich. „Was iſt's!— Vorleſen!— Was ſchreibt er!“ riefen alle Kehlen. Krumm ſtieg mit ſchwankendem Schritt auf die Tribüne und las: „Meinen brüderlichen Gruß an die Ge⸗ meinde des Herrn! „Da mir heute Nacht der Geiſt aufgegangen iſt und mich bedeutet hat, in Amerika eine neue Gemeinde zu gründen, ſo folge ich dieſem Winke des Himmels auf das Schleunigſte. Zur Be⸗ grundung derſelben befahl mir der Geiſt, ſo viel Geld mitzunehmen als möglich, da Ihr ja vom Himmel reichlich geſegnet, ſchon den Heil bringer der Welt beſitzen werdet; und ſo danke ich Euch im Namen unſerer zukünftigen Brüder 238 ſchon im Voraus für das erhaltene Darleihen und grüße Euch mit zärtlicher Bruderliebe.“ 8 Raszler. Der Erſchneider war mit der Kaſſe der Gemeinde und Gabrielen's, ſo wie den Kapitalien vieler Gemeindeglieber durchgegangen 22. Verſchwunden! „Haſt du, Zeus, ſie mir entriſſen? Hat, von ihrem Reiz gerührt, Zu des Orkus ſchwarzen Flüfſen Pluto ſie hinabgeführt?“ Schiller Nach acht Monaten Abweſenheit umwehten Oskar wieder die heimathlichen Lüfte. Er begrüßte Deutſchlands Grenze mit frohen und mit bitteren Gefühlen; aber die Luſt, ſein Vaterland wieder zu ſehen, erſtickte die Erinne⸗ rungen an das Unangenehme, was er in dem— ſelben erlebt hatte. Und wer trägt nicht dieſe Liebe in ſeinem Herzen?— Dieſe Liebe, die uns mit unauflösbaren Banden an die Scholle knüpft, auf der wir geboren— die, wie ihre 240 Schweſter, über Berge und Meere reicht und nicht erſtirbt in der edlen Bruſt— dieſe Liebe, die uns erhebt zu großen und kühnen Thaten, die Tauſende einigt zu einer Macht, die kein Sturm vernichten kann— dieſe Liebe, für die wir ſo gerne den ſchönſten Tod ſterben und welche noch unter dem letzten Zucken des Auges die Bruſt des Mannes hoch ſchlagen läßt in ſtolzer Siegesfreude. Oskar's Sehnſucht nach dem Vaterlande war ſchon in Algier durch politiſche Gründe ſehr geſteigert worden. Das Thiers'ſche Mini⸗ ſterium hatte eine Spannung zwiſchen den euro⸗ päiſchen Kabinetten hervorgerufen, die bald in eine feindliche Stellung Frankreichs gegen Eng⸗ land und Deutſchland überging. Man ſprach nicht nur von Krieg, man rüſtete ſich auf bei⸗ den Seiten. Durch Germaniens Gauen tönten die Klänge des Rheinliedes, jede deutſche Bruſt ſchlug kühn der Vertheidigung der vaterländiſchen Grenzen entgegen, und von der Nordſee bis zu 2u den Alpen, ahnte man einmal wieder, was Deutſchland, was deutſche Nationalität ſey. Je mehr ſich nun der politiſche Horizont verfinſterte, jemehr die begeiſterte Stimmung im Vaterlande zunahm, deſto unerträglicher wurde Oskar das Tragen einer Uniform, die ihn unter die Feinde ſeines Landes reihte. Dieſes peinliche Gefühl hatte nicht wenig beigetragen, ihn zur Heimkehr anzutreiben und er flog daher, ſo ſchnell als es nur immer thunlich, an den Rhein. Jetzt aber, da er wieder unter den Brüdern ſtand, jetzt, als man ihn nicht mehr einen un⸗ treuen Bürger nennen konnte, drückte ihn auch die Sorge für ein anderes Unterkommen auf's Neue. Einen nicht unbedeutenden Theil ſeines mütterlichen Vermögens, in deſſen Beſitz er war, hatte bereits die Reiſe nach Algier und zurück, ſo wie ſein dortiger Aufenthalt verſchlungen, und wenn auch für die nächſte Zukunft geſichert, ſah er ſich doch immer genöthigt, von dem kleinen II. 16 242 Kapitale zu zehren. Er hoffte von den Zeit⸗ umſtänden Nutzen ziehen zu können und be⸗ mühte ſich daher jetzt um eine militäriſche Stellung im Vaterlande, die er früher ver⸗ ſchmäht hatte. Ehe er ſich indeſſen entſchließen konnte, eine feſte, ihn bindende Stellung anzunehmen, wollte er die Geliebte noch einmal ſehen. Wohl fühlte er die Unconſequenz eines ſolchen Schrittes mit ſeinem letzten Briefe an Roſa. Aber— er wollte ſie ja nur einmal, wenn ſelbſt von ihr unbemerkt, ſchauen, um ſich alsdann mit neuer Kraft und neuem Muthe in die Fluthen des Lebens zu ſtürzen.. Wer ſollte dem jungen Manne dieſe Schwäche nicht vergeben; wen machte in ſeinen Jugend⸗ jahren die Liebe nicht einmal ſeinen feſteſten Vor⸗ ſätzen untreu?— Und hat das vom Leben ge⸗ quälte Herz nicht nöthig, ſich in den warmen Fluthen der reinen Liebe zu baden, um kräftiger aufzulodern in edlen Entſchlüſſen, und friſcher 243 die Laſten zu tragen, die ein hartes Schickſal ihm aufbürdet?— Oskar reiste daher nach jener ſüddeut⸗ ſchen Provinzialſtadt ab, in welcher er im verwichenen Winter Roſa Alberti wieder⸗ gefunden hatte. Er wollte ſie ſehen, unerkannt von ihr— denn Roſa durfte ihn einer ſolchen Schwäche nicht zeihen können— im Theater etwa, wollte ſich laben in ihrem Anblicke, woltte forſchen, ob ihre Lage erträgch ſeye, ob er Sch erleichtern könne. Endlich winkten in blauer Ferne die Thürme der alterthümlichen Stadt, und aus der bichten Häuſermaſſe hob ſich ſtolz und majeſtätiſch die alte Burg, aus deren Fenſter ſo manch deutſcher Kaiſer auf die geſegneten Gauen der Ungegend geſchaut hatte. Der Eilwagen trug den Kapitän über den⸗ ſelben Weg der Stadt zu, auf welchem er ſie faſt vor einem Jahre verlaſſen hatte. Mit 16* 244 jeder Minute, mit jedem Gegenſtande tauchten neue Erinnerungen in ihm auf. Hier vorbeiflie⸗ gend, hatte er, in den Winkel ſeines bequemen Reiſewagens gelehnt, das Gedicht für Roſa geſchrieben, dort blickte, nur ſeinem Auge be⸗ merkbar, der Giebel des Theaters aus den benachbarten Dächern hervor, und nicht weit davon erhob ſich der hohe Thurm der Lorenzo⸗ kirche, der ſeinen langen Schatten oft über das Haus warf, in dem die Geliebte wohnte. Wie pochte ſein Herz bei all' dieſen Erin⸗ nerungen einer kurzen, aber ſeligen Zeit. Er hätte weinen, er hätte jauchzeü können, er war glücklich, und doch durchzog ihn zugleich ein banges, ein räthſelhaftes Gefühl. Jetzt raſſelte der Wagen durch das Thor, deſſen feſter Thurm und deſſen mächtige, doppelte Mauern die Wichtigkeit und Macht verriethen, welche die Stadt in den früheren Jahrhunderten errungen hatte. Die Poſt war erreicht, der Gaſt⸗ hof wiedergefunden. Die erſte Frage Oskar's —— 245 war nach dem Theaterzettel. Er zeigte den Na⸗ men Alberti nicht. Die zweite erkundigte ſich nach der erſten Liebhaberin. Man nannte einen unbekannten Namen. Da drängte ſich das Blut nach dem Kopfe des Fragenden, eine Angſt über⸗ fiel ihn, ungeduldig hielt er den Kellner, der ſich eben wieder entfernen wollte, am Arm und fuhr heftig fort: „Iſt denn Fräulein Alberti nicht mehr am hieſigen Theater?—“ „Das kann ich Ihnen nicht ſagen—“ ent⸗ gegnete der Kellner, verwundert über des Frem⸗ den Heftigkeit, und rieb ſich unwillig die Stelle des Armes, an welcher ihn Oskar gepackt hatte, „ich bin erſt ein Vierteljahr hier, ſeit der Zeit habe ich aber den Namen Alberti weder ge⸗ leſen noch gehört.“ „Verdammt!“ rief Oskar, ſeinen Aerger ſchlecht verbergend, und drehte ſich raſch um;„ſo iſt ſie von hier an ein anderes Theater gegangen. Aber ich reiſe ihr nach und wär' es bis an's Ende 246 der Welt. Oder ſollte ſie gar!..“ Er verſtummte, denn erſt jetzt kam ihm der Gedanke, daß ſich Roſa unter der Zeit habe verheirathen können. In dieſem Augenblick trat der Wirth„vom Strauß“ in den Saal, bewillkommte freundlich den Gaſt und gab demſelben auf die abermalige Frage nach Roſa, mit dem ihm eigenen Zuvor⸗ kommen, Antwort.. „Fräulein Alberti, Herr Baron, iſt längſt in unſeren Mauern verſchollen.“ „Aber können Sie mir nicht ſagen, an welchem Theater ſie jetzt engagirt iſt?“ „Schwerlich an einem Theater der Welt.“ „Wie ſo?— erklären Sie ſich deutlicher.“ „Kurz nach letzten Hierſeyn wurde ſie ſehr krank, und. „Um Gotteswillen!“ rief Oskar und ſißr eeidenſchaftlich des Prh Hände,„ſie iſt nicht todt!?“ „Wurde ſie ſehr krank, und als ie kaum geneſen, verſchwand ſie.“ 247 „Verſchwand ſie?“ „Ja, und recht zur unrechten Zeit, denn ein Engländer..“ „Aber ſagen Sie mir nur, hat man denn keine Nachrichten von ihr?— Wie iſt ſie denn verſchwunden?“ „Wie ſie verſchwunden, weiß man nicht. Kein Sterbenswörtchen verlautete ſeit jener Zeit von ihr, obgleich der Magiſtrat des Teſtamentes wegen, welches ſie mit Reichthum überſchüttete, Alles aufbot, ſie zu entdecken. 4 „Und teine Spur?!“ frug troſtlos der Geängſtigte. „Keine!— Man fürchtet, ſie habe ſich, durch unglückliche Liebe getrieben, das Leben genommen.“ „Unmöglich!“ ſchrie Oskar, von der Ver⸗ zweiflung hingeriſſen. „Wo iſt ihre Tante— wo Madame Züchler?“ „Die Tante ſtarb vor dem Verſchwinden 248 des Mädchens. Madame Züchler verließ die Stadt, aber wo ſie ſich hingewendet, kann ich Ihnen, zu meinem Bedauern, nicht ſagen.“ Oskar war wie betäubt. Er vermochte im Augenblick keinen Gedanken zu faſſen und ſank bleich auf das Sopha. Der Wirth konnte leicht errathen, daß der Baron einen ungewöhnlichen Antheil an dem Schickſale der Schauſpielerin nehme, und es that ihm daher leid, daſſelbe ſo unvorſichtig enthüllt zu haben. „Es würde mich unendlich ſchmerzen,“ ſagte er daher in einem Tone, der ſein Mitleiden ver⸗ rieth,„wenn ich den Herrn Baron durch Nach⸗ richten überraſcht hätte, die ihm unangenehm wären. Aber— leider— doch wenn ſie nähere und ſichere Auskunft über die Verlorne haben wollen, ſo dürfen Sie ſich nur an den Doktor Rüſterer wenden. Dieſer edle Mann hat Alles aufgeboten, die Erbin des Lord Caſtelcaunt zu entdecken.“ 249 Oskar hatte die Worte Caſtelcaunt und Erbin ganz überhört. Doktor Rüſterer ſollte ihm nähere Auskunft geben können, er ſprang daher auf, ließ einen Lohndiener holen * und eilte zu dem Arzte. 23. Der Menſchenfreund. „Es geht ein ſtiller Engel durch's Leben, Der mit dem Leben geboren iſt; Ihm ward die hohe Vollmacht gegeben, Dem Dulder die ſinkende Seele zu heben, Und Demuth zu winken dem, der ſich vermißt.“ Tiedge. Als Oskar ſich dem Hauſe des Doktors näherte, trat Rüſterer gerade aus deſſen Thüre heraus. Er war im Begriff, ſeinen Abend⸗ ſpaziergang zu machen, eine Motion, die er nie verſäumte, und von der ihn ſelbſt das Wetter nicht abhalten konnte. Der Menſch muß, wenn er ganz geſund bleiben ſoll, ſeine tüchtige Bewegung haben, ſagte er oft, und wir Städter zumal, die wir 251 faſt alle an eine ſitzende Lebensweiſe geknüpft ſind, ſollten es uns zur Regel machen, alle Tage wenigſtens zwei bis drei Stunden zu gehen. Der wohlthätige Einfluß, welchen die Be⸗ folgung dieſer weiſen Lehre auf den menſchlichen Körper übt, zeigte ſich auch an ihm ſelbſt, denn 3 trotz dem allmählig heranrückenden Alter blühte Rüſterer doch noch in voller Manneskraft und die friſche Hülle erhielt ihm auch Herz und Ge⸗ müth geſund. Kein Wunder war es daher, daß der Arzt ſehr viel auf ſeine Abendpromenaden hielt und auch jetzt den fremden Herrn freund⸗ lich einlud, dieſelbe mit ihm zu theilen. Ungern willigte der unruhige und geäng ſtigte junge Mann ein und wiederholte, an des Doktors Seite gehend, ſeine Fragen über Roſa. Rüſterer war über die Heftigkeit erſtaunt, mit welcher der Fremde frug. Er verrieth das Verhältniß deſſelben zu der Verſchwundenen und erzählte daher den Verlauf der Sache mit um⸗ ſtändlicher Pünktlichkeit. 252 Oskar ſtaunte über Caſtelcaunt's Teſta⸗ ment, konnte ſich aber über Roſa's Unſichtbar⸗ werden nicht tröſten. Rüſterer richtete ihn einigermaßen durch die Verſicherung auf: daß er an ihren Tod nicht glaube, da Roſa zu gut und fromm geweſen ſey, als daß ſie einen ſolchen Schritt gethan haben würde. Das offene und redliche Weſen des Arztes, die herzliche Theilnahme, die er Oskar'n be⸗ zeugte, bewogen den Letzteren, auch ſeine Ge⸗ ſchichte zu erzählen und dem Doktor ſeine Verhältniſſe zu Roſa und ſeinem Vater zu entdecken. Der Arzt hatte aufmerkſam gelauſcht— und nachdem er dem jungen Manne noch ein⸗ mal Troſt und Hoffnung zugeſprochen, frug er ihn? was er nun zu unternehmen geſonnen ſey. Oskar bekannte ſein Vorhaben, von dem Vater getrennt zu bleiben und eine Stelle unter dem Militär zu ſuchen. Da verfinſterte ſich des redlichen Rüſterer's Stirne. Er haßte nichts 253 mehr auf der Welt, als jene unglückſeligen Spannungen, die leider ſo oft,— aus Kleinig⸗ keiten entſprungen, durch Leidenſchaft geſchürt und von Mißverſtändniſſen genährt— den Gatten von der Gattin, den Vater von den Kindern, den Freund vom Freunde trennen, und ſo unſäglich viel Unangenehmes in das Leben ſtreuen, das ohnedem ſchon ſo manch' Unerfreuliches bietet. Er geſtand Oskar zu, daß ſein Vater Unrecht habe, daß man aber dem alten, in Vorurtheilen ergrauten Mann manches nach⸗ ſehen müſſe, und bat ihn, ſeiner Kindespflicht eingedenk, auf irgend eine Weiſe einzulenken. Vergeblich malte der junge Baron dem Arzte den Eigenſinn ſeines Vaters, ſtellte ihm deſſen Art vor, den Mann noch wie den Knaben zu behandeln, und zeigte die Unmöglichkeit, ihn zum Nachgeben zu bewegen. Rüſterer beſtand mit freundlichem Ernſte darauf: Oskar müſſe einlenken. 254 „Die Dinge haben ſich geändert!“ ſagte er,„Ro ſa iſt entweder auf immer verſchwun⸗ den oder ſie kehrt, was ich noch immer hoffe, als reiches Mädchen in Ihre Arme. Dieſer, der Hauptanſtand, iſt gehoben, und Ihres Vaters Zorn legt ſich um ſo eher, wenn Sie ihm freund⸗ lich entgegenkommen, als er gerade darin eine Anerkennung ſeiner Autorität und ſeines Rechtes finden wird, die ihm ſchmeichelt und ihn ver⸗ ſöhnt. Jede Beleidigung, die Ihnen ein frem⸗ der Menſch zufügt, mögen Sie meinetwegen mit dem Degen in der Hand ausmerzen; aber die Kränkung, die Ihnen durch den Vater wurde, und die ihre Quelle in einem guten, wenn auch verkehrten Wunſche für Ihr Gluͤck fand, müſſen Sie als Sohn vergeſſen. Ich weiß recht gut, daß das Gefühl männlicher Würde ſich in edlem Stolze ſträubt, dem Zwange zu folgen, unter welchen manche thörichte Väter den Willen ihrer erwachſenen Söhne beugen wollen; ich kann mich an Ihre Stelle denken und will Ihnen —— — 255 daher ein Mittel vorſchlagen, welches uns zu dem gewünſchten Ziele führen wird.“ „Setzen wir vor allen Dingen vereint un⸗ ſere Forſchungen nach der Verſchwundenen fort, wozu mir eine Reiſe, welche ich nach Heidel⸗ berg zu einigen meiner Collegen unternehme, die Hand bietet. Mit Vergnügen werde ich meinen dortigen Aufenthalt ſodann benutzen, das nahe Mannheim zu beſuchen. Ich gehe zu Ihrem Vater, leite, ohne Sie zu compromitiren, Ihr kindliches Entgegenkommen ein, und bin feſt überzeugt, die unangenehme Spannung bei⸗ 6 zulegen. Iſt dies gethan, ſo verdoppeln, ver⸗ dreifachen wir die Anſtrengungen, eine Aus⸗ kunft über Ihre Geliebte, die mir ja wie mein eigenes Kind am Herzen liegt, zu finden, und— iſt es Gottes Wille— ſo ſehen wir unſere Bemühungen am Ende noch glücklich gekrönt.“ 6 So fuhr Rüſterer fort, Oskar zu 4 tröſten und zur Ausſöhnung zu bewegen, wozu 256 Letzterer, nach der Verſicherung des Arztes: daß ſein Ehrgefühl dabei nicht gekränkt würde, gerne und dankbar die Hand reichte. Nach einigen Tagen reisten die beiden neuen Freunde mit einander ab. Rüſterer begab ſich nach Heidelberg, Oskar nach Carls⸗ ruhe, woſelbſt er die weiteren Briefe des edlen Mediziners erwarten ſollte, der ohne Seußzen, Beten und Stöhnen, ohne geſenktes Haupt und Bibelſprüche, einen um ſo herrlicheren chriſt⸗ lichen Sinn bewahrte, als er, mit Anſtrengung aller ſeiner Kräfte, diejenige aufzufinden trach⸗ tete, durch welche, ward ſie gefunden, ihm un⸗ geheuere Summen entgingen.—— Es war an einem der letzten September⸗ tage, als ſich Roſa Alberti mit der Morgen⸗ dämmerung erhob. Der Himmel hing trübe wie ein aſchgrauer Schleier über der Erde, die Wolken verloren ſich geſtaltlos in einander, bis ſie zu einer Maſſe wurden, die ſich mehr und mehr wieder zu ſenken ſchien. Dichte Nebel ——— 257 entſtiegen der Erde und hüllten alle Gegenſtände ein, daß ſie ſich nur noch in unſicheren Con⸗ turen zeigten. Da nahten ſich Wolken und Nebel, bis ſich die erſteren plötzlich in einen jener Regen auflösten, die ruhig und gleich⸗ mäßig, aber deſto anhaltender herniederſtrömen, als wollten ſie nimmer enden. Roſa hatte die Nacht wenig geſchlafen, ihre rothen, angelaufenen Augenlieder zeigten, daß ſich der Schmerz ihrer Seele in Thränen Luft gemacht, und als ſie nun hinaus in das unfreundliche Wetter und an den trüben Him⸗ mel blickte, da ward es ihr noch enger um die Bruſt, und die Laſt ihres Kummers ſchien ſie noch ſchwerer niederzubengen. Es war der Tag, an welchem ſie das Hohenſteiniſche Haus verlaſſen ſollte, um nim⸗ mer in daſſelbe zurückzukehren, es war der Tag, der alle ihre Hoffnungen auf Glück begrub. Ihr Kopf, vom langen Weinen angegriffen, ſchmerzte ſie ſehr, er war ihr eingenommen, und II. 17 258 des klaren Denkens unfähig, begann ſie das Packen ihrer Habſeligkeiten faſt willenlos. Sie hatte dieſe Arbeit bald vollendet, und als die Frühſtückzeit herangerückt war, trat ſie, zur Reiſe fertig, in des Barons Zimmer. Er war freund⸗ licher gegen ſie, als ſeit langer Zeit, und hatte ihr, als Zeichen ſeiner Erkenntlichkeit für ihre Dienſte, ein reiches Geſchenk bereitet, welches Roſa um ſo mehr annehmen mußte, als ſie kaum voraus ſah, was aus ihr werden ſollte, da ſie ſich wenigſtens feſt entſchloſſen hatte, das Theater nie mehr zu betreten. Man nahm das Frühſtück faſt ſchweigend ein, und der Baron ſowohl als Roſa athmeten leichter auf, als der Einſpänner vorfuhr, welcher die Scheidende aus dem Hohenſteiniſchen Hauſe wegführen ſollte. Der Abſchied war kurz, denn er war Beiden peinlich, und nachdem ſie ſich ihre gegenſeitigen Bedingungen noch einmal in das Gedächtniß gerufen und deren treuliche Er⸗ füllung gelobt hatten, trennten ſie ſich raſch 259 und Jedes verbarg ſeine Aufregung unter einer erzwungenen Kälte. Der kleine Einſpänner fuhr nach der Eiſen⸗ bahn, denn Roſa gedachte über Heidelberg nach Frankfurt zu gehen. Als das Gefährte an den Bahnhof gelangt und Roſa ausgeſtiegen war, drängte ſich ihr die Maſſe der von Heidelberg Angekommenen entgegen. Studenten kamen in langen Reihen, die Arme traulich verſchlungen, daher; Bauern⸗ weiber brachten die Erzeugniſſe ihrer Oekonomie in hochgefüllten Körben zum Markte, Reiſende aller Art riefen, ſich und ihr Gepäck vor dem Regen zu ſichern, nach Wagen, Träger dräng⸗ ten ſich, ihre Dienſte anbietend und gewaltige Rippenſtöße austheilend, durch die Menge, und Jedermann eilte, ſein Ziel ſo ſchnell als mög⸗ lich zu erreichen, da der Himmel noch immer mit ſeinem Regen anhielt. Vergeblich bemühte ſich Ro ſa, dieſen Strom zu durchbrechen, ſie mußte ſeinen dichten Wellen 260 weichen und abwarten, bis er ſich verlaufen hatte. So ſtand ſie, den Regenſchirm tief vor das Geſicht gebeugt, um ihre rothgeweinten Augen der fremden Menge zu verbergen. Da hörte ſie plötzlich eine ihr bekannte Stimme nach einem Wagen rufen, unwill⸗ kührlich hebt ſie den Schirm ein wenig in die Höhe und ſieht in das freundliche Geſicht— Rüſterer's. Ein Schrei des Staunens entfuhr dem alten Herrn; mit einem Sprung war er an ihrer Seite, und Regenſchirm und Hut von ſich ſchleudernd, ſchlang er die Ueberraſchte in ſeine Arme und rief: „Mein Kind, mein liebes, liebes Kind, ich habe dich wieder!“ 24. Die Wonne der Liebe. „Ich ſchaudr', in meiner jungen Bruſt, Nach weggenommener Hülle, Zu finden ungeahnte Luſt Solch' eine tiefe Fülle. Ein ſolches Meer, ſolch' eine Schacht Von Regungen und Trieben, Solch' eine Himmels⸗Uebermacht, Zu fühlen und zu lieben.“ Friedrich Rückert. Roſa war, als ſie ſich von der erſten Ueberraſchung erholt hatte, in ein lautes Wei⸗ nen ausgebrochen, denn alle die Erinnerungen jener glücklichen und traurigen Tage, die ſie in Rüſterer's Vaterſtadt zugebracht, ſtürmten auf ſie ein, und riſſen die künſtliche Larve der Kälte und Ruhe von ihrem blutenden Herzen. 2 dieſer des Caſtelcaunt'ſchen Teſtamentes er⸗ wähnte. Sie konnte es nicht glauben, ſie hielt es für Scherz, ſie lachte darüber, und erſt als nun der Doktor ihr die Wahrheit ſeiner Aus⸗ ſage durch ſein Ehrenwort bekräftigte, ſtand ſie wie erſtarrt. Da fuhr ein Blitz durch ihre Seele, und mit den Worten:„Nun iſt er ge⸗ rettet!“ ſprang ſie von ihrem früheren Schmerze zu einer ſo ausgelaſſenen Freude über, daß Rüſterer für ihr Wohlſeyn befürchtete. Und doch hatte er das ſchönſte Geſtändniß für die Ueberglücklichen noch im Hintergrunde, und ver⸗ mochte es nicht in ſeiner Bruſt zu verſchließen. Er geſtand ſein Zuſammentreffen mit Oskar, den Zweck ſeines Herüberkommens von Heidel⸗ berg, und daß der Geliebte in Karlsruhe weile, und nur auf des Doktors Ordre warte, um in die Arme des Vaters, und jetzt auch in Roſa's Arme zu eilen. Legen wir die Feder weg. Uebergroße Schmerzen und Freuden, wie ſie Roſa jetzt 263 Es war ein Glück, daß der Regen die Menge vertrieben hatte, ſonſt würde manch ſpöttelnder Blick auf die beiden Menſchen ge⸗ fallen ſeyn, die ſich trotz Wetter und Welt noch immer umſchlungen hielten. Als endlich der erſte Sturm der Gefühle ſich gelegt, Roſa ihre Augen getrocknet, und Rüſterer Hut und Regenſchirm wiedergefunden hatte, nöthigte er das Mädchen mit ihm in den Pfälzer⸗Hof zu fahren, woſelbſt er ein Zimmer für ſich und eines für ſeine Tochter beſtellte. Schnell wurden die naſſen Kleider gewech⸗ ſelt, und Roſa mußte ſodann dem Arzte den Grund ihres Verſchwindens und was ſich ſeit⸗ dem mit ihr begeben, ausführlich erzählen. Mehr wie einmal unterbrach ſie der alte Mann und ſchloß ſie in ſeine Arme, ihre edlen Geſinnun⸗ gen und ihre Seelenſtärke mit väterlicher Be⸗ geiſterung preiſend. Wer aber vermöchte wohl Ro ſa's Staunen zu beſchreiben, als nun die Reihe des Erzählens an Rüſterer kam, und 264 empfand, können gefühlt, geahnt— nie be⸗ ſchrieben werden.—— Den kommenden Morgen benützte Dr. Rü⸗ ſterer, um den alten Baron von Hohen⸗ ſtein zu beſuchen, und ihm die Annäherung des Sohnes zu verkünden. Er würde einen härteren Kampf zu beſtehen gehabt haben, wenn der Baron nicht ſchon Roſa ſein Wort verpfändet hätte, den Sohn, falls er reuig zurückkehre, wieder väterlich aufzunehmen. Als dieſe Sache beſeitigt war, rückte Rüſterer mit ſeinem zwei⸗ ten Vorhaben heraus. Hier aber traf er auf unvorhergeſehene Schwierigkeiten, denn er hatte gehofft, der jetzige Reichthum Roſa's würde den Adeligen beſtechen, und nun mußte er zu ſeinem Schrecken gewahren, daß der Baron ſehr wenig vom Gelde, aber ſehr viel auf ſeinen Stammbaum und auf die Ehre hielt.— Der alte Baron konnte Roſa nicht ver⸗ geben, daß ſie einſt„Komödiantin“ geweſen ſey, und behauptete ſteif und feſt, die Veränderung 265 ihres Namens und der Eintritt in ſein Haus gehörten zu den weiblichen Theaterkünſten, die ſo viel Unglück über die Männer brachte, und nur Eigennutz hätte das Mädchen zu dieſem Schritte bewogen. Rüſterer verſchwendete ſeine ganze Be⸗ redtſamkeit, bis es endlich ſeinen menſchenfreund⸗ lichen Bemühungen gelang, den Eigenſinn des Barons zu brechen. Er willigte zögernd in eine Verbindung ſeines Sohnes mit Roſa Alberti ein. Wie freundlich ſtrahlten die Augen des red⸗ lichen Arztes, als er dem ängſtlich harrenden Mädchen die frohe Botſchaft verkündete, wie unausſprechlich glücklich war Roſa, die mit ungeduldig pochendem Herzen, ihrem Oskar entgegenſah, welchen die Briefe Rüſterers von Carlsruhe nach der Vaterſtadt gerufen. Er kam, mit Ertrapoſt hatte er den Weg zurückgelegt, mit vollen Händen Trinkgelder ver⸗ ſchwendet; er flog, als gelte es die Welt mit der 17** 266 Sonne zu umjagen,— er lag in ſeiner Roſa Armen. Zwei Glückliche hielten ſich lange, lange umſchloſſen, ihre Thränen miſchten ſich, und ihre Lippen ruhten in feurigen Küſſen aufeinander. Welt und Zeit war für ſie nicht mehr; ihre Sinne ſchwiegen, denn ihr ganzes Weſen war aufgelöst in eine Luſt, die ſie vernichtend und erhebend, vor Wonne zitternd und jauchzend hin⸗ riß in die ſchwindelnde Höhe einer nie geahnten Seligkeit. O Menſch, preſſe dein Herz gewaltſam zu⸗ ſammen beim Anblicke dieſer Glücklichen; auch du biſt fähig, dieſen Himmel zu koſten!— Aber bebe, zittre, bete an, wenn dich der große Ge⸗ danke durchrieſelt: all' dieſe Seligkeit, deren Fülle unſer ſchwacher Körper nur Minuten lang ertragen kann, iſt dir aufgehoben für eine Cwig⸗ feit!— für eine Ewigkeit, in welcher du, in der Gottheit Anſchauung verſunken, zu gott⸗ ähnlichem Wirken hingeriſſen, fühlen wirſt, daß 267 dieſe irdiſche Liebe mit all' ihrer Wonne und Seligkeit, nur eine ſchwache Ahnung jener himm⸗ liſchen ſey, mit welcher du nicht eine Geliebte, mit der du Millionen geliebte Weſen, mit der du das ganze Weltall umſchließen wirſt!—— Wie waren ſie ſchön die nächſten Tage, die einem Vater ſein Kind, einem verwaisten Mäd⸗ chen den Geliebten wiedergegeben. Das Hohen⸗ ſteiniſche Haus, bisher ſo leer und ſtill, belebte ſich von Neuem auf einige Zeit, und man ſah nur heitere Menſchen in ſeinen Räumen wan⸗ deln. Roſa blieb zwar unter des Doktors Schutz im Gaſthofe wohnen, während Oskar das väter⸗ liche Haus bezog; aber demohngeachtet vereinigte man ſich für den Tag bei dem alten Baron, der bald fühlte, wie wohl er gethan, Rüſterers Zureden Folge zu leiſten. Er ward ein ganz anderer Menſch, ſein Unmuth, ſeine Launen ſchwanden, und bald geſtand er ſogar ſeinem Sohne zu, daß er doch eine nicht zu verachtende Wahl getroffen habe. 268 So brachte man eine Woche hin, die den jungen Leuten ein Tag ſchien, und welche die Alten verjüngte. Da man aber übereingekom⸗ men war, daß eine baldige Heirath das Braut⸗ paar auf ewig verbinden ſollte, ſo entſchloß ſich Ro ſa kurz, und reiste nach Verlauf dieſer Zeit mit dem treuen Doktor, deſſen Geſchäfte in Hei⸗ delberg ebenfalls beendet waren, nach des Letz⸗ teren Vaterſtadt ab, um daſelbſt die Erbſchaft ihres Wohlthäters in Empfang zu nehmen. Roſa nnente ſich mit herzlichem Danke dieſes ſonderbaren aber großmüthigen Mannes, und ſie und Rüſterer erſtaunten nicht wenig, als ihnen Oskar erzählte: er habe Lord Caſtel⸗ caunt, als einen ſchlichten Landmann gekleidet, mit deutſchen Einwanderern in Algier geſehen. Der Arzt freute ſich namentlich über dieſe Nach⸗ richt, denn, ſagte er: gegen ſein Uebel, wie für alle Seelenſchmerzen, gibt es kein beſſeres Mittel als tüchtige Arbeit, und zwar iſt unter allen Beſchäftigungen, die man dazu wählen kann, 269 der Landbau gewiß die beſte. Er wird ſich ſicher ietzt im groben Kittel glücklicher fühlen, als früher mitten in ſeinem Reichthume. „Ich will mich hüten,“ rief Roſa,„daß das Erbe, welches er mir ſo großmüthig hinter⸗ läßt, mich nicht anſteckt. Ich werde Gott meine Dankbarkeit für dieſes Glück dadurch beweiſen, daß ich ihm an Wohlthätigkeit nacheifre. „Thue dies, mein Kind,“ ſagte der Arzt, und du wirſt im Tauſche dafür eine Seelenruhe genießen und eine innere Freude, die alle Erden⸗ güter überwiegt.“ So ſchied man freudig, in der Hoffnung, ſich recht bald noch freudiger wiederzuſehen. Roſa fiel es nicht ſchwer, ſich bei dem Magiſtrate, welchem einſt Caſtelcaunt das Teſtament übergeben, als die darin angeführte Univerſalerbin zu legitimiren, indeſſen nahmen dennoch die Förmlichkeiten eine lange Zeit in Anſpruch, die jedoch Roſa in dem Hauſe des Doktors, in deſſen Frau ſie eine eben ſo — 270 liebevolle Mutter fand, als Rüſterer ihr ein treuer, väterlicher Freund war,— recht ange⸗ nehm zubrachte. Endlich als ſchon des Novembers rauhe Stürme hausten, waren die Verhandlungen ge⸗ ſchloſſen, und Roſa ſtand nun in derſelben Stadt, in welcher ſie einſt arm und kaum beachtet auf die Bühne getreten, als eine reiche Dame da, die über Mittel zu gebieten hatte, welchen kaum die erſten Bürger ihr Vermögen an die Seite ſetzen konnten. Aber auch des Doktors Bemühungen hatte Roſa nicht vergeſſen, ſie belohnte ſie auf eine ſo zarte als edle Weiſe. In ſeiner und deſſen Gattin Geſellſchaft reiste ſie nach Mannheim ab, um ihrem ſchönen Ziele, Oskars Gattin zu werden, entgegen zu gehen. Nach drei Wochen ſtand vor dem Prieſter ein liebliches Paar, Thränen in den Augen und wunderbar ſüße, ſtille, ſelige Luſt im über— vollen Herzen. 271 Als an dem Abend nach dem glänzenden Hochzeitfeſte Oskar mit ſeiner jungen Frau allein war, als er mit zitternden Händen ſelbſt das weiße Hochzeitkleid löste, und die Hoch⸗ erröthende dem Gatten in die Arme ſank, fiel aus ihrem Buſen ein altes zerknittertes Papier. Oskar hob es auf. Die Züge waren von darauf gefallenen Tropfen faſt verwiſcht; aber der glückliche Gatte konnte doch noch jenes Gedicht erkennen, welches er einſt, von Liebe glühend, ſeiner Geliebten geſchrieben hatte, und welches mit den Worten ſchloß: „Ich ziehe düſter fort im Strom der Zeiten, Dem Traumbild wink ich ſchmerzliches Ade! Es wird im Strom des Lebens mich begleiten, Wie Balſam lindern manches ſcharfe Weh. Doch will ich ſelig, will ich glücklich ſeyn, So denk ich Eurer, denk ich, Beſte Dein. 25. Folgen des Pietismus. „Willſt Du Gott ſchauen, wie er in ſich ſelber iſt, von Angeſicht zu Angeſicht?— Such' ihn nicht jen⸗ ſeits der Wolken; Du kannſt ihn allenthalben finden, wo Du biſt. Schaue an das Leben ſeiner Erge⸗ benen, und Du ſchaueſt ihn an; ergib Dich ihm ſelber, und Du findeſt ihn in Deiner Bruſt.“ Fichte. Der Winter war entſchwunden; der Früh⸗ ling hing blüthenſchwer über die Erde, und ſchüttete alle die Luſt neu erwachender Leben, alle ſeine Reize und Freuden auf die Glücklichen. Süße Düfte zogen, berauſchend, über grü⸗ nende Saatfelder, aus dem friſchen Laub der Bäume drängten ſich die vollen Blüthen, auf 273 den Wieſen wiegte der leiſe Wind tauſende von Blumen, aus deren Kelchen Bienen und Schmet⸗ terlinge den ſüßen Thau naſchten. Alles regte ſich in voller Luſt, und hoch in den blauen Lüften erſchallte der Lerchen Jubelchor. Und mitten durch dieſe reichgeſchmückte Welt, ſchritt, an der Seite ihres geliebten Gatten, Roſa, die junge Baroneſſe von Hohen⸗ ſtein. Weit hinter dem frohen Paare aber, folgte leer der prächtige Reiſewagen, denn das junge, ſeit dem Spätherbſt verheirathete Pär⸗ chen, war auf einer Vergnügungsreiſe begriffen. Sie hatten Stuttgart, die freundliche Re⸗ ſidenz verlaſſen, und zogen nun durch Württem⸗ berg, den üppigen Garten Deutſchlands. „Laß uns hier einen Augenblick niederſetzen und uns ausruhen!“ ſagte Oskar zu ſeiner Roſa als ſie gerade einen Hügel erreicht hatten, der eine weite und herrliche Ausſicht bot,„ich habe Dir, ehe wir weiter gehen noch Einiges zu bemerken.“ Il. 18 274 Roſa folgte freudig dem Wunſche ihres Mannes. Man breitete einen Shwal aus, und ſetzte ſich unter einen blühenden Apfelbaum, der ſeine bemvosten Aeſte weit ausdehnend, ein duf⸗ tendes Laubdach bildete. Roſa war von dem ſchönen Morgen ſo recht herzlich entzückt. Sie legte ihre Hände auf des Gatten Schooß, und ſah ihn mit zärt⸗ lichen Blicken an. Er ſchwieg in Gedanken ver⸗ loren; da beugte ſich die junge Frau lächelnd zu ihm, und drückte einen Kuß auf ſeine Wan⸗ gen, indem ſie ſagte: „Aber Männchen! Du biſt ja plötzlich ſo ernſt?— an was denkſt Du denn?“ „Liebe Seele, ich dachte an mein Glück, und wie leicht ich es auf dieſen Fluren hätte verlieren können.“ „Wie ſo?“ „Du weißt, warum ich dieſen Weg auf unſerer Reiſe eingeſchlagen habe; es geſchah, um noch einmal Sturmau zu ſehen, und zu ————. 275 erfahren, was aus der jungen Gräfin geworden, die mir zur Braut beſtimmt war, und welche leider! in die Hände überſpannter, und ich fürchte, heuchleriſcher Menſchen gefallen iſt.“ „Das arme Kind,“ rief Roſa mitleidig; „war ſie ſchön?“ „Sehr ſchön und ſehr gut, aber verkehrt erzogen, neigte ſich ihr Geiſt zur Schwärmerei, und ſo ward ſie ein Spielzeug der Pietiſten. Ich muß geſtehen, daß mir faſt bangt ſie wiederzu⸗ finden, denn nachdem was ich geſehen...“ „Und was haſt Du denn geſehen, liebes Männchen?“ „Ich muß darüber ſchweigen, weil ein Schwur meine Zunge bindet. Aber ſagen kann ich Dir, daß ſie unglücklich werden muß, denn die Leh⸗ ren, denen ſie ſich ergab, ermangeln alles Haltes. Nicht durch das Aeußere, nicht durch die Form, kommt die beſeligende Kraft der Religion an uns, ſondern wir müſſen ſie nur durch eine lebens⸗ thätige Verdauung ihrer hohen Lehre erwerben.“ 18 „Ich muß bekennen, daß ich Dich nicht recht verſtehe. An was muß man ſich denn halten, wenn man im Leben feſtſtehen will?“ „Nicht an das Wort, ſondern an den Geiſt der Religion,“ entgegnete Oskar,„doch hiervon ein anderesmal. Nur noch ſo viel. Das Leiden iſt die Mutter der Weisheit. Als ich in Algier von Schmerzen niedergebeugt, von Allem was ich liebte verlaſſen, im Spital lag, und ſpäter in der herrlichen Natur und an der Seite eines weiſen Mauren genaß, da fühlte ich das Bedürfniß des Troſtes. Ich ſuchte und fand ihn in der Religion und zwar im Chriſtenthum. Damals forſchte ich in demſelben und bewahrte mir in einem Hefte die Reſultate meines Nach⸗ denkens. Ich werde ſie Dir, liebes Weſen, mit⸗ theilen, damit auch Deine Zweifel ſchwinden, und Dein Auge das ungetrübte Sonnenlicht der Wahrheit erblicke.— Wenn wir nach Sturmau kommen, ſey vorſichtig, liebes Herz, denn ein ver⸗ nünftiges Wort über Deine Meinung, rückſichtlich 1 ————————— ——— 277 der Religion, könnte die gereizten Seelen dieſer Schwärmer verletzen, oder zu wilden, fanatiſchen Kämpfen auffordern. Beobachte nur, und ich fürchte, es werden ſich Dir die traurigen Folgen zeigen, zu welchen eine Lehre führen muß, deren Hauptbemühung dahin geht: der Vernunft ent⸗ gegen zu wirken.— Doch laſſen wir das. Ich habe Dir noch etwas anderes mitzutheilen.“ „Und das wäre?“ „Du ſollſt es hören, wenn wir gefrühſtückt und uns an der göttlichen Ausſicht hier erlabt haben.“ Unter dieſen Geſprächen war der Reiſe⸗ wagen herangekommen. Ein Diener holte aus demſelben einiges Eſſen und eine Flaſche guten Rheinwein, breitete ein weißes Tuch vor dem jungen Paare aus, und ſtellte Beides darauf. Wie mundete dies kleine Mahl den Glück⸗ lichen. Der Wein ſchien feuriger, das Eſſen wohlſchmeckender, denn Gottes freie Luft um⸗ wehte ſie. Auge und Ohr, Geruch und Geſchmack 278 waren bedacht, und damit der fünfte Sinn nicht ganz allein unbeachtet bliebe, würzten herzliche Küſſe das ländliche Frühſtück. „Ach! das ſchmeckt trefflich!“ ſagte endlich Roſa, und legte ihr Köpfchen auf ihres Gatten Schulter. „Ich kenne noch Jemand, dem es auch jetzt ſchmeckt, und der ſonſt nur mit Seufzen aß,“ entgegnete Oskar. „Und wer iſt das?“ „Erräthſt Du es nicht?“ „Wahrhaftig, nein!“ Da zog Oskar einen Brief aus der Taſche und reichte ihn Roſa. Er kam von Rüſterer. Der Baron hatte ihn geſtern Post restante in Stuttgart erhalten. „Was ſehe ich!“ rief erſtaunt das junge Frauchen,„ein Brief Lord Caſtelcaunt an den Doktor?!“ „Ja, ſoll ich ihn leſen?“ „Ach ja, ich bitte Dich. Jede Silbe über 279 das Lvos meines Wohlthäters, iſt mir von un⸗ endlichem Werthe!“ „Er iſt kurz und eigen, wie der Mann der ihn ſchrieb.— Höre.“ Und Oskar las: „Edler Doktor!“ „Ihr Rath iſt befolgt, und ich bin zufrieden, wenn auch nicht glücklich.“ „Zu Fuß durchwanderte ich einen Theil Süd⸗ Deutſchlands ohne Erfolg. Da lernte ich Men⸗ ſchen kennen!— Es waren arme aber redliche Landleute die nach Algier gingen. Ahasverus zog über das Meer, baute in Dely Ibrahim⸗ ſein Feld— und fand Ruhe.— Ich bin ein Menſch geworden. Das heißt, ich eſſe und trinke, und zwar mit Luſt, ich arbeite und lege mich ermüdet nieder, und ſehe den Tag gern wieder⸗ kehren. Von Glück weiß ich nichts; aber den Genuß habe ich kennen gelernt, und was mehr iſt: ich bin ruhig und zufrieden. Was kann der Menſch mehr verlangen?“ 280 —————— Dieſe Nachricht war ich dem Manne ſchuldig, der mich ſo weit heilte, als es in ſeiner Kraft ſtand.“ Caſtelcaunt. „Wunderbarer Mann, er darbt und muß ſein Leben mit Mühe und Arbeit friſten, und mich haben ſeine Güter zur glücklichſten Frau gemacht.“ „Seine Güter?“ lächelte Oskar. „Ja. Durch deren Beſitz durfte ich auf die Hand des Mannes hoffen, der mich allein beglücken konnte.“ —— — Eine Umarmung bezeugte die Wahrheit ihrer Worte. Man ſtieg auf, und da die Hitze zugenom⸗ men, wurde die Reiſe im Wagen fortgeſetzt. Gegen Abend nahte man ſich Sturmau. Oskar verwunderte ſich ſehr, daß die Felder, welche zu Lebzeiten des Grafen ſo fleißig ge⸗ handhabt worden waren, nun ganz vernachläfſigt . ſchienen Und da, wie ſchon erwähnt, die Na⸗ tur in dieſer Gegend weniger ergiebig war, und — —— — 281 nur anhaltender Fleiß ſie zu guten Erträgen zwingen konnte, ſo ſchloß Oskar, aus der Ver⸗ wilderung und ſchlechten Anbauung, daß dieſe Tugend hier wohl ſehr abgenommen habe Man kam auf Sturmau. Das Schloß hatte, in der Zeit Oskar es nicht geſehen, ſehr gelitten, da nichts an demſelben verbeſſert wurde. Der Garten wuchs wild und unordentlich und der Schloßhof war mit Gras bedeckt. Der Baron ſchüttelte beim Anblick dieſer Veränderungen bedenklich den Kopf. Da trat Bertram an den Wagen. Der alte Diener erkannte alsbald den Baron und hieß ihn will⸗ tommen. Aber es lag eine ſonderbare Miſchung von Freude, Verlegenheit un Trauer in dieſem: „Willkommen!“ Oskar war mit ſeiner Gattin ausgeſtiegen. Er ſchüttelte dem Alten freundlich die Hand und bat ihn, er möge ihn und ſeine Frau der jungen Gräfin melden. Da trat eine Thräne in des alten Mannes 282 ſagte: „Verzeihen Sie, Herr Baron, in dieſem Augenblicke können Sie dieſelbe nicht ſprechen. Ach, es hat ſich Vieles verändert, ſeit Sie Sturmau verlaſſen! Doch wenn es Ihnen gefällig iſt in den Gartenſaal zu treten, ſo will ich Eure Gnaden mit wenigen Worten auf das vorbereiten, was Sie ſehen werden.“ Die Angekommenen folgten dem Greiſe ſchweigend in den Saal. Bertram erzählte nun kurz Gabrielen's Schickſale und ſchloß mit der Bemerkung, daß durch Ratzler's Diebſtahl und unüberlegte Ausgaben und Unternehmungen Krumm's das ganze gräfliche Vermögen erſchöpft, ja Schloß und Güter verſchuldet ſeyen. Ratzler habe nicht nur die baare Kaſſe mitgenommen, ſondern vorher auch die meiſten ausſtehenden Kapitalien der Gräfin an ſich gezogen, was ihm leicht gelingen konnte, da er in alle Verhältniſſe Auge, er blickte wehmüthig zum Himmel und * — 283 Gabrielen's eingeweiht war und deren Un⸗ terſchrift täuſchend nachzuahmen verſtand. Das Bekenntniß von Gabrielen's Thor⸗ heit mit Eduard ward dem treuen Diener unendlich ſchwer, und Oskar konnte ihm daſſelbe nur mit Mühe entlocken. „Und um das Maaß des Unglücks voll zu machen, das über die edle Familie hereinbrach,“ ſchloß Bertram finſter,„mußte vor vier Wochen das Kind der Gräfin ſterben. Laſſen Sie mich über ihren Seelenzuſtand ſchweigen. Mit ſich und der Religion, die ſie ſo bitter täuſchte, ver⸗ fallen, von den Menſchen, welche ſie einſt mit Wohlthaten überhäuft, jetzt, da ſie arm iſt, verſpottet und verachtet, in allen ihren Hoff⸗ nungen getäuſcht, verblüht und in der Jugend gealtert, iſt ſie des Jammers Bild!“ Der alte Mann bedeckte das gefurchte Ge⸗ ſicht mit den Händen, Oskar ſuchte ſeinen Schmerz gewaltſam zu verbeißen, und Roſa weinte, an ihren Gatten gelehnt, bittere Thränen. 284 Als Bertram die Rührung der Gäſte bemerkte, ſchritt er auf Oskar zu und drückte demſelben die Hand. „Ich bin nur ein Diener,“ ſagte er,„aber ich habe ein Herz für meine Herrſchaft, mit der ich aufwuchs. Ich danke Ihnen in ihrem Namen für den Antheil, welchen Sie an ihrem Unglück nehmen. „Und kann ich Gabriele nicht ſehen?“ frug leiſe der Baron. Bertram ſchwieg einen Augenblick, dann winkte er dem Paare ihm zu folgen. Nachdem er durch einige verwilderte Gänge des Gartens geſchritten, blieb er plötzlich ſtehen und deutete auf einen kleinen Hügel. Mitten in dickem Buſchwerke erblicken Oskar und Roſa eine kleine Erhöhung, auf welche ſeit kurzem Blumen gepflanzt waren. Es war des Kindes Grab, über welches ſich eine ſchmächtige, weibliche Geſtalt beugte. Ihr Antlitz war bleich und abgezehrt, ihr Auge — — — — „—— 285 erloſchen und matt, und die edlen Züge hatten wilde Stürme verwittert. „Dies wäre?...“ frug halblaut Oskar und ſtarrte auf die Gebeugte. Bertram holte tief Athem und ſagte: „Gabriele von der Rode.“ Oskar wandte ſich raſch und zog, heftig erregt, ſeine Gattin fort. Er ſchritt den Garten ſchweigend entlang, und als ſie den Wagen erreicht, der noch im Schloßhof harrte, wandte er ſich noch einmal an Bertram und frug: „Und was ward aus Krumm?“ 6„Der—“ entgegnete gedehnt der graue Diener. „Nun?“ „Der iſt wahnſinnig! und tobt in einer engen Klauſe des Irrenhauſes jener Stadt, in welcher er ſo manchen armen Menſchen den Frieden und Verſtand durch ſeinen Pietismus geraubt.“ Oskar und Roſa beſtiegen den Wagen, 286 ſie ſprachen nichts, ſie hielten ſich ängſtlich umſchlungen, als wollten ſie ſich gegenſeitig wahren, daß ein ſo furchtbares Schickſal nicht auch ſie treffe. Sie werden glücklich bleiben, und auch die wenigen trüben Stunden, die ihrer harren, mit Reſignation tragen; da ihre Seele ein freund⸗ licher Glaube tröſtet, deſſen Stütze nicht wanken kann, denn— ſie hieß Vernunft!——— Nachſtehend folgt der Inhalt jenes Heftes, welches Oskar geſchrieben, um das Wirken und Lehren des hohen Meiſters, frei von allen ſtörenden Nebenumſtänden, rein und einfach erblicken und ſich aneignen zu können. Roſa empfing es mit Dank aus ſeinen Händen, und ihr Glaube ward dadurch geläutert und befeſtigt — 2 — 3 .„ 4