a r . * * arhrarhhht Leihbibliothek von Ednard Ottmann in Gießen. Täglicher Leſepreis für ein deutſches Buch 1 Kr. 5„ franz. od. engl.„ 2 Fr. Das Abonnement beträgt: für wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher„ auf 6 Monat: fl. 30 Kr. „„„ 1 rr — hr 1 1 arrrrrr t rararhut Die pietiſten. —— Die Pietiſten. Roman aus dem Leben der neueſten Zeit von Heribert Rau. ſt —— Stuttgart. c Verlag der J. F. Caſt ſchen Buchhandlung. 1811. Giedruckt bei K. 5 Hering& Comp. — Seinem Freunde FJ. B. Hänlein als Zeichen der Achtung gewidmet. Vorrede. Wenn die erwärmende Flamme des Kamines, — welche die Hausgenoſſen nach vollendetem Tage⸗ werk traulich um ſich einigt, damit jeder der Ruhe pflege und ſich ſtärke und kräftige zu neuer Arbeit, und im frohen Kreiſe auch Geiſt und Gemüth Nahrung finde im Austauſche der Gedanken,— wenn jene wohlthätige Flamme, zu ſehr geſchürt, die Umgebung erfaßt, und mit raſender Schnelle um ſich greifend? nun des Nächſten Haus in lichtes Feuer ſtellt,— wenn ſein Hab und Gut, das Leben ſeiner ganzen Familie auf dem Spiele ſteht,— wenn ſchon die Pfoſten krachen,— wenn der Sturm⸗ wind heulend durch die Ritze des ſtürzenden Gebäu⸗ des bricht und die Lohe zur himmelhohen Säule anfacht,— wenn, das Unglück nicht ahnend, dein VI Nachbar, von tauſend Gefahren umgeben, ruhig fortſchläft,—— wirſt Du Dich dann kalt beſin⸗ nen, ob Du ihm zu Hülfe eilen, ihn retten ſollſt? — oder nicht?— Nein!— Mit kühnem Sprunge eil'ſt Du, die eigene Lebensgefahr nicht achtend, durch Flammen und ſtürzende Trümmer zu ihm hin, rüt⸗ telſt ihn mit kräftiger Hand aus dem Schlummer und dem Schlaftrunkenen die Gefahr zeigend, bleibſt Du ihm ſchützend zur Seite, bis er und die Sei⸗ nen gerettet ſind. Brenne ſie fort die Gluth, ſie iſt nicht mehr zu löſchen; aber neuer Nahrung entbehrend, ſtürzt ſie praſſelnd in ſich ſelbſt zuſammen und erſtirbt! Auch ich ſah das wohlthätig leuchtende und erwärmende Element der Religion, von den un⸗ bedachtſamen Händen der Schwärmer geſchürt, wild und furchtbar aufflammen, und— ſeine Segnungen in Fluch verwandelnd— Tod und Verderben ver⸗ breiten, wo es ſo beglückend hätte wirken können. Da pochte mein Herz in mächtigeren Schlägen, da trieb eine unſichtbare Hand mich gewaltſam fort, und ich ſtürzte mich, mit dem guten Willen zu retten, in die Gluth; nicht achtend ob es mir ge⸗ lingen werde— oder ob ich in ihr meinen Tod fände. Ich ſchrieb dies Buch gegen den Pie⸗ tismus. Lächle Niemand verächtlich darüber, wenn auch ich meine ſchwache Hand zu dem großen Werke der Aufklärung biete, und mein Streben eine mit den Kräften edlerer und größerer Männer. In dem Unendlichen der Natur greift Groß und Klein, Mächtiges und Schwaches weiſe in einander, um die Zwecke des höchſten Weſens zu erfüllen, dem ſelbſt zu deren Erreichung das Son⸗ nenſtäubchen dienen muß. Es wirkt Jedes nach ſeiner Art, Jedes nach ſeinen Kräften. Durch dieſe Erfahrung ermuthigt, ergriff auch ich, dem Drange des Gottes folgend, der jugend⸗ kräftig mir in der Bruſt wohnt und welcher durch die Stimme des Rechtes und der Vernunft zu mir ſpricht, die Feder und that, was ich als Pflicht er⸗ kannt, was ich nicht laſſen konnte. Aber wer einen ernſten Kampf durchführen will, prüfe zuvor das Terrain und wähle ſich einen Standpunkt, der ihm vortheilhaft ſcheint, und Waffen, die er zu handhaben vermag. Ich ſah viele Kämpfer auf dem ſchlüpfrigen Boden der Theologie auftre⸗ ten, gehüllt in den Harniſch der Wiſſenſchaften, umgürtet mit dem Schwerte der Wahrheit. Nur VIII das Letztere vermochte meine Hand zu führen, und da Erſterer mir zu ſchwer, die ſteile Höhe mir zu ſchwindelnd war, ſo ſtieg ich nieder in das freund⸗ liche Thal der Romantik und biete nun hier dem Feinde die offene Bruſt dar. Ich ſchrieb nicht für die gelehrte, ich arbeitete für die Leſewelt, und bin von der Ueberzeugung durchdrungen, daß in derſelben ein Roman eine beſſere Wirkung hervorzurufen vermag, als die wiſſenſchaftlichſt ausgearbeitete theologiſche Schrift. Vorliegendes Buch trägt den Namen derjeni⸗ gen Schaar, gegen deren finſteres Wirken es auf⸗ tritt. Damit aber Niemand zweifle, wen ich unter dem Worte: Pietiſt verſtehe, und man nicht glaube, ich eifre gegen wahre Frömmigkeit und ächten chriſtlichen Sinn, ſo folge hier in wenigen Worten eine Erklärung über die Benennung: Pie⸗ tiſten, und zur beſſeren Verſtändigung des Ganzen, eine Andeutung ihres Entſtehens. Es iſt eine traurige Erfahrung, daß faſt alle große und edle Männer mehr oder weniger von ihren Zeitgenoſſen mißverſtanden werden, und die löblichen Inſtitutionen, welche dieſelben gründen, mit der Zeit ausarten, ſo daß ſie oft ſchon nach kurzer Friſt gerade das Gegentheil von dem ſind, was der ——————————— 1X Stifter damit bezweckte. Man denke nur an den ſanften Jeſu und die ſpaniſchen Auto da Fö;— an faſt ſämmtliche geiſtliche Orden u. ſ. w. Auf gleiche Weiſe ging es dem würdigen Phil. Jacob Spener, welcher 1635 geboren, 1666 erſter Pfarrer in Frankfurt am Main wurde. Spener, mit Recht der Fenelon Deutſchlands genannt, war ein Mann von äußerſt liebenswür⸗ digem Charakter. Sanft und gemüthlich, zeichnete ihn namentlich der Geiſt ächter Frömmigkeit aus, und er leuchtete durch letztere Tugend um ſo heller hervor, als er in einem Jahrhundert lebte, in wel⸗ chem die Theologie unter Dogmatismus erſtarrt und von dem unſeligen Geiſte der Polemik erfaßt war. Wohl fühlte Spener, daß Formenweſen die Herzen leer, unchriſtliche Zankſucht ſie kalt laſſen müſſe; er ſuchte daher auf alle Weiſe ein lebens⸗ thätiges und praktiſches Chriſtenthum hervorzurufen; ſprach in ſeinen Predigten einfach, verſtändlich und erbaulich zu den Herzen ſeiner Gemeinde, und ſchuf 1670 zu Frankfurt häusliche Andachtſtunden, deren Zweck es war: einen beſſeren Geiſt und einen fröm⸗ meren und religibſeren Sinn zu verbreiten. Dieſe Zuſammenkünfte zur Erbauung in chriſt⸗ lichen Wahrheiten, welche in Spener's Hauſe E X gehalten und Collegiapietatis genannt wurden, waren alſo die Wurzel des Pietismus. An und für ſich eine ſehr zweckmäßige und lobenswerthe Ein⸗ richtung, war die Benennung Pietiſten(Fromme), die man den Theilhabern an dieſen Andachtsübungen beilegte, auch nur in dem edelſten Sinne zu ver⸗ ſtehen, und ein Schmuck derer, die ſie trugen. Aber Spener wurde 1682 als Oberhof⸗ prediger nach Dresden verſetzt, und die Collegia pietatis,— wrelche unterdeſſen auch in vielen anderen Städten, wie z. B. in Hamburg, Danzig, Erfurt, Gießen, Straßburg, Magdeburg u. ſ. w. nachgeahmt worden waren— erhielten ein anderes Haupt. Der Name blieb, während ſich die Sache änderte; denn nur ſehr wenige Prediger athmeten einen Spener'ſchen Geiſt. An die Stelle der frü⸗ heren Anſpruchsloſigkeit trat allmählig ein gewiſſer Stolz, aus dem Gefühle des Beſſerſeyns als Andere entſproſſen; ſchwärmeriſche Ideen tauchten auf und fanden Anklang, und man ſtellte endlich den Grund⸗ ſatz feſt: daß mehr zu dem Herzen als zu dem Ver⸗ ſtande geſprochen werden müſſe, und vernachläßigte über die Privatandachten den öffentlichen Gottes⸗ dienſt. Schlimmer aber als dies, war die Erfah⸗ rung, daß jene Religionsübungen bei der Mehrzahl XI zur Gewohnheit, ja zum Deckmantel wurden, hinter welchem ſich unchriſtlicher Sinn verbarg. So war das Unkraut geſäet und wucherte in üppiger Fülle. Spaltungen und Streitigkeiten entſtanden, und die Regierungen ſahen ſich genöthigt, dem Unfuge durch das Verbot der Collegia pietatis ein Ende zu machen. Die Verſammlungen wurden öffentlich geſchloſſen, pflanzten ſich aber im Stillen fort, und nun erſt begannen alle Leidenſchaften ihr Unweſen in denſelben zu treiben. Mit dieſen Verirrungen des Pietismus hatte derſelbe auch ſeine Achtung eingebüßt, und der Name Pietiſt ward zum Spott⸗ und Schimpf⸗ namen, indem er nicht mehr ſo viel als From mer, ſondern Frömmler bedeutete. Da aber jene große Maſſe von Gefühlsmen⸗ ſchen, in welchen der Verſtand noch nicht zum Durchbruche gekommen, nichts mehr anſpricht als ein bequemes Schwelgen in religiöſen Gefühlen, ſo fand die gedachte Secte in den meiſten Ländern einen bedeutenden Anhang, und verband ſich bald zu einem gemeinſamen Wirken gegen Alles was Licht und Aufklärung zu verbreiten drohte. Zu welchen unglückſeligen Verirrungen ſie aber XII in den neueren und neueſten Zeiten ſich hat ver⸗ leiten laſſen, iſt wohl Jedem bekannt, der nur mit einigem Intereſſe der Kulturgeſchichte ſeiner Zeit⸗ genoſſen folgte. Wer kennt die Gräuelthaten nicht, zu welchen Schwärmerei die Wildenſpucher verführten? Wer nicht die Betrügereien eines Broli?— Wer nicht das Spiel der fanatiſchen Swawianer, Hoffmannianer, Momiers, Leſer u. ſ. w. — Wem iſt das Wupperthal nicht als der Sitz der Finſterniß und der bigoteſten Frömmelei bekannt? welchen edel denkenden Menſchen betrübte nicht tief das unchriſtliche Verfahren eines Krummacher's in Bremen?— Wer hörte nicht von Königsberg? — Zu weſſen Ohren drangen nicht die Nachrichten jener empörenden Sittenloſigkeit und raffinirten Wolluſt, welche die giftige Blüthe ſo mancher Con⸗ ventikel iſt?— Und ach— Wem zerreißt es nicht das Herz, wenn er denkt wie viele edle, reine Seelen den Machinationen dieſer Scheinheiligen erliegen. Auch ich ſah durch ihre Hand Blumen ge⸗ tnickt, über deren welkendes Haupt ſich die Engel des Himmels weinend neigten,— auch ich ſah in das ſtarre Antlitz guter und unſchuldiger XIII Menſchen, die der Pietismus zu Selbſtmördern gemacht hatte,— auch ich ſah den Wahnſinn ſeine flimmernde Krone mit ſchauderhaftem Lächeln auf das Haupt jener Schwärmer drücken. Die Begebenheit, welche die nachſtehenden Blät⸗ ter erzählen, ſind keine Erfindung, ſie gründen nicht nur auf Wahrheit, ſie ſind zum größten Theile wirklich geſchehen, und nur die Namen, die Oertlichkeit und die Verbindung des Ganzen ſind Schoͤpfungen meiner Phantaſie. Bedarf es nach dem Erwähnten noch einen Beweis, wie noͤthig die Vereinigung aller gutden⸗ kenden Menſchen ſey, um jenem Streben nach Ver⸗ finſterung kräftig entgegenzuwirken?— Ich glaube kaum! denn die Folgen des Pietismus, der— leider!— in unſeren Tagen an Ausdehnung ge— winnt, ſind ſchrecklich genug, um unſeren Blick in die Zukunft zu trüben, und ſie könnten uns mit ernſtlichen Sorgen erfüllen, wenn nicht die ſelige Gewißheit uns durchdränge: daß auch dieſer Kampf des Wahnes gegen die Vernunft nur dazu dienen muß, den Sieg der lichtgeborenen Göttin zu befördern. Auf denn, ihr Freunde des Fortſchrittes, ihr Kämpen für Aufklärung!— auf ihr Vertheidiger ** XIV einer reinen, geiſteskräftigen Vernunftreligion!— Schließet feſt die Glieder eurer Reihen, laßt wehen in den friſchen Lüften das Panier der Wahrheit und ſtürzt euch muthig in der Feinde Haufen,— nach heißem Kampfe lacht die Siegeskrone!— Frankfurt, den 1. Mai 1841. Heribert Rau. Das Theater. „Nur Muth! Noch iſt es nicht mißglückt, Geduld und Pfiff zum letzten Knoten! Gewöhnlich gehts am Ende ſcharf. Befehlt daß ich befehlen darf.“ Göthe. An einem Novemberabende des Jahres 1839 fuhr ein eleganter Reiſewagen vor dem Gaſthofe „zum Strauß“ in einer der Provinzial⸗Städte Süd⸗Deutſchlands an. Wirth und Kellner eilten dem neuen Ankömmlinge entgegen, der mit leich⸗ tem Sprunge die Gaſtſtube erreichte. Es war ein junger Mann, ungefähr fünfundzwanzig Jahre alt und von angenehmem Aeußern; ſeine Bewegungen waren raſch, faſt gebieteriſch. E 1 2 Freundliches Wohlwollen ſchien indeſſen der vor⸗ herrſchende Zug ſeines markirten Geſichtes. Er warf den Pelzmantel ab, befahl das Gepäck auf ein freundliches Zimmer zu bringen, und ſchrieb dann mit flüchtigen Zügen in das Fremdenbuch, welches der Kellner ihm vorlegte: Baron Hohenſtein von Darmſtadt Rentier. Obgleich erſt fünf Uhr, hatte die Dunkelheit ſchon ſo zugenommen, daß die Lichter bereits brannten. Die Unbehaglichkeit, die ein leeres, halb erleuchtetes Gaſtzimmer in uns erregt, zu⸗ mal an einem Orte, an welchem wir völlig fremd ſind und wenig Unterhaltung erwarten dürfen, beſchlich auch unſern Freund. Er griff nach mehreren Zeitungen, blätterte darin, und legte dann eine nach der andern wieder zurück. Seine Gedanken ſchienen auf einen fernen Ge⸗ genſtand gerichtet, der ihn indeſſen wohl nicht auf das Angenehmſte berühren mochte, denn ſeine Stirn verfinſterte ſich allmählig. So hatte 3 er unwillkührlich auch ein Blatt unter die Hände bekommen, und es zu einem Fidibuſe gefalten; ſpielend zog er jetzt die Brüche deſſelben wieder auseinander, und ſiehe da, es war ein Theater⸗ zettel. Ein ironiſches Lächeln zuckte um ſeine Lippen als er las:„Was ihr wollt,“ Luſtſpiel in fünf Aufzügen von Shakspeare. „Mein Gott,“ murmelte er halblaut,„hier ein Luſtſpiel von Shakspeare? Soll man da lachen oder weinen?— Unſere beſten Bühnen geben dieſe herrlichen Blüthen eines unüber⸗ trefflichen natürlichen Witzes kaum erträglich, und hier?!..“ er lief mit flüchtigem Blick die Namen der Schauſpieler durch.„Wie?!“ rief er dann plötzlich und ſprang auf, den Zettel dem Lichte näher bringend, als wolle er ſich überzeugen, daß ſeine Augen ihn nicht betrogen. „Wie, Viola, Demoiſelle Roſa Alberti!— Roſa Alberti?— Wäre es möglich? das iſt wohl gar jenes kleine, allerliebſte Röschen, meine frühere Nachbarin, mit welcher ich ſpäter einige 1* 4 Male im Liebhabertheater ſpielte. Ja, ja, das kann ſeyn. Ich entſinne mich, gehört zu haben: daß ſie ſich dem Theater gewidmet, theils aus Liebe zur Kunſt, theils um der harten Behand⸗ lung zu entgehen, die ſie von ihrem Oheime, einem rohen Menſchen, zu erdulden hatte. O das iſt charmant! Das gibt ein herrliches Aben⸗ teuer; es iſt eine milde Seele. Vielleicht.. hier hielt er inne; aber indem er nach Mantel und Hut griff, gingen ſeine Gedanken gleich muthwilligen Roſſen, von dem Stachel einer glühenden und üppigen Phantaſie geſpornt, der Vernunft durch. Erſt als er die Thüre in der Hand hielt, ſiel ihm bei: daß er ſeine Schöne doch wohl jetzt nicht beſuchen könne, da ſie ſicher im Augenblick ſchon im und mit oilette beſchäftigt ſey. Der Verzug war ihm ärgerlich. Da in⸗ Sfſen nichts anderes zu thun war, beſchloß er in das Theater zu gehen; mehr in der Hoffnung auf die Bühne vorzudringen, als zuzuſehen, denn 5 er konnte nicht ohne ein gewiſſes Bangen an die ſchwierige Aufgabe denken, welche ſich die junge Schauſpielerin geſtellt hatte. Im Grunde ſeines Herzens hoffte er Roſa recht unbedeu⸗ tend, in drückenden Verhältniſſen, kurz in jener Lage zu finden, die einem freigiebigen und zu⸗ vorkommenden jungen Manne Gelegenheit ſchafft, ſich nähere Rechte auf die Erkenntlichkeit der aufmerkſam Behandelten zu erwerben. Man ſieht, die große Welt hatte keinen unwürdigen Zögling an dem jungen Baron. Er trat in die Loge. Schon das Aeußere des Theater⸗Gebändes hatte ihn angenehm über⸗ raſcht; ſeine freundliche und geſchmackvolle innere Einrichtung erhöhte noch ſein Staunen. Ein Kranz geſchmückter Damen umgab ihn. Alle Augen, bewaffnet und unbewaffnet, fielen auf ihn; denn ein Fremder, in ſo eleganter Klei⸗ dung, mit Glace⸗Handſchuhen und in der erſten Rangloge, dies war allerdings für eine ſüd⸗ deutſche Provinzial⸗Stadt ein Ereigniß. Man 6 neigte ſich zu einander, flüſterte und frug:„Wer iſt das?“—„Wer mag das ſeyn?“— und beugte ſich berathend vor und zurück. Ja ſelbſt die Herren gruppirten ſich im Parterre, und ſahen voll Neugierde nach der Reſerveloge. Von allem dem gewahrte Oskar nichts. Sein Herz pochte, ſeine Augen waren auf den Vorhang gerichtet, der ihm ein Weſen verbarg, für wel⸗ ches er ſich ſo ſehr intereſſirte, das ſeine Ein⸗ bildung mit allen Grazien zu ſchmücken eifrigſt bemüht war. Jetzt hob ſich die Leinwand, und beſcheiden, ſanft und kindlich trat jenes Mädchen ihm ent⸗ gegen, das er zu beſitzen hoffte. Hohenſtein ſtaunte. Es war jenes Röschen nicht mehr, das nette, wilde Kind,— es war eine Jung⸗ frau, ſchlank und reizend, in dem erſten Er⸗ blühen. Wie ein elektriſcher Schlag traf es ſeine Seele. Er war ganz Auge, ganz Ohr! — Wie zart ſie die Nüancen ſpielen ließ; wie durch die ſelbſtgewählte Rolle des beſcheidenen 7 Dieners,* das Feuer einer verzehrenden Liebe durchbrach, und die Entſchloſſenheit des Mannes, ſich mit dem tiefen Gefühle des Weibes paarte. Ihr Spiel, unterſtützt durch eine vortreffliche Mitwirkung der übrigen Schauſpieler, erregte Bewunderung; und die tiefe Stille, welche durch das ganze Haus herrſchte, verkündete die allge⸗ meine Theilnahme. Der erſte Akt war vorüber. In lautem Geſpräche machten ſich die Gemüther Luft. Lob und Tadel mengten ſich bunt, und trafen bald die Künſtler, bald den unſterblichen Autor ſelbſt. Waren die Urtheile gegründet oder nicht, dies kümmerte Niemand; wenn nur die Mutter ihr vierzehnjähriges Töchterchen recht laut und ab⸗ ſprechend kritiſiren hörte; oder der Vater ſeinen, kaum der Lehre entwachſenen, Sohn die Achſeln * Rolle der Viola in„Was ihr wollt,“ von Shak⸗ ſpeare, die, aus Liebe zu dem Herzog Orſina, dem⸗ ſelben, ohne von ihm erkannt zu werden, als Diener folgt. unbeſtechliche Portiers gebe. Man wies ihn mit dem Bemerken zucken ſah:„Veraltete plumpe Witze. Mattes, kraftloſes Spiel. Wenn man an die Vorſtellungen größerer Bühnen gewöhnt iſt, kann man dieſe Menſchen nicht ſpielen ſehen.“ Auch bis zu Oskar drang dieſes moderne Aburtheilen; er hörte es nicht, nur die Worte: „very fine, ſehr gut!“ von einer ſonnoren Stimme geſprochen, erreichten ihn. Er wandte ſich um, und ſah auf einem der hinterſten Stühle der Loge eine dürre, ſchwarz gekleidete Figur, die jedoch kein weiteres Lebenszeichen von ſich gab. Kleidung, Haltung und Züge verriethen den Engländer. Oskar ließ ſich keine Zeit, ſeinen Nachbar näher zu betrachten, noch we⸗ niger hatte er Luſt ein Geſpräch mit demſelben anzuknüpfen; ſeine Gedanken ſtanden nach der Bühne. Der Weg dahin war leicht gefunden; aber er ſollte zu ſeinem Aerger die ihm neue pſychologiſche Entdeckung machen: daß es auch 9 höflich aber beſtimmt von dem Eingange zur Bühne zurück. Seine ohnehin große Ungeduld, Ro ſa zu ſprechen, ſich ihr erkennen zu geben, ſteigerte ſich durch dies neue Hinderniß nur um ſo mehr. Da aber keine Liſt helfen wollte, und der graue Pförtner ſogar endlich anfing die Worte„Hülfe“ und„Polizei“ hören zu laſſen, ſo wandte der Baron dem alten Zerberus zürnend den Rücken, und ſuchte ſeinen Logenplatz wieder auf. Der Gedanke, Ro ſa beim Nachhauſegehen vielleicht zu treffen, beſchäftigte nun ſeine Seele; und obgleich er ſich das Unſchickliche eines ſolchen ſpäten Aufſuchens des, ihm immer halbfremd gewordenen, Mädchens einſah, ſo zog ihn doch wieder das Abenteuerliche davon an, und er dachte,— nach der, einmal der Welt eigenen Art, von jedem Unbekannten lieber alles möglich Böſe, als auch nur ein Fünkchen Gutes zu ver⸗ muthen:„Es wird nicht das erſte Mal ſeyn, daß ſie nach dem Theater zu Hauſe geführt wird.“— 10 Die Vorſtellung ging zu Ende. Der Eng⸗ länder machte ſeit jenen Worten das erſte Ge⸗ räuſch: er ſtand auf und ging. Das Publikum verließ lärmend das Haus. Eine halbe Stunde mochte ſeitdem verſtri⸗ chen ſeyn, noch immer ging Oskar im Hofe des Theatergebäudes auf und ab, die ſcharfe Nachtluft kaum fühlend, die ihm um die Wangen pfiff. Die Mitglieder der Geſellſchaft waren längſt in einzelnen Gruppen nach Hauſe geeilt; Ro ſa war noch nicht erſchienen. Sie muß ſich umkleiden, dachte der Harrende, und erneute ſeinen nächtlichen Spaziergang. Die Glocke ſchlug zehn Uhr, er war noch immer allein. Kein Licht brannte im ganzen Hauſe mehr, kein Laut ließ ſich hören. Da nahte ſich endlich eine Geſtalt, unerkenntlich in der Dunkelheit, und ſchritt langſam vor. Oskar's Herz pochte faſt hörbar; eben wollte er ihr entgegentreten, da machte die Geſtalt halt, wandte ſich nach dem Thore und ſetzte ſich, mit dem Geſichte nach 11 dem erleuchteten Fenſter eines nahgelegenen Hau⸗ ſes gewandt, auf den Eckſtein. Der Baron holte tief Athem; er war einer Lächerlichkeit entgangen, in welche ſeine Sucht nach Abenteuer ihn bald geſtürzt, doch fühlte er ſeine Leidenſchaft durch dieſen Zufall etwas abgekühlt und entſchloß ſich daher nach Hauſe zu gehen. Da er indeſſen dicht an dem Unbe⸗ kannten vorbei mußte, ſo zog er vor, um von dieſem nicht geſehen zu werden, noch einen Au⸗ genblick zu warten, bis der andere ſeine Beobach⸗ tungen vollendet. Aus Neugierde ſah auch er nach jenem Fenſter. Es gehörte einem kleinen Hauſe an, und zeigte hinter einer weißen Gar⸗ dine den Schatten eines weiblichen Weſens, der ſich hin und her bewegte. Der ſitzende Beſchauer blieb unbeweglich, und nur von Zeit zu Zeit entquoll ein tiefer Seufzer ſeiner Bruſt. Oskar, ein entſchiedener Feind jeder ſtill⸗ ſchmachtenden und mondſcheinzarten Liebe, verlor endlich die Geduld. Der Froſt ſchüttelte ſeine 12 Glieder. Da faßte er ſeinen Mantel feſter zu⸗ ſammen und ſchritt nach dem Thore zu. Der Unbekannte rührte ſich nicht; als aber der Baron raſch an ihm vorüberſchreiten wollte, trat der Mond hinter den Dächern der nächſten Häuſer hervor und Hohenſtein erkannte in dem Seuf⸗ zenden ſeinen Logen⸗Nachbar.— Die Enttänſchung. „Wenn die Schickſalswürmer in unſere Perlen⸗ mutter bohren, ſo müſſen wir die Löcher mit Perlen der Marimen vollſchwitzen. Inzwiſchen ſind Perlen beſſer als eine unverſehrte Perlen⸗ mutter.“ Jean Paul. Oaskar erwacht aus einem unruhigen Schlafe; ſeine aufgeregte Phantaſie hatte ihm im Traume wunderliche Bilder vorgeführt, die in den ſeltſamſten Verſchmelzungen ſeine Seele geneckt. 3 Es koſtete ihn beim Erwachen einige Mühe, ſeine Gedanken zu ſammeln, um Traum und Wirklichkeit zu unterſcheiden; ſobald ihm aber der Name Roſa Alberti einfiel, lichtete 14 dieſe Sonne das geiſtige Chaos. Er ſprang auf und zog ſich ſogleich ſorgfältig an. Sorg⸗ fältig nicht geckenhaft; denn Oskar war zwar Weltmann und Lebemenſch; aber ſein Geiſt hob ihn über die modernen Albernheiten. Glock zehn Uhr ſtand er bereit ſeine Schöne zu beſuchen, da ihn die Ungeduld nicht länger warten ließ. Mechaniſch, mit tauſend verſchie⸗ denen Gedanken beſchäftigt, folgte er dem Lohn⸗ diener, bis dieſer an einem kleinen Hauſe, dem Theater gegenüber, ſtehen blieb. Wäre Oskar nicht ſo ſehr mit ſeinen Hoff⸗ nungen und Erwartungen beſchäftigt geweſen, er hätte leicht in demſelben jenes Gebäude wie⸗ der erkannt, das den verwichenen Abend ſo viel Anziehendes für den Engländer gehabt; ſo aber blieb ihm keine Zeit zur Beobachtung der alten Mauern; er flog die Treppe hinan. Die Thüre zu Roſa's Zimmer verrieth eine angenagelte Adreßkarte. Er klopfte, man frug hinter ver⸗ ſchloſſener Thüre: Wer da ſey. In dieſem 15 Augenblicke war der geübte Weltmann von den anſtürmenden Gefühlen in ſolche Verlegenheit geſetzt, daß er nahe daran war mit einem lächer⸗ lichen:„Ich bins!“ zu antworten. Glücklicher⸗ weiſe öffnete ſich die Thüre halb, und ein ältliches Geſicht blickte, die Frage wiederholend, heraus. Der Baron hatte ſeine Faſſung wie⸗ dergefunden, und die Thüre raſch öffnend, ſtand er im Zimmer. Ein leichter Schrei ließ ihn ſchnell den gewünſchten Gegenſtand finden. Es war Roſa im blendendweißen Unterkleide. Sie hatte in der Eile einen Shwal umgewor⸗ fen, den ſie eng an den ſchönen Hals zog, auf welchen ihre dunkelbraunen Haare in rei⸗ zender Unordnung fielen; denn ſie war eben im Begriff geweſen, ſich ihre Locken zu ordnen. „Sie werden entſchuldigen, mein Fräulein,“ ſagte, ſich verbeugend, Oskar,„daß ich Sie ſo früh ſtöre; aber die Freude eine Jugendge⸗ ſpielin hier wieder zu finden, ließ mich die Schranken der Etiquette übertreten.“ 46 Roſa blickte den Baron hocherröthend und forſchend an.„Sie ſind 2 „Sollte ſich mein Bild ihrem Gedächtniſe ſo ganz verwiſcht haben?“ „Ach mein Gott, Oskar!“ rief ſen bertaſcht Roſa, ſetzte aber ſchnell verbeſſernd: „der Herr Baron von Hohenſtein“ hinzu. „Ich kam geſtern hier an, hatte das Vergnü⸗ gen, Sie als Viola zu bewundern, und konnte mir nun nicht entſagen, Sie außzuſuchen.“ „O das iſt herrlich!“ rief Jene.„Schön, daß Sie uns nicht vergeſſen haben. Wie freue ich mich, Sie wiederzufinden; aber, mein Herr, Sie ſehen mich in größter Verlegenheit, ich muß tauſend Mal bitten...“ und hier verlor man ſich in die, bei ſolchen Gelegenheiten ge⸗ bräuchlichen, Komplimente. Als hierauf die ältere Dame dem Baron als eine Anverwandte Roſa's vorgeſtellt worden war, und dieſer auf dem Sopha Platz genommen hatte, richtete ſich das Geſpräch auf die Vaterſtadt. Nach einigen 17 Fragen und Antworten, welche Hskar indeſſen nicht ganz zur Zufriedenheit Roſa's erſchöpfen konnte,— da die Anſtellung ſeines Vaters ſeit jener Zeit eine Ueberſiedlung nach Mannheim herbeigeführt hatte, kam auch die Rede auf Roſa's jetzigen Stand, und Oskarfrug: wie ihr derſelbe zuſage. Da nahmen die Mienen des Mädchens einen ernſteren Ausdruck an, und mit beinahe wehmüthigem Lächeln ſagte ſie:„O Herr Baron, wie anders ſieht ſich das Leben auf der Bühne an, wenn man im Schooße ſeiner Familie, mitten im ruhigen Privatleben weilt, und die Geſtalten einer dichteriſchen Phantaſie wie Halb⸗ götter an uns vorüber über die Bretter ſchrei⸗ ten; oder auch wenn wir, tändelnd unter Freun⸗ den, uns auf Privat⸗Bühnen mit Verſuchen ergöten. Wie anders iſt die kalte Wirklichteit Die Glorie, die für den Laien den Tempel der Muſen umgibt, wandelt ſich mit dem Wört⸗ chen:„muß“ in eine kaltfeuchte Atmoſphäre. . 2 18 Ich habe ſchon manche Nacht durchweint, ſeit⸗ dem ich das Theater betreten.“ „Sie iſt zu empfindlich, Herr Baron,—“ fiel die Tante ein,„zu zartfühlend. Die Ga⸗ lanterien, die Aufmerkſamkeiten, die man ihr in unſerer guten Heimath, auf dem Liebhaber⸗ theater des Herrn von Piera zollte; die Zuvor⸗ kommenheit mit welcher man ſie behandelte, als man ihr Mitſpielen für eine Gefälligkeit betrachten konnte, fallen nun natürlich weg.“ „Ich kann es mir leicht denken,“ entgeg⸗ nete Hohenſtein,„wie oft ihr zartes Gefühl durch Härte und Kälte gekränkt werden mag. Sie ſtehen mitten in einer neuen Welt, in einem Leben voll Chicane und Intriguien, die Sie um ſo mehr verletzen, als ſie ſich oft hinter der Maske der Freundſchaft bergen, und Ihnen — einmal entdeckt, doppelter Verrath an der Menſchheit ſcheinen.“ „Aber warum denn dieſe Falſchheiten,“ frug heftig die jüngere der Damen,„wenn man 0 0 den Menſchen offen entgegen kommt? Warum gefliſſentlich Hintenanſetzungen, und tauſend andere Tücken? Iſt es nicht betrübend wenn man ſehen muß, daß von oben herab, ſtatt Fleiß F Anſtrengung anzuerkennen und auf⸗ zumuntern, man emſig bemüht iſt, die ohnehin ſchwierige Aufgabe noch zu erſchweren?— em⸗ pörend, wenn man ſich, ſeiner beſſeren Leiſtun⸗ gen gewiß, durch ganz unfähige Subjecte zu⸗ rückgeſetzt fühlt, die nur zu oft dieſen Vorrang auf unredliche Weiſe erlangen?— Glauben Sie mir mein Herr, ich kenne meine Schwächen; weiß) was mir als Anfängerin zukommt, ſehe recht gut ein, welch großer, ach faſt unerreich⸗ barer Raum zwiſchen meinen jetzigen Leiſtungen und wahrem Künſtlerthume liegt; aber ich fühle auch die Kraft in mir, wenigſtens nach dieſem hohen Ziele mit all' der Begeiſterung zu ſtreben, die die großen Ideale meiner Seele in mir er⸗ wecken. Und wenn ſie mich nun faßt, jene hinreißende Begeiſterung, und ich mit Entzücken 20 ſtudire, und lerne und mich hinein denke in die Rollen, die mir werden, und dann voll der hohen Ideen auf die Probe eile, und nun ſehen muß, wie meine Mitſpielerinnen es drauf an⸗ legen, den Eindruck meines Spieles zu ſtören; Andere, ſtatt freundlicher Zurechtweifung, die ich ſo gerne annehmen würde, ſcoptiſch lächeln, oder ungerecht tadeln; der Regiſſeur mit gefliſ⸗ ſentlicher Unart mich zu beleidigen ſucht, weil ſeiner Begünſtigten durch mich eine Rolle ent⸗ zogen wurde!— O laſſen Sie mich ſchweigen von all' dieſen vielen Unannehmlichkeiten; Sie kennen die Lage eines Mädchens nicht, das allein, zwiſchen ſo viel feindlichen Elementen ſteht, und es würde mich unendlich ſchmerzen, wenn Sie am Ende gar meine Klagen über⸗ ſpannten Forderungen, oder einem unzeitigen Eigendünkel zuſchrieben.“ „Das haben Sie nie zu befürchten, mein Fräulein. Jeder, der das Glück hat, Sie näher kennen zu lernen, wird ſich ſowohl von Ihrer 21 Beſcheidenheit als Ihrem Talente ſchnell über⸗ zeugen. Aber ich ſehe mit Schmerzen, daß Sie mitten in einer Welt ſtehen, deren rauhe Außen⸗ ſeite Sie nicht kennen. Gewiß, meine Liebe, Sie werden auf Ihrer, jetzt einmal betretenen, Laufbahn noch gar manche bittere Erfahrung machen. Kampf iſt die Grundbedingung des materiellen ſo wie des geiſtigen Lebens; aus ſtreitenden Kräften entwickelt ſich alles Schöne und Edle, und wie ſich dieſer Kampf über die weite Welt ausdehnt, ſo erneut er ſich, wo man hinblickt in kleineren Kreiſen; ſo auch in der Theaterwelt, die wieder fur ſich eine eigene Welt, mitten im weiten Alltagsleben, bildet. Es iſt eine harte Aufgabe für Sie, dieſen Kampf durchzufechten, der oft die ſchönſten Blüthen der Seele verletzt; aber ſchreiten Sie nur mu⸗ thig voran, und hüllen Sie ſich, ſo viel als möglich, in Egoismus; er iſt ein glatter Panzer, und das Kleid, das in der Welt, und nament⸗ lich am Theater, am Meiſten getragen wird.“ 22 „Das kann ich nicht, Herr Baron, ich bin nun einmal offen, und jede Falſchheit iſt mir in den Tod zuwider. Was ich denke, muß ich auch ſagen, und was ich fühle, kann ich nicht bergen.“ Die Tante ſchüttelte ärgerlich den Kopf und brummte:„Wirſt's ſchon lernen; willſt Schau⸗ ſpielerin ſeyn, und kannſt Dich nicht verſtellen?“ „Liebe Tante,“ entgegnete Roſa;„Ver⸗ ſtellung bedarf meiner Anſicht nach der wahre Schauſpieler nicht einmal auf der Bühne. Die Characktere die ich darſtellen ſoll, müſſen mein eigen werden; ich drücke meine Seele nur in die Form die der Dichter mir gegeben; ich lebe, ich dichte mich ſo in ſie hinein, daß meine Dar⸗ ſtellung, wenigſtens während der Dauer derſelben die Aufſtellung meines Ich's iſt. Sie darf ſogar keine Verſtellung, ſie muß Wahrheit ſeyn.“ „Das ſind nun wieder ſolche geſchraubte Ideen, die nur dazu dienen, Dich unglücklich zu machen,“ fügte die Tante hinzu. 23 Das Geſpräch ſpann ſich nun weiter aus, und während ſich Oskar auf die Seite der Tante ſchlug, und für das glückliche Fort⸗ kommen in dem Leben eine verſtändige Zurück⸗ haltung nöthig erachtete vertheidigte Roſa, mit kindlicher Begeiſterung für Wahrheit und Recht, eine unbedingte gegenſeitige Offenheit. Ihre Wangen röthtete ein edler Eifer; ihre Worte, natürlich und aus dem Herzen fließend, entzückten den Lauſchenden. Alles was ſie ſagte, war wahr; aber noch hatten traurige Erfah⸗ rungen ſie nicht belehrt: daß in dem praktiſchen Leben Wahrheit oft eine verbotene, gefährlich zu bietende Frucht ſey. Oskar hatte längere Zeit geſchwiegen. In ſeinem Innern war eine mächtige Veränderung vorgegangen. Er ſah ſtaunend das liebliche Mädchen an. Mit einer ungewöhnlichen Natür⸗ lichkeit verband ſie in allen ihren Bewegungen einen feinen Anſtand. Ihr Regligs war ſo reinlich und einfach, als ihr Betragen auf ſtrenge 24 Sittlichkeit deutete. Ihr Herz ſprach ſich ſo offen als edel aus, und ihrem ganzen Weſen war jener Stempel einer reinen Seele aufgedrückt, den ſelbſt ein ungeübtes Auge mit Leichtigkeit von der prüden Koketterie zu unterſcheiden ver⸗ mag, die unter ihrem keuſchen Ueberwurfe oft die unlauterſten Wünſche verbirgt. „Mein Fräulein,“ ſagte der Baron, indem er ſich erhob,„ich bin entzückt, in Ihnen ein Weſen zu finden, das, mitten in einer verderbten Umgebung, rein und leuchtend daſteht. Bewah⸗ ren Sie ſich dieſes Glück; und um die Wun⸗ den zu heilen, die Ihnen eine harte Wirklichkeit ſchlägt, bleibt Ihnen ja die göttliche Kunſt. Der Augenblick iſt viel zu kurz, um dieſen Gegen⸗ ſtand zu erſchöpfen; auch bin ich zu einer Stunde eingetreten, in welcher ich, wie ich ſehe, läſtig fallen muß; darf ich wohl hoffen, daß Sie mir Gelegenheit geben, Sie noch mehr in Ihrem häuslichen Weſen zu bewundern?“ „Liebſter Baron, Sie ſind zu gütig; Ihre 25 Artigkeiten klingen wie Töne einer verlornen Welt zu mir herüber.“ „Du haſt heute Nachmittag Probe,“ fiel die Tante ein,„doch iſt dieſe um ſechs Uhr zu Ende. Wollen uns der Herr Baron als⸗ dann vielleicht zu einem Thee beehren?“ „Ach ja, bitte,“ rief freudig Roſa. „Ich folge Ihrer Einladung mit dem größten Vergnügen. Alſo, meine Damen, heute Abend um ſechs Uhr.“ „Und laſſen Sie nicht auf ſich warten lieber Baron!“ „Jede Minute, in Ihrer Nähe zugebracht, iſt mir koſtbar,“ ſagte Oskar und empfahl ſich mit freundlicher Verbeugung— Im Gaſthofe angekommen, warf ſich der Baron auf ein Sopha. „Was für ein Menſch bin ich!“ rief er aus, und ſchlug ſich vor die Stirne.„Welch ungeheures Unrecht habe ich dieſem Mädchen gethan, es ohne Weiteres für leichtſinnig zu halten. Wie oft habe ich Anderen den Vor⸗ wurf gemacht: daß ſie ihre Nächſten zu eilig beurtheilen, und nun falle ich ſelbſt ſo tief in dies Vergehen. Warum ſetzen wir immer das Schlechte bei Anderen voraus, und nie das Gute?— ſollte dies Verfahren eine Folge der Erfahrungen ſeyn, die wir an uns ſelbſt gemacht? Er ſprang auf und ging raſchen Schrittes im Zimmer auf und ab. „Aber ich will meinen Fehler gut machen!“ rief er aus,„ich will durch hohe Achtung ſuh⸗ nen, was ich durch vorſchnelles Urtheil ver⸗ brochen!“ Kein Verdruß über fehlgeſchlagene Hoff⸗ nungen, deren er ſich jetzt ſchämte, ſtieg in ſei⸗ ner Seele auf; im Gegentheil fühlte er ſich leicht, froh und glücklich. Es war der Triumph ſeines beſſeren Theiles, in der Einſicht ſeines Fehlers, und der Anerkennung fremder Tugend. —— Der Engländer. „Sey Du vergnügt!— nur mich laß ziehn Die dunkle Straße, die ich kam; Warum durch meinen ſteten Gram Das iunge Leben Dir entblühn?“ Laurian Moris. In einem der Zimmer deſſelben Gaſthofes, in welchem der junge Baron Hohenſtein ab⸗ geſtiegen war, ereignete ſich um dieſe Zeit fol⸗ gende ſonderbare Scene. Auf dem Sopha ſaß der berühmteſte Arzt der Stadt, ein Mann in den beſten Jahren, von friſchem, heiterem Anſehen. Vor ihm auf und ab, durch die ganze Länge des Zimmers, ſchritt mit unterſchlagenen Armen, den Kopf. geſenkt, die Stirne in düſtere Falten gelegt, jener 28 Engländer, welchen Oskar in und nach dem Theater getroffen. Kaum hätte man vermuthen ſollen, daß derſelbe mit dem noch ſo kräftigen Arzte in einem Alter ſtehe; denn ſein Kopfhaar war bereits ergraut, ſeine Wangen gefurcht, ſein Rücken gekrümmt. Beide Männer ſchwiegen, und während der Engländer ſeinen gleichmäßi⸗ gen Gang fortſetzte, beobachtete Jener aufmerk⸗ ſam ſeinen Patienten. Nach einiger Zeit blieb der Letztere plötzlich ſtehen und ſagte mit hohler Stimme: „Helfen Sie!“ „Ich kann nicht,“ aehnet der Deutſce „Helfen Sie mir,“ wiederholte der Eng⸗ länder heftiger,„und fordern Sie was Sie wollen.“ „Wenn es mir um Ihr Geld zu thun wäre,“ fuhr der Arzt ruhig fort,„würde ich Ihnen Recepte auf Recepte ſchreiben, Sie mit Diäts⸗ maaßregeln quälen und mit unſchädlichen Mitteln 29 recht lange hinhalten; ſo aber ſage ich Ihnen gerade heraus: daß Ihnen kein Arzt auf der Welt helfen kann; aus dem ganz einfachen Grunde, weil Ihnen nichts fehlt.“ Der Engländer murmelte einige unverſtänd⸗ liche Worte in ſeiner Mutterſprache. „Ich weis was Sie ſagen wollen,“ ent⸗ gegnete der Doktor gelaſſen,„Sie halten meine Weigerung für Mangel an Kenntniſſen. Sie . täuſchen ſich. Seit den zwei Monaten, während welchen Sie ſich hier befinden, habe ich Sie ſcharf beobachtet. Ihr Leiden iſt nicht kör⸗ perlich, es iſt geiſtig.“ „Nein!“ entgegnete kurz abgebrochen der Anber Doch!— Ich weis es beſſet er als Sie ſelbſt. „Defnen Sie dem Freunde Ihr Herz, ſo kann er vielleicht Ihr Seelenarzt werden.“ Eine Pauſe folgte.„Sie wollen nicht? gut!“ ſprach der Doktor und erhob ſich langſam. „Ich dachte nicht aus Neugierde in Ihr 30 Inneres zu dringen; ſondern meine Aufforde⸗ rung ging aus dem guten Willen hervor, Ihnen zu helfen.“ Er verbeugte ſich leicht und nach der Thüre. „Einen Augenblick,“ ſagte der Englnte, öffnete ſeine Brieftaſche, und reichte dem Gehen⸗ den eine Banknote von zwanzig Pfund. Der Doktor ſah ihn ernſt an, nahm die Note, und legte ſie mit den Worten auf den Tiſch:„Ich konnte Nichts für Sie thun, kann alſo auch keine Bezahlung in Anſpruch nehmen.“ Hierauf verließ er das Zimmer. Lord Caſtelcount ſah ihm* nach. Keine Miene veränderte ſich, und fünf Minuten nach dieſem Vorfalle, ſtand er nch in gleicher Stellung auf demſelben Flecke. Er ſchellte. „Den Doktor!“ ſagte er zum iuttetenden Kellner. „Welchen Arzt befehlen Eure Herrlichtei. „Den Doktor Rüſterer der eben ging.“ 31 „Werde ihn im Augenblicke rufen laſſen.“ Der Engländer ſetzte ſeinen Spaziergang fort. Nach einer halben Stunde kam der Doktor zurück. „Sind ſie beleidigt?“ frug der Patient. „Nein,“ entgegnete der Arzt.„Ich glaubte Sie würden endlich meine wohlwollenden Geſin⸗ nungen anerkennen; Sie hielten mich für einen Menſchen, wie es deren viele gibt. Irrthum auf beiden Seiten.“ „Ich wollte Sie nicht kränken,“ entgegnete der Lord in etwas milderem Tone.„Aber das iſt gerade mein alter Fluch: daß Alles was ich thue, mißverſtanden wird, oder zu meinem Unglücke ausſchlägt.“ „Es iſt wahr,“ ſagte der Arzt kalt vor ſich hin,„es gibt Menſchen, auf welchen der Fluch des Himmels zu ruhen ſcheint.“ „Nicht wahr?!“ rief der Engländer, und packte ſeinen Nachbar krampfhaft an dem Arme. „Sehen Sie, und zu dieſen Unglücklichen ge⸗ höre ich.“ 82 „Ich dachte mir's!“ „Hören Sie nur,“ fuhr der Brite fort, und zog den Doktor zu ſich auf das Sopha. Dieſer, freudig überraſcht, ſeinen Patienten end⸗ lich auf dem erſehnten Punkte zu haben, folgte mit ſcheinbarem Gleichmuthe. „Mein Fluch beginnt mit meinem erſten Athmen, es koſtete ein Menſchenleben. Meine Mutter ſtarb, als ſie mich geboren. Mein Vater bekümmerte ſich nichts um mich, und uberließ mich den Händen meiner Großmutter, die mich verzog. Beide ſtarben in einer Woche an einem anſteckenden Fieber. Ich kam zu einem Vor⸗ munde nach London, fing das Leben im fünfzehn⸗ ten Jahre an zu koſten, und lernte bald: daß es teine wahren Genüſſe habe. Es ekelt mich an, wenn ich jener Zeit denke, in welcher ich, mitten in Ver⸗ gnügen aller Art, an einem quälenden Durſt nach Befriedigung meiner genußſüchtigen Seele litt. Ich ſtürzte mich gewaltſam in das Toſen der Welt. Ich blieb allein, leer, durſtig, nur mit Todesideen 33 beſchäftigt. Ich nahm Gift, meine Geſundheit wi⸗ derſtand. Ich ſtürzte mich in die Temſe, man zog mich heraus. Der räthſelhafte Fluch des Himmels wollte mich nicht durch den Tod von einem Leben erlöſen, das, in allen Lagen ſich gleich, bis zum Raſendwerden langweilig iſt. Wagte ich es mich Jemanden zu nähern, ward ich betrogen, getäuſcht, und gewann endlich die Ueberzeugung: daß nur der glücklich ſey, der ganz unabhängig, allein für ſich, in dieſer fal⸗ ſchen Welt ſtehe. Aber es iſt ein langweiliges Glück. Mein Vater hinterließ mir eine jährliche Rente von 500 Pfund Sterling, dazu kamen noch einige Erbſchaften und liegende Güter. Ich wußte nicht was mit machen, wurde krank vor Verdruß, und ging auf den Rath meines Arztes nach Paris. Laſſen Sie mich von den Fran⸗ zoſen ſchweigen. Drei Wochen hielt ich es unter ihnen aus, es waren die ſchrecklichſten meines Lebens. Seitdem bin ich in Deutſchland. Hier kann man eher leben. Aber hier wie dort . 3 34 wird man nicht verſtanden zhier wie dort, in England wie in Italien iſt und bleibt das Leben langweilig. Was ſind ſelbſt Eure Wiſſenſchaften anders als Widerſprüche, Hipotheſen und Fa⸗ beln. Was iſt Religion mehr, als eine geiſtige Polizei. Was Cwigkeit anders, als ein großes Nichts? So ſchleppe ich meinen Fluch, mein Leben, dahin. Noch einmal hoffte ich hier ein“ menſchliches Gefühl in mir erwachen zu ſehen; aber ich wage nicht es zu offenbaren,— mein Fluch tritt dazwiſchen und verdirbt mich und den unſchuldigen Gegenſtand auf den ich es übertrage. So iſt denn der Tod meine Hoffnung die Vernichtung mein einziger Wunſch.“ Er ſenkte ſein Haupt und ſchwieg; der Arzt zerdrückte eine Thräne des Mitleides. Er wußte wohl, daß hier Einreden und Vernunftgründe nichts helfen würden; denn Herz und Seele des Engländers waren eingetrocknet, jeder Funke eines höheren Lebens erloſchen. Aber noch eine Stelle ſeines Herzens ſchien belebt, dies 35 ging aus den letzten Anſpielungen hervor. Hier ſchöpfte der Doktor Hoffnung. „Sie haben Recht, Mylord,“ ſagte er, auf des Patienten Ideen eingehend,„der ſonder⸗ bare Fluch, der Sie zu verfolgen ſcheint, würde ſicher jeden Gegenſtand treffen, mit welchem Sie direct in Verbindung treten würden. Wie aber, wenn ich, ein Dritter, Ihnen be⸗ hülflich ſeyn könnte. Ich nehme mir die Bank⸗ note, die Sie mir zugedacht; aber geben Sie mir nun auch Gelegenheit ſie zu verdienen.“ Beide ſchwiegen eine kurze Zeit. „Gut,“ ſagte endlich Caſtelcount,„ich will einen letzten Verſuch wagen.— Ich liebe Roſa Alberti!“ Der Doktor erſchrack ſichtlich. Darauf war er nicht gefaßt, und ſeinem ſcharfen Blicke zeigten ſich unüberſteigbare Hinderniſſe. Doch war er klug genug, ſich davon nichts merken zu laſſen „Und was denken Sie zu thun?“ 36 „Sie zu heirathen.“ „Weis ſie von Ihrer Liebe?“ „Kein Wort.“ „Mädchen ſind eigen,“ ſagte der Doktor halblaut vor ſich hin,„launig, man muß ſie künſtlich bearbeiten. Machen wir einen Spa⸗ ziergang und überlegen den Plan, wie dieſes ſchöne Kind zu gewinnen iſt.“ Der Engländer nickte, und Beide verließen das Zimmer. 4. Der Ther. „O, Fluch der Ehe, Daß wir die zarten Weſen unſer nennen Ohn' ihre Neigung!“ W. Shakspeare. Es läßt ſich kaum ein vertraulicheres Stübchen denken, als dasjenige, welches Roſa Alberti mit ihrer Tante bewohnte. Geräu⸗ mig genug für Beide, ſchien ſeine Niedrigkeit nur ein Vorzug mehr. Die blau und weiße Tapete, mit einigen gelungenen Kupferſtichen und den Portraits von Roſa's Eltern geziert; das Tafelinſtrument und das Arbeitstiſchchen, Alles vereinigte ſich zu einem geheuchlichen Ganzen. Wie ſtill vergnügt war es Ostar'n 38 zu Muthe, als er hier, beim Scheine der Ker⸗ zen, auf dem Sopha neben Roſa ſaß; wäh⸗ rend die Tante mit der Zubereitung des Thee's beſchäftigt war. Er faßte des Mädchens Hand und blickte ihr in das große Auge. Unverholen und offen ſpiegelte ſich auf dem lieblichen Ge⸗ ſichtchen das Vergnügen, einen ſo willkom⸗ menen Gaſt bei ſich zu ſehen, und ſie rief mit Feuer aus: „O, liebſter Baron, Sie glauben nicht welche Freude mir Ihr Beſuch macht. Ein guter Engel ſind Sie mir tröſtend gekommen aus der lieben Heimath, nach welcher ich mich ſo oft, ſo ſchmerzlich zurückgeſehnt. Ach, mit Ihrem Erſcheinen tauchen alle Erinnerungen an meine Jugend wieder auf; ich glaube mich durch Ihre Nähe nach Hauſe verſetzt, und meine Sehnſucht iſt wenigſtens auf kurze Zeit geſtillt. „Ei, ei!“ unterbrach ſie lächelnd der Baron, „möchte man doch faſt glauben, es wäre mehr als die Heimath was Sie ſo ſehr zurückzieht. Haben Sie vielleicht auch Ihr Herz in Mann⸗ heim gelaſſen?“ „O, nein!“— entgegnete unbefangen die Gefragte,„mein Herz iſt Gott ſei Dank noch frei. Glauben Sie aber ja nicht, daß ich keine Anbeter dort gehabt,“ fügte ſie ſcherzend bei. Sie entſinnen Sich noch auf den alten Herrn, der bei von Pirra's den Kritiker machte.“ „O, ja ſehr gut.“ „Nun der war ſterblich in mich verliebt.“ „Ich zweifle nicht daran; denn wohl erin⸗ nere ich mich, wie Sie Jedermann ſchätzte und liebte.“ „Die guten Menſchen,“ ſagte Roſa lächelnd, und ihre Gedanken ſchienen ſich an der Erin⸗ nerung jener Zeiten zu ergötzen,„ſie hatten viele Nachſicht mit mir; und nie werde ich die Stunden vergeſſen, die ich in ihrem Kreiſe zu⸗ gebracht. Doch laſſen wir die Vergangenheit, um die Gegenwart nicht zu verlieren. 4 propos 40 Sie ſind uns die Erwähnung der Urſache noch ſchuldig, der wir die Freude Ihres Be⸗ ſuches verdanken.“ „Was nich hiehergeführt?“ wieberholte gedehnt Oskar.„Ich reiſe zu meiner Braut.“ „Zu Ihrer Braut!? und das ſagen Sie uns erſt jetzt, und mit ſolchem Tone?“ „Beſtes Mädchen, meine Braut iſt ihrem Bilde nach, ein Engel; da ich aber bisher noch gar keine Luſt zum Heirathen verſpürt habe, und die ganze Geſchichte eine gegenſeitige Kon⸗ venienz der Väter iſt, ſo wird mir dieſe Braut⸗ reiſe ſehr ſchwer.“ „Nun da wird es mit der Ehe ſchlimm ausſehen, wenn ſchon die Anſtalten dazu mit Widerwillen gemacht werden. Doch geben Sie Acht, haben Sie Ihre Zukünftige erſt geſehen und kennen gelernt, dann ändert ſich die Sprache Ihres Herzens. Sie iſt ohne Zweifel...!“ „Steinreich und entſetzlich tugendhaft?“ „Entſetzlich tugendhaft? Sie werden doch 6 kein Mädchen zur Frau nehmen wollen, an deren Tugend Sie zweifeln?“ „Nein ſicher nicht; aber noch weniger eine Heilige, und das ſoll ſie beinahe ſeyn.“ „Nun das nenne ich ſonderbar. Wie ſollen wir armen Mädchen denn noch ſeyn, um es den Herrn der Schöpfung recht zu machen. Iſt nicht die erſte Anforderung, die man an ein Mädchen macht, untadelhafter Ruf, Häuslich⸗ keit und Frömmigkeit?“ „Meine erſten Bedingungen bei einer Wahl werden ſeyn: Natürlichkeit und Uebereinſtim⸗ mung der gegenſeitigen Charaktere. Nichts iſt widerlicher als ein geſchraubtes und verzwicktes Weſen; nichts geführlicher als eine Verbindung ungleicher Elemente. Die Ehe mag allerdings eine ganz ſchöne Sache ſeyn, wohlgemerkt: wenn man ſich gegenſeitig verſteht und zu ein⸗ ander paßt.— Liebe iſt zu einer guten Ehe gar nicht einmal nöthig, zu einer glücklichen wohl.— Wenn man ſich aber nicht verſteht, 42 nicht in einander findet, dann muß die Ehe auch eine Hölle ſeyn. Sehen Sie, liebes Kind, nun bin ich eine ganz gute Seele, habe aber gar viele Fehler, Leidenſchaften, Irrthümer, kann ich mich nun zu einer Heiligen paſſen?— Ich werde ein heiteres Leben führen wollen, gerne Freunde und Freude um mich ſehen— ſie denkt nur an die zukünftige Glückſeligkeit, die ſie durch Beten und Stillleben zu erlangen hofft. Was wird die natürliche Folge dieſer entgegengeſetzten Neigungen ſeyn? Mißverſtänd⸗ niſſe, gegenſeitiges Zurückſtoßen und eine Kälte, die ſich bis zum Haſſe ſteigern kann; jedenfalls eine unglückliche Eriſtens für Beide.“ „Wenn Sie dies aber voraus ſehen, warum unternehmen Sie denn die Reiſe?“ „Meinem Vater zu Liebe. Ich habe ihm meine Meinung offen geſagt. Er bat mich aber zu gehen und ſelbſt zu ſehen, denn er hält die umlaufenden Gerüchte für übertrieben. Doch weis ich ſchon zum Voraus..... 43 „Nichts verſchworen!“ unterbrach ihn Roſa und drohte lächelnd mit dem Finger.„Aber den Namen des Engels darf man doch hören?“ „Gabriele, Tochter des alten Grafen von der Rode. Sie lebt mit ihrem Vater auf einem Schloße im Württembergiſchen. Ein guter Geiſt gab mir ein— um Bedenkzeit zu gewinnen— einen Umgang über München zu machen, und ſo führte mich der Weg durch dieſe Stadt, mein Glücksſtern zu Ihnen.“ „Ich bin dem Geiſte, der Ihnen dieſe Idee eingab, recht dankbar,“ rief freundlich Roſa und wollte ihre Rede wieder aufnehmen, als ihre Unterhaltung durch das Eintreten einer vierten Perſon unterbrochen wurde. Es war eine Dame, deren Anſtand ein längeres Leben in höhern Zirkeln kund gab. Geiſt und Laune blitzten aus ihren Augen; und obgleich ſie nicht mehr jung war, ſo durften ihre regelmäßigen Züge noch immer ſchön genannt werden. Roſa ſtellte dem Barou in ihrer Stubennachbarin und Freundin, eine, als Schauſpielerin allge⸗ mein geachtete, Madame Züchler vor. Man gruppirte ſich um den Tiſch, der Thee dampfte und ein munteres, geiſtreiches Geſpräch ſpann ſich in dem kleinen Kreiſe fort. Man kam auf die Koriphäen der mimiſchen Kunſt, auf Kunſtſinn und Künſtler-Werth⸗ und Oskar vertheidigte die Behauptung: daß den Künſtlern im Allgemeinen, und namentlich den Zöglingen Thaliens, eine größere Lebens⸗ freiheit gegönnt werden müſſe, als man den gewöhnlichen Menſchen einräume. Sie ſollen das Leben, die Natur, in allen ihren Richtun⸗ gen auffaſſen und ſtudiren; kein Charakter, kein Verhältniß darf ihnen fremd bleiben, und wie können ſie dieſe Vielſeitigkeit anders erlan⸗ gen, als wenn ſie ſelbſt in's Leben eingreifen. Indem man von dem Studium der Natur redete, bemerkte Madame Züchler: daß ihre Freun⸗ din vor kurzem zu dieſem Behufe eine Irren⸗ anſtalt mit gutem Erfolge beſucht habe. Auf 45 Oskar's Bitten ſtellte Roſa einige Scenen aus dem Leben dieſer Unglücklichen dar. Die Auffaſſung des Wahnſinns in ſeinen verſchie⸗ denen Nüancen, war ſo frappant und wahr, daß der Baron von kaltem Schauer durchrieſelt aufſprang, und die Hand der jungen Schau⸗ ſpielerin erfaſſend, rief:„Bei Gott, Sie haben Beruf zu Ihrer Kunſt, dies Studium der Na⸗ ur beweist es mehr, als hundert erlernte Rollen“ Eine freundlichere Beſchäftigung verwiſchte die trüben Bilder, die die Erinnerung an die Schwäche des menſchlichen Geiſtes erregt hatte; man griff zu der Muſik. Madame Züchler erfreute durch den komiſchen Vortrag mehrerer Lokal⸗Lieder, und Roſa entzückte ihren Freund durch einige ſchöne Arien. So verſtrich der Abend, und es war nahe an Mitternacht, ohne daß Jemand es ahnte. Es hatten ſich hier vier Menſchen gefunden, die alle gleich offen, gleich gemüthlich, gleich 46 herzlich waren. Jedem däuchte es, als ſey er mit dem Andern ſeit Jahren bekannt, und ihre Seelen hatten ſich gleichſam verſchmolzen. Man ſchied ungern und unter dem gegenſeitigen Ver⸗ ſprechen ſich Morgen nach der Probe wieder zu ſehen. Oskar konnte lange nicht ſchlafen, und als ſich die Augen ſchloſſen, war ſein letzter Gedanke; dies war einer der ſchönſten Abende meines Lebens. 5. Der AIbſchied. „Ach ein Gefühl, das ich umſonſt verbarg. Das ich umſonſt der eigenen Bruſt verſchwiegen, Drängt ſich allmächtig in die ſchwache Seele.“ Theodor Körner. Der kommende Tag brach für Oskar mit der unangenehmen Erinnerung an: daß es der Letzte ſey, den er im Kreiſe ſeiner neuen, ihm ſo lieb gewordenen Bekannten, zubringen durfte. Er hatte ſeinem Vater verſprochen, bis zum l2ten Dezember, auf dem Schloß Sturmau, dem Landſitze des Grafen von der Rode einzutreffen, und da dieſer Tag, als der der An⸗ kunft des zukünftigen Schwiegerſohnes ebenfalls dort angezeigt worden war, ſo konnte Oskar, 48 der die Eigenthümlichkeiten des alten von der Rode kannte, nicht länger mit der Abreiſe zaudern. Nach der Probe ſah man ſich wieder, und vereinte ſich in der gegenſeitigen Verſicherung: daß der geſtern verlebte Abend unvergeßlich ſeyn würde.„Ach wie ſtill wird es uns nun dun⸗ fen,“ ſagte Ro ſa traurig,„wenn Sie nicht mehr bei uns ſind. Ihr Erſcheinen hat die Gleichförmigkeit unſeres häuslichen Lebens unter⸗ brochen; doppelt fühlbar iſt uns nun der Werth eines geſelligen Zuſammenlebens, in welchem man durch Austauſch der gegenſeitigen Ideen, die Seele mit geiſtreichen Unterhaltungen nährt und erhebt. Der gleiche Gang der Berufsge⸗ ſchäfte, das viele Unangenehme, das uns von Außen berührt, verſtimmen und ſtumpfen die Empfänglichkeit für das Höhere und Geiſtige ab. Sie, lieber Baron, werden uns, im Stru⸗ del des Lebens von tauſend neuen Gegenſtän⸗ den berührt und angezogen, bald vergeſſen 49 haben; aber wir arme weibliche Geſchöpfe, die, an ein und denſelben Ort und durch ſo manche Feſſeln, gebunden ſind, finden in der gleichen Umgebung immer die alten Crinnerungen wie⸗ der. Der Mann lebt in Gegenwart und Zukunft; das Weib allein muß ſich mit der Vergangen⸗ heit begnügen. 4 „Beneiden Sie uns darum nicht, meine Da⸗ men,“ erwiderte Os kar.„Wir müßſen oft ſchei⸗ den, wo wir gerne weilten; müſſen ein ſicheres Glück verlaſſen, um Truggebilden nachzugehen; und während Sie in angenehmen Erinnerün⸗ gen ſchmelzen, geſtehen wir uns oft, mitten im Geräuſche der Luſt, von Ehren und Ruhm be⸗ deckt: daß doch unſer Herz leer und— freudenarm ſey. Auch deucht mir müſſe das Zuſammenleben Ihrer Drei viel Angenehmes für Sie haben.“ „Allerdings,“ entgegnete die ältere Dame, „indeſſen ſpricht man ſich aus; wenn nicht von Zeit zu Zeit mit einem neuen neue een werden. 4 50 „Aber die Muſik bleibt Ihnen, ein herr⸗ liches Band der Geſellſchaft!“ „Nur dann, wenn ſie unter genialen Händen erklingt. Zu was ſoll man nun bei langen Abenden, von dem anſtrengenden Stu⸗ dium ausruhend, ſeine Zuflucht nehmen, zu Kartenſpielen?“ „O, nein,“ rief Ro ſa,„die ſind lang⸗ weilig und gefährlich. Ja, wenn ich mein Schach mitgenommen hätte! O, das iſt ein Spiel das ich leidenſchaftlich liebe, und ich bin, ohne mich zu rühmen, ziemlich ſtark darin.“ „Ich, zum Beiſpiel, möchte zeine Parthie mit Ihnen machen, ſie wäre unrettbar verlo⸗ ren; denn ich würde ſchon von vorn herein von der Königin im Schach gehalten.“ „Sie ſpotten! Leider kann ich Ihnen meine Kunſt nur betheuern, nicht fühlen laſſen.“ „Um mich lieber das Vergnügen dieſer lieben Geſellſchaft länger genießen zu laſſen, 51 muß ich auf den eigentlichen Zweck meines Beſuches kommen: ich hoffe, meine Damen er⸗ freuen mich heute zur Tafel?“ Roſa war in Verlegenheit; nicht aus Zie⸗ rerei, ſondern weil ſie nicht recht wußte, ob ſie die Einladung annehmen dürfe. Ihre Freundin erlöste ſie daraus, indem ſie ſagte: „Herr Baron, ich glaube Ihre Güte für mich und die Andern annehmen zu können; die kurze Zeit die wir ſie beſitzen, hat uns gleich⸗ ſam verſchwiſtert, ſo daß mir kaum Gefahr laufen, eine Unſchicklichkeit zu begehen.“ „Dem verſtändigen Menſchen iſt nur das unſchicklich,“ erwiderte der Baron,„was gegen die ſtrengen Mahnungen des Gewiſſens lauft. Auſſerdem denke ich, ſpeiſen wir auf dem Zim⸗ mer; denn an Table d'höte iſt jede Fröhlichkeit gehemmt, indem man auf allen Seiten belauſcht wird, und jedes unſchuldige Wort einer allber⸗ nen Deutung unterliegt.“ „So ſey es denn!“ rief Roſa, und die 4* 532 Röthe ihrer Vungen zeigte das v was ſie belebte.. Man ſprach ein virteitnten verlies H ke ar die Damen mit dem Verſprechen in einer Stunde ſeinen Vuagen zu ſenden.— Wihrend der Luſe war man ungewöhulich heiter. Roſa trank ihren erſten Champagner. 3 Den Abend war Vorſtellung; Viola wurde auf Verlangen wiederholt, und Oskar machte mit den Damen. gewiſſe Zeichen aus, die ſie ſich während des Spieles geben wollten, wenn ſie 5 ſich gegenſeitig ſehen würden. Dieſe Verabre⸗ dung unterbrach das Auftragen einer großen 6 Paſtete, bei deren Anblick Ro ſa in ein lautes Lachen ausbrach:„Mein Gott!“ rief ſie aus, „das iſt ja das treue Bild der neuen katholi⸗ lſchen Kirche zu Darmſtadt!“ Der Witz war treffend, und alle mußten lachend geſtehen, die Bemerkung ſehr wahr ſey.“ „Und nicht genug, mein Fräulein,“ ſagte 563 Oskar,„daß ſie dieſem Gebäude von auſſen gleicht, auch ihr Inneres iſt bevölkert.“ „Gewiß,“ bemerkte Roſa mit fleiſchigen Theilen. 4 „Falſch gerathen,„rief O skar,„eine kleine Welt, vom Bauer bis zum Könige befindet ſich darin, ſchwarz und weiß wie zum jüngſten Ge⸗ richte geſchieden! und mit dieſen Worten ſchob er die e Schüſſel vorſichtig vor Roſa und nahm den Deckel der Paſtete ab. Jene bückte ſich darüber und rief auf's fteutigſte entzüct„Ach ein Si ein c Schachpil“ . alerlipiſte Anfuerfſ amleih“ riefen die andern Damen überraſcht„Roſa aber war raſch uſgſtenden ihr Geſcht glühte, ſie machte einen Schit gegen Fein blieb aber plötzlich verwirrt ſtehen. Der Baron trat ihr entgegen.„Dies Ge⸗ ſir Aurf. ich Ihnen,“ als eine Kleinigkeit * Nehmen Sie. es als eine Vndeutung X 54 wie gerne ich, vortreffliches Mädchen, alle Ihre Wünſche erfüllen möchte.“ „Oskar!“ ſtammelte die Angeredete ver⸗ legen,„nicht allein das Geſchenk, Ihre Auf⸗ merkſamkeit entzückt mich, nehmen Sie mei⸗ nen innigſten Dank.“ „Nichts mehr hierüber, wenn ich bitten darf,“ rief der Baron,„wie glücklich kann man ſich gegenſeitig das Leben machen, wenn man auf die leiſen Wünſche ſeiner Lieben hört; in der Erfüllung derſelben, nicht im Werth köſt⸗ licher Gaben, liegt wahre Aufmerkſamkeit und Liebe!—“ Das neue Schachſpiel wurde verſucht, bis die Vieruhr„Glocke die Glücklichen trennte. Wie anders war es Os kar'n heute Abend im Theater. Er ſah und hörte nur Roſa. Ihr Spiel war feuriger, ausbrucksvoller; der Schmerz ihrer unanerkannten Liebe glühender. Alles ward von ihrer Liebenswürdigkeit hinge⸗ riſſen, und welcher Triumph nun für Oskar als Jedermann der jungen Künſtlerin zujubelte, und ſie ihn— ihn allein— durch jenes ver⸗ abredete Zeichen grüßte. Er preßte ſeine Hand gewaltſam gegen das Herz, als wolle er ver⸗ hüten, daß es nicht vor Luſt zerſpringe. Nach Beendigung der Aufführung trat er — zum letzten Male— und in Begleitung der beiden andern Damen, in Roſa's trauliches Zimmer. Aber das Geſpräch ſtockte, eine Laſt drückte Jedes darnieder. Unbegreiflich hatte ſich ein magiſches Band um dieſen kleinen Kreis ge⸗ ſchlungen, das, ſchnell geknüpft, auch bald zerriſſen werden ſollte. Es däuchte Oskar faſt unmög⸗ lich ſich zu trennen, und Roſa war in ſich gekehrt und ſtill. Der Baron fühlte doppelt das Läſtige der Lage; er faßte daher Muth und griff nach Hut und Mantel. In wenig Worten drückte man ſein Be⸗ dauern des Scheidens aus, und Oskar mußte verſprechen, recht bald zu ſchreiben, und auch ſpäter Nachrichten von ſeinem Schickſale zu gebenz ja er ließ die Wahrſcheinlichkeit eines bal⸗ digen Wiederkommens durchblicken. Auch Roſa gelobte auf Oskar's Briefe zu antworten. Noch einmal ergriff der Baron die Hand des Mädchens und vrückte ſie innig. Ihre Blicke trafen ſich, Roſa's Haupt neigte ſich erräthend zur Erde, Oskar aber umſchlang ſie, und ein feuriger* branne auf ihren Lippen. — G a ber i e le. „Wenn ich ihn nur haäbe, Wenn er mein nur iſt, Wenn mein Herz bis hin. zum Grue Jeſu Treue nie vergißt: Weis ich nichts vom Leide Fühle als Andacht, Lieb und e Wenn ihn nur habe, Laſſ ich Alles gern, Folg', an meinem Wanderſtabe, Treu geſinnt nur meinem Herrn; Laſſe ſtill die Andern 2 Breite, 18 volle Straßen wandern . Novalis. Schloß in einer der weniger fruchtbaren und freundlichen Gegenden, des ſonſt 6 geſegneten Württembergs gelegen, ragte auf einem ſteilen Hügel hoch über die umliegende Gegend. Nur kümmerlich hatte Mutter Natur 58 dieſen Landſtrich bedacht, und den öden und ſteinigen Triften konnte nur durch den uner⸗ müdlichen Fleiß des Landmannes eine mittel⸗ mäßige Erndte abgewonnen werden. Trotz der beharrlichſten Arbeitſamkeit, die alle Hände rings⸗ um beſchäftigte, war es daher doch kein Wunder, daß die drückendſte Armuth unter der arbeitenden Klaſſe der Gegend von Jahr zu Jahr zunahm. Der Gutsherr ſuchte durch alle ihm mög⸗ lichen Mittel dieſem Uebel zu ſteuern; nichts deſtoweniger blieb aber noch Manches zu thun übrig, um den harten Mangel zu mildern, der ſich oft im Gefolge des Winters einſtellte Auch diesmal hatte ſich der alte von der Rode, durch zuverläſſige Menſchen, diejenigen Familien nennen laſſen, die ſeiner Unterſtützung am meiſten bedurften, und es war immer für Gabriele, ſein einziges Kind, ein Freudentag, wenn ſie zu den Hütten der Armuth niederſteigen, und den Unglücklichen Troſt und Unterſtützungen bringen konnte. Ihr größtes Wintervergnügen aber —— 59 beſtand darin, den ärmeren Kindern am Weih⸗ nachtsabende von ihr ſelbſt verfertigte Kleidungs⸗ ſtücke zu beſcheeren, und lange Zeit vorher beſchäftigte ſie ſich mit dieſen Arbeiten. Aber nur für halb vollendet würde ſie dies Werk einer ſchönen Menſchenfreundlichkeit gehalten haben, wenn es ihr keine Mühe, keine Entſagungen gekoſtet hätte. Alle dazu erforderlichen Einkäufe beſorgte ſie aus ihren, ohnehin oft durch wohl⸗ thätige Gaben in Anſpruch genommenen, Mitteln, die aus einem mäßigen Taſchengelde beſtanden, welches ihr der ordnungsliebende Vater zukom⸗ men ließ. Um ausreichen zu können, entſagte ſie ſich faſt jedes unſchuldige Vergnügen; ja— damit nicht zufrieden, verlängerte ſie ihre Ar⸗ beiten bis ſpät in die Nacht, oder ſtand mit der Sonne auf, um durch dieſen Abbruch eines Genuſſes, den Werth ihrer Arbeit zu erhöhen. Obgleich nun der Vater mit Vergnügen gewahrte, wie ſich die ſchöne Tugend der Wohl⸗ thätigkeit im Herzen ſeiner Tochter entfaltete 60 ſo ſah er doch auch mit leiſem Mißbehagen: daß ihr kräftiger Geiſt ſich nie genug thun konnte, und ſie oft zu ſchwärmeriſchen Eraltatio⸗ nen hinriß. Mit väterlicher Milde bat er ſie dann, ihre edlen Neigungen in den Schranken der Mäßigung zu halten, indem übertriebene Güte von der Velt oft verkannt und mißbraucht werde, ja ſelbſt unſere eigene Seele zu verkehrten 3 Handlungen hinlenke. Aber trot dem entgingen dem alten gichtleidenden Mann, der, als ge⸗ dienter Militair, noch immer eine gewiſſe Strenge gegen ſich und ſeinen Körper ausübte, ſo manche Härten in dem Benehnen ſeiner Tochter gegen ſich ſelbſt, um ſo mehr, da er mit ihr faſt allein lebte, und aus dem Beiſpiele der Pnſi Welt keinen Vergleich ziehen konnte. Außer dem alten Grafen und ſeiner Loch⸗ ter, dem Rentmeiſter des Erſteren und wenigen 3 Dienern und Dienerinnen, bewohnte Niemand das weitläufige Schloß, das daher zum größten Theile zerſiel, und nur das Hauptgebäude und 61 der linke Flügel deſſelben waren in gutem Stand erhalten. Da man von der Reſidenz ziemlich entfernt lebte, von der Rode in ſeinem Um⸗ gange ſehr eigen und ſchwer zu ertragen war, und auch Gabriele kein Vergnügen an geſelli⸗ gem Umgange fand, ſo war das Leben der obengedachten Perſonen ſehr einfach, und auf einen kleinen Kreis beſchränkt. Die langen Win⸗ terabende brachte der Graf meiſt bei einem Par⸗ chiechen Whieſt zu, das er ſehr liebte, und hatte dann ſeinen Rentmeiſter und den Pfarrer des DOrtes zu Geſellſchaftern. Gabriele ſervirte Lhee und Rum, und zog ſich dann bis zum Abendeſſen zurück. Manchesmal trafen wohl auch Beſuche der benachbarten Gutsbeſitzer ein, und in der letzteren Zeit erſchien auch häufig der Geiſtiche eines nahen Landſtädichens Es war ein Mann in den Vierzigen, ernſt und bei⸗ nahe finſter; aber ſeine geiſtreichen, oft etwas paradoren Reden hatten ihm die Freundſchaft der Tochter des gewonnen, und da ſich 62 der alte Rode durch dieſen Zuwachs des kleinen Zirkels in ſeinem Spielchen nicht geſtört fühlte, ſo ſah auch er den Paſtor Krumm nicht un⸗ gern erſcheinen, zumal da Gabriele alsdann eine, wie es ſchien, ihr ſehr angenehme Unter⸗ haltung fand. So verſchwand ein Tag wie der Andere, und nur eine Sorge hatte bisher den Grafen gequält. Es war dies der Gedanke an die Ver⸗ heirathung ſeiner Tochter. Rode liebte ein ſtilles häusliches Leben, und hatte ſich ſchon oft das Glück ſeiner alten Tage ausgemalt, wenn Gabriele glücklich verheirathet, ihm einſt En⸗ kelchen zuführen würde. Ja der alte Mann hatte ſich ein ſo liebliches Bild dieſes Glückes entworfen, daß er, dachte er ſeiner grauen Haare, vor der Möglichkeit es nicht mehr genießen zu können, erſchrack, und ſich vornahm, die Sache wo möglich zu beeilen; nur wußte er nicht wo den Schwiegerſohn hernehmen, denn es war keine Kleinigkeit den Mann zu finden, der ſich 63 in die Eigenheiten des Vaters ſchicken, und die⸗ ſem zugleich zuſagen würde. Im Uebrigen war es dem Alten nicht bange; ein reiches, ſchönes und tugendhaftes Mädchen ſchlägt ſo leicht kein Mann aus, und Gabrielens Gehorſam für den Willen des Vaters, war ebenfalls nicht zu be⸗ zweifeln. Da fiel dem Oberſten eine, einſt im Scherz gemachte Uebereinkunft, zwiſchen ihm und einem Kriegskameraden, dem Baron von Hohen⸗ ſtein ein, nach welcher die Kinder der beiden Freunde ſich einſt ehelichen ſollten. Er ſchrieb unter einem unbedeutenden Vorwande an den Baron und erwähnte beiläufig jenes Verſpre⸗ chens. Hohenſtein ergriff dieſen Gedanken mit Vergnügen, und in drei Wochen war unter ihnen Alles im Reinen. Oskar ſollte in wenigen Tagen auf Sturmau eintreffen. Der Oberſt erwartete mit Ungeduld den Tag der Ankunft des jungen Mannes, und doch kratzte er ſich verlegen hinter 64 den Ohren, wenn er daran dachte: daß er ſeiner. Tochter noch kein Wort von dem Geſchehenen geſagt habe. Endlich faßte er eines Abends, 6 nachdem er beſonders Glück im. Whiſt gehabt, den Entſchluß, den kommenden Morgen die Toch⸗ ter auf Ostar⸗ 8 Ankunft vorzubereiten. Jener Tag fing bereits zu dinmnn an, die erſten Strahlen der Sonne fielen in ein Zimmer des öſtlichen Schloßflügels. Das ganze, einfache, aber ſehr geſchmackvolle Ameublement verrieth auf den erſten Blick, daß es ein Schlaf⸗ zimmer ſey welches man ſorgfältig mit allen Beguemlichteiten ausgeſchmückt hatte. Ein grü⸗ ner Teppich zierte den Fußboden, eine ſchöne Toilete und ein hohes reiches Bett von feinen weißen Vorhängen umfloſſen, waren die Haupt⸗ möbel. Sopha ind Stühle prangten in grünem Seidenſtoffe, und die Wände zierten werthvolle Delgemãlbe Eine behagliche Temperatur füllte die Luft, während dräußen eine ſchneidende Kälte herrſchte. Aber alle Anſtalten zum Enpfange 65 der Herrin ſchienen umſonſt, denn das Zimmer war leer, und nur das Bett zeugte, daß man es einiger Stücke beraubt. Da erſchallten aus dem anſtoßenden Ge⸗ mache leiſe Töne. Es war dies ein kleines Cabinet, anſcheinend dem beſchriebenen Zimmer als Garderobe dienend, wofür auch die hohen eichenen Kleiderſchränke ſprachen. Die kahlen Wände waren weiß angeſtrichen, der Fußboden mit knorpigen Dielen belegt, und wenige alte Stühle ſtanden an den Wänden umher. Auf der einen Seite des Cabinets lag auf der Erde ein Stroh⸗ ſack, über welchen ein Leintuch gebreitetet war; eine leichte Decke lag zurückgeſchoben darüber, und zeigte, daß Jemand dieſe Nacht unter ihr zugebracht haben mußte. Die einzigen Zierden des Gemaches, in welchem es empfindlich kalt war, beſtanden in zwei Oelgemälden: Chriſtus in der Wüſte vom Teufel verſucht, und Jeſus Taufe von Johannes dem Täufer. Unter dieſen Bildern hing ein Crucifir, vor dem Kreuze aber . 5 66 kniete auf der Erde ein Mädchen. Sein Wuchs war hoch und ſchlank, ſein Antlitz von einer ungewöhnlichen Schönheit, trug den Stempel großer Willenskraft. Schwarze Haare zierten in üppiger Fülle das Haupt. Die Augen, dun⸗ kelbraun und feurig, hingen mit ſchwärmeriſchem Ausdrucke an dem Gekreuzigten, feucht von Sehnſucht, Hingebung und Liebe. Den Körper umſchloß ein einfaches weißes Kleid.— Es war Gabriele, welche, die Hände auf der Bruſt gefalten, halblaut betete: F ja, du mein Erlöſer, entblößt von aller Herrlichkeit tratſt du unter die Menſchen, Segen verbreitend mit vollen Händen. Wohin dich dein Weg führte, er war bezeichnet mit Wohlthaten, und jeder neue Morgen rief dich zu neuen Werken der Gottſeligkeit. O reines, un⸗ erreichbar göttliches Gemüth, gib auch mir die Kraft, daß ich meinen Schwach⸗ heiten mehr und mehr entſage; daß all' 67 mein Handeln Wohlthun ſey, und laß mich, dir gleich, das Gute thun, nur um des Guten willen; gib meiner Seele Kraft, daß ſie dich liebe nach ihrem hei⸗ ligen Drange, und daß ſie die Hinderniſſe bekämpfe, die mein irdiſcher Leib ihr entgegenſtellt. Du, mein hohes Vorbild, haſt dich vorbereitet in der Wüſte zum großen Werke, welches dich erwartete. Auch mich ruft dein Wort zur Nacheif⸗ rung. Feſt ſteht mein Wille: der irdiſchen Schwäche Herr zu werden, und mein Daſeyn einzig dir zu widmen. Vergib, wenn ich noch manchmal zage, wenn oft des Fleiſches Schwäche dem Willen des Geiſtes nicht zu folgen vermag; aber höre auch mein Gelübde: nicht ruhen will ich, ich ſchwöre es bei deinem hei⸗ ligen Blute, bis ich unumſchränkt gebiete über der Erde Gebrechen. Weg alle irdiſche Weichlichkeit! mein Heiland darbte 5* 68 und litt! Nicht hatteſt du dein Haupt hinzulegen, und ich ſollte mich weich betten? Nein, ich bin unwürdig vor deinen Augen, bis ich durch Leiden und Entbehren beweiſen kann, wie ich dich liebe und anbete aus dem Grund meiner Seele. Deinen Segen, mein Gott, meine Liebe, mein Seyn, daß ich beharren mag im ſchweren Kampfe!“ Sie neigte ihr Haupt, küßte das Crucifir und erhob ſich dann raſch. Die Thränen erſtarben unter dem Lächeln des Bewußtſeyns, mit redlichem, kräftigem Muthe das Gute zu wollen. Mit Behändigkeit ergriff ſie die Theile des Bettes, die ihr zu ſo beſchei⸗ denem Lager gedient hatten, und trug ſie in das Schlafzimmer. Noch regte ſich im ganzen Schloße keine Seele. Gabriele aber ergriff ihre Lieblingsarbeit und vollendete ein warmes Kinderkleid. 69 Nach Verlauf von zwei Stunden klopfte das Kammermädchen. Gewohnt, ſeine Herrin angekleidet und arbeitend zu treffen, brachte es derſelben nur die Nachricht, daß ſie der Herr Vater zum Frühſtück erwarte. Gabriele erhob ſich ſogleich und machte Anſtalten zu gehen. „Noch Etwas habe ich Ihnen zu berich⸗ fuhr die Zofe plaudernd fort,„der Herr Paſtor Krumm läßt ſich für dieſen Abend melden.“ „Das iſt mir lieb,“ rief das Fräulein,„er war lange nicht da.“ „Seit vorgeſtern nicht,“ bemerkte Luiſe mit einem Anflug ſpöttiſchen Lächelns, dann fuhr ſie ernſter fort:„Sie ſind ſo gut, mein Fräulein, die ganze Gegend nennt ſie nur ihren Schutz⸗ engel, ſo ſanft und freundlich gegen Jedermann; ſagen Sie mir nur, was Sie an dem finſteren, ſtrengen Paſtor Anziehendes finden. Ich weiß wohl, daß ſich dieſe Frage für mich nicht ſchickt; 70 aber meine Liebe zu Ihnen zwingt mich, Sie zu warnen....“ „Warnen, Luiſe?“ fragte ernſt die Angeredete,„vor wem warnen? doch nicht etwa vor Herrn Paſtor Krumm?“ „Doch Gnädige, vor eben dem.“ „Luiſe, Dein Eifer führt Dich zu weit; der Paſtor iſt ein vorzüglicher, ein erfahrener, ein tugendhafter Mann.“ „Ach, mein Fräulein, ich kann's nicht glauben, und alle unſere Leute ſind meiner Mei⸗ nung. Frömmigkeit und Tugend blickt nicht ſo finſter und durchdringend vor ſich hin, den Kopf ſcheu geſenkt; o nein, wir ſehen es ja täglich in Ihnen; ſie hebt ihr Haupt frei und ehrlich, und ſieht ſanft und freundlich.“ „Du haſt Unrecht,“ entgegnete Gabriele, „ach! was bin ich gegen den Herrn Paſtor; was iſt meine Glaubentreue gegen die ſeine, was ſind meine Entſagungen gegen ſeine Hingebung; und den Gang den Du ſchiltſt, das Senken ſeines 71 Hauptes, iſt gerade die Krone ſeiner Tugenden, jene himmliſche Beſcheidenheit, die mir noch mangelt.“ „Ihnen mangle Beſcheidenheit? O, thun Sie ſich ſelbſt nicht Unrecht, bleiben Sie wie Sie waren, und wir verehren Sie mit abgöt⸗ tiſcher Liebe.“ „Du gehſt in Allem zu weit. Ich habe noch ſo viele Fehler abzulegen, und muß noch manche von des Paſtors Lehren mit Dank an⸗ nehmen.“ „Ach,“ ſeufzte das Kammermädchen,„ſeit er auf Sturmau kommt, haben Sie ſchon viel von Ihrer Heiterkeit verloren, und der Kopf⸗ hänger wird Sie uns noch ganz entziehen.“ „Luiſe!“ rief mit einem langen ſtrafenden Blick das Fräulein, wandte ſich um und verließ raſch ihr Zimmer. „Und doch!“ ſagte leiſe aber nachdrucksvoll die Zofe, und ſchlug ihre netten Händchen zu⸗ ſammen,„ich behaupte: Krumm iſt ein Heuchler; 72 aber ich will ihn entlarven, und das gute Kind aus ſeinen Klauen retten. Ei was, Be⸗ ſcheidenheit! wer recht thut und ehrlich iſt, ſieht die Welt offen und freundlich an, und ſchießt keine ſolche Tigerblicke unter den Augenbraunen hervor, wie Krumm.“ —— 1 Der Vorſchlag. „Ihn lieben kann ich nicht. Zwar halt ich ihn für edel, tugendhaft, Von großem Gut, von Jugend friſch und rein, Vom beſten Ruf, gelehrt, freiſinnig, tapfer, Und durch erhab'nen Wuchs und Wohlgeſtalt Einnehmend;—— doch ihn lieben kann ich nicht.“ Shaksveare. Im Frühſtückimmer erwartete Graf von der Rode ſeine Tochter. Er ſaß nachdenklich in einem großen Lehn⸗ ſeſſel, der wohl ſchon ſeinem Urgroßvater gedient haben mochte; die kranken Füße in Kiſſen ge⸗ wickelt, und blies aus dem koſtbaren Meer⸗ ſchaumkopfe dicke Rauchwolken. Diana, ſeine alte, treue Jagdgefährtin, die nun das Gnaden⸗ brod im Schloße erhielt, lag zu ſeiner Seite, 5 74 und ſchien die geſchnitzten Hirſche und Haſen, die den bräunlichen Lehnſtuhl zierten, zu beobach⸗ ten. Von Zeit zu Zeit warf ſie auch einen klugen Blick nach ihrem Herrn, als wolle ſie erforſchen, in welcher Laune der Gebieter heute erwacht ſey. Das 6t knackerte im ungeheuren Ofen, denn der Oberſt hatte dies, ſein Lieblingszimmer, in ſeiner alten Form gelaſſen, während die mei⸗ ſten andern Piegen der wohnbaren Gebäude den neueren und Mobden ſich hatten fügen müſſen. Die Zeitung lag vor ihm auf du Tiſche — ein bedenkliches Zeichen— denn war ſein Herz von Sorgen frei und ſeine Laune gut, ſo war ſein erſtes Geſchäft, die Lectüre des Schwä⸗ biſchen Merkurs, namentlich in der neueren Zeit, in welcher der Kriegsgott ſich im Schlafe ſchüt⸗ telte, als ſey er ungeduldig der langen Ruhe. Der alte Soldat fühlte dann neue Jugendkraft, die Heere rückten in Bataille vor ihm Wß und 75 der Schlachtendonner tönnte in ſeinen Ohren, ſo daß er wohl plötzlich mit der Fauſt auf den Tiſch ſchlug, und rief:„Donner und Doria, es lebe der Krieg!“ Aber heute hatte er das Blatt noch nicht angeſehen, nicht aus übler Laune oder Gicht⸗ ſchmerzen; ſondern weil er eine Rede memorirte, die er an ſeine Tochter halten wollte. Endlich trat Gabriele ein. Sie war ern⸗ ſter als ſonſt, nahte ſich aber, wie gewöhnlich, mit Ehrerbietung dem Vater, küßte ſeine Hand, und frug:„Wie geſchlafen, lieber Vater?“ „Schlecht,“ brummte der Alte. „Und warum ſchlecht? Hatten Sie Schmer⸗ zen, beſtes Väterchen?“ n „Nein, ich hatte wichtige Gedanken. Höre! und damit richtete der Graf ſich Etwas in die Höhe, um ſeine Anrede zu beginnen. Als er aber die Tochter anblickte, die mit allen Reizen einer aufblühenden Jugend vor ihm ſtand, wie eine Roſe, die ſich allmählig im Strahle der 76 Morgenſonne entfaltet,— die faſt herviſche Ge⸗ ſtalt mit dem Junoblick und den üppigen Formen, die das einfache, aber bis zum Halſe ſittſam geſchloſſene Kleid, dennoch nicht ganz zu ver⸗ bergen vermochte— da hatte er das Concept verloren, und wußte kein Wort von jener Rede mehr, die ihm Stunden des Nachdenkens gekoſtet. Er lächelte zufrieden vor ſich hin, ſein Werk betrachtend, und rief endlich:„Donner und Doria! was braucht es auch künſtlicher Reden zwiſchen Vater und Tochter. Mädchen, Du liebſt mich, das weiß ich, willſt Du mir eine rechte Freude machen?“ „O gewiß, lieber Vater,“ ſagte Gabriele, und ſchmiegte ſich an den alten Krieger.„Ge⸗ ſchwind ſagen Sie mir, mit was ich Sie erfreuen kann.“ „Heirathen ſollſt Du!“ platzte der Oberſt heraus. „Heirathen!?“ wiederholte Gabriele und der Athem ſtockte ihr faſt. 77 „Ja Mädchen, heirathen ſage ich, damit ich Dich noch glücklich im Familienkreiſe ſehe, und noch Enkelchen auf dem Schooße wiegen kann.“ „Vater,“ ſtotterte hocherröthend die Tochter, und heftete den Blick an den Boden. „Nun— was ſchneideſt Du denn für Gri⸗ maſſen? Kind, ich will doch nicht hoffen, daß Du von der albernen Prüderie der neueren Zeit angeſteckt biſt. Heirathen iſt keine Sünde, und wenn ich von Kindern ſpreche, die Gott Dir einſt ſchenken mag, ſo erröthe nur nicht; denn es iſt ein ſchöner und erhabener Beruf des Weibes, der Welt und der Ewigkeit neue Bürger zuzuführen.— Ich habe Dir auch für einen Mann geſorgt, der Dir gefallen wird. Er ſoll hübſch, und vor allen Dingen brav ſeyn. Gewindbeutelt hat er ein Bischen; aber das iſt mir lieb, da ſind die Hörner abgelaufen, und er wird ein deſto beſſerer Ehemann— Nun, hab ich's recht gemacht?“ „Aber. „Ja c habe Dir noch nicht einmal ſeinen Namen genannt. Es iſt Baron Oskar von Hoh enſtein, der Sohn meines würdigen Waffenfreundes. In acht Tagen iſt er da.“ „Wie mein Vater, ſchon ſo bald?“ „Nun?“ „Wollen Sie mich von ſich ſtoßen?“ „Was iſt das? Dich von mir ſtoßen?“ „Werden Ihrer verheiratheten Tochter nicht andere Pflichten rufen, und ſie von Ihnen ent⸗ fernen, während das Mädchen ſo gerne den Vater noch recht zalge gepflegt?“ „Ach was, das ſind ja Poſſen. Donner und Doria— verſtoßen! Hier bleibt Ihr, i Schloſſe, eine Familie ſind wir und eine Seele, und wollen ſo recht glücklich mit ein⸗ ander ſeyn.“ „Aber, liebſter Vater....“ „Schon wieder ein„aber“ 2 ſagte verdrüß⸗ lich der Alte, und klopfte ſeinen Meerſchaumkopf 79 aus, obgleich er nur halb geraucht war, ein ſicheres Zeichen des herannahenden Sturmes. „Kaffee!—“ Gabriele war blaß geworden, doch be⸗ hielt ſie ihre Faſſung, und ſervirte das Frühſtück wie gewöhnlich. Man ſchwieg, die junge Grſn hatte einen harten innerlichen Kampf zu beſtehen. Gewohnt an die ſchnelle und unbedingte Erfüllung aller Wünſche ihres Vaters, kämpfte Kindespflicht gegen ihre Lieblingsideen: ſich ganz und un⸗ getheilt ihrem Gotte undder Vergött⸗ lichung ihres Innern zu widmen. Sie war nicht katholiſch, und hing zu ſehr an ihrem Vater, ſonſt würde ſie unbedingt in ein Kloſter, und zwar in eines von der ſtrengſten Regel gegangen ſeyn. Nun aber hatte ſie ihre eigenen Ideen von Selbſtverlängnung und unbedingter Hingabe an die Gottheit gefaßt, und gehofft, dieſe durch Strenge gegen ihren Körper zu er⸗ zielen. Als Mädchen wollte ſie ſich, an der 80⁰ Seite ihres Vaters, und dieſen mit kindlicher Liebe pflegend, allen Tugenden widmen, und ihrem Geiſte die höchſt mögliche religiöſe Rich⸗ tung geben. Dieſe ſchwärmeriſchen Gedanken fanden reiche Nahrung in dem Umgange mit Paſtor Krumm, der ſelbſt bis zum Fanatis⸗ mus religiös, das Heil der Seele nur in der gänzlichen Abtödtung des Körpers und der Annahme einer ſo ſtrengen als finſteren Religioſität fand. Was ſollte ſie nun thun? Sollte ſie ihre Kindespflicht verletzen, oder ihre Lieblingsideen, — die ſie, als von Gott eingegeben, für eine heilige Weiſung anſah,— aufgeben?— Es war ihr unmöglich, ſo ſchnell einen Entſchluß zu faſſen; doch hoffte ſie, noch an demſelben Abende Krumm zu ſprechen, und ſich mit ihm über dieſe wichtige Sache zu berathen. Während dieſe Gedanken Gabrielen be⸗ ſchäftigten, dachte der Oberſt ruhig über die Sache nach. Er warf ſich vor, ſeine Tochter, 81 die ja faſt noch Kind war, mit ſeiner Nachricht zu ſehr überraſcht zu haben. Die Lage war ihr zu neu. Bisher hatte ſie nur Umgang mit ihrem Vater und einigen alten Männern ge⸗ pflogen; es mußte ſie alſo der Gedanke: plötzlich aus den alten Verhältniſſen geriſſen, und in ganz neue, ihr unbekannte, verſetzt zu werden, ängſtlich berühren. Der Graf hoffte ſeinen Fehler verbeſſern zu können. Wußte ſie doch nun wenigſtens einmal ſein Vorhaben, und konnte ſich nach und nach mit dem Gedanken daran vertraut machen. Er ſchlürfte daher ruhig ſeinen Kaffee; reichte lautlos Gabrielen ſeine Pfeife, um ſie neu zu ſtopfen, nahm die Zeitung, und ſagte nach einem Viertelſtündchen:„Kind, gehe nun deinen häuslichen Geſchäften nach. Von der bewußten Sache ein ander Mal mehr.“ Gabriele athmete frei auf, küßte dem Vater die Hand, und verließ ſchweigend das Zimmer. 8S. Die Berathung. „Anbetend, Vater, ſink' ich in den Staub, und fleh, Vernimm mein Fleh'n, die Stimme des Endlichen, Gib meiner Seel' ihr wahres Leben, Daß ſie zu Dir ſich, zu Dir erhebe!“ Klopſtock. Der Tag verging unter den gewöhnlichen Beſchäftigungen, der Abend verſammelte die kleine Whiſtparthie; aber Gabriele harrte ver⸗ gebens auf Paſtor Krumm, und doch war er nun, gegen alle Gewohnheit, ſeit drei Tagen nicht da geweſen. Was aber der Harrenden am Meiſten auffiel, war, daß ſich der Geiſtliche hatte anmelden laſſen, und demohnerachtet nicht erſchien. 83 Auf gleiche Weiſe ging es den folgenden Tag, den Gabriele in der beſtändigen Sorge verlebte, der Vater möge auf's Neue von dem verhaßten Gegenſtande anfangen, ehe ſie ſich mit ihrem Freund über denſelben beſprochen. Sollte Krumm erkrankt, ſollte ihm irgend ein Unglück zugeſtoßen ſeyn? Alle dieſe Zweifel zu heben, beſchloß die junge Gräfin, den geiſtlichen Herrn ſelbſt aufzuſuchen; wozu ſie, bei der Ver⸗ theilung einiger milden Gaben, die beſte Ge⸗ legenheit fand. Mit dem kommenden Morgen fuhr Ga⸗ briele nach dem Dorfe, beſorgte daſelbſt ihre Geſchäfte, und eilte von dorten nach dem nahen Städtchen. Das Pfarrhaus, welches Krumm inne hatte, war der einzig noch bewohnbare Theil eines Kloſters, das ſchon ſeit einer Reihe von Jahren ſäkulariſirt, nun zum Theil als Wohnung des Geiſtlichen, zum Theil als Scheuer diente. Sein düſteres Aeußere, mit den vielen hohen und ſchmalen Fenſtern und den altergrauen 6* 84 Mauern, ſtach um ſo greller von der Umgebung ab, als dieſe in einer neueren Zeit entſtanden, das Gepräge einer behaglichen Wohnbarkeit trüß Das Innere der Behauſung entſprach völlig dem Eindrucke, welchen die Außenſeite auf den Beobachter machte; und waren die Zimmer ſchon ohnehin finſter, ſo hatte der Bewohner, wie es ſchien, noch gefliſſentlich dazu beigetragen, ihnen ein kerkerartiges Anſehen zu geben. Die weni- gen vorhandenen Möbel waren von Holz roh gearbeitet, und keine, auch nicht die geringſte Zierde, ſtellte ſich dem unbehaglich Suchenden dar. Der Wagen der Gräfin hielt vor der Thüre des gedachten Hauſes. Sie ſtieg aus und zog die Schelle, indem ſie dem Kutſcher bedeutet, ihrer im nächſten Gaſthauſe zu harren. Nach einigen Minuten wurde geöfnet, und es trat ihr mit den Worten: „Gelobet ſeyſt du Jeſus Chriſt!“ eine aue weibliche Geſtalt entgegen, deren gelbes und runzliches Geſicht ein treuer Spiegel der Ruine 85 war, die ſie bewohnte. Die lange, knochendürre Geſtalt war dunkel gekleidet, und unter der ſchwarzen Haube, ſahen einige Buſchel grauer, ſtruppiger Haare hervor; die kleinen Augen blitzten unſtät und lauernd aus den Höhlen, fuchten aber, ſobald ſie der Blick eines Anderen traf, ſcheu den Boden. Nach einer tiefen Ver⸗ beugung fuhr die Pförtnerin mit näſelnder Stimme fort:„Was ſucht die Tochter der Welt im Hauſe der Armuth und des Friedens?“ „Ich möchte Herrn Paſtor Krumm ſpre⸗ chen,“ entgegnete Gabriele, und muſterte mit ſcheuem Blick die unheimliche Alte. „So treten Sie in dieſes Zimmer. Der heilige des Herrn hat ſich mit Weh und Ach umgürtet; aber er lacht der Trübſal und ſpottet des glühenden Stachels.“ Hiermit öffnete ſie eine Thüre, und das Mädchen trat in eines jener Zimmer, das wohl früher als Kloſterzelle gedient haben mochte. 86 Als Krumm ſeinen Beſuch eintreten ſah, erhob er ſich von ſeinem Sitze, legte die Bibel, in welcher er geleſen, ehrfurchtsvoll zur Seite und ſprach:„Willkommen meine Tochter, will⸗ kommen in der ſtillen Klauſe der Andacht. Ich errathe, was Sie zu mir führt. Ihr gutes Herz glaubte mich wohl leidend, da ich meinem Worte untreu, ſo lange nicht nach Sturmau gekommen.“ „So iſt es, ehrwürdiger Herr, und es ſoll mich freuen, wenn ich mich geirrt.“ „Zum Theile iſt es wahr. Der Geiſt iſt willig, aber das Fleiſch iſt ſchwach, Sie wiſſen daß unſere kleine und arme, aber in Gott ſelige Gemeinde, von Zeit zu Zeit Buß⸗ übungen anſtellt, um in der Demuth des Herzens ſich vor dem Höchſten zu beugen und abzubüßen die Sünden der Welt. Namentlich geſchieht dies vor der Empfängniß des heiligen Abend⸗ mahls. Da nun auf heute der Tag beſtimmt war zum allgemeinen Genuſſe deſſelben, ſo hatte auch ich mich, dazu vorbereitend, einer ſchweren 87 Züchtigung unterworfen, denn ach! das Maas meiner Sündeniſt voll vor dem Herrn, und ſeine Gerechtigkeit zählt meine Miſſethat. Ich hielt in der Eitelkeit meines Geiſtes den Körper ſtark, gleich dem Willen; aber er erlag einem achttägigen Faſten, und einer harten Geißelung. Ich vermochte das Bett nicht zu verlaſſen.“ „Ehrwürdiger Vater,“ ſagte Gabriele, und ſah den, von Schmerz und Mattigkeit ge⸗ krümmten, Mann mit andächtiger Bewunderung an,„wer ſo ſtark im Geiſte wäre als Sie. Ach! was ſind meine Entſagungen gegen Ihre Bußübungen?!“ „Der Herr ſegnet die ihn lieben,“ fuhr der Geiſtliche fort.„Was ſind die Genüſſe der Welt gegen die Seligkeit meines Herzens. Mein Schmerz iſt mir ein Stachel der Wolluſt; denn ich litt, wie mein göttlicher Heiland, ich litt aus Liebe zu ihm. Hier im Herzen iſt ſeli⸗ ger Friede; denn ich habe mich gedemüthiget vor Gott, und er iſt eingezogen und wohnt darin mit all ſeiner Herrlichkeit.“ „Würdiger Mann, Vorbild meiner Seele, wenden Sie Ihren Blick auch auf eine Bittende. Sie kennen mein Herz, meine Wünſche, meinen Plan; o ſtehen Sie einer Schwachen mit Ihrem heiligen Rathe zur Seite, damit ſie den Weg des Heils nicht verfehle; führen Sie mich zu jener hohen Stufe von Religioſität und Tugend, die Sie bereits einnehmen.“ „Mein Kind,“ erwiderte der Angeredete, und beugte ſich nieder, indem er die Hände auf ſeine Bruſt legte.„Ich bin ein ſündiger und ſchwacher Menſch, dem einzig das Verdienſt eines unerſchütterlichen Willens zukommt; aber was in meinen Kräften ſteht, Sie auf den einzig wahren Weg des ewigen Heils zu leiten, das will ich gerne thun. Die Güte des Allmäch⸗ tigen ſelbſt hat Ihnen aber ſchon die Mittel dazu gegeben......— Werden Sie ein Glied unſerer heiligen Gemeinde!—“ 89 Eine kleine Pauſe folgte, in welcher Krumm Gabriele ſcharf beobachtete. „Gewiß,“ begann dieſe nach einigem Be⸗ denken,„o gewiß, ehrwürdiger Herr, es iſt dies ſchon ſeit der Zeit ich Sie näher kenne, der lebhafteſte Wunſch meiner Seele, aber...“ „Aber?— das alte Wapen kann doch nicht ſo entehrt werden, daß eine Gräfin zur Schwe⸗ ſter gemeiner Bürger würde!“ ſagte ſcharf be⸗ tönend der Geiſtliche. „Herr Paſtor!“ rief ſchmerzlich berührt das Mädchen,„habe ich eine ſolche Beurtheilung verdient?“. „Mein Kind, die Wurzel des Stolzes liegt tief in unſerem Innern; man kann als Wohl⸗ thäterin herabſteigen, ohne die Kraft zu beſitzen, auf alle die ſüßen Vorrechte der Geburt Verzicht leiſten zu können.“ „Nein, mein Herr, ich bin zu ſtolz auf meinen edlen Willen, als dieſe Meinung auf mir laſten zu laſſen. Nicht die Schweſter will 90 ich ſeyn, nein, die Magd der Niedrigſten. Treten Sie mich mit Füßen, ich will es als Sünderin dulden; aber glauben Sie nicht von mir, daß ich mit Stolz auf meine Mitmenſchen herabſehe.“ „Wohl mir und Ihnen daß ich mich geirrt!“ rief der Paſtor freudig.„Ja edles Mädchen, ſtreifen Sie noch völlig die Vorurtheile der Welt ab, und werden Sie ein Glied jenes kleinen Häufleins, das ſein einziges Glück in der Er⸗ füllung der Gebote ſeines Erlöſers ſucht.“ „Mein Vater!“ unterbrach Gabriele, mahnend den Begeiſterten,„denken Sie meines Vaters?“ „Ja!—“ entgegnete Jener,„der würde es nie zugeben, er iſt ein Freigeiſt.“ „Mein Vater, mein edler, guter Vater, ein Freigeiſt? O nein, Herr Paſtor, das iſt er nicht; er denkt allerdings von manchen hei⸗ ligen Gegenſtänden etwas leichter, als wir, aber dies muß man ihm ſeines Alters, ſeiner Leiden, ſeinem früheren Leben unter rohen 91 Menſchen wegen, nicht ſo hoch anrechnen. Er iſt herzensgut dabei, und ich möchte ihn um keinen Preis kränken.“ „Ich kenne Ihre faſt abgöttiſche Verehrung für ihn,“ ſagte Krumm kopfſchüttelnd.„Sie gehen darin zu weit. Und dann das Laſter des S „Nicht Laſter„ „Iſt Kartenſpiel kein Laſter?!“ rief erhitzt der Geiſtliche, es iſt die Angel des Teufels, und wer erſt zugeſchnappt, den hat der Böſe zu⸗ verläßig!“ „Ich geſtehe, daß ich das ewige Spielen auch ungern ſehe, aber...... 4 „Kein aber hierin. Hier gilt der Aus⸗ ſpruch: Ja oder nein, dafür oder dawi⸗ der, was darüber iſt, iſt vom Uebel. Doch laſſen wir das; an ihm und ſeinen Ge⸗ noſſen iſt nichts mehr zu retten; aber der Wille des Herrn geht vor dem Gebote des Vaters.“ „Ich kann nicht ungehorſam ſeyn.“ 90 „So thun Sie heimlich was Gott fordert, dann kränken Sie den alten Starrkopf nicht.“ „Und iſt dies nicht Lüge? Ich hatte bis⸗ her kein Hehl vor dem Vater.“ „Der Zweckheiligt die Mittel und kann man heimlich fromm ſeyn, Gutes thun, denn wohl Sünde nennen?“ 5 „Sie haben Recht, ich ſehe es ein. Ach, und ſo nahe an der Erfüllung meines höchſten Wunſches, iſt er vielleicht für mich unerreichbar!“ „Und welch' neues Hinderniß ſteltt ſich Ihnen entgegen?“ frug mit einiger Ungeduld der Paſtor.. 3 „Das Schrecklichſte was ich mir denken konite. ich ſoll heirathen!—“ 6 Krumm war wie vom Donner gerührt. Er hatte das Ziel ſeiner langen Arbeit ſo nahe gewähnt, und ſah plötzlich alle Hoffnung ent⸗ ſchwinden Nicht aus unlauteren Abſichten ſuchte er Gabrielen für ſeine Meinungen und Ge⸗ meinde zu gewinnen, ſondern aus der feſten 93 Ueberzeugung, ihr Seelenheil dadurch zu grün⸗ den. Er war Schwärmer im höchſten Grade; aber frei von Heuchelei; denn ſeine Worte und Lehren verkörperten ſich in ſeinem Leben. Dem⸗ ohnerachtet hatte er für das Wohl und Fort⸗ beſtehen der, von ihm gegründeten, religiöſen Geſellſchaft, lebhaft gewünſcht, ein ſo eifrig frommes, willenſtarkes und reiches Mädchen für dieſelbe zu gewinnen. Unermüdlich hatte er dies Ziel verfolgt, und nun drohete das beinahe vollendete Werk zuſammenzuſtürzen. Beide hatten lange überlegend geſchwiegen. Endlich frug der Paſtor: „Und wer iſt der Beſtimmte?“ „Ein mir völlig unbekannter Menſch, Ba⸗ ron Hohenſtein.“ „Sie lieben, Sie mögen ihn nicht?“ „Gewiß nicht. Aber mein Vater iſt kapri⸗ cirt auf dieſe Verbindung, und in acht Tagen iſt der Bräutigam da.“ „In acht Tagen, hm!— doch getroſt; verlieren Sie den Muth nicht, die gerechte Sache des Herrn wird ſiegen. Laſſen Sie den jungen Menſchen kommen; es wird ein Taugenichts, ein Freigeiſt, ein Kind der Welt ſeyn, wie man ſie jetzt zu Tauſenden findet; der das Heilige verſpottet, und das Göttliche mit eingebildeter Klugheit ergründen und zu ſich in den Schlamm der Erbärmlichkeit ziehen will; der da treibt alle Eitelkeit der Welt, alle Laſter der Hölle, und ſich ergötzt an den frivolen Beluſtigungen eines ausſchweifenden Lebens. Klüger als alle Men⸗ ſchen, wird er verachtend herablicken auf Ihre Sittſamkeit und Tugend; kritiſiren und meiſtern, was nicht nach ſeinem Kopfe. Und Sie kennen außerdem die Eigenheiten Ihres Vaters. Wer weiß, ob er ihm zuſagt, ob ſie ſich in einander finden können. Und dann bleibt Ihnen ja auch eine Stimme. Treten Sie feſt auf, und zeigen Sie mit Energie: daß Sie das Heil Ihrer Seele nicht für ein eingebildetes Erdenglück opfern wollen. Denken Sie ſich einmal in die Lage: * verheirathet mit einem lebensſüchtigen Menſchen, einem Spötter und Verächter der Religion, hingeriſſen in den Strudel des Lebens, von Wolluſt und Sinnerauſch umgeben, verloren in Zerſtreuungen aller Art, würde Ihre Seele untergehen, in ewiger Verdammniß!“ „Halten Sie ein!“ rief Gabriele,„ich will keinen Blick in jenen Abgrund werfen.“ „Wohl, ſo umſchlingen Sie den Anker, welchen der Himmel Ihnen bietet,— werden Sie unſer!“ In dieſem Augenblicke erklangen, wie von unſichtbaren Chören, die Töne eines feierlichen Pſalms. Einfach, aber in der Fülle einer from⸗ men, hinreißenden Melodie, drangen ſie zum tiefſten Herzen, das Mark des Lebens erſchüt⸗ ternd. Sie verkündeten die Andacht der ver⸗ ſammelten Gemeinde. Gabriele bebte. Ein Schauer rieſelte durch ihre Glieder, es klang zu ihr herab, wie ein Ruf des Höchſten. 96 „Ja es ſey!—“ rief ſie feſt und feierlich, und ihre Augen ſtrahlten in höherem Lichte, ihre Geſtalt ſchien ſich rieſig zu erheben, ſie ſtand gleich einer Göttin, Hoheit ſtrahlend. „Aber die Geſetze ſind ſchwer und ſtreng!“ mahnte der Paſtor. „Des Herrn Joch iſt leicht und ſeine Bürde ſüß!“ entgegnete die Gräfin. „Sie kennen die Bußübung, die der Auf⸗ nahme vorausgeht?!“ „Ich kenne ſie, es iſt Geißelung.“ „Und glauben Sie dieſelbe tragen, den Vor⸗ ſchriften der Gemeinde Folge leiſten zu können. 4 „Beides.“ „Wohlan, ſo ſchwören Sie u dies Kreu daß Sie ſich unſerem Bunde anſchließen.“ „Ich ſchwöre bei dem Tode meines heiligen Erlöſers: daß ich dem Bunde was er fordert, erfüllen will!— Es folgten abermals einige Minuten des Schweigens. Dann ſagte der Paſtor: — „Und nun noch einige Regeln der Klug⸗ heit; denn ſelbſt unſer göttlicher Erlöſer ſprach: Seyd klug wie die Schlangen und ohne Arg wie die Tauben. Die erſte iſt Schweigen, und die zweite: daß Sie dem Wunſche des Vaters nicht widerſprechen, ſondern in Ge⸗ duld abwarten, wie die Weisheit Gottes dieſe Angelegenheit führt. Ich werde Ihnen treu zur Seite ſtehen mit Rath und That. Gehen Sie nun in Frieden, mein gutes Kind; während ich eile, unſere Brudergemeinde von dem heiligen Entſchluſſe in Kenntniß zu ſetzen, den Sie ſo eben gefaßt und beſchworen. Wir werden den Tag Ihrer Aufnahme berathen, und ich zeige Ihnen dann das Nähere darüber an. Gehen Sie mit Gott, und ihr Herz frohlocke: denn Sie ſind den Schlingen der Welt und der Hölle entgangen; und die Palme des ewigen Friedens, der ewigen Se⸗ ligkeit, winkt Ihnen freundlich ent⸗ gegen.“ 98 Der Geiſtliche hatte ſeine Hände ſegnend auf des Mädchens Haupt gelegt, das ſich de⸗ müthig ſenkte; denn ihr Herz beugte ſich vor der Größe des Allmächtigen, dem ſie ſich auf ewig verbunden hatte. — 2— 9. Der PBrief. „Wenn du ihn ſiehſt, ach! erzähl ihm mein Leiden, Sag' ihm: ich duld' und ich liebe ſtill; Frag, ob ewig die Meere uns ſcheiden, Ob er das Herz mir brechen will.“ Acht Tage waren ſeit jenem Abende ver⸗ ſchwunden, an welchem Oskar von Ro ſa Alberti Abſchied genommen hatte. Wie oft war in jener Zeit des jungen Mannes gedacht worden, der mit ſeiner an⸗ ſpruchsloſen Freundlichkeit ſich die Herzen der drei Damen gewonnen hatte. Die Tante lobte ſeine Artigkeit und ſein feines Weſen. Roſa ſprach mit einer Art Exaltation von ſeiner Güte und ſeinem Verſtande, und Jeanette, die 7* 100. äliere Freundin der Alberti, drohte lächind mit dem Finger und ſagte nur:„Ich bin neu⸗ „Auf was denn?“ frug alsdann wieder⸗ holt Roſa; aber Jeanette lächelte nur und ſagte abermals ihr räthſelhaftes:„Ich bin neu⸗ gierig...*“ worauf Roſa zu erröthen pflegte. Geändert hatte ſich in dem häuslichen und öffentlichen Treiben der jungen Schauſpielerin ſeit jener Zeit nichts. Noch immer hatte ſie auf der Bühne Verdruß; ja es ſchien, als ob der Regiſſeur ſich vorgenommen, ſie mehr und mehr zu kränken. Kam ſie dann niedergeſchlagen und traurig nach Hauſe, ſo hing ſie wohl einige Zeit ihrem Schmerze nach; dann aber ergriff ſie gewöhnlich jenes von Oskar erhaltene Schach, und war Jeanette nicht zugegen, ſo verſuchte ſie wohl allein eine Parthie. Son⸗ derbar war, daß ſie immer die ſchwarzen Figuren wählte, mit welchen, bei jenem Mittageſſen, Hohenſtein gezogen, und daß mitten im Spiele oft ihre Gedanken von dem Schachbrette abzuſchweifen ſchienen. Dann blickte ſie ſtarr auf die zierlich eingelegten Felder; ja es kam ſogar vor, daß ſich ein Thränchen aus ihren Augen ſtahl und auf das Brett niederfiel. Sah es die Tante, ſo zankte dieſe über allzugroße Reizbarkeit und Empfindlichkeit; denn ſie ſchob die heißen Tröpfchen dem gekränkten Gemüthe ihrer Verwandten zu. Roſa aber wiſchte ſich ſchnell die Augen, hob die Figuren ſorgfältig auf, und ſuchte durch Lernen und Studiren das zu vergeſſen, was ihr Herz ſo heftig bewegte. Bei den Aufführungen, in welchen ſie ſonſt kaum einen gleichgültigen Blick nach dem Pu⸗ blikum geworfen, ſchweifte jetzt ihr Auge oft über die Logenreihen, als ſuche ſie einen Gegen⸗ ſtand; aber nur fremde Geſichter blickten ſie an. Wie gerne hätte ſie Jemanden gefunden, der ihr vertraut geweſen, ihr ſeine unparteiiſche Meinung geſagt haben würde; o mit welch größerer Liebe hätte ſie ſich dann ihrem Berufe 102 gewidmet. Ihr ganzes Weſen war jetzt geſam⸗ melter. Mit Gleichgültigkeit hörte ſie daher auch auf das Geſpräch, welches ihre Kolleginnen ſeit mehreren Tagen faſt einzig beſchäftigte. Die eine Prosceniumsloge war nämlich von einem Unbekannten um ein ſchweres Geld auf das ganze Jahr gemiethet worden. Nun würde dies gerade nichts Ungewöhnliches geweſen ſeyn, wenn ſich jener Miether nicht in ein myſtiſches Dunkel gehüllt hätte. Aber ſeit der Verpachtung der Loge ſchloß dieſelbe ein dichtes Gitterwerk von feinen grünen Stäben, aus welchem man heraus ſehen konnte, ohne daß der ſchärfſte Blick ver⸗ mocht hätte das Innere der Loge zu erkennen. Die Geſtalt, welche von Zeit zu Zeit in dieſelbe ging, war, nach der Ausſage der Logenfrau, bis über die Ohren vermummt; und ſo blieb der Neugierde des Publikums, und namentlich der Mitglieder des Theaters, nichts übrig, als ſich in den abenteuerlichſten Vermuthungen über den Inhaber jener Loge zu erſchöpfen. 103 Auch heute hatte man ſo viel über dieſen Gegenſtand auf der Probe geſprochen, daß Roſa froh war, als man ſich trennte. Ihr widerte vor dem eingebildeten Weſen ihrer Kolleginnen, von welchen faſt Jede, und zwar nicht nur die Jüngeren, ſich die Angebetete des Unbekannten dünkte; denn daß jener Sonderling reich, vor⸗ nehm und in eine der Damen bis zum Sterben verliebt ſey, war unter ihnen bereits ausge⸗ macht, und damit der Koketterie ein Wettkampf eröffnet, der die Unbefangene oft herzlich amüſirte. Ro ſa verließ raſchen Schrittes das Theater, und eilte in ihr warmes, ſtilles Stübchen. Als ſie eintrat fiel ihr erſter Blick auf den Tiſch, welcher vor dem Sopha ſtand,—„Ein Brief!“ rief ſie heftig und erbleichend. „Ja,“ entgegnete die Tante,„von Mün⸗ chen. Dem Wappen des Siegels nach ſcheint er von dem Baron zu ſeyn.“ Ro ſa hatte das Schreiben erfaßt, um es zu öffnen. Aber ſie vermochte es nicht; ihre 104 Kniee wankten, und zitternd und athemlos ſank ſie auf das Sopha. Ihr Herz ſchlug hörbar. Die Tante ſah die Erblaßte ſtaunend an. Sie ſchrieb das plötzliche Unwohlſeyn derſelben dem ſchnellen Temperaturwechſel zu, und rief beſorgt, indem ſie ein Fenſter aufriß: „Um Gotteswillen, Kind, iſt Dir unwohl?“ „Nein,“ entgegnete Roſa, die Hand auf das Herz drückend.„Es war nur Herzpochen!“ Sie holte tief Athem und öffnete dann den Brief indem ſie in der Haſt das Couvert in Stücke zerriß. Er war von Oskar und lautete wie folgt: Liebenswürdiges Mädchen! Ich vermag Ihnen nicht das Gefühl zu beſchreiben, mit welchem ich Ihre Stadt verließ; es laſtete ſchwer und drückend auf meiner Seele; und ich kam mir vor, wie ein armer Verbannter, der, aus dem Kreiſe der Seinen geriſſen, von des Schiffs Verdeck, der Heimath noch ein letz⸗ tes, wehmüthiges Lebewohl zuruft.— In die Ecke meines Wagens gelehnt, zogen bald freundliche, bald trübe Gedanken an mir vorüber. Ich träumte mich zurück in Ihr trau⸗ liches Stübchen, und koſtete in der Erinnerung noch einmal die Luſt Ihrer Geſellſchaft. Ich dachte an die Möglichkeit meines Wiederkommens, dachte an des Schickſals wunderbare Fügungen, dachte——— Und wie die kreiſenden Ideen in bunten Bildern vorüberzogen, da trieb meine Phantaſie Knoſpen, die zu beſcheidenen Blüthen reiften. Ich wandt dieſelben zu einem Sträuß⸗ chen und ſchütte ſie Ihnen als„Lebewohl“ in folgendem Gedichte in den Schooß. Es tost der Sturm, es heben ſich die Wogen, Es ſchwankt mein Schickſalsſchiff in grauſem Spiel. Von unbekannter Heimath weggezogen, Kenn ich den Hafen nicht, der einſt mein Ziel; Doch der Pilot, der kühn mein Schiff regiert.. Die Hoffnung iſts, die mich nach Jenſeits führt. 5 106 So ſegelnd auf dem weiten Meer des Lebens, Saß ich in einer ſternenhellen Nacht. Ich ſucht' nach Land, doch blickte ich vergebens, Kein Eiland kam, ſo lang mein Auge wacht; Und müd vom Sehnen, ſinkt zu ſüßer Ruh', Noch thränenſchwer, das arme Auge zu. Und bunte Träume ſchwebten um die Seele; Geſtalten tauchten auf, ſo lieb und ſüß. Ja, daß ich dir die Wahrheit nicht verhehle, Ich dünkte mich in Gottes Paradies. Und ſieh, an deiner Seit', an deiner Hand, Durchzog ich froh das wundervolle Land. Im Palmenſchatten ſetzten wir uns nieder, Den Muſen war die flücht'ge Stund' geweiht. Wie ſchallten ſüß aus deiner Bruſt die Lieder, Wie ſchwand bei Geiſtestauſch ſo ſchnell die Zeit. So mögen wohl, umſpielt vom Duft der Roſen, Unſterbliche im Götterhaine koſen. In heitrem Lichte lag vor mir das Leben,— Jetzt erſt erkannt' ich ſeinen vollen Werth! Und fühlte tief, was es mir konnte geben, Und was wohl andern Glücklichern beſcheert. Und als ich nun in's dunkle Aug dir ſah', Dünkt ich dem Himmel mich ſo ſelig nah. 107 So träumte mir!— denn ach am frühen Morgen Küßt' neidiſch mir die Sonn' den Schlaf vom Aug', Und neu erwacht find' ich die alten Sorgen, Zerſtoben iſt das Bild wie leichter Rauch. Doch die Gefühle, wie ſie ſtill verſchwammen, In einem Kuße faßt' ich ſie zuſammen. Ich ziehe düſter fort im Strom der Zeiten; Dem Traumbild wink' ich ſchmerzliches Ade! Es wird im Sturm des Lebens mich begleiten, Wie Balſam lindern manches ſcharfe Weh. Und will ich ſelig, will ich glücklich ſeyn, So denk ich Eurer, denk ich, Beſte, Dein. Nehmen Sie dieſe wenigen Strophen als einen ungekünſtelten Ausdruck meiner Gefühle; ihr einziges Verdienſt iſt— Wahrheit. Der Aufenthalt in München übt einen günſtigen Einfluß auf meine Stimmung. Das Bekanntwerden mit einer Maſſe plaſtiſcher Kunſt⸗ werke nimmt meine Seelenkräfte in Anſpruch; und ſo vergeſſe ich, wenigſtens auf Stunden, einem Gefühle nachzuhängen, welches mich, den lebensheiteren Menſchen, melancholiſch zu machen werden. droht. Dagegen ſehe ich mit Widetwillen den Tag nahen, an welchem ich vor meiner Braut erſcheinen muß. Der Himmel gebe, daß ich mei⸗ ner Zukünftigen, und namentlich deren Vater, recht unleidlich erſcheine, und ich ſinne in der That oft auf eine Art, mein Glück los zu Es iſt eine ſonderbare Jee der Aeltern: Liebe zu fordern; als ob man dies beglückende Gefühl nach dem Kommando citiren könne Am wenigſten mag dies bei uns Deutſchen möglich ſeyn; denn iſt Liebe in Frankreich ein Scherz, in England ein Zweifel, in Italien eine alles⸗ 2 verzehrende Flamme, ſo iſt ſie bei uns eine Blüthe aus Elyſium, die nur langſam, aber um ſo ſicherer, zur ſeelenerquickenden Frucht heranreift. Ich fange an ſie zu koſten, und bin keines Weges geſonnen, ſie gegen den ſauern Apfel einer erzwungenen Ehe zu ver⸗ tauſchen.. Was Sie; meine Verehrte, betrifft, hoffe 109 ich, daß ſich Ihr Standpunkt an der Bühne durch Ihre Leiſtungen bald auf eine angenehme Art ändern ſoll, da nichts in der Welt impo⸗ nirender iſt, als überwiegendes Talent, vor deſſen Größe ſelbſt der Neid verſtummen muß. Halten Sie ſich, namentlich in dieſer Bezie⸗ hung, an Madame Züchler's Rath, in welcher Ihnen der Zufall eine erfahrungsreiche Freundin geſchenkt hat, und ſtärken Sie ſich durch das Bewußtſehn Ihres eigenen Werthes gegen die Chikanen einer boshaften Welt. Schließlich ermahne ich Sie an Ihr Ver⸗ ſprechen: mich mit einer Antwort zu erfreuen. Ihre Worte rufen mir die in Ihrer Nähe ver⸗ lebten Tage zurück welche, wie eine freundlich grüne Oaſe, mitten aus den öden Steppen des Alltaglebens hervorragen. Ich weile ſo gern in ihrem erquickenden Schatten. Indem ich Sie bitte, mich Ihrer Tante und Madame Züchler freundlich zu empfeh⸗ 110 len, verbleibe ich mit herzlicher und aufrichtiger Ergebenheit München im Dezember Ihr Freund 1839. 2 Oskar v. Hohenſtein. Ro ſa hatte den Brief geleſen und wieder geleſen, und dennoch war ſie ſich des Inhaltes nicht klar bewußt; auch vermochte ſie im Augen⸗ blicke ihre Gedanken nicht zu ordnen. Nur ſo viel war ihr deutlich: daß die Ruhe ihres Her⸗ zens geſtört ſey, daß ſie liebe, daß ſie ohne Oskar nicht glücklich werden könnte. Aber die große Frage ihres Lebens: Liebt er Dich wieder? war unbeantwortet; denn ſchien auch manche Stelle des Briefes, und beſonders das Gedicht, darauf hinzudeuten, ſo bewieſen doch andere wieder, daß Oskar's Verſtand bemüht war, die Stimme ſeines Herzens zu betäuben; und konnte überhaupt eine unbemit⸗ telte Schauſpielerin hoffen, einſt Gattin eines ſo reichen und hochgeſtellten Mannes zu werden? Gedankenvoll barg ſie das Schreiben an ihrem Buſen. Als aber die Tante das Zinimer verlaſſen, zog es Ro ſa wieder hervor, las es noch einmal, und bedeckte die Schriftzüge mit heißen Küſſen. 10. Peränderungen. Es ſind nur Worte, die ſ. geſprochen, Aber ſie haben den fröhlichen Muth In der felſigen Bruſt mir gebrochen. Schiller. Wie ungeduldig pocht das Herz des Kna⸗ ben und des Mädchens, wenn ſie zum erſten Male im Theater ſitzen und den großen gemal⸗ ten Vorhang anſehen, der ſo viel Zauberiſches verbirgt. Wie raſch treibt das Blut ſeine Wellen durch unſere Adern, wenn wir in ſpäteren Jahren den Tempel der Muſen betreten, uns ein noch unentweihtes Land der Kunſt, auf dem der Poeſie erhabene Schöpfungen lebendig an uns vorüberſchreiten. Dann ſind uns die Träger jener Bilder noch keuſche Prieſter und Prieſterin⸗ nen Apollos, und das myſtiſche Dunkel, welches hinter den bunten Cuuliſſen herrſcht, zieht uns mit heiligen Schauern an; denn dort däucht uns ja der Vorhof des Olymps zu ſeyn. Aber mit den wachſenden Jahren häuft ſich die Erfahrung, legt ſich der raſche Muth. Wir haben Blicke hinter jene magiſche Lein⸗ wand geworfen, und ein anderes Bild gefunden, als wir erwartet. Schweigend treten wir in das Parterre zurück, ſchämen uns, unſern Irr⸗ thum einzugeſtehen; und was ſonſt unſere höchſte Begeiſterung in Anſpruch nahm, uns fortriß in ſchwindelndem Fluge, auf den Schwingen des Idealismus, wird uns eine angenehme Abend⸗ unterhaltung, die höchſtens unſerem Witz und Scharfſinn Stoff zu einer bizarren Kritik leiht. Ach nicht allein die Illuſionen der Bühne, nein, die meiſten Blüthen einer reinen Jugend⸗ phantaſte ſtreift der rauhe Sturm der Zeiten von uns ab. Wohl dem Erdenſohne, der im 114 Herbſte des Lebens ſagen kann; einige ſind mir geblieben und zu erquickenden Früchten gereift.— Treten wir bei lichtem Tage in den dunkeln Theaterraum, der nur durch einige Lampen trüb. erleuchtet iſt. Es iſt Hauptprobe von Schiller's. Braut von Meſſina, und eben nach Vollendung des zweiten Aktes eine kleine Pauſe eingetreten. Die Fetzen plump gemalter Dekorationen, von Staub und Alter beinahe ſchwarz, hängen unordentlich, zum Theile aufgezogen, umher. An einem Tiſche auf der linken Seite der Bühne ſtehen Direktor und Regiſſeur in heimlichem Ge⸗ ſpräche, voll Eifer von Zeit zu Zeit die Papiere, welche den Tiſch decken, aufhebend und wieder niederlegend. Die Fürſtin Mutter geht, gehüllt in einen Mantel, an welchem der Zahn der Zeit kennt⸗ liche Merkmale hinterlaſſen, an der entgegenge⸗ ſetzten Wand auf und ab, mit den Füßen hart auftretend, um ſie einigermaßen zu erwärmen. Ihr zur Seite ſchreitet eine große, üppig gebaute, 11⁵ weibliche Figur. Das flockige Thibetkleid deckt ein großer, grellfarbiger Shwal und von dem Sammthut nicken vier gewaltige Federn. Sie iſt geſchminkt und ihre Augen rollen wie kleine Feuerräder umher. Wenn ſie aber mit ihrer Geſchellſchafterin in die Nähe der vergitterten Prosceniumsloge kommt, flammen ihre Blicke hö⸗ her, werden ihre affectirt ausgeſprochenen Worte lauter; denn es wäre ja doch möglich, daß der Unbekannte heute der Probe beiwohnte, auf der ſie zwar nicht beſchäftigt iſt, die aber aus dem erwähnten Grunde nicht verſäumt werden durfte. Aus dieſem oder ſonſt wichtigen Antrieben ſind noch mehrere Damen erſchienen, die in verſchie⸗ denen Gruppen plaudernd ſtehen. Don Cäſar ſitzt, allen Ordnungsgeſetzen zum Trotz, eine Cigarre im Munde und mit untergeſchlagenen Händen, in dem von Schwanen gezogenen Wol⸗ kenwagen der Fee Chereſtine, welcher noch vom geſtrigen Abend auf der Bühne ſteht. Don Ma⸗ nuel geht mit einer artigen Choriſtin hinter den 8* 116 Couliſſen auf und ab, und benützt die Dunkel⸗ heit des hinterſten Winkels, ſeiner Angebeteten einen Kuß zu rauben. Die beiden Chöre der feindlichen Brüder haben ſich friedlich auf der Treppe und ſonſtigen Erhabenheiten niedergelaſſen, und ſtärken ſich zu den neuen Anſtrengungen durch gewaltige Züge Doppelbier, indem ſie laut lachen und ſchwätzen. Dem Tiſche aber gegenüber, an welchem der Direktor mit ſeinem Regierungsgehülfen ſteht, ſitzt Roſa. Die Rolle der Beatrice liegt auf ihrem Schvoße, und während ihre kleinen weißen Hände mit Stricken beſchäftigt ſind, geht ſie die Rolle noch einmal durch; weniger um ſich die⸗ ſelbe in das Gedächtniß zu rufen, denn Roſa iſt ihrer Sache gewiß, als um dadurch Gelegen⸗ heit zu finden, jedem Geſpräche zu entgehen. „Sehen Sie nur das affectirte Ding,“ ſagte jetzt die Begleiterin der Fürſtin von Meſſina zu dieſer gewendet, und warf einen ſtechenden Blick auf Roſa,„da ſitzt ſie ganz allein und ſtrickt.“ „Das ſoll ſo was heißen!“ entgegnete achſel⸗ zuckend die Angeredete. „Ja wohl; ſie will immer etwas Beſſeres ſeyn wie wir,“ fuhr die Erſte giftig fort und erhob ſtolz das federngeſchmückte Haupt,„ſie thut, als ob ſie aus einer Grafenfamilie ſtamme; geht mit Keiner von uns Allen um, nimmt keinen Antheil an unſern Vergnügungen und hockt be⸗ ſtändig zu Hauſe.“ „Sie wird einen eiferfüchtigen Liebhaber haben.“ „Ich bitte Sie, meine Charmante, wer ſoll ſich wohl in ein ſo unbedeutendes Lärpchen ver⸗ lieben?— Nein, nein, ich weiß es beſſer, es iſt Stolz. Aber man muß ſie's fühlen laſſen, daß man ihrer nicht bedarf. Wenn ich Direk⸗ torin wäre, ich wollte ſie bald herausgebiſſen haben.“ „Was nicht iſt kann noch geſchehen!— Direktor und Regiſſeur können ſie nicht recht leiden. Erſterer, weil ſie die früheren Umſtände 118 und Verhältniſſe ſeiner Frau kennt, mit welcher ſie in einer Stadt lebte; Letzterer, weil durch ſie der kleinen Zimmermann manche Rollen ent⸗ zogen werden.“ „Was ich dazu beitragen kann, ſoll geſche⸗ hen,“ ſagte die Dame mit den flammenden Augen, und ihr Geſpräch verſcholl, indem ſie weiter gin⸗ gen. In dieſem Augenblicke trat der Direktor mit freundlicher Miene auf Roſa zu, machte ihr ein artiges Kompliment und ſagte nach eini⸗ gen oberflächlichen Schmeicheleien: „Mein Fräulein, wir haben für den kom⸗ menden Monat drei neue Stücke auf dem Re⸗ pertoir; ich werde ſo frei ſeyn, Ihnen die Ma⸗ nuſcripte zur Durchſicht zuzuſenden, wählen Sie Sich alsdann daraus nach Ihrem Belieben die Rollen, die Ihnen am Meiſten zuſagen.“ „Herr Direktor,—“ entgegnete erſtaunt Roſa,„Ihr Scharfblick.... „Erlauben Sie, meine Liebe, Sie haben von heute an ganz freien Willen; zählen Sie 119 auf meine vollkommenſte Bereitwilligkeit Ihnen zu dienen, und bezeugen Sie mir: daß ich ſtets auf die Erfüllung Ihrer Wünſche bedacht war und es bleiben werde.“ Mit dieſen Worten verbeugte ſich der Di⸗ rektor ehrerbietig vor der jungen Schauſpielerin und ging zum Tiſche zurück, um das Zeichen zur Fortſetzung der Probe zu geben. Man hatte allgemein das kurze Zwiege⸗ ſpräch des Direktors und Roſa's bemerkt; konnte ſich aber nicht erklären, warum Erſterer plötzlich ſo artig mit einem Mädchen geſprochen, das er bisher kaum beachtet. Die Damen ſahen ſich unter einander mit mogantem Lächeln an, und hielten die ganze Sache für einen Scherz; als aber der Direktor auch zu ihnen trat, und mit feſtem und ernſtem Tone erklärte:„er habe zu ſeinem tieſſten Bedauern gehört, daß man gegen Fräulein Alberti hie und da intriguire, und daß er jede Beleidigung derſelben zu ſeiner Sache machen würde,“— als man ſah, daß 120 ſelbſt der Regiſſeur ſein rohes Weſen gegen Roſa in faſt übertriebene Artigkeit umgewandelt hatte, konnte man ſein Staunen faſt nicht ver⸗ bergen. Fragende Blicke wurden gewechſelt, doch vermochte Niemand die Urſache dieſer Verände⸗ rung zu errathen, am wenigſten aber diejenige, welche ſie betraf. pnih oe Roſa war glücklich. Nach vollendeter Probe flog ſie nach Hauſe und ſank jubelnd ihrer Freun⸗ din um den Hals. Erſt nach vielen Fragen konnte Jeanette den Verlauf der ganzen Sache erfahren. Auch ſie wie die Tante waren über⸗ raſcht, und man geſtand ſich gegenſeitig zu: daß dem Ganzen ein Geheimniß zu Grunde lie⸗ gen müſſe. „Aber wie erfahren, was die Triebfeder die⸗ ſer plötzlichen Artigkeit der Herren iſt,“ rief Roſa nengierig. „Ja;“ entgegnete Jeanett e,„das müſſen wir wiſſen; denn ich muß Dir geſtehen, Kind, dieſe ſchnelle Sinnesänderung will mir nicht 121 gefallen. Ich will zu unſeren Kolleginnen gehen, vielleicht komme ich der Sache auf die Spur.—“ Und damit warf ſie ihren Mantel über und ging. Es war ſchon ſieben Uhr Abends, als Jeanette zurückkam. Sie war ernſt, faſt ver⸗ ſtimmt. „Nun, haſt Du was erfahren?“ rief ihr Roſa entgegen. „Viele dumme Gerüchte, aus welchen ſich nichts ſchließen läßt. Erſt bei der Robertſon, der intimen Freundin der Direktorin, hörte ich, unter dem ſogenannten Siegel der Verſchwiegen⸗ heit, eine leiſe Andeutung....“ „Ich bitte dich, rede!“ „Es klingt faſt abenteuerlich. Der Direktor empfing geſtern ein Schreiben, mit dem Erſuchen: ſich Deiner anzunehmen; Dich auf alle Weiſe in Deiner Laufbahn zu befördern, und ſo viel als möglich alles Unangenehme von Dir zu entfernen. Ein gleicher Brief kam dem Regiſſeur zu, und die Worte beider Billets waren, durch 12 jedesmalige Beifügung einer Rolle von 25 Du⸗ katen, noch gewichtiger gemacht.“ „Jeanette!“ rief Ro ſa und erblaßte,„ich bitte Dich um Gotteswillen, von wem kommt denn dies Geld?“ wer das wüßte. Der Schreiber jener Briefe iſt ſelbſt den beiden Herren unbekannt. Sollteſt Du auf Niemanden rathen?“ „Ich?“ ſtotterte verwirrt die Gefragte. „Nein!“ „Beſinne Dich.“ Roſa ſchwieg eine Weile, dann frug ſie hocherröthend und kaum hörbar:„Sollte es Oskar ſeyn?“ „Oskar!?— Nein, das glaube ich kaum.“ „Nicht,“ rief Roſa, und ihre Stirne dun⸗ kelte ſich,„wer ſollte aber ſonſt an mir Inte⸗ reſſe nehmen.“ „Der Unbekannte der Prosceniumsloge.“ „Ach ſchweige, das ſind Mährchen, wenn es Jemand that, ſo war es Oskar.“ 123 „Die Handzüge des Billets, welches um das Abonnement der Loge handelte, ſind dieſel⸗ ben der beiden Briefe.“ Roſa verſtummte. Sie warf ſich verdrüß⸗ lich in das Sopha und rief:„Aber Jeanette, was ſoll ich nun machen?“ „Was Du machen ſollſt?— Von der Sachlage profitiren.“ „Aber mein Gott! ich kann ja doch das Geld nicht annehmen?“ „Dafür ſorgt der Herr Direktor; der, und nicht Du, empfing ein Präſent.“ „Aber es war um meinetwillen, und der Geber könnte glauben...“ „Der Geber muß ein Mann von Ehre ſeyn und kann keine ſchlimmen Abſichten hegen, denn ſonſt würde er ſich direct an Dich gewen⸗ det, und nicht auch noch anempfohlen haben, daß man Stillſchweigen über die Sache beobachten ſoll. Es iſt eine väterliche, eine edle Aufmerkſam⸗ keit, die einzig Dein wahres Wohlergehen bezweckt.“ 124 Roſa war unentſchloſſen. Sie konnte ſich nicht von dem Gedanken losreißen: daß Oskar ſich ſo freundſchaftlich für ſie verwendet habe. „Er iſt wahr und offen,“ rief ſie endlich aus,„ich ſchreibe ihm die ganze Sache, und kommen jene Briefe von ihm, ſo wird er ſich meinem Danke nicht entziehen, ſollten ſie aber von jemand Anders herrühren, ſo muß er es auch wiſſen.“ Und damit griff ſie zu Feder und Papier. 11. Das neue Jeruſalem. „Böcke, zur Linken mit euch,— ſo ordnet künftig der Richter. Und ihr Schäfchen, ihr ſollt ruhig zur Rechten mir ſtehn! Wohl!— Doch eines iſt noch von ihm zu hoffen; dann ſagt er: Seyd, Vernünftige, mir grad' gegenüber geſtellt.“ Göthe. In Stuttgart empfing Oskar Roſa's Brief. Mit Entzücken erkannte er aus demſelben das reine, kindliche Gemüth dieſes lieblichen Mädchens, welches in ſeiner Natürlichkeit den eignen Werth nicht im entfernteſten ahnete. So beſcheiden und zurückhaltend indeſſen der Brief geſchrieben war, konnte Oskar doch keinen 126 Angenblick daran zweifeln, daß ſeine Perſönlich⸗ keit einen tiefen Eindruck auf des Mädchens Herz gemacht; ja er durfte, ohne Eitelkeit, aus den angegebenen Symptomen ſchließen, daß er geliebt würde. Eine wahre Seligkeit erfaßte ihn bei dieſem Gedanken, er küßte das Blatt und rief wonnevoll aus:„Ja, es iſt gewiß, ſie liebt mich!“ Oskar vermochte den Brief nicht zu voll⸗ enden. Schwelgend erging ſich ſeine Phantaſie in den elyſäiſchen Feldern der Liebe, und er ſchwärmte um ſo mehr in dieſem Gefühle, als es ihm neu war. Nicht als habe er noch keine Liebſchaft gehabt; aber zwiſchen dem, was der Weltmann Liebe nennt, und was wahre, reine Liebe iſt, liegt ja ein ſolch unermeßlicher Raum, daß, erreicht dieſe einmal in der That das Herz des Flattergeiſtes, und iſt dies Letztere noch un⸗ verdorben genug, den göttlichen Funken zu faſ⸗ ſen und zu nähren, der erfahrungsreiche Mann ſich in einer neuen, nie geahneten Welt fühlt. Wie erwacht nach dem Tode, ſchwebt er in Ent⸗ 127 zücken, klar liegen vor ſeiner Seele die Räthſel des Lebens, und er ſieht mit mitleidigem Lächeln auf die Verirrungen ſeiner früheren Eriſtenz. Nach langer Zeit fuhr Oskar aus ſeinen Träumen auf. Er erröthete vor ſich ſelbſt, denn er hatte plötzlich einen Blick in ſein Inne⸗ res gethan, und dort ein neues Geheimniß ent⸗ deckt. Er wurde nicht nur geliebt, ſondern er liebte wieder. Mit Haſt griff er nach dem Briefe, um ihn zu vollenden; aher wie er weiter und weiter las, ward ſeine Stirne finſterer. Endlich ſprang er auf und rief: „Ha! verwünſcht, da habe ich einen ge⸗ fährlichen Nebenbuhler.“ Er ging mit großen Schritten auf und ab, ſein Herz bebte. Er ſah Roſa in den Armen eines Andern, ſah dieſen glücklich an ihrer Seite, und wußte kaum ſeinen Unmuth zu bändigen. Plößlich blieb er ſtehn. „Halt Oskar!“ ſagte er dann ernſt vor ſich hin,“ was iſt das, biſt Du ein Kind, daß 128 deine Leidenſchaft mit dem Verſtande durchgehe? — Ich muß mich finden, muß meine jetzige Lage deutlicher erkennen. Ich liebe Roſa, das iſt gewiß, und darf hoffen, ja mich überzeugt hal⸗ ten, daß ich Gegenliebe finde. Aber was will ich mit dieſer Liebe? Ro ſa, das unſchuldige Kind, opfern?— Nein!— ich ſchäme mich noch jetzt meiner früheren Gedanken— aber was anders? Ich reiſe zu meiner Braut, die ich ſchon über⸗ morgen finde, und liebe eine Andere? Und wenn auch aus einer Verbindung mit Gabrielen, wie ich hoffe, nichts wird, darf ich meinem ſtol⸗ zen und vorurtheilsvollen Vater mit der Liebe zu einem unbemittelten bürgerlichen Mädchen— einer Schauſpielerin kommen?—— Ein feſter Wille kann Alles durchſetzen!— Wohl,— Du kannſt Dich von Deinem Vater losreißen, und Roſa chelichen; aber dann ſind die ſicheren Folgen Enterbung zu Gunſten meiner Stief⸗ ſchweſter. Nein, ich habe doch ſchon zu lange in der Welt gelebt, um einzuſehen: daß auch —— 1— die beſeeligendſte Liebe ohne Mittel, die Quelle unſäglichen Jammers iſt; und ſo gerne ich Roſa habe, bin ich doch zu wenig poetiſch, um mit ihr in einer Hütte leben zu können. Glücklicher Weiſe iſt es noch Zeit, und ſo ſchmerzlich mir es iſt, ſo will ich hier meine Pflicht als Mann von Ehre thun, ich will abbrechen mit einem Mädchen, das, ich fühle es, mein Glück machen könnte, wenn die Verhältniſſe günſtiger wären; — abbrechen, ehe ich ihre Ruhe geſtört. Es ſcheint ſich ein edler Mann um ihre Gunſt zu bemühen, ſey es denn, nehme ſie ihn, und werde glücklich.“ Er biß ſich auf die Lippen, denn eine uner⸗ trägliche Angſt und Wehmuth ergriff ihn. „Zum Werke!“ rief er dann ängſtlich, ſich an den Caunitz ſetzend,„ich fühle, daß ich nicht immer ſo ſtark bleiben werde, wie in dieſem Augenblick.“ Und er ſchrieb einen artigen, herzlichen Brief an Roſa, der ſich aber auf das Sorg⸗ fältigſte von jeder Phraſe entfernt hielt, die auf 9 130 Liebe hätte deuten können. Er erklärte: daß ihm jene Briefe an Direktor und Regiſſeur gänzlich fremd ſeyen, und ſchloß mit der Verſicherung, daß es ihn freue, ſie nun glücklicher zu wiſſen. Als er vollendet, warf er die Feder weg, und indem er mit dem Fuße aufſtampfte, rief er düſter:„Ich bin heute verdammt edelmüthig.“ Das Schreiben ward ſogleich abgeſchickt; aber ein finſterer Unmuth hatte ſich ſeiner Seele be⸗ mächtigt. Bald reuete ihn die raſche That; er dachte, wie ſich Roſa kränken würde, und war ſchon auf dem Wege den Brief wieder zu holen; bald warf er ſich Unconſequenz und Schwäche vor, und ſchalt ſich eingebildet, daß er glaube, Roſa liebe ihn. Kurz er hatte keine Ruhe mehr, und reiste, um dieſem Zuſtande eher zu noch denſelben Abend ab.— Der folgende Morgen fand ihn in jenem Landſtädtchen, in welchem Krumm das Amt des Seelſorgers bekleidete, und der Wagen flog auf ſein Geheiß in den Gaſthof zur Poſt. Hohenſtein hatte ſich vorgenommen, ehe er Schloß Sturmau betrete, einige nährer Erkundi⸗ gungen über deſſen Bewohner, und namentlich über Gabriele, einzuziehen. Der Poſthalter, ein ge⸗ fälliger Mann, ließ ſich gerne mit ſeinem Gaſte in ein Geſpräch über dieſen Gegenſtand ein. Doch konnte er Oskar nicht viel mehr mitthei⸗ len, als dieſer bereits wußte: daß nämlich der alte von der Rode ein herzensguter und ge⸗ müthlicher Mann ſey, der indeſſen ſeine Sonder⸗ barkeiten habe, in welche ſich nicht leicht ein Jeder finde,— daß ſeine Tochter in der ganzen Gegend für einen Engel an Schönheit und Güte gelte, und es auch wirklich ſey. Näheres, fuhr er fort, vermöge indeſſen wohl ſein Nachbar der Schneidermeiſter Ratzler und deſſen Familie von dem Fräulein zu ſagen, da dieſe faſt das ganze Haus ernähre, indem der Schneider vor lauter Beten nichts arbeite, und ſich lieber in Gemäch⸗ lichkeit unterhalten laſſe, als ſein Brod mit eini⸗ ger Anſtrengung zu verdienen. 9* 432 „Ja, es iſt arg, Herr,“ fuhr der Poſthalter im Eifer fort,„wie dies Secten⸗Weſen bei uns überhand genommen hat. Den Leuten wird von einigen Schwärmern— die, theils von un⸗ lauteren Leidenſchaften, theils von Fanatismus getrieben, nur in der finſterſten und buchſtäblich⸗ ſten Deutung der Bibel den Weg zum Heile finden— der Kopf verrückt. Von dem Grund⸗ ſatze ausgehend: daß vor Allem nach dem Himmel getrachtet werden müſſe, führen ſie die Menſchen an, ihr Gewerbe zu vernachläſſigen, um nur fleißig zu beten, und ſo das künftige Glück der Seele zu ſichern. Darüber geht dann aber mei⸗ ſtens der irdiſche Erwerb zu Grunde, die Leute werden finſter und freudenarm, und fallen aus einer Thorheit in die andere. Ja, es kommt oft genug vor, daß ſie, von ihren Apoſteln ge⸗ prellt, zu ſpät ihre Leichtgläubigkeit bereuen.“ „Ich kenne das,“ entgegnete Oskar,„aber was hat dies mit meiner Frage nach Fräulein von der Rode gemein?“ 133 „Leider viel!“ ſagte der Poſthalter.„Das herrliche Weſen ſoll äußerſt fromm ſeyn, und unterſtützt ſogar dieſe Sectirer. Ja man will wiſſen, ſie ſey ein heimliches Mitglied der Ge⸗ meinde. Doch wie geſagt, wenn ſie nähere Auskunft haben wollen, dürfen Sie ſich nur in jenes halbverfallene Haus bemühen, in wel⸗ chem der fromme Schneider wohnt.“ „Aber unter welchem Vorwande ſoll ich bei ihm eintreten?“ „Sagen Sie nur, Sie hätten von ſeiner Gottesfurcht gehört,— der Mann iſt ein com⸗ pletter Narr mit ſeiner Frömmigkeit, und ſo dumm er iſt, hält er ſich für einen Propheten und glaubt, Niemand auf der Welt wiſſe die Bibel beſſer zu deuten als er.— Geben Sie vor, Sie wünſchten Aufklärung über dieſe oder ijene Stelle. Aber, Herr! laſſen Sie Sich in keinen Streit mit ihm ein, ſonſt kommen Sie ſo bald nicht von ihm weg, denn Proſelyten machen iſt bekanntlich eine Hauptleidenſchaft der Pietiſten. 134 Oskar war ſchon lange neugierig geweſen, einmal eine Pietiſten⸗Familie zu ſehen, er machte ſich alſo ſchleunigſt auf den Weg. Die Thüre des bezeichneten Hauſes war nur angelehnt, er trat daher in die Flur und kletterte einer dunkeln und ſchmutzigen Treppe hinauf. Als Leiter dienten ihm die Töne eines geiſtlichen Liedes, das auf ſchläfrige Weiſe von mehreren Stimmen geſungen wurde. Sie führten ihn an eine Glasthüre, deren zerbrochene Schei⸗ ben zum Theil mit Papier zugeklebt waren, doch war das Papier faſt noch durchſichtiger als das Glas. Er blieb ſtehen und warf einen prü⸗ fenden Blick in die Stube. Sie war ſchmutzig, gleich den andern Theilen des Hauſes. An den zerriſſenen Tapeten hingen einige grobe und ſchlecht kolorirte Kupferſtiche, Scenen des alten und neuen Teſtaments darſtellend. Ein alter Tiſch, ein ganzer und ein dreibeiniger Stuhl, ein zweiſchläfriges Bett, welches noch da lag, wie es den Morgen verlaſſen worden, eine Wiege mit einem ſchreienden Kind, und vier andere Kleine, wovon die Jüngern in zerlumpten Hemd⸗ chen herumliefen, waren, außer der Schneider⸗ bank, die Möbel des Gemaches. An dem gedachten Tiſche ſaß Meiſter Ratz⸗ ler, eine baumwollene Nachtkappe von ehemals weißer Farbe, welche hie und da einen Bündel rother, ſtruppiger Haare ſehen ließ, zierte ſein Haupt, eine Jacke von Kattun, durch welche ſich die Ellenbogen durchgearbeitet hatten, und ein paar geflickte Hoſen ſeinen dürren Körper. Die kleinen grünen Augen ſtierten durch die auf der Spitze der Naſe angebrachte Klemmbrille in das aufgeſchlagene Geſangbuch, und ſeine fiſtelnde und zitternde Stimme führte und hielt den er⸗ freulichen Chor. Seine Frau, in Hemdärmeln und zerriſſenem Unterrocke, hatte den ſchreienden Säugling aus der Wiege genommen, und hing eben, indem ſie nichtsdeſtoweniger ihren Ehe⸗ gatten im Singen unterſtützte, eine naßgewordene Windel am Ofen auf. Der Obergeſell war eingeſchlafen, und ließ ſein müdes Haupt hin und her nicken. Geſell und Lehrling ſchienen dem Beiſpiele deſſelben folgen zu wollen, ſo träg gingen ihnen die Töne aus der Kehle, langſamer aber noch folgten die Nadeln ihren Fingern. Nach einiger Zeit erſtarb das kranke Lied auf den frommen Lippen, und Os kar trat ein. Die Gruppe blieb unbeweglich und ſchien über den neuen Ankömmling erſtaunt. Ratzler, der wohl der Meinung ſeyn mochte, das elegant gekleidete Weltkind ſey gekommen, ihn in ſeinem frommen Nichtsthun zu ſtören und Arbeit zu bringen, blickte finſter unter ſeinen buſchigen Augenbraunen hervor, und ſagte pathetiſch: „Willkommen, der da naht zu ſuchen das Heil; ſein Mund ſoll nicht dur⸗ ſten, noch ſein Gaumen lechzen; denn ich will ſeine Lippen befeuchten mit des Himmels Thau. Aber wehe dem Stolzen, der nach den Gütern der Erde haſcht, ſein Treiben iſt eitel Thun, ſeine Seele werde ich werfen in die Wüſte, auf daß ſie verſchmachte, ſpricht der Herr.“ „Frommer Meiſter,“ entgegnete der Baron ernſt,„weit herkommend, führt mich der Ruf Ihrer Sehergabe zu Ihnen. Ich bin einer je⸗ ner Menſchen, die gerne froh und luſtig leben; aber demohnerachtet iſt mir mein höheres In⸗ tereſſe wohl eben ſo wichtig, als Ihnen das Ihre. Ich denke daher manchmal darüber nach, welches der rechte Weg ſey; glaube aber bis jetzt, offen geſtanden, froher Lebensgenuß iſt Gott ſo lieb, als Beten und Singen. Indeſſen heißt es mit Recht: Prüfet Alles, und das Beſte wählet. So nahm ich mir denn vor, auch Ihre Meinung über dieſen Gegenſtand zu befragen; vermögen Sie mich zu überzeugen, daß Ihre Anſchauungsweiſe die beſſere iſt, bin ich einer der Ihren; wo nicht, ſo ziehe ich meines Weges und bleibe bei meiner Lebensluſt.“ 138 Des Schneiders Züge hatten ſich beim An⸗ fange dieſer Anrede immer mehr und mehr verfinſtert; doch ſchwanden allmählig die Falten der Stirne, der unbehagliche Ausdruck wich einer behaglichen Miene, und als Oskar geendet, ſtrahlten Ratzler's Augen in triumphirender Klarheit. „Zweifel!“ rief er aus,„Zweifeln?— Wer kann zweifeln in der Wahl des Weges zum Heile? Es gibt nur einen: Ich bin der Weg und die Wahrheit, ſprach unſer ſüßer Heiland. Werfet von Euch den Mammon und die Schätze, die die Motten freſſen und die Diebe ſtehlen, und greifet nach dem höchſten Schatze des Menſchen, dem ein⸗ zigen Schlüſſel des neuen Jeruſalem— zur Bibel. Hier!“ rief er, die vor ihm liegende Bibel an ſein Herz drückend, und ſeine Züge ſtrahlten in einer ſchwärmeriſchen Entzückung. „Hier iſt der Born des Lebens. Es iſt hernie⸗ dergekommen vom Himmel das neue Jeruſalem —— ———— ———— 139 in ſeiner überſchwenglichen Pracht, und ſein Licht iſt gleich dem alleredelſten Stein, gleich einem hellen Jaspis; und es hat große und hohe Mauern, und zwölf Thore, und auf den Thoren zwölf En⸗ gel, und Namen geſchrieben, welche ſind die zwölf Geſchlechter der Kinder Iſrael. Und die zwölf Thore ſind zwölf Perlen, und ein jegliches Thor iſt von Einer Perle, und die Gaſſen der Stadt ſind lauter Gold.“ So ziehet denn ein, ihr ungläubigen Weltkinder, werfet den Mantel der Sünde ab, und umgürtet Euch mit dem Hochzeitkleide der Liebe des Herrn.“ „Es iſt,“ erwiderte Hohenſtein, ſich vorſichtig auf den dreibeinigen Stuhl nieder⸗ laſſend,„eine poetiſche Beſchreibung der....“ „Was iſt poetiſch?“ rief Ratzler, und rückte mit raſcher Bewegung die Nachtmütze. 140 „Poetiſch?— Nichts iſt poetiſch daran? Reine Wahrheit!— Hier ſteht es ſchwarz auf weiß; hier, in der Offenbarung Johannis: Die Stadt liegt viereckigt, und ihre Länge iſt ſo groß, als die Breite;— iſt das poetiſch?— und weiter: und er maß die Stadt mit dem Rohr auf zwölftauſend Feldweges.“ „Aber beſter Meiſter, wenn dieſe Beſchrei⸗ bung des begeiſterten Verfaſſers nicht als ein flammendes Bild, einer, dereinſt die Guten lohnenden, Seligkeit angeſehen werden ſoll, wenn Ihr eine Stadt von Sandſtein und Mörtel....“ „Mein ſüßer Heiland! vergib ihm die Läſterung!“ rief mitleidig der Schneider,„von Sandſtein und Mörtel?! Und ſteht denn nicht Kapitel 21 Vers 18 und 19 ganz deutlich: Und der Bau ihrer Mauern war von Jaspis, und die Stadt von lauterem Golde, und die Gründe der Mauern und der Stadt waren geſchmückt mit — ——————— —6 —— allerlei Edelſteinen, Jaspis, Saphir, Chalcedonim und Smaragd?—“ „Auch das,“ ſagte Oskar,„es iſt einer⸗ lei, ich will irdiſches Material damit bezeichnen.“ „O,“ ſeufzte Ratzler leiſe,„leider ſind Sandſtein und Gdelſtein nicht einerlei, ſonſt wär ich ein reicher Mann.“ „Wenn Ihr alſo,“ fuhr jener fort, die letzten Worte ſeines Gegners überhörend,„unter dem neuen Jeruſalem, eine wirkliche Stadt ver⸗ ſteht, wo liegt ſie denn, und warum ziehet Ihr nicht ein in ihr geprieſenes Reich.“ „Ja!“— meinte der Schneider, und be⸗ trachtete ein Loch in ſeinem Aermel,„das iſt das Betrübte; die Welt iſt voll der Sünde und der Schlechtigkeit und des Unglaubens, und da hat Gott in ſeinem Zorne ihre Augen bedeckt, daß ſie die hohe Stadt nicht erkennen noch finden.“ „Aber ſeinen Getreuen ſollte ſie doch wer⸗ den?“ „Gewiß, und dieſen wird ſie auch; denn 142 eben jetzt iſt ſie herniedergekommen, und ſchon hat das Auge der Gerechten ſie entdeckt. Hat nicht ſchon des Uhrmachers Steffel, der im Traume ſpricht, ſie geſehen? S und Liesli, des Leinwebers frommes Kind, mit der ſogar die Todten ſich unterhalten, von ihr erzählt? Sind das nicht Zeugen genug, den Herrn Paſtor Krumm, dieſen Apoſtel des Herrn, gar nicht gerechnet. Nein, nein, mein Freund, ſpotte die Welt immer in ihrer Thorheit; was hier in die⸗ ſem Buche ſteht iſt wahr, wahr bis auf das kleinſte Jotta, und wird wahr bleiben in alle Ewigkeit. Das geiſtige Jeruſalem, welches im Himmel iſt, hat ſich bereits in wirkliche Ver⸗ tnüpfung und in lebendigen Verkehr geſetzt mit dem neuen Jeruſalem hienieden auf Erden, und es hat einen Apoſtel gefunden und eine Ge⸗ meinde, die da in Demuth betend warten, auf den Tag des Gerichtes, der vor unſerer Zeit Schwelle liegt,— auf den Tag: an welchem der Herr kommt auf den Wolken, und 143 alle Geſchlechter der Erde heulen wer⸗ den. Aber das herzige Lamm, deſſen Wolle weiß wie der Schnee, deſſen Augen gleich Feuerflammen, deſſen Füße wie Meſſing, das im Ofen glü⸗ het, wird barmherzig ſeyn, und auf⸗ nehmen in Gnade, die da gerechtwaren auf der Erde.“ „Mein lieber Meiſter, ich muß geſtehen, daß ich euch nicht recht verſtehe. Meiner Anſicht nach, wird ſich nach dem Tode unſere Seele eines vollkommeneren Daſeyns zu erfreuen haben. Dieſen Körper des Staubes abſtreifend, wird ſie, vielleicht in ätheriſchere Körperlichkeit gehüllt, eine neue und höhere Lebensthätigkeit finden, und ſchaffend und wirkend ſich der klareren und ſeligen Erkenntniß des harmoniſchen Ganzen,— Gottes— erfreuen. Was aber kann unſer beſſerer Theil, unſer göttlicher Geiſt, nun nach dem Tode noch mit den Jämmerlichkeiten dieſer Erde zu thun haben?“ 144 Ratzler ſtarrte ſeinen Gegner mit großen Augen an. Entſetzen malte ſich auf ſeinen ver⸗ witterten Zügen.„O, Eitelkeit des Menſchen,“ rief er aus,„zu welchen Schlüſſen führſt du deine ſtolzen Kinder. Sie verwerfen das Heilige, grübeln mit Eigendünkel über dem Unerforſch⸗ lichen, und ſpielen mit den ſpitzindigen Ausge⸗ burten ihres Geiſtes. Ach, du mein Heiland⸗ lein!“ ſetzte er hinzu, indem er die Bibel mit Inbrunſt küßte,„Dein Wort iſt vergeſſen; Du ſanftes Lämmlein, Deine Stimme wird über⸗ hört.“ Bei dieſen Worten drückte er die Bibel wiederholt an ſein Herz. Seine Augen blickten nach oben. Eine tiefe Stille herrſchte. Das Weib hatte das Zimmer verlaſſen, und nur leiſe hörte man das Schnarchen der eingeſchlafenen Geſellen. Aber in des Schneiders Gehirn war ein wunderbares Licht enthrannt. Die Augen⸗ braunen ſeines mageren Geſichts zogen ſich hö⸗ her, die Augen wurden groß und größer und ſtrahlten in unbehaglichem Feuer; ſeine blaſſen 146 Wangen färbte ein fieberhaftes Roth, ſein Mund zuckte:„Geiſt?!“ ſagte er endlich mit hohler Stimme,„Geiſt?“— Ja, das iſt der Fluch des Satans, daß er die Eitelkeit der Kinder der Welt erregt, daß ſie ſich dünken Gott zu ſeyn, daß ſie ihren Geiſt erheben auf den Thron des Himmels, und alles erforſchen und erklügeln wollen, und ſich brüſten in eitlem Wahn!— Hernieder mit dem ſtolzen Geiſte! hernieder in den Staub, und glaubt unbedingt, und betet und harrt, bis es wie Schuppen von Euren Augen fällt, und Ihr ſehet das neue Jeruſalem in all' ſeiner Pracht. Unerforſchlich, unbegreiflich iſt das Wunder des Herrn; ſeine heilige Stadt, das geiſtige Jeruſalem, iſt im geheimen Verkehre mit dem irdiſchen, wir ſehen es und ſehen es nicht, wir wiſſen und wiſſen doch Nichts. Wer aber mehr und mehr die Großartigkeit und Ueberſchwänglichkeit der zu uns herniedergekommenen Wiſſenſchaft erkannt, und nach menſchlichem Vermögen ermeſſen hat, . 10 146 der zieht ſich, im Bewußtſeyn ſeiner Schwäche und Unwürdigkeit zurück, nur im Stillen betend, und ſich der heraufſteigenden Morgenröthe des ewigen Glanzes, welcher das Lamm umgibt, erfreuend; ſtudirend aber die Wiſſenſchaft aller Wiſſenſchaf⸗ ten, die ſo wenig willkührlicher, oder gar träu⸗ meriſcher Art iſt, daß ſie einerſeits die Urkunden des göttlichen Worts durchweg in höherer Phaſe erklärt, anderſeits uns den Schlüſſel bietet zu aller Bilderſchrift und aller Mythologie,— wird er allein den rechten Weg finden; und da uns nun dieſer Schlüſſel das Idiotikon der Rede des Himmels reicht, ſo können wir alle von dort in denſelben Bildern uns zukommenden Er⸗ ſchauungen des Traums und der Verzückung erklären,— und da nun zugleich dieſer Schlüſſel der Aufzeiger des in jeglichem Naturgebilde ſich als Princip ſeines Weſens und Lebens bergenden Ueberſinnlichen iſt, ſo können wir eindringen in ſeliger Anſchauung der Doll⸗ metſchung der Schöpfungswelt, die eben damit 147 beginnt, daß der Himmel ſich zu den Menſchen thut.“ Blaß und zitternd ſank Ratzler auf den Stuhl zurück, von dem er ſich in der Begei⸗ ſterung erhoben; ſeine Hand zuckte krampfhaft nach einem Gläschen Schnaps, welches auf dem Tiſche ſtand, denn ſein Gaumen lechzte nach Erfriſchung; als er aber nach ſeinem Beſuche blickte, gewahrte er mit Erſtaunen, daß ihn der⸗ ſelbe verlaſſen. Oskar rannte ſchon auf dem Wege, wel⸗ cher in das nahe am Städtchen liegende Wäldchen führte. Ihm war fürchterlich übel. Er wollte in Gottes großer Natur ſich mit der Welt aus⸗ ſöhnen. * Dies die ſchwülſtige, ſich oft in den höchſten Unſinn verſtrickende Sprache der Pietiſten, wie ſie uns nicht nur in ihren Conventikeln entgegen tönt, ſondern in vielen Schriften und Broſchüren zu finden iſt. Siehe z. B.„Caſpar Lineweg. Bericht und Aufruf an die hohe Geiſtlichkeit Frankreichs.“ Tübingen 1840. —— 10 12. Oskar auf Sturmau. „Willkommen, edler Herr, auf Libanon, willkommen! Wiewohl ſich leicht erachten läßt Daß ihr den Weg in dieſes Drachenneſt Um meinetwillen nicht genommen“ Wieland. Der nahe Wald lehnte ſich an einen viel⸗ zerklüfteten Berg. Graue Kalkfelſen ſtiegen hie und da zwiſchen den uralten Eichen und Buchen in abenteuerlichen, in grotesken Formen auf. Die Natur glänzte im Winterſchmucke, und die Schneekryſtalle hatten ſich dicht um die Aeſte und Zweige der Bäume gelegt, als wollten ſie die träumenden Rieſen wärmend bedecken. Oskar kletterte von Fels zu Fels. Er ſuchte die Dumpfheit, die ſich betäubend auf ſeinen Geiſt gelagert, zu zerſtreuen. Den Hut in der Hand, ließ er die eiſigen Winde um ſeine Schläfe ſauſen. Es war ihm unmöglich, einen klaren Gedanken zu faſſen. Phantaſtiſche Bilder tanzten vor ſeiner Seele. Die Felſen nickten ihm zu, und die ſchlafenden Bäume ſtöhnten knarrend träumeriſche Worte. Jetzt hatte er einen Höhepunkt erklommen, der ihm eine weite Ausſicht bot. Weiß die Natur, ſo fern ſein Auge reichte; die Berge weiß und die Wälder, und nur ein fahles Braun hob hie und da einen Gegenſtand aus dem Einerlei der herrſchenden Farbe. Ihm zu Füßen lag das Städtchen mit ſeinen rauchenden Schorn⸗ ſteinen; von den fernen Hügeln blickte, ernſt und finſter, das Schloß Sturmau in den trüben Himmel; die Welt lag wie erſtarrt, kein Leben regte ſich, nur ein Zug hungriger Raben zog krächzend über die todte Landſchaft. Lange blickte Oskar ſchweigend in die Oede. Mit gekreuzten Armen hatte er ſich an 150 den Stamm einer Fichte gelehnt, ſeinen Gedan⸗ ken nachhängend. „Was biſt du Welt!“ rief er endlich aus, „was biſt du ohne den belebenden Strahl der Sonne!— Nur wenn ſie dich ſucht, und du mit gierigen Zügen ihr erwärmendes Licht ſchlürfſt, vermagſt du dich fröhlich zu regen, zu ſchaffen, zu erfreuen. Aber entfernſt du dich von ihr, iſt ſchnell deine Kraft erſtarrt. Tod liegſt du da, die frohen Lieder ſchweigen und finſtere Nebel hüllen kalt dich ein.“ „Licht! Licht! der Materie wie dem Geiſte! — aber kein kaltes Nordlicht, das ſeine flam⸗ menden Strahlen ſpielend über den Himmel wirft, in unheimlichem Feuer glüht, und den⸗ noch die erſtarrte Welt nicht zu erwärmen, nicht zu beleben vermag. Sonnenlicht der Welt, der Seele Wahrheit!“ „In welch' fürchterliche Geiſtesnacht habe ich einen Blick geworfen. Aengſtlich greift der Arme nach dem falſchen Scheine, der ſeinen 151 Verſtand irrgeleitet; träumeriſch wankt er auf dem dunkeln Pfade, die Gegenſtände tanzen in wun⸗ derlicher Geſtaltung um ihn her, ihm ſchwindelt, der Sturm der Phantaſie ergreift ihn und wirft ihn mitten in den poetiſchen Glanzhimmel; ent⸗ zuckt glaubt er nun ſich in der Quelle des Lichtes und der Wahrheit zu baden, während nur die Strahlen eines trügeriſchen Meteors um ſein Haupt ſpielen.“ „Gabriele! und in dieſen Sphären bewegt ſich auch Dein Geiſt? und Du ſollſt mein Weib werden, mein anderes Ich?—— Es muß göttlich ſchön ſeyn mit einem Weibe zu leben, das uns liebt und verſteht; wenn ſich die Seelen in einander auflöſen, um ſich nur ſchöner in dem Geliebten wiederzufinden— man jeden Genuß des Körpers und des Geiſtes dop⸗ pelt koſtet, in ſich und dem Andern, und ſelbſt der Schmerz die Herzen gleich zerreißt!.. o! es muß paradieſiſch ſchön ſeyn.— Und warum ſoll ich dieſen Himmel verlieren?— Bei'm allmächtigen Gott, ich will mein Erdenglück nicht verkaufen noch vertändeln. Ich werde ſie ſehen; aber nur dann wird ſie mein Weib, wenn wir gleich denken, gleich fühlen. Iſt dies nicht der Fall, dann— dann?.......“ Seine Worte verſtummten; aber ein Lächlen ſpielte auf ſeinen Zügen, und ein liebes Bild ſtieg in ſeinem Innern auf. Doch du erſtirbſt ja, unſchuldige Luſt? du erſtirbſt ſo ſchnell auf den männlich ſchönen Zü⸗ gen? Hat der Verſtand den Scepter ergriffen, und beugt die Wünſche unter ſeine eiſerne Ge⸗ walt?— O Herz! warum biſt du in dieſem Leben der Tummelplatz aller ſtreitenden Gefühle; du biſt zu weich geſchaffen, zu empfänglich, mußt dich verbluten unter den Wunden, die die Kämpfenden dir ſchlagen. Der alte von der Rode ſaß finſter an einem der Fenſter, aus welchem man die zu dem Schloſſe führende Landſtraße überſehen konnte. Er rieb ſich ungeduldig das gichtgeſchwollene Bein, und fluchte von Zeit zu Zeit einen ſeiner Kernſprüche. Da trat Luiſe, der Gräfin Kammermäd⸗ chen, ein, den Kaffee ſervirend. Der Oberſt ſah ſie erſtaunt an. „Was iſt denn das wieder,“ frug er barſch, warum kommt Gabriele nicht?“ „Der Herr Oberſt wird entſchuldigen,“ entgegnete, ſich neigend, die Angeredete,„das gnädige Fräulein fuhr nach der Kirche.“ „Was?!— nach der Kirche?— Jetzt, kaum nach dem Mittageſſen, ſchon wieder in die Kirche? — Was gibt's denn, etwa eine Bauernhochzeit, zu welcher ſie Geſchenke ſpenden will?“ „Das ich nicht wüßte.“ „Iſt denn vielleicht heute ein Feiertag?— Ich muß geſtehen, daß ich etwas vergeßlich in dieſer Beziehung bin; die Tage der Schlachten weis ich genau anzugeben; aber was die Kirche ift „Es iſt Werketag, Herr Graf, aber...“ 154 „Nun, Donner und Doria! was iſt denn: „„aber?““ was läuft das Mädchen ohne alle Veranlaſſung zur Kirche?“ „Paſtor Krumm predigt.“ „So, ſo, jetzt kann ich mir's erklären. Gute Seele das. Immer fromm; nur ſoll ſie mir nicht zu fromm werden,— taugt nichts, — macht überſpannt,— lähmt die Willenskraft.“ „Herr Oberſt...“ „Nun?“ „Darf ich einmal offen mit Ihnen ſprechen, ohne Rückhalt, ohne daß ſie meine Kühnheit tadeln?“ „Heraus mit der Geſchichte, Mädchen! ſage frei und wahr was Dich drückt.“ „Herr Oberſt, Fräulein Gabriele iſt in gefährlicher Geſellſchaft?“ „Donner und Doria;“ rief der alte Soldat und erhob ſich raſch.„Was ſoll das heißen: in gefährlicher Geſellſchaft?“ „Herr Graf, wenn Sie ſolche Blicke ſchießen und mich ſo erſchrecken,“ ſtammelte mit Herz⸗ klopfen die Zofe,„wage ich nicht fortzufahren.“ „Ei was, Ziererei!“ entgegnete Jener in etwas ruhigerem Tone,„wer die Wahrheit ſagt, zittert nicht. Heraus damit, wer iſt der Ver⸗ führer?!“ „Verführer?— Doch ja, geiſtig verführt man ſie.“ „Geiſtig?— Keine Spitzfindigkeiten. Kurz und bündig, was geht vor?“ 3 „Donner! der ſtille, eingezogene Paſtor ſollte..* „Sie bekehren wollen. Er iſt Pietiſt.“ „Was?!— Meine Tochter...— Mädchen Du irrſt Dich. Krumm iſt zwar etwas ſon⸗ derlich und ſtreng in ſeinen Grundſätzen; aber daß er Kopfhänger wäre, daß Gabriele...“ In dieſem Augenblicke tönte die Zugbrücke von einem darüber fliegenden Wagen. „Holla alle Teufel!“ rief der Graf an's 156 Fenſter tretend.„Wer ſtürmt denn da wie be⸗ ſeſſen in den Hof; in einem Nu war es um meinen alten Bertram geſchehen.— Was ſeh' ich, ein hübſcher junger Mann? Donner und Doria! das iſt der junge Hohenſtein. Die verfluchte Gicht! nicht einmal entgegen kann ich ihm gehen.“ Der Oberſt hatte kaum ausgeſprochen, als Bertram, vom Schrecken noch blaß, eintrat und den Herrn Baron Oskar von Hohenſtein meldete.. „Soll eintreten!“ rief freudeſtrahlend der Oberſt. Scheint ein toller Junge; aber das ſeh ich gern— Feuer muß die Jugend haben.— Mag keine Schlafmütze zum Schwiegerſohn!...“ Da trat Oskar höflich und unbefangen ein. „Willkommen!“ rief der alte von der Rode gemüthlich, und ſtreckte dem Eingetretenen ſeine Rechte entgegen.„Brauchen keinen Empfehlungs⸗ brief, Herr Baron, Ihr ehrliches Geſicht Ganz des Vaters Züge— wahrhaftig der alte Hohenſtein wie er leibt und lebt— s iſt mir Empfehlung genug. Junger Brau— ſekopf; aber brav,— weiß ſchon— bin auch jung geweſen; damals als Ihr Vater und ich aber was macht er denn, der alte Herr, noch ſo luſtig wie ſonſt? noch immer gern bei Tafel und bei blauen Augen?“ „Mein Vater! „Ja ſo, Donner und Doria! haben recht, s'iſt Ihr Vater,“ verbeſſerte ſich der alte Sol⸗ dat, mit der Hand über das Geſicht ſtreichend, und fuhr dann in ruhigerem Tone fort.„Ja nun, wenn ich Sie eben anſehe, ſo kommt es mir vor, als ſey ich dreißig Jahre jünger und habe Ihren Vater vor mir; wir ſahen uns zu⸗ letzt bei Leipzig. Kanonendonner, war unſer Abſchiedsgruß.“ „Mein Vater, Herr Graf, denkt Ihrer mit jugendlicher Freundſchaft. Körper und Geiſt ſind noch kräftig, und er würde ſich das Vergnügen, Sie zu beſuchen, nicht verſagt 158 haben, wenn nicht ſein Amt ihn davon ab⸗ hielte.“ „Er iſt thätiger und glücklicher als ich, den die vermaledeite Gicht an die Stube feſſelt. Aber machen Sie es ſich bequem. Beziehen Sie Ihre Zimmer, und laſſen uns dann ein vertraulich Wörtchen plaudern. Meine Tochter wird bedauern, Sie nicht ebenfalls haben empfangen zu können; ſie iſt ausgefahren, doch wird ſie, wie ich hoffe, hald heimkehren, und ſtelle ich ſie Ihnen als⸗ dann vor.“ „Ich ſehe mit Ungeduld dieſem Augenblicke entgegen,“ verſetzte Oskar,„und hoffe, daß er für mein Lebensglück entſcheidend ſeyn ſoll.“ Bertram führte den neuen Ankömmling auf die für denſelben bereiteten Zimmer, welche Oskar mit klopfendem Herzen betrat. Ihm war wunderlich zu Muthe. Der bruͤske aber herzliche Ton, das offene Weſen des Oberſten, hatten ihn, gegen ſeinen Wunſch, angeſprochen; ja, trotz den wenigen Minuten, 159 während welcher er erſt den Freund ſeines Vaters geſehen, fühlte er ein Etwas in ſeinem Innern, welches mit unerklärlicher Macht zu Gunſten des Alten ſprach. Oskar hatte ſich das Bild des Grafen, der allgemein als ein rauher und ſonderbarer Mann bekannt war, mit den grellſten Farben ausgemalt und gehofft, ſo viele unerträgliche Eigenheiten an ihm zu entdecken, daß er im Nothfalle ſchon in dieſen einen Grund zur Nicht⸗ annahme des, ihm widerlichen, Bündniſſes fin⸗ den könne. Die paar erſten Minuten auf Sturmau hatten ihn hierüber enttäuſcht. Er warf ſich daher, ſeinem Diener die Sorge des Auspackens überlaſſend, ärgerlich auf die Ottomane, indem er zu fürchten anfing: daß es ihm mit der be⸗ ſtimmten Braut auf eine ähnliche Art gehen würde. Er wußte ſich die Aufgeregtheit ſeines Innern eben ſo wenig zu erklären, als er einen triftigen Grund für ſeine Abneigung gegen Gabriele, deren Bild er doch als ausgezeichnet ſchön anerkennen mußte, anzugeben vermochte. Bald ſchob er dieſen Widerwillen dem Zwange, bald der angeblich übertriebenen Frömmigkeit Gabrielens zu, und doch däuchte ihm: daß dabei auch noch ein anderes, faſt triftigeres, Motiv mitwirke. Es fing bereits zu dämmern an, und noch hatte er ſeiner ſtreitenden Gefühle nicht Herr werden können; da weckte ihn ein leiſes Pochen aus ſeinen Träumen. Es war Bertram, wel⸗ cher ihn in das Theezimmer entbot. Oskar erhob ſich raſch und folgte dem grauen Diener, indem er ſich gelobte, Herr ſeiner Gefühle zu bleiben, und nur der Vernunft einen Einfluß über ſich zu gönnen. Er trat in jenes alterthümliche Zimmer, in welches wir den Leſer ſchon früher eingeführt, und erblickte beim Scheine der Kerzen eine kleine Geſellſchaft von Männern, unter welchen ſich, am Theetiſche beſchäftigt, ein einziges weibliches 161 Weſen befand. Der Graf trat Oskar entgegen, und ſtellte ihn mit wenig Worten der Geſellſchaft und ſeiner Tochter vor, die ihrerſeits kaum die Angſt und Verlegenheit zu verbergen vermochte, die ſie beim Anblicke des beſtimmten Bräuti⸗ gams empfand. Ihre Knie bebten, Bläße deckte ihr Geſicht, und die an den Boden gehefteten Augen verſagten auf Augenblicke den Dienſt. Aber auch Oskar war überraſcht. Was er im todten Bilde als ſchön bewundert, ſtand nun lebend vor ihm, ein Ideal plaſtiſcher Kunſt. Die edlen Züge jenes Antlitzes, das in vollkom⸗ menem Ovale alle Reize einer ſchwärmenden Phantaſie vereinigte, verbunden mit den üppigen Formen der aufblühenden Jugend, erfüllten ihn mit Staunen. Das Bild Roſa's zog, ein Ge⸗ danke, an ſeiner Seele vorüber; aber es erblaßte wie der Stern der Venus vor der Sonne bren⸗ nendem Strahl. Dieſe Beobachtungen Oskar's, waren das Werk eines Augenblickes; dann wandte er ſich J. 11 162 mit einigen verbindlichen Worten an Gabriele und die übrige Geſellſchaft, welche, außer dem Rentmeiſter, aus dem Pfarrer des Orts und Paſtor Krumm beſtand. Man ſetzte ſich zum Thee, und Oskar mußte auf des Grafen Fragen Näheres von ſeinem Vater und deſſen zeitigen Leben und Treiben erzählen. Nachdem des Oberſten Neugierde geſtillt und der Thee abgetragen worden, nahm das Geſpräch allmäh⸗ lig eine allgemeinere Richtung. Hohenſtein verlor dabei Gabriele nicht aus den Augen. Sie hatte, er mußte es ſich geſtehen, einen an⸗ genehmen Eindruck auf ihn gemacht, und ſo ſehr er bisher gewünſcht einen Anlaß zu finden, um ſich von ihr entfernen zu können, ſo ſehr bangte ihm jetzt, ſie auf den angedeuteten Irr⸗ wegen zu treffen. Die Anſichten, welche ſie bis jetzt, obgleich nur ſelten und über gleichgültige Dinge, geäußert, verriethen Verſtand und Nichts berechtigte Oskar, der allgemein angenommenen Anſicht, die Gräfin ſey Pietiſtin, beizupflichten, 163 wenn nicht ſeinem argwöhniſchen Auge das ewige Niederſchlagen ihrer Blicke aufgefallen wäre. Der ſtürmiſche Jüngling konnte ſich kaum be⸗ zähmen, nicht unſchicklicher Weiſe ſogleich das Geſpräch auf Religion und Religioſität zu lenken, um Gabrielens Stimmung zu erforſchen. Aber auch Krumm, der gleich einer Kreuzſpinne mit halb niedergeducktem, halb vorgebeugtem Kopfe lauernd im Winkel ſaß, und bald auf Oskar bald auf Gabrielen ſeiner Augen Blitze ſchoß, brannte vor Begierde, ſeiner kampffertigen Zunge freien Lauf zu laſſen. Den Schlachtenplan hatte der kluge Feldherr bereits entworfen. Sein Haupt⸗ augenmerk war darauf gerichtet, den Krieg in Feindesland zu ſpielen, das heißt: den Jüngling durch ſeine abſtrakten Anſichten ſo in's Feuer zu ſetzen, daß Dieſer, nach Art der Jugend die Vorſicht vergeſſend, mit Heftigkeit die neueren Ideen ausſpreche; die, deſſen war Krumm ge⸗ wiß, das fromme, glaubentreue Gemüth der jungen Gräfin gleich im Anfange ſo hart verletzen, 11* 164 ſo beunruhigen mußten, daß ſich dieſelbe um ſo eher und unbedingter der neuen Gemeinde in die Arme werfen würde. Glücklicherweiſe verhinderte des Grafen ganz ungewöhnliche Heiterkeit den Ausbruch des theo⸗ logiſchen Kampfes. Der Oberſt ſchien ein ganz anderer Menſch; er hatte ſogar ſein Spielchen vergeſſen, rieb ſich vergnüglich die Hände, und blickte ſo munter um ſich, als ob er in der That um dreißig Jahre verjüngt ſey. Das bisher gepflogene Geſpräch: über das Fortſchreiten der Künſte in dem kunſtſinnigen München und das literariſche Treiben in Stuttgart, war ihm zu ernſt und trocken, und kaum war der Abend etwas vorgerückt, als er mit militäriſcher Au⸗ torität dem alten Bertram befahl: eine Batterie Flaſchen von ſeinem beſten Rheinweine aus dem Keller zu holen und aufzupflanzen. „Halt!“ rief er mit komiſchem Ernſte ſeiner Tochter zu, die ſich bei dieſem Gebot entfernen wollte.„Was zum Henker, ich glaube gar Du 165 willſt uns ſchon vor der Bataille im Stiche laſ⸗ ſen? Ei, ſiehe doch, das wäre nicht ſchön,— wir bedürfen eines freundlichen Weſens, das uns den Becher kredenzt. Fürchte Dich nicht, Du magſt immer bei der Bagage bleiben, und erſt wenn der Kampf zu hitzig werden ſollte, darfſt Du Dich hinter die Mauern Deiner feſten Gemächer zurückziehen.“ Die Gläſer wurden gefüllt, Krumm und Gabriele ausgenommen, freuten ſich Alle der edlen Gottesgabe, und der alte Soldat trank, aller ärztlichen Verbote ungeachtet, in vollen Zügen. Bald war er auf ſeinem Lieblingsthema und erzählte, indem ein lebhaftes Pantomimen⸗ ſpiel ſeine Worte begleitete, von den Feldzügen die er mitgemacht. Aber ſeine Erzählungen hiel⸗ ten ſich fern von allen Uebertreibungen und Prahlereien, und bewieſen, daß er nicht nur gefochten, ſondern auch beobachtet und manch Nützliches und Intereſſantes im Felde gelernt hatte. Man tam von der Vergangenheit auf die 166 Tagespolitik, von dieſer auf tauſend andere Gegenſtände, und ſo entſchwand unter Scherz und munteren Geſprächen der Abend. So auf⸗ geregt und geſpannt die verſchiedenen Elemente geweſen, ſo artig und ſelbſt ſcheinbar freundlich trennte man ſich. —6—— 13. Das Mittageſſen. „Je bénis Pieu de ses dons: mais je ne le Prie pas; que lui demanderois- je? qu'il changeät Pour moi le cours de choses, qu'il fit des miracles en ma faveur? Mai qui dois aimer pardessus tout l'ordre établi par sa sa- gesse et maintenu par sa providence, voudrois— je que cet ordre füt troublé pour moi?— Non!— ce voeu té- méraire mériteroit d'étre plutöt puni qu'exauce. Je ne lui demande pas non plus le pouvoir de bien faire; pour- quoi lui demander ce qu'il m'a dönné?— Ne m'a-t-il Pas donné la conscience pour aimer le bien, la raison pour le connois, la liberté pour le choisir? Si je fait le mal, je n'ai point d'excuse;— lui demander de changer ma vo- lonté, c'est lui demander ce qu'il me demande; c'est vou- loir qu'il fasse mon oeuvre, et que j'en recueille le sa- laire.— Source de justice et de vérité, Dieu clément et bon! dans ma confiance en loi, le supréme voeu de mon coeur est que ta volonté soit faite.“ J. J. Rousseau. Wie auf des Aetnas blühenden Gefilden der Friede thront, der unbeſorgte Menſch ſich ſeine Hütte baut, und in dem Reichthum der ihn 168 umgebenden Natur ſchwelgend, jedwede Gefahr vergeſſen zu haben ſcheint, während der Ele⸗ mente furchtbarer Kampf im tiefſten Innern des Berges kocht und tobt und jeden Augenblick aus⸗ zubrechen droht; ſo hatten ſich die Bewohner Sturmau's,(auch Paſtor Krumm übernach⸗ tete heute, der vorgerückten Zeit wegen, auf dem Schloſſe,) ſich in anſcheinendem Frieden getrennt, da doch das Herz jedes Einzelnen, von hetroge⸗ nen Leidenſchaften beſtürmt wurde. Der Oberſt, der den Wein etwas ſpürte, entſchlief unter den fröhlichſten Hoffnungen, hatte er doch in Oskar einen jungen Mann gefun⸗ den, der allen ſeinen Wünſchen im weiteſten Sinne zu entſprechen ſchien. Er ſah ihn im Geiſte ſchon als Sohn, und lächelnd wiegten ihn freundliche Träume ein und führten ihm ſein eigenes Bild, umſpielt von blühenden Enkeln vor. Nicht ſo freudig war es ſeiner Tochter zu Muthe. Oskar hatte wunderbar ihr, bisher 169 ruhiges Gemüth erregt. Eine Unbehaglichkeit, eine namenloſe Angſt, beſchlich ſie und ſchien ihr das Herz zuzuſchnüren. Wie ſehr ſich auch Ga⸗ briele Mühe gab, das Bild des jungen Man⸗ nes zu verbannen, unwillkührlich ſtieg es wieder in ihrer Seele auf; ſie bebte, ſie erinnerte ſich des Paſtors Worte: Und der Satan wird zu dir treten und dich in der Geſtalt eines ſchönen Jünglings verſuchen; aber traue ihm nicht, ſein Aeußeres iſt freundlich, aber die Hölle tobt in ſeinem Innern; er iſt ihr Geſchöpf, und wendeſt du dich nicht in Abſcheu weg von ihm, ſo zieht er dich herab in der Sünde ſchauerlichen Pfuhl. Willenlos hatte ſie ſich, gegen ihre Gewohn⸗ heit, von dem Kammermädchen auskleiden laſſen; da ſich Luiſe aber gar nicht in Oskar's Lob erſchöpfen konnte, und dadurch nur Gabrie⸗ len's Verwirrung mehrte, ſo ſchickte ſie endlich die Geſchwätzige unwillig weg. Kaum hatte Luiſe das Zimmer ihrer Herrin verlaſſen, als dieſe in das Cabinet trat und ſich vor dem 0 Crucifixe niederwarſ. Die Arme ſuchte ihrem gepreßten Herzen durch ein brünſtiges Gebet Ruhe zu ſchaffen; ſie bekannte ſich zu Fehlern, die ſie nie begangen, denn die Unſchuldige wußte nicht, daß nicht der Satan, daß die natürlichſte Liebe ihr jugendliches Herz berührt. Aber auch die Gebete vermochten nicht ganz das Bild des Barons zu verwiſchen. Da glaubte ſie die Regungen des ſündhaften Körpers durch Buß⸗ übungen erſticken zu müſſen. Sie entkleidete ſich bis zum Hemde, öffnete die Fenſter der kalten, eiſigen Nachtluft und warf ſich abermals betend vor dem Kreuze ihres leidenden Erlöſers nieder. — Der Schlaf übermannte erſt ſpät die vor Kälte Erſtarrte. Treten wir nun in Oskar's Zimmer. Er ging mit verſchränkten Armen auf und ab. Auch ſeine Seele war von Kämpfen gefoltert, denn zwei liebliche Frauenbilder ſtritten um den Beſitz ſeines Herzens. Hatte er auch in ruhigen Au⸗ genblicken der Liebe zu Roſa Alberti entſagt, ⸗ 171 ſo war dies ein Akt der Vernunft; die Erin⸗ nerung an ihre Liebenswürdigkeit, an das freie, offene, herzige Weſen dieſes Mädchens vermochte er nicht zu verwiſchen. Gabrielens Schön⸗ heit dagegen überſtrahlte das beſcheidene Röschen mit heroiſchem Glanze, und auch die Gräfin ſchien liebenswürdig. Da ſich aber dieſe ange⸗ nehmen Eigenſchaften mit den Forderungen der Vernunft und den Wünſchen der beiden Väter vereinigten, ſo war es natürlich, daß Hohen⸗ ſtein ſich nun ebenfalls auf Gabrielens Seite neigte; aber eben deswegen beunruhigte ihn der Gedanke an ihre Religionsſchwärmerei um ſo mehr; denn wie ihn auch die Reize der Gräfin erſchüttert haben mochten, Eines ſtand feſt in ſeiner Seele: die beſtimmte, die jetzt ſelbſt gern geſehene, Braut nur dann zu ehlichen, wenn ſie mit ſeinen Meinungen und Anſichten harmonire. Krumm warf ſich unbehaglich in dem, ihm ungewohnten, weichen gräflichen Bette hin und her. 2 Seinem Scharfblicke war der Eindruck nicht ent⸗ gangen, welchen der Baron auf die Novize ſei⸗ ner Gemeinde gemacht; und nun quälte den frommen Mann die Furcht, Gabrielen zu ver⸗ lieren. Indeſſen gab er noch nicht alle Hoffnung auf, und nahm ſich nur vor: gleich den kom⸗ menden Tag zur Herbeiführung der Kataſtrophe zu benutzen, und Oskar zu einer entſcheidenden Erklärung ſeiner Religionsanſichten zu zwingen. Erſt nach Mitternacht gelang es dem Schlafe, alle die gepeinigten Herzen zu beſchwichtigen.—— Die Mittagstafel des kommenden Tages verſammelte auf's Neue die Geſellſchaft.—„Und mein lieber Baron,“ fuhr der Oberſt in ſeinen Geſprächen fort, dem willkommenen Gaſte eine lieblich duftende Schüſſel bietend,„wie gefiel es Ihnen denn in unſerem Stuttgart?“ „Vortrefflich, Herr Graf. Ich muß geſtehen, daß ich mich nur mit ſchwerem Herzen von al den guten Menſchen trennte, die ich dorten ken⸗ nen lernte. Namentlich beſtand meine Tiſch⸗ 173 Geſellſchaft im König von England aus liebens⸗ würdigen Männern, deren freundlichem Zuvor⸗ kommen ich manche angenehme Stunde verdanke. So wurde ich durch dieſelbe mit den berühmte⸗ ſten Schriftſtellern unſerer Zeit bekannt. Ich lernte Strauß kennen....* „Strauß?—“ wiederholte der Hausherr, „Strauß?— ich entſinne mich den Namen geleſen zu haben.— Ach ja! hat er nicht über den Vor⸗ theil der Anwendung der Perkuſſionsſchlöſſer beim Militär geſchrieben?“ „Um Vergebung, das mag ein anderer Strauß geweſen ſeyn, derjenige, welchen ich meine, iſt Theologe, und ſchrieb die berühmte kritiſche Beleuchtung der Bibel.“ „So, ſo!“ brummte der Oberſt,„ſchlägt nicht in mein Fach.“ „Es iſt, mein hochgeehrter Herr Graf,“ ſagte mit einem demüthigen und doch ſchneiden⸗ den Tone Kru mm,„das Haupt der Atheiſten.“ „Der Atheiſten?“ entgegnete Oskar, dem 174 dieſer Ausfall willkommen war,„das möchte ich nicht behaupten. Muß man denn gleich ein Gottesläugner ſeyn, wenn man es wagt, die Bibel mit Vernunft zu leſen?“ „Die heilige Schrift iſt das unumſtößliche Wort Gottes,“ fuhr der Paſtor eifriger fort, „an welchem wir nicht zu deuteln noch zu rüt⸗ teln haben, es iſt die directe Offenbarung der Gottheit, von dem heiligen Geiſte dictirt, und darum unfehlbar wahr. Aber dies gerade iſt das Zeichen unſerer verderbten Zeit: daß man den Glauben der Väter verwirft, und ſich an⸗ maßt, ſelbſt das Göttliche in den Staub herab⸗ ziehen und kritiſiren zu dürfen. Sie haben ihre ſchwache Menſchenvernunft zur Gottheit erhoben; es iſt ihr golden Kalb, das ſie ſtolz aufgepflanzt, und vor welchem ſie ſtaunend und anbetend nun ſelbſt niederfallen.“ „Sie ſind zu ſtreng, mein Lieber,“ verſetzte Hohenſtein.—„Iſt Ihnen vielleicht noch Etwas von dieſem trefflichen Stockfiſch gefällig?—— 175 Sie gehen wahrlich zu weit. Auch ich, und gewiß jeder vernünftige Menſch, ſchätzt das Buch der Bücher unendlich hoch. Wir finden nicht nur in demſelben merkwürdige und intereſſante Anhaltpunkte für die Geſchichte, köſtliche und erhabene Dichtungen; nein, ſie wird uns auch eine unerſchöpfliche Quelle des Troſtes; und für unſere moraliſche Beſſerung, für die Veredlung unſeres Gemüthes, dürfen wir nur nach ihr greifen. Allein dies vorausgeſetzt, werden Sie mir gewiß zugeſtehen, daß doch auch manch' Ver⸗ kehrtes darin vorkommt; und warum ſollte dies nicht ſeyn? Ein Werk von Menſchenhänden zu verſchiedenen Zeiten geſammelt; geſchrieben von Leuten, die, wenigſtens zum Theile, unwiſſend und weit hinter der Bildung ihres großen Leh⸗ rers zurück waren, die daher ſelbſt noch Vieles mißverſtanden,— warum ſollte es nicht auch Irrthümer enthalten. Und denn, um wie viel höher ſteht mir das Edle, Wahre und Schöne, wenn es, von der Spreu geſchieden, mir in 176 ſeinem reinen Glanze, entgegentritt. Mein Glaube an die Gottheit wird doch gewiß nicht dadurch erſchüttert, daß ich aus einer Maſſe Unverſtänd⸗ lichem und Unwahrem, das großartig Wahre Schöne heraushebe, das ich mir nun um ſo zuverſichtlicher aneignen kann.“ „Wohl enthält die heilige Schrift manch' tiefes, dem flüchtigen Weltkinde verborgenes Wort. Aber gerade unter dieſem Wortſinne, dem Träger eines tieferen, geiſtigeren, eines göttlichen Sinnes, iſt der einzige Schlüſſel zum Paradieſe zu finden. Aber nur von demjenigen, dem das Licht der Offenbarung aufgegangen, wird er gefaßt und gedeutet.“ „Der Schlüſſel zum Paradieſe?— dem Träger eines tieferen Sinnes?— Das Aufgehen des Lichtes der Offenbarung?— Dies ſind myſtiſche Anſpielungen. Reden wir klar und deutlich. Nur wer eine Sache zu beweiſen im Stande iſt, iſt deren gewiß, während obſkure Phraſen uns nur immer mehr verwirren. Und dies Trachten nach Myſtiſchem iſt es ja eben, was uns in dem wiederaufkeimenden Pietismus entgegen tritt.“ „Das, Herr Baron, was Sie wohl unter Pietismus verſtehen, iſt nicht Anderes, als die, gewiß lobenswerthe und aus dem ſittlichen Ge⸗ fühle hervorgehende Rückkehr der Lebensfrivolität zu wahrer Religioſität.“ „Im edleren Sinne, ja! und dann will auch ich mich zu dieſer Sekte bekennen. Indeſ⸗ ſen, Herr Paſtor, hat man hierbei den einfachen Weg verfehlt. Die beſte Religion iſt und bleibt — und dies wäre auch die gewünſchte Rückkehr aus der Lebensfrivolität,— daß man Gott be⸗ ſtändig vor Augen und im Herzen habe, das heißt: recht thut, und das Beſte ſeiner Neben⸗ menſchen ſo ſehr zu befördern ſucht, als ſein eigenes. Aber hier nun ging der Pietismus, im ausgedehnteren Sinn des Wortes, eben zu weit. Dieſen einfachen Zweck aus den Augen verlierend, verirrte er ſich in jenes, bei den l. 12 178 Maſſen ſo beliebte Helldunkel myſtiſcher Ge⸗ bräuche, Ausſprüche, Satzungen, in ein Hin⸗ ſchwimmen lauer Gefühle, in eine gefährliche Sentimentalität, die den Sinnen mehr ſchmei⸗ chelt, als kräftiges Verfolgen der nackten, vft ſcheinbar verletzenden Wahrheit. Und nun tritt er auf, gegen Wiſſenſchaft und Kulturfortſchritte, und ſetzt dem umſichgreifenden Streben nach Auf⸗ klärung und Vernunft, die Sucht Unbegreifliches zu finden, und in ihm Unbegreiflicheres zu ſuchen, hindernd entgegen.“ „Auch Sie ſind Atheiſt!“ entgegnete hier ſchnell und hitzig einfallend Krumm, indem er einen tödtlichen Blick auf den Baron ſchoß. Gabriele ward bleich, und der Graf rückte ungeduldig mit dem Stuhle hin und her. Oskar trank ruhig lächelnd das Glas Wein, welches er eben an die Lippen geführt, und ent⸗ gegnete dann gelaſſen: „Sie irren. Ich ſchmeichle mir im Gegen⸗ theil Gott recht herzlich und unaufhörlich zu 400 verehren. Ihm danke ich durch den fröhlichen Genuß ſeiner Gaben, ihn verehre ich in der freundlichen Natur, in meinen. Mitgeſchöpfen, in Allem, was ſich mir Schönes und Erhabenes zeigt; und bin der Meinung, daß ich auf dieſe Weiſe meinen Schöpfer, der mir ſo freundlich tauſend Wohlthaten bietet, beſſer ehre, als wenn ich meinen Leib durch Kaſteiung ſchwächte, und meinen Geiſt durch Beten und Singen in einen ſelbſtgefülligen Schlummet wiegte.“ 31 „Ja, Herr Kollege,“ nahm hier der Pfarrer des Ortes das Wort, entſchuldigen Sie, wenn ich auf die Seite des Herrn Baron trete. Sie gehen zu weit, wenn Sie, gleich den Pietiſten, jeden Andersdenkenden einen Gottesläugner nen⸗ nen. Der Pietismus erhebt ſich, indem er ſich in vielen Punkten an den Supranaturalismus anſchließt, gegen den Rationalismus.— Hier aber tritt eine Verwechslung der Begriffe ein, indem der Pietismus den Letztern, durch eine gänzliche Berketmns ſeines Weſens, für Deismus, den 12* 180 Naturalismus ſogar für Atheismus hält; und ſo beſchuldigt er Beide des völligen Unglaubens; ja er geht ſo weit, alle Andersdenkenden, wie oben bemerkt, unbedingt zu verdammen. „Wer nicht mit mir iſt, iſt gegen mich!“ rief Krumm, ſeinen Kollegen verächt⸗ lich anblickend.„Was ſoll aus der heiligen Re⸗ ligion werden, wenn ſelbſt ihre Diener ſie ver⸗ rathen und zu den eiteln Spitzfindigkeiten der ſogenannten Philoſophie ihre Zuflucht nehmen. Süßer Heiland, ſie verkaufen dich. Ja,“ fügte er feierlich hinzu, und ſah den Baron heraus⸗ fordernd an,„ja, läugnen ſie dir doch ſelbſt deine Göttlichkeit ab.“ „Wer thut das?“ frug Oskar ernſt.„Der vernünftige Menſch beugt ſich in hoher Ehrfurcht vor jenem weiſen Nazarener, deſſen herrliche und erhabene Lehren den untrüglichſten Beweis ſeiner Göttlichkeit bieten. Aber ſind wir andere Menſchen denn nicht ebenſogut Gottes Kinder? — und ſteht jener Märtyrer der Wahrheit nicht — ————— 6 höher, wenn wir ihn für das einmal ausge⸗ ſprochene Wort mit menſchlicher Schwäche ſo ſchrecklich für uns leiden und doch nicht wanken ſehen. Müſſen wir dieſe unendliche Liebe und Hingebung eines Menſchen für ſeine Brüder nicht mit bei weitem größerer Verehrung erken⸗ nen, als wenn ein Gott, ſchwächenlos, ein trügendes Schauſpiel bietet?“ „Herr Baron,“ unterbrach hier den Spre⸗ chenden Gabriele mit zitternder Stimme, und über ihre todtenbleichen Wangen rann eine Thräne, „ich muß geſtehen, daß ich Ihre Worte mit Staunen vernehme. Aber in meiner Gegen⸗ wart,“ fuhr ſie fort und ihre wankende Stimme ward feſter, und Begeiſterung lag in ihren Zügen, „in meiner Gegenwart ſoll kein ſchmähendes Wort unſeren göttlichen Erlöſer treffen. Und Sie könnten ſeine Liebe verkennen, könnten zweifeln an ſeiner Gottheit? Könnten mit offenen Augen blind ſeyn für die Wunder ſeiner Liebe; ſeines Wortes Ruf überhören, der die Welt erbeben läßt, uns die Gräber öffnet, der die Kranken heilt und den Elementen gebietet?— Wollen Sie mit kühnen Trugſchlüſſen die Pro⸗ phezeihungen des alten Teſtamentes zu nichte machen, die ſich in dem Sohne Gottes erfüllten. Nein, nieder in den Staub mit der Kreatur vor dem Unendlichen, nieder vor ſeiner mnerreich— baren Größe. Ich bin, wiſſe es die Welt, ich bin und werde ewig bleiben ſeine Magd, die ſich anbetend vor ihm niederwirft, und kein rügeriſcher Reiz der Erde wird mich 36 ab⸗ wendig machen.“ „Liebenswürdige Grifin Os⸗ kar feierlich,„Sie mißverſtehen mich. Ich erkenne ja gerne Jeſu eine größere Göttlichteit, ja die größte zu, die je ein Geſchöpf beſaß und beſitzen wird. Geſchpft⸗ frug Jene. liegt ja die ſchreckiche Sünde. Unerſchaffen iſt er und ewig, und Gott ſelbſt. Ich bin der, der da war, und ſeyn wird in Cwigkeit..“ 183 „Amen!“ rief der Oberſt ärgerlich, denn ihm bangte, ſeine Tochter möge in ihrem hei⸗ ligen Eifer zu weit gehen und dadurch einen unangenehmen Eindruck auf Oskar machen, „Donner und Doria! Kinder laßt mir das Streiten über die Religion; es hat ſchon Unglück genug in der Welt angeſtellt, und ſoll nicht auch uns entzweien. Denke Jeder wie er will, und laſſe die Meinung des Nachbars unan⸗ gefochten. Wir haben Alle einen Gott, und ſollen an unſerem Wandel zeigen, daß wir ſeine Kinder ſind.“ Mit dieſen Worten erhob er ſich, und die Geſellſchaft folgte ſeinem Beiſpiel. Gabrie⸗ lens Gemüth war zu ſehr ergriffen, um es länger bei den Gäſten aushalten zu können; ſie verbeugte ſich ſtumm und verließ den Saal, um im ſtillen Kämmerlein ihrer erſchrockenen Seele durch Gebet Faſſung zu erringen. Aber auch die Männer fanden den Frohſinn nicht wieder. Oskar ſah ſeine Furcht gegründet; 184 Krumm triumphirte und ſchoß giftige Blicke nach dem verruchten Weltkinde; und den Oberſt drückte das ſteife, kalte, unbehagliche der Ge⸗ ſellſchaft. Unter gleichgültigen und kargen Geſprächen nahm man den Kaffee ein, und Jeder war froh als man ſich trennte. — 14. Die Verſammlung. „O heil'ger Geiſt! kehr' bei uns ein, Und laß uns deine Wohnung ſehn; Sey unſers Herzens Sonne! Du Himmelslicht! laß deinen Schein In unſern Seelen kräftig ſeyn, Zu ſteter Freud und Wonne! Daß wir uns dir, Recht zu leben, Ganz ergeben, Oft mit Beten Dies erflehend, vor dich treten!“ Schlegel. In dem hinterſten Theile des Gebäudes, . welches der Paſtor Krumm bewohnte, und das, wie früher ſchon erwähnt, ein Kloſter ge⸗ weſen, befand ſich, abgelegen von allen übrigen Flügeln des Stiftes, eine halb verfallene Kirche. Der Wind pfiff durch die offenen Fenſter, und 480 ſpielte mit den dürren Aeſten der Büſche und Bäunchen, die im Sommer üppig auf den Mauern wucherten. Der Schnee deckte theil⸗ weiſe die Reſte des Altares und den Boden, und nur hie und da zeigte ein Leichenſtein das ſtarre Antlitz eines längſt vermoderten Kloſter⸗ bruders. Nur das Käuzchen ſchien dieſen öden Ort zu bewohnen, über den jetzt der Mond ſein bleiches Licht ergoß.— Die Glocke ſchlug ſieben Uhr. Da öffnete ſich leiſe eine kleine, durch die Mauer der Kirche gebrochene Thüre, und zwei dunkle Geſtalten traten von der Straße ein. Schweigend ſchritten ſie nach dem hinterſten Theile der Kirche, welcher der Zeit noch am ſtandhafteſten getrotzt. Hier beugte ſich der Eine jener Männer und öffnete mit einem roſtigen Schlüſſel eine Thüre, die im Boden angebracht war. Nachdem Beide hinabgeſtiegen, ohne den Eingang zu verſchließen, traten ſie in einen weiten, von wenigen Lampen matt erhellten Raum. Schwerfällige ſteinerne Säulen trugen 187 die gewölbte Decke, welche, wie die übrigen Theile des geräumigen Gemaches, die graue Farbe der rohen Steine zeigte, aus denen das Ganze zuſammengefügt war. Das Gewölbe glich einem großen Keller, wie deren in den Ruinen des Mittelalters zu finden ſind, und mochte vielleicht in jenen unſicheren Zeiten als ein Rettungsort für die Habſeligkeiten des Klo⸗ ſters gedient haben. Jetzt hatte er ein anderes Anſehen gewonnen, denn zwiſchen den Säulen ſtanden einige Reihen Bänke, die ihre Fronte nach einem etwas erhabener gelegenen Orte rich⸗ teten, welche eine Art Katheder trug. Hinter dieſem zeigte die nackte, dunkelgraue Wand ein koloßales Crucifir, das, von der Erde bis zur Decke reichend, einen gutgeſchnitzten und gemal⸗ ten Heiland trug, deſſen Kopf ein Meiſterſtuck der Holzſchneidekunſt war. Dieſer Ausdruck eines fürchterlichen Schmerzes, verklärt durch jene gött⸗ liche Hingebung, jene Seligkeit des Bewußtſeyns für ein großes, die ganze Menſchheit begluckendes 188 Werk, zu leiden und zu ſehn ſ ſelbſt den kälteſten Beobachter zu einer frommen, weh⸗ müthigen Stimmung hinreißen, den Aufgeregten aber auf's Höchſte begeiſtern. Was aber in dieſem unterirdiſchen Raume am meiſten auffiel, war eine behagliche Wärme, die gegen die ſchneidende Kälte der atmoſphäri⸗ ſchen Luft angenehm abſtach; doch war es nicht allein die erhöhte Temperatur, welche im Winter ähnliche verſchloſſene Räume bieten, ſondern ſie rührte von einem großen Ofen her, den man in einem Winkel des Gemaches angebracht, und welcher ſeltſam mit ſeiner Umgebung kon⸗ traſtirte. „Sieh, ſieh, Freundchen,“ begann jetzt der eine jener eben eingetretenen Männer, und rieb ſich die Hände behaglich,„Paſtor's alte Marthe hat mit chriſtlicher Liebe für die Lieblinge des Herrn geſorgt; der Teufel ſoll mich aber auch holen! wenn ich bei dieſer Kälte ſonſt eine Strophe hätte ſingen können.“ ——— 189 Bei dieſen kräftigen Worten des Redenden war ſein Freund, der Niemand anders als der Schneider Ratzler war, bebend aufgefahren. Aengſtlich warf er ſeine Blicke um ſich und ſprach, als er ſich überzeugt, daß ſie allein ſeyen: „Mein Jeſulein! Welch ein wüſter Menſch biſt Du doch immer. Aber weß das Herz voll iſt, deß läuft der Mund über. Ich bitte Dich um Alles in der Welt, Gevatter, laß Keinen unſerer gottſeligen Gemeinde ſolche ruch⸗ loſe Worte hören.“ „Ei was iſt es denn? es iſt mir ſo heraus⸗ geplatzt. Außerdem ſind wir unter uns, und da, dächte ich, redeten wir wie uns der Schnabel ſteht, und ließen die frommen Faren.“ „Fa—— Fa—— Faren!“ rief Ratzler und die rothen Haare ſeines Hauptes ſträubten ſich unwillig. „Iſt das der Dank, den Du mir und der Gemeinde zollſt, daß Du unſere heiligen Ge⸗ bräuche„Faren“ nennſt? Aber ich ſage ja: 190 es iſt eher möglich az ein Kameel durch ein Nabelöhr gehe, als daß ein Reicher in' s Himmelreich komme.“ „Ein Reicher?— Ja reich war ich ein⸗ mal. Da macht ich Banquerott und ihr rettetet mich, das iſt wahr. Darauf macht ich aber wieder Banquerott, und Ihr rettetet mich aber⸗ mals, das iſt auch wahr, und darauf ward ich aus Dankbarkeit einer der Curen, das iſt zum dritten Mal wahr. „Und als dep Sahm zum dritten Mal trähte, verläugnete er Jeſum. Und ſo iſt Dein drittes wahr, auch unwahr; und Du verläugneſt alle Dankbarkeit, indem Du ſtatt Dich zu beſſern, erſt gottlos fuchſt, und dann auch noch Unſerer ſpotteſt. 5 G was, Du nimmſt es auch gleich ſcharf. und höre, was meine Dankbarkeit be⸗ trifft, nun— Ihr habt mir freilich aus der Verlegenheit geholfen; babt Ihr aber dagegen nicht ſchriftich bedungen und erhalten: daß ich, „——————— 191 ſobald es thunlich, die vorgeſchoſſenen Kapita⸗ lien mit zwanzig Proceut Zinſen wiederzahlen muß; und außerdem meine armen Verwandten einſt enterbend, als kinderlos der Gemeinde mein Vermögen hinterlaſſe?!“ „Beſter Gevatter,„ſagte Ratzler, und ſchmiegte ſich ſchmeichelnd an den Redenden, „die Gemeinde iſt arm, und um wieder Gutes thun zu können, bedarf ſie der Mittel. Wir ſind nur bedacht Schätze zu ſammeln, die die Motten nicht freſſen noch die Diebe rauben;— aber der Herr ſegnet uns mit irdiſcher Gabe, auf daß wir ihn verherrlichen durch Wohlthun.“ „Unter uns geſagt, lieber Ratzler, das heißt auf deutſch: Wir beten und ſingen, und laſſen Gott und andere Menſchen, die wir pfiffig fangen, für uns ſorgen. 4 „O mein ſüßer Heiland! wolhe phari⸗ ſäiſche Hartnäckigkeit. Wie oft habe ich Euch verſammeln wollen, wie die Henne 192 ſammelt ihre Küchelein unter ihre Flü⸗ gel; aber ſiehe, Ihr wollet nicht. So Du denn die warnende Stimme des Propheten nicht hören willſt, der Dir zuruft: Ich bin der Weg in der Wüſte, und die Stimme die dich leitet! Wohl denn, ſo renne in Dein Verderben, laſſe Dich ausſtoßen aus der Gemeinſchaft der Heiligen; aber denke nicht, daß wir Dich je wieder retten.“ „Von Austreten iſt keine Rede,“ entgeg⸗ nete der banquerotte Krämer,„das kann ich nicht, ohne meine ganze Eriſtenz zu vernichten; dafür habt Ihr weislich geſorgt; außerdem be⸗ hagt mir die Sache ganz gut, und ich habe auch hübſchen Vortheil davon; denn die Heiligen des Herrn kaufen ihre Häringe, Butter und Lichter und was ſie ſonſt brauchen nur bei mir, weil ich der einzige Krämer in der frommen Gemeinde bin;— indeſſen gibt es Zeiten, in welchen man auch einmal gern mit dem Freund ein Wort von der Leber hinwegredet, und da 193 ſollſt Du, Gevatter Schneiber, nicht ſo eng⸗ herzig ſeyn.“ „Freund!“ entgegnete Ratzler leiſe, indem er ſich zu dem Ohre ſeines Kameraden bog und demſelben vertraulich auf die Schulter klopfte: „Die Wände haben Ohren; Du und ich leben durch die üſſen alſo vernünftiger⸗ weiſe wurden ſie durch das Cinttelen meh⸗ rerer Perſonen beiderlei Geſchlechtes unterbrochen, welche nach und nach leiſe und ſchleichend durch die oben erwähnte Thüre herabſtiegen und ſich geräuſchlos auf den Bänken niederließen. Auch die beiden Gevattern trennten ſich, und während immer neue Mitglieder ankamen herrſchte durch das Gewölbe eine feierliche Stille. Nach und nach mochte ſich die Anzahl der Gegenwärtigen bis auf fünfzig Perſonen geſteigert haben. Es waren meiſtens ältere Männer und Weiber aus den verſchiedenſten Ständen, doch ſah man auch Mädchen— Jünglinge kaum— Alle aber trugen . 13 194 ein Gepräge in ihren Phyſiognomien. Es war ein Ausdruck tiefer Demuth und Zerknirſchtheit, Niederſchlagen der ſcheu um ſich blickenden Au⸗ gen, und ein Neigen des Kopfes nach vorn oder der Seite. In ihren Kleidungen waren Alle höchſt einfach. Jetzt öffnete ſich abermals die Thüre und der Paſtor trat ein. Ihm zur Seite ſchlich eine lange, hagere Geſtalt, ein Mann in den beſten Jahren, dem aber das tiefe Bücken ſeines Kopfes und Rückens, und ſeine, ganz in kläglicher Demuth aufgelösten Züge, das Ausſehen eines Greiſes gaben. Krumm überblickte flüchtig die Seinen; dann gab er Ratzlern einen Wink, worauf dieſer eilte, die Thüre von innen zu verſchließen. Nachdem dies geſchehen, trat abermals tiefe Stille ein.— Es war eine feierliche Scene. Die Lampen flacker⸗ ten trübe in den weiten düſtern Gewölben und warfen die ſchwarzen, geſpenſtiſchen Schatten der ſtill Betenden in ſchwankenden Umriſſen an die altergrauen Wände Kaum hörte man ein 195 Athmen, kaum ſchienen dieſe Geſtalten dem Leben anzugehören; wie Geiſter, den Tiefen der Gräber entſtiegen, brütend in finſterer Reue und Zer⸗ knirſchung über längſt begangene Verbrechen, knieten ſie regungslos; und von dem Kreuzes⸗ ſtamme blickte, in Todeskämpfen, das verblu⸗ tende Opfer der Wahrheit ſchmerzlich hernieder. Da erklang ein leiſer Orgelton; in ernſter, erhabener Melodie folgten die vollen Accorde, und wie eine Seele fiel die ganze Gemeinde mit den Worten ein: „Komm heil'ger Geiſt zu uns hernieder, Erwecke unſrer Seele Kraft..... 2 Nachdem dies Lied verklungen, trat aber⸗ mals eine kurze Pauſe ein; dann plötzlich erhob ſich Krumm und beſtieg mit feſtem Schritte die Erhöhung. Sein Antlitz ſtrahlte in Begeiſterung, ſeine Augen flammten, und ſeine Lippen zuckten konvulſiviſch: „Meine geliebten Brüder und Schweſtern in Chriſto!“ begann er und ſtreckte ſeine Hände 13 8 196 ſegnend aus,„erleuchtet durch das Licht des Herrn trete ich auf, ſeiner gottſeligen Gemeinde das Wort des Lebens zu verkünden, das da iſt die Speiſe unſerer Seele, denn unſer Herr und Heiland ſprach: Eure Speiſe ſey, daß Ihr den Willen deſſen thut, der mich ge⸗ ſandt hat, und ſeine Werke vollendet.“ „So laſſet uns denn ſeinen Willen thun und ſeinen Worten folgen, laſſet uns fürder bauen an dem neuen Jeruſalem auf Erden, damit es hinüberreiche in des Himmels heilige Dome, und ſich vereinige mit Jehova's unüber⸗ ſchwenglich ſegensvoller, ewiger Stadt. Aber zum Baue des gottgefälligen Werkes ſeyen nur die edlen Steine verwendet, die durch die harten Schläge der Buße von den unreinen Schlacken befreit ſind. Doch nicht Alle unter uns gehören zu dieſen Auserwählten, denn der Satan der dahergeht wie ein brüllender Löwe, hat auch die Heiligen bethört und in ſeine ver⸗ derbliche Schlingen gelockt. Ja, meine theuren Brüder und Schweſtern, die Hand des Herrn hat unſeren freudigen Stolz gebeugt, denn Einer unſerer frömmſten Brüder in Chriſto iſt gefallen, gefallen in der Sünde Pfuhl. Tretet vor, Bru⸗ der Mathias, ihr, auf welchem der Stolz des Gerechten ruhte, tretet vor und bereuet vor der Gemeinde Euer tiefes Fehl in Staub und Aſche.“ Bei dieſen Worten hatte ſich jene lange und gebückte Geſtalt, mit welcher Krumm ein⸗ getreten, dem Redner genähert. Das Aeußere dieſer Jammerfigur zeugte von einer gänzlichen Zerknirſchung, ſein Geſicht blaß und fahl, ſeine Augen niedergeſchlagen, hing die Unterlippe tief herunter, und ließ einen halbgeöffneten, breiten Mund ſehen. Die Hände ruhten gefalten auf der Bruſt, und die dürren Beine ſchlugen klap⸗ pernd aneinander. „Im Namen unſeres Herrn und dieſer frommen Gemeinde!“ fuhr nach einer kleinen Pauſe Krumm mit ernſter Stimme fort,„frage 198 ich Dich:„ob Du Dich öffentlich bekennen willſt zu der ſchändlichen Sünde, die Du gethan?“ „Ja, mein gottſeliger Herr Paſtor,“ ent⸗ gegnete kleinlaut der Angeredete. „Wohl, ſo geſtehſt Du, daß Du gezeugt eine verbotene Frucht.“ „Ja,“ wiederholte Matthias,„ich bekenne, daß ich gegeſſen vom Baume des Lebens. Aber, meine lieben Brüder in Chriſto, wenn unſer ſüßes Heilandlein ſeine Hände von mir gezogen, und mich hat fallen laſſen in die Verſuchung der Sinne, ſo laſſet mich ihm von Herzen dafür danken, denn nun habe ich die letzte Sünde von mir geſtoßen, die noch in dieſem elen⸗ den Körper wohnt, und bin nun rein und ge⸗ recht vor den Augen des Himmels.“ „Mein Bruder,“ nahm Krumm abermals das Wort,„unſer Jeſu ſprach zu den Phari⸗ ſäern: Nicht die Geſunden bedürfen des Arztes, ſondern die Kranken; und ich bin nicht gekommen, Gerechte, ſondern — 199 Sünder, zur Bußezu rufen; daher hoffen wir, daß er auch das Werk der Finſterniß von Dir nehme; aber nur, wenn Du Dich der ſtrengen Sühnung unterworfen, die Dir die Gemeinde auflegen wird.“ Matthias verneigte ſich ſchweigend, und nahm dann auf des Paſtors Wink ſeinen alten Platz wieder ein, worauf der Letztere in freu⸗ digerem Tone fortfuhr: „Aber nicht nur Trübſal hat der Herr über die Seinen verhängt, nein! auch Heil verkünden ſoll Euch mein Mund, denn es hat ihm ge⸗ fallen, ſeine Auserleſenen zu mehren durch treue Schafe, die ſich mit Eifer ſehnen, aufgenommen zu werden in der frommen Heerde, und ſein Wort: Wer an mich glaubt, der wird nicht gerichtet, wer aber nicht glaubt, der iſt ſchon gerichtet, weil er an den Namen des eingebornen Sohnes Got— tes nicht glaubt, hat Zugang gefunden in einer reuigen Seele. Sehet, ich bekam ſo eben 200 dieſe Zeilen von der tugendſamen Tochter des edlen Grafen von der Rode; ſie bittet, ſie fleht um Beſchleunigung ihrer Aufnahme. Da denn das Licht ihr geworden, da ſie dürſtet nach dem Born des Heils, ſo laſſet uns nicht zögern im Werke des Herrn. Sie iſt würdig unſeres Bundes, das habt Ihr, geliebte Brüder und Schweſtern, mich ſchon verſichert; würdig, nicht weil ſie ſtammt aus dem Geſchlechte der Mächtigen auf Erden, ſondern dieweil ſie de⸗ müthig iſt und gottesfürchtig, gerecht und mild⸗ thätig. So denke ich denn, wir beſtimmen den kommenden Abend zu ihrer Prüfung und vor⸗ läufigen Aufnahme durch mich, bis daß ich ſie Euch vorſtellen mag, als eingegangen durch die enge und dornenvolle Pforte der 3 Buſh zum neuen Reiche Gottes.“ Nachdem die Gemeinde ihre Zuſtin⸗ mung ertheilt, ſtieg Paſtor Krumm von der Tribüne herab und überließ dieſelbe dem Schnei⸗ der Ratzler, der, von der Begeiſterung des empfangenen Lichtes hingeriſſen, ſich weitläufig ausließ über die Worte der Offenbarung Jo⸗ hannis, Kapitel 17 Vers 8. „Das Thier, das du geſehen und welches hat ſieben Häupter und zehn Hörner, war, und iſt nicht, und wird heraufſteigen aus dem Abgrund und in's Verderben fahren, und werden ſich verwundern die Bewohner der Erde, deren Namen nicht geſchrieben ſind in dem Buche des Lebens, von Anbeginn der Welt, wenn ſie das Thier ſehen, das war, und nicht iſt, und doch iſt.“ Schweigend, in größter Aufmerkſamkeit, horchte die Gemeinde der hinreißenden Beredt⸗ ſamkeit ihres Propheten, von deſſen Munde wunderſame, unbegreifliche, überſchweng⸗ liche Wahrheiten floſſen. Erſt nach einer an⸗ derthalbſtündigen Rede deſſelben trennte ſich nach einem Schluß-Chorale die Gemeinde, und nur 202 wenige ihrer gegenwärtigen Glieder hatten den Abend— verſchlafen. Als ſich Alle, bis auf Krumm und Ratz⸗ ler, entfernt, rief Erſterer den Schneider zu ſich und ſagte: „Wie Du gehört, lieber Bruder, wird Gabriele morgen ihre Prüfung beſtehen.“ „Nun, Herr Paſtor, ich denke, Sie werden nicht ſo ſtrenge gegen das arme Kind ſeyn. Sie iſt zart und fein von Körper, und möchte das nicht ertragen können, was ſie ſich im heiligen Eifer aufbürdete.“ „Mein Joch iſt ſüß, und meine Bürde iſt leicht, ſpricht der Herr,“ entgeg⸗ nete der Geiſtliche ernſt,„und wer mir fol⸗ gen will, der nehme ſein Kreuz auf ſich. Nicht zum Scherze iſt unſere Gemeinde zuſammengetreten; und überdies kennſt Du den männlichen, erhabenen Geiſt dieſes Mädchens noch gar nicht. Aber nicht deswegen wollte ich Dich ſprechen und Deiner Hülfe begehren, ſondern 6 —— 203 weil unſerer Heerde dies gläubige Schäfchen entriſſen zu werden droht.“ „Was?“ rief Ratzler entſetzt,„entriſſen, die junge Gräfin von der Rode uns ent⸗ riſſen?! das wolle mein Jeſulein verhüten; da wäre ich in Grund und Boden ruinirt, denn ſie nur erhält mich und meine ganze Familie.“ „Du ſollteſt Dich ſchämen ſo etwas zu ſagen; es wäre ehrenvoller für Dich, zu arbeiten, als Dich ernähren zu laſſen.“ „Um Vergebung, heiliger Herr, ich widme mein Leben dem Studium der heiligen Schrift zum Wohle der Gemeinde und meiner Seele, und da kann ich mich dein natürlich nicht mit dem erbärmlichen Arbeiten befaſſen.“ „Du irreſt, mein Bruder; ein gottſeliges Leben erfordert nicht daß man nur bete, und ſeine Berufspflichten vernachläßige, es läßt ſich das Trachten nach der Seele Heil mit Berufs⸗ treue recht gut verbinden. Doch davon ein andermal. Jetzt zur Sache. Jedenfalls wäre «. 204 es für die Gemeinde, für Dich, und für des Mädchens einſtiges Heil ein großer Nachtheil, wenn ſie uns wieder entriſſen werden ſollte.“ „Aber wer kann denn dies Werk des Satans im Schilde führen? Doch nicht ihr Vater, der alte Bär!“ „O nein! es iſt ein gefährlicherer Feind. Seit einigen Tagen iſt ein gewiſſer Baron von Hohenſtein auf Sturmau angekommen; eines jener armſeligen Weltkinder, die Gott in ſeinem Zorne erſchuf; und der ſoll ſie nach des Alten Willen ehlichen?“ „Was ſagen Sie? ſo ein verdammter Got⸗ tesläugner, ſo ein Heide—— aber was fällt mir ein, wie ſieht er aus: ſchlank, dunkelbraune Haare,“—— „Jal Geſicht?“ „Elegante Kleidung?“ „Blaue Augen, hübſches, regelmäßiges —„— ——— ——— 2 „Ja!— kennſt Du ihn?“ „Er iſt es!— Er iſt jener eingebildete Phariſäer, der mich vorgeſtern beſucht, und der von meines Mundes Beredtſamkeit zu Boden geſchmettert, wie beſeſſen davon lief.“ „Nun von eben dieſem Moabitter haben wir zu fürchten, daß er, vermöge ſeiner glatten Manieren und ſeiner einnehmenden Geſtalt, Ein⸗ druck auf das unerfahrene und kindliche Gemüth Gabrielens mache. Die Mädchen ſind in dieſem Stücke ſchwach! Hat ſie erſt einmal Liebe zu ihm gefaßt, ſo iſt es dem Baron ein Leichtes ihr den Kopf zu verdrehen und ſie uns abſpän⸗ ſtig zu machen. Du kennſt ja ohnehin die un⸗ ſelige Rednergabe jener Weltkinder, ihr Spötteln und Reflectiren! Wird ein Mädchen den ſüßen Honigworten eines ſolchen Verführers, und was mehr heißt, wird ſie der Liebe widerſtehen können?“ „Schwerlich!“ entgegnete geſenkten Hauptes Ratzler. 206 „Nun, eben in dieſer Angſt lebe ich auch; denn obgleich ſie ſich aufnehmen laſſen will, ſo kann doch ſelbſt auch ſpäter, wenn ſie ſchon ein wirkliches Glied unſerer Gemeinde iſt, ihr Bräutigam, ihr Gemahl ſeinen Einfluß geltend machen, und ſie zum Rücktritte bewegen.“ „So muß man dieſe Gott mißfällige Ver⸗ bindung verhindern.“ „Das iſt leicht geſagt, aber ſchwer auszu⸗ führen. Der Vater iſt ganz und gar für den Baron, und ich müßte mich ſ ehr irren, wenn nicht gerade dies heftige Verlangen Gabrie⸗ len's: in unſern Bund einzutreten, die Folge einer Angſt wäre, die die aufkeimenden Gefühle der erſten Liebe in dem jungfräulichen Buſen Gabrielen's erweckt.“ „Die Sache iſt höchſt gefährlich,“ brummte Ratzler vor ſich hin,„man muß überlegen, ſinnen, ob ſich denn gar kein Mittelchen findet, Gabrielen in den Augen des Barons herab⸗ zuſetzen.“ 207 Eine Pauſe trat ein. Ratzler ging mit verſchränkten Armen und vorhängendem Kopfe einigemale in dem Gewölbe auf und ab; plötz⸗ lich blieb er dicht vor dem Paſtor ſtehen und frug haſtig: „Der Bräutigam iſt wohl dem heiligen Trei⸗ ben der Auserwählten des Herrn recht gehäſſig?“ „Gewiß. Schon habe ich ihn dahin ge⸗ bracht, daß er im Eifer den zarten Glauben der jungen Gräfin verletzt hat.“ „Bußübungen verlacht er wohl?“ „Schwelgen iſt, nach ſeiner Meinung, der beſte Gottesdienſt.“ Des Schneiders Geſicht erheiterte ſich bei dieſen Worten; er ergriff haſtig Krumm's Hand, drückte ſie zärtlich und ſagte: „Mein theurer Bruder in Chriſto, wir ſind gerettet.“ „Und auf welche Weiſe,“ frug erſtaunt Krumm. „Er haßt alles Fromme in den Tod, und 208 wird, ſo viel Menſchenkenntniß traue ich mir zu, kein Mädchen zur Frau nehmen, das zu unſerer gottſeligen Gemeinde gehört; jeden⸗ falls aber von jeder, auch nur leiſen Berührung mit derjenigen zurücktre⸗ ten, welche er hat büßen ſehen.“ Ratzler hielt einen Augenblick inne; als er aber gewahrte, daß ihn Krumm nicht recht begriffen, fuhr er bedächtig fort: „G abriele leidet morgen Nachmittag an dieſem Srte die Prüfungsbuße. Wenn ich mich nun an den Baron machte, und ihm Winke gäbe, daß Gabriele ſchon unſerer Gemeinde angehöre, ſo wird er dies ſicher widerſtreiten, oder bewieſen haben wollen. Dann liegt es in meiner Macht ſeine Zweifel zu ſpornen und ihn auf's Aeußerſte zu bringen. Ich führe ihn darauf, wenn ich ihm vorher den Eid abge⸗ nommen: daß er keinen Laut von ſich geben, ſich nicht von der Stelle bewegen, und Nie⸗ manden erzählen will, was er hier geſehen, in ——————— 209 jenes anſtoßende Gemach, aus deſſen kleinem, von hier kaum bemerkbarem Fenſter, man Alles gewahren kann, was ſich hier in dieſem Raume zuträgt— und ich wette meinen Kopf, er ſteht von ſeinem Vorhaben ab, und überläßt uns die ſchöne Braut.“ „Gut ausgedacht, fürwahr!“ entgegnete Krumm,„ich bin ganz Deiner Meinung, nur iſt die Sache gefährlich. Wird ſich der Liebhaber, der Edelmann, der Weltſohn, bei dem Anblick der Leiden der Braut, der Gräfin, ver⸗ halten?“ „Er wird; denn nur wenn er die gedachten Bedingungen mit ſeinem Ehrenworte einge⸗ gangen, wage ich das kühne Werk.“ Der Paſtor überlegte einen Augenblick, dann wandte er ſich raſch zum gehen, indem er ſagte: „So kommt, lieber Bruder in Chriſto, folgt mir auf mein ſtilles Zimmer, und laßt uns noch die nähern Einzelnheiten dieſes unſeres Vorhabens beſprechen. Es iſt ein dem Herrn . 14 210 wohlgefälliges Werk, darum ſind auch die krum⸗ men Wege dabei erlaubt: denn der Zweck heiligt ja die Mittel. Und mit dieſen Worten verließen die beiden Apoſtel der frommen Gemeinde den unterirdiſchen Verſammlungsort. 15. Dns Zwiegeſpräch. „Auf einer Inſel ſteht der Tod. Zu ſeinen Füßen ſpeit die Welle Mich aus;— laß ab, laß ab!— das Thor Des Himmels dort, hier das der Hölle! Aus jedem zuckt ein Arm hervor. Er wirft mich mit verruchtem Lachen Den Armen zu— ſie packen mich! Des Himmels Engel und die Drachen Der Hölle ſtreiten ſich um mich.“ Freiligrath. Auf Schloß Sturmau herrſchte ſeit jenem verhängnißvollen Mittageſſen eine leicht bemerk⸗ bare Spannung. Gabriele hatte ſich nach demſelben unwohl melden laſſen, und hütete ihr Zimmer. Oskar ward von den lebhafteſten Seelenkämpfen gefoltert, und obgleich er ſonſt leicht entſchloſſen und feſten Charakters war, 212 ſo ſchwankte er diesmal um ſo mehr in ſeinen Entſchlüſſen, als ſeine Vermuthung über die beſtimmte Braut, noch immer zu keiner Gewiß⸗ heit geworden waren; indem er den Eifer, mit welchem ſie ſeine Angriffe auf die, von Kindheit ihr eingepflanzten Grundſätze, und als heilig anempfohlenen Lehren, zurückgewieſen hatte, ein⸗ zig einem frommen und kindlichen Mädchen⸗ herzen zuſchreiben mußte, und es demnach noch nicht im Geringſten erwieſen war, ob ſie Pie⸗ tiſtin ſey, oder nicht. Der einzige Oberſt ſchien der Sache nicht mehr zu denken, oder doch die unangenehmen Eindrücke jenes kleinen Streites verwiſchen zu wollen; indem er ſeinem Gaſte mit doppelter Herzlichkeit entgegenkam, und Alles aufbot, um demſelben den Aufenthalt auf Sturmau ange⸗ nehm zu machen. Sehr ärgerlich war ihm des⸗ wegen die Nachricht von ſeiner Tochter Unwohl⸗ ſeyn, an deſſen Wirklichkeit er indeſſen keinen Augenblick zweifelte, da ihm ſein Kind noch nie 21¹3 die Unwahrheit geſagt. Oskar dagegen ſah das Verſchwinden Gabrielens von einer an⸗ dern Seite an; er glaubte darin ein ſicheres Zeichen ihres Widerwillens gegen ihn zu erken⸗ nen, der ihn jetzt in demſelben Maße ärgerte, als er früher darauf gehofft. Dies ewige Schwan⸗ ken rief in ihm ein äußerſt unangenehmes und drückendes Gefühl hervor, und er ſehnte ſich eine Gelegenheit zu erhaſchen, um Gabrielen offen und frei ſeine Meinungen und Anſichten ſagen zu können, und dagegen auch ſie zu bitten, ihm, bei dem wichtigen Schritte, welchen ſie Beide thun ſollten, eben ſo unbefangen die Nei⸗ gung ihres Herzens zu geſtehen. Aber aller ſeiner Bemühungen ungeachtet, bot ſich kein Zuſammentreffen mit der Schönen von der Rode dar; indem dieſelbe vor wie nach ihre Zimmer nicht verließ, und ſelbſt Luiſens, von welcher er einige Auskunft zu erhalten hoffte, konnte Hohenſtein nicht mehr anſichtig werden. Aergerlich darüber, folgte er daher am 2¹4 kommenden Morgen des Grafen Aufforderung: ſich ſeiner ſchönen Jagdreviere nach Herzensluſt zu bedienen. Er wählte aus dem reichen Waf⸗ fenſchranke des alten Kriegers eine gefällige Büchſe, warf die Jagdtaſche um, und verließ nachdenklich das Schloß. Er mochte noch keine hundert Schritte gegangen ſeyn, als er bemerkte, daß ihm ein Menſch mit raſchen Schritten folgte; er wandte ſich um, und gewahrte zu ſeinem größten Erſtaunen den frommen Schneider. Eingedenk aber jener Predigt voll Unſinn, die er bei demſelben hatte verſchlucken müſſen, faßte er den Entſchluß, dem Heiligen zu entgehen. Doch ſah er zu ſeinem Bedauern bald ein, daß dies unmöglich ſey, denn ehe er den nahen Wald erreicht, ſtand ſchon der leichtfüßige Schneider an ſeiner Seite. „Seyd mir im Herrn gegrüßt,“ ſagte der Rothkopf, und zog ehrerbietig ſeine Mütze,„ich freue mich, den edlen Herrn wiederzufinden, der mich neulich zwar mit ſeinem Beſuche erfreut, aber auch ſehr ſchnell wieder verlaſſen hat.“ 2¹5 Oskar war keineswegs geſtimmt, dem frommen Schwätzer zu ſchmeicheln, er antwortete daher kalt: „Lieber Mann, ich hatte bis zum Ueber⸗ druß von eurer Weisheit gehört, und da ſie mir Kopfweh machte, ſo ſuchte ich die freie Luft.“ „Nicht doch, gnädiger Herr, ich weiß es beſſer als Ihr ſelbſt, ich durchblicke euch.— Die Wahrheit meiner Worte hatte Euch tief getrof⸗ fen, ihr fühltet Euch zermalmt im Bewußtſeyn eurer Irrthümer. Aber der Glaube iſt nicht Jedermanns Sache, ſagt der Apo⸗ ſtel Paulus.“ Oskar warf einen verächtlichen Blick auf den Sprechenden, und ging ſchweigend weiter. „Um ſo lieber iſt es mir,“ fuhr Ratzler eifrig fort,„daß ich nun auf meinem Rückwege von dem Fräulein Euch wiederfinde. Nicht wahr, das iſt ein herrliches Kind, ein wahrer Engel; aber ſie hat auch die Worte beherzigt: und wen 21 dürſtet der komme, und wer will der nehme Waſſer des Lebens.“ „Was habt Ihr mit dem Fräulein gemein verſetzte achſelzuckend der Baron;„Was das Fräulein mit euch anders, als daß es in ſeiner Güte zu weit geht, und euch im frommen Müßiggange unterſtützt.“ „Der Herr Jeſu verzeihe Euch Eure Sünde,“ entgegnete Ratzler ernſt,„gottſelige Werke ſind in Euren Augen Nichtsthun; wenn Ihr aber da⸗ hinzieht, um aus Langweile mit mörderiſcher Ku⸗ gel die unſchuldigen Geſchöpfe des Herrn zu tödten, das nennt Ihr ein erbauliches Werk. Was übri⸗ gens das Fräulein von der Rode betrift, ſo denkt daſſelbe, Gott ſey Dank anders. Ihre Seele hat Gnade gefunden vor dem Herrn, und er hat ſie aufgenommen in ſeine heilige Gemeinde.“ Bei dieſen Worten blieb Oskar aufmerk⸗ ſam ſtehen, ſtützte die Arme auf ſeine Büchſe, ſah den Schneider einige Minuten lang ſchweigend an, und ſagte alsdann in ernſtem tiefem Tone: 217 „Menſch! der Ihr bei jedem dritten Worte Gott auf der Zunge habt, ſagt mir einmal auf Euer Gewiſſen und Eure Ehre: iſt die Gräfin von der Rode wirklich ein thätiges Glied Eurer Gemeinde, oder iſt ſie nur in ihrer Her⸗ zensgüte und ihrem frommen Sinne eine Be⸗ ſchützerin derſelben. Antwortet mir wahr und offen, wie ein Mann von Ehre!“— „Der Herr der meines Herzens Tiefe ſieht und meine Nieren erforſcht,“ rief Ratzler mit zum Himmel gerichteten Blicken, wägt die Wahrheit meiner Worte: Gabriele iſt ein Glied unſeres heiligen Bundes und unſere fromme Schweſter.“ „Es iſt unmöglich!“ rief der junge Mann erhitzt. „Unſere Worte ſind: ja, ja, und nein, nein; was darüber iſt, iſt vom Uebel.“ „Und Ihr könnt beſchwören, daß ſie eine Pietiſtin iſt?“ „Pietiſtin?—“„wiederholte gedehnt Ratzler. 14** 28 „Daß ſie in Eurer Gemeinde aufgenommen iſt, meine ich...“ „Wir ſchwören nicht bei jeder Kleinigkeit, wie die Mohabitter und Philiſter; aber Ihr könnt euch ja überzeugen, wenn...“ „Was ſagt Ihr, überzeugen?“ fiel Oskar raſch ein,„überzeugen?! auf welche Weiſe.“ „Ich ſehe, es liegt Euch viel an dieſer Ge⸗ wißheit,“ verſetzte mit Ruhe Ratzler,„ich kann ſie Euch verſchaffen, wenn Ihr mir auf Euer Ehrenwort als Edelmann geloben wollt: nie und nimmer zu erzählen oder ſonſt bekannt zu machen, was ihr ſehen werdet, keinen Laut, während ich Euch an einem verborgenen Orte das Gewünſchte zeige, von Euch zu geben, und die Stelle, auf der ihr Euch befindet, ohne mei⸗ nen Willen nicht zu verlaſſen. Wollt Ihr dies auf Euer Ehrenwort geloben, ſo ſoll Eurem Wunſche willfahrt werden.“ Oskar ſchwieg einen Augenblick unent⸗ ſchloſſen, dann ſagte er mit feſter Stimme: 219 „Ja „Wohl denn, ſo ſtellt Euch heute Nach⸗ mittag fünf Uhr auf jenem Hügel unter der alten Eiche ein; ich nehme Euch das Ehrenwort alsdann ab, und führe Euch zu dem gewünſch⸗ ten Ziele.“ „Fünf Uhr an jener Eiche!“ „Ja!— doch halt, noch Eins! Laßt auf Sturmau Nichts von Eurem Vorhaben merken.“ „Kein Wort.“ „So ſey der Herr mit Euch.“ „Auf Wiederſehen. Adieu!“ Und Beide trennten ſich raſchen Schrittes. —— 16. Die Stunde der Weihe. „Wenn der Menſch ſich ſelbſt überwindet, kann er auch die Natur überwinden. In dem Augenblicke, in welchem ein Menſch den Schmerz zu lieben anfinge, durchdränge ihn vielleicht die höchſte poſitive Luſt. Je fürchterlicher der Schmerz, deſto höher die darin verborgene Luſt.“ Novalis. Wenn der Sturm wüthend über die Tiefe fährt, und des Oceans Grund aufwühlend, Waſſerberge gegen die ſchwarzen Wolken ſchleu⸗ dert, die fallend ihre Donner mit den Schlägen des Himmels miſchen, und weithin ziſchend ihren Schaum vorſpritzen; wenn an dem Hori⸗ zonte tiefſte Nacht mit Flammen⸗Meeren wech⸗ ſelt, wenn die Erde bebt und in ihren Angeln 221 zittert; dann wirft ſich der Einzige, der noch lebend auf dem Wrake weilt, das ein Spielzeug der Elemente, bald die Wolken küßt, bald den Abgrund ſtreift, zitternd auf ſein Antlitz. Er ſteht vor der Pforte des Todes; vergeſſen liegt das Irdiſche hinter ihm, ſein Herz pocht in furchtbaren Schlägen, ſein Athem ſtockt, ſeine Augen verſagen den Dienſt, ſein Gehirn glüht, ſeine Gedanken verſchwimmen in einem Chaos: denn er wird in wenig Minuten vor Gott ſtehen. — Furchtbar ernſt, heilig, vernichtend iſt der Augenblick.— Mit ſolchen Gefühlen ſaß Gabriele in des Paſtors Zimmer. Sie war bleich wie der Tod, kalte Schweißtropfen ſtanden auf ihrer Stirne, ihr ganzer Körper zitterte wie Espen⸗ laub; mühſam hielt ſie ſich an der Lehne des Stuhles, um nicht niederzuſinken, und bemühte ſich vergebens die Gegenſtände, die ſie umgaben, zu erkennen; denn Alles zerfloß in einem wol⸗ kigen Dunkel. Ihr Blut ſchoß glühend durch alle Adern, und dennoch ſchüttelte ein Fieber⸗ froſt ihre Glieder. Da öffnete ſich die Thüre und Krumm trat herein. Ein triumphirendes Lächeln zuckte über ſeine finſteren Zügen, erſtarb aber in dem⸗ ſelben Augenblicke. „Der Herr unſer Gott iſt ein mäch⸗ tiger Gott!“ rief er feierlich aus, indem er ſeine Hände auf Gabrielens Haupt legte, „er ſammelt ſeine Getreuen um ſich, er prüfet und züchtiget ſie aus Liebe, aber er lohnt ſie auch mit unendlicher, ewiger Seligkeit. Seyd darum willkommen im neuen Bunde, ſeyd willkommen im Namen unſeres heiligen Erlöſers!“ Bei dieſen Worten kehrten Gabriele die Kräfte und Gedanken einigermaßen zurück; ihr ſtarker Geiſt machte auf's Neue ſeine Herrſchaft über den Körper geltend, der dem Andrange ſo ſtürmiſcher, ſo hetrogener Gefühle, der einer unbe⸗ zwinglichen Angſt auf Augenblicke unterlegen war. 223 „Heiliger Mann,“ flüſterte ſie kaum ver⸗ nehmbar,„ich folgte dem Drange meines Her⸗ zens, dem Ruf Ihrer Stimme, und bin bereit die Weihe zu empfangen.“ „Mein Kind,“ ſagte nach einer kleinen Pauſe mit milderer Stimme der Paſtor, der ſich neben die Gräfin geſetzt und ihre Hand ergriffen hatte, „mein Kind, bedenken Sie noch einmal den Schritt, welchen Sie zu thun im Begriffe ſtehen, und erforſchen Sie Ihr Herz, ob es noch im Stande iſt unſeren Anforderungen zu genügen. Sie wollen in unſere heilige Gemeinde treten, die Ihnen Seelenfrieden und dereinſtige Selig⸗ keit bietet; aber Sie kennen auch die ſchwere Prüfung und Buße, die Ihrer Aufnahme bei uns vorhergehen muß, es iſt— Geißlung. Ein⸗ mal entſchloſſen, iſt Ihr Rang in dieſen Mauern für Sie nicht mehr vorhanden, und unbeding⸗ ter Gehorſam auf das leiſeſte Wort Ihrer Obern wird Ihre erſte Pflicht. Wollen Sie ſich dieſen Anforderungen unterwerfen, und 224 glauben Sie Ihren Körper ſtark genug, die Bußübung zu ertragen?“ „Beides!“ entgegnete feſt und laut Ga⸗ briele, die ihre ganze Seelengröße wieder ge⸗ funden hatte.„Ich flehe wiederholt um baldige Aufnahme.“ „Wohlan denn, ſo ſey Ihnen die Bitte ge⸗ währt“ rief Krumm und erhob ſich raſch. In dieſem Augenblicke ertönten drei gleichmäßige Schläge wider die Thüre, und kündeten dem Paſtor an, daß Oskar ſeinen Poſten einge⸗ nommen habe. Krumm nahm ein Licht, und winkte Ga⸗ brielen ihm zu folgen. Das Gewölbe, in welchem die Pietiſten ihre Verſammlungen zu halten pflegten, hatte auſſer jener, für die Glieder der Gemeinde be⸗ ſtimmten Thüre, noch einen andern Eingang, welcher aus den vordern Flügeln des Stiftes, und zwar gerade aus demjenigen, der zur Pfarrwohnung diente, durch einen verborgenen 225 Gang führte. Dieſen Weg ſchlug Krumm mit ſeiner ſchönen Begleiterin ein. Beide ſchwiegen. Als ſie zur Thüre ge⸗ langt waren, blieb Krumm ſtehen und faltete betend die Hände. Tiefe Stille herrſchte rings umher. Da erſchallte plötzlich aus der Ferne ein feierlicher Choralgeſang in heiliger, ernſter Weiſe. Gabriele bebte von frommen Schau⸗ dern durchrieſelt; ſie gedachte des Momentes in welchem ſie den Schwur geleiſtet, und wieder⸗ holte Gott im Stillen ihr frommes Gelöbniß. Nach einer kleinen Weile verſtummten die Töne. „Wir ſtehen,“ begann hierauf Krumm mit feierlichem Ernſte,„an der Schwelle unſerer heiligen Stätte. Als Moſes zu dem feuri⸗ gen Buſche trat, entkleidete er ſeine Füße, denn er trat vor Gott. Auch Du, Sünderin, trittſt vor ihn, Buße zu thun für alle begangenen Sünden; auf daß der Herr die Laſt Deiner Miſſethat nehme von Deinen Schultern; darum tritt in Demuth ein, nackten Fußes.“ ſ 15 226 Gabriele gehorchte. Jetzt öffnete der Geiſtliche die Thüre, und Beide traten in den weiten, ſchauerlichen Raum. Die Bänke waren verſchwunden, und die Leere des Gemaches erhöhte den ernſten Eindruck, welchen es, nur matt erleuchtet, auf den Neu⸗ ling machen mußte. Eine dumpfe Schwüle herrſchte in den gewölbten Hallen, die, faſt in Nacht gehüllt, nur jenes rieſige Crucifir in grellem Lichte ſehen ließen. Zu dieſem trat der Paſtor, ſank auf ein Knie nieder und ſprach: „Du, unſer Heiland und Erlöſer, du Gott der Herrlichkeit, ſtiegeſt hernieder, die Menſchen zu retten durch dein entſetzlich Leiden, deinen martervollen Tod; du entkleideteſt dich deiner Herrlichkeit, trugſt des Staubes Gebrechen und der Erde größte Schmach mit himmliſcher Ge⸗ duld, uns Sünder zu erlöſen von dem ewigen Tode. So ſieh, nun auch uns im Staube; freiwillig nehmen wir auf uns dein Kreuz, um durch einen ſchwachen Theil deiner Schmerzen 2 uns theilhaftig zu machen deiner Gnade, und Vergebung zu finden für unſere Sünden. Stärke uns mit Kraft, gleich dir geduldig zu leiden, und mache uns ſomit theilhaftig Deiner heiligen Gnade.“ Krumm ſtand auf. „Noch einmal frage ich Dich,“ fuhr er dann mit lauter Stimme fort,„Dich, Gabriele, iſt es Dein eigner undfreier Wille, zu büßen Deine Sünde durch die Geißel?— Antworte mir im Namen Gottes mit deutlicher Stimme.“ „Ja,“ entgegnete die Gefragte feſt,„es iſt mein eigner, mein freier, unerſchütterlicher Wille In dieſem Momente hörte man ein fernes Geräuſch; Krumm blickte finſter und ängſtlich auf; als aber Alles ruhig blieb, fuhr er fort, indem er mit Begeiſterung auf das Bild des Gekreuzigten deutete: „Hier an des Kreuzes Stamm blutet nackt, entäußert alles irdiſchen Tandes, der göttliche Erlöſer. Hinweg denn mit den Flittern der 15 228 Erde, hinweg mit den Zierden, in welche weich⸗ lich die Eitelkeit ſich hüllt, binweg Sünderin mit dem Schmucke der Gewänder!—“ Gabriele bebte, ihr Kopf glühte, ihr Herz ſchlug auf's Neue mit unerhörter Kraft, wie Fieber zuckte es durch ihr Gebein; aber ſie blickte begeiſtert nach den ſchmerzzerriſſenen Zügen des Heilandes, der ihr zuzurufen ſchien: „Folge mir im Schmerze und in der Erniedrigung, büße wie ich gebüßt, und ich will Dich erheben zu meiner Seligkeit!“ Ihre Augen flammten, ihre edlen Züge ſtrahlten wie im höhern Lichte; ſie riß die Geißel aus Krumms Händen, küßte ſie und rief: „Ja, mein Jeſu, ich folge dir!“ und mit dieſen Worten löste ſie ihre Gewänder; ſie ſanken, — nur die Leinwand umhüllte noch den Körper. „Hinweg!“ rief der Paſtor erbebend,„hin⸗ weg mit der eitlen Hülle; nackt blutet er am Kreuzesſtamm, nackt bluten ſeine Jünger!“ Da ließ Gabriele die letzte Hülle bis zur 229 Hüfte ſinken, hier packte ſie dieſelbe feſt und zog ſie enge an ſich. Krumm hatte die Geißel geſchwungen; aber wie von einem Zauber gerührt, blieb er eine Minute mit erhobenem Arme gefeſſelt, denn vor ihm ſtand, gleich einer Göttin, in der Fülle aller jungfräulichen Reize, ein himmliſches Weib. Der Formen üppige Runde, der Haut zartes, ſanft geadertes Weiß, des Buſens unge⸗ ſtümmes Wogen— er ſah— er verſchlang es; er zitterte, tauſend Gefühle ſtürmten auf ihn ein, und ein wollüſtiges Regen flog ihm durch das Blut. Da weckte die Büßerin den Beben⸗ den mit dem Rufe: „Mein Jeſu nimm mich gnädig an!“ aus dem wilden Kampfe der Gefühle, der indeß nur das Werk eines Moments geweſen, ſie ſchmolzen zuſammen zu einer Art heiligen Wuth, und mit kräftigem Arme ſchwang er die Geißel; Furchtbar fiel die Siebenriemige auf den weißen Rücken des Mädchens; aber kein Laut entſchlüpfte 230 ihren Lippen, keine Thräne netzte ihr Auge. Unermüdet trafen die Streiche die arme Büße⸗ rin, und zerriſſen die zarte Haut, das weiche Fleiſch, und in Strömen lief das Blut. Da ſank die Duldende auf die Kniee, das Auge dunkelte ſich, Todtenbläſſe deckte das Antlitz, kal⸗ ter Schweiß perlte von der Stirne, und ohn⸗ mächtig ſank ſie zur Erde. Krumm ſtand regungslos. Er ſtarrte wie im Wahnſinn auf die Blutende, die ſelbſt in ihrem jammervollen Zuſtande noch himmliſch ſchön war. Dann ſtürzte er nieder, drückte einen flammenden Kuß auf den vollen Buſen und ſtürzte, mit beiden Händen das Geſicht be⸗ deckend, aus dem Gemache. Nach einigen Minuten trat Marthe, mit Eſſig und Waſſer verſehen, zu der Ohnmächtigen. —— 17. Colgen. „Scheltenswerth iſt's nicht, wenn Troer ſowohl als Achaier, Um ein pches Weib ſo langes Drangſal erdulden; Denn fürwahr! ſie gleicht Unſterblichen ſelber an Anmuth. Aber, wie ſie auch ſey, ſo ſchiffe ſie dennoch von hinnen, Und ſo uns als den Unſrigen Unheil!“ Homer. Es war eine mondhelle Nacht. Die Welt träumte, gehüllt in das Leichentuch des Winters, von kommenden Frühlingen. Die Natur ſchwieg und waltete ſchweigend in ihren ewigen Geſetzen. Da brauste, auf dampfendem Pferde, ein Reiter durch die weißen Ebenen. Schaum deckte das Thier, ſeine Augen ſchienen Funken zu ſprü⸗ hen, ſein Huf ſchien geflügelt. Berg auf, Berg 232 ab, über Zäune und Gräben ging pfeilſchnell ſein Lauf; der Reiter lenkte es nicht, ſchlaff hing der Zügel; aber die Flanken des Renners bluteten von der Sporen unermüdeter Arbeit. Wild flog im Winde des Reiters Haar, denn des Hutes ledig war ſein Haupt.—— Der Morgen graute, da ritt Oskar über die Zugbrücke des Schloſſes Sturmau. Bertram ſah erſchrocken bald Roß bald Reiter an und ſchüttelte bedenklich den Kopf. Als Hohenſtein ſein Zimmer erreicht und den Diener geweckt, befahl er demſelben augen⸗ blicklich zu packen. Er ſelbſt nahm ſeine beiden Piſtolen, unterſuchte ſie ſorgfältig, lud ſie, und machte ſich ebenfalls zur Abreiſe bereit. Dann ſetzte er ſich hin, und ſchrieb folgende Zeilen an den Grafen von der Rode. „Mein Herr Graf! „Wenn ich mich je in meinem Leben un⸗ glücklich gefühlt habe, ſo iſt es in dem Augen⸗ 233 blicke, in welchem ich, wie ein Flüchtling, Ihr Schloß verlaſſe, und wie ein Undankbarer von Ihnen, deſſen Güte mich mit allen Beweiſen einer väterlichen Freundſchaft berſchüttet hat, ſcheide. Geſtehe ich es Ihnen offen, es war einer der liebſten Wünſche meines Herzens, Sie einſt Vater nennen zu können. Genüge Ihnen, Herr Graf, dieſe Verſicherung, ſo wie die mei⸗ ner unbegrenzten Achtung. Warum ich auf dieſe ſeltſame Art Ihr Haus verlaſſe, bleibe Ihnen ewig unbekannt, und nur ſo viel bin ich meiner Selbſtachtung ſchuldig, daß ich Ihnen bei meinem Ehrenworte als Edel⸗ mann die Verſicherung gebe: nicht ich trage die Schuld: daß ſich Ihr Wunſch und die Hoff⸗ nung meines Vaters, die auch die meine war, niemals erfüllen kann. Leben Sie glücklich, edler Mann und ver⸗ geſſen Sie daß mein Fuß jemals Sturmau betreten. Oskar von Hohenſtein.“ 234 In kurzer Zeit trafen die, durch Oskar be⸗ reits ſchon in der Nacht beſtellten, Poſtpferde ein, und wenig Augenblicke darnach rollte der Wagen dem Aufenthaltsorte des Paſtors Krumm zu. Angekommen, nahm Oskar die Piſtolen unter ſeinen Mantel und ging raſchen Schrittes nach der Pfarrwohnung. Er pochte; man hörte ihn nicht. Er zog die Schelle; Niemand öffnete. Nachdem er umſonſt alle mögliche Verſuche ge⸗ macht, in das Innere des alten Stiftes zu drin⸗ gen, kam endlich ein Mann aus dem nächſten Hauſe und benachrichtigte den Ungeduldigen: daß der Herr Paſtor dieſe Nacht plötzlich abgereist ſey, und erſt in unbeſtimmter Zeit wieder zu⸗ rückkehre. Oskar lachte grimmig auf, ſchoß einen verächtlichen Blick auf die dunkeln Mauern des Kloſters, und warf ſich finſter in ſeinen Reiſe⸗ wagen, der bald in ſchnellſtem Fluge der Hei⸗ math zueilte. —— Der Antrag. „Von ihm getrennt Zu leben, iſt mir ganz undenkbar; wär Mein Tod,— und wo wir immer nach dem Tode Noch ſind, auch da mein Tod!—⁵ Leſſing Mit welcher Ungeduld erwartete Roſa Alberti Oskars Antwort auf ihren Brief und ihre Anfrage: ob jene freundſchaftlichen und wohlwollenden Verwendungen für ſie bei Di⸗ rektor und Regiſſeur von ihm kämen. Umſonſt zählte ſie an den Fingern ab, daß die Poſt erſt in einigen Tagen, ſelbſt im Falle eines umgehenden Schreibens, den Brief bringen könnte; vergebens rief ſie ſich die vielen Mög⸗ lichkeiten einer Verzögerung der Antwort in das 236 Gedächtniß— ſie bebte vor Ungeduld; ſie zitterte, ſo oft ſie des Briefträgers anſichtig wurde, ſie dachte— nur an Oskar. Wohl führten dieſe Gedanken oft eine trübe Stimmung für ſie herbei, denn wenn ſie ihr Herz prüfte und ſich geſtehen mußte, daß ſie den jungen Baron in der That liebe; ſo ſagte ihr der Verſtand, wie wenig Hoffnung ſie hegen durfte, den theuern Mann je zu beſitzen. Tau⸗ ſende von Hinderniſſen traten vor ihre Seele, und gar manche dieſer Befürchtungen waren zu begründet, als daß ſie die Liebe,— wenn auch ſich ihrer unergründlichen Tiefe, ihrer alles be⸗ zwingenden Macht gewiß,— hätte zerſtreuen können. Da lag denn die aufgeſchlagene Rolle auf ihrem Schvoße, das liebliche Köpfchen ruhte ernſt ſinnend auf der Hand, und oft wiſchte ſogar eine Thräne, die ohnehin kaum mehr leſerlichen Zeilen der Rolle aus. Aber ſo iſt der Menſch, das arme Erden⸗ kind, er klammert ſich feſt an die Himmelstochter 237 Hoffnung, ſelbſt wenn ſie ihm ihr ſtrahlendes Antlitz verhüllt; er zwingt ſie, mit der ganzen Kraft ſeiner Seele, ihm treu zu bleiben, treu bis in die kühle Gruft. Aber wohl ihm! hat er ſich doch nicht getäuſcht, die Himmliſche wiegt ihn ſanft und tröſtend ein, und weckt ihn an der Hand ihrer lichtgebornen Schweſter: der Erfüllung auf. So auch Roſa. Wer konnte dem guten Kinde die Seligkeit des Liebens nehmen. Lieben durfte ſie ja Oskar mit aller Gluth ihres jung⸗ fräulichen Herzens, ungebunden mit voller Seelen⸗ kraft. Sie hoffte, ſie wünſchte bei ihm Anklang ihrer Gefühle zu finden; aber auch für den un⸗ glücklichen Fall, daß dies nicht geſchehen würde, blieb der Gedanke an ihn, eine Quelle der ſüße⸗ ſten Luſt. So ſaß ſie eines Nachmittags in ihrem Stübchen, das Leben Jean Paul's lag vor ihr. Sie hatte jene rührende Tragödie beendet, deren Heldin Marie war, die Tochter der bekannten 238 Lur; der aus Liebe zur Charlotte Corday ſein Daſeyn auf dem Blutgerüſte ausgehaucht, und die einen ſo düſtern Schatten auf das Leben des edlen Dichters geworfen. Voll der tiefſten Bewunderung dieſer großen Seele, dieſer edleren Bethina, legte ſie das Buch nieder. Wie weit fühlte ſie ſich noch hinter jener Reinen zurück, die nur mit dem Tode die Gluth ihres Herzens ſtillen, und von der Ewigkeit die Erfüllung ihrer Lebensbedingung erwarten konnte. Roſa ver⸗ trat ein hartes Schickſal nicht ſo entſchieden den Weg, ſie konnte ja, ſie durfte die Erfüllung ihres höchſten Wunſches hoffen, aber ſie war auch zu natürlich, zu einfach, um ſich im ſchlimm⸗ ſten Falle bis zu der ercentriſchen Idee des Selbſt⸗ mordes zu verirren. So ſaß ſie, vergleichend, nachdenkend auf dem Sopha, als es anklopfte und alsbald ein ſchwarzgekleideter Mann hereintrat. Roſa erhob ſich und ging dem Unbekannten entgegen, der ſich mit ungezwungener Freund⸗ üichteit zu ihr wandte. 239 „Erſtaunen Sie nicht, meine Beſte,“ ſagte er höflich,„wenn ich, Ihnen gänzlich fremd, dennoch eintrete, denn das, was mich zu Ihnen führt, iſt ſicher der Verwunderung mehr werth. Ich bin Rüſterer, deſſen Sie vielleicht als Arzt hier haben erwähnen hören. Meine Pflich⸗ ten verwickelten mich auf eine ſonderbare Weiſe in ein Verhältniß, das auch Sie berührt, und wel⸗ ches ich jetzt im Begriffe bin, Ihnen zu eröffnen.“ „Vorher muß ich erwähnen, daß ich durch lange Lebenserfahrung einzuſehen gelernt habe: daß Wahrheit und Offenheit bei den meiſten Gelegenheiten am ſicherſten zur gegenſeitigen Verſtändigung führen; daher werde ich auch jetzt kurz, wahr und offen ſprechen und bitte Sie, mir auf gleiche Weiſe ſpäter zu antworten.“ „Seit zwei Monaten befindet ſich in dieſer Stadt ein Engländer, reich und unabhängig, törperlich geſund, aber geiſtig an dem Spleen, deutſch geſagt: an der Einbildung leidend. Ich verſuchte Alles, dieſen guten aber unglücklichen 240 Menſchen von ſeiner fixen Idee zu heilen, allein vergeblich; er bleibt auf dem Glauben: der Fluch Gottes verfolge ihn, und wende Alles zu ſeinem Unheile. So lebte er denn in einer Stumpfheit, einem pflanzenähnlichen Zuſtande fort, in welchem ihn Nichts angenehm noch unan⸗ genehm berühren konnte, bis plötzlich Etwas einen tiefen Eindruck auf ihn machte. Dies Etwas iſt allein im Stande den Lord ſich ſelbſt, dem Leben und dem Glücke zurückzuführen, und dies Etwas ſind— Sie.“ „Ich?“ rief Roſa erſtaunt. „Ja Sie!“ wiederholte der Doktor.„Der Engländer ſah ſie öfter auf der Bühne, liebt Sie, und will Sie heirathen.“ Bei dieſen Worten war Roſa erblaßt; nicht des Antrages wegen, ſondern weil ſie nun auf einmal Licht über den geheimnißvollen Wohl⸗ thäter den wunderlichen Mann der Prosceniums⸗ loge hatte und wußte, daß Oskar der ganzen Sache fremd ſey. 241 Rüſterer hielt der jungen Schauſpielerin Verlegenheit für die üblichen Vorläufe eines verſchämten jungfräulichen„Ja!“; wenigſtens für jene unſchuldige Koketterie der Mädchen, und ſagte daher freundlich, ſeine Hand leiſe auf die der ſchönen Nachbarin legend: „Erſchrecken Sie nicht, mein Kind, Lord Caſtelcaunt iſt in den beſten Jahren, geſund, ſehr reich, und was noch mehr iſt, ein guter Menſch.“ „Herr Doktor,“ ſtotterte Roſa, nun wirk⸗ lich verlegen,„Ihr gütiger Antrag ehrt mich; aber da ſie von mir Wahrheit verlangt haben, ſo bin ich Ihnen ſchuldig auch ſolche zu ſagen: Ich habe bereits gewählt.“ Des Arztes Stirne verdüſterte ſich, denn das Schiff ſeiner Hoffnung war auf die aller⸗ gefährlichſte Klippe geſtoßen und ſaß feſt. „Sie lieben einen Andern?— Das iſt mir um ſo unangenehmer,“ fuhr der Mediziner fort, „da ich durch dieſe Verbindung zwei Menſchen . 16 242 gluͤcklich zu machen hoffte. Sie ſind wohl über⸗ zeugt, Fräulein Alberti, daß mich die Wuth, Heirathen zu ſtiften, nicht zu dieſem Schritte geführt hat, ſondern einzig die eben ausgeſprochene Hoffnung. Da ich gewiß bin, daß nicht nur Caſtelcaunt's Gemüthszuſtand dadurch gerettet, ſondern auſſerdem eine Frau, freilich aber auch nur Sie, mit ihm ein, nach den Begriffen unſerer Zeit, behagliches und an— genehmes Leben finden könnte. Haben Sie die Güte und überlegen Sie ſich die Sache noch einmal. Ich bin zwar weit entfernt, Ihnen auch nur den Vorſchlag zu machen, Ihre Liebe, Ihr Glück, gegen Reichthum und behagliches Leben zu tauſchen, indem dies meinen eigenen Grundſätzen ſtraks zuwider liefe; erſuche Sie aber nur, wenn dieſe Liebe Ihnen nicht ein ſicher zu erreichendes Ziel zeigt, meinen Vorſchlag noch einmal zu bedenken. Nicht jetzt!— nicht jetzt, beſtes Mädchen,“ fuhr der Arzt bittend fort, als er ſah, daß Roſa bereit ſey zu 243 antworten.„Ich bin ſo frei und beſuche Sie übermorgen wieder. Rauben Sie mir dieſe Freude nicht durch eine zu ſchnelle Antwort.“ „Aber warum Verzug, Herr Doktor, wenn ich Ihnen ſchon jetzt mit Beſtimmtheit antworten kann. Ihr Beſuch wird auch außerdem ehrend und angenehm für mich ſeyn.“ „Gewähren Sie mir dieſe meine erſte Bitte, mein liebes Kind, und glauben Sie den Worten eines alten Practicus: Was uns heute unſer höchſtes Glück ſcheint, erblaßt oft ſchon morgen, wenn wir es mit dem Lichte der prüfenden Ver⸗ nunft beleuchten. Uebermorgen um dieſe Zeit habe ich alſo das Vergnügen Sie wieder zu ſehen.“ Und mit dieſen Worten ſich verbeugend verließ Rüſterer das Zimmer. Roſa ſah ihm ruhig, faſt lächelnd, nach; ſie zweifelte nicht an ihrer Antwort; nachdem er ihr aber aus dem Geſichte verſchwunden, warf ſie ſich ärgerlich auf das Sopha und wünſchte 16* 244 den Lord, mit allen ſeinen ungebetenen Wohl⸗ thaten, nach ſeinem nebeligen Vaterlande. Erſt gegen Abend kam die Tante mit Jeanette von einem Beſuche zurück. Wer beſchreibt aber ihr Erſtaunen, als Roſa unter Lachen den Antrag Rüſterer's erzählte. Beide waren einer Meinung und unbedingt für die Annahme des Vorſchlages. Sie beſtürmten Roſa mit Bitten, hielten ihr das Unſichere, das Un⸗ wahrſcheinliche einer Verbindung mit Oskar vor, von dem man ja noch gar nicht wiſſe, ob er nur Roſa liebe, und malten ihr die Zukunft, als Mylady, ſo ſchön aus, als ſie es nur ver⸗ mochten. Man trennte ſich ſpät, und Ro ſa ſchlief mit dem Gedanken ein:„Erſt Oskar's Ant⸗ wort!“ 19. Eine Liebeserklärung. „Lieben?— Du mußt mich lieben, ſprach der Brite, Sonſt ſtürz ich mich in jenes Abgrunds Tiefe, Der jäh und furchtbar ſich vor meinem Auge dehnt.“ Byron. Endlich erſchien er, der langerſehnte Brief Oskar's, deſſen wir bereits ſchon früher er⸗ wähnt. Roſa hatte ihn unter heftigem Herzklopfen eröffnet; ſollte er doch faſt für ihr Schickſal entſcheidend werden. Aber wie ſehr erſtaunte, ſchmerzte, ja vernichtete ſie die darin herrſchende kalte Höflichkeit, welche ſo auffallend mit der glühenden und Liebe verrathenden Sprache des erſteren contraſtirte. Leicht hatte das feine, weibliche Gefühl die Urſache dieſer Aenderung entdeckt, und Roſa fühlte jetzt nur zu gut: daß Oskar nicht gleichgültig für ſie ſey; aber auch nichtsdeſtoweniger von jeder zärtlichen Ver⸗ bindung zurücktreten wolle.. Ihr Urtheil war geſprochen. Sie fühlte ſich namenlos unglücklich und machte ſich die bitterſten Vorwürfe, ihrem Herzen ſo nachge⸗ geben, vielleicht ſogar ihre Gefühle gegen den Baron, auf eine oder die andere Weiſe, verrathen zu haben. Froſt ſchüttelte ihre Glieder, Bläſſe deckte ihr Geſicht und dennoch glühte ihr Kopf. Sie ſchwieg, legte den Brief zuſammen und ergriff ihre Lieblingslectüre: Jean Pauls Lebens⸗ geſchichte. Während dies geſchehen, hatte die Tante kein Auge von Roſa gewendet. Wohl ahnte ſie etwas von dem Inhalte des Briefes, doch wagte ſie, da ihr des Mädchens auffallende Bläſſe und anſcheinende Ruhe einen aufgeregten 247 Gemüthszuſtand anzudeuten ſchienen, für den Augenblick keine Frage. Ro ſa hielt das Buch vor die Augen, aber ſie las nicht, ſondern hing ihren Gedanken nach, und faßte endlich den Entſchluß: ihre Gefühle der Außenwelt zu verbergen, im Stillen aber um ſo inniger an dem Lieblinge ihrer Seele zu hangen. Unterdeſſen war der Abend angebrochen und die fünf Uhr Glocke rief Roſa zur Vorſtellung. Man gab den Pariſer Taugenichts. Das Stück hatte längſt begonnen als Caſtel⸗ caunt, tief in den Mantel gehüllt, in ſeine Loge trat. Nachdem er dieſelbe verſchloſſen, legte er den Mantel ab, warf ſich in einen bequemen Seſſel— und entſchlief nach kurzer Zeit. Wenn Ro ſa ſonſt in der Titelrolle alle Welt entzückt hatte, wenn ihr Spiel als Taugenichts durch eine ungemeine Vivaſität, Heiterkeit und Laune bisher ausgezeichnet genannt werden konnte; ſo mangelte ihm heute der gewohnte Schmelz und eine gewiſſe Weichheit, ein Schwanken der 248 Stimme trat an die Stelle, der, dieſer Rolle ſo nöthigen, heiteren Kraft. Demohngeachtet lohnte rauſchender Beifall die jetzt allgemein beliebte Schauſpielerin; ſie trat, vom Sturme des Bravorufens umſaust, freundlich lächelnd von der Bühne. Aber unter jenem Lächeln barg ſich ja ein tiefer, zermalmender Schmerz; und er mußte verſtummen, vertrocknen die Thränen, unter Witzen, tauſendmal geſagt und belacht. So erhebt ſich der Schwan, vom Pfeile des Jägers durchbohrt, aus dem ſtillen See, und bietet die verblutende Bruſt ſingend dem Golde der Abendſonne dar. Abgeſpannt von dem harten Kampfe hatte Roſa ihr Zimmer geſucht. Die Tante war zu Bette gegangen; und ſo fand ſich das Mäd⸗ chen allein. Da ſie trotz aller Müdigkeit keinen Schlaf fühlte, ging ſie an ihre Chatoulle und nahm unter mehreren Papieren jenes Blatt heraus, auf welches Oskar einſt das Gedicht: Es tost der Sturm ꝛc. 249 geſchrieben hatte. Sie las es, und las es wie⸗ der; ſie prüfte ſcharf und kalt die Ausdrücke, und mußte ſich immer wieder geſtehen, daß nur Liebe dieſe Zeilen diktirt haben konnten.„Es iſt gewiß,“ ſagte ſie endlich leiſe,„daß er mich liebt, oder doch in jenen Augenblicken geliebt hat; aber ſeine Verhältniſſe, ſeine Braut!———“ Hier zuckte ein flammendes, bitteres Gefühl durch ihre Seele, es war der Haß. Aber es war auch nur ein Gedanke geweſen, der in dem reinen, edlen Gemüthe dieſes guten Kindes keine Wurzel faſſen konnte. „Nein!—“ ſagte ſie ſanft, vergib mir Unbekannte, er war Dir beſtimmt, und möge Dich glücklich machen. Ich will ja nichts von ihm, nichts als die Erinnerung ſeines lieben, ſüßen Bildes; es ſoll mich tröſtend umſchweben, und ich will es lieben mit allen meinen Seelen⸗ kräften, will Eines ſeyn mit ihm in der Ge⸗ danken Reich, und mein Herz ſoll verbluten ſo ſchmerzlich ſelig verbluten für ihn.“ 250 Sie drückte einen Kuß auf das Blatt, wel⸗ ches ſie noch immer in den Händen hielt, hob es ſorgfältig wieder auf und trat dann an ihr Fenſter. Wenn tiefe Schmerzen unſere Seele foltern, wenn der Sturm des Schickſals der Leidenſchaften wilde Elemente in uns aufgeregt, dann iſt dem armen, zerriſſenen Gemüthe nichts wohlthätiger, als die erhabene Ruhe, welche die Nacht über die Schöpfung breitet. Der Sternenhimmel, der in ſeiner majeſtätiſchen Pracht auf unſere Erden⸗ noth herab lächelt, die Erde, die ſo ſanft und ſtill ſchlummert, ſcheinen uns dann tröſtend zu⸗ zuflüſtern; auch deine Leiden werden bald enden, und Friede und Seligkeit ſie auslöſchen in dei⸗ nem Gedächtniſſe.— Roſa ſtarrte hinaus. Es war Mondlicht. Das ihr gegenüberliegende, nur durch eine ſchmale Straße von ihrem Hauſe getrennte, Theatergebäude hob ſeine dunkeln Säulen und Mauern rieſig aus den weißen Schneemaſſen, und glich einem ungeheuern Grabmahle, das aus grauer Vorzeit herüber⸗ reichend, an den Verfall alles Irdiſchen mahnt. Roſa's Blicke ſchweiften über die unregel⸗ mäßigen Formen und trafen zufällig auch auf ein Fenſter, das nach der Bühne ging. Es war in der ungefähren Höhe von Roſa's Zimmer, und nur ein Weniges tiefer. In demſelben Augenblick aber, als ihr Auge ſich bis zu jenem Fenſter erhoben, glaubte ſie Etwas in demſelben zu bemerken, was ſich hin und her bewegte. Sie ſtrengte ihre Augen an, und gewahrte zu ihrem Entſetzen eine lange menſch⸗ liche Geſtalt auf der Brüſtung des Fenſters ſtehen, mit dem linken Arme den Rahmen um⸗ ſchlingend und ſich ſo in dieſer ſchwindelnden Höhe erhaltend. Ein dumpfer Schrei ent⸗ ſchlüpfte ihr bei dieſem Anblicke, ſie wollte vom Fenſter eilen und vermochte es doch nicht, ihr Fuß ſchien an den Platz gebannt. Ihr Staunen aber ſteigerte ſich bis zum höchſten Grade, als der tollkühne Kletterer, in tiefem 252 Tone und mit etwas fremder Ausſprache, ſie anredete: „Mylady, erſchrecken Sie nicht. Durch Zu⸗ fall in dem Theater eingeſchloſſen, benutzte ich die Muſeſtunden meines Arreſtes, dieſe Höhe zu erklimmen, um Ihnen näher zu ſeyn.“ „Mein Herr,“ entgegnete Roſa, am gan⸗ zen Leibe bebend,„ich verſtehe Sie nicht, und kann nicht begreifen, was ein ehrlicher und vernünftiger Mann in dieſer Stunde und an einem ſolchen Orte will.“ „Was kann die Erde dafür, wenn die Sonne ſie durch gränzenloſe Bahnen reißt, ſie muß ihr folgen durch die Unendlichkeit; ſo bannt mich ein unbegreifliches Etwas an Sie.“ Roſa, die die gegenüberſtehende Geſtalt erſt für einen Nachtwandler gehalten, fürchtete es nun, mit einem Tollen zu thun zu haben. Nur die Furcht, der Unglückliche möchte ſtürzen, hielt ſie ab, das Fenſter zu verlaſſen; ſie ſah ſich bange nach Hülfe um, aber die Straßen waren 253 leer, denn Mitternacht war vorüber. Roſa's Angſt ſtieg immer höher; das geringſte Aus⸗ gleiten konnte den Fremden in die Tiefe ſtürzen, da faßte ſie ſich auf's Neue und ſagte bittend: „Guter Mann, es iſt ſchon ſpät und kalt, wenn Ihr ohne Todesgefahr niederſteigen könnt, ſo flehe ich Euch an, thut es; oder laßt mich Lärm machen, daß man Euch rette.“ „Mylady, Sie verkennen mich. Ich befinde mich hier ſo gut als auf flachem Boden. Auch ſchreckt der Tod mich nicht, denn mir iſt doch nur die Wahl zwiſchen ihm und Ihnen gelaſſen. Ich liehe Siei Mein Herr „Der Doktor wird es Ihnen bereits geſagt haben.“ „Mein Gott, ſo wären Sie...“ „Caſtelcaunt.“ „Wie? Sie der edle Lord, der ſich ſo freund⸗ ſchaftlich für mich verwendet hat? O mein Gott! wohin haben Sie ſich gewagt, wie leicht 254 können Sie ausgleiten und ſtürzen, laſſen Sie mich nach Hülfe rufen.“ „Bei dem erſten Schrei aus Ihrem ſchönen Munde ziehe ich meinen Arm von der Brüſtung zurück.“ „Aber was bezwecken Sie mit dieſem toll⸗ kühnen Stande?“ „Ich wollte dem Raume näher ſeyn, der Sie umſchließt. Da das Schickſal Sie aber nun an's Fenſter führte, ſo iſt mir dies ein Wink, daß hier meine Zukunft entſchieden werden ſoll. — Wollen Sie mein Weib werden?“ „Edler Lord, ich beſchwöre Sie, ſteigen Sie herab; Sie martern, Sie tödten mich durch die Angſt, die ich aushalte.“ „Wollen Sie mein Weib werden?“ „Mylord, wie kann ich Ihnen hier, am Fenſter, über die Straße, in dieſer Aufregung antworten, Doktor Rüſterer wird Ihnen ſchon morgen meine Antwort überbringen.“ „Dies Weigern, ſich auszuſprechen, iſt ſo 255 viel als ein„Nein“; denn das„Ja“ würden Sie leicht ſagen können. Aber glauben Sie nicht, daß ich ſpaße, oder auch Sie zwingen will. Mir iſt das Leben ſchon lange ekel und fahl, durch Sie allein hat es Reiz für mich; kann ich Sie nun nicht beſitzen, ſo werde ich auf keinen Fall in den alten unglücklichen Zu⸗ ſtand zurückkehren, ſondern demſelben nunmehr gewaltſam ein Ende machen. Und da ſich hier gerade eine ſo bequeme Gelegenheit dazu bietet, ſo will ich ſie benutzen.“ Dies ſagend, lies er die Hand los. Er ſtand frei auf der ſchmalen Brüſtung des derig Fuß hohen Fenſters. Roſſa war der Athem ausgegangen, ihre Lungen bewegten ſich krampfhaft, Angſtſchweiß deckte die Stirne, die Umgebung zerfloß vor ihren Augen in bunte, brennende Farben, ſie ver⸗ mochte kein Wort hervorzubringen. „Wollen Sie mein Weib werden?“ wieder⸗ holte Caſtelcaunt. 256 Ro ſa wußte nicht mehr was ſie that; ſie liſpelte ein leiſes, durch Verzweiflung ausge⸗ preßtes„Ja“. Aber das Unglück wollte, daß gerade in demſelben Augenblicke Rüſterer mit einem Diener, den Lord ſuchend, an der Stelle anlangten, an welcher dieſe ſonderbare Unter⸗ haltung gepflogen wurde. Der Doktor hatte die letzten Worte noch gehört, und rief in Todes⸗ angſt dem Engländer gebieteriſch zu; ſich ſtille zu halten, und nicht vom Platze zu regen, darüber hörte Caſtelcaunt Roſa's„Ja“ nicht mehr, beugte ſich vor und ſtürzte auf die Straße. Ein dreifacher Schrei tönte durch die Luft. Roſa hatte, ſchon halb beſinnungslos, das Fallen eines dunkeln Körpers geſehen, da ſchwan⸗ den ihre Sinne völlig und ſie ſank ohnmächtig auf den Boden. — 20. Die Trennung. „Ich will ſie meiden, die mein Treiben ſchelten, Mir ſelbſt genug, will ich dies Volk vergeſſen; Fahr' hin, o Welt!— im Herzen trag ich Welten. Freiligrath. Oskar hatte Darmſtadt nicht ſo bald er⸗ reicht, als er zu ſeinem Vater eilte, demſelben Aufſchluß über ſein Benehmen auf Sturmau zu geben. Hier aber traf er auf härtere Kämpfe als er gedacht, denn der alte Baron hatte bereits einen Brief von von der Rode erhalten, in welchem ſich der Oberſt nicht nur bitter über Oskar's ſchnelle Abreiſe beſchwerte, ſondern die Ehre ſeines Namens durch des Bräutigams L 17 258 Zurücktritt gekränkt fand, und auf Genugthuung oder Angabe der Gründe, welche dieſe Wei⸗ gerung hervorgerufen, drang. Oskar ſuchte ſeinen Vater einigermaßen zu beruhigen, erzählte ihm: daß Gabriele fromm, ja Pietiſtin ſey, und er ſie ſchon darum, wenn er nicht ſie und ſich unglücklich machen ſollte, nicht ehlichen könne. Als aber der alte Herr bemerkte, dies allein würde keinen triftigen Grund abgeben, ſeine nächtliche, allen Anſtand, alle Hochachtung verletzende Flucht zu entſchul⸗ digen, und auf Angabe der geheimnißvollen Triebfedern jenes Ereigniſſes beſtand, ſah der Sohn ſich genöthigt, des Schwures gedenkend, auf ſeinem Stillſchweigen zu beharren, worüber dann der Vater in Feuer und Flammen gerieth. Der Charakter des alten Hohenſtein war ein eigenes Gemiſch von Tugenden und Fehlern. Grundehrlich, nur das Rechte wol⸗ lend, mußte er gar manchesmal mit der ihn umgebenden Welt in Colliſion gerathen. Empört 259 von deren Ungerechtigkeiten, gab er ſich alsdann ſeinem hitzigen Temperamente ganz hin und verfocht, oft mit Hintanſetzung der Klugheit; das gekränkte Recht ritterlich; wie denn aber leider meiſtens nur der ſein Glück macht, welcher ſich in die Umſtände zu finden, ſelbſt manchmal zur rechten Stunde ein Auge zuzudrücken und zu ſchweigen verſteht, ſo wollte es mit dem Baron in der diplomatiſchen Sphäre, der er ſich, des Friedens und ſeines nicht ſehr bedeutenden Vermögens wegen, nach Napoleons Sturze ge⸗ widmet hatte, nicht beſonders glücken. Man bürdete ihm einen iſolirten Poſten auf, für den man gerade einen zuverläſſigen und fleißigen Mann bedurfte, und ſo färbten ſich allmählig, unter Arbeiten ohne Ende, die Haare, ohne daß der Baron ſeine Treue durch eine Beförderung belohnt geſehen hätte. Freilich trug dazu auch eine andere, weniger rühmliche, Seite ſeines Charakters viel bei. Er bedachte nämlich nie die Möglichkeit, daß auch er ſich irren könne, 260 und war daher, weder durch Vorſtellungen noch Vernunftgründe, von einer einmal vorgefaßten Meinung abzubringen. Dieſer Fehler hatte noch die übeln Folgen, daß ſolche verkehrte Anſichten durch ſein zurückgezogenes, der Welt entfremde⸗ tes Weſen ſehr häufig hervorgerufen wurden, und ihn der ewige Widerſpruch, den er dann als die eingeroſtete Verderbtheit anſah, nur immer mehr zum Eigenſinn reizte. Oskar hatte durch dieſe Eigenheit des, ſonſt liebevollen, Vaters, in früheren Zeiten viel im älterlichen Hauſe leiden müſſen, und ſtieß nun, wie er längſt befürchtet, auf den alten Stein des Anſtoßes. Er mochte den Vater noch ſo ſehr verſichern: daß er mit Gabrielen nicht guclch werden könne; daß Gründe, deren Er⸗ veblichtelt er auf ſein Ehrenwort verbürge, da ſeyen, die jede Verbindung mit ihr unmöglich machten, und er nur, eines Eides wegen, dieſe Gründe nicht angeben dürfe; alles dies war umſonſt. Der Alte tobte und ſchrie, und kam 261 nach jedem Einwenden des Sohnes, ohne ihn widerlegt zu haben, auf ſeinen Willen zurück: Oskar ſolle ſofort ſchriftlich den Grafen um Vergebung wegen ſeiner Uebereilung bitten und um Gabriele förmlich anhalten. Daß Oskar dies nicht thun konnte und wollte, war natürlich. Als daher der alte Ho⸗ henſtein ſeine väterliche Autorität, auf welche er ſtets eine außerordentliche Kraft legte, mit allzugroßer Heftigkeit zu behaupten anfing, fühlte auch Oskar ſeine Manneskraft und Würde, und trat demſelben feſt und entſchieden entgegen. Jetzt glaubte der Alte auch allen kindlichen Re⸗ ſpekt verletzt, und man trennte ſich nach langem Streite in der heftigſten Gemüthsbewegung. Vernünftigerweiſe hatte Oskar bis jetzt bei dem, ohnehin erzürnten, Vater nichts von ſeiner Liebe zu Roſa Alberti geäußert. In⸗ deſſen ſah er ein, daß jetzt der Augenblick ge⸗ kommen ſey, der über ſeine Zukunft entſcheiden müſſe; er nahm ſich daher vor, noch einmal 262 ruhig und gelaſſen, mit aller kindlichen Achtung und Offenheit, dem Vater ſein Herz zu ent⸗ decken, und ihm ſeine Einwilligung zu jener Verbindung wo möglich zu entreißen, jeden⸗ falls zu erfahren woran er ſey. Für beide Fälle war ſein Entſchluß gefaßt. Oskar benutzte den beſtmöglichſten Angen⸗ blick für ſeinen Herzenserguß, den Moment nämlich, in welchem der Alte hinter einer friſchen Gänſeleberpaſtete, ſeiner Lieblingsſpeiſe, ſaß. Diesmal ſchwieg er, da ſeine Kinnladen eine andere, ſehr würdige, Beſchäftigung hatten, und hörte mit ziemlicher Ruhe Oskar's Auseinan⸗ derſetzungen und Geſtändniß an. Als aber Sohn und Vater mit ihren Unternehmen zu Ende waren, wiſchte ſich der Alte behaglich den Mund und ſagte mit einer ſonſt bei ihm ganz ungewöhn⸗ lichen Ruhe: „Herr Sohn ſind ein Narr!— Was ich geſagt, geſchieht, und Du heiratheſt Gabriele, oder entfernſt Dich auf ewig 263 aus meinen Augen. Die Dummheit mit der Komödiantin verdient gar keine Ant⸗ wort“ und hiermit verließ er das Zimmer. Oskar hatte genug gehört, und kannte ſeinen Vater zu gut, um jetzt noch einen Ver⸗ ſuch zur Erzielung ſeiner Wünſche zu machen. Er ging daher auf ſein Zimmer, wo für dieſen Fall die Koffer noch gepackt ſtanden, ſchrieb dem Vater: daß, da er ihn, ſeinen Sohn, gänzlich verkenne, und ſein Glück mit Füßen trete, er dem geäußerten Wunſche nachzukommen ſich beeile, und bei fremden Menſchen eine liebe⸗ vollere Aufnahme ſuchen wolle. Oskar verließ ſofort Mannheim. 21. Die Reconvalescentin. „Ich fürchte nicht die Schrecken der Natur, Wenn ich des Herzens wilde Qualen zähme.“ Schiller. Zwei Monate waren ſeit jener Unglücks⸗ nacht verſtrichen, in welcher ſich Lord Caſtel⸗ caunt vor Roſa's Augen aus ſchwindelnder Höhe herabgeſtürzt, und bei dieſem Falle ein Bein verletzt und einen Arm gebrochen hatte. Zwei Monate hatten ihn an ein ſchmerzliches Krankenlager gebunden, während ſeine Geliebte, in Folge des Schreckens, von einem hitzigen Fieber überraſcht, die gleiche Zeit leidend zuge⸗ bracht. Jetzt allmählig wehten mildere Lüfte 265 über die Erde und riefen Tauſende von erſtarr⸗ ten Keimen in's Leben zurück. Die Sonne ſandte ihre Strahlen ſchon ſenk⸗ rechter und wärmer hernieder, die Herzen aller Weſen ſchlugen froher und leichter, die Vögelein zwitſcherten von den knoſpenden Bäumen, und der Frühling kündete ſich allmählig durch die erſten grünen Sproſſen der Gräſer an. Auch auf die Patientin übte dieſes Er⸗ wachen der Natur einen mächtigen Einfluß; ſie fühlte die Kräfte allmählig zurückkehren, und ſog mit tiefen Zügen die erquickende Frühlings⸗ luft gierig ein. So ſaß eines Nachmittags Roſa in der Laube des Gärtchens, welches an ihr Haus ſtieß, und wärmte die matten Glieder in den freundlichen Sonnenſtrahlen. Ihr Köpfchen hing gleich einer welken Blume auf die Schulter; ihre Wangen waren blaß, und die ſonſt ſo munter blickenden Augen hatten ihr Feuer verloren und ſchauten nun gleichgültig und trübe auf die 47 266 Vögelchen, welchen ihre welke Hand Broſamen geſtreut und die ſie umhüpfend, mit den ſchwarzen Aeugelchen zum Frohſinn aufzufordern ſchienen. Jeanette ſtand zu ihrer Seite und be⸗ obachtete, auf die Rückwand des Seſſels gelehnt, mit Aengſtlichkeit die Züge ihrer Freundin, die in der letzten Zeit ſo viel Trübes erfahren, ſo viele Körper- und Geiſtesſchmerzen erduldet hatte. Denn wenn jene ſchreckliche Nacht ein heftiges Fieber in ihr hervorgerufen, ſo hatte der bald darauf erfolgte unerwartete Tod ihrer Tante daſſelbe zu einer lebensgefährlichen Höhe geſtei⸗ gert; und ſelbſt jetzt, bei dem allmähligen Ver⸗ ſchwinden der Krankheit, ſchien ein ſtiller Kummer ihre Beſſerung zu verzögern; und da Jeanette die Urſache deſſelben wohl ahnte, aber nicht heben konnte, indem ihn Roſa nicht im entfern⸗ teſten verrieth, ſo entging ihr auch ſelbſt der kleine Troſt freundſchaftlicher Theilnahme und des Mitleidens. Ach! während die Auſſenwelt, in neuem 267 Leben und tauſend Farben erblühend, ſich fröh⸗ lich ſchmuͤckte, war ja der Frühling und die Luſt ihres Herzens erſtorben, und mitten im Jubel der Schöpfung ſtand ſie einſam— hoffnungslos liebend— da. Erſt als Jeanette ſie auf kurze Zeit ver⸗ laſſen, zog Roſa einen Brief aus dem Buſen, welchen ſie vor einigen Wochen empfangen und der von Oskar kam. Mit trübem Lächeln, mit fieberiſch ſich röthender Wange, las ſie den oft Geleſenen, deſſen Inhalt hier folgt: Liebenswürdige Freundin! Als ich in jenen glücklichen Tagen, die ich in Ihrer Nähe zugebracht, bei Ihnen eine ſo aufrichtige als herzliche Theilnahme an meinem Schickſal fand, gab ich Ihnen das Verſprechen, Sie auch in der Folge wiſſen zu laſſen, wie es ſich für mich geſtalten würde. Ich erfülle jetzt dieſe Zuſage, obſchon nicht mit frohem Herzen. Sie hatten, und dies konnte 268 Ihnen auch nicht entgangen ſeyn, einen tiefen Eindruck auf mich gemacht; einen Eindruck welchen ſelbſt das Gebot der Pflicht und Ver⸗ nunft nicht ganz zu tilgen vermochten, ſo daß mich mein zweiter Brief an Sie, ich geſtehe es offen, in etwas geſuchter Zurückhaltung abgefaßt, einen harten Kampf koſtete. Aber ich hatte ja mein Wort gegeben, die junge Gräfin von der Kode zu ſehen, und wenn ihr Charakter nicht ganz dem meinen widerſtreite, zu ehlichen. Mußte ich daher nicht jedem heftigeren Grfühle, das mir von Ihrer Seelengüte, Ihrer Einfach⸗ heit und atürlichteit ſprach, Schweigen aufer⸗ legen, um nicht, wenigſtens möglicherweiſ, Pre Ruhe zu ſtören? Ich erreichte ſchwankenden Sinnes Surnu; ſah Gabriele, fand ſie liebenswürdig, aber auch bis zum Wahnſinn überſpannt und ganzlich den Ertravaganzen des Pietismus bingegeben Ich mußte abbrechen und that es gewalt⸗ ſam. Ein voreilig geleiſteter Eid band mir über 269 gewiſſe Dinge, die mein Betragen gerechtfertigt hätten, den Mund; ſo abet ſtand ich, ſchwei⸗ gend, in einem zweideutigen Lichte da, ſo daß mein Vater, wie der Graf, aufs Höchſte über meine Weigerung erzürnt, ſich von mir wandten. Ich verzweifelte nicht. Nicht ganz mit Un⸗ willen hatte ich die Gelegenheit ergriffen, mich einer Verbindung mit Gabrielen entziehen zu tönnen obgleich ich um ihretwillen eine an⸗ dere Veranlaſſung dazu gewünſcht. Nun war meine Wahl frei; oder vielmehr durfte ich 9et doch frei meine Wahl nennen, und dieſe waren Sie. Sie lächlen vielleicht über meine Entſchiedenheit, da ich noch nicht wiſſen konnte, ob Sie meine Gefiht theilten; aber vergeben Sie meiner Liebe dieſen Eigendünkel: ich ſchmei⸗ chelte mir, durch rebliche Bewerbung und mein offenes Herz, Sie für mich zu gewinnen. Ein⸗ ſehend aber, daß nur eine glůckliche Verbindung mtit Ihnen, beſte Roſ a, dann Statt finden könne, wenn ſie mit dem Willen meines Vaters, 270 — von welchem außerdem meine ganze Zukunft abhängt— geſchloſſen würde, trat ich erſt mit der Bitte um Zuſtimmung vor denſelben, ehe ich weitere Schritte bei Ihnen zu thun wagte. Mein Vater verwarf meine Bitte.— Laſſen Sie mich über das warum ſchweigen; ich möchte nicht gerne für den erröthen, dem ich in mancher Beziehung ſo vielen Dank ſchuldig bin. Wir trennten uns im Zwieſpalt, und ich werde ihn und Sie nur dann wieder ſehen, wenn ich mir durch eigene Kraft eine feſte Eri⸗ ſtenz errungen habe, und meine Verdienſte ſich nicht mehr allein auf das Wörtchen„von“ und einiges Vermögen beſchränken, das zu erlangen, noch dazu von der Gnade Anderer abhängt.— Da ich indeſſen nicht weiß, ob ich je dieſes Ziel zu erreichen im Stande bin, ſo bitte ich Sie, ſich meiner nur freundlich zu erinnern und keine weitere Notiz von mir zu nehmen. Sie empfangen von nun an keine Briefe mehr von mir; aber in meiner Bruſt ſoll die Hoffnung 271 nicht erſterben, Sie einſt wieder zu ſehen und dann werde ich— finde ich Sie noch frei und mir geneigt— als Mann von Ehre und Ver⸗ dienſt um den Beſitz Ihrer lieben Hand werben. So leben Sie wohl, liebes Mädchen, und denken Sie zuweilen eines Mannes, deſſen ganzes Erdenglück auf Ihrem Wohlwollen beruht. Oskar Hohenſtein. Abſendeort und Datum waren nicht angegeben, auch kein Poſtſtempel verrieth Beide. Lange hatte Roſa die Zeilen zu Ende ge⸗ leſen, als noch immer das feuchte Auge der Jungfrau auf dem Blatte ruhte. Sie blickte ſo ſanft lächelnd, ſo ſinnend, ſo ſehnſuchtsvoll her⸗ nieder, und ein ſolch wunderſamer Zauber umfloß ſie, daß Jeanette, die unbemerkt zurückgekom⸗ men, in wehmüthigem Entzücken ſtehen geblieben war, und ſie ſchweigend, mit gefalteten Händen, faſt anbetend bewunderte. 272 Du liebſt nich, edler Menſch,“ lis⸗ vell Roſa, ſich unbeachtet glaubend,„liebſt mich ſo männlich edel, wie ich Dich weiblich tief liebe. Erringe Dein Ziel, ein tüchtiger Mann zu werden, auch ich will, gibt mir der liebe Gott meine Geſundheit wieder, nicht ermüden mich zu veredeln, um Dir immer würdiger zu werden.“ Sie ſchwieg einige Minuten, dann fuhr ſie räumeriſch fort: 5 „Und ſehen wir uns hier nicht wieder, zun uns auf dieſer Welt das unendliche Glück des gegenſeitigen Beſitzes unſerer nicht, ſo reicht die Liebe ja auch über den Hügel des Grabes, und darf auch auf Erden uns mit der reinſten Seligkeit erfüllen, und unſer Inneres in heilig reiner Gluth läutern von den Schlacken unſerer Schwüchen. In der Liebe ſelbſt, und nicht im Beſitze des theuren Gegenſtandes liegt der Liebe wahres Glückt“ „Du Engel!“ rief bei dieſen Worten 273 Jeanette, von ihren Gefühlen überwältigt und ſank der Kranken weinend zu Füßen. Eeine Pauſe entſtand. „So haſt Du mich belauſcht?“ begann en lich Roſa ſanft, doch ohne Vorwurf, zu fragen. „Villenlos!“ entgegnete verſichernd die ältere Dame.„Aber was ich hörte, habe ich ja ſchon lange geahnt. O liebe, liebe nur, und Gott wird ſie ſegnen dieſe Himmelsflamme!“ Er wird es. Und auch ihn, der ſo gut, ſo edel iſt. Aber laß uns hinein gehen und von etwas Anderem reden, denn ich fühle, daß mich dies Geſpräch angegriffen hat.“ Aufder Freundin Arm geſtützt, erreichte Roſa ihr Zimmer und legte ſich ſofort auf das Sopha. Liebe Jeanette ende die Geſchichte die Du angefangen,“ bat ſie darauf,„es wird mich ein wenig zerſtreuen,“ und die Angeredete ergrif das neueſte Zeitungsblatt und las der Ruhenden die freundliche Erzählung zu Ende. Roſa ſchien aufmerkſam zu horchen; aber ihre . 18 Gedanken ſchweiften in den weiten Sphären einer erhitzten Phantaſie. Nach vollendeter Lec⸗ türe flog Jeanette die politiſchen Blätter flüchtig durch, bis ſie zu den Anzeigen gekommen war, die ſie mehr intereſſirten. Es war, wie gewöhnlich, ein buntes Gemiſch: Lotterie⸗Zie⸗ hung in Darmſtadt, Kaſſel und Braunſchweig. Edictalladung, die Erben eines ſeit 1805 ver⸗ mißten Menſchen betreffend. Frankfurter Brat⸗ würſte. Katun⸗Ausverkauf. Todes⸗Anzeige. Weinverſteigerung.— Plötzlich ſtieß Jeanette ein leichtes„Ha!“ aus, ſo daß Roſa, aus ihren Gedanken aufgeſchreckt, ſie erſtaunt anſah undfrug: „Nun was gibt es? Was hat Dich ſo erſchreckt?“ „O Nichts!“ entgegnete Jene etwas ver⸗ legen,„es war nur ein Name der mir auffiel, und damit las ſie ſchweigend weiter. Roſa betrachtete die Freundin aufmerkſam und ſchwieg ebenfalls. Als aber Jeanette gegen Abend die Reconvalescentin verlaſſen, um zur Bühne zu gehen, ſchlich ſie nach dem Tiſche, auf welchem noch immer das Zeitungsblatt lag, nahm es und lief aufmerkſam die letzten Seiten durch. Da erblaßte ſie, denn ſie fand folgende Anzeige: Man ſuchtfür das kinderloſe Haus des Herrn Baron von Hohenſtein in Darmſtadt ein junges, redliches Mäd⸗ chen als Haushälterin. Offerten wer⸗ den frankirt erbeten. „Kinderlos!“ rief ſie ſchmerzlich aus,„kin⸗ der- und vaterlos durch mich!— O dies un⸗ glückſelige Verhältniß bringt uns keinen Segen. Aber was hilft weinen, ſeufzen und beten; laß mich denken, ob ſich kein Mittel finden laſſe, den Sohn zurückzuführen in die Arme des aus⸗ geſöhnten Vaters.— Laß mich das Opfer ſeyn, guter Gott, aber gieße deinen Segen und Frie⸗ den über Oskar aus.“ So betend ſank ſie erſchöpft nieder. 18 22. Pas Teſtament. „Bald ſind's eitanſe Jahre, als Jeſus einſt die Laſt des Kreuzes trug, Und raſten wollt' vor Ahasverus Haus; Da ſtieß er den Mittler trotzig von der Thür, Und Jeſus ſchwankt und ſank mit ſeiner Laſt, Doch er verſtummt. Ein Todesengel aber trat im Grimme Vor Ahasverus hin und ſprach: Die Ruhe haſt Du dem Menſchenſohn verſagt, Auch Dir ſey ſie, Unmenſchlicher, genommen, Bis daß er kommt. Ein ſchwarzer Höllendämon Geißel nun Dich, Ahasver, von Land zu Land; Des Sterbens füßer Troſt, der Grabesruhe Troſt Sey ewig Dir verſagt!“— Lord Caſt elcaunt hatte in der letzten Zeit reichlich Gelegenheit gehabt, ſeine Geduld und ſeinen Stvizismus zu üben. Der linke Arm war zweimal gebrochen, und zwar am Schlüſſelbein 277 und zwiſchen dem Ellenbogen und dem Hand⸗ gelenke, auch hatte er an der letzten Stelle ge⸗ ſplittert, und war daher um ſo ſchwerer und nur mit großen Schuterzen zu heilen. Die Verletzung am linken Beine war nicht ſo be⸗ deutend und heilte noch eher, als die Beſchä⸗ digungen des Hinterkopfes. So hatte der Sturz von jener nicht unbeträchtlichen Höhe ſeinen Zweck gänzlich verfehlt, und dem Lord, ſtatt die gehoffte Erlöſung von einem ihm unerträg⸗ lichen Leben zu gewähren, nur neue Leiden gebracht. Rüſterer hatte in früheren Tagen den Gleichmuth und die Ruhe des Engländers man⸗ chesmal für Affektation gehalten, jetzt aber mußte er geſtehen: daß er dem Sohne Britanniens Unrecht gethan, und oft ſtand er mit Verwun⸗ derung neben dem Chirurgus, wenn dieſer die Verbande erneuerte, ohne daß nur ein Laut der Klage, nur ein Zucken der Geſichtsmuskeln den Schmerz des Patienten verrieth. Die größte 278 Achtung aber hatte der Doktor bei Gelegenheit der Einrichtung des Armes für Caſtelcaunt geſchöpft; denn hier ſah er, was der feſte, un⸗ erſchütterliche Wille für eine faſt übernatürliche Kraft auszuüben vermag. Dieſe Erfahrungen knüpften den Arzt noch feſter an ſeinen Patienten, und nur mit tiefem Leidweſen bemerkte er daher, wie ſeit jener Unglücksnacht der Trübſinn des Lords zugenom⸗ men und die fire Idee: es laſte Gottes Fluch auf ihm und allen ſeinen Unternehmungen, und ſelbſt der Tod ſey ihm nicht gegönnt, ſich nur beſtärkt hatte. Die Hoffnung, ihn durch eine Liebesintri⸗ gue zu zerſtreuen und durch eine Verbindung mit einem lebensfrohen und liebenswürdigen Weibe zu kuriren, war verſchwunden. Roſa liebte einen Andern, ihr Leben ſchwebte ebenfalls in Gefahr, und außerdem gedachte ihrer der Lord ſelbſt mit keiner Sylbe mehr, wie er denn überhaupt nur ſehr ſelten und wenig ſprach. 279 Der ehrliche Rüſterer quälte ſich mit Projekten ab, ſeinen Gemüthskranken zu heilen, aber vergebens waren alle ſeine Bemühungen, keines hielt, bei einer ernſten Prüfung, Stand, keines ſchien ausführbar. Ebenſowenig fruchtete vernünftiges Zure⸗ den, welches im Gegentheile, wie Rüſterer's Scharfblick nicht entgangen, nur dazu beitrug, den Patienten von dem Arzte zu entfernen. So hatte er ihm öfter geſagt: daß lediglich Reich⸗ thum die Quelle ſeiner eingebildeten Leiden ſey, und daß er, würde er ſich deſſelben mit Feſtig⸗ keit, wenn auch nur auf ein oder zwei Jahre, entäußern und mit Wenigem fürlieb nehmend, tüchtig arbeiten, zum Beiſpiele ein Handwerk, wie das des Schreiners, erlernen, ſo könne er mit Sicherheit nicht nur auf gänzliche Geneſung rechnen, ſondern würde auch noch den Vortheil haben, daß er das Leben wieder lieb gewönne und Luſt und Zufriedenheit in ſein Inneres zurückkehre. 280 Auf ſolche Vorſtellungen hörte Caſtel⸗ caunt nicht, gab keine Antwort und zeigte nur durch ſeine finſtern Mienen den Unwillen, den ſie ihm erregten. Rüſterer hatte daher längſt. auch dieſe Hoffnung aufgegeben und wiederholt eingeſ en: daß er durchaus auf die fire Idee des Franken eingehen müſſe, wenn er einigen Einfluß auf ihn üben wolle. Schon lange war ihm der Gedanke won. men, daß eine Fußreiſe für den Zuſtand des Lords, wenn er erſt wieder hergeſtellt, ſehr zu⸗ träglich ſeyn könne; aber dieſer Vorſchlag mußte, auf eine barokke Weiſe gemacht, in das ercen⸗ niſche Weſen des Briten eingreifen, wenn er bei demſelben Anklang finden ſollte. Nach langem Sinnen glaubte er eine ſolche Art gefunden zu haben. Er beſuchte ſeinen kranken Freund häufig und blieb, ſo viel es ſein Geſchäft erlaubte, bei demſelben, ihn durch Geſpräche oder durch Vor⸗ leſen erheiternd. So brachte er eines Abends — 281 dem Freunde ein kleines Buch mit. Es war die Geſchichte des Ahasverus, von einem genialen Kopfe als Heldengedicht bearbeitet. Nachdem ſich Rüſterer im Lobe des Buches erſchöpft, bemerkte er im Vorbeigehen, daß er glaube, dies Buch werde ſeinen Freund um ſo mehr intereſſiren, als das Schickſal jenes un⸗ glücklichen Mannes mit dem des Lords ſo manche Aehnlichkeit habe, indem Beide der Fluch Gottes verfolge. Caſt elcaunt hatte nicht ſo bald dieſe Raiſonnements des Arztes gehört, als er mit ungewöhnlichem Ungeſtümme nach ven Buche begehrte und Rüſterer, der ſich dies nicht zweimal ſagen ließ, fing alſobald die Lec⸗ türe an. Bald kannte der Engliger kein rößeres Vergnügen mehr, als in dem erwähn⸗ ten Buche zu leſen, und obgleich er es ſchnell beendet, fing er ſtets von Neuem wieder an. — Ja es ſchien als ob der Gedanke, einen Mit⸗ leidenden zu haben, ihn einigermaßen erheitere. So ſah denn der Doktor mit Sehnſucht der ————— 282 völligen Geneſung ſeines Patienten entgegen, um ſeinen Plan: eine Einbildung durch die andere zu vertreiben, völlig in's Werk zu ſetzen; indem er die Idee des Ahasverus ſo lebhaft in Caſtelcaunt zu erregen ſuchte, daß dieſer ſich bald mit dem Helden des Buches identiſch wähnte. Er ſah mit Freuden das Ge⸗ lingen ſchon vor Augen, als eine neue Begebenheit alle Hoffnung zu zertrümmern drohte, da ſie den Lord in den alten, ſtumpfen Trübſinn zurückwarf. Eines Morgens ging nämlich Rüſterer „ gewöhnlich Roſa Alberti zu beſuchen. Als er in ihre Wohnung trat, fand er die Eigen⸗ thümer des Hauſes und Jeanette in der größten Frweiſung. Letztere namentlich war leichenblaß und ſchien völlig den Kopf verloren zu haben. Der Arzt fuhr entſetzt zuſammen, denn ſein erſter Gedanke war: Sie iſt todt. Er 4 frägt haſtig was geſchehen, und erfährt: daß Ro ſa ſpurlos verſchwunden ſey. Nichts ſcheint in ihrer Haushaltung zuRhlen kein Billet gibt 283 näheren Aufſchluß; Niemand ſah ſie gehen; Niemand weiß Rath. Mit unendlicher Mühe gelingt es endlich dem Doktor die aufgeregten Gemüther, die ſich in allen möglichen Vermu⸗ thungen erſchöpfen, zu beruhigen; und ſie ver⸗ ſprachen ihm, die Sache bis zum Abend zu verſchweigen, während welcher Zeit er ſelbſt Alles aufbieten will, eine Spur von der Ver⸗ lorenen aufzufinden. Er hört und ſieht von Roſa nichts. Der Abend kommt, der Morgen und wieder ein Abend, und Roſa kehrt nicht zurück. Es verſtrichen Wochen und das Dunkel wird nicht gelichtet. Roſa Alberti iſt ver⸗ ſchwunden; wahrſcheinlich hat ſie ihrem ſtillen Kummer in den Wellen des nahen Fluſſes ein Ende gemacht, was um ſo wahrſcheinlicher er⸗ ſcheint, als Jeanette verſichert: daß die Ge⸗ ſchichte der Maria, welche Jean Paul ſo heiß geliebt, und ſich aus Liebe zu ihm in die Fluthen geſtürzt, namentlich in der letztern Zeit ihr Lieb⸗ lingsſtudium geweſen ſey. 284 Schon am erſten Tage beſchäftigte dies Ereigniß die ganze Stadt. Rüſterer, der trotz ſeiner großen Praris ſich noch ein fühlendes Herz bewährt hatte, konnte den Verluſt Roſa's, die er lieb gewonnen und achten gelernt, kaum verſchmerzen. Der Mann, der mit ruhiger Miene ſo Tauſende hatte ſterben ſehen, weinte helle Thränen, wenn er von Roſa ſprach. Aber ihm lag noch eine andere Pflicht, als die der Trauer ob: Caſtelcaunt durfte von dem Verſchwinden dieſes Mäbchens nichts erfahren, ſollte nicht ſeine Rettung gefährdet werden. Aber das Schickſal wollte es anders. Rüſterer hatte Jedem, der mit dem Lord in Berührung kam, ſtreng anempfohlen: weder den Namen Roſa Alberti, noch ein Wort von ihrem Schickſale zu erwähnen. Da wurde der Barbier, welcher den Engländer gewöhnlich bediente, plötzlich verabſchiedet; ein anderer kommt, und das Gebot nicht kennend, hat ſeine geſchwätzige Zunge das Geheimniß bald verrathen. 285 Caſtelcaunt ſteht wie vernichtet. Mit Schrecken hört der Doktor aus dem Munde ſeines Patienten Vorwürfe über ſein treuloſes Verſchweigen; mit Wehmuth ſieht er den Kranken in einen fürchterlichen Zuſtand von Trübſinn verfallen, in welchem er kaum ein Wort mehr ſpricht. So verſtrichen drei Wochen, in welchen Caſtelcaunt dicke Briefe nach Eng⸗ land ſchreibt und dickere zurückerhält. Der men⸗ ſchenfreundliche Rüſterer hatte bisher mit unermüdlichem Fleiße an der Rettung des Briten gearbeitet, und keine Mühe geſpart, ihn zu erheitern, zur Vernunft zu lenken; ja was mehr heißen will, ſo manche Laune des Kranken er⸗ tragen, ſo manche Kränkung ruhig verſchluckt; jetzt aber, da er ſelbſt keine Antwort, oder doch nur kurze von dem Freunde erhalten konnte, riß ihm die Geduld, und er behandelte den Undankbaren förm cher und mit mehr Gleich⸗ gültigkeit. Plötz empfing er zu ungewöhn⸗ licher Abendſtunde eine Einladung nach dem leriethee * 286 Gaſthofe, welchen Caſtelcaunt noch immer bewohnte. Wie erſtaunte er, als er das bekannte Zim⸗ mer des Lords betrat. Es war zum größten Theile ſchwarz behangen; in der Mitte deſſelben ſtand ein Tiſch mit gleichfarbigem Tuche über⸗ deckt, auf welchem zwei ſilberne vielarmige Girandolen brannten, zwiſchen denen man Schreibzeug und Papier gewahrte. Auf dem Sopha und den Stühlen ſaßen mehrere Herren der Obrigkeit, Notare und Zeugen, die ſämmt⸗ lich ſich nur flüſternd unterhielten. Der Doktor frug einen derſelben, was denn dies Alles be⸗ deute, und erfuhr: der edle Lord wolle ſein Teſtament machen. In dieſem Augenblicke trat Caſtelcaunt, von zwei andern Aerzten der Stadt begleitet, aus dem Nebenzimmer. Er empfing ſämmtliche Herren mit ſteifer Rüſterern ſchüttelte er ſchweigend, aber herzlich, die Hand. Es war die erſte Freundesbezeugung gegen den ——— 287 Doktor. Man ſchritt zur Sache. Nachdem die beiden neuen Aerzte erklärt hatten: daß der edle Lord ſeiner Geiſteskräfte völlig Herr, und daher zu jedweder gerichtlichen Dispoſition fähig ſey, beſtimmte der Teſtirer eine ſehr namhafte Summe zur ſofortigen Auszahlung als Belohnung für die ihm von Rüſterer geleiſteten treuen Dienſte; ſodann übergebe er ſein ganzes Ver⸗ mögen, welches er bereits in den letzten Wochen zu Gelde hatte machen laſſen, hohem Magiſtrate der Stadt zur Verwaltung, um es, wenn ſich binnen zehn Jahren die jetzt verſchwundene Roſa Alberti noch unter den Lebendigen zei⸗ gen ſollte, derſelben als Eigenthum zu übergeben. Würde aber, von dem Datum der Ausſtellung gerechnet, bis zu dem elften Jahrestage nichts mehr von der Genannten gehört worden ſeyn, dann falle die ganze Summe Rüſterer oder ſeinen Erben anheim. Die Zinſen wurden dem Magiſtrate zu wohlthätigen Zwecken angewieſen, und für ſich 288 ſelbſt nahm der Lord nur eine ſehr mäßige jähr⸗ liche Rente in Anſpruch. Nachdem der Act vollendet und alle An⸗ weſenden ſich entfernt, trat Caſtelcaunt noch einmal zu ſeinem treuen Pfleger. Seine Miene war feſt und ernſt wie immer. Er ſah den Doktor lange ſchweigend an endlich ſagte er in der ihm eigenen monotonen Art: „Ihnen habe ich— und zwar Ihnen allein — mein Innerſtes eröffnet; Sie haben einen Blick gethan in dies zerriſſene Gemüth, und es, wie ich glaube, richtig beurtheilt. Ich habe lange Ihre Meinung, daß mein Unglück zum Theile von dem Reichthum abhänge, bekämpft, Ihrem Rath nun aber Folge geleiſtet; was mir übrig bleibt, iſt kaum genug mein Leben zu friſten. Auch Ahasverus, den Gottes Fluch, wie mich, verfolgt„mußte fliehen von Haus und Hof Wie er, will ich die Weite ſuchen, und in der Weite die Ruhe und den Frieden, die nir dennoch, ich weiß es für gewiß, nie werden.“ — 289 „Aber ehe ich ſcheide noch eine Bitte. Trachten Sie, daß man Gewißheit über Roſa findet; und wenn ſie lebt, dann ſtehen Sie ihr warnend zur Seite, damit das Gold, das mein Fluch wurde, nicht auch ihr Unglück ſey.“ „Jetzt aber leben Sie wohl und laſſen Sie uns ſchnell und ſchweigend ſcheiden!“— Dies ſagend, drückte er dem Arzte, der vor Rührung der Sprache unfähig war, die Hand und verſchwand in dem Nebenzimmer. —— W Meberblick. Fluch ſey dem Balſamſaft der Trauben! Fluch jener höchſten Liebeshuld! Fluch ſey der Hoffnung! Fluch dem Glauben, Und Fluch vor allem der Geduld!, Göthe. So war denn Oskar von dem väterlichen Hauſe weggezogen in die weite Welt, um durch eigene Kraft und Anſtrengung Selbſtſtändigkeit und mit ihr Selbſtachtung zu erlangen; ſo zog Lord Caſtelcaunt, das verwöhnte Kind des Glückes, kaum geheilt von ſeinen Wunden, ein⸗ ſam auf unbekannten Wegen dahin, dem Schreck⸗ bilde zu entrinnen, das ſeine eigene Phantaſie geſchaffen; während das Mädchen, welches Beide geliebt, verſchwunden und bald verſchollen war; denn Rüſterer's und der Obrigkeit Bemühun⸗ gen führten zu keinem Ziele, und ſelbſt auf die . — 291 öffentlichen Anzeigen der Blätter meldete ſich Niemand. Aber auch auf Sturmau hatte ſich man⸗ ches verändert. Nachdem der Oberſt Oskar's Abreiſe erfahren und ſeinen Brief geleſen hatte, brach der alte Krieger in einen fürchterlichen Zorn aus. Er hatte den jungen Mann ſo lieb ge⸗ wonnen, war ihm ſo väterlich und freundlich entgegen gekommen, daß er wohl nichts weniger als eine ſolche Wendung der Dinge erwartet hatte. Aber nicht nur dem redlichen und offenen Herzen des Soldaten hatte Oskar wehe ge⸗ than, ſondern auch die Ehre des Edelmannes, des Grafen, war durch dieſe Handlungsweiſe in den Augen von der Rode's gekränkt wor⸗ den; und ſo ſchallten denn alle Kernſprüche des Oberſten und ſeine tauſend Donner und Doria durch die Hallen des Schloſſes. Der alte Bertram zitterte am ganzen Körper, Luiſe ließ ſich nicht ſehen und ſo mußte der Gicht⸗ 19 3 292 geplagte ſeine Wuth ganz allein austoben. Der Brief an den Vater des Bräutigams milderte ſeine Aufwallung nur wenig; auch dachte er jetzt nicht mehr daran, dem Undankbaren ſeine Gabriele zu geben, die er für das beſte Mäd⸗ chen der Welt kannte, und auf welche doch, nach Oskar's Zeilen, ein, wenn auch nicht aus⸗ geſprochener, doch angedeuteter Tadel ſeinen Schatten warf. Der Vater verlangte vergebens nach ihr; ſie lag zu Bette und war unwohl; demohnerachtet durfte ſie weder Luiſe bedienen, noch ein Arzt gerufen werden. Endlich konnte es der Oberſt nicht mehr über das Herz brin⸗ gen; Bertram mufßte ihm ſeinen Arm leihen, und ſo ſchlich er, gegen alle Ermahnung und trotz der Gicht, nach Gabrielen's Zimmer. Die Gräfin hörte die Nachricht mit einer ſicht⸗ baren Freude an, denn ſie war nun einem unangenehmen Verhältniſſe, und wie ihr dünkte, zugleich einer Seelengefahr entgangen. Das Benehmen Oskar's faßte ſie ziemlich richtig —— —— ² 293 auf, indem ſie glaubte mit Sicherheit annehmen zu dürfen, daß er durch irgend Jemand von ihrer Aufnahme in die Geſellſchaft der Heiligen gehört habe. Je ruhiger aber die Tochter bei dieſer Nachricht blieb, deſto mehr wuchs der Zorn des Vaters, der nun auch auf ſein ſonſt ſo geliebtes Kind überging. Er warf ihr vor: daß auch ſie wohl zum Theile, durch ihre Gleich⸗ gültigkeit, gegen ſeinen Wunſch und Willen ſchuld an dieſer unangenehmen Geſchichte ſey. Ga⸗ briele war zu wahr, und liebte und achtete ihren guten Vater zu ſehr, um ihm länger ihr Geheim⸗ niß vorenthalten zu können. Schon ſeit langer Zeit quälte ſie dies unkindliche Verſchweigen ihrer Handlungen, und ſie war noch zu unverdorben, als daß die glattzüngigen Jeſuitenlehren ihrer neuen Oberen ihr Gewiſſen hätten übertäuben können. Der entſcheidende Schritt war geſchehen, der läſtige Bewerber entfernt; ſie konnte daher mit leichterem Herzen dem Vater ihre Hand⸗ lungen geſtehen. 294 „Donner und Doria!“ fuhr polternd der alte Krieger in ſeinen Strafpredigten fort.„Ich habe ja ſchon damals, als ich Dir den Wunſch zu einer Verbindung mit Hohenſtein andeutete, Deinen Widerwillen gegen dieſe Ehe geſehen, und ſo wirſt Du Dich denn befleißigt haben, den jungen Mann ſo lange zurückzuſtoßen, bis er der Ziererei ſatt, freilich auf eine ſonderbare Art, davon lief.“ „Nein, mein Vater,“ entgegnete feſt Ga⸗ briele, welche ſich mit Mühe im Bette auf⸗ geſetzt hatte, denn ſie litt ſchmerzlich an den Wunden des Rückens,„ich habe ihn nicht be⸗ leidigt; aber einen Schritt gethan, den er viel⸗ leicht erfahren, und welcher ihn dann wohl zu dem ſchnellen Entſchluſſe gebracht hat.“ „Einen Schritt?— was denn für einen Schritt, von dem Dein Vater nichts weiß?“ „O zürnen Sie nicht, beſter Vater, daß ich Ihnen bisher Einiges verſchwiegen, was für mich von der größten Wichtigkeit war, während 295 es in Ihren Augen vielleicht als thöricht er⸗ ſcheint. Gewiß, ich that es einzig um meine Seelenruhe zu befeſtigen, und verſchwieg es, um die Ihre, fuͤr die ich Gott täglich anflehe, nicht zu ſtören.“ „Wozu die Vorrede; zur Sache, zur Sache!“ „Als die Tiſchgeſellſchaft bei jenem Mit⸗ tageſſen, welches Ihnen, lieber Vater, noch erinnerlich ſeyn wird, ſich in einen religiöſen Streit verwickelte, ſprach Herr von Hohen⸗ ſtein Meinungen aus, die mich im Innerſten empörten; Anſichten, die den meinen geradezu entgegenſtehen, und die gewiß auch Sie, als unchriſtlich und gottlos verdammen.“ „Das wüßte ich nicht. Oskar ſchien mir zwar etwas weit zu gehen; jedenfalls ſind ſeine Aeußerungen aber vernünftiger geweſen, als die des Paſtors, die ganz gewaltig nach Pietis⸗ mus rochen.“ „Schimpfen Sie nicht auf Krumm und 296 ſeine Gemeinde; er iſt ein frommer, gottſeliger Mann.“ „Alſo iſt es dennoch wahr, der Schleicher iſt Vorſteher einer frommen Gemeinde?— Von heute an iſt ihm mein Haus verſchloſſen!— Donner und Doria! ich kenne dieſe Menſchen, die beſtändig Chriſtus auf der Zunge und den Teufel im Herzen haben.“ „Lieber Vater, Sie ſind ungerecht, Sie urtheilen, ohne Krumm und die Seinen zu kennen.“ „Ich weiß, mein Kind, daß raffinirte Wol⸗ luſt und Gewinnſucht faſt immer die verborgenen Triebfedern der Frömmler ſind. Der Mantel chriſtlicher Liebe deckt ihre Schändlichkeiten zu; und ihre große Kunſt iſt das höchſt Geiſtige und das derbſt Fleiſchliche ſchlau zu verbinden. Ich verachte jeden Wollüſtling, jeden Dieb; aber ich verabſcheue aus dem tiefſten meiner Seele diejenigen, die Wolluſt und Dieberei unter dem Schilde der Religion treiben.“ ——— ——— —,——— — 297 „Nicht von dem Einen noch von dem An⸗ dern iſt die Rede. Gottesfurcht, gänzliche Hin⸗ gabe an das allliebende Weſen, Demüthigung und Büßung vor dem Allgerechten iſt das Prin⸗ cip von Krumm's Lehre. Unſer Seelenheil ſein Ziel.“ „Unſer?— Ich ſehe mit Schmerzen, mein Kind, daß Du durch meine Unvorſichtigkeit in gefährliche Hände gerathen biſt, und daß die ſchlauen Heuchler den reinen Spiegel Deiner Seele ſchon durch ihren giftigen Hauch getrübt haben. Doch, Gott ſey Dank, noch iſt es Zeit. Dein Vater wünſcht, daß Du Krumm nicht mehr ſehen mögeſt.“ „Mein gütiger, lieber Vater, der mir von jeher ſchon ſo unendlich viel Gutes erzeigt, mich mit Wohlthaten überſchüttet hat, der ſo ſorgfältig bemüht iſt mein Erdenglück zu gründen, will gewiß meinen Seelenfrieden nicht uutergraben.“ „Was Teufel ſind das für alberne Floskeln. Ich denke, Du weißt wie ſehr ich Dein irdiſches 298 und ewiges Glück will; eben deswegen aber verbitte ich mir von nun an jeden Umgang mit dem Paſtor.“ „Vater, das kann ich nicht!“ entgegnete beſcheiden aber entſchloſſen die Tochter. „Was?— das kannſt Du nicht, und warum?“ rief der Graf. „Man muß Gott mehr gehorchen als ſelbſt Vater und Mutter.“ „Gewiß, wenn die Aeltern ſchändlich genug ſind von den Kindern Unrechtes zu begehren. Ich hoffe dies hat aber keine Anwendung auf mich. Alſo warum kannſt Du Krumm nicht meiden?“ „Weil ich— ſeiner heiligen Gemeinde an⸗ gehöre.“ „Donner....!“ ſtammelte der Graf;„ich will nicht hoffen?“ „Geſtern habe ich mich meinem Chriſtus angetraut.“ „Gabriele!“ rief der alte Mann und ſprang wild vom Stuhle auf, und eine Thräne F— 290 trat in das alte, längſt trockene Auge:„Ga⸗ briele, mein Kind, mein einziges Kind, ſprich es iſt nicht wahr. Ach nein, es iſt nicht mög⸗ lich. Nicht wahr, nein, Du biſt keine Pietiſtin? — mein Kind iſt nicht ein Spielzeug ihrer un⸗ lauteren Hände.— O ſprich, ſprich nein!“ „Ich bin eingetreten, nach der Ueberzeugung meines Herzens, in Gottes heilige Gemeinde!“ „Fluch denn!“ ſchrie der Graf wüthend, „Fluch über die Verführer und Fluch über mich und meine Unvorſichtigkeit!“ Und mit dieſen Worten ſtürmte der alte Mann, Gicht und Leiden vergeſſend, mit beiden Händen das Geſicht bedeckend aus dem Zimmer.— Von nun an war der Hausfriede geſtört, Zufriedenheit und Ruhe aus den Mauern Sturm⸗ au's gewichen. Unbehaglich fühlte ſich der Vater, gedrückt die Tochter. Dem Alten behagte weder Zeitung noch Spielchen mehr, er ward ärger⸗ licher und launiger als je, und konnte ſich nun vollends mit Niemand mehr vertragen. Selbſt 300 mit Gabrielen ſprach er nur wenig. Er alterte in wenigen Monden auffallend, und als er nun noch aus dritter Hand erfuhr, daß ſeine Tochter vor ihrer Aufnahme gegeißelt worden, erregte dies den alten Mann ſo ſehr, daß ſeine Gicht zurücktrat und er ſchnell und unerwartet ſeiner längſt heimgegangenen Gattin folgte. Gabriele litt unendlich. Was ſie gegen den Willen des guten Vaters gethan, ſchmerzte ſie nun doppelt, und dennoch war ſie nur der Stimme ihres Gewiſſens, dem Drange ihrer frommen Seele gefolgt. Krumm und Ratzler ließen ſie nicht aus den Augen und ſuchten ihren Kummer durch ſophiſtiſche Reden zu beſchwichtigen, oder durch Beten und Bußübungen zu zerſtreuen. Son⸗ derbarerweiſe war Paſtor Krumm namentlich für die Letzteren bei der ſchönen Gräfin ge⸗ ſtimmt, und wußte ihren frommen, wahrhaft demüthigen und bußfertigen Sinn immer durch neue Bußarten zu reizen; die das arme Kind — ————— ——— 301 dann, mit dem unſchuldigſten Herzen von der Welt, unter ſeiner Leitung ausführen mußte. Dabei war aber mit dem Paſtor, ihm ſelbſt unbe⸗ wußt, eine merkwürdige Veränderung vorgegan⸗ gen. Nicht mehr jene wild religiöſe Schwär⸗ merei trieb ihn zu dieſen Martern des guten Kindes— was auch dadurch zu erſehen war, daß er gegen ſich nachſichtiger wurde, und ſchon ſeit langer Zeit keine Selbſtgeißlung mehr vor⸗ genommen hatte— ſondern es geſellte ſich dem religiöſen ein anderes, fleiſchlicheres, Gefühl bei, das in der Geißlung der nackten Gabriele, und der bald auch von dieſer an ihm vollzoge⸗ nen gleichen Büßung, eine bitterſüßwollüſtige Befriedigung fand. Die Ideen Krumm's ver⸗ irrten ſich immer mehr; ſeine Schwärmerei nahm zu, und er betrachtete ſich bald nicht mehr anders als den heiligen Joſeph, und Gabriele wurde von ihm in der verſammelten Gemeinde zur heiligen Maria getauft und geſtempelt. Ratzler's Augenmerk war auf einen 302 andern Gegenſtand gerichtet. Seit einiger Zeit hatte die heilige Gemeinde dieſen Apoſtel zu ihrem Säckel- und Schatzmeiſter gemacht, und derſelbe ſtand ſeinem Amte mit muſterhaftem„ Fleiße und entſchiedener Treue vor. Bald aber hatte er ſich ein neues Verdienſt um die Brü⸗ derſchaft erworben, denn die junge Gräfin von der Rode, auf deren Schloſſe jetzt die Con⸗ ventikel gehalten wurden, ſetzte denſelben auch zu ihrem Verwalter ein, und ließ durch ihn der Gemeinde bedeutende Summen zufließen. So ſtanden auf Sturmau die Dinge, als Gabrielen's Schickſal plötzlich eine andere Richtung nehmen ſollte. Ende des erſten Bändchens. Verbeſſerungen. Seite 4 Zeile 8, ſtatt milde Seele lies wilde Seele. 2„ 1„ erwacht l. erwachte. Mannheim l. Darmſtadt. deren l. deſſen. Umgang! Umweg ſchmelzen l. ſchwelgen. durchgehe l. durchgeht. uns l und. der Stolz des l. der Stolz der. der bekannten l. des bekannten. — 2* 2 *****„„ — — G—— 6 co 0 0 —— 2 ſil . 8 9 10 11 12 13 6 18