Ne Fürſtin Orfini oder der erſte Pourbon in Spanien. Hiſtoriſcher Roman aus den Zeiten Ludwig's XIV. ——— Nach dem Franzöſiſchen des Alerandre de Lavergne. von Heribert Rau. Pweiter Zand. ———— oOo Frankfurt um Main. Verlag von Guſt av Oehler. 1845. Druck von C. Horſtmann. Erſtes Kapitel. „Berührt die Rönigin nicht!“ In unſerer Erzählung ſo weit vorgeſchritten, müſſen wir, um ſie von jeder Dunkelheit frei zu hal⸗ ten, die Begebenheiten erwähnen, welche die Befreiung unſeres Helden bewirkten. Wenige Worte werden dazu genügen. Alberoni war, was die G litiker, die Anderen einen geſchickten Intriguanten nennen, ohne daß ſie,— ſelbſt heutzutage, wo In⸗ trigue und Diplomatie ſo große Fortſchritte gemacht, — ſagen können, wo die Erſtere beginnt und die Letztere aufhört. Dies angenommen, ſtellte der Bevollmächtigte des Herzogs von Parma, nachdem er den Vicomte von Gondreville bis zu der Thüre des Pallaſtes San⸗ ta⸗Cruz begleitet und ſich von deſſ en Eintreten,— was gerade nicht vorausſetzen ließ, daß er nie wieder Orſini. II. Bd. 1 inen einen tiefen Po⸗ 2 denſelben verlaſſen ſollte,— überzeugt hatte, folgende Betrachtungen an: „So wäre ich den von einem gefährlichen Neben⸗ buhler befreit. Das iſt herrlich.... Was werden aber die Folgen von allem dem ſein?.... Mit Gon⸗ dreville mag es gehen wie es will, das iſt ſeine Sache, oder vielmehr die Sache des Herrn Marquis von Santa⸗Cruz, auf den ich mich ganz verlaſſe; er wird ſchon Sorge tragen... Aber ein Anderes iſt es mit dem Marquis und ſeinen verehrten An⸗ hängern: dem Altamire, dem Medina⸗Sidonia und Conſorten,... verſammeln ſie ſich doch in die⸗ ſem Augenblick, um über den Handſtreich zu berathen, den ſie morgen führen werden. Es ſind Leute unter ihnen, die Muth haben und entſchloſſen ſind,... ſie können von jetzt an bis in wenigen Stunden die Gewalt an ſich reißen, und die Fürſtin Orſini ſtürzen....— Würde mich dies in Vortheil ſtellen?.... Ich zweifle ſehr; denn ſie werden es mir nicht vergeben, daß ich heute fehlte.... Was thue ich nun am beſten? das heißt: auf welcher Seite liegt der meiſte Vortheil für mich?“ Der Parmaneſer hielt inne, ſchlug ſich gedanken⸗ voll an die Stirne, und blickte zu dem Himmel auf der damals noch voll ſchwarzer Wolken hing. — Da durchzuckte ihn ein Gedankenblitz, mit einem⸗ male erfüllte ſein Inneres triumphirende Klarheit, und, ohne ſich weiter zu beſinnen, rannte er wie wahn⸗ ſinnig dem Pallaſte Medina⸗Celi zu, in welchem, wie man bereits weiß, der König und die Fürſtin ſeit dem Tode der Königin reſidirten. Alles ſchlief hier bereits, mit Ausnahme der Schild⸗ wachen, und er mußte mit dieſen lange unterhandeln, bis man ſich entſchloß, die Fürſtin zu wecken und ihr ein, von Alberoni in der Eile geſchriebenes Billet zuzuſtellen. Letzterer flehte in dieſen Zeilen die Fürſtin Orſini an, ihm auf der Stelle eine fünfminutige Audienz im Intereſſe des Staates gewähren zu wollen, und zwar um ſo gewiſſer, als bei der geringſten Verzögerung, unvorhergeſehene Umſtände das Wohl des ganzen Königreiches gefährden könnten. Die Audienz wurde natürlich ſogleich bewilligt, und man kennt bereits ihre Folgen. Wie man ſich leicht denken fann, hütete ſich Al⸗ beroni wohl, der Fürſtin zu ſagen, daß er ihren Günſtling ſtatt ſeiner zu der Verſammlung geſchickt. Außerdem aber war er bemüht, während er auf der einen Seite das volle Verdienſt einer ſolchen Ent⸗ deckung einzuernten ſuchte, auf der anderen alle Ver⸗ ——— 4 antwortlichkeit von ſich zu ſchieben. Er fing daher damit an, der Fürſtin zu erklären: daß ihm durch⸗ aus nicht das Geringſte über den Zweck der Ver⸗ ſchwörung bekannt ſei, noch daß er deren Theilnehmer kenne. Der Zufall habe ihn lediglich auf die Spur dieſes verbrecheriſchen Unternehmens gebracht, und er erſuche Ihre Hoheit daher, ihn auf keinerlei Weiſe in dieſe Sache zu miſchen, bei welcher er das größte Incognito zu bewahren wünſche. Die Fürſtin lobte ſehr ſeinen Eifer und glaubte von nun an in der Perſon des liſtigen Parmane⸗ ſers einen, ihr mit Leib und Seele ergebenen Men⸗ ſchen gefunden zu haben; ein Irrthum, welchen Al⸗ beroni bemüht war auf alle Weiſe ju unterhalten, den ſie aber, wenige Zeit darauf, nur zu bitter be⸗ reuen ſollte. Wie man indeſſen geſehen hat, ſo war Albero⸗ ni's machiavelliſches Vorhaben dennoch nur zur Hälfte gelungen, und Gondreville friſch und geſund der Schlinge entſchlüpft, die er ihm gelegt. Als der Bevollmächtigte des Herzogs von Parma dies hörte, ergriff ihn ein paniſcher Schrecken, da er ſich wohl denken konnte, daß„ſein junger Freund“ nichts eifriger zu thun haben würde, als ihn auf der Stelle aufzuſuchen, um ſtrenge Rechenſchaft über alle dieſe böſen Anſchläge zu fordern, und ihn auf irgend eine Weiſe derb zu züchtigen, da er ſich mit ihm, ſei⸗ nes heiligen Standes wegen, nicht duelliren konnte. Eine ganze Viertelſtunde lang war der uiß verwirrt und beklommen, daß er gar keinen Gedan⸗ ken faſſen konnte, ja er war unſchlüſſig, ob er ſich nicht für die erſte Zeit irgendwo verbergen ſolle, bis ſich der erſte Zorn des Vicomte gelegt. Nach langer Ueberlegung faßte er endlich Muth und mit jener ſüdlichen Unbeſtändigkeit, von der größ⸗ ten Entmuthigung zum größten Selbſtvertrauen mit Blitzesſchnelle überſpringend, warf er ſeinen Mantel um, und begab ſich, den Kopf ſtolz aufgerichtet, die Stirne von Zuverſicht ſtrahlend, zu Wagen nach Gon⸗ dreville's Wohnung. Man hätte jetzt keinen trefflicheren Typus als Alberoni für jene Diener finden können, die Mo⸗ lière in ſeinen Werken unter den Bildern eines Sca⸗ pin und Mascarille unſterblich machte, und die man in allen Klaſſen der Geſellſchaft findet,— unter dem geſtickten Kleide und dem ſchwarzen Rocke ſo gut, als unter dem Kittel.— Gehörte doch in der That eine rieſige Unverſchmt⸗ heit dazu, der Gefahr mit ſolche freundlichen Keck⸗ 6 heit entgegen zu gehen. Allein der Parmaneſe fühlte wohl, daß ſie eben nur auf dieſe Weiſe abzuwenden ſei S Gondreville den Abbé von ferne bemerkte, ſuchte er nicht nach ſeinem Degen, wohl aber nach ſeinem Stock, den er glücklicherweiſe nicht ſogleich fand. Alberoni ließ ihm indeſſen auch keine Zeit, um ſich mit dieſem Werkzeuge der Rache zu bewaffnen, denn er ſtürzte mit einer Beweglichkeit, die ihres Glei⸗ chen ſucht, in das Zimmer, warf ſich dem jungen Edel⸗ mann um den Hals und küßte ihn in einem wahren Freudentaumel auf beide Wangen. „Ach! lieber, beſter Vicomte!“— rief er, dabei faſt vor Entzücken weinend,—„ſo habe ich Euch denn endlich wieder! Welches Glück, welche Luſt! Wißt Ihr auch, daß ich Euch zu Füßen fallen ſollte, wie ein Verbrecher, der um Gnade fleht; denn wahr⸗ lich es hätte wenig gefehlt, und ich wäre durch mei⸗ nen Fehler, durch meinen unverzeihlichen Fehler, Schuld daran geweſen, wenn Ihr dieſe Banditen⸗ Höhle nicht lebend verlaſſen hättet..... Aber wenn Ihr wüßtet!.. Ol es iſt ſchändlich!.... Es iſt nie⸗ derträchtig!... Ebenſo wie Euch, ſo hat man auch mich getäuſcht.... was ſage ich?... noch bei Wei⸗ 7 tem mehr.... Wem ſoll man da ferner trauen?.. guter Gott!.... die Elenden!.. nicht genug, daß ſie das Leben Euerer erhabenen Beſchützerin be⸗ e drohten, ſie wollten auch Euch opfern, da ſie Ergebenheit für Jene wohl kennen, eine Erg heit, die ich, wohlverſtanden, auf's vollkommenſte mit Euch theile. Und ſie wagten es ihre Augen auf mich zu werfen, damit ich Euch in dieſen nieder⸗ trächtigen Hinterhalt ſenden möchte, und.... ach!... ich könnte mir die Haare ausraufen... ich war ſo albern; ihren Lügen zu vertrauen. Wahrhaftig! ich werde mich darüber niemals tröſten. Großer Gott! was iſt man doch ſo unglücklich, wenn man Ande⸗ ren glaubt und niemals Böſes ahnt, weil man ſelbſt unfähig iſt, irgend Jemand zu ſchaden!—.. Dem Himmel Dank! ich konnte doch wenigſtens meinen Fehler wieder gut machen, denn kaum waret Ihr in dieſe Räuberhöhle eingedrungen, als ich anfing, Ver⸗ dacht zu ſchöpfen.“ „Wißt Ihr, was ich nun that?.... Ich ver⸗ barg mich ſorgfältig unter einem Balkon, drückte mich in einen dunkeln Winkel, und es dauerte nicht lange, als ich Leute an mir vorüberſchleichen ſah, die mir höchſt verdächtig ſchienen; denn ſie hatten ſich ſämmt⸗ lich tief in ihre Mäntel gehüllt und trugen die, hier 8 zu Lande bei ſolchen Gelegenheiten gebräuchlichen, Sombrero's.“*) „Alle aber ſangen, ſobald ſie ſich dem Pallaſte ge⸗ naht, jenes verfluchte aragoniſche Liedchen, welches t ein betrogener Betrüger, angab, und wel⸗ ches ich,— ſo wahr Gott lebt— von nun an nicht mehr hören kann, ohne einen Nervenanfall zu be⸗ kommen. In jenem Augenblicke blieb mir kein Zwei⸗ fel mehr. Alle dieſe Sänger konnten doch nicht von Donna Ines beſtellt ſein, folglich mußte etwas An⸗ deres hier vorgehen, deſſen Zweck, für den kein Zwei⸗ fel blieb, der Marquis von Santa⸗Cruz wie ich kannte.“ „Ich ſchmiere daher die Sohlen und laufe, was ich nur kann, nach dem Pallaſte Medina⸗Celi; dort ſchreibe ich in der Eile ein paar Worte auf ein Papier, und verlange endlich durch Bitten und Flehen⸗ daß man das Billet Ihrer Hoheit überbringt. Theu⸗ rer, beſter, Herzens⸗Vicomte, wenn Ihr auch nur im geringſten an der Wahrheit meiner Ausſage zweifelt, ſo mögt Ihr ſelbſt die Fürſtin Orſini fragen, ſie 0 Sombrero, Schlapphut. Ein in Spanien gebräuch⸗ licher Hut, deſſen Rand ſo breit iſt, daß er durch ſein Herabhängen das Geſicht faſt gänzlich verbirgt. 9 wird Euch Wort für Wort von dem beſtätigen, was ich ſo eben die Ehre hatte, Euch zu ſagen.“ „Außerdem aber beſchwöre ich Euch, keiner leben⸗ den Seele ein Sterbenswörtchen von allem dem wie⸗ der zu erzählen, am wenigſten, daß ich es war, der Eure Befreiung und die Entdeckung jener ſchmachvol⸗ len Verſchwörung bewirkt. Man würde ſich blutig an mir rächen.“ „Nicht wahr, mein edler, hochherziger Freund, Ihr werdet mich nicht in das Verderben ſtürzen! ich flehe Euch darum an! Ihr ſeid mir ja einigermaßen Dank⸗ barkeit ſchuldig, da ich es war, der Euch gerettet.“ Obwohl nun dieſe ganze Rede, deren merkwür⸗ diger Schluß nichts weniger bezweckte, als Alberoni in den Augen Gondreville's zu deſſen Retter zu erheben, gar manche zweideutige und höchſt räthſel⸗ hafte Stelle enthielt, ſo riß doch die wahrhaft ita⸗ lieniſche Leidenſchaftlichkeit und Wärme, mit welcher ſie vorgetragen wurde, unſeren jugendlichen Helden dermaßen hin, daß er ſie für beinahe eben ſo wahr hielt, als ein Kapitel der heiligen Schrift und nicht im Entfernteſten daran dachte, die darin herrſchenden Dunkelheiten aufflären zu wollen. Hierbei iſt nun freilich zu bemerken, daß er ſich ſchämte, ſo leicht in die Schlinge gegangen zu ſein, 10 und es kam ihm daher eben ſo ſehr wie dem Abbé darauf an, eine Geſchichte zu unterdrücken, in welcher ſeine Ehre als Liebesritter ſehr ſtark compromittirt war. „Daher beeilte er ſich denn auch jetzt, Alberoni über ſeine Verſchwiegenheit zu beruhigen, und ihm zu erklären, daß er weiter keinen Zorn gegen ihn hege, da er von ſeiner rechtlichen Denkungsweiſe überzeugt ſei. Der Abbé konnte nicht mehr verlangen, und ver⸗ ließ Gondreville,— nachdem er ſich noch einmal Glück gewünſcht, einem ſolch' liebenswürdigen Manne wie dem Vicomte das Leben gerettet zu haben, — indem er ſich aus Herzensluſt in das Fäuſtchen lachte. Hatte doch wenig gefehlt, und der junge Fran⸗ zoſe hätte ihn, wegen des Vorhabens ihn durchzuprü⸗ geln, um Verzeihung gebeten. Denſelben Abend war großer gihn der Fürſtin Orſini, welcher der ganze Hof, wegen der wunderbaren Weiſe, auf die ſie einer ſo drohenden Gefahr entgangen, Glück zu wünſchen kam. Unter den Hofleuten, die ſich am meiſten um die Fürſtin drängten, bemerkte man wie immer ſelbſt mehrere von Denjenigen, welche die vorhergehende Nacht ihren Untergang mit ſolcher Wuth beſchworen. 11 Auch Pater Robinet war nicht der Letzte, der bei einer ſo feierlichen Gelegenheit die Betheuerung ſeiner Treue und Ergebenheit der Fürſtin zu Füßen legte,. und zwar nicht nur in ſeinem, ſondern auch im Namen der hochwürdigen Geſellſchaft Jeſu, und derjenigen Brüder, deren Kloſter doch den Verſchwo⸗ renen dieſelbe Nacht als Aſyl gedient. Endlich erſchien Gondreville. Sogleich flogen alle Blicke nach ihm; aber auch der leichtfertigſte Beobachter wärde bemerkt haben, daß ſich in dieſen Blicken diejenigen zwei Gefühle ſcharf ausſprachen, welche die Anweſenden bei ſeinem Eintreten durch⸗ zuckten. 6 Die Einen nehmlich,— und man muß geſtehen, 5 daß dies die Mehrzahl war,— ſahen in dem jungen Vicomte denjenigen, welchen das Geſchick mit der Fürſtin Orſini in eine gleiche Gefahr verwickelt, und zweifelten daher keinen Augenblick, daß dieſer Umſtand ihm nur zu großem Vortheile in den Augen der Fürſtin gereichen könne. Sie haſchten daher be⸗ gierig nach dem Augenblick, in welchem ſie ſich ihm nähern, und auch ihm ihre Ergebenheit und Theil⸗ nahme erklären konnten. Die Anderen, und unter dieſen bemerkte man 12 namentlich den Garde⸗Lieutenant Amenzaga, flü⸗ ſterten unter ſich mit leiſer Stimme, und riefen ſich gegenſeitig in das Gedächtniß, daß dies nun ſchon das zweitemal, daß Gondreville auf eine geheim⸗ nißvolle Weiſe dem ſicheren Tode entſchlüpft ſei. Auch ſtimmten ſie Alle darin überein, daß der junge Fran⸗ zoſe, wie ſchon Amenzaga bemerkt, mit dem Böſen im Bunde ſtehen müſſe; ſie betrachteten ihn daher auch mit einer Miſchung von Neugierde und Furcht. Wußte man doch, daß Gondrebille zu den jungen Edelleuten gehörte, welche ſich der Vertrau⸗ lichkeit des künftigen Herrſchers von Frankreich zu erfreuen hatten; ebenſo war die Leidenſchaftlichkeit bekannt, mit welcher ſich jener Fürſt dem Studium der Naturkunde und beſonders der Chemie hingab; endlich hatte man ſchon in ganz Europa viel von den nächtlichen Wanderungen des Herzogs von Or⸗ leans, nach den Steinbrüchen von Vanves gehört, welche dieſer in Geſellſchaft der Herren von Mire⸗ poir unternommen, um dorten mit dem Teufel zu unterhandeln. Leute aber, die unter dem Einfluße ſolcher Erzäh⸗ lungen in Spaniens Hauptſtadt erzogen worden, und deren erſter Blick beim Eintritte in das Leben die blutrothe Gluth eines Auto-da-fé einſog, waren bis 13 zu einem gewiſſen Punkte für ihre abergläubige k zu entſchuldigen. Kurz! wie dem auch nun ſei, Gondreville hatte der Fürſtin Orſini kaum ſeine Aufwartung gemacht, als er ſich auch umringt ſah und mit Fragen beſtürmt wurde, die er indeſſen ſämmtlich nur aus⸗ weichend beantwortete. Die Zudringlichſten beunruhigten ſich ſehr,— und eben nicht ganz mit Unrecht,— über die Be⸗ weggründe, welche unſeren Helden nach dem Pallaſte Santa⸗Cruz geführt haben möchten. Er aber hatte ſeinen guten Grund, warum er in dieſer Hin⸗ ſicht unerforſchlich blieb. Auch wollte er ſich eben zurückziehen, als ſich ihm ein Page näherte und ihm anzeigte: daß ihn Ihre Hoheit erſuche, noch zu bleiben, da ſie, wenn ſich Alles entfernt, mit ihm allein zu — dachte der Vicomte, wird Ihre neugierig ſein und wiſſen wollen, was e Santa⸗Cruz gethan?... ſollte ihr ben?... Nun, wir werden ſehen; die Fürſtin mag ſich übrigens gebehrden wie ſie will, von mir ſoll ſie nichts erfahren. Die ſtolzeſten Eroberer können ein⸗ mal eine Schlappe bekommen; aber dann werden ſie ihr Mißgeſchick gewiß nicht ſelbſt veröffentlichen, ſondern im Gegentheile ſuchen, es durch neue Siege wieder auszumerzen. Dann ward er plötzlich ernſt und nachdenkend, denn er bemerkte, daß ihn die Fürſtin mit einem ganz eigenthümlichen Ausdrucke anſah. Während dieſer Zeit ſchmolz die Maſſe der An⸗ weſenden mehr und mehr, und bald darauf entfernte ſich auch die Fürſtin aus dem großen Empfangsſaale. Ein flüchtiges Zeichen forderte Gondreville auf, ihr zu folgen. Der Vicomte gehorchte. Nachdem man mehrere Zimmer durchſchritten, entließ die Erzieherin des Prinzen von Aſturien ihr Gefolge und trat mit Gondreville in jenes Gemach, in welchem ihm vor nicht langer Zeit die erſte Audienz vergönnt worden war. Schon die Wahl dieſes Zimmers konnie ats Vorbedeutung angeſehen werden. Die ſich alsbald nieder, und winkte Gondre an ihrer Seite auf einen Feldſtuhl zu ſetzen! „Ich wünſchte Euch unter vier Augen zu ſpre⸗ chen,“— ſagte ſie barauf mit ſanfter Stimme,— „weil es mir ſchien, als hättet Ihr mir Verſchiede⸗ nes zu beichten.“ 15 „Hoheit mögen vergeben,“— entgegnete der Vi⸗ comte,—„aber es däucht mir, daß doch nur die Schuldbewußten beichten, und... ich fühle mich frei.“ „Seid Ihr deſſen ſo gewiß?“ „Vollkommen!“ „Dann ſcheint es, als ob Mangel an Vertrauen kein Unrecht in Euren Augen ſei?“ „Halten wir da!“ dachte Gondreville, ohne jedoch zu antworten. Eeine kleine Pauſe folgte, dann frug die Fürſtin: „Was hattet Ihr denn im Pallaſte von Santa⸗ Cruz zu ſchaffen?“ „Auf meine Ehre, ich würde Eurer Hoheit ſehr verbunden ſein, wenn Ihr geruhen würdet, mich darüber zu belehren, denn ich weiß es ſelbſt nicht. Ich hatte bei einem Freunde zu Abend geſpeiſt, und ging heim, da gewahrte ich mehrere Leute, die, ich weiß nicht mehr welches Liedchen trillerten und dann in jene Steinmaſſe ſchlüpften, welche Eure Hoheit den Pallaſt Santa⸗Cruz zu nennen belieben. Die Neugierde veranlaßte mich, daſſelbe zu thun. Ich dachte, es handle ſich um irgend ein Schauſpiel, bei wel⸗ chem man ſeinen Platz, ſtatt wie im Theater mit Geld, hier mit Singen bezahle. Ich fing alſo an zu ſingen, die Thüre that ſich auf, aber ſie wäre für mich bald zum Grabesrachen geworden, wie Je⸗ dermann bereits weiß, denn dieſer verwünſchte Mar⸗ quis machte ganz entſchiedene Anſtalten, mich aus dem Buche der Lebendigen zu ſtreichen, als glücklicher⸗ weiſe für mich, Eure Hoheit Hülfe ſandte, die mich befreite. Dies iſt die reine Wahrheit.“ „Alſo wäre es unwahr, daß Ihr die Tochter des Marquis von Santa⸗Cruz liebtet?“ „Das iſt eine ſchändliche Lüge. Fürſtin, wem das Glück ward, ſich jeden Tag in Euren ſchönen Augen ſpiegeln zu können, kann der daran denken, andere zu ſuchen?“ „Immer Schmeichler, Vicomte!.. Werdet Ihr dieſe häßliche Gewohnheit denn nie ablegen?“ „Hoheit müßten damit anfangen, weniger reizend zu ſein!“ „Ihr denkt nicht an das, was Ihr ſagt.“ „Das heißt vielmehr, ich ſage nicht Alles, was ich denke.“. „Iſt das meine Schuld? Ich wüßte nicht, daß ich Euch daran gehindert hätte.“ „O doch! doch! Gs gibt Perſonen, welche uns eine ſolche Ehrfurcht einflößen, daß uns in ih⸗ rer Gegenwart eine unwillkürliche Verwirrung er⸗ greift, die uns nicht erlaubt, ihnen unſer Herz aus⸗ 4 zuſchütten, und wenn Ihr in dem meinen leſen könntet Während Gondreville dies ſagte, hatte er ſich der Fürſtin mehr und mehr genähert. Seine Augen funkelten noch lebhafter wie gewöhnlich, ſeine Bruſt wogte ſtürmiſch. Da erhob ſich die Fürſtin raſch, und ihr Ant⸗ litz, ſonſt der Spiegel einer ſo ruhigen Schönheit, verzog ſich heftig. „Unſinniger!“— ſagte ſie leidenſchaftlich, indem ſie den jungen Edelmann mit verſtörten Blicken an⸗ ſah,—„wißt Ihr denn nicht, daß ſich zwiſchen uns und Euch eine unüberſteigliche Kluft dehnt?“ Es lag in den Zügen der Fürſtin Orſini in dem Augenblicke, in welchem ſie dieſe Worte aus⸗ ſprach, ein ſolch düſterer Ausdruck, daß Gondre⸗ ville, ungeachtet der Kühnheit und Sorgloſigkeit ſeines Charakters, ſich des Schreckens nicht erwehren konnte. g Unwillkürlich folgte er daher der Bewegung der Fürſtin und erhob ſich ebenfalls. Aber eine Minute reichte hin, ihn ſich ſelbſt wie⸗ derzugeben. „Ach Madame,“— entgegnete er—„welches Orſini Il. Bd. 2 18 auch dieſe Kluft ſein möchte, ich überſpringe ſie, wenn Eure Gefühle den meinen antworten.“ „Bei dem Heil Eurer Seele! nehmt dieſes Wort zurück, Herr von Gondreville, oder jedes Ver⸗ hältniß zwiſchen uns iſt zerriſſen,.... hört Ihr wohl?. auf ewig zerriſſen!“ „Und warum, Hoheit?“ „Warum.. warum!. fragt mich nicht... benn ich kann, ich will Euch nicht antworten.“ Und der gepreßten Bruſt der Fürſtin entquoll ein tiefer Seufzer.. „Und dennoch Madame,“— verſetzte Gondre⸗ ville und näherte ſich ihr neuerdings,(denn ſie war einige Schritte zurückgetreten),„das beſondere Wohl⸗ wollen, deſſen Ihr mich bis dahin gewürdigt,— mich, den Fremdling in dieſem Lande,— mich, den Unbekannten, ſchien mir der Art zu ſein, Hoffnun⸗ gen zu ermuthigen, auf die zu verzichten mir namen⸗ los ſchmerzlich ſein würde.“ „Verzichtet darauf, ich befehle es Euch.... nein! 4 nein! ich bitte Euch darum, bei Allem, was Euch auf Erden lieb,. ich beſchwöre Euch darum, bei der Aſche Eurer Mutter!“ „Meiner Mutter! meiner Mutter!“ ſtammelte Gondreville, deſſen Stirne ſich hier finſter zu⸗ 19 ſammenzog, während der ganze Ausdruck ſeines Ge⸗ ſichtes faſt wild wurde. Es folgte abermals eine kurze Pauſe, dann hei⸗ terten ſich die Züge des Jünglings plötzlich wieder auf; und mit unendlich ſanfter und einſchmeichelnder Stimme ſagte er: „Hoheit, laſſen wir die Todten in Frieden, und ſuchen lieber, ehe auch an uns die Reihe kommt, die Gegenwart zu genießen. Schön, wie Ihr es ſeid, werdet Ihr es nicht vermögen, gefühllos gegen die Liebe zu bleiben, die Ihr einflößt. O! Ihr mögt immerhin Eure ſchönen Augen von mir wegwenden, Eure Verwirrung ſagt mir, daß Ihr Euch durch mein heißes Flehen erweichen laſſen, und gegen mich nicht grauſamer ſein werdet, als Ihr es gegen....“ „Unglücklicher!... Vollendet nicht! Wenn Ihr wüßtgt,. aber nein, uein! dies Geheimniß foll mit mir begraben werden.“ „Ein Geheimniß! ein Geheimniß! Oh! ich flehe Euch an, verbergt es mir nicht länger.“ „Zittert vor der Erhörung Eurer Bitte!“— Ich!. ich?.. zittern vor ſo viel Grazie, vor ſo viel Reizen?.. Oh! Hoheit, ich fürchte nur Eins, und dies iſt: von Euch nicht geliebt zu werden. Laßt mich hoffen, daß Ihr einſt, beſiegt durch meine 20 Seufzer, meine Thränen, Mitleiden mit meinen Lei⸗ den, mit meinem Märtyrerthum haben werdet... darum! darum! flehe ich Euch auf meinen Knieen an!“ Und mit dieſen Worten hatte ſich Gondreville auch ſchon der Fürſtin zu Füßen geworfen, und ſelbſt gewagt, ihre Hand zu erfaſſen. In der höchſten Aufregung entwand ſich Anna de la Tremouille gewaltſam den leidenſchaftlichen Umarmungen des jungen Mannes, und rief, ihn mit unbeſchreiblichem Schrecken anblickend: Wißt Ihr denn nicht, daß Denjenigen Todesſtrafe trifft, der die Königin berührt?!“ „Die Königin?!“— ſtöhnte Gondreville ver⸗ nichtet und deckte mit beiden Händen das Geſicht. „Sie iſt Königin!“— ſetzte er dann lautlos hin⸗ zu—„O Gott! o Gott! ſo haſt Du denn nicht ge⸗ wollt, daß ich meine Mutter rächen ſollte?!“ Als ſich Gondreville nach einigen Minuten erhob, war Annadela Tremouille verſchwunden. Wuth und Verzweiflung im Herzen, verließ er den Pallaſt. Noch denſelben Abend, wenige Minuten nachdem er in ſeine Wohnung zurückgekehrt, verlangte ein Page der Fürſtin Orſini ihn zu ſprechen. Der junge Menſch hatte den Befehl: ein Schrei⸗ ben Ihrer Hoheit dem Vicomte eigenhändig zu über⸗ reichen. Der Brief lautete alſo: „Ein fürchterliches Geheimniß verbindet und trennt zugleich unſer gegenſeitiges Geſchick. Beklagt mich⸗ denn ſo lange ich lebe, muß dies Geheimniß Euch fremd bleiben. Vergeßt bis dahin, wenn Ihr es könnt, was ſich zwiſchen uns zugetragen hat, ſo wie auch ich es zu vergeſſen ſuchen werde, und erinnert Euch nur: daß Ihr in der Königin von Spanien wie in der Fürſtin Orſini eine treue Beſchützerin habt, die ſtets über Euer Wohl wachen wird.“ „Zum Beweis des Geſagten und als Pfand mei⸗ nes Wohlwollens empfangt Ihr einliegendes Diplom 2 deſſen Rang Euch von dieſem Augenblicke an ſchmückt, ohne daß Ihr jedoch, vor der öffentlichen Erklärung, welche der König von heute an bis in wenig Tagen nach ſeinem Gutdünken erlaſſen wird, öffentlich damit auftreten könnt.“ 5 Gondreville entfaltete das Diplom nachläßig. Es war ſeine Ernennung zu dem hohen Range des Groß⸗Stallmeiſterthums, an die Stelle des Herzogs von Mirandola. Vor ihm ſtand ein Armleuchter, auf welchem fünf 22 Wachskerzen brannten. Kalt und entſchloſſen hielt er das Diplom in die Flammen, die es augenblicklich verzehrten. Als dies geſchehen, rief er mit ſtrahlenden Augen: „In einigen Tagen?... die Zeit iſt kurz... Was thut es!.... Anna de la Tremouille hüt⸗ tet Euer Geheimniß wie Eure Ehre. Ich will keine Stelle am Hofe. Achtung! noch ſeid Ihr nicht Spa⸗ niens Königin!“ Zweites Kapitel. Schloß Penaflor. Nordweſtlich von Mabrid zieht ſich eine waldige Gebirgskette hin, die unter dem Namen der Sierra de Guadarrama bekannt iſt. In dem wildeſten und ödeſten Theile dieſes Ge⸗ birges, ohngefähr auf der Mitte des Weges zwiſchen dem alten Prachtbau der Herrſcher aus dem öſter⸗ reichiſchen Hauſe, dem Escurial, und dem neueren Pal⸗ laſte von Saint⸗Ildefonſe, jener durch die Glieder des Hauſes Bourbon erbauten Reſidenz, erhob ſich noch im Anfang des vorigen Jahrhunderts eine jener mit⸗ telalterlichen Burgen, wie es deren zu den Zeiten der Kämpfe zwiſchen den Mauren und Chriſten ſo viele in Spanien gab. Die hohen Granitmauern, die Schießſcharten, die BGräben, die Zwinger, mit den hervorſtehenden Mau⸗ erkränzen, in deren Mitte hie und da einzelne male⸗ 24 riſche Verzierungen im Geſchmacke des mauriſchen Bau⸗ ſtyls, als irgend eine netzartige Einfaſſung oder Grup⸗ pen von Säulenbündeln, hervortraten,— alle dieſe verſchiedene Theilen zuſammengenommen, gaben der Burg einen höchſt abenteuerlichen Anſtrich, und erin⸗ nerten im Kleinen an die pittoreske Bauart Albayein's, welches, ebenfalls hoch gelegen, den erſtaunten Blicken faſt zu jeder Jahreszeit ein Amphitheater von grünen Ebenen und ſchneeigten Kuppen darbietet. Nördlich erblickte man von einer der Terraſſe, den Thurm von Segovia, der ſich bei hellem Wetter deutlich am Rande des Horizontes abzeichnete. Auf dieſe Terraſſe führen wir jetzt unſeren Leſer, einige Tage nach den obenbeſchriebenen Ereigniſſen, das heißt gegen Ende des Monats Mai 1714. Die Sonne ſenkte ſich eben allmählig hinter die Berge von Avila. Der Tag war drückend ſchwül geweſen, und wäh⸗ rend ſich nun endlich die Atmosphäre durch einen friſchen Süd⸗Oſt⸗Wind abkühlte, ſammelten ſich in derſelben Himmelsgegend ſchwarze Wolkenmaſſen und kündeten einennahen Sturm. Feuchte Dünſte ſtiegen dabei ringsum auf und verſchleierten faſt die ganze Gegend, denn nur nach Norden hin blieb es klar, ſo daß man in der Ferne den Thurm von Segovia fortwährend ſeyen konnte, der, wie eine unbewegliche Schildwache, düſter empor ragte. Auf dieſer Terraſſe, die ſich faſt ſteil in einen tiefen Abgrund ſenkte, von welchem ſie nur eine Brü⸗ ſtung von mauriſcher Architektur trennte, die indeſſen an mehreren Stellen deutliche Spuren des allvernich⸗ tenden Zahnes der Zeit darbot,— auf dieſer Ter⸗ raſſe hatten ſich bereits zwei Frauen niedergelaſſen, die Kühle des Abends zu genießen. Beide ſaßen, nach dem in Spanien üblichen Ge⸗ brauche, auf Polſtern; Beide hielten angefangene Stickereien in ihren Händen; Beide hatten ihre Blicke nach dem Thurme von Segovia gerichtet. Die eine dieſer Frauen, ſchon dem Spätſommer des Lebens entgegenreifend, war eine große aber dürre Figur, in deren Antlitz die Jahre gar manche Run⸗ zeln geſtrichen. Ihr Anzug beſtand aus einer Art Leibchen von ſchwarzem Seidenzeug mit hängenden Aerweln, auf welches eine Krauſe fiel und das bis zum PHalſe mit großen Perlen zugeknöpft war. Ihr Kleid, ebenfalls von ſchwarzer Seide und ſtückweiſe mit gelbem Bro⸗ eat geſchlitzt, füllte einer jener abſcheulichen Wulſte aus, welche die Frauen verhinderten, ſich anders als Aulnoy ſo ſehr auffielen, als ſie fünf und dreißig Jahre früher die unglückliche Luiſe von Orleans nach Spanien führte, um dorten König Karl II. zu ehlichen. Das Geſicht der Dame, von der wir ſo eben ſpra⸗ chen, war lang, knochig und mit einer dicken Lage Schminke belegt; dabei ſchloß es eine Art Haube von ſchwarzem Sammt, über welche noch ein Spitzenſchleier fiel, wie ein dunkler Rahmen ein, während eine un⸗ förmliche Brille auf ihrer Naſe thronte. Schließlich preßten ihre Füße ein paar hohe San⸗ dalen, welche man damals mit der Benennung„Cha⸗ pinez“ getauft hatte. Dieſes längſt veraltete Coſtüm krönte eine Maſſe Ketten, Halsbänder und ſonſtige Schmuckſachen in Gold und Steinen. Das andere weibliche Weſen war im Gegentheil noch ſehr jung, und eben ſo reizend von Geſicht als von Wuchs. Ihr Anzug ſtreifte dagegen in ſeiner Einfachheit, man könnte ſagen in ſeiner Strenge, an das Klöſterliche. Auch er war von ſchwarzer Seide und ſehr eng anliegend, zeigte aber nicht die leiſeſte Spur weder von Brocat und Perlen, noch von ſon⸗ ſtigem Geſchmeide; wodurch er aber nur den feinen auf Polſter zu ſetzen, und die einſt der Gräfin von 27 Wuchs und die zarten Conturen des Mädchens um ſo mehr hob. Und wie reizend blickte das dunkle träumeriſche Köpfchen unter den Falten der Mantille von ſchwar⸗ zen Spitzen hervor, mit welchen die Lüfte ihr Jeichtes Spiel trüben,— und wie ſüß und liebend ſpiegelten ſich die letzten Lichter des ſterbenden Tages in ihren großen melancholiſchen Augen. Bei Gott! dieſe beiden Frauen in magiſcher Dämme⸗ rung auf der hohen Terraſſe, hinter einer halbzerfalle⸗ nen Brüſtung von jener feenartigen mauriſchen Bau⸗ art ſitzend, ſind ſie nicht eine treue Perſonification der doppelten Anſchauung, unter welcher ſich uns Spanien in ſeiner Vergangenheit zeigt? Von der einen Seite Elend, Stolz, Flitterſtaat jeder Art und die, bis zum Unſinn getriebene, Ver⸗ ehrung alles Altherkömmlichen;— von der anderen Grazie, Liebe, Schönheit und Vertrauen in die Zu⸗ kunft;— von der einen Seite die nüchternſte Proſa und von der anderen glühende Poeſie. Oder auch, wenn man will, das alte Spanien: ſteif, todt und abgezirkelt, bereit dem erloſchenen Hauſe Oeſterreich in die Gruft nachzuſinken,— und das junge Spanien, das ſchön und lieblich aufſtrebt, wie die Jugend, aber immer von einem trüben Hauche angeweht, als begrüße es unter Thränen die Thronbeſteigung der Bourbons. Die eine jener beiden Frauen, und zwar die Ael⸗ tere, iſt Donna Seraphine von Santa⸗Cruz, die Schweſter des Marquis, und Wittwe des Don Louis Eſteban, Grafen von Barbaſtro, ein⸗ ſtigen Leib⸗Kämmerer des Königs Kar! II;— die Andere iſt Donna Ines von Santa⸗Cruz. Das Schloß aber, woſelbſt ſich dieſer Theil unſerer Ge⸗ ſchichte zuträgt die alte Burg Penaflor, die letzte Domaine, die dem einſt ſo mächtigen Hauſe Santa⸗ Cruz, dem alten Waffengefährten des Marſchall Berwik verblieben. Ein langes Stillſchweigen hatte zwiſchen den beiden Frauen geherrſcht, als die Altere eine Bewe⸗ gung machte und ſagte: „Hört!... Liebe Nichte, es kommt mir vor, als vernähme ich in der Ferne Schellengeklingel. Es iſt gewiß Gil Perez, der auf ſeinem Maulthiere von Madrid zurückkehrt.“ Donna Ines lauſchte einen Augenblick, dann ſagte ſie: „Nein, Tante, das iſt kein Schellengeklingel. Es ſcheint eher Hörnerſchall, aber weit, weit von hier!— Mir däuchte auch vor einigen Minuten, als hätte ich 29 ſchießen hören. Wahrſcheinlich wird in der Umgegend gejagt; auch iſt es noch nicht ſo finſter, daß man Gil Perez nicht auf dem Fußpfade im Thale ge⸗ wahren könnte. Der arme Gil Perez, wenn er uur noch vor Ausbruch des Gewitters nach Hauſe kommt. Der Himmel iſt ſo finſter! Seitdem wir Ma⸗ drid verlaſſen, um wieder hieher zu ziehen, habe ich die Sonne noch nicht hinter ſolchen ſchwarzen Wol⸗ kenmaſſen untergehen ſehen.“ Das Mädchen hatte noch nicht vollendet, als ein gewaltiger Blitz den ganzen Horizont in ein Feuer⸗ meer verwandelte, und Schloß Penaflor mit ſeinem. ſchwefelgelben Wiederſcheine beleuchtete. Donna Ines und ihre Tante erbebten und gen andächtig ein Krerz. „Es iſt Zeit, Nichte, daß wir pininghen— ſagte die Wittwe des Grafen von Barbaſtro,— „das Unwetter bricht los.“ „Ich bitte, liebe Tante,“— entgegnete lebhaft das Mädchen,—„laßt uns noch einige Augenblicke auf der Terraſſe bleiben. Die Luft hat ſich einiger⸗ maßen gereinigt, und bie erfriſchende Kühle iſt nach der Hitze des Tages ſo wohlthuend... Außerdem.. müßten wir ſchon meinen Vater verlaſſen, der gewiß ebenfalls zu dieſer Stunde aus ſeinem traurigen Ge⸗ 30 fängniſſe im Thurm von Segovia, zu uns heruͤber⸗ ſchaut. Ich möchte, um einiger Regentropfen willen, meinen Vater noch nicht verlaſſen.“ „Ich will Deinem Wunſche für einige Augen⸗ blicke gern willfahren, in einer Viertelſtunde ſpäte⸗ ſtens müſſen wir aber doch in das Schloß gehen, da es alsdann Zeit zum Abendgebete iſt.“ „Können wir denn nicht eben ſo gut hier beten, liebe Tante?“ „Woran denkſt Du, Kind?.... Es würde ſich ſchlecht zu Deinem Range paſſen, wollteſt Du Dich im Freien auf die Stufen knieen. Das mögen Bettel⸗ dirnen thun. Wenn man, wie Du und ich, die Ehre hat, dem erhabenen Hauſe der Bazan anzugehören, darf man nirgends anders, als in ſeinem Betzimmer und vor ſeinem Betpulte beten.“ „Wie es Euch gefällt, Tante!.... Wißt Ihr, daß es heute ſchon vierzehn Tage ſind, daß mein armer Vater ſeinen Pallaſt zu Madrid, wie ein Ver⸗ brecher mit Ketten beladen, verlaſſen hat, um nach dem Thurme von Segovia geführt zu werden, ohne daß ich, ſeine Tochter, ihn nur noch einmal hätte umarmen können.“ „Die Hand küſſen, wollteſt Du ſagen, liebe Nichte; denn die Gtiquette erlaubt nicht, daß eine Tochter —— 31 des Hauſes Bazan ihren Vater umarme. Dies ge⸗ ſchieht nur bei den Franzoſen, die der Allmächtige dem böſen Feind überliefern möge, damit ſie die Hölle bevölkern.“ Bei dieſen Worten überflog Donna Ines Antlitz ein leichtes Roth. Sie mochte ſich vielleicht erinnern, daß es unter den Franzoſen, welche ihre Tante auf eine ſo freiſinnige Weiſe den ewigen Flammen weihte, einen gäbe, deſ⸗ ſen Bild ſchon öfter ihre Gedanken und Träume ſeit jenem merkwürdigen Abend geſtört, in welchem es derſelbe gewagt, in den Palaſt Santa⸗Er uz ein⸗ zudringen. Ja, hätte man in der Seele des Mäd⸗ chens leſen können, vielleicht würde man, bei all' dem Schmerze, den ihr die Gefangennehmung des Vaters verurſacht, dennoch eine leichte Regung der „Freude über die glückliche Rettung Gondreville's entdeckt haben. Nach einer kleinen Pauſe hob Donna Ines neuer⸗ dings an: „Herr, mein Gott! Gil Perez kommt noch im⸗ mer nicht zurück! obgleich er am frühen Morgen nach Madrid aufgebrochen. Ich dächte, er könnte längſt zurück ſein. Sollte er uns böſe Nachrichten zu über⸗ bringen haben?“ —— 32 Donna Seraphine antwortete mit der ihr eige⸗ nen unzerſtörbaren Ruhe: „Gil Perez weiß, daß die Thoren Penaflo⸗ res im Winter bis neun, im Sommer bis zehn Uhr geöffnet bleiben. Gil Perez iſt ein würdiger Ma- jordomus, er wird dieſe letzte Friſt einhalten; denn es iſt ihm ferner bekannt, daß, würde er ſpäter zu⸗ rückkehren, ihm kein Einlaß gegeben werden darf, wie auch das Wetter draußen wüthe.“ In dieſem Augenblick vernahm man deutlich und nahe das Klingeln von Schellen und den raſchen Schritt eines Maulthieres. „Ha!“— rief Donna Ines, vor Erwartung zitternd—„das iſt Gil Perez! ich laufe ihm ent⸗ gegen.“ „Halt!“— entgegneie i in ſtrengem En die Wittwe des Grafen von Barbaſtro, des königlichen Leib⸗Kämmerer.—„Was würde mein edler Bruder ſagen, wenn er ſeine Tochter einem Majordomus entgegenlaufen ſähe?— Laß Gil Perez nur hie⸗ herkommen.“ Donna Ines blieb unbeweglich und ſenkte das ſchöne Haupt mit Geduld und Reſignation. Seit langer Zeit an das Joch der Familie ge⸗ wöhnt, mußte ſie, aus Achtung für die Etiquette, die 3 Gefühle gewaltſam unterdrücken, die ſie für einen Augenblick dies unerbittliche Geſetz hatten vergeſſen laſſen. Endlich erſchien der Majordomus. Er war noch immer ſo mager wie ſonſt, denn es ſchien, als ob die Magerkeit im Hauſe Santa⸗ Cruz auch zur Etiquette gehöre; aber ſein ſtrahlen⸗ der Ernſt hatte heute einer ſchmerzlichen Faſſung Platz gemacht. „Nun, Gil Perez?“ frug Donna Ines mit ſchwankender Stimme—“ was bringt Ihr für Nach⸗ richten?“ „Ach Senora!“— verſetzte der Majordomus,— „der gnädige Fürſt iſt noch immer im Thurm von Segovia, während ſein Prozeß in Madrid eingeleitet wird. Es hatte noch eine neue gerichtliche Haus⸗ ſuchung im Pallaſte Statt, und Jedermann denkt, daß die nächſte Woche nicht vorübergehen wird, ohne daß man den gnädigen Herrn nach Madrid zurück⸗ bringt und vor ſeine Richter ſtellt. Alle Rechtsge⸗ lehrten, die ich geſprochen, ſtimmen indeſſen darin überein, daß man dem Herrn Marquis nichts be⸗ weiſen könne, und daß Ihr in dieſer Beziehung ganz ruhig ſein könnt, ebenſo wie die Frau Gräfin, daß aber andererſeits der Ausgang des Prozeſſes haupt⸗ Orſini. II. Bd. 3 34 ſächlich von dem Zeugniß einer Perſon abhinge, die gerade jetzt in großem Anſehen bei Hofe ſtünde. „Und wer iſt dies?“ „Es iſt der Günſtling der Fürſtin Orſini, der⸗ ſelbe, der ſich in den Pallaſt eingeſchlichen und wel⸗ chen der gnädige Herr wollten hinrichten laſſen,.... der Vicomte von Gondreville.“ „Er! er!“— ſtammelte Donna Ines mit halb⸗ erſtickter Stimme. Aber ſich ſchnell faſſend, ſetzte ſie hinzu: „Nun!... ich will ihn ſprechen!... er wird mei⸗ nen Bitten, meinen Thränen nicht widerſtehen! nicht wahr, Tante, wir eilen zuſammen zu ihin?“ „Da es ein Edelmann aus berühmtem Geſchlechte iſt“— verſetzte die Senora,—„ſo mag es ge⸗ ſchehen.“ „Ja! ja! mein Vater!“ rief das Mädchen und wandte das Geſicht in ſchmerzlicher Begeiſterung dem Punkte des Horizontes zu, an welchem man gewöhn⸗ lich den Thurm von Segovia erblickte, den freilich jetzt dichte Finſterniß verbarg.—„Hört die Verſiche⸗ rung aus dem Munde Eurer Tochter, Ihr werdet gerettet!“ In dem Momente zerriſſen zwei raſch auf einander⸗ folgende Blitze bie ſchwarze Wolkennacht; der Donner rollte furchtbar, und der Regen fing an, in Strömen niederzufallen. Da erſchallte abermals, jetzt jedoch in der Nähe, lauter Hörnerklang. Die Gräfin Barbaſtro und ihre Nichte aber hatten kaum Zeit, nach dem Inne⸗ ren des Schloſſes zurückzueilen; denn das Ungewitter und der Sturm waren mit einemmale und zwar auf eine fürchterliche Weiſe ausgebrochen; dem Kra⸗ chen des Donners und dem Heulen des Windes ge⸗ ſellte ſich noch das Dröhnen der tauſend Echo's der Gebirge von Guadarrama bei, ſo daß es ſchien, als wollten die empörten Elemente das alte, bis in ſeine Grundfeſten erſchütterte Schloß Penaflor mit wü⸗ thender Gewalt zertrümmern und in den Abgrund ſtürzen, an deſſen Rand es erbaut war. Da läutete es plötzlich heftig an dem Thore des Schloſſes. „Wer kann zu dieſer Stunde und bei einem ſolchen Wetter noch kommen?“— rief erſtaunt Donna Ines zwiſchen dem Beten. Eine Magd, die ſich nicht gefürchtet nachzuſehen wer da ſei, kam jetzt zurück und verkündete, daß ſich zwei Cavaliere an dem Thore befänden, die, bis auf die Haut durchnäßt und halb todt vor Kälte, um Einlaß und gaſtfreundliche Aufnahme flehten. — ů— Donna Seraphine und ihre Nichte berath⸗ ſchlagten nun vor allen Dingen, ob es zu rathen ſei, in der einſamen Lage, in welcher ſie ſich befänden, eine ſolche Bitte zu gewähren; denn die Armuth, in welcher ſich die Familie Santa⸗Cruz verſetzt ſah, war ſo groß, daß man nicht nur die Gebäude aus Mangel an Geld zu Ruinen verfallen laſſen mußte, ſondern daß ſich auch der Marquis ſogar ge⸗ nöthigt geſehen, nach und nach den größten Theil ſeiner Leute zu verabſchieden, da er außer Stand war, ſie zu ernähren. Wenn auch bei ihm Schmalhans Küchenmeiſter war, er ertrug es mit Reſignation; fand ſich doch ſein Stolz als Grand von Spanien dadurch befriedigt, daß er die armſeligſten Biſſen aus ſilbernen Geſchirren aß, welche das Wappen der Familie trugen. Ver⸗ zweifelt aber wäre er, wenn man davon in der Au⸗ ßenwelt Kunde erhalten. Wie dem aber auch nun ſei, ſeine Schweſter, die ihm mehr als in einer Beziehung glich, ſchnitt alles weitere Schwanken durch die Erklärung ab: Schloß Penaflor dürfe auf keine Weiſe ſeinen alten Ruf der Gaftfreundſchaft auf das Spiel ſetzen, und man müſſe daher jeden Gaſt, der ſich zeige, und wenn es ſelbſt ein ganzes Regiment wäre, aufnehmen und beherbergen. In Folge dieſer Erklärung gab ſie denn auch den Befehl, daß ſich der Majordomus Gil Perez,— dem die Pflicht zukam, die Fremden in den Empfang⸗ ſaal des Schloſſes zu geleiten,— erkundige: ob es Edelleute ſeien und daß derſelbe ſie in dieſem Falle einführe. Unglücklicherweiſe hatte ſich aber Gil Perez, von den Anſtrengungen der Reiſe ermüdet, ſchon zu Bette gelegt und ſchlummerte jetzt. Trotzdem beſtand die Gräfin von Barbaſtro darauf, ihn wecken zu laſſen, damit er, nach dem unumſtößlichen Gebrauch und Herkommen zu Penaflor, ſein Amt verwalte. Nur nach langem Bitten konnte es Donna Ines dahin bringen, daß man den armen Menſchen nicht in der Ruhe ſtörte, deren er ſo ſehr bedurfte, und ihn durch einen der zwei Pagen erſetzen ließ, welche im Dienſte des Hauſes Santa⸗Cruz geblieben. Vordem dieſer jedoch die Gäſte einließ, wurde er von Donna Seraphine unterrichtet, daß er ſie vor allen Dingen nach ihrem Stande zu fragen, und, wenn es nur gewöhnliche Bürgerliche oder gar Bauern ſeien, einer Dienerin zu überlaſſen habe, welche ſie ſodann in die Küche führen möge, da Bürgerliche 38 und Bauern im Hauſe Santa⸗Cruz keines anderen Platzes zu würdigen waren. Während all' dieſer Vorkehrungen nun, fiel der Regen ohne Unterlaß in Strömen vom Himmel, und die unglücklichen Reiſenden, deren Mäntel ſchon gänzlich durchnäßt ſein mußten, verloren höchſt wahrſcheinlich nicht einen einzigen Tropfenz... aber!.... die Eti⸗ quette blieb doch gewahrt. Endlich nahte ſich der Page, und da er unter dem Ausſchnitte des Mantels des einen der beiden Cavaliere den hohen Orden des goldenen Vließes hervorblinken ſah, ſo führte er dieſelben nebſt ihren Pferden in das Schloß ein. Hier rief er ſeinen ein⸗ zigen Kameraden, deſſen Händen er ſofort die Thiere mit der gebührenden Förmlichkeit übergab, worauf dieſer wieder die Roſſe, die von edler Raſſe ſchienen, der Sorge eines alten, invaliden Stallknechtes anver⸗ traute, der die Oberaufſicht über den Marſtall führte, ſeitdem dieſer nämlich auf ein altes, mit der berühmten Rozinante nahe verwandtes Streitroß und zwei bis drei Paaren ſehr magerer Mauleſel zuſammenge⸗ ſchmolzen war, die jetzt den Raum inne hatten, welchen ehedem an zweihundert Reit⸗ und Zugpferde einge⸗ nommen. Die Cavaliere aber waren unterdeß in den großen 39 Empfangſaal des Schloſſes eingeführt worden, wo im Kamin ein luſtiges Feuer brannte, deſſen Anblick die Reiſenden höchlich entzückte. Laſſen wir ſie Beide ihre durchnäßten Kleiber, ſo gut als es ihnen möglich, trocknen, und kehren zu der Gräfin Barbaſtro und ihrer Nichte zurück, die ſich nun, nach vollendetem Gebete und da auch das Ungewitter nachgelaſſen, anſchickten, das Abendeſſen einzunehmen. Da aber Donna Seraphine vernommen, daß der eine der beiden Cavaliere mit dem Orden des goldenen Vließes geſchmückt ſei, einem Orden, der, wie bekannt, nur den Erſten des Reiches vorbehalten war, ſo ließ ſie auf der Stelle dennoch Gil Perez wecken und befahl: für zwei weitere Gedecke an der Abendtafel zu ſorgen. Als dies geſchehen, wurde ein Page abgeſandt, um die beiden Gäſte mit der üblichen Ceremonie zur Theilnahme an der Abendmahlzeit einzuladen, die man, ſo viel es der wahrhaft verzweifelte Zuſtand der Speiſekammer zuließ, für dieſesmal auf das Splen⸗ dideſte einrichtete. Die Fremden hüteten ſich, eine ſolche Einladung abzuſchlagen, denn, von dem Augenblicke an, in wel⸗ chem die wohlthätige Wirkung des Feuers ihre Klei⸗ dungsſtücke getrocknet, fühlte der Eine wie der Andere, daß ſein Magen leerer denn je ſei. Donna Seraphine und Donna Ines begaben ſich nun in den Saal, in welchem man das Nacht⸗ eſſen aufgetragen, worauf auch die Gäſte eingeführt wurden. Es waren zwei junge Blondköpfe von mittlerer Natur. Beide trugen ſehr einfache, ſchwarze Jagd⸗ kleider und große Stiefel von Wildleder. Ihr reicher Haarwuchs war, nach dem damaligen Jagdgebrauche, nach hinten geſtrichen, und im Genicke von einem ſeidenen Bande zuſammen gehalten:— eine Mode, welche kurze Zeit nachher, eine ſo große Umwäl⸗ zung in der männlichen Haartracht hervorrief, und das Regiment des Zopfes auf ein volles Jahrhundert begründete. Nur der Einen der beiden Cavaliere, und zwar der Aelteren, ſchmückte, wie ſchon öfter bemerkt, der Orden des goldenen Vließes. Die Züge deſſelben, ja ſeine Haltung, trugen den ſichtbaren Stempel einer großen Ermüdung. Er war bleich und ſchmächtig und hatte Mühe ſeinen Kopf aufrecht zu erhalten; während ſein Gefährte im Gegentheile mit lebhaftem Auge, kühn gehobenem Haupte und offenem Geſichte *— fröhlich um ſich blickte, als ſei er bereit die Jagd ſo⸗ fort neu zu beginnen. Sie verneigten ſich ehrfurchtsvoll vor Donna Se⸗ raphine und ihrer NRichte, kaum aber hatte ſie Letz⸗ tere bemerkt, als ſie heftig erbebte, ein kalter Schweiß ihre Glieder deckte und ihre Kniee zu wanken began⸗ nen, denn... ſie hatte in dem Einen der Gäſte den Vicomte von Gondreville erkannt. Als der Andere Donna Ines gewahrte, deren merkwürdige Schönheit neben der großen, mageren, vertrockneten und geſchminkten Figur der alten Gräfin nur noch auffallender hervortrat, blieb er einige Augen⸗ blicke in ſprachloſer Verwirrung ſtehen, die Augen mit Entzücken auf das Mädchen gerichtet. Dann aber neigte er ſich zu dem Ohre Gondreville's und rief leiſe: „Welch' wunderſchönes Mädchen!“ Der bleiche, ermüdete Cavalier aber, mit dem goldenen Vließe um den Hals, war— König Phi⸗ lipp V. Ehe noch Gondrevikle aus dem Munde An⸗ na's de la Tremouille die Beſtätigung eines Gerüchtes vernahm, welches zu jener Zeit an allen Höfen widerhallte, ohne daß ihm irgend Jemand Glauben ſchenken wollte, hatte ſich unſer Held geſagt: „Ich werde ſuchen, der Fürſtin zu geſallen, ich werde ſie ferner in den Augen ihres königlichen Liebhabers kompromittiren und ihn ſomit zwingen, uns Beide nach Frankreich zurückzuſenden.“ Seit dem Unglückstage aber, an welchem er er⸗ fahren, daß das Weib, deſſen Allmacht er ſtürzen wollte, auf dem Punkte ſtehe, die höchſte Stufe zu erſteigen, hatten ſich die Hinderniſſe, die ſich einem ſo verwegenen Vorhaben natürlicherweiſe entgegen ſtellen mußten, noch ernſter, noch unüberſteiglicher vor ihm gethürmt. Dazu kam, daß Anna de la Tremouille, ohne ihm auf irgend eine Weiſe ihre Gunſt zu ent⸗ ziehen, ſich ſeitdem vorgenommen hatte: jede Gele⸗ genheit einer näheren Berührung mit ihm auf das Sorgfältigſte zu vermeiden. Er hatte es verſucht, ihr zu ſchreiben, aber alle ſeine Briefe waren ihm unerbittlich zurückgeſandt worden, ohne daß er irgend eine Antwort hätte erlangen können, ja, ohne daß ſie ſelbſt eröffnet worden wären. Andererſeits verließ der König nie den Pallaſt Medina⸗Celi, und Gondreville konnte ſich ihm nicht anders als im Beiſein der„Erheiterer“ nähern. Die drei erſten Monate der Trauer für die ver⸗ — 43 ſtorbene Königin nahten ihrem Ende, und aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach erwartete Philipp V. nur das Ablaufen dieſes Termins, um, im Angeſichte von ganz Spanien eine Erklärung abzugeben, welche die Stelle der Fürſtin Orſini für alle Zeiten wahrhaft unantaſtbar machte. Gondreville, der ſomit den ganzen Plan ſeiner gerechten Sache nahe am Scheitern ſah, war außer ſich, und mehr als hundertmal im Tage war er ver⸗ ſucht, ſich eine Kugel durch den Kopf zu jagen. So ſtanden die Dinge, als der Zufall, dieſer größte aller Politiker, Philipp V., Gondreville, die ſchöne Donna Ines de Santa⸗Cruz und— nicht zu vergeſſen— deren hochedle Tante die Gräfin von Barbaſtro in einem alten Schloſſe mitten in den Gebirgen von Guadarrama zuſammenführte. Gondreville erkannte, wie man ſich leicht den⸗ ken kann, Donna Ines auf den erſten Blick. Hatte die Tochter des Marquis von Santa⸗Cruz doch eine derjenigen Phyſiognomien, die man nie vergißt, wenn man ſie einmal erblickt. Durch den Ausruf ſeines königlichen Gefährten, befand er ſich augenblicklich aber in einer höchſt ſchwie⸗ rigen Lage. Einerſeits geſtattete ihm die einfachſte Regel der Klugheit und Schicklichkeit nicht, der Umſtände zu erwähnen, in deren Folge er einige Tage früher jene nächtliche Zuſammenkunft mit dem lieblichen Kinde gehabt,— jene Zuſammenkunft, deren Folgen für ihn beinahe ſo unheilvoll geworden. Andererſeits aber, wenn er annahm, daß eben dieſe Zuſammen⸗ kunft auf Donna Ines einen mehr oder weniger tiefen Eindruck gemacht, wäre es gerade jetzt an ihm geweſen, alle Mittel in Bewegung zu ſetzen, um in ihrer Gunſt weiter vorzudringen, und unter den Au⸗ gen ſeines Nebenbuhlers, ſeines gekrönten Nebenbuh⸗ lers, das Herz ſeiner Angebeteten völlig zu erobern. Würde ſich Gondreville in Frankreich befun⸗ den haben, ſo wäre es gar keinem Zweifel zu unter⸗ werfen, welchen Entſchluß er in einem gleichen Falle gefaßt; ſelbſt dann, wenn ihn dieſer Entſchluß in einem Kampf gegen die ganze vereinigte königliche Familie, gegen die Bourbons und Orleans ſammt den Baſtards, verwickelt hätte. Denn er gehörte zu jenen Menſchen, welche die Hinderniſſe, die ſich ihnen in den Weg ſtellen, anſpornen, k zu entmuthigen. Aber Gondreville befand ſich in Spanien, und man weiß, welche Abſicht ihn hieher geführt.“ Um dieſes Ziel aber zu erreichen, dieſes Ziel, das für ihn ein heiliges war, wenn man der Um⸗ ſtände gedenkt, in deren Mitte er in einer elenden Herberge der Apenninen das Licht der Welt erblickte, und die ihm, kaum geboren, Vater und Mutter Und hier bot ſich ihm doch ein herrliches Mittel von ſelbſt dar, ohne daß er es geſucht. Der König, ſonſt ſo ängſtlich, ſo zurückhaltend, namentlich in Betracht der Frauen,— da ſich für ihn dieſe reizende Hälfte des menſchlichen Geſchlechtes in einer einzigen Perſon, in der Fürſtin Orſini concentrirte;— der König, den alle Kunſtgriffe eines Herzogs von Aquilar und eines Herrn von Noailles einige Jahre vorher nicht zu einem Bruche ehlicher Treue hatten verführen können;— der König ſchien endlich aus einer Art Gefühlloſig⸗ keit erwacht, in welcher er ſeit ſo langer Zeit verſenkt geweſen, und hatte auf Donna Ines de Santa⸗ Cruz einen jener Blicke geworfen, die oft für ein ganzes Leben entſcheiden. Auch müſſen wir hier bemerken, daß Donna Ines einer Familie angehörte, in welcher ſchon der Name der Fürſtin Orſini allein ein Gräuel war, und die daher ihre Herrſchaft auch nur an dem Tage antreten konnte, an welchem die Fürſtin Orſini geſtürzt wurde. Und dieſe Cataſtrophe war unver⸗ — 2 meidlich, wenn ſich das Mädchen nicht allzu grauſam zeigte... Und konnte ſie dies ſein, wenn es ſich darum handelte, einen Vater vom Tode zu erretten? Einige Stunden reichten hin, um Gondreville in raſcher Folge alle dieſe Betrachtungen im Geiſte vorüberzuführen, deren Wichtigkeit zu erkennen, und daraus den vollkommen logiſchen aber harten Schluß zu ziehen: daß er zwiſchen der Liebe, welche er hoffen durfte, Donna Ines einzuflößen, und derjenigen, welche jenes Mädchen auf dem Punkte ſtand, in des Königs Herz hervorzurufen, keinen Augenblick ſchwan⸗ ken dürfe, und daß es ſeine Pflicht als Sohn und Politiker ſei, hier ſeine Neigungen der Erfüllung der Miſſion aufzuopfern, die man ihm anvertraut. End⸗ lich konnte ſich unſer Held doch nicht ganz der Erin⸗ nerung an gewiſſe Degenſtöße erwehren, die beinahe ein Hieb mit dem Beile gekrönt, und für die er doch gerechter Weiſe eine kleine Rache fordern durfte. ———.—— Drittes Kapitel. Die beiden Jäger. Nach dem erſten Zuſammentreffen und Erkennen, das ſo verſchiedene Gefühle in den verſchiedenen Per⸗ ſonen hervorgerufen, folgte ſofort eine einſylbige Kälte. Man hatte ſich von einer und der andern Seite mit der ganzen ſpaniſchen Gravität begrüßt und auf dieſelbe Weiſe an die Tafel verfügt. Gondreville war der Erſte, der das Wort nahm. „Wahrlich!“— rief er—„mein Gefährte und ich, wir ſind der göttlichen Vorſehung viel Dank ſchuldig, die es zugab, daß wir bis auf die Haut naß wurden und uns auf dem Heimwege verirrten, da wir dieſem doppelten Zufalle das Glück verdan⸗ ken, in ſolch ausgezeichneter und liebenswürdiger Ge⸗ ſellſchaft zu Nacht zu ſpeiſen. Ich, meinerſeits, 3 48 bereit, zwanzig ſolcher Unwetter zu beſtehen, wenn ich dafür eines ſo herrlichen Gewinnes gewiß ſein dürfte. Was meint Ihr, mein theurer Saint⸗André?“ Geſagt muß nämlich hier noch werden, daß zwi⸗ ſchen dem König und ſeinem Begleiter im Voraus das ſtrengte Incognito für den Einen wie den An⸗ dern ausgemacht worden war. Um aber alle Zweifel noch ferner zu halten, hätten Beide fremde Namen gewählt, die ſie dem Wappenbuche Frankreichs ent⸗ lehnt, da man ſie doch, ihrer Ausſprache und ihrer Manieren wegen, ſchwerltich für Spanier gehalten haben würde. Der ſogenannte Saint⸗Andreé begnügte ſich auf die an ihn gerichtete Frage mit einem einfachen bejahenden Kopfnicken zu antworten, während Donna Ines, der heftigſten Aufregung zum Raube, die Augen auf ihren Teller niederſchlug, aus Furcht, den Blicken Gondreville's zu begegnen. Dieſer aber fuhr alsbald mit vieler Geläufigkeit fort: „Senora's, ich muß Euch erſuchen, meinem Ge⸗ fährten vergeben zu wollen, er iſt ein wenig ſtill. Außerdem hat er großen Hunger, was ſehr zu ent⸗ ſchuldigen iſt, wenn man, wie dies bei uns der Fall, einen ganzen lieben langen Tag gejagt hat; ſchließ⸗ 49 lich muß ich beifügen, daß er zugleich ſehr übler Laune iſt, weil er den ſchönſten Wolf, der mir in meinem Leben vorgekommen, verfehlt hat, einen Wolf, wie man ihn ſchwerlich ſo leicht wiederſehen wird,— nicht wahr, Saint⸗André?“ „In der That!“— ſtotterte der königliche Schick⸗ ſalsgenoſſe Gondreville's, indem er wie ein Schüler zitterte, welchen der Lehrer auf einem Ver⸗ gehen ertappt hat. Denn im gleichen Momente waren gerade ſeine Augen auf zwei Hände gerichtet, deren ausgezeichnete Weiße und Feinheit wahrhaft zum Küſſen auffordern. Aber er faßte ſich ſchnell und antwortete in einem Tone voll Galanterie, der ſeine Jugendzeit und die Jahre zurückrief, in welchen er nur einfach Herzog von Anjou geweſen: „Aber warum ſprecht Ihr mir von einem Miß⸗ geſchick, da ich mich, wie Ihr, dem Vergnügen über⸗ laſſen möchte, welches mir eine ſo.... herzliche Gaſt⸗ freundſchaft einflößt; es iſt dies ſehr boshaft von Euch, mein theurer Mondragon.“ Bei dieſen Worten konnte Donna Ines ſich nicht enthalten, ihre zwei großen ſchönen Augen voll Ver⸗ wunderung auf Gondreville zu richten, und ſich zu fragen, ob ſie wache oder träume, und ob der Orſini. II. Bd. — Cavalier, der ihr gegenüber ſitze, denn nicht derſelbe ſei, der ſich vor Kurzem erſt ſo kühn in den Pallaſt ihres Vaters gewagt, um ihr ſeine Liebe zu geſtehen. Aber ſo flüchtig auch die Prüfung war, welcher ſie Gondrevill's Außeres unterwarf, ſie konnte ihr keinen Zweifel laſſen. Wer, außer dem Vicomte von Gondreville, mochte ſich ſolcher Augen rühmen, deren faſt über⸗ natürliche Gluth den Frieden ihrer Seele geſtört. O gewiß! gewiß! er war es. Warum aber als⸗ dann dieſer Wechſel des Namens?... Warum gab er nicht durch einen Blick, ein Wort, ein unbedeu⸗ tendes Zeichen zu erkennen, daß auch bei ihm die Erinnerung an jenen Abend noch in ſeinem Herzen wohne?.. Hier waltete ein Geheimniß ob, wel⸗ ches das Mädchen ſich vergebens zu erklären bemüht war, wie man ſich leicht denken kaun. Plötzlich trat Gil⸗Perez, welcher, ſobald man in Erfahrung gebracht, daß einer der Gäſte den Rit⸗ tern des goldenen Vließes angehöre, auf Donna Seraphinen's Befehl geweckt worden war, in den Feſtſaal. Er trug mit triumphirender Miene eine ſilberne Platte, auf welcher eine Flaſche alten Weines von 51 Alicante ſtand, die ſich noch wie durch ein Wunder in einem entlegenen Winkel des Kellers gefunden hatte. Feierlich und in tiefer Ehrerbietung nahte er ſich der Tafel, und wollte eben dem Gefährten des Vi⸗ comte den Labetrunk reichen, als er dieſen anſichtig wurde und mit einem Schrei des Entſetzens ſo ge⸗ waltig zurückprallte, daß Teller und Flaſche ſeinen zitternden Händen entglitten, und die Letztere klirrend am Boden zerſchellte. Es iſt unmöglich, den Unwillen zu beſchreiben, welcher ſich in den Geſichtszügen der Donna Sera⸗ phine de Barbaſtro bei dieſem Unfalle malte. „Verzeihung, meine hohen Gäſte!“— rief ſie mit finſterer Stirne,—„geruht, die Unſchicklichkeit dieſes Tölpels zu entſchuldigen, der beſſer gethan hätte, in ſeinem Bette zu bleiben, als hierher zu kommen, und in Eurer Gegenwart fortzuſchlafen. Es iſt dies ein ſchweres Vergehen gegen ſeine Pflich⸗ ten, und er verdiente dafür ſeines Amtes als Major- domus enthoben zu werden. Warum ließ er nicht den Kämmerer gewähren?“ Auf dieſe Frage hätte Gil⸗Perez nun mit vol⸗ lem Rechte antworten können, daß das Amt eines Kämmerers ſeit langer Zeit aus gewiſſen Gründen aufgehoben ſei, und daß er deſſen, wie noch ſogar 52 manch andere Dienſte zugleich mit den ſeinen ver⸗ ſehe,— dafür aber war er zu eiferſüchtig auf die Ehre des Hauſes Santa⸗Cruz. Daher unterdrückte er die Kränkung und ſtotterte nur verwirrt, indem er Gondreville dabei mit verſtörten Blicken anſchaute: „Es geſchah weil. weil ich in dieſem Edel⸗ mann den In dieſem Augenblicke brach der Vicomte,— der bisher den Bewegungen und Worten des alten Ma- jordomus ängſtlich gefolgt, da er um jeden Preis eine Erkennungsſcene vermeiden wollte,— in ein lautes Lachen aus. „Senora's!“— rief er dabei—„entſchuldigt die⸗ ſen braven Menſchen. Ha! ha! ha! Das Abenteuer iſt zum Todtlachen!... Ich wette, er hält mich für einen meiner Landsleute, dem ich ſehr ähnlich ſehe, für den jungen Vicomte von Gondreville, meinen Vetter. Man ſieht ſich manchmal täuſchend ähnlich. Nicht wahr, ehrliche Haut!“ ſetzte er hinzu, indem er ſich zu dem Majordomus wandte, der den Kopf wie bejahend neigte.„Ach das iſt zu drollig! Ich werde es Gondreville wiedererzählen, der eben⸗ falls herzlich darüber lachen wird. Senora's, kennt Ihr vielleicht dieſen verehrten Gondreville?“ — — Donna Ines wurde hier feuerroth und ſchlug die Augen nieder. Donna Seraphine aber entgeg⸗ nete mit großer Würde: „Es iſt ein Franzoſe, wir kennen ihn daher nicht. „Deſto ſchlimmer für Euch, Senora's“— ver⸗ ſetzte der Vicomte,—„es iſt ein höchſt verdienſtvoller Edelmann. Fragt nur Herrn von Saint⸗André.“ Der vermeintliche Saint⸗André konnte ſich nicht enthalten zu lächeln, aber Gondreville hatte die Genugthuung, dem Geſpräche eine andere Wen⸗ dung gegeben zu haben. Die Gräfin Barbaſtro nahm nun das Wort und ſagte: „Ich wundere mich jetzt nicht, daß wir heute Abend zu verſchiedenenmalen Hörner in den Wäldern und Bergen der Umgegend erſchallen hörten. Es waren höchſt wahrſcheinlich Eure Leute?“ „Sagt lieber die Leute des Königs, Senora,“— entgegnete Mondragon⸗Gondreville—„wir ſind Franzoſen, mein Gefährte und ich, und ſeine Majeſtät, die heute, Dank ſei es den inſtändigen Bitten Ihrer Hoheit der Fürſtin Orſini, wieder angefangen haben, ſich den Frenden der Jagd hinzu⸗ geben, geruhten uns dazu einzuladen.“ „Das iſt eine große Ehre“— ſagte die Gräfin, ganz in die Erinnerung der Vergangenheit verloren.— „Eine Ehre, die in früheren Zeiten einzig durch den König dem Groß⸗Stallmeiſter, dem Groß⸗Haus⸗ und Hofmeiſter, dem Leib⸗Kämmerer und dem Leibbüchſen⸗ ſpanner von Espinoſa vorbehalten war.“ „Meiner Treue!“— entgegnete Gondreville— „es iſt das eine Ehre, um die bei einem ſolchen Wetter Niemand zu beneiden wäre. Man ſollte keinen Hund hinausjagen. Deſto beſſer für die, die dann weder Stallmeiſter, noch Leib⸗Kämmerer, noch Leibbüchſenſpanner ſind; vorausgeſetzt, daß dieſe guten Leute nicht ein Mittel haben, ſich vor dem Regen, und zwar vor was für einem Regen, zu ſchützen.“ „Mein Herr,“— verſetzte die Gräfin von Bar⸗ baſtro—„zu den Zeiten, von welchen ich ſpreche, dachten die Granden Spaniens und die Leibbüchſen⸗ ſpanner von Espinoſa anders als Ihr!“ „Ei was, Senora, alsdann müſſen ſie den Regen eben nicht gefürchtet haben, und ich glaube, daß mein Freund, Herr von Saint⸗André ganz meiner Meinung iſt. Seht nur, er iſt noch ganz bleich vor Froſt.“ „Oh!“— rrief der König—„ich befinde mich jetzt viel beſſer, ich habe mich ſeit langer Zeit nicht ſo wohl befunden.“ „Man ſollte es kaum glauben, denn ſeitdem wir hier ſind, habt Ihr, ſo viel ich bemerkt, noch kein einziges Wort mit der jungen Senora, Eurer reizen⸗ den Nachbarin gewechſelt. Senora, mein Gefährte iſt ſehr ſchüchtern, ich bitte Euch, nehmt Euch ſeiner an.“ „Auf meine Chre!“— entgegnete Donna Sera⸗ phine mit Verachtung,—„das muß eine armſelige Jagd ſein, bei welcher der Groß⸗Stallmeiſter dem König vor dem Ausritt nicht die goldenen Spornen anzieht, der Groß⸗Jägermeiſter ihm den Handſchuh reicht und den Falken auf die Hand ſetzt, und der Leibbüchſenſpanner ſeiner Majeſtät auf den Knieen die Waffe reicht, wenn ſich das Wild naht!— Aber es ſcheint, als ob Eure Fürſtin Orſini es gewagt hätte, auch dieſe edle Herkommen zu unterdrücken.“ „Das iſt wahr, Senora; aber das hindert den König nicht, ſich mit Luſt der Jagd zu ergeben, weite Strecken zurüͤckzulegen, viel Wild zu tödten, ſich einen tüchtigen Hunger zu holen, und dabei recht durchnäßt zu werden, denn ich wette, der König hat heute keinen trocknen Faden mehr auf dem Leibe, als meine Wenigkeit; fragt nur Saint⸗Andrs.— Ach* zum Henker! der Regen, das wäre eine Sache, die die Fürſtin Orſini hätte unterdrücken ſollen, da ſie doch einmal im Zuge war.“ Bei dieſer humoriſtiſchen Wendung ſeines Beglei⸗ ters, konnte der König ein zugleich melancholiſches und ſanftes Lächeln nicht zurückhalten. Während ſich ſeine Wangen, durch den Einfluß des Abendeſſens und der zwei ſchönen Augen, zu welchen er ſich un⸗ aufhörlich wie durch magnetiſche Kraft hingezogen fühlte, mit dem friſchen Rothe der Ingend und der Geſundheit färbten. Der bleiche und gebrechliche Philipp V. ver⸗ ſchwand und machte dem Herzog von Anjou Platz. „Es wäre luſtig“— fuhr Gondreville fort,— „wenn ſich der König in derſelben Lage wie wir be⸗ fände. Denn Ihr müßt wiſſen, Senora's, daß wir, fremd in dieſer Gegend, und zum erſtenmale die Berge und Wälder der Siera von Guadarrama durchirrend, uns durch das Verfolgen eines Wolfes hinreißen ließen, und in dem Eifer uns verirrten. Als das Ungewitter losbrach, wollten wir Schutz unter einem Baume ſuchen, wie man dies in Frankreich thut; aber die Bäume dieſes Landes bieten eben keinen beſonderen Schutz in dieſer Beziehung. In wenigen Augenblicken waren wir in dem erbarmungswertheſten Zuſtande, den man ſich nur denken kann.“ „Aber das reizte uns nur, und nun beſchloſſen — ———— wir, erſt recht das Abenteuerliche herauszufordern. Und unſere Pferde aus allen Kräften antreibend, ohne ihnen jedoch den Weg anzuzeigen, überließen wir dem Inſtinkte unſerer edlen Thiere die Sorge, uns ein Obdach zu ſuchen. Da wollte es der Zu⸗ fall, daß wir, gerade als das Wetter am furchtbarſten wüthete, auf der Höhe des Berges, auf welchem ſich dieſes Schloß erhebt, ein Licht flimmern ſahen, und da uns keine Wahl blieb, ſo richteten wir unſeren Weg auch geradezu hieher, in der Hoffnung, hier die Gaſtfreundſchaft zu finden, die Ihr, meine hohen Damen, uns denn auch wirklich auf eine ſo liebens⸗ wurdige Weiſe angedeihen ließet“ „Es iſt wahr, man hat uns ein wenig lange warten laſſen; aber dies iſt wohl mehr unſer eigner Fehler. Denn ich will wetten, daß wir, ehe unſere Kleider wieder am Feuer trockneten, eher Räubern als Edelleuten glichen.“ „Dürfte ich aber nun auch meinerſeits fragen, wem wir eine ſo freundliche Aufnahme zu danken haben?“ „Mein Herr,“— entgegnete Donna Seraphine mit einer wahrhaft caſtilianiſchen Würde nnd impo⸗ nirendem Stolze:„Ihr ſprecht in dieſem Augenblicke mit der allerhöchſten, hochadeligen und hochzuehrenden Donna Seraphine de Bazan, aus dem Ge⸗ — 58 ſchlechte derer von Santa⸗Cruz, Wittwe des mächtigſten, hochgeehrten Don Louis Eſteban de Villamedianay Tordeſillas 9 Palaios, Grafen von Barbaſtro, dereinſtigem Leibkäm⸗ merer ſeiner Majeſtät des verſtorbenen König Karl's II., den Gott ſelig machen möge, denn es war ein weiſer Herrſcher, der die alten Herkommen achtete und ſchützte.“ „Amen!“ ſagte Gondreville. „Und dieſe junge Dame?“ frug ſchüchtern Saint⸗ André. „Iſt Donna Ines de Santa⸗Cruz, Tochter des mächtigſten, ausgezeichneten.... 4 „O Himmel!“— rief der König verwirrt, indem er die Senora unterbrach—„es wäre die Tochter deſſen, der es gewagt?... Wo hat man mich hin⸗ geführt?“ „Mein Herr!“— entgegnete majeſtätiſch die Wittwe des Leibkämmerers,—„Ihr befindet Euch auf Schloß Penaflore; der Marquis von Santa⸗ Cruz iſt mein hochedler Bruder und Donna Ines iſt ſein Kind.“ „So kennt Ihr meinen Vater?“— rief lebhaft das hübſche Mädchen. „Ja Senpra.... er hat mir früher.... Dienſte hatte vielleicht Unrecht, ſie zu vergeſſen.“ geleiſtet... in der Schlacht bei Almanza.. Ich „Sonderbar,“— ſagte die Gräfin Barbaſtro— „mein edler Bruder hat uns nie etwas davon erzählt, — nicht wahr Donna Ines?“ „Wirklich, liebe Tante, ich entſinne mich nicht...“ „Das kommt, weil es doch ſchon ziemlich lange her iſt, ſeit der Schlacht von Almanza!“ ſagte Gon⸗ dreville,—„aber der Herr Marquis von Santa⸗ Cruz wird ſich wohl ganz ſicher meines Freundes erin⸗ nern, ſo wie auch meiner, obgleich ich nicht die Ehre hatte, bei der Schlacht von Almanza mitzufechten, Sie können ihn darüber fragen, meine verehrten Se⸗ nora's. Die Herren von Saint⸗André und von Mondragon, er wird ſich ſchon entſinnen, und iſt ihm auch mein Name entfallen, ich wette darauf, daß er mein Geſicht nicht vergeſſen hat.“ „Ach!“— ſeußzte leiſe Donna Ines, eine Thräne zerdrückend, die in den langen ſchwarzen Wimpern perlte,—„Gott mag es wiſſen, wenn es uns er⸗ laubt ſein wird, meinen Vater um etwas zu fragen.“ „Wirklich,“— fügte Donna Seraphine em⸗ pfindlich und bitter hinzu,—„ſolltet Ihr, meine edlen Herren, nicht wiſſen, daß Don Alvarez de Ba⸗ zan, Marquis von Santa⸗Cruz, in dem 60 Thurme von Segovia eingeſchloſſen iſt?... und zwar auf den Befehl Eurer Fürſtin Orſini, und unter dem Vorwande einer Verſchwörung gegen die Si⸗ cherheit des Staates?.... Ja! daß es Jedermann, ſelbſt uns, ſelbſt ſeiner Schweſter und ſeiner Tochter auf das ſtrengſte unterſagt iſt, ihn zu ſehen, geſchweige denn, ihm zu ſchreiben. O! es iſt eine Abſcheulichkeit! es iſt im höchſten Grade unwürdig, nicht wahr, meine Herren?... denn, obgleich Ihr beide Franzoſen ſeid, ſo müßt Ihr mir dies dennoch zugeſtehen.“ Während ſich aber die Gräfin Barbaſtro auf dieſe Weiſe ausſprach, pochte Gondreville's Herz in heimlichem Entzücken und er dachte: „Prächtig! Luſtig! Die Alte beginnt den Kampf; das geht ja nach Herzensluſt. Oh, Herr Marquis von Santa⸗Cruz, Ihr habt mich tödten wollen, ſchön, meine Rache ſoll ſein, daß ich Euch rette.“ „Ich bin feſt überzeugt,“— rief hier Donna Ines,—„daß der König von allem dem nichts weiß, denn er würde es nicht zugegeben haben, daß man mit einem Manne, der ihm ſo treu gedient, alſo verführe. Der König iſt ja, wie man allgemein ſagt, ſo voller Güte!— Ach! und wenn es wahr wäre, daß mein Vater an einer Verſchwörung Theil genommen, ſo iſt es heilig und gewiß nicht gegen 61 den König; denn alle Spanier laſſen Philipp V. ſein Recht angedeihen und ſchätzen und lieben ihn, und wiſſen, daß ohne die Fürſtin Orſ ini ſich Jedermann unter ſeiner Regierung glücklich fühlen würde.“ „Immer beſſer!“— jauchzte der Vicomte inner⸗ lich—„wenn ſich die Junge in den Kampf miſcht, wird er nicht lange dauern.“ Indeſſen ſah man dem Könige die Unruhe und Unentſchloſſenheit an, die ihn erfaßt, er rückte ver⸗ legen auf ſeinem Stuhl hin und her und warf ſeinem Gefährten einen Blick zu, der ihn um Rath und Hülfe bat. Gondreville verſtand ihn wohl und rief ſo⸗ gleich mit heuchleriſchem Tone: „Ich muß demüthig um Vergebung bitten bei der allerhöchſten und hochadeligen und hochzuehrenden Donna Seraphine de Bazan, des Geſchlechtes der Santa⸗Cruz u. ſ. w. denn ich erinnere mich nicht mehr alle der Titel ſeiner hochſeligen Ercellenz des Herrn Grafen von Barbaſtro..... Hier nahmen die Geſichtszüge der Donna Sera⸗ phine einen Ausdruck des Unwillens an. „Ich bitte zugleich auch Ihre edle und allerliebſte Nichte, die reizende Donna Ines de Santa⸗Cruz, —— —— —— 62 mir ebenfalls zu verzeihen; aber während ich einer⸗ ſeits das traurige Schickſal des Herrn Marquis be⸗ klage, und zugleich eine lebhafte Dankbarkeit für ſeine Familie fühle, die uns einer ſo liebevollen und freund⸗ lichen Aufnahme gewürdigt,— ſo kann ich doch an⸗ dererſeits nicht erlauben, daß man hier ſich die allerleiſeſte Beleidigung, des geringſten verfänglichen Wortſpiels gegen ein Weſen erlaube, welches ich achte und hochſchätze, und welches das Recht hat, die gleichen Geſinnungen von ganz Spanien zu er⸗ warten, wie es mit eben ſo viel Recht auf die Be⸗ wunderung von ganz Europa zählen darf. Ich ſpreche von Ihrer Hoheit, der Fürſtin Orſini, auf deren Wohlergehen ich hiermit trinke. Gebt Ihr mir Recht, Herr von Saint⸗André?“ Derjenige, an welchen dieſe Worte gerichtet wa⸗ ren, entgegnete mit bewegter Stimme, ohne jedoch ſeine Blicke von Donna Ines wegzuwenden, die raſch nacheinander erröthet und erblaßt war, und nahe daran ſchien, in Thränen auszubrechen. „Es iſt hier weder der Ort noch die Zeit zu... und ich bef... ich bitte Euch, kein Wort mehr uͤber dieſen Gegenſtand zu verlieren, hört Ihr, Herr von Mondragon?“ Die Gräfin Barbaſtro aber hatte ſich erhoben, 63 und rief von der Höhe ihrer„Chapinoz“, die ſie um einen halben Fuß größer machten als ſie war, folgende Worte mit feierlicher Würde herab:“ „Mein Herr von Mondragon, wenn ich in Euch nicht einzig den Gaſt des Hauſes Santa⸗ Cruz ſähe, und damit die Vorrechte ins Auge faßte, welche ſeit undenklicher Zeit in demſelben jedem Gaſte zukommen, ſo wäre ich genöthigt, Euch zu erſuchen, anderswo als in dieſem Schloſſe das Lob derjenigen Perſon zu verkünden, die hier nur Schmerz und Trauer geſäet und deren Geſundheit Ihr in der Ge⸗ genwart der Schweſter und Tochter des Marquis von Santa⸗Cruz auszubringen gewagt habt.“ „Senora's!“— entgegnete der König—„ich bitte meinen Gefährten zu entſchuldigen. Seine Er⸗ gebenheit für die Fürſtin hat ihn die Grenzen über⸗ ſchreiten laſſen; ich hoffe indeſſen, Ihr werdet ihm auf meine Bitten hin vergeben. Da ich zugleich einiges Vertrauen beim Könige genieße, ſo iſt es wohl das Geringſte, was ich der Gaftfreundſchaft, deren ich mich hier erfreut, entgegenſetzen kann, wenn ich dies Vertrauen zu Eurem Vortheil, hochgeehrte Senora's, verwende. Vor allen Dingen hoffe ich Euch die Erlaubniß verſchaffen zu können, welche nöthig iſt, um den Marquis von Santa⸗Cruz im Thurme von Segovia beſuchen zu dürfen. Dann hoffe ich aber auch, daß, wenn er ſeinen Richtern gegenübergeſtellt worden, er ſich von der Beſchuldi⸗ gung vollkommen reinigt, die auf ihm laſtet, damit er recht bald Eurer Liebe zurückgegeben werde.“ „Oh! ſeid geſegnet, Ihr, die Ihr ſo freundlich ſprecht!“ rief Donna Ines tief ergriffen. „Dies“— entgegnete Donna Seraphine— „iſt eine Sprache, die eines Caſtilianers würdig!— Ach! möchten Euch alle Franzoſen gleichen!“! „Da Ihr doch die Gunſt genießt, Euch dem Könige nähern zu dürfen, eine Gunſt, die ſo ſehr ſchwet zu erlangen ſein ſoll, ſo ſagt ihm, daß ich ihn wenn er mir meinen Vater zurückgibt, nach Gott am meiſten lieben will!“ 6 „Oh! wenn dies iſt!“ betwirtt und in der höchſten Aufregung der vermeintliche Saint⸗ André,„ſo will ich..... „Mein theurer Saint⸗Andrs“— unterbrach hier plötzlich Mondragon⸗Gondreville den Sprechenden,— es iſt ſchon ſehr ſpät, das Unge⸗ witter iſt vorüber, ich dächte wir ſuchten ohne weite⸗ ren Verzug Madrid nun zu erreichen. Bleiben wir noch länger hier, ſo dürfte dies bei den Unſeren doch einige Unruhe und Beſorgniß erregen, obwohl, Gott 65 ſei Dank, weder der Eine noch der Andere von uns in den Feſſeln der Ehe ſchmachtet.“ „Aber warum denn jetzt ſchon aufbrechen?“— verſetzte die Gräfin von Barbaſtro.—„Das geht nicht an; man kann ja einen Boten nach Madrid ſenden, und Ihr bleibt, der Eine wie der Andere die Nacht hier.“ „Nein, das iſt unmöglich!“ rief der Begleiter Gondreville's, als ſei er plötzlich durch die letzten Worte aus einem ſüßen Traume aufgeſchreckt worden,— „es iſt unmöglich, wir müſſen weg; habt die Güte den Befehl zu geben, daß man ſogleich unſere Pferde ſattle. Der Wind hat die Wolken verſcheucht, und wir werden bei dem herrlichen Mondſchein, der nun die Nacht erhellt, bald in Madrid ſein!“ „Ihr wünſcht es, ſo mag es geſchehen.“ Donna Seraphine rief nun einen Pagen, dem ſie die nöthigen Befehle ertheilte, und die beiden Jäger erhoben ſich ſofort von der Tafel. „Und wird man die Herren nicht bald wieder auf Schloß Penaflor ſehen?“— frug Donna Saraphine indem ſie dem vermeintlichen Saint⸗ Andrs ihre knochige Hand zum Kuſſe hinreichte, die dieſer auch willig nahm, um ſich damit das Recht Orſini II. Bd. 5 zu erkaufen, auch auf die liebliche Hand der Donna Ines ſeine Lippen drücken zu dürfen. „Oh!“— entgegnete Gondreville, als er ſah, daß der König nicht zu antworten wagte,— „es hieße meinen Freund Saint⸗André beleidi⸗ gen, wenn Ihr daran zweifeln wolltet, ſchöne Damen. Im Gegentheil, ich nehme die freundliche Einladung für mich und in ſeinem Namen förmlich an.“ „Ja,“ ſagte der König, Donna Ines mit liebe⸗ glühenden Blicken anſchauend,—„dieſer Abend wird eine ſüße Erinnerung in meinem Herzen zurücklaſſen.“ „Und“— frug Donna Ines, die das Zittern ihrer Stimme kaum bewältigen konnte—„Ihr laßt uns die Hoffnung?....“ Und indem ſie dies ſagte, blickte ſie Gondre⸗ ville wie fragend an; denn obgleich ſie die wahre oder erkuͤnſtelte Gleichgültigkeit, welche der junge Franzoſe von ſeinem Eintritte ins Schloß bis jetzt gegen ſie an den Tag gelegt, tief und ſchmerzlich kränkte, konnte ſie ſich doch des Gedankens nicht ent⸗ chlagen, daß er dies vielleicht nur gethan, jeden Verdacht um ſo ſicherer zu beſeitigen. As welch' anderer Urſache hätte er ſich ſonſt auch einen falſchen Namen beigelegt. Aber der Vicomte blieb, wie es ſchien, ſelbſt bei 67 dem Feuer ihrer Blicke gefühllos. Ja noch mehr! als ob er es nicht hätte erwarten können, von Donna Ines wegzukommen, verließ er, mit der Ausflucht: in Perſon nachſehen zu wollen, ob die Pferde noch nicht geſattelt ſeien, gleich darauf den Saal. Bei dieſer letzten Probe vermochte Donna Ines nicht, eine Thräne zu unterdrücken, und ihr Haupt mit der tiefſten Entmuthigung auf die Bruſt ſinken laſſend, ſeufzte ſie in ihrem Herzen: „O, mein Gott! jetzt bin ich gewiß, er iſt es nicht,— er kann es nicht ſein, und doch gleicht er ihm ſo ſehr.“ Nach fünf Minuten kehrte endlich Gondreville 5 zurück, und kündete ſeinem Gefährten an, daß die Pferde geſattelt ſeien. Hierauf erbaten ſich die beiden Jäger von ihren Wirthinnen nochmals die Erlaubniß, deren Hände küſſen zu dürfen. Als der Vicomte dieſer angenehmen FPflicht bei Donna Ines nachkam, ward dieſe plötzlich feuer⸗ roth und erzitterte am ganzen Leibe. „Was iſt Dir Nichte 2.... Was haſt Du?“— frug die Gräfin Barbaſtro, indem ſie einen arg⸗ wöhniſchen Blick durch die Gläſer ihrer Brille auf Gondreville warf. 68 „Oh!. es iſt nichts... es iſt nichts!... ſtot⸗ terte das Mädchen halb verwirrt, halb freudig, wäh⸗ rend ſie ſo gut als möglich ein Brieſchen zwiſchen ihren Fingern zu verbergen ſuchte, welches ihr Gon⸗ dreville unverſehends in die Hand geſchoben. Einige Augenblicke ſpäter hatten die beiden Jäger Schloß Penaflor verlaſſen, und man hörte bald vom Fuße des Berges her, das raſche Traben ihrer Pferde, deſſen Schall ſich von Minute zu Minute in der Richtung nach Madrid mehr und mehr verlor. „Nun, Sire!“— rief Gondreville, als ſie, an den erſten Hügel gekommen, langſam reiten muß⸗ ten, wie gefiel Euch Donna Ines de Santa⸗ Eruz?“ „Ich habe nie ein reizenderes Weſen geſehen,“ — entgegnete der König mit Feuer,—„das Mäd⸗ chen iſt wunderſchön. Was ſagſt Du dazu?“ „Sire,“— verſetzte der Gefragte—„ich finde ſie höchſt... liebenswürdig. Dabei iſt ſie ſehr jung, und friſch, wie der aufgehende Morgen. Und doch, welcher Unterſchied zwiſchen ihr und einer vollendeten Schönheit, wie zum Beiſpiel Fürſtin Orſini!“ „Meinſt Du, Gondreville?.... Die Fürſtin iſt bei weitem älter. Man kann hier durchaus keinen Vergleich anſtellen.“ —— 6 — — 69 „Es iſt möglich. Ich finde indeſſen, daß die Für⸗ ſtin von Tag zu Tag jünger wird.“ „Unter uns,“ verſetzte der König,—„mir kommt gerade das Gegentheil vor.“ „Ach Sire!.. rief Gondreville mit anſchei⸗ nender Verwunderung....„Eure Majeſtät wollen meiner ſpotten!“ „Keinesweges! Ich verſichere Dich.... Sonder⸗ bar, bis jetzt hat noch kein Weib einen ſolchen Eindruck wie dies Kind auf mich gemacht. Selbſt dies ſanfte, träumeriſche Weſen, das auf ihrer Stirne ruht, erhöht nur die Reize ihres lieblichen Antlitzes, und als ſich ihre Augen, bei der Erinnerung an ihren Vater mit Thränen füllten, da, Gondreville, ich geſtehe es Dir, da war ich nahe daran, mit ihr zu weinen. Es iſt wunderbar, nicht wahr?.... in mei⸗ nem Alter, ich, der König!.... Was willſt Du, ich hatte dieſen Abend Alles vergeſſen, ſelbſt Krone und Reich, denn... ich war ſehr glücklich.“ „Ach, Sire, es kommt daher, weil die Fürſtin Orſini nicht gegenwärtig war. Würdet Ihr ſie neben Donna Ines geſehen haben, dann, ich bin es feſt überzeugt, dann hättet Ihr wohl gefunden, um wie viel Ihre Hoheit in jeder Beziehung ſchöner iſt, als dies Mädchen.“ 70 „Genug, ſchweig, Gondreville,“— rief der König unwillig,—„weißt Du, Daß Du mir end⸗ lich läſtig wirſt, mit der ewig wiederholten Anprei⸗ ſung der Fürſtin?.... Du magſt Ihr immer ergeben ſein, aber nichts weiter!.. es iſt dies Deine Pflicht. Ein andermal aber behalte Deinen Eifer für Dich, und beläſtige meine Ohren nicht mit Deinen unſin⸗ nigen Lobeserhebungen Deines Ideals,. voraus⸗ geſetzt, daß Dir etwas an meiner Gunſt liegt.“ Von dieſem Augenblicke an wechſelten der König und ſein Begleiter kein Wort mehr. Erſt nach einer Viertelſtunde, als ein Hörnerruf aus der Ferne erſchallte und man aus den ſich nahenden Lichtern entnehmen konnte, daß man dem Könige entgegen komme, reichte Philipp V. Gon⸗ dreville die Hand und ſagte; „Du wirſt mir nicht grollen,. nicht wahr, Mondragon?“ „Ach! Sire!“ entgegnete argliſtig der Vicomte, indem er mit ſeinen Lippen die königliche Hand be⸗ rührte, und ſich bis auf den Hals ſeines Pferdes niederbeugte...„Könnte Herr von Saint⸗André ſo etwas von mir denken?“ 6 „Gut!“— verſetzte der König—„man nähert ſich uns. Hörſt Du... ſie blaſen auf's neue Appell. =——— . 71 Wir wollen ihnen mit der Stimme antworten. Aber jetzt noch.. wo haben wir die Nacht während des des Unwetters zugebracht?“. „In einer Felſenhöhle, die uns Schutz g 2 „Vortrefflich!.... Du kannſt es der Fürſtin er⸗ zählen. Es iſt eine große Lüge, aber... ich werde ſie morgen Pater Robinet beichten.“— Kehren wir nun auf einen Augenblick nach Schloß Penaflor zurück. Sobald Donna Ines in ihr Zimmer zeen war und ſich allein befand, enfaltete ſie mit fieber⸗ hafter Haſt das Billeichen, welches Gondreville in der Eile mit Bleiſtift geſchrieben und ihr ſodann in die Hand hatte gleiten laſſen. Es lautete wie folgt: „Schöne Ines!“ „Vergebt mir eine Liſt, die mir durch die un⸗ abwendbarſte Nothwendigkeit vorgeſchrieben wurde, und richtet mich nicht zu ſtreng nach dem Schein. Wenn auch alles dieſen Abend in meiner Auffüh⸗ rung Lüge war, ſo bitte ich Euch doch, Eins als unwandelbare Wahrheit aus meinem Munde hin⸗ zunehmen, und dies iſt das Geſtändniß einer tiefen, herzinnigen Liebe zu Euch,— einer Liebe, die nur mit meinem Leben erlöſchen wird Indem in dieſem 72 Augenblick Eure himmliſchen Züge neuerdings vor meine Augen treten, fühle ich dieſe Gluth heftiger und lebendiger als je in meinem Herzen auflobern. Einſt ſollt Ihr Alles erfahren; einſt, zu Euren Füßen liegend, werde ich Euch ſagen.... Bis dahin beklagt mich, dies iſt alles, um was ich Euch bitte, und es iſt ſo wenig, daß Ihr es mir nicht abſchlagen werdet.“ „Ach!“— rief Donna Ines, und warf ſich auf die Kniee, während ihre Augen ſich mit Thränen, — aber mit Thränen des Entzückens füllten—„dies⸗ mal, mein Gott, dank ich Dir aus voller, voller Seele, denn ich habe mich ja nicht getäuſcht, es war er, er! den ich ſo heiß liebe.“ In der That war unſer Held, zwiſchen Rache und Liebe ſchwankend, der Allgewalt der Letzteren erlegen, und fing bereits an, einen Entſchluß zu bereuen, deſſen Ausführung er nicht gewachſen zu ſein fürchtete. ———— Viertes Kapitel. Das Bildniß. Den kommenden Morgen ließ die Fürſtin Or⸗ ſini zu mehrerenmalen anfragen! ob denn ſeine Maje⸗ ſtät noch immer nicht zu ſprechen ſeien, erhielt aber durch la Roche, den Kammerdiener Philipp V., wiederholt die Antwort zugeſandt: ſein königlicher Herr habe ihn bis jetzt noch nicht gerufen. Als dies zum drittenmale geſchah, befahl die Fürſtin, die, wie ſie durch ihren Pagen anzeigen ließ, dem Könige ſehr wichtige Mittheilungen zu machen hatte,— daß man in ſein Zimmer trete. Kein anderer als ein franzöſiſcher Kammerdiener würde es gewagt haben, einen Befehl wie dieſen auszufuͤhren, welcher ſo ſchnurgerade der am Hofe Spaniens herrſchenden Etiquette zuwiderlief, ſelbſt dann nicht, wenn die dringendſte Gefahr das Leben es Monarchen bedroht hätte. In dieſer Beziehung hat ja leider die Geſchichte Spaniens der Nachwelt, als traurigen Beweis un⸗ ſerer Behauptung, das tragiſche Ende König Phi⸗ lipp MI. aufzuweiſen, der, wie bekannt, durch den Dampf eines Kohlenfeuers erſtickte, an welches, in der Abweſenheit deſſen,— dem dieſes Amt allein zukam, Niemand die Hand zu legen wagte. Es war alſo der treue la Roche welcher ſich, zur großen Beſtürzung der ſpaniſchen und walloniſchen Wachen, entſchloß, dem Befehl Ihrer Hoheit der Fürſtin Orſini nachzukommen. Er fand den König noch in den Armen des tiefſten Schlafes. Seine Wangen glühten in friſchem Roth, ſeine Lippen waren halb geöffnet, ja— es kam la Roche vor, als habe er ſeine Majeſtät den Namen Ines im Schlummer murmeln hören, was ihn nicht wenig überraſchte, da er, ſeit dem Antritte ſeines Dienſtes bei Philipp V., keine Frau und kein Mädchen am Hofe kennen gelernt, die dieſen Namen getragen. Indeſſen, ſei es nun, daß der König ausge⸗ ſchlafen hatte, ſei es, daß ungeachtet der Vorſicht, mit welcher la Roche jedes Geräuſch beim Eintreten zu vermeiden geſtrebt, die Tritte des Nahenden ihn dennoch erweckt,— kurz, der ehrliche Kammerdiener —— 75 war noch nicht bis in die Hälfte des Zimmers ge⸗ langt, als der Enkel Ludwig XIV. die Augen auf⸗ ſchlug, gewaltig gähnte und nach der Zeit frug. Auf la Roche's Antwort fuhr er erſchrocken empor, und ſprang mit gleichen Füßen aus dem Bett. „Ach, Herr mein Gott!“— da iſt ja ſchon die Stunde der Frühmeſſe vorüber!... Was wird Pater Robinet ſagen?.. Geſchwind, la Roche, kleide mich an!“ Der Kammerdiener fand den Augenblick paſſend, ſeine Majeſtät davon zu benachrichtigen, daß Ihre Hoheit die Fürſtin Orſini ſchon mehreremale den König zu ſprechen verlangt habe. Letzterer mußte aber ohne Zweifel ſehr lebhaft mit etwas Anderem beſchäftigt ſein; denn la Roche ſah ſich genöthigt, mehreremale auf ſeinen Auftrag zurückzukommen. Ja, er mußte endlich zu einem Ultimatum ſeine Zu⸗ flucht nehmen, welches er in folgende Frage faßte: „Sire, was habe ich dem Pagen Ihrer Hoheit der Fürſtin Orſini zu antworten?“ „Sagt ihm!“— rief endlich der König,—„ſie könne kommen wenn ſie wolle. Es muß ja doch einmal ſein.“ La Roche überbrachte dem Pagen den erſten 76 Theil dieſer Antwort, dann ging er zu ſeinem Herrn zurück, der ihn mit den Worten empfing: „Es ſcheint mir, la Roche, als ob meine Haare ſchlecht friſirt ſeien. Du ſollteſt Dir ein Beiſpiel an der Friſur des Herrn von Gondreville nehmen, und ſie auch wie die ſeinen parfümiren. Glaubſt Du es denn, Du hätteſt ſchon mit einem Greiſe zu thun?.. Da würdeſt Du Dich gewaltig irren, la R % bin erſt dreißig Jahr alt.“ La Roche glaubte in die Erde zu ſinken. Es war das erſtemal in ſeinem Leben, daß ſich Phi⸗ lipp V. um ſolche Dinge kümmerte. Einige Minuten ſpäter trat die Fürſtin Orſini ein. Sie war heute beſonders ſchön, und trug einen Schmuck von ſchwarzen Steinen, der die Weiße ihrer Haut herrlich hervorhob. „Ach, Sire!“— rief ſie dem König entgegen— „in welche peinliche Ungewißheit, in welche tödtliche Angſt hat uns Alle am verwichenen Abend das Un⸗ gewitter verſetzt, und welch' ein Glück war es, daß Ihr unter einem Felſen Schutz fandet!— Großer Gott! Was hätte das geben können,.. ich zittre noch, wenn ich daran denke 1.... Seine königliche Hoheit der Prinz von Aſturien und ich, wir n e 77 Beide einen Theil der Nacht im Gebete für Eure Majeſtät zugebracht.... Aber wie befindet Ihr Euch?.. Habt Ihr kein Fieber?... Befehlt Ihr, daß ich nach Herrn Hyghens, Eurem Leibarzte ſende?“ „Keinesweges, Fürſtin, keinesweges!.... Ich danke Euch für Eure Sorgfalt. Ich habe mich noch nie wohler gefühlt, als dieſen Morgen. Auch ſchlief ich vortrefflich und ſpüre nicht die geringſte Müdigkeit von der Jagd mehr. Und.... was das Ungewitter betrifft... nun.. was iſt das gegen eine Schlacht?.. und, Ihr wißt, ich habe deren mehr als einer beige⸗ wohnt.“ „Niemand, Sire, kennt Eure muthige Seele beſſer als ich. Als König habt Ihr oft ſchon auf hartem Boden geſchlafen, wie jeder andere Krieger; wie der Tapferſte unter den Tapfern habt Ihr lächelnd den feindlichen Kugeln getrotzt; aber damals belaſtete Euren Geiſt noch nicht jene düſtere Schwermuth, die Eure Kräfte untergräbt, und deren Unſichgreifen ich ſeit vier Monaten vergebens entgegenarbeite.“ „Wer weiß, Fürſtin, ob Euer Ziel nicht auf dem Punkte ſteht erreicht zu werden.“ „Sire! dies wäre eine große Freude für mich, wie für ganz Spanien, und ich nehme dieſe Weiſſa⸗ gung mit Entzücken hin. Umſomehr, da ich Eure „ 78 Majeſtät heute Morgen von ſehr wichtigen Geſchäf⸗ ten zu unterhalten habe, für welche ich Eure ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch nehmen muß; da es ſich um die heiligſten Intereſſen des Königreichs handelt.“ „Ich bin bereit Euch zu vernehmen, Fürſtin.“ „Sire, Herr von Chalais, welchen ich nach Verſailles geſandt, um Euerem erhabenen Groß⸗ vater die Verſichrung Eurer unbedingten Unterwer⸗ fung unter ſeine Wünſche zu überbringen, iſt zurück. Er hat König Ludwig XIV. geſprochen, der denn auch auf dieſe Verſicherung hin, noch einmal Hülfe ſenden wird, um Euch Euer Königreich gänzlich zu unterwerfen. Marſchall Berwik iſt bereits mit ſiebenzig Bataillons auf dem Wege nach Barcelona, und hat geſchworen, dieſe Stadt vor dem Verlauf von drei Monaten zu nehmen. Es iſt dies der letzte Heerd des Aufruhrs; iſt dieſer erſt in unſeren Händen, ſind auch alle revolutionären Bewegungen in Spanien in ihren Keimen erſtickt. Demohnerachtet, Sire, glauben der König von Frankreich und ſeine Miniſter, daß es unter den jetzigen Verhältniſſen keinesweges genüge, die äußerlichen Feinde zu vernichten; ſondern daß es zugleich durchaus nothwendig ſei, auch die 6 3 79 Inneren durch einen entſchiedenen Streich zu unter⸗ drücken.“ Hier fing Philipp V. an, Zeichen einer leb⸗ haften Unruhe zu geben. Die Fürſtin aber fuhr, ohne es zu bemerken, in ihrem Eifer alſo fort: „Eine Verſchwörung wurde angezettelt. Es iſt dies jetzt eine Thatſache, die keinem Zweifel mehr unterliegt. Unzufriedene,— um nicht Rebellen zu ſagen— haben ſich nächtlicherweiſe und in's Ge⸗ heime bei dem Marquis von Santa-Cruz ver⸗ ſammelt, und würde mir der Bevollmächtigte des Herzogs von Parma, der verdienſtvolle Abbs Al⸗ beroni nicht in derſelben Minnte, in welcher das Complott losbrechen ſollte, Nachricht davon gegeben haben, dann, Majeſtät, herrſchte ſchon jetzt in Ma⸗ drid, ſo wie im ganzen Königreiche die wildeſte Anarchie, und einer Gurer treueſten Diener, der Vi⸗ eomte von Gondreville, hätte ſeine Seele durch einen feigen Mord in jener Räuberhöhle ausgehaucht. Sire, ſolch' eine Thatſache erfordert ein ſtrenges Ge⸗ richt. Es muß ein Beiſpiel gegeben werden. Dies iſt die allgemeine Meinung, ſowohl hier, als auch in Frankreich, und da der Marquis von Santa⸗Cruz hartnäckig darauf beſteht, ſeine Mitſchuldigen nicht 4 zu nennen, ſo wird er wohl allein für ſie büßen müſſen. Die gegen ihn eingeleitete Unterſuchung iſt außerdem beendet, und die Richter des Hofgerichtes haben ſich einſtimmig gegen mich erklärt, daß ſie be⸗ reit ſeien, das Todesurtheil über den Marquis zu ſprechen. Bleich, athemlos und faſt ebenſo verwirrt, als handle es ſich von ihm ſelbſt, blickte Philipp V. bald rechts, bald links, als ſuche er einen rettenden, einen vermittelnden Ausweg. Eine tiefe Stille trat ein. „Sollte dies denn nicht auch Eure Meinung ſein, Sire?“— hub nach einigen Secunden die Fürſtin wieder an.„Aber was fehlt. Euch?— Iyr erbleicht und ſcheint auf dem Punkte, ohnmächtig werden zu wollen? Ich will nach dem Arzte nach Hyghens ſenden.“ „Das iſt unnöthig, Fürſtin,“— entgegnete der König tiefer—„es iſt unnöthig,... es iſt ſchon vorüber.“ „Sollte dies nicht Ermüdung in Folge der geſtri⸗ gen Jagd ſein 2.. Majeſtät werden gut daran thun, ſich einige Tage dieſes Vergnügens zu enthalten.“ „Oh! nein! nein!“ rief der König mit auffalle⸗ der Heſtigkeit.„Die Jagd hat mir ſehr wohlgethan . 81¹ und ich werde ſie wiederholen..... ſo oft als es nur möglich. Ich erſticke hier in dieſem Pallaſte. Ich muß Luft, Raum haben!.... Ich mag nicht mehr in Madrid bleiben.... Ihr werdet den Befehl ertheilen, daß ſich der Hof auf einige Zeit nach Escu⸗ rial verfügt.“ „Sire?!“— ſtammelte die Fürſtin, die ihres Erſtaunens gar nicht mächtig werden konnte—„und doch haben Eure Majeſtät,— es iſt noch nicht lange her,— in meiner Gegenwart einen entſchiedenen Widerwillen gegen einen Aufenthalt ausgeſprochen, an welchen ſich nur trübe Erinnerungen knüpfen... Im Pantheon des Escurials ruht die irdiſche Hülle der ſeligen Königin.“ „Herr, mein Gott!“— rief der König, ſchlug ſich an die Bruſt und feufzte tief,—„vergib mir, daß ich meine arme Luiſe vergaß.“ Er ſchwieg. Nach einigen Minuten aber ſagte er ſich in Gedanken: „Und doch iſt der Pallaſt Escurial bei weitem näher an Schloß Penaflor.“ Nach einer langen Pauſe frug endlich die Fürſtin. „Sire,— was habt ihr in Bezug auf den Mar⸗ quis von Santa⸗Cruz beſchloſſen?“ Santa⸗Cruz!... ja ſo!.... Ihr ſpracht von Orſini. II. Bd. 6 82 Santa⸗Cruz?. nun— Ich werde es mir überlegen,. und Euch ſpäter meine Meinung ſagen.“ „Bedenkt, Sire, daß die Zeit drängt, und es durchaus nöthig ſein wird, daß die Ankunft des Mar⸗ ſchall von Berwick unter den Mauern von Barce⸗ lona, mit der ſtrengen, aber nothwendigen Beſtrafung des Hauptes der Unzufriedenen... der Rebellen. zuſammenfalle. „Iſt dies Alles, Fürſtin, was Ihr mir zu ſagen habt?“ „Um Vergebung, Sire; Herr von Chalais hat ſich noch über einen anderen Punkt lange mit Frau von Maintenon und Herrn von Torey unterhal⸗ ten, und zwar über die neue Verbindung, welche Euer königlicher Großvater von Euch, Sire, ſo bald als möglich geſchloſſen zu ſehen wünſcht.“ Bei dieſen Worten flog ein hohes Roth über das Antlitz des Monarchen, ſeine Blicke ſenkten ſich ver⸗ wirrt zu Boden, ſeine Lippen zuckten krampfhaft, und ſein Herz fing ſo gewaltig zu pochen an, daß man faſt ſeine Schläge hätte hören können. Aber es hatte ſich auch ſeit jenem Tage, an wel⸗ chem er der Fürſtin Orfini ſo unbedachtſamerweiſe angeboten: bei ihm die gleiche Rolle in ihrer ganzen Ansdehnung zu ſpielen, welche die Wittwe Scar⸗ ran's bei Ludwig XIV. behauptete und dem geſtri⸗ gen Abende, an welchem ihm auf Penaflor ein neuer Stern aufgegangen,— gar Vieles bei Phi⸗ lipp V. in dieſer, wie in mancher anderer Beziehung geändert. Die Fürſtin war indeſſen gewöhnt, dem ſchwa⸗ chen Monarchen in der Seele zu leſen, den ſie ohne⸗ hin bisher immer, durch den Einfluß ihres weit über⸗ legeneren Geiſtes, mit Leichtigkeit gelenkt. Auch jetzt erkannte ihr ſcharfer Blick ſofort, daß hier eine Ver⸗ änderung vorgegangen. Sie ſagte daher mit jenem feinen, den Frauen eigenen Tacte, während ein unausſprechlich melan⸗ choliſches Lächeln um ihre Lippen ſpielte: „Sire,... wenn ich mich recht entſinne, ſo war Eure Majeſtät, als wir dieſen wichtigen Gegenſtand das letztemal beſprachen, in der Wahl zwiſchen drei Partien unentſchloſſen. Erlaubt mir, daß ich Euch dieſe Drei, von welchen es ſich damals, wie auch noch heute, handelt, in das Gedächtniß zurückrufe. Es war die Prinzeſfin von Baiern, die Infantin von Por⸗ tmgal und die Erzherzogin von Oeſterreich.“ Der König athmete hier laut auf, wie ein Menſch, den man von einer niederdrückenden Bürde befreit hat. Sein Haupt hob ſich wieder, und ſeine blanen Augen blickten unwillkürlich und mit einem Ausdruck der Unentſchloſſenheit nach der Fürſtin, während er mit einer kaum hörbaren Stimme für ſich hin lispelte: „Wenn man dem Gerüchte glauben darf, ſo hat die Natur... die Prinzeſſin von Baiern nicht ſo behan⸗ delt.... wie ihre Tugenden es verdienen.“ „Nun, Sire, gefällt es Euch, daß man in Eu⸗ rem Namen zu Liſſabon Unterhandlungen um die Hand der Infantin von Portugal einleite? Dies Bündniß würde auf natürliche Weiſe die Bande einer guten Nachbarſchaft der beiden Königreiche befeſtigen.“ „Ich würde ſchon.... aber die Infantin iſt noch ſo jung!.... Denkt nur ſelbſt, Fürſtin, ſie iſt ja noch ein Kind.“ Alsdann bleibt nur noch die Erzherzogin.“ „Bewahre mich der Himmel dafür!“— rief der König,—„Das hieße ja alle Anſprüche des Hauſes Oeſterreich wieder hervorrufen.“ „Sire,.. dennoch müßt Ihr wählen. Es iſt der Wille Eures königlichen Großvaters, und Herr von Chalais glaubte verſprechen zu dürfen, daß Ihr Euch demſelben ohne Aufſchub unterwerfen würdet.“ Der König blieb einige Augenblicke ſchweigend und nachdenklich, dann ſtand er auf und ging mit großen Schritten im Zimmer hin und her, wie es ſeine Gewohnheit war, wenn er einen Beſchluß zu faſſen hatte. Plötzlich aber blieb er an einem der Fenſter ſte⸗ hen, und mit wunderlicher Unruhe und Sehnſucht nach dem blauen Himmel ſchauend, rief er: „Das Wetter hat ſich wunderſchön aufgeklärt,.. ich will es benutzen... la Roche!... he la Roche!... Laß ſogleich Anſtalten zur Jagd treffen. Fürſtin, wir werden den Gegenſtand unſerer Unter⸗ haltung ein andermal wieder aufnehmen.... Man ſoll Gondreville ſuchen, er wird mich begleiten... Ihr könnt Euch zurückziehen, Fürſtin.“ Es war dies das erſtemal, daß Philipp V.— der ſich doch ſonſt immer ſo unterwürfig, ſo ehrerbietig und nachgiebig gegen die Fürſtin von Orſini ge⸗ zeigt,— ſo entſcheidend und kurz gegen ſie auftrat. Es konnte daher auch nicht fehlen, daß ſie dies Betragen eben ſo ſehr überraſchen als kränken mußte. Dennoch hatte ſie ſo viel Gewalt über ſich, um das eine wie das andere Gefühl zu unterdrücken, und da ſie dabei zu ſtolz war, um ſich bis zu einer Fräge nach dem Grunde dieſer Veränderung zu erniedrigen, ſo verneigte ſie ſich tief und ehrfurchtsvoll und ver⸗ ließ das Zimmer. Als ſie in ihre Gemächer trat, benachrichtigte man ſie, daß ſie der Abbé Alberoni ſchon ſeit längerer Zeit erwarte. Sie befahl, ihn einzuführen. Hatte doch der pfiffige Parmaneſe, ſeit dem Tage, an welchem er ſie— ſo ſehr zur rechten Zeit— vor der Verſchwörung gewarnt, die ſich gegen ſie in dem Pallaſte von Santa⸗Cruz angeſponnen, einen großen Schritt in der Gunſt der Fürſtin vorwärts gethan. Außerdem war er ja, wie man weiß, ein höchſt luſtiger Kauz, und Anna de la Tre⸗ myuille befand ſich eben, in Folge der Zuſammen⸗ kunft mit dem Könige, in einer jener Geiſtesſtim⸗ mungen, in welchen man mit Begierde und Freude nach der Geſellſchaft ſolcher Menſchen haſcht. Als der Abbé eintrat, trug er ein Miniatur⸗ Bildniß in ſeiner Hand, welches, nach de Pettiots Manier, auf Schmelz gemalt war. Dabei ſchien er heute in noch beſſerer Laune, als gewöhnlich, zu ſein, und als ihn die Fürſtin um den Grund dafür fragte, fing er, indem er zugleich das Bild betrachtete, auf eine ſo unmäßige und drollige Weiſe zu lachen an, daß ſie ſich ſelbſt, in Folge einer ſympathetiſchen Anſteckung, nicht enthalten konnte, ſeine Heiterkeit ein wenig zu theilen. Als Alberoni endlich wieder zum Sprechen kam, rief er, mit einer Stimme, die noch oft vom Lachen unterbrochen wurde, indem er der Fürſtin zu gleicher Zeit das Bildniß hinhielt: „Ach der tolle Streich..... Wenn Eure Hoheit wüßten. Aber ich muß Eure Hoheit um Verge⸗ bung bitten und ſie erſuchen dies Bild..... einmal anzuſchauen.“ „Dies Bild?“— verſetzte die Fürſtin,—„nun es iſt das einer jungen Frau oder eines Mädchens von recht lebhaften und pikanten Zügen, vorausge⸗ ſetzt, daß es ähnlich iſt. Die Haare ſind namentlich ſehr ſchön und ſchwarz wie die Augen, auch iſt der Teint hübſch weiß. „Ich kann dafür bürgen, Hoheit, daß das Por⸗ trait ſprechend ähnlich iſt;..... aber ſagt es Euch nicht noch andere Dinge?“ „Nein, das ich nicht wüßte!“ „Ei, ei, wie ſchade, Fürſtin, daß dies Bild nicht ſprechen kann! Es würden Euch alle Arten Larifari ſagen, für die ich im Voraus um Vergebung bitten mußte. Erlaubt mir vielleicht Hoheit, daß ich an ſeiner Stelle das Wort ergreifen darf?“ „Thut es, Abbé.“ „Ich nenne mich Eliſabethe Farneſe,(das Au M— 8 „Portrait ſpricht! ich bin die Nichte ſeiner Durch⸗ „laucht des regierenden Herzogs von Parma, und „habe ſehr große Luſt mich zu verheirathen.“ „Da ſeh' ich nichts, als ſehr Natürliches dabei, Abbs.“ „Halt!— Wartet! wir ſind noch nicht zu Ende: „Seine Durchlaucht, der Herzog, mein lieber Oheim, „hat, ich weiß nicht auf welche Weiſe, Wind davon „erhalten, daß der König Spanien's und beider „Indien eine Frau ſucht. So lange er denken konnte, „daß ein Weſen, welches er höher als alle Anderen „ſchätzt, die Krone annehmen würde, glaubte Seine „Durchlaucht, mein Oheim, ſchweigen zu müſſen; „jetzt aber, wo veränderte Umſtände eingetreten zu „ſein ſcheinen, bildet er ſich ein, ich könnte dieſe Rolle „eben ſo gut ſpielen, als jede Andere, vielleicht beſſer „als manche Andere.“ Vergebung Hoheit, es iſt immer das Bildniß, welches ſo ſpricht.— Nun! was ſagt Ihr, welche Kühnheit!— Armer Herzog von Parma!... ich glaube er hat den Verſtand ver⸗ loren,... nicht wahr?“ „Warum, das ſcheint mir eben nicht der Fall.“ „Oh!— Hoheit ſind eben voll Güte und Nach⸗ ſicht. Ein unbedeutendes Mädchen, welches nicht beſſer für den Stand einer Königin paßt, als die unterſten 89 Bürgersmädchen von Madrid, erzogen von einer Rabenmutter ſeit ihrer Kindheit an Gehorchen ge⸗ wöhnt, und dieſe fällt es eines ſchönen Morgens Seiner Durchlaucht ein, auf einen der erſten Throne der Welt erheben zu wollen 2.... Iſt dies nicht zum Todtlachen?... Oh, ich bitte Euch, Hoheit, ſo lacht doch ein wenig mit mir.“ „Abbé,“— entgegnete die Fürſtin—„ich habe heute nicht die geringſten Luſt dazu.“ Deſto ſchlimmer!.... Hundertmal, tauſendmal ſchlimmer!.... Aber das Bildniß hat noch nicht anfge⸗ hört zu ſprechen. Gebt nur Achtung:„Durchlauchtigſte „Fürſtin,(es richtet ſeine Worte nehmlich an Ihre „Hoheit, die Fürſtin Orſini) würdet Ihr mir nicht „bei dieſer höchſt wichtigen Angelegenheit zu Hülfe „kommen?. Meine Dankbarbeit würde ohne „Grenzen ſein. Würdet Ihr nicht nochmals die hohe „Ehrenſtelle einer Camarera⸗Mayor annehmen?.. „Denn was würde ich ohne Euch auf Spaniens „Throne ſein? Ich habe keine Ahnung von der großen „Kunſt, die Völker zu regieren,— jener Kunſt, in „welcher Ihr eine ſo ausgezeichnete Meiſterin ſeid, „wenn ich der hundertſtimmigen Göttin des Ruhmes „und den Ausſagen des Abbé Alberoni glauben „darf.(Es iſt immer noch das Bildniß, welches „ſpricht.) Macht mich zur Königin von Spanien, ob „Fürſtin, und meine höchſte Luſt, wenn ich den Scepter „ergreife, ſoll es ſein, Euch zu meiner Vertrauten, „meiner theuerſten und innigſten Freundin zu erkieſen, „ſo wie es meine heiligſte Sorge ſein würde), Euch zu beweiſen, daß dies nicht nur eitle Titel ſeien.“ Was denken Eure Hoheit von allen dem?“ „Ich denke, daß dies Bildniß in dem Herrn Abbé Alberoni einen ſehr beredten Dolmetſcher gefunden hat „Sagt einen ſehr wahrhaften! „Unglücklicherweiſe fürchte ich doch,— und wenn auch der Unterhändler noch beredter, und die Prinzeſſin Eliſabethe Farneſe, ſtatt die Nichte eines ein⸗ fach regierenden Herzogs zu ſein, die Tochter oder Schweſter eines der größten Könige der Erde wäre,— demnach ſage ich, muß ich fürchten, daß ſich ihr wenig Hoffnung darbietet, dem Könige von Spanien zu gefallen.“ „Warum denn?... Wenn ſie nur Euch gefällt, Hoheit, ſo iſt dies ſchon genug.... Wir verlangen gar nicht mehr. Ich ſpreche immer im Namen des Bildniſſes, welches recht gut weiß, wie viel der König 91¹ auf Eure weiſen Rathſchläge hält. Iſt Eure Hoheit nicht für ihn die Nymphe Egeria?“*) „Ja, ſonſt vielleicht war ich es, aber jetzt..„ Während die Fürſtin dieſe letzten Worte ausſprach, überraſchte Alberoni eine Thräne in ihren Augen. „Teufel!“— murmelte er zwiſchen den Zähnen;— „ſollten ſeine Majeſtät auf dem Punkte ſtehen, mit der Egeria zu wechſeln?“ In demſelben Augenblicke ertönte lauter Hörner⸗ ſchall aus dem Schloßhofe, in welchen ſich das Wiehern von Pferden und das Bellen von Hunden miſchte. „Hört Ihr!“— ſagte die Fürſtin, glücklich eine Gelegenheit gefunden zu haben, die Unterhaltung unterbrechen zu können, die ihr peinlich wurde, und bei welcher ſie fürchtete, ſich zu weit fortreißen zu laſſen,—„der König geht auf die Jagd, man bläſt zum Aufbruch.“ *) Egeria war, nach der Mythologie der Römer, eine der Camenen, mit welcher Numa Nachts in dem heiligen Haine von Aricia zuſammenkam, und von ihr Belehrung über die Staats⸗ und Religionseinrichtungen Rom's em⸗ pfing. Numa's Tod ſchmerzte ſie ſo ſehr, daß ſie ihn unaufhörlich beweinte, bis ſie Diana, von Mitleiden erregt, in eine ewig fließende Quelle verwandelte. Nach Anderen ſoll Egeria die Gemahlin, oder doch wenigſtens die Ge⸗ liebte Numas geweſen ſein. Gleichzeitig näherte ſie ſich, gefolgt von Albe⸗ roni, einem offenen Feuſe und trat ſodann auf den Balcon. „Ei, ei!“— en gegnete der Abbé laut— ſeine Majeſtät überlaſſen ſich auch heute dem Vergnügen der Jagd?!... Alſo liegt die göttliche Nymphe Ege⸗ ria mit Diana im Der Kampf wird nicht lange dauern.“ Alberoni hatte noch nicht geendet, als die Tambours die Trommeln rührten, und der König, von Gondreville begleitet, erſchien. Seine Majeſtät waren mit einer gewiſſen Aus⸗ wahl begleitet, und eine, an ihm ungewohnte Lebhaf⸗ tigkeit ſtrahlte aus ſeinen Zügen und gab ſich ſelbſt in ſeinen Bewegungen kund. Gondreville bemerkte die Fürſtin zuerſt, da ſie bis an den Rand des Balcons getreten war;— er zog daher mit ritterlicher Artigkeit den Hut und verneigte ſich tief. „Wen grüßt Du denn ſo ehrerbietig?“— frug der König. „Sire,“— entgegnete Gondreville mit Be⸗ geiſterung,—„die Königin aller Schönen, Ihre Ho⸗ heit die Fürſtin Orſini!“ Philipp V. konnte ein nervöſes Zucken nicht verbergen, eine leichte Röthe überflog ſeine bleichen Wangen, während auch er, das Haupt entblößend, mit Kopf und Hand zugleich grüßte. Dann machte er ſich bereit, ſein Pferd zu beſteigen, wobei ihm Gondreville behülflich war, der die Ehre hatte, ihm den Steigbügel zu halten. Während der Dauer dieſes Selbſtgeſpräches waren die Rüdenknechte mit den Hunden vorausgezogen. Jetzt erſchallten noch einmal die Hörner, und der König und ſein Begleiter ritten in munterem Trab davon. Als das königliche Jagdgefolge völlig verſchwunden, und man den luſtigen Hörnerklang, der ſich allmählig nach der Gegend der Sierra de Guadarrama verlor, nur noch aus der Ferne vernahm, wandte ſich der Abbé abermals zu der Fürſtin, die das Kinn auf den Arm geſtützt, in Gedanken vertieft, auf dem Balcon ſtehen geblieben war. „Hoheit!“— ſagte er ſodann halblaut—„ver⸗ gebt, wenn meine unbegrenzte Ergebenheit zu Euch mich beſtimmt, Euch einen Verdacht mitzutheilen.... einen Verdacht, der Euch ohne Zweifel peinlich ſein muß.. indeſſen, es iſt ja nur ein Verdacht.“ „Sprecht Abbé!“ „Was würdet Ihr dazu ſagen, wenn diejenigen 7 zwei Perſonen, die Euch auf der Welt die liebſten ſind, Euer Vertrauen betrögen.“ „Ich würde oh! Nein, es iſt nicht möglich!.. Ich ſage Euch, es iſt nicht möglich!“ Aber während die Fürſtin Alberoni's Meinung ſo entſchieden verneinte, durchrieſelte ein kalter Schauer das Mark ihrer Knochen. „Und doch iſt es ſo!“— ſagte der Abbé mit dem Tone feſter Ueberzeugung. „Beweiſen Sie es, Herr Abbé. Einen Beweis! einen Beweis!“ „Der wird allerdings ſchwer zu führen ſein, und nur mit Gefahr für mich, indeſſen es gibt nichts, was ich nicht bereit wäre, für Eure Hoheit zu unter⸗ nehmen. Nur eine Bedingung würde ich dabei ſtellen.“ „Welche?.. Sprecht! ich gewähre ſie im Vor⸗ aus, denn dieſe Ungewißheit iſt zu peinlich.... Von* ihm verrathen zu werden! namentlich von ihm!.. oh. es wäre gräßlich!.. ich kann, ich will es nicht glauben!— Aber die Bedingung?“ „Ach, lieber Gott, Hvheit, ſie iſt ganz einfach. Es handelt ſich nur darum, daß ihr etwas zu Gun⸗ ſten des Bildniſſes thun wolltet, welches ich Euch ſoeben gezeigt.“ Anna de la Tremouille blickte den liſtigen 95 Parmaneſer ſtarr an, dann ſagte ſie mit einer un⸗ ausſprechlichen Bitterkeit: „Herr Abbé Alberoni, ſo wäret denn auch Ihr ein Ehrgeiziger, wie es alle die Anderen ſind?“ Wir wiſſen nicht, was der Abbé geantwortet. Fünftes Kapitel. Fru m b ſ Es war ohngefähr fünf Uhr des Morgens, als ſich der Majordomus Gil⸗Perez in Reiſeklei⸗ dung nach dem Marſtalle des Schloſſes Penaflor be⸗ gab, und den Stallknecht frug, ob ſein Mauleſel ge⸗ ſattelt ſei. Auf die bejahende Antwort des Letzteren beſtieg er mit ernſter Miene das Thier, und machte Anſtal⸗ ten das Schloß zu verlaſſen. Wie aber erſtannte er als ihm am Thore Donna Ines entgegentrat. Erbleicht unter dem Joch der Etiquette, beeilte er ſich ſogleich, von ſeinem Mauleſel herabzuſteigen und verbeugte ſich ſodann tief, nachdem er zuvor ſein Haupt entblößt, vor der Tochter ſeines Herrn und Gebieters. Dieſe ward über und über roth, und ihre Stimme — 97 zeugte von einer heftigen inneren Erregung, als ſie das nachfolgende Zwiegeſpräch begann: „Du begibſt Dich nach Madrid, mein guter Gil⸗Perez?“ „Ja, Senora,“— entgegnete der Majordomus der, wie wir wiſſen, eben nicht zu den Redſeligen ge⸗ hörte. „Du haſt recht, daß Du ſo früh wegreiteſt, ſo vermeideſt Du doch die Hitze des Tages.“ Gil⸗Perez neigte ſein edles Haupt als Zeichen der Bejahung. 6 „Biſt Du nicht von meiner Tante beauftragt, Dich zu dem hochwürdigen Fra Ambroſio, unſerem Beichtvater, zu begeben, um zu erfahren, wenn er zu uns auf das Schloß kommen könne?“ „Ja, Senora!“ . Er muß recht krank ſein, da er ſeine beiden Beichtkinder ſo vernach⸗ läſſigt, die ihn doch ſo jehr ſchätzen!... Nicht wahr Gil⸗Perez?“* „Ja, Senora!“ „Du wirſt nicht vergeſſen, ihm zu ſagen, wie ſehr ich ihn von ganzer Seele beklage. Gil⸗Perez verbeugte ſich hier uerdings, wo⸗ rauf eine tiefe Stille folgte. 7 N Orſini I. Bd. — 98 Alles was dorausgegangen, war ohne Zweifel nur eine Einleitung; denn Donna Ines würde ge⸗ wiß keinen ſo frühen Spaziergang im Schloſſe un⸗ ternommen haben, einzig um von Fra Ambroſio zu ſprechen. Schon machte ſich Gil-Perez bereit, nachdem er ſeinen großen Hut mehreremale verlegen in den Händen hin und herbewegt, Abſchied von ſei⸗ ner jungen Herrin zu nehmen, als dieſe daher, die ſichtbar gegen eine ſtürmiſche Aufregung ihres Innern vergebens ankämpfte, wieder das Wort ergriff, wäh⸗ rend ſie zu gleicher Zeit ihre Stimme dämpfte und einen furchtſamen Blick um ſich warf, als wolle ſie ſich verſichern, daß ſie von Niemandem gehört und geſehen werde. „Gil⸗Perez, mein guter Gil⸗Perez!“— ſagte ſie—„ich weiß mit welcher Treue und Erge⸗ benheit Du an mir hängſt,— Du mußt mir heute einen neuen Beweis davon ablegen,. hörſt Du wohl?., Wenn Du nach Madrid kommſt, ſo frägſt Du nach dem Pallaſte, in welchem der Vicomte von Gondre⸗ ville wohnt, und übergibſt ihm.... dieſes... Brieſchen Aber.... ihm ſelbſt... nur ihm ſelbſt, ohne daß es irgend Jemand erfahre, ſelbſt meine Tante nicht;... weder hier noch anders wo. Ich kann auf Dich rechnen, nicht wahr?“ Schon bei dem Namen Gondreville's hatte der Majordomus die Ohren geſpitzt, und ganz ge⸗ gen ſeine gewöhnliche Einſilbigkeit konnte er ſich nicht enthalten zu murmeln: „So war er es doch, der...“ Aber Donna Ines unterbrach ihn ſogleich und rief voll Verwirrung, indem ſie ihren Finger auf die friſchrothen Lippen drückte: „Still! Das iſt ein Geheimniß!“ Der ehrliche Majordomus verlangte nicht mehr. Vorſichtig ſteckte er das Brieſchen in ſeinen Gürtel, und nahm mit den Worten: „Senora, ich werde Eurem Befehl pünktlich nach⸗ kommen!“ Abſchied von ſeiner jungen Herrin. Dann beſtieg er auf's neue ſein Maulthier, ver⸗ ließ das Schloß und wandte ſich Madrid zu. Donna Ines fühlte ſich von einer großen Laſt befreit; denn man kann ſich kaum denken, wie ſchwer bei ſolchen Gelegenheiten die Botſchaft an den Ge⸗ liebten in den Händen eines jungen Mädchens liegt. Nachdem aber ein tiefer Seufzer ihre Bruſt erleich⸗ k tert, begab ſie ſich auf jene Terraſſe des Schloſſes, von welcher man eine ſo weite Fernſicht über die ganze Gegend genoß. Die Luft war rein und die aufgehende Sonne, 6„ 100 6 deren Strahlen die erquickende Kühle, welche eine ſchöne Sommernacht über die Erde gehaucht, noch nicht durch ihre Gluth verzehrt, erleuchteten prachtvoll alle Hügel und Thäler der Sierra de Guadarrama; ſo daß man gegen Norden den Thurm von Segovia ganz deutlich gewahren konnte. Das Mädchen ſtand lange in ſtillem Entzücken, dann lehnte ſie ſich auf die halbverfallene Bruſtwehr von mauriſcher Bauart, welche die Terraſſe einſchloß, und verharrte lange Zeit, tief in Gedanken verſun⸗ ken, in dieſer Stellung. Dennoch hingen dieſesmal ihre Blicke nicht an dem Thurme von Segovia; ſondern es war, als ob ſie eine Art magnetiſcher Anziehungskraft nach der Gegend von Madrid zöge, in welcher man auf dem, zwiſchen den Bergen hinziehenden Wege ein ſehr ma⸗ geres Maulthier gewahren konnte, auf dem ein lan⸗ ger Reiter von gleichem Anſehen ſaß. Wer jetzt das Mädchen geſehen hätte, wie ſie ſo unbeweglich, ſo verſteinert dem fernen Reiter nach⸗ blickte, der hätte wohl glauben müſſen, daß ihre Seele den Körper verlaſſen und nun mit dem Briefe an den Vicomte von Gondreville nach Madrid ziehe. * haltſchwere Zeilen: Dies Billetchen enthielt aber auch folgende in⸗ „Ich hatte mir feſt vorgenommen, keine Briefe von Euch, Herr Vicomte, anzunehmen, und für den Fall ich dennoch ſolche von Euch erhalten würde, ſie ungeleſen zu verbrennen: da ich fühlte, daß ich ſonſt gegen meine Pflicht handeln würde. Den⸗ noch habe ich dieſe beiden Sünden begangen, und füge denſelben heute noch eine dritte, bei weitem ſchwerere bei, indem ich an Euch ſchreibe.“ „Demohnerachtet hoffe ich, daß mir das letztere Vergehen vergeben werde, da es gilt, einer Ge⸗ fahr vorzubeugen, die ſowohl Euch als Euren Gefährten bedroht.“ „Aber hört!—.. Wir kamen geſtern von Segovia zurück, allwo es uns, in Folge der vom Könige ſelbſt unterzeichneten Erlaubniß, die Ihr uns ſeiner Zeit überbracht, vergönnt war, meinen Vater zu umarmen.“ „Bei dieſer Gelegenheit nun befragte ihn unter Anderem meine Tante auch: ob er die zwei, beim Hofe in hohen Gnaden ſtehenden franzöſiſchen Edel⸗ leute, mit Namen Saint⸗André und von Mon⸗ dragon kenne, durch deren Vermittlung uns die Gunſt, ihn zu ſehen, geworden. Erſtaunt ant⸗ 102 wortete er nein. Denkt Euch aber meinen Schre⸗ cken, als er hinzufügte: dieſe beiden Ebelleute könnten leicht Spione der Fürſtin Orſini ſein, woher man denſelben im höchſten Grade mißtrauen müſſe.“ „Indem er dies ſagte, heftete er einen Blick auf mich, der mich zerſchmetterte,— einen Blick, der das tief Innerſte meiner Seele ergründen zu wollen ſchien. Dann ſprach er noch einige Worte leiſe mit meiner Tante, und kurze Zeit darauf trennten wir uns.“ „Nachdem wir nun hierher zurückgekehrt, hat meine Tante noch kein einziges Wort mit mir ge⸗ ſprochen, und ebenſo war es umſonſt, daß ich ſelbſt zu mehrerenmalen ein Geſpräch anzuknüpfen ver⸗ ſuchte;... ſie gebot mir zu ſchweigen.“ „Erſt als ich nach dem Nachteſſen Abſchied von ihr nahm, hörte ich, wie ſie Gil Perez, unſe⸗ rem Majordomus befahl, den anderen Morgen in aller Frühe aufzuſtehen, um ſich nach Madrid zu begeben, und unſeren geiſtlichen Rath, den hoch⸗ würdigen Fra Ambroſio zu fragen, wenn er zu ſeinen beiden Beichtkindern kommen könne und wolle, die ſeiner ſehr bedürften, da ſie die Unvorſich⸗ tigkeit gehabt, Franzoſen bei ſich zu empfangen.“ 103 „Ich unterrichte Euch in aller Eile hiervon, damit Ihr, wenn es noch geht, die Gefahr ab⸗ wenden könnt, welche Euch droht. Indeſſen iſt da⸗ bei, wie Ihr wohl einſehen werdet, kein Augenblick zu verſäumen.... Ach! wie wird dies Alles enden? — Itch zittre, wenn ich daran denke: Wenn Eure Geſinnungen rein und edel wären, wie Ihr be⸗ hauptet, würdet Ihr alsdann nöthig haben, Euch mit einem ſolchen geheimnißvollen Weſen zu um⸗ geben?.... Andererſeits, wenn Ihr mich wahrhaft liebt, wie ich es Euch gern glauben will, warum iſt es alsdann nöthig, Eure Liebe gegen jenen Edelmann zu verbergen, der noch dazu Euer Freund iſt?. Er muß wohl noch ſehr mächtig ſein, da Ihr fürchtet als ſein Rival aufzutreten?— und welches Intereſſe hat er, ſeinen Namen zu verber⸗ gen?.... Ich flehe Euch daher, bei allem, was Ihr Theures auf der Erde habt, an: befreit mich bald aus dieſer tödtlichen Ungewißheit, und laßt es mich nicht zu grauſam bereuen, daß ich Euch ein Gefühl in meinem Herzen leſen ließ,— welches ich mir bis an das Ende meiner Tage vorwerfen würde, und wohl mit dem Verluſte meines gan⸗ zen Erdenglückes zu büßen hätte.“ Dieſe Epiſtel, in aller Eile und ganz im Ge⸗ 104 heimen von der ſchönen Donna Ines während der vorhergehenden Nacht geſchrieben, iſt ſo ausführlich, daß wir nicht mehr nöthig haben, uns weitläufig über den Seelenzuſtand des Mädchens auszuſprechen. Auch wird jeder Leſer— und namentlich jede Le⸗ ſerin recht gut fühlen, wie es von tauſend Ge⸗ danken und Fragen, von Hoffen und Fürchten, von Wünſchen und Sehnen in ihrem Buſen ſtürmen und toben mußte, während ſie, noch immer auf die halb⸗ zerfallene Brüſtung gelehnt, dem treuen Gil Perez nachſchaute, der nachgerade in der Ferne hinter dem Vorſprunge eines Felſens verſchwand. Lange Zeit mußte ihr ohne Zweifel in dieſer Stel⸗ lung verfloſſen ſein, da ſie nicht einmal bemerkt, daß die Sonne in ihrem vollen Glanze am Himmel ſtand, und ihre Strahlen,— ſich begierig durch das Spitzen⸗ gewebe der Mantille ſtehlend,— ſie gluthvoll küßten. Da fühlte ſie plötzlich einen ziemlich derben Schlag auf ihrer Schulter. Entſetzt,— und wie aus einem ſchönen Traume von Liebe und Freiheit durch den Anblick eines Ker⸗ kers und eines finſteren Gefangenwärters aufgeſchreckt, — wandte ſie ſich raſch um, und blickte. in das dürre, knochige und pergamentartige Antlitz ihrer Tante, der Gräfin von Barbaſtro. 105 Obgleich es nun noch immer ſehr frühe war, ſtand doch Donna Seraphine ſchon in dem vollen Glanze der ihrem Range entſprechenden Toilette da. Sie war ſchon in ihr Leibchen von ſchwarzer Seide mit hängenden Aermeln, in ihren mit Brocat ausgeſchlitzten Rock und den majeſtätiſchen Wulſt ge⸗ kleidet. Auch fehlte ihr kein einziges ihrer Halsbän⸗ der, keine ihrer Ketten noch ſonſt ein Theilchen ihres Schmuckes, ſo wie von den Wangen das trügeriſche Frühroth des Alters in lieblicher Friſche erſtrahlte. Denn.. ſie würde es als ein ſchweres Verbrechen gegen die Etiquette angeſehen haben, ſich der Welt, oder auch nur den Mauern des Schloſſes, in einem Morgenanzuge zu zeigen. Aber ihr Geſicht war heute noch ſtrenger und finſterer als jemals, und doch hätte ein aufmerkſamer Beobachter zugleich eine gewiſſe boshafte Freude in ihren Zügen leſen können,— eine Freude, wie ſie ohne Zweifel die Glieder der heiligen Inquiſition, bei jeder Anzeige eines neuen Schuldigen durchzucken mußte. „Was macht Ihr hier allein und ohne Beſchäf⸗ tigung?“— rief ſie, indem ſie zugleich zwei drohende Blicke durch die rieſigen Gläſer ihrer Brille nach dem armen Kinde ſchleuderte.—„Wißt Ihr nicht, daß es der Etiquette gerade zuwiderläuft, wenn die Tochter n M————— 06 einer edlen Familie in den Garten geht, ohne von einem Duenna und zwei Kammerfrauen begleitet zu ſein?“ „Ich habe nur eine Duenna, Tante,“— ſtotterte verlegen Donna Ines,— und keine Kammerfrau. Jene aber wollte ich in ihrem Schlummer nicht ſtören, da ſie alt iſt und... „Ihr hattet ſehr unrecht. Gerade der Einſam⸗ keit und Unthätigkeit bedient ſich der Satan, um ſich der Seele zu bemächtigen. Dies wußten unſere Ahnen wohl. Außerdem ſeid Ihr früher aufgeſtanden, als es die Regel erlaubt,. verſucht es nur nicht zu läugnen,... ich weiß es, und verlange den Grund dafür zu erfahren.“ „Liebe Tante, ich wollte ein wenig die Kühle des Morgens genießen, die Tage ſind jetzt ſchon ſo heiß.“ „War es vielleicht auch der Hitze des Tages we⸗ gen, daß Ihr einen Theil der Nacht außer Bett zu⸗ gebracht und Licht behieltet?“ Hohes Roth deckte bei dieſen Worten das reizende Geſicht des Mädchens, das ſein Haupt in der Ver⸗ wirrung verſchämt niederſinken ließ. „Geht! geht!“— fuhr Donna Seraphine triumphirend fort—„ich laſſe mich nicht anführen. Denkt, daß mir Eure unbedeutendſten. Handlungen 107 ſtets bekannt ſind, und— verſteht mich wohl,— daß ich ſelbſt noch mehr weiß, als ich ſage. Ihr ſeid früher als gewöhnlich aufgeſtanden, und verweigert mir den Grund dafür mitzutheilen. aber ſeid unbeſorgt.. ich werde ihn ſchon entdecken. Ihr habt leiſe mit Gil Perez geſprochen;.. man hat es geſehen. er muß ſich darüber er⸗ klären, oder ich werde ihn ohne alles Mitleid und ohnerachtet ſeiner langen Dienſte und ſeiner bisheri⸗ gen Treue aus dem Hauſe jagen... Euer Vater hatte recht, als er mir das alberne Vertrauen vor⸗ warf, mit welchem ich Fremde, und noch dazu Fran⸗ zoſen, hier aufnahm. Ich hätte den Landsleuten der Fürſtin Orſini nie trauen ſollen. Seitdem dieſe Franzoſen den Fuß in das alte, ehrenfeſte Schloß Penaflor geſetzt,— ſeitdem zog in ihrem Gefolge die Unordnung, ja die Vernachläſſigung der heiligſten Pflichten hier ein, ſo daß man, wenn man ſchlafen ſollte, noch Licht brennt,. aufſteht und ſpazieren geht, ehe denn es die Stunde der Sitte erlaubt,.. ſich mit Knechten unterhält, und mit den Feinden gemeinſchaftliche Sache macht.“ Hier wagte Donna Ines ihr ſchönes Köpfchen zu erheben und ſchüchtern zu fragen: 2. Wer ſind denn die Feinde, Tante?“ „Es ſi— entgegnete ſtreng Donna Sera⸗ phine,— jenk zwei Edellente,.... oder ſogenannte Edelleute, die ſich hier unter den falſchen Namen eines Herrn von Saint⸗André und von Mon⸗ dragon eingeſchlichen.“ Verdanken wir ihnen nicht das Glück, meinen Vater wiedergeſehen zu haben 3 „Allerdings!.... Allein es gibt Dienſte, die man zu theuer bezahlt. Und unter dieſe gehört auch der oben erwähnte. Oh! ſucht mir nicht dieſe Cavaliere zu vertheidigen. Ihr werdet mich von ihrer Unſchuld nie überzeugen. Ich weiß es recht gut, daß Euch der Eine von ihnen ein wenig am Herzen hängt, und daß Ihr Euch nicht geſchämt habt....... Aber Ihr könnt feſt überzeugt ſein, daß niemals, was auch geſchehe, eine Santa⸗Cruz, eine Erbin des Hauſes Bazan, ihre Hand einem Franzoſen reichen darf, und wenn es auch ein Herr von Saint⸗André wäre, und man dieſem ſelbſt den Orden des goldenen Vließes zu verleihen gewagt, ja wenn er auch alle Gallionen Mexicos beſäße.“ Während die Gräfin von Barbaſtro alſo.. zankte, hatte Donna Ines vor dem Gedanken gezit⸗ tert, daß die Tante ihr Geheimniß ergründet haben könnte; als ſie aber des Herrn von Saint⸗André erwähnte, konnte ſich das Mädchen gigr freudigen Regung nicht erwehren, welche dieſe⸗Verwechslung in ihr hervorrief. Mochte dies nun die Gräfin bemerkt haben, oder dachte ſie, da ſie nun doch einmal ihre Galle aus⸗ ſchütte, wolle ſie auch gar keine Grenze mehr inne halten,— kurz ſie fügte mit einem faſt wilden Lächeln hinzu: „Zum Ueberfluß habe ich meine Befehle gegeben. Gil Perez hat einen Brief für dieſe beiden Herren, in welchem ich ſie erſuche, ſich nicht mehr die Mühe zu geben, hieher zu kommen. Schlagt Euch alſo Euren Saint⸗André aus dem Kopf, denn Ihr ſeht ihn doch nie wieder. Was Herrn von Mon⸗ dragon betrifft, ſo mag derſelbe von nun an ſeine Lobeserhebungen der Orſini, wo er will, zu Tage fördern. Jetzt geht Ihr in das Schloß, denn es iſt bereits die Stunde angebrochen, die für das Leſen in den Legenden der Heiligen feſtgeſetzt iſt.“ Donna Innes war es, als ob ſie ein Blitz zer⸗ ſchmettert hätte. Mit geſenktem Haupte folgte ſie, ein geduldiges Opfer, ihrer Tante, ohne derſelben auch nur ein Wort zu entgegnen. 110 Ihre ganze Antwort war ein Strom bittrer Thränen. So ſtiegen beide Frauen die Stufen hinab, welche zu der Terraſſe führten. Als ſie ſich der alten Burg näherten, erſchienen Donna Ines deren Mauern noch ſchwärzer, zerfallener und trauriger als ſonſt; da ſie ja das Urtheil, welches die hartherzige Donna Seraphine ſo eben über ſie ausgeſprochen, auf ewig in dieſelben bannte. Mit Todesangſt dachte ſie dabei der Zufunft, die ſie hier allein, immer allein in dieſem Grabge⸗ wölbe zubringen ſollte, nur den Schatten ihrer zür⸗ nenden, langweiligen Tante an der Seite. Da ſchreckte ſie plötzlich der Hufſchlag zweier Pferde, die in den Haupthof ſprengten, aus dieſem unſeligen Gedanken auf.. Sie erbebte von Furcht und Hoffnung geſchüttelt. Aber auch die Gräfin von Barbaſtro horchte mit Unruhe; ehe ſie jedoch noch einen Entſchluß ge⸗ faßt, ſtanden ſchon die beiden Edelleute, die ſo eben erſt Gegenſtände einer ſo grauſamen Verbannung geweſen, mit lächelnder Miene vor den Senoras. Der vermeintliche Saint-André nnd ſein Be⸗ gleiter machten ſofort Anſtalten, ihrer Gewohnheit nach die, ihnen auch bisher ſo gnädig zugeſtandene .—— 111¹ Gunſt des Handkuſſes, bei Donna Ines, und wie es denn freilich auch nöthig war, bei Donna Sera⸗ phine wieder in Anſpruch zu nehmen; wie erſtaun⸗ ten ſie aber, als ſich die Letztere auf ihrer„Chapi⸗ nez,“— die ſie bekanntlicherweiſe ohnehin um einen halben Fuß vergrößerten, ſo daß ſie wahrhaft rieſig ausſah,— aufrichtete und mit hochmüthigem Tone rief: „Haltet ein, Ihr Herren!— Ich muß wiſſen, ob Ihr geradenweges von Madrid kommt.“ „In der geradeſten Linie und auf dem kürzeſten Wege,“— entgegnete Gondreville mit ſeiner ge⸗ wöhnlichen Zuverſichtlichkeit.—„Könnte es anders geſchehen, wenn man ſich nach Schloß Penaflor begibt?“ „Und Ihr habt den Majordomus Gil⸗Perez nicht begegnet?“ „Ich muß geſtehen, daß uns dieſes Glück nicht geworden. Er wird einen andern Weg genommen haben. Es gibt ja ſo viele Pfade in den Gebirgen, die ſich hundertmal kreuzen.“ „Gil⸗Perez war mit einem Schreiben an Euch verſehen.“ Hier wechſelte Donna Ines, die bisher mit nie⸗ 112 dergeſchlagenen Augen dageſtanden, einen flüchtigen Blick mit Gondreville. Durch dies Zeichen unterrichtet, daß ſich unge⸗ wöhnliche Schwierigkeiten für ihre gegenſeitige Stel⸗ lung erhoben, fuhr Letzterer fort: „So! der gute Gil⸗Perez hatte ein Seihe g n Nun, wer hält Euch ab, hochedle und erhabene Gräfin von Barbaſtro, und dem Inhalt dieſes Sendſchreibens mündlich mitzutheilen, da wir doch einmal hier; und uns zur Einleitung zu ge⸗ ſtatten, daß wir in tiefſter Ehrfurcht dieſer Hand ein. „Das iſt unnöthig“— unterbrach ihn in beißen⸗ dem Tone die Gräfin,—„was geſchrieben wurde, iſt zum Leſen beſtimmt, und da ihr ſo neugierig ſeid, es zu wiſſen, ſo braucht ihr nur auf der Stelle um⸗ zukehren und wieder nach Madrid zu2 „Was?. Ihr ſcherzt Senora! Wieder zurück⸗ reiten, ohne uns ausgeruht zu haben, nachdem wir um Euch zu beſuchen, fünf verteufelte Stunden auf ſchlechten Wegen zurückgelegt?... das wäre eine Ungerechtigkeit!— Wahrhaftig Ihr ſeid ſo grauſam als undankbar, was Ihr ſelbſt bekennen müßt, wenn Iht hört „In der That“— fiel hier der vorgebliche Saint⸗ 6 113 André ein, welchen ein ſolcher Empfang anfangs im höchſten Grade außer Faſſung gebracht,—„wür⸗ det Ihr wohl die Gewogenheit haben uns zu ſagen, welches Verbrechen mein Gefährte und ich begangen, um ſolch' einen Empfang zu verdienen?“ „Ihr wagt es auch noch, darnach zu fragen?“— rief Donna Seraphine, indem ſie abwechſelnd auf ihre Nichte und Saint⸗André, die Beide immer verlegener wurden, forſchende Blicke heftete. „Warum nicht?“ ſagte Gondreville keck. „Euch hab' ich nicht gemeint!“— verſetzte die Gräfin. „Zum Henker!“— murmelte der Vicomte für ſich—„ſollten vielleicht gar ſeine Majeſtät weiter gekommen ſein als ich wüßte?“ Dann ſetzte er laut hinzu: „Was macht das. Ich werde meinen theuren Freund und Gefährten, den Herrn von Saint⸗ André vertheidigen, wenn man ihn ungerecht be⸗ ſchuldigt.“ „Vor allen Dingen: das iſt nicht Herr von Saint⸗André— es iſt dies ein falſcher Name.“ „Alle Wetter! wir ſind gefangen. Senora wer hat Euch das geſagt?“ „Daran liegt nichts.“ Orſini. II. Bd. 114 „Senora!... Ihr werdet Euren ungerechten Ver⸗ dacht bitter bereuen, wenn Ihr erfahrt, daß es gerade mein Begleiter, mein Freund iſt, welchem Ihr das glückliche Ereigniß zu danken habt, das wir Euch anzukünden hierher gekommen ſind. Ja, hochedle Gräfin,— ja, liebliche Donna Ines, der König hat geruht, auf die inſtändigen Bitten meines Freun⸗ des hin,— der jetzt ſo beſcheiden iſt, zu ſchweigen,— ſich die, gegen den Marquis von Santa⸗Cruz eingeleitete Klage, vorlegen zu laſſen. Seine Maje⸗ ſtät haben darauf hin befunden, daß die Beweiſe, die gegen ihn zeugten, nicht hinreichend ſeien, um auf dieſelben einen Urtheilsſpruch zu gründen; worauf der edelmüthige Monarch beſchloſſen hat, daß der Marquis, einzig der Form wegen, noch kurze Zeit im Thurm von Segovia zu verharren habe, mit der Erleichterung jedoch, ſeine Familie ſehen zu können, ſo oft es ihm gefällt.— Dies iſt es, was wir Euch anzuzeigen gekommen ſind,— dies iſt unſere Ant⸗ wort auf einen Empfang, welchen wir ſo wenig ver⸗ dient haben.“ Eine tiefe Pauſe folgte dieſen Worten, in welcher ſich die beiden Frauen gegenſeitig fragend anſahen, als ob Eine von der Anderen erfahren möchte, in 1¹1⁵ wie fern man dieſer wichtigen Botſchaft Glauben beimeſſen dürfte. Endlich wandte ſich Donna Ines dem bleichen und verlegenen Philipp V. entſchloſſen zu und ſagte, indem ſie ihm heftig bewegt die Hand reichte, die dieſer auch ſogleich mit Begeiſterung an ſeine Lippen führte: „Oh! wenn es wahr iſt, und Ihr wirklich dieſe Gnade vom Könige erlangt habt, dann möge der Himmel Euch dafür ſegnen!“ Aber welch' ein Blick aus dem Auge der uner⸗ bittlichen Donna Seraphine traf das arme Mäd⸗ chen für dieſen Ausbruch ſeines überfüllten, ſeines freudig bewegten Herzens;— ein Blick, gleich dem der Schlange, von welcher die heilige Schrift ſpricht, und deren giftiges Auge ſchon mit blitzſchnellem Tode lohnt. „Wer ſagt Euch, Nichte,“— rief ſie dabei bitter,— „daß dies nicht auch eine Lüge iſt?“ Bei dieſen Worten aber fühlte PhilippV. mit einemmale ſein königliches Blut in den Adern kochen; dunkles Roth überflog ſein Antlitz und ſein Haupt ſtolz hebend, war er bereit, der allzukühnen Gräfin zu antworten, als ihn ein Zeichen Gondreville's warnte. 116 Wirklich hatte er auch ſo viel Kraft, Herr ſeines Unwillens zu werden, dennoch rief er mit erbitterter Stimme: „Senora, es iſt das erſtemal, daß man wagt...“ „Hört— unterbrach ihn die Gräfin,—„wenn ich zu Euch in einem Tone und in einer Weiſe ſprach, wie dies geſchehen, ſo dürft Ihr glauben, daß ich triftige Gründe dafür habe. Der Eine von Euch, Ihr beiden Herren, hat auf verrätheriſche Weiſe die Gaſtfreundſchaft mißbraucht, und zwar iſt es gerade der, der mir das meiſte Vertrauen eingeflößt hatte. Es iſt Derjenige, der ſich auf Schloß Penaflor unter dem Namen eines Herrn von Saint⸗André eingeſchlichen.... Ich habe hierfür Beweiſe.... Kennt Ihr dieſes Briefchen, welches Ihr an Donna Ines de Santa⸗Cruz zu richten wagtet, und das ſie anzunehmen nicht erröthete. Es wurde mir dieſe Nacht durch eine treue Duenna zugeſtellt, die ich mit der Ueberwachung meiner Nichte beauftragt hatte.“ „Himmel!“— murmelte Gondreville— „mein Brief!“ 3 Der reizenden Donna Ines aber hatte ſich eine Verwirrung bemächtigt, die zu beſchreiben ſchwer ſein möchte. Zitternd barg ſie das Geſicht in ihren Hän⸗ den, während der vermeintliche Saint⸗André au⸗ 117 ßer ſich rief, indem er zugleich einen Blick des Ver⸗ dachtes auf Gondreville warf. „Senora, nicht ich habe dies Briefchen geſchrieben ich betheuere es Euch auf meine Ehre.“ „Nun, wer aber that es alsdann?“— entgegnete finſter Donna Seraphine. In dieſem Augenblicke ſah man ſich in einiger Entfernung einen Mann nahen, welchem einer der Pagen des Hauſes führend voranſchritt. Er war von hohem Wuchſe, trug geiſtliche Kleidung und hatte ſein Haupt mit einem jener ungeheuren Filzhüte bedeckt, die Beaumarchais dadurch zur Kenntniß Europas brachte, daß er einen derſelben auf den Kopf ſeines unſterblichen Don Baſilio's drückte. Als die lange Geſtalt herangetreten war, zog ſie lehrerbietig den Hut und verbeugte ſich tief, indem ſie beide Arme auf der Bruſt kreuzte. Da entfuhr Philipp V. ein Schrei, und ſelbſt Gondreville, der doch ſonſt ſo kühn, fühlte den kalten Angſtſchweiß auf ſeiner Stirne perlen. Beide hatten in dem Geiſtlichen den heimtücki⸗ ſchen Alberoni erkannt. Sechstes Kapitel. Der Edelmann und der Abbé. Alberoni näherte ſich der Gräfin Barbaſtro. „Senora!“— ſagte er mit niedergeſchlagenen Augen und einer merkwürdigen Scheinheiligkeit, der hochwürdige Fra Ambroſio, noch immer von ſchmerzlichem Unwohlſein zurückgehalten, hat mich mit dem Vertrauen beehrt, ihn bei Euch zu erſetzen, für den Fall Ihr mich nämlich würdigt, ſeine Stelle bei Euch vertreten zu dürfen. Hier iſt der darauf bezügliche Brief, welchen mir der Hochwürdige für Euch übergab. Iſt es Euch gefällig, Senora, Kennt⸗ niß von deſſen Inhalt zu nehmen?“ „Sehr gern!“— verſetzte Donna Seraphine; —„vorher aber muß ich eine Frage an Euch rich⸗ ten. Ihr wohnt doch gewöhnlich zu Madrid, Herr Abbs, und die beiden hier gegenwärtigen Cavaliere ſind Euch wahrſcheinlich nicht unbekannt; wenigſtens 119 habe ich allen Grund, dies zu glauben, denn ich beobachtete ſie eben bei Eurer Ankunft genau, und ſah, daß ſie beide die Farbe wechſelten, als Ihr er⸗ ſchient. So werde ich doch hoffentlich nun endlich einmal durch Euch erfahren, wer denn eigentlich dieſe beiden Cavaliere ſind, und ob die Namen, unter wel⸗ chen ſie ſich hier eingeführt, ihnen wirklich zugehören oder nur angenommen wurden.“ Indem die Gräfin dies ſagte, warf ſie dem König und Gondreville einen Blick boshafter Freude zu, während ſich dieſe gern in die Erde verkrochen hätten. Donna Ines dagegen war mehr todt als leben⸗ dig, und ſchaute den neuen Ankömmling verſtört an. Alberoni aber hatte ſich ſchnell gefaßt und rief: „Nun! wenn ich nicht ſehr irre, ſo ſind beide Edel⸗ leute Franzoſen, und ich glaube in denſelben die Her⸗ ren von Saint⸗André und von Mondragon wieder zu erkennen.“ „Alle Teufel!“— murmelte Gondreville,— „da wären wir ja aus der Patſche!.. Wahrhaftig, der Abbé iſt mein guter Engel.“ Dann fügte er laut hinzu „Senora, Ihr werdet jetzt wohl erkennen, wie 120 —— ungerecht Euer Verdacht gegen meinen Gefährten und mich war. Ich wage daher zu hoffen.„ Er brach jedoch hier ab, da Donna Seraphine, nachdem ſie den Kopf ein wenig zweifelnd gehoben, die Epiſtel des hochwürdigen Fra Ambroſio zu leſen begann. Dieſe Epiſtel, die wir uns enthalten, hier wört⸗ lich wiederzugeben, beſchränkte ſich im Hauptſächlichen darauf, anzuzeigen, daß den Schreiber derſelben noch immer ein ſtarkes Unwohlſein an das Bett feſſele, und er daher geglaubt habe, ſeinen Beichtkindern zu Schloß Penaflor an ſeiner Statt einen ſehr acht⸗ baren italieniſchen Abbs, von dem man viel Eutes ſage, ſchicken zu müſſen. Während nun die Alte den Brief las, näherte ch Philipp V. dem Abbé und ſagte dieſem mit halber Stimme: „Herr Abbé, dieſen Dienſt werde ich Euch nie vergeſſen.“ „Darauf rechne ich auch,“ dachte der liſtige Par⸗ mäneſe. „Theurer Abbs“— flüſterte Gondreville ſei⸗ nerſeits—„was kann ich thun, um Euch meine Dankbarkeit zu beweiſen?. Gibt es vielleicht in 121 Madrid oder ſonſt wo einen Edelmann, der Euch nicht gefällt; Ihr habt nur zu befehlen...“ „Speiſt dieſen Abend bei mir zu Nacht, dann ſollt Ihr erfahren, was ich von Euch verlange.“ „Ach!“ entgegnete Gondreville.— Auch noch ein Nachteſſen obendrein? Das iſt zu viel!... Das iſt wahrlich zu viel.“ „Und jetzt“— rief hier Alberoni,—„welche von beiden Senoras, will ſich zuerſt in den heiligen Beichtſtuhl begeben; denn ich bin nur in das Schloß gekommen, um Eure Beichte zu hören, und den hoch⸗ würdiger Vater Ambroſio in ſeinen heiligen Funk⸗ tionen zu vertreten.“ Als der Abbé noch ſo ſprach, trabte mit einem⸗ male ein Maulthier in den Hof, auf welchem der magerſte Reiter ſaß, den man ſich nur denken kann. Der Reiter aber war niemand Anderes als Gil⸗ Perez, der edle Majordomus des berühmten Hau⸗ ſes Santa⸗Cruz. Er war ganz außer Athem und blickte ſich zuweilen entſetzt um, als ob er ver⸗ folgt würde. Sobald er aber alle die Menſchen vor dem Schloſſe verſammelt ſah, ſtürzte er ſich von ſei⸗ nem Thiere herab und ſchrie mit kaum zu vernehmen⸗ der Stimme: „Schließt die Thoren! ſchließt die Thoren!“ 122 „Was gibt es denn!“ riefen alle Anweſenden. „Ich will wetten, daß ſie in einer Viertelſtunde hier ſind. Hört Ihr! hört Ihr!— Hört Ihr nicht das Donnern der Kanonen?!“ „Wahrhaftig!“— rief der vermeintliche Saint⸗ André, auf deſſen Stirne die Beſorgniß eine leichte Falte hervorgerufen. „Sprecht! ſprecht!“— riefen alle Gegenwärtigen durcheinander.—„Was geht denn dorten vor?“ „Was dort vorgeht?— Madrid iſt zur Stunde in vollem Aufruhr. Denn heute Morgen verbreitete ſich die Nachricht, daß die franzöſiſche Arme, befeh⸗ ligt von Marſchall Berwick, Barcelona genommen habe.“ „O mein Gott! wie dank ich Dir!“— rief Phi⸗ lipp V. Und überwältigt von einer ſo großen Nachricht, vergaß er alle Schwierigkeiten ſeiner augenblicklichen Lage, warf ſich auf die Kniee und bekreuzte ſich dreimal. Da ihn aber Jedermann erſtaunt anſah, zog Gondreville raſch ſeinen Hut, ſchwang ihn in den Lüften und ſchrie aus allen Kräften: „Es lebe der König! Es lebe Spanien!“ Dann wandte er ſich zu Gil Perez und ſagte: 123 „Nun, würdiger Majordomus, ich ſehe nicht ein, was da Uebles in der Nachricht eines ſolchen Sieges läge, über den ſich jeder gute Spanier freuen muß, da er zu gleicher Zeit für immer die Krone auf dem Haupte ſeiner Majeſtät Philipp V. befeſtigt und dem Lande den Frieden verbürgt, deſſen es ſo lange beraubt war.“ „Gerade das iſt's ja!“— entgegnete bitter Donna Seraphine,—„den Frieden und die Fürſtin Or⸗ ſini. Oh!. tauſendmal lieber ewigen Krieg!“ „Ja, Krieg!“— wiederholte der alte Majordo- mus finſter,—„und wenn Ihr meinem Rathe fol⸗ gen wollt, Senora, ſo laßt Ihr die Thore des Schloſſes ſchließen; denn es ſind nicht nur die Kanonen, die von Madrid her den Sieg verkünden!.... ſondern wenn das Geſchrei, das mich lange auf dem Wege ver⸗ folgte, bis hierher dringen könnte, ſo würdet Ihr hören, wie ich es gehört, daß ſich unter den Jubel⸗ ruf:„Es lebe der König!“— auch der Schreckensruf miſchte:„Nieder mit Santa⸗Cruz!“ „O Gott!“— rief Donna Ines—„rette mei⸗ nen Vater!“ „Der gute Mann muß ſich geirrt haben,“— verſetzte Alberoni,—„es kann bei allem dem'ja gar keine Rede von dem Marquis ſein.“ 124 „Ach!“ rief der Majordomus,—„ich wünſchte von ganzem Herzen, Ihr ſprächt wahr, Hochwürden, aber.. ich habe Augen und Ohren. Dieſe Augen ſahen, wie man mit Steinen nach dem Pallaſte mei⸗ nes Herrn warf; dieſe Ohren hörten, wie Leute aus den unterſten Volksklaſſen, wahrſcheinlich durch die Fürſtin Orſini gereizt und beſtochen, ſchrieen:„Der „Marquis von Santa⸗Cruz war im Einverſtänd⸗ „niß mit den Rebellen von Barcelona, dies hat „der Marſchall von Berwick ſelbſt bekannt. Die „Rebellen von Barcelona haben unſere Brüder „getödtet, darum ſterbe der Marquis von Santa⸗ „Cruz als gerechtes Sühnopfer. Blut für Blut!... „Kopf für Kopf! Zehntauſend Menſchen fielen unter „den Wällen von Barcelona, ſo edelen Geſchlechts „auch Santa⸗Cruz ſei,— zehntauſend Menſchen „wiegt er nicht auf!“— Ich ſelbſt, Senora, ward erkannt und verfolgt, und danke meine Rettung nur der Schnelligkeit meines Thieres.“ „Aber der König!....“ ſtammelte außer ſich vor Angſt Donna Ines,—„weiß er denn, was da vorgeht; der König hat entſchieden, daß kein Crimi⸗ nalprozeß gegen meinen Vater eingeleitet werden ſolle, — nicht wahr, Ihr lieben Herren?— Ihr habt es ja geſagt, und das Wort des Königs iſt doch wohl heilig!“ „Der König iſt nicht zu Madrid,...“ entgegnete Gil⸗Perez—„und dies vermehrt den Tumult noch; man ſucht ihn überall!“— „In einem ſolchen Augenblicke“— rief Mon⸗ dragon⸗Gondreville,— iſt unſer Platz an der Seite des Königs. Kommt, kommt! Herr von Saint⸗ Andres, eilen wir nach Madrid,... wir haben keine Minute zu verlieren!“— „Gut!“— verſetzte Donna In es begeiſtert,— „Ihr werdet dies Schloß nicht allein verlaſſen, und da Ihr den König aufſuchen wollt, ſo werdet Ihr uns die Bitte nicht abſchlagen, meine Tante und mich zu ihm zu führen, damit wir ihn auf den Knieen um Gnade anflehen können. Gewiß, er wird bei den Thränen eines Kindes nicht ungerührt bleiben. Schnell! Gil⸗Perez, laß unſere Maulthiere ſatteln. Oh! ſchnell! Laßt uns augenblicklich nach Madrid eilen!“ Der König und Gondreville wechſelten einen verlegenen Blick, der jedoch Alberoni nicht entging. Entſchloſſen rief der Abbé daher: „Im Namen des Himmels, Senora, verzichtet auf ein ſolches Vorhaben, welches, ſtatt Euren edlen 126 Vater zu retten, ihn gerade verderben könnte. Nicht wahr meine Herren?“— fügte er hinzu, ſich an die beiden Cavaliere wendend.—„Denn wie mächtig auch Euer Einfluß bei Hofe ſein mag, Ihr würdet doch ſchwerlich ſogleich eine Audienz für Donna Ines de Santa⸗Cruz erlangen können. Der König iſt gar ſchwer zu ſprechen.“ „Und“— verſetzte Donna Seraphine gewich⸗ tig,—„ein ſolcher Schritt wäre auch gegen alle Regeln der Etiquette.“ „Ja,“— ſagte der vermeintliche Saint⸗An⸗ dré....—„ich beſchwöre Euch, Senora, beruhigt Euch, trocknet die Thränen, die Eure ſchönen Augen verſchleiern; ich verſpreche Euch, auf das Wort eines Edelmannes, mit dem König zu Gunſten Eures Vaters zu ſprechen, und die Staatsgründe müßten ſehr gewichtig ſein, wenn Euer Wunſch nicht erhört würde.“ „Iſt es auch wahr?.. und Ihr täuſcht mich nicht?7... wollt Ihr mich nicht nur für den Augenblick beſchwichigen.“ „Da ſind unſere Pferde!“ rief Gondreville. „So lebt wohl, Ihr Herren!“ ſagte unter Thränen das Mädchen. 127 „Nicht doch: lebt wohl!“ entgegnete der König, „ſondern: auf Wiederſehen!“ Als aber Gondreville ſchwieg, frug Donna Ines mit einem Ausdruck unendlicher Zärtlichkeit: „Und Ihr, Herr von Mondragon, wollt Ihr nicht auch mit dem König zu Gunſten meines Vaters reden?“ „Senora,“— entgegnete der Angeredete—„mein Gefährte hat bei weitem mehr Einfluß beim Könige als ich, und“— ſetzte er leiſe, mit einem Anfluge von Eiferſucht, hinzu:„Ihr ſeht ja, daß er Euch liebt!“ „Das iſt möglich!“— flüſterte das Mädchen noch leiſer,—„aber ſaht Ihr denn auch, daß er es iſt, den ich liebe?“ Dieſe letzten Worte begleitete einer jener Blicke, deren Beredſamkeit auszudrücken die menſchliche Sprache zu ſchwach iſt, und in welchen oft die ganze Seele eines Weibes zu liegen ſcheint. Gondreville zitterte und drückte zärtlich die kleine Hand, die man ihm ohne Widerſtreben ließ. Dann ſchwangen ſich beide Reiter auf ihre Roſſe, und ſprengten eiligſt der Gegend von Madrid zu, Alberoni bei ſeinen neuen Beichtkindern zurücklaſſend. Dennoch blieb auch Letzterer nicht lange auf 128 Schloß Penaflor, da er wohl fühlte, daß dasjenige, was ſich jetzt zu Madrid zutrug, ſehr leicht alle ſeine Plane ſtören könnte. Er fing daher mit der Erklärung an, daß, um beichten zu können, man ruhig und freien Geiſtes ſein müſſe;— ein Seelenzuſtand, in welchem ſich weder Donna Ines noch ihre Tante jetzt, nach der eben erhaltenen Nachricht, befände, noch befinden könnte, und er es daher für Pflicht halte, die Aus⸗ übung ſeines heiligen Amtes auf eine andere Zeit zu verſchieben. Nach dieſer, anſcheinlich wohlbegründeten Erklä⸗ rung, nahm auch er Abſchied, machte ſich auf den Weg nach Madrid, und kam gegen Abend in ſeiner Wohnung an. Das Erſte, was er hier that, war, an den König und an die Fürſtin zwei Briefchen zu ſchreiben, die auf der Stelle an ihre Adreſſe befördert wurden. Hierauf bereitete er ſich vor, Gondreville zu em⸗ pfangen, welchen er, wie man ſich erinnern wird, zum Abendeſſen eingeladen hatte. Der Vicomte verſäumte denn auch nicht, einer Einladung Folge zu leiſten, die durch die Umſtände, unter welchen ſie gegeben wurde, eine ganz beſondere Wichtigkeit erhielt. Hier die Unterhaltung, die dabei zwiſchen den beiden Männern Statt hatte, nachdem zuvor die er⸗ ſten Höflichkeiten gewechſelt worden waren. „Nun, Abbé, ſeit wann habt Ihr denn angefan⸗ gen, bei den Damen Beichte zu hören?“ „Ei, mein beſter Vicomte, ſeitdem gewiſſe Edel⸗ leute meiner Bekanntſchaft es— müde einer eigenen Liebſchaft— unternommen haben, ſeiner Majeſtät eine ſolche zu verſchaffen.“ „Herr Abbé, wer hat Euch geſagt, daß dies mein Vorhaben ſei 2“ „Oh!.. Ihr mögt es läugnen, ſo lange Ihr wollt. Ich habe die Gewohnheit, in ähnlichen Fäl⸗ len ſtets das Gegentheil von dem zu glauben, was man mir ſagt.“ „Gut denn!... Ihr habt recht gerathen. Ich hatte allerdings für einen Augenblick den dummen Gedanken, dem Könige eine Geliebte zu geben; im Vertrauen aber will ich Euch geſtehen: ich wollte mit dem Feuer ſpielen,... und verbrannte mir die Finger. Jetzt würde ich mit dem größten Vergnügen die Hälfte der Tage, die mir noch zu leben vergönnt ſind, hingeben, wenn ich dieſen verdammten Plan nicht entworfen hätte,.. denn.., ich liebe Donna Ines aus voller, tiefer Seele.“ Orſin. I. Bd. 9 130 „Sprecht Ihr wahr?“ „Wahr und offen, ich gebe Euch mein Ehrenwort darauf.“ „Schlagt ein, mein Edler, wir können uns ge⸗ genſeitig verſtehen, und ich werde Euch klaren Wein einſchenken, wie Ihr mir.“ „Einverſtanden.“ „Ihr wolltet dem Könige eine Geliebte geben,... ich habe eine Frau für ihn in der Taſche. Das ſind nun zwei ſehr verſchiedene Vorhaben.“ „Ganz gewiß.“ „Ich will den König an die Prinzeſſin Eliſa⸗ betha Farneſe verheirathen.“ „An ſie oder jede Andere, was liegt mir daran?“ Verheirathet ihn mit des Teufels Großmutter, wenn Ihr wollt.“ „Ich habe aber dabei auf Cuch gerechnet.“ „Ihr könnt es auch,— vorausgeſehen nämlich, daß ich Donna Ines bekomme.“ „Allerdings... und ich Narr, der Euch in der That in die Fürſtin Orſini verliebt glaubte!. So war es denn nur falſches Spiel? Mein lieber Vicomte, ſchaut mir einmal gerade in das Geſicht: ich glaube, wir verſtehen uns eigentlich in Gedanken noch beſſer als mit Worten, und ich hatte wahrlich 131 Unrecht, in Euch einen Nebenbuhler ſehen zu wollen. Ihr, ehrgeizig? Oh! es war albern von mir!— Ihr ſeid zu jung, zu hübſch, zu vergnügungsſüchtig und zu artig gegen die Damen für ſo Etwas. Au⸗ ßerdem ſcheint es alſo doch, daß man gewiſſen Ge⸗ rüchten trauen darf,— Gerüchte, die da von Eurer Geburt flüſtern und von den Beziehungen, in wel⸗ chen die Fürſtin mit Eurer Familie ſeiner Zeit in Italien geſtanden,— Gerüchte, die wiſſen wollen, daß dieſe ganze ſchwärmeriſche Ergebenheit für die Fürſtin nur eine Lockſpeiſe ſei, beſtimmt, ihr den Abgrund zu verbergen, in welchen ihr ſie.... ganz allmählig... ſtürzen wollt.... Nun?... Bin ich auf dem rechten Wege?“ Während aber Alberoni alſo ſprach, hatten ſich die ſonſt ſo ſorgloſen und ſpöttiſchen Züge ſeines Tiſchgenoſſen plötzlich verfinſtert; ſeine Augen fun⸗ kelten in unheimlicher Gluth, und als der Abbs ſeine Rede mit obiger Frage geſchloſſen, faßte ihn Gon⸗ dreville ſo heftig an dem Arme, daß er zuſam⸗ menſchrack und faſt laut aufgeſchrieen hätte. „Bei Eurer Seele, Abbs“— rief dabei der Vi⸗ comte finſter—„bei den Gebeinen Eures Vaters und Eurer Mutter, dies iſt eine ernſte Sache; hütet Euch wohl, in Gegenwart, irgend wer es auch ſei, darüber zu ſprechen, denn ich ſchwöre bei Gott, ich würde den Mund, der dies wagte, ſo feſt ſchließen, daß er ſich nie wieder aufthun ſollte!“ „Ausgenommen, um von einer Olla potrida zu ſpeiſen“— verſetzte Alberoni, indem er laut auf⸗ lachte,—„denn ich rieche ſchon den Duft dieſer göttlichen Schüſſel, und da ich gerade einen rechten Hunger habe, ſo wollen wir, wenn es Euch gefällig iſt, dieſe luſtige Unterhaltung inter pocula et cibus, — wie der Dichter ſagt— fortſetzen. Alſo zu Tiſche, zu Tiſche!“ Aber dieſer Zwiſchenfall hatte Gondreville mißgeſtimmt, ſo, daß trotz der heiteren Laune des Abbé's, der Anfang des Nachteſſens ziemlich einſilbig vor ſich ging. Nach Verlauf einiger Minuten nahm Alberoni abermals des Wort. „Da iſt ein Karpfen,— der mir dieienizt in das Gedächtniß zurückruft, die ich auf meiner Reiſe in Frankreich, in den Gärten von Fontainebleau, vor dem königlichen Schloſſe ſah. Sind das nicht dieſel⸗ ben, welche, wie man ſagt, König Franz I. höchſt eigenhändig fütterte?“ „Allerdings, ich habe daſſe elbe gehört!“— ent⸗ gegnete Gondreville. ——— 133 „Es giebt kaum einen König mehr, der ſo ver⸗ liebt in junge Mädchen war, wie dieſer Franz I. Erinnert Ihr Euch, Vicomte, einer gewiſſen Diana von Poitiers, deren Vater, ich weiß nicht, wegen welcher Miſſethat, zu Greve hingerichtet werden ſollte; ſie erhielt von dem Könige die Begnadigung des Habt Ihr denn heute gar keinen Hunger?— Ihr eßt ja gar nicht?“ „Ich bin zu Ende.“ „Alle Teufel!.... Wie habt Ihr denn das ge⸗ macht?.... Ich fange ja erſt an?!“ Hier folgte eine kleine Pauſe. „Ihr glaubt alſo, Abbé,“— hub endlich Gon⸗ dreville von Neuem an,—„daß Donna Ines ie enſt „Ich, theuerſter Vicomte, ich verſichere Euch, daß ich gar nicht an Donna Ines denke, mich dagegen aber deſto mehr an dieſen köſtlichen Karpfen halte, den Ihr zu verachten ſcheint.“ „Zum Henker! mit Eurem Karpfen! und mit Eurem ganzen Abendeſſen!— Wir haben uns mit ernſteren Dingen zu beſchäftigen, Abbé,.... hört Ihr wohl?“ „Um Vergebung, theurer Vicomte, aber unter 134 allen fleiſchlichen und frivolen Beſchäftigungen iſt, meiner Anſicht nach, das Abendeſſen ohne Widerrede die wichtigſte.“ „Donner und Wetter! Herr Alberoni, ich habe der Narrenspoſſen jetzt genug, mit denen Ihr mir die Ohren vollſtopft.“ „Nun, nun, beruhigt Euch nur, raſender Ajax. Ich will, Euch zu Gefallen, jetzt ernſthaft reden. Ihr wollt nicht, daß Donna Ines die Rolle einer Diana von Poitiers ſpiele,... ich auch nicht, denn die Geliebte iſt jederzeit und in jedem Lande, die ge⸗ ſchworne Feindin der legitimen Gattin.... Was aber nun anfangen, um dies zu vermeiden 2... Darüber müſſen wir Beide nachdenken. Alſo... laßt uns denken.“ „Ja, laßt uns darüber ſinnen.“ „Nun, was habt Ihr gefunden?“ „Nichts.. Und Ihr?“ „Ich?... Ich glaube allerdings ein Mittel ge⸗ funden zu haben, das uns Beide ſicher zum Ziele führen würde.“ „Nennt es, ſchnell, ſchnell!“ „Hört!“— ſagte der Abbé, indem er ein Fenſter öffnete, aus welchem man einen Theil der Stadt überſehen konnte, die als Freudenzeigen über die Er⸗ 43 ſtürmnng von Bareelona prachtvoll erleuchtet war. „Hört Ihr das Jauchzen und Schreien des Volkes, das jetzt in allen Straßen und in allen Ecken er⸗ tönt?— Der Pöbel jubelt; aber er gleicht dem Tiger, hat er erſt Blut gewittert, muß er welches fließen ſehn. Der Pöbel fordert den Kopf des Mar⸗ quis von Santa⸗Cruz,— und der König iſt nicht aufgelegt ihm zu willfahren.. Wem von Beiden, dem Volk oder dem König wird der Sieg bleiben?.. Dies, Vicomte, iſt die ganze Frage.. Wenn jetzt, gleichgültig durch weſſen Einfluß der König dahin bewegt werden könnte, dem Willen des Volkes nachzugeben, ſo begreift Ihr wohl, daß ſich von dem Augenblicke an eine unüberſteigbare Scheide⸗ wand zwiſchen ſeiner Majeſtät und Donna Ines aufthürmen würde.— Aber nur eine einzige Perſon iſt mächtig genug, den König zu beſtimmen, der Ge⸗ rechtigkeit ihren freien Lauf zu laſſen,... und dies iſt... die Fürſtin Orſini. Ihr ſeid der Günſtling Ihrer Hoheit, eilt zu ihr, beweiſt ihr, daß der Tod des Marquis zum Wohle des Königreichs nothwendig iſt,— und ich ſtehe für das Ende.“ „Herr Alberoni“— entgegnete Gondreville entſchieden—„erwartet von mir keinen ſolchen Schritt. Der Marquis von Santa⸗Cruz iſt mein Feind, 136 und ich bin zu jeder Stunde und an jedem Orte bereit, mich mit ihm zu ſchlagen, aber hingehen Nein, Abbé, dies wäre eines Edelmannes unwürdig und niemals, niemals! werde ich mir eine ſolche Handlung zu ſchulden kommen laſſen.“ „Armer junger Thor, der das Ende will, und nicht die Mittel, die dazu führen!... Seht Ihr denn nicht ein, daß die volle Gehäſſigkeit einer ſolchen Handlung auf die Fürſtin Orſini zurückfallen würde?“ „Genug, genug! Verſucher!“ „Seht Ihr denn nicht ein, daß, wenn Ihr mei⸗ nem Rathe nicht folgt, Donna Ines unzweifelhaft in die Hände des Königs geräth? „Ja!— aber dann iſt wenigſtens meine Ehre unbefleckt. Der Vicomte von Gondreville würdigt ſich nicht zum Gehülfe des Henkers herab.“ „Demnach ſeid Ihr entſchloſſen?“ „Ja, ich verzichte unwiderruflich auf dieſes Mittel.“ „Auch gut! mein theurer Vicomte. Aber wißt Ihr was?. bereitet Euch vor, Morgen mit An⸗ bruch des Tages Madrid zu verlaſſen, und mit Schande bedeckt nach Frankreich zurückzukehren,. —,— 137 ſelbſt.. ohne Donna In es noch einmal geſehen zu haben.“ „Wie ſo?“ „Weil die Fürſtin Orſini noch dieſen Abend er⸗ fährt, daß auch Ihr,— als Dank für alle die Zei⸗ chen der Gunſt, mit welchen ſie Euch überhäuft,— es verſucht habt, nach dem Beiſpiele der Herren von Aguilar und Noailles, ihrer Feinde, dem König eine Geliebte zu geben;— weil es ferner der Kö⸗ nig noch dieſen Abend weiß: daß Ihr ſeit langer Zeit Donna Ines liebet, und von ihr wiedergeliebt werdet.“ „Und wer, wer“— rief Gondreville—„wird es wagen, dies Alles zu berichten?“ „Ich, mein theurer Vicomte. Ich habe es Euch ja ſchon im Voraus geſagt, daß ich Euch klaren Wein einſchenken würde. Jetzt wählt!.... Freund oder Feind? Friede oder Krieg?... wählt.“ In dieſem Augenblicke klopfte man heftig an die Hausthüre. „Wer kann uns zu dieſer Stunde noch ſtören frug Gondreville erſtaunt. Da antwortete eine Stimme von außen: „Oeffnet!— Im Namen des Königs.“ — ———— —— — „Ihr ſeht, Vicomte,“— entgegnete der Abbé ruhig—„ich habe Euch nicht belogen.“ Gondreville überlief ein kalter Schauer, aber feſt und beſtimmt entgegnete er: „Es bleibt, wie ich geſagt!“ Einige Minuten ſpäter trat der Garde⸗Lieutenant Amenzaga in den Saal. „Herr Abbé Alberoni“— rief er—„wollt Ihr die Gewogenheit haben, mir zu folgen. Seine Majeſtät der König, ſowie Ihre Hoheit die Frau Fürſtin Orſini willigen in die erbetenen Audienzen, und verlangen Euch auf der Stelle zu ſprechen, wie Ihr begehrt habt.“ „Ich bin zu Eurem Befehl!“ verſetzte Alberoni. „Signor Amenzaga,“ fügte der Vicomte bei, „ich werde den Herrn Abbeé begleiten.“ Siebentes Kapitel. Die Verlobung. Vor der Thüre des Hauſes, welches Alberoni bewohnte, hielt ein Hofwagen, in welchem ſofort der Lieutenant Amenzaga, der Vicomte und der Abbé Platz nahmen. Die Fahrt wurde ſchweigend zurückgelegt, auch dauerte ſie nur kurze Zeit, da, wie man weiß, Ma⸗ drid nicht ſehr ausgedehnt iſt, und der Abbé außer⸗ dem nicht weit von dem Pallaſte Medina⸗Celi wohnte, in welchem der König noch fortwährend Hof hielt. Die meiſten Häuſer der Stadt waren, als Freu⸗ denbezeugung über die Eroberung Barcelonas, nach einer Belagerung, deren Länge faſt der trojaniſchen gleichkam, feſtlich erleuchtet, und obwohl die Nacht ſchon ziemlich vorgerückt war, ſo ſtanden doch noch übrall auf den Straßen und Plätzen anſehnliche 140 Gruppen Volks, unter welchen jeder Einzelne mit Eifer die mehr oder weniger authentiſchen Nebenum⸗ ſtände zu Beſten gab, die er über ein, für das Haus Bourbon ſo ſehr wichtiges Ereigniß hatte auftreiben können. Im Allgemeinen war die Stimmung der Maſſen eine freudige; denn der König, welcher in den erſten Jahren ſeiner Regierung an der Spitze ſeines Heeres mit Tapferkeit gefochten, und oft auf harter Erde geſchlafen hatte, gleich dem geringſten ſeiner Krie⸗ ger, wurde perſönlich von allen ſeinen Unterthanen geliebt. Indeſſen konnte man doch auch hie und da beim Scheine der Lampen manch' drohendes Antlitz erken⸗ nen; ſo wie man durch das verwirrte Summen der Menge mehr als eine Verwünſchung, mehr als einen Schrei um Rache hörte, welchem ſich der Name Santa⸗Cruz beigeſellte. Die Gegenwart der zahlreichen Patrouillen aber, welche die Stadt in allen Richtungen durchkreuzten, hielten die Maſſen im Zaum und unterdrückten jede feindſelige Regung. In allen Ländern der Erde, namentlich aber in denjenigen, welche ihre geographiſche Lage dem Aequa⸗ tor näher gerückt, ſind die Köpfe der ungebildeten Be⸗ 141 völkerung leicht zu erhitzen, ſo wie dieſe oft, durch die kleinſte Beredungsgabe verleitet, von einem Er⸗ trem zum anderen überſpringt. Dieſelben Madrider, welche heute den Kopf des Marquis von Santa⸗Cruz auf ein vages Gerücht hin verlangten, das ihnen zufällig zu Ohren gekom⸗ men, und nach welchem der alte Waffengefährte des Marſchall Berwick mit den Rebellen in Barcelona im Einverſtändniß geſtanden haben ſollte,— dieſelben Madrider würden ihn ohne Zweifel kurze Zeit vorher im Triumphe herumgetragen haben, wenn es ihm damals gelungen wäre, die Fürſtin Orſini zu ftürzen; ja ſelbſt wenn es dem ſtarrköpfigen alten Chriſten von Spanien eingefallen ſein würde, dem König Phi⸗ lipp V. in ſeinem königlichen Pallaſte Geſetze zu diktiren. Indeſſen näherte ſich der Wagen bereits der kö⸗ niglichen Wohnung, als eine durchdringende Stimme rief: „Es lebe der König!— RNieder mit ſeinen Feinden!“ Ein Ruf, der im gleichen Augenblicke aus tau⸗ ſend Kehlen im wilden Chorus wiederhallte. „Hört Ihr?“— ſagte Alberoni, indem er ſich zum Ohre des Vicomtes neigte, die Stimme des — Volkes iſt die Stimme Gottes. Zum letztenmale: wollt Ihr mit oder gegen das Volk, für oder wider Gott, mit oder ohne Donna Ines ſein?“ Gondreville ſchien einen Augenblick unſchluſſig; dann, ſich mit Gewalt überwindend, ſagte er: „Ich will mit meiner Ehre ſein.“ „Wohl bekomm' es,“— entgegnete der Abbé,— „der Entſchluß iſt jedenfalls ächt ritterlich.“ Als er noch ſo ſprach, hielt der Wagen an, der Schlag öffnete ſich, der Abbé ſprang heraus und verſchwand im Innern des Pallaſtes. Gondreville ſchickte ſich an, ihm zu folgen, wie aber ärgerte er ſich, als ihm der Lieutenant Amen⸗ zaga mit aller nur erdenklichen Höflichkeit erklärte, daß er den gemeſſenen Befehl erhalten habe: Nie⸗ manden, außer dem Abbé Alberoni in die könig⸗ liche Wohnung einzulaſſen. Darauf hin trat der Garde⸗Lieutenant ſelbſt ein, und ließ die Thüre hin⸗ ter ſich ſchließen. Gondreville aber blieb zurück, von Allem, was ſich in der letzten Stunde zugetragen, ebenſo überraſcht als niedergeſchlagen. Als Gondreville ſich einigermaßen erholt, war ſein erſter Gedanke: den Degen in der Fanſt mit Güte oder Gewalt in den königlichen Pallaſt zu drin⸗ 143 gen; nach kurzer Ueberlegung aber ſagte ihm ſein Verſtand, daß er durch einen ſolchen Gewaltſtreich ſich nur unnöthigerweiſe dem Tode oder der Gefan⸗ genſchaft preis gebe. Er faßte daher einen andern Entſchluß, deſſen Ausführung viel leichter war, und nach welchem es ſich lediglich um den Hals des Abbé handelte. Das wird wenigſtens, ſagte er zu ſich, ein kleiner Troſt dafür ſein, daß alle meine Unternehmungen in Spanien ſcheiterten. Sobald er daher feſt in dieſem Entſchluße war, zog er ſeinen Degen und ſtellte ſich derart als Schild⸗ wache vor den Pallaſt, daß Niemand aus demſelben heraustreten konnte, ohne von ihm geſehen zu werden. Auf dieſe Art erwartete er feſten Fußes ſeinen Feind. So ſtand er ohngefähr eine Stunde unter freiem Himmel, wie ein Jäger auf dem Anſtande, als ihn ein Sereno gewahrte. „Holla, mein Herr,“— rief der Nachtwächter— „was macht Ihr da?... Jeder Mann liegt bereits auf dem Ohr, und Ihr haltet noch Wache?— Cs iſt Zeit nach Hauſe zu gehn, und eilt Euch, wenn Ihr noch einige brennende Lampen treffen wollt, die Euch den Weg zeigen.“ 144 „Seid um mich unbeſorgt, mein Theurer,“— entgegnete Gondreville,—„ich erwarte einen meiner intimen Freunde, der im Pallaſte iſt und mich aus Furcht vor den Spitzbuben bat, ihn nach Hauſe zu begleiten. Ich darf ihn nicht ſitzen laſſen.“ „Wenn das iſt!“— ſagte der Sereno—„Aber nehmt Euch in Acht, damit Ihr keinen Schnupfen fangt, wenn Ihr hier ſo Schildwache ſteht, ohne Euch zu rühren. Die Nächte ſind kalt wie der Teufel. Gute Nacht, Excellenz!“ Und der Sereno zog ſeines Weges. Kurze Zeit darauf öffnete ſich das Thor des Pallaſtes. „Endlich kommt mein Mann!“— murmelte Gondreville, den Griff ſeines Degens krampf⸗ haft in der Hand preſſend. Da erſchallte in der Vorhalle das Geräuſch na⸗ hender Pferde, und gleich darauf verließ eine Abthei⸗ lung der königlichen Leibgarde zu Pferde den Pallaſt. Lieutenant Amenzaga ritt an ihrer Spitze, den Degen in der Hand. „Achtung!“— commandirte er, als ſie Straße erreicht,—„in raſchem Trab nach Segovia!“ „Nach Segovia?“— wiederholte Gondre⸗ villeentſetzt—„was wollen ſie zu Segovia machen?“— Das iſt wieder ein ſchwarzes Complott dieſes verten⸗ 145 felſten Abbé's!— Aber, ſo wahr ich athme, er ſoll es mit ſeinem Leben bezahlen!“ Wie er gerade dies kurze Selbſtgeſpräch endete, erkannte er genau den Wuchs und die Haltung Al⸗ beroni's, der eben aus dem Schloſſe trat, indem er eifrig rechts und links ſpähte, als ſuche er Jeman⸗ den. Jetzt war es Zeit! Schon wollte auch Gondreville, der ſich bei Anſicht Amenzaga's in einen Winkel gedrückt hatte, auf ſeinen verhaßten Gegner losſtürzen— als eine neue Abtheilung der königlichen reitenden Leibwache aus dem Thore des Pallaſtes ſchwenkte. Dieſesmal umgaben die Bewaffneten einen Wagen, der ſofort ſtille hielt. Ein Diener öffnete den Schlag und Alberoni ſchlüpfte behende hinein, indem er dem Kutſcher zurief: „Sierra de Guadarrama!— Die Landſtraße links!— Wir fahren nach Schloß Penaflor!“ Zum Henker und zu allen Teufeln!“— rief Gondreville, als der Zug an ihm vorübergeflogen war, indem er ſeinen Degen mit Wuth in die Scheide ſtieß,—„was iſt denn dies wieder? Hat der dop⸗ pelte Verräther ſein Vorhaben geändert? Verzichtet er vielleicht jetzt darauf, den König zu ver⸗ Orſini U. Bd. — 10 * 146 Hölle! Jetzt verſtehe ich Alles!.... Darum begibt ſich Amenzaga nach Segovia, während Albe⸗ roni auf Penaflor den niederträchtigen Handel in's Reine bringt. Und Ines muß ihren Vater zu retten. Oh! Schurke! Schurke von einem Abbé!.. Aber Du entgehſt mir nicht! Verdammter Italiener, da ich denn keine andere Rache hier zu ernten hoffen darf, ſollſt du für Alle zahlen, und— ich ſchwöre es— der Aufſchub ſoll dir nichts nützen!“ Und damit eilte der Vicomte, Wuth im Herzen und gefoltert von den nagenden Schlangen der Eifer⸗ ſucht, fluchend ſeiner Wohnung zu. Ein Adjutant des Königs erwartete ihn hier. „Herr Vicomte,“— ſagte dieſer beim Eintreten zu unſerem Helden,—„der König erwartet Euch Morgen früh im Pallaſt, zur Stunde des Lever's.“ Vorher wird Euch Ihre Hoheit die Frau Fürſtin Orſini empfangen. Es ſcheint, als ob es ſich um eine Abſchiedsaudienz handle, da ich zu gleicher Zeit beauftragt bin, Euch mitzutheilen, daß, wenn Ihr vielleicht noch einige Vorbereitungen zur Abreiſe zu treffen hättet, Ihr dieſelben gefälligſt noch dieſe Nacht vornehmen möchtet. Und damit Herr Vicomte, Gott befohlen!“ Gondreville antwortete nicht. Bleich, verwirrt, 147 mit wilden Blicken, bemerkte er nicht einmal das Weggehen des Adjutanten, und erſt als ſein Kammer⸗ diener hereintrat, ihn zu entkleiden, fing er an, wieder zu ſich zu kommen. Aber ſein Zorn entlud ſich jetzt in einem wahren Strome von Flüchen, und ſich mit der Hand vor die Stirne ſchlagend, rief er dem Diener zu: „Geh zum Teufel!... Ich will in dem miſerabe⸗ len Lande nicht mehr ſchlafen,. ich will in ihm nicht mehr eſſen.... ich will in ihm nicht mehr trinken.... Ich habe nur noch ein Verlangen, und dies iſt Einen umzubringen,... mach alſo, daß Du fortkommſt, wenn Du nicht willſt, daß Du das Opfer werdeſt.“ Der Kammerdiener ließ ſich dies nicht zweimal ſagen, und Gondreville warf ſich endlich,— nach⸗ dem er vorher noch lange im Zimmer auf- und ab⸗ gerannt war, und, unter verliebten Anrufungen ſei⸗ ner theuren Donna Ines, tauſend Verwünſchungen auf den Abbé, die Fürſtin, und ſelbſt auf das Haupt des Königs geſchleudert hatte,— ermattet und er⸗ ſchöpft in einem Seſſel, wo ihn der liebe Gott end⸗ lich gnädig entſchlummern ließ. Als er wieder aufwachte, war er etwas ruhiger. Sein erſter Blick fiel auf eine große Uhr, welche das Zimmer ſchmückte, welches er bewohnte. Die Zeit des„Lever's“ war vorüber. „Gott ſei Dank!“— rief er, als er dies ge⸗ wahrte,—„ſo habe ich doch wenigſtens nicht die Demüthigung dieſer zweifachen Audienz zu über⸗ ſtehen.“ Er rief hierauf ſeinen Kammerdiener. „Beſorge mir auf der Stelle,“— ſagte er zu dieſem alsdann—„eine Poſtchaiſe und zwei Pferde. Wir reiſen nach Frankreich zurück. Ich habe nur vorher noch bei Jemanden Abſchied zu nehmen, den ich durchaus vor meiner Abreiſe noch einmal ſehen muß. Sei beſorgt, daß, wenn ich zurückkomme, Alles ſchlagfertig iſt.“ Als Gondreville noch ſo ſprach, trat derſelbe kö⸗ nigliche Adjutant wieder ein, der ihn erſt wenige Stunden vorher verlaſſen hatte. „Was macht Ihr denn, Herr Vicomte?“— rief er Gondreville entgegen.—„Denkt Ihr denn nicht mehr daran, daß man Euch im Pallaſte erwartet?— Ihre Hoheit, die Fürſtin Orſini ſendet mich, Euch aufzuſuchen!“ „Meinetwegen!“— brummte Gondreville in den Bart,—„es iſt einmal vom Schickſale beſtimmt, 149 daß ich den Kelch bis auf die Hefe austrinken ſoll! .... Ich bin bereit Euch zu folgen.“ Beide beſtiegen den, vor Gondreville's Woh⸗ nung harrenden Wagen, und es war noch keine Vier⸗ telſtunde verfloſſen, als unſer Edelmann auch ſchon bei der Fürſtin Orſini eingeführt war. Dieſe gab dem Vicomte fofort ein Zeichen, ſich niederzulaſſen, während ſie ſich augenſcheinlich be⸗ mühte, Faſſung zu erringen. Ihre Züge trugen jedoch mehr das Gepräge einer tiefen Trauer, als das der Strenge. Endlich hub ſie mit einer gewiſſen Feierlich⸗ keit an: „Ihr habt mein Vertrauen hintergangen, und ich hätte Grund, Euch dies ſehr zu verargen; denn ich glaube ſeit Eurer Ankunft in Spanien alles Mög⸗ liche gethan zu haben, um, wenn auch nicht auf Eure Dankbarkeit, doch wenigſtens auf einige Rück⸗ ſichten für mich rechnen zu können. Ich ſehe zu meinem tiefen Schmerze, daß ich mich getäuſcht. Welche Urſache konnte Euch zu einem ſolchen Ver⸗ fahren antreiben?“ „Hoheit!“— entgegnete Gondreville mit Ruhe,—„warum mich fragen, da Ihr ja doch Alles wißt, was Euch ju dieſer Beziehung intereſſirt?.. 2 Ich habe zu dem, was Euch Herr Alberoni hin⸗ terbrachte, nichts mehr hinzuzufügen. Ihr ſeid all⸗ mächtig, darum blieb der Sieg Euer. Gebraucht Eure Macht, Euren Triumph, wie es Euch gut⸗ dünkt;.... ich werde mich nicht beklagen.“ „Ach, Gondreville! Gondrevillel“— rief die Fürſtin, von ihren anſtürmenden Gefühlen fort⸗ geriſſen.—„Iſt dies der Ton, in dem Ihr zu mir ſprechen ſolltet?!— Denkt doch daran, daß Ihr in wenigen Minuten abreiſen, noch heute Madrid und Spanien verlaſſen werdet, und daß dieſe Zuſammen⸗ kunft vielleicht die letzte iſt, die uns in dieſem Leben wird.... Seht mich doch an?... Iſt dies eine Fein⸗ din, die zu Euch ſpricht? habe ich für Euch nicht je⸗ den Unterſchied des Ranges, den ich in dieſem Reiche einnehme, mit Füßen getreten?..... Es iſt ja nicht die Fürſtin Orſini,... hier faſt die Königin.. die zu Euch ſpricht,.. es iſt Anna de la Tre⸗ mouille,.. Anna de la Tremouille, die gern noch mehr für Euch gethan, in der Erinnerung an Euren Vater.... an Eure Mutter... „Meine Mutter! meine Mutter!“— lispelte Gondreville convulſiviſch—„ſie wagt es, mei⸗ ner Mutter zu gedenken!“ „Dennoch,“— fuhr die Fürſtin bewegt fort,— — dennoch werde ich Euch noch heute einen ſchlagenden Beweis der Neigung geben, die mich an Euch knüpft.“ „Dieſer Beweis, Hoheit, darf ich ihn kennen?“ „Ich will dem Könige die Sorge überlaſſen, Euch davon in Kenntniß zu ſetzen, doch muß ich Euch ſa⸗ gen, daß Ihr dabei Herrn Alberoni vielen Dank ſchuldig ſeid. Er war es, der in dieſer Angelegen⸗ heit viele Schwierigkeiten zu überwinden, den Weg anzubahnen gewußt hat. Und es waren große, ſehr große Hinderniſſe zu beſiegen. Begebt Euch jetzt zum König, Herr von Gondreville; ſeine Majeſtät erwarten Euch.... Und jetzt.... lebt wohl möge der Himmel auf der wichtigen Reiſe, die Ihr nun unternehmt, über Euch wachen. Ich vertraue feſt auf ſeine Barmherzigkeit und hoffe von ihr, daß ſie uns noch einmal hinieden zuſammen führt.“ Mit dieſen Worten reichte die Fürſtin Gondre⸗ ville die Hand zum Kuſſe hin, während in ihren Augen eine Thräne erglänzte. Dann entließ ſie ihn mit einem melancholiſchen Lächlen. „Was ſoll das nun alles bedeuten?“— frug ſich im Weggehen der Vicomte,—„bin ich in Un⸗ gnade gefallen?... bin ich es nicht?... Ich werde nicht klug daraus... Nun denn, vorwärts! zum 152 König; ich will hoffen, daß ſeine Majeſtät mir den Schlüſſel zu dieſem Räthſel geben ſoll.“ Als Gondreville in das Gemach des Königs eingeführt war, ſah er Philipp V. mit offenen Ar⸗ men auf ſich zukommen, während er zu gleicher Zeit rief: „Ach! mein lieber Gondreville, ſo kann ich Dir denn endlich für einen Beweis von Ergebenheit danken, wie ihn allerdings nur ein ſo treuer Diener wie Du, zu geben im Stande iſt. Herr Alberoni hat mir bereits Alles geſagt. Du haſt an ihm einen ſehr guten Freund, dem Du ſehr viel Dank ſchuldig biſt. Aber ſag mir ſelbſt, iſt es wahr?— Du wil⸗ ligſt ein, Donna Ines zu heirathen?“ „Ob ich einwillige, Sire?“— ſtammelte Gon⸗ dreville verwirrt.—„Oh!— Dank, tauſend Dank, dem edelmüthigſten aller Monarchen, dem...“ „Ei was! Du wirſt mir doch jetzt nicht danken wollen, wo ich es bin, der Dir ſo ſehr verpflichtet iſt?“ „Sire, ich begreife nicht....“ „Das kommt daher, weil Du nicht weißt, was ſich Alles dieſe Nacht hier zugetragen. Gut, ich will es Dir in wenigen Worten ſagen. Vor allem An⸗ deren aber muß ich Dir eine große Neuigkeit mit⸗ theilen: ich verheirathete mich ebenfalls, Gondre⸗ ville. Was kann ich machen? es muß ja wohl geſchehen! Der König von Frankreich will es, alle Großen des Reichs bitten mich darum, und die Für⸗ ſtin Orſini räth es mir. Außerdem iſt dies das einzige Mitel, den Marquis von Santa⸗Cruz zu retten, ohne bei meinen Unterthanen einen Aufſtand hervorzurufen. Oh! dieſer Abbé Alberoni iſt ein ausgezeichneter Politiker, wenn er ehrgeiziger wäre... Bei Gelegenheit meiner Verheirathung laſſe ich eine allgemeine und vollkommene Amneſtie für alle Staats⸗ verbrecher ergehen... Ihr verſteht!.. Was Du aber kaum glauben wirſt, iſt, daß Dich dieſer ſtarrköpfige Marquis nicht als Schwiegerſohn annehmen wollte, und daß es dazu nichts weniger bedurfte, als der Verwendung der Fürſtin Orſini. Dieſe und Albe⸗ roni haben ihn ſo lange gebeten, bis ſich der alte Rebell erweichen ließ. Er iſt hier, ſowie Donna Ines und die Gräfin von Barbaſtro. Alle erwarten Dich in der Kapelle, woſelbſt die Verlobung ſtatt⸗ finden ſoll.“ Bei dieſen Worten führte Gondreville ſeine Hand an die Stirne, als ob er ſich überzeugen wolle, daß er auch wache, und nicht das Spiel eines lieb⸗ lichen Traumes ſei. Da trat plötzlich Alberoni ein. 154 „Sire,“— ſagte er,—„der hochwürdige Pater Robinet hat ſich ſchon mit den prieſterlichen Ge⸗ wändern bekleidet, und iſt bereit, die Vereinigung des Herrn Vicomte von Gondreville mit Donna Ines de Santa⸗Cruz durch den Segen der Kirche zu heiligen, wenn es Eurer Majeſtät alſo gefällig iſt?“ Zu gleicher Zeit reichte Alberoni dem Vicomte die Hand, der ſich denn auch maſchinenmäßig fort⸗ ziehen ließ, ohne ſich dabei über Alles, was um und mit ihm vorging, Rechenſchaft abzulegen, und gleich⸗ ſam wie in einem Schwindel dahin taumelte. Zu ſeinem neuen Erſtaunen fand er es denn auch, wie es der König ihm vorausgeſagt hatte. Donna Ines kniete bereits vor dem Altare, deſſen ſämmtliche Kerzen in feierlichem Strahlenkranze flammten. Hinter der lieblichen Braut ſtanden aber der Mar⸗ quis von Santa⸗Cruz und die Gräfin von Bar⸗ baſtro. Gondreville ſchwankte dem Altare zu und ſank in wonnigem Taumel neben ſeiner geliebten Ines auf die Kniee. Da brauſte die Orgel in allen Tönen und die Feier der Verlobung nahm ihren Gang. Ihr wohnte 15⁵ in dem entfernteſten Winkel einer Tribüne eine ver⸗ ſchleierte Dame bei, es war die Fürſtin Orſini. Sie, der König und Alb eroni waren die ein⸗ zigen Zeugen dieſer Verbindung. Als die Feierlichkeit vorüber, ſagte der König zu Gondreville: „Jetzt hält dich nichts mehr in Madrid zurück, und mein Wille iſt es, daß Du noch in demſelben Augenblicke abreiſeſt, um Dich der wichtigen und miß⸗ lichen Sendung zu entledigen, welche mir es gefallen hat, Dir anzuvertrauen. Du begibſt Dich mit Herrn Alberoni ſofort nach Parma, um, in Ueberein⸗ ſtimmigung mit ihm, die Unterhandlung wegen mei⸗ ner Vermählung mit der Prinzeſſin Eliſa betha Far⸗ neſe zu betreiben.“ Gondreville durchrieſelte ein kalter Schauer, ein furchtbarer Gedanke durchzuckte ihn, und es fehlte wenig, ſo wäre er beſinnungslos umgeſunken. Licht ward es nun mitten in all den Finſterniſſen, die ſeit einigen Stunden ſeine Seele umnachteten,— aber — wie gräßlich tagte dies Licht!— Er erwachte,— aber mit demſelben Gefühl des Abſcheues und des Schreckens, mit welchem ein Menſch erwacht, den man lebend in den Sarg gelegt. Er verſuchte zu ſprechen,— ſeine Zunge verſagte 156 ihm den Dienſt, und nur ein unarticulirter Schrei entwand ſich ſeiner Bruſt. In dieſem Augenblicke nahte ſich der Marquis dem Könige. „Sire!“— ſagte mit ihm eigenen tiefen Ernſte, der alte Hidalgo,—„ich danke Eurer Majeſtät für den hohen Auftrag, mit welchem Ihr meinen Schwie⸗ gerſon zu betrauen geruht; zu gleicher Zeit aber er⸗ ſuche ich Euch, zu genehmigen, daß die Vicomteſſe von Gondreville die Zeit der Abweſenheit ihres Ge⸗ mahles in dem Kloſter von Las Descalzas reales zubringen dürfe.“ Der König ward hier feuerroth und wechſelte mti Alberoni, der die Augen niederſchlug, einen Blick. „Die Vicomteſſe von Gondreville iſt Herrin ihres Willens,“— entgegnete darauf der König,— „ſie kann ſich zurückziehen wohin es ihr gefällt, doch kommt es ihr zu, ſich in dieſer Beziehung auszu⸗ ſprechen.“ „Die Vicomteſſe von Gondreville“— verſetzte Dona Ines ſtolz—„bedarf der Mauern eines Kloſters nicht, ſie wird ihre Ehre ſelbſt zu wahren wiſſen.“ Eine kurze Pauſe folgte. Alberoni benutzte ſie, Gondreville zuzuflüſtern: 157 „Theurer Vicomte, nehmt Abſchied und laßt uns nach Parma abreiſen, damit wir deſto eher mit der Prinzeſſin Eliſabetha Farneſe zurückkehren.“ „Herr Alberoni,“— ſagte der König—„Ihr correſpondirt direct mit mir während der Reiſe.“ Eine Stunde ſpäter befanden ſich der Abbé und der Vicomte auf dem Wege nach Italien. Da Gondreville in finſtere Träume verloren ſchien, ſagte Alberoni: Vicomte, ſeid Ihr mir noch immer böſe?“ „Keinesweges,“— entgegnete dieſer—„auf mein Ehrenwort als Edelmann. Donna Ines gehört nun mein, was ſollte ich weiter wünſchen?— Euch verdanke ich dies Glück, und ich werde dies nie ver⸗ geſſen. Aber Ihr werdet auch leicht begreifen, Abbé, daß mich eine ſo lange Trennung von dem Gegen⸗ ſtande meiner Liebe, wie ſie mir heute auferlegt wurde, tief ſchmerzen muß.“ „Damit bin ich vollig einverſtanden, wenn Ihr indeſſen offenherzig wäret, ſo würdet Ihr mir ge⸗ ſtehen, daß dies nicht die einzige Urſache Eures Tief⸗ ſinns iſt. Es gibt eine andere... „Welche?“ „Hört,.. wir ſind Beide allein in dieſem Wa⸗ gen, Niemand kann uns hören, und da Ihr mit mir — — — 158 den Geheimnißvollen ſpielen wollt, ſo iſt es eben nö⸗ thig, daß ich Euch ſage, was in Eurem Innern vor⸗ geht. Sorgen und Mißmuth drücken Euch nieder, weil es Euch nicht gelungen das geheime Ziel zu erreichen, welches Euch doch eigentlich nach Spanien geführt. Und— ſeht Ihr— ohne mich werdet Ihr es auch nie erreichen.“ „Ich bitte, Abbs, wechſeln wir die Unterhaltung; brechen wir hiervon ab!“ „Nein, nein,.... ich bin froh daß ich Euch end⸗ lich habe. Glaubt Ihr denn, daß ich allein nach Parma reiſe, um Spanien eine Königin zu geben? — Oh! Ihr kennt mich noch lange nicht, Vicomte. Leſet“— ſagte er darauf, indem er ein kleines zuſam⸗ mengerolltes Papier aus ſeinem Gürtel zog und es Gondreville hinhielt,—„kennt Ihr die Hand⸗ ſchrift?“ „Es iſt die des Königs.“ „Gut!— ſo leſet!“ Gondreville gehorchte; aber Todtenbläſſe deckte plötzlich ſein Antlitz, denn im Anfange der Vollmacht ſtanden die Worte: „Der König verpflichtet ſic die Fürſtin Orſini zu entlaſſen. Die Königin von Spanien wird ſich 159 über dieſe Angelegenheit mit dem Vicomte von Gon⸗ dreville und dem Abbé Alberoni verſtändigen.“ „O meine Mutter! meine Mutter!“— rief Gon⸗ dreville zum Himmel blickend—„endlich! endlich! kann ich dich rächen.“ Dann faßte er Alberonis Hand und ſagte: „Abbé, jetzt könnt Ihr über mich wie über Euren Sklaven befehlen. Seid der Kopf, ich will der Arm ſein. Unter uns aber von der Minute an: Freund⸗ ſchaft auf Tod und Leben.“— Achtes Kapitel. F pind w Kehren wir noch einmal nach Fadraque zurück, jenem kleinen Oertchen, zwiſchen Guadalajara und Burgos, auf der Grenze der beiden Caſtilien gelegen, in welchem ſich, wie ſich der Leſer viel⸗ leicht erinnern wird, der Faden dieſer Erzählung an⸗ ſpann, die nachgerade ihrem Ende raſch entgegen⸗ ſchreitet. Es war zwei Tage vor Weihnachten. Das Läu⸗ ten aller Glocken ſo wie die Menſchenmaſſe, die ſich, aus der ganzen Umgegend zuſammengefloſſen und feſt⸗ lich geſchmückt, trotz dem Schnee und der durchdrin⸗ genden Kälte, auf der Hauptſtraße von Fadraque zuſammendrängte, kündeten ein feſtliches Ereigniß an. Aber eine ſolch' hohe Ehre war auch dem Oert⸗ chen, an deſſen Namen ſich bald die Erinnerung an ein großes geſchichtliches Ereigniß knüpfen ſollte, noch 161 nie widerfahren, denn eine durchlauchte, mit Ungeduld lange erwartete Reiſende war in ihm angekommen und abgeſtiegen. Dieſe Reiſende aber war Niemand anders, als die Königin Spaniens und beider Indien, Eliſa⸗ betha Farneſe. Nachdem dieſelbe darauf verzichtet hatte, ſich von Parma nach Madrid auf dem, in dieſer Jahres⸗ zeit ſo gefährlichen und mühevollen, Waſſerwege zu begeben, ſchlug ſie die Route über Frankreich ein. So kam ſie denn jetzt durch die Provence und die Guyenne, und betrat ihr Königreich bei Saint⸗Jean⸗ de⸗Luz. Von hier aus näherte ſie ſich alsdann der Haupt⸗ ſtadt in kleinen Tagereiſen, begleitet von Gondre⸗ ville, Alberoni und einer, von Lieutenant Amen⸗ zaga befehligten ſtarken Abtheilung der königlichen ſpaniſchen Leibgarde zu Pferde. Zu der Zeit, von welcher wir jetzt ſprechen, ging es auf vier Uhr. Die Dämmerung war bereits an⸗ gebrochen, und ſchon ſchimmerten hie und da einzelne Lichter durch die Fenſter. Die Menge, die überall dicht gepreßt ſtand, drängte ſich namentlich in der Umgebung des Hauſes, in welchem die junge Königin abgeſtiegen war, um Orſini. I. Bd. 6 —————————— — —— —— daſelbſt zu übernachten. Plötzlich öffnete ſich die Thüre dieſes Gebäudes, welche eine doppelte Reihe Soldaten vor der mehr oder weniger zudringlichen Neugierde des Volkes ſchützte, und aus derſelben trat,— ſo viel man bei dem zweifelhaften Lichte der Dämmerung eines noch dazu trüben und unfreundlichen Decembertages ſehen konnte,— ein junger, hübſcher Cavalier, deſſen dunkelfarbiger Mantel, den ſchlanken, gefälligen Wuchs und die feinen Manieren nicht zu verbergen im Stande war. Nur mit Mühe gelang es ihm, ſich einen Weg durch die Menge zu bahnen, worauf er ſich einer unanſehnlichen Poſade zuwandte, welche am Ende des Oertchens, nach dem Thore von Guadalajara zu lag. Als er dieſelbe erreicht, fand er ihre Thüre weit aufſtehen. Welche Thüre hätte auch zu Fadraque an einem ſolchen Tage geſchloſſen bleiben können 2 ½ Aber in der erwähnten Poſada war auch wedet Herr, noch Knecht, weder Maulthiertreiber noch Magd zu finden, denn Alle ſtanden,— unbekümmert um die Bedürfniſſe der Gäſte,— in einem weiten Halb⸗ kreiſe auf der Straße, den einfachen Anzug, ſo wie überhaupt das Aeußere der Königin, die ſie im Au⸗ * 5 163 genblick ihres Ausſteigens aus dem Wagen erblickt, von Kopf bis zu Fuß beſprechend. Zu gleicher Zeit erſchallte von allen Seiten ein grauenhaftes Durcheinander von Mandolinenklängen, mit welchen man die Reize und die Tugenden Eli⸗ ſabethen Farneſen's feierte. Dazu das Geläute der Glocken, das Kreiſchen der Kinder, und das Ju⸗ belgeſchrei der Männer und Weiber,— alles dies rief einen Lärm hervor, wie man ihn mit Worten zu beſchreiben unfähig iſt. Unterdeſſen war der Cavalier, deſſen wir oben erwähnt, bis an die Thüre der Poſada herangekommen, und wandte ſich nun mit der Frage an einen nahe⸗ ſtehenden Knecht: ob nicht vielleicht zufällig eine junge ſehr ſchöne und zartgebaute Senora in dieſem Hauſe abgeſtiegen ſei. Vergebliche Mühe!— Der Knecht hatte jetzt ganz andere Dinge im Kopfe und wäre im Augen⸗ blick ſelbſt ſein Schatz— vorausgeſetzt, daß er einen Schatz beſaß— auf der Straße an ihm vorüberge⸗ gangen, er würde ihn weder bemerkt noch beachtet haben. Aber man hatte auch ſeit Menſchengedenken noch nicht erlebt, daß ſich eine Königin von Spanien in Fadraque aufgehalten— geſchweige denn dort 164 übernachtet hätte. Welche Ehre alſo für das Oertchen, welche Ehre ſelbſt für ſeine Bewohner!— Unſer Cavalier ſah dies auch wohl ein, und war daher eben im Begriff, ſich an den Wirth ſelbſt zu wenden, was auch jedenfalls einen beſſeren Erfolg haben mußte, als eine Magd, die ihn bemerkt, laut aufſchrie, indem ſie ſich zugleich dabei erſchrocken bekreuzte. „Heilige Jungfrau Maria!— ich irre mich nicht!.. das iſt der Auferſtandene!“ „Der Auferſtandene?“— wiederholten wie aus einem Munde mehrere Stimmen,—„der Auferſtan⸗ dene? was ſoll das heißen?“ „Was?“— fuhr die Magd fort, indem ſie beide Arme in die Seite ſtemmte,—„erinnert Ihr Euch des franzöſiſchen Edelmannes nicht, der hier vor acht Monaten mit einem alten Hidalgo, einem Ritter des goldenen Vließes, einen ſo furchtbaren Zweikampf hatte?. Das iſt jener franzöſiſche Edelmann, der dabei getödtet wurde.“ „Aber wenn er getödtet wurde,“— entgegnete naiv einer der Anweſenden,—„wie kann er alsdann jetzt vor uns ſtehen?“ „Ich ſage Dir,“— rief der Wirth, indem er demjenigen, der es gewagt, an obiger Ausſage zu 165 zweifeln, einen zornigen Blick zuwarf,—„ich ſage Dir, daß, in dem Augenblicke, in welchem wir dieſen Edelmann in den Sarg legen wollten, er die Au⸗ gen aufſchlug und uns in das Geſicht lachte.“ „Zum Henker!“— rief hier Gondreville, den jeder ſogleich wieder erkannt haben wird, und der endlich die Geduld verlor,—„Dummköpfe, die Ihr ſeid, werdet Ihr mir bald auf meine Frage ant⸗ worten?— Nehmt Euch in Acht, daß ich nicht auf den Einfall komme, einem von Euch handgreiflich zu beweiſen, daß ich noch zu den Lebenden gehöre.“ Als er aber noch ſo ſprach, ſtreskte ſich aus einem der Fenſter des oberen Geſchoſſes der Poſade ein allerliebſter Mädchenkopf heraus und eine friſche Sil⸗ berſtimme rief: „Da bin ich!“ Unſer Held verlangte nicht mehr, und ſeiner Um⸗ gebung raſch den Rücken wendend, ſtürzte er wie beſeſſen in das Innere der Poſade, flog die Treppe hinauf und lag... in den Armen ſeiner geliebten Ines.* „Endlich! endlich! biſt Du mir wiedergegeben, theure, liebe Ines!“— rief, nach dem erſten Schwei⸗ gen des Entzückens, der Vicomte.—„Welche lange und grauſame Trennung war dies für mich!— Weißt N 166 Du, theure Braut, daß es nun gerade drei lange Monate her iſt, ſeitdem ich Dich das letztemal ſchei⸗ dend in meine Arme ſchloß?“ „O! ich weiß es nur zu gut!“— entgegnete, von Freude berauſcht, das Mädchen—„habe ich denn nicht die Tage, Stunden und Minuten bis zu dieſem Augenblicke gezählt?“ „Dank!— tauſend Dank für dieſen Beweis Dei⸗ ner Liebe!— Ines, ſeit dieſen drei Monaten biſt Du noch ſchöner geworden.“ „Sprich nicht von mir. Erzähle mir lieber von der jungen Königin, die Ihr uns von Parma herüber⸗ gebracht. Wie iſt ſie?“ „Allerliebſt.— O, theure Ines, welche ſüße Ueberraſchung, welche unendliche Freude machte mir die Nachricht, die mir bei meiner Ankunft hier ward, daß Du weder Kälte noch Schnee geachtet, um mir bis in dies elende Neſt entgegenzukommen, in wel⸗ chem nicht einmal eine Deiner würdige Wohnung aufzutreiben iſt!— Als ich vor acht Monaten in Spanien ankam, ſtieg ich ebenfalls hier ab, und hier war es, wo ich Dich zum erſtenmale ſah. Be⸗ wunderſt Du dies ſonderbare Zuſammentreffen nicht? — Ja, ja, hier wäre ich bald geſtorben. Ach, der Himmel war mir wahrlich dieſe Vergeltung ſchuldig.“ 167 „Alſo, es freut Dich mein Eintreffen hier wirk⸗ lich?“— rief Donna Ines.—„Weißt Du denn aber auch, wem Du eigentlich dieſe Ueberraſchung verdankſt?“ „Wem?— Nun, ich denke Dir?“ „Nein, liebes Kind, nicht ſo ganz. Aber ich muß Dir alles erklären. Ich hatte allerdings den Gedan⸗ ken; allein mein Vater, und namentlich meine Tante⸗ ſprachen ſich entſchieden dagegen aus. Die Gräfin von Barbaſtro meinte, daß ein ſolches Vorhaben allen Geſetzen der Etiquette zuwiderlaufe, da wir erſt Verlobte ſeien, und außerdem nur denjenigen Per⸗ ſonen, die zum Hofſtaate des Königs oder der Kö⸗ nigin gehörten, die Ehre zu Theil würde, ſeine Maje⸗ ſtät nach Guadalajara zu begleiten, woſelbſt wir den König heute Morgen ließen. Kurz! ich wäre noch zu Madrid, oder gar auf Schloß Penaflor, ohne die Fürſtin Orſini.“ Bei dieſen Worten verfinſterte ſich Gondre⸗ ville's Stirne. „Ja!“— fuhr Donna Ines fort,—„ſie war es, die die Gnade hatte, für mich bei dem Könige um die Stelle einer Ehrendame bei der jungen Kö⸗ nigin zu bitten, und durch dieſe Stellung konnte ich denn, begleitet von meinem Vater, hieher abreiſen; — —— —— da er ſelbſt, ebenfalls durch die Vermittlung der Fürſtin Orſini, erſter Majordomus des Hauſes der Königin geworden iſt.“ „Und Dein Vater nahm dies Amt an?“ „Im Anfange ſchlug er es aus; denn obgleich er ſeine Begnadigung zum großen Theile der Fürſtin zu danken hat, ſo habe ich doch recht gut bemerkt, daß ſein Haß gegen ſie keinesweges erloſchen iſt. Nach einer Privataudienz beim Könige aber, erklärte er plötzlich, daß ſeine Serupel gehoben ſeien. Außer⸗ dem ſcheint Ihre Hoheit ihre Güte damit noch nicht beſchränken zu wollen, denn es müßte mich Alles trügen, wenn nicht auch Dir ein wichtiges Amt am Hofe vorbehalten wäre. Sie ſagte mir ſelbſt heute Morgen noch, in dem Augenblicke, als ich von ihr zu Guadalajara Abſchied nahm, um hieher zu fahren, daß ſie Dich wenigſtens ebenſo liebe, wie ihre beiden Neffen, die Herrn von Chalais und von Canti.⸗ Aber was haſt Du?... Du ſcheinſt ſorgenvoll?... Macht Dir all' dies neue Glück keine Freude?“ „Theure Ines“ entgegnete Gondreville trüb,—„es gibt ein Glück für mich, das heute alle anderen überſtrahlt, und dies iſt: Dich wieder in meine Arme ſchließen zu können.“ „Ich glaube es Dir, Geliebter, denn... ich fühle —— 169 es ja ſelbſt. Aber ſieh!— willſt Du ganz offen gegen mich ſein? Sollteſt Du Dich vielleicht in dieſem Augenblick beunruhigen, weil Du Dich an die Ge⸗ fühle erinnerſt, die der König bei ſeinem Beſuchen Nun?— Habe ich die Urſache Deiner Schwermuth nicht errathen?“ „Nun ja denn, liebe Ines, ich geſtehe es ein, Du haſt recht!“— „Eiferſucht alſo?... Ach!... Und Du haſt doch mein Wort, und weißt: daß ich Donna Ines de Santa⸗Cruz heiße!— Aber beruhige Dich, ich habe den König während Deiner Abweſenheit auch nicht einmal geſehen. Außerdem ſcheint es, als ob die Fürſtin Orſini alle ihre Gewalt über ihn wie⸗ dergewonnen habe,.. ja! ihre Macht iſt größer als jemals. Der König will und thut nichts ohne ſie.“ Eine finſtere Wolke verdüſterte Gondreville's Stirne, der mit einem Ausdruck der Unruhe, die er vergebens zu verbergen ſuchte, ausrief: „Hat denn die Fürſtin Orſ ini den König heute Morgen nicht verlaſſen? Kommt ſie denn nicht der Königin bis hieher entgegen, und zwar allein, wie es ausgemacht wurde?“ „Doch, Lieber. Was dies betrifft, darfſt Du ruhig 170 ſein, Du wirſt ſie bald ſehen, und dann kannſt Du ihr für alle ihre Güte danken. Sie brach heute Mor⸗ gen von Guadalazara nach Fadraque auf, und muß jeden Augenblick ankommen, denn ſie! die Nacht iſt bereits angebrochen. Der König blieb allein mit ſeinem Hofſtaate zu Guadalazara im Pallaſte In⸗ fantado zurück, in welchem morgen, wie Du ja weißt, die Hochzeit gefeiert werden ſoll.“ „Gott ſei Dank!“— rief Gondreville wie von einer ſchweren Laſt befreit. „Aber ich habe Dir noch mehr, noch eine andere glückliche Nachricht mitzutheilen: Die Fürſtin will, daß auch wir unſere Heirath morgen, und zwar gleich nach der kirchlichen Einſegnung des Königs begehen, damit wir, ſagte ſie, dieſen Tag, der für ganz Spa⸗ nien ein Tag des Glücks werde, um ſo weniger ver⸗ gäßen. Bewunderſt Du nicht, theurer Freund, die Aufmerkſamkeit der Fürſtin für uns. Wahrhaftig! mein Vater und meine Tante dürfen es bereuen, daß ſie dieſelbe früher ſo ungerecht verdammt haben!... nicht wahr?“ „Ich bin ganz Deiner Meinung, Ines,“ entgeg⸗ nete der junge Vicomte halb in Gedanken. „Stille!“— rief hier Donna Ines,—„hörſt Du 171¹ nicht das Schmettern der Trompeten und das Wir⸗ beln der Trommeln?“ „Ja, mein Kind.“ „Nun, das iſt die Fürſtin Orſini, die eben an⸗ tommt. Siehſt Du, man kann von hier aus die Fackeln ſehen, die man ihrem Wagen vorausträgt.... Hörſt Du das Schreien des Volkes?“ Gondreville erbebte, kalter Angſtſchweiß trat ihm auf die Stirne, denn man hörte in der That, von der Seite von Guadalajara her, den Ruf: „Es lebe der König!“—„Es lebe die Königin!“ —„Es lebe die Fürſtin Orſini!“ Als ob für Spaniens Bevölkerung dieſer letzte Name auch für die Zukunft unzertrennlich von den⸗ jenigen ſeiner Souveraine ſei,— als ob das König⸗ reich für immer von dieſer unvermeidlichen Dreicinig⸗ kteit regiert werden müſſe, deren Allmacht jedoch wo anders, als auf den zwei gekrönten Häuptern ruhe. „Komm, komm!“— rief Donna Ines, die die Begeiſterung der Meuge theilte,—„kommt mit mir, Theurer, zu der Wohnung der Fürſtin, daß wir ihr unſeren heißen, tiefgefühlten Dank für alle die Güte ausſprechen, die ſie auf uns gehäuft!“— „Nein, liebe Ines!“— verſetzte Gondreville faſt mit feierlichem Ernſte,— vich kann Dich in dieſem — ———— — 172 * Augenblick nicht begleiten. Entſchuldige mich bei der Fürſtin. Meine Pflicht ruft mich jetzt in die Woh⸗ nung der jungen Königin.“ lange ſein?“ „Ich denke auch nicht,. indeſſen.... „Wie?. Was ſagſt Du?.... Glaubſt Du denn noch immer auf neue Hinderniſſe zu ſtoßen?— Gründen zu einer neuen Trennung zu begegnen?“ „Theure Ines, ich kann, ich darf mich darüber nicht ausſprechen. Was aber auch heute hier ge⸗ ſchehen mag, und wenn ich ſelbſt gezwungen ſein ſollte, mich noch einmal zu entfernen, mache Dir keine Sorge; denn ich kann nicht vorausſehen, was der Dienſt der Königin erfordert.“ „Großer Gott!— Du erſchrickſt mich, Gondre⸗ ville.— Dich, der Du ſonſt ſo heiter und ſorglos biſt, erfüllt heute ein feierlicher Ernſt. Was geht denn vor?— Warum verläßt Du mich noch einmal?“ „Du wirſt es bald erfahren, liebe, gute Ines. Glaube mir, daß es ein Ereigniß von der höchſten Wichtigkeit ſein muß, um ſo mächtig auf mich ein⸗ zuwirken, daß ich an einem Tage wie der heutige, an dem ich Dich wiederfand, mich nicht ganz der 173 — Freude hingebe, und namentlich, daß ich darin wil⸗ lige, Dich noch einmal zu verlaſſen. Lebe wohl! Lebe wohl! und denke meiner, den die Erfüllung einer großen,— ich fühle es— ſchweren Fflicht nicht verhindert, immer an Dich zu denken.“ Mit dieſen Worten riß ſich Gondreville, von tauſend Gefühlen beſtürmt, gewaltſam aus den Ar⸗ men ſeiner reizenden Braut, und eilte der Wohnung der jungen Königin zu. Donna Ines aber ſchwankte mit gepreßtem Her⸗ zen zu ihrem Vater zurück, dem ſie weinend um den Hals fiel. Der alte Krieger befand ſich gerade in demſelben niedrigen und dunklen Saale der Poſada, in welchem er acht Monate früher mit ſeinem jetzigen Schwie⸗ gerſohne jenes furchtbare Duell gehabt, das für Letzteren beinahe von ſo ſchlimmen Folgen geweſen wäre. Der Graf von Altamire, die Herzöge von Albuquerque und von Medina⸗Sidonia, und drei bis vier andere Granden,— dieſelben, die ſich einſt mit ihm gegen die Fürſtin Orſini ver⸗ ſchworen— befanden ſich bei ihm, und waren eben in einem ſehr lebhaften Gefpräche begriffen, welches ſie S indeſſen vorſichtigerweiſe nur mit gedämpfter Stimme führten. Als ſie Donna Ines anſichtig wurden, ver⸗ ſtummten ſie, und wandten ſich um. „Was gibt es denn, meine Tochter?“— rief er⸗ ſtaunt und mit liebevollerem Tone wie gewöhnlich der Marquis von Santa⸗Cruz. Was kann Euch Thränen an einem ſolchen Tage auspreſſen, an dem ganz Spanien in Entzücken aufjubelt?“ Donna Ines erzählte hierauf ihrem Vater un⸗ ter Schluchzen, was ſich zwiſchen ihr und ihrem Bräutigam zugetragen. Alle Anweſenden ſahen ſich erſtaunt an. „Mein Kind!“— verſetzte Santa⸗Cruz,— „ich kann den Worten des Vicomtes nichts beifügen; lies aber noch einmal die an die Grandezza und den Hof ergangenen Einberufungsſchreiben mit Aufmerk⸗ ſamkeit durch, und vertraue alsdann auf die Gerech⸗ tigkeit Gottes und der jungen Königin.“ Dieſe Einberufungsſchreiben, welche namentlich an die erklärteſten Feinde der Fürſtin Orſini ge⸗ richtet ſchienen, waren ſämmtlich gleichförmig abge⸗ faßt, und enthielten alle den merkwürdigen und ge⸗ heimnißvollen Satz: „Die Königin von Spanien wird zwei Tage vor 175 Weihnachten in Kadraque eintreffen, woſelbſt Höchſtdieſelben auch übernachten werden. Ihre Majeſtät wird Eure Ercellenz mit Vergnügen empfangen, und ihrem Gefolge einverleiben.“ Am Fuße dieſes circularartigen Schreibens, hatte eine unbekannte Hand folgendes Post-scriptum bei⸗ gefügt: „Die Durchreiſe der Königin durch das Oertchen Fadraque, wird durch eine wichtige Handlung der Gerechtigkeit bezeichnet werden.“ In dieſem Augenblicke näherten ſich die Trom⸗ petentöne und das Wirbeln der Trommeln, die bis⸗ her nur aus der Ferne erſchallt waren; zugleich aber erhellten die Fackeln, welche die vor, neben und hin⸗ ter dem Wagen reitenden Diener der Fürſtin trugen, den finſteren und raucherigen Saal der Poſada der⸗ maßen, daß man hätte glauben ſollen, Tageshelle habe plötzlich mit dem Dunkel der Nacht gewechſelt während der tauſendſtimmige Ruf: „Es lebe die Fürſtin Orſ ini!“ wie Donnerge⸗ töne durch die Lüfte rollte. Sie war es denn auch, die in ihrem vergoldeten mit Glasſcheiben ausgelegten, wahrhaft königlichen Wagen, in großem Hofcoſtüm, und begleitet von 176 einer ſtarken Abtheilung franzöſiſcher Leibwache vor⸗ überfuhr. Mit nackten Armen und entblößtem Buſen in blendender Pracht, ſchön, ſtolz und majeſtätiſch, wie einſt Cleopatra bei ihrem Triumphzug durch Egyp⸗ ten, ſchien dieſes Weib wahrlich eher zur Königin, als zur Camarera⸗Mayor geboren zu ſein. Alle, in dem Saale der Poſada gegenwärtige Granden durchzuckte es fieberhaft, als ſie die Unter⸗ drückerin ihrer vaterländiſchen Nationalität, die ver⸗ haßte Fremde, die herrſchſüchtige Gouvernante— nicht des Prinzen von Aſturien— ſondern des Kö⸗ nigs; als ſie das Weib triumphirend vorüberziehen ſahen, welches die Rechte des Herrſchers, der Gran⸗ dezza, des Adels und des Volkes gekränkt, welches jeden Einzelnen unter ihnen tödtlich beleidigt hatte. Mit einem Tone der tiefſten Erbitterung rief da⸗ her der Graf von Altamire: „Sind wir denn nach Fadraque berufen, um dem Triumphwagen der Fürſtin Orſini zu folgen?“ „Geduld!“— verſetzte der Marquis von Santa⸗ Cruz, indem er den Zeigefinger auf ſeine Lippen legte. Dann ſetzte er halblaut hinzu: „Graf! Du biſt noch ſehr jung, und ſollteſt Dir 17 daher die Lehren Deines Hofmeiſters beſſer erinnern, der Dir ohne Zweifel auch ſagte, daß die Gerechtig⸗ keit ſinkend iſt.“ „Ach ſo!“— rief Altamire—„darum fuhr auch der Wagen der Frau Fürſtin Orſini ſo ſchnell!“—— Laſſen wir nun aber der Fürſtin die nöthige Zeit, um in der Wohnung abzuſteigen, welche man für ſie, derjenigen der Königin gegenüber, bereit gehalten hat, und verſetzen uns lieber auf Augenblicke zu der jungen Eliſabetha Farneſe. In einem Zimmer, deſſen beſcheidene Wände man in der Eile hinter reichen Behängen von Stickereien und Sammt verborgen hatte, nahe an einem luſtig flackernden Kaminfeuer, in welchem Olivenzweige brannten, ſaß, froſtig in einem Seſſel zuſammenge⸗ kauert, ein junges Mädchen von mittlerer Größe, aber ſchlank und wohl gewachſen. Füße und Beine hatte die Natur mit merkwürdiger Feinheit gebildet, dabei funkelten die kohlſchwarzen Augen in dunkler Gluth, während ihre Züge den Stempel einer trotzigen Schönheit trugen. hr Reiſeanzug war von einer faſt puritaniſchen Einfachheit, wie ja ſelbſt ihre Unterthanen ſchon be⸗ merkt hatten. Orſini. II. Bd. 12 S— 18 In dem Augenblicke, in welchem wir eintreten, näherte ſie bald ihre kleinen Hände dem wärmenden Feuer, bald ſpielte ſie mit den Fingern in den lan⸗ gen, ſchwarzen Locken, die in üppiger Fülle auf ihren Hals herabfielen. Wer dies Mädchen ſo da ſitzen geſehen hätte, würde ſie ſicher eher für ein Bürgermädchen Ma⸗ drids im Nachtkleide, als für die Königin Spaniens und beider Indien gehalten haben. Um ſo mehr, als ſie ſehr vertraulich mit einer Frau von ganz gemeinem Aeußeren ſprach, welche fünf und vierzig bis fünfzig Jahre zählen mochte. Dieſelbe ſaß auf einem Feldſtuhle dicht neben der Königin, und es gehörte eben kein großer Scharfblick dazu, um zu ſehen, daß ſie durchaus nicht an den Aufenthalt und das Leben in einem Pallaſte ge⸗ wöhnt war. Dieſe Frau,— die Amme der jungen Eliſa⸗ betha Farneſe— nannte ſich Laura Pisca⸗ tory, ein Name, der, trotz der rauhen und derben Hülle ſeiner Trägerin, in der Folge von ſo großem Einfluſſe am ſpaniſchen Hofe ward. Hier und dort ſtanden noch verſchiedene Grup⸗ pen von Hofleuten in dem geräumigen Zimmer, un⸗ ter welchen man den Herzog von Saint⸗Aignan, 179 außerordentlichen Geſandten Frankreichs, den jungen Vicomte von Gondreville, den Garde⸗Lieutenant Amenzaga und den Abbé Alberoni bemerkte, die in einem Winkel des Gemaches damit beſchäftigt waren, einem kleinen Hunde, der wahrſcheinlich der Königin, wenn nicht ihrer Amme, gehörte, feines Backwerk zu geben. Es mochte jetzt bereits auf ſechs Uhr des Abends gehen. Die Königin war von den Beſchwerden der Reiſe ſichtbar ermüdet und angegriffen, ſie gähnte und bat Laura Piscatory mit einer göttlichen Naivetät: ihr das Bett zurecht zu machen. „Königin!“— rief in dieſem Augenblicke Gon⸗ dreville—„Eure Majeſtät vergißt, daß die Fürſtin Orſini ſogleich erſcheinen wird.“ „Was liegt mir daran?“ entgegnete die Königin, „man kann ihr ja ſagen, ich läge im Bett.“ „Was?“— verſetzte Laura Piscatory,— „in's Bett gehen, ohne zu Nacht geſpeiſt zu haben?— Kein Gedanke daran,— das leid' ich nicht.“ „Da es Laura verbietet,“— ſagte die Königin lächelnd—„werden wir warten.“ Und damit reichte ſie der Amme ihre Hand, die dieſe aber wegſtieß, und der Königin dagegen auf jede Wange einen derben Kuß drückte. 180 Alle Anweſenden ſahen ſich in höchſter Verlegen⸗ heit an, aber die Amme ſagte, ohne ſich im Ge⸗ ringſten aus ihrer Faſſung bringen zu laſſen: „Außerdem will ich ſie ſehen, dieſe Fürſtin, von der man ſo viel ſchwatzt, und die Regen und Sonnen⸗ ſchein in dieſem Lande macht. „So viel ich davon urtheilen kann,“— verſetzte die Königin,—„macht ſie hier mehr ſchlechtes als ſchönes Wetter, denn ſeitdem wir den Fuß in dieſes Königreich geſetzt, hat es noch nicht aufgehört zu ſchneien.“ Als die Königin noch ſo ſprach, trat ein Officier der franzöſiſchen Leibwache ein, und frug, ſich vor der Königin auf ein Knie niederlaſſend, ob es Ihrer Majeſtät genehm ſei, die Fürſtin Orſini ſofort zu empfangen.“ „Ich muß ja wohl!“— ſagte die Königin wieder⸗ holt gähnend, und wandte ſich neuerdings plaudernd ihrer Amme zu. Als die Fürſtin Orſini in das Zimmer der Kö⸗ nigin trat, verneigten ſich alle Gegenwärtigen tief und ehrerbietig vor ihr, mit Ausnahme Eliſabetha Farneſen's und ihrer Amme, die beide ſitzen blie⸗ ben; Letztere mit offenem Munde und weit aufge⸗ ſperrten Augen, um die Favorite ja recht genau zu 181 5 ſehen. Die Königin dagegen blickte kaum auf, als ob das Weſen, welches eben in ihrer Gegenwart er⸗ ſchien, für ſie nicht das leiſeſte Intereſſe habe. Die Fürſtin ſchien überraſcht; denn, wie ſelbſt ihr Feind, der Herzog von Saint⸗Simon be⸗ merkt,— ſie durfte doch natürlicherweiſe die volle Dankbarkeit einer Perſon erwarten, welcher ſie zu einer„unerwarteten“ Größe verholfen. In ihrer Erwartung betrogen, wandte ſie ſich gegen Gondreville und Alberoni, die ſie im Hereintreten bemerkt, als wollte ſie von denſelben Aufſchluß über dasjenige erhalten, was ſich hier zu⸗ trug; aber Alberoni ſtreichelte den kleinen Hund, und Gondreville ſtand kalt und unbeweglich. Während deſſen hatte Amenzaga einen Stuhl in die Nähe des Seſſels gerückt, in welchem die Kö⸗ nigin mehr lag als ſaß, ſo daß ſich Letztere nun zwiſchen der Fürſtin Orſini und Laura Pisca⸗ tory befand. Schon dies war eine Beleidigung für Anna de la Tremouille, doch verbarg dieſe ihren Aerger darüber ſo gut es ging, und beſchloß, da Eliſa⸗ betha Farneſe eben nicht aufgelegt ſchien, das Geſpräch auf eigene Koſten zu führen. Zudem ſchrieb ſie der Verlegenheit der Königin 182 ihrer Jugend und dem Mangel an Erfahrung die Kälte und Steifheit eines Empfanges zu, den ſie ſich ganz anders erwartet hatte, und hoffte, durch ihre große Lebensweisheit und die unerſchöpflichen Quellen ihres Geiſtes das Eis zu brechen, welches man ihr entgegenſtellte. Aber ach! auf alle Fragen, welche ſie an die Königin über ihre Familie, über die Begebenheiten der Reiſe, mit einem Worte, Alles, was ſie inte⸗ reſſiren konnte, richtete, antwortete Eliſabetha Farneſe nur kurz und mit einzelnen Worten, als ob ſie ſich recht bald von einem läſtigen Beſuche be⸗ freien wolle. Unterdeſſen hatten ſich die bisher Anweſenden nach und nach entfernt, da ſie wohl denken konnten, daß ſie durch ihre Gegenwart bei einer ſo höchſt wichtigen erſten Zuſammenkunft läſtig fallen mußten, ſo daß ſich bald nur noch die Königin, die Fürſtin Or⸗ ſini und Laura Piscatory im Zimmer befanden, wovon Letztere wie verſteinert auf ihrem Feldſtuhle ſaß, und noch immer die Camarera⸗Major groß an⸗ ſtarrte. Da aber die Fürſtin hoffte, daß die Unterhaltung von dem Augenblick an, in welchem ſie ſich mit der Königin allein befinde, eine andere Wendung neh⸗ 183 men würde, bat ſie Eliſabetha Farneſe ihre Amme zu entfernen. Die Königin ſchien einen Augenblick unentſchieden, dann aber faßte ſie plötzlich einen Entſchluß, und gab Laura Piscatory ein Zeichen, ſich zu ent⸗ fernen. Aber— ſei es nun mit Vorbedacht geſchehen, oder Zufall geweſen— in demſelben Augenblicke hörte man auf der Straße die Töne einer Mandoline er⸗ ſchallen, zu welcher, ganz nahe bei, eine einzelne Stimme das bekannte Liedchen ſang: „Madonna liebt ihr Aragon, O hört ihr mahnend Wort: Was dient ihr Frankreichs ſtolzem Sohn, Jagt die Tyrannen fort! Madonna liebt ihr Aragont, Sieg! kündet uns ihr Wort.“ Die Fürſtin Orſini lauſchte entſetzt, und wie von der eiſigen Hand des Todes berührt, ſchauderte ſie in banger Ahnung zitternd zuſammen. Reuntes Kapitel. Die Rache. So befanden ſich denn jetzt Eliſabetha Far⸗ neſe und ihre Camarera⸗Mayor, Anna de la Tre⸗ mouille Fürſtin von Orſini allein beiſammen und ſtanden ſich, für das erſtemal in ihrem Leben, von Angeſicht zu Angeſicht gegenüber. Es war für die Eine ſo wie für die Andere ein feierlicher Augenblick. Daher folgte eine kurze Pauſe. Endlich rief die Königin mit einem leichten Zei⸗ chen von Ungeduld: „Nun!... jetzt ſind wir allein, was habt Ihr mir zu ſagen?“ „Oh! viel, ſehr viel!“— entgegnete die Fürſtin — vor allem aber, habe ich Eure Majeſtät um die Gnade zu erſuchen, mir dieſelbe Freundſchaft zuwen⸗ den zu wollen, welcher mich die ſelige Königin wür⸗ digte.“ 185 „Wie könnt Ihr verlangen, Fürſtin, daß ich Euch liebe?.... Ich kenne Euch ja noch gar nicht.“ „Ach!“— verſetzte die Fürſtin lächelnd,—„wir werden ſchon die Zeit haben uns kennen zu lernen, da der König die Gnade hatte, mir das Amt einer Camarera⸗Mayor bei Eurer Majeſtät zu übertragen, und ich zu hoffen wage, daß Eure Majeſtät die Wahl Ihres erhabenen Gemahls billigen werde. Dies iſt wenigſtens mein lebhafteſter Wunſch,... ich ſollte ſagen: meine innigſte Bitte.“ Und mit dieſen Worten ergriff Anna de la Dre⸗ mouille die Hand der Königin, um ſie an ihre Lippen zu führen,.. Dieſelbe aber zog ſie raſch zurück, indem ſie nieft „Der König hat mich hierüber nicht zu Rathe gezogen, Madame, und ich bin zu ſehr von ſeiner Abſicht, meinen Wünſchen nachzukommen, überzeugt, als daß ich glauben könnte, er wolle Euch ferner gegen meinen Willen mit dieſem Amte betrauen.“ „Königin!... Königin!“— ſtammelte die Für⸗ ſtin, deren Wangen ein brennendes Roth überflog, —„was habe ich verſchuldet, um Eure ge⸗ gen mich zu erzürnen?“ „Oh! Wenig ohne Zweifel, Madame!“ verſette Eliſabetha Farneſe bitter,—„aber da wir doch 186 allein ſind, würdet Ihr mich verbinden, wenn Ihr mir ſagen wolltet, ob dies vielleicht Mode in dieſem Lande iſt, ſich für die Reiſe wie auf einen Ball zu ſchmücken. Wahrhaftig, wer uns Beide jetzt hier ſehen könnte, würde ohne Zweifel mich für die Magd und Euch für die Königin halten; was, Gott ſei Dank, doch nicht der Fall iſt.“ Die Fürſtin biß ſich in die Lippen, dann ſagte ſie mit Stolz: „Eure Majeſtät ſcheint durch meine Feinde gegen mich eingenommen zu ſein,.... gegen mich, deren Wunſch es war und noch immer iſt, Euch von gan⸗ zer Seele zu lieben, aus allen Kräften zu dienen. Behandelt aber, wie dies eben der Fall, wird Eure Majeſtät vergeben, wenn ich derſelben in das Ge⸗ dächtniß zurückzurufen wage, daß, wenn Euch jetzt das Recht zuſteht, mit mir, wie mit einer Unterge⸗ benen zu ſprechen, ich es doch wohl bin, welcher ſie eben dies Recht verdankt. Ich hoffe, Herr Alberoni wird Eurer Majeſtät auch bereits hiervon unter⸗ richtet haben.“ „Was ſoll das heißen?“— rief Eliſabetha Farneſe, indem ſie ſich raſch und herriſch von ihrem Seſſel erhob, was die Fürſtin zwang ein Gleiches zu thun—„Ich! hätte Euch etwas zu verdanken? 187 Ich?. Madame?.. Wißt, die Königin Spaniens und beider Indien hat Niemanden etwas zu verdan⸗ ken außer Gott und dem König, ihrem Gatten!.. Verſteht Ihr mich, Madame?.... und es heißt mir die gebührende Achtung verſagen, wenn man es wagt, das Gegentheil zu behaupten.“ Ich bitte Eure Majeſtät, mich zu entſchuldigen, wenn Euch meine Worte verletzt; dies war meine Abſicht nicht.“ „Was kümmert mich die Abſicht, wenn die That es beweiſt.... Tretet ab, Madame!“ „Königin!.... Eure Majeſtät werden mir ge⸗ ſtatten, in einem anderen Augenblicke wieder zu kommen: ohne Zweifel werde ich Eure Majeſtät als⸗ dann beſſer aufgelegt finden.“ „Nein! nein! nein!“— rief erhitzt die Königin,— „ich befehle Euch, mich auf der Stelle zu verlaſſen, und mir nie wieder vor die Augen zu ommen.“ „Oh!... Eure Majeſtät wird auf dieſem Ent⸗ ſchluſſe nicht beharren. Ich habe Euch auf keine Weiſe beleidigt, dafür nehme ich Gott zum Zeugen.“ „Wie?! noch immer hier 2... Zu Hülfe! zu Hülfe!“— wältigt, jede Mäßigung verlor,— ſei es, daß ſie Sei es nun, daß die Königin, von Zorn über⸗ 188 nur einen Vorwand erwartet, um einen lang und reiflich überlegten Vorſatz auszuführen,— kurz ſie eilte der Thüre zu, riß dieſelbe mit Gewalt auf, und rief laut alle diejenigen zu Hülfe, welche ſich in dem Vorzimmer befanden. Man kann ſich denken, in welchem Tumulte dieſe in das Gemach der Königin ſtürzten. „Hier!“— rief dieſe.—„Man jage dieſes Weib hinaus!— Denn da ſie nicht von ſelbſt gehen will, ſo wird man ihr den Weg mit Gewalt zeigen.“ „Mich hinausjagen?.... Mich?!“ rief Anna de la Tremouille, indem ſie ſich ſtolz aufrichtete.— „Ich bin keine Magd, der man die Thüre zeigt!.... und da Eure Majeſtät mich nicht hören wollen, ſo werde ich mich zum Könige verfügen, um von ihm zu erfahren, ob es ſein Wille iſt, daß man die Ca⸗ rin der ſeligen Königin alſo behandelt.“ „Den König!“— verſetzte wüthend Eliſabetha Farneſe, deren Zorn ſich durch die Kaltblütigkeit der Fürſtin nur noch mehr entflammte,—„den König? Ihr werdet ihn nicht wiederſehen, ſo lange ich Kö⸗ nigin bin, und ich bin jünger als Ihr, wenn ich auch nicht ſchöner bin, denn.... Ihr könntet meine Groß⸗ mutter ſein. Ihr verlaßt auf der Stelle das König⸗ reich.. dies iſt mein Wille.“ 189 „Nicht aber der des Königs, ſo viel ich weiß. Eure Majeſtät vergißt, daß ſich hier Niemand befinde, der nicht von meiner Hand Wohlthaten empfangen habe,— Niemand, der nicht daran gewöhnt wäre, mir zu gehorchen. Wer von Euch, meine Herren, wagt es, Hand an die Fürſtin Orſini zu legen?“ Und mit dieſen Worten trat Anna de la Dre⸗ mouille, mit flammenden Augen und ſtolz zurück⸗ gebogenem Haupte einige Schritte vor, und Alle, die ſie umgaben, traten ehrfurchtsvoll zurück, ſo groß und unbegrenzt war die Macht geweſen, die ſie bisher beſeſſen, ſo viel Hoheit und Majeſtät lag in ihrer Haltung und in ihren Zügen. Sie war in dieſem Augenblicke im reichen Hof⸗ kleide, Arme, Hals und Buſen nackt, wahrhaft ſchön;— und wahrlich, wen man auch jetzt aufgefordert haben würde, zwiſchen ihr und Eliſabetha⸗Farneſe zu entſcheiden, wer die Königin ſei,.. keine Seele hätte geſchwankt, ihr die Krone zu reichen. Aber die wirkliche Königin wandte ſich raſch zu Amenzaga. „Lieutenant!“— rief ſie.—„Ich erwarte, daß man mich von dieſer Wüthenden befreit. Mein Stallmeiſter ſoll auf der Stelle für einen Wagen ſorgen, Ihr bringt dieſes Weib ſodann, ohne den 190 geringſten Aufenthalt, bis an die Grenze von Frank⸗ reich. Euer Kopf haftet für die genaue Ausführung dieſes Befehls.“ „Königin,“— ſtammelte der Lieutenant zitternd,— „mögen Eure Majeſtät mir gnädigſt zu vergeben ge⸗ ruhen, aber.... ohne die ausdrücklichen Befehle des Königs.... wage ich nicht...... 2 Hier wechſelte Eliſabetha Farneſe einen Blick voll Ungeduld mit Gondreville und Albe⸗ roni. Die Fürſtin Orſini aber, der er nicht entgangen, ſagte ruhig: „Oh! Eure Majeſtät irrt ſich, wenn ſie glaubt, dieſe würden Partei gegen mich nehmen, und ich dürfte nur ein Wort ſagen, und beide würden mir zu Hülfe kommen. Nicht wahr Gondreville, nicht wahr Abbé?“ „Ein Cardinal hat das Recht auf den Titel Eminenz!“ ſagte hier eine Stimme halblaut. Der Abbs aber blickte zur Erde. Er hatte in der Fürſtin Augen Ueberraſchung und Verachtung geleſen. 1 Gondreville dagegen ſtand ernſt, bleich und mit ſtarrem Blick. Langſam und feierlich zog er ein Papier aus ſei⸗ 191 nem Gürtel, entfaltete es, und reichte es Amenzaga hin. Auf demſelben ſtand, von des Königs eigner Hand geſchrieben, unter beigedrücktem Staatsſiegel: „Lieutenant Amenzaga hat einzig von der Kö⸗ nigin Befehle zu empfangen. Welche aber auch dieſe Befehle ſein mögen, er wird denſelben auf der Stelle nachkommen.“ Die Fürſtin Orſini hatte Alles geſehen. Ihr Antlitz überflog eine tiefe Purpurröthe, der unmittel⸗ var Todtenbläſſe folgte. Eein tiefer Seufzer entwand ſich ihrer gepreßten Bruſt, dann verneigte ſie ſich, ohne ein Wort zu ſa⸗ gen vor der Königin, und verließ raſchen Schrittes das Zimmer. „Da haben wir's“— murmelte finſter Amen⸗ zaga, indem er ihr folgte und im Weggehen einen Blick auf Gondreville warf,„der Marquis von Santa⸗Cruz hat ſich nicht getäuſcht. Der Pact iſt abgelaufen, und dort ſteht der leibhaftige Böſe und holt triumphirend ſeine Beute.“ Eine Viertelſtunde ſpäter rollte, mitten in der eiſigkalten Nacht, ein ſechsſpänniger, diesmal von einer Abtheilung der ſpaniſchen Leibgarde umgebener Wagen, der Hauptſtraße Fadraque's entlang und 4 192 zwar dem Wege zu, der nach Burgos,— das heißt nach Frankreich führt. Es mochte ungefähr ſieben Uhr des Abends ſein. Der Nord⸗Oſt⸗Wind pfiff ſchneidend und der Schnee fiel in großen Flocken. Im Hintergrunde des Wageus ſaß die Fürſtin Orſini, der man nicht einmal Zeit gelaſſen ihr Hofkleid zu wechſeln, oder ſonſt eine Maßregel gegen die Kälte zu nehmen. In bloßen Armen und mit unbedecktem Hals und Buſen mußte ſie mitten im Winter und bei den fürchterlichſten Wetter, welches man ſich nur denken kann, eine ſo beſchwerliche als weite Reiſe unternehmen; ohne ſelbſt die Erlaubniß zu haben, ſich bevor ſie den Boden Frankreichs berührt, eine Minute aus⸗ zuruhen. Ihr zur Seite ſaß eine ihrer Kammerfrauen, ihr gegenüber hatten zwei Officiere der königlichen Garde Platz genommen. Rings um den Wagen und an ſeinen Schlägen ritt die bewaffnete Escorte, unter welcher ſich nament⸗ lich eine Geſtalt dadurch bemerkbar machte, daß ſie ſich mit ungewöhnlicher Sorgfalt in ihren Mantel verhüllte, während die weit herabhängenden Ränder des Filzhutes ihr Geſicht verbargen. 193 —— Todtenſtille herrſchte bereits in dem Orte. Alle Fenſter, alle Thüren waren geſchloſſen. Ahnte doch keine Seele die eben ſo geheimnißvolle als unerwar⸗ tete Kataſtrophe. Indeſſen hatte der Wagen ſeinen Weg verfolgt, ohne daß man ſelbſt nur ein Geräuſch der Räder oder die Huf.ritte der Pferde gehört hätte, da ſich eine dichte Schneedecke über die Erde gebreitet. Wagen, Pferde, Reiter, alles ſchien in weiße Leichentücher gehüllt, und wie der Zug dennoch ſo unaufhaltſam dahinbrauſte, hätte man mit Amen⸗ zaga glauben ſollen, die Fürſtin Orſini werde von »Phantomen entführt. Als der Wagen aus Fadraque hinausfuhr, wurde die feierliche Stille von derſelben Stimme enſter des königlichen Abſteigequartiers in dem Au⸗ genblicke erſchallt war, in welchem ſich die Königin mit der Camarera⸗Mayor zum erſtenmale allein befand. Auch jetzt ließ der geheimnißvolle Sänger jenes wohlbekannte aragoniſche Lied hören, und zum letzten⸗ male ertönten die Worte: „Madonna liebt ihr Aragon, O hört ihr mahnend Wort? Was dient ihr Frankreichs ſtolzem Sehn, Orſini Il. Bd. 13 ——— unterbrochen, welche kurze Zeit vorher unter dem — ——— —— 194 Jagt die Tyrannen fort! Madonna liebt ihr Aragon, Sieg kündet Euch ihr Wort.“ Faſt im gleichen Augenblicke zerbrach eines der Schlagfenſter. Anna de la Tremouille, die bis dahin un⸗ beweglich in einem Winkel des Wagens geſeſſen, neigte ſich jetzt ruhig heraus, um die Urſache dieſes Vorfalls zu erſpähen; da gewährte ſie bei dem un⸗ ſicheren Scheine, welchen die Weiße des Schnee's hervorrief, eine Gruppe von Männern, die ſie bedeck⸗ ten Hauptes und mit triumphirenden Blicken vorüber⸗ iehen ließen. Die Fürſtin erkannte ſie auf den erſten Blick. Es war der Marquis von Santa⸗Cruz, durch ſeinen hohen Wuchs hervorragend und, wie der an ſeiner Seite ſtehende Graf von Altamire, an ſeiner Tracht aus den Zeiten Philipp 1I. leicht bemerk⸗ bar. Zu dieſen hatte ſich noch ein großer Theil der ſtolzen Grandezza Spaniens geſellt; ſämmtlich Män⸗ ner, die es verſchmäht hatten, das Haupt vor der Camarera⸗Mayor zu beugen, ſelbſt damals, als ie mächtig, triumphirend, ja faſt mehr noch als Königin war. Alle hatte die Herrſchſüchtige beleidigt, verletzt und —,——— — 195 zurückgeſetzt, war es alſo nicht gerecht, daß ſie nun, da Jene geſtürzt und wie eine Verbrecherin verjagt, Zeuge dieſer Demüthigung, dieſer Strafe wurden? Die Fürſtin Orſini blickte mit der ihr eigenen unzerſtörbaren Heiterkeit auf ſie herab, dann lehnte ſie ſich wieder in den Wagen zurück. Bei der Bewegung aber, die ſie dabei machte, gewahrte ſie den Reiter, welcher ſich ſo ſorgfältig in ſeinen Mantel verhüllt, die Krämpen des Hutes ſo tief hernieder gezogen hatte. Bei dieſem Anblick fuhr ſie entſetzt zuſammen, kalter Schweiß trat auf ihre Stirne, und mit einem * Blick nach dem Himmel fügte ſie die Hände wie be⸗ tend zuſammen. Eine Stunde früher war die Fürſtin Orſini, bei dem Scheine von hundert Fackeln, unter dem Ge⸗ ſchmetter der Trompeten, dem Wirbeln der Trommeln, und dem Jauchzen des Volkes in Fadraque ein⸗ „ gezogen und jetzt verließ ſie es, mit Schmach und Schande bedeckt, unter den Verwünſchungen ihrer Feinde, Welcher Wechſel!— Und dieſe Reiſe oder mehr dieſe Strafe dauerte an zwanzig Tage!— Ja! 2 während zwanzig Tagen mußte dieſe Frau, gewöhnt an alle Bequemlichkeiten des Lebens, bei der zerbro⸗ 196 chenen Scheibe des Wagenfenſters der eiſigen Kälte des Decembers ausgeſetzt, ohne auch nur eine kurze Ruhe genießen zu können, dieſe Reiſe fortſetzen; zwanzig Tage lang donnerten die Verwünſchungen an ihr Ohr, hallte das triumphirende Geheule jenes ſpaniſchen Volkes um ſie her, welches ſie während zwölf Jahren unumſchränkt beherrſcht, und das jetzt unter Flüchen und mit den Fingern auf ſie zeigend, rief:„Seht, da reiſt die Camarera⸗Mayor vorüber! Glückliche Reiſe der Camarera⸗Mayor!“ Aber trotzdem zeigte ſie während der ganzen Zeit, neben der krankhaften Bläſſe, die eine natürliche Folge der ungeheuren Anſtrengung und der Strenge der Jahreszeit war, jene großartige Ruhe und jenen edlen Stolz, welche in ähnlichen Verhältniſſen die ſchla⸗ gendſten Beweiſe eines feſten Charakters, einer großen Seele liefern. Von Zeit zu Zeit nur fielen ihre Blicke auf die Reiter, welche ihren Wagen escortirten, und ruhten dann immer mit dem Ausdrucke des tiefſten Schmerzes auf der Geſtalt jenes ſo ſorgſam verhüllten Cavaliers. Höchſt intereſſant iſt es, in den Denkwürdigkeiten des Herzogs von Saint⸗Simon die Erzählung zu leſen, welche dieſer, mit ſo viel Kraft als Naivetät — 197 ——— von einer der geheimnißvollſten und überraſchendſten Kataſtrophen des achtzehnten Jahrhunderts gibt. Das Zeugniß, welches er in ihr von dem Muthe und der Reſignation ablegt, welche die Fürſtin Or⸗ ſini bei dieſer Gelegenheit an den Tag legte, iſt da⸗ bei um ſo weniger verdächtig, als der Herzog von Saint⸗Simon bekanntlicherweiſe zu den entſchie⸗ denſten Feinden der Fürſtin gehörte. „Schnell, und auf eine wahrhaft unwürdige „Weiſe von der Höhe des Glücks und der Allmacht „geſtürzt,— ſagt er—„blieb ſie ſich ſelbſt treu. „Keine Thränen, keine Klagen, keine Vorwürfe ent⸗ „ſchlüpften ihr; ja man muß ihr zu ihrem Ruhme „nachſagen, daß ſie nicht die leiſeſte Schwäche zeigte. „Die beiden Offiziere, welche ihr gegenüberſaßen, „konnten nicht aufhören ſie zu bewundern. Endlich „fand ſie das Ende ihrer körperlichen Leiden und ihrer „Ausſtellung zu Saint⸗Jean⸗de⸗Luz, woſelbſt ſie „den 14. Januar 1715 ankam. Hier erhielt ſie ihre „Freiheit. Die Garde, die Offiziere und der Wagen, „welche ſie hieher gebracht, gingen ſofort zurück.“ Anna de la Tremouille war von nun an ohne Macht,— aber— ſie war frei. Dennoch erfuüllte ſie eine faſt inſtinktartige Ah⸗ nung mit Schreck und Verwirrung. 198 In einem, gegen die Kälte wohlverwahrten Zim⸗ mer, hatte ſie ſich, nahe dem Kamine, in welchem ein munteres Feuer brannte, in einen großen Seſſel geworfen, um von den Mühen und Entbehrniſſen, ſo wie von den körperlichen Leiden— wie der Herzog von Saint⸗Simon ſagte— auszuruhen, die ſie auf dieſer zwanzigtägigen Reiſe hatte erdulden müſſen. Sie war allein, aber kein wohlthätiger Schlaf kam über ſie, denn.... ſie ſann und ſann und ſuchte den Schlüſſel zu dem furchtbaren Räthſel der ſo plötzlichen Umgeſtaltung aller ihrer Lebensverhältniſſe. Gegen Abend zeigte man ihr an, daß ſie ein Edelmann, der ſeinen Namen nicht nennen welle aber vorgebe, ſie genau zu kennen, zu ſprechen verlange. Sie zuckte zuſammen und ein krampfhaftes Zittern ſchüttelte alle ihre Glieder, als ſie den Befehl ertheilte, den Edelmann ſogleich vorzulaſſen. Es war der Vicomte von Gondreville. „Ha!“— rief ſie, als ſich die Thüre hinter dem Eingetretenen wieder geſchloſſen,—„ich habe Euch erwartet. Ein einziges Wort, Gondreville! Sagt mir, daß Ihr dieſem hölliſchen Complotte ſremd ſeid, daß Ihr ſelbſt nichts davon ahntet, und nur den Befehlen des Königs und der Königin gehorchtet. Beſtätigt mir dies, im Namen des Himmels,.. und wenn es auch ſelbſt nicht wahr wäre.“ „Madame!“— entgegnete feierlich Gondre⸗ ville,—„ich bin ein Edelmann, und es iſt daher meine Art nicht, zu lügen, noch meine Handlungen abzuläugnen. Ich bin es, der dieſes Complott, von welchem Ihr ſprecht, angeſponnen. Wenn Ihr auf eine ſchmähliche Weiſe aus Spanien, welches Ihr als Souverainin beherrſcht, verjagt wurdet, verjagt, durch dieſelbe, der Ihr, auf Alberoni's Anſtiften, die Hand reichtet, um ſie auf den Thron zu heben, ſo müßt Ihr dieſem Kinde nicht zürnen, ſondern mir, mir allein!.... Hört Ihr?.. denn ich bin es, der alles dies ſo leitete, wie es kam.“ Bei dieſen fürchterlichen Worten verharrte die Fürſtin einige Augenblicke unbeweglich, vernichtet, mit ſtarren Blicken;. dann plötzlich ſtieß ſie einen Schrei des Schmerzes aus, einen Schrei, als ob man einen Dolch in ihre Bruſt geſenkt, während Ströme heißer Thränen ihren Augen entquollen. Tiefe Stille herrſchte in dem weiten Gemache, eine Stille, welche nur das Schluchzen der Fürſtin unterbrach. Endlich rief ſie, indem ſie ihre Arme wie flehend nach dem jungen Manne ausſtreckte: Vicomte mit flammenden Augen und mit wilder Stimme,—„Ihr wagt auch noch zu fragen, was Ihr mir gethan?.. Blickt mich an, Madame. Er⸗ innern Euch meine Züge nicht an zwei Opfer, die Ihr Eurer verfluchten Koketterie gebracht?... Erin⸗ nert Euch nichts in dieſen Zügen an meinen Vater und an meine Mutter, die Ihr Beide im Frühlinge ihres Lebens gemordet?!... Ihr habt mich zur Wai⸗ ſen faſt in der Geburt gemacht;... Ihr habt mir die Eltern, das Heiligſte, das Höchſte, das Theuerſte, was ein Menſch auf Erden beſitzt, geraubt;„.. Ihr habt meine Mutter, dies fromme, ſüße Weſen, das. ſeine Seele voll Liebe an Euch hing,... verrathen,.. ſchmählich verrathen, und unter namenloſen Qualen geopfert... nun!.... für all' dies, Madame, habe ich die Rache genommen, die ich den Manen meiner unglücklichen Eltern, die ich dem Jammertode meiner Mutter ſchuldig war.“ „Habt Ihr geglaubt, daß ich, als ich zu Euch kam, die Schuld vergeſſen hätte, die ich als Kind gegen Euch übernahm? oder daß Ihr Euch derſelben durch Gunſt, durch eine elende Stelle am Hofe ent⸗ 3 n“entgegnete der . 201 ledigen könntet? Ihr habt Euch gewaltig getäuſcht, Madame. Die Todesangſt der beiden Herzen, die Ihr einſtens ſpielend gebrochen, ſchreit nach gleicher Todesangſt in Eurer Bruſt; die blutigen Thränen der Verzweiflung, die meine Mutter geweint, ver⸗ langen nach blutigen Thränen!... Weint! weint! Madame, Ihr habt recht, denn meine Seele dürſtet nach Euren Thränen, nach Euren Seußzern, und mein Vater und meine Mutter ſchauen auf Euch durch meine Augen, und ſättigen ſich an Eurer Ver⸗ zweiflung, an Eurer Qual!“ Anna de la Tremouille war außer ſich; wie wahnſinnig faßte ſie des jungen Mannes Hände und rief: „Gondreville! nehmt dieſe fürchterlichen Worte zurück, Ihr wißt nicht, was Ihr thut!.... Ja, ja es iſt wahr, ich bin ſtrafbar, ich habe mich ſchwer gegen die vergangen, von welchen Ihr ſpracht; wenn Ihr aber wüßtet, wie grauſam ich ſeitdem meinen Fehler gebüßt, dann, ich bin es gewiß, hättet Ihr Mitleiden mit mir.“ Gepeinigt von Gewiſſensbiſſen, warf ich mich, einzig um dieſe zu erſticken, in die ſturmbewegte Lauf⸗ bahn, die ſich mir am Hofe Spaniens eröffnete. Von nun an verdammt zu einer unſeligen Eriſtens, dachte ich, da ich den Frieden der Seele, die Ruhe eines 202 guten Gewiſſens verloren, die Qualen meines In⸗ neren durch das Fieber des Ehrgeizes zu erſticken. Ohne Scepter und Krone regierte ich Spanien. Aber alle Größe, die mich umgab, vermochte in meinem Gedächtniſſe den Eindruck einer herzzerreißenden Er⸗ innerung nicht zu verwiſchen, einer Erinnerung die mich gräßlicher peinigte, als Ihr es Euch denken könnt; denn.... ich muß es Euch ja geſtehen, Gondreville, auch ich, auch ich ward ja Mutter im gleichen Augenblicke mit der Euren, und..... habe wie diejenige, die Ihr beweint..... mein Kind verloren!..., Sie— ſie— iſt todt.. und der Tod iſt das Vergeſſen. Aber ich, ich allein habe ſie überlebt, die ich liebte, und es blieb mir nichts auf der weiten, weiten Welt, an das ich mich hätte lie⸗ bend ſchließen können. Oh!.... das iſt fürchterlich!.. und gewiß, Ihr beklagt mich.“ „Ich, Euch beklagen? Madame? Niemals!... Gedenkt des Wirthshauſes in den Apenninen! Ge⸗ denkt meines ermordeten Vaters!“ „Barmherzigkeit! Gnade!“— ſchrie die Fürſtin. „Sprecht mir nicht davon!.... Wollt Ihr mich zu Euren Füßen ſehn?.... Hier liege ich!... Oh! Gondreville, bedenkt, daß ein Weib, welches, nach⸗ dem Ihr es ſo grauſam behandelt, ſich dennoch fle⸗ — — —— — 23 hend zu Euren Füßen windet, ein Recht auf Euer Mitleid hat.“ „Hattet Ihr Mitleiden mit meiner Mutter?“ „Im Namen alles deſſen, was Euch auf Erden und im Himmel heilig iſt, flehe ich Euch an: habt Erbarmen!“ „Gott allein iſt das Erbarmen,“— entgegnete der Vicomte—„wendet Euch an ihn, Madame, aber hofft von mir weder auf Gnade noch auf Mit⸗ leiden!“ „Unerbittlich!— o Himmel!... unerbittlich!“... „Ja, unerbittlich! wie Ihr es gegen meine Mut⸗ ter in dem Wirthshauſe der Apenninen waret.“ „Eure Mutter!... Unglückſelger!... wenn Ihr wüßtet!.. wenn nicht ein Schwur...“ „Ich will nichts mehr hören. Lebt wohl, Ma⸗ dame. Seid verflucht in der Gegenwart, wie in Eurer Vergangenheit, wie in Eurer Zukunſt.—. Jetzt iſt mein Schwur gelöſt.. jetzt.. mein Va⸗ ter! jetzt... meine Mutter!... ſeid Ihr gerächt!... Ich überlaſſe Eure Mörderin den Furien des Ge⸗ wiſſens!“ Und dies ſagend riß ſich Gondreville aus den Armen der Fürſtin los, die ihn mit der Kraft der Verzweiflung umfaßt, und ſtürzte zur Thüre 204 hinaus, während Anna de la Tremouille er⸗ ſchöpft und bewußtlos zu Boden ſank.— Kehren wir nun nach Guadalajara zurück, woſelbſt, wie ſchon oben erwähnt, der König feine junge Gemahlin Eliſabetha Farneſe im Pal⸗ laſte Infantado erwartete. Der Garde⸗Officier, welchen die Letztere,— un⸗ mittelbar nachdem die Fürſtin Orſini Fadraque verlaſſen,— mit einem eigenhändigen Schreiben an Philipp V. abgeſandt, fand den König in großer Aufregung, ja in einer Stimmung, die deutlich zeigte, wie viel ihn ein Entſchluß gekoſtet, von deſſen Noth⸗ wendigkeit er ſich zwar einerſeits überzeugt, deſſen Ausführung ihn aber andererſeits dennoch höchſt ſchmerzlich berührte. Er antwortete der Königin nur kurz, und zog ſich ſodann, ohne weitere Befehle zu geben, nach ſeinem Schlafzimmer zurück. Der Offizier reiſte ſofort wieder nach Ladraque ab. Es ſcheint, daß das Geheimniß ſo gut bewahrt wurde, daß erſt am anderen Morgen gegen zehn Uhr etwas davon verlautete. Man kann ſich die Beſtürzung denken, die eine ſolche Nachricht am Hofe hervorrufen mußte. Niemand wagte mit dem Könige darüber zu 6 — 205 ſprechen und alle Welt war auf den Inhalt der Antwort geſpannt, welche der Monarch Abends zuvor der Königin geſchrieben. Da aber der ganze Morgen verſtrich, ohne daß ſonſt etwas erfolgte, war man bald überzeugt, daß es in Spanien um die Fürſtin Orſini geſchehen ſei. Die Königin traf den Nachmittag zu der feſtgeſetz⸗ ten Stunde in Guadalajara ein, als ob gar nichts vorgefallen wäre. Der König empfing ſie am Fuße der großen Treppe, reichte ihr die Hand, und führte ſie ſogleich zur Kapelle, woſelbſt die Feierlichkeiten der Vermählung, unter Entwickelung einer großen Pracht, ſtattfanden, da es damals in Spanien Sitte war, ſich nach der Tafel zu verheirathen. Was ſich ſpäter zwiſchen den Neuvermählten, in Beziehung auf den Vorfall mit der Camarera⸗Mayor zutrug, blieb aller Welt ein Geheimniß, über welches man nie die leiſeſte Aufklärung erhielt. Den kommenden Morgen, alſo den erſten Weih⸗ nachtsfeiertag, erklärte der König, daß keine Verän⸗ derung im Hauſe der Königin, wie daſſelbe durch die Fürſtin Orſ ini zuſammengeſetzt, ſtatthaben werde, eine Erklärung, welche die Geiſter einigermaßen beruhigte. Den nächſten Tag fuhren der König und die Kö⸗ 206 nigin zuſammen in einem Wagen und gefolgt von dem ganzen Hofe, nach Madrid, wo auch nicht mehr im geringſten die Rede von der Fürſtin Orſini war, ſo daß es ſchien, als habe der König nie ein Weſen dieſes Namens gekannt. Auch Ludwig XIV. bezeigte nicht die leiſeſte Ueberraſchung bei der Nachricht von dieſer Kataſtro⸗ phe, die ihm auf der Stelle durch den Herzog von Saint⸗Aignan zugeſandt wurde, welcher noch in der Nacht einen Courier von Fadraque aus an den König von Frankreich abgehen ließ. Deſto größer war der Schrecken und das Erſtau⸗ nen des franzöſiſchen Hofes, der die Fürſtin Orſini als allmächtig und triumphirend anzuſtaunen bisher gewöhnt war. Was Alberoni betrifft, ſo weiß man, daß derſelbe,— nachdem er, ſeinem früher geäußerten Wunſche zufolge, ſo plötzlich Cardinal geworden,— kurze Zeit darauf zum Premier⸗Miniſter des Königreichs Spanienundbei der Indien erhobenwurde. Der Marquis von Santa⸗Cruz erhielt wie es ſeine Tochter vorausgeſagt, das Amt eines Ma- jordomus Major des Hauſes der Königin, und ward nach glaubwürdigen Quellen einer der Vertrauten 207 — des Königs. Auch genoß er, wie in den guten Zei⸗ ten des Hauſes Oeſterreich wieder die Ehre, ſeiner Majeſtät vorleuchten, und an ihrem Namenstage mit entblößtem Schwerte während dem Handkuß und der heiligen Meſſe neben ihr ſtehen zu dürfen. Unterdeſſen hatte aber auch Gondreville nichts mehr in Saint⸗Jean⸗de⸗Luz zurückgehalten; er kehrte daher augenblicklich nach Madrid zurück, woſelbſt er gegen Ende Januar eintraf. Jetzt erſt konnte er endlich ſeine Hochzeit mit Donna Ines begehen, was denn auch ſofort mit großem Glanze geſchah. An demſelben Tage empfing er einen ſchwarzge⸗ ſiegelten Vrief. Er kam von Anna de n Ere⸗ mouille, Fürſtin von Orſi ni und lautete wie folgt: „Ihr habt es mir verſagt, mich zu hören, und ich beklage mich nicht darüber, da der Augenblick dafür noch nicht gekommen war. Dennoch waltet ziſchen uns ein Geheimniß ob, welches Ihr frü⸗ her oder ſpäter erfahren müßt. Den Schlüſſel zu dieſem Geheimniſſe wird Euch dies einliegende Schreiben geben. Aber ich flehe Euch darum an, daſſelbe nur in zwei Fällen zu öffnen: nach meinem Tode, oder, was wohl, wie ich hoffe, nicht geſchehen wird, wenn Ihr ſelbſt in die Ge⸗ — 208 fahr kommen ſolltet, vor mir zu ſterben. Verſagt dieſer kleinen und letzten Bitte einer Unglücklichen die Gewährung nicht, die Euch dafür die wenigen Tage, die ſie noch athmet, ſegnen wird. Lebt wohl, Gondrevile, lebt wohl! und ſeid glücklich!“. Dies geſchah im Jahre 1715. Sieben Jahre ſpäter, alſo 1722, reiſte Gondreville mit ſeiner jungen Frau nach Italien, und entſchloß ſich, einen längeren Aufenthalt in Rom zu nehmen. Als Beide in die ewige Stadt einzogen, waren ſie genöthigt anzuhalten und aus ihrem Wagen zu ſteigen, da ein ungemein prachtvoller Leichenzug die Straße heraufkam, durch welche ſie eben fuhren. Gondreville frug, wie natürlich: wer denn dies ſei, der mit ſolcher Pracht zur Erde beſtattet werde;— aber er ſchauderte kalt zurück, als der Ge⸗ fragte antwortete: „Es iſt die Fürſtin Orſini, die vor drei Tagen ſtarb.“ Hingeriſſen von einem religiöſen Gefühl, welches die Jahre, vielleicht auch die Begebenheiten, an welchen er in früheren Zeiten Theil genommen, in ihm entfaltet, kniete er nieder. Hatte ihm doch auch ſeine junge Frau das Beiſpiel dazu gegeben. Helle Thränen blitzten in ihren ſchönen Augen, denn ſie ———— 209 hatte die Güte nicht vergeſſen, mit welcher die Heim⸗ gegangene ſie einſt überſchüttet, und kannte außerdem das Verhältniß nicht, in welchem ihr Gatte zu der Verſtorbenen geſtanden. Als aber Gondreville den Sarg vorüberzie⸗ hen ſah, der die ſterblichen Reſte der Fürſtin Or⸗ ſini enthielt, erinnerte er ſich des Briefes, welchen dieſe berühmte Frau einſt mit der Bitte an ihn ge⸗ ſandt: ihn erſt nach ihrem Tode zu eröffnen. Gondreville's erſte Sorge, ſobald er ſich ein⸗ gerichtet, war es daher, dieſen Brief aufzuſuchen. Er fand ihn bald, und Jedermann wird die in⸗ nere Aufregung begreifen, mit welcher er das ge⸗ heimnißvolle Schreiben erbrach. Wer aber beſchreibt das Erſtaunen des Vicomtes, als er unter dem Unſchlage einen, von der Hand ſeines Vaters geſchricbenen Brief fand, welcher von dem Jahre 1690 datirt war. Dieſer Brief, welcher ſehr genau in alle Einzel⸗ heiten eingehend, an die Herzogin von Bracciano (dies war, wie man ſich ohne Zweifel erinnern wird, der Name, welchen die Fürſtin Orſini lange Zeit und auch damals trug,) gerichtet war, fing alſo an: „Da der Himmel in ſeinem gerechten Zorn, mir das legitime Kind entriſſen hat, um mir nur das Orſini U. Bd. 14 210 unlegitime zu laſſen, ſo flehe ich Euch an, mir die Bitte nicht abzuſchlagen: und dem Ueberlebenden † meinen Namen geben zu wollen.“ 6 Gondreville ſtand wie verſteinert, ein kaltes Entſetzen erfaßte ihn, und mit dem Schrei:„Mutter! Mutter!“ ſtürzte er bitter weinend zu Boden. Gondreville verweilte lange in Rom, und verſäumte es während ſeines ganzen Aufenthaltes — —— . keinen Tag, an dem Grabe zu beten, welches die ſterblichen Reſte der Fürſtin Orſini enthielt. 6 Ende. In gleichem Verlage erſchien: Johanna. Roman von George Sand. Ueberſetzt von Fr. Funck. 2Theile.— 1 Rthlr. oder 1 fl. 48 kr. rh. Geheimniſſe von Brüſſel. VSra de Va⸗ rennes. Frei nach dem Franzöſiſchen von Heribert Rau. 1. Bd.— 1 Rthlr. oder 1 fl. 48 kr. rhein. Mysteres de Bruxelles. par Sau de Varennes. L vol.— 20 Sgr. oder 1 fl. 12 kr. rhein. Genial. Roman von Heribert Rau.— 1 Rthlr. 15 Sgr. oder 2 fl. 42 kr. rhein. Der Bauernkönig und die Jüdin. Von Czynsky. Ueberſetzt von Fr. Funck. Die Braut von Madrid. Aus dem Franzöſiſchen. Leſe⸗Abende. Novellen und Erzählungen von Heri⸗ bert Rau. 2. Bde.— 3 Rthlr. oder 5 fl. 24 kr. rh. Die Nevilles von Garrestown. Von Ch. Lever (Harry. Lorrequer). Aus dem Engliſchen von Fr. Funck. Der Krieg des Nizam. Von Mery. Ueberſetzt von Wilh⸗ Sauerwein. A— Ott nſn b. 6 6 8 9 10 11 12 13 8 19