Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Oltmann in Cieſten, 4 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 6 Seih und geſe ebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von 2 korgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei ückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ei nes Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 6 für wcheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr 50 Pf. 2 Mt.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der lorene und defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt 6 der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. Anleihezeit. Dieſelbe i auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, da das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ elben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben „ Die Fürſtin Orſini oder der erſte Bourbon in Spanien. Hiſtoriſcher Roman aus den Zeiten Ludwig's XIV. Nach dem Franzöſiſchen des Alexander de Lavergne. von Heribert Nau. Erſter Band. Frunkfurt um Main. Verlag von Guſtav Dehler. 1849. 3 3 t ie en itt 3 5 Erſtes Kapitel Das Wirthshaus zu Radraque. Es war im Anfang des Monats April 1714, und folglich zur Zeit des Frühjahrs,— aber eines ſo häßlichen und kalten, wie man es ſich kaum denken kann; obgleich ähnliche Abweichungen von der Regel in Spanien öfter vorkommen, als man glauben ſollte. Ein eiſiger Regen, mit Hagel vermiſcht, verband alle Augenblicke ſeine Güſſe mit den Stößen eines Nordoſt⸗Windes, der mit wahrer Wuth über die Erde fuhr. Leer und einſam waren die Straßen in den Städ⸗ ten und im Freien. Selbſt der habgierigſte Maul⸗ thiertreiber beeilte ſich, Angeſichts eines ſolchen Wet⸗. ters, auf ſeine„Caravane“ zu verzichten. Freilich muß dabei bemerkt werden, daß der Tag, an welchem unſere Erzählung beginnt, ein Charfreitag war, und daß es in dem ſtreng katholiſchen und faulen Spanein Orſini. 1 „* 2 nicht gebräuchlich iſt, an dem Jahrestage des Todes unſeres Erlöſers zu reiſen. Dennoch— und ungeachtet dieſer heiligen Feier — konnte man heute, ohngefähr eine Stunde vor Mittag, einen Cavalier auf dem ſchmutzigen Wege, der von Guadalajara nach Burgos führt, lang⸗ ſam dahin reiten ſehen. Er hatte ſich tief in einen weiten Reiſemantel ge⸗ hüllt, während ein mächtiger, mit Federn geſchmückter Filzhut ſein Haupt deckte und ſchützte. Aber die Reiſe des Reiters ging nur langſam von ſtatten, da das Pferd, auf dem er ſaß, gewaltig hinkte. Das arme Thier war eine Viertelſtunde vorher geſtürzt,— und wahrlich! es war alle Ausſicht dazu vorhanden, daß es nicht bei dieſem erſten Verſuche bleiben ſollte. Der Reitersmann führte dabei ein heftiges, mit den kräf⸗ tigſten Flüchen geſpicktes, Selbſtgeſpräch. Aber— er fluchte nur franzöſiſch, und dies zwar in Folge einer ſehr eigenthümlichen Uebereinkunft mit ſeinem Gewiſſen; da er ohne Zweifel überzeugt war, daß der iebe Gott ſich in Spanien nicht darüber ärgern würde, wenn er ihn in einer anderen, als in der caſtiliani⸗ ſchen Sprache fündigen höre. Muth! Muth! mein guter Pacheco“— ſagte er jetzt auf ſpaniſch zu ſeinem Pferde,—„in einer Viertelſtunde oder etwas länger ſind wir zu Fadra⸗ 3 que; dann ſollſt Du auch Hafer im Ueberfluß und eine ganz friſche Streue haben.“ Indeſſen Pacheco blieb, aller Verſprechungen ungeachtet taub, und als er nun gar neuerdings zu ſtraucheln begann, riß dem Reiter die Geduld und zornig rief er,— diesmal in wohl accentuirtem franzöſiſch: „Par la mordieu! par la sambleu! verwünſch⸗ tes Thier, daß Dich der Teufel zur Hölle führte, und müßteſt Du auf deinem Rücken die verdammte Heidin mit hinunter tragen, die mich bei einem ſolchen Wetter zu reiſen zwingt!“ Hierauf beſtrebte ſich der edle Ritter ſeine, durch die Kälte erſtarrten Beine frei und beweglich zu ma⸗ chen, und ſuchte ſein Franzöſiſch durch einige heftige Spornſtöße in's Spaniſche zu überſetzen. Aber es 1 ſchien als ob er auch hierdurch ſein Glück nicht machen ſollte; Pacheco mußte ſo unempfindliche Seiten als Ohren haben; denn das gute Thier ließ ſich nicht ſtören und verfolgte ungewiß und entmuthigt wie bisher, mit geſenktem Kopf und melancholiſchen Blicken einen Weg, ohne ſeinen alten, langſamen Schritt auch nur um einen Gedanken zu ändern. Plötzich aber,— und zwar mitten in einem Platz⸗ regen, der von ſo heftigen Windſtößen begleitet war⸗ 4 daß er nicht nür dem Reiter den Athem nahm, als dieſer eben im Begriff ſtand den ſchönſten Fluch aus⸗ zuſtoßen; ſondern auch ihn und ſein Thier bald neuer⸗ dings umgeblaſen hätte,— plötzlich fing Pacheco auf eine ganz eigene Art zu wiehern an, und ſetzte ſich ſogar, einem magnetiſchen Zuge folgend, in einen hinkenden Trapp. Nachdem er auf dieſe Weiſe ohn⸗ gefähr fünfzig Schritte zurückgelegt, blieb er mit einem Male ſchnaufend und erſchöpft vor einer alten zer⸗ ſprungenen Mauer ſtehen, an welche ſich zwei halb verfallene Wandpfeiler lehnten, die ehedem den Bogen eines Thores getragen. Dieſe Mauer, dieſe Pfeiler und dies geweſene Thor bildeten jetzt den Haupteingang von Fadraque, einem ärmlichen Dörſchen, ſieben Stunden von Qua⸗ dalajara, auf dem Wege nach Franfreich gelegen. Angekommen an den Pforten dieſes Neſtes, das ihm indeſſen jetzt— durch Regen und Hagel hin⸗ durch— wie von einer myſtiſchen Glorie umfloſſen, gleich dem gelobten Lande erſchien, ſah der Reiter ein, daß es ihm ſchwer fallen würde, ſich länger ſeines Thiers zu bedienen. Er ſchlüpfte daher aus Steigbugeln und glitt vom Sattel herab. Nach⸗ dem dies geſchehen, ſchüttelte er den Mantel aus, der von Regen traufte, hauchte in ſeine Hände und ſuchte denſten Lurus zu fröhnen. S 5 ſeine erſtarrten Füße dadurch wieder zu beleben, daß er, der drohendſten Gefahr des Einſtürzens ohnge⸗ achtet, mehreremale gewaltig gegen die alte Schutz⸗ mauer Padraquee's trat. Hierauf endlich faßte er den heldenmüthigen Entſchluß: ſich zu Fuße auf den Weg zu machen, um eine Herberge zu ſuchen, die ihm und ſeinem Pferde den nöthigen Schutz gewäh⸗ ren könne. Zu dem Ende ergriff er Pacheco am Zügel, und hielt ſo,— das arme Thier nachziehend, — ſeinen Einzug zu Fadraque,— einen Einzug, der allerdings wenig triumphirendes hatte und jeden⸗ falls nicht geeignet war, den jungen Einwohnerinnen des Orts den Kopf zu verrücken. Nachdem unſer Held auf dieſe Weiſe,— Regen und Wind im Geſicht,— beinahe fünf Minuten lang der Hauptſtraße 4 adraques gefolgt, bemerkte er endlich ein Schild, das ihm das Daſein einer Her⸗ berge, dort Poſada genannt, verrieth. Poſada kommt von dem Ausdrucke:„den Fuß hinſetzen,“—„ausruhen,“ und in der That bieten die Wirthshäuſer Spanien's noch heute, wie vor einem Jahrhundert, den Gäſten faſt einzig die Gelegenheit, eine kurze Zeit auszuruhen, ohne dabei irgend den. Bequemlichkeiten oder den Anforderungen 8 eſchei- —————— —* 6 Unſer Reiter dachte indeſſen hieran wenig; der Anblick der Herberge verſcheuchte im Gegentheil die häßliche Grimaſſe, die bisher, gepeitſcht von dem Nordwinde, ſein Geſicht entſtellt, und ſelbſt Pacheco hob unter neuem Wiehern das müde Haupt. Unter⸗ deſſen war die Thüre der Poſada erreicht, da ſie aber verſchloſſen, pochte der Cavalier mit Entſchiedenheit an. Anfangs gab man im Innern der Herberge gar —6 kein Lebenszeichen von ſich, und der Fremde ſah ſich genöthigt, ſein Klopfen mit aller ihm zu Gebote ſte⸗ henden Kraft zu wiederholen. Auf dieſe Ausbrüche der Ungeduld hin antwortete endlich eine Stimme durch das Schlüſſelloch: „Die Poſada iſt beſetzt, man kann Niemanden mehr aufnehmen, ſucht Euch ein anderes Unterkommen.“ „Ihr habt gut ſchwätzen!“— entgegnete der Fremde, bei welchem die üble Laune allein der Ueber⸗ raſchung gleich kam, mit der ihn dieſe Worte erfüll⸗ ten.—„Aber weder ich noch mein Roß können einen Schritt weiter gehen. Alſo macht auf und laßt uns nicht länger warten!“ In dieſem Augenblicke,— und als wollten die. Elemente ſelbſt die Behauptung des Fremden durch ihr Zeugniß bethätigen,— in dieſem Augenblick erhob ſich ein neuer Sturm, während ſich eine dicke, 7 ſchwarze Wolkenmaſſe über dem Orte entlud, und eine wahre Lavine von Hagel auf Pacheco und ſeinen armen Herrn hernieder ſandte. Da riß dem Letzteren aber auch der Faden der Geduld, ſein Zorn kannte keine Grenzen mehr, und — den ungaftfreundlichen Beſitzer der Poſada, der ihm das Eintreten bei ſolchem Wetter verweigerte, mit allen Flüchen überſchüttend, die ihm ſein Ge⸗ dächtniß,— diesmal in franzöſiſcher und caſtilianiſcher Sprache,— eingab, fing er an, die Thüre mit Hän⸗ den und Füßen gewaltſam zu bearbeiten. Umſonſt! Es war verlorene Mühe; die Thüre war von altem Eichenholz und recht gut in ihren Angeln gegen eine ſolche Art von Angriff befeſtigt. In dieſer verzweifelten Lage blieb dem unglück⸗ lichen Cavaliere nichts Anderes übrig: als ſich dem Teufel zu übergeben, der von jeher in dem Lande der heiligen Inquiſition in hoher Achtung und großen Ehren geſtanden. Und, der Wahrheit treu zu blei⸗ ben, unſer Freund, ein ſo guter Katholik er war, fühlte ſich ſehr geneigt, zu dieſer übernatürlichen und höchſten Hülfsquelle derjenigen, die alle Uebrigen re⸗ ſchöpft, ſeine Zuflucht zu nehmen, als der Lärm eines Rollwagens, wie man damals dieſe Art von Beför⸗ derungsmittel nannte, ſich in einiger Entfernung, von der Seite von Burgos her, vernehmen ließ. Einige Augenblicke ſpäter hielt dieſer Wagen, der 7 auf dem ſchmutzigen Boden hinzufliegen ſchien,— mit folcher Schnelligkeit wurde er von den drei Maul⸗ eſeln, die ihn zogen, geführt,— vor der Poſada. Der Schlag öffnete ſich, ein junger Mann ſprang mit wunderbarer Behendigkeit aus dem Inneren klopfte ebenfalls an der Thüre der Herberge an. Der Neuangekommene ſchien nicht älter als zwei⸗ bis höchſtens vierundzwanzig Jahre. Seine feinen und regelmäßigen Züge ſchienen eher einem Mädchen als einem Mann anzugehören. Er hatte dunkelblonde Haare und Augenbrauen, eine weiße, faſt durchſich⸗ tige Haut, und fein geſchnittene Lippen, während um ſeinen Mund ein ganz eigner Ausdruck von wnie und Verachtung ſchwebte, ein Ausdruck, den man ſelbſt in ſeinen großen blauen Augen die in einer wunderbaren, man natürlichen Gluth erglänzten. 6 So gut man von ſeiner, durch einen Reiſemantel verhüllten, Figur ſchließen konnte, war er ſchlank und klein, zugleich aber wohlgewachſen. Niche indeſſen glich der ganz eigenthuͤmlichen Grazie, mit welcher der junge Mann den Federhut auf ſein Haupt gedrückt. und F wieder fand, möchte ſagen über⸗ Man erkannte ſogleich den Edelmann in ihm. „Zum Henker!“ rief Letzterer, da er gewahrte, daß ſich Niemand beeilte ihm zu öffnen,—„ich glaube, hier ſchläft man bis an den hellen Tag!“. Zugleich drehte er ſich herum und fand ſich nun Auge in Auge mit dem armen Pacheco, der ſich, — den Kopf niedergeſenkt, Bruſt und Seiten von Regenwaſſer traufend,— gleichſam mit den trübſeli⸗ gen Ideen ſeines Herrn verſchwiſtert hatte. Bei dieſem Anblick brach der junge Edelmann in ein homeriſches Lachen aus, welches indeſſen Pache⸗ co's Herr, der ohnedem eben nicht in der beſten Laune 8 war, ſehr übel aufnahm. Mit finſterer Stirne trat er daher dem neuen Ankömmlinge näher und frage ihn in drohendem Tone: „Ueber wen lacht Ihr, Herr?“ „Ei, nun!“— entgegnete der Jüngling in gu⸗ tem Spaniſch, bei dem er aber dennoch einen gewiſ⸗ ſen franzöſiſchen Accent nicht verbergen konnte, „im Augenblick lachte ich über Euer Pferd!“ „Und jetzt?“ „Jetzt, mein Cavalier! Wenns ſchön Wetter wäre, würde ich vielleicht ſagen: über Euch. Aber, zum Henker! es regnet dafür zu ſtark; und wenn Ihr vernünftig ſeid, ſo ſorgt Ihr vor allen Dingen 10 mit mir, daß wir in's Trockne kommen. Wir können dieſe Sache dann ſpäter doch wieder aufnehmen, wenn es Euch gefällig iſt.“ „Dies beabſichtige ich allerdings, mein Herr!“ „Vortrefflich! Ihr ſeid Edelmann, wie ich vor⸗ ausſetze?“ „Man nennt mich Don Felipe Amenzaga, und ich bin Lieutenant der Garde.“ „Ich, mein Herr,— ich bin der Vicomte von Gondreville, Fahnenjunker der königlichen Haus⸗ truppen ſeiner Majeſtät Ludwig XIV.“ „Eingeſchlagen!“— rief der Spanier—„und einverſtanden. Aber wohin reiſt Ihr?.. „Nach Barcelona.“ „Ich begebe mich nach Madrid.“ „Reiſet Ihr zum Vergnügen oder in Geſchäften?“ „In Geſchäften.“ „Ich hätte eigentlich nicht zu fragen nöthig ge⸗ habt; denn bei einem ſolchen Wetter.... Es geht Euch, mein Herr, gerade wie mir;— auch mich führen Geſchäfte hierher. Wie Ihr mich ſeht, bin ich im Begriff unſerem Geſandten, dem Marquis von Brancas, Depe chen zu überbringen.“ „Und ich,“ verſetzte der Spanier, den das offne und mittheilende Weſen ſeines Gegners wider ſeinen 11 Willen gewonnen,—„ich begebe mich in das Lager von Barcelona, woſelbſt ich ebenfalls Depeſchen abzugeben habe.“ „Das trifft ſich ja prächtig!— Wißt Ihr was? Da kommt mir ein guter Gedanke. Wollen wir eine gegenſeitige Uebereinkunft treffen? Einer von uns wird vielleicht von dem Anderen im Zweikampf ge⸗ tödtet, oder doch wenigſtens ſchwer verwundet. Nun dürfen aber die Angelegenheiten unſerer gegenſeitigen Souveraine durch unſere Ehrenhändel nicht leiden. Daher ſchlage ich Euch nun Folgendes vor: habe ich die Ehre Euch das Lebenslicht auszublaſen, oder Euch ernſtlich zu verwunden, ſo will ich Eure Depeſchen nach Bar⸗ celona überbringen,— unter der Vorausſetzung jedoch, daß, im entgegengeſetzten Fall, auch Ihr be⸗ reit ſeid, ſtatt meiner nach Madrid zu gehen. Wie meint Ihr?— Iſt Euch der Plan recht?— Zum Henker! man kann gerade nicht ſagen, daß der be⸗ treffende Theil als dann den kürzeſten Weg einge⸗ ſchlagen und die Correſpondenz dürfte dadurch ein wenig hinaus gezogen werden. Aber was! Die Sa⸗ chen gehen dann vielleicht um ſo beſſer. Ein Gene⸗ ral oder ein Geſandter ohne Inſtruktion!.... Das Unglück iſt nicht ſo groß!.. Es iſt wie ein Kind ohne Gängelband, es lernt das Laufen nur um ſo ſchneller.“ — — S. 12 „Mein Herr, ich unterzeichne dieſen Vertrag.“ „Herrlich! Ich ſehe wir ſind geſchaffen, um uns zu verſtehen. Jetzt aber, mein Herr, habt die Freund⸗ ſchaft mir zu ſagen, ſeit wie langer Zeit Ihr und Euer Pferd ſchon vor dieſer liebenswürdigen Poſada Antichambre macht.“ „Zum Teufel, mein Edler, wenigſtens eine gute Viertelſtunde.“ „So wahr ich lebe, viel Geduld. Die Feſtung will ſich demnach nicht ergeben?“ „Keinesweges.“ „Alſo, mein Freund, da iſt weiter nichts zu thun, als ſie im Sturme zu nehmen.“ Und dies ſagend, zog der junge Franzoſe ein paar Piſtolen aus ſeinem Gürtel, lud ſie, richtete alsdann ohne weitere Aufforderung, ihre Läufe gegen die Thüre und drückte los. Ein doppelter Knall verkündete die Entladung und zwei Kugeln ſchlugen pfeifend durch die ſchwere eichene Thüre.„ Auf ein ſo kräftiges und entſcheidendes Argument, begriff der Wirth ſogleich, daß jeder weitere Wider⸗ ſtand vergeblich ſein würde, und beeilte ſich daher, am ganzen Leibe zitternd, die Thüre zu öffnen. „Seht Ihr wohl, edler Herr,“— rief hier lachend der junge Vicomte von Gondreville,—„wie —— —— vorzüglich der Schurke franzöſiſch verſteht. Ich wette, Ihr ſpracht ſpaniſch mit ihm, und darum öffnete er nicht.“ „Entſchuldigung, gnädige Herrn!“— rief der Wirth mit vieler Geläufigkeit,—„entſchuldigen Eure Gnaden, daß ich Hochdieſelben ſo lange habe warten laſſen. Es geſchah nur, weil ich fürchtete Eure Ex⸗ cellenzen würden ſich zu ſchlecht in meinem armen Hauſe finden; aber von dem Augenblicke an, in wel⸗ chem Ercellenzen vom Gegentheil überzeugt ſind, habe ich keinen Einwurf mehr zu machen. Außerdem war⸗ um ſagtet Ihr nicht gleich, daß Eure Gnaden Fran⸗ zoſen ſeien? Gott ſei Dank! ich bin im ganzen Lande für einen eifrigen Anhänger des Hauſes Bourbon bekannt, ſo wie ich Jeden hoch verehre, der Eurer Gnaden Nation angehört, und unſerem glorwürdigen Könige, Philipp V., nach Spanien folgte.“ Und er fügte leiſe als moraliſche Nutzanwendung hinzu:„Möchten alle Franzoſen den Hals brechen und ſie Gott verdammen!“ Während deſſen hatte Don Felipe Amen⸗ zaga den armen Pacheco einem Knechte überge⸗ ben, und der Wirth eilte in höchſt eigener Perſon dem Poſtillon des Herrn von Gondreville bei dem Ausſpannen der Maulthiere behülflich zu ſein. 14 —— Die beiden Ebelleute traten in die Herberge. Hier empfing ſie ein niedriger, ſehr dunkler, von jahrelangem Rauch geſchwärzter Saal, in welchen das Tageslicht nur matt und dürftig durch ſchmale und vergitterte Fenſter drang, die eine täuſchende Aehnlichkeit mit Kellerlöchern hatten. In der Mitte eit undenklichen Zeiten in den ſpaniſchen Herbergen üblichen Gebrauche, eine Art Herd angebracht, in welchem, umgeben von zerbrochenen Backſteinen, ein armſeliges Feuer von Torf und dürren Weinreben brannte. Das Erſte, was unſere beiden Edelleute zu thun hatten, war— wie ganz natürlich— ſich zu wärmen und die durchnäßten Kleidungsſtücke zu trocknen. Von Seiten des jungen Franzoſen geſchah Letzteres nicht ohne einen ſchmerzlichen Blick auf die Bänder und Spitzen, welche das Regenwaſſer,— trotz dem Man⸗ tel, durch den es gedrungen,— eigigermaßen beſchä⸗ digt hatte. Was ſeinen Kameraden— eigentlich eher ſeinen Gegner— betrifft, der ernſter und älter war,(er mochte ohngefähr fünf und dreißig Jahre zählen) ſo ſchien dieſer über Gondrevilles Benehmen und Manieren im höchſten Grade erſtaunt. 15 Nachdem ſich Letzterer an der praſſelnden Flamme einigermaßen erwärmt, wandte er ſich an ſeinen neuen Bekannten und rief: „Wißt Ihr, edler Freund, daß wir wahrſcheinich lange warten können, bis der Hagel und Regen ſich legt? Was nun machen, die läſtige Langeweile zu ver⸗ ſcheuchen?— Die Zeit zum Mittageſſen iſt herange⸗ rückt; nun, obgleich man hier allem Anſcheine nach eben keine flotte Tafel wird halten können, ſo würde es mich doch ſehr freuen, wenn Ihr mich durch Eure Theilnahme an meinem Mahle beehren wolltet. Wir ſchwatzen dabei ein wenig zuſammen und können uns außerdem zum Deſſert ein Spitzchen antrinken. Holla! Wirth! Holla! Laß auf der Stelle den Tiſch decken, alter Schurke, und hole Deinen beſten Wein herauf!“ Der Wirth war auf den Ruf ſeines gefürchteten Gaſtes ſchleunigſt herbeigeeilt; ſtand aber jetzt ver⸗ blüfft, mit weit aufgeſperrten Augen und herabhän⸗ genden Lippen. „Nun?! Haſt Du mich nicht verſtanden?“ wie⸗ derholte der Fahnenjunker des Königs von Frankreich. „O doch, gnädiger Herr! doch!— Aber Eure Ercellenz haben ohne Zweifel vergeſſen, daß heute Charfreitag und Feſttag iſt.“ Don Felipe Amenzaga, der, durch die Bege⸗ benheiten des Morgens, vielleicht auf Augenblicke dieſen hochwichtigen Jahrestag vergeſſen hatte, ſchlug fromm ein Kreuz und fing an ſeinen neuen Bekann⸗ ten mit einem Ausdrucke zu betrachten, in welchem diesmal die Ueberraſchung nicht ganz von einer Mi⸗ ſchung von Furcht frei war. „Ach, zum Henker!“— verſetzte der Franzoſe,— „dann muß mir der Teufel den Hunger in den Ma⸗ gen geſetzt haben, der mich heute ſo plagt. Und Ihr, mein Freund, fühlt Ihr denn nicht auch, wie ich, das Bedürfniß, Euren Magen einigermaßen zu beſchwich⸗ tigen? und könnte man das nicht, wenn man dem Ortsgeiſtlichen eine Dispenſation abkaufte?“ „Was mich betrifft“— entgegnete Don Felipe Amenzaga,—„ich habe keinen Hunger.“ „Nun, ſo habt Ihr doch gewiß Durſt?“ „Noch weniger.“ „Welch' ein Menſch! Und Hagel und Regen hören nicht auf!“ Eine kleine Pauſe folgte. Nach einigen Minuten fragte der franzöſiſche Edelmann abermals: „Vollen wir LHomber oder Lanzknecht ſpielen?“ „Ich ſpiele nie.“ „Zum Henker!“— murmelte Go ndreville,— er mag nicht eſſen, nicht trinken, nicht ſpielen und nicht ſchwatzen. Wahrhaftig es iſt nur eins mit ihm anzufangen. Wie ſchade, daß das ſchlechte Wetter nicht aufhören will.“ Während dieſer Zeit ſenkte Don Felire Amen⸗ zaga ſeine Blicke auf die Stiefel ſeines Gegners, als dächte er an dem Bau ſeiner Füße irgend eine Anzeige diaboliſcher Abkunft zu entdecken. Bei dem matten Scheine, welchen das auf dem Heerde bren⸗ nende Feuer verbreitete, ſchienen ihm dieſe Füße in der That ſo überraſchend klein und hübſch, daß er ſeine Beſorgniß faſt beſtätigt fand. Mehr noch, dieſe Beſorgniß nahm allmählig den Charakter einer feſten und niederſchlagenden Ueberzeugung an, da der an⸗ gebliche Fahnenjunker der königlichen Haustruppen ſich für die Stummheit ſeines Kameraden dadurch entſchädigen zu wollen ſchien, daß er anfing, eine Reihenfolge profaner franzöſiſcher Liedchen halblaut zu trillern. Schon hatte er mehrere durchgeſungen, und fiel eben recht luſtig mit dem berühmten:„Marl- borough s'en va-t'en guerre“ ein, als plötzlich, und ſelbſt zur großen Beſtürzung Amenzaga's, aus einem der dunklen Winkel des Saales eine dumpfe Stimme erſchallte, die, in einem von Gondreville ſehr verſchiedenen Tone, anhub, die fromme Litanei Orſini. 2 . abzuſingen, welche die Kirche für dieſen heiligen Tag beſtimmt. Gondreville hielt unwillkürlich ein und warf ſeine Blicke ringsumher; aber der Saal war derma⸗ ßen dunkel und voll Rauch, daß es ihm rein unmög⸗ lich wurde, etwas in den Winkeln zu erkennen. Au⸗ ßerdem hatte es dem Accompagnirenden gefallen, ſeinen Geſang mit dem Göndreville's verſtummen zu laſſen; was deutlich bewies, daß man ihn nur an das hatte erinnern wollen, was er vergeſſen zu haben ſchien,— nehmlich an den hohen Feſttag, der es keinem guten Chriſten geſtattete, ſolch' profane Lieder zu ſingen. Die Geduld war indeſſen, wie der Leſer ſchon Gelegenheit fand zu bemerken, keine hervorragende Tugend unſeres jungen Franzoſen, und da er außer⸗ dem zu denjenigen gehörte, die ſich nicht gern von Anderen etwas ſagen laſſen, ſelbſt wenn ſie fühlen, daß ſie Unrecht haben, ſo hub er auf der Stelle mit einem neuen Liede„la Faridondaine e mit der ganzen Kraft ſeiner Stimme an. Der fromme Sänger aber, von dem wir ſchon geſprochen, blieb nicht zurück, denn ſogleich ließ auch dieſer ſeine ſonoren Töne wieder erſchallen, indem er das Kyrie eleison an⸗ ſtimmte und mit unerſchütterlicher Beharrlichkeit von einem Ende bis zum andern durchſang Während dieſer Scene hatte es der Lieutenant der Leibgarde des Königs von Spanien, bis in die tiefſte Seele verwirrt, ſeinerſeits am beſten gefunden, einige Vaterunſer abzubeten, in der feſten Ueberzeu⸗ gung, daß der Himmel dieſem wunderbaren Duett durch ſeine Donner ein Ende machen würde. War es aber zu kalt für eine ſolche Erſcheinung, oder kam es daher, daß der junge Franzoſe unwillkürlich dem einſchläfernden Einfluſſe erlag, welchen zu gleicher Zeit der Kirchengeſang und der ſchnelle Uebergang aus einer kaltfeuchten Atmoſphäre zu der warmen in der Umgebung des Heerdes, vor dem er ſich jetzt be⸗ fand, auf ihn machte,— ſeine anfangs ſo klare und ſchallende Stimme ward leiſer und leiſer, ſein Haupt neigte ſich auf die Schultern, ſeine Augenlieder ſanken zu,— und wenige Minuten darauf lag er ſchlafend. auf der eichenen Bank, auf die er ſich eine Viertel⸗ ſtunde früher niedergelaſſen. In dieſem Augenblicke fing ein kleiner Bündel trock⸗ ner Weinreben, der dicht neben dem Heerde lag, Feuer, und erhellte den Raum auf Minuten mit einem flackernden Scheine. Amenzaga konnte nun deutlich den Pſalmen⸗ —— ſänger gewahren, der in einem Winkel des Saales fniete, ſich in frommer Demuth bekreuzend. Es war ein langer, hagerer Mann, von gelber eſichtsfarbe, und,— ſo viel man trotz ſeiner Stel⸗ ung und außerordentlichen Magerkeit ſchließen konnte, — fünf und fünfzig bis ſechzig Jahre alt. Seinem langen blaſſen Geſichte drückte der mächtige eisgraue Schnurrbart, der in zwei aufwärts gedrehten Spitzen endete, ſo wie der ſtarke, am unteren Theile des Kinnes beginnende Zwickbart einen wo möglich noch eckigeren Charakter auf; ſo wie ihm zwei tief herab⸗ gezogene Augenbrauen den Ausdruck eines ganz un⸗ gewöhnlichen Ernſtes gaben. Seine Haut glich dem Pergamente. Er war dabei in das finſtere und ſtrenge Coſtüm gekleidet, welches lange unter dem Hauſe Oe⸗ ſterreich, als das herrſchende galt, und ſelbſt noch unter dem düſteren Karl II. Mode war. Dieſe Kleidung beſtand aus einem Leibrocke von grobem ſchwarzen Tuche mit einem Mantel von glei⸗ chem Stoffe. Ueber Beides fiel ein Halskragen von holländiſcher Leinwand auf die Schultern, den jedoch weder Spitzen noch Bänder zierten. Die Beine deck⸗ ten ordinäre ſchwarz ſeidne Strümpfe und Schuhe mit Puffen, die nur ſchlecht zwei ungemein große und platte Füße verbargen— Füße, die in der That dem 21 letzten aller Sänftenträger von Madrid Ehre gemchi haben würden. Die erwähnte Tracht zu vervollſtän⸗ digen, hing ein rieſenmäßiger Degen an der Seite des abenteuerlichen Mannes. Bei der Bewegung, welche der andächtige Sän⸗ ger machte, indem er ein Kreuz ſchlug, ſchoben ſich ſeine grauen Haare, die lang und ſtraff auf ſeine Schultern herniederhingen, etwas zuruͤck, und ließen den Orden des goldnen Vließes ſehen, den er um den Hals trug. Bei dem Anblick eines Ehrenzeichens, welches nur einer der erſten Granden des Reiches tragen konnte, erzitterte der Lieutenant der Leibgarde, und ſeine Hand raſch an den Hut führend, den er bis dahin auf dem Kopfe behalten, beeilte er ſich denſelben abzuziehen. Der Ritter des goldnen Vließes betrachtete ihn einige Augenblicke ernſt und feſt, erhob ſich dann und trat gerade auf ihn zu. „Don Felipe Amenzaga“— ſagte er hier⸗ auf—„ich muß mich wohl ſeit der Schlacht von Almanza ſehr verändert haben, da Ihr mich nicht wieder erkennt?“ „Heiliger Chriſtus!“— rief hier der Lieutenant —„ſo täuſche ich mich wirklich nicht, Ihr ſeid der — 22 berühmte Alvarez de Bazan, Marquis von Santa Cruz?“ Der Pſalmſänger legte den Zeigefinger ſeiner lin⸗ ken Hand auf die Lippen, während er mit der Rech⸗ ten auf den jungen Franzoſen deutete, der noch im⸗ mer der Länge nach ausgeſtreckt auf der Bank lag. „Er ſchläft!“ ſagte Amenzaga. „Wohl!“— entgegnete de Marquis von Santa Cruz—„dann können wir ungeſtört ſprechen.“ Zweites Kapitel. Ein aragoniſch Fied. ——— „Erellenz mögen mir vergeben!“— rief Amen⸗ zaga lebhaft—„vergeben, daß ich ſie nicht gleich wieder erkannt. Aber bedenkt, ſieben Jahre ſind nun ſeit jenem glorreichen Siege von Almanza ver⸗ floſſen, deſſen Ruhm, wie ſelbſt der Herzog von Ber⸗ wik ſagte, zum größeren Theile Euch angehört..... ſieben Jahre, ſeitdem Niemand von Euch ſprechen hörte, noch Euch ſah. Dies Alles Excellenz, muß mich in Euren Augen entſchuldigen. Laßt mich aber vor allem den Zufall preiſen, der mir das Glück die⸗ ſes Zuſammentreffens verſchaffte und erlaubt mir ſo⸗ dann die Frage, welche Urſache Euch ſo lange von der Armee und aus dem Rathe des Königs, ſo wie überhaupt von dem Hofe zurückhielt.“ Bei dieſen letzten Worten ſchien es, als ob die tiefliegenden Augen des eisgrauen Feldherrn vernich⸗ — tende Blitze ſchleuderten, während eine wunderbare Gluth ſein ſonſt ſo bleiches Antlitz überflog und die Falten ſeiner Stirne ſich noch finſterer zuſammenzogen. „Ihr wollt die Urſache kennen lernen, die mich vom Hofe entfernte?“— rief er—„und dieſe Frage richtet ein Caſtilianer an mich?— Was aber ſollte Don Alvarez de Bazan, Marquis von Santa Cruz an dieſem Hofe zu ſchaffen haben? da ſich Alles geändert hat in dem edlen Königreiche Spanien und der beiden Inenz jetzt, wo man ſtatt der Medina Sidonia, der Terra⸗Nova, der Arbuquerque nur die Namen der Chalais, der Bournonville, der Orry, und— was weiß ich für franzöſiſche Namen alle in der Nähe des Monarchen nennen hört,— Namen, die, wenn ſie nur über meine Zunge kommen, dieſe wie hölliſches Feuer brennen!. jetzt! da eine Franzöſin, die den hochwürdigen Titel einer Camarera mayor uſur⸗ pirt, in dem Escurial und dem Buen⸗Retiro reſidirt, Gnaden und Würden an ihre Geſchöpfe vertheilt, ſich Hoheit nennen läßt, eine Ehre, die bis jetzt nur den Infanten zukam, und die es wagt ſich da mit bloßen Armen und enthülltem Buſen zu zeigen, wo alle ihre Vorgängerinnen,— zur Ehre Spaniens ſei es geſagt,— ſich das, durch die altherkömmliche Eti⸗ 25 — quette vorgeſchriebenen, ſtrengen Coſtüms bebienten. Was iſt das für eine Monarchie, in welcher der Groß⸗ ſtallmeiſter nicht, ſeiner Pflicht treu, den Schlag des föniglichen Wagens öffnet und ſchließt; wo der Herr⸗ ſcher ſich niederlegt, ohne daß der Groß⸗Haushofmei⸗ ſter ihm das Hemde reicht? wo der König ſich ent⸗ kleidet ohne die verſammelten dienenden Hoſchargen? wo Jeder ohne weiteres zu Hauſe iſt?— Ich hätte einmal ſehen mögen, bei unſrer lieben Frau! wenn es ſo bei unſrem ſeligen Könige zugegangen wäre! — Und Ihr, Amenzag a,— Ihr könnt erſtaunen, wenn ich einen ſolchen Hof fliehe? Nein! nein! nie und nimmer werde ich an den Hof zurücktehren, ſo lange dieſe Franzöſin dort herrſcht,— dieſe Franzöſin, die ich haſſe wie den Tod, dieſes Weib, das längſt verdient hätte bei einem Auto⸗da⸗Fe verbrannt zu — werden, ſammt allen ihren Romanen, Poeſieen und franzöſiſch⸗leichtfertigen Trachten!“ „Ercellenz,“— entgegnete nach einer kleinen Pauſe der Garde-Lieutenant—„ich bin noch nicht ſo alt, um alle dieſe ſchönen Dinge, von welchen Ihr eben ſpracht, geſehen zu haben, ich glaube Euch daher gern, daß ehe das Haus Bourbon durch unſeres ſeli⸗ gen Königs Karl I. Teſtament auf dem Thron gerufen wurde, Spanien blühender und glücklicher 1 25 war; verſichern kann ich Euch aber dagegen, hoher Herr, daß König Philipp V. an Tapferkeit und Frömmigkeit gegen keinem ſeiner Vorgänger zurückſteht.“ „Wer ſagt Euch, daß ich daran zweifle? Als der Herzog von Berwick kam, mich auf meiner Herrſchaft aufzuſuchen, und mich bat, mein Schwert zu Gunſten Philipp V. gegen den Erzherzog, ſeinen Mitbewerber, zu ziehen, hab' ich ihm da meine Hülfe verweigert? Nein, ich eilte herbei, und des Himmels Güte wollte, daß ich den Sieg von Alamanza theilte. Ihr ſelbſt wißt es, es fehlte nur wenig, und dieſer Tag,— der für immer auf Philipp von Bour bon's Haupte eine Krone befeſtigte, die bis dahin geſchwankt,— hätte mir das Leben gekoſtet. Ich war mit Wunden bedeckt und wurde voll Blut und Staub in mein Zelt gebracht. Lange ſchwebte ich zwiſchen Leben und Tod, bis es dem Allmächtigen gefiel, mich zu erſterem zurückzurufen. Kaum aber vermochte ich mein Schmerzenslager zu verlaſſen, ſo war meine erſte Sorge, mich zum Könige zu begeben, zu dem König, der mir vielleicht einige Dankbarkeit ſchuldig war. Die königliche Familie reſidirte damals wieder im Escurial. Dorthin laſſe ich mich denn auch führen, und, obgleich ſeit jener Zeit mehrere Jahre verſchwunden, die Erinnerungen, die ich be⸗ ſchwöre, leben noch friſch in meinem Gedächtniſſe, als ob meine Seele ihre Eindrücke erſt geſtern oder heute empfangen hätte.“ „Ich trete in den Pallaſt. Sonderbar! obgleich ich meinen Beſuch hatte ankündigen laſſen, der Haus⸗ hofmeiſter läßt ſich nicht blicken, ſtatt, wie es doch ſeine Pflicht erfordert hätte, mir,— als einem Grand von Spanien erſter Klaſſe, als einem Gliede des berühmten Hauſes der Bazan,— entgegenzukom⸗ Aber mehr noch,— als ich an die Treppen komme, ſuchen meine Augen vergebens nach den Helebardier der königlichen Garde, die bei meinem Erſcheinen, nach altherkömmlichem Gebrauche, hätten unter die Waffen treten müſſen. Traurig und über⸗ raſcht begebe ich mich hierauf nach den königlichen Gemächern.“ „Sie wimmelten von Menſchen. Die Großen des Reichs, die Würdenträger waren alle verſammelt, wie bei den feierlichſten Gelegenheiten. Auf jeder Bruſt ſah ich die glorreichen Orden des goldnen Vließes, des heiligen Jacob und den von Alcantara erglänzen. Ungeduldig bis zum Monarchen vorzu⸗ dringen, gelingt es mir nur mit Mühe, mir einen Weg zu bahnen. In dem gleichen Augenblick öffnen ſich die Flügelthüren, und— wie von einem Gedanken 28 . durchblitzt— entblößen alle Gegenwärtigen in tiefer Ehrerbietung ihre Häupter. Ja!— o des Unerhörten! die Granden ſelbſt vergeſſen die heiligen Vorrechte ihres Ranges und verharren unbedeckt.“ „Allein ruhig, in mitten des allgemeinen Schwin⸗ dels, will ich dem ehrwürdigen Herkommen meiner Väter treu bleiben; aber da ruft es aus zwanzig Keh⸗ len: Hut nieder!— den Hut ab!“ und ehe ich noch Zeit habe zu mir ſelbſt zu kommen; finde auch ich mich unbedeckt— ich— der ich bis dahin nur vor Gott mein Haupt entblößt. Zu gleicher Zeit— noch iſt mir's wie im Traume— zu gleicher Zeit ſchallen die Worte in mein Ohr:„Willkommen Mar⸗ quis von Santa⸗Cruz, es freut mich Euch un⸗ ter der Zahl meiner Höflinge zu ſehen.“— Aber!— dieſe Worte richtete der König nicht an mich! auch nicht die Königin! ſondern ein mir unbekanntes weib⸗ liches Weſen.“ N „Erſtaunt rufe ich: Der König erwartet mich, er ließ mir ſagen, daß er mich empfangen wolle.... wo iſt der König? ich will den König ſprechen!— „Der König vermag Euch heute nicht anzunehmen“ — entgegnete mit einem ſcharf charakteriſirenden fran⸗ zöſiſchen Accent ein unbedeutender Menſch, der ſich, wie ich ſpäter erfuhr, von Aubigny nennt;— zeugt Ihrer Hoheit Eure Achtung; ſie hatte die Gnade Euch an des Königs Statt zu empfangen.“ „Ihre Hoheit! wer konnte das Weib ſein, das ſich hier, in dem königlichen Pallaſte Escurial einen Titel anmaßte, der einzig den Infanten Spaniens tbnmt „Plötzlich wurden die Trommeln gerührt, und ein Ruf von tauſend Stimmen ſchallte durch die Lüfte, — ein Ruf, ſo ehrlos, rebelliſch und ſchandbar, daß vor ſeinem Echo, wenn es in der Tiefe des Pan⸗ theons wiederhallte, die Gebeine Karl des Fünf⸗ ten und Philipp des Zweiten in heiliger In⸗ dignation erbeben mußten. Jener Ruf, vergebe mir Gott daß ich ihn wiederhole, war:„Es lebe die Fürſtin Orſini!“ „Ja! Amenzaga, es war jene Franzöſin, jene halbe Italienerin, die unverſchämt genug, die Huldi⸗ gung der Granden, des ganzen, durch ſie zu Vaſallen erniedrigten, Adels entgegennahm. Und der König konnte es zugeben!... O! werdet Ihr jetzt noch erſtaunen, daß ich von jenem Augenblick an jedes Band zerriß, das bis dahin das Haus Bazan an den Hof von Spanien knüpfte,— und daß ich den Dienſt meines Degens verweicherte, da es nicht mehr „aber,“— fuhr er fort—„verbeugt Euch und be⸗ 30 gilt den König zu ſchützen, ſondern zu kämpfen für das Werkzeug, für die längſt verdammte Seele, für die Sclavin der Wittwe Scarron's, der Buhlerin Ludwig des Vierzehnten!“ „Vorſichtig! vorſichtig! Ercellenz,“— ſagte lebhaft aber nur halblaut Amenzaga—„wir ſind hier nicht allein.“ Und dies ſagend deutete der Lientenant auf ſeinen entſchlummerten Kameraden, der eben eine leichte Bewegung gemacht. Aber der Marquis nahm hievon keine Notiz und fuhr nur noch heftiger fort: „Was liegt mir an ihm! und wenn es der König in eigner Perſon wäre, er müßte mich anhören; ich berechtige Jeden, wer es auch ſei, ihm, ſo wie ſeiner Buhlerin meine Worte zu überbringen. Sollte man denſelben aber keinen Glauben ſchenken, ſo bin ich jederzeit bereit, mich ſelbſt in den Pallaſt zu verfügen, und dort, Angeſichts aller Großen, und des ganzen Adels ſie mit lauter Stimme zu wiederholen; dann werde ich aber noch hinzufügen: daß es nur ein Mittel gibt, die hinſterbende Monarchie zu retten und unſer ſchönes Königreich Spanien vor dem Schickſale zu bewahren: eine Provinz Frankreichs zu werden;— dies eine Mittel aber iſt: die Vertreibung der Fürſtin Orſini!“ . —,— — ———— ———— 31 „Viele haben dies große Werk ſchon verſucht, Ercellenz aber Alle ſind unterlegen. Gedenkt der beiden von Eſtrse, des Cardinals und des Abtes, der Edlen von Noailles und von Aguilar, ſelbſt des Herzogs von Orleans. Alle hatten wohl begriffen, daß zur Ausführung einer ſolchen Aufgabe Geſchicklichkeit der Gewalt vorzuziehen ſei, — denn es waren ſtaatskluge Männer,— und die Verſchwörungen, welche ſie anſponnen, um die Fürſtin Orſini zu ſtürzen, waren ſo fein angelegt, daß es für dieſe unmöglich ſchien, ſich herauszuziehen und dennoch wußte ſie alle Bemühungen zu vereiteln; im Gegentheil, ſämmtliche Verſuche ihr die Gunſt des Königs zu entziehen, dienten nur dazu, des Herr⸗ ſchers Wohlwollen für ſie zu befeſtigen. Man glaubte, ſie verdanke ihre Macht und ihr Anſehen der Pro⸗ tektion der Königin: die Königin ſtarb verwichenen Monat, und die Fürſtin iſt noch immer allmächtig.. was ſage ich!.... ſie iſt jetzt mächtiger denn je. Sie iſt es, welche den einer tiefen Melancholie ver⸗ fallenen König in dem Palaſte Medina⸗Coeli einſchließt, woſelbſt ſeine Majeſtät nur Diejenigen ſieht, welche die Fürſtin für gut findet vorzulaſ⸗ ſen, und deren iſt nur eine ſehr kleine Zahl. Man nennt ſie die„Erheiterer“ des Königs. Was die ———— —— 32 Fürſtin Orſini ſelbſt betrifft, ſo vertheilt ſie allein, unter dem Titel einer Vormünderin des Prinzen von Aſturien(da, ſeitdem es keine Königin mehr gibt auch das Hofamt einer Camerera⸗Mayor aufgehört hat), alle Gnadenbezeugungen und Aemter. Sie iſt der erſte Miniſter, das Haupt der Armee, was weiß ich alles? es dürfte ihr einfallen irgend eine Stelle zu bekleiden,— ſie würde ſie ſofort er⸗ halten. Es ſcheint faſt, als ob ſelbſt die Geſetze, welche die Natur regieren, ihr gehorchen müßten. Wißt Ihr, Ercellenz, daß ſie der Jahre ungeachtet, noch immer in wunderbarer Schönheit blüht?“ „Und darüber erſtaunt Ihr?“ „Ich meine, es ſei allerdings zu verwundern.“ „Ich meinestheils“— ſagte der Marquis von Santa⸗Cruz—„ich erſtaune gar nicht darüber. Im Gegentheil, alles was Ihr mir da erzählt habt, beſtärkt mich nur in meiner Meinung. Ich weiß nicht, ob ich am Jahrestage des Todes unſeres Er⸗ löſers davon reden 5 „Thut's nur immer, Erxcellenz. Ich habe oft den ehrwürdigen Pater Robinet, den Beichtvater des Königs, ſagen hören: Wer nicht handeln kann, der rede, es bleibt immer etwas hängen.“ 33 Der Marquis ſchlug ein Kreuz, dann fuhr er, biesmal nur halblaut, fort: „Glaubt Ihr an den Einfluß des Böſen auf Dinge dieſer Erde?“ Der Lieutenant der königlichen Garde erblich und nickte bejahend mit dem Kopfe, nicht ohne vorher einen verſtohlenen Blick nach dem ſchlummernden Franzoſen zu werfen. „Hörtet Ihr nie von Menſchen, welche, irgend einer heftigen und ſündigen Leidenſchaft, wie der Liebe, dem Ehrgeiz, dem Haß verfallen, mit dem böſen Feinde einen hölliſchen Pact abgeſchloſſen?“ In dieſem Augenblicke war es, als habe die Hölle dieſe Worte vernommen und zwinge die Elemente ſie zu beſtätigen. Der Sturm heulte mit verdoppelter Kraft, der Regen goß in Strömen,— und ein heftiger Wind⸗ ſtoß verfing ſich mit ſolcher Macht in dem Saale, daß er unter kläglichen Tönen Kohlen und Aſche des Heerdes zerſtreute, und die Funken ben Sprechenden in's Geſicht und auf die Kleider jagte. Amenzaga war unfähig ſich dem beflemmenden Einfluſſe zu entziehen, welchen von allen Zeiten her außerordentliche Erſcheinungen der Natur auf aber⸗ gläubiſche Gemuther geübt, er ſtotterte daher verwirrt: Orſni. 3 3 34 „Man will es behaupten.“ „Wenn nun ein ſolcher Vertrag abgeſchloſſen iſt, wird es dem betreffenden Menſchen erlaubt und mög⸗ lich, während einer beſtimmten Zeitfriſt, alle göttlichen und menſchlichen Geſetzen unter ſeinen Willen zu beu⸗ gen, und auf dieſe oder jene Perſon einen unſichtba⸗ ren Einfluß zu üben. Dann, indem man von dem gefallenen Engel einen Theil ſeiner Macht erhält, fallen einem auch ein Theil ſeiner lügenhaften Reize zu. Das Blut verdickt ſich in den Adern und man lebt eigentlich nur noch gekünſtelt; man altert daher auch nicht mehr,— aber,— man iſt lebend ſchon todt, und Leib und Seele gehören unwiderruflich dem Satan.“ „Glaubt Ihr denn, dies ſei auch bei der Fürſtin Orſini der Fall?“ „Schwören will ich darauf! Jemand, der dieſes Weib ſchon vor fünfundzwanzig Jahren in Italien gekannt, zur Zeit als ſie an ihren zweiten Mann, den alten Fürſten Bracciano vermählt war, und der ſie ſeitdem nicht wiedergeſehen, verſicherte, nach einer Audienz, die er bei ihr gehabt, auch nicht die leiſeſte Veränderung an ihr bemerkt zu haben. Glaubt mir, mein würdiger Amenzaga, der Vertrag beſteht, und ſie hat ſich dem Teufel übergeben, um Spanien nach Herzensluſt regieren zu können. Möge Gott 3 Euch gnädig ſein, damit ſie Euch nicht mit hinabzieht in den hölliſchen Pfuhl!“ Ein lautes Lachen erſchallte hier an der Seite der Sprechenden. Beide blickten ſich überraſcht um. Es war der junge franzöſiſche Edelmann geweſen, der noch immer auf der Bank lag und ſchlief, oder doch zu ſchlafen ſchien. Der Sturm hatte ſich unterdeſſen gelegt, und die Sonne fing an, nachdem ſich die Wolken zerſtreut, durch die eiſernen Gitter der kleinen Fenſter, durch welche der Poſada Luft und Licht zugeführt wurden, parſam einzufallen. Jetzt eben goß ſie ihre freund⸗ lichen Strahlen über das Antlitz des ſchönen Schläfers. Der Marquis von Santa⸗Eruz beugte ſich mit einem Ausdruck des Zweifels und mit drohender Miene über ihn. Eine kleine Pauſe erfolgte. Da erſchallten plötzlich von Außen her die Klänge einer Mandoline, zu welcher eine volltönende Stimme ein aragoniſches National⸗Lied ſang,— jenes unſelige National⸗Lied, welches ſpäter, nach einem Jahrhun⸗ dert, ſo manchem Sohne Frankreichs zum Grabge⸗ ſange ward: Madonna liebt ihr Aragon, O hört! ihr mahnend Wort: 36 „Was dient Ihr Frankreichs ſtolzem Sohn, „Jagt die Tyrannen fort.“ Madonna liebt ihr Aragon, Sieg! kündet Euch ihr Wort! Der greiſe Marquis zitterte, ſeine tiefliegenden Augen funkelten, und eine Thräne der Begeiſterung perlte in den grauen Bart, während ſeine Hände den Griff des Schwertes krampfhaft preßten. Als das Lied verſtummt, erhob er ſich raſch: „Das Wetter hat ſich aufgeklärt,“— ſagte er alsdann finſter,—„der ſtarke Wind, den wir hat⸗ ten, wird die Wege abgetrocknet haben, ich will dieſen Umſtand zum Fortſetzen meiner Reiſe benutzen. Heute Abend muß ich zu Ariza übernachten, wenn ich bis zu Oſtern in Saragoſſa ſein will, die ich im Kloſter Madonna-del-Pilar zu feiern gedenke. Möge Gott Euch ſchützen, mein tapfrer Amenzaga, und Spa⸗ nien bald von dem Regimente der Fürſtin Orſini befreien!“ Mit dieſen Worten reichte der Marquis von Santa⸗Cruz ſeinem alten Waffengefährten die Hand, und wandte ſich darauf der Thüre zu;— ehe er dieſelbe aber noch erreicht, vertrat ihm der junge Franzoſe den Weg. „Entſchuldigt, Ercellenz“— ſagte er in ſpaniſcher Sprache, mit einem leichten Anfluge franzöſiſchen Accents—„Vergebung, wenn ich Euch auf einen Augenblick ſtöre, ich habe Euch nur zwei Worte zu ſagen.“ „Laßt hören?“— entgegnete Santa⸗C ruz fin⸗ ſter, ohne ſich jedoch im Geringſten in ſeiner uner⸗ ſchütterlichen Ruhe ſtören zu laſſen.—„Was begehrt Ihr,— ich eile!“ „Ich weiß es,“— ſagte der junge Mann lächelnd, —„ich will Euch gar nicht viel Zeit hinwegnehmen, darüber könnt Ihr ſicher ſein. Mein Herr is von Santa⸗Cruz, wißt Ihr, wer ich bin?“ „Nein,— ich verlange auch gar nicht darnach, es zu wiſſen.“ „O doch! Ihr müßt es wiſſen. Ich bin der Vi⸗ comte von Gondreville, Fahnenjunker der Haus⸗ truppen ſeiner Majeſtät Ludwig des Vierzehnten. Mein Vater, der ſehr jung ſtarb, hatte die gleiche Stellung. Außerdem habe ich einen Onkel mütterlicherſeits, der Marſchall von Frankreich iſt. Seid Ihr nun über⸗ zeugt, daß ich aus gutem Hauſe bin?“ „Ich muß es wohl glauben, weil Ihr es ſagt; aber weiter und zwar raſch.— Was wollt Ihr von mir?“ „Lieber Gott! die einfachſte Sache von der Welt. Ich wollte Euch einzig erſucht haben, ehe Ihr nach Saragoſſa geht, Euch ein wenig den Hals mit mir zu brechen. Ihr erſtaunt?“ „Nicht im Geringſten, da ich Euch eben den glei⸗ chen Vorſchlag machen wollte.“ „Prächtig, auf Ehre!— das geht nach Herzens⸗ luſt. Ein Franzoſe hätte nicht beſſer antworten kön⸗ nen. Herr Marquis von Santa⸗Cruz, ich ver⸗ ſichere Euch meiner vollkommenſten Hochachtung.“ „Aber wie?“— rief Amenzaga erſtaunt,— „wo tIhr Euch denn mit der ganzen Welt ſchlagen? Ihr vergeßt wahrſcheinlich, daß Ihr ſchon mit mir eine Ehrenſache auszufechten habt.“ „Nein! durchaus nicht, mein Edler. Aber Ihr werdet begreifen, daß der General dem Lieutenant vorgeht. Jeder zu ſeiner Zeit. Bin ich erſt mit dem Marquis fertig, ſtehe ich mit Vergnügen zu Dienſten.“ „Aber wenn Euch der Marquis nun tödtete?“ „Beruhigt Euch, hochedler Amenzaga, ich bin Ehrenmann genug, um in dieſem Falle, ſelbſt aus der anderen Welt wiederzukommen, um mich Euch zu ſtellen.“ Amenzaga ſchüttelte bei dieſen verwegenen Worten den Kopf, mit einem noch entſchiedeneren Ausdrucke des Mißtrauens als bisher. 39 Gondreville wandte ſich zu Santa-Cruz: „Jetzt!“— ſagte er mit einem Lächlen, welches Amenzaga wahrhaft teufliſch ſchien,—„erlaubt mir, Euch in wenig Worten den Grund meiner Heraus⸗ forderung auseinanderſetzen zu dürfen; denn man muß doch immer eine Urſache haben, um ſich gegen⸗ ſeitig den Hals abzuſchneiden. Alſo die meine;— beliebt es Euch dann, könnt Ihr mir nach die Eure ſagen. Ich bin der herausfordernde Thei muß daher anfangen. So eben habt Ihr nehmlich in Ausdrücken, die beleidigend waren, von einer Per⸗ ſon geſprochen, die ich von ganzem Herzen ehre und achte, obgleich ich noch nicht ſo glücklich bin, ſie per⸗ ſönlich zu kennen,— einer Perſon, welche Frau von Maintenon, meine erhabene Beſchützerin, achtet und liebt,— habt Ihr mich verſtanden, Herr Marquis? — Außerdem habe ich mir, ehe ich Spaniens Gränze überſchritt, gelobt, Jedem, der von der Fürſtin Or⸗ ſini Uebles rede, beide Ohren abzuſchneiden, wenn ich es mit einem gemeinen Manne, oder ihm den Hals im Zweikampfe zu brechen, wenn ich es mit einem Edlen zu thun bekommen würde. Ihr ſeid Edelmann aus einem berühmten Ceſchlechte, ich bin es auch, das trifft ſich wie gerufen. Jetzt Euren Grund?“ 40 „Ich ſuchte eben nach einem, Ihr gebt mir ihn an die Hand. Zeden Freund der Fürſtin Orſini betrachte ich als meinen Todfeind.“ „Zum Henker!“ rief Gondreville—„das iſt unvergleichlich!— Ziehen wir!“ und ſeinen Degen aus der Scheide reißend ſetzte er, indem er auf Amen⸗ zaga zeigte, hinzu:„Der Herr wird ſo gefällig ſein uns Beiden als Zeuge zu dienen. Achtung! Herr arquis, aufgepaßt!“ Santa⸗Cruz, der während der ganzen Scene ſeine Ruhe und ſeinen Gleichmuth auch nicht einen Augenblick verloren, ſprach auch jetzt kein Wort. Mit feierlicher Miene winkte er A menzaga, ihm bei dem Auffrappen und Ablegen des Mantels behülflich zu ſein, der ihn in ſeinen Bewegungen hindern konnte; dann zog auch er ſein langes Schwert und ſchickte ſich an, deſſen Klinge zu erproben, während er leiſe ein Gebet murmelte. Alle dieſe Vorbereitungen wurden aber ſo lang⸗ ſam und feierlich vorgenommen, daß der junge Vi⸗ comte von Gondreville, nachdem er mehrere Zeichen der Ungeduld gegeben, endlich ſeine Arme übereinanderſchlug und nun in dieſer Stellung dem Marquis lächelnd zuſah, während er eine Arie aus irgend einer Oper halblaut vor ſich hintrillerte. Aber dieſe Arie mußte wohl bei dem Marquis plötzlich eine wichtige Erinnerung wecken; denn ſeine kalten und ſtrengen Züge verfinſterten ſich noch mehr, er ſchlug von Neuem das Zeichen des Kreuzes, und ſteckte ganz ruhig ſein Schwert wieder in die Scheide. „Zum Henker!“— rief der Vicomte, als er dies ſah,—„Ihr vergeßt, Herr Marquis, daß ich die Ehre habe auf Euren Angriff zu warten.“ „Möglich,“— verſetzte Santa⸗Cruz,—„Ihr aber vergeßt, daß es heute Charfreitag iſt, und daß es die Feier eines ſolchen Tages entwürdigen hieße, wollte man ihn einem Dyuell weihen.“ „Es iſt wahr,“— fügte Amenzaga hinzu,— „man muß die Sache verſchieben. Wir, mein Herr, wir ſind Chriſten.“ 6 „Was ſoll das heißen?“— frug heftig der Vi⸗ comte.—„Haltet Ihr denn in Eurem Spanien den Zweikampf für ein Vergnügen? Alle Teufel, ſo weit haben wir's in Frankreich noch nicht gebracht, wenn es auch nicht erlaubt iſt, den Charfreitag zum Tanz und in das Theater zu gehen, ſo meine ich doch, man könnte zum Sterben gar keinen beſſeren Tag wählen. Wer weiß ob dies Schickſal nicht heute noch Einen von uns dreien trifft? Beruhigt Euch daher, Herr Marquis, iſt's Sünde, nehme ich ſie auf mich. Eine ——— ——— — ———— Se— 42 mehr oder weniger! der liebe Gott wird es nicht ſo genau nehmen, wenn man deren ohnedem in Ueber⸗ fluß hat. Auf! Donnerwetter! zieht Euren Flam⸗ berg und raſch! Ihr ſagtet ja, Ihr hättet Eile.“ „Ihr habt recht, ich muß ſogleich nach Sara, goſſa aufbrechen; bei meiner Zurückkunft aber werde ich mich, wo Ihr wollt, zu Eurer Verfügung ſtellen, und Ihr werdet alsdann finden, daß Ihr bei dem Verzuge nichts verloren habt.“ Noch hatte der Marquis die letzten Worte nicht beendet, als der Wirth, durch den Lärm herbeigerufen, auf der Schwelle der Thüre erſchien. „Du kommſt wie gerufen,“— ſagte bei ſeinem Anblick der Marquis,—„laß ſogleich die Mauleſel vor meinen Wagen ſpannen, und meine Tochter da⸗ von benachrichtigen.“ Ein ſpitzbübiſches Lächeln zuckte um den Mund des Wirthes, der, nachdem er rechts und links ver⸗ ſtohlene Blicke geworfen, in anſcheſid bewegtem Tone ſagte: „O! gnädiger Herr, ſeid überzengt, daß es mich ſchmerzt, einem Reiſenden, den ich auf das Tiefſte verehre und achte, nicht in Allem Folge leiſten zu können. Was die Senora betrifft, ſtehe ich zu Dienſten, unmöglich aber iſt es mir, Eurer Excellenz friſche Maulthiere zu geben.“ „Wie ſo?“— unterbrach hier der Marquis den Sprechenden heftig, und ſein Phlegma ſchien diesmal ſtark erſchüttert.„Will man die Thiere zurückhalten?“ „Ercellenz! ich habe den Befehl erhalten, Nie⸗ manden welche zu verabfolgen, der nicht eine, von ihrer Hoheit der Fürſtin Orſini unterzeichnete Be⸗ vollmächtigung vorzeigt? Habt Ihr eine ſolche, gut! — wo nicht?— gibt's keine Maulthiere.“ „Verdammt!“— rief Santa⸗Cruz.—„Schon wieder dies Weib! Soll ich ſie denn überall auf meinem Wege finden?“ Und er durchſchritt heftig den Saal mit den Füßen zornig aufſtampfend. Der junge Vicomte von Gondreville, der Zeuge dieſer Scene geweſen, näherte ſich jetzt dem Mißvergnügten. „Herr Marquis,“— ſagte er darauf—„ich be⸗ daure Euch von ganzer Seele. Ihr werdet Euch in dieſer elenden Herberge ſchmählig langweilen. Ueber⸗ legt bei dieſer Gelegenheit, ich bitte Euch darum, ob es Euch jetzt nicht vielleicht gefällig, den Zeitvertreib anzunehmen, den ich die Ehre hatte Euch ſo eben anzubieten. Siſt immer ein Mittel, die Zeit ein wenig todt zu ſchlagen. Nun? was meint Ihr?“ „Ich meine... daß ich auf der Stelle abreiſen muß, verſteht Ihr, und daß mir dieſer elende Wirth, gutwillig oder mit Gewalt, Maulthiere geben wird, und ſollte ich ſelbſt ſie anſpannen müſſen. Vorwärts! Vorwärts!“ Im gleichen Augenblicke faßte der Marquis den Wirth am Kragen, indem er ihm zugleich mit einem befehlenden Zeichen andeutete, vor ihm herzugehen. Der arme Wirth hatte einen üblen Stand ge⸗ hörte doch der Marquis zu jenen ſtarren Charak⸗ teren, die, einmal entſchloſſen, vor keinem Hinderniß zurücktreten. Glücklicherweiſe für ihn erhielt er uner⸗ wartet Hülfe. „Halt!“— rief nämlich der Vicomte von Gon⸗ dreville,— ℳch nehme dieſen Menſchen unter meinen Schutz. Zum Henker! Herr Marquis, wollt Ihr die Befehle der Fürſtin Orſini überſchreiten? — Das geht nicht ſo, und da Gewalt erfordert wird, ſo ſeht mich hier bereit. Ihr bekommt keine Maul⸗ thiere. Ich widerſetze mich dem!“ „Beim Blute Chriſti! ich werde ſie bekommen!“ „Das wollen wir ſehen!“ „Das iſt zu viel, meine Gedulh iſt erſchöpft, und 5 da Ihr Alles aufzuſuchen ſcheint, um mich zu reizen, ſo ſollt Ihr Euren Willen haben! Achtung! Aufge⸗ ſchaut, vertheidigt Euch, Herr Franzoſe!“ „Endlich! zu allen Teufeln, das nenn ich doch einmal ſprechen, Herr Spanier! Das hat Mühe ge⸗ koſtet, was thut's! beſſer ſpät wie gar nicht.“ Und in demſelben Momente trafen ſich die Waf⸗ fen der beiden Gegner klirrend, während Don Fe⸗ lipe Amenzaga ſich zitternd bekreuzte. —— ——— Drittes Kapitel. Der Groß-Inquiſitor und der Geſandte. „Herr Marquis,“— rief Gondreville im⸗ mer ſcherzend,—„parirt dieſen Stoß!“ „Parirt Ihr dieſen!“— entgegnete Santa⸗Cruz immer ernſt. „Nun, Ihr macht Eure Sache nicht ſchlecht!— Ich ſehe, daß ich es mit einem Gegner zu thun habe, der meiner würdig iſt. Ich bin nur nicht an ſo viel Kaltblütigkeit gewöhnt, und das verwirrt mich. Luſtig, ein wenig mehr Hitze, wenn es Euch gefällt, Herr Marquis; wünſcht Ihr vielleicht, daß ich Euch unter der Hand ein Madrigal zu Ehren der ſchönen Für⸗ ſtin Orſini herſage.“ „Nehmt Euch in Acht, daß ich Euch dieſen ver⸗ ſluchten Namen nicht mit ſechs Zoll Eiſen zurück in den Schlund jage!“ —————————— „Alle Teufel! ſeid Ihr deſſen ſo gewiß; aber ich hoffe Ihr ſeid gnädig.“ Und der Vicomte, der die große Kunſt zu fechten meiſterhaft zu verſtehen ſchien, ſuchte nur leichthin ſeinen Gegner zu entwaffnen. Aber es gelang ihm nicht, und ſelbſt hart bedrängt, fing er an ſich ernſt⸗ licher zu vertheidigen, und zwar ſo geſchickt, daß er den Marquis von Santa⸗Cruz bei einem Gegen⸗ ſtoß an der Hand durch einen tiefen Einſchnitt ver⸗ wundete, aus dem das Blut ſogleich reichlich hervor⸗ pritzte. Jetzt glaubte Amenzaga füglich vermittelnd einſchreiten zu dürfen, damit der Zweikampf, ſo⸗ ſobald Blut gefloſſen, geſetzlich ende. Der Vicomte neigte auch in der That ſeinen Degen; aber ſein Gegner gab ihm ſtolz ein Zeichen ihn wieder zu he⸗ ben, und der Kampf begann nun abermals; jetzt aber mit einem Ernſt, der ihm bis dahin fern ge⸗ blieben. Beide Duellanten hatten ihren gegenſeitig ſchweren Stand eingeſehen, und Keiner ſprach daher ein Wort mehr. Jeder maß mit Schnelligkeit die Blitze, in welchen das Eiſen flammte, das ſich mit dem ſeinen kreuzte, und es blieb ſchwer zu entſchei⸗ den: was mehr leuchtete, die Augen der Kämpfenden oder deren Degen. 48 Während deſſen hatte der Sänger ſein Liedchen wieder angeſtimmt, und zu den Tönen der Mandv⸗ line ſchallte es abermals: Madonna liebt ihr Aragon, O hört! ihr mahnend Wort: „Was dient Ihr Frankreichs ſtolzem Sohn, „Jagt die Tyrannen fort.“ Madonna liebt ihr Aragon, Sieg! kündet Euch ihr Wort. Es war zu gleicher Zeit eine höchſt ſonderbare und ſchreckliche Scene: dieſer Kampf auf Tod und Leben in mitten des dunklen Saales einer elenden Herberge. Das Klirren der Degen ſchien eine feier⸗ liche Begleitung zu den weichen Tönen der Mando⸗ line und dem kühnen Sange des Aragoniers. Amenzaga folgte mit Beſorgniß allen Bewe⸗ gungen der Kämpfenden und blickte von Zeit zu Zeit nach dem Himmel, deſſen glänzendes Blau freundlich durch die engen Fenſter lachte. Der Wirth ſelbſt hatte ſich bleich und zitternd gegen die Wand da ihm ſeine Füße den Dienſt verſagten. Plötzlich ertönte ein halberſtickter Schrei, dem un⸗ mittelbar der Lärm eines auf den Boden ſtürzenden Körpers folgte. Der Vicomte von Gondreville hatte eine —* — tiefe Wunde mitten in bie Bruſt erhalten, aus wel⸗ cher das Blut in rothen warmen Wellen hervorſchoß, die ſeine Kleider überflutheten. Aber faſt im gleichen Augenblicke hatte ſich auch tie Thure des Saales geiffnet, und durch dieſebe ſchaute, halb unter den wallenden Falten einer ſchwarzen Mantille verborgen, das lieblichſte Mäd⸗ chen, welches man ſich nur denken kann,— ein bräunliches träumeriſches Geſichtchen, in welchem ſich das friſche Roth der aufblühenden Roſe mit dem reizenden Dunkel des ſüdlichen Teints zauberiſch miſchte, und in ſeinen Tinten an die Jungfrauen des Generalif und der Alhambra erinnerte. Amenzaga erbebte, und vergaß auf einen Au⸗ genblick das ſchreckliche Schauſpiel, von welchem er eben Zeuge geweſen; für einen Augenblick riß ihn der Zauber, den das aufblühende Leben, die Jugend und die Schönheit über das Antlitz des achtzehnjäh⸗ rigen Kindes gegoſſen, mit ſich fort, und ließ ihn 3 vergeſſen, daß zu ſeinen Füßen bereits ein ſchwerer Todeskampf begonnen. Aber er hatte auch noch nie ſo viel Grazie und Reize vereinigt geſehen. Nach einem Blick voll Schüchternheit und Angſt, 3 von zwei großen Augen, deren Feuer kaum die langen Orſini. 4 ſchwarzen Augenwimpern mäßigten, in das Innere des Saales geſandt,— trat das Mädchen zögernd herein. Kaum aber hatte ſie hier den Verwundeten erblickt, als ſie, jenem Zuge zarten Mitgefühls, lieb⸗ reicher Barmherzigkeit folgend, den Gott in die Herzen aller Frauen gepflanzt, neben dem Unglücklichen nie⸗ derſtürzte, und mit ihrem Taſchentuche den des Blutes zu ſtillen ſuchte. Während deſſen hatte Santa⸗Cruz ſein blu⸗ tiges Schwert mit der größten Ruhe abgewiſcht und in die Scheide zurückgeſtoßen. „Mein Kind!“ ſagte er hierauf, ſich an das Mäd⸗ chen wendend,„überlaſſe dieſe Sorge dem Chirurgen, der ſich auf dieſe Dinge beſſer wie Du verſteht, und nachdem man ſogleich ſenden muß. Jetzt hält uns hier nichts mehr zurück. Holla!— Wirth!— Holla! — ſchnell, laßt die Maulthiere vor meinen Wagen ſpannen. Nun, Elender, habt Ihr mich nicht ver⸗ ſtanden?“ Der Wirth, mehr todt als lebendig rief einen ſeiner Knechte, dem er leiſe etwas zuflüſterte, und warf ſich ſodann vor dem Marquis auf die Kniee nieder. „Excellenz!“ rief er,„ich bin bereit Euch zu ge⸗ horchen, aber im Namen aller Heiligen des Para⸗ 51 dieſes, habt Barmherzigkeit mit einem armen Teufel, der ſicher wegen dieſem Ungehorſam gegen die Be⸗ fehle der Fürſtin Orſini gehenkt wird.“ „Ha! das iſt zu viel! Thut was ich Euch geſagt habe, oder... Indem der Marquis von Santa⸗Cruz dies ſagte, hörte man von außerhalb den Lärm eines heranſprengenden Pferdes, das, wie es ſchien, ſofort vor der Poſada anhielt. Faſt im gleichen Augenblicke trat ein Courier, ge⸗ ſtiefelt und geſpornt, die Peitſche in der Hand, in den Sagl. ⸗ „Raſch!— Raſch!“ rief der neue Ankömmling, indem er mit der Peitſche knallte,„ſind die Thiere geſattelt? Schnell ſage ich! eilt Euch! denn mein Herr folgt mir auf dem Fuße.“ „Die Thiere!“ ſtammelte der Wirth kaum ver⸗ nehmbar und warf einen ängſtlichen Blick nach den ſtrengen und finſteren Zügen des Marquis. „Ja! ja! die Thiere, die Maulthiere“ entgegnete der Courier,„was zögert Ihr denn? Verflucht! mein Herr hat keine Zeit zu warten. Aber— ja ſo— ich dachte nicht daran.... und damit zog er ein Pergament aus ſeinem Gürtel und hielt es dem Wirth mit den Worten hin,„Ihr traut mir vielleicht nicht? 52 Schaut her!— hier der Befehl von der Hand Ihrer Hoheit der Fürſtin Orſini ſelbſt geſchrieben.“ „Schon wieder ſie!“ rief der Marquis.„Miſcht ſich denn die Hölle hinein! Wo iſt Dein Herr, Cou⸗ rier, ich will Deinen Herrn ſprechen.“ „Barmherzigkeit!“ ſchrie hier der Wirth zitternd auf.„Wollen denn Erxcellenz auch den...2“ „Vergebt, mein Herr Reiſender“ fiel der Courier ein,„ich habe keine Zeit zum ſchwätzen; ich muß eilen, die weiteren Relais zu beſtellen. Außerdem, wenn Ihr meinen Herrn ſprechen wollt, werdet Ihr nicht lange warten dürfen, denn ich höre ſchon in der Ferne ſeinen Wagen. Gott befohlen, geſtrenger Herr! Und. Ihr, Wirth, ſtatt mich von Kopf bis zu Fuß anzugaffen, tummelt Euch lieber und haltet Eure Maulthiere bereit, wenn Ihr Euch nicht unglücklich machen wollt.“* Der Wirth, der um jeden Preis Zeit gewiunen wollte, hielt den Courier beim Arme feſt. „Halt! Freund!“— ſagte er ſodann—„Ihr werdet mich doch nicht verlaſſen, ehe ich Euch den Abſchiedstrunk gereicht. Ich habe einen Wein, einen Eſtremadura, der köſtlich mundet, und einen Cavalier im Sattel hält, daß es eine Luſt iſt,— Ihr werdet gleich ſehen....“ „Unmöglich!“— verſetzte der Reiter,—„ich habe ſchon zu lange gezögert. Auf Wiederſehn! Vorwärts! Vorwärts! und Ihr, Wirth, denkt an die Maulthiere.“ Und mit ſeiner Peitſche knallend eilte er hinaus, ſchwang ſich in den Sattel und flog im Galopp davon. Während dieſer Zeit war es Amenzaga, nicht ohne große Mühe, gelungen, den Verwundeten halb aufzurichten, und mit dem Rücken an die Mauer zu lehnen. Noch war er ohne Beſinnung, noch kniete das Mädchen, welches wir oben erwähnt, an ſeiner Seite, und ſuchte ſo gut es gehen wollte, das Blut zu ſtillen, das ohne Unterlaß der Wunde entquoll, als ein Knecht eintrat, und den einzigen Wundarzt mit ſich brachte, welchen das Oertchen Fadraque beſaß. Der Mann kniete ebenfalls nieder, unterſuchte die Wunde aufmerkſam, ſtand aber dann raſch auf und ſagte: „Hier kann ich nichts thun, der Verwundete hat nur noch eine Stunde zu leben, ſendet nach einem Prieſter.“ „Nach einem Prieſter!“— lispelte das Mäbchen, indem ſie ſich voll Mitleiden über das Antlitz des Verwundeten beugte, das die ſchwarzen Flügel des ——— X —— 54 Todes ſchon überſchatteten.„So iſt es denn um ihn geſchehen, und keine Hoffnung mehr vorhanden!“ Aber es ſchien, als ob es der Wille des Allbarm⸗ herzigen ſei, daß der Sterbende, dem menſchliche Kunſt Hülfe und Rettung verſagten, wenigſtens den geiſtigen Troſt nicht entbehren ſolle; denn im gleichen Augen⸗ blick öffnete ſich die Thüre des Saales abermals und hereintrat ein Mann, deſſen kirchliche Kleidung der Reiſemantel nicht ganz zu verbergen im Stande war. „Da kommt ja gerade der Rechte!“— ſagte der Wirth mit beklommener Bruſt. Bei dieſen Worten wandte Amenzaga, der bisher den Verwundeten traurig angeſchaut, den Kopf und warf unwillkürlich einen Blick nach dem neuen Ankömmlinge. Im ſelben Augenblick aber fuhr er zitternd zu⸗ ſammen, Todtenbläſſe wechſelte in ſeinem Antlitze mit hohem Roth, und ſeine Kniee wankten. „Was iſt Euch?“— frug ihn leiſe der Marquis von Santa⸗Cruz, dem Amenzaga's Verwir⸗ rung nicht entgangen. „Ercellenz!“— ſtotterte dieſer—„wie? kennt Ihr den Mann nicht wieder, der eben eintrat und ſich nun dem Feuer nähert?“ „Nein, ich weiß nicht....“ —— — „Es iſt“— flüſterte Amenzaga—„„es iſt ſeine Heiligkeit der Cardinal⸗Groß⸗Inquiſitor.“ . Der Wirth, der keines der Worte verloren hatte, ſtürzte bei dieſer Eröffnung mit allen Zeichen eines grenzenloſen Schreckens zur Erde;— nur Santa⸗ Cruz blieb auch jetzt ruhig und kalt. Er trat ſofort auf den Cardinal zu und ſagte: „Hochwürdigſter Herr! die göttliche Vorſehung ⁰ ſendet Euch hieher. In einem ſonderbaren Zwei⸗ kampfe hatte ich das Unglück, jenen fremden Edel⸗ mann, der dort neben dem Heerde liegt, zu verwun⸗ den, und zwar ſo, daß er, nach des Chirurgen Aus⸗ ſage, auf dem Punkte ſteht ſeine Seele auszuhauchen. Es wäre ein Beweis Eurer Güte, Hochwürdigſter, wenn es Euch gefallen würde, einige Augenblicke hier zu verweilen, und ihm die letzten Tröſtungen der Religion zukommen zu laſſen.“ Der Groß⸗Inquiſitor zog bei dieſer Anrede die Augenbrauen finſter zuſammen. Nachdem ſie geen⸗ det, warf er auf den Sterbenden, der gerade ſeine Augen ein wenig geöffnet und für Minuten zu ſich gekommen ſchien, einen faſt wilden Blick, dann ſagte er dürr und entſchieden: „Ich vermag Eurem Wunſche nicht nachzukom⸗ men; wendet Euch an den Prieſter des Orts.“ — = ——— — ——— „Es iſt heute Charfreitag, Hochwürdigſter,“— entgegnete Santa-Cruz,—„und ehe der Geiſt⸗ liche dieſes Oertchens die Kirche verlaſſen kann, wo⸗ ſelbſt ihn ſeine Pflicht jetzt noch zurückhält, wird der Verwundete allem Anſcheine nach den Geiſt aufge⸗ geben haben. Mögen Eure Eminenz Erbarmen mit ihm haben. Es gilt eine Seele zu retten.“ „Ich wiederhole Euch, daß ich keine Zeit hier zu verlieren habe. Ich ſtieg nur ab, um neuen Vor⸗ ſpann zu nehmen, und muß ſogleich wieder weiter reiſen. Mein Courier hat die Thiere bereits beſtellt. Lebt wohl!— Zwei Worte aber zum Abſchiede: Wenn Euch Euer Leben lieb iſt,— dem Einen wie dem Anderen,— ſo hütet Euch wohl, eine Sylbe von dieſem Zuſammentreffen zu verrathen, und ver⸗ geßt, daß Ihr am Charfreitag des Jahres der Gnade 1741, dem Cardinal⸗Groß⸗Inquiſitor begegnet. Denkt, in dieſer Beziehung an die Hebräer, die der Herr mit dem Tode ſtrafte, weil ſie ſich ihrer Augen bedient, und zittert, daß ſich ihre Hoheit die Fürſtin Orſini, deren unterthänigſter Diener ich bin, ſich in dieſem Falle jener Bibelſtelle nicht erinnere.“ Und mit dieſen Worten grüßte der Cardinal die Anweſenden mit einem Lächeln voll grauſamer Jronie und verließ den Saal. ——— Einige Secunden ſpäter hörte man das Rollen eines Wagens, der ſich entfernte und die Schellen der Maulthiere, deren monotones Geläute ſich mit dem Lärm der Räder miſchte. Der Marquis und Amenzaga ſtanden wie ver⸗ ſteinert, und Jeder frug ſich im Stillen, ob denn dies nicht alles nur ein Traum ſei und ob denn dies wirklich der gefürchtete Cardinal⸗Groß⸗Inquiſitor ge⸗ weſen, der ihnen eben in dieſem elenden Dorfe Alt⸗ Caſtiliens an einem Charfreitage erſchienen;— oder ob nicht vielleicht gar der Böſe ſelbſt die Geſtalt und die Züge des Groß⸗Würdenträgers der ſpaniſchen Kirche angenommen habe, einzig um ihnen einen Streich zu ſpielen. Unterdeſſen athmete der Verwundete immer noch; aber nur ein dumpfes, ſchmerzliches, grauſenerregendes Röcheln kam aus ſeiner Bruſt, und man mußte jeden Augenblick ſeine Auflöſung erwarten. Man hatte nach dem Prieſter des Orts geſandt, dem man nun mit Angſt entgegenſah; da man ſich nicht der Furcht entſchlagen konnte, daß er zu ſpät kommen möchte. Der Zuſtand des Sterbenden ward von Minute zu Minute ſchlimmer. Plötzlich erſchallte neues Peitſchenklatſchen in der etwas ganz⸗ Außergewöhnliches zugetragen hat.“ Ferne, und es hielt abermals ein Wagen vor der Thüre der Poſada. Ein Mann ſtieg aus. Diesmal war es kein Geiſtlicher, ſondern der Pracht und dem Reichthum der Kleidung nach zu ſchließen, ein Hof⸗ mann. Außerdem folgten ihm mehrere reichgekleidete Diener. Auch er ſchritt dem Heerde zu, um ſich zu erwär⸗ men; denn war auch die Sonne wieder am Himmel erſchienen, die Maſſen Hagel und Regen, die während des ganzen Morgens gefallen, hatten die Luft auf⸗ fallend kalt gemacht, und gegen den eiſigen Nord⸗ Oſt⸗Wind gewährte auch der hermetiſchſt geſchloſſene Wagen nur einen ſchlechten Schutz. Aber welche Bedürfniſſe auch den Neuangekom⸗ menen hieher getrieben haben mochten, er ſuchte vor allen Dingen ſeine erſtarrten Glieder zu erwärmen 3 bemerkte aber nichts deſtoweniger ſogleich die tiefe Verwirrung, die ſich auf den Geſichtern aller Anwe⸗ ſenden kund gab, und da er allem Anſcheine nach mittheilender als der Cardinal⸗Groß⸗Inquiſitor war; ſo winkte er dem Wirth näher zu treten und ſagte: „Nun, Burſche, was ſiehſt Du mich denn mit einer ſolchen Miene des Schreckens an? Man darf Dich nur betrachten, um zu wiſſen, daß ſich hier 46 Bei dieſen Worten konnte der Wirth, dem die ſchreckliche Ermahnung des Cardinal⸗Groß⸗Inquiſitors noch in den Ohren klang, ein convulſiviſches Zittern kaum verbergen; er ſtotterte daher kaum verſtändlich. „Vergebung, Ercellenz.... es hat ſich in meiner Poſade. nur. etwas ganz Gewöhnliches zu⸗ getragen.... Fragt nur dieſe Herrn.“ „Wirklich!“— verſetzte der Reiſende und ließ die Blicke über ſeine Umgebung ſchweifen.—„Ich habe große Luſt nach dem Alcaden des Dorfs zu ſenden, um dies Geheimniß aufzuklären. Ich wette ſeine Ge⸗ genwart wäre hier nicht unnöthig. Aber was ſeh' ich? Ein Verwundeter?.... O Himmel!... Täuſchen mich meine Erinnerungen nicht, ſo iſt es Herr von Gondreville!“ Der Reiſende war mit dieſen Worten auf den Vicomte zugeeilt, der wie es ſchien, bei deſſen Erſchei⸗ nung ſich ebenfalls wieder etwas belebt und verge⸗ bens verſucht hatte einige Worte zu ſprechen. Zugleich aber erſchrack auch Amenzaga bei dem nähern Anſchauen des letzt gekommenen Reiſenden nicht wenig und rief laut und erſtaunt: „Himmliſche Güte! der Geſandte Frankreichs! der Marquis von Brancas.“ „Schon wieder ein Anderer!“— murmelte der Wirth außer ſich.—„Ach! welch' ein Tag!—.. Herr! mein Gott! welch ein Tag!“— „Meine Herrn!“ ſagte hierauf der Marquis von Brancas,(denn dieſer war der Reiſende in der That), da Euch mein Name bekannt iſt, wer⸗ det Ihr nicht erſtaunen, wenn ich, in meiner Ei⸗ genſchaft als Stellvertreter des Königs von Frank⸗ reich, von allen Denjenigen, die hier gegenwärtig, ſtrenge Rechenſchaft über die Lage fordere, in welcher ich einen der treueſten Unterthanen meines Herrn hier ſinde 4 Zu gleicher Zeit wandte ſich der Geſandte zu einem ſeiner Diener, augenſcheinlich ihm Befehle zu ertheilen, als ihn der Verwundete beim Arm faßte und den Umſtehenden durch ein Zeichen andeutete, ſich etwas zurückzuziehen. Als dies geſchehen, neigte er ſich mit großer Kraft⸗ anſtrengung zum Ohre des Geſandten und flüſterte demſelben einige kaum vernehmbare Worte zu. Den⸗ noch ſchienen ſie von dem Marquis von Brancas ſogleich verſtanden worden und zugleich für ihn von ſehr großer Wchtigkeit zu ſein; denn er ſchlug ſich vor die Stirne, drückte noch einmal die Hand des 3 SSterbenden und eilte wie raſend aus der Poſada. 1 Amenzaga und der Marquis von Santa⸗ 61 Cruz wechſelten zuſammen Blicke der Ueberraſchung. Sie waren Beide wie betäubt. Was Gondreville betrifft, ſo hatten ſich ſeine erlöſchenden Augen noch einmal geöffnet, und ſeine Blicke fielen jetzt zum erſtenmale auf das Mädchen, das ſtumm und unbeweglich, das ſchöne Haupt nach ihm geſenkt, noch immer zu ſeiner Seite kniete, und mit dem Ausdruck des Schmerzes und der Trauer, — Thränen des Mitleidens in den Augen,— einem Engel des Himmels glich, der herabgeſtiegen zur Erde, um ihm liebend in den letzten Augenblicken beizu⸗ ſtehen. Bei dieſem Anblicke flammten ſeine erlöſchenden, ſchon ſtarr werdenden Blicke noch einmal wunderbar auf. Eine faſt unbemerkbare Röthe flog über die bleichen, von der Kälte des Todes angehauchten Wan⸗ gen; er machte eine Bewegung,.... aber... erſchöpft durch die Anſtrengung, welche ihn das Spre⸗ chen mit dem Geſandten gekoſtet,.... ſchloß er die Augen uud fiel bewußtlos zurück. Alle Anweſenden knieten nieder. Der Prieſter von Padraque nahte ſich mit dem heiligen Sa⸗ krament. Während der Chorknabe, von welchem der Geiſt⸗ liche begleitet, die Glocke erſchallen ließ, die mit ihrem aci monotonen Klang dem Sterbenden das Nahen des höchſten Gottes verkündete, hörte man noch einmal, ganz in der Ferne, zu den Tönen der Mandoline, die Worte: Madonna liebt ihr Aragun O hört! ihr mahnend Wort: „Was dient ihr Frankreichs ſtolzem Sohn, „Jagt die Tyrannen fort!“ Madonna liebt ihr Aragon, Sieg! kündet Euch ihr Wort. Im Augenblick aber, in welchem der Prieſter über die Schwelle der Poſada trat, rief der Chirurg, ſeine Augen zum Himmel erhebend: „Es iſt zu ſpät!“ Das Mädchen erbebte. Dieſe Worte hatten ihr Herz getroffen, und leiſe flüſterte ſie, als ſpräche ſie ein Gebet für den Sterbenden: „Armer junger Mann! ſchon ſo früh!...“ Viertes Kapitel. Die Favoritin. Ohngefähr drei Wochen waren ſeit jenen Begeben⸗ heiten verfloſſen, die wir ſo eben erzählt und deren Bühne die Herberge von Fadraque geweſen. Der Monat April neigte ſich bereits ſeinem Ende zu; der Himmel heiter wurde und die Sonne fing an, ihre freundlichen Strahlen über die keimende Pflanzenwelt zu gießen. Eilen wir nun nach Madrid, in den Pallaſt des Her⸗ zogs von Medina⸗Celi, der am Ende der Stadt, gegen„Unſre liebe Frau von Atocha“ hin, gelegen, und von allen Paläſten der Hauptſtadt am koſtbarſten und herrlichſten eingerichtet iſt. Hierher hatte ſich König Philipp V. nach dem Tode ſeiner Gattin geflüchtet, da er überall, im Escurial, im Re⸗ tiro, ja ſelbſt in den Gärten von Aranjuez, den Schat⸗ ten Luiſens von Savoyen, welche die Madrider nur 1 — ſeine theure„Saboyana“ genannt, zu begegnen fürchtete. In einem geräumigen, mit Tapeten von gepreß⸗ tem Sammt ausgeſchlagenen, Saale, deſſen Thüren Vorhänge von ſchwerem, rothen, mit goldnen Ara⸗ besken durchwirkten Zeuge decken, befanden ſich in dem Augenblicke, von welchem wir ſprechen, eine Anzahl Herren vom Hofe, ſämmtlich, in Folge des Ablebens der Königin, in Trauer gekleidet; ſämmt⸗ lich, zum Zeichen ihrer hohen Würde, mit bedecktem Haupte. Sie hatten ſich in verſchiedene Gruppen getheilt und ſchienen alleſammt von einer heftigen Aufregung bewegt. Mit finſterer Stirne und zuſammengezogenen Au⸗ genbrauen wechſelten ſie Worte der Ueberraſchung und des Unwillens. Eine einzige Perſon ſtand, unbedeckten Kopfes, mitten unter dieſer Verſammlung der Großen des Reichs. Es war ein Mann von ohngefähr fünfzig Jahren, in halb kichlicher halb weltlicher Kleidung. Beſcheiden hatte er ſich in einen der entfernteſten Win⸗ kel des Saales zurückgezogen, und ſtand hier nachläſſig gegen den Schaft einer Säule gelehnt, welche die Statue des Cardinals Pimenes trug. 8. 65 Dieſer Mann war in mehr als einer Beziehung bemerkenswerth: durch die Schlauheit ſeiner Blicke durch die Sorgfalt ſeines Anzuges und ſelbſt durch ſeinen hohen Wuchs, trotz der Bemühung beſcheiden klein und unanſehnlich zu erſcheinen. Dabei beob⸗ achtete er mit ſchlecht verhehlter Neugierde die Aus⸗ drüͤcke des Mißbehagens, die ſich auf allen Geſichtern kund gaben und— ſo leiſe man auch in dem Saale ſprach— er verlor nicht ein einziges Wort. Plötzlich hob ſich einer der rothen Vorhänge und auf der Schwelle der Thuͤre erſchien, gekleidet wie zu den Zeiten Philipp M., in den Leibrock und den kurzen Mantel von ſchwarzem Sammt, mit geſtreifter Krauſe und Stülpenhandſchuhen, den Schnurrbart in zwei lange, ſtolz aufſteigende Spitzen gedreht, ein Greis von hohey Wuchs, mit bleichem, ernſtem, auf⸗ fallend magerem Geſichte. Auf ſeiner Bruſt flammte der Orden des goldenen Vließes. In ſeinen Armen trug er ein koſtbares Meßbuch, ſeine Rechte hielt ein blankes Schwert. In dieſem ſo feierlichen als fremdartigen Anzuge durchſchritt der neue Ankömmling den Saal in tie⸗ fem Ernſte, ohne auch nur einen der Anweſenden eines Blickes zu würdigen, und ging gerade auf eine Orſini. 5 — E halb offene Thüre zu, durch welche man zwei Schilb⸗ wachen auf und abgehen ſah. Während nun alle Anweſenden die Erſcheinung ſo überraſcht anſtaunten, als ſei ſie dem Grabe ent⸗ ſtiegen, trat der Herzog von Mirandola, Groß⸗ Stallmeiſter, aus einer der Gruppen hervor und rief überraſcht, indem er auf den Greis zuging: „Himmel! was ſeh ich? der Marquis von Sa nta⸗ Cruz im Pallaſte des Königs?— Was wollt Ihr hier beginnen, Erellenz, nach ſo vielen Jahren der Entfernung vom Hofe?“ „Herr Herzog von Mirandola, ich folge dem Ruf der Pflicht. Denkt Ihr nicht daran, daß heute der 30. April 1714 iſt, der Vorabend des Feſtes des heiligen Philipps, des Schutzpatrons unſeres Königs?“ „Wir wiſſen es Alle.“ 8 „Gut! dieſen Tag hat einer der Granden des Königreiches, während der Meſſe und dem Handkuſſe, mit entblößten Schwerte neben ſeiner Majeſtät zu ſtehen. Kraft eines Ediktes Ferdinand des Katholi⸗ ſchen ruhte dies Ehrenamt auf dem Hauſe derer von Oropeſa. Die Familie Oropeſa erloſch unter dem ſeligen König Karl II., und nun ging dieſe Würde, wie es in dem Edikte vorausbeſtimmt war, auf das Haus derer von Gusman über. So lange 67 der Herzog von Medina⸗Sidonia, der erhabene Chef dieſes Hauſes lebte, konnte ich mich des Er⸗ ſcheinens am Hofe enthalten; jetzt aber, da er todt und ſein Sohn König Philipp V. den Eid der Treue verweigert, fällt dem Hauſe Bazan, laut dem erwähnten Edikte, dieſe Ehre zu. Ich komme daher von Saragoſſa, mein Recht in Anſpruch zu nehmen Darum haltet mich nicht zurück, die Stunde der Meſſe iſt nahe, und ſomit muß ich meine Stelle an der Seite des Königs einnehmen.“ „Bleibt immer hier, Excellenz, und erſpart Euch dieſe Mühe. Ihr kommt doch nicht vor.“ „Was will das heißen?“ „Man hat mir, dem Groß⸗Stallmeiſter des Kö⸗ nigreichs, den Zutritt verweigert;— mir!— der ich den goldnen Schlüſſel führe,— und dem im Pallaſt des Königs alle Pagen unbedingten Gehor⸗ ſam ſchulden.“ „Auch mir hat man ihn verweigert!“—„Auch mir!“ riefen in dieſem Augenblicke an zwanzig Stim⸗ men, die nur auf die letzten Worte des Herzogs von Mirandola gewartet zu haben ſchienen, um un⸗ muthsvoll auszubrechen. Und,— wie in einer Sym⸗ phonie, in welcher einmal das Grund⸗Thema gege⸗ ben iſt, alle Inſtrumente daſſelbe, in mehr oder we⸗ 68 niger brillanten Variationen, wiederholen,— ſo hörte man nun in dem Saale ein wildes Durcheinander in allen Modulationen der menſchlichen Stimme, und verwirrt ſchallte es: „Auch mir, der ich Ritter des heiligen Jakobs bin!“ „Und mir, einem Granben Spaniens erſter Klaſſe!“ „Mir, deſſen Vorfahren Montero-Major des Königreiches waren!“ „Mir ebenfalls, deſſen Mutter Groß⸗Camarera unter zwei Königinnen war!“ „Und mir, der ich nichts bin!“— rief plötzlich eine Stimme, die alle Anderen übertönte, ſo laut und mächtig erklang ſie. Dieſer Ruf ſchallte aus dem Winkel des Saales, in welchem ſich die Bildſäule des Cardinal Fimenes erhob. Jeder verſtummte, und ſchon flog mehr als ein drohender Blick voll Verachtung nach dem unglück⸗ lichen Stentor, der es wagte, unter ſolchen Umſtän⸗ den den Spaßmacher ſpielen zu wollen; als der Marquis von Santa⸗C ruz, ſeinen Degen einſte⸗ ckend, mit tiefem Ernſte ſagte: „Beim Blute Chriſti! Ihr Herren, was geht denn vor, daß König Philipp V. ſeinen getreuen und loyalen Granden, am Tage ſeines Schutzheiligen den 69 Zutritt verweigert?— Seine Majeſtät müſſen ſehr ernſtlich unwohl ſein.“ „Nicht daran zu denken, Excell enz,“ fiel einer der Gegenwärtigen ein.„Im Augenblick begegnete ich dem Irländer Hyghens, ſeinem erſten Leibarzte, der ſich ganz fröhlich nach ſeinem Landhauſe auf⸗ machte, um dort den Tag zuzubringen, da ihm der König hatte ſagen laſſen: er bedürfe ſeiner nicht.“ „In der That, meine Herrn,“— ſagte ein An⸗ gerer—„es müſſen große und wichtige Dinge im Werke ſein. Der König iſt unſichtbarer als jemals; man ſagt ſelbſt, daß er ſeine„Recreadores“*) nicht empfange. Andererſeits ſind es nun bereits über vierzehn Tage, daß der Cardinal⸗Groß⸗Inquiſitor die Meſſe nicht geleſen hat und ſein Pallaſt verſchloſſen iſt. Endlich ſcheint es, als habe der Geſandte Frank⸗ reichs Madrid plötzlich verlaſſen, ohne von irgend Jemanden Abſchied zu nehmen. Was mag dies Alles bedeuten.“ Da Niemand auf dieſe Fragen antwortete, verließ jener Mann im halb kirchlichen halb weltlichen An⸗ zuge, von dem wir oben ſchon geſprochen, ſeinen *)„Erheiterer.“ Poſten als Beobachter, und kam bis in die Mitte des Saales „Meine Herren!“— ſagte er ſodann mit vor⸗ herrſchender italieniſcher Ausſprache,—„wenn Ihr geſtattet, daß ein Fremder ſeine beſcheidene Meinung über dieſe wichtigen Dinge ausſprechen darf, werde ich die Ehre haben, Alleſammt darauf aufmerfſam zu machen, daß: erſtens, das Königthum und die heilige Inquiſition die zwei wichtigſten Einrichtungen Spaniens ſind, daß ſie Beide auf das Innigſte mit⸗ einander verſchwiſtert ſind; daß Keine von ihnen ohne die Andere beſtehen kann, und daß es daher auch ſehr natürlich iſt, daß, wenn ſich die Eine dieſer weiſen Einrichtungen verbirgt, es die Andere eben ſo mache. Trüber Tag, dunkle Nacht!.... Zweitens, man habe wohl Acht: was ſoll ein Geſandter, und namentlich ein Geſandter Frankreichs, an einem Hofe machen, wo er nicht mehr ſchwatzen kann?“ „Man müßte wahrhaft toll ſein!“— unterbrach den Sprechenden der Herzog von Mirandola,— „um jetzt eine Reiſe von mehr als vierhundert Stun⸗ den bei Regen und Hagel, und den bodenloſen Wegen des Winters zu unternehmen, bei der man zwanzig⸗ mal Gefahr liefe, den Hals zu brechen.“ „Ach, wer Teufel überlegt das Alles ſo genau,— 71 verſetzte der Menſch mit unbedecktem Kopfe,—„wenn man die Sprechwuth hat. Meine Herrn Spanier, Ihr kennt Alle dieſe Krankheit nicht.“ „Dafür“— verſetzte ernſt der Marquis von Santa⸗Cruz,—„ſind wir unſerem Herrn Jeſus Chriſtus ſehr dankbar.“ „Außerdem“— rief einer der Anweſenden,— „wenn man nicht ſprechen kann, ſchreibt man.“ „Das iſt leicht geſagt.“ „Und noch leichter gethan. Zu was wären denn, wenn's Euch beliebt, die Poſt und die Couriere da?“ „Poſt und Couriere dienen dazu, um denjenigen, welche regieren, alles das zur Kenntniß zu bringen, was man Intereſſe hat ihnen zu verbergen. Fragt nur die Fürſtin Orſini.“ Kaum waren dieſe Worte ausgeſprochen, als rund um den Sprechenden,— der eine ſo gefährliche Aeu ßerung gewagt und mit ihr den Namen der Favori⸗ tin in Verbindung gebracht,— eine auffallende Leere entſtand. Der Sprechende ſelbſt war, wie man ſich denken kann, niemand Anderes als der Mann mit unbedeck⸗ tem Kopfe, der nach ſeiner Weiſe die Abreiſe des franzöſiſchen Geſandten erklärt hatte. Ein leiſes, geheimnißvolles Flüſtern lief ſofort * 6 72 durch den Saal, und der Marquis von Santa⸗ Cruz neigte ſich zum Ohre des Herzogs von Mi⸗ randola und frug dieſen:„wer der Mann ſei.“ „Man ſieht wohl,“— entgegnete der Herzog,— „daß Ihr lange Zeit vom Hofe entfernt waret, Ex⸗ cellenz, ſonſt hättet Ihr dieſen Menſchen ſchon oft auf Euren Wegen getroffen. Er war früher Secre⸗ tär bei dem verſtorbenen Herzog von Vendöme. Wenn ich Secretär ſage, ſo könnte ich mich auch leicht einer anderen Bezeichung bedienen; denn wenn er auch dieſen Poſten bei dem Herzog ausfüllte, ſo hatte er doch auch noch gar manche andere Funk⸗ tionen. Italiener von Geburt,— ich glaube aus dem Herzogthum Parma, wo er Glöckner auf dem Orte Firenzuola geweſen ſein ſoll— trägt er hier den Namen Alberoni und läßt ſich Abbs nennen, obgleich er es nicht iſt. Er iſt hier der Agent des Herzogs von Parma, und als ſolcher am Hofe em⸗ pfangen. Ein armer Fürſt und ein noch armſeligerer Agent, wie Ihr ſelbſt ſeht. Im Allgemeinen gibt es keinen beſſeren Menſchen, als dieſen Herrn Al⸗ beroni, ſtets ohne Sorge, ohne den mindeſten Ehrgeiz, und immer witzig.“ In dem Augenblicke, in welchem der Herzog von Mirandola dies ſagte, hörte man Schritte von 73 der Seite der königlichen Gemächer her, und eine neue Perſon trat, mit geſenktem Haupte, in den Saal. Es war der hochwürdige Pater Robinet, Mitglied der Geſellſchaft Jeſu, und Beichtvater Phlipps V. Alle Blicke flogen neugierig nach ihm hin, und auch der Marquis von Santa⸗Cruz hatte ihn kaum bemerkt, als er neuerdings ſeinen Degen zog und rief: „Ich habe es gewußt, daß der katholiſche König ſich nicht enthalten könnte, an einem ſolchen Tage die Mitglieder der Grandezza zu empfangen, und wenn ſeine Majeſtät heute Morgen den Leibarzt ent⸗ ließen, ſo war es, wie wir nun ſehen, meine Herrn, um ſich ganz dem Seelenarzte hinzugeben. Nicht wahr, Hochwürdiger, nun ſteht unſerem Eintritt zum Könige nichts mehr im Wege?“ „Doch!“— entgegnete der Beichtvater mit einem Ausdruck der Bitterkeit.—„Es iſt ausdrücklich be⸗ fohlen, Niemanden vorzulaſſen, ſelbſt die Recreadores nicht, und auch ich mußte mich, nach langem ver⸗ geblichen Bitten, der Ordre unterwerfen.“ „Was! auch Ihr!“ rief erſtaunt der Marquis von Santa⸗Cruz,—„das iſt unmöglich! wer gab dieſen Befehl?“ „Braucht man da zu fragen, Ercellenz? Wer an⸗ ders, als ihre Hoheit, die Fürſtin Oſini!“ Es entſtand eine tiefe Pauſe, während welcher ſich Jeder ſcheu umblickte, als wolle er die Züge ſei⸗ ner Umgebung ſtudiren. Santa⸗Cruz biß ſich in den Schnurrbart und alle Phyſionomien waren kälter und abgezirkelter ge⸗ worden. Nur der Abbé Alberoni lächelte und brach zuerſt die für Alle ſo peinliche Stille. „Hochwürdiger!“— ſagte er, indem er ſich dem Pater Robinet mit einer merkwürdigen Gutmü⸗ thigkeit näherte,—„habt Ihr auf Curem Wege viel⸗ leicht den General⸗Aufſeher der Gebäude begegnet?“ Auf ein verneinendes Zeichen des Jeſuiten, fuhr der Abbé fort. „Der General⸗Aufſeher ſuchte Euch dieſen Mor⸗ gen überall, und es ſchien, als ob ihm ſehr viel daran liege, Euch zu ſprechen. Morgen iſt, wie Euch be⸗ kannt, großer Feiertag, und da haben ihn die Arbei⸗ ter beauftragt, Eure Hochwürden zu fragen: ob ſie — wie gewöhnlich— an der geheimen Gallerie ar⸗ beiten dürfen, die von den Gemächern ſeiner Majeſtät nach denen ihrer Hoheit der Fürſtin Orſini führt. Da ihre Hoheit den Befehl ertheilt, baß ſelbſt Sonn⸗ tags an dieſer Gallerie gearbeitet werden ſoll, ſo werdet Ihr begreifen, Hochwürdigſter, daß die Arbei⸗ ter in dem vorliegenden Fall einigermaßen in Ver⸗ legenheit ſind.“ Pater Robinet, der bis dahin mit geſenktem Haupte dageſtanden, und ſelbſt nicht geneigt ſchien, den Fragen des Abbé Genüge zu leiſten, richtete ſich jetzt plötzlich ſtolz auf, und rief, zitternd vor Zorn: „Wenn Ihr dem Herrn General-Aufſeher der Gebäulichkeiten wieder begegnet, ſagt ihm, da er doch meinen Rath in dieſer Sache haben will, mein Rath ſei; an der Gallerie zu arbeiten ſelbſt während den heiligen Tagen des Oſterfeſtes, ſelbſt während des heiligen Meßopfers.... wenn es gil ſie zu zerſtören!“ Bei dieſem heftigen Ausbruche, wechſelten alle Gegenwärtigen Blicke des tiefſten Erſtaunens. Der Marquis von Santa⸗Cruz aber, näherte ſich, ohne ein Wort zu ſprechen, dem Jeſuit, ließ ſich auf ein Knie vor ihm nieder, ergriff den Saum ſeines Aermels und küßte denſelben mit Inbrunſt. Alle Anweſenden erwarteten nur dies Zeichen, um dem un⸗ widerſtehlichen Einfluſſe zu folgen, welchen eine lei⸗ denſchaftlich ausgeſprochene Ueberzeugung immer üht. 76 ——— namentlich dann, wenn ſie ein Echo der Gefühle iſt, die Jeder längſt in ſeinem Herzen genährt. Alle drängten ſich begeiſtert um den Prieſter, als ob der heilige Geiſt ſelbſt durch ihn geſprochen habe. „Pater Robinet hat recht!“ ſagten die Gemä⸗ ßigſten—„es iſt eine Schande für uns, daß wir alle Launen der Fürſtin dulden. Man muß dem Unfuge endlich ein Ziel ſetzen!“ „Bei allen Heiligen!“— verſetzten die Exaltirte⸗ ſten—„der Augenblick iſt gekommen, uns zu zeigen. Wir wollen den König aufſuchen, meine Herren, und wenn uns ſeine Majeſtät nicht empfangen will, ſo laßt uns dem Befehle Trotz bieten.“ „Ich bin bereit, auf das Niederreißen der Galle⸗ rie zu dringen!“ rief ein Anderer. Nur der Marquis von Santa⸗Cruz allein, in tiefe Gedanken verſenkt, ſchwieg. „Laßt uns weiter gehen!“— rief abermals ein Anderer,—„und im Namen aller Glieder der Gran⸗ dezza, die Verweiſung der Favorite verlangen.“ „Ja! ja!“— tönte die faſt einſtimmige Antwort, —„nieder mit der Favoritin“ „Achtung, meine Herrn!“— mahnte lebhaft Al⸗ beroni,—„die Wände haben Ohren!“ In demſelben Augenblicke ließ ſich ein ſtarkes Ge⸗ 77 räuſch horen; die Thüren des Saals flogen mit Lärm auf, die rothen Vorhänge hoben ſich wie durch Zau⸗ ber, und man hörte deutlich das Aufſtoßen der Helle⸗ barden auf die Marmorplatten. Faſt zugleich trat der Herzog von Bournonville, Befehlshaber der walloniſchen Garde, ein, von ſeinem ganzen Corps gefolgt, welches ſich ſofort an den vier Seiten des Saales in Schlachtordnung aufſtellte, und ſomit alle Anweſende in ſeine Mitte nahm. Einige Secunden ſpäter trat die Fürſtin Orſini ſelbſt ein, an ihrer Seite den Prinzen von Chalais, ihren Neffen, und den Prinzen von Robecque, einen ihrer wärmſten Verehrer. Mehr als einer der Anweſenden, als er ſich ſo unverſehens der Favorite gegenüber fand, erblaßte, namentlich, wenn er die militäriſchen Vorkehrungen bei dem Erſcheinen der Fürſtin ins Auge faßte, und unwillkürlich flog dann wohl ein verſtohlener Blick des Entſetzens durch die Fenſter, als ſähe er am fernen Horizonte die finſteren Zinnen des Thurmes von Segovia aufſteigen. Zudem ſchien die Fürſtin nachdenklich. Sei es aber, daß ſie die feindlichen Geſinnüngen nicht kannte, die ſie ſo eben überraſcht, oder wollte ſie bei dieſer Gelegenheit ihre Feinde nur ein wenig er⸗ ſchrecken und ſah, Franzöſin im vollen Sinne des Wortes, alle dieſe bleichen und verwirrten Geſichter der Höflinge nur von der komiſchen Seite,— es ſchwebte ein leichtes Lächeln um ihre Lippen, und die Verſammlung mit ſo viel Grazie als Majeſtät grü⸗ ßend, als ob ſie ſelbſt Königin ſei, gab ſie dem Her⸗ zog von Bournonville ein Zeichen, ſich zu nähern. Einige Worte wurden leiſe zwiſchen ihnen ge⸗ wechſelt, worauf der Herzog ſeiner Garde ein Zeichen gab, die ſogleich aufbrach und ſich entfernte. Als dies geſchehen, ſetzte ſich die Fürſtin, immer die Prin⸗ zen von Chalais und Robecque zur Seite, in Vewegung, um den Saal zu durchſchreiten und ſich nach den Gemächern des Königs zu verfügen. Sie war, wenn auch zum Gedächtniß der Köni⸗ gin in Trauer, dennoch in großem Hofeoſtüme. Meh⸗ rere Pagen gingen zu ihrer Seite, und ein kleiner Maure trug die Schleppe ihres Rockes. Die Fürſtin Orſini war um jene Zeit und nach dem Bilde, welches durch den Herzog von Saint⸗ Simon, einen ihrer Feinde, auf uns gekommen⸗ eine große Brünette mit Augen, die ohne Unterlaß alles ſagten, was ihr gefiel; dabei zeichnete ſie ein vollkommener Wuchs, ein ſchöner Buſen und ein majeſtätiſches Weſen vor allen Dingen aus. 79 Durch ein merkwürdiges Privilegium, welches,— wenigſtens bis zu einem gewiſſen Punkte,— die abergläubiſchen Gerüchte unterſtützte, die in ihrem Betracht umliefen, hatten ihre Reize nicht das leiſeſte durch die Jahre gelitten. In dieſer, wie vielleicht in manch' anderer Bezie⸗ hung, erinnerte ſie an Diana von Poitiers, Ninon de Lenclos, Frau von Montespan, die Herzogin von Mazarin und ſo manche andere berühmte Schönheiten, welche, wenn man dem Zeugniſſe ihrer Zeitgenoſſen glauben darf, den Win⸗ ter des Lebens zurücklegten, ohne deſſen Stürmen zu erliegen, als ob die Zeit ſelbſt gefürchtet, ſie mit ihren Flügeln zu berühren, um dadurch nicht ihre ſchön⸗ ſten Gebilde zu zerſtören. Die ganze Umgebung der Fürſtin ſtand entblöß⸗ ten Hauptes, nur der Herzog von Santa⸗Cruz, und,— ſeinem Beiſpiele folgend,— der Herzog von Mirandola, der Graf von Altamire und meh⸗ rere Andere hatten es gewagt, ihre Hüte auf dem Kopfe zu laſſen. Ohne dieſe Unhöflichkeit, die freilich einigermaßen mit dem alten Vorrechte der Grandezza entſchuldigt werden konnte, zu bemerken, oder bemerken zu wollen, hielt die Fürſtin in der Nähe des Pater Robinet's, den ihr übrigens ihr weiblicher Takt längſt als einen ihrer Todfeinde verrathen, inne, und ſagte, indem ſie ihn mit jenem, nur ihr eigenthümlichen, ſüßen Lächeln anblickte: „Mein Hochwürdigſter, es freut mich, Euch zu finden, da ich Euch eine Neuigkeit mitzutheilen habe. Ihr habt den König erſucht, ein Seminarium zu Madrid zu gründen, behufs der Erziehung junger Adeliger durch die Brüder der Geſellſchaft Jeſu. Ihr wißt, das Königreich iſt arm und erſchöpft durch lange Kriege; daher glaubte der König dieſe wichtige Schöpfung noch hinausſchieben zu müſſen. Ich habe die Sache mit ſeiner Majeſtät noch einmal beſprochen, worauf Hochdieſelben Herrn Orri, Generalcontro⸗ leur der Finanzen, beauftragt haben, Eurem Wunſche Folge zu leiſten. Der König ſelbſt wird nächſte Woche den erſten Stein zur Gründung des Semina⸗ riums legen.“ Der Beichtvater Philipp V. konnte im erſten Augenblicke ſeine Ueberraſchung kaum verbergen; aber ſchnell Herr ſeiner ſelbſt, verbeugte er ſich tief vor der Favorite und ſagte in feierlichem Tone: „Hoheit! es iſt dies ein heiliges Werk, für welches Ihr bort Oben reichen Lohn empfangen werdet!“ 81 „Vielleicht“— entgegnete die Fürſtin;—„aber hienieden 24 Und ohne dem hochwürdigen Herrn Zeit zur Ant⸗ wort zu geben, wandte ſie ſich zu dem Herzog von Mirandola, der bei ihren letzten Worten die Achſeln gezuckt. „Herr Herzog!“— fuhr ſie darauf fort, ihm ein reich mit Diamanten beſetztes Medaillon, das ſie in der Hand hielt, überreichend,—„der König konnte Euch dieſen Morgen nicht empfangen, und zwar zu ſeinem lebhaften Bedauren. Wollt Ihr wohl in ſeinem Namen dies Medaillon, eine Arbeit des berühmteſten aller jetzt lebenden franzöſiſchen Maler, annehmen? Indem es Euch ein treues Bild Eures Souveränes bietet, vermag es Euch vielleicht darüber zu tröſten, heute nicht in ſeine unmittelbare Nähe gelangt zu ſein.“ In ſichtbarer Verwirrung wußte der Herzog im erſten Augenblick nicht, was er thun ſolle. Nach einem Moment der Ueberlegung aber zog er verlegen den mit Federn geſchmückten Hut, und der unwiderſtehli⸗ chen Macht folgend, welche die ſchöne Fürſtin faſt auf alle Männer übte, berührte er mit ſeinen Lippen ihre Hand und flüſterte kaum verſtändlich: „Hoheit! ich bin tief gerührt von ſo viel Gunſt. Jedenfalls vermochte ſeine Majeſtät keinen liebens⸗ Orſini. 6 würdigeren Zwiſchenhändler zu finden, und ich erſuche Eure Hoheit ihm meine ganze Erkenntlichkeit aus⸗ drücken zu wollen.“ Die Fürſtin lächelte, dann machte ſie einige Schritte weiter, und befand ſich nun dem Marquis von Santa⸗Cruz gerade gegenüber. Alles horchte geſpannt auf, und es trat für den Augenblick eine wahre Tobtenſtille ein. „Es iſt ein großes Wunder, Herr von Santa⸗ Cruz,“— begann die Fürſtin—„Euch hier zu ſehen; denn es ſcheinen mir Jahre verfloſſen zu ſein, ſeit Ihr den König Eurer Dienſte und Eurer Ge⸗ genwart beraubt.“ „In der That,“— entgegnete der alte Hidalgo ſtolz, den Titel Hoheit ſorgſam umgehend,—„es ſind jetzt ſieben Jahre.“ „Nun! mein Herr, Ihr werdet darum nur um ſo lieber geſehen ſein, denn Ihr erinnert Euch, was die heilige Schrift bei Gelegenheit des wiedergefundenen Schafes ſagt.“ „O ja Madam! aber Ihr vergeßt, daß es nur dann zurückkehrt, wenn es gewiß iſt, weder den Wolf noch die Wölfin dort zu finden.“ Bei dieſen letzten Worten fuhren die Prinzen von Chalais und von Robecque unwillkürlich mit 83 der Hand nach ihren Degen; aber auf einen, von jenem feinen Lächeln begleiteten Blick der Fürſtin kehrten ſie augenblicklich zu ihrer früheren friedlichen Haltung wieder zurück. „Ich ſetzte voraus, mein Herr,“— fuhr die Fürſtin Orſini zugleich fort,—„daß Ihr hievon verſichert ward, da ich Euch hier finde. Ich bedauere nur Eins, — Eins,— was gewiß namentlich auch von unſeren jüngeren Edelleuten ſehr bedauert wird, und dies iſt: daß Ihr Eure Tochter, die von ſo außerordentlicher Schönheit ſein ſoll, nicht mitgebracht habt.“ „Die Königin iſt todt, und es ſcheint verboten zum Könige vorzudringen. Für wen ſollte alſo Donna Inez de Santa⸗Cruz an den Hof kommen? Sie wird hier nicht eher wieder erſcheinen, als bis wir wieder eine Königin haben.“ Dieſe Worte riefen in der ganzen Verſammlung einen ſchwer zu beſchreibenden Schrecken hervor; die Fürſtin aber that, als ob ſie nichts darin gefunden, und entgegnete lebhaft: „Möge uns darum Gott recht bald Eine ſchenken!“ Nach einer kleinen Pauſe fuhr ſie alsdann fort: „Iſt dies Alles, was Ihr uns zu ſagen habt, Herr von Santa⸗Cruz?“ „Durchaus nicht, Madam, und Sie werden nicht glauben, daß Don Alvarez de Bazan, Mar⸗ quis von Santa⸗Cruz, ſich wegen ſolcher Klei⸗ nigkeit hieher bemühte. Ich kam um den König zu ſehen und zu ſprechen.“ „Das iſt heute unmöglich. Seine Majeſtät, ganz von dem Schmerz ergriffen, in welchen ihn der Tod der Königin verſenkt, will Niemand empfangen. In⸗ deſſen werde ich ihm mit Vergnügen dasjenige mit⸗ theilen, was Ihr ihm zu ſagen habt.“ „Wollt Ihr alsdann dem Könige ſagen, Madam, daß ich von Saragoſſa, woſelbſt ich die Feiertage begangen, hieher gekommen, und daß ich, wie zu jeder Zeit in meinem Hauſe, voll Glauben und Ver⸗ trauen in die heilige Madonna del Pilar drei Bitten an ſie richtete: vor Allem, daß ſie Spanien blühend und glücklich mache...“ „Ein Wunſch, den ich ſtets mit Euch theilen werde.“ „Ferner: daß ſie dem König die Augen öffne,— und endlich, daß ſie ihn von ſeinen Feinden befreie.“ „Seine Feinde? wen verſteht Ihr därunter?“ „Noch bin ich nicht zu Ende, Madam. Ich legte zu Füßen der heiligen Madonna del Pilar den fei⸗ erlichen Eid ab: dieſem Werke meinen Degen, meinen Arm und den Reſt des Blutes, das in meinen Adern rinnt, zu widmen. Und ich habe, noch ehe ich nach 85 Saragoſſa ging, mit der Erfüllung dieſes Schwures begonnen, indem ich meinen Degen einem franzöſiſchen Edelmanne durch die Bruſt ſtieß, der es wagte, die Sache zu vertheidigen, gegen welche jeder gute Spa⸗ nier ſich erheben ſollte. Dies iſt's Madam, was Ihr dem Könige melden könnt.“ „Es genügt, Herr von Santa⸗Cru z. Ich ließ Euch Zeit, Euch auszuſprechen, und will,— aus Achtung vor Eurem Alter und Euren früheren Dien⸗ ſten,— nicht ſuchen alle dieſe Räthſel zu löſen. Eine Thatſache aber muß aufgeklärt werden. Ihr habt einen Franzoſen getödtet 2... Wer war dieſer Fran⸗ zoſe?. Und was hat er verſchuldet?“ „Madam, wenn Ihr über dieſen Punkt Aufklä⸗ rungen zu haben wünſcht, möcht Ihr Don Felipe Amenzaga, Lieutenant der königlichen Garde be⸗ fragen. Er war zugegen und wird Euch gern jede Aufklärung geben.“ „Ich werde dies thun, mein Herr, und ſodann dem König Rechenſchaft ablegen. Eurerſeits werdet Ihr wohl daran thun, wenn Ihr dieſen Pallaſt ſo⸗ gleich verlaßt und nach Eurer Wohnung zurückkehrt, daſelbſt die Befehle ſeiner Majeſtät zu erwarten. Ihr ſollt nicht lange auf ſie zu warten haben.“ —— — — Hierauf neigte ſie leiſe den Kopf und verharrte einige Augenblicke in Gedanken. Nach dieſer kleinen Pauſe fuhr ſie fort: „Meine Herren, ich verfüge mich ſofort zum Kö⸗ nige. Man kann unterdeſſen ſeiner königlichen Hoheit dem Prinzen von Aſturien ſeine Aufwartung machen. Königliche Hoheit hat ſeine Stunden beendet und er⸗ wartet den Hof.“ Mit dieſen Worten ſchritt ſie weiter und befand ſich alsbald an der Thüre, welche nach den königli⸗ chen Gemächern führte. Hier grüßte ſie Jemanden mit einem leichten Nicken des Kopfes und ſagte mit erkünſtelter Vertraulichkeit: „Guten Tag, Abbé, ich hatte Euch ganz über⸗ ſehen.“ „Die Sonne erleuchtet die Welt,“— verſetzte ſogleich Alberoni,— denn niemand Anderes war es, —„aber ſie kümmert ſich nicht darum, wohin ihre Strahlen fallen.“ „O! Abbé, Ihr wollt ſagen, der Mond und noch gar ein Mond, der ſich zum Niedergange neigt.“ „Auch!— wenn Luna, ehe ſie ſich ſchlafen legt, mich zu ihrem Endymion wählen will.“ „Immer Madrigal!— Werdet Ihr Euch nie beſſern!— Ein Mann der Kirche, der, zufolge dieſes 87 Titels, ein Muſter ernſter Pedanterie ſein ſollte. Pfui! pfui! Ihr werdet ſehen, daß Ihr auf dieſe Weiſe Euer ganzes Lebenlang Abbé bleiben werdet. Bei Eurem Geiſte ſollte man mehr Ehrgeiz haben.“ Dies ſagend trat die Fürſtin Orſini allein in die königlichen Gemächer ein. Die Prinzen von Chalais und von Robecque ſahen ſich einander lächelnd an, und der Eine von ihnen ſagte, indem er die Achſeln zuckte: „Der Abbé und Ehrgeiz!— Wahrhaftig, an was denkt heute Ihre Hoheit. Sie vergißt, daß Albe⸗ roni,— wie der ſelige Herzog von Vendome ſagte,— in ſeinem ganzen Leben nur ein Ziel im Auge gehabt, nämlich: der beſte Eſſer der ganzen Chriſtenheit zu werden.“ Der Abbs, der Alles gehört, drehte ſich herum und ſagte luſtig: „In dieſer wie in jeder Beziehung ſtets zu Ihren Dienſten, meine Herren; aber ich muß gehen, dem Prinzen von Aſturien meine Aufwartung zu machen.“ Wenige Augenblicke ſpäter erreichte er den Mar⸗ quis von Santa⸗Cruz und, ſich nach beſſen Ohr neigend, flüſterte er: „Ercellenz, wenn Ihr meinen Rath annehmen wollt, ſo benutzt die wiederkehrende ſchöne Jahreszeit zu einer kleinen Reiſe in das Ausland.“ „Warum, mein Herr?“— frug der alte Krieger ſtoz,—„weil ich die Wahrheit geſagt habe? Wiſſet: Lüge und Furcht ſind zwei, in dem Hauſe der Baza n's, unbekannte Worte.“ „Dann, Herr Marquis,“— entgegnete der Abbs —„wär's gut, wenn man in Eurem Hauſe ſtumm geboren würde.“ Fünftes Kapitel. Der franzöſiſche Courier. Treten wir nun in das Cabinet des Königs. In einem hohen Zimmer, deſſen Decke reich ge⸗ ſchnitzte und vergolbete Durchzugsbalken trugen, und aus deſſen Fenſtern man bis an das äußerſte Ende des Parkes von Buen⸗Retiro, ſo wie nach den weitläufigen Gebäuden des Dominicaner⸗Kloſters„zu unſerer lieben Frau von Atocha,“ ſehen konnte, ſaß der König allein vor einem Tiſche, welchen ein Tep⸗ pich von grünem Sammt mit goldenen Franzen deckte. Obgleich noch jung,— Philipy V. zählte zu jener Zeit erſt breißig Jahre,— war er doch nicht mehr jener freundliche, friſche Blondkopf, wie ihn Jeder in ſeinem Bilde im Muſeum zu Verſailles bewundern kann in jenem Pallaſte, der Zeuge ſeiner erſten, ſeiner glücklichſten Jahre geweſen. Sein Kopf neigte ſich tief nach der Bruſt, ſein Rücken war gekrunnt, ſein Geſicht lang und bleich. Die mageren und knochigten Häude ruhten auf den Knieen, als ob ihnen die Kraft fehle, ſich ſelbſt zu tragen. Mit einem Worte, das ganze Weſen und Aeußere deſſelben trug den Stempel der Melancholie und der finſterſten Entmuthigung,— Alles— mit Ausnahme der Augen, die von Zeit zu Zeit in fie⸗ berhafter Gluth aufloderten. Gehüllt in ein einfaches Kleid von ſchwarzem Tuche, worüber das blaue Band des Heiligen⸗Geiſt⸗ Ordens fiel, das kaum das goldne Vließ ſehen ließ, welches an einem, halb unter den Falten des Hals⸗ kragens verborgenen, rothen Bande hing,— warf der König ſeine Blicke abwechſelnd bald auf ein vor ihm aufgeſchlagenes Buch, bald auf eine an der Wand angebrachte Uhr. Plötzlich öffnete ſich die Thüre und ein weibliches Weſen trat ein. Der König bebte und erhob ſich halb von ſeinem Sitze, während ein brennendes Roth über ſeine Wangen lief, und er mit einem ſanften und zugleich ſchmerzlichen Lächeln die Fürſtin Orſini begrüßte. „Endlich!“— rief er—„endlich kommt Ihr Fürſtin, wißt Ihr, daß ich bald daran verzweifelte, Euch heute noch zu ſehen?“ —— „Vergebung, Sire!“— entgegnete das ſchöne Weib,—„die Pflichten meines Amtes hielten mich bei ſeiner königlichen Hoheit dem Prinzen von Aſtu⸗ rien zurück; aber Eure Majeſtät hätte bedenken ſollen, daß ich an einem Tage wie der heutige, am allerwenigſten verſäumen würde, mich zu Denſelben zu verfügen, da es heute der Vorabend des Feſtes des heiligen Philipp's, Eures glorreichen Patrones, iſt.“ „Es iſt wahr, ich habe es vergeſſen. Man denkt nicht an Feſte, wenn man trauert.“ „Sire, Eure treuen Unterthanen hatten an dieſem Tage die Gewohnheit, für Euch zu beten und ſich der Freude hinzugeben. Diesmal werden ſie nur beten. Was mich betrifft, wollen Cure Majeſtät auch heute und bei dieſer Gelegenheit meine heißen Wünſche für Ihr Glück und Ihren Ruhm genehmi⸗ gen, die das Glück und der Ruhm Spaniens ſind.“ „Dank, Fürſtin, Dank,“— entgegnete der König die Hände der Favorite in ben ſeiſlen preſſend.— „Ich weiß es, daß von Eurer Seite dieſe Wünſche aufrichtig ſind und Ihr nichts verſäumt ihre Erfül⸗ lung herbeizuführen. Möge es Euch Gott belohnen! Setzt Euch!.. Hier, nahe zu mir.. und laßt uns ein wenig plaudern. Ich fühle das 32 tiefe Bedürfniß, Euch zu ſehen, mit Euch zu ſpre⸗ chen;— denn ich bin heute traurig— trauriger denn jemals!“— „Wie habt Ihr die Nacht zugebracht, Sire?“ „Wie gewöhnlich. Ich ſchlief nur wenig!“ „Iſt dies aber nicht ein wenig Euer eigener Feh⸗ ler, Sire?— Warum ſchließt Ihr Euch immer in dieſen Pallaſt ein?... Wißt Ihr, was die Höf⸗ linge ſagen?.. Sie ſprengen überall aus: ich ſei es, die Euch hier zurückhielte, um die Stimme der Wahrheit von Eurem Throne abzuhalten.“ Ein melancholiſches Lächeln ſchwebte um die Lippen des Monarchen, dann ſagte er mit zum Him⸗ mel gerichteten Blicken: „Die Stimme der Wahrheit! wäre es nicht dann erſt recht die der Lüge?!“ Er ſchwieg einen Augenblick, dann fuhr er keiſe fort: „Gut Fürſtin! da ich mich denn öffentlich zeigen ſoll, ſo werde ich den Pallaſt verlaſſen,— ich ver⸗ ſpreche es Euch!— Es ſind jetzt beinahe drei Mo⸗ nate, daß meine Luiſe todt iſt, ich will ſie ſehen. Ich will ihren Sarg öffnen laſſen, um mich noch einmal im Anſchauen ihrer theuren Züge zu verlieren.“ „Ach! Sire, ich beſchwöre Euch, entſagt dieſem Vorhaben.“ „Warum ſoll ich nicht dem Beiſpiele meines Vor⸗ gängers, des ſeligen Königs Carl M. folgen?— Beſuchte nicht auch er meine ſchöne Nichte, Luiſe von Orleans, in ihrem Grabe?— Auch ſie hieß Luiſe Es iſt wahr, er ſtarb bald nach dieſem Beſuche; war es eine Vorbedeutung 24 „Sire, ſprecht nicht ſo, Ihr beleidigt Gott, der nicht will, daß der Schmerz und die Leiden ſeiner Geſchöpfe ewig dauern. Statt Euch einem Trüb⸗ ſinn hinzugeben, der Eure Lebenskräfte erſchöpft, war⸗ um ſucht Ihr nicht, Euch ein wenig zu zerſtreuen? — Es iſt heute der Vorabend Eures Namensfeſtes, warum empfangt Ihr nicht Eure treuen und loyalen Unterthanen, die Granden Spaniens?“ „Das wäre eine trübſelige Zerſtreuung, Fürſtin! — Sie Rndeſo ernſt und ſteif, ſo abgezirkelt!— Ach! welcher Unterſchied zwiſchen dem Hofe von Ver⸗ ſailles!— Guter Gott! warum bin ich nicht noch immer Herzog von Anjvu?— Warum blieb ich nicht in unſerem heiteren, in unſerem ſchönen Frankreich?“ „Nun, Sire, beruft Diejenigen um Euch, die Euch von dem ſchönen Frankreich, das Ihr ſo heiß liebt, ſprechen fönnen. Eure Recreadores ſind nicht 94 weit von hier. Gefällt es Euch, daß ich den Befehl gebe, Chalais und Bournonville einzuführen?“ „Nein, nein! das würde neue Eiferſucht erwecken. Wenn ich an einem ſolchen Tage eine Ausnahme zu Gunſten Einzelner machte, ſo würde ihnen dies hun⸗ dert Todfeinde erwecken. Außerdem ſeid Ihr nicht bei mir, Fürſtin?— Eure Gegenwart genügt mir.“ „Beweiſt mir es, Majeſtät, indem Ihr die fin⸗ ſteren Gedanken verſcheucht, die Euch unaufhörlich belagern.“ „Nehmt mein Verſprechen, daß ich es verſuchen werde.“ „Schön!.... Ihr habt geleſen als ich ein⸗ trat; es ermüdete vielleicht Eure Majeſtät. Ich will, wenn Ihr es wünſcht, die Lectüre laut fortſetzen.“ „Das iſt unnöthig, Fürſtin. Ich bin mit dem, was ich leſen wollte, zu Ende.“ „Was war es denn?“ „Die Bußpſalmen.“ „Ach, Sire! welche Wahl....“ „Es ſcheint Euch auffallend, Fürſtin, und doch! wer, von allen Monarchen Europa's, bedarf der gött⸗ lichen Nachſicht mehr, als ich?— Was bin ich in dieſem Königreiche Spanien und beider Indien, deſſen Zepter zu führen ich überdrüſſig bin?— Ein Frem⸗ der,— ein Uſurpator!“ „Ihr, Sire?“ „Ja ichl— Mag man auch immer ſagen, dies Reich gehörte Carl M. nicht eigenthümlich,— und er habe daher nie das Recht gehabt, darüber zu ver⸗ fügen, da ihm nur die Nutznießung zugeſtanden;— ich, ich habe, um mich in den Beſitz dieſer, mir un⸗ ter keinem Rechtstitel zukommenden Erbſchaft zu ſetzen, Ströme Blutes vergießen laſſen. Wenn Gott mich heute vor ſich rufen würde, was ihm dann ant⸗ worten?“ „Ach, Sire, möchte der Himmel geben, daß alle Sünder, die vor den ewigen Richter treten, kein ſchwerer beladenes Gewiſſen hätten, als das Eure. Der liebe Gott könnte dann die Hölle und ſelbſt das Fegfeuer unterdrücken. Und dann, Sire, in Eurem Alter, wenn man erſt dreißig Jahre alt iſt und hat auch irgend einen Fehler begangen, ſo bleibt einem ja noch Zeit genug zur Reue.“ „Wer weiß Was hat das Alter dabei zu ſagen?..... Ruhen meine Brüder von Bour⸗ gogne und von Berry, deren Geburt der meinen ſo nahe vorausging und folgte, nicht ſchon lange in dem Mauſoleum von Saint⸗Denis? Auch meine 96 Luiſe und ihre Schweſter, die Gemahlin des Dauphins, waren noch ſehr jung, als ſie ſtarben. Genug!— Man lebt nicht lange, Fürſtin, wenn königliches Blut in den Adern rollt, und wenn der König von Frank⸗ reich, mein erhabener Großvater, in dieſer Beziehung eine Ausnahme von der Regel machte, ſo iſt er für dies Privilegium wahrlich nicht zu beneiden,— er, der in ſeinem Leben von ſo mancher Trauer nieder⸗ gebeugt wurde.“ „Sire, möge Gott, der der Herr unſerer 4 iſt, Euer Leben lange erhalten. Seine königliche Hoheit der Prinz von Aſturien iſt jetzt kaum ſieben Jahre alt, und es bedarf wahrlich noch ſeines Vaters, ehe er der Nachfolge ſicher iſt. Spanien iſt allerdings ruhig; Barcelona aber hat ſich noch nicht unter⸗ worfen, noch immer weht die ſchwarze Fahne auf ſeinen Zinnen. Amenzaga, den ich mit den Be⸗ fehlen Eurer Majeſtät zur Armee ſchickte, iſt zurück. Ich ſah ihn dieſen Morgen, und er überbrachte mir, ich muß es Eurer Majeſtät geſtehen, ſehr üble F richten.“ „Ich weiß es!— Auch ich habe ihn geſprochen. Es ſcheint, als ob die Truppen vollkommen demora⸗ liſirt ſeien. Wenn uns der König von Frankreich nicht bald die verſprochene Hülfe zuſendet, werden 97 wir die Belagerung aufheben müſſen, was ſehr un⸗ angenehm wäre. Indeſſen!.. es würde auf dieſe Weiſe wenigſtens Blut erſpart,... und man hat nur ſchon zu viel für meine Sache vergoſſen.“ „Gott verhüte, Sire, daß wir genöthigt wären, die Belagerung von Barcelona aufzuheben!... Es würde das Zeichen zu einem allgemeinen Aufſtande in Catalonien.... und vielleicht im ganzen Königreiche ſein. Schon ſind mir ſichere Nachrichten von gehei⸗ men Verſchwörungen der Unzufriedenen zugegangen. Glaubt mir, Sire, es fehlt nicht viel und Ihr werdet Euch genöthigt ſehen, zu Pferde zu ſteigen, um, den Degen in der Fauſt, Eure Krone wieder zu erringen. Wenn dieſe äußerſte Nothwendigkeit eintreten ſollte, würdet Ihr denn nicht Euren Unterthanen,— was ſage ich,— ganz Europa! neuerdings beweiſen, daß Ihr der Enkel Ludw ig XIV. ſeid?“ Dieſe letzten Worte berührten den König wie ein electriſcher Schlag. Seine Angen flammten licht auf, er hob den Kopf ſtolz empor.... da pochte es plötzich an die Thüre des Zimmers, und La Roche, der Kammerdiener des Königs, trat ein. Seine Züge verriethen eine heftige innere Bewegung. „Was gibt es denn!“— rief Philipp mit dem Orſini. 7 —— —— 98 Ausdruck der Ungeduld,—„habe ich nicht geſagt, daß ich allein ſein wolle?“ „Vergebung, Sire!“— entgegnete die Fürſtin,— „ich allein bin ſchuldig; ich glaubte es auf mich nehmen zu dürfen, La Roche den Eintritt in Eurer Majeſtät Zimmer für den Fall zu erlauben; daß ein franzöſiſcher Courier einträfe, und wahrſcheinlich...“ „Hoheit“— unterbrach die Sprechende der Kam⸗ merdiener,—„bis jetzt kam noch kein Courier an; aber ein anderer, nicht weniger außerordentlicher ſo wie unvorhergeſehener Umſtand zwingt mich den Be⸗ fehl zu überſchreiten, den ich aus dem Munde des Königs ſelbſt empfangen. Die Mitglieder des Gerichts⸗ hofes der heiligen Inquiſition befinden ſich in den Vorzimmern, und verlangen augenblicklich vor ſeine Majeſtät gelaſſen zu werden.“ „Die Inquiſition!“— murmelte der König, und ein kalter Schauer ſchüttelte alle ſeine Glieder.— „Die Inquiſition?—— Was will ſie von mir?“ „In der That!“— ſagte die Fürſtin,„es iſt auffallend, daß in Abweſenheit des Kardinal„Groß⸗ Inquiſitors.... Aber es thut nichts,.... man wird doch der heiligen Ingquiſition nichts abſchlagen dürfen. Sie ſei im Pallaſte Medina⸗Celi ſo will⸗ fommen, als im Pallaſte Buen„Retiro und in Escurial. Ohne Zweifel, Sire, werden die Mit⸗ glieder des heiligen Tribunals nicht die Letzten ſein wollen, Euch ihre Glückwünſche bei dem herannahen⸗ den Feſte barzubringen. Ihr könnt ſie doch wohl nicht abweiſen.“ Nach einem Momente der Schwankens gab end⸗ lich der König ein Zeichen ſeiner Zuſtimmung. Wenige Minuten darauf öffnete ſich die Thüre des königlichen Zimmers und auf deren Schwelle erſchienen drei Mitglieder jenes fürchterlichen Gerich⸗ tes, deſſen Name auf jeder Seite der Geſchichte Spa⸗ niens mit unvertilgbaren Blättern aufgezeichnet ſteht, da die Feder, die ſie ſchrieb, faſt immer in Menſchen⸗ blut getaucht war. Die drei Inquiſitoren trugen die finſtere Kleidung, welche das heilige Tribunal zu Rom für die richter⸗ lichen Sitzungen der geiſtlichen Gerichte vorgeſchrieben, mit Ausnahme der ſchwarzen Maske, mit welcher ſie nicht gewagt hätten, ihr Geſicht in Gegenwart des Königs zu bedecken; aber die Masken waren ſo zu ſagen durch ihre Capuzen erſetzt, die bis über die Augen fielen. Alle Drei verbeugten ſich feierlich vor dem König, deſſen Hand ſodann Einer nach dem Andern küßte. Als dies geſchehen, ſtellten ſie ſich ihm, mit geſenktem 100 Haupte und auf der Bruſt gekreuzten Armen, gegen⸗ über und erwarteten nun unter tiefem Schweigen die Anrede Philipp V. Der König, ſichtbar verwirrt, blickte die Fürſtin mit einem Ausdruck des Schreckens und der Ueber⸗ raſchung an, worauf Dieſe mit feſter Stimme lächelnd ſagte: „Hochwürdige, Ihr könnt beginnen; der König harrt Eurer Worte.“ Die drei Verhüllten ſchienen ſich untereinander zu berathen, dann zog einer Derſelben ein Papier aus ſeinem Buſen und las deſſen Inhalt mit einer impo⸗ ſanten Feierlichkeit vor. Es war eine förmliche Anklage gegen den Ge⸗ neral⸗Controlleur der Finanzen Herrn Orry, einen der Günſtlinge der Fürſtin. Der ganze Act, der auf die geringfügigſten Dinge gegründet war, lief auf die Abſetzung dieſes Miniſters hinaus, den man als den, von der Favorite am begünſtigtſten kannte, und der ihr auch von jeher am ergebenſten geweſen. Während dieſer ganzen Vorleſung gab ſich die Fürſtin Orſini nicht die kleinſte Blöße, ja ſie hörte derſelben mit der größten Ruhe zu, obgleich jeden Augenblick die perfideſten und boshafteſten Aufreizun⸗ gen gegen ſie ſelbſt ihr Ohr trafen. Der König aber erblaßte und erröthete bald; ſeine Lippen zitterten, ſeine Augenbrauen zogen ſich finſter zuſammen, und er ſchien ſich nur mit Mühe in ſeinem Seſſel ruhig zu halten. Sobald die Vorleſung zu Ende, verſuchte er ei⸗ nige Worte zu ſtammeln,— aber vergebens;— zu⸗ gleich unterbrach ihn indeſſen auch die Fürſtin, in⸗ dem ſie mit Lebhaftigkeit ſagte: „Sire, die heilige Inquiſition iſt in der Bitte, die ſie an Eure Majeſtät richtet, vollkommen begründet. Herr Orry iſt Franzoſe, und es war höchſt unklug von ihm zu vergeſſen, daß er ſich hier in einem fremden Lande befinde, woſelbſt er nicht allein den Geſetzen Gehorſam ſchuldet, ſondern auch,— und namentlich in Rückſicht auf ſeine hohe Stellung,— zu der unbedingteſten Unterwerfung unter die Sitten und Gebräuche dieſes Landes verpflichtet iſt, ſtatt den Gewohnheiten und Herkommen entgegenzutreten. Herr Orry hat ſich ſomit ſeine Entſetzung und Verweiſung aus dem Königreiche ſelbſt zugezogen.“ Da aber der König hier ein verneinendes Zeichen machte, fuhr die Fürſtin eifrig fort: „Erinnert Euch, Sire, der weiſen Regeln, welche Euch Euer erhabener Großvater, von ſeiner eigenen Hand geſchrieben, bei Eurer Abreiſe nach dieſem — —————— 102 Lande übergab. Das Verhalten fur den vorliegenden Fall iſt darin ausführlich erwähnt.— Hochwürdigſte, Ihr könnt Euch zurückziehen. Dem Wunſche der heiligen Inquiſition ſoll die vollſte Genugthuung werden. Herr Orry wird in einem Zeitraume von acht Tagen Spanien verlaſſen haben; denn indem das Haus Bourbon an die Stelle des Hauſes Heſterreich tritt, wird der König nie aufhören, „der Katholiſche“ zu ſein.“ Mit dieſen Worten und einem Zeichen voll Ma⸗ jeſtät und Würde entließ die Fürſtin die drei Inqui⸗ ſitoren, die, von Ueberraſchung und Staunen verwirrt, den Pallaſt ſofort verließen. Sie befand ſich abermals mit dem Könige allein. Nach einigen Minuten tiefen Schweigens ſagte ſie, ohne daß das leiſeſte Wölkchen des Unmuthes die Heiterkeit ihrer Stirne getrübt hätte! „Ich kann nun Spanien mit aller Ruhe verlaſſen. Dank den Herren des heiligen Gerichts, ich habe nun wenigſtens einen Freund auf meinem Wege vor mir, der mir Quartier machen kann.“ „Was meint Ihr damit?“ frug der König ver⸗ legen. „Sire, habe ch nöthig Eurer Majeſtät zu wieder⸗ holen, daß, wenn erſt einmal Barcelona genom⸗ men,— was, wie ich hoffe, mit Eures erhabenen BGroßvaters Hülfe bald der Fall ſein wird,— das Werk, welches ich unternahm, vollendet iſt.... Die Krone Spaniens iſt alsdann für immer auf Eurem Haupte befeſtigt und Euren Nachkommen geſichert; auch wird, von dem Augenblicke an, in welchem ich die Macht, deren Ihr mich gewürdigt, wieder in Eure Hände niederlege, Euch kein Hinderniß mehr entgegentreten.“ 6 Der König wurde bei dieſen Worten todtenbleich und bewegte ſich ungeduldig auf ſeinem Seſſel hin und her. „Was. Wie?“— ſtammelte er kaum ver⸗ nehmlich,—„Sollte dies Euer feſter Entſchluß ſein?“ „Glaubt mir, Sire,“— fuhr die Fürſtin fort,— „es wird mir unendlich ſchwer halten, mich nach allen den vielen Beweiſen der Güte, mit welchen Eure Majeſtät mich überhäuft, von Euch zu trennen... Aber Euere Wohlfahrt, die mir heilig iſt, ſelbſt meine Zukunft legen mir dies niederdrückende Gebet auf. Die Höflinge ſehen nun einmal in mir— mit Grund oder Ungrund— ein unüberſteigbares Bollwerk, das ſie unaufhörlich von ihrem Herrſcher trenne, und ſo lange ich die Luft Spaniens athmen werde, gelte ich ihnen als ihre fürchterlichſte Feindin. Dieſe vorge⸗ 104 faßte Meinung hat ſchon oft das Gute aufgehoben und vereitelt, das ich zu erzielen beabſichtigte....,*. und welches Ihr, Sire, hervorgerufen... Bin ich aber erſt einmal nicht mehr hier, werden alle Vor⸗ 6 urtheile gegen den franzöſiſchen Einfluß in nichts zerfallen. Was mich betrifft, ſo beabſichtige ich, mich in einen verborgenen Winkel der Touraine, auf mein Schloß Chanteloup zurückzuziehen. Dort werde ich dann mit Freuden hören, daß Spanien endlich unter Eurer Majeſtät Regierung in einem dauernden Frieden neu aufblühe, und dies wird für mich der einzige ſchwache Troſt für die Trennung von Euch ſein..... Nur Eines wünſchte ich Nachdem ich.— Dank Eurer Gnade, Sire— in Eurem Namen einen Theil der Regierung in dieſem 3 Königreiche geführt, würde es mir peinlich ſein, auf das Ende meiner Tage hin, gehorchen zu müſſen. Ich hoffe daher und rechne darauf, daß der König von Frankreich ſich endlich entſchließen wird, mir die Souveränität jenes kleinen Winkels der Erde ver⸗ leihen zu wollen. Ich habe bereits an Frau von 3 ſ Maintenon geſchrieben, die mir auch Hoffnung gab, 3 3 und gewiß der Cardinal⸗Groß⸗Inquiſitor wird bei dieſer Gelegenheit das Vertrauen rechtfertigen, wel⸗ 2 ches Ihr und ich ſeit langer Zeit in ihn geſetzt. Er 105 wird von dem Könige, Eurem Großvater, die Hülfs⸗ truppen und den Feldherrn erlangen, die Ihr Beide zur Eroberung Barcelona's bedürft, und zugleich die Hinderniſſe aus dem Weg räumen, die ſich bis jetzt der Erlangung der Souveränitätsrechte für mich entgegengeſtellt. Er hat es mir hei ſeiner Abreiſe feſt verſprochen, und ich begreife nicht, daß wir noch keine Nachrichten von ihm haben. Es ſind bereits beinahe drei Wochen, daß er Madrid verlaſſen.“ „Es iſt wahr!“ „Vorausgeſehen, daß ſich der Herr Cardinal del Giudiee nicht den Herrn von Brancas hat vor⸗ kommen laſſen!— Oh! dann wäre Alles verloren 5 denn dieſer Geſandte wird es Eurer Majeſtät nie vergeſſen, daß Ihr ihn nicht zum Granden von Spa⸗ nien gemacht.“ „Aber, was ſoll er gegen Euch, Fürſtin, und gegen mich unternehmen?“ „Alles was in ſeinen Kräften ſteht, um ſich zu rächen, Sire! und ein Geſandter hat für ſo etwas immer Mittel an der Hand. Ihr konntet Euch ja ſelbſt ſchon davon überzeugen, Majeſtät; die letzten Briefe, welche Frau von Maintenon an mich richtete, tragen den Stempel einer Kälte und Zurückhaltung, an die ich bisher nicht gewöhnt war. Es ſpinnt ſich etwas 9 106 an, wie ich ſchon geſagt, und es war daher von großer Wichtigkeit, daß der Cardinal del Giudice ſeine Abreiſe nicht länger verſchob, damit er noch zeitig genug ankömmt, um den Eindruck zu mildern, wel⸗ chen die Worte des Herrn von Brancas machen werden. Glücklicherweiſe ſind alle Maßregeln ſo gut genommen, daß der franzöſiſche Geſandte, trotz aller Anſtrengung nach dem Cardinale ankommen wird. Dennoch würde ich viel darum geben, hätte ich in dieſem Augenblick Sicherheit darüber. Es handelt ſich vielleicht um den Frieden Curopa's.“ Die Fürſtin ſtand im Begriff noch weiter zu ſprechen, als der König, der bis dahin kaum im Stande geweſen, die Unruhe und Verwirrung, die ihn erfaßt, zu verbergen, ſeinem Schmerze endlich Luft machte. Haſtig ergriff er die Hand der Fürſtin, preßte ſie heftig zwiſchen den ſeinen und rief, Thränen in den Augen: „Nein! nein! Ihr werdet mich nicht verlaſſen! Nehmet dieſes entſetzliche Wort zurück!— Was würde aus mir, wenn ich Euch nicht mehr hätte?— Ihr gehört zu meinem Daſein, wie das Licht, das meine Augen trinken,— wie die Luft, die ich einathme!... Wenn ich Euch nicht ſehe, iſt es mir, als wäre ich 1 3 107 blind,. wenn Ihr entfernt von mir ſeid, glaube ich erſticken zu müſſen, als ob der Grabſtein ſchon auf meiner Bruſt läge. O! habt Erbarmen, Fürſtin, habt Erbarmen mit einem unglücklichen Könige, der nur Euch allein auf der weiten Welt hat, den Eure Abreiſe in Verzweiflung ſtürzen würde. Seht ich fühle es, ich würde ſterben, und Ihr wollt doch meinen Tod nicht, nicht wahr?... Was kann ich thun, um Euch zurückzuhalten?..... Sprecht!.. ich bin zu allem bereit. Alles was Ihr befehlt, werde ich auf der Stelle unterzeichnen..... Was Sind es Schätze?... Meine Macht, meine Reich⸗ thümer ſind die Euren, verfügt darüber nach Eurem Willen. Ihr ſeid hier zu einem traurigen Leben ver⸗ dammt,— ich weiß es,— aber Geduld! die Trauer des Hofes dauert nicht immer, und von dem Augen⸗ blicke an, von welchem ſie aufhören wird, werden wir Zerſtreuung und Feſte haben; Ihr werdet ſie ſelbſt anordnen. Aber verlaßt mich nicht, ich beſchwöre Euch darum, denn wir haben Euch hier Alle nöthig, ich, mein Sohn, mein Königreich. Ihr ſeid meine Kraft, meine Stütze, mein Troſt, meine Hoffnung, und gewiß! Ihr wollt mich nicht aller dieſer Güter berauben! Ich beſchwöre Euch darum auf meinen —. Knieen,— ich!— der König Spaniens und beider Indien!“ In der heftigen Bewegung, die ſich ſeiner bemäch⸗ tigt, würde Philipp V. in der That der Fürſtin Orſini zu Füßen geſunken ſein, wenn ihn dieſe nicht, obgleich ſelbſt ergriffen, daran verhindert hätte. Im gleichen Augenblicke pochte es abermals an die Thüre. Der König fuhr zitternd auf und rief: „Was gibt es ſchon wieder?“ „Sire!“— antwortete La Roche's Stimme— „Depeſchen aus Frankreich!“ „Endlich!“ rief die Fürſtin, deren Antlitz plötz⸗ lich von Freude ſtrahlte. „Gib!“— ſagte der König—„gib mir ſchnell die Depeſchen, La Roche!“ La Roche trat ein und überreichte König Phi⸗ lipp ein Päckchen, welches das Staatsſiegel Frank⸗ reich's trug. Der König nahm es und reichte es unmittelbar darauf der Fürſtin, welche das Siegel mit fieberhafter Haſt erbrach; aber kaum hatte ſie ihre Blicke über die Papiere gleiten laſſen, als ihr Antlitz ſich ver⸗ finſterte und ihr Haupt entmuthigt niederſank. 109 „Nun!“ ſagte der König.—„Wie ſteht es jen⸗ ſeits der Pyrenäen?“ „Sire!“ verſetzte die Fürſtin traurig,—„dieſer Tag trägt den Fluch des Unglücks. Alles iſt verloren!!— Der Cardinal ließ den Herrn von Brancas vor⸗ kommen, und es traf ein, was ich vorausgeſehen. Euer föniglicher Großvater iſt es müde, wie bisher Menſchen und Geld für Eure Sache zu opfern, er gibt Spanien auf, wenn Ihr Euch nicht auf der Stelle den Bedingungen unterwerft, die er Euch ſtelſt.“ „Wie heißen dieſe Bedingungen?“— „Ihr unterzeichnet die Verträge von Utrecht und Raſtadt, bei denen ich glaubte, es läge in Eurem Intereſſe und in Eurer Pflicht, nicht beizutreten.“ „Das wäre eine ſchmerzliche Demüthigung für mich. Aber weiter? 4 „Ihr ſeid bevollmächtigt auf meine Dienſte zu verzichten und mich nach Frankreich zurückfehren zu laſſen; wobei Euch unterdeſſen unterſagt bleibt, die Bitte um Souverãnitts⸗Verleihung für mich zu erneuern. Dieſe Souveränität iſt abgeſchlagen.“ „Der König und Fran von Maintenon hatten mir deren Gewährung verſprochen.“ „Der König und Frau v on Maintenon nehmen ihr Verſprechen zurück.“ 110 „Das iſt eine Beleidigung für Euch. Seid Ihr zu Ende?“ „Nein!— Es bleibt noch eine letzte Bedingung. Der König, Euer Großvater, von dem tiefen Kummer unterrichtet, den Euch der Tod der Königin von Spanien bereitet, fürchtet, daß dieſer Kummer einen allzuungünſtigen Einfluß auf Eure Geſundheit üben werde, er verlangt daher: daß Ihr ſofort die nöthigen Schritte thut, um eine neue Verbindung herbeizuführen.“ Den König übermannte bei dieſen Worten eine ſolche Niedergeſchlagenheit, daß er den Kopf troſtlos niederſinken ließ, und in dieſer Stellung lange ver⸗ harrte, ohne ein Wort zu ſprechen. Die Fürſtin da⸗ gegen war alsbald wieder Herrin ihrer ſelbſt geworden und zeigte die ihr gewöhnliche Ruhe und Heiterkeit. Nach Verlauf einer halben Viertelſtunde ungefähr erhob ſich König Philipp von ſeinem Seſſel und gab der Fürſtin ein Zeichen, an ſeiner Stelle Platz zu nehmen. „Der König von Frankreich“— ſagte er ſodann— „liebt das Warten nicht. Setzt Euch, Prinzeſſin, an dieſen Tiſch und ſchreibt meine Antwort.“ „Wie! Sire?“— entgegnete die Favorite ganz überraſcht,—„wollen Eure Majeſtät in einer ſo wichtigen Angelegenheit nicht Ihren Rath verſammeln?“ 111 „Das iſt unnöthig. Schreibt, daß ich bereit ſei, mich in allen dieſen Punkten nach der Meinung meines Großvaters zu richten, und daß ich, um ihm einen unumſtößlichen Beweis meiner Folgſamkeit zu geben, mich entſchloſſen habe, zur Gattin zu nehmen... Anna Maria von Tremouille, Fürſtin von Orſini.“ Und wenn der Blitz in dieſem Augenblicke in das Zimmer des Königs geſchlagen hätte, es würde die Fürſtin nicht gewaltiger überraſcht haben, als dieſe Erklärung. Eine flammende Röthe lief über ihre Wangen und während ein halblauter Schrei der Ueberraſchung ihrer Bruſt entquoll, entſank die Feder ihrer zitternden Hand. Endlich ſtotterte ſie mit kaum vernehmbarer Stimme. „Ach!— Sire... Vergebung... wache ich auch wirklich... nein... ich kann nicht ſchreiben... was Ihr mir eben dictirtet.“ „Schreibt!“— entgegnete der König,—„es iſt mein Wille. Da man Euch eine Suveränität ab⸗ ſchlägt, habe ich die Freiheit Euch zur Entſchädigung eine Krone anzubieten.“ „Sire, glaubt mir, daß ein ſolches Anerbieten mich zu gleicher Zeit mit Dankbarkeit und Verwir⸗ rung erfüllt, aber ich wiederhole Euch, ich kann, ich —— will es nicht annehmen. Ich ſtamme nicht von kö⸗ niglichem Blut.“ „Iſt dies bei Fran von Maintenon der Fall?“ „Ach!— Sire, ahmt Eurem Großvater in ſei⸗ nem Ruhm und ſeiner Größe, aber nicht in ſeinen Fehlern nach! Was würden Eure Unterthanen, die Grandezza Spaniens, die Altamire, die Albu⸗ querque, die Santa⸗Cruz ſagen?“ „Habe ich— ich! ihnen jemals Rechenſchaft über die Verbindungen abverlangt, die ſie eingingen, und dürfen ſie etwas anderes wünſchen, als das Glück ihres Königs?— Was liegt mir außerdem an der Meinung eines Altamire oder eines Santa⸗ Cruz? Ich wußte nicht einmal mehr, daß dieſer Letzte noch lebe, ehe mir Amenzaga von ihm ſprach.“ „Er ſprach von ihm mit Euch, Sire?“ „Ja, er ſagte mir, daß er unwillkürlich Zeuge ei⸗ nes Duells geworden ſei, welchen der Marquis von Santa⸗Cruz in einer Poſade zu Fandraque mit einem franzöſiſchen Edelmann gehabt. Letzterer ſchlug ſich für Euch, und der Marquis tödtete ihn. Santa⸗Cruz hat hiefür eine ſtrenge Strafe ver⸗ dient, und Ihr könnt auf mich rechnen, daß der Vicomte von Gondreville gerächt werden ſoll.“ — 113 —— „Gondreville!“— lispelte die Fürſtin mit einem nicht zu beſchreibenden Schrecken.„Er hat den Vicomte von.. Gondreville.. getödtet?“ Und vor ihren Augen ward es düſter und Tod⸗ tenbläſſe deckte ihr Geſicht. „Was iſt Euch, Fürſtin?“— rief der König und eilte auf ſie zu. Da dieſelbe aber unbeweglich und ſchweigend verharrte, neigte er ſich, die Feder aufzuheben, die auf den Boden gefallen, worauf er ſie der Favorite mit den Worten reichte. „Vorwärts! wir haben uns genug bei dem Mar⸗ quis von Santa⸗C ruß aufgehalten, ſchreibt jetzt⸗ was ich Euch ſagen werde.“ Aber plötzlich ſtieß er einen Schrei aus und Schreck und Angſt malten ſich in ſeinen krankhaften Zügen. Er hatte bemerkt, daß das Haupt der Fürſtin auf deren Bruſt herabgeſunken und ſie zu athmen auf⸗ gehört. Im gleichen Augenblicke pochte es abermals an die Thüre, und eine Stimme, in der man leicht die des Kammerdieners la Roche erkannte, rief: „Sire, ich flehe Eure Majeſtät um Vergebung an; aber der Edelmann, der mir das Päckchen über⸗ Orſini. 8 1¹4 geben, welches ich ſo eben zu Eurer Majeſtät Hän⸗ den geliefert, ſagt, daß er noch ein anderes an ihre Hoheit die Fürſtin Orſini von Seiten der Frau Marquiſe von Maintenon überbringe, welches er indeſſen nur in die Hände ihrer Hoheit ſelbſt über⸗ geben dürfe.“ „Es handelt ſich ja eben um Frau von Main⸗ tenon!“— entgegnete der König mit einem Aus⸗ drucke der Verzweiflung.„La Roche! Verabſchiede ſchnell dieſen Edelmann. Zu Hülfe! zu Hülfe! der Fürſtin iſt unwohl.“—— Sechstes Kapitel. Das Geſpenſt. Verſammelt in dem Hauſe, welches zum Ball⸗ ſpiele beſtimmt, und nach dem Muſter desjenigen der Musketiere zu Verſailles, ganz nahe an dem Pallaſte von Medina⸗Celi errichtet war, feierten die Offiziere der Garde die Zurückkunft des Lieutenants Amen⸗ zaga durch reichlichen Genuß des edlen Feres von Frontera, nach einer tüchtigen Zwiſchenmahlzeit, wie man aus den überall zerſtreuten Reſten ſchließen konnte. Der Held des kleinen Feſtes ſaß in der Mitte ſeiner Kameraden eben am Tiſche, und frug dieſelben in der heiterſten Laune: was während ſeiner Abwe⸗ ſenheit die Schönen von Madrid gemacht, was ſich im Theater und auf der Rennbahn zugetragen, wie viel Chemänner genarrt worden ſeien, und andere Poſſen, wie ſie zu allen Zeiten und in allen Ländern die Unterhaltung der jungen Männer im Allgemeinen — 1¹6 und der Herren Garde⸗Offizieren im Beſondern aus⸗ machen. Da rief mit einemmale einer der Anweſenden: „Aber, es ſcheint mir, als ob Don Felipe Amenzaga Eines vergäße, und zwar, daß er von der Reiſe komme, während wir hier am Platze ge⸗ blieben ſind, woraus man ganz natürlich ſchließen darf, daß es eigentlich an ihm iſt, die Unterhaltung zu führen und nicht an uns. Was meint Ihr, meine Herren?!“ „Einverſtanden! Einverſtanden!“— rief zugleich die ganze Verſammlung im Chor,„Amenzaga muß uns ſeine Reiſeabentheuer erzählen.“ Bei dieſen Worten verfinſterte ſich die ſonſt ſo heitere Stirne des Garde⸗Lieutenants auffallend. „Meine Herren!“— ſagte er dann—„erlaubt mir, über dieſen Punkt zu ſchweigen, ich genügte einer Miſſion der Regierung, und da wißt Ihr Alle, daß die größte Behutſamkeit im Sprechen und Handeln die erſte Pflicht iſt.“ „Allerdings!“— entgegnete lebhaft einer der Tiſch, genoſſen,—„auch denken wir nicht daran, Dich zu verleiten, dieſes weiſe Zurückhalten zu brechen!— Meinſt Du vielleicht, wir hätten Luſt, uns in die Staatsgeheimniſſe zu miſchen? Oho! da könnten wir uns die Finger verbrennen. Dies Recht ſteht nur Ihrer Hoheit der Fürſtin Orſini zu. Aber, Du berühmter fahrender Ritter, iſt Dir denn gar kein Abentheuer auf Deinem ganzen Wege zugeſtoßen?— Haſt Du keine Räuber begegnet?.... Keine Prin⸗ „Wahrhaftig, meine Herren, ich geſtehe Euch auf⸗ richtig, daß mir auf meiner Reiſe gar nichts Unter⸗ haltendes vorgekommen. Ein ganz abſcheuliches Wet⸗ ter, Regen, Wind, Hagel, ein Pferd was unterweges fiel, ein anderes, welches lahm wurde.. lauter Dinge, wie Ihr ſeht, die nur widerwärtige Erinne⸗ rungen zurücklaſſen.“ „Ach was! Du willſt den Geheimnißvollen ſpie⸗ len; das iſt nicht franzöſiſch, ich verſichere Dich, und ich bin gewiß, daß Dich Herr von Noailles nicht kennen würde, wenn er jetzt Deine düſtere und nach⸗ denkliche Phyſtognomie ſähe.“ Amenzaga erbebte, und rief, faſt verſtört um ſich blickend: „Franzöſiſch! wer ſpricht von Franzoſen hier, Ihr Herrn?“ 118 N „Beim heiligen Jakob von Compoſtella!“— ſagte einer der Anweſenden,—„man ſollte meinen, das Wort hätte Dir den Mund verbrannt; dir, der Du bisher ein wahrer Caſtilianer von Verſailles warſt!— Nun fehlt Dir nur noch, den Bolero ſtatt der Fari⸗ dondaine zu ſingen und den Fandango ſtatt des Menuets zu tanzen,— und die Verwandlung iſt vollkommen.“ „Lacht ſo viel Ihr wollt, meine Herren. Ich wollte ich könnte es Euch nachmachen, aber das iſt mir unmöglich. Ich ſtehe im Augenblick unter dem Einfluß einer traurigen Erinnerung, die ein einziges Wort genügte, wieder zu erwecken.“ „Wenn Du willſt, daß wir Dich verſtehen ſollen, mußt Du Dich näher erklären.“ „Gern!“ „Vortre fflich! Wird's lange dauern?“ „Nein!“ „Einerlei! Laßt uns die Gläſer füllen und Eines trin⸗ ken, wir werden alsdann nur um ſo aufmerkſamer ſein.“ Man genügt dieſer Aufforderung mit Vergnügen. „Jetzt fang an, Don Felipe Amenzaga,“— rief ein Anderer,—„wir hören zu. Ruhig! meine Herrn, Lieutenant Amenzaga ſpricht!“ „Ihr wißt Alle, daß ich mich mitten in der Char⸗ 119 woche auf den Weg machte, und dies war, ich fange an, es jetzt ſelbſt zu glauben, eine große Sünde. Aber die erſte Pflicht eines Soldaten iſt, ſeinen Obern zu gehorchen, und namentlich unſerem hier, der bekannt⸗ lich Niemand Anderes iſt, als Ihre Hoheit die Fürſtin Orſini.“ „Was indeſſen auch die Urſache ſein mag, der liebe Gott, der mir wahrſcheinlich eine Prpbe ſeiner Unzufriedenheit geben wollte, ſandte mir, wie ich Euch ſchon geſagt, während der erſten Tage das ſchänd⸗ lichſte Wetter, welches man ſich nur denken kann.“ „So komme ich endlich, ganz durchnäßt und er⸗ froren, den Charfreitag in das Oertchen Ladraque, ein elendes Neſt, wo die ungaſtfreundlichſten Menſchen von der Welt wohnen; auch bete ich alle Tage zu meinem Schutzpatron, dem heiligen Philipp, daß er mich nie wieder in dies Neſt führen wolle. In der Poſada nun, in der ich gezwungen war, mich aufzu⸗ halten, fand ich zwei Edelleute: der Eine war von unſerer Nation, und ſtand in den Jahren, die den reifen Mann von dem Greiſenalter trennen; der An⸗ dere war ein Franzoſe, ein ganz netter Cavalier, wenn auch etwas zu ſehr zum Spott geneigt, was auch ſchon ſeine Züge verriethen. Sonſt aber hübſch und wie ein Engel von Geſicht, mit zwei Augen, die 120 wie Karfunkel glänzten,— Augen— wie ich ſonſt nie welche geſehen, ſolch einen unerklärlichen Ausdruck von Zauberkraft und Hohn trugen ſie,— kurz, wahre Teufelsaugen. Dieſer Edelmann, der ohngefähr zwei⸗ undzwanzig Jahre alt ſein konnte, nannte ſich, wie ich es von ihm ſelbſt hörte, Vicomte von Gondre⸗ ville. Was er in Spanien zu thun hat, weiß ich nicht, und— allem Anſcheine nach, wird es auch Niemand jemals erfahren. Der Andere war ein alter Chriſt, deſſen Name hier Niemanden unbekannt,— es war der Marquis von Santa⸗Cruz.“ „Iſt's möglich? derſelbe, der mit einem ſolchen Scandale am Hofe wieder erſchien?“ „Derſelbe. Der Franzoſe war, wie ich Euch ſchon geſagt habe, gleich allen ſeinen Landsleuten, ſehr zum Spotten geneigt. Ich ſelbſt befand mich nicht in der beſten Laune, ſo daß ich wirklich nicht mehr recht weiß, wer von uns Beiden Händel ſuchte.“ „Das Ende vom Liede iſt, wir hatten noch keine zwei Worte miteinander gewechſelt, als ſchon ein Zwei⸗ kampf unter uns verabredet war. An einem Char⸗ freitage! Es war eine ſchwere Sünde! indeſſen ich ſtand im Begriffe ſie zu begehen, als ein Zufall, den ich nicht vorausſehen konnte, dazwiſchen kam. Meine zwei Gefährten, der Marquis von Santa⸗Cruz 121 und der Vicomte von Gondreville, kannten ſich nicht im geringſten; aber ſie waren alle beide gerade der entgegengeſetzten Meinung, wie Ihr leicht denken könnt, da der Eine, als Franzoſe, ein warmer Verehrer des jetzigen Regierungsſyſtems, wäh⸗ rend der Andere, gerade im Gegentheil durch ſeine Oppoſition gegen daſſelbe und als ſein ausgemachter Feind bekannt iſt. Einige Worte über Ihre Hoheit die Fürſtin Orſini, gaben die Veranlaſſung zu einem ernſthaften Streite, der mit aller Gewalt in dem Saale der Poſade, indem wir uns gerade befan⸗ den, ausgefochten werden ſollte.“ „Obgleich ich nun nicht im entfernteſten daran dachte, daß ſich dieſe Sache ſo tragiſch enden würde, verſuchte ich dennoch dieſem Entſchluſſe entgegenzu⸗ treten, indem ich als der erſt Geforderte mein Vor⸗ zugsrecht geltend zu machen bemüht war. Aber Alles war bei dieſen zwei halsſtarrigen Gegnern um⸗ ſonſt. Der Kampf begann. Er war fürchterlich und ſeine Entſcheidung lange ungewiß. Endlich ſiegte der Greis über den Jüngling; der Vicomte von Gon⸗ dreville ſank, mit einer breiten Wunde in der Bruſt, von dem wüthenden Marquis von Santa⸗Cruz getroffen, zu Boden.“— „Eine Stunde nachher verließ ich Tadraque, 122 und zwar in demſelben Augenblick in welchem er im Begriff ſtand ſeine letzten Seufzer auszuhauchen, ohne ſelbſt noch die heiligen Sakramente empfangen zu können; ſo daß jetzt ſeine Seele wahrſcheinlich hier unten ruhelos umherirrt, bis die Gebete ſeiner Ver⸗ wandten und Freunde ihm dort Oben Gnade verſchaffen.“ „Armer, junger Franzoſe!“— ſetzte Amenzaga Wenn er den Unfall überlebt hätte, würde er mich vielleicht getödtet haben, und doch, meine Freunde, Ihr könnt mir es glauben, ich bin jetzt 36 Jahre alt, war oft während meines Lebens im Feuer, habe ſelbſt manchen Feind getödtet, und mehr alt einmal fehlte wenig und auch ich hätte die Augen auf ewig geſchloſſen;... aber das Schickſal dieſes Unglücklichen, der mitten in der Blüthe der Jahre fiel,. entfernt von ſeiner Familie, von ſeinem Vaterlande, von ſeinen Freunden hat mich tief ergriffen. Es ſcheint mir ordentlichals ſähe ich ihn vor mir ſtehen, ſtrotzend von Leben und von Jugendkraft und überſprudelnd von heiterer Laune, ſeine Augen auf die meinen gerichtet,— ſeine Augen, deren eigenthümlicher Ausdruck mich noch, gegen meinen Willen, in dieſem Augenblicke verwirrt. Seit jener Zeit verging keine Nacht, in welcher mir nicht 123 in meinen Träumen erſchienen wäre, und als ich mich dieſen Morgen nach dem Pallaſte begab— mag es nun eine Vorſpieglung meiner erhitzten Phantaſie, mag es Wahrheit geweſen ſein— glaubte ich ihn abermals zu ſehen.“ „Was das betrifft, ſo ſind das zwei verſchiedene Dinge!“— ſagte einer der Anweſenden.—„Daß ſeine Seele nach dem Tode herumirre, das mag ſchon ſein, mein beſter Amenzagaz aber Du wirſt mir erlauben zu behaupten, daß der Körper Deines jungen Edelmanns ohne allen Zweifel ſehr ruhig auf dem Friedhofe von Fadraque liegt, aus dem er auch ſicher und aller Wahrſcheinlichkeit nach erſt am jüngſten Gerichte erſtehen wird. Und daher, meine Herrn, denke ich: wir laſſen die Toden ruhen und trinken auf's Wohl der Lebenden. Wer thut mir Beſcheid?“ Ich! ich! riefen alle Stimmen und klirrten, daß es eine Luſt war. Da rief eine Stimme, deren Laut alle übrigen übertönte: „Ich trinke auf Eure Geſundheit, mein edler Amenzaga, in dieſer wie in der anderen Welt!“ Amenzaga erbebte bis in das Mark der Knochen. Verſtört und zerſchmettert blickte er nach der Gegend, aus welcher dieſer wohlbekannte Ton erſchallt..... Da entſank das Glas aus ſeiner Hand und zerſchellte am Boden in tauſend Scherben. „Was gibt's denn?“—„Was haſt Du!“ riefen alle Gefährten des Lieutenants wie aus einem Munde. „Dort! dort!“ ſtammelte Am enzaga mit halb⸗ erſtickter Stimme und deutete auf einen ſchönen, wenn auch bleichen jungen Mann, der in einem Winkel des Saales ſtand.„Er iſt es ſelbſt, heilige Dreifaltigkeit, was hat das zu bedeuten!“ „Ja, meine Herren!“— entgegnete heiter der neue Ankömmling,—„Euch zu dienen, ich bin der Vicomte von Gondreville!“ „Sagt lieber der Teufel in eigener Perſon,“— verſetzte Am enzaga, der ſich einigermaßen von ſeinem paniſchen Schrecken zu erholen anfing.„Ich ließ Euch vor drei Wochen für todt zu Fadraque zurück, bereit, der Erde übergeben zu werden,—— und heute— finde ich Euch in Madrid wieder!“ „Habe ich mich denn nicht gegen Euch verpflichtet, ſelbſt aus jener Welt wiederzukommen, und meinen Streit mit Euch auszufechten?— Da bin ich!— Da es mir aber ſehr peinlich wäre, einen ſo artigen Cavalier, wie Ihr es ſeid, zu tödten, oder auch zum zweitenmale zu den Schatten geſandt zu werden, ſo 125 komme ich einfach, mich wegen Mangel an Achtung gegen Pacheco... ſo hieß doch Euer Pferd, nicht wahr?. zu entſchuldigen, und mich nach ſeinem Wohlergehen zu erkundigen.“ „Ach!“— ſeufzte Don Felipe Amenzaga— „das arme Thier fiel auf der Reiſe.“ Er ſtarb im Dienſte des Königs und Ihrer Ho⸗ heit der Fürſtin Orſini! Sprechen wir nicht mehr davon und möge ihm ewig im Paradieſe der Pferde eine reiche Spende des fetteſten Hafers werden!— Aber, meine Herrn, was gibt es Neues in Spaniens ſchöner Hauptſtadt? Immer noch Serenaden vor den Fenſtern ſchöner Damen?.. Immer noch ſolche Eiferſucht bei den Chemännern?“ „Ehe ich auf Eure Fragen antworte, mein Herr!“— ſagte Amenz aga noch immer ſehr zweifelhaft,— „wünſchte ich, daß Ihr uns erklärtet, wie es zugeht, daß Ihr jetzt im Stande ſeid, dieſelben an uns zu richten.“ „Nichts leichter!— Der Wundarzt, der mich für todt hielt, war Euer Landsmann; aber— nehmt mir's nicht übel,— er war zugleich ein Eſel. Denn ich glaube, Spanier und Franzoſen ſind gleich viel werth, wohlverſtanden in Beziehung auf Arzneikunde. Er hat ſich geirrt, und das iſt alles. Wäre ich durch ——— — 3 5 3 3 3 — ſo mancher Krieger, den man für todt auf dem 126 ſeine Schuld geſtorben, ſtünde ich nicht hier, denn für den Fall wäre ich ſicher nicht wiedergekommen.“ „Aber dieſe fürchterliche Wunde, die Ihr auf der Bruſt erhieltet und die ich noch vor meinen Augen klaffen ſehe;... die habe ich doch wahrhaftig nicht geträumt, und es iſt kaum möglich, daß Ihr in einem Zwiſchenraume von drei Wochen von ihr vollkommen geheilt wurdet.“ „Ei! ei! mein edler Amenzaga, vergeßt Ihr, daß ich— ein ſo guter Franzoſe ich bin— dennoch jetzt in dem Lande lebe, aus welchem der berühmte Lebensbalſam ſtammt, jener Balſam, der ſelbſt die Todten wieder in's Leben ruft. Ich trage, wie der ſelige Don Quirote, immer ein Fläſchchen dieſer Wundereſſenz bei mir, und dieſem Balſam, meine Herrn, verdanke ich denn auch die Ehre, mich jetzt in Ihrer Geſellſchaft zu befinden.“ Alle dieſe ſchönen Reden waren indeſſen nicht im Stande, die Herren Officiere völlig von dem na⸗ türlichen Hergange der Dinge zu überzeugen. So ungläubig wie der heilige Thomas, bedachten ſie nicht, daß auf dieſer lieben Welt nichts unfehlbar iſt, ſelbſt nicht die Ausſprüche der Aerzte, und daß ſchon Schlachtfelde hatte liegen laſſen, ſich einige Zeit nach⸗ her beſſer als jemals befand. Alle betrachteten den Wiedererſtandenen wie ein Geſpenſt, während ſich eine tiefe Betäubung und Verwirrung in allen Mienen kund gab. Endlich rief Gondreville, der dies bemerkte: „Es ſcheint mir faſt, meine Herrn, als ob ich⸗ Euch läſtig fiele, worüber ich mich ſehr entſchuldigen muß. Don Felipe Amenzaga war, glaube ich, als ich eintrat im Begriffe, Euch die überraſchenden Begebenheiten zu erzählen, welche ſich den Charfrei⸗ tag des Jahres der Gnade 1714 in der Poſada zu Fadraque zugetragen. Ich will ihn keineswegs ab⸗ halten, in dieſer unterhaltenden Erzählung fortzufah⸗ ren. Im Gegentheile, ich bin bereit, ihm als Zeuge zu dienen. Hochedler Freund Amenzaga, habt Ihr dieſen Herrn ſchon das doppelte Zuſammentreffen er⸗ zählt, das wir an jenem merkwürdigen Tage in Fa⸗ draque hatten, des Card..... 3 „Unglückſeliger!“— unterbrach hier der Garde⸗ Lieutenant heftig den Sprechenden, indem er dem jungen Vicomte den Mund mit der H and zuhielt.„Kein Wort weiter, oder Ihr ſtürzt Euch in's Verderben. Wahrhaftig! es lohnte dann der Mühe, von ſo weit hergekommen zu ſein, um... „Demohnerachtet iſt's Schade. Das Abentheuer 128 war ſo ſeltſam. Ich wette es würde die Herren ſehr intereſſirt haben. Indeſſen, aus Rückſicht für Euch, Herr Lieutenannt Amenzaga, werde ich ſchweigen, allein nur unter der Bedingung: daß Ihr mir ſagt, was aus meinem wüthenden Gegner dem Marquis „von Santa⸗Cruz geworden. Zum Henker! das iſt ein alter Haudegen!.... Ehe ich ihn kannte, glaubte ich, Meiſter in der edlen Fechtkunſt zu ſein; er aber hat mir bewieſen, daß ich nur ein Schüler bin. Trotzdem ſoll es mir lieb ſein, von ihm eine zweite Lection zu erlangen, wo kann ich ihn jetzt finden?“ „Gebt Acht!“ mein edler Herr!“ entgegnete Amen⸗ zaga, dem durch dieſe Frage die Hoffnung erblühte, ſich bald von dem unheimlichen Gaſte befreit zu ſehen. „Gewöhnlich hält ſich der Marquis nicht in Madrid auf. Er bewohnt Sommers und Winters ein altes Schloß, das, ſo viel ich weiß, in den Gebirgen von Gua⸗ darama liegt; jetzt aber hat er, von Saragoſſa kom⸗ mend, woſelbſt er die Feiertage zugebracht, ſeinen Pallaſt in der Hauptſtadt bezogen.“ „Und wo finde ich dieſen Pallaſt?“ „Ihr dürft nur nach der Straße von Alcala gehen und dieſer ihrer ganzen Länge nach folgen. Kurz ehe Ihr alsdann das Ende derſelben erreicht, werdet Ihr auf der linken Seite eine kleine Straße gewahren. 129 In der Mitte dieſes Gäßchens ſteht ein großes, halb t zerfallenes Gebäude, ſchwarz und baufällig, mit einem gothiſchen Portale, über welchem ein Wappen prangt. Es iſt dies das Wappen des Hauſes Bazan, zu dem, wie Ihr vielleicht wißt, die Santa⸗Cruz gehören. Dies Gebäude war,— zu Zeiten des Kaiſers KarlV. — ein prächtiger Palaſt, denn damals waren die Santa⸗Cruz reich und mächtig. Jetzt ſind ſie arm, und haben nichts mehr für ſich, als das Andenken an alle die einſt beſeſſenen Aemter und Würden. Ihre— Wohnung iſt nackt und verödet, Gras deckt die wei⸗ 3 ten Hofräume, und die Mauern ſtürzen von Tag zu Tag mehr zuſammen, ohne daß ſie im Stande ſind, ſie ausbeſſern zu laſſen. Wenn Ihr nun den Mar⸗ quis von Santa⸗Cruz ſehen und ſprechen wollt, ſo müßt Ihr Euch dorthin begeben, aber beeilt Euch, denn in einigen Stunden.... vielleicht in einigen Minuten ſogar.... werdet Ihr ihn nicht mehr an⸗ treffen, weder in ſeinem Pallaſte hier, noch auf ſei⸗ nem Schloſſe, in den Bergen von Guadarrama.“ „Wo begibt er ſich denn hin?“ „Ei, aller Wahrſcheinlichkeit nach, dahin, wohin man die Staatsgefangenen ſendet, nach dem Thurm&. von Segovia.“ Orſini. 9 130 „Herr Gott! da muß ich eilen!... Nur zwei Worte zuvor: was hat er denn verbrochen?“ „Er hat ſich öffentlich geruͤhmt, einen franzöſi⸗ ſchen Edelmann erſtochen zu haben.“ „Da hat er in den Hals hinein gelogen und ich will es ihm beweiſen. Er iſt doch noch nicht im Thurme von Segovia?“ „Das iſt noch nicht Alles. Er hat es an Ach⸗ tung gegen die Fürſtin Orſini fehlen laſſen.“ „An Achtung gegen Ihre Hoheit?!.. das iſt eine andere Sache, dann hat er verdient, den Reſt ſeines Lebens in dem elendeſten Kerker zu verſeufzen und ich werde mich nicht mit ihm ſchlagen. Ich über⸗ laſſe hn dem Rechtsſpruche Ihrer Hoheit.“ 5„Mein Herr, wenn ich mich nicht ſehr täuſche, denkt Ihr Euch bei Ihrer Hoheit den Lohn für die Wunde zu holen, die Ihr zu ihrer Ehre erhalten.“ „Warum nicht?“ „Schade, daß Ihr dazu einen ſehr ungünſtigen Augenblick gewählt habt, Herr Vicomte. Der Stern Eurer Nation hat ſich gerade jetzt gewaltig verdun⸗ kelt. Die Inquiſition erhielt ſo eben das Verſpre⸗ chen der Zurückberufung des Herrn Orry, General⸗ Controleur der Finanzen. Und außerdem, kennt Ihr die neueſte Neuigkeit nicht, die Stadt und Hof be⸗ 131 ſchäftigt? Die Fürſtin hat um eine Souveränität in Frankreich nachgeſucht, da ſie ſich in' Spanien ſehr langweilt, und ſehnlichſt nach ihrer ſchönen Touraine verlangt, in der ihr Herr von Aubigny, ihr Stall⸗ meiſter, mit ungeheueren Koſten ein wahres Feenſchloß bereitet hat. Bis in acht Tagen verläßt die Fürſtin vielleicht ſchon Madrid.“ „Zum Teufel!— Was Ihr da ſagt! Ich— ich bin bereit, das Gegentheil zu wetten. Ihre 5 heit die Fürſtin Orſini braucht allerdings Spanien nicht, aber.... Spanien braucht ſie. Und ich bin 4 ereit, es zu beweiſen.“ 6 „Bei unſerer„ lieben Frau del Pilar,“ Herr Vicomte von Gondreville, ich habe in meinem Lleben ſchon viele Edelleute Eurer Nation kennen ge⸗ eernt, aber— obgleich es feſt ſteht, daß ein Franzoſe an nichts glaubt— ſo muß ich geſtehen, daß ich doch noch Keinen geſehen, der in dieſer Beziehung ſo ſtark war wie Ihr.“ Geduld! Hochverehrter Herr A menzaga. Mit * der Zeit werdet Ihr noch ganz andere„. Dinge ſehen. Ich bin kaum angekommen.— Aber* meine Herren, ich muß um Entſchuldigung bitten, daß ich Euch ſo viel mit meiner Wenigkeit beſchäftigt habe; obgleich, wie man mir zugeſtehen wird, dies — 132 nicht gerade mein Fehler war.... Sprechen wir von anderen Dingen. Es iſt ohne Zweifel die Zeit des Abendſegens. Ich will, wenn Ihr es erlaubt, an ein Fenſter treten, um Eure ſchönen Senora's vorübergehen zu ſehen, wenn ſie ſich zur Kirche bege⸗ ben, um zu prüfen, ob ſie ſo reizend als unſere Fran⸗ zöſinnen. Wer will mein Beiſitzer ſein? Ich verſpreche einen unparteilichen Richter abzugeben.“ Von dem heiteren Humor des neuen Ankömmlings angezogen, verließen Amenzaga und ſeine Freunde den Tiſch und begaben ſich an die Fenſter, von welchen aus man in der That einen großen Zudrang nach der Kirche gewahrte. „Was!“— rief der Vicomte von Gondreville, nachdem er einige Minuten lang ſeine Blicke hatte über die Menge ſtreifen laſſen,— es ſcheint, als ob es nicht der Mühe werth geweſen, Euch zu beläſtigen; ich, meinerſeits, bin beinahe verführt; wieder ſchnell nach Frankreich zurückzukehren. Ich wundere mich nicht mehr, daß die ſpaniſchen Damen nicht Mantillen ausgehen. Die verbergen doch immer einen Theil des Geſichtes, aber Ihr ſolltet Ihnen als Freunde rathen, denſelben noch einen Schleier beizufügen, wohlverſtanden, wenn er den übrigen Theil des Geſichtes deckt.“ 133 „Herr Vicomte von Gondreville!“ mur⸗ melte mit Ingrimm der jüngſte der Offiizere—„ich rathe Euch, beſſer von den Damen Spaniens zu urtheilen.“ „Und ich,“— entgegnete mit der größten Ruhe der junge Franzoſe,—„ich rathe den ſpaniſchen Damen ſchöner zu ſein!“— „Beim Blute Chriſti! Herr Franzoſe!“— riefen zugleich zehn Stimmen und zehn Hände fuhren an die Griffe ihrer Degen. Gondreville konnte ein leichtes Zuſammen⸗ ziehen der Stirne nicht unterdrücken, dann brach er in ein tolles Lachen aus und rief: „Vergebung, meine Herren, ich ſehe, daß ich meinen Wunderbalſam vergeſſen habe, und alles, was ich für Euch thun kann, iſt, Euch zu rathen, es darauf hin zu wagen. Wer hebt meinen Handſchuh auf?“ Hier faßte Amenzaga, der bisher gedankenlos ſeine Augen nach Außen gerichtet, den Vicomte beim Arme und rief mit einem triumphirenden Ausdrucke: „Halt, mein Herr!— Ihr ſchmeicheltet eben den Spanierinnen wenig. So ſchauet denn einmal jetzt daher!“ Gondreville neigte ſich lachend dem Fenſter 134 hinaus. Plötzlich aber erbebte er ſichtlich W eine glühende Röthe überflog ſein Antlitz. „Nun?— was ſagt Ihr jetzt?“— frug Amen⸗ zaga.—„Außerdem iſt es nicht das erſtemal, daß Ihr das Mädchen ſeht, welches ich Euch ſo eben gezeigt. Auch ſcheint ſie Euch erkannt zu haben, denn ſie wurde feuerroth, als ſie Euch auf dieſem Balcon bemerkte. Seht!.. gerade wie Ihr in dem Augenblick.“ „Ihr Name! ihr Name!“— ſtammelte Gon⸗ dreville halblaut, als ſei plötzlich eine Erinnerung in ihm aufgetaucht. „Es iſt die Tochter Eures Gegners, die ſchöne und reizende Inès de Santa⸗„Cruz.“ „Donna Inès! Donna Inés! o mein Gott,“— murmelte der junge Franzoſe für ſich hin—„9jetzt erinnere ich mich ihrer; ja! ſie war es, die mir in der Poſada zu Fadraque in dem Augenblick er⸗ ſchien, in welchem ich meinen letzten Seufzer aus⸗ hauchen wollte; ihre Blicke waren es, die damals die ſchon erlöſchenden Lebensgeiſter zurückriefen.“ Und mit einemmale ſeine freudige Sorgloſigkeit verlierend, ſank er in tiefe Träumereien. In dieſem Augenblicke hörte man vom unteren Ende der Straße her einen großen Lärm. — 4 Umgeben von einer achtunggebietenden Leibwache, ſo wie von Pagen und Dienern, näherte ſich eine Sänfte mit ſchwarzem Sammt bekleidet und mit ſil⸗ bernen Franſen geſchmückt, auf deren Schlag das Wappen von Spanien prangte. Bei ihrem Annähern zog Jedermann ehrfurchts⸗ voll den Hut. Nur Gondreville,— wie es ſchien, noch immer durch die ſchönen Augen der Donna Inès zerſtreut,— vergaß es. Den ſtolzen Feder⸗ hut auf dem Kopfe blickte er gedankenvoll auf die Straße, ohne zu bemerken, was ſich auf derſelben zutrug. Da ſtieß ihn Amenzaga plötzlich an den Ell⸗ bogen und flüſterte ihm zu: „Zieht doch den Hut, Herr Vicomte, oder wollt Ihr es dem Marquis von Santa⸗Cruz nachma⸗ chen? Dafür müßtet Ihr der ſpaniſchen Grandezza angehören, und ſelbſt dann...... 2 „Was iſt denn?“— frug Gondreville, als erwache er plötzlich aus einem Traume,—„iſt es der Infant, der da vorüberkommt?— Der König, ſagte man mir ja, verlaſſe ſeinen Pallaſt nicht.“ „Es iſt mehr als der Infant, ſelbſt mehr als der König.“ „Wer denn?“ 136 „Ihre Hoheit die Frau Fürſtin Orſini.“ Gondreville ſtieß einen Ruf der Ueberraſchung aus, fuhr mit der Hand nach dem Hute, den er auf dem Kopf trug, und riß dieſen mit ſolcher Heftigkeit herab, daß der Federngeſchmückte ſeinen Fingern ent⸗ glitt, und bis nahe vor die Sänfte rollte, die ſo eben an dem Hauſe vorüberkam. Da alle Fenſter der Sänfte niedergelaſſen waren, konnte man die Fürſtin vollkommen ſehen. Aber auch ſie hatte, als ſie den niederfallenden Hut des jungen Franzoſen gewahrte, den Kopf nach dem Fenſter des Schlages geneigt und ihre Augen nach dem Balkon erhoben, auf welchem ſich Gon⸗ dreville an der Seite Amenzaga's und einiger anderen Garde⸗Offiziere befand. Uebergoſſen von den letzten Strahlen der unter⸗ gehenden Sonne, ſchien den Kopf unſeres jungen Helden ein Heiligenſchein zu umſchweben. Kaum hatte ihn die Fürſtin gewahrt, als Todten⸗ bläſſe ihr Geſicht bedeckte. In dem langen Blicke aber, den ſie auf ihm ruhen ließ, ſprachen ſich zu gleicher Zeit Ueberraſchung, Schreck und Freude aus. Auf ein Zeichen von ihr hob einer der Pagen den Hut auf und ſetzte dann mit dem übrigen Gefolge ſeinen Weg ruhig fort. ———— „Zum Henker!“— rief Gondreville, indem er, ſobald man die Fürſtin nicht mehr ſehen konnte, von dem Balkon zurück trat,—„ich erkläre mich be⸗ ſiegt. Dies iſt die ausgezeichnetſte Schönheit, die ich je in meinem Leben geſehen. Die Fürſtin von Orſini iſt die Perle Spaniens,. ja die der ganzen Welt!“ Als er noch ſo ſprach, öffnete ſich die Thüre und ein Page trat in den Saal. „Gnädiger Herr!“— ſagte er, ſich an den Vi⸗ comte wendend;—„Ich bin durch Ihre Hoheit, die Frau Fürſtin Orſini, beauftragt, Euch zu ſagen, daß, wenn Ihr Euren Hut wiederzuerhalten wünſcht, Ihr Euch Derſelben morgen früh im Pallaſte Me⸗ dina⸗Celi in Perſon vorzuſtellen habt. Ihre Hoheit will Euch den Verlorenen eigenhändig überreichen.“ Gondreville verneigte ſich, ohne jedoch die leiſeſte Ueberraſchung zu verrathen, als ob er ganz einfach eine Antwort, die er erwartet, erhalten hätte. Dann wandte er ſich zu den Umſtehenden, die wie verſteinert daſtanden, und rief: „Nun meine Herrn, was ſagte ich Euch?“ Amenzaga aber ſagte leiſe vor ſich hin: „Beim heiligen Jakob von Compoſtella!— das muß der Teufel in Perſon unter der Form eines franzöſiſchen Edelmanns ſein!“ Siebentes Kapitel. Ein Morgenbeſuch bei der Fürſtin. Wir treten in ein geräumiges Zimmer, deſſen Wände mit Gemälden bedeckt ſind, die abwechſelnd die finſterſten Scenen aus dem Evangelium und dem klöſterlichen Leben darſtellen. An der einen Seite die⸗ ſes ſchauerlichen Cabinets befindet ſich ein Betſtuhl, über welchem ein Chriſtus am Kreuze und ein Tod⸗ tenkopf auf ſchwarzem Sammt angebracht iſt. Nicht weit von dieſem Betpulte aber ruht, leicht hingegoſſen in einem großen Armſeſſel,— deſſen Un⸗ behülflichkeit und plumpes Schnitzwerk auf ſein Ab⸗ ſtammen aus den Zeiten Philipps II. ſchließen laſſen,— ein weibliches Weſen, aus deſſen Zügen ſebſt krankhafte Bläſſe eine ſtrahlende Schönheit nicht verwiſchen konnte. Zwei kleine Neger mit goldenen Halsbändern, die man, ihrer Unbeweglichkeit wegen, für Chariatiden nehmen könnte, ſtehen vor ihr, und halten einen ko⸗ loſſalen, reich verzierten venetianiſchen Spiegel, wäh⸗ rend ihr zur Seite mehrere Kammerfrauen, theils mit dem künſtlichen Wunderbaue der Friſur, theils mit dem Befeſtigen des Schmuckes an Hals und Ohren beſchäftigt ſind. Und doch widmet die reizende Frau aller dieſer Sorgfalt, deren Gegenſtand ſie ſelbſt iſt, nicht die lei⸗ ſeſte Aufmerkſamkeit; ſondern ſie ſchaut mit geſenktem Haupte bald auf ein Papier, das ſie in den Händen hält, bald auf den Hut eines Mannes, der nicht weit von ihr auf einem Spiegelpfeiler liegt. Man kann ſich kaum einen ſeltſameren Kontraſt denken, als derjenige war, welchen dies klöſterliche, durch wahre Grabespracht finſter ausgeſtattete, Zimmer, mit den weltlichen Vorbereitungen der Toilette bildete, die in dem gleichen Raume jetzt vollzogen wurde;— ein Kontraſt, der ſich mit jedem Schritt und zu jeder Minute erneuerte, überall wo die Sitten, die Denk⸗ weiſe, die Gewohnheiten Frankreichs in die ſpaniſche Lebensart gewaltſam eingegriffen hatten;— ein Kontraſt, der, beſſer als alle Beſchreibungen die gegen⸗ ſeitige Stellung ausſpricht, in welcher ſich die beiden Nationen zu der Epoche befanden, in der unſere Geſchichte ſpielt. Mit einemmale hob ſich eine Tapetenthüre. Eine Kammerfrau trat ein, näherte ſich auf den Zehen dem Seſſel und ſagte alsdann ſchüchtern: „Der Herr Abbé Alberoni wartet bereits länger als eine halbe Stunde im Vorzimmer auf die Vollen⸗ dung der Toilette Eurer Hoheit, und frägt: ob Eure Hoheit alsdann zu erlauben geruhten, daß er eintreten, höchſt denſelben ſeine ſchuldige Aufwartung machen und ſich nach dero Befinden erkundigen dürfe.“ Bei dieſen letzten Worten erhob ſich die Fürſtin Orſini—(denn man wird dieſelbe leicht in jener bleichen Dame erkannt haben)— geſtützt auf einen der Arme des Seſſels raſch und ſagte, wie aus einem langen Traume erwachend: „Was iſt das?.. Was will man von mir Und die Kammerfrau ſah ſich genöthigt, ihre Botſchaft und Frage noch einmal zu wiederholen. „Ihr wißt es ja!“— entgegnete die Fürſtin,— „daß ich jetzt Niemanden empfangen will, als jenen, erſt kürzlich hier angekommenen franzöſiſchen Edelmann.“ „Hoheit, der Herr Vicomte von Gondreville, hat ſich noch nicht im Pallaſte gezeigt, während der Herr Abbé Alberoni bereits ſeit drei Tagen anfrägt. Der Prinz von Chalais und der Herzog von Bournonville, die wiſſen, wie niedergeſchlagen 141 Eure Hoheit ſeit Ihrem Unwohlſein ſind, glaubten, die Unterhaltung mit Herrn Alberoni könnte Eure Hoheit ein wenig zerſtreuen.. Herr Alberoni iſt luſtig!.... Mögen daher Hoheit Eure mir ver⸗ geben, wenn ich es auf mich nahm, ihn zum Warten zu bewegen. Auch hat mich der königliche Leibarzt, Herr Hyghens, im Auſtrage des Prinzen von Chalais dazu bevollmächtigt.“ „Gut! ſo mag Herr Alberoni eintreten.“ Sogleich eilte die Kammerfrau freudig hinaus, um die Thürſteher und Wachen von dieſem Befehle zu benachrichtigen. Zwei Minuten ſpäter wurde der Abbé eingeführt. Er näherte ſich mit wahrem italieniſchen Muth⸗ willen, ließ ſich auf ein Knie nieder und rief halb gutmüthig halb ſcherzend: „Hoheit! erlaubt, daß der ergebenſte ſo wie der unterthänigſte aller Eurer Diener Euch fußfällig ſei⸗ nen Dank für die übergroße Gunſt bezeuge, deren Ihr ihn durch den Zutritt bei Eurer Toilette wür⸗ diget. Herr Hyghens iſt gewiß alt, ſehr häßlich, ſehr ſchmutzig, und, außerdem Irländer; und dennoch bin ich bereit, dieſen Aeskulap für ſo ſchön wie ſeinen Vater Apollo zu erklären, weil es ihm in ſo kurzer 142 Zeit gelungen, der Königin aller Schönen die Geſund⸗ heit wiederzugeben.“ Statt der Antwort reichte die Fürſtin dem Abb unter melancholiſchem Lächeln die Hand, die Dieſer demüthig an ſeine Lippen drückte, worauf ſie ihm ein Zeichen zum Aufſtehen gab. Aber Alberoni gehorchte nicht. „Erlaubt, Hoheit!“— fuhr er fort—„daß ich noch in dieſer Stellung verharre. Ich habe ein Son⸗ nett in italieniſcher Sprache auf das Fieber gedichtet, welches Euch ſeit drei Tagen an das Zimmer feſſelte; ich werde nicht aufſtehn bis ich es Euch hergeſagt.“ Zugleich begann Alberoni mit Begeiſterung den erſten Theil ſeines poetiſchen Werkes zu deklamiren. Da dies Gedicht nicht bis auf uns gekommen, ſo wird uns der Leſer vergeben, wenn wir ihm die Aufgabe überlaſſen, zu errathen: ob es eines Pa⸗ trarca oder nur eines Abbé Cottin würdig geweſen. Wie dem auch ſei; die Fürſtin, welche den Verſen Alberoni's nur zerſtreut zugehört, und unwillkür⸗ lich mehreremale auf das Papier, das ſie noch im⸗ mer in der Hand hielt und auf den naheliegenden Federhut geblickt, antwortete mit ihrer gewöhnlichen Liebenswürdigkeit: „Wahrhaftig, mein lieber Abbé, wißt Ihr, daß 143 ich mir nun beinahe Glück wünſche, das Fieber ge⸗ habt zu haben, da dieſer unbedeutende Zufall Euch ſo allerliebſte Verſe entlockt?— Aber jetzt ſetzt Euch, während man meine Toilette vollendet, auf jenes Tabouret, hier zu mir, und laßt uns ein wenig plau⸗ dern. Was giebt es Neues in Madrid?“ „Neues?... hier?... Hoheit, Ihr vergeßt, daß es in dieſem Lande der Alterthümlichkeit jeder Art nicht weniger als eines Jahres bedarf, um eine Neu⸗ igkeit auszubrüten? Und Ihr waret drei Tage krank!“ „Es iſt wahr!“ „Sprecht mir von meinem Italien, von Eurem Frankreich, Hoheit! Du lieber Gott! welch ein Un⸗ terſchied. Da wir doch von Frankreich reden, man verſichert, es ſei ein Coürier von Verſailles angekom⸗ men, der höchſt wichtige Nachrichten überbracht. Es laufen in dieſer Beziehung tauſend Gerüchte um, von welchen immer Eines fremdartiger klingt, als das Andere.“ „Was ſind denn dies für Gerüchte, Abbé2“— frug die Fürſtin mit einiger Unruhe. „Ei, du lieber Gott!“— verſetzte Alberoni, —„was man ſagt, iſt ſehr unwahrſcheinlich, und es iſt kaum der Mühe werth, ſich dabei aufzuhalten.— Wenn Eure Hoheit aber befehlen 2 ——— „Wollen Hoheit alsdann Ihre Frauen und die zwei Schwarze ſich zurückziehen heißen?“ „Für was? da es Gerüchte ſind.... öffeutliche Gerüchte. Außerdem iſt, wie Ihr ſeht, meine Toilette noch nicht vollendet, und ich bin überzeugt, Ihr wer⸗ det mir doch nicht die Schuhe anziehen wollen?“ „Warum nicht, Hoheit? Gefällt es Euch, den Verſuch zu machen?“ „Nein! nein, Abbs; ich weiß ſchon, daß Ihr Euch auf Alles in der Welt verſteht: der ſelige Herr von Vendome hat es mir mehr denn einmal geſagt.“ „Und doch wollen Hoheit nicht, daß ich die Be⸗ weiſe liefern ſoll.“ „Nun!— Was waren bas für Gerüchte, Herr Abbé Alberoni?“ Das Allgemeinſte von Allen iſt: daß Eure Ho⸗ heit, ärgerlich über die Abberufung Eures treueſten Dieners, des Herrn Orry, entſchloſſen ſei, Spanien zu verlaſſen, um von einer Souveränität Beſitz zu nehmen, welche Euch Frankreich vorbehalten hätte. Dieſes Gerücht verbreitet in der ganzen Hauptſtadt Trauer und Betrübniß.“ Die Fürſtin lächelte melancholiſch. „Lieber Abbé,“— ſagte ſie ſodann— Ihr ver⸗ „— 145⁵ —— geßt, daß die erſte Pflicht eines Echo's treues Wieder⸗ geben iſt.“ Dann wandte ſie ſich zu einer ihrer Frauen und rief: Dies Halsge ſchmeide ſteht mir ſchlecht!— holt mir ein anderes!“ Der Abbé wollte antworten, die Fürſtin aber kam ihm zuvor. „Soll ich's Euch offen geſtehen?“— ſetzte ſie hinzu.—„Ich glaube für einen ſolchen Fall wenig an den Schmerz der Madrider. Ich weiß nur zu gut, daß man mich hier allgemein als eine Fremde betrachtet, die ſich nicht an die Sitten des Landes gewöhnen konnte, welches ſie doch gaſtfrei aufnahm. Was wollt Ihr!— Ich habe eben unter Madrids Himmel nicht vergeſſen können, daß ich Franzöſin war. Ich wollte unter den caſtilianiſchen Ernſt, unter die caſtilianiſche Steifheit, ein wenig von unſerer Leichtigkeit, von unſerem guten Humor miſchen. Es gilt dies bei vielen Spaniern als ein großes Ver⸗ brechen. Ich muß dafür büßen.“ „Was? Wäre es wirklich wahr? Hoheit denken ernſtlich daran, Spanien zu verlaſſen?“ „Ich kann mich darüber noch nicht entſchieden ausſprechen.“ Orſini 10 146 „Alſo iſt Euch jene Souveränität in Frankreich, von der man ſo viel ſpricht, zugeſtanden worden?“ „Achtung, Abbé, Ihr verwechſelt die Rollen, Ihr fragt mich jetzt, und es ſcheint mir, als ob ich Euch eben gebeten, mir zu antworten.“ Alberoni wurde feuerroth und murmelte einige Worte der Entſchuldigung, ſich auf die Nachſicht ſtü⸗ tzend, welche Ihre Hoheit immer gegen ihn bezeigt, eine Nachſicht, die ihn zu der Kühnheit ermuthigt. „O beruhigt Euch!“— entgegnete lebhaft die Fürſtin,—„ich trage Euch deswegen nichts nach, Abbs! und,. um Euch ſogleich den Beweis hier⸗ von zu geben, will ich Euch um Euren Rath in einer Sache fragen, die für dieſe Monarchie von hoher Wichtigkeit iſt.... Aber ſagt mir zuvor... Ihr, der Ihr doch Mann von Geſchmack ſeid,—.. wie findet Ihr meinen Kopfputz?“ „Entzückend, auf meine Ehre, Hoheit, hinreißend! — Aber jenen Rath, deſſen Ihr mich würdigen wollt? Es verlangt... In dieſem Augenblicke trat ein Thürſteher ein und meldete: „Der Herr Vicomte von Gondreville.“ Die Fürſtin bebte und ein hohes Roth färbte ihre 147 Wangen, während ſie zu gleicher Zeit ihre ganze Um⸗ gebung durch ein Zeichen verabſchiedete. „Herr Abbs Alberoni!“— ſagte ſie ſodann,„Ihr könnt Euch zurückziehen; wir werden ein andermal dieſe Unterhaltung wieder aufnehmen.“ Der Abbé erhob ſich, und ſeine Verſtimmtheit un⸗ ter der Aeußerung einer tiefen Achtung verbergend, nahm er Abſchied von der Erzieherin des Prinzen von Aſturien, nicht ohne ſich innerlich zu fragen, wer denn wohl dieſe geheimnißvolle Perſon ſein möge, für die man alle Sorgfalt der Toillette aufgeopfert, und die bei ihrem erſten Auftreten ſogleich die Gunſt einer Privat⸗Audienz erhalte, eine, damals von den erſten Herren des Hofes, von den Großen des Reichs ſo hochgeſchätzte und eifrig nachgeſuchte, und doch ſo ſel⸗ ten bewilligte Gunſt. Sobald er ſich zurückgezogen, gab die Fürſtin den Befehl, den Vicomte einzuführen und— ſo lange ſich derſelbe bei ihr befinde— kein ſterbliches Weſen vorzulaſſen. Gondreville erſchien. Er war ſehr ſorgfältig und mit Auswahl geklei⸗ det, aber zugleich auch ſehr geſchmackvoll, und die Pracht ſeines Anzuges hob noch ſeinen ſchönen Wuchs, ſo wie alle Reize ſeiner Perſon. 148 Er hatte keinen Hut in der Hand. Die Fürſtin richtete einen flüchtigen, faſt verſtoh⸗ lenen Blick nach ihm. Aber es war, als ob ſich mit ihm tauſend unbeſchreibliche Gefühle in ihren Zügen malten. Ihr Buſen wogte ſtürmiſch, ihr Athmen ward kurz und heftig, und mit einer bewegten Stimme, wenn auch mit dem erzwungenen Scheine der Mun⸗ terkeit, ſagte ſie: „Nun, mein Herr, zürnt Ihr mir, weil ich Euch in die Nothwendigkeit verſetzte, geſtern Abend unbe⸗ deckten Hauptes zu bleiben; und wenn Ihr durch Zu⸗ fall einen Schnupfen davongetragen, werdet Ihr mich denn auch nicht verantwortlich dafür machen?“ „O! Madame!“ entgegnete der Vicomte mit Feuer, „erlaubt, daß ich gerade im Gegentheil damit beginne, Eurer Hoheit meine glühende Dankbarkeit für die koſt⸗ bare Gunſt auszuſprechen, in Dero Gegenwart zuge⸗ laſſen worden zu ſein. Eure Hoheit kam in dieſem Punkte meinen liebſten Wünſchen zuvor.“ „Und glaubt Ihr, mein Herr, daß ich dafür kei⸗ nen Grund hätte; einen wichtigeren Grund als Ihr vielleicht denkt?“ 3 „Dieſer Grund, Hoheit, wird er für mich ein Ge⸗ heimniß bleiben?“ „O nein, mein Herr, denn... je mehr ich Euch anſehe, deſto mehr finde ich in Euren Zügen, in Eurer ganzen Perſon, eine ſchlagende Aehnlichkeit mit einem Edelmann, den ich früher in Italien kannte, und welcher mit Euch denſelben Namen trug. „Madame, der Vicomte von Gondreville, deſ⸗ ſen Andenken Eure Hoheit jetzt geruht zurückzurufen, war mein Vater.“ „Euer Vater!“ ſtammelte die Fürſtin, und ein leichter Schauer durchrieſelte ſie,„ſo hab ich mich denn nicht getäuſcht!..... Und Ihr wart es auch, den man in Folge eines Duelles mit dem Maarquis von Santa⸗Cruz zu Fadraque, todt glaubte,.. eines Duelles, in welchem Ihr, mit eben ſo viel Muth als Ergebenheit, als Vertheidiger meiner Ehre, mei⸗ nes Rufes auftratet. O Gott, mein Gott! ſei ge⸗ lobt! „Wie? Eure Hoheit wiſſen ſchon?“ „Weiß ich nicht Alles, was in Spanien vorgeht?— Leſet ſelbſt!...“ Dies ſagend, reichte die Fürſtin dem jungen Manne das Papier, welches ſie einige Augenblicke früher mit ſo großer Aufmerkſamkeit betrachtet. Gondreville las, nicht ohne Ueberraſchung und ſelbſt einigermaßen niedergeſchlagen, Folgendes: „Der Edelmann, über welchen Eure Hoheit — — S 150 genaue Auskunft zu erlangen wunſcht, kommt aus Frankreich. Er hatte, kaum nachdem er die ſpaniſche Grenze überſchritten, in einer Herberge des Dörſchens Fadraque, ein Duell mit dem Marquis von Santa⸗Cruz, der es in ſeiner Gegenwart gewagt, die Ehre und den fleckenloſen Ruf Eurer Hoheit an⸗ zugreifen. Hier wurde er ſo gefährlich verwundet, daß man ihn für todt hielt. Jetzt ſcheint er indeſſen wieder vollkommen hergeſtellt. Vor drei Tagen kam er zu Madrid an und ſtieg hier im Pallaſte der franzöſiſchen Geſandtſchaft ab, woſelbſt ihm ein Zim⸗ mer bereitet war. Seitdem ging er zweimal aus. Das erſtemal, um ſich nach dem Pallaſte Medina⸗ Celi zu begeben, wohin er in Geſellſchaft eines der Herren Secretäre der Geſandtſchaft ſeine Depeſchen brachte. Das zweitemal ging er allein aus. Es war geſtern Abend, ohngefähr ſechs Uhr. Er begab ſich gerade nach dem Ballſpiel⸗Hauſe, woſelbſt ſich gewöhnlich die Garde⸗Offiziere verſammeln, und brachte hier beinahe eine Stunde hin. Er ſtand auf dem Balcone, als Eure Hoheit vorüberkam, und ließ ſeinen Hut fallen, den Eure Hoheit geruhten aufheben zu laſſen. Wenige Augenblicke darauf ver⸗ ließ er das Haus mit den Herren Offizieren der Garde und begab ſich zum Abendſegen. Nach der 151 Kirche begab er ſich in den Pallaſt der franzöſiſchen Geſandtſchaft zurück.“ „Dieſes ſind die einzigen Auskünfte, welche meinen Spionen möglich waren, über dieſen Edelmann zu erhalten. Eure Hoheit können indeſſen verſichert ſein, daß auch forthin alle ſeine Schritte Gegenſtand der punktlichſten Ueberwachung bleiben und ich mich beeilen werde, Euch davon die ſchnellſte und genaueſte Nachricht zu geben, indem ich mich gluͤcklich fühle, Eurer Hoheit auch hierdurch neuerdings meine unbe⸗ grenzte Ergebenheit und die Gefühle der Hochachtung und tiefen Unterwerfung beweiſen zu können, mit welchen ich verharre.“ „Eurer Hoheit ergebenſter, treueſter und gehorſamſter Diener.“ Hier folgte eine vollkommene unle⸗ ſerliche Unterſchrift. „Nun, was ſagt Ihr dazu?“— frug die Fürſtin!— „glaubt Ihr, daß es leicht ſei, mich zu betrügen?“ „Auf Ehre!“— entgegnete der junge Edelmann raſch, obgleich ein wenig niedergeſchlagen,—„das iſt ein Bericht, bei welchem man ſchwören könnte, er ſei von Herrn von Argenſon in Perſon ausgegangen und ich merke, daß ſich Paris und Madrid jetzt in allen Dingen gleichen. Ich will einzig zu Ehren 152 Spaniens hoffen, daß es Eurer Hoheit nicht gelungen, dieſſeit, der Pyrenäen einen ſo häßlichen Polizei⸗ Miniſter zu finden, als Herr von Argenſon iſt.“ „Möge es nur Gott gefallen, daß er ſo ſcharf⸗ ſichtig und geſchickt wie Jener ſei.“ „Nun, wenn ich nach dem urtheilen darf, was mich betrifft, ſo ſcheint es mir, daß er ſeine Sache gar nicht übel verſteht. Mein Gott! welche Hiſtoriographie hat mir Eure Hoheit da gegeben!“ „Jetzt, mein Herr, könnt Ihr das Papier ver⸗ brennen!“ ſagte die Fürſtin, indem ſie mit dem Fin⸗ ger nach einem Kamine zeigte, in welchem mehrere Stücke Olivenholz brannten. Nach einigen Secunden Nachdenkens fuhr ſie ſo⸗ dann fort: „Ihr alſo, Herr von Gond reville, waret der Ueberbringer der letzten Depeſchen des Königs von Frankreich an den König von Spanien. Eure Sendung iſt vollbracht. Was gedenkt Ihr nun zu thun?“ „Hoheit! es däucht mir, Ihr hättet ein untrüg⸗ liches Mittel dies zu wiſſen; denn gewiß weiß der Verfaſſer des Berichtes, den ich eben las, meine Wünſche in dieſem Betracht ſo gut,— ja vielleicht noch beſſer, als ich.“ 153 „Ich aber, mein Herr, will von nun an, von Niemanden mehr etwas, was Euch betrifft, hören, als von Euch ſelbſt.“ „Das iſt etwas Anderes. Alsdann, Madame, geruht dieſe Zeilen zu leſen, welche die Frau Mar⸗ quiſe von Maintenon ſo gewogen war, mir für, Eure Hoheit zu übergeben.“ Dies ſagend zog der Vicomte einen Brief aus ſeinem Gürtel, der ein ſchwarzes Siegel trug, da der Hof von Frankreich ebenfalls trauerte. Franziska von Aubigne's Schreiben war aber folgendermaßen abgefaßt: „Derjenige, der Euch dieſen Brief überbringt, iſt der junge Vicomte von Gondreville, deſſen Familie Ihr, wenn ich mich nicht irre, früher in Italien ken⸗ nen gelernt.“ Die Stirne der Fürſtin verfinſterte ſich hier und ſie lispelte leiſe für ſich hin: „So gibt es denn unverwiſchbare Erinnerungen!. Wie iſt es möglich, daß auch ſie„4 Der Brief ſchloß: „Frühzeitig Waiſe, beſitzt Herr von Gondreville nur ein unbedeutendes Vermögen, und hat Mühe, ſeine Carriere zu machen. Ich hoffe, daß Ihr, auf meine Empfehlung hin, ihn— wenn es möglich— dem —— 8 154 Hofe des Königs von Spanien einverleibt, wozu ihn ſein Geiſt und ſein Rang hinlänglich befähigen. Auch zweifle ich keinen Augenblick, daß ſowohl der König als auch Ihr mit ihm vollkommen zufrieden ſein werdet, und zwar um ſo mehr, als er von dem glü⸗ hendſten Verlangen, dies Ziel zu erreichen, beſeelt iſt.“ „Was mich betrifft, ſo wird die Willfahrung mei⸗ nes Wunſches Euch ein neues Recht geben auf die Dankbarkeit Eurer ergebenſten und gehorſamſten Dienerin: „Franziska von Aubigne, Marquiſe von Maintenon.“ Nachdem die Fürſtin dieſe Zeilen geleſen, ver⸗ harrte ſie einige Minuten in nachdenklichem Schwei⸗ gen, dann ſagte ſie mit feierlichem Tone: „Die Empfehlung, deren Gegenſtand Ihr ſeid, iſt mir zu werthvoll, als daß ich ſie außer Acht laſſen könnte. Außerdem habt Ihr mehr als ein Recht des Anſpruches an mein Wohlwollen. Selbſt wenn Ihr Euer Leben zur Vertheidigung meines, mehr oder weniger angegriffenen Rufes auch nicht in die Schanze geſchlagen hättet, würde der Name, den Ihr tragt, genügt haben, um Euch für alle Zeit und an jedem Ort meinen Schutz zuzuſichern. Denn ich ſtand ehe⸗ dem in Italien in enger Verbindung mit Eurer 155 Familie, namentlich nachdem ſich Euer Vater, dem Ihr Zug für Zug und ſo auffallend gleicht, daß ich, als ich Eurer anſichtig wurde, im erſten Augenblick glaubte, ihn ſelbſt zu ſehen— in Rom niedergelaſſen, wo denn auch.. Eure ſo liebenswürdige, ſo ach⸗ tungswerthe Mutter.... eine meiner beſten Freun⸗ dinnen war. Beide ſtarben ſehr jung und auf eine geheimnißvolle Weiſe.“ „Man hat mir in der That davon geſprochen!“ So Dann wißt Ihr ohne Zweifel auch, daß. mein Name auf eine unangenehme Art mit in die Gerüchte gemiſcht wurde, die damals über das tragiſche Ende der Vicomteſſe von Gondreville und ſelbſt Eures Vaters umliefen?“ „Auch dieſe kenne ich, Hoheit, und wenn ich je⸗ mals verſucht geweſen wäre, an irgend etwas zu glauben, was gegen Euch ſpräche, ſo würde es mir heute genügen, Euch geſehen und gehört zu haben, um von dem Gegentheile überzeugt zu ſein.“ „Iſt das auch wahr?“ Kein Menſch wäre im Stande den Ausdruck wiederzugeben, der in dieſer Frage lag. Es war ein ängſtliches Zweifeln, ein Flehen, das aus der Tiefe des Herzens kam. ————— 156 Der Vicomte ſchlug die Augen nieder und ant⸗ wortete ruhig: „Ja! es iſt wahr!“ „Gut!“— rief die Fürſtin wie erleichtert.„Ich will Euch glauben;... ich glaube Euch. Ihr ſeid zu jung, um ſchon zu lügen, namentlich! wenn es ſich um ſolche Erinnerungen hanbelt. Man muß ſie entfernen. Sprechen wir von anderen Dingen.“ „Wie Eure Hoheit befehlen.“ „Ihr kommt aus Frankreich. Laßt einmal ſehen! ſeid offenherzig gegen mich. Was ſagt, was denkt man dort über Spaniens Angelegenheiten?“ „Man denkt, Madame, daß ſeine Angelegenheiten weder in beſſeren noch in ſchöneren Händen, als der Euren, ruhen könnten.“ „Noch ſo jung und ſchon Hofmann!“ „Hoheit, ich ſagte die reine Wahrheit.“ „Ich zweifle daran. Aber was thut es; es han⸗ delt ſich ja nicht um mich, ſondern um den König, um Philipp V. Welche Meinung hat man von ihm an Frankreichs Hof?“ „Alle Welt ſtimmt darin über ein, daß er ein Monarch voll Muth und Güte ſei, der ſich durch Verdienſte des Thrones würdig gemacht habe, auf 157 welchen er durch des ſeligen Königs Willen gerufen wurde.“ „Damit bin ich einverſtanden und glaube Euch hierin. Iſt dies aber Alles, was man über den Kö⸗ nig von Spanien ſagt? Fügt man nicht noch Anderes bei? Glaubt man ihn zum Beiſpiel ſo glücklich, als er es zu ſein verdient?“ „Hoheit! dies iſt eine ſehr ſchwer zu begründende Frage, wenn man nicht das Glück hat, in das Ver⸗ trauen des Königs eingeweiht zu ſein, wie Ihr. Alles was ich in dieſer Beziehung hörte, war, daß der Tod der Königin ſeine Majeſtät in eine tiefe Schwermuth verſetzt, und daß er ſeit längerer Zeit in vollkommener Zurückgezogenheit lebe. Aber er iſt ja noch jung und ohne Zweifel wird 66 früher oder ſpäter eine andere Verbindung. „Alſo dünkt auch Euch eine neue cheliche Verbin⸗ dung in der Nothwendigkeit der Verhältniſſe des Kö⸗ nigs begründet?“ „Eure Hoheit mögen erlauben, ich ſigte nicht.. „Ich bin derſelben Meinung, und nachdem ich A⸗ les reiflich überlegt habe, weiß ich nur drei Fürſtinnen in Europa, die auf den Thron Spaniens berufen wer⸗ den könnten. Es iſt vor Allen die Infantin von Portugal, bann die Prinzeſſin von Baiern, und end⸗ 158 lich— vielleicht noch eher als die beiden Erſteren— eine Erzherzogin. Wenn Ihr zwiſchen dieſen drei Partien wählen ſolltet, ſagt, für welche würdet Ihr Euch entſcheiden?“ „Hoheit, da Ihr mir die Ehre erzeigt, mich, den Unbedeutenden zu Rathe zu ziehen, werde ich mit Freimüthigkeit antworten: Keine von allen Dreien.“ „Wie? iſt's möglich? Aber wen denn ſonſt?“ „Hoheit, dies iſt mein Geheimniß.“ „Wollt Ihr mich nicht daran Theil nehmen laſſen?“ „Wenn Ihr befehlt, werde ich nicht anſtehen; al⸗ lein nur unter der Bedingung, daß dieſes Geheimniß Niemand außer uns erfahre.“ „Redet, ich bin neugierig und verſpreche Schwei⸗ gen.“ „Schön, Hoheit!.. Ich würde Euch wählen.“ Die Fürſtin erröthete und erblaßte raſch hinterein⸗ ander und ir ganzer Körper zitterte. F Dann ſtand ſie ohne ein Wort zu ſagen auf, löſte eine prachtvolle Diamantſchleife von dem Schmucke, † den ſie auf dem Buſen trug, und befeſtigte ſie eigen⸗ händig an dem Hute des Vicomte, den ſie ſodann lächelnd auf den Kopf des jungen Mannes drückte, der ſich raſch entſchloſſen, auf ein Knie niedergelaſſen hatte. 159 Jetzt erfaßte er die Hand der Fürſtin und führte ſie ehrfurtchsvoll an ſeine Lippen. Die Fürſtin gab ihm hierauf ein Zeichen, daß er ſich zurückziehen könne. Gondreville verbeugte ſich und ging nach der Thüre, durch welche er eingetreten. Auf der Schwelle aber wandte er ſich noch einmal um und frug be⸗ ſcheiden: „Werden Hoheit erlauben.... daß ich von Zeit zu Zeit.. wiederkommen darf?“ „So oft Ihr wollt!“ entgegnete die Fürſtin mit bewegter Stimme.„Ich werde die nöthigen Befehle dazu geben.“ „So wird es täglich ſein, wenn Eure Hoheit er⸗ lauben.“ Dann verbeugte ſich der Vicomte neuerdings und verließ das Zimmer. Ein langer Blick aus den ſchönen Augen der Für⸗ ſtin folgte ihm, dann hob ſie ihre, von Heiterkeit ſtrahlende Stirne zum Himmel und rief: „Jetzt ſind die Würfel gefallen, ich werde in Spanien bleiben.....!“ Denſelben Tag noch wurde ein neues Glied unter die„Erheiterer des Königs“ aufgenommen;.. es war der junge Vicomte von Gondreville. ——————— 160 Denſelben Tag frug auch noch der König die Fürſtin Orſini, welche Strafe ſie für den Marquis von Santa⸗Cruz verlange, der— wie man ſich erinnern wird, in ſeinem Schloſſe zu Madrid einge⸗ ſchloſſen, auf den Befehl des Königs harrte. Aber die Fürſtin ſagte: „Sire, die Gnade iſt das ſchönſte Vorrecht des Königthums, daher erſuche ich Eure Majeſtät auch dem Marquis zu vergeben, wie ich ihm ſelbſt bereits vergeben habe.“ Achtes Kapitel. Das Wirthshaus in den Apenninen. Die Schickſale der berühmten Frau, deren Name an der Spitze dieſer Erzählung ſteht, würden reichen Stoff zu einem höchſt intereſſanten Buche liefern, das auf gar mancher Seite,— durch die Spiegelbilder der verſchiedenen Abenteuer, welche in die lange Dauer ihres Lebens fielen,— anziehend und unter⸗ haltend ſein dürfte. Da wir indeſſen in dem weiten Rahmen, der ſich uns bot, nun einmal die Epoche wählten, welche,— wenn man ſo ſagen darf,— den Theil des Gemäldes darſtellt, der uns, von den beiden Geſichtspunkten der Geſchichte und des Roman's aus betrachtet, der unterhaltendſte und zugleich belehrendſte ſchien, ſo glauben wir uns darauf beſchränken zu müſſen, hier nur dasjenige über die frühere Geſchichte unſerer Heldin ſagen zu dürfen, was ſich gerade auf eine der geheimnißvollſten Kata⸗ Orſini. 11 162 ſtrophen bezieht, welche die öffentliche Aufmerkſamkeit des Publikums im Anfange des vorigen Jahrhunderts auf ſich zog, und die in genauem Zuſammenhange mit unſerer Erzählung ſteht. Anna Maria de la Tremouille de Noirmoutier, wie bekannt der Sprößling einer der berühmteſten Familien Frankreichs, war zum erſtenmale an Adrian⸗Blaiſe de Talleyrand, Fürſten von Chalais, vermählt. In jeder Beziehung ausgezeichnet, mußte ſie bald eine der Zierden des Hofes Ludwig des Vier⸗ zehnten werden— jenes Hofes, an den ſich ſo viele Erinnerungen geiſtiger und körperlicher Schöne knüpfen. Dennoch ſah ſich die junge Fürſtin nur allzubald genöthigt, dieſen Hof zu verlaſſen, und die Verbannung ihres Gatten zu theilen, der in Folge des weltkundigen Duells mit la Frette, Saint⸗ Aign an und von Argenlieu von Verſailles verwieſen wurde. 3 Als ſie wenige Jahre darauf in einem Alter Wittwe wurde, in welchem man gewöhnlich erſt zu heirathen pflegt, entſchloß ſie ſich ihren Aufenthalt in Rom zu nehmen, woſelbſt ſie an den Cardinälen von Bouillon und von Eſtrés die wohlwollendſten Beſchützer fand. 163 Hier unterjochte ſie nun alle Herzen durch ihre Grazie und ihre wunderbaren Reize; ſo daß die ewige Stadt bald von den Gerüchten der Triumphe und Eroberungen erfüllt war, welche die Fremde, die Franzöſin feierte. Beſchützt indeſſen von den zwei Hauptmitgliedern des heiligen Collegiums, entſchloß ſich die junge Wittwe, um jeden Anſtoß zu vermeiden, nicht länger zu zaudern und eine Wahl unter der Menge zu treffen, die, an ihrem Triumphwagen ziehend, um den Beſitz des göttlichen Weibes ſeufzten. In dieſer wichtigen Angelegenheit einzig vom Ehrgeize gelenkt, richtete ſie ihre Blicke auf den alten Herzog von Bracciano, das Haupt des erlauchten Hauſes der Orſini, einen der reichſten und ange⸗ ſehenſten Fürſten ganz Italiens,— nnd gab Dem⸗ ſelben nach kurzem Bedenken ihre Hand. Von dieſem Augenblick an, ward der Pallaſt Orſini zu Rom, der Mittelpunkt der Luſt, und die Herzogin von Bracciano mehr denn je die Köni⸗ gin der Schönheit und der Galanterie. Man hat behauptet, daß der alte Herzog, der ſie auf das heftigſte liebte, viel von ihrer Leichtigkeit zu leiden gehabt, und ſie die ſtrengen Pflichten, welche eheliche Treue erheiſcht, mehr als einmal überſchritten habe. Ohne uns jedoch auf dieſen wichtigen Gegen⸗ ſtand einzulaſſen, ſind wir unſeren Leſern Bericht über ein Abenteuer zu erſtatten ſchuldig, deſſen tragi⸗ ſcher Ausgang um das Jahr 1690 die Aufmerkſam⸗ keit des Publikums auf ſich zog, und während langer Zeit in den römiſchen Staaten und ſelbſt außerhalb den Hauptgegenſtand der Unterhaltung bildete. Mitte des Jahres 1689, im Monat Juni, kam zu Rom ein kaum verheiratheter franzöſiſcher Edel⸗ mann, ein naher Verwandter des franzöſiſchen Ge⸗ ſandten, an. Man nannte ihn den Vicomte von Gondreville. Es war das ſchönſte Pärchen, welches man ſich zu denken vermochte, ſo daß man in dem mythologi⸗ ſchen Fieber, welches ſich damals aller Geiſter be⸗ mächtigt hatte, verführt werden konnte, in ihnen Ve⸗ nus und Adonis zu ſehen. Um ſo mehr als Venus und Adonis gegenſeitig die heftigſte Leidenſchaft ver⸗ band, eine Leidenſchaft, die durch die Ueberwindung ſo mancher Hinderniſſe nur noch geſteigert wurde. Wirklich hatte ſich auch der Vicomte, durch die Ge⸗ burt begünſtigter als durch das Glück, genöthigt ge⸗ ſehen, ſeine Geliebte zu entführen, um der glückliche Gatte des Mädchens zu werden, das ihm ſein Herz geſchenkt, ohne den Willen ſeiner reichen und mäch⸗ 5* tigen, mit ganz andern Ausſichten beſchäftigten Fa⸗ milie zu befragen. Wie dem nun ſei, die beiden Gatten mußten nach dieſem kühnen Unternehmen Frankreich verlaſſen, flüch⸗ teten ſich nach Rom, und wurden hier bei einem Feſte im Pallaſte Orſini eingeführt. Als Franzoſen, als Verbannte, mit der Herzogin von Bracciano gleiche Nationalität und gleiches Schickſal theilend, entſpan⸗ nen ſich zwiſchen dem jungen Paare und der ſchönen Fürſtin, die ſie mit großer Auszeichnung empfing, gar manche Sympathien. Mehr noch, die Letztere nahm das junge Weibchen unter ihren perſönlichen Schutz, und bald erblühte unter den beiden Frauen die zärtlichſte Vertraulichkeit. Man hätte ſie für Schweſtern halten können, ſo ſorgfältig hatten Beide ihr Augenmerk darauf ge⸗ richtet, dieſelben Kleidungsſtücke, denſelben Kopfputz, denſelben Schmuck bei ihrer Toilette zu wählen. Auch durfte man gewiß ſein, nie die Eine ohne die Andere zu ſehen, ſo daß es ſchien, als ob eine magnetiſche Verwandtſchaft ſie verbände, und in der Stunde, in welcher die Eine erlöſchen würde, auch die Andere ſich auflöſen müßte. Eines Tages indeſſen zeigte ſich im Aeußeren der Vicomteſſe von Gondreville eine auffallende Ver⸗ änderung; ihre ſchöne und feine Taille fing an ein wenig ſtärker zu werden und zugleich ſtellten ſich alle Zeichen der Schwangerſchaft ein. Dieſesmal nun erlaubte es das vorgerückte Alter des Herzogs von Bracciano nicht, daran zu den⸗ ken, daß ſeine Gattin auch hierin dem Vorbilde nachkommen würde, welchem ſie ſonſt entſchloſſen ſchien, in jeder Beziehung zu folgen. Nichtsdeſtoweniger wollten einige Perſonen in Rom bemerkt haben, daß— wahrſcheinlich um ihre junge Freundin über den vorübergehenden Nachtheil ihrer derzeitigen phyſiſchen Mißgeſtaltung zu tröſten— die Herzogin von Bracciano ſich aus Zartgefühl eben⸗ falls bemühe, künſtlich eine größere Beleibtheit zu er⸗ zielen. Wirklich hatten ſich ja auch die beiden Frauen ſeit der Ankunft der lieblichen Franzöſin, faſt keinen Augenblick verlaſſen, und wenn ja einmal ein Dritter ihre zärtlichen Zuſammenkünfte auf einen Augenblick ſtörte, ſo war dieſer Dritte Niemand Anderes als der Vicomte von Gondreville, der aber dabei immer leidenſchaftlich in ſeine Frau verliebt war. Was die Verehrer der Herzogin betrift, ſo wur⸗ den dieſe, ſeitdem Anna von Tremouille's Herz ſich der Freundſchaft geöffnet, Alle entſchieden zurück⸗ 167 —— gewieſen, da es ſchien, als wolle von nun an dieſes letztere Gefühl allein in dem Buſen der Reizenden herrſchen. So ſtanden die Dinge, als die Herzogin von Bracciano im Frühjahre 1690 den Wunſch an den Tag legte: ihren gewöhnlichen alljährigen Beſuch auf ihren Gütern in den Apenninen zu machen. Der Herzog, den die zunehmenden Gebrechen des Alters in Rom zurückhielten, konnte ſie nicht begleiten, und da ihrerſeits die Vicomteſſe von Gondreville, in dem Zuſtande ihrer hohen Schwangerſchaft, ebenfalls nicht zu reiſen wagen durfte, ſo mußten ſich die bei⸗ den jungen Frauen zu ihrem großen Leidweſen auf einige Zeit trennen. Viele und heiße Thränen floſſen von der einen und der anderen Seite, und die Herzogin ſchwur dieſe Reiſe, von der ſie ſich ſo gern befreit hätte, die aber höchſt wichtige Umſtände unumgänglich nöthig mach⸗ ten, ſo viel als es ihr nur immer möglich werde, abzukürzen. Außerdem muß man geſtehen, daß von den bei⸗ den jungen Weibern jedenfalls die Vicomteſſe von Grondeville die wenigſte Urſache zum Klagen hatte, da ihr ihr Gatte,— oder, beſſer geſagt, ihr Liebhaber,— verblieb, und ſie von nun an alle ihre 168 Zeit der Liebe widmen konnte, der bis dahin die Freundſchaft manche ſchöne Minute geraubt. So vergingen einige Tage, und ſchon fing Frau von Gondreville an, ſich einigermaßen über den Verluſt einer Geſellſchaft zu tröſten, die ihr ſo theuer geworden, als ihr Gatte eines Morgens in unge⸗ wöhnlicher Aufregung in ihr Zimmer trat. Der Geſandte Frankreichs hatte nach ihm geſandt und ihn mit einer Miſſion von der höchſten Wichtig⸗ keit betraut. Er mußte augenblicklich nach Neapel abreiſen. Ablehnen konnte er, wie unangenehm ihm dieſe Trennung von ſeiner Frau auch ward, die Ehre dieſer Wahl nicht, und zwar um ſo weniger, als der Erfolg einer ſolch' ehrenden Sendung ſehr günſtig auf ſeine zukünftigen Verhältniſſe einwirken konnte. Bei dieſer ſo ſchmerzlichen als unerwarteten Nach⸗ richt wollte Frau von Gondreville in Thränen zerfließen. Verzweifelnd warf ſie ſich dem Gatten um den Hals und beſchwor ihn: ſie doch nicht allein in Rom zurückzulaſſen. Der Vicomte ſtellte ihr mit blutendem Herzen vor, daß in dem Zuſtande, in wel⸗ chem ſie ſich jetzt befinde, eine Reiſe nach Neapel ſehr unvorſichtig wäre und ihr Leben, ſo wie das Daſein des ſüßen Liebepfandes, welches ſie unter dem Herzen trage, gefährde. Dieſen Ermahnungen und Vorſtellungen fügte er ſodann noch die Zuſiche⸗ rung der möblichſt ſchnellen Zurückkunft bei, die, wie der Geſandte ihm ſelbſt verſichert hatte, nicht ſpäter als höchſtens nach einem Monat erfolgen konnte. Kurz nach einem wahrhaft herzzerreißenden Abſchiede trenn⸗ ten ſich die beiden Gatten noch an demſelben Tage. Der wildeſten Verzweiflung hingegeben, verſuchte Frau von Gondreville vor allen Dingen im Ge⸗ bet und der Erfüllung aller von der Kirche den Gläubigen auferlegten Pflichten, ein Heilmittel für die Todesangſt, die ihre Seele ohne Unterlaß zerrißz.. aber es war vergebens. Wollte ſie ſchlafen, ſo ſpielten ihr fürchterliche Träume unter den finſterſten Bildern die Folgen einer Trennung vor, die ihr in ihrem Schmerze als eine ewige erſchien. Fünf Tage brachte ſie in dieſer gräßlichen Lage zu, da konnte ſie die düſteren Ahnungen nicht mehr bemeiſtern, die ſie, in jedem Augenblick wiederkehrend, beſtürmten. Sie faßte den Beſchluß, ihrem Gatten nach Neapel zu folgen. Es war im Frühjahre und das ſchönſte Wetter, welches man ſich nur denken kann. Frau von Gon⸗ dreville brach auf, nachdem ſie vorher alle Vor⸗ kehrungen getroffen, um, ſo viel als möglich, jede 170 Gefahr zu beſeitigen, die aus einer Reiſe unter ſo kritiſchen Umſtänden entſpringen konnte. Zugleich hatte ſie den feſten Entſchluß gefaßt, um ja keine Vorſicht zu verſäumen, den ganzen Weg nur in kleinen Tagreiſen zurückzulegen. Die zwei erſten Tage war man glücklich, aber gegen das Ende des dritten fingen die Kräfte der jungen Frau,— die bis dahin durch den Gedanken erhalten worden, daß ſie ſich mit jedem Schritte, den die Pferde machten, ihrem Gatten nähere,— zu ſchwinden an, die körperliche Anſtrengung übermannte ſie, ſie brach in ſich ſelbſt zuſammen, und ſank end⸗ lich ohnmächtig in die Arme eines das ſie begleitete. Bald darauf verkündeten die entſchiedenſten Zeichen das Herannahen einer Kriſis, deren Eintreten ihre Unklugheit leider zu frühe herbeigeführt, ſo daß man ſich genöthigt ſah, dem Poſtillon den Befehl zu er⸗ theilen: anzuhalten. Glücklicherweiſe befanden ſich die Reiſenden ganz nahe bei einem Dorfe, das bald erreicht war, und in wenigen Minuten hielt der Wagen vor einem Wirthöhauſe, das freilich ein ſehr ärmliches Anſehen hatte, in dem man aber doch wenigſtens die Hülfe abwarten konnte, welche in einem ſolchen Falle ſo . nöthig wird. Frau von Gyndreville erreichte es halb bewußtlos. Als ſie wieder völlig zu ſich kam, hatte ſich ein peinlicher Streit an ihrer Seite entſponnen. „Ich bin in wahrer Verzweiflung!“— ſagte die Wirthin,—„aber ich kann die junge Frau unmög⸗ lich in meinem Wirthshauſe aufnehmen, da es ſeit länger als acht Tagen von ſehr achtbaren Leuten gemiethet iſt, die ich um keinen Preis beläſtigen möchte, da ſie ſehr gut bezahlen. Noch dieſen Mor⸗ gen mußte ich verſprechen, kein menſchliches Weſen, wer und unter welchem Vorwande es auch ſei, auf⸗ zunehmen. Aber Ihr werdet gewiß im Dorfe Jeman⸗ den finden, der Euch mit Freuden ſein Haus überläßt, um einige Thaler zu gewinnen; denn unſer Land iſt ſehr arm.“ Hier fand Frau von Gondreville für den Augenblick ſo viel Kraft, um ſich ſelbſt einzumiſchen: „Habt Barmherzigkeit! gute Frau!“— rief ſie,— „habt Barmherzigkeit und nehmt mich auf. Ich h daß ich nicht weiter kann. Ach! ſtoßt meine Bitte nicht zurück!— Wo ſind die Leute, die Euer Wirthshaus gemiethet haben 2.... Ich will ſie ſehen, mit ihnen ſprechen?.... In dem Zu⸗ ſtande, in welchem ich mich befinde, werden ſie mir 172 gewiß einen kleinen Winkel nicht verſagen. Führt mich zu denſelben.“ „Das will ich gern, meine ſchöne Dame, denn Ihr flößt mir herzliches Mitleiden ein, und man kann Euch unmöglich widerſtreben, wenn man Euch hört und namentlich, wenn man Euch ſieht. Kommt, kommt ſelbſt und bittet bei der Signora Mattea,.. es iſt dies der Name der Frau, die ſich in meinem Wirthshauſe mit ihrem Manne niedergelaſſen hat,. einem wunderſchönen Cavalier,.. auf mein Wort!... aber kommt Ihr ſollt ſie ſelbſt ſehen.“ „Mit ihrem Manne!“— ſeufzte Frau von Gondreville,—„ſie hat ihren Gatten bei ſich, wie glücklich iſt ſie!“ Mit dieſen Worten ſchleppte ſich die Vicomteſſe, auf der einen Seite von der Wirthin, auf der andern von ihrem Kammermädchen unterſtützt, bis an das Ende eines Vorplatzes, der zu der Ehrenſtube der Herberge führte. Die Thüre dieſes Zimmers war zu, aber der Schlüſſel ſteckte nach außen im Schlüſſelloche. Die Wirthin pochte beſcheiden und leiſe an, und glaubte ſich, da Niemand antwortete, befugt zu öffnen. Es war ſehr dunkel in dem Zimmer, das aus 173 ——— einem großen, mit Holz getäfelten und vom Rauche während des Winters, von den Mücken während des Sommers, geſchwärzten Raume beſtand. Ein Bett mit grünem Zeuge überzogen und einige ſchlecht ge⸗ malte Heiligenbilder, längs den ſonſt kahlen Wänden aufgehängt, waren die einzigen Zierden deſſelben. In einer Fenſterniſche des Hintergrundes ge⸗ wahrte man, bei dem ſchwachen Zwielichte der Däm⸗ merung, das ſich mühſam durch die vergitterten Fen⸗ ſter ſtahl, eine Frau, die ſich, in einem weißen Ueber⸗ rock gekleidet, halb ſitzend, halb liegend, in einen großen ledernen Seſſel ausgeſtreckt hatte. Sie ſaß der Art, daß ſie den Eintretenden den Rücken zu⸗ wandte. Ihr zur Seite hatte ein Mann auf einer Fußbank Platz genommen,— ein Mann, deſſen Haupt an dem ihren ruhte,— ein Mann, deſſen Hände die ihren liebend umſchloſſen. Aber auch ihm konnte man nicht in das Antlitz ſehen. Erſt bei dem Geräuſche, welches die ſich öffnende Thüre verurſachte, fuhr das Pärchen zitternd auf, und wandte ſich raſch nach den Eintretenden. Im erſten Augenblicke zweifelte man gegenſeitig, ſolche Mühe koſtete es in der Dunkelheit etwas zu er⸗ iennen plötzlich aber ertönte ein furchtbarer Schrei;,.. ein Schrei, deſſen Ausdruck von Ver⸗ 174 zweiflung und Todesangſt kein menſchliches Wort, feine Feder zu beſchreiben vermag. Zugleich ſtürzte Frau von Gondreville leblos auf den Boden.. die Unglückliche hatte in der Signora Mattea die Herzogin von Bracciano, in dem Manne, der ihr zur Seite geſeſſen, ihren Gatten erkannt. Drei Tage nach dieſer Begebenheit trug man zwei Särge aus der Herberge. Es war ein großer und ein kleiner. In dem großen Sarge ruhte eine Frau, tetem (nach dem heiligen Gebrauche in Italien,)— auf⸗ gedecktes Geſicht, ſelbſt noch, von den Schatten des Todes übergoſſen, den Stempel einer engelgleichen Schönheit trug. Der kleinere umſchloß ein armes, neugeborenes Kind. Wird es nöthig ſein zu ſagen, daß die Frau Nie⸗ mand anderes als die Vicomteſſe von Gondreville war? Das Kind aber ſoll,— eine gerechte Strafe des Himmels!— die Frucht des doppelten Ehebruchs zwiſchen Heinrich von Gondreville und der Herzogin von Bracciano geweſen ſein. Durch den unglückſeligen Zufall nehmlich, der die beiden Nebenbuhlerinnen auf eine ſo grauſame Weiſe zuſammengeführt, hatte zu gleicher Zeit eine 175 doppelte Niederkunft ſtattgefunden, wobei nur Eines der neugeborenen Kinder am Leben blieb, während das Andere ſogleich todt zur Welt kam. Diesmal wenigſtens hatte des Schickſals Rächerhand ſeine Blitze auf das Haupt der Schuldigen geſchleudert. Seit jener Schreckenskataſtrophe Wittwer, ſollte ſie der Mitverbrecher nicht lange überleben. Einen Monat ſpäter and man ihn eines Morgens in der Nähe der Apoſtelkirche zu Rom von zwölf Dolchſtichen durchbohrt, und niemals gelang es,— ſelbſt den eifrigſten Bemühungen der päpſtlichen Po⸗ lizei ungeachtet,— die Mörder zu entdecken. Die Herzogin von Bracciano erſchien wäh⸗ rend des ganzen Frühjahres und Sommers 1690 nicht zu Rom. Sie blieb auf ihren Gütern, und zwar wie man ſagte, einzig mit der Herſtellung ihrer Ge⸗ ſundheit beſchäftigt, die ſehr ſchwankend geworden. Mit dem Winter aber erſchien auch ſie wieder bei allen Feſten, ſchön, kokett und angebetet wie früher. Bedurfte es damals doch, wie jetzt, nur einer kurzen Zwiſchenzeit von einigen Monaten, um die Erinne⸗ rung an das wichtigſte Ereigniß zu verwiſchen, und bald war ſelbſt jene geheimnißvolle Begebenheit ver⸗ geſſen, durch welche zwei Weſen,— beſtimmt der 426 Welt als eine ihrer ſchönſten Zierden zu dienen,— verſchwunden. Bekannt iſt es, daß zehn Jahre ſpäter Philipp der Fünfte den Thron Spaniens beſtieg. Als er bald darauf Gabriele Luiſe, Fürſtin von Sa⸗ voyen ehelichte, bezeichnete der Cardinal Porto Carrero die Herzogin von Bracciano, die ſeit dem Tode ihres zweiten Mannes den Titel einer Fürſtin Orſini angenommen, als diejenige Dame, welche am geeignetſten ſei, die Funktionen einer Ca- marera- mayor bei der neuen Königin würdig zu verwalten. Das Kind, welches das Licht unter ſo ſchreck⸗ lichen Auspicien erblickt, wurde, einige Zeit nach dem Tode ſeines Vaters, durch Vermittlung des franzöſi⸗ ſchen Geſandten nach Frankreich geſandt, woſelbſt ſich Frau von Maintenon, deren Stern eben damals aufging, gerührt von der Erzählung jener Abenteuer, ſeiner annahm, und es unter ihren be⸗ ſonderen Schutz ſtellte. Es entſprach der Sorge ſeiner hohen Beſchützerin volltommen. Mit reizender Schönheit und einem le⸗ bendigen, heiteren Geiſte begabt, wuchs es zur Freude der Marquiſe heran und lernte mit Leichtigkeit alles, was in der damaligen Zeit zu einem vollkommenen Edelmanne gehörte, als: Fechten, Tanzen, ein wenig Heraldik und einige Reimworte, ſchien daher auch zu glänzendem Schickſale beſtimmt. Frau von Main⸗ tenon ließ ihren Schützling, als er größer gewor⸗ den, unter die Pagen des königlichen Hofes aufneh⸗ men, und beförderte ihn ſodann zu den Haustruppen des Königs, bei welchen er bald den Rang eines Fahnenjunkers erreichte. Unglücklicherweiſe für ihn, war damals der König ſchon ſehr alt, und mit ihm der ganze Hof. Was in früheren Zeiten das Glück eines Lauzun, eines Herzogs von Lude und Anderer gemacht, war unter einem ſiebenzigjährigen und jetzt frömmelnden Monarchen nicht mehr an der Tagesordnung. Dies fühlte Gondreville recht gut, und da es ihm keinesweges an Geſchicklichkeit fehlte, ſo war er klug genug, ſich von Zeit zu Zeit in der Geſellſchaft der Herren Sulpicier zu zeigen und Pater Tellier oft zu beſuchen. Im vertrauten Kreiſe aber ſchüttelte er raſch die Maske der Heuchelei ab, in welche er ſich Angeſichts des Publikums gehüllt. In den freundſchaftlichſten Verhältniſſen mit den Noailles, Nore, Canillac, und jener ganzen ausſchwei⸗ fenden Jugend, die ſchon damals den Keim zu jener Verbindung legte, die wenige Zeit darauf ſo berühmt Orſini. 12 178 unter dem Namen der„Roués“ des Regenten wurde; entſchädigte er ſich reichlich während der Nächte, in den Orgien des Palais⸗Royal, für die Tage, die er unter Anhörung langweiliger Predigten und dem öfteren Beiwohnen des Gottesdienſtes zugebracht. So jung er auch war, ſo erzählte man ſich doch ſchon von ihm manchen hängenswerthen Streich und mehr als eine liebenswürdige Treuloſigkeit im Felde der Galanterie. „Es iſt ein Engel!“ ſagte Frau von Mainte⸗ non von ihm. „Ja!“— entgegnete ganz leiſe der Herzog von Orleans,—„aber ein Engel der Hölle.“ In der Zwiſchenzeit bewegte eine große Neuig⸗ keit ganz Verſailles. Die Königin von Spanien war geſtorben, und der Geſandte, der Marquis von Brancas, kündete mit tiefem Schrecken an: es wäre nicht unmöglich, ſie durch die Fürſtin Orſini erſetzt zu ſehen. Ludwig XIV. zeigte ſich über eine ſolche Vor⸗ ausſetzung höchſt aufgebracht, der ſein Stolz nicht den geringſten Glauben beizumeſſen erlaubte. S Frau von Maintenon aber, die ihre beſon⸗ deren Gründe hatte, weniger ungläubig zu ſein, fing 179 ſogleich an, die Abneigung des Herrn von Brancas zu theilen. Dieſe Abneigung hatte, wie auch der Herzog von Saint⸗Simon in ſeinen Denkwürdigkeiten richtig be⸗ merkt, ihren erſten Grund in der Eiferfucht, welche eine ſolche öffentliche Verbindung bei der Wittwe Scarrons im höchſten Grade erzeugen mußte, da die ihre mit Ludwig XIV. nur unter der Bedingung geſchloſſen worden, daß ſie auf immer und für Alle ein Geheimniß bleiben ſollte. Auf dieſe Weiſe nun würde die Frau, welche ſie zur Vertrauten, zu dem Werkzeug ihrer Pläne in Spanien, zu ihrem Lieutenant gewählt hatte— wie der Herzog von Orleans ſcherzend ſagte— über ſie triumphirt haben. Jene würde Königin geworden ſein, und alle mit dieſem hohen Rang verbundenen Ehren eingeerndtet haben, während ſie verdammt geweſen wäre, für ewig die Marquiſe von Main⸗ tenon zu bleiben. Schon bei dieſen Gedanken hätte ſie vor Aerger ſterben können. 6 Mehrere geheime Sitzungen waren bereits beim Könige gehalten worden, in welchen man die wich⸗ tige Frage: auf was für eine Weiſe der immer wach⸗ ſende Einfluß der Fürſtin Orſini wohl zu brechen ſei— mit hohem Ernſt behandelt hatte. Aber man trennte ſich jedesmal, ohne über irgend etwas über⸗ eingekommen zu ſein,— als eines Tages Torey, Staatsſecretär des Auswärtigen, den König allein und außer der Gegenwart ſeiner Collegen zu ſprechen verlangte. Was hier zwiſchen Ludwig XIV. und ſeinem Miniſter vorging, hat wohl Niemand erfahren, als Gott und die Frau von Maintenon. Sei es aber wie es will, acht und vierzig Stunden nach dieſer Zuſammenkunft, verließ der junge Vicomte von Gondreville Verſailles und warf ſich in eine Poſtchaiſe, um ſich ſchleunigſt nach Madrid zu begeben. Wie man ſagte, hatte er vor ſeiner Ab⸗ reiſe noch eine geheime Audienz bei der Frau von Maintenon. Denſelben Abend war Geſellſchaft im Palais⸗ Royal. Es war kurze Zeit vor dem Abendeſſen und da man ſich über die Abweſenheit des Vicomte von Gondrevilleverwunderte, rief Herr von Canillact „Aber, meine Herren, erinnert Ihr Euch denn nicht, daß geſtern erſt dieſer Teufelskerl von Gondre⸗ ville, der an nichts verzweifelt, mit Noce wetten wollte, daß er es dahin brächte: die Fürſtin Orſini zu entthronen, vorausgeſetzt, daß man ihm die Reiſe⸗ ———————————— 181 koſten bezahlte?— Es ſcheint, der Herr Miniſter hat ihn beim Wort genommen.“ „Bei meiner Ehre,“ ſagte der Herzog von Or⸗ leans,—„wenn er dies ausführt, erkläre ich ihn als den geſchickteſten Menſchen in ganz Europa. Aber ich glaube es nicht, und zweifle daran, daß ihm ge⸗ lingen werde, was ſchon ſo vielen Anderen miß⸗ glückt iſt.“ O „Das kommt daher, gnädiger Herr,“— verſetzte Canillac leiſe,—„weil Jene nicht zu gleicher Zeit den Tod eines Vaters und einer Mutter zu rächen hatten.“ „Wie; glauben Sie denn, daß Gondreville von allem dem unterrichtet ſei, was ſich bei ſeiner Geburt in Italien zugetragen?“ „Vollkommen, Herr Herzog.“ „Dann, lieber Canillac, wollen wir ruhig zu Nacht ſpeiſen. Wir trinken auf die Geſundheit der Fürſtin Orſini. Auf meine Ehre, es iſt eine der ſchönſten Frauen, die ich in meinem Leben kennen lernte, und— Gott ſei Dank— ich habe mehr als eine geſehen und geliebt.“ Neuntes Kapitel. Gine Verſchwörung. 0 Ohngefähr acht Tage nachdem, die Fürſtin Or⸗ ſini Gondreville die erſte Audienz ertheilt, be⸗ gegnete dieſer dem Abbé Alberoni in einem Saale des Pallaſtes. Vor allen Dingen muß hier bemerkt werden, daß der Abbé— unter dem Vorwande, er habe vor ſechs Jahren für ſeinen Souverain, den Herzog von Parma, eine Reiſe nach Frankreich gemacht,— bereits eine Bekanntſchaft mit dem jungen Franzoſen angeknüpft, und ihn mit Artigkeiten und Zuvorkommenheiten überhäuft, ja ſich ihm zum Führer und in Madrid angeboten hatte. Als er Gondreville daher heute von ferne bemerkte, lief er mit ſeiner gewöhnlichen Freundlich⸗ keit auf ihn zu, umarmte ihn und rief: „Mein theurer Vicomte, empfangt meinen herz⸗ 183 lichſten Gluͤckwunſch, denn ich erfahre ſoeben, welches Glück Euch geworden, ich bin ganz entzückt. So ſeid Ihr denn wirklich erſter Stallmeiſter Ihrer Ho⸗ heit der Fürſtin Orſini, für die ganze Dauer der Abweſenheit des armen von Aubigny, der, wie mir dünkt, am klügſten handeln würde, wenn er in der Touraine und bei dem Handwerke eines Maurers auf dem Schloſſe von Chanteloup bliebe. Herr Gott! Wie das vorwärts geht mit Euch Fran⸗ zoſen! Ihr kommt in acht Tagen weiter, als ein Spanier in ſeinem ganzen Leben. Vicomte, ich halte mich Euch, wenn Ihr Premierminiſter ſeid, zu einer guten Pfründe empfohlen.“ „Verehrter Herr Abbé, den herzlichſten Dank; der Himmel möge indeſſen verhüten, daß ſich Euer Horos kop jemals erfülle.“ „Wie ſo?“ „Weil ich gar kein einfältigeres Geſchäft auf der Welt kenne, als den Intereſſen des Königs und des Landes eine Zeit zu widmen, die man mit ſeinen Freunden und Freundinnen viel beſſer hätte zubringen können.“ „Nur ein Franzoſe kann ſo ſprechen!“ „Und ein Italiener es denken, ohne es zu ſagen!“ „Was mich betrifft, nehme ich Euren Vorwurf 1. 184 nicht an. Ich habe es bewieſen, Gott ſei Dank,. mir gibt's nichts Höheres als eine gute Tafel.“ „Auch gut!— Ich bin indeſſen nicht ſo einſeitig. Ceres und Bacchus haben gleiche Rechte auf meine Verehrung; aber ich diene auch noch anderen Göt⸗ tern.“ „Sagt lieber anderen Göttinnen.“ „Wie es Euch gefällt.“ „Nun, mein theurer Vicomte, mit einem Aeußeren und einer Haltung wie die Eure, wette ich, daß Ihr viele Eroberungen machen werdet!“ „Das iſt indeſſen gerade meine Abſicht nicht!“ „Ich verſtehe. Ihr habt hohe Abſichten, und zieht die Qualität der Quantität vor. Das iſt ein edler Ehrgeiz.“ „Was wollt Ihr bamit ſagen, Abbé2 Ich verſtehe Euch nicht im geringſten.“ „Ich will ſagen: daß, wenn Ihr offen wäret, Ihr geſtehen müßtet, daß ſich hier in dieſem Pallaſte ein ſehr mächtiges, ſehr geachtetes und noch ſehr ſchönes Weſen befindet, deſſen Gnade Ihr zu erſtre⸗ ben bemüht ſeid, wozu Ihr denn auch ſchon einen vortrefflichen Anfang gemacht.“ „Ach! welche Idee, mein Verehrter?— Sprecht Ihr im Ernſte?“ B ———— — 185 „In völligem Ernſte.“ Und indem er auf Gondreville einen bos⸗ haften und durchdringenden Blick warf, dachte er: „Er wird ſchon beichten. Dieſe Franzoſen ſind ſo eite„ Nach einer kleinen Stille fügte er alsdann laut hinzu: „Geſteht's nur immer, mein lieber Vicomte,.. macht mir nur dies kleine Zugeſtändniß, und ich verſpreche Euch die größte Discretion. Ihr ſtrebt der Fürſtin Orſini zu gefallen,... nicht wahr?“ „Herr Abbe, Ihr ſeid ſehr neugierig.“ „Ei! zum Teufel! Ich habe von einem Eurer Landsleute gehört, daß Euer ſeliger Vater ehedem in Italien ſehr in der Gunſt Ihrer Hoheit geſtanden habe, als ſie nämlich noch Herzogin von Bracci⸗ ano war, und ich ſehe nicht ein, warum der Sohn hierin den Vater nicht beerben ſollte. Habe ich doch in der Geſchichte Eures eigenen Vaterlandes geleſen, daß Diana von Poitiers die Maitreſſe Hein⸗ rich IM. geworden, nachdem ſie die ſeines Vaters Franz I., geweſen. Meint Ihr nicht, daß die Fürſtin Orſini eine Diana von Poitiers aufwiege?“ „Ich dächte, die Fürſtin Orſini überträfe eine Diana von Poitiers tauſendmal, und Letztere 186 verdiene höchſtens ihr die Schleppe zu tragen. Seid Ihr nicht auch der Meinung, Abbs?“ „Gewiß! verſteht ſich!“. „Gut! Bleiben wir dabei. Ich muß Euch jetzt verlaſſen und Ihrer Hoheit meine Aufwartung machen.“ „Wollt Ihr mich ſchon ſo ſchnell verlaſſen 2) be⸗ ſter Vicomte? Und ich hatte Euch noch ſo viel zu ſagen.“ „Nun behaltet es für ein andermal.“ „Das wäre... hört, Vicomte, da kommt mir ein guter Gedanke. Speiſt heute Abend bei mir zu Nacht, Ihr ſollt italieniſche Küche bekommen und al⸗ ten ſpaniſchen Wein dazu; während der Mahlzeit können wir dann unſere Unterhaltung vollenden.“ „Ich nehme die Einladung an,.... aber nur unter einer Bedingung.... daß bei der ganzen Mahlzeit nur eine Geſundheit getrunken werde, und dieſe gelte der Fürſtin Orſini.“ „Einverſtanden. Alſo auf vih Abend?“ „Auf dieſen Abend.“ „Geh nur!“— ſagte der Abbé halblaut vor ſich hin, als ſich der ſchmucke Franzoſe entfernt,—„dieſe grenzenloſe Hingabe an die Fürſtin verbirgt ein Ge⸗ heimniß, das ich ergründen muß, und Ihr dürft Euch tapfer halten, Herr Vicomte. Ich habe in meinem 187 Keller Wein, der im Stande wäre, die Stummen ſprechen zu machen.“ Indem der Abbé noch ſo ſprach, fühlte er einen Schlag auf die Schulter; zugleich neigte ſich Jemand zu ſeinem Ohre und flüſterte ihm zu: „Ich habe Alles gehört; wenn Ihr mir aber Vertrauen ſchenken wollt, Herr Alberoni,— ſo ſchiebt Ihr dies Abendeſſen in die Cwigkeit hinaus.“ „Warum, Herr Amenzaga?“ In der That war der Rathgeber des Abbé's Nie⸗ mand anderes als der abergläubiſche Garde⸗Lieutenant. „Weil es gefährlich iſt, ſich dieſem Edelmanne allein gegenüber zu befinden, und ich verſichere Euch, daß ich in einem ſolchen Falle nicht ganz ruhig wäre.“ „O geht doch!“ „Bedenkt!... Ein Menſch, der einen gewaltigen Hieb in die Bruſt bekommt und ſich darauf hin nur um ſo wohler befindet 2.... Kann das mit natür⸗ lichen Dingen zugehen?“ „Es iſt nun...5 „Ich wüßte, was ich an Eurer Stelle thun würde: da Ihre Hoheit die Frau Fürſtin Orſini Euch wohl will, ſo würde ich ſie auf alle Weiſe zu über⸗ reden ſuchen, dieſen... dieſen.... Edelmann nicht zu hören, der nichts anderes ſein kann, als ein Werkzeug, ℳ 8. ein Diener der Hölle, der ſie noch we ſihr würde, als ſie vielleicht ſelbſt denkt.“ „Seid Ihr deſſen auch ſicher, Amenzahi „Hört. Ich muß Euch geſtehen, daß ich, um meine Zweifel über dieſen Edelmann aufzuklären, alle ſeine Schritte, ohne daß er es ahnte, belauſchte,.. und da habe ich denn ein großes Geheimniß entdeckt.“ „So? Ihr müßt mir es mittheilen.“ „Wißt Ihr, wo er alle ſeine Nächte zubringt?“ „Ei nun, ich denke in ſeinem Bett.“ „Oder auch nicht!... Hat der nöthig zu ſchlafen 2. Wir Sterbliche bedürfen freilich des Schlafes; n ſeines Gleichen ſchlafen nie. Wenn daher ganz Madrid im tiefſten Schlummer liegt, nimmt er ſeinen Mantel und ſeinen Degen und ſtreift durch die Straßen der Stadt.“ „Oho! er wird doch kein n ſein?“ „Hört nur! das Merkwürdigſte dabei iſt, daß er ſich, obgleich jede Nacht einen anderen Weg einſchla⸗ gend, doch jedesmal nach demſelben Orte begibt.“ „Wohin denn?“ „In den einſamſten und düſterſten Stadttheil: in die Mitte jener zerfallenen Gebäude, die den Pallaſt Santa⸗Cruz rings umſchließen.“ „Und was macht er dort?“ Leider! kann ich Euch über dieſen Punkt keine Auskunft geben. Da er ſehr wachſam und vorſichtig iſt ſcheint es, als habe er geſtern entdeckt, daß man 3 nachſchleiche, worauf er ſich auch gleich auf meinen armen Diener ſtürzte und dieſen dermaßen zerſchlug, daß er nun um keinen Preis die nächtlichen Beobachtungen fortſetzen will.“ „Schon genug, Signor Amenzaga. Ich nehme es auf mich, das Werk zu vollenden, welches Euer Diener begonnen; Ihr könnt darauf zählen. Einſt⸗ weilen meinen Dank für die Auskunft.“ „Was Dank! Ich hoffe nur, Herr Alberoni, Ihr ſeid jetzt überzeugt, daß mein Verdacht begründet iſt, und entſagt daher dem gemeinſchaftlichen Nocht⸗ eſſen mit einer ſolchen Höllengeburt.“ „Weniger als jemals.“ „Wohl! ſo hütet Euch!“ „Ihr meint wohl, er möge ſich hüten. Auf Wiederſehen, Signor Amenzag a!— Ich fürchte den Teufel nicht,.... es iſt ja mein Amt, ihn aus⸗ zutreiben.“ Und der Abbé entfernte ſich lachend und ließ Amenzaga verblüfft ſtehen. Als Alberoni in ſein Haus kam, ne man ihm: es habe ſich ein Mönch eingefunden, der, da 190 er ihm viel mitzutheilen habe, ſeiner im Inneren des Hauſes harre. „Was mag er wollen?“ murmelte Alberoni vor ſich hin,—„es wird irgend ein Bettler ſein, der um Unterſtützung bittet, um nach ſeiner Gemeinde zurückkehren zu können.“ „Hat er denn nicht wenigſtens ſeinen Namen genannt?“ ſetzte er laut hinzu. „Nein!“ entgegnete der Diener, an welchen dieſe Frage gerichtet war,„ich habe nicht einmal ſein Ge⸗ ſicht ſehen können, da es die Falten der Caputze ver⸗ bargen. Sein Kleid war aber von feinem Tuche,. ein Bettelmönch iſt es gewiß nicht.“ Alberoni trat ein. „Wer ſeid Ihr? Was wollt Ihr von mir, mein Bruder?“ frug der Abbs heftig, als er ſeines Gaſtes anſichtig wurde. Der Letztere, der ſich auf eine Fußbank der Vor⸗ halle niedergelaſſen, erhob ſich bei dieſen Worten und gab, ſeinen Zeigefinger auf den Mund legend, Al⸗ beroni durch ein Zeichen zu verſtehen, daß er ihn im Geheimen zu ſprechen wünſche. In dieſem Augenblicke ſchien es, als ob der Mönch die Falten ſeiner Capuze gefliſſentlich etwas verſchöbe, wodurch Alberoni die Züge deſſelben zu gewahren ₰ —*, 191 vermochte. Bei dieſem Anblick erbebte der Abbé, und mit allen Zeichen der tiefſten Achtung den Hut ziehend, ſagte er leiſe: „Tretet ein, Hochwürdigſter, tretet ein. Welche Ehre für mich!“ Beide begaben ſich hierauf in ein geräumiges Zimmer, in welchem indeſſen nichts an den Geiſtlichen erinnerte; nur einige, auf einem Tiſche zerſtreute Bücher und Landkarten, ſchienen anzudeuten, daß der Inhaber der Wohnung nicht ſo weltlich geſinnt ſei, als er ſcheinen möchte. Als Alberoni hierauf die Thüre geſchloſſen und den Riegel ſorgfältig vorgeſchoben, warf der Mönch ſeine Kutte zurüͤck und der Abbe rief: „Geſegnet ſei der Tag, an welchem der Beicht⸗ vater des Königs ſeinen Fuß in mein Haus ſetzte.“ „Stille!— ſprecht leiſe!“— entgegnete eifrig der Jeſuit Robinet.—„Man kann nicht wiſſen, was da kommt und ich traue der Polizei der Fürſtin Orſini durchaus nicht. Hört mich, Herr Albe⸗ roni, die Augenblicke ſind koſtbar. Ich habe Euch etwas höchſt Wichtiges mitzutheilen, und nicht ange⸗ ſtanden Euch aufzuſuchen, weil ich recht gut weiß, daß wir auf Euch zählen können, und Ihr im Grund —— 192 der Seele,— wie Ihr Euch auch verſtellt,— ein eingefleiſchter Feind der Fürſtin ſeid.“ „Gewiß, Hochwürdiger, gewiß!“ „Pater Tellier, der Beichtvater des Königs von Frankreich, und einer der würdigſten Repräſentanten des erhabenen und heiligen Ordens, dem ich ſelbſt anzugehören die Ehre habe, hat mir berichtet, daß Ludwig XIV. ſeinem Enkel anbefohlen habe, ſich in der kürzeſten Zeitfriſt wieder zu verheirathen. Nur unter dieſer Bedingung wird er ihm die Mittel an die Hand geben, Barcelona zu nehmen und ſich ſomit auf dem Throne völlig feſtzuſetzen. Der Mar⸗ ſchall von Berwik iſt bexeit, ſobald Philipp V. erklärt haben wird, daß er gehorchen wolle, mit acht und ſechszig Bataillons die Grenze zu überſchreiten.“ „Mein Gott! iſt möglich? und ich errieth König dazu?“ „Der König hat dieſen Morgen einen Courier nach Verſailles geſandt, der Ludwig XIV. die Nachricht bringt, daß ſich Philipp V. dem Willen ſeines Großvaters unterwerfe.“ „Wie?!— Er hat ſchon gewählt?“ „Ich fürchte es. Am verwichenen Abend frug mich mein königliches Beichtkind: ob es wohl Sünde 193 für einen König ſei, eine Perſon zu ehelichen, die nicht aus königlichem Blute ſtamme?“ „Und was antwortet Ihr, Hochwürdigſter?“ „Ich erwiederte, es wäre eine ſchwere Sünde.“ „Das war klug.“ „Während aber nun der König ſehr unruhig da⸗ rüber wurde, und wiſſen wollte: ob denn dieſe Sünde zu den Todſünden oder den erläßlichen Sünden ge⸗ höre, trat jener, erſt kürzlich aus Frankreich gekom⸗ mene Edelmann, der Vicomte von Gondreville, welchen die Fürſtin Orſini unte hat aufnehmen laſſen, ein, um dem Monarchen ſeine Aufwartung zu machen. Nach einigen von beiden Seiten gewechſelten nichtsſagenden Worten, frug ihn der König: ob die Frauen von Madrid ihm eben ſo ſchön däuchten, als die von Paris. Da wagte es dieſer Gondreville zu ſagen: ohne ſich über einen ſo zarten Gegenſtand ausſprechen zu wollen, könnte er wenigſtens betheuern, daß er hier Eine kenne, welche, ſowohl an Geiſt als an Schönheit, in allen Hauptſtädten Europa's den Sieg davon tragen würde.“ „O die verdammte franzöſiſche Schlange!— daß ſie die Peſt verzehre!“ „Des Königs Geſicht aber hatte ſich erheitert Drſini 13 r die„Recreadores“ und er rief triumphirend:„Brav! ich ſehe, daß Herr von Gondreville Kenner iſt.“ Zu gleicher Zeit blickte er nach einem Gemälde, welches man auf ſeinen Befehl auszuführen im Begriffe ſteht, und welches die Fürſtin Orſini darſtellt, wie ſie den Prinzen von Aſturien an der Hand führt.“ „Hochwürdigſter, Ihr habt recht! das iſt eine wichtige und ſchreckliche Nachricht. Es unterliegt keinem Zweifel mehr. Der König hat gewählt und iſt feſt entſchloſſen, dem Zorne Ludwig XIV. zu trotzen. Er will einzige Zeit gewinnen. Und dieſer Gondreville, den es der Fürſtin ſo ſchnell gelang für ihr Intereſſe zu gewinnen! Oh!— welch' eine Frau! welch' eine Frau!“ „Ihr ſeht nun, Herr Alberoni, daß wir keinen Augenblick zu verlieren haben, und daß alle diejeni⸗ gen, die den Sturz der Favorite entſcheiden wollen, ſich vereinigen und raſch handeln müſſen.“ „Darin ſtimme ich völlig mit Euch überein.“ „Dieſe Vereinigung wird in einigen Stunden ſtatt haben.“ „Ha!“ „Und man rechnet auf Euch!“ „Ich verſtehe. Es iſt alſo... eine Verſchwö⸗ rung?“ 195 „So etwas.“ „Aber Teufel....4 „Schwankt Ihr etwa?“ „Ich, im Gegentheil! ich bin... bei der Verſchwörung.“ „Ich wußte, daß ich auf Euch rechnen konnte. Nun hört!.... Findet Euch ein wenig vor Mit⸗ ternacht in der Nähe des Pallaſtes Santa⸗Cruz ein. Ihr klopft ſodann ganz leiſe an das Thor, in⸗ dem Ihr mit halber Stimme das alte aragoniſche Liedchen anſtimmt: „Madonna liebt ihr Aragon, O hört ihr mahnend Wort: „„Was dient ihr Frankreichs ſtolzem Sohn, Jagt die Tyrannen fort!““ Madonna liebt ihr Aragon, Sieg! kündet Euch ihr Wort.“ Iſt das geſchehen, wird man Euch öffnen.“ „Vortrefflich!.... Aber ſagt, ehrwürdiger Herr, wer ſteht denn an der Spitze dieſer Verſchwörung?“ „Der Marquis von Santa⸗Cruz leitet in Perſon die ganze Sache. Ihr könnt ruhig ſein. Wenn die Favorite dieſesmal entſchlüpft... „Es iſt göttlich! Sie wird ihrem Schick⸗ ſale nicht entgehen.“ „Ich verlaſſe Euch. Wir können alſo auf Euch echnen, nicht wahr?“ 196 —— „Auf Tod und Leben, Hochwürdigſter!“ „Gute Nacht denn, Abbé, der Abend dämmert und ich kann jetzt weggehen, ohne fürchten zu müſſen, erkannt zu werden. In einigen Stunden ſehen wir wir uns wieder.“ Mit dieſen Worten zog Pater Robinet die Ca⸗ puze wieder über den Kopf und entfernte ſich. Als ſich Alberoni allein fand, ging er mit 3 großen Schritten im Zimmer auf und ab. Sein ganzes Weſen verrieth eine ungewöhnliche Auf⸗ regung. 3„Sieh! ſieh!“ rief er—„man ſteht im Begriff den König zu verheirathen, und ich ſchlafe! Wahr⸗ haftig, der Jeſuit hat es iſt keine Mi⸗ nute zu verlieren: an's Werk! an's Werk!“ Und damit ſetzte er ſich an einen Tiſch, nahm ein Blatt Papier und ſchrieb mit einer convulſiviſchen Schnelligkeit folgende Zeilen auf daſſelbe: „Gnädigſter Herr!“ „Bei meiner letzten Reiſe nach Parma erinnere ich mir in dem Garten Eures Schloſſes ein junges reizendes Mädchen begegnet zu haben, welches, wie man mir, ſagte, eine Nichte Eurer Hoheit war. Hoch⸗ dieſelben ſprachen zu verſchiedenenmalen die Furcht aus, dies liebliche Weſen, welches Eurer Hoheit ſo nahe ſteht, wohl nicht nach Wunſch verheirathen zu können, da ſie kein Vermögen beſitze. Sollte nun durch Zu⸗ fall, ſobald Eurer Hoheit Gegenwärtiges zugekommen, irgend Jemand um die Hand Eurer Nichte anhalten, ſo bitte ich unterthänigſt— ſei er auch Graf, Mar⸗ quis, Herzog oder ſelbſt Prinz,— daß Eure Hoheit geruhen möchten, denſelben vor der Hand zurückzu⸗ weiſen, indem es möglich wäre, daß ſich hier in kur⸗ zer Zeit eine angemeſſenere Partie für ſie fände.“ „Sodann nur noch zwei Worte. Würden Eure Hoheit vielleicht geruhen, ſich um einen Cardinals⸗ hut für den Abbé zu bemühen, der Hochdero Nichte dagegen die Krone von Spanien und beider Indien anböte?“ Nachdem er hierauf den Brief völlig beendet, ſorgfältig gepfalzt und geſiegelt hatte, rief Alberoni einen ſeiner Leute, einen ſehr tüchtigen jungen Mann, der ihm zu gleicher Zeit als Hausmeiſter, Secretär und diplomatiſcher Courier diente. „Du triffſſt auf der Stelle die nöthigen Vorkeh⸗ rungen zur Abreiſe, wirſſt Dich ſodann auf ein gutes Pferd und reiteſt aus Leibeskräften nach Alicante, ohne anzuhalten oder eine Minute zu verſäumen. Dort bedienſt Du Dich des erſten Fahrzeuges, das nach Genua abſegelt, von wo aus 66 Du Dich mit derſelben Eile nach Parma begibſt. Dort angekommen, eilſt Du augenblicklich nach dem Pallaſte, und verlangſt ſeine Hoheit den Herzog von Parma zu ſprechen. Du übergibſt ihm dieſe Depeſche, ihm ſelbſt... ihm allein.... verſtehſt Du?— Gibt es eine Antwort, warteſt Du ſie ab.— Jetzt fort! und denke daran, daß Du das Gluck Deines etn in Händen trägſt.“ Nachdem Alberoni ſeinem Diener dieſe ſumma⸗ riſchen Verhaltungsbefehle ertheilt, entließ er ihn, und ging neuerdings mit großen Schritten im Zimmer auf und ab; denn er hatte keine Ruhe mehr, und es ſchien faſt, als ob unſichtbare Dämonen alle Muskeln ſeines Körpers ſtachelten und reizten. Seine Augen funkelten, ſeine Stirne hob ſich, ſeine ganze Geſtalt wuchs. Alberoni war in dieſem Augenblicke, in welchem das Feuer des Genies— gleichſam eine neue Mor⸗ genröthe kündend— aus ſeinen Zügen ſtrahlte, wahr⸗ haft ſchön zu nennen. Aber täuſchen wir uns nicht, es war einfach das Genie der Intrigue.— Lange noch ging er ſchweigend und nachdenkend auf und ab, dann traf er ſelbſt die nöthigen Vorkeh⸗ rungen zu dem verabredeten Nachteſſen. Zehntes Kapitel. Das Abendeſſen. Es war bereits zehn Uhr Abends, als Gon⸗ dreville und Albero ni noch an der Tafel ſaßen. Die Reſte der verſchiedenen feinen Speiſen, welche vor ihnen ſtanden, beurkundeten, daß ſie eine kräftige und ausgewählte Mahlzeit gehalten. Auch zahlreiche Flaſchen ſtanden auf dem Tiſche zerſtreut, von welchen mehr als eine leer war, wie man bei dem durchfallenden Scheine der Wachskerzen, die auf zwei kleinen ſilbernen Candelabern brannten, leicht erkennen konnte. Sie bezeugten,— um uns der Sprache des Vicomtes zu bedienen,— daß man bei dieſer feierlichen Gelegenheit dem Bachus nicht weniger geopfert als der Ceres. Mit natürlichen Dingen ging es daher zu, wenn die Augen Gondreville's— dieſe flammenden Augen, welche dem leichtgläubigen Amenzaga eine 200 8 elüubiſche Furcht eingejtgt— jteht in ber Tha glühenden Kohlen glichen. Was den Abbé betrifft,— ſei es nun, daß er mehr vertragen konnte als der junge Edelmann, oder auch daß er,— ſeinen Tiſchgenoſſen auffordernd, den Weinen ſeines Kellers Ehre zu machen,— ſich ent⸗ hielt, mit gutem Beiſpiele voranzugehen; er blickte Gondreville lächelnd und gemüthlich, aber durch⸗ dringend an. Plötzlich hob er ſein Glas hoch in die Höhe und rief: „Auf das Wohlſein Ihrer Hoheit der Fürſtin Orſini.“ „Zum Henker!“— entgegnete Gondreville,— „das iſt wenigſtens das zwanzigſtemal, daß Ihr dieſe Geſundheit ausbringt. Ich denke, Abbs, es wäre Zeit, einmal zu wechſeln.“ „Was?. Wie meint Ihr?... Erinnert Ihr Euch denn nicht mehr unſerer Uebereinkunft?... Es ſoll ia nur eine einzige Geſundheit, die Ihrer Hoheit der Fürſtin Orſini, ausgebracht werden. Ihr ſelbſt habt es ja ſo gewünſcht.“ „Und ich bleibe dabei, denn die Fürſtin Orſini iſt das ſchönſte Weſen im ganzen Königreiche, und wer das Gegentheil behauptet, hat es mit mir zu thun.“ 201 S. „Wohl!— Auf die Geſundheit der Fürſtin!.. Ihr müßt aber auch austrinken.“ „Holla! Abbe, geht mir mir einem guten Bei⸗ ſpiele voraus; denn mir kommt es vor, als ob Ihr Euch ganz hölliſch in Acht nehmet. Man möchte beinahe glauben, Ihr hättet Intereſſe daran, mich tüchtig trun'en zu machen, um meine Vernunft zu benebeln, und Ihr wolltet der Euren mächtig bleiben.“ „Ich?.. Welche Idee!— Wartet,... nun gebt Acht!... Aber jetzt iſt die Reihe an Euch.“ Dies ſagend beeilte ſich der Abbé ſein Glas an die Lippen zu führen, während Gondreville das ſeinige auf einen Zug leerte. „Was ſagt Ihr zu dieſem Malaga, Vicomte?“ „Ich meine ich meine... Aber Euer Glas iſt ja noch au Abbs!“ „Natürlich!... Saht Ihr denn nicht, daß ich mir, während Ihr neuerdings eingoß?“ „Ah ſo! das iſt ein Anderes. Nun denn, ich meine.. von was ſprachen wir eben?“ „Von meinem Malaga. Haltet Ihr ihn nicht auch, wie ich, für den König der Weine, gerade wie die Fürſtin Orſini die Königin Schönheit iſt?“ „Oh! ich kenne eine Andere.. „Einen anderen Wein oder eine andere Frau?“ — ——— Gondreville verharrte einige Minuten ſchwei⸗ gend, unbeweglich und als ob er ſich gewaltig an⸗ ſtrengte, ſeine Zunge frei und beweglich zu machen, über die er, wie er wohl fühlte, anfing, die Herrſchaft zu verlieren. Während der Zeit murmelte der Abbs leiſe: „Endlich! es hat Mühe gekoſtet; jetzt aber habe ich ihn.“ Dann blickte er den Vicomte feſt an und ſagte hinzufügend: „Sollte die Fürſtin zufällig ſchon eine Nebenbuh⸗ lerin gefunden haben? Laßt hören, erzählt mir den Hergang.“ Der junge Franzoſe ſchlug die Angen nieder und ſtotterte: „Abbé, davon erfahrt Ihr nichts, es iſt ein Ge⸗ heimniß.⸗ 63 „Geht doch, wer wird denn gegen ſeine Freunde Geheimniſſe haben?“ „Manchmal....4 „Niemals, wenn man ihrer Ergebenheit gewiß iſt. Außerdem wette ich, daß ich dieſem tiefen Geheimniß auf der Spur bin.“ „Macht's Anderen weiß. Beweiſt mir's!“ „Nichts leichter als das. Was macht ihr denn 203 alle Nacht unter den Mauern des Pallaſtes von Santa⸗Cruz?“ Bei dieſen letzten Worten fuhr Gondreville auffallend zuſammen, und rief, den Abbé feſt am Arme packend: „Hölle und Teufel!.... Wer hat Euch dies geſagt?.... Der Unglückliche, er ſtirbt von mei⸗ ner Hand!“ „Ruhig! ruhig!— Der es geſagt, hat Euch viel⸗ leicht, ohne daß Ihr es denkt, einen großen Dienſt erzeigt. Entſchließt Euch und ſchenkt mir Euer Ver⸗ trauen, ich verſichere Euch dabei nicht allein meiner Treue und Verſchwiegenheit; ſondern ich werde Euch auch als Mann von Ehre bei Euren Plänen und Unternehmen behülflich ſein.“ tergeht mich auch nicht?“ 6 „Welches Intereſſe könnte ich dabei haben, Euch zu täuſchen?“ „Es iſt wahr. So hört denn, Ihr habt mein Vertrauen gewonnen.... Ja, ja! ich liebe mit Herz und Seele das lieblichſte Mädchen, welches ich in meinem Leben geſehen. Aber Ihr dürft Niemanden etwas davon ſagen, am wenigſten der Fürſtin Or⸗ ſini. Ihr habt es mir verſprochen.“ 204 „Närrchen! Bis jetzt wäre ich ohnedem ſehr in Verlegenheit, wenn ich Euch verrathen wollte, Ihr habt mir ja den Namen noch gar nicht genannt.“ „Nun ſo vernehmt, daß es Donna Ines de Santa⸗Cruz iſt.. „Die Tochter des Marquis!— Wollt Ihr Euch auf dieſe Weiſe etwa für gewiſſe Wunden rächen, die, wie man ſagt, Euch der Vater geſchlagen?“ „Ach! Weiß ich denn, was ich will,.. ich weiß nur, daß ich Donna Ines liebe, wie ich noch nie geliebt habe. Auch war die Gelegenheit, bei welcher ſie mir das erſtemal erſchienen, zu feierlich und wich⸗ tig, als daß ich ſie je vergeſſen könnte, und wenn ich jetzt noch lebe, ſo habe ich es einzig jenem Mäd⸗ chen zu verdanken. Ja, Freund Abbeé, als ich von dem Marquis von Santa⸗Cruz auf den Tod ver⸗ wundet, in einer elenden Herberge des Oertchens Fadraque lag, bereit, den Geiſt aufzugeben,. als meine Augen, von den Schatten des Todes um⸗ nachtet, ſchon die Gegenſtände, die mich umgaben, nur wie in einem Nebel ſahen, da ſtrahlte plötz⸗ lich durch die Finſterniß ein Blick voll unbeſchreib⸗ licher Sanftmuth zu mir, ein Blick, der mir in den tiefſten Grund der Seele drang und wie ein himmliſcher Balſam auf Geiſt und Körper wirkte. 5 Dann unterſchied ich die Formen eines menſchlichen Weſens von untadelhafter Schönheit, welches Gott für mich zu bitten ſchien, und ich fragte mich,— wie ich mir jetzt wohl erinnere,— ob dies wohl mein Schutzengel ſei?“ „Ach! als ich die Augen wieder aufſchlug, war mein Schutzengel verſchwunden, Denkt Euch aber meine Ueberraſchung, als eines Abends,— kaum in Madrid angekommen,— jene himmliſche Erſchei⸗ nung, die ich in meinem Todeskampfe gehabt, meine Blicke abermals traf, und— jetzt mit dem reizenden Körper eines Mädchens bekleidet,— an mir vorüber ſchwebte. Zu gleicher Zeit erfuhr ich, daß der Va⸗ ter dieſes ſüßen Kindes mein Todfeind, der Marquis von Santa⸗Cruz ſei.“ „Nun, theuerſter Vicomte, was hat das zu ſagen, wenn ſich der Engel für Euch als eine gefühlvolle Sterbliche gezeigt?“ „Halt! Abbé, hütet Euch wohl, Donna Ines zu verläumden. Sie iſt ſo klug als ſchön, und ich muß es zu meiner Schande geſtehen, daß ſie mir bis jetzt noch nicht das Recht gegeben hat, daran zu zweifeln.“ „Ei ſeht doch!— Ihr wollt wohl den Geheim⸗ nißvollen ſpielen.“ — „Wollte Gott, Ihr ſprächt wahr. Aber ich fange an zu glauben, daß in meiner Phyſiognomie etwas liege, welches den Santa⸗Cruz im Allgemeinen ganz entſchieden mißfällt, wie alt und von welchem Geſchlecht ſie auch ſein mögen, denn ich habe um⸗ ſonſt alle nur erdenklichen Mitiel aufgewandt, die mir doch in Frankreich wahrlich mehr als einmal zum Ziele halfen, ohne auch nur um das Geringſte wei⸗ ter zu ſein, als am erſten Tage.“ „Ich wäre wahrlich begierig zu erfahren, wie es möglich iſt, daß ein ſo feiner Cavalier wie Ihr, mit ſeinen Bewerbungen ſcheiterte.“ „Hört, Abbé, ich ſpreche mit Euch von der Leber hinweg; ich bin eigentlich noch trauriger, als ich mich ſchäme, und meine Leidenſchaft ſteigt in dem Grade, indem ich alle meine Hoffnungen ſchwinden ſehe. Den Abend, an welchem ich zum erſtenmale Donn Ines in Madrid bemerkte, ging ſie gerade zum Abendgebete und ich folgte ihr natürlich. Dort hatte ich nun das Glück, ſie wiederzuſehen— indem ich ihr das Weihwaſſer reichte— ihre herrlichen Finger zu berühren. Wenn Ihr wüßtet, wie mich das Zugleich ſchien es mir aber auch, als ob ſich ihrer bei meiner Anſicht eine innere Bewegung bemächtigte, da ſie mich ohne 207 Zweifel ſogleich wieder erkannte. Kurz! ich hoffte... Den andern Morgen ſtellte ich mich als Schildwache vor die alten gothiſchen Gebäulichkeiten, welche die Madrider ſo großartig den Pallaſt Santa⸗Cruz nennen.“ „Hier wartete ich nun, bis ſie heraustrat, und mich dicht an die Mauer ſtellend, enpfing ich ſie mit einem wahrhaft mörderiſchen Augenſpiel. Sie errö⸗ thete; da erſchien aber eine alte Senora, die, wie man mir ſagte, ihre Tante ſein ſoll, ſchleuderte mir durch ihre Brille einen wüthenden Blick zu, und be⸗ fahl ihrer Nichte, nachdem ſie leiſe einige Worte mit ihr gewechſelt, wieder in das Haus zu gehen.“ „Was machen?— Ich hatte die Belagerung an⸗ gefangen und war entſchloſſen ſie bis zur Anwendung der äußerſten Mittel durchzuſetzen.“ „Vor allen Dingen nahm ich mir vor, als Par⸗ lamentaire vor dem Platze zu erſcheinen, und zwar mit geſpicktem Geldbeutel, um Einverſtändniſſe anzu⸗ knüpfen. In Frankreich wenigſtens iſt dies das Mittel, durch welches man am erſten zum Ziel ge⸗ langt. Aber fehlgeſchoſſen! es ſcheint in Spanien anders zu ſein. Als ich an das Thor geklopft, kam ſo eine Art Diener zum Vorſchein, eine magere, un⸗ freundliche, widerwärtige Geſtalt, zeigte ſeinen Kopf 208 —— hinter einem mit Eiſengittern verwahrten Katzenloch und rief grob: er habe den Befehl: Niemanden in den Pallaſt Santa⸗Cruz einzulaſſen, da der Marquis und ſeine Familie in der größten Zurückge⸗ zogenheit lebten. Ich hatte dieſe Antwort vorausge⸗ ſehen, und ließ daher meinen Geldbeutel durch die Sprachgitter leuchten, indem ich dem alten Kerle zu⸗ gleich ein Briefchen zeigte, welches ich für Donna Ines geſchrieben hatte. Glaubt Ihr nun, lieber Abbé, daß der Menſch das Brieſchen nahm und die Börſe zurückſtieß?.. Man muß nach Spanien reiſen um ſo etwas kennen zu lernen.“ „Und was enthielt das Billet?“ „Ach, nichts als einige Zeilen. Ich erklärte darin Donna Ines die heftige Liebe, welche ſie mir eingeflößt, und zeigte ihr an: daß ich denſelben Abend unter ihrem Balcone erſcheinen würde, da ich bemerkt hatte, daß der Angebeteten Zimmer nach einer einſa⸗ men Straße ging.“ „Nun?“ „Nun! Es ſcheint, eben daß mein Brief der Donna Ines nicht übergeben worden iſt, oder daß ſie mich nicht mag; denn während vier aufeinander folgender Nächte, in welchen ich mich unter ihrer Altane einfand, hat ſie mir auch nicht ein Zeichen 209 ——————— ihrer Aufmerkſamkeit gegeben. In dieſer Lage ſeht Ihr wohl ein, daß mir eben nichts mehr übrig bleibt, als die Feſtung mit einer Leiter zu ſtürmen, und— auf meine Ehre— ich hätte es vielleicht ſchon ver⸗ ſucht, ſelbſt auf die Gefahr hin, von einem tölpiſchen Diener den Hirnſchädel eingeſchlagen zu bekommen, wenn ich nicht leider! zu feſt überzeugt wäre, daß ſich Donna Ines eben nicht das Geringſte aus mir mache.“ „Woher wißt Ihr dies 2.— rief Alberoni, der während der ganzen Erzählung mit tiefer Aufmerk⸗ ſamkeit zugehorcht. „Himmel! Abbé! was meint Ihr damit? Soll⸗ tet Ihr vielleicht Donna Ines kennen? Wäre 687 „Fragt mich darüber nicht, denn es iſt mir nicht erlaubt, darauf zu antworten, ehe es auf dem Thurme des Pfarrſpieles eilf Uhr geſchlagen hat. Dann aber bin ich im Stande, Euch eine Sache zu entdecken, die für Euch von der höchſten Wichtigkeit iſt.“ „Wär's möglich?... Abbé! und Ihr täuſchtet mich nicht? O! wiederholt es mir noch einmal, daß ich Donna Ines nicht gleichgültig bin.. Mein Gott! Mein Gott! das iſt ein ſo großes Glück, un? kommt ſo unerwartet, daß ich es kaum glaubeann, und es mir wie ein Traum dünkt.“ Orſini. 4 2¹0 „Noch hat es nicht eilf Uhr geſchlagen, und ich wiederhole Euch, daß ich über dieſen Gegenſtand vor eilf Uhr nichts ſprechen kann noch will. Unterdeſſen wollen wir noch ein Gläschen Malaga trinken!“ „Abbé wenn Ihr wollt, daß ich im Stande ſei, das zu verſtehen, was Ihr mir zu ſagen habt, dann laßt's gut ſein.“ „Ach was! ein Franzoſe! ein Menſch, der an die Abendeſſen des Palais⸗Royal gewöhnt iſt, wird mir doch Beſcheid thun? Wenn das der Herzog von Or⸗ leans erführe, er würde Euch nicht mehr kennen wollen.“ „Möglich!... aber ich mag nicht mehr trinken.“ „Was? auch wenn ich Euch die Geſundheit der Donna In es zubrächte?“ Und der Vicomte leerte ſein Glas, welches Al⸗ beroni bereits gefüllt, mit einem Zuge. Eine benachbarte Uhr ſchlug in dieſem Augenblicke eilf. „Endlich!“— rief Gondreville—„endlich ſchlägt's! Dieſesmal, Abbé,— obgleich Ihr mir ein ganz vorzügliches Nachteſſen gegeben,— dieſesmal geht es Euch an den Hals, wenn Ihr Euer Wort nicht haltet.“ Ich bin ſchon bereit ihm nachzukommen,“— 211 verſetzte Alberoni triumphirend. Dann ſagte er mit feierlichem Ausdruck: „Ihr ſeid Franzoſe. Daher frage ich Euch nicht, ob Ihr Muth habt, aber wohl, ob Ihr bereit ſeid ihn jetzt zu zeigen?“ „Warum?“ „Weil Euch Donna Ines wieder liebt.“ „Den Beweis! Abbé, den Beweis!“ „Donna Ines erwartet Euch kurz vor Mitter⸗ nacht.“ „Wer hat Euch das geſagt?“ „Das iſt mein Geheimniß!“ „Wäre es möglich?.. Himmel!.. Aber Ihr täuſcht mich doch auch nicht?“ „Warum ſoll ich Euch denn tänſchen?“ „Es iſt wahr!.. Alſo die Verachtung, die ſie mir zeigte....“ „War nur eine Maske, um ihre Liebe ſicherer zu verbergen.“ „O! die Weiber! die Weiber!. Abbé, ich um⸗ arme Euch!“ „Ich erlaſſe es Euch, Vicomte. Aber laßt uns gehen! denn ich will Euch wenigſtens auf dem Wege als Geſellſchafter dienen.“ 212 „Wirklich? Ihr wolltet? Ach, Herr Alberoni, Ihr überhäuft mich in der That mit Artigkeiten.“ „Nur noch ein Wort. Könnt Ihr ſingen?“ „Nun ja, ein wenig, ich kenne alle Opern Qui⸗ naults auswendig.“ „Vortrefflich; aber es handelt ſich diesmal nicht um Quinault. Wir ſind in Spanien.“ „Richtig!.... Das hatte ich vergeſſen.“ Und es iſt ein ſpaniſches Liedchen, welches Euch die Pforte zu Eurer Schönen öffnen ſoll.“ „Aha, ich verſtehe, ein zärtlicher Bolero, oder irgend eine verliebte Seguidilla.“*) „Keinesweges. Gebt wohl Acht und ſprecht mir alsdann nach. Es iſt ein ganz einfacher Vers: „Madonna liebt ihr Aragon, O hört ihr mahnend Wort: „„Was bient Ihr Franfreichs ſtolzem Sohn, Jagt die Tyrannen fort!““ Madonna liebt ihr Aragon, Sieg kündet Euch ihr Wort.“ Nun was macht Ihr?... Was habt Ihr denn?.. Gefällt Euch der Vers nicht? Es iſt der Refrain *) Seguidilla heißt im Spaniſchen eine aus vier Verſen be⸗ ſtehende Versform, wo ſieben⸗ oder fünfſylbige aſſonirende Zeilen abwechſeln. 2¹3 eines aragoniſchen Liedchens.... Was die Wahl be⸗ trifft, die, ich geſtehe es, für ein verliebtes Stelldich⸗ ein etwas komiſch ausfiel, ſo müßt Ihr Euch darüber keineswegs wunbern. Ihr wißt ja, daß die Familie Santa⸗Cruz die neue Regierung haßt. „Ich weiß es, geſtehe aber, daß ich jeden andern Vers vorgezogen haben würde; denn ich kann die Erinnerung nicht unterdrücken, daß ich dieſen Geſang das Erſtemal in meinem Leben unter höchſt verhäng⸗ nißvollen Umſtänden hörte. Es war an demſelben Tage, an dem mich der Marquis von Santa⸗ Cruz beinahe in die andere Welt geſandt hätte.“ Eine kaum bemerkbare Falte zeigte ſich hier auf Alberoni's Stirne, er erblaßte und wandte das Geſicht ab; dann erhob er ſich raſch. „Kommt,“— rief er alsdann,—„wir wolleu gehen. Wer weiß, ob bieſer Vers in der Zukunft nicht ganz andere Erinnerungen in Euch weckt, da ihn Donna Ines erwählt.“ „Es wäre möglich!“— verſetzte heiter der Vi⸗ comte.—„Mag die Heilige nun Franzöſin oder Ara⸗ gonierin ſein, wenn ſie mir nur dieſe Nacht beiſteht.“ „Zweifelt nicht daran!“— verſetzte Alberoni, indem er ein Fenſter öffnete.—„Seht, wie die Nacht 214 ſo finſter iſt; nicht ein Stern am Himmelz eine Nacht für Liebende geſchaffen.“ Gondreville wickelte ſich in ſeinen Mantel, und trillerte mit halber Stimme und einem Ausdruck bitterer Jronie: „Madonna liebt ihr Aragon.... Dann hielt er plötzlich ein und rief: „Wollen ſehen, ob ſie auch auf uns ein gnädi⸗ ges Auge wirft. Aber fort!— Ich fühlte mich nie ſo aufgelegt, ſo ſelig. Oh! Donna Ines! Donna Ines!.... Ich werde von Donna Ines geliebt!“ Nach einer guten Viertelſtunde erreichten Alberoni und ſein Gefährte, nachdem ſie den ſtillſten und ein⸗ ſamſten Theil Madrid's durchſchritten, die Mauern des Palaſtes Santa⸗Cruz. „Hier müſſen wir uns trennen,“— ſagte Gon⸗ dreville.—„Auf Wiederſehn, mein lieber Abbs.“ „Lebt wohl, Vicomte. Noch Eins. Ich empfehle Euch, nicht zu laut zu ſingen, damit Ihr keine Auf⸗ merkſamkeit erweckt.“ „Seid unbeſorgt.“ Hierauf nahmen Beide Abſchied von einander, indem einer dem Andern die Hand drückte. Nach⸗ dem Gondreville hierauf das Gäßchen durchſchrit⸗ 215 ten, an deſſen Ende ſich der Eingang zum Pallaſte von Santa⸗Cruz befand, klopfte er leiſe an. Der Schein einer Laterne zeigte ſich hinter den Gittern des Sprachfenſters, und eine rauhe Stimme frug: „Wer Ihr auch ſeid, der Ihr zu einer ſolchen Stunde an die Pforten des Pallaſtes klopft, geht Eu⸗ res Weges. Ich habe Befehl: keiner menſchlichen Seele in der Abweſenheit des Herrn zu öffnen.“ „Zum Henker, Freund, das weiß ich recht gut,“ entgegnete Gondreville,„und ich erkenne ſehr gut Eure Stimme wieder, die gerade ſo häßlich klingt, als Euer Geſicht es iſt. Aber ich verſtehe, wie der ſelige Orpheus, die Ungeheuer zu bezaubern:“ „Madvnna liebt ihr Aragon, O hört ihr mahnend Wort: Was dient Ihr.„ Aber Gondreville hatte noch nicht weiter ge⸗ ſungen, als das Licht verſchwand und die ganze Um⸗ gebung in Nacht zurückſank. Alles war ſtill. Kein Laut im Innern, kein Ton außerhalb des Pallaſtes. Alles ſchien in tiefen Schlaf verſunken und auch die Thüre blieb verſchloſſen. „Verdammt!“— murmelte Gondreville.— „Sollte der Abbs mich zum Beſten gehabt ha⸗ 216 ben?.. Par la mordieu! wenn ich das wüßte, dann dürfte er ſeine Ohren hüten!“ Voll Ungeduld pochte der Vicomte wiederholt,— da drehte ſich plötzlich die Thüre in ihren Angeln und gab ihm freien Raum. Sobald ſie ſich hinter ihm geſchloſſen, ertönte ein ſchadenfrohes Lachen von dem anderen Ende des Gäß⸗ chens her, und man konnte deutlich Schritte ver⸗ nehmen, die ſich nach und nach in der Ferne ver⸗ loren. In dieſem Augenblick ging der Nachtwächter vor⸗ über und rief mit einer tiefen Stimme und in melan⸗ choliſchem Tone: „Zwölf iſt die Glock!“ Eilftes Kapitel. Der Pallaſt Santa-Cruz. Sobald Gondreville die Schwelle der Haus⸗ thüre überſchritten, empfing ihn jener häßliche Diener, der ihm ſchon bei ſeinem erſten Beſuche im Pallaſt Santa⸗Cruz entgegengetreten und deſſen Stimme er ſo eben gleich wieder erkannt hatte. Es war ein großer und langer, aber zugleich un⸗ glaublich hagerer Mann, deſſen Aeußeres gerade nicht ſehr zu Cunſten der Küche des Pallaſtes Santa⸗ Cruz ſprach. In ſeiner linken Hand hielt er eine Laterne, deren flackerndes Licht ſeine Bläſſe und die ſcharf hervorſtechenden Knochen des Geſichtes und der ganzen Geſtalt nur noch mehr hervorhoben. Dabei trug er einen alten, abgetragenen Ueberwurf, nach Schnitt und Weiſe der Waffenröcke, der die Farben des Hau⸗ ſes Bazan zeigte, während ſich über ſeiner Bruſt die Riemen eines ungeheuren Wehrgehänges und eines Jagdmeſſers kreuzten. Ein rieſiger Schlüſſelbund hing an ſeinem Gür⸗ tel, in ſeiner Rechten aber hielt er eine verroſtete Hellebarde. In dieſem Aufzuge, bei welchem die augenſchein⸗ lichſte Armſeligkeit den Glanz der früheren Zeiten vollkommen verwiſchte, und der eben dadurch die Ar⸗ muth der Gegenwart nur noch deutlicher hervorhob, ſtand unſer Mann vor Gondreville, gerade auf⸗ gerichtet, bolzenſtrack und ſtolz wie ein Kaiſer. Jetzt erſt, nachdem er eine alte Magd, die nicht übel eine der Parzen hätte vorſtellen können, die Thüre wieder ſorgfältig verriegelt und verſchloſſen, neigte ſich der Hagere mit ernſter Miene vor dem neuen Ankömmlinge, und deutete demſelben ſodann durch ein Zeichen an, daß er ihm folgen möge. Gondreville, von dem abenteuerlichen Merkur geleitet, überſchritt nach einander mehrere Höfe, in welchen die üppigſte Vegetation von Gras und Kräu⸗ tern, das Pflaſter überrankte. Dabei ſtießen ſeine Füße jeden Augenblick an einzelne Mauerſtücke oder ſonſtige Trümmer früherer Größe, welche Sturm und Wetter mit der Zeit abgelöſt und hieher geſchleudert hatten. Zugleich traten, bei dem matten Lichtſchim⸗ — — 219 mer, welchen die Laterne des Führers entſandte, die plumpen Maſſen koloſſaler Gebäude, auf welchen der Staub von Jahrhunderten ruhte, gigantiſch hervor und zeichnete ſich in ſcharfen Umriſſen, ſchwarz und finſter, auf dem neblichten Hintergrunde des Him⸗ mels ab. Alle dieſe Gebäulichkeiten, deren verſchiedenartige Verzierungen die abweichenden Bauſtyle beurkun⸗ deten, die ſeit Ferdinand dem Katholiſchen in Spanien zu Ehren gekommen und wieder verſchwunden waren, trugen das Gepräge des Düſteren und einer trauri⸗ gen Verwüſtung, zumal da aus keiner der vielen Fenſterhöhlen auch nur ein Lichtſchimmer ſtrahlte. Tiefe Stille herrſchte ringsumher. Die Schritte Gondreville's und ſeines Führers waren das ein⸗ zige Geräuſch, welches in der weiten Einſamkeit er⸗ tönte, und ſelbſt dieſes wurde durch den reichen Pflanzenwuchs gemildert, der ſich über den ganzen Boden, über Erde und Steine, wie ein Leichentuch gebreitet. Zu Zeiten nur klirrten die Schlüſſel am Bunde des Führers wie die Ringe einer eiſernen Kette. Die tiefe Melancholie dieſer Umgebung würde wohl auf jeden Anderen als Gondreville einen peinlichen Eindruck gemacht, und mehr oder we niger 2 eine abergläubiſche Furcht in ihm hervorgerufen ha⸗ ben; unſer Held aber,— wir hatten ja bereits Ge⸗ legenheit es zu bemerken,— neigte ſich zu nichts weniger als zum Fatalismus, zu Träumereien und zu jenen wunderlichen Ideen, welche Ueberſpanntheit und die Poeſie des Nordens ſeit geraumer Zeit ſo ſeltſam bei uns entwickelt haben. Nur Perrault's berühmte Mährchen dämmerten in der Erinnerung aus ſeinen Jugendjahren zu ihm auf, und er frug ſich: ob ihn nicht etwa ein wunder⸗ barer Zufall in den Pallaſt der Schönen des ſchla⸗ fenden Haines geführt?.. Mochte er nun dieſe Zweifel aufklären wollen, oder laſtete die Todtenſtille mit allzugroßer Schwere beengend auf ſeiner Bruſt, es drang ihn mit ſeinem Führer zu ſprechen. „Seid Ihr ſchon lange im Dienſte der Familie Santa⸗Cruz?“ frug er daher. Bei dieſen Worten hielt der Hagere einen Augen⸗ blick an, hob die Laterne in die Höhe, des Fragenden Züge beleuchtend, nickte ſodann bejahend mit dem Kopfe und ſchritt ſofort weiter. „Hum!“— murmelte Gondreville,—„ſo viel iſt gewiß, der Burſche wird ſeine Herrin nie 221 „ compromittiren. Welch ein Unterſchied zwiſchen den Dienern zu Verſailles und zu Madrid!“ Nach einer kleinen Pauſe fuhr der Vicomte fort: „Wie nennt Ihr Euch?“ „Gil Perez.“ „Nun, Gil Perez, mein Freund, da habt Ihr ein Goldſtück.“ Gil Perez betrachtete Gondreville mit tiefer Ueberraſchung; dann ſchüttelte er verneinend das graue Haupt. „Wollt Ihr nicht ein Glas Wein auf mein Wohl⸗ ſein trinken?“— frug der junge Franzoſe.— „Gil Perez trinkt keinen Wein.“ „Wirklich? Nun ſo möcht Ihr das Stück ſonſt nach Eurer Luſt verwenden.“ „Gil Perez bedarf nichts.“ „Ich hätte das Gegentheil gedacht!“— ſagte der Vicomte, halblaut. „Gil Perez iſt Majordomus des Pallaſtes Santa⸗Cruz.“ Gondreville biß ſich auf die Lippen, um ein lautes Auflachen zu verhindern und murmelte nur: „Was für ein Pallaſt und welch' ein Majordo- mus! Bettelarm wie eine Kirchenmaus und ſtolz wie ein Pfau, es iſt ein ächter Spanier.“ 222 Das Geſpräch war damit gewaltſam abgeſchnitten. Noch einige Augenblicke des ſtummen Fortſchreitens und man befand ſich nicht mehr im Freien. Nachdem die beiden einſamen Wanderer einige Marmorſtufen hinaufgeklommen, die an mehreren Orten zertrümmert waren, ſah ſich Gondreville, — immer ſeinem Führer folgend,— in mitten eines wahren Labyrinthes von langen, dunklen und feuchten Gängen, die unterirdiſchen Döhlen nicht unähnlich ſahen. Eine Menge Fledermäuſe, aufgeſchreckt durch das Licht der Laterne, umſchwärmten und umkreiſten ſie ſo nahe, daß ſie mehr als einmal das Angeſicht des Vicomtes mit den Enden ihrer ekelhaften Flügeln ſtreiften. „Zum Henker!“— ſagte dieſe endlich—„ſind wir denn noch nicht bald am Ziele unſerer Reiſe? Wißt Ihr, Herr Majordomus Gil Perez, daß meine Beine anfangen müde zu werden, und daß, wenn mich nicht ein ſüßes Glück erwartete, ich ver⸗ ſucht wäre, Euch gute Nacht zu wünſchen. Alle Teufel! was iſt das für eine Pilgerſchaft!“ Als Gondreville noch ſo ſprach, blieb Gil Perez vor einer maſſiven Pforte von Eichenholz ſtehen, die mit großer Kunſt ausgeſchnitzt war. Hier ſtellte er die Laterne auf den Boden, nahm einen 223 aus dem Bunde und öffnete die Thüre. Als dies Alles mit abgemeſſener Würde vollbracht war, neigte ſich Gil Perez zu Gondreville's Ohren, und flüſterte dieſem geheimnißvoll zu: „Tretet hier ein und wartet. Ihr ſeid der Erſte.“ „Zum Henker! das ſehe ich!“ entgegnetc der Vicomte. Zu gleicher Zeit trat er in einen großen, baufäl⸗ ligen Saal, deſſen Wände mit zerriſſenen Tapeten bedeckt waren. Mitten an einer der Seitenflächen war ein Thronhimmel von carmoiſinrothem Sammt angebracht, auf welchem Staub und Feuchtigkeit un⸗ austilgbare Spuren zurückgelaſſen, und auf deſſen Rückwand,— nach dem altherkömmlichen Gebrauche bei den Gliedern der ſpaniſchen Grandezza,— das Wappen des erhabenen Hauſes der Santa⸗Cruz eingeſtickt war. Unter dieſem Thronhimmel ſtand, auf einer Erhöhung von mehreren Stufen, ein großer Seſſel, mit koſtbarem Corduan⸗Leder überzogen und ebenfalls mit dem Wappen der Familie geſchmückt. Vor dem Seſſel aber befand ſich ein kleiner Tiſch, auf welchem neben einer Bibel und einem Dolche ein Crucifir ſtand. Schließlich hatte man auf beide Seiten des Thro⸗ nes mehrere wurmſtichige Seſſel in Form eines Halb⸗ nung, wie eine doppelte Reihe Trabanten, umgaben. Gil Perez öffnete hier ſeine Laterne, nahm das darin brennende Licht von gelbem Wachſe heraus, ſodann an, die Lichter eines alterthümlichen kupfernen Kronleuchters anzuzünden, der an einem der hervor⸗ ragenden Tragbalken angebracht war. Da dies Alles vollendet, bereitete er ſich vor, den Saal wieder zu verlaſſen, als ihn Gondreville,— der ſich wohl mit Recht, über alle dieſe höchſt feierlichen Vor⸗ bereitungen zu einem ganz einfachen verliebten Zu⸗ ſammentreffen verwunderte,— am Arme faßte und rief: „Ein Wort, Herr Majordomus! Hůtt man denn nicht zu meinem Empfang ein etwas weniger geräu⸗ miges Zimmer wählen können, als dieſen Saal? Er paßt eher dafür, ein Regiment darin in Parade an ſich vorüber marſchiren zu laſſen, als für eine Zu⸗ ſammenkunft unter vier Augen!“ Der Majordomus ſah ihn ernſt an und antwor⸗ tete ſodann mit ſeiner unerſchütterlichen Würde: „Gil Perez iſt den Sh nachgeu die er erhalten.“ „Auch recht!“—— der Vicomte,— kreiſes geſetzt, die dieſen nuu, in melancholiſcher Ord⸗ ſteckte es auf die Spitze ſeiner Hellebarde und fing ——— 225 . vielleicht iſt das ſo Gebrauch in Spanien. Ich muß mich hineinfinden. Ich bitte Euch daher nur noch um Eines, Herr Majordomus, und dies iſt: Ihr möchtet die Freundſchaft haben, der Donna Ines zu ſagen, daß ich hier ſei, ihre Befehle erwartend, und daß ſie mich ſehr verbinden würde, wenn ſie bald erſchiene.“ „Donna Ines!“— ſtotterte Gil Perez über⸗ raſcht—„wollt Ihr denn Donna Ines ſprechen, Ercellenz?“ „Nun freilich, mit wem ſoll ich denn ſonſt ſprechen wollen?— Wahrlich dieſem Majordomus fehlt es am Beſten. Geht, Freund, geht! und richtet meine Bitte aus.“ Gil Perez nahm ſofort ſeine Laterne auf und verließ den Saal. „Henker!“— rief Gondreville, auf deſſen Gehirn die Weine Alberoni's ihren verderblichen Einfluß zu üben begonnen,—„dies iſt ein Abenteuer, wenn ich das einſt im Palais⸗Royal erzähle, ſo glaubt mir kein Menſch an deſſen Einzelheiten, und ich muß mich ſelbſt fragen, ob ich wache oder träume! Wie auch ein Dolch und ein Crucifir!.. Alle Teufel! es ſcheint, meine Schöne ſcherzt nicht! 1.2 Was ſoll dies Alles bedeuten? großer Gott! Ich habe zwar Orſini 15 226 8 ſchon oft die Feierlichkeit erwähnen hören, welche die Spanier ſelbſt bis in ihren unbedeutendſten Hand⸗ lungen an den Tag legten; aber ich dachte nicht, daß ſich dies bis auf Stelldichein ausdehnte, welche ihre Weiber oder Töchter ihren Geliebten zuſagten. Zum Henker! ich bin begierig, ob das ſo bis zum Ende fortgeht.“ In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thüre und ein verſchleiertes Weſen trat in den Saal. Es war Donna Ines. „Ihr wünſchtet mich zu ſprechen!“— ſagte ſie— „hier bin ich. Was wollt Ihr von..... 2 Aber kaum hatte ſie dieſe wenigen Worte geſpro⸗ chen, als ſie einen Schrei der Ueberraſchung ausſtieß, und ſich mit convulſiviſcher Haſt umdrehend, nach der Thüre eilte. „Oh! Ihr werdet mich doch nicht ſo verlaſſen wollen!“— rief Gonbreville, ihr nacheilend, und ſie an der Hand faſſend, die er dann zärtlich an ſeine Lippen drückte.„Ich bin enblich ſo glücklich, zu Euch zu gelangen, nun werdet Ihr mich aber auch erhören!“ 5 „Unglücklicher!“— entgegnete Donna Ines am ganzen Leibe zitternd,—„wer! hat Euch ſo kühn gemacht, bis hieher vorzudringen?.... Wißt Ihr denn, ——— 227 ————— wo Ihr Euch befindet?.. Wenn ich rufe, ſeid Ihr verloren.“ Gondreville, der längſt mit allen Kunſtgriffen bekannt war, durch welche leicht zugängliche Schöne öfter ihre Fehltritte zu verdecken pflegen, glaubte auch, daß Donna Ines im Augenblicke eine ſolche Scene zu ſpielen bemüht ſei, in welchen die Damen von Verſailles zu Ludwig XIV. Zeiten nicht weni⸗ ger Meiſterinnen waren, als es die Pariſerinnen noch jetzt ſind. Von bieſer Ueberzeugung durchdrungen, verſetzte er mit großem Nachdruck: „Aber, Senora, es ſcheint mir, da ich hier bin, daß dieſes doch nur mit Eurer Zuſtimmung geſchehen konnte. Laßt mich daher vor allen Dingen Eure Kniee umfaſſen, um Euch die Seligkeit auszudrücken, die ich empfinde, indem ich Euch wiederſehe, und meine unbegrenzte Dankbarfeit für das Zugeſtändniß diefer Zuſammenkunft.“ „Ich? ich? hätte Euch dieſe Zuſammenkunft zu⸗ geſtanden? rief höchſt erſtaunt das Mädchen.. vich kenne Euch ja gar nicht, mein Hert;— es iſt wahr, Ihr ſchriebt mir; aber ich habe Euch nie geantwortet. Ich durfte.. ich konnte nicht⸗ Zieht Euch zurück; o) wenn Ihr wüßtet... achi. ich entflieht, ſo lange es noch habe Mitleid mit Euch: 228 Zeit iſt. Mein Gott! mein Gott!— Im Augen⸗ blick iſt es zu ſpät!“ Während Donna Ines dies ſagte, ſpiegelten ſich in ihren reinen und rührenden Zügen eine ſo wahr⸗ hafte, ſo tödtliche Angſt, ihre ſchönen Augen erglühten in einem ſo lebhaften Feuer, daß ſich Gondreville tief ergriffen fühlte. „Sollte man mich betrogen haben?“ rief er, die Hand an ſeine Stirne führend, als wolle er ſeine Erinnerungen beſſer ſammeln. „Ja, man hat Euch betrogen!“— verſetzte Donna Ines in Verzweiflung—„ich liebe Euch nicht! ich habe Euch nie geliebt!.... Hört Ihr mich....“ Doch als wollte ſie dieſen Worten den grauſamen Stachel nehmen, ſetzte ſie ſchnell hinzu: „Dennoch will ich darum Euren Tod nicht, und wenn Ihr auch nur noch einen einzigen Augenblick zögert, kann Euch nichts mehr retten. Diesnal wer⸗ den ſie unbarmherzig gegen Euch ſein. Wer weiß, ob man nicht ſchon von Eurer Gegenwart hier un⸗ terrichtet iſt; ob man nicht kommt, Euch zu ſuchen, zu tödten;, unter meinen Augen zu tödten!.. o es wäre entſetzlich!... Flieht!... Flieht!.. Aber ſo macht doch, daß Ihr hinwegkommt!“ 229 Bei der Erwähnung der Gefahr, die ihn bedrohe, blieb Gondreville kalt. „Senora!“— ſagte er mit der vollkommenſteu Ruhe,—„ich habe mich wie ein Narr in der Schlinge fangen laſſen, es iſt recht, daß mich nun die Folgen treffen. Ich danke Euch für das Mitleiden, deſſen Ihr mich würdigt. Vielleicht, wenn es mir gelungen wäre, Euch ein anderes Gefühl einzuflößen, würde ich es dann verſucht haben, ein Daſein zu retten, das mir durch Eure Liebe werth geworden wäre z da dies aber nicht der Fall iſt, ſo will ich Euch wenig⸗ ſtens beweiſen, daß ich kein Feigling bin. Könnte ich doch ohnedem keine ſchönere Gelegenheit zum Sterben finden; mein letzter Blick ſoll ſich in Euren herrlichen Augen berauſchen. Auch fühlt Ihr wohl, daß ich nicht zu beklagen bin. Nur Eins, da man Euch im Einverſtändniſſe mit mir glauben könnte, ſo ruft um Hülfe. Ein Kuß auf Eure liebe Hand. und ich bin bereit.“ Als Donna Ines den Cavalier ſo ſprechen hörte, benetzten Thränen ihre Wimpern. Die edlen, ritter⸗ lichen Geſinnungen, welche jene Worte, welche ſein ganzes Weſen kund gaben, rü ſie in dem tief⸗ ſten Grund der Seele. Zugleich war Gondreville, wir müſſen es erinnern, einer der reizendſten Männer — 230 ſeiner Zeit.— Jung und ſchön, beſaß er dabei jene einfache und doch hinreißende Beredſamkeit, die von jeher Wunder auf die zartfühlenden Herzen des ſchönen Geſchlechtes zu wirken bevorrechtet war. Endlich ver⸗ mochte es auch Donna Ines nicht zu vergeſſen, unter welchen ernſten und feierlichen Verhältniſſen ſie den Jüngling zum erſtenmale geſehen, deſſen wunder⸗ bare Auferſtehung ihre Seelenruhe,— vielleicht ohne daß ſie es ſelbſt wußte,— auf ewig geſtört. Unter dem Anſtürmen all dieſer betäubenden Ge⸗ fühle, erregt, hingeriſſen von einem inneren mächti⸗ gen Drange, reichte ſie daher jetzt Gondreville die Hand und rief: „Und ich, ich will nicht, daß Ihr ſterbet;.... folgt mir, ich zeige Euch einen Ausgang.“ „Jetzt!“ entgegnete der Jüngling entzückt, die Hand erfaſſend, welche ihn ſeine Ariadne diesmal willig an die glühenden Lippen drücken ließ.... „Jetzt! überlaſſe ich mich Euch!“— Beide ſchritten hierauf raſch der Thüre des Saa⸗ les zu, die ſie vorſichtig öffneten; aber entſetzt fuhren ſie zurück, denn von dem entgegenſetzten Ende des langen Ganges welchen Fn ſah man ſich mehrere onen nahen, geführt von dem Majordomus Gil Perez. 231 „Es iſt zu ſpät!“— ſtammelte das Mädchen mit brechender Stimme;—„Herr mein Gott, der du ihn vor einem Monate retteteſt, willſt du denn, daß er heute ſterbe?“ Dann wandte ſie ſich raſch und mit der Entſchloſ⸗ ſenheit der Verzweiflung um, den jungen Mann nach dem hinterſten Theile des Saales ziehend, ſtieß mit einer, ihr kaum zuzutrauenden, Kraft den Laden eines Fenſters auf und rief haſtig: „Hört!... Ich ſehe kein anderes Mittel Euch zu retten. Dies Fenſter iſt nicht ſehr hoch; laßt Euch auf die Erde hinab. Sobald Ihr den Boden erreicht, eilt Ihr raſch gerade aus, bis Ihr an ein Gebüſch von Roſen⸗Lorbeer kommt. Am Ende des Gebüſches werdet Ihr eine Mauer finden, und einige Schritte rechts eine kleine Thüre. Dieſe Thüre führt auf eine einſame Straße j es könnte möglich ſein, daß ſie nur zugeriegelt wäre; iſt das nicht der Fall, ſo ſprengt das Schloß, und flieht! ohne eine Minute, ohne eine Secunde zu verlieren. Die heilige Jungfrau und alle Heiligen mögen Euch ſchützen,. ich. wiſ für Euch beten.“ Gondrevie drückte letzten Kuß auf die Hand ſeiner Geliebten; dann ſchwang er ſich in das Fenſter,. warf noch einen Blick zurück.. und verſchwand. Faſt zugleich drehte ſich die Thüre des Saales knarrend in ihren Angeln, und der Marquis von Santa⸗Cruz trat, gefolgt von mehreren Edelleu⸗ ten, herein. Voran aber ſchritt Gil Perez mit ſei⸗ ner Laterne und ſeiner Hellebarde. * Zwölftes Kapitel. Die Gefangennehmung. „Beim Blute des Herrn!“— rief der Mar⸗ quis indem er eintrat,— wir werden jetzt endlich wohl erfahren, was mein Majordomus will, und was man meiner Tochter mitzutheilen hat. Es kann ohne⸗ dem nur einer der Unſeren ſein. Aber was ſehe ich?.... Dona Ines iſt allein hier?. Wo iſt denn jener Menſch?. „Ich habe Niemanden geſehen, mein Vater!“— ſtammelte Donna Ines zitternd und kaum ihrer Be⸗ ſinnung mächtig. „Was ſagt Ihr?.. So hat mich Gil Perez belogen?.... Wer aber hat Euch alsdann hierher gerufen?“ Gil Perez ſenkte den mit der größten Gelaſſenheit die Antwort ſeiner jüngen Herrin ab⸗ wartend, und bereit, wenn es nöthig ſein ſollte, ein⸗ zugeſtehen, daß ihn ſeine Augen und Ohren betro⸗ gen haben müßten.“ Donna Ines ſchwieg noch immer. „Hier geht etwas vor,“— fuhr der Marquis fort, indem er den Kopf ſtolz und finſter zurückbog „was ich ergründen muß. Es iſt ein Menſch in mei⸗ nen Pallaſt gedrungen, dieſer Menſch hat es gewagt, nach Euch, Donna Ines, zu fragen, und Euch zu ſprechen verlangt.... und Ihr gebt vor, Nieman⸗ den hier gefunden zu haben.... Ich glaube Euch, denn Ihr ſeid meine Tochter. Jedenfalls kann der Verwegene nicht weit ſein, auch wird man ihn auf⸗ finden können; nicht wahr, meine Herren? Denn es wäre möglich, daß er ein Spion wäre. Man unter⸗ ſuche daher dieſen Saal in allen ſeinen Winkeln.“ Donna Ines blickte dankbar zum Himmel, denn es fiel ihr wie Bergeslaſt vom Herzen. Gewann doch der Flüchtling Zeit. Während man den Saal durchſuchte, und die alten Fetzen der Ta⸗ pete aufhob, konnte derjenige, den ſie zu retten be⸗ ſchloſſen, den von ihr angezeigten Weg zurücklegen und den Pallaſt verlaſſen. Da rief plötz Maruis: „Dort iſt ein ter offen. Es iſt kein Zweifel, meine Herren, daß der Menſch, den wir ſuchen, durch 235 daſſelbe entflohen iſt. Mein alter Majordomus, Gil Perez wird Euch führen. Es wird genügen, wenn ihm nur einige von Euch nach dem Garten folgen, in welchem ſich der Flüchtling jedenfalls jetzt verbor⸗ gen hält. Wer es auch ſein mag, wenn er ſich auf falſchen Wegen eingeſchlichen hat, ſo iſt eß ein Feind, und Ihr ſtoßt ihn nieder.“ Noch hatte der Marquis von Santa⸗Cruz nicht ausgeſprochen, als auch ſchon mehrere Degen blitzend aus ihren Scheiden flogen und ein halbes Dutzend der Anweſenden aus dem Saale ſtürzte, ohne erſt die Führung des Gil Perez abzuwarten. Donna Ines mußte es wie ein unglückſeliges Verhängniß erſcheinen, daß jetzt auch der Mond, bis dahin durch finſteres Gewölke verdeckt, in ſeinem vollen Glanze am Firmamente ſtrahlend hervortrat, und die Wellen ſeines Lichtes mit einer Klarheit über die ganze Umgebung goß, die faſt der Helle des Ta⸗ ges zu ſpotten ſchien. War es Gondreville bis dahin noch nicht gelungen, die Gartenthüre zu öffnen, oder deren Schloß zu erbrechen, ſo war er verloren. Donna Ines erbebte bis in das Mark der Knochen. Es war ihtns ob Wolken ihre Augen umnach⸗ teten und bleich und athemlos ſchwankte ſie unwill⸗ kürlich nach der Thüre, um ſich ſelbſt— ein frei⸗ williges Opfer— den mörderiſchen Stößen der Ver⸗ folger entgegen zu ſtellen, und um den zu ſchützen, der um ihretwillen dem Tode ſo unklug getrotzt. Da ſchallte mit einemmale die Stimme des Mar⸗ quis von Santa⸗Cruz, wie die Poſaune des Erz⸗ engels am Tage des jüngſten Gerichtes, an ihr Ohr: „Warum wollt Ihr uns jetzt verlaſſen, Donna Ines?“ frug er ſtreng. „Mein Vater,“— ſtammelte das Mädchen mit kaum vernehmbarer Stimme,—„es iſt ſchon ſpät, ich will mich nach meinem Zimmer zurückziehen.“ „Ihr bleibt,“ entgegnete der Alte.—„Die Toch⸗ ter des Marquis von Santa⸗Cruz iſt an ihrem Platz, wenn man über die Mittel berathet, Spanien zu retten. Ihr werdet einverſtanden 2 meine Herren?“ „Entſchuldigt mich, mein Vater, ich ſuh⸗ darum; ich fühle mich unwohl,... ich leide!“ „In der That!“— riefen wie aus einem Munde mehrere der Gegenwärtigen,—„die Senora iſt tod⸗ tenbleich!“. „Thut nichts,— entgegnete der Marquis,— „ich habe es einmal geſagt, ſie bleibt hier!“— 237 —— Donna Ines ſtand unbeweglich. Der alte Waffenbruder des Herzogs von Berwick war einer jener unbeugſamen Menſchen, unter deſſen unbedingten Willen ſich das ganze Haus und vor allem ſeine Tochter zu beugen gewohnt waren. Zu⸗ malin den letzteren Jahren, in welchen der Haß gegen die neue Regierung ſeine despotiſchen Launen und ſeine Ungeduld bei jedem Hinderniſſe und jedem Widerſpruche noch merklich geſteigert hatte. Dem jetzigen Machtgebote folgte eine tiefe pein⸗ liche Stille,— eine Stille, während welcher man deutlich die Schritte der Verfolgenden unter den Fen⸗ ſtern des Saales im Sande hörte. Dies Geräuſch hatte etwas unbeſchreiblich Be⸗ klemmendes, da ſich jeden Augenblick das Klirren der Degen und das Röcheln der Sterbenden hinein mi⸗ ſchen konnte. Da ertönte plötzlich ganz nahe ein durchdringen⸗ der Schrei der Todesangſt und der Verzweiflung. „Ha! ich wußte es wohl!“ rief der Marquis von Sa nta⸗Cruz,—„er konnte uns nicht entgehen!... Stille! Ich höre nichts mehr!. Gerechtig⸗ keit iſt ihm geworden er iſt todt. Euch mit uns, Donna Ines„ „Vater Freuet 238 Vergebens verſuchte die Unglückliche mehr hervor⸗ zubringen, die Worte erſtarben auf ihren Lippen, der Mund zog ſich krampfhaft zuſammen, die Augen ſchloſſen ſich und beſinnungslos ſank ſie auf den Bo⸗ den.“ Während ſich nun ein Theil der Anweſenden um die Ohnmächtige beſchäftigte, trat einer derjenigen Edelleute, die den Flüchtigen verfolgt, in den Sagl. Es war der Graf von Altamire, jener junge Cavalier, welcher ſich,— nach der Ausſage des Her⸗ zogs von Saint⸗Simon—, gleich wie der Mar⸗ quis von Santa⸗Cruz, ſtets im Geſchmacke der Zeit Philipp IM. trug, ſo daß man ihn in ſeiner geſteiften Halskrauſe und ſeinem knappanliegenden Anzuge von ſchwarzem Sammt, für ein lebendig ge⸗ wordenes, aus ſeinem Rahmen getretenes Familien⸗ portrait zu nehmen verſucht war. Altamire, den entblößten Degen in der Hand, blieb bei Anſicht der Schreckensſcene überraſcht auf der Schwelle ſtehen; der Marquis von Santa⸗ Cruz aber ging ihm ruhig entgegen, und frug ihn mit der größten Kaltblütigkeit, indem er ſich dabei zu gleicher Zeit des damals unter den Gliedern der Grandezza üblichen„Du's“ bediente. „Bei unſerer lieben Frau! Graf, was hier vor⸗ —. 239 —— geht, iſt nicht werth, daß es Deine Aufmerkſamkeit erregt. Ein Mädchen fällt in Ohnmacht, weil man einen Menſchen in's ewige Leben ſendet. Ich hoffte freilich Beſſeres von dem Blute, aus dem ſie ſtammt; aber ach! entartet ja in unſerem alten guten Spa⸗ nien doch Alles, ſeitdem dieſe verdammenswerthe Franzöſin, die man die Orſini nennt, den Fuß hineingeſetzt hat.“ „Es iſt wahr!“— entgegnete der Graf von Altamire mit finſterer Miene, indem er ſeinen Degen in die Scheide ſtieß.„Dennoch biſt Du bei dem, was den Flüchtling betrifft, im Irrthume, wir haben ihn noch nicht getödtet.“ „Was ſoll das heißen? Warum nicht!“ „In dem Augenblicke, in welchem wir uns ihm näherten, ſtand er im Begriff, eine Thüre des Gar⸗ tens mit ſeinem Degen zu ſprengen; aber ſein Degen brach. Als er dies ſah, ſtieß er einen Schrei des Schmerzes aus z dann aber trat er, uns gewahrend, gerade auf uns zu und ſagte:„„Meine Herren, ich bin Ihr Gefangener; Ihr ſeht, ich beſitze keine Waf⸗ fen, um mich zu vertheidigen; will mir aber einer von Euch einen Degen leihen, ſo bin ich bereit, je⸗ dem von Euch nacheinander entgegenzutreten. Einer 240 gegen ſechs! der Vorſchlag iſt zu Euren Gunſten, und wir wollen ſehen, wer die Partie gewinnt.““ „Der Unverſchämte!— Ich will wetten, es iſt ein Franzoſe!“ „Wenn Du wetteſt, Marquis, wirſt Du gewin⸗ nen; denn er hat es uns ſelbſt erklärt, und beige⸗ fügt, daß er Edelmann ſei. Ein entwaffneter Ca⸗ valier, der ſich zu vertheidigen verlangt... Du begreifſt, Marquis, daß wir ihn weder tödten konn⸗ ten noch durften.“ „Was geht das mich an!— Vor allen Dingen muß ich ſeinen Namen wiſſen, den Namen dieſes Schurken von einem Edelmann.“ Bei dieſen Worten warf der Marquis einen arg⸗ wöhniſchen Blick auf Donna Ines, die, nachdem ſie nach und nach wieder zu ſich gekommen, jetzt faſt athemlos und zitternd dem Geſpräch lauſchte. Der Graf von Altamire aber fuhr fort und ſagte: „Er weigerte ſich, uns ſeinen Namen zu nennen.“ „Er hat wohl daran gethan!“ entgegnete Santa⸗ Cruz finſter,—„die Todten führen keine Namen mehr, und wenn Ihr ihn auch ſchontet, ich ſchone ihn nicht. Jeder, der in den Pallaſt Santa⸗C ruz gegen den Willen des Herrn des Hauſes eindringt, 3 241 —— ſoll nie wieder denſelben verlaſſen. So ſteht es ge⸗ ſchrieben in den Gerechtſamen des Hauſes Bazan. Iſt es nicht ſo, Donna Ines?“ Das Mädchen ſchauderte zuſammen und ſenkte verwirrt und verzweifelt das ſchöne Haupt auf die wogende Bruſt. In dieſem Augenblicke öffnete ſich die Thüre des Saales neuerdings und alle diejenigen, welche dem Grafen vor Altamire nach dem Garten gefolgt, traten ein. Gil Perez folgte ihnen, eine ſilberne Platte tragend, auf welcher ein Schlüſſel lag. Er ließ ſich mit feierlichem Ernſte auf ein Knie nieder und ſagte: „Hoher Herr! hier iſt der Schlüſſel des unter⸗ irdiſchen Gefängniſſes, der Flüchtling iſt eingeſchloſſen.“ Der Marquis von Santa⸗Cruz nahm den Schlüſſel von der Platte und ſteckte ihn in ſeinen Gürtel. Dann beugte er ſich zu Gil Perez und flüſterte dieſem einige Worte in das Ohr. Gil Perez verneigte ſich ehrerbietig. Mun,— ſagte der Marquis, als dies Alles geſchehen, und wandte ſich dabei zu ſeiner Tochter,— „nun halte ich Euch nicht länger hier auf, Donna Ines, Ihr könnt Euch zurückziehen.“ Orſini. 16 Das Mäbdchen that einige Schritte nach der Thüre, dann wandte ſie ſich plötzlich um, kehrte zurück und rief unter Schluchzen, indem ſie ſich dem unerbitt⸗ lichen Vater zu Füßen warf: „Vater! der Allmächtige weiß, daß ich dieſen Edelmann nicht kenne; da aber die, die ihn töhten ſollten, ihn verſchont, ſo ſeid auch ihr ihm gnädig. Aus Barmherzigkeit! ſagt es mir zu, daß Ihr ihm das Leben ſchenkt.“ Aber die ſtrengen, finſtern Züge des Marquis von Santa⸗Cruz blieben ſich auch bei dem Fle⸗ hen des Kindes gleich. Kalt und gefühllos gab er, ohne ein Wort zu ſprechen, Gil Perez ein Zeichen, ſeine Tochter hin⸗ wegzuführen. Nachdem Donna Ines den Saal verlaſſen, ent⸗ ſtand eine kurze Stille, da ſich alle Gegenwärtigen von der vorhergehenden Scene beengt fühlten. Endlich nahm der Graf von Altamire das Wort: „Ich weiß es,“— ſagte er,—„daß es eigent⸗ lich der Jugend nicht zukommt, dem Alter zu wider⸗ ſprechen. Dennoch, Marquis, halte ich es für meine Pflicht, demjenigen, was Du eben aus dem Munde eines Dir ohne Zweifel theuren Weſens gehört, noch 243 einige Bemerkungen beizufügen. Du biſt hier in Deinem Pallaſte, und kraft der Privilegien Deines Geſchlechtes, kannſt Du hier nach Deinem Willen, die Rechte der hohen und niederen Gerichtsbarkeit ausüben. Indeſſen bedenke, daß es ſich hier um einen Franzoſen handelt, um einen Edelmann, der allem Anſcheine nach dem Hofe angehört. Wird er verſchwinden, ſo muß dieſe Thatſache Verdacht erre⸗ gen, man wird Nachſuchungen anſtellen, und dieſe Nachſuchungen können unſerem Unternehmen höchſt gefährlich werden. Es ſcheint mir unmaßgeblich, daß es vorzuziehen wäre, man ließe den Edelmann hier⸗ her kommen, verhörte ihn und beſchlöſſe dann nach ſeinen Antworten, ob man ihn, auf ſein Ehrenwort hin: nichts von dem was er geſehen oder gehört, zu verrathen, freigeben, oder, wenn es klüger dünkte, ihn als Gefangenen hier behalten ſolle, bis das Wei⸗ tere geſchehen. In letztem Falle könnte man ihn zwin⸗ gen, einen Brief zu ſchreiben, in welchem er ſeine Abweſenheit durch irgend einen Vorwand beſchönigte. Was meint Ihr, meine Herren?“ „Dies iſt auch unſere Meinung!“— „Wir ſind damit einverſtanden!“ riefen die Mei⸗ ſten der Anweſenben. „Meine Herren„“— verſetzte der Marquis,— 244 „wenn Ihr mir folgen wollt, ſo vergeſſen wir für den Augenblick dieſen Franzoſen, und wenden uns zu dem Zwecke unſerer heutigen Verſammlung, der da iſt: zu berathen, was wir, als gute Spanier, in der gefährlichen Lage zu thun haben, in welcher ſich in dieſem Augenblicke das Vaterland befindet. Die Momente ſind koſtbar und wir dürfen keinen derſel⸗ ben unnöthig verlieren.“ Mit dieſen Worten beſtieg der Marquis die Stu⸗ fen der Erhöhung und ließ ſich unter dem Thron⸗ himmel auf dem Ehrenplatze nieder, der ihm in mehr als einer Beziehung zukam: durch ſein Alter, ſeinen Rang und die dem Königreich bereits geleiſteten Dienſte. Der übrige Theil der Verſchworenen nahm auf den bereit ſtehenden Seſſeln Platz. „Das erſte Erforderniß iſt nun,“— fuhr Santa⸗ Cruz fort,—„darzuthuen, ob alle Diejenigen, die eingeladen wurden, gegenwärtig ſind. Graf von Altamire, Dir, als dem Jüngſten der Verſamm⸗ lung, liegt dieſe Pflicht ob.“ Altamire empfing hierauf aus den Händen des Marquis eine Liſte, auf welcher alle Namen der Ver⸗ ſchworenen, oder, beſſer geſagt, der damals zu Ma⸗ drid anweſenden Unzufriedenen ſtanden. Es waren die erſten Namen Spaniens, was leicht 245 zu begreifen iſt, wenn man bedenkt, daß die höch⸗ ſten Würden und Stellen des Königreichs an Fran⸗ zoſen vertheilt worden waren, und zwar ganz im Widerſpruche mit den weiſen Rathſchlägen, welche Ludwig XIV. eigenhändig für ſeinen Enkel nieder⸗ geſchrieben und dieſem in dem Augenblick übergeben hatte, in welchem er Beſitz von der Erbſchaft König Karl II. nahm. Die Erſten, welche bei dem Aufruhr antworteten, waren: der Graf von Palma, deſſen Gattin wie man ſagte, ein Wunder der Schönheit war; Don Mau⸗ riquez von Lara, Graf von Aguilar, Er⸗ commandant der ſpaniſchen Leibwache des Königs, derſelbe, welcher durch die Fürſtin Orſini verbannt worden war, weil er es verſucht hatte, dem König eine Geliebte geben zu wollen; der Herzog von Albuquer⸗ que, Enkel des Camerera⸗Major der Königin Luiſe von Orleans; der Herzog von Medina⸗Sidv⸗ nia, Senior des Hauſes Gusman, Sohn des Groß⸗ Stallmeiſters gleichen Namens, der es, nach dem ächt ſpaniſchen Ausdrucke des Herzogs von Säint⸗Si⸗ mon, vorgezogen, ſeine alte Halskrauſe zu tragen, ſtatt ſeinen Haß unter dem Deckmantel neuer Moden zu bergen. 246 Wir enthalten uns, die Namen der Anderen zu nennen. Gewiß, es war ein ſonderbarer Anblick, alle dieſe edlen Sprößlinge der Grandezza, in dieſem baufälli⸗ gen, verwüſteten Saale, verſammelt zu ſehen, mitten unter Trümmern früherer Pracht, von welchen die Er⸗ innerungen des Ruhmes zurückſtrahlten, den ihre Vor⸗ fahren durch ihre erbitterten Kämpfe gegen die Mau⸗ ren und alle die ritterlichen Sagen vaterländiſcher Heldengedichte, unauflöslich an ihre Namen geknüpft; gewiß, es war ein ſonderbarer Anblick, die Spröß⸗ linge jener Herren hier mit tiefem Ernſt und finſte⸗ ren Mienen ſich zum Sturze eines Weibes verſchwö⸗ ren zu ſehen. In der Reihenfolge, in welcher ſie aufgerufen wurden, näherten ſich nun die Anweſenden dem Tiſche, auf welchem ſich, wie bereits erwähnt, die Bibel, ein Dolch und ein Crucifir befanden, und ſprachen hier folgende Eidesformel nach: „Ich(Zeder nannte hier ſeinen Vor⸗ und Zuna⸗ men) ſchwöre auf dies heilige Buch und das Kreuz dieſes Dolches, alle meine Kräfte, allen meinen Ein⸗ fluß, alle mir zu Gebote ſtehenden Mittel zur Erfül⸗ lung und Ausführung deſſen zu vereinigen, was hier, als zum Sturze der Verdammten: Anna Maria 247 . de la Tremouille, Fürſtin von Orſini, nöthig erachtet und beſchloſſen wird; auch keiner menſchli⸗ chen Seele etwas von dieſem Bunde zu entdecken, und, wenn es nöthig ſein ſollte, ſelbſt mein Leben für dies heilige Werk zu opfern.“ „ Nur zwei Perſonen antworteten dem Aufrufe nicht Es war der Jeſuit Robinet, Beichtvater des Kö⸗ nigs und Alberoni, der Bevollmächtigte des Her⸗ zogs von Parma. Der Erſtere konnte leicht durch die Pflichten des Amtes abgehalten worden ſein, welches ihn an den König Philipp V. feſſelte, deſſen Frömmigkeit, wie bekannt iſt, bis in's Weite ging, und welcher— in dieſer Beziehung wahrhaft geiſteskrank— oft und zu jeder Stunde des Tages und der Nacht nach ſeinem Seelenarzte verlangte. Was Alberoni betrifft,— der eigentlich vom Prieſter nur das Kleid und die Tonſur hatte,— ſo war deſſen Ausbleiben bei weitem auffallender. „Iſt man auch dieſes Alberoni's ganz ſicher?“ — rief einer der Anweſenden;—„dieſe Italiener ſind Achſelträger, zweizüngige Menſchen, welchen man nie ganz trauen kann.“ Der hiermit ausgeſprochene Zweifel ward aber ſogleich vollkommen dadurch niedergeſchlagen, daß meh⸗ 248 rere Glieder der Verſammlung in dem Tone der fe⸗ ſteſten Ueberzeugung riefen: „Pater Robinet bürgt für ihn.“ Außerdem muß erwähnt werden, daß der Jeſuit, von welchem eben die Rede, eigentlich die Seele des Marquis von San⸗ ta⸗Cruz, der Arm der Verſchwörung war. Letzterer fuhr hierauf alſo fort: „Abgeſehen von dem Allem, dürfen wir nicht län⸗ ger ſäumen, und müſſen, auch ohne die Gegenwart des hochwürdigen Paters Robinet und des Herrn Alberoni einen entſcheidenden Entſchluß faſſen.“ „Ihr Alle wißt, meine Herren, welches der Zweck unſerer heutigen Verſammlung iſt. Alle die Eingriffe und Abſchaffungen der alten, heiligen, von unſeren Vätern auf uns gekommenen Gewohnheiten und Ge⸗ bräuchen, deren Zeuge wir nun ſeit vierzehn Jahren ſind, hatten den Erfolg, den ich vorausgeſehen. Kö⸗ nig Philipp V. ſteht im Begriffe einen Schritt zu begehen, der die ſpaniſche Monarchie auf ewig ent⸗ ehren wird, wenn wir ihn, wir die Großen des Reichs, die natürlichen Hüter und Beſchützer des Ruh⸗ mes und der Ehre des ſpaniſchen Königthums, nicht daran verhindern.“ „Dafür aber giebt es nur ein Mittel; das Weib, welches durch ſeine Kunſtgrife, und,— es unterliegt keinem Zweifel,— durch die Hülfe des Böſen,(hier ſchlug der Marquis ein Kreuz und faſt ſämmtliche Anweſenden folgten ſeinem Beiſpiele) den König bis zum Rande des Abgrundes geführt.... ſtürze allein in denſelben.“ „Ich habe bereits in der letzten Zeit einen großen Theil Spaniens durchreiſt, und überall fand ich die⸗ ſelben Gefühle, die auch mich erfüllen, und die da ſind: Haß und Verachtung gegen die Fürſtin Orſini.“ „Wir dürfen daher nicht fürchten, von Spaniens Volk mißkannt noch verlaſſen zu werden. Caſtilien, Aragonien, Galizien ſchlagen wie ein Herz, und es handelt ſich heute nur darum, daß wir uns über das Mittel verſtändigen, auf welche Weiſe unſere Feindin zu ſtürzen ſei.“ „Was mich betrifft, ſo verbietet mir der Name, den ich trage jedes Mittel, über welches ein Bazan erröthen könnte. Ich ward öffentlich von der Favo⸗ rite beleidigt, und öffentlich will ich mich auch an ihr rächen.“ „Das wollen wir Alle!“ rief die ganze Verſamm⸗ lung wild durch einander. „Darum alſo weder Gift noch Hinterliſt. Dies würde den Söhnen unſerer Väter unwürdig ſein. Wenn Ihr meinem Rathe folgen wolltet, ſo bege⸗ ben wir uns Alle bewaffnet nach dem Pallaſte Me⸗ dina⸗Celi, und nehmen die Fürſtin mit Gewalt gefangen.“. „Ja!“ „Das wollen wir!“ „Das iſt das Beſte!“ ſchallte es von allen Seiten. „Schön!— die Bournonville und Chalais werden ſie ohne Zweifel zu vertheidigen ſie unter uns ihren alten Führer, rafen von Aguilar, erblickt.“ Es lebe Aguilar!.... Es lebe Santa⸗ Cruz!.... und jetzt Tag und Stunde?“ „Wir werden den Tag nicht zu weit hinausſchie⸗ ben dürfen, es ſei der kommende. Die Stunde aber diejenige des Ausganges aus der Meſſe, die wir in der Kirche zu„unſerer lieben Frau von Atocha“ hö⸗ ren wollen, um uns zu dem großen Werke würdig vorzubereiten.“ „Angenommen!— Angenommen!“ tönte es aus allen Kehlen—„dieſe Nacht ſei die letzte, in welcher der Palaſt Medina⸗Celi die Favorite in in ſeinen Mauern zu dulden habe.“ „Aber,“— entgegnete der Herzog von Medina⸗. Sidonia,—„wenn wir ſie nun einmal in unſeren Santa⸗Cruz finſter. 251 Händen haben, was werden wir alsdann mit ihr machen?— Wird es nicht gut ſein, uns gleich jetzt auch über ihr künftiges Schickſal zu verſtändigen?“ „Sie hat mich des Landes verwieſen!“— rief der Graf von Aguilar—„laßt ſie uns auch auf ewig aus Spanien verbannen!“ „Sie hat Spaniens Schätze an ihre Geſchöpfe vergeudet“— ſetzte der Graf von Palma hinzu, —„ſo möge man denn auch ihre Güter einziehen.“ „Das ſind keine genügende Strafen!“— verſette „In der That!“ ſagte der Herzog von Albu⸗ duerque,—„geſchmückt mit dem hohen Range eines Camerera⸗Major, den meine Großmutter mit ſo vielem Ruhme behauptet, ließ ſie in dem Pallaſte der Königinnen Spaniens alle jene weltlichen Zer⸗ ſtreuungen, alle jene ſündhaften Vergnügungen ein⸗ führen, welche die Seele dem ewigen Verderben zu⸗ führen. Beauftragt und verpflichtet, die ſtrengen Re⸗ geln des Pallaſtes aufrecht zu erhalten, war ſie die Erſte, welche ſie übertrat. So mag ſie denn für den Reſt ihrer Tage in das Kloſter eingekerkert wer⸗ den, welches die ſtrengſte Regel auszeichnet, um dorten Buße zu thun. Ich ſchlage daher vor; daß Des Calzas reales öffnen mögen, um die Fürſtin Orſini aufzunehmen, und ſich dann für ewig hinter ihr zu ſchließen.“ „Auch dies iſt keine hinreichende Strafe für ſie!“ — wiederholte dumpf der Marquis von Santa⸗ Cruz. ſich morgen die eiſernen Pforten des Kloſters las „Ich denke wie Du, Marquis!“— fiel hier Al⸗ tamire ein,—„war Spanien die Königin der Welt unter den Fürſten des Hauſes Oeſterrei ſo verdantt es dies nicht allein KarlV. und Phili ppII. Gott möge die Seelen dieſer großen Monarchen mit ſeiner Gnade überthauen!— Zwei Anſtalten, ſo weiſe als heilig haben zu dieſem großen Erfolge mächtig beigetragen: es iſt dies die Inguiſition und die Etiquette. Da aber die Fürſtin Orſini die Macht des heiligen Gerichtes untergraben und den Cardinal⸗Groß⸗Inquiſitor zu einem ihrer Knechte herabgewürdigt hat, während ſie ſelbſt jedes Geſetz der Etiquette übertrat, ſo daß dieſe heutzutage— leider!— faſt in ganz Spanien vergeſſen iſt, ſo iſt dies ein doppeltes Verbrechen, ja ein doppeltes Staats⸗ verbrechen. Darum beſtehe ich darauf: daß die Fürſtin Orſini ihr Leben in den Staatsgefängniſſen des Thurmes von Segovia beſchließe.“ * 253 „Auch dieſes iſt keine genügende Strafe!“— ſagte Santa⸗Cruz zum drittenmale. „Aber was wollt Ihr denn, Ercellenz?“ riefen überraſcht mehrere der Gegenwärtigen. „Ich will“— entgegnete der Marquis—„daß ſie denſelben Tod ſterbe, den vor hundert Jahren in Frankreich ein Weib ſtarb, das vielleicht noch weniger ſtrafbar als ſie war. Es war die Gattin des Marſchall d'Ancre. Glaubt mir, meine Herren, wie damals Leonore Galigai, ſo hat jetzt die Fürſtin Orſini die königliche Familie mit Zauber⸗ banden umſtrickt; wie Leonore Galigai, iſt auch ſie eine Zauberin. Darum laßt ſie uns der Inqui⸗ ſition überliefern, auf daß ſie ihr verdammtes Leben in einem Auto-da-fé, aushauche, den heiligen Be⸗ nito auf dem Haupte, nachdem ſie Buße gethan vor Gott, vor dem König, und Angeſichts der Grandezza und des Volkes. Schrecke dann dies fürchterliche Beiſpiel jedes ſterbliche Weſen von einer Nachahmung der Verruchten zurück.“ „So ſterbe ſie denn!“— riefen alle Verſchworene, hingeriſſen von der blutdürſtigen Beredſamkeit des alten Kämpen—„ſo ſterbe ſie2“ „Sie ſterbe!“— ſetzte Aguilar hinzu—„auf daß ich wieder meine Würde als Commandant der 254 Garde antreten kann, von der ſie mich wagte zu verdrängen!“ „Sie ſterbe!“— rief Santa⸗Cruz—„auf daß mir mein Recht werde, künftig hin am Tage des heiligen Philipp mit entblößtem Schwerte an der Seite des Königs zu ſtehen!“ „Sie ſterbe!“— ſagte Medina⸗Sidonia— „auf das ich Großſtallmeiſter werde, wie es mein Vater war.“ „Sie ſterbe!— Sie ſterbe!“ wiederholte es in furchtbarem Chore, während alle Arme emporgeſtreckt, den Himmel zum Zeugen dieſes Urtheils gegen die Favorite zu nehmen ſchienen. Da öffnete ſich plötzlich die Thüre mit Lärmen und Pater Robinet ſtürzte blaß und athemlos herein. „Freunde!“— rief er,—„ich hatte verſprochen, mich bei dieſer Zuſammenkunft einzuſtellen, ich wollte mein Wort nicht brechen, welche Hinderniſſe ſich mi auch entgegenthürmten. Ich weiß es nicht, ob die Fürſtin Orſini Verdacht geſchöpft hat; aber alle Wachen des Pallaſtes Medina⸗Celi wurden dieſen Abend verdoppelt, und der ſtrenge Befehl ertheilt: keine Seele weder hinein noch herauszulaſſen. Selbſt ich, trotz meines heiligen Amtes, fand alle erdenkli⸗ 255 chen Schwierigkeiten und mußte meine Hülfe zu einer falſchen Ausflucht nehmen, um nur entſchlüpfen zu können. Wie dem aber auch ſei, ich hoffe, daß man mir auf meinem Wege hierher nicht gefolgt iſt; dem⸗ ohnerachtet dürfen wir hier keinen Augenblick länger verſammelt bleiben, und müſſen es ſelbſt vermeiden, den Pallaſt zu dieſer Stunde zugleich und durch den Haupteingang zu verlaſſen, da jedenfalls alle Wege von den Spionen der Fürſtin beſetzt ſind. Ganz nahe von hier befindet ſich ein geheimer Ausgang, der von dieſem Pallaſte nach dem Kloſter der ehrwürdigen Väter Jeſuiten führt. Auf dieſem Wege gelangte ich her, auf ihm müſſen wir flichen. Wir bleiben als⸗ dann die Nacht in dem Inneren des Kloſters, und ſobald der Tag anbricht, werde ich Sorge tragen, Jedem die nöthigen Mittel zu verſchaffen, um unbe⸗ merkt ſeine Wohnung zu erreichen. Darum kommt und folgt mir!“ Wie es nun in ähnlichen Fällen meiſtens zu ge⸗ hen pflegt, die Ankunft des Paters Robinet, deſſen Züge ſchon den tödtlichſten Schrecken ausſprachen, und die Nachricht die er brachte, hatten beide die kriege⸗ riſchen Aufwallungen der Verſchworenen merklich ab⸗ gekühlt. 256 Dennoch ſchienen einige den Platz nicht verlaſſen zu wollen. Namentlich waren es der Graf von Altamire und der Herzog von Medina⸗Sidonia, welche dar⸗ auf beſtanden, die Finſterniß der Nacht und den Schlaf zu benutzen, in welchem die ganze Stadt jetzt liege, um ſich im Augenblicke ſelbſt geradezu nach dem Pallaſte Medina⸗Celi zu verfügen, und, den De⸗ gen in der Fauſt, den eben gefaßten Entſchluß aus⸗ zuführen. Beide wurden von dem Marquis von Santa⸗ Cruz anf das eifrigſte unterſtützt. Aber alle Drei bemühten ſich vergebens, die Uebrigen zurückzuhalten. Der Schrecken war ſo groß und allgemein, daß die Menge, von den Worten des Pater Robinets aufgeſchreckt, den Saal mit ſolcher Haſt verließen, als ob plötzlich in demſelben irgend eine anſteckende Krank⸗ heit ausgebrochen wäre; und ehe es ſich der Marquis von Santa⸗Cruz verſah, fand er ſich allein, da auch der Graf Altamire und der Herzog von Me⸗ dina⸗Sidonia dem Strom hatte nachgeben müſſen. „O der! Schande!“— rief jetzt der Marquis niedergeſchlagen, als es mit einemmale todtenſtill im Saale geworden,—„und dies ſind die Männer, die Spanien eine neue Zukunft heraufführen wollen?“ Aber mit einemmale hielt er inne,. eine Er⸗ innerung durchzuckte ihn;.... er bebte in wilder triumphirender Luſt und während ſeinen tiefliegenden Augen Blitze entfuhren, rief er: „Jetzt zur Rache!“ Gleichzeitig brachte er ein ſilbernes Pfeiſchen an ſeine Lippen und ein ſchriller, durchdringender Ton gellte durch die Höfe des alten Schloſſes, als ob ſie der Wind durchpfiffe. Auf dies Zeichen erſchien alsbald Gil⸗Perez. Ohne eine Wort zu ſagen, gab ihm der Mar⸗ quis den Schlüſſel zu dem unterirdiſchen Gefängniſſe, in welchem Gondreville eingeſchloſſen war, und wenige Augenblicke nachher trat dieſer ein. Bei ſeinem Anblick ſtand Santa⸗Cruz wie ver⸗ ſteinert. „Beim Blute Chriſti!“— rief er nach der erſten Ueberraſchung—„der, den ich längſt todt glaubte?.. So iſt es denn der Böſe in Perſon!“ „Meiner Treu! Herr Marquis!“ verſetzte der junge Franzoſe mit ſeiner unerſchöpflichen Sorgloſigkeit und ſeinem ſelbſt jetzt noch heiteren Sinn,—„wenn mir dieſer Vortheil zu Gunſten käme, ſo ſtände ich nun nicht hier.“ „Gil Perez!“— ſagte der Marquis von Orſini. 17 258 Santa⸗Cruz—„es iſt wirklich ein Edelmann; haſt Du den Block und das Beil zurecht machen laſſen?“ „Ja, gnädiger Herr, Alles iſt bereit.“ „Gut!— Mein Herr, Ihr habt zehn Minuten Zeit, um Eure Seele Gott zu empfehlen, wenn Ihr nämlich eine Seele habt und an Gott glaubt. Beeilt Euch. „Was das betrifft, Herr Marquis, ſo iſt das wohl ein Scherz, nicht wahr?“ „Wißt, junger Mann, daß ich nie ſcherze. Nun iſt wenigſtens ſchon eine Minute verfloſſen.“ „Was?... Ihr wolltet?... hier.. ernſtlich, weil ich leichtſinnig, wie ein armer Schmetterling kam, meine Flügel an dem Lichte zweier ſchönen Au⸗ gen zu verbrennen,— zweier Augen, die noch dazu, ich verſichere es Euch auf meine Ehre, kalt und ge⸗ fühllos bei meinem Märtyrerthume blieben,... Ihr wollt, daß ich dieſen unbedachtſamen Streich mit dem Leben büße?!... Bedenkt, was Ihr zu thun im Be⸗ griff ſteht... Zum Henker! wir ſind doch hier nicht in der Türkei, ſo viel ich weiß;— und dieß wäre doch wohl die Verehrung alter Herkommen und Er⸗ innerungen zu weit getrieben. Ich bitte Euch, Herr Marquis, kommt zu Euch. Bin ich nicht ſchon ge⸗ nug geſtraft, von Donna Ines zurückgewieſen zu ſein?— Was verlangt Ihr noch mehr von mir?— Soll ich dieſe Schande ſchriftlich bekräftigen? zum Beweiſe des untadelhaften Rufes Eurer Tochter?— Es wäre dies eine große Demüthigung für mich, aber dennoch würde ich mich dazu verſtehen, wenn es Euch angenehm. Ihr antwortet nicht....“ Während dieſer Anrede war der Marquis mit großen Schritten in dem Saale auf und abgegangen. Als Gondreville geendet hatte, hielt er inne, und ſagte, ſich kaltblütig zu ſeinem Majordomus wen⸗ dend: „Gil Perez, die zehn Minuten ſind vorüber nimm dieſen Edelmann mit Dir und thue, was Dei⸗ nes Amtes iſt.“ „Unerbittlicher!“ murmelte Gondreville.— Aber genug. Ich werde die Ehre eines Edelmannes nichts durch feiges Flehen entwürdigen. Hab' ich mich, in einer Schlinge fangen laſſen, ſo iſt es gerecht, daß ich die Strafe meiner Leichtgläubigkeit jetzt trage. Ich werde zu ſterben wiſſen, Herr Marquis von Santa⸗Cruz, hört Ihr!— Vorher aber noch zwei Worte,. zwei Worte, deren Ihr Euch einſt er⸗ innern werdet, und dies„einſt“ wird nicht lange auf ſich warten laſſen. Indem Ihr mich tödtet, ſetzt ——— 260 Ihr mit eigener Hand der Fürſtin Orſini die Krone Spaniens und beider Indien auf das Haupt.“ „Was ſoll das heißen? Herr!“— rief überraſcht der Marquis. Waren es doch die erſten ernſthaften Worte, die er aus Gondreville's Munde vernahm. Der Vicomte aber hatte keine Zeit, ſich weiter über dieſe geheimnißvollen Worte zu erklären, denn in demſelben Augenblicke hörte man von Außen einen gewaltigen Lärm, die Thüre des Saales ſprang auf und eine Menge Gerichtsdiener, begleitet von Sol⸗ daten drangen ein. Letztere hatten ihre Büchſen ge⸗ ſpannt und waren bereit, jeden Augenblick Feuer zu geben. Der erſte Alcade folgte ſeinen Leuten auf dem Fuße, raſchen Schrittes ging er auf den Marquis zu, berührte ihn mit der Spitze ſeines Stabes und rief: „Im Namen des Königs verhafte ich hiermit den Marquis von Santa⸗Cruz als— des Hochver⸗ raths beſchuldigt.“ Ende des erſten Bandes. — Ott nſn b. 6 6 8 9 10 11 12 13 8 19