⁰ E Cdnard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Seſebedingungen. 1. offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und ae der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 1. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlehen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — ———————— auf Monat: 1 Mt.— Pf. 1 M 55 Pf. 2 M.— If. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher Gamentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer n Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Sö0ee Leſe⸗Abende. 6 ovellen und Erzählungen von Heribert Rau. „ Zwei Bändchen. Frankſutt am Muin. Verlag von Guſtav Hehler⸗ 1849. Qdeee So wird man Hotelbeſitzer. Bumoriſtiſche Movellette. Ei gewitterſchwüler Sommertag neigte ſich ſeinem Ende zu, als durch das Thor des„Europäiſchen Hofes,“ des erſten Gaſthofes einer deutſchen Reſidenz⸗ ſtadt, die Geſtalt eines ſonderbaren Menſchen trippelte: Es war eine ungewöhnlich lange, ſpindeldürre Figur, mit einem hageren Geſichte, über welches Zeit und Wein eine recht artige Verkupferung gelegt; deren dunkelroth nur hie und da durch dicke Pocken unterbrochen wurde. Eine reizbare Phantaſie hätte mit Leichtigkeit hier eine wahre Mondkarte mit Bergen und Thälern, Riſſen und Flüſſen, Höhen und Tiefen entwerfen können, in welcher die große Naſe ſich als ein intereſſanter Höhepunkt erſter Größe gezeigt haben würde. Ein Strohhut, ein weißer Rock, und weite, um die dürren Stelzbeine ſchlotternde Nanquinhoſen, ſo wie ein blau und weiß geſtreiftes Hemd, welches vorn offen ſte⸗ hend, eine hagrige Bruſt ſehen ließ, machten den Anzug des Langen aus. Auf der Raſe trug er eine Brille. Der lange ſtruppige Bart aber und die fletſchenden Zähne gaben ihm etwas wildes, während die Botaniſirbüchſe, die Bücher und Papiere, welche aus allen Taſchen ſahen, der grüne Zweig auf dem Hute und vor allen Dingen die, auf letzterem und dem Rocke angeſpieſten Schmetter⸗ linge und Käfer, auf den erſten Blick den Naturforſcher verriethen. Mit einer gewiſſen Haſt war der eben Beſchriebene in das geräumige Gaſtzimmer getreten, und athmete nun in tiefen Zügen deſſen behagliche Kühle ein. Ihm folgte der dicke, watſchelnde Wirth auf dem Fuße, und während der Erſtere blies uud ſich mit dem Schnupftuche Kühlung zuwehte, käuchte der Letztere unter der Laſt ſeines Speckes, wie eine gut geſtopfte Gans. Es war aber auch eine ſchlimme Zeit für den Gaſt⸗ halter und Beſitzer des„Europäiſchen Hofes;“ denn die enorme Hitze ſetzte dem dicken, unterſetzten Manne gewaltig zu, und auch jetzt ſtand eine ganze Dornenkrone von Schweißtropfen auf der Stirne des ſchwammigen finſteren Geſichtes§ „Nun! Herr Engelbert!“ rief nach der erſten ſtummen Begrüßung der Naturforſcher, indem er mit der „ 5 Hand durch ſein dünnes Haupthaar fuhr—„noch nichts angekommen?“ „Nein!“— entgegnete mißmuthig der Wirth—„noch immer nicht. Aber ich weiß auch, woher es kommt,“ fügte er bedenklich hinzu.—„Als ich heute Morgen auſſtand, lief mir ein Spinnchen über den Fuß, und: ein Spinn⸗ chen am Morgen, bringt Kummer und Sorgen.“ Der Naturforſcher verzog hier ſein Geſicht, als ob er Eſſig getrunkeu habe. „Schon wieder Aberglauben!“— rief er dann wie troſtlos.„Beſter Herr Engelbert, Sie ſind ſonſt ein ganz vernünftiger Mann und ein vorzüglicher Wirth dazu, der, was jetzt eine Seltenheit unter den Wirthen iſt, ſei⸗ nen reinen Wein hält— aber, ich bitte Sie! legen Sie den Aberglauben ab. Wie kann denn nur ein vernünf⸗ tiger Menſch denken, der Lauf einer Spinne, einer un⸗ ſchuldigen Aranea domestica wahrſcheinlich, habe Einfluß auf die Begebenheiten des Lebens.“ „Lieber Herr Doktor Campius!“ entgegnete der Wirth feierlich—„nicht der Lauf der Spinne, ſondern die Zeit iſt hier das Entſcheidende; denn es heißt weiter: „ein Spinnchen am Abend, erquickend und labend.“ In des Doktors Zügen ſprach ſich Ungeduld aus. „Erquickend und labend!“ wiederholte er.—„Man ſollte meinen, Sie ſeien ein Buſchmann, und kämen vom Vorgebirge der guten Hoffnung; denn dort frißt man die Spinnen und hält ſie hoch als eine Lieblingsſpeiſe.“ „Pfui Teufel!“— ſagte der dicke Wirth und ſchüt⸗ telte ſich,—„wie abſcheulich. Indeſſen auf mein Sprüch⸗ wort laſſe ich nichts kommen. Ein Sprüchwort, ein wahr Wort!— und es gibt Wunder in der Natur.. „Allerdings!“ rief der Naturforſcher—„und da darf man gerade nur die Spinnen anſehen. Haben Sie denn ſchon eine Spinne recht betrachtet?“ „Todtgemacht hab ich von dem garſtigen Zeug ge⸗ nug,“ ſagte der Wirth;„denn meine Gäſte ſind nicht alle Naturforſcher und würden ſich ſchön beklagen, wenn ſie ſolches Geſchmeiß in den Zimmern fänden.“ „Die Spinne iſt kein Geſchmeiß“— entgegnete faſt verletzt der Doktor—„ſie iſt ein ſchönes, bewundrungs⸗ würdiges Thier, mit acht Augen, von welchen meiſt vier an der Stirne und zwei an jeder Seite ſitzen; ſie hat acht behaarte Füße, zwei Arme oder Freßſpitzen, welcher ſie ſich zum Betaſten und Umwenden der Beute bedient, zwei Fangklauen, mit denen ſie den Raub feſthält, tödtet und ausſaugt, und an dem Hinterleibe fünf bis ſechs — 4 Warzen, woraus die klebrigte Feuchtigkeit hervordringt, aus welcher ſie den Faden zieht. Nimmt man ein Ver⸗ größerungsglas, ſo vermag man leicht an jeder dieſer Warzen Tauſende von kleinen Löchern zu erkennen, wo⸗ von jedes ſeinen eigenen Faden gibt, ſo daß eigentlich ein einziger Faden des Spinngewebes aus fünf bis ſechs Tauſend ſolcher Fäden beſteht. Iſt das nicht ein wah⸗ res Wunder? Und wenn man in Frankreich aus Spinn⸗ weben ſchon Strümpfe und Handſchuhe verfertigte, ſo iſt die Spinne auch ein nützliches Thier, abgeſehen, daß ſie die impertinenten Fliegen frißt.“ „Was?“— ſagte der Dicke und ſtemmte die Hände in die Seite—„Handſchuhe und Strümpfe hätte man aus Spinnweben gemacht?— Da könnte ja mein Nach⸗ bar eine Fabrik anlegen.“ „Zu ein paar großen Mannsſtrümpfen braucht man nur ſechs Loth Spinngewebe“— fuhr der Doktor fort und ſchenkte ſich von dem Weine ein, welchen ihm unter⸗ deſſen der Oberkellner gebracht,—„aber!— über eine halbe Million Spinnen geben kaum ein Pfund nutzbaren Faden.“ „O weh“— rief der Wirth—„da iſt es dann doch nichts mit der Fabrik. Aber um wieder auf den Anfang unſeres Geſpräches zu kommen, ſo bin ich doch eigentlich froh, wenn mein Hannchen heute nicht kommt.“ „Und warum?“ „Weil heute Feiertag iſt.“ „Aber was macht denn das Ihnen, ob es Freitag oder Montag iſt. Ich denke, je eher das liebe Kind kommt, deſto beſſer.“ „Gewiß— aber.. „Nun?“ „Den Freitag reiſt man nicht gern. Es iſt ein Un⸗ glückstag.“ Der Naturforſcher, der eben einen tüchtigen Zug thun wollte, und ſchon mit Wohlbehagen den aromati⸗ tiſchen Duft des Weines in ſeine Naſe zog, blieb bei dieſen Worten wie bezaubert, die große Naſe über das Glas gebogen, unbeweglich ſitzen. „Unglückstag!“— rief er dann.„O sancta simpli- citas! wie kann denn ein Tag vor dem anderen zum Unglück beſtimmt ſein?— Das würde eine ſchöne Ge⸗ ſchichte werden, wenn allen Menſchen alles auf den Frei⸗ tag mißglückte. Dann würde man auf einmal erleben, daß die ganze Welt jeden Freitag im Bett liegen bliebe. „Wahrhaftig!“— eiferte der Dürre—„wäre ich nicht 9 ſchon ſeit zwanzig Jahren Stammgaſt im Europäi⸗ ſchen Hof und ſo faſt zu einem Glied Ihrer Familie geworden, ich ſage Ihnen, beſter Engelbert, Ihr un⸗ verwüſtlicher Aberglaube hätte mich längſt vertrieben, und müßte ich auch dem Grünenbaumwirth ſeinen ſauren Krätzer trinken.“ „Doktor!“— ſagte drohend der Wirth—„ Ihr ſeid einmal ein Menſch ohne allen Glauben, und außer Bacchus kennt ihr keinen Gott.“ „Doch!“— rief der harmloſe Naturforſcher, der ſchon wieder ſeinen Irger vergeſſen hatte—„die Natur! die Natur!“ Das Geſpräch der beiden Männer wurde hier durch das Anfahren eines Wagens unterbrochen. Der Ober⸗ kellner und ſeine Gehülfen ſprangen raſch an den Schlag, der dicke Wirth hob ſich mühſam empor und watſchelte ebenfalls der Thüre zu und ſelbſt der Doktor reckte ſei⸗ nen Hals, um zu ſchauen wer da angekommen. Als er aber keine Schachteln auf dem Wagen ſah, ſagte er ruhig: „non mulier!“*)— Der Hals ſchnurrte wie ein ela⸗ ſtiſcher Hoſenträger zurück, und der Doktor erhöhte, ächt *) Kein Weib. epikuräiſch, den Genuß des Weintrinkens dadurch, daß er während des langſamen und behaglichen Einſchlürfens des Göttertrankes mit innigem Wohlbehagen die, an ſeinem Hute aufgeſpießten, Käfern und Schmetterlinge betrachtete. Nach einer kleinen Weile kam der Wirth verdrieß⸗ lich zurück. „Nun!“ ſagte der Naturforſcher freundlich, indem er eine große Libellula um ihre Nadel drehte, um ihre ſchwarz⸗blau ſchillernden Flügel recht bewundern zu können: „Schon wieder Gäſte?“ „Ich ſagt's ja!“— klagte der Gaſthalter—„s'iſt ein Unglückstag. Noch keine Seele iſt heute angekom⸗ men, als dieſer kranke Engländer, der noch obend'rein ein armer Tropf zu ſein ſcheint. Da ſoll nun ein Wirth dabei beſtehen! Das iſt ein Elend!“ „Aber, beſter Herr Engelbert, ich meine es ſeien ja alle Zimmer beſetzt?“ frug erſtaunt der Doktor. „Allerdings!“ entgegnete der Angeredete mit unzu⸗ friedener Miene.—„Aber es iſt doch ein Elend!— Die Reiſenden wollen nichts zahlen, knauſern und drü⸗ kenz ja die Engländer ſelbſt, die doch ſonſt noch honett waren, accordiren jetzt ebenfalls bis auf's Blut. Dabei ſind noch alle Victualien theuer, daß man ſie kaum auf⸗ treiben kann. Man muß ein armer Mann dabei werden.“ „Der Himmel verzeihe Ihnen die Sünde“— rief hier unwillig der Doktor.—„Sie haben ſich durch Ihre Wirthſchaft bis zum grundreichen Manne emporgeſchwun⸗ gen und nun ſind ſie immer noch unzufrieden dabei, und klagen beſtändig.“ „Sie dürfen es auch noch berufen!“ entgegnete fin⸗ ſter und mißvergnügt der Wirth—„dann wird mir das Unglück gleich ganz auf dem Halſe ſitzen.“ „Berufen!“— jammerte der Lange troſtlos— „berufen! ſchon wieder auf einem Wahnſinn ertappt. Mann Gottes! kann denn vas eine Sache ſchlimm ma⸗ chen wenn ich ſie lobe; wo ſitzt denn da die liebe Ver⸗ nunft? Urſachen und Wirkung müſſen doch immer in ei⸗ nem Zuſammenhange ſtehen, letztere geht doch immer nur unter gewiſſen natürlichen Regeln aus erſterer hervor! — Der Veſuv ſpeit doch nur ſein Feuer, weil der Teufel ſeinen Brei in ihm kocht!— Die Maden freſſen doch nur den Kohl, weil die Kothfliege Piptera tenax, ihre Eier in den Miſt und in die Kohlköpfe gelegt hat!— Der Stinkratz— Cavia putorius— hat doch nur ſeinen häßlichen Namen, weil er, ſelbſt das abgezogene Fell, widrig riecht!— Aber was für einen Zuſammenhang ſoll ihr Verarmen und mein Preiſen Ihres Glückes haben?“ „Spiſt aber doch ſo!“— ſagte ärgerlich der Wirth —„trotz Ihrem Stinkratz und Ihren Maden und all' dem häßlichen Vieh, das Ihnen an die Seele gewachſen iſt. Ich hab's ſchon tauſendmal erlebt. Sag' ich heut: mein Haus iſt immer voll— oder: die Wirthſchaft geht! — kann ich ſicher darauf zählen, daß morgen der ganze Plunder abreiſt und keine Seele kömmt.“ „Einbildung! reine Einbildung!“— rief der Natur⸗ forſcher—„weil's unter zwanzigmal einmal durch Zufall eintrifft, hat es der Aberwitz zu einer heiligen Wahrheit geſtempelt. Der neunzehnmale, die es nicht eintrifft, denkt man nicht.“ „Sie ſind ein eigenſinniger, ungläubiger Menſch!“ keuchte der Wirth—„Alles ſoll bei Ihnen in den Na⸗ turkram paſſen; als ob's nicht auch eine übernatürliche Welt gäbe.“ „Herr Engelbert, ich bin das Streiten ſatt!“— ſagte der Doktor und leerte ſeinen Schoppen.„Ich wünſchte,— Sie hätten Recht; dann würde ich jeden 1 Morgen zu mir ſagen: Du biſt ein unordentlicher Menſch und wirſt wieder heute Abend ein capula minula, ein Räuſchlein haben— und ſiehe!— ich gäbe den ſolideſten Kerl auf der Welt— einzig durch das Berufen.“ „Nun, nun!“— ſagte der dicke Wirth begütigend —„Doktorchen, wir ſind jetzt ſeit zwanzig Jahren Freunde; habt Ihr ſo lange vergeblich gegen meinen Glauben gekämpft, werdet Ihr heute nicht ernſtlich böſe werden. Außerdem geht man nicht auf einem Bein, alſo— Adolph!— noch einen Schoppen für den Herrn Doktor.“ Der gewandte Oberkellner flog herbei und brachte den gewünſchten Wein. Es war ein ſchlanker, hübſch ge⸗ wachſener junger Mann, von ohngefähr vier und zwanzig Jahren, rein und nett, aber keineswegs geckenhaft geklei⸗ det. Seine regelmäßigen Geſichtszüge trugen das Gepräge der Gutmüthigkeit und verriethen einen lebendigen Geiſt; ſo wie alle ſeine Bewegungen und Manieren und ſein leichtes, ungezwungenes Weſen von Bildung zeugten. Nachdem er den Wein vor den Deoktor geſetzt und dieſen durch einige freundliche Worte wieder zum Sitzen gebracht, neigte er ſich zu ſeinem Principale und ſagte: 14 „Der arme Engländer welcher eben gekommen, ſchien ernſtlich krank zu ſein, Herr Engelbert. Soll man nicht nach dem Hausarzte ſenden?“ „Krank!“ wiederholte der Wirth finſter und wiegte ſeinen dicken Bauch in beiden Händen—„das iſt mir gar nicht lieb. Wenn meine anderen Gäſte erfahren: ein Kranker iſt im Haus, kann mir dies viel ſchaden.“ „Es wird ja wohl nicht ſo gefährlich werden,“— ſagte der Kellner theilnehmend—„namentlich wenn man gleich dafür thut.“ „Hat er Geld?“ frug der Wirth.—„Er kam in ei⸗ nem ſchlechten Miethwagen.“ „Die Frage kann ich nicht beantworten!“ ſagte achſel⸗ zuckend der junge Mann—„aber ein ehrliches Geſicht hat er, das kann ich bezeugen.“ „Münze außer Cours!“ erwiderte finſter der Wirth. „Hat er Koffer?“ „Zwei ziemlich große und ſchwere.“ „So kann man es ja auf acht Tage mit ihm pro⸗ biren. Dann gibt man ihm die Rechnung, und zahlt er, ſoll er Alles haben, zahlt er nicht, weiter mit ihm.“ In dieſem Augenblick rollte abermals ein Wagen vurch das Thor. Diesmal war es ein Einſpänner; vorn, 15 hinten, oben und unten mit Koffern, Cartons, Kiſichen und Schachteln baladen. „Das iſt Hannchen!“ rief der Wirth, hob ſich em⸗ por und watſchelte ſo ſchnell nach der Thüre, daß ſein Bauch wie der Perpentikel einer Uhr, ſich hin und her ſchwang. Auch der Doktor verließ, nachdem er den mit Käfern geſpickten Hut ſorgſam aufgeſetzt, ſeinen Platz und eilte dem Freunde nach. Unterdeſſen hatte der Wagen angehalten und Adolph war, in der Meinung, es ſeien Gäſte, herangeſprungen. Wie angenehm fühlte er ſich aber überraſcht, als er in den Fond des Geführtes ſchaute, und ihm hinter den Kiſten und Kaſten ein unendlich freundliches, pausbackiges Mäd⸗ chen⸗Geſichtchen entgegen lachte. Adolph war wirklich ſo betroffen, daß er, ſtatt den Schlag zu öffnen nur immer nach der Schönen blickte, und erſt aus ſeiner Bewunderung erwachte, als ihn die breite, fleiſchige Hand Engelbert's auf die Seite ſchob. „Hannchen!“— rief der dicke Wirth unter entſetz⸗ lichem Schnaufen,„Blitzmädel biſt Du endlich da!“ „Vater! lieber Vater!“ ſchallte es mit wohltönender Stimme aus dem Wagen, und eine weibliche Geſtalt ar⸗ beitete ſich aus dem Gewirre von Cartons und Schachteln hervor. Es dauerte auch keine Minute, ſo lag die Tochter in des Vaters Armen. Es war ein liebliches Mädchen von ungefähr neun⸗ zehn Jahren. Ein dickes, rundes, lebendiges Weſen, dem Lebensluſt, Ge ſundheitsfülle, faſt möchte man ſagen, ju⸗ gendlicher Uebermuth aus den blauen freundlichen Auglein blitzte. Allerliebſt ſtanden ihr dabei zwei tiefe Grübchen in den Wangen, die ihrem Lächeln einen eigenthümlichen Zauber gaben, der noch durch die blüthenweißen Zähne gehoben wurde, die dann neckiſch zwiſchen den friſchen Lippen hervorblickten. Der blonde Lockenkopf hatte ein ganz einfaches Kleid von roſa Kattun an, deſſen kurze Aermel ein paar runde, feſte Arme zeigten, die ſich jetzt mit der Innigkeit kindli⸗ cher Liebe um den ſpeckigen Hals des Vaters ſchlangen. „Lieber! lieber Vater!“ rief ſie jauchzend und drückte den armen dicken Mann, daß ihm beinahe der Athem aus⸗ ging—„wie freue ich mich, Sie endlich wieder zu ſehen. Nun gehe ich aber auch gewiß nicht mehr von Ihrer Seite, und pflege Sie, und hege Sie, daß Sie mich nicht wieder fortſchicken.“ „Ha!“ ſtöhnte der Wirth zum Europäiſchen Hof und ſchob ſanft die Tochter etwas von ſich weg.„Kind!— 17 nur gemach!— Biſt immer noch der alte Rauſchebeutel! ich erfticke ja!—“ Aber die Tochter ließ nicht nach, bis der dicke Mann faſt grün und blau wurde und käuchend den Doktor um Hülfe anrief. Er hatte es gut getroffen, den Hannchen erſchrack ſo gewaltig vor der dürren, langen Figur und dem rothen Geſichte, daß ſie, zurückprallend, den Vater frei ließ. Engelbert mußte ſich einen Augenblick auf die Stein⸗ bank vor der Thüre niederſitzen, um zu Athem zu kommen; aber er verwandte keinen Blick von dem Mädchen und Hannchen's beide Hände faſſend, und ihr in die Augen ſchauend, rief er, ſeit langer Zeit zum erſtenmale zufrieden: „Nicht wahr Doktor! das iſt Fleiſch von meinem Fleiſche und Bein von meinem Bein?“ „Ja! ja!“— entgegnete dieſer und lachte gemüthlich —„das kleine Hannchen iſt während der acht Jahre, die es auf dem Lande zugebracht, zur Jungfrau geworden. Ich kann mich gar nicht genug wundern! Ich ſehe ſie immer noch auf meinem Arm— und jetzt— ja jetzt kann ſie jeden Augenblick heirathen.“ „Oho!“ rief der Vater und ſtrich der erröthenden Tochter über die friſchen Wangen.„Das hat noch Zeit. n. 2 18 Jetzt ſoll ſie erſt eine tüchtige Wirthin werden, kommt dann einmal ein Schwiegerſohn mit klingenden Taſchen, ſo iſt mir's auch Recht.“ „Aber ſchau! was das Blitzmädel für weiße Nägel hat!“ rief hier entzückt der Vater, die ſchönen Hände der Tochter wohlgefällig betrachtend. „Blüthe an Blüthe! o du Glückskind, das bedeutet den Segen des Himmels!“ „Allmächtiger!“ rief hier entſetzt der Naturforſcher— „ſchon wieder das Unthier aus der Apocalypſe, ſchon wie⸗ der Aberglaube— und vor dem jungen Blute!“ „Wie?“ rief das Mädchen—„Sie glauben nicht, daß das Glück bedeute— wiſſen Sie auch, daß mir der Gukuk heute als ich ihn um meine Lebensdauer frug....“ Aber Doktor Campius hatte ſich, als er vom Gukuk hörte, die Ohren zugehalten und lief jetzt in der Verzweiflung wie beſeſſen davon. „Ein kurioſer Mann!“ ſagte Hunnchen, ihm lä⸗ chelnd nachſehend. „Aber eine treue Seele!“ entgegnete der Vater— „und du wirſt ihn noch ſchätzen lernen. Jetzt aber komm, ich will Dir die Zimmer zeigen, die ich für Dich einrich⸗ ten ließ. Ich hoffe Du wirſt mit mir zufrieden ſein.“ 19 „Erſt meine Cartons und Schachteln!“ flehte Hann⸗ chen, und Adolph ging dem reizenden Mädchen an die Hand, die Siebenſachen ſorgfältig abzupacken. Hannchen war, zur Freude ihres Vaters, in kurzer Zeit völlig eingewöhnt. Die heitere Seele griff alles was ſie unternahm kräftig an, und da ſie dabei der beſte Wille und der Wunſch, ihrem Vater zu gefallen, leitete, ſo ge⸗ rieth ihr auch das Schwierigſte wie das Leichteſte. Ueberhaupt hatte der Landgeiſtliche, in deſſen Familie die Tochter Engelbert's ſeit dem Tode ihrer Mutter erzogen worden, das von Natur aus wilde Kind ſo ver⸗ ſtändig geleitet, daß ſich nicht nur ſeine Ausgelaſſenheit in eine freudige Thatkraft und ſein Eigenſinn in feſten Willen umgewandelt hatten; ſondern auch hauptſächlich ſein Herz rein, kindlich fromm und ſeelengut geblieben. Die Häuslichkeit war Hannchen's Element und ſie fand in deren tüchtigen Führung ihre Aufgabe, aber auch ihre Luſt. Trotz dem durfte man das Mädchen gebildet nennen; indem ſie mehrerer Sprachen völlig mächtig war, und in der Geſchichte, Geographie und Literatur vielleicht noch mehr wußte, als manches der vornehmſten Stadtdämchen. 2* 20 Dabei war ſie unbefangen und natürlich, und Coketterie und Verſtellungskünſte waren ihr durchaus fremd. Die große Haushaltung, der ſie nun vorzuſtehen hatte, gab ihr Gelegenheit genug ihr Talent als Wirthſchafterin zu beurkunden, und ehe noch vierzehn Tage, von ihrer Ankunft an, verfloſſen, war es, als ob ſie ſeit Jahren derſelben vorgeſtanden. Aber Hannchen war auch mit Tagesanbruch auf den Beinen, und ſtets ſelbſt an allen Ecken und Enden. Ihr Beiſpiel ermunterte die beſſeren und beſchämte die ſchlechten Dienſtboten; wo es nicht recht fort wollte griff ſie ſelbſt mit an, und was ſie befahl, ſagte ſie freundlich und mit Güte. So kam es denn, daß ein ganz anderes Leben in dem großen Gaſthofe erwachte, und der Ruf des„Europäiſchen Hofes“ in kurzer Zeit noch gewaltig zunahm. Der dicke Engelbert war ganz ſelig, und wenn er, ſeiner Gewohnheit nach, zu klagen anfing, durfte Doktor Campius nur den Namen: Hannchen! nen⸗ nen, und Engelbert ſchwieg, und ein behagliches Schmunzeln des ſchwammigen Geſichtes verdrängte die düſteren Falten. Die große Wirthſchaft ließ wenig freie Augenblicke übrig; wenn aber in den Nachmittagsſtunden oder an den 21 Abenden Hannchen Gelegenheit fand, ſo ſetzte ſie ſich mit ihrem Strickſtrumpfe zu dem Vater und dem Doktor, mit deſſen unliebenswürdigem Außeren ſie ſich bald ver⸗ ſöhnt, und Campius mußte ihr dann,— während er ein Schöppchen nach dem anderen ſchlürfte,— von den ſeltenen Thieren und Pflanzen anderer Welttheile oder auch von dem inneren Haushalte der Natur erzählen, der ſo überaus weiſe von einer unſichtbaren Hand geordnet iſt. Dies war denn auch gerade des Doktors Lieblings⸗ thema, und der alte Mann konnte ſich darüber mit wah⸗ rem Jugendfeuer ausſprechen. Dagegen mußte er freilich auch manchmal bei Hann⸗ chen gegen den Aberglauben, ſeinen Todfeind, ankämpfen, denn— war es Zufall oder ein Erbſtück— die Tochter glich hierin ihrem Vater ſehr, nur nahmen bei Hann⸗ chen die Thorheiten ein ppetiſches Gewand an, da ihr lebhafter Geiſt und ihre fromme Denkungsweiſe die ganze irdiſche Welt mit einer zweiten geiſtigen, von Engeln, Warnungs⸗ und Schutzgeiſtern bevölkerte. Aber eben weil dieſer Glaube etwas ſüßes und pvetiſches, in Hannchen's Munde ſogar etwas wahrhaft himmliſches hatte, konnte auch Campius gegen ſie nur milde auftreten; während er bei des Vaters kaltem, trocknen Unſinn oft die Geduld 22 verlor und— wie er ſelbſt ſagte— mild und des Teu⸗ fels wurde. Den größten Einfluß hatte Hannchen's Rücktehr in das väterliche Haus übrigens auf Adolph. Der Oberkellner war ſeit jenem Tage ein ganz and⸗ rer Menſch geworden. Zwar hatte er von jeher ſeine Pflichten ſtreng erfüllt; zwar war er ſchon vor Hann⸗ chens Ankunft artig und aufmerkſam gegen die Fremden geweſen— aber— ſeitdem er das liebenswürdige Ge⸗ ſchöpf immer vor Augen hatte; ihren unverdroſſenen Fleiß, ihre Milde gegen alle Menſchen, ihr herziges, ſittiges und doch freudiges Weſen tagtäglich ſah,— ſeitdem kam ihm das Bild des lieben Mädchens auch weder bei Tag noch bei Nacht aus dem Sinn, ſeit jenem Augenblicke war ſie ſein Vorbild, ſein Ideal geworden. Wie ſie wollte er in jeder Beziehung werden,— wie ſie— die er gleich einem höheren Weſen verehrte, anbetete. Die Stelle wo ſie geſtanden, geſeſſen, ja nur vorübergegangen war, war ihm heilig. Keine Grenzen aber kannte ſeine Seligkeit, wenn er durch irgend eine Geſchicklichkeit oder gute Handlung Hannchen's Auf⸗ merkſamkeit gefeſſelt, und von dem lieben Kinde mit einem freundlichen Blicke belohnt wurde. Aber auch die Tochter des Hauſes bemerkte den Eifer, die Ordnungsliebe und Pünktlichkeit des hübſchen Ober⸗ kellners, und manchmal wünſchte ſie heimlich, es wäre Adolph ihr Bruder; damit ſie ihm ſagen könne: wie ſeine gute Eigenſchaften ihr gefielen und wie freundlich geneigt ſie ihm ſei. Dieſe Neigung des Mädchens zu Adolph wuchs aber noch ſehr bedeutend, als Hannchen erfuhr, daß Adolph den armen kranken Engländer, deſſen Zuſtand ſich in der letzten Zeit ſehr verſchlimmert, mit einer Auf⸗ merkſamkeit und Sorgfalt pflege, die einem Kinde am Schmerzenlager ſeiner Aeltern Ehre gemacht haben würden. Eigennutz konnte hier nicht im Spiele ſein; denn ſo viel Jedermann wußte, war der Leidende ganz mittellos; auch durfte der Oberkellner nicht darauf gerechnet haben, das Herz Hannchen's durch dieſe Handlung der Pietät zu rühren, da er alle ſeine Bemühungen für den Kranken im Stillen vorgenommen, wie denn auch nur der Zufall dieſe ſchöne Handlung an Engelbert's Tochter verrieth. Adolph war dieſe Menſchenfreundlichkeit in der That Bedürfniß. Er fühlte ſich ſchon glücklich, wenn er nur denken konnte: dem ſüßen, frommen Weſen ſeiner Vereh⸗ rung durch eine gute That würdiger geworden zu ſein. Des jungen Mannes Aufopferung und Geduld war dabei wahrlich nicht klein; denn der Engländer litt an einer ſchweren und ſchmerzhaften Krankheit, die ſeine na⸗ tionale Wunderlichkeit und Laune oft zu einer unerträg⸗ lichen Höhe ſteigerte. Aber Adolph, den ja auch das Schickſal unter fremde Menſchen geſtoßen hatte, fühlte tief und innig wie entſetzlich es ſein müſſe, ſo ganz allein und verlaſſen, ferne, von ſeinem Vaterlande und den Sei⸗ nen krank— ja vielleicht hoffnungslos krank— zu liegen, und nur fremde, theilnahmloſe Menſchen von Zeit zu Zeit um ſich zu ſehen, die nur der Lohn, nicht aber Liebe und Anhänglichkeit an den Leidenden feſſeln. Dies peinliche Gefühl dem armen Kranken ſo viel als möglich zu nehmen, hatte er ſich nun zur Aufgabe gemacht. Und da er auch hier, wie bei allen ſeinen Hand⸗ lungen fragte: wie würde ſich Hannchen in deiner Lage benommen haben, ſo war er in der Pflege des Patienten ſo ſanft und geduldig, ſo aufmerkſam und zuvorkommend, ſo liebevoll ſelbſt, als bediene er ſeinen eigenen Vater. Es konnte ja auch gar nicht anders ſein, er liebte— ohne es ſich nur ſelbſt geſtanden zu haben— die Tochter des Hauſes und da er bis jetzt noch alle die ſeligen Gefühle in ſeinem Herzen verſchloſſen trug, drängten ſie ihn— 25 und dies iſt ja eben die göttlichſte Eigenſchaft der Liebe — ſich über Alles was ihn umgab auszugießen. Wohin aber hätte ſie wärmer ausſtrömen können, als auf einen Leidenden?! Aber mit der Liebe iſt es ein eigen und wunderlich Ding, und bei ihr vor Allem möchte man Hannchen beipflichten, wenn ſie behauptete: jeden Menſchen um⸗ ſchwebe unſichtbar ein, ihm von Gott beigegebener Schutz⸗ geiſt: der ihn nicht allein in Gefahren ſchütze, ſondern auch die zarten Fäden der Sehnſucht nach den fernen Theuren ſpinne und aus ihnen ein ätheriſches Band knüpfe, das dann ein zarter Leiter der gegenſeitigen Neigung, leiſer Ahnungen und Vorgefühle werde. Und iſt dies alles bei der Liebe nicht noch auffallender?— Wahrlich Hann⸗ chen's guter Engel mußte an Adolph auch Wohlgefallen haben; denn ehe es ſich das Mädchen verſah, hatte der Unſichtbare alle Seelenkräfte des guten Kindes erfaßt, ihr Herz völlig umſponnen und mit tauſend geheimen Fäden an dasjenige des hübſchen jungen Mannes geknüpft. Sonderbar!— die ſich bisher ſo gerne begegnet— mieden ſich jetzt; die bisher unbefangen ſich angelächelt — waren jetzt befangen. Sollten ſie die Umtriebe ihrer Schutzgeiſter gemerkt haben? Und mun ſo verlegen ſein, 26 weil ſie wußten, daß ſie die Engel des Himmels mit unauflöslichen Banden aneinandergeknüpft?— Erſt als ſie ſich mit dieſem Gedanken vertraut ge⸗ macht hatten, und einſahen, daß hier der Himmel die Hand im Spiele habe, gaben ſie dem leiſen Zuge nach, und näherten ſich allmählig einander. Adolph's Schutzgeiſt mußte aber der weniger blöde ſein; denn er zog den jun⸗ gen Mann ſo gewaltig zu dem verehrten Mädchen, daß er plötzlich Muth faßte und die ganze Lage ſeines Herzens, bei einer ſchicklichen Gelegenheit, Hannchen offenbarte. Dieſe aber war viel zu natürlich und wahr, als daß ſie nicht freudig dem hübſchen, lieben jungen Mann hätte ge⸗ ſtehen müſſen: in ihrem Innern ſehe es um kein Haar beſſer aus, und ſie habe ihn gewiß eben ſo gern wie er ſie. Ach! wie leicht war es nun Beiden nach dieſem Ge⸗ ſtändniſſe! Wie blitzte ihnen das Leben im Feenſchmucke der Hoffnung entgegen! Wie prächtig, wie göttlich dach⸗ ten ſie ſich, muß es ſein: wenn wir nun Hand in Hand über die Erde wallen, und, durch dieſe ſüße Liebe ver⸗ eint, mit doppelten Kräften nach dem Edlen und Guten ſtreben. Mann und Frau— die Ehe— was dies eigentlich ſei und bedeute, verſtand Hannchen jetzt erſt recht. Die 27 Ehe, dachte ſie, iſt die innige Vereinigung zweier Herzen, welche unſere Schutzgeiſter mit unzertrennlichen Banden aneinander knüpfen; darum ſagt man auch: die Ehen werden von den Engeln geſchloſſen. Das Band aber, was die Unſichtbaren gewoben, und welches nun die Her⸗ zen aneinander feſſelt, iſt die: Liebe. Aber da Hannchen nun einmal wußte, wie es mit ihrem Herzen ſtehe und begriffen hatte, was die Ehe ſei, wollte ſie auch Hochzeit machen, und wie andere Mädchen ihren Liebſten ordentlich als Ehemann beſitzen. Konnte fie ſich doch gar kein ſchöneres Verhältniß auf Erden den⸗ ken, als Mann und Frau. „Sie müſſen es dem Vater entdecken!“— ſagte da⸗ her Hannchen zu Adolph, als Beide darüber einig waren, daß ſie nicht ohne einander leben könnten.„Und ihn bitten, daß er mich Ihnen zur Frau gibt. Denn ohne den Vater können wir uns ja doch nicht heirathen, da ich nicht das Geringſte ohne ſeine Einwilligung thue.“ Adolph ſtand betroffen. „Nun?“— frug ihn Hannchen—„was haben Sie?— Sie ſind ja ſo verlegen. Fürchten Sie ſich vor dem Vater? da hätten Sie ſehr Unrecht, Adolph! der Vater iſt zwar oft finſter, klagt viel, und kann auch recht 28 zornig werden; aber das geht ja bei ihm alles ſchnell vorüber, und er iſt innerlich doch ein grundguter Mann, der Sie recht ſchätzt und viel auf Sie hält. Er wird ſich freuen, wenn er erfährt, daß wir uns lieben.“ „Liebes, heißgeliebtes Hannchen! entgegnete ſeuf⸗ zend der junge Mann—„ich ſchätze gewiß Ihren Herrn Vater ſehr hoch— aber— ich fürchte, ich fürchte! wenn ich um Sie anhalte, wird er zornig werden und nein ſagen.“ „Und warum denn?“ frug ganzängſtlich das liebe Kind. „Daß ich es Ihnen gerade herausſage: weil ich kein Geld habe, und er nur einen reichen Schwiegerſohn will.“ „Ach; wenn's weiter nichts iſt!“ jauchzte Hannchen, „dann, lieber Adolph, ſein Sie unbeſorgt. Hat er denn nicht Geld genug, gehört ihm denn nicht der prächtige Europäiſche Hof, das erſte Gaſthaus der Stadt. Bin ich denn nicht ſein einziges Kind, das er wahrhaft zärtlich liebt, und deſſen Glück ihm über Alles gehen muß? Be⸗ kommt er in Ihnen nicht einen ſo braven und wackeren Schwiegerſohn, wie er ſich nur einen wünſchen kann?“ „Was mich betrifft!“— rief feurig Adolph und küßte das blühende Mädchen, das zwar roth ward, ſich aber nicht kokett ſräubte—„was mich betrifft, ich wollte gewiß Alles, Alles aufbieten, ihm Ehre zu machen, und das unendliche Glück zu verdienen, was er mir durch Ihre Hand gewähren würde.“ „Nun!“— rief Hannchen tröſtend—„verſuchen ſie es nur!— Ich will in der Nähe bleiben, und wird er zornig— was gewiß nicht geſchieht— komme ich her⸗ bei, und werfe mich an ſeinen Hals, und küſſe und bitte und ſchmeichle ihm ſo lange, bis er wieder lacht, und lacht er— haben wir gewonnen.“ „Ihr Vertrauen, Ihre Liebe macht mich ſtark!“— entgegnete entzückt Adolph—„ſo will ich es denn ver⸗ ſüchen Aber? d „Nun?“ „Wenn er nein ſagte?“ „Er wird, er muß ja ſagen“— rief Hannchen— „wir lieben uns ja einander!“— „Gott gebe, daß ſie recht behalten!“ ſeufzte Adolph— aber meinen Muth zu ſtärken, geben Sie mir noch einen Kuß.“ „Einen Kuß in Ehren, kann Niemand wehren!“ rief ausgelaſſen Hannchen. Die glühenden Lippen der Lie⸗ benden ruheten lange auf einander; dann hüpfte die Lieb⸗ liche davon und Adolph ſchlich ſeufzend nach dem Saale. — Doktor Campius ſaß ſchon längſt zur gewöhnlichen Stunde hinter ſeinem Schoppen im kühlen Saale des Europäiſchen Hofes. Er wartete heute mit um ſo größerer Ungeduld auf ſeinen Freund, den wohlbeleibten Inhaber des Gaſthofes, als er ſich, müde von einer ziemlich weiten Exeurſion, nach einem traulichen Geſpräche ſehnte. Aber Engel⸗ bert blieb ungewohnlich lange und der Naturforſcher mußte ſich daher noch eine geraume Zeit mit den, in ſei⸗ ner Botaniſirbüchſe ſorgſam aufbewahrten Pflanzen be⸗ ſchäftigen. Bedächtlich zog er daher mit den langen Fin⸗ gern eine derſelben heraus, legte ſie vor ſich auf den Tiſch, und fing nun, indem er bald an den weißgelbli⸗ chen Blumen roch, bald an dem Stiele kaute, oder die Blätter in ſeiner Hand zerrieb, eine gelehrte Unter⸗ ſuchung an. „Hm!“ brummte er dann vor ſich hin, und nahm zwiſchen jeder Bemerkung einen tüchtigen Zug Wein zu ſich.„Hm!— Nichts anderes als Jodum palustre. Linné. — Staubfäden?— zehn!— Rinde— braunroth und wollig!— Blätter?— oben grün, unten bräunlich!— Alles genau paſſend.— Geruch?— ſtark und gewürz⸗ haft!— Geſchmack?— item!“— 31 Er nahm eine andere Pflanze:„Hyoscyamus niger!“ — fuhr er dann fort—„wie kommſt du Giftmagen unter meine unſchuldigen Freunde. Schaafen und Kühen ein Lieb⸗ lingsfraß, bringſt du dem Menſchen Wahnſinn, Raſerei und Tod.— Fort mit dir!“ rief er dann, und warf den Buſch in eine entfernte Ecke—„da kannſt du noch was Gutes thun und die Mäuſe vertreiben. Iſt es aber nicht ſon⸗ derbar!— ſagte er dann, das volle Glas bedächtig un⸗ ter die Naſe haltend, um die Geruchnerven für die durch das Bilſenkraut erlittene Beleidigung zu entſchädigen 6 „iſt es nicht ſonderbar,— daß auch den dummen Men⸗ ſchen— wie hier Kühen und Schaafen— ſo Manches unſchädlich bleibt, was den Verſtändigen zum Gifte wird. Ein menſchlicher Schaafskopf kann fünfzig Jahre den ge⸗ ſtirnten Himmel, die ganze Natur, mit offenem Maule angucken und ſeine allenfallſigen Betrachtungen befördern höchſtens ſeine Verdauung— während einen denkenden Kopf die Geheimniſſe der Natur— vor allem die Aſtro⸗ nomie— wahnſinnig machen, tödten können. Und wahr⸗ lich, wahrlich!“— ſetzte er ſeufzend hinzu—„man ſollte ſich manchmal im Leben wünſchen ein Schaaf oder Dumm⸗ kopf zu ſein— denn während der Kluge darbt und an — ſich ſelbſt verzweifelt,— ſitzen jene Beiden ſo recht in der Wolle, freſſen, blöcken und werden fett.“ Er ſchüttelte den Kopf und griff neuerdings in die Büchſe, als ſich die Thür öffnete und der dicke Wirth mit Hut und Stock eintrat. Engelbert käuchte und ſchnaufte entſetzlich und mußte lange nach Athem ſchnappen. Als er zu ſich ge⸗ kommen, wiſchte er ſich das in Schweiß gebadete Geſicht und rief finſter: „Hab ich's doch gleich geſagt, das iſt ein verlorner Gang. Und ihr möcht ſchwätzen was S wollt, Doktor, ich behalte doch Recht!“ „In was denn, Lieber?“ frug der Lange und ſeine Züge nahmen den Ausdruck der Neugierde an. „Wenn man bei einem Ausgang zuerſt einem alten Weib begegnet!“ rief der Wirth zornig—„hat man den ganzen Tag Pech, d. h. Unglück.“ Der Lange ſchnitt ein Geſicht, als ob er unerwartet eine Ohrfeige bekommen hätte. „Ja wohl!“ rief er und juckte vor Ungeduld am ganzen Körper, als ob ein Regiment Ameiſen über ſeine Haut ſpaziere—„und wenn ein altes Weib eine Kuh anſieht, iſt ſie behert!“ 33 „Allerdings!“ rief hitzig Engelbert—„ich laufe zum drittenmale zum Amtmann Böckelmaier, und finde ihn zum drittenmale nicht.“ „Und daran iſt das alte Weib ſchuld?“ „Gewiß!“ „Hören Sie, lieber Gevatter Engelbert,“— ſagte leiſe der Naturforſcher—„ich möchte glauben, da ſei eher ein junges als ein altes Weib daran ſchuld.“ „Ei was!“ rief verdroſſen der Wirth—„keine böſen Roden über den Amtmann, er wird mein Schwie⸗ gerſohn!“ „Wie? Wer? Was?“ rief entſetzt der Doktor und ſeine lange Geſtalt fuhr wie eine Rakete in die Höhe, dann ſtemmte er die Arme bolzenſtracks auf den, vor ihm ſtehenden Tiſch, beugte ſeinen dünnen Oberkörper nach dem Wirthe vor und rief:„Wer wird Ihr Schwie⸗ gerſohn?— Der Amtmann Böckelmaier?— der alte, abſcheuliche Kerl;— der Sündenbock?— der Rechtsverdreher? der Geizhals ſoll Euer liebes Hann⸗ chen haben.“ „Herrr Doktor Campius“— ſchnaufte zornig der Wirth und wiegte, wie er zu thun pflegte wenn er böſe I. 3 34 wurde, den ſchwammigen Bauch in beiden Händen— „wenn ſie nicht mein zwanzigjähriger Stammgaſt wären „Herr Engelbert!“— entgegnete gereizt der Dok⸗ tor und hielt dem Dicken eine ſeiner Pflanzen wie dro⸗ hend unter die Naſe—„wenn ich nicht lediglich wegen Hannchen und Ihrem Wein herkäme—— aber das thut alles nichts. Ich ſage Ihnen, der Amtmann be⸗ . kömmt, ſo lang ich lebe, ihr Hannchen nicht.“ 1 „Und ich ſage Ihnen!“— ſchrie der Wirth ganz roth und blau vor Zorn—„ſo wahr ich Hannchen's* Vater bin, ſie wird Amtmännin...“ er wollte noch weiter ſchreien, brach aber hier unwillkürlich in ein ge⸗ waltſames Nieſen aus. Als er ſich erhob, war er ruhi⸗ ger geworden und mit der Freude eines Siegers um ſich blickend, ſagte er wohlgefällig: „„Ereifern wir uns nicht, Doktor. Sie wird doch Amtmännin, denn ich hab's benoſſen.“ „Warum haben Sie genieſt?“ frug der Naturfor⸗ ſcher ironiſch und ſah die Pflanze an, die er in den Händen hielt. „Weil mein Ausſpruch richtig iſt, denn was man benieſt, wird wahr.“ 35 „Logiſch geſchloſſen!“ rief der Naturforſcher.— Aber den Teufel auch! Sie mußten nieſen, weil ich Ihnen Helleborus foetidas, die ſtinkende Nieswurz, eine bei uns ſehr ſeltene Pflanze, unter die Naſe hielt.“ „Ja wohl!“— brummte der Wirth—„möchten Sie doch ſchon wieder mit ihrer Natur kommen.“ „Na!“— ſagte der Lange, ſetzte ſich wieder und barg ſeinen botaniſchen Schatz in der Kapſel—„iſt Nieſen etwas Uebernatürliches?— Ich will Ihnen ſagen woher es meiſt kömmt. Haben ſich fremde Körper in die Naſe geſetzt, ſo entſteht ein Kitzel in der Schleim⸗ haut derſelben; die eben eingeathmete Luft wird eine kurze Zeit lang in den Lungen zurückgehalten, und Stimm⸗ ritze und Kehlkopf ziehen ſich zuſammen. Dieſem krampf⸗ haften Zuſammenziehen der Muskeln folgt eine gewalt⸗ ſame Entladung der Luft durch die Stimmritze, unter dem bekannten Geräuſche. Eine wohlthätige Erſchütte⸗ rung bewegt den ganzen Körper; Thränen, Naſenſchleim und Speichel vermehren ſich, und ſpülen den fremden Körper los. Das iſt die ganze Geſchichte.“ „Pfui!“— rief der Wirth—„wer wird von Na⸗ ſenſchleim und Speichel in anſtändiger Geſellſchaft ſprechen!“ 3* 36 „O die Superklugen!“— ſagte der Doktor—„die Feinen!— Sie ſchämen ſich, von der wunderbar weiſen Einrichtung der Natur zu ſprechen, aber ſie entblöden ſich nicht, jeden Unſinn und Aberglauben als Weisheit aus⸗ zuſchreien. Glaubt Ihr, es gäbe in der Natur auch Adel und Plebs?— Iſt die Thräne etwas Beſſeres als der Speichel?— Der Kopf mehr als— um Ihr Zartgefühl nicht zu verletzen, will ich lateiniſch reden— der Podex?— Aber Gott mag Euch Eure Sünde ver⸗ geben! Ihr ſchämt Euch Eurer Mutter, der allliebenden Natur, und daher kömmt es denn guch, daß Ihr das widernatürlichſte Zeug glaubt und begeht.“ „Natur! und Natur!“— entgegnete der Wirth halb ärgerlich—„man meint es gäbe auch nichts Höheres als die Natur.“ „So?“— entgegnete ſtaunend der Lange—„was gibt es denn noch Höheres, Herr Europäiſcher⸗Hof⸗Wirth?“ „Die Civiliſation!“ entgegnete der Dicke ernſt— „die erſt den Menſchen zum Menſchen macht.“ „Ja ſo! ja ſo!“ rief der Doktor—„freilich an die Kokette habe ich nicht gedacht. Die Civiliſation wird es dann wohl auch ſein, die Ihnen, Verehrteſter, gebietet, das Glück Ihres Kindes mit Füßen zu treten, und gegen 37 die Stimme der Natur ein junges, blühendes, lebens⸗ frohes Mädchen mit einem alten, ausgedörrten, verlebten Sünder zu verbinden.“ „Laſſen wir dies!“— ſagte der Wirth heftig und ſchon ſtieg ihm die Zornröthe wieder zu Geſicht. „Sein Sie doch nicht gleich ſo zornig wie ein Trut⸗ hahn!“— bat gelaſſen der Doktor,—„die Sache iſt wichtig und daß ich Hannchen wohl will, wiſſen Sie.“ „Ich will es gewiß als Vater noch mehr. Aber die Zeiten ſind ſchlecht! Der Böckelmaier iſt allerdings ſchon ein alter Knopf, aber er hat Amt und Titel, und vor Allem ſehr viel Geld.“ „Geld! Geld! wie lieb ich dich!“— jammerte der Naturforſcher. Dann trank er ſein Glas aus, rückte ſeinem Freunde näher, legte die beiden Vorderarme kreuz⸗ weis auf den Tiſch und ſagte ganz ruhig: Verehrter Herr Engelbert, es iſt mir leid, wenn Sie's kränken ſollte; aber s'iſt mal nicht anders: der Menſch iſt ein veredeltes Vieh!“ „Was?“— ſchrie der Wirth zurückrückend,—„wol⸗ len ſie mich beleidigen?⸗ „Ganz und gar nicht lieber Freund“— entgegnete ruhig der Naturforſcher—„denn wenn ich ſage: der — Menſch iſt ein veredeltes Vieh!— ſo ſpreche ich im All⸗ gemeinen— vom genus und nicht von einer Einzelheit. Ich will auch hier keine gelehrten Hypotheſen aufſtellen, noch behaupten, der Menſch ſei ein veredelter Affe, ſon⸗ dern ich ſage nur: der Menſch iſt ſeiner Natur nach ein doppeltes Weſen, ein körperliches und ein geiſtiges; und die Zoologie hat die gleichen Rechte und Anſprüche auf ihn zu machen als die Pſychologie. Keine Seele kann denn auch beſtreiten, daß der Menſch unter die Säuge⸗ thiere gehört, und unter dieſen die erſte Ordnung, die der Wadenthiere oder Zweihänder, ausmacht. Er fühlt und begehrt mit dem Thierez freilich aber hebt ihn dann auch wieder ein unendlich höheres, geiſtigeres Leben über die Beſtien, denn ſeiner ſterblichen thieriſchen Seele ge⸗ ſellt ſich der unſterbliche Geiſt bei.“ „Nichts deſto weniger bleibt die thieriſche Exiſtenz für den Menſchen auf Erden die erſte Bedingung, und ſie zu erhalten, muß er, wie das liebe Vieh, eſſen, trin⸗ ken, ſchlafen und wenn ſein Geſchlecht nicht ausſterben ſoll, ſich begatten. Hat er aber mit dem Thier gleiche Bedürfniſſe, ſind ihm auch von der Natur, deren Ge⸗ ſchöpf er iſt, mit jenem gleiche Regeln zur Befriedi⸗ gung ſeiner Triebe vorgeſchrieben, und er muß, will er 39 ſich nicht ſelbſt unglücklich machen, dieſen heiligen Ge⸗ ſetzen folgen.“ „Jetzt frage ich aber: geſchieht dies unter uns Men⸗ ſchen?— Antwort: nein!— und zwar nirgends weniger als gerade da, wo es von der größten Wichtigkeit wäre, bei der Begattung. Das Thier— hierin glücklicher als der Menſch, leitet der Inſtinet— uns, welchen neben dem Inſtincte die höhere Natur auch noch das Vorrecht der freien Wahl gibt, wird eben dieſe Bevorzugung gar oft zum Fluch. Stolz die Naturgeſetze überblickend, ver⸗ achten wir ſie und überſehen es, daß auch ihr Grund⸗ prineip, ſo gut wie das der Geſetze der geiſtigen Welt, die Liebe iſt. Mag es ſich nun bei den Thieren im Inſtinkt, bei den unorganiſchen Stoffen in den Geſetzen der Bewegung, des Drucks, des Falls, des Galvanis⸗ mus, der Electricität, des Magnetismus, der Schwere, der Trägheit, der Anziehung äußern— immer iſt die Grundlage aller dieſer Regeln und Erſcheinungen die Liebe, jene Liebe, die, mehr oder weniger verhüllt,— eine Gottesflamme,— das Weltall durchglüht, erhält und in ihrem Daſein trägt. Aus ihr entſteht der er⸗ ſtaunenswerth⸗weiſe Haushalt der Natur; aus ihr geht, durch jene Geſetze, die Harmonie der bewußt⸗ 40 loſen Natur hervor, ſie wird uns zur großen Offenbarung Gottes.“ „In ſüßem, wenn auch unbewußten Drange ſchie⸗ ßen die Kriſtalle an;— aber— nur gleichartige Theilchen verbinden ſich zu dieſen regelmäßigen und höchſten Gebilden des Mineralreichs.“ „Wie viel deutlicher noch, tritt uns dagegen ſchon im Pflanzenreiche der Zug der Liebe entgegen. Hier fin⸗ den wir ſchon Geſchlechtsverſchiedenheit, ja bei vielen ſo⸗ gar getrennte männliche und weibliche Pflanzen, wie zum Beiſpiel bei dem Hopfen, Hanf u. ſ. w. In geheimniß⸗ nißvollem Walten ſucht der zarte Blumenſtaub,— der ſtark vergrößert, ſich als kleine Bläschen zeigt, welche ein überaus feines, duftiges Pulver enthalten,— den Pistillum oder Staubweg. Senkt ſich auf deſſen oberen Theil, die Narbe, zerplatzt und befruchtet ſo in wollüſtigem Dufte die noch ſchlummernden Saamenkörner. Aber auch hier kann ſich nur Gleichartiges Gleichem ge⸗ ſellen, auch hier leitet ein feiner ſchon inſtinetartiger Zug der Liebe, das ſich Nahen, Geben und Empfangen.“ „Daß das Thier ein nie fehlender Inſtinct leitet, iſt bekannt. Eben ſo, daß manche Gattungen feſte Ehen ſchlie⸗ ßen; ja Aeußerungen von Anhänglichkeit und Liebe ſind 41 unter den Thierpaaren keine Seltenheit. Daſſelbe Geſetz welches aber im Kriſtall nur gleichartige Theilchen aufnimmt,*. welches den Saamen einer Gattung nur den Fruchtknoten derſelben Art zuſichert— leitet auch das Thier. Der Löwe wird ſich nicht ein Schaaf zur Le⸗ bensgefährtin wählen, die Hyäne keinen Tiger, der Adler keine Taube. Selbſt Zwang iſt hier meiſt fruchtlos; denn die Natur hat eine gewiſſe Neigung, eine be⸗ ſtimmte Harmonie zur Grundbedingung der Vereinigung der Geſchlechter gemacht, da der Liebe allein das göttliche Vorrecht des Schaf⸗ fens vorbehalten iſt.“ „Nur der Menſch, der ſtolze König der Schöpfung! — er!— der unter allen Creaturen allein fähig iſt, den Werth, die göttliche Schöne der Liebe, ihre tiefe Bedeu⸗ tung und ihr Glück zu würdigen— und er achtet das ewige Grundgeſetz der Natur nicht— nur ihm iſt es gleichgültig, ob ſein Inwres mit dem Weſen harmonire, das er für die Dauer ſeines Lebens an ſich kettet;— nur er, deſſen höchſtes Streben es ſein ſollte, die dunklen An⸗ deutungen der Natur zu entziffern, und— um ſein Glück zu gründen— ihren Winken zu folgen— nur er verlacht den himmliſchen Drang der Liebe, und folgt rückſichtslos 42 ſeinen oft verſchrobenen Lebensanſichten, ſeinem Eigennutz und ſeiner Habgier.“ „Kann aber da wahres Glück beſtehen, wo man der Natur entgegentritt?— Gewiß und wahrhaftig nicht!— denn jede Störung, jeder Zwang der Natur rächt ſich an ſich ſelbſt. Und wie dies alles vom Körper gilt, alſo geht es auch mit dem Geiſte. Hätten wir nicht ſo viele Zwangs⸗ und ſogenannte Convenienz⸗Ehen, bei Gott! wir wären andere Kerls,— und wenn es wahr iſt, daß die längſt hingegangenen Geſchlechter größer, ſchöner, kräftiger als wir waren, ſo kam es einzig davon her, daß die Aeltern damals nicht des Teufels waren und ihre Lichter zu un⸗ natürlichen Ehebündniſſe zwangen!“ Der Doktor der während ſeiner Rede ſo in Eifer gekommen war, daß ſein Geſicht ordentlich wie Rubin glühte, ſchwieg hier und entſchädigte ſeinen lange trocken gebliebenen Gaumen durch einen tüchtigen Zug. Der Dicke aber der voll Verwunderung dem Naturforſcher zu⸗ gehört, ſagte, als er ſah, daß jener geendet: „Und was iſt der langen Rede kurzer Sinn?“ „Daß es gottvergeſſen von ihnen iſt“— rief der Lange—„wenn Sie Hannchen, das liebe Täubchen, 43 mit dem Vultur perenopterus, dem Aasgeier von Böe⸗ kelmaier, paaren wollen.“ „Hab' ich denn geſagt, daß ich ſie zwingen will?“ frug der Wirth ärgerlich.„Ich bei ſchlechten Zeiten nur darauf bedacht ſein.. „Schon der Gedanke iſt Sünde!“ entgegnete der Doktor. „Herr Engelbert!“— ſagte hier mit gepreßter Stimme der Oberkellner, der den größten Theil des Ge⸗ ſpräches mit Herzklopfen angehört—„da Sie doch einen Punkt berühren— da Sie eben— indem ich——“ „Nun?“ fragte der Gaſthalter geſpannt.—„Was gibt's? Seit wann ſind Sie ſo verlegen worden?— Es iſt doch nichts paſſirt?— Kein Fremder durchgegangen? — Kein Weinfaß ausgelaufen?— Nichts geſtohlen?“ „Keins von allem dem“— antwortete Adolph mu⸗ thiger—„aber Sie ſprechen eben mit dem Herrn Doktor über Liebe,— über Fräulein Hannchen's Zukunft— über ihr Glück,— und da das gerade zu meinem Vor⸗ baben paßt,—— ſo wollte mir erlauben Ihnen, geehr⸗ ter Herr Principal, zu geſtehen: daß ich Hannchen bis zum Sterben liebe, und von ihr wiedergeliebt werde, und unſer beiderſeitiges Lebensglück von Ihnen abhängt.“ Eiskaltes Waſſer über einen im Schweiß Gebadeten! Salzconfect in den gierig hineinbeißenden Mund eines Naſchers! Eine Ohrfeige ſtatt einem Kuß! Enterbung ſtatt der Erbſchaft!— Alles dies könnte kein größeres Stau⸗ nen, keine bitter⸗ſüßere, zwiſchen Zorn und Spott ſchwan⸗ kende Miene hervorrufen, als dieſe Bewerbung bei En⸗ gelbert bewirkte. Er ſchnaufte in ſeinem Fett, wiegte lange den Schmerbauch, ſah bald den ebenfalls, aber frendig ſtau⸗ nenden Doktor, bald den armen Oberkellner an, und rief endlich mit heißerem Lachen: „Adolph! ich glaub' Sie ſind verrückt?— Was kommt Ihnen in den Sinn? Sie ſind ein ganz braver Kellner— aber— nach der Tochter des Beſitzers vom Europäiſchen Hof werden Sie doch die Naſe nicht recken?“ „Herr Engelbert, es gilt ſo gut das Glück Ihres einzigen Kindes, als das meine,“ entgegnete Adolph beſcheiden. „So!— Sie Glücksprinz!“— rief finſterer der Wirth und wie ſein ſchwammiges Geſicht roth und röther wurde, ſtieg ihm der Zorn.„Und was haben Sie in der Taſche. Bei dieſen ſchlechten Zeiten iſt Geld die Haupt⸗ ſache.“ 45 „Vermögen“— entgegnete Adolph ruhig—„habe ich keines, das wiſſen Sie, aber ich glaube bewieſen zu haben.. „Daß Sie ein Narr ſind!“ rief Engelbert hitzig. Aber in dem Augenblick öffnete ſich eine Nebenthüre und Hannchen ſprang herein, fiel dem Vater trotz deſſen grimmigen Abwehren, um den Hals, küßte und herzte ihn, und einte ihr Bitten ſo heiß und innig mit Ad olph's Flehen, daß es dem Doktor unbegreiflich wurde wie der Alte,— wie ein Menſch— wie ein Vater hier widerſtehen konnte. Aber gerade dies Zuſammenwirken brachte Engel⸗ bert völlig außer ſich. Er glaubte ein ſchon lange vor⸗ bereitetes Bündniß darin zu erkennen;z vermuthete den Doktor, ſeiner Reden wegen, mit in dem Complott, und ſchwur nun in ſeinem Zorn hoch und theuer: er werde nie und nimmer ſein Kind einem Menſchen ohne Vermö⸗ gen geben, und wenn Hannchen den Amtmann nicht heirathe, ſo möge ſie Jungfer bleiben Zeitlebens. Mit dieſen Worten ſtieß er die erſtarrte Tochter zu⸗ rück, ergriff Hut und Rock und lief wie toll und raſend dem Hauſe hinaus. 46 Dieſe Scene hatte für lange Zeit den Frieden im Engelbert'ſchen Hauſe geſtört. Adolph's ſchwache Hoffnungen waren geknickt und ſein Urtheil geſprochen, denn obgleich er aus einer guten Familie ſtammte, ſo war doch ſein Vater durch Unglücks⸗ fülle ſo zurückgekommen, daß er ihm auch nicht das ge⸗ ringſte Vermögen hinterlaſſen konnte. Unter allen Qualen der Erde iſt aber wohl hoffnungs⸗ loſe Liebe eine der größten, und der arme Oberkellner mußte auch noch dazu, gleich Tantalus, den Gegenſtand ſeiner heißen Wünſche beſtändig vor Augen haben, ohne ihn erreichen zu können. Sein Herz war leer und kalt, das Leben ekelte ihn an, die Beſchäftigungen die er bisher mit Luſt und Liebe getrieben, welchen er ſogar Bedeutung unterlegt hatte, wurden ihm gehaltlos und zur Laſt, und ſein weiches Gemüth fand nur in einer noch geſteigerteren Sorgfalt bei der Pflege des, ja ebenfalls leidenden Engländers einigen Troſt. Hannchen nahm des Vaters Weigerung,— nach⸗ dem der erſte Schreck bei ihr vorüber war— nicht ſo hoch auf.„Er iſt doch, trotz ſeines Hitzkopfes ein guter Mann,“— ſagte ſie tröſtend zu Adolph,—„der Sie ſchätzt und mich liebt. Er wird und muß mit der Zeit nachgeben; denn ſieht er erſt einmal daß ich den unleid⸗ lichen Amtmann nicht will, und überhaupt keinen anderen Mann zum Gatten nehme als Sie, wird er ſich ſchon beſinnen und ja ſagen. Von mir können Sie, lieber Adolph, verſichert ſein, daß ich Ihnen, nach wie vor, herzlich gut bleibe, wenn ich auch hinter meines Vaters Rücken kein Einverſtändniß und kein Verhältniß erhalten darf. Laſſen Sie uns Beide wie bisher recht eifrig unſere Pflichten erfüllen, und recht thätig ſein; ſo vergeſſen wir unſeren Schmerz, ziehen aus unſerer gegenſeitigen Nähe einen ſüßen Troſt, und können uns— kommt erſt der Augenblick der unſere Beharrlichkeit mit des Vaters Nach⸗ giebigkeit lohnt— um ſo herzlicher und inniger, um ſo ſeliger umarmen.“ Dies ſagend ließ ſie ſich willig von dem verzagenden Geliebten an das Herz drücken, erwiederte ſeinen Kuß mit einem noch glühenderen, riß ſich dann los und that wie ſie eben geſagt. Am aller unbehaglichſten im„Europäiſchen Hofe⸗ aber fühlte ſich der Beſitzer deſſelben. Hannchen ſetzte zwar weder die kindliche Achtung gegen ihn zurück, noch ſchmollte oder weinte und klagte ſie; aber ſie war kälter 48 und ernſter gegen ihn, und als der projektirte Bräutigam, der Herr Amtmann Böckelmaier, heranrückte und ihr die Cour machen wollte, wandte ſie ſich zu ihm und ſagte ſo gelaſſen als beſtimmt: „Herr Amtmann, ſparen Sie ſich alle Mühe. Ich weis wo Sie hinauswollen, Sie möchten mich zur Frau. Da ich aber ſchon einen Anderen gern habe, ſo können Sie verſichert ſein, daß ich Sie niemals heirathe und wenn Sie auch noch viel reicher, und noch jung und ſchön dazu wären.“ Der Amtmann war klug genug dieſe deutſche Anrede zu verſtehen. Er nahm den Korb ſchweigend an, trug aber in der ganzen Stadt aus: er habe das Bauern⸗ Mädchen, die Engelbert, mit einer Liebeserklärung zum Beſten gehabt. Reſidenzen und Kaffeeſtuben haben aber die Ahnlich⸗ keit, daß in beiden viel geklatſcht wird. So kam es, daß der Vater bald hörte was man von Böckelmaier und ſeiner Tochter ſprach, und dieſe Bosheit ärgerte ihn auf's Neue. Selbſt an ſeinem älteſten Stammgaſte und Freunde, am langen Doktor Campius hatte Engelbert jetzt keinen Troſt mehr; da ihn dieſer wegen ſeinem, wie er nannte, naturwidrigen Handeln, ſo oft er ihn ſah, quälte 49 und ärgerte, und ſo trieb den dicken Gaſthalter Unbehag⸗ lichkeit und Mißmuth oft halbe Tage lang aus ſeinem Hauſe, das er früher ſo ſelten und ſo ungerne verlaſſen. Adolph befolgte übrigens, ſo weit er es im Stande war, Hannchen's Rath. Er ging ſtill und in ſich ge⸗ kehrt ſeinen Pflichten nach, und widmete namentlich jede freie Minute der Pflege des armen Engländers, deſſen Krankheit indeſſen eine ſehr ernſte Wendung genommen, und der bereits unrettbar verloren ſchien. So ſtanden die Dinge, als eines Nachmittags, zur Zeit in welcher gewöhnlich Engelbert und Campius im Gaſtzimmer des„Europäiſchen Hofes zuſammen kamen, der Wirth mit einem ſo finſteren und ängſtlichen Geſichte in den Saal trat, daß der Doktor ſich veranlaßt fühlte, nach der Urſache dieſer beſondern Mißſtimmung zu fragen. „Unglück über Unglück!“— ſeufzte der dicke Mann— „wer weiß wen es trifft. Bei dem Aerger über die ſchlech⸗ ten Zeiten und dieſer enormen Hitze kann einem ohnehin leicht genug der Schlag treffen.“ „Was ſoll denn treffen?“ frug Campius. „Nichts ſoll treffen; aber es wird eintreffen!“ ſagte Engelbert und ließ ſich ſchnaufend an der Seite des treuen Gaſtes nieder. n. 4 50 „Was denn?“ frug dieſer wiederholt. „Ach! Ihr ungläubiger Thomas wollt doch wieder nichts davon wiſſen.“. „Ha! ha! merk's ſchon!“— rief der Lange—„es drückt wieder ein Aberglaube auf Euer Gehirn.“ „Lieber Freund!“— ftöhnte ängſtlich der Wirth— „wenn's nur diesmal nicht wahr wird!— Als ich eben mein Nachmittagsſchläfchen machen wollte— denken Sie fich— höre ich einen ängſtlichen, klagenden Ruf— es fährt mir durch Mark und Bein.— Ich ſchiebe mich vom Sopha herab,— ich horche, wo der verdammte Ton herkommt— er leitet mich zum Fenſter— ich ſchaue hin⸗ aus— und— ſo wahr Gott lebt! der Schlag hätte mich bald getroffen!— ich ſehe ganz deutlich... „Nun, um's Himmelsillen, was denn, doch kein Feuer?— es blieb ja alles ſtill!“ „Gerade gegen mir über auf dem Dache—“ „Nun, am Ende den Teufel mit Haut und Haar!“ „Schlimmer!“— ſtöhnte Engelbert—„einen Todtenvogel! „Da haben wir's“— rief grimmig Campius— „und das unſchuldige Vieh das Käutzchen— Strin pas⸗ serina— ein Vogel, kaum ſieben Zoll hoch, den der Hun⸗ ger höchſt wahrſcheinlich aus ſeinem Loche getrieben hat, hätte Sie bald in der That um das Leben gebracht, weil Ihr Aberglaube Sie ſo gewaltig erſchreckt, daß Sie, wie Sie ja ſelbſt geſtehen, faſt der Schlag getroffen.“ „Darum iſt es ja eben ein Todtenvogel!“— ſeufzte der Wirth—„und da mögen Sie her demonſtriren, was Sie wollen, es bleibt doch wahr:„Wer einen Todtenvo⸗ gel hört und ſieht, bald in's andre Leben zieht! „Sie ſind Ihr eigner Todtenvogel!“— zürnte der ſonſt meiſt ſo gelaſſene Naturforſcher.—„Kann man ſi ch denn einen größern Unſinn denken, als ſich ſyſtematiſch das eigene Leben zu verbittern und ſich mit lauter Martern zu Tode zu quälen. Die Mönche, die ſich zu Tode hun⸗ gern, oder ſich geißeln, daß ihnen das Fleiſch in Lappen vom Leibe herunter hängt; die Fakire und indiſche Hei⸗ ligen, die Jahrzehnte lang in einer und derſelben Stel⸗ lung verharren, ſich an Haken, welche durch das Fleiſch des Rückens getrieben ſind, in die Höhe ziehen laſſen; bei lebendigem Leibe ſelbſt röſten und braten oder auch ſich auf tauſend andere Arten martern— was ſind das?“ „Narren!“ entgegnete der Dicke lakoniſch. „Und die, welche,— wenn ihnen des Morgens eine Spinne entgegenläuft, oder ein altes Weib begegnet, oder 4* 52 es Freitag iſt— ſich den lieben langen Tag ängſtigen und quälen und mit dem Gedanken martern: heute be⸗ gegnet dir ein Unglück!— oder gar, wenn ein Käutzchen ſchreit und ein Holzwurm, ſeine Nahrung ſuchend, klopft — ſo gewaltig vor dieſen vermeintlichen Todesboten er⸗ ſchrecken, ſich ſo ängſtigen, daß ſie allerdings Gefahr lau⸗ fen, zu ſterben— was ſind das?“— Der Dicke ſchwieg eine Minute verlegen. „Narren!“ rief der Lange und ſchob ſeinen Ober⸗ körper über den Tiſch bis zu dem Freunde.—„Und ein Narr iſt der, der mitten in der heiterſten Luſt, in der fröhlichſten Geſellſchaft, im glücklichſten Zuſtande des Le⸗ bens— auf einmal todtenbleich auffährt, weil dreizehn Perſonen am Tiſche ſitzen und er nun denkt: einer von uns muß bald ſterben!— Seine Freude iſt hin; und er trägt, namentlich wenn er ohnehin etwas leidend iſt, viel⸗ leicht dieſen Gedanken ſo lange mit ſich herum, bis ihn derſelbe durch Angſt und Sorge wirklich unter die Erde bringt. Was aber kann der Schrei eines Vogels, das Klopfen eines Wurmes, die Zahl dreizehn für einen Ein⸗ fluß auf Lebensdauer und Geſundheit der Menſchen üben?“ „Wer hat auch das geſagt?“ entgegnete der Wirth,„aber Vorbedeutungen ſind es! Vorbedeutungen, die nichttrügen!“ 53 „Hätte ich doch jedesmal wenn ſolche Vorbedeutungen nicht eintreffen, eine Flaſche Johannisberger“— ſagte Campius,—„der Keller des Fürſten Metternich würde bald leer von dieſem edlen Naß ſein. Aber das iſt das Unglück und der verdammte Eigenſinn von Euch Aber⸗ gläubigen. An die Hunderttauſendmale, bei wel⸗ chen der ſchlechte Witz nicht eintrifft, denkt keine Seele, das einmal dagegen, wo ein Zufall der Prophezei⸗ hung günſtig iſt, ſchreit alle Welt: ſeht ihr, wie es ein⸗ trifft!“ „Ich wünſche, ich hätte heute Unrecht!“— ſeufzte kleingläubig Engelbert. „Können Sie, beſter Freund, ſich denn gar nicht klar machen, daß in der Natur nichts un⸗ und nichts über⸗ natürlich ſein kann?— daß, was ich Ihnen ſchon ſo oft erwähnt, jede Wirkung eine vernunft⸗ und naturgemäße urſache haben muß?— Begreifen Sie denn nicht, daß der Abergläubiſche entweder Urſache und Wirkung ver⸗ wechſelt, oder der Wirkung eine falſche Urſache unterlegt — wie Sie hier bei dem Käutzchen, welches nicht einen nahen Todesfall zu kündigen, ſondern aus Hunger ſchreit.“ 54 „Ich habe aber von Kindesbeinen gehört, das Klopfen des Holzwurms und das Schreien des Todtenvogels habe dieſe Bedeutung!“ erwiederte der Dicke. „O Erziehung! Wie weit ſind wir doch in dieſer Kunſt noch zurück! Hätten die Menſchen nur einen rich⸗ tigen Begriff von den Naturerſcheinungen, und ließen fie nicht ſo häufig ihre Vernunft durch die Einbildungskraft beherrſchen, ſie würden keine ſo wahnſinnigen Urtheile fäl⸗ len und keine ſo verrückten Schlüſſe machen. Dazu kommt denn noch der Eigenfinn, mit welchem ſich die Menſchen gegen jede Annahme von Vernunft wehren. Ich kannte in früheren Zeiten einen jungen Mann, der nie zum Ke⸗ gelſpiel kam, wenn er nicht den Kopf einer Blindſchleiche bei ſich hatte. Er behauptete: dadurch gewinnen zu müſ⸗ ſen. Verlor er nun, was, der Blindſchleichenköpfe unge⸗ achtet doch häuſig vorkam, und ich machte ihn auf ſeinen unſinnigen Glauben aufmerkſam; meinte er: es müſſe noch Jemand von der Geſellſchaft einen gleichen Talisman bei ſich tragen, und dies vereitle, die Wirkſamkeit des ſeinen. Was ſoll man da thun?“ „Schweigen und glauben!“— ächzte der Wirth. „Und ſich und Andere unglücklich machen!“ entgeg⸗ nete finſter der Lange.—„Jeder Irrthum iſt ſchon an 55 und für ſich eine Feſſel des Verſtandes. Wenn man aber aus den einfachſten Naturerſcheinungen etwas Ueberna⸗ türliches zu ziehen bemüht iſt, welchen ſchädlichen Einfluß muß dies auf das Leben üben. Geſetzt, Sie hätten heute etwas Wichtiges zu thun, würden Sie dies, namentlich wenn Ihr ruhiger Verſtand mitwirken ſollte, vollziehen können?— Nimmermehr!— Ihre Thatkraft iſt gelähmt, Ihre Gedanken feſſeln und peinigen Vorurtheile, das Leben, für welches Sie fürchten, ſteht auf dem Spiele und aus Vorſicht bleiben Sie zu Hauſe und unterlaſſen jedes Handeln—— und warum?— weil eine Eule geſchrien hat.“ „Sie haben Recht!“— ſagte verdrießlich der Wirth —„aber wer kann für die innere Stimme.“ „Ei was!“— rief der Raturforſcher hier, ernſtlich böſe—„wollen Sie auch noch den Wahnſinn heiligen? Es gibt nur eine innere Stimme, und dies iſt die Stimme der göttlichen Vernunft. Was Sie meinen, mein Werthgeſchätzter, iſt das ausgeſungene Lied der lieben Gewohnheit, mit dem wir Menſchen unſere Fehler gar zu gern verdecken. Faulheit iſt's Verehrter, Denk⸗ faulheit, die lieber das Alte und Hergebrachte nachfingt, als prüfend die Wahrheit ergründet.“ 56 „Nun wir wollen ſeh'n wer von uns Beiden Recht behält!“— ſagte Engelbert noch immer verzagt. „Sie!“ entgegnete ärgerlich und halblaut Campius und ſchenkte ſich neu ein—„alte Weiber behalten ſtets das letzte Wort.“ Der Gaſthalter hatte dies nicht gehört, denn ſeine Aufmerkſamkeit war auf den Hausarzt gerichtet der eben in den Wirthsſaal trat. Der Mediciner war ein blutjunger, unanſehnlicher und ſchmächtiger Mann, mit einem blaſſen Geſichte, wel⸗ ches er mit vielem Anſtand in die ernſteſten Falten ge⸗ legt. Der Ausvruck der Wichtigkeit, den er ſich gab, kontraſtirte ſcharf mit dem geſuchten wodiſchen Anzuge, der eher einen Dandin als einen Gelehrten verrieth. Aber Dr. Hoffmann war berühmt und hatte eine große Praris,— denn— ſeine Frau war aus einer der an⸗ geſehenſten Familien der Stadt. Auch im„Europäi⸗ ſchen Hofe“ war er, wie erwähnt, Hausarzt und kam jetzt eben mit unheilverkündenden Mienen auf den Beſitzer deſſelben zu. Engelbert, dem heute, ſeit dem geſtörten Nach⸗ mittagsſchläfchen nur Todesgedanken durch den Kopf liefen, ging mit einem leiſen Schauer dem Schüler des Asku⸗ 57 lapius entgegen. Während Campius, der den eingebil⸗ deten, nichts wiſſenden Doktor wie die Peſt haßte, ein Glas nach dem andern austrank und ihn, leiſe murmelnd, den wahren Todtenvogel, den effectiven Holzwurm nannte. „Was bringen Sie Schlimmes, in dieſen ſchlechten Zeiten, Herr Doktor?“— redete der Gaſthalter den Ein⸗ getretenen an. „Nicht viel von Belang!“— entgegnete der Arzt —„der Engländer auf Numero fünf und dreißig wird heute oder morgen ſterben, er hat ein hitziges Fieber.“ Drei ſich ſchroff entgegenſtehende Empfindungen kreuz⸗ ten ſich bei dieſen Worten in Engelbert's Bruſt. Die Freude, daß das Eulengeſchrei nun wahrſcheinlich auch nicht ihm gegolten habe, der Aerger, daß ein Fremder in ſeinem Gaſthofe am Verſcheiden liege und der Triumph ſeiner Ahnung. So kam es denn, daß auch auf einen Moment ſein Mund lachte, ſeine fleiſchige Stirne ſich faltete und ſeine Blicke mit Siegesfreude nach dem Na⸗ turforſcher blitzten. Campius verſtand die Sprache ſeiner Augen und von einem leiſen Anfluge von Bosheit getrieben, rief er mit Beziehung: 58 „Krank iſt noch nicht todt! mancher Arzt hat ſchon dadurch ſeinen Patienten gerettet, daß er ihn aufgegeben. Die Natur iſt die beſte Pflegerin des Menſchen.“ „Es wundert mich, daß der gelehrte Naturforſcher, Herr Doktor Campius, alsdann nicht ſelbſt practi⸗ zirt, und die Leute mit Natur curirt!“ ſagte ironiſch lächelnd der Arzt. „Dann würde ich denſelben unklugen Weg einſchla⸗ gen, den die meiſten renommirten Aerzte wandeln!“ ent⸗ gegnete der Lange ernſt—„und eine Kunſt ausüben wollen, die nur darin beſteht, daß man der Natur unter die Arme greift, und dann die Sache gehen läßt, wie ſie eben geht.“ „Wie!“— rief der Medieiner, gelb vor Aerger wer⸗ dend—„Sie läugnen den großen Werth, die enorme Wichtigkeit, die Macht der Medicin?“ „Keinesweges!— Aber ich verlache die Anmaßun⸗ gen vieler ihrer Jünger. Aerzte und Theologen ſtützen ihren Ruhm auf ein und daſſelbe unſichere Fundament. Die Schwäche Anderer, iſt ihre Stärke; aber ſobald man ihnen feſt entgegentritt, geben ſie nach und geſtehen: daß der größte Theil ihres Wiſſens Schein iſt. Wer in die Herzen Beider zu blicken vermag, gewahrt, daß 59 die meiſten Aerzte über ihre Wiſſenſchaft ſpotten, und die Theologen ihren Gott geradezu läugnen.“ Der Hausarzt zuckte verächtlich die Achſeln.„Daß Sie alles läugnen, was nicht in Ihr Syſtem paßt“— rief er mit ſtolzer Miene—„weiß die Welt. Hätte ich Zeit, es ſollte mir ein Geringes ſein Sie zu widerlegen. Aber die Pflicht ruft, meine Praxis iſt ſo ausgedehnt, daß ich, ſelbſt fahrend, kaum bei meinen Patienten allen herumkomme. Daher auf ein andermal mehr davon.“ Und ſich zu Engelbert wendend, fuhr er wichtig fort: „Alſo, mein Beſter, damit Sie's wiſſen, der Engländer ſtirbt heute oder morgen, denn er hat das Gallen⸗ ſieber „Ein hitziges Fieber, wollten Sie ſagen!“— unter⸗ brach Engelbert den Sprechenden. „Oder ein hitziges Fieber— einerlei!“— rief Dr. Hoffmann ungeduldig—„er ſtirbt eben, und da er⸗ ſuche ich Sie vor allen Dingen für meine Bezahlung zu ſorgen. Hier iſt die Rechnung, ich habe ſie einſtweilen aus Vorficht im Voraus gemacht, und meine letzten Gänge, wie die Todtenſchau ſchon darauf geſetzt. Alſo nicht vergeſſen!— nicht wahr?“ und dies ſagend ſchritt er gravi⸗ tätiſch davon und warf ſich wie erſchöpft in ſeinen Wagen. . 60 Campius hatte das Herz voll Galle über den ein⸗ gebildeten Menſchen. Aber ſeine Hoffnung, ſie vor En⸗ gelbert ausſchütten zu können, wurde vereitelt, da dieſer den ihm ſeit der Bewerbung unangenehm gewordenen Oberkellner hart anließ, weil Adolph keine Anzeige von dem übleren Befinden des Fremden gemacht. Adolph beſchrieb auf das Eindringlichſte den Zu⸗ ſtand des Kranken, ſchilderte mit den lebhafteſten Farben ſeine Leiden, ſeine troſtloſe Einſamkeit und ſtellte ſeinem Principale vor, daß ja nur Ruhe und die aufmerkſamſte Pflege denſelben heilen könnten. Aber der Wirth wollte von allem dem nichts wiſſen, und da der edelmüthige junge Mann auf das kräftigſte den Unglücklichen vertheidigte, und dem Anſinnen Engel⸗ berts, den Engländer nach einem Spitale bringen zu laſſen, im Namen der Menſchlichkeit entſchieden entgegen trat; ſo ſtieg in dem Leichterregten mit einem⸗ male der Zorn bis zu einer unglaublichen Höhe. „Ein für allemal!“— rief der dicke Wirth daher mit rothem Kopfe—„Numero fünf und dreißig hat nicht bezahlt und kann nicht bezahlen, und wird deßwegen heute noch nach dem Spitale gebracht.“ „Wenn Sie weiter keinen Grund haben“— ſagte ruhig der Kellner—„ſo will ich Ihnen genügen. Ich werde für den Kranken bezahlen.“ „Ei! ei! wie flott!“ entgegnete Engelbert erboſt. —„Herr Adolph muß das Geld ja dick haben, da er für einen Vagabunden zahlen will.“ „Mein Erſpartes verträgt dieſe Ausgabe“— erwie⸗ derte der Oberkellner mit ſtets gleicher Ruhe,—„und wenn der Fremde, der übrigens nichts weniger als ein Landſtreicher, ſondern ein ſehr gebildeter, und nur ſonder⸗ barer Mann iſt, wieder zu ſich kommt, wird er mir über⸗ dies das Ausgelegte erſetzen.“ „Viel Vertrauen!“ ſpöttelte der Wirth—„aber dem ohnerachtet bleibt er nicht hier; denn ich habe keine Luſt mir meine Fremden durch einen Todtkranken zu verſcheu⸗ chen, und noch weniger will ich eine Leiche im Hauſe haben.“ „Er ſtirbt ſobald noch nicht!“— fuhr Adolph fort. —„Als ich bemerkte, daß der Dr. Hoffmann die Krankheit entweder mißkannte, oder es nicht der Mühe werth hielt, einen armen Menſchen zu bedienen, lief ich nach einem anderen Arzte, und dieſer verſichert nun: es ſei bei dem Patienten eine Kriſis eingetreten, die allen Anſchein zur Beſſerung mit ſich führe.“ 62 „Ihr Arzt iſt ein Schwätzer!“— polterte Engel⸗ bert heraus—„Will er es beſſer als der allberühmte Dr. Hoffmann wiſſen?— und außerdem iſt es gewiß, daß der Kranke ſtirbt, den.. „Denn Herr Engelbert hat einen Todtenvogel gehört!“— unterbrach in ironiſchem Tone Doktor Campius den Sprecher. Aber dieſer Spott machte den kleinen dicken Mann nur noch wüthender, er wiegte im Zorn wie gewöhnlich ſeinen Bauch, ſchnaufte wie eine Dampfmaſchine, und rief endlich keuchend: „Alle tauſend Teufel! warum der Widerſpruch?— Bin ich noch Herr im Haus oder nicht?! Ich will es! ich befehle es! daß man Numero fünf und dreißig au⸗ genblicklich aufpackt und nach dem Fremdenſpitale bringt.“ „Halt!“ rief aber hier mit einemmale in ganz ver⸗ ändertem Tone energiſch Adolph:„Im Namen der Menſchlichkeit und der Gerechtigkeit verbiete ich Jedem, wer es auch ſei, Hand an den Leidenden zu legen.“ „Sie wagen es!“ ſchrie der Wirth außer ſich. „Ja!“ entgegnete Adolph feſt—„Ich habe bisher die Achtung, welche ich Ihnen als meinem Vorgeſetzten, ſchulde, genau beobachtet; ich habe Sie um Mitgefühl 63 angefleht, um Nachſicht gebeten! Sie hörten mich nicht! — Jetzt da Sie Ihr Zorn zu einer Unmenſchlichkeit ver⸗ leiten will, die Sie doch ſpäter bereuen, und die Ihrem Rufe unendlich ſchaden würde— jetzt, wo Sie verlangen: daß man einen Todtkranken, mitten in dem entſcheidenden Momente, aus ſeinem Bett und Zimmer reiße und weg⸗ ſchleppe— jetzt ſage ich Ihnen, daß ich dieſe Grauſamkeit nicht dulde, und mit meinem Leben die Ruhe des Lei⸗ denden vertheidigen werde.“ Hiermit drehte ſich Adolph um, und verließ den Saal, um ſich zu ſeinem Schützlinge zu begeben. Der Ernſt und die Entſchiedenheit des jungen Man⸗ nes hatten mächtig auf Engelbert gewirkt. Da er nicht bösartig, ſondern nur ſehr heftig war, und fühlte, daß er — durch ſeinen Glauben und falſchverſtandenen Geſchäfts⸗ eifer geleitet,— Unrecht in dieſer Sache habe, ſich aber dennoch ſchämte ſein Unrecht zu geſtehen und nachzugeben — ſo ließ er den Oberkellner zwar gewähren, ſchwur aber laut, hoch und theuer, daß ihm nun Adolph ſammt dem Vagabunden aus dem Haus müſſe. Campius und Hannchen, welch' Letztere durch den Lärm gerufen, herbeigeeilt, ſuchten nun zwar den Sturm zu beſchwören; allein vergebens; denn Engel⸗ 64 bert kam dieſer Streit zwiſchen ihm und dem Oberkellner ſehr gelegen; da er nichts ſehnlicher wünſchte, als den mittelloſen Bewerber um die Hand ſeiner Tochter auf eine gute Art los zu werden. Er blieb daher bei ſeinem Schwur, und alles Flehen, Weinen und Jammern der Tochter, die hier zum erſtenmale ihre heitere Seelenruhe verlor und weich wurde, konnte nur für Adolph und ſeinen kranken Freund einen Verzug von acht Tagen be⸗ wirken. Hannchen war troſtlos; denn jetzt waren auch ihre Hoffnungen erblichen, und die Stunde nahte, die ſie auf ewig von dem Manne ſcheiden ſollte,— den ſie doch— ach! jetzt fühlte ſie es recht— ſo tief, ſo innig, ſo un⸗ ausſprechlich liebte. So lange Hannchen noch mit Zuverſicht auf die einſtige Nachgiebigkeit ihres Vaters gehofft, ſo lange ſie mit kindlichem Vertrauen zu ſeiner Liebe aufgeblickt— ſo lange hob auch ein fröhlicher Muth ihre unverdorbene, kräftige Seele. Hatte ſie es doch für eine Unmöglichkeit gehalten, daß ein Vater ſein Kind unglücklich machen könne, weil er es glücklich mache wolle. Sie wußte 65 freilich nicht daß dieſer ſonderbare Eigenſinn in den Köp⸗ fen gar vieler Aeltern ſpuke, die, mit dem beſten Willen ihrer Kinder Glück zu gründen, es auf ewig zerſtören, weil ſie um keinen Preis von der Idee abweichen: Dies oder Jenes(was nun gerade ihrer Eitelkeit, ihrem Eigennutz, ihrer Perſönlichkeit ſchmeichelt,) müſſe ſchlech⸗ terdings auch die armen Geſchöpfe, deren Erziehung und Leitung ihnen der Himmel anvertraut, beglücken. Als ob das Glück nicht etwas relatives wäre? und ſeinen Iris⸗ bogen nicht eben ſo gut in jedem Herzen anders aufbaue, wie den Regenbogen jedes Auge von dem anderen ver⸗ ſchieden ſieht. Und doch gibt es Aeltern genug, die ihrer Kinder Herz lieber brechen, die Blume eher verwelken laſſen, als von ihrer Anſicht ein Haar breit abzuweichen. Campius konnte über dies Kapitel wild werden. „Glück iſt Glück!“— ſagte er—„und der Geizhals, der bei einem Stück trockenem Brode ſeine Geldſäcke über⸗ zählt, iſt ſo gut glücklich als der Praſſer, der an der reichbeſetzten Tafel ſchwelgt. Was würden Sie ſagen“— fuhr der Doktor dann gegen Engelbert gewandt fort —„wenn ich,(angenommen ich hätte die Leidenſchaft, Maikäfer für mein Leben gern zu freſſen,— eine ſon⸗ derbare, aber ſchon öfter vorgekommene Liebhaberei—) n. 66 Sie nun mit Teufels Gewalt aus lauter Liebe zwingen wollte, an dieſer Delicateſſe— ſie ſchmecken wie Man⸗ deln, Theil zu nehmen. Sie ſträuben ſich mit Händen und Füßen dagegen, da Sie aber mein Kind find, zwinge ich Sie kraft meiner Antorität dazu. Sie eſſen mit Ekel und werden aus baarer Wohlthat krank und ſiech!— Gehts im Leben anders? der hat Neigung zu ſtudiren,— aber der Herr Papa iſt Kaufmann, folglich wird es der Sohn auch; jener iſt ein geborner Schauſpieler aber er be⸗ kommt den Befehl als Theologe glücklich zu werden; dies Mädchen liebt einen ſtillen, wenig vermögenden Mann — aber ſie ſoll nun durchaus mit einem ledernen Men⸗ ſchen, der an der Stelle des Herzens nur einen Geldſack hat, glücklich werden. Der reiche Ehegatte drückt ſie kalt an die kalte, hohle Bruſt; der duldende Engel fühlt wi⸗ der ſeiner warmen die Thaler— aber der Druck gegen das Metall hat das gute Kind verletzt, ſie erblaßt, krän⸗ kelt— und haucht unter Seufzern ihre Seele aus!“ „Sie ſprechen wie der Blinde von der Farbe!“— entgegnete Engelbert erhitzt—„und Ihr Maikäferfraß paßt zu meiner Lage, wie die Fauſt auf's Auge. Statt daß Sie aber, wie früher, mir das Leben in dieſen ſchlech⸗ ten Zeiten angenehm machen ſollten, ſuchen auch Sie mir es nur zu verbittern! Wenn ich einen vermögenden Schwiegerſohu für mein Hannchen will, ſo geſchieht es, weil ich als vernünftiger und erfahrener Mann weiß, daß in dieſen ſchlechten Zeiten Geld eine ſehr nöthige Sache iſt.“ „Da haben Sie recht!“— entgegnete Camvius— „aber Geld allein macht nicht glücklich, und Sie ziehen es doch hoffentlich vor, Hannchen, das herrliche Kind, lieber weniger vermögend und zufrieden, als reich und elend, freudenarm und mit gebrochenem Herzen zu ſehen.“ „Wenn Sie nur nicht in ihren alten Tagen noch ſchwärmen wollten!“ keuchte der Wirth. „Alt?— mein Körper?— ja!— das iſt eine bald welke Pflanze!— aber mein Herz und mein Geiſt, Ver⸗ ehrteſter, ſind noch blutjung. Ich habe eine geheimnißvolle Duelle, in der ich ſie bade und dadurch verjünge— und dies iſt die unendliche Liebe, welche ſo ſegensvoll die ganze Natur durchfluthet. Sehen Sie, deswegen bin ich im Al⸗ ter noch jung, und mein Herz iſt nicht ſo eingeſchrumpft und vertrocknet wie das ſo vieler Menſchen, die ſich in ſpäteren Jahren gar nicht mehr erinnern können, wie ihnen das kleine Ding, cor oder Herz genannt, einſt in der Jugend ſchlug. Sie trinken ihren Schoppen nach wie 8 5 68 —— vor, nur jetzt als Philiſter und damals als lebensfrohe Burſchen.“ „Man muß doch einmal klug werden!“ rief En⸗ gelbert. 5 „Klug und weiſe iſt nicht pedantiſch. Und wenn ein Vater ſeiner Tochter das Lieben verbieten, und einen braven fleißigen Jungen unglücklich machen will, ſo ſollte er an die Zeit denken, in der auch er geliebt.“ Engelbert, der ſeine längſt heimgegangene Frau ſehr gerne gehabt und ſelbſt lange um deren Beſitz ge⸗ kämpft, ſchwieg betroffen. „Denken Sie an Hannchen's Mutter?“ frug der Doktor. „Das war etwas ganz Anderes“— antwortete der Gefragte ſichtbar bewegt,—„ich hatte Thaler in der Taſche.“ „Dafür hatte Hannchen's Mutter Nichts, und es ging doch. Außerdem haben Sie ja nur ein Kind und ein ſehr ſchönes Vermögen.“ „Damals waren aber auch gute Zeiten!“— ſeufzte ver dicke Gaſthalter,„und jetzt find ſie erbärmlich.“ „Die Zeiten ſind immer gut, wenn man zufrieden iſt und ein reines Gewiſſen hat.“ 69 „3ch habe Niemanden geprellt!“ entgegnete verdroſſen der Wirth und ſtand auf. „Davon iſt auch nicht die Rede. Aber das zertretene Lebensglück zweier Menſchen laſtet wohl noch ſchwerer als zu große Wirthsrechnungen auf dem Gewiſſen.“ „Narrenspoſſen!“— keuchte roth werdend Engel⸗ bert.—„An einer Jugendliebſchaft hängt das Lebens⸗ glück keines Menſchen!“ und damit watſchelte er, den Bauch wiegend, ärgerlich davon. Hannchen hatte dem hoffenden Herzen aus Kindes⸗ liebe gebieten können, ein Verhältniß hinter dem Rücken des Väters nicht fortzuſetzen. Die unſichtbaren Bande zwiſchen ihr und Adolph waren ja nicht gelöſt, und die Hoffnung hielt ſie in der ſtarken Hand. Als aber die⸗ ſer ſchönſte Stern im Menſchenleben erblich, und das freudige Vertrauen dem Schmerze und der Verzweiflung weichen mußte— als ihrem Glücke nur noch die kurze Lebensdauer von acht Tagen gegönnt wurde, da fühlte auch Hannchen, daß ſie nicht mehr zurückhalten könne, ohne gegen ſich und Ado lph grauſam zu ſein. Sie warf ſich daher in ſeine Arme und weinte an ſeiner Bruſt ihren Schmerz aus. Leiden aber ketten die Herzen der Menſchen feſter noch aneinander als Freuden, und was Hannchen dem Ge⸗ 70 liebten früher verſprochen:— nur ihn zu lieben und kei⸗ nem Anderen je ihre Hand zu reichen— bekräftigte ſie nun unter Schwüren und heißen Thränen. Adolph that daſſelbe und ſo bewährte ſich auch hier wieder die Erfah⸗ rung: daß der arme Sterbliche ſelbſt dann noch hofft, wenn der tiefſte Jammer ihn umnachtet, wenn er mit dem einen Fuße ſchon im Grabe ſteht. Ein ſchwacher Troſt— aber ein ſüßer Balſam auf die friſch blutende Wunde— war für Adolph die nach der Krifis eingetretene und jetzt raſch vorwärts ſchreitende Geneſung des armen Engländers, der mit ſeiner körper⸗ lichen Beſſerung auch geiſtig genas, und, wenn auch nicht ſeine Eigenheiten, doch ſeine Launen mehr und mehr ab⸗ legte. Demohngeachtet blieb er ſtets kalt, abgeſchloſſen und in ſich gekehrt und äußerte gegen den treuen Pfleger weder Freundlichkeit noch Dank. Adolph war es gewiß nicht um letzteren zu khun, noch weniger verlangte er ir⸗ gend einen Lohn; aber er war Menſch— leidend— und da der Patient ſogar mit die Schuld an ſeinem Unglücke trug— fühlte er, daß eine Anerkennung ſeiner Dienſte, ſeiner Liebe und Aufopferung ihm wohl gethan, ſeine gepeinigte Seele erquickt haben würde. Nichtsdeſtoweniger verſchwieg ihm Adolph das Vorgefallene und begnügte 71 ſich mit dem erhebenden Gefühle Welches jede gute Hand⸗ lung in uns zurückläßt. So verſtrichen wie im Fluge die erwähnten acht Tage; Doktor Campius und Hannchen verſuchten nochmals auf die Vernunft und das Herz Engelbert's zu wirken, aber umſonſt. Der dicke Gaſthalter beſtand darauf, daß Hannchen nur einen vermögenden Mann heirathen dürfe; erklärte zum neberfluß, daß er mit Adolph zufrieden geweſen ſei, und gab ihm die Ver⸗ ſicherung mit auf den Weg, wenn er einſt wiederkehre und ihm dann ſeinen Gaſthof— den er, der ſchlechten Zeiten wegen, überdrüſſig ſei— abkaufen wolle, ſo würde er ihm Hannchen ohne Widerrede darein geben.— Das war für das zerriſſene Herz Adolph zu viel. Er riß ſich, über den Spott empört, aus der Theuren Armen und verließ, ohne nur von ſeinem bisherigen Pfleg⸗ ling Abſchied zu nehmen, das Hotel.— Als ſich der erſte Sturm nach des Oberkellners Weg⸗ gehen gelegt, Hannchen ſich weinend auf ihr Stübchen zurückgezogen und Doktor Campins aus Aerger das Gaſtzimmer verlaſſen hatte, ohne nur ſeinen erſten Schop⸗ pen zu leeren, rief der Wirth ſeine Kellner zuſammen, und befahl nun, hinter den ſchuftigen Engländer zu rücken. 72 Der Zimmerkellner ward vorerſt als Adjutant mit der Rechnung auf„Fünf und dreißig“ geſandt, kehrte aber unverrichteter Sache zurück, da der Engländer, auf dem Sopha liegend, ihm zwar den Zettel abnahm; wegen des gegenwärtigen Arztes aber im Augenblick nicht zahlen wollte. Das fremde Geſicht war indeſſen dem Britten auffallend; den, ſo wenig er es zu äußern vermochte, Ge⸗ wohnheit und Neigung an Adolph feſſelten. Er frug daher nach demſelben und erſtaunte nicht wenig, als er deſſen Austritt aus dem Hauſe vernahm. Auch mußte ihm, nachdem der Zimmerkellner„Fünf und dreißig“ ver⸗ laſſen, der Arzt,(es war jener Mediciner, welchen Adolph kurze Zeit vorher zu dem Leidenden gerufen) den Hergang der ganzen Sache erklären. Der Gentleman hörte Alles ruhig mit an. Kein Staunen, keine Rührung, nicht die leiſeſte Bewegung zeigten ſeine Züge, als er von Adolph's Großmuth und edler Aufopferung für ihn, ſo wie von dem traurigen Seelenzuſtand des unglücklich Liebenden hörte. Kurz dankte er dem Arzte für ſeine bisherige Bedienung und den Be⸗ richt und entließ ihn reich belohnt. Nach einer halben Stunde ſchickte der Britte nach einer Extrapoſt⸗Chaiſe und verlangte den Gaſthalter zu 73 ſprechen. Beide blieben lange miteinander eingeſchloſſen; als aber Engelbert zu dem, unterdeſſen wiedergekehrten Campius herunter kam, ſtrahlte ſein fettes Geſicht wie die Sonne. „Doktor!“ rief er entſetzlich ſchnaufend von Weitem ſchon,—„Sie find geſchlagen! heute fand ich ein vier⸗ blätteriges Kleeblatt, welches, bekannter Weiſe, Glück bedeutet— und heute...“ „Wird's eintreffen wie das Eulengeſchrei!“ ſagte der Naturforſcher doppelt erboſt. „Was Eulengeſchrei!“— ich werde mich damals ver⸗ ſehen haben— es wird eine Taube ſtatt eines Todten⸗ vogels geweſen ſein. Nein!— heute iſt's eingetroffen. Und was für ein Glück meinen Sie, blühe mir?“ „Nun!“ entgegnete der Gefragte bitter—„es wird ein reicher Schwiegerſohn gekommen ſein. Da können Sie ja gleich Hochzeit⸗ und Leichenwagen für Hann⸗ chen mit einander beſtellen.“ „Sagen Sie was Sie wollen!“ lachte Engelbert— „ich bin ſelig, ich bin fröhlich!— die ſchlechten Zeiten find vor⸗ über— ich habe den Europäiſchen Hof verkauft!“ Campius ſperrte Augen und Mund vor Staunen weit auf und rief:„An wen?“ 74 „An den Engländer gegen baar Geld!“ „Und will der?... „Gott weiß!“ rief der Dicke und bewegte ſich vor Luſt wie ein Kreiſel.„Was liegt mir daran, er will mir heute meinen Nachfolger ſchicken, der, ſo lautet die Bevingung, Hannchen zum Weibe bekommt.“ Aber dies Wort wirkte wie ein elektriſcher Schlag auf Campius.„Seelenverkäufer!“ ſchrie er aufſpringend —— da trat Adolph in das Zimmer! Der Oberkell⸗ ner hatte Thränen im Auge und war ſo ergriffen, daß er nicht ſprechen konnte. Er reichte ſchweigend ſeinem früheren Principale ein Papier. Engelbert und Cam⸗ pius ſchauten neugierig zu gleicher Zeit hinein.— Es war der, von dem Engländer und dem Gaſthalter ent⸗ worfene Contract über den Kauf des Europäiſchen Hofes, übertragen auf Adolph, als den zukünftigen Be⸗ ſitzer deſſelben und kontraktmäßigen Gatten Hannchen's. Alerandra. Uovelle. D Mond ſteht hoch am Himmel. Sein bleicher Strahl bricht ſich an unwirthlichen Felſen, die aus der Tiefe ſich thürmen und wie finſtere Rieſen aufſteigen aus dem Nebel der Thäler. Kein Baum, kein Buſch, kein Gewächs grünt rings umher; denn ſo weit das Auge reicht, gewahrt es nur ſchroffe und kahle Berge, die, kühn anſtrebend, ihre ewig ſchneebedeckten Häupter in das dunkle Blau des Himmels tauchen. Ein kalter Nordwind pfeift über die Höhe. Kein Leben regt ſich, kein Laut ertönt; Alles— Alles iſt todt und erſtarrt, nur der Geiſt Got⸗ tes ſchwebt über der Oede, und vor ſeiner Gedanken Flügelſchlag erbeben die Grundfeſten der Erde. Aber dort!— auf jenem Felſenkamme leuchtet ein einſames Feuer!— Iſt es das Auge des Cyklopen, der in den Schluchten dieſer Berge arbeitet?— Iſt es ein Geiſt, den, ausgeſtoßen, ein gräßlicher Fluch an jene Klüfte 78 bindet?— Wohnt dort ein Menſch, der, von den Mit⸗ geſchöpfen um all ſein Glück betrogen, ſein blutendes Herz gewaltſam an die Eisblöcke drückt, daß er die Gluth der Schmerzen kühle, und in der ſchauderhaften Einſam⸗ keit vergeſſe, was er doch nie vergeſſen wird?— Es iſt ein Jüngling, ſchlank, bleich, edel von Geſicht, der, in den Mantel eng gehüllt, bei einem erlöſchenden Wachtfeuer ſteht und von der Höhe eines kaukaſiſchen Bergrückens in die Thäler der Tſcherkeſſen blickt. Seine Gefährten ſchlafen auf ihre Mäntel ausge⸗ ſtreckt; denn der Lieutenant hat ſeinen ermüdeten Leuten erlaubt, nach der beſchwerlichen Reiſe von den Mithen des Tages auszuruhen. Er ſelbſt hat ein Gewehr ergriffen, den Dienſt zu thun, und, auf das Rohr gelehnt, blickt er nun finnend in die kalte— todte— öde Welt. Aber durch ſein Inneres fährt der Sturm wilder Ge⸗ fühle, und reißt aus der Aeolsharfe ſeiner zartbeſaiteten Seele ſchneidende Accorde. Er denkt an ſein Vaterland, an Polen, an das gebrochene, vernichtete Polen, und krampfhaft greift er nach dem Degen, deſſen Griff das ruſſiſche porte-épée ziert, er will ihn zerſchmettern an der Felſenwand,— aber ſeine Hand erſtarrt. Wie iſt ihm die Bruſt gepreßt, wie klopft das Herz in ungeduldigen Schlägen, wie drängt es ihn, den Tod zu ſuchen in eh⸗ rendem Kampfe! Aber er lächelt bitter; denn ſeine Ordre ſendet ihn als Spion in das Land der freien, kräftigen Tſcherkeſſen. Er ſoll den Fürſten Ali⸗Charzis mit Friedensvorſchlägen hinhalten und das Land auskundſchaf⸗ ten— er ſoll die Söhne der Freiheit verrathen an den Scepter Rußlands.— Er ſoll?— er muß!— denn Subordination gebietet es ihm und Subordination iſt des Soldaten erſte Pflicht. O welchen Kampf beſteht ſeine Seele; wie martert ihn ſeine angeborene Freiheitsliebe, ſein Selbſtgefühl, ſein Haß gegen das Land, deſſen Farben er trägt und tragen muß. Wie bäumen ſich die Wellen kühner Ent⸗ ſchlüſſe und finken wieder vor dem Gedanken an den Eid, den er der Fahne geſchworen, brauſend nieder! Es war für ihn eine ſchreckliche Nacht; denn leichter iſt es kühn zu kämpfen, zu ſiegen oder zu ſterben mit den Waffen in der Hand, als Sieger zu bleiben in dem Streite der Leidenſchaft mit der Pflicht. Aber als allmählig das Dunkel wich, als langſam und feierlich der Tag anbrach und das Reich des Lichtes be⸗ gann; wich auch die Fiebergluth der aufgeregten Gefühle mehr und mehr und der Verſtand trat in ſein Herrſcherrecht. 80 Der ruſſiſche Lieutenant Maktſcheski gab den Be⸗ fehl zum Aufbruch. II. Die Sonne neigte ſich dem Untergange zu und warf mit ihren letzten Strahlen einen flammenden Abſchieds⸗ kuß über die Erde. Der Himmel war heiter und ſtrah⸗ lend, und durch ſein tiefes Blau zogen einzelne Wölkchen langſam daher, wie Schwäne, deren weißes Gefieder ſich im Abendgolde leicht röthet. Kein Lüftchen bewegte die Bäume, die ihre üppige Blätterfülle,— ein leben⸗ diges Dach,— über die Hütten des Tſcherkeſſendorfes. uptſche ausbreiteten. uptſche, die Reſidenz des Fürſten Ali⸗Charzis bildete, wie alle Dörfer der Tſcherkeſſen, keine kompakte Häuſermaſſe von Straßen durchzogen und regelmäßig ge⸗ baut; ſondern weit zerſtreut auf den ſaftigen Waideplätzen, lagen ohngefähr dreißig bis vierzig kleine Lehmhütten, mit Holz und Stroh gedeckt, welche eben ſo vielen Fa⸗ milien als Obdach dienten. Das Fürſtenhaus unterſchied ſich kaum von denen ſeiner Untergebenen, nur war es 81 größer und geräumiger und lag nächſt der Mitte des Dorfes. Ihm zur Seite aber erhob ſich die Zierde der kleinen Colonie,„das Haus des Gaſtfreundes,“ ein Gebäude, auf welches man, wie gebräuchlich, alle ſeine Kunſt verwendet hatte, und das— gewöhnlich un⸗ bewohnt— nur zur gaſtlichen Aufnahme der Fremden beſtimmt war. So kunſtlos nun auch die meiſten dieſer Hütten er⸗ baut waren, ſo gewährte doch das ganze Dorf einen herrlichen Anblick. Im Schooße fruchtbarer Auen liegend, in deren faſt mannshohem Graſe Heerden fetten Horn⸗ viehes und muthiger, ſchlank gebauter Roſſe behaglich weideten, ragten über die niederen Lagerſtätten der Be⸗ wohner uralte Pappeln empor. Weinſtöcke von unge⸗ wöhnlicher Dicke ſchlangen ſich bis zu den Wipfeln um ihre Stämme, ſtreckten von dort, als wollten ſie die Brüder voll Liebe umfaſſen, ihre Ranken nach den be⸗ nachbarten Bäumen aus, und bildeten ſo, in leichten Blättergeweben ungeheuere Lauben. Weiterhin erhoben ſich grüne Abhänge, über welche wieder Berge terraſſen⸗ artig emporſtiegen, die ſich nach und nach in nebliger Ferne verloren, bis ihre mit ewigem Schnee bedeckten Gipfel ſich in den Wolken hargen. U. 6 82 In dieſer reizenden Gegend hatte ſich jener Klan Tſcherkeſſen niedergelaſſen, welchen der tapfere Fürſt Ali⸗ Charzis befehligte, und den heute ein froher Tag vor dem„Hauſe des Gaſtfreundes“ vereinigte. Das Feſt der Mariſſa oder der Mutter Gottes, der Schutzpatronin der, für jene Völkerſchaften ſo wich⸗ tigen Thierchen— der Bienen. Das Feſt der Mariſſa trug das eigentliche Ge⸗ präge jener ſonderbaren Glaubensformen, zu welchen ſich die Tſcherkeſſen heutigen Tages bekennen. Chriſtenthum und Islam haben ſich hier nach langen Kämpfen, ſo zu ſagen, verſchmolzen, und im Laufe der Zeit ein neues Produkt, ein Conglomerat, eine wunderliche Miſchung einheimiſchen Aberglaubens mit chriſtlichen und mohame⸗ daniſchen Gebräuchen, gebildet. Die Tſcherkeſſen glauben an ein höchſtes Weſen, an eine Mutter Gottes und meh⸗ rere himmliſche Kräfte zweiten Ranges, welche ſich Apo⸗ ſtel nennen. Indeſſen gilt ihnen die Mutter Gottes nur als die eben angeführte Schutzpatronin. Eine eigent⸗ liche Prieſterkaſte haben ſie nicht, ſohn ihre Opfer und religiöſen Feierlichkeiten werden durch die würdigſten Män⸗ ner aus ihrer Mitte vollzogen. 83 Dies ſollte denn auch heute wieder geſchehen. Auf dem geräumigen Platze vor jenem Gebäude hatten ſich Alt und Jung, Männer und Weiber verſammelt, und bildeten einen weiten Zirkel, in deſſen Mitte, im Schatten eines hohen Eichbaumes, ein ehrwürdiger Greis ſtand. Sein Haupt war entblößt und die wenigen Haare, die ihm geblieben, legten ſich wie ein ſilberner Ring um ſeinen Scheitel. Die regeimäßigen, ſchönen Züge, welche die Stürme von achtzig Jahren nicht hatten verwiſchen können, belebte ein feuriges Auge und ein jugendliches Roth der Wangen, das von dem Weiß des langen Bar⸗ tes gehoben, dem Alten ein ungemein freundliches und gemüthliches Anſehen gab. Eine Art tuchener Jacke, mit Treſſen von Golddraht reich verziert und auf der Bruſt offen, zeigte eine lange und farbige Unterweſte von in⸗ diſcher Seite. Von dem breiten Gürtel herab fielen weite Beinkleider von einem feinen weißen Gewebe und ſchloſſen eng an den Knieen, unter welchen die Halb⸗ ſtrümpfe von breiten Strumpfbändern gehalten wurden. Ein paar hohe Schuhe von rothem Maroccanleder voll⸗ endeten den Anzug, deſſen Hauptſchmuck indeſſen ein präch⸗ tiges Schwert und die kunſtreich gearbeiteten Piſtolen waren, welche in dem Gürtel des alten Mannes ſtacken. 84⁴ Einen wunderlieblichen Gegenſatz zu dieſem würde⸗ vollen Greiſe bildete eine junge Tſcherkeſſin, welche in einer kleinen Entfernung, halb hinter, halb neben dem⸗ ſelben ſtand. Was auch der Ruf über die Schönheit der Tſcherkeſſinnen verbreitet, was auch eine reiche Phantaſie an Reizen dieſem Rufe noch zugeſetzt, ſie erreichten die Lieblichkeit dieſes ſechzehnjährigen Mädchens nicht. Ihr feiner weißer Teint, ihre regelmäßigen Züge, die Gluth ihres Auges, der ſchlanke Wuchs ihres Kör⸗ pers, der edle Anſtand, welcher ſich in allen ihren Be⸗ wegungen ausſprach: Alles vereinigte ſich zu einem har⸗ moniſchen Ganzen und ſchuf ein Weſen, das man vollen⸗ det ſchön zu nennen berechtigt war. Wenn aber auch die Natur ſchon ihre ganze Fülle von Reizen über dieſes Kind ausgegoſſen, ſo war die Kunſt nicht minder bereit, vieſelbe in ihrem vollen Lichte zu zeigen; denn kein An⸗ zug mochte wohl je geſchaffener ſein, die Körperformen dem Auge zu verrathen, als der ihres Stammes. Das eng anliegende Mieder von bunter Seide, die leichte Jacke mit offenen, langen Aermeln, laſſen den ſchönen Hals und Nacken ſehen, und das weite Oberkleid, durch Silberſpangen gehalten und nach vornen offen, erlauben dem entzückten Blicke die Contouren der wohlgebauten 85 Hüften zu gewahren, welche Beinkleider von dem feinſten weißen Leinen umſchließen. Was aber des Mädchens Lieblichkeit namentlich er⸗ höhte, waren die Locken, welche, dicht und lang, unter einer Binde von glänzend ſchwarzem Maroccanleder, die ſich mit einer großen ſilbernen Agraffe auf der Stirne ſchloß,— hervorquellend, auf ihre Schultern hernieder⸗ fielen. Ein Schleier wallte, gleich einem Zaubernebel, um die edle Geſtalt. So ſtand ſie, eine ſchneeweiße Ziege an einem rothen Bande haltend, wie der Genius der Jugend, fröhlich und lebensfriſch hinter dem hohen Greiſe. Es war der Fürſt Ali⸗Charzis und ſeine Tochter Alexandra— bereit, an dem Feſte der Mariſſa, von den Ihrigen umgeben, der Göttin ein Opfer zu bringen. Auf einen Wink des Greiſes führte die Tochter die Ziege vor denſelben und reichte ihm von dem Altare, welcher ſich unter einer uralten Eiche erhob, eine bren⸗ nende Fackel. Hierauf kniete ſie vor denſelben und hielt mit ihren beiden ſchönen Armen das zum Opfer beſtimmte Thierchen feſt, während Ali⸗Charzis mit hohem Ernſte einige Worte ſprach, und die Haare der Ziege an meh⸗ reren Stellen, wo dieſelbe geſchlagen werden ſollte, ver⸗ ſengte. Darauf nahm er aus der Hand Alexandra's eine goldne Schaale, in welcher ſich ein Trank, von dirſe und Honig zubereitet, befand, hob ſie in die Höhe, dankte mit herzlichen Worten der heiligen Mariſſa für die Gabe des Honigs und ſchüttete ſodann die gelbe Fluth auf das Haupt des Opfers, welches nun nach einem kurzen Weih⸗ gebete, von einem Diener geſchlachtet wurde. Während dieſer ganzen Ceremonie hatte die Umgebung einen leiſen melodiöſen Geſang fortgeſetzt, der ſich allmäh⸗ lig ſteigerte, bis er in wildes Fortiſſimo ausbrach. Da tonte von dem nächſten Hügel ein Schuß— und wie durch einen Zauberſchlag hatte ſich die Scene verändert. In einem Augenblicke waren Weiber, Kinder, und Männer verſchwunden und der weite Platz öde und leer geworden. Aber ehe noch das Echo des Knalles an den fernen Bergen verſtummte, ſprengten von allen Sei⸗ ten die immer bewaffneten Männer auf ihren wilden, ſehnigen Pferden ſchon wieder daher, ſammelten ſich in einer dichten Schaar und flogen, von ihrem tapferen Fürſten geführt, gleich einem Blitze nach der Gegend⸗ aus welcher ihr Vorpoſten das Signal eines herannah⸗ enden Feindes gegeben. ———— 8 III. Am Fuße des Hügels, auf welchem jener Vorpoſten ausgeſtellt war, hielt die kleine Schaar, und Ali⸗Char⸗ zis ſprengte, nur von Zweien aus derſelben begleitet, hinan. Als er ſich der Höhe genähert, ließ er vorſichtig halten und gab der Wache ein Zeichen ſeiner Gegenwart, worauf dieſe ihn durch einen Wink zu ſich rief. Der Fürſt und ſeine Begleiter drückten die Sporen in die Flanken ihrer Thiere und hielten ſofort neben dem Poſten. In demſelben Augenblicke erreichte auch Moktſcheski mit ſeiner Mannſchaft die Höhe. Eine weiße Fahne be⸗ zeichnete ihn als einen Boten des Friedens. Der ruſſiſche Lieutenant, welcher durch einen frühe⸗ ren, mehrjährigen Aufenthalt in Tſcherkeſſien der Sprache dieſes Volkes mächtig war, wandte ſich ſogleich an den Pſchi(Fürſten), den ſeine reichere Kleidung als ſolchen verrieth, und kündete ihm an: daß er von dem mächtigen Herrſcher Rußlands geſandt ſei, um ihm und den Sei⸗ nen Vorſchläge zu einem gegenſeitigen Frieden zu bringen. Auch bat er, zum Behufe der darüber einzuleitenden Ver⸗ handlungen, vor der Hand für ſich und ſeine wenigen Leute um den Schutz des Gaſtrechtes. 88 „Friede mit Rußland?!“ erwiederte halb fragend, halb ſpöttelnd der kriegeriſche Fürſt,„der wird erſt dann in dieſen Ländern wohnen, wenn kein Tſcherkeſſe mehr athmet. Aber deine Bitte um Gaftfreundſchaft iſt ge⸗ währt. Im Uebrigen kann ich ohne meine Brüder nichts entſcheiden.“ Und mit dieſen Worten legte er feierlich ſeine Hand auf des Lieutenants Schulter und ſprach: „Du biſt des Ali⸗Charzis Konak!“(Gaſt, Schützling). Als ſie darauf nebſt den Ruſſen bei der Truppe an⸗ gekommen, und der Fürſt die Worte des Lieutenants und ſeine Zuſage wiederholt hatte, nahmen die Ruſſen hinter den Tſcherkeſſen auf den Pferden Platz und bald kündete eine Staubwolke den harrenden Weibern zu Uptſche die Heimkehr der Ihrigen an. IV. Woktſcheski wohnte ſeit zehn Tagen in dem„Hauſe des Gaſtfreundes“ zu Uptſche, und wurde, der Landesſitte nach, von der Tochter ſeines Schutzherrn be⸗ dient. Aber dieſe zehn Tage hatten in dem jungen Polen eine wunderbare Veränderung hervorgerufen. Aus einem düſtern, leidenden, melancholiſchen Menſchen, war er zu einem frohen, heitern, ja glücklichen Weſen geworden. Er liebte,— er liebte zum erſtenmale, und mit einer Gluth und Tiefe, die ihn mit der feſten Ueberzeugung durch⸗ drangen, daß er nur durch den geliebten Gegenſtand— durch den Beſitz Alexandra's glücklich werden könne. Wie er dies Ziel erreichen wolle,— wie er die Kluft, die jäh und gewaltig zwiſchen dem Lieutenant in ruſſiſchen Dienſten und der einzigen Tochter des kriegeriſchen Tſcher⸗ keſſen⸗Fürſten, des ſtarreſten Feindes Rußlands, gähnte, zu über flügeln vermöge, wußte er nicht— aber er liebte — und dies ſelige Gefühl riß ihn ſchwindelnd über jede kalte Ueberlegung. Ihm galt nur die eine, die Lebens⸗ frage: Liebt ſie mich wieder? Ach! weſſen Herz erbebt nicht in einer heiligen Luſt, denkt er der Zeit, in welcher auch ihm dieſe Frage ent⸗ ſchlüpfte— die Zeit, die mit einem reichen, blüthen⸗ ſchweren Frühling von Seligkeit und Wonne über ihm herabhing, und ſeine Bruſt hob, zu kühnen und edlen Entſchlüſſen,— jener Stunden, die ihn ſo ſüß hoffen ließen und ſeinem trunkenen Auge die ganze Welt in dem Lichte einer höheren Verklärung zeigten?—— Du armes Herz aber, das dieſen Frühling nie gekannt, trockne deine N Thränen, denn ſieh! über jenen Wolken blüht der Liebe Frühling noch einmal und reicher noch, und reiner und ſeliger!—— Aber ein düſterer Schatten fiel auf das freundliche Gemälde, welches Moktſcheski's glühende Phantafie von ſeiner Zukunft entworfen und wuchs mit jeder Mi⸗ nute; es war der Gedanke, daß er ſich von Alerandra bald trennen müſſe— und der Schatten wurde zur ban⸗ gen Finſterniß, wenn er dachte: auf immer! Er hatte von dieſer Trennung geträumt, und als er auffuhr aus dem Schlafe und ſich die Haate aus der Stirne ſtrich und in das junge Frühroth blickte, holte er tief Athem und rief:„Gott ſei Dank, es war nur ein Traum!“— Aber obſchon er ſich überzeugte, daß es nur ein Traum geweſen, obſchon die düſteren Phantaſiebilder der Nacht längſt verſchwunden: er konnte die trübe Erin⸗ nerung des Mißmuthes nicht verwiſchen, den ſie in ſeiner Seele zurückgelaſſen hatten. Er ging in ſeinem Gemache mit großen Schritten auf und ab. Wohl fühlte er die Unwahrſcheinlichkeit, je Alexandra's Hand zu erlangen, ſah die Schwierig⸗ keiten ſeiner Lage, die Nähe des Abſchiedes, die Gewiß⸗ heit eines erhöhten Haſſes des Fürſten gegen die Regie⸗ 91 rung, in deren Dienſten er ſtand— aber— er hatte in den Augen der ſchönen Tſcherkeſſin ein Feuer glühen ſehen, das ihm die Erwiederung ſeiner Neigung zu verrathen ſchien— er war entſchloſſen, ſich ihr zu entdecken und in dem Fall der Gegenliebe, ſie, wenn ein freundliches Aus⸗ kommen nicht zu erzwecken, mit Gefahr ſeines Lebens zu entführen. Noch war er mit dieſem Gedanken beſchäftigt, als Alexandra eintrat. Sie trug auf einer künſtlich aus dickem Leder gearbeiteten und geſtickten Platte das Früh⸗ ſtück für den Konak, welches aus einer Kürbisflaſche voll Wein, gebratenem Schaaffleiſch und Hirſe beſtand. Als die ſchwarzen Augen des jungen Mannes, freudeſtrahlend, auf ſie fielen, erröthete ſie hoch und ihre Stimme zitterte, als ſie dem Gaſte den Frühgruß bot. Nachdem ſie die Platte niedergeſtellt, trat Mokt⸗ ſcheski auf ſie zu und ſah ihr in ihre großen Augen. Ale⸗ randra konnte den Blick des Jünglings nicht ertragen, ihre Seidenwimpern ſenkten ſich herab, und ſie zitterte in den ſie umſchlingenden Armen. „Alexandra!“ hob nach einer Minute ſeligen Schweigens der Pole an, und ſeine bleichen Zügen über⸗ zog eine ieberhafte Röthe,„ich diene unter den Feinden 92 Deines Landes, aber mein Herz iſt bei Dir. Als ich Dich an jenem Abende, an welchem Dein Vater mich hier ein⸗ führte, zum erſtenmale ſah, hat der Zauber Deiner Lieb⸗ lichkeit mich gefeſſelt, und je länger ich in Deiner Nähe weilte, deſto deutlicher ward es mir: daß ich Dich liebe. — Du ſchweigſt? Vermochte die Gluth, die mich verzehrt, Deiner Seele nicht einen einzigen Funken zu entlocken? — Süßes Mädchen, ſage mir, ſpricht keine ſanfte Regung Deines Innern für mich.“ MWoktſcheski hatte die Liebliche feſt an ſich gedrückt, ihr Buſen klopfte heftig an ſeiner Bruſt, ihr Beben riß ihn zu einem ſeligen Schwindel hin; er ſah ihr mit Feuerblicken in die Augen, eine ſüße Verwirrung erfaßte ſie und ihr Haupt ſenkte ſich ſchweigend an ſeine Bruſt. Da brannten die Lippen des Jünglings auf der weißen Stirne Alexandra's. Sie hatte nicht mit Worten ge⸗ antwortet; aber die Tochter der Natur war dem Drange der Leidenſchaft gefolgt, und überwältigt von Gefühlen, die ſie nicht zu bergen wußte, ruhte ſie einige Minuten an des Freundes Bruſt. Kein Laut ertönte; Alles ſchwieg, als theile es das Uebermaß der Wonne, die in den Herzen des beglückten Paares thronte. So ſchweigt die Unendlichkeit der Sphä⸗ 93 ren; aber ihr Schweigen iſt donnerndes Jauchzen der Luſt und der Anbetung. „Du liebſt mich,“ fuhr nach längerer Pauſe Mokt⸗ ſcheski fort,„wirſt Du aber auch ſtark genug ſein, ſüßes Weſen, den Vorurtheilen zu trotzen und dem Deine Hand zu geben, der..“ Der Jüngling hatte noch nicht ausgeſprochen, als ſich Alexandra mit einer kräftigen Bewegung losge⸗ riſſen und— indem ſie mit beiden Händen ihr Geſicht bedeckte— ſchmerzlich ausrief:„Ach! warum mich jetzt darin erinnern?“ Moktſcheski ſah ſie bittend an.„Iſt Deine Liebe ſo ſchwach,“ ſagte er mit leiſem Vorwurfe,„daß Schnitt und Farbe des Kleides über ſie beſtimmen mag?“— „Nein,“ entgegnete die Tſcherkeſſin und richtete ſich mit edlem Stolze auf,„meine Neigung zu Dir iſt ſtark und innig, aber meine Ehre, meine Liebe zur Freiheit und zum Vaterland ſind noch ſtärker.“—„Laß uns Deinen Vater um ſeinen Segen bitten und..“—„Mein Vater heißt Ali⸗Charzis,“ verſetzte das Mädchen,„und ſeine Landsleute nennen ihn den Ruſſenhaſſer“—„So laß uns fliehen. Ich biete Dir meine Hand, mein Vermö⸗ gen..—„Und Deine Sclavenkette!“ vollendete Aleran⸗ 94⁴ dra.„Nein,“ fügte ſie nach kurzem Schweigen hinzu, „ich kann und will Dich und mich nicht täuſchen. Ich liebe Dich mehr als ich es ſagen kann, ich gelobe Dir bei Mariſſa, daß ich nie einem andern Mann gehören will als Dirz aber ich werde auch nie meine Hand einem Sclaven, nie einem Menſchen geben, der an einem Ver⸗ tilgungskriege gegen ein Volk Theil nimmt, das ſeine Freiheit vertheidigt.“ Wie ein furchtbarer Donnerſchlag ſchmetterten dieſe Worte den Polen nieder. Die Erinnerung an ſein liebes Vaterland tauchte in ſeiner Seele auf; an ſein Vaterland, das von Rußland's Macht zerdrückt, und er— der Sohn jenes unglücklichen Polen's, war im Dienſte deſſelben Rußland's nun bereit, den Untergang der kräftigen, freien Tſcherkeſſen befördern zu helfen. Er ſtand ſtarr und bleich. Tauſend Gefühle beſtürm⸗ ten ihn; dann blitzte ſein Auge wild auf, weithin flog ſein Degen, und mit den Worten:„Ich bin Euer, ich bin Dein!“ umſchlang er krampfhaft ſeine Geliebte. 3 V. Zwei Jahre waren ſeit jenem Morgen verſchwunden, an welchem Moktſcheski das Geſtändniß der Gegen⸗ liebe aus Alexandra's ſchönem Munde empfangen. Er hatte ihr geſchworen, den ruſſiſchen Dienſt zu verlaſſen, ſich unter einen der benachbarten Tſcherkeſſenſtämme zu begeben, tapfer in ihren Reihen und für ihre Freiheit zu kämpfen, und einſt, wenn er ſich, für ihre Sache ſtreitend, einen Namen erworben, zu ihr zurückzukehren, um ſie von dem Vater als Gattin zu erhalten. Er hielt Wort und verließ noch in derſelben Nacht uptſche. Den kommenden Tag vermißten die Ruſſen ihren Lieutenant. Sie ſchnaubten Rache; denn ſie glaubten überzeugt ſein zu dürfen, daß er von den Tſcherkeſſen er⸗ mordet worden. Nun war kein Bleibens mehr für ſie. Unter Drohungen und Verwünſchungen brachen ſie auf und erhielten durch Ali⸗Charzi noch nachfolgende Antwort zum Abſchiede: Dem Kaiſer Nikolaus von Rußland und dem Ge⸗ neral Rajaffski in ſeinen Dienſten, ſaget die Worte: Wünſchet Ihr Freundſchaft mit uns zu ſchließen, ſo ziehet Eure Armeen zurück und zerſtöret Eure Feſten, von Suchum 96 bis Anapa, und von Anapa bis Karatſchi. Wo nicht, ſo bleibt das Schwert zwiſchen uns und Euch, und erſt wenn Ihr unſre Thäler mit unſren Leichen ausgefüllt und kein Tſcherkeſſe mehr athmet, mögt Ihr Euch einen Weg bah⸗ nen zum Herzen unſeres freien Landes.“— Von dieſer Zeit führte man den Krieg auf beiden Seiten mit doppelter Erbitterung. Zwei Jahre waren ſeitdem, wie oben erwähnt, ver⸗ ſchwunden, als ein Trupp von ohngefähr hundert Tſcher⸗ keſſen dem Dorfe Uptſche zuritten. Sie waren heiteren Muthes, ſcherzten und lachten und taumelten freudig ihre herrlichen Pferde. Nur der Anführer ſchien ihre Luſt nicht unbedingt zu theilen; denn et ritt bald nachdenklich, bald haſtig und mit einer Miene voran, die Ungeduld, Sorge und Erwartung auf dem blaſſen Antlitze malte. Wie ſeine Brüder gekleidet, unterſchied er ſich von ihnen nur durch ſein Geſicht, das feiner gebildet, die Herrſchaft verkündete, welche bei ihm der Verſtand über die Leidenſchaften führte; während die Phyſiognomien Jener, trotz der Regelmäßigkeit ihrer Züge, eine gewiſſe Wildheit ausſprachen. Jetzt nahte man ſich dem letzten Hügel, hinter deſſen Rücken ſich das Thal von Uptſche ausbreitete. Bei ſei⸗ 97 nem Anblicke zuckte ein frohes Lächeln um den Mund des Anführers, ſeine Ungeduld wuchs; er ſchlug die Sporen in die Seiten des Thieres und flog den Hügel hinan; die Truppe folgte ſeinem Beiſpiele. Der Gipfel iſt erreicht. Der Blick ſucht die Hütte, in welcher die Geliebte weilt er ſucht.. er ſucht ſtaunend in der ihm ſo bekannten Gegend.. er findet ſie nicht... Dort heben ſich die Pappeln!.. Dort lag Uptſche!. dort.. Ein Schrei entfährt der Bruſt des Führers, ſein Auge flammt Tod und Verderben, ſeine Züge ſtarren in Ver⸗ zweiflung; ſprachlos hebt er den Arm und zeigt auf die Gegend, in welcher das Dorf gelegen, und das Falken⸗ auge der Gefährten erſpäht unter dunkel aufſteigendem Rauche die zerſtörten Hütten von Uptſche. „Mir nach!“ donnert der Anführer, und in geſtrecktem Galoppe, gehüllt in eine Wolke von Staub, den Säbel in dem Munde, in jeder Hand eine Piſtole und nur mit den Schenkeln die Thiere regierend, fliegt pfeilſchnell die Truppe dahin. Das Dorf iſt erreicht. Es liegt in Aſche. Leichen von Männern und Weibern decken das Feld. Kein Leben⸗ diger läßt ſich blicken, nur vor dem„Hauſe des Gaſt⸗ freundes“ liegt ein blutender Greis in den Armen . 7 98 zweier Männer, die ebenfalls verwundet, ihren Fürſten unterſtützen. Der Anführer der Truppe ſpringt vom Pferde. Er nimmt die Hand Ali⸗Charzis, er blickt forſchend in ſein entſtelltes Antlitz; da ſchlägt der Fürſt die matten Augen auf, erkennt ſeine Landsleute und ſtammelt mit ſchwacher Stimme die Worte:„Rache den Ruſſen, die uns überfallen und meine Tochter geraubt!“— Der Führer ſteht erſtarrt: „Meine Alexandra!“ ruft er mit ſchmerzlichem Tone— und bedeckt mit beiden Händen ſein Geſicht. IV. Wenige Länder bieten wohl eine ſolche Abwechſe⸗ lung in Klima, Vegetation, fruchbaren und unfruchtbaren Gegenden dar, als Tſcherkeſſien. Zwiſchen dem kaspiſchen und ſchwarzen Meere gelegen, lehnt es ſich an das kau⸗ kaſiſche Gebirge, welches in dreifachen, faſt parallelen Linien ſich ausdehnt, und durch ſeine Zerklüftungen die freundlichſten Thäler bildet. Während hier nun ein Klima und eine Fruchtbarkeit herrſcht, die keinem der ſchönſten italieniſchen Länder nach⸗ 99 ſteht, während hier ſchon im Februar die ſchlafende Natur zu neuem Leben erwacht, die üppigen Gefilde grünen, und der Landmann ſeinen Samen auswirft, mit der Ueber⸗ zeugung, daß er bereits im Juli ſeinen Fleiß durch hun⸗ dertfältige Früchte belohnt ſieht; während der April Alles mit Blüthen ſchmückt und der Mai reifes Obſt in Fülle bietet— deckt ein ewiger Schnee die Hochgebirge, hau⸗ chen dort meilenweite Sumpf⸗ und Moorgegenden ihre giftigen Dünſte, Wälder von Buchsbäumen ihren wider⸗ lichen Geruch aus. Mächtige Granit⸗ und Porphyrmaſſen thürmen ſich in jenen Nebenzügen des Kaukaſus zu him⸗ melhohen Felſen, zu welchen nur Gemſen und Steinböcke den gefährlichen Weg finden; während die Wälder der Niederungen Wolf und Auerochs, Fuchs und Bär, die wilde Katze und den Luchs beherbergen. In einer ſolchen Gegend, wild und unfreundlich, rauh und felſig, nur den Einwohnern bekannt und durch einen einzigen, ſchmalen und gefährlichen Weg zugänglich, ſam⸗ melten ſich in einer der folgenden Nächte mehrere Tſcher⸗ keſſenſtämme zu einer Sobranie oder Volksberathung. Es war nahe an Mitternacht. Der Mond ſtand hoch am Himmel und erleuchtete mit ſeinem matten Lichte die Verſammlung. 100 Auf einem der höchſten Punkte des Gebirges, da wo der Elbrus ſeine Schneekoppen in die Wolken taucht, bil⸗ den die Granitblöcke ein weites Geklüfte, das von den grotesken Felſenmaſſen wie von Geiſtern bewacht wird. Nur die Gemſe oder der verwegene Fuß der wilden und kühnen Landeskinder kann ſich zu dieſer, eine geräumige Plattform bietenden, Höhe wagen. Hier nun ſtanden in gedrängtem Kreiſe an zwei Tauſend Tſcherkeſſen verſam⸗ melt. Ihre wilden, von Kampfesluſt und Rachſucht er⸗ regten Züge von dem Lichte des Mondes gebleicht, ihre muskulöſen und kräftigen Körper, ihre ſchimmernden Waf⸗ fen, verbunden mit der Todtenſtille, welche über der Menge ſchwebte, bildeten ein ſchauererregendes Gemälde. Wie Dämonen, der Unterwelt entſtiegen, ſtanden ſie da, brütend auf das Verderben der Menſchheit. Aller Augen aber waren auf eine Gruppe gerichtet, die ſich auf einem kleinen Felſenvorſprunge im Süden befand. Es war der Fürſt Ali⸗Charzis, der, noch ſchwach von ſeinen Wunden, auf den Anführer jenes Reiterhau⸗ fens gelehnt, welcher kurz nach der Zerſtörung Uptſ che's durch die Ruſſen, ihn blutend in den Armen der verwun⸗ deten Freunde gefunden,— zu der Verſammlung zu ſpre⸗ chen begann: „Männer und Brüder,“ hob er in einem tiefen Tone an,„wir ſtehen auf einer heiligen Stelle,— an dem Oſchamachna, dem glücklichen Berge, auf deſſen Gipfel, von keinem Menſchen noch erreicht, Dſchin Padiſchah, der Fürſt der Geiſter, thront. Aber auch eine heilige Pflicht rief uns hierher, ein Vorhaben, das der große Dſchin mit Freude gewahren und durch ſeinen Beifall ſegnen wird: uns rief die Rache an dem Feine des Vaterlandes. Uptſche iſt nicht mehr. Ueberfallen von einer ſtarken ruſſiſchen Kolonne, war es mir unmöglich, den Feind mit den wenigen Treuen, die mich umgaben, zurückzuwerfen; aber wir kämpften würdig Eurer Achtung; denn von vier⸗ und fünfzig Mann athmen nur noch drei, und meine Wun⸗ den mögen beweiſen, daß ich mein Leben theuer erkaufte.“ „Weiber und Kinder fielen durch Feindeshand, Hab' und Gut haben ſie geraubt; verbrannt und zerſtört liegen die Hütten, aber was ſchmerzlicher iſt: ſie haben unſre Töchter mit ſich geſchleppt, um ſie zu beugen in ihre Sklavenfeſſeln.“ „Auf denn, Ihr Brüder, laßt uns ſie retten, laßt uns Rache nehmen an dem Feinde, der mit wüthendem Beginnen die Axt an den Stamm unſerer Freiheit legt, der begierig lauert, uns zu zertreten, der die Hand aus⸗ 2 ſtreckt nach unſerem Vaterlande, um es zu erdrücken unter der Laſt ſeiner Feſſeln! Auf! laßt uns ihm entreißen, was er geraubt, laßt uns ihm ſeine Schätze nehmen und ſie theilen unter die würdigen Söhne des Dſchin Padiſcha.“ Unter dieſen Worten hatte ſich der gebeugte Greis hoch aufgerichtet; der Mond warf ſein Licht auf die ſtolze Geſtalt; ſeine Augen ſprühten ein heiliges Feuer und leicht bewegt rauſchten im Winde die Silberlocken ſeines Bartes. Ein donnernder Jubelruf wirbelte, als er geendet, in die Lüfte und ward von den Echo's der Berge in tau⸗ ſendfältigem Rufe erwiedert. Nachdem ſich die erſte Begeiſterung etwas gelegt, trat ein anderer Anführer vor, und nachdem er der Auf⸗ forderung Ali⸗Charzis' beigepflichtet, erinnerte er, daß man vor allem auskundſchaften müſſe, nach welchem Orte die Ruſſen ſich mit ihren Leuten zurückgezogen. Da erhob ſich der Jüngling, auf deſſen Schultern der Fürſt von Uptſche ſich bisher geſtützt hatte und ſprach: „Tſcherkeſſen! Ihr Alle kennt mich und wiſſet, daß ich Moktſcheski bin, der einſt gegen Euch gefochten, aber Ihr habt Euch auch von meiner Sinnesänderung über⸗ zeugt, und zum Lohne meiner Tapferkeit mir die Würde eines Anführers übertragen. Rußland iſt mein Feind wie Eurer— Rußland hat mein Volk vernichtet, wie es Euch zertreten will— aber Rußland hat mir auch meine Liebe, mein Glück, hat mir Alerxandra, die Tochter des tapfern Ali⸗Charzis, meine Braut geraubt. Dreifache Rache fordert mich zu dreifacher That. Darum bitte ich für mich um den Auftrag, den Ort auszukund⸗ ſchaften, an welchem die Töchter der Erſchlagenen ſchmach⸗ ten und ich will kühner mich wagen, als einer von Euch, und im Kampfe die Stelle mir ſuchen, die die gefähr⸗ lichſte iſt.“ Moktſcheski ſchwieg; aber ein abermaliges Freu⸗ dengeſchrei bezeichnete, daß auch dieſer Vorſchlag mit Freuden aufgenommen worden. Als nun noch mehreres verabredet war, rief freude⸗ ſtrahlend Ali⸗Charzis die Gegenwärtigen zur Leiſtung des Bluteides auf und die Zweitauſend ſchwuren: treu zuſammen zu halten auf Leben und Tod. Da dämmerte es allmählig im Oſten und mit dem Lichte ſchwanden all⸗ mählig die finſtern Geſtalten und der erſte Strahl der Sonne grüßte die leere Fläche des Berges Elbrus. — VII. Die Zweitauſend Tſcherkeſſen, welche die Sobranie gebildet und die ſich gegenſeitig durch einen Eid ver⸗ pflichtet, Rache zu nehmen an dem Feinde des Landes, und die Gefangenen wo möglich aus deſſen Händen zu befreien, hatten ſich mit dem Verſprechen zerſtreut, in der ſechſten Nacht auf der Ebene von Uptſche wieder zu⸗ ſammen zu treffen. Bis dahin hoffte Moktſcheski die Stellung des Feindes und namentlich den Räuber der ſchönen Alexandra ausgekundſchaftet zu haben, und dann ſollten ſämmtliche Mitglieder der Sobranie ſich vlötzlich über die Zerſtörer von uptſche werfen und die Ueberraſchten vernichten. Moktſcheski hatte ſich eine ſo ſchwere als gefähr⸗ liche Aufgabe geſtellt; aber ſeine Liebe zu Ali⸗Charzis Tochter ließ ihn keinen Augenblick ſchwanken; denn tief in der Seele fühlte er die Gewißheit, daß es für ihn nur eine Wahl gäbe, und dieſe war: mit Alexandra zu leben, oder für dieſelbe zu ſterben. Von dieſen Gefühlen ermuthigt und von der Angſt über der Geliebten Schickſal geſpornt, nahete er ſich in größter Eile der ruſſiſchen Vorpoſtenlinie. Aller 105 Wahrſcheinlichkeit nach hatten ſich die Ruſſen nach der Zerſtörung von Uptſche nach Batalpaſchinsk oder Kis⸗ lowodsk zurückgezogen, was Moktſcheski aus der Aus⸗ ſage aller Tſcherkeſſen ſchloß, die er bei ſeiner Annähe⸗ rung an den Kuban⸗Cordon geſprochen, und welche den Rückzug der Ruſſen theils von Ferne geſehen, theils von ihm gehört hatten. Der junge Pole entſchied ſich ſogleich für letzteren Poſten, da er wußte, daß Obriſt Hahn das befeſtigte Lager von Kislowodsk befehligte und dieſer ein wilder und leidenſchaftlicher Mann, ſchon lange vor⸗ gehabt und ſich öffentlich gerühmt hatte, er wolle ein Serail von geraubten Fürſtentöchtern der Tſcherkeſſen an⸗ legen. Außerdem gehörte einer jener Mämner, welche den Lieutenant Moktſcheski einſt nach Uptſche be⸗ gleitet, unter das Kommando dieſes Offiziers, und Hahn konnte demnach leicht von Alerandra's Schönheit und der Schwäche des Dorfes, in welchem ſie wohnte, un⸗ terrichtet ſein. Gegen den Abend des zweiten Tages näherte ſich Moktſcheski dem Lager. Als er es bis auf zweihun⸗ dert Schritte erreicht, hielt er an, barg ſein Pferd in einem Gehölze und ſchlich bis zu der Spitze des Wäld⸗ chens, von wo aus er die ihm genugſam bekannte Ge⸗ 106 gend überſchauen konnte. Sie lag ſtill und friedlich. Aus den Häuſern und Werken des Lagers ſtieg dichter Rauch in beweglichen Säulen auf, welche die Abendſonne leiſe vergoldete, und verkündete die Beſchäftigung der Bevöl⸗ kerung; auf den Wieſen weideten die Koſakenpferde und hoben ihre Köpfe und den gedrängten Hals aus dem hohen Graſe, das ſie in ſeinen Wellen faſt verbarg; von dem nahen Hügel zog eine Heerde Schaafe herab, und man wäre verſucht geweſen, aus dieſer idylliſchen Land⸗ ſchaft auf den tiefſten Frieden zu ſchließen, wenn nicht gerade jene Heerde den Beweis des Gegentheils geliefert hätte. Denn wie ſie ſich mehr und mehr näherte, ge⸗ wahrte man, daß ſie von fünfzig Mann Truppen und einer Kanone begleitet war, indem die Ruſſen nur unter ſolcher Bedeckung wagen konnten, ſolche auszutreiben, da die kühnen Guerillas der Tſcherkeſſen die Feſtungen und Lager beſtändig umſchwärmten und ſich ſogar bis unter die Wälle wagten. Moktſcheski hatte ſich hinter einem Buſche ver⸗ borgen und ließ die Feinde vorüberziehen. Er rührte ſich nicht und erwartete geduldig die Nacht. Als die⸗ ſelbe endlich angebrochen, als Alles ſtill und ſchlafend lag, erhob er ſich vorſichtig und ſchlich, des Weges kun⸗ 107 dig, nach der ſüdlichen Verſchanzung. Hier hob ſich das Haus, welches der Obriſt bewohnte, wie ein Thurm; denn von Stein erbaut, diente es nicht nur dem Komman⸗ danten zur Wohnung, ſondernkonnte auch als Cidatelle benutzt werden, da es das Lager und die Umgebung beherrſcht. Hier mußte Alerandra ſich befinden, war ſie in die Gewalt des Obriſten Hahn gefallen. Die Dunkelheit der Nacht begünſtigte das kühne Unternehmen Mokt⸗ ſcheski's, der, entdeckt, um ſo gewiſſer dem Tode ge⸗ widmet war, als er als Feind und Ueberläufer betrachtet werden mußte. Aber des Polen Bruſt ſchlug höher; er ward entſchloſſener und freudiger, je näher er Kislowodsk kam; denn er fühlte die Gluth des Haſſes gegen ſeinen dreifachen Feind mächtig aufflammen. Bald hatte er, immer ſachte an der Erde hinſchleichend, eine Stelle des äußeren Walles erreicht, die er als zum Erklettern mög⸗ lich kannte, und ohne daß es eine Schildwache gewahren konnte, ſtand er in dem kleinen Garten, welcher ſich an das Haus des Obriſten ſchloß. Hier ſetzte er ſich dicht unter die hohen Mauern, und begann mit halb gedämpfter Stimme eines jener polniſchen Nationallieder, welche durch ihre einfache und ſchwermüthige Melodie ſo ſehr zum Herzen ſprechen. Alexandra kannte es wohl, denn oft hatte er es ihr geſungen und Moktſcheski durfte ſicher darauf rechnen, daß ſie ihn, wenn nur der Klang bis zu ihren Ohren dränge, alsbald erkennen würde. Er hatte ſich nicht getäuſcht. Kaum waren die Töne verhallt, als aus einem der obern Fenſter eine klangvolle Stimme ein tſcherkeſſiſches Lied zur Antwort ſang, und Moktſcheski bebte vor Entzücken— denn es war die Geliebte. Aber der Augenblick war koſtbar; er durfte ſich keinen ſüßen Gefühlen der Liebe unvorſichtig hinge⸗ ben, denn ſchon dieſe wenigen Töne konnten die Auf⸗ merkſamkeit der Wachen oder gar des Obriſten ſelbſt er⸗ regen, und ſo erwiederte der junge Pole fingend nur in wenigen tſcherkeſſiſchen Worten, daß ſich die Geliebte zur Flucht bereiten ſolle, die Hülfe ſei nahe. Dann verließ er ſchleunig und mit der größten Vorſicht die Feſtung auf demſelben Wege, auf welchem er ſich ihr genähert hatte. VIII. Durch das Gebiet der den Ruſſen im Jahre 1828 durch General Emanuel unterworfene Karatſchai ſtürzt ſich, wild aufſchäumend und Alles mit ſich fortreißend, über ungeheuere Felſenmaſſen der Kuban. Seine Flu⸗ then brauſen in wilder Jugendkraft und ſpritzen ihren ſchneeweißen Schaum über die ſchwarzen Granitblöcke, die ihm die Natur hemmend in den Weg ſchleuderte Zu beiden Seiten des Fluſſes heben ſich die Felſen faſt ſenk⸗ recht zu unerſteiglichen Höhen, und laſſen nur einen ſchmalen Pfad, der ſich bald dicht am Ufer, bald hoch an den Steinwänden hinzieht, kaum einem Mann Platz gönnt, und der von den Schluchten, welche ſich dieſſeits und jenſeits des Kuban bilden, beherrſcht wird. Dieſe Klüfte ſind für die Ruſſen von der höchſten Wichtigkeit, denn ſelbſt nur ſchwach beſetzt, können ſie einer beträcht⸗ lichen Anzahl den Uebergang faſt unmöglich machen. Un⸗ gefähr fünfzig Werſte vom Kammenoi⸗Moſt(der ſtei⸗ nernen Brücke) fällt der Kuban in ein lachendes Thal, in welchem er ſich ausdehnt und, älter geworden, von dem Toſen der Jugend ausruhend, in gemüthlicher Ruhe dahinſtrömt. Hier ſenden ihm vier Flüſſe: die Tiberd a, der große und kleine Solentſchuck und der Urnp ihre Waſſer zu, und, hoch angeſchwellt, wendet ſich nun ſein majeſtätiſcher Lauf dem Fort Protſchnvi⸗Okop vorüber, wo der, den Tſcherkeſſen ſo furchtbare General 11⁰ Saß, ein Liefländer von Geburt, wie ein Adler auf hohen Felſen horſtet. Reiche Inſeln werden hier von des Kuban's Fluthen umſpült, prächtige Fluren bilden ſeine Ufer, bis er bei der Stanitza Temiſchbeg ſeinen Lauf nach Weſten nimmt, und ſich endlich in's Aſow'ſche Meer ergießt.— Auf ſeinem Zimmer zu Protſchnoi⸗Okop ſatz der General Saß, von den Tſcherkeſſen nur Schaitan oder „der Teufel“ genannt, und hörte mit finſterer Miene dem Rapport ſeines beſten Spionen zu. „Und die Hunde haben den Ort noch nicht beſtimmt, den ſie überfallen wollen?“ frug jetzt heftig der General. „Nein, Excellenz! Es war mir bei dem Gedränge auf der kleinen Platte des Elbrus unmöglich bis zu den Rednern vorzudringen, ich gewahrte nur im Mondſchein die Geſtalt des tapferen Fürſten Ali⸗Charzis und ſah, daß er, unterſtützt von einem jungen Tſcherkeſſen, ſich erhob und ſprach. Von einem andern Gliede der Sobranie, welches weiter vornen geſtanden, erfuhr ich endlich beim Weggehen, daß man erſt auskundſchaften wolle, von wo der Ueberfall auf Uptſche ausgegangen, um ſich dann auf jenen Poſten zu werfen.“ m „Der ging von Obriſt Hahn aus. Und wann wollen ſie kommen?“ „Mein General, das kann ich mit Gewißheit nicht ſagen; aber ſicher bald, denn ſie ſind bei ihren Unterneh⸗ mungen ſchnell wie der Blitz; die Fürſten haben ihre Pferde mit warmem Waſſer gewaſchen und Prachtkleider angelegt, ein Zeichen ihres feſten Entſchluſſes und der baldigen Ausführung deſſelben.“ „Verwünſcht! daß Du keine genauere Auskunft weißt.“ „Excellenz kennen mich ſchon ſo lange als pünktlich und ſchnell; aber hier...“ „Schon gut. Mein Schreiber ſoll kommen.“ Der Karadſchin ging und der Geforderte trat ein. Saß ging mit großen Schritten ſchweigend auf und ab. Er hatte die Wahl, dem Feinde entweder den Weg zu verſperren, oder ihn vorüberziehen zu laſſen, um ihn dann im Rücken anzugreifen. Im erſteren Falle wäre es möglich geweſen, daß ſich die Lſcerkeſſen bei Anſicht des gefürchteten Schaitan zerſtreut hätten, um zu einem gün⸗ ſtigeren Zeitpunkte mit doppelter Macht einzufallen; der General entſchied ſich daher ſchnell für das Letztere. Er winkte dem Schreiber zu beginnen und ließ dem Obriſten Hahn melden, daß er die Bande bei einem allenfallfigen Einfalle mit ſeinen zwei Bataillonen Infan⸗ terie und fünfhundert Koſaken nach Gebühr empfangen ſolle; er ſelbſt würde ihnen auf dem Nacken ſitzen und ſeine Ankunft im Rücken des Feindes mit Kanonenſchüſſen melden. Außerdem ſolle Hahn, durch einen Aufruf an die Karatſchai, den Räubern den einzigen Weg zum Ent⸗ ſchlüpfen abſchneiden. Saß ſelbſt ging noch am gleichen Tage nach Son⸗ nenuntergang mit achthundert Koſaken, zwei Compagnien Jäger und ſechs leichten Kanonen, dem Gebirge zu. IX. General Saß hatte einen beſchwerlichen Weg zurück⸗ zulegen Nur mit unendlicher Mühe konnte er auf dem unwegſamen Gebirge vordringen, um den Platz zu finden, an welchem die Tſcherkeffenbande durchgebrochen war. Immer höher ſtieg er auf und immer gefährlicher wurden die Wege. Spione kamen und gingen, ohne ſichere Be⸗ richte zu bringen, bis endlich die Nachricht einlief: der Feind habe den Weg nach Batalpaſchinsk eingeſchlagen. Kurze Zeit darauf fand man auch die Stelle, an welcher 113 die feindlichen Reiter durch das Flüßchen Baba geſetzt hatten. Das niedergetretene mannshohe Gras und der friſch aufgewühlte Boden zeigten die breite Spur der zweitauſend Tſcherkeſſen. Ueber Berg und Thal, durch Moräſte und Ströme, durch Schluchten und Waldungen, in der üppigſten, reichſten Natur waren ſie unaufhaltſam vorgedrungen und in Eilmärſchen ſetzten ihnen die Ruſſen nach. An den Feuerſtätten, wo der Haufe geruht, konnte Saß berechnen, daß er ihnen immer näher komme; die zweite Nacht endlich fand er die Feuer noch brennend. Bis dahin ſchienen ſie langſam, ſorglos und ohne alle Vorſichtsmaßregeln marſchirt zu ſein, um ihre Pferde für den Rückmarſch zu ſchonen. Dies gab den Ruſſen ein großes Uebergewicht; denn an dem Kuban ſtanden fünf⸗ hundert friſche Koſackenpferde für ſie bereit. Da hörte plötzlich nicht allein die Spur, ſondern ſelbſt jedes Anzei⸗ chen von Ruheſtätten auf. Saß wurde nachdenkend und trieb zu noch größerer Eile, die Infanterie mit den Saum⸗ roſſen zurücklaſſend. Da der General wußte, daß die Tſcherkeſſen nie einen Ort gleich angreifen, ſondern es immer ſo einrichten, daß ſie gegen Mitternacht in die Nähe deſſelben kommen, um ihre Pferde die Nacht aus⸗ ruhen zu laſſen und dann bei Tagesanbruch mit einem I. 8 114 gräßlichen Geheule über die Wohnungen herfallen, ſo näherte er ſich dem Kuban bei Batalpaſchinsk mit der äußerſten Vorſicht. Wie groß aber war ſein Erſtaunen, als er hier erfuhr, daß die Tſcherkeſſen ihn nur getäuſcht, und plötzlich in den Fluß reitend, ſpurlos verſchwunden ſeien, ohne daß irgend Jemand angeben konnte, wohin ſie ſich gewendet. Saß ließ Halt machen, und eilt mit finſterer Stirne durch ſeine Colonnen, ohne einen Entſchluß faſſen zu kön⸗ nen; da kamen Koſacken und brachten die Botſchaft: die Tſcherkeſſen hätten ſich in gedrängten Haufen und eiligen Schrittes in der Richtung von Kislowodsk, an der Grenze der Karbardah(ungefähr dreißig Werſte von Pätiporsk), ſehen laſſen. Die Pferde der Ruſſen konnten nicht mehr weiter, und ſich ganz auf den Obriſten Hahn verlaſſend und ſie nun eingeſchloſſen wiſſend, blieb dem Generale nichts weiter übrig, als die ganze Strecke bis hinauf an den Kammenoi⸗Moſt zu beſetzen und abzuwarten, durch welche der vielen Schluchten ſie ihren einzig möglichen Rückzug nehmen, und ihm in die Hände fallen würden. Es blieb Alles ſtill. Den Reſt des Tages war kein Schuß zu hören, und ſo verging auch die Nacht. Von 115 den ausgeſandten Kundſchaftern kamen keine zurück. Da plötzlich ſprangen in raſendem Galopp des Generals Liebling, der Kabardinerfürſt Dſchimbulat Atas Hukin, und der Fürſt der Abadſiner, Mahomed Girai Lvof, her⸗ bei. Tod ſtürzen ihre Pferde nieder, mit Schweiß bedeckt und wilden Blickes ziehen die Fürſten den finſter ſtaunen⸗ den General auf die Seite;— er hört— ſeine Augen funkeln, er wird bleich wie eine Leiche, wickelt ſich den langen blonden Schnurbart um die Finger und ſchlägt ſich endlich, ein Zeichen der höchſten Wuth, mit der flachen Hand auf die Lende. „Zum Raſendwerden!“ rief er aus,„ſo ſind die Hunde, ohne ſich einen Augenblick Ruhe zu gönnen, hun⸗ dert Werſte weiter geritten!“ „Ja,“ entgegnete Atas Hukin,„und haben, da Obriſt Hahn ſie verfehlte, Kislowodsk überfallen und nach einem kurzen Gemetzel gänzlich geplündert und zerſtört.“ „Verflucht!“ tobte der General.„Und die Karat⸗ ſchai?— Ich habe Hahn doch die Ordre geſchickt, ſie aufzubieten und von dem Ueberfall zu benachrichtigen!“ „Hat man unverzeihlicher Weiſe nicht davon in Kenntniß geſetzt. Auf ihren Feldern zerſtreut, konnten 8* ——— 116 ie ſich nicht zeitig genug ſammeln, um den Tſcherkeſſen den Durchgang ſtreitig zu machen; was ihnen in ihrem Lande, wo nur ein ſchmaler Pfad zwiſchen Felſen durch⸗ zieht, mit fünfzig oder hundert Mann ein Leichtes gewe⸗ ſen wäre!“ „Sie haben ſchrecklich gewüthet,“ ergänzte der Abad⸗ ſinerfürſt,„und Alles niedergemacht bis auf die Tochter des furchtbaren Ali⸗Charzis, welche ihr Geliebter auf ſeinem Pferde davonführte.“ Saß ſchweigt lange. Da bringt man ihm die Nach⸗ richt, daß zweihundert ihm ergebene Abacheſen angekom⸗ men ſeien. Bei dieſer Botſchaft flammt eine neue Hoff⸗ nung in ihm auf. „Sind ſie noch einzuholen?“ ruft er endlich entſchie⸗ den und wendet ſich an ſeinen Liebling. „Ihre Pferde ſind übermäßig angeſtrengt und müſſen jetzt einen überaus beſchwerlichen Weg einſchlagen,“ ent⸗ gegnete dieſer.„Aber ſie haben einen zu großen Vor⸗ ſprung. Doch wenn ſie auch nicht mehr einzuholen ſind, ſo können wir ihnen, freilich nur mit der größten Eile, den Weg abſchneiden“— ſetzte er hinzu und blickte kopf⸗ ſchüttelnd auf die abgematteten Roſſe der Ruſſen. 117 „Und wenn ich ſie ganz allein mit Euch zweihundert erreiche,“ rief Saß, und wandte raſch ſein Pferd,„un⸗ geſtraft ſollen ſie mir nicht entkommen!“— und damit donnerte ſein„Marſch!“ durch die Colonnen. X. Während nun die Ruſſen auf ihrem Eilmarſche faſt das Unmögliche leiſteten, und ſchon gegen fünf Uhr Mor⸗ gens eine Schlucht erreichten, welche die. Tſcherkeſſen paſ⸗ ſiren mußten, zogen die Letzteren, ihrer Sicherheit gewiß, ruhig der Heimath zu. An ihrer Spitze ritt Ali⸗Charzis, der, noch ſchwach von ſeinen Wunden, ſich dennoch nicht hatte wehren laſſen, mitzuziehen; ihm zur Seite befand ſich Moktſcheski, überglücklich die Arme um den zarten Leib ſeiner Aleran⸗ dra ſchlingend, welche vor ihm auf dem Pferde ſaß. Mit Lebensgefahr hatte ſie ſich der Jüngling wieder erkämpft; mit unendlicher, feuriger Liebe lohnte die Fürſtentochter die Tapferkeit ihres Geliebten. Die Glücklichen hatten die Welt vergeſſen. Auge in Auge blickten ſie ſich ſchwei⸗ gend an; aber ihre Blicke waren eine Sprache des Lich⸗ tes, deren Worte nur Entzückungen bildeten. 118 So zogen ſie hin, und malten ſich ſelig die Zukunft aus, die ſie nun vereint durchleben ſollten; denn Mokt⸗ ſcheski hatte ſein Wort gehalten. Tapfer für Tſcher⸗ keſſiens Freiheit und Unabhängigkeit kämpfend, waren ſeine Verdienſte durch die Erwählung zum Anführer ge⸗ krönt worden, und nun war er, als des ſchönſten Lohnes, der Hand ſeiner Alexandra gewiß. Nicht kümmerte ſie der träge Schritt ihres Roſſes, nicht der rauhe Pfad, der immer ſteiler und unwegſamer wurde, nicht die Nacht, die ſie überraſchte und alle Gefahren erhöhte und deren Dunkel die müden Reiter und Thiere umſonſt ſo gaſtlich zum Schlummer aufforderte; unaufhaltſam ging es vor⸗ wärts, denn jeden Augenblick konnten die Feinde ihnen im Rücken erſcheinen; aber alle die Mühen wurden die Liebenden nicht gewahr, denn die Außenwelt exiſtirte für fie nicht mehr,— ſie waren ſich genug. So brach der Morgen anz es dämmerte bereits und Alerandra hatte ihr Haupt halb ſchlummernd auf die Schultern ihres Freundes gelegt; da ſtieß plötzlich einer der Anführer einen grellen Schrei aus, und die ganze Maſſe blieb wie von einem Zauber gebannt unbeweglich ſtehen. Man war der Ruſſen anſichtig geworden. Den Tſcherkeſſen blieb keine Wahl, hier galt es, ſein Leben ſo theuer dls möglich zu erkaufen, denn an eine Rettung war kaum zu denken. Aber die Söhne der Freiheit ver⸗ zagten nicht; für ihr Vaterland und im Kampfe mit ihren Todtfeinden zu ſterben, war ihnen eine heilige Luſt. Moktſcheski würde zu jeder Zeit die Gefühle ſeiner Freunde getheilt haben; aber jetzt,— in dem Augenblicke, in welchem er der Erfüllung ſeiner höchſten Wünſche ſo nahe— jetzt, wo er des Beſitzes ſeiner Alexandra gewiß war, durchzuckte ihn ein bitteres ſchmerzliches Ge⸗ fühl. Finſter blickte er auf das Mädchen, das eben noch ſo ſanft auf ſeiner Schulter geruht hatte; aber ſein Auge fiel auf kein weinendes Kind,— er ſah auf eine hoch⸗ herzige Jungfrau, die im Momente der Gefahr die Schwäche des Weibes, voll heldenmüthiger Gefühle glü⸗ hend, abgeſtreift. Zärtlich aber ſtrahlenden Auges faßte fie Moktſcheski's Hand und ſprach: „Hier gilt es furchtbaren Ernſt und kaum wird es einem von uns allen gelingen, ſich durchzuſchlagen. Aber bange nicht für mich; ich bin die Tochter des gefürchteten Ali⸗Charzis und werde ſeiner würdig zu ſterben wiſſen.“ „Noch ſind wir nicht verloren,“ tröſtete der Jüngling, „und ich will dich ſchützen bis...“ 120 „Nicht doch“, entgegnete Alexandra.„Laß uns kämpfen, nicht für un s, ſondern für das Vaterland, laß uns der gehaßten Feinde ſo viele tödten, als möglich iſt. Der Tod kann unſere Liebe nicht trennen; aber damit wir vereinigt bleiben, ſo laß uns gegenſeitig verſprechen, daß Keines das Andere überleben will.“ „Es ſei!“ rief Moktſcheski, von dem Muthe ſei⸗ ner Geliebten begeiſtert,„wer von uns das Andere fallen ſieht, der folgt ihm freiwillig nach!“— „Und Ihr ſterbt als Gatten, denn meine Hand hat Euch geſegnet“, fügte der graue Fürſt hinzu, und legte ſeine Hände auf die Häupter ſeiner Kinder, die ſich noch einmal feſt umſchlangen. Da fiel der erſte Schuß. Die Liebenden riſſen ſich los und ſtürzten raſch in das Gewühl. Unterdeſſen hatte ein heißer Kampf begonnen; denn kaum bemerkten die Ruſſen die Feinde auf dem, ihrem Hinterhalte gegenüber liegenden mit Schnee bedeckten Gipfel des Berges ſich in einem langen ſchwarzen Strei⸗ fen, gleich einer Schlange herabwindend, als Jeder zu ſeinem Pferde kroch, den Sattelgurt, ohne ſich aufzu⸗ richten, feſtſchnallte, ſein Feuergewehr beſichtigte und ver⸗ ſuchte, ob der ſcharf geſchliffene Säbel und der ſpitze Dolch leicht aus der Scheide gehe. General Saß muſterte mit ſchnellem Blick ſeine kleine Macht; denn von den achthundert berittenen Ko⸗ ſacken waren nur die Hälfte, von der Infanterie nur ſechzig Mann und von ſechs Kanonen nur eine einzige ihm nachgekommen. Dieſe Truppen ſollten nun, verei⸗ nigt mit den, den Ruſſen ergebenen Abacheſen, den bei weitem ſtärkeren Feind angreifen. Aber was an Stärke der Mannſchaft abging, erſetzte reichlich eine vorzügliche Stellung. Noch ehe die überraſchten Tſcherkeſſen einen Entſchluß gefaßt, hatte Saß ſchon Folgendes befohlen: Hundert Ko⸗ ſacken unter dem geruſiniſchen Fürſten Mainuika Orba⸗ lian mit den zweihundert ruſſiſchen Abacheſen ſollten längs der Schlucht rechts, der Obriſt Roth mit zweihundert anderen Koſacken dieſelbe links vorrennen, während der General mit der Kanone, den übrigen Koſacken, jeder einen Infanteriſten hinter ſich auf dem Pferde, dem Feinde gerade entgegen gehen wollte.— Mit verhängtem Zügel ſprengte Jeder nach der angewieſenen Richtung. Es war ein überaus ſchöner, ader furchtbarer An⸗ blick, als ſo mit einemmale die Tſcherkeſſen umzingelt wurden, und von allen Seiten ein mörderiſches Feuer begann. Die erſten Linien der feindlichen Maſſen trafen 122 aufeinander. Staubwolken und Pulverdampf wirbelten in die Höhe und verdeckten auf wenige Minuten das ganze Bild. Allmählig hellte ſich die ganze Schlucht wieder auf, die Tſcherkeſſen waren von den Pferden geſtiegen und empfingen die Ruſſen, ein Knie auf der Erde, die Flinten auf Gabeln gelegt. Da werfen auch die Ruſſen ſich von ihren Thieren und das Schießen wird allgemein. Die Koſacken brauſen wie ein Gewitter den Abhang herunter und fallen den Tſcherkeſſen von beiden Seiten in die Flanken. Rechts heben ſich ſteile Felſen, hoch in die Lüfte gethürmt, links drohen die hohen Ufer des Kaſ⸗ ſaut, welcher, in der ſich immer mehr verengenden Schlucht, ſich ſeinen Felſenweg bahnt; und im Hintergrund dieſes furchtbar erhabenen Bildes hebt ſich der über Alles her⸗ vorragende Elbrus mit ſeinem eisgrauen Haupte. Saß hatte ſich unterdeß einer Erhöhung zur Linken bemächtigt, die Kanone aufgepflanzt und hinderte durch Kartätſchenſchüſſe die hinteren Reihen der Tſcherkeſſen, ihre kämpfenden Brüder thätig zu unterſtützen; während unterhalb der Kanone eine Tirailleurkette den Feind in die Flanke nimmt. Sie bietet dem Auge deſſen, der dieſe Art Kriegsführung nicht kennt, ein ſonderbares Schau⸗ ſpiel dar. ungefähr vierzig Paar Koſacken ſtehen gegen 123 eine gleiche Anzahl Tſcherkeſſen— für mehr iſt in der ſchmalen Schlucht nicht Raum. Nach jeder Salve wer⸗ fen ſich beide Theile in das hohe Gras, laden ihre Ge⸗ wehre, indem ſie zugleich ſich vorwärts ſchieben, und wie⸗ der aufſpringend, befinden ſie ſich nicht weiter vonein⸗ ander, als höchſtens dreißig Schritte. Statt dann ſo⸗ gleich loszuſchießen, legt blos jeder auf ſeinen Gegen⸗ mann an und ſucht ihn zum erſten Schuß zu verleiten. So vergeht ungefähr eine halbe Minute. Beide Linien feuern dann zu gleicher Zeit los; die Getroffenen ſtürzen und mit einem elektriſirenden„Hurrah werfen ſich die Feinde aufeinander. Der ſchwächere Theil muß weichen, und wiederum fällt Alles in das Gras.— Die Tſcherkeſſen kämpften wie die Bären. Da ſie aber ihre Kräfte nicht entwickeln konnten, und von drei Seiten umſchloſſen waren, ſo war alle Tapferkeit um⸗ ſonſt, doch drangen ſie immer von Neuem todesmuthig vor. Den größten Schaden in den ruſſiſchen Linien ver⸗ urſachte aber eine Gruppe von ungefähr fünfzehn bis ſechzehn Mann, welche ſich auf einem hohen Felſenblocke aufgeſtellt hatten und durch das Vorſchreiten der Ruſſen denſelben in der Flanke geblieben war. Unter dieſen wenigen Tſcherkeſſen ragte vor Allen ein hoher Greis 124 X hervor, mit grauem, langem Barte, ſehr reich gekleidet, der faſt bei jedem Schuſſe einen der ruſſiſchen Offiziere niederſtreckte. Ihm zur Seite zeigte der verfliegende Pulverdampf von Zeit zu Zeit zwei andere Figuren, von welchen die eine in die Gewänder eines Weibes gehüllt ſchien. Da die Koſacken von dieſen Schützen ſehr zu lei⸗ den hatten, und ihre beſten Offiziere durch ſie fallen ſahen, wandten ſie ſich plötzlich gegen dieſelben und ſandten einen Hagel von Kugeln zu ihnen hinauf. Ein heftiges Krümmen des Alten zeigt, daß er tüchtig ge⸗ troffen iſt; dennoch legt er die Flinte wieder anz in die⸗ ſem Augenblick verliert er das Gleichgewicht, die Flinte fällt ihm aus der Hand und prallt auf den Felſen ab. Er ſelbſt ſtürzt von einer P auf die andere, und immer noch mit übermenſchlicher Kraft ſich auf den Füßen haltend ſucht er ſein Schwert zu zerbrechen und die Piſtolen auf den Steinen zu zerſchmettern, ſo daß nur die einzelnen Stücke davon den Koſacken in die Hände fallen. Endlich verliert er die Beſinnung und ſtürzt den letzten Abhang rücklings unter die Feinde.— Von beiden Seiten war unterdeſſen faſt eine ganze Mi⸗ nute lang kein Schuß gefallen; Alles ſah ſtarr auf den ſtürzenden Alten, den ſie ſämmtlich kannten:— es war —2⁵— Ali⸗Charzis, der Todfeind der Ruſſen, der Held ſeiner Nation. 2 Kaum war der Alte unter die Koſacken gefallen, als eine, aller Beſchreibung Hohn ſprechende, Scene erfolgte. Mit einem heulenden, ihnen eigenthümlichen Angriffsge⸗ ſchrei ſtürzen ſich die Tſcherkeſſen, die Flinte über die Schulter geworfen, das blanke Schwert zwiſchen den Zähnen, in den Händen die geſpannten Piſtolen, auf die Koſacken. Fünf bis ſechs Tſcherkeſſen greifen heulend ihren todten Helden auf; die Andern drängen mit furcht⸗ barem Ungeſtümm die Ruſſen zurück.„Da gilt's! Mir nach!“ donnerte des Generals Stimme und ſeine ganze Macht wirft ſich mit verdoppelten Kräften auf die Feinde. Da ergreift Verwirrung die Tſcherkeſſen, ſie ſehen ihre Sache verloren und ſprengen in wilder Flucht davon. Ein gräuliches Niedermetzeln beginnt, und wird nur ſchwach von den wenigen Gefährten Ali⸗Charzis auf dem Felsblocke zurückgehalten, welche den Engpaß ver⸗ theidigen, durch den ihre Freunde fliehen. Nur noch zwei kämpfen dort. Es iſt Moktſcheski und Alexandra. Jetzt finkt der Jüngling ſchwer getroffen auf ein Knie, da wendet raſch des Fürſten Tochter den Lauf ihrer Doppel⸗ flinte von dem Feinde ab, und drückt auf den Geliebten 126 los,— er ſtürzt zurück und im nächſten Augenblicke hat ſie ſich die eigene Kugel durch das Herz gejagt. XI. Alles dies war das Ereigniß eines Momentes. Aber der Tod dieſer zwei letzten Kämpfer hatte ſelbſt des Ge⸗ nerals Staunen und Neugierde erregt, und nachdem er die nöthigen Befehle zur Verfolgung der Flüchtigen ge⸗ geben, beſtieg er ſelbſt, von ſeinem Liebling, dem Kabar⸗ dinerfürſten und einigen Koſacken begleitet, den Felſen. Sein erſter Blick war in die Thalſchlucht, die er hier völlig überſehen konnte; aber er wandte ſich erſchrocken und finſter zurück; denn ſie war mit Todten bedeckt, un⸗ ter welchen die Mehrzahl die Farben Rußlands trugen. Als er darauf zu den Leichen der beiden Kämpfer trat, die ſich ſo lang und ſo tapfer gewehrt, ſah er mit freu⸗ digein Erſtaunen, daß der Jüngling noch lebe. Er war mit ſeinen letzten Kräften zu der Geliebten gekrochen, hatte ſich von ihrem Tode überzeugt, einen letzten Kuß auf die bleichen, kalten Wangen gedrückt, und war dann, vom Blutverluſt entkräftet, ohnmächtig auf ihren Buſen geſunken. 127 Die Ruſſen ſelbſt waren von dem Anblick dieſes Heldenpaares ergriffen; denn noch im Tode und von Blut überſtrömt, ſtrahlte Alexandra's Schönheit Sie lag dahin geſtreckt wie eine geknickte weiße Roſe, über welche Aurora ihr Morgenroth gegoſſen. Da ſchlug Moktſcheski matt die Augen auf und blickte in das Antlitz— ſeines Generals. Saaß ſtarrte ihn an. Er wußte nicht, ob er wache oder träume, ob ihn Aehnlichkeit täuſche, oder der verwundete Tſcherkeſſe wirklich ſein lang vermißter Lieutenant ſei. Aber für Moktſcheski war auf Erden kein Bleiben mehr; denn ſein Wort rief ihn hinüber in der Geliebten Arme. Mit ſchwacher Stimme, aber entſchloſſen, ſagte er daher auf ruſſiſch zu dem General:„Machen Sie mit mir was Sie wollen; aber laſſen Sie den Leichnam meiner Gattin mit Achtung behandeln; denn es iſt Alerandra, die Tochter des großen Ali⸗Charzis.“ Er ſchwieg und ſank von Neuem bewußtlos zurück. XII. Es iſt Morgen. Die Nebel des Kuban ſteigen dicht aus dem breiten Bette des Fluſſes auf und dehnen ſich 128 über die felſigen Ufer aus. Die Sonne weilt träge hinter den Wolken und der Morgenwind pfeift kalt und uner⸗ quicklich über die Ebene Da öffnet ſich das Thor der Feſte Protſchnvi⸗Okop und unter dem dumpfen Klang der xrom- meln bewegt ſich ſchweigend eine Truppenmaſſe nach der na⸗ hen Fläche. Die Trommeln verſtummen, die Colonnen ma⸗ chen Halt, und aus ihrer Mitte führt man einen bleichen Jüngling, noch ſchwach von Wunden, den Zeichen ſeiner Tapferkeit. In Schußweite wendet er ſich um, blickt ruhig und freudig ſeinen Kameraden in's Geſicht und ruft: „Der Tod des Tapferen ſchreckt mich nicht. Zielt auf mein Herz!“ Da wirbeln die Trommeln. Kalt und abgemeſſen tönt das Kommandowort:„Macht Euch fertig!“— „Feuer!“— und, von zwanzig Kugeln durchbohrt, ſinkt Moktſcheski nieder.— Johanna 1. Königin von Neapel. Biſtoriſche Skizze⸗ H. 9 Wem man den franzöſiſchen Schriftſtellern Scharf⸗ ſinn, die Gabe leichter Auffaſſung, und einen ſehr glück⸗ lichen Blick in der Wahl der Stoffe mit Recht nachrühmt; ſo muß man dagegen auch eingeſtehen, daß ſich dieſelben — namentlich die Koryphäen der neueren romantiſchen Schule— oft von ihrer Phantaſie zu der willkürlichſten Benutzung ſchöner Stoffe hinreißen laſſen. Mag dies nun auch in manchen Fällen erlaubt ſein, ſteht ſelbſt dem Dichter bei Verarbeitung geſchichtlicher Begebenheiten die poetiſche Licenz zur Seite: ſo darf ſich letztere doch keineswegs bis zu einer gänzlichen Umgeſtaltung hiſtori⸗ ſcher Charaktere erſtrecken. Demohngeachtet findet man in dem 6ten Theile des, unter dem anziehenden Titel„erimes célébres“ erſchiene⸗ nen Werkes von A. Dümas; Johanna l., die unglückliche Königin von Neapel, als eine wahre Ausgeburt aller 9* 132 Schändlichkeiten geſchildert, während dieſelbe in der That eine der liebenswürdigſten Erſcheinungen in der Ge⸗ ſchichte iſt. Schon der edle Peter Giamone,— ſo berühmt durch ſeine Schriften, als durch ſeinen vurchaus wahren und offenen Charakter— entwirft von ihr in ſeiner Ge⸗ ſchichte Neapels ein herrliches Bild; und prüft man erſt mit Aufmerkſamkeit ihre Regierung, die Geſetze, welche ſie gab, ja die Anklagen ſelbſt, die man gegen ſie erhob, wird man mit Staunen bekennen müſſen: daß es wenige Menſchen gibt, die ſo verkannt wurden als Johanna. Geht man aber tiefer auf dieſe Sache ein, legt man ſich die Frage vor: warum denn hier die Geſchichte nicht mit der Zeit die düſteren Nebel zerſtreute, welche die edle Königin von Neapel ſo lange ungerechter Weiſe ver⸗ hüllten: ſo wird das geübte Auge des Forſchers in einem der Klagepunkte, die man gegen dieſelbe erhob, leicht Grund und Antwort finden. Johanna ward von dem größeren Theile der mit ihr zugleich lebenden Kleriſei der Ketzerei beſchuldigt. Ihr Hauptgegner war ein fanatiſcher Mönch; die meiſten Geſchichtſchreiber jener Tage gingen aus der Geiſtlichkeit hervor und wie viel überhaupt das Wort dieſer Kaſte über die Gemüther der 133 Chriſtenheit vermochte und vermag, iſt ja einem jeden Klarſehenden bekannt. Hierüber ſtimmen auch Conſtanzo und Summont überein; ja ſelbſt Johanna's erbittertſte Feinde ver⸗ mochten gegen dieſe und für ihre Beſchuldigungen keine Beweiſe, ſondern nur Vermuthungen aufzubringen. Jeden⸗ falls gilt gewiß hier„audiatur et altera pars,“ und ſo glaube ich umſomehr berechtigt zu ſein das Leben Johanna's— kaum wird die Geſchichte ein bewegteres und an intereſſanten Begebenheiten reicheres auffinden können— dem Auge meiner Leſer vorführen zu dürfen. Karl II., König von Neapel, war im Jahre 1309 geſtorben. Die nächſten Bewerber um den neapolitaniſchen Thron waren nun der König von Ungarn, Carobert und Ro⸗ bert, Herzog von Calabrien. Erſterer als ein Enkel des Verſtorbenen, Letzterer als deſſen Sohn. Wie vorauszuſehen, entſpann ſich zwiſchen Beiden ein heftiger Streit; ihn zu ſchlichten legten ſie die Entſchei⸗ dung deſſelben in die Hände Clemens V., der in jenen Tagen auf dem heiligen Stuhle thronte. Für den Papſt war dieſe Sache von um ſo größerer Wichtigkeit, als ſie das mächtigſte ſeiner Nachbarländer betraf. Er entſchied 134 ſich daher mit doppelter Schlauheit für Robert, der nicht nur der weniger gefährliche, ſondern auch der ſchon be⸗ ſitzende Theil war, und ſprach dieſem als Oberlehnsherr das ganze Erbe ſeines Vaters, das heißt die Krone von Neapel, ſo wie die Herrſchaft über Piemont, die Provence und Forcalquier zu. Die Wahl des heiligen Vaters war eine überaus glückliche, indem mit Robert's Regierung dem Königreiche Neapel eine goldne Zeit zu dämmern anfing. Der König, an Regententugenden reich, überſah die mißliche Lage ſeiner Staaten mit geübtem Auge und erkannte ſogleich, daß denſelben vor allen Dingen eine geordnete Verwal⸗ tung Noth thue. Was ſeine Vorgänger durch Willkür, Strenge und Mißbrauch ihrer Macht nicht durchgeſetzt, erreichte er durch vernünftige Milde. Und die Geſetze, welche er dem Lande gegeben, werden noch heute als eine Segnung des Himmels betrachtet. Sein ſchönſtes Denk⸗ mal aber bleibt für alle Zeiten der Beiname der Gütige“, welchen ihm ſeine Völker gaben. Wenn aber auch Robert die Freude hatte, die ſchö⸗ nen Saaten ſeiner weiſen Regierung aufkeimen und zu ſegensreichen Früchten reifen zu ſehen, ſo wollte ihm doch das Glück auf einer anderen Seite nicht wohl. Früh ſtand — der trauernde Vater an der Leiche ſeines vielverſprechen⸗ den Sohnes Carl, mit welchem ihm nicht nur ein ge⸗ liebtes Kind, ſondern auch die Hoffnung für eine glück⸗ liche und ruhige Zukunft des Reiches erſtarb. Carl hin⸗ terließ nämlich als nächſte Thronerben zwei noch ganz junge Töchter, Johanna und Maria, und ſomit war es leicht vorauszuſehen, daß ſich, ſobald nur Robert die Augen geſchloſſen, mit neuen Thron⸗Prätendenten auch neue Streitigkeit und Kämpfe einſtellen würden. Lange ſuchte der, für das Wohl ſeines Landes beſorgte König, nach einem friedebringenden Mittel, und gerieth endlich auf den Gedanken, um die Anſprüche Ungarn's zu be⸗ ſchwichtigen, eine Verbindung mit jenem Fürſtenhauſe und dem ſeinen zu ſtiften. Noch hatte Carobert es nicht vergeſſen, daß auch er einſt ſeine Hand nach Neapel ausgeſtreckt, und Nichts konnte ihm daher willkommener ſein, als der Vorſchlag Robert des Gütigen, ſeine Enkelin Johanna, die zukünftige Königin, mit Andreas, ſeinem zweiten Sohne, zu vermählen. So ſtanden ſich denn um das Jahr 1333 der ſechs⸗ jährige Prinz und die ſiebenjährige Thronerbin gegenüber und wurden auch ſofort mit einander vermählt. 136 War aber der weiſe König dies Puppenſpiel der Welt ſchuldig, ſo ließ doch der beſorgte Großvater die Enkelin nicht aus den Augen, und klar erkennend, wie viel von Johanna's Charakter und Bildung einſtens abhängen werde, wachte er mit großer Strenge über ihre Erziehuug, welche denn auch bei dem talentvollen Kinde über alle Erwartung glückte. Bald überſtrahlte Johanna alle Damen des Hofes, nicht nur an Schön⸗ heit und Liebenswürdigkeit, ſondern auch an wiſſenſchaft⸗ licher Bildung, und was noch mehr ſagen will, an Sitt⸗ ſamkeit und weiblichen Tugenden. Wie beſorgt der König für die Reinheit ihrer Seele war, geht unter Anderem aus dem Verbote hervor, nach welchem kein Frauenzim⸗ mer bei Johanna vorgelaſſen werden durfte, welches leichtfertig gekleidet oder geſchmückt war, oder auch nur falſche Haare u. ſ. w. trug. So wunderlieblich aber auch die Prinzeſſin auf⸗ blühte, ſo freudig der greiſe König auf das hoffnungs⸗ volle Kind ſchauen durfte— ſo wenig erfüllte der unga⸗ riſche Fürſtenſohn die Erwartungen Robert's. Von Natur wild und ausgelaſſen, boshaft und heim⸗ tückiſch, zu allen böſen Leidenſchaften geneigt, ver⸗ mochten weder das ſanftere Klima Italieng, die feineren 137 Sitten ves neapolitaniſchen Hofes, das Beiſpiel des Monarchen, noch ſelbſt der Umgang mit ſeiner liebens⸗ würdigen Verlobten auch nur einigen Einfluß auf ihn zu üben. Ja es entging dem Scharfblicke des Königs kei⸗ nesweges, daß nicht nur alle Mühe, die man darauf verwandte, beide Kinder aneinander zu gewöhnen und eine gegenſeitige Neigung in ihnen zu erregen, vergeb⸗ lich warz ſondern er mußte ſogar zu ſeinem unendlichen Schmerze bemerken, daß ſich von Tag zu Tag die Kluft, welche Beide trenne, erweitere und eine ſchneidende Kälte ſich zwiſchen die jungen Verlobten ragere. Wie ſehr beugten dieſe unangenehmen Bemerkungen das väterliche Herz Robert's; und dennoch konnte und durfte er nicht mit Ernſt gegen Andreas— oder vielmehr gegen deſ⸗ ſen Umgebung— auftreten. Daß in Letzterer die Urſache der Verderbtheit geſucht werden müſſe, in welche nach⸗ gerade der junge Fürſt verſauk, war dem Könige kein Geheimniß. Da aber Carobert ſeinem Kind, welches er nicht ohne glänzenden Hoſſtaat ſehen wollte, gerade dieſe Geſellſchaft erleſen hatte, ſo konnte der Herrſcher Neapels nicht füglich widerrufen, was der König von Ungarn gewünſcht. Die Wahl dieſes Hofſtaates aber war ſehr unglücklich ausgefallen, indem ſie aus einer 138 kleinen Anzahl ungariſcher Edelleute und einem Mönche beſtand, der ebenfalls den Namen Robert führte und gewöhnlich nur Bruder Robert genannt wurde. Was die wilden und rohen Edelleute noch gut an dem Kinde ließen, verdarb durch Scheinheiligkeit und frömmelndes Weſen der Mönch, der es ſich außerdem zum Grundſatze gemacht, den Knaben in der Dummheit zu erhalten, um ihn einſt deſto ſicherer beherrſchen zu können. Bruder Robert hatte auch bald den jungen Prinzen ganz in ſeinen Händen, und flößte ihm einen unverſöhnlichen Haß gegen ſeinen Wohlthäter, Kälte für ſeine Verlobte und Verachtung des Volkes ein, welchem er doch einſt Vater werden ſollte. So wuchſen denn die beiden Verlobten heran, und obgleich ſie,— faſt noch in den Kinderjahren,— ſchon das heilige Band der Ehe aneinander feſſelte, wurden ſie ſich doch immer fremder. Mit trüben Ahnungen blickte am Abende ſeines tha⸗ tenreichen Lebens Robert der Gütige auf den Ge⸗ mahl ſeines Lieblings, ließ— dem Uebel, ſo viel es in ſeiner Macht ſtand, vorzubeugen— Jvhannen im Jahre 1341 als ſeiner Thronerbin huldigen und traf in ſeinem Teſtamente die Verfügung, daß Andreas, 139 vor dem er das zwei und zwanzigſte Jahr erreicht, keinen Theil an der Regierung haben ſolle. Nachdem der Kö⸗ nig von Neapel dem größten uebel ſo vorgebeugt, legte er das müde Haupt nieder und verſchied. Kaum aber hatte der gute Monarch die Augen ge⸗ ſchloſſen, als, trotz der Vorſichtsmaßregeln, die er noch bei Lebzeiten getroffen, die lang zurückgehaltenen Stürme losbrachen, und Alles vor ſich niederzuwerfen drohten. Dem Teſtamente zuwider rief die ungariſche Parthei ſo⸗ fort Andreas und Johanna als die nunmehrigen Herrſcher aus. Und der Beichtvater und Buſenfreund des neuen Monarchen wußte ſchlau genug den Schmerz zu benutzen, welche die arme Johanna am Grabe ihres ſo hochverehrten Großvaters ergriffen, um ſogleich das Heft der Regierung in ſeine Hände zu ſpielen. Ehe es ſich die junge Königin verſah, waren bereits die Haupt⸗ ämter und Stellen im Staate an Ungarn vergeben, und die früheren Beamten aus denſelben verdrängt. Zornknirſchend beugten ſich die ſtolzen Italiener vor den verhaßten Ausländern; mit Verachtung begegneten die Prinzen des königlichen Hauſes den Uſurpatoren ihrer Rechte, während Andreas und die Seinen wieder mit Hohn und Uebermuth auf Jene herabſahen. 1⁴⁰ Dem Verſtorbenen war es durch Geiſtes⸗ und Wil⸗ lenskraft gelungen, die ſich immer mehr lockernden Bande der Unterthanentreue, welche die mächtiger werden⸗ den Großen an den Thron banden, wieder feſter zu knüpfen. Eine Aufgabe, deren Löſung in jener Zeit, wo übermüthige Barone die wankenden Lehnsverhältniſſe zur Vergrößerung ihrer und zur Schwächung der königlichen Gewalt anwandten, wahrhaft rieſengroß genannt werden muß. Aber es ſchien auch bei ſeinem Tode, als ob ein unſeliger Funke zündend in eine Maſſe angehäufter Feuer⸗ werke aller möglicher Art geſchlagen; ſo gewaltſam fuh⸗ ren mit einemmale die verſchiedenſten Kräfte und Stre⸗ bungen krachend und donnernd nach allen Richtungen auf. Groß und Klein, Hoch und Niedrig— kurz! wer nur im Staate von einiger Wichtigkeit war, ſtrebte empor und das chaotiſche Ganze ſchien in eine überreife ge⸗ fährliche Gährung übergehen zu wollen. Johanna's Geiſt war kräftig und reif genug, den Zuſtand des Reiches und ihre eigene Lage zu überſehen; aber ihre— die königliche— Macht war zu geſchwächt, und die allgemeine Uneinigkeit und der überall auftan⸗ chende Egoismus, vereinigt mit den Bemühungen der Parthei ihres Gatten, traten ihren klugen Unternehmun⸗ 141 gen, ihren weiſen Verordnungen überall ſtörend entge⸗ gen. War doch außerdem die reizende Königin erſt fünf⸗ zehn Jahre alt, ſtand ſie doch, von Allen, ſelbſt von ihrem Gatten, verlaſſen, einſam in der ſie umbrauſen⸗ den Welt. Andreas ſelbſt kümmerten freilich die Regierungs⸗ ſorgen wenig. Er durchſtürmte nur, an der Spitze ſei⸗ ner rohen Ungarn und anderer Wüſtlinge, ſeine Tage in Saus und Braus. Jagd und Trunk, Schwelgerei und unwürdige Händel waren ſeine alltäglichen Beſchäftigun⸗ gen und Lieblingsvergnügen, welchen er denn auch ſeine Gemahlin gänzlich opferte. Aber an ſeiner Statt ſtand an der Spitze der ungariſchen Parthei ein gefährlicherer Kopf,— der ſchlaue Bruder Robert,— der Alles aufbot, die Macht Johanna's zu brechen und zu unter⸗ graben, und der dabei ſeine gefährlichen Plane gut zu verdecken wußte. Um alle Augen von ſeinen Unterneh⸗ mungen abzulenken, ſenkte er den Hof in einen gefälligen Taumel von ununterbrochenen Luſtbarkeiten, die dem Lande die mühſam erſparten Schätze koſteten, und das Volk, welches ſolch' unerhörter Schwelgerei zürnte, nur noch unwilliger machte. Bruder Robert ſah das Ge⸗ wagte ſeines Handelns recht wohl ein, auch täuſchte er 1⁴2 ſich keinesweges über den Haß des Volkes und der Großen; er ſah ſich daher, da er auf den beſchränkten Andreas nicht rechnen konnte, nach gewichtigen Stützen um, und ſeiner diplomatiſchen Gewandtheit gelang es auch bald, deren zwei zu finden. Es waren dies Ludewig, der Bruder des Andreas, derzeitiger König von ungarn, und der Papſt. Erſteren ermahnte er die alten Rechte Ungarns auf Neapel nicht untergehen zu laſſen und reizte den Ehrgeizigen an, als Bewerber um die Hand der Prinzeſſin Marie aufzutreten. Dem Papſte hingegen ſtellte er vor, welch' treuen Lehnsträger er an Andreas haben würde, wenn er denſelben, kraft ſeiner Oberhoheits⸗ rechte, zum ſelbſtſtändigen Monarchen erhöbe; auch wußte Robert in der That ſo viele Minen ſpringen zu laſſen, ſo viele Kräfte in Bewegung zu ſetzen, daß ſich Rom nachgerade geneigt zeigte in ſeine Vorſchläge einzugehen, und Andreas aus eigener Machtvollkommenheit als ſon⸗ verainen König von Neapel einzuſetzen. Gerade zu derſelben Zeit hatte ſich die Gährung der Gemüther in Neapel auf das Höchſte geſteigert, und beſonders die Großen des Landes zu einer geheimen Ver⸗ ſchwörung gegen ihre gemeinſamen Unterdrücker vereint. An der Spitze dieſes Schutz⸗ und Trutzbundes ſtand der 143 Herzog von Durazzo, ein blühender, ehrgeiziger Jüng⸗ ling. Als Neffe des verſtorbenen Königs, und in deſſen Teſtamente für den Fall der Erledigung des Thrones als deſſen Erbe beſtellt, hatte ihn vorzüglich die Kühnheit des Bruders Robert beleidigt, mit welcher dieſer die Hand der liebenswürdigen— jetzt dreizehnjährigen— Schweſter Johanna's ausgeboten. Zu ſtolz um zu bit⸗ ten, zu klug um zu zögern, wählte der Entſchloſſene den Weg der Liſt und Gewalt, ließ heimlich Maria entfüh⸗ ren und zwang dieſelbe dann, ihm ihre Hand zu reichen. Wie unendlich dieſer neue Schmerz die edle Königin niederbeugte, kann ſich jedes gefühlvolle Herz denken. Ja ſie fühlte das Unglück ihrer Schweſter um ſo herber, als ja auch ſie der Politik, wie Maria dem Ehrgeize, ge⸗ opfert war. Aber auch dieſe Prüfung, ſo wie alle vor⸗ hergehenden, trug nur dazu bei, ihre Seele zu läutern und der Welt ihren großartigen und edlen Charakter zu zeigen. Schon gleich im Anfange ihrer Regierung hatte ſie das Königreich mit mehreren wohlthätigen Geſetzen er⸗ freut, deren Folgen ſich bald ſegnend zeigten. Feſt ſtand die fünfzehnjährige Regentin mitten in den Stürmen, welche ſie umtobten, und präſidirte unverdroſſen den flei⸗ 14⁴ ßigen Sitzungen ihres geheimen Rathes, den ſie aus den beſten und weiſeſten Dienern ihres großen Vorgängers zuſammengeſetzt. Auch ſie erfaßte klaren Geiſtes ihre ſchwierige Lage und bot Alles auf, den ſchädlichen Ein⸗ fluß der Gegenparthei zu neutraliſiren, um dem geliebten Vaterlande den Frieden zu erhalten. Gegen ihren rohen Gemahl, den ſie zu ihrem Glück wenig anſichtig wurde, hielt ſich Johanna in ſtolzer Ferne, und ertrug die Beleidigungen und Kränkungen deſſelben mit einer faſt übermenſchlichen Geduld. Nur gegen den Stand der Prieſter, der ihr durch Bruder Robert, ihren Todfeind, freilich verhaßt gemacht wurde, trat ſie mit Strenge auf, ihn nach allen ihren Kräften reinigend von dem Unkraute, welches ſo gerne auf dieſem fetten Boden Wurzel ſchlägt. Hierin liegt denn auch— wie vorſtehend erwähnt— die Haupturſache, warum man Johanna I. als eine Ketzerin und Sünderin verſchrie, ja ihre ſchönſten Charakterzüge entſtellte und in den Schlamm zog. Ein neuer Beweis hierfür iſt folgende Thatſache. Jene Verbindung der Großen, von welcher oben die Rede war, und an deren Spitze der Herzog Carl von Du⸗ razzo ſtand, hatte, von Haß geſpornt und durch die 145 Nachricht getrieben, daß der heilige Vater bereits einen Legaten abgeſandt, um Andreas als König von Neapel zu krönen, beſchloſſen, ſich von dem jungen Tyrannen, der ſie alle in ihren heiligſten Rechten gekränkt, durch eine kühne That zu befreien. Andreas hatte ſich dies Todes⸗ urtheil ſelbſt geſprochen, oder die Ausführung deſſelben wenigſtens dadurch herbeigeführt, daß er im Uebermuthe laut werden ließ: ſeiner Regierung erſtes Geſchäft ſolle ein fürchterliches Blutgericht ſein, in welchem er über alle ſeine Feinde den Stab brechen werde. Als ſich nun die Verſchworenen über den Tod des ungariſchen Fürſtenſohnes verſtändigt hatten, und das „wie“ zur Sprache kam, waren die meiſten der Verſamm⸗ lung der Meinung, man müſſe, wo immer möglich, die Königin ſelbſt mit in das Spiel ziehen; um nicht allein leichter das vorgeſteckte Ziel zu erreichen, ſondern auch um durch ihre Mitwiſſenſchaft mehr Sicherheit für jeden einzelnen Theilnehmer zu erlangen. Daß Johanna ein⸗ willigen würde, wenn auch nach einigem Zögern, deß glaubte man um ſo gewiſſer ſein zu dürfen, als man wußte, wie ſchwer dieſelbe unter dem Eiſenjoche dieſer Ehe ſeufzte, und wie auch ſie recht gut eingeſehen, daß n. 10 146 ſie, ſobald erſt Andreas König ſei, zu deſſen Sklavin herabſinken würde. Die nächſten Verwandten der jungen Königin: die Grafen von Artvis, Terlizzi und Catanzaro nah⸗ men es daher über ſich, dieſelbe zu erforſchen und, woran ſie keinen Augenblick zweifelten, dem Bunde zuzuführen. Wie mußten aber die Herren erſtaunen, als Jo⸗ hanna ſelbſt die leiſeſten Winke über jene projektirte Unthat mit Abſcheu zurückwies— ſie,— die doch wohl von allen Klagenden die gerechteſten Beſchwerden anzu⸗ führen hatte! Wohl wäre ſie gern frei von den Feſſeln einer unwürdigen Verbindung geweſen; wohl mochten ſich in dem jugendfriſchen Herzen der Königin die Gefühle der Liebe regen, die ihr bis dahin fremd geblieben;— aber weder Liebe noch der Wunſch zur Freiheit waren im Stande, ſie zur Beförderung einer ſo ſchändlichen That zu bewegen; ja ſie drohte ſelbſt einem allzukühnen Mah⸗ ner, ihn auf immer aus ihren Augen zu verbannen, ſo⸗ fern er noch einmal auf die Ermordung ihres Gemahles anſpiele. Als die Verſchworenen die Stimmung der Herr⸗ ſcherin ergründet hatten und ſich getäuſcht ſahen, beſchloſ⸗ ſen fie das Werk ohne Johanna's Mitwiſſenſchaft aus⸗ zuführen. Zeit war nicht mehr zu verlieren; denn der päpſtliche Geſandte war ſchon in der Hauptſtadt eingezogen, und außerdem bot ſich eine Gelegenheit dar, die zur Ausfüh⸗ rung nicht ſchöner hätte gewählt werden können. Andreas, von der ſtolzen Hoffnung berauſcht, bald, ſeine glühendſten Wünſche erfüllt und ſich als unumſchränk⸗ ten Herrn zu ſehen, ordnete eine große Jagd an, welcher der ganze Hof beizuwohnen eingeladen wurde. Himmliſches Wetter begünſtigte das Vorhaben, und Andreas verließ, begleitet von ſeiner Gemahlin und allen Herren und Damen des königlichen Hauſes, die Hauptſtadt. Nie hatte man ſich den Hof mit einer ſolchen Pracht entfalten ſehen als heute; nie war eine reichere Jagd abgehalten worden als diesmal; niemals war noch Andreas ſo ausgelaſſen luſtig geweſen als eben jetzt: Da man zu weit von der Hauptſtadt entfernt war, um leicht zurückkehren zu können, ward Averſa zum Nacht⸗ quartier erwählt„und zwar hatte der Groß⸗Seneſchal, aus Mangel an einer paſſenden Wohnung in der Stadt, das vor derſelben gelegene Kloſter vom heiligen Peter 10* 148 von Mojella zum Empfange der königlichen Gäſte ein⸗ richten laſſen. Der Abend des genußreichen Tages ſollte an Feſt⸗ lichkeiten gegen die Frühſtunden nicht zurückſtehen. Eine überfüllte Tafel lud die Gäſte zu leckeren Genüſſen, und Andreas überließ ſich in toller Luſt ſeiner Lieblingslei⸗ denſchaft, dem Trunke, bis zum Uebermaß;— ja, er befahl ſogar, ſeine ungariſche Leibwache mit denſelben Getränken, wie ſie an die königliche Tafel kamen, unter Wein zu ſetzen. Erſt ſpät in der Nacht endete das wilde Gelag, und Andreas zog ſich mit ſeiner reizenden Gattin zurück. Der allgemeine Jubel legte ſich, die Lichter erloſchen, und an die Stelle des Lärmens und Tobens trat eine tiefe, feierliche Stille. Mitternacht ſchlich vorüber. Die Welt ſchlummerte ſanft; aber die Rache wachte und ſchärfte, begierig des Opfers, den dreiſchneidigen Dolch. Plötzlich pocht es an die Thüre des königlichen Schlafgemaches; Andreas fährt auf und frägt nach der Urſache. Der Kammerdiener meldet: Bruder Robert erwarte ihn ſogleich im Vorzimmer, da er ihm Nachrichten von der größten Wichtigkeit mitzutheilen habe. Der Zögling des Mön⸗ 149 ches gehoͤrcht— kaum aber hat er das Schlafgemach im tiefſten Negligée verlaſſen, als er ſich zu ſeinem Erſtau⸗ nen von einer großen Anzahl Reichsbaronen umgeben ſieht, deren flammende, blutdürſtige Blicke, deren graß entſtellte Züge ihm nichts Gutes künden. Beſtürzt, und noch halb von dem Weinrauſche befangen, will Andreas ſein Zimmer wieder gewinnen; aber vergeblich— die Ver⸗ ſchworenen vertreten ihm den Weg, und riegeln das Ge⸗ mach von außen zu. Jetzt erſt wußte der Unglückliche, woran er warz aber der Gedanke des Todes durchzuckte ſeine verdorbene Seele ſo fürchterlich, die Angſt ergriff ihn mit ſolcher Gewalt, daß er in der Verzweiflung gleich einem Rieſen gegen die Verſchworenen ankämpfte, welche ſich be⸗ reits über ihn geworfen hatten und ihn zu erwürgen ſuchten. Der Kampf war kurz aber fürchterlich. Andreas rang mit wahnſinniger Kraft, er brüllte unter den Hän⸗ den, die an ſeiner Gurgel drückten, wie ein Löwe, dem der muthige Jäger den Spieß tief in die Bruſt geſenkt. Auch Johanna, von dem Lärm im Vorzimmer geweckt, eilte herbei und ſchrie, da die Thür von außen verſchloſſen war, aus allen Kräften um Hülfe, ſank aber bald ohn⸗ mächtig auf der Schwelle nieder. Die Arme hatte die grauenhafte Scene im Nebengemach errathen. 15⁰ Der Lärm drohte indeſſen auch die anderen Schläfer zu wecken und ſo griff der Graf von Artois mit kühner Hand nach einer Schnur von Gold und Seide, die er als Gürtel trug, ſchlang ſie mit Gewandtheit um den Hals des ſich mit den letzten Kräften ſträubenden An⸗ dreas und riß ihn zu Boden. Die Züge des Fürſten verzogen ſich graß und ſchrecklich, er zuckte convulſiviſch nach dem ſchmerzenden Theile, die Augen traten weit aus den Höhlen, er röchelte— aber in demſelben Augenblick zogen auch die Verſchworenen den Körper an der goldnen Schnur empor, deren Enden ſie über ein Fenſterkreuz ge⸗ worfen— und— Andreas war nicht mehr. Als er geendet, zerſchnitt ein ſcharfer Dolch die Schnur und der Körper des Gehängten ſtürzte mit ſchwerem Fall drei Stockwerk tief hinab. Aber wie Gottes Fluch einſt Kain verfolgte, ſo fiel jetzt mit einem Male die Angſt über die vollbrachte gräß⸗ liche That auf die Gemüther der Barone; ſie ſtiebten auseinander und flohen theils nach Neapel, theils auf ihre befeſtigten Schlöſſer, den Ausgang des gewagten Unternehmens erwartend. Unterdeſſen war aber auch die Amme des ungari⸗ ſchen Fürſtenſohnes erwacht und mit Anderen aus dem Gefolge ihres Lieblings nach den königlichen Gemächern geeilt. Das Vorzimmer leer findend„ ſtürzte ſie nach dem Schlafgemache der Königin, es war ver⸗ riegelt. Sie ſchob das ſchwere Eiſen haſtig zurück— ſtand aber von Schrecken gelähmt, als ſie zu ihren Füßen die Königin ohnmächtig liegen ſah. Es war zugleich ein Anblick zum Entſetzen und zum Entzücken. Nur von einem leichten Nachtgewande um⸗ hüllt war Johanna nach der Thüre geeilt und hier zuſammengebrochen. Im Fall hatte ſich die leichte Hülle verſchoben, und zeigte nun, von den Schultern herabge⸗ ſunken, den blendend weißen Hals der Königin, während unter den leichten Falten des weißen Gewandes der volle, wundervolle Buſen ſichtbar war, der an Farbe und Form die ſchönſten Kunſtgebilde der klaſſiſchen Vorzeit noch bei weitem übertraf. So lag die Himmliſche bewegungslos, wie das Marmorbild einer Göttin, auf den Boden hin⸗ geſtreckt, und über Schultern und Nacken rollte das auf⸗ gelöſte rabenſchwarze Haar in üppigen Locken. Die kö⸗ nigliche Stirne mit den Lilien des Schreckens bedeckt das feurige Auge geſchloſſen, den kleinen zierlichen Mund ſchmerzlich zuſammengepreßt. Aller Augen ſtaunten entzückt und gierig, Schreck und Angſt in dem Moment vergeſſend, nach der Ohn⸗ mächtigen; nur die Amme ſtürmte über die ſchöne Be⸗ wußtloſe hinüber mit Verzweiflung nach dem Könige rufend. Aber Andreas war nicht zu finden; da rief ſie ein ſchauerlicher Choral an das Fenſter, ſie blickte hinaus — wenig hätte gefehlt und auch ſie wäre hinabge⸗ ſtürzt. Denn tief unten im Hofraume des Kloſters knie⸗ ten an vierzig Mönche betend und ſingend um einen blutenden Leichnam, auf welchen die flackernden Fackeln nur ein unſicheres Licht warfen; aber die Amme erkannte ihn doch, denn es war ja ihr einſtmaliger Pflegling— es war Andreas von Ungarn— es war der Gemahl Johanna der Erſten. Erſt mit dem kommenden Morgen erholte ſich die Königin einigermaßen. Wohl beugte ſie der Schmerz über den Verluſt eines rohen, ihr widerwärtigen Gemah⸗ les nicht nieder; aber die grauſe Art ſeines Todes, das Verbrechen ſelbſt, das man in ihrer Nähe zu begehen gewagt hatte, erſchütterten ſie furchtbar und vor allem anderen ſah ſie ſogleich ein, daß ihre Feinde dieſen Vor⸗ 153 fall benutzen und ſie der Theilnahme an der gräßlichen That beſchuldigen würden. So kam es denn, daß ſie im Anfang ihren Schmerz und ihre Verzweiflung kaum bändigen konnte, und ſogar ihre, ſonſt immer ſo treue Geiſtesgegenwart ſie auf kurze Zeit verließ. Erſt als Johanna, in ihrer Reſidenz in Neapel angelangt, ſich von dem Ort des Schreckens entfernt wußte, fand ſie ſich ſelbſt wieder— enthüllte aber auch, von dieſem Momente an, vor der Welt ihre glänzenden Regententugenden. Wie vorauszuſehen war, hatte die Nachricht von dem Tode des Fürſten ganz Neapel in Aufruhr gebracht; alle Intereſſen waren neu angeregt, und ſelbſt der Pö⸗ bel, der doch, wie das ganze Volk, in dem Ungarn den fremden Tyrannen gehaßt, fühlte ſich von dem Entſetz⸗ lichen ſo hart berührt, daß er wuthſchnaubend durch Straßen der Stadt zog, den Mördern Rache ſchwörend. Wie ſehr Bruder Robert und die übrigen Ungarn, ſo wie der Herzog von Durazzo, der Todfeind Jo⸗ hanna's, die ſeine Bewerbungen einſt zurückgewieſen, das auflodernde Feuer der Wuth bei dem Pöbel beſtärk. ten und nährten, läßt ſich leicht denken, und ſo war es 154 kein Wunder, daß in der Hauptſtadt in wenigen Stunden alle Bande der Ordnung gelöſt waren. Johanna aber erkannte es für ihre erſte Pflicht, dem Reiche die vorige Ruhe wiederzugeben, und ſie traf ihre Maßregeln ſo zweckmäßig, daß auch die Ordnung alsbald zurückkehrte und nicht weiter geſtört wurde. Zu gleicher Zeit entfernte ſie durch eine Verordnung alle die aufgedrungenen ungariſchen Beamten aus den verſchiede⸗ nen Staatsſtellen, die ſie früher eingenommen, und ſetzte die vertriebenen Anhänger ihrer Familie wieder in ihre Rechte ein. Dieſer kühne aber weiſe Schritt öffnete ihr mit einem Male wieder die Herzen ihres Volkes, das nur von dem gewöhnlichen Wankelmuthe dermaßen hinge⸗ riſſen, und von den Einflüſterungen der Feinde ſeiner Herrſcherin bethört, auf Augenblicke ſeine Treue gegen Johanna vergeſſen. Als dies geſchehen, dachte die Königin an das, was ihr zunächſt am Herzen lag, die Welt von ihrer Unſchuld bei dieſer Gräuelthat zu überzengen. Da Jedermann wußte, wie unglücklich ſie mit Andreas gelebt, konnte es gar nicht ausbleiben, daß man nicht den Verdacht der Theilnahme, oder doch Mitwiſſenſchaft, auf ſie wälze— ja dem Verbrechen, von ihrer Seite, die ſchändlichſten 4 Motive unterſchiebe. Dies aber kränkte die Reine um ſo tiefer, als ſie ſich bewußt war, ſelbſt als Königin ihr Leiden geduldig getragen, und nie und nimmer gegen den Gatten conſpirirt zu haben. Johanna ſchrieb daher vor Allem an den heiligen Vater und den König von Ungarn, ſtellte Beiden die wahre Sachlage vor, und verwahrte ſich auf das Eif⸗ rigſte gegen jeden Verdacht, welcher, durch ihre Feinde erregt, allenfalls auf ſie fallen könnte. Aber Ludwig, des Ermordeten Bruder, glaubte natürlich dem Rachegeſchrei der ungariſchen Parthei mehr, als den Worten einer Frau, die— wie er zu wiſſen meinte— ihren Gatten von je her gehaßt, und nur mit Widerwillen das Joch dieſer Ehe getragen habe. Ja er fügte dem Antwortſchreiben der ſchändlichen Beſchuldi⸗ gungen noch mehre bei, und drohte an deſſen Schluß mit Gottes und ſeiner Rache. Ein geneigteres Ohr lieh der Papſt der Bittenden, obgleich er ſich, der öffentlichen Meinung wegen, hinter dunkle Phraſen und halbe Anordnungen verſchanzte. Je⸗ denfalls willfahrte er, als Oberhaupt der Chriſtenheit und der königlichen Familie, dem heißen Wunſche Jo⸗ hanna's, und befahl in ſeinem Namen eine Unterſu⸗ 156 chung des Vorgefallenen einzuleiten und den Schuldigen auf das Unerbittlichſte zu ſtrafen. Zu dem Ende ſandte er den Grafen Bertram von Andri als Legaten mit Voll⸗ machten verſehen ab, der dann auch bald zum Troſte der Königin, zur Freude des ſchauluſtigen Volkes und zum Entſetzen der Schuldigen in Neapel eintraf. Johanna erleichterte das inguiſitoriſche Verfahren aus allen Kräften, und in kurzer Zeit waren die Grafen Terlizzo, von Artus, von Evoli und Morcone als die Haupttheilnehmer an dem Morde beſchuldigt und überwieſen. Unglücklicherweiſe hatten auch die Frauen der Genannten an der Verſchwörung Theil genommen, oder waren doch Mitwiſſende, und verfielen dadurch eben⸗ falls Henkershand. Vergebens kämpfte Johanna mit ihrem Herzen, ſie mußte ruhig zuſehen, wie dieſe, ihr theils verwandte, theils befreundeten Edlen, auf die gräßlichſte Weiſe gefol⸗ tert und gemartert wurden. Der Königin Flehen fand vor den Ohren der Inquiſitoren kein Gehör, und jedes menſchliche Gemüth wendet ſich mit Entſetzen und Ab⸗ ſcheu von dem Gräuel ab, durch welche hier die Menſch⸗ heit der Gerechtigkeit Genüge zu thun glaubte. — Die üoch nicht zwanzigjährigen Gräfinnen Ter⸗ lizzo und Morgone wurden halb nackt auf Karren geworfen, und ihnen von Henkersknechten auf dem gan⸗ zen Wege bis zum Richtplatze mit ſcharfen Meſſern Stücke Fleiſches an denjenigen Körpertheilen abgeſchnitten, an welchen es das wüthende Volk verlangte. Den Män⸗ nern aber geſchah daſſelbe mit glühenden Zangen. An Ort und Stelle angekommen, warf man die nur noch zuckenden Leichname auf einen brennenden Holzſtoß; aber die grauenhafte und unſinnige Wuth der blutgieri⸗ gen Hyäne, des Volkes, ging ſo weit, daß es die Kör⸗ per der Unglücklichen mit Haken und Stangen aus dem Feuer zog, zerriß, und deren Knochen triumphirend mit nach Hauſe ſchleppte, um Dolchgriffe und Stilette daraus zu fertigen. Weſſen Fibern erbebten bei dem Gedanken an ſolche Unmenſchlichkeit nicht, wer wäre kalt und hart genug, hier eine Thräne des Mitgefühls zu unterdrücken, wer ſchämte ſich nicht ſelbſt, wenn ſein Auge auf ſolch' ein bluttrie⸗ fendes Blatt der Geſchichte fällt, ein Menſch zu ſein— und doch nannten Chriſten dies: Gerechtigkeit üben!— Wohl uns, daß dieſe finſteren Jahrhunderte weit hinter uns liegen, und Gerechtigkeit und Menſchlichkeit jetzt Hand in Hand gehen. — Ein Haupturheber der bei dem Unterſuchungs⸗ und Strafverfahren vorgekommenen Grauſamkeiten war der Herzog von Durazzo, deſſen ſtolze Seele bei dieſer Ge⸗ legenheit nicht nur manche Privatrache zu befriedigen wußte, ſondern der vor Allem darauf hoffte: von einem der Gefolterten eine Anklage gegen die Königin zu ver⸗ nehmen. Nichts deſto weniger ſah ſich der Feind der unglücklichen Wittwe in ſeinen Hoffnungen getäuſcht, denn keines der Opfer erwähnte Johanna's auch nur mit einem Worte. So ſtand denn die Königin vor den Augen der Welt gerechtfertigt, obgleich ihr ſelbſt dieſe Rechtfertigung wie⸗ der beinahe das Herz gebrochen. Mit ſtarkem Arme lenkte ſie in dieſen trüben Zeiten das Staatsruder, mit Würde und Hoheit trug ſie das Diadem;— aber— wenn ſie allein in ihrem Zimmer war, und die Nacht ſie dem Auge der Welt entzog: da weinte die Herrſcherin Neapel's oft im Verborgenen und ihre gebeugte Seele führte ihr die Bilder all' der Theuren vor, die ſie einſt geliebt, und die nun das harte Schickſal von ihrer Seite geriſſen. Wie allein, wie ſchrecklich allein! fühlte ſie ſich auf ihrem Throne; und hatte ſie nicht, ſeit deſſen Beſteigung, ihren zweiten Vater, ihre Schweſter, ihren Gatten und ihre theuerſten Freunde verloren? War dies nicht mehr, als die ſechszehnjährige Wittwe tragen konnte? und doch vertraute ſie ihren Kummer nur den einſamen Stunden der Nacht und lächelte am Tage der Welt entgegen. Ruhe ſollte indeſſen Johanna nicht werden; denn kaum ſchloſſen ſich einigermaßen die blutenden Wunden, die ihr der ſchmachvolle Tod der Verurtheilten geſchlagen, als ſie die Schreckensbotſchaft traf: der König von Un⸗ garn rüſte ſich zu einem Zuge gegen ſie, an ihr den Tod und die Schmach ſeines Bruders zu rächen. Neapel erzitterte auf's Neue und Johanna hatte um ſo mehr zu fürchten, als ihr Reich im Inneren von ſo mancher Spaltung zerriſſen wurde, und es vorauszuſehen war, daß ſich alle ihre und des Landes Feinde, bei Annäherung eines ungariſchen Heeres, ſich dieſem in die Arme werfen würden. Der Staatsrath ſah in dieſer Noth keine beſ⸗ ſere Hülfe, als die Parthei der jungen Königin dadurch zu verſtärken, daß ſich dieſelbe unter den tapferſten Für⸗ ſten des Landes einen zweiten Gemahl wähle. Johanna ſträubte ſich lange, da ſie für keinen der Vorgeſchlagenen Liebe fühlte, und das Bild ihres erſten Eheſtandes noch mit zu düſteren Farben vor ihrer Seele ſtand. Allein einſehend, wie unumgänglich nöthig dieſer Schritt für die Erhaltung ihrer Krone und ihres Reiches ſei, entſchloß ſie ſich endlich dazu, Ludwig, dem Sohne des mächtigen Fürſten von Taranto, ihre Hand zu reichen. Ludwig hatte die reizende Königin lange ſchon heimlich geliebt, und ward durch deren Wahl zum Glück⸗ lichſten der Sterblichen gemacht, während der Herzog von Durazzo vor Wuth ſchäumte, da er nack dieſer Verbindung wieder eben ſo weit von der Hoffnung auf Thronnachfolge entfernt war, als zu den Lebzeiten des verhaßten Andreas. Aber der Falſche lächelte freundlich zu der Vermählung, während er mit allen Kräften ſeine Bemühungen, Haß und Zwietracht auszuſäen, fortſetzte. Ludwig's Erhöhung und Glück reizte ohnehin den Neid der Großen, und als plötzlich das ungariſche Heer in Manfredonia landete, ging der größte Theil derſelben zu ihm über. Johanna und ihr neuer Gatte waren zwar unter der Zeit keinesweges müßig geweſen und Ludwig von Taranto hatte eine ziemlich bedeutende Armee auf die Beine gebracht; da aber Durazzo und ſeine Helfers⸗ helfer keinen Augenblick verſäumten und keine Gelegen⸗ heiten vorübergehen ließen, die Königin in den Augen 161 des Volkes herabzuſetzen und als die erſte Urſache des an Andreas verübten Mordes auszuſchreien, wandte ſich Letzteres endlich mit Abſcheu von der unſchuldig Ver⸗ läumdeten ab und Johanna ſah ſich im Augenblick der größten Gefahr von dem Volke verlaſſen, für deſſen Wohl ſie ſchon ſo viel gethan, für deſſen Glück ſie ſich aufzu⸗ opfern im Stande fühlte. Mit bangen Sorgen blickte ſie daher in die nächſte Zukunft, ſinnend wie ſie den Sturm beſchwören möge, der von allen Seiten finſter und dro⸗ hend gegen ſie heranzog. Aber die Stunde der höchſten Gefahr iſt der Augen⸗ blick der Prüfung wahrer Geiſtesgröße. Wenn der Schwa⸗ che, an ſich und Allem verzweifelnd, nirgends mehr einen Ausweg findet, überblickt der Kräftige ruhig die gefähr⸗ liche Lage der Dinge, berechnet mit ſcharfem und ſchnel⸗ lem Blick alle möglichen Folgen, wählt— und tritt dann entſchieden auf. Die junge Königin Neapels that alſo. Sie konnte fich nicht verhehlen, daß es ihr, trotz dem Heere ihres Gatten,— welches ohnedem zum größeren Theile aus zuſammengerafften Abenteurern beſtand— unmöglich ſei, der Macht eines viel größeren Königreiches zu wider⸗ n. 145 5 162 ſtehen, an das ſich überdies die Meiſten ihrer Vaſallen ſchändlicherweiſe anſchloſſen. Selbſt für den Fall, daß ſie ſich nach irgend einem feſten Punkte flüchte und von dort aus ihre Rechte behaupte, war ſie verloren; denn wo und wie ſollte ſie auf die Dauer der Uebermacht wider⸗ ſtehen. Dagegen konnte ſie mit Gewißheit darauf zählen, daß, wenn erſt der Herrſcher Ungarn's Beſitz von dem Lande genommen, er, wie einſt Andreas, tyranniſch walten und ſchalten würde; denn welche Bande der Natur knüpften den nordiſchen Barbaren an das ſchöne Südreich; was hatte ihn anders herüber gerufen als Habgier und Rache. Johanna wußte zugleich daß ihr Volk— jetzt zwar durch alle Künſte der Verführung von ihr abge⸗ wandt— ſie dennoch wahrhaft liebe, die Ungarn dagegen blutig haſſe, und ſie durfte demnach mit der größten Si⸗ cherheit darauf ſchließen, daß das Regiment Ludwig's von Ungarn nur von ganz kurzer Dauer ſein und mit einer blutigen Kataſtrophe enden werde. Für dieſen Fall aber trat eine neue, wohl zu berückſichtigende Schwierig⸗ keit ein; indem nämlich zu befürchten ſtand, daß es als⸗ dann dem ſchlauen Herzog von Durazzo gelingen werde, die frei gewordene Krone des Reiches auf ſein Haupt zu bringen. 163 Alles dies berückſichtigte und berieth Johanna bei ſich, und fand endlich einen Ausweg, der eben ſo ſehr von dem feinen weiblichen Takte zeugte, als er die Größe ihrer Seele beurkundete. Eilboten gingen nach allen Richtungen aus und be⸗ riefen die oberſten Behörden aller Städte, ſo wie die der Königin noch treu ergebenen Barone, auf den fünfzehnten Januar 1347 zu einer Reichsverſammlung nach Neapel. Der wichtige Tag erſchien. Die Sonne ſtieg ſtrah⸗ lend an dem tiefen Blau des füdlichen Himmels empor und weckte die Einwohner des herrlichen Neapels zu regem Leben. In dem Hafen der Hauptſtadt wiegten ſich, auf dem leicht bewegten Meere, ſechs prächtige, ſtark bemannte, königliche Galeeren, und wahrlich! kaum möchte die Welt einen ſchöneren Anblick aufzuweiſen haben, als der war, den man von dieſen Fahrzeugen aus auf die Stadt genoß. Amphitheatraliſch am Fuße der Berge hingegoſſen, dehnte ſich die prachtvolle Reſidenz in einer kaum abſeh⸗ baren Länge an dem maleriſch⸗ſchönen Meerbuſen, und breitete ſich zwiſchen den Bergen und dem Meere mit ihren Vorſtädten bis in's Unabſehbare aus. Die Paläſte 11* des Hafens ſpiegelten ſich in bunten Farben in dem Meere und majeſtätiſch hoben ſich die unzähligen Thürme der Vierhundert Kirchen, Kapellen, Bethäuſer und Klöſter, während der Pauſilippo, gleich einem Rieſen, hoch bis in den Himmel ſtieg und die entzückende Ausſicht großartig ſchloß. Aber an den Einwohnern Neapels und der Mann⸗ ſchaft der Galeeren ging heute der imponirende Eindruck dieſes Bildes ſpurlos vorüber; denn Jedermann dachte nur daran, ſo zeitig als möglich nach dem königlichen Palaſte zu eilen, um entweder der Reichsverſammlung beiwohnen zu können, oder doch vor dem Pallaſte den Ausgang derſelben zu erwarten. Die Pforten des Schloſ⸗ ſes, ſo wie der große Sitzungsſaal, waren heute dem Volke geöffnet, das denn auch, von Neugierde getrieben, in Maſſen herbeiſtrömte, und in weniger als einer halben Stunde waren auch nicht nur die für daſſelbe beſtimmten Räume gefüllt, ſondern alle Vorſäle und Gänge ſo ge⸗ drängt voll Menſchen, daß es von dieſer Seite aus un⸗ möglich war, vor⸗ oder rückwärts zu gelangen. Lange harrte die ungeduldige Menge umſonſt; endlich traten die Syndici der Stadt und die Großen des Reiches ein, und ſetzten ſich zu beiden Seiten des Thrones nieder. Die Züge der Eingetretenen waren faſt durchgehends finſter und ernſt, ja die meiſten derſelben vermochten einen Ausdruck von Angſt nicht zu verbergen. Die Spannung der Anweſenden ſteigerte ſich daher von Minute zu Mi⸗ nute und that ſich in tauſend. Aeußerungen und Vermu⸗ thungen kund, welche man über den Entſchluß äußerte, den die Königin wohl in ihrer kritiſchen Lage gefaßt haben mochte. Endlich! öffneten ſich die Flügelthüren, die nach den königlichen Gemächern führten, und herein trat in ſeinem vollen Glanze der Hof. Todesſtille herrſchte rings umher.— Da erſchien die Königin.— Gleich einem Weſen höherer Art, trat ſie, in weiße Trauergewänder gehüllt, mit aufgelöſtem flat⸗ ternden Haare, aus deſſen Nacht die Krone blitzte, lang⸗ ſam, ernſt und ſchweigend in den Saal. Nichts kam der Erhabenheit und Majeſtät gleich, mit welcher ſie hoch⸗ aufgerichtet einherſchritt. Jede ihrer Bewegungen gebot Ehrfurcht, während ihre bezaubernde Schönheit, ihre Ju⸗ gendblüthe, ihr feuriger, feuchter Blick, alle Tiefen der Herzen mit wunderbarer Allgewalt erregten. Ein Ent⸗ zücken, ein Ehrfurchtſchauer durchlief die mächtige Ver⸗ ſammlung. Jeder Einzelne fühlte ſich getroffen, vernichtet und doch auch wieder hingeriſſen und begeiſtert von dem 166 Eindrucke, welchen Johanna's erhabene, unwiderſtehliche Reize, welche der großartige Schmerz der Königin auf ihn machte. Als nun aber die Trauernde des Thrones Stufen beſtiegen, als ſie den Schleier zurückgeſchlagen und mit thränenvollen Augen, ſtumm vor Schmerz über die Ver⸗ ſammlung hinblickte— da vermochte ſich die Menge nicht mehr zu halten, und den aufgedrungenen Haß vergeſſend, grüßte ſie, wie aus einem Munde der Ruf: Heil unſrer Königin! Es lebe Johanna!— Es lebe die Enkelin Robert des Gütigen! Aber der Jubel ſchnitt tief in die Seele der Gebeug⸗ ten; ein leiſes, ſchmerzliches Lächeln flog um den fein geſchnittenen Mund, und ſie blickte ſo freundlich und mild unter Thränen, wie die Sonne an einem lauen Früh⸗ lingstage durch die hellen Tropfen eines warmen Regens blitzt. Als ſich auf ihren Wink endlich der Lärm gelegt, hob ſie mit ſeelenvollem Tone feierlich an: „Barone meines Reichs! Vertreter der Städte! und Ihr Alle, die Ihr meines Herzens theure Kinder ſeid! zu Euch wendet ſich Eure Königin, tief gebeugt von tauſend Leiden. An Unſeres Reiches Grenzen ſteht der Feind!— 167 Ludwig, der finſtere König von Ungarn, iſt, auf den Ruf eines meiner Vaſallen, des übermüthigen Herzogs von Durazzo, gekommen, Eurer rechtmäßigen Monarchin die Krone,— Euch die Freiheit zu entreißen. Was Uns erwartet, wenn Wir in ſeine Hände fallen, iſt Euch ge⸗ nügend bekannt; hat er doch geſchworen, Uns, der nie⸗ drigſten Miſſethäterin gleich, vor Euren Augen ſterben zu laſſen. Aber Wir fürchten ihn nicht. Johanna, die ſo Manches für Euch gethan, baut auf Eure Dankbarkeit gegen ſie und ihre glorwürdigen Ahnen, und iſt gewiß, Ihr werdet Eure unſchuldige Fürſtin vor der Rache des Fremdlings ſchützen und ſchirmen!“ Dieſe wenigen Worte ſchon überzeugten die Königin von ihrem Siege; denn kaum hatte ſie dieſelben geſpro⸗ chen, als es mit Donnerton durch die Säle ſchallte:„Bis zum Tode!— Wir ſchützen unſre Königin bis zum Tode!“ Johanna legte bewegt ihre rechte Hand, wie zum Zeichen ihrer Dankbarkeit, auf das Herz, dann winkte ſie abermals um Stille und fuhr alſo fort: Nicht den blutigen Krieg, mit allen ſeinen ſchreck⸗ lichen Folgen, wollen Wir über dies geliebte Land zie⸗ hen;— auch ſetzt Uns die Untreue vieler Unſerer Vaſallen außer Stand, ihn wirkſam zu führen. Sollten Wir nun, 168 die Wir willig Unſer Leben für das Glück Unſeres theu⸗ ren Volkes opfern würden, aus Ehrgeiz oder falſchver⸗ ſtandenem Muth, eine Sache unternehmen, welche für den Augenblick nicht durchzuſetzen iſt, und ſo Euer Wohl dem Unſeren opfern?— Nein! Wir bitten im Gegen⸗ theile, Wir befehlen Euch als Eure Königin, den Ungarn Städte und Schlöſſer zu öffnen, und ihrem Fürſten zu huldigen.“ Ein wildes Geräuſch unterbrach hier die Rednerin. „Nein!“ ſchallt es von allen Seiten durch das dumpfe Gemurmel des Unwillens—„Nimmermehr!“ ſchrien Edle und Volk durcheinander. „Wir ſchützen Dich! Gut und Blut, Leib und Leben für unſre Königin!“ Johanna ſchüttelte, tief bewegt aber verneinend das Haupt. „Bei der Liebe, die Ihr einſt meinem Großvater ge⸗ zollt“— ſagte ſie mit faſt erſtickter Stimme—„beſchwö⸗ ren Wir Euch, Uns zu gehorchen. Wir gehen indeſſen nach Unſerer guten Stadt Avignon, Uns dem heiligen Vater der Chriſtenheit zu Füßen zu werfen und ihn an⸗ zuflehen, Uns zu richten und zu entſcheiden, ob Wir der Schandthat ſchuldig find, deren Uns Unſere Feinde im 8 Auge der Welt noch immer beſchuldigen. Der Gnade des Allmächtigen Unſer ferneres Schickſal überlaſſend flehen wir zu ſeiner Güte, Uns einſt ſiegreich nach Unſe⸗ rem Erblande zurückzuführen, und hoffen dann in Euch, edle Barone, Syndici der Städte, und in Euch, theure Kin⸗ der, eben ſo treue Unterthanen wieder zu finden, als Wir heute in Euch verlaſſen!“— Thränen erſtickten hier die Stimme der Königin, und Thränen und Schluchzen antworteten ihrem Herzen. Auch blieb ſie ihrem Vorſatze, allen Gegenvorſtellungen ungeachtet, getreu, und begab ſich ſofort nach den bereit liegenden Galeeren. Aber das Volk, deſſen Argwohn die Stimme der Wahrheit und Unſchuld mit einemmale verſcheucht, und das jetzt in Johanna die gekränkte Fürſtin erblickte und von ihrem Unglücke und ihrer Reſignation gerührt, ſie mit eben der Begeiſterung verehrte, als es ſie kurze Zeit vorher, durch falſche Vorſpiegelungen geblendet, gehaßt, — flehte die Scheidende ſo dringend an, ſich ihm noch einmal zu zeigen, daß ſie nicht umhin konnte, den Bitten deſſelben nachzugeben. So durchzog ſie denn, ehe ſie ſich nach dem Hafen begab, die Hauptſtraßen der Stadt, die, von einer zahl⸗ loſen Menge Volkes wimmelnd, ihr kaum das Fortkom⸗ men erlaubten. Der Enthuſiasmus, der ſie begleitete, war grenzenlos. Alt und Jung, Reich und Arm, Vor⸗ nehm und Gering, Mann und Frau, Greis und Kind folgten ihr klagend; und es ſchien, als zöge mit der Kö⸗ nigin der Schutzengel des Reiches fort in fremde, ferne Lande. Von allen Seiten drängte man heran, und glück⸗ lich war, wer ihre Hände, ihre Gewänder noch einmal küſſen, nur berühren konnte. Aber zu wildem Sturmgeheule ward der Schmerz, als Joh anna den Hafen verließ, die Galeeren zu be⸗ ſteigen. Fahnen und Tücher wehten ihr nach, auf den Knieen lag die Menge, betend für das Wohl der Schei⸗ denden, und Alle! Alle! ſahen ſtarren Blickes den Ga⸗ leeren nach, die, von dem Abendroth vergoldet, immer kleiner wurden, und endlich wie ferne, ferne Sterne an dem Rande des Horizontes verſchwanden. Während deſſen rückte der König von Ungarn unauf⸗ haltſam vor und erreichte bald Beneventv. Hier be⸗ grüßten ihn die Großen des Reiches theils aus eigenem Antriebe, theils den Befehlen ihrer Monarchin gehorchend, und Ludwig, der auf hartnäckigen Widerſtand gerechnet, ſah ſich mit einemmale und ohne Schwertſtreich Herr des ganzen Königreiches. Auch der Herzog von Durazzo, welcher ja den König von Ungarn herbeigerufen, war nebſt ſeinen jün⸗ geren Geſchwiſtern erſchienen, dem neuen Könige zu hul⸗ digen. Ludwig empfing ſämmtliche Prinzen mit vieler Artigkeit, überhäufte ſie mit Ehren, und lud ſie zum Abendeſſen ein. Man hatte Averſa erreicht, und Ludwig nahm in demſelben Kloſter ſein Abſteigquartier, in welchem einſt ſein Bruder Andreas ermordet worden. Auch heute, wie an dem Abende vor jener Mordthat, athmete Alles Luſt und Freude, und Ludwig entfaltete vor den ita⸗ lieniſchen Edlen eine Pracht, welche die Reichſten derſel⸗ ben in Staunen ſetzte. Das Abendeſſen wurde aufge⸗ tragen, und Herzog Carl genoß der Ehre, mit dem Kö⸗ nige von Ungarn an einem Tiſche ſpeiſen zu dürfen; während ſeine Brüder an Nebentiſchen wahrhaft königlich bewirthet wurden. Heitere Muſik rauſchte durch die Säle, eine Unzahl von Lichter verbreiteten eine blendende Helle, und die ungebundenſte Freude belebte die Geſellſchaft, die eben ſo zahlreich als glänzend war. Aber mitten in 172 all' dem Jubel fiel es plötzlich mit der Laſt eines Welt⸗ alls auf Durazzo's Seele. Dem Herzoge raunte näm⸗ lich im Vorübergehen ein Freund die Worte in die Ohren: „Herr Herzog haben Sie Acht, Sie ſpeiſen in dem⸗ ſelben Saale, in welchem Andreas ſein letztes Mahl einnahm!“ Carl bebte ſichtbar zuſammen; denn hatte er ſich auch kluger Weiſe von jener That perſönlich entfernt ge⸗ halten, ſo wußte er doch recht gut, daß gerade er es ge⸗ weſen, welcher die Anderen zu derſelben, wenn auch nur mittelbar angereizt und bewogen, da Andreas ſeinen Ausſichten auf Neapel's Thron am meiſten im Wege geſtanden. Dachte er doch mit Ludwig nicht anders zu verfahren; denn nur wenn auch dieſer gefallen, blieb ihm die Ausſicht auf den blutigen Thron. Jetzt erſt bereute der Wütherich,— der überhaupt die Schuld an allem dem Unheil trug, welches Johanna und ihr Reich ſeit dem Tode Robert's getroffen,— ſeine Unvorſichtigkeit, und der Gedanke ſich in einer ſo ganz ähnlichen Lage, wie einſt der Ermordete, zu befin⸗ den, folterte ſeine Seele mit hölliſchen Qualen. Die Wohlgerüche, welche ihn umhauchten, wurden zu Moder⸗ düften, die Fluthen des Lichtes zu dichter Finſterniß, die 173 ſanften Töne der Muſik zu dem Jauchzen infernaliſcher Chöre. Vor ſein Ange trat der ermordete Andreas mit entſtellten Zügen und zerſchmettertem Haupte; ihm folgten, drohend, die armen Opfer die unter ſcheußlichen Qualen Durazzo der Gerechtigkeit geopfert um ſelbſt ihr zu entgehen. Er dachte mit Schauder, daß alle Theil⸗ haber gefallen, Johanna geflüchtet— und er allein noch der Rache Gottes übrig ſei. Nur mit der entſetzlichſten Mühe gelang es ihm, die Bewegung ſeines Innern hinter freundlichen Mienen zu bergen, um ſich nicht ſelbſt dem Argwohn König Lud⸗ wig's Preis zu geben. Da aber dieſer nicht das Ge⸗ ringſte von feindſeligen Geſinnungen merken ließ, ſondern im Gegentheile den Herzog mit Freundſchaft überhäufte, ward Durazzo endlich wieder ganz ſicher; ja er ſpot⸗ tete heimlich über ſeine momentane Schwäche und freute ſich, daß ihm ſeine Pläne ſo weit alle gelungen. Erſt ſpät in der Nacht erhob ſich der König, um ſich zur Ruhe zu begeben. Zwei Kämmerer mit ſilbernen Leuchten und zwei Stallmeiſter traten zu ſeiner Beglei⸗ tung vor; Ludwig aber erſuchte freundlich noch den Herzog, ihm ſeine Geſellſchaft bis zum Schlafgemache zu gewähren. Cart folgte ohne Argwohn; aber wie der u Blitz traf es ihn, als Ludwig in jenes Zimmer trat, in welchem Andreas erdroſſelt worden war. Hier an⸗ gelangt, änderten ſich plötzlich die Züge des Ungarnkö⸗ nigs; ſeine Augen ſprühten Feuer und Flammen, und ſich im heftigſten Zorne zu dem Herzoge von Durazzo wendend, rief er mit Donnerſtimme: „Elender Verräther! Deine Zeit iſt um, du biſt entlarvt! Wir wiſſen recht wohl, daß du es warſt, der, durch ſchändliche Intriguen, die Krönung unſeres Bru⸗ ders hintertrieb; der zu dem Morde Andreas, das erſte Zeichen gab; der Unſere Majeſtät ſelbſt nur dazu benutzen wollte, ſeine ehrgeizigen Pläne in Ausführung zu bringen. Läugne nicht dieſe Thatſachen!“— rief der Zornglühende, als er gewahrte, daß ſich der Herzog vertheidigen wollte, und, ihm einen Brief vorhaltend, fuhr er fort—„ hier die Beweiſe des Geſagten— Deine Unterſchrift— dein Siegel!“ „Aber mehr noch, Elender, haſt Du zu verantworten. Wer gab Dir das Recht, die Prinzeſſin Maria, die Uns zur Gattin beſtimmt war, zu rauben und zur Ehe mit Dir zu zwingen?— Du haſt Unſerer königlichen Maje⸗ ſtät vorgegriffen, haſt Verbrechen auf Verbrechen gehäuft, darum ſoll Dich nun die Strafe auf demſelben Fleck 5 erreichen, ah welchem durch Mörderhände der arme An⸗ dreas ſank.“ Mit dieſen Worten gab der König ein Zeichen, beide Stallmeiſter zogen ihre Degen, und Durazzo ſank mit geſpaltenem Haupte und durchbohrt auf den ſchon ein⸗ mal mit Blut befleckten Boden. Sein Leichnam wurde aus demſelben Fenſter in die Tiefe geworfen, aus welchem man den Körper des Andreas geſtürzt hatte. Die jüngeren Prinzen wurden in derſelben Stunde in Feſſeln gelegt und kurze Zeit darauf nach Ungarn geſandt. Mit dieſer raſchen, wenn auch im Ganzen nicht un⸗ gerechten, Handlung hatte Ludwig die Larve abgewor⸗ fen, die er bis dahin zu tragen für gut befunden. Von dieſem Augenblick an begann ein wahres Mord⸗Syſtem, indem man Jeden, der mißfällig war, unter dem Vor⸗ wande: er ſei bei der Verſchwörung gegen Johanna's erſten Gemahl betheiligt geweſen, den Prozeß machte. Ja der König ſcheute ſich nicht, ſeine Abſicht klar und laut an den Tag zu legen, indem er beſtändig eine ſchwarze Fahne vor ſich hertragen ließ, ein Zeichen ſeiner rachgierigen Abſichten. So zog er, kalt und gefühllos gegen jedes Zuvor⸗ kommen ſeiner neuen Unterthanen, in Neapel ein. Die 6 erſte Maßregel, die er hier ergriff, war das Fortjagen aller Beamten, und das Beſetzen ihrer Stellen mit ſei⸗ nen Creaturen. Sodann erlaubte er ſeinen Soldaten alle Ausſchweifungen, ſah ſogar ruhig einer theilweiſen Plün⸗ derung der Reſidenz zu; kurz, Ludwig benahm ſich wie ein wahnſinniger Menſch, der ſich ſein Verderben mit eignen Händen bereitet. Johanna's ſcharfſichtige Berechnung ging daher bald in Erfüllung, zumal da ihr der Himmel ſelbſt zu Hülfe zu kommen ſchien. Eine drückende Theurung trat ein, und endlich kam noch— jene Kataſtrophe zu einer der ſchrecklichſten in der Geſchichte Neapels zu machen— die Peſt dazu, welche um jene Zeit ganz Europa ver⸗ heerte. Aber brachte letztere in ihrem Gefolge auch un⸗ ſeligen Jammer über das Reich, ein Gutes bewirkte ſie doch— ſie verſcheuchte den ungariſchen Tyrannen, der, vor ihr fliehend, Italien heimlich verließ. Doch wir wenden uns auf Augenblicke von dem blutgetränkten Boden des Erbreiches Karl von An⸗ jo u's, und folgen den Schickſalen der flüchtigen Königin. Johanna erreichte, bald nachdem ſie Neapel ver⸗ laſſen, von günſtigen Winden gefördert, Nizza. Ihre Reiſe durch die Provence glich einem Triumphzuge; ſo ſehr riß ihre Schönheit, ihre Jugend und ihr unglück die ganze Bevölkerung hin. Feſte und Feierlichkeiten er⸗ warteten ſie aller Orten, und Jedermann bemühte ſich, der lieblichen Verbannten das ſchmerzliche Exil zu er⸗ leichtern. Clemens VI. ſelbſt empfing die Königin in ſeinem Pallaſte zu Avignon mit väterlicher Güte und jener morgenländiſchen Pracht, mit welcher er ſich bei feierli⸗ chen Gelegenheiten zu umgeben wußte. Dieſelbe Huld ward auch dem Gemahl der Königin und ihrer Schwe⸗ ſter Marie zu Theil, die ſich nach ihres Gatten Tode zu Johannen geflüchtet. Zu gleicher Zeit aber waren auch Geſandte von Sei⸗ ten Ludwigs von Ungarn am päpſtlichen Hofe einge⸗ troffen, die daſelbſt, im Namen ihres Fürſten, eine förm⸗ liche Verdammniß Johanna's bezwecken ſollten. Dies Begehren kam der Angeſchuldigten gerade recht, und ſie ſelbſt flehte den heiligen Vater um ein ſtrenges Gericht an, damit ihre Unſchuld auf ſchlagende Weiſe vor aller Welt bethätigt werde. Clemens VI. bewilligte dieſe gerechte Bitte gern, und einige Tage nach dem Erſcheinen der ungariſch⸗nea⸗ politaniſchen Geſandtſchaft, präſidirte das Oberhaupt der n. 12 178 Chriſtenheit dem Gerichte ſelbſt. Es war ein impoſanter Anblick, die noch nicht zwanzigjährige Königin ſich in eigener Perſon vor dem Papſte, den verſammelten Kar⸗ dinälen, Biſchöfen, Prälaten und Geſandtſchaften aller Höfe vertheidigen zu ſehen. Dem Throne des Papſtes gegenüber ſtand ſie auf einer eigens dazu errichteten Tribüne, mitten in einer kaum überſehbaren Verſammlung hoher Häupter, Fürſten und Würdenträger. Kein Athemzug ließ ſich hören, kein Auge wich von der reizenden Geſtalt, alle Herzen pochten in ungeduldiger Erwartung; Jeder blickte mit Intereſſe auf die vollendet ſchöne Frau, deren ungemeine Bläſſe, deren zarter, faſt durchſichtiger Teint, deren reine, von tiefer Melancholie überſchattete Stirne, die Leiden ver⸗ kündeten, welche die letzten Jahre auf ſie gehäuft. Johanna erzählte vorerſt mit feſter, aber von Gram gedämpfter Stimme den wahren Hergang der Sache und ging dann zu ihrer Vertheidigung über. Der Schmerz, der ſie bei Anführung der unglückſeligen That ergriff; die Wahrheit, mit welcher ſie ihren damaligen Schrecken und ihr Entſetzen malte; die Verzweiflung, die ſie erfaßte, als ſie der ewig wiederkehrenden Beſchuldi⸗ gungen einer ſolch' unerhörten Schändlichkeit gedachte, 179 der Ausdruck der Kindlichkeit, des Leidens, der namen⸗ loſen Qual— riſſen die Gefühle der Verſammlung mit ſich fort, und Niemand— die ungariſche Geſandtſchaft vielleicht nicht ganz ausgenommen— zweifelte von nun an mehr an der Unſchuld der liebenswürdigen Kö⸗ nigin. In der That erſchien auch noch an demſelben Abende eine päpſtliche Bulle, laut welcher Johanna I., Köni⸗ ginvon Neapel, als vollkommenunſchuldig und ohne Theilnahme an dem Tode ihres erſten Gatten erklärt wurde. Johanna war ſelig. Ihr tiefſter, ihr ſehnlichſter Wunſch war erfüllt, ſie ſtand doppelt gerechtfertigt vor der Welt; denn während ſie der oberſte aller irdiſchen Richter, der Papſt, von aller Schuld entlaſtet, hatte zu gleicher Zeit Ludwig von Ungarn durch die Hinrich⸗ tung des Herzogs von Durazzo bewieſen, daß er den Urheber der That gerade in dem unerbittlichſten Feinde der Königin gefunden. Aber die Stunde ihrer Entſühnung ſollte auch die ſchönſte ihres Lebens werden! Noch an demſelben Abende traf eine Deputation von allen Ständen des Kö⸗ nigreichs Neapel ein, welche zu den Füßen der Glor⸗ 12 180 reichen, ſie, im Namen des ganzen Volkes, um ſchleunige Rückkehr in ihre Provinzen anflehte. Johanna nahm den Ruf ihrer Kinder mit Ent⸗ zücken auf, und verſprach den Abgeordneten, in der kür⸗ zeſten Zeit zum heimathlichen Throne zurückzukehren, und ihrem Reiche den Tag der Erlöſung und der Freiheit zu bringen. Und es waren nicht leere Tröſtungen, mit welchen die Königin die Geſandtſchaft entließ; hatte die Kluge doch längſt energiſche Vorkehrungen für dieſen, ſo ein⸗ fichtsvoll vorhergeſehenen Fall, getroffen. Während ſie nämlich die ziemlich verwirrten Ange⸗ legenheiten der Provence mit geſchickter Hand geordnet, und auch in dieſer, ihr zuſtehenden Provinz gezeigt hatte, wie viel ein wohlwollendes Regentenhaupt zum Flor und Glück ſeiner Unterthanen beitragen kann,— war es ihr gelungen, ſich von den dankbaren Ständen dieſes Landes und Piemonts ſehr beträchtliche Geldunterſtützungen zu verſchaffen, ſo daß ſie im Stande war, zehn Galeeren wohl auszurüſten und zu bemannen. Außerdem brachte ihr der Verkauf der Stadt Avignon an den Papſt die Summe von Achtzigtauſend Gulden zu, die ſie als rein gefunden betrachten durfte, da die genannte Stadt ſchon „%½ vor dem Verkaufe factiſch in den Händen des römiſchen Hofes war. So vorbereitet und gerüſtet machte ſich Johanna endlich auf den Weg, und kehrte nach einer Abweſenheit von ohngefähr ſieben Monaten aus dem, für ſie ſo glor⸗ reichen, Exile in ihr Vaterland zurück. Dem einſt ſo ſchmerzlichen Abſchiede entſprechend war ihr Empfang. Ganz Neapel harrte ihrer am Strande, und der Jubel, der ſie bei ihrer Ausſchiffung begrüßte, trug ihren Namen, von tauſend Segenswünſchen beglei⸗ tet, bis zu dem Himmel. Wie ehedem die Scheidende, ſo zog nun die Rückgekehrte durch alle Hauptſtraßen der volkreichen Stadt; nur hatte ſich der Schmerz in Jubel, die Thränen des Jammers in Freudenthränen verwandelt und das Volk jauchzte jetzt einer hoffnungsreichen Zukunft froh entgegen. Die erſten Acte ihrer Regierung bezeichnete Johanna mit reichen Gnadenſpendungen. Eine völlige und allge⸗ meine Amneſtie erfreute die noch furchterfüllten Herzen, und ſelbſt undankbare und ungetreue Barone ließ die Huldvolle ſtatt der Strenge Milde fühlen. Nachdem ſie auf dieſe Weiſe alle Herzen gewonnen, und ſich in der guten Meinung des Volkes feſtgeſetzt — hatte, griff ſie zu kriegeriſchen Maßregeln. Ihr Gatte ſtellte ſich an die Spitze der geſammten Macht, und zeigte den Ungarn bald, daß er der Mann ſei, ſie zu beſiegen. Vorerſt fielen die noch mit Ludwig von Ungarn's Truppen beſetzten Caſtelle der Hauptſtadt; ſodann nach und nach der größte Theil aller Städte, Schlöſſer und Burgen. Indeſſen zog ſich, da die Ungarn immer neue Verſtärkungen erhielten, dennoch der Krieg in die Länge und dauerte,— bald erlahmend, bald wild auflodernd — nahe an drei Jahre. Während dieſer ganzen Zeit blieb Johanna's Gatte Sieger, als aber Ludwig von Ungarn neuerdings mit einem ungeheuren Heere zurück⸗ kehrte, nahmen die Dinge abermals eine ſchlimme Wen⸗ dung, und das königliche Paar ſah ſich genöthigt, ſeine Reſidenz zum zweitenmale auf kurze Dauer zu verlaſſen. Aber Andreas Bruder fand die Geſinnungen des Volkes ſehr verändert, und ſtatt wie ehedem ohne Schwertſtreich überall ſiegend einzuziehn, mußte er diesmal vor jeder kleinen Burg lange liegen bleiben, da die Beſatzungen für die allverehrte Fürſtin mit unerſchütterlichem Muthe und großer Ausdauer fochten. Ludwig bemerkte dieſe veränderte Stimmung recht gut, und ermüdete endlich in ſeinem unnützen Unternehmen, bei welchem er außerdem — zwei bedeutende und ſchmerzhafte Wunden empfangen hatte. Alles dies machte ihn im höchſten Grade unmuthig, ſo daß er gerne auf die Friedens⸗Vorſchläge einging, welche ihm von dem Papſte, im Namen Johanna's, vorgelegt wurden. Und ſo zog er mit der nie alternden Lehre heim: „daß keine Gewaltim Stande iſt ein Volk, das einig und muthig, dauernd zu unterjochen.“— Jetzt endlich!— nach ſo manchem blutigen Gräuel, nach ſo anhaltenden Stürmen, nachdem Krieg, Verrä⸗ therei, Hungersnoth und Peſt das Land verheert hatte, das zu den ſchönſten der Welt gehört, und mit Recht ein Bild des Paradieſes genannt werden kann— jetzt endlich kehrte der Friede auf deſſen Fluren zurück. Wie freudig ſchlug das Herz Johanna's, als ſie den blumenum⸗ wundenen Zepter ausſtreckte über das ganze Reich, über alle ihre geliebten Unterthanen, die, Hoch wie Nieder— ihr nun mit aufrichtiger Liebe huldigten. Und die Mo⸗ narchin wußte die Achtung ihres Volkes zu verdienen. Weiſe Geſetze verbeſſerten die Verfaſſung; eine ſtrenge Gerechtigkeit erhöhte das Anſehen der Juſtiz; der Großen nebermuth und der Kleriſei Ausſchweifungen wurden Schranken geſetzt, welche die niederen Stände vor unge⸗ rechten nebergriffen ſchützten; den Handel hob man zu 184 einer damals ungewöhnlichen Blüthe; und Künſte und Viſſenſchaften fanden Schutz, Aufmunterung und Unter⸗ ſtützung an dem Throne der liebenswürdigſten Königin. Aber Johanna gab der Welt auch ein Zeichen ihrer Beſcheidenheit. Weit entfernt, dem Ehrgeize zu fröhnen und alleinige Regentin ſein zu wollen, bat ſie vielmehr den heiligen Vater, ihren Gemahl ebenfalls auf den Thron zu erheben, und wirklich wurden Beide, den erſten Pfingſttag 1352, durch einen eigens dazu abgeſandten Legaten gekrönt. Das ganze Reich jubelte in einer Feſt⸗ lichkeit auf, die der neue König durch die Stiftung des Ordens vom goldnen Knoten verewigte. Aber ſelbſt jene Freude ſtörte für Johanna die eiſerne Hand eines finſteren Schickſals, das, wie es ſchien, ſeit dem Tage ihrer Geburt an ihre Schritte gefeſſelt, ſie bis zum letzten Athemzuge verhängnißvoll begleiten ſollte. Nach vollbrachter Krönung ritten König und Königin auf prächtig geſchmückten Zeltern in feierlichem Zuge durch die Stadt. Die Menge drängte ſich jubelnd um das ſchöne Paar und aus den Fenſtern und von den Bal⸗ konen wehten Fahnen und Tücher, Teppiche und Zweige. Als aber Beide eben durch die Porta⸗Petruccia ziehen wollten, regnete es aus den Händen der Schönen, die 185 auf der Altane eines Palaſtes ſtanden, ſo viele Blumen nieder, daß das Pferd des Königs ſcheu wurde, wild und ſchnaubend aufſtieg und den goldnen Zügel zerriß. Lud⸗ wig von Taranto ſchwang ſich leicht und mit edlem Anſtande herab, aber durch die ſchnelle Bewegung löſte ſich die Krone von ſeinem Haupte, fiel mit Gewalt zur Erde und zerbrach in drei Stücke. Das Volk ſchrie auf; ſein Aberglauben erkannte ſo⸗ gleich in dieſem kleinen Unfalle eine trübe Vorbedeutung, die denn auch leider! zu ſchnell in Erfüllung ging. Am ſelben Abende ſtarb die kleine Tochter Ludwig's und Johanna's, das einzige Pfand ihrer Liebe. Von nun an widmeten beide Gatten in ſtillem Ver⸗ eine ihre Kräfte dem wieder auflebenden Staate, und wetteiferten in edlen Bemühungen um deſſen Wohlfahrtund Glück. Wirklich ſchien auch das Mißgeſchick endlich müde, Johanna zu verfolgen, als nach einer fünfzehnjährigen Ehe ihr der Tod den Gatten entriß. So ſtand denn Johanna abermals allein, und da ſie nicht mehr vor hatte ſich zu verehlichen, dachte ſie da⸗ ran, ſich einen Thronerben zu geben. Die Wahl zu einem ſolchen konnte ihr nicht ſchwer werden, da nur noch zwei Prinzen aus königlichem Geblüte am Leben waren. Der 186 eine derſelben war Johanna's furchtbarſter Feind, Ludwig von Ungarn, der andere Carl, Herzog von Durazzo, des, durch Ludwig ermordeten, Her⸗ zogs Sohn. Letzteren allein konnte alſo Johanna wäh⸗ len; ſie that es, und verheirathete ihn, um ihn noch enger an ſich zu binden, mit ihrer älteſten Nichte Marga⸗ retha. Carl war von Dankbarkeit gerührt und ſchwur, mit dem Feuer der Jugend, ſeiner Wohlthäterin Treue bis in den Tod.— So hoffte denn Johanna für die Zukunft geſorgt zu haben, und ihr ferneres Leben unangefochten und in Ruhe genießen zu können; da erwachte mit einemmale ihr feindlicher Dämon, und zeigte der Vielgeprüften ſeine ſcharfen blutigen Klauen auf's Neue. Der König von Ungarn in einen Krieg gegen die Venetianer verwickelt, berief ſeinen Verwandten, den zum Nachfolger Johanna's ernannten Herzog von Du⸗ razzo, zu ſich. Carl, obgleich mit Verehrung an der Königin hängend, folgte dieſer Einladung gern, und ver⸗ ließ von jener Zeit an kaum mehr den ungariſchen Hof. Dies ſeltſame Betragen eines Mannes, der der Güte ſeiner Monarchin ſo unendlich viel zu danken hatte, mußte dieſe tief kränken, zugleich aber auch im höchſten Grade 187 beunruhigen. Kannte doch Johanna die Geſinnungen Ludwig's zu gut, um nicht fürchten zu müſſen, daß dieſer ſeinen ganzen Haß gegen ſie auf den jungen, leicht zu bethörenden Mann übertrage. Wie gefährlich aber konnte ihr Carl⸗dann werden, wenn er mit der Macht gegen ſie heranzog, die ſchon einmal Neapel erobert, und mit dieſer noch den großen Vortheil verband, den ihm ſein Recht als Thronfolger gab. Noch überlegte die Regentin, wie dieſem Uebel abzu⸗ helfen ſei, als ſich auch ſchon wieder ein anderes zeigte. Der mächtige alte Fürſt von Taranto, in ſeinem Ueber⸗ muthe die Geſetze nicht achtend, brach den Frieden; wurde dafür von Johanna,— nachdem alle gütlichen Verſuche, ihn in die Schranken des Rechts zu weiſen, vergeblich waren,— gezüchtigt, und floh endlich, tödtlichen Groll im Herzen, zu dem Papſte. Hier nun war des Alten hauptſächliches Geſchäft, den heiligen Vater mit Jo⸗ hanna zu verfeinden, und dies gelang dem ſchlauen Italiener auch ſo vortrefflich, daß ſich Urb an IV. zu einem offenen Bruch mit der Herrſcherin Neapel's verleiten ließ. Ja der Papſt ging ſo weit, Carlvon Durazzo einzuladen: ſeine Anſprüche auf die Krone geltend zu machen. 188 Jetzt drohte mit einemmale wieder ein blutiger Krieg, jetzt ſtanden die Dinge wieder in ihren urſprünglichen Verhältniſſen, nur drohender durch den Rang und Titel, welchen Carl trug. Wirklich traf auch bald die Nach⸗ richt in Neapel ein: der junge Herzog ſei— uneinge⸗ denk aller der Wohlthaten, welche Johanna auf ihn ge⸗ häuft— bereit, der Einladung des Papſtes zu folgen. Neue Rüſtungen, neue Anſtrengungen waren nöthig, und neuerdings legte der Staatsrath der Königin die Bitte vor, ſich im Intereſſe des Reichs und ihrer eigenen Sicherheit, noch einmal zu vermählen. Die Königin ſah ein, daß, trotz ihrem Widerwillen, ihr kaum ein anderes Rettungsmittel bleibe, und der Wunſch der Wittwe den Pflichten der Herrſcherin weichen müſſe. Da ſie aber bei dieſer neuen Vermählung auch nur das Beſte des Lan⸗ des im Auge hatte, wählte ſie einen Mann, der kräftig genug war, daſſelbe zu ſchützen. Es war dies Otto, ein Prinz von Braunſchweig; zwar ein älterer Mann als ſie, aber berühmt durch ſeine Weisheit und Tapferkeit. Die Armee dem Befehle und der Einſicht Otto's ver⸗ trauend, unterließ aber nun Johanna auch nicht den Re⸗ geln der Politik Genüge zu leiſten. Da das Benehmen des Thronfolgers mehr als zweifelhaft war— Otto 189 hatte kein Recht auf Nachfolge— berief die kluge Frau den Gatten ihrer zweiten Nichte, Maria, Ludwig, Grafen von Anjou, an ihren Hof. Dieſer junge Mann war der Bruder des Königs von Frankreich, und wurde als ſolcher durch ſeines Bruders Macht unterſtützt. Demnach gab, da Johanna Carlen das Recht der Nachfolge entziehen und Ludwig damit beſchenken konnte, er und Frankreich ein Gegengewicht gegen Carl und ungarn, und diente, den undankbaren Herzog von Du⸗ razzo im Schach zu halten. Um aber auch der geiſt⸗ lichen Macht, ſo wie hier der weltlichen zu imponiren, ſchlug ſich Johanna auf die Seite des, unter ihrem Schutze ernannten Gegenpapſtes Clemens VII. Wie ſich denken läßt, hatte letzterer Schritt die Folge, daß Urban Vl. die Königin von Neapel als eine Ketzerin excommunizirte, ſie ihres Thrones für verluſtig erklärte, die Unterthanen des Eides der Treue gegen ſie ent⸗ band, und Carl von Durazzo mit ſeiner ganzen Be⸗ redſamkeit anſpornte, den ihm nun zugefallenen Thron in Beſitz zu nehmen. Carl, von dem Papſte und dem Könige von Un⸗ garn angetrieben und gereizt, war ſo ſchwach, zu vergeſſen, was er Joh anna alles ſchuldete, und entſchloß ſich —9 wirklich, von Ehrgeiz und Herrſchſucht erfüllt, dem Rufe des römiſchen Hofes zu folgen. Jemehr ſich das Heer der Ungarn dem unglücklichen Lande näherte, deſto gewaltſamer zerriſſen es die inneren Spaltungen, welche Johanna ſelbſt, ohne es zu ahnen, durch die Auſſtellung zweier Thronfolger und zweier Päpſte hervorgerufen. Aber wie klug auch die Königin den feindlichen Mächten Gegengewichte geſchaffen, eines hatte ſie überſehen, daß nämlich Ludwig von Anjou und Clemens VII. Ausländer, dagegen Carl von Du⸗ razzo und Papſt Urban VI, Kinder des Landes ſeien. Als es daher ſo weit kam, daß ſich das Land defi⸗ nitiv für eine oder die andere Parthei entſcheiden mußte, gewahrte Johanna zu ihrem Schrecken, daß bei weitem der größere Theil ihrer Unterthanen ſich auf die Seite ihrer Feinde neigten. Ja als die ungarn zum dritten⸗ male in Neapel einfielen, ſah ſich die arme Königin von allen Seiten ſo verlaſſen, daß ſie ſich in das neue Caſtell der Hauptſtadt flüchten mußte. Hier konnte ſie ſich wenigſtens lange halten und die Hülfe abwarten, die ihr Frankreich und Otto zuführen würden. Letzterer war dem Feinde zwar muthvoll ent⸗ gegen gegangen, vermochte aber mit ſeinem kleinen S Heere nichts gegen das mächtigere der Ungarn auszu⸗ führen und wurde nun von Carl in den Sümpfen von Marignano zurückgehalten. Traf erſt dieſer Erſatz und die Hülfe Frankreich's ein, ſtand es bei Johanna immer wieder in der Mög⸗ lichkeit, den offenen Kampf mit Carl's Heere aufzunehmen und, wenn auch deſſen Vernichtung oder Vertreibung nicht erreicht werden konnte, nach der Provence zurückzukehren. Aber der Stern Johanna's ging zur Neige; die ſo lange ruhmgekrönt gegen ein hartes Schickſal angekämpft, ſollte ihm envlich erliegen. Das Caſtell war für ſechs Monate mit Lebensmitteln verſehen, die für die Königin, ihr Gefolge und die Beſatzung reichlich auf dieſe Zeit ausreichten. Als aber die wilden Ungarn in die Stadt brachen, flüchteten die armen, der Königin treuen Bürger mit Weibern und Kindern, vor das Caſtell, und flehten, hände⸗ ringend, ihre Monarchin um Aufnahme in daſſelbe an. Konnte das edle Herz Johanna's bei dieſem Anblick des Jammers auch nur einen Augenblick ſchwanken?— Gewiß nicht!— Weit öffneten ſich die Thore der ſchüz⸗ zenden Burg und die Maſſe der Unglücklichen ſtürzte hin⸗ ein. Der Menſchlichksit hatte die Herrſcherin genügt— aber auch ſich und den Ihren das Urtheil geſprochen 192 denn nun reichten die aufgeſpeicherten Lebensmittel nicht mehr für die halbe Zeit. Carl, der würdige Sohn eines unmenſchlichen Vaters, ſchloß ſogleich das Caſtell eng und ſorgfältig ein. Zwar wurden alle Stürme auf daſſelbe mit Heldenmuth zurückge⸗ ſchlagen, endlich aber, nach fünf Wochen blutigen Kämpfens, trat der Hunger mit ſolcher Gewalt auf, daß Johanna ſich genöthigt ſah, zu einer Capitulation die Hände zubieten. Aber der junge Herzog von Durazzo kannte Groß⸗ muth nicht, und war unverſchämt genug, ſeiner Wohlthä⸗ terin nur eine Friedens⸗Friſt von fünf Tagen zu gewäh⸗ ren, nach welcher ſie ſich, wenn bis dahin kein Erſatz erſchienen, auf Gnade oder Ungnade ergeben müſſe. Kaum konnte ihn der königliche Geſandte bewegen, während dieſer Zeit der Königin die nothwendigſten Lebensmittel für ihre Tafel zukommen zu laſſen. Otto hatte, von den Ungarn eingeſchloſſen, während dieſer ganzen Zeit weder vor⸗ noch rückwärts gekonnt, ſo über⸗ menſchliche Anſtrengungen er gemacht; jetzt, da er die Roth ſeiner königl. Gemahlin erfuhr, trieb ihn Verzweiflung zum letzten Kampfe und es gelang ihm und ſeiner todesmuthigen kleinen Schaar, ſich durch das Heer der Feinde zu ſchlagen. Glücklich gelangte er auch, gerade noch am fünften Tage bis in die Nähe des Caſtelles. Hier aber warf ſich ihm das Centrum der ungariſchen Armee entgegen und bot ihm eine Schlacht an. Otto nahm ſie an und hatte, trotz der Ueberlegenheit des Feindes, durch ſeine Tapferkeit und weiſe Anordnungen lange Zeit den Vor⸗ theil auf ſeiner Seite. Als er aber endlich ſchwer ver⸗ wundet ſtürzte und halb todt den Feinden in die Hände fiel, ergab ſich auch der entmuthigte Haufe und Jo⸗ hanna's letzte Hoffnung war erloſchen. Am folgenden Tage, es war den ſechs und zwan⸗ zigſten Auguſt 138, übergab die Königin das Caſtell. Carl heuchelte ihr Ehrfurcht und Hochachtung— aber Johanna, die kluge, vielgeprüfte und erfahrene Frau, ließ ſich nicht täuſchen.„Meine letzte Stunde hat ge⸗ ſchlagen!“— ſagte ſie, als ſich der Herzog, nach dem erſten Zuſammentreffen mit ihr, entfernt hatte—„ich bin in der Gewalt meines Thronfolgers“.— Demohngeachtet zeigte die Gefangene auch jetzt noch eine Würde und Ruhe der Seele, wie ſie nur ein gutes und reines Gewiſſen zu geben vermag Carl! dagegen ſchrieb ſofort an den König von Un⸗ garn: er habe Johanna in ſeiner Gewalt, und bitte Seine Majeſtät, über dieſelbe zu verfügen. n. 13 194 Ludwig antwortete:„Sie ſterbe den Tod meines Bruders.“ Wenige Tage darauf fand man Johanna in ihrem Bett mit derſelben Schnur erdroſſelt, die einſt Andreas das Leben genommen. So endete Johanna I., Königin von Neapel, ihr vielbewegtes Leben, an welches fluchend und rache⸗ bringend der Schatten Conradin's des Hohenſtau⸗ fen gefeſſelt ſchien, dem einſt ihr Ahnherr Reich und Leben geraubt. Aber groß und erhaben ſteht ſie da, mit⸗ ten in allen den Stürmen, Kämpfen und Mißgeſchicken; weit entfernt durch Laſterhaftigkeit und Tyrannei die Welt das entgelten zu laſſen, was ihr von dem Schick⸗ ſal zu tragen beſtimmt war. Die Verbrechen, die man ihr aufbürdete, find von den Creaturen Urban's VI. und Ludwig's von Ungarn erdichtet, und ſelbſt ihre Gegner: Froiſſard, Brantome, Coſto, Colenuccio, Rai⸗ naldo, Spontano u. A. m. vermögen keine der gegen ſie erhobenen Anklagen zu beweiſen, während Conſtanzo, Summonte, und vor allen Giannone, Johanna in dem hellen Sonnenlichte der Wahrheit als einen der ſchönſten und größten weiblichen Charaktere zeichnen, die ie gelebt und regiert. 5„ E nnnſinſſſſſſſſſſ 8 0 11 12 13 14 15 1 6 17 18 — . .