Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ Leihbiblivt ſ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 4 von 5 Cdnard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 3 pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe biaterlegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 5 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 M. 50 Pf 2 N.— Pf. 5. Auswäptige Abonnenten haben füt Hin⸗ und Zurückſ endung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Des Grafen Eberhard im Bart Hochzeit. — Die erſten Strahlen der Morgenſonne fielen durch die bunten Glasſcheiben eines Bogenfenſters der Burg Hohen⸗Urach und weckten einen Schläfer aus lieblichen Träumen. Es war Adalbert der junge Graf von Montfort. In dem frohen Gefühle, geſund und kräf⸗ tig zu neuem Leben erwacht zu ſein, ſchüttelte er den Schlaf aus ſeinen Locken und ſprang aus dem Bette. Er riß das Fenſter auf und die kühle Morgenluft ſtrömte ihm erquickend entgegen. Da vermochte er nicht länger in dem Gemache zu bleiben, es dünkte ihm eng und die Decke ſchien ihn erdrücken zu wollen. Eilig warf er ſich daher in ſeine Kleider und ging hinaus auf eine Terraſſe der Feſtung, die, auf einem aus der Tiefe kühn aufſtei⸗ genden Felſen erbaut, eine weitt und herrliche Ausſicht gewährte. „ —— — 4 Hohen⸗Urach, auf einer der bedeutendſten Höhen der rauhen Alp gelegen, ragte zu jener Zeit noch mit ſeinen Thürmen und Zinnen majeſtätiſch in die blauen Lüfte. Es war eine feſte, kaum zu bezwingende Vurg und ein mächt'ger Stützpunkt der edlen Grafen von Würtemberg. Die verlaufenden Zweige der Alp bil⸗ deten hier durch zwei hohe und ungemein ſteile, mit Ur⸗ waldungen bedeckte Bergzüge ein enges Thal, durch deſſen ſaftige Wieſen ſich die Erms ſchlängelte, und, an verſchiedenen Punkten ſich über die ganze Breite des Thales ausdehnend, zu fiſchreichen Seen ward. Aus dem Dunkelgrün der Wälder tauchten, wie Rieſengeſpenſte, graue Granitfelſen auf, und thürmten ſich oft zu aben⸗ teuerlichen Palläſten, deren Bogen und Spitzen bis über den Kamm der Bergrücken hinaufragten. Gerade zu Füßen Hohen⸗Urachs erhebt ſich, in einer breiteren Ausdeh⸗ nung des fruchtbaren Thales, die Stadt Urach mit den finſteren Häuſern ihrer alten, theils ſehr mächtigen Ge⸗ ſchlechter, ihren Kirchen und Klöſtern und dem Reſidenz- ſchloſſe der Grafen von Würtemberg, das, von Fiſc⸗ weihern umſpült, eing ungeregelte Steinmaſſe, keines⸗ weges die verrieth, die in ſeinem Inne⸗ ren herrſchte. Aber obgleich man von jener auf 6 5 —— die ſich der Jüngling begeben, noch weithin ſchauen konnte in die freundlichen und geſegneten Gauen Wür⸗ tembergs, und des Neckars Lauf zu verfolgen im Stande war, bis wo er ſich in unabſehbarer Ferne ver⸗ lor, richtete dennoch Montfort ſein Auge nur nach dem nahen Thalgrunde, in dem heute ein ſeltſam reges Leben herrſchte. Denn es war der Tag angebrochen, an welchem Graf Eberhard im Bart ſich mit der ſchönen Bar⸗ bara, der Tochter des Markgrafen Ludwigs von Mantua, zu vermählen gedachte, und obgleich das ganze Reſidenzſchloß, die Feſte Hohen⸗Lrach, das Rathhaus, ja ſelbſt die Häuſer der Patrizier⸗Familien von hohen Gäſten angefüllt waren, ſo befanden ſich den⸗ noch viele Fremde ohne Obdach, und man ſchlug daher vor der Stadt eine Menge Zelte auf, die alsbald von luſtigen Bewohnern wimmelten. Vierzehntauſend Menſchen, das Gefolge der hohen Fremden eingerechnet, hatten ſich bereits als Gäſte ein⸗ gefunden, und noch immer ſtrömten neue Schaaren von Oſt und Weſt, von Süd und Nord herbei. Man kann ſich daher auch Schau⸗ ſpiel denken, als das Städichen Lrach und ſeine Um⸗ gebung Bheiligen Ulrichstage 1474 darbot, namentlich * 6 von jenem Standpunkte geſehen, auf welchem ſich Graf Montfort befand. So frühe es am Tage war, und obgleich noch düſtere Schatten das Thal einhüllten, be⸗ wegte ſich doch ſchon eine geſchäftige Menge durch die bunten Zeltgaſſen, ja ſelbſt in den engen Straßen der Stadt, und ein dumpfes Summen drang bis zu den Höhen der Feſte herauf, das Erwachen der ungeheuren Menſchenmaſſe ankündigend, welche ſich für wenige Tage in dieſem engen Raume zuſammen gefunden. Adalbert hatte ſich an die Brüſtung der Mauer gelehnt und ſah mit innerem Wohlbehagen dem Gewim⸗ mel der Tiefe zu. Er war ſo in das Anſchauen verſun⸗ ken, daß er das Kommen eines Zweiten nicht bemerkt hatte und ſich erſt dann emporrichtete, als ihn der Freund mit einem„guten Morgen, Adalbert!“ auf die Schul⸗ ter klopfte. „Seid gegrüßt Werdenberg!“ rief der Jüngling freundlich aus,„ein herrlicher Morgen, ni wahr? er hat dich wohl auch herausgetrieben in die kühle, friſche Luft!“ „Allerdings,„entgegnete der Andere,„und ich habe bereits den Morgenimbiß für ſämmtlich, hier oben eingelagerte, Gäſte auf die Teraſſe beſtellt. Ich hoffe gemacht zu haben. 4— 7 „Herrlich, herrlich!— hier ſoll es uns wacker ſchmecken. Der edle Graf hätte keinem Beſſern als Euch ſein Hausrecht hier oben anvertranen können.“ „Ja,“ ſagte Werdenberg,„das Beſte von ihm aber iſt, daß er nur uns lockere Burſche heraufquartirt hat, lauter luſtige Geſellen und keinen alten Maulwurf oder Pfaffen dazu!“ „Ja, den Alten würde der Weg zu ſauer ſein; die geiſtlichen Herren aber vermöchten ſchwerlich die dicken Bäuche bis zu dieſer Höhe zu ſchroten. Und wo ſtecken denn die Freunde?“ „Hewen und Klingenberg habe ich aus den Betten geholfen, ſie müſſen gleich hier ſein. Der Bod⸗ mann aber hat geſtern Nacht einige Humpen zu viel geleert, er dehnt ſich fluchend auf ſeinem Lager und. ſchwört, er habe ſeit unſerem Gelage kein Auge ge⸗ ſchloſſen.“ „Er büßt mit Recht; hat er nicht getobt wie ein Raſender?— Aber ſiehe da kommt er ja doch nebſt den Andern.“ Wirklich traten die drei eben Erwähnten auf die Terraſſe, und ein luſtiges Geſpräch begann und wurde ½ Lachen und Scherzen auch während des Frühſtücks 8 fortgeſetzt, welches bereits aufgetragen war, und aus einer tüchtigen Hammelskeule und einigen Krügen Neckar⸗ wein beſtand. Sämmtliche Freunde waren von beinahe gleichem Alter und zählten zwiſchen zwanzig und fünf und zwanzig Jahren. Das bevorſtehende Feſt hatte Alle ungewöhnlich hei⸗ ter geſtimmt, und da ſie, ſich ganz allein überlaſſen, von keinem älteren oder ſchönen Auge bewacht, ungebunden auf der alten Feſte hauſten, ſo brauſte ihr Muthwillen noch unbändiger auf, als wohl ſonſten geſchehen mochte, und drohte ſchier die Grenze zu überſchreiten, als Wer⸗ denberg zur guten Stunde ermahnte, daß es wohl Zeit ſei, ſich zum Feſte vorzubereiten, um die Stadt noch vor der Feierlichkeit zu erreichen. Auf dieſe Worte eilte Jeder ſeinen Anzug zu ordnen; denn außer Montfort hatten wohl die Meiſten ihr Liebchen unter den vielen edlen Damen, die zur Verherrlichung der Feier erſchie⸗ nen waren. Jetzt läuteten die Glocken, das Volk wogte den Thoren der Stadt entgegen und drängte ſich in buntem Gemiſche durch die engen, ſchmutzigen Straßen dem Schloſſe zu, in deſſen weitem Hofe und Sälen ſich die höheren Gäſte verſammelten.„ 9 Nicht ohne große Mühe gelang es unſeren fünf Jünglingen bis zu dem Sammelplatze zu dringen, obgleich ihre Knappen und Diener ſie an dem Stadtthore erwar⸗ tet und bis zum Schloß geleitet hatten. Die Liebe der Unterthanen zu ihrem edlen Fürſten zeigte ſich heute recht auffallend in dem Zudrange, den, man konnte es in allen Geſichtszügen leſen, nicht nur Neugierde, ſondern wahr⸗ hafte Theilnahme an dem Glücke ihres Herrn veran⸗ laßt hatte. Welch' buntes Gemiſch im Schloßbanne, in Zimmern und Sälen!— Welche Pracht entfaltete ſich in Livreen, Waffen, Kleidern und Schmuck! Welch' luſtiges Toſen erſchallte von allen Seiten. Auch Montfort und ſeine Freunde hatten nicht verſäumt ſich beſtens zu ſchmücken, und gar manches Fräulein blickte von der Seite nach den ſchmucken Rittern, die nicht nur Rang und Reich⸗ thum ſondern auch körperliche Schönheit anziehend mach⸗ ten. In der That waren alle Fünfe ſchön zu nennen, doch zeichnete ſich in dieſer Beziehung Bodmann vor den Andern aus, was auch der Beiname„der Schöne“ beurkundete, unter welchem er allgemein bekannt war. Graf Montfort's Geſichtszüge waren weniger regel⸗ mäßig, aber männlicher, und ſein geiſtreiches Auge ver⸗ 10 kündete einen hellen Verſtand. Bodmann war leicht und ſinlich,— Adalbert's fröhlich⸗jugendlichen Muth hielt ſtrenge Sittlichkeit in den nöthigen Schranken. Da⸗ bei war Graf Bodmann„der Schöne“ allgemein be⸗ kannt; denn ſchon im achtzehnten Jahre unumſchränkter Herr ſeines Vermögens und zugleich Liebling des Mark⸗ grafen zu Baden, hatte er viel von der Welt geſehen, und war den meiſten hohen Geſchlechtern befreundet; Montfort dagegen, erſt ſeit einem halben Jahre aus Italien zurückgekehrt und durch den Tod ſeines Vaters an die Spitze ſeiner Familie berufen, zählte in Wür⸗ temberg nur wenig Bekannte. Er ſchloß ſich daher um ſo enger an diejenigen an, die ſich ihm freundlich nahten, und hatte vorzüglich zu Werdenberg, in dem er einen Mann von biederem Sinn, Herz und Gemüth erkannte, unumſchränktes Vertrauen gefaßt. Beide ſtanden in die⸗ ſem Augenblicke an den Rand eines Brunnens gelehnt und muſterten die Gäſte, die fröhlich grüßend oder ſcher⸗ zend und lachend auf und abgingen. „Wer ſind jene beiden Männer?“ frug jetzt Adal⸗ bert,„die ſo eifrig bemüht ſind den Kirchenzug zu ordnen?“ „Wie?“ rief Werdenberg erſtaunt,„Du kennſt den alten Ehingen nicht?“ 11 „Nein. Du weißt, ich bin noch ziemlich fremd.“ „Nun ſieh, jener ſtarke Mann im pelzverbrämten Kleide mit der ſchweren goldnen Kette, iſt Georg von Ehingen, des Grafen Eberhard vertrauteſter Rath. Ein kluger Mann, der auch dieſe Heirath zu Stande ge⸗ bracht und viel bei ihm gilt, der Aeltere, der ſo eben den Herolden ihre Plätze zeigt, iſt Johannes Nauckler, des Herrn alter Lehrer, berühmt durch Wiſſenſchaften und Kenntniſſe aller Art und Eberhard's rechte Hand. Er iſt ein gar vortrefflicher und freundlicher Mann und gu⸗ ter Geſellſchafter.— Doch kommt, der Zug ſcheint ſich in Bewegung ſetzen zu wollen, eilen wir die Kirche vor demſelben zu erreichen; denn ſonſt wird es unmöglich, der heiligen Handlung beizuwohnen. Kommt ſchnell! ich weiß ein gutes Plätzchen für uns.“ Es koſtete abermals undenkliche Mühe, ſich bis an die Kirche, welche der Menge für diesmal verſchloſſen war und nur für die höheren Gäſte geöffnet wurde, durch⸗ zuarbeiten, doch hier öffneten ſich Werdenberg ſogleich die Pforten und ſo bemächtigten ſich die Jünglinge eines der beſten Plätze auf der erſten Emporbühne. Die Kirche füllte ſich jetzt mehr und mehr und nach wenigen Minuten flogen die Thüren aufs Neue auf, und unter dem Schall der Muſik und dem Geläute der Glocken, trat der Zug in die weiten Hallen. Von Herolden geführt, folgten Pauker und Trom⸗ peter, dann kamen die Banner Würtemberg's und das Wappen des Grafen, von Pagen umgeben; dieſem fol⸗ gend trat mit edlem Anſtand, geführt von dem Land⸗ grafen von Mantua und dem Landhofmeiſter, Graf Eberhard ſelbſt ein; ſein Oheim und ſeine Vettern ihm zur Seite. Jetzt nahten Mantua's Wappen nnd Fah⸗ nen und die hohe, ſchöne Braut, geführt von ihrer zu⸗ künftigen Schwiegermutter und Vier und zwanzig Jung⸗ frauen, welche weiß gekleidet mit brennenden Kerzen ein⸗ herſchritten; Biſchöfe und Prälaten, Ritter und Damen, alle in Pracht und Glanz gehüllt, folgten nun in freund⸗ lichem Gemiſche. In bunten Farben ſtrahlte der Zug,— da plötzlich fuhr Adalbert, der bisher ſchweigend und mit hohem Intereſſe die lange Prozeſſion hatte vorüber ziehen ſehen, in die Höhe— Werdenberg bemerkte es und ſah gleichfalls nach der Stelle, auf welche Mont⸗ fort, vor Erſtaunen ſprachlos, deutete und ſiehe, nach einer langen Reihe blühender, in prächtige, farbenreiche Gewänder gehüllter Damen, zeigten ſich drei ſchwarze Geſtalten. Es waren zwei junge Männer von ſchlankem 13 Wuchſe und edlen Zügen, deren Todenbläſſe aber ſchauer⸗ lich gegen die ſchwarz ſammte Kleidung abſtach, die ſie trugen. In ihrer Mitte ſchritt, mit leicht geſenktem Haupte, eine überaus zarte weibliche Geſtalt. Auch ihr Antlitz deckte eine ungewöhnliche Bläſſe; aber ihre himm⸗ liſch ſchönen Züge, ihre blauen, ſo ſanft und ſehnfüchtig blickenden Augen, ihre hohe, blüthenweiße Stirne, ihre blonden, weit niederwallenden Locken, die Anmuth ihrer ganzen Geßalt, füllten die ſtaunende Menge mit dem Geſühle andächtiger Hingebung, und dennoch wichen Alle bei deren Annäherung ſchen zurück. Auch ſie war in ſchwar⸗ zen Sammt gehüllt, eine ſilberne Kette mit einem Kreuz von weißen Steinen war ihre einzige Zierde Ein Kranz weißer Roſen ſchmückte ihr holdes Haupt. Auch der dieſen ſonderbaren Dreien voranſchreitende Herold war ſchwarz gekleidet und trug wie die anderen Herolde den Wappen ſeiner Herrſchaft. „Werdenberg“ lispelte kaum vernehmlich und mit ſtarrem Auge nach der düſtern Gruppe blickend, Adal⸗ bert—„Wer ſind dieſe ſchwarzen Geſtalten? Werdenberg bekreuzte ſich und flüſterte leiſe:„Es ſind die Todten von Luſtenau!“ Da brauſte in mächtigen Tönen die Orgel und die heilige Meſſe begann. 14⁴ I. Der Mönch. Geendet war die kirchliche Handlung, vorüber der ſtattliche Zug, und mit den Letzten, die die Kirche ver⸗ ließen, ſchwieg Orgelton und Glockengeläute. Die Kirchen⸗ diener löſchten die Kerzen, und der weite Raum ſank in jene Dämmerung zurück, die uns in den hochgewölbten Hallen gothiſcher Dome mit heiligen Schauern erfüllt. Nur ein junger Mann ſchien kaum bemerkt zu haben, daß es um ihn her leer und ſtill geworden war; er ſtand wider einen Pfeiler gelehnt, die Arme über einander ge⸗ ſchlagen und ſchaute nachdenklich vor ſich hin. Es war Adalbert. Kaum läßt ſich der Eindruck beſchreiben, den jene ſonderbaren ſchwarzen Geſtalten auf ihn gemacht hatten. Ein eiskalter Schauer war Anfangs durch ſeine Glieder gerieſelt, dann aber fühlte er ſich wieder von den edlen männlichen Geſtalten, mehr noch von der un⸗ endlich ſanften Schönheit der Dame angezogen Ein ſchwerer Kummer mußte dies liebliche Haupt gebeugt, mußte die ganze Familie getroffen haben, da ſie bei einem ſolchen Freudenfeſte in der tiefſten Trauer erſchie⸗ 15 nen, und als er nun ſeinen Freund gefragt und dieſer, ſich bekreuzigend, geantwortet hatte:„Es ſind die Todten von Luſtenau!“ da reizte der geheimnißvolle Ausſpruch und das ſonderbare Betragen Werdenbergs ſeine Neugierde noch mehr auf Uunglücklicher Weiſe kam der Zug ſo zu ſtehen, daß jene nächtlichen Geſtalten gerade unter der Tribüne ihren Sitz fanden, auf welcher Mont⸗ fort ſich befand, ſo daß ſie ſeinem Auge entrückt wurden. Mit Ungeduld erwartete er daher den Ausgang des Gottesdienſtes, um bei dem Rückkehren des Zuges jene Erſcheinung genauer ins Auge faſſen zu können; wer aber beſchreibt ſein Erſtaunen, als er vergeblich die bun⸗ ten Reihen der Heimziehenden durchlief, denn von den Todten war keine Spur mehr zu ſehen. Er wandte ſich nach Werdenberg, dieſem ſeine ſonderbare Entdeckung zu eröffnen; aber Georg, gerade im Begriffe einer, Dame ſeinen Arm zu bieten, wandte ſich mit ernſthafter Miene und rief halblaut dem Freunde zu:„Laßt den Teufelsſpuck. Es hat noch Niemanden Segen gebracht, ſich mit den Todten abzugeben.“ Zugleich ſah ſich Adal⸗ bert durch das Gedränge von ihm getrennt und ſomit jede Gelegenheit zum Weiterfragen abgeſchnitten. Er ſtieg langſam hinab— aber auch im Schiff der Kirche 16 war keine Spur von den Geſuchten mehr zu finden. So war er denn ſtehen geblieben, und ließ unbeachtet die heitere Menge an ſich vorüberwogen, ſo ſtand er noch als es ſtill und einſam um ihn geworden war. Er ver⸗ mochte Werdenberg's Worten keinen Glauben zu ſchen⸗ ken; denn ein ſo holdes Weſen konnte kein Blendwerk der Hölle ſein. Auch hätte ja ſolch' dämoniſcher Spuck an dem heiligen Orte nicht ſtatt haben können. Adalbert lebte in einer Zeit, in welcher ſelbſt die aufgeklärteſten Menſchen noch an Teufel und Hölle, Hexen und Kobolde, Zauberei und Geiſter⸗Erſcheinungen glaub⸗ ten, denn eben erſt ſtieg allmählig die geiſtige Morgen⸗ dämmerung für Deutſchland auf, und gerade Graf Eber⸗ hard im Bart war einer jener würdigen Männer, die ſich bemühten, durch Einführung der Wiſſenſchaften und ſchönen Künſte, Licht und geiſtiges Leben auf den ſtarren Boden Germaniens zu verpflanzen. Nicht allein das Volk, ſondern auch die Hohen und Höchſten ſchrieben da⸗ mals noch jede höhere Naturerſcheinung oder Naturkraft, jeden ſonderbaren, nicht gleich zu ergründenden Zufall, den Wirkungen einer feindlichen Geiſterwelt zu, und ſo bleibt es keinesweges zu erſtaunen, daß auch Montfort ſich zu jenen aberglänbiſchen Ideen hinneigte. 17 Verſunken in wunderliche Träume, trat das ſanfte Bild jener bleichen Schöne unaufhörlich vor ſeine Seele und es war dem frommen Jünglinge unerträglich, daß ſich in ſeiner Phantaſie finſtere Dämonen um jenes Bild drängten, das er lieber mit lichten Engeln umgeben hätte. Nachdem er lange Zeit in ſolchen Gedanken zugebracht, fuhr er endlich aus ſeinen Träumereien auf und ſtieß leiſe und kopfſchüttelnd die Worte aus:„Sonderbar: die Todten von Luſtenau!?“ Da tönten dicht hinter ihm die monoton geſprochenen Worte: „Auf die Todten von Luſtenau Deine Hoffnung nit bau; Denn dem Vater und Sohn Steht der Tod im Lohn.“ 4) Montfort wandte ſich entſetzt um. Ein Mönch, die Kaputze tief über den Kopf gezogen, kniete auf einem halb zerfallenen Leichenſteine und betete eifrig ſeinen Roſenkranz. Niemand anders konnte obige Worte geſpro⸗ chen haben; denn nur er und Adalbert befanden ſich in *) Volkslied der damaligen Zeit. 18 der Kirche. Der Jüngling wandte ſich daher etwas barſch an den Knieenden und ſprach: „Für wahr, Vater, Ihr betet einen ſonderbaren Ro⸗ ſenkranz, da ihr ſo artige Verschen citirt.—“ „Ich bete für die Seele des Fräuleins von Luſte⸗ nau,“ entgegnete mit gleich hohler Stimme der Pater, und die Körner des Roſenkranzes glitten raſch durch ſeine dürren Finger. „Das Fräulein ſcheint ſo ſanft und fromm, daß es ſchwerlich Eurer Fürbitte bedarf.“ „Niemand iſt gerecht vor Gott— Gegrüßet ſeieſt Du Maria...— Hochmuth iſt des Stolzen Fall— Du biſt voll der Gnade— Darum betet, damit Ihr nicht in Verſuchung fallet— Der Herr iſt mit Dir, Du biſt ge⸗ benedeiet unter den Weibern und gebenedeiet iſt.... und die nächſten Worte verloren ſich in dumpfem Gemurmel. Adalbert wagte nicht mehr den Betenden zu un⸗ terbrechen, aber er vermochte auch nicht ſeine Neugierde zu bezähmen, und da er hoffen durfte, von dem Mönche einigen Aufſchluß über das Geheimniß zu erhalten, wel⸗ ches die Schöne von Luſtenau mit geiſterhaften Fäden umwob, wich er nicht von der Stelle und entſchloß ſich, abzuwarten bis der Pater ſeine Andacht vollendet. 19 Eine Viertelſtunde mochte lautlos entſchwunden ſein, als ſich der Mönch langſam erhob. Es war eine hagere, lange Geſtalt,— das grobe, braune Gewand ſchloß enge an den Körper, der durch Faſten und Kaſteiungen faſt zu einem Gerippe ausgedürrt zu ſein ſchien. Die Züge des fleiſchloſen, eingefallenen Geſichtes waren ſtreng und finſter, und nur aus dem funkelnden Auge ſprach Leben, aber ſeine Strahlen waren unheimlich und ſchienen Alles durchbohren, das Verborgenſte ergründen zu wollen. „Ihr ſeid noch immer hier, junger Herr,“ ſprach der Mönch, ohne daß ſeine Worte Frage noch Vorwurf wurde,„begehrt Ihr Etwas von mir?“ „Ehrwürdiger Vater,“ ſprach Montfort,„ja! ich habe eine Bitte an Euch. Es ſcheint, daß Ihr mit der Fami⸗ lie der Luſtenauer und ihren Schickſalen bekannt ſeid; halte ich Euch nun nicht ab von frommen Werken, ſo würdet Ihr mich durch eine nähere Auskunft über Beides verpflichten.“ „Ihr ſeid Würtemb erger, wie Eure Sprache ver⸗ räth, und wollt die Geſchichte der Todten nicht kennen?“ „Frommer Mann, vergebt, ich bin ſeit Kurzem erſt heimgekehrt in die väterlichen Gauen...“ „Jüngling, wachet und betet, damit Ihr nicht in Verſuchung fallet!“ rief faſt ängſtlich der Mönch,„ und,“ 2* ſetzte er langſam hinzu und ein tiefer Seufzer entwand ſich ſeiner Bruſt,—„laßt die Todten ruhen— doch nein— es iſt des Himmels Wink— der Buße Vollen⸗ dung iſt das ruhige Geſtändniß der That.“ Er ſchwieg, ſeine Lippen nur bewegten ſich betend— dann ſchlug er mit der knöchernen Fauſt zu dreimalen ſeine Bruſt und ſtöhnte:„mea culpa! mea culpa! mea culpa!“ und aus den hohlliegenden Augen ſtahl ſich eine Thräne und ſchlich über die bleichen Wangen. Das unheimliche Gefühl, welches Adalbert bei Anſicht des Mönches befallen und bis jetzt auf ihm ge⸗ laſtet hatte, wich nun dem Mitleiden; denn der vor ihm Stehende ſchien ſchwerer Schuld bewußt, und lange, tiefe Reue hatte wohl der armen, gequälten Seele noch keinen Frieden gegeben. Mechaniſch hatte auch er ſich gebückt und zerknirſcht gebetet:„mea culpa! mea culpa! mea culpa!“— Als er aufblickte, hatte ſich auch der Pater erhoben, mit eiſiger Hand faßte dieſer ihn an und ſprach, nachdem er ihn längere Zeit mit funkelndem Blicke be⸗ trachtet: „Ihr ſcheint ein redlicher Menſch ohne Arg und Falſch. Kommt dieſen Abend mit der Dämmerung an die Carthauſe Güterſtein, und harret meiner an des Friedhofs Thor, dann ſollt Ihr die Geſchichte der To d⸗ ten von Luſtenau erfahren.“ Und mit dieſen Worten wandte ſich der Mönch und verſchwand bald unter der Emporbühne durch eine ver⸗ ſteckte Thüre der Kirche. III. Leben und Tod. Als Montfort in die freie Luft getreten und ihm auf allen Seiten geputzte frohe Menſchen entgegentraten und Muſik und Jauchzen ringsum erſchallten, fuhr er mit der Hand über die glühende Stirne, um ſich zu überzeugen, ob er wache; denn faſt dünkte ihm das kurz Verlebte ein abenteuerlicher Traum. Da riß ihn Wer denberg aus ſeinem Zweifel, indem er fröhlich mit den Worten auf ihn zueilte:„Aber um des Himmelswillen, Montfort, wo ſteckt Ihr denn. Ich ſuche Euch aller Ecken und En⸗ den und kann Euch nicht finden. Geſchwinde! ſchon be⸗ gibt man ſich zu Tiſche und kein Menſch iſt ſaumſelig 22 denn Ihr.“ Und hiermit zog der Sprechende den Grafen gewaltſam vorwärts nach dem Schloſſe. Hier ſchallte die tollſte Luſt; denn aus dem ſchönen Brunnen des Hofes floß aus vier Röhren rother und weißer Wein. Hölzerne Becher lagen in Fülle bereit, und ſo drängte ſich lachend, ſcherzend, ſtoßend, zankend und ſchreiend das Volk in dichten Maſſen um den Brun⸗ nen. An der Seite des Hofes waren vier geräumige Küchen aufgeſchlagen, die unentgeltlich alle mögliche Ge⸗ richte unter die nimmerſatte Menge vertheilten. Wun⸗ derliche Gruppen bildeten ſich, wenn ein ungeheurer Bra⸗ ten herausgelangte, der aber wie im Nu, in tauſend Stücken zerriſſen, verſchwunden war. Es herrſchte reicher Ueberfluß in den Küchen und Büvett's, aber die ungeſtüme Menge verhinderte ein gleichmäßiges und geordnetes Vortheilen. Nichts aber glich dem Jauchzen, wenn es einem Schelm gelungen war, durch Liſt und Geſchicklich⸗ keit einem Anderen einen Schinken oder ſonſt ein Stück Mundvorrath zu entreißen,— lautes„Hallo!“ lohnte den Gewandten, der ſich dann gewöhnlich ſo ſchnell als möglich vor dem Zorne des Beraubten zu flüchten ſuchte. Während ſich nun auf ſolche Weiſe das Volk belu⸗ ſtigte, hatten die hohen Gäſte in den Sälen und Zim⸗ mern des Schloſſes an den Tafeln Platz genommen und füllten die erwartungsvolle Pauſe vor dem Auftragen der erſten Gänge mit Staunen über die entfaltete Pracht aus. Graf Eberhard war zwar keinesweges Verſchwender; aber heute hatte er nichts geſpart das Feſt zu verherr⸗ lichen. Die Wände aller Gemächer ſchmückten koſtbare gewirkte Tapeten, ja die des Hauptſaales waren mit Goldſtoffen gänzlich bedeckt. Nicht minder prangten die Tiſche, auf welchen ſich prächtige kleine Zelte mit den Fahnen Würtemberg's und Mantua's erhoben, die unter ihrer ſeidenen Hülle wahre Rieſenpaſteten bargen. Künſtlich bereitete Schiffe trugen eine Menge Braten, und ihnen zur Seite ſtanden in kleinen Booten die Bei⸗ gemüſe. Silberne und goldene Gefäße ſtrahlten in heller Pracht; kurz es war ein Anblick zum Entzücken. Da traten endlich Trompeter, Pfeifer und Pauker ein, gefolgt von Junkern, deren Kleidung von Gold und Perlen ſtrotz⸗ ten; ſie führten den erſten Gang, der aus vierzehn Ge⸗ richten beſtand. Der zweite zählte zwölf und der dritte zehn Gerichte, eine Unmaſſe köſtlicher Confitüren machte den Schluß; dabei liefen aus mehreren künſtlich angebrach⸗ 24 ten Brunnen der edle Malvaſier in reicher Fülle, und Mummenſchanz beluſtigte die Gäſte während der Tafel, die bis gegen den Abend hin dauerte. Adalbert ſtaunte gleich den Anderen ob der unge⸗ meinen Pracht; aber die Freude wollte keinen rechten Eingang bei ihm finden. Denn düſtere Gedanken, un⸗ ruhiges Erwarten, quälten ihn unaufhörlich; er dachte ſeine bleiche Schöne von irgend einem Unheile bedroht und konnte ihr doch nicht ſchützend zur Seite ſtehen. So nahm er wenig Antheil an der allgemeinen Luſt und ſtahl ſich bei der erſten paſſenden Gelegenheit hinaus. Der Abend begann bereits zu dämmern, des Volkes Scherze waren hie und da in Rohheit ausgeartet, und wilde Lieder wurden von rauhen Kehlen geſungen. Da erfrug Mont⸗ fort den Weg nach der Carthauſe Güterſtein, und hatte bald das Toben des Tages weit hinter ſich. Das Kloſter Güterſtein lag ohnfern dem alten Schloße Hohen-Urach. Ein ziemlich beſchwerlicher Weg führte dahin, deſſen Unbequemlichkeiten indeſſen leicht über den Schönheiten der Umgebung vergeſſen wurden. Bald ſchlängelte ſich der Pfad unter uralten Eichen und Buchen dahin, von dichtem Geſtrüppe umſchloſſen; bald trat man auf eine kleine Wieſenfläche und das Auge ſchweifte dann mit Entzücken über die Umgegend und weilte mit Luſt auf dem Städtchen Urach, das ſich ſo freundlich zwiſchen ſchlanken Pappeln erhob. Auch der junge Graf Montfort, ſo beſchäftigt ſeine Seele mit den Eindrücken des Tages war, konnte nicht umhin, mehreremale ſtill zu ſtehen und die Landſchaft zu betrachten, die ſo friedlich zu ſeinen Füßen lag. Doch trieb ihn Ungeduld und Neugierde alsbald weiter. Jetzt hatte er einen weiten Wieſengrund erreicht und vor ihm lagen, vom Mondesglanz umfloſſen, die weißen Gebäude der Carthauſe. Die dunklen Wipfel der Eichen, die aus dem Inneren des Hofraumes aufſtiegen, bewegten ſich leiſe im Abendwinde, und aus den matt erleuchteten Fenſtern der Kirche tönte der Chorgeſang der betenden Mönche. Bei dem Anblicke dieſer Wohnung des Friedens ward es auch in Adalberts Bruſt ruhiger, die Fluth der Gefühle ebbte nach und nach, und als er die Thüre des Kirchhofes erreicht hatte, begriff er kaum ſelbſt mehr was ihn hierher geführt, und nur ein ſanftes Bild ſchwebte vor ſeiner träumenden Seele. Die Thüre war nur leiſe angelehnt, Montfort trat daher ein und befand ſich auf dem kleinen Gottesacker des Kloſters, der von Blumen aller Gattungen prangte, zwiſchen welchen ſich hie und da die Leichenſteine erhoben, unter denen die müden Schlä⸗ fer ruhten. Er ſetzte ſich auf einen derſelben, ſtützte ſein Haupt auf die Hand und erwartete den Mönch. In welch ganz andern Bildern und Geſtalten, als im Rauſche der Welt, zieht das Leben an unſerer Seele vorüber, wenn wir bei einer ſternenhellen Nacht auf ienem Raume ſitzen, in welchen der unerbittliche Tod ſeine Furchen gezogen. Das bleiche Licht des Mondes wirft ſeine Strahlen über die alabaſterne Säule, in welche mit goldenen Buchſtaben die ſchwülſtige Lobrede auf einen Reichen und Mächtigen gegraben iſt, und umfließt ſanft die Roſe, die ein liebendes Kind auf den Hügel pflanzte, der ſeine armen Aeltern umſchließt. Klein und erbärm⸗ lich liegt das Treiben der Welt zu unſern Füßen, und in der wehmüthigen Seele zittert ein namenloſes Gefühl, das uns mit Sehnſucht emporhebt nach dem unbekannten Jenſeits, das uns mit einer heiligen Liebe erfüllt, nach einem Etwas, welches wir nicht kennen,— und dies Gefühl iſt die Ahnung des ewigen Geiſtes, das Bewußtwerden jenes geiſtigen Bandes, welches uns mit der Ewigkeit verknüpft. Nur der Ungebildete hält dies Entzücken für die Schauer des Todes und ſchleicht ängſtlich von einem Orte hinweg, der ihm mit dem Verluſte alles deſſen droht, was ihn auf Erden feſſelt, und ihm dagegen ein Etwas bietet, was er nicht zu ſchätzen, nicht einmal zu ahnen verſteht. Aehnliche Gedanken beſchäftigten auch Adalbert und verſenkten ihn in tiefe Träume. Da rauſchte es in den Zweigen der benachbarten Büſche. Er blickt auf— und lautlos an ihm vorüber ſchreitet— das Bild ſeiner Phantaſie, das bleiche, holde Mädchen, wie er es geſehen in dem Kirchenzuge.— Starr, athem⸗ und regungslos ſaß er da. War es ein Schatten aus jener unerforſchten Geiſterwelt?— War es Wirklichkeit?— er wußte es nicht. Dem langen Gang hinab ſchwebte die zarte Geſtalt und verſchwand in dem Dunkel eines Kloſterganges. IV. De Bßenb In einer der Zellen der Carthauſe, deren nackte Stein⸗ wände nur ſpärlich von einer Fackel, die in einem eiſer⸗ nen Ringe der nördlichen Wand hing, erleuchtet wurden, ſaßen Adalbert und jener Mönch, welcher Montfort nach Güterſtein beſchieden. Die kleine Halle entbehrte alles Schmuckes, ja faſt jedes ſonſt ſo nöthigen Möbels. Eine hölzerne Bank und ein Strohlager machten ihren Reichthum aus, und nur das über der Fackel hängende elfenbeinerne Crucifir mit einem ſilbernen Jeſu ſtach ſonderbar durch ſeine Koſtbarkeit gegen die Armuth der Umgebung ab. An dem Pfeiler, welcher ſich als Stütze in der Mitte des Gemaches erhob, hing eine Geiſſel, deren ſieben lederne Riemen in kleinen eiſernen Haken endeten, und die dem Mönche wohl bei ſeinen ſchrecklichen Bußübungen diente. Ein mächtiger Steinkrug voll Waſſer und ein Stück ſchwarzen Brodes verkündeten die Strenge, mit welcher der Pater ſeinen Leib kaſteiete. Adalberts Züge hatten ſich merklich verändert, er ſtarrte blaß und unſtät vor ſich hin. „Ihr habt nun“— begann der Mönch mit der ihm eigenen Monotonie der Stimme,—„einen heiligen Eid auf dies Crucifir geleiſtet, habt mir geſchworen, daß Ihr der Graf Adalbert von Montfort ſeid, und nie und nimmer das veröffentlichen werdet, was Euch mein Mund jetzt offenbaren wird. Ich weiß mir kaum Rechenſchaft zu geben, warum ich Euch entdecke, was ich ſo lange der ganzen Welt verſchwieg; aber ich fühle, daß ich reden muß, um das Gewicht zu erleichtern, mit welchem jenes Geheimniß auf mir laſtet. Höret mich denn an und un⸗ terbrecht mich nicht.“ „Der Mann, der zu Euch ſpricht und deſſen Name längſt für die Welt verloſchen iſt, ſtand einſt unter den edelſten Geſchlechtern und hatte als Otto von Sintol⸗ fingen über Land und Leute zu gebieten.— Staunt nicht ſo groß nach mir hin;— ich weiß, was Eure Blicke fra⸗ gen. Glaubt mir, junger Mann, dieſe Züge kündeten einſt Kraft und Hoheit; aber ſeit mein Wappenſchild zerbrochen, ſind Körper⸗ und Geiſtesſchmerzen über mich ergangen, und harte Bußen haben dieſen Leib matt und zerbrechlich gemacht.— Doch zurück. Von meiner früheſten Kindheit 30 an war ich mit dem Sohne des Edlen von Luſtenau erzogen worden, und unſere Freundſchaft knüpfte ſich mit den Jahren feſt und feſter. Ernſt von Luſtenau be⸗ wohnte ſein ſchönes Schloß gleichen Namens, welches, eine halbe Stunde von Tübingen gelegen, in einem der reichſten und freundlichſten Gauen ſich erhebt. Hier ſahen wir uns auch noch als Jünglinge oft und es gab keine Jagd, kein Gelage, keine Luſt, die wir nicht gemein⸗ ſam genoſſen, und ſicher würde Jeder von uns unglück⸗ lich geweſen ſein, wenn der Andere ſeine Freude nicht getheilt hätte. In jugendlichem Uebermuthe entwarfen wir die kühnſten Pläne zukünftiger Größe, und bauten na⸗ türlich auch dieſe auf unſern Bund, den uns zu erſchüt⸗ tern Nichts möglich dünkte. Unſere beiderſeitigen Väter waren damals mit in den Krieg gegen die Städte ver⸗ wickelt und ſo waren wir beide uns ſelbſt überlaſſen, um⸗ ſomehr da Ernſtens Mutter zu gut, meine aber ſchon längſt todt war. Um jene Zeit entwickelten ſich nun un⸗ ſere Charaktere mehr und mehr, und zwar zeigte ſich mein Freund von Tag zu Tag wilder und heſtiger, und obgleich ſich ſein Jähzorn nie gegen mich wandte, den er aufrichtig liebte, ſo gewahrte ich doch mit Schrecken, wie er mit ſeinen Untergebenen umging, und warnte ihn 31 oft freundſchaftlich, ſeinen wilden Muth und Zorn zu zügeln; allein dies war vergebens, und er kannte voll⸗ ends keine Grenzen, wenn der Wein, den er über Alles liebte, ſein Gehirn erhitzt hatte. Glaubt mir, junger Mann, ich ſpreche reine Wahrheit, und dies Herz, das dem Grabe ſo nahe, lügt nicht mehr, auch nicht, wenn ich Euch verſichere, daß ſich mein Character dem ſeinen gerade entgegengeſetzt zeigte; denn ich war ſanft, gefühl⸗ voll und fromm und Jeder, der mich kannte, mochte mich leiden. Aber gerade dieſe Erkenntniß, wie hoch ich in geiſtiger und moraliſcher Beziehung über dem Freunde ſtand, weckte in meiner Seele eine Selbſtgefälligkeit, die nach und nach zu Stolz und Hochmuth anwuchs, und jetzt war ich nicht mehr wie früher gut aus unbewußtem Drange, ſondern aus berechnender Klugheit, und ſo ſchlich ſich zugleich ein Gefühl des Mitleids und der Verachtung meines unſittlicheren Freundes in mein unbewachtes Herz. Bis dahin war uns die Liebe fremd geblieben, als plötzlich ein ſonderbarer Zufall es wollte, daß wir Beide uns in einer und derſelben Neigung begegneten. Es war die Tochter eines der edlen Pfälzer aus Urach, die unſere Herzen feſſelte, und wahrhaftig es war kein Wun⸗ der; denn ſie war an Tugend und Schönheit gleich er⸗ 32 haben, das Ebenbild des Mädchens, welches, wie es ſcheint, auch auf Euch einigen Eindruck gemacht hat.“ Der Mönch ſchwieg einen Augenblick, als rufe er die Erinnerung jener ſüßen Zeit zurück, und Adalbert hing mit klopfendem Herzen an den Lippen des Paters. Nach einer kurzen Pauſe fuhr dieſer fort; „Ich eile hinweg über unſere Bewerbungen. Es ſei 3 genug, wenn ich Euch ſage, daß ſich die Sanfte zu dem Sanfteren hinneigte, daß mir Adelaide ihre Liebe ge⸗ ſtand, und ich dadurch unendlich glücklich ward. Die Zu⸗ rückweiſung Ernſtens hatte ihn mit namenloſer Wuth erfüllt, er kehrte heim auf ſein Stammſchloß, gab aber ſeine Anſprüche keineswegs auf. Ich war meines Glückes gewiß, und geſtand dies mit einigem Stolze meinem Freunde. Er ſpottete aber meiner und verſicherte nic mit geheimnißvoller Art, Adelaide würde dennoch ſein ₰ Weib. Unſere Väter hatten ſchon früher gleiches Scic ſal getheilt, und waren in einem Gefechte bei Ulm ge⸗ blieben. Wir machten uns daher ſelbſt auf den Weg, ritten nach Urach und hielten bei dem alten Pfälzer um die Hand der Tochter an. Der Vater erbat cht Tage Bedentzeit, die Tochter verſicherte mir nochmals ihre unwandelbare Liebe, und ſo verabſchiedeten wir uns 5 ee 33 bis zur beſtimmten Zeit Als die Friſt verſchwunden, kehrte ich wieder— und fand Adelaide meinem Freunde angetraut, der mich abermals mit ſonderbaren geheimniß⸗ vollen Gebärden auslachte. Adelaide folgte mit ge⸗ brochenem Herzen des Vaters Wille.“ „Noch heute iſt mir unbegreiflich, was den alten, ſonſt ſo geizigen Pfälzer bewogen hatte, mir, dem bei weitem Reicheren und Mächtigeren, den wilden, unſitt⸗ lichen und ärmeren Luſtenauer vorzuziehen. Genug!— es war geſchehen. Ich zitterte vor Wuth und Verachtung gegen Ernſt, den ich laut böſer Künſte beſchuldigte. Ich floh in die Einſamkeit und hier brütete die Verzweiflung verlorener Liebe und der glühende Haß, der an die Stelle alter Freundſchaft getreten, ein ſchwarzes, ein ſcheuß⸗ liches Verbrechen aus. Ich ging zu einem berüchtigten alten Weibe, welches unter dem Namen Boſſanna be⸗ kannt, im Geruche der Zauberei ſtand, erzählte ihr meine Geſchichte, beſchuldigte meinen Freund hölliſcher Künſte und erbat mir ein MWittel, ihn aus dem Wege zu ſchaf⸗ fen. Boſſanna holte gegen ſchweres Gold ein Fläſch⸗ chen, welches ein Gebrau der giftigſten Kräuter enthielt und augenblicklich tödtend war.“ „Der Tag der Hochzeit erſchien— und ich mit ihm auf Luſtenau. Freundlichkeit heuchelten meine Züge und reiche Geſchenke wiegten den Freund in Sorg⸗ loſigkeit.“ „Der Schmaus war vorüber. Ernſt hatte in der Luſt ungemein getrunken und ſchloß ſich in der Aufregung mit der alten Liebe und Hingebung an mich an, ja er ward zärtlich und ſank mir an's Herz— da goß ich un⸗ geſehen das Fläſchchen in ſeinen Becher.“ Der Mönch hielt hier abermals inne, ſeine Bruſt hob ſich krampfhaft, ſeine Angen ſprühten ein unheim⸗ liches Licht, ſeine Lippen zuckten und nur ſchwer arbeitete ſich der Athem aus der kranken Lunge.— Nach wenigen Minuten fuhr er fort: „Der Abend fand ihn auf der Bahre. Der Hoch⸗ zeitreigen verwandelte ſich in einen Leichenzug und un⸗ ter Fackelſchein ward er zur Gruft ſeiner Väter gebracht, um bis zu der völligen Beerdigung unter den Todten von Luſtenau ausgeſtellt zu bleiben.“ „Die Gäſte entfernten ſich traurig, nur ich verweilte auf der Burg, und konnte dies als Ernſtens intimſter Freund, ohne Argwohn zu erregen. Erſt den kommenden Abend gelang es mir die junge Wittwe zu ſprechen. Ich 35 ——— nahte mich ihr, tiefen Schmerz heuchelnd; ſuchte aber demungeachtet nach und nach die alten Gefühle bei ihr anzuregen und merkte bald, daß ſie mich noch liebe. Aber eine unglückſelige Ahnung meiner Wiſſethat mochte ſie plötzlich durchzucken; denn als ich vor ihr auf ein Knie ſank, meine unwandelbare Liebe beſchwörend, ſtieß ſie mich ſo mächtig zurück, daß ich zu Boden ſank. In dem⸗ ſelben Augenblick öffnete ſich die Thüre und— o gräß⸗ licher Anblick!— vor uns ſtand Ernſt— blaß— todt — in die Leichentücher gehüllt— und verſuchte mit den noch ſtarren, blauen Lippen jenes dämoniſche Lächeln hervorzurufen.“— 30 „Was weiter geſchehen, vermag ich nicht zu ſagen. Ich ſtürzte, vor Entſetzen halb wahnſinnig, hinaus und fand erſt nach mehreren Tagen die Beſinnung wieder. In der Tollheit hatte ich mit eigner Hand meinen Wappen⸗ ſchild geſpalten. Beim Erwachen nahm ich dies als Gottes Fingerzeige, ergriff den Pilgerſtab und wanderte nach Rom. Der heilige Vater ſelbſt hat meine Beichte gehört und mir eine ſchwere Buße auferlegt, die erſt dann endet, wenn mein verfluchter Athem ſtille ſteht!“ —— * Nach der bekannten Sage. Crusius Cap. RI. Fol. 424. Eine lange Pauſe folgte, der Mönch lag auf den Knieen und betete eifrig. Auch Adalbert flehte zu Gott um Gnade für den Büßenden. Nach Verlauf einer Weile erhob ſich der Pater und ſprach leiſe: „Noch bin ich Euch den Schluß meiner Geſchichte ſchuldig. Ernſt lebte noch ſieben Jahre und erzeugte mit Adelaide fünf Kinder, die von jenem Wunder her unter dem Namen:„die Todten von Luſtenau“ be⸗ kannt ſind und von welchen Ihr heute die drei noch Lebenden geſehen habt.“ „Wie Ernſt zum Leben erwacht iſt, weiß ich nicht. Die Welt behauptet: durch des Böſen Gunſt, mit dem er einen Pakt geſchloſſen, laut welchem er alle Kinder, die er noch in dem geſchenkten Leben erzeuge, demſelben ge⸗ weiht, der ſie denn auch— oder an ihrer Statt die Verwegenen, welche ſich mit ihnen einlaſſen— an ihren Hochzeittagen hole. Zweimal hat ſich, zum Schrecken der ganzen Chriſtenheit, auch dieſe Prophezeihung erfüllt; denn der Aelteſte ſtürzte am Tage ſeiner Hochzeit vom Pferde und brach den Hals, der zweit⸗Aelteſte wurde vor wenigen Wochen, als er zur Werbung ritt, am Fuße der Achalm ermordet. Darum warnte ich Euch, junger Mann, vor den Todten von Luſte nau, über 37 deren ganze Familie ich das Unglück herbeigezogen habe.“ Er ſchwieg. Dann klopfte er dreimal wider die ſüdliche Wand, die Thüre öffnete ſich und ein anderer Mönch trat ein. „Ihr habt nun mein Unglück, meine Verbrechen ge⸗ hört“— ſagte noch einmal Sintolfingen—„ſeht nun auch, wie ich es büße und entfernt Euch ſodann mit dem heiligen Eide: Eure Seele rein zu erhalten vor dem Auge des allgerechten Gottes!“ Mit dieſen Worten hatte der Sprechende ſeinen Rücken entblößt, der neu eingetretene Mönch ergriff die furchtbare Geißel und ſchlug mit kräftigen Armen auf den Rücken des Büßenden, der noch von früheren Geiße⸗ lungen blutig und zerriſſen war. Bei jedem Schlage drangen die eiſernen Haken tief ein, Ströme von Blut floſſen hernieder und in wenig Minuten ſah man nur noch das rohe Fleiſch.. Adalbert zitterte, ſchwarze Wolken lagerten ſich vor ſeine Augen, er ſah Sintolfingen ohnmächtig zu Boden ſinken;— da vermochte er ſich nicht mehr zu halten und ſtürzte bewußtlos zur Thüre hinaus. — = — 38 Den kommenden Abend begruben die Mönche der Carthauſe Güterſtein einen ihrer Brüder und der Prior des Kloſters ſprach, als ſich der kleine Hügel wölbte: „Friede der Aſche Sintolfingen's!“ v. Mathilde. Dem frohen Hochzeitstage des erlauchten Paares folgte eine in allgemeiner Luſt zugebrachte Nacht. Muſik, Sang und Tanz wechſelten mit Trinkgelagen und Mum⸗ mereien,— ja die Feier ſchien kein Ende nehmen zu wollen; denn kaum waren die Letzten ihrem Lager zugetaumelt, erhoben Andere ſich ſchon wieder zu neuen Vergnügungen, und ſo hatte die Menge kaum Zeit, ſich von der ſüßen Ermattung des Genoſſenen zu den neuen Anſtrengungen des Genießens zu erholen. Der dritte Tag dieſer allgemeinen Luſt war einer großen Jagdparthie in den benachbarten Wäldern gewid⸗ met und der Landhofmeiſter hatte es ſo eingerichtet, daß die dabei Betheiligten nach derſelben ein prächtiges Mahl auf Hohen⸗Urach erwartete. Schon ſeit dem früheſten 39 Morgen ertönte der muntere Klang der Hüfthörner durch die grünen Dome, welche uralte Eichen und Buchen mit ihren brüderlich verſchlungenen Aeſten bildeten. Auf⸗ geſcheucht floh das Wild; aber umſonſt ſuchte es ſeinen Verfolgern zu entgehen, Liſt und Kraft vereinten ſich zu ſeinem Untergange. Mit reicher Beute verſehen, kehrten endlich die Jäger nach dem Bergſchloſſe zurück, das, freundlich geſchmückt, die Sieger mit Jubel empfing. Wie ſchmeckte das Mahl nach den überſtandenen An⸗ ſtrengungen, wie kreiſten die Becher ſo fröhlich, wie ſchallte das Hoch durch die gewölbten Säle, das man der jungen Landesmutter brachte, die, nach damaliger Sitte, das edle Vergnügen der Jagd mitgenoſſen, ja mit eigener Hand einen mächtigen Eber erlegt hatte. „Hollo, ihr Freunde, jetzt auch einen vollen Becher unſerer alten Freundſchaft!“— rief Werdenberg ſeinen Nachbarn, den jungen Grafen von Hewen, Klingen⸗ berg und Bodmann zu, die ſämmtlich in einem Sei⸗ tengemache des großen Saales um einen runden ſteiner⸗ nen Tiſch ſaßen, der mit Speiſen bedeckt war. „Wir thun mit Freuden Beſcheid,“— entgegnete Klingenberg,—„aber wo bleibt denn der Fünfte im Bunde?“ 40 „Ja, es iſt wahr, Montfort fehlt noch immer, hat ihn Niemand bei der Jagd geſehen?“ bemerkte Hewen. „Bei dem Jagen war er nicht“— nahm Bod⸗ mann das Wort.—„Ich habe ihn ſeit dem Hochzeits⸗ ſchmauſe nicht mehr erblickt.“ „Das iſt juſt kein Wunder,“ rief lachend Hewen und ſetzte dann leiſe zu dem Freunde gebückt hinzu:„Graf Bodmann war ſelbſt verſchwunden und zwar hinter der Schürze eines allerliebſten Bauermädchens.“ „Glaubt ihm nicht,“ entgegnete der Beredete aufge⸗ räumt,„er beurtheilt Andere nach ſich; denn er iſt in die braune Liſel zum Toll werden. verliebt.“ „Auf unſern gemeinſamen Freund zurückzukommen,“ — unterbrach Werdenberg die Sprechenden,—„ſo kann ich Euch Auskunft über ihn geben. Das heißt über das was er gethan, nicht über ihn ſelbſt; denn Mont⸗ fort wurde mir in den letzten Tagen durch ſein Betra⸗ gen faſt zum Räthſel.— Als ich nämlich geſtern Morgen kaum aufgeſtanden, trat er noch in den Kleidern, die er bei der Kirchenfeier trug, zu mir. Blaß, die Haare ver⸗ wildert, den ſchönen Anzug beſchmutzt und in Unordnung — kurz, kaum kenntlich. Ich wollte ihn fragen, was ihm begegnet, er ließ mich aber nicht zu Worte kommen, ſchüt⸗ ————— 41 telte mir die Hand und gab vor, daß er ſoeben Nach⸗ richt aus Breiſach erhalten hätte, die ihn zurückriefen, da ſich zwiſchen Peter von H agenbach, dem Schirmvogt des Herzogs Carl von Burgund und den Einwohnern des Rundgaues Streit entſponnen. Keine Bitte hielt ihn mehr auf, er grüßt Euch Alle herzlich und ritt noch zur Stunde mit ſeinem Knappen davon.“ „Es war immer ein Sonderling,“ ſagte Bodmann und ſtürzte einen vollen Becher hinunter,„aber was mag ihm denn begegnet ſein, daß er ſo zerſtört zurückkehrte. Gebt Acht! der Scheinheilige war auf Liebes⸗Abenteuer ausgezogen und hat Unglück gehabt.“ „Das glaub' ich nicht,“ entgegnete Werdenberg, „dafür iſt er zu ernſt, aber....“ „Nun?“ riefen Alle und bogen ſich neugierig dem Sprechenden zu. „Ich fürchte, die Todte von Luſtenau hat ihn durch Zauber gefangen...“ „Was?“— rief Bodmann und erhob ſich raſch— „Adalbert will mir meinen Fang wegſchnappen!— das ſoll er nicht wagen; denn wißt, ich will das Ammen⸗ mährchen mit der Todten zum Spott machen und hei⸗ rathe ſie trotz allen Teufeln!“ „Bodmann!“— rief mit halberſtickter Stimme Werdenberg und ſtarrte gleich den Andern den Toll⸗ kühnen ängſtlich an. Bodmann hatte ſich wieder niedergelaſſen, füllte ſeinen Becher auf's Neue, lachte laut auf und ſagte, in⸗ dem er das ſilberne Gefäß zum Munde führte:„Es lebe die ſchöne Todte!“— als die Freunde ſchwiegen, ſetzte er ärgerlich hinzu:„Seid Ihr nicht Thoren, dem alber⸗ nen Geſchwätz der alten Weiber Glauben zu ſchenken? fürwahr— ich hätte Euch für vernünftiger gehalten!“ „Bodmann!“— entgegnete Hewen,„denke an den Tod der Brüder!“ „Es gibt Dinge, deren Grund und Urſache wir nicht erforſchen können.“ „Gewiß!— müſſen aber dieſe unerforſchlichen Er⸗ ſcheinungen denn gerade in der Hölle ihre Wurzel ſchla⸗ gen? Doch ich bin kein Magiſter, der das Disputiren verſteht, ſondern Ritter und Edelmann, der kühn ſelbſt dem Böſen die Stirne bietet und ſomit mögt Ihr wiſſen, daß ich geſtern in Güterſtein war, woſelbſt ſich Ma⸗ thilde von Luſtenau im Augenblick, ich weiß nicht aus welchem Grunde, aufhält und habe bei ihr um die ſchönſte aller Hände geworben.“ 43 „Und?“ frug Hewen gedehnt. „Und?— ja das ſoll ich in wenigen Tagen durch den Prior des Kloſters, den bekannten„alten Vgter“ erfahren. „Gtüczu“ ſagte Werdenbergtrocen— aberlaßt uns ein anderes Geſpräch beginnen, ich mag von der Unglücksfamilie nichts mehr hören!“— und ſo war bald die alte Vertraulichkeit zwiſchen den Tiſchgenoſſen wieder hergeſtellt.—— Während nun bei üppigem Mahle auf Hohen⸗ Urach Saitenſpiel und Geſang erſchallten, während das Volk auf der Wieſe vor der Stadt Seiltänzer, Springer und Bänkelſänger unterhielten, lag tiefe Ruhe auf den Mauern des oft erwähnten Kloſters Güterſtein. Der Himmel ſtrahlte in heiterem Blau, die Vöglein ſangen und zwitſcherten in den grünen Zweigen, Haſen und Rehe ſchlichen bis zu des Waldes Rand und ſchritten dann, ſich vorſichtig und klug umſchauend, nach den nahen, fet⸗ ten Wieſen, ihre Nahrung ſuchend, oder aus dem klaren Bache ihren Durſt zu ſtillen. Auf einer Raſenbank aber, unweit der Carthauſe, ſaßen zwei Menſchen und ſchienen in die Anſchauung der Natur vertieft, mit Wohlgefallen dem regen Leben zu lauſchen, das ſo ſtill und doch ſo tauſendfach in großen und kleinen Geſchöpfen um ſie webte. Es war ein Greis, deſſen eisgraue Haare noch in reicher Fülle den Scheitel deckten, ein dichter ſilber⸗ weißer Bart floß von ſeinem Kinn herab und zeigte das friſche Roth ſeiner Wangen, das achtzig Jahre nicht zu verwiſchen vermocht, noch auffallender. Herzensgüte war der hervortretende Ausdruck ſeines offenen Geſichtes und 4 ein freundliches, wohlwollendes Lächeln ſpielte um ſeinen Mund. Die braune Kutte und der härene Strick ver⸗ kündete den Kloſtergeiſtlichen. So ſaß er, das Bild eines heiteren Wintertages, während zu ſeinen Füßen eine Blume zu entſproſſen ſchien. Denn neben ihm, halb ſitzend, halb liegend ſich an ihn ſchmiegend, befand ſich ein Mädchen von etwa achtzehn Jahren. Auf ihre blaſſen Wangen hatte das ſtille Entzücken des Augenblicks eine ſanfte Röthe gegoſſen, die die blonden Locken— von der hohen Stirne in lieblicher Unordnung über die ſchönen Schultern fallend— neckiſch zu verdecken ſchienen. Das blaue Auge blickte tief ſinnend in die freundliche Umge⸗ bung und auch über ihre Züge war jenes Lächeln aus⸗ gegoſſen, deſſen ſtille Zauber zu fühlen, nicht zu beſchrei⸗ ben find. Ein ſchwarz ſammtenes Kleid umſchloß auch heute den zartgebauten Körper. 45 Es war der Prior der Karthauſe, bekannt unter dem Namen„der alte Vater“ und die Lodte von Luſtenau. „Welche ſüße Ruhe, welche unaus ſprechliche Selig⸗ keit, ruft die Anſchauung der Natur in unſerem Gemüthe hervor!“ rief nach langem Schweigen der Greis.„Ge⸗ wiß, außer der heiligen Schrift wüßte ich keine Quelle, aus welcher frommer Sinn Gottes Offenbarung deut⸗ licher zu ſchöpfen vermöchte. Sie führt den einſam Wan⸗ delnden zur Anſchauung des Unendlichen; ſie zeigt dem unermüdet Forſchenden ewige Regeln, die in wunderbarer Ordnung das ganze Weltall tragen und ſelbſt dem zwei⸗ felnden Menſchen die deutlichſten Fingerzeige über den Zweck ſeines irdiſchen Daſeins gaben. Wohl dem, deſſen Herz noch für die Sprache der Natur offen.“ „Seht, frommer Vater,“ anterbrach ihn hier die Kleine,„Ihr geſteht ſelbſt, wie glücklich uns ein an⸗ ſchauliches Leben machen kann und dennoch wollt Ihr mich abhalten, auch mein Leben Gott zu widmen und in ein Kloſter zu gehen.“ „Kind, Kind! was ſagſt Du da?“ entgegnete haſtig der Greis und blickte in die ſanften Augen der Angere⸗ deten,„in ein Kloſter gehen und Gott ſein Leben wid⸗ „ 46 men, iſt nicht immer eins.— Sieh' es iſt wohl unter Umſtänden löblich und gut, dem öffentlichen Leben Valet zu ſagen und ſich in der ſtillen Zurückgezogenheit einer Zelle einzig der Anſchauung Gottes zu widmen;— aber dafür, meine Tochter, gehört ein ungemein ſtarker Geiſt; denn unſer Körper verlangt naturgemäß auch ſeine Rechte und unſer Geiſt iſt auf dieſer Welt noch nicht ſo kräftig, einer ewigen Andacht fähig zu ſein. Sinkt er dann von ader großen Anſtrengung zur Erſchlaffung zurück, ſo fühlt er ſich in ſeiner unnatürlichen Lage nur um ſo unglück⸗ licher, er will ſeine Schwächen beſiegen und taumelt aus einer Ueberſpanntheit zur andern. Dazu kommt, daß dem armen Gefangenen in den meiſten unſerer Klöſter ſogar der Umgang mit der Natur, ſo wie jede zweckmäßige Arbeit unterſagt und ihm damit ſein letzter Troſt ge⸗ raubt iſt.— Und glaubſt Du denn, daß das Leben einer guten Hausfrau nicht mehr in den Augen Gottes gelte, als die unnatürliche Abgeſchiedenheit einer Nonne? Außer⸗ dem möchte ich aber vor Allen bei Dir, mein Kind, ſehen, daß Du Dich einſt verehlichteſt, um dem unfinni⸗ gen Aberglauben entgegenzuarbeiten, den befangene Ge⸗ müther rückſichtlich Deiner hegen.“ „Frommer Vater, Eure Worte ſind mir heilige Leh⸗ ren,— aber.„ „Sprich offen, Kind,— Du errötheſt?— Ich kann mir denken, was Du ſagen willſt und ich freue mich ſo⸗ gar Deiner Gefühle.“ „Ach! ſo wißt Ihr auch, daß es mir unmöglich iſt, dem Grafen Bodmann meine Hand zu geben!“ ſeufzte das hocherröthende Mädchen und eine Thräne ſtahl ſich in ihr Auge. „Es iſt mir lieb, dies aus Deinem Munde zu ver nehmen. Bodmann iſt ein wilder Burſche und meine ſanfte, fromme Wathilde ſoll ihr Lebensglück nicht an einen Unwürdigen vertändein. Du biſt noch jung, mein liebes Kind, genieße noch die heiteren Tage der Jugend, oder—“ hier ſtockte der alte Mann und ſah ſeine Gefährtin lächelnd an,— voder ſollte das Herz meines Beichtkindes ſchon gewählt haben?“ „Nein, mein beſter Vater!“ rief Mathilde beinahe ängſtlich aus und hob ſich halb in die Höhe,„nein, ganz gewiß nicht!“ Der Prior mußte über des Kindes Eifer lächeln. Er ſtrich ihr freundlich die Wangen und ſagte: 48 „Ich glaube Dir, Liebe, und wenn Du die Meinung hören willſt, die ich um Deinetwillen gefaßt und ſeit lange als die beſte erkoren habe, ſo gehſt Du zu meiner würdigen Schweſter, der Aebtiſſin des Marienkloſters in Coſtnitz und verweilſt dort noch einige Zeit. Die Leh⸗ ren dieſer frommen Frau werden Deine Seele zu allem Edlen bilden und Du haſt dann immer noch Zeit zu thun, was Dein Herz von Dir fordert. Ueberlege die⸗ ſen Vorſchlag und geleite mich nun zu der Carthauſe zurück, denn ich höre die Grocke zur Abendandacht rufen.“ Und auf der Jungfrau Arm gelehnt, ſchritt der„alte Vater“ dem Kloſter entgegen. ——— VI. Im goldenen Bären. Vor dem Gaſthauſe zum goldnen Bären des Städt⸗ chens Breiſach auf der ſteinernen Bank ſaß ein Knappe und blickte mit ſeinen ſchwarzen Schelmenaugen munter umher, indem er von Zeit zu Zeit einen tüchtigen Zug aus dem Weinkruge that, der neben ihm ſtand. Dennoch 49 ſchien ihm die Zeit lang zu werden, da er ungeduldig bald zu den an der Ecke des Hauſes angebundenen Pfer⸗ den ging und ſie ſtreichelte, bald wieder einem vorüber⸗ gehenden Mädchen freundlich zunickte. Bei all dieſem unruhigen Auf⸗ und Abgehen, Trinken und Grüßen, ſchielte er doch oft nach den Fenſtern des erſten Stockes, als erwartete er von da ſeine Erlöſung, kümmerte ſich dabei aber wenig um den Lärm, welcher aus den offenen Fenſtern der untern Weinſtube ſchallte, obgleich ihm nicht entgehen konnte, daß die ſtichligen Redensarten der Breiſacher Bürger, welche im goldenen Bären zechten, ſowohl ihm als ſeinem Herrn galten. „Schade für den ſchmucken Burſchen“— lachte an einem der Fenſter ein Mann, deſſen dickes blaurothes Geſicht auf den erſten Blick einen großen Verehrer des edlen Rebenſaftes in ihm erkennen iß„ſchade für ihn und ſeinen ſtattlichen Herrn, daß er ſo früh ſeine Haut zu Markte trägt.“ „Etwas müſſen wir doch für unſer abgepreßtes Geld und die geſtohlenen Erndten haben,“ entgegnete ein An⸗ derer und ſah ſpöttelnd nach dem Knappen,„und wenn es auch nur Menſchenhäute ſind, wir gerben ſie dann 4 50 und bauen für den Erlös dem edlen Ritter von Hachen⸗ bach ein Monument!“ „Ja einen Galgen!“ ſchrie erbittert ein Dritter und eine Menge rauher Kehlen wiederholten in wildem Durcheinander,„einen Galgen!“„dem Landvogt einen Galgen!“„Hagenbach an den Galgen!“ Der Knappe kehrte ſich nicht an dieſe und ähnliche Spötteleien, er ging mit untergeſchlagenen Händen ruhig auf und ab und wechſelte nur manchesmal ein paar ſchäkernde Worte mit der netten Wirthin, welcher der rothwangige muntere Würtemberger ebenfalls ſehr zu gefallen ſchien. Aber die Breiſacher Bürger nahmen dieſe Vertraulichkeit der Bärenwirthin mit dem Dienſt⸗ mann eines Edlen ſehr übel und als ſie ſich jetzt, über einen kühnen Scherz des jungen Kriegers erröthend, halb unwillig, halb lächelnd, raſch umwandte und in die Wirthsſtube trat, empfing ſie jener dicke Herr mit der bläulichen Naſe mit höchſtem Unwillen. „Ei, ei, Frau Wirthin!“ rief er ihr entgegen,„es ſteht einer braven Bürgersfrau ſchlecht an, mit einem ſolchen Feinde der Bürger zu ſchäkern!“ „Herr Schulze,“ entgegnete die junge Wirthin, noch tiefer erröthend,„Ihr thut meinen zwei fremden Gäſten ſehr unrecht, wenn Ihr ſie Bürgerfeinde nennt. Es iſt ein Würtemberger Graf, der zwar in der That von un⸗ ſerem gemeinſamen Dränger zum Kampfe gegen uns berufen worden iſt, der ſich aber geradezu, nachdem er die wahre Sachlage erkannt und unſer Recht eingeſehen, auf unſere Seite geſchlagen hat.“ „Ein Edler, ſagt Ihr, habe ſich auf unſere Seite, auf die Seite der Bürger geſchlagen?“ wiederholte ſpöt⸗ tiſch der Schulze.„Gute Frau, da hat man Euch etwas weis gemacht.“ „Ja, ja, der Herr Schultheiß hat Recht,“ rief ein langer, hagerer Mann, der ſich durch feinere Kleidung und eine ſehr wichtige Miene von den Andeten unter⸗ ſchied,„das müſſen wir wiſſen,“ fügte er hinzu, ſeine große Brille zurechtrückend,„eine lange, vielſeitige Er⸗ fahrung lehrt, daß ſich der Adel nur zu unſerer Unter⸗ drückung vereinigt.“ „Verzeiht doch, weiſer Herr Doktor,“ unterbrach den Sprechenden die Wirthin,„verzeiht, wenn ich Euch hier widerſpreche. Der Graf von Montfort,— denn ſo nennt ſich mein Gaſt, denkt viel zu edel, als ſich mit einem Raubritter, wie Peter von Hachenbach, gegen das arme Volk zu verbinden. Ja, er hat dem Landvogt 4* 52 tüchtig die Meinung geſagt, und dieſer will ihn nun mit Gewalt nicht ziehen laſſen. Der Vogt wüthet über des Grafen offnen Tadel. Ihr könnt meinen Worten glauben, denn ich habe Alles aus des Knappen Mund.“ „Ihr ſcheint den Worten des Knappen viel Gewicht zu geben!“ ſagte mit ſtechendem Blicke der lange Doktor. „Nicht mehr und nicht weniger als jedem offenen und ehrlichen Geſicht, das mein Haus betritt!“ erwiderte das ſchöne Weib beleidigt,„und meiſt“ fügte ſie hinzu, „meint es ein offenes Geſicht auch redlicher, als Men⸗ ſchen, die hinter finſteren Mienen und pedantiſchem Ernſte ihre unlauteren Geſinnungen verbergen.“ Mit dieſen Worten verließ ſie das Zimmer, in wel⸗ chem eine plötzliche Stille eintrat, die des Doktors Ver⸗ legenheit noch erhöhte. Er biß ſich auf die Lippen und verbarg ſeinen Aerger unter tüchtigem Trinken. Der Schulze, klug genug, dieſer Wendung des Ge⸗ ſpräches eine andere Richtung zu geben, erhob ſich und richtete folgende Worte an die verſammelte Gäſte: „Freunde, es wäre zwar möglich, daß der junge Knappe unſerer Bärenwirthin ſo reinen Wein eingeſchenkt habe, wie ſie uns allen bekanntermaßen verzapft, und — 53 dann wäre es unſere Pflicht den einzelnen Ritter geger des Vogtes Zorn zu ſchützen; indeſſen muß man in den jetzigen Zeiten vorſichtig ſein und daher ſchlage ich vor, wir wählen Einen aus unſerer Mitte, der ſich ſodann hinauf zu dem Ritter begibt, ihn unter irgend einem Vorwande genau erforſcht und— iſt er wirklich für uns geſtimmt, ihm unſere Hülfe und unſeren Schutz an⸗ bietet.“ „Schultheiß Ihr wagt viel!“— rief der Doktor und hob warnend ſeine dürren Finger in die Höhe;„wenn dies der Vogt erführe.„ „Hier ſehe ich nur brave Bürger!“ rief der Schul⸗ theiß ereifert,„und keinen Verräther, keinen burgundiſchen Knecht; wer würde auch bei dieſer allgemeinen Schinde⸗ rei noch ſo erbärmlich ſein und des Burgunders Joch dem öſterreichiſchen Regimente vorziehen?“ „Der Schultheiß hat recht!“ riefen mehrere,„der Schultheiß ſoll ſelbſt zum Grafen!“ riefen Andere. „Gut!“— entgegnete der Redner mit wohlgefälli⸗ gem Stolze, ſobald Ruhe geworden.„So will ich dies Geſchäft denn über mich nehmen, und Euch, meine Freunde, Antwort bringen, ſobald ich mich von des Fremden Geſinnungen überzengt habe.“ Damit trank er 54⁴ ſeinen Becher leer, räuſperte ſich und ſtieg gravitätiſchen Schrittes die Treppe hinauf. Der Haß der Bürger Breiſa ch's gegen ihren Land⸗ vogt, welcher ſich in der eben beſchriebenen Scene ſo deutlich ausgeſprochen hatte, wohnte zu damaliger Zeit in allen Gemüthern der Herrſchaften Pfirt, Sundgau, Breisgau, Elſaß, Schwarzwald und den vier Waldſtädten, welche von Herzog Sigismund von Oeſtreich gegen Achtzigtauſend Goldgulden an Karl den Kühnen von Burgund verſetzt worden waren. Der Herzog von Burgund hatte darauf den Ritter Peter von Hachenbach zum Gouverneur dieſer Land⸗ ſchaften ernannt, und dieſer, ein habſüchtiger und harter Mann, preßte das Volk auf eine ſchauderhafte Weiſe, ſo daß man längſt Geſandtſchaften an Sigismund gerich⸗ tet hatte, die denſelben auf das Dringendſte baten, ſie doch wieder aus den Burgund'ſchen Händen auszu⸗ löſen. Sigismund, bereit ſeinen Unterthanen zu hel⸗ fen, wandte ſich an den Herzog Cark, der aber unter keiner Bedingung das einmal in Beſitz genommene Pfand herausgeben wollte; ſo daß ſich Oeſterreich genöthigt ſah, das Geld in Baſel zu deponiren. Dieſe Ungerechtigkeit Karl des Kühnen empörte die redlichen Deutſchen, * * 55 und der Haß gegen Hachenbach, welchen ſie, wohl mit Recht, für die Urſache der ganzen Intrigue hielten, ſtieg bis zum höchſten Grade. Das finſtere Murren des Vol⸗ kes fing an in laute Drohungen überzugehen und dem ſchlauen Landvogte entgingen die Zeichen eines gefähr⸗ lichen Sturmes nicht. Er erwartete zwar ein burgundi⸗ ſches Hülfsheer, ſuchte aber in der Zwiſchenzeit ſeinen Stand dadurch zu befeſtigen, daß er viele Edle, Ritter und Grafen durch große Verſprechungen an ſich lockte und ſo ein kleines Heer tapferer Lanzen um ſich bildete. Auch an Montfort hatte er eine Einladung ergehen laſſen, und dieſer, von den falſchen Vorſpiegelungen irre geleitet und von dem Drange, einen tiefen Schmerz un⸗ ter kräftigen Thaten zu vergeſſen, gepeitſcht, war nach Breiſach geeilt. Aber ſchon unterwegs hatte er ſich von Hachenbachs ſchändlichem Unternehmen überzeugt und daher dieſem bei einer Zuſammenkunft nicht nur ſeine Hülfe abgeſchlagen, ſondern ihm auch mit deutſcher Offenheit und Gerechtigkeitsliebe ſeine Ungerechtigkeiten vorgeworfen, wodurch natürlich die Beiden früher be⸗ freundeten Männer in Streit geriethen und ſich im Zorne trennten, Montfort mit dem Vorſatze ſogleich nach ſeinem Schloſſe zurückzukehren, der Vogt mit dem Schwure 56 dieſen kühnen und gefährlichen Menſchen unſchädlich zu machen. Aber nicht allein dieſer Vorſatz war es, der Adalbert jetzt beſchäftigte, ſondern es gingen auch ganz andere und friedlichere Ideen durch ſeinen Kopf. Er ſaß in einem ſechseckigen Erker der großen Stube des gedachten Gaſthauſes, ſtützte den gedankenſchweren Kopf auf ſeine Hand und blickte auf den Grund ſeines Bechers, als wolle er in den aufſteigenden Bläschen des goldenen Weines die Löſung ſeiner Zweifel finden. Er tadelte ſeinen ſo raſchen Aufbruch von Urach und den⸗ noch mußte er ſich geſtehen, daß, wenn er einmal dem Rathe des Mönches und der Stimme der Frömmigkeit folgen und die Todte von Luſtenau vergeſſen wolle, er Recht gethan habe, dieſe und ihre ganze Umgebung zu fliehen. Aber wiederholt rief auch eine innere Stimme: „dies ſanfte, himmliſche Weſen kann nicht böſe ſein.“ Es zog ihn mächtig und mächtiger zu ihr hin, aber gerade dieſen Zug ſeines Herzens hielt er für eine Schlinge dA Hölle, die ihn durch eine Verbindung mit der unglück⸗ lichen Familie der Luſtenauer zu ſich herabziehen wolle. Dieſer ſtete Kampf marterte ſeine Seele ſchon ſeit dem Tage der Flucht von Urach, und noch hatte keines der Gefühle den Sieg davon getragen. Die Ver⸗ — 34 eitlung der Hoffnung, unter Hachenbach's Fahnen Ge⸗ legenheit zu einem edlen Kampfe zu finden, ſchien ihm nun ein Gottesurtheil und das freundliche Bild Ma⸗ thildens blickte ihn lockender als jemals an. Da ent⸗ ſchloß er ſich, ſeinen Weg nach Baſel zu nehmen und deſſen ehrwürdigen Biſchof, der zugleich ein Jugenfreund ſeines Vaters geweſen war, um ſeinen Rath in dieſer Herzensangelegenheit zu fragen. Er hatte eben dieſen Beſchluß gefaßt und ſchon ſeine Handſchuhe ergriffen, als der hochedle Schultheiß von Breiſach unter vielen Bücklingen eintrat. Adalbert bemerkte den Schultheißen lange nicht. Dieſer aber räuſperte ſich, bis ihn der Ritter an⸗ ſichtig wurde und begann dann, ſeine Verlegenheit ſchlecht verbergend:„Hochedler Herr, der unterthänige Diener, welcher jetzt die Ehre genießt, ſich mit Eurer edlen Perſon zu unterhalten, iſt der wohlbeſtallte Schul⸗ theiß von Br eiſach, zu deſſen Ohr das Gerücht ge⸗ drungen iſt, daß Hochderſelbe——“ „Herr Schultheiß faßt Euch kurz,“ unterbrach Mont⸗ fort die ſchwülſtige Anrede,„ich habe Eile die Stadt zu verlaſſen.“ 58 „Alſo hat das Gerücht, das mir in Geſtalt einer lieblichen Frau erſchienen, nicht gelogen!— Eure Hochedle ritterliche Perſon will ſich mit unſerem Unterdrücker nicht verbinden?“ „Nein Freund, beruhigt Euch, ich miſche mich nicht in Eure Angelegenheiten und gehe hin, von wann ich gekommen bin, darum haltet mich jetzt nicht auf...“ „Eure Geſtrengen vergeben wohl Ihrem Diener, wenn er im Namen der Stadt und der guten Sache ſeinen Dank „Ich habe keinen Dank verdient,“ unterbrach Adal⸗ bert unwillig den Sprechenden. „Doch, edler Herr! wie ich höre, haben Eure Ge⸗ ſtrengen dem Schurken von Landvogt die Meinung dick und dünn geſagt und das allein verdient ſchon großen Dank.“ „Zum Letztenmale, Herr Schultheiß“— rief hier Montfort ungeduldig und machte ſich zum Weggehen fertig—„haltet mich nicht länger auf. Was Ihr mit dem Landvogt zu thun, geht mich nichts an, und darum miſche ich mich nicht hinein.“ „So erlaubet wenigſtens, Herr Graf, daß die guten Bürger von Breiſach Euch ihre Dankbarkeit thätlich — 59 beweiſen dürfen, indem ſie Euch freies Geleit bis zur Grenze ihres Bannes anbieten.“ „Wozu?“ frug Montfort erſtaunt. „Wozu? Ei ei, Herr Ritter, Ihr müßt den tückiſchen Landvogt wenig kennen——— „Hachenbach iſt Ritter!“ entgegnete ſtolz der junge Mann,„er darf und wird ſich nicht an mir vergreifen.“ „Er hat das Land, er hat Adel, Bürger und Bauern in ihren Rechten gekränkt; Weib und Jungfrauen, ſelbſt das Heiligſte nicht geſchont— hat zu Thann vier ehr⸗ ſame und rechtliche Bürger, ohne richterlichen Spruch, enthaupten laſſen— glaubt mir— er wird ſich kein Ge⸗ wiſſen daraus machen, ſich an Euch, die Ihr Ihn belei⸗ digt, zu rächen.“ Montfort ſtutzte, aber ſein Muth ſiegte über jedes Bedenken. Er klopfte daher vertraulich dem Swutn auf die Schultern und ſagte: „Nehmt meinen Dank für Eure Warnung und Euer Anerbieten. Ich vertraue auf mein Schwert, will in⸗ deſſen auf meiner Hut ſein.“ Dies ſagend, war er im Begriff das Zimmer zu verlaſſen, als von der Straße her ein Trompetenſtoß, und gleich darauf ein lautes Jubelgeſchrei erſchallte. Adalbert trat an das Fenſter, traute aber ſeinen Augen kaum, als er in dem Ankommenden Johann von Ve⸗ ningen, den Biſchof von Baſel erblickte, zu dem er in den Zweifeln die ihn erfaßt, ja gerade ſich begeben wollte. Frendig eilte er dem würdigen Manne entgegen, der ihn auch wie ſeinen Sohn empfing. Wer aber beſchreibt des Prälaten Freude, als er von Adalbert erfuhr, was ſich zwiſchen ihm und dem ſtolzen Landvogte zugetragen, und es ward Veningen um ſo leichter, den edlen tha⸗ tendurſtigen Jüngling zu bewegen, Theil an einer Ver⸗ bindung gegen das drückende Joch Burgunds und die Anmaßungen Hachenbachs zu nehmen, als jener aus natürlicher Gerechtigkeitsliebe den Landvogt ſchon haßte und bis jetzt nur, aus Abneigung gegen den damals noch von dem Adel mit Verachtung betrachteten Bürgerſtand, ſich nicht auf deſſen Seite geſchlagen hatte. Dieſe kriegeriſchen und politiſchen Beſprechungen nahmen beide Männer ſo in Anſpruch, daß Adalbert ſich veranlaßt fühlte, vor der Hand noch von ſeinen Her⸗ zensangelegenheiten zu ſchweigen; auch durfte er ja jetzt wieder hoffen, die quälenden Gedanken durch eine an⸗ ſtrengende Beſchäftigung bald los zu werden. VII. De r Ra u b. Unterdeſſen ward der Streit, welcher ſich zwiſchen dem Erzherzog Siegmund von Oeſtreich und dem Herzog Karl dem K ühnen von Burgund einerſeits, dem Landvogt von Hachenbach und dem unterdrückten Elſaß und Suntgau andererſeits, erhoben hatte, immer weltkundiger und weckte in vielen der ſtreitluſtigen und oft verdienſtloſen Ritter, deren es damals eine Menge gab, die herrlichſten Hoffnungen zu Beſchäftigung und Gewinn. Kein Wunder war es daher, als ſich, noch von blendenden Verſprechungen gelockt, eine Maſſe guter Degen auf den Weg machten, um entweder für die eine, oder die andere Sache zu fechten. So kam es denn, daß auch nach den vollendeten Feſten, welche Eberhard im Bart zu Ehren ſeiner Vermählung gegeben, viele Ritter nach jenen bedrohten Gegenden aufbrachen und unter dieſen befand ſich auch der junge Graf Bodemann. Bodemann trieb indeſſen ein anderer, ihm wich⸗ tigerer Grund, dieſe Straße. Er folgte ſeinem Ingrimm ſeinem Rachedurſt, ſeiner lechzenden Liebe. Denn— von dem Prior zu Güterſtein mit ſeinen Bewerbungen um die ſchöne„Todte“ zurückgewieſen— hatte er wuth⸗ ſchnaubend Alles aufgeboten den Aufenthalt Mathil⸗ dens zu entdecken und endlich durch ſeine Unterhändler in Erfahrung gebracht— daß die Geliebte ſich nach Coſtnitz gewandt. Kaum aber in dem Beſitz dieſes Geheimniſſes ge⸗ langt, brach er mit allen ſeinen Dienern und Reiſigen unter dem Vorwande auf, zu Hachenbach zu ſtoßen, eilte aber in der That der Flüchtigen nach, um wo mög⸗ lich mit Gewalt zu ertrotzen, was er auf freundlichere Weiſe nicht erhalten. Mathilde ahnte die Gefahr, die ihr drohte, keines⸗ wegs und durfte auch um ſo weniger fürchten, als ſie außer ihrer Amme und einer Zofe noch ihre beiden Brü⸗ der begleiteten, die eine— durch den Fluch, der auf ih⸗ rem Hauſe zu liegen ſchien, nur noch geſteigerte— ge⸗ ſchwiſterliche Liebe feſt an ſie knüpfte. Dem lieblichen Kinde ſagte dieſe Reiſe, die in der ſchönſten Jahreszeit mitten durch die herrlichſten Gegen⸗ den Deutſchlands führte, unendlich zu. Von den Men⸗ ſchen, die ſie kannten, aus Aberglauben meiſtens geflohen, * hatte ſie ein ſcheues Weſen angenommen und fühlte ſich daher in Geſellſchaft anderer beengt,— niedergebeugt; ja ſie war ſo ſanft und gut, daß ſie, ſelbſt an den Fluch ih⸗ res Hauſes glaubend, ſogar Sorge trug, Niemanden durch ihre Nähe zu ängſtigen und zu ſchrecken, und ſo kam es denn, daß Mathilde— außer den Ihren und ihrem ehrwürdigen Pflegevater zu Güterſtein— einſam in der Welt ſtand. Aber eine Freundin entſchädigte ſie da⸗ gegen reich für jene Verluſte,— und dies war die Na⸗ tur, an der ſie denn auch mit ganzer Seele hing. Wie mußte ſie daher dieſe Wallfahrt durch den großen Tempel Gottes entzücken; wie kinvlich froh war ſie in ihrer unſchuldigen Liebe, wie glücklich in dem rei⸗ chen Genuſſe der ſchönſten Anſichten und Landſchaften. So nahte ſich Mathilde bereits mit ihrem kleinen Gefolge dem freundlichen Freiburg. Die Sonne ſenkte ſich allmählig zum Niedergange, und ihre letzten Strahlen vergoldeten die Höhen des Schwarzwaldes. Am fernen Horizonte zogen ſich in violettem Scheine die zackigen Vogrſen hin und ſelbſt die kunſtreiche Thurmſpize des Freiburger Münſters blickte den Müden ſchon aus Bäumen entgegen; da hielten den Zug, der eben in einen Hohlweg einbiegen wollte, einige, wie es ſchien betrunkene, 64⁴ Lanzknechte auf, von welchen ſich einer quer in den Weg gelegt hatte. Die Reiſenden hielten im Anfange einige Augenblicke an, um den Männern Zeit zu laſſen, ihren Kameraden aufzuheben, und ſelbſt fürbaß zu gehen; da indeß die rohen Krieger zögerten, ſo ritt der ältere Bruder Ma⸗ thildens voraus, dem Zuge Platz zu machen; kaum aber war derſelbe in den Hohlweg gekommen, als die Lanzknechte aufſprangen und den Weg vorn und⸗ hinten ſperrten. Die„Todten“, die Gefahr erkennend, ſpreng⸗ ten ſogleich auf die Räuber ein, aber in demſelben Augen⸗ blicke ſahen ſie ſich auch von mehreren Rittern und Rei⸗ ſigen umgeben, die ſogleich den Kampf annahmen. Ma⸗ thildens Brüder wehrten ſich, die geliebte Schweſter in die Mitte nehmend, mit Unerſchrockenheit und Muth; aber die Ueberzahl war auf der Seite der Feinde. Dabei konnten ſie, des engen Weges wegen, ihre Pferde nicht drehen und waren ſelbſt in der freien Bewegung gehin⸗ dert, während die Lanzknechte die Kämpfenden von ihren Roſſen zu ziehen verſuchten. Der Kampf war heiß— aber ſchnell entſchieden. Von einem gewaltigen Hiebe getroffen, ſank Mathildens jüngerer Bruder in den Staub, und indem die Maſſe den Anderen umzingelte, 65 hatte ſich der Anführer der Wegelagerer des Pferdes be⸗ mächtigt, welches das Fräulein von Luſtenau trug, und floh, daſſelbe am Zügel faſſend, ſo ſchnell es die Kräfte des ermüdeten Thieres erlaubten, mit der ſchönen „Todten“ davon. Bald aber vergingen der Unglücklichen die Sinne, da hob ſie der Reiter auf ſein eigenes Roß, und die ſüße Beute triumphirend an ſein Herz drückend, ver⸗ ſchwand er im nahen Walde. VIII. Peter von Hachenbach. Peter von Hachenbach der Statthalter der hur⸗ gundiſchen Pfandſchaften, ſaß zu jener Zeit munter und guter Dinge auf dem Schloſſe zu Breiſa ch, die erpreß⸗ ten Gelder in Saus und Braus verzehrend. Seiner Un⸗ verſchämtheit hielt nur der grenzenloſe Leichtſinn das Gleichgewicht, mit welchem er den finſteren Gewitter⸗ wolken entgegenſah, die an dem politiſchen Horizonte gegen ihn heraufzogen und ihn zu vernichten drohten. Hatte er es endlich doch ſo weit gebracht, daß nicht nur 5 der Bauer und der Bürger, ſondern ſogar ein großer cheil des Adels, ſich gegen ihn auflehnten. Wie es in der Welt gewöhnlich zu gehen pflegt, ſo geſchah es auch hier: der Knecht war wie der Herr; das heißt, der Statthalter des, als unbegrenzter Verſchwen⸗ der bekannten, Herzogs Carl von Burgund gab ſich alle erdenkliche Mühe, im Verhältniß eben ſo viel zu ver⸗ thun als Jener. Für was war denn auch das Volk da als zum Zahlen? und Hachenbach charakteriſirte ſich ſelbſt und ſein Treiben am treffendſten, als er einſt ausrief: „Ich bin Euer Papſt, Biſchof, Kaiſer und Königz Ihr müßt Alle unbedingt thun, was ich will!“— Er aber wollte nur— ſich bereichern, üppig leben und ſich ſeine Stellung durch kriechende Augendienerei bei dem Herzoge ſichern. Die Verſchwendungen Beider hatten bald die Finan⸗ zen zerrüttet, und nun ward ohne Weiteres zu Gewalt⸗ maßregeln geſchritten. Hachenbach führte den ſogenannten böſen Pfen⸗ nig ein. Es war dies eine Verbrauchsſteuer auf Wein, Früchte, Fleiſch und andere Lebensmittel, welche den, ohnehin ſchon gedrückten, armen Mann völlig zu Boden — — 67 warf. Sodann erhöhte er die Zölle an den Grenzen der Schweiz und Deutſchland, und um doch auch den Adel zu pfänden, entzog er demſelben die Jagdgerechtigkeit, oder ſchmälerte ſie auf eine ſolche Weiſe, daß ihm der Gewinn in die Taſche floß. Alle dieſe und tauſend andere Räubereien begleitete er noch mit Spott. So erfrechte er ſich z. B. bei einem Feſte die Biſchöfe von Straßburg und Baſel, den ganzen elſäſſiſchen Adel und die Vorſteher der Klöſter und Städte einzuladen; beſtimmte aber dabei einem Jeden, was er zu dem Schmauſe zu liefern habe. Der Eine hatte ein Stück Vieh, der Andere Früchte, ein Dritter Wein, dieſer Geflügel und Zener Wildpret mitzubringen, und ſo gab der Landvogt ein prächtiges Gaſtmahl auf Anderer Ko⸗ ſten. Auch gefiel ihm dieſe Weiſe zu leben ſo gut, daß er ähnliche Einladungen häufig ergehen ließ. Ein ſolch' ehrloſer Charakter erlaubte ſich denn auch, wie ganz natürlich, wenn ihm im Geringſten Widerſtand geleiſtet wurde, die größten Grauſamkeiten;— ſo daß endlich das Vermögen, die Ehre, ja das Leben ſeiner Untergebenen nicht mehr ſicher war. Hatte er ſich doch ſelbſt nicht geſcheut zu Thann ſeiner Rache vier ehrbare Bürger zu opfern. Die Geduld der burgundiſchen Pfandſchaften wurde aber völlig dadurch erſchöpft, daß Herzog Carl alle Kla⸗ gen gegen Hachenbach zurückwies,— ja den Landvogt noch belobte und dem Geſandten der Unzufriedenen, dem würdigen Altſchultheißen von Bern, Adrian von Bu⸗ benberg, antwortete:„Er wolle nicht, daß ſein Statt⸗ halter ſeinen Unterthanen, ſondern ihm zu Gefallen lebe, und Hachenbach thue den verdammten Deutſchen recht, wenn er ſie mit ſtarker Fauſt in guter Meiſter⸗ ſchaft halte.“ Dies war denn doch für die guten ſonſt immer ſo geduldigen Deutſchen zu ſtark. Sie fühlten, daß es Zeit zum Handeln ſei, wenn ſie nicht ganz vernichtet und aus⸗ gezogen werden wollten, und ſo kam es endlich zu Coſt⸗ nitz, wohin ſich der Erzherzog in eigener Perſon begeben hatte, zu einem Schutz⸗ und Trutzbündniß zwiſchen Baſel, Straßburg, Schlettſtadt und Colmar. Dieſem Bunde,— der ſogenannten niederen Vereinigung— trat ſo⸗ fort auch die Eidgenoſſenſchaft bei und der Biſchof von Baſel Johann von Veningen ſetzte es ſogar durch, daß Frankreich dieſe Vereinigung durch einen Vertrag gegen Burgund ſtärkte. Mit letzterem Prälaten ſchloß ſich auch Adalbert von Montfort an. 69 Jetzt war Hachenbach's Zeit abgelaufen; denn obſchon er durch glänzende Verſprechungen manchen Ritter aus dem Reiche an ſich gelockt hatte und in der nächſten Zeit burgundiſche Hülfsvölker erwartete, ſo konnte er ſich doch gegen das auf allen Seiten aufſtehende Volk nicht mehr halten. Eine Stadt, eine Burg nach der anderen fiel und bald ſah er ſich auf das einzige Breiſach be⸗ ſchränkt. Doppelt erwünſcht kam ihm daher jetzt jede Ver⸗ ſtärkung; und ſo konnte ihn denn auch kaum Etwas freu⸗ diger berühren, als die Nachricht: Graf Bodemann ſei mit ſeinen Reiſigen und einem ſtarken Gefolge an ſeinem Hoflager eingetroffen. Zwiſchen beiden Rittern entſpann ſich alsbald ein ſehr freundſchaftliches Verhältniß, welches in den gleichen Geſinnungen und Neigungen derſelben ein kräftiges Band fand. Der reiche Bodemann bezog eines der präch⸗ tigſten Gebäude der Stadt, die damals noch in einer Blüthe ſtand, von der das jetzige Breiſach keine Spur mehr zeigt. Gelage und Schwelgereien aller Art wech⸗ ſelten in den Wohnungen der Wüſtlinge ab, und da Hachenbach gern umſonſt zehrte, kam er ſehr häufig zu Bodemann, deſſen Keller und Küche nichts zu wün⸗ ſchen übrig ließen. Hier war dem Landvogt indeſſen Etwas aufgefallen, was ſeine Neugierde im höchſten Grade reizte. In Bodemann's neuer Behauſung ſtanden nämlich den Gäſten, und vorzüglich Hachenbach, alle Gemächer offen, bis auf eine Flucht von drei Zimmern, welche, wie der Argwöhniſche bald bemerkt, ſtets mit der größten Sorgfalt bewacht und verſchloſſen blieben. Daß dieſel⸗ ben bewohnt ſeien, war gewiß, denn Hachenbach hatte, als er ſeinen Freund mehreremale unerwartet überraſcht, bemerkt, daß dieſer ſich aus den geheimnißvollen Zimmern herausſtahl und deren Thüren auf das Sorgfältigſte hin⸗ ter ſich verſchloß. Vergebens bemühte ſich nun aber der Ritter, den deutſchen Grafen zu erforſchen. So voft das Geſpräch auf dieſen Gegenſtand kam, wich Bodemann geſchickt aus, und Hachenbach hätte wohl ſchwerlich je erfahren, wer der Bewohner jener Zimmer ſei, wenn er nicht zu ſeiner Freude bemerkt hätte, daß eine ihm ſehr wohlbe⸗ kannte Frauensperſon ebenfalls zu denſelben Zutritt habe. Hachenbach vergaß über dieſem Handel ſelbſt ſeine politiſche Noth. Sein erſtes Geſchäft war, ſich mit je⸗ nem Weibe in Berührung zu ſetzen; aber aller Mühe ungeachtet, gelang es keinem ſeiner Diener, die Schöne 71 auszufinden. Da machte ſich endlich Hachenbach, der ſie in früheren Zeiten oft beſucht, ſelbſt auf; doch auch er fand ſich in ſeinen Erwartungen getäuſcht; denn ihre Wohnung war leer und Alles deutete darauf hin, daß ſie dieſelbe mit einer anderen vertauſcht habe. Hachen⸗ bach war außer ſich vor Zorn. Bei jedem Anderen würde der Landvogt den kür⸗ zeren Weg der Gewalt angewandt haben, um zu ſeinem Ziele zu gelangen; mit Bodemann aber fand er es doch für gut, namentlich in ſeiner jetzigen Bedrängniß, nicht zu brechen. Was war zu thun?— Sollte er die Perſon, welche er zu ſprechen wünſchte, gerichtlich auf⸗ ſuchen?— oder lieber einen günſtigen Augenblick ab⸗ paſſen, um ſie Sgrifen zu laſſen?— ſtärker in den Freund dringen?— oder gar die ganze Sache aufgeben, die doch, höchſt wahrſcheinlich, nur auf ein Liebensaben⸗ teuer hinauslief?— Mit dieſen Gedanken beſchäftigt und mit ſich ſelbſt im Kampfe, kehrte der Landvogt zurück. Es war gerade Sonntag und die Bürger ſtrömten in Maſſe in den al⸗ ten Dom, Gott um die Erlöſung von allem Uebel— d. h. von Hachenbach— zu bitten. 72 Wer den finſteren Tyrannen nur von ferne ge⸗ wahrte, wich ſchleunig aus, und ſo entvölkerten ſich die Straßen vor dem Dahinſchreitenden wie vor einem Ver⸗ peſteten. Dies auffallende Betragen konnte dem Ritter nicht entgehen und wuthſchnaubend nahm er ſich vor, ſo⸗ bald die Andacht begonnen, in die Kirche zu treten, um zu entdecken, wer die Verwegenen alle geweſen ſeien, die ihren Herrn ſo arg beleidigt. Hachenbach hielt zum Staunen und Entſetzen der Ver⸗ ſammelten Wort. Mit Geräuſch trat er, den Federhut aufdem Kopfe, in die überfüllte Kirche, und ſchon wollte er auf die erſten Reihen der Kirchenſtühle zuſchreiten, als er— o freudige Ueberraſchung!— das lang geſuchte Weib an den Stufen eines Nebenaltars knieen fand. Ohne ſich zu bedenken, ohne Ort und Stunde zu be⸗ rückſichtigen, ſchritt er auf ſie zu, faßte die Erſchrockene um den Leib und küßte ſie, ehe ſie ihn nur gewahr wer⸗ den konnte.. Da trat der Prieſter in vollem Ornate hinzu, um an demſelben Altare die heilige Meſſe zu leſen; aber kaum erſchaute ihn der Landvogt, als er ihn wild an⸗ fuhr und in gottvergeſſenem Uebermuthe zornſprühend rief:„Was willſt Du, Pfaff? Siehſt Du nicht, daß ich, Dein Herr, hier bin; geh wohin Du willſt, nur laß mich ungeſtört.“ Blaß vor Entſetzen, aber ernſt und verachtend blickte der Geiſtliche den Frevler an und ging ſodann ſchwei⸗ gend nach einer andern Kapelle. Hachenbach that, als ob nichts geſchehen ſei, lehnte ſich ohne alle Scheu auf den Altar und trug ſodann der Schönen ſeine Wünſche vor. Das Weib, deſſen Verlegenheit nur eine gekünſtelte geweſen, fühlte ſich nicht nur durch dieſes öffentliche Rendezvvus mit dem allgewaltigen Machthaber geſchmei⸗ chelt, ſondern erblickte auch zugleich in Hachenbach's Neugierde eine neue Fundgrube für ihre Habſucht. Nach einigem Zieren ging ſie endlich auf des Landvogs Bitte ein und verkaufte demſelben, für einen nicht unbedeuten⸗ den Preis, Bodemann's Geheimniß. Hachenbach horchte hoch auf, als er erfuhr, daß die Bewohnerin jener ſo ſorgſam verſchloſſenen Zimmer ein wunderſchönes, blaſſes Fräulein ſei, welches der Graf irgendwo geraubt haben müſſe. Da Bodemann das- ſelbe heftig liebe, von dem ſpröden Mädchen aber mit der entſchiedenſten Kälte zurückgewieſen worden, ſo habe er den klugen Gedanken gehabt, ſie mit der ferneren Leitung des lieben Kindes zu beauftragen. Wirklich habe ſie auch Alles aufgeboten, die alberne Scheu deſſelben zu beſchwichtigen, doch umſonſt!— da die Zierpuppe ſich ſtets gleich bleibe, nur weine und jedes Geſchenk und jede Ar⸗ tigkeit halsſtarrig zurückweiſe. Hachenbach war von dieſer Neuigkeit entzückt, ja außer ſich. Seine ganze Leidenſchaftlichkeit war erwacht, und er ſchwur bei Gott und allen Teufeln, daß er jene Schöne beſitzen müſſe. „Das wird ſo leicht nicht gehen, Herr Landvogt,“— bemerkte das Weib—„Graf Bodemann hält ſein Kleinod ſtreng verſchloſſen und wenn Ihr auch am Ende bis zu ihr dringen könntet, ſo würdet Ihr wohl bei dem albernen Ding nicht weiter als der Graf kommen.“ Hachenbach lachte ſo frech und laut auf, daß alle Welt mit Abſcheu nach ihm hinblickte. Dann legte er ſeine Hand auf der Vertrauten Schulter und ſagte: „Es gibt eine Dreieinigkeit auf der Welt, die, wenn man ſie beſitzt, alle Dinge möglich macht. Ich habe ſie in der Taſche. Es iſt Gold, Liſt und Gewalt. Siegt man durch das Eine nicht, ſo hilft das Andere. Dir zahl ich das Erſte, dafür gebrauchſt Du das Zweite, um mich einzuführen, und ſollte dann abermals eins und zwei nichts fruchten, gebrauche ich drei!“ Dies ſagend warf er dem Weibe einen Beutel mit Gold in den Schooß und Beide verabredeten ſofort, auf welche Weiſe Bodemann zu entfernen und Hachen⸗ bach einzuführen ſei. Es mußte dies bald geſchehen, da der Graf des Zögerns müde, ſich aus eigner Macht⸗ vollkommenheit für den Bräutigam der Geraubten er⸗ klärt und beſchloſſen hatte, die Unglückliche eheſter Tage zu einer ehelichen Verbindung zu zwingen, wozu auch bereits alle Anſtalten getroffen waren. IX. Der Bräutigam. So ſtürmten Gefahren und Unheil von allen Seiten auf die arme Mathilde ein; denn Niemand anders als die Todte von Luſtenau war es ja, welche der wilde Bodemann in ſo ſtrenger Gefangenſchaft hielt. Das gute, ſchüchterne Mädchen, noch ſo wenig mit der Welt und ihrem wüſten Treiben bekannt und doch von ſo manchem Sturme ſchon niedergebeugt, ſah ſich 76 nun plötzlich allein, mitten in dem brauſenden Leben, in dem ſie um ſo rath⸗ und hülfsloſer ſtand, als eine ſchmerzliche Nothwendigkeit,— die Folge jener unheil⸗ ſchweren Sage,— Mathilden von jeher dem Umgange mit fremden Menſchen entzogen und den Kreis ihrer Bekannten und Freunde faſt auf ihre Brüder und den „alten Vater“ beſchränkt hatte. So kam es denn, daß ſie, von den Guten auch nur Gutes lernend, kaum das Daſein des Böſen kannte, noch weniger aber zu begrei⸗ fen im Stande war, wie man ſelbſt laſterhaft zu ſein vermöge. Der Unerfahrenen hätte daher in Bodemann's und deſſen Gehülfin Nähe um ſo mehr Gefahr gedroht, als Beide es nicht an Bemühungen fehlen ließen, das Kind irre zu leiten und durch alle erdenklichen Künſte zu ſich herab zu ziehen, wenn nicht ſchon die Natur jedem weiblichen Weſen ein gewiſſes feines Gefühl eingepflanzt hätte, welches daſſelbe, hat es nur ſeine Seele rein und unbefleckt erhalten, mit bewundrungswürdiger Sicherheit auf dem Pfade des Rechtes leitet. Auch ſtanden in Ma⸗ thilden's Herzen die Lehren ihrer unvergeßlichen Mut⸗ ter tief eingegraben, deren Bild ſie überhaupt wie ein Schutzgeiſt in jeder Gefahr umſchwebte. 7 7 Vor Bodemann hatte ſie ſchon bei deſſen Bewer⸗ bung die innere Stimme gewarnt Jetzt, da ſie ſich durch eine niederträchtige Gewaltthat in ſeiner Macht befand, ſchützte ſie grenzenloſe Verachtung vor ihm. Und mußte Mathilde nicht ſogar fürchten, daß der Graf zum Mörder ihrer Brüder geworden ſei? und warf nicht ohnedem dieſer entſetzliche Gedanke eine unüberſpring⸗ liche Kluft zwiſchen ſie und ihn? Bodemann ſah auch in der That bald ein, daß er weder durch Güte, noch durch die Künſte der Verführung zu dem gewünſchten Ziele gelangen werde; er griff da⸗ her zu dem in jenen Zeiten der Rohheit und des Fauſt⸗ rechtes gangbarſten Hülfsmittel, zu der Gewalt; erkaufte ſich die Einwilligung eines Paters und erklärte Ma⸗ thilden im Uebermuthe, daß er ſie, trotz dem Mährchen, welches von ihr und ihrer Familie verbreitet ſei, ja dem Böſen zum Hohne, in aller Form Rechtens ehelichen werde. Dies war zu viel für das arme Kind. Den Zu dringlichkeiten des Liebhabers konnte ſie die imponirende Feſtigkeit der Tugend entgegenſetzen; der Gewalt des Gatten mußte ſie wohl endlich unterliegen. Dieſer Ge⸗ dante war ihr, obgleich ſie keinen andern Mann liebte, 78 ſo unerträglich, daß ſie die mühſam erhaltene Faſſung gänzlich verlor und in einer völligen Troſtloſigkeit zu⸗ ſammenbrach.* Umſonſt bemühte ſich ihre Geſellſchafterin, ſie zu er⸗ heitern. Die zweideutigen, oft rohen, Scherze dieſes Weibes verletzten das Zartgefühl des Mädchens nur um ſo mehr und machten ſie ihr immer verabſcheuungswür diger und verhaßter. Mathilden's Zuſtand ward be⸗ klagenswerth, und die faſt unverſiegbaren Thränenſtröme löſte nur ein troſtloſes, dumpfes Brüten ab. So war denn der Tag herangekommen, welcher das ſchöne Fräulein von Luſtenau zur unglücklichſten Gattin machen ſollte. Aber ſonderbarerweiſe begrüßte ihn Ma⸗ thilde mit einer Faſſung, der ſie längſt entbehrt. Die Quelle dieſes Troſtes war ein Traum, der ihrer Seele, nachdem ſie den größeren Theil der Nacht ſchlaflos zu⸗ — gebracht, gegen Morgen umſchwebte. Es war ihr vor⸗ gekommen, als umringe ſie eine Maſſe Ungeheuer, die ſich in wunderbarlicher Verſchlingung, wie in Zauber⸗ kreiſen, um ſie her ringelten, und mit tauſend Tatzen und Armen nach ihr langten, mit gräßlichen Rachen nach ihr knappten. Eine Todesangſt befiel ſie, ſie wollte fliehen und konnte nicht, ſie verſuchte um Hülfe zu rufen 79 und fand keinen Laut. Immet näher ringelten ſich die Ungethüme, immer gräßlicher ward die Angſt;— ſchon fühlte ſie die ſcharfen Krallen in ihrem Fleiſche, ſchon packten ſie die Zähne eines grimmigen Löwen— da ſtieg in falbem Lichte die Geſtalt ihres Vaters vor ihren Augen aus dem Grabe und vor dem ſtarren Blicke des Todten von Luſtenau ſanken alle die Scheuſale zit⸗ ternd zu Boden und verſchwanden wehklagend in Nebel. Mathilde erwachte, Tropfen kalten Schweißes auf der Stirne; aber der Traum hatte die Sage, die ſeit der wunderbaren Wiederbelebung ihres Vaters über die Familie des Luſtenauer's ging, lebhaft in ihrer Seele aufgefriſcht. Eine gewiſſe freudige Ueberzeugung war ihr geworden, als müſſe die unſichtbare Welt der Geiſter heute ihr Recht üben und entweder ſie oder den verhaß— ten Bräutigam, der es gewagt, ihr ſo kühn Trotz zu bieten, in ihre Schlünde herabziehen. Mathilden aber war Bodemann ſo ſehr zuwider, daß ſelbſt der Ge⸗ danke des eigenen Untergangs für ſie ein tröſtlicher war. Zum Erſtaunen ihrer Geſellſchafterin ließ ſich daher das Fräulein geduldig zum Opfer ſchmücken, und er⸗ wartete mit einer faſt ſchwärmeriſchen Faſſung den weiteren Verlauf der Dinge. Aber Bodemann kam 62 0 nicht. Da faßte Jene, die wohl wußte, was den Bräu⸗ tigam entfernt halte, den Entſchluß, das peinliche Schwei⸗ gen zu brechen und die Zeit bis zu der verabredeten Ankunft Hachenbach's durch eine der vielen Erzählun⸗ gen auszufüllen, welche in jenen Tagen die Hauptunter⸗ haltung unter Frauen ausmachten. Sie rückte ihren Seſſel näher zu Mathilden und fing, als dieſe in tiefem, ernſtem Sinnen verloren auf den Vorſchlag, ihr die Sage von dem Untergange des Suggenthales zu erzählen, keine Antwort gab, wie folgt an: „Nicht ſehr weit von hier, in der Nähe der alten Stadt Waldkirch, ſenkt ſich ein fruchtbares Thal— das Suggenthal genannt— von einem Vorberge des Kandels herab. Allmählig öffnet es ſich gegen den Elzfluß hin, wo ſich in ſchönen Keſſeln die Waſſer fangen, welche durch ihre Wunderkraft ſchon ſo manchen Unglücklichen geheilt.“ „Höher hinauf findet man die Bergwände von Erz⸗ gruben durchwühlt; altes Ganggeſtein bildet Halden, die jetzt mit Erde überſchüttet, zu ſchönen Wieſen umgewan⸗ delt ſind. Ungefähr in der Mitte des Thales auf einem freundlichen Hügel, der noch den Namen„der Schloßberg“ —— — 81 führt, ſoll vor langer Zeit, umgehen von den Hütten der Bergleute, ein Schloß geſtanden haben. Von dem Un⸗ tergange deſſelben, ſo wie der ganzen Bevölkerung des Thales, berichtet die Sage Folgendes: „Vor vielen, vielen Jahren lebte auf dieſem Schloſſe eine reiche und unabhängige Edelfrau mit ihrer wunder⸗ ſchönen Tochter. Beide liebten das Leben und ſeine Ge⸗ nüſſe und waren ſo klug, die dem Menſchen zuſtehende Seligkeit nicht in einer ſelbſtgeſchaffenen Traumwelt nach dem Tode, ſondern noch auf Erden zu ſuchen. Die un⸗ ermeßlichen Schätze, die ſie beſaßen, erlaubten ihnen, alle ihre Wünſche und Launen zu befriedigen; und da die Mutter eben ſo freigiebig als die Tochter reizend war, fehlte es auch nicht an Rittern und Junkern, an Minne⸗ ſängern und Freiern. Aber unter allen den ſchönen Männern, welche ſich um die Hand des Fräuleins be⸗ warben, war Keiner der ihr ſo gut gefiel, als ein junger Bergmann ihrer Nachbarſchaft. Auch er hatte ſich in das Mädchen verliebt, und Beide ſahen ſich oft. Wie ſie aber auch für einander glühten, mußten ſie doch ihr Verhältniß vor der Mutter verbergen; denn dieſe war zu ſtolz, ihre Einwilligung zu einem Bündniſſe ihres Kindes mit einem armen Bergmanne zu geben. Aber 6 382 die Liebe iſt bei aller Schlauheit doch oft blind und allzu kühn, und ſo entdeckte nach einigen Monaten die Edel⸗ frau die Zuſammenkünfte der jungen Leute. Zornig, wie ſie war, riß ſie die flehende Tochter aus den Armen des Geliebten und wollte von keiner Gegenvorſtellung etwas wiſſen. Aber dieſe Trennung brachte Unheil auf das Schloß. Wo ſonſt nur Geſang, Muſik, Tanz und Becher⸗ klang erſchallt war, ertönte nun von der einen Seite nur Weinen und Klagen, während von der anderen nur ge⸗ zankt und geſchmollt wurde. Das vertrieb dann in we⸗ nigen Tagen alle Gäſte und bald war das Schloß ein⸗ ſam und leer. Die Tochter ſchloß ſich in ihr Gemach ein und die Mutter langweilte ſich fürchterlich. Wie nun dem Menſchen, wenn er nichts zu thun hat, allerlei ſon⸗ derbare Launen kommen, ſo fiel es der Edelfrau ein, daß es bei der Hitze des Sommers doch eine gar lieb⸗ liche und üppige Unterhaltung ſein müſſe, wenn ſie in ihren Zimmern ein großes Baſſin mit immer friſch ſpru⸗ delndem Waſſer hätte, in welchem ſie nach Herzensluſt baden könne. Aber dies war ſo leicht nicht ausgeführt, denn das Schloß lag ziemlich hoch und das Waſſer mußte Stunden weit hergeholt werden.“ 8 —3 „Indeſſen pflegen wir Frauen gerne Alles an einen einmal gefaßten Entſchluß zu ſetzen, beſonders wenn er unſerem ſinnlichen Verlangen mit einer ſüßen Befrie⸗ digung ſchmeichelt, und ſo konnte denn auch die Herrin dieſen Gedanken gar nicht mehr vergeſſen. Sie ſandte nach allen Baumeiſtern weit und breit, aber obgleich ſehr Viele ſelbſt erſchienen, wagte doch Keiner ein ſolch ungeheures, ja Menſchenhänden unmögliches Wert zu R unternehmen. Die Weigerung der Meiſter erzürnten die Edelfrau noch mehr. Durch die Schwierigkeiten gereizt, erſchien ihr das Vergnügen des Badens immer lockender und ſo ſagte ſie endlich demjenigen, welcher das Werk n würde, die Hand ihrer Tochter und deren gan⸗ zes Erbe zu. .„Als dies der junge Bergmann, welcher das Fräu⸗ lein liebte, erfuhr, nahm ſein Kummer und ſeine Hoff⸗ . nungsloſigkeit ſo überhand, daß er ſich entſchloß, ſeinem Leben ein Ende zu machen. Er ging alſo, als es Nacht 4 wurde, noch einmal unter das Fenſter der Liebſten, ſang i zärtliches Abſchiedslied, und ſchlich dann eben fernen Seen zu, welche in der Edelfrau den un⸗ glü lichen Gedanken erzeugt, der die letzte Hoffnung ſei⸗ nes Herzens zerſtören mußte.“ ihr jent 84⁴ „Als er die Waſſer, in welchen er das Ende ſeiner Leiden ſuchen wollte, erreicht, ſchlug es gerade Mitter⸗ nacht. Der Wind wehte den dumpfen Schlag der Glocken wie einen Abſchiedsgruß zu ihm herüber. Es war Alles ringsum ihn ſo ſchaurig. Fin⸗ ſtere Nacht deckte die Welt, kein Leben wachte mit ihm, kein Lüftchen regte ſich. Da trat er beklommen an die ſchraffen Ufer des Bergſees, noch einmal rief er den Na⸗ men der Gelicbtei; dan beugte er ſich entſchloſſen vor, ſammen. um vis verzehrende Gluth ſeiner Leidenſchaft auf ewig in den Wellen zu kühlen.“ „Aber ſiehe!— es hielt ihn feſt mit magiſcher Kraft, als ob ihn unſichtbare Arme faßten,— in dem See ward es lebendig und obgleich kein Lufthauch über deſſen Fläche fuhr, kräuſelte ſich der Spiegel der Fluth, und fing an Wellen zu ſchlagen und zu ſchäumen und zu ziſchen, wie wenn es tief unten im Schooße des Berges kochte. Und aus den Wogen tauchten tauſend und aber⸗ glitten und hüpften in ſeltſamem Getümmel. Es kleine, häßliche Figuren mit verzerrten, höhniſchen Er fuhr zu⸗ und Kellen. Und wie der Jüngling ſo in Staunen und Grauſen verloren daſtand und mit ſtarrem Entſetzen zuſah, wie immer mehr und mehr der Zwerglein aus der Tiefe tauchten und nach den Rändern des Sees ſchwammen, und in komiſchem Gezappel an den Ufern hinauftlommen, und wie die Waſſer nicht müde wurden, der wunderlichen Figuren unzählige zu gebären— da ſtand plötzlich ein unheimliches Weſen an ſeiner Seite. Es glich einem Menſchen an Geſtalt, aber ſein todten⸗ bleiches Antlitz blickte mit ſolch' entſetzlichem Hohne, daß es dem jungen Bergmann ſo allgewaltig in das Herz ſchnitt, als wolle es Leib und Seele trennen. Der Furcht⸗ bare war aber gehüllt in die Kleidung eines Baumeiſters, nur daß ſeine Gewänder mit Edelſteinen überſäet waren, die von eigenem Feuer bald in vurpurrother Gluth, bald in blauem, grünem und gelben Lichte leuchteten, und ſo helle ſtrahlten, daß ſie die finſtere Nacht ringsumher in lichten Tag verwandelten.“ — der Baumeiſter legte ſeine Hand auf des Jünglü g8 Schulter und ſprach: Du haſt Dich mir er⸗ geben, junger Mann, da Du mit eigener Hand Deinem Leben haſt ein Ende machen wollen, denn im Niche der Geiſter iſt der Wille und die That eines. Ich bin der 86 Böſe. Aber entſetze Dich nicht vor mir; das armſelige Geſchlecht der Menſchen hat mein Reich mit Schrecken bevölkert, und doch iſt es nur das Reich der Luſt. Da ihr Menſchenkinder aber am Leben hängt, will ich Dir das Deine nicht nur noch friſten, ſondern ſelbſt die Wünſche Deines Herzens zum Ziele führen, d. h. Dich zum Gat⸗ ten Deiner Geliebten machen, wenn Du mir Dein Wort gibſt, über Dein Weib und ihre Mutter zu wachen, auf daß ſie mir verbleiben und nicht nach Weiberart im Alter zu Kreuze kriechen.“ „Der Jüngling ſchauderte anfangs zuſammen, als er aber an die Seligkeit dachte, die ihn in den Armen der Theuren erwartete, übermannte ihn die Liebe, und er ſchlug ein, mit dem Bedingniß, daß der Böſe noch dieſe Nacht den Wunſch der Edelfrau erfülle.“ „Der Baumeiſter verſprach es, ermahnte aber den jungen Mann nochmals, ſein Wort zu halten, widrigen⸗ falls er ihn und die Seinen vernichten würde. Darauf hin gab er ein Zeichen, und in einem Nu waren die Millionen Zwerglein an der Arbeit. Das zämnng und trug und hob und ſchleppte, das mauerte und ſchob und richtete und ſetzte, das wirrte und ſchwirrte, daß dem Bergmann die Sinne ſchier vergingen; da trat der Bau⸗ meiſter noch einmal zu ihm und ſprach: Gehe heim und werbe nun um die Hand Deiner Holden, ſie wird Dir werden! Darauf verſchwand er, der Jüngling aber that wie ihm befohlen. Zwar ſpottete ſein die Edelfrau, aber wie ſtaunte ſie, als ſie den kommenden Morgen erwachte, und das Rieſenwerk fertig vor ihren Augen ſtand. Eine Waſſerleitung von den Bergſeen bis zu dem Schloſſe trug auf kühn ſich ſchwingenden Bogen die erpſtallene Flüſſigkeit zu ihr hin, und goß dieſelbe zu ihren Füßen aus goldenen Röhren in ein weites marmornes Becken.“ „Die Edelfrau jauchzte vor Freude, und die Hochzeit wurde wenige Tage darauf mit unglaublicher Pracht ge⸗ feiert. Das Glück kehrte wieder auf dem Schloſſe ein und Ueppigkeit und Wohlleben ſchlugen ihren Sitz von neuem hier auf. So ging es Jahre hindurch, da kam eine böſe Krankheit in das Land und warf Mutter und Tochter nieder. Beide litten unaus ſprechlich, die Schmer⸗ zen beugten Körper und Geiſt, ſie wurden matt und wa⸗ ren endlich ſo ſchwach, ihre bisherigen Anſichten zu ver⸗ läugnen und— gegen alle Bitten und Ermahnungen des Mannes— zu der Kirche ihre Zuflucht zu nehmen. Kaum aber hatten ſie nach dem Prieſter geſandt, als eih furchtbares Gewitter an dem Himmel heraufzog und ſich 5 88 mit ſolcher Macht über dem ganzen Suggenthal ent⸗ lud, daß es ſchien, als ſei der Welt Ende gekommen. Entfeſſelt wütheten alle Elemente. Ein unendlicher Waſ⸗ ſerſturz fluthete von dem Himmel herab, Donner rollten, Blitze zerſchmetterten was ſie fanden, die Welt wankte in ihrer Feſte, wüthende Stürme tobten, und in wenigen Augenblicken waren Schloß, Flecken und alle Bewohner des Thales von der Oberfläche der Erde verſchwunden.“ „So ging das ſchöne Suggenthal unter, weil ſchwache Seelen ihren wahren Vortheil verkannten und ſo unklug waren die Warnung eines weiſen Mannes auszuſchlagen.“ Die Erzählerin hatte geendet, Mathilde aber nur wenig von der Sage vernommen. Indeſſen beſtätigte ihr dieſelbe doch, daß die Geiſterwelt Wort halte und dieſer Gedanke kräftige ihre Hoffnung neuerdings; ja er hatte ſogar durchaus nichts ſchreckliches für Mathilden, da ſie in ihrer Herzensreinheit und Unſchuld dem Tode ruhig entgegenſah. Tröſtlich umklangen ſie dabei des „alten Vaters“ Worte: Gott, die unendliche Liebe, kann in jenem Leben dem Böſen keine Gewalt über die Rei⸗ nen geſtatten. 89 So ſaß ſie lange ſinnend, und die Erinnerung an ihre vorangegangene Mutter und die guten Brüder, die ſie vielleicht bald wiederſehen ſollte, erfüllte ſie mit einer wahren Sehnſucht. Mit dem Hinſcheiden des letzten Sprößlings der Todten von Luſtenau war dann auch der Fluch, welcher auf ihrem Hauſe laſtete, gehoben, ja vielleicht der unglückliche Vater erlöſt. Mathilde konnte dieſen Gedanken um ſo unge⸗ ſtörter nachhängen, als ſie allein war; indem ſich die Geſellſchafterin unter der Hand entfernt hatte. Plötzlich ſchreckte ſie ein Geräuſch auf. Sie fuhr zuſammen. Wer konnte es anders ſein als der verhaßte Bräutigam?— und war er es, ſo trat der entſcheidende Moment heran. Mathilden's Herz klopfte hörbar, ein kalter Schauer überlief ſie,— da öffnete ſich die Thüre und herein⸗ trat— ein ihr fremder Mann. Es war Hachenbach. Seine hohe Geſtalt nahm ſich in der wahrhaft fürſtlichen Kleidung gut aus, und die Artigkeit, mit welcher er das ſchöne Fräulein begrüßte, ſo wie das Ungezwungene ſei⸗ nes Weſens, ſtimmte Mathilden im erſten Augenblick unwillkürlich für ihn. Wer aber konnte das Erſtaunen, den Unwillen, die Angſt des armen Mädchens malen, als ſich plötzlich die Höflichkeit des Fremden in Zärtlich⸗ ⸗ 90 keit wandelte, die von Minute zu Minute zudringlicher wurde und ſich endlich bis zur Unverſchämtheit ſteigerte. Vergebens trat Mathilde dem Wüſtling mit der Verachtung und der Hoheit der Tugend entgegen,— Hachenbach verlachte ſie— vergebens rief ſie nach ih⸗ rer Geſellſchafterin— die Erkaufte wollte nicht hören. Schon umſchlang der Landvogt mit ſtarken Armen den zarten Leib, ſchon deckten ſeine feurigen Küſſe die Wangen der ſich ohnmächtig Sträubenden— da ſprengte ein ge⸗ waltiger Fußtritt die verriegelte Thüre— und herein⸗ trat, das nackte Schwert in der Hand, blaß vor Zorn und Wuth,— Graf Bodemann. „Verräther!“ ſchrie er wüthend Hachenbach ent⸗ gegen, der von Schrecken gelähmt ſeine Beute losließ,— „Meineidiger! treuloſer Verräther! iſt dies Deine Freund⸗ ſchaft?— iſt das der Lohn für meine Hülfe?— Darum ließeſt Du mich alſo unter dem Vorwande drohender Gefahr auf Dein Schloß beſcheiden?— Darum mich dort wie einen Gefangenen bewachen?— Ziehe vom Leder, Elender!— oder ich ermorde Dich!“ Mit dieſen Worten drang Bodemann ſo wüthend auf den Landvogt ein, daß dieſer kaum Zeit behielt ſein Schwert zu ziehen. Ein verzweifelter Kampf entſpann ſich, aber den Grafen riß der Zorn ſo allgewaltig hin, daß er jede Vorſicht vergaß, und ehe drei Minuten vergangen, ſaß ihm Hachenbach's Klinge bis an den Schaft in der Bruſt. Er taumelte und ſank. Nacht deckte die Au⸗ gen. Das Blut ſtürzte aus Wunde und Mund. „Fluch!“ ſtammelte er—„Fluch Dir!— und Fluch mir!— Mein Uebermuth— liefert mich dem Teufel!— ich ſelbſt— tödtete mich— als ich um die verdammte Todte warb!“ Er konnte nicht weiter ſprechen. Röcheln und her⸗ vorſtürzende Blutwellen erſtickten die Stimme. Er bäumte ſich in namenloſer Qual verzweifelt auf. Er krümmte ſich wie ein Wurm. Vor ſeiner Seele ſtand der Böſe. „Licht!— Licht!“— ſtöhnte er— es wird Nacht! — dann entfuhr ihm ein greller Schrei— er zuckte— und war todt. Hachenbach hatte dem Ende des Unglücklichen er⸗ ſtarrt zugeſchaut— er dachte an das ſeine— und fuhr entſetzt in die Höhe. Als er ſich umblickte war er allein. Da packte ihn Todesangſt. Faſt bewußtlos ſtieß er das blutige Schwert in die Scheide, ergriff haſtig ſeinen Hut— und ſtürzte aus dem Unglückshauſe, über deſſen Schwelle eben, diaboliſch lächelnd, der Pater trat. Die Rettung. So hatte ſich denn Mathilde nicht getäuſcht, die Sage nicht gelogen; dem Böſen war an ihrem Hochzeit⸗ tage ein Opfer gefallen. Aber es fehlte wahrlich we⸗ nig und der Tod würde zwei Herzen gebrochen ha⸗ ben, ſo erſchüttert war das arme Kind, ſo gewaltig hat⸗ ten Schreck und Entſetzen an ihrem Lebensfaden geriſſen. Glücklicherweiſe blieb dem Fräulein von Luſtenau als es Bodemann ftürzen ſah, ſo viel Kraft und Gei⸗ ſtesgegenwart um zu erkennen, daß dies ein günſtiger Moment zur Rettung und zur Flucht ſei. Mathilde entwich auch glücklich und war ſchon weit, als Hachen⸗ bach aus ſeinem Erſtarren erwachte. So ſah ſie ſich denn frei— aber wohin ſollte ſie ſich in der ihr ganz fremden Stadt wenden?— Sie kannte keine Seele, keine Straße, kein Haus, und fand ſich außerdem von allen Mitteln entblößt. Dabei entſann ſich Mathilde wohl, daß ihr der zudringliche Fremde geſagt, er ſei der Herr des Landes, und Niemand könne ſeiner Macht ent⸗ 93 gehen. Wenn dies ſich in der That beſtätigte, wie ſehr gefährdet war noch immer ihre Exiſtenz. Das einzige was ihr in dieſer Noth einfiel, war ein Kloſter aufzuſuchen und die frommen Schweſtern um Schutz und Hülfe anzuflehen. Zu dieſem Zweck ſetzte ſie auch ihre Flucht ſo ſchnell als es die erſchöpften Kräfte erlaubten, fort. Endlich, nach vielem Fragen und langem Suchen, war ſie ſo glücklich ein ſolches Aſol zu finden. Mit hochklopfender Bruſt näherte ſie ſich den ſchützenden Mauern,— da erblickte ſie in einiger Entfernung das freche Weib, welches ihr Bodemann als Geſellſchafterin aufgezwungen und das ſie nun, wie es ſchien, einzuholen ſtrebte. Mathilden war es, als träfe ſie ein Blitz aus heiteren Höhen. Mit dem letzten Aufwande aller Kräfte wankte ſie dem Kloſter zu, aber die Füße fingen an den Dienſt zu verſagen, die Blicke trübten ſich und ihre Schritte wurden langſamer, während die Gefürchtete näher und näher kam. Jetzt war die Pforte erreicht,— aber auch das Weib war nur noch wenige Schritte entfernt und langte gierig nach der Beute. Verzweiflung ergriff Mathil⸗ den, ſie faßte den Zug der Glocke, riß ihn mit ſolcher 94 Gewalt, daß ſie heulend ertönte— und ſank ohnmächtig auf die Schwelle. Wie aber Hachenbach's Gefährtin ſich bückte, die ſchöne Todte aufzureißen und fortzuſchleppen, öffnete ſich das Thürchen und die Pförtnerin trat heraus und legte ihre Hand ſchützend auf die Schulter der Ohnmächtigen. Zwar ſchalt und ſchrie das Weib und forderte, daß man ihren Zögling losgebe; aber die Priorin, welche indeſſen herzugetreten, verweigerte dies, eiferſüchtig auf das Schutzrecht ihres Kloſters, auf das Beſtimmteſte. Auch trat das Volk, das ſich verſammelt, auf die Seite der Nonnen und als einer aus demſelben in der Scheltenden jene Frau erkannte, mit welcher Hachenbach vor we⸗ nigen Tagen in der Kirche ſo frech gehandelt, fielen Alle wüthend über ſie her und ſchimpften und ſchlugen ſie ſo lange, bis auch ſie beſinnungslos zuſammenbrach. Als Hachenbach hiervon Kunde erhielt, wüthete er gegen die Bürger und das Kloſter Gern würde er Beide auf empörende Art gezüchtigt haben, wenn ſeine Lage in dieſem Augenblick nicht die größte Vorſicht er⸗ heiſcht hätte. Die burgunviſchen Hülfsvölker blieben noch immer aus, der neue zu Coſtnitz geſchloſſene Bund wuchs allmächtig an und ſtand eben jetzt im Begriff, eine Heeresabtheilung unter dem tapferen Degen: Adal⸗, bert von Montfort gen Breiſach zu ſenden. Die Bürger der Stadt ſelbſt waren ſchwierig und ihren Haß gegen den Landvogt hatte deſſen jüngſtes Verfahren wäh⸗ rend dem Gottesdienſte, ſo wie die Ermordung Bode⸗ mann's, die Krone aufgeſetzt. Demohnerachtet verſuchte Hachenbach alle Mittel, wieder in den Beſitz des lieblichen Mädchens zu kommen, deſſen Reize ihn mit wilden Gluthen folterten. Er ließ das ganze Kloſter durch Bewaffnete durchſuchen und war, als er Mathilden nicht fand, ſo frech, durch öffentliche Ausrufer bekannt machen zu laſſen,„wer die Entwichene verborgen halte, möge ſie, bei Todesſtrafe, herausgeben und ihm vorführen.“ Unterdeſſen war Montfort der Stadt Breiſach immer näher gerückt. Wohin er kam, warf ſich ihm das Volk in die Arme und ſo glich ſein Marſch einem großen Triumphzuge. Nur hie und da traten ihm Haufen wel⸗ ſcher Söldlinge in den Weg, die er aber mit Leichtigkeit vor ſich niederwarf. Adalbert's Herz hatte indeſſen weder das rauhe Kriegshandwerk, noch das bewegtere Leben beruhigen können. Er dachte vor wie nach an die ſchöne Todte 96 von Luſtenau, deren Bild nicht von ſeiner Seele wei⸗ chen wollte. Längſt war es ihm klar geworden, daß er das holde Fräulein zärtlich liebe, daß nur der Beſitz ih⸗ rer Hand ihn auf Erden glücklich machen könne, und den⸗ noch! dennoch! trat immer zwiſchen ihn und die Angebete die hagere Geſtalt Sintolfingen's und rief ihm zu: „Hüte Dich vor den Todten von Luſtenau!“ Lange trug Adalbert dieſen Kampf verſchloſſen in ſeiner Bruſt, hoffend die Leidenſchaft mit der Zeit beſiegen zu können; als er aber endlich inne wurde, daß ſeine Liebe eher wachſe, als ſich vermindere, kam er auf ſeinen ſchon früher gefaßten Entſchluß zurück, den Zuſtand ſeiner Seele ſeinem väterlichen Freunde, Johann von Ve⸗ ningen, dem Biſchofe von Baſel zu entdecken, und denſelben um ſeinen Rath in ſeiner Herzensangelegenheit anzugehen. Veningen war ein für jene Zeiten ſehr aufgeklär⸗ ter Mann. Er hörte Montfort gelaſſen zu und be⸗ ſchwichtigte ſodann deſſen Serupel auf eine ſo liebevolle und überzeugende Weiſe, daß Adalbert völlig be⸗ ruhigt ward. „Leider!“ ſagte der Biſchof unter Anderem—„lei⸗ der! drückt der Alp des Aberglaubens auf den Verſtand der meiſten Menſchen; ja, da wir denſelben mit der Muttermilch einſaugen, ſo wird er oft ſo zu unſerer zweiten Natur, daß wir uns kaum mehr von ihm be⸗ freien können. Aber immer bleibt er eine Ausgeburt der überreizten Einbildungskraft, eine Verläugnung des Got⸗ tes, der in uns wohnt— der Vernunft.“ „Würden wir nur einmal aufmerkſam Acht geben, wie viele unſerer Ahnungen erfüllt und wie viele nicht erfüllt werden— ſo ſtellte es ſich wohl bald heraus, daß unter Hunderten Neun und neunzig fehlſchlagen und eine eintrifft. Ueber die fehlgeſchlagenen Erwartungen ſchweigen wir ſodann beſchämt, während wir die eine, welche ſich erfüllte, mit Jubel auspoſaunen.“ „Unwürdiger aber noch iſt der Aberglauben, wenn er ſich über das Grab erſtreckt. Die Geiſterwelt reicht nicht zu uns ſpielend herab. Gottes liebevolle Hand ſchied dieſelbe ſcharf von der unſeren, ſie warf über Grab und Zukunft einen dichten Schleier, auf daß der Erdge⸗ borene ſeine irdiſche Laufbahn unabhängig und frei wandle und den Segen mit fröhlichem Herzen koſte, den der Schöpfer über ihn ausgoß.“ „Wenn einſt der Edle von Luſtenau aus der Gruft ſeiner Väter, in die man ihn als todt gebracht, 7 lebend wiederkehrte, ſo geſchah dies ſicher ohne Mitwir⸗ kung des Böſen. Er war vielleicht nur ſcheintodt. Und liegt Vernunft darin, daß ſeine unſchuldigen Kinder für ihn büßen ſollen? Kann der Böſe auch Macht über den Guten haben? Iſt ein ſolcher Glauben nicht eine wahre Gottesläſterung?“ „Da die wunderſüchtige Menge aber nicht gleich den Hergang jener Sache begreifen konnte, mußte der Teufel geholfen haben, und da es nun gar der Zufall wollte, daß zwei der Kinder auffallender Weiſe ſtarben, ſo waren natürlich alle Sprößlinge des Ritters in den Augen der Menge der Verdammniß verfallen.“ „Ich freue mich daher von Herzen Deiner Liebe, und iſt das Fräulein eine gute, reine Seele, ſo tritt nur keck vor ſie hin und wirb um ihre Hand. Ich ſage Dir, Ihr werdet den Aberglauben zu Schanden machen und ſchon dafür wird Gottes Segen auf Euch ruhen. Denn dieſes Unkraut, das leider nur zu üppig auch im Felde der Religion wuchert, iſt verderblicher als Giſt und Dolch. Wird doch alles freie und richtige Denken durch ſeinen Schierlingsdampf gehindert, die Unwiſſenheit be⸗ fördert und die Sittlichkeit vernichtet.“ 99 Veningen vertraute dem Sohne ſeines Jugend⸗ freundes, den er aufrichtig liebte, noch Manches, was der Biſchof vor der Welt verſchweigen mußte, und goß ſo in Montfort's leidende Seele einen wahren Balſam des Troſtes. Auch kamen Beide überein, daß Adalbert gleich nach beendeter Fehde nach Urach und Güter⸗ ſtein zurückkehren und um die Hand der Todten von Luſten au werben ſolle. Dieſe freundliche Hoffnung verſcheuchte alle düſteren Gedanken. Muthiger und freudiger rückte er vor, als ihn plötzlich in Mühlhauſen die Nachricht von Bo⸗ demann's Tod traf. Das Gerücht hatte, wie natür⸗ lich, das abenteuerliche Verhältniß zu der ſchönen Todten von Luſtenau, die Liebe Hachenbach's und den tra⸗ giſchen Untergang des kühnen Bräutigams mit allen möglichen Zuſetzungen ausgeſchmückt und traf daher die kaum geheilte Seele Adalbert's um ſo mächtiger. Aber jetzt ſiegte die erregte Eiferſucht und der Zorn über jedes andere Bedenken. Umſomehr, als es, wie das Gerücht weiter verkündete, dem Landvogte durch die Schlauheit einer Buhlerin gelungen ſei, die Unglückliche wieder zu entdecken. 7* 100 Montfort brach ſogleich auf und hatte mit ſeiner kleinen Heeresabtheilung Breiſach bald erreicht. Da er aber zu ſchwach war, die Stadt anzugreifen und durch ſeine Spione von der Gährung gehört hatte, welche un⸗ ter den Bürgern herrſchte, faßte den kühnen Entſchluß, ſich ſelbſt in dieſelbe zu wagen und ſie wo möglich ohne Schwertſtreich zu nehmen. Hachenbach konnte ihm alsdann nicht entgehen. Er verbarg demzufolge die Seinen in einem Hin⸗ terhalte und gelangte glücklich, von einem Spione auf geheimem Wege geleitet, in die Stadt. Hier fand er die Bürger ſowohl, als die deutſchen Lanzknechte in großer Bewegung; denn Hachenbach hatte, von Furcht und Mißtrauen veranlaßt, den Befehl ergehen laſſen, „daß alles Volk, welches nicht zu den welſchen Truppen gehöre, Wehr und Waffen ablegen und ſich bereit halten ſolle, vor dem Thore an einem Feſtungsgraben zu ar⸗ beiten. Zugleich aber raunte man ſich in die Ohren, daß der Landvogt dabei die Abſicht habe, die wehrhaften Deutſchen aus Breiſach zu entfernen, die Thore ſchlie⸗ ßen zu laſſen, ſich mit den Welſchen zum Herrn der Stadt zu machen und Weiber, Kinder und Greiſe ſodann zu morden. * 101 Montfort erkannte den Augenblick für günſtig, er gab ſich ſofort den Lanzknechten und Bürgern als einen Anführer des Coſtnitzer Bundes zu erkennen, die ihn auch mit Jubel begrüßten und ſich auf der Stelle nach ſeinem Rathe bewaffneten. In wenigen Minuten wimmelte der Marktplatz von Kriegern. Die Glocken, die heute am Oſtermontage zum friedlichen Gebete rufen ſollten, mahnten heulend die ge⸗ reizten Breiſacher zur Rache, und der Ruf:„zu den Waoffen!“„Nieder mit Hachenbach!“—„Nieder mit den Tyrannenknechten!“ erſcholl in allen Straßen. Mont⸗ fort aber, an der Spitze der deutſchen Lanzknechte, rückte mit Blitzesſchnelle auf das Schloß an, in welchem ſich Hachenbach in aller Eile mit ſeinen Söldnern ver⸗ ſchanzt hatte. Aber was will der Widerſtand feiger Sklaven gegen den Muth empörter Patrioten Mont⸗ fort nahm nach kurzem Kampfe in wildem Sturme das Schloß und nach einer halben Stunde vergeblichen Suchens fanden die wuthſchnaubenden Bürger den edlen Ritter Peter von Hachenbach in einem großen Ka⸗ mine, wohin er ſich in ſeiner Todesangſt verſteckt. Nur mit Mühe gelang es Adalbert die Wuth der Bürger in ſo weit zu zügeln, daß ſie den Landvogt nicht gleich elendiglich ermordeten; ſondern mit Ketten belaſtet, in ſichere Verwahrung brachten. Aber Montfort hatte während dem Suchen der Bürger auch geſucht und wie dieſe das Gewünſchte ge⸗ funden, nur daß Jenem der Haß, dieſem die Liebe vor⸗ leuchtete. Seine Bruſt drohte die Freude zu zerſpringen, als er Mathilden aus den finſteren Mauern eines Kerkers, in welchen ſie ihre Standhaftigkeit geſtürzt, zum Tageslichte und zur Freiheit führen konnte. Als er aber mit ihr allein war und ſich das arme Kind von dem erſten Erſtaunen erholt hatte, konnte er ſich nicht länger halten, und vor ihr auf die Kniee ſinkend, geſtand er ihr ſeine Liebe und wie er ſie kennen gelernt, wie er mit ſich gerungen und wie die Neigung zu ihr endlich den Sieg davon getragen habe. Mathilde ſtand verwirrt. Der blühende, kräftige Jüngling, aus deſſen Augen ihr Treue, Herzensreinigkeit und Liebe entgegenſtrahlten, machten einen tiefen, wun⸗ derbaren Eindruck auf ſie. Sie fühlte ſich zu ihm un⸗ widerſtehlich hingezogen und doch entfernte ſie wieder eine heilige Scheu vor ihm; ſie blickte ſo gern in ſeine Augen, und doch mußte ſie die ihren vor ſeinen gluth⸗ vollen Blicken niederſchlagen. 103 Adalbert erkannte entzückt, daß ſein Erſcheinen der Holden nicht gleichgültig geblieben ſei, aber die Sitte achtend, erhob er ſich und bat ſie ehrfurchtsvoll, ſeiner Bitten in ruhigeren Stunden zu gedenken und zu berück⸗ ſichtigen, daß ſein Lebensglück von ihrer Liebe und dem Beſitz ihrer Hand abhänge. Darauf brachte er das Fräulein von Luſtenau zu einer edlen Familie, welche er kannte, ſorgte für würdige Bedienung und erbat ſich beim Abſchiede die Erlaubniß, in einigen Tagen bei ihr um ihren Entſchluß anfragen zu dürfen. Mit welcher Seligkeit im Buſen eilte nun der Jüngling zurück zu ſeiner ernſteren Pflicht. Eilig ſandte er nach ſeinen Truppen, beſetzte mit denſelben, nachdem ſie eingerückt, die Werke der Stadt und ſtellte ſodann Ordnung und Ruhe wieder her. 104 XI. Das Strafgericht. Hachenbach war, wie erwähnt, mit Ketten an Händen und Füßen gefeſſelt, in ein unterirdiſches Ge⸗ fängniß geſchleppt worden, um hier die Ankunft des Erz⸗ herzogs und ſodann ſein Urtheil zu erwarten. Siegmund hatte ſich um dieſe Zeit von Coſtnitz aus nach dem Wallfahrtsorte Einſiedeln begeben, da⸗ ſelbſt mit ſeiner Gemahlin das heilige Oſterfeſt zu feiern. Als er die Kunde von der Unterwerfung der Pfandlande erhielt, brach er ſogleich mit dreihundert Reitern auf und begab ſich nach Baſel. Hier wurde er von Cleriſei und Volk mit lautem Jubel empfangen und die Knaben auf den Straßen ſangen ihm als Oſterlied entgegen: „Chriſt iſt erſtanden, Frei ſind die Landenz Deß wollen wir froh ſein, Siegmund ſoll unſer Troſt ſein. Kyrie eleyson! Wär' Hachenbach nicht gefangen, Wär's übel uns ergangen; Seit er nun gefangen iſt, Hilft ihm keine böſe Liſt. Kyrie eleyson!“ Das erſte Geſchäft des Erzherzogs zu Baſel war, einen neuen öſterreichiſchen Landvogt zu ernennen. Seine Wahl fiel auf Herrmann von Eptingen, der denn auch ſogleich mit zweihundert Mann zu Pferde nach den Pfandlanden aufbrach. Darauf wurde die Ablöſung öf⸗ fentlich angekündigt und die Abgeordneten der Städte, Burgen, Abteien, Klöſter und Stifte nach Baſel zur neuen Huldigung beſchieden. Ueberall herrſchte nur eine Freude, eine Luſt, überall wurde Eptingen im Triumphe eingeführt. Zur Verwunderung Aller hielt ſich Karl von Burgund bei dieſen Vorfällen ruhig und ſchritt ſelbſt dann nicht thätlich ein, als er durch Stephan von Hachenbach, des Gefangenen Bruder, die näheren Berichte über den Aufſtand der Provinzen erhielt. Es ging wohl das Ge⸗ rücht, der gefürchtete Herr werde durch die Vogeſen her⸗ anziehen, ſeinen Liebling befreien und zur Strafe das 106 Land weit und breit verheeren; aber Siegmund wußte recht gut, daß dies nur eine Sage ſei, da Karl, durch mißliche Verhältuiſſe gebunden, die Niederlande für jetzt nicht verlaſſen konnte. Endlich brach der Erzherzog von Baſel auf und traf im Anfang des Monats Mai in Breiſach ein. Hachenbach hatte auf die Gnade dieſes Fürſten ſeine letzte Hoffnung geſetzt; allein Siegmund mußte, als neuer Herr, der tobenden Stimme des Volkes nach⸗ geben und ſomit konnte der ehemalige Landvogt ſchon errathen, was ſein Schickſal ſein würde. Nachdem er vier Wochen im Kerker geſchmachtet, und die nöthigen Verhöre vorüber waren, ſetzte Her⸗ mann von Eptingen im Namen des Erzherzogs, einen Tag feſt, an welchem zu Breiſach ein öffentliches Gericht über Hachenbach gehalten werden ſollte.— Sämmtliche Städte im Elſaß und Breisgau wurden nebſt den Eidgenoſſen dazu eingeladen. Als der Tag erſchien, es war der neunte Mai, konnte Breiſach die Menge der Gäſte nicht faſſen. Von Nord und Süd, von Oſt und Weſt ſtrömte das Volk in Maſſen herbei, denn Alt und Jung und Mann und Frau wollten den Untergang des Mannes ſehen, der noch vor 107 ſo kurzer Zeit der Schrecken des ganzen Landes geweſen. Nur von Baſel allein waren, außer dem Bürgermeiſter, zwei Rathsherren und den Beiſitzern des Gerichts, mehr als vierhundert Menſchen erſchienen. Die Procedur dauerte von des Morgens acht Uhr bis gegen Abend. Endlich, als es bereits ſchon zu däm⸗ mern anfing, ward das Urtheil gefällt, und Ritter Peter von Hachenbach als* „des Mordes an vier Bürgern zu Thann, des „Meineids, der ungerechten Unterdrückung des „Landes ſo wie Einzelner, der Erpreſſung, des „Raubes, der Gottesläſterung ꝛc.“ ſchuldig, zum Tode durch das Schwert verdammt. Hachenbach hörte ſein Urtheil zitternd an und flehte um Erbarmen. Aber er, der keines im Leben je gegeben, ſollte auch keines im Tode finden, und der all⸗ gemeine Haß ſprach ſich wohl in nichts entſchiedener aus, als dadurch, daß acht Henker um das Vergnügen wett⸗ eiferten, ihn köpfen zu dürfen. Da es indeſſen faſt Nacht geworden, zündete man unzählige Fackeln an, die ſieben und zwanzig Richter beſtiegen ihre Pferde, nahmen den Verurtheilten nebſt ſeinem Beichtvater in die Mitte, und ſo ging es unter 108 Begleitung einer ungeheuren Volksmaſſe dem Richtplatze zu. Hier angelangt, trat der kaiſerliche Herold Kaſpar Hurter vor, den Verurtheilten ſeiner ritterlichen Würde zu entkleiden. Da aber Hachenbach weder Schwert, noch Handſchuhe oder Sporen mehr trug, ſo wandte ſich Hurter zu ihm und ſprach mit lauter Stimme:„Im Namen des Kaiſers und ritterlicher Ehre, bin ich hier, Dir, Peter von Hachenbach,— der Du gemeiner Verbrechen wegen zu einem ſchimpflichen Tode verur⸗ theilt biſt— die Zeichen Deiner Ritterwürde abzuneh⸗ men. Ich finde ſie nicht mehr an Dir; ſo nehme ich denn alle gegenwärtige Edle zum Zeugen, und verrufe Dich im Namen unſeres himmliſchen Schutzherrn, des heiligen Georgs, zu deſſen Ehren Du einſt den Ritter⸗ ſchlag empfingſt, als ſolcher Würde unwerth und entſetzt. Geſtrenge Ritter und Edle, gedenket dieſes Beiſpiels und handelt Euers Ranges würdig!“— Hierauf kniete Hachenbach nieder— und ein ge⸗ waltiger Schwertſtreich machte ſeinem Leben ein Ende. Das Andenken Hachenbach's fiel der Schmach an⸗ heim und noch jetzt wird der Name dieſes Landvogts in jenen Gegenden mit Verachtung genannt. 109 XII. Aber ehe den Landvogt noch dieſe gerechte Strafe ereilt, hatte ſich mit Montfort und der ſchönen Todten von Luſtenau folgendes zugetragen. Nachdem Adalbert die Geliebte in einer achtbaren Familie untergebracht, konnte er kaum die Zeit erwar⸗ ten, in welcher er ſchicklicher Weiſe Mathilden wie⸗ derſehen und nach ihrem Entſchluſſe fragen durfte. Die wenigen Tage ſchienen ihm eine Ewigkeit und ſein vä⸗ terlicher Freund, der würdige Biſchof von Baſel, welcher ebenfalls in Breiſach eingezogen war, hatte ſeine Laſt damit, bald den ungeſtümen Jüngling zu beſchwichtigen, bald den zweifelnden Liebhaber zu tröſten. Endlich ſchlug die entſcheidende Stunde. Als ſich Montfort dem Hauſe näherte, in welchem Mathilde vor der Hand wohnte, mußte er ſich geſtehen, daß er zum erſtenmale in ſeinem Leben das Gefühl der Furcht erprobe. Wahyrlich er würde jetzt mit leichterem Herzen ſein Schwert zu einem Kampfe auf Tod und Leben ge⸗ 11⁰ zogen haben, als vor das ſanfte Mädchen zu treten, und es zu fragen, ob er auf ſeine Gegenliebe hoffen dürfe. Mit pochendem Herzen ſtieg er die enge, ſteinerne Wendeltreppe hinauf und erſt der Anblick der Angebeten gab ihm Muth und Entſchloſſenheit wieder Mathilde war bei ſeinem Eintreten erröthet. Sie erhob ſich, wie es ſchien, in peinlicher Verlegenheit; aber gerade dieſe Miſchung jungfräulicher Scheu und kind⸗ licher Offenheit, die ſich in ihren lieben Zügen malte, goß neue, unbeſchreibliche Reize über ihr ſchönes Antlitz⸗ Montfort's gerades deutſches Weſen erlaubte ihm keine weiten Umſchweife. Freundlich ging er auf Ma⸗ thilden zu, küßte ihr ehrerbietig die Hand und ſagte: „Sie werden ſich der Bitte erinnern, holdes Fräu⸗ lein, welche ich vor wenigen Tagen an Sie richtete. Vergeben Sie, wenn ich Sie vielleicht zu früh über⸗ raſche, entnehmen Sie aber wenigſtens meiner Eile den Beweis, wie bang und ungeduldig ich auf den Entſchluß warte, der meine Zukunft entſcheiden und mich entweder unendlich glücklich, oder für mein Leben unglücklich machen wird.“ 5 Ueber Mathilden's bleiche Wangen lief ein neues brennendes Roth. Verlegen ſchlug ſie die Augen nieder, 8 Au und ſuchte vergebens nach Worten. Montfort blickte mit unendlichem Entzücken auf die zarte Geſtalt. Er hätte ſie umſchlingen und an ſein Herz ziehen mögen, wenn er nicht gefürchtet, das reine ſüße Weſen zu ent⸗ heiligen. Da ſank er, überwältigt von den anſtürmenden Gefühlen, vor ihr nieder, ergriff die kleine Hand und be⸗ deckte ſie mit tauſend Küſſen. Mathilde widerſtrebte nicht, die Gluth ſeiner Lippen durchſchauderte ſie ſo ſüß, ſo wunderbar, daß ſie vor Wonne bebte. Es zog ſie allgewaltig zu dem blühenden Jünglinge hin— ach!— und doch kämpfte in ihrem Innern die Rechtlichkeit gegen dieſe Gefühle mächtig an. Nie war ihr der Fluch ihres Hauſes gräßlicher vor die Seele getreten, als in dieſem Augenblicke, nie hatte ſie ſchmerzlicher die Einſamkeit ge⸗ fühlt, in welche die eiſerne Hand des Schickſals ſie ge⸗ ſtoßen, als jetzt. Thränen entſtürzten ihren Augen, ſie entzog dem Knieenden ſanft die Hand und ſagte mit zit⸗ ternder Stimme: 3 „Stehen Sie auf, edler Mann. Ich fühle tief die Ehre, welche Ihre Bewerbung auf mich häuft, ich bin wahr genug, Ihnen zu geſtehen, daß ſie mich freut;— aber Sie kennen den Fluch, der auf mir und meiner 1¹2 Familie ruht; meine Hand würde für Sie die Hand des Todes ſein.“ Adalbert ſuchte Natyitvene Glauben zu wi⸗ derlegen, aber ſeine Beredſamkeit konnte ſie nicht über⸗ führen, ſie wies auf das Ende ihrer Brüder— auf den ſchrecklichen Untergang Bodemann's und flehte endlich Montfort ſo innig an, ſein Leben und ſeine Zukunft nicht ihretwegen auf das Spiel zu ſetzen, daß Adal⸗ bert gerade in der Heftigkeit 6 Bitten erkannte, daß ſie ihn glühend liebe. Da zog er ſie ſanft und zärtlich an ſein Herz und eine Thräne im Auge rief er laut: „Ich beſchwöre Sie bei dem allmächtigen Gott, ant⸗ worten ſie mir wahr und aufrichtig: darf ich hoffen, daß meine Liebe in Ihrem Herzen Erwiederung findet?“ Mathilden's Gefühle tobten in einer ſeligen Auf⸗ regung. Sie fühlte Adalbert's Herz an ihrem Buſen ſchlagen, ſich fühlte ſich leiſe umſchlungen von ſeinem Arme, ſie erblickte eine Thräne des Schmerzes in den Augen des jungen Mannes— da konnte ſie ſich nicht länger halten, und hingeriſſen von der inneren Gluth, liſpelte ſie unter Schluchzen:„Ja, ja! ich liebe Sie!“— 113 „So erkläre ich mich hier im Angeſichte Gottes,“— fuhr Adalbert feierlich fort— für Deinen Bräutigam! Der Gott, der aller Welt ein liebender Vater iſt, wird uns nicht pon ſich ſtoßen und ſelbſt wenn dies möglich wäre, will ich ſein wo Du biſt, mein Engel; denn da und nur da iſt mein Himmel!“ Adalbert und Mathilde hielten ſich lange, lange! ſchweigend umſchloſſen; aber ihr Schweigen war Entzücken und ihre reine Liebe ein ſeliges Gebet.—— Als Beide aufblickten— ſchracken ſie beſchämt, er⸗ ſtaunt, erfreut zuſammen— Mathilden entfuhr ein lauter Schrei— und ſie lag zu des„alten Vaters“ Füßen. Der treue Lehrer hatte von dem unglücklichen Schickſale ſeines Pfleglinges und ihrer Brüder gehört und war trotz Alter und Gefahren dem Lieblinge ſeiner Seele nachgeeilt. Jetzt ſtand er an Veningen's Seite, der ihn in eigener Perſon hieher geführt. Mit der Herzlichkeit eines Vaters hob der zitternde Greis das Kind auf, legte freundlich ſeine Hand in die Montfort's und ſprach: „Ich bin gekommen das Schickſal zu verſöhnen. Thränen des Schmerzes und der Freude mögen ſich einen in Deinem Auge. Der Fluch Deines Hauſes iſt 8 114 erfüllt; denn von Deinen Brüdern lebt keiner mehr und das fünfte Opfer, welches fiel, war jener Frevler, der Dich geraubt und Jene gemordet. Laßt ihr Andenken ruhen in Frieden. Nicht die Finſterniß regiert die Welt, ſondern das Licht. Was uns hier aber dunkel iſt, wird uns dort klar ſein und wir werden entzückt Alles wie⸗ derfinden im Reiche der Liebe, und Alles wird ſein ein großes harmoniſches Ganze!— Dir aber, theures Kind, geb' ich in dieſem Jünglinge,— für deſſen Men⸗ ſchenwerth der edle Freund an meiner Seite bürgt— Aeltern und Brüder wieder. Er ſei Dein Gatte und Dein Herr, er ſei Dein Schutz und Dein Troſt,— und wie mit dieſem Bund der Name Deines Geſchlechtes er⸗ ſtirbt, ſo verhalle der Fluch Deines Hauſes, und lebe nur,— dem Böſen zur Warnung,— fort in der Sage von den„Todten zu Luſtenau.“ Und Veningen und der„alte Vater⸗ hatten Recht, die Hölle ſchwieg und der Hinimel ſegnete das glückliche Paar. Aus ihrer Liebe aber entſproßte ein mächtiges Geſchlecht, deſſen Thaten und Tugenden Jahrhunderte lang der ſtaunenden Welt vorleuchteten. Die heilige Thereſe. Bumoriſtiſche Vovelle. Die Sonne ſenkte ſich zum Untergange. Ihre letzten Strahlen vergoldeten eben die Spitzen der un⸗ zähligen Thürme Sevilla's.— Die kühlen Lüfte, welche von dem Quadalquivir herüber wehten, fingen an die Hitze zu mildern, die während dem Tage erdrückend über der Erde gelaſtet und ſo athmete erſt mit dem einbrechen⸗ den Abende die volkreiche Stadt wieder auf. Ein reges Leben wogte durch ihre Straßen. Die Schlaffheit, in welche die Gluth jedes lebende Weſen verſetzt, wich einer kräftigeren Anſpannung, und Luſt und Scherz, Freude und Geſang, Mufik und Tanz, traten wieder in ihre Rechte und alle Leidenſchaften erwachten und kräuſelten durch ihre Stürme das kaum noch ſo todte Lebensmeer ſo vieler Tauſenden. All dieſem Geräuſche aber, wenn auch nicht jeder inneren Bewegung, blieben die Einwohner des Kloſters der heiligen Thereſe fern. An den hohen Mauern, 118 die den Garten dieſes alterthümlichen Gebäudes um⸗ gaben, prallte jeder freudige Schall zurück;— denn hier hörte ja das wahre Leben auf— und wich einem frommen Hinbrüten, welches dem kränkelnden Vegetiren der Pflanzen an den Ufern des todtbringenden Tinto glich.*) Und doch ſchauten aus einem Fenſter des Hauptge⸗ bäudes zwei ſchwarze feurige Augen über den weiten Garten hin und ihre Gluth, ſo wie der neckiſche Ausdruck des Geſichtes, dem ſie zugehörten, ſchienen keinesweges eine Lebensmüde zu verkünden. Die junge Donna bil⸗ dete im Gegentheile einen ſcharfen Contraſt mit ihrer Umgebung und glich faſt einer jener lebensluſtigen Prin⸗ zeſſinen, welche nach der Volksſage boshafte Zauberer in ein ödes Schloß gebannt. Durch das geöffnete Fenſter zog die friſche Abend⸗ luft und ſpielte mit den Locken der Spanierin. Die üppige Geſtalt vorgebeugt, zog ſie mit Wolluſt die Düfte ein, welche von den Orangenbäumen des Gartens, wie von einem grünen Altare emporſtiegen; während ihre *) In dem Tinto leben keine Fiſche und die Pflanzen ſterben an ſeinen ufern ab. Man ſchreibt dieſe Eigenthümlichkeit den Kupfertheilen zu, welche der Fluß mit ſich führt. 11¹9 Blicke über die melancholiſchen Anlagen hinſchweiften. Jedes andere Gemüth hätte aus den dunkelen Gruppen der Maſtix⸗ und Sumachbäume, aus dem ſchwarz auf⸗ ſtarrenden Cypreſſenwäldchen und den düſteren, graubrau⸗ nen Kloſtermauern Rahrung für ſeinen Trübſinn gezo⸗ gen; für die Schauende aber waren dieſe Gegenſtände gar nicht vorhanden, indem ſie ihre ganze Aufmerkſam⸗ keit auf ein kleines Nebengebäude gerichtet hatte, welches das Kloſter mit der Kirche verband. Mit kindlicher Naivetät und Neugierde blickte ſie ausſchließlich nach dieſem Punkte, obgleich derſelbe dem Auge durchaus keinen Reiz darbot. Aelter als das Klo⸗ ſter, rührte das Gebäude wahrſcheinlich noch aus den mauriſchen Zeiten. Jahrhunderte waren an ihm vorüber geflogen, und hatten die wenigen Zierden deſſelben her⸗ abgeſtürzt, während unverſtändige Baumeiſter mit ihren Ausbeſſerungen im Laufe der Jahre noch jeden Reſt von Schönheit zerſtörten. Jetzt erblickte man von der Seite des Gartens aus, nur noch eine kahle Mauer ohne Fen⸗ ſter und Thüre, welche auf der einen Seite von dichten Gebüſchen faſt überragt wurde. Die Mauer war es daher ſchwerlich, welche Fer⸗ nanda's Aufmerkſamkeit erregte, aber hinter der 120 Mauer, im Inneren des Gebäudes, da mochte der Grund ihrer Neugierde liegen. Sie hätte gern mit ihren Blicken die Steine durchbohrt,— aber— Steine find keine Herzen— ſie widerſtanden kalt und beharrlich den gluth⸗ vollen Blicken. Verdrießlich wandte ſich die ſchöne Donna,— die, faſt noch Kind, durch Spaniens Sonne früh gereift, den⸗ noch der ſich zauberiſch entfaltenden tauſendblättrigen Roſe glich— und ihr entgegen trat mit ernſter Miene ihre Schweſter die Abtiſſin. Fernanda eilte freudig auf ſie zu und küßte ihr mit kindlicher Achtung die Hand. Demohnerachtet ver⸗ finſterten ſich die ſtrenge Züge der Abtiſſin; ſie richtete ihre hohe Geſtalt ſtolzer auf und frug,— das heitere Weſen der Schweſter mißbilligend,— mit ſchneidender Kälte nach dem Zwecke ihres augenblicklichen Hierſeins. Ueber Fernanda's reizendes Geſichtchen lief ein hohes Roth, obgleich ſie betheuerte, nur des himmliſchen Abends wegen an das Fenſter getreten zu ſein. Ein ſtrafender Blick der Aebtiſſin kündete der jüngeren Schwe⸗ ſter das Mißfallen, welches ihr Betragen bei jener erregt. „Wirſt Du denn niemals ernſt und verſtändig wer⸗ den!“ fuhr die Kloſterfrau in vorwurfsvollem Tone fort. 121 „Ich dächte Du fingſt nun endlich an, Dich würdig auf den heiligen Stand vorzubereiten, dem Du in Zukunft angehören willſt.“ „Willſt?“ wiederholte Fernanda.„Ich habe in meinem Leben dieſen Wunſch nicht geäußert und war nie ſo weit davon entfernt, als eben jetzt, da ich kaum einer traurigen Gefangenſchaft entſchlüpft bin. „Läſtre nicht Gott und ſeine heiligen Einrichtungen!“ rief finſter die Aebtiſſin.„Gerade Dein ſonderbares Schickſal ſei Dir ein Fingerzeige des Himmels. Aber Deine Augen ſind geſchloſſen, der Böſe hat Dich mit den Banden des Leichtſinns umſtrickt und darum hörſt Du auch den liebevollen Rath Deiner Schweſter nicht.“ „Dein Rath, theure Schweſter, iſt gut!“ verſetzte Fernanda bewegt.—„Ich weiß es, Du meinſt es herzlich mit mir. Aber ich ſehe das Leben von einer anderen Seite an als Du. Ich habe kaum in daſſelbe geblickt, ſeine Reize geahnt,— es liebgewonnen und ſoll nun denſelben ſchon wieder entſagen.“ „Um einem höheren und beſſeren Leben entgegen zu reifen.“ Die junge Spanierin ſah verlegen zum Boden. Ihr Herz hing an der Welt und ſo chriſtlich und ſtrenggläu⸗ 122 big ſie dachte, ſo glaubte ſie, es ſei doch beſſer, erſt die Freuden der Erde zu genießen, die des Himmels könne man ja ſpäter immer auch noch mitnehmen. Demohner⸗ achtet wagte ſie ihrer älteren Schweſter, die im Geruche beſonderer Heiligkeit ſtand und ſich ihrer von je ange⸗ nommen hatte, nicht geradezu zu widerſprechen. Sie ſchmiegte ſich daher bittend an dieſelbe und ſagte leiſe: „Du haſt ſtets ſo freundlich an mir gehandelt, mir die früh verſtorbene Mutter erſetzt, jetzt, wo ich verwaiſt und allein in der Welt ſtehe, jung und unerfahren,— jetzt, liebe Schweſter, übernimm noch einmal dies ſchöne Amt und rathe mir mütterlich,— aber hörſt Du— mütterlich!“ „Das habe ich gethan!“ verſetzte nach einer kleinen Pauſe die Aebtiſſin kalt und ſtolz.„Ich habe Dir keinen andern Rath zu ertheilen, als: Folge meinem Beiſpiele, tritt ein in unſere heilige Schweſterſchaft, lege den Mam⸗ mon Deines übergroßen Vermögens, der jetzt noch Deine kindiſchen Augen blendet, an den Stufen des Altars zu frommen Zwecken nieder und genieße mit uns einen Frie⸗ den, den Dir die Welt nicht geben kann.“ „Schweſter!“ rief heftig Fernanda—„Wenn ich Dir aber wiederhole, daß es mein Tod ſein wird.“ b . p „Beſſer Dein Leib unterliegt in frommem Kampfe!“ — entgegnete feierlich die Kloſterfrau,— als daß Deine Seele im Sündenpfuhle der Welt auf ewig untergeht.“ Fernanda erblaßte, ſchlug andächtig ein Kreuz und ſagte dann tief aufſeufzend: „So laß mir wenigſtens Zeit mich mit dem Ge⸗ danken zu befreunden. Ich habe ja noch nicht einmal die Trauerkleider für den Marquis abgelegt. Die Zeit, die ich an ſeiner Seite verlebt, war ja auch ſo gut wie im Kloſter zugebracht, und frei ſein ſoll ich wie es ſcheint doch einmal nicht in der Welt. „Gehe, mein Kind,“— verſetzte hier mit Würde die Aebtiſſin, indem ſie ihre Hände auf das Haupt der Schweſter, die ſich ehrfurchtsvoll vor ihr beugte, ſegnend legte—„gehe, und berathe Dich im Gebete mit Deinem Gott, er wird Dir Kraft geben, den heiligen Entſchluß zu faſſen.“ Fernanda verneigte ſich tief, küßte ehrerbietig der Schweſter die Hand, warf noch einen flüchtigen Blick durch das Fenſter nach dem räthſelhaften Gebäude und entfernte ſich ſodann raſch. Kaum hatte die Liebliche die Thüre hinter ſich ge⸗ ſchloſſen, als die Kloſterfrau ebenfalls an das Fenſter 124 trat. Alles war ſtille. Kein Laut, kein Ton ließ ſich hören, nur das Säuſeln des Windes in den Blättern der uralten Bäume ſchlug an ihr lauſchendes Ohr. Als ſich die Kloſterfrau ſicher wußte, huſtete ſie dreimale in glei⸗ chen Zwiſchenräumen. Die nahen Büſche rauſchten und eine männliche Geſtalt beugte die Zweige zurück. In dieſem Augenblicke entglitt der Nonne ein Schlüſſel und fiel dicht vor dem Harrenden nieder. Die Aebtiſſin trat zurück, und indem ſie ſich mit einer gewiſſen Feierlichkeit in einen altmodiſchen Lehnſeſſel niederließ, gab ſie ihren Zügen ſo wie ihrer ganzen Figur einen Ausdruck könig⸗ licher Hoheit. Nach einigen Minuten pochte es leiſe an der Thüre, und auf der Donna Geheiß trat der Erwartete herein. Es war eine kleine, unterſetzte, etwas vierſchrötige Figur. Die Beine hatten eine leiſe Biegung nach der Schönheitslinie und waren daher, was man gewöhnlich krumm zu nennen pflegt. Das friſche Geſicht des Bur⸗ ſchen guckte keck und offen in die Welt, und konute man ſeine Züge auch nicht für geiſtreich erklären, ſo trugen ſie das Gepräge einer treuherzigen Gemüthlichkeit. Peblo nahte ſich der Oberin unter unaufhörlichen tiefen Bücklingen, ſeine Mütze verlegen in den Händen 125 drehend und ein dummes, pfiffig ſein ſollendes Lachen ſpielte um den großen Mund.„Hochwür⸗ dige Frau haben befohlen!“ ſtotterte er endlich.„Bin zu Befehl.“ Auf die Aebtiſſin hatte ſein Erſcheinen einen unan⸗ genehmen Eindruck gemacht. Sie bekämpfte daher nur ſchlecht ihren Widerwillen, indem ſie ihm zugleich in ver⸗ ächtlichem Tone ſagte, daß nur das Intereſſe der ihr an⸗ vertrauten Anſtalt, ſie zu dieſer höchſt unſchicklichen Zu⸗ ſammenkunft hätte bewegen können. Peblo verſtand die Anrede, trotz ihrer Länge und Salbung nur theilweiſe und nickte daher während derſel⸗ ben nur von Zeit zu Zeit mit dem Kopfe, ſeine Verlegen⸗ heit unter einem ſtereotypen Lächeln verbergend. Als aber die Aebtiſſin ihre Entſchuldigungen geendet, rief er mit pfiffiger Miene:„Verſtehe!— Hochwürdige Frau ſind ganz an den Rechten gekommen. Ich kann ſchweigen wie das Grab. Auch iſt's nicht das erſtemal daß mich Frauen in ihr Geheimniß ziehen. Als ich noch unter den päbſtlichen Truppen diente.. „Was ſoll das hier?“— unterbrach die Oberin un⸗ willig den Schwätzer.„Ich bin im Namen des Kloſters in meinem Rechte. Die Summe, die ich zahle, iſt be⸗ deutend, dafür will ich aber auch im Beſitze des lang erſehnten Gegenſtandes ſein.“ „Ganz recht!“ rief Peblo entzückt—„Nichts na⸗ türlicher! Und die Summe iſt bedeutend, ſagen Eure Hochwürden?“ „Tauſend Piaſter in Gold!“ entgegnete kalt die Aebtiſſin und nahm unter ihrem Gewande einen Beutel hervor, den ſie Peblo hinhielt. Der Krummbeinige ſtand wie verſteinert.„Tauſend Piaſter!“ ſtotterte er endlich kaum vernehmbar. „So nehmt doch!“ mahnte finſter die Dame.„Es iſt nicht zu viel, wenn meine Hoffnungen erfüllt werden.“ „Tauſend Piaſter!“ wiederholte Peblo noch einmal erſtaunt. Dann aber richtete er ſich kühn in die Höhe und rief ſelbſtgefällig:„Ja, Hochwürdige Frau, Ihre Hoffnungen ſollen glänzend erfüllt werden. Ich ſchwöre bei'm heiligen Kilian, daß ich, als ich noch in päbſtlichen Dienſten ſtand... „Schon gut!“ verſetzte die Aebtiſſin.„Ich glaube an Eure Willfährigkeit und es bedarf ja bei der ganzen Sache weder Anſtrengung noch Muth, ſondern nur Eures guten Willens.“ „Der iſt in vollem Maaße vorhanden!“ rief Peblo erhitzt, indem er näher trat und täppiſch nach der Hand der Nonne griff, ſie zu küſſen. Die Aebtiſſin aber zog dieſelbe mit Unwille zurück und rief, den Kühnen verächtlich anblickend:„Vergeßt nicht vor wem Ihr ſteht. Es iſt löblich von Euch, daß Euch die anſehnliche Summe, welche ich Don Alvarez, Eurem Herrn, für ſein Werk zahle, freut; Eures Dankes aber bedarf ich nicht. Ich bin gewohnt, fürſtlich zu loh⸗ nen. Doch jetzt zur Sache. Schon dämmert der Abend und noch ehe Euer Herr zurückkehrt, muß ich im Beſitz der heiligen Thereſe ſein.“ Die Mienen Peblo's veränderten ſich bei dieſen Worten merklich. Sein rundes bausbackiges Geſicht zog ſich auffallend in die Länge, die buſchigen Augenbraunen ſchoben ſich wie zwei Fragezeichen nach der Stirne zu, die Augen glotzten überraſcht in's Blaue und Mund und Naſenlöcher ſtanden weit offen. Er bedurfte einige Se⸗ kunden um ſeine Faſſungskräfte in Thätigkeit zu ſetzen, dann rief er endlich gedehnt:„So, ſo! der heiligen Thereſe alſo gilt dieſe Zuſammenkunft!“ „Nun freilich!“ entgegnete ungeduldig die Oberin des Kloſters.„Ihr kennt ja die Uebereinkunft zwiſchen 128 mir und Eurem Herrn. Don Alvarez, deſſen Ruf als ausgezeichneter Bildhauer ſelbſt bis in unſere ſtillen Mauern drang, wurde von mir erſucht, die Statue der heiligen Thereſe für unſere Kloſterkirche anzufertigen, wobei wir über den Preis von Tauſend Piaſtern in Gold einig wurden. Nun hat Euer Herr, wie ich für ganz beſtimmt weiß, dieſe Arbeit längſt vollendet und zwar ſoll ihm das Bildniß der Heiligen über alle Erwartung gelungen ſein. Nichtsdeſtoweniger verweigert Don Al⸗ varez die Ablieferung der Bildſäule ſchon ſeit Monaten beharrlich. Der Vorwand, den er dafür nimmt, daß das Werk nämlich noch nicht in allen ſeinen Theilen vollendet ſei, iſt ungenügend; die Aufſtellung und Enthüllung der Heiligen habe ich aber auf Morgen, als den Namens⸗ tag unſerer Schutzpatronin feſtgeſetzt und verſprochen,— und ſo ſehe ich mich denn genöthigt, das Werk, welches vertragsmäßig und durch die an Euch gemachte Zahlung, mein gehört, mir mit Gewalt zuzueignen. Dazu nun ſollt Ihr mir behülflich ſein.“ Peblo ſchüttelte über dieſen abenteuerlichen Ent⸗ führungsplan der ſteinernen Dame den Kopf. Auch war er ſeinem Herrn zu treu ergeben, um nicht vor dem Ge⸗ danken einer Ungehorſamkeit zu erſchrecken; um ſo mehr als er wußte, wie leidenſchaftlich der Künſtler an dieſem Werke hing. Dagegen aber ſprach wieder Vieles für die Entfernung deſſelben; namentlich die Hoffnung, daß mit der Wegnahme der Heiligen auch der bis zu einer ängſtlichen Höhe geſteigerte, exaltirte Zuſtand Alvarez enden und ſeine Gemüthsruhe wiederkehren würde. Dazu war die Behauptung der Aebtiſſin richtig, daß die Ent⸗ führung der Statue ja keine Veruntreuung, kein Raub, genannt werden könne, da die Arbeit bezahlt ſei. Und ſchließlich beſchwichtigten einige Piaſter aus der wohl⸗ thätigen Hand der Nonne noch die Gewiſſenszweifel des Dieners, ſo daß man nach kurzer Zeit einig ward und die Stunde der Entführung beſtimmt werden konnte. Nach wenigen Minuten trat Peblo in das Attelier ſeines Herrn. Es war dies ein großes, alterthümliches Gemach, das Innere jenes Baues bildend, welcher Kirche und Kloſter verband. Die grauen Wände, nackt und kahl, würden ihm das Anſehen eines Gefängniſſes gege⸗ ben haben, wenn nicht verſchiedene Büſten, Gerüſte, Steinblöcke und Werkzeug, ſo wie die wenigen darin zerſtreuten Möbel bewieſen hätten, daß hier ein Sohn 9 der Kunſt ſeinen Tempel aufgeſchlagen. Auf der einen Seite verdeckte überdies ein grüner Vorhang das Innere einer geräumigen Niſche. In dies Heiligthum alſo trat Peblo, als er von der Zuſammenkunft mit der Aebtiſſin zurückkam, mit dem Entſchluſſe, deſſen Allerheiligſtes den Händen roher Ent⸗ führer zu übergeben. Sein Gewiſſen, welches die Be⸗ redſamkeit der Oberin einigermaßen eingeſchläfert, er⸗ wachte durch die Nähe des Gegenſtandes, an welchem die That verübt werden ſollte, auf's Neue, und ihn er⸗ faßte eine ſo ſonderbare Angſt und Unbehaglichkeit, daß er den empfangenen Beutel mit Gold mit Gewalt auf den Tiſch warf, nur um aus dem Klange des Goldes Troſt und Beruhigung zu ziehen. Er hatte ſich in der Beurtheilung ſeiner ſelbſt nicht getäuſcht, der liebliche Ton der klirrenden Stücke ſtärkte ihn wunderbar, und ſo hoffte er auch ſeines Herrn Zorn durch dieſe Muſik beruhigen und einſchläfern zu können. „Er wird freilich im Anfang toben“— ſagte er leiſe vor ſich hin,—„wenn er zurückkömmt und findet ſeine heilige There ſe, die er doch ſo gewaltig liebte, nicht mehr. Es war ſein Ideal,— wie er oft ſagte,— ſein Eins und Alles!— Indeſſen,— was konnte ich machen? Wenn ich nun das Geld zurückgewieſen hätte und die ſtolze Aebtiſſin dann am Ende aus reiner Ca⸗ price die Statue nicht mehr angenommen hätte?— Nein, nein, es iſt beſſer ſie kommt fort, denn mein guter Herr, der immer und ewig noch etwas zu verbeſſern daran findet, um ſie noch vollkommener zu machen, hätte ſie wohl gar noch über lauter Meiſſeln und Tiffteln zerbrochen.“ In dieſem Augenblicke traten die Männer ein, welche den Auftrag hatten die Statue abzuholen. Peblo zog den Vorhang zurück. Als aber ſein Blick auf die Figur fiel und er daran dachte, daß dieſes ſchöne Werk, welches ſo lange ihn erfreut und ſeines Herrn Seligkeit geweſen, nun auf immer für ihn verloren ſei, ergrif ihn neuer⸗ dings eine ſolche Wehmuth, daß er mit einem gewaltigen Druck ſeines ſehnigen Armes die Träger zurückdrängte, um das Marmorbild noch einmal ſo recht nach Herzens⸗ luſt zu betrachten. Und es war in der That, als ob dieſen fleckenloſen weißen Marmor Leben durchſtrömte. Die fromme Kind⸗ lichkeit der Züge, welche hinter dem Ausdrucke einer un⸗ endlichen Milde, einen Anflug von Lebensmuth leiſe bar⸗ genz— die vollendete Schönheit der üppigen Körper⸗ formen und vor Allem der Geiſt, die Idee, welche aus dem Ganzen hervorleuchteten, ſtempelten dieſes Bild nicht nur zu einem vollendeten Kunſtwerke, ſondern breiteten auch einen Zauber über daſſelbe, deſſen Einfluß ſelbſt der rohe Menſch fühlen mußte. Als Peblo nach einigen Minuten Abſchied genom⸗ men, war er über ſich ſelbſt und ſein Eingehen in dieſe Entführungsgeſchichte ſo ärgerlich, daß er ſich an ein Fenſter ſtellte und den Trägern, die mit dem Aufheben und Forttragen der Heiligen beſchäftigt waren, den Rücken kehrte. Um die Welt hätte er ſich nicht umgedreht und doch peinigte ihn die Angſt, die Ungeübten möchten etwas an der Bildſäule verderben. Er ſchrie daher ohne ſich zu rühren: „Aufgepaßt!— So lieb Euch Eure Seligkeit iſt, vorſichtig und langſam!— den Kopf und die Hände nicht angeſtoßen— ſie ſind zwar von Marmor— aber es iſt Alles ſo zart, ſo gebrechlich— es würde überdies eben dem Kloſter der heiligen Thereſe nicht ſchmei⸗ cheln, wenn es eine Patronin ohne Kopf hätte.“ Die Stille, die in dem Zimmer eingetreten war, kündete dem Diener an, daß das große Werk geſchehen. Raſch kehrte er ſich um und da die Niſche leer war, zog 133 er den Vorhang wieder über dieſelbe, damit dieſe Leere ihn nicht mehr an das Geſchehene erinnere. Kopfſchüttelnd ging er dann in eine Ecke des Zim⸗ mers, räumte einige Geräthſchaften hinweg und förderte damit eine Flaſche alten Weines zu Tage. Ihr Inhalt ſollte alle Vorwürfe, die ihm ſein Dienſteifer und ſeine Treue machten, beſchwichtigen. Peblo war daher auch nicht ſparſam in ſeinen Zügen und jemehr er mit der ſtrohumflochtenen Flaſche Bekanntſchaft machte, deſto er⸗ habener fühlte er ſich über die ängſtlichen Gehorſamkeits⸗ begriffe gewöhnlicher Diener. „Ei was!“ rief er endlich, als der Grund der Flaſche allmählig ſichtbar wurde,—„habe ich doch am Ende ein gutes Werk gethan, indem ich meinen Herrn vor der Tollheit bewahrte, ſich in das ſteinerne Bild völlig zu verlieben. Saß er nicht manchmal ſtundenlange davor, und blickte es an, als ob er erwartete, daß es lebendig werden ſolle?— Nun— er hat keinen ſchlechten Ge⸗ ſchmack— das muß man ſagen— ſeine heilige The⸗ reſe hätte ein verwünſcht ſchönes Mädel abgegeben.— Ich, der ich doch nicht leicht den Kopf verliere,— Dank ſei es den Dienſten unter ſeiner Heiligkeit!— ich ſelbſt mußte manchmal unwillkürlich denken, den Teufel, ich 134 wünſchte, du wärſt von Fleiſch und Blut wie meine kleine Marigitta, die verliebte Katze!— wahrhaftig! die iſt mit der Heiligen nicht von gleicher Natur und wenn ihr Vater, der Kloſtergärtner, ſo kein unleidlicher Brumm⸗ bär wäre.. Er wurde hier durch ein leiſes Pochen unterbrochen. Sein Geſicht überflog ein freudiger Glanz. Hurtig leerte er die Flaſche, ſchlich dann nach der hintern Wand und klatſchte dreimal in die breiten Hände. Da öffnete ſich mitten in derſelben eine verborgene Thüre, die wohl in früheren Zeiten zum heimlichen Einlaßpförtchen in das Kloſter gedient hatte— und herein hüpfte ein allerlieb⸗ ſtes Mädchen. Friſch wie der junge Morgen, blickten ihre ſchwarzen Schelmenaugen miteiner gewiſſen Lüſternheit in die Welt, doch milderte dieſen Eindruck jener unbegreifliche Zauber der Unſchuld, der uns bei Mädchen ſo wunderbar feſſelt. Peblo fing ſie mit dem Ausrufe:„Ach! mein aller⸗ liebſtes Marigittchen!“ in ſeinen Armen auf. Die Kleine ſträubte ſich ſchwach, ließ ſich einen herzhaften Kuß geben und wandte ſich dann los, um, wie ſie ſagte, die Thüre beizulegen, die ſie faſt zugeſchlagen hätte, ohne 135 daran zu denken, daß man ſie nur von Außen zu öffnen vermöge. „Nun!“ rief der Glückliche in beſter Laune,„das wäre eben nicht ſo übel geweſen, wenn wir Beide uns eingeſchloſſen gefunden hätten.“ „Warum nicht gar!“ zürnte verſtellt die Schöne, es iſt ſchon unrecht genug, daß ich bei Abend zu Dir komme. Heilige Mutter Gottes! wenn die Frau Aeb⸗ tiſſin wüßte, daß die Tochter des Kloſtergärtners...“ „Einen nobelen Kerl, wie ich es bin, liebte?— Nun beruhige Deine Seele, ich meine es ja ernſtlich mit Dir, habe bei Deinem Vater ſchon um Dich angehalten, und zum Beweis meiner aufrichtigen Liebe, ſollſt Du in meinen Armen...“ „Halt!“ rief Marigitte,„drei Schritte von mir geblieben, oder ich ſchreie!“ Dabei ließ ſie ſich aber ganz geduldig umſchlingen, und wehrte kaum den Küſſen, die auf ihren Mund reg- neten. Endlich befreite ſie ſich neuerdings, mit glühen⸗ dem Geſicht und brennender Wange von dem liebeglühen⸗ den Jünglinge, indem ſie beſtimmt erklärte, daß ſie ſich höchlich erzürnen würde, wenn Peblo noch einmal ſo zudringlich wäre.„Jetzt ſehe ich erſt ein,“ ſchloß ſie 136 ihre Rede,„wie unrecht ein Mädchen hat, allein zu einem jungen Mann zu gehn.“ Peblo zuckte die Achſeln, ſtrich ſich über die Stirne und ſagte, ſeine Beine gravitätiſch ausſpreizend:„Es iſt ein Unterſchied zwiſchen einem jungen Manne und einem jungen Mann. Als ich noch unter den päbſtlichen Truppen diente, da⸗ mals, Marigitte, hätte ich es Dir nicht rathen wollen zu mir zu kommen. Meiner Treu! damals war ich den Mäd⸗ chen fürchterlich gefährlich— meine Kameraden hießen mich nur„den kleinen Don Juan!“— ſie ſpielten zwar dabei etwas auf die leichte Biegung meiner Beine an— aber nichts deſtoweniger ärgerten ſie ſich über meine Siege, daß ſie grün und ſchwarz wurden.— Seit ich aber in Don Alvarez Dienſten bin,— der nur für Kirchen und Klöſter arbeitet— und nichts als Heilige— oder vielmehr Heiliginnen macht— ſeit der Zeit, mein Herzchen, bin ich ſo ſanft und ehrſam wie ein Oſter⸗ lämmchen geworden.“ „Wäre ich auch ſonſt zu Dir gekommen?“ ſagte die ſebliche Gärtnerin und reichte dem Prahler ein Körbchen nit den herrtichſen Frůchten. Peblo grif haſtig dar⸗ nach und während er ſich an den köſtlichen Orangen güt⸗ lich that, muſterte Marigitte aufmerkſam das Zimmer, 137 als ob ſie irgend einen Gegenſtand ſuche. Ihr Freund bemerkte es nicht, doch unterbrach er das Schweigen, in⸗ dem er mit vollen Backen rief:„Apropos, Du haſt mich ja geſtern um Etwas fragen wollen?“ „Ja!“ ſagte die Kleine zutraulich,—„ich muß Dir geſtehen, Peblo, daß ich zwei Fragen auf dem Herzen habe. Wir Mädchen ſind nun einmal neugierig und da iſt es denn der Liebhaber erſte Pflicht, dieſe Wißbegierde in jeder Beziehung zu ſtillen.“ „So!“— entgegnete Peblo,„das iſt alſo Pflicht.“ „Ja!“ fuhr Marigitte fort,„und ſo ſollſt Du mir ſagen, ob es wahr iſt, was man in der Stadt ſagt.“ „Aha!“ rief der Angeredete,—„ſpricht man auch ſchon in Sevilla von mir?“ „Wer denkt an Dich!“ platzte das Mädchen heraus, —„von Deinem Herrn iſt die Rede.— Man ſagt— er ſei bereits—“ „Nun?“ „Halb verrückt und wolle ſich nächſtens in ein Klo⸗ ſter einſchließen.“ Der Diener des Don Alvarez legte bei dieſen Worten die ſchöne Orange, die er eben im Begriff ſtand zu verzehren, aus den Händen und ſagte faſt wehmüthig: 138 „Leider! hat man ſo unrecht nicht. Wenn er noch kein Narr iſt, ſo kann er doch bald einer werden. Wo⸗ her aber kommt das?— ich will Dir's ſagen, das kommt von der verrückten Erziehung, die er unter ſeinem Oheim, dem Prior eines Dominikanerkloſters, genoſſen. Der Alte wollte ihn ebenfalls in's Kloſter ſtecken, da entdeckte glücklicherweiſe ſeine Mutter die hohen Fähig⸗ keiten des Jünglings— und beſtimmte ihren Bruder, dem Sohne die Freiheit zu laſſen. Der Mönch machte lange Schwierigkeiten, endlich gab er unter der Bedingung nach, daß ſein Neffe ſeine ganze Thätigkeit auf die Ver⸗ herrlichung der Kirche wenden ſolle. Was iſt natürlicher, als daß der gute Don Alvarez im höchſten Grade Schwärmer wurde. Ja, die Macht der Gewohnheit und des Umgangs iſt ſo groß, daß ſelbſt mich die Neigung ergriff, ein Dominikaner zu werden; da kamen aber ge⸗ rade zu rechter Zeit zwei ſchöne Augen— zwei wahre Ungeheuer von ſchönen Augen— und alle Kloſterluſt war verflogen. Du haſt wahrlich ein großes Verdienſt, Marigitte, mich der Welt und dem Leben erhalten zu haben. Und wenn erſt Dein Vater einwilligen wollte, ſo würde ſich Dein Verdienſt ſogar auf die Nachwelt übertragen.“ 3 Marigitte wandte ſich, verſchämt thuend, ab„Mein Vater iſt bereit ſeinen Segen zu geben“— ſagte ſie halblaut—„aber.. „Aber?“ rief erzürnt Peblo—„ich kenne das „Aber— er iſt ein Knicker— er weiß das Genie nicht zu ſchätzen— er will nur Geld. Als ich noch unter den Päbſtlichen diente...“ Hier wandte ſich Marigitte raſch um und verſchloß Peblo mit ihrer ſchönen Hand den Mund, indem ſie lachend rief:„Kein Wort weiter oder ich gehe!— So ganz unrecht hat der Vater nicht. Damals hat Dich der heilige Vater ernährt, jetzt ſollſt Du Frau und Kin⸗ der ernähren. Darum denke nach, wie Du was zuſam⸗ men bekommſt. Ich lege ſchon lange alle die kleinen Geſchenke, die ich bekomme, zurück, aber freilich Du— wie ſollteſt Du etwas zurücklegen können?“ Peblo griff ruhig in die Taſche und hielt der Er⸗ ſtaunten die von der Aebtiſſin empfangenen Piaſter mit ſtolzer Selbſtzufriedenheit in der hohlen Hand vor. Marigitte hüpfte vor Freude über das viele Geld und gelobte entzückt, als es ihr Peblo gab, daſſelbe ihrer kleinen Erſparniß beizufügen, um ſo einen kleinen Fond für die zukünftige Haushaltung zu bilden. Wie aber wuchs ihr Erſtaunen, als ſie auf die Frage, wober Peblo denn dieſen Reichthum habe, von demſelben mit gewichtiger Miene die Antwort erhielt: Er habe es dadurch verdient, daß er eine wunderſchöne Donna ent⸗ führen geholfen. Mit dieſer neuen Prahlerei hatte aber der arme Peblo in ein Wespenneſt geſtochen. Marigittens Eiferſucht war erwacht und tauſend Fragen beſtürmten nun ſein Ohr und wollten nicht en⸗ den, ohne daß er auch nur einer hätte genügen können. Da erlöſte ihn, recht zur gelegenen Stunde, ein lautes Pochen und Rufen an der Hauptthüre. Er erkannte ſo⸗ gleich die Stimme ſeines Herrn und Marigitte eilig nach dem verborgenen Pförtchen drückend, eilte er, von Schrecken und Verlegenheit verwirrt, zu öffnen. Marigittens geſchmeidige Geſtalt entſchlüpfte wie ein Schatten. Aber der Aerger über die unwillkommene Störung wollte ſie lange nicht verlaſſen; war es ihr doch auch dieſen Abend wieder nicht gelungen, zu erfah⸗ ren, aus welchen Gründen Don Alvarez der von ihm gefertigten Statue der heiligen Thereſe, die Züge der jüngeren Schweſter der Aebtiffin gegeben habe. 14⁴1 Ueber Peblo aber brachen neue Stürme los, denn kaum war Don Alvarez eingetreten, als er nach dem grünen Vorhange eilte, der bisher das Werk ſeiner Hände verborgen, und denſelben zurückzog. Der Moment war tragiſch⸗komiſch. Die hohe und edle Geſtalt des Künſtlers hoch aufgerichtet, hatte der Schrecken wie verſteinert. Sein ohnehin blaſſes Antlitz trug die Farbe des weißeſten Marmors, ſeine dunklen Augen ſtarrten weit aufgeriſſen auf die Stelle, die noch vor Kurzem ſein Liebſtes geborgen und welche jetzt auf unerklärliche Weiſe leer geworden war. Peblo dagegen fühlte nun erſt recht die Größe ſeines Frevels und während ſeine Beine vor Angſt zitterten, beſtürmte ſein Herz die auf⸗ richtigſte Reue und das innigſte Mitleiden mit ſeinem Herrn. Endlich machte ſich Alvarez' Schreck und Staunen in Worten Luft: „Peblo!“ rief er mit beklommener Stimme,— „Peblo! was iſt geſchehen? wo iſt meine heilige Thereſe hingekommen?“ Der arme Diener bebte am ganzen Leibe.„Herr“ — ſtammelte er endlich—„die Frau Aebtiſſin—“ 1 2 „Unglückſeliger!“— fiel ihm zornentflammt der Künſtler in das Wort—„Du wirſt es doch nicht ge⸗ wagt haben... „Ach Herr! die Frau Aebtiſſin gab in ihrer Unge⸗ duld den Befehl... „Was“— ſchrie Alvarez außer ſich—„und Du konnteſt ſo treulos ſein, dieſen Befehl auszuführen— Du, auf deſſen Treue ich ſo ſicher baute, Du konnteſt mich verrathen!— berauben!— morden!“— .„Verzeihung, Herr, Verzeihung!“ ſchluchzte Peblo und warf ſich vor dem Wüthenden nieder.„Ich dachte es grade ſo zu ihrem Wohle zu machen, da mir die Aebtiſſin die bedungenen Tauſend Piaſter in Gold für Sie zuſtellte.“ „Gold!“ rief Alvarez halb zürnend, halb weh⸗ müthig und wandte ſich empört von dem noch immer Knieenden weg.„Gold! für meine Thereſe,— für die ſchönſte Schöpfung meiner Hände— für mein Ideal — für meinen Himmel!“ Er ging leidenſchaftlich erregt mit großen Schritten im Zimmer auf und ab. Endlich blieb er auf's Neue vor ſeinem Diener ſtehen, ſah denſelben finſter an und frug mit erhobener Stimme: 3 „Haſt Du mich denn nicht oft Stunden lang in Thränen vor ihr auf den Knieen liegen ſehen?— nicht bemerkt, wie ich ganze Tage, ſie betrachtend, zubrachte? — biſt Du ſo ganz von Holz und Stein, daß Du nicht begreifen konnteſt, wie dies Bild, das Gott ſo ſchön aus meinen Händen hervorgehen ließ, mein ganzes Glück, meine Seligkeit war?— und Du nahmſt Gold— und gabſt es hin?— Nicht für alle Reichthümer Mexiko's war es mir feil, und Du gabſt es für elendes Gold!“ Alvarez ergoß ſich immer mehr in leidenſchaftliche Klagen, ſtatt aber das Herz Peblo's zu erſchüttern, war es gerade dieſe Exaltation, welche den ſonſt ſo treuen Diener über ſeinen Ungehorſam tröſtete; denn er mußte ſich kopfſchüttelnd geſtehen, daß es allerdings mit ſeinem Herrn weit gekommen ſei und er am Ende den⸗ noch wohl gethan habe, dieſe Statue, die nachgerade einen allzumächtigen Einfluß auf den Geiſt deſſelben ge⸗ übt, zu entfernen. Er benutzte daher eine kleine Pauſe, die Alvarez zwiſchen ſeinen Jeremiaden ließ und dem⸗ ſelben treuherzig näher tretend, ſagte er tröſtend und er⸗ mahnend zugleich: LAber⸗ lieber Herr, das Ding war ja doch nur kalter, todter Marmor—“ 144⁴ „Kalter, todter Marmor!?“ fuhr der Künſtler wild auf, erſtarret über den neuen Frevel des Dieners. Aber — ſich faſſend, wandte er ſich verächtlich von dem pro⸗ fanen Menſchen und ſagte ſtolz: „Wie ſollte ſein armes Geiſtesflämmchen die Ge⸗ heimniſſe der Kunſt faſſen. Ol dieſer Marmor war be⸗ ſeelt,— er ſprach zu mir,— er belebte ſich vor meinen Augen— er war der Schlüſſel zu meinem Leben!— Und ſie haben mir ihn geſtohlen— heimlich geraubt— ſie drangen in mein Heiligthum— nahmen mir meinen Himmel und ließen mir an ſeiner Stelle— ein wenig Gold!“ Alvarez war ſo erregt, daß er erſchöpft in einen Seſſel ſank. Peblo, dem es jetzt ernſtlich um den Verſtand ſei⸗ nes Herrn zu bangen anfing und den doch wieder deſſen Leiden ſchmerzten, verſuchte noch einmal den Sturm zu beſchwören, indem er Don Alvarez damit tröſtete, daß ja ſeine Heilige nicht für ihn verloren ſei, indem er ſie immer in der Kapelle des Kloſters wiederſehen könne. Aber damit erregte er nicht nur neuerdings den Zorn ſeines Gebieters, der den Anblick ſeines Ideals teinem anderen Auge gönnen wollte; ſondern auch die Aengſtlichkeit des Künſtlers, welcher noch immer Mängel an ſeinem Werke zu finden fürchtete. Alvarez ſprang auf und rief haſtig nach Schlägel und Meiſſel. Peblo zögerte. Er hielt in ſeiner Beſchränktheit die Aufwallung dieſer leidenſchaftlichen Seele für einen Parorismus und fürchtete ſein Herr möge in dieſem An⸗ fall das ſchöne Werk ſeiner Hände am Ende gar ſelbſt zerſtören⸗ „Wollen doch nicht etwa gar“— ſtotterte er daher —„die Heilige— zerſchlagen?“ „Zerſchlagen?“ wiederholte Alvarez„Glaubſt Du, ich ſei wahnſinnig?— Und mein Ruhm?— und meine Ehre?— Ich bin ſtolz auf dieſes Werk, es iſt das voll⸗ kommenſte was aus meinen Händen hervorging— es ſoll meinen Namen unſterblich machen. Auch iſt es meine letzte Arbeit,“ ſetzteer finſter hinzu—„heute noch bin ich Künſtler, dies heute ſei ſeiner Vollendung noch ge— weiht;— morgen— nimmt mich, den Unglücklichen, Le⸗ bensſatten, ein Kloſter auf.“ Und damit wandte er ſich zum Weggehen, ſeinem Diener befehlend, die erhaltenen tauſend Piaſter dem Prior des Kloſters vom heiligen Jago zu überbringen, mit dem Auftrage, für deren Betrag für das Heil ſeiner Seele zu beten. X 10 146 Peblo ſtand verwirrt. Halb lachend und halb weinend ſchaute er lange ſchweigend ſeinem Herrn nach, dann ſchüttelte er bedächtig den Kopf und rief:„So wahr ich unter ſeiner Heiligkeit diente, die Stadt hat recht,— mein guter Herr iſt verrückt geworden!“ Peblo fand nämlich dieſe Meinung hauptſächlich durch den letzten Auftrag des Don Alvarez beſtätigt. Er drehte unter tiefen Seufzern den ſtrotzenden Geld⸗ beutel in ſeinen Händen und liebäugelte mit dem durch die Maſchen blinkenden Golde und konnte ſich lange nicht mit dem Gedanken verſöhnen, daß alle die ſchönen Füchſe in das Kloſter des heiligen Jago ſpazieren ſoll⸗ ten; hätte doch ein kleiner Theil hingereicht, ihn und Marigitte auf immer glücklich zu machen. Gar lieb⸗ liche Träume führte der Gang der durch Goldesklang erregten Ideen durch ſein Gehirn und erſt nach langer Zeit kehrte das Bewußtſein der Wirklichkeit in ihm zu⸗ rück. Er fuhr auf, ſchlug, ſeine ſündhaften Gedanken ver⸗ jagend, ein Kreuz und eilte— ſeinen Ungehorſam durch doppelten Gehorſam gut zu machen— ſpornſtracks zum Kloſter Sanct Jagv. Aber ſchon lange hatte das Ohr der kleinen Ma⸗ rigitte an der geheimen Thüre des Atteliers gelegen, 147 um den Angenblick zu erlauſchen, in welchem ſich der Geliebte aus demſelben entferne. Jetzt kläffte ſie leiſe das Pförtchen und als ſie ſich überzeugt, daß ſie ihr Ge⸗ hör nicht betrogen und Herr und Diener abweſend ſeien, ſchlüpfte ſie behende herein, ein ängſtlich zitterndes We⸗ ſen an der Hand nachziehend. Es war Fernanda. Die ſchöne Geſtalt, von einem weißen faltigen Gewande umfloſſen, glich das liebliche Geſchöpf einem Weſen höhe⸗ rer Art. Jeder andere Reiz wich dem Zauber, welchen die ſüße Verwirrung ihres ſchönen Geſichtchens ausübte; denn ſo munter und unternehmend die Schweſter der Aebtiſſin ſonſt war, ſo beklommen fühlte ſie ſich in die⸗ ſem Augenblick. Ihr Herz pochte ſo gewaltig, daß ſie am Eingange ſtehen bleiben und die Hand auf daſſelbe drücken mußte, um nur Athem ſchöpfen zu können. „Marigitta!“ ſtammelte ſie leiſe,—„ich zittere an Arm und Bein.— Wenn meine Schweſter erführe...“ „Ei was!“ rief lachend die Kleine—„nur Muth Sennora! ich bin nur ein Mädchen und fürchte mich nicht. Thun wir denn etwas Böſes?— Wir ſind neu⸗ gierig— und neugierig darf man auch im Kloſter ſein!“ „So?“— entgegnete die Andere—„allein in eines Mannes Zimmer gehen— iſt das?..“ 10* ℳ „Wir ſind zu zwei und da hat es keine Gefahr!“ „In ſeiner Abweſenheit...“ „Wäre es Ihnen lieber geweſen, ihn zu treffen?“ frug ſchalkhaft die kleine Gärtnerin. Fernanda erglühte in jungfräulicher Schaam und liſpelte kaum vernehmbar: „Was denkſt Du von mir Marigitte?— Du weißt, ich war nur neugierig, einmal das Attelier des be⸗ rühmteſten unſerer lebenden Bildhauer zu ſehen— und — hier aber ſprang Fernanda gewandt zu einem an⸗ deren Gegenſtande über, indem ſie ihre Begleiterin frug, auf welche Weiſe ſie den geheimen Eingang in dieſes Gemach entdeckt habe, der doch ſo künſtlich verborgen und zumal nach dem Kloſter hin ganz von Gebüſch ver⸗ deckt ſei. Marigitte war gegen das Verſprechen, ſie nicht zu verrathen, gerne bereit dies zu geſtehen und erzählte daher mit Geläufigkeit: ihr Vater habe früher mit dem Vater von Don Alvarez Diener in einem Regimente geſtanden und kenne daher den jungen Mann, den er als Kind auf den Armen getragen. Und um denſelben un⸗ geſtörter und öfter ſehen zu können, habe er dies Pfört⸗ chen geöffnet, zu dem er den Schlüſſel habe und welches Vertrauen offenbaren. 14⁰9 ihm gewöhnlich dazu diene, die heimlichen Aufträge der im Kloſter befindlichen Penſionaire und Novizen aus⸗ zurichten. Aufträge, welche die Pförtnerin vielleicht ver⸗ hindern würde, als Confitüren zu kaufen—— neue Biücher einzuſchmugglen— Briefchen zu beſtellen—— kurz ſolche Kleinigkeiten zu beſorgen, die Niemand etwas ſchadeten. Da aber, ſchloß Marigitte, ihr Vater öfter unwohl ſei, ſo müſſe ſie ſelbſt manchmal für ihn gehen und daher ſei ihr die geheime Thüre bekannt, die,— ehe die Frau Aebtiſſin dies Gemach an Don Alvarez auf kurze Zeit als Attelier vergeben— zum geheimen Ausgang gedient. Die junge Gärtnerin hatte dies in wenigen Worten gebeichtet und konnte es um ſo ſicherer, als Fernanda, durch den Gebrauch des Pförtchens, heute zu ihrer Mit⸗ ſchuldigen geworden war und ſie jetzt, um ihres eigenen guten Rufes willen, nicht verrathen durfte. Als ſie nun aber geendet, ſchmiegte ſie ſich mit der ihr eigenen Lie⸗ benswürdigkeit an ihre ſchöne Gefährtin und bat die⸗ ſelbe: nun, da ſie ihr Alles geoffenbaret, Vertrauen mit 8 belohnen und auch ihr Geheimniß zu 150 Fernanda zögerte einen Augenblick, da aber Ma⸗ rigitte ſo ſchön bat, zu ſchweigen verſprach und jenes Geheimniß— eben weil es ein Geheimniß war— das Herzchen der Sennora gar zu ſehr drückte, entſchloß ſie ſich endlich zu dem Geſtändniſſe deſſelben und erzählte ihrer Gefährtin— nachdem dieſe ſie noch über ihre Sicherheit hier beruhigt— folgendes: „Was mir begegnete, Marigitte, iſt höchſt ſon⸗ derbar, doch höre und urtheile ſelbſt.“ „Ich habe Dir ſchon erzählt, daß man mich— faſt noch als Kind— an den ſechzigjährigen Marguis von Rivas verheirathete. Die erſten Monate meiner Ehe verfloſſen in der unerträglichſten Gleichmäßigkeit. Ich ſtarb faſt vor Langeweile— als plötzlich mein Gatte— der mich wie ſeine Tochter liebte— in Folge ſeiner früheren Feldzüge und Wunden erkrankte. Ich zog die berühmteſten Aerzte zu Hülfe und ſie vereinigten ſich mit dem Beichtvater des Marquis in dem Rathe, eine Pil⸗ gerfahrt durch die berühmteſten Kirchen Spaniens zu machen. Mir konnte kein Vorſchlag erwünſchter kommen als dieſer; ich liebte das Reiſen ohnedem und durfte hoffen, durch daſſelbe einige Veränderung in mein wahrhaft klö⸗ ſterliches Leben zu bringen. Denke Dir nur, Mari⸗ gitte, die Ausſicht, alle die herrlichen Kirchen zu ſehen, in welchen ſich eine ſolche Maſſe berühmter Kunſtſchätze befinden!—— Ich konnte kaum den Tag der Abreiſe erwarten. Vorher aber hatte der Marquis noch einmal ſein Gebet in Madrid zu verrichten. Wir fahren zur Cathedrale, ich unterſtütze, indem wir das Schiff der Kirche durchſchreiten, ſeine ſchwankenden Schritte und ſo gelangen wir endlich zum Hauptaltare. Hier aber drängt ſich die Menge um die neu aufgeſtellte Marmor⸗Statue der heiligen Jſabelle. Ich ſchaue neugierig nach ihr hin— und— denke Dir, Marigitte, mein Staunen— Iſabelle gleicht mir auf ein Haar. Zweifelnd trat ich näher, da ſchallt von allen Seiten ein Laut der Ver⸗ wunderung, alle Augen ſind auf mich gerichtet und Alles ruftze heilige Iſabelle! In größter Verwirrung hüllte ich mich eilig in mei⸗ nen Schleier und verlaſſe mit meinem Gatten, der— in Gebeten verloren— das Vorgefallene nicht bemerkt hat — ſchleunig die Kirche. „Aber das iſt wunderbar!“ rief die kleine Gärtnerin und rieb ſich vor Neugierde, was da weiter geſchehen, die Hände. 152 „Warte nur,“ fuhr Fernanda fort,„es kommt noch bei weitem wunderbarer. In Badajoz beſuchen wir die Kirche„Johannes des Täufers“; meine Blicke fallen auf eine Gruppe, welche die Anbetung des Chriſtuskindes durch die heiligen drei Könige vorſtellt— und— wirſt Du es glauben?— die heilige Maria trägt meine Züge.“ „Ich bin verſteinert! und weiter!“ rief angenehm von dem Wunder durchſchaudert Marigitte. „Das iſt aber noch nicht Alles“— nahm die rei⸗ zende Sennora das Wort—„In Valencig hatte ich das Unglück meinen Gatten durch den Tod zu verlieren. Gramerfüllt und in tiefe Trauer gekleidet, gehe ich zur Kirche und finde abermals zu meinem Entſetzen in der Statue der heiligen Blanka von Caſtilien— mein treues Ebenbild!——“ „So wahr mir Gott helfe!“ rief hier% vor Staunen Marigitte,— das iſt ein Wunder!“ „Nein!“— entgegnete erröthend und mit hochklopfen⸗ dem Buſen Fernanda,—„alle jene Statuen waren von einer und derſelben Hand, waren von Spaniens berühmteſtem Bildhauer— waren von Don Alvarez gefertigt. — Marigitte ſchrie, von dieſen Worten überraſcht, laut auf. Fernanda ſchlug die Augen zu Boden, daß ich die ſchönen ſchwarzen Wimpern wie Wolken über die dunklen Sterne ſenkten und liſpelte: „Denke Dir alſo meinen Schreck, meine Verwirrung, als ich durch Dich erfahre, die heilige Thereſe, welche Don Alvarez auf Beſtellung meiner Schweſter für dieſes Kloſter ſchuf— ſehe mir ebenfalls gleich wie ein Ei dem andern.“ „Was dieſe Ausſage betrift, mögen ſie ſelbſt ur⸗ theilen!“ rief die Gärtnerin.„Hinter jenem Vorhange ſteht die Heilige.“ Dies ſagend, ſprang ſie nach der Drapperie und hob ſie auf. Wer aber beſchreibt ihren Aerger und ihre Verwunderung, als ſie die Niſche leer fand. Auch Fernanda theilte ihren Unmuth. Mari⸗ gitte begriff dies ſchnelle und unerwartete Verſchwinden der Bildſäule lange nicht, bis ihr endlich einfiel, daß Peblo ihr geſagt: Don Alvarez wolle in's Kloſter gehen.— Dieſe Nachricht machte einen tiefen, wie es ſchien, nicht angenehmen Eindruck auf die Schweſter der Aebtiſſin, die nicht begreifen konnte, wie ein ſo geſchickter Mann ſein Künſtlerthum mit Kutte und Roſenkranz vertauſchen möge. 154 Marigitte dagegen vertheidigte, Fernand a's Ver⸗ legenheit bemerkend, in ihrem Muthwillen den Entſchluß Don Alvarez. „Warum, Sennora!“— rief ſie lachend—„warum finden Sie dies Vorhaben auffallend? Die Dominikaner find dick und fett, Don Alvarez will ſich vielleicht wie⸗ der erholen... und wahrhaftig er hat es nöthig, denn er ſieht ſo blaß und leidend aus...“ „In der That!“ unterbrach ſie bewegt die junge Marquiſe—„ſieht er wirklich leidend aus?“ „Ja, ja!“ entgegnete neckend Marigitte,„aber denken Sie nur, was er in ſechs Monaten für ein präch⸗ tiger Dominikaner ſein wird. Sein ſchöner Kopf, ſeine großen dunkeln Augen, ſeine hohe Stirne, ſeine langen Haare!.— Geben Sie Acht, wenn der predigt, wird die Kirche voll frommer weiblicher Seelen ſein.“ Fernanda war in tiefes Nachdenken verſunken und hatte kaum die letzten Worte der Gefährtin vernommen. Marigitten blieb die Urſache dieſer Seelenſtimmung der ſonſt heiteren Marquiſe nicht verborgen; ſie aber ge⸗ fliſſentlich verkennend, ſchob t dieſelbe der miß⸗ lungenen Hoffnung zu, die Stutue der Heiligen zu ſehen und rief endlich: „Da wir das Werk nicht gefunden, ſo würde es Sie vielleicht intereſſiren, den Meiſter zu ſehen!“ Fernanda fuhr bei dieſen Worten aus ihren Träu⸗ men auf.„Du könnteſt...“ ſagte ſie haſtig, ihre Ver⸗ legenheit ſchlecht verbergend. „Nichts leichter!“ entgegnete die Kleine.„Ich weiß daß er jetzt in der Kapelle iſt, um die Statue aufzu⸗ ſtellen— vielleicht ſie noch einmal zu betrachten...“— fügte ſie ſcharf betonend hinzu.„Wenn wir uns nun leiſe auf die verſchloſſene Tribüne der Frau Aebtiſſin ſchlichen...“ „Haſt Du denn auch zu dieſer den Schlüſſel?“ „Nein, aber ich kann ihn den Augenblick haben; ich laufe nur zur Schweſter Pförtnerin und ſage ihr, ich wolle den Betſtuhl der Frau Aebtiſſin mit friſchen Blu⸗ men ſchmücken...“ Dies ſagend wandte ſich Marigitte und wollte ſchon wegſpringen, als ſie Fernanda noch am Kleid erhaſchte. „Biſt Du wahnſinnig!“ rief ihr halbzürnend die Margquiſe zu.„Ich kann doch nicht allein hier bleiben?“ „Warum denn nicht?“— entgegnete Jene—„Sie haben Nichts zu befürchten, denn erſtens bin ich im Au⸗ 156 genblick wieder hier und zweitens können Sie beim leiſe⸗ ſten Geräuſch entfliehen. Außerdem iſt der Mond bereits aufgegangen und treten Sie jetzt in den Garten, kann uns ihr weißes Kleid leicht verrathen.“ Fernanda genügten dieſe Gründe nicht, ſie wollte ſie widerlegen— aber— ſchon war Marigitte ent⸗ ſchlüpft und die Zitternde befand ſich allein in dem Zimmer. Die junge Spanierin durchrieſelte ein ſonderbares Gefühl; war es Furcht, war es Sehnſucht, war es— Liebe?— Sie wollte ſtiehen und doch feſſelte ſie der Raum in dem er geathmet— geſchaffen— in dem er dem Marmor Leben eingehaucht, in dem er an ſie ge⸗ dacht haben mußte. Sie ſuchte ſich ein Bild von ihm zu entwerfen und träumte von ihm und wie ſchön, wie göttlich ſchön es ſei, ein Künſtler zu ſein. Sie hatte ihn nie geſehen und doch zog es ſie mit überirdiſcher Gewalt zu ihm hin;— zu demjenigen hin, der ihre Züge allen ſeinen Werken einprägte, der immer an ſie zu denken ſchien?— dem es ein füßes Bedürfniß ſein mußte, dieſe Züge immer wiederzugeben. Sie ſann nach, wo er ſie geſehen haben mochte; ſie malte ſich ſeine Geſtalt nach Marigitten's Beſchreibung aus und verlor ſich ſo allmählig in tiefe Gedanken, aus welchen ſie erſt nahende Schritte aufſchreckten. Hoffend es ſei die Gefährtin, fuhr ſie auf,— wie aber entſetzte ſie ſich, als ein Schlüſſel in die Hauptthüre geſchoben und raſch um⸗ gedreht wurde. Jetzt war keine Minute mehr zu ver⸗ lieren und da ſie ſich von der geheimen Pforte zu ent⸗ fernt befand, blieb ihr nichts übrig als in der größten Eile hinter den Vorhang zu ſchlüpfen. In demſelben Augenblicke öffnete ſich die Thüre und Don Alvarez trat ein. Es war bereits düſter in dem ohnehin finſteren Ge⸗ mache geworden und nur ein Streifen bleichen Mond⸗ lichtes fiel durch eines der kleinen vergitterten Fenſter, die nach der Straße hin gingen. Alvarez war dieſes Zwielicht willkommen. Die äußere Dunkelheit entſprach der finſteren Stimmung ſeines Gemüthes. Dabei ſchien er ſehr aufgeregt, indem er den weiten Raum mit großen Schritten maß. Endlich blieb er mit verſchränkten Armen ſtehen. „Lob!— Vergötterung!“— murmelte er vor ſich hin—„und eben ſo ſchnell Tadel— harten, oft unge⸗ rechten— oft lächerlichen Tadel— ja von Böswilligen ſelbſt Verachtung, das iſt das Lvos des Künſtlers. So iſt die Welt. Und ich— den Richts in ihr meyr feſſelt, . . 158 ich ſollte mich durch ſie zurückhalten laſſen, meinem Her⸗ zen Ruhe zu gewinnen?— nein!“— rief er ungeſtüm und warf ſich in einen Seſſel—„nein! ich bin ent⸗ ſchloſſen ihr Valet zu ſagen.“ Ein langes Schweigen folgte dieſen Worten, bis die überſprudelnde Seele des Künſtlers, der kein gleichfüh⸗ lendes Herz gefunden, ſich in halblauten Selbgeſprächen Luft machte. „Wohl“— ſagte er mit einem tiefen Seufzer— „iſt es ſchön Künſtler zu ſein; ſich zu erheben durch Werke des Geiſtes und der Hände über die trägen Alltagsmen⸗ ſchen, zu wiſſen, daß man ewig lebe in ſeinem Ruhme, in ſeinen Schöpfungen. Und doch!— doch!— auch dieſes ſtolze Bewußtſein erſetzt den Mangel deſſen nicht, was unſeres Lebens— was alles · Daſeins Schwerpunkt iſt— die Liebe. Mir blüht ſie nicht und ich kann und will ohne ſie nicht leben Darum hinweg aus der Welt, ſie hat für mich teind Reiz mehr; ich will mein Heil Jenſeits ſuchen.“ Alvarez verſtummte. Erſt nach Minuten fuhr er, wie in ſelige Erinnerungen verſunken, leiſe lächelnd fort: „Und wer war es, dem du für dies kurze Leben dei⸗ nen Ruhm zu verdanken haſt?— Jenes zarte weibliche — Weſen, deſſen himmliſche Schönheit— deſſen Reize— deſſen Anmuth ſich mit unauslöſchlichen Zügen in deine Seele gegraben. Ihr! ihr allein! danke ich meinen Ruf.“— „Ich entſinne mich noch heute meines erſten Triumphes. Ich hatte kaum die Werkſtätte meines berühmten Mei⸗ ſters verlaſſen. Meine erſte Schöpfung war im Gehei⸗ men vollendet und die Gnade des Erzbiſchofs geſtattete mir, ſie in der Cathedrale Madrids, in einer Nebenka⸗ velle auszuſtellen. Niemand achtete ihrer, gleichgültig ſchritt man an dem Werke des Unbekannten vorüber, der einem verurtheilten Sünder gleich, in dem nahen Beicht⸗ ſtuhle vernichtet kniete. Gott iſt mein Zeuge, wie ich litt!— Ich kehrte wieder und wieder mit jedem Tage — ich kehrte wieder nach durchweinten Nächten— ein einzig Lob,— nur einen wohlwollenden Blick zu er⸗ lauſchen— umſonſt!— kein Auge würdigte meiner Hände mühſames Werk— Niemand— Niemand— gönnte ihm eine flüchtige Beachtung!“ Alvarez Stimme hatte ſich geſteigert. Mit der Erinnerung der erlittenen Ungerechtigkeit flammte ſein Zorn wild auf. Da ſchien ein milderes Gefühl die ſtolze Seele zu bewältigen, ein Seufzer entquoll der 160 —— Bruſt und in weicheren Tönen fuhr er alſo fort:„Eines Tages endlich, als ich zu meinem Standpunkte wieder⸗ kehrte, fand ich, getrennt von der andächtigen Menge, die einem Feſte entgegen zu ſehen ſchien, zwei Damen vor meiner Schöpfung ſtehn. Die eine, wie es ſchien, die Duenna eines edlen Hauſes— die Andere— o Gott! die Andere war ein Engel!...— die ſüßen Augen auf meine Statue gerichtet— verſunken im Anſchauen— blaß und weiß wie jener Marmor— unbeweglich wie die ſteinerne Heilige— den Ausdruck der reinſten Kind⸗ lichkeit— der frömmſten Liebe in den Zügen— ſo ſtand ſie da— mich ſelbſt verſteinernd durch ihrer Schönheit Zauber. Da öffnen ſich die zartgeformten Lippen und mit der Stimme ſilberreinem Ton ruft ſie:„Wie ſchön, wie ſchön!“— Dies Wort entſchied— dies einz'ge Wort beſtimmte mein Geſchic.— Dies holde Weſen hatte mich verſtanden, dies Kind erſchuf den ſo berühmten Künſtler Alvarez!“ Der Sprechende ſchöpfte hier tiefen Athem und ſeine Augen glänzten von Thränen. „Es war nur ein Moment, aber entſcheidend für mein Glück. Ich liebte. Nicht wie die Menſchen, ge⸗ brechlich, lau und matt,— nein!— bis zum Wahnſinn— 161 Es ſchien mir, als müſſe dieſes Weſen mein gehören, als ſei ſeine Seele auch die meine. Ich war im Begriff hervorzu⸗ ſtürzen, ihre Kniee zu umſchlingen und zu rufen:„Nimm Dein Geſchöpf— bin ich durch Dich doch Künſtler!“— Da nahte ſich ſchweigend ein langer glänzender Zug. An ſeiner Spitze ſchritt die ehrwürdigeGeſtalt eines Greiſes, deſſen Züge finſter und ſtreng. Um meine Schöne ſammelte ſich eine Maſſe ſtrahlender Damen. Hoch ſchlägt mein Herz. Schon ſeh' ich im Geiſte wie ſie der Menge mein Werk anpreiſt, ſchon hör' ich alle Lippen ſtaunend loben. Den Vater hoff' ich günſtig mir geſtimmt, denn für den Vater mei⸗ nes Engels halt ich jenen Greis. Da öffnet ſich das goldne Gitterthor und zum Altare treten Greis und Kind — der Alte zieht vom Finger einen Ring,— der Prie⸗ ſter tritt hervor— und allmächt'ger Gott, es war dein Fluch!— zur Trauung wandelt ſich das finſtere Schau⸗ gepränge.“ „Ich ſank vernichtet, bewußtlos auf die Stufen der Kapelle;— als ich erwacht— war der Traum ver⸗ ſchwunden und mir blieb Nichts, als das Bild der Heiß⸗ geliebten. Nur ihre Züge grub von nun an mein Meiſſel ein— nur ſie!— nur ſie ſchuf ich aus kaltem Stein— und ſie iſt es, die mich unſterblich machte. Vor 11 162 ihr, auf ſeinen Knieen, liegt das Volk— Madrid, Valencia, Badajoz, Sevilla betet ſie an— hier ſtand ſie dieſen Morgen noch— und jetzt!——“ Alvarez riß bei dieſen Worten im wildeſten Schmerz den Vorhang in die Höhe— da entquoll ein Schrei ſeiner Bruſt— und ohnmächtig lag er am Boden. Peblo kehrte denſelben Abend ziemlich ſpät aus dem Kloſter Sanct Jago, in welches er auf Geheiß ſeines Herrn die tauſend Piaſter gebracht, zurück. Er befand ſich in einer überaus heiteren Stimmung und wandte ſich, da er vorausſetzen durfte, daß ſein Herr nun das Attelier im Kloſter verlaſſen und ebenfalls heimgekehrt ſei, in deſſen Wohnung, welche ſich in einem der erſten Gaſthöfe Sevilla's befand. Allein hieher war Alvarez noch nicht zurückgekom⸗ men, was übrigens dem Diener keineswegs auffiel, da der junge Künſtler oftmals die ſchönen Nächte Hispaniens auf einſamen Spaziergängen, ſeiner Melancholie neue Nahrung gebend, zubrachte. Peblo war es, wie er⸗ wähnt, gar behaglich zu Muthe. Er warf ſich bequem in einen Seſſel, ſtreckte die krummen Beine ſo lang aus —& als es gehen wollte, lachte wohlgefällig vor ſich hin und rief: „Jetzt wollte ich, ich hätte Marigitte hier!— Ich fühle mich wie verjüngt!— Ich habe ſo was Don⸗ juanartiges im Blute.— Es iſt mir als diente ich noch bei ſeiner Heiligkeit.— War das aber auch ein Empfang im Kloſter— ja, ja das Geld!— Die dicken Pfäffchen ſchnitten Geſichter, als ob ihnen der heilige Jago ſelbſt erſchienen wäre. Uud der Bruder Oekonom— na! der führte mich in die Speiſekammer und ökonomiſirte wahr⸗ lich weder mit den Bisquitten, noch den Confituren, noch mit dem köſtlichen Malaga.— Großer Gott! die Klöſter ſind doch ſchöne Einrichtungen. Und mit dem Faſten,— ich glaub!— ich glaub!— da iſt's eben nicht weit her!“ Peblo legte ſein etwas ſchwer gewordenes Haupt gegen die Lehne des Seſſels zurück. Liebliche Gedanken ſchienen ihn zu umſchweben und ſeine erregte Phantaſie trug ihn wohl wieder in die duftenden Hallen der Speiſe⸗ kammer der Dominikaner, denn er lächelte ſüß wie ein Engel, leckte ſich von Zeit zu Zeit die Lippen, um wo möglich noch eine Spur des Malaga-Geſchmacks zu er⸗ haſchen, verdrehte einigemal ſelig die Augen— und— entſchlief. 14* 164 Der Morgen ſtand ſchon hoch am Himmel, als er, durch ein Geräuſch erweckt, in die Höhe fuhr und er⸗ wachte. Don Alvarez war eben eingetreten, aber ſein Antlitz war ſo blaß, die Haare hingen ſo verwirrt und wild um die Stirne, die Augen glühten in einem ſo dü⸗ ſtern, unheimlichen Lichte— daß ihn ſelbſt ſein Diener kaum erkannte und wie vor einem Geſpenſte ſich ängſt⸗ lich bekreuzend, zurückfuhr. „Heiliger Kilian ſteh' mir bei!“ rief der Erſchrockene —„was iſt Ihnen zugeſtoßen— lieber, guter Herr, Sie ſehn ja aus wie der leidige Tod ſelbſt!— iſt Ihnen ein Unglück paſſirt— oder...“ Peblo erſtarb das Wort auf der Zunge, aber in Gedanken ergänzte er den Satz:„ſind Sie vollkommen verrückt geworden“. Don Alvarez ſchien die Rede ſeines Dieners überhört zu haben, er faßte ihn krampfhaft am Arme, zog den Zitternden nahe zu ſich und frug ihn mit ge⸗ preßter Stimme: „Peblo!— hatteſt Du niemals eine Viſion?“ „Nein, Herr, nein!“ ſtotterte ängſtlich der Diener, ſich vergeblich bemühend den Händen Don Alvarez zu entſchlüpfen. 165 „Was?“— fuhr jener heftiger fort—„kam Dir es niemals vor als ſäheßt Du— deutlich— faſt zum grei⸗ fen— eine Geſtalt, mit der ſich Deine Seele lebhaft beſchäftigt?“— „Nein, lieber Herr, nein!“— keuchte Peblo— „gewiß nicht. Selbſt als ich aus den Dienſten ſeiner Heiligkeit trat— und in⸗s Kloſter gehen wollte— ſah ich, ſo viel Mühe ich mir mit dem Ding gab— nichts Geſcheides. Gott weiß, entweder war ich zu dumm— oder zu ſündhaft dafür, denn damals trat ich gerade aus dem leidigen Don⸗Juan⸗Leben.“ Alvarez hatte ſeinen Diener losgelaſſen und indem ſich dieſer, ſeinen Arm reibend, etwas nach dem Hinter⸗ grunde zog, ſtand Jener finſter brütend unbeweglich da. Nach längerem gegenſeitigen Schweigen ſi ſiegte in Peblo's Herz die Liebe zu ſeinem Herrn über die Furcht und einige Schritte näher tretend, frug er denſelben, ob ihm denn vielleicht ein Wunder begegnet ſei. Alvarez nickte mit dem Kopfe und erzählte Peblo endlich auf deſſen Bitten das Vorgefallene. „Du ſiehſt, die heilige Thereſe ſelbſt iſt mir er⸗ ſchienen“— ſo ſchloß er—„und zwar genau in derſel⸗ ben Geſtalt, wie ſie meine Hände gefertigt. O Gott! 166 es war die heilige Thereſe, es war meine Statue— nur lebend— nur beſeelt— es war ſie!—— Genug. Gott ſelbſt und ſeine Heiligen wollen, daß ich mich der Welt entziehe. Dieſe Erſcheinung beweiſt es und heute begebe ich mich noch in das Kloſter und lege das Ge⸗ lübde ab.“ Obgleich Peblo von der Wahrheit des Wunders, welches Don Alvarez begegnet, völlig überzeugt war, ſo ſchmerzte ihn doch der Gedanke, ſeinen guten Herrn zu verlieren ſo heftig, daß er noch einmal ſeine ganze Be⸗ redſamkeit aufbot, dieſen von ſeinem Vorſatze abzubringen. Aber alle Anſtrengungen waren umſonſt, ja— Jener ſchien ihn gar nicht zu hören und gab ihm, als er end⸗ lich geendet, den Befehl, ſich auf der Stelle zu dem No⸗ tar zu verfügen, welcher in Auftrag des Don Alvarez bereits den Aet entworfen hatte, der das Vermögen des Künſtlers der Kirche zuwies— und Notar und Schen⸗ kungs⸗Urkunde herbeizubringen. „Ich ſelbſt“— fügte er hinzu—„will der Ein⸗ weihung meines letzten Werkes beiwohnen; dann beſuche ich noch einmal, Abſchied auf ewig von ihm zu nehmen, mein Attelier, und begebe mich ſofort in das Kloſter des heiligen Jago. Für Deine Zukunft iſt geſorgt. Dein — letzter Dienſt aber ſei, mir meine Zelle zu be⸗ reiten!“— Mit dieſen Worten verließ der Künßtler in höchſter Aufregung das Zimmer. Peblo ſah ihm, Thränen des Mitleidens und des Dankes in den Augen, lange nach. „Schade für ihn“— ſagte er endlich—„ſchade, daß er in die Kutte kriecht!“— aber erſchrocken über ſeine eignen Worte und ſich ängſtlich bekreuzend, fügte er begütigend hinzu:„Freilich, da ihm die Heilige ſelbſt er⸗ ſchienen, hat er recht. Sonderbar, daß ich nie ein Wun⸗ der zu ſehen bekomme. Alle großen Männer hatten Er⸗ ſcheinungen. Samuel ſah den Schatten des Saul!— Nebukadnezar erſchien ein Geiſt der Finſterniß!— Bi⸗ leam's Eſel ſah gar einen Engel— und mir, mir will kein Teufel erſcheinen!— Als ehemaliger Soldat des Pabſtes hätte ich doch wohl auch das Recht dazu. Nun— man muß ſich begnügen.— Ich will das Wunder we⸗ nigſtens weiter verbreiten. Ich brauche es nämlich nur Marigitten zu erzählen und morgen weiß es ganz Sevilla.— Außerdem habe ich eine ſchöne Aus⸗ ſicht, ich ſoll wieder zu den Dominikanern gehen— 168 vortrefflich!— Confituren und Malaga im Perſpek⸗ tiv!“— Dies ſagend, ging Peblo, Marigitten zu finden.— Die Einweihung der Statue der Schutzheiligen des Kloſters Sanct Thereſia hatte unter einem feierlichen Gottesdienſte begonnen. Hymnen ſchallten zu Ehren der Glorwürdigen in den Hallen der Kirche— während in einer Laube des Gartens bittere Thränen um den Schöpfer ihres Bildes floſſen. Marigitte, von Fennanda über das Vorgefallene, von Peblo über deſſen Folgen unterrichtet, hatte letztere der jungen Marquiſe mitgetheilt, die nun ihre Unvor⸗ ſichtigkeit und Kühnheit bereuend, faſt verzweifeln wollte. Seit ſie wußte, wie glühend ſie Alvarez, an dem ſie,— ohne ihn geſehen zu haben— ſchon lange mit Intereſſe hing— liebtez— ſeitdem ſie den ſchönen, ſich in Liebe zu ihr verzehrenden Jüngling geſehen, war die Liebe, die ſie bisher nicht gekannt, in ihrem jugendlichen Herzen mit der ganzen Leidenſchaftlichkeit des Südens erwacht. Und jetzt! jetzt!— da ſie endlich wußte, wo⸗ nach ſie ſchon ſo lange geſeufzt— jetzt, da ſie erkannte, 169 was ihr bisher gefehlt und ſich mit einemmale das Leben mit ſeinen ſchönſten Ausſichten, wie ein freundliches Pa⸗ radies, vor ihren Blicken aufthat;— jetzt hatte ſie mit eigner Hand die Pforte zugeworfen, die zu ihrem Glücke führen konnte, indem ſie den Mann ihres Herzens in ſei⸗ nem ſchwärmeriſchen Entſchluſſe, der Welt zu entſagen, beſtärkt. Die Zeit drängte; jeden Augenblick konnte Don Alvarez jenen Schritt wagen, nach welchem kein Rück⸗ tritt zur Welt mehr offen ſtand und doch fühlte Fer⸗ nanda nur zu gut, daß ihr ganzes Lebensglück von einer Vereinigung mit dem ſchönen Jünglinge abhing. Außer⸗ dem aber mußte ſich die Sennora auch geſtehen, daß ſie es ſei, die, wenn auch gegen ihren Willen, den Künßtler unglücklich gemacht und nun gar noch durch ihre Unvor⸗ ſichtigkeit in das Kloſter treibe. Lange beratheten die beiden Spanierinnen was zu thun ſei. Aber hier war guter Rath theuer, und doch mußte ein ſchleuniger Entſchluß gefaßt werden. Fer⸗ nanda kam endlich auf eine Idee, welche allerdings zum Ziele zu führen verſprach. Das Unternehmen war jedoch kühn und namentlich kämpfte in der Bruſt der jungen Marquiſe mädchenhafte Scheu und weibliches Zartgefühl 17⁰ gegen die wildſtürmende Liebe. Nach langem Schwanken ſiegte jedoch endlich die Leidenſchaft und Marigitte haſtig bei der Hand faſſend, zog ſie die Staunende mit ſich nach dem Attelier des Künſtlers. Noch war es leer. Kaum aber hatte Fernanda ihren Plan Marigitten mitgetheilt, als ſich auch ſchon Schritte hören ließen und ihnen nur die Zeit blieb hinter den Vorhang zu ſchlüpfen. Es war Alvarez, der in einer Seelenſtimmung eintrat, die allerdings für ſein geiſtiges und körperliches Wohl Alles fürchten ließ. Er hatte der Einweihung beigewohnt und da ihn der feierliche Moment hingeriſſen, ſein ganzes Weſen auf das mächtigſte erregt, ſeine Phantaſie erhitzt, ſeine Nerven ſchroff angeſpannt waren, ſo traten jetzt auch die Eigen⸗ thümlichkeiten des Künſtlers ſchärfer hervor. Er fing an zu fürchten, daß er zu wenig gethan, ihm ſchien das herr⸗ liche Bildwerk— das er geſtern noch als vollendet er⸗ kannt— noch mangelhaft. Er verzweifelte an ſich ſelbſt und dennoch zog ihn die Eitelkeit wieder nach der Kirche zurück, um die Lobeserhebungen einzuſaugen, die er in dem Momente vorher als übertrieben verworfen. Da ſchallten die Hymnen, die frommen Chöre der Andächtigen an ſein Ohr, der Entſchluß, der Welt auf immer zu ent⸗ 171 fagen, trat wieder vor ſeine Seele, und in unendlicher Wehmuth auf die Kniee ſinkend, rief er: „Hinweg du Eitelkeit der Erde, was dem Leben in meinen Augen einzig Reiz geben könnte, iſt für mich ver⸗ loren, was ſoll ich noch in dieſer Welt?“ —„Hoffen!“— tönte es hier, mit einem ſo ſee⸗ lenvollen Ausdrucke, als ob ein Engel des Himmels geſprochen. Alvarez war bleich wie der Tod geworden. Ein heiliger Schauer durchrieſelte ihn. „Hoffen?“ ſtammelte er.„Verklärter— Geiſt, was darf ich hier noch hoffen?“ „Gewährung Deiner Wünſche,“ wiederholte die Stimme. „So werd' ich glücklich in den ſtillen Mauern des Kloſters werden?“ „Alvarez!“— tönte es melodiſch fort—„Alva⸗ rez, prüfe Dein Herz. Nicht Sehnſucht zu Gott treibt Dich, der Welt zu entfliehen, nicht Liebe zu ihm gab Dir den Entſchluß ein, Dich ihm unbedingt zu weihen.“ „Allwiſſender!“ rief ſchmerzlich der Jüngling—„ich lege ein Herz, das die Liebe brach, als Opfer an dem Altare der Liebe nieder.“ * * 172 „Und brichſt dadurch ein anderes Herz.“ „Ich kenne nur eines, dem ich genügen könnte.“ „Und dies eine“— tönte zitternd die ſüße Stimme —„dies eine harrt Deiner in unendlicher Liebe!“ „Gerechter Himmel!“ ſchrie und ſprang wild auf— wo— wo!“ „Hier!“ rief es, der Vorhang flog zurück und vor dem ſinnlos Wankenden ſtand— lebend— die heilige Thereſe. „Vergib, Alvarez!“— liſpelte ſie in holder Scham erglühend—„vergib einem Weibe den Frevel— zu dem ihn die Liebe verleitet.“ Der Künſtler wußte nicht wie ihm geſchah,— ob er wache— ob er träume.— „Bin ich Alvarez!“— rief er,— iſt dies Mar⸗ mor?— iſt dies Leben?— Erdgeboren— oder Geiſt? — Biſt Du es Heilige?— oder Du! Du! die mein Alles, mein Glück!— mein Sein iſt?— Und glühend, zitternd ſtürzte er auf die Erſcheinung zu— aber ſie breitete liebend die Arme aus— und lag weinend an ſeiner Bruſt. Da trat aus dem Hinter⸗ grunde der Niſche Marigitte hervor und klärte dem Staunenden das Geſchehene auf. Don Alvarez war überglücklich, die Entſchul⸗ digungen der Geliebten mit Küſſen erſtickend, wollte er nur immer wiederholt hören, daß ſie ihn liebe und— nun frei— ihm ihre Hand reichen wolle. Und ſo geſchah es in der That und zwar feierten auch Peblo und Marigitte am gleichen Tage ihre Hochzeit. Die Gärtnerin drückte dabei ein Auge zu und wenn ſie die krummen Beine und Prahlereien ihres neuen Eheherrn ärgerten, ſo blickte ſie in ſein ehrliches und treues Geſicht und fand darin einen nicht täuſchen⸗ den Troſt. Don Alvarez aber und Fernanda waren ſelig. Der geſchickten Hand des Künſtlers verdankte Spanien noch manch ſchönes Werk, dem glücklichen Pärchen aber blieb das liebſte: die Statue der heiligen Thereſe. 8 8 S 1 — 8 * (Der Lichtberg.) Vovelle. I. Die Gärten des Paradieſes. — Soolaget auf den„Zend⸗Aveſta“,(das leben⸗ dige Wort) die fünf Religions⸗ Bücher der alten Parſen, welche Zoroaſter ſechshundert Jahre vor Chriſtus ſei⸗ nem Volke gab. Schlaget auf den„Zend⸗Aveſta“ und leſet darin mit Staunen: Der Urgrund aller Dinge iſt Zeruane akherene (die Zeit ohne Grenzen) das ewige, vollkommenſte, in ſich ſelbſt verſchlungene Urweſen, von deſſen Thron einſt ausging: Honover, das Alles wirkende, heilige Wort. ²) Aus dieſem entſprang das erhabene, glänzende krlicht, das mit ihm zugleich wirkſame Feuer und das ſüße *) Johannes I. 1. Im Anfang war das Wort u. f. w. 12 hülfreiche Urwaſſer, in welchem ſämmtlich die Saamen aller Dinge enthalten waren. Licht, Feuer und Waſſer ſind demnach die Elemente, Honover der Geiſt des Ewigen, der in ihnen belebend waltet. Daraus ging ſpäter hervor Ormuzd, der große König, der in Lichtherrlichkeit Glänzende, der Allvoll⸗ kommenſte, Allreine, Allweiſe, der Körper aller Körper, der über Alles Heilige, der Quell aller Freuden, der Allnährende, Unausſprechliche, der König aller Könige, Grund und Mitte aller Weſen, der Grundkeim, der Geber aller Wiſſenſchaft, die Fülle der Seligkeit. So und noch mit anderen, ihn über Alles hinaufhebenden Namen nennen die Parſen den Ormuzd, den ſie in⸗ deſſen doch unter die Herrſchaft der Zeruaneakherene ſetzen und ihm ein anderes entgegengeſetztes Weſen an die Seite ſtellen. Sie nennen dieſes Arihman, der in⸗ mitten der Finſterniß wohnet, wie Ormuzd inmitten des Lichts und die Quelle alles Uebels, der einzig Böſe, unrein und verwünſcht, ein Nichts des Guten, das Laſter ſelber iſt. Er iſt der Dew— ſo heißen die böſen Geiſter der Parſen⸗Religion— der die Welt quält, der Lügner, der Arge, der Todtſchwangere, der finſtere König der Dar⸗ wands(der Böſen.)* —— 179 Aber auch er lebt durch Gottes Macht, ihn hat die ewige Zeit gegeben, wie ſie Ormuzd, Licht und Finſter⸗ niß, Gutes und Böſes gegeben hat. Er iſt jedoch mehr böſe durch ſeinen Willen, als durch ſein Weſen und am Ende der Dinge, wenn ihn die Metallſtröme ausgebrannt haben, wird auch er heilig werden und himm⸗ liſch und die Gottheit lobpreiſen; denn das große Weltjahr von zwölf tauſend Jahren iſt ſo einge⸗ theilt: daß das gute Prineip im erſten Drittheil allein, im zweiten kämpfend mit dem böſen, im letzten dies allein regieren ſoll. Aber dann ſoll ſich auch das Reich des Böſen aufreiben, die allgemeine Auferſtehung erfol⸗ gen und Alles im reinen Lichte leben. Ormuzd begann aber die Schöpfung und ſprach das lebendige Wort Honover, daß er ſelbſt iſt, das ſeine Zunge unaufhörlich ſpricht und Arihman(der Böſe) ſank, betäubt von dem heiligen Worte, in die Finſterniß zurück. Aus ſeinem Himmel ſchuf er den ihn umgeben⸗ den Himmel, und Licht zwiſchen Himmel und Erde, und Sterne, welche in ihren Bahnen laufen; in der Mitte der Welt aber ſtehet die Sonne,— ſie, die des Ewigen nie ſterbendes Auge iſt. Auch der Mond ging aus ſeiner Hand hervor, der der Welt Grüne, Wärme, Geiſt und 12* * 160 Frieden gibt. Unter dem Monde ſpannte er den Fir⸗ ſternhimmel aus und ordnete ihn nach den zwölf Zeichen des Thierkreiſes und ſtellte ihm vier Sterne zu Wächtern nach den vier Himmelsgegenden. Und Ormuzd fuhr fort zu ſchaffen. Er brachte das Waſſer hervor, die heilige Quelle Ardviſur, den Pal⸗ laſt der Bäche, die in hunderttauſend Kanälen von dem Albordi,(der Grundlage oder Grundfeſte) des Him⸗ mels ausſtrömen. Das Waſſer fiel nun als Regen auf die Erde und der Wind Beheam vertheilte es. Nach dem Waſſer ſchuf Ormuzd den Erdboden mit ſeinen Bergen und Ebenen, ſeinen Höhen und Tiefen. Auf die Schöpfung des Erdbodens folgte die der Pflan⸗ zenwelt; der Geiſt Amerdad ward ihr Hüter und die⸗ ſer ſetzte den Jzed Hom, den Keim aller Pflanzen, den König der Bäume an die Quelle Ardviſur und aus ihm entſtanden alle Gewächſe, beſonders die heilenden. Als aber das liebliche Grün die Erde deckte, ſchuf Ormuzd Thiere und Menſchen und ſetzte mit liebendem Herzen zur Beſchützerin der Thiere Sapandomad, ſeine eigene Tochter. Und er rief als Stammältern des Menſchen Mann und Weib, Meſchiahund Meſchianeh, hervor. Der Ort ihres 181 Aufenthaltes war Heden, auch Hedeneſch, d. 1. ein Ort der Ruhe und des Glücks. Ein Fluß tränkte dieſe reizende Gegend, wo alle Annehmlichkeiten mit Ueberfluß jeder Art ſich vereinigten, wo der Lebensbaum Hom ſtand, deſſen Saft unſterblich machte und Alles heilte. Sie iſt ſchöner als die ganze Welt und die Perſer dachten ſich darunter die Landſchaft Jran, womit im engeren Sinne die Gegend zwiſchen den Flüſſen Kur und Araxes in Armenien bezeichnet wird, oder auch das Thal Kaſchmir. Wie in der chriſtlichen Mythe ſo. auch hier, lebten die Stammältern des Menſchengeſchlechtes anfänglich rein und unſchuldig; aber bald ließen ſie ſich von dem Böſen verführen, Früchte zu eſſen, deren Genuß ſie ihrer Glück⸗ ſeligkeit beraubte. Iran war für ſie verloren, wie nach der hebräiſchen Sage für Adam und Eva das Paradies. 6 Und wie mancher ſehnte ſich wohl ſchon nach dieſem Orte der Wonne zurück, den— wie man ſagt— noch kein Menſch wieder fand. Und doch! doch Wanderer! er iſt gefunden, freue dich und ſei guter Dinge; umgürte deinen Leib, ziehe an die * Gerlach's Fides I. 182 ſchützenden Sandalen! ergreife den Stab und folge mir!— Siehſt Du den König der Berge! den Dhawala⸗ Giri!*) den Diamanten des Himalaja! der ſeine Krone von ewigem Eiſe hoch in die Himmel hebt, der den Aether trinkt und die Sonne küßt?— Siehſt Du ſeine Rieſenbrüder gelagert um ihn her, gegen die der Alpen ungeheure Maſſe ein Nichts iſt?— Dorthin, Wanderer, geht unſer Weg! Dort! umfangen von den Armen des Himalaja und Hindukuſch⸗Gebirges, bewäſſert von den Fluthen des Hydaspes, liegt ein Thal, in deſſen Schooß die Allmacht den volleſten Reich⸗ thum ihres Füllhorns ausgegoſſen. Es iſt das Thal Kaſchmir! der Garten des Herrn! das verlorene, beweinte, erſehnte Paradies!— es iſt jenes Eden, in welchem ſich Gott ſelbſt wohlgefiel, die heilige Stelle, an welcher das Menſchengeſchlecht zum erſtenmale das Auge aufſchlug!**) *) Nach Humboldt 28,077 engliſche Fuß hoch. **) Paradies(Tuocoeoog) gleichbedeutend mit dem Perſiſchen Pardos, bezeichnet die Luſtgärten des Königs, im weiteren Sinne eine anmuthige Gegend. Die Gelehrten haben lange Zeit getrachtet, die geographiſche Lage Edens(im Sinne der moſaiſchen Kosmogonie) zu erforſchen, und es meiſtens nach 183 Trete ein Wanderer in das Thal des Herrn und blicke mit heiligem Schauer der vollendeten Schönheit— der Braut Gottes— der Natur in das ſtrahlende Antlitz. Ol wie ſie Dir entgegenlächelt ſo ſüß und ſelig, in ihrem ewigen Frühling!— Wie ſie die Arme ausbreitet und ruft:„komm an mein Herz mein Sohn!“ Fühlſt Du den duftenden Hauch ihres Mundes Dich umwehen in ſchmeichelnden Lüften?— Hörſt Du ihre ſanfte Stimme im harmoniſchen Jubel unzähliger Leben? — durchrieſelt Dich nicht Entzücken, da ſie den Schleier von ihrem Haupte nahm, und Dich nun anblickt mit den liebefeuchten Augen und alle ihre Reize vor Dir ent⸗ hüllt? Das Menſchenherz iſt zu klein für eine ſolche Luſt; die Wellen des ſiedenden Blutes ſtürzen ſich ſo gewalt⸗ ſam hinein, daß es zerſpringen möchte. Dem Auge blei⸗ ben nur Thränen, der Seele nur der Wunſch, hier möchte ich ſterben um ewig hier zu leben!— Aſien, bald an das kaspiſche Meer, bald nach Syrien, oder auch in das Thal Kaſchmir verlegt. Da es übrigens nur als Bild einer überaus ſchönen, lieb⸗ lichen und fruchtbaren Gegend gelten kann, ſo darf man es wohl um ſo getroſter in Kaſchmir ſuchen, als auch die Aſtaten die⸗ ſes Thal„das Paradies von Indien“ nennen. 184 In ſchweigender erhabener Pracht lagern ſich am fernen Horizonte die himmelſtürmenden, ewigen Eismaſſen des Himalaja, überragt von den majeſtätiſchen Formen des Dhawala⸗Giri. Wie ſich aber die Götter der allvernichtenden Größe entkleiden und in ſanfter Lieblich⸗ keit ſich herabneigen zu dem Sterblichen, ſo ſenken ſich auch hier Aſiens Eisrieſen allmählig herab zu imponi⸗ renden Voralpen und verlaufen ſich endlich in waldigen Bergen und in ſanft anſchwellenden Hügeln. Aber woher die Farben nehmen, wo die Töne finden, „den Blumengarten des ewigen Frühlings“ ähnlich zu malen, würdig zu beſingen? Wie an den Gatten das liebende Weib, ſchmiegen ſich Wälder und Alpenweiden an die Berge. Zwiſchen üppigen Getraide- und Reisfeldern liegen anmuthige Haine von Maulbeerbäumen. Wieſen, von wild wachſen⸗ den Roſen, Violen und Nareiſſen überſäet, wechſeln mit Zuckerrohr und Obſtgebüſchen. Um Eichen und Ahorn ſpinnt der Weinſtock bis an die Wipfel ſein grünes Blät⸗ ternetz, die vollen, ſaftigen Beeren zum köſtlichſten Feuer⸗ tranke bietend; während der Hydaspes ſeine kriſtallnen Fluthen in ſtiller Würde durch die Ebene rollt, und eine 185 Maſſe ihm freudig zuhüpfender Bäche in ſeinem ſegen⸗ bringenden Laufe aufnimmt. Und welche Farbenpracht der tauſend Blumen und Blüthen, die neben reifen Früchten prangen und von großen, bunten Schmetterlingen und goldſchimmernden Käfern umſchwirrt und umſummt werden? Und welche ſüße Klänge aus den dichtbelaubten Bäumen? Und Alles dies umſpült von einer reinen milden Luft, angelächelt von einem azurblauen Himmel, gereift und gezeitigt von den Strahlen einer kräftigen Sonne, deren Gluth doch wieder die von den Schneegebirgen herabwehenden Winde mäßigen. Dies iſt das Thal„Eden“— der Garten des Herrn— dies, Wandrer, iſt das Paradies der Erde!— Haſt Du ein reines Herz ſo tritt herein— und Du haſt gefunden, was Du ſo ſchmerzlich vermißt, ſo lange geſucht— einen inneren und einen äußeren Himmel! Und gewiß!— Kaſchmir wär' ein Paradies, wenn nicht— Menſchen darin wohnten.—— 186 II. Bhawalpura. Dem Thale entlang, auf dem breiten ziemlich gut erhaltenen Wege, zog eine Karavane. Die Zahl der Kameele, die Maſſe der Trabanten, die Pracht der An⸗ züge und vorzüglich der ſchneeweiße, reichgeſchmückte Elephant, welcher ſich mit majeſtätiſchem Schritte in der Mitte des langen Zuges bewegte, bewieſen, daß ſie einen Fürſten führe. So war es denn auch in der That. Auf dem, mit koſtbaren perſiſchen Teppichen und Kaſchmir⸗Shawls ge⸗ zierten Elephanten, ſaß unter einem Palankin, deſſen Stäbe und Decke von vergoldeten Bambusröhren, deſſen Kiſſen und Vorhänge aber von einem ſchweren purpur⸗ rothen Seidenſtoffe waren: Mahomed Azim Khan, der Beherrſcher von Kaſchmir. Azim Khan war noch ein ziemlich junger Mann. Seine hohe achletiſche Geſtalt, ſein ſchönes ausdrucks⸗ volles Geſicht, mit den funkelnden Augen und dem lan⸗ gen dunkeln Barte; ſo wie ſeine wahrhaft fürſtliche Klei⸗ 187 dung, gaben ihm ein imponirendes Aeußere. Seine Züge waren indeſſen ſtolzer als wild, und der edle Ernſt, welcher über ſie ausgegoſſen, wurde wohlthätig durch einen— bei aſiatiſchen Despoten ſeltenen,— Ausdruck von Güte gemildert. Sein Anzug zeugte von vrientaliſcher Prachtliebe und bewies, über welche Schätze der Herrſcher Kaſchmirs zu gebieten habe. Ueberaus ſchön ſtand ihm vor Allem der Turban von weißer Seide, auf welchem, durch eine Agrafe von Diamanten gehalten, ein hoher Reiherbuſch prangte. Kaftan und Beinkleider waren mit der Kopf⸗ bedeckung von gleichem Stoff und gleicher Farbe; erſte⸗ rer aber ſo dicht mit goldenen Sternen durchwirkt und mit Diamanten und Türkiſen beſäet, daß er, ſelbſt bei der leiſeſten Bewegung, einen die Augen blendenden Schimmer zurückwarf. Koſtbares Pelzwerk diente zu ſei⸗ ner Verbrämung. Den Hauptſchmuck des Fürſten aber machten ſeine Waffen aus, die an Kunſt und Pracht alles übertrafen, was man bis jetzt in jenen Gegenden geſehen. Sie waren Geſchenke Mahmud's, des Königs von Kabul, dem Oberherrn Azim Khans. Azim Khans Bruder, Futteh Khan Barukzy, war nämlich der Großvezier des Königs von Kabul, den er auf den Thron geſetzt und durch ſeine Tapferkeit auch auf demſelben erhielt. Mahmud verehrte in Fut⸗ teh Khan, und dies mit Recht, einen eben ſo großen Staatsmann als Helden und erkannte in ihm die Haupt⸗ ſtütze ſeines Reiches. Er gab daher, zumal da er von der Treue des Großveziers überzeugt war, die Laſt der Regierung und mit ihr ſeine ganze Macht in Futteh Khan's Hände und überließ ſich ſelbſt mit wilder Lei⸗ denſchaftlichkeit allen nur erdenklichen Ausſchweifungen. Futteh Khan machte dem in ihn geſetzten Ver⸗ trauen Ehre. Er regierte in ſeines Herren Namen weiſe und gerecht, erweiterte bei jeder günſtigen Veranlaſſung die Grenzen des Reiches und brachte auf dieſe Weiſe auch die wegen ihres außerordentlichen Reichthums wich⸗ tige Provinz Kaſchmir an das Königreich Kabul. Zum Dank für dieſen großen Dienſt ernannte unter An⸗ derem Mahmud den Bruder ſeines Großveziers zu ſei⸗ nem Statthalter in der neu eroberten Landſchaft und ſo beſtieg Azim Khan den Thron dieſes geſegneten Reichs, über welches er nun, gegen eine gewiſſe Abgabe, ſelbſt⸗ ſtändig herrſchte. Azim Khan glich an Gerechtigkeitsliebe ſeinem Bru⸗ der und Kaſchmir erfreute ſich unter ſeinem Zepter einer milden Herrſchaft. Darum liebten ihn auch ſeine Unterthanen und ſegneten ſein Haupt. Aber welches Menſchenleben hätte niemals Zweifel getrübt?— und wo kehren die Sorgen lieber ein, als unter den goldnen Reifen fürſtlicher Diademe. Azim Khan beſaß Alles, was ſich nur ein Menſch wünſchen kann. Unerſchöpfliche Reichthümer, ein wunder⸗ ſchönes Reich, Geſundheit, Ehre, ſchöne Weiber; und dennoch war er nicht glücklich, denn— er hatte, wenn auch in ſeinem Lande ſelbſtſtändig, dennoch einen Des⸗ poten zum Herrn. Wie aber kann ein Menſch ſich be⸗ haglich auf den Kiſſen der Ruhe betten, wenn über ſei⸗ nem Haupte beſtändig ein Schwert hängt?— Und wa⸗ ren Kaſchmir's Reichthümer nicht eine gefährliche Lock⸗ ſpeiſe für einen nimmerſatten Wüſtling und Verſchwender? Wie leicht konnte ein unlauterer Wunſch in Mahmud's habgieriger und blutdürſtiger Seele laut werden?— und eines Despoten Wunſch iſt auch Vollzug und Ge⸗ währung. Dieſe Gedanken ſchreckten Azim Khan gar manch⸗ mal mitten im heiterſten Genuſſe; er ſchlürfte ſie im Sorbet, er athmete ſie ein unter wollüſtigen Küſſen;— ja ſie umgaukelten ſein nächtliches Lager und neckten 190 ihn in geſpenſtigen Träumen. Da beſchloß der Herrſcher Kaſchmir's, der qualvollen Sorgen müde, ſich Gewiß⸗ heit über ſeine und ſeines Hauſes Zukunft zu verſchaffen. In einer der reizendſten Gegenden der ſüdlichen Ab⸗ dachung des großen Kaſchmirthales wohnte,— das wußte er— eine weit und breit berühmte Zauberin. Bha⸗ walpura war ihr Name. Niemand konnte ſagen wo⸗ her ſie gekommen, Niemand kannte ihr früheres Leben, aber alle Welt verehrte die Alte als eine fromme und eifrige Mahomedanerin, der durch des Propheten Gnade die Gabe geworden, Wunder zu wirken und vor allen Dingen die Zukunft zu erforſchen. Bhawalpura's ſtiller Zufluchtsort ward daher bald zum Ziele vieler Pilgerſchaften und ihre Heilungen, Vorausſagungen und Wunderthaten hatten ihr längſt einen großen Ruf und einen gefeierten Namen verſchafft, als ſich auch Azim Khan entſchloß, ſie zu beſuchen, um durch ihren prophe⸗ tiſchen Geiſt Gewißheit über ſeine Zukunft— und damit innerliche Ruhe zu erhalten. So bewegte ſich denn die Kgravane dem Aufent⸗ haltsorte der Zauberin zu. Zweimal hatte bereits die Sonne ihre Bahn vvollendet, ſeitdem die Pilger die Hauptſtadt verlaſſen, und neigte ſich müde eben jetzt 191 wieder ihrem Untergange zu. Da befahl Azim Khan „Halt“ zu machen, denn er gewahrte, daß ſie in der Nähe des Berges angekommen, in deſſen Schooße Bha⸗ walpura hauſte. Auf den Wink des Fürſten aber ent⸗ faltete ſein Gefolge eine überraſchende Thätigkeit. Die Kameele knieten nieder, ihren Rücken entnahm man die drückenden Laſten der Zelte und in wenigen Minuten ſtand vor Azim Khans Augen die luftige Stadt. Da verließ auch der Herrſcher ſeinen erhabenen Sitz und ſtieg nieder in das Zelt, welches geübte Hände in der Mitte des Lagers für ihn bereitet. Und als ſich nun der Fürſt auf den koſtbaren Tep⸗ pichen, die den Boden des ſeidenen Hauſes bedeckten, niedergelaſſen, ſprach er zu ſeinem vornehmſten Begleiter: „Mache Dich auf Achmet, nimm Dir ſieben ver⸗ trauten Männer, beſteige mit ihnen die Dromedare und eile hin nach der Höhle Nanti. Dort wirſt Du Bha⸗ walpura finden, die fromme Dienerin des Propheten. Tritt zu ihr, lege die reichen Geſchenke, die ich für ſie mitgebracht, zu ihren Füßen und ſprich wie ich Dir jetzt ſage: „Azim Khan der Beherrſcher Kaſchmir's hat ſein Haupt verhüllt, wartend vor der Thüre Deiner Hütte. Er ſendet Dir den Gruß der Gläubigen und bittet Dich, 2 den Stern des Heils, die Gaben anzunehmen, die er Dir ſendet. Sein Verlangen aber iſt, Du mögeſt ihn leſen laſſen in dem Spiegel Deiner Weisheit: ſeines Hauſes Schickſal und ſeiner Tage Ziel.“ Und als Azim Khan dies geſprochen, beugte ſich der Mann ſeines Vertrauens dreimal, mit der Stirne den Staub berührend, und that ſodann wie ihm befohlen. Die Dromedare trappten leichten Schrittes durch den Sand und ſtanden nach Verlauf einer halben Stunde vor der Höhle Nanti, an deren Eingang eine Sklavin die kleine Karavane empfing. Sie grüßte die Fremden auf das freundlichſte, hieß ſie von ihren zwei⸗buckligen Renner niederſteigen und fragte ſie nach ihrem Begehren. Als ſie es erfahren, ging ſie in den Berg, Bhawal⸗ pura von dem Wunſche der Ankömmlinge zu unterrich⸗ ten, kam aber gleich darauf wieder zurück, die Pilger einladend ihr zu folgen. Azim Khan's Vertrauter und ſeine, die Geſchenke tragenden Begleiter, ſchritten nun durch eine lange düſtere Höhle, die nur matt von einer blauen Flamme erleuchtet wurde, welche im fernen Hintergrunde brannte. Wun⸗ derbar liebliche Düfte wehten ihnen entgegen und ſelbſt 193 ihren Ohren ſchmeichelten ſanfte, wie aus weiter Ferne herüberklingende Töne. Als ſie ſo an hundert Schritte gegangen, gebot ihnen plötzlich die Sklavin ſtille zu ſtehen. Das Mädchen gab ein Zeichen, die Wand öffnete ſich und vor den Ueberraſchten lag ein prächtiger feen⸗ hafter Saal. Das ganze Gemach, den Fußboden ausgenommen, welchen perſiſche Teppiche bedeckten, ſchien aus einem un⸗ geheuern Diamanten gehauen; ſo blitzten die Reflexe der einzigen Flamme, die in einer goldnen Schale in der Mitte des Saales brannte, von den Wänden und der Decke. Auf eine ſeltne Weiſe hatte ſich hier Kunſt und Natur vereinigt, ein eben ſo herrliches als impoſantes Ganze zu bilden. Der Saal war eine, von der Natur gebildete Steinſalzhöhle. Die Wände hatten Menſchen⸗ hände geebnet, ſo daß ſie nun wie Spiegelflächen an den vier Seiten dahin liefen; während die Decke in ihrer Urbildung Kriſtalle an Kriſtalle reihte, und ſo von Mil⸗ lionen kleinen und größeren Flächen das Licht in ſeinen aufgelöſten prismatiſchen Farben, gleich einem unendlich reichen Sternenhimmel, niederſtrahlte. Wunderbar nahm ſich in dem unſicheren Dämmer⸗ ſcheine der ſich ſo tauſendfach durchkreuzenden Lichtſtrahlen, 13 194 eine weibliche Geſtalt aus, welche, hinter der in goldner Schale brennenden Flamme kauernd, aus dunkeln Ge⸗ wändern, wie eine Mumie aus der Nacht des Grabes hervorſchaute. Und wahrlich! einer Mumie gleich an Farbe und Fleiſchloſigkeit, war das eingefallene, tiefge⸗ furchte, dunkelbraune Geſicht; das, unbeweglich vor ſich hinſtarrend, nur durch die ſchwarzen, in unheimlicher Gluth blitzenden Augen, Geiſt und Leben verrieth. Den⸗ noch trugen dieſe eingetrockneten Züge einen Ausdruck von Stolz und Herrſchſucht, den Früchten der faſt gött⸗ lichen Verehrung, mit welcher, ſeit einer langen Reihe von Jahren, das Volk zu ihr aufzublicken gewöhnt war. Die finſtere Geſtalt aber war Bhawalpura, die Zauberin. Ein tiefe, mehrere Minuten anhaltende Stille folgte dem Eintreten der Abgeſandten Azim Khan's. Die erſten Gefühle, welchen dieſen überkamen, waren Stau⸗ nen und heilige Scheu; Beide warfen ſie vor der Alten, wie vor ihrem Fürſten, nieder, und ihrem Munde ent⸗ fuhren nur die Worte des Abendſegens:„Maſch⸗Allah“ (ergebe Deine Seele den Rathſchlägen des Heern). Lange lagen ſie ſo in den Staub geſtreckt vor der begünſtigten Freundin des Propheten und ihre Augen 195 wagten ſo wenig aufzublicken, als ihr Mund zu ſprechen. Da hub plötzlich die Zauberin an und ſagte mit tiefer feſter Stimme:„Glücklich ſind die Gläubigen, die ſich demüthigen bei ihren Gebeten und ſich ferne halten von unnützen Worten und reichlich Almoſen geben, denn ſie werden das Paradies erben und ewig darin woh⸗ nen.*) Seid mir daher gegrüßt, Ihr Rechtgläubigen, im Namen des allbarmherzigen Gottes, der da ſein Wort geoffenbaret hat zu Mekka. Schließet auf Euren Mund und laſſet Eure Zunge reden, damit mein Herz erfahre, was Eure Seele verlangt.“ Und der Abgeſandte des Khan's erhob ſein Antlitz und ſprach: „Wie die Wüſte lechzt nach dem Regen, alſo ſehnt ſich das Herz des Gläubigen nach der Gnade des Pro⸗ pheten. Uns ſendet ein Höherer und ſpricht:„Ich, der Beherrſcher Kaſchmir's, habe mein Haupt verhüllt, wartend vor der Thüre Deiner Hütte. Ich ſende Dir, Stern des Heils, den Gruß der Rechtgläubigen und flehe zu Dir, die Gaben anzunehmen, die ich Dir ſende.“ * Worte des Korans. 23 Sure. 196 Bei dieſen Worten legten die Begleiter des Reden⸗ den ihre Bürde vor der flammenden Opferſchale nieder. Es waren koſtbare Dinge, über welche die Augen Bha⸗ walpura's, nicht ohne einen Ausdruck von Gierde ſtreif⸗ ten. Goldne und ſilberne Gefäße, eine große Opferſchale von dem reinſten Bergkriſtall, mit wunderbarer Kunſt geſchliffen und vergoldet. Lange Schnüre ſchneeweißer Perlen und— waos ja in jener Gegend nie fehlen durfte Kaſchmir⸗Shawls von ſeltner Feinheit und Zärte und überaus geſchmackvollem Gewebe. Und der Führer fuhr fort und ſprach: „In dem heiligen Buche ſteht: Bei dem weiſen Ko⸗ ran! Du biſt einer der Geſandten Gottes, um den rich⸗ tigen Weg zu lehren. ¹0) Alſo nimm hin die Opfer, die ein Knecht Allah's Dir bietet, deſſen Verlangen es iſt, in dem Spiegel Deiner Weisheit zu leſen: ſeines Hauſes Schickſal und ſeiner Tage Ziel.“ „Mahomed Azim Khan ſei willkommen“— ent⸗ gegnete ohne die geringſte Bewegung Bhawalpura— „die Pflichten eines guten Moslim erheiſchen: in Aus⸗ ſagen wahrhaft zu ſein und die Verſprechen zu erfüllen. *) Koran 36 Sure. 197 Alſo ſoll dem Herrſcher geſchehen wie dem Knechte. Wende Du aber Deine Schritte nach der Oaſe der Wüſte,*) in deren duftigem Schatten die Quelle des Heiles ent⸗ ſpringt, die mit ihren ſegenreichen Fluthen das Thal Eden bewäſſert und ſprich: die Dienerin des Propheten harret Dein in der kommenden Nacht, aufzuſchlagen die Bücher Hafiz und Sadi und zu deuten dem Herrſcher Kaſchmir's das Orakel ihrer Worte. Aber läutere Deine Seele durch Gebet und Faſten und nahe allein der hei⸗ ligen Stelle.“ Als ſie dies geſagt, löſchte ihre knöcherne Hand das Feuer in der goldnen Schale und der ſchimmernde Saal ſank in die tiefſte Nacht zurück. *) Azim Khan. 198 III. De Ewßch erin umg⸗ Die erſehnte Nacht hatte ſich herabgeſenkt. Aber welch' eine Nacht umfing„die Gärten des ewigen Frühlings?“ Der Sternenhimmel hing wie ein goldner Blüthen⸗ baum ſchwer und voll über die Welt und ſein Hauch, der Athem eines höhern Lebens, erquickte mit leiſer Hoffnung die Seelen der Sterblichen. Blumen und Pflanzen öffneten ihre Kelche und opferten dem Alllieben⸗ den ſüße Weihrauchdüfte. Das Luftmeer ſchlug in wei⸗ chen üppig⸗lauen Wellen an die Ufer der Erde, über die friedliche Träume ſpielend zogen. Allüberall kündete ein heimliches Säuſeln und Flüſtern das ſehnſuchtvolle Suchen . und Werben der alles durchfluthenden Liebe, die ihren Kindern ein nahes, unendliches Glück verhieß. Azim Khan erfüllte das Schweigen der großen Brautnacht mit wunderbaren Gefühlen. Auch in ſeinem — Herzen regte ſich jener göttliche Trieb, der Himmel und Erde verbindet; aber die Geſtalten ſeiner Frauen gingen —22 kalt an ihm vorüber— er fühlte zum erſtenmal in ſei- nem Leben, daß er genoſſen und doch nie geliebt habe, er ſehnte ſich nach einem Weſen, welches ihm genüge, welches ſein Herz und ſeine Seele erfülle; ihn durch äußere und innere Schönheit nicht nur entzücke und hin⸗ reiße, ſondern ihn auch feſſte. Aber wo ein ſolches fin⸗ den?— Er breitete ſeine Arme ſehnſüchtig aus— ſie ſanken kraftlos nieder— denn nur die Luft hatte er um⸗ fangen, nur Bilder ſeiner glühenden Phantaſie waren es, die ſeinem Geiſtesauge vorüberſchwebten. Doch! ſtand er nicht an der Pforte der Höhle Nan⸗ tis?— Sollte ihm nicht die nächſte Stunde Gewißheit über ſeine Zukunft bringen?— Konnte ſie ihm nicht auch vielleicht eine freundliche Botin der Liebe ſein? Azim zitterte. Er ſah ſich haſtig nach einem leben⸗ den Weſen um, das ihm den Weg zeigen, ihn zu Bha⸗ walpura führen könne. Aber keine Seele war zu ſehen, er ſtand allein in der träumenden Natur. Horch!— da zogen leiſe Töne zu ihm herüber, ſo voll, ſo rein, ſo ſüß, als kündeten ſie eine Botſchaft des Himmels. Es war eine weibliche Stimme. Sie ſchien aus dem Inneren des Berges zu kommen und doch klan⸗ gen die Worte ſo deutlich an ſein Ohr, als ob kein 200 Körper ihn von der Singenden trenne.— Die Stimme aber klagte in weichen Molltönen das Leid eines ein⸗ ſamen Herzens. Lieblich blüht in Eden's Thale Djeli's Roſe wunderbar, Da im Mond⸗ und Sonnenſtrahle Er ihr treuer Schutzgeiſt war. Mutter Erde, an dem Herzen Trug ſie das geliebte Kind; Selbſt die wildeſten der Schmerzen Warden durch die Liebe blind. Sieh! da riß ein kalter Schauer Sie vom Boden höhniſch los. Welken nun in Leid und Trauer Iſt der Blume ſchmerzlich Loos. Ach! und doch wohnt in der Roſe Ein ſo heißer Liebesdrang, Daß, ſelbſt aus dem welken Schvoße, Sich ihr Duft noch aufwärts rang. 201 Fühlt kein Weſen dieſe Gluthen, Dieſe bitter⸗ſüße Luſt? Soll ein liebend Herz verbluten, Einen Himmel in der Bruſt? Djeli, ach!— eh' ſie verblühet, Stille dieſer Sehnſucht Drang! Einmal töm, eh ſie verglühet, Ihr der Liebe Zauberklang. Die Töne verhallten wie ſchmerzliche Seufzer einer . ſehnſüchtigen Bruſt. Azim fühlte die Leiden der Unbe⸗ kannten in ſeiner Seele nachzittern. Verrieth ihm doch das Lied, das in dem Herzen der Unſichtbaren, wie in dem ſeinen, eine Fülle von Liebe wohne, die ſich in eig⸗ ner Gluth verzehre. Ein gewaltiger, unerklärlicher Zug trieb ihn dem Weſen entgegen, welches das ſüße Bedürf⸗ niß zu lieben und geliebt zu werden mit ihm theilte. Aber ſein Auge ſuchte, ſein Ohr lauſchte umſonſt. Vor ihm ſtieg eine nackte Felswand— faſt ſteilrecht— hoch in die Lüfte, um ihn her war alles Nacht und in das alte Schweigen zurückgeſunken. 202 Die ängſtliche Sorge über ſeine Zukunft übertäubte jetzt noch der ungeduldige Wunſch die Unſichtbare zu finden. Da aber die Löſung für beide Räthſel die Höhle der Zauberin zu bergen ſchien, entſchloß ſich Azim kurz, den Eintritt in dieſelbe zu wagen. Der finſtere, auch heute nur matt erhellte Gang, welchen den Tag zuvor ſchon ſeine Abgeſandten durch⸗ ſchritten, nahm ihn bald auf. Feſten Schrittes eilte er ihm entlang, bis ihm das unerwartete Aufſpringen einer verborgen Thüre den prächtigen Anblick des Kriſtall⸗ Saales gewährte. Aber heute ſchmückten noch reiche Blumengewinde und cabaliſtiſche Verzierungen die Wände. Aus der gold⸗ nen Opferſchale zog ihm ein lieblicher Arom entgegen, der in leichten, duftenden Wölkchen durch die ſchimmernde Halle ſchwamm und die farbigen Lichtblitze der Kriſtall⸗ decke in flammende Sternchen wandelte. Azim war, überraſcht von dem Glanz und der Lieb⸗ lichkeit des Anblickes, unter der Pforte ſtehen geblieben. Als aber der erſte Eindruck verflogen, geſellte ſich ſeinem Staunen die Bemerkung bei, daß ſich auch hier kein le⸗ bendes Weſen befinde. Indeſſen er trat ein; da ja ſchon das ſelbſtſtändige Aufſpringen der verborgenen Thüre 203 eine unſichtbare Leitung ſeiner Schritte verrrieth. Viel⸗ leicht hatte er die Prophetin hier zu erwarten?— Er geduldete ſich, aber es erſchien Niemand. Da däuchte es ihm, als höre er abermals jene lieblichen Töne, die ſchon im Freien ſein Ohr getroffen, ſein Herz ſo mächtig be⸗ wegt. Er lauſchte und fand, daß er ſich nicht getäuſcht. Aber dieſesmal waren es zwei Stimmen, die bald in lieblichem Wechſelſange, bald verbunden, ihn zu fernerer Wanderung zu locken ſchienen. Gerne folgte Azim Khan dem holden Rufe. Er durchſchritt den Saal und trat abermals in einen dunk⸗ len Gang. Weite Gemächer in Felſen gehauen öffneten ſich ihm. Sie waren ſämmtlich leer und die nackten grauen Wände warfen nur matt den Schimmer einzelner Flammen zurück, die auch hier in koſtbaren Gefäßen bren⸗ nend, Weihrauchdüfte verbreiteten. Aber immer noch trat dem Suchenden kein menſchliches Weſen entgegen, doch wuchſen die ihn leitenden Töne an Kraft und Ver⸗ nehmlichkeit und ließen auf ein baldiges Zuſammenſtoßen mit Bhawalpura und ihren Geiſtern hoffen. Da ſchwand in den letzten Hallen auch noch das ſchwache Licht und Azim ſah ſich genöthigt, ſich mit den Händen an den kalten Steinwänden in dem immer 5 204 enger werdenden Raume hinzufühlen. Aber ſein Muth wankte nicht und ſeinen Eifer reizten nur die ſü⸗ ßen Stimmen, die nun vollkommen deutlich zu ihm drangen: Um des Feuers heil'ge Quelle, Die in klarer, duft'ger Welle Aus dem Schvoß der Erde rinnt, Sammelt Geiſter eure Schaaren, Sammelt euch, ihr Wunderbaren, Denn der Zauberruf beginnt. Ihr, der Elemente Söhne, Kennt des Weltalls Werth und Schöne, Kennt allein der Liebe Geiſt, Die im Großen wie im Kleinen, Im Gewähren und Verneinen, Seele Gottes ſich beweiſt. Steiget auf und ſteiget nieder, Schüttelt euer Duftgefieder, Daß ſein Hauch mich ſehend macht. 2035 Daß des Geiſtes ſcharfe Augen In der Menſchheit Zukunft tauchen, In des Schickſals düſtren Schacht. Einem Reinen ſei gegeben, Was das ew'ge Licht und Leben Seinen Kindern ſonſt verſagt. Ruhe einem Herzen ſchenken Heißt zu freud'ger That es lenken, Hört ihn dann, wenn er euch fragt. Um des Feuers heil'ge Quelle, Die in klarer, duft'ger Welle Aus dem Schooß der Erde rinnt; Sammelt Geiſter eure Schaaren, Sammelt euch, ihr Wunderbaren,— Denn der Zauberruf beginnt. Die letzten Strophen waren noch nicht beendet, als der dunkle Weg des Suchenden um eine ſcharfe Ecke bog.— Azim wandte ſich um— und ſtand athemlos. Er war im Freien. Leichte Luftwellen umſpielten ihn, aber auch auf ihren Fittigen ruhte ein betäubendes 206 Arom. Ueber ſeinem Haupte prangte der Sternenhim⸗ mel; vor ſeinen Blicken lag, in magiſche Dämmerung ge⸗ hüllt, ein Miniaturbild Edens. Nur die Hand einer Fee konnte ein ſolches Bild ſchaffen, nur Zauberkräfte vermochten Blumen und Bäume, Gräſer und Pflanzen in ſolcher Prachtfülle dem Schooß der Erde zu entlocken, der ganzen Natur eine ſolche Uep⸗ pigkeit, einen ſolchen Farbenglanz einzuhauchen. Vor Azim lag eine Wieſe, wie ein koſtbarer Tep⸗ pich aus den Smaragden des Graſes, den Opalen der Lilien, den Türkiſen der Vergißmeinnichte, dem bunten Edelſteingewühle der tauſend Narciſſen, Violen und Hya⸗ cinthen gewoben. Aus der dunklen Laubfülle, die an beiden Seiten die Wieſe begränzte, ſchimmerten die ru⸗ binfarbigen Granatäpfel, die goldnen Orangen, der Schnee unzähliger Blüthen. Zwei ſchattige Gänge von Weinranken zogen an der grünen Wand hinauf, und wuchſen in dem Eingange einer Felſengrotte zu einem majeſtätiſchen Triumphbogen auf, über deſſen Spitze ſchlanke Palmen ihre Blätterkronen im leiſen Lufthauche wiegten. In dem geheimnißvollen Dunkel der Höhle aber brannte, in kriſtallner Einfaſſung, eine blaue Naphta⸗ 207 Flamme, deren Nahrung— ein durchſichtig gelbes duf⸗ tendes Bergöl,— aus den Ritzen der Steine ſickerte, und, der vollen Schaale entſtrömend, in einem brennen⸗ den Bächlein durch die Wiefe floß. Der flackernde Schim⸗ mer beleuchtete eine Gruppe von drei weiblichen Weſen. Die Mitte bildete eine verhüllte, zuſammengekauerte Ge⸗ ſtalt, deren Mumienantlitz unbeweglich in das heilige Feuer ſtarrte. Wenn aber Azim bei dem Anblicke Bhawalpura's erbebte, wenn ihre graſſen Blicke, ihre Todtenruhe, ihre tiefgefurchten, eingedürrten Züge ihn mit einem geheimen Schauer erfüllten,— riß ihn die Anmuth, der Zauber, die Schönheit der beiden, mit über der Bruſt gekreuzten Armen neben ihr knieenden Geſtal⸗ ten, zur Begeiſterung hin. Gegen die Sitte des Landes waren die Mädchen unverhüllt und zeigten ſo in den reizenden Zügen die ganze Fülle jugendlicher Friſche, orientaliſcher Schöne. Turban und Kleidung waren bei Beiden von dem zarteſten roſafarbenen Seidenſtoff und ſo reich als geſchmackvoll mit milchweißen Perlen ver⸗ ziert. Weiße Schleier fielen von ihren Häuptern herab und ſchienen die lieblichen Geſtalten wie lichte Wölkchen zu umweben. 208 Azim ſtand bezaubert. Aber ſein Staunen wandelte ſich in Entzücken, als das älteſte der Mädchen die langen ſeidenen Wimpern langſam emporſchlug und nun ein un⸗ ausſprechlich ſehnſüchtiger Blick ihn traf. Welches Meer der Liebe, welche Wehmuth, welche verzehrende Gluth lag in dieſem Blicke. Sie nur— und ſie allein— konnte jenes liebedurſtende Lied geſungen haben. Und ihr Blick, ihr Erröthen, der Seufzer, der ihren Buſen hob, ſie alle wiederholten: Ach! und doch wohnt in der Roſe Ein ſo heißer Liebesdrang, Daß, ſelbſt aus dem welken Schooße, Sich ihr Duft noch aufwärts rang. Der Beherrſcher Kaſchmir's zitterte in heißem Ver⸗ langen. Gewohnt an unumſchränkte Willensfreiheit, an die augenblickliche Erfüllung ſeiner leiſeſten Wünſche, ließ ihn die ſchnell erwachte Leidenſchaft alles vergeſſen, und er war eben im Begriffe auf das himmliſche We⸗ ſen loszuſchreiten, als ihn der ſtarre Blick Bhawal⸗ pura's traf. Das Todtenantlitz der Zauberin brachte Azim zu ſich, und ſich raſch faſſend, ſagte er * 209 mit auf der Bruſt gekreuzten Armen und einer leiſen Verbeugung: „Im Namen des allbarmherzigen Gottes und ſeines Propheten, ſei mir gegrüßt, Spiegel der Wahrheit.“ „Inſch⸗Allah!“*) entgegegnete in tiefer Stimme Bhawalpura.—„Der Herr ſprach: O ihr Gläubigen, ſobald euch ein Prophet einladet, ſo geht hin zu ihm und höret ſeine Worte; denn Gott und ſeine Engel ſeg⸗ nen den Propheten, darum ſegnet ihn auch und grüßet ihn mit freundlichem Gruße. So du nun eingetreten biſt bei mir, Herrſcher Kaſchmir's, Stern der Sterne, getreuer Diener des Propheten und haſt Deine Stimme erhoben und die Nacht gefragt nach dem Tage, ſo hab' ich gebetet zum Herrn Himmels und der Erde, und habe angezündet das heilige Feuer der Ouelle zu Nanti und die Elementargeiſter ſind erſchienen. Vor meinen Augen liegt nun das Buch Hafis, um es aufzuſchlagen und Dir zu künden der Zukunft Stimme.“ „Darum, Beherrſcher Kaſchmir's, du Stern der Sterne, verhülle Dein Antlitz und bete mit mir.“ * Inſch⸗Allah!(Vertraue der Vorſehung.) Der Morgenſegen der Moslims. 14 Azim Khan und die beiden Mädchen gehorchten, und Bhawalpura fuhr fort und rief faſt mit wilder Stimme folgende Stelle des Korans: „Lob und Preis ſei Gott, dem da angehört Alles, was im Himmel und auf Erden iſt. Lob ſei ihm auch in der zukünftigen Welt. Er iſt der Allweiſe und All⸗ wiſſende. Er kennt was in der Erde eingeht und was aus ihr hervorkommt, und was vom Himmel herabſinkt und was zu ihm aufſteigt, und was die Vergangenheit gab, die Gegenwart kriegt und die Zukunft verhüllt. Darum mögen ſeine Diener meines Geiſtes Auge ſtär⸗ ken und Geſchicklichkeit geben meiner Hand.“ Als Bhawalpura dies Gebet geendet, begannen ihre engelſchönen Gefährtinnen einen neuen, geheimniß⸗ vollen Sanß. Die Zauberin legte das Buch Hafis vor ſich nieder und ſchlug es zu verſchiedenenmalen auf, dem Zufall überlaſſend, welche Stelle er ihr zur Prophe⸗ zeihung darbiete. Nachdem der Geſang beendet, erfolgte eine lange Stille. Azim Khan mußte neuerdings ſein Haupt ver⸗ hüllen. Nach einiger Zeit ſprach die Zauberin feierlich: 211 „Kabul's Sonne, roth vor Zorn, Trocknet aus der Gnaden Born. Der, der ihr einſt Licht gegeben, Büßt die Treue mit dem Leben. Schaudernd wird in ſpäten Tagen Man die Schandthat noch beklagen; Doch durch ſie wird Kaſchmir's Stern, Herr des Herrn und ſelbſt zum Herrn; Und dann ſoll, noch mehr als Kronen, Ihn der Duft der Roſe lohnen.“ Auf dieſe Worte folgte eine abermalige Stille. Ein dichter Schleier fiel über Azim's Haupt. Eine zarte Hand erfaßte die ſeine. Schweigend— faſt zitternd von der ſüßen Berührung— folgte er der ſtummen Führerin durch lange, finſtre Gänge. Endrich fühlte er wieder die friſche Nachtluft. Seine Begleiterin ließ ihn frei, drückte ihm einen Gegenſtand in die Hand— und war— als er nach einigen Minuten den Schleier lüftete— verſchwunden. Er ſtand wieder an dem Eingange der Höhle, und ein kleiner Blumenſtrauß war das einzige Andenken an die geiſterhafte Erſcheinung. 14* 1V. Do Sepvn ß „Blumen ſind die Engel der lebloſen Schöpfungz in ihrer Deutung ſtehen ſie höher als das Thier und der Menſch, und ſollen dieſem das Vorbild eines reinen und ſeligen Lebens ſein.“*) Was könnte auch in der weiten Schöpfung der Phan⸗ tafie des Dichters, dem finnig⸗petiſchen Geiſte der Frauen näher liegen, als die lieblichen Kinder des Frühlings, die in den mannichfaltigſten aber immer ſchönen Formen und in dem reichſten Schmucke der Farben das junge Jahr bekränzen, die das ſtarre Reich des ewig Todten und der Finſterniß mit dem freundlichen des Lichtes und des Lebens verbinden. Und ſprechen nicht die zarten Ge⸗ bilde des Lenzes, die Blumen, in dentlicher Sprache zu iedem reinen Herzen? Wie tief es in der Eigenthümlichkeit des Menſchen begründet iſt, ſein eignes, intenſives Leben auch den leb⸗ *) F. Ehrenberg. 2 — 13 loſen Gegenſtänden ſeiner Umgebung einzuhauchen, be⸗ weiſt ſchon die Culturgeſchichte der Menſchheit, beweiſt noch jeden Tag eben jener mächtige Drang unſeres Inneren. Faſt alle Völker des Alterthums folgten in ihrer kindlichen Einfachheit dieſem Triebe und riefen, durch ihre urkräftige Phantaſie geleitet, Geiſter⸗ und Götter⸗ Welten hervor, deren dichteriſche Lieblichkeit wir noch jetzt bewundern. Wer dächte hier nicht vor Allem an die mythologiſchen Gebilde des freundlichen Hellas, in deſſen geſegneten Auen jeder Quelle eine Nymphe, jedem Baum eine Dryade, jeder Blume ein Genius gege⸗ ben war. Die geiſtreichen und feinfühlenden Griechen ſcheinen denn auch zuerſt den ſchönen Gedanken einer Blumen⸗ ſprache empfangen und ausgeführt zu haben; da uns in ihren Gebräuchen, MWyſterien und Dichtungen, Spuren einer ſolchen entgegentreten. Liegt nicht in den Armen der Nacht, der geheimniß⸗ vollen Mutter alles Schönen, der mohnbekränzte Schlaf? Winkte den Helden nicht der Lorbeer? Schmücken nicht Blumen die freundliche Flora? hält Ceres Hand nicht die volle Aehre? Griechenland's Götterhimmel aber brach donnernd zuſammen und verſank in dem Reiche Saturn's. Doch das wahre Schöne kennt keine Vergänglichkeit, denn es iſt ein Abdruck des Göttlichen. So lebt denn auch in unſerem Herzen jene hochpoetiſche Mythologie noch fort, ſo flüchtete die zarte Sprache der Blumen in den Orient, und blühte hier, in den einſamen Harems,— in den oft noch einſameren Herzen liebeglühender Frauen erſt recht auf. Das ſinnreiche Spiel einer üppigen Phantaſie fand in dem feurigen Temperamente der ſchönen, jungen und leidenſchaftlichen Morgenländerinnen einen fruchtbaren Boden. Den Einſamen wurden die Blumen eine Sprache ihrer Hoffnungen, ihrer Wünſche, ihrer Sehnſucht und ihrer Liebe— ja ſelbſt der verzehrende Gram, die bittre Täuſchung, die wild aufflammende Rachſucht, fan⸗ den in ihr ſymboliſche Darſtellung. Sollte ſich Azim Khan auf die lieblichen Hiero⸗ glyphen nicht verſtehen?— Seine Augen bemühten ſich emſig im erſten Dämmerſcheine des Morgens die Blu⸗ men des Sträußchens zu unterſcheiden, welches die weiche warme Hand der unſichtbaren Führerin in die ſeine ge⸗ drückt. Es ſchwebte dabei nur eine Geſtalt vor ſeiner ſtürmiſch bewegten Seele,— nur eine Geſtalt, in 2¹⁵ welcher ſich die Singende, die Leidende, die Betende verwoben. Nur mit Mühe vermochte ſein Auge die Blüthen zu erkennen; aber der ſcharfe Sinn eilte dem materiellen Lichte voraus, geiſtiges Licht aus dem heimlichen Zuge der Liebe ſchöpfend. Er überblickte die Ordnung des Straußes und nahm alsdann die einzelnen Blumen. „Balſamroſe?“— ſagte er freudig erglühend.— „Laß ſtets mein Bild in Deinem Herzen wohnen!“— Stechpalmenblatt, verbunden mit Rosmarin und Seiden⸗ blumen?—„Ich bin unglücklich, nur wenn Du nahe biſt, erfreut mich der Glanz der Sonne, des Mondes ſanfter Schimmer, ein Leben ohne Dich iſt mir Tod!“— Azim fuhr fort, aber er ward ſichtbar unruhiger. Die Blumen mußten ihm ſchwere Leiden des holden We⸗ ſens verkünden. Endlich entwirrte er dem duftenden Chaos eine Schlehen⸗Blüthe.„Rette mich!“ ſtammelte er, als er dieſelbe anſichtig wurde— aber die finſteren Falten der Stirne wichen ſchnell einer blitzenden Freude, und, eine weiße Narciſſe an ſein Herz drückend, rief er: „denn ich liebe Dich unendlich und würde ohne Dich hoffnungslos verſchmachten!“— 2¹6 Azim's Blut kochte. Vergeſſen war der unheil⸗ ſchwere Orakelſpruch; vergeſſen ſelbſt die heilige Scheu vor Bhawalpura's Macht. Im Aufwallen ſeiner Lei⸗ denſchaft galt ihm jetzt die Alte nur als die Unterdrücke⸗ rin der Geliebten. Die Zauberkraft, die er kaum noch als vom Himmel ſtammend anerkannt, dünkte ihm nun ein Werk böſer Geiſter. Er liebte. Er hatte als Herrſcher den Entſchluß gefaßt, das Mädchen, welches ihn ſo hoch entzückt, zu be⸗ ſitzen, und nur ſeiner ſtürmiſchen Erregung folgend, trat er auf's Neue in die Höhle. Die Flamme, die noch vor kurzem den langen Gang erhellt, war erloſchen. Nur ein finſtrer Blick Azim's zeigte ſeinen Unwillen hierüber; doch das kleine Hinder⸗ niß konnte ſeinen Vorſatz nicht erſchüttern. Er zog einen Dolch und ſchritt bedachtſam in der Finſterniß voran. Aber war es Zufall oder Zauberei?— Azim ſuchte um⸗ ſonſt nach jener Thüre, welche den Eingang in den Kri⸗ ſtall⸗Saal bildete. Die Höhle endete mit einer glatten Felſenwand. Trotz dem auflodernden Zorne ſuchte der Fürſt indeſſen lange Zeit mit bewunderungswerther Be⸗ harrlichkeit, und als er endlich ermattet von den vergeb⸗ lichen Bemühungen wieder aus dem Gange trat, ſtand 217 ſchon die Morgenröthe in ihrer ganzen Pracht am Firmament. Azim Khan's Zorn hatte ſich in der unbewachten, an unbedingte Erfüllung ihrer Wünſche gewohnten Seele zu einer finſteren Wuth geſteigert und wehe dem Unglück⸗ lichen, der ihm in dieſem Augenblicke entgegengetreten wäre!— So wandelt Despotismus, ſelbſt den Gerech⸗ teſten, oft in eine blutdürſtige Hyäne. Glücklicherweiſe wurde Azim am Ausgange der Höhle durch Etwas überraſcht, was ihn ſogleich beruhigte und ihn einer kälteren Ueberlegung zurückgab. Im Sande lag der Zweig eines Maulbeerbaumes, um welchen eine Bandſchleife gewunden war. Azim rollte letztere haſtig ab und ſagte, als ihm aus ſeidner Hülle eine ſchwarze Locke entgegenfiel:„Leb wohl, auf Wiederſehen!“— Er drückte ſodann das theure Pfand, das ihm jeden weiteren Rettungsverſuch für jetzt verbot, an den Mund, barg es an ſeinem Buſen und eilte, in wonnige Träume der Zukunft verloren, ſeinen Begleitern zu, die in einiger Entfernung ſeiner harrten. Erſt als ihm die gewohnte Umgebung den Zweck ſeiner Reiſe zurückrief, fiel A zim der Orakelſpruch Bha⸗ walpura's wieder ein, und ſeine Drohungen ſowohl, 218 als ſeine Verheißungen beſchäftigten den Beherrſcher Kaſchmir's auſ dem Rückwege; aber er konnte es nicht vermeiden, daß die Worte: Und dann ſoll, noch mehr als Kronen, Ihn der Duft der Roſe lohnen!“ ſtets das Bild der fernen Geliebten in die bunte Ge⸗ ſtalten ſeiner Phantaſie einwoben. V. Zwei Tage ſpäter ſaßen die beiden Mädchen, welche Azim zur Stunde der Weihe an Bhawalpura's Seite erblickt, in vertraulichem Geſpräche verloren bei⸗ ſammen. Der Abend war rein und ſchön, die Umgebung der lieblichen Kinder aber bildete jener kleine Zauber⸗ garten, in dem die Naphta⸗Quelle floß, und den die Natur in wunderlicher Laune zwiſchen ſchroffen Felſen geworfen. Einen verſchwiegeneren und paradieſiſcheren Ort als dieſes kleine, rings von ſenkrecht aufſteigenden, unzugäng⸗ lichen Felſen umgebene Thal, konnte man ſich kaum den⸗ ken. Seine Prachtfülle ließ ja ſelbſt den Beherrſcher Kaſch mir's erſtarren, deſſen Augen doch ſchon ſo viele himmliſche Gegenden erſchaut und an Glanz und Herr⸗ lichkeit gewohnt waren. Die Sonne war für Kaſchmir nach nicht unterge⸗ gangen; aber dem Garten, der ſich um die Quelle Nanti ſchloß, entzog ſie ſchon ihre Strahlen und nur die ſtolzen Felſenkämme, die ſich ringsum in die Lüfte hoben, er⸗ glühten noch im rothen Golde. Sulaika, die ältere der Schweſtern, lag, hinge⸗ goſſen auf einen Teppich, inmitten der blumenreichen Wieſe, und ihre ſchwarzen Feueraugen hingen, in tiefes Sinnen verloren, an der lieblichen Geſtalt Arola's. Letztere wand ſpielend Blumen zu einem Kranze und ſang dabei in kindlicher Unbefangenheit gluthathmende Liebeslieder des unſterblichen Hafis, von deren Inhalte ihr ruhiges Herz noch keine Silbe verſtand.„ Deſto tiefer griffen ſie in Sulaika's Secle und durchſchauerten ſie mit Luſt und Schmerz, mit A⸗ 220 und Verlangen. Unter dieſen Spielen trat Bhawal⸗ pura in den Garten. In die gewöhnlichen dunkelbraunen Gewänder ge⸗ hüllt, die mit dem Teint ihrer Haut faſt eine Farbe hatten, ſchritt ſie nur wenig gebückt einher, und den Ernſt und Stolz ihrer Züge minderte nur der Ausdruck tiefen Nachdenkens. Als die Mädchen die Prophetin anſichtig wurden, erhoben ſie ſich ehrerbietig, ja mit einem Anfluge von Furcht. Bhawalpura blickte ſie ſinnend an, ging dann bis zu einem Raſenſitze, ließ ſich nieder und winkte die Kinder herbei. Sulaika und Arola gehorchten. Sie nahmen den Teppich von der Wieſe auf, breiteten ihn vor der Alten aus und ſetzten ſich zu deren Füßen nieder. Nach einer kleinen Pauſe legte die Prophetin ihre Hände wie ſegnend auf die Häupter ihrer Schützlinge und ſprach: „Gelobt ſei Allah! der Euch in meine Hände gege⸗ ben, Eure Seele mir anvertraut hat. Rein ſteht ſie vor meinen Augen, weiß und glänzend, wie der Schnee auf des Raben Rücken. Ihr kennt nicht die Tücke der Welt, die Schlange die unter Blumen lauſcht; nicht das Ver⸗ 221 derben, das auf des Straußes Rücken dahereilt, den ängſtlich fliehenden Menſchen zu erreichen. Eures Vaters Seele tauchte der Allweiſe in Jammer, und Eurer Mut⸗ ter Herz brannte er rein in feurigen Strömen. Ihr aber wuchſet auf im Schatten der Friedenspalme und Eure Schöne leuchtet herrlicher als die Strahlen Koh-i- noor's!“*) „Prophetin!“— ſagte nach einigen Minuten des Schweigens Sulaika und das Zittern ihrer Stimme verrieth, daß ſie das Gewagte ihrer Bitte fühlte:„die Jungen im Neſte ſchreien nach ihrer Mutter; dem Tage folgt die Nacht, der Sonne der Wond,— Sulaika und Arola haben oft ſchon um die Mutter geſeufzt, deren Spur ſie ſo gerne gefolgt.“ Bhawalpura's Züge wurden auffallend finſter. Sie blickte eine Zeitlang ſtarr vor ſich hin, dann ſagte ſie entſchloſſen: „Ihr ſollt von ihr erfahren. Wer ein Pfand auf⸗ zubewahren hat, der ſoll es hüten; weſſen Herz ein Ge⸗ heimniß bewahrt, der lege das Siegel des Schweigens auf ſeinen Mund. Aber mein Geheimniß iſt auch Euer *) Des Lichtberges. Geheimniß und das Pfand bin ich bereit heimzu⸗ geben.“ „Die Geiſter der Quelle riefen mir das Wort:„al' Furkan“*) zu, und ſo wird denn auch der Fluch Eures Hauſes ſich bald löſen und Koh-inoor in ſeinem vollen Zauber ſtrahlen. Ihr aber kehret dann heim zu dem moſchusduftenden Zelte Eurer Mutter. Mit der Zeit reift die Frucht und der Baum kennt ſeine Wurzel; ſo öffne ich die Schleußen meines Herzens und nenne den Kindern den Namen ihrer Aeltern.“ „Wiſſet denn: Ihr ſeid die Töchter des unglücklichen Schah⸗Schudſcha, aus der Familie der Duranis, des Beherrſcher Afghaniſtan's und Kabul's, den der grauſame Mahmud von Thron und Reich verdrängte. Aber ehe ich Euch Näheres über Euren Vater und über Eure Mutter, die kühne Beguma Wuffadar ſage, muß ich die, mit dem Schickſal der Duranis eng ver⸗ bundene Geſchichte Koh-i-noor's vorausſenden. „Vor vielen, vielen Jahren lebte zu Kabul ein frommer und rechtlicher Mann, Ahmed mit Namen, der ſein kümmerliches Leben durch einen kleinen Obſthandel *) Erlöſung. 223 friſtete. Aeltern hatte er keine mehr, und da der Pro⸗ phet Armuth auf ſein Haupt gebürdet, war es ihm auch unmöglich ein Weib zu nehmen. Ahmed war indeſſen ein hübſcher, und was mehr heißen will, ein guter Menſch, der die heiligen Bücher genau kannte und ihre Lehren ſtreng befolgte; denn er hatte ſich die Pflichten, welche der Prophet den Moslims gegen Gott, gegen ſich und gegen ihre Nebenmenſchen auferlegt, tief in das Herz geſchrieben.“ „Der Obſthandel führte Ahmed öfter auf kleine Reiſen, da er ſeine Früchte zum Theile aus dem über⸗ reichen Thale von Kaſchmir bezog und ſie von da nach Kabul brachte.“ „Eines Tages als er gerade mit ſeinem einzigen Reichthume, einem alten Kameele, welches er in Kaſ ch⸗ mir mit Früchten beladen hatte, heimkehrte, hörte A h⸗ med nahe an der Straße einen ängſtlichen Hülferuf. Er überließ das Thier ſogleich ſeinem Sklaven, nahm einen mächtigen Stab und eilte nach der Stelle, von welcher der Ruf erſchallt. Kaum durchbrach er die erſten Büſche, als er einen alten Mann gewahrte, der, im Kampfe mit drei Räubern begriffen, eben der Uebermacht der baum⸗ ſtarken Menſchen erlag. Ahmed beſann ſich keine Mi⸗ 224 nute.„Du ſollſt Deinem Nächſten in jeder Gefahr bei⸗ ſpringen“— dachte er, und ehe es ſich die Räuber noch verſahen, ſtand er an des Unglücklichen Seite und ſchlug ſo wacker drein, daß den Wegelagerern bald Blut⸗ bäche von den Köpfen liefen und ſie entſetzt die Flucht ergriffen.“ „Der arme Mann ſah ſich nun zwar von ſeinen Feinden befreit, aber die Hülfe, die ihm Ahmed ge⸗ bracht, ſchien ihm höchſtens einen ruhigen Tod zu ſichern, ſo ſchwer war er bereits verwundet. Ahmed unterſuchte den Ohnmächtigen ſo gut es gehen wollte, lief dann eilig nach der nächſten Quelle, holte Waſſer, reinigte ſeine Wunden und verband dieſelben, ſo viel es in ſeinen Kräf⸗ ten ſtand; dann lud er den noch immer Bewußtloſen auf ſeinen Rücken, trug ihn bis auf die Landſtraße und ließ ihn, nachdem er hier durch einige Stärkungsmittel zu ſich gekommen, auf ſein Kameel ſitzen.“ „So brachte Ahmed den Unglücklichen in ſeine Hütte. Wie ſehr er denſelben indeſſen auch pflegte, un⸗ terlag doch der arg mißhandelte Körper den Schmerzen und der treuherzige Achmed ſah noch an demſelben Abend den Tod unter ſeinem Dache einkehren.“ 225 „Als der Geſchlagene aber fühlte, daß ſein Ende herannahe, rief er Ahmed und ſprach alſo mit ſchwacher Stimme zu ihm:„Dankbarkeit iſt in den Augen des Propheten der ſchönſte Schmuck unſerer Seele. Du haſt Dich meiner erbarmt, wie ein ächter Moslim ſich über ſeinen Bruder erbarmen ſoll, darum nimm, was meine Erkenntlichkeit Dir darbietet. Schätze habe ich nicht, ſo Du aber dieſen Schlüſſel und dieſen heiligen Koran nimmſt und damit thueſt wie ich Dir ſage, ſo wird der Herr Dich ſegnen und ſein Prophet Dir ein Ehrenkleid anziehen.“ 2 „Der Sterbende mußte inne halten, denn ſeine Wun⸗ den ſchmerzten ihn ſehr und ſeine letzten Kräfte fingen an zu ſchwinden. Ahmed bat ihn zu ſchweigen und verſicherte, daß das Bewußtſein, ihm die letzten Stunden erleichtert zu haben, ihn mehr als alle Schätze der Erde lohnen würden. Jener aber winkte mit der Hand und fuhr noch matter wie bisher fort: „Gehe aus, Ahmed, mit Deinem Sklaven und Deinem Kameele, nimm Nahrungsmittel zu Dir auf mehrere Tage und wende Dich nach dem Theile des Hindukuſch⸗Gebirges, den man hier zu Lande den „Steingürtel der Erde“ nennt. Die höchſte Spitze 15 226 dieſer Bergkette iſt der, mit ewigem Schnee bedeckte „Koh-i-Baba“.⸗Haſt Du dieſen erreicht, ſo wende Dein Antlitz nach Oſten und Du wirſt einen Weg finden, der an dem Fuße des„Koh-i-Baba“ hinzieht. Folge ihm bis Du zu einer Quelle gelangſt, an deren Rande ſieben Fichten ſtehen. Hier laß Dein Kameel und Deinen Sklaven zurück; gehe aber ſelbſt noch ſiebenmal ſiebzig Schritte weiter. Zu Deiner Linken liegt alsdann eine Höhle, in der Höhle lies die zwei und fünfzigſte Sure dieſes heiligen Korans, die da genannt wird„der Berg“ und es wird ſich Deinen Augen eine ſchwere eiſerne Thüre zeigen. Nimm alsdann dieſen Schlüſſel, öffne die Eiſenpforte und ſteige getroſt hinab die Tiefe. Unend⸗ liche Schätze wirſt Du da erblicken,— Schätze, wie ſie kein König hat!— köſtlicher als alle Herrlichkeit der Erde!— Wähle darunter zwei Dinge, nach den Ge⸗ lüſten Deines Herzens.— Jeden Zauber— der Dir entgegen ſteht,— löſt ein Wort aus— dieſem heiligen Koran.— Aber merke, Freund Ahmed,“— ſetzte der Sterbende zurückſinkend hinzu—„nur zwei Dinge— ſind Dir vergönnt— aus der Höhle Koh-i-Baba— zu beſitzen.— Hüte Dich vor Habgier— ſie würde— Dich vernichten.“ „Dem Sprechenden entging der Athem. Schwächer und ſchwächer hob ſich ſeine Bruſt und nach wenigen Mi⸗ nuten war er nicht mehr.“ „Ahmed betrauerte ernſtlich ſeinen Freund und ſchickte ſich an, die Ceremonien zu beobachten, die bei dem Tode eines Rechtgläubigen vorgeſchrieben ſind. An die Wunderkraft des Schlüſſels und des alten Korans, die ihm der Heimgegangene vermacht, glaubte Ahmed in⸗ deſſen ſo wenig als an die Höhle„Koh-i-Baba“— und hielt überhaupt die ganze Erzählung nur für eine, in der Fieberhitze ausgebrütete Phantaſie.“ „Ahmed drückte nach den Vorſchriften des Geſetzes dem Verſchiedenen aus einem Schwamme Waſſer in den Mund, richtete ſeine Füße ſorgfältig nach dem„Kebleh“ und bereitete ſich vor, ein Stück aus dem Koran zu leſen. Da ihm das alte Buch, welches der Verſtorbene ihm ſo eben vermacht, am nächſten lag, ſo ergriff er daſſelbe, ſchlug es auf und begann ſein Gebet. Kaum aber hatte Ahmed einige Zeilen geleſen, als ein fürchterlicher Donner über ſeinem Haupte dahinrollte, Blitze ihn um⸗ ziſchten und die Erde ſich krachend ſpaltete. Ahmed ſank vor Schrecken zu Boden und verhüllte zitternd ſein Haupt. Als er ſich aber nach einiger Zeit von dem Ent⸗ 15* ſetzen erholt hatte und langſam wieder erhob— ſiehe— da war die Leiche verſchwunden.“ „Jetzt erſt war es dem Obſthändler klar, daß er ei⸗ nen Propheten beherbergt und mit Entzücken drückte er deſſen Nachlaß, Schlüſſel und Koran, an Stirne, Herz und Mund.“ „Ahmed machte ſich hierauf ſogleich mit ſeinem Sklaven und Kameele auf die Reiſe. Nach einigen Ta⸗ gen hatte er den Berg„Koh-i-Baba“ erreicht. Dem Rathe des Verſtorbenen folgend, ließ er hier ſeine Be⸗ gleitung im Schatten der ſieben Fichten zurück und ſtand nach ſiebenmal ſiebzig Schritten in der That vor der bezeichneten Höhle.“ „Ahmed's Erwartung und Neugierde war auf das höchſte geſtiegen. Sein Herz klopfte hörbar, als er das vorgeſchriebene Gebet las ſeine Hand zitterte— als er den Schlüſſel in die eiſerne Pforte ſteckte. Er drehte ſich um— und vor dem Bebenden lag der geöffnete Eingang in die Zauberhöhle. Ahmed hielt einen Augenblick un⸗ entſchloſſen inne— da er aber ſein Herz rein fühlte vor Allah und dem Propheten, faßte er Muth und ſtieg ge⸗ troſt hinab.“ 229 „Nachdem er auf einem dunkeln Pfade tief in den Schooß der Erde geſtiegen, nahmen ihn endlich weite Räume auf, die ein heller und freundlicher Glanz er⸗ füllte, vhne daß irgend eine Flamme oder ein Licht ſicht⸗ bar ward. Boden und Wände waren mit den köſtlichſten Dingen angefüllt. Goldene und ſilberne Geräthſchaften lagen ringsum in mächtigen Haufen— in wahren Ber⸗ gen!— aufgethürmt. Teppiche, Shawls und reiche Kleidungsſtücke hingen an den Seiten, Gefäße von Gold und Onyr enthielten die ſeltenſten Spezereien, duftende Oele und Weihrauch in Maſſe. Kurz, wohin das Auge nur blickte, traf es auf einen namenloſen Reichthum.“ „Ahmed hatte in ſeinem Leben nie eine Ahnung von ſolcher Pracht gehabt. Selbſt der Hof von Kabul, an den er mit ſeinen Früchten manchmal gekommen, ſchien ihm jetzt nur eine Bettlerhütte. Aber dennoch ſchritt er an den hier aufgeſpeicherten Herrlichkeiten, wenn auch von ihrem Anblick halb berauſcht, vorüber; denn er hatte ſich vorgenommen ſeine Wahl nicht eher zu treffen, als bis er das ganze Zauberland mit ſeinen Schätzen durchwandert.“ „Die kommenden Säle überboten die erſten noch bei weitem an Pracht. Hier funkelten in Geſtalt und Größe der ſchönſten Früchte alle Edelſteine. Der tauſendfarbige Diamant, der feurige Rubin, der himmelblaue Saphir, der dunkelgrüne Smaragd, der buntſchimmernde Opal, der weingelbe Topas. Amethyſt, Türkis, Chryſopras, Heliotrop, Onyr, Hyakinth, Sardonix und Turmalin flammten ſo zauberiſch durcheinander, daß ihre Strahlen ein eignes Lichtnetz woben, deſſen Glanz kaum das Auge eines Sterblichen gewachſen war. Ahmed ſtand er⸗ ſtarrt. Solche Früchte trugen ſelbſt die Königsgärten Kaſchmir's nicht— mit ſolchen Früchten— ach! nur mit zweien hätte er handeln mögen, ihr Erlös würde hinge⸗ reicht haben, ihn reicher als den Beherrſcher Kabul's zu machen. Sein Herz konnte nicht widerſtehen,— er ſtreckte die Hände aus— da ſchlugen liebliche Töne an ſein Ohr und mahnten ihn, daß er noch lange nicht alle Schätze des unterirdiſchen Zauberreichs geſehen. Ahmed wandte ſich entſchloſſen um und ging raſchen Schrittes der Gegend zu, aus welcher der ſüße Ruf erſchallt.“ „Wer aber konnte ſein Staunen beſchreiben, als er plötzlich in einem himmliſchen Saale ſtand, in deſſen Mitte ſich ein goldner Vogelbauer von der Höhe eines Minarets erhob. Rings um den koloſſalen Behälter führte eine Treppe von Elfenbein mit ſilbernem Gelän⸗ 231 der, ſich leicht, wie von Geiſtern getragen, um das goldne Haus ſchwingend. Ahmed hatte nie etwas Lieblicheres geſehen. Er ſtieg auf dem elfenbeinernen Wege hinauf und ſein Herz konnte ſich nicht ſatt ſehen an der Maſſe von Vögeln, die in dem bunteſten Gemiſche hier auf⸗ und abflatterten; ſich nachflogen, rupften, ſchrieen, putzten, untereinander zankten und tauſend anmuthige Bewegungen machten. Wenige von ihnen ſangen, die Meiſten ſchwatzten und ſchrieen. Auch bemerkte Ah⸗ med bald, daß es nur die klagenden Töne einer einzigen Nachtigall geweſen, die ihn herbeigezogen; denn die Mehrzahl der Vögel beſtand aus Eiſtern, Sperlingen, Dohlen, ſehr vielen herrlich befiederten Papageien, Ki⸗ bitzen u. ſ. w.— ja! auf dem Boden des Vogelhauſes graſte ſogar eine ungeheure Heerde ſchnatternder Gänſe. Einige Lerchen und ſonſtige Singvögel trillerten noch ihre Lieder.“ „Ahmed ſchaute dem bunten Treiben lange zu. Was ihm aber dabei am auffallendſten vorkam, war eine gewiße Melancholie, die aus den Augen aller dieſer Thiere ſprach;— ja!— es däuchte ihm faſt, als ob ſie, ſobald ſie ſeiner anſichtig wurden, herbeieilten und ihn auf ſeltſame Weiſe um irgend etwas anflehten. Hunger 232 konnte ſie zu dieſen, wahrhaft W Bitten, nicht wohl treiben, denn jede Gattung fand in dem ungeheu⸗ ren Hauſe ihr Futter im Ueberfluß. Und doch blickten ſie Alle ſo wehmüthig zu Ahmed auf, daß es ihm faſt däuchte, er habe Thränen in mancher Augen geſehen. Am meiſten ergriff ihn indeſſen der ſchwermüthige Sang der Nachtigall, der um ein verlorenes Glück zu klagen, ſich nach einer gleichgeſtimmten Bruſt zu ſehnen ſchien. Sie war der einzige Vogel, der dem Staunenden nicht entgegen geflogen kam, doch ſchien auch ſie ihr Leid an Ahmed zu richten.“ „Der Obſthändler ſann lange über dieſe wunderbare Erſcheinung hin und her, und kam endlich auf den Ge⸗ danken, daß die armen Geſchöpfe vielleicht gar Menſchen ſeien, die ein ſtrafender Zanber hier gefangen halte.“ „Kaum hatte dieſe Idee ſein Gehirn durchblitzt, als er den Koran nahm, der ihm ſchon die Höhle geöffnet, und mit lauten Worten ein Gebet begann.“ „Leiſe Muſik ließ ſich hören, aber ihre Kraft wuchs und wie die Töne mehr und mehr anſchwollen, ſank die Treppe, auf der Ahmed ſaß, herab. Als der Betende jedoch den Boden erreicht, riſſen wilde Melodien ihre ſchrillen Klänge durch die Lüfte, die Vögel erbebten, die 233 Nachtigall ſchwieg, die Harmonie brach raſch in einer ſchneidenden Diſſonanz ab— und vor den Blicken des erſtaunten Ahmed's verwandelten ſich mit der Schnelle des Blitzes die Thiere in wunderliebliche Mädchen.“ „Ahmed hielt den Athem an. Seine Wangen färb⸗ ten ſich, ſein Blut ſchäumte; denn kleiderlos, wie als Vögel, ſtanden die ſchönen Geſtalten— jetzt als Mäd⸗ chen, vor ihm.“ „Aber wunderbar!— nachdem ſich Ahme d's erſte Ueberraſchung gelegt, glaubte er ſelbſt jetzt noch in den menſchlichen Geſtalten den Charakter derjenigen Thiere wieder zu finden, von deren Hülle ſie ſein Gebet in die⸗ ſem Augenblick befreit. Das ſchnatterte, ſchrie, flehte, drängte ſich vor, ſpreizte ſich, zankte, rupfte und neckte wie vorhin. Ahmed's Auge ſchwelgte in einem Meere von Reizen und doch blieb ſein Herz kalt. Da gedachte er plötzlich der Nachtigall. Er wandte ſich um,— ein anmuthiges Mädchen kniete auf der Stelle, wo jene geſungen. Zarte Schen hatte ſie nieder⸗ gebeugt und die Röthe der holdeſten Schamhaftigkeit flammte auf ihren Wangen. Ahmed durchrieſelte Ent⸗ zücken. Sein Entſchluß war gefaßt. Ein ſo holdes, menſchliches Weſen war der größte Schatz, den er bis⸗ 234 jetzt in der Höhle entdeckt. Kein Auge von der Reizen⸗ den verwendend, lispelten ſeine Lippen Worte des Ko⸗ rans und wie er das Buch dreimal an die Thüre des Vogelbauers legte, ſprang ſie weit auf.“ „Ahmed vermochte kein Wort zu ſprechen, aber ſeine Augen flehten für ihn. Er breitete ſeine Arme nach der Holden aus— und ſie lag weinend vor Schaam und Freude an ſeinem Herzen.“ „Während aber die Glücklichen unter Küſſen die Außenwelt vergaßen, während die Gerettete ihre zarten Glieder in einem ſchneeweißen Anzuge barg, der, wie durch ein Wunder, plötzlich zu ihren Füßen lag— hat⸗ ten auch die übrigen Inhaberinnen des goldenen Käſigs ihr Heil an dem Pförtchen verſucht. Ehe aber noch Eine derſelben entſchlüpft, flog die Unglücksthüre wieder zu, ein Blitz durchzuckte die Luft und in dem Vogelhauſe 3 flatterten die alten Bewohner.“ „Ahmed fühlte ſich im Beſitz ſeiner ſchönen Ge⸗ fährtin glücklicher als je. Wußte er doch jetzt was Liebe ſei, hielt er doch ein Weib in ſeinen Armen, von deſſen Gegenliebe, Treu und Dankbarkeit er überzeugt ſein durfte. Schnell ſchütteten Beide ihre Herzen gegen ein⸗ ander aus und Ahmed lauſchte aufmerkſam, als 235 die Schöne ihm in wenig Worten ihre Geſchichte an⸗ deutete.“ „Der Zauberer, ſprach ſie, dem dieſe Wunderhöhle zum Aufenthalt diente, war ein finſterer, bösartiger Geiſt. Alle die Mädchen, die Du eben geſehen, raubte er nach und nach, und bildete ſich aus denſelben einen Harem. Aber ſeine Liebe war flatterhaft und barg nur ſchlecht ſeine Vosheit. Sobald er eine ſeiner Geliebten über⸗ drüſſig wurde, wandelte er ſie ſchadenfroh in den Vogel, deſſen Eigenthümlichkeiten den ihren entſprachen, ſetzte die armen Weſen in jenen Käfig und ergötzte ſich dann oft Tage lang an den Qualen der Verwandelten. Auch in meine Nähe führte das unglück den böſen Geiſt. Meine Stimme feſſelte ſeine Seele, und dem Mächtigen ward es ein Leichtes, mich den Meinigen zu entführen.“ „Als er mich hieher geflüchtet und mit einer namen⸗ loſen Pracht umgeben hatte, glaubte er mein Herz ge⸗ fangen. Da aber meine Mutter von Jugend auf die Lehren des Propheten mir eingeprägt, da ich dem ſchänd⸗ lichen Räuber nicht vergeſſen konnte, daß er mich von dem Herzen meiner Mutter geriſſen; ſo haßte ich ihn mit allen Seelenkräften und ſtieß ihn beharrlich von mir zu⸗ rück. Lange kämpfte ſeine Liebe gegen ſeinen beleidigten 236 Stolz an, als ich ihn aber endlich einmal zu ſchonungs⸗ los beleidigte, verwandelte auch mich ſein Zorn, doch ſchien ein Funke von Mitleid in ihm aufzublitzen und ſo gab er mir die Geſtalt, aus welcher Du mich erlöſt.“ „Ahmed umfing voll Entzücken die Reizende, die ſeine Liebe mit einem Kuſſe der Dankbarkeit belohnte.“ „Aber— frug Ahmed weiter— wie kommt s, daß dieſer Koran die Macht des alten Zauberers bricht? — oder habe ich Dich noch gegen ſeinen Zorn zu ver⸗ theidigen?“ „Nein! entgegnete heiter die Befreite, wir haben von dem finſteren Geiſte nichts mehr zu beſorgen. Ein Stärkerer hat ihn beſiegt und mit ſeinen größten Schätzen in die Tiefe dieſer Höhle geſchleudert, wo er nun ewig ſchmachten muß.“ „Nun mußte auch Ahmed erzählen, wie er zu dem Schlüſſel der Höhle und zu dem Zauberkoran gekommen, und als er damit geendet, daß es ihm vergönnt ſei, die⸗ jenigen zwei Dinge, welche er für die koſtbarſte hier halte, aus den Hallen„Koh-i-Baba's“ mitzunehmen,— als er ferner ſeiner Gefährtin betheuerte, daß er bereits in ihr das Schönſte und Werthvollſte gefunden; fiel ihm dieſelbe auf's Neue voll Zärtlichkeit um den Hals und 237 rief: So will ich Deine Liebe mit einem Rathe vergel⸗ ten, der Dich groß und herrlich machen wird vor allen Menſchen. Ich weiß es, daß der frühere Beſitzer einen Diamanten von nie geſehener Größe unter ſeinen Schätzen bewahrte, der— eben von ſeiner Größe und dem un⸗ vergleichlichen Lichte, welches er ausſtrömte—„Kohri- noor? oder„der Lichtberg“ heißt. Was aber jenen Stein doppelt koſtbar macht, iſt die wunderbare Macht deſſel⸗ ben: Kraft welcher derjenige Sterbliche, der ihm beſitzt, König von ganz Afghaniſtan und Kabul wird. Keine Widerwärtigkeiten ver⸗ mögen, ihm, bleibt er nur in des Demanten Beſitz, die Krone zu rauben. Ja, wenn ſie ſelbſt auf kurze Zeit für ihn verloren ginge, führt ſie doch die Zauberkraft„Koh-i-noors“ auf das Haupt des glücklichen Beſitzers zurück.“ „Und wo iſt dies köſtliche Kleinod?“ rief berauſcht von der ſtolzen Idee, Beherrſcher Afghaniſtan's zu werden, Ahmed und ſeine bisher ruhige Seele durch⸗ ſtürmte Ehrgeiz.“ Ich kenne die Stelle wohl, an welcher, durch Zau⸗ ber verborgen,„Koh-inoor“ ruht— entgegnete Ah⸗ 238 — med's junges Weib.— Er ſank mit dem früheten Be⸗ ſitzer aller dieſer Schätze in die Tiefe. Haſt Du aber Muth an das Grab des böſen Geiſtes zu treten und ihm dies Kleinod zu entreißen, ſo zweifle ich nicht, daß die Kraft des Korans, der mich erlöſt, auch den Demant an das Licht der Welt zu bringen vermag.“ „Wer ſeine Hand nach einer Krone ſtreckt, darf das Wort Furcht nicht kennen!“— rief Ahmed begeiſtert. „Mein Ehrgeiz war bis jetzt, die ſchönſten Früchte zu liefern; ſeitdem mein Auge aber dies Zauberreich mit all ſeiner Pracht erblickt; ſeitdem ich Dich beſitze und mir die Hoffnung lacht— Herrſcher zu werden, liegt mein bisheriges Leben wie ein Haufe ausgebrannter Aſche hin⸗ ter mir. Das Feuer ſchläft in dem ſtarren Holze, be⸗ rührt es ein zündender Funken, flammt es lichterloh bis zum Himmel auf.“ „Dies ſagend, winkte er der Lieblichen und ſie ſchritt ihm voraus.“ „Tief und immer tiefer führte ſie ihr Weg, durch Gänge und Säle und Hallen voll unendlicher Reichthü⸗ mer; aber Ahmed's Herz blieb kalt und ſeine Seele verlangte nur nach dem unvergleichlichen„Koh-i- noor.“ 239 „Da traten ſie mit einemmale in eine düſtere Höhle, wohl ſo groß, daß ein weiter Palaſt darin Raum gehabt haben würde. Und die Decke der Höhle war von einem einzigen Saphir und Fußboden und Wände bildete ſchwar⸗ zer Kriſtall. Und unter der Saphirdecke kreiſte ein mächtiger Vogel, deſſen Federn Feuer, deſſen Augen Sterne waren und von dem Vogel, der in dumpfen Tö⸗ nen eine klagende Melodie ſang, ging ein unſicheres Licht aus, deſſen Reflere durch das Fortſchweben des Vogels ewig wechſelten. In der Mitte des ungeheuren Raumes aber erhob ſich in koloſſalen Verhältniſſen ein Rieſen⸗ grabmal von ſchwarzem und weißem Marmor und auf dem Grabmale ſtand mit blutrothen ſelbſtleuchtenden Rubinen:„Fluch dem Böſen, Preis Allah und ſeinem Propheten.“ „Wir ſind zur Stelle!— ſagte Ahmed's Begleite⸗ rin, ſich ängſtlich an den Geliebten ſchmiegend— hier iſt der Eingang zu der Tiefe in welche der böſe Geiſt verbannt wurde und dieſen Grabſtein ſchleuderte die Hand eines Mächtigeren auf deren Eingang.“ „Sie ſchwieg. Ahmed aber zog ſeinen Koran her⸗ vor und las eine Stelle; dann rief er laut: Im Namen Allah's und ſeines Propheten! ich beſchwöre auf dies heilige Buch die unſichtbaren Geiſter„Koh-i-Baba's“, daß ſie hinabſteigen und mir aus unerforſchter Tiefe zu Tage bringen den Diamanten„Koh-i-noor.“ „Aber kaum das Echo dieſer Worte hörten Ahmed und ſeine Gefährtin noch. Donner folgte Donner, Schlag auf Schlag; die Erde borſt und die aus ihrem Schooße auflodernden Fiamnen ſchmolzen mit den Blitzen in ei⸗ nem Feuermeere zuſammen. Die Grundfeſte wankte, die Berge ſchüttelten ihre Häupter, Stürme wütheten, die Meere tobten in nie geſehenem Grimme. Afghaniſtan hatte ſeit Menſchengedenken keinen ſolchen Schreckenstag geſehen.“ „Als Ahmed wieder zu ſich kam, lag er und ſeine Schöne vor dem Eingange der Zauberhöhle. Nur mit Mühe gelang es ihm, das klare Bewußtſein wieder zu finden, und Wirklichkeit von Traum zu unterſcheiden. Schlüſſel und Koran waren verſchwunden, auch die eiſerne Pforte, durch welche er doch in die Höhle hinabgeſtiegen, war nicht mehr zu ſehen. Dafür lächelte ihn das nun auch wieder zum Leben erwachte Mädchen um ſo hold⸗ ſeliger an und in ihren heißen Küſſen fand er gerne eine Beſtätigung des Erlebten Ahmed ſuchte nun auch nach dem Wunderſteine und wer beſchreibt ſein Entzücken, als — er eine große goldne Kapſel an einer Kette von gleichem Metalle um ſeinen Hals hängen fand. Haſtig öffnete er ſie— und geblendet ſchloſſen ſich die Augen vor dem Glanze„Koh-i-noor's.“ „Ahmed und ſein junges Weibchen grüßten nun freundliche Tage, die vollkommen glücklich geweſen wä⸗ ren, wenn nicht der Ehrgeiz mihn den heiteren Himmel der Liebe getrübt hätte. Aber Ahmed kam ſeine Hütte, in der er ſonſt ſo zufrieden gelebt, jetzt er⸗ drückend enge vor. Der Obſthändler dachte eben ſeitdem er den Wunderſtein unter den Kleidern verborgen auf ſeiner Bruſt trug, an nichts anders mehr, als an Krone und Reich, und doch wußte er nicht, wie er es anfangen ſollte, um dazu zu gelangen.“ „Da brach ein Krieg mit den Bewohnern des Pend⸗ ſchab aus. Der Krieg, dachte Ahmed ſogleich, als dieſe Nachricht ſein Ohr traf, iſt der Vater der Ehre und des Ruhmes; Ehre und Ruhm gebären die Macht und der Macht Tochter iſt die Herrſchaft. Er war entſchloſſen. Seinen„Koh-i-noor“ auf der Bruſt, nahm er, von den kühnſten Hoffnungen begeiſtert, Abſchied von ſeinem Weibe, ließ ſich als gemeiner Soldat in dem Heere des 16 Beherrſchers von Kabul anwerben und zog mit dem⸗ ſelben gegen die Feinde.“ „Das Vertrauen auf den Talisman, den er trug, hauchte Ahmed unbegränzten Muth ein. Auch that er unter„Koh-i-noor's“ Schutz ſolche Wunder der Tapfer⸗ keit, daß ihm Großvezier ſchon nach dem erſten Zu⸗ ſammentreffen. Befehlshaber einer großen Truppen⸗ abtheilung ernannte.— Ja!— da durch ſeine perſön⸗ liche Tapferkeit die große und entſcheidende Schlacht, welche das Pendſchab unter die Oberhoheit Kabul's brachte und dem Großvezier das Leben koſtete, gewonnen wurde, rief ihn das ſiegreiche Heer einſtimmig zum Groß⸗ vezier aus und der Großheer genehmigte gern dieſe Wahl.“ „So hatte„Koh-i-noor“ auf der Straße des Ruh⸗ mes vorgeleuchtet und ſeine Kraft ſchien ſich bewähren zu wollen; denn nun hatte Ahmed nur noch einen Schritt zum Throne. Sa kam es denn auch. War es des Steines Einfluß, Alter, oder ein ſcharf eingreifendes Ereigniß der Natur?— der Schah ſtarb kurz darauf und Ahmed beſtieg, von dem Volke und den Großen des Reiches berufen, unter dem Namen Ahmed Schah Durani den Thron von Kabul. Kaum aber hatte er —8 feſten Fuß auf demſelben gefaßt, als er bewies, daß er zum Herrſchen geboren ſei, indem er unter ſeinem Zepter in kurzer Zeit nicht nur ganz Afghaniſtan, ſondern auch Khoraſan, das Pendſchab, Buckhara und Sind vereinigte.“ „So hatte denn„Koh-i-noor“ Wort gehalten. Seine Kraft blieb auch dieſelbe unter den Nachfolgern Ahmed Schah's, da der Stein mit der Krone in der Familie der Durani's forterbte. Ja ſeine Kraft wurde ſo all⸗ gemein anerkannt, daß es ſelbſt Niemand wagte, gegen den Beſitzer deſſelben aufzutreten und deſſen geheiligte, ſelbſt von den Geiſtern anerkannte Macht, zu bedrohen. Erſt die neueſte Zeit gebar einen ſolchen Frevler.“ „Schah Schudſcha, Euer Vater und zugleich der älteſte Sprößling der Durani's, erbte, wie dies ge⸗ bräuchlich, mit der Krone des weitläufigen Reiches auch deren Schützer, den unſchätzbaren Diamanten„Koh-i- noor“. Dem Anfange ſeiner Regierung lächelte, wie ſeinen Vorgängern, das Glück. Die Gränzen des Reiches wurden erweitert, die Schätze des Herrſchers gehäuft und den Harem des Fürſten zierten die herrlichſten Weiber. Unter Letzteren zeichnete ſich beſonders eine Perſerin, Beguma Wuffadar, durch vollendete Schönheit, Lie⸗ 16* —½ benswürdigkeit, einen immer heiteren Sinn und nament⸗ lich durch ihren höchſt kühnen und entſchloſſenen Cha⸗ rakter aus. Schönheit iſt ein Feſtkleid, welches Allah ſeinen Begünſtigten ſchenkt; aber wie herrlich das Ge⸗ wand auch ſei, es altert, und das Auge des Bewunderers ermüdet an ſeiner zerfallenden Pracht. Die Perlen aber, die in dasſelbe gewoben ſind, verlieren ihren Werth nie. Schah Schudſcha fand in dem Umgange mit Veguma mehr, als in den Armen aller ſeiner übrigen Weiber, und wandte ihr daher alle ſeine Liebe zu. Allah ſegnete die Liebliche auch, und Beguma ward Eure Mutter. Schah Schudſchah war glücklich wie im Paradieſe.“ „Wo aber wäre Vollkommenheit auf dieſer Welt?— Welch' Glücklicher hätte keine Neider?— Auch der Be⸗ herrſcher Kabul's hatte einen ſolchen— und zwar in ſeinem Bruder Mahmud.“ „Mahmud wußte ſich heimlich durch Verſprechungen aller Art eine große Parthei zu ſchaffen, an deren Spitze ein Mann von ungewöhnlichem Kriegsruhme und Geiſte ſtand. Es war Futteh Khan, welchen einſt Schah Schudſcha unkluger Weiſe beleidigt hatte. Aber das Flügelſtreifen eines Eisvogels gebärt oft die welter⸗ ſchütternden Lawinen des Himalaja. Mahmud und 245 Futteh Khan erregten einen Aufſtand, der Schah Schudſcha die Krone koſtete, die Futteh Khan, nach einem entſcheidenden Siege, Mahmud auf das Haupt ſetzte, und dafür von jenem zum Großvezier ernannt wurde.“ „Schah Schudſcha und Beguma flohen, faſt aller Schätze beraubt, doch blieb ihnen der größte der⸗ ſelben— der ewig ſtrahlende„Kohrinoor“— und mit ihm die Gewißheit: durch ſeine Hülfe das alte Recht, die Krone wieder zu erlangen.“ „Wie natürlich war aber auch Mahmuds ganzes Augenmerk von nun an auf den Beſitz dieſes Steines gewandt, und für Eure Aeltern blieb es daher die Le⸗ bensaufgabe, alle Leiden der Verbannung als eine, von Allah über ſie verhängte Prüfung zu tragen— und ſich in dem Beſitze Koh-inoor's zu erhalten.“ „Suleika war um jene Zeit drei, Arvla ein Jahr alt. Wilde Stürme drohten den Aeltern, und ſo ent⸗ ſchloſſen ſie ſich, beide Kinder in meine Hände zu geben. Ich verſprach: Euch im Verborgenen und in der Furcht des Propheten zu erziehen, und das Geheimniß Eurer Geburt Euch erſt dann zu verrathen, wenn eine Beſſerung Eures Schickſals gewiß ſei. Sie iſt es! denn die Geiſter, — die auf dieſe Frage ſeit Jahren ſchwiegen— haben mir geſtern das Wort;„Al' Furkan!“ zugelispelt.“ „Sie trügen nicht. Nachdem Schah Schudſcha als Flüchtling in den verſchiedenſten Winkeln ſeines Rei⸗ ches umhergewandert, nahm ihn Ata Khan, der Sohn ſeines ehemaligen Veziers, in Auftrag Mahmud's, ge⸗ fangen. Die Prüfungen, welche Allah über ihn in der Feſtung Attok verhängte, waren ſchwer. Aber gelobt ſei der Prophet, der ihn geſchützt!— Ata Khan ver⸗ langte: der Unglückliche möge den Ort angeben, an wel⸗ chem er den„Koh-i-noor“ verborgen.— Schah Schud⸗ ſcha verrieth den Talisman nicht. Schon berührte die Spitze der Lanzette die Augen des Herrſchers, um ſie auf ewig ihres Lichtes zu berauben.— Schah Schudſcha ſchwieg.— Seine Wächter ſchleppten ihn mit zuſammen⸗ gebundenen Armen bis in die Mitte des Indus und be⸗ drohten ihn mit augenblicklichem Tode.— Schah Schud⸗ ſcha blieb ſich gleich“*). „Da lohnte Allah des Unglücklichen Standhaftig⸗ keit, gab ihm Gelegenheit zur Flucht, und führte ihn in *) Alexander Burnes. 247 Lahore mit Beguma Wuffadar, welche bis dahin des Steines treue Hüterin geweſen, wieder zuſammen.“ „Dies!“— rief Bhawalpura—„iſt die Geſchichte „Koh inoor's“ und Eurer Aeltern, die— wie mir der Geiſt mit Beſtimmtheit ſagt— Euch bald meinen Armen entführen werden. Einſam werde ich dann trauern an der heiligen Quelle, aber dennoch will ich mich glücklich dünken, wenn Ihr es nur ſeid! wenn Koh-i-noor ſeine alte Kraft übt, und ſeines Lichtes Glanz Euch Alle ver⸗ herrlicht. Aber der Prophet ſpricht in dem heiligen Ko⸗ ran: erwartet nur den Ausgang! Gott kennt die Geheim⸗ niſſe des Himmels und der Erde, und ſeine frommen Diener mit ihm; darum verehret ſie, und vertrauet ihnen und lobet Allah über alle Dinge.“— 14 VI. Azim und Sulaika. „Kabul's Sonne, roth vor Zorn, Trocknet aus der Gnaden Born. Der, der ihr einſt Licht gegeben, Büßt die Treue mit dem Leben. 248 Schaudernd wird in ſpäten Tagen Man die Schandthat noch beklagen. Doch durch ſie wird Kaſchmirs Stern: Herr des Herrn und ſelbſt zum Herrn. Und dann ſoll noch mehr als Kronen, Ihn der Duft der Roſe lohnen.“ Dieſer Orakelſpruch Bhawalpura's beſchäftigte Azim auf ſeiner Heimreiſe. War ihm nun auch das Ende ſehr willkommen, ſchmeichelte es auch ſeinem Ehrgeize und ſeiner Liebe mit Befriedigung; ſo ſchreckte ihn der Anfang des Orakels um ſo mehr. Zwar betraf die darin enthaltete Drohung ebenfalls nicht ihn, ſondern, wie es am Tage lag, ſeinen Bruder Futteh Khanz indeſſen fühlte Azim menſchlich genug, um auch für des Bruders Leben zu bangen.“ Das Erſte, was daher Azim Khan nach ſeiner Rückkunft in die Reſidenz that, war, einen vertrauten Eilboten an den Großvezier nach Kabul zu ſenden, Fut⸗ teh Khan genaue Auskunft über das Geſchehene zu ge⸗ ben und ihn namentlich vor der Treuloſigkeit Mahmud's zu warnen. Aber Futteh Khan lachte der Drohung, welche in dem Orakelſpruche lag, und glaubte dazu um 249 ſo mehr berechtigt ſein zu dürfen, als Mahmud ihm gerade niemals auffallendere Zeichen ſeiner Gnade und ſeines unumſchränkten Vertrauens gegeben, als eben jetzt. Aber des Großveziers Sicherheit gründete auch tiefer als auf den Launen des Herrſchers. Er war ſich bewußt, Mahmud nicht allein auf den Thron geſetzt und bis jetzt darauf erhalten zu haben; ſein Gewiſſen ſagte ihm auch, daß dieſer ihm noch auf tauſend andere Weiſe ver⸗ pflichtet ſei. Durch Futteh Khan's ſtarken Arm ge⸗ beugt, durch ſeinen Muth und ſein kriegeriſches Talent beſiegt, ſchwiegen alle Feinde. Dabei füllte die Einſicht und Klugheit des Veziers die Schatzkammern des Schah's ſtets mit neuen Schätzen, deren er, bei ſeiner gränzenloſen Verſchwendung, ſo nothwendig bedurfte. Ja,— was mehr als das Alles heißen wollte, Futteh Khan's Regierung war eine gerechte, und feſſelte daher das Volt an ſeinen Oberherrn, in deſſen Namen am Ende ja doch alles geſchah. So ſehr nun auch Azim mit ſeinem Bruder darüber einverſtanden war, daß Mahmud nicht nur dieſe großen Verdienſte ſeines Veziers anerkennen müſſe, und in der That auch anerkenne; ſondern auch nur durch Hülfe des⸗ ſelben beſtehen könne— ſo tadelte der Beherrſcher Ka ſch⸗ —— mir's doch die allzugroße Sicherheit ſeines Bruders, und die Angſt ließ ihm keine Ruhe, bis er denſelben wieder⸗ holt gewarnt, und Futteh Khan ihm verſprochen hatte, auf ſeiner Hut zu ſein. Dieſe diplomatiſchen Verhandlungen wiſchten aber in Azim's Seele eben ſo wenig das Andenken an Su⸗ laika aus; als die Pracht und die Genüſſe des Hoflebens die Liebe ſchwächen konnte, welche die Erſcheinung an der heiligen Naphtaquelle in ihm erzeugt. Im Gegentheile, dieſes Gefühl wuchs mehr und mehr, und gerade unter ſeinen Frauen fühlte ſich jetzt Azim am verlaſſenſten. Kein Genuß vermochte ihn mehr zu befriedigen, er ſeufzte nach Liebe, und Liebe erblühte ihm doch nur in der fer⸗ nen Sulaika. Wie tauſendmal küßte er die rabenſchwarze Locke, die ihn zum Abſchied ermahnt und doch auch ein Zeichen der liebenden Sehnſucht gegeben. Wie oft rief er den Na⸗ men Sulaika, welcher, künſtlich dem Bande eingeprägt, die Laute verrieth, die ſeine Erſehnte bezeichneten. Räth⸗ ſelhaft blieb ihm indeſſen immer die Geliebte. Sie litt und flehte um Befreiung; ſie liebte ihn und ſchwur ihm Ge⸗ genliebe, und demnoch ſchien ſie eine gewaltſame Entfüh⸗ rung zu fürchten. Und wer war ſie? vielleicht gar Bha⸗ 251 walpura's Tochter?— durfte dann die Hand eines Moslim, dem heiligen Tempel der Zauberin dies Kleinod rauben?—— Azim fühlte bald, daß er bei dem Beſuche Bha⸗ walpura's ſatt Njr für ſeine Seele zu gewinnen, nur neue und verdoppolie Sorgen gefunden habe. Aber dem kräftigen Manne war dieſer ſchwankende Zuſtand, dem Herrſcher dies Schmachten und Seufzen zuwider. Als daher die nöthigen Ermahnungen wiederholt an Futteh Khan abgegangen, der Bruder gewarnt und die eigene Sicherheit bedacht waren, entſchloß ſich Azim, zu der Höhle Nanti zurückzukehren und— mit Güte, Gewalt oder Liſt— Sulaika der Macht Bhawalpura's zu entreißen. Um ſein Vorhaben indeſſen unbemerkbar ausführen zu können, wählte er nur ein ganz kleines Gefolge, be⸗ waffnete es ſorgfältig, ſandte es alsdann voraus, und ver⸗ ließ ſelbſt eines Abends verkleidet die Hauptſtadt. Als die kleine Karavane in der Nähe Nanti's angekommen, machte ſie auch diesmal„Halt“ und Azim Khan ſetzte ſeinen Weg allein fort. Sobald er den Berg erreicht, beeilte er ſich, die Ge⸗ gend zu unterſuchen. Er hoffte dabei einen andern Ein⸗ —— 252 gang in die Höhle, namentlich in jenen kleinen, zwiſchen den Felſen liegenden Garten zu finden. Aber alle ſeine Mühe war umſonſt. Die Natur hatte die ungeheuren Steinblöcke hier ſo künſtlich aufeinander gethürmt, daß ſie von außen her unerſteiglich zu nennen waren. Der Beherrſcher Kaſchmir's mußte mit Schaam erkennen: daß der Wille des Gewaltigſten der Sterblichen gegen die Natur, gegen die Größe Allah's, nichts auszurich⸗ ten vermöge. Glücklicherweiſe hatte er aber einen mächtigen Ver⸗ bündeten in der feindlichen Feſte, und es kam daher nur darauf an, denſelben von ſeiner Gegenwart zu unter⸗ richten. Wie dies geſchehen ſolle, war freilich ſchwer zu er⸗ mitteln. Aber wann wäre die Liebe arm an Liſt geweſen? Azim beobachtete mit angeſtrengter Aufmerkſamkeit den Flug der Vögel nach dem Felſen hin und von dem⸗ 6 ſelben her. Aus demſelben konnte er bald auf die Ge⸗ gend ſchließen, in welcher zwiſchen den Felſen der Garten mit der Naphtaquelle liege. Sobald er dies wußte, nahm er Bogen und Köcher, die er zu ähnlichem Zwecke mitge⸗ nommen, befeſtigte an der Spitze eines Pfeiles, vermit⸗ telſt eines grünen Bandes, eine Roſe nebſt einem Roſen⸗ —£ ſtengel, an welchem ſich vier grüne Blättchen befanden ² und ſchoß denſelben in der Richtung des Gartens über den Felſen. Geduldig ſetzte ſich Azim alsdann auf einen Stein und harrte der Antwort. Hoffnung und Liebe hatte ihn nicht getäuſcht. Nach Verlauf einer halben Stunde flog ein Stein über die Wand, an welchen ein Lavendelbüſchel *) Die Blumen⸗n hr iſt ein, im Oriente allgemein bekannter Theil der Blumen⸗Sprache. Ein Roſenſtengel, an welchem ſich vier grüne Blättchen befinden, bedeutet die Frage:„wann?“ Ge⸗ wiſſe Blumen dienen hierauf als Antwort.; indem ſie entweder eine Tageszeit, oder eine beſtimmte Stunde angeben. Man hat das ſinnige Spiel auch bei uns eingeführt, und die Zahlen der Uhr wie folgt, feſtgeſtellt. Eins 1 weiße Roſe. Zwei Strauß von weißen Ryſen. Si Levkoje. Bier. Hyacinthe. Fünf rothe Roſe. . Stchs rothe und eine weiße Roſe. Sieben Tulpe. Acht„Aurikel. Neun.„ Lavendel. Zehn 6in rothe Roſe und ein Veilchen. Ei Zwö Aſter. Die Blume wird mit einem Bande umwunden. Iſt daſſerbe weiß— bedeutet es die Tages⸗, iſt es von einer andern Farbe— die Nacht⸗Stunden. mit demſelben Bande gebunden war, welches die Roſe befeſtigt hatte. „Mit Sonnenuntergang!“ rief er entzückt, und ſein Herz jauchzte um ſo wilder auf, als das blendende Geſtirn des Tages ſich bereits dem Weſten zuneigte. Sulaika hatte ſich längſt auf dieſen Moment vor⸗ bereitet. In ihrer Einſamkeit, weder durch Geſchäfte noch durch Vergnügungen zerſtreut, nur mit Bhawalpura ihrer Schweſter und Sklavin in Berührung, blieb der feurigen Seele des Mädchens einzig die Liebe, aus wel⸗ cher ſie denn auch Nahrung, Troſt und Erquickung zog. Anfangs hatte ſie in glücklicher Kindheit geſpielt; dann ſich hinausgeſehnt aus der engen, finſtern Wohnung der Prophetin, unter deren ſtrengen Zucht ſie lange geſeufzt, — hinaus in die weite ſchöne Welt, die ſie nicht kannte, von welcher ihr aber die Sklavin ſo manch' Reizendes erzählt. Ihre Sehnſucht war aber ſo lange ein unbeſtimm⸗ tes Gefühl geweſen, bis derſelbe Mund, der ſie nach den Schätzen des Lebens lüſtern gemacht, ihr den Drang des eigenen Herzens erklärt. Da ging plötzlich Sulaika ein neues Licht— ein neues Leben auf. Jetzt erſt verſtand ſie, Hafis, des herrlichen Dichters, Liebeslieder. Jetzt erſt bergriff ſie die Klage der Nachtigall, die Seufzer der eigenen Bruſt. Wer aber ſollte der Liebesbedürftigen Liebe geben, in ihrer Einſamkeit, in ihrer Kerkernacht?— Wie aus der finſteren Tiefe ſich der Epheu mit tauſend Armen emporrankt nach dem Lichte; wie er ſich anklammert an jeder Ritze des kalten Felſens und immer weiter und wei⸗ ter langt, bis ihn die freundliche Soune grüßt, und ſeine Zweige den trauten nährenden Stamm der Eiche feſt und unauflöslich umſpannen,— ſo ſehnte ſich ihre Seele, ſo verlangte ihr Herz nach einem Weſen, das ihre Gefühle mit ihr theile, ſie erwiedere. Da zeigte ihr das wunderliche Schickſal Azim Kha n, — den ſchönen, ſtrahlenden Mannz den ſtolzen Herrſcher, deſſen Herz ſo voll und doch auch ſo leer wie das ihre war. Sie ſprachen ſich nicht— aber— es war Beiden als ob ihren glutherfüllten Herzen eine ſüße Wunde ge⸗ ſchlagen worden ſei, ſie fühlten wollüſtig das warme Blut dahinſtrömen. Die übermäßige Liebe, die ihren Buſen zu zerſprengen gedroht, hatte einen Gegenſtand gefunden, ſie athmeten hoch auf— ſie lebten— denn ſie liebten und wurden wiedergeliebt. Aber noch ſtürmten in jener Nacht die Gefühle zu wild und chaotiſch in Sulaika's Bruſt. Azim mußte ihr werden, das fühlte ſie; aber Zeit zur Faſſt ſung bedurf⸗ ten des Mädchens Herz und Sinne. Darum die Bitte um Be⸗ freiung aus ihrem Kerker, darum der Wunſch um Aufſchub. Seit jener Zeit hatte ſich freilich wieder Manches verändert. Sulaika wußte nun wer ſie war; der Tochter Schah Schudſcha's blieben Anſprüche auf das Leben; der ſtill Erzogenen winkte Befreiung durch die Hand der Aeltern. Dies änderte das Vorhaben zu fliehen, nicht ihre Liebe. Konnte doch gerade aus einer Verbindung mit Azim Khan ihrem Vater ein weſentlicher Vortheil erwachſen. Jedenfalls mußte ſie den Geliebten ſprechen, ehe die Mutter ſie ihrem bisherigen Aufenthalte entzog. Sulaika zweifelte auch keinen Augenblick an Azim Khan's baldiger Wiederkunft, und wandte daher Alles auf, ein Zuſammentreffen mit demſelben möglich zu machen. Ein Unwohlſein Bhawalpura's kam ihr hierbei zu ſtatten. Da indeſſen auch jetzt noch der Schlüſſel zu dem einzigen Zugange der Höhle in der Prophetin Hän⸗ den blieb, mußte Sulaika auf ein anderes Auskunfts⸗ mittel denken. Schwerlich aber würde das unerfahrene Kind ein ſolches gefunden haben, wenn ihr hier nicht die ſchlaue Sklavin zur Seite geſtanden hätte. Dieſe aber durchſpähte nun alle Räume des finſteren Aufenthaltes, da ſie wußte, daß Bhawalpura eine 257 Strickleiter beſitze, die ſie— für den Fall der Noth— zur eigenen Rettung aufbewahre. Ihr Bemühen krönte auch endlich der köſtliche Fund. Als der wichtige Moment gekommen, kletterte die Verwegene mit Gefahr ihres Le⸗ bens an einem der ſchlanken Palmſtämme hinauf und warf von hier aus die Leiter ſo über eine nahe Felſenſpitze, daß dieſelbe an beiden Seiten bis nahe an den Boden herabhing. Sulaika blickte dem kühnen Unternehmen in ſprachloſer Angſt zu. Kaum aber war es gelungen, als auch ſchon der ungeduldig Harrende auf dem Kamme der Felſen erſchien— und— nach wenigen Minuten in den Armen der Glücklichen lag. Die Sonne war bereits untergegangen. Die letzten Streiflichter der Abendröthe tauchten den Himmel in eine flüſſige Gluth, durch welche einzelne kleine Wolken wie goldene, purpurbewimpelte Schiffchen zogen. Dem ſchei⸗ denden Lichke jauchzten die Vögel nach, und tauchten noch einmal ihre Fittige ſchreiend in ſeine Strahlen— und in den dunkelen Büſchen klagte die Nachtigall wehmüthig über den Heimgang alles Schönen. Aber Azim und Sulaika bemerkten das Sterben des Tages nicht. Unter den weit herabhängenden Zweigen einer breitblättrigen Cedoaria, deren weiße, volle Blü⸗ 17 thenbüſchel die Lüfte mit Veilchenduft erfüllten, lagen ſie Arm in Arm auf weichem Raſen hingeſtreckt. Kein Wort unterbrach die heilige Stille, kein Laut den Liebesruf der nahen Sängerin. Aber Auge in Auge gewurzelt, Mund auf Mund, flammten ihre Seelen in einander und ſchmol⸗ zen zu Eins. Nicht Azim gab es mehr im Geiſterreiche noch Sulaika; ſondern nur einen Gedanken der Liebe, einen betäubenden Blick in den Himmel— ein Auf⸗ flammen und ein Bewußtwerden der inneren Gottheit. Und die Geiſter des Zaubergartens wurden wach, und hoben die ätheriſchen Geſtalten aus den Blüthenkel⸗ chen, in welchen ſie geſchlummert, und wiegten ſich ſelig lächelnd auf den ſchlanken Blumenſchaften, und klommen empor an den leisbewegten Zweigen, und ſchwebten mit unhörbarem Flügelſchlage um die Beglückten,— wie emſige Bienchen aus Blumen den Honig, aus fremder Wonne eigene ſchlürfend. Und die Schemen der Erde weckten die Geiſter des Paradieſes. Die Ewigen blickten von dem dunkel ge⸗ wordenen Himmel mit tauſend und abertauſend Augen hernieder, Himmel und Erde ſchwammen in geheimniß⸗ voller Liebeswonne und durch alle Welten klang es mit unausſprechlich ſüßen Tönen: 259 Aufgeſchloſſen, Ausgegoſſen Iſt der Liebe Heil'ge Quelle. Ewig helle Sprudelnd aus der Gottheit Bruſt. * Starre Hülle, Körperfülle, Erd und Himmel Dunkles Streben, Geiſtig Leben, Jauchzen in des Daſein's Luſt. Liebe trinken, Die da winken, Freundlich blinken In der Ferne: Schöne Sterne, Aus des Lichtes reiner Fluth. Blum und Pflanze, Was im Kranze Der Geſchöpfe, 260 Tauſendfaltig, Vielgeſtaltig, Waltet, athmet Liehesgluth. Doch wo Herzen Freud und Schmerzen Menſchhh fühlen, Da erſt flammet— Gott entſtammet— Selbſtbewußt ihr Himmelsblic. Lauſchet, lauſchet! Leiſe rauſchet, Still ſie ſegnend,— Unſichtbare,— Ob dem Paare, Neidend ihrer Liebe Glück. Durch die Lüfte Blumendüfte Hauchen zaubriſch Liebesbangen, Heiß Verlangen, Wehen es den Trunknen zu. 261 Sterngeflimmer, Mondesſchimmer, Schütz' als Schleier's Fein Gewebe. Und es gebe Liebe ihrer Sehnſucht Ruh. — b V. Die Täuſchung. Azim's flammende Seele konnte den nächſtkommen⸗ den Abend kaum erwarten; ſollte ihn derſelbe doch wieder zu Sulaika führen— zu Sulaika, die ihn mit tau⸗ ſend zarten Fäden gefeſſelt— zu Sulaika, deren rei⸗ zendes Bild für ihn Sonne, Mond und Sterne, ja die ganze Natur erbleichen ließ; die ſein einziges Hoffen und Wünſchen, ſein einziger Gedanke war. Azim ſtaunte über die Verwandlung, welche die Liebe mit ihm vorgenommen. Er ſuchte ſich ſelbſt und fand ſich nicht mehr. Er dachte für den Augenblick nicht 262 an des Hofes Pracht, noch an den Ehrgeiz, noch an ſein Reich— er dachte eben nur an Sulaika— und immer wieder an Sulaika, ſeine Liebe. Endlich ſank das Auge des Himmels müde zu— und Azim Khan ſtand an der verabredeten Stelle. Aber nichts rührte ſich heutr. Kein Lüftchen bewegte die Blät- ter des Zuckerrohrs, Der Harrende ſetzte ſich unter einer hochaufgeſchoſſenen Baumwollſtaude nieder, das Herabwer⸗ fen der Strickleiter ſehnſüchtig erwarten ber es blieb Alles ſtille. Das Gold des Himmels in einem duftigen Violet, das Violet in nebligem Grau, das Grau zu voller Nacht— und doch blieb Alles ſtille. Azim's Herz pochte hörbar. Sulaika hatte dieſe Stunde zur Flucht mit ihm beſtimmt. Was ſollte ihr Vater und Mutter? was der Glanz menſchlicher Größe? Fene kannte ſie nicht, dieſt war ihr gleich— in Azim's Liebe dagegen hatte ſie einen ſo tiefen Schacht reichen Glücks, überſchwänglicher Seligkeit gefunden, daß ſie mit leichtem Herzen alles über Bord warf, was Menſchen ſonſt lieb und werth. Aber die zur Flucht beſtimmte Stunde war längſt vorüber. Sollte Sulaika etwas zugeſtoßen, ſollte ihr Vorhaben entdeckt worden ſein?— — ſen Gedanken, als es ihm däuchte, er höre von der Spitze der Felſen eine weibliche Stimme ſeinen Namen rufen; raſch trat er näher: „Sulaika!“ flüſterte Azim. Aber wie von des Himmels Blitz zerſchmettert, wankte er zurück, als die Stimme leiſe rie; „Sulaika iſt für Dich verloren, Ihre Mutter hat ſie entführt.“ Azim Khan ſtand vernichtet. Er glaubte ſeinen eignen Ohren nicht. Er frug wiederholt. Aber kein Laut ließ ſich mehr hören. Todtenſtille herrſchte rings umher in der finſteren Nacht. VIII. Beguma. Eine der größten Gebirgsketten die ſich, von dem Himalaja losreißend, über den Indus hinauszieht, iſt der ſchon öfter erwähnte Hindukuſch. In weſtlicher Richtung hinlaufend erhebt auch er ſeine Rieſengipfel bis Poch brütete der Beherrſcher Kaſchmirs über die⸗ 264 hoch in die Regionen des ewigen Eiſes, und wirft ſeine Arme bis tief in das Land, es mit Waldhöhen und frucht⸗ baren Thälern durchkreuzend. In einem dieſer verborgenen Thäler erwartete Schah Schudſcha ſeine Familie. Ihm entgegen zog ſein Weib, gefolgt von wenigen aber ſtark bewafngn Dienern, und ihren zwei Töchtern. Beguma war eine große, ſtarke, imponirende Fi⸗ gur. Gang, Haltung und Geſichtsbildung kündeten, daß die Grundzüge ihres Charakters Kühnheit und Entſchloſ⸗ ſenheit ſeien. Ihre Liebe zu dem Gatten abgerechnet, war ſie in der That mehr Mann als Weib, und Schah Schudſcha würde ſeinen Thron nicht eingebüßt haben, hätte er von je die Rathſchläge ſeines Weibes befolgt. Aber eben in den Tagen der Prüfung ward Beguma erſt recht die Stütze des Schahs. Wenn jener, in Folge oft ſelbſt verſchuldeter Mißgeſchicke, kleinmüthig zu werden drohte, ſtand dieſe unbeugſam wie das Haupt des Koh⸗i⸗Baba. Nie hörte man ſie klagen; aber ſtets entwarf ihr Ehrgeiz neue Plane, den Thron Kabul's wieder zu erringen. Daß dies geſchehen würde, daran zweifelte Beguma keinen Augenblick; denn noch war ja der magiſche„Koh-i-noor“ in ihrem Beſitze, und un⸗ erſchütterlich ſtand in ihr der Glanbe an die Macht die⸗ ſes Steines. Beguma Wuffadar's ganzes Denken und Han⸗ deln concentrirte ſich daher in dem Streben, die Größe und Macht der Ihren durch die Erhaltung„Koh-i- noor's“ neu zu gründen und zu behaupten. Von dieſem feſtge⸗ ſtellten Ziele vermochte ſie denn auch kein Hinderniß, keine Schwierigkeit zu entfernen; wie ſie überhaupt Alles was ihr begegnete, Alles was ſie fühlte, ſah und yörte nur dann näher berühren konnte, wenn es mit dieſer, ihrer Lebensaufgabe in irgend einer Beziehung ſtand. Die nächſte Nothwendigkeit war ihr ein Zuſammen⸗ treffen der Familie, um bei allen Gliedern derſelben ein gleichmäßiges Anſtreben des gemeinſamen Zieles zu er⸗ reichen. Zu dem Behufe hatte die Mutter, nach einer beinahe dreizehnjährigen Trennung, ihre Töchter wieder aufgeſucht, denſelben bei ihrem plötzlichen Erſcheinen kalt und beſtimmt die eben ſo ſchnelle Abreiſe ankündigend. Wie hätte die ſtarre männliche Seele Beguma's, die nur die Größe ihrer Familie im Auge hatte, das Liebes⸗ bekenntniß ihrer Tochter, das Flehen und Jammern der⸗ ſelben auch nur ein Haar breit in ihrem Vorhaben zum Wanken bringen können?— Dazu war Azim Khan der Bruder des Veziers Futteh Kahn, des Todfeindes Schah Schudſcha's. Beguma verlor kein Wort. Sulaika ward auf der Stelle mit Arola auf ein Kameel geſetzt und unter wohlbewaffneter Bedeckung vorausgeſandt. Die Fürſtin folgte kurz darauf ihren Töchtern nach. Acht Tage ſpäter, nachdem die Colonne ſechs auf⸗ einander folgende Engpäſſe über die rieſige Gebirgskette paſſirt, gelangte ſie endlich in das Orusthal. Unbe⸗ ſchreiblich waren die Mühſeligkeiten dieſer Reiſe. Na⸗ mentlich trafen ſie die beiden armen Mädchen hart, die aus dem milden Klima Kaſchmir's kommend, nicht die geringſten Beſchwerden zu ertragen gewohnt waren. So fanden ſie die erſten jener drei Engpäſſe ſo tief mit Schnee bedeckt, daß die Reiſenden nur Morgens, wenn derſelbe überfroren, ſie überſchreiten konnten. Beguma die, ſelbſt bewaffnet, den Zug führte, achtete weder Kälte noch Gefahr, und die finſtere Ent⸗ ſchloſſenheit, die ſtets gleiche Ruhe ihrer Züge, ſchreckte in dem Buſen eines Jeden der ihr folgte, ſchon den lei⸗ ſeſten Gedanken an Angſtlichkeit oder unmännliches Ver⸗ zagen zurück. Da Sulaika gleich nach der Abreiſe von Nanti einen Verſuch zur Flucht gemacht; führte die harte Mut⸗ tet ihr Kind nun gefeſſelt mit ſich. Aber die Feſſeln drückten die Unglückliche jetzt eben ſo wenig mehr, als das Ungemach der Reiſe.— Sulaika, in ſtumme Ver⸗ zweiflung verſenkt, war ſtumpf geworden für alle kör⸗ perlichen und geiſtigen Eindrücke. Als die Reiſenden aus den Gebirgen herauskamen, ſahen ſie ſich die Ebene kühn und ſteil zu ihnen erheben. Die Seitenwände, nackt, ſchwarz und geglättet, gewähr⸗ ten ein überaus impoſantes Anſehen; ſanken aber all⸗ mählig nach den Ufern des Orus hinab, und verloren ſich endlich unter dem Horizonte. Jetzt zeigten ſich auch wieder die Spuren einer Ve⸗ getation. Dürrer, verkrüppelter Ginſter zog ſich am Boden hin, einzelne Pflanzen und Kräuter wucherten aus Riſſen zwiſchen kahlen Felſen hervor, und verbreiteten einen lieblichen Duft. Mit dieſen erſten Anzeichen des Lebens, nahte ſich aber auch die kleine Colonne dem Ziele ihrer Reiſe; denn Schah Schudſcha erwartete die Seinen in jener Kluft, welche die Eingebornen ſo bezeichnend:„Dura⸗i⸗ Zundan,“ das„Kerke rthal“ nennen. Und wahrlich! jener finſtere Aufenthalt des flüchtigen Fürſten verdiente mit dem vollſten Rechte dieſen Namen. 268 Aus der Ebene biegt, auf der nördlichen Seite ihrer Begränzung, ein Engpaß in die Gebirge und verläuft ſich in einem kleinen Thale, welches ſich ſo oft krümmt, daß es in Wirklichkeit jede halbe Meile deutlich hervor⸗ tretende Einſchließungen bildet, die alle und jede Fern⸗ ſicht verſperren. Dabei ſteigen die Felſenmauern ſo ge⸗ waltig in die Höhe, oder hängen, wie künſtlich gebildete Bogen uud Wölbungen, ſo weit über, daß ſich ſogar am Mittage kein Sonnenſtrahl hinein verirrt*). In dieſen Schluchten erwartete der rechtmäßige Be⸗ herrſcher Afghaniſtan's die Glieder ſeiner Familie; in dieſen Schluchten erblickten Sulaika und Arola zum erſtenmale ihren Vater. Aber Schah Schud⸗ ſchah's Herz war weicher als das ſeiner Gattin; der gebeugte Fürſt vergaß in dem Anblicke der aufblühenden Kinder Reich und Krone, und heiße Thränen rollten über ſeine Wangen, als er die Langvermißten in ſeine Arme ſchloß und auch Sulaikas Verzweiflung löſte ſich an dem Vaterherzen in einen milden Schmerz auf. Mit Schah Schudſcha hatten ſich in dem Thale „Dura⸗i⸗zundan“, außer dem engen Kreiſe ſeiner *) Alerander Burnes. Reiſe nach Bokhara. 269 Familie, auch viele ihm geneigte Häupter des weitver⸗ zweigten Stammes der Durani's verſammelt. Beguma, die ſie zum größeren Theile herbeſchieden und auf deren Veranlaſſung überhaupt dieſe gefährliche Znſammenkunft unternommen worden war, leitete auch jetzt die Bera⸗ thungen. Ihr Erſtes war, die Hänpter und Angehörigen durch Vorzeigung„Koh-i- noor's“ zu ermuthigen. Sodann theilte ſie verſchiedene Plane mit, nach welchen, ihrer Meinung nach, Mahmud m eheſten, unter Beihülfe des heiligen Steines 6 könne, und bewies den Anweſenden hierbei, daß, wenn ſie irgend zum Ziele kommen wollten, Futteh⸗Khan vor Allem fallen müſſe. Dies aber war eine höchſt ſchwierige Aufgabe, die zu löſen ſich keiner der Anweſenden getraute. Beguma ließ gerne einige Minuten des Schwei⸗ gens vorübergehen. Dann ſprang ſie raſch auf, warf ſich, wie von einem hellen Gedanken durchzuckt, vor dem, in der Mitte der Verſammlung auf goldenem Altare blitzenden„Koh-inoor“ nieder und verharrte lautlos eine kurze Zeit in dieſer Stellung. Jedermann war überraſcht und doch konnten ſich Alle das Betragen Beguma's leicht erklären. 270 Die Fürſtin hatte ſich in dieſem wichtigen Momente nnter den unmittelbaren Einfluß des Talisman's be⸗ geben; hoffend, durch ſeine Kraft einen rettenden Gedan⸗ ken zu finden. Nach dem Verlauf einer Viertelſtunde erhob ſich Beguma's ſtolze, königliche Geſtalt feierlich: „Koh-i- noor“, der ewig treue Schützer der Du⸗ ranis, hat uns gerettet!“ ſagte ſie entſchieden:„Er ver⸗ langt, daß wir eine unſerer Töchter, durch Hülfe eines Dritten, an Mahmud t. Dem Glück der Al⸗ tern, der Größe und der cht der Familie, opfre ein Kind ſeine Liebe. Es ſuche durch die Reize, die ihm Allah verlieh'n, den ſchwachen Mahmud zu feſſeln, und mache des Veziers Sturz zu dem Preiſe ſeiner Neigung.“ Alle Anweſenden, zumeiſt Schah Schudſcha, er⸗ bleichten. Was„Koh-i- noor“ verlangte, das wußte Jeder, mußte unbedingt geſchehen. Der Plan war treff⸗ lich; aber das Unternehmen gewagt; denn es konnte leicht der Erwählten das Leben koſten. Unausführ⸗ bar dagegen, oder freventlich, erſchien es Niemanden; da es ja die Sitte des Orientes ohnehin mit ſich bringt, daß die Altern unumſchränkt über das Schickſal der Töch⸗ ter zu entſcheiden haben, und freie Wahl bei denſelben ein höchſt ſeltener Fall iſt. Beguma hatte übrigens hier nur den eigenen und fremden Aberglauben benutzt, einen ihrer Entwürfe zu ſanctioniren. Denn ſchon ehe ſie ihre Kinder wiederge⸗ ſehen, ſtand dies Vorhaben bei ihr feſt. Nur hatte ſie damals Sulaika dazu auserſehen, mußte aber jetzt, da ſie wußte, daß Sulaika den Bruder Futteh Khans liebe, ihre Wahl ändern. Mit der größten Ruhe bezeichnete ſie daher der Ge⸗ ſellſchaft Arola als das Opfer. B Bhawalpura's Er⸗ ziehungsſyſtem kam der Mutter hier ſehr zu Hülfe: denn das arme Kind, weit entfernt den rechten Begriff von dem zu haben, was es eigentlich ſollte, ergab ſich mit morgenländiſchem Gleichmuthe in ſein Schickſal; ja es fand in dem Gehorſam gegen den Befehl der Mutter, Troſt für die Trennung von der Schweſter. Beguma behielt ſich die weitere Belehrung Arola's vor. Zu gleicher Zeit mit dieſem Anſchlag auf Futteh⸗ Khan, wurde beſchloſſen: daß die Häupter im Stillen für den Beſitzer des„Koheienoor“ werben ſollten, während Schah Schudſcha und ſeine Familie ſich vor⸗ nahmen; einer Einladung des benachbarten Seikhs⸗Fürſten, 272 Rundſchit⸗Singh, zu folgen; um mit deſſen Hülfe, gleich nach Futteh Khan's Fall in Afghaniſtan einfallen zu können. Nachdem dies alles während mehrerer Tage ausge⸗ macht und Arola genügend vorbereitet worden war,— ſchied die Verſammlung voneinander, und Jeder ging ſeiner beſondern Aufgabe nach. Sulaika folgte gebrochenen Herzens,— von dem Geliebten— von der theuren Schweſter getrennt— den Rltern. M. Schah Schudſcha und die Seinen unter den Seikhs. Der Beherrſcher der Seikhs, Rundſchit Sing, hatte Schah Schudſcha eingeladen ſich zu ihm nach der Hauptſtadt Lahore zu begeben. Von hier aus, ſo hatte er dem Verbannten verſprochen, ſollte alsdann Mah⸗ mud beunruhigt, und ſobald ſich eine günſtige Gelegen⸗ heit zeige, überfallen werden. 273 Schah Schudſcha, der von jeher mit Rundſchit Sing im beſten Einverſtändniß gelebt, fand um ſo we⸗ niger einen Grund, dieſer Einladung zu mißtrauen; als er wußte, daß die Herrſcher von Kabul und Sbre Todfeinde waren. Selbſt die kluge und ſonſt immer ſo vorſichtige Be⸗ guma wandte gegen dieſes Vorhaben nichts ein und ſo flüchtete der unglückliche König nebſt ſeinem Weibe, ſeiner Tochter und„Koh- ienoor“ in das Land der fünf Flüſſe. Gendſchab.) Aber Allah allein durchſchaut die Herzen der Men⸗ ſchen!— und Habſucht iſt ein gefräßiges Thier, das ſelbſt Rechtlichkeit und Freundſchaft verſchlingt! Rundſchit Sing wußte, daß ſein Standesgenoſſe, ſelbſt in ſeinem bitteren Elende, noch den unſchätzbaren Diamanten„Koh-i-noor“ beſaß. Grund genug, den vom Glück Verlaſſenen an ſich zu locken, um ihn dann auf ſchändliche Weiſe zu berauben. Der Empfang an dem Hofe von Lahore entſprach vollkommen den kühnſten Hoffnungen der Flüchtlinge. Rundſchit räumte dem Fürſten und ſeiner Familie ein prächtiges Lokal ein, bewirthete und beſchenkie ſie reich⸗ lich; unterließ aber dabei nicht, durch geheime Späher 18 nachforſchen zu laſſen: wer und wo man den Diamanten aufbewahre. Glücklicherweiſe kam Beguma's Vorſicht unbewußt einer Entdeckung dieſes Geheimniſſes zuvor. Da aber der Seikhsfürſt ſah, daß er auf dieſe Weiſe nicht zum Ziele kommen, verſuchte er es auf eine andere. Es wurde, angeblich für Schah Schudſcha, eine Truppenabtheilung zuſammengezogen und gegen die Gränzen von Kabul geſandt. Schah Schudſcha ſah darin nur eine Erfüllung des gegebenen Verſprechens und ging auf Rundſchit Sin g's Aufforderung: ſich an die Spitze dieſer kleinen Armee zu ſtellen,— ohne Arg⸗ wohn nach derſelben ab. Kaum aber hatte der Schah die Hauptſtadt verlaſſen, als er gefangen genommen und in die feſte Stadt Amretſir abgeführt wurde. Hatte Schah Schudſcha in Attok bittere Leiden erfahren, ſo harrten ſeiner zu Amretſir noch weit ſchrecklichere Qualen. Rundſchit Sing war nieder⸗ trächtig genug, den rechtmäßigen König von Kabul und Afgahniſtan durch Hunger und alle erdenklichen Martern zu der Angabe des Ortes zwingen zu wollen, an dem er oder die Seinen den„Koh-i-noor“ verbor⸗ gen hielten. Sei es nun aber, daß der unglückliche dies ſelbſt nicht wußte, oder war es Standhaftigkeit— Schah Schudſcha verrieth nichts, und Rundſchit Sing wandte ſich nun, jenen in ſicherem Gewahrſam haltend, an Beguma. Aber Beguma Wuffadar wies das Anſinnen des Fürſten von Lahore mit gleichem Stolz und derſelben Entſchiedenheit zurück, mit der Sulaika deſſen Wunſch: ſie in ſeinem Harem zu beſitzen, verwarf. Ja Beguma war ſo kühn einen der fürſtlichen Botſchafter, welcher ihr und Sulaika das wiederholte Verlangen des Fürſten meldete, mit eigenen Händen für ſeine Frechheit zu züch⸗ tigen. Zugleich that ſie dem Maja Raja zu wiſſen: daß ſofern Rundſchit Sing auf ſeinen Forderungen beharre, ſie den fraglichen Diamanten in einen Mörſer zerſtoßen, die Stücke deſſelben ihrer Tochter und ihrem nächſten Ge⸗ folge eingeben und dann auch ſich durch dieſelben umbrin⸗ gen würde. Möge ihr Aller Blut dann auf ſein Haupt kommen. Die Entſchloſſenheit Beguma's ſchüchterte den Ty⸗ rannen allerdings für den Augenblick etwas ein; demohn⸗ erachtet war die Fürſtin zu klug, um ſeiner momentanen Nachgiebigkeit zu trauen. Das Leben der ganzen Familie ſtand auf dem Spiele.„Koh-i-noor“ mußte geflüchtet, Schah Schudſcha aus ſeiner Haft befreit, ſie und 18* Sutaita aus Rundſchit Sings Händen gerettet werden. In dieſer kritiſchen Lage aber, zeigte ſich Beguma's entſchloſſener und kühner Charakter am ſtrahlendſten. Nach kurzem Nachdenken war ihr Plan gefaßt. Sie ſelbſt ver⸗ kleidete ſich und Sulaika, ohne Wiſſen ihrer eignen Leute, als arme Hindus, verließ auf dieſe Weiſe glücklich Lahore und wandte ſich nun nach Amretſir. In deſſen Nähe angekommen, vertraute ſie das Köſtlichſte was ſie hatte: den heiligen„Koh-i-noor“ den Händen der Toch⸗ ter, ließ dieſe— der Sicherheit wegen unter der Geſtalt eines alten Hindu⸗Bettlers, an einem beſtimmten Orte, an welchem man ſich wieder treffen wollte zurück, und begab ſich ſelbſt nach Amretſir. Beguma hatte ſich ſchon früher auf einen ſolchen Fall vorbereitet, und zu dieſem Behufe den Reſt ihrer Koſtbarkeiten zu Geld gemacht. Vermittelſt deſſelben ge⸗ lang es nun der Schlauen, zwei der Wächter ihres gefan⸗ genen Gatten zu beſtechen. Mit Hülfe deſſelben bahnten ſie Schah Schudſcha durch ſieben Mauern einen Weg, auf welchem der König, in der Tracht eines Eingebornen des Punjabs, die Straße während der Nacht erreichte. Hier aber ſtellten ſich den Flüchtlingen neue Schwierig⸗ 27 keiten in den Wegz ſie mußten über die Stadtmauer, und doch war dieſe eben ſo wenig zu überſteigen, als die ſtreng bewachten Thore zu paſſiren. Aber Beguma ſchwankte nicht. Schudſcha und ſein Weib krochen durch einen Kloak der Stadt— und waren, ehe noch der Morgen graute, gerettet. Sie athmeten frei. Das Gebirgsland Kiſchtwar nahm ſie auf. Sie flogen der Tochter— ſie flogen dem Heiligthum der Familie dem Lichtſtrahlenden„Koh-i- noor“, ſie flogen tauſend neuen Hoffnungen entgegen— — da traf ſie, an der Stelle wo ſie Sulaika wieder⸗ finden wollten, die Nachricht: der alte Hindu⸗Bettler, der ſich ſeit einigen Tagen hier aufgehalten, ſei plötzlich von Räubern überfallen, und tief in die Gebirge geſchleppt worden. Beguma ſtürzte mit einem Schrei beſinnungslos zu Boden. Futteh⸗ und Azim Khan. Während der Gefangenſchaft Schah⸗Schudſcha's hatte ſich zu Cabul manches geändert. Beguma's Plan war geglückt. Arola, dem Kin⸗ desalter kaum entwachſen, aber durch des Orients glü⸗ hende Sonne geiſtig und körperlich gezeitigt, hatte ſeiner Zeit der Mutter Befehl mit morgenländiſcher Unterwür⸗ figkeit hingenommen und ſich, der geſtellten Aufgabe kaum klar bewußt, ihrem Schickſale gleichgültig ergeben. War doch Arola's Zukunft die faſt aller morgenländiſchen Schönen. Für den Harem irgend eines Mannes beſtimmt, werden ſie deſſen Weib; umſchlingen denſelben— wenn es ſich glücklich trifft— mit einer glühenden, rein ſinn⸗ lichen Liebe; ſehen außer dem Gatten keine andere männ⸗ liche Seele mehr; verträumen in trägem Wohlleben ihre Tage und ſterben in dem Harem, der ihre Welt geweſen. Arola's Aufgabe war: dem Könige von Kabul, Mahmud zu gefallen; darnach zu trachten, einigen Ein⸗ fluß auf ihn zu gewinnen und vermittelſt dieſer Macht Futteh Khan, den Todfeind ihrer Familie, zu vernichten. 279 Die Schönheit des, ſich eben in aller Jugendfülle entfaltenden Mädchens machte das Gelingen des erſteren Theiles des Vorhabens leicht. Mahmud war in der That entzückt, da man ihm Arola, als eine geraubte Circaſſierin, vorführte. Ihre auffallende Schönheit, ihre Jugend, ihre Lieblichkeit, reizten den leidenſchaftlichen Wollüſtling auf das Höchſte, und der erhitzte Fürſt kaufte ſie, ohne zu markten, für einen ungewöhnlich hohen Preis. Beguma hatte ihre Tochter, ſchon vor ihrer Tren⸗ nung, genau über die Art und Weiſe unterrichtet, auf welche Arola ſich gegen ihren zukünftigen Herrn zu be⸗ nehmen habe, um denſelben in wenigen Tagen zu ihrem Sklaven zu machen. Auch dieſe Aufgabe fand die Kleine leicht; denn alle Kunſtgriffe und Liſten die ihr die Mutter angegeben, lagen ſchon fertig in ihrem Inneren, und die weibliche Natur griff ihr ſo mächtig unter die Arme, daß Mahmud in ganz kurzer Zeit das Spielwerk ihrer Lau⸗ nen wurde. Da ſäete Arola den Saamen des Mißtrauens und des Haſſes gegen Futteh Khan in des leidenſchaftlichen Herrſchers Bruſt. Als dieſer Wurzel geſchlagen, erregte ſie Mahmud's Ehrgeiz. Sie frug ihn unter Anderen einſt ſpöttelnd, wer denn eigentlich in Kabul herrſche? 280 — Ob er? oder ſein Vezier?— Sie erhitzte ſeine Phan⸗ taſie durch das Lob kräftiger Selbſtherrſcher. Sie deutete an, daß wohl Futteh Khan im Stillen daran arbeite, die Regierung ſich und ſeiner Familie zu ſichern— ja ſie war endlich ſo kühn, bei einer kleinen Entzweiung zwiſchen ihr und Mahmud, die liebende Verſöhnung von ihrer Seite, von dem Tode des Veziers abhängig zu machen. Dies war genug! Futteh Khan wurde verhaftet und vor der Hand ohne alles Weitere geblendet. Kaum aber erſahen die Großen des Reiches die traurige Wen⸗ dung, welche das Schickſal des bisherigen Günßtlings ge⸗ nommen; als ihr längſt gegen den Glücklichen gehegter Haß gegen den nun Unglücklichen losbrach. Prinz Kam⸗ ran ſeellte ſich an deren Spitze, und Alle beſtürmten den Herrſcher nun mit Klagen und Rachemahnungen, ſo daß ſich Mahmud zu einer That hinreißen ließ, die ſein und das Andenken ſeiner Regierung für alle Zeit brandmarkt. Blind und gefeſſelt wurde der, noch vor kurzer Zeit allmächtige Futteh Khan vor den Herrſcher geführt, der in prächtigem Audienzſaale, umgeben von den Großen des Reiches, ſeiner harrte. Es war ein Kreis blutdürſtiger Hyänen, der hier den, ſonſt oft beneideten, Günſtling empfing. Der König, uneingedenk daß Futteh Khan es war, der ihm zu der Krone Kabul's verholfen, ihn auf Afgha⸗ niſtan's Thron bisher erhalten, die oft erſchöpften Schatz⸗ kammern ihm gefüllt, ſeine Ehre gewahrt, ſeine Kriege geführt, die Laſt der Regierung getragen hatte—, der König, uneingedenk all deſſen, trieb, in verächtlichem Uebermuthe, mit dem Unglückſeligen noch ſeinen Hohn und Spott wegen Verbrechen, die er ihm ſchmähend vor⸗ warf; ja er forderte den Blinden lachend auf, ſeinen Einfluß bei einem eben ausgebrochenen Aufſtande geltend zu machen. Futteh Khan ſetzte dieſem niederträchtigen Verfahren eine ſeltne, eine erſtaunungswürdige Seelengröße entge⸗ gen. Die Ruhe eines guten Gewiſſens verließ ihn nicht, und feſt und ernſt entgegnete er der frechen Anforderung des Tyrannen: daß er jetzt nur ein armer, blinder Mann ſei, der mit Staatsangelegenheiten nichts mehr zu ſchaffen habe. Aber dieſe Antwort ſetzte Mahmud ſo in Wuth, daß er auf der Stelle den Befehl gab: Futteh Khan vor ſeinen Augen in Stücke zu zerſchneiden. Mit einem Triumphgeheule ſtürzten bei dieſen Wor⸗ ten die Großen des Reiches über ihren füheren Gebieter, warfen den blinden Vezier zu Boden, riſſen ihm ſämmt⸗ 282 liche Kleider von dem Leibe, und trennten ſodann, mit wahrer diaboliſcher Luſt, Gelenk von Gelenk! Glied von Glied!— Naſe und Ohren wurden abgeſchnitten, und der letzte Lebensfunke war noch nicht erloſchen, als der Kopf von dem verſtümmelten Rumpfe getrennt wurde. Futteh Khan ertrug dieſe grauſamen Qualen ohne einen Seufzer auszuſtoßen; ja er ſtreckte denen, welche nach ſeinem Blute dürſteten, die verſchiedene Gliedmaßen mit der ſorgenloſeſten Gleichgültigkeit, mit der unbeding⸗ teſten Geringſchätzung ſeines Lebens entgegen.*)— Bhawalpura's Orakelſpruch ging in Erfül⸗ lung!— Aber Mahmud ſollte den Triumph ſeiner Schand⸗ that nicht feiern. Als er blutbefleckt in den Harem zurück⸗ kehrte, war Arola aus demſelben verſchwunden, und blieb, allen Nachforſchungen ohnerachtet, für ihn verloren. Die Nachricht von Futteh Khan's ſchrecklichem Ende lief mit Blitzesſchnelle von Mund zu Mund und erweckte allgemeines Mißgefallen. Auch eilte ein treuer Diener des Hingerichteten ſogleich nach Kaſchmir, Azim Khan von dem Geſchehenen zu unterrichten. *) Alexander Burnes. ——— 283 Der Herrſcher Kaſchmir's fuhr entſetzt aus den Armen der jungen Gattin empor, die er ſeit wenigen Wochen ſein nannte und welche ihn durch ihre treue und feurige Liebe zum glücklichſten der Sterblichen gemacht. Doch traf ihn die unheilſchwere Botſchaft nicht unvorbe⸗ reitet. Klugheit hatte ihn vermocht, auf Bhawalpura's Ausſpruch hin, eine kleine Armee zu werben und zu orga⸗ niſiren. Sobald er daher Gewißheit über den, an ſeinem Bru⸗ der verübten Mord hatte, riß er ſich aus den Armen der Liebe, ſtellte ſich an die Spitze des kampfluſtigen Heeres und brach wie ein reißender Bergſtrom in die Länder M ahmud's. Der Beherrſcher Kabul's folgte ſofort dem Schlacht⸗ rufe. Aber ſonderbar!— War es ein Zauber, der Azim's Waffen führte?— Kämpften unſichtbare Mächte in ſeinen Schlachtreihen? Oder pflückte ſeine eigene und die Tapfer⸗ keit ſeines kleinen Heeres ſo ſtrahlende Lorbeeren?— Azim ſchlug mit zwei tauſend Mann, den Beherrſcher Afgha⸗ niſtan's mit einer Armee von vier und zwanzig Tau⸗ ſend bei Horat ſo entſchieden auf das Haupt, daß Reich und Krone für Mahmud aufewig verloren waren. Den Sieg völlig zu krönen, ſtürzte ſich der Vernichtete auf der Flucht in ſein Schwert und hauchte unter Qualen ſein verruchtes Leben aus. 21 Azim Khan war Herr von Kabul und Afgha⸗ niſtan; aber auf ſeiner Bruſt erglänzte auch bei ſeinem feierlichen Einzuge in die Hauptſtadt— hell und ſtrahlend, gleich dem prächtigen Geſtirn des Tages,—„Koh- i-noor.“ XI. Schluß. Vor dem Eingange der Höhle Nanti wimmelte es von Menſchen, Pferden und Kameelen; und ſelbſt die rie⸗ figen Geſtalten mehrerer Elephanten ragten unter der lärmenden Menge hervor. Zelte, aus den bunteſten Stoffen errichtet, bildeten rings umher eine leicht bewegliche Stadt, und kündeten mitunter durch ihren Reichthum und ihre Pracht, den hohen Rang ihrer Herren. Nur eine dieſer luftigen Wohnungen war ſtreng bewacht; denn in ihr brüteten zwei arme Ge⸗ fangene über die unheilſchweren Launen eines finſteren Schickſals, während die ganze Umgebung, im Ueberfluſſe ſchwelgend, ſich der heiterſten Luſt hingab. — 285 Die Gefangenen waren Schah Schudſcha und Beguma ſein Weib. Nachdem die treue Gattin mit Gefahr des eigenen Lebens den König aus Amretſir befreit, waren Beide, wie bereits erwähnt, in das Gebirgsland Kiſchtwar geflohen, woſelbſt Beguma ihre Tochter Sulaika mit dem Familienſchatze, dem köſtlichen„Koh-i-noor,“ zu⸗ rückgelaſſen. Wie fürchterlich die beiden Gatten hier der Verlußt der Tochter und namentlich des Diamanten,— des hei⸗ ligen Talismans ihrer Familie— traf, iſt leicht zu. be⸗ greifen. Jede, auch die leiſeſte Hoffnung auf das Wieder⸗ erlangen des Thrones von Kabul, war nun für Schah Schudſcha und die Seinen verſchwunden; umſomehr, als ja gerade der Beſitz der Krone Afghaniſtan's von dem perſönlichen Beſitz„Koh-i-noor's“ abhing. Und was hatten Beide nicht alles um die Erhaltung eben die⸗ ſes Steines ſeit Jahren erlitten und geduldet? Welche Schwierigkeiten mit ungebeugtem Muthe überwunden? Beguma, die ſtolze Königin, das unerſchütterliche kühne Weib in den Tagen der Gefahr— Beguma war vernichtet. Die ſtolze Kraft ihrer Seele brach in ſich ſelbſt zuſammen; denn es war ihr ja der Lebensfaden zerſchnit⸗ —+ — — ten, das Ziel, die Bedeutung, der Zweck ihres Daſeins genommen. Nur nach Einem hatte ſie geſtrebt, nur für Eines gelebt— dies Eine war verſchwunden— und damit ihr Leben zwecklos geworden. Beguma ſah kalt, gefühllos und ſtarr in die Zukunftz wäre ſie allein auf Erden geweſen, Nichts in der Welt würde ſie abgehalteu haben, durch einen freiwilligen Tod eine Exiſtenz zu enden, die für ſie keine mehr war. Aber Schah Schudſcha beſaß die Seelenſtärke ſeiner Gattin nicht; er bebte vor dem Gedanken des Selbſtmordes zu⸗ rück und flehte ſein Weib an, um ſeinetwillen ebenfalls davon abzuſtehen. Nach langem vergeblichem Suchen der Tochter, ent⸗ ſchloß ſich Beguma, ihre alte Freundin Bhawalpura aufzuſuchen. Konnte doch vielleicht der Mund der Pro⸗ phetin Auskunft über das Schickſal„Koh-ienoor's“ und Sulaika's geben. Aber auch dieſes Unternehmen mißglückte. Kaum hatten Beide die Gränze Kaſchmir's überſchritten, als ſie gefangen genommen, und— zu ihrer größten Verwunderung— unter ſcharfer Bewachung nach eben der Gegend abgeführt wurden, die ſie ſich ſelbſt zum Ziele ihrer Reiſe geſetzt. Hier aber traf Schah S chudſcha und ſein Weib der härteſte Schlag: ſie erfuhren nicht nur, daß und wie Azim Khan Mahmud beſiegt habe; ſondern auch— daß er im Beſitze„Koheienoor's“ ſei. Da ward es ſtill in der Bruſt der Leidenden; denn das Unglück hatte ſeine ſchwärzeſte Nacht über ſie ausge⸗ goſſen,— das Uebermaß des Schmerzes ihr Herz gebro⸗ chen,— es ſchlug— aber es fühlte nicht mehr.— Und doch weilten ſie in dem Lande Eden, in dem Paradieſe der Erde! Blickt nicht dort der König der Berge, der Dhawala⸗ Giri, der Diamant des Himalaja, der ſeine Krone von ewigem Eiſe hoch in die Himmel hebt, der den Aether trinkt und die Sonne küßt, wie ein König nieder, auf die Rieſenalpen, die ſich wie Sklaven ihm zu Füßen gewor⸗ fen?— Unfangen nicht liebliche Berge bräutlich dies Thal?— Durchrauſchen es nicht ſegnend die Fluthen des Hydaspes? Goß nicht die Allmacht ihr reichſtes Füllhorn über Kaſchmir aus? Ach ja!— Es iſt ja der Garten des Herrn!— Das verlorene, beweinte, erſehnte Paradies!— Es iſt jenes Eden, worin ſich Gott ſelbſt wohlgefiel!— Die heilige Stelle an welcher das Menſchengeſchlecht zum Daſein erwachte!— Wie könnt ihr weinen im Thale des Herrn?— Er⸗ hebt euch und blicket mit heiligen Schauern der vollende⸗ 288 ten Schönheit— der Braut Gottes— der Natur, in das ſtrahlende Antlitz!— O! wie ſie euch entgegenlächelt, ſo ſüß und ſelig, in ihrem ewigen Frühling! Wie ſie die Arme ausbreitet und ruft: Kommt an mein Herz ihr Kinder! Fühlt ihr den duftenden Hauch ihres Mundes euch umwehen in ſchmeichelnden Lüften? Höret ihr der Mut⸗ ter ſanfte Stimme im harmoniſchen Jubel unzähliger Leben?— Durchrieſelt euch nicht Entzücken, da ſie den Schleier von ihrem Haupte nahm, und euch nun anblickt mit den liebefeuchten Augen, und alle ihre verſchwiegenen Reize vor euch enthüllt. Ach! freilich iſt das Menſchenherz zu klein, für eine ſolche Luſt!— Zu gewaltſam ſtürzen ſich die Wellen des ſiedenden Blutes in das Gebrechliche. Dem Auge blei⸗ ben nur Thränen— der Seele nur der Wunſch: hier zu ſterben, um hier ewig zu leben!—— Es war eine Nacht, wie jene, in welcher Azim Khan zum erſtenmale Sulaika ſah. Der Sternenhimmel hing wie ein goldner Blüthen⸗ baum ſchwer und voll über die Welt, und ſein Hauch, der Athem eines höhern Lebens, erquickte mit leiſer Hoffnung die Seelen der Sterblichen. Blumen und Pflanzen öff⸗ neten ihre Kelche und opferten dem Allliebenden ſüße 289 Weihrauchdüfte. Das Luftmeer ſchlug in weichen Wellen an die Ufer der Erde, über die friedliche Träume ſpielend zogen, und überall kündete ein heimliches Säuſeln und Flüſtern das ſehnſuchtsvolle Suchen und Werben der alles durchfluthenden Liebe, die ihren Kindern ein nahes unendliches Glück verhieß. Solch' eine Nacht war es auch, als der gefangene König und ſein treues Weib, von Schergen rings umge⸗ hen, an den Eingang der Höhle Nanti traten. Aber die Höhle nahm nur die königlichen Gatten auf. Kalt und hoffnungslos ſchritten ſie dem Felſengange ent⸗ lang— kalt und hoffnungslos gingen ſie durch die Hallen des Kriſtallſaales und legten den Weg durch die finſteren Felſengemache zurück. Aber ſelbſtdas ausgebrannte Herz der Gefangenen ſchlug höher, als ſie in die magiſche Dämmerung des ſtillen Zaubergartens blickten. In blauer Flamme, Aroma hauchend, brannte die heilige Naphta⸗Quelle. Ihr Ausfluß zog einen Feuergür⸗ tel um eine verhüllte Opferſchale. In der Mitte der matterleuchteten Felſengrotte hob ſich die dunkle Geſtalt Bhawalpura's, wie ein Geiſt der Finſterniß; aber zu ihren beiden Seiten dehnten ſich, — halb verhüllt durch Blumen und Laubwerk,— zwei „ 19 290 lange Reihen weißgekleideter, engelſchöner Mädchen. Die rechte Hand einer Jeden hielt einen Palmenzweig, die linke eine goldene Schale flammenden Naphta's. und alle ſangen in lieblichem Chor eine ſüße Melo⸗ die, und Alle prieſen Allah und den Propheten in herr⸗ lichen Liedern. Als aber die Töne allmählig verklungen, ſprach Bhawalpnra: „Im Namen des allbarmherzigen Gottes! Ihr Gläu⸗ bigen, beuget Euch, betet an und dienet Eurem Herrn, und handelt rechtſchaffen, damit Ihr glücklich werdet. Kämpfet für Gottes Sache, wie es ſich geziemt, denn es iſt die Eure. Vertrauet dem Wort ſeiner Propheten; denn es iſt ſein Wort.“ „Du aber, Schah Schudſcha, der Du biſt recht⸗ mäßiger Beſitzer des heiligen„Koh-i-noor,“ du Sonne Kabul's, der da kennt die Kraft des„Lichtberges,“ Du ſollteſt nicht verzagen, wenn Allah die Hand auf Deine Augen legt, und Dich wandeln läßt im Thale des Jammers. Sein Wort iſt unerſchütterlich, wie die Grundfeſte der Erde und was ſeine Geiſter verſprochen, das halten ſie.“ Und ernſt und feierlich die Purpurdecke von der Opferſchale nehmend, ſprach ſie weiter: „Seht, Kleingläubige, die Sonne der Gnade gehet nie unter!“ Und vor Schah Schudſch a's und Begum a's ſtau⸗ nenden Augen ſtrahlte in ſeinem tauſendfarbigen Lichte der göttliche„Koh-i-noor.“ Da ſtimmten die Mädchen jubelnde Hymnen an; und aus den Büſchen trat Azim Khan hervor und legte den königlichen Reif um Schah Schudſcha's Stirne und ſprach: „Seid mir gegrüßt, König von Kabul.“ Und als er dies vollbracht, winkte Bhawalpura: und zu den Füßen ihrer Aeltern ſank Arola und in Azim's offene Arme Sulaika. Aber die Herzen der Glücklichen waren zu klein für ſolche Luſt!— Die Wellen des ſiedenden Blutes ſtürzten ſich ſo gewaltſam hinein, daß ſie hätten zerſpringen mö⸗ gen. Ihren Augen blieben nur Thränen; aber ihre See⸗ len jauchzten auf zu Allah und flehten:— Herr! laß uns nicht vergehen in dieſer Luſt.“ ſ ſ . 8 9 10 11 12 14 16 7 18 . —2