5 Leihbiblivtheł deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 0 von 6. Cdnard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, S Stun⸗ hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: S 5 6. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 5———— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 V 50 Pf. 2 W.— Pf. „ 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ Und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Thaddãus Koseiuszko. Pritter Theil. Der Spinnabend. „Es waren die Nachwehen ganzer Geſchlechter, die Schmerzen ganzer Jahrhunderte, die in vieſen Me lodien zu einem unenblichen Seufzer ſich verſchlangen. Man fühlt es, wenn man dieſe Lieder hört, daß das Rad des Schickſals nur zu oft ſchonungslos über das Erdenglück dieſes Volkes dahinrollte, und das Leben der Seele nur ſeine Schattenſeite zugekehrt. Daher ſo viel Schmerz und Poefie, ſo viel Unglück und Größe. Vincent' Pol11. Rosprawy o polskich gminnich piésnach läncach Die weichen Töne eines jener polniſchen Nationallieder, deren Inhalt und Melodie ſo ergreifend den Schmerz einer zertretenen Nation ausſprechen, waren mit einem Klageſeufzer er⸗ ſtorben. War es der wehmüthige Charakter des — 5 Geſanges? oder ſein trüber, jedes ächte Polen⸗ herz erſchütternder Tert?— oder war es auch vielleicht Beides, verbunden mit den Reflexionen, welche die einfachen Menſchen, die dieß Lied ſo eben geſungen, unwillkührlich dabei über die jetzige politiſche Lage ihres Vaterlandes anſtell⸗ ten?— Kurz! die nächſten Folgen des ver⸗ ſtummten Chores äußerten ſich in einem allge⸗ meinen Anflug von Melancholie Ihn kündete die feierliche Stille, welche auf den Geſang folgte, und die beurkundete, wie mächtig die erregten patriotiſchen Gefühle in dem Buſen eines jeden Gliedes der Geſellſchaft nachzitterten. Und den⸗ noch waren es nur Landleute, nur Bewohner eines kleinen litthauiſchen Dorfes, die ſich hier in der Schenke, an einem kalten Feuerabende, vereinigt hatten. Dem altherkömmlichen Ge⸗ brauche nach, ſaßen die Mädchen hinter den ſchnurrenden Rädchen und ſpannen Flachs, wäh⸗ rend die jungen Männer das Feuer auf dem großen Kamine unterhielten, oder, Handarbeiten verrichtend, ſich zu den Füßen ihrer Erkornen niedergelaſſen hatten. Auch die Alten waren nicht ausgeblieben; denn der lange Abend, das dichte Schneegeſtöber und der kalte, ſchneidende Wind, der draußen pfiff, erweckten in einem Jeden den Drang nach einem behäglichen Zu⸗ ſammenſein und einer wohlthuenden Geſelligkeit Außer dieſer Geſellſchaft, die in der geräu⸗ migen, aber niederen Wirthsſtube verſammelt war, und ſich arbeitend, ſingend, ſchwätzend und trinkend die Zeit verkürzte, befand ſich in ihr— eine wahre Seltenheit— auch ein fremder Gaſt. Es war, wie es ſchien, ein junger Mann Ge⸗ nau konnte ihn Niemand erkennen; indem ein faltenreicher Mantel und eine, mit dickem Pelz verbrämte polniſche Mütze Figur und Geſicht faſt gänzlich verbargen. Auch ſchien er ſich ge⸗ fliſſentlich den entfernteſten und dunkelſten Winkel der Stube ausgewählt zu haben, wo er denn allerdings des Mantels nicht entbehren konnte, da die flackernde Flamme des Kamins nur wenig Wärme bis zu jener Ecke ſandte. Der erſte Eindruck, welchen dieſer Gaſt auf die Geſellſchaft gemacht, war ein ungünſtiger, da ſein düſteres und geheimnißvolles Weſen um ſo ſtörender auf die allgemeine Stimmung einwirkte, als man in ihm einen der vielen ruſſiſchen Spione, die da⸗ mals das Land zu durchziehen pflegten, zu ver⸗ muthen berechtigt war Als aber der Hausherr, — nachdem er einige Worte leiſe mit dem Gaſt gewechſelt,— vortrat, und den anweſenden Dorfbewohnern auf ſein Wort verſicherte, daß jener Fremde kein Aufpaſſer, ſondern im Gegen⸗ theil ein guter Pole ſei, verwandelte ſich der Argwohn in Wohlwollen. Neugierig ſchielten die Augen der Weiber und Mädchen nach der verhüllten Geſtalt, und ſelbſt der männliche Theil der Geſellſchaft theilte ſich ſeine Vermuthungen über den Unbekannten in halblautem Geſpräche mit. Einen wichtigen Grund mußte er haben, ſich ſo ſorgſam zu verbergen; und wenn dieß als guter Pole in ſeinem eigenen, jetzt durch Rußlands eiſerne Hand ſo hart gedrückten Va⸗ terlande geſchah, ſo war es natürlich, daß er in den Augen des gereizten Volkes ſogleich für einen jener Patrioten galt, die ſich durch ihre edlen, nationellen Beſtrebungen den Zorn der ruſſiſchen Parthei zugezogen und daher genöthigt —— waren, wollten ſie nicht nach Sibirien wandern, ſich deren Aufmerkſamkeit auf das Sorgfältigſte zu entziehen. Der Pole liebt ſeinen Landsmann, ſelbſt wenn er ſein Herr, ſein ſtrenger Herr, wäre; aber er ſchwärmt für ihn in fanatiſcher Begeiſterung, wenn er ein Märtyrer für das Vaterland iſt. Dann iſt er ihm heilig, denn er vereinigt in ſich die Tugenden, welche der Pole am höchſten ſchätzt: Vaterlandsliebe und Hel⸗ denſinn. So ging es denn auch an jenem Abende, in der Zechſtube des litthauiſchen Dorfes. Der Fremde, anfangs ein Gegenſtand des Unwillens, war nun das Ziel des allgemeinen Intereſſes geworden; und doch achtete man ſeinen Wunſch: unerkannt zu bleiben, ſo hoch, daß Niemand es wagte, ſich ihm zu nähern, oder ihn gar in ſeinem Nachdenken durch zudringliche Fragen zu ſtören. Aber die Herzen der Anweſenden ſchlu⸗ gen ſo warm für den(wie ſie jetzt überzeugt waren) armen Verbannten, daß ſie nicht umhin konnten, ihre Sympathie durch das Abſingen eines Rational⸗Liedes zu beurkunden. Ohne ſich 0 daher erſt zu verabreden, brachen Alle, wie von einem Gefühle geleitet, plötzlich in den oben erwähnten Volksgeſang aus. Und ſie ſchienen ſich nicht getäuſcht zu haben; denn als das Lied verſtummte, und jene feier⸗ liche— wehmüthigen Gedanken gewidmete— Stille eintrat, hüllte ſich der Gaſt tiefer in ſei⸗ nen Mantel, als wollte er hinter deſſen Falten die Bewegung verbergen, welche ihn ergriffen. Es war in der That einer jener ernſten Le⸗ bensmomente, die uns im raſchen Vorüberfluge mit dem blitzähnlichen Aufleuchten eines Gedan⸗ kens, einen Blick in die Zukunft gönnen. Aber mit der gleichen Schnelle, mit der ſich die gei⸗ ſtige Fernſicht geöffnet, ſchließt ſie ſich wieder, und der kommende Augenblick verwiſcht oft ſchon den Eindruck des Vorhergehenden. Dann ſagen wir: ein Engel zog an uns vorüber. Aber die wehmüthigen Gefühle, mit welchen die allgemeine, auf den Geſang folgende Pauſe begonnen, erſtarben bald, indem äußerliche Er⸗ ſcheinungen die Aufmerkſamkeit der Geſellſchaft in Anſpruch nahmen. Es war dieß hauptſäch⸗ —— — lich das Wetter, das dieſen Abend ausnehmend unfreundlich war. Der Wind pfiff und heulte greulich durch die Luft, er ſchüttelte die kleinen Fenſter, daß die Scheiben klirrten, und warf den hartgefrornen Schnee gewaltig wider die⸗ ſelben. Draußen herrſchte nur eine Farbe Kaum vermochte man einen Gegenſtand von dem andern zu unterſcheiden, und die halb ein⸗ geſchneiten kleinen Häuſer ſchauten traurig aus den tiefen Schneemaſſen heraus. Von fern her tönte das Heulen hungriger Wölfe und das Bellen der Füchſe, die, Nahrung ſuchend, das Dorf umſchwärmten. Aber dieſes unheimliche, froſtige Draußen, machte das Innen um ſo behäglicher. Die Mädchen brachen das Schweigen zuerſt, die Weiber folgten ihnen, und ſo entſpann ſich als⸗ bald wieder ein lautes, vielverſchlungenes Ge⸗ ſpräch; während die jungen Männer Holz her⸗ beitrugen, und die erlöſchende Flamme wieder tüchtig anſchürten. Das Intereſſe der Unter⸗ haltung hatte ſich getheilt, wurde jedoch bald wieder auf einen gemeinſamen Punkt geleitet, — indem ſich auf der Straße Schellengeläute und Peitſchenknallen hören ließen, die einen nahenden Schlitten verkündeten. Alle horchten auf, und blickten, als das Fuhrwerk vor dem Hauſe hielt, mit Spannung nach der Thüre. Ihre Neugierde ſollte bald befriedigt werden; denn ehe man es noch erwartet, trat, von dem Hausherrn geführt, ein zweiter Fremder ein. Kaum aber hatte der Neueingetretene ſeinen dickbeſchneiten Mantel abgeworfen, und ſtand nun— ein bildſchöner junger Mann, in reiche Koſackentracht gehüllt— da, als ihn ein lauter, allgemeiner Jubel be⸗ grüßte. Die jungen Männer umringten ihn und boten demſelben einen freundlichen Willkomm, die Mädchen ſchauten mit verklärten Geſichtern nach ihm hin, und die Alten nickten freudig der ganzen Scene ihren aufrichtigen Beifall zu. Der Hausherr aber rückte eine Bank und einen Tiſch zum Feuer, nöthigte den neuen Gaſt zum Niederſetzen, und holte von Speiſe und Trank herbei, was das Haus nur liefern konnte Auf alle dieſe Artigkeiten antwortete der Jüngling auf das Freundlichſte; vor der Hand ſchienen — ihm aber die Bemühungen des Hausherrn am beſten zu gefallen, und er machte ſich daher auch mit wahrem Eifer über das Vorgeſetzte her. Unter dieſer Zeit hatten die Anweſenden nun volle Muſe, den ſo freundlich Empfangenen ge⸗ nau zu betrachten; eine Aufgabe, die namentlich die Mädchen nicht zu löſen vergaßen. Seine Kleidung ſowohl, als das Inſtrument, welches er mit ſich führte, hatten ihn augenblicklich als einen Teorbaniſten, d. h. als einen jener, in Polen ſo beliebten, Volksſänger verrathen, die von Dorf zu Dorf ziehend, das Volk mit ihren Sagen, Liedern und Tänzen, unter Be⸗ gleitung des Teorban, unterhalten und er⸗ freuen. Nichts war daher wohl natürlicher, als der Jubel mit dem ihn Jung und Alt em⸗ pfing; da ſein Erſcheinen der ganzen Geſellſchaft einen genußreichen Abend verſprach. Der junge Mann fühlte das ſelbſt, und als er daher ſeine leiblichen Bedürfniſſe geſtillt und ſich erwärmt hatte, griff er zum Entzücken Aller unaufgefor⸗ dert zum Teorban, die freundliche Aufnahme durch ſeine Kunſt dankbar vergeltend. Die Spinnräber hörten auf zu ſchnurren, die Mädchen und Weiber rückten näher herbei, die Männer bildeten einen Halbkreis, und der Sänger begann nach lieblichem Präludium fol⸗ genbes Lied: Tapfre Polen tretet näher, Hört ein altes Lied, Das mir eben warm und kräftig Durch die Seele zieht, Sing ich doch von ſchönen Tagen Von dem Siegeskranz, Den mein Vaterland getragen In der Hoheit Glanz. Polen meine Lieb und Luſt! Tapfer ſchützt dich dieſe Bruſt. Siegreich nur will ich dich ſehn, Oder— mit dir untergehn. Einſtens ſaß auf Polens Throne Eine ſchöne Maid, Die von zwei der größten Helden Liebend ward gefreit. Litthauen und Oeſtreich rangen Heiß um Hedwigs Hand, Und von beiden Seiten drangen Sie ins Polenland. Polen! meine Lieb und Luſt! Tapfer ſchützt dich dieſe Bruſt. Siegreich nur will ich dich ſehn, Oder— mit dir untergehn. — — 5— Welchem wird die Hand ſie geben Und das Königthum? Sind doch beide Fürſtenſöhne Gleich an Ehr und Ruhm. Ihre Lieb' hatt' längſt entſchieden; Aber Königin, Opfert ſie des Herzens Frieden Für ihr Polen hin. Polen! meine Lieb und Luſt! Tapfer ſchützt dich dieſe Bruft. Siegreich nur will ich dich ſehn, Oder— mit dir untergehn. Und ſie ſagt, die Thrän' im Auge, Sanft zu Oeſtreichs Sohn: „Freie Lieb' wohnt in der Hütte, „Iſt verbannt vom Thron, „Einer Fürſtin Herz muß ſchweigen, „Spricht das Vaterland, „Seinem Glück muß ihres weichen, „Drum entſagt der Hand. Polen! meine Lieb' und Luſt Tapfer ſchützt dich dieſe Bruſt. Siegreich nur will ich dich ſehn, Oder— mit dir untergehn. „Polen wünſcht und ich gehorche, „Bricht auch faſt das Herz; „Opfre ſeiner Macht und Größe „Willig dieſen Schmerz. „Muß der Länder Feindſchaft tilgen „Durch der Ehe Band. — „Groß und ſchön iſt's ja zu leiden „Für ſein Vaterland.“ Polen! meine Lieb und Luſt! Tapfer ſchützt dich dieſe Bruſt. Siegreich nur will ich dich ſehn, Oder— mit dir untergehn. Und der Himmel hat dieß Opfer Segnend angeſchaut, Hedwig in des Volkes Herzen Tempel auferbaut. Schön ſind wohl der Erde Freuden, Süß iſt Liebestand, Doch das Größte iſt— zu leiden Für ſein Vaterland. Polen! meine Lieb und Luſt! Tapfer ſchützt dich dieſe Bruſt. Siegreich nur will ich dich ſehn, Oder— mit dir untergehn. Der Refrain nach jedem Verſe war von der Geſellſchaft im Chorus mitgeſungen worden, und zwar zeigte die Kraft und Begeiſterung, welche die drei erſten Zeilen deſſelben belebte, ſo wie das hinſterbende der vierten, daß dieß Singen der Ausdruck tiefer und wahrer Gefühle ſei. Sie ſteigerten ſich, zumal bei dem Schluſſe des Liedes, zur höchſten Begeiſterung, und ver⸗ rauſchten dann in einem weichen Accorde. Lauter Beifall und herzlicher Dank wurde dem Sänger zum Lohne Das Kapitel der Politik war nun einmal angefangen und wurde von den Männern, die ſich um den Teorba⸗ niſten drängten, fortgeſetzt. Da er von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt wandernd, genau von der jetzigen Lage der Dinge und der allge⸗ mein herrſchenden Stimmung unterrichtet ſein mußte, ſo wollte Jeder genaue Auskunft dar⸗ über haben Der Sänger hatte nicht Ohren genug, die Fragen alle zu hören, die er beant⸗ worten ſollte. Er winkte daher Stillſchweigen und als dieß geworden, ſagte er, ſich nachläßig auf ſein Inſtrument lehnend: „Liebe Freunde! obgleich ich viel herumkom⸗ me, kann ich Euch doch nur wenig darüber ſagen. Man iſt überall vorſichtig und verſchwie⸗ gen, weil man weiß, daß die Wände oft Ohren haben, und keine Luſt hat, mit Spinnen und Ratten in feuchten Löchern zu campiren, oder in Sibirien Zobel zu jagen.“ Nan, Th. Kosciuszko 1II. Thl. 2 Er ſah ſich dabei wie fragend im Zimmer um, und ſein Blick blieb forſchend auf der ver⸗ hüllten Geſtalt ruhen. „Seid unbeſorgt, wackrer Mann!“ entgegnete der Hausherr freundlich,„und laßt Herz und Zunge freien Lauf. Bei meiner Mütze! hier ſind nur gute Polen verſammelt!“ „Ja!— ja wohl!“ riefen alle Männer durcheinander,„hier ſind nur gute Polen!“ „Und der Verhüllte?—“ frug der Sänger „Für den ſteh' ich ein“ entgegnete der Haus⸗ herr mit wichtiger Miene und feierlichem Tone, „Wären alle Polen wie der, es ſtünde anders um das Reich.“ Die Blicke ſämmtlicher Männer. waren auf den Beſprochenen gerichtet, und Jeder hätte für ſein Leben gern gewußt, wen der Mantel berge. Der Verhüllte aber ſaß in ſich gekehrt, und be⸗ merkte nicht einmal, daß er der Gegenſtand der allgemeinen Aufmerkſamkeit geworden Der Wirth, den das Beobachtetwerden des Fremden in Verlegenheit brachte,— obgleich er ſich nicht wenig darauf einbildete, den geheimnißvollen — Mann allein zu kennen,— ſuchte die Neugierde der Geſellſchaft von dieſem abzuziehen, und faßte daher wieder den Faden des Geſpräches auf, indem er den Teorbaniſten frug: „Nun? wie ſteht es im Lande? ich hoffe Ihr nehmt keinen Anſtand mehr, mir dieſe Frage zu beantworten.“ „Keinen!“ enthegnete der Angeredete.„Aber ich kann Euch eben doch nicht mehr ſagen, als daß ſeit dem October vorigen Jahres, in wel⸗ chem Rußland, Preußen und Oeſtreich das arme Polen zum zweitenmale zerriſſen und ge⸗ theilt haben, eine beängſtigende Dumpfheit das ganze Land niederdrückt. Der Muth iſt dahin. Es kocht zwar in den Herzen, aber was ſoll's damit? Die Schwäche des Königs, der eine Puppe der ruſſiſchen Kaiſerin iſt, hat die Hel⸗ den von Dubienka, in ein freiwilliges Eril ge⸗ trieben. Kosciuszko, Kollatay und Po⸗ tocki ſind nach Dresden, wer weiß, wo die Uebrigen ſind. Und wenn ſie auch wieder er— ſchienen, wer würde ihnen folgen?“ „Wir!— Wir Alle“ tönte es wie aus einem Munde.„Sie ſollen nur kommen, und uns führen,“ rief ein junger kräftiger Mann, „mit Senſen und Knitteln wollen wir drein⸗ ſchlagen. Wenn uns der König verkauft, ſo müſſen wir uns ſelbſt ſchützen!“ „Ja!“ ſchrie ein anderer mit zornglühendem Geſichte.„Wir wollen ſolchen König nicht mehr, Kosciuszko ſoll unſer König ſein!“ „Stille! ſtille“ riefen hier die Anderen,„das iſt Hochverrath!“ „Dem Könige haben wir Treue geſchworen!“ unterbrach den Lärm der Hausherr.„Unſer Wort müſſen wir als gute Polen halten. Wenn er aber zu ſchwach zum Feldherrn iſt, ſo laßt uns Kosciuszko dazu wählen, der hat in Amerika fechten gelernt.“ „Das glaube ich,“ fuhr der Sänger fort, der auf ſeinen Teorban geſtützt, mit Freuden den kriegeriſchen Aeußerungen ſeiner Landsleute zugehört.„Wißt Ihr auch, daß ihn die Natio⸗ nalverſammlung der jungen franzöſiſchen Repu⸗ blit zum Bürger ernannt, und ihm das Diplom nach Leipzig geſchickt hat?“ „Das wäre!“ rief der Hausherr.„So iſt er nun in Amerika, in Frankreich und in Polen — alſo in drei Republiken, Bürger.“ „Schöne Republik unſer Polen!“ rief eine grelle Stimme.„Laßt uns eine daraus machen!“ „Ja! ja!“—„Schweigt!“ tönte es laut durcheinander. Die Köpfe waren erhitzt, es entſtand ein Tumult, die Mädchen und Frauen flüchteten hinter die Tiſche, Katzen, Hunde und Federvieh, die alle bisher in den Ecken und unter den Bänken geſchlafen, fuhren lärmend auf, und der Verhüllte, der ſich ſchon bei dem Worte„Dubienka“ unbemerkt erhoben, war im Begriff vorzutreten, als der Sänger ſein In⸗ ſtrument anſchlug, und ein heiterer Maſurka ertönte. Wie durch einen Zauber löste ſich der Menſchenknäul, der Streit ſchwieg und von dem Spielenden ſelbſt angeführt, entwickelten acht Paare, die ſich ſchnell gefunden, die gefälligen und grotesken Figuren des Tanzes. Als der Maſurka vollendet, riefen faſt alle Stimmen dem freundlichen Teorbani ſten das Wort:„Kolomeyka!“ zu, und alsbald ſtimmte er den gleichnamigen Tanz an. Die Paare hielten ſich an den beiden Enden eines Tuches, und die Tänzer leiteten an demſelben eine Zeit lang ihre Mädchen; nach einem gege⸗ benen Zeichen aber ließen die Erſteren das Tuch los. Da ſchienen die Schönen mit zierlichen Gebärden ihre Tänzer fliehen zu wollen. Dieſe aber eilten ihnen händeringend, und mit einem Ausdruck von Melancholie nach, bis ſie dieſelben erreichten und umſchlangen. Die Gefangenen ſchlugen die Augen nieder, bedeckten verſchämt mit der niedlichen Schürze ihr Geſichtchen, ließen aber, zum Zeichen des Ergebens das Tuch fal⸗ len, ſanken den Tänzern dann in die Arme, und wirbelten nun beglückt im Kreiſe dahin. Nicht ohne tiefe, charakteriſtiſche Anſpielung auf das, dem Polen über alles gehende Vater⸗ land, iſt dieſer Tanz. Er denkt es ſich unter ſeiner holden Tänzerin, die ihm— anſcheinend verloren— entflieht. Sehnſuchtsvoll ſtrebt er, es in ihr wieder zu gewinnen und jauchzt freu⸗ deſtrahlend, iſt das Geliebte wieder ſein. Bis tief in die Nacht währte dieſe Beluſti⸗ gung, und erſt nachdem der Teorbaniſt ermü⸗ det ſchwieg, kehrten die Mädchen zu ihren Spinn⸗ rädern zurück. Die Alten hatten während der Zeit das Haus verlaſſen; und nur die Jugend blieb, dem Herkommen gemäß, bis zum erſten Hahnenſchrei, nach welchem alsdann Jeder, der ſo glücklich war, eine Geliebte zu beſitzen, dieſe nach Hauſe begleitete Da es aber noch lange bis zum Morgen war, ſo nahm man ſeine Zu⸗ flucht zu der gewöhnlichen Unterhaltung, die im Erzählen alter und neuer Sagen und Geſchichten beſtand. Die Reihe war heute an einer kleinen, rothbackigen Brünette, die denn alsbald ihren Vortrag begann. Aber ihre Wahl mußte nicht glücklich ſein; denn kaum hatte ſie den Mund geöffnet, als Alle über ſie herfielen, und ihr bemerkbar machten, daß die angefangene Sage ſchon zu oft erzählt worden ſei, um noch irgend eine Unterhaltung zu gewähren. Katharina, ſo hieß die Brünette, war in Verlegenheit; ſie ſann hin und her und rief endlich:„Aber mein Gott, ich weiß nichts anders zu erzählen“ Da lachten ſie die Burſche und die Mädchen aus, daß ſie über und über roth ward; ja es ſchien ſelbſt, als ob ihr Auge feucht werde, als ihre neben ihr ſitzende Freundin ſie an den Arm ſtieß und ſagte: „Geh! dummes Ding, ſtell Dich nicht ſo. Du weißt ja die Entführungs⸗Geſchichte von der ſchönen Nonne.“ „Eine Nonne, die entführt wurde?“ rief es im Chorus. „Ja wohl!“ fuhr die Freundin fort,„und wenn ich nicht irre, ſo war es noch dazu des großen Kosciuszko's Braut.“ „Kosciuszko's Braut?!“ ſchrieen Alle. Die Rädchen ſtanden abermals ſtill, und Jedes blickte nach der kleinen Katharina. Der Fremde aber war emporgeſprungen. Es ſchien trotz ſeiner Verhüllung, als ob er zittere; er ſtützte ſich mit dem einen Arme auf den Tiſch, um ſich auf den wankenden Füßen zu erhalten, und ſtarrte athemlos nach dem engen Kreiſe, den die jungen Leute, von welchen ihn aber Niemand bemerkte, um Katharina gebildet. „Erzählen!— Erzählen!“ riefen alle Stim⸗ men durcheinander. „Ich darf nicht!“ entgegnete immer verlegner die Brünette.„Mein Vater hat es mir ver⸗ boten.“ „Was?“ rief ein junger Mann— Ja⸗ blonski iſt längſt todt.“„Willſt Du ein Ge⸗ heimniß aus dem machen, was Kosciuszko, den Helden der Nation betrifft?“ „Ich bitte Dich, Katharina, erzähle!“ flehte der Geliebte der Rothbäckigen, der ihr zu Füßen ſaß. Das Mädchen ſchaute ihn fragend an, er antwortete mit einem feurigen, vielſagenden Blicke, und unterſtützte dadurch bedeutend das Flehen der ganzen Geſellſchaft, die mit Ungeſtümm, unter dem wiederholten Rufe:„erzählen!“„erzählen!“ in die Brünette drang. Katharina konnte nicht länger widerſtehen, ſie begann demnach wie folgt: „Es ſind jetzt mehrere Jahre, als eines Morgens ein Schlitten vor unſerer Hütte hielt. Er hatte meinen Vater gebracht, der, wie Ihr —— Alle wißt, beſtändig in der nächſten Umgebung unſers Herrn des Vicekronfeldherrn Sonowski lebte. Da er ſeit Jahren nicht in unſern Wohn⸗ ort gekommen war, und ſeit eben ſo langer Zeit weder meine Mutter, noch mich geſehen hatte, ſo war das Dorf über dieſen ſeltenen und plötz⸗ lichen Beſuch nicht minder erſtaunt, als wir. Ich ſelbſt entſann mich ſeiner nur dunkel, und wußte einzig, daß er ein ſtrenger und heftiger Mann ſei, dem man unbedingt gehorchen müſſe. Sein Begehren: mich mit ſich zu nehmen, fand daher, außer vielen Thränen von meiner und meiner Mutter Seite, kein Hinderniß, und wenige Stunden nach ſeiner Ankunft flog der Schlitten mit ihm und mir wieder davon. Ich muß geſtehen, daß es mir leid that, mich von meiner Mutter und meinen Geſpielinnen trennen zu müſſen, daß ich meinen Vater fürch⸗ tete— und dennoch überwog die Erwartung alles des Neuen, was ich da ſehen und erfahren ſollte, dieſe Gefühle ſo ſehr, daß ich Furcht und Trennungsſchmerz bald vergaß, und nur mit klopfendem Herzen an die verhüllte Zukunft dachte Ich hatte auf der ziemlich langen Reiſe Zeit genug, meinen Gedanken nachzuhängen, und ſo⸗ mit meine kindiſchen Hoffnungen und Erwartun⸗ gen auszumalen; indem mein Vater, außer der, von Zeit zu Zeit wiederholten Ermahnung: an einen unbedingten Gehorſam, faſt kein Wort mit mir ſprach. Nach zwei Tagen kamen wir gegen Abend in eine mir unbekannte Stadt. Es war die erſte die ich ſah, da ich nie über mein Dorf gekommen. Ihr könnt Euch denken, welchen Eindruck dieſe Maſſe von großen Häuſern, Thür⸗ men und Kirchen auf mich machte. Ich glaubte in den engen Straßen zu erſticken, und obgleich ich überall Menſchen um mich ſah, ſo ſchien es mir jetzt erſt gerade, als ob ich recht allein, recht verloren ſei, und unwillkührlich dachte ich mit Schmerzen an mein Dorf, an Euch, und an die gute Mutter zurück. Indeſſen war auch dieß Gefühl nur ſchnell vorübergehend, indem unſer Schlitten alsbald vor einem großen, alten Hauſe hielt, und meine Aufmerkſamkeit durch neue Gegenſtände gefeſſelt wurde. Auf ein, mit der Peitſche gegebenes Zeichen öffnete ſich die Thüre, und eine alte, ſchmutzige und zerlumpte Frau trat heraus. Sie bewillkommte uns mit widerlicher Freundlichkeit, hob mich aus dem Schlitten, liebkoste mich, und führte uns ſodann in das Innere des Gebäudes. Es war hier eben ſo finſter und alt, wie von Außen, und mir kam es in den langen Gängen, und auf den breiten Treppen recht unheimlich vor. Endlich traten wir in eine unendlich große Stube, die durch einen brennenden Span nur matt erleuchtet war, und durch die Unmöglich⸗ keit, ſie überſehen zu können, nur noch an Un⸗ behaglichkeit gewann. Dazu kam noch, daß zwei ſchlechte Betten, ein Stuhl und ein alter Tiſch Alles war, was ſich in dem weiten Raume befand. Kaum hatte ich noch dieſe Bemerkungen gemacht, und im Stillen meinen damaligen Aufenthalt mit unſerer gemüthlichen Stube hier im Dorfe verglichen, als ſich mein Vater, der bisher mit dem alten Weibe eifrig und geheim geſprochen, zu mir wandte.„Ich verlaſſe Dich nun,“ ſagte er in ſtrengem Tone,„und befehle Dir, ein für allemal, unbedingt alles zu thun, was dieſe Frau, die Du von nun an Mutter nennſt, Dir befiehlt. Ein Wort des Widerſpre⸗ chens, und Du ziehſt Dir die härteſte Strafe zu“ Mit dieſen Worten verließ er das Zimmer. So hart mein Vater war, ſo band mich doch die kindliche Achtung an ihn; an die alte häßliche Frau aber, knüpfte mich nichts, und ihre zudringliche Freundlichkeit ward mir um ſo mehr zuwider, wenn ich daran dachte, daß ich ſie Mutter nennen ſollte Indeß mußte ich mich fügen. Hunger und Müdigkeit ſiegten bald über alle Bedenklichkeiten, ich aß und ſchlief endlich ein. Unerträglicher als der Abend, ward mir aber der kommende Morgen. Die Fenſterladen blieben geſchloſſen, und obgleich es draußen Tag ſein mußte, brannte im Zimmer beſtändig ein Holz⸗ ſpan, und verſetzte meine Umgebung in eine trübe, nächtliche Dämmerung. Glücklicherweiſe verſchwand die Alte bald und ſchloß mich ein. Als ich allein war, konnte ich wenigſtens wieder ungeſtört an Euch und meine Mutter denken, und den trüben Betrachtungen: wie wenig ſich meine kindiſchen Erwartungen erfüllt hatten, nachhän⸗ — gen. Da ergriff mich eine namenloſe Bangig⸗ keit und ich weinte recht bitterlich Hatte ich doch zu Hauſe ſo manch liebes Herz und meine Frei⸗ heit dazu, und hier ſaß ich ſo ganz fremd, ſo ganz allein, eingeſchloſſen bei lichtem Tage, in einem dunklen unheimlichen Kerker. Ich ahnte nicht, daß mir für den Abend noch etwas her⸗ beres bevorſtünde. Es mochte nämlich auf Mittag gehen, als die Alte mit einem frugalen Eſſen und einem Bündel zurückkam. Nachdem das Erſtere ver⸗ zehrt war, befahl ſie mir, mich zu entkleiden. Ich gehorchte, in der Hoffnung, einen ſchöneren Anzug zu erhalten; erſtarrte aber faſt vor Schre⸗ cken, als ſie das mitgebrachte Bündel vor mir auskramte, und mir mit katzenartiger Freundlich⸗ keit einen ganz zerfetzten hinreichte. Die Klei⸗ dung die ich mitgebracht, war einfach, aber ganz, ich hatte gehofft, eine beſſere zu erhalten, und ſollte nun in eine ſchmachvoll zerlumpte ſchlüpfen. Ich fing bitter zu weinen an ich flehte: mir doch wenigſtens meine mitgebrachte Röcke zu laſſen;— umſonſt— ſie bat und ſchmeichelte, und als dieß nichts helfen wollte, machte ſie Mienen, meinen Vater zu rufen. Dieß entſchied. Ich kroch unter lautem Schluchzen in die ab⸗ ſcheulichen Fetzen. Es war Zeit, daß ich ge⸗ horcht hatte, denn kaum war ich angekleidet, als mein Vater erſchien. Er muſterte mich, wie es mir vorkam, mit Zufriedenheit, ſtrich mir das Haar mit der Hand durcheinander und gab uns dann ein Zeichen, ihm zu folgen. Schweigend ſchritten wir über mehrere Höfe, bis wir ein mächtiges eiſernes Thor erreichten. Hier öffnete der Vater eine kleine in demſelben befindliche Thüre, wechſelte noch einige leiſe Worte mit meiner neuen Mutter, ſie ſchlüpfte mit mir hinaus, und wir ſtanden auf der Straße. Ich ſchämte mich in meinem Bettleranzuge faſt zu tode; mußte aber, ob ich wollte oder nicht, der Alten folgen, die durch kleine Gäßchen da⸗ hineilend, bald mit mir die Stadt verließ. Nach kurzem Gange außerhalb der Mauern trafen wir auf einen Schlitten, auf dem bereits zwei dicht verhüllte Männer ſaßen, von welchen mir einer . mein Vater zu ſein ſchien. Wir ſtegen ein, und — ein großer Pelz bedeckte auch uns. In raſchem Fluge ging es nun Berg auf, Berg ab durch Wälder, doch ſtieg der Weg immer mehr; und gerade als die Abenddämmerung anbrach, langten wir nahe unter dem Gipfel eines Berges an, den ein prächtiges Gebäude mit vielen Spitzen und Thürmen zierte. Der Schlitten hielt, die Alte und ich ſtiegen aus und gingen dem Gebäude zu. Es war ringsum mit ſehr hohen Mauern unſchloſſen. Ich war begierig, was geſchehen ſollte. Endlich trat die Alte hinter ei⸗ nen Buſch, winkte mir, und ſprach, indem ſich ihre bisherige Freundlichkeit plötzlich in Strenge verwandelte: „Jetzt aufgepaßt, was Du zu thun haſt. Ich werde mich dort, dicht unter die Mauer legen, in der Du das Fenſter ſiehſt. Du gibſt von hier aus Acht, ob eine junge Nonne auf den Kirchhof tritt, und ihren Weg nach jenem Fen⸗ ſter nimmt. Iſt dieß der Fall, ſo eilſt Du durch das Gebüſch zu mir und wirfſt Dich mit Weinen und Schreien über mich. Alsdann wird die junge Nonne an das Fenſter treten und Dich — fragen: warum Du ſo jammerſt. Dann ſagſt Du unter Thränen: Deine Mutter ſei eine alte, arme Frau, die im Kloſter hätte Hülfe ſuchen wollen, hier aber nun vor Schwäche zuſammen⸗ gebrochen wäre und ſicher umkommen würde, wenn ihr die Nonne nicht ſogleich Hülfe brächte Paſſe dann auf, was die Novitze thut und über⸗ laſſe mir das Andere.“ Ich war erſtarrt über die abſcheuliche Lüge und das gottesläſterliche Spiel, das mir zuge⸗ muthet wurde, und ſagte daher unverholen, und beſtimmt, daß ich mich zu dieſer Schlechtigkeit nicht hergeben würde. Kaum aber hatte ich dieß ausgeſprochen, als mich von hinten eine Hand mit ſolcher Gewalt am Genicke faßte, daß ich laut aufſchrie; zugleich ſah mir das zürnende Antlitz meines Vaters über die Schulter und ſeine Hand, die die Knute hielt, machte eine ſo unzweideutige Bewegung, daß ich zitternd einwilligte. Die Alte legte ſich unter die Mauer und der Vater verſchwand. Da ſtand ich denn mit beklommenem Herzen allein und harrte auf das Kommen der Nonne. Es ward immer düſterer, Rau, Th. Kosciuszko. III. Thl. 3 ſie erſchien nicht. So ſehr ich, in meiner er⸗ bärmlichen Kleidung, vor Froſt zitterte, ſo lieb war es mir, daß ich vergebens warten mußte; ſah ich doch voraus, daß mich die Nacht vor einem Frevel ſchützen würde. Und ſo war es denn auch; denn als es völlig dunkel geworden, erſchien mein Vater und die Alte, und führten mich zu dem Schlitten. Beide waren mürriſch und finſter und ſprachen kein Wort. Der Schlit⸗ ten flog zurück, und bald ſah ich mich wieder in dem bekannten Zimmer. Allein das Schickſal hatte mich nicht von dem, mir ſo hart ankommenden Betruge befreit. Drei Tage hintereinander wiederholte ſich der Verſuch umſonſt,— am vierten erſchien zu meinem Schrecken die Nonne Mir war's, als müßte ich in die Erde ſinken; ich ſollte jammern und ſchreien und konnte keinen Ton hervorbrin⸗ gen. Ich zögerte, da pfiff mir die Knute mit faſt übermenſchlicher Gewalt um die Beine; ich ſchrie auf, das Blut rieſelte mir herab, und der Schmerz brannte mich ſo heftig, daß wenigſtens mein Weinen keine Verſtellung war. Wie er⸗ — wartet beugte ſich die Nonne über die Brüſtung des Fenſters und frug mich mit milder Stimme um die Urſache meiner Klagen. Ich blickte em⸗ por, die Lüge auf dem Munde;— aber— ſie erſtarb; denn ich ſah in ein ſo ſanftes, himmliſch ſchönes Geſicht, aus welchem mir eine ſolch' unausſprechliche Güte und Reinheit entgegen ſchaute, daß ich, vor mir ſelbſt erröthend, nur die Hände bittend falten konnte. Aber ſchon dieß war genug für die Holdſelige, ſie eilte davon und erſchien nach wenigen Minuten, von noch zwei Schweſtern begleitet, außerhalb der Mauern. Die Alte hatte mich auf ſich niedergezogen, und hielt mich ſo feſt wider ſich, daß ich kaum ath⸗ men konnte, und es in der Dämmerung ausſah, als läge ich in Verzweiflung über ſie hingeſtreckt; dabei ſtöhnte und jammerte ſie kläglich. Unter⸗ deſſen hatten uns die Nonnen erreicht. Sie beugten ſich theilnehmend über uns herab— in demſelben Momente aber ſprang mein Vater und ſein Begleiter hervor, riſſen jenes ſanfte Weſen hinweg, ſtopften ihr ein Tuch in den Mund, knebelten ſie, und verſchwanden mit ihr hinter den Büſchen. Während dem war die Alte aufgeſprungen, und eilte, mich an der Hand ziehend, den Männern nach. Nur mit einem flüchtigen Blicke konnte ich noch gewahren, daß die eine der Nonnen ohnmächtig zuſammenbrach, die Andere aber händeringend und ſchreiend nach dem Kloſter zurückfloh. Ich aber war noch nicht recht zur Beſinnung gekommen, als ich mich mit mei⸗ nem Vater, der Geknebelten und der Alten auf dem Schlitten wieder fand. Der Kutſcher hieb wie wü⸗ thend auf die Pferde, und das Fuhrwerk ſchnurrte mit ſolch grenzenloſer Schnelligkeit die glatte Schneefläche des Berges hinab, daß mir Hören und Sehen verging, und ich mit Gewißheit einem todbringenden Sturze entgegenſah. Demohner⸗ achtet langten wir glücklich in der Ebene an, in der es denn unaufhaltſam fortging. Tief in der Nacht trafen wir auf einem einzelnen Hofe neue Pferde, die, wie es ſchien, uns erwarteten, da der Mann, der ſie hielt, bei dem Wechſeln derſelben von„viertägigem“ Warten ſprach. Der Aufenthalt war kurz, und bald ging es abermals mit Blitzesſchnelle weiter. Der kommende Tag . — brachte keine Gefahr der Entdeckung, da es un⸗ aufhörlich durch dichte Wälder oder große Schnee⸗ ſteppen ging Deſtomehr litten wir Alle trotz unſerer Pelze durch den Froſt, und auch der Hunger fing an, uns zu quälen, da nirgend angehalten wurde, unſere mitgenommenen Nah⸗ rungsmittel zu Ende waren, und außerdem ſich nicht einmal die Möglichkeit bot, dem Uebel ab⸗ zuhelfen, da kein menſchliches Weſen, vielweniger eine gaſtliche Wohnung in dieſer Wildniß zu ſehen war. Endlich, nachdem wir mit gleicher Haſt eine Nacht und einen Tag gefahren und abermals die Dunkelheit hereingebrochen war, nahten wir uns einem einſam gelegenen Schloſſe, das uns mit ſeinen erleuchteten Fenſtern, wie ein alter Drache mit glühenden Augen entgegen blickte. So geſpenſterartig und finſter aber auch ſein Aeußeres ſein mochte, ſo angenehm berührte, wenigſtens mich, ſein Erſcheinen, da ich mich vor Müdigkeit, Hunger und Froſt faſt nicht mehr aufrecht halten konnte. Mit Entzücken gewahrte ich daher, daß der Schlitten, obwohl er die Haupteinfahrt vermied, auf einem Seitenwege einbog, und durch ein offenes Thor in den Hof⸗ raum ſchwirrte. Wir hielten in einem Winkel deſſelben, und ſchon wollte ich aus dem Fuhr⸗ werk herausſpringen, als mich die knöcherne Hand der Alten feſthielt, und mir durch ein Zeichen Schweigen gebot. Da ſank die ſchöne Hoffnung, das Ziel unſerer Reiſe vor den Augen zu haben, und meine Freudigkeit ward faſt zur Verzweiflung, als ich meinen Vater allein aus⸗ ſteigen und nach dem Palaſte gehen ſah; denn nun ſchien es mir gewiß, daß dieſer Aufenthalt nur zur Einnahme von einigen Lebensmitteln beſtimmt ſei. Noch heute entſinne ich mich auf die fürchterliche halbe Stunde, die ich damals zwiſchen Hoffnung und Furcht zugebracht. Ich ſehe noch ganz deutlich die ungeheuere Stein⸗ maſſe des Schloſſes mit ihren wunderbaren Ver⸗ zierungen. Der Mond war aufgeſtiegen und ſchien hell auf die Gebäude. An den langen Reihen derſelben ſtanden eine Menge ſteinerner Heiligen, auf deren Häupter der kurz zuvor ge⸗ fallene Schnee ſilberne Kronen geſetzt hatte —— Unter den Figuren waren eine Unzahl häßlicher Thiere, ebenfalls aus Stein gehauen, angebracht. Es waren Eidechſen, Schlangen, Ratten, Dra⸗ chen und Gott weiß was Alles!— die bald in die Mauern hinein zu kriechen ſchienen, bald neugierig mit halbem Körper heraus ſchauten. Der Anblick machte einen tiefen Eindruck auf mich, den ich nie vergeſſen werde. So unheim⸗ lich mir aber auch das ganze Schloß oder Kloſter ſchien, ſo ſehr ſehnte ich mich doch in den Schutz ſeiner Mauern. Ihr könnt Euch daher denken, wie freudig ich überraſcht wurde, als mein zurückkehrender Vater uns befahl, auszuſteigen, und ihm leiſe zu folgen. Nur mit Mühe ver⸗ mochten indeſſen er und die Alte die Nonne fortzubringen; denn die noch immer Geknebelte war ſo ſchwach und erſchöpft, daß ſie ihre Füße kaum mehr trugen. Wir ſchlichen daher lang⸗ ſam und ſorgfältig, dem Schatten der Mauern folgend, einem halb zerfallenen Gebäude zu, das ſich an die kleine Kirche lehnte, welche ſich in einem der vielen hinteren Höfe befand. Mein Vater öffnete mit einem großen Schlüſſel die mächtige Thüre, ſchloß dieſelbe hinter uns wieder ſorgfältig zu, und ſo mußten wir„ mit Hülfe des Mondlichtes eine zum größten Theil zerfal⸗ lene Treppe erklimmen. Endlich erreichten wir den oberen Stock So zerfallen und unwirthlich aber das Gebäude von Außen geweſen, ſo über⸗ raſchend freundlich, ja prächtig, war das Innere der drei aneinander ſtoßenden Zimmer, in welche wir geführt wurden. Es war augenſcheinlich, daß man ſie zu unſerem Empfange vorbereitet hatte; denn in den Kaminen eines jeden derſel⸗ ben brannte ein herrliches Feuer„und reichliche Nahrungsmittel bedeckten die Tiſche. Außerdem fanden ſich in dem erſten und letzten ein Bett, in dem mittleren zwei; eine Einrichtung, die wohl darauf hindeutete, daß die Gefangene das Innerſte, mein Vater das Aeußere, die Alte und ich das dazwiſchen liegende Gemach bewoh⸗ nen ſollten. Ich überflog mit Entzücken all die Pracht und Bequemlichkeit, und meine Augen labten ſich ſchon im Voraus an dem Anblick der wohlbeſetzten Tiſche. Die Gefangene wurde jetzt von ihren Feſſeln befreit, durch mich und —— die Alte entkleidet und in das Bett gebracht. Sie war ſehr bleich und ſchwach, nahm nur wenig zu ſich, und zeigte eine ſtille Ergebung in ihr Schickſal. Nur einmal ſeit ihrer Entfüh⸗ rung entſinne ich mich, fuhr ſie mit einem grellen Schrei empor; es war, als ihr mein Vater auf der Flucht eine Kleinigkeit reichte, und ſie dabei zum erſtenmale ſein Geſicht deutlich erblickte, ſie mochte ihn erkennen, denn der Ruf:„Jablonski!“ entfuhr ihr in einem ſo ſchmerzlichen und ſchnei⸗ denden Tone, daß es mir tief in die Seele drang. Seit jener Zeit aber blieb ſie ſtill, in ſich gekehrt und that geduldig Alles was man ihr befahl. Auch heute war dieß der Fall, und kurz nachdem wir ſie zu Bett gebracht, ſchien ſie zu entſchlafen. Ich folgte bald ihrem Bei⸗ ſpiele, nachdem ich mich noch zuvor tüchtig durch⸗ wärmt und geſättigt hatte. Der andere Morgen grüßte mich mit einer großen Freude; denn ich fand ſtatt des bisher getragenen zerlumpten Anzuges, eine neue, ſehr ſchöne Kleidung vor meinem Bette liegen. Hurtig ſchlüpfte ich hinein und fand zu meinem Er⸗ ſtaunen auch die Alte auf die gleiche Weiſe um⸗ geſchaffen. Weniger Freude als mir machte der Nonne die Bemerkung, daß man in der Nacht auch ihre häßliche Nonnentracht weggenommen, und dafür einen wahrhaft fürſtlichen Anzug hin⸗ gelegt hatte. Sie erklärte in ſanftem aber be⸗ ſtimmtem Tone, und auf eine Weiſe, die mir die tiefſte Ehrfurcht vor ihr einflößte: daß ſie keine anderen als die weggenommenen Kleider anlegen würde. Mein Vater aber mochte meine Gefühle nicht theilen, er lachte laut auf, rief:„das wol⸗ len wir ſehen!“— und— ich ſchäme mich es ſagen zu müſſen— riß der Armen das Oberbett hinweg. Jetzt ſah ſie ſich freilich genöthigt, einen Theil der vor ihr liegenden Kleidung zu erha⸗ ſchen und anzuziehen; doch half keine Drohung, ſie zur Annahme des fürſtlichen Gewandes zu bewegen. Und wahrlich! ſie glich in dem blen⸗ dend weißen, ganz einfachen Unterkleide, und dem bleichen durchſichtigen Geſichtchen einem jener Engel, wie wir ſie oft in den Kirchen auf den Altarbildern, die Mutter Gottes umſchwe⸗ bend, finden. Nachdem ſie ſo weit angekleidet, hatte ſich mein Vater entfernt, und wenige Mi⸗ nuten darauf trat ein hoher, finſterer, ſtolzer Mann ein. Seine Haare waren grau; ſeine Stirne lag in grauſen Falten, und ſeine Augen blitzten in einer düſteren Gluth. Es war unſer Herr, der Marſchall So⸗ nowski; und jetzt erſt erfuhr ich, daß die Ge⸗ fangene niemand Anderes als ſeine Tochter Louiſe ſei, deren unglückliche Liebe zu Kos⸗ ciuszko Ihr ja Alle genugſam kennt. Vater und Tochter ſtanden ſich ernſt und ſchweigend gegenüber. Der Marſchall zeigte et⸗ was Verachtendes, Wegwerfendes in ſeinen Zü⸗ gen und ſchien nur mit Gewalt das Aufflammen eines fürchterlichen Zornes zu unterdrücken; wo⸗ gegen Louiſens leidende Züge eine wunderbare Würde und Hoheit umſtrahlten. Ich ſtand betend und die Kügelchen meines Roſenkranzes rollten durch meine zitternden Finger. Da wies der Mar⸗ ſchall,— zu mir und der Alten gewendet,— gebie⸗ tend nach der Thüre, und wir verließen das Zim⸗ mer. Aber wir vermochten Beide nicht, unſere Neu⸗ gierde zu unterdrücken, und lehnten uns daher lauſchend an die nur leiſe widergelegte Thüre, ſo daß wir ohne bemerkt zu werden, ſehen und hören konnten, was ſich in dem Gemache zutrug. Als ſich der Marſchall mit ſeiner Tochter allein und unbemerkt glaubte, ſetzte er ſich mit er⸗ zwungener Kaltblütigkeit auf einen der Seſſel und ſagte hart und entſchieden:„Du befindeſt Dich da, wohin Du gehörſt: auf einem der Güter des Fürſten Orany. Er ſelbſt iſt hier, und in einer Stunde wirſt Du ihm vermählt“ Eine kleine Pauſe folgte dieſen Worten; dann entgegnete das Fräulein ruhig, aber nicht minder beſtimmt: „Nein! mein Vater, dieß wird nicht ge⸗ ſchehen. Orany kann die nicht zum Weibe nehmen, die ſich und ihn, nach den Begriffen der Welt, beſchimpft hat; die den Fluch ihrer Eltern trägt, und keinen ihm ebenbürtigen Na⸗ men mehr aufweiſen kann.“ „Es iſt keine Rede davon, daß Du die Ehre verdienteſt. Aber der Fürſt geht in ſeiner Liebe und Großmuth ſo weit, daß er Deine Vergehen und die Schmach, die Du auf Deinen Namen gehäuft, vergeſſen will.“ „Liebe?“ wiederholte das Fräulein, und mir kam es vor, als ob der Ton ihrer Stimme Ver⸗ achtung bezeichne„Wie kann ein Orany lie⸗ ben. O, mein Vater, brandmarken Sie den Begriff„lieben“ nicht dadurch, daß ſie ihn mit einem ſolchen Menſchen in Verbindung bringen. Wenn ich noch Ihr Kind, noch die Erbin der reichen Sonowskiſchen Güter wäre, dann könnte ich mir denken, warum der Fürſt auf den Beſitz meiner Hand beſtände; aber ſo...“ „Du haſt Beides wieder!“ rief der Marſchall wild, und ſeine finſtere Stirne, und ſeine flam⸗ menden Augen zeigten, mit welchem Widerwillen er dieß Geſtändniß machte. Auf die Tochter aber hatten dieſe Worte wie mit einem Zauber gewirkt, ſie ſtürzte dem Mar⸗ ſchall zu Füßen und rief mit einer Stimme, die plötzlich von einer ruhigen Kälte zu kindlicher Hingebung übergegangen: „Iſt es Wahrheit, was Sie geſprochen, täu⸗ ſche ich mich auch nicht! Sie haben mir ver⸗ — ziehen, Sie haben den Fluch, den ſchrecklichen Fluch von dem Haupte des Kindes zurückgenom⸗ men? Ich darf Sie wieder Vater nennen?“ Der Marſchall hatte ſich weggewandt. Mit herzzerſchneidender Kälte ſagte er:„Laß dieſe Poſſen. Ich denke wie ich von jeher gedacht, denn ich bin kein ſchwankendes Rohr. Der König will Deine Verbindung mit Orany, der Fürſt beſteht auf der Erfüllung meines Wortes: meine Tochter zu erhalten, und mit ihr meine Güter zu erben. Ich gebe daher der Nothwendigkeit nach, und nenne Dich, dem Scheine wegen,— Tochter. Meinem Herzen biſt Du es nicht, und wirſt Du es niemals wieder.“ Louiſe lag blaß und zitternd zu den Füßen des unerſchütterlichen Mannes. Endlich ſchien ſie ſich zu erholen, die weichen Linien, die ihr Geſicht noch eben gezeigt, wurden wieder ſtarr und kalt, und mit ruhiger Würde ſich erhe⸗ bend, ſeufzte ſie leiſe und ſchmerzlich:„Nur zum Scheine hat er vergeben!“ „Meine Erklärung iſt zu Ende!“ fuhr der Marſchall fort, und erhob ſich.„Bereite Dich 6 — ℳ— nun vor, in einer Stunde holt Dich der Fürſt zur Trauung ab.“ „Eilen Sie nicht ſo ſehr,“ entgegnete mit Faſſung das Fräulein.„Von einer Trauung kann die Rede nicht ſein. Seine Majeſtät hat⸗ ten die Gnade, mir durch ein eigenhändiges Schreiben zuzuſichern: daß ich den Reſt meines Lebens in den Mauern des Kloſters Friedensberg zubringen darf.“ „Und dem Fürſten,“ ſagte mit ſcharfer Be⸗ tonung der Marſchall,„hat ſeine Majeſtät ein eigenhändiges Schreiben gegeben, worin er jenes aufhebt, und die Verbindung befiehlt“ „Das muß auf einem Irrthume beruhen!“ verſetzte erſchrocken das Fräulein.„Der König kann ſein gegebenes Wort nicht wieder aufheben!“ „Und wenn er es nun doch gethan hätte!“ lachte der Marſchall ſpöttelnd,„ſo wäre dieß wahrlich nicht das erſtemal. Hat er uns doch ſchon tauſendmal Treue gelobt und dennoch die Conſtitution der Empörer beſchworen, und iſt nun wieder auf unſerer Seite.“ „Seinen Eid könnte ein König brechen?— — 48—* Sein Wort nähme Stanislaus zurück?“ rief erſtaunt Louiſe. „Es iſt geſchehen. Deine Vermählung mit Orany iſt des Königs, iſt mein, iſt Deines Herrn, des Fürſten Wille,— und damit iſt es genug.“ „Mit nichten!“ entgegnete mit Würde das Fräulein.„Ich liebe bereits, wie Sie wiſſen, Kosciuszko. Seinem Beſitze auf Erden habe ich entſagt; nicht ſeiner Liebe! Ihm nur gehöre ich; ihm ewig treu zu bleiben, warf ich mich in den Arm der Kirche, und von ihrem Herzen vermag mich Nichts zu reißen.“ „Nichts— als die Gewalt!“ verſetzte mit verächtlichem Tone der Marſchall.„Glaube mir, man wird ſich wenig um Deine ſchwär⸗ meriſchen und verdrehten Ideen kümmern. Ich muß mit dem Könige und Orany, wichtiger Dinge wegen, auf freundſchaftlichem Fuße ſtehen, und da dieß nur durch die erwähnte Verbin⸗ dung geſchehen kann, ſo wird ſie geſchloſſen und ſollte ich Dich todt zu dem Altare ſchleifen“ Mit dieſen Worten verließ der Marſchall —— das Zimmer. Wir wollten bei der Verlaſſenen eintreten; aber ſie bedeutete uns mit einem Winke, ſie allein zu laſſen, indem ſie betend auf die Kniee ſank. Wenige Minuten ſpäter trat ein Prieſter zu ihr ein. Nun zogen wir uns natürlich von der Thüre zurück und vernahmen nichts mehr, als den lauten Ausruf des Fräuleins:„nur unter der Bedingung: daß ich ihn nach der heiligen Handlung nie wiederſehe“ Gleich darauf ent⸗ fernte ſich der Prieſter. Die Alte trat ein, die arme Braut mit dem fürſtlichen Gewande zu ſchmücken; das Fräulein aber lehnte es beſtimmt ab, da das weiße Unterkleid ſich von dem Ueber⸗ wurfe nur durch ſeine Einfachheit unterſchied. Wenige Minuten darauf erſchien der Fürſt. Mit großer Gleichgültigkeit ſagte er, ſich kaum gegen das Fräulein verneigend:„Ich komme, Sie zur Trauung abzuholen.“ „Ein Wort zuvor!“ entgegnete mit zitternder Stimme die Braut„Sie wiſſen, daß ich einen Andern liebe, und ewig lieben werde; Sie mö⸗ gen erfahren, daß ich Sie verachte und nie Ihre Rau, Th. Kosciuszko. II. Thl. 4 — Gattin ſein kann. Beſtehen Sie nun noch auf Ihrem Vorhaben?“ „Allerdings,“ erwiederte ganz ruhig und kalt der Fürſt.„Denn ich verachte Sie ebenfalls und die Trauung geſchieht nur der Form wegen“ „Und wollen Sie den Gottesfrevel auf ſich laden,“ rief hier Louiſe, und Todtenbläſſe deckte ihr Geſicht, und ihre Augen ſtarrten weit geöffnet und mit Entſetzen auf den Fürſten— „ein ſchwaches, von Allen verlaſſenes Weib ge⸗ gen ihr Herz und ihren Willen zu zwingen? Wagen Sie, im Angeſichte des Höchſten einen Meineid zu ſchwören?—“ „Ich laſſe es darauf ankommen,“ ſagte dieſer lächelnd.„Kommen Sie, iſt die Ceremonie vor⸗ uber, mögen Sie ſchwärmen ſo viel Sie wollen“ Er faßte dabei die Zitternde ſo feſt an, daß ſie zuſammen zuckte. Sie wankte. Die Sinne ſchienen ihr zu vergehen. Da griff ihr die Alte unter den anderen Arm; und in demſelben Au⸗ genblick öffnete ſich eine, uns bisher verborgene Seitenthüre, und zeigte die hell erleuchtete Ka⸗ pelle Auf dem Altare brannten die Kerzen, — 51— vor demſelben ſtand jener Prieſter, der kurz zuvor ein Zwiegeſpräch mit Louiſen gepflogen hatte, und in den Stühlen der kleinen Kirche ſtanden mehrere Zeugen, ſowie unſer Herr, der Marſchall. Als das Fräulein dieß Alles er⸗ blickte, erſchrack ſie heftig, rief mit einem Tone, den ich nie, nie! vergeſſen werde:„Gott iſt mein Zeuge, daß man mich zwingt!“ und ſank ohnmächtig zuſammen. Der Fürſt ließ ſie los und winkte. Mein Vater und die Alte ſchleppten die Bewußtloſe zum Altare. Der Prieſter zögerte; aber ein Blick des Fürſten ermahnte ihn an ſeinen Be⸗ fehl. Die heilige Handlung begann und wurde vollendet, ohne daß die Braut zu ſich kam. Der Marſchall antwortete an ihrer Stelle. Nachdem dieß geſchehen, verließen Alle die Kapelle, und nur die Alte und ich, ſowie der Prieſter, der betend neben der Ohnmächtigen kniete, blieben zurück— Dieſer Augenblick, ſowie faſt Alles, was ihm voranging, hat auf mich einen ſo tiefen Eindruck gemacht, daß ich die kleinſte Kleinigkeit, ich möchte behaupten, faſt jedes vernommene — Wort, genau behalten habe. Ich war damals noch Kind, und dennoch ſah ich das ſündhafte und ſchändliche dieſes Verfahrens ein„ und grämte mich, daß ich und mein Vater darin verwickelt waren. Was mich aber noch mehr ſchmerzte, war der Gedanke: daß mich die junge Fürſtin, die ich von nun an zu bedienen hatte, als eine Theilnehmerin an dem Complotte ver⸗ achte. Und dieſer Schmerz nahm zu, je länger ich mich um dieß fromme, ſanfte Weſen befand. Trotz dem, daß ich mit die erſte Veranlaſſung zu ihrer Entführung war, ließ ſie mich nie ihren Unwillen fühlen; ja ſie ſchien Mitleiden mit mir zu empfinden; denn ſie zog mich all⸗ mählig zu ſich heran; und als ich ihr erſt offen und wahr entdeckt, wie man mich zu dem ſchmäh⸗ lichen Verrathe, ohne mein Mitwiſſen, miß⸗ braucht, ward ſie mir eine zweite Mutter. Von jenem Unglückstage der erzwungenen Trauung an, verließ ſie das Zimmer, welches ſie zuerſt bewohnte, nicht mehr. Niemand hatte Zutritt zu ihr als ich, der ich denn auch weder Tag noch Nacht von ihrer Seite kam. Im An⸗ 5 80* fange hatte ſie Schreibmaterial verlangt, was ihr aber abgeſchlagen wurde. Von da an theilte ſie ihre Zeit in Beten, ſtilles Betrachten und meinen Unterricht ein. Es wäre mir ohnmöglich Euch zu ſagen, mit welcher Sanftmuth und Geduld ſie ihre Gefangenſchaft ertrug, welche unausſprech⸗ liche Liebe und Hingebung zu Gott ſie entwickelte, wenn ſie mich über Religion und göttliche Dinge belehrte Oftmals ſah ich mit Staunen und heim⸗ lichem Schauer, wie ihr Geſicht ordentlich zu leuchten anfing. Dann lächelte ſie ſelig und doch ſchmerzlich vor ſich hin, und redete wohl mit ſich ſelbſt, und es ſchien, als ob ein ganzer Himmel in ihrer Bruſt wohne. Freilich war ſie aber auch manchmal recht trübe; dann aber lächelte ſie wieder unter Thränen und rief leiſe den Namen „Kosciuszkv.“ Doch meine Erzählung iſt zu Ende. Denn als man bemerkte wie innig ſich die Fürſtin an mich ſchloß, ward ich eines Nachts von meinem Vater mit verbundenen Augen aus dem Zimmer geführt und auf ein anderes Gut unſeres Herrn gebracht. Hier nahm mir der Vater das Ver⸗ ſprechen des Schweigens ab. Da er aber bald darauf ſtarb und nun gewiß auch die gute, da⸗ mals ſchon ſo ſehr leidende Fürſtin todt iſt, ſo habe ich gewagt auf Eure Bitten die Geſchichte zu erzählen; umſomehr da ſie mit dem Schickſal des tapfern Kosciuszko, den wir Alle ſo herz⸗ lich lieben, enge zuſammenhängt. Außerdem ſind wir hier weit von jener Gegend entfernt, und ich denke es wird mich Keins von Euch verrathen. Die Erzählerin ſchwieg. Es ging gegen Morgen. Die Mädchen packten ihre Spinnräder auf, jede von ihnen reichte dem begünſtigten Jünglinge den Arm, und verſchwanden ſo nach und nach paarweiſe. Es ward ſtill und ſtiller, die Flamme drohte zu erlöſchen und es befand ſich Niemand mehr in dem Zimmer als die verhüllte Geſtalt des Fremden. Sie ſtand aufrecht, unbeweglich, ſtarr. Da entwand ſich ein ſchmerzliches Stöhnen der Bruſt des Gaſtes. Der Mantel entſank den Schultern, Kosciuszko ſeufzte aus tiefſter Seele:„Gerechter Gott! Deine Prüfungen ſind ſchwer!“ und ſank ermattet auf die Bank zurück I. Der Maskenball. Gianettino. Bravo! Bravo! Dieſe Weine glitſchen herrlich, unſere Tänzerinnen ſpringen a merveille. Geh eines von Euch, ſtreu' es in Genua aus, ich ſei heiteren Humors, man könne ſich gütlich thun— bei meiner Geburt! ſie werden den Tag roth im Kalender zeichnen und darunter ſchreiben: heute war Prinz Doria luſtig. Masken. Es lebe die Republik! Gianettino: (wirft das Glas mit Macht auf bie Da liegen die Scherben!——— Gianettino. Du haſt mich verſtanden. Wobr. Wohl. Gianettino. Die weiße Maske! Mohr. Wohl. Ginnettina. Ich ſage— die weiße Maske! Mohr. Wohl! Wohl! Wohl!— Die Säle im königlichen Palaſte zu Warſchau füllten ſich mit glänzenden Masken Der pracht⸗ — 56— liebende König verſammelte auch heute wieder in fröhlichen Feſten ſeinen Hof um ſich. Wie das fluthete und wogte durch die lange Reihe ſtrah⸗ lender Zimmer und Säle, wie es ſich fröhlich bewegte, und lachte und ſcherzte; wie die feinen verſtellten Stimmen wisperten und zirpten; wie die Coſtüme aller Völker und Stände ſich bunt und maleriſch miſchten!— O es war eine Luſt dem Gedränge zuzuſchauen, eine größere noch, ſich in die lebendigen Wellen dieſes lärmenden Stromes zu ſtürzen. Noch war Stanislaus Au guſt nicht er⸗ ſchienen, und die Gäſte erfreuten ſich daher bis jetzt noch einer Ungebundenheit, welche ſpäter die Gegenwart der Majeſtät zu verſcheuchen drohte. Faſt jeder benutzte dieſen günſtigen Moment, und Intrigue, Bosheit, Scherz, ja oft bittrer Ernſt, trieben unter dem Schutze der Maske ihr Spiel. Es konnte auch nicht anders ſein; denn ver⸗ ſchiedenartigere Elemente als dieſe glänzende Ver⸗ ſammlung in ſich ſchloß, waren kaum zu denken. Unter dem Scheine der allgemeinen Luſt barg ſich eine Welt von Schmerz und Zerriſſenheit, von Ehrgeiz, Eigennutz und Haß; begegneten ſich doch hier auf dem glatten Parguete des Hofes die Repräſentanten aller der Parteien, die Polen da⸗ mals zerſplitterten. Denn obſchon Rußland ge⸗ rade zu jener Zeit, durch die Geſchicklichkeit und das entſchiedene, faſt dictatoriſche Auftreten ſeines Geſandten, des Generalcommandanten und Mi⸗ niſters, Baron von Igielſtröm, einen ent⸗ ſchiedenen diplomatiſchen Sieg davon getragen;— indem man nicht nur den König aufs Neue ruſſiſch geſtimmt, ſondern auch die Regierung und das ganze Land vollkommen dem ruſſiſchen Ein⸗ fluſſe unterworfen hatte— ſo ſtanden dieſer Partei demohnerachtet noch verſchiedene Cotterien zur Seite Nicht nur die Großmächte Deutſchlands, Preußen und Oeſtreich,— erſteres repräſentirt durch ſeinen Geſandten, den Herrn von Buch⸗ holz, letzteres vertreten durch den Chargé dAf⸗ faires von Caché,— verfolgten ihr eigenes Intereſſe und beobachteten mit Eiferſucht das Umſichgreifen der Macht Katharinas; ſondern auch die Polen ſelbſt ſchieden ſich in die, ſchroff ſich entgegenſtehenden, Cliquen der ruſſiſch — 8— Geſinnten, der, am Alten und Herkömmlichen hängenden, Königlichen, der Republi⸗ kaner, und der ſogenannten Patrioten. Alle dieſe Richtungen waren nun hier vertreten, da der gute, aber ſchwache König, dem es beſtändig um ſeine Schattenkrone bangte, es vor der Hand mit keiner Partei verderben wollte— und alle dieſe Parteien waren wiederum im Gegenſatze bemüht, die Gunſt des Königs durch alle erdenk⸗ liche Mittel zu erringen, um ihrer Richtung das Uebergewicht zu geben. Man kann ſich daher leicht den Kampf der Leidenſchaften denken, die, durch den auferlegten eiſernen Zwang der Klug⸗ heit und der Etiquette, nur noch zu einer höheren Gluth angefacht wurden. Zu ſehen aber ver⸗ mochte ein menſchliches Auge keine Spur dieſer inneren Aufregung, ſie bannte der feine Ton des Hofes tief in die Bruſt, und Alles athmete Scherz und Liebe und Freude. So lacht uns aus dem Spiegel des Meeres, das in ſeinen unergründlichen Tiefen Tod und Verderben birgt, der blaue Himmel freundlich entgegen, ſo tanzen im warmen Sonnen⸗ ſtrahle liebliche Geſtalten auf ſeiner Oberfläche, 0— während in ſeinen Abgründen blutgierige Unge⸗ heuer ihr greulich Weſen treiben. Die Herren von Buchholz und von Caché ſtanden eben, in tiefem und ernſtem Ge⸗ ſpräche verloren, beieinander, als der Baron Igielſtröm, gefolgt von dem Fürſten Ga⸗ garin und dem Generale Milaszewic ein⸗ trat. Der Baron, wohl wiſſend daß er in der That mehr als der König ſelbſt gelte, hatte es unter ſeiner Würde gefunden, ſich zu maskiren. Sein Erſcheinen machte daher Aufſehen, und Jedermann wich ehrerbietig dem Günſtlinge der Kaiſerin aus, der mit militäriſchem Schritt und ſtolzer Miene ſich geraden Weges in den Thron⸗ ſaal verfügte, und hier ohne Ceremonie und mit großer Gleichgültigkeit den erſten Seſſel neben dem noch freien Throne einnahm. Auf dieſem Wege war er in einiger Ent⸗ fernung an den Geſchäftsträgern der beiden deut⸗ ſchen Höfe vorübergekommen, und hatte ſie, da dieſelben ebenfalls unmaskirt waren, flüchtig und herablaſſend gegrüßt. Beide fühlten ſich verletzt, und ſahen ſich daher, als er vorüber war, dem logiſchen Gange ihrer Gedanken folgend, gleich⸗ zeitig mit Geſichtern an, die unter einem ſpöt⸗ tiſchen Lächeln, eine tiefe Maliſe verbargen. „Er kann den gemeinen Soldaten nicht ver⸗ läugnen,“ flüſterte Buchholz ſeinem Nachbarn zu.„Sehen Sie nur dieſen Schritt, man ſollte meinen, er folge noch immer ber Trommel“ „Gewiß!“ entgegnete Caché.„Bemerken Eure Ercellenz nur die rohe Art mit der er eben wieder grüßt. Es iſt ſo recht die Weiſe eines Parvenü. Er kann die Manieren des Pöbels, dem er ent⸗ ſtammt, nicht ablegen.“ „Und wie ſpielt er erſt den polniſchen Großen mit!“ fuhr Buchholz lächelnd fort.„Nun, Sie waren ja auch mehr als einmal Zeuge, daß er die Senatoren und Staatsbeamte wie Lieutenants behandelte.“ „Tapfer mag er ſein...“ „Das heißt Glück mag er haben; denn ſeine perſönliche Tapferkeit iſt wohl nicht weiter her, als es ſeine diplomatiſche Geſchicklichkeit iſt“ „Ercellenz, was das betrifft—“ fiel hier kopfſchüttelnd der Chargs d'Affaires ein—„ich — 6— meine er hätte uns ſchon ſehr viel zu ſchaffen gemacht.“ „Uns?“ frug etwas gedehnt der preußiſche Geſandte. „Pardon, Monsieur le Baron ich verſtehe damit alle ihm entgegenſtrebenden Parteien“ „Alſo zählen Sie ſich zu den Rußland entge⸗ genſtrebenden Mächten?“ frug etwas lauter und verwundert Buchholz. „Allerdings!“ quickte ein Harlekin, der in dieſem Augenblick mit großer Gewandtheit zwiſchen die Herren geſprungen war, und wahrſcheinlich die letzten Worte vernommen hatte.„Oeſterreich macht's wie Preußen, ſie widerſtreben Rußland ſo lange, bis ihnen dieſes einen fetten Biſſen der Beute hinwirft. Von dem Momente aber ſind ſie Ruß⸗ lands Freunde. Nehmt Euch in Acht, ihr Herrn, daß Euch beim Verſchlingen derſelben nicht einmal ein Knochen im Halſe ſtecken bleibt und Ihr daran erſtickt.“ Dieß ſagend ſchlug der Harlekin Buchholz ſcherzend auf den Arm, und hatte ſich mit einem Sprunge unter der Menge verloren. — 6 Die beiden Diplomaten ſahen ſich gegenſeitig unwillig an.„Das ſind die Incvuvenances, welchen man ſich auf einem ſolchen Balle ausſetzt!“ ſagte finſter Caché und ſchaute ſich ängſtlich um, ob denn auch ſonſt Niemand die frechen Worte der Maske gehört. „Laſſen Sie uns zu Igielſtröm gehen,“ entgegnete Buchholz,„er hat bereits Platz ge⸗ nommen; wir müſſen ihm unſere Aufwartung machen.“ Und beide begaben ſich zu dem Repräſentanten des Kabinets von St. Petersburg, und Niemand hätte den jetzt ſo Geſchmeidigen angeſehen, daß ſie zwei Minuten zuvor über den Gegenſtand ihrer zeitigen Artigkeit ſo bitter kritiſirt. Indeſſen ging in dem ſogenannten„rothen Saale Auguſt III.“ eine Maske mitraſchen Schritten auf und ab. Es war ein ſchwarzer Domino, der an der gleichfarbigen Mütze eine ſchwarze Band⸗ roſe trug. Er mußte Jemanden mit Ungeduld erwarten, denn er ſah jede an ihm vorübergleitende Maske fragend an; aber keine ſchien ihm Auf⸗ merkſamkeit ſchenken zu wollen. Hatte er auch 1 hie und da angefragt, ſo war ihm entweder eine nichtsſagende oder doch ſicher die unrechte Ant⸗ wort geworden. Eben wollte er, verdrüßlich über das vergebliche Harren, in einen andern Saal treten, als ihm aus der Thüre deſſelben eine ge⸗ waltige Menſchenmaſſe entgegenkam, die einen Harlekin umgab, der mit unglaublicher Beweg⸗ lichkeit von einer Maske zur anderen ſprang oder ſchlüpfte. Seine Witze mußten pikant und ſchlagend ſein; denn jedem derſelben ſolgte entweder ein freudiges Lachen oder ein ſchadenfrohes Kichern, und diejenigen, welchen der Scherz gegolten, zogen ſich meiſt verblüfft zurück Der ſchwarze Domino wich der Menge aus, doch ehe er es ſich noch verſah, ſtand der Harlekin neben ihm und flüſterte ihm den Namen:„Niemcewicz“ ins Ohr. Der Domino nickte und frug nach der Pa⸗ role; aber der Harlekin rief munter:„Ich habe keine für Dich und mein Stichwort iſt: Narrheit heilt die Welt!“ Damit drehte er ſich drollig herum, ſteckte aber mit Gewandtheit Niemcewicz ein Papier — 6 unbemerkt in die Hand und hüpfte davon. Da ihm der größere Theil der Verſammelten folgte, hatte Julian Zeit das Papier zu betrachten. Es war ein Brief, der, wie er ſogleich an der Auf⸗ ſchrift erkannte, von Kosciuszko kam. Der junge Dichter zog ſich vorſichtig nach einem der tiefen Fenſtern zurück und las, als er ſich unbe⸗ merkt ſah, folgende mit Bleiſtift flüchtig geſchrie⸗ bene Zeilen. „Du wähnſt mich in Dresden und ich bin im Vaterlande. Ich durchreiſe daſſelbe verkleidet um ſeine Stimmung kennen zu lernen. Bereite dich vor: die Frucht iſt reif, bald fällt ſie ab. Man hat vor, unſere— ohnehin ſchwachen— mili⸗ täriſchen Kräfte zu reduziren, ehe dieß geſchieht müſſen wir losbrechen. Schließlich die wichtige Nachricht, daß ich durch Zufall entdeckte, wornach wir ſchon jahre⸗ lang vergeblich ſuchten: Louiſens Aufenthalt Sie ward durch ſchändlichen Verrath und Gewalt Oranys Gattin. Doch iſt ſie mir treu. Ich fand ein Mädchen welches ſie bediente, und das ich nun durch Gold und gute Worte beſtimmt — 65 habe, mit mir vereint das Schloß aufzuſuchen, wo mein ganzes Lebensglück weilt. Das Nähere durch den Ueberbringer. Rüſtet Euch! In Eile, Dein Freund Th. Kosciuszko. Niemcewicz ſtand erſtarrt. Was er, was ſelbſt ſeine angebetete Karoline, die jetzt wieder an der Seite der Marſchallin in der Welt lebte, nicht geahndet, was keine Seele erfahren, war geſchehen. Louiſe! die Unglückſelige, war alſo von Orany geraubt und zum Altare geſchleppt worden. Er war ſo überraſcht daß er kaum die gewichtigen Zeilen verbarg. Und wer war der räthſelhafte Ueberbringer? Er wollte ihm eben nachſtürmen, da vertrat ihm ein Page den Weg „Halt!“ rief die kleine Maske, mit einer zarten, faſt weiblichen Stimme und faßte den ſchwarzen Domino keck am Arm.„Schöne Maske laß deine Mütze ſehn!— Richtig— die ſchwarze Schleife.“ Nau, Th. Kosciuszko. II. Thl. 5 — 6— Bei dieſen Worten langte der Kleine in ſeinen Buſen und brachte eine wunderſchöne Roſe hervor. „Dieſe Blume,“ ſagte er dann,„iſt für den, der mir die richtige Parole gibt.“ Der Domino neigte ſich raſch zu ihm herab und flüſterte: „Keine Roſe ohne Dornen!“ „Getroffen!“ entgegnete der Page, reichte ſie dem haſtig darnach Greifenden hin und ver⸗ ſchwand. Glücklicherweiſe war Niemcewicz maskirt, denn ſonſt hätte ſein glühendes Geſicht ſeine Ge⸗ fühle verrathen. Haſtig trat er wieder zur Fenſter⸗ niſche; fuhr aber entſetzt zurück, denn eine häß⸗ liche Teufelsgeſtalt lehnte in derſelben. Er ging an ein anderes Fenſter, und fand es leer. Jetzt betrachtete er die Roſe genauer; um ihren Stiel war ein weißes Blatt gewunden, er löste es ab und las: „Ich muß dich jedenfalls heute Abend ſprechen; denn ich habe Dir Wichtiges mitzu⸗ theilen. Ich ſchwebe in großer Gefahr. Du er⸗ kennſt mich an einem Domino von weißem Atlas, — 65— Mütze von gleichem Stoff und Farbe, über deren Beſatz von Hermelin eine Roſe ſteckt. Deine Karoline“ War Niemcewicz's Blut ſchon durch Kos⸗ ciuszko's Billet in heftige Wallung gerathen, ſo wurde es durch dieſe Zeilen der Geliebten in völligen Aufruhr gebracht. Eben hatte er erfahren, daß ſein intimſter Freund, jetzt das Haupt der Verſchworenen, aus ſeiner freiwilligen Schein⸗ Verbannung heimlich ins Vaterland zurückgekehrt, und daß der Ausbruch jener patriotiſchen Bewe⸗ gung, die ſchon ſo lange ſorgſam vorbereitet, auf einen der nächſten Tage beſtimmt ſei, und jetzt— wo ihn doch dieſe wichtigen Winke des Freundes, die er den andern hier anweſenden Verſchworenen mitzutheilen ſo nothwendig hatte, ganz in Anſpruch nahmen— mußte er auch noch erfahren, daß ſeine Geliebte in Gefahr ſchwebe Und welches Unheil umkreiste drohend das theure Haupt?— Er verlor ſich in Vermuthungen, ohne auf eine Wahrſcheinlichkeit zu ſtoßen. Die Zeit drängte, die Freunde mußten bedeutet„der Geliebten ge⸗ — holfen werden. Julian, in Verlegenheit was er zuerſt beginnen ſollte, ſtand einen Augenblick unentſchloſſen, dann zerriß er ſchnell den, mit der Roſe empfangenen, Zettel in kleine Stücke, warf dieſelben in einen Winkel der Fenſterniſche, und miſchte ſich in das Gewühl, theils nach dem weißen Domino, theils nach dem Zeichen ſpähend, welches die Verſchworenen für heute trugen, um ſich gegen⸗ ſeitig zu erkennen. Aber er fand die erſten Masken der Patrioten eher, als die verkleidete Geliebte. Doch war ihm bei erſteren der Harlekin meiſtens zuvorgekommen. Er ſah indeſſen mit Freude wie ſich eine eigen⸗ thümliche Bewegung unter einem Theil der Ver⸗ ſammelten kund gab; die jedoch nur den Augen der Eingeweihten verſtändlich ſein konnte, und deren Wellen ſich bald wieder legten, um, unter dem Anſcheine eines harmloſen Scherzes, die dro⸗ hende Gefahr zu verbergen Auch war der König, der Hof, Igielſtröm und die ganze ruſſiche Partei weit davon entfernt nur an die Möglich⸗ keit eines Aufſtandes zu denken. Erſterer weil er, eingewiegt durch erkaufte Schmeichler, mit raſen⸗ dem Leichtſinn von Genuß zu Genuſſe taumelnd, Volk und Regierung kaum beachtete, und in präch⸗ tigen Feſten, geiſtreichen Spielen und dem, aus Eitelkeit entſpringenden, Protektorate der Künſte und Wiſſenſchaften, vorzüglich aber der Literatur, den einzigen Erſatz für die, ſonſt zum leeren Tand herabgeſunkene Krone ſuchte. Der ruſſiſche Mi⸗ niſter hingegen, ſah nur,— im Vertrauen auf ſeine eigene Kraft und ſeinen Einfluß, ſo wie auf die in ſehr bedeutender Maſſe, ihm zu Gebote ſtehenden ruſſiſchen Truppen— mit Verachtung auf die zerſplitterte Nation herab, deren nationelle Exiſtenz er mit weniger Mühe bald völlig ver⸗ nichten zu können hoffte. Nach dem weißen Domino ſuchte indeſſen Niemcewicz umſonſt. In keinem Saale, in keinem Zimmer war er zu finden und Julian mußte endlich vermuthen, daß Fräulein Zeno⸗ wicz noch nicht erſchienen ſei, obgleich er zu ſeiner Verwundrung den Marſchall Sonowski in der Umgebung Igielſtröms erblickte, um welchen ſich überhaupt diejenigen Wojwoden und Staroſten drängten, welche ſich zu der Ruſſiſchen oder Hofpartei zählten. — 30— Niemcewicz war ſo eben mit dieſer Be⸗ merkung in den Thronſaal getreten, als das Schmet⸗ tern und Tönen einer rauſchenden Muſik, die Ankunft des Königs meldete Alle, außer Igiel⸗ ſtröm, erhoben ſich von ihren Sitzen, die Maſ⸗ ſen öffneten ſich zu beiden Seiten, und durch die ſich tief verneigenden Colonnen ſchritt unter dem Vortritt der Hofchargen und gefolgt von ſeinem Neffen, Joſeph Poniatowski und den Fürſten Sulkowski und Ozarowski, die geſchmeidige Geſtalt des noch jugendkräftigen Königs, Stanislaus Auguſt. Die Liebenswürdigkeit, die ihn in früheren Jahren, da er noch als polniſcher Geſandte am Hofe von St. Petersburg verweilte, zum Geliebten Katharinas erhoben, und die ihn ſpäter zum Vorbilde eines vollendeten Hofmannes ſtempelte, umſchwebte ihn auch noch als König, und übte bei dieſem mit doppelter Zauberkraft Gewalt auf Diejenigen, welche ſo glücklich waren ſeine Geſell⸗ ſchaft theilen zu können. Auch heute entfaltete er ihre ganze Fülle; und ſchon das freundliche Grüßen nach allen Seiten entzückte und begeiſterte — —— die Gegenwärtigen. Als er ſich dem Thronſeſſel näherte, erhob ſich Igielſtröm mit einer leiſen Verbeugung. Der König nickte ihm freundlich zu und erſuchte ihn, ſobald er ſelbſt Platz genommen, ein Gleiches an ſeiner Seite zu thun, und erſt nachdem er darauf hin einige Worte mit demſelben gewechſelt, erlaubte ein Zeichen des Monarchen den Großwürdenträgern, Fürſten, Bojaren und Staroſten ebenfalls Platz zu nehmen. Der König, ſo wie ſein Cortége, waren un⸗ maskirt, dagegen hatte der große Hofſtaat die Er⸗ laubniß erhalten, maskirt zu erſcheinen, und war daher für dieſen Abend von dem Dienſte be⸗ freit. Stanislaus Auguſt erfreute ſich gern, ſoweit es ſeine Prachtliebe erlaubte, einer Unge⸗ bundenheit. Er pflegte daher öfter ſolche Masken⸗ bälle zu geben, auf welchen er für kurze Zeit als König erſchien, und ſie dann verließ, um ſpäter, wie man ſagte, ſelbſt maskirt, wiederzukehren. Heute ſchien er beſonders guter Laune zu ſein, und ſeine feinen, ſchönen und freundlichen Züge ſtachen umſomehr von der finſteren, Stolz und Härte verrathenden Geſichtsbildung Igielſtröms ab. — Nachdem einige Augenblicke in Unterhaltung mit dem ruſſiſchen Miniſter und den ihn umſtehenden Großen verſchwunden, gab der König ein Zeichen, und von den Orcheſtern ertönte eine wunderlieb⸗ liche Polonaiſe. Der ritterliche Stanislaus, welcher ſonſt die Bälle wohl gern ſelbſt eröffnete, ward heute durch die Etiquette hievon ausge⸗ ſchloſſen. Durfte er doch als König nicht wagen mit einer maskirten Dame zu tanzen, da dieſelbe ja leicht unter dem ihm zukommenden Range ſein konnte. Nichts deſto weniger ſchaute er mit Auf⸗ merkſamkeit dem maleriſchen Tanze zu, der ſo wunderbar morgenländiſche Pracht und Grandezza mit abendländiſcher Ritterlichkeit und Freiheit ver⸗ einigt. Ja es ſchien ſogar als ob ihn ein beſon⸗ deres Intereſſe zur Beobachtung der Paare auf⸗ fordere, ſo feſt und ſorgſam prüfte er die Masken, welche ſich ihm nahten und unter tiefer Verbeu⸗ gung an ihm vorüber glitten. Aber ſeine For⸗ ſchungen ſchienen nicht durch den gewünſchten Erfolg gekrönt; denn als der Tanz vorüber, lagerte ſich ein Wölkchen auf ſeine ſchöne, hohe Stirne, und, über die Lehne ſeines Seſſels gebeugt, flüſterte er dem hinter ihm ſtehenden Hofka⸗ plane zu: „Patrowski! ſie war nicht dabei! Sollte ſie nicht kommen?“ Der Angeredete war ein junger, wohlgenährter Mann. Sein glattes, ſpiegelblankes Geſicht ward von einem feinen Nervenzucken in beſtändiger Be⸗ weglichkeit erhalten. Seine Augen, die bald wie verlegen niederblickten, bald unvermuthet in un⸗ heimlicher Gluth aufblitzten, oder wie ſuchend und forſchend hin und herrollten, hatten etwas Be⸗ ängſtigendes. Unangenehmer aber noch berührte den Zuſchauer ein ſarkaſtiſches Lächeln, welches, ſtereotip um den Mund des jungen Geiſtlichen gelagert, dem ganzen Geſichte einen diaboliſchen Ausdruck gab. Auch gehörte keine beſondere Men⸗ ſchenkenntniß dazu um richtig von dieſem Aeußern auf einen entſprechenden Charakter zu ſchließen; indem Patrowski in der That etwas von dem ſtets verneinenden Geiſte in ſich verſpürte. Tief gelehrt und vielſeitig wiſſenſchaftlich gebildet, dabei aber überaus ſinnlich und leidenſchaftlich, genügte ſeinem unruhigen Geiſte der theologiſche Stand — nicht. Er bedurfte einer weitgreifenden Wirkungs⸗ ſphäre und eines Standpunktes, auf welchem er auch dem Hange ſeiner Lüſte fröhnen konnte. Igielſtröm hatte dieſen jungen Mann daher nicht ſobald bemerkt, als er ihn zum Hofkaplane des Königs geeignet fand. Es ward dem Miniſter ein Leichtes den ganz Unbekannten ſchnell zu dieſer wichtigen Stelle zu befördern, und von dieſem Augenblicke an war Stanislaus Auguſt un⸗ widerruflich verloren. Patrowski wirkte im Intereſſe Rußlands auf den Geiſt und das Herz des Königs mächtig ein, und verſtrickte ihn dabei ſo tief, in zweideutige, den Schwachen angenehm unterhaltende, Abenteuer, daß Stanislaus Auguſt in unglaublich kurzer Zeit das Spielzeug ſeines Kaplanes wurde. Für heute nun hatte Patrowski ein Hauptunternehmen entworfen, indem er dem Könige verſprochen, die ſchöne Ze⸗ nowicz, welche Jener ſchon längſt gerne ſah, in ſeine Hände zu liefern. Auf Karoline alſo bezogen ſich die Worte, welche der Fürſt leiſe dem, hinter ihn getretenen, Hofkaplane zuflüſterte. Patrowski beugte ſich mit ſolch' ſcheinheiliger Miene zu dem Könige herab, als ob dieſer ihn um das Wohl ſeiner Seele befragt hätte. „Ich bin ſo glücklich Ew. Majeſtät hierüber beruhigen zu können“— antwortete er leiſe in unterwürfigem Tone„Die Schöne, welche Ew. Majeſtät Ihrer Liebe würdigen, iſt bereits er⸗ ſchienen. Um aber das erwünſchte Ziel zu er⸗ reichen, müßte mein großer König die Gnade haben, in höchſteigener Perſon eine kleine Rolle bei dem Abenteuer zu übernehmen“ „Und welche?“ frug Stanislaus Auguſt. „Meine Diener“— fuhr der ſtets lächelnde Hofkaplan fort—„die den Befehl haben: den läſtigen Niemcewicz nicht aus den Augen zu laſſen, brachten mir ſo eben die Stückchen eines Billets, welches dieſer erhielt, zerriß und— ſich unbemerkt glaubend— wegwarf; daſſelbe verräth uns, daß die Unvergleichliche heute Abend einen weißen Domino ihrer jetzigen Verkleidung über⸗ werfen wird, um ſich, von den Ihrigen unbe⸗ merkt, mit dem Dichter, der ſich durch Keckheit in ihr Vertrauen eingeſchlichen, über irgend eine — Sache zu beſprechen. Nach meinen ſchleunigen Anordnungen werde ich in ganz kurzer Friſt eine Maske erhalten, welche derjenigen Niemcew iczs völlig gleichkommt. Würden nun Majeſtät als⸗ dann die Gnade haben den Erwähnten eines Geſprächs zu würdigen, ſo könnte ich unterdeſſen unter des Dichters Maske, die holde Dame aus den Sälen und in die Appartements Ew. Ma⸗ jeſtät locken, woſelbſt es dann meinem Könige vorbehalten bliebe die Schöne von ihrem Glücke ſelbſt zu unterrichten.“ „Gut ausgedacht, Kaplan!“ rief halblaut der Fürſt und lächelte Patrowski gnädig zu. „Sobald der weiße Domino erſcheint, und Sie Ihre Maske beſitzen, laſſen Sie es mich wiſſen. Ich gehe dann, wie ich immer zu thun pflege, die Reihen durch, bleibe bei Niemcewicz ſtehen und verwickle ihn in ein Geſpräch. Vergeſſen Sie nicht mir ſeine Maske zu nennen.“ „Schwarzer Domino, Majeſtät. Schwarze pol⸗ niſche Mütze, auf derſelben eine Roſe von ſchwar⸗ zem Band.“ „Gut. Ich vertraue Ihrer Klugheit. Sparen Sie nichts; Sie kennen meine Freundſchaft für Sie.“ Mit dieſen Worten brach der König das Ge⸗ ſpräch ab und wandte ſich zu Igielſtröm. Unterdeſſen endete auch der zweite Tanz Die Munterkeit der Masken war ſeit der Ankunft des Königs einem ceremonielleren Weſen gewichen, und ſelbſt der witzige, belachte und gefürchtete Harlekin verſchwunden. Jetzt riefen Fanfaren die Aufmerkſamkeit aller Anweſenden auf einen Vor⸗ hang von purpurrothem, mit Golde reich geſtickten Sammt, welcher, dem Thronſeſſel des Königs gerade gegenüber, die eine Wand des Saals be⸗ deckte Die ganze Menge der Anweſenden ſtrömte von dieſen Tönen gelockt, nach dem Hauptſaale, und diejenigen, welche ſo glücklich waren in den⸗ ſelben zu gelangen, drängten ſich zu beiden Seiten des Thrones in zwei compakte Maſſen zuſammen. Das Schmettern der Blasinſtrumente verſtummte und an ihrer Stelle, ſtiegen Töne einer himm⸗ liſchen Muſik wie Zephiretten auf und umgau⸗ kelten mit lieblichem Zauber die Ohren der Stau⸗ nenden. Da theilte ſich die Verhüllung. Ein lautes Jauchzen ſchallte durch den Saal;— aber — in das Jauchzen miſchte ſich ein finſteres, dumpfes Murren, wie der ferne, unheilverkün⸗ dende Donner, in das fröhliche Singen der unbe⸗ kümmerten, befiederten Sänger. Hinter dem Vor⸗ hange war ein, in einem Lichtmeere ſchwimmender Tempel, erſchienen. Säulen und Kuppel ſchienen aus bunten Lichtern erbaut, durch die ſich in leichten, gefülligen Gewinden, reiche Blumenguirlanden ſchlangen. Im Hintergrunde deſſelben erhob ſich eine Art Altar, auf deſſen vorderer Fläche die, von einer Krone überragten, Namenszüge der ruſſiſchen Kaiſerin leuchtend prangten, deren lebens⸗ großes Bild, von einem himmelblitzenden Sterne und einem zierlichen Blumenwalde umgeben, auf dem Altare ſelbſt thronte. Nit rauſchendem Beifalle hatte die, hier über⸗ wiegende, ruſſiſche Partei dieſen Triumph ihrer Monarchin begrüßt. Mit Rührung erblickte der ſchwache König ſeine Jugendgeliebte; mit innerem Wohlbehagen beobachtete Igielſtröm die enthu⸗ ſiasmirte Menge, die er durch ſolche Spiele an die herbe Wahrheit zu gewöhnen beabſichtigte; — aber mit Zähneknirſchen und verbiſſener Wuth ſtarrten die anweſenden Patrioten nach dem ver⸗ haßten Bilde jener nordiſchen Semiramis, die mit frevelnder Hand die Freiheit von dem Altare des Vaterlandes geriſſen, um ihr eigenes, eiteles „Ich“ ſiegend darauf zu pflanzen. Doch das Murren der Beſſeren und Freiſinnigen, ward über⸗ tönt von dem Jauchzen der Sclaven. Auch ließ man der Menge keine Zeit zum Nachdenken; denn wie durch einen Zauberſchlag füllten ſich die Hallen des Tempels mit Genien, die, unter der Beglei⸗ tung einer unſichtbaren, bald rauſchenden, bald wollüſtig⸗hinſchmachtenden Muſik, die Reize des Tanzes entwickelten. Die Ueppigkeit des verſam⸗ melten Hofes, der längſt im Stillen mit der Laſterhaftigkeit des gefallenen franzöſiſchen, des ruſſiſchen und ſächſiſchen gewetteifert, fand hier eine reiche Befriedigung Die ſchönen Tänzerinnen, von leichten, reizenden Coſtümen umfloſſen, ent⸗ hüllten in anmuthigen Bewegungen die ſüßeſten Geheimniſſe; und das harmoniſche Zuſammen⸗ wirken der Töne, des, Grazie entfaltenden Tanzes und der lockenden Fülle weiblicher Schönheiten, wiegten die Sinne in einen ſo angenehm⸗verwir⸗ renden Taumel, daß alle Gedanken in der Luſt des Hörens, Sehens und Fühlens ſchwindelnd untergingen. Als das Ballet zu Ende, flogen die Genien in eine feenhafte Gruppe zuſammen, und Venus und Minerva ſchwebten, von Wolken ge⸗ tragen, hernieder, Lorbeer⸗ und Myrthenkränze auf dem Altare und zu den Füßen der großen Kaiſerin niederlegend. Die Muſik wirbelte triumphirend auf, der Vorhang ſchloß ſich unter kaum endendem Jubel, und nur wenige Herzen ſchwuren in wil⸗ dem Grimme den Landesverräthern blutige Rache. Niem cewicz ſtand vernichtet Er, der be⸗ geiſterte Dichter der polniſchen Nation, der durch ſeine lebendigen, geiſteskräftigen und patriotiſchen Werke, ſo laut und auffordernd zu Polen ge⸗ ſprochen, war Zeuge der ſchmachvollſten Ernie⸗ drigung ſeines Landes, ſeines Volkes geweſen. Noch durchbohrte ihn der Herrſcherblick der ſtolzen Kaiſerin, noch gellte der Jubelruf der Sclaven in ſeinen Ohren, noch ſah er den König Polens bei der Huldigung, die man den erbitterten Fein⸗ den ſeines eigenen Landes gebracht, mit den Zeichen — des Beifalls vorangehen, noch ſchauderte er zurück vor der triumphirenden Miene Igielſtröms und dem teufliſchen Lächlen Patrowskis. Faſt entſank ihm hier Muth und Hoffnung; aber als er Kosciuszkos gedachte und der Worte:„die Frucht iſt reif, bald fällt ſie ab,“ da durchzuckte ihn eine wilde Luſt, und mit kaltem Schauer gedachte er der Wahnſinnigen, die ſo ſorglos dahintaumelten über dem fürchter⸗ lichen Abgrunde, der ſich, gräßlich buß unter ihren Füßen öffnete. Die Luft des Hofes wiederte ihn an, und hätte ihn nicht Karolinens Billet gefeſſelt, er würde das ſtolze Königshaus ſogleich verlaſſen haben. Aber obgleich ſich die Menge wieder in die verſchiedenen Säle zerſchlagen hatte und laut durcheinander wogte, und er überall ſuchte, fand er doch nirgends den weißen Domino. Gleiche Masken aller Farben rauſchten an ihm vorüber, die Roſe nickte von keiner der neckiſchen polniſchen Mützen, die Blume ſeiner Liebe erſchien nicht. Da erhob ſich der Hof. Es war das Zeichen, daß ſich der König zu entfernen gedachte, nachdem Nau, Th. Kosciuszko. II. Thl. 6 — 98— er noch durch die langen Spaliere ſeiner Gäſte, grüßend, ſcherzend und fragend die Runde gemacht. Es war dieß der wichtigſte Augenblick bei jedem Hoffeſte, der Moment in welchem die Ma⸗ jeſtät die Zeichen ihrer Gunſt oder Ungnade ſpendete. Mit klopfendem Herzen harrte daher gewöhnlich die Menge der Ehrgeizigen auf„das Erheben des Königs,“ und wenn es auch heute, als bei einem Maskenballe, von weniger Bedeutung war, ſo ſtempelte es doch ſchon die Gewohnheit zu einem wichtigen Augenblick Die Reihen bildeten ſich daher ſchnell, die Meiſten nahmen die Geſicht⸗ masken ab, und eine ehrfurchtsvolle Stille folgte dem bisherigen Geräuſche. Der König verneigte ſich, nach einer längeren Unterredung, die Beide ſtehend geführt, nochmals huldvoll gegen den Baron Igielſtröm, grüßte dann leicht die Geſandten der anderen Nationen und die ihn nahe Umſtehenden, und ſtieg ſodann die Stufen, welche den Thronſeſſel trugen, herab. Waren beim Eintreten die Hof⸗Chargen vorge⸗ treten, ſo hatten ſie beim Weggehen des Königs, demſelben zu folgen; indem einzig zwei, ihm leuch⸗ — —— tende, Kammerherrn und der Großceremonien⸗ meiſter voranſchritten. Der König blieb nun, wenn er eine ſchöne Maske, oder ſonſt Jemanden, den er auszeichnen wollte, ſah, ſtehen, und hier vorzüglich entfaltete er jene Heiterkeit, jene Ga⸗ lanterie und die Eleganz der Converſation und der Manieren, die ihm den Ruhm des liebens⸗ würdigſten Geſellſchafters mit Recht erwarben. Heute aber ſchien Stanislaus Auguſt mehr als gewöhnlich zu eilen; denn hatte er auch hie und da ein freundliches Wort, oder eine Frage an Jemanden gerichtet, ſo war er ſchon in der nächſten Secunde bei einem Andern, ohne nur eine Antwort des Erſteren angehört zu haben. Drei Säle waren durcheilt, da gewahrte ſein umherſchweifender Blick in den hinterſten Reihen der Menge, den überall geſuchten ſchwarzen Do⸗ mino mit der Bandroſe. „Schöne Maske!“ rief er heiter ſcherzend dem Schwarzen zu, und die Maſſe öffnete ſich ehrer⸗ bietig,„warum bei ſolch frohem Feſte in die Farbe der Trauer gehüllt? „Majeſtät“— entgegnete der Domino vor⸗ —— tretend in faſt bitterem Tone—„ich trage die Farbe des Dinges, dem wir am ähnlichſten ſehen. Wir gleichen Alle den todten Kohlen. Sie bleiben lichtlos und kalt, ſo lange ſie das reinigende Ele⸗ ment des Feuers nicht durchglüht; und ſind wir anders, wenn uns die höchſte Liebe— die Liebe zum Vaterlande fehlt?“ Eine flüchtige Bläſſe überftog das Antlitz des Königs; er biß ſich leicht auf die Lippe, rief aber ſogleich, ohne einen weiteren Anſchein von Verlegenheit zu zeigen: „Ein edles Polenherz! und ein poetiſches Ge⸗ nith V Vielleicht kennen Wir unſere Freunde beſſer unter ihrer Maske als ſie Uns ohne eine ſolche. Wir wetten es iſt der ruhmgekrönte Dichter: Ca⸗ ſimir des Großen!“ Niemcewicz nahm bei dieſen Worten die Larve ab, verbeugte ſich ehrfurchtsvoll und ſprach: „Ein Mann der Ew. Majeſtät und ſein Vaterland gleich liebt, und darum gegen Beide wahr iſt.“ „Wahrheit iſt eine unerläßliche Tugend des Mannes, und auch Wir lieben Offenheit. Wir — glauben es dadurch bewieſen zu haben, daß wir das Organ der Patrioten in unſere nächſte Um⸗ gebung zogen. Wir hören ſeine Stimme gern, Wir freuen Uns der großen Schöpfungen ſeines lichten Geiſtes, ja Wir ſind mit der Nation ſtolz darauf, einen ſolchen Dichter zu beſitzen. Da⸗ gegen dürften wir aber auch wohl vorausſetzen, nicht mißkannt zu werden. Die Jugend iſt raſch, kühn— aber auch oft unüberlegt; die reiferen Jahre lehren uns Vorſicht, geben uns die nöthige Ruhe zu ſorgfältiger Prüfung und Wir erreichen dann,— vielleicht etwas langſamer,— gewiß aber ſicherer das vorgeſteckte Ziel. Doch genug hiervon! Nicht über Politik wollen Wir ſtreiten, dieſer Abend iſt der Luſt gewidmet, die Uns Poeſie ſo oft veredelt und erhöht, und darum heißen Wir ihre Träger hier doppelt willkommen“ Glücklich der Fürſt, der in ihnen die Stimme der Nation, des herrſchenden Zeitgeiſtes findet. Nicht Eitelkeit verlocket ſie zu ſingen, ſie treibet eine unerklärliche Gewalt dasjenige auszuſprechen, was tauſend Herzen um ſie her dunkel ahnen, fühlen. Gefäße ſind ſie nur in Gottes Hand, — gefüllt und überſprudelnd von dem Lebenswein der Poeſie. Wer dieſen aber zu genießen weiß, der wird durch ihn gekräftigt, begeiſtert, veredelt, — nicht berauſcht“ „Wenn alle Dichter wie Niemcewicz däch⸗ ten“— entgegnete der König, und ſein Auge ing mit Antheil an dem Sänger,—„dann freilich dürfte die Welt ſich glücklich preiſen; aber man bietet uns oft ſtatt des Weines Waſſer, ſelbſt wohl Gift.“ „Und doch iſt Gift gegen Gift oft Arzenei!“ „Und öfter tödtet es. Doch wir leben ja nicht im Himmel, ſondern auf der Erde, wo nichts vollkommen iſt. Und glauben Sie Uns Niem⸗ cewicz, Wir wollen das Gute in jeder Beziehung. So iſt es auch eines unſerer heiße⸗ ſten Anliegen die Blüthe der polniſchen Literatur zu fördern, und den Geiſt der Nation zu bilden, und zum Edlen, Schönen und Großen hinzu⸗ leiten.— Auch wiſſen Wir recht gut, daß Wir dieß hohe Ziel nicht ſicherer erreichen können, als wenn wir die jugendkräftigen Talente aufſuchen, ihnen freies Spiel gönnen, die zur Entwicklung —— nöthigen Hülfsmittel ihnen an die Hand geben, und namentlich einer nationalen Richtung gün⸗ ſtig ſind.“ „Mein König!“ rief hier Niemcewicz,„die Worte Ew. Majeſtät treffen mein Herz an ſeiner weichſten Stelle. O ſprechen Sie es laut aus, daß jedes Ohr es hört: Sie wollen Nationalität! Wahrhaftig! wen ſein Vaterland begeiſtert, der liebt ſein Vaterland, der will ſeine Freiheit, ſeine Größe!“ Hier erblaßten mit einemmale König und Dichter. Die Majeſtät hatte ein wüthender Blick Igielſtröms getroffen, der in ihre Nähe ge⸗ treten war und Niemcewiecz ſtand wie ver⸗ nichtet, denn in einiger Entfernung ſchwebte der weiße Domino an der Seite einer ſchwarzen Maske dahin, die der ſeinen auf ein Haar glich. Er fuhr raſch mit der Hand über die Augen, als wolle er ſich überzeugen, daß er ſich nicht ge⸗ täuſcht— da waren beide Geſtalten verſchwunden. Eben ſo ſchnell hatte ſich der König gefaßt; und zu Julian gewandt fuhr er mit anſcheinender Gleichgültigkeit fort, indem er geſchickt zu einem anderen Gedanken überſprang: „Eben ſo nothwendig für die Blüthe der Dichtkunſt iſt wohl die Erhaltung der Uns über⸗ lieferten älteren Literatur. Der Inbegriff aller Kenntniſſe und geiſtigen Schätze der Vorwelt, iſt mit vollem Rechte als ein Gemeingut der ganzen Menſchheit zu betrachten. Sind ſie doch aller Völker und Zeiten Erbtheil, welches ſie heilig halten und wo möglich vergrößern ſollen. Auch Sie, Niemcewicz, davon ſind Wir überzeugt, werden dieß nicht aus dem Auge laſſen, und namentlich nicht, durch frommen Irrthum fehl⸗ geleitet, einen Weg einſchlagen, der die Poeſie zur Trägerin gehäſſiger und aufreizender Geſin⸗ nungen macht.“ Mit dieſen Worten grüßte ihn der König mit einer leichten Bewegung der Hand, und ſchritt haſtig durch die Reihen, indem er nur hie und da noch einige Worte wechſelte. Am Ende der Säle harrte der ewig lächelnde Hofkaplan auf ihn und flüſterte dem Könige als er vorüberging leiſe zu:„Majeſtät werden erwartet!“ Niemcewicz hatte die vorüberfliegende Er⸗ ſcheinung ſeiner eigenen Geſtalt an der Seite des weißen Domino ein unausſprechlich unangenehmes Gefühl zurückgelaſſen. Es war eine Miſchung von Angſt, Zweifel, Beklommenheit und Verdruß die ihn durch alle Zimmer und Säle peitſchte, die Geliebte zu ſuchen; aber wie früher waren alle Bemühungen umſonſt— es war kein weißer Domino zu ſehen Zu ſeinem Aerger ſtieß ihm auch noch Herr von Buchholz auf, und ließ ſich in ein Geſpräch mit ihm ein, in welchem Niem⸗ eewicz indeſſen ſo verkehrte und kopfloſe Ant⸗ worten gab, daß der Geſandte, der ſeine Ver⸗ wirrung für eine Folge des, mit dem König ge⸗ pflogenen, Geſpräches hielt, den Dichter bald wieder entließ. Niemcewicz athmete frei auf. Er ſetzte ſein verzweifeltes Suchen fort— da trat ihm haſtig der ſchon bekannte Harlekin entgegen, zog ihn mit Macht auf die Seite und flüſterte ihm zu:„Folgen Sie mir auf der Stelle, Fräulein von Zenowicz iſt in großer Gefahr!“ Karoline von Zenowicz war es auf dem Balle ſonderbar ergangen. Nachdem ſie ihrem Freunde das Billet überſandt und den weißen Domino über ihre bisherige Maske geworfen hatte, ſuchte ſie Niemcewicz auf. Sie war auch kaum unter dieſer neuen Verhüllung in die Säle getreten, als ihr der bekannte ſchwarze Do⸗ mino entgegeneilte, ihr ſchweigend den Arm bot, und an ihrer Seite nach den entfernteſten Zim⸗ mern eilte. Hier war es, da im ſelben Augen⸗ blicke der König ſich zum Weggehen erhoben, leer und ſtill geworden, und Karoline wollte daher ihrem Begleiter in dieſen Appartements die ver⸗ ſprochenen Aufſchlüſſe geben. Aber Niemcewicz, ſonſt kühn und unternehmend, ſchien heute von beſonderer Furcht beſeelt. Er legte zum Zeichen des Schweigens den Finger an den Mund, ſah ſich ſorgfältig um, und winkte, als er ſich unbe⸗ merkt ſah, Karolinen ihm zu folgen. Das Mädchen ſtand einen Augenblick befremdet ſtill; aber gewöhnt dem Freunde, den ſie ſo hoch achtete, in Allem zu gehorchen, überwand ſie die mädchen⸗ hafte Scheu und trat durch die geöffnete Thür in einen langen Gang. Der ſchwarze Domino ſchritt raſch voran, ſie folgte. Am Ende des Ganges öffnete jener abermals eine Thüre, die, — wie der erſte Blick zeigte, in ein prachtvolles Zim⸗ mer führte; Karoline bebte bei dieſem Anblick faſt ängſtlich zurück; ſie fühlte erſt jetzt das Un⸗ ſchickliche ihres Unternehmens, aber der Domino ließ ihr keine Zeit zum Ueberlegen; denn ehe ſie ſich noch fragend an ihn wenden konnte, hatte er ſie ſchon in das Zimmer geſchoben, ihr zuge⸗ flüſtert:„ich will ſehen ob wir unbelauſcht ſind!“ und war darauf wie der Blitz verſchwunden. Karoline war in Todesangſt. Niemce⸗ wiczs Betragen kam ihr wunderlich vor Woher kannte er im königlichen Schloſſe die geheimen Gänge ſo genau? Wer berechtigte ihn in dieſes Zimmer zu treten? Wem gehörte dieß Zimmer ſelbſt an? Sie ſah ſich beklommen um. Es war ein niedliches, überaus koſtbar ausgeſtattetes Ge⸗ mach, von einer einzigen Lampe magiſch erleuchtet. Die Tapeten von grünem Damaſt ſtrotzten von durchwirktem Golde; doch blickten ſie nur hie und da durch die Menge der herrlichen Blumen, die in Töpfen von Meißner Porzellan, rings an den Wänden ſtufenweiſe aufgeſtellt waren, und dem ganzen Zimmer den Anſchein einer prächtigen — Blumenlaube gaben. Im Hintergrunde öffnete ſich ein kleiner Alcoven, in welchem ſich, unter grünen Damaſtwolken, ein gleichfarbiger Divan zeigte, zu deſſen beiden Seiten die alabaſternen Statüen der Venus und Diana ſtanden. Den Boden deckte ein blüthendurchwirkter Teppich. Ein mächtiger, über dem Ruhebett prangender, Spiegel aber, warf zauberiſch das Bild des kleinen Pa⸗ radieſes zurück, das von dem ſüßen Hauche der Blumenkelche und einer angenehmen Wärme durch⸗ zogen, ſelbſt Flora, der lieblichen Gemahlin des Zephyrus, ein würdiger Tempel geweſen wäre. Im erſten Momente ſtaunte Karoline ent⸗ zückt ihre Umgebung an; dann aber erblaßte ſie und ihre Angſt und Verwirrung ſtieg auf den höch⸗ ſten Punkt. Was hatte ſie in dieſem Gemache zu ſchaffen, das, wie Alles zeigte Jemanden erwar⸗ tete? Sollte ſich Niemcewicz im Zimmer geirrt, und ſie in ein unrechtes geführt haben? und was ſollte ſie beginnen, wenn nun der Beſitzer deſſel⸗ ben erſchiene? in welchem Lichte würde ſie dann daſtehen?— Sie bebte zuſammen. Schnell ent⸗ ſchloſſen das Gemach zu verlaſſen eilte ſie der Thüre zu— ſie fand ſie verſchloſſen. Es war klar, ſie war ſchändlich hintergangen!— Von Niemcewicz?— nein!— nein! das war ohn⸗ möglich. Niemcewicz war ihr als das Mu⸗ ſter eines edlen, rechtlichen Mannes bekannt— Niemcewiez liebte ſie— er konnte ſie nicht betrogen haben. Raſch durchflog ihr Geiſt das kurz vorher Geſchehene Das beharrliche Schwei⸗ gen des Dominos,— ſeine Eile— ſeine Angſt — ſelbſt der etwas fremdartige Ton, mit welchem er zuletzt die wenigen Worte geflüſtert—— es war gewiß, das als Page verkleidete Kammer⸗ mädchen mußte ſich in der Maske geirrt haben, und ein Niederträchtiger hatte dieſen Irrthum auf eine ſchändliche Weiſe benutzt. Aber an wen?— an wen war ſie verrathen?— Dieſe Frage ſollte ihr indeſſen bald gelöst werden. Es ließen ſich Stimmen im Vorzimmer hören. Athemlos, zit⸗ ternd horchte Karoline.— Es war des Königs Stimme— Da athmete ſie frei auf. Ein Gedan⸗ kenblitz durchzuckte ſie, Sie riß die Larve von dem glühenden Antlitze, hob ſich ſtolz empor und ſagte leiſe aber feſt: Er komme!— Nicht umſonſt ſoll —— mir der Zufall, oder Niederträchtigkeit dieſen Au⸗ genblick geſchenkt haben. Ich will ihm zeigen daß ich Niemcewicz's Auserwählte, daß ich eine Polin bin. Da offnete ſich die Thüre und Stanislaus Auguſt trat ein. Das Fräulein begrüßte ihn ohne das leiſeſte Zeichen von Furcht, ernſt aber ehrerbietig. Der König war überraſcht So hatte er ſich den Empfang nicht erwartet. Er fürchtete eine ſich mädchenhaft zierende und jammernde Dame zu finden und ſah ſich ruhig, höflich und gefaßt empfangen. Aber einen ſo berühmten Lebe⸗ mann brachte dieß Unerwartete nicht aus der Faſſung. Ich habe mich in ihr getäuſcht wie bei tauſend Anderen, dachte er, ihre Tugend bricht ohnmächtig zuſammen, wenn ſie ein König an⸗ greift. Dieß denkend, trat er vertraulich auf ſie zu, und ſprach mit der ihm eigenen chevaleresken Weiſe:„Unſerer Krone danken wir manch' ſtolzes Glück; aber ihr Werth wird erblaſſen, wenn das Herz unſerer angebeteten Zenowicz die heißen Gefühle erwiedert, die Wir längſt für ſie in un⸗ ſerem Buſen tragen“ „Majeſtät iſt zu gnädig!“ entgegnete die An⸗ geredete,—„wie dürfte ein ſo unbedeutendes Weſen, wie ich es bin, es wagen, die erhabene Liebe Ew. Majeſtät auch nur um einen Gedanken, nur für einen Augenblick zu verkürzen.“ Der König ſah hier entzückt die ſchöne Geſtalt des Mädchens an. Er zog langſam die feinen, geſtickten Handſchuhe von den Händen, legte ſie auf ein vergoldetes Tiſchchen, und ſagte lä⸗ chelnd: „Sie ſind eiferſüchtig, mein Engel?“ „Nicht ich, Majeſtät, aber Ihre Geliebte möchte es werden.“ „Nicht doch! nicht doch!“ rief heiter der König und ging auf Karoline zu, ſie freundlich zu umſchlingen.„Sie irren ſich, bei Unfrem könig⸗ lichen Worte! Wir beten Niemanden an, als eine gewiſſe allerliebſte Zenowicz, die Blüthe aller polniſchen Damen.“ „So galant als ungerecht!“ verſetzte Karo⸗ line, durch eine gewandte Bewegung der Um⸗ armung des Königs entſchlüpfend. „Wie ſo ungerecht!“ rief dieſer, immer leb⸗ —— hafter werdend.„Aber kommen Sie, Angebetete,“ fuhr er fort,„Wir ſind müde, ſetzen Wir uns, nehmen Sie an meiner Seite Platz“ Und vorangehend ſtreckte ſich der König nach⸗ läſſig auf den Divan. Kar oline blieb ehrer⸗ bietig ſtehen Die ſchöne, edle Geſtalt Stanis⸗ laus Auguſts, leicht hingegoſſen, glich, mit⸗ ten in der feenhaften Pracht ihrer Umgebung, einem jener Fürſtenſöhne, wie ſie die reiche, glü⸗ hende Phantaſie des Morgenlandes in ihren Mähr⸗ chen erſchaffen. „Nun?—“ rief der König als er gewahrte daß Karoline nicht von der Stelle wich— „Streifen Wir um Gotteswillen jetzt den läſtigen Hofzwang ab. Sie glauben nicht wie ſehr Wir nach einem Herzen verlangen, das uns aufrichtig liebt, an dem Wir uns frei und ungenirt aus⸗ ſprechen, an dem Wir die tauſend Unannehmlich⸗ keiten, Kränkungen, Mühen und Sorgen, die das beſtändige Gefolge eines Königs bilden, ver⸗ geſſen können. O, meine Liebe,“— fuhr er ernſt, faſt wehmüthig fort,—„glauben Sie Uns das Gewicht einer Krone iſt erdrückend, ihr Glanz blendet, aber er läßt das Herz leer, nur dann — ſetzte er heiterer und mit liebenswürdigem Lächlen hinzu,„wenn man ihre Gaben mit einem ſo reizenden Weſen, wie Sie es ſind, theilen darf, nur dann gewinnt ſie einen wahrhaften Werth.— Aber ſo treten Sie doch näher— oder hat Ihnen meine Verſicherung noch nicht genügt und Sie ſind noch immer eiferſüchtig.— Ja— da fällt mir ein Sie nannten Uns unge⸗ recht!— warum dieß mein Kind?“ „Weil Ew. Majeſtät, ſinnlicher Aufregung willen, die Geliebte, die Ihrem Herzen am näch⸗ ſten liegt, vergaß.“ „Sie ſcheinen ſich über Etwas zu täuſchen. Si Fütſtin 4. „Nicht von ihr, ſpreche ich!“ ſiel hier Ka⸗ roline mit feierlichem Ernſte ein,„ſie war ein ſchwaches Weib deren zerbrechliche Tugend einem eitlen Glanze erlag, die wie hundert Andere thö⸗ richt genug war, ihre Schande unter dem Pur⸗ pur decken zu wollen. Nein, mein großer König, ich ſpreche von der Geliebten, die Ihnen mit der Krone ward, ich ſpreche von Ihrem Rau, Th. Kosciuszko. In. Thl. 7 — 8— Volke, von der großen, hochherzigen, polniſchen Nation.“ Stanislaus Auguſt hatte ſich halb er⸗ hoben er glaubte zu träumen. Diejenige, die kaum ſeinen Wünſchen ſo günſtig ſchien, änderte mit einemmale die Sprache. Er wußte nicht ſollte er Karolinens Aeußerung für Scherz, für feine Coquetterie oder für ſtrafenden Ernſt halten. Das Mädchen aber kümmerte des Monarchen Stau⸗ nen nicht, von edlem Feuer glühten ihre Augen, ihr Buſen wogte heftig und in Begeiſterung fuhr ſie alſo fort: „Die Nation kennt Ihren edlen König, ſie iſt ſtolz auf ſeine Weisheit, ſeine Liebenswürdig⸗ keit und ſeine Tapferkeit; ſie hängt an ihm wie eine treue Geliebte an dem Manne ihrer Wahl. Und der König— deß großes Herz ſie einſtens ſo heiß und glühend liebte— er ſtößt ſie nun zu⸗ rück? will nichts mehr von der Treuen wiſſen und wirft ſich kalt der Feindin an das Herz? O nein! nein! nein! Gewiß wir täuſchen uns, denn Ew. Majeſtät kann Polen, Ihr ſchönes Polen, Ihr liebes Vaterland, nimmer vergeſſen; gewiß die Stimme der Geliebten klingt ſüßer in Ihr Ohr, als jene einer fremden Königin. O mein König, mein großer Fürſt, Sie ſehen mich hier zu Ihren Füßen liegen, ein wunderbarer 5 Zufall, ein Mißverſtändniß wohl, führte dieß Zuſammentreffen herbei. Ich kann es nicht vor⸗ übergehen laſſen, ohne im Staube zu Ew. Ma⸗ jeſtät im Namen meines Volkes hier zu flehen. Ein ängſtlich dumpfes Murren kündet böſe Zei⸗ ten und Polen droht ein fürchterlicher Sturm. O Herr, tobt erſt der Sturm daher ſo kann ihn Niemand halten; gewaltſam unwiderſtehlich reißt er Alles nieder was ihm entgegen tritt; die Hohen aber trifft vor Allem ſein all'gewaltger Flügelſchlag. Noch liegt es in Ihren Kräften ihn zu bannen; vereint mit Ihrem Volke ſtehn Sie für alle Zeiten unerſchütterlich. O hören Sie im Flehen eines Weibes den Schmerzensruf der ganzen Nation. Ihr Herz, geöffnet allen edlen Trieben, hat ei⸗ nen reichen Ueberfluß an Liebe— wer könnte würdiger die Gluth der königlichen Bruſt erwie⸗ dern, als ein ganzes, großes, tapfres Volk?— Ein Volk von Königen, wie es die Polen ſind, iſt eine ſtolze, herrliche Geliebte.“ — 00 Sie ſchwieg Eine ſonderbare Miſchung von Rührung, Stolz und Unmuth, ſprach ſich in des Königs Zügen aus. Er wollte erzürnt erſcheinen, als aber ſein Auge auf die ſchöne Geſtalt traf, die noch immer zu ſeinen Füßen lag, verſchwan⸗ den die künſtlichen Falten ſeiner Stirne; er reichte Karolinen die Hand und ſagte in einem Tone der von Erſchütterung zeugte: „Stehen Sie auf. Sie haben mich tief ge⸗ kränkt. Ich hoffte auf eine andere Sprache aus Ihrem Munde; Ihr patriotiſcher Eifer iſt lo⸗ benswerth; aber Sie ſollten ihn Ihrem eraltirten Freunde überlaſſen. Das Weib iſt zu ſanfteren Trieben geſchaffen.“ „Nicht kränken wollte ich Ew. Majeſtät, nur Ihre hohe Liebe auf einen würdigen Gegenſtand leiten.“ „Genug davon Wir Herrſcher ſind beſtimmt ſtets nur mißkannt zu werden. Daß ich mein Po⸗ len liebe, das bin ich mir bewußt; das„Wol⸗ len“ das iſt frei, doch Unſer„Handeln“ iſt gar oft gebunden Doch ſtille— ich höre Ge⸗ räuſch— man kommt— wer wagt es jetzt und —— — 101— hier— Treten Sie hinter die Vorhänge des Alcoven.“ Da öffnete ſich eine geheime Wandthüre und aus ihr trat der Harlekin. „Was ſoll das heißen!“ rief zornentflammt der König.„Hier iſt Verrath im Spiel, nur Ei⸗ ner kennt dieſen Weg, und der....“ „Liegt Ew. Majeſtät zu Füßen!“— ent⸗ gegnete, ein Knie beugend, der Eingetretene in⸗ dem er ſeine Larve abnahm. „Wie?“ rief der König,„biſt du es wirklich? — Wahrhaftig unſer Teorbaniſt und in ſolcher Kleidung?“ „Ich würde nicht gewagt haben mich Ew. Majeſtät noch zu dieſer Stunde zu nahen, wenn ich nicht Wichtiges über meine Sendung zu be⸗ richten hätte.“ „Ein andermal,— ſpäter!“— rief der Kö⸗ nig.„Du weißt wie gerne Wir Dir Gehör ſchen⸗ ken, aber heute ſind Wir müde.“ „Majeſtät es handelt ſich um Ihre theure Exiſtenz.“ „Wie ſh. „Ich that wie Ew. Majeſtät befohlen, wan⸗ derte mit meinem Inſtrumente von Ort zu Hrt, die Geſinnungen meines Volkes zu erforſchen und fand nur eine.“ „Und dieſe iſt, raſch, raſch!“ „Aecht polniſch!— Majeſtät iſt verloren, wenn Sie nicht ſchleunig an der Spitze der Na⸗ tion, Rußland entgegentreten.“ „Immer derſelbe Unſinn. Sie rennen wie wahnſinnig in ihr Verderben. Rußland allein kann uns halten.“ „Das iſt des Volkes Meinung nicht“ „Daß Wir noch mehr Worte darüber ver⸗ lören!— Mein Kopf ſchmerzt mich. Wir mögen nichts mehr von Politik hören. Morgen, Os⸗ trowski, morgen ſo viel Du willſt. Jetzt ent⸗ ſerne Pich Ostrowski zögerte verlegen einen Augen⸗ blick, da rauſchten die Vorhänge des Alcovens, Karoline trat vor und ſagte, ſich tief vor dem Könige verneigend: „Die Unterredung, um welche ich Ew. Ma⸗ jeſtät angefleht, iſt zu Ende. Vielleicht hat mein — 103— König die Gnade den Edlen von Ostrowski zu beauftragen mich zu den Sälen zurück zu ge⸗ leiten.“ Stanislaus Auguſt verbiß ſeinen Zorn, er wandte ſich kalt zu ſeinem Vertrauten und ſagte: „Willfahre dem Wunſche der Dame!“ Beide verneigten ſich tief und verſchwanden in der geheimen Thüre. Der König ſank erſchöpft und mißmuthig auf die Ottomanne zurück, Ka⸗ roline erleichterte ihr Herz in Niemcewiczs Armen. — III. Des Sturmes Vorboten. „Was Ihr nur mit Schmach und Tod Wiſſet zu befehden, Trunken von dem Morgenroth Darf ich's jetzo reden, Rufen in den goldnen Tag Tief aus Herz und Kehle: Raum, ihr Herrn, dem Flügelſchlag Einer freien Seele!“ Herwegh. Julian Niemcewicz ſaß den kommenden Morgen ſinnend in ſeinem Studierzimmer. Ein friſch gedruckter Bogen der, von ihm herausge⸗ gebenen, Ausländiſchen⸗ und Nationalzeitung lag vor ihm; Blättchen mit neu entworfenen patrio⸗ tiſchen Liedern, Skizzen zu einem Trauerſpiel, Bücher und Manuſcripte aller Art deckten den Schreibtiſch. Aber weder die Zeitung, noch die Gedichte; weder Bücher noch Manuſeripte nahmen ihn jetzt in Anſpruch; denn er dachte an Karo⸗ line und ſeine und ihre Zukunft. Es war ein eigenes Verhältniß in welchem Beide zu einander und zu dem Leben ſtanden. Der Keim ihrer gegen⸗ ſeitigen Liebe war in jenen ſchönen Tagen gelegt worden, in welchen einſt der Zufall Kosciuszko und Niemcewicz, Louiſe und Karoline, ſo glücklich zuſammengeführt. Nach des Freundes miß⸗ lungener Flucht aber verſchwand auch das Fräulein Zenowiez, und alle Bemühungen ihres Freundes ſie wieder zu ſehen und zu ſprechen, waren jahre⸗ lang vergeblich. Erſt nach der Vermählung Loui—⸗ ſens mit dem Fürſten Orany,— wovon Ka⸗ roline jedoch nicht das Geringſte erfahren hatte, da ihr jede Verbindung zwiſchen ihr und der ge⸗ liebten Freundin abgeſchnitten wurde,— erſchien ſie wiederöffentlich. Demohnerachtet durfte es Julian nicht wagen, ſich ihr, Angeſichts des Marſchalls oder ſeiner Gattin, zu nähern; da ihn Beide, nicht nur als den Freund und Gehülfen Kos⸗ ciuszkos, und als einen der leidenſchaftlichſten Aufklärer, Verbeſſerer und Patrioten, bitter haßten; ſondern auch weil ſie mit Stolz und Verachtung auf einen Menſchen herabblickten, der, dem * — 106— niederen Adel entſproſſen, das Handwerk der Dicht⸗ kunſt und Zeitungsſchreiberei trieb. Da es aber zu einer ehelichen Verbindung mit Karolinen durchaus der Einwilligung der Familie, deren Haupt der Marſchall Sond wski war, bedurfte, von einer ſolchen aber keine Rede ſein konnte, ſo blieb den Liebenden vor der Hand nichts zu thun übrig, als ſich treu zu bleiben und auf beſſere Zeiten zu hoffen. Karoline und Julian ſahen ſich daher auch nur bei öffentlichen Feſten, oder hie und da, wenn es der Liſt des ſchlauen Mäd⸗ chens gelungen die Wachſamkeit ihrer Aufpaſſer zu täuſchen, im Geheimen. Die Zeit vermochte keinen Einfluß auf ihre Liebe zu üben, dagegen drohte derſelben von einer anderen Seite ein neuer Sturm. Der Marſchall war im Begriff über Karolinens Hand, wie einſt über die ſeiner Tochter, zu verfügen. Was kümmerte den Vice⸗ kronfeldherrn die Liebe, das Glück der Seinigen. Er gedachte durch die vorgeſetzte Heirath ſich aber⸗ mals mit einer mächtigen Familie ſeiner Partei zu verbinden, und der Größe und dem Glanze ſeines Hauſes mußte jede andere Rückſicht weichen. — 107— Dieſen unheilvollen Entſchluß Sonowskis dem Geliebten mitzutheilen und gemeinſchaftlich die Mittel der Rettung zu berathen, hatte das Fräulein Zenowiecz am verfloſſenen Abend jenes Rendez⸗vous ausgedacht, welches eine ſo ſonderbare Wendung genommen hatte Niemcewicz drückten nun doppelte Sorgen um die Geliebte darnieder, da jene außer der projektirten Zwangsehe nun auch noch des Königs Liebe oder Haß zu verfolgen drohte. Er ſann und ſann, und wußte ſich nicht zu rathen, da öffnete ſich die Thüre und Ostrowski trat ein. „Sie kommen wie ein Bote des Himmels, Ostrowski!“ rief angenehm überraſcht der Dichter, und ging dem jungen hübſchen Manne freundlich entgegen.„Bringen Sie Nachricht vom Könige?— Wie hat er die Sache aufgenommen?— Liebt er Karolinen noch?— Oder hat ſich ſeine Gluth in Haß verwandelt?“— „Beruhigen Sie ſich, mein Freund. Wenn Sie mit Stanislaus Auguſt ſo genau be⸗ kannt wären, wie ich, Sie hätten keine ſchlafloſe —— Nacht gehabt. Ein braves Mädchen zu haſſen, weil ſie ſich ſeinem unreinen Willen entgegenſtellt, iſt der König zu gut,— eine Dame zu lieben die ihn nicht mag— zu ſtolz, und mit Mühe und Anſtrengung einen Sieg herbei zu führen— zu bequem. Außerdem wird der Hofkaplan darauf bedacht ſein eine willfährigere Seele zu finden. Jedenfalls ſeien Sie verſichert, daß ich den Mo⸗ narchen nicht aus den Augen laſſe und Sie bei der geringſten Gefahr warnen werde.“ „Sie ſind ein edler Mann, Ostrowski!— Ich verlaſſe mich feſt auf Sie. Wahrlich, ich habe Sie ſchon manchmal bewundert, wie geſchickt Sie Ihre eigenthümliche Stellung als Vertrauter des Königs und doch auch als ächter Patriot zu behaupten wiſſen.“ „Da iſt nichts zu bewundern, denn es liegt nichts Widerſprechendes darin. Ich liebe mein Vaterland und meinen König. Im Anfange hoffte ich denſelben für Polen zu gewinnen. Es gelang mir auch; aber Stanislaus, der eben einmal grenzenlos ſchwach iſt, und ſich der ruſſiſchen Kai⸗ ſerin, ſeiner Jugendgeliebten, für die polniſche — 109— Krone noch immer verpflichtet hält, vermochte den Einwirkungen Rußlands nicht zu widerſtehen. So bleibt mir denn freilich nur noch das kleine Ver⸗ dienſt, über ihn zu wachen, um ihn von Zeit zu Zeit zu einem nationellen Schritte leiten zu können.“ „Polen erkennt mit Freuden Ihre Verdienſte und die Selbſtverläugnung welche Sie Ihr Amt koſtet.“ „Es iſt die einzige Weiſe beſtändig in des Königs Nähe zu verweilen und auf ihn einzu⸗ wirken. Er liebt die Muſik leidenſchaftlich. Aber ich plaudere mit Ihnen und vergeſſe den Haupt⸗ grund meines Kommens. So eben empfing ich durch einen verkleideten Eilboten von Kosciuszko den Auftrag: Sie zu erſuchen, ſo ſchnell als möglich nach Olkusz aufzubrechen, wo ſelbſt er Sie erwarten will. Höchſt Wichtiges ſei im Spiel. Er ſandte den Boten nicht an Sie ſelbſt um keinen Argwohn zu erregen.“ „Ich hoffe der Tag der Befreiung iſt nahe!“ rief freudig überraſcht Niemcewicz. „Und ich bin gewiß daß er nächſtens an⸗ bricht!“ entgegnete Ostrowski—„denn der — 60 Adel und ſelbſt das Volk will dieſes ſchimpfliche Joch nicht länger tragen⸗ Sind wir denn noch eine freie, ſelbſtändige Nation?— Nein, ein Spielzeug Rußlands ſind wir; und die neue Ver⸗ ordnung der Reduction der polniſchen Armee, macht uns völlig zu Nichte.“ „O Deutſchland!“ rief Niemcewicz— „Du wirſt vor allen anderen Staaten deine Lau⸗ heit und Falſchheit bei unſerer gerechten Sache noch bitter bereuen. Ich habe vergeblich geſucht der Welt die Augen über Rußlands Politik zu öffnen,— ſie will nicht ſehen. Klar und deutlich erkennt mein Geiſt die große, gewaltige, welter⸗ ſchütternde Idee Peter des Großen, die Rußland mit entſetzender Conſequenz bis jetzt durchgeführt hat und bis zum Tage ſeines Zuſammenſturzes verfolgen wird. Peter der Große wollte ein Weltreich. Mit ſcharfen Strichen ent⸗ warf er den Plan und ſchrieb darunter.„ Groß im Zertrümmern, größer im Erbauen.“ Ein Weltreich aber kann nur der Despotismus ſchaffen, und Despotismus kennt weder Freiheit noch Cultur, darum ward die Vernichtung dieſer Palladien der —— Menſchheit zur erſten Regel ruſſiſcher Politik. Wir haben es geſehen, wie man ſie auf das gefähr⸗ lichſte auf das Grenzreich, auf Polen, angewandt, — und, wenn wir nicht bald mit kräftiger Hand unſere Selbſtändigkeit wieder erobern— hat Polen aufgehört zu ſein Dann aber greift Ruß⸗ land in das Herz Europas ein Auf Polen folget die Türkei. Wie hier, wird man auch dorten Zwieſpalt ſäen; wird dann, mit heuch⸗ leriſcher Miene, ſich zum Protektor, zum Be⸗ ſchützer ſtemplen, bis man am Ende Herr des Landes iſt Hat Rußland aber erſt Polen und die Türkei, iſt Europas Gleichgewicht geſtört, und Schweden und Deutſchland wird ihm ein leichter Fang. Schmerzlich— doch nun zu ſpät— wird Deutſchland dann empfinden, daß es ſein ſtarkes Bollwerk— Polen— ſinken ließ.“ „Ich fühle die tiefe Wahrheit Ihrer Worte!“ entgegnete finſter Ostrowski.„Möchte es un⸗ ſeren Anſtrengungen gelingen, Europa zu retten.“ „Ja wohl Europa zu retten!“ ſetzte Niem⸗ cewicz hinzu.„Denn was würden die Folgen ſein, wenn Rußlands Plan gelänge? Vernichtung — jeder geiſtigen und phyſiſchen Freiheit, Ertödtung aller Wiſſenſchaft, grauſames Niederhalten jedes geiſtigen Aufſchwungs, Verluſt aller Selbſtän⸗ digkeit und mit ihr— geiſtiger Tod— Erlöſchen der Cultur und der Civiliſation“ „Laſſen Sie uns die Blicke von dieſem trau⸗ rigen Bilde wegwenden, und mit unſerem Blute Europas Zukunft ſchützen.“ „Ja, beim Allmächtigen!“ rief Niemte⸗ wicz begeiſtert,—„wenn Alle dächten wie wir, der nächſte Morgen fände Polen frei. Doch viel⸗ leicht, vielleicht! ſtehen wir näher am Ziele als wir ſelber denken. Ich eile Kosciuszko in Olkusz zu treffen. „Hier iſt die nähere Beſtimmung ſeines Auf⸗ enthalts“ „Doch eine Bitte noch. Wenn ich mit freiem Herzen dem Vaterlande dienen ſoll, darf mich keine Sorge zerſtreuen und belaſten. Ich laſſe Karoline in zwei Gefahren zurück. Sonowski will ſie zu einer Heirath zwingen, und Stanis⸗ laus Auguſt liebt ſie. Bringen Sie ihr die Nachricht meiner ſchnellen Abreiſe und ſie möge — 113 durch Liſt des Marſchalls Wünſche hinaus zu ſchieben ſuchen, bald vielleicht würde ich als freier Pole vor ſie treten, und dann möge ſie die Myrthe in den blut'gen Lorbeer flechten. Was den König betrifft habe ich Ihr Wort.“ „Gehen Sie mit Gottes Segen. Meine Ehre verpfände ich Ihnen für den treuen Schutz des edlen Fräuleins.“ „So zieh' ich fröhlich fort, ſei es zum Tod, ſei es zum Sieg!“ rief Niemcewicz glühend aus, ſchloß Ostrowski noch einmal an ſein Herz und Beide ſchieden mit dem Rufe: „Auf Wiederſehn als freie Polen!“— Am äußerſten Ende der alten Stadt Olkusz lag ein einſames Haus. Das Haus war klein aber freundlich. Reinlichkeit von Innen und Auſſen zeichnete es von den übrigen Gebäuden der Stadt vortheilhaft aus. Es ward von einem jungen Ehepaar bewohnt, welches ſich herzlich liebte, fleißig arbeitete, und ein ſtilles, genüg⸗ ſames und glückliches Leben führte Der Mann, ein Deutſcher, bebaute mit Hülfe einiger Knechte Rau, Th. Kosciuszko. II. Thl. 8 — 114— ſein Feld, die Frau lag der kleinen Haushaltung und der Erziehung ihrer zwei Kinder mit Sorg⸗ falt ob. Sie war ein liebliches, ungemein leben⸗ diges Weſen, und wie ihre bräunliche Geſichts⸗ farbe zeigte, das Kind einer ſüdlicheren Hemiſphäre. Der heutige Abend war ein Feſtabend in dem kleinen Hauſe, denn er hatte Kosciuszko, den Wohichäter der Familie, gebrach. Thabdäus und Laſocki mußten wohl weit geritten ſein; denn ſie waren, ſo wie ihre Pferde, todesmüde, und ſchliefen daher jetzt ſchon Beide. Der be⸗ ſchränkte Raum des Hauſes vereinigte Gäſte und Familie in einem Zimmer. Aber das Zimmer war freundlich und rein, wie das ganze Haus und hatte einen wohnlichen, behaglichen Anſtrich. Kosciuszko lag völlig angekleidet, auf dem breiten Bette. Er ſchlummerte ruhig, aber aus ſeinen edlen, unendlich milden Zügen, ſprach ein tiefer Seelenſchmerz. Ihm zu Füßen auf dem Boden ſaß, die Beine gekreuzt, Kopf und Rücken an die Bettſtelle gelehnt, Laſo cki. Er hatte, treu ſeiner Gewohnheit, bei ſeinem Herrn wachen wollen, war aber, von Müdigkeit beſiegt, eben⸗ falls eingeſchlafen, wie ſein lautes Schnarchen deutlich bewies. Im Vordergrunde des Zimmers, nahe der erwärmenden Flamme des Kamins, hatten ſich die Gatten auf einer Bank niedergelaſſen. Neben der Mutter, an deren vollem Buſen ein Säugling lag, ſtand die Wiege, und zu ihren Füßen ſpielte ein zweijähriger Knabe, während der Mann ſeinen Arm traulich um das geliebte Weib geſchlungen hatte und ihr freundlich in das bräunliche Antlitz ſah. „Marie,“ ſagte nach längerem Schweigen der Hausherr halblaut—„biſt Du denn auch ſo ſroh und glücklich heute Abend, wie ich es bin?“ „Lieber Paul!“ entgegnete die Angeredete und blickte ſelig lächelnd auf—„Merkſt Du's denn nicht, ich bin ja ſtiller wie gewöhnlich. Ich bin über unſeren Beſuch ſo unendlich erfreut, und mein Herz iſt mir ſo voll Luſt, daß ich meine es müßte mir zerſpringen“ „Und weißt Du auch, was mich noch außer⸗ dem entzückt?“ fuhr der Mann fort. — 6— „Nun?“ „Das iſt die Möglichkeit mich endlich gegen unſeren Wohlthäter dankbar beweiſen zu können.“ „Wodurch denn Männchen?“ „Ahndeſt Du denn Nichts?“ „Jeſus Maria!“ rief die Frau und der Säug⸗ ling fuhr erſchrocken auf—„Soll es losbrechen? willſt Du fort?“ „Ja, liebes Kind, es wird bald losbrechen, und dann werde ich als braver Mann das Wort halten, das ich einſtens in Amerika unſerem edlen Wohlthäter gab und ihm folgen in den Kampf der guten Sache.“ Maria ſchwieg und neigte ihr Haupt über den Säugling. Paul hob es ſanft empor und ſprach, als er Thränen in den ſchönen Augen erblickte, leicht verweiſend: „Wie? Du weinſt?— Ich hätte Dich ſtärker geglaubt, Dich, die Du einſt ſelbſt ſo tapfer fochteſt!“ Die Creolin lächelte unter Thränen.„Spotte nur noch!“ rief ſie lebhaft,— ich wäre heute noch im Stande Dir zu folgen“ — 117— „Und die Kinder?“ „Die Kinder!“ ſeufzte die Mutter und drückte das Kleine feſter an ihr Herz als wolle ſie ihm beweiſen, daß ſie es nie verlaſſen würde. Sie ſchwieg. „Sieh, mein Herz!“ fuhr Paul fort— „ſchon mein Wort würde mich binden, aber denke nur wie viel wir außerdem Kosciuszko ſchul⸗ dig ſind. Er war es, der unſere Ehe noch in Amerika möglich machte; er nahm uns nach Europa mit herüber; er gab mir die Mittel an die Hand in meine Heimath zurückzukehren um nach meinem alten Vater zu forſchen, der, leider! ſpurlos verſchwunden iſt. Er war es darauf wieder als wir, ſeinem Wunſche nach, ihn in Polen aufſuchten, der uns dieß kleine Gut kaufte, und er iſt es noch heute, der mit väterlicher Sorgfalt über unſer Glück wacht. Und für alles dieß fordert der edle Mann keinen anderen Dank als meinen Arm bei dem bevorſtehenden Kampfe zur Befreiung ſeines Vaterlandes. Möchteſt Du, liebe Marie, daß ich ihm dieſe Bitte abſchlüge?“ „Gewiß nicht, mein Paul, das weißt Du — 118— auch!— Aber der Gedanke Dich zu miſſen, Dich im Kriege zu wiſſen, iſt mir eben doch entſetzlich.“ „Glaubſt Du die Trennung von Dir würde mich weniger ſchmerzen?“ „Ich kenne ja Deine Liebe!“ ſchluchzte Jene. „Und mein Ehrgefühl und meine Dank⸗ barkeit.“ „Die Du nie verletzen darfſt“ rief Marie, legte den Säugling in die Wiege und umarmte heftig ihren Mann. Beide ſchwiegen lange Zeit. Paul brach zuerſt das Schweigen. Er drückte die Hand ſeiner Gattin, die in der ſeinen lag, und ſagte in ſanftem Tone: „Laß uns das Beſte hoffen, mein Kind; Kosciuszko, deſſen Feldherrntalent ſich ſchon in Amerika ſo glänzend ausgezeichnet hat, wird an der Spitze ſeiner Polen, die ihn vergöttern, bald den Sieg über die Knechte der Tyrannei davon tragen, und dann erblühen mit dem Glück der ganzen Nation, auch uns noch ſchönere Zeiten.“ „Und wenn Du mun nicht heimkehrteſt?“ ——— — 119— ſetzte Marie mit zitternder Stimme hinzu, und preßte den Gatten krampfhaft an ihre Bruſt. „Ich werde heimkehren, zweifle nicht daran. Gott wird ſich unſerer Liebe annehmen. Hoffe, hoffe! mein Herz, mache es wie ich. Im Hoffen find wir Deutſche ſtark; wir hoffen da ſelbſt, wenn es an Wahnwitz gränzt, noch zu hoffen; aber es hat doch auch ſein Gutes, trägt man doch ſeine Laſt dabei leichter. Aber, Marie, haſt Du denn ſchon in die Stadt nach der kleinen Polin geſchickt, die ſeit zwei Tagen auf Kos⸗ ciuszko wartet?“ „Gewiß!“ entgegnete dieſe, indem ſie das andere Kind,— ihren kleinen herzigen Thad⸗ däus— zur Ruhe brachte.„Schon vor einer halben Stunde“ Hier wurde ihr Geſpräch durch das Schellen⸗ geläute eines Schlittens unterbrochen. Sie horch⸗ ten auf, und gewahrten mit Erſtaunen, daß das Fuhrwerk vor ihrem Hauſe hielt. Paul ging dem ſpäten Gaſte entgegen und erkannte in ihm: Niemcewicz den treuen Freund ſeines Wohl⸗ thäters. 20— Niemcewicz's erſte Frage war nach Kos⸗ ciuszko. Paul zeigte auf den Schlummernden und ſagte: „Er iſt erſt heute Abend angekommen, und ſchläft nun ſeit einigen Stunden.“ Niemcewicz wollte ihn nicht ſtören; er verhielt ſich daher ruhig, und nahm wäh⸗ rend deſſen ein kleines Abendeſſen dankbar an. Unter der Zeit war auch die Polin, nach der Marie geſchickt, und welche ſeit zwei Tagen Kosciuszko in Olkusz erwartete, gefolgt von ihrem jungen Manne, eingetreten. Es war die kleine, dickwangige Katharina Jablonski. Den Tag nach dem Spinnabende, an welchem ſie die Unglücksgeſchichte Louiſens erzählt, hatte ſie Kosciuszko aufgeſucht, ſich ihr zu erkennen gegeben, und ſie durch Bitten und Ver⸗ ſprechungen bewogen, Alles aufzubieten Louiſe wiederzufinden, und wo möglich mit einem Briefe von ihm bis zu ihr zu dringen. Katharina war gerne dazu bereit, konnte aber als Mädchen die gefährliche Wanderung nicht allein antreten, und Kosciuszko ſelbſt hielt ſein großes, — — nationales Unternehmen für den Augenblick ab, ſie ſchützend zu begleiten. Katharina fand indeſſen ein treffliches Auskunftsmittel. Es war dieß eine, durch Kosciuszko beſchleunigte Heirath zwiſchen ihr und ihrem Geliebten. Thaddäus bot mit Freuden die Hände Die von ihm verlangte Unterſtützung war nicht be⸗ deutend, und ſo trat ſchon in ganz kurzer Zeit die glückliche Brünette, an der Seite ihres jungen Mannes, die Wanderung an. Bei Paul Steffan in Olkusz ſollte ſie, wenn ihr Vor⸗ haben gelänge, Kosciuszko wieder finden. Das Glück ſchien auch ihr Unternehmen wirklich gekrönt zu haben, denn ſie trat, einen Brief in der Hand, freudeſtrahlend ein. Faſt zur gleichen Zeit erwachte Kosciuszko. Mit einem herzlichen„Willkommen!“ lagen ſich die beiden Patrioten in den Armen. Thaddäus ſchüttelte darauf dem Freunde die Hand und ſprach ernſt und bedeutungsvoll:„Die Zeit iſt gekommen, in welcher wir durch Thaten beweiſen müſſen, daß wir nicht allein zu reden, ſondern auch zu handeln verſtehen. Jetzt haben wir noch — 122— das Heft in der Hand; iſt aber erſt unſere Ar⸗ mee reduzirt und entwaffnet, ſind wir für immer verloren. Darum zum großen Werke. Ich habe bereits den Brigadier Madalinski beauftragt, ſeine Truppen nicht zu entlaſſen. Die Regierung gab uns dazu ſelbſt den Vorwand, indem die Soldaten von ihr ſeit zwei Monaten keinen Sold erhielten. Madalinski gab ihnen denſelben, ihren guten Willen zu erhalten, aus ſeiner Taſche. In meinem Auftrage marſchirte er mit den Seinen über Wyzogrod nach Nowe⸗Miaſto, drang, mit der ihm eignen Kühnheit, bis nach Szreusk vor, zerſtreute das dortige Commando, und wird nun in der Woiwodſchaft Sieradien eine Re⸗ volutionsverſammlung halten. Alle bis jetzt em⸗ pfangenen Nachrichten lauten günſtig. Wohin er kam, flog man ihm entgegen. Zaborowski führte ihm einige Escadronen, Walewski eine Brigade zu. Die Bauern ſtrömten, mit Senſen und Knitteln bewaffnet, in Haufen herbei, und ſo wuchs ſeine kleine Macht in wenigen Tagen auf fünftauſend Mann. Noch weiß man in der Hauptſtadt nichts von dieſem Aufſtande; aber —— ſchon morgen werden die Nachrichten davon ein⸗ treffen. Ich habe daher Dich und mehrere Freunde auf dieſe Nacht hieher beſchieden. Sind wir beiſammen, eilen wir nach Krakau, und pflan⸗ zen auf die Zinnen der alten Königsburg das Banner der Freiheit auf.“ Niemcewicz drückte Kosciuszko die Hand und ſprach tief bewegt:„Auf Tod und Leben Dein und dem Vaterlande.“ „Ihm habe ich mein Leben geweiht!“— fuhr Thaddäus fort—„vermag ich Polen nicht aus ſeinen ſchmachvollen Banden zu retten, ſo kann ich wenigſtens für daſſelbe ſterben. Mit Muth und Vertrauen und unter dem Beiſtande Gottes, werde ich für unſere heilige Sache kämpfen, und noch im letzten Lebenshauche für die Freiheit ringen.“ „So ſei es— Und unterliegen wir, ſo bleibt uns der Troſt: daß wir unſer Leben zum Schutze der bedrohten Menſchenrechte der europäiſchen Völker geopfert.“ „Aber wer dem Tode entgegen geht,“ ſetzte Kosciuszko hinzu—„muß mit dem Leben ab⸗ — 124— geſchloſſen haben. Ich ſandte Louiſe einen Brief, in welchem ich ihr meinen Entſchluß anzeigte, und wie ich ſehe iſt es meinem Boten gelungen ſie zu finden.“ Mit dieſen Worten ging er raſch auf Katha⸗ rina zu und frug ſie lebhaft: „Haſt du ſie geſehen? geſprochen?“ „Beides!“ entgegnete die Brünette„Sie lebt noch eben ſo ſtill und geheimnißvoll auf dem al⸗ ten Schloſſe wie ehedem.“ „Und wie ſieht ſie aus?— Iſt ſie noch im⸗ mer leidend?“ Katharina konnte eine Thräne nicht unter⸗ drücken.„Ja“— ſagte ſie—„die edle Frau kam mir wie eine Heilige vor, ſo blaß und leidend, ſo fromm, ſanft und nilde ſah ſie aus. Und als ich ihr von Ihnen erzählte, gnäd'ger Herr, da hörte ſie mir ſo andächtig zu, und es ſtrahlte eine ſolche Seligkeit aus ihren Augen, daß es mir gerade dünkte ich ſähe die heil'ge Mutter Gottes ſelbſt vor mir!“ „Und was ſagte ſie dir? gab ſie dir nichts mit?“ — 12 „O ja! dieſen Brief, und ihren Segen.“ Kosciuszko ergriff ſichtbar erſchüttert den Brief Er las ihn für ſich unter tiefem Schweigen der Anweſenden. Rührung zog über die edlen, männlichen Züge; aber ſie wich dem Ausdrucke der höchſten Begeiſterung, und als er vollendet rief er mit blitzenden Augen: „Nun Vaterland bin ich ganz und ungetheilt Dein! Der Geiſt meiner Louiſe umſchwebt mich ſiegend oder ſterbend!“ „Um Gotteswillen!“ rief Niemcewicz— „iſt ſie todt?“— „Nein!“ entgegnete feſt und freudig Kos⸗ ciuszko—„Sie lebt— und iſt mein Weib!“ Und hiermit reichte er dem Freunde den Brief. Er ſelbſt aber trat auf Augenblicke in die Nacht, die groß und erhaben über der Erde lag. Und an dem dunkeln Firmamente hingen die lichten Sterne wie goldne Blüthen einer ſchönern Welt tief und ſchwer herab, und kündeten dem ſehn⸗ ſuchtsvollen Geiſte einen zweiten, höheren Früh⸗ ling!—— Niemcewicz aber las folgende Zeilen: — 126— „Jahre ſind verſchwunden ſeitdem unſere Her⸗ zen das letztemal durch Briefe miteinander ſpra⸗ chen. Jahre, die des Irdiſchen viel geändert, des Geiſtigen viel geſchaffen und befeſtiget haben. In mir erzeugten ſie die beruhigende Gewißheit: daß Alles, ſo wie es iſt, am Beſten iſt. Ich bin nicht glücklich, aber ich trage eine ſtille, mir theure Welt in meinem Herzen, und blicke mit fröhlicher Hoffnung zum Himmel auf, der mir ein ſchöne⸗ res, höheres Leben geben wird, voll der unaus⸗ ſprechlichſten Seligkeit. Dort! werde ich dann wiederfinden was ich ſchon auf Erden ſo unend⸗ lich geliebt— Dich, Dich! meinen Thaddäus — den Helden zweier Hemiſphären!— und Nichts wird uns mehr trennen, und unſere Liebe wird noch weit herrlicher ſein, als ſie es hier auf der Erde werden konnte; denn die göttliche Liebe wird ſie mit ihrem ewigen Feuer durch⸗ glühen. Freund meiner Seele! Du haſt es erfahren welche ſchwere Leiden in der letzten Zeit Gott über mich verhängt. Ich glaubte ihnen erliegen zu müſſen, und ſie waren es, die mich erhoben; — 127— — ich fürchtete von Dir getrennt zu werden— und ſie eben verbanden mich um ſo inniger mit Dir. Gottes Fügungen ſind wunderbar, aber ſie führen alle zum Lichte. Thaddäus! wir hiel⸗ ten uns für einander geſchaffen, wir glaubten in einer gegenſeitigen körperlichen Verbindung die Beſtimmung unſeres irdiſchen Daſeins gefunden zu haben. Ich war eitel genug zu hoffen Dich allein zu beſitzen— o Freund!— wie täuſchten wir uns!— Klar, wie das Licht der Sonne, liegt nun, da meine Erdenlaufbahn vollendet, mein Schickſal hier erfüllt iſt, der Wille des Ewigen vor meiner Seele: Kosciuszko war nicht für das unbedeutende Mädchen: Louiſe geſchaffen,— Kosciuszko!— o jauchze mit mir!— Kosciuszko ward von dem ewigen Weltengeiſte der polniſchen Nation zum Retter be⸗ ſtimmt!— Blicke auf unſere Schickſale, und ich frage Dich: Siehſt Du die Fingerzeichen des Himmels nicht? Deine Liebe ſollte ſich an meiner Liebe entzünden, Hinderniſſe mußten ſie ſteigern und veredlen; unſre Trennung ihr eine höhere Rich⸗ — 128— tung geben— und, als wir, wie blöde Kinder, des Vaters Willen noch nicht begriffen, ward den Böſen erlaubt gewaltſam einzugreifen— denn alles Böſe in der Welt iſt ja ein ohnmächtiges Verneinen und dient nur zur Förderung der himm⸗ liſchen Pläne— und ich ward durch Gewalt und Zwang Orany's Gattin. Gott ſelbſt hat das irdiſche Liebesfeuer, wie Dein Brief beweist auch in Deinem Herzen zu jener höheren Gluth an⸗ gefacht, die Vaterlandsliebe heißt! Ich bin Orany's Gattin durch die Kirche — ich bin Dein Weib durch die Liebe. Was aber iſt ſtärker: der gebrechliche Leib oder der unſterbliche Geiſt?— Orany ſah ich nach der Trauung nie wieder; Dich habe ich noch keine Stunde vermißt; denn ich bin Eins mit Dir. Du beteteſt mit mir im Kloſter, Du wein⸗ teſt mit mir im Leide, und Du freuſt Dich mit mir eines höheren Lebens!— Ich aber umſchwebe auch Dich. Ich folge Dir in die Schlachten, die Du, der von Gott Berufene, den Unterdrückern des Vaterlandes ſchlägſt; ich fliege mit Dir zu der Siege ſchönſtem! ich kämpfe mit Dir! ich jauchze — 129— mit Dir der jungen Freiheit zu!— und ich, ich drücke dem Befreier Polens den ewig grünen Lor⸗ beer auf die Schläfe! Keine irdiſche Hoffnung hemmt jetzt Dein ſchö⸗ nes Wirken mehr. Die Liebe ſchweigt, das Vater⸗ land ruft!— Sieg, Kosciuszko, Sieg! oder den Tod eines Helden. Ueber der Erde ſehen wir uns wieder! Deine Louiſe.“ Nach einigen Stunden waren noch B erſzade, Ignatz Potocki, Zackezewski und andere Patrioten, der Einladung Kosciuszkos zu Folge, in Steffans kleinem Hauſe angekommen. Das Nö⸗ thige wurde beſprochen, dann erſchienen die beſtell⸗ ten Schlitten. Ernſt und ergreifend war der Au⸗ genblick als ſich Kosciuszko mit den Worten erhob:„Im Namen Gottes ſei denn das Schwert gezogen Wer mit kämpfen will für ſeines Vater⸗ lands Freiheit, Integrität und Unabhängigkeit, der folge mir!“ Lange lag Paul in den Armen ſeiner treuen Marie, dann riß er ſich empor, Ran, Th. Kostiuszko. Iur Thl. — 130— küßte noch einmal ſeine Kinder, ſprang in einen der bereit ſtehenden Schlitten, die im Fluge über die glatte Bahn ſaußten. Marie ſank an der Wiege ihres Säuglings betend auf die Kniee. V. Der Auſſtund zu Rrakau. „Auf Schwert! du ſollſt mein Bruder ſein Mich bis zum Tod geleiten; In Perlen und in Edelſtein Will ich dich laſſen kleiden. Hinan! Hinan! Ein raſcher Sprung! Hier gilt's nicht lange wählen; Du biſt ſo ſchwung, du biſt noch jung: Es kann dir nimmer fehlen. So recht wie deine Lippe ſchäumt Von rothem Ruſſenblute! Du biſſeſt gut;— doch nicht geſäumt, Stets folge meinem Muthe. Siehſt du den tollen Reiter da, Den rieſigen Koſacken? Den treuſten Freund erſchoß er— ha— Fahr' ihm in ſeinen Nacken! Dank dir! du trafſt ihn gut:— er bläst Die Seele durch den Rücken. O Schwert wenn dich die Kraft nicht läßt, So ſoll uns mehr noch glücken. Tſcherkeſſenlied von Hermann Püttmann. Die Nacht war finſter und kalt. Die Erde ſchlief. Aber Mutter Natur hatte liebend für ſie — 132— geſorgt; denn eine dicke Schneedecke hüllte die Er⸗ ſtarrte wohlthätig ein, und ſchützte die zarten Lebenskeime die hoffend an ihrem Buſen träum⸗ ten. Ein tiefer Frieden lag über der Welt; jener heilige Frieden, der mit ſeiner großartigen Ruhe, mit ſeinem impoſanten Schweigen ſo erſchütternd vor unſere Seele tritt und uns zuruft: Arme Creatur was biſt du gegen das Univerſum?— was will dein Wirken, mit dem du ſo ſtolz prah⸗ leſt, heißen— gegen das ſtille, ruhig fortſchrei⸗ tende ewige Schaffen des Unendlichen?— Und ein wehmüthiges Gefühl der Nichtigkeit unſeres Daſeins überſchleicht uns, und Jugend und Schön⸗ heit ſtreifen ihre Blüthen ab, und Ehre und Nuhm ſtürzen zuſammen, und alle Herrlichkeit der Erde erblaßt vor unſerem Seelenauge. Aber wie mit der Eitelkeit die Feſſeln des Geiſtes ſin⸗ ken, erhebt ſich der Lichtgeborene— er denkt— und er iſt mehr als die ganze Sonnen— und Ster⸗ nenwelt. Da wird die Nacht ihm Tag, und ihr Frieden ein ſüßer Balſam für die wunde Bruſt. Und wie viele Thränen trocknet die Schlum⸗ merbringende?— wie manche Schmerzen heilt — 133— ſie, die der Tag erzeugt?— bringt ſie uns doch den Schlaf, den ſanften Bruder des Todes, der wie dieſer, dem müden Herzen Ruhe gibt. Da⸗ rum ſei uns geprieſen, ſtille Königin, in dem flammenden Sternenmantel; ſteige hernieder und gieße deine Mohnkörner über die Erde, und tilge — wenn auch nur für Stunden— den wilden Kampf menſchlicher Leidenſchaften. Aber haſt du dieß heute gethan, da du die alte Königsſtadt Krakau umfingſt? Friedlich ruht die Natur, zum Schlummer ruft die Finſterniß; aber immer lebendiger und lauter wird es in den Straßen, heller und heller ſtrahlen die ſich mehrenden Lichter in den Fenſtern der Häuſer, Fackeln bewegen ſich hin und her, Waffen erglän⸗ zen, die friedlichen Bürger wogen aufgeregt dem Thore zu, es ſammelt eilig ſich der würdige Se⸗ nat, Studenten ziehen lärmend durch die Maſſen und Alles flüſtert ſo geheimnißvoll. Es war die Nacht vom 23ten auf den 24ten März 1794 welche die Bürger von Krakau ſo aufgeregt zubrachten Madalinski's kühne Wi⸗ derſetzlichkeit gegen die Regierung, ward das — 181— Zeichen zu einer allgemeinen Schilderhebung. Das dumpfe, unheilſchwangere Brüten machte ſich mit einemmale in dem wilden Aufbraußen aller Lei⸗ denſchaften Luft. Die ängſtliche Ruhe, die einem Ungewitter vorausgeht war gewichen, das Wetter brach unter Sturm, Donner und Blitz herein. Kurz auf die Botſchaft von Madalinki's Siegen und dem Aufſtande der Wojwodſchaften Krakau und Sieradien, langte zu Krakau die Nachricht an: daß Kosciuszko die Gränze von Polen überſchritten habe, und im Begriff ſtehe, ſich, auf die Bitten ſeiner Freunde, an die Spitze der Unzufriedenen zu ſtellen. Krakau war als der Ort bezeichnet von welchem die Bewegungen in der Nacht vom 23ten auf den 24ten März ausgehen ſollten. Sie brach an, und Alles begrüßte ſie in gewaltiger Auf⸗ regung. Kosciuszko wurde erwartet Mit ſei⸗ nem Erſcheinen, mit ſeinem Auftreten erhielt die hei⸗ lige und gerechte Sache der Patrioten die mächtigſte Stütze; denn Kosciuszko war der Liebling der Nation, und aller Welt als Muſter der Rechtlichkeit und als großer Feldherr bekannt. Als ob ſie einen — 135— König erwartete, ſtrömte daher die ganze Bevölker⸗ ung Krakaus dieſe Nacht zuſammen, und Män⸗ ner und Weiber, Alt und Jung, Vornehm und Gering, drängten nach dem von Iwanowiece kommenden Wege, oder wogten durch die Straßen, welche der Held nach dem Rathhauſe hin paſſie⸗ ren mußte. Es war ein ſonderbares, eigenthümliches Wo⸗ gen und Weben. Beleuchtet von dem rothen, flackern⸗ den Feuer unzähliger Pechfackeln und dem blaſſen Lichte der erhellten Fenſter, zogen die Geſtalten aneinander vorüber. Herz und Geiſt erfüllt von der Größe und der Heiligkeit des zu beginnenden Unternehmens, aber auch ſeine Gefahr erwägend, fühlt Jeder ſich beengt und ernſt und feierlich geſtimmt. Kein lautes Wort ließ ſich hören, kein Ruf erſchallte. Wenn ſich Freunde begegneten drückten ſie ſich meiſt ſchweigend die Hände; aber ihr kühner, todesmuthiger Blick ſagte, daß nicht Furcht es ſei, die ihre Zunge binde. Endlich, endlich erſchienen die Schlitten die Kosciuszko und ſeine Freunde in Olkusz auf⸗ genommen hatten, und mit einemmale waren die — 136— Zungen gelöst und die Herzen frei, und aus tauſend und abertauſend Kehlen ſchallte der Ruf: „Es lebe Kosciuszko!“—„Es lebe Polen!“ Thaddäus Einzug in Krakau glich einem Triumphzuge. Die flatternden Tücher der Da⸗ men, der nicht endende Jubel, die prächtige Er⸗ leuchtung, alles dieß beurkundete ihm die Stim⸗ mung des Volkes. Die Schlitten konnten nur langſam vorwärts kommen, denn Jeder wollte die ausgezeichnetſten Männer der Nation und vorzüglich denjenigen ſehen, dem die Rettung des Vaterlandes übertragen werden ſollte. So erreichte man das Rathhaus. Hier empfing der Senat Kosciuszko und ſeine Begleiter und führte ſie nach dem großen Sitzungsſaale, woſelbſt Thad⸗ däus ſogleich feierlich, unter dem unaufhör⸗ lichen Rufe:„Es lebe Kosciuszko, der Retter des Vaterlandes! es lebe Polen!“ zum Oberbefehlshaber aller polniſchen Truppen ernannt wurde. Zugleich ertheilte ihm eine, von der Stadt und Wojwodſchaft Krakau ausge⸗ hende Akte, die unumſchränkte Macht eines Die⸗ tators. Sobald die feierliche Einſetzung vorüber, trat Kosciuszko ſein Amt an Er erließ augen⸗ blickich den Befehl die Thore der Stadt zu ſchließen und alle Waffen die nur aufzutreiben, herbeizuſchaffen Da erfaßte ein reges, begeiſtertes Leben die Einwohner; denn das beengende Ge⸗ fühl der Halbheit, der Unentſchloſſenheit, war gewichen, der entſcheidende Schritt geſchehen und kein Rücktritt mehr möglich. Jeder fühlte ſich leichter, freier, ſelbſtändiger und weihte ſich un⸗ getheilt dem nationellen Unternehmen. Keine Gränze kannte daher der Jubel, als Kosciuszko an die ganze mannbare Jugend den Aufruf ergehen ließ ſich zu bewaffnen und vereint mit den vorhandenen Truppen unter das Gewehr zu treten Kein Tag hatte noch ein ſol⸗ ches Leben in Krakaus alten Straßen erblickt, als es ſich dieſe Nacht entfaltete. Es war ein betäubendes Rennen und Laufen, ein Kom⸗ men und Gehen, ein Wirren und Schwir⸗ ren Wohin das Auge blickte, ſchoſſen Geſtalten vorüber und tauchten bald auf im grellen Scheine der Fackeln, bald verſchwanden ſie wieder wie — 138— Geiſter im Schatten der Nacht. Ueberall Ge⸗ räuſch und Blitzen der Waffen, überall nur ein Ruf:„Kosciuszko! Vaterland und Freiheit!“ Als ſich endlich die bewaffneten Bürger und die Truppen vor dem Rathhauſe eingefunden und aufgeſtellt hatten, erſchien Kosciuszko, um⸗ geben von den Grafen Berſzade und Ignatz Potocki, von Niemcewicz, Zakezewski und dem ganzen Senate. Einfach gekleidet wie immer, zeichnete ſeine hohe Geſtalt eine imponi⸗ rende Würde aus. An ſeiner Seite flatterte eine zerriſſene Fahne, es war die Standarte des alten Polenkönigs Johann Sobieski. Feierlich war der Moment. In Nacht gehüllt lag die Erde, und nur die Flammen der Fackeln warfen abenteuer⸗ liche Streiflichter auf die Gruppe, und hoben wunderbar den Helden der Nation auf dem dunk⸗ leren Grunde ſeiner Umgebung. Da erſtarb, auf des Feldherrn Zeichen, das Jauchzen der Menge, das ihn donnernd begrüßt; er ergriff die zerfetzte Fahne hielt ſie hoch empor und rief: „Meine Brüder! auf des unterdrückten Va⸗ terlandes Stimme haben wir uns vereinigt, — 139— griffen wir zum Schwerte Polens Befreiung von dem Joche fremder Macht, iſt daß große Ziel das wir uns geſetzt. Wollen wir es erreichen, ſo muß uns ein Wille feſt verbinden und lenken. Eure Stimme vertraute mir das Amt eines Führers. Ich werde nicht mehr, nicht weniger ſein; ich werde für unſere gemeinſame und ge⸗ rechte Sache kämpfen, für ſie ſiegen oder ſterben. Seid auch Ihr dieß zu thun bereit, ſo ſchwört dem Banner polniſcher Größe Treue; ſchwört auf die Fahne des mächtigen Königs Johann Sobieski: mit mir, für Polens Freiheit und Unabhängigkeit zu ſiegen oder zu ſterben!“ Und Alle leiſteten mit Begeiſterung dem Vater⸗ lande den Eid der Treue. Kosciuszko entließ darauf die Verſam⸗ melten, damit ſie ſich vollkommen bewaffnen und einige Stunden ruhen möchten; während er ſofort, im Vereine mit ſeinen Freunden und dem Se⸗ nate, zu der Organiſation der Armee und eines Nationalrathes ſchritt. Kein Schlaf kam in die Augen der Patrioten, keine Müdigkeit ergriff ihren Körper, denn— ſie arbeiteten für das Wohl ihres Volkes. — 0— Kaum aber ſäumten die erſten Lichtſtreifen des neuen Morgens den fernen Horizont, als ſich auch die Straßen wieder belebten. Krakau hatte über Nacht ein kriegeriſches Anſehen gewonnen⸗ Während den Tag zuvor noch Handel und Ge⸗ werbe ihrem ruhigen Gange gefolgt waren, wäh⸗ rend geſtern noch ein tiefer Friede in Krakaus Mauern geherrſcht hatte, und Wiſſenſchaften und Künſte ſtill wirkend fortſchritten, erfüllte heute nur der Ton der Trommeln, das Schmettern der Trompeten und das Klirren der Waffen die Stadt. Die ganze Bevölkerung war wie umge⸗ ſchaffen und ſelbſt der weibliche Theil deſſelben theilte die kriegeriſche Luſt. Schranken der Stände und des Vermögens beſtanden nicht mehr; Adel und Volk, Herr und Knecht, Freier, Leibeigener und Bauer, Reich und Arm, alles fühlte ſich gleich; waren doch Alle Söhne ein und derſelben niedergebeugten Mutter,— waren doch Alle: Polen. Von Augenblick zu Augenblick mehrte ſich die Menſchenmenge. Die Maſſen aber drängten und ſchoben ſich nach dem Rathhauſe und dem Markt⸗ platze, auf welch' letzterem Kosciuszko eine Rede an das Volk zu halten gedachte. Im Tri⸗ umphe brachte man ihn auf die, in aller Eile aufgeſchlagene, Tribüne. Unabſehbar war die Verſammlung die ihn umſchloß. Kopf an Kopf ge⸗ drängt harrte ſie der Worte ihres großen Führers, der mit namenloſem Entzücken den kühnen Auf⸗ ſchwung beobachtete, den die Ration in dieſem wichtigen Augenblick genommen. Sein Herz pochte faſt hörbar, ſeine Augen leuchteten von dem Feuer einer mächtigen Begeiſterung, ſeine Geſtalt hob ſich ſtolz empor, und laut und kräftig ſprach er alſo zu der Menge: „Mitbürger! Vielſeitig von Euch zur Rettung des Vaterlandes aufgefordert, erſcheine ich nun, nach Eurem Willen, an der Spitze der Freige⸗ ſinnten. Doch ich allein vermag das ſchimpfliche Joch der Sklaverei nicht abzuſchütteln, unſere Feſſeln nicht zu brechen. Eilet aber Ihr Alle unter die Fahnen des Vaterlandes, entflammt ein Eifer alle Herzen, ſtehet Einer für Alle und Alle für Einen, dann wird das große Werk gelingen, — dann, meine Brüder, werden wir,— dann müſſen wir Sieger bleiben. Euer Vermögen, bisher die Beute despotiſcher Söldlinge, gehört von nun an Euch, aber Euer freier Wille laſſe es dem Vaterlande eine Quelle reicher Hülfs⸗ mittel ſein. Der Arm, der es vermag den Schmuck der Waffen zu tragen, der greife zum Schwerte, weſſen Hand es aber zu ſchwer, der eile dem tapferen Heere, das mit ſeinem Blute die Frei⸗ heit zu erkaufen bereit iſt, mit Bruderliebe Hülfe zu leiſten. Aufopferungen, dem Vaterlande und der Freiheit gebracht, ſind glänzende Sterne des Nuhmes, ſie werden eine würdige Belohnung in der Dankbarkeit der Nation finden. Der letzte entſcheidende Augenblick iſt gekommen, die Ver⸗ zweiflung gibt uns Waffen in die Hand uns vor Schimpf und Schande zu retten. Wohlan! ſo laßt uns denn die drückende Ketten zerſprengen, und— den Tod verachtend— unſere letzte Hoff⸗ nung auf die Siege bauen, die zu erkämpfen unſeren Herzen gelüſtet. Nur ſo vermögen wir das Schickſal unſerer Nachkommen zu verbeſſern, ihren Fluch von unſeren Häuptern abzuwenden.“ — 143— „Der erſte Schritt, die Sklaverei von ſich zu werfen, iſt der Entſchluß, frei werden zu wollen, ſo wie ſeine eigenen Kräfte kennen, der erſte Schritt zum Siege iſt.“ „Bürger! die Wojwodſchaften Krakau und Sieradien gaben Euch ein ſchönes, der Nach⸗ eiferung würdiges, Beiſpiel. Sie haben die Blüthe der Jugend mit Freuden dem Wohle Polens ge⸗ opfert; wie einſt Spartas Frauen, blickten ihre Mütter mit Stolz auf die Leichen der geliebten Kinder, waren ſie doch für das Vaterland ge⸗ fallen. Ihr werdet kein Bedenken tragen ihnen zu folgen— ja! Euer Bürgerſinn wird ſie noch übertreffen. Schimpflich iſt es ſein Hab und Gut dem Feinde feig dahin zu geben— unendlich groß— dem Vaterlande ſein Alles freiwillig zu opfern, und dieſe Seelengröße war von jeher der Schmuck der polniſchen Nation.“ „Wir ſchließen eine heilige, eine unzertrenn⸗ liche Union. Kein fremder Einfluß, kein Hang zur Herrſchſucht ruft uns auf; ſondern die reine Liebe zum Vaterlande, und das edle Verlangen nach einer würdigen Unabhängigkeit, drängt uns — 144— die Waffen in die Hand. Hier aber gilt es Ent⸗ ſchiedenheit. Wer nicht mit uns iſt wider uns! Und ſelbſt Gleichgültigkeit iſt Verbrechen an der Sache der Freiheit. Jeder aber der ſeine Ehre und ſein Vaterland verräth, falle ein Opfer ſeiner Schändlichkeit.“ „Du aber Zierde des menſchlichen Geſchlechtes! die ich mit Stolz und Wonne ſo warmen An⸗ theil nehmen ſehe an dem Schickſale deiner Nation, auch du haſt ja die eiſerne Fauſt des Feindes gefühlt. Auch Ihr, edle Frauen, habt es er⸗ fahren, was es heißt Sklaven einer barbariſchen Macht zu ſein. Schaut auf! Eure Männer wollen Euch von der Schmach befreien. Eure Brüder, Eure Söhne, rüſten ſich zum Kampfe. Unſer Blut muß Eures Glückes Grundſtein werden. So ſorget denn mit Eurer liebevollen Huld für uns, wenn unſere Wunden geöffnet fließen. Jedes Opfer aus ſo ſchönen Händen wird den Lei⸗ denden Stärkung, den Verwundeten Linderung verſchaffen.“ „Und ſomit auf! Ihr Alle die der Name — 145— Polen ſchmückt, auf! für Eures Vaterlandes Frei⸗ heit, Unantaſtbarkeit und Selbſtändigkeit“*)— Und donnernd und von hundert Echo getragen ſchallte es durch die Lüfte:„Tod oder Sieg! für Polens Freiheit, Unantaſtbarkeit und Selb⸗ ſtändigkeit!“ Kosciuszko trat tief ergriffen von der Tribüne. Er wußte daß dieſer Jubel, dieſe Be⸗ geiſterungkein eitler Freiheitsrauſch, kein Schwindel ſei, denn wie er aus dem Herzen geſprochen, ſo hatten ſeine Worte auch die Herzen getroffen. Und daß Jeder von der Nothwendigkeit einer kräftigen Selbſthülfe überzeugt und von dieſer Ueberzeugung durchdrungen war, bewies die All⸗ gemeinheit des Aufſtandes, zeugten die großen Opfer die der Reiche wie der Dürftige brachte. Alles was als Kriegsbedarf nöthig war, was zur Heilung und Verpflegung der Verwundeten dienen konnte, was auf irgend eine Weiſe den großen *) Kosciuszkos Proklamation an die Bürger zu Krakau den 24ten März 1794. Thaddäus Kos⸗ ciuszko von Karl Falkenſtein, Leipzig 1834. Verſuche einer Geſchichte der polniſchen Revolution von 1794, erſchienen 1796. Rau, Th. Kosciuszko. Im. Thl. 10 — 5— Zweck fördern half, ſtrömte von allen Seiten herbei, und ward in Menge auf dem Rathhauſe niedergelegt und zu des Oberbefehlshabers(Nat⸗ zelnik) Verfügung geſtellt. Jeder gab ſein Schärf⸗ lein. Selbſt die Frauen verkauften ihr Geſchmeide, ihre Koſtbarkeiten, um dem Heere die Mittel an die Hand zu geben, kräftig zu wirken. Auch die Geiſtlichkeit blieb nicht zurück und ſtellte Kos⸗ ciuszko 200,000 polniſche Gulden zu. Alle Herzen ſchlugen höher und ſtolzer. Jeder war ſich ſeiner Menſchenwürde und ſeiner Menſchen⸗ rechte bewußt, und Alle erfaßte eine Begeiſterung von der ſie früher keine Ahnung gehabt. Mit Art und Beil bewaffnet erſchien der, ſonſt ſo friedliche Handwerksmann, mit Pike und Säbel der Bürger, mit Senſe und Knittel der Bauer, der Edelmann gab ſeine Flinten und Jagdgewehre, die Waffenſchmiede ſelbſt frugen nach keinem Verluſte mehr, ihre Hallen wurden zu öffentlichen Arſenalen. Jeder bewaffnete ſich ſo gut er konnte und reihte ſich an die kampf⸗ luſtigen Schaaren Wie manches Mädchen, wie manche edle Frau, barg unter rauher Mannes⸗ kleidung die zarten Glieder, Sturm und Wetter, Mühen und Laſten, Kampf und Tod verachtend. Es war eine Zeit der Größe, wie ſie Na⸗ tionen nur dann erleben, wenn ſie um ihre ge⸗ fährdete Freiheit kämpfen. Es war ein Aufſchwung geiſtiger und phyſiſcher Kräfte, der Polen— ſie⸗ gend oder erliegend— auf ewig mit Ruhm be⸗ deckt.— Kosciuszko und ſeine Freunde entwickelten im Laufe des Tages eine unermüdliche Thätigkeit. Die Armee ward organiſirt, die Officiere erwählt, die Mannſchaft eingeübt, die Stadt befeſtigt. Auch der Nationalrath trat ſogleich ſeine Funktionen an, und eine Inſurrectionsacte der Bürger und Ein⸗ wohner der Wojwodſchaft Krakau wurde entwor⸗ fen, die Polen zur Theilnahme an dem nationellen Unternehmen aufforderte Thaddäus war bald auf dem Rathhauſe bald auf dem Marktplatze, jetzt bei dem Heere und im nächſten Augenblicke bei der neugeſchaffenen Behörde. Er leitete die Geſchäfte, er handhabte die Ordnung, er muſterte die Truppen. Seinem klaren Feldherrnblick entging nicht das Geringſte, eine rührende Sorgfalt um — 148— jeden Einzelnen, wetteiferte mit der Sorge für das Ganze. Dennoch verließ ihn in dieſen ſtür⸗ miſchen Tagen keinen Augenblick jene gelaſſene Ruhe, aus welcher ſchon in Amerika Was⸗ hington ihm den Ruhm eines großen Feld⸗ herrn vorausgeſagt. Aber gränzenlos war auch die Liebe und die Verehrung der ganzen Bevöl⸗ kerung, der Bürger, der Bauern und der Truppen für ihren Oberbefehlshaber. Jeder ſuchte ſeinen Wünſchen zuvorzukommen, ſeine leiſeſten Winke galten als Befehle, und Jubelruf und Jauchzen empfingen ihn wo er ſich zeigte. Niemcewicz war von ihm unzertrennlich. Als ſein Adjutant kam er Kosciuszko nicht von der Seite, und aus ſeiner Feder floſſen alle die begeiſterten Aufrufe und Manifeſte jener Tage. Hatten dieſe beiden edlen Männer ſchon in ihrer früheſten Jugend einen zarten Freundſchafts⸗ bund geſchloſſen, war dieſes ſchöne Verhältniß in den glücklichen Zeiten des Jünglingsalters und der Liebe nur inniger geworden; ſo trug es nun, in den reiferen Jahren, in den Zeiten der Noth und der Gefahr, ſeine goldenen Früchte. In den Stürmen des Lebens erſtarkt, in mißlichen Ver⸗ hältniſſen oft geprüft, ward ihre Freundſchaft zu einem ſchützenden Schilde gegen die giftigen Pfeile der Welt. Der Menſch vermag es nicht, allein zu ſtehen in dem Leben, der ſtärkſte Geiſt ſehnt ſich nach einem Weſen, das mit ihm gleich fühlt, gleich denkt. Und kaum vermag das Leben ein ſchöneres Bild zu gewähren, als das zweier Helden, die, bei aller männlichen Kraft, das zarte Band der Freundſchaft umſchlingt. Kampf und Ungemach mit treuer Ausdauer theilend, ruhen ſie im Glücke Hand in Hand von den gemein⸗ ſamen ertragenen Mühen aus, und genießen dadurch doppelt die Luſt des Daſeins. Kos⸗ ciuszko und Niemcewicz waren eine Seele; denn hatten ſie ſchon bisher gleiche Anſichten, gleiche Gefühle geleitet, ſo verband ſie außerdem ihre Vaterlandsliebe, ihr hoher Freiheitsſinn, un⸗ auflöslich. Und was ſie einſt als Jünglinge ſich gelobt, und was ſie in den Tagen der Trauer und des Mißgeſchickes geſchworen, das verſprachen ſie ſich auch jetzt, am Vorabende des großen — 150— Kampfes, neu: unzertrennlich Leid und Freud zu tragen, und, den Dioskuren gleich, mit ein⸗ ander zu ſiegen oder zu ſterben!— Und erſtarkt durch dieſen Vorſatz, gingen ſie freudig der ver⸗ hüllten Zukunft entgegen.— Unterdeſſen waren zu Krakau alle nöthigen Vorkehrungen zu einem kräftigen Auftreten ge⸗ troffen worden, und Kosciuszko verließ, an der Spitze ſeines thatendurſtigen Heeres, die alte Stadt, zu deren Vertheidigung General Wod⸗ zicki mit zweitauſend Mann zurückblieb. Aber auch die Ruſſen hatten ſich geſammelt und erwarteten kampfgerüſtet die Rebellen, wie ſie ſich erlaubten die edlen Patrioten zu nennen, welche ihr eigenes Vaterland vor fremden Ein⸗ griffen zu ſchützen, aufgeſtanden waren. Schon vier Meilen von Krakau, unweit des kleinen Dorfes Raclawice, ſtieß Kos⸗ ciuszko auf eine Colonne von ſechstauſend Ruſſen, welche die Generale Tormanſow und Deniſow befehligten. Kosciuszko, ſich bewußt daß das Gelingen ſeines ganzen Unter⸗ nehmens zum größeren Theile auf die Entſchei⸗ — 51 dung dieſer erſten Schlacht ankomme, ordnete mit der ihm eigenen, bewunderungswürdigen Ruhe ſein Heer, welches durch die, von allen Seiten herbeieilenden Bauern, bedeutend ver⸗ ſtärkt wurde Mit Ahlerblicken muſterte der Dictator das Terrain. Ein abhängiger Wald, der es auf der einen Seite begränzte, gab ſeiner Artillerie einen herrlichen Stützpunkt, unter ihrem Schutze ſtellte er ſeine Linien auf. General Tormanſow ersffnete das Treffen. Er warf ſeine Bataillone auf den linken Flügel der Feinde. Die Ruſſen griffen mit großer Tapferkeit an, fanden aber bei den Polen einen unerwartet muthigen Widerſtand. Mit ſchrecklicher Wirkung feuerte das polniſche Geſchütz auf die feindlichen Truppen, und lichtete gewaltig ihre Reihen. Ein zweiter Angriff war nicht glücklicher. Die Polen halten ſich tapfer, die Ruſſen weichen. Aber immer neue Colonnen führen die moskowitiſchen Generale in das Feuer. Tormanſow und Deniſow greifen vereint Kosciuszkos Mitteltreffen und beide Flügel an. Da gilt es einen kühnen Entſchluß. Die Patrioten, von — 652 ihrem tapferen Führer aufgefordert ergreifen die Offenſive. Kühn und entſchloſſen rücken ſie vor; was kümmern ſie die Kartätſchen der Ruſſen, ſie müſſen ſiegen, denn ſie haben es dem hoffen⸗ den Vaterlande gelobt. Schon dringen ſie in der Feinde Reihen; die Bauern ſchlagen luſtig drein! friſch mäht die Senſe tauſendfachen Tod, gewaltig ſchmettern ihre Knittel auf die Ruſſen⸗ ſchädel nieder! Jetzt haben die Kanonen ſie er⸗ reicht, ſie drehn ſie um, und laſſen Ruſſen zu den Ruſſen ſprechen. Von allen Seiten wüthet graus der Kampf. Hartnäckig, blutig, ſchlagen ſich die Maſſen. Tod iſt das Loſungswort, und Keiner gibt— und Keiner nimmt Pardon. Der Ruſſen Ueberzahl ſtrengt ſich vergeblich an; doch gegen Sklaven kämpfen freie Männer. „Kosciuszko!“ ſchallt's und„Freiheit!“ durch die Luft, mit nie geſehener Wuth kämpfen die Bauernhaufen, und Gabel, Senſ' und Picke ſenden Tod. Da weicht der Feind, da fliehn die ruſſiſchen Söldner— der Pole jauchzt — und mit dem Abend iſt Kosciuszko Sieger!— — Das Schlachtfeld decken fünfzehnhundert Ruſſen. Kanonen und Munition ſind in der Sieger Händen, und ruhmgekrönt ſtimmen der Freiheit Söhne ein feierlich Tedeum dankbar an V Stanislaus Auguſt. „Baum der Freiheit— ja ſchon oftmals biſt du umge hauen worden, Oft in deinem Marke blitzten Aeyte der Despotenhorden; Aber ewig neu erſtanden wuchs die Wurzel aus der Erde und gebietend ſprach der Schöpfer ſein belebend magiſch „Werde.“ H. Püttmann. In einem, nach morgenländiſchem Geſchmack eingerichteten Zimmer des Schloſſes zu Warſchau, lag Stanislaus Auguſt auf eine Ottomanne nachläſſig hingeſtreckt. Der Reichthum und die üppige Pracht des Gemaches, harmonirten mit dem Anzuge des Königs. Mit der äußerſten Sorgfalt gekleidet, bezeugte ſeine Toilette den — 155— ihm eigenen feinen Geſchmack. Man hätte ſie indeſſen zu geſucht, zu weichlich für einen Mann nennen können, wenn nicht ein Ueberwurf von ſchwarzem Sammt, durchaus mit dem herrlichſten Hermelin gefüttert der ſchönen Geſtalt ein wahr⸗ haft königliches Anſehen gegeben hätte. Stanislaus ſtützte das Haupt auf ſeinen rechten Arm und blickte nachdenklich auf den türkiſchen Teppich, der den Fußboden des Zim⸗ mers deckte. Zu ſeiner Seite befand ſich ein kleiner Arbeitstiſch, auf welchem einige Werke der neueren ausgezeichneteren franzöſiſchen, italie⸗ niſchen, engliſchen und ſpaniſchen Dichter lagen. Hinter demſelben ſtand Ostrowski. Er hatte ſo eben den Teorban niedergelegt und zog jetzt, ſich zu dem Könige wendend, ein Actenſtück aus ſeinem Buſen. „Majeſtät!“ ſagte er halblaut—„Wir ſind jetzt allin, Patrowski hat ſich auf einige Augenblicke entfernt; darf ich reden?“ „Sprich nur!“ entgegnete der König auffallend mißſtimmt—„Ich habe ohnehin heute keinen Sinn für Muſik. Vor allen Dingen ſage mir — 155— aber, iſt es denn wahr, iſt die Aufregung in Warſchau ſo bedeutend?“ „Und Sie zweifeln noch daran?— Majeſtät, ich genieße das Glück Ihres Vertrauens, ich will mich deſſelben durch Wahrhaftigkeit werth machen.“ „Gerade darum, Ostrowski, habe ich Dich von jeher geſchätzt. Du ſagſt mir faſt immer das Gegentheil von dem, was ich von meiner Umgebung vernehme, und ich weiß, es liegt manches Wahre darin, nur fällſt Du meiſt in den gewöhnlichen Fehler der ſogenannten Patrioten: Du übertreibſt!“ „O daß Ew. Majeſtät hierin Recht hätten! — Aber ich fürchte die Tage ſind nahe, die für mich zeugen werden. Die Gährung der Gemüther hat in ganz Polen, ja ſelbſt in der Hauptſtadt den höchſten Punkt erreicht. Der Aufſtand in Krakau iſt nationell, er wurde in Ihrem und des Reiches Namen begonnen, und bezweckt einzig und allein: das fremde, drückende Joch abzuſchütteln.“ „Nein, nein, Ostrowski, es iſt eine Re⸗ — volution, hervorgerufen durch jakobiniſche Grund⸗ ſätze“ „Majeſtät vergeben— wenn ich widerſpreche. Es iſt die verzweifelte Gegenwehr eines edlen Volkes, das fremder Despotismus erdrücken will. Es iſt die ſelbſtändige Handhabung der Herr⸗ ſchaft des vernünftigen Rechts.“ „Das ſind eben dieſe unglückſeligen Ideen.“ „Nur vernunftrechtliche Begriffe, die, von dem Geiſt der Zeit gereift, jetzt in allen Welttheilen auftauchen. Sie ſind das Element, in welchem von nun an die Welt ſich fortbewegen muß. Sie aufzuhalten iſt möglich, ſie zu unterdrücken ohn⸗ mächtiger Verſuch. Und wie himmelweit unter⸗ ſchieden iſt Polens Schilderhebung von Frankreichs Revolution. Wagen Sie es, Majeſtät und treten Sie an die Spitze der Bewegung und in wenig Wochen ſind Sie unumſchränkter Herr Polens“ „Und Rußland?— Preußen?— Oeſter⸗ reich?“— „Werden ſtaunen und— Stanislaus Auguſt, den Beherrſcher einer freien, ſelbſt⸗ ſtändigen, tapferen Nation fürchten.“ — 158— „Illuſionen! was vermag das kleine Polen gegen Rußlands Uebermacht?“ „Alles! ſobald es einig und entſchloſſen iſt. Majeſtät, die geiſtige Kraft eines einzelnen, freien Mannes iſt unendlich viel größer, als die, vieler Sklaven!“ „Polen, iſt in ſich ſelbſt zerriſſen.“ „Polen wird eins ſein, ſieht es ſeinen König für ſeine angeſtammten Rechte kämpfen.“ „Und mit welcher Macht kann ich auftreten?“ — rief heftig Stanislaus,—„ſind mir nicht die Hände eben ſo gut durch Polens elende Staatsverfaſſung als durch Rußland gefeſſelt?“ „Zerſprengen Sie nur erſt muthig Rußlands Feſſeln. Polen iſt zu einer beſſeren conſtitutio⸗ nellen Verfaſſung ſchon geneigt. Wer anders hat ſie bis jetzt verhindert als Katharina.“ „Katharina!“ wiederholte Stanislaus, ſprang auf und ging mit großen Schritten auf und ab.„Sie meint es gut und ehrlich mit mir, ich weiß es!“ „So gut und ehrlich, Majeſtät, daß ſie Sie bevormunden läßt.“ — 159— „Ostrowski!“ rief der König, ſtehen⸗ bleibend, mit zornerſtickter Stimme. „Zürnen Sie nicht mein Fürſt, gerade weil ich Sie liebe, reißt mich Igielſtröms namen⸗ loſe Frechheit zur Bitterkeit hin.“ „Er iſt ſehr zudringlich,“ fuhr der König fort—„das iſt wahr, aber er kennt ſeine Stellung“ „Ja, Majeſtät, er kennt ſie, ſonſt würde er es nicht gewagt haben in einem ſolchen Tone zu Polens König und deſſen Rath zu ſprechen!“ Bei dieſen Worten hob Ostrowski die Schrift, welche er bisher in der Hand gehalten, hoch empor. „Wie ſo?— was iſt das!“ rief der König finſter und verlegen„Was iſt das für ein Do⸗ cument?“ „Es iſt eine Note des Barons an den immer⸗ währenden Rath und den König.“ „Wann abgegeben?“ „Den vierten April.“ „Den Vierten ſchon? und ich weiß nichts davon?“ — 165— „Sie iſt bereits vom Rath beantwortet“ Der König wandte ſich bei dieſen Worten rach einem der Fenſter und ſchien einen Gegen⸗ ſtand auf dem Hofe aufmerkſam zu betrachten; in der That verbarg er aber nur die Schaam, die ſein Geſicht erſt mit Bläſſe überzogen und ihm dann die Wellen des Blutes nach dem Kopfe trieb. Es folgte eine kleine Pauſe. Endlich hub Os⸗ trowski wieder an: „Majeſtät! die Zeit iſt edel, darf ich es Ih⸗ nen mittheilen?“ „Thue es!“ entgegnete der König anſcheinend gleichgültig, und ohne ſeine Stellung zu ver⸗ ändern.„Es wurde Uns notificirt. Wir haben es aber im Drange der Geſchäfte vergeſſen.“ Ostrowski verſtand das plötzliche Ueber⸗ ſpringen von dem vertraulichen:„Ich“ auf das Königliche:„Wir“ vollkommen. Er ließ ſich in⸗ deſſen nichts merken und las das Schreiben des ruſſiſchen Geſandten mit feſter Stimme vor Es lautete: „Es verbreitet ſich hier ein förmlicher Inſur⸗ — 161— rektionsakt, der die Nation zum Aufruhr und zu einer Revolution auffordert. In Krakau haben die Urheber derſelben ſie bekannt gemacht, drucken laſſen, und im ganzen Lande verbreitet Auch ſie iſt eine von den tauſend aufrühreriſchen Schrif⸗ ten, durch die man, ſeit dem Anfange der fran⸗ zöſiſchen Revolution, Mord und Raub verbrei⸗ ten, und zur Vernichtung aller geſellſchaftlichen Ordnung anfeuren will, als wenn des Clendes, das Polen bis jetzt hat erfahren müſſen noch nicht genug wäre“ „Es haben ſich ſogar die ſtrafbaren Verfaſſer dieſer Schrift, in welcher eine abſcheuliche Menge elender Sophismen vorkommt, unter dem Vor⸗ geben von Patriotismus, gewaltſame Beeinträch⸗ tigung des Vermögens der Bürger erlaubt, und was ein Kennzeichen des kühnſten, unverſchämte⸗ ſten Stolzes iſt, ohne Rückſicht auf Schicklichkeit und Anſtändigkeit, ſich nicht geſcheuet, ihre Na⸗ men zu unterzeichnen.“ „Indem ſie keinen andern Oberherrn anerken⸗ nen, als den ſich dieſer Haufe von Rebellen ſelbſt gegeben, ſprechen ſie im Ton eines ſouve⸗ Nau, Th. Kosciuszko. IM. Thl. 1 — 162— rain gebietenden Herrn, ſchreiben Geſetze vor, ſetzen die eriſtirenden Obrigkeiten ab, und, mit Hintanſetzung der heiligſten Rechte des Eigen⸗ thums, treiben ſie die Verwegenheit ſo weit, daß ſie eigenmächtig Abgaben auflegen. Die unglück⸗ lichen Bewohner einer blühenden Stadt der Re⸗ publik ſammt ihrem Territorium, müſſen nun von dieſen Räubern, die ihre Kunſt in ein Syſtem gebracht haben, Bedrückungen mancher Art ausſtehen.“ „So viel Frevel darf nicht blei⸗ ben. Schon iſt eine Armee der Durchlauchtigſten Kaiſerin, welche, die Ruhe von Polen zu erhalten, ſich ſo ſehr angelegen ſein läßt, befehligt dieſe Räuberhorden zu zer⸗ ſtreuen. In Kurzem wird dieſes Heer gegen das Räuberneſt vorrücken, das die Verräther noch ſchützt; dann werden ihre geſetzwidrige Verbrechen den verdienten Lohn empfangen. Eben dieſe Trup⸗ pen, die gegen die Verbrecher ziehen, werden jedoch dem unterdrückten Polen Beſchützer ſein. Allein hiemit iſt noch nicht alles been⸗ digt; die großen Miſſethäter, die ſo — 163— viel Elend anrichten, müſſen nicht nur geſtraft, ſondern auch der Intrigue nachgeſpürt und ihr die Larve abgeriſ⸗ ſen werden. Dieſen Schritt muß die Regierung thun und alle Mittel ergreifen, um durch ein Beiſpiel der ſtrengſten Gerechtigkeit, alle diejenigen, die ſich in dieß verbrecheriſche Unternehmen noch einlaſſen könnten, davon abzu⸗ ſchrecken.“ „Da der Unterzeichnete überzeugt iſt, daß in dieſer dringenden Angelegenheit, die feſten und ſtrengen Maßregeln, welche die Regierung ergreifen wird, ſehr heilſame Wirkungen her⸗ vorbringen werden; ſo eilt er den König und den ihm zur Seite gegebenen Rath zu erſuchen, den Termin zur Eröffnung der Reichstags⸗ und der anderen Gerichte, die über dergleichen Verbrechen erkennen, zu beſchleunigen, damit die Rebellen, welche ihre Namen unter die abſcheuliche und aufrühreriſche Schrift zu ſetzen, keinen Anſtand ge⸗ nommen haben, vor erwähnte Gerichte gezogen, dieſe Schrift, ſowie alle ihr ähnlichen, die im Publikum ausgeſtreut ſind, verboten, mit dem — 164— Zeichen der Infamie geſtempelt, und nach Ausſpruch des Rechts und Gerichts ſowohl gegen das aufrühreriſche Werkzeug, als auch ge⸗ gen die Verfaſſer und Verbreiter deſſelben, ſowie gegen alle diejenigen, die auf irgend eine Art als Gehülfen enideckt werden, erkannt, und ſtrenge eremplariſche Strafe, ſowohl an ihnen, als an ihren Gütern verhängt werde. Endlich verlangt der Unterſchriebene, daß allen Obrigkeiten erneuerte Befehle gegeben werden, die größte Sorgfalt auf die Entdeckung der verbor⸗ genen Urheber und Beförderer dieſes rebelliſchen Bundes zu verwenden, und die Entdeckten mit ihren Anhängern der Strenge der Geſetze zu überliefern.“ „Der Endesunterſchriebene will noch zugleich an alles das erinnern(obgleich es allen Polen hinlänglich bekannt iſt,) was die Sorgfalt der Durchlauchtigſten Kaiſerin, ſeiner großmüthigen Monarchin, für die Erhaltung des Frie⸗ dens und der Ruhe in Polen ſchon ge⸗ than hat; er wiederholt zugleich die Verſiche⸗ rung, die er ſchon ſo oft zu geben Gelegenheit —————— — 166 gehabt, daß er alle Mittel, die in ſeiner Macht ſtehen, zu dem Zwecke anwenden wolle, damit Gerechtigkeit und unparteiiſche Rechtsvollſtreckung geſichert werde“ „Die Rebellen, die für ihre fluchwürdige Uebereilung zu ſpät Reue empfinden werden, kön⸗ nen höchſtens Verachtung erregen, aber Nieman⸗ den beleidigen; beſonders da es ausgemacht iſt, daß ſie aller Mittel ihre Revolution zu unter⸗ ſtützen, beraubt ſind.“ „Die Veranlaſſung zu obigen Anforderungen des Unterſchriebenen, iſt einzig und allein, um Polen die Ruhewieder zu verſchaffen, deren es ſo ſehr bedarf, und die ihm nur allein eine längere Erxiſtenz zu⸗ ſichern kann.“*) Warſchau den 4ten April. „Baron von Igielſtröm“ Der König hatte während des Leſens ſeine Stellung nicht verändert, doch war dem ſcharfen 830 Verſuch einer Geſchichte der polniſchen Revo⸗ lution vom Jahr 1794. Mit den dabei erſchienenen Regierungsſchriften belegt. 1796. —— Blicke Ostrowskis der Kampf nicht entgan⸗ gen, welcher ſich in ſeinem Innern entſponnen. Igiels ſtröms dictatoriſcher Ton hatte Sta⸗ nislaus empfindlich verletzt; aber mehr noch kränkte ihn die Einſicht, daß Ostrowskis küh⸗ ner Ausſpruch: er werde von Rußland durch den Baron bevormundet, wahr ſei. Demohnerachtet fehlte es ihm an der nöthigen Seelenkraft, ſich dieſen unwürdigen Banden zu entziehen, und der Schluß des Briefes gellte ihm wieder ſo ſcharf in den Ohren, und machte ihm vor dem Ver⸗ luſte ſeiner Schattenkrone ſo bange, daß er, wie gewöhnlich, nur in der unbedingten Hingabe an der Kaiſerin Wünſche ſein und ſeines Volkes Heil zu finden glaubte. „Du haſt recht, Ostrowski!“ ſagte er da⸗ her nach kurzem Schweigen—„Igielſtröm geht zu weit. Bei allem dem müſſen wir aber zuge⸗ ſtehen, daß ihn nur der löbliche Eifer, Uns die Krone zu erhalten fortgeriſſen hat.“ „Die Krone zu erhalten!“ ſeufzte der Teor⸗ baniſt.„Majeſtät, ich beſchwöre Sie bei Gott! Laſſen Sie Sich von Ihrer Dankbarkeit für Ruß⸗ — 167— lands Kaiſerin nicht irre leiten. Sie verhalf Ihnen zu der Krone— ja— aber— ſie wird ſie wieder nehmen, und Ihres Volkes Freiheit dazu.“ „Genug, genug!“ entgegnete der König„Wir einigen uns in dieſem Punkte nie; mag denn die Zukunft lehren wer recht geſehen hat. Jeden⸗ falls Ostrowski, vertraue ich Dir meine Per⸗ ſon gänzlich an. Erkenne daraus, daß ich Deine Worte, auch wenn ſie zu ſcharf geweſen ſein ſoll⸗ ten nicht mißdeute. Du biſt Patriot, demohner⸗ achtet wirſt Du mein Haupt von jedem Verrathe Deiner Partei ſchützen, dafür bürgt mir Deine erprobte Treue! „Majeſtät!“ rief Ostrowski—„Sie ver⸗ kennen Ihre treuſten Unterthanen. Kosciuszko, Potocki, Niemcewicz ſind Namen....“ „Die ich achte. Aber dieſe Männer ſind Schwärmer, die ſelbſt nicht wiſſen was ſie thun; auch fürchte ich dieſe nicht; aber diejenigen deren Hände ſie entfeſſeln. Doch wie geſagt, genug hiervon.— Apropos! haſt Du die Sache mit der Zenowicz beigelegt. Haſt Du ihr ge⸗ — 168— ſagt, daß ich ſie wirklich liebe? daß ich ihrem Herzen aber keine Gewalt anthun wolle?“ „Ich war ganz zu Willen Eurer Majeſtät“ entgegnete kalt der Teorbaniſt. „Es war ein dummer Streich Patrow skis“ fuhr der König fort.—„Man hätte nicht ſo raſch verfahren ſollen. Es war Alles ohne mein Wiſſen und meinen Willen geſchehen.“ Stanislaus harrte hier auf eine zuſtim⸗ mende Antwort ſeines Vertrauten; aber Os⸗ trowski ſchwieg und verbeugte ſich nur leiſe wie auf das Geſagte eingehend. Der König war verſtimmt. Er wollte eben zur Ottomanne zurückkehren und ein Buch er⸗ greifen, als der Baron Igielſtröm gemeldet wurde. Bei dem Klange dieſes Namens verfin⸗ ſterte ſich die Stirne des Monarchen noch mehr. „Wer iſt ſonſt noch im Audienzſaale,“ frug er den Kammerherrn kurz: „Auf ſeiner Ercellenz Befehl die Fürſten Sul⸗ kowski und Ozarowski, ſo wie der hoch⸗ würdigſte Biſchof Joſeph Kaſſakowski, Hof⸗ kaplan Patrowski, und die dienſtthuenden Chargen“ — 169— „Auf ſeiner Ercellenz Befehl,“ murmelte der König zähneknirſchend,„ſelbſt meine Umgebung, ja die Großen des Reichs, kennen nur ſeine Befehle“ Er ging aufs Neue mit großen Schritten im Zimmer auf und ab.„Ich komme!“ ſagte er dann, zu dem Kammerherrn gewandt, barſch. Als dieſer das Zimmer verlaſſen, blieb er vor Ostrowski ſtehen, ſah ihn ſcharf und durch⸗ dringend an und rief mit einem Tone der von ängſtlicher Beklommenheit zeugte: „Ostrowski!— ſollteſt du dennoch Recht haben— ſollte Katharina ein falſches Spiel mit mir treiben. Doch nein, nein! das iſt nicht möglich. Sie hat mich einſt geliebt— ſie gab mir dieſe Krone,— ſie denkt meiner noch immer ſo huldvoll. Als ich auf ihrer Reiſe nach Cherſon mit ihr zuſammentraf, wie freundlich, wie zuvor⸗ kommend war ſie.“ „Aber, Majeſtät, faſſen Sie doch einmal den Vorſatz: ſehen zu wollen. Hat Rußland Ihr Reich nicht an den Rand des Abgrundes geführt? Glauben Sie mir, es leitet mit geübter Hand alle dieſe inneren Spaltungen, es wird 4 70 „Nein, Ostrowski, nein! ich habe mich eben übereilt, deine Aengſtlichkeit hat mich irre geleitet. Ich entſinne mich gar wohl, was die Kaiſerin damals zu mir ſagte:„Die durch ſo „viele Stürme erſchütterte Republik, kann bei einer „allgemeinen Ruhe noch einen günſtigen Zeitpunkt. „erwarten, ſie kann vielleicht noch mit der größten „Glorie zu ihrem Glanze zurückkehren, wenn „man ihr ſich zu erholen vergönnt, und äußere „ſowohl als innere Faktionen aufhören.“ „Sie kann vielleicht hervorgehen,“ ent⸗ gegnete Ostrowski.„Viel leichter aber noch untergehen.“ „Majeſtät!“ kündete der abermals eingetretene Kammerherr—„Seine Excellenz, der Herr Baron von Igielſtröm, haben Hochdieſelben in drin⸗ genden Geſchäften zu ſprechen.“ Der König ſchrack bei dieſer zweiten Meldung zuſammen, als ob er einen Fehler begangen, wandte ſich raſch um, winkte dem Teorbaniſten ihm zu folgen, und trat in den Audienzſaal. Der ruſſiſche Geſandte erwartete ihn mit fin⸗ ſterer Miene Er war entweder nicht im Stande ——— — ſeinen Zorn zurück zu halten, oder hielt er es für unnöthig ſeinen Leidenſchaften hier Gewalt anzuthun. Sein Geſicht glühte, und kaum hatte ihn der König angeredet und um die Urſache ſeines Beſuches gefragt, als er mit einer Fluth von Vorwürfen, über die Undankbarkeit der pol⸗ niſchen Nation gegen ſeine ſo gnädige Monarchin ausbrach. Selbſt hier in Warſchau ſei eine Ver⸗ ſchwörung im Werke, ſetzte er hinzu, und er ver⸗ lange daher von der Regierung auf der Stelle: die Entwaffnung der polniſchen Truppen. Ferner überreichte er dem Könige eine Liſte mit zwanzig Namen der verdächtigſten Perſonen, welche ſogleich gefänglich eingezogen und, zum warnenden Beiſpiele, aufgehängt werden müßten. Der König war beftürzt, ſo gefährlich hatte ihm die Stimmung der Hauptſtadt nicht gedünkt. Das entſchiedene Betragen Igielſtröms ver⸗ wirrte ihn noch mehr. Glücklicherweiſe hatte ihn aber auf der anderen Seite die gränzenloſe Frech⸗ heit des ruſſiſchen Geſandten ſo empfindlich ver⸗ letzt, daß er die königliche Würde, wenn auch nur aus gekränkter Eitelkeit, ſich dießmal bewahrte, — 172— und beide Verlangen, unter dem Vorwande ſie erſt in Berathung ziehen zu müſſen, für den Augenblick abſchlug. Igielſtröm, jeder Wei⸗ gerung ungewohnt, konnte ſich kaum mehr halten. „Ew. Majeſtät!“ ſagte er mit zitternder Stimme—„ſcheinen im wichtigſten Augenblick den Schutz der Macht ablehnen zu wollen, die bis heute einzig im Stande war die Krone auf Ihrem Haupte zu erhalten.“ Wir wiſſen die Großmuth und die Freund⸗ — ſchaft Ihrer Allerdurchlauchtigſten Herrin wohl zu ſchätzen“— entgegnete Stanislaus Auguſt mit erzwungener Feſtigkeit—„ Ew. Excellenz Ver⸗ langen betrifft aber das Leben von zwanzig meiner Unterthanen, die Wir, und wären es auch keine Edelleute, auf eine bloße Anzeige als verdächtig, nicht opfern dürfen.“ „So ſehe ich mich gezwungen Ew. Majeſtät zu bemerken, daß der Verdacht welcher Sie in den Augen meiner großmächtigen Herrſcherin trifft, durch dieſe Weigerung nur verſtärkt wird.“ „Welcher Verdacht, Herr Miniſter?“ rief der König erſchreckt und pikirt. — 173— „Der, daß Kosciuszko in der That im Namen Ew. Majeſtät handelt.“ „Das iſt nicht der Fall!“ entgegnete Sta⸗ nislaus Auguſt.„Und Ew. Erxcellenz, dächte ich, ſeien mit meinen Anſichten hinſichtlich dieſes Attentats vertraut genug, um jede ſolche Mei⸗ nung in ihrem Keime zu erfticken“ „Wenn dieß auch bei mir der Fall ſein ſollte, Majeſtät, ſo dürfte man doch höheren Orts einige Zweifel hegen. Es gibt indeſſen ein leichtes Mittel dieſelben zu heben. Erklären nur Ew. Majeſtät die Theilnehmer des Aufſtandes für vogelfrei, und unterzeichnen eine Akte, worin Sie die Unab⸗ hängigkeitserklärung und das Handeln ihres Ur⸗ hebers, Kosciuszkos, désavouiren.“ Den König ſetzte die Aufforderung zu dieſem entſcheidenden Schritte in die unerträglichſte Ver⸗ legenheit. Er ſtand auf einmal an einem ver⸗ zweifelten Scheidewege. Entweder mußte er ſich Rußland ganz und unbedingt in die Hände werfen, oder— an die Spitze ſeines Volkes treten und einen zweifelhaften Kampf wagen. In keinem Fall vermochte er ſich augenblicklich zu entſcheiden, — um ſo mehr als er gewohnt war jedem Streite in der Ferne zuzuſehen, und ſich ſtets nur der ſiegenden Partei anzuſchließen. Stanislaus Auguſt verlangte demnach auch zu dieſem Ent⸗ ſchluſſe Bedenkzeit. Um aber Igielſtröm einiger⸗ maßen fühlen zu laſſen, daß er noch König ſei, nahm er alle ſeine Kraft zuſammen und ſagte: „Was außerdem die Bitte Ew. Excellenz be⸗ trifft: Kosciuszko und ſeine Mitſchuldigen vo⸗ gelfrei zu erklären, ſo werden Wir vor der Hand auf dieſelbe nicht eingehen. Handlen dieſe Männer auch höchſt unrecht und gegen unſeren Willen, ſo betrachten Wir ſie dennoch eher als irrgeleitete Schwärmer, denn als Verräther. Wir werden ſie ſtrafen, aber nie vogelfrei erklären.“ „So habe ich Ew. Majeſtät nichts mehr zu erwähnen!“ rief zornglühend Igielſtröm.— „Ich werde ſogleich einen Courier nach St. Peters⸗ burg abfertigen, und meiner großmächtigen Mo⸗ narchin melden, auf welche Weiſe man in War⸗ ſchau ihren nie ermüdenden Eifer für Polens Glück und Ruhe belohnt.“ Der König und Igielſtröm erhoben ſich ———————„ — 175— raſch, das erſtemal in ihrem Leben ſich in Un⸗ einigkeit trennend. Der Groß⸗Kronfeldherr Ozarowski, des Barons Freund, begleitete denſelben durch die Vorzimmer. „Erxcellenz ſind erzürnt?“ frug er Igiel⸗ ſtröm leiſe. „Ja!“ entgegnete dieſer—„Was ſoll dieß kindiſche Spiel. Stanislaus Auguſt ſagt in dieſem Augenblicke„nein!“ um ſein Wort in einer Stunde zu widerrufen; denn er muß und wird doch am Ende nachgeben.“ „Verlaſſen ſich Ew. Excellenz nur auf mich; der Zeitraum, den Sie dem Könige zum Wider⸗ ruf eben gegeben, ſoll nicht überſchritten werden.“ „Thun Sie das Ihrige ihn zur Vernunft zu lenken. Vor allen Dingen müſſen die polniſchen Truppen entwaffnet werden, und zwar muß dieß übermorgen, den 18ten April geſchehen, da an jenem Tage das Volk in den Kirchen ſteckt, und man ſo keinen Aufſtand zu befürchten hat. Das Nähere erfahren Sie ſpäter in einer ver⸗ ſiegelten Ordre. Ich rechne auf Sie, und werde — Ihrer beim Einziehen der Güter jener Rebellen denken.“ Hiermit verließ der ruſſiſche Geſandte den Pa⸗ laſt und Ozarowski kehrte zum Könige zurück. Stanislaus Auguſt hatte ſich wieder nieder⸗ gelaſſen, ſcheinbar um die Meinungen des Fürſten Sulkowski und des Biſchofs Kaſſakowski über die eben gedachten Punkte zu vernehmen, in der Wahrheit aber, um ſich von dem Schrecken zu erholen, in welchen ihn ſeine eigene Kühnheit Angeſichts des Repräſentanten Katharina l. geſetzt. Ostrowskis Blicke bemühten ſich umſonſt den Augen des Fürſten zu begegnen, und ihm Muth und Entſchloſſenheit einzuflößen. Die ganze übrige Umgebung des Königs flehte ihn laut und dringend an: Igielſtröms Verlangen nachzu⸗ geben und ſeinen Zorn zu beſchwichtigen, damit Rußland in dieſem kritiſchen Augenblicke doch ſeine Hand nicht von dem unglücklichen Polen zurück⸗ ziehe Nur der alte Groß⸗Kron⸗Kanzler Sul⸗ kowski, verlangte theilweiſes Nachgeben, alle Anderen— den Teorbaniſten ausgenommen, der ſich hier ſchweigend verhalten mußte— wollten, — 177— als von Rußland erkaufte Kreaturen, unbedingte Unterwerfung. Der König ſchwankte. Als aber O zarowski ihm Igielſtröms Entrüſtung und deren Folgen, und die Gefahr in welcher die Krone ſchwebe, mit den glühendſten Farben ausmalte, entſchloß er ſich zur theilweiſen Annahme der verlangten Zugeſtändniſſe. Fürſt Sulkowski erhielt ſofort den Auf⸗ trag ſich mit einem Adjutanten des Königs nach Igielſtröms Palaſt zu begeben, und dem⸗ ſelben die Entwaffnung der polniſchen Truppen, und die Unterſchrift des Königs für die ver⸗ langte Akte zuzuſagen. Der König iſt in der größten Aufregung.— Eine halbe Stunde vergeht, Sulkowski kehrt nicht zurück.— Endlich erſcheint der ihm zuge⸗ theilte Adjutant.— Er iſt bleich wie der Tod, und berichtet: daß der alte Groß⸗Kron⸗Kanzler Alles aufgeboten habe Igielſtröm zur alleinigen Annahme der beiden Punkte zu bewegen, daß aber die dringendſten Vorſtellungen vergeblich geweſen ſeien ihn zu erweichen, und der Ge⸗ Nau, Th. Kosciuszk. 1II. Thl. 12 — 178— ſandte unerbittlich auf der Annahme aller ſeiner Vorſchläge beharre. Igielſtröm habe als Ge⸗ bieter geſprochen, und den alten Fürſten ſo tief beleidigt, daß derſelbe aufs Heftigſte erregt ohn⸗ mächtig zu Boden geſunken ſei.— Alles iſt entſetzt.— Der König weiß ſich nicht zu rathen; er hört ſelbſt nicht Ostrowski, der es in dieſer wichtigen Minute nicht über ſich vermag zu ſchweigen. Da dringt die übrige Umgebung von neuem auf den König ein, und ihrem Stürmen endlich nachgebend ſendet er den Kronfeldherrn Ozarowski mit der Vollmacht ab Igielſtröm in allen Punkten nachzugeben. In der heftigſten Bewegung verläßt Stanis⸗ laus Auguſt den Audienzſaal, ſeinem Beiſpiele folgen alle Gegenwärtige, nur Ostrow ski bleibt erſchüttert zurück. Sein Auge folgt weh⸗ müthig dem armen Könige, den ein unglückſeliges Schickſal zu einer Höhe erhoben, auf der ſich zu erhalten, es ihm an Kräften gebrach. Wußte Ostrowski doch, daß Stanislaus ſeine Nation liebe, und nur zu ſchwach ſei, ſie von ———— — dem zerſchmetternden Falle zu retten, welcher ihr drohe; waren ihm doch ſo viele edelmüthige Charakterzüge dieſes Fürſten bekannt, der jeder anderen Stelle im Leben— nur nicht der eines Königs— gewachſen war. 4 VI. Der 17. SApril 1794. „Weh', wenn ſich im Schvoß der Städte Der Feuerzunder ſtill gehäuft, Das Volk zerreißend ſeine Kette, Zur Eigenhülfe ſchrecklich greift! Da zerret an der Glocke Strängen Der Aufruhr, daß ſie heulend ſchallt und, nur geweiht zu Friedensklängen, Die Loſung anſtimmt zur Gewalt.“ Fr. v. Schiller. Der Kron⸗Feldherr Ozarowski hatte unter⸗ deſſen ſein Pferd beſtiegen und war nach dem Palaſt des ruſſiſchen Geſandten geeilt. Igiel⸗ ſtröm umgeben von ſeinem Generalſtabe empfing ihn, wie ein König den Boten empfängt, der ihm die Nachricht von der ganz unhezweifelten — 181— Unterwerfung einiger, widerſpenſtigen Köpfe bringt. Kalt und ſtolz nahm er die Einwilligung des Königs hin, deren er eben ſo ſicher geweſen, als derjenigen des immerwährenden Rathes. „Hätte Stanislaus Auguſt klüger ge⸗ handelt,“— ſagte er dabei zu Ozarowski,— „und gleich gethan, was ja doch geſchehen mußte, würde er ſich und dem alten Narren Sulkow ski viel Unangenehmes erſpart haben. Doch jetzt zur Sache. Da Sie ſelbſt hier ſind, Feldherr, will ich Ihnen ſogleich in Perſon den feſtgeſetzten Plan und meine darauf bezügliche Befehle mit⸗ theilen. Sie werden mir dabei, im Vereine mit meinem Neffen, an die Hand gehen.“ Bei dieſen Worten blickte der General en Chef nach ſeinem eben erwähnten Verwandten welcher ſich unter dem Stabe befand. Der junge Oberſt trat, dieſe Aufforderung verſtehend, ſchwei⸗ gend einige Schritte vor. Es war ein ſchöner talentvoller Mann. Seit Kurzem erſt von St. Petersburg hier angekommen, bemühte ſich ſein Oheim ihn zu heben und auszuzeichnen und dein Glanz und der Macht der Igielſtröms eine neue — 182— Stütze zu verleihen. Aus dieſem Grunde be⸗ ſtimmte er ihn auch heute, eine wichtige Rolle in dem zu beginnenden großen Drama zu ſpielen; da vorauszuſehen war, daß kalle diejenigen, welchen es gelänge ſich bei der Unterdrückung des drohenden Aufſtandes hervor zu thun, da⸗ durch Anſprüche auf Katharina Il. ganz beſondere Dankbarkeit und Gnade haben würden. „Ich gebe Ihnen Veranlaſſung ſich auszu⸗ zeichnen, Neffe!“ fuhr der Miniſter fort,„und hoffe Sie werden dem Namen Igielſtröm Ehre machen.“ „Ich werde Alles aufbieten..“ „Glaub's ſchon! Verſteht ſich von ſelbſt!“ unterbrach ihn barſch der Geſandte.„Thaten, Oberſt,— mit Thaten haben von jeher die Iglielſtröms ihre Dankbarkeit und ihren innern Werth bewieſen.— Alſo aufgepaßt!— Morgen iſt grüner Donnerſtag und übermorgen, den 18ten Charfreitag. Mit Anbruch deſſelben bleiben alle ruſſiſchen Truppen in den Kaſernen cdncentrirt, doch iſt darauf zu ſehen daß es der Bevölkerung nicht auffüllt. Um die Zeit in — 183— welcher der größte Theil der Einwohner War⸗ ſchaus in den Kirchen iſt, werden alsdann dieſelben mit einemmale geſchloſſen, das Zeughaus und die Pulvermagazine beſetzt, und die Ent⸗ waffnung der wenigen, hier garniſonirenden, polniſchen Truppen vorgenommen.“ „Ercellenz erlauben!“ fiel hier Ozarowski ein.„So gut berechnet dieſer Plan iſt, der mit einemmale die Krakauer Inſurrection zu Nichte macht, da die Rebellen alsdann weder Waffen noch Munition haben und hauptſächlich die Hauptſtadt in unſeren Händen bleibt— ſo muß ich doch Ew. Excellenz darauf aufmerkſam machen, daß, ſobald dieß Unternehmen nicht zugleich mit einer ſtreng durchgeführten Entwaff⸗ nung der ganzen Nation verbunden iſt, dieſer gewaltſame Schritt die Gefahr eher vergrößert als vernichtet.“ Igielſtröm warf hier Ozarowski einen Blick der Verachtung zu, und ſagte ſpitz und ſchneidend: „Fürchten Sie ſich etwa General?“ Des Kronfeldherrn Geſicht glühte Ein zorni⸗ — 184— ges Wort war auf ſeiner Zunge; da gedachte er des Vortheils, welcher ihm aus einem nach⸗ giebigen Verfahren gegen den ruſſiſchen Ge⸗ ſandten erwuchs, mäßigte ſich und ſprach: „Von Furcht, Excellenz, kann bei einem Ozarowski eben ſo wenig wie bei einem Igielſtröm die Rede ſein; aber ich kenne mein Volk.“ „Ihr Volk?“— fuhr der Miniſter ſpöttiſch lächelnd fort—„Polen iſt Nichts mehr, Sie haben ſelbſt, wie Sie wiſſen, die Hand geboten es in Rußlands Feſſeln zu ſchmieden, und Ihren Lohn dafür erhalten. Jetzt iſt alle Thatkraft der Nation dahin, und ich verachte jede kleinliche Rückſicht oder Aengſtlichkeit. Werden meine Be⸗ fehle pünktlich ausgeführt, iſt Polen übermorgen ohne Schwertſtreich unſer. Haben Sie aber „Excellenz verkennt Ihren treuſten Diener!“ rief Ozarowski einlenkend, obgleich innerlich ergrimmt.„Ich habe Ihrer Majeſtät der aller⸗ durchlauchtigſten Kaiſerin Katharina II. meine Dienſte angeboten, weil ich von der Ueberzeugung — 185— durchdrungen bin, daß Polens Glück nur durch die Hand dieſer großen Monarchin begründet werden kann, und ich werde nie in meiner Treue gegen Rußland wanken.“ „Dieſe Verſicherung, in Gegenwart des Generalſtabs, genügt,“ ſagte zufrieden lächelnd der Miniſter.„Ihre Ergebenheit an unſere Sache wird Sie nicht gereuen. Zum Beweiſe derſelben ſchreiben Sie aber gleich in meiner Gegenwart dem Commandeur des polniſchen Infanterieregiments Krongarde, Oberſt Styr die Ordre: im Fall eines Aufſtandes mit ſeinem Regimente ſich uns anzuſchließen und auf ſeine Landsleute zu ſchießen. Ich werde ſie ihm in Ihrem Namen alsdann verſiegelt zuſenden.“ Ozarowski nahm keinen Anſtand dieſem ſchmachvollen Befehle Folge zu leiſten, da er fürchtete Igielſtröm zweifle noch an ſeiner Ergebenheit. Nachdem dieß geſchehen vertheilte der General en Chef noch die ſpezielleren Befehle, und verab⸗ ſchiedete ſodann den Stab.— Unterdeſſen war der Abend angebrochen und — 186— mit ihm hatten ſich auch ſchon die Gerüchte über Igielſtröms neue Schändlichkeiten in der ganzen Stadt verbreitet. Alles befand ſich in einer kaum zu ſchildernden Gährung, die durch die Nachſuchungen nach den zwantig Pro⸗ ſcribirten bis zum höchſten Grade geſteigert wurde Man rottete ſich auf den Straßen, trotz der ſtrengen Verbote, zuſammen; man ſang National⸗ lieder; man drohte laut und richtete heimlich an Waffen her, was man beſaß. Die Patrioten aber, und namentlich die, auf Igielſtröms Liſte bezeichneten Führer, verſammelten ſich auf das Schleunigſte im Geheimen bei dem Schuſter Klinski, um über die Maßregeln zu berath⸗ ſchlagen, die in dieſer dringenden Gefahr zu ergreifen ſeien. Graf Berſzade, von Kosciuszko an die Freunde in Warſchau abgeſandt präſidirte. Alle Gegenwärtigen ſtimmten darin überein, daß es die höchſte Zeit ſei, loszubrechen. Die Ent⸗ waffnung der Truppen war aber ſchon auf Frei⸗ tag den 18. April feſtgeſetzt, es blieb alſo nur noch„das Morgen,“— der grüne Donnerſtag,— ————————— — 187— zur Ausführung des Unternehmens übrig, und ſo entſchloß man ſich denn, noch dieſe Nacht den entſcheidenden Schritt zu wagen. Zu dem Be⸗ hufe verabredete man, ſich vor Allem der Offiziere der polniſchen Regimenter zu verſichern, und bezeich⸗ nete die Beſitznahme des Zeughauſes zum Signal der allgemeinen Erhebung. War dieß in den Hän⸗ den der Verſchwornen, ſo waren ſie auch im Be⸗ ſitze des Geſchützes und der Munition und ver⸗ mochten die Bürgerſchaft genügend zu bewaffnen. Nachdem man dieß und die nähern Details ver⸗ abredet hatte, trat noch einmal Berſzade auf, und ermuthigte die Verſammelten durch eine kräf⸗ tige und begeiſterte Rede, welche er mit den Worten ſchloß: „Wohlauf denn, ihr edlen Polen! eifert dem Beiſpiele Eures großen Landsmannes, dem herr⸗ lichen und tapferen Kosciuszko nach. Unei⸗ gennützig wie er, wollen wir nur das Vaterland in dem Herzen tragen, und ſeine Rettung zu er⸗ kaufen, Gut und Blut daran ſetzen. Keine Wahl iſt uns mehr gegeben, wir müſſen ſiegen, oder uns unter den Ruinen Warſchaus be⸗ — 188— „ graben. Sollten wir erliegen ſo erwartet Polen ein ſchreckliches Schickſal; daher Muth und Stand⸗ haftigkeit im Kampfe der Verzweiflung. Ihr kämpft nicht allein für Euch, ihr kämpft für Eure Weiber, Eure Kinder,— für der Geliebten We⸗ ſen künftige Exiſtenz!— Leben, Eigenthum, Frei⸗ heit und Unabhängigkeit ſind auf dem Spiele; das Daſein einer großen Nation hängt jetzt von unſrer Tapferkeit ab. Ganz Europa blickt, ängſt⸗ lich geſpannt auf uns, und ſieht in unſrem Fall, in unſrem Siege, ſeine Zukunft. Die Nachwelt ſelbſt wird uns den Lorbeer reichen, wenn wir die Schande, die ſeit Jahrhunderten auf Polen laſtet, mit unſrem Blute ausgewaſchen haben. Darum noch einmal, meine Freunde, ſchwört bei Gott und Eurer Seele Heil! für Polens Freiheit zu ſiegen oder zu ſterben Und Alle wiederholten in heiligem Ernſte ſchwörend: „Für Polens Freiheit ſiegen oder ſterben!“ Nitternacht war vorüber. Warſchau lag in tiefer Ruhe. Der Mond blickte mild und fried⸗ — 8— lich auf die Erde, als lächle er mitleidig und doch tröſtend über die arme Menſchheit, die auf ſolch' weiten Umwegen den Pfad zum Heile ſucht. Dem Schlaf anheim gefallen wiegte ſich in Träu⸗ men der größte Theil der Einwohner; denn hatte ſich auch faſt Jeder in der Erwartung eines bal⸗ digen Losbrechen des Sturmes niedergelegt, ſo glaubte doch Niemand, daß er ſo nahe ſei. Da weckte plötzlich die ruhig Schlummernden ein dumpfer Donner. Es war ein Kanonenſchuß! — horch!— ein zweiter!— ein dritter gar!— Noch iſt es todt und lautlos auf den Straßen, doch höret man von Ferne ein verworrenes Ge⸗ tön. Ha!— Sturmgeläute!?— immer lauter wird es ringsumher. Es blitzen Waffen in dem Licht des Mondes. Wild lärmend wirbeln Trom⸗ meln durch die Gaſſen. Schweigend, im Sturm⸗ ſchritt, ziehen Truppen hier und dort vorbei. Der Donner des Geſchützes folgt raſcher aufeinander, das Plänkern der Gewehre praſſelt laut und lang.„Freiheit! Kosciuszko!“ ſchallt es durch die Lüfte. Die Häuſer ſelber werden jetzt zu Feſten. Zu Füßen wühlt der Kampf. Von — 190— allen Seiten ſind die Ruſſen ſchon bedrängt, jetzt regnen Steine noch auf ihre Köpfe nieder. Ge⸗ ſandt aus zarter Hand von Weib und Kind, zerſchmettern ſie der Ruſſen glatte Schädel. Hui! — wie die Kugeln pfeifen, und die Glocken heu⸗ len, und Sterbetöne ſich miſchen in das„Hur⸗ rah!“ ſchreien. Es jauchzt der Tod wie wüthend durch die Reihen, der Säbel klirrt den wilden Takt dazu; hoch ſpritzt das Blut in warmen ro⸗ then Wellen! Zum Tiger ward der Menſch und „Mord!“ ſein Loſungswort. Hal! tobe nur du wilder grauſer Kampf. Ha! brülle nur, gefräß'ges Ungeheuer! wie ſchrecklich du auch biſt, du biſt von Nöthen. Ihr Würger, würgt, Ihr habt nicht zu erröthen! Wenn Ty⸗ rannei die Freiheit will zertreten, dann müßt Ihr ſchlagen— aber nimmer beten!——— Es war den 17. April früh Morgens zwi⸗ ſchen drei und vier Uhr, als einige zwanzig pol⸗ niſche Uhlanen auf das Zeughaus zuſprengten, und durch eine Seitenthüre in daſſelbe eindrangen. Sie hieben ſogleich das Hauptthor von innen auf, zogen einen Vier⸗und⸗zwanzig Pfünder heraus, und feuerten denſelben verſchiedenemale nacheinan⸗ der ab. Kaum hatten die Verſchworenen dieß verabredete Zeichen vernommen, als ſie auch von allen Seiten losbrachen, und hier zeigte ſich wie⸗ der die edle Vaterlandsliebe des polniſchen Volkes auf eine glorreiche Weiſe. Kein Officier, kein Gemeiner blieb zurück; laut jubelnd, ſchloſſen ſich ſämmtliche polniſche Regimenter der guten Sache der Patrioten an, und ſelbſt das Infanterieregi⸗ ment Krongarde, mit Abſcheu den Befehl Ozarowskis verwerfend, blieb nicht zurück. Mit Sturmſchritt nahm es die drei Batterien, welche die Pulverthürme vertheidigten, wodurch dieſe ebenfalls in die Hände der Inſurgenten fie⸗ len. Zu gleicher Zeit beſetzte man die Haupt⸗ wache, fuhr Kanonen vor derſelben auf, und theilte von da aus, und aus dem Zeughauſe, dem, in Maſſe herbeiſtrömenden, Volke Waf⸗ fen aus. Bis dahin hatten ſich die überraſchten Ruſſen noch nicht gezeigt, jetzt aber brachen ſie auf allen Seiten hervor, und es entſpannen ſich in den meiſten Straßen blutige Kämpfe. Warſchau 13 war zum Schlachtfelde geworden. Ueberall Ka⸗ nonendonner, überall Gewehrfeuer, Trommeln, Stürmen und Schreien. Ein Kartätſchenhagel empfing die Ruſſen in der Gegend der Haupt⸗ wache und warf ſie gegen das Palais der Re⸗ publik zurück. Zu ihrem Unglücke konnten ſie ihre Macht nicht vereinigen, da ihnen der ſtolze Igielſtröm, jede Warnung verachtend, für den Fall eines Aufſtandes weder Ordre ertheilt, noch Sammelplätze beſtimmt hatte. Nun, im Augen⸗ blick der Noth gerieth Alles in Unordnung, um ſo mehr, als die vom General en Chef abge⸗ ſandten Adjutanten unterwegs aufgefangen und erſchoſſen wurden. Zwar leitete die Patrioten auch kein ausführlich entworfener Plan, dafür beſeelte ſie aber Alle nur ein einziger Gedanke: die Vernichtung aller Ruſſen. Schrecklicher als jede Feldſchlacht wüthete der Kampf in den Straßen der volkreichen Stadt. Von Oben, von Unten, aus den Fenſtern, von den Dächern ſandte der Tod ſeine Pfeile; während die rothen Feuerſäulen, der in Brand gerathenen Häuſer, die Mordſeenen mit ihrem fürchterlichen Lichte — 193— beleuchteten Die Ruſſen kämpften mit dem Muthe der Verzweiflung, aber ſie mußten dennoch den wüthenden Angriffen der gereizten Polen weichen. In alle Theile der Stadt hatte ſich der Kampf zertheilt. Das rohſte Volk ſtürmte theils die Häu⸗ ſer der Ruſſen und ihrer Anhänger, theils die Staatsgefängniſſe, in welchen eine Unzahl un⸗ glücklicher Gefangener ſchmachtete, die Igiel⸗ ſtröms Tyrannei ſeit langer Zeit mit Ketten be⸗ laſtet hatte. Ein ſolcher Haufe, an deſſen Spitze ein baum⸗ ſtarker, bärtiger Kerl ſtand, war eben in einem jener Gefängnißthürme eingedrungen. Der Wucht der Aexte erlagen die mächtigen Thüren, und, angeſtrahlt von den Flammen eines nahen Bran⸗ des, begrüßten die verwilderten Geſtalten das ſchauerliche Morgenroth der jungen Freiheit. Schon waren die meiſten Kerker geſprengt und ihre Opfer mit Jubel begrüßt worden, ſchon ſchickte der Haufe, durch die Befreiten vergrößert, ſich an auf ſeiner Rachebahn weiter zu ziehen, ſchon züngelten ſelbſt die Flammen durch die Gänge des brennenden Gebäudes, da gewahrte Nau, Th. Koseiuszko. III. Thl. 13 — 194— der Führer derſelben noch eine einzige, wohlver⸗ wahrte Thüre. „Halt!“ rief er ſogleich ſeinen Leuten zu: hier ſteckt noch ein armer Teufel, der, befreien wir ihn nicht aus dem verfluchten Loche, bei leben⸗ digem Leib gebraten wird!“— NMit dieſen Worten ſchwang er ſeine Art um den Kopf und hieb ſo furchtbar auf die Thüre, daß ihre Fugen krachten. Demohnerachtet leiſtete ſie Widerſtund, und erſt als ſich der Kräfte mehrere vereinigten, brach ſie donnernd zuſammen. Aber ſelbſt die rohen Würger fuhren erſchrocken zurück, als ihnen, im Widerſchein des Feuers, ein grauſig, wildes Antlitz, mit den blutgierigen Blicken der Hyäne, entgegen fuhr. Wie ein Ge⸗ ſpenſt hob ſich, aus dem Grabe des Gefängniſſes von rother Gluth umfloſſen, eine alte dürre, ge⸗ bückte Geſtalt. Um den nackten Scheitel hing, wirr und ſtraff, nur wenig weißes Haar Die Wangen bleich und hohl, die Stirne tief gefurcht, ſchoſſen die eingefallenen Augen des Ingrimms gift'ge Blitze. Schweigend trat er hervor, ihn ſchien die —————— ——————— Schreckensſcene rings umher zu laben; mit Wol⸗ luſt zog er den Pulverdampf gleich Balſamdüften ein; und lauſchte freudig nach dem fernen Don⸗ ner der Geſchütze und nach dem Wehgeheul der dumpfen Sturmesglocken. „Willkommen!“ rief er dann,„Ihr, die Ihr mich befreit. Doppelt willkommen! wenn meine Ahnung ſich beſtätigt, wenn dieſer Höllenlärm den Tag der Rache mir verkündet. Sprecht! ſprecht! hat Polen endlich heut ſein Joch ge⸗ brochen, zerfiel die Tyrannei dem Henker⸗ beil?“ Der Alte griff bei dieſen Worten, ſo raſch und heftig nach des Führers Arm, daß derſelbe erſchrocken einige Schritte rückwärts trat, und rieft „Wahnſinniger Kerl! was willſt Du denn mit uns? Iſt das der Dank, daß wir Dich erſt befreit?“ „Ich will nur wiſſen wem man den Tanz aufſpielt? und wer der Sieger iſt? ſind dieß die Ruſſen, ſo will ich hier in meinem Kerker ſterben; ſind es der Polen freigeſinnte Schaaren, — dann führt mich hin, wo's noch zu ſchlachten gibt.“ „Das iſt der wahre Teufel!“ rief der Führer aus„Der Schuft will morden und kann kaum mehr ſtehn. Doch, daß Du's weißt, Polen zer⸗ ſchmettert heute Rußlands Schinderknechte.“ „Vivat!“ ſchrie da der Alte mit hohlem, heiſ'tem Tone.„So helft mir fort, ich muß mit Blut mich ſtärken. Ich ſah Amerika die Sieges⸗ fahne heben, ich diente Robespierre, ich wollte Polen zu der Rache helfen, da faßten mich die Klau'n des ruß'ſchen Aar's,— und jahrelang lag ich im Kerker hier begraben. Führt mich zu Igielſtröm— ihm gilt mein Haß— er iſt hier der Tyrann, er falle blutend unter meinen Händen.“ Ein wildes Jauchzen grüßte dieſe Worte. Man hob den Alten frohlockend auf die Schultern, und trug ihn im Triumph dem Hauſe des Miniſters zu. Doch ſchon am Ecke der nächſten Straße ſtieß man auf kämpfende Parteien. Man ließ den Alten nieder, und miſchte wüthend ſich in neuen Kampf. Da ſprengte,— vom General en Chef — 19— geſandt, den König zu verhaften,— der Neffe Igielſtröms, gefolgt von zweien Adjutanten, raſch daher. „Ein Igielſtröm“ tönt's heulend durch die Lüfte„Nieder mit ihm, er iſt ein Igielſtröm!“ und hundert Läufe heben ſich nach ihm; doch eh's noch einem Anderen gelingt, hat ſchon der Alte dem Nächſten ein Gewehr entriſſen. Er zielt,— und durch das Herz getroffen, ſinkt der Jüng⸗ ling tief aufächzend nieder. Sein Fall, begrüßt von Siegesjubel, belebt den Muth der Kämpfenden aufs Neue. Was Ruſſe heißt erliegt der Polen tapfrer Fauſt. Mit Blut bedeckt und über Leichen ſchreitend, macht ſich der Haufe Bahn und dringt zu Igielſtröms Palaſt. Hier hatte ſich der Reſt der Ruſſen hingeflüchtet und verſchanzt, und hemmte nun durch mörderiſches Feuer der Polen ſtolzen Sie⸗ geslauf. Der Tag war unterdeſſen angebrochen,— er, ſonſt dem frommen Dienſt der Religion geweiht— war heute nur der Zeuge wilden Kampfes. Wohin das Auge blickte, ſah es die Straßen rings mit — 198— Leichen angefüllt, und ſchauerlich ertönte, durch das Gewimmer der Verwundeten, das wilde Kriegs⸗ geſchrei. Den Himmel finſterte der dicke, ſchwarze Rauch, der dort und hier in dichten Wolken ſich erhob, des Brandes Unheil ſchreckenvoll verrathend. Wer nicht, von Vaterlandsliebe hingeriſſen, ſich und die Außenwelt in Kampfesluſt vergeſſen, ſah ſorgenvoll und bang den Morgen nah'n, der Warſchaus Schickſal ſchnell entſcheiden mußte. Der König ſelbſt erwartet ihn mit Zittern; von Bürgergarde rings bewacht, verläßt er ſeine Zimmer keinen Augenblick, und harrt mit namen⸗ loſer Angſt der blutigen Entſcheidung. Die pol⸗ niſchen Truppen kämpften indeſſen ohne Raſt, vom Pöbel wenig unterſtützt, der mehr auf eigne Fauſt im Morden und im Plündern wüthete. Vor Allem aber bedrohte des Volkes Zorn den Urheber des vielen Unheils, das ſo lange Zeit Warſchau heimgeſucht. Es war Igiel⸗ ſtröm, deſſen Haus die wilden Haufen, wuth⸗ ſchnaubend und fluchend, belagerten. Dem Kugel⸗ regen ungeachtet mit dem die eingeſchloſſenen Ruſſen ſie empfingen, warfen ſich, den Tod verachtend, — 6090— die Polen auf des Palaſtes Thore, wo ſich der mörderiſche Kampf nur ſchrecklicher erneute. Es war ein Bild voll Graus und voll Entſetzen. Hoch ragte, aus des Pulverdampfes Wolken, das prächtige Gebäude ſtolz empor, und ſpie aus allen ſeinen Fenſtern tödtlich Feuer. Mit wildem „Hurrah!“ ſtürmen ein die Haufen, geführt von jenem alten, grauen Mann, der auf den Schultern ſeines Erretters ſitzend, wie ein Dämon der Rache durch tauſendfachen Tod den Weg ſich bahnt. „Mir nach! mir nach!“ ſchreit ſeine heiſ're Stimme, die Schaaren folgen, und ſtürzen über Berge von Leichen mit neuem Muth auf den Eingang los. Sie ſehen nicht wie rechts und links die Brüder fallen, ſie hören nur:„Mir nach!“ und„Tod dem Igielſtröm.“ Als ob das zornige Meer mit ſeinen gierigen Wogen, vom Sturm gepeitſcht, ſich brandend an die Ufer wirft, und Land und Fels und Baum und Damm verſchlingend, dem feſten Lande rings Vernichtung droht; ſo über⸗ ſchwemmen jetzt des Volkes wilde Wellen der flücht'gen Ruſſen einziges Aſyl. Die bleichen Mar⸗ mortreppen baden ſich in Blut, die prächtigen — 200— Zimmer werden Mördergruben, zerſchmettert ſinkt in Trümmer was des Verhaßten Prachtliebe ge⸗ ſchaffen— doch ihn— ihn ſelbſt!— bedräut das Furchtbarſte. Allein der Zufall ſchützt des Böſen Pfade, ſein Rächeramt hält ſich der Himmel vor, und Igielſtröm gelingts mit wenigen Getreuen durch eine Lücke der Stadtmauer zu entfliehn. Sein Reichthum, das Gepäck der Trup⸗ pen, die Kanzelei und ſämmtliches Geſchütz fällt in die Hand der Sieger. Sie ſtürzen gierig auf die reiche Beute, nur einer ſtehet unbeweglich wartend da; die dürre, welke Hand verſchmäht der Erde Schätze, das Herz nur will in ſeiner Gluth befriedigt ſein. Vollendet iſt die Plün⸗ derung, da greifet der Alte nach einem Feuer⸗ brand den er bereitet hat; hin fliegt der Brand, die alte Pracht erfaſſend, es praſſelt auf die leicht erzeugte Flamme, dem Beiſpiel folgt mit Jubel alles Volk, und rings im Feuer lodert der Palaſt. Und wie er krachend ſinkt zuſammen, iſt von den tapfren Truppen in würdigerem Streite auch der Sieg erkämpft. Achttauſend Ruſſen waren — 20— unterlegen, und faſt die Hälfte ſchlief den langen Todesſchlaf. Da endlich! ſchweigt der Lärm, die Mordluſt weicht der frommen Menſchlichkeit und hoch zum Himmel jauchzen Siegeslieder!— VII. Ein finſterer Geiſt. „Zur Hölle Pflicht! zum ſchwärzſten Teufel Eide! Gewiſſen, Frömmigkeit, zum tiefſten Schlund! Ich trotze der Verdammniß. Dahin kam's, Daß beide Welten nichts in meinen Augen! Komme, was kommen mag! Doch Rache will ich Vollauf!“ W. Shakspeare. „Elende gibt's, wovon die Welt zu reimen, Mehr als Thränen nöthen, um es zu beweinen. Schiebe nicht den Troſt ins Nebelweite, Hoffe herzhaft, rüſte Dich zum Streite.“ Niecolaus Lenau. ℳ Der Aufſtand zu Warſchau wirkte wie ein elektriſcher Schlag auf ganz Polen. Die Haupt⸗ ſtadt war mit einem glorreichen Beiſpiele voraus⸗ gegangen, hatte die fremden Feſſeln abgeſchüttelt, ihren Beitritt zur Krakauer Inſurrection erklärt und ſich unter den Befehl des Dictators, des — 203— großen Thaddäus Kosciuszko, geſtellt. Wo⸗ hin dieſer ſeine Waffen trug, krönten ſie Siege, und die Bemühungen der Nation: die alte, ihr von Rechtswegen zukommende, Unabhängigkeit wieder zu erlangen, ſchienen die herrlichſten Früchte tragen zu wollen. Selbſt Stanislaus Auguſt, jetzt nicht mehr von Igielſtröms rohem Des⸗ potismus und der ruſſiſchen Partei beherrſcht, folgte dem Einfluſſe Ostrowskis und ſeinem neuen, nationell geſinnten, Hofkaplane, und ge⸗ lobte aus eigenem Antriebe bei einem feierlichen Gottesdienſte: „Er werde es allezeit mit der Nation halten, und mit ihr leben, oder mit ihr zugleich untergehn.“ Wenn nun auch dieſer Ausſpruch des Königs in den Augen derer, die ſeinen Wankelmuth und ſeine Schwäche kannten, kein Gewicht hatte, ſo beſtätigte er doch im Allgemeinen, daß das Unternehmen Kosciuszko's nicht nur vollkommen volksthümlich und gerecht, ſondern auch frei von allen jako⸗ biniſchen Grundſätzen ſei, und weder Anarchie, noch Umſturz der Monarchie, — ſondern einzig und allein die Herſtel⸗ lung einer würdigen Selbſtändigkeit Polens bezwecke. Wie konnte daher Rußland es wagen, dieſe Erhebung einer, als unabhängig anerkannten, Nation, über die ihm, namentlich wenn König und Volk eins waren, durchaus kein Recht der Bevormundung zuſtand, den Stab zu brechen, ſie als eine Rebellion bezeichnen, und gegen ſie einſchreiten? „Das Völkerrecht auch an den Polen zu ehren“— ſagt der freiſinnige Saalfeld— „daran dachten die Mächte nicht“ Aber in Ruß⸗ lands Politik lag es ja, die gefährliche, ſeinem Dunkelheitsſyſtem und ſeiner Erobrungsſucht im Wege ſtehende, Republik zu ſtürzen und zu ver⸗ nichten; um dann ſeine Hände deſto ungeſtörter in die Händel der Türkei miſchen und auch dieſe,— wenigſtens und Schicklichkeits halber zum Theile,— verſchlucken zu können. Rußland war der Stär⸗ kere, und Gewalt iſt das erſte Naturrecht!— Außerdem wollte es die Früchte ſeiner langen Bemühungen nicht verlieren; denn Katharina wußte nur zu gut, daß Polens Eroberung dem — 205— nicht entgehen konnte, der langſam und aus⸗ dauernd verfahre, es ſchlau umgarne, und vor allen Dingen es verſtehe, die aufeinander eifer⸗ ſüchtigen Wojwoden gegen einander ſelbſt zu hetzen. Kosciuszkos ſcharfer Blick hatte dieß längſt erkannt; darum ſtemmte er ſich auch mit allen Kräften gegen die moskowitiſche Uſurpation. Und was er und die Gebildeten der Nation klar ein⸗ ſahen,— fühlte, wenn auch ſich nur halb be⸗ wußt, das ganze Volk. Darum ſtand jetzt Polen mit einemmale unter den Waffen; darum tönte, wie durch einen Zauberſchlag hervorgerufen, von einer'Gränze des Reiches zur anderen der Wahl— ſpruch des Naczelnik:„Freiheit, Unantaſtbarkeit und Unabhängigkeit!“ Polen, Europa— ja die ganze civiliſirte Welt hatte ihre Angen auf Kosciuszko ge⸗ richtet, und folgte mit Erſtaunen dem ruhigen, umſichtigen Handeln, dem tapfern, und ſieg⸗ reichen Auftreten des Helden zweier Welttheile. Von allen Seiten wurden die Ruſſen, obgleich an Zahl und namentlich durch ihre Bewaffnung den Polen bei weitem überlegen, zurückgedrängt und geſchlagen. — 206— Bisher hatte Kosciuszko noch immer auf den Beiſtand Preußens und Oeſterreichs gehofft; jedenfalls aber darauf gezählt, daß dieſe beiden Monarchien, in ihrem eigenen Intereſſe, wenigſtens nicht feindlich gegen die Republik auftreten würden. Er durfte hierauf um ſo mehr rechnen, als er deutlich vorausſah, daß, wenn Polen gefallen, Rußland ſeine Politik nicht ändern und gerade dadurch Deutſchland die gefahrdro⸗ hendſte Zukunft bereiten würde. Dieß Hinderniß einmal hinweggeräumt, war es ſicher, daß der moskowitiſche Koloß ſein ungeheures Gewicht den Gränzen Deutſchlands entgegen wälzen werde. Wie Polen— mußte dann das türkiſche Reich, durch künſtlich erregte, auf geheimen und unlau⸗ teren Wegen herbeigeführte, Uneinigkeiten ge⸗ ſchwächt, erſt der ruſſiſchen Suprematie unter⸗ worfen, dann zertheilt und verſchlungen werden. Welch unbedeutender Vortheil erwuchs aber— ſelbſt in dem Falle daß Rußland Preußen und Oeſterreich bei den Zerſtücklungen von Polen und der Türkei einigen Theil an der Beute gönne,— jenen deutſchen Ländern aus dieſem Landgewinnſte, — 207— gegen den unberechenbaren Nachtheil des Ein⸗ ſturzes jener Wälle, die bisher ein ſicheres Boll— werk gegen den übermächtigen, herrſchſüchtigen Nachbar abgegeben hatten. Es ſchien die ſelbſtän⸗ dige Erhaltung Polens und der Türkei Kos⸗ ciuszko ſo ſehr im Intereſſe der anderen euro⸗ päiſchen Mächte, und namentlich Deutſchlands zu liegen, daß er, wie ſchon erwähnt, an deren Beiſtand nicht zweifelte, auch hatten ſeine Unter⸗ händler hie und da feſte Zuſagen erhalten. Mit Vertrauen führte daher der umſichtige Mann ſeine kleine Armee in den Kampf mit jener koloſſalen nordiſchen Macht; indem er auf das Recht, die Vaterlandsliebe ſeiner Polen, und die zugeſagte Hülfe baute. Aber Kosciuszko hatte ſich getäuſcht. Die auswärtigen Mächte, wie mit Blindheit geſchlagen, rührten ſich nicht, und von dem, durch die fran⸗ zöſiſche Revolution erregten, paniſchen Schrecken betäubt, ſah ſelbſt Preußen den gewaltigen Unter⸗ ſchied zwiſchen den Triebfedern und Zielen beider Aufſtände nicht ein Friedrich Wilhelm lI. und der Wiener Hof traten auf Rußlands Seite. — 208— Da ſtanden nun mit einemmale Kosciuszko und ſeine Treuen verlaſſen und allein gegen das rieſige Rußland und die beiden deutſchen Groß⸗ mächte Polen, bisher als ſelbſtändiger Staat anerkannt, war aufgeſtanden um dieſe ſeine Unan⸗ taſtbarkeit, das ihm unbezweifelt zuſtehende Recht, zu behaupten, und ward dafür von ſeinen Nach⸗ barn feindlich überzogen— zerſtückt— und— getheilt— Aber auch ſelbſt in dieſer mißlichen Lage ver⸗ ließ Kosciuszko der Muth keinen Augenblick. Er ſah Polens Untergang beſchloſſen, es blieb ihm und allen edeldenkenden Männern daher keine Wahl; da Alle fühlten, daß es größer ſei: frei zu ſterben, denn als Sklaven zu leben. Thaddäus faßte die Größe ſeiner Stellung vollkommen, und alle ſeine Kräfte, geiſtige und phyſiſche, waren ungetheilt dem theuren Vater⸗ lande geweiht. Aber wie Freundſchaft ihm den ſchweren Beruf verſüßte, ſo heiligte ihn jene un⸗ auslöſchliche, jedem Schickſal trotzende Liebe. Seit dem Tage der unglückſeligen Trennung von Louiſen, war jenes blutgetränkte Tuch der — 209— Geliebten noch nicht von ſeinem Buſen gekommen. Hatten ſich auch jetzt die Verhältniſſe wunderbar geſtaltet,— war auch jede Hoffnung auf irdiſchen Beſitz für ihn verſchwunden,— Thaddäus Liebe blieb unerſchütterlich dieſelbe. Louiſens Bild war es, welches den ermüdeten Feldherrn ſanft in den Schlummer wiegte; das ihn am frühen Morgen mit ſüßem Lächeln grüßte, er⸗ munterte, zu allem Großen anfeuerte;— ihr Bild, das ihn begeiſtert in die Schlachten führte und wie eine Göttin des Vaterlandes und des Sieges ihn triumphirend umſchwebte.— Kosciuszko war längſt zum thatkräftigen Manne herangereift. Ernſt und ſchweigend ſchritt er die große Heldenbahn. Seine ſüßeſten Hoff⸗ nungen hatte das Schickſal zertreten, ſeinen glü⸗ hendſten Wünſchen drohte ein kalter Tod. Ein unendlicher Schmerz, eine tiefe Wehmuth, war Alles, was ihm von ſeinem bisherigen Leben ge⸗ blieben, und nur die Sonnenblicke ſeiner treuen, ſchwärmeriſchen Liebe, und das Bewußtſein ſeines uneigennützigen, edlen und reinen Strebens, ver⸗ mochten ihn für ſo tauſend Entſagungen zu tröſten. Rau, Tb. Kosciuszko. In. Thl. 14 — 210— Eine treue Stütze hatte er dabei an Niem⸗ cewicz, der, Freud und Leid mit ihm theilend, dem geprüften Manne die Blüthen der Freund⸗ ſchaft auf ſeine dornenvolle Laufbahn ſtreute Beide Männer ermüdeten in ihren Beſtrebungen nicht, und wetteiferten ſich in Tapferkeit und Liebe für das Vaterland gegenſeitig zu übertreffen. Kosciuszkos Bemühungen verſprachen da⸗ mals fröhliches Gedeihen. Durch die Aufſtände zu Krakau und Warſchau, durch des Königs Beitritt und die eigenen Siege gekrönt, feierte die Freiheit ihren fröhlichen Einzug. Jetzt hatte ſich auch noch Litthauen für Kosciuszko erklärt, und gewährte der guten Sache eine kräf⸗ tige Stütze. Der Dictator erhob ſofort Madalinski zum Marſchall von Mazuren, und ſandte ihn den Litthauern zu Hülfe. Paul, der ſich auch in Polen bald ausgezeichnet, und in deſſen Folgen zum Hauptmanne befördert worden war, erhielt den Auftrag ihn zu begleiten. Ihren Unterneh⸗ mungen folgten neue Siege. Während aber Kos⸗ ciuszko auf der einen Seite auf die Befreiung —— des Vaterlandes bedacht war, verſäumte er auf der anderen nicht, demſelben die errungene Vor⸗ theile zu ſichern. So organiſirte er ein Kriegs⸗ commiſſariat und verwandelte den Conseil per- manent in einen proviſoriſchen Rath. Außerdem ordnete er mit raſtloſer Thätigkeit die Verhält⸗ niſſe des Landes, und alle Welt jauchzte dem Manne entgegen, der, Feldherr und Staatsmann zugleich, in wenigen Wochen das ganze König⸗ reich völlig umgeſchaffen. Dabei zeichnete Thaddäus jene liebenswür⸗ dige Beſcheidenheit aus, die alle Herzen im Sturm gewinnt. Auch blieb er, nach wie vor, ſowohl im Aeußeren als in ſeinen Bedürfniſſen, einfach und natürlich. Wochen waren indeſſen verſchwunden, als ſich mit einemmale Gerüchte von dem Anmarſche einer großen ruſſiſchen Armee unter Suwarow, und einer Preußiſchen unter Friedrich Wilhelm ſelbſt verbreiteten. Der Generaliſſimus erwartete ſie gerüſtet. Zweifelte er aber auch keinen Augen⸗ blick an dem unerſchütterlichen Muthe ſeiner Polen, ſo mußte er ſich doch ſelbſt geſtehen, daß jetzt— — 212— da ihn die auswärtigen Mächte nicht nur im Stich gelaſſen, ſondern ſich ſogar noch ſeinen Feinden angeſchloſſen hatten,— ein ſo ungeheures Uebergewicht auf der ruſſiſchen Seite erwachſen war, daß nur Wunder die kleine Schaar zu retten vermochten. Aber Kosciuszko, und mit ihm ganz Polen, war ja auch entſchloſſen Wunder der Tapferkeit zu wirken, und aller Furcht baar und ledig, trat er vor die Seinen, verkündete denſelben die Nachricht vom Anmarſche der Ruſſen und Preußen und ſchloß mit den Worten: „Gott iſt mit uns!— Wir kämpfen für unſer Recht! Es leben die Schlachten die wir geſchlagen und die, die noch in un⸗ ſeren Fäuſten ruhen!“ Mehr als die überwiegende, materielle Macht der Feinde, beumuhigten ihn aber die hie und da auftauchenden revolutionären Gräuelſcenen. Kosciuszkos Abſicht bei ſeinem großartigen Unternehmen war ſo rein, ſo weit von jedem jakobiniſchen Prinzipe entfernt; die Schilder⸗ hebung ſeines Vaterlandes— die ja den Thron nicht umſtoßen, ſondern im — 213— Gegentheile befeſtigen, kräftigen und ſelbſtändiger machen ſollte— ſchien ihm eine ſo heilige Sache; daß er nur mit Entſetzen an jede That denken konnte, die das geringſte böſe Licht auf ſie zu werfen vermochte. Ihn ſchau⸗ derte vor den Gräueln der, auf Abwege gerathenen, franzöſiſchen Revolution, und eben weil er ſein Unternehmen ſo verſchieden von jenem Frank⸗ reichs wußte, wachte er mit Aengſtlichkeit über die Reinheit des ſeinen. Aber wie ſehr er auch Ordnung und ſtrenge Mannszucht handhabte, er konnte nicht überall ſein. Die Gemüther waren von dem erlebten Drucke erbittert, und der Haß gegen die Unterdrücker wurde durch die Schänd⸗ lichkeiten, welche die Ruſſen von jetzt an faſt ſyſtematiſch an allen Orten verübten, die ſie in Beſitz nahmen, bis zum höchſten Punkte geſteigert. Wo ſich die Barbarenhorden zeigten, künde⸗ ten zum Himmel aufſteigende Feuerſäulen ihre Ankunft. Weiber und Mädchen erlagen ihrer rohen Wuth. Unſchuldige Kinder ſelbſt büßten in den Flammen den gerechten Zorn ihrer Väter. Mord und Raub brandmarkten die Züge der — 214— Ruſſen, und die von denſelben verübte Gräuel waren ſo entſetzend, daß ganze Dörfer bei ihrem Annähern in die nahen Berge und Wälder flohen, und ſich Hunger und Froſt und jeder Art von Noth, ſelbſt dem blutigen Rachen der Raubthiere, lieber ausſetzten, als dem unmenſchlichen Feinde. Was war da natürlicher, als daß in den Her⸗ zen der Polen die glühendſte Rachſucht erwachte, und ſie anſpornte Grauſamkeiten mit Grauſam⸗ keiten zu entgelten?— Und dennoch ſiegten oft Kosciuszkos Bemühungen die Aufgebrachten zu beruhigen, und ihrem Herzen eine edlere Rache einzuflößen. Vermochte er dieß aber auch bei der Armee, im Hauptquartier, im Felde ſelbſt, ſo blieb es doch eine Unmöglichkeit die Hauptſtadt gleichermaßen im Zügel zu halten; und wirklich beunruhigten ihn im Augenblicke dumpfe Ge⸗ rüchte von neuerdings dort ausgebrochenen Be⸗ wegungen. Es war bereits Abend geworden. Der mil⸗ dere Hauch des Südwindes hatte die Schner⸗ maſſen längſt geſchmolzen, und der Mai war mit ſeinen Frühlingsahnungen zurückgekehrt Die Welt lag jetzt in jenem Dämmerlichte in deſſen magi⸗ ſchem Halbdunkel ſich Melancholie ſo gerne zu uns niederſenkt, und das ſonſt frohe Herz mit Sorgen, Ahnungen und trüben Bildern quält. Kosciuszko war eben von der Unterſuchung der ſämmtlichen Wachen und Pikete zurückgekom⸗ men, und hatte ſich ermüdet auf einen Bund Stroh niedergelegt, als Niemcewicz in das Zelt trat. „Sind keine Boten von Warſchau angekom⸗ men?“ frug ſogleich der Generaliſſimus ſeinen Adjutanten. „Nein, Thaddäus!“ entgegnete der Einge⸗ tretene„Auch ich warte mit einer peinlichen Un⸗ geduld auf Nachrichten.“ „Auch keine Depeſchen aus Litthauen?“ „Eben ſo wenig!“ Beide Männer ſchwiegen einen Augenblick düſteren Gedanken nachhängend. „Julian!“ begann alsdann Kosciuszko aufs Neue,—„ich muß Dir geſtehen, daß ich anfange unruhig zu werden. Schon ſeit acht Ta⸗ gen fehlen alle Nachrichten von Warſchau. — 216— Selbſt die Regierung, die mir ſonſt ſo pünkt⸗ lich ihre Berichte einſendet, läßt nichts von ſich hören.“ „Sollte die freie Communikation zwiſchen hier und der Reſidenz durch einen Haufen ſtreifender Feinde unterbrochen ſein?“ „Das müßte ich wiſſen. Alle Kundſchafter ſind zurück und berichten der Weg ſei offen. Nein, nein! Freund, ich fürchte es ſind Unruhen aus⸗ gebrochen.“ „Könnte leicht ſein. Man raunt ſich derglei⸗ chen Vermuthungen viel ins Ohr.“ „Wenn der Himmel nur dem Volk die geſunde Vernunft bewahrt, daß es nicht durch wahnſin⸗ niges Wüthen ſeine eigne Sache beſudelt und verdirbt. Ach! theure Seele, es iſt leicht den Sturm zu beſchwören, aber— zu meinem Schrecken fühl' ich es— unmöglich ihn zu bän⸗ digen.“ Potocki, Zakezewski, Ostrowski und ſo manch' andere edle Männer befinden ſich in der Reſidenz“— verſetzte Julian—„ſie ſte⸗ hen an der Spitze der Regierung; ſollte es denſelben nicht gelingen das Unheil zu beſchwö⸗ ren?“ „Was wollen dieſe Wenige gegen das Volk wenn es wüthet? Sind erſt einmal die Leiden⸗ ſchaften erregt, dann: gute Nacht Vernunft! Despotie iſt ſtets bei der überwiegenden Parthei. Doch laß uns das Beſte hoffen. Der König iſt jedenfalls geſichert; denn liebt ihn auch das Volk nicht, ſo hat es doch eine heilige Scheu vor ihm; und außerdem ſteht er ja in Ostrowskis Schutz.“ „Für Stanislaus befürchte ich Nichts“— rief Niemcewiez beunruhigt—„mehr bangt mir aber für Karoline. Sonowski iſt fürch⸗ terlich verhaßt; brechen Unruhen aus, ſo fällt er ſicher unter den erſten Opfern“ „Ostrows ki gab Dir ſein Wort über die Geliebte zu wachen.“ „Wird er auch im Falle eines Ausbruches ſein Verſprechen halten können?“ „Karoline hat unter keiner Bedingung etwas zu befürchten. Dafür kenne ich meine Polen! Sollten ſie auch wahnſinnig genug ſein, eigen⸗ — händig Rache zu nehmen, ſo würde ihr Zorn die Schuldigen, gewiß aber nie die Unſchuldigen treffen.“ 4 „Vermögen Wüthende noch Schuld und Un⸗ ſchuld zu unterſcheiden?“ „Die Unſchuld ſteht außerdem zunächſt in Gottes Hand. Ich that, wie du für Karoline, mein Möglichſtes für Louiſens Sicherheit. Paul habe ich dieß Kleinod anvertraut, und ſehe nun der Zukunft vertrauensvoll entgegen“— In dieſem Augenblick trat der dienſthabende Offizier ein. Kosciuszko hob ſich empor und frug: „Was bringen Sie, Lieutenant?“ „Ein Bote von Warſchau iſt eingetroffen,“ entgegnete der Meldende. „Ein Bote von Warſchau!“ riefen beide Freunde wie aus einem Munde. „Ja,“ fuhr der Lieutenant fort—„und zwar ein ſeltſamer. Ein ſteinalter Mann, kein Pole wie mir ſcheint.“ „Laſſen Sie ihn kommen!“ gebot der Feldherr. Da öffneten ſich die Linnenvorhänge des Zeltes, — 219— und gebeugt auf ſeinen Stab trat, ſchwankenden Schrittes, jener Alte ein, welchen die Hände des Volkes kürzlich in Warſchau aus dem Ge⸗ fängniſſe befreit. Kosciuszko bebte. Er ſprang auf und ſchritt der gebückten Figur entgegen, die verwitterten Züge im matten Dämmerſcheine ängſtlich anſtarrend. Plötzlich aber fuhr er ent⸗ ſetzt zurück und rief erbleichend:„Ich habe mich nicht getäuſcht, es iſt mein böſer Genius!“ „Sein böſer Genius!“ wiederholte der Alte ge⸗ dehnt und mit verächtlichem Tone.„Seid Ihr doch ſchwache Menſchen! Immer nur halb. Halb in der Liebe und halb im Haſſe. Der Zufall ließ Euch auf mich ſtoßen. Ihr findet einen Geiſt, der dieſes Schwanken verachtet und Eins iſt, und Ihr bebt zurück. Welcher Unterſchied iſt denn ſonſt zwiſchen uns? Wir haſſen Beide die Tyrannei, nur habt Ihr Eurem Haß den lan⸗ gen Mantel chriſtlicher Liebe umgeſchlagen, ſo daß er ſich nun nicht bewegen kann, und bei jedem Schritt den er machen will ſtolpert und hinfällt — wogegen mein Haß nackt aber auch ungehin⸗ dert einherſchreitet. Und darum bin ich Euer böſer Genius.“ „Alter Mann!“ entgegnete Thaddäus be⸗ wegt,„Ihr ſteht mit einem Fuß im Grabe und ſeid ſo unverſöhnlich. Bedenkt daß Ihr bald vor Euren Richter treten müßt. Außerdem habe ich Euch ſchon einmal geſagt, urtheilt Ihr ganz falſch, wenn Ihr glaubt meine und Eure Hand⸗ lungsweiſe entſprängen aus gleichen Quellen. Ihr haßt perſönlich alle Fürſten, weil Ihr einmal einen unter ihnen fandet, der Euch vielleicht zertreten hat. Das iſt ungerecht!— Ich haſſe die Tyrannei unter jeder Form, mag ſie nun von Fürſten oder von Bürgern ausgehen, weil ſie an und für ſich etwas Schlechtes, des Menſchen Unwürdiges, iſt, weil ſie den freien, kräftigen Aufſchwung des Geiſtes hemmt, und es der Menſchheit unmöglich macht, ihre Beſtimmung auf Erden genügend zu erreichen. Ich haſſe die Tyrannei Rußlands in Polen um ſo mehr als ſie ein Eingriff in unſere Rechte iſt, der Fürſt und Volk kränkt. Für Vaterland und König habe ich die Waffen ergriffen, und habe ich dieſe Beide von den ſchmählichen Banden befreit, in die ſie eine herrſchſüchtige Frau zu ſchlagen beabſichtigt, ſo lege ich mein Schwert zu den Füßen des Thrones wieder nieder. Erinnert Euch deſſen ſtets und vermengt meinen Freiheitsſinn, dem Liebe zum Vaterlande zum Grunde liegt, nicht mit dem Euren, der einzig einem perſonli⸗ chen Haß entſtrömt. Doch zur Sache. Was habt Ihr mir zu verkünden?“ „Daß es noch Menſchen gibt, die wie ich denken!“ entgegnete triumphirend der Alte. Kosciuszkos Züge verfinſterten ſich.„Das war es was ich fürchtete!“ rief er zu dem Freunde gewendet.„Ein Tropfen Gift und die Maſſe iſt verloren.“ „Beruhiget Euch, Feldherr!“ fuhr der Alte fort.„Der größere Theil iſt leider aus Eurem Stoffe, ſonſt wäre Polen ſchon jetzt frei und eine furchtbare Republik.“ „Kommt zur Sache!“ unterbrach ihn Thad⸗ däus aufgebracht. Der Alte lächelte höhniſch, ſetzte ſich und ſagte endlich.„Ich freue mich, daß es mir gelang der Erſte zu ſein, der Euch die Nachricht bringt. Aber trotz den mürben Knochen fuhr ich Tag und Nacht, nun aber — 22—₰ ſoll mich der Bericht wieder ſtärken. Hört alſo vor allen Dingen wie würdig der großmächtige König— für deſſen Krone ja ſelbſt Kosciuszko das Schwert gezogen— Eurer Liebe iſt. Am 29ten April hatte Stanislaus Auguſt aus eigenem Antriebe der Nation Treue geſchworen, und am 8ten Mai beliebte ſeine Majeſtät einen Verſuch zu machen, dieſer edlen Nation zu entſchlüpfen, um ſein Haupt in dem Schooße ſeiner angebeteten Katharina niederzulegen!“ „Unmöglich!“ riefen Kosciuszko und Niemeewicz zugleich. „Gewiß!“ entgegnete der Alte entſchieden. „Hört nur weiter. Der 8. Mai iſt, wie Ihr wißt, der Feſttag des heiligen Stanislaus, und der Namenstag des Königs. Sonſt eine Zeit des Jubels, blieb dießmal Alles ruhig. Keine Stanislausritter wurden geſchlagen, kein Feſt war bei Hofe— aber kein Menſch fuhr auch zum König— dem beliebten König!— keine Seele gratulirte ihm. Gegen Abend reitet der König, begleitet wie gewöhnlich, aus. Kaum aber hat er Praga erreicht, als alle Glocken es— zu ſtürmen anfangen und des Königs Ergebene das unſinnige Gericht verbreiten: die Ruſſen und Preußen— von welchen man bis dahin nichts gehört,— ſeien im Anmarſche. Ein fürchterlicher Tumult entſteht. Alles eilt ſich zu bewaffnen nach dem Zeughauſe. Weiber und Mädchen fliehen in ihre Wohnungen. Die Häuſer werden geſchloſſen— und doch weiß keine Seele von wo aus denn die Feinde anrücken ſollen. Da ſprengt Ostrowski unter die Haufen und fordert die Berittenen auf, ihm zu folgen— denn:— der König ſei entflohen, und habe um ſicherer zu entkommen, den Tumult ſelbſt erregen laſſen Was Pferde habhaft werden kann, folgt Ostrowski, und ehe der Abend anbricht, kehrt der Flüchtling, der Alles abläug⸗ net und nur ſpazieren geritten ſein wollte, von ſeinen Bürgern heimgeführt zurück. Zugleich aber war ein weit ſchlimmerer Streich vereitelt worden. Man hatte beſchloſſen die gefangenen Landesverräther, die man nun ſchon zu lange der Strafe und den gerechten Forderungen des Volkes entzogen, entſchlüpfen zu laſſen. Allein — 224— auch dieß Complott ward entdeckt und deſſen Ausführung verhindert. Durch alles dieß auf das Aeußerſte gebracht, wollte ſich das Volk das Recht diejenigen zu beſtrafen, die das Vater⸗ land auf die niederträchtigſte Weiſe verkauft und verrathen hatten, nicht nehmen laſſen. Am Morgen des 9ten Mai ſtanden drei Galgen vor dem Rathhauſe, und einer vor der Bern⸗ hardiner⸗Kirche, und jeder derſelben trug die Aufſchrift:„Strafe für die Verräther des Vater⸗ landes.“ Werſie errichtet, hat Niemand erfahren. Aber was ſie ſollten errieth Jeder ſogleich: Ganz Warſchau gerieth in Bewegung und Alles ſtürzte nach dem Rathhauſe.„Rache!“ ertönte es von allen Seiten, daß einem das Herz im Leibe lachte,—„Rache an den König⸗ lichen und den Ruſſen!“ Und die Maſſen wälz⸗ ten ſich nach dem Hauſe, in welchem ſich der proviſpriſche Rath verſammelt hatte, und forderte die augenblickliche Hinrichtung der vier Haupt⸗ verräther: des Kronfeldherrn Ozarowskis, des Biſchofs Kaſſakowski, des Marſchalls Ankwicz und Zabiellos Der Rath ſträubte 225— ſich, aber vergebens. Des Volkes Stimme iſt die Stimme Gottes!— er mußte gehorchen und die Gefangenen herausgeben. Jetzt endlich nahm die Gerechtigkeit ihren Lauf, und die Verhaßten wurden herbeigeführt. Man hatte ſeiner Zeit bei der Erſtürmung des Igielſtrömiſchen Palaſtes mehrere Aktenſtücke gefunden, die auf das Entſchiedenſte die Schänd⸗ lichkeiten der Genannten bewieſen. Die Unter⸗ ſuchung auf dem Rathhauſe war daher kurz, und das gerechte Urtheil bald gefällt. Sie wur⸗ den ſämmtlich zum Strange verdammt.“ „Ozarowski ſtarb feig, wie er gelebt. Zabiello ſchwatzte viel, aber das nicht endende Geſchrei:„Tod dem Verräther!“ brachte ihn endlich zum Schweigen. Den Biſchof Kaſſa⸗ kowski hatte man Mühe dem Volke zu ent⸗ ziehen, das ihn bei lebendigem Leibe zerreißen wollte, er wurde entweiht und gehängt. Am beſten benahm ſich der Marſchall Ankwicz Als er ſah daß ihn nichts mehr retten konnte, ging er muthvoll zum Tode, kleidete ſich aus, legte den Riemen um ſeinen Hals, nahm noch eine Nau, Th. Kosciuszko. 11. Thl. 15 — 226— Priſe Tabak, ſchenkte ſeine koſtbare Doſe dem Scharfrichter, und gab dann das Zeichen zum Aufziehen. Donnernd tönte es jetzt durch die Lüfte: Es lebe die Revolution! und dieſe Worte nahmen die Sterbenden mit in die Ewigkeit.“ Der Alte ſchwieg, aber ſeine tiefliegenden Augen ſprühten in einem unheimlichen Feuer, und die zerfallenen Züge kündeten den Triumph ſeiner in Haß glühenden Seele Kosciuszko ging mit großen Schritten auf und ab. Die Arme verſchränkt, blickte er mit finſterer Miene vor ſich hin. Endlich blieb er vor dem Alten ſtehen und rief: „Ich wußte es, daß Dein Mund mir Unheil verkünden würde! Zwei verlorene Schlach⸗ ten hätten mich weniger geſchmerzt, als der Ge⸗ danke: unſere edle, reine und gerechte Sache hat Mord befleckt.“ „Mord?!“ rief der Greis und hob ſich zornig empor„Wer kann die Vollziehung eines ge⸗ rechten Urtheils Mord nennen? Schaut hier in das, über die Hinrichtung der Verräther erlaſſene Dekret, welches Euch zu übergeben, ich vom Volke erwählt wurde Hier ſteht: ——— 2— „Nach den bei Igielſtröm aufgefundenen, „von den Beklagten eigenhändig unterſchriebenen „Quittungen, ergibt es ſich, daß Zabiello „und Ozarowski, während der Dauer „des ganzen Reichstages, monatlich von Ruß⸗ „land tauſend Dukaten, und für die Stellung „eines jeden Landboten, der Rußland ergeben „iſt, dreitauſend Dukaten empfingen. Ankwicz „hatte fünfhundert Dukaten monatlich und zu „den Krakauer Landtägen ebenfalls fünfhundert „Dukaten, Biſchof Kaſſ akowski dagegen „viertauſend Dukaten empfangen. Iſt dieß außer „den übrigen Schändlichkeiten, nicht Urſache „genug, ſie für Landesverräther zu erklären und „zum Tode zu verurtheilen?“ „Sie haben Strafe verdient, aber ſie mußte ihnen auf geſetzlichem Wege werden!“ entgegnete ernſt der Feldherr. „Die Gerichte zögerten, der Hof ſuchte ſie entſchlüpfen zu laſſen, ſollte da das Volk ruhig zuſehen?“. „Das Verlangen, den Strafbaren wirklich geſtraft zu ſehen, iſt natürlich; darf man es — 226— aber wagen ſie ohne ein competentes Tribunal zu richten? Ein Volk das Freiheit und Unabhängig⸗ keit zu erkämpfen ſtrebt, hat vor allem Andern den Geſetzen Achtung zu beweiſen, ſonſt wird es der Anarchie heimfallen, welche die größte aller Tyrannen iſt. Ihr wißt und ſollt es nicht vergeſſen: daß die Regierung für das Volk da iſt, daß ſie nur das Beſte der Nation im Auge haben darf, aber eben deßwegen muß man ihre Schritte auch nicht hemmen und ihre Funktionen mit Gewalt ſuspendiren. Eraltirte Köpfe haben die gute Sache mißbraucht, und unſere Feinde werden triumphirend ausrufen: Seht da das Kind der franzöſiſchen Revolution!“ „Ja! ja!“ rief der Alte auf das Heftigſte erbittert„Fahrt nur ſo fort, Ihr Unentſchlüſ⸗ ſigen und Halbwilligen, und habt den Muth und die Kraft nicht, herzhaft zu haſſen, ſo wird Euch Rußlands eiſerne Fauſt bald zermalmen. Ich aber, ich, will haſſen und verderben was nur einen Anflug von Tyrannei hat Glaubt Ihr, mir liege Euer Vaterland am Herzen? — Ihr Thoren!— Ich zittre vor dem Gedanken Polen möge unterliegen nur, weil damit auch meine Pläne ſtürzten. Siegt es aber, dann iſt die Zeit gekommen, die meiner vollen Rache Ende iſt. Deutſchland, von Frankreichs und Polens Revolution erſchüttert, wankt in ſeinen Feſſeln, der Zündſtoff iſt gehäuft, und— Dank meinem beſchwerdevollen Leben,— Verbindungen ſind nach allen Richtungen angeknüpft, ein Funke, die Mine ſpringt, die Throne ſtürzen ein und in dem Staube ächzt auch mein Tyrann!“— Mit dieſen Worten verließ der Alte raſch das Zelt. VIII. SFzczekozin. Denkſt du daran, mein tapfrer Laghienka, Daß ich dereinſt in unſerm Vaterland, An Eurer Spitze nahe bei Dubienka, Viertauſend gegen ſechszehntauſend ſtand? Denkſt du daran wie ich vom Feind umgeben, Mit Mühe nur die Freiheit mir gewann. Ich denke dran, ich danke dir mein Leben,— O ſprich Soldat, Soldat denkſt du daran? Denkſt du daran wie ſtark wir im Entbehren, Die Ehre Allem wußten vorzuziehen, Gedenkſt du an das tückiſche Verſchwören Meineib'ger Freunde dort bei Szezekozin? Wir litten viel, wir darbten, doch wir ſchwiegen, Die Thräne floß, das treue Herzblut rann! Und dennoch flogen wir zu kühnen Siegen, O ſprich Soldat, Soldat denkſt du daran?“ Carl von Holtei. Drei Monate waren beinahe ſchon ſeit dem Beginn des polniſchen Aufſtandes entſchwunden. Dem kurzen Frühlinge folgte ein für jene Gegen⸗ — 231— den ungewöhnlich heißer Sommer. Die Blüthen ſanken, die Früchte ſchwollen und wuchſen ihrer Reife zu; aber die ſüße Frucht der Freiheit ſollte dem edlen Volke Polens nicht beſchieden ſein, ein gewaltiger Sturm ſchüttelte die noch Unreife zu frühe von dem ewigen Stamm. Seit der Schlacht von Raclawice hatten die Ruſſen keinen Kampf mit den Polen mehr gewagt; wogegen dieſe, obgleich der feindlichen Macht bei weitem nicht gewachſen, und viel ſchlechter bewaffnet als jene, die Ruſſen ſchlugen ſo oft ſie dieſelben angriffen. Kosciuszkos Feldherrntalent entwickelte ſich auf eine glänzende Weiſe. Seine Armee, nur we⸗ nig Linientruppen zählend, beſtand zum größeren Theile aus Milizen, Freiwilligen und Bauern, die, Neulinge in der Kriegskunſt, zum größeren Theile nur Senſen und Piken trugen. Rußland hingegen führte gutgerüſtete, gediente und ſiegge⸗ wohnte Schaaren in das Feld, und hatte außer⸗ dem noch den großen Vortheil, eine ſehr bedeu⸗ tende Artillerie zu beſitzen Katharina l. ſtanden Millionen zu Gebote, Kosciuszko da⸗ gegen, zumeiſt auf den guten Willen der Nation beſchränkt, ſah ſich, trotz allen Opfern der Ein⸗ zelnen, oft in ſeinen freien Bewegungen durch unzulängliche Mittel beſchränkt. Dem Allen ungeachtet warf der große polniſche Feldherr nicht nur die moskowitiſchen Schaaren mit Macht zurück, ſondern er behauptete ſich nun ſchon Monate im Beſitze der errungenen Vortheile, und es unterliegt nicht dem leiſeſten Zweifel, daß Kos⸗ ciuszko ſein hohes Ziel ſiegreich errungen ha⸗ ben würde, wenn ihm die auswärtigen Kabinette ihre Zuſagen gehalten hätten Aber Frankreich, DOeſterreich und Preußen blieben nicht nur unthätig, ſondern letztere entſchieden ſich nicht einmal beſtimmt für die eine oder die andere krieg⸗ führende Macht. Erſt als die Ruſſen nahe bei Szczekozin (Szekozin) auf Kosciuszko trafen, ſchienen ſie einen Angriff wagen zu wollen, da denſelben die ſichere Kunde geworden: daß ſie den Polen bei weitem überlegen ſeien. Thaddäus erwartete ſie nicht. Muthig trat er ihnen mit ſeiner kleinen Schaar den 7. Juni — 23— entgegen, griff ihre Vorpoſten an und drängte ſie zurück Erſt der anbrechende Abend und das Ein⸗ treffen des ruſſiſchen Generals Demiſow mit dem Gros der Armee, hielt die Vorrückenden auf.— Es war ein heißer Tag geweſen, ermattet bezogen die Polen eine feſte Stellung, mit dem kommenden Morgen einer entſcheidenden Schlacht entgegenſehend. Kosciuszko nahm noch alle nöthigen Vorſichtsmaßregeln, und zog ſich dann mit Niemcewicz ebenfalls zurück. Beide be⸗ wohnten wie gewöhnlich ein Zelt, welches in der Eile auf der Anhöhe, an deren Rücken ſich das Lager der Polen lehnte, aufgeſchlagen wurde. Kosciuszko war ernſt geſtimmt. Denn wenn ihn auch ein freudiger Muth belebte, ſo konnte er ſich doch auf der andern Seite nicht verhehlen, daß ſeine gerechte und gute Sache, durch das Zurücktreten der benachbarten Fürſten gefährdet wurde. Er vermochte ihre Handlungsweiſe nicht zu begreifen, und wog mit väterlicher Beſorg⸗ niß die Folgen, welche dieß Benehmen für ſein Vaterland und deſſen Schickſal haben mußte —— Julian ſtand ihm zur Seite. Die Vorhänge des Zeltes waren zurückgeſchlagen, und Beide ſahen ſtumm in die vor ihnen ausgebreitete Na— tur Es war ein feierlicher Augenblick. Am fer⸗ nen Rande des Horizontes ſtieg langſam und ſchweigend ein ſchweres Wetter auf. Die Schwüle war drückend.— Wie Thäler und Schluchten ſich in Dunkelheit hüllen! wie die ſchwarzen Tannen⸗ wälder finſter zum Himmel ſchauen, und das Laub der Geſträuche ängſtlich flüſtert— wie die Bäche geheimnißvoll murmelnd ſchneller dahin ei⸗ len. Die Vögel ſchweigen in Furcht und Sorge und in banger Erwartung zittert die ganze Na⸗ tur Aber das Wetter zieht näher heran, und das Gewölke wächst und wächst, und legt ſich wie ein rieſiger Drachen über die Erde. Todten⸗ ſtille herrſcht rings umher. Jetzt plötzlich fährt ein Windſtoß durch die Flur. Hoch wirbeln die Wolken des Staubes, die Bäume ſchütteln zor⸗ nig ihre Wipfel, die Aeſte knarren, die Bäche rauſchen wilder, und eintönig pfeift der ſchnau⸗ bende Sturm durch die Felſen. In tiefe Nacht verſunken liegt die Welt. Dumpf und zornig grollen die Donner Einzelne Blitze zucken durch die Luft, und zeigen auf Momente der Erde fahles, todtenbleiches Antlit. Jetzt werden die Donner lauter, die Blitze ziſchen Schlag auf Schlag. Ein zweiter Titanenkampf, ſteht der Himmel in furchtbar erhabenem Streite mit der Erde. Nacht wüthet gegen Tag, Waſſer gegen Feuer. Da fallen einzelne ſchwere Tropfen, die Wolken öffnen ſich, und ergießen Ströme des Regens, als wollten ſie, des Kampfes müde, die Feſte in ihren Fluthen erſäufen. Endlich!— ich! legt ſich das Toben. Knurrend ent die zerriſſenen, ſchwarzen elgebilde folgen ihnen wie Wie neugeboren lacht die Welt. Die Wälder grünen friſcher, die Wieſen ſaftiger, die Blumen lächeln in Thränen, die Vögel jauchzen entzückt Hymnen des Dankes, und ein erquickender Duft weht durch das All. Da ſinkt die Sonne; ihre letzten Strahlen krönen die Gipfel der fernen — 236— Berge; aber die Freundliche eilt unaufhaltſam da⸗ von, das Gold ſchmilzt in ein ſanftes Roth, ihm folgt ein leisgehauchtes, duftiges Violet und da auch dieß erſtirbt, verſchwimmt die Welt in den Nebeln der einbrechenden Nacht. Schweigend und ernſt hatten beide Freunde der großen Naturerſcheinung gelauſcht. Mit trü⸗ ben, bangen Ahnungen hatte ſie das dumpfe, ſchwüle Heraufziehen des Gewitters erfüllt. Muth und Kraft rief ihnen der Kampf der Elemente —— frohe Zuverſicht r Sieg des Lichtes zurück. „Gab uns hier nicht dies r ein treues Bild unſeres Erdenlebens?“ frug e T ganze Daſein ein wi an uns una ſanft und freundlich au f „Und bei deſſen Au die fernen Berge, un wie jetzt die Welt!“ rief Zulun „Um mit dem neuen Morgen eine ſchönere Sonne erſtehen zu ſehen!“ ergänzte Kos ciuszko. * 6 5 — „Ich fühle mich durch dieß großartige Schauſpiel mächtig geſtärkt Soll ich Dir geſtehen Julian, daß mich heute zum erſtenmale die Sorgen um unſere Sache auf eine räthſelhafte Weiſe nieder⸗ beugten?— Lag es im Wetter, oder in dem un⸗ behaglichen Gefühle das fremde Treuloſigkeit in uns erregt— kurz es laſtete, wie eine böſe Ahnung, ſchwer und bang auf meiner Seele. Selbſt die Vortheile, die wir heute erfochten, wollten mich nicht völlig tröſten.“ „Welch' rechtlich geſinnten Mann würde das Verfahren der fremden Mächte nicht kränken und niederbeugen?“ „Mögen ſie handeln wie ſie es vor Gott und den Menſchen verantworten können. Ich habe wie geſagt, durch den Kampf der Elemente meine ganze Kraft und Zuverſicht wieder gefunden und die Ueberzeugung gewonnen: daß auch mein Va⸗ terland früh oder ſpät, ſich aus den Kämpfen ſiegreich erheben wird. Thun wir dafür was in unſern Kräften ſteht, der kommende Morgen wird uns Gelegenheit bieten unſeren Willen durch Thaten zu bekräftigen“ — 238— Niemcewicz ſchüttelte ſtumm die darge⸗ reichte Hand Kosciuszkos. Tief ergriffen ſetzte er ſich dann zu den Füßen des Freundes nieder, zog ſeine Brieftaſche hervor und begann in dieſelbe zu ſchreiben. Thaddäus ſtörte ihn nicht. Gedankenvoll in die dämmernde Ferne ſchauend, ließ er ſein ganzes Leben an ſeiner Seele vorüberziehen, als wolle er,— der zum Tod bereite Krieger— daſſelbe noch einmal über⸗ blicken Und es grüßten ihn manch' wohlbekannte Geſtalt. Der edle menſchenfreundliche Washing⸗ ton, der jugendliche Held Lafayette, Pu⸗ lawski und alle die treuen Waffengefährten jener andern Hemiſphäre glitten an ihm vorüber, den Ruhmesgenoſſen ermahnend zu fröhlicher That⸗ kraft. Aber über allen den luftigen Erſcheinun⸗ gen ſchwebte das Bild Louiſens wie die er⸗ wärmende Sonne über der ſterbenden Erde. Hef⸗ tig preßte er das blutgetränkte Tuch der Geliebten das er ſo treu am Herzen trug, wider die hoch⸗ klopfende Bruſt, und ſeine Seele verſenkte ſich tief in den unerſchöpflichen Born ſeiner Liebe. Da weckte ihn Niemcewicz, mit folgen⸗ — 239— dem, eben vollendeten Gedichte, aus ſeinen Träumen. Der Donner ſchweigt, es flieht in wildem Jagen Des Ungewitters ſchwarze Wolkennacht. Statt ihrem Groll,— vom reinſten Blau getragen Der Sonne letzter Blick Verſöhnung lacht! In Jubel kehret ſich der Vögel Klagen, Die Erde blühet in verjüngter Pracht, Und Berg und Thäler hauchen Balſamdüfte Als Dankesopfer in die reinen Lüfte. Der Frühling iſt der Welt zurückgegeben, In ſüßem Frieden lächelt die Natur. Der Liebe ſanftes Walten, Wirken, Leben Erfüllet Thal und Höhen, Wald und Flur. Nur dieſem Ziele gilt des Weltalls Streben; Der Menſch allein verkennt der Gottheit Spur, Er ſteht gerüſtet mitten in dem Frieden, Um ſeinem Bruder Tod und Schmach zu bieten. Wie blitzen in der Sonne letztem Strahle Die Waffen beider Heere, wohl bewehrt, Gerüſtet ſtehen ſie im engen Thale, Das jetzt ſo blühend, morgen ſchon verheert, Wohl vielen pochet heut zum letztenmale Das Herz, das nach dem jungen Tag begehrt; Denn mit des nächſten Morgens frühſtem Tagen, Wird der Entſcheidung blut'ge Schlacht geſchlagen. Die Nacht bricht ein, rings herrſcht ein tiefes Schweigen— Was kümmert die Natur des Menſchen Noth— * — 240— Die Sterne wandeln fort in ew'gen Reigen, Das Ird'ſche nur berührt der kalte Tod. Und wie ſie ſinken und allmählig bleichen, Seh' ich im Geiſt ein neues Morgenroth, Der Ahnung Schauer flüſternd mich umwehen: „Nicht werd' ich euch ihr Sterne wiederſehen.“ Da faßt die Bruſt ein namenloſes Sehnen Nach allem was dieß Herz hier einſt geliebt; Es war ein ſüßes Hoffen, ſchönes Wähnen! Klagt nicht ihr Theuren daß ich euch betrübt! Doch wenn ich falle, zollt mir Eure Thränen, Es ſei der Troſt, den mir die Liebe gibt, Das Vaterland hat zu dem Schwert gerufen, Wir ſammeln uns an ſeines Altars Stufen. Welch höhre Luſt hat wohl das ird'ſche Leben, Als für die Freiheit, für das Vaterland, In wildem Kampf ſein Herzblut hinzugeben, Der treuſten Liebe heißes Unterpfand. Schon fühl' ich mächtiger die Pulſe beben Schon klirrt das ſcharfe Schwert in meiner Hand. Willkommen denn des blut'gen Morgens Wehen: „Der Freiheit Sieg!— und Jenſeits Wiederſehen!“ Die Nacht war angebrochen; die Sterne fun⸗ kelten hell und freundlich hernieder, und ihr milder Schein verklärte die Umarmung zweier Freunde— — 241— Den nächſten Morgen verließen die Armeen ihre Verſchanzungen und rückten gegen einander. Die Ruſſen ſpornte das Verlangen die erlittene Niederlage zu rächen, und die ſchlecht bewaffne⸗ ten Inſurgenten mit einem Schlage zu vertilgen; die Polen begeiſterte ihre gute Sache. In kurzer Zeit ſtehen beide Heere in Schlacht⸗ ordnung. Kanonendonner eröffnet das Gefecht. Die Maſſen rücken gegeneinander. Der Kampf entſpinnt ſich. Von beiden Seiten ficht man mit Erbitterung und das Handgemenge wird immer heftiger. Wie Löwen kämpfen die Bauern. Ihre Sicheln mähen Schaaren der Feinde; was küm⸗ mern ſie die Kartätſchen die ganze Glieder nieder⸗ ſchmettern—„Vorwärts!“ tönt Kosciuszkos Stimme und vorwärts dringen die tapferen Schaaren. Kosciuszko iſt überall. Wunder der Tapferkeit bezeichnen ſein Erſcheinen. An ſei⸗ ner Seite blitzt Niemeewiczs Schwert Wer vermöchte den Helden zu widerſtehen, die von ei⸗ ner göttlichen Idee begeiſtert, für ihr Vaterland, für ihre Freiheit, für ihre Brüder und Schwe⸗ ſtern, für ihre Weiber und Kinder kämpfen. Je⸗ Nan, Th. Kosciuszko. III. Thl. 16 — der Pole iſt ein ſolcher Held und— Kosciuszko führt ſie an. Deniſow läßt vergebens immer neue Schaaren ſeiner Söldner nachrücken; die Naſſen erliegen der Idee. Die ruſſiſchen Colon⸗ nen weichen— der Sieg winkt den tapferen Polen—— da erſcheint plötzlich Fried⸗ rich Wilhelm I mitvierundzwanzigtau⸗ ſend Mann Preußen auf dem Schlacht⸗ felde. Kosciuszko erblaßt. Das hatte er nicht vermuthet! Aber ſeine Geiſtesgegenwart verläßt ihn keinen Augenblick. Wüthender, verzweifelter wird der Kampf. Thaddäus, den Säbel in der Fauſt, ſtürzt ſich in die dichteſten Haufen der Feinde. Zwei Pferde ſind ſchon todt unter ihm zuſammengeſtürzt. Er achtet es nicht. Tod und Verderben trotzend ſucht er das Schlachtfeld zu behaupten. Es war eine Ohnmöglichkeit. Das kleine Häufchen Polen mußte der Uebermacht der Ruſ⸗ ſen und den vierundzwanzigtauſend Mann Preußen weichen. Schon waren die polniſchen Generale Grochowski und Wodzicki gffallen; ſchon . — hatte die ungeheure Artillerie der Vereinigten die Reihen der Patrioten ſchrecklich gelichtet, als Kos⸗ ciuszko einſah: daß ein geſchickter Rückzug das einzige Rettungsmittel ſei. Noch ſteht er feſt und unerſchütterlich unter Hügeln von Gefallenen. Seine Stimme, ſein Beiſpiel ſammelt die Wei⸗ chenden, und ſo verläßt er, in meiſterhafter Ord⸗ nung, nach einem fünf Stunden langen Kampfe, die Wahlſtatt im Angeſichte der Feinde. Rußland und Preußen, jetzt wegen Polen vereint, hatten durch ungeheure Ueberzahl einen zweideutigen Sieg erfochten; aber noch lebte Kos⸗ ciuszko und ſein Heer, noch war Warſchau in der Patrioten Hände. Die Hauptſtadt zu ſchützen war nun des großen Feldherrn erſtes Augenmerk. IX. Der verſühnende Tod. „Dem alle Herzen ängſtlich ſchlagen, Den die Orakel prophezeihn, Er muß ja doch, er muß ja tagen, Der Tag der Zukunft bricht herein Der Hort der Freiheit wird gehoben, Der Thurm des Rechtes ſoll beſtehn Und über Alle, hoch von oben, Das Banner des Geſetzes wehn!“ R. C. Prutz⸗ In Frieden ruh' er, den wir nicht mehr ſehen! Laßt eine Hütt' auf ſeinem Grab uns bauen. Sein Huupt lieg' weſtwärts, denn ſein letztes Flehen Wur:„Krieger, o, nach Morgen laßt mich ſchauen!“ Ferdinand Freiligrach. Kosciuszkos ſcharfer Blick hatte ſogleich die Lage, in welcher ſich Polen jetzt befand, er⸗ meſſen. Alle Zweifel waren geſchwunden. Preußen, das ſich für Rußland entſchieden, war von nun — 245— an ebenfalls als Feind zu betrachten. Auch über⸗ fluthete es alſobald den Boden der Republik mit ſeinen Truppen, und drängte, im Vereine mit den Ruſſen, die Armee der Patrioten von allen Seiten. So lange ſich indeſſen Warſchau noch in den Händen der Inſurgenten befand; ſo lange der König,— wenn auch nur zum Scheine,— noch an der Spitze des Unternehmens ſtand, hatte daſſelbe noch eine feſte Stütze, konnte es zwar als bedrängt— nicht aber als unterdrückt angeſehen werden. Vor allem Anderen aber knüpfte ſich das Vertrauen des Volkes an die Erhaltung der Hauptſtadt, und nur von hier aus konnte es Kosciuszko möglich werden, die Begeiſterung der Nation zu erhalten, und überhaupt kräftig für das Wohl und Gedeihen der guten Sache zu wirken. Die vereinigten Mächte, dieſe Einſicht theilend, boten daher Alles was in ihren Kräften ſtand auf, Kosciuszko an der Erreichung der Haupt⸗ ſtadt zu verhindern. Nichts deſtoweniger gelang — 246— es dem talentvollen Feldherrn ihre Wachſamkeit zu täuſchen, ihren Liſten zuvorzukommen, ihre Angriffe zurückzuſchlagen, und nachdem er den⸗ ſelben nochmals ein mörderiſches Gefecht bei Blonie geliefert und dabei einen glänzenden Sieg errungen hatte, die Vorwerke Warſchaus zu erreichen. So ſchmerzlich die Unglücksfälle der letzten Zeit nun auch alle edlen Polenherzen berührt hatten, ſo empfindlich und empörend für dieſelben namentlich die Nachricht von dem Verluſte Kra⸗ kaus ſein mußte, welches durch den ſchändlichen Verrath ſeines treuloſen Commandanten Ignatz Winiawski an die Preußen übergeben worden, ſo wenig hatte die Nation den Muth verloren. Ja alle dieſe Schwierigkeiten reizten ſie nur zu einem kräftigeren Widerſtande, zu größeren Auf⸗ opferungen und Anſtrengungen. Gleich einem ſiegreich einziehenden Könge wurde Kosciuszko— der gerechte Stolz, die unerſchütterliche Hoffnung der Polen— empfangen. Unter lautem Jubel beſetzte er die Werke der Stadt, und nichts glich dem erhebenden Bilde, welches ſein Einzug gewährte ze — 247— Von dem herrlichſten Wetter begünſtigt, hatte dieſe Feierlichkeit ſtatt. In den hellen Strahlen der Juliſonne erglänzten die Zinnen des volk⸗ reichen Warſchaus Hoch, ſtolz und zuverſichtlich ragten ſeine Thürme in die blauen Lüfte, wie großmächtige Finger zum Schwure aufgehoben, alle Welt mahnend an die eigenen, eingegangenen Verpflichtungen. Wen ſeine Füße zu tragen ver⸗ mochten, der hatte Haus und Hof verlaſſen, und eilte nach den Wällen, die mit einer unzähligen bunten Menſchenmenge bedeckt waren, gleich als ob ſie eine finnige Hand mit Blumengewinden geſchmückt habe. Männer und Weiber, Mädchen und Jünglinge, Kinder und Greiſe ſtanden im beweglichen Gemenge, mit klopfendem Herzen den Helden der Nation entgegenjauchzend. Der pro⸗ viſoriſche Rath, ja ſelbſt Stanislaus Auguſt, hatte ſich eingefunden, den Dictator und ſein kleines Heer würdig zu empfangen, ruhte doch auf dieſen Männern die letzte Hoffnung des Va⸗ terlandes. Kosciuszko ergriff die Zügel der Regierung mit ſtarker Hand. Seine eigne Begeiſterung für — die Befreiung Polens, entflammte aufs Neue alle Gemüther und bewirkte das faſt Unglaub⸗ liche. Nur eine Nation die für ihre Erxiſtenz kämpft, iſt der Opfer fähig welche die Einwohner Warſchaus in dieſen Tagen brachten. Nur ein Gedanke belebte Alle, nur ein Wunſch war rege, nur ein Wille ward kund; mit Hingabe ſeiner Perſon und ſeines Eigenthums das bedrängte Vaterland zu retten! Kosciuszko's erſte Aufforderung an die War⸗ ſchauer ging dahin: die Werke der Stadt befe⸗ ſtigen und vergrößern zu helfen. Wie ein elek⸗ triſcher Funke durchzuckte dieſer Aufruf die Bevöl⸗ kerung. Die Läden und Magazinen ſchloßen ſich, die Werkſtätten ſtanden leer, die Beamten, deren Funktionen für den Augenblick ſuspendirt werden konnten, hörten zu arbeiten auf; die Webſtühle ruhten, die Schulen blieben ungeöffnet;— aber Kaufmann und Handwerker, Rathsherr und Soldat, Lehrer und Schüler, Beamter und Geiſtlicher, Edelmann und Bauer, Freier und Leibeigner, Chriſt und Jude,— Alle!— Alle!— arbeiteten in brüderlicher Einigkeit, mit unermüdlichem Fleiße, an den Schanzen und Wällen der Stadt, die der guten Sache den letzten Schutz bieten ſollten. Mit Rieſenſchritten wachſen die Arbeiten. Boll⸗ werke, Schanzen, Batterien und Schießgerüſte erſtehen mit unglaublicher Schnelligkeit, und die ſchwierigſten Unternehmen werden mit Leichtigkeit ausgeführt, denn Einigkeit leitet jedwedes Werk. Stanislaus Auguſt ſelbſt erſcheint auf den Wällen. Mit der ihm angeborenen Liebens⸗ würdigkeit ermuntert er die Menge Ja der König ergreift, unter dem Zujauchzen des Volkes, mit eignen Händen einen Spaten, und wirft, um durch ſein Beiſpiel anzufeuern einige Schaufeln Erde auf. Aber auch das zartere Geſchlecht will nicht zurückſtehen bei dem Wettkampfe des Edelmuthes. Aus den dunklen Thoren der Stadt bewegt ſich, unter den Klängen einer rauſchenden und krie⸗ geriſchen Muſik ein langer, kaum endender Zug. Nahe an dreitauſend Frauen und Mädchen aus allen Ständen ſind es, die vornehm und gering, reich und arm, edel oder bürgerlich ſich den ar⸗ beitenden Männern anſchließen wollen. Sie führt, — 250— hoch zu Roß im Schmucke blanker Waffen, eine kräftige, kühne Geſtalt.— Es war das edle Fräulein Zenowicz. Einer Amazone gleich ſprengt ſie daher Das feurige Auge kündet Muth und Entſchloſſenheit, und ihrer Rede Fluß be⸗ geiſtert ihre Schaaren. Ha! welch' ein Anblick! da Volk und Fürſt, da Mann und Weib nun an dem Bollwerke ar⸗ beiten, das Freiheitsſinn der Tyrannei entgegenſetzt. Baut auf! baut auf! ihr edlen Menſchen!— Ihr baut Euch den Tempel der Unſterblichkeit!— Laßt pfeifen ihre Kugeln, laßt ſtürzen Euer großes Werk, zertrümmert von der Uebermacht und der Gewalt!— Was Ihr gethan, was Ihr ge⸗ opfert, wird die Nachwelt nicht vergeſſen. So lang die Welt in ihren Fugen bleibt, ſo lange die Geſchichte thronet auf der Wahrheit Stuhl, ſo lang noch gute Menſchen auf der Erde wohnen, verſagt man nimmer Euch der Weh⸗ muth und der Achtung Zähren, grüßt man die Polen als einedles Volk!—— Warſchau ward eingeſchloſſen und ſchrecklich bedrängt. Aber noch lebte Kosciuszko und noch war Polen nicht verloren! Die Augen der ganzen civiliſirten Welt waren nach der Weichſel gerichtet, einen Kampf beobach⸗ tend, der Rom und Sparta's würdig war. Die Belagerten hielten ſich mit unglaublicher Tapferkeit, ſo ſehr ſich auch die Belagerung in die Länge zog. Sie ermüdeten nicht, den zehnmal ſtärkeren Feind durch raſch aufeinander folgende Ausfälle zu beunruhigen und zu ſchwächen, und waren endlich ſo glücklich ihre heroiſchen Tugenden belohnt zu ſehen. Kosciuszkos Anordnungen, ſeine Thätigkeit, ſeine Kriegserfahrenheit und Aus⸗ dauer trug den Sieg davon, die Preußen zogen ſich am 6ten September unverrichteter Dinge zu⸗ rück, die Ruſſen folgten ihrem Beiſpiele, und— Warſchau war gerettet. Die Dankbarkeit der Polen für ihren großen Feldherrn kannte keine Gränzen. Das Volk, der hohe Rath ſelbſt, beſtanden auf der Feier eines ſtolzen Triumphes, der zu Ehren des Die⸗ tators begangen werden ſollte; aber der be⸗ ſcheidene Kosciuszko ſchlug dieſe Auszeichnung dankbar ab. Konnte ihm doch keine äußere Pracht und Herrlichkeit das füße Glück gewähren, — 252— welches ihm das Bewußtſein: ſein heißgeliebtes Vaterland gerettet zu haben, gab. Den ſchönſten Triumph aber feierte er, als er an dem Abend jenes großen Tages, ermüdet von Geſchäften, ſich niederlegte, und dem Entſchlummernden nun Louiſens Bild erſchien. Ein unausſprechliches ſanftes Lächlen war über ihre Züge ausgegoſſen, leiſe neigte ſich die Holde zu ihm herab, ihre Hand berührte ſegnend ſein Haupt, ihre ſchönen Augen erglänzten in frommer, heißer Liebe, und ſchauten ihn lange entzückt an, dann ſchloſſen ſie ſich allmählig, wie die einer Ueberglücklichen, ſie ſank ſelig an ſeinen Buſen und lispelte: Thaddäus ich bin Dein, denn ich bin Polen, Deine Braut, die Du heute aus den Armen des Feindes errettet. Und Entzücken umgaukelte ihn, und löste ihn auf in Seligkeit, und er wiegte ſich auf den Wogen einer unbeſchreiblichen Luſt, bis die wild ſchäumende, ihn— betäubend— ver⸗ ſchlang, und er, mit dem Gedanken an Louiſe, in eine ſüße Bewußtloſigkeit verſank. O ihr Träume! ihr wunderbaren Blicke in — 253— eine geiſtigere Welt, welch' zauberiſche Macht übt ihr auf das arme Menſchenherz?— Dem böſen Gewiſſen entſprungen, ſteigt ihr auf, un⸗ willkommene Mahner der eigenen Schuld. Oder ihr ſpinnt geſchäftig den blutrothen Faden der Sünde weiter, den der wachende Geiſt kaum anzuknüpfen gewagt, warnend den Schlummern⸗ den vor den Thaten des Wachenden. Aber auch freundlich ſenkt ihr euch hernieder, und über⸗ ſchüttet mit ſchöpferiſcher Hand die Armuth mit allem dem Erdenglück, welches ihr die harte Wirklichkeit verſagt. Und Liebesboten ſeid ihr, wenn ihr die Pforten öffnet, die keine Macht ſonſt erſchließen mag, und uns aus der dunklen Cwigkeit die lichten Schatten derjenigen zuführt, die uns einſt auf Erden ſo theuer waren, und die nun das unerbittliche Grab in ſeinen Tiefen birgt. Und Liebesboten ſeid ihr auch, wenn ihr dem Herzen das Herz zuführet, das es ſo glühend liebt, und welches das Leben mit ſeiner rauhen Nothwendigkeit oder ſeinen ſtarren Convenienzen von dem Schlafenden entfernt hält. O! wer hätte ihn noch nicht geſchaut, euren — 254— bunten, lieblichen Zauber; wer noch nicht ge⸗ fühlt die erſchütternde Seligkeit eines Traumes, der uns alles das gewährt, nachdem unſere Seele wachend lechzt. Kosciuszko hatte ein ſolcher Bote des Himmels ſchon einmal beglückt; in Kosciuszkos Buſen zitterte auch der heutige lange nach, und ermuthigte ihn, und feuerte ihn an, zu heißerer Liebe und zu größeren Thaten.— Der Dictator hatte nun die ſchwere Aufgabe zu löſen: das, von zwei Feinden angegriffene Land, ſo wie die Hauptſtadt, dem Beſitze der Patrioten auch ferner zu ſichern Sein ſchöpferiſches Genie wußte aber auch hierfür Mittel zu finden. Mit klarem Blicke überſah er die Lage der Dinge, mit feſter Hand lenkte er Heer und Regierung. Die Generale Mada⸗ linski und Dombrowski wurden mit zwölf tauſend ann nach Süd⸗ und Weſtpreußen geſandt, um die Feinde zu beſchäftigen und aus einander zu halten, während Kosciuszko ſelbſt, an der Spitze der Hauptarmee die Haupt⸗ ſtadt des Reiches wahrte. Sein Plan gelang vollkommen, und während — 5 beinahe drei Monaten wagten die Feinde kein Haupttreffen. Da erſchien der ruſſiſche General Suwarow mit einem ungeheuren Heer in Vollhynien, und mit ihm neigte ſich Polens guter Stern ſeinem Untergange zu. Suwarow erdrückte, aller Tapferkeit ungeachtet, die ihm entgegen tretenden polniſchen Haufen. Selbſt Sierakowski mußte, nach einem achtſtündigen mörderiſchen Kampfe erliegen und die Ruſſen drangen nun, wie die Wogen eines Meeres, das die ſchützenden Dämme durchbrochen, unauf⸗ haltſam herein, und wälzten ihre Macht der Hauptſtadt zu. Warſchau war in Beſtürzung, nur Kosciuszko blieb, obgleich er ſeinen Plan vereitelt ſah, feſt und ruhig. Jetzt galt es die ganze Energie aufzubieten, deren ein, auf das Aeußerſte gebrachtes, Volk fähig iſt, denn — der Augenblick der großen Entſcheidung war gekommen. Thaddäus ſäumte nicht. Er ſam⸗ melte ſeine Treuen, wie ein Vater ſeine Kinder, und zog dem mächtigen Feinde muthig entgegen. Es war im Anfang Oktobers des Jahres 1794, als er bei Macieiowice, einem Land⸗ — 256— gute des Grafen Zamoyski, ſein Lager auf⸗ ſchlug. Kosciuszko hatte vollauf zu ithun und erſt gegen Abend fing es an in ſeinem Zimmer ruhiger zu werden. Unter den Tauſenden von höchſt wichtigen Geſchäften, war ihm heute eine ganz beſondere Freude beſcheert worden. Paul war, im Auftrage ſeines Generals, aus Litthauen zurückgekehrt, und hatte ihm,— nebſt der frohen Botſchaft: daß Louiſe, mitten in den Stürmen des Krieges, ungekränkt und ruhig in ihrer Einſamkeit lebe, einige Zeilen von ihrer Hand überbracht. Beides— dieſe Nachrichten ſowohl, als auch das Wiederſehen ſeines Pauls, ſtimmte den Oberbefehlshaber ungemein freudig, und er ging, als ihn der Hauptmann auf kurze Zeit verlaſſen, ſtill, glücklich und in ſich ge⸗ kehrt mit raſchen Schritten in dem Zimmer auf und ab. Je freudiger er aber war, deſto unange⸗ nehmer überraſchte ihn in dieſem Augenblicke der Beſuch des alten Deutſchen, der, auf den Arm eines Knaben geſtützt, in das Kabinet des Feld⸗ herrn trat. Kosciuszko wollte, in der erſten — 257— Aufwallung ſeines Blutes, die der verhaßte An⸗ blick ihm erregte, dem Alten mit Strenge ſeine Zudringlichkeit verweiſen, als er aber die gebückte Geſtalt näher betrachtete, durchrieſelte ihn jenes ſonderbare Grauen, welches er nie in dieſer Ge⸗ ſellſchaft zu verbannen wußte. Der Greis war in der letzten Zeit zuſehends zuſammengefallen. Seine Augen lagen noch tiefer als gewöhnlich, ſeine Hände und Finger waren dürrer geworden, ſeine Wangen noch mehr eingefallen, ſein Athem ging ſchneller und doch ſchwerer als bisher, und ſein ganzes Weſen, ſo wie die abgezeichnete Gluth ſeiner hohlen Backen, ſchien auf ein Fieber zu deuten, das ihn innerlich verzehre. Kosciuszko hatte nicht ſobald dieſe Be⸗ merkung gemacht, als Mitleiden, verbunden mit jener Beklommenheit, jeden Zorn in ihm erſtickte. Er blieb daher ruhig vor dem Eingetretenen ſtehen und fragte denſelben nach ſeinem Be⸗ gehren. Der Alte hob mühſam das kahle Haupt. Seine Züge hatten ſich nicht verändert, ſie trugen ſelbſt jetzt noch, den Stempel des eingefleiſchteſten Rau, Th. Kosciuszko. III. Thl. 17 — 258— Haſſes. Er blickte Thaddäus lange graß und ſchweigend an, und ſagte dann mit hohler Stimme: „Ihr ſtaunt mich an, Feldherr? ja, ja! Die Laſt des Lebens und der ertragenen Leiden fängt an den Körper zu beugen. Aber glaubt mir, obſchon ſeit jenem Tage, an welchem ihr mich halb erfroren in dem Walde fandet, manch' Jährchen verſtrichen iſt, ſo blieb der Geiſt ſich dennoch gleich. Mein Ziel iſt noch ſo wenig erreicht als das Eure; aber dem Greis iſt die Zeit knapper zugemeſſen als dem Manne. Ich muß eilen die Früchte meiner Saaten zu erndten.“ „Damit eilet nicht, alter Mann,“ entgegnete finſter Kosciuszko,„denn was Ihr geſäet, kann keine gute Früchte tragen.“ „Soll auch nicht, Feldherr, ſoll auch nicht!“ rief heftig der Deutſche.„Ich habe Haß ge⸗ pflanzt und will Haß erndten. Iſt erſt meine Rache befriedigt, dann ſchließe ich gern die müden Augen zu.“ „Schweigt!“ zürnte Thaddäus,„und ver⸗ ſchonet mich mit den Ausbrüchen Eurer eckel⸗ —.— —.— — 259— haften Leidenſchaften. Gott mag Euch alten Sünder vergeben!“ „General!— das verſteht Ihr nicht. Wer das gelitten was ich litt..... 4 „Was iſt Euer Begehren?“ unterbrach hier Kosciuszko die Rede des Alten, ungeduldig und ärgerlich über die unangenehme Störung. „Mein Werk in Polen iſt vollendet“— fuhr der Alte fort—„Ich habe Briefe erhalten, die mir melden, daß es in meinem Vaterlande un⸗ ruhig wird. Meine Bemühungen wirken. Der Geiſt der Amerika, Frankreich und Polen ent⸗ flammte, ſcheint endlich auch bei uns gezündet zu haben. Jetzt bin ich da drüben nöthig, um die Gluth zu ſchüren, damit ſie zum hellen Brande wird, deſſen gefräßige Zungen die Sündenkrone ſchmelzen.“ „Und was ſoll das mir?“ frug erſtaunt Kos⸗ ciuszkv. „Nichts, Feldherr, als einen Paß zu meiner Heimreiſe, damit mich die Euren nicht in ihrem Eifer für einen Spion halten.“ „Einen Paß!“ rief leichter aufathmend Thad⸗ — 260— däus,„den ſollt Ihr ſogleich haben; aber dann macht auch daß Ihr über die Gränze kommt“ Der Gedanke den Alten fern von ſich zu wiſſen, erleichterte ordentlich Kosciusz kos Seele. Kein Aberglauben knüpfte ſich an ſein Er⸗ ſcheinen; aber die Grundſätze des Alten waren de⸗ nen des Feldherrn ſo ſcharf entgegengeſetzt; verletz⸗ ten ihn in ihrer Schroffheit ſo hart und empfindlich, daß die Gegenwart ihres Trägers nur drückend auf den edlen Polen wirken konnte. Er bot dem Alten daher in ſeiner angenehmen Ueberraſchung Geld und alles zur Reiſe nöthige an, und wandte ſich, da gerade in dieſem Momente Niemce⸗ wicz eintrat, mit der Bitte an denſelben, dem Alten ſogleich einen Paß nach Deutſchland aus⸗ zufertigen. Julian ſetzte ſich augenblicklich nieder, er⸗ griff Feder und Papier und frug dann den Greis nach ſeinem Namen. „Johann Steffan!“ entgegnete derſelbe. „Steffan?!“ rief Kosciuszko überraſcht und wandte ſich dem Alten neuerdings zu. „Ja, General, einfach: Johann Steffan. —— „— Ich habe meinen Namen früher verſchwiegen,— weil ich immer in gefährliche Unternehmen ver⸗ wickelt war,— und— meine Haut nicht vor der Zeit zu Markte tragen wollte“ „Steffan!“ wiederholte Thaddäus.„Hattet Ihr nicht einen Sohn?“ „Herr woran erinnert Ihr mich!“ rief mit auffallend bewegter Stimme der Alte.„Ich hatte zwei Söhne.“ „Und einer ging nach Amerika? nicht wahr?“ „Ja!“ ſchrie der Gefragte mit blitzenden Augen, „Ja freilich! man hatte ihn ja dahin verkauft!“— Der Alte zitterte an Arm und Bein, ſo gewaltig hatte ihn die traurige Erinnerung ergriffen. Er deckte mit den dürren knochigen Händen das Geſicht. Kosciuszko ſtand ſprachlos. Er hatte in dem wüthenden Alten den Vater ſeines Pauls entdeckt. „Laßt's gut ſein,“ fuhr nach einer Pauſe der Alte ruhig fort.„Ich muß mich ſchonen,— denn ich bin alt und ſchwach, und ſolche Er⸗ ſchütterungen— rütteln zu gewaltig an mir.— — 262— Mein Paul ſchläft wohl längſt in Amerikas kühler Erde den langen tiefen Schlaf Er ſchlummre ruhig,— denn ich werde ihn mit einem fürchter⸗ lichen Todtenopfer rächen!“ „Gelobt ſei Gott!“ rief hier Thaddäus aus—„ich habe den Schlüſſel zu Eurem Herzen gefunden. Ich löſche auf ſchönre Weiſe Euren Haß.“ „Wie ſo?“ frug zweifelnd und kalt der Alte. „Wenn ich Euch nun das wiedergebe, deſſen Verluſt jene bittre Gefühle in Euch erzeugt?“ „Sterblicher!“ entgegnete finſter der Greis— „vermagſt Du die Gräber zu öffnen?— Ver⸗ magſt Du mir auch die wieder zu geben, die mein Herz ſo unendlich liebte, die meines Daſeins Freude und Stütze waren, und die die Unmenſch⸗ lichkeit eines Tyrannen mir geraubt?— Kannſt du die Wunden der Seele, die nie vernarben, heilen? Die Qualen vernichten, die ich durch ein langes elendes Leben geſchleppt?— Ich lag wehklagend über der Leiche meines älteſten Kindes, das frevelhafter Uebermuth ermordet!— ich mußte dulden daß ſein Mörder meinen zweiten Sohn, — 263— die letzte Hoffnung meines Alters, meine einzige Stütze, mein Alles von meinem Herzen riß, und ihn verkaufte,— für ſchnödes Geld verkaufte und zur Schlachtbank führte. Ich mußte ertragen, daß man meine Ehre untergrub, mir Hab und Gut, das wohlerworbene, raubte, und mich— wie einen Hund— von meiner eignen Schwelle ſtieß. O ſchaudert nicht zurück, das iſt ein kleiner Theil des Jammers den ich trug, der größte war: daß ich mein heißgeliebtes, braves Weib vor meinen Augen langſam am bleichen Kummer ſterben ſah. Weil ſie dem unlautern Willen der Gewalt ſich nicht gebeugt, ward ſie die unſchuld'ge Urſache all dieſes Elendes— dieß brach ihr rechtlich, liebevolles Herz— ſie welkte wie des Herbſtes zerknickte Blume— Ich hatte nichts, nichts mehr als ſie, und mußte ihr nach langer Qual die müden Augen in dem Tode ſchließen.— Herr Gott vergib!— mit ihrem letzten Blicke wich der gute Engel— auf ihrem Grabe ſchwur ich blut'ge Rache!“ Der Alte lehnte kraftlos auf ſeines Führers Arm. Der Athem war ihm faſt ausgegangen, ſein Herz — 264— hämmerte in wilden Schlägen, in ſeinen Augen flackerte ein unheimlich, unſicheres Licht. Nach einer Pauſe fuhr er in abgebrochener Rede mit ſchwacher Stimme fort: „Und— ich hielt Wort. Ich that was an mir war,— die Macht des Schändlichen— der all dieß Elend über mich und tauſend Andere gehäuft— zu untergraben. Mein Leben ward unſtät und flüchtig.— Mit Polen— Frank⸗ reich— Amerika— knüpft ich an, die Fäden ſind geſponnen— und ich hoffe— noch eh' dieß Aug' ſich ſchließt— der Rache Vollgenuß zu koſten!“ „Hört auf!“ unterbrach hier Thaddäus den Alten.„Ihr habt viel, ſehr viel gelitten; aber das Aergſte entſchuldigt Euren unmenſch⸗ lichen, unverſöhnlichen Haß nicht Gott iſt der ew'ge Richter— greift ihm nicht mit all zu keker Hand in ſein geheiligt Amt!— Und daß Ihr ſeht, daß ſeine Liebe noch immer lebet, ſo wißt: ich bin vermögend Euch eines der Gräber zu erſchließen.“ „Was!?“ ſtöhnte der Alte, und taumelte ent⸗ — 265— ſetzt und ſchwindelnd zurück, ſo daß ſein Führer ihn neuerdings ſtützen mußte.„So— ſo— lebte— vielleicht— mein Sohn, mein Paul noch?“ „Hier bin ich!“ ſagte der eintretende Haupt⸗ mann.„Haben Sie befohlen General.“ Eine Todtenſtille folgte dieſen Worten. Alle ſtanden regungslos, und Paul ſchaute verwun⸗ dert ob der ſeltſamen Gruppe. Da fing der Alte ſich zu beleben an. Wankend, die Hände vorge⸗ ſtreckt, wie ein Blinder der nach den Gegenſtänden tappt, die Augen weit aufgeriſſen, athemlos, die wenigen, weißen Haare geſträubt, ſchritt der gebeugte Alte auf den Hauptmann zu, der erſtaunt einige Schritte vor der ſchrecklichen Ge⸗ ſtalt zurückwich. „Paul!“ rief da beklommen Kosciuszko— „kennſt du den Alten nicht?“ „Nein! mein General,“ erwiederte dieſer— „daß ich nicht wüßte.“ „Und dein Herz, dein Herz!“ rief Thad⸗ däus bewegt,„ſagt es dir nichts?“ „Mein Herz?“ ſchrie Paul—„gerechter Gott!— das iſt der Alte den ich zu Wioming ſah! Sollte ich mich damals nicht getäuſcht haben — ſollte es. „Mein Vater!“ riefen Beide und lagen ſich ſtumm in den Armen. Kosciuszko hatte Niemcewicz's Hand ergriffen und drückte ſie, ſeine Gefühle zu erſticken, mit fürchterlicher Gewalt. Noch hielten ſich Vater und Sohn um⸗ ſchlungen. Da wankten die Kniee des Alten, er brach zuſammen, und— lag todt in des Haupt⸗ manns Armen.— Die Freude hatte ſein Herz gebrochen. Paul ſank ſprachlos vor Schmerz über die Leiche. Nach langen, langen Jahren hatte er ſeinen Vater wiedergefunden, um ihn im gleichen Augenblick auf ewig zu verlieren. Kosciuszko durchrieſelte es kalt. Sanft legte er die Hand auf Pauls Haupt und ſprach: „Einen Troſt darf ich Dir geben: er ſtarb einen verſöhnenden Tod. Ein Entzücken löſchte das verklimmende Licht. Bitteres Unrecht hat ihn zertteten, und ſeines Lebens Nahrung ward der Haß. Da trat die Liebe zu ihm— und ſein Herz brach. Aber glaube mir, all ſein Haſſen— war nur verhüllte Liebe,— Liebe, die er nun erkennen, in deren Schooß er glücklich ſein wird“— X. Finis Poloniae! „Dieß iſt die böſe Frucht von böſen Saaten, Von feiger Kurzſicht wuchriſch ausgeſtreut, Die nimmermehr die kräft'ge That verzeiht, Und an den Feind das Vaterland verrathen.“ Ernſt von Münch. Denkſt du daran wie in des Kampfes Wettern, Mein Säbel blitzte ſtets in deiner Näh'? Als du verlaſſen von des Sieges Göttern, Hinſinkend riefſt: finis Poloniae! Da ſank mit dir des Landes letztes Hoffen, So vieler Heil in einem einz'gen Mann! Daß damals mich dein Trauerblick getroffen, O großer Feldherr, denkſt du noch daran? Carl von Holtei. Kosciuszko war lange durch nichts ſo tief erſchüttert worden, als durch den Tod des alten ——— — 269— Deutſchen. Sein redliches Herz theilte aufrichtig den Kummer des Sohnes. Aber die Anforde⸗ rungen des Augenblickes lagen ſo ſchwer auf ihm, daß er ſeiner Wehmuth keine Nahrung durch Nachdenken geben konnte; doch zitterte ein drü⸗ kendes peinliches Gefühl in ihm fort, und über⸗ ſchattete wie eine trübe Ahnung ſeine Seele. Ein einzigesmal in ſeinem bisherigen Leben hatte ihn eine ähnliche ängſtliche Gemüthsſtimmung gepei⸗ nigt; es war dieß an jenem Tage der mit ſei⸗ ner und Louiſens unglücklicher Flucht endete. Die Erinnerung, daß ihn damals jene Stim⸗ mung nicht getäuſcht, und das bevorſtehende Un⸗ glück gleichſam angekündigt habe,— war eben nicht geſchaffen ihn heute ähnlichen Befürchtungen zu entziehen. Wir Menſchen ſind nun einmal ſo: zwiſchen Entſchluß und Ausführung liegt der quälende Zuſtand des Wiedererwägens. Ein Zu⸗ ſtand der für den Schwachen eine Hölle von Zweifeln enthält, während er den ſtarken Geiſt nur ernſter ſtimmt und kräftig. Kosciuszko gab das Unglück, welches ſeine Nation in den letzten Zeiten getroffen, der Tod des Alten und — 270— die bevorſtehende Schlacht, Stoff genug zum Nachdenken, und es bedurfte wahrlich eines ſo feurigen Kopfes, einer ſo großen Seele, um ſich über Zweifel, bange Ahnungen und Unent⸗ ſchloſſenheit empor zu heben, um mit der nöthi⸗ gen Ruhe und Klarheit auch noch jetzt über das Wohl der, auf ihn bauenden Nation, zu wachen. Aber eben die Erkenntniß ſeiner Lage, und das Bewußtſein: daß von ihm und ſeinen Maß⸗ regeln die er jetzt treffen würde, daß Wohl und Wehe— ja die ganze politiſche Exiſtenz eines edlen Volkes abhänge, waren es, die ihn über die Schwäche der menſchlichen Natur hoben. Sein„Ich“ mußte zurücktreten, denn das Vater⸗ land gebot, Polen ſtand auf dem Spiel. Thad⸗ däus wandte ſeine ganze Aufmerkſamkeit den mi⸗ litäriſchen Anordnungen zu. Mit der ihm eigenen Taktik hatte Kosciuszko eine, von der Natur aufs herrlichſte begünſtigte Stellung genommen, und wandte nun alle ihm zu Gebote ſtehenden Kräfte auf, dieſelbe auf das Schleunigſte und Zweckmäßigſte zu befeſtigen Hier — wollte er mit ſeinen Diviſionen den Feind er⸗ warten; während er dem, drei Meilen von ihm entfernt ſtehenden, General Poninski die Ordre ſandte, ihm— ſo bald er angegriffen würde— zu Hülfe zu kommen und den Ruſſen in die Flanke zu fallen. Der Plan des Diktators war vortrefflich— aber— der Fluch der einſtens Kain traf laſtet ja noch auf dem Menſchengeſchlechte— noch gibt es Judas die ihren Meiſter, noch Menſchen die ihr Vaterland verrathen!— Auch Kosciuszkos Schaar barg einen ſolchen.— Suwarow erfuhr das Vorhaben des Diktators, und ver⸗ eitelte mit einem Schlag deſſen Entwürfe. Poninski wurde von dem Haupttreffen abge⸗ ſchnitten, die ruſſiſchen Generale Ferſen und Deniſow vereinten ohne Schwierigkeiten ihre beiden Corps, und die geſammte moskowitiſche Macht rückte auf das Lager zu. Kaum hatte Kosciuszko hiervon Nachricht erhalten, als er in größter Eile ſeine Truppen unter die Fahnen ſammelt. Noch einmal umarmt er Niemcewicz und Paul, ſprengt dann von — 272— gerechtem Zorn, von Feuereifer getrieben, vor die Colonnen und ruft: „Kameraden! Waffenbrüder! Elende Feigheit hat uns verrathen, jetzt gilt es eine furchtbare Schlacht. Es bleibt uns nur die unwiderrufliche Wahl zwiſchen Sieg— oder Tod!— Wollt Ihr noch das Vaterland befreien helfen? wollt Ihr noch mit mir Eurem Schwure treu bleiben?— Wer verzagen ſollte, der lege die Waffen nieder, ich ver⸗ ſpreche ihm, bei meinem Feldherrnwort, Befrei⸗ ung vom Dienſt! Wer aber treu bleibt der Ehre, dem Vaterlande und der Freiheit, der weihe ſich gleich mir dem Tode!“ Und unbeweglich, wie Felſen ſtehen die Co⸗ lonnen und„Vivat!“ ſchallt es in die Lüfte,„Vi⸗ vat Kosciuszko! Vivat Polen!“ „Wohlan denn, mir nach!“ ruft Thad⸗ däus, und unter dem Abſingen des National⸗ Liedes: „Jeszcze Polska nie zginela.“— („Noch iſt Polen nicht verloren.“ beziehen die to desmuthigen Schaaren ihre Poſten.— — 273— Da donnern die Kanonen, da ſtürmen die Ruſſen, mit dem Feldgeſchrei:„Warſchau, Rache!“ auf das Lager ein, da empfängt ſie ein fürchterliches Feuer und der Polen Ruf: „Sieg oder Tod!“ Den wilden Thieren gleich ſtürzen ſich die Ruſſen auf die Schanzen. Vergebens! ſie fallen zu Hunderten. Die Gräben füllen ſich mit Lei⸗ chen, über Todte und Verwundete hin ſtürmen neue Maſſen; aber auch ſie ſinken oder werden zurückgeſchlagen. Ferſen wird geworfen. Er wüthet. Zum zweitenmale führt er ſeine Schaa⸗ ren zur Schlachtbank. Was liegt an Tauſenden, die hier zum Opfer fallen, wenn er nur ſiegt. Gräßlicher heulen die Hörner, wilder ſchallt das Feldgeſchrei, lauter donnert das Geſchütz, bluti⸗ ger wüthet der Kampf. Umſonſt!— Umſonſt! und ſchwillt auch noch der Strom, und wälzen neue Schaaren ſich auch her— ein neu Ther⸗ mopylä, will Polens Leonidas hier ſeinem Vaterlande bauen. Zum zweitenmale weichen der Ruſſen ungezählte Maſſen. Doch Ferſen winkt, und hinter ſeine eigne Reihen, pflanzt er Rau, Th. Kosciuszko. IM. Thl. 18 die eigenen Kanonen auf. Jetzt Ruſſen habt Ihr keine Wahl!— Den Tod im Aug' und Tod im Rücken, bleibt Euch nur Tod zu geben und zu ſterben. Zum dritten Angriff ſchmettern die Trom⸗ peten, zum dritten Angriff führt das Reichspa⸗ nier. Da jauchzt der Tod, da fließt das Blut in Strömen, da wogt und wirbelt wilder noch der Kampf. Kein Schlagen iſt es mehr, es iſt ein graußig Würgen. Bruſt gegen Bruſt kämpfen die Wüthenden. Die Zähne ſelbſt ſie werden hier zu Waffen und aus der Menſchheit wird ein Tigerheer. Kosciuszko fliegt, wie Gottes Rächerblitz, bald hier bald dort in Rußlands dichte Schaa⸗ ren; zur Seite ihm ſein Freund ſein Julian, und Beide mähen luſtig in des Todes reifem Eh⸗ renfeld. Unkenntlich durch ſeiner Kleidung Ein⸗ fachheit, bezeichnen ſeine Thaten nur den Feld⸗ hauptmann. Doch ſeine Kinder jauchzen ihm ihr „Vivat!“ zu, und ſtehen feſt und ſtark, gleich ei⸗ ner Felſenmauer. Da löſet Suwarow mit ſeinen ausgeruh⸗ — 275— ten ſieggewöhnten Schaaren die müden ruß'ſchen Fechter ab. An Zahl und Kräften, an Disci⸗ plin und Waffen überlegen, werfen ſie der Po⸗ len Infanterie zurück Kosciuszko fliegt herbei die Reiterei zu halten. Drei Pferde ſind ſchon unter ihm getödtet, da trifft ein Lanzenſtich ihn in die linke Schulter. Er ſinkt. Doch Niem⸗ cewicz der ihm unzertrennlich folgt hat es be⸗ merkt. Er ſpringt herab und frägt beſorgt nach ſeines Freundes Wunde.„Nichts! Es iſt nichts!“ ruft der, den heißen Schmerz verbeißend,„heb' mich nur aufs Pferd, die Reiterei muß ſtehn, ſonſt ſind wir ja verloren!“ Julian gehorcht. Mit ſeiner Hülfe ſteigt Kosciuszko auf, und Beide eilen die flüchtige Cavallerie durch ihre Gegenwart zum Stehn zu bringen. Da ſtürzt ein Trupp Koſacken auf ſie her; ihm Nu ſind ſie getrennt. Thaddäus denkt nur an ſeine Reiterei, und fliegt der Ge⸗ gend zu, nach der dieſelbe ſich zurückgezogen. Ein breiter Graben ſperrt ihm den Weg. Er ſetzt die Spornen ein— hin fliegt das Roß— doch wie ſein flüchtger Fuß den Boden wieder findet, — gleitet es aus— und Roß und Reiter ſtürzen jach zuſammen. Raſch ſpringt er empor— um⸗ ſonſt— es ſprengen die Koſacken an. Ein bärt⸗ ger Kerl ſchwingt wüthend ſeinen Säbel; ein Hieb in ſeinen Nacken trifft den armen Polen, und in die Seite fährt ihm eine Lanze Da wird es finſter vor des Helden Blicken, — er wankt— noch einmal denket er des Va⸗ terlandes— und rufet ſinkend aus: „Finis Poloniae!“— Xl. Die Gefangenſchaft. „Auf zur Rache Brüder, Euch beſeelte Muth! Rächt mit Schwert und Brande Kosciusztos Schmach und Bande— Ach er opferte für uns ſein Blut! Er war brav und bieder— Ha! daß Polens Schutzgeiſt ſchlief Da ſchon Alles„Freiheit“ rief. Willig unſer Leben Für ihn hinzugeben, Zeige jeder Pole frohen Muth! Rächt den großen Helden, Der nur einzig iſt, Den nach tauſend Jahren Polen noch vermißt! Er verdienet Kronen um ſein Vaterland; Reichet ihm zu lohnen, Euch die Rächerhand. Schwört dem heil'gen Band Loſung ſei: Kosciuszkv, Vaterland!“ Polniſches Nationallied. Kosciuszko war mit dem Angſtruf„Po⸗ lens Ende!“ bewußtlos zu Boden geſunken. * — 278— Obgleich aber den Wunden des Unglücklichen das Blut in dichten Strömen entquoll, war dennoch die Mordluſt der ihn verfolgenden Koſacken noch nicht geſtillt. Warte Rebell!“ ſchrie mit rauher Stimme der Bärtige, der ihm eben den fürchterlichen Hieb in den Kopf verſetzt,— ich will dir dein Le⸗ benslicht ganz ausblaſen!“ und damit faßte er ſeine Lanze, ſchwang ſie mit ungemeiner Behen⸗ digkeit um den Kopf und ſtieß ſie in wilder Luſt nach dem Herzen des Ohnmächtigen. Aber ein gewaltiger Säbelhieb hatte der Lanze eine andere Richtung gegeben, und ſie fuhr nahe bei Kosciuszko mit ſolcher Macht in die Erde, daß der Eigenthümer derſelben, als er ſich von ſeinem Staunen erholt, ſie kaum mehr aus dem Boden zurückzuziehen vermochte. „Verfluchte Hunde!“ brüllte der, welcher eben den rettenden Streich gegen den Stiel der Lanze geführt—„Haltet ein, laßt mich das Geſicht des armen Teufels ſehn. Mir dünkt ich ſollte den Mann kennen.“ Mit dieſen Worten ſprang der Reuter ab, * — 279— und warf den Zügel ſeines unterſetzten, ſchweiß⸗ bedeckten Pferdes über den Arm. Die Koſacken hielten ehrfurchtsvoll, obgleich mit verbiſſenem Aerger, an ſich, in dem Sprechenden ihren Hett⸗ mann Chrusczow erkennend. Kaum aber hatte der ruſſiſche Offizier die bleichen Züge des Gefallenen erſchaut, als er mit Thränen in den Augen ausrief:„Heilige Maria! es iſt Kosciuszko, ich habe mich nicht geirrt, es iſt Kosciuszko der edle Kos⸗ ciuszko!“ Thaddäus erwachte bei dem heftigen Ru⸗ fen ſeines Namens aus ſeiner Betäubung, und fühlte, daß ein Arm ſeinen Oberkörper ſanft emporrichtete. Langſam ſchlug er das matte Auge auf, als es aber auf die wilden Geſichter der Koſacken fiel, flehte er mit kaum hörbarer Stimme: „Laß ſie gewähren, Bruder, gönne mir den Tod!“ und ſank aufs Neue erſchöpft und be⸗ ſinnungslos zurück. Der Hettmann blickte wild auf.„Daß Kei⸗ ner es wage dem Manne ferner ein Haar zu — 280— krümmen!“ rief er mit einer Donnerſtimme„So lieb Euch Euer Leben iſt!— Es iſt Kos⸗ ciuszko ſag ich Euch, der Feldherr der Feinde, und ich ſchütze ihn!“ „Wer will's Euch ſtreitig machen, Hettmann!“ entgegnete der eine der Koſacken, die Wuth über den Verluſt des Fanges, deſſen Wichtigkeit er erſt jetzt einſah, ſchlecht verbergend.„Hinter der Kurtka*) und der Pelzmütze würde der Teufel ſelbſt den General nicht geſucht haben. Ihr mög't immer den Nutzen davon ziehen; denn Ihr habt ihm den Athem erhalten, der ihm mit meinem Lanzenſtiche ausgegangen wäre“ „Den Gewinn des Fanges ſchenk ich Euch!“ rief Chrusczow, beſorgt über den Körper des Polen gebeugt.„Helft mir nur den Armen in etwas erleichtern.“ „Laßt ihn krepiren, Hettmann,“ lachte ein anderer Koſacke—„es iſt ja nur ein Pole! und es gilt gleich viel Lohn und Ehre, ihn todt oder lebendig auszuliefern.“ * Kurtka, einfacher Rock von grauem Tuche. — 284— Aber dieß Wort wäre dem Sprecher bald übel bekommen; denn kaum war es ſeinen Lip⸗ pen entflohen, als der Offizier wuthſchnaubend, in ſeinen Gürtel langte, eine Piſtole hervorriß und ſie nach dem Unvorſichtigen abſchoß. Glück⸗ licherweiſe hatte ſein Kamerad das Vorhaben des Hauptmanns bemerkt und das Pferd des Be⸗ drohten raſch herumgeriſſen. „Mord und Tod!“ fluchte Chrusczow als er ſah daß er fehlgeſchoſſen.—„Rege ſich noch einer von Euch Hunden, und ich jage ſeine Seele zur Hölle Herab von den Gäulen!— Kennt Ihr mich nicht mehr? und iſt dieß der Reſpekt den Ihr Eurem Hettmann ſchuldig ſeid?“ Die Koſacken gehorchten ohne Widerrede; und die, welche kaum noch ſo wild geweſen, ſtanden ſchweigend und zagend wie Sünder. „Hab' ich Euch nicht immer geliebt wie meine Kinder?“— fuhr der Erzürnte fort.„Hab ich nicht ſtets dafür geſorgt, daß Ihr Eure Löhnung auf den Tag bekamt?— Gebe ich Euch nicht immer beim Plündern freie Hand und nehme nichts für mich? habt Ihr mir nicht ſelbſt den Ehrennamen des„Koſacken⸗Vaters“ gegeben?“ Die Angeredeten, fünfe an der Zahl, ſchienen von der Strafrede ihres Führers tief erſchüttert, ihre Rohheit verwandelte ſich plötzlich in ſtlavi⸗ ſche Unterwürfigkeit, und vor dem Hettmann, mit auf der Bruſt gekreuzten Händen, auf die Kniee niederſinkend, flehten ſie in demüthigen Worten um Vergebung. „Es ſei vergeſſen!“ rief der Offizier—„wenn Ihr mir augenblicklich die nöthige Hülfe leiſtet. Der Mann, der hier ſo bleich liegt, hat einſt meiner Gattin— dem Weibe eines ſeiner Feinde — einer Ruſſin— Leben und Ehre gerettet.*) Sollen wir dieſen Edelmuth mit Undank beloh⸗ nen?“ „Nein, nein! was er unſerem Vater gethan, that er uns!“ entgegneten die Koſacken, und mit einemmale war aller Groll gegen den Unglückli⸗ chen verſchwunden. Während ſich nun Chrusczow, mit Hülfe ſeines Cornets Pilipinko bemühte, dem Be⸗ wußtloſen einige Tropfen aus der Feldflaſche zur *) Thaddäus Kosciuszko, nach ſeinem öffentlichen und häuslichen Leben von C. Falkenſtein. Leipzig 1834. — — 283— Stärkung einzuſchütten, und den Blutverluſt ei⸗ nigermaßen zu ſtillen; hatten die übrigen vier Koſacken ihre Lanzen zwei und zwei zuſammen gebunden, Zweige und Mäntel darüber gebreitet und ſo eine Bahre errichtet. Mit Sorgfalt legte man ſodann den Helden darauf, und der Zug ſetzte ſich ſchweigend nach dem Schloſſe in Bewegung, auf welchem General Ferſen ſein Quartier aufgeſchlagen. Seit Kosciuszkos Verwundung hatte ſich indeſſen die Schlacht entſchieden. Suwarows ausgeruhten Schaaren konnte das Häufchen ſchon ermüdeter Polen nicht mehr widerſtehen; ſie wichen und da ſich Niemand fand ſie wieder zu ſammeln und zu ordnen riß die wildeſte Ver⸗ wirrung ein. Jetzt war der Mordluſt der Ruſ⸗ ſen ein weites Feld geöffnet, und ſie rächten die Tapferkeit, welche die Polen in dieſem Tref⸗ fen neuerdings bewieſen, durch ein teufliſches Wüthen. Aber nicht leichten Kaufes ſollten ſie ihren Sieg erringen, der verwaiste Reſt der Patrioten kämpfte, ihres großen Anführers würdig, bis zum Tode — 284— Von den zehntauſend Mann die Kosciuszko in die Schlacht geführt, deckten an ſechs tauſend die Wahlſtatt; ſechszehnhundert waren verwun⸗ det und gefangen. Unter Letzteren befanden ſich gegen zweihundert Stabs⸗ und Oberoffiziere. So eben hatte General Ferſen dem ruſſi⸗ ſchen Oberfeldherrn Suwarrow dieſe frohe Botſchaft gebracht, und ritt nun„mit Staub und Blut bedeckt, ſeinem Quartiere wieder zu. Er war ſeit langer Zeit nicht ſo heiter geweſen, denn die heutige Schlacht, das wußte er wohl, hatte das Schickſal Polens entſchieden. Nur ein einzi⸗ ger Zweifel ſtörte ſein Triumphiren noch, und dieß war die Ungewißheit, in welcher er ſich bis jetzt über das Schickſal des polniſchen Oberfeld⸗ herrn befand. War dieſer nicht gefangen oder gefallen, ſo war, ſeiner Ueberzeugung nach, der Hyder das Haupt gerettet und die Inſurrektion nicht als beendet anzuſehen; da man von deſſen Tapferkeit, ſeinem Eifer für die Sache der Frei⸗ heit und ſeinem Genie neuen Widerſtand, ja die Erſchaffung eines neuen Heeres befürchten mußte. Zwar war das Gerücht: Kosciuszko — 285— ſei gefallen, überall verbreitet, demohnerachtet hatte man aber weder ſeine Leiche auffinden können, noch war er bis jetzt gefangen einge⸗ bracht worden. Mit dieſen Gedanken beſchäftigt zog Ferſen auf ſeinem Heimritt alle möglichen Erkundigungen über dieſen Gegenſtand ein, erfuhr aber nir⸗ gends etwas Beſtimmtes. Aergerlich hierüber, und des Fragens müde, ſpornte er ſein ermattet Roß, und ſprengte eben in jenes Schloß, wel⸗ ches ihm zum Quartier diente, ein, als Lieute⸗ nant Poſtuchowski mit fünfzig Gefangenen den Schloßhof betrat. Der General hielt überraſcht ſein Thier an, und muſterte mit ängſtlichen Blicken den Haufen⸗ bald aber zogen ſich ſeine Braunen wieder finſter zuſammen; denn auch unter dieſen ſchien ſich Kosciuszko nicht zu befinden. „Habt Ihr beſondere Vögel unter den Ge⸗ fangenen?“ rief Ferſen ſodann dem Lieutenant zu— weil Ihr dieſelbe in meine Nähe bringt?“ „Ja, mein General!“ entgegnete dieſer ſtolz. „Etwa gar Kosciuszko?“ — 286— „Den leider nicht!“ verſetzte der Offizier die Achſeln zuckend. „So habt Ihr Nichts. Alle Andern ſind mir keinen Rubel werth, wenn das Haupt der Inſurgenten entkommen iſt“ „General, ich bringe Männer die auch nicht zu verachten ſind!“ verſetzte gekränkt Poſtu⸗ chowski.„Major Fiszer, des Dictatoren Freund und Adjutant Niemcewicz.“ „Niemcewicz?“ rief etwas erheitert Ferſen. „Laßt ihn vortreten!“ Der Lieutenant ging zu den Gefangenen und kehrte bald mit einem blaſſen Manne zurück. Er mußte ſchwer verwundet ſein, indem er den rechten Arm in einer Binde trug, während den Kopf ein Tuch umſchlang, unter deſſen ſchlechtem Verbande das Blut noch beſtändig hernieder⸗ rieſelte, Angeſicht und Kleidung färbend. „Ihr ſeid Niemcewicz?“ redete ihn Ferſen ſtreng an. „Ja!“ entgegnete kurz der Gefragte. „Wißt Ihr um Eures Führers Schickſal?“ „Nein. So Gott will iſt er glücklich entkommen“ — 287— „Den Teufel auch!“ ſagte finſter der General. „Wie ich höre iſt er gefallen, und dann kann er von Glück ſagen; denn ſonſt hätte er wohl Zeit bekommen, ſeinen rebelliſchen Eifer in Sibirien abzukühlen.“ „Brandmarkt den Namen des edelſten der Menſchen nicht mit der Bezeichnung: Rebell. Ihr, General, fechtet für Eure Monarchin, Kosciuszko kämpfte für ſein Vaterland“ „Redensarten!“ entgegnete barſch Ferſen, —„um die ich mich mit Euch nicht ſtreite Hätte ich ihn todt oder lebendig, ich gäbe mein halbes Vermögen dafür.“ Mit dieſen Worten drehte der General ſein Pferd und ritt langſam davon. Niemcewicz, deſſen Herz ohnehin von dem Unglücke welches Polen getroffen, zerriſſen war, hatte die Nach⸗ richt von Koseiuszkos Tode wie ein Donner getroffen. Hoffte er gleich noch immer daß ſein Freund entkommen ſei, war er durch das Ueber⸗ maß des Mißgeſchickes doch ſo ſehr niedergebeugt, daß er, wenigſtens für den Augenblick, wie be⸗ täubt ſchien, und weder den körperlichen noch den geiſtigen Schmerz klar fühlte. Finſter und ſchweigend wollte er eben zurücktreten, um an der Seite Pauls, der ſich ebenfalls unter den Gefangenen befand, ſein ferneres Schickſal ruhig zu erwarten,— als vier Koſacken, die eine Bahre trugen, in den Hof traten. Ihnen folgte Chrusczow, und ein fünfter Mann mit den Pferden der Träger. Niemcewicz und die übrigen Polen beach⸗ teten die Eintretenden kaum, da ſie bei dem erſten Blicke,— nach der Aufmerkſamkeit die man dem wahrſcheinlich Todten ſchenkte,— ſchloſſen, daß es ein Ruſſe ſein müſſe. Sie folgten daher ſchweigend den Befehlen Poſtu⸗ chowskis, der, in ſeinen Erwartungen auf Anerkennung bitter getäuſcht, in ſeinem Unmuthe beſchloſſen hatte, ſein Glück mit den Gefangenen bei Suwarow ſelbſt zu verſuchen. Schon war der größere Theil an der Bahre vorüber⸗ geſchritten, als ein durchdringender Schrei, ſowohl die Träger derſelben, als auch die Gefangenen ſtehen machte. Alles blickte nach der Urſache des ſchmerzlichen Rufes— aber Entſetzen — 289— erfaßte die Polen, als ſie gewahrten, daß ſich Niemcewicz über den, auf der Bahre ruhen⸗ den, Körper geworfen, indem ſie ſogleich ihren angebeteten Feldherrn erkannten. „Kosciuszko!“ riefen Alle wie aus einer Seele und ſtürzten in wildem Schmerze rings um die Bahre auf die Kniee.„Kosciuszko! Allmächt'ger Gott Kosciuszko todt!“ ſchrie verzweifelt Paul und warf ſich neben dem Freunde auf die vermeintliche Leiche, die blaſſen Wangen ſeines zweiten Vaters mit heißen Thränen überfluthend. Es war eine herzzerreißende Scene. Die alten, bärtigen Krieger weinten, wie Kinder an dem Sterbebette ihres heißgeliebten Vaters, und ſelbſt dem alten Hettmann rollten die ungewohnten Tropfen über die braunen Backen. Da trat Ferſen heran. Er hatte beim Abſteigen den ganzen Vorgang bemerkt und ahnte ſogleich die wahre Urſache davon. Aber ſelbſt der General, der wenige Minuten zuvor Niem⸗ cewicz noch ſo hart angelaſſen, vermochte die Theilnahme nicht zu verbergen, die er an dem Rau, Th. Kosciuszko. III. Thl. 19 — 290— unglücklichen Schickſale des Mannes nahm, den er— wenn auch nicht vor der Welt— doch in ſeinem Inneren, als den Größten ſeiner Zeit anerkennen mußte. Gern erfuhr er daher aus des Hettmanns Mund die Nachricht, daß der Oberfeldherr noch lebe, und wohl nur durch den bedeutenden Blut⸗ verluſt und den Schmerz der Wunden beſinnungs⸗ los ſei. Sofort ordnete er die nöthige Hülfe an, ja er geſtattete ſogar Niemcewicz und Paul die Bitte, den Unglücklichen unter der Aufſicht Chrusczows und ſeiner Koſacken, pflegen zu dürfen. Kosciuszko wurde nun ſorgfältig in ein ſchönes Gemach und ſodann in ein Bett gebracht und ſeine Wunden unmittelbar darauf von den beiden Aerzten des Generals unterſucht. Sie waren lebensgefährlich; durften aber denſelben Tag nicht mehr verbunden werden, da man eine zweite Verblutung befürchtete, welche der ſchon ganz Erſchöpfte nicht mehr auszuhalten im Stande geweſen wäre. Trauernd ſetzten ſich die Freunde des Edlen — 291— zu den Füßen ſeines Bettes nieder, mit namen⸗ loſem Schmerze den matten Athemzügen und ſeinem leiſen Wimmern lauſchend. Erſt den kommenden Morgen kehrte Kos⸗ ciuszko, in den Armen ſeines unzertrennlichen Freundes Niemcewicz zum Bewußtſein zurück. Sein erſter Blick fiel in die, von Thränen der Freude und des Schmerzes, feuchten Augen Pauls und Julians, und aus ihrem Munde erfuhr er erſt wo er ſich befinde und wie er hieher gekommen. Da ſchnitt ein noch tieferer Schmerz, als der ſeiner Wunden, durch ſeine Seele, es war der Gedanke: Daß Polen ver⸗ loren ſei!—— War es der, durch Anſtrengungen aller Art, geſchwächte Geſundheitszuſtand ſeines Körpers, — war es das tiefe Seelenleiden, welches inner⸗ lich an ihm zehrte— Kosciuszko wollte nicht geneſen, ſeine Wunden heilten nur langſam. Der einzige Balſam der ſeine Schmerzen um Einiges lindern konnte, war die Freundſchaft ſeines Julians, die treue Anhänglichkeit ſeines Pauls. Letzterer ſchien die ganze Gluth der — kindlichen Liebe, die das kurze Wiederfinden ſeines Vaters in ihm angefacht, auf ſeinen Wohlthäter übertragen zu haben, und Alle vereinte nicht nur der gemeinſame Verluſt der Freiheit und des Vaterlandes; ſondern auch noch der Schmerz: liebende Weſen in dem peinlichen Zu⸗ ſtande der Ungewißheit— vielleicht in Jammer und Elend— und— wie wohl nicht zu zweifeln war— auf immer zurücklaſſen zu müſſen. Körperliche Leiden ruhig zu tragen iſt der Stolz des Mannes, aber zu wiſſen daß Die⸗ jenigen, die unſerem Herzen am nächſten liegen, in Angſt und Weh vergehen— iſt der uner⸗ träglichſte Fluch der Hölle!— Lange hofften die Gefangenen auf Nachrichten von Außen. Vergeblich!— Schon war ein Monat ſeit dem unglücklichen Tage von Ma⸗ cieiowice verſtrichen— da endlich erfuhren ſie, daß ſich Warſchau an Suwarow er⸗ geben habe. Obſchon Kosciuszko dieſen Fall vorausgeſehen, ſchmetterte ihn die Gewißheit des Geſchehenen doch neuerdings zu Boden. Erſt nach längerer Zeit fand er jene edle — Ruhe wieder, die, ein Reſultat ſchwerer Seelen⸗ kämpfe, einzig vermögend iſt, den Mann, auch durch die wildeſten Stürme des Lebens, würdig ſeinem höchſten Ziele zuzuführen. Seinen Freunden hierin ein Beiſpiel, folgte er willig dem ruſſiſchen Staabsoffizier, welcher ihn und ſeine Begleiter unter einer Eskorte von dreihundert Mann zu Pferde, nach Kijow und von da nach Petersburg brachte. Katharina II. triumphirte, als ſie erfuhr daß Kosciuszko und Niemcewicz in ihrer Hauptſtadt angekommen ſeien. Ihr Haß gegen dieſe beiden Männer war gränzenlos, und auf eine raffinirte Rache brütend, ſandte ſie dieſelben vor der Hand in die ſchauerlichen Kerker der Feſtung Petro⸗Pawlosk.— XII. Ratharina II. „Sie ſieht mit ihren gold'nen Zinnen Gleich einer Götterburg in furchtbar ſtolzer Pracht, Der Czaaren Burg, den Thron, der Aſien zittern macht; Und du, ſpricht ſie zu ſich, was gehſt du zu beginnen? Sie ſtutzt. Doch bald ſtärkt wieder ihre Sinnen Des Glaubens Muth, der ſie ſo weit gebracht, Und eine Stimme ſcheint ihr leiſe zuzuwehen, Sie werde den ſie liebt in jenen Mauern ſehen.“ Oberon von Wieland. In einem Zimmer des Romanzoff'ſchen Palaſtes zu St. Petersburg befanden ſich zwei Damen. Beide waren beinahe von gleichem Alter, und wenn auch nicht mehr jung— doch noch ſehr ſchön zu nennen. Die eine derſelben, eine zarte, ätheriſche Ge⸗ ſtalt, lag auf ein Sopha hingeſtreckt und ſchlum⸗ merte Die Röthe, die manchmal plötzlich ihre blaſſen Wangen überflog und bald darauf wieder eben ſo ſchnell verſchwand, der kurze, ſchnelle Athem, das Fliegen der Pulſe, das nervöſe Zucken des Körpers— alles dieß verrieth in ihr ein leidendes Weſen. Und wahrlich! weſſen Blick länger auf dieſem engelſchönen Antlitze ruhte, dem kündeten die ſanften, ſchmerzlichen Züge: daß rauhe Stürme hier getobt und den ſchönen Frühling des Lebens verwüſtet, und ſtatt dem Roſenkranze der freundlichen Erinnerung nur die Dornenkrone eines langen, ſchweren Leidens zurückgelaſſen habe Das Leben geht nie ſpurlos an uns vorüber. Die Seelenzuſtände, in welchen wir uns häufig und anhaltend befinden, gewinnen auch über un⸗ ſeren Körper eine ſolche Macht, daß ſie ſich mit der Zeit in unſeren Geſichtszügen widerſpiegeln Den ſcharfen Denker wird ein geiſtreicher, ernſter Blick, werden ſcharf gezeichnete Linien,— den Lebemenſchen ein leuchtendes, verlangendes Auge, lüſterne, ſchwammige Züge— den Wüſtling der Ausdruck der Apathie charakteriſiren. Der beſte Maler aber— in dieſer Beziehung— — 296— bleibt der Kummer. Tiefer gräbt er ſeine Furchen, matter färbt er Augen und Wangen und hauchet über die Phyſiognomie des Leidenden eine Weh⸗ muth— ein Etwas hin, das uns beim erſten An⸗ blick ſchon ſchmerzlich berührt, und uns, je mehr wir es zu ergründen ſuchen, mit deſto größerem Zauber an ſich zieht Ja, fühlen wir dann noch, daß eine ſtarke Seele den nagenden Wurm tief in ihrem Inneren verſchließt, und, ſich geduldig in ihr Schickſal ergebend, unter den tiefſten Schmer⸗ zen uns noch anlächelt— dann wandelt ſich unſer Mitleiden in die höchſte Achtung, und wir möchten gerne, mit dem Dahinſtrömen unſeres warmen Herzblutes, den Frieden erkaufen, den jene dul⸗ dende Seele ſo qualvoll vermißt. Dieſer Zauber aber war es auch, welcher die Schlummernde unfloß, und der, hier noch durch Schönheit gehoben, nur um ſo feſſelnder ward. Die zweite der, ſich in dem Gemach befinden⸗ den, Damen ſchien, obgleich um zwei Jahre älter als ihre Freundin, dennoch um eben ſo viele jünger zu ſein. Ihre gedrängtere Figur war bei weitem — 297— kräftiger. Die Formen ihres Körpers waren rund und voll, und obgleich ſie in dem Augenblicke,— zu den Füßen der Schlafenden ſitzend,— das ſchöne, lockige Haupt ſinnend und kummervoll auf die Hand ſtützte; ſo bewies doch die geſunde Farbe ihrer Wangen, das kühne flammende Auge, und die glatte, gewöhnlich furchenloſe, Stirne, daß der ſie jetzt erfüllende Schmerz keinesweges ihr Inneres gebeugt habe, oder gar ein bleibender ſei. Dennoch mochte ſie ein unangenehmer Gegen⸗ ſtand ernſtlich beſchäftigen; denn ſie war tief in Gedanken verloren und blickte nur von Zeit zu Zeit ängſtlich nach ihrer Freundin hin, als beun⸗ ruhige ſie deren Zuſtand. Die Gardinen des Gemaches waren niederge⸗ laſſen, und es herrſchte ringsum eine tiefe Stille, die nur durch das heftige Athmen der Schlum⸗ mernden ängſtlich unterbrochen wurde Sonderbar contraſtirte bei Letzterer der Anzug mit ihrem Zu⸗ ſtande. Sie war, gleich der Freundin, in ein Staatskleid von ſchwarzem Sammt gehüllt, und unterſchied ſich von jener nur durch auffallende Einfachheit, indem weder Gold noch Silber, weder — 298— Perlen noch Edelſteine ſie zierten. Aber gerade dieß ſchmuckloſe Weſen, gab ihr einen neuen Reiz, ihrer Geſtalt eine faſt königliche Hoheit. Nach längerer Zeit unterbrach die Todtenſtille des Gemachs ein leiſes Pochen. Die eine der Damen erwachte aus ihrem dumpfen Sinnen, chob ſich vorſichtig, und ſchlich, mit den Spitzen ihrer Füße, den koſtbaren Fußteppich kaum be⸗ rührend, zu der Thüre. Sorgſam öffnete ſie dieſe, winkte, ſobald ſie den Hausherrn gewahrte, dem⸗ ſelben zu ſchweigen, warf noch einen Blick auf die Schlummernde und trat dann mit der gleichen Vorſicht aus dem Zimmer. „Ercellenz entſchuldigen!“ flüſterte die Dame hierauf,„daß wir von Ihrer Güte ſo unbedingten Gebrauch machen. Sie wiſſen aber ſelbſt, in welchem Zuſtande ſich die gute Fürſtin befindet, und wie ſehr ſie der größten Schonung bedarf“ „Mein Kind,“ entgegnete der Angeredete, ein ehrwürdiger Greis,„Sie kennen meine Wahr⸗ heitsliebe, mein einfaches aber offenes Weſen. Ich bot Ihnen meinen Palaſt in der Hauptſtadt an, mit dem Bemerken, daß Sie denſelben, ſo — 299— lange Ihnen der Aufenthalt in St. Petersburg beliebe, als Ihr Eigenthum betrachten möchten. Der Fürſtin Vater und ich waren Jugendfreunde; ich habe die kleine Louiſe gar manchesmal auf meinen Knieen geſchaukelt; wie ſehr freute es mich daher als ſie nun, nachdem ihr Eltern und Gatte geſtorben, ſich in ihren Angelegenheiten an mich wandte. Gewiß mein Fräulein, ich werde dieß ehrende Vertrauen nicht täuſchen, ich will ihr und Ihnen ein zweiter Vater ſein, und Alles thun, was in meinen Kräften ſteht, die Wünſche Ihrer Herzen zu befriedigen. Ich verſprach Ihnen dieß ſchon zu öfterenmalen, und die Roman⸗ zoff ſind gewöhnt ihr Verſprechen zu halten.“ „Wer dürfte an Ihrer Seelengüte einen Augen⸗ blick zweifeln, Herr Graf!“ verſetzte ergriffen die Dame,—„aber ich fürchte, ſelbſt Ihren Be⸗ mühungen wird es nicht gelingen das harte Herz der Kaiſerin zu rühren.“ „Nur nicht den Muth verloren, liebe Zeno⸗ wicz!“ rief halblaut Romanzoff.„Ich war Soldat und habe daher keine Furcht. Außerdem bin ich alt, lebe gewöhnlich von dem Hof ent⸗ — 300— fernt, hänge nicht von demſelben ab, und kann daher auch Etwas wagen— und gälte es ſelbſt die kaiſerliche Ungnade Ich denke indeß es ſoll ſo weit nicht kommen, denn, unter uns geſagt, iſt mir Katharina Dankbarkeit für meine Dienſte ſchuldig— ja— ſie hätte wohl noch Etwas bei mir gut zu machen. Sehn Sie nun, mein Kind, ich alter Mann bedarf keiner Ehre mehr, denn: neue Ehren— neue Bürden!— und ſo will ich verſuchen, ob ich Ihrer Majeſtät Gnade ſtatt auf mich, auf ihre Schützlinge leiten kann.“ Karoline ſeufzte ungläubig.„Spiſt freilich eine kitzliche Sache“— fuhr Romanzoff, mit der dem Alter eigenen Geſchwätzigkeit, fort— „S wird hart halten. Katharina ſoll ſehr er⸗ bittert über die Gefangenen ſein. Indeſſen iſt ja die Sache mit Polen geendet. Der König hat längſt auf Thron und Reich entſagt, das Land iſt getheilt und von der Karte verſchwunden, was wäre alſo noch zu fürchten....— aber — mein Gott— was haben Sie denn,— Sie weinen?“— — 301— „Entſchuldigen Sie, Herr Graf“— ent⸗ gegnete Karoline bewegt,—„es war eine Thräne, dem Andenken meines unglücklichen Vater⸗ landes gefloſſen.“ Der alte Mann räusperte ſich verlegen.„Ich habe Sie durch eine traurige Erinnerung gekränkt“ — ſagte er dann mißmuthig—„müſſen's einem alten Soldaten nicht übel nehmen, der gewohnt iſt ſo gerade heraus zu ſprechen. Beim heil'gen Nikolaus! ich wollte Ihnen nicht wehe thun. Ich nehme ja wahrlich an Ihnen, mein Fräu⸗ lein, und an der guten Fürſtin den herzlichſten Antheil, wenn ich auch als ächter Ruſſe die Sache Polens nicht vertheidigen kann.“ „Beruhigen Sie ſich, Herr Graf, ich weiß recht gut den Menſchen von dem Diplomaten zu unterſcheiden. Handelt es ſich ja doch auch hier nicht mehr um Politik, ſondern lediglich um Menſch⸗ lichkeit. Weder Kosciuszko noch Niemce⸗ wicz können eine That ungeſchehen machen, die Polen auf ewig vernichtet. Gönne man dieſen edlen Menſchen nur, fern von der Heimath, frei zu athmen, und unſere heißen Wünſche ſind erfüllt“ * — 30— „Die Bitte iſt leicht ausgeſprochen, der Ge⸗ danke leicht gefaßt!— aber, meine Beſte, wer bürgt Rußland dafür daß ſie gehalten wird?— Beide Gefangene ſind höchſt gefährliche Menſchen“ „Gefährlich!?“ rief Karoline ſchmerzlich. „Der iſt nicht mehr gefährlich dem Hände und Füße gebunden ſind. Außerdem wird ihr Wort der Kaiſerin verbürgen, daß ſie ferner keinen Antheil an den Händeln der Welt nehmen.“ Romanzoff zuckte die Achſeln.„Ich, mein Kind, würde, wäre ich die Kaiſerin, ihr Wort annehmen und ihm vertrauen.“ „Und Katharina ſollte es nicht?“ rief Karoline ſtaunend und beſtürzt. „Laſſen Sie es uns erproben!“ entgegnete der alte Krieger.„Und rechnen Sie darauf, daß ich Alles aufbieten werde Ihre Majeſtät dazu zu bewegen.“ „Sie werden uns auf ewig verbinden!“ „Mein Fräulein jede gute That lohnt ſich ſelbſt!“ verſetzte Romanzoff.„Mein bewegtes Leben hat mich zum Egoiſten gemacht, ich thue Alles, auch das Gute, um meiner ſelbſt willen. — 303— Gewiß haben auch Sie ſchon oft erfahren, wie beſeligend die Erinnerung an eine Wohlthat iſt. Der Dank eines erquickten Herzens lebt lange mit uns fort, und ſtimmt uns heiter und ſelig. Heller ſtrahlt, in dem ſchönen Bewußtſein Gutes gethan zu haben, die Sonne, der Frühling duftet ſüßer, und Alles rings um uns erſcheint in einem ſchöneren Lichte. Wir fühlen daß wir der Gottheit nachgeahmt haben, und dieſe gibt uns dafür jenen beſeligenden Frieden, der ein Strahl aus ihrem Himmel iſt.“ Karoline ſtaunte. Sie hatte in dem äußer⸗ lich oft ſo rauhen Krieger ein ſo tiefes Gefühl nicht erwartet. Romanzoff gewahrte es, lächelte und ſprach: „Verwundern Sie ſich, daß das Kriegshand⸗ werk noch ein weiches Plätzchen in meinem Herzen übrig gelaſſen?— Ich geſtehe, es war nicht immer ſo. Seitdem ich mich aber zurück⸗ gezogen und wie Kaiſer Diocletian meine Kohl⸗ köpfe ziehe, bin ich ein ganz anderer— oder beſſer geſagt bin ich erſt ein Menſch geworden— Aber mein Gott wir plaudern da von unwich⸗ — 304— tigen Dingen und laſſen die edle Zeit verſtreichen. Beharrt die Fürſtin noch auf dem Wunſche, ſich zum zweitenmale der Czaarin zu Füßen zu werfen?“ „Ja, Excellenz!“ entgegnete Karoline. „Und wird ſie es auch vermögen?“ „Das wird ſie!“ rief die Gefragte mit ge⸗ preßtem Herzen—„denn ihr Geiſt vermag das Unglaubliche Aber— was werden die Folgen dieſer Anſtrengung ſein?— Ihre Geſundheit war ſchon gänzlich zerrüttet, als ſie kurz nach dem Tode ihres Gatten, in meine Arme eilte, um mich zu dieſer Reiſe aufzufordern. Bis zum Sterben krank, kam ſie hier an, Ihrer herzlichen Aufnahme und der durch Sie ermittelten ärzt⸗ lichen Hülfe gelang es, ſie wieder einigermaßen aufzurichten. Wir verſuchten den erſten Fußfall, die Härte mit der wir zurückgewieſen wurden, warf die unglückliche Orany auf ein neues Krankenlager, und noch jetzt iſt ſie ſo ſchwach daß ſie nach der heutigen Toilette in eine Ohn⸗ macht und darauf in jenen Schlummer F in welchem ſie noch jetzt liegt.“ „ — 305— „Das iſt ſchlimm!“— verſetzte Roman⸗ zoff,—„ſehr ſchlimm. Erſtens, weil für das zarte Leben zu befürchten iſt— und zweitens....“ „Nun? was fürchten Sie noch, Herr Graf, zweitens?“ „Ja, zweitens— weil Katharina I. nichts weniger leiden kann als— weibliche Schwächen. Sie hat wohl auch gewiſſe Schwächen, obſchon ſie über die Sechzig iſt— aber— ſeh'n Sie mein Kind, das ſind andere Schwächen — was die Kaiſerin nicht ausſtehen kann, das ſind eben— Ohnmachten— Krämpfe— und dergleichen!“ „Beſorgen Sie nichts, Excellenz; wenn es darauf ankommt, ſo übt der Geiſt Louiſens eine unumſchränkte Herrſchaft über ihren Körper.“ „Alles gut; aber es wäre doch wohl beſſer, wenn ich vorläufig allein zu Hofe ginge?“ „Vereinigen wir uns. Wir wollen uns zu⸗ ſammen zur Reſidenz begeben. Verlangen Sie alsdann eine geheime Audienz, glückt es Ihnen der Czaarin Herz zu rühren, bedarf es unſerer nicht mehr. Dringen Sie nicht durch, ſo flehen Rau, Th. Koscinszko. II. Thl. 20 — 306— Sie wenigſtens für uns um Zutritt, dann ver⸗ ſuchen wir das Letzte.“ „So ſei es!“ rief der alte Mann.„Auf den Plan Katharinas Herz zu rühren, ge⸗ ſtehe ich Ihnen offen, gebe ich nicht viel. Aber Undankbarkeit iſt ſonſt kein Fehler der Kaiſerin. Ich bat nie um eine Gunſt, ſie wird mir meine erſte und einzige Bitte nicht abſchlagen.“ In dieſem Augenblicke fuhr der Staatswagen des Feldmarſchalls, Grafen Peter Alerandrowitſch Romanzoff⸗Zado⸗ naiskoy*) vor, und da Karoline in dem Gemache der Fürſtin ein leiſes Geräuſch vernahm ſchlüpfte ſie in daſſelbe, und kam nach wenigen Minuten mit Louiſen, zur Abfahrt bereit, zurück. Romanzoff ſtaunte. So hatte er die Fürſtin noch nie geſehen. Eine ſolche Hoheit in Gang, Geſtalt, Weſen und Ausdruck, gepaart mit ſolch' himmliſcher Milde, war ihm noch *) Zadonaiskoy. Ueberſchreiter der Donau. Ein ihm von der Kaiſerin für ſeine Siege im Türken⸗ krieg beigelegter Ehrenname. nicht vorgekommen. Sie ſchien ihm eine Königin — ſie war es auch— aber— eine Königin des Schmerzes.—— In einem, auf das koſtbarſte ausgeſtatteten Zimmer des kaiſerlichen Palaſtes ſaß, umgeben von ihren vertrauteſten Räthen, Katharina lI. Zu ihrer Seite ſtanden Alerei Orloff, der achtzehnjährige Gregor Orloff, der Jüngere, Iwan Soltikoff, und der Graf Suwa⸗ row⸗Rymnikſky. Hinter dieſen aber dehnte ſich ein zahlreiches Gefolge, wie es die Kaiſerin bei feierlichen Gelegenheiten gerne um ſich ſah. Unter dieſem letzteren befand ſich auch eine Anzahl Pagen, von welchen Zweie Kiſſen von purpur⸗ rothem Sammt trugen. Die koſtbaren Laſten derſelben waren indeſſen den Augen der An⸗ weſenden, durch darüber gebreitete Tücher von gleichfarbiger Seide, verdeckt. Jedermann ahnte die Vertheilung von Auszeichnungen; Niemand jedoch wußte wer der Glückliche ſein würde, und ſo ſchwelgten faſt alle in der ſichren Erwartung — 308— ihre eigene Perſon durch die kaiſerliche Gnade beglückt zu ſehen. Verſchiedene Geſchäfte untergeordneten In⸗ haltes waren bereits geendet, als es endlich ihrer kaiſerlichen Majeſtät gefiel, ihre Umgebung von der Folterbank der Erwartung zu befreien. Auf ihren Wink traten die beiden Pagen, welche die verhangenen Kiſſen trugen, zu ihr heran, und ließen ſich, rechts und links von ihr, auf ein Knie nieder. Katharina hob die Schleier, und den verſchlingenden Blicken der Menge ſtrahlte von dem einen ein goldener Commandoſtab, von dem andern ein Eichenkranz von gleichem Metalle, reich mit Diamanten beſetzt, entgegen. Jetzt war der Moment gekommen, in welchem der Ehrgeiz mit Sieg und Vernichtung ſpielte. Alle Herzen ſchlugen mit Gewalt. Diejenigen der Wenigbedeutenderen aus Aerger und Neid, die, der ſich zu ſolcher Ehre berechtigt Fühlenden, mit Angſt und Stolz. „Graf Suwarow⸗Rymnikſky!“ hub nach gemeſſener Pauſe Katharina an,— „tretet vor.“ — 309— Suwarow gehorchte. Sein Herz wollte vor Luſt zerſpringen, denn dieſe neue Anerkennung ſeiner vielen Verdienſte freute ihn weniger, als ihn die Demüthigung und der Neid der übrigen anweſenden Großen ergötzte. Mit der ihm eigenen, jedoch mehr affektirten als wahren militäriſchen Plumbheit trat er heran, ſich vor der Kaiſerin ebenfalls auf ein Knie niederlaſſend. „General!“ redete ihn hierauf die Herrſcherin an:„Wir ſind gewohnt diejenigen unſerer Unter⸗ thanen, welche ſich in ihrem Dienſte durch Treue und Anhänglichkeit an unſeren Thron auszeich⸗ nen, glänzend zu belohnen. Euch, der die Tartaren und Türken bezwang, ward es nicht ſchwer das Häufchen der elenden polniſchen Re⸗ bellen zu vernichten, und dem Reiche auch von dieſer Seite Frieden zu geben. Dieß neue Ver⸗ dienſt anerkennend, machte es Eure Abweſenheit unmöglich, Euch Unſere Gnade bis jetzt ange⸗ deihen zu laſſen. Wir entledigen uns hiermit dieſer ſchönen Pflicht, indem Wir geruhen Euch: den Grafen Suwarow⸗Rymnikſky zum Generalfeldmarſchall zu erheben Empfanget, als — 310— Zeichen dieſer Würde, aus Unſerer kaiſerlichen Hand den Commandoſtab, als Schmuck des Siegers den ſtrahlenden Eichenkranz.“ Den letzten Worten ihrer Rede die That bei⸗ geſellend, krönte Katharina eigenhändig den Unterdrücker des unglücklichen Polens. Suwarow küͤßte in tiefeſter Unterwürfig⸗ keit die dargebotene Rechte der Beherrſcherin al⸗ ler Ruſſen, und entfernte ſich dann, nebſt dem größeren Theile der übrigen Anweſenden auf ei⸗ nen Wink derſelben. Die Begünſtigten, welche auch ferner die Geſellſchaft der Kaiſerin theilen durften, waren, außer zwei der vertrauteſten Räthe, Alerei Orloff und Jwan Soltikoff. Orloff und Soltikoff waren in der letzten Zeit ſeltene Er⸗ ſcheinungen an dem Hofe von St. Petersburg, da ſich Beide für gewöhnlich in Moskau aufhiel⸗ ten Letzterer in Folge ſeines Amtes, erſterer hin⸗ gegen in halb freiwilliger halb erzwungener Ver⸗ bannung. Denn obſchon Alexei, als der Haupt⸗ lenker der Verſchwörung, welche Katharinall. einſt gegen ihren Gatten Peter Ul angeſtiftet, — 311— die Urſache ihrer Erhebung geworden, und in Folge derſelben ſich lange der beſonderen Gunſt der Kaiſerin zu erfreuen gehabt hatte— ſo mochte doch in ſpäteren Jahren ſein Erſcheinen in Ka⸗ tharinen Erinnerungen auffriſchen, welchen ſie ſich gerne entzog. Alerei Orloff galt all⸗ gemein als der, in jenen Tagen des Verraths durch die Kaiſerin gedungene Mörder Peter UI. und obgleich die ſechsundſechzig Lebensjahre, welche die Herrſcherin Rußlands zählte, deren Herz keines⸗ weges erweicht hatten, ſo zogen doch in unbe⸗ wachten Stunden oft blutige Geſtalten an dem großen Geiſte dieſer Frau vorüber, und mahnten ſie gräßlich an jenen ernſten Moment, welchem auch die Gewaltigen dieſer Erde unterliegen, und der mit einem Hauche alle irdiſche Größe zu Nichte macht. Dieſen unwillkommenen Mahnungen zu ent⸗ gehen, war, wie natürlich, Katharinens eifrig⸗ ſtes Beſtreben, und ſo wurde mit der Zeit auch Orloff bedeutet, ihre Nähe zu meiden. Der kluge Mann gehorchte, und erſchien erſt jetzt auf ausdrücklichen Befehl, wieder am Hofe. Etwas — 312 Beſonderes mußte es allerdings ſein, was ihn und Soltikoff ſo unerwartet hier vereinigte, und dieß eben ſollten beide Männer jetzt erfahren. Dem Alter zum Trotze hatte ſich Katharina II. kör⸗ perlich wie geiſtig, ungemein friſch und kräftig erhalten. Eine Erſcheinung die um ſo auffal⸗ lender bleibt, als ihr, den gränzenloſeſten Aus⸗ ſchweifungen geweihtes, Leben gerade das Gegen⸗ theil hätte erwarten laſſen. Demohnerachtet war ſie ſich, von ihrem erſten Auftreten an bis jetzt, in Herrſchſucht und niederer Wollüſtigkeit nicht nur gleich geblieben— nein! dieſe Leidenſchaften hatten ſich ſogar mit den Jahren geſteigert. Schien es doch als ob ihre Eroberungsſucht und Ländergierde von Tag zu Tag wüchſe; und es war ihr nicht genug, daß die Thaten der Ro⸗ manzoff, Orloff, Soltikoff, Suwa⸗ row und Potemkin's durch blutige Kriege den ſtolzen Namen„der Großen“ ihr errungen; ſie wollte dieſe Bezeichnung auch durch himmel⸗ ſtürmende Entwürfe, Pläne und Unternehmungen verdienen. Die Ströme des Menſchenblutes, welche hier⸗ bei vergoſſen! das zertretene Glück ganzer Völker! die Verſchwendung ungezählter Millionen! kamen nicht in Betracht,— galt es doch den Stolz und die Eitelkeit einer von Gott eingeſetzten Monarchin zu befriedigen.— In den letzt verfloſſenen Tagen namentlich peinigte Katharina eine unerklärliche Unruhe. Ihre Gedanken ſchweiften über die ganze Welt. Sie hätte die Erde erobern und ſich Eigen nennen mögen— und doch genügte ihr auch dieſer Ge⸗ danke nicht. Von ſolch' peinlichen und beklom⸗ menen Gefühlen getrieben, und gewohnt zu han⸗ deln, firirte ſie ihre Gedanken auf einen feſten Punkt,— und— ihr Entſchluß war gefaßt. Orloff und Soltikoff wurden auf das Schleunigſte an den Hof berufen, und erwarteten in dem Augenblick ihre Befehle. Suwarow und die Uebrigen hatten ſich, außer den Bezeichneten entfernt; Katharina war aufgeſtanden und ging mit verſchränkten Armen und großen Schritten in dem Zimmer auf und ab. Nach einer Pauſe blieb ſie vor einem, mit vielen Papieren bedeckten, Tiſche ſtehen. Ihre — 314— Augen ruhten eine kurze Zeit auf einer ausge⸗ breiteten Landkarte, dann wandte ſie ſich raſch um und ſagte: „Wir haben beſchloſſen Unſerem Namen neuen Glanz zu verleihen, und Euch Orloff und Sol⸗ tikoff erwählt, den Ruhm großartiger Unter⸗ nehmen mit Uns zu theilen“ Die Genannten verbeugten ſich tief, und Or⸗ loff entgegnete nicht ohne eine beſondere Betonung: „Das ſcharfe Auge Ew. Majeſtät weiß Ihre treuſten und eifrigſten Diener ſtets zu finden⸗ Ich, für meinen Theil, dürſte ſchon lange dar⸗ nach; mein Blut für den Ruhm meiner großen Kaiſerin verſpritzen zu dürfen.“ „Zählen kaiſerliche Majeſtät nicht minder auf meinen Eifer!“ fügte Soltikoff bei. „Wir ſind genügend von Beider Willfährig⸗ keit überzeugt, und werden Euch, Alerei, Ge⸗ legenheit geben, Eure ſchönen Worte durch Thaten zu bewahrheiten. Jetzt hört meine Pläne!“ ſetzte ſie mit dem Rücken gegen den Tiſch gekehrt, die linke Hand auf denſelben, die rechte in die Seite geſtützt, ſtolz hinzu.„Wir glaubten in die Idee — —— Unſeres unſterblichen Vorfahren, des gewaltigen Czaaren, Peter des Großen einzugehen, wenn wir folgende Entſchlüſſe faßten: erſtens ein by⸗ zantiniſches Königreich zu gründen. Die Türkei iſt mürbe, die Donauländer ſind leicht zu gewinnen, und die übrigen Staaten laſſen ſich vor der Hand, wohl mit dem alten, neu zu ſchaffenden Griechenland abſpeiſen. Zweitens ge⸗ denken wir einen Krieg gegen die Perſer zu be⸗ ginnen, um, nach Unterjochung derſelben, die ſtolzen Engländer in Bengalen anzugreifen. Das erſte Unternehmen zu leiten beſtimmten wir Or⸗ loff, mit der Ausſicht auf ein byzantiniſches Vicekönigthum— gegen die Perſer ſoll Sol⸗ tikoff, der ſich in Schweden ſo tapfer ausge⸗ zeichnet, den Oberbefehl erhalten.“ Die Angeredeten waren von den ihnen zuge⸗ dachten Ehren weniger überraſcht als man denken ſollte, und beſonders fühlte ſich Orloff unan⸗ genehm in ſeinen Erwartungen getäuſcht, da der Plan ein byzantiniſches ruſſiſches Reich zu gründen, ſchon durch Potemkin entworfen, und ſeine Ausführung, wiewohl fruchtlos, verſucht worden. 316— Beide Männer waren indeſſen klug genug, ihre Geſinnungen nicht zu verrathen; ſondern kaiſer⸗ licher Eitelkeit durch Staunen über die kühnen Entwürfe und Dank für die ausgezeichnete Gnade zu fröhnen. Katharinas noch immer ſchönes Antlitz ſtrahlte von befriedigtem Stolze Sie begann auf der Stelle, mit ganz ungewöhnlicher Haſtigkeit, die näheren Berathungen einzuleiten, und würde dieſelben noch lange fortgeſetzt haben, wenn ſie nicht ein urplötzliches Unwohlſein darin geſtört hätte Orloff und Soltikoff, ſo wie die anweſenden Geheimenräthe, wurden daher ent⸗ laſſen, und Katharina Jvanaura, der Kai⸗ ſerin vertrauteſte Kammerfrau, trat ein. Das Unwohlſein der Kaiſerin war nur von kurzer Dauer. Ein ſonderbarer Schwindel hatte dieſelbe vorübergehend ergriffen, und das, nach Herz und Kopf andrängende Blut, in ihr eine momentane Beklommenheit und Angſt erzeugt. Nach wenigen Minuten fühlte ſich Katharina erleichtert. Jeder Schwäche ungewohnt, machte dieſer Zuſtand indeſſen einen tiefen Eindruck auf —— ihr Gemüth. War er doch abermals eine Mah⸗ nung des heranrückenden Alters, welches ſie mitten in den kühnſten Plänen und Entwürfen über⸗ raſchte, und in deſſen Hintergrund ſich ihr die verhaßte Grube zeigte, in welche ſie einſt, als ein Geſchöpf dieſer Erde, nackt und arm, wie der elendeſte ihrer Sklaven hinabſteigen mußte. Ach! und was lag hinter jener Grube?— Wie viel hätte die Stolze gegeben den Vorhang zu lüften, der das Jenſeits von dem Dieſſeits ſcheidet. Und ob es erſt ein Jenſeits gebe?— Die Re⸗ ligion war ihr von jeher nur eine Puppe für das rohe Volk geweſen, und dann hatte ſie auch unerträgliche Lehren:— ein ewiger, ein unbe⸗ ſtechlicher, allſehender Richter ſolle dorten Ver⸗ geltung üben!— Vergeltung?— unerträglicher Gedanke!— Ha! und wie mit demſelben ſo viele blutige Geſtalten dem Grabe entſteigen. Seht! ſeht! ſie heben mahnend die dürren Knochenhände, ſie zeigen auf die offenen Wunden, aus graß ver⸗ zerrten Geſichtern ſpricht das Gift!— Gerechter Gott! und jene Schaaren die nicht enden wollen. Wie Wolkencaravanen ſteigen auf, die blut'gen — 948— Leichen die in Hunderten von Schlachten fielen; und Jene?— wer ſind Jene? die ſo bleich und gramverzehrt wie düſtre Nebel aus der Tiefe ſteigen?— Es ſind die Hunderttauſende die in den Bergwerken Sibiriens verſchmachten!—— „Halt! halt!“ rief die Kaiſerin aus ihren wachen Träumen wild auffahrend.„Es iſt Un⸗ ſinn! verwünſchter Unſinn! erfunden nur den Pöbel zu erſchrecken und ſeiner Leidenſchaften Macht zu bändigen. Muß denn doch einmal geſtorben ſein, lieber Vernichtung!— Nicht wahr Jva⸗ naura, mit dem Tod iſt Alles aus?— nicht wahr Du glaubſt auch nicht an jene Pfaffen⸗ mährchen von Ewigkeit?— nicht wahr auch mein Loos iſt— Vernichtung?“ Die große Kaiſerin ſtand bleich und zitternd mitten im Zimmer. Ihr Auge ſtarrte wild vor ſich hin, die Arme hingen ſtraff herab, die Hände hatten krampfhaft ſich geballt. Jvanaura bebte. In einem ſolchen Zu⸗ ſtande hatte ſie ihre Herrin noch nie geſehen. Doch faßte ſie ſich ſchnell, und zu der Kaiſrin Füßen niederſinkend, bedeckte ſie derſelben eiſ'ge Hand mit heißen Küſſen. — 319— „Ach!“ rief ſie ſchluchzend aus„welche Ge⸗ danken erfüllen Ew Majeſtät. Sie ſind heute krank; ſonſt könnten Sie, deren blühende Geſund⸗ heit der ganzen Jugend Ihres Reiches ſpottet, nicht ſolchen trüben Ideen nachhängen. Und“— ſetzte ſie lächlend hinzu, die erzwungenen Thränen trocknend,—„Katharina die Große ſtirbt nie!“ „Schmeichlerin!“ entgegnete, noch immer in Gedanken vor ſich hinſtarrend, die Kaiſerin— „Mein Name wird leben; aber mein„Ich“— das was in mir denkt, fühlt, liebt und haßt— was wird aus dem?“ „Majeſtät, die alten Griechen waren weiſe Männer, ihnen war der Tod nur der ſanfte Bruder des Schlafes, und beide hüllte die lie⸗ bende Mutter Nacht in ihren Schleier.“ „Ein Schlaf alſo?— nicht vernichtet und doch auch nicht mächtig ſchaffend und wirkend wie hier?— Wir, die Wir einer halben Welt gebieten, Wir ſollten nur träumen?— uner⸗ träglich“— „Aber, Majeſtät, warum denn dieſen trüben — 320— Gedanken nachhängen?— Sie werden noch viel Großes hier ſchaffen; Sie werden zum Heile Ihrer Völker noch lange, lange leben“ „Noch viel Großes ſchaffen?— Ja!— Du haſt recht, Jvanaura,“— rief hier Katha⸗ rina ſtolz, und ging mit großen Schritten im Zimmer auf und ab.„ Wir waren thöricht, Uns dieſer Schwäche hinzugeben. Wir wollen den Namen den Wir uns errungen auch behaupten. Komme dann, was da kommen will. Und haben Wir im Laufe Unſerer Regierung nicht das Un⸗ glaubliche gethan? Fügten Wir dem koloſſalen Reiche Peter des Großen nicht die Krim, Aſow, Kinburn, Kuban, Oczakow, Jediſan, Jever, Gruſien, Kurland, Semgallen und Polen bei?— Und haben Wir nicht heute erſt be⸗ ſchloſſen, Größeres als dieß Alles noch zu thun?“ „Jetzt erkenne ich meine erhabene Monarchin wieder!“ rief hier ſchmeichelnd die ſchlaue Kam⸗ merfrau—„jene Monarchin die, fern von jeder weiblichen Schwäche, das ganze Volk der Männer erröthen macht; jene Monarchin, um deren Gunſt Könige, Völker, Gelehrte und Dichter buhlen“ — 321— Katharina war beruhigt Sie hatte ſich vorgenommen von nun an nur ihren ehrgeizigen Plänen zu leben und mit Gewalt jede unange⸗ nehme Mahnung zu verbannen. „Wir fühlen Uns wieder leicht!“ rief ſie aus, den flüchtigen Blick in einen großen Spie⸗ gel werfend.„Auch ſehen Wir noch ganz gut aus. Es war nichts, Jvanaura, als eine körper⸗ liche Schwäche, die Uns momentan ergriffen,“— fügte ſie dann hinzu; nahm einen koſtbaren Ring aus einer nahe ſtehenden Chatoulle, und reichte ihn der entzückten Kammerfrau mit den Worten: „Du wirſt gegen Jedermann über das, was in dieſer Stunde hier vorgegangen iſt und geſprochen wurde, ſchweigen.“ „Zählen Ew. Majeſtät auf meine unwan⸗ delbare Treue!“ rief die Glückliche und bedeckte den Saum des kaiſerlichen Kleides mit unzähli⸗ gen Küſſen. „Wer iſt im Vorzimmer!“ rief endlich des Dankes müde, die Herrſcherin. „Graf Romanzoff!“ entgegnete die Ge⸗ fragte.„Er bittet um eine Privataudienz.“ Rau, Th Koscinszko. IM. Thl. 21 —— „Romanzoff?“ rief im höchſten Erſtaunen die Kaiſerin—„Alexandrowitſch Roman⸗ zoff? was will der bei Uns?— Wahrlich das bedeutet der Welt Ende, wenn der alte Bär ſeine Güter verläßt und ſich an den Hof begibt. Doch— Wir ſind ihm noch den Dank ſchuldig, dem er ſich in allzugroßer Beſcheidenheit entzog. Heiße ihn eintreten und laſſe Uns dann allein“ Jvanaura gehorchte und Romanzoff erſchien. Katharina l. hatte ſich wieder nieder⸗ gelaſſen, und keine ihrer Mienen verrieth den kurz zuvor beſtandenen Seelenkampf. „Willkommen Feldmarſchall!“ rief ſie dem Eintretenden freundlich entgegen,—„Willkom⸗ men an unſerem Hofe. Wir haben Euch ſo lange in St. Petersburg vermißt, daß Wir, trotz Eurer grauen Haare, faſt auf die Vermuthung kommen: Euch feſſelt in Euren alten Tagen noch ein zärt⸗ liches Verhältniß an Eure Güter.“ „Majeſtät bleibt Nichts verborgen,“ entgeg⸗ nete auf den Scherz der Kaiſerin eingehend Ro⸗ manzoff.„Ich muß es geſtehen, ja! ich liebe —— Aber kennt auch die glorwürdigſte aller Monar⸗ chinnen meine Geliebte?“ „Nicht doch, Zadonaiskoy, Ihr ſeid gar unbeſtändig; ſonſt war es der Ruhm, jetzt?“ „Iſt es die Natur!“ „Ihr ſeid wohl gar Naturforſcher geworden?“ „In gewiſſer Beziehung ja! Majeſtät.— Wenn man alt wird wie ich, ſo darf man ſich ſchon mit den wichtigen Fragen befaſſen, welche unſer irdiſches und künftiges Daſein berühren, und über dieſe Frage kann uns Niemand beſſer belehren, als die Natur. Sie allein vermag uns, in ihrem ſchweigſamen Walten und Wirken Auf⸗ ſchlüſſe zu geben, nach welchen wir ſonſt vergeb⸗ lich ſuchen; ſie iſt eine Geliebte, die ſich ſanft an uns ſchmiegt, mit der wir je länger je mehr vertrauter werden, und die uns gar tröſtliche Worte von einem ſchöneren, jenſeitigen Leben in die Ohren lispelt.“ „Ihr ſeid ein begeiſterter Liebhaber—“ ver⸗ ſetzte mit einem Wölkchen auf der Stirne, die Kaiſerin.„Es muß Uns um ſo mehr wundern, daß Ihr es über das Herz brachtet die Ge⸗ —— liebte zu verlaſſen, und unſeren proſaiſchen Hof zu beſuchen.“ „Katharina die Große weiß, daß ne⸗ ben ihrem Glanze jeder andere Stern erbleicht!“ Die Geſchmeichelte lächelte den alten Cava⸗ lier gnädig an Wir ſind nicht ſo eitel—“ fuhr ſie dann fort—„einem ſo heißen Anbeter dieſe Worte zu glauben; aber um ſo bereiter werden Wir ſeine Wünſche erfüllen, wenn er ſolche zu Unſeren Füßen niederzulegen hat.“ „Dieſe Zuſage Ew. Majeſtät ermuthigt mich, der ich ſonſt nicht gewohnt bin mit Bitten zu belä⸗ ſtigen, heute ein wichtiges Geſuch an Sie zu ſtellen“ „Romanzoff hat noch auf unſere Dank⸗ barkeit zu rechnen. Unſer Gedächtniß iſt noch immer friſch; Wir begrüßen in ihm, den Beſie⸗ ger der Türken, Zadonaiskoy, den kühnen Ueberſchreiter der Donau, den würdigen Mann, welcher Unſeren Sohn, den Großfürſten Paul, zu ſeiner Vermählung nach Berlin begleitete“ „Wenn meine geringen Verdienſte in dem Auge Ew. Majeſtät einigen Werth haben, dann flehe ich meine große Monarchin an, Ihre Gnade — auf zwei unglückliche Menſchen herabfließen zu laſſen.“ „Wer ſind dieſe?“ frug Katharina haſtig „Kosciuszko und Niemcewicz!“ „Romanzoff!“ rief bei dieſen Worten die Kaiſerin heftig, und eine flammende Röthe be⸗ deckte ihr Geſicht.„Welcher unſinnige Dämon diktirte Euch die Namen dieſer mir verhaßten Rebellen?“ „Meine großmächtige Monarchin vergebe, wenn ich dieſelbe erzürnte und erlaube mir nur einige Worte“ „Sprecht!“ „Polens Vicekronfeldherr, der Marſchall von Litthauen, Joſeph Sonowski, deſſen für Rußland günſtige Geſinnungen Ew. Majeſtät kennen, war mein Jugendfreund. Seine Tochter, die verwittwete Fürſtin Orany, wandte ſich nun in der letzten Zeit, nebſt einem Fräulein von Zenowicz an mich, mit der Bitte Ew. Ma⸗ jeſtät um die Freigebung der beiden Genannten, welche den Herzen jener Damen nicht fremd ſind, anzuflehen. Beide Gefangenen ſollen mit einem — 326— Eide geloben nie wieder das Schwert gegen Ruß⸗ land zu ziehen und in der Verbannung von ihrem Vaterlande zu leben.“ „Wirklich?“— lachte Katharina in wil⸗ dem Zorne,—„wollen Uns die Herrn ſolche Zugeſtändniſſe machen?“— Und, mit der Schnelle eines Gedankens vom Hohne zum tiefſten Ernſte übergehend, rief ſie:„Kein Wort mehr hierüber. Es iſt ſchimpflich von einem ruſſiſchen Feldherrn, der ſelbſt früher gegen Polen diente, ſeine Ehre mit einer ſolchen Bitte zu beſudeln.“ Romanzoff wollte weiter ſprechen, aber der Zorn der Kaiſerin hinderte ihn daran. „Noch ein Wort über dieſen Gegenſtand“— rief ſie mit funkelnden Augen—„und Ihr ſeid zum Gouverneur einer Provinz Sibiriens ernannt“ „So habe Ew Majeſtät wenigſtens die Gnade“— fuhr ruhig der unerſchrockene Greis fort—„der unglücklichen Fürſtin zu vergönnen, ſich ſelbſt kaiſerlicher Hoheit zu Füßen zu werfen.“ „Nimmermehr!“ entgegnete die Gereizte. „Ich kenne dieſe Schwärmerin und ihren Haß gegen Alles was ruſſiſch iſt Ich will ſie nicht ſehen“ — 327— „Katharina IM ſchmückt die Geſchichte mit dem Namen„der Großen.“ Auch gnädig ſein und vergeben iſt groß.“ „Ihr ſeid ſehr verwegen, Romanzoff,“ ſagte mit finſterem Blick, aber etwas ruhiger, Katharina.„Ihr trotzt auf Eure Verdienſte und meine Gnade. Letztere habt Ihr verſcherzt⸗ Der Orany aber will ich ihren Willen thun und ſie vorlaſſen. Merkt aber, Feldmarſchall— ich laſſe ſie vor— um ſie und ihren Buh⸗ len zu vernichten!“— Die Kaiſerin ergriff eine ſilberne Klingel und herrſchte dem eintretenden Kammerherrn zu „Die Fürſtin Orany und Begleitung.“ Da öffnete ſich die Flügelthüre und Louiſe und Karoline traten ein. Katharina, maß Beide eine Zeit lang mit ſtolzen, verachtenden Blicken; dann ſagte ſie kalt und ſpitz: „Wir ſind gewohnt, daß man Unſeren ein⸗ mal ausgeſprochenen Willen in Unſren Reichen als Geſetz achtet. Doppelt erfordern Wir dieß von den Einwohnern Unſerer gedemüthigten Pro⸗ — 328— vinz Polen Jedes Entgegenhandeln betrachten Wir als ein rebelliſches Auflehnen gegen Unſere kaiſerliche Macht, und werden es mit der Ver⸗ weiſung nach dem Lande der ſilbernen Wölfe und der ſchwarzen Bären*) ſtrafen. Euch Fürſtin, haben wir den Zutritt zum Hofe ſchon einmal unterſagt; wie kommt es, daß Ihr es wagt die⸗ ſem Befehle entgegen zu handeln?“ Der Kaiſerin Stimme hatte ſich im Laufe der Rede geſteigert, und ihr ſchlecht zurückgehal⸗ tener Zorn trat bei den letzten Worten wieder unverholen hervor. „Weil meine Bitte gerecht iſt, und Gerech⸗ tigkeit bei großen Seelen früher oder ſpäter Ein⸗ gang findet!“ entgegnete Louiſe mit einer Ruhe und Würde, welche einen ſichtbaren Eindruck auf Katharina machte. „Gerecht?“ wiederholte die Kaiſerin. „Wenn ſie anders dieſelbe iſt, welche Ihr mir ſchon einmal vorzutragen wagtet, und die Romanzoff ſo unklug war zu unterſtützen, ſo iſt ſie anmaßend aber nicht gerecht“ 2) Sibirien und Nowgorods Wappenbilder. —— „Woher Euch, Kaiſerin das Recht zuſteht ein ſelbſtändiges Reich, wie es Polen war, zu vernichten, und ſeine Vertheidiger als Rebellen zu betrachten? darüber wird Euch einſt der ewige Richter fragen. Der Allweiſe hat den Untergang meines Vaterlandes zugelaſſen; ſeiner Fügung müſſen wir uns, nachdem wir Alles aufgeboten es vor dieſem Falle zu bewahren, in Geduld und Demuth überlaſſen. Aber eines iſt noch unſre Pflicht, den ungerechten Zorn Ew. Maje⸗ ſtät von den unſchuldigen Männern abzuleiten, die groß genug waren, Alles aufzuopfern um die Selbſtändigkeit und die Ehre Polens zu retten. Seid gnädig, Herrſcherin, was Ihr beſitzt, möget Ihr behalten. Nur gebt die Freiheit dem edlen Kosciuszko und ſeinem Freunde wieder, die Beide nun ſeit Jahren ſchon, an ihren Wun⸗ den ſchmerzlich leidend, im Kerker ſchmachten. „Ja, Majeſtät! ich vereine meine Bitte mit den⸗ jenigen der Fürſtin— flehte Karoline„Seht mich zu Euren Füßen, ſeht meine Thränen und trocknet ſie durch ein begnadigendes Wort.“ „Es ſind die edelſten der Menſchen—“ fuhr — 330— Louiſe fort—„die Ihr gefangen haltet. O, wäret Ihr ein Zeuge doch geweſen des Jammers der Polen ergriff, als man die Nachricht brachte: „Kosciuszko iſt nicht mehr!“ Ein herz⸗ zerreißenderes Schauſpiel ſaht Ihr nie In allen Straßen Warſchaus, in allen Familienkreiſen hörte man nur den Trauerruf erſchallen: Kos⸗ ciuszko iſt nicht mehr! und tiefe Seufzer tönten als Echo aus ganz Polen wider. Die Kranken rafften hitz'ge Fieber nieder, Mütter gebaren vor der Zeit, dem Wahnſinn ſelbſt verfielen manche Opfer und— alles— alles weil— Kos⸗ ciuszko für Polen todt. Gib ihn, gib dieſen Mann, wenn auch dem Lande nicht, gib ihn dem Leben, und ſeinem höchſten Glück— der goldnen Freiheit wieder!“ „Ihr redet Unſinn, Fürſtin. Wir werden Unſerem Todtfeind wohl mit eigner Hand die Feſſeln abnehmen ſollen, damit er um ſo ſichrer dieſes Herz durchbohrt.“ „Ihr kennt ihn nicht.—“ „Vergeb'ne Müh', Kosciuszko und ſein Freund ſehen die Freiheit nimmer wieder.“ — 331— „Iſt dieß das letzte Wort?“ „Das erſte war's und wird mein letztes bleiben.“ Louiſe ſtand gefaßt, während Karoline zu ihren Füßen troſtlos ſchluchzte. „So hab' ich eine Bitte noch: Laß uns, o Kaiſerin, das Loos der Armen theilen.“ „Mit nichten!“ lachte höhniſch Katharina, „die Luft des Kerkers möchte Eurer Schönheit ſchaden.“ „So ſchütze Gott Dich in der letzten Stunde!“ „Eure Kühnheit geht zu weit, Fürſtin, be⸗ denkt vor wem Ihr ſteht!“ rief hochaufathmend Katharina. „Ich weiß es!“ entgegnete mit der Ruhe einer Heiligen, Louiſe„Ich ſtehe vor einem Ge⸗ ſchöpfe der Allmacht, vor einem Weſen aus Staub und Aſche, das einſt dem ewigen Richter Rechen⸗ ſchaft muß ablegen für ſeine Thaten. Katha⸗ rina! mir ſagt's der Geiſt— Du biſt dem Ende Deiner ird'ſchen Laufbahn nahe Bedenke Deine Seele!— bedenke der Tauſende die Dein Ehrgeiz ſchon dem Tod geopfert hat, bedenke daß — 332— die Manen aller gefallenen polniſchen Helden, daß die fünfzehn Tauſend, die Du bei Praga opfern ließeſt, die vierzehn Tauſend, die Deine Rache nach Sibirien ſandte, bedenke! daß ſie, ihre Weiber, ihre Kinder bei Gott Dich einſt verklagen werden, wo keine Krone vor der Strafe ſchützt. Rufe zurück was noch am Leben iſt, er⸗ löſe aus der finſtern Kerker Nacht, die Elenden die noch zu athmen fähig, vor allen aber befreie die edelſten, die größten Männer ihrer Zeit: Kosciuszko und ſeinen Freund. Nur ſo ver⸗ magſt Du den Fluch der Menſchheit, der Dein Haupt beſchwert, zu tilgen nicht, doch wohl zu mildern.“ „Wahnſinnige!“ rief hier die Kaiſerin wü⸗ thend—„Dein Haupt verfällt dem Tod!“ „Ich ſehe Deine Augen blitzen,“ fuhr Louiſe wie begeiſtert fort,„ich ſehe meine Freunde bleich und zitternd ſtehn. In meiner Seele aber wohnt ein freudig Leben, weil Gott es mir vergönnt, die Wahrheit Dir zu ſagen, Dir, der ein Volk von Sklaven ſtlaviſch dient. Ich fürchte Deinen Zorn und Deine Rache nicht; mehr als ich litt tann ich auf Erden nimmer leiden, und böteſt Du den Tod— ich grüße ihn mit Luſt.“ „Den Tod!“ ſchnaubte die Kaiſerin—„den Tod!— doch nein— Du ſollſt nicht ſchnell— Du ſollſt langſam an unermeſſnen Qualen ſterben!“ Raſch griff ſie nach der Klingel. „Den Staatsſekretär!—— Ich will be⸗ weiſen daß ich Kaiſerin bin.“ Mit tiefer Verbeugung trat der Gerufene ein. „Ihr fertigt auf der Stelle den Befehl an den Commandanten von Petro⸗Pawlosk: daß ohne Verzug die Rebellen Kosciuszko und Niemcewicz in die tiefſten Bergwerke Sibiriens gebracht werden. Für ſichere Aus⸗ führung haftet des Commandanten Kopf. Mor⸗ gen in aller Frühe legt Ihr mir den Befehl zum Unterſchreiben vor.“ Nit dieſen Worten wandte ſie den Unglück⸗ lichen den Rücken und rauſchte durch die offne Flügelthüre den innern Gemächern zu. XIII. Der Menſch denkt, Gott lenkt! „Des Lebens Mai blüht einmal und nicht wiever; Mir hat er abgeblüht. Der ſtille Gott— o weinet, meine Brüder— Der ſtille Gott taucht meine Fackel nieder, Und die Erſcheinung flieht.“ Schiller. Katharina ll hatte das Zimmer in flam⸗ mendem Zorne verlaſſen, während ihr Louiſe ruhig und mit einem Blicke des Mitleidens nach⸗ ſchaute Die Fürſtin fühlte ſich ordentlich leichter und freier; denn ſie hatte ihrem Herzen Luft ge⸗ macht, hatte ſich ausgeſprochen gegen ein Weſen, welches ihr— ſchon ſeiner Laſterhaftigkeit wegen — aus ganzem Herzen zuwider war. Nicht ſo ruhig und mit dem ſtürmiſchen Auf⸗ tritte weniger zufrieden, ſchienen hingegen ihre Begleiter zu ſein. Denn kaum hatten ſich die Thüren hinter der Kaiſerin geſchloſſen, als Ro⸗ manzoff und Karoline todtenbleich auf Louiſe zuſtürzten, und ſie mit ſtürmiſcher Gewalt nach dem Ausgang drängten. „Laſſen Sie uns fliehen, Fürſtin!“ flüſterte ihr der Graf zu.„Wir haben keinen Augen⸗ blick zu verlieren, die Rache Ihrer Majeſtät wird Sie und uns vernichten. Sie gingen zu weit.“ „Ich habe die Wahrheit geſprochen!—“ ent⸗ gegnete ernſt aber mild Louiſe.—„Und dieß war hier um ſo verdienſtlicher, als es ſonſt Nie⸗ mand wagt.“ „Und haben Alles damit verdorben!“ fügte der Feldmarſchall hinzu, die Fürſtin faſt mit Ge⸗ walt nach dem Ausgange des Palaſtes ziehend. Karoline unterſtützte ſein Bemühen, ihren tödtlichen Schmerz mit Anſtrengung aller Seelen⸗ kräfte erſtickend. Kaum aber hatten alle Dreie den Rom anzoff'ſchen Wagen beſtiegen, als die — 336— bisher zurückgehaltenen Thränen mit Gewalt aus den Augen der unglücklichen Zenowicz her— vorbrachen. „Sie ſind auf ewig, unrettbar verloren!“ jammerte ſie.„Sie werden das Tageslicht nie wiederſehen, und ihr edles Leben tief unter der Erde in den ſchauerlichen Bergwerken Sibiriens aushauchen.“ „Gott hat es nicht anders gewollt!“ entgeg⸗ nete Louiſe mit einem ſchmerzlichen Blicke zum Himmel.„Laß uns den Glauben an ſeine Liebe und Weisheit auch in dieſer harten Prüfung nicht verlieren. Auch in Sibiriens Bergen, tief,— tief unter der Erde waltet die ewige Liebe. Mein Entſchluß iſt gefaßt.“ „Keine Anſtrengung kann ſie mehr retten!“ jammerte Karoline. „Laſſen Sie dieſe Hoffnung ſchwinden,—“ ſagte Romanzoff niedergeſchlagen,—„und denken Sie an Ihre eigne Sicherheit, ſie iſt ge⸗ fährdet genug. Wer weiß ob ich daheim nicht ſchon die Ordre finde, Sie, meine Damen, als Cavalier nach Tobolsk zu begleiten — 337— „Das verhüte der Himmel!“ rief erſchrocken die Fürſtin,„daß Ihr ehrwürdiges Haupt der Zorn der Kaiſerin treffe. Ich aber gehe— ſo⸗ bald ſich die Drohung Katharina's verwirk⸗ licht— freiwillig nach Sibirien. „Fürſtin!“ rief entſetzt der Graf—„bedenken Sie was Sie ſagen, Sie kennen jenes Land und ſeine Einwohner nicht.——“ „Doch!—“ entgegnete mit einem Ausdruck unendlichen Schmerzes Louiſe, und ihre Stimme zitterte vor Wehmuth.„Werd' ich doch viele, viele Tauſende meines Volkes dort finden. „Aber Ihre Gefundheit——“ „Dein Leben——“ wandten ihre Be⸗ gleiter ein. „Keine Gefahr wird mich von der Erfüllung meiner Pflicht zurückhalten können. An mir iſt es ihrem Ruf zu folgen, in Gottes Händen liegt das Gelingen des Unternehmens. Erliege ich, ſo habe ich gethan was in meinen Kräften ſtand.“ „Aber ich bitte Sie, Fürſtin, woher leiten Sie denn die Pflicht ab, Kosciuszko in, Rau, Th. Kosciuszko. III. Thl. 22 5 — 338— traurige Verbannung folgen zu müſſen?— Sie liebten ihn einſt— gut!— aber das Schickſal trennte Sie von ihm, Sie wurden die Gattin eines Andern, Sie ſind nun Wittwe— Sie mögen ihn ſelbſt jetzt noch lieben— ja!— aber daraus erwächst für Sie keine Pflicht ihm in das ſchrecklichſte aller Erile zu folgen!“ „Herr Graf, Sie wiſſen, daß man mich zu einer Verbindung mit Orany zwang. Meine Liebe zu Kosciuszko aber blieb ſich in allen Stürmen des Lebens gleich. Würden ihn jetzt glückliche Verhältniſſe umgeben, ſo wäre ich ihm zwar die gleiche Freundin geblieben,— aber kein Erdenband hätte uns vereinigt. Ich würde dann in dem Kloſter mein Leben geendet, und nur der Geiſt meiner Liebe ihn auf ſeinen Siegesbahnen umſchwebt haben. So aber, bedarf er mein. Und kann ich es durchſetzen, ſteige ich mit ihm hinab in der Erde finſtere Tiefe, und die unter⸗ irdiſche Nacht wird mir ein ſonnenheller Tag werden.“ „Louiſe!“ rief in Thränen aufgelöst Ka⸗ roline—„himmliſches Weſen! welch' armſelige — 339— Creatur bin ich gegen Dir, ich weine, da Du Entſchlüſſe faßt groß wie Deine Seele Louiſe, — auch Niemcewicz bedarf einer liebenden Pflege— ich folge Dir!“ Und beide Freundinnen ſanken Bruſt an Pruſt Wenige Augenblicke darauf hielt der Wagen am Romanzoffſchen Palaſte. Zu ſeiner Verwunderung fand der Feldmar⸗ ſchall noch keine kaiſerliche Ordre vor; zu ſeinem größeren Erſtaunen erhielt er ſelbſt im Laufe des Tages keine mehr. Katharina hatte zwei triftige Gründe, warum ſie nicht mit der Schnelle des Gedankens ihre Rache zerſchmetternd auf das Haupt der all' zu kühnen Fürſtin niederfallen ließ. Der erſte war der große, weit verzweigte und mächtige Anhang der Familie Orany, die, wenn ihr auch Louiſe, als eine Polin, ein Dorn im Auge war, dennoch mit Eiferſucht auf ihre Rechte hielt. In viele und großartige Unternehmungen verwickelt, bedurfte aber die Kaiſerin nicht nur der Hülfe jener zahlreichen Familie, ſondern ſie —— mußte auch bemüht ſein, die Häufung jeden Gährungsſtoffes im Innern ihres Reiches zu ver⸗ meiden, um nicht wieder ihre Pläne durch einen Aufſtand,— wie der Pugatſcheff'ſche war — geſtört zu ſehen. Ihre Rache aber keinesweges aufgebend, fühlte ſie wohl, daß im Gegentheile ein allmähliges Würgen viel wollüſtiger und gefahrloſer für ſie — viel ſchrecklicher für die Feindin ſein würde. Den Bitten Louiſens daher gerade entgegen handelnd, ſtieß Katharina der Fürſtin den Dolch des Leidens tief in das zitternde Herz, ſchon die ferneren Grade einer unmenſchlichen Tortur mit blutdurſtigem Geiſte erſinnend. Auf Louiſens körperliche Zuſtände hatte indeſſen dieſe Zuſammenkunft den nachtheiligſten Einfluß. So kräftig ihr Geiſt, ſo ſchwach war ihr Leib, und kaum in ihren Zimmern ange⸗ kommen, erlag ſie den heftigſten Nervenanfällen. Nur mit der größten Anſtrengung gelang es den Bemühungen der Aerzte den Ueberreiz zu heben, und auf denſelben folgte nun eine eben ſo be⸗ denkliche Abſpannung. Karoline ſchloß wäh⸗ — 341— rend der ganzen Nacht kein Auge, und wich keine Minute von der Seite der armen Freundin. Wer ſchon öfter Nächte ſchlaflos und leidend zugebracht, oder an dem Schmerzenlager eines theuren Weſens gewacht hat,— der weiß mit welcher namenloſen Sehnſucht man dem zögern⸗ den Morgen, dem erſten, matten Dämmerſcheine entgegenſieht. Mildert doch der Tag die Qualen, durch ſein freundlich tröſtendes Licht, durch die, dem Leidenden gegönnte, Zerſtreuung. Auch den beiden Freundinnen ging es ſo, ſie hofften von dem Morgen weſentliche Beſſerung. Endlich— endlich!— fängt es zu dämmern an— allmählig wird es heller— aber ſonder⸗ bar!— die Stille, welche ſonſt gewöhnlich dieſe Zeit begleitet, wird heute in St. Petersburg vermißt.— Raſche Tritte laſſen ſich hören— große Abtheilungen Soldaten durchziehen eilig die Straßen— das Volk ſammelt ſich— man frägt— man flüſtert— man rennt und läuft durcheinander. Jetzt ziehen ganze Regimenter in ſchne llem Schritt vorüber— auch die Glocken — 342— beginnen zu läuten.—„Was gibt's!“ flüſterte Louiſe mat.—„Ich kann Dir es nicht ſagen!“ entgegnete Karoline erblaſſend. Da tritt das Kammermädchen zitternd ein und ſtottert: „Der Herr Graf wünſchen Fräulein Zeno⸗ wicz zu ſprechen.“ Karoline eilt in das Vorgemach. Ro⸗ manzoff kommt ihr in ſonderbarer Aufregung entgegen. „Was iſt geſchehen?“ ruft ihm die Dame ängſtlich zu. Der Graf aber ergreift ihre Hand, drückt ſie heftig und ſagt mit leiſer, kaum vernehmbarer Stimme: „Wir ſind gerettet!— dieſe Nacht endete ein Schlagfluß das Leben der Kaiſerin!“— Romanzoffs Nachricht bewies ſich bald als wahr. Katharina hatte, vom ſchnellen Tode überraſcht, ihren unruhigen, herrſchſüchtigen Geiſt ausgehaucht. Groß in Laſtern, kühn in Entwürfen, glücklich in ihren Unternehmungen —— kannte ſie wahre Größe nie Das Glück ihrer Völker galt ihr für nichts, und der — 343— Fluch von Millionen die ihr Ehrgeiz zertreten, ihre Rachſucht geopfert hatte— trug ihre Seele in das Jenſeits. Ihr Sohn beſtieg als Paul I den Thron der Czaaren.—— Während die Kunde von dieſen Ereigniſſen welterſchütternd nach Nord und Süd, nach Weſt und Oſten flog; während ſie ganz Rußland in Bewegung ſetzte, und alle Höfe beſchäftigte; prallte ſie an den tauben Steinwänden von Petro⸗Pawlosk kalt zurück, und verhallte ſpurlos an der Kerker eiſernen Pforten, hinter welchen die Staatsgefangenen ſchmachteten. Unter dieſen befanden ſich auch Kosciuszko, Niem⸗ cewicz und Paul. Erſteren hatte man einen Kerker gegönnt, während von Letzterem, ſeit dem Tage an welchem man die Gefangenen in dieß Fort gebracht, nichts mehr verlautet war. Raſch tanzen im Sonnenſcheine des Glücks die heiteren Tage dahin, aber unerträglich lang⸗ ſam ſchleichen die trüben Stunden des Lebens von dannen, als wollten ſie nie und nimmer ſcheiden. Die beiden Freunde hatten ſie nicht — 344— gezählt, denn wo keine Hoffnung auf irdiſche Erlöſung iſt, gewährt das Verrinnen des Sandes keine Erleichterung,— es ſei denn der tröſtende Gedanke: daß die Minute näher rücke, in welcher der Tod die Uhr umkehrt und die Seele von allen drückenden Banden befreit. Kaum möchte es der erfinderiſchſten Phantaſie möglich ſein, mehr und größere phyſiſche und geiſtige Leiden auf einen Menſchen zu häufen, als diejenigen waren die Kosciuszko trug. Was ſeine freiheitdurſtige Seele, was ſein liebendes Herz, was ſein patriotiſches Gemüth litt, überragte bei weitem die Leiden des Körpers, und dennoch waren auch dieſe namenlos. Von ſchlechten Aerzten behandelt, hatten ſich ſeine Wunden nur langſam und theilweiſe geſchloſſen. Die gefährlichſte und zugleich die ſchmerzhafteſte derſelben ging über den Hirnſchädel und den Nacken bis tief in den Rückgrat, und nöthigte ihn lange Zeit in einer und derſelben peinlichen Lage zu verharren. Drei Bajonettſtiche in die Bruſt hatten dieſelbe geſchwächt, und eine Ka⸗ nonenkugel, die einen Theil des rechten Schenkels weggeriſſen, erſchwerte ihm das Gehen.*) Demohnerachtet kamen keine Klagen über ſeine Lippen. Mit männlichem Muthe trug er, ſo wie ſein Freund Niemcewicz, das harte Schickſal, und Beide fanden in ihrer gegenſeitigen Freund⸗ ſchaft die einzige Linderung für ihre Qualen. Hatten ſie doch ſchon in ihrer zarteſten Kindheit dieß Band geknüpft, und waren ſich durch ein wild brauſendes Leben in Freud und Leid, in Glück und Unglück treu geblieben. Gleiche Liebe für ihr unglückliches Vaterland im Herzen tragend, von gleich edlen Geſinnungen beſeelt, und nach einem Ziele ſtrebend, ketteten ſich ihre Herzen mit ehernen Banden an einander, die durch ihre ähnlichen Schickſale nur noch unauflöslicher wur⸗ den. Die Erinnerung an die gemeinſchaftlich genoſſenen ſchönen Stunden der Jugend, ver⸗ ſüßten ihnen jetzt die troſtloſen der Gefangenſchaft. Oft auch vertrieb ihnen Leſen und Zeichnen die Zeit. Oder— während Thaddäus, er⸗ *) Thaddäus Kosciuszko, nach ſeinem öffentlichen und häuslichen Leben von C. Falkenſtein. Leipz. 1834. — 346— laubten es ihm ſeine Wunden, ſich mit der Verfertigung von Kunſtgegenſtänden an der Drechſelbank beſchäftigte, pflegte wohl auch Julian ſeine Gefühle in wehmüthigen Dich⸗ tungen auszuſtrömen. So ſaßen ſie auch heute lange Zeit ſchweigend nebeneinander. Kosciuszko arbeitete an einer Vaſe von Elfenbein, welcher er eine höchſt ge⸗ ſchmackvolle Form zu geben bemüht war. Er ſchien ſeine ganze Aufmerkſamkeit dieſer Unter⸗ haltung gewidmet zu haben, und doch waren nur die Hände mit dem Elfenbein beſchäftigt,— Herz und Geiſt aber weilten weit von hier, in ſeinem unvergeßlichen Vaterland und bei ſeiner heißgeliebten Louiſe. Von Beiden hatte er ſeit ſeiner Gefangennehmung nichts mehr erfahren. Beide waren auf ewig todt für ihn, und doch! — und doch! hing ſeine Seele mit ſo unend⸗ licher Zärtlichkeit an Beiden. Was war aus ihnen geworden?— ach! er durfte nicht zweifeln, Polen war zu einer ruſſiſchen Provinz herab — und Louiſe— wohl in die Grube geſunken. Wie oft ihn auch ſchon dieſe trüben Ge⸗ danken beſchäftigt haben mochten, ſie zerriſſen auch heute wieder ſein Inneres, und dennoch wühlte er mit grauſamer Luſt in der eigenen Wunde. Niemcewicz mochten ähnliche Gedanken quälen, doch fand dieſer in ſeiner reichen dich⸗ teriſchen Phantaſie eine treue Tröſterin. Sinnend ſaß er am Boden, und bald ſchmerzlich nach den kleinen, ſtark vergitterten, Fenſtern aufblickend, bald mit Kohlen— ſeinem einzigen Schreib⸗ material— auf die Diele ſchreibend, hauchte er die Seufzer ſeines Herzens in wehmüthigen Verſen aus. Nach längerer Zeit hielt Thaddäus, von ſeinem Arbeiten ermüdet, inne, und da er ge⸗ wahrte daß Julian vollendet hatte, bat er den Freund ihm den Ausdruck ſeiner Gefühle mitzu⸗ theilen. Julian war gern dazu bereit, und, — eine Thräne zerdrückend,— hub er mit be⸗ wegter Stimme an: Saget mir, ihr feuchten, nackten Wände, Ob denn nie mein traurig Loos ſich ende? Ob mich von den ſchweren Eiſenketten, Von der Qual der Einſamkeit zu retten— Von der Sehnſucht die am Herzen nagt— Denn kein froher Rettungsmorgen tagt? Von dem Sturm des Schickſals fortgeriſſen Muß ich Alles was ich liebe miſſen. Alles was das arme Erdenleben Seinen Kindern Tröſtliches kann geben: Freiheit, Lieb' und ſelbſt das Vaterland, Nahm mir des Geſchickes kalte Hand. Breche Herz, zu groß ſind dieſe Leiden Ewig mußt du von der Liebe ſcheiden, Von des Paradieſes goldner Schwelle, Spült dich weg des Schickſals grauſe Welle. Breche nur in namenloſem Schmerz Breche nur Du angſtgequältes Herz. Schwach und dämmernd durch die Eifengittern, Schmale Streifen matten Lichtes zittern, Und die Winde ob ſie ſpielend koſen, Oder wüthend um die Erde toſen, Frei und fröhlich wie das junge Licht, Den Gefangnen grüßt ihr Odem nicht. — 349— Längſt entwöhnt vom reinen Strahl der Sonne, Längſt beraubt der Freiheit Himmelswonne, Kennt mein Aug nicht mehr das Grün der Wälder, Nicht des Himmels Blau, der reichen Felder Uepp'ge Fülle, noch der Ströme Pracht, Nicht das Morgenroth und nicht die Sternennacht. Draußen wohnt die Freiheit und das Leben, Hier der kalte, ſtarre Tod. Es ſchweben Seine Schatten traurig zu mir nieder Von den Wänden hallt ſie ſtöhnend wider, Jene Ahnung die das Herz mir gab: „Dich umfängt lebendig ſchon Dein Grab.“ Wenn hab' ich denn endlich ausgerungen? Doppelbanden haben mich umſchlungen, Wie von düſtren Mauern rings umnachtet Hier mein Körper in den Ketten ſchmachtet, Alſo zittert von der Sehnſucht trunken In der Bruſt der ew'ge Götterfunken. Aber ewig wird er hier nicht zittern, Dieſe Hülle muß einmal zerſplittern. Wenn der Geiſt, der aus der Gottheit ſtammet Froh und fröhlich nach der Heimath flammet, Beide Kerker ſtürzen dann zugleich Und ich kehre in der Freiheit Reich — 550— Thaddäus reichte ſchweigend und tief er⸗ ſchüttert dem Freunde die Hand, und ein herz⸗ licher Druck derſelben ſprach Julian den Dank eines gefühlvollen Herzens aus. „Ja, Freund!“ ſagte er dabei, und über ſeine leidenden Züge flog ein freundlicher Aus⸗ druck—„Du haſt recht, einmal muß und wird dieſer unſelige Zuſtand aufhören, und ein ſchönerer beginnen. Gott, was wären wir Men⸗ ſchen für armſelige Geſchöpfe, wenn uns die Gewißheit der Fortdauer nach dem Tode, und mit ihr ein ſchöneres, alle Diſſonanzen dieſes Erdenlebens ausgleichendes Daſein nicht zur Seite ſtünde?— Unwillkürlich fallen mir hier die Worte eines großen Philoſophen des Alter⸗ thums ein, die mich immer, ihrer kindlichen Einfachheit wegen, ſo ſehr angeſprochen. Se⸗ neca ruft ſchon ſeinen Zeitgenoſſen zu:„Wenn einſt das in meinem Körper gemiſchte Göttliche von dem Menſchlichen geſchieden ſein wird, und ich der Erde dieſen, aus ihr genommenen, Körper wieder überlaſſe— dann werde ich zu der Gott⸗ heit zurückkehren. Zwar umſchwebt mich dieſe auch hier, aber der Druck der Erdenfeſſeln beugt mich nieder. Iſt doch dieſes flüchtig vorüber⸗ gleitende Leben nur ein Vorſpiel eines glückli⸗ cheren und dauernderen. Vermögen wir doch kaum die Herrlichkeit des Jenſeits aus unſerer Ferne zu erblicken!“*) „Und dieſe Wahrheit!“ entgegnete Julian— „haben faſt zweitauſend Jahre beſtätigt, und ſie wird ewig— nicht der Troſt der Schwachen— ſondern die Krone alles Wiſſens bleiben, da nur aus dieſem Geſichtspunkte das Leben, ſein Zu⸗ ſammenhang und ſeine Ergebniſſe zu beurtheilen ſind. Freilich ſind Leiden hierfür die beſte Schule“ „Und darum“— fuhr Kosciuszko fort— „eine heilſame Prüfung. Du weißt, Julian, die meinen beugen mich nicht nieder; aber die⸗ jenigen welche über meine ganze Nation ausge⸗ goſſen ſind, und die, die Louiſen erdrücken— die laſten, ſchwer wie der Erdball, auf meiner Seele. An einer Wunde werde ich verbluten— an dem Gedanken: daß meines theuren Vater⸗ *) Seneca, Ppist. CII. * — 352— landes Unabhängigkeit und Selbſtändigkeit auf immer verloren iſt.“ „Und mit Polen— unſre Liebe.“ „Nein, Julian, nein! Da haſt Du un⸗ recht!“ rief Thaddäus—„unſre Liebe kann ſo wenig aufhören als unſte Seele; denn mit unſerem geiſtigen Sein iſt unſre Liebe Eins und Daſſelbe. Hier oder dort, in Leiden oder in Freuden, Herz an Herz, oder durch Meere, ja ſelbſt durch das Grab getrennt bleibt dieß Gefühl ſich gleich, ja es wächſt mit der Entfer⸗ nung, und ſelig liebt es ſich über die fernen, blauen Berge— göttlich groß und tief über den letzten Hügel hinaus.“ Beide ſchwiegen eine Zeit lang, denn vor ihren Geiſt waren die Schatten der geliebten We⸗ ſen getreten, und mit denſelben tauchten ſo ſüße und ſo ſchmerzliche Erinnerungen auf. Kos⸗ ciuszko unterbrach die Stille zuerſt. Das lei⸗ dende Haupt auf ſeine Hand geſtützt, ſagte er, träumeriſch vor ſich hinblickend: „Noch ſehe ich meine gute Louiſe vor mir ſtehen, als ob es erſt geſtern geweſen, da ich ſie — 353. zum letztenmale erblickt. Ihre zarte ätheriſche Ge⸗ ſtalt, ihr liebes, offnes Antlitz, ihre feinen Züge, und vor Allem ihr klares, unſchuldiges Auge, mit dem geiſtreichen und doch milden Blicke— Alles dieß könnte ich malen— und doch liegt ſo manches Jahr zwiſchen dem ſchönen Damals und dem traurigen Jetzt.— Unvergeßlich wird mir ſtets der Blick ſein, den ſie in dem unglückſeligen Momente unſerer Trennung ſcheidend mir zuwarf. Todesnacht umdämmerte mich ſchon, halb bewußt⸗ los ſank ich zurück, da glitt ihr Bild noch ein⸗ mal an meiner Seele vorüber,— ihr flehend Auge traf das meine— die Sinne ſchwanden mir— und— nie ſah ich ſie wieder!“ Thaddäus hielt tief erſchüttert inne; dann griff er in ſeine Bruſt und zog jenes blutgetränkte Taſchentuch der Geliebten hervor. „Du biſt das einzige irdiſche Angedenken,“ fuhr er wehmüthig fort,„was mir von ihr ge⸗ blieben. Du haſt mich treu begleitet übers Meer, hinüber nach dem ſchönen Land der Freiheit; du deckteſt ſchützend meine Bruſt in mancher heißen Schlacht; du bliebſt mir treu als Alles um mich Rau, Th. Kosciuszko. III. Thl. 23 2 354— ſank; du theileſt ſelbſt jetzt des Kerkers Schmach mit mir; Du— Du ſollſt einſt das Kiſſen ſein, auf dem ich ſanft den letzten Schlaf verträumen werde!“ Thaddäus drückte erſchüttert das glühende Haupt in das weiche Tuch. Julian kämpfte mit der Rührung die ihn zu übermannen drohte, und umfaßte krampfhaft einen eiſernen, in der Mauer befeſtigten Ring, durch phyſiſchen Schmerz den geiſtigen zu bewältigen. Da ſchallten ferne Schritte— ſie kamen näher — Schlüſſel raſſelten— Riegel knarrten— Thad⸗ däus und Julian richten ſich gefaßt, erſterer faſt ſtolz, empor, das Tuch in ſeinen Buſen wieder bergend. Jetzt that ſich ihres Kerkers Thüre auf— und vor ihnen ſtanden— Louiſe und Karoline. Es gibt Momente des Glücks und des Un⸗ glücks die zu groß ſind für ein Herz aus Staub, die ſeine Schläge hemmen— oder es brechen auf ewig. Aber auch wenn der Sterbliche in jenem Augenblicke dem Uebermaße der anſtürmenden Ge⸗ fühle nicht erliegt, verlieren doch die Sinne oft ihre Kraft. Ein Schrei entfährt der Bruſt— — 355— dann ſinkt der Menſch laut— und bewußtlos nieder. Nur die ſtärkſten Seelen werden dieſer Schwäche zu trotzen vermögen; doch feiern auch ſie dieſen Moment durch ein heiliges Schweigen. Aber unſichtbar über ihren Häuptern ſchweben die Engel des Himmels, und zählen die Thränen der Freude oder des Schmerzes, und tragen ſie lächelnd vor den Thron des Ewigen. So lagen auch Thaddäus und Louiſe, Julian und Karoline ſich lange ſprachlos in den Armen. Die Ueberraſchung der Männer,— die Wonne des Wiederſehens Aller— auszu⸗ drücken, vermögen Worte nicht. Es gab für die Glücklichen in dieſem Augenblicke weder eine Außen⸗ welt, noch Vergangenheit und Zukunft. Alle Ge⸗ danken zerſchmolzen in dem einen:„Ich habe Dich wieder!“— alle Empfindungen gingen in einer Seligkeit unter, welche die Bruſt zu zer⸗ ſprengen drohte. Erſt als die wilden Wogen anſtürmender Gefühle allmählig ruhiger wurden und das klare Bewußtſein wieder auftauchte, miſchte ſich in das Entzücken eine tiefe Wehmuth. Nicht nur die Erinnerung der ausgeſtandenen — 6— Leiden, nicht nur der Anblick des traurigen Ortes an welchem man ſich wieder fand, noch der Ge⸗ danke an den ſchmerzlichen Verluſt des gemein⸗ ſamen Vaterlandes war es allein, der dieſe Weh⸗ muth hervorrief;— ſondern zu allem dem traten noch, namentlich bei Kosciuszko und Louiſen, die wenig erfreulichen Veränderungen, welche eine ſo lange leidenſchwere Zeit an denſelben hervor⸗ gerufen, und Eines las auf den ſchmerzlichen Zügen des Anderen, mit namenloſem Kummer, den erduldeten Jammer. Niemcewicz und Ka⸗ roline nahm dieſe Beobachtung nicht ſo ſehr in Anſpruch, da ſie kürzere Zeit von einander ge⸗ trennt, und Beide auch, weniger durch des Lebens Stürme gebeugt, noch friſcher und lebenskräftiger einander gegenüber ſtanden. Aber auch bei Thad⸗ däus und ſeiner angebeteten Louiſe war dieſe Reflektion raſch vorübergehend, und die Flamme ihrer ſo viel und ſchwer geprüften Liebe erhielt durch dieſelbe nur neue Nahrung, da Beide fühlten, daß ein Gram die Blüthen ihrer Jugend zerſtört. Louiſe war noch unendlich ſchön; aber nicht jenes bezaubernde Kind mehr, ſchien ſie eine — 357— Königin des Schmerzes, eine himmliſche Mater dolorosa. Alle dieſe wechſelnden Gefühle aber zogen in wenigen Minuten an den Glücklichen vorüber; denn glücklich, unausſprechlich glücklich, waren ſie am Ende doch, durch das unerwartete Wie⸗ derfinden. Wie aber beſtürmten nun die Männer, als ſie die Sprache wiedergefunden, die geliebten Weſen mit Fragen?— Wie ſtaunten ſie über den Hel⸗ denmuth derſelben, der ſie von dem fernen Polen her bis nach St. Petersburg und zu den Stufen des Thrones geführt, auf welchem die fürchterliche Feindin aller Polen herrſchte?— Nicht die be⸗ ſchwerliche Reiſe, nicht die eigenen Leiden, nicht der Zorn der Kaiſerin hatte ſie zurückgeſchreckt,— trieb ſie doch die Liebe zu den Männern ihrer Wahl. Und ihren Muth, ihre Aufopfrung be⸗ lohnte der Himmel. PaulI, Katharinas Nachfolger, milder als ſeine Mutter geſtimmt, hörte das Flehen der ſchönen Unglücklichen mit Rührung an, gab denſelben Hoffnung auf die Erfüllung ihrer Bitte, und erlaubte ihnen ſogar * 8 — 358— die Gefangenen in der Begleitung Romanzoffs zu beſuchen. Kosciuszko und Niemcewicz vermochten ſich aus ihrem Erſtaunen kaum zu erholen. Sie, deren Ohren bisher kein fremder Schall berührt, zu welchen keine Nachricht aus der fern liegenden Welt gedrungen, ſie hörten nun mit einemmale: daß Polen, wie ſie vermuthet, getheilt, und theils an Rußland, theils an Preußen und Oeſterreich gefallen ſei.*) Sie vernahmen daß der ſchwache Stanislaus Auguſt zu Grodno ſeine Ab⸗ ſetzung eigenhändig unterſchrieben habe, und nun mit einem mäßigen Jahrgehalte von der Gnade Rußlands lebe Sie empfingen die Kunde von KatharinalI. jähem Tode und Paull. Regierungsantritt— ſie horchten hoch auf, als ihnen Louiſens Mund die Hoffnung zu einer nahen völligen Freilaſſung verkündete. Kosciuszko aber vermochte weder die letz⸗ tere Nachricht, noch das Geſtändniß Louiſens *) Rußland nahm das Land bis an den Niemen und den Bug mit 2381 QO. M.— Oeſterreich: die Län⸗ dereien zwiſchen der Pilica und dem Bug 843 QO. M.— Preußen den Reſt mit 697 Q. M. 5 — — 359— daß ſie Wittwe ſei, über den Schmerz zu tröſten der ſein Inneres zerriß. Wußte er doch die ſelb⸗ ſtändige Exiſtenz ſeines Vaterlandes vernichtet, entging doch ſeinem ſcharfen und ſicheren Blick der zerrüttete Geſundheitszuſtand ſeiner theuren Louiſe nicht Zwar hatte die Freude die Wangen der Fürſtin leicht geröthet, und ſie augenblicklich geſtärkt; nichts deſto weniger vermochte er doch leicht dieſen geſchraubten Zuſtand zu erkennen, und die ſchwache Stimme, das öftere in ſich Zu⸗ ſammenbrechen der Geliebten, die bald kommende bald ſchwindende Färbung des Geſichts; der flie⸗ gende, unſichere Puls— alles dieß verrieth ihm nur zu deutlich, daß die vielen Leiden ihren zarten Körper zerſtört, ihr Leben gänzlich untergraben hatten. In Louiſens Herzen dagegen wohnte eine unausſprechliche Seligkeit, begründet durch das Glück des Wiederfindens und das Bewußt⸗ ſein erfüllter Pflichten. Aber das Glück und die Ueberraſchungen des heutigen Tages ſollten noch vermehrt werden: denn kaum war den beiden Paaren eine flüchtige halbe Stunde verſchwunden, als ſich abermals die ſchwere — 360— Pforte des Kerkers öffnete, und Paull ſelbſt, gefolgt von ſeinen Söhnen, den Großfürſten Ale⸗ rander und Konſtantin, eintrat. Die Gefangenen ſtanden erſtaunt, Louiſe konnte ſich kaum vor freudigem Schreck auf ihren Füßen erhalten. Der Kaiſer aber ging auf Kosciuszko zu, reichte demſelben ſeine Hand und ſprach mit milder Stimme: „General, der Tod Unſerer großen Mutter hat Uns auf den Thron Rußlands gerufen. Wir haben beſchloſſen Unſeren Regierungsantritt durch eine Handlung der Gnade zu bezeichnen, und da Wir Tapferkeit, auch ſelbſt im Feinde, ehren, ſo geben Wir Ihnen hiermit Ihren Degen und Ihre Freiheit zurück.“ Mit dieſen Worten nahm Paul den erwähnten Degen aus den Händen des Großfürſten Ale⸗ randers und überreichte ihn dem, von Gefühlen der Dankbarkeit überwältigten Kosciuszkv. „Majeſtät!“ entgegnete dieſer mit zitternder Stimme:„Ich werde dieſe Großmuth nie ver⸗ geſſen!“ — — * — 361— „Laſſen Sie es gut ſein,“ fuhr der Kaiſer fort,„Sie ſind ein edler Mann, und haben die Schwärmerei Ihrer Jugend ſchwer gebüßt. In⸗ deſſen haben Sie bei Ihrer Freilaſſung eine Be⸗ dingung zu erfüllen. „Und dieſe iſt?“ „Sie müſſen Uns Ihr Ehrenwort geben, Ihren Degen nie mehr gegen Rußland zu ziehen.“ Kosciuszko erblaßte und zögerte einen Au⸗ genblick. Mit Todesangſt blicken Niemcewicz und die Freundinnen nach ihm hin. Aber Thad⸗ däus war zu vernünftig um noch zu hoffen, wo Alles verloren war, und außerdem belehrte ihn ein flücht'ger Blick auf Louiſen, daß ſein Wei⸗ gern ihr Todesurtheil ſein würde. Mit einem tiefen, ſchmerzlichen Seufzer reichte er daher dem Kaiſer ſeine Rechte und ſagte, eine Thräne zerdrückend: „Ich verpfände Ew. Majeſtät mein Ehren⸗ wort nie wieder gegen Rußland zu kämpfen.“ „Gott und Unſere Söhne ſind Zeugen Ihres Verſprechens“— fuhr Paull. fort,—„daß Sie es halten werden, dafür bürgt Uns Ihre bekannte Rechtlichkeit. Aber wo gedenken Sie ſich nun hinzubegeben?“ „Ich gehe nach Amerika!“ entgegnete Thad⸗ däus feſt.„Dort finde ich werthe Waffenge⸗ fährten und die Folgen glorreicher Erinnerungen!“ „So mag Sie der Himmel geleiten!“ ſetzte der Kaiſer mit herablaſſender Freundlichkeit hinzu „und damit Sie gute Geſellſchaft haben, nehmen Sie Ihren Freund Niemcewiecz mit“ Julian und Karoline waren im Begriff ihrem Wohlthäter zu Füßen zu fallen, Paul aber winkte Allen ein Lebewohl zu, und verließ raſch, von ſeinen Söhnen gefolgt, den Kerker. Warum wich doch der gute Engel der ihn heute geleitet, ſo bald von ſeiner Seite! XIV. Der offene Himmel. „Ueber allen Gipfeln Iſt Ruh', In allen Wipfeln Spüreſt du Kaum einen Hauch; Die Vögelein ſchweigen im Walde Warte nur, balde— Ruheſt du auch.“ Göthe. Seit langer Zeit war es im Romanzoff'ſchen Palaſte nicht ſo belebt geweſen, als es kurz nach der eben erwähnten Scene dort ward. Von dem Augenblick an, in welchem ſich Peter Ale⸗ randrowitſch vom Hof—- und Stadtleben auf ſeine Güter zurückgezogen, hatte auch das ſchöne, — 364— weitläufige Gebäude leergeſtanden. Die Fenſter von dichten Laden bedeckt, die Prunkgemächer geſchloſſen, trieb hier nur ein eisgrauer Leibeigner mit ſeinem ſteinalten Weibe ſein Weſen, indem er die unumgänglich nothwendigen Dienſte eines Verwalters oder Aufſehers verſah. Erſt mit der Ankunft der Fürſtin Orany und ihrer Freundin welche der Feldmarſchall ſelbſt nach der Reſidenz geführt, kehrte einiges Leben in die Mauern zurück, das ſich nun jetzt noch durch den Einzug Kosciuszko's und Niem⸗ cewicz's mehrte. Romanzoffs Gaſtfreund⸗ ſchaft hatte nämlich den beiden Befreiten keine Wahl gelaſſen, ſie mußten den einen, die Damen den anderen Flügel ſeines Hotels beziehen, wäh⸗ rend er ſich ſelbſt im Centrum einquartirte. Hier aber hatten die Gäſte völlig freie Hand, da der Graf ſie in keiner Weiſe beläſtigte; und ſo kam es denn, daß ſie ſich in ſeinem Hauſe bald heimiſch fühlten. Was kümmerte ſie die Außenwelt, was die Rieſenſtadt, in welcher ſie ſich befanden, was der Hof felbſt, zu welchem die Fürſtin, in Folge ihres Ranges, Zutritt — 365— hatte— ihre Welt war eine andere. Zu den Füßen ſeiner Karoline ſaß Julian, an der Seite ſeiner Louiſe— Thaddäus. Jetzt erſt konnten ſie ſich alle Viere gegen⸗ ſeitig ausſprechen, ſich das Erlebte erzählen, ihre Herzen ausſchütten. Kosciuszko hätte freilich gewünſcht Pe⸗ tersburg ſo ſchnell als möglich verlaſſen zu können; denn ihm brannte der Boden unter den Füßen, ihm ſchien die Luft mit einem giftigen Miasma geſchwängert, ihm kam ganz Rußland wie ein Kerker, wie das gewaltige Grab ſeiner Nation vor. Aber— er mußte die leidenſchaft⸗ liche Seele bändigen, mußte die gewaltige Sehn⸗ ſucht nach dem Meere, nach dem fernen, freien Amerika, wenigſtens für den Augenblick unter⸗ drücken, da ſeine gute Louiſe, durch die Auf⸗ regungen der letzten Zeit erſchöpft, kaum das Krankenlager verlaſſen, viel ſ an eine Reiſe denken konnte. Alles was die Freunde daher für jetzt thun konnten, war, die Beſtimmung ihrer Zukunft und ihrer Verhältniſſe in derſelben. — 366— Julian und Karoline, längſt durch eine glühende Liebe vereinigt, hatten ſich ſchon in früheren, glücklicheren Tagen entſchloſſen, dem ſehnlichſten Wunſche ihrer Herzen Folge zu leiſten, und ſich— ſobald es das Schickſal geſtatte— noch inniger durch die Bande der Ehe an ein⸗ ander zu ketten. Jetzt blühte ihrer ſchwerge— prüften Liebe dieſer ſchöne Sieg, und da Ju⸗ lian entſchloſſen war ſeinem Freunde nach der neuen Welt zu folgen, ſich aber auch unter keiner Bedingung mehr von der Geliebten trennen wollte, ſetzte man einen der nächſten Tage zu ihrer Vermählung feſt. Die kirchliche Feier ſollte in aller Stille in der Kapelle des Romanzoff'⸗ ſchen Palaſtes vor ſich gehen, und außer den Freunden und dem Hausherrn Niemand dabei erſcheinen. Thaddäus blutete bei den Anſtalten zu dieſer ſtillen, aber um ſo froheren Feier das Herz. Sein ganzes, bewegtes Leben hatte er einer Liebe geweiht; einer Liebe die— Hand in Hand mit ſeinem Patriotismus— ſein„Ich“ in ſich aufgelöst, ihm zum ſchönſten Ziele irdiſchen — Strebens geworden war. Und nun, nachdem ſo tauſend Stürme verbraust, ſo ſchwere, angſtvolle Kämpfe glücklich überſtanden, das Ziel faſt er⸗ veicht war, nun ſtand er, ein zweiter Tantalus, vor den reich herabhängenden, von köſtlicher Frucht ſtrotzenden Aeſten— und die kalte, knöcherne Hand des Todes bog dem Ver⸗ langenden das heißerſehnte Kleinod hinweg, und zog es tief, tief herab, bis es ſeinen Blicken für immer verſchwand. Louiſe nämlich, ihren Freund jetzt wieder frei wiſſend, hatte den Bitten Thaddäus den, ihm ſchon in Amerika geäußerten Entſchluß:— den Reſt ihres Lebens in ſtiller Anſchauung Gottes hinbringen zu wollen,— entgegengeſtellt. Kosciuszko verſuchte denſelben im Anfange zu bekämpfen, bald aber fühlte er ſein Unrecht Wußte er doch daß dieß weiche Herz, durch ein unbarm⸗ herziges Schickſal gebrochen, für die Welt ver⸗ loren ſei, und nur, in einem ſtillen und frommen Reifen für ein beſſeres Leben, noch auf Erden ein Glück finden könne. Dieſer Einſicht aber trat ein noch gewichtigerer Grund zur Seite Thaddäus — 868— ſah, ſo gut als Louiſe ſelbſt, ein, daß der mürbe Körper dieſes edlen, aber ſo überaus zarten Weſens, nur noch für ganz kurze Zeit die Laſt des Erdenlebens zu ertragen vermochte. Löste ſich doch von Tag zu Tag die lebensmüde Seele mehr und mehr von dem Leibe und dieſer ſtarren, ſchweren Körperwelt ab— breitete doch der licht⸗ geborne Geiſt ſeine Flügel immer weiter aus, ſie prüfend für den kühnen Flug nach dem jenſeits liegenden Vaterlande. Qualvoll war dieſer neue Zuſtand für Kos⸗ ciuszko und das glückliche Paar. Letzteres war auch im Begriff ſeine Vermählung hinauszu⸗ ſchieben, aber Louiſe, wie ein lächelndes Kind mit den letzten Freuden ihres Erdendaſeins ſpie⸗ lend, bat den Freund und die Freundin die Feier zu beſchleunigen, damit ſie noch, vor ihrem nahen Hingange, ſie glücklich wiſſe und ſehe. Niemand wagte der Frommen zu widerſprechen. Ihre leiſeſten Wünſche waren ihrer Umgebung Geſetze, und ſo eilte man von der Wahrheit ihrer Todesahndung überzeugt, auch dieſe Bitte der Sterbenden zu gewähren. — 369— Wenige Tage darauf erwartete der Prieſter das Paar an dem Altar der Romanzoff'ſchen Hauskapelle Ein ſchöner, heiterer Frühlingsmorgen ſtand am Himmel. Die Luft war zwar noch kalt, aber die Sonnenſtrahlen hatten ſchon an Kraft gewonnen, und thauten, im Vereine mit der inneren, künſtlichen Wärme, die dickgefrornen Scheiben der hohen Fenſter des Kirchleins auf. Das höchſt einfache Innere derſelben imponirte durch den edlen Styl ſeiner Bauart. Die ſehn⸗ ſüchtig himmelanſtrebenden Säulen und Pfeiler, — die hohe, leicht geſchwungene Wölbung,— der kunſtreiche, durch einige Stufen erhöhte, Altar,— das wunderliebliche Altarbild, die Himmelfahrt Maria vorſtellend,— die hell⸗ flammenden Kerzen, und das matte, theils durch bunte, theils durch gefrorene Scheiben, nur dämmernd einbrechende Licht— alles dieß gab den darin Athmenden jene feierliche Stimmung, welche die Seele in heiligen Schauern wirbelnd empor trägt zu dem Throne des Allliebenden, Rau, Th. Kosciuszko. 1I. Thl. —— und die zu erwecken, die Formen des Katholicis⸗ mus's ſo geeignet ſind. Aber wahrlich! die Anweſenden bedurften keiner äußeren Eindrücke, um ihre Seelen künſt⸗ lich zu ſtimmen. Hier ſchlug kein Herz das nicht bis in ſeine geheimſten Tiefen erſchüttert, in wahrer Andacht aufgelöst geweſen wäre Am Altare brachte der Prieſter das heilige Meßopfer. Auf den Stufen knieten Julian und Karoline in dem Schmucke der Bräutlichkeit, ergriffen von dem Ernſte jener Handlung, die ſie im Ange⸗ ſichte Gottes, zu begehen bereit waren. Der ehrwürdige Romanzoff und Kosciuszko ſtanden im Hintergrunde zwiſchen denſelben aber lag, auf einen Seſſel hingegoſſen,— todesmatt, — ein weibliches Weſen. Es war Louiſe. Die zarte Geſtalt hüllte ein einfaches, weißes Gewand ein, auf der hohen Stirne ruhte ein Kranz weißer Roſen; aber die ſchneeigen Blüthen ſtritten vergeblich mit der Farbe der eingefallenen Wangen. Das ſanfte, dunkle Auge hing ſchwär⸗ meriſch an dem lichten Altarbilde, und ein unaus⸗ ſprechlich füßes, wehmüthiges Lächeln ſpielte um die Winkel des feinen Mundes — — 371— Das müde Haupt ruhte an der Seitenlehne, die dürren, kleinen Hände lagen zuſammengefalten in ihrem Schooße. So ſaß ſie da, regungslos, eine ſtille Himmelsbraut. Kosciuszko aber ſtand an ihrer Seite— ſtarr, kalt, gefühllos. Wie Wahnſinn riſſen Gedanken durch ſein Gehirn, aber ſeinem Geiſte fehlte die Kraft ſie feſt zu bannen. Ein unend⸗ licher Schmerz, betäubte, zerknirſchte ihn, wie ein, auf ihm laſtender Erdball. Er fühlte nur den Druck, nicht den Schmerz Seine Augen waren trocken; in ſeinem Herzen aber ſtand nur das Bild ſeiner ſterbenden Louiſe. Furchtbar hatte ihn oft das Gewühl der Schlachten um⸗ braust; muthig ſah er und mit männlicher Kraft, dem Tod ins Auge— heute war er ein Kind. Er hätte ſich der Geliebten zu Füßen werfen und ſeine entſetzlichen Qualen ausweinen mögen. Er hatte keine Thränen dafür, und ſeine Glieder verſagten ihm den Dienſt. Er wollte beten— aber— er konnte nicht— die Gedanken ver⸗ ließen ihn, und er ſeufzte nur: Gott— Gott! Aber in Louiſens Bruſt ruhte ein wunder⸗ bar ſeliger Friede. Sie fühlte daß es an der Zeit ſei, dem Rufe des Allliebenden zu folgen. Seine ſanfte Stimme hatte ihr zugelispelt: So fomm denn, du ſchwer beladenes Herz! und freudig warf ſie das arme Erdenleben zurück, und harrte nun geduldig des Engels, der ſie auf ſeinen lichten Flügeln hinüber tragen ſollte zu dem ewigen Vater. Und wie ihr Körper allmählig hinunterſank, in die offene Gruft, die ihn bald ganz bergen ſollte, hob ſich ihr Geiſt und athmete trunken die reinere Lüfte des Jen⸗ ſeits die ihm entgegen flutheten. Und leiſe betete ſie in der Tiefe ihres Herzens: „Lieber Vater im Himmel, Du haſt Deinem Kinde gerufen, ſieh mich willig zu gehorchen. Aber ehe ich ſcheide von Deiner Erde, laß mich noch einmal bitten für die, ſo mir hier lieb waren. Segne Du mit Deiner Gnade meinen guten Thaddäus, und gib ihm Stärke, auch die harte Prüfung zu ertragen, die ihm jetzt bevorſteht. Führe ihn ſanft durch den Reſt ſeines Lebens, und gewähre auch ihm bald das Glück heimkehren zu dürfen, zu Dir, ſeiner — 373— Quelle und dem Born ſeiner Seligkeit. Breite Deine Liebe auch aus über die, ſich hier vor Deinem Angeſichte Vermählenden. Segne und beglücke ſie, und laſſe ſie genießen das volle Glück einer wahren, reinen Liebe. Und auch für diejenigen flehe ich Dich an, Du Aller⸗ barmer, die mir im Leben nahe ſtanden, für Vater und Mutter und für meinen Gatten. Vergib ihnen wenn ſie hienieden geirrt, wie ich ihnen aus ganzem Herzen vergebe, was ich durch ſie erduldet, und vergib vor Allem mir, wenn und wo ich gefehlt. Ich freue mich, Du guter Gott, vor Dich zu treten, denn Du biſt die Liebe ſelbſt, und die Liebe iſt die Verſöhnung. Wenn aber der Tod zu meinem Herzen tritt, mit ſeinen Schauern, dann verleihe meinem Geiſte Kraft, auf daß er triumphire über die Schwächen des Körpers.“ Sie hatte geendet, und die Ceremonie der Trauung begann. Mild lächelte ſie, als auch dieſe vollbracht, dem Paare entgegen Karoline küßte unter Strömen von Thränen die kalt⸗feuchte ——— — — — 374— Stirne, und ſank dann ſchluchzend in die Arme ihres Gatten. Eine tiefe, feierliche Stille war eingetreten, leiſe näherte ſich der Prieſter der Sterbenden. Sie bat um das Sacrament und die letzte Oelung, deren ſie ſich bereits durch die Beichte würdig gemacht. Der Prieſter verrichtete ſein Amt. „Es iſt geſchehen!“ lispelte Louiſe ſodann —„o! mir iſt unendlich leicht. Komm, mein Thaddäus, ich fühle die Stunde des Scheidens naht, komm und nimm meinen letzten Kuß.“ Kosciuszko ſtürzte vor Louiſen nieder. „Deinen Segen! Deinen Segen!“ rief er in unendlichem Schmerze, und drückte ſein glühendes Geſicht faſt bewußtlos in ihren Schooß. Louiſe legte ihre Hände auf ſein Haupt und ſprach: „Wen ſein eigenes Herz,— wen ſeine Thaten ſegnen, der bedarf des Segens eines Menſchen nicht.— Wie ich Dich geliebt weißt Du,— ich nehme dieſe Liebe mit hinüber, und dieſe Liebe wird Dich dorten einſt empfangen— Lebet wohl! alle ihr guten Menſchen— Du, liebe Karoline,— Niemcewicz— und Du mein treuer, theurer Freund!— Lebt wohl! — ſeid glücklich— und weint— nicht über mich— ich— gehe ja heim— zum Vater — ins Land— der Freiheit— und— der Liebe“——— Sie ſchwieg einige Minuten. Da ſielen die Strahlen der höher ſteigenden Sonne auf ihr Antlitz. Es hatte ſich verändert. Der Tod ſtand vor ihr. Mit eiskalten Schauern durchrieſelte er die Gegenwärtigen, mit kalter Hand griff er an Louiſens Herz. Sie zuckte zuſammen. Krampfhaft faßte ſie die Hände des Geliebten, aber im nächſten Momente ließ der Krampf ſchon wieder nach. Die Augen öffneten ſich weit, und ihr Geſicht ſtrahlte wie in hoher Begeiſterung: „Seht!— ſeht!“ lispelte ſie,„wie ſich der Himmel öffnet,— wie Alles ſchwimmt in lichter Roſengluth— wie tauſend Engel freundlich niederſchauen— wie ſie mich heben— leicht empor— Wie wird mir wohl— welch' kühle — 376— Luft— o!— Gott!— Gott!— der Glanz! — Gott!—— das biſt Du!“—— Die Lippen ſchloſſen ſich, die dunklen Augen ſtarrten größer noch— hoch hob ſich ihre Bruſt — ein tiefer Athemzug— ein leiſes Lächeln um den Mund— und Gottes Cherub ſtieg mit ihr empor. ——— XV. Schluß. „ce Polska nie zginela Kiedy my zyjemy Co nam obca przemoc waiela Szabla odbierzemy Marsz, Marsz Dabrowski ? ziemi Polskiej do Wloski Za twoiem przéwodem 2 Zlaczym sie z narodem.“ „Uoch iſt Polen nicht verloren.“ Polniſches Nativnallied. Es war geſchehen,— die irdiſche Hülle Louiſens ruhte im kühlen Schooß der Erde. Kosciuszko aber ſtand wieder aufgerichtet im Leben. Er glich einem mächtigen Felſen mitten im Meere der Leiden. Wenn auch im heftigen Sturme die hochgethürmten Wogen ihn auf — 378— Minuten bedecken, die Waſſer rauſchen zurück— und der Fels ragt, nach wie vor, in ſtolzer Majeſtät über die grollende Fluth. Was aber die himmelhohen, ſturmgepeitſchten Wogen nicht vermocht, das erreichen mit der Länge der Zeit die kleinen, aber immer wiederkehrenden Wellen— ſie untergraben den kühn Trotzenden, bis er ſtürzt und ſpurlos in der Tiefe verſchwindet. Sowohl Thaddäus als auch Niemcewicz und ſeine Gattin hatten von dem Augenblicke an nichts eifriger zu thun, als die nöthigen Vor⸗ kehrungen für ihre Abreiſe zu treffen Es war ihnen unerträglich länger an einem Orte zu ver⸗ weilen, der ſo viele ſchmerzliche Erinnerungen für ſie darbot. Weit! weit weg! mußte vor Allem Kosciuszko von den beiden Gräbern— ſeines Vaterlandes und ſeiner Geliebten. Hinüber zog es ihn, nach dem freien Amerika, unter deſſen Fahnen er einſt glücklich gefochten; nach jenem Amerika deſſen Helden ihm durch Geiſt und That verwandt waren; nach jenem Amerika in welchem ſein Ideal, ſein zweiter Vater— Washington lebte Dort wollte er, im Andenken an ſeine —— unvergeßliche Louiſe, unter ſtillem Wohlthun ſein Leben beſchließen. Eine einzige Angelegenheit feſſelte ihn noch an St. Petersburg. Kosciuszko wußte, daß man, zugleich mit ihm und Niemcewicz, auch ſeinen Freund Paul, ſowie ſeinen alten treuen Diener Laſocki, nach dem Fort Petro⸗ Pawlosk gebracht. Wohin dieſe aber gekommen, war ihm unbekannt. Thaddäus vermochte nicht die Hauptſtadt zu verlaſſen, ohne vorher Alles aufgeboten zu haben, um dieſe treue Seelen aus ihrer traurigen Gefangenſchaft zu erretten. Mit dem Vorſatze ſich mit dieſer Bitte an des Czaaren Großmuth zu wenden, war er eben beſchäftigt dem Commandanten der Feſte zu ſchreiben, und ihn um Auskunft über den jetzigen Aufenthalt der Gefangenen zu erſuchen, als ihm ein kaiſerlicher Adjutant ein eigenhändiges Schreiben Paull. überbrachte. Der Herrſcher aller Reußen machte ihm da⸗ rin ein Geſchenk von zwölftauſend Rubel und fünfzehnhundert Bauern, und verlieh Niemce⸗ wicz,— da er wußte, daß dieſer mit Kos⸗ — 380— ciuszko nur Eins ſei— ebenfalls tauſend Leibeigene. Ferner gedachte der Kaiſer in den gewählteſten und freundlichſten Ausdrücken der militäriſchen Verdienſte Kosciuszko's, und ſicherte demſelben, wenn er in ſeine Dienſte treten würde, einen lebenslänglichen Gehalt von ſechstauſend Rubel, nebſt dem Range und Titel eines Feldmarſchalls. Thaddäus ließen die ſchönen Worte, die Verſprechungen und Geſchenke kalt. Er hatte in ſeinem ganzen Leben nur zwei Wünſche gehegt: Polen frei, und Louiſe ſein zu nennen. Beide hatte Gottes unerforſchlicher Rathſchluß vereitelt, und nun war ſein Herz leer— aber auch gegen jeden Erdenreiz kalt und todt. Wie hätte außerdem ſeine freiſinnige Seele ſich unter das Joch Rußlands beugen können, gegen deſſen ſchmähliche Politik er ſich aus tiefſter Ueberzeu⸗ gung empört, gegen welches er bis auf den Tod gefochten hatte. Mit dem Ausdruck des wärmſten Dankes ſchrieb er daher an Paul I. Lehnte beſcheiden alle jene Gaben ab, verſicherte den Kaiſer auf⸗ — 331— richtig: nicht für die Fahnen kämpfen zu können, gegen welche er aus Ueberzeugung das Schwert erhoben; und bat ſich am Schluſſe des Briefes als einzige Gnade: die Freilaſſung ſeines Freun⸗ des, des Hauptmanns Paul Steffan, und ſeines Dieners Laſocki, aus. Zwei Tage darauf lagen Beide zu ſeinen Füßen Jetzt hielt Kosciuszko kein Gott mehr in St. Petersburg. Herzlich, aber durch wehmüthige Erinnerungen getrübt, war der Ab⸗ ſchied von dem edlen Romanzoff. Schwerer noch ward den Männern die Trennung von ihrem Waffen⸗ und Leidensgenoſſen Paul, den die Liebe ſeinem Weibe entgegen trieb.— Noch einmal beſuchten Alle das Grab Loui⸗ ſens— dann trennten ſie ſich, ihren namen⸗ loſen Schmerz in weiter Ferne auszuhauchen— In dem kleinen Hauſe der Maria Steffan zu Olkusz waren mit der einbrechenden Nacht die Lichter angezündet worden Noch immer herrſchte in den niederen Räumen die alte Rein⸗ 82— lichkeit und jene Ordnung, die einſtens Kos⸗ ciuszko, bei ſeinem kurzen Beſuche in dieſem Hauſe, entzückt Aber Eines war verſchwunden: das ſtille Glück der Bewohner. Maria hatte ſeit faſt drei Jahren keine Sylbe mehr von ihrem Manne vernommen. Ob er in der unglücklichen Schlacht von Maci— ciowice gefallen?— ob er mit den vierzehn⸗ tauſend Gefangenen in das Innere von Rußland, vielleicht gar nach Sibirien geſchleppt worden?— ſie wußte es nicht Alle und jede Hoffnung war dahin, und längſt hatte ſie ihren guten Paul als todt beweint. Aber die Zeit milderte ihren Schmerz, und wenn Marie auch keineswegs ihren Gatten vergaß, ſo mahnten ſie doch die Mutterpflichten an eine vernünftige Mäßigung. Mit doppelter Liebe hing von nun an ihr Herz an den beiden Knaben, und namentlich entzückte ſie das Aufblühen des Aelteren, in dem ſie nicht nur das treue Ebenbild des Vaters erkannte, ſondern deſſen Vorname: Thaddäus ſie auch an ihren großmüthigen Wohlthäter erinnerte. Der kleine Thaddäus war jetzt beinahe — 383— fünf, das jüngere Kind drei Jahre alt Mit aller Lebendigkeit des feurigen Blutes, welches durch ſeine Adern floß, ausgerüſtet, ſprang er von der Frühe bis zum Abend hin und her, und ſo kam es, daß et ſelbſt jetzt, obgleich die Lichter ſchon angezündet und die Nacht völlig eingebrochen, immer noch keine Ruhe im Zim⸗ mer fand. Endlich aber gelang es Marien ihn zu feſ⸗ ſeln. Sie trug nämlich das Abendeſſen auf, und mit einemmale ward der kleine Wildfang zahm und geſchmeidig Nach dem Eſſen brachte Marie das jüngere Kind zur Ruhe, und nahm ſodann Thaddäus auf ihren Schooß. Ihr Herz war ſchwerer als gewöhnlich. Wehmüthig ſchaute ſie der Knabe an, und wie ſie ſo dem Kleinen in die lebhaften, unſchuldigen Augen blickte, ſchien es ihr ſo recht, als ob ihr die offenen Züge Pauls entgegenlachten. Ergriffen drückte ſie das theure Pfand ihrer Liebe an das Herz Thad⸗ däus aber ſchaute ſie verwundert an und rief: „Ei Mütterchen, warum biſt Du denn heute den ganzen Tag ſo traurig?“ — 384— Marie bückte ſich tiefer, und eine Thränue fiel aus ihren Augen auf die Wange des Knaben. „Sieh“— fuhr er ernſter fort—„Du weinſt!— Hat Dir Jemand etwas gethan?“ „Heute nicht!“— entgegnete die Mutter und drückte ihr Kind feſter an ſich—„aber vor drei Jahren nahmen ſie uns Deinen Vater!“ „Und kommt denn der Vater gar nicht mehr wieder?— Du haſt ihn doch ſo lieb, und weinſt oft weil er nicht zurückkömmt— und ich hab ihn auch lieb— und der kleine Paul auch?— nicht wahr?“ „Ja, liebes Kind, aber darum kommt er doch nicht wieder.“ „So?— und warum denn nicht?“ „Weil er entweder todt iſt— oder in Ge⸗ fangenſchaft ſchmachtet.“ „Gefangen?— da trägt er wohl ſo ſchwere Ketten, wie die armen Leute, die die langbärtigen Ruſſen oft vorbeiführen?“ „Ja, liebes Kind, wenn ihn nicht der engſte Kerker, das Grab, umſchließt.“ Thaddäus hatte die letzten Worte über⸗ — 385— hört, er ſchwieg eine Zeit lang, dann ſagte er raſch: „Mutter! ich will zum Vater gehen und ihn holen!“ „Das kannſt Du nicht!“ entgegnete ſanft Marie—„ſie würden Dich nicht hören“ „Aber ich will recht bitten.“ „Dann nehmen ſie Dich wohl auch mit“ „So?“— rief der Knabe trotzig,„ei! weißt Du was Mutter, ſie ſollen mich mitnehmen, dann komm ich doch zum Vater!“ Maria ſtand raſch auf, ihre Bruſt drohte ihr zu zerſpringen. Sie ſetzte den Knaben auf die Erde und verließ eilig das Zimmer. Der Kleine ſah ihr lange ſchweigend nach, dann ſagte er traurig: „Mütterchen iſt böſe— ich will ihr nach, und ſie recht küſſen, denn wenn ich das thue, wird ſie immer wieder gut und heiter.“ Der Knabe ſtand im Begriffe ſeinem Ent⸗ ſchluſſe zu folgen, als es an die Hausthüre pochte Da war plötzlich alles Andere vergeſſen und wie der Wind verſchwand er aus dem Zimmer. Rau, Th. Kosciuszko. 111. Thl. 25 — 386— Nach einer kleinen Viertelſtunde trat Marie mit verweinten Augen wieder ein als ſie ihr Kind nicht erblickte, rief ſie beſorgt ſeinen Namen. Thaddäus eilte ſogleich herbei. „Mutter! Mutter!—“ ſchrie er faſt athem⸗ los— und tanzte dabei durch die Stube— ich weiß Etwas was Dich freut— ich weiß Etwas was Dich freut!“ „Nun?“ frug dieſe gelaſſen. Der Knabe ſprang heran, ſchmiegte ſich an die ſchöne, junge Frau und ſagte halblaut, aber mit freudeglänzenden Blicken: „Der Vater lebt und kommt bald wieder.“ Mariens Stirne verfinſterte ſich. „Scherze darüber nicht!“ ſagte ſie in weh⸗ müthigem Ernſte—„ſonſt kränkſt Du mich.“ „Ich ſcherze nicht Mutter!“ rief der Knabe jubelnd—„er hat mir's ja geſagt!“ „Wer hat Dir's geſagt?“ frug Marie „Der Mann der vor der Thüre ſitzt. Er ſagt, er ſei auch gefangen geweſen, aber wieder frei— und ich ſolle Dir ſagen— damit Du nicht zu ſehr erſchreckteſt: Der Vater lebe und komme bald wieder!“ —— „Jeſus Maria!“ rief die Mutter von einer Ahnung durchbebt, und ſtürzte nach der Thüre; aber in demſelben Augenblick that ſich dieſelbe auf und Paul breitete die Arme gegen ſie aus. Ein freudiger Schrei entfuhr ihrer Bruſt: „Maria!“—„Paul“ ſchallte es durch das Zimmer und beide Gatten hielten ſich in ſeliger Luſt umfangen.— Und mit dem wiedergekehrten Gatten und Vater, war auch das alte Glück in das niedere Haus zu Olkusz zurückgekommen. Der kleine Kreis der Seinen ward Paul ein Himmel häus⸗ licher Freuden, und wahrlich!— ſchwerlich würde er— mit irgend Wem auf der Welt— getauſcht haben; denn nicht die Kronen aller Länder, noch die Schätze eines Cröſus vermochten die Seligkeit zu ſchaffen, die er an dem Herzen ſeiner treuen und lieblichen Gattin genoß. Nur ein Schatten fiel manchmal in den jetzt ſo freundlichen Garten ſeines Lebens; es war der Gedanke an Kosciuszko, ſeinen Wohl⸗ thäter, ſeinen zweiten Vater. Kosciuszko— das wußte Paul nur zu gut— konnte nie wieder wahrhaft glücklich werden— und dieß ſchmerzte ſein edles Herz um ſo mehr, als er ſelbſt ſich ſo glücklich fühlte. Mit Sehnſucht harrte er auf die Erfüllung des Verſprechens, welches ihm Niemcewicz beim Scheiden gegeben, endlich löste der ferne Freund ſein Wort, und Paul empfing folgenden Brief aus Amerika: Theurer Freund und Schickſalsgenoſſe! Wenn je einem Menſchen ein gegebenes Ver⸗ ſprechen heilig war, ſo iſt es mir dasjenige, welches ich Ihnen in der ernſten Stunde unſerer Trennung zu Petersburg gab. Mit um ſo herzlicherer Freude eile ich nun zur Erfüllung deſſelben, als das, was ich Ihnen zu ſchreiben habe, bei weitem freudigerer Natur iſt, als ich damals hoffen durfte. Kosciuszko iſt, ſo viel es ſeine Wunden erlauben, wohl— ſo viel es ſein gebrochenes Herz geſtattet— ruhig. Ruhm und Ehren aller Art ſenken ſich auf ihn hernieder; aber Sie wiſſen ja ſelbſt, wie wenig dem der Flitter der Erde — 880 genügen kann, dem das Glück ſeiner Nation mehr galt, als alle Vortheile des Lebens, ja— als die Krone dieſer Nation ſelbſt. Als wir uns von Ihnen getrennt, gingen wir nach Kronſtadt und von da aus nach England. London em⸗ pfing unſeren großen Freund mit einem kaum zu erwartenden Enthuſiasmus; aber Körper- und Seelenleiden hatten ihn ſo gewaltig niedergebeugt, daß wir uns genöthigt ſahen längere Zeit hier zu verweilen. Endlich,— nach langer und treuer Pflege durch die Hand meiner theuren Gattin,— ermannte ſich ſeine kraftvolle Natur wieder, wir ſchifften uns neuerdings ein, und landeten gegen Mitte des Jahres zu New⸗York. Die Nachricht von Kosciuszko's Reiſe, hatte ein, kurz vor dem unſeren nach Amerika abgegangenes, Schiff ſchon nach der neuen Welt gebracht; und wie ein Lauffeuer war der Ruf: „Kosciuszko kommt!“ durch alle Provinzen geflogen. Schon bei der Landung empfing ihn eine Deputation des Congreſſes, und begleitete den Helden der Freiheit nach dem Verſammlungs⸗ hauſe des Nationalrathes. 80— Junger Freund! ich wünſchte Sie, die Sie immer ſo herzlichen Antheil an dieſem edelſten der Menſchen nahmen, hier an meine Seite. Stolz hätte Sie der Gedanke gemacht, der Freund des Mannes zu ſein, den eine große, freie Na⸗ tion wie einen Gott verehrte. Vermag ich es doch kaum zu beſchreiben, wie ſich allenthalben die Liebe und die Achtung der Amerikaner für Kosciuszko ausſprach. Hier umarmte ihn ein treuer Freund; dort ſchüttelte ihm ein alter Waffengenoſſe mit Herz⸗ lichkeit die Hand; um ihn drängten ſich jubelnd die früheren Bekannten, mit ehrfurchtvollem Stau⸗ nen ruhten die Blicke der jüngeren Mitglieder auf ſeinem ehrwürdigen Antlitze— kurz Alles ſprach nur ein Gefühl— ſprach die höchſte Achtung, die regſte Liebe für Kosciuszko aus. Aber New⸗York nicht allein,— nein! ſämmtliche vereinigte Staaten von Nordamerika wetteiferten, dem ruhmgekrönten Helden den Tri⸗ but ihrer Achtung zu zollen. Wohin ſich unſere Reiſe wandte, empfingen uns Jubel und Luſt, Ehrenpforten und Tempel— Reden und Muſik, — 391— Schauſpiele und Toaſte. So— daß dieſe Reiſe Kosciuszko's, ohne alle Uebertreibung, ein großer Triumphzug genannt werden kann. Thaddäus edles Herz blieb gegen ſo viele Anerkennungen nicht kalt; aber ſie drückten ihn nieder, und ſeine Sehnſucht nach einem ſtillen Plätzchen der Ruhe wuchs von Tag zu Tag. Wo konnte er es ſchöner finden, als in den Ar⸗ men Washingtons? Dieſer große Held und Staatsmann hatte ſich, uneigennützig wie Kosciuszko, nach der durch ihn bewirkten Befreiung Nordamerika's, auf ſein kleines Landgut Mount⸗Vernon zu⸗ rückgezogen, und lebte hier der Natur und der Cultur des Bodens. Nur einmal ſeit dem Ende des Krieges, war er dem Rufe der Nation ge⸗ folgt und als Präſident an deren Spitze, aber gleich nach Verlauf der ihm zukommenden Zeit, wieder in den Privatſtand getreten. Nach ſeinem Gute ging daher unſre Reiſe. Die glühendſte Phantaſie könnte ſich kein ſchö⸗ neres Ruheplätzchen erſinnen, als dieß Mount⸗ Vernon iſt. In Virginien, an dem rechten Ufer des Potowmack, gelegen, ſenken ſich ſeine fetten Wieſen, ſeine Felder und Bousquette bis zu dem ſchönen Fluſſe herab. Die ganze Fülle der jungfräulichen Natur des jüngeren Welttheils ſcheint hier ausgegoſſen, in ihren ſchönſten Far⸗ ben, in ihren reizendſten Nüancen zu ſpielen. Tauſend hochfarbige Blüthen entkeimen dem frucht⸗ baren Boden, und über ſie breiten Cedern und Eichen, Cypreſſen, Pappeln, Birken und Buchen ihren erquickenden Schatten. Iſt es die Ruhe und Heimlichkeit des Ortes— iſt es die Sym⸗ pathie der thieriſchen Seele mit der menſchlichen — ich weiß es nicht— aber der ganze, weit ausgedehnte Garten lebt von kleinen und großen Thieren. Von den Bäumen ſchmettern die Vögel und ſchauen die Eichhörnchen, über die Wieſen ſpringen junge Rehe, ja Hirſche ſelbſt, die ſonſt ſo ſcheuen Thiere, blicken freundlich aus den Büſchen. Und auf alles dieſes ſieht von einem ſanften Hügel herab, das freundliche Wohn⸗ haus. Hier nun lebt Washington, hier fanden wir den größten Mann ſeiner Zeit Als ihn — 393— Kosciuszko gewahrte, ſtürzte er mit den Worten: „Vater! theurer Vater! kennen Sie noch Ihren Sohn?“ in ſeine Arme, und der alte, herrliche Mann weinte Thränen der Freude und des Schmerzes über dem Haupte ſeines unglück⸗ lichen Sohnes. War Kosciuszko noch eine Freude auf dieſer Erde vorbehalten, ſo war es dieſe Wieder⸗ vereinigung. Ein Engel der Verſöhnung gab ſie ihm. Hier werden wir nun, wenigſtens vor der Hand, bleiben, da Thaddäus dem alten Krieger die Geſchichte der polniſchen Revolution erzählen ſoll. Auch hat ſchon bis jetzt der milde Geiſt des ehrwürdigen Greiſes wohlthätig auf Kosciuszko eingewirkt, er iſt gefaßter, und genest ſichtbar mehr an Leib und Seele. Seinem Auftrage nach grüße ich Sie und Ihre Gattin hetzlich von ihm, und vertröſte Sie auf ein baldiges Schreiben von ihm ſelbſt. Was ihm die Erde nicht geben konnte, er⸗ wartet er nun geduldig von einer zweiten Welt — 394— — wird er doch dort ſeine Ideale: Freiheit und Liebe ſicher finden. In Leben und Tod der Ihre Julian Niemcewicz. Mount⸗Vernon im Juni 1797. Pauls Hoffnungen waren erfüllt; denn Thaddäus Kosciuszko war, nach den wil⸗ den Stürmen des Lebens, in den Hafen der Ruhe eingelaufen. Heftig umarmte Paul ſeine geliebte Marie und ſagte innig: „Marie laß uns ſtreben an Seelengröße ihm ähnlich zu werden“ XVI. Apotheoſe. In vain, alas! in vain, ye gallant few! From rank to rank your volleyd thunder flew:— Oh, bloodiest picture in the béok of Time Sarmatia fell, unwept, without a crime: Found not a generous friend, a pityeng foe, Strength in her arms, nor mercy in her woe! Dropp'd from her nerveless grasp the shatter'd spear. Closed her pright eye, and curb d'her high career,— Hope, for a seasor, bade the world farewell, And Freedom shrick'd— as KosciuszkKo fe11! Camphel! TRe Pleasures of hope. Mit den Adlerflügeln der Gedanken ſchwingt ſich der Geiſt empor. Hoch über der Erdſcholle kreist er, ſich behaglich wiegend, in den Lüften der Freiheit. Sein ſcharfes Auge durchfliegt die Vergangenheit, ergründet die Gegenwart, durch⸗ blitzt die Zukunft. Zeit und Raum ſind ver⸗ ſchwunden, und nichts beſteht vor ihm als die — 396— Wahrheit. Des Lebens lebendiger Strom rauſcht an ihm vorüber, und trägt auf ſeinen Wellen das rieſige Buch der Geſchichte, und die Stürme der Zeit blättern darin, und auf allen Seiten ſind Namen aufgezeichnet in unendlicher Fülle. Siehe! wie ſie leuchten, im Sonnenſtrahle der Wahrheit, dieſe Namen!— und künden in unverfälſchtem Scheine die Thaten ihrer Träger. Blicke her Menſchheit— du biſt gerichtet! — Vor dem Auge Gottes ſinken die Nebel der Schmeichelei. Der Griffel, der die Namen der Tyrannen eingrub, war getaucht in rauchendes Menſchen⸗ blut Flammende Züge verkünden den Mär⸗ tyrer r Wahrheit und des Rechtes!— In.— ſilbernem ichte prangt der Unſchuld Zeugniß! — Und Sternenſchrift kündet des Erdengeſchlechtes Wohlthäter!— O ſelig! wem Cherubim die Krone des Lichtes gewoben,— wen der eigene Gott erhob auf den Thron des ewigen Lebens!— Und wie ich trunken weilte, forſchend den Thaten der Beſten, ſiehe! da blitzte mir wie ein Sonnenmeer entgegen der Name: Kosciuszko! und unter ihn hatte Gottes Hand geſchrieben: „Groß und gerecht!“—— — Und ich jauchzte empor, und meiner Freude Echo tönte durch alle Himmel wider;— aber die Erde erſeufzte und ein Schmerzensruf drang von ihr herauf zu meinem Ohr. Da wandte ich mein Auge, und blickte aus dem Reiche des ewigen Lichtes hernieder auf die kleine, dunkle Welt des Schmerzes und der Prüfung. Und ich ſah ein Land deſſen himmelanſtrebende Eisberge, von dem Abſchiedskuſſe der ſcheidenden Sonne erröthend, ſchamhaft erglühten. Auf dem zackigen Stuhle ſeiner Alpen thronte die Freiheit. Ihrer Füße Spur hatte Thälern und Höhen in reicher Fülle die Alpenroſen des Menſchenglücks entlockt, dennoch war jetzt ihr ſonſt ſo freund⸗ liches Lächeln dem Ausdrucke eines tiefen Kum⸗ mers gewichen. Die Göttliche trauerte um den Verluſt ihres liebſten Sohnes, und ihren Schmerz theilte die Menſchheit.— Langſam entrollte eine finſterk Schlange ihre Ringe, und dehnte ſich aus, und kroch über Berge und Thäler, über Ströme und Seen, weit! weit! über vieler Herren Länder, dem eiſigen Norden zu. Aus der Tiefe ſchallte, ihren Weg begleitend, ein dumpfes Glockengeläute, und fromme Seußzer und herzliche Gebete drangen zum Himmel. Ich aber ſenkte mich näher zu der Erde herab, — 398— und ſiehe! die Schlange war ein langes, nicht endendes Trauergefolge. Ihren ſchillernden Kopf bildete ein Zug weißgekleideter Mädchen, Lilien der Unſchuld auf Stirne und Wangen, Kinder des Frühlings in den zarten Händen. Dieſen folgte die Blüthe der männlichen Jugend und die Geiſtlichkeit. Auf ihrem Rücken aber trug die Schlange einen Lorbeerzweig und einen Todtenkopf. Sechs arme Greiſe ſchwankten daher, unter einer theuren Bürde Sie trugen die irdiſche Hülle des Menſchenfreundes, der die Stütze der Armuth geweſen. Vier Helden hielten die Enden des Tuches, über welchem die Leiche Kosciusz⸗ ko's ruhte. Aufgedeckt, im offenen Sarge, lag ſchlummernd der Greis Die unendlich milden Züge umfloß ein leiſes, träumeriſches Lächeln, das ihm der Blick ins Paradies entlockt. Zu beiden Seiten trugen Jünglinge auf ſchwarz⸗ſammtnen Kiſſen Hut und Schwert, den Feldherrnſtab und den Cincinatusorden, den Lor⸗ beer und die Eichenkrone. Und Ring an Ring folgte das Volk in unabſehbarem Zuge. Die Schlange kroch fort und fort, Tag und Nacht, und die Glocken verſtummten nicht, und die Träger und Leidtragenden wurden nicht müde Wenn aber Mitternacht tönte von den Thürmen, — 399— kam es von Norden her wie mit Sturmes⸗ brauſen, und es umgaben den Sarg viele Tau⸗ ſend bleiche Geſtalten. Ihre knöchernen Hände trugen Waffen aller Art: Säbel und Picken, Gewehre und Senſen. Das nächtliche Heer aber führte als Bannerträger eine zarte Jungfrau. Von dem Banner blitzte, in weißem Lichte, der Adler Polens, tief in der Bruſt die klaffende Todeswunde. Und die Jungfrau ſenkte die Fahne auf den Schlummernden herab, die ſtille Bruſt bedeckend, und nahm den Lorbeer von dem Kiſſen, und bekränzte die bleichen Schläfe, und der alte Held. ruhte in ihrem Arm und ſie legte ſein müdes Haupt an ihren Buſen, auf daß es ruhe in Frieden. Wie ſchauerlich⸗wehmüthig rauſchet des Geiſter⸗ heeres Muſik?— Wie tönet die Trommel ſo hohl!— Wie ſchallen die Hörner ſo dumpf!— wie klagen die Lieder ſo bang! So ziehet bei Nacht und bei Tag die Leiche des Helden dahin. Helvetien hat ſie geſandt, und Polen harrt ihrer entgegen. Wo ſenket ihr nieder die Laſt, die theuere, heilige Bürde? Wohl in der Könige Gruft geziemt es Kosciuszko zu ruhn! — Sie ſteigen zur Tiefe hinab, zu der alten Könige Gruft. Wie majeſtätiſch ſich hier, von ſchlanken Säulen getragen, die dunkeln Hallen wölben. Drei Sarcophage umfängt der Cata⸗ combe Nacht. Hier ſchläft den ewigen Schlaf: der mächtige König Sobieski; der Ponia⸗ towski edelſter Zweig, Joſeph, der Patriote,— und dieſen zur Seite nun noch: Thaddäus Kosciuszko, der Held!— Wie kühl die Lüfte hier ſäuſeln, wie ſtill und heimlich die Nacht!— Wie träumt ihr ſo ruhig und friedlich im engen, geſchloſſenen Haus! O ſelig! wem Cherubim die Krone des Lichtes gewoben— wen der eigene Gott erhob auf den Thron des ewigen Lebens!—— Ja ſchwinge empor dich, mein Geiſt! Die Aſche gehöret der Erde; Du, Lichtgeborener, fliehe zurück in des Lichtes Reich. Der Polen Dankbarkeit baute S ein ewiges Denkmal. Am linken Ufer der Weichſel erhebt ſich hoch in die Lüfte des nordiſchen Ajar's Grabhügel. Doch baute der Held ſich ſelbſt ein ſchöneres, edleres noch. Nicht Erz noch Stein, trotzt es auf ewig der Zeit, ſein Fuß bedecket die Oberfläche der Erde, bis in den Himmel reicht die herrlich-ſtrahlende— Und dieſes Denkmal iſt: —— — Wi „Der ganzen Menſchheit Bewunde⸗ rung, Achtung und Liebe!“ O ſeſig! wem Cherubim die Krone des Lichtes gewoben— wen der eigene Gott erhob auf den Thron des ewigen Lebens!— Wie flammt um den Hügel Kosciuszkos die niederſinkende Sonne in feuriger, purpur⸗ rother Gluth. Es iſt der Freiheit Haupt, das Blutumfloſſen ſich ſenkt. Wie todesmüde ſchließet ſie das lichte, lebendige Auge— Sie iſt nicht mehr— Kein Strahl, kein Licht, kein Leben flammt mehr auf Der blutige Mantel nur, in den ſie ſterbend ſich gehüllt, weht, Unheil kündend, noch zurück— Sie zieht ihn nach ins Grab.— Still alle Welt und todt— und leer— und kalt! Da ſchrumpft der Menſchheit Herz zuſammen und wird Stein; wo Freiheit fehlt kann da auch Leben ſein?— Doch ewig währt nicht dieſe kalte Nacht! Die Sonne kehrt zurück in ihrer alten Pracht. Um jenen Hügel fließt des neuen Tages Licht, das, ſiegreich wie ein Gott, durch finſtere Nebel bricht. Ich ſeh' ein edles Paar der Freiheit Palme ſchwingen, ich höre Jubelton an meine Ohren klingen; es jauchzt der Geiſter Chor, von Gottes Hauch durchwittert, daß es in allen Erdentiefen zittert: Rau, Th. Kosciuszko. 1I. Thl. 26 — 402— „Erbebe nicht, du menſchliches Geſchlecht, was Du als Wahr erkannt, es bleibet ewig Recht. Die Freiheit, wirſt Du nur an ihren Segen glauben, kann kein Tyrann, kann ſelbſt kein Gott dir rauben!“— Die Wolken öffnen ſich, von Lichtesglanz umfloſſen, ſeh' ich Kosciuszko ſtehn und ſeine Kampfgenoſſen. An ſeinem Buſen liegt, der Treue ſchönſtes Bild, ſein theures Lieb, ſo himmliſch ſüß und mild,— und über Beiden ſchwebt, geſandt von Gottes Throne, in lichtem Sternenglanz, der Freiheit gold'ne Krone— Juhalt. Erſtes Rapitell. Der Spinnabend. Das Dorf.— Der Fremde.— Neuer Be⸗ ſuch.— Der Teorbaniſt.— Polenlied.— — Begeiſterung.— Frage und Antwort.— Maſurka und Kolomeyka.— Die Erzählung von der entführten Nonne.— Jablonski und ſeine Tochter.— Entführungsplan. — Ausführung.— Das alterthümliche Schloß.— Verwandlung.— Das Zwie⸗ geſpräch.— Die Kapelle.— Die Gefangene. — Ein Blitz aus heitren Höhen Bweites Rapitel. Der MWaskenball. Die Geſellſchaft.— Aeußerlich und innerlich. — Der Afterkönig, die Diplomaten und der Harlekin.— Der unerwartete Brief. — Keine Roſe ohne Dornen.— Der Teufel.— Suchen.— Stanislaus Seite Seite Auguſi.— Der Hofkaplan.— Das verliebte Abenteuer— Ein Zwiſchenakt. — Das Erheben des Königs.— Der König und der Dominv.— Verlegen⸗ heiten.— Das gefangene Vöglein und ſein Geſang. 55— 103 — Yrittes Rapite Des Sturmes Vorboten. Niemcewicz und Karoline.— Die Gefahr. — Die Freunde.— Kosciuszko's Ruf.— Blick in die Zukunft.— Das Haus zu Olkusz.— Eine Familienſcene.— Die Zuſammenkunft.— Der Rubicon iſt über⸗ ſchritten.— Der Liebesbote.— Eine Stimme von Oben.— Der Abſchied 104— 130 Viertes Rapitel. Aufſtand zu Krakau. Mutter Natur.— Die Nacht des 23. März 1794.— Der Empfang.— Triumphzug. — Der Diktator.— Schwur der Treue. — Allgemeine Begeiſterung.— Rede.— Bewaffnung.— Aufopferung.— Organi⸗ ſation der Armee.— Die Freunde.— Ausmarſch.— Schlacht bei Raelawice 131—153 111 — Fünftes Rapite Stanislaus Auguſt. Seite Des Königs Mißmuth.— Ein wahrer Freund.— Polens Lage.— Die Ober⸗ vormundſchaft.— Igielſtröms Schreiben. — Ein ſchwacher Menſch.— Wer iſt König? 154— 179 Sechstes Rapitel. Der 17. April 1794. Der Verräther.— Der junge Oberſt.— Der Plan.— Aufregung.— Die Ver⸗ ſammlung.— Mitternacht.— Der Kampf. — Der blutige Morgen.— Volkswuth. — Das Gefängniß.— Der Salamander. — Das Opfer.— Igielſtröms Haus.— Der Dämon der Rache 180— 201 — * Siebentes Rapite Ein ſinſterer Geiſt. Kosciuszko's Siege.— Der König an der Spitze des Volkes.— Ruſſiſche Politik.— Der Fels im Meer.— Der Talisman der Liebe.— Die Dioskuren.— Opera⸗ IV Seite tionen.— Greuelſcenen.— Trübe Ah⸗ nungen.— Der Unglücksbote.— Der Bericht. 202— 229 Achtes Rapitel. Szezekocyn. Dermaliger Zuſtand Polens.— Das Ge⸗ witter.— Ahnungen.— Das Gedicht.— Die Schlacht 230— 243 Ueuntes Rapitel.. Der verſöhnende Tod. Die Hauptſtadt.— Muth und Beharrlichkeit der Nation.— Allgemeine Begeiſterung. — Warſchau gerettet.— Polens Dank⸗ barkeit.— Träume.— Die größte Ge⸗ fahr.— Der Abend vor der Schlacht.— Der unwillkommene Beſuch.— Die Ent⸗ deckung.— Wiederfinden.— Verhüllte Liebe 244— 267 Behntes Rapitel. Fimnis Poloni! Vorgefühl.— Pläne.— Angriff.— Blu⸗ 1 tiger Tag.— Unſtern 268—276 Eilftes Rapitel. Die Gefangenſchaft. Seite In Feindes Hand.— Der Schutzgeiſt.— Der Hettmann.— Trauerzug.— Der Ruſſen Sieg— General Ferſen.— Die Freunde.— Schreckliches Wiederſehen.— Gefangenſchaft.— Petersburg.— Petro⸗ Pawlost 277— 293 Zwölftes Rapitel. Katharina II. Der Romanzoff'ſche Palaſt.— Die ſchöne Schlummernde.— Die Unterredung.— Die Schmerzenskönigin.— Der Hof der Kaiſerin.— Commandoſtab und Eichen⸗ krone.— Die Günſtlinge.— Die Kai⸗ ſerin.— Pläne.— Unwoyhlſein.— Die Audienz.— Die Stimme der Prophetin. 294— 333 Dreizehntes Rapitel. Der Menſch denkt, Gott lenkt. Stürme.— Der Entſchluß eines edlen Herzens.— Der Morgen der Errettung. — Petro⸗Pawlosk.— Bewährte Freund⸗ ſchaft.— Klagen eines Gefangenen— VL Des Troſtes Born.— Ein Sonnenſtrahl in dunkle Nacht.— Mater dolorosa.— i Vierzehntes Bapitel. Der offene Himmel. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.— Tantalus.— Myrthenkranz und Todten⸗ Fünfzehntes Rapitel. Schluß. Der Fels im Meer.— Freundſchaft.— Des Kaiſers Anerbietungen.— Trennung. — Das Haus zu Olkusz.— Der kleine Thaddäus.— Das häusliche Glück.— Nachrichten aus Amerika.— Empfang. — Thriumphzug.— Mount⸗Vernon.— Der Hafen der Ruhe Apotheoſe. 334— 362 363— 376 377— 394 ſſ 2 13 14 15 16 15 18 19 M 8 9 10