— Leihbiblivthet᷑ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur. Cduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Veſebedingungen. 6 1. offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8. Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 3 2 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 5 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — auf 1 Monat Wr.— Pf. 1 5— F „.*—„ S 1 Ausärtige Apornenten haben füt Hin- ind Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. „ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, 1 zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer Erſatz des Ganzen verpflichtet. — 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen 6 der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben⸗ — Thaddäins Koseinszkv. Hiſtoriſcher Roman von Heribert Ran. „Wolnos6, Calosé i Niepodleglose!“ Kosciussko. „Die Freiheit ohne Gehorſam iſt eine Verwirrung, Und der Gehorſam ohne Freiheit iſt eine Sklaverei.“ W. Penn. Zweite wohlfeilere Ausgabe. Zweiter Theil. —6 Stuttgart. Verlag der Franckhſchen Buchhandlung. 1848. Thaddäus Koseiuszko. Zweiter Theil. Das Juſammentreffen. „Die Eintracht baut ein Haus. Die Zwietracht reißt es nieder.“ Altes Sprüchwort. „Noch immer wird der Wald nicht lichter, und auch nicht die geringſte Spur von Menſchen⸗ kindern zeigt ſich!“ rief, faſt mit unwilligem Tone, ein junger Mann, der ſich, wie es ſchien, in dem tiefen Urwalde verirrt hatte. Er ſah eigen⸗ thümlich aus. Ein alter halb zerfetzter Strohhut überſchattete das verbrannte Geſicht, deſſen Züge Offenheit und Gemüthlichkeit verkündeten. Die lebhaften blauen Augen blickten dabei muthig und munter um ſich her und verriethen, ſo wie die Farbe ſeiner Haut, daß er ein Fremdling in dieſen Zonen ſei. Sein ganzer Anzug beſtand aus einem Hemde, einem Paar zerriſſenen Stie⸗ feln und Hoſen von Nankin, an welchen ſich ebenfalls Merkmale irdiſcher Vergänglichkeit zeig⸗ ten. Einen Rock hatte er nicht; dafür kreuzten ſich auf ſeiner Bruſt die ledernen Riemen, welche Patrontaſche und Säbel trugen, während auf der breiten Schulter eine engliſche Büchſe ruhte. Er ſtand jetzt unentſchloſſen mitten in dem Geſtrüppe, welches unter dem Laubdache himmel⸗ hoher Bäume emporſchoß, und ſuchte vergeblich einen Ausweg; denn ſelbſt die kleinen Zwiſchen⸗ räume, welche die dicken Stämme ließen, hatten Büſche und Schlingpflanzen aller Art unzugänglich gemacht. „Wenn nur der verdammte Hunger und die Indianer nicht wären“— murmelte er in ko⸗ miſchem Ernſte vor ſich hin—„ſo könnte mir es wahrhaftig in dieſen Wäldern gefallen, gegen die unſere europäiſchen zu wahren Hecken herab⸗ ſinken. Gott weiß, daß ich mich— trotzdem daß ich deſertirt bin— vor keinem Feinde fürchte, der ſich mir ehrlich entgegenſtellt. Aber dieſe amerikaniſchen Teufel lauern wie ihre Tiger im Hinterhalte, und ehe man ſich's verſieht iſt man ſcalpirt. Und der Hunger— der iſt noch ſchlim⸗ mer; denn gegen die Rothhäute kann man ſich im glücklichen Falle doch noch wehren, gegen dieſen aber gibt es gar kein Rettungsmittel mehr, wenn die Proviſion einmal ausgegangen iſt“ Dieß ſagend, machte er neue Verſuche ſich einen Weg zu bahnen; mußte dieſelbe aber bald aufgeben, indem er nicht nur die Ohnmöglichkeit des Unternehmens einſah, ſondern auch die nach⸗ theiligen Folgen ſeiner Anſtrengungen an den Riſſen inne wurde, welche ſeine Beinkleider davon trugen. Er wandte ſich daher zu der einzigen Lücke zurück, durch welche er eingedrungen war, und wollte eben einen Baum erklettern, um wo möglich einen Ausweg zu erſpähen, als er zu ſeiner großen Freude das ferne Rauſchen eines Waſſers vernahm. „Heiſa!“ rief er, jetzt iſt geholfen, wo Waſſer — iſt, bahnt ſich auch ein Weg, und wenn ich erſt einmal ungehindert marſchiren kann, ſo darf ich hoffen zu Menſchen— d. h. zu amerikaniſchen Pflanzern zu kommen; denn die Engländer hier ſind eben ſo wenig Menſchen, als die Wilden, und ſollten mir, wenn ſie mich erwiſchten, noch übler aufſpielen als dieſe“ Er hatte ſich nicht getäuſcht. Ein klarer Waldbach ſtürzte ſich über Klippen und Felſen herab und hüpfte raſch und geſchwätzig in dem Bette dahin, welches ſeine Wellen geriſſen. Der Jüngling kletterte mühſam die Felſen herunter und mochte kaum eine halbe Stunde dem Laufe des Waſſers gefolgt ſein, als er einen Steg ge⸗ wahrte, der die beiden Ufer verband. Der Bach war hier breit und tief; in ſeiner Mitte ſtieg ein mächtiger Granitblock empor, und theilte ihn in zwei Arme, deren einer, in ſtarker Neigung ſich ſenkend, die Haupinaſt bes Waſſers in gewal⸗ tigem Strome mit ſich fortriß; während der andere einen ſchäumenden Fall bildete. Der Felſen ſelbſt diente der Brücke als Pfeiler, die kunſtlos und einfach, aus zwei großen Baumſtämmen beſtand, 6— Eichhörnchen von Aſt zu Aſt ſprangen, und ſelbſt der Jagal mit leuchtenden Augen hinter den Büſchen hervorſchaute und ſein ſchauerliches Heu⸗ len laut ertönen ließ. Nachdem der Jüngling die Höhe der Brücke erreicht hatte, war er, überraſcht durch die Schön⸗ heit der Ausſicht, ſtehen geblieben. Seine Blicke ſchweiften mit Entzücken über alle die Wunder, welche eine üppige Natur vor ihm ausbreitete, und er vergaß— im Schauen verloren— auf Augenblicke Hunger und Ermüdung. Erſt als er ſich ſatt geſehen, kehrten dieſe tyranniſchen Gefühle zurück, und mahnten ihn laut an Be⸗ friedigung. Aber auch dafür hatte ja das Glück geſorgt, und ſein Auge muſterte jetzt mit dem⸗ ſelben Behagen die Schwimmvögel, die ſich ganz in ſeiner Nähe ſorglos tummelten, mit welchem es kurz zuvor auf den Wundern der Schöpfung geruht. Vor Allem re ine wohlbeleibte wilde Ente, die ſich vor ihren Geſchwiſtern durch Ge⸗ fräßigkeit auszeichnete, ſeine Lüſternheit, und er hatte ſeine Büchſe ſchon angelegt, als ihm heiß einfiel, daß er außer dieſem Schuß nur noch eine Patrone beſitze. Langſam, den wehmüthigen Blick nach der fetten Ente gerichtet, nahm er das Rohr herab, indem Hunger und Vorſicht in ſeinem Innern ihre Gründe für und wider den Schuß geltend zu machen ſuchten. Wohl ſah er ein, wie gewagt es ſei, ſich von dieſem kleinen Reſt der Munition zu entblößen, und in welche gefährliche Lage ihn dieſe Unvorſichtigkeit, bei einem etwaigen Angriffe von wilden Menſchen oder reißenden Thieren, ſetzen könne— dagegen ſtemmte ſich aber ein nagender Hunger, und das Gefühl der allmählig ſchwindenden Kräfte. Was hätte alsdann dem Ermatteten bei einem Kampfe ein Schuß mehr genutzt? und durfte er überdieß nicht hoffen, auf dem nun einmal gefundenen Pfade, bald civiliſirte Menſchen zu treffen?— Er blickte noch einmal um ſich, als wolle er ſich überzeugen, daß ihm im Augenblicke keine Gefahr drohe; faßte dann wieder die Ente ins Auge, die eben mit der größten Behaglichkeit einen feisten Froſch verſchlang, den ſie hinunter zu würgen bemüht war, deſſen eines Bein aber zu ihrem Aerger noch dem Schnabel heraushing, und dadurch das völlige Hinunterſchlucken ver⸗ hinderte— legte raſch an und drückte ab. Bei dem donnernden Knall, den die Echo's der Felſen mit hundert Stimmen wiederhallten, ſtoben mit lautem Geſchrei die Heerden der Waſſervögel aus⸗ einander; ein ſtämmiger Hirſch brach durch das Dickigt, flog mit einem ungeheuren Satze über den Bach, und verlor ſich raſch auf dem ent⸗ gegengeſetzten Ufer im Walde. Die Eichhörnchen blickten erſtaunt von den höchſten Gipfeln der Bäume herab, in die ſie ſich geflüchtet, und der Jagals dumpfes Heulen kündeten ihre Flucht. Aber die wohlgenährte Ente lag mit zerſchmetterter Bruſt am Boden, Blut und Federn rings um ſie her. Mit wenig Sprüngen hatte ſich der junge Mann in ihren Beſitz geſetzt, und be⸗ trachtete jetzt den fetten Braten mit Wohlbehagen. Dann wählte er ſich— ſein treues deutſches Herz zog ihn darnach hin— die alte Eiche, welche den natürlichen Pfeiler der Brücke krönte, zu ſeinem Lagerplatze, trug dürres Holz zuſam⸗ men, zündete ein Feuer an, ſteckte den Vogel an ſeinen Ladſtock und dieſen an die Flamme, warf ſich in den Schatten des vaterländiſchen Baumes, und ſang, dem Braten ſeiner Beute erwartungsvoll zuſehend, mit lauter Stimme fol⸗ gendes Lied: Mein Vaterland wohl liegſt Du fern, Fern, über weiter See! Wie wär' ich drüben doch ſo gern, Wie thut die Trennung weh! Wie ſehn' ich mich nach all' dem Glück, Das mit Dir mir verſchwand, Nach Eltern und nach Freund zurück, Zurück ins Vaterland. Gewalt vertrieb mich von der Flur Die heimiſch einſt mir war; Doch drängt ſie aus dem Herz die Spur 3 Der Liebe nimmerdar. Erglänzt um mich in Jugendluſt Auch eine neue Welt, So fühl ich, daß die treue Bruſt Doch alte Liebe ſchwellt. Ich nehme hin des Schickſals Spruch, Und ſchweige wie ein Mann. Hat doch die Erde Raum genug Daß Jeder leben kann. Ein neues Haus bau⸗ ich mir auch In Gottes freier Welt, Und leb' darin nach altem Brauch, Wie mir es wohlgefällt. — — Ein braves Herz bleibt ſtets ſich gleich, Wohin's das Schickſal trägt; Ein deutſches, wohl in jedem Reich Für deutſche Ehre ſchlägt. Die wahre Heimath lieget ja Nicht hier in dieſer Welt, Und ihre Ufer ſind erſt nah, Wenn Tod die Segel ſchwellt!— Die Töne waren verklungen, des Jünglings Züge hatten unter dem Singen— wohl von einer tiefen Wehmuth angehaucht, die er mit Gewalt zu verbergen ſuchte— einen ernſteren Ausdruck angenommen; er wiſchte ſich raſch mit dem Finger eine Thräne aus dem Auge, als wolle er ſich ſelbſt dieß Zeichen der Rührung nicht zugeſtehen, und beugte ſich nach dem Feuer ſeinen kunſtloſen Bratſpieß zu drehen. So be⸗ ſchäftigt gewahrte er nicht, daß ein Mann, welcher ſchon während des Liedes auf die Brücke getreten war, ſich ihm näherte. Ueberraſcht, faſt erſchrocken, fuhr er daher in die Höhe, als ihn eine ſonore Stimme mit den Worten: „Willkommen Bruder!“ anredete. Es war ein ältlicher, freundlicher Mann, der ihn alſo grüßte, ein Quäker, wie es ſeinem Ran, Th. Kosciuszko. I. Thl. 2 — Aeußern nach ſchien, denn ſeine Kleidung war einfach, von dunkeler Farbe, dabei in hohem Grade reinlich, und ſeinen Kopf deckte ein ſchwar⸗ zer Filzhut mit breiten Krämpen, welche zu beiden Seiten herabhingen. Der Anblick des freundlichen Alten, hatte den Anflug von Schrecken ſchnell aus der Seele des Jünglings verſcheucht, und er ſprang um ſo freudiger auf, als ihm hier in den Urwäldern Amerikas die heimathliche Sprache entgegenklang. „Willkommen, herzlich willkommen!“ rief er entzückt aus, und ſchüttelte kräftig die darge⸗ botene Hand. „O Gott! was iſt das für eine Luſt, wenn man ſo unendlich weit vom Vaterlande einmal wieder die alte Sprache hört, die alle ſprechen die uns theuer ſind.“ „Du haſt es nicht vergeſſen unſer gutes Deutſchland,“ entgegnete ruhig der gemüthliche Alte,„das habe ich aus Deinem Liede gehört. Und gewiß, es vergißt ſich auch nicht ſo leicht und wenn man es ſelbſt unter Leiden bewohnte und des Druckes wegen verließ. — 6— „Laßt uns ſchweigen, guter Mann, über das warum wir es verlaſſen mußten, es möchte die Freude der Gegenwart trüben. Habt Ihr Zeit und Luſt, ſo ſetzt Euch einen Augenblick nieder, daß wir uns in Ruhe bewillkommen, und helft mir mein einfaches Mahl verzehren. Der Braten ſcheint wahrhaftig nicht ſchlecht zu werden, er duftet köſtlich!— und dann ſeid Ihr ja wohl auch ſo gefällig, mir den Weg anzudeuten, auf welchem ich die nächſten Niederlaſſungen der vereinigten Staaten erreichen kann“ „Das Letzte gern, das Erſte nicht!—“ ent⸗ gegnete freundlich aber feſt der Quäker. „Wenn Ihr ſolchen Hunger hättet wie ich,“ fuhr der junge Mann fort, und nahm die Ente von dem Ladſtocke,„dann würdet Ihr keine Complimente machen.“ „Die kenne ich ohnehin nicht, mein lieber Bruder, und außerdem eſſe ich nie Fleiſch“ „Kein Fleiſch? auch keine gebratene Ente? „Nein. Der liebe Gott gibt uns hier ſo unendlich viele Früchte und andere genießbare Dinge, daß wir gerne das Leben unſerer armen Mitgeſchöpfe ſchonen.“ Pun Herr ℳ „Nenne mich Bruder, denn es gibt nur einen Herrn der über uns iſt, und der iſt Gott“ „Wohl denn, mein Bruder, ſo vergebt mir, wenn ich meinen wüthenden Hunger mit dem ſtille, was mir zu erhalten möglich war; denn ich irre nun ſchon drei Tage faſt ohne Nahrung in dieſen Wäldern umher. Kommet! laßt Euch wenigſtens ſo lange nieder, bis ich dieß Bedürf⸗ niß geſtillt.“ Der Quäker leiſtete dieſer Bitte willig Folge, und während der Andere mit Wolluſt ſeinen Braten verſchlang, fuhr dieſer ruhig fort: „Wenn es Dir einerlei iſt in welche Nieder⸗ laſſung Du gelangſt, ſo magſt Du mir nachher folgen. Ich gehe nach Wioming wo ich mit den Brüdern wohne, und woſelbſt Du Dich von Deinen Mühſalen erholen kannſt ſo lange Du willſt.“ „Ich weiß wahrhaftig nicht, wie ich Euch —— Eure Freundlichkeit danken ſoll,“ entgegnete der Angeredete,„da Ihr einen Fremdling wie mich ſo liebevoll aufnehmt.“ „Fremd?— Biſt Du nicht ein Menſch— und kann ein Menſch dem anderen fremd ſein?— Es ſtünde ſchlimm um uns Alle, wenn wir hier anders dächten. In Europa freilich kennt man nur ſeinen eignen Vortheil; aber hier, im Schooße einer freien, Gott geſegneten, Natur, lernen wir uns mit gleicher Liebe um⸗ faſſen. Ja, mein Bruder, Du wirſt Dich freuen unſeren kleinen Staat zu ſehen. Dort drüben am öſtlichen Ufer des Susquehanna haben wir uns, in einer reizenden und fruchtbaren Gegend angeſiedelt. Dort leben wir, fern von der Welt und ihren, der körperlichen und der geiſtigen Geſundheit gleich ſchädlichen, Genüſſen, in ſtillem Frieden. Thätigkeit und Genügſamkeit ſind die Quellen unſers Glücks, und unſere Freiheit beſchränkt nur die Kraft vernünftiger, ſelbſterſchaffener Geſetze und das Gebot der Pflicht. Dort haben wir das gefunden, nach welchem unſere Seele in der alten Heimath vergeblich ſeufzte; dasjenige nach welchem ſich alle Menſchen ſehnen— äußere und innere Ruhe.“ „Ihr haltet alſo Ruhe für das hůchſte Glück?“ frug der Jüngling erſtaunt, indem er ſeinen Kinnbacken nicht die geringſte Ruhe gewährte. „Allerdings.“ „Sonderbar. Ich muß Euch geſtehen, Lands⸗ mann: Ruhe iſt meine Sache nicht. Je toller das Leben um mich braust, je mehr Arbeit ich habe, deſto lieber iſt es mir.“ „Du haſt mich mißverſtanden. Unter Ruhe verſtehe ich keineswegs jene, von ſo vielen Men⸗ ſchen vergötterte, Trägheit, ſondern Friede— Friede nach außen und Frieden der Seele, die beide gerade die Kinder unausgeſetzter Thätigkeit ſind. Gewiß auch Du, mein lieber Bruder, haſt oft ſchon in Deinem Innern jenen Drang, 5 jene Sehnſucht nach einem glückſeligen, ruhigen, befriedigten Zuſtande gefühlt— einem Zuſtande nach welchem ſich jedes Menſchenherz— nur mehr oder weniger, nur klarer oder unklarer— ſehnt. Dieſen glücklichen Zuſtand nun zu er⸗ reichen, hat ſich unſere kleine Brudergemeinde zur Aufgabe gemacht— und,— ich glaube es ſagen zu dürfen,— wir haben ihn, ſo weit es die Schwächen dieſes irdiſchen Körpers und die Einrichtung dieſer Erde zuläßt— auch erreicht.“ „Dann ſeid Ihr wahrlich glücklich zu nennen!“ — entgegnete der Jüngling, ohne ſich in ſeiner Arbeit ſtören zu laſſen,„obgleich mir der höchſte Reiz des Lebens gerade in dieſem Schwanken zwiſchen fürchten und hoffen, zwiſchen ſehnen, wünſchen und erfüllen,— kurz in jener ewigen Bewegtheit des Daſeins zu liegen ſcheint.“ „Schöner Irrthum der Jugend!“ erwiederte freundlich der Alte, und betrachtete wohlgefällig die kräftige Geſtalt des jungen Mannes, der mit unnennbarer Behaglichkeit ſeinen Braten verzehrte.„In Deinem Innern kocht noch das Blut, und alle Kräfte braußen noch chaotiſch auf, ſuchend ſich eine feſte Richtung zu gründen. Aber dieß Braußen wird ſich legen, die ſchönen phantaſtiſchen Ideale werden erblaſſen und der praktiſche Verſtand wird ſiegen. Dann, mein Freund wird es Dir ergehen wie allen Menſchen, — ſie fühlen die Sehnſucht nach jenem glücklichen Zuſtande, die ihnen geblieben iſt, aber ſie wiſſen nicht auf welche Weiſe,— womit,— ſie die⸗ ſelbe ſtillen ſollen, ſie erkennen nicht was ſie eigentlich ſo ſehnſüchtig lieben. Dann blicken ſie wohl fragend umher, und ihre ſinnliche Natur hält ſich am Sinnlichen feſt, die Außenwelt glauben ſie, mit ihren ſchimmernden Glückſelig⸗ keiten, mit ihrem Reichthum, ihrem Glanze, ihrer Ehre, ihrer Liebe würde ſie befriedigen; ſie jagen und jagen nach dieſen Phantomen, ſie erlangen ſie endlich, und— fühlen ihr Inneres leer wie ehedem. Aber nicht gewitzigt durch dieſen erſten Verſuch, geben ſie ihrer Wahl die Schuld, wenden ſich nach einem andern glänzenden Ziele — und bleiben,— iſt auch dieß erreicht— gleich unbeſchwichtigt, gleich unglücklich. So ttreibt ſie ein ängſtliches Suchen und Sehnen ſprt und fort; bis ſi ſich,— für hier wenigſtens unbefriedigt— in die Grube legen, und ein Leben von ſich ſtreifen, das ihnen bis zum letzten Augenblicke zwecklos ſcheinen— für ſie daher qualvoll ſein mußte. Glücklich darum der, der ſchon früher einſieht: daß einzig die Einkehr in ſich ſelber die Bedingung zu einem glücklichen irdiſchen Leben iſt, und daß nur in ihr, und der daraus entſpringenden Erkenntniß unſere Verhältniſſe zu Gott und der Welt, jener ſo ſchmerzlich angeſtrebte ſelige Zuſtand gefunden werden kann.“ Der Jüngling hatte dem alten freundlichen Quäker unter dem Eſſen aufmerkſam zugehört. Die Herzlichkeit mit der er geſprochen, der Aus⸗ druck der tiefen Ueberzeugung, welche ſeine Worte begleiteten, hatten Eindruck auf das unverdorbene Gemüth des jungen Deutſchen gemacht, dennoch verſtand er ihn nicht ganz und die argwöhniſchen Blicke mit welchen er den Alten beim Schluſſe ſeiner Rede betrachtete, verriethen, daß er mit einem ſolchen Syſtem der Abgeſchloſſenheit nicht einverſtanden ſei. Der Alte ſchien ſeine Gedanken zu er⸗ rathen, er lächelte und ſagte:„Glaube nicht, daß ich zu einer Gemeinde gehöre die durch ewiges Beten, Faſten und Schreien ſich den Himmel verdienen will; am allerwenigſten aber * — halte mich für einen bekehrungsſüchtigen Schwätzer. Arbeiten und Rechtthun iſt unſer ſchönſtes Gebet, und wenn ich Dir anbiete mich nach Wioming zu begleiten, ſo haſt Du dort keine Beläſtigung zu fürchten, denn in unſerem neuen Vaterlande hat jeder Glaube, jede Gewiſſens⸗Meinung, gleiches Recht. Du biſt und bleibſt unſer will⸗ kommner Gaſt.“ „Wenn dem ſo iſt!“ rief der Jüngling— „nehme ich gern und dankbar Euer freundliches Anerbieten an.“ „So komme denn und ſiehe ſelber ob es Dir bei uns gefällt!—“ verſetzte der Aeltere und erhob ſich. Der junge Deutſche, der unterdeſſen das Mahl vollendet und ſeinen Hunger geſtillt hatte, folgte dieſem Beiſpiele; warf die Büchſe auf die Schulter, und wollte mit ſeinem Begleiter eben aufbrechen als er denſelben plötzlich am Arme feſthielt. Der Quäker blieb ruhig ſtehen und ſah ihn fragend an. „Noch eins Freund. Ehe ich mit Euch gehe muß ich wiſſen, ob keine königlichen Truppen— — Engländer oder Deutſche— in Eurem Lande ſtehen.“ „Keine!“ entgegnete Jener. „Und wer hat die Oberhand bei Euch, die Torys oder die Whigs?“ „Weder die Einen noch die Andern.“ „Wie iſt das aber möglich in dieſer Zeit allgemeiner Aufregung, wo Jeder Parthei nimmt, und der blutigſte Krieg alle nordamerikaniſchen Staaten durchrast?“ „Noch iſt er, dem Cwigen ſei Dank, in unſere Thäler nicht gedrungen.“ „Und Ihr wollt das drückende Joch Eng⸗ lands nicht abwerfen?“ „Wir haben dem Könige Treue gelobt, und werden unſer Verſprechen halten!“ „Und die Ungerechtigkeiten, die Erpreſſungen der Miniſter?“ „Tragen wir als gute Unterthanen ſchweigend, und nehmen ſie als eine, von Gott uns aufge⸗ legte, Prüfung hin.“ „Landsmann, ich theile Eure Meinung nicht. Der Himmel hat mir weniger Geduld gegeben, 2 und ich ſchlage gern drein, wenn man mich unter die Füße treten will. Aber ich muß geſtehen, daß ich Eure Geſinnungen, Eure Langmuth be⸗ wundere und ſchätze. Demohnerachtet muß ich auf der Hut ſein— warum?— will ich Euch ſpäter ſagen. Schwört mir daher: daß Ihr mich weder engliſchen noch deutſchen Truppen aus⸗ liefern, ja im Fall der Noth vor ihnen verbergen wollt.“ Der Quäker ſah bei dieſen Worten den jungen Deutſchen ſo ernſt und feſt an, daß dieſem das Blut zu Kopfe ſtieg und er hocherröthend heftig ausrief: „Ihr dürft Euch deßwegen meiner nicht ſchämen; ich bin kein Verbrecher, und habe mich nur von den Banden befreit, in welche mich die himmelſchreiendſte Ungerechtigkeit ſchlug“ „Wehe der Menſchheit, wenn Du ein Ver⸗ brecher wäreſt!“ rief feierlich der Alte„Nein, mein Bruder, unter Deinen offenen und ehrlichen Zügen habe ich kein Verbrechen geſucht und werde auch keines finden. Was mich in Deiner Rede empörte, war die Anforderung Dir zu ſchwören. —— Wir ſchwören nie!„Eure Worte ſeien: ja, ja! und nein, nein: was darüber iſt, iſt vom Uebel.“ Und kennſt Du außerdem das ſchöne Recht der Gaftffreundſchaft nicht?— Ach nein! Du kommſt ja von Europa her, wo der Egoismus als Weis⸗ heit geprieſen wird und die Grundlage aller Hand⸗ lungen iſt. Doch komm! Du ſollſt mit einer Tugend durch die That vertraut werden, die Du bis jetzt noch nicht kennſt, die Segen verbreitet und unendliche Freude gewährt. Was Deine Sicherheit betrifft, ſo nimm dieſe Hand, und mein Wort, daß ich Dich ſchütze.“ Der Quäker reichte dem neuen Freunde ſeine Hand, drückte ſie herzlich und ging dann raſchen Schrittes dem Pfade entlang, welcher von der Brücke aus nach der öſtlichen Abdachung der Aleghany⸗G ebirge führte, während ihm der Jüngling— faſt beſchämt— folgte. So mochten ſie ſchweigend wohl eine gute Stunde gegangen ſein, als der Wald lichter wurde und der Aeltere der beiden Wanderer aus den Büſchen tretend, plötzlich ſtille hielt und auf die, ſich vor ihnen ausbreitende, herrliche Landſchaft zeigend, freudeſtrahlend aus⸗ rief: „Dieß iſt unſre neue Heimath!“ Der Jüngling ſtand wie von einem Zauber geblendet, unbeweglich, und ſeine großen blauen Augen glänzten vor Entzücken. Aber welch' Bild auch!— Schien es nicht, als ob die Hand Gottes ſich vor ihnen geöffnet hätte, und nun mit einemmale ſo tauſend Schätze reichte?! Ein weiter Keſſel dehnte ſich nach allen Seiten, und ſeine fernen Wände waren blaue Hügel, die in ſanften Wellenlinien den Horizont begrenzten. Sie ſchloſſen eine Ebene ein, welche in üppiger Fülle alle Getreide⸗Arten zeigte, und Mais und Felder des ſchönſten Reiſes und Tauſende von Obſtbäumen aller Gattungen, von des Weinſtocks grünen, blätterreichen Ranken umſponnen. Hoch in die Lüfte erhoben ſich die Magnolien, die Wallnuß⸗, Wachs⸗ und Tulpenbäume, die Bal⸗ ſampappeln und die weiße Ceder. Durch das ganze Thal hin ſchlängelte ſich der majeſtätiſche Susquehannah,— ein breites Silberband,— und auf den fetten Wieſen ſeiner Ufer, weideten unzählige Heerden. Mitten in dieſem Paradieſe lag Wioming— ein Eldorado der glühendſten Phantaſie— und hob ſeine freundlichen Straßen terraſſenförmig zu dem Hügel auf, auf welchem ſich die beiden Freunde befanden. Ihnen zur Seite aber, kaum hundert Schritte entfernt, er⸗ hob ſich ein einfaches nettes Haus. Die weiße Farbe deſſelben, ſo rein wie friſchgefallener Schnee, die grünen Jalouſien, der Weinſtock der an ihm hinauf wucherte, die verdeckte Gallerie die das ganze umſchloß, alles dieß gab ihm ein unendlich liebliches Ausſehen, und zeugte von der Wohl⸗ habenheit, der Ordnungsliebe und dem guten Geſchmacke ſeines Beſitzers. „Hier möcht' ich wohnen!“ rief nach langem Staunen der Jüngling und zeigte auf jenes Haus,„und wahrlich, ich glaube hier könnte ich meine Unruhe vergeſſen.“ „Hier wirſt Du wohnen!“ entgegnete freund⸗ lich der Quäker, denn dieß iſt mein Haus, und ich hoffe unter ſeinem friedlichen Dache wirſt Du die Wahrheit jener Worte empfinden, die — als Sinnſpruch über ſeiner Thüre ſtehen, und wie auf die Wohnung, ſo auf unſeren kleinen Staat anzuwenden ſind: „Die Eintracht baut ein Haus, Die Zwietracht reißt es nieder.“ Die Quüker-Familie. „Legt die Freiheit in ven Ber gen Nieder ihr gequältes Haupt, Weil ſo ganz die ſtolzen Schergen Euch, o Menſchen, ſie geraubt?, Theodor Creizenach. Die beiden Männer waren eingetreten Das Innere des Hauſes entſprach vollkommen ſeinem Aeußeren. Wohin man blickte herrſchte die ſchönſte Ordnung, und eine, bis über das Kleinſte ver⸗ hreitete, Reinlichkeit lachte dem Fremden von allen Seiten entgegen Ein wohlthuender, hei⸗ miſcher Geiſt wehte durch dieſe kühlen Räume, und erweckte in dem jungen Deutſchen die Gefühle Rau, Tb. Kosciuszko. II. Thl. 3 der Behaglichkeit und der Zufriedenheit. Er vermochte dieſe Regungen nicht zu verbergen, und ſprach ſich darüber gegen ſeinen Wirth aus, indem er dabei mit ſeiner, ihm eigenthümlichen Laune bemerkte, hier könne man ja mit Appetit vom nackten Boden eſſen. „Reinlichkeit nach Außen gibt Reinheit der Seele!“ entgegnete der Hausherr,„und wie der Ordentliche zu jeder Stunde das, was er in der Welt außer ihm ſucht, am beſtimmten Orte fin⸗ det, ſo findet er auch ſich und ſeinen Gott bei jeder Gelegenheit auf den erſten Griff in ſeinem Inneren.“ Unter dieſem Geſpräche hatten ſie die Flur verlaſſen, und befanden ſich nun in einem ge⸗ räumigen Saale des Erdgeſchoſſes. Er war auf das einfachſte möblirt. Ein großer Tiſch, auf welchem eine Bibel lag, Stühle und zwei lange Bänke von blank geſcheuertem Eichenholze, waren die einzigen Geräthſchaften, die ſich in ihm vor⸗ fanden. Dafür hatte ihn die Natur um ſo freundlicher bedacht, indem ſie die Fenſter mit Reben zugeſponnen Als ſie eintraten fielen eben die letzten Strahlen der Abendſonne durch dieſe grünen und lebendigen Jalouſien und zeichneten mit ihren Lichtern und Schatten gefällige Ara⸗ besken von Laub auf den weißen Boden. Wie labend war dieſe Dämmerung und Kühle auf den heißen, ſtrahlenden Tag, wie erquickend für den lang Verirrten der Gedanke: nun unter guten und freundlichen Menſchen, und ſicher gegen ſeine Verfolger zu ſein. Noch beſchäftigten den jungen Mann dieſe erſten Eindrücke, als ſich eine Thüre des Saales öffnete und ein Mädchen in derſelben erſchien. Es war eine hohe Geſtalt; das bleiche Geſicht war weniger ſchön, als fein geſchnitten. Die geſcheitelten Haare deckte eine kleine ſchwarze Haube. Außerdem trug ſie ein ganz einfaches Kleid von brauner Farbe, das hoch am Halſe ſchloß, und eine grün ſeidene Schürze. Am Gürtel hing ein gewichtiger Schlüſſelbund. So⸗ bald das Mädchen den fremden, bewaffneten, Mann erblickte, ſchlug es ſogleich ſeine Augen nieder, und war im Begriff beſcheiden zurück zu — 36 treten, als der Quäker ihm freundlich zurief, näher zu kommen. „Es iſt ein Gaſt, liebe Tochter,“ ſagte er,„für den wir ſorgen müſſen. Betrachte ihn während ſeines Aufenthaltes hier als Deinen Bruder.“ Das Mädchen küßte liebevoll die Hand des Vaters, verneigte ſich dann kaum merklich gegen den neuen Ankömmling, ohne jedoch die Augen von dem Boden zu erheben, oder ihn mit einem Worte zu begrüßen, und verließ ſodann den Saal. Als ſie weg war, wandte ſich der Quäker an ſeinen neuen Freund und ſprach: „Vor allen Dingen habe ich nun drei Bitten an Dich, mein Bruder. Lege Deine Waffen ab; wähle Dir unter meinen wenigen Kleidern einen, Dir paſſenden, Anzug und laß uns gegenſeitig uns unſere Namen nennen. Nicht aus Neu⸗ gierde frage ich um letzteren; ſondern weil wir Dich doch rufen müſſen. Willſt Du Deinen eigentlichen Namen verſchweigen, ſo gib un einen beliebigen als Unterſcheidungsmerkmal an. Mich kennt man hier als Bruder Johannes, während mein Familienname Markwald iſt.“ — „Und ich heiße Paul Steffan!“ entgeg⸗ nete der Angeredete,„und damit Ihr ſeht, daß ich meinen Namen nicht verſchweigen muß, böſer That willen, ſo bin ich bereit Euch meine Ge— ſchichte zu erzählen.“ „Nicht jetzt“ bat hier der Quäker,„mich nehmen noch Berufsgeſchäfte in Anſpruch; aber wenn wir erſt mit einander zu Nacht geſpeist, dann werde ich gern Deine Erzählung hören“ Dieß ſagend, führte er den jungen Deutſchen in ein Zimmer des erſten Geſchoſſes; wies ihm daſſelbe als ſeine nunmehrige A Wohnung an, und ließ ihm die Wahl unter ſeiner kleinen Garderobe— Paul hatte bald einen Anzug gefunden, der ihm ſo ziemlich paßte, und obgleich er ſich in dieſen Kleidern nicht behaglich fühlte, ſo ſah er doch ein, daß ihm keine andere Wahl bleibe als die Güte ſeines Wirthes ſo lange zu be⸗ nutzen, bis ſich ihm Gelegenheit böte, eine an⸗ dere, ihm mehr zuſagende, Bekleidung zu kaufen. Außerdem gewährte ihm dieſe Vermummung eine neue Sicherheit gegen ſeine etwaigen Verfolger. Der Wirth hatte ihn, nachdem er ihn auf ſein Zimmer gebracht, verlaſſen, und ſo fand ſich Paul nun allein. Er kam ſich wunderlich vor, in der dunklen Quäkerkleidung, mit dem langen Rocke und dem Krämpenhute, und hätte ſich gerne einmal in einem Spiegel geſehen, wenn nur ein ſolcher aufzutreiben geweſen wäre. Aber die Einfachheit ſeines Hausherrn hielt ein ſolches Möbel für überflüſſig, und ſo mußte er ſich mit dem Bilde begnügen, welches ihm ſeine Phan⸗ ta ſie von ſich ſelbſt drollig genug malte, und er fand genügend Stoff darin, ſeiner muntern Laune in Witzen Luft zu machen. Bald ward ihm das Zimmer zu enge, und ſo beſchloß er das neue Terrain zu rekognosciren. Das Haus hatte zwei Flügel, welche mit ihm und dem Hinterhauſe einen viereckten ge⸗ räumigen Hof bildeten. Das eine dieſer Seiten⸗ gebäude enthielt die Wohnungen der Män das andere die des weiblichen Theiles der Familie, während das Uebrige zu Ställen und Scheunen verwendet war. Um das Ganze zog ſich ein trefflich angelegter Garten, der indeſſen nur we⸗ nige Blumen, aber deſto mehr Küchengewächſe und auf das ſorgfältigſte gezogene Obſtbäume aller Gattungen enthielt. Am Hauſe hin lief ein großer Raſen, mit prächtigen Ulmen be⸗ pflanzt, unter deren ſchattigem Dache Tiſche und Bänke angebracht waren. Als Paul, gemächlich dahin ſchlendernd, ſich dem Theile des Gartens näherte, welcher durch das Hintergebäude beſchattet wurde, ge⸗ wahrte er auf einem Beete mehrere weibliche Weſen, die mit Graben und Gießen beſchäftigt waren, und wie es ſchien den Anordnungen einer kleinen, wohl kaum fünfzehnjährigen, Crevlin folgten. Sämmtliche Arbeiterinnen waren mit groben Stoffen, aber reinlich bekleidet, und unter⸗ ſchieden ſich ſowohl durch dieß, als auch durch ihre zufriedenen Geſichter, ſehr auffallend von den Taglöhnerinnen, welche Paul in ſeinem Vater⸗ lande ſo oft in ihren Lumpen bedauert hatte, und aus deren entſtellten Zügen Kummer und Noth ſo jammererregend zu blicken pflegen. Vor Allem aber gefiel ihm die kleine Creolin. Ihr kurzes Kleid von weißem Zeuge, ließ die nackten Beine, die vollen Arme, und den hübſchen Hals ſehen, auf dem ſich das bewegliche ovale Köpfchen eben ſo behende drehte, als die ſchwarzen feurigen Augen in dem freundlichen Geſichtchen. Reizend ſtach die braune Farbe der nackten Kör⸗ pertheile, von dem Weiß des Gewandes ab, und ſchöner noch glühte das friſche Roth der Geſund⸗ heit auf den dunklen Wangen. Auch ſie war mit Gießen beſchäftigt, und entwickelte bei ihren Bewegungen eine ungemeine Behendigkeit. Was aber Paul beſonders an ihr gefiel, war, daß ſie die ſchönen Gazellen-Augen nicht ſo ſcheu und verlegen niederſchlug, wie des alten Mark⸗ walds Tochter; ſondern ihn offen und neu⸗ gierig anblickte und ſeinen Gruß lächlend er⸗ widerte. Er war auch eben im Begriffe auf ſie zuzugehen und ſie anzuſprechen, als das Er⸗ tönen einer Glocke den Arbeiterinnen den Feier⸗ abend ankündete. Da nahmen ſie— noch ehe er ſie erreichen konnte— ihre Geräthſchaften auf den Rücken, und gingen raſchen Schrittes dem Hauſe zu. Paul folgte ihnen, ärger⸗ lich über die Störung, in einiger Entfernung nach. Als er den Plan, der ſich vor der Wohnung ſeines Gaſtfreundes ſo ſchattenreich dehnte, erreicht hatte, überraſchte ihn eine eigenthümliche Scene. Er glaubte ſich faſt in das patriarchaliſche Zeitalter verſetzt, von welchem uns die Erzählungen der heiligen Schrift ſo anmuthig berichten, und die durch den Zauber ihrer Ruhe, ihrer Würde und Einfachheit einen ſo tiefen Eindruck auf unfre Seele zu machen pflegen. Dicht vor dem Hauſe, in einer von Wein⸗ ſtöcken gebildeten, geräumigen Laube, die jedoch nach Oſten ihrer Länge nach geöffnet war, und ſo die Ausſicht über Wioming in das herrliche Thal des Susquehanna gewährte, ſaß Bru⸗ der Johannes. Seine gemüthlichen Züge hatten einen feierlichen Ernſt angenommen, ohne jedoch den Ausdruck von Menſchenfreundlichkeit zu ver⸗ wiſchen, der ihnen ſo eigenthümlich war. Zu ſeiner Rechten ſtanden, in einer langen Reihe viele Männer. Sie waren gekleidet wie er, nur daß ſie, außer demjenigen der an ihrer Spitze ſtand, und Johannes leiblicher Bruder war, gröbere Stoffe trugen Alle hatten indeſſen Rücke =— von gleichem Schnitt und dunklen Farben, und trugen den großen herabhängenden Quäkerhut. Links von der Laube befanden ſich die Weiber und Mädchen des Hauſes, von Markwaldens ſchlanker Tochter angeführt, an deren Seite die Creolin ſtand. Auch die Weiber trugen ſich, Farbe und Schnitt nach, faſt gleich, und nur die kleine Südländerin machte eine Ausnahme unter den dunklen ernſten Geſtalten. In dem Augenblicke, in welchem Paul aus dem Garten getreten war, hatten die Anweſenden ihre Stellung eingenommen und Bruder Jo⸗ hannes ſich in ihrer Mitte niedergelaſſen. Er ſchien ſeinen neuen Gaſt nicht zu bemerken, und wandte ſich, ohne Notiz von ihm zu nehmen, zu ſeinen Hausgenoſſen. Mit herzlichen Worten, aber ohne jeden Schmuck der Rede, begrüßte er ſie nach vollen⸗ detem Tagewerke; gedachte dankend der Güte des Allmächtigen, der ihrer Hände Arbeit mit reich⸗ lichem Segen lohne, und forderte ſie auf, nun der verdienten Ruhe und Erholung zu genießen, nachdem ſie zuvor ihre Berichte über die Ereig⸗ niſſe des Tages abgelegt. Nach dieſer kurzen Einleitung begann er dieſe Berichte ſelbſt, mit der Erzählung ſeiner heutigen Reiſe und deren glücklichen Erfolgen. Auch erwähnte er dabei oberflächlich des neuen Gaſtes. Dann ging er auf ſein Verhalten über, erwähnte mit Offenheit die Irrthümer, auf welchen er ſich im Laufe des Tages ertappt, und ſchloß mit einer geſunden Nutzanwendung. Als er geendet, trat ſein Bruder vor und folgte ſeinem Beiſpiele in allen Punkten, ebenſo die ſämmtlichen Männer und Weiber, nur daß dieſe die jedesmalige Nutzanwendung dem Haus⸗ herrn überließen. Paul hörte dieſer Unterhaltung mit vielem Intereſſe zu; denn die Aeußerungen der Gegen⸗ wärtigen waren ſo natürlich, die Moral des alten Markwalds ſo körnig und kräftig, daß er ſich geſtehen mußte, nie zuvor einer ſo lehr⸗ reichen und zugleich ſo unterhaltenden Beredung beigewohnt zu haben, ſelbſt wenn er der ſchönſten und kunſtreichſten Predigten in ſeinen heimath⸗ lichen Kirchen gedachte. Dieſe Menſchen müſſen *— 44— gut und glücklich werden, dachte er, da ſich ihre ganze Aufmerkſamkeit nur zwiſchen der Cultur ihres Inneren und der der Erde theilt, und Eines dem Andern zur Erreichung dieſes ſchönen Zweckes brüderlich die Hand reicht. Unterdeſſen hatte ſich der Hausherr erhoben und ging mit ſeiner zahlreichen Familie, denn Knechte und Mägde galten als Theile derſelben, dem grünen Raſen zu, unter deſſen Ulmen ein langer Tiſch zum Abendeſſen gedeckt war; er winkte zugleich dem Fremden gaſtfreundlich herbei und Alle ſetzten ſich um die große Tafel. Bruder Johannes nahm den erſten Platz ein, zwiſchen ihm und ſeinem Bruder war für Paul gedeckt, und dann folgten, wie früher, auf der einen Seite die Männer, auf der anderen die Weiber und Mädchen. Das Abendbrod beſtand aus Milch, Butter und Käſe, und den koſtlichſten Früchten. Niemanden wurde angeboten, Nie⸗ mand genöthigt; aber Keines war unbeſcheiden. Der junge Deutſche hatte dieß bald bemerkt und verſäumte nicht, der, von ſeinem kräftigen Magen längſt verdauten, Ente eine tüchtige Portion Nahrungsſtoff nachzuſenden. Die Unterredung war belebt und vermied jede Erwähnung der Geſchäfte, da der alte Quäker ſehr viel auf den Spruch hielt:„Alles zu ſeiner Zeit,“ und be⸗ hauptete: die Stunde des Eſſens ſei der körper⸗ lichen und geiſtigen Erholung gewidmet. Heute hatte er, auf Veranlaſſung des Gaſtes, den Sinnſpruch, welcher über der Thüre ſeines Hauſes prangte, zum Thema gewählt, und erzählte dieſem die Geſchichte der Coloniſation dieſer Gegend. Er erwähnte dabei vorzüglich der unendlichen Schwie⸗ rigkeiten, die ſie bei Anbau des Landes zu über⸗ winden gehabt; der Noth und Leiden, die ſie ausgeſtanden; der Schrecken, Verwüſtungen und Greuel, welche die Indianer ſo manchesmal über ſie hereingebracht, und zeigte: daß einzig die Einigkeit der Brudergemeinde— die man unter dem Namen„der Geſellſchaft der Freunde“ kenne— im Stande geweſen ſei, dieſen kleinen, von der Welt faſt überſehenen Staat zu ſolchem Flor und Wohlſtande zu erheben. „Und darum—“ rief er, ſeine Rede ſchließend aus,„habe ich über meine Thüre ſchreiben laſſen: Die Eintracht baut ein Haus, Die Zwietracht reißt es nieder!“ „Gewiß, ſo lange unſere Colonie dieſem, ihrem Wahlſpruche, treu bleibt, bleibt ſie auch ſtark und glücklich; dagegen wird ſie mit dem Augenblick, in welchem ſie ſeine tiefe Weisheit vergeſſen ſollte, zuſammenſtürzen und ſchmachvoll untergehen!“— Das Eſſen ward nun nach einem kurzen ſtillen Dankgebet aufgehoben, und Jeder hatte die Erlaubniß bis zum Abendſegen ſeinem freien Willen zu folgen. Markwald, ſein Bruder Jonas, ſeine Tochter Bertha, die kleine Creolin und Paul gingen zur Laube i um in deren Schatten den herrlichen Abend zu genießen. Als ſie ſich hier niedergeſetzt und Bertha eine weibliche Arbeit ergriffen, um ſie 3 ihrer Gefährtin zu lehren, wandte ſich Bruder Johannes zu dem jungen Deutſchen und ſagte: „Nun, mein Bruder, würdeſt Du uns er⸗ freuen wenn Du uns die Geſchichte Deines Lebens vortragen wollteſt.“ „Ihr bringt mich in Verlegenheit,“ entgegnete der junge Mann,„denn ihr ſcheint wichtige Be⸗ gebenheiten vorauszuſetzen, und ich habe Euch nur mit kurzen Worten meine wenig intereſſanten und wenig erfreulichen Schickſale mitzutheilen.“ „Das kürzeſte und einfachſte Menſchenleben bietet einen überreichen Stoff zu nützlichen Be⸗ trachtungen,—“ entgegnete der Alte,„wie das Leben einer Eintagsfliege ſo gut eine Reihe göttlicher Wunder bildet, als das tauſendjährige Daſein dieſes Erdballs ſelbſt.“ „Wohl denn,“ hub der Jüngling an,„ſo will ich kurz und bündig erzählen, was mich hierhergeführt und Euch überlaſſen, daraus be⸗ lehrende Schlüſſe zu ziehen.“ „Ich bin ein Deutſcher, wie Ihr wißt. Meine Eltern waren wohlhabende und verſtän⸗ dige Leute, und ließen daher mir und meinem Bruder eine gute Erziehung geben. Die Jahre meiner Jugend verſtrichen mir im Kreiſe meiner Familie höchſt glücklich, zumal da uns Vater 6— und Mutter zärtlich liebten und Alles aufboten unſere Exiſtenz zu verſchönern. Wohl erinnere ich mich wie heiter und liebenswürdig mein Vater damals war, wie er meine wunderſchöne Mutter und uns Kinder auf den Händen trug, und außer uns nur noch für ſeine Kunſt,— er war ein Bildhauer— lebte. Aber nach und nach traf ihn manch' ſchweres Schickſal. Sein älteſter Sohn mußte unter das Militär, und ſtarb in Folge einer unvernünftigen Anſtrengung die man den Truppen zugemuthet. Der Vater ſelbſt fiel, unverdient wie er oft behauptete, bei dem Regenten in Ungnade,— und es deckt von hieran die Geſchichte ſeiner häuslichen und Herzens⸗Angelegenheiten ein tiefer Schleier, den ich zu heben nie im Stande war. Er ward von Tag zu Tag finſterer und ſtiller, und die Mutter weinte oft einſam in ihrem Zimmer. Auch ſchränkten wir uns mehr und mehr ein, was ich— damals ein wilder, lebensluſtiger Geſelle, am bitterſten fühlte; doch ließ ich es mir gegen meine Eltern nicht merken, da ich ſie ebenfalls zärtlich liebte und ihre, mir unbekannte Leiden, nicht vermehren wollte Der ſehnlichſte Wunſch meines Vaters war von jeher geweſen, aus mir einen recht tüchtigen Künſtler ſeines Faches zu bilden; aber ſo viel Mühe ich mir gab, ſo ſehr ich mich, dem Vater zu Gefallen, zwang, ich konnte in dieſem Studium nicht aushalten, da mir die Geduld dazu fehlte, und mein lebhafter und beweglicher Geiſt es in dem engen Raume eines Ateliers nicht aushalten konnte. Ich wollte gern Oekonom werden, um in der freien reichen Natur zu wirken und zu weben. Lange bekämpfte mein Vater dieſe Luſt, bis er endlich, da er einſah: wie ſehr mein Herz an dieſem Stande hing, nachgab. Ich kam zu einem Verwandten in die Lehre. Als ich ausgelernt, verkauften meine Eltern was ſie beſaßen, erſtanden ein kleines Landgut, das ich verwalten ſollte, und verließen die ihnen, wie ſie ſagten, ſo verhaßt gewordene Hauptſtadt.“ „Hier ſchien uns nun in ſtiller Zurückge⸗ zogenheit ein neues Glück erblühen zu wollen, als mich plötzlich eine neue, gewaltſame Aus⸗ hebung aus den Armen der Eltern rieß. Vater Ran, Th. Kosecinszko. 1I. Thl. 4 und Mutter waren in Verzweiſung. Sie ſollten ſich von ihrem einzigen Kinde, der Stütze ihres Alters trennen, und was eben ſo ſchlimm war, ihren Ernährer verlieren, da ſie auf die Ergeb⸗ niſſe des kleinen Gutes angewieſen waren, und mein Vater nichts weniger als die Landwirth⸗ ſchaft verſtand. Bitten und Flehen half zu Richts, ich mußte nach der Hauptſtadt. Da machte ſich mein Vater auf, eilte ebenfalls dahin und warf ſich dem Regenten zu Füßen. Was man für ein Löſegeld für mich verlangt haben mag, ich weiß es nicht, nur ſo viel erinnere ich mich, daß mein Vater wüthend zu mir zurückkam, mich verzweiflungsvoll umarmte und rief: Um ſolchen Preis kann ich Dich nicht retten. Gott mag ſich Deiner erbarmen, Ihr ſeid an England verkauft.“ „Er umarmte mich noch einmal, und ich ſah ihn und meine gute Mutter— nie wieder!“ Der Jüngling hielt hier erſchöpft inne, und wiſchte ſich eine große Thräne aus dem blauen Auge. Alles ſchwieg. „Was Gott thut das iſt wohlgethan!—“ ſagte endlich in anftem Tone Bruder Johannes, die tiefe Stille unterbrechend.„Wir armen Men⸗ ſchen ſind ja nicht im Stande, die Wege des Unerforſchlichen zu ergründen; aber wir haben einen ſtarken Troſt, und dieß iſt die Gewißheit: daß ſie doch alle zum Lichte führen.“ „So dachte ich auch,“ fuhr Paul fort,„und ich ergab mich wenn auch mit gebrochenem Herzen, in mein Schickſal. Wir— Menſchen— Bürger und Bürgersſöhne— Kinder des Landes waren wie Thiere an einen frem⸗ den Schlächter verkauft. Die Trommel wirbelte, rauſchende Muſik ertönte,—„ruft vivat!“ hieß es,„oder Ihr werdet erſchoſſen“— und Vivat ſchallte es in die Lüfte;— aber weder der furcht⸗ bare Jubelruf, noch Muſik, noch Trommel über⸗ täubten das Schreien der Eltern, das Jammern der Bräute— das Fluchen der Verrathenen!— O! ich werde die Schreckensſcene dieſes Abſchiedes nie vergeſſen! Das allgemeine Unglück war ſo furchtbar groß, daß der Schmerz des Einzelnen in ihm, wie der Tropfen im Meere, ſich ſpurlos verlor; aber gräßlich klingt es noch heute in — meinen Ohren, wie und Zurück⸗ bleibende ihren unmenſchlichen Verkäufer— ver⸗ fluchten.“ „Halt!“ rief hier der alte Quäker ernſt und ſtrafend—„Trete nicht ſelbſt Deine gerechte Sache in den Staub. Es iſt beſſer Unrecht leiden, als Unrecht thun! Durch Euer Fluchen habt Ihr den Fluch verdient“ „Vergib, ehrwürdiger Vater! ich habe nicht geflucht, das weiß Gott!— Aber der Allgerechte kann auch meinen verzweifelten Kameraden dieſe Sünde nicht anrechnen; ſei er dem Fürſten gnädig, der ſolch ſchreckliche Verantwortung, auf ſein ſchuldig Haupt geladen.— Ich will Euch mit unſeren Leiden nicht unterhalten Wir kamen an dieſe uns fremde Küſte— und erhielten den Befehl diejenigen niederzuſchießen, die ſich gegen die Tyrannei unſerer Käufer empört. Die ſchreck⸗ lichſten Grauſamkeiten mußten wir auf Befehl unſerer Oberen, die faſt ſämmtlich Engländer waren, verrichten, und Morden, Sengen und Brennen bezeichnete unſere Schritte. Die Schänd⸗ lichkeit die man gegen uns verübt, hatte die — Herzen der Meiſten mit unerbittlichem Haß gegen die ganze Menſchheit erfüllt, und ſo ergrieffen ſie die abſcheulichſten Befehle mit hölliſcher Freude. Ich konnte es nicht ertragen. Lange dachte ich auf Flucht, bis es mir endlich vor wenigen Tagen gelang, dieſen unwürdigen Banden zu entſpringen. Mit Abſcheu warf ich den Stock von mir, an dem ſo mancher Tropfen unſchuldigen Blutes klebte, und floh in die nahen Wälder — lieber den Indianern oder ihren Tigern eine Beute, als unter menſchlicher Geſtalt ſelbſt ein Tiger ſein!—“ Paul glühte in edlem Zorne. Er hatte ſich erhoben und ſeine Bruſt bebte vom wilden Wel⸗ lenſchlage des Blutes. III. Die Geſellſchaft der Freunde. „Da ſtieg ich ab, mein Roß am Quell zu tränken, Mich in den Blick der Wildniß zu verſenken. Und mildernd ſchien das helle Abendroth Auf dieſes Urwalds grauenvolle Stätte, Wo ungeſtört das Leben mit dem Tod Jahrtauſend lang gekämpft die ernſte Wette.“ „Es iſt ein Land voll träumeriſchem Trug, Auf vas die Freiheit im Vorüberflug Bezaubernd ihre Schatten fällen läßt, Und das ihn hält in tauſend Bildern feſt.“ Ricolaus Lenau. Nachdem der junge Deutſche ſeine Erzäh⸗ lung geendet, und ſich deſſen Aufregung gelegt hatte, nahm Bruder Johannes das Wort. Mit der ihm eigenen liebenswürdigen Ergebenheit in den Willen eines höheren Weſens, das Leben ₰ mit allen ſeinen Plagen und Leiden auffaſſend, zeigte er ſeinen Freunden, wie durchaus noth⸗ wendig dieſelben zur Erziehung des Menſchen⸗ geſchlechtes ſeien. Er erinnerte ſie daran, wie leicht der Staubgeborne im Schooße des Glückes ſein höheres Ziel aus den Augen verliere, und nur durch Leiden und Schmerzen wieder zurück⸗ geführt würde. Wenn jeder Menſch zu dieſem Bewußtſein gekommen wäre, fügte er hinzu, ſähe man das Leben von einer ganz andern Seite an; man verſtünde dieſe Sprache des Allweiſen, würde darauf aufmerkſam ſein, und ſich eben dadurch ſo manche trübe Stunde erſparen; die unver⸗ meidlichen aber als eine Prüfung der ewigen Liebe anſehen. Dieß eben ſei die ächt chriſt⸗ liche Sanftmuth und Weisheit, und er habe ſich nie ſeliger, ruhiger und zufriedener befunden als ſeitdem er zu dieſer Ueberzeugung gelangt, die ſich denn auch bei ihm in allen Lagen des Lebens als untrüglich bewährt habe Was daher die ſogenannten Plagen und Leiden auf Erden beträfe, ſo ſeien, da die Menſchen ſie noch immer nicht achteten und verſtünden, eher zu wenige als zu viele vorhanden, und ſie würden ſich ſicher auch erſt dann vermindern, wenn man anfinge ſie zu lieben. Mit Aufmerkſamkeit lauſchten die Zuhörer den Worten des Hausvaters, und ſelbſt Paul fühlte ſich von ihnen angeſprochen, wenn er ihren Sinn auch nicht durchaus verſtand, und ſein kräftiges, jugendliches Gemüth ſich in dieß religiös⸗ſchwärmeriſche Duldungs⸗Syſtem nicht fügen mochte. Es kam ihm daher nicht unan⸗ genehm, daß das Geſpräch durch das Nahen eines neuen Gaſtes unterbrochen wurde. Es war ebenfalls ein Quäker, gekleidet wie Mark⸗ wald, doch wohl etwas jünger als dieſer. Seine Geſtalt war kräftig und unterſetzt, und man würde ihn für Markwalds leiblichen Bruder haben halten können, wenn er ſich nicht durch eine ge⸗ wiſſe Energie von jenem unterſchieden hätte, die ſich in ſeinem Blick, ſeiner Haltung, ja ſeinem ganzen Weſen ausſprachen. Sobald der Hausherr den Kommenden ge⸗ wahrte, ſtand er auf und ging ihm mit Jonas freundlich entgegen. — „Willkommen Bruder John!“ rief er aus, indem er ihm die Hand ſchüttelte.„Es iſt ſchön von Dir daß Du uns auch einmal wieder beſuchſt.“ „Ich würde mich mehr darüber freuen,“ entgegnete dieſer,„wenn mich etwas angenehmeres zu Dir führte“ „Gib was du haſt,“ fuhr ruhig Johannes fort, und führte den⸗Freund zu einem Sitze, „Deine Nachricht ſchwächt unſre Freude über Deinen Beſuch nicht.“ Beblock,— dieß der Familienname des Angekommenen— nahm eben ſo ruhig Platz, ohne Jemanden zu grüßen. Nachdem dieß ge⸗ ſchehen, überflog ſein Blick flüchtig die Anweſenden und blieb endlich auf Paul forſchend ruhen. Markwald, der den Augen des Freundes ge⸗ folgt war, errieth leicht deſſen Gedanken, und bezeichnete den jungen Mann als ſeinen Gaſt und Hausgenoſſen, vor welchem ſich Bruder John durchaus in nichts zu geniren habe. Alſo verſichert, wandte ſich Bedlock zu dem alten Markwald, reichte ihm noch einmal die Hand und rief in ernſtem, ergriffenem Tone: — „Mein Bruder, wir haben uns oft im Leben treu zur Seite geſtanden, Freud und Leid mitein⸗ ander getragen, und waren ſtets einer und der⸗ ſelben Geſinnung. Heut zum erſtenmale, fürchte ich faſt, werden wir es in einer wichtigen Ange⸗ legenheit nicht ſein. Demohnerachtet fordert die Redlichkeit Dir meine Meinung vorzulegen, ſelbſt wenn Du ſie nicht billigen ſollteſt.“ „Mein Bruder weiß, daß ich in meinem langen Leben die Meinung Anderer zu dulden und zu achten gelernt habe—“ entgegnete der Greis —„darum ſpreche er die Seine offen aus.“ „Wohl denn,“ fuhr Bedlock fort,„ſo hört eine traurige Nachricht“„Der Friede, den ſich unſere Gemeinde bisher, mitten unter politiſchen Stürmen aller Art, erhalten hat, wird von uns weichen. Wir ſind genöthigt die Waffen zu er⸗ greifen.“ Johannes ſah den Sprechenden lange erſtaunt an, dann frug er gedehnt: „Und wer kann uns denn zwingen, gegen unſere Ueberzeugung Waffen zu führen?“ „Die Nothwendigkeit.“ — „Ich kenne keine Nothwendigkeit Unrecht zu thun!“ rief Markwald. Die Quäker ſchwiegen einen Augenblick, dann ſagte Bedlock in zutraulichem Tone zu den Freunden: „Brüder, Ihr kennt mich ſeit Jahren als einen rechtlichen Mann: wißt wie ſehr ich bisher in Allem mit Euch übereinſtimmte, und daß es ſtets wenigſtens mein Bemühen war, von jedem Unrechte frei zu bleiben. Auch ich ſtimmte früher dafür, das Verſprechen unverbrüchlicher Treue gegen unſeren König zu halten, und unſerem alten Grundſatze: keine Waffen zu tragen, treu zu bleiben. Aber die Zeiten, und mit ihnen die Verhältniſſe, haben ſich geändert...“ „Die Zeiten, die Verhältniſſe wohl!— aber auch das Recht?—“ „In politiſcher Beziehung ja.“ „Mein Bruder,“ unterbrach hier Johannes den Sprechenden,„ſolche ſubtile Wendungen ge⸗ ziemen einem ächten Sohne des Lichtes nicht. Laßt uns der Liſt und der Gewalt dieſer Zeit: Geradheit, Offenheit und Duldſamkeit entgegen⸗ ſetzen.“ „Hört mich zu Ende!“ ſagte Bedlock ge⸗ laſſen„Wir haben den Kampf der Colonien ſich entfalten ſehen, und blieben ihm fremd, ſo lange er Empörung war. Wir hofften mit den Beſſergeſinnten, daß der König die Ungerechtig⸗ keit ſeiner Miniſter einſehen, ihre Fehler gut machen und dadurch den Frieden herſtellen würde. Er that es nicht— und damit trat das Recht von ſeiner Seite auf die der Colonien. Jetzt ward die Empörung zu einem heiligen Kriege für die Erhaltung der Menſchenrechte. Die Colonien erklärten ihre Unabhängigkeit und wur⸗ den auch als ein unabhängiger Staat anerkannt. Auch unſere Abgeordneten, die Abgeordneten Penſylvaniens, traten der Union bei, und ſomit ſind wir von dem Verſprechen gegen Georg lll. frei, und nun der Union die Treue ſchuldig.“ „Ich werde irre an meinem Bruder,“ entgeg⸗ nete ernſt Johannes.„Was ich einmal für Recht erkannt, werde ich ewig dafür halten. Nur dann ſind wir unſeres Verſprechens gegen den — ₰ König quitt, wenn er ſelbſt uns davon entbindet. Andere aber, und wären es die beſten Männer der Staaten, können dieß Band nimmer löſen.“ „Denke aber, mein Bruder, welch' kleine, hülfloſe Gemeinde wir mitten zwiſchen den ſtrei⸗ tenden Partheien liegen; was wollen wir be— ginnen, wenn ein oder der andere Theil, oder gar die Indianer ſich unſeres Thales bemächtigen?“ „Dulden und Gott loben.“ „Und Alles verlieren was wir beſitzen?“ „Halt! mein Bruder!“ rief hier Johannes und legte ſeine Hand ſanft auf Johns Schulter. „Alſo darum ſollen wir die Waffen, gegen unſre Lehre und unſere Ueberzeugung, ergreifen, und uneingedenk des Spruches: Wer das Schwert zieht ſoll durch das Schwert fallen, zu Mörder unſerer Mitmenſchen wer⸗ den?— O der Beſitz irdiſcher Güter hat Dich, lieber Bruder, und ich fürchte viele der Freunde verblendet; ihn wollt Ihr nicht aufopfern, und darum verſtrickt Ihr Euch in der ſogenannten Weisheit der Weltkinder und wollt ſchreiendes Unrecht thun.“ „Und ſoll ich mein Weib und meine Kinder, mein, durch redlichen Fleiß errungenes, Gut fremden Räubern opfern?“ „Beſſer Unrecht leiden, als Unrecht thun!“— Sie ſchwiegen abermals einige Augenblicke; dann ſagte Bedlock, der im Verlaufe des ganzen Geſpräches eben ſo ruhig in Ton und Gebärde geblieben war als der alte Markwald:„Mein Bruder! ich ſehe mit tiefer, inniger Betrübniß, daß ſich meine Ahnung beſtätigt, und wie ich Dich kenne in Deinem ſtrengen Feſthalten an Deiner einmal errungenen Ueberzeugung, muß ich jede Hoffnung aufgeben Dich davon abzu⸗ bringen, zumal da Dir, was uns Gebote der Vernunft erſcheinen, als unrichtige Schlüſſe gelten. Iſt nun auch meine hier ausgeſprochene Meinung die des größeren Theiles der Gemeinde, ſo ſind wir doch weit entfernt ſie den Andersdenkenden aufzudringen, und indem wir einzig eine Theilung der Ideen beklagen, zollen wir Euren Anſichten, Eurem ſtrengen Feſthalten an dem für Recht gehaltenen, unſere volle Achtung, wie denn auch Du uns nicht verwerfen wirſt.“ — 6— „Richtet nicht, ſo werdet ihr nicht gerichtet werden!“ verſetzte Johannes.„Ich traure nur um das verlorene Glück Wiomings.“ „Ich habe meine Pflicht erfüllt—“ fuhr Bedlock unerſchüttert fort—„und den Zweck meines Beſuches, der da war Dir meinen und der Mehrzahl Entſchluß zu verkünden: uns zu bewaffnen. „Dann ſind wir verloren!“ rief mit düſterem Ernſte Bruder Johannes. „Verloren? Wie ſo?“ frug Bedlock, ſich gelaſſen erhebend. „Weil Ihr die Grundfeſte unſerer Lehre er⸗ ſchüttert, die heiligſten Pflichtgebote verletzt“ „Nicht Eroberungsſucht— nicht ein unruhiger unzufriedner Geiſt, nicht Raubgier noch Treu⸗ loſigkeit hat dieſen Entſchluß in uns hervorge⸗ rufen— aber vertheidigen wollen wir uns gegen Ungerechtigkeit— Gewalt wollen wir mit Ge⸗ walt vertreiben“ „O, mein Bruder!“ rief Johannes ſchmerz⸗ lich,„wie täuſcht Ihr Euch. Ihr wollt der Gemeinde Glück und führt ihren Untergang ge⸗ ₰ 6—= waltſam herbei. Denket an mich!— Mein Wioming! mein ſtilles Paradies! Du biſt verloren; denn deine Söhne theilen ſich in un⸗ glückſel'gem Streite und vergeſſen deinen Wahl⸗ ſpruch: „Die Eintracht baut ein Haus, Die Zwietracht reißt es nieder!“ Sein Haupt, das ſich in prophetiſcher Be⸗ geiſtrung hoch erhoben hatte, ſank, ſchmerzge⸗ beugt, auf ſeine Bruſt zurück, er reichte dem Freunde die Hand und Beide trennten ſich ſchweigend. Von dieſem Augenblicke an ſaß Markwald in ſich gekehrt und ſchweigend da. Ein tiefer Kummer ſchien ihn ergriffen zu haben und ſeine Seele mit den Bildern einer düſteren Zukunft zu erfüllen. Paul verließ, als er gewahrte, daß ſein Gaſtfreund ſich in Nachdenken verlor, die Laube Er mochte den redlichen Alten nicht ſtören, deſſen Gram ihm zu Herzen ging, wenn gleich er ihn als voreilig betrachtete. Wie hätte er auch dem ſtrengen und ſtarrfrommen Weſen deſſelben gegen die muthigfeſte Geſinnung Bed⸗ — locks beipflichten ſollen— er, in deſſen Adern noch die ganze Fülle der Jugendkraft floß; er— der durch Erziehung und durch die, in ſeinem Vaterlande herrſchenden— Anſichten geleitet, ganz andere Begriffe von Recht und Unrecht hegte? Als er die Laube verlaſſen, ſuchten ſeine Augen die kleine Creolin, die ſchon bei Bruder Johns Ankunft mit der Tochter des Hauſes weggegangen war. Nach langem vergeblichem Umherirren fand er ſie auf dem Hofraume. Sie ſtand faſt mitten in demſelben; um ſie her drängte ſich und flatterte das bunte Federvieh in dichten Schaaren und pickte begierig das Futter auf, welches ihre Hand reichlich ausſtreute z auf der braunen Schulter aber ſaß ihre Lieblingstaube, ſchüttelte vor Luſt das blüthenweiße Gefieder, drehte klug und ſtolz das kleine Köpfchen und nahm mit Behendigkeit die Körner aus dem ſchönen Munde ihrer Herrin. Paul ſtand ent⸗ zückt. Ein ſchöneres Bild jugendlicher Unſchuld und Anmuth hatte er noch nicht geſehen. Wie reizend kam ihm das Mädchen vor, das noch Rau, Th. Koscſuszko. 11. Thl. 5 — Kind war, und doch auch ſchon Jungfrau; denn die Sonne Cubas hatte den Kelch der zarten Blume früh eröffnet, und nun ſtand ſie, wenn auch dem mütterlichen Boden entriſſen, in ihrer vollen Blüthe unter einer nördlichen, kälteren Zone. Wie beneidete Paul den befiederten Liebling, der die rothen, vollen Lippen ſo oft berühren durfte; wie glühte er in heftigem Ver⸗ langen, ſich wie die Taube an ſie anſchmiegen zu können. Die Creolin bemerkte ihn lange nicht, und als ſie ihn endlich ſah, lachte ſie ihm freund⸗ lich entgegen, ohne über ihr kindliches Spiel zu erröthen. Paul benutzte den Augenblick und trat zu ihr. Er grüßte ſie freundlich, lobte die Sorgfalt, mit welcher ſie die kleine geflügelte Welt pflege, und knüpfte ſo ein Geſpräch an, in welchem er erfuhr, daß ſie Maria heiße und eine Verwandte des Bruder Johannes ſei; der ſie, da ihre Eltern auf Cuba, ihrem Geburtsorte, geſtorben, zu ſich genommen. Sie antwortete mit der liebenswürdigſten Offenheit und Naivetät auf alle Anreden des jungen Deutſchen, und als dieſer ſie frug, wie es ihr — — denn hier in Wioming gefalle? ſagte ſie un⸗ befangen: daß ſie den Vater— ſo nannte ſie Markwalden— und Schweſter Bertha herz⸗ lich liebe, daß es ihr auch recht gut hier gehe; daß das Land aber lange nicht ſo ſchön als ihre Heimath ſei, und ihr die Menſchen zu ernſt wären.„Hier lacht und ſcherzt, tanzt und ſingt man nie wie bei uns!“ rief ſie mit Eifer aus, „und Du biſt das erſte freundliche Weſen, das ich hier ſehe“ Paul verſicherte ſie nun, er ſei faſt in gleichem Falle, und da er, trotz ſeiner Kleidung, nicht zu den Quäkern gehöre, ſo ſei ihm die Fröhlichkeit auch erlaubt. Dieſe Aeußerung ent⸗ zückte die kleine Braune aufs Neue, da ſie eben⸗ falls kein Glied dieſer Sekte, ſondern Katholikin war, und ſo ſchloſſen die beiden jungen Leute, fröhlich über ſo manche Aehnlichkeit in den gegen⸗ ſeitigen Schickfalen und Gefühlen, ein Freund⸗ ſchaftsbündniß. Paul bat Marien vor Allem, ſich manchmal ſehen zu laſſen, und dieſe verſprach auch, mit aller Lebhaftigkeit ihres Temperamentes, der Bitte zu genügen, ſo viel es von ihr ab⸗ —— hänge; denn Schweſter Bertha, fugte ſie hinzu, das ſehe ſie ſchon im Voraus, werde jedes Zu⸗ ſammentreffen mit ihm ſehr tadeln, wohl gar verbieten; da ſie— ſo gut und fromm ſie auch ſei, es für eine Sünde halte mit einem Manne, außer ihrem Vater und Oheim zu ſprechen, oder gar umzugehen. Aber, ſchloß ſie mit pfiffigem Lächeln, Du ſollſt ſehen, daß ich es doch nach unſerem Wunſche machen kann. Paul hätte dieß Geſpräch gerne noch lange fortgeſetzt, aber das Läuten einer Glocke rief ihn und ſeine neue Bekannte zum Abendſegen. Sie drückten ſich herzlich die Hände, riefen ſich ein „auf Wiederſehen!“ zu, und gingen auf ver⸗ ſchiedenen Wegen nach dem Sammelplatze. Der Abendſegen ſchloß dieſen für Paul ſo wichtigen und ſonderbaren Tag, und ein er⸗ quickender Schlaf ſtärkte den Ermüdeten.— Der kommende Tag war ein Sonntag. Aber nicht die Menſchen ſchienen ihn allein feiern zu wollen, ſondern auch die Natur. Himmel und Erde ſtrahlten in ihrem ſchönſten Schmucke, und ihre Geſchöpfe ſtimmten laut jauchzend in den Jubelchor des Weltalls. Und weht nicht durch eben dieſes Weltall ein ewiger Sonntag, und miſcht nicht die ganze Schöpfung ohne Unterlaß ihre Jubeltöne in die Harmonie der Sphären? Ihr Daſein iſt ihr Dank, und ihr Leben ihr ſchönſter Hymnus!— O Menſch! ſei gut und froh, und wenn Du ſtirbſt war Dein Leben das würdigſte Gebet!— Paul war ungemein heiter erwacht Er fühlte ſich unter ſeinen neuen Freunden ſo ſtill behaglich, wie er es früher nie geweſen, und wenn ihn gleich die äußere Form und das ernſte, abge⸗ ſchloſſene Weſen derſelben manchmal noch unan⸗ genehm berührte, und ſeinen Geiſt die unge⸗ wohnten Bande drückten, ſo mußte er ſich auf der anderen Seite doch auch geſtehen, daß er noch keine gemüthlichere, wahrhaft frömmere und einfachere Menſchen geſehen habe. Auch ſchien ihm das Beiſpiel Bedlocks zu beweiſen, daß nicht alle Glieder„der Geſellſchaft der Freunde“ ſo ganz ſtreng an Barclay's Grundſätzen hingen, ſondern daß ſich denſelben auch ein milderer zeitgemäßer Ausdruck geben laſſe. Sehr begierig war er die Weiſe kennen zu lernen, in welcher ſie ihren Sonntag feierten. Er ging daher zu Bruder Johannes, und bat denſelben um die Erlaubniß dem Gottesdienſt beiwohnen zu dürfen. Der alte Markwald empfing ihn liebevoll. „Gottesdienſt,“ ſagte er, nachdem er ſeines Gaſtes Bitte vernommen,„Gottesdienſt haben wir keinen; denn es iſt ein irriger Begriff, Gott durch Singen und Beten dienen zu wollen. Der Unendliche bedarf der Dienſte der Staub⸗ geborenen nicht. Wohl aber haben wir Menſchen nöthig uns öfter zu ſammeln und jener göttlichen Stimme zu lauſchen, die in unſerem Inneren ſpricht. Darum verſammeln wir uns von Zeit zu Zeit und hören aufmerkſam Demjenigen zu, in dem das Licht aufgegangen, und ehren ſeine Lehren als die Sprache des Ewigen. Die Reli⸗ gion wurde in den Händen jener privilegirten Prieſterkaſte eine Quelle unſeliger Verirrungen, darum haben wir keine Prieſter und Geiſtliche mehr. Jeder iſt ſein eigner Prieſter und Ver⸗ mittler, und wie Chriſtus ſagte:„Gott iſt ein —— Geiſt, und die ihn anbeten, müſſen ihn im Geiſt und in der Wahrheit anbeten,“ ſo ſuchen wir alles Aeußere zu entfernen, und verwerfen alle Ceremonien und Gebräuche, als den Geiſt tödtend und beengend. Willſt Du nun einer ſolchen Verſammlung beiwohnen, ſo folge uns.“ Paul nahm dieſe Aufforderung gerne an. Einige Minuten ſpäter verließen faſt ſämmtliche Hausgenoſſen die Wohnung. Sie trugen ihre alltägliche Kleidung. Voran ging Bruder Jo⸗ hannes, ihm folgte Jonas und Paul und ſämmtliche Knechte; dann kam in einer kleinen Entfernung Schweſter Bertha gefolgt von Maria und den weiblichen Dienerinnen. So ſchritten ſie ſchweigend dahin, durch üppige Felder und Wieſen und betraten nach kurzem Wege den nahen Wald. Nach einer guten Viertelſtunde hatte man eine freie Stelle in demſelben erreicht. Es war ein großer, von ungeheuren Bäumen gebildeter, faſt runder Platz, an welchem zu beiden Seiten doppelte Reihen künſtlich errichteter Raſenbänke hinliefen. Saftgrünes Gras war —— der weiche Teppich dieſes erhabenen Domes, den die Natur erbaut und mit ihren tauſend Reizen ausgeſchmückt hatte. Himmelhoch ſtiegen die Stämme der Eichen und Cedern, wie coloſſale Säulen auf, und wölbten mit ihren rieſigen Aeſten das gewaltige Blätterdach. Von ihren Knäufen herab hingen, in leichten, gefälligen Verſchlingungen der Lianen bunte Drapperien, und durch das dichte Laub der Kuppel zitterte das Tageslicht in einem heiligen Halbdunkel. Schauer der Andacht durchwehten dieſe er⸗ habene Stelle des Urwaldes und riefen der Creatur in frommer Ahnung zu: Hier ſtehſt Du vor Gott! Paul zitterte. Er zitterte vor dem Anblick Gottes, der ihm entgegentrat in der Majeſtät der Natur, er zitterte vor Liebe, zu dieſem Gott der Liebe, vor Sehnſucht, nach dieſem Quell der Sehnſucht. Er bebte durchzuckt von der Seligkeit des Gedankens: daß dieſer Gott auch ihn an ſeinem Vaterherzen trage, ihn— wie den Halm des Graſes— wie die Wälder die ihn umrauſchten. Schweigend, wie ſie gekommen, ſetzten ſich die Freunde auf den Raſenbänken nieder; und ſchweigend ohne einen Laut, kamen neue Glieder der Gemeinde, und immer mehr und mehr, und ihre Zahl wuchs bis in die Tauſende. Die Männer nahmen die eine Seite des Platzes und die Frauen die Entgegengeſetzte ein. Alle aber ſaßen tief in ſich verſunken und regten ſich nicht und harrten auf den Aufgang des inneren Lichtes. Es war eine feierliche Stunde, dieſe Stunde des tiefſten Schweigens, mitten in der ruhigen, ſtillwirkenden Natur. Kein Laut ließ ſich ver⸗ nehmen, und ſelbſt die Bewohner des Waldes ſchienen verſtummt. Nur der leiſe Wind ſäuſelte in den Blättern, wie das Flüſtern unſichtbarer Geiſter. Lange— lange Zeit verharrte alſo die Ge⸗ meinde. Da plötzlich hob ſich raſch und ent⸗ ſchloſſen in ihren Reihen ein Mann. Hoch und kräftig richtete er ſich empor, ſeine weitgeöffneten Augen ſtrahlten in dunklem Feuer, ſeine Züge trugen den Ausdruck höchſter Begeiſterung; ein — wunderbares Wehen ſchien ihn krampfhaft zu durchzucken, ſeine Geſtalt dehnte ſich und der Mund zuckte convulſiviſch, als ob er mit dem Unſichtbaren ſpräche. Paul erkannte ihn ſogleich wieder; es war jener Bruder, welcher am verwichenen Abend die Unterredung mit ſeinem Wirthe gepflogen hatte. Bedlock beſtieg feſten aber ruhigen Schrittes eine kleine, von Erde aufgeworfene, Anhöhe; ſtreckte ſeine Hände ſegnend über die Gemeinde und rief: Meine geliebten Brüder und Schweſtern das Licht des Herrn hat mich erleuchtet; höret die Worte des Geiſtes der alſo zu Euch ſpricht: „Groß ſind die Wunder des Herrn und wer ihrer achtet der hat Luſt daran. Groß iſt die Güte des Unendlichen, der ſeine Segnungen ausgießt über die ganze Schöpfung, und Alles trägt und erhält, und den Hauch des Lebens einbläst jeglichem Weſen. Aber das Leben ſelbſt iſt die Liebe, entquollen dem Born der Liebe, dem Urquell alles Daſeins— Gott“ „Es bedarf keiner aus Büchern geſchöpften Weisheit, es bedarf keiner künſtlichen Syſteme, es bedarf keines Studiums überhaupt, um ihn, den Unendlichen, Allliebenden, zu ahnen, zu fühlen, zu erkennen. Ein einziger Blick in die Natur, und er ſteht vor uns in all' ſeiner Herr⸗ lichkeit,— ein einziger Blick in unſer Inneres, und er erfüllt uns mit ſeiner Liebe Wird unſer Herz nicht weit und groß beim Anſchauen ſeiner Werke? zieht uns nicht ein unaus ſprechliches— nicht mit Worten zu bezeichnendes— Gefühl der tiefſten Sehnſucht, der Hingebung, der hei⸗ ligſten Entzückung, der Anbetung dem Frühlinge entgegen, zu dem Sternenhimmel empor?— Es iſt der Drang des göttlichen Geiſtes der in uns wohnt, und ſich mit dem Allgeiſte der Gottheit zu vereinigen ſtrebt, es iſt das Band, welches uns Staubgeborene an die Unendlichkeit knüpft, der unumſtößlichſte Beweis für unſere Unſterb⸗ lichkeit.“ „Hoher, entzückender Gedanke: U nſterb⸗ lichkeit! Du entflammſt das Weltall, bewußt oder unbewußt, zum Streben nach Gottähnlichkeit; — Du treibſt Keime der Seligkeit in der Bruſt des Menſchen und reifſt ſie am Lichte der Vernunft zu köſtlichen Früchten; Du ſprengſt einmal, früh oder ſpät, die Schaale der Dumpfheit, und brichſt, ſelbſtbewußt, hervor mit all der Fülle des göttlichen Lebens. Wie der Blitz in der Wolke, ruheſt Du im Menſchenherzen; wie er, ſchlägſt Du zündend hernieder, und Dein Feuer frißt die armſeligen Werke des Staubes, und legt ſie als Schlacken zu den Füßen der Menſchen; aber bei dem Lichte des furchtbaren Brandes, werden ſie ſich erkennen, und fühlen was ihnen Noth thut und Dich ſegnen und den der Dich erweckte“ „Unſterblichkeit! Gedanke des Lichtes! welcher Friede zieht mit Dir in die beengte Bruſt; wie lichtet ſich das Chaos des Erden⸗ lebens, wie viele unſichtbare Fäden werden ſicht⸗ bar und finden ihr ſchönes Ende in Dir?“ „O meine Brüder und Schweſtern! laſſen wir den Gedanken der Unſterblichkeit un⸗ ſerem Gedächtniſſe nicht entſchlüpfen; faſſen wir vielmehr dieß, unſer großes, herrliches Ziel, feſt — in das Auge, und ſuchen es durch alle uns zu Gebote ſtehende Mittel auf würdige Weiſe zu erſtreben.“ „Und hat uns der allliebende Vater nicht alle erdenkliche Mittel dazu an die Hand ge⸗ geben? Haben wir uns unter ſeinem Schutze nicht ein neues Vaterland gegründet, in welchem wir, frei von allem Religionszwang, uns der Ausbildung und Vervollkommnung unſeres in⸗ neren Menſchen widmen können? Segnet ſeine Hand uns nicht mit Ueberfluß in den irdiſchen Bedürfniſſen? und erleichtert uns dadurch die Vervollkommnung der geiſtigen? Haben wir uns nicht bisher eines glücklichen Friedens zu er⸗ freuen gehabt? und war dieſer Friede nicht die köſtlichſte Gabe des Himmels? Da unter ſeinem ſanften Walten die irdiſche und die geiſtige Kultur die erwünſchten Fortſchritte machte?“ „Gewiß, wir müſſen, wollen wir nicht im höchſten Grade undankbar ſein, dem Allgütigen für dieſen Frieden herzinnig danken. Aber, meine Freunde, mit dem Danken haben wir nicht genug gethan; ſondern wir haben vor allem — Andern darauf zu ſehen, uns dieſes neue Vater⸗ land in ſeiner jetzigen Form, und in ihm den Frieden zu erhalten.“ „Hier aber trübt ſich mein, trübt ſich Euer Blick, denn das Vaterland und ſein uns ſo heiliger Friede iſt in Gefahr!“ „Wir kennen alle die unglückſeligen Ereig⸗ niſſe, welche in dieſe Colonien den Krieg ſpielten. Wir hielten uns, nach unſeren Grundſätzen, jeder Bewegung fern, ſo lange es möglich war; aber leider greifen die politiſchen Erregungen jetzt auch in unſer ſtilles Thal. Buttler und Brandt, jene beiden verirrten Brüder, ge⸗ blendet durch die Verſprechungen der engliſchen Emiſſäre, haben, wie wir nur zu gut wiſſen, Alles aufgeboten die Gemeinde zu bewegen, die Waffen zu Gunſten des Königs von England und zur Unterdrückung unſerer Brüder in den Colonien zu erheben. Wir hörten ſie nicht, und ſie verließen, racheſchnaubend, Wioming. Sie waren nicht unthätig, und von drei Seiten droht nun, unſerer bisher ſo zufriedenen und glücklichen Gemeinde, Verderben und Untergang; wenn wir uns nicht laut und beſtimmt erklären, an welche der Partheien wir uns anſchließen wollen.“ „Dem König von England Georg III., gaben wir das Verſprechen der Treue, wogegen er unſere Rechte aufrecht zu erhalten verſprach. Wir hielten unſer Wort 3 England brach das ſeine gegen uns und die befreundeten Nachbar⸗ ſtaaten. Die Colonien vereinten ſich— unſere, Penſylvaniens Abgeordnete, hatten ſich an⸗ geſchloſſen— zu einem Generalcongreſſe, und dieſer ſandte von Philadelphia aus unter dem 26. Oktober 1774 jene bekannte Bittſchrift an den König, in welcher er um Abwendung nach⸗ folgender Beſchwerden, die ich Euch, meine Brüder, in das Gedächtniß zurückrufen muß, flehentlich erſucht wurde.“ Als ungerecht und gegen die eingegangene Verpflichtung laufend führte man hauptſächlich auf: „Daß ohne Zuſtimmung der Tagſatzung ein ſtehendes Heer in den Colonien gehalten, und 0 dieſes Heer, vereint mit einer beträchtlichen See⸗ macht, zur Erpreſſung ungerechter Auf⸗ lagen gebraucht werde.“ „Daß die Machtvollkommenheit der Oberfeld⸗ herrn und Generale, ſelbſt in Friedenszeiten, in allen bürgerlichen Regierungen Amerika's höchſte Behörde geworden ſei.“ „Daß die Laſten der gewöhnlichen Dienſt⸗ leiſtungen ſehr vermehrt, und neue koſt⸗ ſpielige und unterdrückende Leiſtungen vervielfältigt würden.“ „Sodann gedachte man der abſcheulichen, auf wahre Plünderung des Volkes abgeſehenen Ein⸗ richtung, nach welcher die Richter der Admira⸗ lität ermächtigt waren, ihre Gehalte und Beſoldungen von den Effekten die ſie ſelbſt verdammt, zu beziehen.“ „Ferner: Unſere vaterländiſchen Richter ſind in Gehalt und Dauer der Anſtellung abhängig von der geſetzgebenden Gewalt, wodurch dieſe einen ungeſetzmäßigen Einfluß übt.“ „Die Tagſatzungen ſind wiederholt und be⸗ leidigend aufgelöst worden“ — 8— „Den Handel hat man auf alle erdenkliche Weiſe erdrückt.“ „Die nationellen Gerichte der Geſchwornen wurden abgeſchafft.“ „Neue Abgaben wurden uns will⸗ kürlich aufgelegt, ohne, wie geſetzlich, die Einwilligung der Colonien dafür einzuholen.“ „Beide Parlamente haben beſchloſſen: daß Unterthanen aus den Colonien wegen, angeblich in Amerika begangener Ver⸗ gehen, in England belangt, dahin ge⸗ bracht und 1500 Meilen von ihrem Vaterlande entfernt, von anmaßenden Menſchen, welche ihre Einrichtungen, Ge⸗ bräuche und Rechte zum größeren Theil gar nicht kennen, gerichtet werden dürfen.“ „Und ſchließlich: „Seien die Colonien auf keine Weiſe im Parlamente genügend vertreten“ „Dieß waren die Hauptpunkte um deren Ab⸗ ſchaffung man, in geziemender Ehrfurcht, den König bat. Aber dieſe Eingabe, wie alle Ran, Th. Kosciuszko. n. Thl. 6 —— vernünftigen Geſuche von Seiten der Volksver⸗ treter, blieben fruchtlos, und wurden kalt und ſtolz zurückgewieſen. Würde man die Colonien ihr väterliches Erbtheil in Ruhe haben genießen laſſen, ſo könnten wir uns jetzt friedlich, liebe⸗ voll und nützlich Seiner Majeſtät und dem Staate zeigen, und uns ihm durch Beweiſe von Er⸗ gebenheit und Verehrung empfehlen. Da man aber in England blind für ſeinen eignen Vor⸗ theil und taub gegen alle gerechten Bitten blieb, und die Colonien durch immer härteren Druck bis zu dem Aeußerſten, bis zur Erklärung ihrer Unabhängigkeit trieb, da ſich, in Folge deſſen, aus der Geſammtheit der Colonien ein geſetz⸗ mäßiger Staat conſtituirte, und auch unſere Ver⸗ treter dieſer neuen Union beitraten, ſo ſehe ich keine Wahl für uns, als uns in dieſem gefähr⸗ lichen Augenblicke, in welchem wir zwiſchen der Union, England und den Indianern liegen— für die gerechte Sache— für die Union zu erklären, mit ihr zu den Waffen zu greifen und unſer Leben, unſre Heimath, unſere Rechte und unſeren Glauben bis auf den letzten Mann zu vertheidigen.“ ———————— „Wenn dann die Ruhe wiederkehrt, mit ihrem ſtillen Glück, ſo legen wir die Waffen nieder, ziehen heim zu unſerm Herde und genießen des Friedens irdiſche und geiſtige Früchte.“ „Ja, meine Brüder, ich höre eine Stimme in mir wie Sturmesbrauſen, die da ruft: Der Kampf der Union iſt der Kampf der Menſchenrechte gegen die Tyrannei!— es iſt ein heiliger Krieg!— es iſt eine Sache Gottes!— Fhr die Ihr Un⸗ ſterblichkeit fühlt in der tiefſten Tiefe des Buſens— Ihr— die Ihr darnach lechzt, als nach des Daſeins Krone— Ihr— die Ihr ſie pflücken wollt vom Baume der Erkenntniß, der da nur blüht im Schooße des Friedens— Laßt uns dieſen bedrohten Frieden vertheidigen, uns ihn wieder erringen, wenn er uns geraubt werden ſollte, mit männlicher Kraft und bewaffneter Hand: Umgürtet Euch, Ihr Friedfertigen, mit dem Schwerte der Gerechtigkeit; ſammelt Euch zu Schaaren für die Sache Gottes— und ent⸗ rollt kühn das Banner Wiomings, auf dem die Worte flammen: — „Für Gott und die Unſterblichkeit!“ Wer mit mir iſt der rufe: „Für Gott und die Unſterblichkeit!“ Und donnernd tönte es, aus tauſend Kehlen, durch des Urwalds dunkle Nacht: „Für Gott und die Unſterblichkeit!“ W. „Gott, will es!“ „So regt ſich's mir im Buſen heftig Die Zeit, vollendet ihren Lauf! Es ſteht der Geiſt des Lebens kräftig Aus modrigen Geſteinen auf! Drum laſſen wir uns nicht verkümmern ub die alte Herrlichkeit; och erſteht aus Schutt und Trümmern eitsbaum der neuen Zeit. Theodor Creizenach. Der Eindruck, welchen Bedlocks Rede auf die Gemüther der Verſammelten hervorgerufen, war ein tiefer, in ſeinen Folgen aber ebenſo verſchieden, als für die Zukunft Wiomings wichtig. Das erſte, in die Augen ſpringende, Ereig⸗ — niß war natürlich eine Spaltung der Gemeinde, indem der größere Theil der Brüder ſich mit Begeiſterung und um ſo unbedingter dem Vor⸗ ſchlage des Redners anſchloß, als er aus jungen, kräftigen Männern beſtand, in deren Bruſt ſchon lange der Wunſch erwacht war, gleich ihren Nachbarn, das Panier der Freiheit gegen das drückende Joch Englands zu erheben, und die bisher nur dem Einfluſſe der älteren und ſtrengeren Quäker mißmuthig nachgegeben. Jetzt aber hatte ſelbſt ein älterer, und noch dazu allgemein ſehr geachteter, Mann das Zeichen zur Erhebung gegeben, und der tauſendſtimmige Ruf, der ſeiner Rede gefolgt, die Einzelnen be⸗ lehrt, daß dieſe kriegeriſche Stimmm in ihrem, ſondern in ſo Vieler Gegen die Gewohnheit trennte ſich ntäg⸗ liche Verſammlung in der größten Auftegung, und es gewährte einen ſonderbaren Anblick dieſe an äußere Ruhe ſo ſehr gewöhnten Männer zu ſehen, wie ſie, mit aller Anſtrengung ihrer geiſtigen Kräfte, den inneren Kampf zu bewältigen ſtrebten. Indeſſen gelang es den Meiſten für —— den Augenblick Herr ihrer ſelbſt zu werden, und ſie gingen, ſchweigend wie ſie gekommen, nach ihren Wohnungen Nur die blitzenden ſcher die Bewegungen der Geſich der kühner aufgerichtete Körper, v üſteren Falten der Stirne, konnten dem aufmerkſamen Beobachter allenfalls errathen, daß ſich dießmal etwas Beſonderes Verſammlung zugetragen habe. Kaum war man zu Hauſe angelangt, als ſich der in den Gemüthern gehäufte Gährungsſtoff Luft verſchaffte; indem man mit Eifer ſein für und wider die Sache geltend zu machen ſuchte. Der Streit war heftig, der Erfolg ent⸗ ide enn ſchon den zweiten Tag nach der s hatten ſich an Tauſend junge freiwilligen Waffenübungen gemeldet. ruder John, der früher in England gedient, wurde zum Capitän und Befehlshaber der Miliz ernannt, und ſofort Anſtalt getroffen, die nöthigen Waffen herbei zu ſchaffen Wie durch einen Zauber nahm nun das kleine Thal, in welchem bisher der tiefſte Friede geherrſcht, ein kriegeriſches Gepräge an. Die ſtillen Quäker bildeten ſich in kurzer Zeit, theils von Begeiſterung für die Sache der Freiheit, theils von religiöſer Schwär⸗ merei getrieben, zu tüchtigen Kriegern, und die Hände, welche früher nie affe geführt, waren bald aller milit Meiſter. Dieſer Aufſchwung gewann aber nock Freunde Buttler und Brandt, nicht nur be⸗ müht ſeien die Engländer zur Eroberung und Zerſtörung Wiomings anzureizen; ſondern daß ihr Hat und ihr huſ ſogar ſo Ei gehe, noch viele derjenigen Brüder, die ſich bisher gegen die Bewaffnung der Gemeinde mit all ihren Kräften geſtemmt hatten, ein, wie gut und zweckmäßig Capitän Bedlocks Einrichtungen ſeien. Und Letzterer ſetzte es endlich ſogar duch, daß man die Colonie durch die Errichtung von — vier kleinen Forts gegen einen Einfall zu decken ſuchte. Demohnerachtet war die Zahl der, mit der größten Strenge auf die Erhaltung der alten Quäker⸗Grundſätze, wie ſie Barkley gelehrt, fußenden Brüder, noch immer ſehr bedeutend und an der Spitze dieſer Oppoſition ſtand vor allen Andern der ehrwürdige Bruder Johannes. Umſonſt hatte er bisher ſeine Stimme erhoben, umſonſt gewarnt, umſonſt der Gemeinde mit ahnungsvoller Gewißheit einen fürchterlichen Un⸗ tergang geweiſſagt. Die Stimme des Alters wurde übertönt von dem Feldgeſchrei der Jugend, und Bruder Johannes ſtand, von Schmerz und Gram zerriſſen, auf ſeinem Hügel und jammerte wie die Propheten über Zion, ſo über Wiomings und ſeiner Freunde Untergang. Paul hielt treu bei ihm aus. So ſehr ihn ſein jugendkräftiges Weſen nach dem militäriſchen Uebungsplatze, ſein freiheitsliebendes Herz unter die Fahne der Republikaner rief; eben ſo ſehr und ſtärker noch, kettete ihn Dankbarkeit, und vorzüglich hohe Achtung vor dem herrlichen, wenn auch ſchroffen Charakter Markwal dens, an denſelben. Er erkannte die Irrthümer, in welchen ſein Wohlthäter verſtrickt war, recht gut; aber ſelbſt dieſe Irrthümer entſprangen zum größeren Theile aus ſo erhabenen Ideen, aus einem ſo liebevollen, die ganze Menſchheit umfaſſenden, aufopferungsfähigen Herzen, daß er ſich geſchämt haben würde, dieſen alten Mann in dem Mo⸗ mente zu verlaſſen, in welchem faſt Alles um ihn zu wanken und zu weichen ſchien. Mark⸗ wald erkannte ebenfalls die Anhänglichkeit ſeines jungen Freundes, und indem er ihm mehr und mehr ſein Herz erſchloß, entſprang aus ihrem gegenſeitigen Umgange faſt das Verhältniß eines Vaters zu ſeinem Kinde. Paul fühlte ſich durch dieſe Liebe des alten Mannes erhoben, und war in kurzer Zeit als ein Glied der Familie zu be⸗ trachten. Er theilte deren Arbeit und Erholung, fügte ſich willig in ihre Gebräuche und Eigen⸗ thümlichkeiten, und würde wahrhaft glücklich ge⸗ weſen ſein, wenn nicht manchmal der Zwang der letzteren, ſeine heitere Seele zu peinlich beengt hätte; doch trug er auch dieſe Unbequem⸗ lichkeit, ſeinem neuen Vater zu Liebe, mit — Schweigen, und gewann— was er dabei an äußerer Munterkeit für den Augenblick einbüßte, — an Zufriedenheit der Seele und innerem Frohſinn. Nicht unbedeutend wurde die Annehmlichkeit ſeines Aufenthaltes im Markwaldiſchen Hauſe durch die Freundſchaft erhöht, welche er mit der kleinen Creolin geſchloſſen. Dieß junge Weſen, ein Kind der Natur, eine Pflanze des Südens, öffnete vor dem Sonnenblick der Liebe, der ihr aus den Augen Pauls entgegenlachte, willig und freudig die ſchöne Seele. Sie hatten ſich Beide bald verſtanden, und obgleich ſie ſich wegen der ſtrengen Sitte im Hauſe des Quäkers nur wenig ſehen konnten, ſo fanden ſie dennoch manche Gelegenheit, ſich ihre Gefühle mitzu⸗ theilen. Hier war eben ſo wenig von einem, zärtlichen Schmachten, als von einem unſittlichen Verlangen die Rede Die beiden Herzen öffneten ſich gegeneinander, wie Blüthenknospen im Mit⸗ tagsſtrahle, und die Liebe entſtrömte denſelben eben ſo unbewußt, wie jenen der ſüße, zauberiſche Duft des Blüthenſtaubes Ein vertrauliches Ge⸗ ſpräch, ein freundlicher Blick, ein Druck der Hand war ihnen Seligkeit, und dennoch liebte der Deutſche faſt nicht minder glühend, als die ſonn⸗ verbrannte Tochter der Antillen. Paul ſah ent⸗ zückt einer glücklichen Zukunft entgegen; aber er dachte nicht daran, daß es auf Erden Menſchen gäbe, die kein Recht auf irdiſche Glückſeligkeit zu haben ſcheinen, und ahnte noch weniger, daß er ſich bald unter die Zahl dieſer Armen zu zählen habe. Ehe wir aber dem Faden der Erzählung weiter folgen, bedarf es hier einer Erwähnung des Zuſtandes, in welchem ſich dazumal die nordamerikaniſchen Colonien befanden, und eines kurzen Abriſſes der Geſchichte ihres Aufſtandes.— Die Entdeckung von Amerika iſt eine jener großartigen hiſtoriſchen Begebenheiten, deren Fol⸗ gen für die Geſchichte der Menſchheit unermeßlich ſind. Der Einfluß, welchen ſie auf Europa übte iſt zu bekannt um näher darauf einzugehen. Eine neue Bahn war gebrochen Die alte Welt richtete die ſtaunenden, die verlangenden Blicke nach jener neuen Hämiſphäre, die im Morgen⸗ —————— — — 95— golde wunderbarer Mährchen, reizender Berichte, lag Wiſſensdrang und Golddurſt, Ruhmbegierde und Herrſchſucht, Luſt zu Abenteuern und Frei⸗ heitsliebe, ja alle Leidenſchaften, die das Herz des Menſchen mit ihren Gluthen ſchwellen, trieben von nun an Tauſende von Bewohnern Europas über das ſtürmiſche Meer den Küſten des neuen Welttheils zu. Er nahm ſie gaſtlich auf. Seine ungeheuern Wüſten, ſeine undurchdringlichen Wälder, boten gern den edlen Männern Schutz, welche, den Arm des Despotismus fliehend, oder weichend der Religionswuth ihrer fanatiſchen Brüder, ſich lieber den größten Gefahren und Entbehrungen auf einem freien Boden ausſetzten, als daß ſie den unwürdigen Druck in ihrem Vaterlande länger ertrugen. Beſeelt von jenem Eifer, welcher den Menſchen bei neuen Unter⸗ nehmen zu leiten pflegt, und begeiſtert für ihr junges Vaterlahib, entwickelten ſie eine bewun⸗ derungswürdige Thätigkeit und Ausdauer, und ſuchten in einem emſigen, arbeitſamen Leben die Mißgeſchicke zu vergeſſen, welche ſie über das Meer getrieben. Aber ſie hatten einen harten Kampf zu beſtehen. Wilde Thiere waren zu bändigen und abzuwehren, barbariſche Urein⸗ wohner zu bekämpfen und zu civiliſiren, Hunger und Entbehrungen aller Art zu ertragen, Moräſte auszutrocknen, Wälder zu lichten, Flüſſe zu däm⸗ men und ungeheure Strecken urbar zu machen. Doch der jungfräuliche Boden lohnte ihre An⸗ ſtrengungen auf das reichlichſte; Klima und Menſchen wurden milder und ſanfter, und in kurzer Zeit erhoben ſich da ſichere Wohnungen, Dörfer und blühende Städte, wo kaum noch der Jaguar und Caimann in finſteren Wäldern und ſchlammigen Waſſern geherrſcht. So entſtanden allmählig die Colonien: New⸗ Hampfhire, Maſſachuſſet, Rhode⸗Is⸗ land, Connecticut, welche den gemeinſamen Namen Neu⸗England trugen, und mit dieſen vereinigten ſich in der Folge; Virginien, New⸗York, Penſylvanien, Delaware New⸗Jerſey, Maryland; Nord⸗ und Süd⸗Karolina und Georgien. Dieſe dreizehn Provinzen, jetzt ein Körper, bildeten urſprünglich eine unzuſammenhängende Vielheit, —— verſchieden in Abſtammung, Sitten, Regierungs⸗ form, Religion und Lebensweiſe. Die Staats⸗ verwaltung hauptſächlich bot drei entgegengeſetzte Seiten dar, eine engliſch⸗monarchiſche, pa⸗ triarchaliſch⸗ariſtokratiſche und eine de⸗ mokratiſche. Doch ſtanden ſämmtliche Colo⸗ nien unter der Oberhoheit Englands, und ihre Verfaſſungen waren treue Nachbildungen der engliſchen Conſtitution. Die brittiſche Regierung, den Werth dieſer Beſitzungen erkennend, war während dem Ver⸗ laufe eines Jahrhunderts weiſe genug, dieſelben auf alle Weiſe zu begünſtigen und zu unterſtützen, und ſo blühten denn auch in dieſer Zeit die Colonien auf eine erfreuliche Weiſe empor, und die wenigen Einwanderer, Kinder aller Länder, wurden nach und nach zu einer mächtigen, nordamerikaniſchen Nation. Das Kind war zum Jünglinge gereift. Es fühlte ſeine Stärke, und die Fülle der ihm inwohnenden Kraft ward ihm bewußt. Vor allem Andern zeichneten ſich aber die Nordamerikaner von jeher durch glühende Freiheitsliebe aus. Es war dieß „ — eine natürliche Folge, theils der Urſachen der Anſiedlung, theils der Erkenntniß der Vorzüge einer freiſinnigen Verfaſſung. Und wie hätte auch jene Liebe zur Feſſelloſigkeit, die ſchon ſo viele Hinderniſſe beſiegt hatte, erſterben ſollen in den ungeheuern Wüſten Amerika's, wo man die Zerſtreuungen Europa's nicht kannte, wo unauf⸗ hörliche Arbeit den Körper abhärtete und die Selbſtſtändigkeit des Charakters ver⸗ doppeln mußte? Wenn ſie in ihrem Vaterlande ſich den Vorrechten der Krone widerſetzt hatten, wie hätten ſie dieſe ihre Geſinnung in Amerika verändern mögen, wo kaum ein Schatten des königlichen Glanzes vorhanden war? und mußte nicht die Allen gemeinſame, gleiche Beſchäftigung mit der Kultur des Bodens die Ueberzeugung und das Bedürfniß einer allgemeinen Gleichheit hervorbringen?— Dazu kam daß die Mehrzahl der Bürger Nordamerika's aus Engländern be⸗ ſtand, die Brittanien in einem Zeitpunkte ver⸗ laſſen, wo die Unterthanen von ihren Königen mit gewaffneter Hand ausgezeichnete bürgerliche Rechte ertrotzten. Sie hatten dieſelben Grundſätze —— „ mit ſich gebracht, und ſie achteten es nun natür⸗ lich für ein unveräußerliches Recht jedes engliſchen Unterthanen, ſein Eigenthum nur mit eigner Be⸗ willigung abzugeben: wie hätten ſie auch einem ſolchen Rechte entſagen ſollen, ſie, die ihren Unterhalt aus Ländereien bezogen, welche ſie zuerſt beſetzt und durch ihrer Hände Arbeit urbar ge⸗ macht hatten?— Alles vereinigte ſich in dem engliſchen Amerika zur Entwickelung bürgerlicher Freiheit und nationaler Unabhängigkeit. Der größere Theil der Amerikaner waren nicht nur Proteſtanten, ſondern Proteſtanten ſelbſt gegen den Proteſtantismus, d.h. ſie verſchmähten jeden Zwang und jede Autorität in Sachen des Gewiſſens und des Glau⸗ bensz; ſie hatten die kirchlichen Würden bis auf den Titel abgeſchafft. Eben ſo hielten ſie auch auf freie Gedanken und Urtheile über Regierungs⸗ und Staatsangelegenheiten. Amerika wimmelte von Rechtsgelehrten, welche gewöhnlich in ihre Provinzialſtände ge⸗ wählt wurden, und die ſcharfſinnigſten und Ran, Th. Kosciuszko. II. Thl. 7 — glühendſten Vertheidiger der Freiheit waren. Den Nordamerikaner, wie einſt den alten Römer, zog ſeine Neigung mehr zu ernſthaften Studien, zu Betrachtungen über Geſetze und Recht und zu Beſchäftigungen, die dem Staate nützlich werden konnten, als zu den verfeinerten, geiſtigen Genüſſen Europas. Der Fleiß in der Rechts⸗ gelehrſamkeit machte ihn ſcharfſinnig, nachfor⸗ ſchend und gewandt, hitzig zum Angriff, fertig zur Vertheidigung und reich an Ausflüchten. Auch darf nicht vergeſſen werden, daß es in den amerikaniſchen Colonien nur eine Men⸗ ſchenklaſſe gab: für die Reichen und Mächtigen Europa's hatte die Mittelmäßigkeit der Verhält⸗ niſſe in jenen Anſiedlungen keine Anziehungskraft; daher drangen keine Privilegien, keine Feudal⸗ verhältniſſe über das Meer. Hier galt nur der arbeitende Mittelſtand. Jeder fühlte ſich in den ausgebreiteten Ländereien die er bebaute, ſein eigner Herr, und ſchwerlich wäre er zu über⸗ zeugen geweſen, daß er ſein Glück, neben der Vorſehung, auch noch der Gnade von engliſchen Königen verdanke; er fand ſich unabhängig, und — i die perſönliche Freiheit iſt ein mächtiger Hebel der bürgerlichen.*) Was aber namentlich dazu beitrug dieſen, nach Unabhängigkeit ſtrebenden, Geiſt in den Provinzen zu erhalten, war die große Entfernung von dem eigentlichen Sitze der Regierung Kaum war es den Miniſtern möglich ihren Einfluß bis in eine ſolche Weite geltend zu machen, und noch weniger vermochten ſie hier die verderb⸗ lichen Mittel der Beſtechungen in Anwendung zu bringen, die ſonſt nur zu häufig von den, das Staatsſchiff Leitenden, auszugehen pflegen. So hatte ſich mit der Zeit und dem Reifer⸗ werden des nordamerikaniſchen Volkes, das Band gelockert, welches die Colonien an das Mutter⸗ land knüpfte, und man fing bereits an das Ver⸗ hältniß der Erſteren zu den Letzteren genauer zu prüfen, als der Protektor Cromwell den erſten Anlaß zu Mißvergnügen jenſeits des Oceans gab. Die Navigations⸗Akte nämlich, verbot: *) Befreiungskampf der nordamerikaniſchen Staaten, nach den beſten Quellen bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. — daß irgend ein fremdes Schiff in den brittiſchen Pflanzungen Handeltreibe, oder nach England ſelbſt andere Waaren einführen dürfe, als die Produkte ſei⸗ nes Landes. Durch dieſe Ungerechtigkeit, welche den Grund zu einem Handelsmonopol zu Eng⸗ lands Vortheil legte, waren die amerikaniſchen Kaufleute mit einemmale mit dem Abſatze ihrer Ladungen auf England beſchränkt; eine Beein⸗ trächtigung welche den ſpekulativen Geiſt derſelben, der ſich frei zu bewegen gewohnt war, auf das heftigſte empörte Dazu kam, daß man ſogar den freien Verkehr zwiſchen den Colonien ſelbſt auf⸗ hob, und ſie zwang ihre eigenen Produkte als: Zucker, Tabak, Baumwolle, Indigo ꝛc 2c im Lande ſelbſt zu verzollen. Nichts war natürlicher, als daß man dieſe harten Maßregeln zu umgehen ſuchte, und ſich ſo ein Schmuggelſyſtem bildete, welches Stoff zu unzähligen Reibungen darbot. England ſuchte dieſem Unfug zu ſteuern, und empörte durch harte Maßregeln die Gemüther nur um ſo mehr. Es vernichtete zugleich damit den Schleichhandel mit — 101— den Pflanzungen welche Spanien in jenem Welt⸗ theile beſaß, und der für Nordamerika, und ſogar für England ſelbſt, eine bedeutende Nahrungs⸗ quelle war, und ſchnitt dadurch einen Kanal des baaren Geldes gänzlich ab. Aber mit allem dem war die habſüchtige Regierung noch nicht zu— frieden; ſondern erließ unklug genug auch noch eine Bill G. April 1764) welche auf verſchiedene Einfuhr⸗Artikel eine Abgabe legte, die in baarem Gelde entrichtet werden mußte. So erpreßte man hier von ihnen das baare Geld, und nahm ihnen dort die Mittel welches zu erlangen. Ja das Miniſterium ging noch weiter und hob das in den Colonien courſirende Papiergeld auf wo⸗ durch es, wenn gleich eine gute Sache gefördert wurde, das Privateigenthum auf eine ſchroffe Weiſe verletzte. Dieſen gehäſſigen Anordnungen, wurden aber durch jene bekannte Bill die Krone aufgeſetzt, welche verordnete: „daß fürbeſtimmte Fälle das Stem⸗ pelpapier, und für den Stempel eine Tare einzuführen ſei“ — 102— Als die Kunde von dieſer Stempel⸗Akte nach Amerika kam, erhob ſich ein allgemeiner Schrei des tiefſten Unwillens; denn nicht allein war man neuerdings beſteuert worden; ſondern auch— was noch wichtiger war— das Par⸗ lamenthatte damit ein ihm zuſtehendes Beſteurungsrecht über die Colonien ausgeſprochen. Jetzt war der wichtige Augenblick gekommen, der die ganze Bevölkerung Nordamerikas aufrief ihre Rechte zu vertheidigen. Die Preſſe übte ihren Einfluß, und überall ließen ſich Stimmen hören, die da erklärten: „Kein brittiſcher Unterthan könne ohne ſeine Zuſtimmung beſteuert werden; und ſolche Staats⸗ bürger die noch keine Vertretung im Parlamente hätten, ſeien ſeit Jahrhunderten nur verpflichtet in eigenen Verſammlungen freiwillige Ab⸗ gaben C,dons gratuits“e) zu bewilligen.“ Der allgemeine Druck erweckte den Natio⸗ nalgeiſt.„ „Dieß iſt aber die Allgewalt des National⸗ geiſtes, daß die gemeinſame Gefahr die ver⸗ — — 103— ſchiedenen Strebungen einigt, und die Herzen bereitwillig macht, jedes Opfer zu bringen, wenn es das Wohl des Vaterlandes gilt.“ Die General⸗Aſſembly von Virginien, welche um jene Zeit verſammelt war, erklärte ſofort: in Erwägung, daß coloniſirte Bürger alle Privilegien, Freiheiten und Gerechtſame, welche die Völker Großbrittaniens für alle Zeiten genießen, mit herüber gebracht hätten; in Er⸗ wägung, daß dieſe Rechte durch Jacob l. be⸗ willigt und beſtätigt ſeien:„daß demgemäß alſo nur die General⸗Aſſembly einer Co⸗ lonie, in Verbindung mit Sr. Majeſtät oder deren Stellvertretern, das aus⸗ ſchließliche Recht habe, Steuern oder Taren auf die Einwohner der Colonie umzulegen, und daß jeder Verſuch die⸗ ſes Recht auf eine oder mehrere von der General⸗Aſſembly verſchiedene Perſonen zu übertragen, ungeſetzlich, ungerecht und den Grundſätzen ihrer Verfaſſung zuwiderlaufend ſei, und die offenbare Abſicht habe, die Frei⸗ 104— heit, in England ſowohl, als in Ame⸗ rika, umzuſtoßen.“ Dieſe und ähnliche Aeußerungen fanden all⸗ gemein Anklang. Unruhen brachen auf allen Seiten aus; doch hielten die Beſſergeſinnten das rohere Volk im Zügel, und beſchränkten ſich bei Vertheidigung ihrer Rechte auf parlamentariſche Mittel. Zugleich ſuchte man die Zurücknahme der Stempelbill dadurch zu erzwingen, daß man ſich an vielen Plätzen entſchloß, keine engliſchen Waaren mehr zu kaufen. Was auch bewerk⸗ ſtelligt wurde. Aber Alles blieb fruchtlos. Das Miniſterium verharrte ſtolz auf ſeinen Verord⸗ nungen, und ſchickte ſich an, ſie mit Gewalt der Waffen durchzuſetzen. Da überzeugte man ſich auch in Amerika, daß man zu kräftigeren Mit⸗ teln greifen müſſe, und conſtituirte zu dem Be⸗ hufe einen General-Congreß, der ſich den 7. Oktober 1765 zu New⸗York verſammelte. Nachdem er noch einmal die Rechte feſtgeſetzt hatte, welche die Amerikaner als Menſchen und als Unterthanen der Krone Englands in An⸗ ſpruch zu nehmen befugt ſeien, faßte er drei —— Petitionen ab, und ſandte ſie an den König, die Lords und die Gemeinen. Sie ſprachen unter Anderem mit Beſtimmtheit aus: daß bei der großen Entfernung von dem Mutterſtaate, keine andere Vertretung derſelben möglich ſei, als die⸗ jenige durch die Provinzial-Aſſemblys.— Lange harrte man umſonſt auf Erfolg aller dieſer Maßregeln; endlich— den 19. März be⸗ ſtätigte der König eine Akte, nach welcher die Stempelbill zurückgenommen wurde; die man denn auch in Amerika mit dem lauteſten Jubel begrüßte. Aber nur gezwungen durch die Nothwendig⸗ keit hatte ſich der König zu dieſem Schritt ent⸗ ſchloſſen; und kaum ſtand ein neues Miniſterium an der Spitze der Geſchäfte, als man die alte Sprache wder aufnahm, und neue Abgaben auf verſchiedene Einfuhr⸗Artikel, worunter ſich namentlich auch der Thee befand, legte. Zur Handhabung dieſer Maßregel wurde nach Boſton eine dauernde Zollverwaltung geſetzt, und dieſer militäriſche Macht zur Aufrechthaltung an die Seite geſetzt. — 106— Neue unheilkündende Spaltungen waren die Folgen dieſer unklugen Verordnung, und wurden durch folgende Ungerechtigkeit die nächſte Veran⸗ laſſung zu dem Ausbruche des Krieges. Der oſtindiſchen Compagnie, deren Angelegen⸗ heiten, beſonders durch den fehlenden Abſatz von Thee nach Amerika— ſie hatte an 17 Millionen Pfund dieſes Produktes in ihren Waarenlagern liegen— in Unordnung gerathen waren, zu helfen, ertheilte man ihr die Erlaubniß: Thee nach einem jeden Orte frei von Abgaben auszu⸗ führen, in Amerika jedoch drei Pence Eingang⸗ zoll ſür das Pfund zu entrichten. Auf dieſe Erlaubniß hin, gingen ſehr bedeutende Ladungen von Thee nach den Pflanzungen ab. Da aber die amerikaniſchen Handlungs⸗Aſſociationen ein⸗ ſahen, daß, wenn einmal der Thee ausgeladen ſei, derſelbe auch gekauft werde, boten ſie Alles auf, dieſes zu verhindern, und ſo begaben ſich mehrere Männer an Bord der Schiffe, und warfen die ganze Ladung Thee in das Meer. Der Verluſt wurde auf 18,000 Pfund geſchätzt. — 107— Auf dieſe Nachricht kam von London der Befehl: den Hafen von Boſton zu ſperren und militäriſch zu beſetzen. Der General⸗Congreß trat nun auf's Neue in Thätigkeit, und ſandte unter andern zu dieſer Zeit auch jene Bittſchrift um Abſchaffung der herrſchenden Mißbräuche an den König, welcher Bedlock in ſeiner Rede gedachte Zugleich aber machte man Anſtalten zu einer kräftigen Gegen⸗ wehr, falls England Gewalt gebrauchen würde. Alles Volk trat unter die Waffen und ſelbſt die Prediger riefen in den Provinzen Neu⸗Englands, in welchen die Maſſen ſehr religiös waren, die Brüder für die Sache der Freiheit, die ſie— gewiß nicht mit Unrecht— für die des Himmels erklärten, zu den Bannern der Vertheidiger ihrer Rechte, und überall erſchallte aus ihrem Munde, wie zu den Zeiten der Kreuzzüge, das erſchüt⸗ ternde:„Gott will es!“ Eine heilige Begeiſterung wehte, gleich einer mächtigen Flamme, über ganz Nordamerika, und ergriff Jung und Alt Kein Menſch wollte ſich ausſchließen von dem Dienſte für das Vaterland, —— — 108— und ſelbſt von Jahren gebeugte Männer traten zuſammen und bildeten die ſogenannte„Com⸗ pagnie der Greiſe.“ Es waren Deutſche Flüchtlinge, Männer in hohem Alter, die in Europa Kriegsdienſte gethan. An ihrer Spitze ſtand ein Capitän der faſt hundert Jahre zählte. Aber Jugendkraft durchrieſelte ſelbſt die Glieder dieſer würdigen Veteranen bei dem Gedanken: für die Freiheit und für die Unabhängigkeit ihres zweiten Vaterlandes zu kämpfen. Endlich gab ein Zuſammentreffen der Eng⸗ länder und der Milizen bei Lerington das Zeichen, und von dieſem blutigen Tage an, war die Fackel des Krieges entzündet. Englands Truppen ſtanden unter den Genera⸗ len Gage, Howe, Clinton und Burgoyne — die Amerikaner unter dem tapfern Was⸗ hington, welchen der Congreß kluger Weiſe zum Oberfeldherrn erwählt hatte. Von nun an entbrannte der Krieg in ſeiner ganzen Wuth und ward mit furchtbarer Erbitte⸗ rung von beiden Seiten geführt. Die Colonien aber traten noch enger zuſammen, erklärten ihre ——————— — 00— Unabhängigkeit und bildeten von nun, unter dem Namen:„der vereinigten Staaten von Nordamerika,“ eine Union. Der Anfang des Krieges ſiel indeſſen un⸗ günſtig für den neuen Staat aus Es gebrach Washington an Truppen, Geld und allem Nöthigen; die Engländer brachen mit großer Macht von allen Seiten herein und drängten die Amerikaner, während Mangel und Noth deren Reihen lichtete. Ganze Regimenter fingen an ſich aufzulöſen und die Sache der Freiheit ſchien verloren. Aber Washington verzagte nicht Sein Muth, ſeine Klugheit und Entſchloſſenheit rettete das hart bedrängte Land. Endlich ſchienen ſchönere Sterne aufgehen zu wollen. Der junge Held Lafayette erſchien auf amerikaniſchem Boden, glühend vor Begierde unter den Fahnen der Freiheit zu fechten;— Frankreich zeigte eine günſtige Stimmung und verſprach endlich, durch Benjamin Franklin's Bemühungen dahin gebracht, eine thätige Hülfe Nach langem Zögern hielt es Wort und am 5. Juli 1778 lief Ad⸗ — 110— miral Graf d'Estaing mit zwölf Linien⸗ ſchiffen in der Mündung des Delaware ein. Auf dem franzöſiſchen Geſchwader befanden ſich auch mehrere edle Polen und unter denſelben: Thaddäus Kosciuszkv. So ſtanden die Dinge in den Vereinigten Staaten, als auch in Wio ming der elektriſche Funke der Begeiſterung für Freiheit und Recht zündend ſchlug. —— ie— V. Der erſte Tag in Amerika. „Und Alle die dieß Ziel erkennen, Sind würd'ge Saat der jungen Zeit Gottlob noch viele Herzen brennen Die dieſem Ziel ſich ganz geweiht! Was dieſe ſtillbegeiſtert ahnen, Wird trotz der bangen Zweifel wahr, Sie ſchwingen einſt die Siegesfahnen Um den geretteten Altar.“ Heinrich Stieglitz. Jedes Element hat ſeine Schönheiten, ſeine Vorzüge. Die Erde zeigt in lieblicher Abwechs⸗ lung bald herrlich grünende Ebenen, bald be⸗ waldete Hügel, bald ſtolz aufſteigende Berge— und Hügel und Ebenen und Berge und Thäler lachen im bunten wunderfreundlichen Gewande einer üppigen Vegetation. Die Luft wölbt ſich über unſern Häuptern zu einer azurblauen Kuppel. Das Feuer wärmt und erleuchtet, und dient dem Menſchen auf unzählige Weiſe. Keines aber der Elemente macht einen ſo impoſanten großar⸗ tigen Eindruck auf uns als das Waſſer in ſeiner Sammlung— als das Meer. Das Meer!— die ewig bewegte, unendliche unabſehbare Waſſermaſſe, mit ihren Miriaden Wellen und Wogen, die tanzen und ſich bäumen, die lieblich ſpielen und ſich— zornerregt— himmelhoch heben, die ein Bild unſeres Daſeins, vor unſeren Augen erſtehen und zerfließen, und ſich immer wieder neu erzeugen und wieder ver⸗ gehen Das Meer!— in ſeinen ſchönen Tinten. Dieſes in ſeinem tiefen, tiefen Blau; jenes in ſeinem ſchönen Grün; ein anderes von ſchwärz⸗ licher und wieder ein Anderes von röthlicher Farbe; das Meer!— mit ſeinem wunderbar⸗ mährchenhaften Grunde; mit der Unzahl ſeiner Fiſche, mit den Ungethümen die ſeine Schätze hüten, mit dem criſtallenen Schooße in dem ſo tauſend müde Schläfer ruhen, um den blanken — 113— Schädel der Korallen rothes Diadem. Das Meer! mit ſeiner Einſamkeit und Stille— mit ſeiner ſchauerlichen markerſchütternden Größe! Das Meer!— Das furchtbar erhaben⸗ſchöne Meer. Wie wiegen mich die Träume von ihm ein. Mein Geiſt ſchwebt über ſeiner unendlichen Fläche, ſein Anblick erzeugt in mir tauſend Gedanken, groß und erhaben, wie es ſelbſt— Gedanken, die ſich mit des Lichtes Schnelle ſchwingen, über die unendliche Kluft, von dem Staubgeborenen bis zu dem Ewigen!— Gedanken, die mich erbeben machen in meiner innerſten Seele, die mein Gehirn ſchwindelnd drehen, die mich zer⸗ nichten und doch wieder zu einem Gott erheben. — Ich Wurm! was bin ich gegen das Meer, was dieſes gegen das Aethermeer in dem das Weltall ſchwimmt,— in dem Sonnenſyſteme wie kleine Inſelgruppen auftauchen?— was iſt dieß All' gegen den Geiſt der es umfaßt? — und doch! und doch! ich, Wurm, bin mehr als das All!— Ja! mehr!— denn ich bin ein Theil dieſes Geiſtes, ich denke ihn!— In welche Fülle der Seligkeit reißt du mich hin, Rau, Th. Kosciuszkv. n. Thl. 8 — 114— Gedanke? Du klammerſt Dich an Gott und er reicht dir die Krone der Unſterblichkeit!—— O daß ich mich wiegen darf auf den Flügeln der Gedanken in dieſer Sonnennähe. Wie das Licht mich erweckt und ſeine Strahlen mich wär⸗ mend durchdringen und neu beleben und ſchaffend neues Leben aus mir quillt. Ja! dieſe Sonne iſt die Liebe; dieß Schaffen des Lebens aus ſeinem Leben— iſt Seligkeit.„Zurück! zu⸗ rück!—“ Ach warum zurück zu der Erde, wenn man den Himmel ſah?— „Weil Deine Bruſt noch aus Erde iſt, und das heilige Feuer ſie zerſprengen würde.“ Und warum durch Schauen meine Sehn⸗ ſucht wecken, wenn ſie ſo lange noch nach Be⸗ friedigung ſeufzen muß? „Weil dieſe Sehnſucht die Brücke iſt, die dich von der Erde nach jenen ſel'gen Höhen führen wird.“ So ſpielt, ihr Wellen, hebt euch und ſinkt; ſo kommt ihr Tage und vergeht; ſo baue dich Brücke feſt und feſter, auf daß du mich trägſt in das Land meiner Träume! 115 Alſo ſprach, an den Fockmaſt des Linien⸗ ſchiffes„la Victoire“ gelehnt, Thaddäus Kosciuszko, und ſchaute über das weite Meer über welchem der junge Tag zu dämmern anfing. Alles ſchwieg um ihn, nur der taktmäßige Schritt der Schildwachen auf dem Verdecke ließ ſich hören. Majeſtätiſch trugen die Waſſer die zwölf Linienſchiffe und die drei“ großen Fregatten Frankreichs, die hier vor Anker lagen. Es war die Flotte welche Admiral Graf d'Estaing befehligte, und die den vereinigten Staaten die erſehnte Hülfe bringen ſollte, dieſelbe welche Kosciuszko und noch mehrere edle, kampf⸗ muthige Männer von Europa übergeſetzt. Für Dieſen und die Letzteren ſollte der eben anbrechende Tag ein wichtiger werden, indem der amerikaniſche Generaliſſimus, General Washington— der nur in geringer Entfernung von dem Ufer ſein Lager aufgeſchlagen hatte— denſelben zum Em⸗ pfang der europäiſchen Freiwilligen feſtgeſetzt. Thaddäus ſo nahe an dem Ziele, welches er ſich bei jener traurigen Cataſtrophe in ſeinem Vaterlande vorgeſteckt, hatte in dem aufgeregten — Zuſtande in dem er ſich befand, keinen Schlaf finden können. Die Kajüte war ihm zu enge geworden, die Luft zu ſchwül und zu dick. Er ſprang empor, kleidete ſich an, und ſtieg auf das Verdeck. Hier ward es ihm leichter zu Muthe. Der Wind blies ihn friſch an, der großartige Anblick ſtärkte ihn, er fühlte ſich kräftiger und konnte ſich ruhig jener Beſchäftigung hingeben, die ihm während der langen Ueberfahrt, war er nicht in ernſte Studien verſunken, zur Lieb⸗ lingsunterhaltung geworden. Dann ſtand er wohl ſtundenlang auf dem Schnabel des Schiffes, an den Fockmaſt oder das kunſtreiche Geländer ge⸗ lehnt, welches den Gallion umgab, und blickte ſtumm in die See. Und wie die Wellen ſich ſpielend verfolgten, ſtiegen aus ihrer ſchweigenden Tiefe düſtere Geſtalten auf und zogen an ſeiner ſtill trauernden Seele vorüber, oder auch ſein Geiſt ſog Nahrung aus der Größe der Natur, und verſenkte ſich in Betrachtungen, wie jene war, aus der wir ihn am Anfang dieſes Kapitels erwachen ſahen. Eine gewaltige Bewegung zitterte in ihm nach. Tauſend Gedanken durchkreuzten ſich und erweckten neue Ideen; aber alle hatten eine ſchwermüthige Färbung, und ließen eine mächtige, nur durch Vernunft und männliche Kraft gebändigte, Todes⸗ ſehnſucht durchſchimmern. Auch in dem Aeußern Kosciuszko's war eine merkliche Veränderung ſichtbar. Er war bleicher, ſeine Augen brannten in einem düſterern Feuer wie ehemals, ſeine Züge hatten ſich, ſo zu ſagen geſchloſſen, ſie waren ernſter, feſter, entſchiedener geworden. Es war dieß die Folge langer und heftiger innerer Kämpfe, und durch dieſe hervorgerufene Selbſt⸗ prüfung Nachdenken aber führte ihn von Stufe zu Stufe, und ſo hatte er bald ſich und ſein Verhältniß zu Gott und der Welt erfaßt und dadurch ſein Weſen ſo abgerundet, daß er nun, in keiner Beziehung mehr ſchwankend, als ein ganzer, fertiger Charakter hervortrat. Wo die Außenwelt nicht zerſtreut, iſt eine feſte Richtung, und wo dieſe iſt— Charakter⸗ ſtärke. Thaddäus faßte das höchſte Ziel des Menſchen ſcharf in das Auge Zu einem höheren und edleren Sein beſtimmt, war der Weg, es — 118— zu erreichen, durch ſtets fortſchreitende Vervoll⸗ kommnung gegeben. Als nicht Daſeiend betrach⸗ tete er nun Alles, was ihn von dieſem Ziele entfernen oder ihn nicht dahin fördern konnte. Das Rechte, Gute und Edle wollen, war ſeine Lebensaufgabe; was ihm ſonſt durch dieß Be⸗ ſtreben zufiel, nahm er dankbar als eine Seg⸗ nung Gottes an. Die Güter der Erde, ſelbſt Ruhm und Größe erblaßten vor ſeinen Augen, und hatten nur inſofern Werth für ihn, als ſie ſeine irdiſche Exiſtenz gründen oder ihn zu jenem hohen Ziele zu leiten vermochten. Das Liebſte und Nächſte was die Erde noch für ihn trug, war ſein Vaterland; aber dieſem konnte er für den Augenblick nichts nützen. Da⸗ rum hatte er ſich, es immer im Herzen tragend, dahin gewendet, wo er unter den Fahnen einer edlen, unterdrückten Nation für die Rechte der Menſchheit fechten konnte; darum ſchlug ihm heute das Herz ſo hoch, denn er ſollte nun ein⸗ treten in die Reihen jener wackren Kämpfer, er ſollte in wenigen Stunden den Mann ſehen, auf den ſein Zeitalter ein Recht hatte ſtolz zu — 119— ſein; den Mann der ſein Vorbild, ſein Ideal war:— Washington.— Der Tag war unterdeſſen angebrochen und mit ihm ein reges, vielſeitiges Leben erwacht. Alles wimmelte auf den Schiffen. Trommeln ſchlugen die Reveille; der Pfeife ſchriller Ton gebot dem Matroſenvolke; das Sprachrohr trug die Commandos weiter; und Schreien, Rufen und Lärmen hatten die Stille verdrängt, die noch vor wenigen Minuten über See und Flotte lag. Jeder ſchickte ſich an der Beſtimmung zu folgen, welche der Admiral ihm zugedacht; und ſo be⸗ reitete ſich ein Theil der Truppen zur Ausſchif⸗ fung, während ſich der andere zur weiteren Fahrt rüſtete, da Graf d'Eſtaing, der bei ſeiner Ankunft zu ſeinem Bedauern gefunden hatte, daß ſich das engliſche Geſchwader bereits nach New⸗York begeben, demſelben ſogleich folgen wollte. Eine Stunde ſpäter begann die Ausſchiffung, und Kosciuszko betrat mit den franzöſiſchen Regimentern den Boden der Freiheit. In der größten Ordnung wurde der Befehl ausgeführt, und die gelandeten Truppen ſetzten ſich ſogleich in Bewegung, das Hauptquartier Washing⸗ ton's zu erreichen. Ein heiterer Enthuſiasmus wehte durch die Reihen der Franzoſen. Jedem ſchlug das Herz freudig bei dem Gedanken: daß er nun Land unter ſich habe, von dem langweiligen Dienſte auf den Schiffen erlöst ſei, und das Feld der Ehre ſich ihm nun endlich öffne. Die Fahnen entrollten ſich in der friſchen Morgenluft, munter ſchallte die Muſik, und in ihre Töne miſchten ſich luſtige Lieder. Nach einem kurzen Marſche waren die Vor⸗ poſten des amerikaniſchen Heeres erreicht; der Geſang verſtummte, die Glieder ſchloſſen ſich enger, und die Truppen zogen in ſtolzer Haltung an der langen Fronte der Amerikaner vorbei, die ſie mit fliegenden Fahnen und klingendem Spiel, den Generaliſſimus mit ſeinem Stabe an ihrer Spitze, empfingen. Es war ein ſchöner feierlicher Augenblick, als beide Armeen ſich mit einem donnernden „Hurrah!“ begrüßten; die Banner ſich ſenkten, — 121— und die Muſik mit ihren herviſchen Klängen, den nach Freiheit und Ehre dürſtenden Geiſt von vielen Tauſenden, berauſcht und ſchwindelnd zu dem Himmel trug. Die Sonne ſchien prächtig auf die kriegeriſche Scene, und, unzähligen Blitzen gleich, ſchimmerten die Waffen in allen Richtungen. Als aber auch die Franzoſen ſich aufgeſtellt, und Washington, dieſer allver⸗ ehrte Held, deſſen Ruhm längſt über die Meere gedrungen, nun gegen ſie heranſprengte, gefolgt von ſeinem glänzenden Stabe, und ſie Will⸗ kommen hieß mit wenigen aber kräftigen Worten, da erfaßte Alle eine heilige Begeiſterung, und weithin, erderſchütternd, ſchallte der Ruf:„Es lebe die Freiheit!— Es lebe Was⸗ hington!“ Dem edlen Feldherrn traten Thränen in die Augen; denn endlich! endlich! waren ſeine Hoff⸗ nungen erfüllt: Frankreich, das Mächtige, hatte Wort gehalten und Hülfe geſandt, und nun durfte er mit Gewißheit darauf zählen, den einzigen Wunſch ſeiner Seele bald befriedigt: Amerika frei und glücklich zu ſehen. — 1— Freundlich grüßend durchritt er darauf die Reihen der Neuangekommenen, und ſein Herz bebte vor Luſt, als er die edle Haltung der ſchönen kräftigen Männer ſah, aus deren Zügen ihm Kühnheit und freudiger Muth ent⸗ gegenſtrahlten. Sie bildeten in der That einen auffallenden Contraſt mit den Truppen des Lan⸗ des, aus deren ernſten Geſichtern nur kalte Todesverachtung blickte, und die durch Anſtren⸗ gungen und Entbehrungen aller Art heimgeſucht, zum größten Theil auf das elendeſte equipirt waren. Nichtsdeſtoweniger aber verband beide Armeen ein Geiſt und ein Gedanke; beide hatten ſich, auf verſchiedenen Hemiſphären, Lorbeeren geſammelt, und beide ſollten nun gemeinſchaftlich einen welt⸗ hiſtoriſchen Kampf beſtehen. Nachdem ein feierlicher Gottesdienſt die Cere⸗ monien des Empfanges beſchloſſen, zog ſich Was⸗ hington zurück, und die Franzoſen ſchlugen in der Eile die nöthigen Zelte auf. Kosciuszko aber verfügte ſich mit allen Denjenigen, welche dem Generaliſſimus vorgeſtellt werden ſollten, ————————. „———— ———— —— —,———— cepee———————— — 123— in die Nähe des Hauſes, in dem jener abge⸗ ſtiegen. Der Gedanke an die Wichtigkeit der nächſten Augenblicke nahm Thaddäus ſo ſehr in An⸗ ſpruch, daß er kaum auf das bunte Gewühl achtete, welches um ihn herum auf⸗ und ab⸗ wogte, und allerdings ein intereſſantes Schau⸗ ſpiel darbot. Officiere kamen und gingen, Ad⸗ jutanten ſprengten hin und her, Verkäufer boten ihre Victualien an, und wurden von Soldaten jeder Gattung handelnd umringt. Markedente⸗ rinnen ſchenkten ein; Uniformen und Waffen der verſchiedenſten Art und Geſichter in allen Ab⸗ ſtufungen der Farbe, von dem glänzenden Schwarze des Negers bis zum durchſichtigen Weiß der Europäer, glitten an einander vor⸗ über; doch ſprach ſich in Jung und Alt, in Mann und Weib, in Officier und Gemeinen, im Gehen und Handeln jener Ernſt aus, der dem Charakter der Nordamerikaner ſo eigen iſt, und nur von ferne her aus dem Lager der Fran⸗ zoſen ſchallten die Töne munterer Lieder. Für Thaddäus ging dieſe bewegte Scene ver⸗ — 124— loren; denn er ſtand gedankenvoll, war im Geiſte ſchon tief im Lande vorgedrungen und führte ſeine tapfere Schaar zu kühnen Siegen. Erſt jetzt, als die Menge auseinanderſtob, und eine dichte Staubwolke das Nahen mehrerer Reiter verkündete, blickte Kosciuszko auf, und ſah einen Mann der wohl in ſeinem Alter ſein mochte, daherſprengen. Der Reiter, welchem zwei Officiere folgten, würde kaum ſeine Auf⸗ merkſamkeit erregt haben, wenn ſeine Tracht ihn nicht als einen Polen bezeichnet hätte. Wie ein elektriſcher Funke durchzuckte Kosciuszko dieſe Bemerkung. Raſch trat er vor; aber in dem⸗ ſelben Augenblicke hatte ihn auch ſchon der Reiter erkannt und war mit den Worten:„Da iſt er ja, der alte Junge, Willkommen! Willkommen in Amerika!“ abgeſprungen und ſchloß ihn nun freudeſtrahlend in ſeine Arme. Thaddäus's Ueberraſchung war ſo groß, daß er erſt nach einigen Minuten Worte finden konnte. Staunend erkannte er in dem Lands⸗ mann den edlen Grafen Pulawski, einen ſeiner Jugendgefährten, mit dem er ſo manchesmal ₰. ℳ in dem Hauſe des Fürſten Czartoriski zu⸗ ſammen geweſen. Ein größeres Glück, ein freund⸗ licheres Zeichen ſeiner Gnade, hätte ihm der Himmel kaum gewähren können. Jetzt ſchien ihm das fremde Amerika ſchon vertrauter; denn er beſaß ja einen Freund darin. Und welch' glückliches Omen, der Erſte der ihn auf dem fremden Boden begrüßte, war ein Landsmann— war jener berühmte Mann, welcher die bewun⸗ derungswürdige Entſchloſſenheit eines amerika⸗ niſchen Partheigängers mit dem unerſchütter⸗ lichen Muthe eines polniſchen Freiheitshelden vereinte. Pulawski nahm ſich ſogleich ſeines Lands⸗ mannes mit Eifer an, und verfügte ſich unver⸗ weilt, nachdem er den Wunſch des Freundes erfahren, zu dem Generaliſſimus. Washing⸗ ton empfing ihn freundlich; denn er ſchätzte ihn hoch, und wußte welch' bedeutende Dienſte dieſer Anführer und ſeine Reiterei der Union ſchon er⸗ zeigt Sein Geſuch ward alsbald bewilligt, und der Graf beeilte ſich ſelbſt ſeinen Freund vor⸗ zuſtellen. — 126— Wie ſchlug das Herz Kosciuszko's als er nun zum erſtenmale dem größten Manne ſeines Jahrhunderts gegenüberſtand. Es war eine große, edle Geſtalt. Das Auge feurig und geiſtvoll, die Naſe gebogen, der Mund geſchloſſen, die Stirne hoch. Die einfache Uniform in welcher er, mitten unter den glänzenden Officieren ſeines Stabes ſtand, kleidete ihn unendlich gut, und hob noch das Impoſante ſeiner Erſcheinung Als die beiden Polen eintraten war er mit dem Entwurfe eines Planes beſchäftigt. Die linke Hand in die Seite geſtützt, deutete er mit der rechten auf eine Land⸗ karte, die vor ihm ausgebreitet lag, und ſchien ſich eben mit Lafayette und den Generalen Wayne, Howe und Verplank zu bereden. Doch kaum gewahrte er die Eingetretenen, als er den Tiſch verließ, und mit der Einfachheit eines ſchlichten Bürgers auf ſie zutrat. „Willkommen!“ ſagte er ernſt und doch mild zu dem neuen Ankömmlinge, und ſchüttelte ihm herzlich ſeine Hand;—„Ihr ſeid mir von einem wackeren Manne empfohlen. Kann — 127— ich, ſo werd' ich dienen. Was wollt Ihr hier machen?“ „Ich komme als Freiwilliger für die Unab⸗ hängigkeit Amerika's mitzukämpfen,“ entgegnete entſchloſſen Kosciuszkv. „Gut!“ fuhr der Feldherr in ſeiner lako⸗ niſchen Art fort„Und was ſeid Ihr im Stande zu verrichten?“ Thaddäus ſchwieg einen Moment, dann ſagte er mit Ruhe: „Stellt mich auf die Probe.“ Washington, dem das einfache und ent⸗ ſchloſſene Weſen des Polen gefiel, blickte ihn freundlich an, wandte ſich darauf zu ſeinen Ge⸗ neralen und rief: „Ich denke der Freund unſeres tapfern Pu⸗ lawski kommt gerade recht, uns ſeine Fähig⸗ keiten zu zeigen Es bleibt bei dem Angriffs⸗ plane auf Stony⸗Point. General Wayne führt das Kommando Die Generale Howe und Verplank unterſtützen ihn mit ihren Di⸗ viſionen; und der Marquis von Fleury und Ihr, mein neuer Freund, werdet ſie begleiten. Das Nähere durch die Inſtruktionen“ Als er dieß geſagt winkte er den Polen einen freundlichen Abſchied zu, und ging zu dem Tiſche auf welchem die Landkarte lag, zurück. Pulawski und Kosciuszko traten in das Freie. Thaddäus drückte dankbar dem Landsmanne die Hand und rief: „Gott ſei Dank, endlich darf ich unter den Fahnen der Freiheit fechten oder ſterben.“ „Siegen, Junge,“ unterbrach ihn Pu⸗ lawski,„und Lorbeeren Dir ſammeln, aber nicht ſterden!— Aber ſprich, wie hat Dir der Generaliſſimus gefallen?“ „Unendlich gut!“ entgegnete begeiſtert Thad⸗ däus„Dieß ſchlichte einfache Weſen, dieſer Ernſt und dieſe Güte können nur hinreißen.“ „Ja, bei dem heiligen Stanislaus!“ fuhr Jener fort:„Es iſt ein großer Mann Glaub mir, der hat das Herz auf dem rechten Flecke. Geſcheidt wie der Teufel, und doch beſcheiden; Staatsmann und doch kein Schurke; zeigte er bis jetzt eine Seelenkraft und Ausdauer wie ſie * — 129— Wenigen gegönnt iſt Doch Du wirſt ihn ſelbſt kennen lernen. Jetzt komm, und laß uns bei einem guten Glas Wein unſeres geliebten Polens denken.“ Bei den letzten Worten hatte ſich Kos⸗ ciuszko's Stirne verfinſtert; ſeine Augen wur⸗ den feucht, und er wandte ſich auf die Seite, einen Seufzer zu verbergen. Kaum aber hatte er den Kopf gedreht, als er wie vom Donner gerührt ſtehen blieb. „Nun?“ rief Pulawski—„Was haſt Du, es gibt doch hier keine Klapperſchlangen?“ „Schlangen wohl!“ murmelte Thaddäus mit gepreßter Stimme, indem ſein erſtauntes Auge auf einem alten Mann haftete, der lang⸗ ſam auf ihn zukam. „Verfolgt mich und die gute Sache denn ewig dieſes Ungethüm?“ rief er faſt entſetzt. Der Alte war unterdeſſen herangekommen, und grüßte die Polen freundlich. „Was willſt Du?“ frug ihn Ko sciuszko kalt. „Euch willkommen heißen im lieben Amerika, das unſre Söhne frißt! Ihr ſtaunt, mich hier Rau, Th. Kosciuszko. 1I. Thl. 9 — 130— wieder zu finden?“ fuhr er fort.„Ich bin im gleichen Fall mit Euch. Die Entdeckung der Verſchwörung Berſzades trieb mich aus Polen. Und ſo kam ich, im Gefolge eines ſeiner Freunde, mit derſelben Flotte hierher, die auch Euch brachte“ „Aber was haſt Du hier zu ſuchen?“ frug ihn Thaddäus. Der Alte ſtreckte ſich hoch empor, neigte ſich dann mit dämoniſchem Lächeln gegen den Fra⸗ genden und ſagte mit dumpfer Stimme: „Ich will meinen Haß an dem Grabe meines Sohnes ſtärken!“ — V. Stonen-Point. „Wohl auf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd; Ins Feld in die Freiheit gezogen. Im Felde, da iſt der Mann noch was werth, Da wird das Herz noch gewogen. Da tritt kein anderer für ihn ein, Auf ſich ſelber ſteht er da ganz allein.“ F. v. Schiller. Einer der ſchönſten nordamerikaniſchen Flüſſe iſt unſtreitig der Hudſon. Im Staate New⸗ York, zwiſchen dem Champlain und Loren⸗ zoſtrom entſpringend, ſchwillt er bald zu einer ungeheueren Breite an, in welcher er ſich dann unabläſſig erhält und, in einer faſt geraden Linie von Norden nach Süden ſtrömend, ſich, nach einem Laufe von ungefähr hundert Stunden, in den atlantiſchen Ocean ergießt; das Bett dieſes gewaltigen Fluſſes, wohl das Reſultat eines vulkaniſchen Riſſes, bildet gleichſam einen herrlichen Kanal, der gleichförmig breit und tief, und in regelmäßiger Richtung durch hohe Felſen gebrochen, in ſanftem Fall dahin gleitet. Seine Ufer, jetzt zum größten Theil gut bebaut und mit blühenden Städten bedeckt, zeigten im Jahr 1778 noch wenige Spuren von Cultur; dagegen boten ſie eine reiche Abwechslung an ſchönen oft ſelbſt erhaben⸗wilden Punkten dar So drängt er ſich nicht weit von ſeiner Mündung, noch in der Nähe von New⸗York, durch eine lange Folge felſiger Ufer die, ſenkrecht aus dem Waſſer aufſteigend, ſich bis zu einer rieſigen Höhe erheben, und, nur ſparſam von wenigem Grün bedeckt, zwei majeſtätiſche Mauern bilden. Schöner, abwech⸗ ſelnder, grotesker werden aber die Ufer, je weiter man hinauf fährt. Keine von allen den Landſchaften aber, welche man bei dieſer Fahrt bemerkt, iſt ſo zau⸗ beriſch, ſo feenhaft als Cattshill Hier ſteigen 33— die Felſenberge bis zu einer Höhe von 620 Toiſen über den Meeresſpiegel empor und bedecken ſich mehr und mehr mit dichten Wäldern von Fichten, Eichen und Lärchen, die wohl ſo alt ſind als die Welt. Plötzlich entfalten ſich dem Auge des Staunenden, dieſe wild untereinander liegenden Hügel mit den reichſten Pflanzenſchönheiten be⸗ deckt und vor ihm wirft ſich ein mächtiger Felſen, hoch in den Lüften, von einem Ufer zu dem anderen, und ſpannt ſo eine natürliche Brücke über den Fluß, deſſen Waſſer in ſchaumigen Flocken hoch herabſtürzen, und mit ihren Donnern die Erde erſchüttern. Solche Bilder, wechſelnd mit freundlichen Thälern und rauhen Wildniſſen, bieten die Ufer des Fluſſes, an welchem, gerade in einer ſeiner wildeſten Gegenden, die beiden feſten Punkte Verplank und Stoney⸗Point lagen. Es waren dieß zwei, von den Amerikanern angelegte und ſtark befeſtigte Orte, deren Beſitz von hoher Wichtigkeit war. Die Engländer hatten dieß längſt eingeſehen, und dem General Clington — 134— war es geglückt beide nach einem heftigen Kampfe zu erobern. Seit jener Zeit wurden weder Geld noch Kräfte geſpart, die Feſtungswerke zu ver⸗ beſſern, und es konnte nicht fehlen, daß dieß den Britten auf das Vollkommenſte gelang. Cling⸗ ton ſelbſt nahm ſein Hauptquartier in Philipps⸗ burg um gleich nahe bei Verplank und New⸗York zu ſein. Mit dieſen Forts hatten aber die Königlichen den Schlüſſel von Connecticut, wenigſtens von der Landſeite in der Hand, ja ſie konnten den Republikanern von hier aus leicht alle Ver⸗ bindung mit Albany abſchneiden. Washingtons Plan erforderte die Ver⸗ treibung der Feinde aus jener Gegend. Daher beauftragte er denn auch, aller Hinderniſſe un⸗ geachtet, den General Wahne beide Plätze zu nehmen. Wayne brach ſofort, unterſtützt durch die Generale Verplank, Hawe und La⸗ fayette, und begleitet von dem Marquis von Fleury und Kosciuszko, auf, und ſetzte ſich noch gegen Abend in Bewegung. Es mochte faſt um dieſelbe Zeit ſein, in — 135— welcher die Amerikaner das Lager verließen, als ſich folgendes auf Stoney⸗Point zutrug. In einem auf das fashionabelſte ausge⸗ ſchmückten Zimmer des Haupthauſes, ſaß der Commandant von Stoney⸗Point und unter⸗ hielt ſich, oder ließ ſich vielmehr auf das ange⸗ legentlichſte von einem Officier unterhalten. Der Commandant war ein langer, ſpindeldürrer Mann, von ächt engliſcher Geſichtsbildung. Trocken und ſteif wie ſeine Züge, war ſein Benehmen. Er ſprach wenig, trank viel und gut, und der Abgott ſeines Lebens war die Bequemlichkeit.„Nur comfortable!“ war ſein Loſungswort, und er hätte ſich im Nothfall nichts daraus gemacht, wenn die Welt mit ihm untergegangen wäre, wenn dieß nur auf eine comfortable Weiſe ſtattgefunden Jetzt eben lag er ausgeſtreckt in einem weich gepolſterten Seſſel, die Arme ruhten auf den Lehnen deſſelben, und die Füße auf einer ge⸗ ſchmackvollen Fußbank Dabei rauchte er behag⸗ lich ſeine Cigarre, und trank von Zeit zu Zeit aus einer vor ihm ſtehenden Taſſe ſeinen dampfenden Thee Einen ſchroffen Contraſt mit dieſer ruhigen — 136— Figur bildete der Officier, welcher ihn ſo ange⸗ legentlich unterhielt; denn jemehr derſelbe ſprach, ie unbeweglicher der Commandant, ſelbſt in ſei⸗ nen Zügen dabei blieb, deſto mehr ſteigerte ſich der Eifer des Redenden, und er fing an mit Händen und Füßen ſo beweglich zu werden, daß er in eine Art Ertaſe kam, und ſein hämiſches, tigerartiges Geſicht dick und roth anſchwoll. „Aber um Gotteswillen!“ ſagte er endlich, mit vor Aerger faſt erſtickter Stimme,„Ew. Herrlichkeit hören mich ja gar nicht!“ „Doch!“ entgegnete der Commandant. Nun ſind Ew. Herrlichkeit geneigt in meinen Plan einzugehen?“ Der Engländer ſchwieg und blies einige Rauch⸗ ringe in die Luft. „Es bedarf nur ein Wort von Ew. Herrlich⸗ keit,“ fuhr der Andere fort, ich laſſe die Häupt⸗ linge der Indianer eintreten, und wir ſchließen den Vertrag ab.“ „Britten und Indianer!“ murmelte der Com⸗ mandant ſtolz und verächtlich. „Aber bedenken Sie doch, Mylord, Sie können — Ihre Garniſon nicht ganz verwenden, und Wio⸗ ming zählt über tauſend tüchtige Streiter. Ich bitte Sie, behalten Sie den ungeheuren Vortheil im Auge, der Ihnen aus dieſem Handſtreiche erwächſt. Wioming iſt reich, ſehr reich, die geizigen Quäker haben viel zuſammengeſcharrt; man plündert, raubt, verwüſtet, nimmt ſich das Beſte und ſchiebt dann alle Gräuel auf die Indianer.“ Der Sprechende hatte dieſe Worte mit Heftig⸗ keit ausgeſtoßen, und ſeine grünen Augen glänzten dabei von einer unheimlichen Freude Der Britte ließ ſich nicht außer Faſſung bringen, er fuhr fort die ſchönſten Ringe in die Luft zu blaſen und ſagte einzig: „Gemach Capitän Buttler. Alles nur comfortable! nur ruhig!“ „Ew. Herrlichkeit,“ fuhr der unermüdliche Capitän fort,„kann ganz ruhig auf Stoney⸗ Point verweilen. Wenn Sie nur jetzt die Ge⸗ wogenheit haben wollen, mit den Häuptlingen der Indianer abzuſchließen, und mir ſodann hundert Mann Ihrer Garniſon anvertrauen, ſo — 138— lege ich Ihnen, in wenigen Tagen unermeßliche Schätze zu Füßen, und Sie erndten noch obendrein den Ruhm, Seiner brittiſchen Majeſtät einen weſentlichen Dienſt erwieſen zu haben.“ Der Commandant warf dem Capitän einen verächtlichen Blick zu und ſagte ſtolz: „Ich ſchmücke mich nicht mit fremden Thaten!“ „Aber Sie geben ja die hundert Mann..... 3 „Genug! Die Sache wird mir läſtig; darum macht ein Ende.“ „Soll ich die Häuptlinge eintreten laſſen?“ Der Engländer neigte kaum merklich ſeinen Kopf. Wenige Minuten ſpäter traten, von dem Capitän geführt, vier Indianer ein. Es waren Häuptlinge der, unter der Benennung Jrokeſen bekannten, ſechs Stämme. Die Dunkelheit war bereits angebrochen, als die großen, finſteren Geſtalten wie Schatten durch die Thüre ſchritten. Ihr wohlgebauter Körper war faſt nackt, und zeigte die kupferfarbigen nervigen Glieder in ihrer ganzen Fülle. Das ſchwarze, grobe Haar hing ſtraff herab, und gab den, ohnehin wilden, durch . — 139— das Hervorſpringen der Backenknochen widrigen, Geſichtern, einen noch ſchrecklicheren Ausdruck. Ihr ganzer Anzug beſtand aus einem, um die Lenden geſchlagenen, Zeuge und Mocaſſins von Hirſchleder, an welchen auf eine geſchickte Weiſe Zierrathen von Glasperlen angebracht waren. Die Waffen hatten ſie, obgleich erſt nach langem Sträuben, und auf Buttlers wiederholte Vor⸗ ſtellung: daß ſie der große Häuptling der Weißen nur auf dieſe Weiſe vorlaſſen würde, abgelegt. Der Commandant hatte bei ihrem Kommen den Kopf leicht nach der Thüre gewendet, ließ ſich aber nicht im Geringſten im Rauchen ſeiner Cigarre ſtören ſondern beorderte mit einem Blick den Capitän ihn bei der Sitzung zu vertreten. Buttler, dem dieſer Wunſch hoͤchſt willkommen war, ließ ſogleich einen Teppich ausbreiten, winkte den Häuptlingen ſich darauf niederzulaſſen, und befahl, denſelben brennende Pfeifen zu reichen. Nachdem dieſe Vorbereitung geendet, und die Irokeſen einige Züge gethan, redete ſie Butt⸗ ler, neben dem Seſſel des Commandanten ſtehend, in ihrer Sprache an. — 140— „Ihr Männer und Häupter der Aguano⸗ ſchioni(der Innigverbundenen), der große Häupt⸗ ling der Rothröcke(Engländer) hat von ſeinem und Eurem Vater den Auftrag erhalten, Euch die Friedenspfeife in der flachen Hand zu reichen. Er freut ſich, ſeine Kinder um ſich verſammelt zu ſehen, und will die Treue, mit welcher ſie an ihrem und ſeinem Vater hängen, reichlich belohnen. Er hat mich, wie ich Euch ſchon an Euren Feuern erzählte, zu Euch geſandt und geſprochen? Sage meinen Kindern, daß ich ihnen zur Belohnung meine Feinde in die Hände gebe, mit Allem was ſie aufgehäuft in ihren Hütten. Sie ſollen das Beil erheben und mit mir ziehen, und ich will ihnen Wioming ſchenken, mit ſeinen Heerden und ſeinen Schätzen. Und als ich ſo zu Euch geſprochen, da habt Ihr mir die Friedenspfeife gereicht, und als ſie geraucht war, ergrifft Ihr den Tomahawk und folgtet mir, um von dem großen Häuptlinge ſelbſt zu erfahren, daß ich wahr geſprochen. Hier nun ſeht Ihr ihn und möget ſeinen Worten glauben.“ Nachdem Buttler geendet, trat auf wenige Minuten eine tiefe Stille ein, in welcher die Jrokeſen nachdenkend mit geſenkten Häuptern da⸗ ſaßen, und dichte Rauchwolken aufbließen. End⸗ lich erhob, wie es ſchien, der Aelteſte von ihnen das Haupt und ſprach: „Höre, Yommondio,— großer Häuptling— Caracteriche*) und ſeine Brüder ſchlafen nicht. Wir haben nicht vergeſſen, daß die weißen Männer, die von Oſten kamen, erſt die Friedens⸗ pfeife mit uns rauchten und uns zu ihren Zelten riefen um zu handeln. Aber unſer Herz hat ſich auch den Tag gemerkt, an welchem ſie die Don⸗ nerbüchſen ergriffen und uns überfielen und unſere Weiber nahmen und unſere Wälder verbrannten. Sie ſagten der große Geiſt habe befohlen dieß zu thun; aber— Yommondio— ſie lügen; denn lange, lange ehe ſie kamen, hatte der große Geiſt unſeren Stämmen dieſe Reviere geſchenkt. Willſt Du uns nun das Thal des Susque⸗ *) Caracteriche(in der Urſprache: weißer Wolf) der Name des Sprechenden. — 142— hanna wiedergeben, ſo ſchicke Deine Rothröcke mit uns, und wir wollen es nehmen; denn un⸗ ſere Zahl iſt wie das Laub des Waldes, und unſre Rache iſt wie der Bergſtrom der brüllend über die Felſen ſtürzt.“ Caracteriche ſchwieg und es trat aufs Neue eine Stille ein, welche Buttler dazu be⸗ nutzte dem Commandanten die beiden Reden zu verdolmetſchen. Dem Britten, dem der ſpecifiſche Geruch, welchen die Indianer um ſich verbrei⸗ teten, unangenehm in die Naſe ſtach, und der die Verhandlung gern beendet ſah, verlangte Papier und Feder und fertigte dem Capitän ein Schreiben aus, nach welchem hundert Mann von der Beſatzung von Verplank zu ſeiner Verfügung geſtellt wurden. Jedem Zuge der Hand auf dem gewichtigen Papiere, das ſo viel zur Befriedigung ſeiner Rache beitragen konnte, folgte Buttler mit teufliſcher Wolluſt, und als er endlich den lang⸗ erſehnten Befehl nun in ſeinen Händen hielt, ge⸗ hörte ſeine ganze Gewandtheit und Verſtellungs⸗ gabe dazu, um ſeine hölliſche Freude zu bemeiſtern. — 143— „Wohlan denn!“ rief er den Jrokeſen zu, „damit Ihr ſehet daß mein Mund wahr geſprochen, ſo wiſſet: auf dieſem weißen Blatte ſtehet der Wille des großen Häuptlinges und der Befehl, daß uns viele hundert Rothröcke folgen und er ſagt darin:“ „Caracterich e und ſeine Brüder ſind meine Kinder; ich will an ihren Feuern einen Friedens⸗ baum errichten unter dem ſie tanzen, und ſeine Zweige ſollen ihr und mein Land bedecken. Ich gebe ihnen meine Feinde im Thale des Sus⸗ guehanna, das ſie Wioming nennen, und ihre Beile ſollen ſich färben in ihrem Blute und ihre Hände ermüden von der Laſt der Beute.“ Mit ſcheinheiliger Miene küßte Buttler darauf das Blatt und reichte es den Indianern, die es einzeln ebenfalls küßten und an ihre Stirne drückten. Nachdem dieß geſchehen ließ der Ca⸗ pitän, der ſich für dieſen Fall ſchon vorgeſehen, durch die Diener des Commandanten verſchiedene Kleinigkeiten als Geſchenke unter die Häuptlinge austheilen, und brach ſodann mit denſelben nach Verplank auf, um die ihm zugeſtandene —— Verſtärkung zu beziehen. Sein Geiſt verſank in blutige Träumereien, und malte ihm ſchon im Voraus die ſchrecklichen Scenen aus, an welchen er ſich ergötzen, ſeine Rache ſättigen wollte. Als ſich Buttler und die Jrokeſen entfernt hatten, erhob ſich der Commandant:„God damn!“ murmelte er dabei vor ſich hin,„dieſe Menſchen haben keinen Begriff von Comfort!—“ Er ließ darauf das Zimmer lüften, und zündete eine neue Cigarre an. Während ſich dieſe, für das ſtille, glückliche Wioming ſo gefährliche Wetterwolke auf Sto⸗ ney⸗Point zuſammenzog, und deſſen Comman⸗ dant in ruhiger Behaglichkeit, ſorgenlos der Zu⸗ kunft entgegenſah, nahten ſich die Republikaner unter dem Schutze der Nacht und von den Eng⸗ ländern unbemerkt, der gedachten Feſte. General Wayne verbarg ſich keinesweges die großen, faſt unüberſteiglichen Hinderniſſe, welche der Eroberung dieſes, ſo außerordentlich feſten, von der Natur ſo begünſtigten Orts;, ent⸗ gegentraten. Moräſte waren zu durchwaten, Felſen zu erklimmen, faſt undurchdringliche Wäl⸗ der zu durchbrechen, ehe man nur den Ort der Beſtimmung erreichen konnte; da der einzig gute Weg von den Engländern beſetzt war. Und dennoch waren dieß nur Kleinigkeiten gegen die Anſtrengungen, welche bei einem Sturme ange⸗ wandt werden mußten; zumal da es bekannt war, daß Stoney⸗Point von einer ſtarken und tapferen Mannſchaft vertheidigt wurde. Vor welchen Hinderniſſen aber bebt der be⸗ geiſternde Muth einer, um ihre Freiheit, um ihre Eriſtenz kämpfenden, Nation zurück?— Auch das kleine Heer Waynes belebte derſelbe, ja er ſteigerte ſich in ihm zur Tollkühnheit und Ver⸗ wegenheit. Schon bei dem Abmarſche hatte ſich eine Anzahl der, in dem nordamerikaniſchen Be⸗ freiungskampfe unter dem Namen:„der ver⸗ lorenen Söhne“ ſo rühmlich bekannten, kühnen Schaar freiwillig an die Spitze des Zuges ge⸗ ſtellt, und es ſich zur Aufgabe gemacht alle Hinderniſſe aus dem Wege zu räumen. Jetzt als man mit Anbruch des Tages bis zu dem letzten Verſtecke gekommen war, trat Giblon, Nan, Th. Koscinszko. I. Thl. 10 — 146— der Lieutenant dieſes Haufens, vor und erbat ſich, für ſich und die Seinen, die Erlaubniß, bei dem nahen Sturme die Palliſaden der Feſtung niederreißen zu dürfen. General Wayne, dem feſten Manne, dem geübten Krieger, traten bei dieſem Antrage faſt die Thränen in die Augen; denn er wußte, ſo gut wie Giblon und ſeine Leute, daß dieſe Aufgabe übernehmen, ſich un⸗ bedingt dem Tode weihen heiße. Kosciuszko brannte das Herz im Leibe. Auch er bat um Erlaubniß, ſich„den verlo⸗ renen Söhnen“ anſchließen zu dürfen, wurde aber mit dieſer Bitte zurückgewieſen, und em⸗ pfing von dem General das Commando einer kleinen Abtheilung, nebſt dem Befehle dicht hinter jenen vorzurücken, und wo möglich im Sturme die große fünfeckige Sternſchanze zu nehmen, welche das Fort im Süden vertheidigte. Nachdem noch die übrigen Befehle ertheilt waren, ward das Zeichen zum Vorrücken ge⸗ geben, und die Amerikaner verließen den Wald. Erſt jetzt, als ſich ſchon die feindlichen Colonnen im Deployirſchritt der Feſte näherten, erkannten — 147— die Engländer beim Anbruche des Tages die drohende Gefahr; doch die Natur machte gut, was ihre Nachläſſigkeit verſäumt; die Amerikaner trafen unerwartet auf einen Sumpf, der ſie am Vorrücken hinderte, und welchen ſie nur langſam paſſiren konnten. Da eröffneten die Engländer ein wüthendes Kartätſchenfeuer. Aber wie die Kanonen donnerten und die Kugeln ſchwirrten und pfiffen, und die Menſchen lautlos hinſanken, iauchzte in hellen herviſchen Siegestönen die Muſik dazwiſchen,— und Donnerton und Muſtk, und die letzten Seußzer der Sterbenden und der nahe eigne Tod— Alles dieß griff in die Bruſt der Stürmenden und hob ſie über ſich und die blutige Wirklichkeit, und erfüllte ſie mit Löwen⸗ muth. Da ſtimmte die Muſik eine vaterländiſche Hymne an, und jauchzend, todesmuthig gingen die Colonnen vorwärts und ſangen: Auf, Brüder! muthig in den Tod! Es gilt dem Vaterland; Zu enden ſeine Schmach und Noth Liegt nun in unſrer Hand. Die Macht iſt klein, der Muth iſt groß Auf Gott die Hoffnung ſteht; — 148— Den trifft der Erde ſchönſtes Loos, Den hier der Tod umweht. Flamme Schwert in unſrer Hand Für Freiheit und für Vaterland. Gerechtigkeit iſt unſer Schild, Die Ehre unſre Fahn; Denn nur wo Recht und Ehre gilt Sind gern wir Unterthan. Der Lügenbrut und Tyrannei Gilt unſres Haſſes Gluth; Drum ihre Ketten ſprengt entzwei Und gält es euer Blut. Flamme Schwert in unſrer Hand Für Freiheit und für Vaterland. Die kleine Schaar der verlorenen Söhne⸗ hatte ſich unter dem Abſingen dieſes, ihres Lieb⸗ lingsliedes auf die Palliſaden geworfen, und riß nieder was ſie erfaſſen konnte; aber wüthender„ noch raste der Tod in ihren Reihen und in einer kleinen halben Stunde waren vier Verwundete, die aus dem Kampf getragen wurden, der trau⸗ rige Reſt dieſer heldenmüthigen Jünglinge. Aber ſie hatten den Weg gebahnt. Kos⸗ ciuszko der mit den Seinen dicht hinter ihnen ſtand ergriff eine wilde heroiſche Begeiſtrung. Der Donner der Kanonen; die rauſchende Muſik; — der begeiſternde Sang, der ſo Manchem zum Jodenliede wurde das Blut, das um ihn floß; die Seufzer der Sterbenden, die zu ſeiner Seite niederſanken— alles,— alles dieß riß ihn wie mit unſichtbaren Händen zum Kampfe fort. Ein wunderbarer Rauſch erfaßte ihn; wie im Fluge ſah er mitten in den dichten Wolken des Dampfes, ſeine Louiſe, wie ſie begeiſtert nach der Schanze zeigte; da umwirbelte ihn der Gedanke: Sieg!— und„vorwärts!“ rufend ſtürzte er an der Spitze der Seinen dem Feinde entgegen. Aber auch ihn empfing ein hölliſches Feuer, das, gut unter⸗ halten, ſeinen Leuten keine Zeit zum Laden ließ, ja dieſelben zurückzutreiben drohte. Aber ſchnell wie der Blitz war ſein Entſchluß gefaßt, er ließ abfeuern, und befahl, ohne zu laden, das Ba⸗ jonett aufzuſtecken. „Jetzt mir nach Kinder!“ rief er dann, mit dem Degen auf die Sternſchanze zeigend, und im Sturmſchritt ſtürzten ſich die Colonnen mit gefälltem Bajonett auf die Werke von Stoney⸗ Point Die Engländer hielten tapfer Stand; nicht in Reihen wurde mehr gekämpft, ſondern Mann gegen Mann, Bruſt gegen Bruſt. End⸗ lich fing die Beſatzung an zu wanken, als es der Commandant, der, mitten im Kugelregen, die Cigarre im Mund, mit derſelben Kaltblütig⸗ keit, mit welcher er ſeinen Thee zu trinken pflegte, beobachtend ſtand,— gewahrte. Er warf ſogleich neue Verſtärkung in dieſen wich⸗ tigen Theil ſeiner Feſte, mit dem Befehl nicht vor den elenden Inſurgenten zu weichen. Jetzt ſchien ſich das Glück wenden zu wollen, die Kugeln der neu angekommenen Engländer trafen ſicher, die Gräben füllten ſich mit Leichen, die Amerikaner wichen; da riß Kosciuszko dem ſinkenden Fahnenträger das Banner aus der Hand, ſchwang es hoch in den Lüften, rief: „Wer ein Mann iſt, der folge mir!“ ſchwang ſich mit einem kühnen Satze empor— und ſtand auf der Schanze. Faſt in derſelben Mi⸗ nute war es auch dem Marquis von Fleury gelungen die Bruſtwehr zu erklimmen, und— während Thaddäus die nordamerikaniſche Fahne aufpflanzte, die königliche herabzureißen. Mit der Schnelle des Gedankens ermannte — 151— dieß Beiſpiel die weichenden Truppen, ſie wand⸗ ten ſich und ſtürmten mit verdoppeltem Muth auf die Feinde. Wie ein wilder Bergſtrom, der ſeinen Damm gebrochen, ſich ſchäumend und donnernd durch die Lücke drängt, und Alles verheerend mit ſich fortreißt, ſo brachen jetzt Kosciuszko's Schaaren herein. Ver⸗ gebens war jede Gegenwehr, vergebens ließen ſich die Britten zu Hunderten erſchießen,— ſie mußten weichen— Stoney⸗Point war genommen. Der Kampf ließ nach. Nur die Mann⸗ ſchaft einer einzigen Schanze hielt ſich noch und ſchien entſchloſſen zu ſein keinen Pardon anzunehmen. Sie feuerte mit Beharrlichkeit und wenn der Wind den Rauch und Dampf bei Seite trieb, ſah man den Commandanten ge⸗ mächlich auf der Lavette einer Kanone ſitzen, und — rauchend— ſeine Kinder mahnen: lieber als ächte Engländer mit Ruhe und Comfort zu ſterben, als ſich den Hunden von Inſurgenten zu ergeben. — 152— Nach einer Viertelſtunde ſchwieg auch dieſer Punkt, denn die Tapferen waren gefallen, und der Commandant lag, die Cigarre noch im Munde, von vier Kugeln durchbohrt auf der Lavette der Kanone. VII. Das Wirthshans. Wohin, wohin Willſt Du denn ziehn? Der Weg ſo weit! So ſchwül, ſo ſchwül die Mittagszeit. Heinrich Hoffmann. Zwiſchen dem Delaware und dem Hudſon erhebt ſich, als Waſſerſcheide der beiden Flußge⸗ biete, eine, mit Urwaldung bedeckte, Hügelreihe. Dort war es wo um jene Zeit, tief in dem Walde verſteckt, ein einſames Wirthshaus lag, in welchem die Reiſenden anzuhalten pflegten, die den Ontario⸗See und ſeine Umgegend zu beſuchen genöthigt waren. Es war eines jener einfachen, unter dem Namen Loghäuſer bekannten, Gebäude, von übereinandergelegten Baumſtämmen aufgeführt, die, da ſie von außen nicht behauen ſind, dem Ganzen ein etwas finſteres und wildes Anſehen geben. Hier aber, über⸗ ſchattet von prächtigen Obſtbäumen mitten auf einer Wieſe liegend und rings umſchloſſen von Wald, trat das kleine Haus freundlich hervor, und konnte auf den müden Wanderer, trotz ſeiner einſamen Lage, nur einen erfreulichen Eindruck machen. Heute zumal war das Bild reich belebt; denn ein Trupp Franzoſen, der ſich von der Hauptarmee bei einem Streifzuge durch Unkunde der Gegend verloren, hatte hier feſten Fuß gefaßt. Mit der, ihrer Nation eigenthümlichen, Heiter⸗ keit und Beweglichkeit nahmen ſie ſogleich Beſitz von dieſem vortrefflichen Poſten; ſchleppten, was ſie von Tiſchen und Bänken finden konnten, heraus in den Schatten der herrlichen Bäume, und ließen ſich auftragen was Küche und Keller aur zu geben vermochten. Nachdem die Speiſen und Getränke erſchienen und der erſte Hunger — 155— und Durſt geſtillt war, brach eine allgemeine Fröhlichkeit aus, und machte ſich in Witzen und loſen Reden Luft. Die Gläſer klangen und die Kehlen ſtimmten ſich. Da füllte der Sergeant, welcher den Trupp führte, einen großen Becher, ſchlug alsdann mit der Fauſt auf den Tiſch, daß es donnerte und rief: „Kameraden! der alte deutſche Graukopf, der ſich uns angeſchloſſen, hat verſprochen, ſobald wir erſt den Magen gefüllt, uns etwas Luſtiges von dem alten Franklin zum Beſten zu geben, den wir als den Geſandten dieſer Staaten ſo oft in Paris geſehen.“ „Allons! laßt hören!“ ſchrie die Menge. Der Alte erhob ſich, hub eine Brochüre in die Höhe und frug: „Verſteht Ihr engliſch?“ „NRichts englich— franzöſiſch!“ lärmten die Soldaten. „Gut!“ entgegnete der alte, ſo laßt mir einige Minuten Zeit es nochmals durchzuleſen; da will ich es Euch in Eurer Landesſprache b dolmetſchen, und Ihr ſollt lernen: wie man — 156— ein großes Reich in ein kleines ver⸗ wandeln kann“„Es kann Euch nützlich ſein dieſe Vorſchriften zu wiſſen. Wenn Ihr einmal wieder in Euer Frankreich zurückkehrt, müßt Ihr ſie nur Eurem König und ſeinen Miniſtern lehren.“ „Allons!“ ſagte der S ergeant, indem er dem Alten den vollen Becher reichte;„tummle Dich mit Deiner Verdolmetſchung, und trinke zuvor, daß Deine ſchwere deutſche Zunge beſſer im Stande iſt, unſere feine Sprache zu ſprechen. — Wir aber Kameraden, wollen unterdeſſen eines zum Lob unſeres ſchönen Vaterlandes ſingen. Es muß herrlich hier unter den hohen Bäumen ſchallen.“ „Singen:— ja ſingen!“ riefen Alle, und Jeder ſtimmte eine Melodie an. „Nichts da!“ donnerte der Sergeant. Schweigt ſtill mit Eurem Gebrüll. Gebt acht, unſer Lieblingslied, und ſtimmt zur rechten Zeit ordentlich ein“ Er ergriff darauf ſein Glas, ſtürzte deſſen Inhalt auf einen Zug hinunter, räusperte ſich, gab ein Zeichen und Alle fingen an: Chor. Vivat die Ehre, vivat der Krieg! Frankreichs Fahne führt zum Sieg. Sergeant. Wenn Trometten laut erſchallen, Unſere Donnerbüchſen knallen, Und wir nahen kühn vereint, Flieht vor Schrecken ſchon der Feind. Chor. Vivat die Ehre, vivat der Krieg! Frankreichs Fahne führt zum Sieg. Sergeant. Wenn ein ſchönes Kind wir ſehen, Iſt's gleich um ihr Herz geſchehen. Ob ſie noch ſo ſpröde ſcheint, Sie ergibt ſich doch dem Freund. Chor. Vivat die Liebe, vivat der Krieg! Frankreichs Fahne führt zum Sieg. Sergeant. Kriegesehr und Mädchenherzen, Guten Wein bei Luſt und Scherzen, Muntren Sang und treuen Freund, Sieht der Franke gern vereint. Chor. Vivat die Ehre, vivat der Krieg! Frankreichs Fahne führt zum Sieg. — 158— Lautes Jauchzen folgte dem Liede. Die Gläſer wurden aufs Neue gefüllt und dem Vaterlande ein jubelndes Lebehoch gebracht. Als ſich der Lärm einigermaßen gelegt, wandte ſich der Ser⸗ geant zu dem alten Deutſchen und frug ihn, ob er jetzt bereit ſei, ſeine Lektüre vorzutragen. Der Alte nickte, und nun gruppirten ſich die kräftigen, braungebrannten bärtigen Krieger um den Deutſchen, unter deſſen ſchneeweißem Haupte die Augen kühn und auffordernd hervorblitzten. „Gebt acht!“ rief er,„dieß ſind des herrlichen Benjamin Franklin's Vorſchriften, wie man ein großes Reich— ſo eines wie das ſtolze England, zu dem ja dieſe vereinig⸗ ten Staaten gehörten— oder auch jenes wie Frankreich— für Deutſchland iſt bereits geſorgt, das iſt klein gemacht,— in ein kleines ver⸗ wandeln kann“ „Zuvörderſt, Kameraden, bemerkt, daß ein großer Staat, wie ein großer Kuchen, am leich⸗ teſten von den Ecken aus verkleinert wird.“ „Bravo! bravo!“ ſchallte es auf dieſe Worte — 159— in die Lüfte, und ein lautes Gelächter lohnte den attiſchen Witz. „Sind die Ecken herunter,“ fuhr der Alte ruhig fort,„ſo geht man an die neu erſchienenen Ecken, und ſo immer weiter bis nichts mehr da iſt, als was eine Ratte ſchlucken kann.“ „Zweitens, damit dieſe Abtrennung überall möglich ſei, ſorge man hübſch dafür, daß dieſe Landſchaften nie dem Mutterlande einverleibt werden, nie dieſelben gemeinſamen Rechte und Handelsfreiheiten mit ihm genießen, daß ſie nach ſtrengen Geſetzen, ohne ihnen irgend einen Theil an der Wahl der Geſetzgebung zu erlauben, regiert werden. Beobachtet man ein ſolches Verfahren gehörig, ſo wird man,— um das Kuchen⸗ gleichniß beizubehalten— wie ein kluger Zucker⸗ bäcker handeln, der, um eine Theilung leicht zu bewerkſtelligen, ſeinen Teig an den Stellen, wo er ihn nach dem Backen gebrochen haben will, halb durchſchneidet.“ „Victoria! Franklin ſoll leben!“ jauchzte die Menge, und ſchwenkte die vollen Gläſer. „Und periat den Kuchenfreſſern!“ ſchrie der — 160— Sergeant! und Alle ſtimmten triumphirend, ſchreiend und lachend mit ein. „Drittens,“ ſagte der Alte gelaſſen,„wie friedlich immer dieſe Länder oder Colonien ſich auch ihrer Regierung unterwerfen, wie ſehr ſie ihre Anhänglichkeit an ſie beweiſen, wie geduldig ſie ihre Laſten tragen, man nehme mit Beſtimmt⸗ heit an, daß ſie immer zur Empörung geneigt ſind, und lege demgemäß Kriegs⸗ ſchaaren bei ihnen ein, die durch Unfug und Uebermuth den Pöbel zum Aufſtand reizen, und ſetze an die Stelle der Vernunft Kugeln und Bajonette. Wißt Ihr, Kinder, wie man's dann macht?— Wie jener Mann, der ſeine Frau ſo lange aus Argwohn ſchlecht behandelte, bis ſie aus Aerger den Verdacht mit der Zeit in Wirk⸗ lichkeit verwandelte.“ „Ganz recht!“ rief hier der Sergeant den Sprechenden unterbrechend,„ſo hat es gerade das ſtolze England mit den vereinigten Staaten gemacht. Aber weiter, weiter! das Ding ge⸗ fällt mir!“ „Entlegene Diſtrikte müſſen Statthalter und 16— Richter haben, die Perſon des Königs vorzuſtellen, und überall die zugetheilte Amts⸗ und Pflichtrolle zu ſpielen. Nun weiß man wohl, daß die Kraft einer Regierung gar ſehr auf der öffentlichen Meinung beruht, und dieſe Meinung hinwiederum gar ſehr auf der Wahl der Beamten, die das Volk unmittelbar leiten. Wählt man weiſe Männer zu Statthaltern, ſo wird man den König für gut und weiſe halten, und meinen, er wünſche das Beſte ſeiner Unterthanen. Sendet man gelehrte und rechtſchaffene Richter, wird man ihn für gerechtigkeitsliebend halten. Dieß aber würde die Provinzen feſter an die Regierung knüpfen. Man habe alſo wohl acht. Kann man Verſchwender finden, die ihr Vermögen durchgebracht, Bankeruttſpieler oder Wucherer, ſo nehme man ſie ja, denn dieſe eignen ſich vor⸗ trefflich zu Statthaltern weil ſie, höchſt wahr⸗ ſcheinlich raubſichtig, das Volk durch ihre Er⸗ prefſungen reizen. Zänkiſche Anwalte und ränke⸗ ſüchtige Sachwalter ſind auch nicht übel, beſonders wenn ſie dabei unwiſſend, ſtarrköpfig und grob ſind. Advokatenſchreiber und raubliſtige Diebes⸗ Nan, Th. Kosciuszko. 1I. Thl. 11 — 162— vertheidiger ſind als Oberrichter gut, zumal wenn ſie auf ungewiſſe Zeit angeſtellt ſind,— und alle dieſe Menſchen werden diejenige Vorſtellung von der Regierung in Gang bringen, die bei einem Volke, das man abtrünnig wünſcht, nöthig ſind.“ Der Alte hielt hier einen Augenblick inne, und ſah zu ſeiner größten Befriedigung, daß die tiefe Wahrheit, welche dieſe ſathriſche Schrift barg, von dem leichtbeweglichen Geiſte der Fran⸗ zoſen ſchnell und richtig aufgefaßt wurde, und ſo durfte er hoffen, daß die darin angedeuteten Ideen feſten Fuß faſſen und einſtens vielleicht, von Einem oder dem Anderen mit nach Europa gebracht, auch dort zünden würden. Zufrieden mit dieſer Bemerkung fuhr er daher fort: „Wenn in Kriegszeiten die Einwohner irgend ſolcher Provinzen wetteifernd mit Geld und Menſchen, auf bloßes Erſuchen, freigebig gegen den gemeinſamen Feind die Regierung unterſtützten, und ſelbſt über Vermögen gaben — ſo bedenke man fein, daß ein, ihnen mit Gewalt abgenommener, Dreier der Regierung — 163— mehr Ehre macht, als eine aus Wohlwollen frei dargebrachte hundertfache Gabe. Man verachte alſo die freiwilligen Beiträge und drücke mit neuen, gewaltſamen Auflagen.“ „Wenn man aber dieſe Auflagen macht, ſo berückſichtige man nie die ſchweren Laſten, die das Volk ſchon drücken ſondern im Gegentheil, man denke darauf dieſe Auflagen noch durch die Behauptung zu verbittern„daß man das Recht habe: ohne Genehmigung der Unterthanen alle beliebigen Auflagen zu machen. Dieß wird wahrſcheinlich den Provinzen jede Vorſtellung von Sicherheit ihres Eigenthums benehmen und ſie überzeugen„daß ſie unter ſolch' einer Regie⸗ rung Nichts ihr eigen nennen können, was un⸗ fehlbar die beſte Wirkung hat“ „Nun möchten... „Halt!“ rief hier der Sergeant, und legte den Zeigfinger der rechten Hand nachdenklich auf die Stirne„Das paßt ja Alles prächtig auf unſer liebes Frankreich, wo man uns mit Abgaben faſt erdrückt. Wenn man nun ſeiner allerchriſt⸗ lichſten Majeſtät dieſe Schrift des Monſieur — 164— Franklin, verſteht ſich, verdolmetſcht, vorlegte, ſo würde das vielleicht....“ „Verſteht ſich,“ ſagte der alte Deutſche,„ver⸗ ſteht ſich, das würde wirken, und Ihr würdet am Ende gar Miniſter.“ „Hm!“ entgegnete der Sergeant,„Miniſter — oder— gehängt.“ „Oho! aber hört weiter: Um jene Auflagen noch verhaßter zu machen ſende man aus der Hauptſtadt ein Beamtenperſonal, beſtehend aus den ungezogenſten und gröbſten Leuten, die man finden kann, um die Steuern zu erheben. Dieſen ſetze man von dem erpreßten Ertrage ſtarke Ge⸗ halte aus, und laſſe ſie in offener, ſchreiender Ueppigkeit vom Schweiß und Blut der Gewerb⸗ treibenden leben. Sind einige Einnahmebeamte nur im mindeſten der Milde gegen das Volk ver⸗ dächtig, ſo verabſchiede man ſie. Beklagt man ſich über Andere mit Recht, ſo ſchütze und be⸗ lohne man ſie. Wenn einige Unterbeamte ſich ſo benehmen, daß ſie das Volk reizen, ſie durch⸗ zuprügeln, ſo befördere man dieſelben zu beſſeren Stellen. Dieß wird Andere ermuthigen, ſo ein— — 165— trägliche Prügel durch Vervielfältigung und Ver⸗ größerung ſolcher Aufforderungen ſich zu verdienen, und Alles wird zu dem angeſtrebten Ziele führen.“ Bei dieſen Worten, die der alte Redner mit faſt komiſchem Pathos vorgetragen, ſteigerte ſich die heitere Laune der Franzoſen immer mehr. Ihr Jubel ſtieg aber bis zum höchſten Punkte, als er damit ſchloß: „Und ſpricht man endlich der Regierung von Unzufriedenheit die ſich überall kund gebe, ſo glaube ſie Nichts von Allem was die Freunde des Volkes ſagen; ſondern ſie nehme lieber an, alle Klagen des Volkes ſeien nur von eini⸗ gen wenigen partheigängeriſchen Volksführern erfunden und gefördert die man, um Alles zu beruhigen, nur einfangen und aufhängen dürfe. Fange und hänge man dann Einige, und das Blut ſolcher Märtyrer wird Wunder thun.“ „Bravo! Bravo!“ ſchallte es aufs Neue von allen Seiten her, und wild durcheinander ertönte Lachen, Rufen und Jauchzen. Die Franzoſen drängten ſich zu dem Alten, dankten ihm für dieſe heitere Mittheilung der Franklin'ſchen Brochüre, und forderten ihn auf ihnen Beſcheid zu thun. Auch der Sergeant, der ſich gegen den Alten die Miene eines Protektors gab, blieb in Höflichkeitsbezeugungen jetzt nicht zurück. Eben hatte er ſich erhoben und eine mächtige Kalbs⸗ keule zerſchnitten, um ſeinem Schützlinge den beſten Theil davon vorzulegen, als er plötzlich den Kopf hoch in die Höhe reckte, und— indem er ſeinen Kameraden ein Zeichen des Schweigens gab— nach der Gegend des Windes hin⸗ lauſchte. Sein ſcharfer Sinn hatte ihn nicht getäuſcht; der dumpfe Klang einer fernen Trom⸗ mel ſchlug an ſein Ohr. In demſelben Augen⸗ blick entſanken Meſſer und Gabel ſeinen Händen, er wandte ſich raſch entſchloſſen um und rief: „Zu den Waffen!“ Die Luſt verſtummte und ehe noch eine Mi⸗ nute vetgangen, hatte ſich die Geſellſchaft, die noch kaum ſo munter, in einen kleinen bewaff⸗ — 167— neten Haufen verwandelt, der feſt entſchloſſen war ſein Leben, falls er von Feinden angegriffen würde, auf das Aeußerſte zu vertheidigen. Der Sergeant warf einen prüfenden Blick auf die Gegend, und ſah ſogleich ein, daß es für ſeine kleine Macht wohl am gerathenſten ſein möchte, Beſitz von dem Loghauſe zu nehmen, und dieſes gleichſam als eine Feſtung zu betrachten. Er führte auch dieſen Gedanken ſogleich aus, beſetzte die Gallerie, welche um das Gebäude lief, ver⸗ rammelte die Thüre, und vertheilte ſeine übrigen Leute an die verſchiedenen kleinen Fenſter, die nun als Schießſcharten dienen ſollten. Als dieſe Vorkehrungen getroffen, erwartete man mit Un⸗ geduld die Ankommenden, um zu erfahren, ob man es mit Freunden oder Feinden zu thun bekomme. Die Trommeln erſchallten lauter und lauter, und endlich trat der Zug aus einem verdeckten Waldwege hervor. Er hatte aber nicht ſo bald das Freie erreicht, als er von den Franzoſen für eine Abtheilung der verbündeten amerika⸗ niſchen Armee erkannt und mit einem„Es lebe — 168— die Republik! es lebe Washington!“ em⸗ pfangen wurde. Die Neuangekommenen ſtutzten im erſten Augenblick, und ihr Führer, dieſen unerwarteten Zuruf für eine Liſt verborgener Feinde haltend, ließ Halt machen. Aber bald überzeugte er ſich von der Lage der Dinge, da ſich die Thüre des Wirthshauſes öffnete, und ihm die Mannſchaft dieſer neuen Citadelle friedlich entgegen kam, und ſich als einen verirrten Theil der Hauptarmee zu erkennen gab. Kosciuszko— er war der Commandirende dieſer Abtheilung— empfing ſie freundlich, und rückte ſofort mit den Seinen, die nach einem langen Marſche Ruhe und Nahrung ſehr bedurften, in die friedliche Ca⸗ banne ein. Hatte ſchon früher hier Freude und Luſt ge⸗ herrſcht, ſo gewann nun die Scene ein noch viel lebendigeres Anſehen. Da die Maſſe der Gäſte ſo bedeutend gewachſen, und der Wirth nur auf ſeltene Beſuche eingerichtet war, ſah er ſich ge⸗ nöthigt, erſt mehrere Thiere im Angeſichte der Hungrigen zu ſchlachten und zuzubereiten. Wäh⸗ — 169— rend dieß vor ſich ging, Kosciuszko mit kluger Beſonnenheit nach allen Richtungen hin Wachen ausſtellte, und ſich dann ſelbſt zurückzog, hatte ſich der größere Theil der Amerikaner in dem weichen Graſe niedergelaſſen, und tröſtete einſt⸗ weilen den hungrigen Magen mit tüchtigen Zügen aus den dargereichten vollen Gläſern der Franzoſen. Bei einer ſolchen Gruppe ſtand auch der Sergeant und der alte Deutſche, und Er⸗ ſterer frug im Laufe des Geſpräches die Unürten: „Wer iſt Euer Führer?“ „Was“ riefen dieſe,„Du biſt nun ſchon mehrere Wochen in Amerika und kennſt den nicht? Es iſt der tapfere Thaddäus Kos⸗ ciuszko, ein edler Pole von Geburt“ „Kos... Kosczk.. zum Teufel dieſe Namen!“ rief unwillig der Franzoſe,„die kann ja kein vernünftiger Menſch ausſprechen. Es iſt gut, daß man ihn an ſeinen Thaten kennt. Er hat die Franzoſen geführt als ſie Stoney⸗ Point nahmen. Nicht wahr?“ „Ja, er hat bei Stoney⸗Point Franzoſen — 170— geführt,“ entgegnete etwas verdroſſen einer der Amerikaner,„denn die Franzoſen allein nahmen doch wohl die Feſte nicht.“ „Allerdings, dieſer Koszk..., dieſer Pole mein' ich, und der Marquis von Fleury waren die erſten auf der Schanze.“ „Und Lieutenant Giblon und die„verlo⸗ renen Söhne“ welche den Weg durch die Kugeln der Engländer bahnten, waren 6 wohl nicht auch Franzoſen?“ „Nein,“ entgegnete der Sergeant, und reichte ſeinem Gegner ein volles Glas,„das waren tapfere Amerikaner, trinken wir auf ihr Andenken.“ Die finſtern Züge der Unürten heiterten ſich bei dieſen Worten wieder auf. Das Glas machte die Runde, und als es an den Alten kam frug dieſer: „War einer von Euch mit bei der letzten Attaque von Monmouth?“ „Ich nicht,“ ſagte der Sergeant, und auch die anderen der Gruppe, die ſich unterdeſſen ſehr vergrößert, verneinten es. 1— „Nun denn,“ fuhr dieſer fort,„ſo muß ich Euch erzählen, welche Ehre ſich dort, eben der Kosciuszko, der Euch führt, erworben hat“ „Ihr wißt, welcher Schrecken den Engländern in die Glieder fuhr, als Admiral d'Eſtaing landete. Der alte Haß der beiden Nationen flammte herrlich auf, als wolle er ſich gegenſeitig verſchlingen. Aber die rothröckigen Königsknechte bekamen doch Angſt und zogen ſich zurück Da beſchloß der Generaliſſimus ſie anzugreifen, und gab dazu den Generalen Wayne und Lee, und ſeinem Liebling Lafayette, den Auftrag. Kos⸗ ciuszko befehligte eine Compagnie Freiwilliger, und ich ſelbſt war bei dem General Wayne beſchäftigt. Den Verlauf des Angriffes kennt Jeder Nachdem das Heer bei Coryel über den Delaware geſetzt, verfolgte es den Feind bis in die Gegend von Monmouth, woſelbſt die Britten eine feſte Stellung einnahmen. Da nun die Nachricht eingetroffen, daß dem Feinde, wenn er erſt einmal die Höhe von Middelton erreicht, nicht mehr zu ſchaden ſei, ſandte Was⸗ hington an Lee den Befehl die Engländer, — 172— ſobald er Anſtalten zum Aufbruch mache, anzu⸗ greifen. Unbegreiflicherweiſe aber kam nicht nur Guu Lee dieſem Befehle nicht nach; ſondern wich auch bei des Feindes erſtem Angriffe in großer Unordnung zurück Sobald der Genera⸗ liſſimus dieſe Nachricht erhielt, beeilte er ſich dieſen Fehler wieder gut zu machen, und ließ Wayne und Lafayette mit einer bedeutenden Truppenabtheilung vorrücken. Es entſpann ſich nun ein wüthender Kampf, an welchem auch jene Compagnie Freiwilliger Theil nahm, welche Kosciuszko führte. Und zwar zeichnete ſich dieſelbe ſo kühn aus, daß ſie von beiden Ge⸗ neralen, unerachtet des ſie umbrauſenden, fürch⸗ terlichen Kampfes, bemerkt wurde Kosciuszko entwickelte dabei eine ſolche Geiſtesgegenwart, und ſo entſchiedene Fähigkeiten, daß er mit ſeiner am weiteſten vorgerückten Abtheilung dennoch im Stande war, die regelmäßigſten Angriffe in ge⸗ ſchloſſener Ordnung zu unternehmen.“ „Endlich gelang es den vereinten Anſtren⸗ gungen, das vorgeſteckte Ziel zu erreichen, und als der Abend anbrach, war der Feind hinter ſeine früheren Linien zurückgedrängt“ „Als Lafahette bei Wayne eintraf w ſeine erſte Frage: „Freund, wer hat heute die erſte Compagnie angeführt?“ „Es war jener junge Pole,“ entgegnete der Gefragte,„der ſich ſchon bei Stoney⸗Point ſo ausgezeichnet. Er iſt von edler Herkunft, aber arm, und heißt— wenn ich nicht irre— Kosciuszko!“ „Ich muß ihn noch heute ſprechen!“ rief Lafayette,„er iſt zum Feldherrn geboren.“ „Beide unterhielten ſich ſodann einige Augen⸗ blicke, worauf der Marquis ſogleich wieder ſein Pferd beſtieg und nach jenem Dorfe ritt, in welchem die Freiwilligen campiren ſollten.“ „Es war ſchon ſpät in der Nacht als La⸗ fayette ankam. Er ſprang ſogleich ab und begab ſich in das Zelt Eures jetzigen Führers, der noch, über und über mit Blut, Staub und Schweiß bedeckt, an einem kleinen Tiſche vor Landkarten ſaß, und Feder und Papier zu ſeiner Seite hatte. Ihr möcht Euch ſein Erſtaunen bei dieſem ſo ſpäten als unerwarteten Beſuche des Generals denken. Lafayette ergriff ſeine Hand, drückte ſie herzlich und rief:„Herr, Sie haben ſich auch heute durch Ihre Tapferkeit und Um⸗ ſicht ausgezeichnet, erlauben Sie, daß ich Sie meinen Bruder nennen darf!““ Und mit dieſen Worten drückte er den Ueberraſchten und Be⸗ ſchämten in ſeine Arme.“ „Seit jener Zeit ſind Lafayette und Kos⸗ ciuszko nur eine Seele.“— „Das iſt ein großer Mann!“ rief der Ser⸗ geant begeiſtert,„ein wahrer Franzoſe. Ka⸗ meraden füllt die Gläſer, dieſer Koſſusko ſoll leben!“ Und donnernd tönte es durch die Wälder: „Es lebe Kosciuszko!“„Es lebe der Held von Monmouth!—“ Während ſich dieß vor dem Wirthshauſe zu⸗ trug, hatte ſich der gefeierte Held ſelbſt auf eine kleine Anhöhe zurückgezogen, welche dicht hinter dem Hauſe lag, und verzehrte hier ſein einfaches und nüchternes Mahl. Sein Herz war trüb und * leer; denn die finſteren, ſchweigſamen Wälder hatten einen tiefen, einen wehmüthigen Eindru auf ihn gemacht. Der Ruhm, den er ſich bereits erworben, freute ihn nicht, da er keinen Altar wußte, an welchem er ſeine Lorbeerkränze nieder⸗ legen ſollte. In der großen, erhabenen Natur trat das Bewußtſein ſo recht deutlich vor ſeine Seele, daß er doch ſo ganz einſam in der Welt daſtehe. Und wenn ihm auch das höchſte Ziel des geſammten menſchlichen Daſeins klar vor Augen lag, ſo fühlte er doch eben ſo entſchieden, daß der ſchönſte Zweck ſeines irdiſchen Lebens, mit dem Verluſte ſeiner geliebten Louiſe, ihm verloren ſei. Als aber der Jubelruf der Menge, der ſeinen Namen triumphirend zu den Wolken trug, auch bis zu ihm drang, griff es wie mit einer eiskalten Marmorfauſt in ſein Innerſtes, er fühlte die Nichtigkeit des Ruhmes, und die tödtliche Kälte und die entſetzliche Leere eines Lebens aus dem die Liebe genommen iſt. Und es däuchte ihm als ob ein Geflüſter in den Zweigen ihn frage: Wohin willſt Du denn ziehn Du Einſamer? Iſt doch der Weg ſo weit zum Ziel und Du biſt ſo allein! Da zog er erſchüttert aus ſeinem Buſen ein Tuch hervor. Es war ein feines, weißes, blut⸗ getränktes Tuch. Es war das Einzige was ihm aus den Zeiten ſeines Glückes geblieben, und ihn nie mehr verließ. Und er drückte das Tuch vor ſeine glühende Stirne und frug leiſe: „Wo wirſt Du jetzt ſein, Louiſe?“ Und wiederum ſchien es in den Zweigen zu flüſtern und zu ſprechen: „Ferne, ferne Wird ſie ſein, Nur mit Gott Und Dir allein.“ Da durchflammte ihn der Gedanke: wie un⸗ endlich, unendlich weit er von ihr, und allem was ihm werth, entfernt ſei; und er ſprang empor, und er zitterte, und ſein Blut wollte ſtocken.— Aber er küßte das Tuch,— fromm wie Johannis, der Jünger der Liebe, ſeinen Meiſter— und die leidenſchaftlichen Aufwallungen legten ſich allmählig, und das ſchmerzlich-ſüße 177— Bewußtſein, einer ewigen, aber unglücklichen Liebe durchſchnitt ſein Herz Und er barg das Tuch an ſeiner Bruſt, und das heiligſte Pfand der treuſten Liebe linderte die Qualen unter welcher ſie ſchlug.—— Ein Geräuſch weckte ihn aus ſeinen Träumen. Als er ſich umwandte, ſtand der Alte vor ihm, und an ſeiner Seite ein ſchmächtiger Quäker⸗ knabe, bleich, zerſtört und zitternd. Thaddäus überraſchte das Erſcheinen des Alten durchaus nicht. Er war bereits daran gewöhnt, dieſen ſonderbaren, unheimlichen Men⸗ ſchen an ſeinen Sohlen gefeſſelt zu ſehen, und er betrachtete ihn faſt wie das böſe Prinzip, namentlich in Rückſicht auf ſeine Freiheits⸗Ideen. „Was wollt Ihr?“ frug daher der Haupt⸗ mann ruhig. „Gnade, Gnade und Mitleid Bruder!“ rief darauf hin der Knabe, in jammerndem Tone, „ich komme von der benachbarten Stadt Wio⸗ ming ſo ſchnell mich meine Füße tragen mochten. Ach, wenn Du Gefühl für die Leiden Deiner Mitmenſchen haſt, ſo eile der armen Stadt zu Rau, Th. Koscinszko. II. Thl. 12 Hülfe, die— auf ſchändliche Weiſe verrathen— von den Indianern und Engländern überfallen und geplündert wurde, und nun in hellen Flam⸗ men ſteht. Ich war im Begriff nach dem Haupt⸗ quartiere zu laufen, als ich Dich und die Deinen hier fand; aber es iſt zu weit nach dem Lager, die Hülfe kommt zu ſpät, wenn Du ſie nicht bringſt; denn Britten und Indianer wüthen mit gleicher Grauſamkeit gegen die unglückliche Bruder⸗ gemeinde.“ Noch hatte der Knabe nicht ausgeſprochen, als Kosciuszko ſchon das Zeichen zum Auf⸗ bruche gab. Nicht frug er ängſtlich nach der Macht der Jrokeſen und der Britten; nicht dachte er mehr an ſich und ſeine Schmerzen,— die leidende Menſchheit nur ſtand vor ſeiner Seele. Hier galt es Entſchloſſenheit, Thatkraft, Schnelle. Mit der Kühnheit eines Begeiſterten, mit der Entſchiedenheit einer großen Seele, mit der hin⸗ reißenden Beredſamkeit eines Propheten trat er vor die Colonnen und rief: „Freunde, Eure Brüder in Wioming ſind in Gefahr!— Britten und Indianer haben die — Unſchuldigen überfallen und morden und ſengen und brennen!— Ihre Weiber, ihre Jungfrauen, ihre Kinder ſchreien um Hülfe. Werdet Ihr ſchwanken im Entſchluß, werdet Ihr zögern in ſeiner Ausführung?— Nein!— Ihr werdet mir folgen und mit kühner Hand die wilden Feinde des Landes und der Freiheit durch Euren Muth zerſchmettern. Wir haben keinen Befehl dazu; aber die Menſchlichkeit gebietet. Wer ein Mann und ein Chriſt iſt, der trete zu mir und folge mir!“ Dieß ſagend ſchwang er ſich auf ſein Pferd, und jubelnd umgaben ihn Amerikaner und Fran⸗ zoſen und folgten mit Sturmeseile ſeinen Schritten. VIII. Der Tag des Jammers. „Gleich wie Blätter im Walde, ſo ſind die Ge⸗ ſchlechte der Menſchen; Blätter verweht zur Erve der Wind nun, andere treibt dann Wieder der knospende Wald, wann neu auflebet der Frühling. So der Menſchen Geſchlecht, dieß wächst und jenes verſchwindet.“ Homer. Wioming, jetzt in Aufruhr, hatte ſich den Abend vor dieſem Schreckenstage noch der größten Ruhe zu erfreuen; obgleich ſein Friede derjenigen Stille glich, die einem ſchweren Gewitter voraus⸗ zugehen pflegt. Bruder Johannes, ernſter geſtimmt als — 181— gewöhnlich, ſchloß den Abendſegen mit wenigen aber tief gefühlten Worten, die wehmüthig in den Gemüthern ſeiner Umgebung nachklangen. Alle gingen ſchweigend nach ihren Gemächern, und auch Markwald ſuchte, nachdem er ſämmt⸗ liche Thüren verſchloſſen, ſein Lager. Es ward ſtill und ſtiller, und die Nacht goß allmählig ihre Schatten über die Erde Alles ſchlief, nur Paul war munter. Er hatte, nachdem er ſich allein wußte, ein Geſchäft vorgenommen, das wenig zu der um ihn her herrſchenden Ruhe, weniger noch zu den Geſinnungen paßte, die man in dem Hauſe hegte, in welchem er ſeit längerer Zeit lebte. Vor ihm auf dem Tiſche lagen jene Waffen, die er einſt mit nach Wio⸗ ming gebracht; er muſterte ſie, unterſuchte ihren Zuſtand und füllte, während er einen kriegeriſchen Marſch leiſe vor ſich hin ſummte, die Taſche mit Patronen. Paul hatte nämlich heute, ſo wie es ſchon oft geſchehen, ſeinen Freund und Hausherrn wiederholt erſucht, doch wenigſtens wenn er denn durchaus nicht an der Bewaffnung der Gemeinde — 182— Theil nehmen wolle, Vorſichtsmaßregeln für einen allenfallſigen Ueberfall zu ergreifen, oder ihm dieſen Auftrag zu ertheilen. Markwald aber war, wie immer, ſeinen Anſichten treu geblieben, und hatte entſchieden erklärt: daß er und die Seinen nie Mordinſtrumente führen würden. Als nun Paul ſah, daß alle ſeine Bemühungen umſonſt waren, dachte er darauf, wenigſtens ſt eigenen Waffen in Stand zu ſetzen; damit er, ſolte ein Unglück ausbrechen, einigermaßen u vorbereitet ſei. Wirklich gelang es ihm auch, ſich durch Hülfe eines der„fechtenden Quäker“— wie man diejenige Brüder nannte, die ſich auf Bedlocks Antrag unter die Waffen geſtellt— ins Geheime in den Beſitz von Pa⸗ tronen zu ſetzen, und eben war er unter dem Schutze der Nacht damit beſchäftigt dieſe der Patrontaſche zu übergeben und ſeine engliſche Büchſe zu putzen. Aber ſonderbar!— als er die alten Waffen hinter der Bettſtelle hervorlangte, hinter welcher ſie bisher geruht— durchdrang ihn plötzlich ein ganz anderes Weſen, als das war, welches ihn in der letzten Zeit erfüllt. Es —— kam ihm vor als fühlte er ſich durch ihre Be⸗ rührung kräftiger, freier, männlicher. Mit Wohl⸗ gefallen ſchaute er ſie an, wie ſie im Strahle des Mondes erblinkten; kaum dachte er daran, daß er ſie einſt gezwungen ergriffen und geführt; er ſah nur Waffen in ſeiner Hand, und keine engliſchen, er prüfte nur die Wucht eines Dinges, welches Männer im Kampfe, auf dem Felde der Ehre, zu gebrauchen pflegten. Und es kam ihm plötzlich vor, als ob es im Markwaldiſchen Hauſe doch recht eng ſei, und Bruder Johannes Friedensliebe wollte ihm faſt übertrieben bedünken. Behaglich prüfte er das Schloß der Büchſe, und die kriegeriſche Luſt, die ihn durchdrang, machte ſich in dem Summen eines beliebten Marſches Luft. Als ſämmtliche Waffenſtücke in Ordnung befunden und wieder ſorgſam verborgen waren, trat er an das offene Fenſter und athmete mit vollen Zügen die friſche Nachtluft, die den Duft von tauſend Blüthen zu ihm herauftrug. Tiefes Schweigen herrſchte ringsumher. Die ganze Natur ſchien zu ſchlummern; ſelbſt die Winde ſchliefen, und nur hie und da ſank eine einzelne — 184— Blüthe, träumeriſch von den vollen weißen Aeſten herab und barg ſich trunken vor Luſt in dem hohen Graſe Alles ſo ſtill, ſo weit, ſo groß, ſo erhaben!— Und über die duftende Erde wölbte ſich in tiefem, dunklen Blau des Himmels Dom, und aus ſeiner Unermeßlichkeit hingen ſchwer und reich herunter die Milchſtraße und die Nebelflecken und die Miriarden Sterne, wie weiß und goldne Blüthenzweige des unendlichen Lebens. Und der Mond ſchwamm im Schaume ihres Glanzes und überſtrahlte ſie noch, und goß ſein bleiches Licht über das Thal, und ſpiegelte ſich in des Susquehannas Fluthen und lehnte ſich ſinnend an die fernen, fernen Berge. Da ward Paul das Herz groß und weit und er mußte hinaus aus dem engen Raume ſeiner Kammer, hinaus an den Buſen der warmen, liebenden Natur. Aber die Thüre des Hauſes, in welchem er und die übrigen Männer wohnten, hatte ſtrenge Sitte verſchloſſen. Zum Herab⸗ ſpringen war ſein Fenſter zu hoch, auch wäre ihm alsdann der Rückzug abgeſchnitten geweſen. — 485— Ein Blick überzeugte ihn indeſſen, daß das Ge⸗ länder, an welchem ſich der, das Haus um⸗ ſpinnende, Weinſtock heraufwand, ihn nieder und wieder zurückzutragen vermochte, und in wenigen Sekunden ſtand er im Garten. Er fühlte ſich ordentlich leicht, und ſein Geiſt zog ihn hinüber nach den blaſſen Bergen. Er hätte Flügel haben mögen, auf den ausgebreiteten ſanft hinüber zu ſchweben über das wundervoll himmliſche Thal. Lange ſtand er in Schauen verloren und Herz und Sinne umfluthete eine Wonne. Da weckten ihn die gehaltenen, zarten Töne einer Droſſel, die im Schlafe auffuhr, aus ſeinen Träumen, und er lauſchte der nächtlichen Sängerin und ihre Töne ſchienen ihm zu rufen: liebe Marie! liebe Marie!— und er dachte der freundlichen Creolin, und es trieb ihn, ein⸗ mal nach dem Fenſter aufzublicken, hinter welchem ſie jetzt wohl ſo ſanft ſchlummerte. Ein uralter kräftiger Magnolienbaum hob ſeine knorrigen Aeſte bis zu der Höhe ihres Zimmers empor. Er war mit Blüthen überdeckt, und tauchte die duftende Krone hoch in die blauen — 186— Lüfte. Zu ihm trat, leiſe, als ging er auf ver⸗ botenen Wegen, der Jüngling. Sein Herz klopfte als er zu dem Fenſter des lieben Mädchens hinauf ſah, es ſchlug heftiger als er gewahrte daß es offen ſtand— es wollte zerſpringen vor Luſt, als er ſie ſelbſt erblickte, wie ſie unbeweg⸗ lich hinausſah, in die erleuchtete Ferne, und ſich ihr Mund wie leiſe redend bewegte. Die Liebe war in dieſem jungen Herzen er⸗ wacht, mit der ganzen Gluth des Südens, mit all der Leidenſchaftlichkeit des ſpaniſchen Blutes, das zum Theil durch ihre Adern floß. Aber ſie ſtürmte noch chaotiſch in der Creolin Bruſt. Marie fühlte das Weben und Treiben einer, ſich unter dem Strahle der Sonne allmählig öffnenden Blüthenknospe; ſie gab ſich hin— ſie widerſtand den Gefühlen, die ſie ſo un⸗ gleichartig berührten nicht; ſie vermochte ſie nicht zu deuten noch zu erkennen. Aber eben dieſe innere Unſicherheit, die das Erwachen, den Ueber⸗ gang des Kindes zur Jungfrau begleiten, hatte ihr die Ruhe geraubt in deren Armen ſich ihre kindliche Seele bis dahin gewiegt. Auch heute 8 3 — 187— konnte die Lebhafte den Schlaf nicht finden; es war ihr zu eng, zu bang in dem verſchloſſenen Zimmer, und ſo hatte ſie ſich an das Fenſter gelehnt, der ſtill⸗erhabenen Nacht die Gedanken ihres Herzens zu vertrauen. Paul drückte ſich in den Schatten des Baumes und blickte— lauſchend— faſt athem⸗ los zu ihr empor. „Paul!—“ ſagte ſie leiſe für ſich hin, und den Jüngling durchlief es wie Gluth, denn er glaubte ſich entdeckt. Als er ſich aber leiſe vorbeugte, gewahrte er deutlich, daß ſie ruhig nach dem Monde und nicht nach ihm ſchaute. „Er wird jetzt ſchlafen,“ lispelte die Kleine eintönig!„ich möchte wohl wiſſen ob er auch manchmal von mir träumt, wie ich ſo oft von ihm.“—„Er iſt ein freundlicher, guter Menſch,“ fuhr ſie nach einer kleinen Pauſe fort;— ich weiß nicht warum, aber ich möchte ihm Alles ſagen was mich drückt, und doch— ich könnt's ihm wohl kaum ſagen; denn weiß ich doch ſelbſt nicht was es iſt,— es mag wohl die Sehnſucht nach meinem ſchönen Vaterlande ſein— oder — 188— —— Ob Paul wohl auch an mich denkt, er ſagt es oft, und ſieht mich dann ſo ſonderbar an, daß es mir ſo wohl, ſo fröhlich— und doch auch wieder ängſtlich wird. Eines wünſcht ich nur,“ ſetzte ſie dann ſchneller und lebhafter dazu,„ich wünſchte daß Bertha nicht ſo ſon⸗ derbar gegen alle Männer und vor Allen gegen Paul wäre, dann könnte ich ihn wohl einmal länger und ruhiger ſprechen, ihm ſagen wie mir es bei ihm iſt, und ihn fragen ob es ihm auch bei mir ſo gehe. Aber...“ „Liebſte!“ rief hier entzückt der Jüngling und trat aus dem Schatten des Baumes. „Jeſus Maria!“ lispelte erſchrocken die Kleine. „Du wollteſt mich ſprechen, liebe gute Seele, o ſieh! nie wird eine ſchönere Zeit dazu wieder⸗ kehren.“ „Aber um Gotteswillen, wenn Bertha, die ja in der anſtoßenden Kammer ſchläft, uns hörte.“ „Dafür laß mich ſorgen,“ entgegnete Paul raſch entſchloſſen,„gleich bin ich bei Dir“ — 189— „Bei mir!?“ frug die Creolin wonnig über⸗ raſcht und doch erſchrocken und kindliche Freude erfaßte ſie. Aber ſchon hatte Paul den Baum erſtiegen, und klomm mit Behendigkeit einem ſtarken Aſte entlang, der bis nahe an Mariens Fenſter reichte. Beide ſchwiegen. Als aber Paul bis nahe zu ihr gekommen, frug die Kleine mit gepreßter Stimme: „Willſt Du denn in mein Zimmer kommen?“ „Warum nicht,“ entgegnete Paul und ſeine Stimme zitterte. „Ach—“ ſagte die kleine Braune,„thu's nicht! Ich weiß nicht— mir wird ſo angſt. Wenn nun Bertha erwachte, uns hörte und käme— Sieh! wenn du ſo auf dem Aſte liegen bliebeſt, ſind wir ſo nahe, daß wir ungeſtört plaudern und uns ſelbſt die Hände reichen können. Ich bitte Dich: bleibe da!— Sieh, ich hätte Dich gerne ſo recht nah und vertraulich bei mir und doch wird mir bange bei dem Gedanken, obgleich ich eigentlich nicht weiß warum.“ „Sei ruhig, liebe Marie,“ entgegnete Paul feſter,„Du wünſcht es, und ich bleibe hier. — 190 Aber reiche mir auch Deine Hand und ſage mir, haſt Du mich ſo recht herzlich gern?“ „Gewiß, ſo recht innig!“ ſagte glühend die Creolin und reichte dem Freund die kleine Hand,„Du haſt es ja gehört, Du Lauſcher.“ „O daß ich Dich noch mehr ſo belauſchen könnte. Aber Du wollteſt wiſſen, ob ich auch manchmal an Dich denke, ob ich von Dir träume?— Ja, Marie, ich denke faſt den ganzen Tag an Dich und oft auch die Nacht. Jeder Augenblick den ich nicht bei Dir zubringe, der ſcheint mir verloren, und ſiehe darum möchte ich ſo ganz und immer bei Dir ſein.“ „Immer bei mir?“ rief entzückt die Creolin. „Ach Paul, das müßte himmliſch ſchön ſein. Aber Bertha....“ „Laß Bertha! Wenn Du mich wirklich ſo gern haſt als Du ſagſt, ſo gehe ich morgen noch zum Vater und ſpreche: Vater gib mir Marie zum Weib.“ „Paul!— ich ſoll Dein Weib werden?“ „Wenn der Vater einwilligt ja!— Erſchrickſt Du darüber?—“ 91— „Jeſu Maria erſchrecken?— Bewahre, zittre ich doch vor Freude.— Sieh Paul ich will Dich ja ſo lieb, ſo unendlich lieb haben, daß ich vor Liebe ſterben könnte!“ „Marie!“ rief Paul und küßte voll Gluth die Hand der Creolin. Und die Blüthen der Magnolie neigten ſich über die Glücklichen; die Nacht lauſchte ſchwei⸗ gend ihrem Gekoſe, und die Sterne ſahen ſo freundlich drein, wie Augen der Engel. Da rauſchte es am nahen Zaune. Marie fuhr zurück, Paul barg ſich unter den Blüthen, und es folgten einige Minuten tiefen Schweigens. Während dieſer Zeit blickte der junge Deutſche unverwandt nach der Gegend hin von welcher her das Geräuſch erſchallt. Alles blieb ruhig, und ſchon wollte er ſich wieder zu der Geliebten neigen, als ſein ſcharfes Auge einen dunklen Gegenſtand erkannte, der ſich leiſe und langſam am Boden herbewegte, und von dem hohen Graſe halb verborgen wurde. Paul hielt beklommen den Athem an, er blickte ſchärfer hin, allein umſonſt, er vermochte ihn nicht zu erkennen. Bald kroch die röthlich braune Erſcheinung eine kleine Strecke weiter, bald wieder blieb ſie wie regungslos liegen; doch näherte ſie ſich immer mehr und mehr dem Magnolienbaume, auf wel⸗ chem ſich Steffan verborgen hielt. Jetzt wieder lag ſie ſtill, da plötzlich hob ſie langſam und vorſichtig den Kopf, und zwei große feurige Augen blickten auf eine Minute lauernd umher, dann wieder ſank ſie lautlos in das Gras zurück. Paul bebte. War es ein Menſch? war es ein wildes Thier, welches, von Hunger geplagt, der Menſchen Wohnungen blutdürſtig ſuchte? Er wußte es nicht, denn der kriechende Gegenſtand hatte klüglich ſein Haupt im Schatten eines hohen Buſches erhoben und ſich ſo vor aller Entdeckung geſchützt. Der Jüngling würde, bewaffnet und in einer anderen Lage, keinen Augenblick gezagt, ſondern den Geiſt der Finſterniß ſofort angegriffen haben. So aber war er nicht nur waffenlos, ſondern es lag ihm auch viel daran keinen Lärm zu machen, damit ſein ſonderbarer Aufenthalt nicht ein falſches Licht auf ihn und das theure Mädchen werfe. Regungslos harrte er daher 08 dem Ausgange und war nur froh, daß auch Maria ſich im Inneren ihres Zimmers ruhig hielt. Abermals verſtrichen Minuten des Schwei⸗ gens, da tönte mit einemmale, gerade von der Stelle her, auf welcher ſich das unbekannte Weſen befand, die Stimme einer Spottdroſſel, jenes kleinen, auch unter dem Namen der ame⸗ rikaniſchen Nachtigall bekannten, Vogels, der mit wunderbarer Kehlfertigkeit im ſchönſten Geſange die Stimmen aller Vögel auf das täuſchendſte nachzuahmen verſteht. Die Töne riefen wie lockend, und hoben ſich und fielen in einer ein⸗ fachen, faſt ſchwermüthigen Melodie. Endlich verklangen ſie, und von dem fernen Walde ſchien ein Echo oder ein anderer Vogel ſie auf gleiche Weiſe zu wiederholen. Als auch dieſe Laute ver⸗ hallt, regte es ſich wieder im Graſe, die großen Augen tauchten empor, ein Kopf ward ſichtbar und ein Oberkörper, und Paul ſah plötzlich zu ſeinem Entſetzen die muskulöſe Geſtalt eines In⸗ dianers ſich hoch aufrichten. In dem gleichen Augenblicke ſtieg leiſe und vorſichtig eine zweite Figur über den Zaun, und ſchlich, ſich ſo viel Nau, Th. Koscinszko. II. Thl. 13 — 194— als möglich im Schatten haltend, dem Jrokeſen zu. Es war dieſer Zweite ein Weißer, gehüllt in Englands Uniform. Wie ein Blitz durchzuckte Paul ein entſetzlicher Gedanke, und ſeine ängſt⸗ lichen Blicke, die voll Bangen über die Wohnung Markwalds und das ſchlafende Wioming ſtrichen, kündeten deutlich die Beſorgniß an, die ihn erfaßte. Athemlos lauſchte er den Reden, welche die beiden Fremdlinge leiſe führten; aber hätten ſie auch lauter geſprochen, als ſie es wirklich thaten, er würde keinen Nutzen davon gezogen haben; denn ſie bedienten ſich einer fremden, ihm unbekannten Sprache, in welcher der Britte das Wort„Caracteriche“ öfter wiederholte; indem er unter heftigen Gebärden zu mehrerenmalen auf Wioming deutete. Dann wandten ſie ſich gegen die Behauſung Mark⸗ waldens, und Paul wollte es faſt bedünken, als ob der Britte dem Jrokeſen die Art angäbe, wie ſolche am leichteſten zu nehmen ſei. In dieſem Augenblicke näherte ſich Maria leiſe dem Fenſter. Da ſie ſeit jenem erſten Geräuſche keinen Laut mehr vernommen, glaubte ſie, daß — 195— wohl ein Vogel oder ſonſt ein Thier es hervor⸗ gerufen, und wollte ſich nun überzeugen, ob ihr Paul noch auf dem Baume weile oder nicht. Paul trat der Angſtſchweiß auf die Stirne als er die Geliebte nahen ſah, er neigte ſich ſo nah als möglich zu dem Fenſter und flüſterte kaum hörbar: „Um Gotteswillen ſtille!“ So leiſe und vorſichtig dieß Alles geſchehen, mochte doch irgend ein Schall Caracte⸗ riches Ohr getroffen haben; denn mit der Schnelligkeit des Gedankens war ſeine Figur zuſammengeſunken und lag aufs Neue bewe⸗ gungslos im Graſe. Buttler ſelbſt, denn dieß war der Britte, überraſchte das Verſchwinden ſeines Freundes, um ſo mehr, als ſein weniger feines Ohr durchaus nichts vernommen hatte; doch folgte er alsbald, obgleich ziemlich unge⸗ ſchickt, der Aufforderung des Wilden, und Beide zogen ſich ſodann allmählig zurück, bis ſie hinter der Hecke verſchwanden. Paul blieb aus Vor⸗ ſicht noch lange unbeweglich und ſchweigend in ſeinem Verſtecke, obgleich die tödtlichſte Angſt um — 196— Markwalden und ſeine Familie, ja um ganz Wioming ihn marternd verzehrte. Endlich, nachdem er hoffen durfte, daß die beiden feind⸗ lichen Geſtalten den nahen Wald erreicht, rief er Marien und bat ſic, indem er zugleich in größter Eile von ſeinem luftigen Verſtecke her⸗ unterklomm, Lärm zu machen, Bertha wo möglich zu wecken, und mit ihr und den übrigen weiblichen Bewohnern auf des Hausherrn weitere Befehle zu harren. Er ſelbſt eilte zu der Haupt⸗ thüre und verſuchte auf alle Weiſe die ſchlum⸗ mernden QOuäker aus ihrer gefährlichen Ruhe aufzuſcheuchen. Erſt nach vielen Anſtrengungen hörte er im oberen Geſchoſſe ein Fenſter ruhig öffnen und Bruder Johannes nach der Urſache des Lärmens fragen. Paul flehte ſeinen Gaſtfreund an, ihm die Thüre zu öffnen und Johannes, ſo überraſcht er war ſeinen jungen Freund, den er doch in ſeinem Zimmer eingeſchloſſen wußte, hier zu ſehen, folgte deſſen Bitten Mit wenigen Worten und in ſtürmiſcher Eile erzählte nun der junge Deutſche, wie ihn die ſchöne Nacht herausgelockt, und der Zufall ihm Gelegenheit gegeben habe, das Erſcheinen des Britten und des Indianers zu belauſchen. Mit ängſtlicher Haſt theilte er dem ernſt zuhörenden Bruder ſeine Ahnung, ſeine Meinung von dem Zweck des nächtlichen Beſuches mit, und beſtürmte Markwalden endlich mit den heißeſten Bitten, doch ſein und ſeiner ganzen Familie Leben nicht unvorſichtig auf das Spiel zu ſetzen, ſondern ſich ſo gut als es noch möglich ſei zu verſchanzen und zu bewaffnen. Markwald blieb ruhig, nur eine Thräne trat in ſein Auge als er ernſt und feierlich rief: „Wioming dein Untergang iſt gekommen, die Tage des Jammers und der Prüfung brechen herein!“ Dann rief er ſeine Familie und Hausgenoſſen zuſammen, machte ſie mit ſeiner und Pauls Vermuthung bekannt, ermahnte ſie Gott und ihrem Glauben zu Ehren mit Standhaftigkeit und Ergebung all die Leiden zu tragen die über ſie hereinbrechen würden, beorderte ſeinen Bruder nach Wioming zu eilen und die Gemeinde von dem Vorgefallenen zu benachrichtigen, ſchloß ſodann — 198— mit eigner Hand die Thüren, und befahl Allen ſich im Gebet mit ihm zu vereinigen. Es lag etwas Großes in der Ruhe mit welcher der Greis, Angeſichts der drohenden Gefahr, ſeine Befehle ertheilte und Jeder folgte ihm ſchweigend, nur Paul verließ unmuthsvoll das Zimmer, und eilte ſich zu bewaffnen, um im Falle der Noth, dieſe guten aber ſchwärmeriſchen Menſchen ſelbſt gegen ihren Willen, ſo viel als es ihm möglich, zu vertheidigen. Vorſichtig ſchlich er dann durch das weitläufige Gebäude, und lauſchte bald hier bald dort dem Nahen des Feindes, aber Alles blieb ruhig. Als er aber ſeine Runde faſt vollendet, und eben nach dem Hauptſaale zurückkehren wollte, in welchem der Quäker und die Seinen, in ſich verſunken, betend ſaßen, ſchlug plötzlich ein ferner verwirrter Lärm an ſein Ohr. Er blieb ſtehen und horchte; aber die Töne waren zu fern um ſie zu unterſcheiden, doch ſchienen ſie von einem wilden Schreien herzurühren: Da fiel ein Schuß,— wieder einer— jetzt folgten ſie raſch auf einander— der Lärm wuchs— es war entſchieden Wio⸗ ming war überfallen!—— — 199— Todesangſt für die Seinen im Herzen ſtürzte Paul nach dem Saal. Weit riß er die Thüre auf— und ſtand vor einem erſchütternden Bilde. Durch die Fenſter ſtrahlte ihm der Himmel blutigroth entgegen. Wioming ſtand in hellen Flammen. Der fürchterliche Schein erleuchtete mit falbem Lichte das Gemach, an deſſen Seiten ringsumher die Bewohner des Hauſes ſtill und unbeweglich, aber blaß wie der Tod, ſaßen. Marmorbildern, entſeelten Körpern gleich, ſtarr⸗ ten ſie vor ſich hin und ihre Lippen bewegten ſich bebend. In ihrer Mitte ſtand Bruder Jo⸗ hannes. Wie Moſes auf Sinai, hoch und erhaben ſtand er da, die Hände ſegnend über ſeine Lieben ausgeſtreckt,— heiligen Ernſt, die Begeiſterung eines Märtyrers in ſeinen edlen Zügen. Die grauen Locken, die unter dem breiten Quäkerhute hervorquollen, der ſilber⸗ weiße Bart, das bleiche Geſicht, übergoß die Gluth des Himmels wie mit einem Heiligen⸗ ſcheine; und jene ihm eigenthümliche unzerſtörbare Ruhe und Entſchloſſenheit hob ſeine würdevolle Geſtalt zu einer impoſanten Größe. Zu ſeinen — 200— Füßen lag auf den Knieen die Creolin und barg, zitternd, ihr Geſicht in den Falten ſeines langen Kleides. Durch die Todtenſtille die rings⸗ umher herrſchte, tönte fürchterlich der Jammer⸗ ſchrei der Stadt, das Schießen der Kämpfenden, und das Gebrüll der Wilden, die ihren Schlacht⸗ geſang triumphirend heulten. Als Paul hereingeſtürzt— blieb er wie ge⸗ bannt ſtehen. Ein kalter Schauer der Ehrfurcht überlief ihn, als er Markwalden gewahrte, der, unbeweglich mit freudeſtrahlenden, glänzenden Augen, in den flammenden Himmel blickte, als ſchaue er ſchon des Paradieſes Freuden. Der bewaffnete Jüngling bebte vor der himmliſchen Ruhe des Greiſes, ja ſie ergriff ihn ſo gewaltig, daß er im Begriff ſtand ſeine Waffen von ſich zu werfen und mit dieſem Heiligen zu ſterben, als Maria ihn gewahrte und mit einem Schrei auf ihn zuſtürzte ihn krampfhaft umklammernd. In dieſem Augenblick erſchallte das Gebrüll der Indianer rings um das Haus Es war ein Heulen der Hölle; ein ſchreckliches, fürchterliches, unbeſchreibliches Tönen, in dem ſich Wuth, wilde — 201— Luſt, Blutdurſt, Raubgier, und triumphirende Siegesfreude einten. Alles bebte, nur Johan⸗ nes und Bertha blieben unbewegt. Paul hatte faſt alle ſeine Faſſung verloren. Er war der einzig Bewaffnete in einem Hauſe, das Hunderte von wohlbewaffneten Jrokeſen um⸗ gaben, und welches nicht einmal verrammelt war. Was ſollte, was konnte er thun. Dazu um⸗ ſchlangen ihn die Arme der Geliebten, und ihr Flehen:„rette uns⸗ zerriß ihm das Herz Ein neues Geheul und furchtbare Keulen⸗Schläge wider die Thüre und die geſchloſſenen Laden des unteren Stockes, kündeten einen Angriff. Zu⸗ gleich erſchien auch ſchon der Kopf eines Wilden an einem der Fenſter des Saales in welchem ſich die Verſammlung befand. Der Irokeſe war an dem Weinſtock heraufgeſtiegen und ſtand im Begriff ſich in die Brüſtung der Fenſteröffnung zu ſchwingen, da erhob Paul die Büchſe, drückte los, die Züge des Indianers verzogen ſich gräß⸗ lich, er bäumte ſich und ſtürzte rücklings herab. Eine minutenlange Stille folgte dem Schuſſe; dann erhob ſich das Geheul noch fürchterlicher, — 202— Steine und Pfeile flogen in den Saal, die Thüren krachten und jauchzend ſtürzten die Sieger in den unteren Raum des Hauſes. Paul ſah Alles verloren. Da wandte er ſich noch einmal in der Verzweiflung an die Knechte des Hausherrn und rief ſie zur Hülfe auf. Sie ſchwankten eine Minute, ihr ſcheuer Blick flog über den Herrn, er ſtand unbeweglich, er beobachtete ſie nicht. Die Gefahr war dringend, der Tod grinste ſie an, der Drang des Lebens ſchrie laut auf; da ſprangen ſie empor und ergriffen Bajonett und Säbel die ihnen Paul zuwarf. Die Thüre ward ſo gut es gehen wollte von zweien ver⸗ rammelt, Paul und die beiden Bewaffneten ſuchten die Fenſter gegen die Aufſteigenden zu vertheidigen. Aber alle Anſtrengungen waren umſonſt, die Thüre wich der Gewalt der Stür⸗ menden— ihr oberer Theil brach ein. Ein gräßliches Triumphgeſchrei folgte dieſem er⸗ rungenen Vortheil; die dunklen Geſtalten drängten ſich zu der Breſche, da feuerte Paul wiederholt auf die Eindringenden, ein Schmerzgeſtöhne kün⸗ dete die Wirkung ſeines Schuſſes, ehe er aber — 203— wieder laden konnte, war die Thüre völlig ein⸗ geſchlagen und der Saal füllte ſich mit Indianern. Eine furchtbare Geſtalt ſprang voraus, es war Caracteriche. Seine rollenden Augen ſuchten ein Opfer ſeiner Wuth; er erblickte B ertha, die in erhabener Ruhe an der Seite ihres Vaters ſtand, der Tomahawk flog um ſeinen Kopf— und fiel zerſchmetternd auf das Haupt der Un⸗ glücklichen. Maria entfuhr ein Schrei des Ent⸗ ſetzens, ſie ſank zu Pauls Füßen, während Bruder Johannes niedergeriſſen und geknebelt wurde. In dieſem Augenblick erſchallte der Ton einer Trommel, Schüſſe fielen und der Ruf„für Gott und die Republik!“ kündete die Ankunft der Amerikaner. IX. Wiomings Antergang. „Sagt mir! ich kann's nicht faſſen und deuten Wie es ſo ſchnell ſich erfüllend genaht, Längſt wohl ſah ich im Geiſt mit weiten Schritten das Schreckensgeſpenſt herſchreiten Dieſer entſetzlichen blutigen That. Dennoch übergießt mich ein Grauen, Da ſie vorhanden iſt und geſchehen, Da ich erfüllt muß vor Augen ſchauen, Was ich in ahnender Furcht nur geſehen. All mein Blut in den Adern erſtarrt Vor der gräßlich entſchiedenen Gegenwart.“ Fr. v. Schiller. Das plotzliche Erſcheinen der amerikaniſchen Truppen verbreitete Furcht und Schrecken unter den Indianern, die, einen regelmäßigen Kampf nicht gewohnt, ſich mehr auf Ueberfälle und ſchnelle Flucht, oder auf die Vertheidigung aus Hinterhalten verſtanden. Mit der Schnelle des Gedankens verließen daher die Meiſten der Ein⸗ gedrungenen, indem ſie Bruder Johannes und einige der Mädchen geknebelt mit fortſchleppten, Haus und Zimmer, und nur ihr Führer, Caracteriche, behauptete mit drei ſeiner Krieger den eroberten Raum. C aracteriches Wuth hatte ſich vorzüglich auf Paul gerichtet, der, von Erſchlagenen umgeben, ſich einzig noch mit Muth vertheidigte. Der junge Deutſche ſtand ſchützend über dem Körper Mariens, die ohnmächtig am Boden lag. Da ihm keine Zeit mehr geblieben ſeine Büchſe neu zu laden, ſo hatte er ſie an dem Laufe gefaßt, und ſchlug nun wüthend mit dem Kolben um ſich; aber die Jrokeſen wußten geſchickt den Streichen aus⸗ zuweichen und drangen immer näher auf ihn ein. Der Jüngling wich demohnerachtet keinen Zoll breit, und vertheidigte ſich mit der größten Tapferkeit; aber er war Einer gegen Viere, und ſchon fingen ſeine Kräfte an zu erlahmen, als ihm in dem entſcheidenden Momente Hülfe er⸗ ſchien. Es war Kosciuszko, der, eine Piſtole in der linken, ſeinen Degen in der rechten Hand hereinſtürzte. Kosciuszko hatte nicht ſobald den Schauplatz der Verwüſtung erreicht, als er die Lage des Kampfes mit dem ihm eignen ſchnellen Blick ermaß. Der Pulverdampf und das Schreien und Wimmern, welches aus den Fenſtern des erſten Geſchoſſes drangen, über⸗ zeugten ihn, daß dorten die Hülfe wohl am nöthigſten ſei. Raſch entſchloſſen beorderte er daher die Franzoſen, unter dem Befehle ihres Sergeanten, nach Wioming vorzudringen, während ein Theil der Seinen ſich vor dem Hauſe Markwaldens poſtirte; ein anderer aber an deſſen Spitze er ſich ſelbſt ſtellte, den unteren Raum deſſelben, welchen die Jrokeſen unterdeſſen aufs Neue verſchanzt hatten, erſtürmte. Die Indianer, auf das Aeußerſte gebracht, ver⸗ theidigten ſich mit dem Muthe der Verzweiflung, und ließen ihre Wuth an den armen Opfern aus, die in ihre Hände gefallen. Auf eine gräßliche Weiſe zerſtümmelt, ihrer Kopfhaut be⸗ raubt, warfen ſie die Leichen derſelben aus den — 207— Fenſtern des Hauſes. Kosciuszko und ſeine Gefährten erbebten bei dieſen Gräuelſcenen, aber ſie ſteigerten nur ihre Anſtrengungen, und in wenigen Minuten war die Verſchanzung nieder⸗ geworfen und der Kampf wurde Handgemein. Kosciuszko hatte hauptſächlich die Rettung der noch übrigen Menſchen im Auge, die er, und mit Recht in dem oberen Stockwerke ver⸗ muthete. Mit Löwenmuth ſchlug er ſich daher durch die dichten Maſſen der Feinde, erreichte glücklich die Treppe und erſchien in dem Saale als eben einer der Indianer mit einem mächtigen Streiche dem Leben Pauls ein Ende machen wollte Kosciuszkos Kugel ſtreckte den Wilden zu Boden, während er zugleich mit Ungeſtüm auf Caracteriche vordrang Der„weiße Wolf“ ſetzte ſich zur Wehre, ein Schlag ſeines Tomahawks zerſplitterte den Degen des Polen, der nun, waffenlos, verloren ſchien Da rettete Geiſtesgegenwart ſein Leben. Che Caracte⸗ riche noch im Stande war einen neuen Streich zu führen, hatte Kosciuszko den rieſigen Indianer ſo enge mit ſeinen Armen umſchlungen, — 208— daß dieſer von ſeiner Waffe keinen Gebrauch mehr machen konnte, und ſich durch Ringen mußte von dem Feinde zu befreien ſuchen. Paul beſchäftigte unterdeſſen zwei der Irokeſen unauf⸗ hörlich, konnte aber nicht wehren daß der vierte Mann dem Führer zu Hülfe eilte und den helden⸗ müthigen Krieger, der zu ſeiner Rettung er⸗ ſchienen, im Rücken zu faſſen ſuchte. Pauls ſchon erlahmende Kräfte wuchſen wieder in dem Maße, in welchem ſich die Gefahr für Kos⸗ ciuszko mehrte; als er aber gewahrte, daß jener Jrokeſe jetzt den Ringenden mit einem Dolche nahe, und Caracteriche bemüht ſei, ſeinem Freunde den Rücken des Feindes zuzu⸗ wenden, als der Wilde, hölliſche Freude in den rohen Zügen, den Dolch triumphirend ſchwang — da dachte er der eigenen Gefahr nicht mehr und— mit einem furchtbaren Kolbenſchlag einen ſeiner Gegner niederſchmetternd— verſetzte er demjenigen, welcher Kosciuszkos Leben eben bedrohte, einen ſo gewaltigen Stoß auf die Bruſt, daß ihm das Blut in dichten Strömen aus Mund und Naſe ſtürzte. Aber auch ihm hatte — 209— ſein Gegner einen Hieb in den Rücken verſetzt, und er ſank bewußtlos zu Boden. Caracteriche ermaß mit einem Blicke das Wachſen der Gefahr, machte ſich von des Polen Armen los, ſchleuderte ihn mit übermenſchlicher Kraft zurück, ergriff mit der einen Hand ſeine Waffe, umſchlang mit der andern Marie, die noch immer bewußtlos am Boden lag, und war nebſt ſeinen Gefährten, noch ehe Kosciuszko ſich wieder erheben konnte aus dem Saale verſchwunden. Dieſer ganze Kampf war das Werk weniger Minuten geweſen, in welcher Zeit denn auch die Amerikaner Herr des Hauſes geworden. Achtundzwanzig Indianer lagen erſchlagen, die anderen hatten ſich durch die Flucht gerettet. Kosciuszko's erſter Befehl war nun den Verwundeten Hülfe zu bringen; er ſelbſt bemühte ſich auf das Eifrigſte um den jungen Mann, der ſich ſo tapfer vertheidigt, und ihm mit ſolcher Aufopferung heute das Leben gerettet. Er hatte auch bald das Glück zu be⸗ merken, daß ſich derſelbe erhole, da ihn der Schlag nur betäubt und nicht verletzt. Pauls erſte Frage war nach Maria und Bruder Jo⸗ Rau, Th. Kosciuszkv. I. Thl. 14 — 210— hannes. Kosciuszko konnte ihm aber zu ſeinem Bedauern weder über die Eine noch über den Andern Auskunft geben, da ihm Beide nicht nur fremd waren, ſondern er auch Caracte⸗ riches Raub nicht bemerkt hatte. Paul erhob ſich mühſam, ſeine Blicke ſuchten Marie, ſie war verſchwunden. War ſie, während er be⸗ wußtlos dalag, erwacht und hatte ſich gerettet? oder ſollte ſie gar ein Raub der Barbaren ge⸗ worden ſein? Der letzte Gedanke machte ihn beben, doch ließ er die Hoffnung nicht ſinken, und eilte ſich nach einer Spur von Bruder Johannes umzuſehen. Mit Schaudern überſah er die Opfer der unglückſeligen Nacht. Marie und Johan⸗ nes waren nicht darunter. Schon wollte er nach dem Hauſe zurückkehren und ſein Suchen erneuen, als ihn der Ruf einer nicht unbekannten Stimme:„Nieder mit ihm es iſt ein Königlicher!“ feſſelte. Er blickte nach der Seite, von welcher die Worte erſchallt, und gewahrte zu ſeiner Freude und zu ſeinem Erſtaunen, mitten unter einer Maſſe amerikaniſcher Soldaten, Mark⸗ walden. Der Quäker, von den Indianern 2 geknebelt und nach dem Wald geſchleppt, war von den, die Flüchtlinge verfolgenden, Truppen erreicht und befreit worden. Der Banden ent⸗ ledigt hatte man ihm, um nun gemeinſam mit den Unürten gegen die Engländer und Irokeſen zu fechten, Waffen angeboten, die er aber mit der gewohnten Feſtigkeit abgelehnt, da er, wie er ſagte gegen ſeinen König nicht fechten könne. Dieſer und ähnliche Ausſprüche erzürnten die Republikaner und vorzüglich einen alten Mann, welcher ohne Uniform und nur mit einer Büchſe bewaffnet, ſie zu führen ſchien. Er war faſt in gleichem Alter mit Markwalden, und ein Deutſcher, wie jener, nur glühten ſeine Wangen in faſt fiebriſcher Röthe, ſeine Augen blitzten wild und kriegeriſch und ein finſterer Haß gab ſich in allen ſeinen Zügen kund; während Bruder Johannes wenn auch von Gram gebeugt doch ſanft und mit Würde ihm gegenüberſtand. „Du biſt ein Königlicher!“ wiederholte der Alte finſter indem er Paulen den Rücken zukehrte, „und wenn Du nicht auf der Stelle Deinem — 6— König ab⸗ und der Republik zuſchwörſt erſchieße ich Dich.“ „Thue was Du darfſt. Mein Leben ſteht in Gottes Hand,“ entgegnete ruhig Johannes, „der Herr hat's gegeben, der Herr mag es nehmen, der Name des Herrn ſei gebenedeit!“ „So fahre zur Hölle, alter Schwätzer!“ rief leidenſchaftlich der Alte und griff nach ſeiner Flinte. „Halt!“ donnerte in dieſem Momente Paul, der herbeigeeilt, durch meine Bruſt muß Deine Kugel gehen! Schütze Dein Haupt!“ Und mit dieſen Worten hob er die Büchſe an ſeine Wange und faßte den Alten zielend ins Auge; Dieſer kehrte ſich raſch um. Aber plötzlich— wie von einem Zauber gefeſſelt— hielt er inne,— die Arme ſanken matt und kraftlos nieder,— er bebte am ganzen Körper — und ſeine Augen ſtarrten, weit aufgeriſſen nach dem Alten. Da wirbelte die Trommel, und die Republi⸗ kaner eilten unter die Fahne Paul und Johannes ſtanden ſchweigend, faſt bewegungs⸗ — 213— los. Die Colonnen ordneten ſich und marſchirten dann der unglücklichen Stadt zu. Kosciuszko gewahrte Paul vom Pferde aus. Er ſprengte herbei, reichte ihm die Hand und ſagte:„Junger Mann, Sie haben mein Leben gerettet, Sie haben, was mehr iſt, mit Heldenmuth gekämpft, jetzt ruft mich die Pflicht weiter, den Unglücklichen der Stadt zu helfen, aber ich hoffe Sie wieder zu ſehen und Ihnen alsdann meinen Dank thätlich zu beweiſen. Für den Augenblick habe ich Ihnen ein Commando von zwölf Mann zum Schutze der Ihrigen zurückgelaſſen. Und nun Gott mit Ihnen, ich muß eilen“ Und mit dieſen Worten ſprengte er den Seinen nach. Paul hatte von allem dem nichts gehört Er ſtand unbeweglich, wie in tiefen Gedanken verloren. Endlich fuhr er mit dem Ausrufe: „Es iſt unmöglich!“ in die Höhe. „Was iſt Dir, Bruder?“ frug ihn ſanft der greiſe Quäker. „Nichts!— Nichts!“— entgegnete der Jüngling aufgeregt„Es war nur eine Täuſchung — eine Aehnlichkeit vielleicht— aber, als ich — 214— den wüthenden Alten niederſchießen wollte— da — glaubt' ich in ihm— meinen Vater zu ſehen.“ Und er bedeckte mit beiden Händen ſein Geſicht—— Ueber Wioming war unterdeſſen eine ſchreckliche Kataſtrophe hereingebrochen. Gleich nachdem Buttler und Caracteriche in jener Nacht unter den Mauern des Markwal⸗ diſchen Hauſes erſchienen und von Paul beob⸗ achtet worden waren, fielen auf ihren Befehl ſechzehnhundert Menſchen über das ſüdlichſte jener Forts her, welche die Gemeinde zum Schutze der Stadt errichtet hatte. Schwach beſetzt, war die Mannſchaft bald überwunden und niederge⸗ metzelt, und nun ergoß ſich der wilde Strom über die Stadt. Ein fürchterliches Geheul ſchreckte die Ein⸗ wohner aus ihrem Schlafe, und ehe ſie ſich ihrer ſelbſt recht bewußt werden konnten, drangen die Indianer und Britten ſchon in die Wohnungen ein, und raubten und zerſtörten, was ihnen unter die Hände kam. In wenigen Minuten ſtand Wioming in Flammen. Trotz der entſetzlichſten Verwirrung ſammelte Capitän Bedlock indeſſen ſeine bewaffneten Brüder, und warf ſich mit dieſen und dem größten Theile der Einwohner in das Haupt⸗ Fort, welches denn auch die Barbaren um ſo weniger anzugreifen wagten, als ſich ihre Maſſe plündernd und mordend über die ganze Stadt zerſtreut hatte. Als nun Buttler einſah, daß er auf dieſe Weiſe ſeine Rache nicht genügend zu ſättigen im Stande wäre, brütete er über anderen Verderben⸗bringenden Plänen. Es wurde auch in der That dieſer finſteren boshaften Seele nicht ſchwer neue Intriguen zu erſinnen, und vor allem Anderen faßte er dabei den Capitän Bedlock ins Auge, der ſeinen Ehrgeiz und ſeine Habſucht einſt hart beleidigt hatte. Buttler zog ſich daher mit den Seinen zurück, und ließ Bedlock auffordern, an einem beſtimmten Orte, jedoch unter Begleitung von vierhundert Mann zu erſcheinen, um Unterhandlungen anzuknüpfen. Bedlock, welcher die Grauſamkeit der Indianer kannte, hoffte die Gemeinde durch eine gütliche Uebereinkunft vor fernerem Unglück ſchützen zu — 26— können, und nahm Buttlers Vorſchlag an. Mit der erſten Morgendämmerung verließ er das Fort und marſchirte nach der angegebenen Stelle, aber nirgends fanden ſich Unterhändler. End⸗ lich gewahrte er in der Ferne einen Menſchen der eine weiße Fahne trug. Er folgte ihm weiter und weiter— aber plötzlich ſah er ſich von den Verräthern überfallen, und von einer bedeutenden Uebermacht umringt. Bedlock und die Seinen verzagten nicht. Die Gefahr ſteigerte ihren Muth, ſie kämpften wie Löwen. Schon fingen die Feinde zu weichen an, da miſchte ſich auf Buttlers Anordnung ein Britte, in Quäkerkleidung ge⸗ hüllt, unter Bedlocks tapfere Schaar, und rief:„Zurück! Zurück! der Capitän hat den Rückzug befohlen!“ Von dieſem Ruf geſchreckt und irregeleitet, löſen ſich die Reihen der Anerikaner, die In⸗ dianer dringen jauchzend vor und richten ein fürchterliches Blutbad an. Bedlock wird, von Wunden bedeckt, gefangen, und an Buttler abgeſandt. Jetzt konnte ſich auch das Fort nicht mehr halten, und man war auf das Schrecklichſte ————————— gefaßt, als die von Kosciuszko abgeſandten Franzoſen anlangten. Sie wurden mit Jauchzen begrüßt, und geſellten ſich ſogleich der Beſatzung bei, wodurch das Fort gerettet war. Kurze Zeit darauf erſchien Kosciuszko ſelbſt, und trieb mit ſeinen Braven nach heißem, dreiſtündigem Kampfe noch den Reſt der Barbaren zurück. Aber welche Gefühle beſtürmten den Buſen des menſchenfreundlichen Siegers. In dem pul⸗ vergeſchwärzten Antlitze erglänzten Thränen des Mitleidens, bei dem Anblicke des endloſen Jam⸗ mers der ihn umgab. Die ſchöne blühende Stadt war ein Schutthaufen, und Männer und Weiber, Kinder und Greiſe waren in den ſchrecklichſten Qualen unter den Händen der Barbaren ge⸗ blieben, mit ihrem Jammergeſchrei das Ohr der Unmenſchen ergötzend. Aber die Krone der Ab⸗ ſcheulichkeiten hatte der racheſchnaubende Buttler ſich auf das Haupt geſetzt. Unter ſeinen Augen ließ er den Capitän Bedlock an dem ganzen Körper mit Nägeln von Tannenholz beſpicken, und dann langſam am Feuer braten. O, Genius der Menſchheit, du erbleichſt, — 218— du wendeſt mit Abſcheu dein Antlitz von dieſer blutgedüngten Erde, und das weinende Auge zum Himmel gehoben frägſt du bebend: Vater der Liebe ſind dieß deine Kinder?—— So hatte ſich denn die furchtbare Ahnung des Bruder Johannes erfüllt: das Paradies des Susquehanna war von der Erde ver⸗ ſchwunden. Kosciuszko dachte zu edel, um dem all⸗ gemeinen Unglücke nur Mitleiden zu widmen; er fühlte hier müſſe gehandelt, und zwar raſch ge⸗ handelt werden. Kaum hatte er daher zur Sicher⸗ heit der wenigen noch übrigen Menſchen die nöthigen militäriſchen Vorkehrungen getroffen, als er ſelbſt den Elenden zu Hülfe eilte. Ihm ſchien es als ob der Geiſt ſeiner Louiſe ihn umwehe, und ihn mit leiſem Flehen mahne, das Leiden ſeiner Mitmenſchen zu mildern. Ach litt denn nicht auch ſie, die Ferne, ſo unendlich? Hatte das Schickſal nicht auch ſein Hetz gebrochen?— Und er ließ die Liebe, die in ſo unendlicher Fülle in ſeinem jugendkräftigen Buſen wohnte, aus⸗ ſtrömen auf ſeine Nebenmenſchen, und ihm ward ——— — 29— jede menſchliche Geſtalt zu einem Bruder zu einer Schweſter Louiſens. Hier kniete er nieder neben dem Verwundeten und verband mit eignen Händen ſo gut es gehen wollte; dort ſprach er den Verzweifelnden ſo ſanften milden Troſt ein, daß ſich die müdge⸗ weinten Augen hoffend trockneten. An einer an⸗ deren Stelle war er behülflich die ſchwer Ver⸗ wundeten auf Tragbahren zu legen, um ſie nach dem Fort bringen zu laſſen, und dorten wieder vertheilte er ſelbſt die wenigen Nahrungsmittel, welche er für die Hungrigen hatte aufbringen können. Kosciuszko ſah ein, daß er den Platz nicht verlaſſen durfte, wenn er die Unglücklichen nicht aufs Neue der Wuth der Feinde bloßſtellen wollte. Er entſchloß ſich deßhalb, mit ſeinen Ergebenen ſo lange hier zu weilen, bis er von dem Generaliſſimus nähere Befehle erhalte, und ſandte daher ſogleich einen ausführlichen Bericht über den ganzen Vorfall, von ſeiner Verirrung an, bis zu dem Treffen bei Wioming an denſelben ab. — 220— Erſt als dieß geſchehen und die Ordnung ſo gut als thunlich hergeſtellt, ſandte er einen Boten an Paul, um ſeinen Lebensretter bei ſich zu ſehen und ihm noch einmal zu danken. Der Bote kam zurück aber Paul nicht mit ihm, und Kosciuszko erfuhr aus dem Munde des Ab⸗ geſandten, daß er in dem Hauſe des Quäkers nur einen alten Mann gefunden, der, ſchweigend und in ſich gekehrt, aber äußerlich gefaßt und ruhig, neben der Leiche eines jungen Mädchens geſeſſen hätte, und der ihm endlich auf ſein wiederholtes Fragen nach dem jungen Deutſchen geantwortet habe:„Bruder Paul iſt in den Wäldern verſchwunden, er ſucht Marie die uns die Jrokeſen entführt.“ X. Der Prief. Iit es möglich! Stern der Sterne, Drück ich wieder Dich ans Herz! Ach, was iſt die Nacht der Ferne Für ein Abgrund, für ein Schmerz. Ja Du biſt es! meiner Freuden Süßer, lieber Wiverpart; Eingedenk vergangner Leiden Schaudr' ich vor der Gegenwart.“ Göthe. Die Ordre des Generaliſſimus traf bald in Wioming ein. Kosciuszko verließ ihr zufolge ſofort dieſen Platz und zog ſich über Eaſton, woſelbſt er den kleinen Reſt der unglücklichen Wiominger hinbrachte, nach dem Hauptquar⸗ tiere zurück. —— Dort eingetroffen, empfingen ihn das Heer und die Freunde mit lautem Jubel. Seinen Namen trug Begeiſtrung durch das ganze Lager und Jeder ſprach mit Achtung und Liebe von dem Manne, der ſich eben ſo edelmüthig und mildthätig bei dem Jammer ſeiner Mitmenſchen, als kaltblütig in der Gefahr und tapfer im Kampfe gezeigt hatte. Nachdem Kosciuszko ſeinen Pulawski und die übrigen Freunde herzlich begrüßt, begab er ſich zu dem Generaliſſimus, um demſelben auch mündlich den ſchuldigen Bericht abzuſtatten. Washington war mit ſeinem Privatſecretär allein. Er trat Kosciuszko mit Herzlichkeit und mit jener einfachen Offenheit entgegen, die ihm ſo eigenthümlich. „Willkommen junger Held!“ rief er und ſchüttelte traulich des Polen Hand.„Habt Eure Proben gut beſtanden. Die Welt wird Eurer mit Achtung und Ehrfurcht gedenken, ſo oft ſie die Namen Stoney⸗Point, Monmvouth und Wioming nennt. Was aber mehr iſt, die Menſchheit wird Euch lieben. Ihr ſeid nicht — 223— nur ein tapfrer Krieger— ſondern auch ein edler Menſch, den Ehrſucht und Ruhmbegierde nicht um des Sieges willen zu Grauſamkeiten hinreißen, und der nicht nur Wunden zu ſchla⸗ gen, ſondern ſolche auch zu heilen weiß.“ Wenn Thaddäus Herz ſeit jener unglück⸗ ſelgen Trennung von der Geliebten jeder Regung der Freude verſchloſſen geblieben, ſo warfen dieſe Worte, von dem ſo hochverehrten Helden und Staatsmanne geſprochen, wieder den erſten freund⸗ lichen Strahl in daſſelbe Er fühlte ſich durch das Lob dieſes Mannes für alle Gefahren und Mühen reichlich belohnt, ja ſeine Beſcheidenheit zweifelte daran, ob er es auch in der That ſo ganz verdiene. „Mein General,“ entgegnete er daher,„ich ſtrebte allerdings nach der Erfüllung meiner Pflicht als Krieger und als Menſch;— aber— ich fühle auch wie weit ich noch hinter dem ange⸗ ſtrebten Ziele zurückblieb.“ „Ihr thatet was Ihr konntet, das bin ich überzeugt.“ „Und werde es auch ferner thun.“ — 224— „Ich halte Euch beim Wort. Ihr glaubt nicht, Kosciuszko, wie es mich bis in das Innerſte meiner Seele freut, Männer neben mir zu haben, deren Herz der Krieg nicht verhärtet hat. Mein armes Vaterland muß ſo unendlich viel leiden. Alle Schrecken des Bürgerkriegs ſind über daſſelbe ausgegoſſen, und leider ſind es nicht nur die Feinde welche Gräul auf Gräul häufen, ſondern auch,— trotz allen meinen Bemühungen — ſelbſt ſeine eigenen Kinder. Bürgerkrieg“— fuhr Washington fort, und die Liebe mit welcher er ſein Vaterland umfing leuchtete aus ſeinen ſprechenden Augen,—„Bürgerkrieg, iſt ein ſchreckliches Ding.— Dennoch können wir von Glück ſagen, da er ſich bei uns allmählig entwickelt hat, und nicht unvorbereitet ausbrach mit allen Schrecken der Volkswuth. Es iſt ein Segen des Himmels, ein nicht zu ermeſſendes Glück für die Menſchheit, wenn bei Geſtaltung großer, für Mit- und Nachwelt wichtiger Er⸗ eigniſſe, nicht Maſſen ſich plötzlich erheben um dieſelben zu entwickeln; ſondern der ſegensreiche Lebensbaum aus ſtill verborgenen Keimen nach und nach erwächst. Maſſen der Kraft ſprengen oft die unreife Knospe zu früh. Die junge Pflanze, des vollen Sonnenlichtes der Vernunft entbehrend, welkt dann ehe ſie zur Reife gelangt“ „Ich kann es mir denken, ja ich fühle es ſelbſt,“ ſagte Thaddäus,„wie ſehr die Leiden, welche der Krieg über die vereinigten Staaten bringt, Ihr edles Herz zerreißen müſſen, deſſen höchſter Wunſch gerade das Glück dieſer Co⸗ lonie iſt.“ „Ja bei Gott das iſt er!—“ rief der Ge⸗ neral.„Wie gerne hätte ich dieſen Krieg ver⸗ mieden geſehen, und wie leicht wäre dieß für England geweſen. Der Fall eines Sandkornes bedingt oft Völkerſchickſale“ „Amerika hatte indeſſen vielfachen und ge⸗ gründeten Stoff zur Klage.“ „Alle würden ſich haben ausgleichen laſſen, wenn man nur in der Hauptſache nachgegeben und im Anfang eine diplomatiſche Wahrheit be⸗ griffen hätte“ „Und dieſe iſt?“ „Unſer vortrefflicher Franklin hat ſie dem Nau, Th. Kosciuszko. II. Thl. 15 — 226— Parlamente 1765 deutlich auseinandergeſetzt. Es iſt der Unterſchied zwiſchen Auflagen nach Außen oder Innen. Würde man ſeiner Zeit, mit Zuziehung der General⸗Aſſemblys der Colonien, Auflagen nach Außen umgeſchlagen haben, ſo wäre der Frieden erhalten worden. Denn die von dem Auslande kommenden Waaren, durch Zoll theuer gemacht, braucht man nicht nothwendig zu kaufen; ganz anders verhält es ſich aber mit den Abgaben, die auf den inneren Verkehr gelegt werden, dieſe muß man bezahlen. Doch warum Dinge aufrühren, die nicht zu ändern ſind. Jede Krankheit iſt ein erhöhtes Leben. Ich bin feſt überzeugt die blutige Saat dieſes Kriegs wird köſtliche Früchte tragen.— Nichtsdeſtoweniger wollen wir menſchlich verfahren und nicht Gleiches mit Gleichem vergelten. Dann bleibt unſre Sache um ſo mehr in der öffentlichen Meinung eine gute. Die öffentliche Meinung aber bildet im Staate eine Gewalt, welche die Keime der Zukunft beſchirmt, und die nicht zu durchbrechen iſt.“ „Curopa hat bewieſen, daß es die Erhebung Nordamerika's als eine gerechte Sache anſehe,“ entgegnete Kosciuszko,„und wer könnte noch daran zweifeln wenn ein Mann von ſo geprüfter und allgemein anerkannter Rechtlichkeit, wie Sie mein General, an deren Spitze ſteht. „Wir ſind Kinder des Irrthums, und der Beſte kann fehlen. Doch in einem Stück glaube ich mich nicht zu täuſchen. In Euch, Kos⸗ ciuszko, habe ich einen Mann nach meinem Herzen gefunden. Seid mein Freund.“ Washington hielt bei dieſen Worten dem freudig Ueberraſchten mit ungezwungener Herz⸗ lichkeit ſeine Hand hin. Kosciuszko ergriff ſie begeiſtert und rief: „General! ich weiß dieſe Ehre zu ſchätzen, ich werde ſuchen ſie zu verdienen.“ „Ihr könnt es, mein Freund, durch redliches Mitwirken zu dem hohen Zweck, der uns unter einer Fahne vereinigt. Jetzt erholt Euch von den ausgeſtandenen Mühen. In wenigen Tagen wird es neue Beſchäftigung geben. Und fahrt Ihr fort wie bisher Geſchwindigkeit in den Unter⸗ nehmungen, die gleiche Tapferkeit im Gewühle — 228— der Schlacht, die gleich raſche Beſonnenheit im Angriffe, verbunden mit jener Geiſtesgegenwart beim Rückzuge zu entwickeln— dann,— mein Freund— darf ich Eurem Vaterlande Glück wünſchen, denn es wird einſt einen großen Feld⸗ herrn in Euch beſitzen.“ Das Eintreten mehrerer Officiere unterbrach hier die Unterredung. Washington drückte Kosciuszko noch einmal die Hand, und Beide ſchieden durchdrungen von jenem Hochgefühle: der Freund eines edlen und biedern Mannes zu ſein. Kosciuszko war in heftiger Aufregung. Denn wenn ſein Herz auch gegen jede Freude der Auſſenwelt kalt blieb, wenn Richts auf Erden mehr im Stande war die Leere auszufüllen, welche der Verluſt ſeiner Louiſe in ihm zurückgelaſſen, ſo mußte doch dieß liebevolle Entgegenkommen des Mannes, der als Vorbild kriegeriſcher und politiſcher Tugenden vor ſeiner Seele ſchwebte, ſein empfängliches Gemüth freudig erfaſſen. Des großen Washingtons Beifall und Zufrieden⸗ heit zu erringen, war von dem Augenblicke an, — in welchem er Amerika's Küſte betreten, ſein feſter Vorſatz geweſen. Er war erfüllt; ja— ſeine kühnſten Hoffnungen überflügelt. Washington ſelbſt hatte ihn um ſeine Freundſchaft ge⸗ beten. Wie glühte der Feuergeiſt des Polen, wie heftig ſchlugen ſeine Pulſe, wie innig, wie feſt nahm er ſich vor: nun auch alle ſeine Kräfte aufzubieten, dieſe Freundſchaft und das erhaltene Lob zu verdienen. Von ſolchen Gefühlen erfüllt, trat er in ſein Zelt. Auf dem Feldtiſche lagen verſchiedene Papiere, auch ein Brief. Ein Brief? dachte er, von wem ſoll ich einen Brief erwarten? Er trat näher, ergriff ihn, betrachtete Aufſchrift und Wappen, erblaßte und rief: „Er iſt von Niemcewicz!“ Es waren die erſten Nachrichten, die er ſeit der Stunde der Trennung von dem Freunde er⸗ hielt; die erſten Nachrichten, die ſeit ſo langer, langer Zeit von dem geliebten Vaterlande zu ihm herüberdrangen,— es waren— vielleicht! Nachrichten über Louiſens Schickſal! Sein Herz ſchlug ſo gewaltig gegen die männ⸗ lich ſtarke Bruſt, daß ihm der Athem ſtockte Er 230— faßte den Brief um ihn zu öffnen; aber er zitterte ſo heftig, daß er ihm entſank. Kalt und ruhig mitten im Kugelregen der Schlacht, gebrach ihm faſt die Kraft dieß Schreiben zu leſen. Er ging mit großen Schritten auf und ab, bis ſich die erſten Wallungen des Blutes mehr und mehr gelegt. Als er ruhiger geworden, entfaltete er das Blatt und fand folgende Zeilen: Theurer Freund! Endlich! endlich! bin ich im Stande Dir zu ſchreiben. Ich weiß zwar nicht wo Dich dieſer Brief treffen kann, aber da ich ihn in das Hauptquartier der Armee der vereinigten nord⸗ amerikaniſchen Staaten adreſſire, ſo hoffe ich dennoch mit Zuverſicht, daß er, wenn auch auf Umwegen, in Deine Hände gelangen wird. Mein Herz iſt voll, mein Gehirn durch⸗ ſchwirren Tauſende von Gedanken, und ich ſuche faſt umſonſt nach Worten, Dir dieſe Gefühle, dieſe Gedanken auszudrücken. Ich habe Noth ſie zu ordnen. Welch' ſchwacher Ausdruck iſt das Wort für unſere Gefühle, unſere Ideen, und wie unendlich ſchwächt der todte Buchſtabe — 94— noch die Bedeutung des Wortes. Ich möchte verzagend die Feder niederlegen, die ich ſo muth⸗ voll ergriffen. Verzeihe mir wenn meine Liebe zu Dir die Oberhand behält über Wichtigeres. Ich muß meinem Herzen endlich einmal Luft machen, ich muß ſeine Empfindungen dahin ausſtrömen, wo ſie Anklang finden. Ich muß mich, wenigſtens im Geiſte, einmal wieder an die Bruſt werfen, an welcher ich ſo manchmal hing, in den Stunden der höchſten irdiſchen Seligkeit und der tiefſten irdiſchen Noth,— an die Bruſt die mir in allen Wechſelfällen des Lebens treu blieb. Wie ſchmerzlich mir es iſt, von Dir getrennt zu ſein, ſo entſproßt doch dieſem Schmerze, wie jedem im kurzen Daſein, eine göttliche Blühte Ich fühle meine Freund⸗ ſchaft an ihm erſtarken, ſie wächst und wächst mit der Entfernung, als wolle ſie ihrer ſpotten und ſagen: können Länder und Meere, können ſelbſt Welten Geiſter trennen, die ſich einmal liebend umfaßt? O welche Fülle ſeligen Troſtes quillt aus dieſem Gedanken, ſeine Strahlen brechen ſelbſt durch die Thränen die wir in die finſtere — 232— Gruft weinen, und bauen einen Regenbogen auf, der uns eine Brücke wird zwiſchen dem zerbrechlichen„Hier“ und dem ewigen„Einſt“— Nicht unſere jetzige, nicht die ernſtere Tren⸗ nung am Grabe, wird dauern, das fühle ich, und Wonne des Himmels durchzuckt mich bei dem Gedanken des Wiederſehens. Und welch' glänzender Weg des Ruhmes öffnet ſich Dir. Ganz Europa blickt, von geheimen Sympathien ergriffen, auf Amerika und ſeine Helden. Ich bin gewiß der Name Kosciuszko wird bald leuchtend unter ihnen auftauchen, und ſein Klang wird die Hoffnung nähren, die Polen auf ihn ſetzt. Polen!— o treue Seele, ich müßte Dich nicht kennen, wenn ich nicht überzeugt wäre, daß hier eine heiße Thräne der Vaterlandsliebe und der Sehnſucht nach der fernen Heimath auf dieß Blatt falle; ich würde Dich nicht lieben, wenn ich mich nicht beeilte Dir einige Nachricht über das ſeitherige Schickſal deſſelben zu geben, obgleich ſich, ſeit Deiner Abreiſe, wenig nach Außen verändert hat. Die Grafen Berſzade und Potocki weilen noch im Auslande, mit — 233— ihnen und Dir ſind den geheimen Verbindungen zwar die Hauptſtützen geraubt, demohnerachtet halten die Glieder deſſelben feſt und treu zu⸗ ſammen, und richten, da man heimliche Zu⸗ ſammenkünfte auf alle erdenkliche Weiſe von Seiten der ruſſiſchen Parthei zu hintertreiben ſucht, ihr Augenmerk auf diejenigen moraliſchen und politiſchen Verbeſſerungen, die einzig einer beſſeren Lage Polens, ſoll ſie dauernd ſein, den Weg bahnen können So darf ich Dir denn die freudige Verſicherung geben, daß,— wenn gleich Rußlands Einfluß uns mehr drückt als je, und ſelbſt die Cotterie des Cabinets von St. Petersburg alles aufbietet uns zu veruneinigen, zu ſchwächen und zu lähmen,— dennoch die Nation ein kräftiger Geiſt durchweht, und der⸗ ſelbe einen ſo kühnen und erfreuenden Aufſchwung nimmt, daß die Herzen aller treuen Söhne des Vaterlandes mit Gewißheit einem glücklichen Er⸗ folge entgegen blicken. Der ehrwürdige Za⸗ moyski ſteht noch wie früher an der Spitze der Kämpfer gegen Vorurtheile und Mißbräuche; der größere Theil des Adels ſchließt ſich ihm an; die — 234— Rechte und Freiheiten des Landmannes und der Freien befeſtigen ſich mehr und mehr, und die Nationalkräfte wachſen in gleichem Maße. Die Literatur erfreut ſich eines herrlichen Gedeihens, vorzüglich auf dem Gebiete der Politik, und auch ich ſetze alle meine Kräfte daran, durch die mir verliehenen kleinen Gaben den Sinn für Nationa⸗ lität zu heben, und die Gemüther für Größe und republikaniſche Tugenden empfänglich zu machen. Die ungeheure Schuld, welche ſeit der Theilung auf dem Lande laſtete, hat die Geiſt⸗ lichkeit durch edle Aufopferung in freiwilligen Beiſteuern gedeckt; ja es ergab ſich in dieſem Jahre ſchon ein kleiner Ueberſchuß in der Ein⸗ nahme, der ſich in der nächſten Zukunft bedeu⸗ tend ſteigern wird. Auch der Handel hebt ſich, und man iſt mit der Ausführung großer und allgemein nützlicher Bauten und einträglicher Spekulationen eifrigſt beſchäftigt. Die natürliche Folge davon iſt, daß ſich der Credit merklich hebt. Während nun dieß Alles phyſiſch und geiſtig auf das Land einwirkt, ſcheint die Zeit auch von Außen gunſtigere Verhältniſſe herbeiführen — 235— zu wollen. Die nordamerikaniſchen Staaten ſind als unabhängig anerkannt, und ſchreiten rüſtig in dem begonnenen Werke ihrer Freimachung weiter. In Frankreich tauchen Ideen auf, die gefährlich für den Despotismus, uns in die Hände ſpielen. In Rußland ſelbſt regt es ſich hie und da, und was mehr heißen will, die Türkei droht mit einem Kriege. Dieß, theure Seele, ſind die wenigen und oberflächlichen Notizen, die ich Dir in dieſem Briefe, von deſſen ſicherer Ankunft ich ohnehin nicht ganz überzeugt bin, über unſere politiſche Lage geben kann und darf. Die Gährungsſtoffe häufen ſich, während eine gewitterſchwüle Stille über dem Reiche liegt. Geduld! iſt jetzt unſer Loſungswort, und die Beförderung ächter Natio⸗ nalität nach allen Seiten hin, die Pflicht jedes rechtlichen Polen. Nachdem ich nun berührt, was Dir als Welt⸗ und Staatsbürger am wichtigſten erſcheinen muß, gehe ich zu einer Sache über, die Dir als Menſch am nächſten liegt. Vielleicht hätte ich meinen Brief hiermit beginnen ſollen, aber ge⸗ — 236— rade weil ich weiß, wie ſehr ſie Dich erfaſſen, wie ſchmerzlich Dich ergreifen wird, laſſe ich dieſe Nachricht nun erſt folgen. Thaddäus!— Freund meines Herzens!— Deine Louiſe lebt! es iſt meinen Anſtrengungen gelungen ihren Aufenthalt zu ermitteln. Ich bin noch jetzt, in dem Augenblick in welchem ich dieſe Zeilen niederſchreibe, ſo erregt, ſo ganz in Dir aufgelöst, habe mich mit Dir ſo ganz identificirt, daß ich nicht im Stande bin weiter zu ſchreiben; ich lege daher die Feder nieder bis ich ruhiger geworden bin und meine Gedanken geordnet habe.—— Es iſt geſchehen. Ich habe friſche Luſt ge⸗ ſchöpft, und will nun verſuchen Dir den Verlauf der Begebenheit geordnet vorzuführen. Als wir uns das letztemal in den Armen lagen, als Du gebrochenen Herzens Dein Vater⸗ land verließeſt, ſchwur ich im Stillen mir alle Ruhe ab, bis ich den unglücklichen Gegenſtand Deiner Liebe wiedergefunden, und Dir wo mög⸗ lich vereinigt hätte. Und wahrlich es bedurfte keines Gelöbniſſes, — P— denn ich fühlte alsbald daß mit Dir und dem Verſchwinden Deines Glückes meine Ruhe ohne⸗ hin verloren war. Ich kam mir wie eine Palme vor, die aus dem liebeglühenden, farbenreichen Süden in unſere eiſigen Reviere plötzlich verſetzt, nun träumt von den mährchenhaft ſchönen Tagen die ſie einſt umrauſcht, und ſich ſehnt nach den fernen Brüdern und Schweſtern, bis der Kummer das Mark ihres Lebens aufzehrt. Der Vicekronfeldherr war mit Louiſen ver⸗ ſchwunden. Fürſt Orany kehrte, ſobald die Umſtände es erlaubten, nach Rußland zurück; die Gräfin aber hatte ſich mit Fräulein Zeno⸗ wicz nach Warſchau begeben. Dieß war der Stand der Dinge nach Deiner Abreiſe, und alle erdenklichen Bemühungen einiges Licht über des WMarſchalls Flucht zu erlangen, blieben, wie vorauszuſehen war, fruchtlos, denn es lag ganz in dem Charakter des ſtolzen, tyranniſchen und eigenwilligen Sonowski, keinen Menſchen, nicht einmal ſeine Gattin, in den Racheplan einzuweihen, den er, rückſichtlich der unglücklichen Tochter, gefaßt. Demohnerachtet baute ich auf weibliche Feinheit mehr als eigene Geſchicklichkeit und entſchloß mich daher der Gräfin und Fräu⸗ lein Zenowicz zu folgen. Mein Urlaub war bald erwirkt und eben ſo ſchnell Warſchau erreicht. Hier aber ward mir der Urſprung der Sage von den Drachen klar, welche in ſo vielen alten Erzählungen die Schönheiten bewachen, denn ich glaube dem fürchterlichſten und wach⸗ ſamſten dieſer Ungeheuer wäre es nicht gelungen Fräulein Karoline ſo vollkommen von der Welt abzuſchneiden, als dieß die Gräfin im Stande war. Ich weilte ſechs Monate in der Hauptſtadt und mußte ſie nach dieſer Zeit ver⸗ laſſen, ohne auch nur die Zenowicz von ferne geſehen zu haben. 1 Ich geſtehe— der Muth hatte mich ver⸗ laſſen; ich war reiſefertig und wußte nicht wo⸗ hin mich wenden. Das einzige was mir zu thun übrig blieb, war, unter fremdem Namen Lit⸗ thauen, in welchem die meiſten Sonowskiſchen Güter lagen, zu durchſtreifen, und ſo mehr auf einen glücklichen Zufall zu hoffen, als auf einen — 239— beſtimmten Plan zu bauen. Ich folgte, da mir keine Wahl blieb, dieſer Eingebung. Von Süden nach Norden, von Oſten nach Weſten durchforſchte ich das Land. Alle Güter des Marſchalls ließ ich durch meinen treuen Diener beſuchen, oder that es verkleidet wohl ſelbſt,— umſonſt!— keine Spur von der Verſchwundenen und was das Seltſamſte war, auch keine Nachricht über das Erſcheinen oder die Durchreiſe des Marſchalls. So hatte ich Kowno erreicht, und wollte mich eben anſchicken auf der öſtlichen Grenze Litthauens zurückzukehren, als ich heftig erkrankte, und erſt nach Verlauf von acht Wochen im Stande war das Zimmer zu verlaſſen. Der Arzt hatte mir anbefohlen jede geiſtige Aufregung möglichſt zu vermeiden, dagegen meinen Körper durch fleißiges Gehen in freier Luft zu ſtärken, und da mich, wie Du weißt, die Natur— und namentlich eine wild⸗ romantiſche— von jeher angezogen ſo benutzte ich die Stunden meiner erzwungenen Muſe, die reizenden Umgebungen Kowno's zu beſuchen. Vor allem wurde mir der nicht ſehr weit ent⸗ fernte Friedensberg im Walde gerühmt, auf welchem ſich ein prächtiges Kamaldulen⸗ ſerkloſter erhebt. Der nächſte ſchöne Tag wurde zum Beſuche dieſes Kloſters beſtimmt, und das Vorhaben ſofort ausgeführt. Mitten unter hohen, ſchwarz bewaldeten Hügeln, erhebt ſich der Friedensberg ſteil und kühn, und blickt, einem alten Könige gleich finſter und verachtend auf die waldigen Vaſallen herab, die ſich rings um ſeinen Thron in ewigem Schweigen gelagert haben. Zu ſeinen Füßen hüpft neckiſch, ein ſchmeichelnder Schvoßhund, die Wilia, und auf ſeinem Haupte erhebt ſich, — einer Mauerkrone gleich— das geräumige Kloſter der Kamaldulenſerinnen. Als ich mich den herrlichen Gebäuden ge⸗ nähert, die ſich in ſtolzer Pracht, himmelanſtrebend hier erheben; als ich von der Höhe herniederblickte in die ſtillen Thäler, in die ſchwarzen Wälder, in die ferne, ſtumme Welt, und das Glöcklein des Kloſters nun erklang, und ſeine Töne wie Flänge des Friedens herniederſchwammen, ſo kla⸗ gend und doch auch ſo tröſtend; überfiel mich eine — 241— unbeſchreibliche Wehmuth, und ich dachte Dei⸗ ner und Louiſens und der ſchönen Tage, die wir vereint verlebt, und der Nichtigkeit alles irdiſchen Glückes, und meines vergeblichen Su⸗ chens, und Eurer Herzen, die die Liebe gebrochen, und ich fühlte ſo recht im tief Innerſten meiner Seele, daß es noch einen feſteren Halt für die arme Menſchheit geben müſſe als die Erſchei⸗ nungen dieſes Lebens, und eine höhere Seligkeit als ſelbſt irdiſche Liebe— ich fühlte, daß nur in Gott die Ruhe der Seele begründe. Wie glücklich dachte ich mir jetzt die Menſchen, die hier, abgeſchieden von der Welt und ihrem wüſten Treiben, nur in der Anſchauung und Anbetung des höchſten Weſens verloren, lebten. Ihren Herzen drohten ja ſo tauſend Leiden nicht, die unſern Pfad umlagern; ſie mußten ruhig, ſtill⸗glücklich ſein. Und ich blickte mit wahrer Sehnſucht nach den Mauern des Kloſters. Da ſchritt über den kleinen Kirchhof deſſelben, eine zarte, ätheriſche Geſtalt Sie trug ein weißes Kleid, umſchloſſen von einem wollenen Gürtel und einem ſchwarzen Scapulier. Langſam ging Rau, Th. Kosciuszko. II. Thl. 16 — 242— ſie, mir den Rücken zukehrend, durch der weißen Kreuze lange Reihen, bis ſie ein halb verfallenes Bogenfenſter der Mauer erreichte. Nachdenkend lehnte ſie ſich, mit den zarten Fingern kaum den Stein berührend, auf die Brüſtung, während ihre andere Hand auf der Stelle des Herzens ruhte, als wolle auch ſie, die Fromme, einen tiefen Schmerz erdrücken. Und ſie blickte hinab in die Thäler und auf die Gräber die ſie um⸗ gaben, und ſeufzte ſchwer und tief. Ach, ſie dachte vielleicht: dort wohnt der Frühling und das Leben— und nur meine Welt iſt todt!— Bis dahin hatte ich ſie nicht im Geſicht ge⸗ ſehen, jetzt wandte ſie ſich langſam nach der Gegend in welcher ich ausgeſtreckt im Mooſe lag— ein Strahl der untergehenden Sonne fiel auf ihr Antlitz— ich glaubte zu träumen— mir ſchwindelte— ich ſprang empor— Thad⸗ däus!— Freund meiner Seele!—— es war Louiſe!!— Doch ehe ich mich von meiner Ueberraſchung erholt, ehe ich zu mir gekommen — war ſie verſchwunden. Sie ſchien mich be⸗ merkt, in der fremdartigen Kleidung aber nicht erkannt zu haben. — — 243— Mein einziger Gedanke von dieſer Minute an ging dahin ſie zu ſprechen. Ich bot alles Erdenkliche auf mir Eingang in das Kloſter zu verſchaffen— vergeblich!— die ſtrengen Regeln des heiligen Benedict verbieten jeder Profanen, geſchweige denn jedem Manne, den Eintritt. Alle Tage kehrte ich zu der Stelle zurück, von welcher aus ich die zarte Geſtalt geſehen— umſonſt!— ſie kam nicht wieder. Ich ermüdete indeſſen nicht, aber meine Hoffnung krönte kein Erfolg, und als ſelbſt vor wenigen Tagen die Nonnen eine ihrer Schweſtern begruben, war Louiſe nicht unter ihnen zu gewahren. Hat ſie das Gelübde abgelegt oder nicht? Iſt ſie freiwillig eingetreten oder gezwungen?— Noch kann ich Dir dieß nicht ſagen. Ich hätte vielleicht mit dieſem Briefe warten ſollen, bis ich im Stande geweſen Dir, Theurer, etwas Genaueres, etwas Beruhigenderes anzu⸗ zeigen; allein die ſchmerzliche Freude Louiſen wenigſtens wiedergefunden zu haben, ſie am Leben und aus den Händen ihres Vaters zu wiſſen, war ſo mächtig, daß ich es nir nicht verſagen — 244— konnte Dir ſogleich zu ſchreiben. Umſomehr, als ich, der fortgeſetzten Anſtrengungen mich ihr zu nähern ungeachtet, vielleicht noch langer Zeit bedarf bis ich zu ihr dringen, ſie ſprechen kann. Doch läßt mich ein innerer Muth nicht verzagen, und vielleicht bringt Dir mein nächſtes Schreiben ſchon die gewiß ſo heiß erwarteten weiteren Nachrichten. Schließlich, treue Seele, beantworte mir die⸗ ſen Brief auf der Stelle und gib mir genau an, wohin ich mein nächſtes Schreiben richten ſoll. Daß Du im Uebrigen Herr Deines Schmerzes biſt, und Dich auf alle Weiſe Deinem Vater⸗ lande erhältſt, dafür birgt mir Dein edler Cha⸗ rakter. Außerdem hoffe ich, wird die kräftige Unterſtützung Frankreichs, den Kampf der ver⸗ einigten Staaten bald zum Vortheile derſelben beenden, und dann kehrſt Du ja heim in das Vaterland und in die Arme Deines aufrichtigen Freundes Julian Niemcewicz. Kowno, den 2. Mai 1779. Xl. Rosriuszko an Miemrewicz. „So kann denn ſelbſt die fromme, treue Liebe Der große Sturm zum Schiffbruch ſein? Ich träumte ſonſt, ihr leiſes Lüftchen triebe Den leichten Nachen dieſes Lebens In Deinen Port, o Ruh, hinein. Söckingk. Mein Julian! Geſtern empfing ich Deinen Brief, benutze dieſe Nacht Dir zu antworten, und ſende den⸗ ſelben, wenn anders kein Gegenwind eintritt, mit der morgen abgehenden franzöſiſchen Fregatte „Vergennese“ an Dich ab. — 246— Wie tief, wie mächtig, wie erſchütternd mich Deine Zeilen berührt haben, bin ich unfähig Dir zu beſchreiben; aber Du wirſt es ahnen,— Du— vor deſſen Seelenauge mein Inneres auf⸗ gedeckt daliegt. Und doch würdeſt Du Deinen Thaddäus faſt nicht mehr erkennen; ſo ge⸗ waltig verändernd tobten die Stürme des Schick⸗ ſals über mein Haupt. Ich ſtehe da— um mit Dir in einem ähnlichen Gleichniſſe zu ſprechen— wie ein entlaubter Baum, mein Leben wurzelt noch in der mütterlichen Erde, mein Haupt hebt ſich noch hoffend nach oben; aber das Mark dieſes irdiſchen Daſeins iſt verzehrt, Blätter und Blüthen und aller freundliche Schmuck iſt ab⸗ geſtreift. Der Stamm wird mürbe werden mit der Zeit; dennoch, trifft ihn der Blitz— der zündende Funke des Allmächtigen— kann er noch einmal zu einem mächtigen Feuer auflodern; dann aber mag er ruhig in Staub und Aſche verfallen— erhebt ſich aus ſeinem Moder doch eine junge, kräftigere Pflanzenwelt. Schließe aus dieſen Zeilen nicht auf einen verzagenden, in ſich ſelbſt zuſammengebrochenen — 247— Menſchen; halte mich dieſes Ausſpruches wegen nicht für einen Leichenvogel, der nur die düſteren Katakomben der Melancholie krächzend und kla⸗ gend bewohnt— ſondern glaube mir, wenn ich Dich im Gegentheil verſichere, daß ich jetzt that⸗ kräftiger, mit abgerundeterem Charakter daſtehe, als ehedem. Eben weil mit dem Verluſt meiner Louiſe alle Reize des Lebens für mich abgeſtreift wurden, weiß ich jetzt deutlich was ich mit dem Nackten ſoll und will. Du wirſt ſtaunen daß ich in demſelben Augen⸗ blicke von dem Verluſte meiner Louiſe ſpreche, in welchem Du mir ankündigſt: daß es Deiner nie ermüdenden Freundſchaft gelungen, das Ideal meiner Träume wiederzufinden. Ich würde lügen, ich würde Seelengröße heucheln, wenn ich Dir nicht geſtehen wollte, daß dieſe Nachricht die noch friſchen Wunden meines Herzens aufgeriſſen — daß ich, als ich ſie las— weinte wie ein Kind. Aber es waren keine Freudenthränen, auch keine Thränen des Schmerzes, ſondern nur ein Erguß der Wehmuth, die mich bei dem Gedanken erfaßte, daß jene gute, reine, — 248— unſchuldige Seele durch ſo harte Prüfungen vor⸗ bereitet werde. Sieh, mein Freund, wenn Du eine zarte Blume geknickt haſt, und bindeſt ſie dann auch tauſendmal wieder an ihren mütterlichen Stock, und läſſeſt Regen und Sonnenſchein über ſie er⸗ gießen,— ihre Blüthe iſt dahin— ſie welkt— und ſtirbt. Und wenn ich meine Louiſe jetzt auch noch in glühenderer Liebe umſchlöſſe als ehedem, und alles Erdenglück ſich über uns häufte— ihr Herz iſt gebrochen— ihre Liebe erbleicht ſo wenig als die meine— aber ihr und mein Lebensglück iſt dahin. Liebe!— ach daß Du faſſen könnteſt dieſes Wort, wie ich es faſſe. Wer denn verſteht es auf dem weiten Erdenrunde was es heißt: lie⸗ ben?! Dieſe irdiſche Liebe iſt nur ein Verſuch der göttlichen; aber ſie ſelbſt trägt ſchon die Keime der göttlichen. Sie löst Alles, Alles was da iſt, auf in ſich ſelbſt. Sie vernichtet Alles— um es neu aus ſich ſelbſt zu erzeugen; aber wie herrlich geht die Welt hervor aus dieſer neuen Geburt, denn ſie unfließt der Abglanz des —. — 245— Ewigen. Die Liebe iſt nicht jenes arme, kalte Feuer des Menſchenherzen; die Liebe iſt eine Gluth, die von dem Mittelpunkte unſerer und aller Erden und Welten auflechzt zu dem Ewigen und von dieſem niederwogt zu dem Staube Du mußt in ihren Flammen vergehen— um in ihr zu erſtehen. Ich werde Louiſe phyſiſch nie beſitzen, ich kann ſie geiſtig nie mehr verlieren; ja ich bin ſelbſt mit ihrem Charakter ſo vertraut, mit ihrer Seele ſo Eins, daß ich von der Ueberzeugung durchdrungen bin, ſie denkt vollkommen wie ich. Es hat ſich für mich ſo zu ſagen Welt und Leben in meine Louiſe verwandelt, denn ich lebe— ich denke und handle— nur in ihr. Sie,— d. h. ihre himmliſche Güte, ihre Seelen⸗ reinheit, ihre Beſcheidenheit, kurz der Inbegriff ihrer Tugenden— iſt für mich der Maasſtab meines Seins. Bei jeder Gelegenheit ſtage ich mich: was würde ſie hier gedacht und gethan haben, und ich bin ſicher den rechten Weg zu treffen. So kommt es denn, daß ich ununter⸗ 350— brochen bei und mit ihr, ja— in dem Bewußt⸗ ſein ihrer Liebe— glücklich bin. So frug ich denn auch, als ich über den weiten Ocean ſchwamm, der mich jetzt von Euch trennt, ihren Geiſt über die Beſtimmung meines ferneren Lebens, und ich fühlte daß Louiſe an meiner Stelle nur einen einzigen Entſchluß hätte faſſen können: es dem Vaterlande zu widmen. Für dieſes lebe ich denn auch das phyſiſche Leben noch, für dieſes bilde ich mich hier aus, für dieſes werd' ich einſt mit Freuden den letzten Tropfen meines Blutes verſpritzen. Herzlichen Dank Dir daher für Deine Nachrichten und die wiederholte Verſicherung, daß ich jnur ihm gehöre. Wenn es Dir gelingen ſollte die Geliebte zu ſprechen, ſo theile ihr dieſen Brief mit Schreibe mir ſo ſchleunig als möglich darüber, und laß mich ihr Schickſal und ihre Geſinnungen wiſſen. Einige Zeilen von ihrer Hand würden mich un⸗ endlich freuen, mein höchſtes Lebensglück bleibt aber der Gedanke: ſie einſtens in Polen noch einmal wiederzuſehen. Wie ſoll ich aber Dir, mein Julian, danken für ſolche Fülle der Freundſchaft, wie Du ſie mir bewieſen? Worte vermögen es nicht, und mir bleibt nur eine Hoffnung: es einſt— auf dem Felde der Ehre— durch Thaten zu thun. Herzlich, Dein Freund Thaddäus Kosciuszko. Im Hauptquartier zu Engliſch⸗Town den 15. Auguſt 1779. XII. Die Macht des Aberglaubens. „Religivn, welche Form ſie auch habe, iſt als Unterpfand eines höhern Lebens eine unerläßliche Bedingung des menſchlichen Daſeins.“ Eliſa von der Recke. Faſt zu derſelben Zeit, in welcher Kos⸗ ciuszko den obenerwähnten Brief des Freundes erhielt und beantwortete, ereignete ſich tief in den Alleghanigebirgen eine Begebenheit die bewies, welche faſt unglaubliche Macht der Aberglaube auf den Ungebildeten auszuüben im Stande iſt. Wohnt er doch noch unter uns, die wir uns mit Stolz unſerer Civiliſation rühmen, und hat — 956 2 — man ſollte es kaum glauben— ſelbſt hier noch ſo unendlich viele Anhänger Ja, beobachten wir uns ſelbſt genau, ſo wird es ſich zu unſerer Schande herausſtellen, daß auch wir dieſem fin⸗ ſteren Götzen, wenn gleich manchmal wohl halb unbewußt, huldigen. Um wie viel größer muß daher der Einfluß ſein, welchen der Aberglaube auf rohe und ungebildete Menſchen übt, um wie viel ſchärfer müſſen ſeine Schrecken in die Seele derſelben ſchneiden. Caracteriche hatte, ſeine ſchöne Beute in dem einen, ſeinen Tomahawk in dem anderen Arm, den Kampfplatz im Hauſe Markwaldens gerade in dem Momente verlaſſen, in welchem die Amerikaner ihrem Führer zu Hülfe eilend, in den Saal des oberen Stockwerkes drangen. Marie, die ſich von ihrer Ohnmacht noch nicht erholt, war nicht fähig Widerſtand zu lei⸗ ſten, wodurch die Flucht des Irokeſenhäuptlings noch gefördert wurde Sein ſchneller Blick ent⸗ deckte ihm alsbald den einzigen Weg der Rettung, es war ein Fenſter welches nach dem Hofe ging, der— höher gelegen als die Cbene vor dem — 254— Hauſe,— mit einem kühnen Sprunge bald ge⸗ wonnen wurde Hier nun, wo noch Alles fried⸗ lich, blieb der Indianer einen Augenblick ſtehen, blickte forſchend nach den Nebengebäuden, und wandte ſich, ſobald er ſich orientirt hatte, raſch nach jenem Flügel, in welchem bisher der weib⸗ liche Theil des Markwald'ſchen Hauſes ge⸗ wohnt. Die Thüre die nach dem Hofe führte hatten die erſchrockenen Mädchen, als ſie zu dem Vater geeilt, offen gelaſſen. Caracteriche ſchlüpfte hinein, eilte die Treppe hinauf und ſuchte jenes Fenſter zu finden von welchem man, wie er ſich noch von dem heutigen Morgen er⸗ innerte, vermittelſt eines Magnolienbaumes leicht das Freie gewinnen konnte; denn da das ganze Haus nach Außen nur einen Ausgang hatte, und dieſer von den Feinden beſetzt war, ſo blieb ihm kein anderes Mittel zu entkommen übrig. Nach wenigen Minuten war es entdeckt; aber neue Schwierigkeiten ſtellten ſich ein. Wie war es ihm möglich den Baum zu erklimmen und herabzuſteigen, ohne ſich von ſeiner lieblichen Laſt zu trennen? Er ſtutzte. Seine Züge ver⸗ — 255— finſterten ſich bei dem Gedanken ſeine Beute aufgeben zu müſſen, ſeine glühenden Augen blickten gierig auf die Ohnmächtige, dann maßen ſie mit einem Blicke die Tiefe des Gartens Sie war bedeutend, aber es blieb keine Wahl, denn iede Minute Verzögerung machte das Entkommen ſchwieriger; auch fing Marie an ſich zu be⸗ wegen, und ein einziger Schrei von ihr langte hin, ein halbes Dutzend amerikaniſcher Büchſen nach dieſer Seite des Hauſes zu rufen. Aber der„weiße Wolf“ verzagte nicht. Dem Thiere gleich, von welchem er, nach der Sitte ſeiner Landsleute, den Namen trug, faßte er das ver⸗ laſſene Opfer feſter, ſchleuderte die Waffe hinab, hielt ſich mit der rechten Hand an der Brüſtung des Fenſters, ſchwang ſich mit herkuliſcher Kraft auf dieſelbe— ſprang— und ſtand unverſehrt neben ſeinem Tomahawk in der Tiefe. Marie war durch die heftige Bewegung und den Luftzug erwacht. Erſtaunt blickte ſie um ſich. Ihre Augen ſuchten Paul. Ihre Sinne waren durch die Schreckensſcene die ſie heute erlebt noch ſo betäubt, daß ſie ſich im — 256— erſten Augenblicke gar nicht zu finden im Stande war; endlich fing es ihr an zu dämmern. Ihr erſtes Bemühen ging dahin zu erfahren wer ſie ſo gewaltig umſchlinge; ſie hob leiſe den Kopf, ſie blickte empor— und ſah in das grinſende, wilde Antlitz Caracteriche's Todesſchrecken durchbebte das arme Kind, ſie wollte um Hülfe rufen; aber die Hand des Wilden verſchloß ihr den Mund, die Kraft ſeiner Arme lähmte ihr gewaltiges Sträuben— und ehe ſie ſich der Gefahr, in welcher ſie ſchwebte deutlich bewußt wurde, hatte ihr unmenſchlicher Räuber mit ihr den nahen Wald erreicht. Wie das Raubthier heißhungrig, das blutende, zuckende Reh im Rachen, durch den finſteren Wald, durch Buſch und Hecke, über Fels und Moor, über Bach und Sumpf, von ſeiner nimmerſatten Begierde getrieben, dahineilt und ſeine Höhle ſucht, um ſeine wilde Luſt zu ſtillen; ſo glitt die finſtere Geſtalt des Irokeſen⸗Häuptlings,— die ſich vergeblich ſträubende, liebliche Creolin in ſeinen nervigen Armen,— durch das Dickicht. Das weiße, kurze Kleid, von der ſchnellen Flucht in Unordnung gebracht, barg nur wenig ihre Reize. Die ſchwarzen Locken hatten ſich aufgelöst und hingen über den vollen Nacken herab, die gewaltige Anſtrengung ſich loszuwinden zeigte nur mehr noch dem trunkenen Auge des Indianers die Fülle ihrer Glieder, und er preßte ſie an ſich vor Luſt und Wuth, vor Freude und Be⸗ gierde. Und was vermochte dieß Sträuben eines Kindes gegen die Kräfte eines ſo rieſigen Mannes. Nach langem Kampfe ſank Marie erſchöpft in die Arme ihres Trägers zurück, und einſehend, daß ihr in der Entfernung, in welcher ſie ſich ſchon jetzt von Wioming und dem Hauſe ihres Pflegevaters befand, alles Rufen und Schreien nichts mehr nützen konnte, verſtummte ſie, und nur ein leiſes Zittern kündete die Angſt und die Beklommenheit ihrer Seele, mit welcher ſie ſich in ihr Schickſal ergab. Bis jetzt hatte ſie einzig die Furcht beſchäftigt, und ſie Alles vergeſſen laſſen was außer dem Be⸗ reiche ihrer augenblicklichen Gefahr lag. Erkannte ſie doch in dem Irokeſen, der ſie ſo gewaltſam fortſchleppte, ſogleich den Mörder Bertha's Nau, Ty. Kosciuszko. 11. Thl. 17 — 258— wieder, führte ihr doch ihre erhitzte und gequälte Phantaſie alle die Gräuel vor Augen, die die Indianer an ihren Kriegsgefangenen auszuüben gewohnt. Sie ſah ſich als Gefangene in den Händen der Barbaren, die, wie ſie wußte, ge⸗ rade gegen Wioming beſonders aufgebracht waren; und da ihren ängſtlichen, flehenden Blicken, auch noch die flammenden des Häuptlings be⸗ gegneten, und ſie in der Reinheit ihres Herzens, die wilde Gluth der Leidenſchaft die dieſe ent⸗ zündet, für die Blitze der Rache, und ſein wol⸗ lüſtiges Lächeln für den Triumph der Blutgier nahm, ſo iſt es wohl natürlich daß ſie eine namenloſe Angſt ergriff, und jetzt da ſie erſchöpft den Verſuchen ſich frei zu machen entſagen mußte, in eine ſtumpfe Verzweiflung ſank. Chaotiſch zogen wirre Bilder wie in heftigem Fieber an ihren Sinnen vorbei. Bald ſtand der Saal vor ihrer Seele mit den ſtumm⸗betenden, verzweifelnden, blaſſen Geſichtern— bald Vater Markwald hoch aufgerichtet, von dem fahlen Scheine des fernen Brandes umfloſſen— dann ſah ſie ihren Paul auf dem Zweige des Mag⸗ — nolienbaumes, wie er die Hände liebend nach ihr ausſtreckte, aber unter ihm ſtieg aus dem Graſe die dunkele Geſtalt ihres Räubers empor, und langte mit den ſehnigen Armen nach ihm. — Dann wieder erblickte ſie Bertha, die fromme, gute Schweſter in ihrem Blute ſchwimmen— und Paul wie er focht und kämpfte und blutend ſank— und ſich ſelbſt, von den ſchrecklichen Irokeſen umgeben, an einen Pfahl gebunden den langſamen Feuertod ſterben. Und alle dieſe Bilder zerfloſſen ineinander und ſchwammen in einem peinlichen, halb wachen Bewußtſein. Caracteriche eilte unterdeſſen unbekümmert über den Seelenzuſtand ſeiner Beute, und ſo raſch es die Vorſicht erlaubte den Gebirgen zu. Sein wachſames Auge ſpähte bei jedem Schritte forſchend umher, und nur wenn ſein ſcharfes Ohr einen verdächtigen Laut vernahm, hielt er inne und ſtand unbeweglich bis er ſich überzeugt, daß keine Gefahr vorhanden. So war der Morgen vollkommen angebrochen, ſo ſchwand der Tag und ſchon nahte ſich der Abend, ohne daß die Flüchtlinge auch nur eine kurze Zeit ange⸗ — 260— halten, Nahrung zu ſich genommen, oder ſich des Häuptlings Kräfte erſchöpft hätten Durch wilde, unwirthliche Wälder, undurchdringlich für jeden Fremdling, über Berge und durch Thäler, durch Schluchten und über Felſen waren ſie ge⸗ flohen, während Caracteriche unaufhörlich bemüht blieb jedwede Spur ihrer Flucht zu ver⸗ nichten. So hatte er auf lange Strecken Bäche durchwatet, war, wo ſandiger Boden ſich zeigte, rückwärts geſchritten, und ſuchte vor allem Andern Felſenſtege auf, deren ſteiniger, feſter Boden keines Eindruckes fähig war. Jetzt endlich, als ſich der Tag ſchon zu Ende neigte, ſchien der Häuptling ſicherer zu werden. Er blieb ſtehen und ſchaute ſich ruhig um. Er befand ſich auf einer kleinen Höhe von Urwald umſchloſſen, und ſchien eben im Begriffe zu ſein ſeine ſchöne Laſt in das weiche Gras niederzu⸗ laſſen, als ſein Ohr ein fernes wirres Getöſe traf. Kein Europäer wäre im Stande geweſen dieſe Klänge zu vernehmen, oder ſie von dem leiſen Pfeifen des Abendwindes zu unterſcheiden, aber den ſcharfen Sinnen des Naturkindes ent⸗ gingen ſie nicht. Der Jrokeſe lauſchte noch ein— mal. Da erheiterten ſich ſeine Züge plötzlich. Einige Minuten ſtand er unbeweglich, dann ſpitzte er den Mund wie zum Pfeifen, und Marie hörte zu ihrem Staunen dieſelben Töne, welche am verwichenen Morgen vor ihrem Fenſter er⸗ ſchallt und vom Walde aus wiederholt worden waren, und die ſie für den Geſang einer Spott⸗ droſſel gehalten. Auch jetzt ließen ſich, nach einer kleinen Pauſe, die Töne antwortend aus der Ferne vernehmen, und Marie erkannte nun die Liſt der Wilden, denen dieſelben als ein gegenſeitiges Zeichen galten. Cara cteriche brach auch, ſobald ſie verhallt, auf und trug die Creolin der Gegend zu, aus welcher die Antwort erklungen. Marie ließ alles mit dumpfer Gleichgültig⸗ keit geſchehen. Sie hatte während dem Tage ihre Lage überdacht, und ſie ſo troſtlos und ver⸗ zweifelt, jede Hülfe ſo fern, ja faſt ſo unmög⸗ lich gefunden, daß mit dem Schwinden ihrer letzten Hoffnung, auch ihr Klagen und Jammern ſich legte, und ſie nun dem vor Augen ſtehenden — 262— Martertode um ſo gefaßter entgegen ging, als ſie beinahe mit Gewißheit ſchließen durfte: Vater Johannes und ihr lieber Bruder Paul ſei ihr vorausgegangen. Dem fürchterlichen Seelen⸗ ſchmerze, dem geiſtigen und phyſiſchen Kampfe, der Angſt und der gewaltigen Aufregung war eine Apathie gefolgt, die ſie, wenigſtens für den Augenblick, in eine wohlthätige Gefühlloſigkeit hüllte. Nach wenigen hundert Schritten wurde der Wald lichter, und bald befanden ſie ſich an den Ufern eines kleinen Waldſees, von welchem her ihnen ein Trupp befreundeter Indianer entgegen kam, der bei Caracteriches Anblick in ein lautes Freudengeheul ausbrach. Marie bebte zuſammen, ſank aber als ſie der Häuptling ſanft in das hohe Gras niederließ, in den Zuſtand gänzlicher Unempfindlichkeit zu⸗ rück, und doch hatte die Natur ein Schauſpiel vor ihr ausgebreitet, welches ſie ſonſt auf das Lebhafteſte entzückt haben würde. Mitten in der Nacht des Urwaldes dehnte ſich an einſamem verſchwiegenem Orte ein ſtiller — 263— See, in deſſen klarem Gewäſſer ſich nur die hohen Wipfel der umſtehenden Bäume ſpiegelten. Reicher war hier die Vegetation, friſcher das ſaftige Grün, üppiger das ſchwellende Gras, und leuchtender die Farbenpracht der tauſend prächtigen Blumen und Blüthen, die an den Ufern ſproßten oder von den Zweigen hernieder⸗ hingen. Rieſenhafte Kaktus hoben ihre ſchweren Blätter in die Lüfte, oder wandten ſich wie ſtachliche Schlangen um die dicken Stämme der Ulmen und Platanen, der Lebens⸗ und der Butternuß⸗Bäume An den Ufern prangte die Waſſermelone und der goldfarbene Ginſeng und die Jasminen miſchten ihre ſüßen, betäubenden Düfte mit dem ätheriſchen Geruche der Lilien. Aber den höchſten Reiz empfing das liebliche Bild durch das unendliche Leben, was ſich hier entwickelte An den Rändern des ſtillen Waſſers, auf der Fläche des Sees, weithin auf den gra⸗ ſigen Ufern, hüpften, ſchwammen, tauchten unter, flogen und zogen unter Schreien und Lärmen Hunderte— ja Tauſende von Vögeln aller Arten: weiße und graue Reiher, Jabious, — 264— Phenicopteon und unzählbare Maſſen von Enten und Gänſen. In den Zweigen ſchrieen Papa⸗ geien, und ſangen die Droſſeln; wundervolle Schmetterlinge gaukelten von Blume zu Blume, und hoch in den Lüften wiegte ſich auf ausge⸗ breiteten Flügeln— über den kreiſenden Falken hinziehend— der mächtige Urubuh.(Cathartes atratus.) Und der tiefſte Frieden lag über der ganzen Scene und ſelbſt die Thiere athmeten ihn und fürchteten ſich nicht vor den Menſchen. Die Indianer aber ſammelten Holz, zündeten ein Feuer an und bereiteten ein Mahl, während einige von ihnen vorſichtig lauernd die Um⸗ gebungen durchſchlichen. Caracteriche unter⸗ hielt ſich unterdeſſen lebhaft, mit den älteren Männern des Haufens, ohne jedoch Marien auch nur einen Augenblick aus den Augen zu laſſen Obgleich aber der Gefangenen der Sinn der Rede, der ihr unverſtändlichen Sprache wegen, fremd blieb, ſo konnte ſie doch leicht aus den Gebärden der Sprechenden entnehmen, daß man von ihr handle; denn der Häuptling ſowohl, als — 265— ſeine Freunde deuteten zu öfterenmalen nach ihr und dann nach den nordweſtlichen Gegenden, als faßten ſie den Beſchluß ſie noch tiefer in das Land, wahrſcheinlich nach ihren Lagern zu ſchlep⸗ pen, um ſie dorten dann bei Gelegenheit eines Feſtes vor den Augen der Ihrigen zu opfern. Grauen und Entſetzen überlief ſie, ſie barg weinend das Geſicht in ihren Händen, und ent⸗ ſchlief endlich vor Ermattung. Als ſie erwachte war es Nacht. Der Mond glitt, einem Silberſchwane gleich, am dunklen Aethermeere dahin und goß ſein freundliches Licht auf den See herab, der ſtill und friedlich im Schvoße des Waldes lag. Nichts rührte ſich, nur hie und da fuhr ein Vogel wie im Traume auf. In das Gras geſtreckt ſchliefen die Indianer. Neben denſelben ruhten ihre Waffen, der Toma⸗ hawk, der mächtge Bogen und die ſcharfen Pfeile. Mariens erſter Gedanke war: Flucht. Leiſe richtete ſie ſich mit dem Oberkörper in die Höhe und ſchaute bebend um ſich.— Alles blieb ſtill und unbeweglich. Sie zitterte wie Laub vom — 266— Winde geſchüttelt, und der Athem ſchien ihr zu ſtocken.—„Heilige Maria!“ betete ſie ſchwei⸗ gend,„ſei mir gnädig und rette mich!“ Dann zog ſie leiſe den einen Fuß an ſich und wollte ſich eben erheben, als ihr aus dem nahen Buſche zwei feurige Augen entgegenleuchteten. Entſetzt wankte ſie zurück; denn vor ihr ſtand in nur kleiner Entfernung, den runden Kopf und die Vorderpfoten zur Erde gedrückt, den Hinterkorper erhebend, den Schwanz hoch empor gerichtet, zum Sprunge fertig— eine jener großen ameri⸗ kaniſchen Tigerkatzen, die unter dem Namen Jaguar bekannt, zu jener Zeit ſich noch häufig in den füdlichen, öfters auch ſogar in den nörd⸗ licheren Colonien zeigten. Ein erſterbender Schrei entquoll der geängſtigten Bruſt des Mädchens, ſie erblaßte und ſank auf ihre Kniee. In dem⸗ ſelben Augenblicke aber zuckte der Jaguar zu⸗ ſammen, brüllte laut auf, machte einen Satz und ſtürzte, von einem Pfeil in das Herz ge⸗ troffen, zu Boden; zugleich trat Caracteriche triumphirend hinter dem Stamme eines Baumes hervor. Er hatte nicht wie ſeine Landsleute — 267— geſchlafen, ſondern, ſeine ſchöne Beute im Auge behaltend, gewacht,— ihre Anſtalten zur Flucht — aber auch das Unthier— bemerkt, und daſſelbe, als es ſeiner Gefangenen gefährlich wurde, erſchoſſen. Als die übrigen Indianer, welche der Schrei Mariens und des Thieres Schmerzensgebrüll erweckt, keine weitere Gefahr ſahen, ſtreckten ſie ſich auf's Neue nieder und entſchliefen bald. Caracteriche ſetzte ſich ſchweigend neben die ſchöne Gefangene, und ſeine glänzenden Augen ruhten mit Wohlbehagen auf der jugendfriſchen Geſtalt. Aber je freundlicher und glühender ſeine Blicke wurden, deſto ſchreck⸗ licher däuchten ſie Marien und die Kleine barg furchtſam ihr Antlitz in den Händen und es kam ihr vor, als ob der blutige Rachen des Raub⸗ thieres nicht ſo ſchrecklich wäre als das Lächeln des Jrokeſen. Und aus Furcht that ſie als ob ſie ſchliefe; aber ſie weinte nur ſtill und ver⸗ borgen und dachte: o Paul, mein Paul! wär' ich bei Dir! Aber ſie hatte ſich vom Schmerz zu heftig hinreißen laſſen, der Wilde vernahm ihr Schluchzen und richtete ſie empor. — 268— Beklommen und zitternd folgten ihre Augen den Gebärden, durch die er ſich ihr zu verſtän⸗ digen ſuchte; aber wie erſtaunte ſie, als er mit grinſendem Lächeln ihre Hand ergriff und nach ſeinem Herzen führte, und dann die ſeine auf ihres legte, und ihr auf jede Weiſe zu verſtehen gab, wie glühend er ſie liebe. Hatte ſie der Gedanke: einen grauſamen Tod ſterben zu müſſen entſetzt und niedergeworfen, ſo brachte ſie die Gewißheit: daß Caracteriche ſie liebe zur Verzweiflung. Tauſendmal wollte ſie lieber ſterben, als jenen häßlichen Indianer, den Mörder Berthas, ach!— vielleicht auch ihres Pauls in ihre Arme ſchließen. Jetzt erſt durchzuckte ſie wie ein Blitz der Gedanke was Liebe ſei und verlange, jetzt erſt fühlte ſie den Verluſt ihres Pauls recht bitter. Aber ein unnennbarer Abſcheu ergriff ſie, als der Häupt⸗ ling immer dringender wurde, und ſie enger und enger zu umſchließen ſuchte. Sie wehrte ſich mit furchtbarer Anſtrengung, und ſtieß den Zudring⸗ lichen endlich mit der Kraft der angefochtenen Unſchuld hinweg. Caracteriche taumelte zurück Er ſchäumte vor Wuth, ſeine Hand zuckte nach dem Meſſer, welches er im Gurte trug, er riß es heraus und würde die Unglückliche unfehlbar niedergeſtoßen haben, wenn nicht einer ſeiner Gefährten, der durch das Geräuſch, welches der kurze Kampf erzeugte, erwacht und ihm in den Arm ge⸗ fallen wäre. Der Jrokeſe wechſelte einige Worte mit dem Häuptlinge, fuhr mit der Hand rings um den Kopf, als wolle er damit das bei ihnen übliche Abziehen der Kopfhaut andeuten; lachte, daß der große Mund die weißen Zähne ſehen ließ und die Backenknochen weit hervortraten, und zeigte, wie früher ſeine Genoſſen, nach den nordweſtlichen Gegenden. Caracteriche blickte finſter und ſchwieg, dann nickte er dem Freunde bejahend, warf Marien einen fürchterlichen Blick zu, knebelte ſie an Händen und Füßen, ſtreckte ſich nieder, und ſchien bald in einen tiefen Schlaf zu verfallen. Als der Morgen zu dämmern, und das Leben ſich zu regen anfing, erwachte der Häuptling — 270— Er richtete ſich finſter empor, und da er ſeine Stammgenoſſen noch ſchlafend fand, ſtieß er eine Art unartikulirten Schrei aus der ſie erweckte. In wenig Minuten war der ganze Trupp auf den Beinen, und ſetzte ſich nach einer kurzen Unterredung in Bewegung. Dieſesmal übernahm der Irokeſe, welcher während der Nacht Marien vor Caracteriches Wuth geſchützt, die Mühe die Creolin zu tragen, und ſo ſchritt man ſchwei⸗ gend und vorſichtig derjenigen Gegend zu, in welcher ſich der Erie⸗See ausdehnt, der mit ſeinen Gewäſſern das Gebiet der„ſechs Na⸗ tionen“ beſpült. Unaufhaltſam ging es, jedoch nun in ruhigem Schritte, weiter. Die Hitze war ſchwül und drückend, obgleich durch den Schatten des Waldes für die Wanderer gemildert. Nichts Störendes zeigte ſich, nur hie und da ging ein ſtämmiger Dammhirſch auf, oder ein Elenthier rauſchte wie ein Pfeil vorüber. So mochte es wohl gegen Mittag gehen, als der vorderſte der Wilden plötzlich ſtehen blieb und ſein„Huch!“— jenen ſchon erwähnten dumpfen Warnungsſchrei— ausſtieß. Bei dieſem Laut blieb der ganze Trupp unbeweglich halten, und ordnete geräuſchlos Bogen und Pfeile. Der Vordermann war unterdeſſen zu Boden geſunken, und glitt leiſe an der Erde dahin, während er ſeinen Körper ſtets durch Büſche zu decken ſuchte. Bald war er im Dickigt verſchwunden. Die rothbraunen Geſtalten der Indianer ſtanden feſt und unbeweglich, und gli⸗ chen einer Anzahl roh aus Stein gehauener Götzenbilder, die ein blutdürſtiger Glaube im finſteren Walde aufgerichtet. Endlich, nach langem peinlichen Warten, raſchelten die Büſche und der Abgeſandte kam mit ſtrahlendem Geſichte, in welchem ſich faſt ein Anflug von Furcht aus⸗ ſprach, zurück und rief ein über das anderemal: „Ann' Lee! Ann' Lee! Ann' Lee!“ Kaum hatte der Haufe dieſe Worte vernommen, als Alle in denſelben Ausruf ausbrachen, mit ſeltſamen Gebärden zu hüpfen anfingen und ſich dabei mit grünen Zweigen ſchmückten. Sobald dieß geſchehen ſtimmten ſie eine Art Geſang an und zogen, dem Kundſchafter folgend, nach einem nahegelegenen offenen Waldplatze, wo ſie von einer beträchtlichen Anzahl Menſchen durch Winken mit Zweigen bewillkommt wurden. Es waren Männer und Weiber, Weiße und Farbige. Alle waren gleichartig gekleidet, und in Stoffe von blauer und weißer Farbe gehüllt, was ihnen den Anſtrich eines uniformirten Corps gab, obgleich nur Wenige von ihnen Waffen trugen. Vor ihnen her ſchritt ein großes Weib, an⸗ gezogen wie ihre Schweſtern, aber ausgezeichnet durch ihre herviſchen Bewegungen und die auf⸗ fallend männlichen Züge ihres Geſichtes, über welche eine Art Begeiſtrung, ein feierlich⸗ernſtes, ein herviſches Weſen ausgegoſſen ſchien. Obgleich nicht mehr jung, war ſie noch ſchön zu nennen, und namentlich gab ihr ihre ſchlanke Geſtalt einen Anſtrich von Hoheit. Auf den blonden Haaren trug ſie einen Kranz von Eichenlaub, und glich ſo, unter einer mächtigen wohl tauſendjährigen Eiche ſtehend, einer Prieſterin in Germaniens heiligen Hainen. Es war Anna Lee mit einem Theile der von ihr geſtifteten Shakers⸗Secte. Im Be⸗ griff unter den wilden Indianer⸗Stämmen, die — 273— ſie als eine Prophetin und Zauberin verehrten, ihrer Lehre neue Anhänger zu verſchaffen. Anna Lee, Engländerin von Geburt, war eine eigne, eine intereſſante Erſcheinung Durch das Leſen vieler, meiſt religiöſer Schriften nach verſchiedener Richtung hin ausgebildet, mehrerer Sprachen vollkommen mächtig, zwang ſie dem⸗ ohnerachtet der Stand ihrer Aeltern die Frau eines Schloſſers, den ſie aber bald wieder ver⸗ ließ, zu werden. Nichts deſtoweniger ſetzte ſie auch nach dieſer Verbindung noch ihre Studien fort, und kam endlich zu der Ueberzeugung, daß ſie die Gabe der Prophezeihung beſitze und un⸗ mittelbarer göttlicher Offenbarungen gewürdigt werde. Schnell ſammelte ſich ein Kreis Gläu⸗ biger um ſie, der ihr faſt göttliche Ehre erwies und ſich ſo raſch mehrte, daß die engliſche Kirche beſorgt wurde, Anna ausſchloß und endlich ſo lange verfolgte, bis ſie ſich 1774 entſchloß nach Amerika, dem Aſyle aller des Glaubens wegen Verbannten, zu gehen. Hier nun kauften ſie ſich nebſt ihren Anhängern in der Umgegend von Albany an, und bald ſtiegen die Niederlaſſungen Rau, Th. Kosciuszko. n. Thl. 18 — 274— der Shakers durch ihren Fleiß und ihre Ein⸗ tracht zu einer damals noch ungewöhnlichen Blüthe. Ihre Einrichtungen und Gebräuche waren eben ſo auffallend und ſonderbar als die Lehre auf welche ſie ſich gründeten. Die Shakers glaubten an die Wiederkunft Chriſti, und hielten dieſelbe in der Erſcheinung ihrer Stifterin ver⸗ wirklicht. Dabei war ihnen die urſprüngliche Unſchuld des Paradieſes allein der Zuſtand der Gottwohlgefälligkeit und des wahren Chriſten⸗ thums, und ſo ging denn auch ihr Hauptſtreben dahin, dieſelben durchaus zu erhalten und keine fleiſchliche Berührung beider Geſchlechter zu dul⸗ den, wodurch denn natürlich ihre Secte bald hätte ausſterben müſſen, wenn ſie nicht auf das Aeußerſte bemüht geweſen wären Proſelyten zu machen, wozu denn auch Anna Lee öfters ſolche Züge zu unternehmen pflegte, wie derjenige war, auf welchem ſie Caracteriche und die Seinen begegneten. In den Augen der Wilden hatten aber die ſonderbaren religiöſen Gebräuche der Shakers, dieſer Secte— und hauptſächlich Annen ſelbſt — eine Art göttliche Verehrung geſichert; da ſie Letztere namentlich für eine Abgeſandte des großen Geiſtes und für eine mächtige Zauberin hielten. Auch Caracteriche näherte ſich ihr daher mit ſeinen Begleitern ehrfurchtsvoll, und die ſchlaue Anna, wohl wiſſend was ihre Macht bei den Wilden begründete, befahl ſogleich einen Gottes⸗ dienſt abzuhalten. Auf ihr Wort ſchieden ſich Männer und Weiber, ſtellten ſich paarweiſe auf, und zogen wie in Proceſſion, Anna Lee an ihrer Spitze, um den weiten Platz; dann ließen ſie ſich ſämmt⸗ lich auf die Erde nieder und verharrten einige Zeit in tiefem Schweigen. Plötzlich, auf ein von Anna gegebenes Zeichen, ſtürzten alle auf die Kniee, erhoben ſich raſch wieder und ſtimmten ein wunderbar klingendes Lied an, wobei ſie die Töne nur ſummend ausſtießen. Nach Beendigung dieſes Geſanges, und auf ein abermaliges Zeichen der Prophetin, riſſen die Männer die Röcke von dem Leibe, die Weiber entäußerten ſich alles Un⸗ nöthigen, Alle ſtellten ſich in lange Reihen und nun begann, während ſich das obige Lied wieder⸗ — 276— holte, ein wunderſamer Tanz; indem jedes Glied der Gemeinde nach beſtimmten Regeln, bald nach der Seite, bald vor- und rückwärts, bald in die Runde hüpfte und dabei mit den Händen in ſelt⸗ ſamen Figuren auf⸗ und niederfuhr. Das Ganze ſchloß eine abermalige Proceſſion. Dieß Verehren der Gottheit durch Tanzen und Singen, den Gebräuchen der Indianer ſo nahe liegend, konnte nicht verfehlen einen tiefen Eindruck auf dieſelben zu machen, und ſelbſt der wilde, leidenſchaftliche Caracteriche beugte ſich wie ein Lamm vor der großen Zauberin. Er ließ Marien zu den Füßen derſelben niederlegen, und flehte ſie, die ſeine Sprache verſtand, de⸗ müthig an, doch das Mädchen zu beſprechen und durch die Kraft ihres Zaubers Liebe für ihn in der Creolin Buſen zu erwecken. Anna ſtaunte bei dem Anblick des gebundenen, armen Kindes; ſie errieth ſogleich daß es geraubt ſei, und fragte die Unglückliche ſofort in engliſcher, und als ſie dieſe nicht verſtand, in deutſcher Sprache um ihr Schickſal. Marie, glücklich ein Weſen ihres Geſchlechtes zu finden, beeilte ſich ihr das Nöthige ——— mitzutheilen und flehte ſie ſo innig und herzer⸗ reißend um Befreiung aus den Händen der Bar⸗ baren an, daß Ann a'n die Thränen in die Augen kamen. Dennoch ſchwankte ſie in ihrem Ent⸗ ſchluſſe, da ſie den gewaltigen Häuptling zu er⸗ zürnen fürchtete; als aber Marie ſie neuerdings beſchwur, und ihr Caracteriches unlauteres Verlangen zu verſtehen gab, hob ſich ihre Figur ſtolz, ihr Geſicht erglühte im Purpur des Zornes, ſie fühlte die Wichtigkeit den heiligſten Punkt ihrer eigenen Lehre zu vertheidigen und beſtimmt und entſchieden rief ſie, zu Caracteriche ge⸗ wendet: „Der mächtige Häuptling der Jrokeſen muß ſeiner Beute entſagen; denn nie wird ſie die Mocaſſins ihm löſen, noch das Feuer ſeiner Hütte unterhalten, noch ſeine Kinder ihm ent⸗ gegentragen; alſo will es der große Geiſt, der in den Wäldern rauſcht, und jagt in den ewigen Revieren.“ Trotz der großen Achtung welche er ber Zau⸗ berin ſchenkte, trafen dieſe Worte Caracteriches Ohr doch ſo unerwartet, reizten ſeine Leidenſchaften ſo furchtbar, daß er, ſich vergeſſend, wie wüthend emporſprang, und den Tomahawk in weiten Kreiſen ſchwingend, mit halberſticter Stimme ausrief: „Bei meinem Zorn ich werde meine Beute nicht laſſen. Die Zähne des„weißen Wolfes“ ſind ſcharf, und blutig ſeine Klauen. Wer reißt das Reh aus ſeinem Rachen?“ „Ich!“ entgegnete entſchloſſen und gebietend Anna.„Und Caracteriche wird ſich ſchwei⸗ gend meinem Willen fügen; oder ich werde des großen Geiſtes Zorn auf ihn und ſeinen Stamm herniederflehen, und der Geiſt wird den Kas⸗ kaskias die Macht geben, die Brut des„weißen Wolfes“ zu vernichten.“ Dieſe Worte in feierlichem Ernſte geſprochen, machten einen tiefen Eindruck; weniger auf den Häuptling als auf ſeine Stammgenoſſen, die ihn mit Bitten zu beſtürmen anfingen, da ſie die Macht Anna's fürchtend, ſchon ihren Untergang durch den verhaßten Stamm der Kaskaskias vor Augen ſahen. Aber auch ihr Flehen würde die Wuth und den Eigenſinn des Führers ſchwerlich — 279— gebeugt haben, wenn nicht Anna klug genug geweſen wäre, die Gewalt ihres Anſehens durch die Anreizung der Habſucht des Wilden zu ver⸗ ſtärken. Schweigend nahm ſie aus einem ihr dargereichten Käſichen einige Reihen glänzender Glasperlen, an welchem ein kleines metallenes Kreuz hing, eine Gabe die die Indianer, nament⸗ lich aus ihrer Hand, ſehr hochſchätzten, da ſie ihnen ſowohl als Putz; ſo wie auch als Amulet diente. „Wenn Caracteriche dem Befehle des großen Geiſtes aber Folge leiſten will,“ fuhr Anna ſodann fort,„ſo gibt ihm meine Hand dieß Zauber⸗Amulet, und wenn er es trägt und gegen die Feinde ſeines Stammes, die Kaskas⸗ kias, zieht, ſo werden ſie vernichtet werden durch ſeine Kraft.“ Ein Jubelſchrei der Irokeſen beantwortete dieß Verſprechen; ſelbſt Caracteriches Hand zuckte gierig darnach. Er faßte es, betrachtete die glänzenden Perlen und das ſchimmernde Kreuz, und ſagte finſter und halblaut vor ſich hin: —— „Das Blut der Kaskaskias iſt noch ſüßer, als der Leib des jungen Weibes. Der„weiße Wolf“ legt das Reh aus dem Rachen um den Jaguar zu jagen.“ Und mit dieſen Worten die Perlenſchnüre um ſeinen Nacken werfend, kehrte er ſich, ohne Marien noch eines Blickes zu würdigen, raſch um, und war bald mit ſeinen Begleitern hinter den dichten Stämmen verſchwunden. XIII. Die Prophetin. „Ein andrer Moſes, der die Felſenpfade. Des Sinai hinabſchritt, die Geſetze Der zehen Tafeln ſchleudernd auf die Steine, Und rief: Euch frommt von ſchnödem Gold ein Götze Nicht das Geheimniß einer Bundeslade; Ein Gott des Zornes iſt der Gott, der Eine! Leviten auf! daß reine Von Schuld des Volks ſich gürtet Eure Lenden, Jedweden Stammes zehnten Mann zu tödten, Daß ſich von Blut die Felder weithin röthen. Ob ſolches Opfer Gottes Zorn mag wenden!— So möcht' ich unter Euch erſtehen heute, Denn Ihr ſeid gleichen Götzens ſchlechte Beute!“ F. W. Dralle. Sobald ſich die Indianer, ihren verhaßten Anführer an der Spitze entfernt hatten, athmete Marie freier. Es war ihr, als ob eine unge⸗ heure Laſt ihr von dem Herzen genommen worden — 282— ſei, als ob man ſie aus dem Rachen eines blut⸗ dürſtigen Tigers befreit hätte. Mit all der Leidenſchaftlichkeit ihres Charakters warf ſie ſich, in lautem Dank überſtrömend, ihrer Befreierin zu Füßen. „Dank! tauſend Dank! hohe Frau!“ rief ſie mit Innigkeit, und ihre Augen ſtrahlten durch Thränen, und ihr Buſen wogte in wildem Un⸗ geſtim. Und Annens Kniee umklammernd flehte ſie:„O ſage mir, wie ich Dir für meine Befreiung genug danken kann. Du haſt mich von einem entſetzlichen, qualvollen Tode,— ja vielleicht von noch Gräßlicherem errettet, und nie, nie kann ich Dir genügend beweiſen, wie tief ich Deine Wohlthat empfinde“ Anna, welcher die Kleine vom erſten Augen⸗ blicke an gefallen hatte, betrachtete ſie jetzt mit ſtillem Behagen. Schon der Umſtand, daß ſie die Liebe Caracteriche's mit Abſcheu zurück⸗ gewieſen, gewann ihr— da Anna den wahren Grund dieſer Abneigung nicht ahnen konnte— das Zutrauen der Prophetin. Sie glaubte ein Weſen gefunden zu haben, das mit ihr in dem — 283— Widerwillen gegen alle geſchlechtliche Annäherung harmoniere, und dieſe vermeintlich gleiche Seelen⸗ ſtimmung zog ſie unwillkürlich zu der Knieenden hin. Nichtsdeſtoweniger blieb ſie äußerlich kalt und ernſt, und erſt, nachdem ſie Marien mit einem gewiſſen ſelbſtgefälligen Wohlbehagen einige Minuten zu ihren Füßen hatte knieen laſſen, beugte ſie ſich mit Würde zu ihr herab, und hob ſie mit den Worten auf: „Beruhige Dich, mein Kind, Gottes Wille hat Dich in meine Hände geführt; ich ſehe dieß als ſeinen Wink an, Dich auch ferner zu ſchützen und— zu leiten.“ Die Sprecherin ſchien von ihren eigenen letzten Worten überraſcht. Sie hielt inne, beugte ihren ſchöngeformten Kopf etwas nach hinten, ſo daß die vollen blonden Locken, die wie goldne Wellen unter dem grünen Eichenkranze hervorquollen, tiefer auf Schultern und Rücken niederrollten, und blickte mit weitgeöffneten Augen, wie von einem großen Gedanken ergriffen, nach oben. Niemand wagte das Schweigen der Herrin zu unterbrechen, und ſelbſt Marie trat, betroffen von der ſtolzen Hoheit und der feierlichen Würde ihrer neuen Beſchützerin, faſt mit religiöſem Grauen, einige Schritte zurück. Aber in dem⸗ ſelben Augenblicke ſchien Anna auch aus ihren Träumen zu erwachen, und ihre großen Augen fielen, von ſonderbarem Glanze ſtrahlend, auf die Creolin. „Tritt näher!“ gebot die Prieſterin, und die gewöhnliche Strenge ihrer Stimme milderte ein Ton des Wohlwollens:„Tritt näher, mein Kind, und laß mich die Hand auf Dein gluͤck⸗ üiches Haupt legen.“ Und als Marie erſtaunt und verlegen heran⸗ trat, fühlte ſie in der That Anna's Hand auf ihrem Kopfe und die Stimme ihrer Beſchützerin rief laut und beſtimmt: „Der Segen des Himmels begleite Dich, Du biſt zu Großem geboren!“— Nach dieſen Worten wandte ſie ſich zu den, ſie in einiger Entfernung in ehrfurchtsvollem Schweigen umſtehenden Gliedern ihrer Secte und rief: „Meine Brüder und Schweſtern, die Sonne ſteht in Mittag; machen wir hier Halt, bis uns die Kühle erlaubt unſeren Weg zu verfolgen.“ Obgleich die ganze Geſellſchaft, ermüdet durch die Strapatzen des Morgens und die Anſtrengungen des eben erſt abgehaltenen, angreifenden Gottes⸗ dienſtes, ſchon lange gern der Ruhe gepflogen und die Forderung des Magens befriedigt hätte, ſo würde ſich doch kein Glied derſelben unter⸗ ſtanden haben, ſich auch nur für Augenblicke niederzulegen, oder dem Gebote des Hungers Folge zu leiſten, ohne dazu durch einen Befehl der faſt göttlich verehrten Führerin aufgefordert zu ſein. Je länger und ſorgſamer aber dieſe Wünſche bisher unterdrückt worden, deſto ſchneller und freudiger eilte man jetzt zu deren Befriedi⸗ gung, und in wenigen Minuten glich die offene Waldſtelle auf welcher man ſich befand, einem kleinen Lager. Ein Bild, das um ſo mehr an Wahr⸗ heit gewann, als die faſt ganz gleiche Kleidung und die immer wiederkehrenden Farben: blau und weiß die Gleichförmigkeit eines uniformirten Corps hervorriefen. Jetzt erſt gewann Marie Zeit und Muſe — 286 ½ ihre Umgebung zu betrachten, und jene Geſell⸗ ſchaft zu beobachten, in welche ſie auf ſo ſon⸗ derbare Weiſe eingeführt worden war, und in der ſie ſich vielleicht noch lange Zeit bewegen ſollte. Die Anzahl der ringsum Lagernden war nicht unbeträchtlich, und mochte faſt zum gleichen Theile aus Männern, Weibern und Mädchen der ver⸗ ſchiedenſten Alter beſtehen Die Männer, mit⸗ unter ſchlecht bewaffnet, oder waffenlos, ſahen in ihren ſtruppigen Haaren, langen Bärten, ſchmutzigen und vernachläſſigten Kleidern keines⸗ weges anziehend aus Den weiblichen Theil der Truppe charakteriſirte eine gewiſſe Männlichkeit in Zügen und Gebärden, die Marie unan⸗ genehm, ja widerlich berührte, und ihr, bei längerer Beobachtung, faſt wie Frechheit dünkte. Männer und Weiber lagerten geſondert und ver⸗ zehrten im Augenblicke ein frugales, meiſt aus Früchten beſtehendes Mahl, indem ſie ſich leb⸗ haft und geräuſchvoll unterhielten. Jenes ruhig⸗ freundliche, gemüthlich⸗fromme Weſen der Quäker zeigte kein einziges Geſicht; dagegen war auf die Zůge faſt aller Gegenwärtigen eine gewiſſe Apathie — und Leerheit, ein Ausdruck von Stumpfheit ge⸗ prägt, der durch die hohlliegenden, meiſt von bläulichen Ringen umgebenen Augen, nur noch an abſchreckendem Ausdrucke gewann. Marie fühlte ſich von dieſer Umgebung beengt, ja zu⸗ rückgeſtoßen; und der Gedanke, in ſolcher Ge⸗ ſellſchaft vielleicht längere Zeit hinbringen zu müſſen, würde ſie unglücklich gemacht haben, wenn nicht ein Blick auf ihre Lebensretterin, der ſie ſich ſo unendlich verpflichtet fühlte, und die Ueberzeugung: daß dieſe Umgebung doch tauſend⸗ mal beſſer als Caracteriche's Geſellſchaft ſei, ſie begütigt hätten. So eigenthümlich, ſo neu und ſogar unver⸗ ſtändlich dem Naturkinde Anna Lee und ihr Benehmen erſchien, ſo mächtig imponirte der Einfachen doch das hohe, gebietende, faſt möchte man ſagen, königliche Weſen der Prophetin; die, mit der aufgeblühten Fülle einer Frau, den un⸗ beſchreiblichen, zauberhaft verſchloſſenen Reiz eines Mädchens, mit dem Ausſehen der Jugend, den Ernſt und die Erfahrung der Jahre, mit der Einfachheit einer Prieſterin, die Gewandtheit und — 288— Ueberlegenheit eines Volksführers verband. Da⸗ zu kam die Achtung und abgöttiſche Verehrung welche ihr alle ihre Untergebenen zollten, und der Nimbus, mit dem ſie ſich klugerweiſe ſelbſt zu umgeben wußte. Niemand hatte ſie je Nah⸗ rung zu ſich nehmen, oder irgend eine weibliche Schwäche zeigen ſehen— während der Ruf der von ihr ausgegangenen Wunder laut und ge⸗ räuſchvoll nach allen Richtungen hin verbreitet wurde. Was konnte natürlicher ſein, als daß ſich in Mariens Herz die Gefühle der Dank⸗ barkeit bei ſo mächtigen äußeren Einwirkungen zu einer Höhe ſteigerten, die bei ihrem lebhaften und feurigen Charakter faſt zu einem phantaſti⸗ ſchen Enthuſiasmus wurden. War ſie doch in jene Periode der Entwicklung eingetreten, in welcher der Menſch, von inneren Stürmen fort⸗ getrieben, mit vollen Segeln das noch unbekannte Meer des Lebens durchfliegt— in welcher ihm durch die Nebel der Phantaſie alle neuen und fernen Dinge in abenteuerlicher Form, in ge⸗ ſpenſtiger Größe umgaukeln— in jene Lebens⸗ periode, in welcher Anna Lee ſelbſt Alles — 269— das geglaubt, was zwar ihr Mund auch jetzt noch bekannte, wovon aber ihr Herz und Ver⸗ ſtand ſo häufig nichts mehr wiſſen wollte. Wie ſchon oben gedacht, hatte Anna, von den herrlichſten Anlagen begünſtigt, ſchon in ihrer zarteſten Jugend viel, ja zu viel und ohne die gehörige Auswahl geleſen, ſo daß ſie ſich, unbeſchadet dem Erlernen mehrerer Sprachen, nach und nach in ihren Anſichten ganz verwirrte, und, da ihre Lektüre faſt einzig auf theologiſche Werke beſchränkt war, die überſpannteſten Ideen aufnahm. Die Tochter eines Grobſchmiedes, hob ſie, trotz der verkehrten Richtung welche ihr Geiſt eingeſchlagen, ihr Wiſſen und ihre Bildung hoch über den Standpunkt der Aeltern; und ſo gab es ſich denn allmählig von ſelbſt, daß ſie die Herrſcherin in dem kleinen älterlichen Hauſe wurde. Auch ſchien ihr ſolche Machtvollkommen⸗ heit ſehr zuzuſagen, und zu dem geiſtigen Stolze der Schwärmerin geſellte ſich bald auch ein irdiſcher; umſomehr als ſchon damals nicht allein ihre Geſpielinnen, ſondern auch Erwachſene ſich vor dem frommen, gottbegeiſterten Mädchen beugten. Nau, Th. Kosciuszkv. II. Thl. 19 — 290— Da faßten ihre Aeltern den, allerdings ſehr pro⸗ fanen aber gutgemeinten, Entſchluß, ſie ebenfalls an einen Grobſchmied mit Namen Stanly zu verehlichen. Gab nun auch der Vater gewöhn⸗ lich, zumal in geiſtigen Dingen, ſeiner Tochter nach, ſo hatte er bei dieſer häuslichen Angelegen⸗ heit doch einmal ſeinen Kopf aufgeſetzt, und, Bitten und Flehens ungeachtet, mußte ſich Anna entſchließen, den ihr widerlichen, weit unter dem Grade ihrer Bildung ſtehenden, Handwerker zum Gatten zu nehmen. Die Folgen waren voraus⸗ zuſehen,— es gab eine jener vielen unglücklichen Zwangsehen. Annens einziger Troſt blieb die Religion, die ſie jetzt nur noch ſchwärmeriſcher umklammerte, und bald bekam ſie Inſpirationen, ſah Wunder, und war davon überzeugt: daß ſie von Gott dazu beſtimmt ſei, die Wiedererſchei⸗ nung Chriſt's auf Erden zu verkünden. Das überfromme England lieferte Schwärmer genug, die ihr glaubten und ſich ihr mit blinder Er⸗ gebenheit anſchloſſen, und da ihr Mann in ihr nur ſeine Hausfrau und nichts anders ſehen, und ſie endlich mit Gewalt zu ihren Pflichten —3 — 291— zurückführen wollte,— ſo entſchloß ſie ſich kurz und gut, und verließ eigenmächtig den Verachteten. Jetzt fügte ſie ihren Lehren noch die der an⸗ geborenen Sündhaftigkeit und Verworfenheit zu, und ſuchte die Sühne derſelben in der Eheloſig⸗ keit. Ihre Liebe zum Herrſchen, die ſie ſchon im älterlichen und eigenen Hauſe kund gegeben, hatte ſich indeſſen zur wahren Herrſchſucht ge⸗ ſteigert, die in der übertriebenen Verehrung ihrer Anhänger die herrlichſte Nahrung fand, und— nachdem ſie 1774 aus Anlaß des Unfuges den die Bet⸗ und Tanzſtunden ihrer Anhänger her⸗ vorgerufen nach New⸗York gewieſen worden, zum höchſten Despotismus ausartete. Hatte nun gleich die Zeit den wahren En⸗ thuſiasmus in ihrem eigenen Herzen gedämpft, hatte ſich ihr gleich ſo manche Selbſttäuſchung enthüllt, ſo bot ſie auf der anderen Seite auch einen reichen Schatz an Lebenserfahrungen, und jene Ruhe, welche den Weltmann ſo ſicher macht und ihn ſeinem Ziele ſo beſtimmt zuführt. Mit dieſen Ergebniſſen der Zeit erſetzte die— übri⸗ gens noch in Jugendkraft blühende— Prophetin — 292— den Abgang der inneren Ueberzeugung, und kam daburch eher zu einer geſchloſſenen Lehre, ja zu ſchönen, wohlgeordneten Beſitzungen für ihre Ge⸗ meinde, welche in ihr nicht eine Prophetin,— nein— faſt durfte man ſagen:— die Gottheit ſelber ſah. Wenn alſo Anna bei ihrem erſten Auftreten von der Ueberzeugung völlig durchdrungen war: daß ſie von Gott geſandt ſei Wunder zu wirken, und die nahe Wiederkunft des Erlöſers zu ver⸗ künden— ſo war ſie ſich doch nun recht deut⸗ lich bewußt, daß ſie mit dieſen, auch jetzt noch feſtgehaltenen Lehren, die Menſchheit betrüge; da ſie ihre eigenen menſchlichen Schwächen oft recht deutlich fühlte, und bei ihrem ſcharfen Verſtande den Unſinn ihrer Lehre wohl einſah. Aber Anna hatte ſich ſo an das unumſchränkte Herrſchen gewöhnt, daß ſie den Gedanken: ihr Regiment aufzugeben, nicht ertragen konnte. Außerdem aber erkannte ſie auch recht gut die Unmöglichkeit zurückzutreten. Sie hatte ſich da⸗ her entſchloſſen die früher wahre— jetzt falſche Rolle einer Prophetin zu Ende zu ſpielen Welche Leerheit ſich bei dieſer Aufgabe in ihr unbefrie⸗ digtes Herz ſchlich, iſt leicht zu begreifen; und ſo kam es denn daß die Unglückliche oft, jener Leere zu entgehen, ſich trotz ihrer Ueberzeugung abmühte, vermittelſt ihrer regen Phantaſie die frühere Begeiſterung, die ſie doch wahrhaft be⸗ friedigt, wieder hervorzurufen. Wie natürlich gelang ihr dieſer erzwungene, ſie ſelbſt täuſchende Aufſchwung nur ſelten, und auch dann meiſt ſchlecht, und ihre lechzende Seele fiel nach jeder derſelben nur einem Gefühle größerer Unbefrie⸗ digtheit anheim, das oft an Verzweiflung grenzte. Bei allem dem beſaß Anna ſo viel Seelenſtärke, ſich äußerlich gleich bleiben zu können. In eine feierliche Würde eingehullt, ſtets ernſt und ab⸗ geſchloſſen, ſchien ſie gerade das Gegentheil von dem was ſie war; und da ſie durch eine ſtrenge Zurückgezogenheit ihre Verehrer in einer gewiſſen Ferne hielt, ſo vermochte auch keiner den Schleier, den ſie ſo ſorgſam bewahrte, zu lüften— und zu gewahten daß er keine wahre gottbegeiſterte Prophetin, ſondern nur eine Himmelskokette bedecke. — 294— Marie, in ihrer Kindlichkeit und Uner⸗ fahrenheit weit entfernt die wahre Lage Anna's zu ahnen, hatte ihre Blicke von der Gemeinde weg und auf jene gewandt, die ſie nun aus einiger Entfernung mit Liebe und Andacht be⸗ trachtete. Anna Lee hatte ſich auf einen kleinen Hügel begeben, von welchem ſie das Lager der Ihrigen bequem überſehen konnte. Hier ſaß ſie, in Nach⸗ denken verloren, auf dem Stumpfe eines, von Sturm und Zeit geſtürzten, Baumes, das Bild einer königlichen Prieſterin. Das weiche Moos das in üppiger Fülle den ſanften Hügel deckte, auf welchem ihre nackten, nur durch Sandalen geſchützten, Füße ruhten, glich einem gelblich⸗ grünen reichen Teppiche, in welchen die Meiſterin Natur wunderbar⸗ſchöne Blumen mit geſchickter Hand gewoben. Ueber dem blondgelockten und bekränzten Haupte breitete des Waldes urälteſte Eiche einen dichten Thronhimmel aus ſmaragdnen Blättern; reich blühende Schlingpflanzen woben ſich, wie Blumengehänge von Zweig zu Zweig, oder hingen leicht herunter wie gefällige Zierden des Thrones,— und Hunderte von bunt be⸗ fiederten Sängern ſchienen ringsum die Königin des Waldes zu beſingen, und einten ihre Stim⸗ men zu einem lieblichen, entzückenden Concerte. Anna hörte weder den fröhlichen Sang der Vögel, noch den Lärm des kleinen Lagers. Sie war tief in Gedanken verſunken. Das ſchöne Haupt auf ihren Armen geſtützt, blickte ſie ſtarr und bewegungslos vor ſich hin, und keine Miene, kein Fältchen der Stirne, kein Zucken der Mus⸗ keln verrieth den Kampf ihrer Seele. Es war eben ein Moment der Zerriſſenheit bei ihr ein⸗ getreten, in welchem ihr ihr beſſerer Theil die Falſchheit des Spieles vorwarf, mit dem ſie ſo viele Menſchen täuſchte, und namentlich erſchienen ihr gerade jetzt dieſe Bekehrungszüge als höchſt ungerecht. Iſt es nicht ein Frevel, ſagte die mahnende Stimme ihres Innern, den ruhigen mit ihrem Glauben zufriednen und in ihm glück⸗ lichen, Bewohnern dieſer Wälder ihn zu rauben, um an deſſen Stelle eine Lehre zu ſetzen, die ich ſelbſt als ſo ungenügend anerkennen muß, die mich ſo leer und unbefriedigt läßt?— Aber — 296— den Einwand der Vernunft hatte die alte einge⸗ roſtete Anſicht: daß das ſchlechteſte Chriſtenthum beſſer ſei als der ſonſt vernünftigſte nicht chriſt⸗ liche Glaube, bald beſiegt, und der geiſtige Stolz zeigte ihr dieß Gewinnen heidniſcher Seelen für den Himmel in ſeinem grellſten Lichte. Zwar wollte die Vernunft noch manches zu Gunſten der armen Naturkinder und ihrer Rechte ſagen, aber Anna fühlte, daß ſie ſich mit Gewalt dieſem Kampfe entziehen müſſe, wollte ſie nicht noch ſchwankender und unglücklicher werden. Sie flüchtete daher ihre Ideen auf das Gebiet der Politik. Aus dieſem Standpunkte geſehen, er⸗ ſchienen nun freilich dieſe Züge nicht nur als durchaus nothwendig, ſondern auch als ſehr klug und vortheilhaft. Die Shakers hatten nämlich unter Annas Anleitung ſich zu Nisguenia bei Albany angekauft und niedergelaſſen, und durch Fleiß und Arbeitſamkeit ihre neue Colonie bald in Schwung gebracht, ſo daß dieſelbe im Augenblicke ſchon in vollem Flore ſtand, und— bei Vergrößerung der Gemeinde— vorauszuſehen war, daß ſie in kurzer Zeit ſich noch mehr er⸗ — 297— heben, noch größere Ausbeute gewähren würde. Nun hatte man aber den fatalen Umſtand zu berückſichtigen, daß,— da die ſtrengſte Eheloſig⸗ keit Geſetz, und jede Geſchlechtsvermiſchung auf dus Strengſte unterſagt und verpönt war,— die Gemeinde immer durch Anwerbung neuer Glieder vervollſtändigt und vergrößert werden mußte, indem im entgegengeſetzten Falle dieſelbe bald ihr Ende erlebt haben würde. Es blieb demnach der Gründerin und Be⸗ herrſcherin der Shakers, wollte ſie anders ihr Werk nicht ſpurlos verſchwinden ſehen, nichts übrig, als mit einem Theil der Gemeinde von Zeit zu Zeit auszuziehen um Proſelyten zu machen, für ihre Sache zu werben. Dabei hatten dieſe Züge auf der anderen Seite den Vortheil, daß ſie den unruhigeren Theil der Gemeinde beſchäf⸗ tigten, und ſo gleichſam den Krankheitſtoff, der ſich in allen menſchlichen Geſellſchaften häuft, ableiteten. Nachdem Anna noch einmal dieß Alles flüchtig überdacht, fühlte ſie ſich über ihre früheren Skrupel völlig beruhigt, und beſchäftigte ſich nun — 298— einzig mit den Sorgen für die fernere Erhaltung und Wohlfahrt der Ihrigen. Mit dem Wachſen der Gemeinde aber hatten ſich für ſie die Laſten gehäuft; dabei zwangen ſie eben dieſe Züge oft einen Theil ihrer Anhänger, ihre ganze Anſied⸗ lung, aus den Augen zu laſſen; eine Nothwen⸗ digkeit welche ihr höchſt unangenehm war, und für ihre Herrſchaft, ja für ihren Einfluß ſehr gefährlich werden konnte. Sie hatte daher ſchon lange darauf gedacht, ſich für die ſpätere Zukunft eine Erleichterung, durch eine untergeordnete Gehülfin, eine Apoſtolin, zu verſchaffen. Dieß Unternehmen war aber um ſo gefährlicher, als ihre eigene Exiſtenz dabei auf dem Spiele ſtand, ſobald die Erwählte von bedeutenderen Geiſtesgaben als ſie ſelbſt ſein würde; und dennoch waren entſchiedene Geiſtes⸗ fähigkeiten zu der beabſichtigten Stellung— die ſpäter auf eine Nachfolge im Regimente zweckte — unumgänglich nothwendig. Es bedurfte daher einer ſehr klugen Wahl. Daß die Erwählte noch ganz jung ſein müſſe, um nach ihrem Willen und Abſichten erzogen zu werden, darüber war — 299— Anna längſt einig, und ſie hatte nur bis jetzt noch Niemanden gefunden, der ihr zugeſagt. Heute aber, als ſie das junge, lebhafte, ſchöne Mädchen erblickt, das ſich ſelbſt ihr ſo unbedingt und leidenſchaftlich hingegeben— aus deſſen Augen die reinſte Unſchuld ſprach— ja, das mit ihr den Haß der Geſchlechtsliebe zu theilen ſchien,— heute hatte ſie, bei Mariens Er⸗ ſcheinen, der Gedanke durchzuckt: Dieſe und keine Andere ſoll Deine Stütze, Deine Nachfolgerin werden! Jemehr ſie hierüber nachdachte, je länger ſie Marien betrachtete, deſto feſter ward ſie in ihrem Vorhaben, das nachgerade zu einem unumſtößlichen Entſchluſſe gereift war. Ihn aus⸗ zuführen ſtand ſie nicht länger an, doch mußte ſie vor allem Anderen Mariens Verhältniſſe und Schickſale kennen lernen, um— wo mög⸗ lich, und wenn es nöthig ſein ſollte— alle Fäden zu durchſchneiden mit welchen dieſe noch an der äußeren Welt hing, um dann um ſo entſchiedener ihre ganze und ungetheilte Neigung und Hingabe zu beſitzen. — 300— Sie winkte daher Marien zu ſich heran, hieß ſie zu ihren Füßen niederſetzen, und veran⸗ laßte dieſelbe, indem ſie durch ihre gemeſſene Würde eine leichte Freundlichkeit durchblicken ließ, zur Erzählung ihrer Geſchichte. Marie, jeder Verſtellung fremd, goß ihr Herz in den Schvoß des einzigen Weſens, von dem ſie für jetzt Troſt und Stütze hoffen durfte und ſo erfuhr Anna zu ihrem Verdruſſe, daß die wahre Quelle des Haſſes gegen Caracte⸗ riche,— aus dem ſie doch ſo viel Hoffnung für ihren Plan geſchöpft— gerade eine recht innige Liebe für einen Anderen ſei. Als aber Marien in kindlicher Weiſe fortfuhr zu er⸗ zählen, welch' ſchreckliches Ereigniß ſie von ihrer Familie, von ihrem Paul getrennt, und mit heißen Thränen im Auge, die Furcht ausſprach, die ſie erfüllte, und die ihr jede Hoffnung nahm die lieben Ihrigen je wieder am Leben zu finden, tröſtete ſich Anna wieder, da ſie ſogleich fühlte, daß es noch Zeit ſei über dieſe, in dem unſchul⸗ digen Herzen der Creolin aufkeimende und ihr ſelbſt noch nicht klar bewußten, Liebe zu ſiegen. ———— — 801— Sie erfaßte mit ſchlauer Gewandtheit den günſti⸗ gen Moment, und, Berthas Männerhaß auf das Eifrigſte lobend, tadelte ſie mit Ernſt und Strenge Mariens Willfährigkeit gegen Paul, ja ſie ging ſo weit alles nachfolgende Unglück als eine Folge dieſes unerlaubten, ſündhaften Umganges, als eine Strafe Gottes zu bezeichnen. Marie ſchaute bei dieſen Worten die Pro⸗ phetin ſtaunend und ängſtlich an. Ihr frommer Sinn beugte ſich in Demuth vor der Heiligen, deren Strafrede ſie ſo hart und vernichtend traf und dennoch war ſie ſich ſo wenig einer Schuld bewußt, daß es ihr unglaublich vorkam, daß jene fromme Neigung zu ihrem guten Bruder Paul eine Sünde ſein ſollte, die Gottes Straf⸗ gericht nach ſich ziehe. Anna entging dieſer Zuſtand des Zweifels nicht, und ſie benutzte ihn für die erſte Aus⸗ ſaat ihrer Lehre, indem ſie Marien die lieb⸗ lichen Gefühle der Liebe als die Verſuchungen des böſen Feindes darſtellte, der auf ſolch' freund⸗ liche Weiſe zur abſcheulichſten Sündhaftigkeit verlocken wolle. So lebhaft ſie aber dieß Alles geſchildert, mußte ſie zu ihrem Erſtaunen ge⸗ wahren, daß ſich der unſchuldige, unverdorbene und kindliche Verſtand der Kleinen nicht ſo ſchnell überführen ließ, und da ſie die naiven Ein⸗ wendungen derſelben ſogar oft in die Enge trieben, ſprang ſie mit Gewandtheit auf die letzten Ereig⸗ niſſe in Wioming über, und beſtätigte auf alle erdenkliche Weiſe Marien in dem Glauben an Pauls Tod. Das war zu viel. Die arme Kleine hatte Troſt und Hoffnung geſucht, und mußte die letzten Funken derſelben durch den Ausſpruch der Prophetin erlöſchen ſehen. Da brach ihr geängſtetes und gequältes Herz, und machte ſich, in lautes Schluchzen ausbrechend, durch heiße Thränen Luft. Anna empfand daß ſie wohl für den erſten Augenblick bei dem zarten Gemüthe des Kindes zu weit gegangen ſei, und, fürchtend Marien durch allzugroße Härte abzuſchrecken, beugte ſie ſich mit ungewöhnlicher Milde zu ihr herab, und ſprach ihr, wenn auch nur ſchwachen, Troſt ein, indem ſie ſich vornahm auf jede Weiſe eine — 303— Wiedervereinigung Mariens mit der äußeren Welt, und vor Allem mit Paul, wenn er noch lebe, zu verhindern, die nächſte Zukunft aber dazu zu benutzen Marien die Liebe als einen Gräuel, als einen Abgrund des Verderbens darzuſtellen, und ihr junges, keuſches Herz mit Abſcheu gegen jede Geſchlechtsverbindung zu erfüllen. Um aber dieſen Plan mit vollkommener Sicherheit ausführen zu können, entſchloß ſie ſich Marien zu ihrem beſtändigen Umgange zu beſtimmen, und ſtaunend ſah die ganze Gemeinde die kleine neue Gefährtin die beneidete Ehre genießen: Tag und Nacht der nächſten Umgebung der hohen Prophetin ge⸗ würdigt zu ſein. Marie gewahrte bald, daß ein Theil der hohen Verehrung, welche man Annen zollte, auf ſie übergegangen war, aber ſie vermochte ſich deſſen nicht zu erfreuen, ihr Inneres war im Aufruhr und Kampfe, denn was ihr ſo lange gut und fromm geſchienen, war Vergehen— abſcheuliche Sünde geworden. XIV. Der Fall des Miagara. „Oft wandl' ich Abends auf die ſteilſten Höben, Einſam mit meiner Lieb' und meinem Grimme, Zu meinen Füßen die gewalt'gen Seen— Und dann erbeb' ich meine tiefe Stimme.“ „Die werthen Lieder aus den alten Tagen, Die ich mit Freunden hundertmal geſungen, In dieſe Wälder hab' ich ſie getrage Drin nie zuvor ein deutſches Lied geklungen.“ Freiligrath. — Monate waren ſeit jenem unglücklichen Tage verfloſſen, an welchem ſich des alten Mark⸗ walds Vorausſage ſo ſchrecklich erfüllt— an dem das ſchöne Wioming auf eine ſo traurige Weiſe untergegangen. Paul hatte an dem ver⸗ hängnißvollen Morgen vergeblich ſeine Marie ——————— 8 wieder geſucht; zu ſeinem Troſte fand er ſie zwar nicht unter den Erſchlagenen, zu ſeinem Schrecken aber auch nicht unter den Lebenden. Wo mochte ſie ſein? Hatte ſie ſich geflüchtet und hielt ſich noch immer aus Angſt verborgen?— Oder war ſie gar ein Raub der Barbaren geworden?— Eine entſetzliche Angſt zerriß des jungen Deutſchen Bruſt. Umſonſt durchſuchte er Haus und Hof, und rief verzweiflungsvoll ihren Namen,— vergebens harrte er unter den endloſen Qualen des Zweifels und der Ungewißheit ihres Wieder⸗ kommens— Marie war ſpurlos verſchwunden. Da ließ ihm die Sorge um das Schickſal der Geliebten keine Ruhe mehr. Vielleicht hatte ſie ſich nur verirret, und er konnte ſie wieder⸗ finden, vielleicht ſie den Händen ihrer Räuber entreißen, oder doch im Kampfe für ihre Be⸗ freiung ſterben. Sterben?— beim allmächt'gen Gott!— wenn er daran dachte ſeine Marie verloren zu haben, dann war ihm, dem ſonſt ſo heiteren, lebensluſtigen Menſchen, wahrlich nichts mehr am Leben gelegen. Aber in ſeinem jugendkräftigen Herzen wurzelte die Hoffnung, Ran, Th. Kosciuszko. 1I. Thl. 20 — 86— die erſt in ſpäteren Jahren durch ſo manches Fehlſchlagen und durch ſo manchen Sturm zu wanken beginnt, noch feſt und unerſchütterlich, wie eine himmelanſtrebende Eiche; und er um⸗ klammerte ſie gern und ſtieg auf ihre höchſten Zweige und ſchaute fragend und bangend nach allen Seiten. Und es war ſonderbar, in ſeinem Innern rief eine Stimme:„Du wirſt, du mußt ſie wiederfinden!“ Wie gerne lauſchte er derſelben, wie willig baute er auf ſie, als einem Zeichen des Himmels — und ahnte nicht, daß es nur jene krampf⸗ hafte Verzweiflung des Herzens war, das ſich blutend und zuckend einem ſchrecklichen, vernich⸗ tenden Schickſale entziehen will. „Du wirſt, du mußt ſie wiederfinden!— deine Ruhe, deine Unſchuld!“ ſchreit das Gewiſſen des noch nicht ganz verdorbenen Sün⸗ ders auf, wenn er der glücklichen Tage ſeiner Kindheit und dann ſeiner Frevel denkt, und der entſetzlichen Angſt die ihn nun peitſcht und zerreißt; — 307— „Du wirſt, du mußt es wiedergewinnen!“ ſtöhnt der Spieler in hölliſchen Qualen, wenn der letzte Thaler verloren und er nun ſeiner Gattin, ſeiner armen hungernden Kinder denkt; „Du wirſt, du mußt ihn wieder beleben!“ ſtammelt der Mörder graß und zerſtört beim ſchauderhaften Anblick des blutenden Opfers ſeiner Schändlichkeit; „Du wirſt, du mußt zum Leben kehren!“ jammert der Gatte, verzweiflungsvoll hingeſtreckt ber die ſchöne, blaſſe Leiche des geliebten Weibes; „Du wirſt, du mußt es wiederſehen!“ betet in Thränen die fromme Mutter an dem Sterbe⸗ bette ihres ſcheidenden Kindes. „Du wirſt!— Du mußt!“— Ach, armes Menſchenherz, du kannſt ihn nicht faſſen den Jammer der in ſeiner erſchreckenden Größe vor dir ſteht, und darum hältſt du ihn für unmög⸗ lich. Du mußt auf Erden leiden;— aber tröſte dich! Du wirſt unfehlbar, gerade durch alle die Leiden, hingeführt zu ſo unendlichen Freuden, daß all der Erdenkummer in Nichts verſchwindet, und du einſtens mit ſanftem Lächeln auf ſie, wie — 308— auf eine kurze, wohlthätige Prüfung hernieder⸗ ſchauen wirſt.—— Paul deutete den Zuruf ſeines Herzens als ein himmliſches Orakel, und verließ, nach⸗ dem er die von Kosciuszko zurückgelaſſene Mannſchaft zu Bruder Johannes Befehl ge⸗ ſtellt, und ihnen nochmals das theure Haupt des Greiſen anempfohlen, jenes Haus, in wel⸗ chem er ſo ſtill⸗glückliche Tage verlebt. Lange durchzog er die nähere Umgebung ſeiner bis⸗ herigen Wohnung,— er fand von der Ver⸗ mißten keine Spur. Seine Hoffnung wankte indeſſen nicht. Er drang tiefer in die Wälder; aber ihn umrauſchte nur ihre ewige Nacht. Das Glenthier durchbrach die Büſche; Heerden wilder Ochſen, gewaltige Rudel ſchnellfüßiger Hirſche begegneten ihm; er zog vorüber an den kunſt⸗ reichen Bauten der fleißigen Biber; ihn umbrüllte der hungrige Jaguar; ihn ſtarrten einzelne Hau⸗ fen friedlicher Indianer an,— aber Marie fand er nicht. Da ſank, mit dem herbſtlich⸗ welkenden Laube, auch ſeine Hoffnung mehr und mehr. Längſt ſchon hatte er jede beſtimmte — 3— Richtung verloren, längſt ſchon irrte er ungewiß, ſich dem Zufall überlaſſend, umher— es küm⸗ merte ihn nicht— er fand ſich ja, von dem Augenblicke an, von welchem er die Geliebte aufgeben mußte, von nichts mehr angezogen. Es war ihm recht, daß er keine, oder doch nur ſelten Menſchen ſah,— es war ihm lieb, ſeinen Schmerz einſam in den dunklen Waldungen aus⸗ ſtöhnen zu können. Die Natur in ihrer erha⸗ benen Pracht hörte ſchweigend ſeine Klagen— aber ſie ſpottete auch ſeiner nicht, wie es das heuchleriſche Geſchlecht der Menſchen nur allzuoft zu thun pflegt. Paul wanderte fort und fort, mühſam ſeinen Unterhalt bald erjagend, bald den mit Früchten überfüllten Pflanzen und Bäu⸗ men raubend. Traf er auf einen Trupp Urein⸗ wohner, oder kam er in ein indianiſches Dorf, erkundigte er ſich ſo gut es durch Zeichen gehen wollte nach der Geraubten, erforſchte und durch⸗ ſuchte jeden Winkel, und zog dann jedesmal noch betrübter weiter, als er gekommen war. Aber auch dieſe ſchwache Hoffnung hatte ihm in der letzten Zeit nicht mehr geleuchtet; denn es — 310— wochten an acht Tagen verſchwunden ſein, ſeitdem er dem letzten Indianer begegnet. Er ſaß eben unter einer rieſenhaften Weimouthskiefer und dachte in finſterem Unmuthe an die harten Schläge, mit welchen er von Jugend an durch das Schickſal verfolgt worden. Der fröhliche Muth, die heitere Laune, der glückliche Leichtſinn, die früher ſeine treuen Verbündeten im Leben geweſen, hatten ihn nun verlaſſen; er fühlte ſich ſo ganz— ſo ganz allein in der fremden Welt— daß ihm bei dem Gedanken daran das Herz ſchier zu brechen drohte. Er zerdrückte die Thräne nicht, die in ſein Auge trat, er ließ ihr freien Lauf und rief voll bittern Schmerzes: „Und was ſoll ich denn noch in der Welt, ich armer einſamer Tropf?— Bin ich nur ge⸗ boren um nach einem kurzen, von Leiden durch⸗ furchten Leben hier zu ſterben, und einem hun⸗ grigen Jaguar als Speiſe zu dienen?— war dieß der Zweck des Lebens, das mich einſt ſo freudig anlachte?“ Er ſchwieg lange Zeit. Sein praktiſcher Sinn ſtrebte gewaltig gegen den Un⸗ muth an, der ſo ſchwer auf ihm laſtete. Er hatte — 311— ſich nachgerade überzeugt, daß es faſt unmöglich und vollkommen unwahrſcheinlich ſei, ſeine ge⸗ liebte Marie wiederzufinden Lebte ſie noch und war durch die Indianer entführt,— ein Ge⸗ danke der freilich ſein Herz qualvoll zerriß,— ſo befand ſie ſich jetzt, Monate nach dem Tage der Frevelthat, wohl tief in den unendlichen Urwäldern, die noch keines Europäers Fuß je durchdrungen. Mit treuer Beharrlichkeit hatte er ſie bis jetzt geſucht, tauſende von Schwierig⸗ keiten geduldig überwunden, Gefahren aller Art mit Muth beſtanden, Entbehrungen gerne er⸗ tragen— und dennoch war all ſein Mühen ſo vollkommen nutzlos geweſen, daß er nicht einmal die leiſeſte Spur von ihr zu entdecken vermochte. Sie war entſchieden für ihn verloren. Paul fühlte dieß tief und innig; aber er ſah auch ein: daß weder Unmuth, noch eine unmännliche Ver⸗ zweiflung ſie ihm wiederzubringen vermochten. Mit Gewalt riß er ſich daher von ſeinem Schmerze, ſeinem bisherigen dumpfen Brüten los und rief entſchieden:„Nein, nein! ich darf mich nicht länger dieſer Weichheit und Stumpfheit hingeben. — 312— Es wäre unmännlich und kindiſch gehandelt, wollte ich dem Leben, weil es mir einen heißen Wunſch verſagte, verdroſſen und muthlos den Rücken kehren. Noch höhere Zwecke ſind wohl für mich zu erfüllen. Hier lebt eine Thatkraft, die ſich gegen dieß nutzloſe Umherſchweifen auf⸗ lehnt Ich will ſuchen wieder unter civiliſtrte Menſchen zu kommen; denn meine arme Marie finde ich doch nicht wieder. O Marie, Marie! wie hoffte ich glücklich mit dir zu werden; aber es war anders beſtimmt in Gottes Rathſchluß. Ich habe dich treu und innig geliebt, und werde dein mit Liebe denken bis mein letztes Stündchen ſchlägt. Ich habe auf alle Weiſe verſucht dich wiederzufinden— umſonſt. Nur ſchwer mochte ich mir geſtehen: daß all mein Suchen ver⸗ geblich ſei— jetzt bin ich leider davon überzeugt. So lebe denn glücklich armes, armes Kind in deinen fernen Wäldern! Dein Paul kehrt zu der Welt zurück— aber ſein Liebſtes läßt er in der grünen Wildniß.“ Eine Thräne bewies daß er wahr geſprochen; dann ſtand er raſch auf, ſeinen Entſchluß aus⸗ — 313— zuführen. Dieß war indeſſen eine beinahe eben ſo ſchwierige Aufgabe als die frühere; denn wo hinaus ſollte er gehen? welche Richtung hatte er einzuſchlagen?— Alle jene Merkmale, welche den, von Jugend darauf aufmerkſamen, Einge⸗ borenen als Zeichen und Leiter dienen, waren Paul, wie natürlich, unbekannt, und nur die Sonne vermochte ihm einigermaßen die Gegend anzudeuten, in welcher die civiliſirten Städte der vereinigten Staaten lagen. Es war ihm klar, daß, er mochte ſich befinden wo es immer ſei, er ſich doch ſtets nach Oſten zu wenden habe, und ſo ſchlug er denn ſo gut es ſich thun ließ dieſe Richtung ein. Aber nur ſchwer und un⸗ ſicher vermochte er ſie zu verfolgen; denn bald hemmte ein umgeſtürzter ungeheurer Baum, mit ſeinem Wald von Aeſten, den Weg; bald brauste ein tiefer wilder, nicht zu überſteigender Bach daher; bald thürmten ſich Felſen ſenkrecht auf, und ihre glatten, ſteilen Wände ſchienen den armen Wanderer zu verſpotten; oder es ſtiegen auch himmelhohe Gebirge wie Rieſen empor und tauchten die felſigen Gipfel tief in die Wolken. — 314— Aber was ſind Hinderniſſe einer kräftigen Seele anders, als neue Reize? Und Pauls Geiſt trat, ſeitdem er den Entſchluß heimzukehren gefaßt, wieder mit der alten Lebhaftigkeit und Kraft hervor. Er war eben im Begriff einen kleinen Hügel zu überſchreiten, als ſein Ohr ein ferner dumpfer Ton traf, den er bisher nicht vernommen, und der doch fort und fort wie ein entferntes Donnern grollte. Er horchte lange Zeit; das dumpfe Tönen blieb ſich gleich. Paul konnte ſich die Urſache deſſelben nicht erklären. Bald ſchien es ihm ein entfernter Donner, bald das Brauſen der Meeresbrandung, und doch konnte es weder das Eine noch das Andere ſein, da das Tönen keine Unterbrechung erlitt, und tein Meer ſich in jener Richtung befinden konnte Obwohl ſich nun der Tag ſchon zu Ende neigte, entſchloß ſich der junge Deutſche dennoch ſeinen Weg zu verfolgen, umſomehr als es die Zeit des Vollmonds war. Je weiter Paul ſchritt, deſto ſtärker wurde der Ton, und er wuchs in ſolchem Maaße, daß es nach einigen Stunden einem ununterbrochenen furchtbaren Donner glich; —— . ja Paul ſchien es ſogar als ob der Boden unter ſeinen Füßen zittere. Seine Neugierde wuchs von Minute zu Minute. Die Nacht war bereits vollkommen hereingebrochen, Miriaden Sterne funkelten, der Mond ſchwamm hell und ſtrahlend am dunkel⸗ blauen Himmel und beleuchtete magiſch den ſchmalen Pfad welchem Paul folgte, und der ſich zwiſchen dichten Gebüſchen und Bäumen hinſchlängelte. Was aber die Verwunderung des Wanderers vermehrte, war ein feiner Regen, der, trotz dem reinſten Himmel, beſtändig niederfiel, ſo daß er in kurzer Zeit ſeine Kleidung faſt gänzlich durchnäßt fühlte. Aber noch immer wollte ſich das Wunder nicht enthüllen, da Ge⸗ büſch und Bäume jede freiere Ausſicht verdeckten. Da wurde Pauls Aufmerkſamkeit plötzlich auf einen anderen Gegenſtand geleitet. Er hatte näm⸗ lich vor ſich in einiger Entfernung einen umge⸗ ſunkenen Baumſtamm bemerkt, der, wie es ihm im unſicheren Mondlichte ſchien, noch den Stumpf eines entblätterten Aſtes etwas in die Höhe hob, ſo daß Stamm und Aſtſtumpf ein bequemes — 316— Lager zum Ausruhen ermatteter Glieder zu bieten ſchienen. Dieſer erquickende Anblick beflügelte die Schritte des jungen Mannes; aber wer beſchreibt ſein Erſtaunen als er bei näherem Herantreten bemerkte, daß ſich der vermeintliche Aſt leiſe be⸗ wegte und endlich ſogar wie ein Schatten in die Erde ſank. Paul blieb beſtürzt ſtehen; denn er hatte lange genug in den einſamen Wäldern ge⸗ lebt, und deren Bewohner genugſam kennen ge⸗ lernt, um auf der Stelle zu wiſſen, daß jener vermeintliche Aſt ein Indianer geweſen. Unwill⸗ kürlich erinnerte ihn das Verſchwinden deſſelben an Caracteriche, den er in jener Unglücks⸗ nacht von dem Magnolienbaume aus hatte auf die gleiche Weiſe erſcheinen und zuſammenſinken ſehen. Indeſſen blieb Paul keine Wahl; der Indianer hatte ihn bemerkt, und ſo war ein kühnes Vorwärtsſchreiten wohl das Gerathenſte, da ihm ohnehin kein Mittel zur Vertheidigung blieb; indem ſeine Büchſe, von dem unerklärlichen Staubregen benetzt, unbrauchbar geworden. Er faßte Muth, ging weiter, und zu ſeinem Er⸗ ſtaunen blieb Alles ruhig; dennoch mußte er ſich geſtehen, daß ihn ein peinliches und ängſtliches Gefühl bei ſeiner zweideutigen und gefährlichen Lage überſchlich. Seine Phantaſie war nicht nur durch die nächtliche Erſcheinung, als auch durch die Wunder, die ihn auf eine ſo unerklär⸗ liche Weiſe umgaben, erhitzt, ſo daß ſich die matt erleuchteten Gegenſtände immer abenteuer⸗ licher in ſeinen Augen geſtalteten. Da öffnete ſich mit einemmale beim Umbiegen des Weges die Ausſicht, und er ſtand unbeweg⸗ lich vor Staunen, vor Entzücken, vor dem groß⸗ artigſten und erhabenſten Bilde das er je ge⸗ ſehen,— das je ein menſchliches Auge zu er⸗ blicken vermag. Auf einem mächtigen Felſenhange ſtehend, der weit über die, unter ihm in weißem Schaume dahintobenden, Fluthen hinaushing, ſah er vor ſich des Niagara's ungeheure Waſſermaſſen, ſich mit einem Gebrüll und Getöſe, gegen das der ſtärkſte Donner ein leiſes Murmeln iſt, in die furchtbare Tiefe ſtürzen. Raſch— wie der nach Blut lechzende Zorn— treiben die Waſſer mit reißender Gewalt gegen die jähen Felſenabhänge, — 318— und ſtürzen ſich, unter Wolken von Schaum und Dunſt, in drei gewaltigen Fällen hinab. Furchtbar/erſchütternd,— göttlich/erhaben! war dieß großartige Schauſpiel. In tiefe Nacht gehüllt lag die weite, weite Welt, und zitterte vor Staunen und betete ſchweigend an; und der Mond goß ſeinen bleichen Schimmer mit einem wunderbaren Zauber über ſie aus, und die vollen, dichten Waſſer des mittleren Falles, die durch ihre Maſſen ohne zu zerreißen, in feierlicher Ruhe herniederfielen, erglänzten in ſeinem Lichte wie lauteres, reines Silber; während zu beiden Seiten des Cataractes die Fluthen, über Felſen⸗ vorſprünge ſtürzend, in dem Augenblicke zerriſſen, als ſie dieſelben berührten, und ſich, je weiter ſie hinunterfielen, in pyramidalen Bruchſtücken, deren Spitze nach unten gerichtet iſt, theilten. Wild und wüthend, in gräulichem Wellenſchlage, ſchoſſen dann am Fuße des Falles die Waſſer zur unergründlichen Tiefe und ſtiegen brauſend wieder zur Höhe— und Alles war Schaum!— und Alles war Giſcht!— umwirbelt von Dampf und von Dünſten. — 319— Aber über das Krachen und Ziſchen des Abgrundes, wölbte ſich in durchſichtigen Farben der Bogen des Friedens, und bildete in ſeiner erhabenen Ruhe einen impoſanten Contraſt mit dem ſchrecklich⸗brüllenden Kampfe. Paul ſtand bleich, zitternd und ſprachlos unter dem Schrecken des betäubenden Getöſes. Ein Gefühl der Ohnmacht, der menſchlichen Schwäche, der eigenen Unbedeutenheit; gegen⸗ über der namenloſen Größe eines ſolchen Rieſen⸗ werkes der Natur, ließ ihn nur ſtaunen, be⸗ wundern— anbeten! Es bedurfte einer langen Zeit bis er ſich von ſeinem Staunen erholt und ein ruhiges Selbſt⸗ bewußtſein wiedergefunden hatte. Erſt gegen Mitternacht mahnte ihn ſeine Müdigkeit und die, bereits von Staubregen völlig durchnäßte, Klei⸗ dung, daß es wohl Zeit ſei, ein ſicheres und trockenes Plätzchen zu ſuchen. Er war daher eben im Begriff von dem Bilde, das ihn ſo lange gefeſſelt, Abſchied zu nehmen, als ihn mit einemmale zwei ſehnigte Arme von hinten um⸗ — 320— faßten und mit Gewalt nach dem Abgrunde drängten, der wenige Schritte vor ihm gähnte Pauls Ueberraſchung konnte nur von dem Schrecken der ihn erfaßte überboten werden; zu⸗ mal da es dem unbekannten Feinde gelungen war, ihn, in der erſten Betäubung, bis dicht an den Rand des Vorſprunges zu drängen. Die fürchterliche Gefahr aber rief mit einemmale des jungen Deutſchen Kräfte zurück. Mit Blitzes⸗ ſchnelle ſtemmte er beide Füße gegen einen kleinen hervorſpringenden Felſen, und ſuchte ſich, indem er aus allen Kräften den Oberleib zurückbog, vor einem Ueberſturze zu ſchützen. Aber ſein Gegner ſchien von übermenſchlicher Stärke, wie ein Kind rieß er Paul in die Höhe. Paul ſah noch einmal mit der Schnelle des Gedankens in die Tiefe— es wurde ſchwarz vor ſeinen Augen— er fühlte den Druck der diaboliſchen Hände die ihn hoben— ein Schmerzenston entfuhr der gepreßten Bruſt— und mit fürchter⸗ licher Gewalt ſtürzte er nieder. Aber nicht in die Tiefe war er geſtürzt, wie er ſich noch in gleichem Momente, von einer ſchmerzlichen Kopf⸗ — 321— verwundung zum Bewußtſein gerufen, überzeugte, ſondern ſein hinterliſtiger Feind war— aus⸗ gleitend— ſelbſt gefallen, und hatte ihn ſo mit⸗ gezogen. Aber der Kampf war keinesweges geen⸗ det, und beide Theile, ſich wie zwei wüthende Schlangen umſchließend, wälzten ſich gemeinſam der todbringenden Tiefe zu Paul hatte durch den Sturz indeſſen ſo viel gewonnen, daß er mit ſeinem Feinde nun Angeſicht gegen Ange⸗ ſicht war; wer aber beſchreibt ſein Entſetzen, als er im matten Strahle des Mondes und mitten im fürchterlichen Ringen Caracteriche erkannte Er war der Mörder B erthas, vielleicht der Räuber Mariens; dieſe Gedanken erfaßten Paul mit ſo grenzenloſer Wuth, daß auch ſeine Kräfte ſich bis zum Ungewöhnlichen ſteigerten. Der Indianer ſchien einzuſehen, daß er ſein Vorhaben: Paul in die Tiefe zu ſtürzen, jetzt nicht mehr ausführen könne; aber ſein Haß gegen den Deutſchen war größer als ſein Hang am Leben. Teufliſch lachend faßte er den Ent⸗ ſchluß ſich mit ſeinem Opfer in dem Abgrunde zu begraben. Schon wälzte er ſich, Paul feſt Rau, Th⸗ Kosciuszkv. 1. Thl. 21 — umklammernd, nach demſelben hin, als es dieſem gelang, ſich durch einen verzweifelten Biß in Caracteriches Handgelenk, auf einen Augen⸗ blick von demſelben zu befreien. In dem gleichen Momente rollte aber auch Caracteriches Körper, dem Schwunge den er ſich ſelbſt gegeben folgend, weiter, und ehe Beide nur einen Ge⸗ danken hatten faſſen können, war der Indianer in der Tiefe verſchwunden. Paul ſprang ent⸗ ſetzt empor, athemlos ſchaute er ihm nach,— er ſah noch einmal im weißen Giſchte einen dunklen Punkt,— dann brausten die Schaumfluthen wie immer, in ihrem ewigen Zorne tobend, dahin.— Paul ſtand unbeweglich. Die Ueberraſchung, in die ihn der unerwartete Angriff geſetzt; der heftige Kampf der ſich daraufhin entſpann, das Erkennen ſeines erbitterten Feindes, den er für den Urheber des Unglücks hielt, das ihn und die Seinen zerſchmettert, die nahe Todesgefahr und Caracteriches Ende— alles dieß war in ſo unglaublicher Schnelle aufeinander gefolgt, daß es ihm jetzt, als er aus der erſten — 323— Betäubung des Schreckens erwachte, wie ein fürchterlicher Fiebertraum vorkam, und er ſich wiederholt vorbeugte, als wolle er ſich überzeugen, daß ihn ſeine Phantaſie betrogen. Wenn aber auch die gräßliche Tiefe vor wie nach nur die ſchäumenden Wellen zeigte, wenn auf der Ober⸗ fläche keine Spur des Geſchehenen zurückgeblieben, ſo überzeugte ihn doch die, bei ſeinem und Caracteriches Sturze empfangene Kopfwunde, ſo wie die gewaltige Aufregung in der er ſich befand, von der Wahrheit jener Scene. „Gott iſt gerecht!“ ſagte er leiſe und tief erſchüttert:„Der Mörder Berthas, der auch mich verderben wollte, fand ſeine Strafe. Aber auch gnädig biſt Du mein Vater im Himmel!“ rief er dann, Thränen des Dankes im Auge, ergriffen aus,„der Du mich ſo wunderbar ge⸗ rettet; verſchmähe den Dank Deines Kindes nicht!—“ Und Paul betete inbrünſtig. Er war in ſeinem ganzen Leben von Gottes Daſein, ſeiner Größe und ſeiner liebevollen Vorſehung, nicht ſo überzeugt geweſen als in dieſem Augenblicke, —— und wahrlich! ſelbſt einen Gottesläugner hätte dieſe Nacht bekehrt.— Als er ſein inniges Dank⸗ gebet geſchloſſen, ſuchte er, ſo gut es gehen wollte, die Kopfwunde mit ſeinem Halstuche zu verbinden, und begab ſich dann auf den Weg ein trockenes Plätzchen zu finden, um ſeinem erſchöpften Körper die ſo ſehr nöthige Ruhe zu gönnen. Nach langem Umherirren war er auch ſo glücklich ein ſolches zu entdecken, und nachdem er noch einiges Holz zuſammengetragen und ſich ein Feuer angezündet hatte, entſchlief er bald, trotz der wunderbaren phantaſtiſchen Geſtalten die ſeine erhitzten und aufgeregten Sinne um⸗ gaukelten. Die Sonne ſtand ſchon hoch am Himmel als er erwachte. Seine junge, kräftige, an Mühen und Anſtrengungen gewöhnte Natur, hatte ſich durch einen erquickenden Schlaf geſtärkt, — doch würde er auch heute ſeine Zweifel an der Wahrheit des Vorgefallenen wieder aufge⸗ nommen haben, wenn ihn das Brennen der Kopfwunde nicht neuerdings vom Gegentheile belehrt. Die Wunde ſchmerzte ihn ſehr, und —— doch vermochte er ſie nicht ordentlich zu verbinden, noch irgend ein Heilmittel bei ihr zu gebrauchen. Es blieb ihm daher gar nichts übrig als ſeinen Weg trotz derſelben in öſtlicher Richtung fortzu⸗ ſetzen, und ſich dabei der Hoffnung hinzugeben: bald eine der weſtlichen Niederlaſſungen der vereinigten Staaten zu erreichen. So ſehr ſich nun auch ſein Herz jetzt nach civiliſirten Menſchen wieder ſehnte, ſo ſehr er ihrer Hülfe bedurfte, ſo konnte er es doch nicht über ſich gewinnen den majeſtätiſchen Fall des Niagara noch einmal und heute bei Tage zu ſehen. Nachdem er ſich daher durch einige Früchte geſtärkt, trat er ſeinen Weg nach demſelben an. Aber auf ſeinen geſtrigen Standpunkt vermochte er nicht mehr zurückzukehren, es ſchien ihm ſchon der Gedanke wie ein Frevel, er ſchauderte davor zurück. Zu ſeinem Staunen gewahrte er gleich ober⸗ halb des Falles mitten im Fluſſe eine Inſel, die von den herrlichſten Bäumen bewachſen ſchien. Eine Brücke von Baumſtämmen führte zu ihr hinüber. Da man von der Spitze jener Inſel —— aus eine herrliche Anſicht des Falles von oben herab haben mußte, ſo beſchloß Paul ſie zu beſuchen, und ſtand auch bald auf dem ge⸗ wünſchten Punkte. Von Neuem taumelte ſeine geſunde Seele, die noch an Naturſchönheiten ſich zu erheben vermochte, in ſtummem Entzücken, und es hielt ihm ſchwer ſich von dem unbe⸗ ſchreiblich großartigen Schauſpiele loszureißen Aber es mußte geſchieden ſein, und ſo trat er denn begeiſtert und erheitert ſeinen Rückweg an. Aber er hatte wie es ſchien den richtigen Pfad verfehlt und ſich in den dichten Gebüſchen des Eilandes verirrt. Eben blieb er nachdenkend und forſchend ſtehen, da kam es ihm vor als ob er deutlich menſchliche Stimmen vernommen habe. Er lauſchte, und zu ſeinem Schrecken beſtätigte ſich ſeine Vermuthung. Wer konnte es anders ſein als Indianer? und zwar ſchloß er nicht mit Unrecht, wenn er ſie für Verbündete oder Freunde desjenigen hielt, der geſtern auf eine ſo ſchreckliche Weiſe geendet. Nachdem daher Paul ſeine Büchſe in Stand geſetzt, ſuchte er ſo leiſe und vorſichtig als mög⸗ — 827— lich denjenigen Pfad wiederzufinden, der nach der Brücke führte. Wie es aber im Leben oft zu gehen pflegt, er gelangte dahin wo er am Wenigſten hatte hinkommen wollen— mitten unter einen Trupp von ſechzehn bis zwanzig Chippeway⸗Indianer. Beide Theile waren gleich überraſcht. Die Wilden ſchien ein und derſelbe Gedanke wie ein elektriſcher Funke zu durchzucken. Sie reichten ſich die Hände, bildeten einen weiten Kreis um Paul, und begannen einen wunderlichen Geſang, der aus unartikulirt ausgeſtoßenen Tönen beſtand. Das Ganze war einem Gebrüll ähnlicher als der Aufführung irgend eines muſikaliſchen Stückes, dabei hielten ſie aber einen beſtimmten Takt, und bewegten ſich wie tanzend nach dieſem Rhitmus. Paul ſtand ſchweigend und kalt, auf den Lauf ſeiner Büchſe gelehnt, in ihrer Mitte. Das Schickſal ſchien ihn nun einmal dazu beſtimmt zu haben, in dieſen Wäldern ſein Leben zu be⸗ ſchließen, und da er recht gut wußte, daß die Ceremonie mit welcher man ihn bewillkommte, diejenige war, mit der die Wilden ihre Schlacht⸗ — 328— opfer dem großen Geiſte weihten, er auch nicht die leiſeſte Hoffnung zu entkommen hatte, ſo ergab er ſich wie ein Mann in ſein Geſchick, und entſchloß ſich nur durch Muth und Stand⸗ haftigkeit ſich ſelbſt zu ehren, und gegen die Barbaren keine Schwächen zu zeigen. Nach zehn Minuten war der Tanz vollendet, und der älteſte Chippeway forderte dem Jüngling durch Zeichen, Büchſe und Seitengewehr ab. Paul zögerte einen Moment, noch ſtand es in ſeiner Macht ſein Leben wenigſtens theuer zu verkaufen, aber was konnte er ſelbſt durch die hartnäckigſte und tapferſte Gegenwehr anders bezwecken, als im glücklichen Fall den Tod einiger Feinde, wogegen vorauszuſehen war, daß die Uebrigbleibenden, durch das Fallen ihrer Freunde auf das Aeußerſte gebracht, die Marter die ſeiner harrten in ihrer Wuth nur noch ſteigern würden. Außerdem hatte der Blutverluſt und die Aufregungen und Anſtrengungen der letzten Zeit ſeine Kräfte zu ſehr erſchöpft, um einen ſo gewagten Kampf beſtehen zu können. Mit ſtiller Reſignation über⸗ gab Paul daher nach kurzem Nachdenken die — 329— verlangten Waffen, ja er ließ es ſchweigend zu, daß man ihn entkleidete, ſeine Hände und Füße knebelte und ihn dann im Triumphe tiefer in die Büſche trug. Auf einem kleinen freien Raume machte der Trupp Halt. Es war nicht zu verkennen daß dieſer Platz durch Menſchenhände geebnet und ausgehauen war, da man ihm eine vollkommene Rundung gegeben hatte. Mitten darinnen erhob ſich eine ſtämmige Ulme, und die Umgebung des Planes bildeten dichte Gebüſche und hohe Bäume. Nur im Norden deſſelben erhob ſich ein felſiger Hügel, der, wie es Paul ſchien, eine ziemlich geräumige Grotte bildete. Der junge Mann fühlte indeſſen wenig Neigung zu Beobachtungen, da er, aufrecht an den Stamm der Ulme ge⸗ bunden, mit Ungeduld dem Augenblick entgegen⸗ ſah, der ſeinem Leben, und damit auch ſeinen Qualen, ein Ende machen ſollte Kalt und verächtlich ſchaute er vor ſich hin, und ſeine Gedanken waren bei Marien, die ja vielleicht in gleichem Momente wie er zum Tode geführt — 330— wurde, und die dann gewiß den letzten Seufzer ihrer Liebe und ihres Lebens nach ihm ſandte⸗ Die Chippeway waren indeſſen zum Theile bemüht Holz herbei zu tragen, zum Theile ſetzten ſie ihren religiöſen Geſang und Tanz fort, während der Aelteſte unter ihnen ſein großes Meſſer mit Eifer auf einem Steine ſchliff. So⸗ bald dieſe Vorkehrungen vollendet, ſtellten ſich ſämmtliche Indianer in einem weiten Kreiſe um das unglückliche Opfer, der Aelteſte aber trat vor Paul, faßte denſelben mit der einen Hand bei den Haaren, ſchwang mit der anderen das Meſſer um ſeine Stirne, und ſchien damit das Scalpiren des Nackten ſymboliſch anzudeuten. Der Haufe begrüßte dieſe Bewegungen mit Jubel. Paul ſtand erblaßt, ein kalter Schweiß trat auf ſeine Stirne; aber er biß mit furchtbarer Gewalt die Zähne aufeinander, und zuckte mit keinem Auge Dennoch war der Moment der Erlöſung noch nicht gekommen. Der alte Indianer zog das Meſſer zurück und ſteckte es dann, unter beſtän⸗ digen Ceremonien, zu Pauls Füßen in den Sand; hierauf entfernte er ſich und verſchwand — in der Felſenhöhle, gegen welche der Angebundene das Antlitz kehrte Schrecklich waren die nun folgenden Minuten des Wartens für den armen Paul; ſeine Bruſt hob ſich mächtig, ſeine Augen dunkelten oft, wie von dichten Wolken überdeckt, ſeine Gedanken ſchwammen ineinander; trat aber Mariens Bild vor ſeine Seele, ſah er ſie angebunden, wie ſich, am Marterpfahle, ſah er ihr liebes Auge ſich betend zum Himmel heben, hörte er in ihrem letzten Hauche ſeinen Namen verklingen,— dann rafften ſich ſeine Lebens⸗ geiſter wieder mit Stolz zuſammen; dann rief eine innere Stimme:„Stirb deiner und ihrer würdig!“ Paul überhörte ſie nicht. Er blickte muthig, faſt freudig empor, ſein Blick fiel auf den Aus⸗ gang der Höhle und blieb erſtarrt an der hohen, ehrwürdigen Geſtalt hängen, die aus ihr heraus⸗ trat.— Es war— Bruder Johannes! „Gerechter Gott!“ rief er, ſobald er die Sprache wiedergefunden—„ſo bin ich nicht allein das Opfer dieſer Barbaren; auch meinen Vater, meinen Wohlthäter ſoll ich noch ſterben ſehen!?“ — 3 Markwald ſtand ſchweigend vor ihm. Der alte Mann war in den wenig Monaten, in welchen ihn Paul nicht mehr geſehen, um Jahrzehnte gealtert. Die Locken waren weißer noch und dünner geworden, durch den Kummer der ihn ſo ſchwer belaſtet; aber die Geſtalt hob ſich noch immer in ihrer gewohnten Majeſtät. So ſtand ſie auch jetzt zwiſchen den dunklen Figuren der Chippeways Paul gegenüber. Ein heiliger Ernſt lag in den ehrwürd'gen Zügen, und aus den tiefliegenden Augen ſprach eine wunderſame Begeiſterung. Zu ſeinen Füßen lagen die braunen Indianer, mit ihren wilden, häßlichen Geſichtern, und ſo glich er einem guten Geiſte, der, dem Grabe entſtiegen, durch ſeine Macht die Dämonen der Hölle vernichtet. Sobald Markwald ſeinen Paul erkannt, zeigte der dankbare Blick nach Oben, die Regung ſeines Herzens; ein langes inniges Gebet ſchien ſeiner Seele zu entquellen. Als er vollendet, er⸗ hob ſich raſch der älteſte der Wilden, zog das ſcharfe Meſſer aus dem Sande, reichte es Mark⸗ walden, und deutete mit blutdürſtigen Gebärden — auf den ſchönen Jüngling, der ſchweigend an dem Stamm der Ulme lehnte. Bruder Johannes nahm das Dargebotene ruhig an. Sein Arm hob ſich mit überraſchender Kraft, und mit einem mächtigen Stoße ſaß es, — nahe über Pauls Kopf, tief in dem Stamme. Mit derſelben erhabenen Ruhe, mit welcher er es angenommen, brach er es dann, ſeine Klinge nach der einen Seite biegend, ab, und ſchleuderte den Stiel weit in die Büſche. Lautlos hatten die Indianer den Bewegungen des alten Mannes zugeſehen, lautlos vor Staunen verharrten ſie noch jetzt. Da wandte ſich Mark⸗ wald in liebevollem Ton, aber in Paul zum größten Theil unverſtändlichen Klängen, an die noch immer zu ſeinen Füßen Liegenden. Nach längerer Rede erhoben ſich dieſelben eben ſo ſtumm wie bisher, beugten ſich noch einmal vor dem Alten, und entfernten ſich, obgleich langſam und wie es allen Anſchein hatte mit einigem Un⸗ willen, aus dem Geſichtskreiſe der beiden Deutſchen. Jetzt erſt fand Paul die nöthige Zeit und Worte ſeinen Wohlthäter um Aufklärung dieſes — 334— ſonderbaren Ereigniſſes zu fragen. Markwald, deſſen Weſen, wie Paul ſogleich bemerkte, ſich auffallend verändert hatte, indem jenes freund⸗ liche Wohlwollen ganz von ihm gewichen, und nur ein unerſchütterlicher Ernſt ihm geblieben war— Markwald gab ihm in wenig Worten zu verſtehen, daß er, nachdem er ſein einziges Kind und ſeine erſchlagenen Knechte und Mägde begraben, den Entſchluß gefaßt habe, den Reſt ſeines Lebens in der Einſamkeit zuzubringen, und ihn lediglich der Anſchauung Gottes in der Natur und im Geiſte zu weihen. Die Großartigkeit der Gegend habe ihn hierher gelockt und erſt ſpäter habe er erfahren, daß er ſeinen Aufenthalt auf Grat⸗island genommen,— einer Inſel, die, als der Aufenthalt des„großen Geiſtes“ den Indianern als heilig gelte Da er nun von den⸗ ſelben bei ihren Beſuchen entdeckt, und für ein Weſen höherer Art gehalten worden ſei, ſo habe er ſich zwar umſonſt bemüht ſie von dieſem Irr⸗ thume zu befreien, freue ſich aber dennoch heute, dadurch Gelegenheit gefunden zu haben, Bruder Paul zu retten. Nachdem Letzterer dieß Alles vernommen, er⸗ zählte auch er die Geſchichte ſeiner Leiden die mit dem traurigen Reſultate endeten: daß er Marien nicht gefunden. Markwald ſchien wenig Intereſſe an der ganzen Erzählung zu nehmen, und als Paul bat bei ihm bleiben, ihn ſchützen und ſchirmen zu dürfen, lehnte er es dankend aber beſtimmt ab, und erſuchte Paul ſein erſtes Vorhaben; nach den Staaten zurück⸗ zukehren auszuführen, und ihn ſeinem— Gott allein geweihten— Leben in der ſtillen Einſam⸗ keit zu überlaſſen. Paul wußte welche Schläge dieß Herz ge⸗ troffen, er ehrte ſeinen großen Kummer, und den Entſchluß des frommen Mannes, und ſo ſchied er, nachdem ihm Markwald ſeine Klei⸗ dung und ſeine Waffen wieder verſchafft, und einen der Indianer beſtimmt hatte dem Jünglinge als Führer zu dienen, unter Thränen des Dankes, des Mitleidens und der Liebe von ſeinem zweiten Vater. XV. Ninety-Fir. „Da die Feinde ſind verſchwunden, Habet nicht mehr auf ſie Acht, Pflegt die Kranken, pflegt die Wunden, Die Geſtorbenen verſcharrt. Saget den beſorgten Krieger, Macht den Frauen auch bekannt: Daß vom Streite ſich die Sieger Nun dem Frieden zugewandt. Der Eid. Der Kampf der vereinigten Staaten von Nordamerika gegen England, hatte trotz der thätigen Hülfe Frankreichs, ohnerachtet der außerordentlichen Anſtrengungen der einzelnen Colonien, und der Tapferkeit, Klugheit und Beharrlichkeit der Führer der amerikaniſchen —— — 337— Armee, noch immer keine entſcheidende Wendung genommen. Würde das damalige engliſche Miniſterium nicht mit altengliſchem ariſtokratiſchem Trotz, würde der beſchränkte König Georg III. nicht mit Eigenſinn, den einmal eingeſchlagenen Weg verfolgt haben; hätte die elende miniſterielle Familienoligarchie ſtatt unfähiger Erben großer Namen, fähige Söhne der Nation als Feldherren in die Colonien geſandt, ſo wäre es England zu der Zeit wohl ein leichtes geweſen, das ganze Heer der Republikaner zu ſchlagen und ſich wieder zum Herrn der abtrünnigen Staaten zu machen. Andrerſeits gehörte der Muth, die eiſerne Be⸗ harrlichkeit und das erprobte Feldherrntalent eines Washington, die Begeiſterung eines La⸗ fayette, die Klugheit und unermüdliche Thätig⸗ keit eines Franklin dazu, alle die namenloſen Schwierigkeiten zu beſiegen, welche ſich dem großartigen und kühnen Unternehmen der, zur politiſchen Mündigkeit erwachten, amerikaniſchen Nation entgegenſtellten.*„ Nan, Th. Kosciuszkv. U. Thl. 22 — 338— Eine dieſer Hauptſchwierigkeiten lag in den Rechten und Verhältniſſen der Milizen. Es waren dieß die bewaffneten Einwohner des Landes, die, zwar regelmäßig organiſirt, doch wie natürlich als Bürger, Gewerbtreibende und Bauern weder eine ſtrenge Disciplin kannten, noch auch mit der Handhabung der Waffen und den übrigen Erforderniſſen des Felddienſtes ſo vertraut wie reguläre Truppen waren. Das Unangenehmſte bei dieſen Milizen beſtand aber in der Gewohnheit und Befugniß derſelben, ſich nach gewiſſer Zeit, und ſobald es die Geſchäfte des Landbaues erforderten, ſelbſt aufzulöſen und auseinander zu gehen, was denn auch— ohner⸗ achtet des guten Willens für die Sache der Freiheit— zur nicht geringen Verlegenheit des Oberfeldherrn häufig geſchah; da der derbe Ameri⸗ kaner ſo leicht keiner Idealität fähig iſt, und nicht, wie der Franzoſe, von Begeiſterung hin⸗ geriſſen, über das Streben nach dem Idealen das Praktiſche vergißt. Außer dieſen Milizen zählte nun zwar die amerikaniſche Armee auch noch eine nicht unbe⸗ — —— —— — 339— dentende Anzahl regulärer Truppen; aber weder für dieſe noch für die Milizen reichten die pecu⸗ niären Mittel zur Beſtreitung aller Bedürfniſſe hin, da die Colonien wohl frei ſein, aber nicht gern zahlen wollten. Washingtons Heer war daher oft in den elendeſten Zuſtänden, und dieſe hinderten denn auch den großen Feldherrn in ſeinen um⸗ faſſenden Planen. Er verzagte demohnerachtet nicht, und führte im Vereine mit ſeinen Freunden eine Sache zum glorreichen Ende, die ohne ihn wäre verloren geweſen. In den nördlichen Provinzen hatte der bis⸗ herige Krieg wenig zu ſagen gehabt; deſto blutiger und fürchterlicher raste er in den ſüdlicheren, und namentlich in den Staaten Georgien und Süd⸗ und Nord⸗Carolina. Obgleich nun die Waage des Schickſals ziemlich gleich ſtand, und der Ausgang des Krieges noch ſo ſehr unent⸗ ſchieden war, daß ganz Europa— zum größten Theil mit Enthuſiasmus der neuen Idee der Völkerfreiheit huldigend— nit der geſpannteſten Erwartung auf die neue Welt blickte, und athem⸗ — 340— los harrte zu weſſen Gunſten ſich die Schaale des Sieges neigen würde, begann doch allmählig in Süd⸗Carolina, durch die Tapferkeit des General Greens, den Amerikanern eine neue Morgenröthe des Glücks anzubrechen. Nach dorten hatte denn auch der Generaliſſimus ſein hauptſächliches Augenmerk gerichtet, indem er ſich entſchloß dem Kriege in jenen Gegenden durch einen Hauptſchlag für immer ein Ende zu machen. Bevor Washington indeſſen hieran denken konnte, mußte er die Vertreibung der Engländer aus Süd⸗Carolina zu bewerkſtelligen ſuchen, und wirklich war dieß Green, welchem der Oberbefehl über die ganze Südarmee übertragen worden, auch ſchon ſo weit gelungen: daß die Königlichen, durch bedeutende Verluſte geſchwächt und mit Aufgabe von ſechs der wichtigſten Poſten, ſich gezwungen fühlten, das ganze nördliche Süd⸗ Carolina zu räumen. Jetzt blieben den Engländern nur noch die Poſten an der Meeresküſte und die Feſtungen Ninety⸗Sir und Auguſta. Aber auch Letzteres fiel, nach tapferer Gegenwehr, den Amerikanern in die Hände Zu erwähnen bleibt, daß alle in jenen Zeitraum fallende Gefechte, Erſtürmungen, Scharmützel und Schlachten den Charakter der wildeſten Grauſamkeit trugen. Beide Partheien waren ſo erbittert auf einander, daß weder Menſchlichkeit noch Völkerrecht beobachtet wurden, und Mord und Feuer, Straßenraub und Plünderung, ja Grauſamkeiten aller Art waren die Loſung jenes unglückſeligen Kampfes. Zur Rechtfertigung der Amerikaner muß aber hier angeführt werden, daß ſie, durch das un⸗ menſchliche Betragen der Engländer, und nament⸗ lich durch Lord Rawdon gereizt, in den von ihnen verübten Gewaltthaten nur kriegsgeſetzliche Reprefſalien ſahen. Mit blutendem Herzen, aber unfähig ſie ganz zu unterdrücken, blickte Washington auf dieſe Scenen der Unmenſchlichkeit, und fand zu ſeinem Troſte wie wahr und ſchmerzlich dieſe Gefühle in dem Buſen des edlen Kosciuszko, der be⸗ reits ſein Liebling geworden, nachhallten. Thad⸗ däus ſollte indeſſen Gelegenheit finden neuerdings zu beweiſen: wie ſchön ſich Muth und Tapfer⸗ — 342— keit mit Mitgefühl für fremde Leiden vereinen läßt.— General Green hatte beſchloſſen den Eng⸗ ländern Ninety⸗Six zu entreißen, und traf bereits Anſtalten mit dem Kern ſeiner Truppen nach jenem feſten Punkte aufzubrechen, unter ihm hatte Kosciuszko ein Commando über⸗ nommen. Er war eben mit den, für den Auf⸗ bruch nöthigen Vorbereitungen beſchäftigt, als er vor ſeinem Zelte einen heftigen Wortwechſel vernahm. „Kann jetzt nicht melden!“ rief in rauhem Tone der Dienſtthuende.„Capitän— Arbeit— bis über die Ohren.“ „Will ihn auch nicht lange ſtören ent⸗ gegnete eine andere, wie es Thaddäus dünkte ihm nicht fremde Stimme. „Gar nicht ſtören!“— brummte der Feldwebel. „Nur ein einziges laßt mich ihm ſagen. Wenn er mich ſieht. „Wahrhaftig, was ichtz ſehn— Lerlumpte Kerle wie ihr genug— Bettler gar nicht ſprechen“ — — 343— „Ich bin kein Bettler!“ rief hier im Tone höchſten Unwillens der Andere,„und verlange nichts als Dienſte.“ „Großen Dienſteifer— Verdammt heftig— Abkühlen!— Wartet bis..“ Hier wurde der Dienſthabende durch das Heraustreten Koscius zko's unterbrochen, welchen das barſche Zurückweiſen eines Bittenden — ſo nöthig es oft ſein mochte— ſtets ſchmerzte. „Was gibt es!“ rief er ernſt, und ſein durch⸗ dringender Blick muſterte ſcharf den jungen, ſchlecht ausſehenden und zerlumpten Menſchen, deſſen Stimme ihm ſo bekannt geklungen, während er ſich ſeiner Züge kaum zu entſinnen vermochte. „Landſtreicher!—“ referirte in ſeiner lako⸗ niſchen Weiſe der Feldwebel.„Dienſt nehmen — ſehr eilig—“ „Ihr ſeid ein braver Soldat, Feldwebel, und ein wackrer Mann, der immer ſtreng ſeine Pflicht thut—“ ſagte der Capitän ernſt aber liebevoll „Ihr ſolltet indeſſen Bittende 6 ſo hart ab⸗ weiſen.“ „Mein Capitän!“ entgegnete der Angeredete, — 344— unbeweglich in ſeiner militäriſchen Stellung ver⸗ harrend:„Guter Wille— nicht ſtören wollen⸗ — Viel Volk— viel Lumpen.—“ „Es iſt gut!“ rief Kosciuszko faſt un⸗ willig über den rohen Eifer ſeines Untergebenen, und ſich zu dem Fremden wendend, frug er den⸗ ſelben begütigend nach ſeinem Wunſche. Der junge Mann ſah ihn erſtaunt an, und ſagte mit verzagender Stimme: „Kennen Sie mich nicht mehr?“ Kosciuszko ſchüttelte nach einigen Sekun⸗ den des Anſchauens den Kopf.„Eure Stimme und Eure Züge—“ fügte er ſodann hinzu, „ſind mir nicht ganz unbekannt; aber ich muß geſtehen, ich weiß im Augenblick nicht wo ich ſie gehört und geſehen haben mag!“ „Es war freilich nur einmal daß wir uns ſahen, Herr Capitän, und dieß zwar noch in der Morgendämmerung.“ „Und wo?“ „In dem Hauſe meines Wohlthäters, in Wioming,“ entgegnete Paul. „Mein Gott!“ rief Kosciuszko erſtaunt, — 345— und faßte des Jünglings beide Hände und ſah ihn forſchend und ſchärfer an.„Vergebt, ver⸗ gebt! wenn ich Euch nicht gleich wieder erkannte — aber—“ ſetzte er ergriffen hinzu,„ſchwere Tage müßt Ihr ſeitdem erlebt haben, armer Mann, Ihr waret damals blühend und ſeht nun recht elend, recht entſtellt aus.“ „Ich habe in jenen Tagen Alles verloren was mir theuer war, und ſeitdem viel entbehrt“ „Ich ließ Euch gleich nachdem die Feinde vertrieben waren ſuchen, aber man brachte mir die Nachricht, daß Ihr die Indianer einer Ge⸗ raubten wegen verfolgtet.“ „Und wie Sie mich ſehen, komme ich nach Monaten von dieſem Verfolgen zurück“ „Wie? jetzt erſt!? ſo war wohl die Ge⸗ raubte „Das Glück meines Lebens“ „Und Ihr fandet ſie nicht wieder?“ „Nein!“ In Pauls Augen ſtanden Thränen. Thad⸗ däus durchzuckte ein wilder Schmerz. Die Erinnerung an ſein eignes Schickſal trat lebendig — 346— vor ſeine Seele, er zog Paul in ſeine Arme und rief leidenſchaftlich:„So hat Dich das Schickſal zu meinem Bruder gemacht!“— Die beiden Männer hielten ſich lange, im Gefühle ihrer eigenen und ihrer gegenſeitigen Schmerzen, ſchweigend umſchloſſen; dann richtete ſich Kosciuszko auf, und ſich zu dem Feld⸗ webel und zu Laſocki wendend, ſagte er in ge⸗ rührtem Tone: „Dieſer junge Mann, der mir einſt das Leben gerettet hat, iſt fortan als mein Bruder zu be⸗ trachten.“ Kaum aber hatte Thaddäus dieſe Worte ausgeſprochen, als die beiden bisher ſtummen Zeugen dieſer Scene, Laſocki und der Feldwebel, mit Begeiſterung und inniger Ruhrung auf den⸗ jenigen zueilten, der ihrem angebeteten Herrn das Leben gerettet. Laſocki ſtürzte vor Paul nieder und küßte mit Heftigkeit deſſen Hände und Füße; der Feldwebel aber ergriff ſeine Hand und rief, ſich mit einiger Verlegenheit den langen Schnurrbart drehend: „Eſel geweſen— ich!— grob— aber ver⸗ „— geſſen müſſen— Verdammter Eſel ich!— Aber nicht wahr? vergeſſen!— Meinem Capitän das Leben retten!— mein Leben retten!— auch mein Bruder ſein!“ Der alte Krieger hatte dieſe unzuſammen⸗ hängende Rede mit ſolchem Eifer und ſolcher Gefühlswärme ausgeſtoßen, daß es Paul nicht entgehen konnte, wie tief ſie aus dem alten, verknöcherten Soldatenherzen kam, er ſchüttelte ihm treuherzig die dargebotene Hand und ſagte lächelnd: „Laßt's gut ſein, Alter, es iſt ſchon Alles vergeſſen. Wir wollen Freunde ſein“ „Freunde?“— rief der Soldat,—„Gut! auf Tod und Leben.“ Paul hatte mit Staunen wahrgenommen, wie die wenigen Worte des Hauptmannes ſeine beiden Untergebenen verändert, und ſchloß aus der Hingebung derſelben an ſeinen Lebensretter auf die unbegrenzte Liebe, mit welcher ſie an ihrem Herrn hingen. Ebenſo entzückte ihn Kos⸗ ciuszko's Dankbarkeit, die ſich durch keine Aeußerlichkeit zurückhalten ließ, ſo daß jener— — 348— was hundert Andere, von falſcher Schaam ge⸗ leitet, nicht gethan haben würden— ihn den unglücklichen, elend ausſehenden Menſchen öffent⸗ lich umarmte und ſeinen Bruder nannte. Thad⸗ däus würde ſeinen Lebensretter zwar unter jeder Bedingung gleich dankbar und freundſchaftlich aufgenommen haben, zu Paul zog ihn indeſſen auch noch die Aehnlichkeit des erlebten Unglücks unwiderſtehlich hin. Seine erſte Sorge ging dahin den jungen Deutſchen neu zu equipiren, und ihm ſowohl alle, für den Augenblick nur mögliche, Bequem⸗ lichkeiten als auch die gewünſchte Erlaubniß zum Eintritt in das, von ihm befehligte, Freicorps zu verſchaffen. Wie ein wahrer Bruder nahm er ſich Pauls an, und dieſer gewann unter Thaddäus's Leitung, und in der regelmäßigen Thätigkeit ſeines neuen Dienſtes, bald die, mit ſeinem Charakter ſo eng verwobene Heiterkeit und den alten freudigen Muth der Jugend wieder. Die Vorbereitungen zum Abmarſche waren unterdeſſen vollendet, und Green gab den Be⸗ fehl zum Aufbruch. — 349— Ninetey⸗Sir war bald erreicht, und wurde ſofort von den Amerikanern eingeſchloſſen, die es mit allem Ernſte zu belagern begannen. Green hatte gehofft die Feſte eben ſo ſchnell zu gewinnen als Fort Auguſta, das nach ſieben⸗ tägiger tapferer Gegenwehr gefallen war; ſah ſich hierin aber getäuſcht, indem der, dieſelbe befehligende Oberſtlieutenant Krüger ſolch vor⸗ treffliche Vertheidigungsanſtalten getroffen hatte und ſich ſo kühn wehrte, daß ſich die Belagerung in die Länge zog. Die Republikaner ließen in⸗ deſſen in ihrer Thätigkeit nicht nach, entzogen der Feſte alles Waſſer, eröffneten die Laufgräben und errichteten ein eigenes Werk, von welchem aus ihre Scharfſchützen, hinter Sandſäcken und Schanzkörben geborgen, die Werke der Engländer ſo ſicher beſtreichen konnten, daß ſie Jeden der ſich auf denſelben zeigte ſogleich niederſchoſſen. Green hoffte auf dieſe Weiſe und namentlich durch den, in der Feſtung eingetretenen ſchrecklichen Mangel die Beſatzung ſo zu ſchwächen, daß ſie ſpäter einem kräftigen Sturme nicht mehr zu widerſtehen im Stande ſein würde. — 350— Siebzehn Tage waren bereits auf dieſe Weiſe verſchwunden, als am Abend des letzten derſelben Kosciuszko beſchäftigt war, die Anlage einer dritten Parallele zu leiten Er hatte dieſe Arbeit mit dem Ernſte ergriffen der ihn in Geſchäften nie verließ, und ſich ſo ſehr in das Abmeſſen der Linien und Winkel vertieft, daß er kaum ſeinen Feldwebel gewahrte, der neben ihn ge⸗ treten war, und nun ſchon ſeit einigen Minuten, die rechte Hand im militäriſchen Gruße haltend, ſchweigend und bewegungslos verharrte Erſt als der alte Schnurrbart ein reſpectvolles Räus⸗ pern zum drittenmale wiederholt, blickte der Hauptmann vom Aſtrolabium auf und wandte ſich halb zur Seite. „Was gibt es Feldwebel?“ frug er ruhig den Unbeweglichen. „Schlimme Geſchichten, mein. Capitän, Inſubordination“ „Was?“ rief Kosciuszko erſtaunt,„In⸗ ſubordination in unſern Reihen?“ „Nicht unſern!“— entgegnete der Feldwebel mit Gravität; denn er war ſtolz darauf zu den — —— regulären Truppen zu gehören, und konnte die Milizen ihrer ſchlechten Mannszucht wegen nicht leiden.—„Reguläre Truppen— Pflicht kennen — Milizen keine Mannszucht haben!“ „Alſo unter den Milizen, was iſt da vor⸗ gefallen?“ „Murren, Schreien— über die Zeit ge⸗ blieben— zurückgehalten worden— nicht abge⸗ löst— auseinandergehen“ Thaddäus, welcher mit der abgeriſſenen Sprachweiſe ſeines Feldwebels vertraut war, ver⸗ ſtand denſelben ſogleich. Es waren die alten Klagen, die alten Mißbräuche, die hier, da Green nur im Garzen ein kleines Corps bei ſich hatte, und die Unzufriedenen ein bedeutendes Detachement bildeten, ſehr gefährlich für das Unternehmen werden konnten. Der Hauptmann verließ daher ſogleich ſeine Arbeit, deutete dem Feldwebel an, ſich zu den Unzufriedenen zurück⸗ zubegeben und ihm, ſobald irgend etwas Wich⸗ tiges vorfalle, ſolches im Zelte des Generals zu rapportiren. Er ſelbſt eilte ſogleich in Perſon zu Green. Der General erblaßte vor Zorn bei — 352— Kosciuszko's Meldung, und war im erſten Augenblick willens mit Strenge gegen die Un⸗ ruhigen zu verfahren. Erſt nach langen Gegen⸗ vorſtellungen ſtand er von dieſem Beſchluſſe ab, und gab den Bitten des Hauptmanns nach, in⸗ dem er ihm erlaubte ſich mit Güte und mit Vernunftgründen an die Milizen zu wenden. Thaddäus hatte ſo eben das Zelt des Com⸗ mandirenden verlaſſen, als ihm jener alte Deutſche, den er gewöhnlich nur ſeinen Schatten nannte— da er ihm von der Nacht, in welcher er ihn im Walde gefunden, faſt nicht mehr aus dem Auge gekommen— athemlos entgegentrat. Kos⸗ ciuszko's Stirne verfinſterte ſich, er trat zur Seite; aber der Alte faßte ihn beim Arme und flüſterte ihm eilig die Worte zu: „Folgen Sie mir zum General, Herr Haupt⸗ mann!“ „Ich kann nicht!“ entgegnete kalt der Ange⸗ redete, der zu ehrlich war um die Abneigung zu verbergen, die er gegen den Greis fühlte.„Ich habe Befehle erhalten bei welchen ich keine Zeit verlieren darf.“ — 353— „Sie ſind keinesfalls ſo wichtig als das, was ich zu melden habe, und Ihre Gegenwart beim General iſt durchaus nöthig“ Der Alte hatte dieſe Worte mit ſolchem Ernſte geſprochen, daß Kosciuszko aufmerkſam wurde; doch ehe er ſich noch entſcheiden konnte, ob er der Aufforderung folgen ſolle oder nicht, hatte ihn jener ſchon am Arme mit ſich fort nach dem Zelte des Generals gezogen, und ſchob ihn nun, faſt mit Gewalt in daſſelbe hinein. Green ſtaunte, den Capitän ſo ſchnell wiederkommen zu ſehen, doch ließ der Alte dem General keine Zeit zu irgend einer Bemerkung, ſondern raſch vor ihn hintretend ſagte er gedämpft: „General ich habe höchſt Wichtiges zu melden, was nur für eingeweihte Ohren paßt, ſind wir unbelauſcht?“ „Vollkommen!“ entgegnete Green, an des Alten Vertraulichkeit wie es ſchien, gewöhnt. „Aber ſprich etwas leiſe, die Wände des Zeltes ſind dünn. Haſt Du was ausſpionirt?“ „Mehr wie Euch lieb ſein wird, General. NRau, Th. Koseiuszko. I. Thl. 23 — 354— Die Henkersknechte der Tyrannei, die Engländer meine ich, ſind Euch auf der Ferſe.“ „Das verhüte Gott!“ rief der General,„da würde mein ganzer Plan zerſtört.“ „Und doch iſt es ſo,—“ fuhr der Alte, immer halblaut ſprechend, fort.„Und zwar iſt es Lord Rawdon, den man hier im Lande ſeiner ſcheußlichen Grauſamkeit wegen nur den„eng⸗ liſchen Schinder“ nennt, der in Eilmärſchen mit zweitauſend Mann dem Fort zu Hülfe kommt.“ „Das iſt verwünſcht, verwünſcht!“ rief ein über das anderemal der General und ging mit großen Schritten im Zelte auf und ab.„Nun iſt mein ganzer Plan vereitelt. Und wo ſtehen ſie jetzt, wann können ſie hier eintreffen?“ „Wenn ſie keine Hinderniſſe fänden, könnten ſie bis morgen Abend hier ſein. Ich habe aber Euer Geld, meinen Mund und meinen Haß gegen die Königsknechte benutzt, und das Land pis hieher aufgehetzt, mit Eurem Golde aber einen jener zahlreichen umherſtreifenden Haufen republikaniſcher Bergſchützen gewonnen, deren Führer ich kenne und auf den ich mich verlaſſen kann. Die werden ſich nun bei dem Paſſe von „New⸗Durham“ in den Hinterhalt legen, und es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn ſie die Rothröcke nicht wenigſtens einen halben Tag lang aufhielten.“ „Biſt Du Deiner Sache ganz gewiß?“ frug Green ernſt. „So gewiß, als ich Alles haſſe, was nach Kronen ſchmeckt“ „Und kann man den Bergſchützen trauen?“ „Die laſſen die Engländer ſo wenig unange⸗ fochten durch, wie der Satan eine arme Seele!“ lachte triumphirend der Alte. „Gut! So gebe ich meinen Plan nicht ganz auf. Morgen mit Anbruch des Tages wird ge⸗ ſtürmt. Wir müſſen das Neſt haben ehe die Feinde anlangen.— Der Adjutant ſoll eintreten! Capitän, Sie bereiten in der Stille der Nacht bei den Ihrigen alles zum Sturme vor, die näheren Ordres empfangen Sie noch dieſen Abend.— Aber alle Teufel!— da fällt mir die Geſchichte mit den Milizen ein. Eilen Sie“ In dieſem Augenblicke hörte man den fernen — 356— Ton einer Trommel, und zugleich trat der Feld⸗ webel Kosziuszko's ein. „Erlauben Sie, mein General,“ frug der Hauptmann—„daß der Mann rapportiren darf? Es betrifft die Milizen.“ Green nickte und der Feldwebel polterte mit den Worten heraus: „Schandkerle!— wollen den General zwingen — kommen anmarſchirt— Gleich da.“ „Lingsumkehrt, marſch!“ kommandirte Kos⸗ ciuszko, und zum General tretend, der aber⸗ mals in vollem Zorne glühte, ſagte er: „Um des Himmels Willen keine Gewalt. Alles hängt jetzt von der Beruhigung dieſer uns ſo nöthigen Menſchen ab. Laſſen Sie es mich verſuchen, ob ich ſie zu beruhigen vermag; ſie ſind ſonſt willig und im Augenblicke vielleicht nur durch einige unzufriedene Köpfe gereizt“ „Verſuchen Sie's mit den unſinnigen, un⸗ dankbaren Menſchen Sie ſchreien nach Freiheit, und wenn ſie ſie erkämpfen, und das Geringſte aufopfern ſollen, kehren ſie der guten Sache den Rücken, ja ſie opfern ſie ſelbſt auf Stehen wir — 855— jetzt nicht zwiſchen zwei Feuern? Rawdon im Rücken und den Aufruhr im Lager?“ „Laſſen Sie mich's verſuchen, mein General, vielleicht bringe ich die Blinden zum Sehen.“ Mit dieſen Worten verließ Kosciuszko das Zelt und trat vor das, in Fronte vor demſelben aufgeſtellte Detachement Milizen. Seine Haltung war feſt und würdevoll, aus ſeinen Mienen ſprach ein imponirender Ernſt, den jedoch der ihm eigenthümliche Zug des Wohlwollens milderte, während der feſt geſchloſſene Mund Entſchreden⸗ heit verrieth. Sein Erſcheinen ſchien die Aufgeſtellten eini⸗ germaßen zu befremden und zu verwirren; denn ſie hatten nicht ihn, den allgemein geſchätzten und geliebten Helden, ſie hatten den ſtrengeren General vermuthet. „Was ſoll dieſer ſonderbare Aufzug?“ frug der Pole. Der zum Sprechen Erwählte trat vor und erklärte: daß gegenwärtiges Detachement Milizen, da ſeine Dienſtzeit längſt vorüber, und es trotz aller Verſprechungen noch nicht durch ein anderes — 358— abgelöst worden ſei, entſchloſſen wäre, ſich ſelbſt, kraft der ihm zuſtehenden Rechte, aufzulöſen und in ſeine Heimath zurückzukehren. Kosciuszko hörte den Redenden ruhig an; dann wandte er ſich mit folgenden freundlich⸗ ernſten Worten an die ganze Schaar: „Meine Freunde! Unſer edler und tapferer General, der ſich ſtets für Eure gute Sache aufopfert— ſelbſt wenn ſeine Bemühungen ver⸗ kannt werden ſollten— hat mich beordert Euch zu verkünden: daß ihm das Wort der Entlaſſung, welches Euch gegeben wurde, heilig iſt; wollt Ihr nicht freiwillig bleiben, ſo zieht heim in Frieden, Ihr ſeid des Dienſtes entlaſſen!— Nicht gezwungen kann man der Freiheit dienen, nur wer aus Liebe zu ihr ſich unter ihre Fahnen reiht, iſt ihr würdiges Kind. Ich, für meine Perſon, kann den mir anvertrauten Poſten nicht verlaſſen, und werde alſo mit den wenigen re⸗ gulären Truppen bei dem nahe bevorſtehenden Sturme fallen— oder ſiegen!“— Dieſe, mit Ernſt, mit kindlicher Einfachheit, mit muthiger Begeiſterung von dem allverehrten — — 359— Manne geſprochenen Worte machten auf die An⸗ geredeten einen tiefen Eindruck Ihr Verlangen, das ſie noch vor Minuten im Rechte begründet hielten, ſchien ihnen nun ungerecht und Schande bringend, und wie durch einen Zauber berührt, riefen Alle wie aus einem Munde:„Wir blei⸗ ben, wir verlaſſen unſere Anführer, wir ver⸗ laſſen die Fahne der Freiheit nicht!“ „Das iſt edel, das iſt groß!“ rief freude⸗ ſtrahlend Kosciuszko,„daran erkenne ich die tapferen Amerikaner!“ Er ging darauf freundlich zu den Anführern und ſchüttelte jedem Einzelnen mit Innigkeit die Hand, ſie mit Worten der Aufmunterung und der Anerkennung lobend und ermunternd. Kurze Zeit darauf zog ſich das Detachement unter dem Rufe:„Freiheit für immer!“ in militäriſcher Ordnung zurück. Green trat Thaddäus, als er zurückkam, mit Wärme entgegen, reichte ihm die Hand und ſprach mit tiefem Ernſte: „Capitän, was Sie eben gethan, gilt dem Congreß einem gewonnenen Treffen gleich; ich werde nicht unterlaſſen es zu berichten. Keine Gegenrede, ich mag zu große Beſcheidenheit eben ſo wenig leiden, als Prahlerei. Eilen Sie jetzt alle Vorkehrungen zum Sturme zu treffen“ Der kommende Tag war ein blutiger. Dem Enthuſiasmus und den Anſtrengungen der Re⸗ publikaner ſetzte Krüger mit ſeinen ausge⸗ hungerten und von allen möglichen Entbehrungen entkräfteten Engländern, eine erſtaunenswerthe Tapferkeit entgegen. Kosciuszko führte die Seinen mit der kälteſten Todesverachtung in das trefflich unterhaltene Feuer, und die Milizen ſchienen die Schande von geſtern in Blut aus⸗ waſchen zu wollen. Aber der Muth der Ameri⸗ kaner ſcheiterte an dem Wahlſpruch der Belagerten, die mit den Worten„ſtandhaft ausharren oder ſterben“ wie Helden kämpften⸗ Stunden hatte der Sturm gedauert, da über⸗ brachte der Alte dem General die Nachricht von dem raſchen Vorrücken Rawdons, der, von dem Vorhaben der Bergſchützen unterrichtet, den Engpaß von New⸗Durham umgangen hatte. Jetzt blieb Green nichts anders als ein ge⸗ — 36— ſchickter Rückzug übrig, den er denn auch mit dem ihm angeborenen Talente auf der Stelle begann Kosciuszko erhielt den Auftrag, die Operation des Haupteorps zu decken. Der Rückzug wurde in der vollkommenſten Ordnung begonnen, und ſelbſt die kommende Nacht fortgeſetzt. Schon brach der Morgen all⸗ mählig an, ſchon hielt ſich Green in völliger Sicherheit, als Kosciuszko durch den alten Deutſchen die Nachricht empfing, Rawdon habe auf einem näheren Wege eine Abtheilung von mehreren hundert Mann Reiterei aus dem Re⸗ gimente Cornwallis dem kleinen Heere der Re⸗ publikaner in die Flanke geſchickt, die aber, die Nähe deſſelben nicht ahnend, ſämmtlich in tiefem Schlafe lägen. Kosciuszko war ſchnell ent⸗ ſchloſſen. Er machte ſich ſogleich mit Vorſicht auf den Weg, hob eine Patrouille von fünfzehn Mann nebſt ihrem Officiere auf, und überfiel glücklich die in tiefen Schlaf verſunkenen Reiter. Ohne Waffen, ſchlaftrunken, vom Schrecken über⸗ mannt, baten ſie um Pardon; aber der Haß und die Wuth der Amerikaner gegen ihre frühern — 362— Unterdrücker hatte ſich ſchon dazumal zu einer Höhe geſteigert, die keine Vernunft, keine Menſch⸗ lichkeit zuließ. Umſonſt flehte, befahl Kos⸗ ciuszko, die Unglücklichen zu ſchonen, die Leidenſchaften waren entfeſſelt, Niemand hörte mehr ſeine, ſonſt ſo geachtete Stimme. Ein ſchauderhafter Kampf entſpann ſich. Es war keine Schlacht mehr, es war ein Gemetzel. Bis an die Knöchel wateten die Amerikaner im Blute, während die Engländer ſich mit dem Muthe der Verzweiflung wehrten. Von zahlreichen Bajonett⸗ ſtichen durchbohrt verbanden ſie mit ihren Taſchen⸗ tüchern die Wunden, um wieder in die Reihen der Feinde zu ſtürzen und ihr Leben bis auf den letzten Blutstropfen zu vertheidigen. Kosciuszko ſchauderte, er ſtürzte ſich mit Gefahr ſeines eigenen Lebens mitten in das Schlachten, und deckte mit ſeinem eigenen Körper einen kleinen Reſt der Unglücklichen. Zweihundert ſechsundachtzig Mann waren geblieben, vierzig Gemeine verdankten Thaddäus ihr Leben. XVI. Das Hauptquartier. Wachtmeiſter. „Meinſt Du, man hab' uns ohne Grund Heute die doppelte Löhnung gegeben, Nur daß wir flott und luſtig leben? Trompeter. Die Herzogin kommt ja heute herein Mit dem fürſtlichen Fräulein——— Wachtmeiſter. Das iſt nur Schein. Die Herren Generäle und Commandanten Die ſich ſo dick hier zuſammenfanden——— Trompeter. Sind nicht für vie Langweil' herbemüht.“ Schiller. Wie ſchon im vorhergehenden Kapitel er⸗ wähnt wurde, hatte der Generaliſſimus Was⸗ hington um jene Zeit ſein Augenmerk auf den 3 Crieg in den ſüdlichen Staaten gerichtet, und den Entſchluß gefaßt: ihn in Virginien mit einem entſcheidenden Schlage zu beenden. Zur Ausführung dieſes Unternehmens bedurfte er indeſſen nicht nur das kräftige Zuſammenwir⸗ ken ſeiner eigenen Kräfte, ſondern auch die Hülfe der franzöſiſchen Flotte und Armee, welch' erſtere von Admiral Barras, letztere von Rocham⸗ beau befehligt wurde. Washington ordnete daher zu der nöthigen Unterredung eine General⸗ verſammlung in Connecticut an, und dieſem Be⸗ fehl zufolge ſchloß ſich im Mai 1781 ein glänzender Kreis von Generalen, Officieren und Staatsmännern um den erfahrenen Führer der nordamerikaniſchen Armee. Das Hauptquartier hatte das Anſehen einer militäriſchen Weltſtadt gewonnen Ein ungemein bewegtes Leben wogte durch die langen Zeltſtraßen, die faſt mit jedem Tage an Ausdehnung zunahmen. Der ruhige, ernſte Amerikaner, der leichtbeweg⸗ liche Franzoſe, der ſtill⸗ſittige Quäker, das lär⸗ mende Volk der Matroſen, der fromme Penſyl⸗ vanier, die ſteifen Linientruppen und die freieren — — 365— Milizen,— alle dieſe heterogenen Elemente hatte hier direct des Generals Befehl, indirect eine gemeinſame Idee zuſammengeführt und zu einem friedlichen Ganzen verbunden. Das wogte und webte Alles ſo geſchäftig durcheinander, das kaufte und verkaufte, aß und trank, ſang und lachte, betete und fluchte; das marſchirte und exerzirte, kam und ging, ſprach und ſchrie. Welche Feder vermöchte es alle die Gruppen zu beſchreiben die ſich dem Auge des Aufmerk⸗ ſamen in dieſer kleinen Soldatenwelt zeigten Hier die Zelte der Markedenterinnen, dort die Predigt eines erleuchteten Quäkers; hier eine Scene der Liebe, dort wieder Streit und Prügel; da ein Trinkgelag und jenſeits ein kriegeriſches Conzert. Paul ging gemächlich durch die langen Straßen. Er beſah ſich behaglich dieß bunte Bild des Lebens, und ſeine Stirne verfinſterte ſich nur dann, wenn er ein liebendes Pärchen erblickte, aus deſſen Augen das Glück des Wiederſehens ſtrahlte. Dann dachte er weh⸗ müthig daran, daß auch er ſo glücklich hätte werden können, und das Bild ſeiner kleinen 8— Marie trat lebendig vor ſeine Seele. Aber das geräuſchvolle Lager war nicht geeignet trübe Ge⸗ danken zu nähren und ſein praktiſcher Sinn, der die Unmöglichkeit die Geliebte je wieder zu finden ja längſt eingeſehen, hob ihn ſchnell mit der alten Leichtigkeit über das dumpfe Brüten eines zweck⸗ loſen Schmerzes empor. Er näherte ſich eben dem Zelte ſeines jetzigen Beſchützers, Kos ciuszko's, in deſſen Com⸗ pagnie er auch eingetreten, und gewahrte vor demſelben den alten Feldwebel. Im Begriffe auf denſelben zuzugehen, hielt ihn des Menſchen ſon⸗ derbares Benehmen einen Augenblick davon ab, und er ſchaute ihm nun mit Verwunderung, unbemerkt, einige Minuten zu. Der Feldwebel war im Augenblick außer Dienſt und nur aus Gewohnheit vor dem Zelte ſeines Hauptmannes geblieben. Sein Gewehr lehnte an einem Poſten, er ſelbſt ging in großen Schritten wie eine Schildwache vor einem Tiſche auf und ab, den er ſich aus einem, auf die Seite geſtülpten, leeren und alten Koffer gebildet hatte Auf dieſem Tiſche ſtand ein mächtiger Krug — 367— und zwei Gläſer, die der Feldwebel zu Pauls großem Erſtaunen ſtets neu mit Wein füllte, nachdem er allein eines nach dem anderen unter dem Murmeln unverſtändlicher Worte ausge⸗ trunken. Ja der alte Menſch ſtieß ſogar oft mit ſeinem Glas an das andere, volle, an, und trank dann ebenfalls beide leer. Nachdem Paul län⸗ gere Zeit ſchweigend zugeſchaut, trat er endlich neugierig hervor und frug den Feldwebel um Aufklärung über ſein wunderliches Treiben. Der ergraute Soldat drehte den gewaltigen Schnurrbart und ſagte dann: „Mordelement!— Niemand fragen wie Ihr — Andere abkappen.— Ihr, mein Freund!— Lebensretter vom Capitän— Alles wiſſen.“ Er ſchüttelte dabei Paul kräftig die Hand, goß beide Gläſer wieder voll, reichte ihm eines derſelben und ſagte: „Gute Geſellſchaft— Hauptding!— Vor zehn Jahren in Holland gedient— treuen Freund ge⸗ habt— immer zur Seite geweſen— Freud und Leid getheilt— manche Flaſche zuſammen geleert. — Todgeſchoſſen an meiner Seite— mauſetod der arme Teufel!—“ — 368— Dem Feldwebel glitzerte bei dieſen Worten etwas in den Augen, das einem Tropfen nicht unähnlich war; als ihn aber Paul darob an⸗ ſchaute, ſchnitt er ein ſo grimmiges Geſicht, als wolle er ihn durchbohren, ſo daß dieſer ſchnell wegblickte und nach dem Glaſe faßte. Der alte Krieger that daſſelbe, hob das ſeine ſchweigend in die Höhe, ſchaute nach Oben, ſtieß dann hef⸗ tig mit Paul an und rief: „Soll leben— drüben— ehrliche Haut!—“ „Nun!“ unterbrach Paul das kurze Schwei⸗ gen, das auf den Toaſt für den Todten gefolgt, „was hat dieß aber mit Eurem Trinken aus den beiden Gläſern zu thun?“ „Viel.— Kamerad tod— nicht mehr mit⸗ trinken— keinen Freund mehr gehabt— lange Zeit, zehn Jahre— Ihr der erſte wieder— Allein trinken müſſen— ein Glas für mich— eins für ihn— unterhalten mit ihm— ge⸗ trunken mit ihm— angeſtoßen— alles wie ſonſt.“ „Ja nun verſtehe ich's!“ rief Paul, ergriffen von der einfachen und brusken Weiſe des Alten, — 369— welche trotz der rauhen Form, ein ſo tief und innigfühlendes Herz durchblicken ließ. „Gut ſein laſſen!“ ſagte der Feldwebel„Jetzt mit Euch trinken— auch brav— auch tapfer — Freunde ſein— Freunde bleiben!“ Beide Männer ſchüttelten ſich treu die Hände, und beſiegelten das Bündniß durch einen tüch⸗ tigen Zug; dann fuhr Paul fort und frug: „Aber wie kommt es, Feldwebel, daß Ihr nun hier kämpft, da Ihr doch früher in hollän⸗ diſchen Dienſten ſtandet, und, wie Ihr mir ſchon einmal geſagt, ein Deutſcher von Geburt ſeid.“ „Böſer Bub' geweſen!—“ entgegnete der Gefragte—„fortgelaufen— Dienſt genommen — chrlich gefochten— in Pulver grau gewor⸗ den— keine Luſt mehr an Holland gehabt— Amerika gegangen.— Ganze Geſchichte!“ „Und ich,“ ſagte Paul,„wurde an England verkauft, deſſertirte—— „Mordelement!— deſſertirt!—“ rief der Graubart und das Glas wollte ſeinen Händen entſinken.„ Ran, Th. Kosciuszko 1. Thl. 24 — 370— „Beruhigt Euch nur, Feldwebel, und denkt daran, daß ich mit meinen deutſchen Kameraden wie das liebe Vieh verkauft und zum Dienſte gezwungen wurde.“ „Immer deſſertirt!“ brummte der Alte und ſchüttelte finſter den Kopf. „Nein!“ rief Paul erhitzt und beleidigt„Ich habe den Fahneneid nicht gebrochen; denn ein erzwungener Eid iſt nicht bindend. Auch denke ich bewieſen zu haben, daß Furcht mein Fehler nicht iſt.“ „Nun!—“ brummte der Feldwebel—„nicht ſo gemeint geweſen— Hauptmann das Leben gerettet— Alles gut gemacht.“ Paul beruhigte ſich durch dieſe Erklärung. Er dachte über ſein und des Feldwebel Schickſal nach und ſagte endlich: „Es iſt doch ein wunderbares Ding mit dem Krieg Wir kämpfen: Amerikaner, Polen, Fran⸗ zoſen und Deutſche, für eine Sache. Aber nur Wenige für die Sache ſelbſt. Wie Viele treibt nicht der Zufall, das Gewerbe, wie ſo Manche der Sache ganz fremde Leidenſchaften, wie Ehrgeiz, — 37 Ruhmſucht, Haß und wie ſie all' heißen, ins Feuer Freilich iſt die Freiheit eine ſchöne Sache; aber kämpfen wir Ausländer denn für unſre Freiheit?“ „Verſteh' ich nicht“ antwortete der alte Krie⸗ ger„Soldat luſtig Leben— kräftig Leben — ehrenvoll Leben!“ „Und doch—“ fuhr Paul nachdenkend fort, ohne auf des Anderen Worte zu achten:„ich fühl' es tief in meinem Innerſten, gilt es die Freiheit des eignen Vaterlandes, gilt es das Unrecht zu vertilgen und Recht zu ſchaffen, ſo mag es was Schönes um den Kampf ſein.“ „Etwas Göttliches!“ unterbrach ihn hier Kosciuszko, der ſo eben aus dem Zelte ge⸗ treten war und ſeine letzten Worte noch ver⸗ nommen hatte.„Nur muß man das Wort „Freiheit“ nicht mißverſtehen. Ein andermal mehr davon!“ und mit dieſen Worten ging er freundlich grüßend an den Ueberraſchten vorüber. Sein Weg führte ihn zu der glänzenden Ver⸗ ſammlung, welche Washington auf heute hatte anſagen laſſen. Er trat in den weiten —— Raum, und ſein Auge ſchweifte mit Entzücken über die Menge der Anweſenden, unter welchen ſich, außer Franklin und John Adams, faſt alle Helden, Staatsmänner und Notabilitäten des großen Kampfes befanden. Washington ſtand in ihrer Mitte; ſeine edle Geſtalt, ſein würdevolles, einfaches Aeußere, ſein geiſtreicher Blick, das Imponirende ſeiner Erſcheinung, zeichnete ihn vor allen Gegenwär⸗ tigen aus. Zu ſeinen beiden Seiten ſtanden Graf Rochambeau und Barras, an welche ſich der jugendliche Held Lafayette, und die, unter Rochambeau dienenden franzöſiſchen Officiere reihten, unter denen ſich folgende berühmte Namen auszeichneten. Der Marquis von Chatelüz, der Graf Cüſtine, Charles Lameth, der Düc de Lauzün, Charles de Damas, der Baron von Viomesnil, Mathieu Dümas«), der Vicomte von Noailles, Alerander Berthier und der *) Mathieu Dümas ſchrieb ſpäter das Précis der Revolutionskriege. — 373— Graf von Segür. Auf des Generaliſſimus linker Seite befanden ſich die Staatsmänner: Knor, Hamilton und Jefferſon und die Generale Green, Wayne, Verplank, Hawe und Andere. Als Kosciuszko eintrat war Washing⸗ ton eben in einem lebhaften Geſpräche mit Ro⸗ chambeau begriffen, welchem die ganze Ver⸗ ſammlung mit angeſtrengter Aufmerkſamkeit folgte „Es iſt für England eine phyſiſche und mo⸗ raliſche Unmöglichkeit den Aufſchwung zu unter⸗ drücken, welchen Nordamerika genommen hat,“ ſagte Washington zu dem franzöſiſchen Ge⸗ nerale gewandt„Niemand iſt im Stande lange gegen den Strom der Zeit zu ſchwimmen. Phy⸗ ſiſch unmöglich iſt es, weil ein ſo ausgedehntes Land wie unſere Staaten, der Kraft wegen, nicht auf die Dauer militäriſch beſetzt werden kann; moraliſch unmöglich aber macht es der fort⸗ dauernde Widerſtand der Bürger, die eine Idee belebt.“ „Auch ich theile Ihre Meinung vollkommen—“ entgegnete Rochambeau,—„und um ſo mehr, — 374— als dieſe Anſicht, von unſeren Philoſophen, Schriftſtellern und Staatsmännern ausgehend, nicht nur ſelbſt am Hofe Ludwig XVI. Anklang fand, ſondern ſogar in ganz Europa durchzu⸗ greifen beginnt.“ „Iſt auch nicht anders möglich,“ fuhr Was⸗ hington fort.„Die Richtung der Zeit iſt kos⸗ mopolitiſch. Ganz Europa iſt der Unverſchämt⸗ heiten überdrüſſig, welche ſich die Regierungen und ihre Creaturen erlauben. Kein Volk will mehr der Spielball eines North, eines dAi⸗ guiklon, einer Pompadour und dü Barry ſein. Man iſt endlich zu der Ueberzeugung ge⸗ kommen: daß nicht die Nationen für die Fürſten, ſondern die Fürſten für die Völker da ſind. Aus dieſer Ueberzeugung geht aber ſehr natürlich das, dem Volke zuſtehende, Recht hervor, ſeine Re⸗ gierung, ſobald dieſelbe ihre Pflicht als volks⸗ thümliche Vertreterin und Handhaberin der Ge⸗ ſetze, nicht erfüllt, in Anklageſtand zu bringen oder auch ganz abzuſetzen.“ „Hier kann ich Ew. Erxcellenz nicht vollkom⸗ men beitreten—“ entgegnete Rochambeau, — 875 „da dieſe Lehren dem monarchiſchen Prinzipe ge⸗ radezu entgegenlaufen, dem wir Franzoſen, be⸗ glückt durch die Regierung unſeres allgeliebten Königs Ludwig XVI. mit ganzer Seele anhängen. Es bleibt aber um ſo mehr ein Beweis wie auf⸗ geklärt und mit dem Geiſte der Zeit fortſchreitend Seine allerchriſtliche Majeſtät denken, da ſie ſich mit ganzer Seele den edlen Beſtrebungen Nord⸗ amerika's angeſchloſſen und dieſes nicht nur öſ⸗ fentlich als einen unabhängigen Staat anerkannt, ſondern es auch ſo kräftig unterſtützt hat.“ „Niemand fühlt dieß tiefer als wir ſelbſt,“ entgegnete der Generaliſſtmus—„Auch ſind Seiner Majeſtät ſicher die Bemühungen nicht entgangen, welche die Colonien jahrelang machten, um einen gewaltſamen Bruch mit England zu vermeiden. Auf Lord Grenville's Politik fußend und fortbauend, konnte man die Spaltungen freilich nicht heilen, und ſo führte England den gewaltſamen Bruch ſelbſt herbei.“ „Die Blindheit des Kabinets von St. James war allerdings unbegreiflich,“ ſpöttelte der Ad⸗ miral,„und obgleich ſo treffliche Aerzte als die 36— Lords Chatham, Camden und der Marquis Rokingham, als For und Burke auftraten ihm den Staar zu ſtechen, fehlte es ihm doch an Muth, die Operation an ſich zu wagen.“ „Englands Staatseinrichtung leidet an einer Krankheit, durch welche es einſt untergehen wird!“ erwiederte ernſt und ruhig Washington.„Es iſt dieß das Dominiren der Familienoligarchie— das unglückliche Feſthalten an den vermeintlichen großen Vorrechten gewiſſer Familien. Es kann wohl kaum ein verderblicheres Regierungsprincip geben. Durchblättre man nur die Geſchichte, und man wird auf jeder Seite derſelben finden: daß da wo vornehme Dummköpfe— die gerade nur weil ſie durch den Zufall der Geburt in eine ſogenannte vornehme Familie fielen— wichtige Stellen im Staate oder in der Armee begleiteten, der Staat durch deren Unfähigkeit litt oder fiel; während diejenigen Völker, die, klug genug, jene wichtigen Poſten nur nach den Verdienſten ver⸗ gaben, in kurzer Zeit einen herrlichen Auf⸗ ſchwung nahmen. Frankreich hat dieß auch längſt erkannt, und es jetzt wieder aufs Neue — 377— durch die Wahl ſeiner Vertreter bei uns be⸗ wieſen.“ Washington hielt hier einen Augenblick inne, den Eindruck zu beobachten, den ſeine Höflichkeit auf die eitlen Franzoſen, welche doch vielleicht ein oder das andere ſeiner früheren Worte getroffen haben konnte, gemacht; als er aber ſeine Schlauheit durch den gewünſchten Er⸗ folg gekrönt ſah, fuhr er ruhig fort: „Wäre England dieſem Grundſatze gefolgt, ſtünde es anders mit ihm. Bleibt es dem alten Fehler treu, wird eine Zeit kommen, in welcher ſich dieſe Familien durch ihre Anmaßungen und ihren Druck ſo verhaßt gemacht, das zertretene Volk ſo gereizt haben, daß dieſes ſeine Ketten mit Gewalt bricht und jene ſtürzt.“ „Die Behauptung Ew. Excellenz—“ nahm hier Rochambeau das Wort,„findet in der Wahl der engliſchen Generale für dieſen Krieg ſeine volle Beſtätigung. Clinton, Howe und Bourgvigne ſind ohne Talent und haben ihre Stellung nur dem Einfluß ihrer Familien zu danken. — „Clinton bewieß Muth,“ bemerkte Was⸗ hington. „Aber auch weiter Nichts,“ verſetzte abſpre⸗ chend Barras.„Muth hat jeder Franzoſe, er gehört bei uns zu den ſich von ſelbſt verſtehenden Tugenden jeden Mannes.“ „Um wie viel mehr und höhere Tugenden—“ entgegnete Washington, ſich mit leichter Nei⸗ gung des Kopfes zu dem Admirale wendend— „müſſen ſich dann in denjenigen Männern häufen, welche Frankreich zu ſeinen Repräſentanten bei uns ernannt hat.“ „Ich hoffe wir finden recht bald Gelegen⸗ heit—“ warf der Admiral hin—„wenigſtens unſeren guten Willen zu zeigen, und unſre Probe zu beſtehen.“ „Sie haben recht, Admiral,“ rief Rocham⸗ beau, ich freue mich ebenfalls darauf.“ „Faſſen wir Alle den Entſchluß—“ ergänzte der Generaliſſimus,„Franzoſen, Polen, Deutſche und Amerikaner in unſeren Bemühungen zu wett⸗ eifern, dann, meine Herrn, wird es ein Leichtes ſein das hohe Ziel unſeres Strebens zu erreichen. — 379— Kommen wir nun auf den Zweck unſerer Zu⸗ ſammenkunft zurück, der die Erneuerung des, im verwichenen Jahre aufgegebenen, Planes der Eroberung von Newyork iſt. Bevor wir indeſſen zu dieſen Geſchäften übergehen, liegt mir noch die Erfüllung einer ſchönen Pflicht ob. Es iſt dieß die Anerkennung ausgezeichneter Verdienſte, Angeſichts dieſer glänzenden Verſammlung.“ Mit dieſen Worten ſchritt Washington auf den überraſchten Kosciuszko zu, ergriff ihn bei der Hand und ſagte: „Hauptmann Kosciuszko, es bedarf des Aufzählens Ihrer Verdienſte nicht. Sie haben ſich als Held und als Menſch bewieſen, Sie haben die Vorausſagungen unſeres tapferen, leider zu früh gefallenen, Freundes, des edlen Grafen Pulawski, auf das Glänzendſte erfüllt. Orden vertheilt die Republik nicht. Liegt Ihnen aber an der Anerkennung Ihres Generals, ſo nehmen Sie die Verſicherung meiner Achtung und meiner Liebe, und dieſen Ring als ein kleines Andenken an mich. Sie ſind von heute an mein Ad⸗ jutant“ — 380— Bei dieſem Worte zog der Generaliſſimus einen einfachen, mit einem Carniol geſchmückten, Ring von ſeinem Finger, ſteckte ihn Kosciuszko an die Hand, und umarmte den bis zu Thränen Gerührten mit der Innigkeit und Liebe eines zärtlichen Vaters. Die ganze Verſammlung begrüßte dieſe ſchöne Scene mit donnerndem Beifallsruf. —,— XVII. Sturm und Haſen. Mein Lieben iſt an gränzenloſer Tiefe Dem Meere gleich; ich habe veſto mehr, Je mehr ich gebe, Beides iſt unendlich Schlaf auf dein Auge! Fried' in deine Bruſt! War Fried' und Schlaf ich, ruh'nd in ſolcher Luſt! Der Siedelei des Klausners will ich nah'n, Den Rath des heil'gen Mannes zu empfah'n. Shakspeare. Der Kriegsrath war geſchloſſen; die Ver⸗ ſammlung ging auseinander. In Kosciuszko's Bruſt bebte noch immer ein ſtilles Entzücken nach. Die ehrenvolle öffentliche Anerkennung ſeiner Verdienſte, die Freundſchaft und Herzlichkeit mit welcher ihm ſein Ideal, der größte Mann ſeiner Zeit, Washington, entgegen gekommen, ſeine raſche Beförderung, der wichtige Poſten der — 382— ihm geworden, und der ihn faſt für beſtändig an den Generaliſſimus feſſelte, ſo wie deſſen freund⸗ liches Geſchenk— alles dieß hatte ihn ſo freudig überraſcht, hatte ſeine Erwartungen und kühnſten Hoffnungen ſo weit überflügelt; daß zu ſeinem Glücke, inſofern ein ſolches für ihn ohne den Beſitz ſeiner Louiſe, und getrennt von ſeinem Vaterlande, beſtehen konnte— nichts mehr fehlte. Aber ſeine Liebe liebte er ja— der heißeſten Erwiederung gewiß— mit der vollen Kraft ſeiner energiſchen Seele lebendig fort, nur noch in jener höheren, geläuterteren Weiſe, in welcher ihm die Geliebte ſelbſt zur Repräſentantin alles Edlen, Schönen, Guten und Großen ward. Sie hatte ihm längſt— eine begeiſternde Gott⸗ heit— die Palme ſeines irdiſchen Lebens in der Befreiung ſeines Vaterlandes gezeigt; oder ein⸗ facher geſagt: ſeine Liebe zu Louiſen hatte ſich, nachdem jede irdiſche Hoffnung erſtorben war, veredelt, erweitert, und— da Vaterlandsliebe von jeher der Grundzug ſeines Charakters ge⸗ weſen— ſich mit ihrer ganzen Allgewalt in dieſe ergoſſen. So erſchien ihm ſeine Hingebung an — 383— Louiſen geheiligt durch dieſe Schweſterliebe, und wiederum die Gluth für das Glück ſeines Vaterlandes geſteigert durch jene. Was ein kräftiger Geiſt aber einmal als das Ziel ſeines Strebens erkannt und erfaßt hat, hält er auch unerſchütterlich feſt. Kein Schwanken iſt ihm mehr möglich und kein Zerſplittern und kein Abſchweifen So war es denn natürlich, daß Kosciuszko jede Erſcheinung in ſeinem Leben, nachdem er dieſes dem Vaterlande ganz ungetheilt gewidmet, auch auf daſſelbe bezog Daher erſchien ihm die öffentliche Anerkennung ſeiner Verdienſte, aus der er ſich ſonſt weniger gemacht haben würde, wichtig; gab ſie ihm doch einen Namen in den Augen der Welt, und be⸗ durfte er doch eines ſolchen, um einſt in Polen mit Erfolg auftreten zu können. Mit den glück⸗ lichen Erfolgen ſeines Strebens in Amerika, wuchs auch das Bewußtſein der eignen Kraft und Befähigung, und mit demſelben die Sehn⸗ ſucht, dieſe für das Glück ſeines theuren Polens anwenden zu können. Unter ſolchen Gedanken kam er nach ſeinem — 384— Zelte zurück und fand daſelbſt zu ſeinem freudigen Schrecken einen Brief aus Europa. Er war von Niemcewicz, und mußte, da es noch keine Antwort auf ſeine Zuſchrift ſein konnte, eine wichtige Nachricht bringen. Aber wie ſteigerte ſich ſeine Freude zu Entzücken, als er in den Zeilen Niemcewicz's einen Brief von ſeiner Louiſe eingeſchlagen fand. Das erſte Lebens⸗ zeichen von ihr nach jener qualvollen Trennung! — Kosciuszko, der Held von Stoney⸗ Point, Monmouth, Wioming und Ninety⸗Sir, bedeckte ihn mit heißen Thränen und rief, indem er ihn an die Lippen drückte von Schmerz und Luſt zerriſſen:„O Gott! ein Bote von meiner Louiſe!“ Erſt nach einigen Minuten hatte er die Kraft ihn zu leſen. Louiſe Sonowski ſchrieb Folgendes: Theurer, heißgeliebter Freund! Liebe, gute Seele! zitternd vor Seligkeit an Dich ſchreiben zu können, ergreife ich die Feder — ergreife ſie, und muß ſie faſt wieder nieder⸗ — 385— legen— denn was ich Dir vor allem Anderen ſagen, die Gefühle die ich gegen Dich ausſtrömen wollte— ſie ſind unbeſchreibbar, ich finde keine Worte dafür. O! die Engel im Himmel müſſen eine andere Sprache führen, um ihre Liebe zu verkünden, die Wortſprache vermag es nicht. Sieh, wenn ich vor Gott auf den Knieen liege, mein Herz mir vor übergroßer Liebe zerſpringen will, wenn ich nach Worten dafür ſuche und keine finde, und dann nur ſchweigend mit gepreßter Bruſt, mit heißen, heißen Thränen der Liebe zu ihm aufblicke, und nur ihn denke. Siehe dann verſteht der Allliebende gewiß dieß Schweigen und weiß wie unendlich, wie tief, wie bis zum ſterben ich ihn liebe Thaddäus! nach Gott liebe ich Dich am innigſten. Mir iſt es wunderbar, ſtill⸗ſelig zu Muthe; ich habe ausgerungen nach langem, fürchterlichem Kampfe. Wie der Pilot von dem klaren blauen Himmel, von der warmen freundlichen Sonne gelockt, fröhlich in das weite Meer ſticht, ſo trat auch ich vertrauensvoll in das Leben, und die grünen Wimpel der ſchönſten Hoffnungen flatterten Nau, Tb. Koscinszkv. U. Thl. 25 — 386— freudig in der Luft. Alles was ich kindlich ſchätzte und liebte umgab mich in freundlichem Kreiſe, und, mit Reizen des Paradieſes ausgeſchmückt, lachte mir zauberiſch die Inſel der Liebe entgegen. Da nahte, nach Gottes unerforſchlichem Rath⸗ ſchluſſe, der Sturm; mein armes Lebensſchiffchen ward ein Spiel der Wellen, tiefe Nacht umhüllte mich, das falſche Licht der Blitze zuckte um mich her, ich ward weit verſchlagen von der ſchönen Inſel, ich kämpfte— o Thaddäus! ich kämpfte einen harten Kampf— Alles was mir lieb war ſeit meiner früheſten Jugend, Alles, Alles mußte ich über Bord werfen— um mein beſſeres Selbſt zu retten Aber Gott, zu dem ich flehte in der Noth, hat mich erhört; in dem Augenblicke da ich Alles verloren hattte, fand ich ihn— und — o ſtlle, entzückende Luſt— in ihm Alles wieder, was ich aufgegeben, nur ſchöner, nur edler, nur göttlicher. Jetzt liegt mein Schiff in dem Hafen und vor Anker. Jetzt ſind die Wolken verſchwunden mit ihrer Nacht, jetzt iſt die Luft ſo rein und ſtill, jetzt ſcheint die Sonne der ewigen Liebe ſo warm und linde und klar, daß —————— ich in ihrem Lichte die ferne Inſel ſelbſt wieder⸗ gefunden habe, die mich einſt ſo entzückte; ich wandle zwar nicht in ihren Gärten, aber der Duft ihrer Blüthen weht zauberiſch zu mir herüber. Mit einem Worte: ich bin in dem Kloſter der Kamalduenſerinnen bei Kowno, habe der Welt, habe meinen Eltern„— ſelbſt Deinem Beſitze entſagt— aber, durch eine gänzliche Hingabe an den Ewigen, jene Ruhe des Herzens, jene Seligkeit gefunden, aus der die Welt und namentlich die Liebe zu Dir, nur reiner, inniger geheiligter emporwuchs. Aber ich muß, der Ver⸗ ſtändlichkeit wegen, und zu Deiner Beruhigung, Dir den ganzen Verlauf der Begebenheiten, von der unglücklichen Nacht unſerer Trennung an bis auf meine jetzigen Verhältniſſe erzählen, ſo ungern ich in jene Zeiten zurückblicke, ſo ſchmerzlich die Erinnerung daran für mich iſt. Seit dem Momente in welchem ich Dich mit Blut bedeckt hatte ſtürzen ſehen, war mein Be⸗ wußtſein entſchwunden. Ich erwachte wohl erſt lange, lange darnach, denn als ich zu mir kam, befand ich mich in einem verſchloſſenen, dunklen Wagen, der mit der größten Schnelligkeit und ohne Rückſicht auf meinen leidenden Zuſtand über jedes Hinderniß dahinflog. Zu meiner Seite ſaß mein Vater. Ach! Thaddäus, Du kennſt das Gefühl nicht, das das Herz eines Kindes zerreißt, welches gewöhnt iſt ſeine Eltern zu achten, zu ſchätzen, zu lieben wie es Gott und ſein göttlicher Sohn geboten, und das ſie doch nicht lieben kann. Jetzt habe ich einſehen gelernt, daß ſelbſt ihre damalige Härte nur aus irrgeleiteter Kindesliebe entſprang; damals aber kämpften bittere Gefühle in mir mit den Anforderungen der Pflicht.— Ich war noch zu ſchwach, anhaltend und ſcharf denken zu können, ich begriff nur daß ich Alles verloren habe, und wollte im Gebete meine Seele vor Verzweiflung retten, ſank aber neuerdings bewußtlos zurück. Als ich ſpäter wieder erwachte, tagte es ſchrecklich in meiner Seele. Von Deinem Tode überzeugt, war für mich die Welt mit einemmale in eine Wüſte verwandelt, in der mir die Schrecken — 389— der entſetzlichſten Einſamkeit, die namenloſen Schmerzen der Trennung vernichtend entgegen⸗ traten. Mein Herz war ſo kalt, todt und leer, daß ich vor mir ſelbſt bebte; wohin mein Seelen⸗ auge nur flüchtete, ſah ich immer die Brand⸗ ſtätte meines Glückes, und aus den Trümmern grinsten mich die nackten Gebeine meiner einſtigen Freuden an. Wärſt Du in meinen Armen geſtorben, ich hätte geweint und geduldet und Deine Liebe über den Sternen geſucht, ſo aber hatte die Hand meines Vaters Dich von meinem Herzen ge⸗ riſſen, ſo war ich ſelbſt die Urſache Deines ver⸗ meintlichen, ſchrecklichen Todes, ſo war ich Deine Mörderin, die Zerſtörerin des Glücks und des Friedens meiner Eltern, ſo hatte mich ihr Fluch zerſchmettert, ſo wußte ich noch nicht was aus mir werden würde. Wenn mich der Blick meines Vaters traf, durchbohrte er mich wie ein ſchneidender Dolch. Ich hatte ihn, der doch eben mein Vater war, der es gewiß, wenn auch in ſeinem Sinne gut mit mir meinte, auf das Tiefſte verletzt, das — 390— fühlte ich wohl, und dennoch konnte ich mir über dieſen Ungehorſam keine Vorwürfe machen, ich war dem Unmöglichen ausgewichen. Ich wäre ja eben ſo wenig im Stande geweſen den Eid zu halten den ich Orany am Altare hätte ſchwören müſſen, als ohne Dich zu leben. Meine Liebe zu Dir war rein, heilig, von Gott ge⸗ ſandt, auf das Innigſte mit meinem Leben ver⸗ woben, ja mein Leben, mein Daſein ſelbſt, davon war ich überzeugt,— und dennoch, dennoch rief eine innere Stimme:„Du ſollſt Vater und Mutter ehren, auf daß es Dir wohlgehe auf Erden“— Zweifel und Angſt zerriſſen meine Seele. Mit Dir war meine Hoffnung auf Erdenglück erblaßt. Die Liebe zu Dir konnte aber nie ſterben, das war ich mir tief und freudig bewußt. Sie war ja ein Theil meiner eigenen Exiſtenz. Sie treu im Herzen tragend, konnte ich unter Entſagung alles Irdiſchen den Ungehorſam gegen meine Eltern vielleicht abbüßen, und was konnte mir außerdem erwünſchter ſein, als eine völlige Abgeſchloſſenheit, in der ich nur Gott und dem Andenken meiner Liebe leben wollte. — 391— Als ich nach langem Kampfe dieſen Ent⸗ ſchluß gefaßt, wandte ich mich unter Thränen an meinen Vater, der bis zu dieſem Augenblicke keine Sylbe mit mir gewechſelt. Ich ſtellte ihm nochmals die Lage vor, die mich zu jenem ent⸗ ſcheidenden Schritte geführt; ich bewies ihm die Unmöglichkeit, Orany's Gattin zu werden; ich flehte ihn um Vergebung meines Ungehorſams an; ich bat in einem Kloſter dieſen Fehler ab⸗ büßen zu dürfen—— er blieb kalt bei dem gränzenloſen Leiden ſeines Kindes; keine Miene zeigte auch nur das leiſeſte Mitgefühl,— ach, Thaddäus!— daß ich es ſagen muß— er ſtieß mich finſter mit dem Fuße zurück und ſprach ſchneidend kalt, wie der Nordoſt, der über Ruß⸗ lands ſchneeige Wüſten fährt:„Nenne mich nicht Vater, Du biſt mein Kind nicht mehr.“ Gott! Gott! ich hatte den Vorwurf von ihm verdient, und konnte dennoch nichts dafür Händeringend wand ich mich zu ſeinen Füßen, da blickte er kalt und verächtlich auf mich herab und ſagte: „Laß das Gewimmer, es führt zu Nichts. — 392— Du haſt keine Kindesrechte mehr an mich. Der Vicekronfeldherr, Marſchall von Litthauen, der Edle Joſeph Sonowski, deſſen weltberühmte Familie in unangetaſteter Reinheit von der Dynaſtie der Piaſte, aus dem neunten Jahrhundert bis auf mich heraufreicht, hatte einſt eine Tochter; aber dieſe Tochter entehrte die Familie auf das Schimpflichſte,— da ward ihr Name aus dem Stammbaume geſtrichen— und es gibt keine Sonowski mehr. Aber was ich einmal ver⸗ ſprochen, halte ich; was ich einmal mir vorge⸗ nommen, ſetze ich durch, und wenn ſich Himmel und Erde gegen mich verſchwören würden. Ich hatte meine Tochter dem Fürſten Orany zum Weibe gegeben; als ihr Name geſtrichen wurde aus den Büchern der Familie, ward ſie zur Leibeigenen, nun gehört ſie als ſolche dem Fürſten und ich führe ſie— mein Ver⸗ ſprechen zu halten— ſelbſt auf das nächſte ſeiner Güter. Für ſein Weib biſt Du zu ſchlecht, was er mit ſeiner Leibeigenen machen will, gilt mir gleich“ Ich glaubte zu träumen, ich ſtarrte den —————— — 855— Mann an, der ſich einſt meinen Vater genannt — ich blickte in ein ehernes kaltes Geſicht, das ſich verachtend von mir wegwandte; ich fühlte, mich von der Wahrheit des Wachens zu über⸗ zeugen, nach meinen Kleidern und fand— was ich in meinem Schmerze bisher nicht bemerkt— daß man mich in die Tracht der Leibeigenen ge⸗ hüllt hatte. Thaddäus, theure unvergeßliche Seele! es bedarf all der Ruhe die ich ſeitdem gewonnen, es bedarf eines heißen, brünſtigen Gebetes zu dem Gott der Liebe den ich jetzt verehre, um, durch ſeine Gnade erleuchtet, auch hier ſeine verſchleierte Liebe zu erkennen, um hier als Kind nicht an der ſcheinbaren Härte des Vaters zu ſtraucheln; der doch nach des Ewigen Willen ſo handeln mußte. Armer, durch mich gebeugter⸗ Vater! wie ſchwer hielt Dir vielleicht dieſe er⸗ zwungene Härte. Damals war ich dieſer Gedanken nicht fähig; ich ſah, ich fühlte nur, daß ich von meinen Aeltern aufgegeben ſei, daß ich in der ſchrecklich⸗ ſten Gefahr ſchwebe. — 88— Gefahr!— ich würde die Hand geküßt haben, die mich unter unbarmherzigen Streichen von dieſem Leben befreit hätte; ich wäre mit Entzücken bereit geweſen, die niederſten Dienſte zu verrichten, meine Fehler abzubüßen; aber ich ſchauderte entſetzt zuſammen, mich wehrlos, ohne jeden Schutz, in Orany's Händen zu ſehen; denn daß mein Vater ſein Vorhaben ausführe, deſſen war ich gewiß.— Jetzt war jedes Band zerriſſen, jetzt galt es meine Ehre zu retten. Ich ſann und ſann, aber mein Kopf war wüſt, leer, verwirrt, und als wir uns Kowno näherten, verfiel ich in eine heftige Nervenkrankheit, die mich daſelbſt auf Monate feſſelte. Mein Vater war unterdeſſen heimlich abgereist und hatte mich in Jablonski's Händen zurückgelaſſen, der den gemeſſenen Befehl hatte mich als Leibeigene zu behandeln, und, ſobald es nur einigermaßen möglich ſei, nach Orany's gedachtem Gute zu bringen. Als ich bei herannahender Geneſung dieß erfuhr, faßte ich den Entſchluß, mich hier entweder durch die Flucht zu befreien, oder mei⸗ nem Leben gewaltſam ein Ende zu machen. Gottes Güte hatte Mitleid mit mir Armen, und bewahrte mich durch ihre Huld vor der ent⸗ ſetzlichen Sünde des Selbſtmordes, die mir in⸗ deſſen damals nur als ein gutes Werk, nur als das Ende meiner Schmach vorkam. Glücklicher⸗ weiſe hatte das alte Weib, welches mich in der Krankheit bediente, Mitleiden mit mir, und verſprach, nachdem ich mich ihr ganz offenbarte, mir nicht nur zu der vorgeſetzten Flucht behülflich zu ſein; ſondern auch mich ſogar nach einem Kloſter zu bringen, in welchem ich für die erſte Zeit jedenfalls Schutz finden würde, da die Aebtiſſin deſſelben eine eben ſo vernünftige als gute Frau ſei. Jablonski führte mich indeſſen mit der größten Strenge, ja er ließ mich kaum aus den Augen. Wie fürchterlich mir die Gegenwart dieſes rohen Menſchen war, der keine Gelegen⸗ heit entſchlüpfen ließ mich zu peinigen, mich fühlen zu laſſen, daß er mich als Seinesgleichen betrachte, welchen peinlichen Eindruck ſie auf mich machte, kannſt Du Dir, geliebte Seele, denken, da er es war, der uns verfolgte, da wir ſeinem — Eifer unſere Entdeckung verdankten, da ich ihn — o faſſe den entſetzlichen Gedanken— für Deinen Mörder hielt. Bei allen Leiden die mein Vater auf mich häufte, mußte ich mir geſtehen: daß ſie die Folgen mißverſtandener Liebe zu ſeinem Kinde ſeien— und mein Schmerz, meine Vorwürfe, wandelten ſich bei reiflicher Ueberlegung in Mitleiden über die Verblendung ſeiner Seele. Aber bei Jablonski's Anblick kam es mir vor als ob ich zum Erſtenmale er⸗ führe was Haß ſei. Ich erſchrack über mich ſelbſt, ich betete zu Gott und bat ihn mir dieß häßliche Gefühl zu nehmen— umſonſt— Thaddäus, Deine Louiſe war zu ſchwach— ich konnte dem nicht vergeben, der mir mein Alles geraubt. Während ich nun doppelt unter dieſes Men⸗ ſchen Gegenwart litt, da ſeine Wachſamkeit mir auch die Hoffnung zur Flucht zu benehmen an⸗ fing, war die alte Wärterin nicht unthätig ge⸗ weſen, und brachte es endlich eines Abends da⸗ hin, den Vorſichtigen zu verleiten mehr Brannt⸗ wein als gewöhnlich zu trinken; als er nun in Folge dieſes Genuſſes feſt ſchlief, brachte ſie mir in aller Eile andere Kleider, und ſo gelang es mir unbemerkt das Haus zu verlaſſen. Bald darauf kam ſie mir nach, und ſo ſchlichen wir auf abgelegenen Wegen aus der Stadt, und dem nahen Walde zu. Das Kloſter, in welches ich flüchten wollte, lag auf dem ſogenannten Friedens⸗ berge tief im Walde, ungefähr drei gute Stunden von Kowno entfernt. Schwach wie ich war, kaum geneſen, würde ich ſchwerlich mein Ziel erreicht haben, wenn mir nicht der Gedanke an Dich faſt unglaubliche Stärke eingeflößt hätte. Du warſt damals für mich todt, ich wußte Dich in einem beſſern Leben, ich hoffte daß Dein treues Auge auch aus dem fernen Elyſium nach mir herüberblicken würde— und ich ſah nur eine Möglichkeit Dir den ganzen Reſt meines Lebens in ſtiller, reiner, gottgefälliger Liebe zu widmen— ich mußte flüchten aus dieſer leiden⸗ ſchaftlichen, nichtigen Welt, in die Arme Gottes, in den Schooß der Kirche Dir, Dir und nur Dir durfte, konnte ich gehören, und ich fühlte, Gott, der ja ſelbſt die höchſte und reinſte Liebe, „ würde mir vergeben, daß ich nicht einzig aus Drang zu ihm, mich in ſeine Arme würfe So gelang es mir das Kloſter zu erreichen. Die Aebtiſſin war auf mein Erſcheinen durch die gute Alte vorbereitet, und nahm mich freundlich auf. Unter Thränen kindlicher Liebe, die ich, ach! noch ſo ſelten geweint, ſchied ich von der edlen Frau, der ich ſo unendlich Viel zu danken hatte. Möge Gott ihre Güte reichlich belohnen, ich— konnte es nur mit Worten— da ich nichts mehr beſaß. So war ich denn für den erſten Augenblick geborgen. Um aber auch in der Zukunft gegen eine allenfallſige Zurückforderung von Seiten des Fürſten oder meiner Familie geſchützt zu ſein, bewog mich die verſtändige Aebtiſſin eine Bitt⸗ ſchrift an den König zu richten, um durch ihn die Erlaubniß zu erhalten, unangefochten in den Mauern des Kloſters, in welchen ich mich jetzt befand, leben und ſterben zu dürfen. Ich folgte ihrem Rathe und fand an den Stufen des Thro⸗ nes Erhörung. Von dieſem Augenblicke an, mein edler Freund, warf ich mich, geleitet durch meine vortreffliche Oberin, ganz und unbedingt in die Arme unſerer heiligen Religion; und wie ein Wunder ward, was mich ſonſt nur lauwarm umſpült, zu einem glühenden Strome beſeligender Gefühle; was mir todt und nur Aeußerliches, nur Ceremonie ge⸗ ſchienen, ward lebendig— was ich geahnt, wurde wahr— was ich nie geſehen— ſichtbar. Thaddäus, ich hatte Dich nicht vergeſſen, aber Du ſelbſt warſt von den Wellen des mäch⸗ tigen Stromes bedeckt,— bis ſie ſich nach und nach beruhigt legten, bis er ſtill und majeſtätiſch an meinem Seelenauge vorüberzufließen begann, und Dein treues, liebes Bild, von ihm getragen, wieder zu mir ſchauen;— bis ich mir ſelbſt bewußt und klar geworden. Jetzt warſt Du, wenn auch irdiſch todt für mich, das Ideal meiner Seele Dir, dem reineren, geläuterten Geiſte ſtrebte ich ähnlich, gleich zu werden, und ſo ward meine Liebe zu Dir und Gott Eines. Die Welt war vergeſſen, mein „Sein“ aufgelöst in Gott. Ich ſah mit Sehnſucht meiner völligen Einkleidung als Schweſter entgegen — 400— Da rief mich eines Tages die Aebtiſſin in ihre Zelle, ich kam,— und ſtand vor Niem⸗ cewicz!— Unſer Freund hatte meinen Aufent⸗ halt entdeckt, und nach langer, vergeblicher Mühe mich allein zu ſprechen, war es ihm gelungen bis zu der Aebtiſſin zu dringen, welcher er ſofort den Zweck ſeines Kommens erklärte. Aus des treuen Freundes Munde hörte ich das Wort: „Du lebteſt!“ „Thaddäus, Du, kannſt nie an der Gluth meiner Liebe zweifeln; nie, auch wenn ich Dir ſage: daß mich jetzt die Nachricht Deines Lebens ſchmerzte. Ich hatte Dich ſelig, ich hatte Dich verklärt, erhaben über dieß arme Leben gedacht,— und mußte erfahren, mein treuer, guter Thaddäus hat noch nicht ausgekämpft. Ich hatte gehofft allein gelitten zu haben— jetzt erfuhr ich was auch Du geduldet. Du kannſt mich nicht mißverſtehen, das weiß ich, Deine und meine Seele ſind ja nur ein Gedanke Ich bedurfte Zeit mich zu finden, und wer ſich ernſtlich ſelbſt ſucht, den führt Gott immer zum Lichte. — 401— Und weißt Du mein Trauter, was der All⸗ gegenwärtige zu mir ſprach in der Stunde der Weihe:„Kosciuszko's Lebensaufgabe iſt noch nicht gelsst, ſein Vaterland fordert ſeinen Geiſt und ſeinen Arm.“ Jetzt erſt erkannte ich die Wege des Herrn. Unſere Liebe mußte ein Opfer ſein am Altare des Vaterlandes, ihre geheiligte Gluth mußte die Flamme einer edleren Liebe entzünden. Wie thöricht, wie ungerecht, war ich geweſen, meine Aeltern zu verkennen, Jablonski zu verdam⸗ men, unſer Leiden zu beklagen. Seine Hand, die Hand des Allweiſen, hatte uns Alle zu dem Ziele hingelenkt, welches er unſerer irdiſchen Thätigkeit geſetzt, damit wir an ihr unſre Kräfte prüfen, und uns heranbilden, ſeiner näheren Anſchauung wuͤrdig zu werden. Mein Thaddäus Du wirſt mich verſtehen! wandeln wir gemeinſam, im Geiſte Gottes, den uns vorgezeichneten Weg. Meine unerſchütter⸗ liche Liebe umſchwebt Dich, wo Du auch ſeiſt, Ran, Th. Kosciuszko. II. Thl. 26 — 402— herzinnig und glühend und treu, bis einſt unſere Seelen, von den Banden bieſes Körpers befreit, ſich auf ewig— ewig— umſchließen. Deine!— ja Deine— Louiſe. Kloſter Friedensberg. — Koseiuszkv an Luuiſe. Louiſe! Louiſe! Du ſüßes himmelreines Mädchen, Du Stern meines Lebens! Du Seele meiner Seele! biſt Du noch ein irdiſches Weſen, gekleidet in jenes be⸗ zaubernde Aeußere, mit welchem der Himmel Dich geſchmückt? Oder haſt Du die zarte Hülle ver⸗ laſſen, die Deine Pſyche niederhielt, und die ätheriſchen Schwingen tragen Dich nun durch das Reich des Lichtes?— Der Geiſt, der aus Deinem Briefe ſpricht, umfacht mich ſo all⸗ mächtig, ſo begeiſternd, ſo erhebend, daß ich tief und innig fühle er weht aus dem Lande das — 404— jenſeits des Grabes liegt!— aus dem Lande, deſſen langes, ſehnſüchtiges Anſchauen Dich zu Entzückungen hinriß. Fürchte nicht, Du Heißgeliebte, daß ich Dich mißverſtehe! unſere Seelen ſprechen nur eine Sprache. Du zarte Blume, zerknickt von dem wüthenden Sturme des Schickſals— hinweg⸗ geriſſen von Deinem ſterbenden Freunde, ver⸗ flucht und zertreten von Deinen fühlloſen Aeltern, aufgeopfert dem Götzen der falſchen Ehre, hin⸗ geſchleudert an den Abgrund des Verderbens, von einem kalten, egviſtiſchen Eigenſinne in den Staub gezogen, Du Edle, zu dem Gemeinen— was blieb da Deinem gebrochenen Herzen übrig als der Troſt der Religion, die Hoffnung einſti⸗ gen Wiederſehens?— Du warfſt Dich, eine Vernichtete, betend an dem Altare nieder,— Du ſtandeſt auf, eine Emporgerichtete. Du fan⸗ deſt das, was alle Menſchen ſuchen, was alle Weiſe preiſen, was alle Philoſophen beſchreiben, den einzig wahren Weg ſelig zu werden durch eine unbedingte Hingabe an die Gottheit. Jahre verſtrichen Dir im Erringen dieſer — 405— Krone irdiſcher Weisheit, Du fandeſt ſie in Deiner kindlichen Seele und hieltſt ſie feſt als das ein⸗ zige Element Deines verkümmerten irdiſchen Da⸗ ſeins. Gewöhnt Deinen Freund verklärt unter den Sternen zu ſuchen, konnte es Dich nur ſchmerzen ihn auf der trivialen Erde wiederzu⸗ finden. O gewiß, Louiſe, gewiß ich verſtehe Dich ganz, ich beuge mich vor dem göttlichen Aufſchwunge Deiner Seele— auch für mich war Dein Körper zerfallen, auch für mich Dein geiſtiges Weſen, der Inbegriff Deiner Tugenden mein Leitſtern, das Ziel meines Strebens, der Sporn zu allem Großen. Aber jetzt, jetzt, wo ich Deinen Brief in Händen habe, wo ich Dich am Leben, noch nicht durch einen heiligen Schwur von dieſer Erde geſchieden weiß— jetzt, meine theure Louiſe, erwachen auch wieder in meiner Bruſt die Gefühle einer irdiſchen Liebe. Noch biſt Du frei, noch biſt Du Dein eigen; o ent⸗ ziehe mir, der Welt, dem Leben ſo viele Tugenden nicht; denke wie ſegensvoll Du noch im Sinne Deiner jetzigen, hohen Weltanſchauung wirken kannſt; denke daß Du mich, und ſo manches — 406 andere edle Herz, mit der beſeligenden Gluth Deiner göttlichen Liebe von den Schlacken der Erde reinigen wirſt; tritt— ein Cherubim!— an meine Seite, und umflamme mich mit Deiner erhabenen Begeiſterung, daß ich es zu entfalten wage das Panier für Polens Freiheit. Reiche Du, o reiche Du mir ſelbſt das Schwert, das ihn ausfechten ſoll den edlen Kampf; lehre Du mich zu wandeln die Pfade des göttlichen Wil⸗ lens bei jenem ſchwierigen Unternehmen; ſtärke Du mich wenn ich wanke; nimm Du ihn auf, den letzten Seufzer meiner Seele, wenn ich käm⸗ pfend unterliegen ſollte; ſchließe Du die Augen mir, wenn todesmüde mich die Schatten des Grabes umfachen; lisple Du mir den letzten Troſt des Wiederſehens zu.— 35 Louiſe! indem ich dieß ſchreibe fühle ich faſt, daß ich das Unmögliche verlange— Dein geläuterter, verklärter Geiſt blickt, gleich einem höheren Weſen, nur noch lächelnd nach der Erde zurück, in deren chaotiſchem Gewühle er das Ringen nach dem höheren Ziele zwar nicht ver⸗ *. — 407— kennt,— deren unreine Lüfte ihn aber ſchaudernd zurückſtoßen.— Jenſeits!— Jenſeits! liegt Deine Welt. O Du Reine, die Du ſo erhaben über mir ſtehſt, vergib meinen irdiſchen Wünſchen, ich bin ja noch Menſch, noch ein Kind der Schwächen, aber ſieh! was ſind ſie denn anders, dieſe Schwächen, als auch Liebe,— Liebe ſo heiß, ſo innig wie die Deine— nur nicht ſo geiſtig ſtark noch und ſo göttlich erhaben. Bald iſt der Kampf für Amerika's Freiheit wohl vollendet; dann lege ich mein Schwert auf dem Altare der Menſchenrechte nieder, und fliege! fliege! meinem Polen zu, um dieſen auch dorten zu errichten. Willſt Du? kannſt Du? das Loos der Erde dann noch mit mir theilen?— Wirſt Du mich, ein ſchützender Engel, an der Gränze des Vater⸗ landes empfangen? Wirf Dich nieder Louiſe, in Deiner ſtillen Zelle, bete zu dem Gott der Liebe, und folge dann ſeinem heiligen Willen. Mir aber, dem Lechzenden in der Wüſte, verſage die durſtſtillende Quelle nicht, ſchreibe — 408— bald, recht bald wieder an Deinen Dich mit der ganzen Kraft ſeiner Seele liebenden Thaddäus Kosciuszko Im Hauptquartier zu Newhaven den 21. Mai 1781. — XVIII. Die Gefangenen. Man fragte ſie:„Begehrſt Du ſeine Hand?“ Die Frag' erfüllte ſie mit Leid und Freude: Denn Liebe war nach zarter Jungfrau'n Art, In ihrem Sinn mit holder Schaam gepaart Das Lied der Nibelungen. Der engliſche General, Lord Cornwal⸗ lis, ſtand um jene Zeit mit ſeiner Heeresab⸗ theilung zu Williamsburgh, der damaligen Hauptſtadt Virginiens. Einſehend, wie viel an der Behauptung dieſes Staates gelegen war, beabſichtigte er eben mit den Befeſtigungen von Yorktown und Gloceſter zu beginnen; als er von dem engliſchen Obergeneral Clinton den — 410— Befehl erhielt: ihm einen Theil ſeiner Truppen nach Newyork zu ſenden. Lord Cornwal⸗ lis, ſo ärgerlich er über dieſe Ordre war, die ihn nöthigte ſein ganzes Projekt zu opfern, ſah ſich dennoch gezwungen dem Befehle Folge zu leiſten und zu dem Ende aufzubrechen. Es war gerade an dem Tage an welchem die engliſche Armee, nebſt den ihr einverleibten Deutſchen, das freundliche Williamsburgh verlaſſen ſollten; als jener unermüdliche Alte, den Kosciuszko gewöhnt war ſeinen Schatten zu nennen, in der Hauptſtadt eintraf. Er mußte mit den Britten auf vertrautem Fuße ſtehen; indem die richtige Parole und das Vorzeigen eines geheimen Schreibens, ihm alſogleich die Thore öffneten. Sein erſter Gang war nun zu dem dortliegenden Regiment Deutſcher, bei wel⸗ chem er dann mit Eifer nach einem gewiſſen Paul Steffan forſchte. Da es aber faſt nur aus Braunſchweigern beſtand, ſo ſank ihm ſchon bei dieſer Nachricht der Muth; und als er ſich endlich überzeugt hatte: daß der Geſuchte hier nicht zu finden ſei, verfinſterten ſich ſeine, ohnehin ——— ſtrengen, haßverkündenden Züge bis zum Ab⸗ ſchreckenden. Unwillig verließ er die Kaſerne der Deutſchen und wandte ſich nun zu der Wohnung des Generals. „So ſoll ich ihn denn nicht wiederfinden!“ murmelte er auf dem Wege dahin, und ſeine Zähne knirſchten vor Schmerz und Wuth auf⸗ einander.„Das einzige Weſen an dem ich noch hing, nicht wiederſehn?— Nein, nein, es iſt recht; der Menſch ſoll nie halb ſein, Nichts halb thun. Die Hölle führt mich eine ſichere Straße; ſie wußte daß es noch ein Etwas auf dieſer Welt gab, das ich liebte; ſie hat es, dieſe Schwäche zu tilgen, vernichtet. O ſie ſoll recht behalten, die Hölle— ich will ihr treuer Diener bleiben, ich will triumphiren wenn mein Haß ringsum Vernichtung ausbreitet. Jetzt gilt es Euch, Ihr rothröckigen Königsknechte, jetzt den Seelenkäufern,— ſpäter den Verkäufern. Ge⸗ duld, Geduld, mein Herz! Du ſchwillſt ja bei dem Gedanken, von Haß, als wolleſt Du eine Welt vergiften. Geduld!— Dein grauer Schädel wird die Gruft nicht ſehen, bis Du gerächt biſt — Erſt muß hier das Joch der Tyranney gebrochen werden; ich hoffe der Donner ſeines Zuſammen⸗ ſtürzens weckt meine ſchlaftrunknen Landsleute. Aber pfui!— ich ſchwätze wie ein Weib— wer handlen will, ſchweige. Jetzt raſch zu Corn⸗ wallis, und ihn durch falſche Botſchaft irr geführt. Wetze Dein Schwert Lafayette, ich liefere dir die Schurken in die Hände.“ Mit dieſen Worten, die er nur unverſtändlich durch die Zähne gebrummt, näherte er ſich dem Hauſe, in welchem Lord Cornwallis reſidirte. Der General empfing ihn mit Vertrauen, und ehe es noch Mittag ward, verließen ſchon die erſten Colonnen die Stadt. Aber die Einwohner von Williamsburgh ſollten heute aus ihrer Aufregung nicht heraus⸗ kommen; denn kaum waren unter lautem Jubel die Letzten der verhaßten Engländer verſchwunden, als ſich ein neues, dießmal friedliches Corps der Stadt näherte Es war Anna Lee, welche für ſich und ihre Schaar in den ſchützenden Mauern Obdach für die kommende Nacht ſuchte. Anna hatte ihren Zug durch die Wälder — 413— vollendet, und zwar wie man leicht erkennen konnte, nicht ohne Erfolg; denn den Shakers hatte ſich eine nicht unbedeutende Zahl Indianer und Indianerinnen angeſchloſſen. Die bunten Reihen zogen, unter großem Zuſammenlaufe, ein; geführt von ihrer ſtolzen Prophetin, der zur Seite, ſchaamhaft die Augen niederſchlagend, ein braunes Mädchen ging Im⸗ mer größer ward der Zulauf, immer lauter das Volk, das— einmal durch die Ereigniſſe des Tages aufgeregt,— jeden neuen Eindruck nur um ſo williger aufnahm, und, von Neugierde getrieben, den Neuankommenden entgegenjauchzte. Anna's Haupt hob ſich um ſo ſtolzer, jemehr der Zudrang und der Lärmen wuchs, und, ihrer Eitelkeit folgend, ordnete ſie, ſobald nur der Marktplatz erreicht war, unter dem Vorwande der Dankbarkeit gegen Gott, der ſie ſo glücklich bis dahin geleitet, einen öffentlichen Gottesdienſt an, den ſie durch eine lange, auf Bekehrung abzielende Rede, noch erhöhte. Jedes andere Volk würden die ſonderbaren Gebräuche dieſer Sekte zu ausgelaſſenem Muthwillen, wenigſtens — 414— zum größeren Theile, gereizt haben; auf die Amerikaner aber, deren Grundzüge bekannterweiſe Ernſt und Religioſität ſind, machte ſelbſt dieſe Art Gottesverehrung einen entgegengeſetzten Ein⸗ druck, den noch die, wahrhaft ſchön zu nennende Rede Anna's erhöhte. Der Jubel welchen früher die Neugierde erregt, wandelte ſich nun in den des Beifalls, und man brachte Anna und die Ihren wie im Triumphe nach den Wohnungen, welche ein großer Theil der Bevölkerung der neuen Sekte freiwillig anbot. Die kommenden Tage weilte Anna noch in Williamsburgh, und ihre Lehre fand ſo viel Anklang, ja ſo viele Anhänger, daß Anna von da an beſchloß: in ſämmtlichen Städten Vir⸗ giniens ihre Werbung zu verſuchen. Unter den Menſchen aber, die ſich der Shakers⸗Sekte anſchloſſen, gehörte bei weitem der größere Theil zu den Klaſſen der Faullenzer und Taugenichtſe; ſo daß das Gefolge der Prophetin, welches nach⸗ gerade zu einem mächtigen Haufen herangewachſen war, eine Menge Geſindels in ſich ſchloß, unter welchem ſich auch viele engliſche Soldaten befanden, — 415— die Beten und Nichtsthun bequemer als Mar⸗ ſchiren und Fechten fanden. Durch dieſe Er⸗ ſcheinung und die Scenen des Unfugs, welche, bei einer ſolchen Maſſe roher Menſchen beiderlei Geſchlechts, nothwendig öfter vorkommen mußten, aufmerkſam gemacht, hatte in der letzten Zeit der Generalcongreß der vereinigten Staaten ſein Augen⸗ merk auf Anna und ihr Treiben gerichtet, und— ſobald ihm dieſelbe, wahr oder falſch, als im Einverſtändniſſe mit den Engländern angegeben worden— den Befehl erlaſſen, dieſem Unweſen durch Einziehen der Hauptperſonen ein Ende zu machen. Dieſen Befehl hatte der Generaliſſimus ſeinem Adjutanten, den er als einen gemäßigten Mann kannte, übergeben, und ſo mußte Kos⸗ ciuszko, ſo unerwünſcht ihm der Auftrag kam, mit ſeiner Compagnie Freiwilliger aufbrechen, die berühmte Prophetin und ihre nächſten Stützen gefänglich einzuziehen. Anna war um jene Zeit keinesweges mit ſich und ihrer Lage zufrieden; denn einerſeits ſagte ihr ihr Scharfblick: daß gerade der bedeu⸗ tendſte Theil ihrer neuen Anhänger Menſchen — 416— ſeien, welche ihrer Sache mehr ſchaden als nutzen konnten;— andererſeits ſah ſie ſich in den Hoff⸗ nungen, welche ſie auf Marien geſetzt, gänz⸗ lich getäuſcht. Hatte ihr erſtes Zuſammentreffen mit der Creolin, dieſes noch ſo unerfahrene, tindliche Weſen auch verblüfft; hatte namentlich die Befreiung aus Caracteriches Händen die Kleine durch die Gefühle der Dankbarkeit an ſie gefeſſelt;— ſo lockerte das kalte, herriſche Weſen der Führerin, und die Heftigkeit mit welcher ſie Marien ihre Art zu glauben und zu denken aufdrängen wollte, ſchon dieſe Bande, mehr aber entfremdete ſie noch Marien von ſich, durch die ewig wiederholten Lehren von der Sündhaftigkeit der Liebe, und durch das harte Schmähen auf Paul und das Verhältniß in welchem Marie früher zu dieſem jungen Manne geſtanden Mariens kinbliches und einfaches Gemüth, konnte bei allem Grübeln eben ſo wenig finden, daß die frommen und ſüßen Triebe, die ſie an Paul gefeſſelt, etwas Böſes und Uner⸗ laubtes geweſen ſeien, als es ihr einleuchten wollte, daß man Gott auf eine ſo baroke Weiſe — 417— verehren müſſe, wie es die Shakers thaten Selbſt katholiſch, hatte ſie ſo lange unter den ſtillen, allen Ceremonien feindlichen, in ſich ge⸗ kehrten Quäkern gewohnt, daß ihr deren Sitten, wenigſtens zum Theile, zur anderen Natur ge⸗ worden waren, und nun verlangte Anna von ihr, daß ſie nicht nur dieß wunderliche Tanzen und Springen und Singen mitmachen— nein, daß ſie es allen Anderen ſogar noch zuvor thun ſolle.— Anna Lee, ſonſt ſo klug, hatte ſich hier augenſcheinlich, von ihren heißen Wünſchen ver⸗ führt, zu einer unweiſen Heftigkeit hinreißen laſſen, die ſich nur um ſo mehr ſteigerte, als ſie bei der lebhaften Kleinen Widerſpruch fand. Nichtsdeſtoweniger gab ſie ihr Vorhaben keines⸗ weges ſo ſchnell auf; ſondern ſuchte im Gegen⸗ theile, zur Erkenntniß ihres Mißgriffes gekommen, in der letzteren Zeit die Creolin durch Milde zu gewinnen. Aber wie vermochte ein ſo liebeleeres Herz durch liebevolles Weſen zu beſiegen. Jede Bemühung der Art ſah Anna an ihrer eigenen Kälte ſcheitern, und zu einer erzwungenen Affec⸗ Ran, Th. Kosciuszko. 11. Thl. 27 — 418— tation werden. Mariens Sehnſucht nach Be⸗ freiung aus dieſer unnatürlichen Lage wuchs daher mit jedem Tage, entging aber auch dem ſcharfen Blicke der Prophetin nicht; die ſie von nun an nur noch enger an ſich zu ketten beſchloß, und kein Auge mehr von ihr verwandte. Dabei war Anna unabläſſig bemüht, Marien in ihrer Umgebung als ihre Auserwählte recht bemerkbar zu machen, um, durch die ihr dadurch zufließende Verehrung, vielleicht ihren Stolz und ihre Eitelkeit zu erwecken. So kam es denn, daß Marie, die weder bei Tag noch Nacht von ihrer Herrin Seite weichen durfte, bald allgemein als ihre Nachfolgerin und Gehülfin galt. So ſtanden die Dinge bei den Shakers als ſie Kosciuszko in Richmond erreichte, um auf Befehl des General⸗Congreſſes die Haupt⸗ führer des Haufens einzuziehen. Die Ausführung dieſes Befehles würde, was die Sekte an und für ſich betraf, kaum einer militäriſchen Operation bedurft, und Washington daher auch ſicher ſeinen Adjutanten nicht geſandt haben, wenn man dabei nicht zweierlei befürchtet hätte Erſtens — — 419— hielt man die mit dem Haufen ziehenden Indianer und deſſertirten engliſchen Soldaten, wohl nicht ganz mit Unrecht, für Spione, die einen Zu⸗ ſammenhang mit den hie und da zerſtreut leben⸗ den Königlich⸗Geſinnten unterhalten ſollten; zweitens fürchtete man, daß, bei einer Gefangen⸗ nehmung der vergötterten Führerin, theils eben jene Königlichen, Soldaten und Indianer, theils die zu religiöſer Schwärmerei Geneigten— in Annen alsdann eine Märtyrerin erblickend— einen Aufſtand erregen würden. Dieſen Be⸗ fürchtungen vorzubeugen hatte man Truppen geſandt, und der kluge Washington unterließ nicht, dem populärſten ſeiner Befehlshaber die Ausführung dieſes, zwar ruhmloſen aber nicht unwichtigen, Schrittes anzuvertrauen. Kosciuszko traf unerwartet in Rich⸗ mond ein, ſandte ſogleich Paul der unterdeſſen zum Unterlieutenant avancirt war, mit einem Theile der Truppen zur Beſetzung der Ausgänge der Stadt ab, und begab ſich ſelbſt auf den Hauptplatz derſelben, auf welchem er den Kern der Seinen aufſtellte. Die Gefangennehmung — Anna Lees, der ſie begleitenden Creolin und der übrigen verdächtigen Perſonen ward ſodann zwar ohne alle Schwierigkeit ausgeführt, dem⸗ ohnerachtet bedurfte es nicht nur der freundlichen und beruhigenden Zuſprache Kosciuszkos an das aufgeregte Volk, ſondern auch ſeiner ganzen Entſchloſſenheit und Energie um einem thätlichen Aufſtande vorzubeugen, und ſich mit den Ge⸗ fangenen nach Petersburgh zurückzuziehen. Dort angelangt, ertheilte Kosciuszko an Paul, der bisher den Rückzug der kleinen Schaar gedeckt hatte, den Befehl: die Gefangenen unter ſicherer Begleitung der dortigen Behörde zu überliefern, und die nöthigen Sicherheitsmaß⸗ regeln bei den Gefängniſſen zu treffen. Paul hatte die Gefangenen ſelbſt noch nicht geſehen, und war daher begierig die ſo berühmte und verüchtigte, ja als geheime engliſche Unterhänd⸗ lerin ſchwer verdächtige Prophetin zu ſehen. Er übernahm ſomit ſehr gerne dieſen Befehl. Wer aber vermöchte die Empfindungen zu beſchreiben die ihn erfaßten, als er in dem weinenden Mäd⸗ chen, welches, von Schmerz und Schaam ge⸗ — 421— beugt an der Seite der ſtolzen Prophetin ſaß, ſeine längſt aufgegebene— ſeine geliebte Marie erkannte. Er ſtand bewegungslos. Sein erſtes Gefühl war ſtürmiſche Freude geweſen, und der Gedanke: Sie lebt Du haſt ſie wieder! trieb die Wellen des Bluts nach Herz und Kopf; er wollte mit dem Rufe:„Marie, geliebte Marie!“ auf ſie zuſtürzen, aber in demſelben Momente erſtarb der Ton auf ſeinen Lippen, das Blut trat zurück, und bleich, athemlos und ſtarr dachte er mit Entſetzen an die Lage in welcher er die Geliebte wiederfand. Anna hatte ihn mit kaltem Blicke beobachtet, und ſogleich errathen wer er ſei. Ihre hohe Stirne legte ſich in finſtere Falten, und mechaniſch drückte ſie das Haupt der Weinenden tiefer in ihren Schooß, als wolle ſie ihren Zögling ver⸗ hindern den Mann ihrer Wahl zu erkennen. Paul hatte ſich indeſſen von der erſten Ueber⸗ raſchung erholt, und trat nun mit Haſt zu der Gruppe.„Marie!“ rief er dann bewegt. Die Creolin fuhr bei dem Klange dieſer Stimme bebend empor, und ihre großen, ſchwarzen Augen, — 422— in welchen die hellen Thränen ſchimmerten, ſuchten mit dem Ausdrucke leidenſchaftlicher Angſt den Urheber des wohlbekannten Rufes, als ob ſie, ihren Ohren mißtrauend, fürchtete falſch gehört zu haben. Da trafen ihre Blicke auf Paul; raſch ſprang ſie empor, und hing mit einem durchdringenden Schrei an dem Halſe des Glück⸗ lichen. Paul hatte in dem Augenblicke in welchem ſeine Arme die Verlorene umſchlangen, im ſeligen Gefühle ſie wiedergefunden zu haben, alles Andere vergeſſen, und es vergingen Minuten bis er, aus ſeinem Wonnerauſch erwachend, zur klaren Beſinnung kam. Jetzt freilich fühlte er nicht nur welch' ſonderbare Figur er im Ange⸗ ſichte der Soldaten und der gaffenden Volksmenge ſpielte, ſondern er ward ſich auch der verfäng⸗ lichen Lage bewußt, in der ſich Marie befand. Dem erhaltenen Befehle zufolge hatte er Anna Lee und die übrigen Gefangenen, alſo auch ſeine Geliebte, als gefährliche, vielleicht gar ſchwerer Verbrechen ſchuldige Menſchen, an die öffentliche Behörde abzuliefern; Gefängniß und eine ſchimpf⸗ — 423— liche Unterſuchung erwartete ſie, und doch war er auf das Beſtimmteſte überzeugt daß ſeine Marie völlig unſchuldig ſei. Was war zu thun?— Der Augenblick drängte, die Verant⸗ wortung jeder, durch ſein Zögern herbeigeführten Unordnung, lag auf ihm, die Maſſe des neu⸗ gierigen Volkes wuchs und konnte jede Minute, aus politiſchen oder religiöſen Gründen, gewalt⸗ ſam auf eine Befreiung der Prophetin dringen, ja es ſchien faſt als ob er ſelbſt mit der ver⸗ dächtigen Sekte in genauer Berührung ſtehe. Sein erſter Gedanke war: die Gefangene wohl bewacht zurück zu laſſen, zu Kosciuszko zu eilen, ſeinem väterlichen Freunde das Vorgefallene zu melden, und ihn um die Freilaffung des, jedenfalls unſchuldigen, Mädchens zu erſuchen. Aber indem er dieß bei ſich bedachte, leuchtete ihm auch klar ein, daß Kosciuszko, ſo wenig wie er ſelbſt, zu einer ſolchen Handlung berechtigt ſei. Er befand ſich um ſo mehr in einer pein⸗ lichen Lage, als ihn Marie noch, in ihrer Unkenntniß der Welt, um Befreiung anflehte. Da mahnte ihn ein Blick auf die immer wachſende — 424— Menge an ſeine Pflicht und die drohende Gefahr, und Marien einige Worte des Troſtes zu⸗ flüſternd, befahl er den Seinen die Gefangenen eng einzuſchließen, ſtellte ſich an ihre Spitze, und marſchirte den Stadtgefängniſſen zu. Hier ſah er ſich nun gezwungen die Verhafteten den Be⸗ hörden zu überliefern, doch beeilte er ſich die⸗ ſelbe auf Marien aufmerkſam zu machen, für deren Unſchuld er ſich verbürgte Demohnerachtet blieben nicht nur ſeine Bitten für deren Los⸗ laſſung, trotz ſeiner Bürgſchaft, unerhört; ſondern die argwöhniſchen Blicke der Behörden zeigten ihm auch, daß ſie ihn ſelbſt wohl gar für ver⸗ dächtig hielten. Es blieb alſo Paul nichts Anderes übrig, als ſeine Hoffnung auf Mariens Unſchuld und die allenfallſige Verwendung Kos⸗ ciuszko's zu ſetzen, und ſo mußte er denn mit blutendem Herzen ſehen, wie das arme Kind nebſt Annen in einen, für Verbrecher beſtimmten, Kerker gebracht wurde, deſſen wohlverſchloſſene Thüre er ſelbſt noch mit Sicherheitswachen be⸗ ſetzen mußte. Das Schrecklichſte war ihm aber, daß er ſich gegen die Geliebte über ſein Betragen nicht erklären konnte Umſomehr, als ihn Marie in ihrer Unerfahrenheit in weltlichen Dingen, das fühlte er wohl— für falſch und lieblos— ja für untreu halten mußte Er glaubte daher in die Erde ſinken zu müſſen, als ſie, an ihm vorüber nach dem Kerker ſchreitend, ihn todtenbleich und ſprachlos vor Schmerz und Ueberraſchung anſah, und ihr Blick in ſtummer Verzweiflung auf ihm ruhte Von den Augen der argwöhniſchen Behörde bewacht, vermochte er ihr nur ſchnell noch die Worte:„Verkenne mich nicht, Marie, und vertraue meiner Liebe!“ zuzuflüſtern, dann ſchloß ſich die unheimliche Pforte, die ſchweren Riegel ſchoben ſich vor, die Schlüſſel klirrten und die eben erſt Wiederge⸗ fundene war zum zweitenmale für ihn verloren. Paul hatte Mühe ſeine innere Bewegung zu verbergen. Mit Haſt ließ er die Wachen antreten und eilte dann, ſo ſchnell es ausführ⸗ bar war, mit dem Reſt ſeiner Mannſchaft zurück. Der Abend war bereits angebrochen als er in das Zimmer trat, in welches man Kos⸗ ciuszko einquartirt hatte. Paul fand ſeinen — 426— Oberen faſt ſo aufgeregt wie er ſelbſt war. Einen Brief in der Hand, ging jener mit großen Schritten auf und ab, blieb jedoch bei des Unterlieutenants Eintreten ſogleich ſtille ſtehen, legte den Brief ſorgſam zuſammen und frug ihn, das Papier in ſeine Bruſttaſche ſteckend, nach der Ausführung des ertheilten Befehls. Paul erzählte dem Erſtaunten mit der Wärme und Leidenſchaftlichkeit eines Liebenden das Geſchehene, und flehte ihn um Beiſtand und Hülfe an. Zu jeder Stunde würde der junge Deutſche auf den thätigen Beiſtand des edlen Polen haben rechnen können; heute aber ſchien der Adjutant durch mehr als ſeine gewöhnliche Menſchenfreundlich⸗ keit zur ſchleunigſten Hülfe bereit; denn, Pauls Hand mit Ungeſtüm in der ſeinen drückend, rief er:„Kommen Sie, kommen Sie! Die Arme darf nicht leiden. Sie möchte in der Erfüllung Ihrer Pflicht Liebloſigkeit ſehen, und unglückliche Liebe bricht leicht ein zartes Herz. Laſſen Sie uns Alles verſuchen, ſie zu befreien oder doch wenig⸗ ſtens zu tröſten. Können wir auch dem Geſetze und dem Laufe des Rechtes nicht vorgreifen, ſo — 427— gelingt es uns doch vielleicht ihre Haft einſt⸗ weilen zu mildern, aus welcher ſie ihre Unſchuld ia ohnehin bald erlöſen wird!“— Und mit dieſen Worten Hut und Degen ergreifend, eilte er Paul voraus, den Weg nach dem Stadt⸗ hauſe einſchlagend. Kosciuszko's Vermuthung, die Behörden noch auf dem Stadthauſe verſammelt zu finden, täuſchte ihn nicht. Er ließ ſich ſogleich melden, mußte aber eine ziemliche Zeit in den Vorhallen warten; denn die Herrn, überraſcht und verwirrt über dieſe ungewöhnliche Unterbrechung ihrer langweiligen, ſteifen Sitzung, bedurften eines ſolenellen Beſchluſſes über die Frage: ob es auch zuläſſig und die Ehre der Behörden nicht ver⸗ letzend wäre, jetzt und zu der Zeit, den Haupt⸗ mann vorzulaſſen. Nach langen Debatten ent⸗ ſchied der Umſtand, daß der Gemeldete der Ad⸗ jutant und Liebling des großen Washington ſei, und man verkündete daher endlich dem Harrenden die Erlaubniß eintreten zu dürfen. Kosciuszko, dem nichts verhaßter war, als die Philiſterei und das dummſtolze, einge⸗ — 428— bildete Weſen, das untergeordneten Behörden ſo oft eigen iſt, hatte Mühe die Gefühle zu ver⸗ bergen, die ihn beim Anblick der Verſammelten ergriffen; doch war er ſo viel Herr über ſich, daß er den ſchwammigen, leeren Geſichtern die Lage der Sache, die Creolin betreffend, klar und deutlich und ſo weit er ſie von Paul kannte, vorzulegen im Stande war. Er ſchloß ſeinen Vortrag mit der Bitte, auf ſeine Bürg⸗ ſchaft hin dem armen Kinde eine Unterredung mit ſeinem Lieutenant in Gegenwart eines ihrer Glieder zu geſtatten, und die Strenge ihrer Haft zu mildern; da ja, wie aus Allem hervorgehe, das Mädchen höchſt wahrſcheinlich unſchuldig ſei. Die hochweiſen Herrn ſchauten mit offenen Mäulern den Sprechenden an, der ihnen zu⸗ muthete in dieſem, dem wichtigſten von allen ihnen vorgekommenen, Fällen— ſich eine Ein⸗ ſprache von einem Fremden machen zu laſſen; oder gar von der genauen Befolgung der einmal hergebrachten Regeln in ſolchen Sachen ein Haar breit abzuweichen. Sie ſchlugen daher ſeine Bitte einſtimmig ab. Kosciuszko ließ ſich nicht abſchrecken. Er bemerkte, daß er und ſeine Mannſchaft, folglich auch ſein Unterlieutenant, morgen wieder zum Hauptquartier zurückfehren müßten, und daß die Menſchlichkeit daher geböte, den beiden ſo lang Getrennten eine kurze Unterredung zu gönnen, um ein— durch ſeines Lieutenants ſtrenge Pflichterfüllung herbeigeführtes— Mißverſtänd⸗ niß zu beſeitigen, welches ſie ſonſt für immer unglücklich zu machen drohe. Aber auch dieſe Bemühungen waren umſonſt, ja die geſtrengen Herrn wagten es einige verdächtige Aeußerungen über Paul laut werden zu laſſen. Da riß endlich Kosciuszko die Geduld, und ſeine kräftige Geſtalt hoch aufrichtend, ſagte er den Herrn in kurzer bündiger Rede, daß er, der Adjutant und Vertraute des Generaliſſimus keinen Spion und Unterhändler zum Freunde habe und keinen, dem Congreſſe verdächtigen Schritt beſchützen würde; daß er aber jetzt die erbetene Unter⸗ redung, als mit der Einziehung der betreffenden Gefangenen beauftragt, unter ſeiner Verantwort⸗ lichkeit und in ſeiner Gegenwart verlange. — 430— Der entſchiedene Ton des Kriegers wirkte ſogleich. Die vorige Indolenz der Geſichter wich den Ausdrücken des Schreckens und der Furcht, und nach kurzer Berathung geſtand man das Verlangte, wie es hieß— aus Achtung vor den Verdienſten des Adjutanten des Generaliſſi⸗ mus— zu. Wer war glücklicher als Paul. Hatte man auch keine mildere Haft erwirkt, ſo war ihm doch die Gelegenheit gegeben, ſich gegen die Ge⸗ liebte über ſein heutiges, ihr gewiß räthſelhaftes, Benehmen zu erklären und ihre Liebe wieder zu gewinnen. Ehe aber noch dieſer frohe Moment eintreten ſollte, hatte Marie ſchon manche bittere Thräne in ihrem Kerker geweint; denn ihr war es er⸗ gangen wie Paul es ſich gedacht: ſie hatte ſein Benehmen mißdeutet und es für Liebloſigkeit gehalten. Es war ihr unmöglich ihren Paul zu begreifen. Schien es doch im erſten Augen⸗ blicke, als ob er ſie noch recht heiß und innig liebe, und trat er demohnerachtet nicht gleich darauf kalt zurück? War ſie ſich nicht der — 431— größten Unſchuld bewußt; mußte nicht auch Paul vor allen Andern davon überzeugt ſein, und ſie— wenn er ſie noch liebte— gegen die böſen Menſchen die ſie gefangen genommen, vertheidigen, und aus dieſen ſchimpflichen Ver⸗ hältniſſen befreien. Was aber hatte Paul ge⸗ than?— Er war wie es ihr dünkte kalt zurück⸗ getreten, er hatte ſie nicht vertheidigt, nicht geſchützt, im Gegentheil er überlieferte ſie treulos der Behörde, ja ſelbſt dem Kerker. Mariens heißes, ſüdländ'ſches Blut, ihr heftiges, leidenſchaftliches Weſen, riß ſie zu einem wilden Schmerze hin, der ſich, nachdem ſich die Thüre des Gefängniſſes geſchloſſen, in lautem und heftigem Schluchzen Luft zu machen ſuchte. Anna Lee, die, trotz all' dem bisher über ſie Ergangenen, keinen Augenblick ihre Ruhe und Geiſtesgegenwart verloren hatte, erkannte klar und deutlich den Zuſtand ihrer Nachfolgerin. Sie triumphirte im Stillen über die Unerfahren⸗ heit Mariens, die ſie die Dinge im falſchen Lichte ſehen ließ; war aber klug genug dieſen Moment des Unwillens und der Aufregung ſo⸗ — 432— gleich zu benutzen, um die Weinende nicht nur in ihren Zweifeln zu beſtärken, ſondern ihr Herz ganz von dem Geliebten zu entfernen. Mit erheuchelter Theilnahme ſetzte ſie ſich daher neben Marien nieder, ſtrich ihr die dunklen Locken aus der ſchönen Stirne, und fing an ſie zu tröſten, indem ſie that, als ſchreibe ſie den ganzen Schmerz des Kindes dem Schrecken der Einkerkerung zu. Marie war, wie ſie vorausgeſehen, zu offen die Wahrheit zu ver⸗ bergen und geſtand ihr ſchluchzend die wahre Urſache ihrer Thränen. Anna ſchloß ſie darauf in ihre Arme, zeigte ihr in ſanftem Ton wie wahr ſie immer geſprochen, wenn ſie gegen die Liebe der Männer geeifert; ſtellte Pauls Be⸗ tragen in das grellſte Licht, und bewies Marien daß ihr nichts bleibe als ihr ſchweſterliches Herz und der Entſchluß durch endliche entſchiedene Entſagung der Liebe, als ächte Shakerin glück⸗ lich zu werden. „Er hat Dich betrogen, dieſer Paul!“ rief ſie am Schluß ihrer dringenden Rede,— „er hat Dich betrogen, wie alle Männer die ——— — 433— unſchuldigen Herzen der Frauen betrügen; darum hat Gott die Liebe verworfen; rein ſoll das Gemüth der Frauen ſein, ein heiliger, keuſcher Altar für die lautere Flamme der Religion. Darum, mein Kind, ſchwöre mir, jenen Un⸗ würdigen zu haſſen!“— „Haſſen?“ wiederholte Marie in Thränen —„Gewiß im Augenblicke möchte ich ihn haſſen, weil ich ihn ſo unendlich liebe, und er mich kalt und treulos zurückſtößt.“ „Wie?— Unglückliche!“ rief hier Anna, entſetzt über die Unbeugſamkeit ihrer Schülerin, „ſo liebſt Du ihn noch immer?“ „Kann ich denn anders?“ ſeufzte die Creolin. Da ſchwoll das Herz der Prophetin vor Zorn und Gift; doch faßte ſie ſich, und ſich wie eine Schlange an die Kleine ſchmiegend, tropfte ſie derſelben die tödtlichen Lehren des Haſſes, gehüllt in ſchöne, fromm klingende Phraſen in den unbewachten Buſen. Der Un⸗ willen gegen Paul machte Marie heute für ſie empfänglicher als je, und ſchon hüllte der Schleier lügenhafter Nebel das Bild des jungen Rau, Th. Kosciuszko. M. Thl. 28 — Deutſchen mehr und mehr ein, als Schlüſſel raſſelten, die Riegel zurückgeſchoben wurden, und, bei dem flackernden Lichte einer Fackel, Kos⸗ ciuszko und Paul in den Kerker traten. Ein Blick,— ein Schrei— und die Lieben⸗ den lagen ſich in den Armen— vergeſſen war Unwille und Haß, die reine, kindliche Liebe hatte geſiegt;— Anna blickte finſter und ver⸗ achtend auf die Glücklichen und ihre Hände krallten ſich krampfhaft in die Falten ihres Ge⸗ wandes; Kosciuszko aber lehnte im Hinter⸗ grund an dem Eingange und wiſchte ſich eine Thräne aus den Augen.—— Die Zeit, welche man für die Unterredung anberaumt, war kurz; aber ſie genügte, ſich gegenſeitig zu verſtändigen, Thaddäus voll⸗ kommen von Mariens Unſchuld zu überzeugen, und Paul über den Ausgang des gefürchteten Prozeſſes zu beruhigen. Als der Augenblick der Trennung gekommen war, trat Kosciuszko zu den Liebenden und ſprach: „Kinder, jetzt muß geſchieden ſein. Alles was ich vernommen, überzeugt mich von Mariens —=— Unſchuld. Ich werde mich perſönlich an Was⸗ hington und ſchriftlich darüber an den Congreß wenden, und bin überzeugt, daß Marie in kurzer Zeit frei werden wird. Da ſie allein in der Welt ſteht, wird es gut ſein wenn ſie bald eine Stütze an einem braven Mann bekommt, und den, denke ich, brauchen wir nicht zu ſuchen. Wollt Ihr es annehmen, bin ich dann Euer Vater, und werde als ſolcher für Eure Exiſtenz ſorgen. Unterdeſſen werde ich Marien einer redlichen Familie hier anempfehlen, die ſie, ſobald ſie frei wird, aufnehmen und ſo lang beherbergen ſoll, bis wir ſie zum ſchönſten Feſte im menſch⸗ lichen Leben abholen.“ Mit dieſen Worten wandte ſich Thaddäus raſch um, und trat in die ſchweigende, duftende Nacht. XIX. Das Schlachtſeld. „Die bleichen, wildentſtellten Angeſichter Ergrimmter Feinde liegen hier vereint, Gleichmäßig auf rie Tovten alle ſcheint Der Friedensgruß der ſanften Abenvlichter. Der Herbſtwind jagt die Blätter von den Bäumen Hin über's Feld, ſie wirbeln und ſie fliehn Den Todten um die ſtillen Haͤupter bin, Wie Schatten von verlornen Liebesträumen.“ Nicolaus Lenau. Wer ſteht dort ſo einſam auf dem Hügel?— Weß unglückſel'ger Fuß fand dieſen Weg?— Wen hat das Leben denn ſo falſch behandelt, daß er es fliehet und des Todes Hochzeitsſchmauß beſucht?— — 437— Längſt ſank die Sonne hinter blauen Bergen; erröthend barg ſie ſich in ihren Wolkenmantel, ihr ſchauderte das Schreckliche zu ſehn. Still iſts nun rings umher, auch ſelbſt der Vögel Lied erſtarb,— kein Laut!— kein Ton! ſo ſtille wie ein Grab. Die ſchwarzen Tannen und die hohen Föhren, ſie blicken finſter nieder auf die weite Ebene, und ſchütteln zitternd die bemoosten Wipfel. Raſch flieht der Wolken geſpenſterhafter Zug; er flieht und flieht und will nicht rück⸗ wärts ſchaun. Warum ihr Wolken ſchaut ihr nicht zurück? — Warum ihr Föhren zittern eure Wipfel?— Warum ſo ſtille die Natur?— Weßhalb, ihr Vögel, ſchweigen eure Lieder?— Aus welchem Grunde barg die Sonne erröthend denn ihr Haupt?— Was ſtarret wie ein Geiſt des alten Mannes trockenes Auge an?— Ein Schlachtfeld dehnt ſich aus vor euren Blicken, und ſchaudernd wendet ſich vom Brand⸗ male der Menſchheit— Natur und Geiſt. Schaut, was der Tod geſät! er hat den Acker wohl beſtellt!— viel Früchte reiften ſeiner — 438— Sichel hier!— Scht, ſeht! wie bleich, wie graß ſie ſchauen, die wildergrimmten, finſteren Geſichter, die in der vollen Wuth der kalte Tod erſtarrte Da liegen ſie, die blutbegierig ſich ge⸗ ſchlagen, und an des Feindes Wange liegt des Feindes Haupt.— Ihr küßt im Tod euch, und habt im Leben euch gehaßt?— O, thör'ge Menſchheit!— ſchau!— ſo enden deine Leiden⸗ ſchaften: der Donner ſchweigt, der Dampf hat ſich verzogen, der Lärm erſtarb, die ſtille Nacht brach an, und wie der Mond mit ſeinem bleichen Schein nun Freund und Feind gleichmäßig über⸗ deckt, ſo iſt die Frucht von allen deinen Kämpfen — die eine, allgewalt'ge Liebe: Warum den Frieden mit dem Krieg erkaufen? Warum denn Wunden ſchlagen um ſie dann zu heilen?— Warum die Zwietracht ſuchen, wenn ihr endlich lieben müßt?— Warum das Herz ſo hart, daß es den Tod bedarf, um endlich weich zu werden?— Die ihr im Leben euch gehaßt und hier er⸗ ſchlagen, ihr hättet euch als Brüder lieben können; dann blicktet ihr euch fröhlich in die — 439— Augen, ſtatt daß ſich euer Blut nun friedlich mengt. Und wie viel Edles hat dieß weite Grab verſchlungen? und wie viel andere Herzen brach der Tag?— Wer nennt die Hoffnungen die hier geſunken? wer zählt die Thränen die er ausgepreßt.— Du kennſt den Jammer der am Sterbelager des Einzelnen bei ſeinem Scheiden wohnt; geh'!— eile dich, und ſammle ihn doch tauſendmal und häuf ihn hier zuſammen, und wenn dein Herz dir dann im Schmerze nicht vergeht, ſo trugſt du keines je in deinem Buſen.— Den einzeln Mörder würgt des Richters Schwert— die aber, die aus Eigennutz zur Schlachtbank Tauſende hinführen, die großen Mörder— trifft des Himmels Fluch!—— Das Leichentuch des bleichen Mondenſcheines bedeckte rings das grauſ'ge Schlachtgefilde, da ſtieg der Alte von dem Hügel nieder, von dem er längſt entſetzt herabgeſchaut. Langſamen Schrittes nahte er den Müden, die hier den ew'gen Schlaf nun — 440— friedlich träumten, und wunderbar,— als wollte er aus ihren ſtarren Zügen ein tief verſchwiegenes Geheimniß leſen, ſo ſchaut' er jedes Antlitz lange forſchend an. Es zieht der Mond am Himmel immer weiter, des Alten Todtenſchau, ſie iſt noch nicht voll⸗ bracht. Nur er und Schaaren wilder Geier ſtreiten ſich um des Feldes blutbedeckte Saat. Erſt als im Oſten leicht der Morgen dämmert hat er ſein ſeltſam Werk vollführt, und ſteht nun ſinnend an des Schlachtfelds Ende. „Auch hier nicht find' ich den, den ich ſo lang geſucht!“ ſo ſeufzt er endlich auf in tiefem Schmerz,„ich werde ihn wohl nimmer, nimmer finden.— Wie ſchwer iſt doch vergeſſen was uns theuer war, wenn unſer Herz ſo ganz ver⸗ ödet. Wie ſchrecklich ſchwer wird's dem Ver⸗ armten doch, auch noch das letzte Zeichen früheren Glücks zu miſſen. Hier auf das Schlachtfeld trieb mich Haß und Liebe. Den Sohn ſuch' ich vergebens, ſelbſt in dem Reich der Todten, mit ihm das letzte Pfand der ausgebrannten Gluth. Doch meinen Haß vermag ich reichlich hier zu — — 441— nähren, ſchau ich der todten Königsknechte große Zahl. Doch wie?— verdienen ſie den Haß?— ſie waren Knechte nur— ſie trieb der Wille eines Höhern in die Schlacht.— All Eins!— auch wer der Tyrannei den Nacken beugt iſt haſſenswerth. Und doch, doch! wie Viele ſind darunter die ihn nicht willig beugten, ſie zwang ein eiſern Wort, ſie führte ſelbſt Gewalt aus fremden Landen her. Ha! könnt ich euch, ihr blaſſen Todten, doch beleben, daß ihr, ein Geiſterreigen, mit mir zöget über's Meer. Dem güt'gen Landes⸗ vater würd' ich euch vorführen, daß er in euren gebrochnen Augen, in euren blut'gen Wunden, in den, im Todeskampf erſtarrten Zügen, den Dank erkennen möchte, den er verdient, als er ſo liebevoll des Landes Kinder hat verkauft. Mag die Geliebte dann, die für dieß Sünden⸗ geld in Ueberfluß ihr ſchmachvoll Weſen treibt, den Schreckenstraum ihm von den Augen küſſen — Eins küßt ſie nicht hinweg— es iſt das Siegel Kains auf ſeiner Stirne!“—— Der Alte war heftig bewegt. Er zitterte und ſah ſich genöthigt auf einige Zeit nieder⸗ zuſitzen. Erſchöpft legte er das Haupt in die Hände und entſchlief nach wenigen Minuten. Als er gegen Mittag erwachte, raffte er ſich ſchweigend auf und verließ das Schlachtfeld, ohne ſich noch einmal umzuſchauen. Es war der Tummelplatz gieriger Raubvögel geworden. Als er in Petersburgh, dem vorläufigen Ziel eines ſeiner vielen geheimen Sendungen ankam, fand er die Stadt in lebhafter Bewe⸗ gung, deren Urſache ihm bald folgende Scene erklärte. Vor den Stadtgefängniſſen hatte ſich eine große Volksmaſſe verſammelt, in deren Mitte ein von Militär umgebener Wagen ſichtbar war, auf dem ein weibliches Weſen ſaß, deſſen, wenn auch bleiches, zerfallenes Antlitz dennoch den Stempel eines unbeugſamen Stolzes trug. Es war Anna Lee, die, nachdem ihr Prozeß zu keinem beſonderen Erfolge geführt hatte, nun als eine, der öffentlichen Ruhe gefährliche Schwär⸗ merin, auf dem Schub zu den Engländern nach New⸗York gebracht werden ſollte. Neben ihrem Wagen ſtanden heulend und weinend eine Menge Glieder der von ihr geſtifteten Sekte, ſich von ihrer angebeteten Prophetin den letzten Segen erflehend. Unter ihnen zeichnete ſich eine junge Creolin aus, die, wie es ſchien, mit Dankbbarkeit die Hände Anna's küßte und ihr Troſt zuſprach, obgleich die ſtolze Frau ſich faſt mit Widerwillen von ihr wegwandte. Der Alte ſtand nahe genug die letzten Worte der Creolin zu hören. „Hohe Frau!“ rief ſie aus, und Thränen fielen aus den ſchönen Augen des Mädchens auf die Hand der Angeredeten,„die Dankbarkeit die ich Euch ſchulde, wird nie in mir erlöſchen, und den erſten Gebrauch den ich von meiner, mir eben angekündigten, Freiheit machen werde, ſoll darin beſtehen, daß ich Paul aufſuche und mit dieſem vereint, den edlen Kosciuszko beſtürme, ſich für Eure Befreiung zu verwenden, noch ehe Ihr an die Engländer ausgeliefert werdet.“ Anna antwortete nicht, kalt und ſtolz wie — 444— immer, entzog ſie der Betrübten ihre Hand, gab ein Zeichen daß ſie bereit ſei, und der Zug ſetzte ſich in Bewegung. Marie ſah ihr lange ſchweigend und trüb nach, und das aufrichtigſte Mitgefühl mit dem harten Schickſal ihrer früheren Beſchützerin glänzte in ihren Augen. Die Menge hatte ſich unterdeſſen perlaufen, nur der Alte war geblieben, und trat nun zu der Creolin. „Du kennſt alſo den Hauptmann Kos⸗ ciuszko?“ frug er ſie neugierig. „Ja,“ entgegnete die Gefragte.„Das heißt, ich habe ihn einmal geſehn, und da er ſich da⸗ mals wie ein Vater gegen mich und meinen Paul. ℳ „Paul?“ unterbrach ſie mit ſonderbar ſchmerzlichem Ausdrucke der Alte. 4 „Ja!“ fuhr Marie fort.„Paul. iſt mein— mein— nun mein zufünftiger Mann.———“ „So“— wiederholte der Alte.„Det Name weckte ſchmerzliche Erinnerungen in mir. Warum — 445— lernen wir ſo ſchwer vergeſſen. Doch es iſt vor⸗ über. Da Kosciuszko alſo ſo gut gegen ihn und Dich war, ſo willſt Du zu ihm, und ihn bitten, daß er ſich für die Närrin verwende.“ „Es iſt meine Wohlthäterin!“ entgegnete ſcharf und beleidigt die Kleine. „Mir recht,“ ſagte der Alte.„Aber wie willſt Du denn nach dem Hauptquartiere kommen. Das hat in dieſen kriegeriſchen Zeiten ſeine Schwierigkeiten für einen mit den Wegen be⸗ kannten Mann, geſchweige für ein Mädchen.“ „Das iſt freilich wahr,“ entgegnete traurig Marie.„Wenn ich nur wuͤßte wie ich das machen ſollte. Kosciuszko hat zwar damals, als er mich im Kerker ſah, verſprochen, mich einer Familie hier anzuempfehlen. Es hat ſich aber Niemand um mich bisher noch bekümmert“ „Weißt Du was, Kleine?“ „Nun?“ „Haſt Du Muth? „Wenn es gilt meinen Paul und Kos⸗ ciuszko wiederzufinden— gewiß.“ „Gut. Morgen früh kehre ich nach dem — 446— Hauptquartier zurück, willſt Du Dich alsdann meinen Anordnungen fügen, ſo magſt Du mich begleiten, und ich verbürge mich, Dich an den Adjutanten auszuliefern. Marie ſchlug mit Freuden ein, und konnte vor Unruhe kaum den folgenden Tag erwarten.— XX. Die innere Welt. Zur Hochzeit ruft der Tod, Die Lampen brennen helle. Die Jungfrau'n ſind zur Stelle, Am Oel iſt keine Noth. Erklänge doch die Ferne Von veinem Zuge ſchon, Und ruften uns die Sterne Mit Menſchenzung und Ton. Getroſt das Leben ſchreitet Zum ew'gen Leven hin; Von innrer Gluth geweitet Verklärt ſich unſer Sinn. Die Sternwelt wird zerfließen Zum gold'nen Lebenswein, Wir werden ſie genießen Und lichte Sterne ſein. Die Lieb' iſt freigegeben, Und keine Trennung mehr. Es wogt das volle Leben Wie ein unendlich Meer Nur eine Nacht der Wonne, Ein ewiges Gedicht! Und unſrer aller Sonne Iſt Gottes Angeſicht.— Novalis. — 448— Loniſe an Koscinszkv. Theurer geliebter Freund! Noch iſt es, der weiten Entfernung wegen, unmöglich für mich, eine Antwort auf meinen erſten Brief von Dir erhalten zu haben, und ſchon empfängſt Du einen zweiten von mir. Die Urfache davon liegt in der glühenden Liebe die mich zu Dir hinzieht, mich ewig unveränderlich an Dich ketten wird. Als ich Dich todt glaubte, waren meine Gedanken, war mein Herz ſtets bei Dir. Ich durfte hoffen, ja ich war es gewiß, daß mich Dein Geiſt umſchwebe, und daß wir ſo Eins ſeien in der Liebe, und unzertrennlich. Mit der Nachricht: daß Du noch lebeſt, zerfiel für mich dieſer Traum, und nun, da wir Beide noch Sterbliche ſind, da es unſeren Geiſtern noch nicht vergönnt iſt die Feſſeln, die Zeit und Raum uns geſchmiedet, abzuſchütteln,— nun bedarf ich eines anderen Mittels dieſe namenloſe Sehn⸗ ſucht nach Dir zu ſtillen, nun treibt mich das — 449— Bewußtſein ohne Dich, ohne in geiſtiger Verbin⸗ dung mit Dir zu ſtehen, nicht leben zu können, zu der Feder. Das ſchönſte Vorrecht der Liebe iſt: daß ſie ſich ganz dem geliebten Gegenſtande hingibt, und eben durch dieſe völlige Aufopferung ihres eignen Selbſts, mit ihm zerſchmilzt und neu geſchaffen aus ihm erſteht. Will ich aber daß Du mich ſo recht unendlich lieben ſollſt, ſo muß mein Inneres klar und durchſichtig vor Dir liegen, und Du mußt in es hinein ſchauen können, wie in einen kryſtallhellen See, auf deſſen Boden,— und ſei er noch ſo tief,— jedwedes Steinchen Dir entgegenblinkt. Dann wird, blickſt Du in ſeine Fluth, Dein eigen Bild Dir froh entzückt entgegen lachen. Der Gedanke durchblitzt die Unendlichkeit, er findet den Gegenſtand unſerer Liebe wo er auch ſei, und haftet feſt an ihm,— aber wie entſetzlich träge ſchleicht das geſchriebene Wort über die Erdenſcholle. Monate ſind verſchwunden, ſeitdem ich Dir ſchrieb, Monate werden vergehen, bis Du dieſe Zeilen empfängſt— ach! Monate Rau, Th. Kosciuszko. UI. Thl. 29 — 450— muß ich warten bis eine Antwort von Dir in meine Hände gelangt. Ich war es nicht im Stande ſo lange auszuhalten, ohne Dir neuer⸗ dings zu ſchreiben, umſomehr, da ich gleich nach Abgang meines erſten Briefes fühlte, wie wenig ich Dir noch von dem geſagt hatte, was Du wiſſen mußt, wie wenig ich mein Innerſtes Dir noch aufgedeckt. Was mich ſchmerzt, ſchmerzt auch dich, was mich beruhigt, kann Dich nur beglücken,— ſo wie ja dieß Alles auch umge⸗ kehrt bei mir der Fall iſt. Darum höre, geliebte Seele, was das arme, gebrochene Herz Deiner Louiſe geheilt, und wirf einen Blick in mein tief Innerſtes, deſſen jetziger Zuſtand ſo weit von ſeinem früheren unterſchieden iſt. Die Religion war mir von jeher eine treue Mutter. Ehe ich aber Schiffbruch gelitten im großen Lebensſturme, glich ich einem unbefangenen Kinde, das, mit allen Glücksgütern überhäuft, keine Ahnung von den Leiden und Trübſalen des Lebens hat. Ich ſpielte froh und heiter mit dem bunten Tande der Erde, und nur wenn die weiſe Vorſehung des göttlichen Vaters dem . — 451— verzogenen Schooßkinde Etwas verſagte, wandte dieß ſich flehend an ſeine Mutter, die es dann auch immer tröſtete. Ich liebte dieſe gute Mutter, aber ich hatte keine Zeit ſie zu pflegen, zu beob⸗ achten, all ihre ſchönen Seiten kennen zu lernen. — Da brach die finſtere Schickſalsnacht herein, da ſcheiterte mein Lebensſchiff, da ward ich an eine öde, einſame Felſeninſel geſchleudert. Ich er⸗ wachte, ich ſtand allein, ſo ganz allein; ich hatte Alles verloren, Alle hatten mich verlaſſen. Weinend, verzweifelnd faſt, ſank ich auf die Kniee, händeringend blickte ich empor— da beugte ſich, mit unausſprechlich tröſtlichem Lächeln, die gute Mutter Religion über mich. Sie, ſie allein war mir treu geblieben, und— theure Seele!— als ich mich ihr vertrauensvoll weinend in die Arme warf, umſchloß ſie mich ſo innig, ſo warm, ſo wahrhaft mütterlich, daß meine Augen bald trockneten, labte ſie meine bange Seele mit ſo ſüßem Troſte, daß ſie ſich kräftig erhob aus dem Uebermaß des Schmerzes, zeigte ſie mir das Walten des göttlichen Vaters in ſo reinem, klaren Lichte, daß ich, ausgeſöhnt —— mit dem Leben, den Ewigen— gerade um der erduldeten Schmerzen willen— nur noch höher liebte. Sonſt war es mir nie klar bewußt was Religion ſei, jetzt weiß ich es, und dieß Wiſſen ſteht unerſchütterlich feſt in mir: Religion iſt der geiſtige Schwerpunkt des Lebens; ſie iſt nicht nur der lebendige Glaube an Gott und die Un⸗ ſterblichkeit, nicht Frömmigkeit allein,— die wahre Religion iſt:„Wahrheit und Liebe.“ Wahrheit iſt ihr Beſtand, Liebe ihr Ausfluß. Wenn ſie mir ehedem nur eine zum gut ſein, zum ſelig werden nöthige Uebung äußerer Form war— denn nur in dem Gebete, das ich in meinem Herzen zu Gott ſchickte, fand ich von jeher Troſt— wenn ſie mich damals, durch die Gewohnheit abgeſtumpft, nur wenig berührte— ſo finde ich jetzt in eben dieſen Formen einen tiefen, lebendigen Geiſt, der mich unendlich anzieht, der mich begeiſternd hebt. Sie ſind der ſinnliche, aber höchſt poetiſche Ausdruck der dunklen Gefühle unſter Bruſt. Die Lehren unſeres Heilandes ſind einfach, kurz und klar, — 453— ſie kann jedes kindliche Gemüth faſſen: ihm iſt Gott ein liebender Vater, die Ewigkeit das Ziel, das Vollkommenwerden durch menſchenfreundliche Thaten und Geſinnungen— die Aufgabe des irdiſchen Lebens. Wer dieſe Lehren recht erkennt und übt, der iſt ohnzweifelhaft ohne alle Form, ein religiöſer Menſch. Aber wer wäre ſo ſtark auf dieſem Erdenrunde, daß er die Sclavenketten der Sinne ganz von ſich abſchüttelte?— Wie bald erlahmen ſelbſt des ſchärfſten Geiſtes Flügel? wie bald klammert ſich ſein armes„Ich“ an dieſe Sinnenwelt? Darum bedurfte es von jeher einer Glaubensform. Wie göttlich ſchön aber trägt im Katholizismus dieſe Form den Glauben, wenn beide ſich ineinander verſchmelzen, und eins dem andern wahres Leben gibt?— Unſrer eignen Natur angepaßt, die aus Sichtbarem und Unſichtbarem, aus Körper und aus Seele beſteht, iſt die Religion das Unſichtbare, die Kirche mit ihrer Form das Sichtliche; die Religion die Seele, die Kirche die irdiſche Hülle. Und wie poetiſch faßt unſere Kirche dieſe Formen auf. Die Poeſie ſtreut ſo manche zarte Blüthe in das — 454— profane Leben, deren Duft uns höhere Freuden ahnen läßt, als uns die nackte Wirklichkeit ge⸗ währen kann; warum ſoll Poeſie, das Heiligſte umſtrahlend, uns nicht zum Himmel tragen dürfen 2.— Die Form allein, und wäre ſie noch ſo ſchön, kann nimmer ſelig machen, doch bleibet ſie des Glaubens Stab und Stütze in dieſer irdiſchen Welt, ihr hoher Zweck iſt aber: Heili⸗ gung des Gemüthes zu befördern. Thaddäus! Du, deſſen empfänglicher Geiſt ſich, in den ſchönen Tagen unſrer Liebe, ſo oft mit mir in den poetiſchen Blüthenwelten einer reichen Phantaſie ergangen, o komm! und tritt mit mir in unſere ſtille Kloſterkirche ein. Wir ſind allein im einfach⸗ſchönen Tempel, durch deſſen hohe, buntgemalte Fenſter das Abendlicht in wunderbarer Dämmerung bricht. Im weiten Raum herrſcht feierliche Stille, kaum von des fernen Waſſers Rauſchen unterbrochen, und durch die Hallen zieht, in leichten dünnen Wolken, ein ſüßer Weihrauchduft. Des Ortes ſtille Heilig⸗ keit gießt friedlich ſich in deine Seele, Du fühleſt Dich an dieſer Stelle, wo ſonſt ſo viele Herzen — 455— ihrem Schöpfer ſchlagen, ſelbſt unwillkührlich zu ihm hingewandt. Von ſeiner Größe Schauer übergoſſen, ſinkſt Du auf's Knie, es hebt Dein Blick allmählig ſich empor, und weilt gefeſſelt an des Altars Meiſterbild, das Dir des Hei⸗ lands Märtyrtod lebendig vor die Seele hält. Da faßt Anbetung Dich vor jenem Gott der Liebe, der ſich durch Jeſu Chriſt ſo liebend offenbart. Da flieht Dein Herz dem Göttlichen entgegen, der ſeiner Lehre Wahrheit mit ſeinem blutigen Tode einſt beſiegelt hat. Wie ſinket Alles dann, was irdiſch noch an uns hin in den Staub, vor der Erkenntniß eines ſolchen Opfers, und vor dem Ahnen einer ſolchen Liebe. Und wie Dein Herz ſich nun gelobt: gleich ihm der Wahrheit und des Rechtes Pfade ſtets zu wandeln, gleich ihm Dich hin⸗ zugeben an den ewigen Gott, da tönt auf einmal Dir, wie Engelton, der Schweſtern Chorgeſang, und trägt im Wirbel Dich bis an des Himmels Pforten. Die goldnen Wolken öffnen ihren Schooß, und von der Engel zahllos Heer ge⸗ tragen, ſchwebt Dir die ewige Jungfrau mit dem — 456— Kinde zu. Wie ſelig ſtrahlt ihr himmliſch reines Auge, welch' eine Welt voll Liebe trägt ihr Blick. Mit zarter Sorgfalt hält ihr Arm den Jeſusknaben, der ſeine Händchen ſegnend nach der Erde ſtreckt. Da jauchzt ſie auf, in wildem, ſüßen Jubel, der Engel Chor ſtimmt ſein: Ho⸗ ſianna an, der Jungfrau Augen ſchließen ſich vor Wonne, und Gott erſcheint in ſeiner Liebe Fülle.— Thaddäus!— ich bin keine Schwärmerin. Nicht Eitelkeit reißt mich dahin, noch kindiſches, geziertes Weſen. Was ich Dir ſchrieb, das hab' ich auch gefühlt, ich folge nur dem Drange meines Geiſtes. Ein Herz wie meines, das die Welt gebrochen, dem nichts mehr blieb als Troſt der Religion, das wirft ſich ganz und ungetheilt in dieſe heilige Sphäre, und was an Kräften ihm geblieben entfaltet ſich in ihr. Was mich in dieſen Zeilen unwiderſtehlich zur Begeiſterung fortgeriſſen, das trägt mich oftmals meinem Himmel zu, das läßt die todte Form in meinem Auge ſich ſo ſchön beleben, das iſt es gerade was mir die Welt erſchuf, in — 457— welcher ich mich— abgeſchieden von dem Leben — hier bewege. Jene Welt, die einzig und. allein im Stande war mein krankes Herz zu heilen, mich über Deinen Verluſt zu tröſten. Sonſt fand ich Dich, im Widerſcheine der Ge⸗ benedeiten, zu ihren Füßen wieder. Jetzt freu' ich kindlich mich darauf, wenn ich dich einſt in jener Welt willkommen heißen kann, die keiner Form bedarf, weil wir, für ſie gezeitigt, was ſinnlich— abgeſtreift. Mein Körper, von Leiden ſchwer erſchüttert, wird wohl des Geiſtes Drängen nicht mehr lange hemmen. Du wirſt als kräftiger Mann dem Vaterlande noch viele und noch große Dienſte leiſten. Ihm— unſerem heiß⸗ geliebten Polen— vermach ich meine irdiſche Liebe zu Dir. Es ſei von nun an deine Erden⸗ braut, ſo wie ich ewig Deine geiſtige bleiben werde. Und dann, dann! wenn die Blüthen meines ſchönen Glaubens, aus meinem Grabe emporſchießend, mich auf ihren wachſenden Kelchen bis zum Himmel getragen, und Dein thaten⸗ reiches Leben ein glorreicher Tod beſchloß— dann, mein Thaddäus, trete ich Dir jauch⸗ — 258— zend entgegen, und flechte die Palme in Deinen Lorbeerkranz. Du kennſt nun, theure Seele, mein Innres, mein ſtilles Leben, mein Wünſchen und mein Hoffen. Dieß war der Hauptzweck gegenwärtiger Zeilen, und ich fühle es mit inniger Freude, daß Du Dich manchmal hinein leben wirſt, weil es meine, und ich weiß es, auch deine Welt iſt. Gottes Liebe möge Dich ſchützend geleiten, und— wenn Dein Herz blutet— die treue Hand der Religion ihren Balſam in Deine Wunden gießen. Mit ewiger, unerſ chütterlicher Liebe Deine Louiſe Sonowski. Kloſter Friedensberg. Thaddäus an Loniſe. Angebetete, engelreine Seele! Wenn dieſer Brief vor Dir liegt, haſt Du die Antwort auf Deinen erſten lange ſchon in Händen. Ich fürchte die Hoffnungen die ich darin aus⸗ ſprach, haben Deine letzten Zeilen mir geknickt, demohnerachtet vermag ich ſo ſchnell nicht von ihnen zu ſcheiden, und hoffe noch immer daß es Dir, wenn auch mit einiger Aufopferung, mög⸗ lich wird, auß den reinen Sphären Deiner idealen Welt zu der irdiſchen herabzuſteigen, um mich durch die Gluth Deiner heiligen, gottbegeiſterten Liebe, zu dem Standpunkte emporzuheben auf welchem Du jetzt ſtehſt. Auf meinen Armen würde ich Dich durch das Leben tragen, Dich ſorgſam ſchützen vor — 460— jeder Berührung mit deſſen unreinem Getriebe, und Deine geiſtige Welt, die— wie Du ja ſelbſt empfindeſt und geſtehſt— in meinem Inneren ſich freundlich widerſpiegelt, ſie wäre mir ein Heiligthum wie Dir. Wie göttlich ſchön! wenn wir vereint dieß hohe Geiſtesleben im Austauſch der Gefühle der Gedanken dann genöſſen. Wenn Eins am Andern wüchſe in der Erkenntniß hoher Wahrheiten, wenn Eins das Andere ſtärkte durch ſeiner Liebe, ſeines Glaubens Macht. Doch wie Du mir Dein Inneres offen⸗ barteſt, ſo iſt es Pflicht, daß ich auch Dir das meine nun enthülle, damit Du Dich entſcheiden tannſt. Ich werde kurz, doch wahr und offen ſein.— Was war es anders als die gleiche Stimmung, die gleiche Richtung unſrer Seelen, die uns im Leben zu einander zog. Wir täuſchten uns wohl nicht, wenn wir dieß eine Stimme Gottes nannten, denn was ſo gleich gebildet iſt, ſo ähnlich fühlt und denkt, hat auch der Himmel für einander wohl geſchaffen. An heiligem Orte hab' ich Dich gefunden, ich ſah Dich flüchtig — 461— nur, und dennoch zog mich ein unbekanntes Etwas mit namenloſer Stärke zu Dir hin. Was konnt' es Anders ſein als meines Geiſtes Ahnen, das ſchnell in Dir die nahverwandte Seele fand. Dieß dunkle aber ſelige Fühlen blieb, bis es der ſpätere Umgang zum klaren Bewußtſein nach und nach erhob. Und nun fand ich zu meiner Freude, daß alle Klänge die mein Herz anſchlug in Dir ein tauſendfaches Echo fanden. Von Jugend auf hing ich, faſt ſchwärmeriſch, an Religion, ich fand in Dir die ſüßre Schwärmerin. Denn da der Mann im wilden Weltgetümmel, im Drange der Geſchäfte leben muß, und ſich zerſtreut in des Berufes Pflichten; da ihn ſo Manches roh und hart berührt, da er in Allem auf Klugheit, ſcharfes Denken, kaltes Wiſſen zu ſehen hat,— ſo ſtreifet dieß zerſtreute, klügelnde Leben gar bald den zarten Blüthenſtaub der Religioſität von ſeiner Jugend ſchönſter Blüthe ab, und kalte Wiſſenſchaft zeigt ihm dann, in der duftberaubten Blume nur der Natur berech⸗ net, ſyſtematiſches Walten. So ging's auch mir, die Wiſſenſchaft gebar den Zweifel, der Zweifel — 462— warf mich in ein Meer von Nichts, das leere Nichts erweckt den Drang zum Denken, das Denken hob zum Wiſſen mich empor, und als ich klar mir ſelbſt bewußt, da fühlte ich daß Form der Menſchheit nöthig und ſah an Dir, daß Dein zartes und richtiges Gefühl, Dich ſtill im Glauben zu derſelben Stufe geführt, die ich durch langen Kampf mühſelig mir erworben. Der Kern war für uns gleich, und auch die Achtung für die Form, doch lauſchte ich entzückt der tief poetiſchen Deutung, die Du dem Aeußren unſtes Glaubens gabſt, und neuerdings riß mich Dein lieber Brief zur innigſten Begeiſterung mächtig fort. Glaub' mir, Du ſanftes gutes Weſen, ich beuge mich in Demuth vor der Gluth göttlicher Liebe, die Dein geprüftes Herz ſo ſeg⸗ nend aus ſich ſtrömt. Du ſiehſt aus allem dem, daß Deine geiſtige Welt auch meine iſt,— und fühlſt, daß, wenn Du auch aus Deiner ſtillen Clauſe in meine Arme flüchten würdeſt, ihr frommes Walten nicht gefährdet wäre. Doch Religion war's nicht allein die unſre — 463— gleichgeſtimmten Geiſter zu einander zog. In unſern beiden Herzen flammte, gleich hell und licht, die Liebe für das Vaterland. Sie ward ein mächtig Band für unſre Seelen, ein Band, das uns noch jetzt mit Himmelskraft umſchließt. Als uns das Schickſal von einander riß, da flüchtete Dein zartes, weibliches Gemüth ſich in des Glaubens immer offene Arme,— ich warf mich an das Herz des Vaterlandes, um dort mit blutigen Thränen auszuweinen, den Schmerz, deß furchtbar⸗ſchwere Wucht jedwedes Lebensglück für mich zerknirſcht. Du weiſeſt Deine irdiſche Liebe zu mir dem Vaterlande als heilige Erb⸗ ſchaft zu,— und ich— als Du mir längſt verloren ſchienſt— nährte mit meiner Liebe zu Dir das heilige Feuer, das auf dem Altar meines Herzens für Polen flammte. So hat uns eine Liebe zu einem Zweck vereinigt, und dieſen zu erreichen würde Dein Beſitz der feurige Sporn, das mächtige Triebrad ſein. Soll ich dergleichen Seiten mehr Dir noch erwähnen?— Ich glaube es bedarf es nicht, da ſchon aus dieſen unſrer Liebe Flammen, zu — 464— einer Säule vereinigt, mächtig zum Himmel ſchlug. ² Dir ganz mein Inneres zu enthüllen, darf ich offen ſagen, daß weder Ruhm noch Ehrgeiz, noch irgend ein unlauterer Zweck mich leitet. Was ich bisher gethan, und was ich ferner thue, geſchieht nur um des Vaterlandes Willen, und hat in deſſen Freiheit ſeinen höheren Zweck. Sobald der Kampf dieſſeits des Meeres geendet, eil' ich nach Polen. Vorher, Geliebte, laß mich aber wiſſen, ob mir für dieſe Erde noch des Lebens höchſtes Glück beſtimmt, ob nicht. Gleich bleibt in beiden Fällen ſtets mein Streben, meine Liebe, doch wünſcht der Menſch auch eines Menſchen Glück. Leb' wohl! und trage Sorge für Dein edles Leben, Du lebſt für mich und für Dein Vaterland. Thaddäus Kosciuszkv. Williamsburgh den 18. Sept. 1781. XXl. Die Eroberung von Worktown. Was? Ihr mißbilligt den kräftigen Sturm? Hätt' Allah mich beſtimmt zum Wurm,— So hätt' er mich als Wurm geſchaffen Göthe. . Das ſchwarze Schelmenaug' da drein, Die ſchwarze Braune drauf, Seh ich ein einzigmal hinein, Die Seele geht mir auf. Göthe. Washingtons Plan war gereift. Lange Zeit hielt er des engliſchen Obergenerals Auf⸗ merkſamkeit auf New⸗York, welches dieſer beſetzt hatte, gerichtet. Rochambeau's Truppen mußten zu ihm ſtoßen, Franzoſen und Amerikaner Rau, Th. Koscinszko. IM. Thl. 30 — 466— vereinigten ſich in den White⸗Plains, und hielten bis zum Auguſt Clinton und ſeine Armee durch drohende, wenn auch keines⸗ weges ernſtliche Unternehmungen im Schach. Unterdeſſen landete eine neue franzöſiſche Flotte unter de Graſſe mit dreitauſend dreihundert Mann an Amerika's Küſten; ſowie Admiral Barras von Rhodisland eingetroffen war, und die republikaniſche Armee reichlich mit ſchwe⸗ rem Belagerungsgeſchütz und allem Anderen, was zur Vernichtung Cornwallis' und ſeines Heeres nur erforderlich ſein konnte, verſehen konnte. Washington kam es nun vor Allem darauf an, Clinton noch länger über ſeinen Plan zu täuſchen, und wo möglich Virginien zu er⸗ reichen, ehe dieſer zur Gewißheit komme, daß es gar nicht auf New⸗York abgeſehen ſei. Die Liſt gelang. Philadelphia ward am vierten September, und bald darauf Willams⸗ burgh ohne daß es die Engländer hindern konnten, erreicht, und nun rückte Washington nit ſeiner Armee unaufhaltſam gegen den General Cornwallis vor. Lord Cornwallis ſtand — 467— um jene Zeit mit neuntauſend Engländern zu Yorktown, welches nur ſchlecht befeſtigt war, und ſah ſich nun plötzlich durch zwanzigtauſend Mann und dreißig Linienſchiffe eingeſchloſſen. Ihm blieb die Wahl, ſich durchzuſchlagen oder den einmal beſetzten Platz zu behaupten; was letzteres um ſo ſchwieriger war, als es ſich vorausſehen ließ, daß ihm bald alle Zufuhren von Lebensmitteln abgeſchnitten würden. Dem⸗ ohnerachtet entſchloß ſich Cornwallis für das Letztere, da ihm der Obergeneral in einer, vom ſechsten September datirten, Depeſche anzeigte, daß er ihm, in Vereinigung mit Admiral Digby, mit viertauſend Mann zu Hülfe eilen würde. Unter dieſen Umſtänden begannen die Republi⸗ kaner am ſechsten Oktober eine regelmäßige Be⸗ lagerung, und eröffneten ſogleich in der kom⸗ menden Nacht die erſte Parallele. Kosciuszko's ſtrategiſche Kenntniſſe zogen ihm die Leitung dieſer Arbeiten zu. Die dichte Finſterniß der Nächte begünſtigten ſein Unter⸗ nehmen und ſchon am neunten mit dem Anbruche — 468— des Morgens demaskirten die neuen Trancheen hundert Feuerſchlünde von ſchwerem Caliber. Furchtbar war die Lage der armen Stadt, die, während die Kanonen der Belagerer auf der einen Seite das brittiſche Geſchütz zum Schweigen brachten, und ihre Verſchanzungen niederwarfen, von der anderen Seite dem kräftigen und anhaltenden Bombenfeuer der Schiffe aus⸗ geſetzt war. Die engliſchen Truppen, in dem engen Platze zuſammengepreßt, nur von ſchlechten Werken gedeckt, wurden von den feindlichen Kugeln niedergeſchmettert, oder von den ein⸗ ſtürzenden, brennenden Häuſern begraben, ohne daß ſie ihre Kräfte gehörig entwickeln konnten. In dieſer dringenden Noth ſandte Cornwallis in möglichſter Eile neue Aufforderungen um Hülfe an Clinton, und erhielt von dieſem abermals die Verſicherung, daß er ſofort in die See ſtechen, und ihn in wenigen Tagen erreichen werde. Demohnerachtet erſchien Clinton nicht, und die Belagerten ſahen mit Schrecken, wie ſich die zweite Parallele ihren Werken näherte, die immer mehr und mehr litten. Vor Andern zeich⸗ — 469— nete ſich hierbei der amerikaniſche Artilleriegeneral Knor, durch ſeine bewundernswerthen Kenntniſſe in der Belagerungskunſt aus, und ſeinen Talenten hatte man es zu danken, daß die ganze linke Flanke der engliſchen Werke ſo gewaltig demolirt wurde, daß nur noch zwei Redouten einen Sturm gefährlich machten. Der Generaliſſimus hatte dieß nicht ſobald erkannt, als er die Wegnahme derſelben beſchloß. Die Erſtürmung der einen Redoute ward den Amerikanern überlaſſen unter Lafayett's, Kos⸗ ciuszko's und Hamilton's Leitung, die der anderen den Franzoſen unter dem Kommando Viomesnil, Damas und Deur⸗Ponts anvertraut. Beide Nationen wetteiferten bei dieſem gefährlichen und blutigen Unternehmen in hervi⸗ ſcher Tapferkeit, beide Nationen bedeckten ſich dabei mit unverwelklichen Lorbeeren. Die Helden Lafayette und Kosciuszko führten ihre Truppen, wie Letzterer ſchon einmal bei Stoney⸗ Point, mit dem Bajonette, ohne zu laden, auf den Feind, und ſtürmten todesmuthig die tapfer vertheidigte Schanze. Die Franzoſen blieben nicht — 470— zurück, und ehe noch die Sonne unterging wehten die Fahnen der vereinigten Staaten von den Trümmerhaufen der zerſtörten Redouten. Nit dem Falle dieſer Werke ſtieg die Noth der geängſtigten Stadt auf das Höchſte. Jede Verbindung war bereits abgeſchnitten, und Corn⸗ wallis Lage fing an verzweifelt zu werden. Ein Ausfall von ſeiner Seite gegen die feind⸗ lichen Batterien half ihm wenig, und ſo blieb ihm, wollte er ſich nicht zu einer ſchimpflichen Capitulation entſchließen, nichts übrig als einen Rückzug zu verſuchen. Die einzige Möglichkeit hierzu bot ihm der St. James⸗Fluß dar. Das ganze Unternehmen blieb für die Maſſe, der Sicherheit wegen, tiefes Geheimniß, und ſeine Ausführung war für die Nacht vom ſechzehnten auf den ſiebzehnten Oktober beſtimmt. Die Eng⸗ länder wurden, ohne daß ſie den Grund dazu a en konnten, bei hereinbrechender Dämmerung marſchfertig aufgeſtellt; die Kranken und Ver⸗ wundeten, da ſie zurückbleiben mußten, in der Hauptkaſerne koncentrirt, und erſt bei völliger Dunkelheit fing man an die Fahrzeuge zu der — Ueberfahrt nach der Glouceſter⸗Seite“ des Fluſſes zu bereiten. Die Nacht hätte den Engländern nicht gün⸗ ſtiger ſein können; ſie war ſo dunkel, die Nebel, die auf dem Waſſer lagen, ſo dicht und un⸗ durchdringlich, daß jede ihrer Bewegungen den Republikanern verborgen blieb. Schon waren die Fahrzeuge zum Einſchiffen bereit, ſchon hatte ein engliſches Boot den zur Ausſchiffung be⸗ ſtimmten Theil des jenſeitigen Ufers recognoscirt, und war bereits auf ſeiner Rückfahrt begriffen, nach welcher die Ueberſchiffung ſogleich beginnen ſollte,— als der Zufall das nächtliche Unter⸗ nehmen, von deſſen Gelingen oder Vereitlung, wie ſich ſpäter zeigte, die Entſcheidung des gan⸗ zen Krieges abhing, den Republikanern verrieth. Es war nämlich an demſelben Abende, als mit einbrechender Dunkelheit ein kleiner Kahn den St. James⸗Fluß herunterſchwamm und ſich mehr und mehr Yorktown oder dem Lager der Amerikaner näherte. Das leichte Fahrzeug lenkte der noch kräftige muskulöſe Arm eines alten Mannes, den ein kleiner, braun verbrannter — 472— Knabe im Rudern unterſtützte. Beide arbeiteten rüſtig, wenn auch nicht mit gleicher Geſchicklich⸗ keit; indem der jüngere der beiden Schiffer nur mit Mühe im Takt bleiben konnte, und es au⸗ genſcheinlich war, daß dieſe Beſchäftigung nur ſelten von ihm getrieben wurde und ihn gewaltig ermüdete. Der Alte hatte dieß lang bemerkt, und ſein bisheriges Schweigen brechend ſagte er end⸗ lich:„Laß gut ſein Kind!— Ich ſehe ſchon, es will nicht mehr gehen, und da wir uns ohne⸗ hin der Stadt nähern, und man uns leicht ent⸗ decken könnte, ſo iſt es beſſer, wir überlaſſen das Fahrzeug ſo viel als möglich dem Triebe des Waſſers.“ „Sind wir denn endlich bald am Ziele?“ frug darauf der Knabe. „Bald, mein Kind!“ entgegnete der Andere, und lenkte das Schiffchen vorſichtig über eine gefährliche Stelle„In einer halben Stunde müſſen wir uns den Verſchanzungen der Belagerer nahen. Dann aber gilt es Muth und Vorſicht, denn wenn uns das Volk für Feinde hielt, ſo =— wäre es in ſeinem Eifer am Ende im Stande und ſchöſſe uns, mir nichts dir nichts nieder“ „Ich will Gott danken, wenn wir einmal bei der Armee ſind!“ rief der Kleine,„denn in den letzten Tagen hatte ich ſchon alle Hoffnung aufgegeben.“ „Das war Unrecht. Wer ſich ſelbſt aufgibt, iſt verloren!“ entgegnete der Alte und ſeine Au⸗ gen ſpähten vorſichtig nach allen Seiten.„Ver⸗ wünſchter Nebel;“ fuhr er dann nach einer kleinen Pauſe fort,„man kann keine fünf Schritte weit ſehen. Was ſagte ich eben?— Ja!— Wer ſich ſelbſt aufgibt, der iſt verloren. Das wirſt Du noch lernen, wenn Du älter wirſt und mehr Lebenserfahrungen ſammelſt. Sieh nur mich an, meine Haare ſind dünn und weiß; ſie waren noch braun und dicht als ich anfing ein Ziel zu verfolgen, das ich noch jetzt im Auge habe. Unſer Weg war weit, unbequem, ja ſelbſt ge⸗ fährlich, da wir, durch unſere eigenen Leute getäuſcht, einen abſcheulichen Umweg machten: mein Weg aber— iſt gefährlicher noch und weiter!“ — 474— „Wo wollt Ihr denn noch hingehen, Vater?“ frug voll Theilnahme der Kleine—„ich dachte Ihr bliebt nun bei der Armee?“ „Vater!“ wiederholte der alte Mann diſte, und ſtützte die faltenreiche Stirne auf ſeinen Arm.„Nenne mich nicht Vater, der Name weckt ſchmerzliche Erinnerungen in mir. Eben weil ich mich durch mehrjährigen Aufenthalt in Amerika überzeugt habe, daß ich nicht mehr Vater bin, kehre ich nach Europa zurück“ „Nach Europa? das iſt wohl ſehr weit ent⸗ fernt?“ „Freilich. Aber dorthin ruft mich eben die Verfolgung des Zieles, das ich mir einmal ge⸗ ſteckt.“ „Wißt Ihr auch, daß mich Euer Weggehen ſchmerzt? Ich habe mich auf unſrer kleinen Reiſe ſo ſehr an Euch gewöhnt, daß ich Euch ungern miſſen werde. Es iſt wahr, Ihr ſeht oft ver⸗ zweifelt böſe und grimmig drein; aber ich glaube nicht, daß das wirklich ſo bös gemeint iſt?“ „Kind, Kind, Du weißt nicht woran Du mich mahnſt. Danke Gott, wenn Du von mir — 45— weg biſt; denn auf mir und Allem, was mit mir in Berührung kommt, liegt Gottes Fluch.“ „Das iſt nun gleich wieder eine von Euren Grillen. Gott iſt ſo gut, daß er ja gar nicht fluchen kann.“ „Laß gut ſein! Laß gut ſein!— Ich mag davon nichts wiſſen. Ohnedem nähern wir uns mehr und mehr den Republikanern, und ich muß noch einige Vorſichtsmaßregeln mit Dir beſprechen. Haſt Du Deine Piſtolen noch feſt im Gürtel?“ „Jeſus Maria! werd' ich ſie denn brauchen müſſen?“ „Möglich wäre es. Iſt der Muth ſchon alle dahin?“ „Nein!“ entgegnete der Knabe mit Energie, als ſchäme er ſich der verrathenen Furcht. Wie Piſtolen ſind geladen und ſtecken noch feſt.“ „Auch noch Pulver und Blei vorhanden?“ „Ja. Aber, Alter, wenns nicht durchaus nöthig iſt, ſo wär' es mir lieber... 2. „Still!“ unterbrach den Kleinen der Alte, zog ſein Ruder geräuſchlos aus dem Waſſer, — 476— legte den Finger an den Mund und horchte ſcharf auf. Der Kahn glitt ruhig und langſam eine Strecke auf dem, mit Nebel und Finſterniß be⸗ deckten, Waſſer dahin, aber Alles blieb ruhig. „Ich täuſchte mich!“— begann nach län⸗ gerem Schweigen der Alte halblaut wieder.„ Mir war es, als hätte ich Stimmen gehört. Jeden⸗ falls müſſen wir jetzt doppelt vorſichtig ſein, und wenn ich Dir noch das Nöthige geſagt, keinen Laut mehr von uns geben. Alſo aufgepaßt. Flüſtre ich Dir das Wort„nieder“ zu, ſo legſt Du Dich den langen Weg auf den Boden des Kahns und rührſt Dich nicht; ſage ich dann „Feuer!“ ſo bleibſt Du zwar liegen, ſchießt aber eine Deiner Piſtolen nach der Richtung ab, nach welcher ich zuvor abfeuern werde, reichſt mir Deine zweite Piſtole und ladeſt die erſte wieder. Verſtanden?“ „Ja!“ antwortete der Angeredete mit etwas gepreßter Stimme.„Aber.. 2 „Still! kein„aber“ mehr. Horch!— Das ſind Ruderſchläge— Stimmen!— verflucht! — 477— das ſind Rothröcke!—„nieder“ flüſterte darauf kaum hörbar der Alte, und der Knabe gehorchte zitternd ſeinem Befehl. Das Fahrzeug glitt aber⸗ mals unhörbar dahin. Der Alte hatte ſich nicht geirrt, man vernahm ganz in der Nähe leiſe Ruderſchläge und ein Geflüſter mehrerer Stim⸗ men. Die Dunkelheit hatte ſo zugenommen, daß man auf fünf Schritte weit keinen Gegenſtand mehr erkennen konnte, jeden Augenblick war es daher möglich, daß beide Schiffe aufeinander ſtießen. Der Alte ſah ſich beſorgt um, da kam es ihm vor, als bemerke er wenige Schritte zur Seite ſchwarze Geſtalten, er machte ſich ſchuß⸗ fertig. Aber die Geſtalten blieben ſtumm und unbeweglich, während er gerade auf der andern Seite noch immer die Stimmen der Engländer flüſtern hörte. Sollten jene Reihen von ſchwarzen Dingern das Ufer ſeyn? dacht er, legte ſchnell, aber vorſichtig, das Ruder ein, der Kahn drehte ſich und ſtreifte am Buſche. Ohne einen Mo⸗ ment zu verlieren, umſchlang er einen derſelben, und hinderte ſomit das Fahrzeug am Weiter⸗ ſchwimmen. — 478— Jetzt kam das feindliche Boot raſch näher und vernehmlich hörte man eine Stimme ſagen: „Die Nacht könnte nicht beſſer ſein. Die Rebellen ſchlafen, das Ufer iſt frei.— Darum ſputet Euch; denn bis die ganze Armee herüber kommt bricht doch der Morgen an.“ „Die werden ſchauen, wenn's Neſt leer iſt,“ entgegnete ein Anderer,„können dann ihre Wuth an den Steinen auslaſſen.“ „Cod damn!“ murmelte eine dritte Stimme. „Lobt den Tag doch nicht vor dem Abend. Schweigt, und macht daß wir die Stadt er⸗ reichen.“ Die letzten Worte verloren ſich ſchon und wurden unhörbar. Das Fahrzeug war in Nacht und Nebel verſchwunden. „Auf!“ rief jetzt leiſe der Alte und der Knabe ſprang in die Höhe.„Jetzt alle Kräfte ange⸗ ſtrengt. Das war ein köſtlicher Fang, die drei Worte geben eben ſo viel hundert Königsknechten den Tod. Rudern! rudern! wir müſſen quer über den Strom, und zwar etwas zu Berg⸗ denn durch die Dunkelheit irrgeleitet, ſind wir — 479— gerade ans verkehrte Ufer gekommen. Rudern, Kind, rudern! Washington ſoll Dir's herr⸗ lich lohnen; denn ich verlange nichts für meine Dienſte, ich empfange meinen Lohn ſchon durch den blut'gen Tanz zu dem die republikaniſchen Kanonen aufſpielen ſollen.“ „Vergeßt nur nicht, was Ihr mir verſprochen habt!“ entgegnete der Kleine freier athmend und aus Leibeskräften rudernd. „Bewahre! was ich verſprochen halte ich auch. Ich bin unbeugſam und ſtarr, aber auch feſt und treu, wie ein alter knorriger Eichſtamm. Aber auch zum Galgen oder Henkerblock kann ſolch ein Stamm dienen. Hi! wie war doch die Geſchichte mit dem Fürſten und dem Eich⸗ block?— Komiſch“— fuhr er fort—„ die eben gemachte Entdeckung bringt mich in eine bei mir ungewöhnlich heitere Stimmung. Ich könnte jetzt...“ „Was ſind das für Feuer, die ſo roth durch den Nebel ſchimmern?“ unterbrach der Knabe den Alten. „Wachtfeuer der republikaniſchen Armee!“ entgegnete dieſer. — 480— „Der amerikaniſchen Armee!“ jauchzte der Kleine. „Still! um Gotteswillen ſtill!“ gebot der Alte unwillig.„Wer wird denn ſo ſchreien. Soll Dir eine Kugel von den Schanzen aus das Maul auf ewig ſtopfen?“ „Ach, ich freute mich ſo, daß wir endlich... „Still doch!“ Der Nachen näherte ſich jetzt dem Ufer. Das Plätſchern ſeiner raſch einfallenden Ruder hatte die Schildwache bemerkt und ein: „Wer da!“ donnerte ihnen entgegen. „Freunde der Republik!“ antwortete der Alte. „Was führt Euch ſo ſpät hierher?“ „Wichtige und höchſt eilige Nachrichten für den Generaliſſimus. Ich darf keinen Augenblick verlieren.“ „Wie viel Mann?“ „Zwei. Den Einen laſſe ich Euch als Geiſſel zurück.“ „Aber um Gotteswillen!“ rief der Knabe, „das iſt gegen die Uebereinkunft!“ „Still! mein Kind, es geſchieht Dir Nichts. — 481— Jetzt geht die Sache der Freiheit allem An⸗ dern vor!“ Die Wache war unterdeſſen ins Gewehr ge⸗ treten, der Officier gab dem Alten, um ſich der Wahrheit ſeiner Ausſage verſichert zu halten, eine Bedeckung mit, wies den Knaben in die Wachtſtube, und in wenigen Minuten herrſchte wieder Todesſtille am Ufer des St. James. Eine halbe Stunde verſtrich, das Lager blieb ruhig. Alles ſchlief, nur der gleichmäßige Schritt der Wachen und ihr eintöniger Anruf erſchallte von Zeit zu Zeit, und geſpenſtiſch, wie Frrlichter, flimmten die Feuer durch die dichten, kaltfeuchten Nebel. Da plötzlich erwachte in der ſchlaftrunknen Zeltſtadt ein reges aber wenig lautes Leben. Die Feuer mehrten ſich. Roſſe wieherten. Adjutanten ſprengten hin und her Die Zelte wurden lebendig, Cokonnen ſtellten ſich beim flackernden Scheine der Flammen auf, das tacktmäßige Auftreten marſchirender Maſſen ließ ſich vernehmen, Ka⸗ nonen und Pulverwagen zogen raſſelnd vorüber, kurz Alles kündete an: daß man, in Nacht und Schweigen gehüllt, einen Streich auszuführen Rau, Th. Koscinszko. II. Thl. 31 im Begriff ſtehe. Die meiſten dieſer Kräfte aber, und vorzüglich die Artillerie, zogen ſich nach den ufern des Stromes; während der andere Theil der Armee ſchlagfertig im Lager aufgeſtellt wurde. Washington und ſein Adjutant er⸗ ſchienen in eigner Perſon überall, und ordneten die Maſſen; ſodann verfügten ſie ſich ſo ſchnell als möglich nach den gegen den Fluß gerichteten Lerken. Nachdem dieß Alles geſchehen, Boote zum Recognosciren ausgeſandt, man auch Ad⸗ miral Barras von dem bereits Unternommenen unterrichtet hatte, kehrte faſt Ruhe in das Lager zurück, obſchon das ganze Heer in drohender Haltung aufgeſtellt war. Es ging bereits gegen Mitternacht. Der Wind pfiff ſcharf und fing an die Nebel zu zer⸗ ſtreuen; da gaben die ausgeſandten Boote das Signal, daß die Engländer die Ueberſchiffung begonnen, und mit einemmale donnerten nahe an ſechzig Kanonen von den amerikaniſchen Schanzen und Schiffen, und ſpieen ihr feuriges Verderben über die Feinde aus. Cornwallis ſah ſich verrathen. Da ihm — 483— aber zwiſchen dieſem verzweifelten Uebergange und einer ſchimpflichen Capitulation keine Wahl blieb, und die Dunkelheit der Nacht ihm wenigſtens den Vortheil gab, daß die Amerikaner ihre Geſchütze nicht richten konnten, ſondern auf Ge⸗ radewohl ſchießen mußten, ſo gab er ſeinen Ent⸗ ſchluß auch nicht auf, und die Einſchiffung nahm ihren raſchen Fortgang. Aber es ſchien als ob ſich ſelbſt der Himmel heute gegen ihn verſchworen hätte, denn der Wind erhob ſich mehr und mehr, und wuchs gegen Morgen zum orkanartigen Sturm. Dieß verhinderte nun nicht allein das Zurückkehren der leeren Boote, auf welches man mit Sicherheit, der übrigen Einzuſchiffenden we⸗ gen, gerechnet hatte; ſondern es zerſtreute auch die mit Mannſchaft beſetzten, ſo daß die brit⸗ tiſchen Truppen auf alle Weiſe getrennt und ver⸗ theilt wurden. Erſt mit Anbruch des Tages gewahrte Cornwallis mit Entſetzen dieß Miß⸗ geſchick, und ſah ſich nun genöthigt, wollte er nicht ganz vernichtet werden, die bis jetzt aus⸗ geſchifften Truppen wieder ſämmtlich, trotz dem lebhaften Feuer der Feinde, zurückzuziehen. Da — 484— aber ſchon ein ziemlich bedeutender Theil der engliſchen Armee auf der Glouceſter-Seite des Fluſſes feſten Fuß gefaßt, beſchloß Was⸗ hington ebenfalls eine Abtheilung ſeiner Trup⸗ pen auf das andere Ufer zu werfen, um auch von dieſer Seite die ſich wieder zur Rückfahrt Einſchiffenden beunruhigen zu laſſen. Kos⸗ ciuszko hatte, auf ſeine Bitten hin, dieſen gefährlichen Befehl erhalten, und landete nun mit jener Abtheilung Freiwilliger, die er ſchon zu ſo manchem Siege geführt hatte, und zu welcher auch Paul und der alte Feldwebel ge⸗ hörten. Das Ufer war, unter dem Schutze der ame⸗ rikaniſchen Kanonen und trotz dem Kleingewehr⸗ feuer der Feinde, bald erreicht. Kosciuszko, flammend vor Muth und Kampfluſt, war der Erſte, der, den Degen in der Hand, an das Land ſprang Raſch ordnete er ſeine Leute, und ſtürzte ſich ſodann mit denſelben unter dem Zu⸗ rufe:„Vorwärts Kinder! Kämpft tapfer für Eure — Mutter die Freiheit; für ſie Sieg oder Tod!—“ auf die Feinde. — 485— In demſelben Momente warf ſich die kleine tapfre Schaar mit ſolchem Ungeſtüme auf die an Zahl weit überlegenen Engländer, daß ſich dieſe im erſten Augenblick genöthigt ſahen zu weichen. Ein furchtbarer Kampf entſpann ſich; jeder Ein⸗ zelne ward zum Helden, an Feuern war nicht mehr zu denken, und Mann gegen Mann, Bruſt gegen Bruſt, kämpften beide Nationen wie Löwen. Aber Kosciuszko hatte ſich mit den Seinen zu weit gewagt, und ſah ſich daher in kurzer Zeit von allen Seiten eingeſchloſſen. Washington ſah von der entgegengeſetzten Seite von der Höhe einer Schanze dem Kampfe mit bewaffnetem Auge zu. Aengſtlich pochte ſein Herz bei Kosciuszko's kühnem Angriffe, athem⸗ los folgte er dem Verlaufe des Kampfes; als aber plötzlich ſein Liebling von den Feinden ein⸗ geſchloſſen wurde, konnte er ſich nicht länger halten, und mit dem Rufe:„Kosziuszko iſt in Gefahr!“ eilte er herab, den Freunden auf das Schleunigſte Hülfe zu ſenden. Der Ruf:„Kosciuszko iſt in Gefahr!“ flog wie ein Lauffeuer durch die Reihen der — 486— Armee, und hallte auch bald bei der Abtheilung Amerikaner wider, in deren Händen der alte Deutſche den Knaben zurückgelaſſen. Der arme Kleine war, als ſich der Alte entfernt hatte, bald vor Müdigkeit eingeſchlafen, und fuhr erſt aus ſeinem Schlummer empor, als die Kanonen von den Schanzen aus die Engländer ſo un⸗ freundlich begrüßten. Die Wachtſtube war leer geworden, und ſo brauchte der Zitternde nicht über die Angſt zu erröthen, in welche ihn der ununterbrochene Donner des Geſchützes verſetzte. Er drückte ſich anfangs ſchweigend in eine Ecke, und durfte froh ſein, daß ihn Niemand bemerkte; denn ſein zartes Aeußere und ſein furchtſames Benehmen kontraſtirten ſonderbar zu ſeiner Be⸗ waffnung, wie er denn überhaupt eine eigene Figur abgab. Die anliegenden Beinkleider, das eng zugeknöpfte Matroſenjäckchen, der Quäkerhut, unter welchem ein braunes Geſicht mit lebhaften Augen, von einer Fülle ſchwarzer Locken umgeben, hervorblickte, paßte wenig zu den gewaltigen Piſtolen, die er im Gürtel trug, und dem langen Jagdmeſſer, das wie ein kleiner Degen an ſeiner — 487— Seite hing. Dabei hatte er ſich jetzt in einen Winkel gedrückt, und blickte, die Hände auf dem Schooße gefalten, ängſtlich vor ſich hin. Als aber das Schießen gar nicht aufhören wollte, das leichte Wachthaus gegen alle Erwartung weder in Feuer gerieth noch von Kugeln zer⸗ ſchmettert wurde, und ſich weder der Alte, noch irgend eine andere Seele ſehen ließ; faßte er endlich Muth und entſchloß ſich aus der Stube zu gehen, um doch einmal zu erfahren, wo er ſich befinde, und was ſein weiteres Schickſal ſein werde. Als er herausgetreten, fand er ungeheure Truppenmaſſen aufgeſtellt, die unbeweglich in langen Reihen ſtanden; Officiere, die auf muthigen Pferden auf⸗ und abſprengten; Fahnen, die luſtig im freien Morgenwinde flatterten; ſah Kanonen abfeuern, und hörte die Muſik, deren Töne ihn begeiſternd umrauſchten. Es ward ihm ſonderbar zu Muche in der freien Luft; die Furcht hatte er ganz vergeſſen, ja es däuchte ihm als fühle er ſelbſt Luſt mit drein zu ſchlagen, und unwill⸗ kührlich zuckte ſeine Hand mit einer raſchen und — 488— freudigen Bewegung nach den Piſtolen. Aber er beſann ſich noch zur Zeit darauf: wer und wo er ſei, und trat abermals ſchüchtern zurück. Da⸗ bei liefen aber ſeine Blicke unaufhörlich an den Linien hinab, und ruhten namentlich auf den Officieren mit neugierigem geſpanntem Forſchen. Da er aber nicht fand, was er ſuchte, wollte er ſich eben fragend an einen naheſtehenden Soldaten der Wache wenden, als der oben gedachte Ruf:„Kosciuszko iſt in Gefahr!“ durch die Reihen lief. „Kosciuszko!“ rief jetzt der Knabe ängſt⸗ lich,—„wo iſt Kosciuszko?“ „Da drüben am Ufer!“— entgegnete der Gefragte.„Die Hunde ſpielen ihm hart auf“ „Iſt ſein Lieutenant Paul Steffan bei ihm?“ fuhr der Knabe haſtig fragend fort. „Freilich!“ war die Antwort.„Und ſie wer⸗ den alle zu Stücken gehauen.“ „Jeſus Maria!“ ſchrie bei dieſen Worten die jugendlich feine Stimme des Knaben. Und kommt man ihnen nicht zu Hülfe?“ „O ja! dort marſchiren ſie eben zum Ufer — 489— aber ich fürchte ſie kommen zu ſpät. Willſt Du etwa mit, um den Bratſpieß zu probieren, den Du an der Seite trägſt?“ frug der Soldat ſpöt⸗ telnd und drehte ſich nach dem Knaben. Aber der Kleine war verſchwunden, und der ſtaunende Krieger ſah nur noch, wie er im Laufe die ſich Einſchiffenden einholte, und in einen der Kähne ſprang, die in aller Eile vom Ufer ſtießen. Kosciuszko hatte ſich unterdeſſen mit den Seinen zwar tapfer gehalten; aber die kleine Heldenſchaar ſchmolz zuſehends zuſammen. Ihr Arm mähte in den Reihen der Engländer; aber auf die Haufen der erſchlagenen Rothröcke ſanken, mit Wunden bedeckt, die edlen Amerikaner. Paul und der alte Feldwebel fochten an ihres theuren Führers Seite, ſie wichen keinen Fuß breit, und Einer ermuthigte durch Wort und That den Andern. Eben hatte Paul dem Feldwebel, der aus mehreren Wunden blutete, zugerufen: nicht zu verzagen! als eine Kugel an ſeinem Ohre vorbeipfiff, er ſchaute ſich um, der alte Held lag auf einem Knie. Schnell ſprang ihm Paul — 490— zu Hülfe, aber es war zu ſpät. Ihn mit ſtar⸗ renden Augen anblickend, drückte er ſeinen Unter⸗ lieutenant matt zurück und rief:„Nich laſſen! — nur gemeiner Soldat!— nur einzler Mann! — Hauptmann retten!—“ und ſank mit dieſen Worten todt zurück. Paul warf noch einen ſchmerzlichen Blick auf das blaſſe Antlitz des Tapfern, und ſtürzte ſich dann mit fürchterlicher Wuth, als wolle er den Tod des Gefallenen durch tauſend Tode rächen, auf die Feinde Die Lage der Amerikaner ward von Minute zu Minute ſchlimmer, ihre Schaar war auf Wenige geſchmolzen, und dieſe hatten ſchon jede Hoffnung aufgegeben, als der Ruf:„Es lebe die Republik!“ wie eine Him⸗ melsbotſchaft in ihre Ohren drang. Zu gleicher Zeit ſahen ſich die Engländer im Rücken an⸗ gegriffen, ſchnell ſtob der Knäul, der die Reſte des amerikaniſchen Freicorps bisher um⸗ ſchloſſen, auseinander. Eine furchtbare Salve ſchleuderte Tod und Verderben unter die König⸗ lichen, ſie wichen, und in wenigen Minuten waren die, die ſich nicht durch Kähne retten konnten, vernichtet. Während dieſes Kampfes hatte ſich zwiſchen Paul und Kosciuszko eine kleine Geſtalt gedrängt, und dieſe durch das Abfeuern zweier Piſtolen nicht nur von ihren nächſten Feinden befreit, ſondern auch die Anderen durch dieſe Ueberraſchung zum Weichen gebracht. Jetzt, als die erſte Verwirrung gewichen war, und der Pulverdampf ſich verzogen, ſahen ſich Beide nach ihrem kleinen Retter um. Sie erblickten ihn bald, zweifelten aber im Anfange ob ſie den rechten gefunden, indem der kleine, nahe bei ihnen ſtehende Menſch gar nicht einem Helden glich. Seine Hände hielten zwar noch die Piſto⸗ len, hingen ihm aber an beiden Seiten ſchlaff herab, ſeine Kniee ſchlotterten, und das kleine lockige Haupt war faſt auf die Bruſt geſunken. Kosciuszko und Paul ſtanden einen Moment verwirrt. Da hob ſich das liebe, braune Geſicht, die ſchwarzen feurigen Augen trafen den Lieute⸗ nant— er glaubte zu träumen—„Maria!“ — 92— ſtammelte er faſt lautlos— und in ſeinen Armen lag der Knabe Aber die übernatürliche An⸗ ſtrengung und die Seligkeit des Wiederſehens war zu groß, Marie ſank ohnmächtig zu Paul's und Kosciuszko's Füßen nieder. XXIl. Der Triumph der Freiheit. Und ich eil' es zu verkünden; Freiheit war das Loſungswort. Aus den Höben, aus den Gründen Freiheit, Freiheit ballt es fort.“ Theodor Creizenach. Pauls Bemühungen gelang es endlich die Geliebte wieder in das Leben zurückzurufen, und Beide überließen ſich nun der ganzen Seligkeit, die ein ſo glückliches Wiederſehen nach ſo langer, von Gefahren durchkreuzter Trennung, treu Liebenden gewähren mußte. Kosciuszko hatte ſich auf Augenblicke entfernt, theils um ihr Glück nicht zu ſtören, theils einem ſchneidenden Gefühle in ſeiner Bruſt nicht Nahrung zu geben, mehr — 494— aber noch dem Gebote der Pflicht und der Menſch⸗ lichkeit folgend; indem er die Verwundeten in aller Eile in die Schiffe bringen ließ, und die nöthigen Vorkehrungen zum Wiedereinſchiffen der Seinen traf. Während nun ſein naſſes Auge an den ehrlichen Zügen des alten, treuen Feld⸗ webels hing, deſſen Leiche ebenfalls mit Sorgfalt nach einem Kahne gebracht wurde,— hingen die Blicke Pauls mit Entzücken an der Ge⸗ liebten, die er in ihrem neckiſchen Anzuge nicht genug betrachten, in ihrer Tapferkeit nicht genug bewundern konnte. Marie aber, ſelig vor Freude, lehnte lachend alle Bewunderung ab, indem ſie rief: „Liebſter Paul! beſchäme mich nicht. Meine Tapferkeit iſt nicht weit her. Ich habe mich vor und nach der That entſetzlich gefürchtet, und nur als ich erfuhr und ſah daß und wie Du in Gefahr warſt, riß mich die Liebe zu Dir, die Angſt um Dein Leben, wie im Taumel fort, und ich ſtürzte mich unwillkührlich, faſt bewußt⸗ los, in den Kampf. Als ich aber die Piſtolen abgeſchoſſen hatte, und die Gefahr plötzlich — 495— ſchwand, da erwachte ich wie aus einem böſen Traume, und zitterte an Armen und Beinenz; ich wäre verloren geweſen, wenn der Kampf nicht glücklicherweiſe aufgehört hätte. Sage mir alſo ja nichts von Tapferkeit, von Liebe aber darfſt Du deſto mehr reden.“ Paul drückte ſie an ſein Herz und rief: „Nein, nein! Heißgeliebte! Du redeſt es mir nicht aus, Du biſt meine kleine Heldin; was aber die Liebe betrifft, ſo wollen wir ſehen wer darin den Andern beſiegt. Doch vor Allem erkläre mir, durch welches Wunder Du in dieſem verhängnißvollen Augenblick und in ſolchen Klei⸗ dern hierherkommſt?“ Marie leiſtete gern dieſer Bitte Folge, und erzählte Paul in gedrängten Worten: wie ſie nach langem Gefangenſitzen als unſchuldig frei⸗ geſprochen, Anna Lee dagegen zum Transporte auf dem Schub und zur Ueberlieferung an die Engländer verurtheilt worden ſei. Kein Menſch habe ſich ihrer dann angenommen, fuhr ſie fort, ſo daß ſie, als man die Prophetin weggeführt, den Entſchluß gefaßt habe: Ihn und Kos⸗ — 496— ciuszko aufzuſuchen. Von Allen verlaſſen, mit der Gegend, und dem Aufenthalte der Armee unbekannt, würde ſie indeſſen ſchwerlich ihr Vor⸗ nehmen haben ausführen können, wenn ſich ihrer nicht ein alter Mann angenommen, und ihr verſprochen hätte; ſie zu Kosciuszko zu ge⸗ leiten. Auf deſſen Vorſtellungen hin, habe ſie dann, der Sicherheit wegen, die männliche Klei⸗ dung angelegt, und ſei mit dem Alten viele Tage lang gegangen, bis ſie Beide zu ihrem Verdruſſe erfahren, daß die amerikaniſche Armee nicht mehr in der Gegend von Newyork ſtehe, ſondern auf Yorktown zu marſchire. Nun ſeien ſie wieder umgekehrt und hätten, als ſie ſich dieſe Nacht auf dem Fluſſe dem Lager ge⸗ nähert durch Zufall entdeckt, daß die Engländer ſich überſchiffen wollten. Der Alte wäre mit dieſer Nachricht zum Generaliſſimus geeilt, ſei aber nicht wieder zurückgekommen, ſie habe dann zufällig gehört daß er und Kosciuszko in großer Gefahr ſchwebe, und hätte ſich daher, von Angſt und Liebe getrieben, unter die, zur Hülfe abgeſandten, Truppen gemiſcht. —— Dieß waren in Kürze die Andeutungen über ihr Schickſal ſeit ihrem letzten Zuſammentreffen mit dem Geliebten. Paul hörte ſtaunend ihrer Erzählung zu, die kaum geſchloſſen, als das Zeichen zum Einſchiffen gegeben wurde. Washington harrte am Ufer mit Unge⸗ duld auf die Zurückkunft ſeines Lieblings, dem er dann auch, als die kleine Flotte landete, mit Liebe die Hände entgegenſtreckte, indem er ihn mit freundſchaftlichen Vorwürfen über ſeine all⸗ zugroße Kühnheit überhäufte. Die Eroberung von Yorktown war durch den, im vorigen Kapitel erwähnten unglücklichen Rückzugsverſuch des General Cornwallis ſo gut als vollendet; indem nun den Engländern vernünftigerweiſe nichts mehr übrig blieb, als die Stadt zu übergeben. Cornwallis ſelbſt ſah dieß ein, und knüpfte daher, als Was⸗ hington Anſtalten zur Beſtürmung machte, Unterhandlungen an. Er verlangte zur Auf⸗ ſtellung der Bedingungen einen vierundzwantig⸗ ſtündigen Waffenſtillſtand, der ihm jedoch, da Washington inzwiſchen die Ankunft Clin⸗ Rau, Th. Kosciuszko. II. Thl. 32 — 498— tons befürchten mußte, nur auf zwei Stunden be⸗ willigt ward. Nach kurzen Unterhandlungen wur⸗ den die Bedingungen der Capitulation feſtgeſetzt. Yorktown und Glouceſter, ſo wie ſämmtliche engliſche Kriegs⸗ und Transportſchiffe und Zweihundert vierzehn Kanonen nebſt vieler Munition, fielen den ſiegreichen Amerikanern in die Hände Cornwallis und ſeine Sieben⸗ tauſend Mann regulärer Truppen, ſo wie an tauſend Matroſen, ergaben ſich als Gefangene. Mit Stolz blickte Amerika auf den neunzehnten Oktober des Jahres 1781. Er entſchied das Schickſal der vereinigten Staaten!— Ihm dankten die Colonien den Triumph der Freiheit! — Seinem Andenken ließ der Congreß eine prächtige Marmorſäule ſetzen!— Wie ſchlugen ihm, als er ſo licht und herr⸗ lich anbrach, alle die treuen, freiheitdurſtigen Herzen der amerikaniſchen Armee entgegen;— wie grüßte ihn ein lauter Jubel, wie ſtieg ein herzinniger Dank mit ſeiner Morgenſonne zu dem Ewigen auf!— Mit Tagesanbruch erwachte in Stadt und — 499— Lager ein reges, lautes Leben. Auf allen Ge⸗ ſichtern lag der Ausdruck derjenigen Gefühle, welche die große Begebenheit, mit der man ſich beſchäftigte in dem Innern eines Jeden geweckt. Freude ſtrahlte aus den Augen der tapferen Männer, die nun endlich, nach ſiebenjährigem Kampfe, auf beſſere Erfolge ihrer Mühen und Aufopferungen hoffen durften;— Verdruß und Niedergeſchlagenheit kündeten die Züge der Beſieg⸗ ten, die ſich, ihrer Tapferkeit bewußt, nur mit deſto größerem Unwillen ihrem Unſterne ergaben. Gegen Mittag ordneten ſich beide Armeen zur Uebergabe und Uebernahme der Stadt und der Gefangenen. Es war ein imponirendes, tief ergreifendes Schauſpiel, als die Engländer zwiſchen der amerikaniſchen und franzöſiſchen Armee, bei klingendem Spiel und an Zweiundzwanzig fliegen⸗ den Fahnen vorüber defilirten, und am Ende der langen Reihen ihre Waffen und Standarden in Haufen niederlegten. Da knirſchten die König⸗ lichen in verbiſſenem Unmuthe— da jauchzten de freien Amerikaner! Der Jubel der ſiegreichen Armee, dauerte — 500— bis tief in die Nacht. Ueberall herrſchte Luſt, Geſang und Scherz, aus allen Ecken und Enden der Stadt ertönten frohe Lieder, denn auch die Einwohner des lange geängſtigten Yorktowns athmeten wieder frei auf, ſchwiegen doch die mörderiſchen Kanonen, waren ihre Landsleute doch nun ihre Gäſte. Die Glücklichſten von all dieſen Menſchen waren demohnerachtet wohl Paul und Marie. Letztere, nun wieder in die Kleidung ihres Ge⸗ ſchlechtes gehüllt, hörte und ſah von all den Feierlichkeiten die man zur Feier des Sieges veranſtaltet hatte, wenig oder vielmehr nichts; hing mit der ganzen Gluth ihrer leidenſchaft⸗ lichen Seele, an dem Halſe ihres Pauls, und gelobte laut und feierlich: ihn nun und nimmer⸗ mehr zu verlaſſen, ſelbſt dann nicht, wenn ihn ſeine Pflicht auf das Feld der Ehre rufe. Paul war ebenfalls überglücklich. Der Beſitz des ge⸗ liebten Gegenſtandes hatte ihn ordentlich über⸗ müthig gemacht; ſeine heitre Laune, die ihn ſeit langer Zeit verlaſſen, kehrte mit einemmale zurück. Er glich einem Kinde, das nach langem Kränkeln —— ſich nun endlich wieder wohl fühlt, und, in dem Wiederfinden ſeiner Kräfte, ſich vor Muthwillen kaum zu halten weiß. Ihr Koſen war kein Schmachten, es war ein kindliches Jubeln, Necken und Herzen. Mitten in die Scenen dieſer Liebesluſt trat gegen Abend Kosciuszko. Auch er war ſtill vergnügt, und wurde es heute noch mehr in der Nähe der Glücklichen. Führte ſein Herz doch zwei Hoff⸗ nungen wie liebliche Bräute heim, die; des bal⸗ digen Sieges der guten Sache, mit welcher ſeine Rückkehr in das theure Vaterland verbunden war, und jene: vielleicht! auch noch durch die Liebe auf Erden glücklich zu werden. Als Thaddäus in das Zimmer, welches Paul jetzt bezogen, eingetreten, flogen ihm beide Liebenden jauchzend entgegen. Er betrachtete ſie mit freudiger Rührung, denn er gedachte ſeiner undLouiſens, und an die ferne Möglich⸗ keit eines ähnlichen Glückes. „Kinder!“ rief er daher mit bewegter Stimme, — ich komme einen ſchönen, frohen Tag durch ein gleiches Werk zu krönen. Ihr habt Beide, — 502— wie ich weiß, keine Aeltern mehr; denn Paul's Vater, der ſich in Europa befindet, iſt für ihn kaum mehr als lebend zu betrachten,— darum will ich, treu meinem Verſprechen, ſuchen Euch dieſelben zu erſetzen. Ihr liebt Euch redlich und wahr; ſo ſchließt denn das Band, das Euch auf ewig glücklich machen wird; ſchließt es um ſo mehr bald, als Marie keine andere Stütze als Paul hat, und die Sitte es gebietet. Ich ſelbſt beſitze an Glücksgütern wenig; aber genug die bürgerliche Eriſtenz meines Lebensretters zu grün⸗ den. Ich ſorge daher für Euch und Euer Fort⸗ kommen, und iſt dieſer Krieg,— wie ich hoffe bald— geendet, dann ſteht es Paul frei, ſich in den vereinigten Staaten niederzulaſſen, nach ſeiner Heimath zurückukehren— oder— was mir das Liebſte wäre— mich nach meinem Polen zu begleiten, wo wir der tapfern Arme bedürfen werden.“ Paul und Marie wußten kaum auf welche Weiſe ſie ihrem edlen Freunde danken ſollten. Die Creolin hüpfte und tanzte und rief ein über das anderemal: —— — 566— „Nun iſt Paul auf ewig mein, nun iſt er mein Mann und ich laſſe ihn nie wieder fort!“ Paul ſelbſt drückte herzlich Thaddäus's Hand und ſagte, mit einem Tone, der aus dem Innerſten ſeiner Seele kam, und den nur Mann gegen Mann verſtehen konnte: „Meine Dankbarkeit ſtirbt nur mit meinem letzten Athemzuge. Ich hoffe Gelegenheit zu fin⸗ den, dieß thatkräftig zu beweiſen.“ „Paul!“ entgegnete ernſt und feierlich Kos⸗ ciuszko,— ich halte Sie bei'm Wort, wenn Sie mir in Etwas verpflichtet zu ſein glauben, zahlen Sie dieſe Schuld meinem Vaterlande. Polen iſt mein Herz“ Paul ſchlug freudig ein, und noch an dem⸗ ſelben Abende ſchloſſen Paul und Marie vor dem Angeſichte des Allmächtigen, und unter prie⸗ ſterlichem Segen, den ſüßen Bund der heiligen Ehe.—— Die Eroberung Yorktowns entſchied den Ausgang des Krieges und das Schickſal der Re⸗ publik. Mit ihr war das ganze Gebiet der ver⸗ einigten Staaten, mit Ausnahme von wenigen — 504— Städten, dem Congreſſe unterworfen. England fühlte die Ohnmöglichkeit den Beſitz der Colo⸗ nien länger zu behaupten, und als nun noch ein Unglück das andere ſchlug, als noch die Inſel Euſtaz nebſt einem beträchtlichen Schatz in die Hände der Franzoſen fiel, und ein franzöſiſches Geſchwader, unter den Befehlen des Grafen von Kerſaint, den Engländern die Beſitzungen Demerary und Eſſequebo genommen,— als ferner die Staatsſchulden der kriegführenden Mächte bis zu einer enormen Höhe geſtiegen—*) ſehnte man ſich endlich nach dem Frieden, und der dreißigſte November 1782 brachte endlich! die von Amerika ſo erſehnte Anerkennung der Unabhängigkeit von Seiten Englands. Die Frei⸗ heitsliebe der Amerikaner hatte geſiegt, die Re⸗ *) Amerika's auswärtige Schuld, die es während des Krieges gemacht, ſtieg auf neun Millionen Dollars, die Schuld zu Hauſe betrug 34 Millionen. Groß⸗ brittanien koſtete der Krieg 116 Millionen Pf. St., ſo daß die Laſten jährlich um 4,500,000 Pf. St. ver⸗ mehrt werden mußten. Dr. Heinr. Elsner's Befreiungskampf der nordamerikaniſchen Freiſtaaten⸗ publik der vereinigten Staaten brachte den Völ⸗ kern einen neuen, ſchönen Morgen. Wie freudig Kosciuszko dieſe Begeben⸗ heiten berührten, ein neuer Kummer nagte an ſeinem Herzen: alle Nachrichten von Europa blieben für ihn aus Längſt hätte eine Antwort Louiſens auf ſeinen erſten, ja ſelbſt auf ſeinen zweiten Brief in ſeinen Händen ſein können, längſt hätte Niemcewicz ihm antworten müſ⸗ ſen— und dennoch hatte er ſeit unendlicher Zeit weder von der Geliebten noch von dem Freunde eine Zeile erhalten. Eine namenloſe Unruhe verzehrte ihn. Daß Louiſe nie auf⸗ hören werde ihn zu lieben, davon war er feſt überzeugt; aber konnte ihr nicht ein Unfall zu⸗ geſtoßen, konnte ſie nicht ſelbſt geſtorben ſein?— Dieſe Gedanken quälten und ängſtigten ihn be⸗ ſtändig, und doch mußte er in Amerika bis zum völligen Friedensabſchluſſe ausharren, da er dieß ſchon in früheren Zeiten ſeinem Freunde Was⸗ hington auf das Heiligſte verſprochen hatte. Endlich, endlich! kam ein Brief von Niem⸗ cewicz. Er bezog ſich auf frühere, die Kos⸗ ciuszko aber nicht erhalten,— rief denſelben dringend nach Polen— und ſchloß mit der — 506— Schreckensnachricht: daß Louiſe, auf eine faſt unbegreifliche Weiſe, plötzlich aus dem Kloſter der Kamadulenſerinnen verſchwunden ſei. Jetzt war keine Ruhe für Thaddäus mehr in Amerika; er eilte zu dem Generaliſſimus ihn um ſeinen Abſchied zu erſuchen. Washington begrüßte ihn freudeſtrahlend,— der Friede war abgeſchloſſen. Die Verabſchiedung der Armee wurde in der Kürze beſtimmt, und wenige Tage darauf beſchloſſen die Helden des Freiheits⸗ krieges, mit welchen Thaddäus nun fünf Jahre gedient hatte, ſich von einander zu trennen. Neue Wunden bluteten in dem Herzen des edelſten der Polen; und weder der Cincinatus⸗ orden, noch die Ernennung zum Bri⸗ gadegeneral, noch das Landgut und die anſehnliche Penſion die ihm alle als Zeichen der Anerkennung, der Dank⸗ barkeit der Nation durch den Congreß wurden, konnte den Schmerz mildern, der ihn bei dem Gedanken an die Trennung von ſeinen Freunden, und namentlich von Washington, ergriff. Nur ein noch größeres Leiden war im Stande dieſen Schmerz zu betäuben. Der Tag des Abſchieds war gekommen, es ——— war der vierte Dezember des Jahres 1783. In einer prunkloſen Taverne hatten ſich die Officiere der ganzen Armee um ihren Vater, um ihr Ideal— um Washington, verſammelt. Ein freundſchaftliches Mahl vereinigte ſie; aber keine Freude wollte die Stunde der Trennung dulden, Alle waren zu tief von dem Augenblicke ergriffen. Washington konnte ſeine Empfindungen nicht verbergen, in tiefem Schweigen füllte er ſein Glas, ſtand auf und ſprach voll Rührung zu den Seinen: „Mit einem von Liebe und Dankbarkeit er⸗ füllten Herzen nehme ich jetzt Abſchied von Ihnen. Mein ſehnlichſter, mein heißeſter Wunſch iſt: daß Ihre künftigen Jahre eben ſo glücklich und heiter ſein mögen, als ein Theil Ihrer früheren ruhm⸗ würdig und ehrenvoll war.“ Rührung erſtickte hier ſeine Stimme. Er trank und ſetzte ſodann hinzu: „Ich kann nicht zu Jedem von ihnen kom⸗ men um Abſchied zu nehmen, Sie werden mich aber verbinden, wenn ein Jeder von Ihnen kommt, auf daß ich ihm noch einmal die treue Hand ſchüttle“ Alle erhoben ſich. Kosciuszko aber, der — 508— ihm am nächſten ſtand, war leichenblaß geworden, ſein Schmerz hatte ihn übermannt, er vermochte kein Wort hervorzubringen, er ſank in ſeine Arme. Lang hielten ſich beide Männer ſtumm umſchloſſen. Kein Auge war trocken, kein Wort, kein Laut unterbrach die tiefe, feierliche Stille dieſes heiligen Moments. Als Alle von ihrem Vater Abſchied genommen, verließ er den Saal um nach ſeinem Landgute Mount⸗Vernon zurückzukehren. Thaddäus ſtand in ſich ge⸗ kehrt. Da weckte ihn der Donner fernen Ge⸗ ſchützes aus ſeinem Sinnen, es waren die Signale der nach Europa ſegelnden Schiffe.— Er ſchied.— Auf dem Verdecke empfingen ihn Paul und ſein geliebtes Weib, und alle Dreie wandten ſich noch einmal nach der Küſte des Landes, das aller Welt und Zeit die große Lehre gab: daß ſich die Kraft menſchlichen Willens in dem Kampfe der Völker gegen ihre Unterdrücker doch ſtets— früh oder ſpät— als unbeſiegbar be⸗ währt. Inhalt. Erſtes Rapitell. Das Zuſammentreffen. Seite Der Urwald.— Der Verirrte.— Die Ente. — Sehnſucht nach dem Vaterlande.— Der Quäker.— Wioming.— Das Eldorado Nordamerikas. 7— 32 Zweites Rapitel. Die Quäker⸗Familie. Das freundliche Haus.— Bruder Johannes. — Bertha.— Der neu geſchaffene Quäker. — Der Abend vor dem — Die Creolin. Hauſe.— Das Abendeſſen.— Pauls Scisſale 33— 53 II Drittes Rapitel. Die Geſellſchaft der Freunde. Die Worte des Glaubens.— Der Beſuch.— Die unglückliche Nachricht.— Markwaldens Kummer.— Paul und Marie.— Der Sonntag.— Das innere Licht.. Viertes Rapitel. Gott will es! Folgen der Rede Bedlocks.— Wioming in Waffen.— Kindliche Liebe.— Geſchichte des Aufſtandes der in Nordamerika. Der erſte Tag in Amerika. Das Meer.— Thaddäus Kosciuszko.— Seelenzuſtände.— Die Reveille.— Der Boden der Freiheit.— Enthuſiasmus. — Die beiden Nationen.— Das Lager. — Die— Was⸗ hinton. Fön Seite 54— 84 85⁵— 110 111— 130 1II „ Sechstes Rupitel. Stoney⸗Point. Der Hudſon.— Cattshill.— Die beiden Feſten.— Der Commandant von Stoney⸗ Point.— Die Unterredung.— Die Irokeſen.— Die Republikaner.— Die Erſtürmung. Siebentes Rapitel. Das Wirthshaus. Das Loghaus im Walde.— Die Geſchichte von dem großen Kuchen.— Die Ueber⸗ raſchung.— Der Held von Monmouth. — Der Einſame.— Der Hülferuf.— Edler Entſchluß. Achtes Rapitel. Der Tag des Jammers. Trügliche Ruhe.— Die Waffen.— Himm⸗ liſche Nacht.— Sehnſucht.— Das Fenſter ver Geliebten.— Der Magnolienbaum. — Seligkeit der Liebe.— Die Störung. — Der finſtere Geiſt.— Gottesergeben⸗ heit.— Das erſchütternde Bild.— Der Ueberfall.— Letzte Kraftanſtrengung.— Berthas Tod.— Hübfe Seite 131—152 153 179 180— 203 Ueuntes Rapitel. Wiomings Untergang. Verzweifelter Kampf.— Kosciuszkos Er⸗ ſcheinen.— Gegenſeitige Rettung.— Paul und der Alte.— Ueberraſchung. — Wioming.— Buttlers Hinterliſt und Abſcheulichkeit.— Kosciuszkos edles Herz.— Pauls Verſchwinden. 204— 220 Behntes Rapitel. Der Brief. Lorbeern.— Zwei große Männer.— Ein ſchönes Bündniß.— Der Brief.— Hohe Freundſchaft.— Polen.— Louiſens Schickſale. Eilftes Kapitel. Kosciuszko an Niemcewicz. Gefühle.— Was iſt Liebe.— Lebenszweck. 245— 251 Zwölftes Bapitel. Die Macht des Aberglaubens. Der Aberglauben.— Caracteriches Flucht. — Angſt.— Apathie.— Der ſtille See. Seite — Die ſchreckenvolle Nacht.— Der Jaguar.— Liebesantrag.— Widerſtand. — Anna Lee.— Die Zauberin. 252—280 Dreizehntes Rapitel. Die Prophetin. Dankbarkeit einer Befreiten.— Gute Auf⸗ nahme.— Der Heiligenſchein.— Annas Geſchichte.— Die Königin des Waldes. — Das leere Herz.— Regierungsſorgen. — Die unglückliche Wahl.... 281— 303 Vierzehntes Rapitel. Der Fall des Niagara. Die Verlorene.— Der Menſch und der Erdenjammer.— Suchen und nicht finden.— Entſchluß.— Seltſame Er⸗ ſcheinungen.— Der Fall.— Gott in der Natur.— Verzweifelter Kampf.— Das Wellengrab.— Dank.— Die Gottes Inſel.— Die Chippeway⸗In⸗ dianer.— Das Opfer.— Wiederſehen und Trennung. 304— 335 VI Fünfzehntes Rapitel. Ninety⸗Six⸗ Seite Stand der Kriegsbegebenheiten.— Was⸗ hington.— General Green.— Der Feldwebel.— Der Fremde.— Ninety⸗ Six.— Inſubordination.— Der Un⸗ glücksbote.— Zwiſchen zwei Feuer.— Rückzug.— Kosciuszkos Menſchlichkeit. 336— 362 Sechzehntes Rapitel. Das Hauptquartier. Das Lager.— Der ſonderbare Trinker. Die Verſammlung.— Unterredung.— Schöner Lohn. 363— 380 Siebzehntes Kapitel. Sturm und Hafen. Innres Glück.— Doppelliebe.— Die Briefe.— Das Ringen einer großen Seele.— Louiſens fernere Schickſale.— Kosciuszko an Louiſe. 381— 408 VI . Achtzehntes Rapitel Die Gefangenen. Williamsburg.— Der verlorene Sohn— Der Einzug.— Annas Gefolge— Der Verhaftungsbefehl.— Mißglückter Be⸗ kehrungsverſuch.— Gefangennehmung. — Wiederfinden.— Eine ſchmerzliche Pflicht.— Hülfe.— Die Schlange.— Im Kerker.— Ein zweiter Vater. — Das Schlachtfeld. Ein Brandmal der Menſchheit.— Des Himmels Fluch.— Die Todtenſchau.— Der Schub.— Kühner Entſchluß. Bwanzigſtes Rapitel. . Die innere Welt. Louiſe an Kosciuszko.— Poetiſche Auf⸗ faſſung der Religion.— Thaddäus an 5 i ——— Ueunzehntes Kapitel. Seite 409— 435 436— 446 447— 464 5 VIII Einundzwmanzigſtes Rapitel. 3 Die Eroberung von Borktown. Seite Washingtons Plan.— Gelungene Liſt. Vorktowns, Lage.— Cornwallis Entſchluß.— Günſtige Nacht.— Die beiden Schiffer.— Die Gefahr.— Das Lager.— Der Uebergang über den St. James.— in Sſhe— B Fiſcher⸗Knabe... 1465— 492 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Der Triumph der Freiheit. Aufſchlüſſe.— Capitulation.— Der ſchöne* Morgen.— Der Liebesbund.— Folgen der Eroberung Yorktowns.— Neuer Kummer.— Schreckensnachricht.— 3 Zeichen der Anerkennung— Stunde 3 der Trennung. 493— 508 ſm 13 16 17 1 5 8 9 10 11 12 13 —„ — 5 6 5 4— 2