3 Leihbibli deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 4 6duard Oltmann in Gieſten, 2 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und eſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht k Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag vön Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Vuches wird von jedem Tag 5 Pf⸗ bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenummen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe ei entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zuruckgabe von mir zurückerſtattet wird „ 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wocheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1— F 1N 6 F 1„ 3„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 8. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Küpfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene und defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders varauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ Kniſer und Narr. Dritter Theil. Kaiſer und Narr. Hiſtoriſcher Roman von Heribert Rau. Dritter Theil. Leipzig: F. A. Brockhaus 1845. — — —— —— IFnhalt. Seite 1. Der Gefangene. Piſa.— Der Gefangene.— Todesſehnſucht.— Der Arzt Auge und Ohr 1 2. Das ſtille Thal und die Wunderblume. Verrucolo.— Der Beſuch.— Wiederſehen.— Die 20 3. Verrucolv. Die Folgen menſchlicher Schwäche.— In Turin des Kanzlers Schändlichkeit.— David entdeckt.— Der 4. Wichtige Begebenheiten. Ein edler Menſch.— Schmerzliche Erinnerung.— Friedrich in Deutſchland.— Enzio und Adelaſia.— Bann.— Gregors Tod.— Sinibald Fiesko als Pahſt. Ungebenzt. 49 5. Die Verirrten. Jocko.— Der Narr.— Das Thal.— Das Zauber⸗ bild.— Die Ueberraſchug 69 Seite 6. Die Kirchenverſammlung zu Lyon. Spottweiſen.— Des Papſtes Betragen⸗— Der griechi⸗ ſche Kaiſer.— Der 5. Juli 1245.— Der Fluch. 92 7. Die Verſchwörung. Würdigung.— Schlingen.— Friedrich und ſeine Kro⸗ nen.— Der Kaiſer im Kreiſe der Seinen.— Der iſt de Räche 125 8. Neue Kämpfe. Des Kaiſers Nacht.— Ezelino.— Deutſchland.— Heinrich Raspe Gegenkönig.— Rettung durch Bür⸗ Herete Pittoti 141 9. Die Falkenjagd. Ein erſter Ausflug.— Eiferſucht.— Gute Pflege.— Ein Bild.— Die Reiterin.— Fromme Liebe.— Das Unglück.— Schreckensbotſchaften........... 15⁰ 10. Der Triumphzug. Bolognas Siegesfeſt.— Lucia Viadagoli.— Vater und Tochter.— Der gefangene König.— Das tolle Weib Das Wüder 164 11. Ein kühner Entſchluß. Die Liebe.— Um Mitternacht.— Bemühungen.— Fra Salimbene.— Ein hartes Loos..... 185 12. Das Geſtändniß. Der Verſchwundene.— Aſinelli.— Des Kaiſers Ret⸗ tungsverſuche.— Die Verlobte.— Das Zwiege⸗ ſpraͤch.— Weibliche Leidenſchaftlichkeit.— Der Entſagenbe 198 vII Seite 13. Enziv. Der Hof eines gefengenen Königs.— Enzio's Tafel⸗ runde.— Der Diener.— Troſt für ein wundes Herz.— Mann und Weib.— Enzio's Geſchichte. 210 14. Der Liebe Wagniß. Der Weinküper und die Signora.— Umgeſtaltung äußerer Verhältniſſe.— Die Verabredung.. 249 15. Die Rettung. Eine ſchreckliche Nacht.— Die Erſcheinung.— Ent⸗ 269 16. Fra Salimbene. Dieſſeits und Jenſeits.— Heldenthum.— Deutſch⸗ land und Innocenz.— Der Einſame.— Der Kai⸗ ſer, ſein Narr und ſein Kanzler.— Ein Egoiſt.— S. Madonna della Spina.— Der Verſucher.. 279 17. Treue Liebe. Schmerzliches Erwachen.— Aufforderung zur Flucht.— Gräßliche Nachrichten.— Das Blutgerüſte.— Le⸗ bendig begraben 18. Abenddämmerung. Der Aufbruch.— Schwert und Helzweig.— Der weiße Thurm.— Die Ahnung.— Raſt.— Ein 326 19. Der Todesſtoß. Der ſchwarze Ritter.— Der Schwur.— Hülferuf.— Entdeckung.— Freundſchaft und Verrath.— Fried⸗ rich zu Siena.— Des Kanzlers Arzt 343 Seite 20. Vineis. Zweifel und Ueberzeugung.— Aufbruch.— Der Hölle Triumph.— Der Kerkermeiſter.— Der Balkon.— Der Kampf der Elemente.— Der Todesſtoß. 359 21. Ende. Unter Blumen.— Die Schauer des Todes.— Eine ernſte, große Stunde.— Kaiſer und Narr.......379 1. Der Gefangene. Und wenn du ganz dich zu verlieren ſcheinſt, Vergleiche dich! Erkenne, was du biſt! Ja, du erinnerſt mich zur rechten Zeit!— Hilft denn kein Beiſpiel der Geſchichte mehr? Stellt ſich kein edler Mann mir vor die Augen, Der mehr gelitten, als ich jemals litt, Damit ich mich mit ihm vergleichend faſſe? Nein, Alles iſt dahin!— Nur Eines bleibt: Die Thräne hat uns die Natur verliehen, Den Schrei des Schm erzens, wenn der Mann zuletzt Es nicht mehr trägt. Goethe. a In einer anmuthigen, gleich einem Garten bebau⸗ ten Ebene, vier Miglien von der Mündung des Arno in das tyrrheniſche Meer, liegt das alte, be⸗ rühmte Piſa. Schon Virgil verbreitet ſich über ſeinen Ur⸗ ſprung und leitet ihn von der Stadt Piſa in Elis am Ufer des Alpheus her. Woher er es auch Aphacae ab origine Pisae nennt. Gewiß iſt, daß im Jahre Roms 572 eine römiſche Colonie hierher geſandt wurde und daß ſich der Ort ſpäter zu einer römiſchen Municipal⸗ ſtadt erhob. II. 1 2 In bunter Abwechslung des Glücks und Un⸗ glücks ſtürmte ſeitdem das Schickſal über Piſas ehrwürdige Mauern, erhob es bald zu einer ehr⸗ furchtgebietenden Größe und Macht und beugte es dann wieder unter die Hand blutiger Tyrannen. Namentlich mußte die ſchöne Stadt viel in den Kriegen der Guelfen und Ghibellinen leiden, in welchen ſie ſich, je nach der Uebermacht der in ihr herrſchenden Partei, zu den Päpſten oder den Kai⸗ ſern hielt. Dennoch feierte Piſa in jenen Tagen blutiger Kriege ſein goldenes Zeitalter. Die Zerſplitterung Oberitaliens gab ihm Un⸗ abhängigkeit; ſein Handel blühte, ſeine Macht zu Land und See wuchs, ſeine Schiffe bedeckten alle Meere und noch zeugen ſeine Prachtgebäude, das reiche Gepräge des Mittelalters tragend, von jener Glanzepoche, in welcher es an 150,000 Einwoh⸗ ner zählte, deren Menge jedoch, nachdem es nach langen Kämpfen den florentiniſchen Mediceern er⸗ legen, auf 20,000 zuſammenſchmolz. Eines aber konnte weder die Macht der Zeit noch die Tyrannei der Menſchen ihm nehmen und dies iſt die Gunſt, mit welcher es die Natur von jeher behandelt; eine Gunſt, doppelt ſchätzbar durch ihre Unwandelbarkeit und die Fülle des Segens, die ihr entſtrömt. 82 — 3 Erwähnt Dante in ſeiner„Hölle“ und Ger⸗ ſtenberg in ſeinem„Ugolino“ der tragiſchen Ge⸗ ſchichte der Stadt und ihrer Geſchlechter, ſo preiſt die ganze Welt die herrliche Lage Piſas, deren be⸗ ſtändiges und geſundes Klima und vor allen ſeine warmen Heilquellen, deren es ſechsunddreißig beſitzt. Schon den Römern waren dieſe Quellen, die vierundzwanzig bis ſechsunddreißig Grad Wärme haben, ſo wie die reine, heitere Luft Piſas bekannt, wie denn auch der Ort von den Aerzten alter und neuer Zeit allen Denjenigen empfohlen wurde und noch wird, die ſich vor den Stürmen des Winters ſchützen wollen, oder das Bedürfniß haben, eine reine Luft einzuathmen. Hierdurch, ſo wie durch ſeine reizende Lage und das milde Klima, welches eine beſondere Kul⸗ tur der Orangen, anderer ſüdlichen Früchte und der ſeltenſten Blumen zuläßt, iſt Piſa und ſeine Umgegend namentlich auch ein günſtiger Aufenthalt für Nervenſchwache, Miſantrope und geiſtig Lei⸗ dende, ſo wie ſeine Bäder namentlich auf Leber⸗ krankheiten und gichtiſche Uebel heilſam einwirken. Alle dieſe Vortheile der guten Stadt waren denn auch ſchon zu jenen Zeiten bekannt, in welchen unſere Geſchichte ſpielt, und Kaiſer Friedrich II ſelbſt hielt ſich hier öfter auf; während er das be⸗ 4 nachbarte Florenz ſtets um ſo ſorgfältiger vermied, als ihm ja Skotus einſt vorausgeſagt: er werde unter Blumen ſterben. Welch räthſelhafte Erſcheinung bleibt doch im⸗ mer der Menſch in ſeinem Seelenleben! Der größte Geiſt ſeines Jahrhunderts, der in politiſchen und religiöſen Dingen ſo klar ſah und ſo frei dachte; der wiſſenſchaftlich durchbildet, kräftig gegen den unſinnigen Wunderglauben ſeiner Tage zu Felde zog; der die Natur ſo ſorgfältig belauſchte und ſelbſt bemüht war ihre ewigen Geſetze zu enthül⸗ len: dieſer große, hellſehende Geiſt wagt es nicht, den Einfluß der himmliſchen Geſtirne auf das Er⸗ — denleben der armen Sterblichen zu leugnen, und hängt mit feſtem Glauben an den myſteriöſen Aus⸗ ſprüchen ſeines Aſtrologen. Doch kehren wir zu unſerer Erzählung zurück und werfen einen Blick auf einen armen Menſchen, welcher, als wahnſinnig geltend, ſeit Jahren auf der unweit Piſa gelegenen Feſtung Verrucolo wohnt. Es iſt David Federbuſch, einſt des Kaiſers luſtiger Rath. 4 Er iſt kaum mehr zu erkennen. Bleich und ſchmal tritt ſeine Misgeſtaltung nur noch ſchärfer hervor. Aber ſeine Züge ſind nicht entſtellt; ſie ragen nicht jenen graſſen, wirren Ausdruck des Wahn⸗ — 5 ſinns; verrathen nicht die Apathie und Stumpfheit eines Geiſtes, dem ſich der Tag der Vernunft in die traurige Nacht geiſtiger Bewußtloſigkeit ver⸗ wandelt hat. Seine milden Züge zeugen von einem namen⸗ loſen Seelenſchmerz, aber ihr Ausdruck iſt der der Reſignation; ſeine Augen blicken matt aber ruhig; ſein ganzes Weſen iſt ſtill, niedergebeugt, in ſich abgeſchloſſen. David ſaß auf der ſteinernen Bank einer Terraſſe, welche das äußerſte Vorwerk der Feſtung bildete, und ſchaute gedankenvoll in die wundervolle Gegend, die ſich vor ihm ausdehnte. Von den faſt ſenkrechten, hochaufſtrebenden Felſenmaſſen, welche Verrucolo trugen, führte nur ein mit erſtaunenswürdiger Beharrlichkeit in die Felſen gehauener Fußweg in die Ebene. Aber hier war es auch, als münde er in einen Feengarten. Herrliche Felder türkiſchen Weizens wechſelten mit unabſehbaren Rebenpflanzungen; Kaſtanien⸗ wälder zogen ſich an den ſanften Hügeln hin und ſtreckten ihre ſchattigen Dome vft bis zu den grü⸗ nen Ufern des Arno, der ſich wie ein Silberband durch die Ebene zog. Drangen⸗ und Citronenbäume, die indianiſche Feige und die ſtachlichte Aloe prangten in üppiger 6 Fülle und hoch über alle hinausſchauend wiegte ſich die ſchlanke Palme in der friſchen Luft, die von der Küſte herüberwehte. Die Fülle und Abwechslung der Vegetation war überraſchend, die Farbenpracht der tauſend und abertauſend Blumen und Blüten über alle Beſchreibung entzückend. Und hinter den dunkeln Wipfeln der Obſtwäl⸗ der hoben ſich die ſchimmernden Paläſte Piſas mit ihren flachen Dächern und Statuen, und über ſie hinaus ragte majeſtätiſch die ungeheure Kuppel des prächtigen Doms und der künſtlich erbaute ſchiefe Thurm, und die weißen Mauern des Campo ſanto blitzten durch den grünen Gürtel. Und weiter hinaus noch das Meer, das, in ſolcher Ferne einem endloſen Spiegel gleich, ſich mit dem Himmel verſchmolz und wie eine liebende Braut in den dunkelblauen Armen der Küſtenberge ruhte. Der Anblick war erhaben! Groß genug, um einen glücklichen Menſchen zur Begeiſterung hinzu⸗ reißen und die Seele eines Unglücklichen in ihrem tiefſten Marke zu erſchüttern. David ſaß lange ſchweigend, den Kopf in die Hand geſtützt. Acht Jahre waren ſeit ſeinem Aufbruch aus Deutſchland entſchwunden; ſeit acht Jahren ſaß er, ein Gefangener, hier und ſchaute in ſtiller Ver⸗ zweiflung von Verrucolo hinab in die freundliche Welt, wie in ein verlorenes Paradies— nach dem fernen Meere, das end⸗ und bodenlos war, wie ſein Leiden und ſein Schmerz. Wehe Dem, der die Hefe des Leidenbechers ge⸗ trunken! Aber er kann allein beurtheilen, was es heißt, ein ganzes Leben verloren zu haben, von dem Fluche eines nie endenden Elends zerſchmettert zu werden! Welche Creatur, und ſei es die fernſte vom Throne der Gottheit, hätte die Natur in ihrer ewi⸗ gen Schöpfungsfülle geboren, ohne Anrecht auf Glück und Luſt? Welchem Wurm verſagt ſie das Behagen in unfreiwilligem Daſein, als Zweck, als Lohn ihrer Schöpfung? Und iſt der Wurm mehr, als ſo mancher Menſch, dem, bei geſteigerten Anrechten, jedes Glück verſagt iſt? O ewige Gerechtigkeit! warum hüllſt du dich ſo oft in den Mantel der Unſichtbarkeit und läſſeſt den Sterblichen in grenzenloſer Verzweiflung allein, ſeinen Schöpfer verklagend über die Gabe des Lebens? Warum betteſt du den Einen— ſo manch⸗ mal den Schlechten— in die Arme des Glücks und ſchleuderſt den redlich Strebenden ſo oft in die 8 Abgründe des Elends, aus welchen ihn kein Steg zum Lichte zurückführt? Ha! wenn ein ſo edles, tiefes Gemüth, wie das Davids, nach tauſend ſchweren Prüfungen ſtets unverzagt auf ſeinem Wege fortſchreitet, das Gute, das Rechte, das Erhabene kräftig wollend, an deſ⸗ ſen Erringen Alles ſetzend: Ruhe und eigenes Wohlergehen, Frieden und Freude, Gut und Blut, Leben und Freiheit; wenn es nicht wollend nur, ſondern auch handelnd mit der ganzen Glut der Liebe ſein Ziel umfaßt und, ſich ſelbſt vergeſſend, nur nach dem Glücke Anderer ſtrebt; wenn ein ſolch edles Gemüth dennoch von der Welt miskannt, von Schurken oder Schwachköpfen zu Boden ge⸗ treten wird und ſiegreich über ſich hinaus Laſter und Beſchränktheit ſchreiten ſieht; wenn ſeines Her⸗ zens heißes Flehen, der Schmerzensruf ſeiner Ver⸗ zweiflung unerhört verhallen und Gold ſich in ſei⸗ nen Fingern zu Staub und jedwedes Glück in fin⸗ ſteres Unglück wandelt— dann himmliſche Ge⸗ rechtigkeit biſt du eine Buhlerin der Hölle, wenn du verhüllt bleibſt und ein kindliches Herz losreißt von dem Glauben an Gott und alles Guten und Edlen und Erhabenen. Nur ein Schritt iſt es von dieſer ſchwindeln⸗ Klippe zum Abgrund des Wahnſinns— des den Selbſtmordes, dem gerade darum ſo viele edle Menſchen in die bluttriefenden Arme ſinken. Wie oft hatte David in dieſen acht Jahren laut zu dem Himmel um Bewußtloſigkeit aufge⸗ ſchrien; denn ſeines Unglücks größtes Unglück war ſeines Geiſtes unerſchütterte Denkkraft. Wie ſehnſüchtig, wie todtesfreudig hatte er noch jüngſt an dem friſchen Grabe d es Arztes geweint, der doch ſein Tyrann geweſen, nur weil er ihn be⸗ neidet um den ſanften Schlummer im kühlen Erden⸗ ſchvoſe. Er hatte den Verſtorbenen verachtet; aber er konnte doch mit ihm, dem einzigen Verſtändigen unter ſo vielen Irren ſprechen, ihm manchesmal ſein Herz ausſchütten. Und eine Freiheit, eine un⸗ ſchätzbare, hatte er doch David gewährt und dies war der zeitweilige Beſuch in dem ſtillen Thale, wenn auch von Argusaugen bewacht. Waren doch jene Beſuche Davids einziger Troſt; denn hier lebte das Weſen, das er nach dem Kaiſer allein noch liebte, für das allein er den Jam⸗ mer ſeines Daſeins noch trug. War es doch nur die dort im Verborgenen blühende Wunderblume, die ihn in den bangen Stunden der Verſuchung vom Selbſtmorde abgehalten. Alles dies ſtand nun mit dem Wechſel des Arztes auf dem Spiel, hing von dem Charakter 10 des neu zu ſendenden ab. Und war zu zweifeln, daß auch dieſen jene höhere Macht, der an Davids Untergang ſo viel lag, beſtechen würde? Dem Unglücklichen, dem die Flammenzungen unermeßlicher Leiden eine langſame, qualvolle Ver⸗ nichtung bereiten, iſt der Schein, der Abglanz eines Glücks, ein himmliſches Labſal. Aber ſeine Seele, entmuthigt durch den Fluch des Unglücks, den er, wie den eines Gottes, keuchend durch die Ewigkeit ſchleppt, zittert bei dem Gedanken: auch dieſen letz⸗ ten Abglanz der verſchwundenen Seligkeit zu ver⸗ lieren, und ſo wird ihm auch hier, treu ſeiner Ver⸗ dammniß, die Luſt zur Qual, der Segen zum Fluch, die Erleichterung zur niederdrückenden Laſt. David fühlte: raube man ihm ſeinen letzten Troſt, die Wunderblume, dann ſei das Meiſterſtück ruchloſer Thrannei vollbracht und er werde, für was er ſeit acht Jahren gelte: wahnſinnig. Sein Haupt ſank unwillkürlich in ſeine beiden Hände, er ſchloß die Augen und mit der Nacht, die ihn umgab, ward es ſtiller in ſeinem Geiſte. Und aus der Tiefe ſeiner Seele ſtieg ein weh⸗ mithiges Wünſchen auf, die gemarterte Bruſt, auf der der Gram wie eine Erdenlaſt ruhte, hob ein Seufzer und er ſprach leiſe: O, wäre ich todt! Und ſein Geiſt wühlte ſich in dem Begriff: „todt!“ und er frug ſich: was iſt todt? Da gau⸗ 11 kelten und zuckten Engel und Teufel und ſcheußliche Geſtalten und klappernde Gerippe und das Bild des Schlafes zogen an ſeiner Seele vorüber. Und das Wort der Prieſter und jenes der Denker, und der Glaube der Menge und der Spott der Zweif⸗ ler ſchallten in ſein Ohr. Und die ernſten Fragen: werden wir ſein, wenn dies Herz nicht mehr ſchlägt? oder zerfaͤllt dies Ich dereinſt in Nichts? ſchüttel⸗ ten den Sterblichen mit den Schaudern der Ver⸗ nichtung. Vernichtung! murmelte David. Und wäre es denn ſo ſchrecklich, nicht mehr zu ſein? Legt ſich der Müde nicht gern zur Ruhe? Lechzt der Unglück⸗ liche nicht nach tiefem Schlaf, der ihm Vergeſſenheit gewährt? Wäre es denn ſo ſchrecklich, auf ewig den Traum des Lebens zu vergeſſen, mit ſeiner Luſt und ſeiner Qual? Und er fühlte ſich todtesmüde und freudig be⸗ reit zu vergeſſen und zu vergehen. Da hörte er plötzlich die Wuthſchreie eines Narren aus dem nahen Thurme. Er kannte den Mann. Unverdiente Zurückſetzung nach einem Le⸗ ben voll Mühe und Aufopferung hatte ihn des Ver⸗ ſtandes beraubt. Er hatte das Glück eines vorneh⸗ men Schwächlings gegründet; aber der Schwäch⸗ ling benutzte ihn als Stufe und ſtieg über ihn und durch deſſen Verdienſte dem Glück in den Schoos. 12 Und das Brüllen des Armen ging David durch Mark und Bein und zerriß ſeine Seele, und er ſprang auf und rief: Nein, nein, nein! es kann keine Vernichtung geben; denn mit ihr gäbe es auch keinen Gott und keine Gerechtigkeit, und Leben und Daſein wäre Wahnſinn! Es muß dem Menſchen ein höheres Ziel geſteckt ſein, als nur das thieriſche Leben, und der Geiſt, der die Gottheit ahnt und ihre Geſetze faßt, kann nicht wie ein Hauch verwehen! Und als er noch ſo ſprach, hörte er plötzlich Töne, die ſeinen Ohren ſeit acht Jahren fremd ge⸗ worden. Es war eine ſanfte Muſik, mehr ſchwermüthig als heiter, die aus der Ferne erklang und ihren Frieden wie Balſam in Davids wundes Herz goß. Und jener Narr, der noch eben in ſeiner thieri⸗ ſchen Wuth gebrüllt, kam an das Gitter. Noch fletſchte er wie ein grimmiger Tiger ſeine Zähne; aber er ſchwieg und Aug' und Ohr ſuchten inſtinkt⸗ mäßig die Töne. Und aus den vergitterten Fenſtern ſchauten immer mehr bleiche, verzerrte Geſichter und lachten und horchten und lauſchten. In dieſem Augenblick trat ein freundlicher Mann im mittleren Alter und von heiteren, gefühl⸗ vollen Geſichtszügen auf David zu. Er grüßte 13 Federbuſch und knüpfte ein Geſpräch mit ihm an, welches dieſen um ſo wunderbarer berührte, als er daraus ſah, daß ihm der Mann völlig fremd ſei, obgleich es ihm immer vorkam, als müſſe er den⸗ ſelben ſeit Jahren kennen. Es war das anſpruchsloſe, verſtändige und biedere Benehmen des Fremden, welches David ſo anzog. Nachdem Beide länger miteinander über ver⸗ ſchiedene Dinge geſprochen, wobei der Fremde Da⸗ vid ſehr genau beobachtete, frug ihn Erſterer in ſichtbarer Verlegenheit nach ſeinem Namen, wor⸗ auf ſich David ihm nannte. Der Fremde ſchüttelte den Kopf, als ſei er mit ſich ſelbſt über etwas im Zweifel; knüpfte aber das Geſpräch von neuem an und lenkte es auf die Geiſteskranken, welche man hier unter⸗ gebracht. David konnte nun leicht den Zweck des freund⸗ lichen Mannes errathen, der eben kein anderer war, als ſeinen Geiſteszuſtand zu prüfen. Er lächelte bitter, ohne ſich jedoch etwas mer⸗ ken zu laſſen; ging aber gern auf eine Unterhal⸗ tung über die verſchiedenen Arten und Abſtufun⸗ gen jener Krankheit ein, die er zu beobachten leider ſeit acht Jahren Zeit gehabt. Der Fremde, der ſich nachgerade als Arzt zu 14 erkennen gab, folgte ihm aufmerkſam, verhielt ſich aber im Anfang mehr leidend als handelnd. So ſpann ſich das Geſpräch eine Zeit lang fort, ward jedoch nach und nach ſo belebt und inte⸗ reſſant, daß ſich der Arzt ganz vergaß und ſich end⸗ lich weitläufig und begeiſtert über die Mittel aus⸗ ſprach, die er am paſſendſten für die Heilung von Geiſteskrankheiten hielt. Muſik und Naturſchönheit ſchienen ihm nufit am geeignetſten. David ſtimmt ſehr für erſtere, aber um ſo weniger für letztere, da der Blick in eine reizende Gegend zwar allerdings das Herz des Glücklichen erweitere, den Niedergebeugten aber nur noch lancliſer ſtimme. Ihr glaubt nicht, entgegnete hierauf der Arzt, in welch innigem Wechſelverhältniß Auge und Ohr mit dem Verſtande ſtehen. Sie ſind die Wege zu ſeinem verborgenen Sitz. Ein gräßlicher Anblick, das Anhören einer entſetzlichen Nachricht, könne ihn verwirren; aber Schönheit, namentlich die der Na⸗ tur, und die ſanfte Sprache der Muſik vermögen ihn auch wieder von Irrwegen abzulocken. Der Menſch iſt das vollkommenſte Produet der Natur, das Meiſterwerk der Schöpfung, und um ſo vollkommner, als in ihm alle einzelnen Theile vollendet ausgebildet ſind und im engſten Bunde 15 der Freundſchaft und Nothwendigkeit untereinander ſtehen. Er iſt eine Welt im Kleinen, dies lehrt uns vor allen Dingen die Anatomie. Zerlegt nur einen menſchlichen Körper und lernt einmal alle die ſchö⸗ nen Werkzeuge kennen und Ihr werdet mit mir die Weisheit des Schöpfers bewundern. Ich geſtehe, entgegnete David, mich ekelt an, was todt iſt, ich würde ſchlecht zum Arzte paſſen. Ihr irrt, fuhr Jener fort, hier iſt nichts Häß⸗ liches. Ich denke mir das Herz klopfend, die Pulſe ſchlagend, das warme rothe Blut, gleich nährenden Strömen, die Adern durchrollend, die Muskeln und Sehnen ſich kräftig bewegend, den ſtarken Knochen⸗ bau, gleichſam der Felſengrund dieſer kleinen Welt, das Ganze tragend. Ich ſehe im Geiſt die Nerven ihre wunderbare heimliche Magie durch den Kör⸗ per verbreiten; die künſtlichen Blaſebälge der Lun⸗ gen ſich mit Luft füllen und die ganze treffliche ſelbſtſtändige Maſchine mit dem köſtlichen Kleide der geſunden Haut bedeckt. Und nehmen wir nun eine Einzelnheit, das Auge zum Beiſpiel; welche tiefe Weisheit künden ſeine Wunder! Das Auge, die wunderbare Kryſtallſcheibe des inneren Beobachters, ſteht vor Allem oben in der Reihe der Kunſtgebilde des menſchlichen Körpers, erhaben über den anderen Sinnen; wenn auch nicht vorherrſchend, doch ſelbſtſtändig, ſich eigen und höher geſtellt, wie Licht, ſein Leben, über allen empfind⸗ baren Stoffen. Leis angeſtralt, dämmrig liegt der Empfindung Ocean unter ihm, unbeſtimmtes, wandelbares F For⸗ menſpiel kräuſelt auf der Fläche. Aber nicht immer hält Liebeshauch die gewal⸗ tigen Wogen ſchmeichelnd zurück. Das gebundene mächtige Leben zerreißt bis⸗ weilen ſein Wiegenband, in Stürmen brauſet und wirbelt es aus der müßigen Ruhe hervor und Un⸗ gemeines erzeugt ſeine gefürchtete Macht. Denn wie der forſchende Geiſt durch das zarte Augennetz den Thau der Weisheit einſaugt, beob⸗ achtend die äußeren Erſcheinungen der planetari⸗ ſchen Natur, ſo dringen die Töne mächtig durch die Doppelpforten der Ohren zu dem Herzen. Unter den reinen Sinnesempfindungen ſind die des Gehörs die gewaltigſten. Sie fallen ge⸗ rade auf das Herz und durchdringen unaufhaltſam der Empfindungen innerſten Kern. Sie haben Kor⸗ ſarenſtärke und Korſarenglück; was ſie anfallen, iſt ihre Beute; ja ſchon ihre Annäherung ent⸗ waffnet den Willen des Widerſtandes und erwirkt unbedingte Ergebung; denn zwiſchen dem Gehör und dem Herzen iſt ein ſo un⸗ mittelbarer inniger und heiliger Bund, als zwiſchen dem Auge und dem Verſtand. Darum ſind die 17 Eindrücke der Muſik und Schönheit auch rückwir⸗ kend auf Geiſt und Gemüth, auf Auge und Ohr, die ſicherſten Wege, günſtig auf Beide zu wirken. Wie die Eindrücke der unſichtbaren Dinge außer uns unter der unmerklichen Bearbeitung des Gei⸗ ſtes Ideen werden, oder ſich als Ideen dem vor⸗ findlichen Homogenen leicht anſchließen; ſo ſchließen auch die Schälle und Tonfolgen, welche uns aus den Grundaccorden der vielſtimmigen Natur zu⸗ fließen, an unſere Empfindung ſich als Empfindun⸗ gen an. Beides unmittelbares Naturband. Der Geſichts ſinn hat vor dem Gehörſinn Man⸗ ches vvraus, als: das Leichtbewegliche, Unermüd⸗ liche und Leichtzuerneuende. Das Feinſte, Fruchtbarſte, Prächtigſte kann nur das Licht entwickeln, im Lichte ſich entfalten. Der Geſichtsſinn gibt glänzende Flächen, lieb⸗ liche Bilder im Raume. Der Verſtand, ſein ewi⸗ ger Freun, miſcht ſich in den blinden Genuß der Anſchauung, ertheilt ihr Sinn, Werth und Leben und macht ſie zu ſüßer Empfindung. Darin iſt uns aber, wie eben geſagt, auch die Möglichkeit gegeben, rückwärts zu wirken, durch ſüße Empfindungen auf Herz und Verſtand, wobei Licht und Ton unſere Dolmetſcher ſind. Wahnſinn iſt Verluſt des Selbſtbewußtſeins; durch was Anderes führen wir dieſes aber zurück, 18 als durch allmäliges Wiederfeſſeln und Sammeln der auseinander gehenden Geiſtesſtralen in einem Punkte; oder bei firen Ideen durch das Gegentheil, nämlich durch gelindes Abziehen von jenen einzel⸗ nen Gedanken, welche die ganze Seelenthätigkeit in ſich verſchlungen haben. Der Arzt hatte dies, hingeriſſen von ſeiner Menſchenliebe und ſeinem wiſſenſchaftlichen Eifer, im Selbſtvergeſſen faſt mit Leidenſchaft geſagt; jetzt aber fuhr er, wie aus einem Traume erwachend auf und ſagte, die Hand an die Stirn legend: Wohin habe ich mich verirrt! Ich wollte... Er ſah hier David lange ſchweigend und auf⸗ merkſam an. Dann aber reichte er ihm raſch die Hand und rief: Nein! man hat ſich oder mich ge⸗ täuſcht. Ich müßte ein ſchlechter Menſchenkenner und ein noch ſchlechterer Arzt ſein, wenn ich nicht überzeugt wäre, daß dieſer Geiſt nie den rechten Weg verlaſſen. Ihr täuſcht Euch nicht, mein Herr, entgeg⸗ nete mit bitterer Jronie David. Seid aber ver⸗ ſichert, daß die Menſchheit daran nicht die Schuld trägt. Und doch ward mir namentlich Euer Wahn⸗ ſinn als ein gefährlicher geſchildert und empfohlen, Euch nicht aus den Augen zu laſſen; ja man machte mich mit meinem Kopfe dafür verbindlich: Euch 19 unter keiner Bedingniß, auch nicht der einer ſche in⸗ baren Geneſung, die Freiheit zu geben. Und iſt das Wiſſen um die Schandthat eines Mächtigen nicht gefährlicher als Gift, Dolch und Tollheit? rief David empört. Aber Geduld, Ihr ſcheint mir ein Biedermann, Ihr werdet, Ihr ſollt mich hören, wenn Ihr Euch erſt genügend über⸗ zeugt, daß nicht mein Geiſt, ſondern nur das Herz leidend iſt. Der Arzt, der hier ein Opfer der Tyrannei ahnte, war tief ergriffen. Auf alle Weiſe ſuchte er daher David zu be⸗ ruhigen und verſprach ihm, ihn gern anhören zu wollen, ſobald ſich nur eine paſſende Stunde dafür darbiete. Federbuſch athmte hoch auf. Er hatte ſeit acht Jahren wieder einen Menſchen gefunden, dem er ſein Herz eröffnen durfte. 2. Das ſtille Thal und die Wunder⸗ blume. Aus dem Purpurſchoos der Roſe Hebt ſich eine ſchlanke Frau; Ihre Locken flattern loſe, Perlen blitzen drin, wie Thau. Freiligrath. Der neue Arzt zeigte ſich auch bald als ein milder, menſchenfreundlicher Mann, der die Geneſung ſei⸗ ner armen Untergebenen ernſtlich wollte. Auch war er zu einem ſo großen Unternehmen befähigt, da er das Seelenleben der Menſchen gründlich er⸗ faßt hatte. Die erſte Zeit ſeines Aufenthaltes auf Verru⸗ colo ſchien er indeſſen lediglich dem Studium ſeiner Kranken widmen zu wollen, indem er ſich faſt ganz paſſiv verhielt und lediglich beobachtete. So kam es denn auch, daß er noch auf kein längeres Zwiegeſpräch mit David drang. Zwar glaubte er genügend überzeugt ſein zu dürfen, daß deſſen Verſtand in der That ſo klar und geſund wie der ſeine ſei. Auch behauptete der Comman⸗ 21 dant der Feſtung, Federbuſch nie anders geſehen zu haben; dennoch mochte der vorſichtige Mann nicht gern einen Anſtoß geben, der vielleicht jetzt erſt, nach ſo vielen Leiden und einer ſo ſchmachvollen Behandlung, zu dem Unglück geführt hätte, welches man gerade vermeiden wollte. Dagegen war er freundlich genug, David von Zeit zu Zeit die Spaziergänge zu erlauben, die er zu machen gewöhnt war. Freilich war dieſe Freiheit kaum eine ſolche zu nennen; indem David, nach dem ſtrengen Befehle des Commandanten, ſtets von einem zuverläſſigen und ſtark bewaffneten Mann begleitet wurde, wo⸗ bei er ſich vorher ein für allemal durch einen furcht⸗ baren Eid hatte verpflichten müſſen, nie und nim⸗ mer ein Wort mit dieſem zu wechſeln. Deſſenungeachtet waren dieſe Spaziergänge Davids einziger Troſt; denn er ſtieg dann hinab in„das ſtille Thal“ und athmete dort den Duft jener Wunderblume, deren holdes Er⸗ blühen, deren ſtilles Entwickeln, deren himmliſche Schöne ſein trauriges Leben bis dahin gefriſtet. Auch heute war ihm der Ausgang erlaubt, er machte ſich daher mit ſeinem bewaffneten Hüter auf den Weg. Verrucolo lag, wie ſchon erwähnt, auf einem großen, faſt ſenkrecht aufſteigenden Felſen. 22 Der einzige Weg, der zu der Feſte führte, war in den Stein gehauen und nur ſchwer zu paſſiren, da auch er ſich ſteil abwärts ſenkte und ſo eng war, daß kaum zwei Menſchen nebeneinander gehen konnten. Dennoch war er von einer eignen, wunder⸗ baren Schönheit. Nicht allein gewährte er in ſeinen verſchiede⸗ nen Krümmungen die herrlichſten Ausſichten in die Ebene, auf Piſa und nach dem Meere, ſondern die Natur hatte ihn auch zu einem wahren Wun⸗ derwerke geſchaffen. Zu ſeinen Seiten erhoben ſich nämlich bald rechts, bald links, prächtige Obelisken, von der Natur ſelbſt aus ungeheuern Felſenblöcken aufge⸗ thürmt, wechſelnd mit tiefen Schluchten und Felſen⸗ kämmen, die in ſeltſamen Bildungen grotesken Geſchöpfen, hier einem Bären, dort einem menſch⸗ lichen Ungeheuer, da wieder einem zuſammenge⸗ kauerten Vogel und dort einer Fratze glichen. Hie und da hatte die ſchöpfriſche Hand des Zu⸗ falls auch Bogen geſpannt, ſo kühn und mächtig, wie es wol kaum menſchlicher Kunſt je gelungen wäre. Aber alle dieſe Gebilde waren nackte, gelbliche Steinmaſſen, ohne irgend eine Spur von Vege⸗ tativn. 23 So ſenkte ſich der Berg nach allen Seiten in das Thal; während jedoch in Weſten ein zweiter, etwas weniger hoher Berg aufſtieg, mit jenem von Verrucolo durch einen Felſenkamm verbunden. Es war ſo recht, als ob die Natur ſich hier im engen Raume in ihrer Fülle und in ihrer ſtarr⸗ ſten Nacktheit hätte zeigen wollen. Gewiß aber feſſelten keinen Wanderer die kahlen Bergklüfte, wo die Ebene Piſas mit allen Schönheiten einer italieniſchen Landſchaft lockte. Dennoch wandte ſich David, nachdem er un⸗ gefähr die Hälfte des Steges herabgeſtiegen war, jenem Felſen zu; indem er, ohne einem gebahnten Wege zu folgen, an den Abhängen hinkletterte. Nur ihm und ſeinem Begleiter war wol dieſer gefährliche Pfad bekannt und ſicher würde ſonſt Niemand auf den Gedanken gekommen ſein, ſich dorthin zu verſteigen, wäre das Unternehmen ſelbſt weniger gefährlich geweſen. David aber ſchritt raſch und kühn einher, keine Gefahr achtend, denn in ſeinem Herzen wohnte die Sehnſucht nach der Wunderblume, die jene fin⸗ ſtere Natur ſchützend in ihrem Schooſe barg. Endlich hatte er den Gipfel des zweiten Ber⸗ ges erreicht. Er bog um eine Wand und vor ihm ausgebreitet lag ein paradieſiſches Thälchen. 24 Der Anblick war ungemein anmuthig und um ſo überraſchender, als der Gegenſatz ihn hob. Dort ſchroffe und nackte Felſenwände, öde und düſter, Bergklüfte und kahle Zacken von heißer ſchreienden Raubvögeln bewohnt; hier ſüßer Früh⸗ lingsduft, Blumen, Wäldchen, Bächlein, Singvögel in den Zweigen und das herrlichſte Farbenſpiel auf den Schmetterlingsflügeln und Blumenblättern. Rehe ſchauten aus dem Gebüſch, Ketten von rebhühnerartigen Vögeln liefen durch die Wieſen und miſchten ſich mit Gold- und Silberfaſanen; und das Geſumme der Tauſenden von Bienen und Käfern, und das Geſchnatter und Flügelgeſchlage der Waſſervögel an den Bächen und dem kleinen See, der aus der Mitte des Thales wie ein Sil⸗ 8 berſpiegel herüberſchimmerte. Es war ein Bild des Friedens, ein Bild Ru dieſiſcher Unſchuld und Ruhe. David athmete tief auf, als ſchlürfe er hier der Freiheit reine Luft; aber ſein Athem war auch ein Seufzen der gequälten Seele, die in dieſem Frieden ihre einſtige Seligkeit ahnte. Er war, trotz des gewohnten Anblickes, ſtehen⸗ geblieben und hatte minutenlang das liebliche Bild angeſchaut. Jetzt verdoppelte er ſeine Schritte und ſtand bald vor einer unanſehnlichen Hütte, die ſich an ein Orangenwäldchen lehnte. 5 25 Hier ſetzte ſich, als ob er es gewohnt ſei, ſein bewaffneter Begleiter auf einer Raſenbank nieder und David trat ein. Die Hütte hatte nur ein einziges ärmliches Gemach, nach der Art aller italieniſchen Bauern⸗ häuſer eingerichtet. In einem Winkel derſelben ſaß eine alte, ſchlecht gekleidete Frau und war mit dem Weben eines Stückes Zeug beſchäftigt. Als dieſe David anſichtig wurde, ſtand ſie freu⸗ dig überraſcht auf und rief: Gelobt ſeien alle Hei⸗ ligen! da ſeid Ihr ja endlich wieder. Ihr ſeid lange weggeblieben. Herr meiner Seele! wie haben wir uns geängſtigt! Wir glaubten Euch krank und weinten und jammerten ſchon. Es war doch nichts? Ihr befindet Euch doch wieder wohl? Kommt nur geſchwind zu Eurer Wunderbhume, wie Ihr ſie nennt; denn die hängt gleich das Köpfchen, wenn Ihr längere Zeit fehlt. Euer Erſcheinen wird ſie erfriſchen, wie ein warmer Regen die dürre Flur. Und hiermit ergriff die Alte Davids Hand, ohne ſich jedoch im Fluß ihrer Rede ſtören zu laſſen, und zog denſelben einer niederen Thüre zu, die nach der hinteren Seite des Hauſes führte. Schlüpft nur immer durch! ſagte ſie lächelnd und küßte David inbrünſtig die Hand, ich will hier für Euch wachen und die Heiligen mögen die Stunde ſegnen. II. 26 Federluuſch ſtand nun in einem zweiten kleinen Felſenthälchen, deſſen Eingang die Hütte und der Orangenwald ſo völlig verdeckten, daß ſein Er⸗ ſcheinen beim Austreten aus der Hütte einem Wun⸗ der glich. Aber das Zauberhafte wurde namentlich noch durch die Naturpracht erhöht, welche ſich in dieſem Raume entwickelte. Da er durch die hohen Felſenwände, die ihn einſchloſſen, vollkommen gegen die rauhen Nord⸗ winde geſchützt und den glühenden Sonnenſtralen und ihren Refleren ausgeſetzt war, ſo hatte die ganze Vegetation etwas Tropiſches. Orangen⸗, Citronen⸗ und Feigenbäume miſch⸗ ten ihr Laub mit den üppigſten Roſenhecken und Jasminſtauden, die Alve und Cactus prangten in einer Kraft und Fülle, wie ſie ſonſt nur das ſüd⸗ lichere Sicilien zu erzeugen vermag. 3 Bis in die Wipfel der Ulmen rangten des Weinſtocks blätterreiche Arme und auch hier fehlte die ſchlanke Palme nicht, die dem ganzen Bilde ei⸗ nen vrientaliſchen Anſchein gab. Und in welcher reizenden Art waren alle dieſe Bäume gemiſcht! Als ob den Plan des Ganzen ein Dichter entworfen und ein Maler die Grup⸗ pen geordnet. So wohl berechnet und doch an⸗ ſcheinend nur der Laune der Natur folgend. So zog die grüne und bunte Pflanzenfülle an den Seiten hin, ſich immer mehr und mehr ver⸗ engend, bis ſie im Hintergrund zu einer Lauben⸗ maſſe zuſammenwuchs, unter deren Blätterdach eine Quelle des klarſten Bergwaſſers aus dem Geſteine hervorſtrudelte, Friſche und Kühlung ver⸗ breitend. Neben der QOuelle aber erhob ſich ein keines gefälliges Haus, mehr ein orientaliſcher Pavillon, zierlich in Form und Proportionen und reich an geſchmackvollen Zierrathen. Mit Entzücken ruhte das Auge auf dieſem Schlußpunkte, der mit ſeinen weißen Flächen und grünen Jalouſien, umweht von erquickender Friſche und umſchattet von der bunten Pracht der üppigſten Natur, der Aufenthalt einer guten Fee zu ſein ſchien. Dabei herrſchte ringsum eine tiefe Ruhe, die nur durch die lieblichen Töne der befiederten Sän⸗ ger auf das angenehmſte unterbrochen wurde. David durchſchauderte der ſabbathliche Frieden mit ſtiller Wehmuth; aber ſeine Sehnſucht, ſeine Ungeduld ließen dieſen ſanften Regungen des Her⸗ zens keine Zeit. Er ging raſch einem der ſchattigen Gänge entlang und wollte eben in den Pavillon treten, als ihm eine hohe weibliche Geſtalt den Weg verſperrte. 2* Es war eine ältliche Frau von ſanftem Aeuße⸗ ren und weniger ſchönen als geiſtreichen Zügen. Sie trug das Ordenskleid einer Clariſſin. David wollte ſie anreden; aber ſie legte den Finger auf den Mund, zum Zeichen, daß er ſchwei⸗ gen möge, öffnete dann behutſam die Thüre des Pavillons und ließ ihn hineinſchauen. David ſtand entzückt. Der kleine Saal, deſſen Wände mit Muſchel⸗ werk und Kryſtallen wunderlich ausgelegt und mit friſchen Blumengewinden geſchmückt waren, glich der Grotte einer Meeresgöttin. Blühende Cactus in den herrlichſten Farben rankten ſich im Hintergrunde in einer Niſche empor 3 und bildeten hier einen lebendigen Thronhimmel, unter welchem auf koſtbarem Divan Davids Wun⸗ derblume ſchlummernd ruhte. Es war dies ein zartes, ätheriſches Weſen, ein Mädchen, faſt noch Kind und doch von der Glut Italiens gezeitigt. Die ſchlanke Geſtalt, von einem blendend weißen Gewand umſchloſſen, zeigte die edelſten Formen. Die regelmäßigen Züge waren von einer hohen, ganz eigenthümlichen Schönheit. Kaum konnte man ſich einen hübſcher gezeichneten Mund, ein feineres Näschen, dunklere und längere Augen⸗ wimpern denken, geſchweige denn den Teint des 29 Mädchens, der ſo durchſichtig und zart war, daß die kleinen blauen Aederchen zauberiſch durchſchim⸗ merten. Dazu der Wangen leiſe angehauchtes Roth, jetzt noch durch den Schlummer erhöht, und den kleinen, zierlichen Fuß und den edlen Ausdruck der Züge, der mit der holdeſten Lieblichkeit einen herviſchen Stolz zu einen ſchien. Wahrlich, die kühnſte Phantaſie eines Malers hätte kein vollendeteres Bild auf die Leinwand zaubern, kein Dichter ſich ein höheres Ideal er⸗ denken können. Und dabei die Friſche der Jugend und die Reize und der Zauber der Unſchuld und Kindlich⸗ keit! und die feenhafte Umgebung, und das magi⸗ ſche Halblicht, in welches die geſchloſſenen Jalvu⸗ ſien das ganze Bild ſetzten! Davids Herz hätte zerſpringen mögen. Ver⸗ geſſen waren alle Leiden ſeines langen, vielgeprüf⸗ ten Lebens; vergeſſen die Schmerzen, die ſeine Seele in ſo manch bangen Stunden zerriſſen; vergeſſen die Qualen einer achtjährigen, grauſamen Gefan⸗ genſchaft; ausgelöſcht aus dem Gedächtniſſe die bittern Gefühle unverdienter Schmach, gekränkter und verkannter Liebe; vernichtet die Seufzer des Todes, beſchwichtigt jedwede Sehnſucht. Rief nicht das Bild dieſes ſchlummernden En⸗ gels einen theuern Schatten aus dem Reiche des Todes zurück? Stiegen bei ſeinem Anblick nicht Tage des reinſten Glücks aus dem Schooſe der Vergangenheit? Mahnte es nicht an ſelige Stun⸗ den der Liebe und der edelſten Freundſchaft? Waren dies nicht Eudoria's himmliſch⸗ſchöne Züge, auf die nur ein höherer Stolz ſeinen könig⸗ lichen Stempel noch gedrückt? War dies nicht Eudoria's Wuchs? Ihre kleine Hand? Ihr zier⸗ licher Fuß? Ihr, wie zum Küſſen geſchaffener Mund? Waren dies nicht Eudoria's ſchwarze, herrliche Locken? Ihre langen, dunklen Wimpern? War dies nicht jenes holdſelige Lächeln, mit dem ſie einſt Himmel vertheilt? David vermochte ſich nicht mehr zu halten. Ueberwältigt von dem Sturme ſeiner Gefühle ſtürzte er zu den Füßen der Schlummernden nieder und bedeckte den Saum ihres Gewandes mit Thränen und Küſſen. Da ſchlug ſie die Augen auf und David war es, als ob ein Dolchſtoß ſein Herz durchbohre; lächelten ihm doch in dem Enſemble dieſes lieblichen Antlitzes die Züge jener beiden Weſen entgegen, die ſeines Lebens höchſtes Glückz riß doch die ſo ſanft und reizend verſchmolzene Aehnlichkeit mit Eudoria und Friedrich alle Wunden ſeines Herzens weit auf. Aber die ſtürmiſche Freude der Erwachten über — 31 das unverhoffte Wiederſehen ihres Pflegevaters ließ David glücklicherweiſe keine Zeit, ſeinen Ge⸗ danken nachzuhängen. Mit welcher kindlichen Sorgfalt erkundigte ſich das Mädchen nach der Urſache, die David längere Zeit als gewöhnlich von ſeinem Beſuche abgehalten; wie ſchaute ſie ihm mit holder Aengſt⸗ lichkeit in die Augen, als wolle ſie aus dieſem Spiegel der Seele leſen, ob Kummer, ob Krankheit ihn beuge, und wie glücklich, wie kindlich ausgelaſ⸗ ſen war ſie, als ſie erfuhr, daß David nichts, gar nichts fehle, daß er ſich bei ihr ganz wohlbefinde. Leichtfüßig, wie die ſchlanke Gazelle, ſprang ſie nun hin und breitete einen Teppich auf den Tiſch und holte Früchte und Wein herbei, den Beſuch zu erfriſchen, und Niemand durfte ihr dabei helfen, denn ſie hatte ſich caprieirt, den lieben Pflegevater allein zu bedienen. Und als ſich nun David geſtärkt, ſetzte ſie ſich zu ſeinen Füßen nieder und er mußte ihr erzählen von ihrer ſeligen Mutter, die, wie ſie, Eudoria ge⸗ heißen, und ſo bildſchön und ſo lieb und gut gewe⸗ ſen; und von ihrem Vater, der noch lebe und als ein Held kämpfe auf dem Felde der Ehre, und an Weisheit und Tugend, an Ehre und Herzensgüte alle Männer überſtrale; von ihrem Vater, den ſie, ohne ihn je geſehen zu haben, unausſprechlich liebte, 32 weil er ihre gute, unglückliche Mutter ſo heiß und treu geliebt und noch im Herzen trage. Und ſie weinte über die heimgegangene Mut⸗ ter und frug: wann ſie denn endlich den Vater ſehen und kennen lernen werde. Und David ver⸗ ſprach ihr, ihn einſt zu nennen und ſie noch in ſeine Arme zu führen. Wie oft auch David und Eudoria dieſes Ge⸗ ſpräch ſchon gepflogen, es blieb ihnen neu und eine Stärkung der Seele und Beide, vergaßen dabei ſich und die Welt. Und David ſchaute in ſolchen Stunden mit Entzücken auf ſeine Wunderblume, die ſich vor ſei⸗ nen Augen körperlich und geiſtig immer mehr und mehr enffaltete. Er hatte das Kind einſt einer würdigen Schwe⸗ ſter aus dem Orden der heiligen Clara übergeben, um es im Verborgenen zu einem frommen und gu⸗ ten Weſen zu erziehen und ihr Turin zum Auf⸗ enthalte angewieſen, weil er von Deutſchland aus dann leichter eine Verbindung mit ihr unterhalten konnte. Lange Jahre ſah er hierauf das Kind nicht mehr und als er endlich nach Turin zurückgekehrt, traf ihn dort der Fluch der Rache. Die Pflegerin Eudoria's forſchte lange ver⸗ gebens, wohin David gekommen; endlich gelang es 33 ihr mit Hülfe ihres Bruders, der als Soldat in piſaniſchen Dienſten ſtand, zu erfahren: der Ge⸗ ſuchte lebe, angeblich wahnſinnig, auf Verrucolv. Da entſchloß ſich die edle Frau, in die Nähe des Unglücklichen zu ziehen. In eigener Perſon durchſuchte ſie die Gegend nach einem ſtillen, ver⸗ borgenen Aufenthalte und ſo fand ſie endlich jene wunderbare Wohnung, die einſt ein reicher Piſaner für eine ſeiner geheimen Geliebten hatte erbauen laſſen und die, halb verfallen, jetzt nur einer alten Bäuerin zum Obdache diente. Die Frau war leicht zu gewinnen und ſo zog Eudoria mit ihrer Pflegerin in dem kleinen, da⸗ mals freilich verwilderten Paradieſe ein. Fleiß und Arbeitſamkeit ſtellte indeſſen bald den Garten wieder her und nun galt es nur noch, David von dem Geſchehenen zu unterrichten. Nach vielen vergeblichen Verſuchen gelang dies auch dem Bruder der Clariſſin. Dennoch ver⸗ gingen vier Jahre, bis es der unglückliche Gefa gene dahin bringen konnte, dem Arzte und dem Commandanten ſo viel Vertrauen einzuflößen, daß ſie ihm zeitweiſe Beſuche in dem Felſenthale ge⸗ ſtatteten. Von nun an ertrug David ſein ſchreckliches Geſchick mit ruhiger Faſſung; hatte er doch von Zeit zu Zeit die Seligkeit, das Ebenbild, das ſüße 34 Kind ſeiner geliebten Eudoria zu ſehen, das unter dem ſegensreichen Einfluſſe der ſanften Chriſtus⸗ lehre zu einer reizenden Jungfrau heranwuchs. Und wie herrlich entfaltete ſich dies reiche Ge⸗ müth und mit welcher kindlichen Liebe lohnte das ſanfte, unſchuldige, ſüße Weſen die Sorgen ſeiner Pfleger. So wurden die Beſuche Davids im ſtillen Thale der Balſam, der allmälig die tiefen Wun⸗ den ſeiner Seele heilte, und nur die Sehnſucht nach dem Wiederfinden ſeines angebeteten Kaiſers wuchs von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde, und er hatte nur noch einen Wunſch: die Tochter einſt in des Vaters Arme zu legen. Die Tage aber, da er Eudoria geſehen, waren, wie der heutige, lichte Sterne in der Nacht ſeines Erdenlebens und lange zitterte dann in ſeinem Herzen die Erinnerung nach an das ſtille Thal und ſeine Wunderblume. ——— 3. Verrucolo. und an der Reitbahn verſchleiertem Thor Steht ernſt ein krausgelockter Mohr; Die türkiſche Trommel ſchlägt er laut, Auf der Trommel liegt eine Löwenhaut. Er ſieht nicht der Reiter zierlichen Schwung, Er ſieht nicht der Roſſe gewagten Sprung. Mit ſtarrem, trockenem Auge ſchaut Der Mohr auf die zottige Löwenhaut. Er denkt an den fernen, fernen Niger, Und daß er gejagt den Löwen, den Tiger, Und daß er geſchwungen im Kampfe das Schwert, Und daß er nimmer zum Lager gekehrt. Und daß ſie Blumen für ihn gepflückt Und daß ſie das Haar mit Perlen geſchmückt— Sein Auge ward naß; mit dumpfem Klang Schlug er das Fell, daß es raſſelnd zerſprang. Freiligrath. David kehrte noch, wie er gewöhnlich bei ſeinen Beſuchen zu thun pflegte, an demſelben Abend zurück. Seine Aufregung ſchien vollkommen beſchwich⸗ tigt, er war ruhig und in ſein Schickſal ergeben. Die Sonne war bereits untergegangen, als er ſich nach Einnahme eines frugalen Abendbrotes nach ſeinem Lieblingsplätzchen auf die Terraſſe des Vorwerkes begab. 36 David ſaß noch nicht lange hier, als der neue Arzt zu ihm trat. Er reichte, mit der ihm eigenen Gemüthlichkeit, Federbuſch die Hand und ſagte: Mein lieber Freund, Ihr habt Euch hier wahrlich das ſchönſte Plätzchen auf der ganzen Feſte zum Lieblingsaufenthalt gewählt. Herr! entgegnete David bitter, ich hatte ja acht Jahre Zeit, es aufzuſuchen. Ein kurze Pauſe folgte. Der Arzt fühlte das Entſetzliche, was in die⸗ ſen wenigen Worten lag. Acht Jahre mit ge⸗ ſundem Verſtande als wahnſinnig gel⸗ tend, unter Wahnſinnigen leben zu müſ⸗ ſen!— Er ſchauderte zuſammen. Was war der Tod gegen eine ſolche Qual, eine Qual, die ſelbſt, namentlich durch die hoffnungsloſe Ausſicht in die Zukunft, zum Wahnſinn führen mußte— wol auch ſollte. Der Unglückliche, der ſich gegen einen Freund ausſprechen kann, leidet nur halb, dachte er und ſetzte ſich mit dem Vorſatze neben David, ihn zu der Ergießung ſeines Herzens zu vermögen. In demſelben Augenblicke fiel ihm aber ein, daß vielleicht gerade die Erinnerung an das erlit⸗ tene Unrecht den Erzähler neu aufreizen, am Ende gar doch eine fire Idee wieder wecken könne. Aber David war ſo ruhig. Der Arzt hatte 37 bei den genauſten Beobachtungen, welche er die letzten Tage mit ihm angeſtellt, ſo gar keine Spu⸗ ren von Verrücktheit bei ihm entdeckt und endlich, der Moment mußte entſcheiden, er mußte erfahren, woran er ſei; und ſchien hier nicht eine Schandthat verübt worden zu ſein, zu deren Enthüllung er mit beitragen, durch deren Entdeckung er vielleicht den Unglücklichen aus ſeiner entſetzlichen Lage ret⸗ ten konnte? Er war entſchloſſen. Mein Freund, ſagte er daher nach längerem Stillſchweigen, die Hand vertraulich auf Davids Kniee legend, der iſt ein ſchlechter Arzt, der ſeine Patienten nur mit Mirturen und Pillen kuriren will, keine Notiz von dem Seelenzuſtande deſſelben nimmt und nur dem Verlauf der körperlichen Krank⸗ heit beobachtend verfolgt. Dem guten Arzte, der die Uebel mit der Wurzel ausrotten will, liegen noch ganz andere Dinge ob. Er muß die ganze Natur des Kranken, ſein Körperliches und Seeliſches ſtudiren. Er muß, ſo zu ſagen, Künſtler ſein und wie in die Tiefen der Menſchheit überhaupt, ſo in die Tiefen des Individuums, welches er behandelt, hinabſteigen. Dies iſt das Beſte, das Höchſte in ſeinem Fache, das ſich nun freilich nicht mechaniſch erlernen läßt. Darum ſollte Niemand Arzt werden, dem Gott nicht den Stempel des Genies aufgedrückt. Wie kann er ſich ſonſt auf die Perſönlichkeiten, Eigen⸗ heiten, Leidenſchaften und Gewohnheiten der Men⸗ ſchen verſtehen. Er ſoll zugleich ein geiſtreicher und wo möglich witziger Mann ſein, der den Kummer mit ſeiner Laune wegſcheucht. Vor allen Dingen muß er aber Gemüth haben, um nicht im ſympa⸗ chetiſchen Kreiſe wie ein Marmorblock dazuſtehen. Denn dadurch würde er als Menſch an Achtung verlieren, ohne Achtung erweckt er aber kein Zu⸗ trauen und ohne Zutrauen kann er auf keine Weiſe zu ſeinem Zweck gelangen. Ich bin Euch, lieber Freund, nun freilich erſt zu kurz bekannt, um gerechte Anſprüche auf Eure Achtung und Euer Zutrauen machen zu können. Demnach muß ich mir dies erſt erringen, was mir auch, wie ich hoffe, gelingen wird. In Eure Seele habe ich indeſſen ſchon Blicke geworfen. Sie iſt leidend, ſehr leidend; aber ihr Uebel iſt keine Folge einer körperlichen Indispoſi⸗ tion, ſondern ſchwere Leiden, erlittenes Unrecht ſcheinen ſie tief und ſchwer gebeugt zu haben. Wie ich aber bei einem körperlich Leidenden nach der Urſache forſchen muß, die zu dem Aus⸗ bruch ſeines Uebels Veranlaſſung gab, ſo muß ich dies bei ſeeliſchen Krankheiten auch. Schenkt mir daher Euer Vertrauen und macht —— ———— 39 mich ohne Rückhalt mit den Begebenheiten bekannt, die Euch hierher gebracht, vielleicht, daß ich Euern Zuſtand dann erleichtern kann, und ſollte mir dies nicht gelingen, ſo erlaubt mir wenigſtens, Eure Sorgen als Freund mittragen zu dürfen, denn Zwei tragen an einem Ding ja immer leichter als Einer. Der Arzt hatte dies mit ſo viel Offenheit und Zutraulichkeit geſagt, daß David leicht erkannte, er habe es hier mit einem wahren und ehrlichen Menſchen zu thun. Dankbar ſchüttelte er daher dem neuen Freunde die Hand und ſagte: Ich ge⸗ ſtehe, ich hatte ſonſt immer eine gewiſſe Antipathie gegen die Aerzte und vielleicht nicht mit Unrecht. Bei jedem Unwohlſein liegen Natur und Krankheit im Kampfe, der Arzt iſt tertius interveniens Und als ſolcher ſchlägt er nur gar zu oft blindlings mitten hinein. Trifft er die Krankheit auf den Pelz, geneſet der Patient, trifft er aber die Natur, ſo iſt es eben aus. Darum mag ich auch jetzt mit dem Arzte nichts zu thun haben; aber deſto lieber reiche ich dem Menſchen die Hand, der mit einem gequälten Ge⸗ ſchöpfe Mitleid hat und einem zertretenen Herzen das göttliche Vorrecht der Freundſchaft zuwenden will. *) Der Dritte, der entſcheidend hinzutritt. Hört denn! aber ſtärkt Eure Seele mit Ver⸗ achtung, auf daß ſie der Ekel an dem Gewürme der Menſchen nicht vergifte. Er ſind jetzt acht Jahre vorüber, ſeitdem mir ein ſterbender Mönch ein Geheimniß anvertraut, in welches ich durch meine Aeltern verwickelt wor⸗ den. Das Geheimniß war von der größten Wich⸗ tigkeit, ſo daß ſein Bekanntwerden wol ſelbſt in der politiſchen Lage des Reichs Manches hätte än⸗ dern, gewiß aber nur verſchlimmern können. Eine noch größere Gefährlichkeit bekam aber die Sache durch die ſie belegenden, unumſtößlichen Documente. So ſehr ich mich nun auch im Anfange gegen die Eröffnung dieſes Geheimniſſes gewahrt, ſo ge⸗ waltig regte mich die Entdeckung auf, und ich mußte hier auf bittere Weiſe erfahren, daß eben der Menſch ein ſchwaches, leidenſchaftliches Geſchöpf bleibe, ſo lange er aus den Augen ſieht. Welche Kämpfe hatte ich nicht ſeit meiner Ju⸗ gend durchgemacht, meine Leidenſchaften, die Re⸗ gungen meines Herzens zu erſticken oder doch zu beherrſchen? welche Opfer dieſem Streben gebracht? Ich mußte dies um ſo mehr, da ich mein Leben an eine Liebe geſetzt, die die vollkommenſte Aufopfe⸗ rung forderte. Es war mir auch bis dahin gelungen; ich war 2 längſt nur noch im Gegenſtande meiner Liebe vor⸗ handen. Aber der Stolz über eine ſolche Seelen⸗ kraft hatte mich zu ſicher gemacht. Die Eitelkeit, wenn auch die edlere: im größeren Maße Gutes wirken zu können, erfaßte mich bei der Entdeckung, welch' großen Wirkungskreis, wenigſtens welch' umfangreichen Einfluß mir die Eröffnung meines Geheimniſſes gewähren würde. Fürchterliche Kämpfe zerriſſen meine Seele und ſtreckten mich endlich auf das Krankenlager. Ich mußte in Hagenau, im ſüdlichen Deutſchland, zurückbleiben, während der Kaiſer in Eilmärſchen nach Welſchland zog. Aber die Geſundheit der Seele verdankt Man⸗ cher der Krankheit des Körpers; dies werdet Ihr als Arzt ſchon oft erfahren haben. Auch ich erhob mich bald geiſtig und körperlich geſund von dem Schmerzenslager. Der Leib hatte die Krankheit, der Geiſt die Zweifel überwunden, mein Herz ſchlug in der alten, treuen, uneigennützigen Liebe für den Kaiſer, ja dieſe Liebe war noch gewachſen, noch durſtiger nach unbedingter Hingabe für Friedrichs Glück. Dennoch beging ich aus Schwäche einen Feh⸗ ler; ich konnte es nämlich nicht über mich gewin⸗ nen, jene unſeligen Documente zu vernichten, und begnügte mich, ſie in einem ſilbernen, wohlverſchloſ⸗ 42 ſenen Käſtchen zu bergen und mir heilig zu geloben, nie Gebrauch von denſelben zu machen. Hierauf reiſte ich dem Kaiſer über die Alpen nach. Ihr könnt nicht glauben, wie wohl ich mich nach dieſem Siege fühlte. Die Krankheit hatte mich tüchtig gerüttelt und ſo war ich ordentlich ein neuer Menſch, neu geboren und moraliſcher. Die ganze Natur erſchien mir verjüngt und im magi⸗ ſchen Lichte der ſchönen Jugendzeit. Die Liebe zu meinem edlen guten Herrn und Kaiſer aber wuchs in dem Maße, als ich mir vor⸗ warf, auch nur einen Moment, nicht in ihr ge⸗ ſchwankt, dies wäre eine Unmmöglichkeit, ſondern nur ihr ein anderes Gefühl übergeordnet zu haben. Doppelte Treue, doppelte Hingabe, doppelte Auf⸗ opferung bis zum Tode ſollte meinen Fehler ſühnen. Unter ſolchen Vorſätzen erreichte ich Turin, woſelbſt ich, als Reconvaleſeent, einige Tage aus⸗ zuruhen gedachte. Ich fand Stadt und Umgebung außerordent⸗ lich reizend. Von grünen Hügeln umſchloſſen, über welche die beeiſte Alpenkette emporragt, zieht ſich der Po um die eine Seite der Stadt, die mit ihren Kirchen und Plätzen, ihren Alterthümern und ihrem regen Leben mit Recht zu den ſchönſten in Welſchland ge⸗ zählt werden darf. 43 Namentlich ſpazierte ich gern in den bedeckten Gängen auf und ab, welche ſich in faſt allen Straßen an den Häuſern hinziehen, und ſetzte mich dann vor irgend ein Wirthshaus am Marktplatze hin, Er⸗ friſchungen einzunehmen, dem Treiben des Volkes zuzuſchauen, wol auch die Welſchen in ihren Ge⸗ ſprächen zu beobachten. So hörte ich dort einſt zwei Italienern mit Intereſſe zu. Der Eine war ein Turiner, der An⸗ dere kam von Rom. Der Turiner erzählte mit der, allen Euern Landsleuten eigenen und gewiß ſchönen, oft aber auch übertriebenen Vaterlandsliebe von ſeiner Ge⸗ burtsſtadt, deren Urſprung er, unter den pompöſe⸗ ſten Lobeserhebungen und Betheuerungen ganz beſcheiden einem Bruder des ägyptiſchen Königs Oſiris zuſchrieb; wogegen der Römer behauptete, es werde ihr zuerſt unter dem Namen„Tauraſia“ bei Gelegenheit der Eroberung derſelben durch Han⸗ nibal gedacht. Der Streit ward, wie Ihr denken könnt, hitzig und unterhielt mich ſo ſehr, daß ich den Kämpfern unvermerkt näher rückte. Ein Vorwitz, den ich bei⸗ nahe ſchwer gebüßt; denn ehe ich es mir verſah, blitzten Dolche in den Händen der Zankenden und es wäre ſicher Blut gefloſſen, hätte nicht ein Drit⸗ 8 5 ter die Kämpfenden durch eine wichtige Nachricht unterbrochen, die er ihnen halblaut zuraunte. Sogleich war der Streit vergeſſen und das Geſpräch ſpann ſich nun über einen anderen, mir noch viel intereſſanteren Gegenſtand ab. Wie ſoll ich Euch mein Erſtaunen und meinen Schrecken beſchreiben, als ich erfuhr, daß der Kanz⸗ ler Petrus de Vineis, welchen der Kaiſer in Staats⸗ geſchäften nach Genua geſandt, insgeheim in Tu⸗ rin angekommen ſei, um mit Cardinal Montelongo, einem Abgeſandten des Papſtes, über eigene Ange⸗ legenheiten zu unterhandeln. Der Vertraute, der Freund des Kaiſers, im heimlichen Einverſtändniſſe mit Rom! Denn daß dies der Fall, hörte ich deutlich aus dem Geflüſter meiner Nachbarn, die auf mich, der ich mich ſchla⸗ fend ſtellte, nicht achteten. Keinem anderen Menſchen hätte ich eine ſolche Niederträchtigkeit und Falſchheit zugetraut. Bei Vineis zweifelte ich nicht, denn ich durchſchaute denſelben längſt und wußte nur zu gut, daß er, wenn auch bisher ein treuer und tüchtiger Diener des Kaiſers, dennoch ein Sklave ſeines Hochmuthes und Geizes ſei. Hochmuth ſtürzte aber einſtens ſelbſt Satan und ſeine Engel, warum nicht einen finſteren, lei⸗ denſchaftlichen Menſchen. 45 Ich zitterte für meinen Herrn. Gern wäre ich zu ihm geeilt, ihn zu warnen und doch wagte ich dies nicht, ehe ich mich von der Schuld des Kanz⸗ lers völlig überzeugt. Das war ſehr vernünftig! entgegnete hier der Arzt. Sicher hat man Euch damals, wol unvor⸗ ſätzlich, getäuſcht. Denn der Kanzler hat durch ſeine fernere Treue ſeitdem bewieſen, daß er es redlich mit dem Kaiſer meine. Noch iſt er ja ſein rechter Arm, man darf ſagen ſein einziger Freund! Gott allein erforſcht die Herzen der Menſchen! rief David mit feierlichem Ernſte. Vineis mag be⸗ reut, auch vielleicht ſeine Rechnung nicht gefunden haben und darum zurückgetreten ſein— dies weiß ich nicht— aber ich weiß, daß er damals mit dem Cardinal über die Ueberliefe⸗ rung des Kaiſers an Romunterhandelt. David hatte die letzten Worte mit einem ſol⸗ chen Ingrimm, mit einer ſolchen Beſtimmtheit und Heftigkeit ausgeſtoßen, ſein ganzes Weſen war da⸗ bei ſo erregt, daß der Arzt faſt fürchtete, man möge ihn doch richtig beſchieden haben. Auch hatte ja eine achtjährige Erfahrung Davids Behauptung ſo ſchlagend widerlegt, daß eben dieſe Anklage je⸗ dem Unbefangenen wie eine fire Idee vorkommen mußte. Federbuſch mochte ſeines neuen Freundes Ge⸗ 46 danken errathen. Er faßte ſich daher und ſagte ruhig: Gott ſei gelobt, daß mich die Vergangen⸗ heit bis hieher Lügen geſtraft. Thatſachen laſſen ſich aber nicht wegleugnen und das iſt keine fire Nee, was man geſehen, was man gehört hat. Genug! Vineis, der ſchlau und vorſichtig iſt, entdeckte bald, daß ich mich durch einen erkauften Diener des Cardinals ſeines gefährlichen Geheim⸗ niſſes bemächtigt hatte und kam, ſich zu ſichern, durch eine raſche That meiner Flucht zuvor. Ehe ich es ahnte, ward ich verhaftet und in ſichern Gewahrſam gebracht. Unglücklicherweiſe hatte ſich aber bei dieſer Ge⸗ legenheit Vineis auch des ſilbernen Käſtchens be⸗ mächtigt, welches die vorhin erwähnten Doeumente enthielt. Er erſtarrte bei dieſer Entdeckung. Aber der Teufel jauchzte zugleich in ihm, denn nun war er gerettet und ich vernichtet. Vineis verläßt noch zur Stunde Turin und zwar eben ſo heimlich, als er dahin gekommen war, und eilt, als ob es Tod und Leben gelte, zu dem Kaiſer, der noch in Modena ſtand, aber eben im Begriff war weiter vorzurücken. Dort angelangt wirft er ſich dem Kaiſer zu Füßen und fleht um Vergebung, daß er ohne deſſen Befehl heimlich in Turin geweſen ſei. Allein das Glück, das Leben ſeines theuern Herrn, die Wohl⸗ 47 fahrt des Reiches habe ihn dazu gezwungen. Und als der Kaiſer nun verwundert über die Veran⸗ laſſung zu dieſer Beſorgniß frägt, erzählt Vineis unter Thränen, daß er in Erfahrung gebracht: ich ſei wahnſinnig geworden, habe in meinem Irrſinn ſtaatsgefährliche Pläne ausgeheckt und mich nun in Turin mit den Feinden des Kaiſers verbunden. Friedrich, ſeinen treuen Diener kennend und an der Wahrheit des Gerüchtes zweifelnd, weiſt dies Märchen zurück und verlangt mich zu ſehen und zu ſprechen. Da legt der Kanzler jene Documente dem Kaiſer zu Füßen, die dieſem, der den Zuſammen⸗ hang der Sache nicht kennt, allerdings als Ausge⸗ burten und Machwerke eines irren Kopfes vorkom⸗ men müſſen. Dennoch will er mich ſehen, hören; er kann nicht an das Unglück glauben, das mich betroffen haben ſoll... Aber der ſchlaue Kanzler hat mit ſeinem Gelde unverwerfliche Zeugen erkauft, die alle ſchwören, daß ich wahnſinnig, daß ich raſend ſei. Friedrich iſt überwunden. Und indem er mit eigner Hand die Documente den Flammen über⸗ gibt, beweint er, angeſichts des Hofes, das gräß⸗ liche Schickſal ſeines Narren. Da fleht Vineis gerührt um die Gnade, in eigner Perſon für mich ſorgen und mich nach dem, 48 wegen ſeiner geſunden Luft bekannten Piſa bringen zu dürfen. Gern gibt ihm der gute Kaiſer dazu Erlaub⸗ niß, verſprechend, ſo bald es nur der Stand der Dinge erlaube, mich ſelbſt aufzuſuchen. Vineis kehrte nun nach Piſa zurück, wohin er mich als toll in einer verſchloſſenen und ſtarkbe⸗ wachten Sänfte, an Händen und Füßen gebunden, hatte bringen laſſen. Hier erzählte er mir ſelbſt unter vier Augen hohnlachend ſeinen Schurken⸗ ſtreich, übergab mich dem Commandanten und dem Arzt der Feſtung Verrucolo, verbot außer dieſen Jedem bei Lebensſtrafe mit mir zu ſprechen und verſchwand mit den Worten: Schurke! der du mich ſo oft beleidigt, büße nun und werde in der That, was du nur hießeſt— ein Narr! Seit jenem Augenblicke ſah ich ihn nicht wieder. 4. Wichtige Begebenheiten. Alſo der Greis; und es 5 mein armes Herz vor Be⸗ trübniß, Weinend ſaß ich im Sand und jammerte; aber mein Geiſt wa war Müd' im Leben zu ſein und das Licht der Sonne zu ſchauen. Homer. Davids Bericht hatte den Arzt tief erſchüttert. Eine ſo kanibaliſche Bosheit, wie ſie hier Vineis entwickelt, war ihm noch nicht vorgekommen. Gern hätte er, der Menſchheit zu Liebe, an der Wahr⸗ heit der Sache gezweifelt und doch wagte er Da⸗ vids Worten jetzt nicht mehr zu mistrauen, da dieſer im Verlaufe der Erzählung auch nicht die mindeſte Spur von Geiſtesverwirrung gezeigt. Selbſt jene einmalige momentane Aufregung trat ja nun ge⸗ rechtfertigt als ein, durch die tiefſte Indignation erregter Effekt hervor. Und wen hätte eine ſo raffinirte Schurkerei, ein mit ſo ruhiger Beſinnung ausgeführter mora⸗ liſcher und geiſtiger Todtſchlag nicht empört? Was iſt der Tod gegen Wahnſinn? Was iſt III. 3 50 ewiges Gefängniß gegen ein Leben, ausgelöſcht auf der Tafel des Seins? gegen ein Leben angeſichts der Fratzen der Tollheit? gegen ein Leben, in dem man mit ruhigem Bewußtſein fremden Wahnſinn wie eine Schlange auf ſich zukriechen ſieht, lang⸗ ſam, allmälig und doch ſicher des Opfers? Dem Arzte brannte bei dieſen Gedanken ſelbſt das Gehirn und der ſonſt ſo ruhige Mann war ſo alterirt, daß er einigemal auf⸗ und abgehen mußte, um ſeiner wieder Herr zu werden. Und Ihr erfuhret ſeit jenen acht Jahren nichts von der Welt und Dem, was in ihr vorging? frug er endlich. Nichts! entgegnete David ruhig, nichts als auf mein fußfälliges Bitten von Zeit zu Zeit die Betheuerung, daß mein guter Herr und Kaiſer noch lebe. Aber der Kaiſer ſelbſt, hat er nie Wort ge⸗ halten und Euch einmal geſehen? Der Kaiſer, wenn auch Herr der Welt, iſt Sklave ſeiner Herrſcherpflicht. Ich weiß es, wäre es ihm möglich geweſen, er hätte ſeinen David beſucht; aber ſo— wer wüßte nicht, wie es ihm geht!— ſo wird ihn der leidige Kampf mit der Lombardei und Rom wieder bald da⸗, bald dorthin gerufen, ihn unaufhörlich beſchäf⸗ tigt haben. Wie wäre es ihm da wol möglich, 51 den Regungen des Herzens zu folgen! Und dann, der Kanzler, er wird ſchon dafür geſorgt haben, daß ſich Friedrich Piſa nicht nähere. Schändlich, ſchändlich! rief der Arzt. Doch Ihr müßt und Ihr ſollt gerettet werden und koſtete es mir das Leben. Denkt an Eure Verpflichtungen! erinnerte David. Ich würde übrigens mein Leben als abge⸗ ſchloſſen betrachten und meinem Tode hier ruhig entgegenſehen, wenn mich nur nicht der Gedanke, daß ich den Kaiſer in Vineis' Händen wiſſen muß, wie eine Furie verfolgte. Ach, lieber Herr, fuhr Federbuſch begeiſtert fort, ſtand auf und er⸗ griff lebhaft des Arztes Hand, wenn Ihr wüßtet, wie ich den Kaiſer liebe, anbete; wenn Ihr wüß⸗ tet, welche Bande mich an ihn ketten; wenn Ihr ahnen könntet, wie mein ganzes Leben nichts, ſo gar nichts iſt, bin ich von ihm getrennt; wenn Ihr den Kaiſer ſo genau kennen würdet, wie ich ſeine Gerechtigkeit, ſein biederes Herz, ſeine Gemüthlich⸗ keit; wüßtet, wie kühn, tapfer, edelgeſinnt, freige⸗ big und kenntnißreich er iſt; wie er ſeine Völker liebt und alle ſeine treuen Diener; wie ſein Herz groß ſchlägt für Freundſchaft und Liebe und wie ſein Streben ſtets und in jeder Lage und Beziehung das edelſte iſt— dann, mein Herr, dann würdet 3* 52 Ihr fühlen, daß es mehr als Tod, mehr als Wahn⸗ ſinn iſt, von ihm getrennt zu ſein. Dem Unglücklichen traten hier Thränen in die Augen und wie in wehmüthigen Erinnerungen verloren ſetzte er leiſe hinzu: wie oft hat er über meine Scherze gelacht; wie oft verſcheuchte mein Witz die Falten ſeiner Stirn, wie manchmal tröſtete ihn mein Humor! Ach und als ich ihn wiederfand zu Reggio und als er nach Eudoria's Tod und nach Heinrichs Verrath und Mordverſuch zuſam⸗ menbrach und in ſo mancher ſtillen Stunde ſich weinend auf meine Schulter ſtützte und ſagte: Gu⸗ ter David, es iſt Alles vergänglich und treulos, verlaſſe du mich nicht! O, wie groß, wie gut war er da, wie ahnungsvoll... David ſchrak auf und erblaßte. Aber der Arzt hatte die letzten Worte nicht gehört, er ſtand ge⸗ dankenvoll und ſann auf Federbuſch's Rettung. Die Sache war höchſt ſchwierig auszuführen und bedurfte einer um ſo reichlicheren Ueberlegung, als Davids und des Arztes Leben dabei auf dem Spiele ſtanden.. Die einzige Art, ſie möglich zu machen, war: ein Zuſammentreffen Federbuſch's mit dem Kaiſer herbeizuführen, wobei David als geheilt vorgeſtellt werden ſollte. Der Narr war edel genug, da die 53 achtjährige Treue Vineis' eine aufrichtige Rück⸗ kehr zur Pflicht vermuthen ließ, die ihm zugefügte Schmach vergeſſen zu wollen. Nur den Kanzler zu überwachen, dazu trieb ihn eine innere Angſt, dazu forderte ihn dringend ſeine Hingebung an den Kaiſer auf. Hierzu brauchte man aber Zeit, da eine ge⸗ heime Verſtändigung mit dem Kanzler wol unum⸗ gänglich nöthig war. Für heute gedachte indeſſen der menſchlich füh⸗ lende Arzt dem Unglücklichen wenigſtens eine Er⸗ leichterung zu ſchaffen. Es war ihm nämlich, da er nicht vom Kanzler ſelbſt, der ſich eben auf dem Wege nach Lyon be⸗ fand, ernannt worden, auch kein Schweigen gegen David, den man in der That wol allgemein für verrückt hielt, auferlegt. Er benutzte daher dieſe Freiheit, um Feder⸗ buſch einige Nachricht über Das zu geben, was ſich in den Jahren ſeiner Gefangenſchaft und Abge⸗ ſchloſſenheit zugetragen, ein Entſchluß, der David auf das Höchſte entzückte, da er ja dadurch auch über ſeines guten Kaiſers Schickſale aufgeklärt werden ſollte. Klopfenden Herzens ſetzte er ſich an des Arz⸗ tes Seite und dieſer begann: Ich hätte Tage lang zu erzählen, wollte ich 54 Euch das Alles ausführlich mittheilen, was ſich in Deutſchland und Italien in den letzten acht Jah⸗ ren zugetragen; denn wir leben in einer großen, merkwürdigen Zeit, in einer Zeit der Aufre⸗ gung, der Entwicklung, aber eben deswegen auch des Kampfes. Nun haben wir Aerzte bei der Anwendung unſerer Mittel aber den Brauch, ſtatt dieſelben in Maſſe zu geben, lieber ein Ertract der beſten Kräfte anzuwenden und ſo durch wenig viel zu wirken. So will ich es nun auch bei meiner Erzäh⸗ lung machen, damit Ihr durch wenige Worte einen Ueberblick gewinnt. Ihr erinnert Euch noch der Zeit, in welcher Friedrich, von Ezelino di Romano aufgerufen, Deutſchland verließ, um die rebelliſchen Lombarden zu züchtigen. Ob ich mich der Zeit erinnere? entgegnete David, wie ein Kind des Tages, an dem man ihm zum erſtenmale Pfeffer auf den Daumen ſtrich, um ihm das Lutſchen abzugewöhnen. Es war ja juſt um die Zeit, in welcher mir der Mönch zu Lorch ſterbend das Geheimniß mittheilte, das ſo unglückſelig auf mich zurückwirkte. Ich ward krank, Friedrich zog über die Alpen und ich ſah ihn nicht wieder. Nun, fuhr der Arzt fort, ſo entſinnt Ihr Euch auch noch, daß den Kaiſer nur ein kleines Heer be⸗ gleitete, da die deutſchen Fürſten die große Reichs⸗ armee zu bilden und ſchleunigſt nachzuführen ver⸗ ſprachen. Aber verſprechen und halten iſt zweierlei. Es folgten nur Wenige, ſo daß ſich der Kaiſer bald von Feinden umgeben ſah und kaum hoffen durfte, mit einer ſo geringen Macht etwas gegen die Lom⸗ barden ausrichten zu können. Zumal da wir, ſeine treuen Neapolitaner, zu fern waren, ihm ſchleunige Hülfe zu bringen. Aber wann hätte Kaiſer Friedrich je verzagt? Er zog einher, als ſtehe er an der Spitze von Hunderttauſenden und ſeine Zuverſicht krönte auch ſofort ein glänzender Sieg. Vicenza, das rebelliſche Vicenza, woſelbſt man die Frechheit gehabt, es als ein todeswürdiges Ver⸗ brechen zu bezeichnen, den Namen des Kaiſers zu nennen, fiel und erlitt durch Feuer und Schwert eine ſchreckliche, aber gerechte Strafe. Dieſer erſte Sieg ſchmetterte die Feinde und ihre ſtolzen Hoffnungen nieder, ſo daß ſie kaum ferner Widerſtand zu leiſten wagten. Schon war auch das Gebiet von Padua und Treviſo von den Kaiſerlichen überzogen und Venedig und Mailand erzitterten vor dem nahenden Rächer, als ein wich⸗ tiges Ereigniß den Kaiſer nach Deutſchland zu⸗ rückrief. Gleich nach ſeiner Entfernung war nämlich der geächtete Herzog Friedrich der Streitbare von Oeſtreich wieder aus ſeinen feſten Schlöſſern her⸗ vorgebrochen und hatte mit großer Kühnheit das Reichsheer überraſcht, geſchlagen und die Biſchöfe von Paſſau und Freiſing gefangen. Einen ſolch gefährlichen Gegner durfte der Kaiſer nicht im Rücken laſſen und ſich der Gefahr ausſetzen, ganz von Deutſchland abgeſchnitten zu werden. Deshalb eilte er mitten im Winter über die Alpenpäſſe nach Steiermark, während ſein Sohn Konrad mit einem ſchnell aufgebrachten Heere die Donau hinabzog. So wenig Eifer aber die Fürſten für einen italieniſchen Feldzug gezeigt hatten, ſo raſch und nachdrücklich unterſtützten ſie den Kaiſer hier. Leicht wurde ganz Oeſtreich wieder genommen und der Herzog in dem feſten Neuburg einge⸗ ſchloſſen. Von Wien aus, deſſen Einwohner ihn einge⸗ laden, ordnete der Kaiſer nun alle Verhältniſſe. Wien bekam Reichsunmittelbarkeit, Oeſtreich und Steiermark fielen dem Kaiſer als Lehen zu. Als dies geſchehen, kehrte Friedrich nach Ita⸗ lien zurück, das begonnene Werk der Unterwerfung und Züchtigung der rebelliſchen Lombarden zu voll⸗ enden. Ein Kampf, der an Wildheit und Gräßlichkeit ſeines Gleichen in der Weltgeſchichte faſt vergeblich ſucht, entzündete ſich nun. Die Guelfen eroberten Markaria und hieben die ganze Beſatzung nieder. Ezelino di Romano erſtürmte Padua. Als er einritt, nahm er ſeinen eiſernen Helm ab, beugte ſich ſeitwärts und küßte das Stadtthor. Die ängſtlichen Bürger nannten dieſen Kuß erfreut den Kuß des Friedens; aber ſie irrten ſich ſehr. Scheint es doch, als ſei Ezelinv von dieſem Tage an der Hölle verfallen; denn alles Große und Edle ſeiner Natur ſchwand von dieſer Stunde an immer mehr vor dem Böſen da⸗ hin, welches aus dem Boden ſeines ſtrengen und finſtern Gemüthes wuchernd emporwuchs. Friedrich zog um dieſelbe Zeit 10,000 Sara⸗ eenen aus Luceria an ſich. Jetzt fielen eine Menge Schlöſſer und Städte, wie Mantua, Ferrara und andere dem Kaiſer zu und ſeine Macht wuchs zu einer ſolchen Ueberlegenheit an, daß Niemand an der Unterjochung der ganzen Lombardei mehr zweifelte. Da miſchte ſich plötzlich der Papſt, dem es nicht gleichgültig ſein konnte, wenn Friedrich im obern und untern Italien Herr werde, in den Stand der Dinge, eine Ausſöhnung zwiſchen dem Kaiſer und den Lombarden vorſchlagend. Gern nahm Friedrich dieſen Vorſchlag an, allein des Papſtes Bemühungen führten zu nichts. Der Kampf brach aufs neue los und endete mit einer blutigen Schlacht in der Nähe von Corte⸗ nuvva, in welcher die Lombarden aufs Haupt ge⸗ ſchlagen wurden. Oberitalien war erobert, nur Bologna, Piacenza, Brescia und Mailand hielten ſich noch und nöthigten Friedrich, da ſie ſich nicht igen Belagerungen. Dieſem Allen hatte unterdeſſen der heilt Vu⸗ ter anſcheinend ruhig zugeſehen, weil er dem Kaiſer gegen die Lombarden nicht Unrecht geben konnte. Dennoch paßte er ängſtlich auf eine Gelegenheit, ſeinen alten Verbündeten wieder beitreten zu können. Unglücklicherweiſe bot ſich nur allzubald eine ſolche. Die Hand der, durch ihre Schönheit weit und breit berühmten Erbin der Herrſchaften von Gallura und Torra auf Sardinien war durch den Tod ih⸗ res Gemahls frei geworden. Gregor, der ſich auch in Sardinien wie Per all die Oberhoheit anmaßte, obgleich dieſe Inſel längſt unter dem Seepter des deutſchen Kaiſers Gnade oder Ungnade ergeben wollten, u En 59 ſtand, beſtimmte der reizenden Adelaſia ſofort einen neuen Gatten und wählte dazu einen der größten Feinde Friedrichs. Aber Adelaſia hatte eine leidenſchaftliche Liebe zu Enziv, dem ſchönſten der Söhne des Kaiſers, er⸗ faßt und da dieſer ihr verſprach, ſeinen Sohn, im Fall dieſe Verbindung zu Stande käme, zum König von Sardinien zu erheben, ſo ſiegten bei dem ehr⸗ geizigen und leidenſchaftlichen Weibe Liebe und Eitelkeit und ſie entſchied ſich, gegen des Papſtes dringende Ermahnungen, für den kaiſerlichen Spröß⸗ ling. Dies Verfahren ſetzte Gregor in Zorn und Wuth; er ſtimmte das alte Lied über Eingriffe in ſeine Rechte an und erfaßte ſogleich die Gelegen⸗ heit, um wieder feindlich gegen Friedrich auftreten zu können. Jetzt hatte ſich der Himmel wieder ſchwarz überzogen, eine dumpfe, ängſtliche Schwüle herrſchte durch ganz Italien. Ich erinnere mich noch ſehr wohl, fuhr hier der Arzt fort, wie Friedrich um jene Zeit in Padua einzog, woſelbſt ich mich damals gerade aufhielt. Alles war hier zu ſeinem Empfange aufs herr⸗ lichſte vorbereitet. Ezelino di Romano eilte ihm mit den Rittern entgegen, die ganze Bürgerſchaft ſtand in wohlge⸗ F 60 ordneten Reihen zur Seite, die ſchönſten Frauen ſchloſſen ſich im ausgewählteſten Schmucke dem Zuge an und umringten den Kaiſer. Ueberall ertönten Zimbeln und Poſaunen, Zithern und freudige Geſänge. Nicht weniger Auf⸗ merkſamkeit erregten die Scharen der Krieger, unter denen man Lombarden, Apulier, Deutſche und Saracenen, ja ſogar einige Griechen und andere Ausländer bemerkte. Als der Zug dem prachtvoll gezierten Fahnen⸗ wagen der Stadt nahte, ergriff Heinrich Teſta, ein Bürger Paduas, die Fahne, ſenkte ſie vor dem Kaiſer und ſprach: Großmächtigſter Herr, dieſe Fahne bietet Euch die Bürgerſchaft, auf daß Ihr, durch die Macht der Krone Eures Hauptes Recht und Gerechtigkeit in Padua erhaltet. So viele Zeichen der Aufmerkſamkeit erfreuten den Kaiſer ſehr; er vergaß der ſo ernſt über ihn einbrechenden Zeit, überließ ſich ſeiner urſprünglich heitern Natur und ſagte zu Ezelino: Wahrlich we⸗ der dieſſeit noch jenſeit des Meeres, noch in ir⸗ gend einem Theile der Welt habe ich ein ſo ritter⸗ lich Geſchlecht, ſo ſchöne, in jeder Beziehung ge⸗ wandte und gebildete und doch ſo ſittſame Frauen geſehen. Dies Lob aus dem Munde des Kaiſers, der zugleich ein ſolcher Kenner der Schönheit und 61 Bildung war, erwarb ihm viele Freunde und Freundinnen. So kam der Palmſonntag heran und die an dieſem Tage gewöhnlichen Feſte, Wettrennen und Kämpfe wurden diesmal zu Ehren des Kaiſers noch weit prächtiger und mannichfaltiger als ſonſt gehalten. Friedrich ſaß auf einem goldenen Thron; zeigte ſich aber dabei ſo theilnehmend, freundlich und herablaſſend gegen Jedermann, daß er eher der Freund eines jeden Einzelnen, als ein ſo mächtiger Kaiſer ſchien. Daran erkenne ich ihn! rief freudeſtralend Da⸗ vid; daran erkenne ich meinen großen Friedrich. Tapfer wie ein Gott im Kampfe, mild im Gericht, ſtreng, unerbittlich ſtreng gegen verſtockte Sünder, ſtolz gegen Feinde und unausſprechlich liebenswür⸗ dig gegen treue Freunde. Ja, ſo iſt er, fuhr der Arzt fort, und auch da⸗ mals flogen ihm alle Herzen entgegen. Vineis hielt darauf eine Rede, in welcher er— Ihr kennt ja des Kanzlers Redekunſt— auf die geſchickteſte Weiſe von der Welt des Kaiſers gerechte und wohl⸗ wollende Geſinnungen auseinanderſetzte. Hiervon zu überzeugen, warf David ein be durfte es wahrlich keines großen Rhetorikers. Mag ein politiſcher Redner auch noch ſo viele künſtliche 62 und feine Wendungen gebrauchen, ſeiner Beredt⸗ ſamkeit Hauptquellen bleiben immer die Wahrheit und die Wichtigkeit der Angelegenheit, über welche er ſpricht, und die Stärke der Ueberzeugung, mit welcher er dies thut. Da habt Ihr Recht“ verſetzte der Arzt. Aber Welſchland iſt verwöhnt und italieniſche Ohren wollen durch ſchöne Worte geſchmeichelt ſein und dies eben verſteht Vineis vor Allen. Doch auf meine Erzählung zurück zu kommen: Des Kaiſers Benehmen und die Rede machten eben einen ſo tiefen Eindruck, daß ſich überall Freude und Jubel, Begeiſterung, Liebe und Vertrauen zeigten. Nur einige lombardiſch Geſinnte ſprachen in ſtillem Ingrimm zu einander: Dieſer Tag wird ſich dem⸗ glücktrunkenen Thrannen zum Jammertage wan⸗ deln; denn heute bannt ihn der heilige Vater in Rom und übergibt ihn dem Teufel. Niemand wußte, woher dieſe Rede voll ſchwar⸗ zer Ahnung ſtamme; aber ſie wuchs mit Sturmes⸗ eile und ward zum vielzüngigen Gerüchte, das ſeine finſteren Todesſchatten ſchrecklich über das heitere Feſt warf. Und die Urheber, wahrſcheinlich von des Pap⸗ ſtes Beſchlüſſen unterrichtet, hatten wahr geſpro⸗ chen? rief David ſchmerzlich bewegt aus. O ich 63 hatte es geahnt, es mußte ja ſo kommen. Kaiſer und Papſt können nicht Freunde ſein. Leider habt Ihr Euch nicht getäuſcht, mein Freund, fuhr der Arzt fort, Gregor M ſchleuderte am ſelben Tage den Bann auf des Kaiſers Haupt. Nun brach die Furie des Krieges erſt recht los und der Kaiſer, unterſtützt durch Ezelino und namentlich durch ſeinen ſo klugen als tapfern Sohn, den ſchönen Heldenjüngling und König Enzio tha⸗ ten Wunder der Tapferkeit. Rom wurde eingeſchloſſen und ſomit der Papſt gefangen gehalten; ja er ſchien, da er weder den Römern, noch ſeiner Umgebung trauen durfte, faſt vor perſönlichen Mishandlungen und Gefangen⸗ ſchaft nicht ſicher; dennoch verwarf der ſtarre, un⸗ bezwingliche Gregor alle Anträge, die auch nur im mindeſten ſeine Ehre oder die Rechte der Kirche auf irgend eine Weiſe zu verletzen ſchienen. Zwar fielen Faenza, Benevent und andere Städte in des Kaiſers Hände, andrerſeits gingen aber auch wieder welche verloren, und namentlich ſchreckte Ezelino di Romano's grauſame Strenge viele von einer Vereinigung mit dem Kaiſer zurück. Und dann, verſetzte David, beging der Kaiſer wol wieder den alten Fehler. Andere nach ſeinen aufgeklärten Anſichten beurtheilend, ſchlug er gewiß 64 die Macht kirchlicher Waffen wie früher nicht hoch genug an. Allerdings, entgegnete der Arzt, und dieſer Fehler kann ihn zum Untergang bringen. Damals aber ſtand es mit dem heiligen Vater ſchlecht, er ſah ſich an dem Rand des Unterganges. In dieſen Nöthen ſchrieb Gregor eine Kirchen⸗ verſammlung in alle Welt aus, lud aber nur die⸗ jenigen geiſtlichen Würdenträger namentlich dazu ein, welche er als des Kaiſers Feinde kannte, um dann mit deren Hülfe Friedrich gänzlich zu ver⸗ derben. Natürlicherweiſe proteſtirte der Kaiſer ſchon im voraus gegen eine ſolche parteiiſche Zuſam⸗ menkunft und verbot allen Geiſtlichen für jetzt die Reiſe nach Rom. Deſſenungeachtet machte ſich ein großer Theil der Gewarnten, namentlich aus Frankreich und der Lombardei, auf den Weg. Der Sicherheit wegen wählten ſie die Waſſerſtraße und ſchifften ſich in Genua unter großem Jubel ein. Eine ſtarke Flotte begleitete ſie. Aber der tapfere und wachſame Enzio hatte ſie beobachtet und kaum erſchienen ſie dort drüben in den piſaniſchen Gewäſſern, als ſie die kaiſerlichen Schiffe nahe bei der Felſeninſel Meloria angriffen. Nach kurzem Kampfe wurden die Gemeſer völlig geſchlagen, drei Schiffe verſenkt, zweiund⸗ zwanzig genommen und 4000 Gefangene nebſt reicher Beute gemacht. Unter den Gefangenen be⸗ fanden ſich drei Cardinäle, die Erzbiſchöfe von Rouen, Bordeaur und Beſangon, die Biſchöfe von Karcaſſonne, Agde, Nismes, Tortona, Pavia, die Aebte von Clairvaur, Ciſters und Clugny, die mei⸗ ſten Abgeordneten der lombardiſchen Städte u. ſ. w. Als Gregor dies Unglück erfuhr, erſchrak er ſehr. Aber auch jetzt trotzte er mit des Alters un⸗ ſinniger Hartnäckigkeit dem Geſchick. Friedrichs Glück ſtieg dagegen von Tag zu Tag. Die Mailänder wurden geſchlagen, Fano, Spoleto, Terei, Narni und Rieti, Tivoli, Albano, Grottaferata und Monteforte erobert und ſchon zitterte Rom— da ſtarb Gregor! Der Arzt hielt hier einen Augenblick inne und auch David, der ihm mit der geſpannteſten Auf⸗ merkſamkeit bis dahin zugehört, ſchöpfte tief Athem, als habe dieſe Nachricht ſeine Bruſt erleichtert. Und wer ward nun Papſt? war natürlich die erſte Frage, die Federbuſch an den Erzählenden richtete; denn von der Beſetzung des Stuhles Petri, dies wußte er ja nur zu gut, hingen der Welt Schickſale ab. Friedrich, ſo fuhr der Arzt fort, hatte nicht 66 gegen die Kirche gekämpft, wie er oft genug laut bezeugt, ſondern nur gegen des ſtarrköpfigen Gre⸗ gors Anmaßungen. Er zog daher nach deſſen Tod ſogleich ſeine Armeen nach dem Kipchenſtaate zurück, um keinen Zwang auf die neue Papſtwahl auszuüben; ja er ging, um ſeine Geneigtheit zu einem dauernden Frieden mit der Kirche zu beweiſen, noch weiter und gab ſogar die gefangenen Cardinäle frei. Die neue Papſtwahl war ſtürmiſch. Endlich entſchied man ſich für den alten Cardinal Caſtig⸗ lione, der denn auch den heiligen Stuhl unter dem Namen Cöleſtin IW beſtieg, aber ſchon ſechzehn Tage nachher der Bürde ſeiner Jahre erlag. Neue Kämpfe und neue Verwirrungen folgten nun, bis endlich der Cardinalprieſter Sinibald Fiesko, Graf von Lavagna, zum Papſte erhoben wurde. Fiesko!? rief hier David angenehm überraſcht. Gelobt ſei Gott! der Graf von Lavagna war von jeher des Kaiſers Freund. Aber.. ſetzte er är⸗ gerlich hinzu und ſchlug ſich vor die Stirn, ich Dummkopf! Als ob der Stuhl Petri nicht anſtecke wie ein Lazarethbett! Der Meinung war Friedrich auch! entgegnete der Arzt. Er ſah ſchärfer als ſeine Umgebung, die darüber jubelte, daß ein kaiſerlich Geſinnter die 67 heilige Tiara errungen habe. Weiſſagend ant⸗ wortete er: Ich fürchte, ich fürchte, daß ich einen Freund unter den Cardinälen verloren habe und einen feindlichen Papſt wiederfinde! Und ſo war es leider denn auch. Fiesko nannte ſich alſobald Innocenz W und bezeichnete ſchon damit, auf In⸗ nocenz Il hinweiſend, den Weg, den er einzuſchla⸗ gen gedachte. Friedrich ſetzte unterdeſſen den Krieg gegen die Lombarden mit wechſelndem Glücke fort; ſuchte jedoch mit Innocens einen dauernden Frieden ab⸗ zuſchließen. Schon glaubte man dieſen ſeinem Ab⸗ ſchluſſe nahe und zwar um ſo mehr, als der Kaiſer ſich bei aller Geneigtheit dennoch mit Heeresmacht dem Kirchenſtaate näherte; ſchon bedrohte den Papſt im Weigerungsfalle das Schickſal Gregors M, als mit Einemmale die Nachricht erſcholl: der Papſt ſei verſchwunden! Freunde und Feinde ſtanden verwirrt; der Kaiſer aber erkannte ſogleich Innoeenz' Vor⸗ haben und rief bleich vor Schrecken: Weh Uns! der Ungerechte iſt entflohen und Niemand hat ihn verfolgt; nun wird er Böſes brüten, da er Unſere Hand nicht mehr fürchten darf. Wirklich war Innocenz IV mit Hülfe der Ge⸗ nueſer entflohen und erreichte alsbald Lyon, wo⸗ er ſich noch jetzt befindet und im Augenblicke 68 eine Kirchenverſammlung abhält, von der ſich der Kaiſer das Schlimmſte erwarten darf. Owehe! rief hier David, ſo ſteht es ja ſchlim⸗ mer als je mit ihm! Und wenn dies noch Alles wäre, fuhr der Arzt finſter fort, auch als Menſch haben ihn harte Schläge getrofſen. Und welche? frug David entſetzt. In dem kurzen Zeitraum von drei Jahren verlor er ſeinen würdigen alten Freund Hermann von Salza, ſeinen Sohn Heinrich und ſeine Gat⸗ tin, die jugendliche Iſabella von England. Armer Friedrich, rief David und ſeine Augen füllten ſich mit Thränen. Welch' harte Prüfungen hat der Himmel über dich verhängt! Kein Sterb⸗ licher vermöchte wie du ſolche Schläge des Schick⸗ ſals zu ertragen und ach! die Zukunft, was wird ſie dir noch bringen. Er ſieht ihr ruhig entgegen, verſetzte der Arzt, wie er denn auch trotz aller dieſer Schläge un⸗ gebeugt und unerſchüttert daſteht, wie der Fels im Meer, hohnſprechend den raſenden Stür⸗ men und den empörten Wellen. 5. Die Verirrten. Schauen kann der Mann und wählen! Doch, was hilft ihm oft die Wahl? Kluge ſchwanken, Weiſe fehlen, Doppelt iſt dann ihre Qual. Recht zu handeln, Grad zu wandeln, Sei des edlen Mannes Wahl. Soll er leiden, Vicht entſcheiden, Spreche Zufall auch einmal. Goethe. Wir müſſen uns verirrt haben, Rudi! rief der Kaiſer, deſſen rabenſchwarzes Pferd ſchaumbedeckt und mühſam einen ſteilen felſigen Pfad hinauf⸗ klomm, ſeinem jugendlichen Begleiter, dem Grafen von Habsburg zu. Mir ſcheint es auch ſo, Majeſtät, entgegnete der junge Mann, indeſſen können wir nicht weit von den Jagdgenoſſen entfernt ſein; ich hörte noch vor einer halben Stunde ihre Hörner. Macht nichts! ſagte der Kaiſer, indem er ſcharf nach einem kleinen, dunkeln Punkte ſah, der am Himmel langſam dahinzog. Wir ſind manchmal gern von dem läſtigen Schwarme befreit! Aber ſchau, Rudi, ſchwebt dort nicht ein prächtiger Rei⸗ her? Ja, ja! Wir ſehen recht, Unſer Auge iſt noch ſcharf, wie in den Tagen der Jugend; das iſt eine ſchöne Beute. Gib mir den Falken! Rudolph ſprengte heran und reichte dem Kai⸗ ſer ehrerbietig den Vogel, der, die Kappe über dem Kopfe, auf der Hand des jungen Grafen ſaß. Es war ein wunderſchönes Thier. Weiß, wie friſch gefallener Schnee, ſchmückte ſeinen Hals ein kunſtvoll gearbeiteter goldener Reif. Der kurze, hakenförmig gekrümmte Schnabel gab ihm etwas Stolzes und als ihm nun der Kaiſer die Kappe abnahm, blickte ſein lebhaftes Auge ſo klug unter den vorſpringenden Augenbraunen hervor, als ſei es der Dolmetſcher kühner Gedanken.. Schau nur, Rudi, ſagte der Kaiſer, indem er ſchmeichelnd mit der Hand über den dicht mit Fe⸗ dern bedeckten Kopf des Thieres ſtrich und ein leiſes wohlgefälliges Lächeln ſpielte um ſeinen Mund, ſchau nur Unſern prächtigen Jocko, wie er ſo klug um ſich blickt. Es iſt aber auch der beſte und ſchönſte Vogel aus Unſerer Falknerei. Gib Acht, wie ſchnell er den Reiher erſchauen und ſtoßen wird. Friedrich hob nun die rechte Hand, auf deren nach auswärts gekrümmte obere Fläche er das Thier geſetzt hatte, hoch in die Höhe. Jocko blickte ſich ſtolz um und neigte dann den Kopf auf die Seite. In dieſem Augenblick war er auch ſchon des Reihers anſichtig geworden, wie das Lüpfen der Flügel zeigte. Dennoch blieb er ruhig ſitzen und beobach⸗ tete, wie es ſchien, nur die Richtung, welche die er⸗ leſene Beute nahm. Dies dauerte aber kaum einige Secunden, dann ſchoß er plötzlich ſchnell wie der Blitz empor. Die Blicke der Jäger folgten in geſpannter Erwartung ſeinem leichten und ſchnellen Fluge, ehe aber noch zwei Minuten vergangen, war Jocko ſchon dem Auge entſchwunden. Bravo! Bravo! rief der Kaiſer, ſahſt du je, Rudi, einen Falken ſchneller ſteigen? Ha! wie der Reiher ſich ſenkt, er hat den Feind gewittert. Siehſt du nun Jocko wieder? Nicht einen Punkt! entgegnete Habsburg, die Hand über die Augen haltend, um beſſer ſehen zu können. Nicht? rief Friedrich. Junge, da ſehen ja Unſere alten Augen noch ſchärfer als deine! Schau, ſchau nur, wie er kreiſt, jetzt ſenkt auch er ſich, der Reiher flieht, es iſt umſonſt, armer Teufel, läßt nicht. Ja, Majeſtät, jetzt ſeh' ich ihn auch! re der junge Graf. Er ſtößt! rief der Kaiſer. Bei Gott, der wehrt — 72 ſich— Jocko ſteigt— noch ein Stoß. Muthig Jocko, muthig, gutes Thier! Ha! daß Wir dir helfen könnten, es iſt ein luſtiger, ein königlicher Kampf. Jetzt kreiſt er wieder, fuhr Rudolph fort. Und jetzt! rief der Kaiſer und ſeine Augen leuchteten, als ob er ſelbſt mitkämpfe. Jetzt ſtößt er wieder. Ha! Victoria, der Sieg iſt ſein! Wirklich hatte der edle Falke nach kurzem Kampfe geſiegt und wenige Seeunden nachher ſchoß er mit der Beute in den Fängen auf einem nahen Felſen nieder. Friedrich lockte ihn nun herbei und der gut ab⸗ gerichtete Vogel hörte auch ſogleich der Stimme ſeines Herrn, der ihm den Fang, ſtreichelnd und ihn mit ſüßen Worten belobend, abnahm. Als er darauf Jockos Kopf wieder mit der Kappe bedeckt und ihn Rudolph nebſt der Beute übergeben hatte, ſagte er, indem er langſam dem ſteilen Pfade nach der Höhe folgte: Es gibt doch keine edlere Zerſtreuung, als das Waidwerk. Wo könnte man ſich auch von den Sorgen und Laſten des Tages, von Kummer und Herzensangſt beſſer erholen, als in der freien Natur? Wird Einem im Gewühle der Welt bange, ekeln Einen das Leben und die Menſchen mit ihrem niedrigen Getreibe an, ſchnürt uns der Verluſt ge⸗ 73 liebter Weſen das Herz zu; erzittern wir im Rie⸗ ſenkampfe mit dem Schickſale— dann hinaus in die freie Gotteswelt! Hinaus in die urkräftige Natur, die rein und unverdorben und unverſtellt uns anlacht, uns ſtärkt und erhebt, nd Herz und Geiſt erweitert und kräftigt. Und dann die An⸗ ſtrengung der Jagd: die Bewegung, der Kampf, wie ſtählen ſie die Muskeln, wie geben ſie der Seele neue Spannkraft! Wir haben längſt auf die meiſten Freuden der Welt verzichtet; denn Unſer Herz iſt leer geworden und arm an Freunden, und Unſer Tagewerk iſt ſchwer, wie die Laſt des Atlas. Aber dem Waid⸗ werk und der Dichtkunſt blieben Wir treu und ſie allein vermögen Uns von Zeit zu Zeit wohlthätig zu zerſtreuen. Mein großer Kaiſer! entgegnete hier Rudolph. Wann hätte Euch je das Geſchick niedergebeugt? Doch, mein Rudi! verſetzte Friedrich ernſt und wehmüthig. Viermal in Unſerm Leben drohte Unſer Herz vor Kummer zu zerſpringen: Bei der Nach⸗ richt von dem Tode Unſerer Eudoria, eines Engels, den du nicht kannteſt und deſſen Liebe Unſere Se⸗ ligkeit bis an das Grab iſt; bei dem Mordverſuche Heinrichs; an des Deutſchmeiſters Todtenbett und bei der Nachricht von dem furchtbaren Unglücke, IMII. 4 74 das Unſern treuſten Freund, das Unſern guten David traf. Den Narren? ſagte Rudolph. Ja, gräßlicher Doppelſinn des Wortes, fuhr der Kaiſer fort, den Narren. Glaube Uns, Rudi, er war der weiſeſte und, was noch mehr ſagen will, der treuſte Unſerer Diener. Er war Uns mehr, als alle Andere; er war des Kaiſers Freund und der Kaiſer war auf des Narren Freundſchaft ſtolz. O wie konnten ſich ſo wahnſinnige Gelüſte in ein Herz ſchleichen, das ſo lauter war wie Gold? Wie konnte die Eitelkeit einen ſo klaren Verſtand um ſeine Herrſchaft bringen? Was war denn die Urſache ſeines Unglücks? frug Jener. Der Kaiſer zuckte die Achſel. Vielleicht, ſagte er, eben die Freundſchaft, mit der Wir Uns ihm rückhaltlos hingaben. Wenigſtens deutet die fire Idee darauf, die ſpäter ſeine Vernunft dominirte. Er hielt ſich für Unſern leiblichen Bruder und hatte ſich, Gott weiß auf welche Weiſe, Documente gemacht, die ſeine Behauptung unterſtützen ſollten. Aber brechen Wir davon ab, nur Wir ſelbſt ver⸗ mögen die Größe dieſes Verluſtes zu berechnen und Niemand vermag zu ahnen, was Wir um den treuen Narren gelitten. David und Eudoria! rief 7* S hier der Kaiſer ſchmerzlich, an welche goldne, an welche ſelige Zeit erinnern Uns dieſe Klänge. Und der Monarch verſank in ein tiefes Sin⸗ nen, in dem ihn zu ſtören ſein Begleiter nicht wagte. So ritten ſie eine Zeitlang weiter, bis ſich der Pfad ſo verengte, daß die Pferde nur ſchwer mehr fortkommen konnten. Der Kaiſer hielt endlich an und ſchaute ſich, wie aus einem Traume erwachend, verwundert um. Wo ſind wir? frug er dann, mit der Hand über die Stirn fahrend. Auf dieſem Wege kom⸗ men wir ſchwerlich nach Empoli zurück. Mein Herr und Kaiſer, entgegnete Rudolph, erlaubt mir, daß ich Euch einen Vorſchlag mache. Unſere Pferde können vor Müdigkeit und ſchlech⸗ tem Wege kaum mehr fort. Die Mittagsſonne brennt unerträglich und wir müſſen den Thieren Ruhe gönnen, wenn ſie uns weiter tragen ſollen. Wie wäre es, wenn ſich Enre Majeſtät im Schat⸗ ten unter jenem Felſenhange niederließe? Ich habe noch Mundvorrath bei mir und während mein Kaiſer ſich erfriſchte und die Roſſe neue Kräfte ſammelten, kletterte ich auf jenen Felſenkamm, um wo möglich den Lauf des Arnos und mit ihm die Richtung zu entdecken, die wir einſchlagen müſſen, um Empoli wiederzufinden. 6 76 Der Kaiſer ging auf dieſen Vorſchlag gern ein, nur mußte der junge Graf an ſeiner Seite niederſitzen und das frugale Mahl mit ihm theilen. Nachher magſt du immer den Felſen erklettern, ſagte er, jetzt aber leiſte Uns hübſch Geſellſchaft, du weißt, wir halten viel auf Unterhaltung bei Taofel. So entſpann ſich denn ein neues Geſpräch, welches bald auf die politiſchen Angelegenheiten des Tages kam. Die wichtigſte Frage war gerade jetzt: Ob Kaiſer Friedrich der Vorladung des Papſtes In⸗ nocenz IV Folge leiſten und vor der Kirchenver⸗ ſammlung zu Lyon ſelbſt erſcheinen, oder ſich durch Geſandte laſſen werde? Dem Anſcheine nach hatte ſich Friedrich für Erſteres entſchloſſen, dennoch zweifelten Viele dar⸗ an; während überhaupt die Blicke der ganzen chriſtlichen Welt mit ängſtlicher Spannung auf Lyon gerichtet waren, woſelbſt der große Kampf zwiſchen Kaiſerthum und Kirche vorausſichtlich furchtbare Scenen herbeiführen mußte. Dies war aber um ſo weniger zu vermeiden, als Innocenz IV bewies, daß er mit dem Ge⸗ danken umgehe, die päpſtliche Herrſchaft noch wei⸗ ter auszubreiten und noch ſiegreicher zu begründen, als irgend einer ſeiner Vorgänger. Ueber dies unvernünftige, alle Schranken der Mäßigung und Moralität überſchreitende Umſich⸗ greifen des Nachfolger Chriſti drehte ſich denn auch jetzt die Unterhaltung der beiden verirrten Jäger. Rudolph, obgleich er Friedrich mit Offenheit geſtand, daß er kein Heil für Kaiſer und Reich aus dieſem Kampfe auf Tod und Leben erwachſen ſähe, geſtand doch zu, daß eben jene Anmaßungen des Papſtes endlich zu höchſt gefährlichen Mis⸗ bräuchen führen müßten. Aber dem Kaiſer dünkte gerade dieſe An⸗ maßung für die Sache, die er verſolgt, heilſam. Der Hochmuth des heiligen Vaters, ſagte er, und ſeine übermäßige Sucht nach unbedingter Al⸗ leinherrſchaft werden ihn früh oder ſpät von der Höhe herunterſtürzen, die er jetzt noch angeſichts der blinden Menge behauptet. Rom war groß, ſo lange es die Geiſter beherrſchte; Rom war unüber⸗ windlich, ſo lange es mit geiſtigen Waffen kämpfte. Jest ergreift es weltliche Mittel und tritt auf, ge⸗ rüſtet mit Geld, Liſt und Verrath und gib Acht, ſeine Macht wird ſchwinden, wie der Nebel vor der Sonne. Gewiß, entgegnete Habsburg, aber noch iſt dieſe Sonne nicht aufgegangen. Die glorreiche Re⸗ gierung Eurer Majeſtät rief die Morgenröthe einer beſſeren Zeit herauf; Jahrhunderte mögen indeſſen 78 noch vergehen, bis die Welt ſich bis zu dem Stand⸗ punkte zu erheben vermag, von welchem Ihr ſchon jetzt die Erſcheinungen des Lebens betrachtet. Nun, meinte Friedrich, Wir ſind nicht der Einzige, der das Pfaffenthum in ſeinen jetzigen Verhältniſſen als den Pfuhl alles Laſters anſieht. Mußte nicht der König von England, als er, ge⸗ täuſcht und beſtochen durch die Schmeicheleien jener Heuchler, Innocenz in ſeinem Reiche aufnehmen wollte, von ſeinen Großen die Worte hören: Die Reinheit Englands iſt durch Wucher, Raub und Pfründenkauf der Päpſtlinge ſchon übermäßig be⸗ fleckt; jetzt fehlt es nur noch, daß der Papſt ſelbſt käme und die Güter der Kirche und des Reiches plünderte und verſchleuderte. Und jagte die Rit⸗ terſchaft Britanniens den päpſtlichen Legaten nicht mit der Drohung, ihn in Stücken zu hauen, wenn er nicht binnen drei Tagen das Reich verlaſſen, aus dem Lande? Mehr noch! zündete der Papſt zu Lyon nicht die päpſtliche Kleiderkammer eigen⸗ händig an, um den zur Kirchenverſammlung kom⸗ menden Prälaten unter einem guten Vorwande Geld abnehmen zu können? Schwuren die Stifts⸗ herren zu Lyon dem Papſte, als er ſeine überall bis zur Ungebühr begünſtigten Verwandten mit den Pfründen des dortigen Hochſtiftes begaben wollte, nicht in das Angeſicht: ſie würden Jeden, der ſich auf ſo ungeſetzliche Weiſe eindränge, unfehlbar in die Rhone werfen? Und gab es nicht, als trotz⸗ dem Innocenz den Grafen von Savoyen, einen wüſten Mann, der mehr als Ritter, denn als Geiſt⸗ licher lebte und ſich nie die kirchlichen Weihen ge⸗ ben ließ, dennoch zum Erzbiſchof ernannte, einen öffentlichen Aufſtand unter den Bürgern jener Stadt, bei dem es zum Blutvergießen kam? Bei dem Allmächtigen, ſo muß es doch auch noch andere Menſchen geben, die wie Wir denken. Zählen Eure Majeſtät getroſt nur alle Beſſer⸗ denkenden dazu, entgegnete Rudolph von Habs⸗ burg; aber wie viel wiegen dieſe in der Wagſchale gegen die Maſſen der Blindglaubenden? Ein Kluger wiegt Tauſende der Dummköpfe auf und ſollen Wir etwa der Vorladung des Pap⸗ ſtes Innocenz folgen und wie Heinrich IV barfuß und im Büßerkleide vor ihn treten? Alſo geht Ihr nicht nach Lyon? rief freudig der junge Graf. Unter uns geſagt: Nein! entgegnete Friedrich; denn Unſere perſönliche Gegenwart ändert doch nichts in der Politik und dem Vorhaben dieſer ſtarr⸗ köpfigen Prieſter und ſo könnten Wir Uns nur von Unſerer Würde vergeben. O, mein Kaiſer, wie Recht habt Ihr, ſagte Habsburg freudig bewegt; ach! und nun wünſchte 80 ich nur noch, Ihr wäret wie ich von der Ueberzeu⸗ gung durchdrungen, daß dieſer ewige Kampf in Italien nur unſelig auf das Kaiſerthum einwirke. Kehrt in unſer ſchönes Vaterland zurück und über⸗ laßt es Rom, ſich ſeine Demüthigung ſelbſt vorzu⸗ bereiten. Der Kaiſer ſah einige Zeit ernſt vor ſich hin; dann legte er ſeine Hand auf Rudolphs Schulter und ſagte: Rudi, du weißt, wie wir dich lieben und ſchätzen; denn du biſt ein tapferer, edler Mann, wie Wir dir denn auch auf dem Schlachtfelde von Cortenuova vor allem Volke den Ritterſchlag er⸗ theilten. Du biſt ein Mann von Aechtem Schrot und Korn, von deutſchem Biederſinn, Feſtigkeit und Redlichkeit, der ein Herz voll Liebe für ſein Vater⸗ land im Buſen trägt; aber du biſt kein Hohen⸗ ſtaufe. Du fühlſt die Flügelſchläge jenes Geiſtes nicht, der von Kaiſer Konrad ausgehend, wie ein göttlich Meteor in Barbaroſſa die Welt unſtralte, der Heinrich VI auf ſeinen Fittigen trug und Uns durchflutet; du kennſt ihn nicht, dieſen Rieſengeiſt, gewaltig in allen ſeinen Regungen, groß und gewal⸗ tig in Haß und Liebe, in Wollen und Wirken; du kennſt ſie nicht, die erhabene Idee, die dieſes Gei⸗ ſtes Spielwerk, die Idee eines Kaiſerreiches, eines deutſch⸗römiſchen Kaiſerreiches, eines weltumfaſſen⸗ den Kaiſerreiches, blühend durch Geſetzlichkeit, Han⸗ N 81 del und Gewerbe, Künſte und Wiſſenſchaften und geleitet, wie durch einen Gott, durch die Hand ei⸗ nes Hohenſtaufen. Er ſchwieg; aber ſein ſtralendes Antlitz zeigte, daß er in der Anſchauung ſeiner Lieblingsideen ſchwelgte. Das einfache Mahl war unterdeſſen verzehrt und während der Kaiſer in tiefes Sinnen zurück⸗ fiel, entſernte ſich Rudolph auf ein freundliches Zeichen des Herrſchers, die Felſenwand zu erklim⸗ men. Dem kräftigen, im Klettern wie in allen kör⸗ verlichen und ritterlichen Uebungen gewandten jungen Manne war dieſe Aufgabe eine Kleinigkeit. Mit jener Behendigkeit und Sicherheit, die den erfahrnen Gemsjäger verkündete, ſprang er von Klippe zu Klippe, von Fels zu Fels, über Abgrund und Schlucht, ohne den geringſten Schwindel, ohne die leiſeſte Unentſchloſſenheit zu zeigen. Seine Bewegungen waren oft ſo gewandt und überraſchend, die Benutzung der kleinſten Dinge, die ihm das Aufſteigen erleichtern konnten, war ſo wohl berechnet, daß es einem Fernſtehenden hä te ſcheinen müſſen, als wäre eine unſichtbare Fee dem ſchönen jungen Manne bei ſeiner gefährlichen Fahrt behülflich. 82 Aber der Kaiſer merkte jetzt nicht auf ſeinen Pathen, ſo gern er ihn ſonſt hatte; denn ſeinen Geiſt beſchäftigte ja die höchſte Idee ſeines Lebens, die mit ihm Eins geworden, den Grund, das Element ſeines Daſeins bildete. Habsburg ließ indeſſen nicht lange auf ſich warten. Ehe eine Viertelſtunde verſtrichen, ſtand er wieder an der Seite ſeines Kaiſers. Nun? frug dieſer, als er des ſchlanken Ritters anſichtig wurde. Wie ſteht es, Rudi, haſt du ent⸗ deckt, wohin wir uns verirrt, und weißt du nun Rath? Mein kaiſerlicher Herr! entgegnete der Graf, wir müſſen weiter von unſerem Wege abgekommen „ſein, als wir geglaubt. Von Empoli iſt nichts zu ſehen, dagegen ſchlängelt ſich jenſeits der Felſen der Arno durch ein reizendes Thal, aus welchem mir in der Entfernung die Kuppeln und Thürme einer großen Stadt entgegenblitzten; noch weiter hinaus dehnt ſich das Meer. Das iſt Piſa, mein Sohn! ſagte der Kaiſer, ſich erhebend. Piſa, wohin ich früher ſo gern ein⸗ mal gekommen wäre, als noch mein guter David darin lebte. Wo iſt der Unglückliche denn jetzt? frug Ru⸗ dolph. In Deutſchland, entgegnete Friedrich. Vineis, der David in guten Zeiten nicht leiden konnte, ſich aber ſeiner, achdem ihn das Unglück betroffen, mit wahrhaft großmüthiger Sorgfalt annahm, er⸗ bat ſich von Uns ſchon vor zwei Jahren die Er⸗ laubniß, Federbuſch nach ſeiner Heimat ſchaffen laſſen zu dürfen, da er im Wahnſinn immer dahin verlange. Wir ſtanden damals vor Viterbo und konnten nicht vor- noch rückwärts und überließen daher um ſo lieber Vineis die Sorge für den armen David, als der Kanzler ſo viel Intereſſe für den Unglücklichen zeigte. Sie kamen nun auf die Berathung über den Rückweg. Jedenfalls durften ſie den Felſen nicht über⸗ ſchreiten, da ſie ſich dadurch von Empoli noch wei⸗ ter entfernt haben würden. Auch hatte Vineis den Kaiſer ſehr dringend gewarnt und wiederholt war⸗ nen laſſen, ſich Piſa und ſeiner Umgebung ja nicht zu nahen, da die Guelfen dort mit fanatiſcher Par⸗ teiwuth gegen ihn erfüllt ſeien und nach ſeinem Leben ſtrebten. Die Verirrten entſchloſſen ſich he den Berg, ſo weit ſie ihn erſtiegen, wieder herab zu ſteigen, doch wählten ſie dazu einen andern Weg, als den, welchen ſie gekommen, da dieſer äußerſt beſchwer⸗ lich war. Aber der neue Pfad führte nicht, wie ſie ver⸗ 84 muthet hatten, in das Thal zurück, ſondern ſie ge⸗ wahrten bald, daß er ſich nach einergkleinen Sen⸗ kung wieder hob und nur noch tiefer in das Ge⸗ birge bog. Schon waren ſie unſchlüſſig, was zu thun ſei, als ſich bei einer Wendung ihren Blicken ein aller⸗ liebſtes Thälchen zeigte. In der Mitte deſſelben lag eine Hütte und hier mußten ſie doch jedenfalls nähere Auskunft über die Richtung erhalten können, welche nach Empoli führte. Sie ritten alſo auf die Hütte zu und da ſich Niemand ihren Blicken zeigte, ſtiegen ſie ab, ban⸗ den die Pferde an einen Baumſtamm und traten in dieſelbe. Aber auch hier war Niemand zu hören noch zu ſehen. Da gewahrten ſie eine halb angelehnte Hinter⸗ thür, Rudolph öffnete ſie, der Kaiſer trat vor, aber, in demſelben Momente prallte er erbleichend zurück; ein halblauter Schrei entfuhr der gepreßten Bruſt, ſeine Glieder zitterten, den Körper weit zurückge⸗ bogen, die Hände wie abwehrend vorgeſtreckt, die Züge erſtarrt, die Augen weit geöffnet, ſo ſtand er ſprach⸗ und athemlos, als ob ihm ein Geiſt er⸗ ſchienen. Rudolph folgte überraſcht des Kaiſers Blicken; 85 aber das Bild, welches ſich ihm nun zeigte, war weit davon entfernt, ihm ein gleiches Entſetzen ein⸗ zuflößen. Vor ihm lag ein Garten, prangend in der zauberhaften Pracht einer reichen, ſüdlichen Natur. Tauſende von Blumen und Blüten, ihre Balſam⸗ düfte aushauchend, waren über ihn hingegoſſen und da, wo im liebenden Drange ſich die grünen Zweige und die Blütenäſte am vollſten zu einander neig⸗ ten, eine Laube bildend von lebendigen Smaragden, Rubinen, Hyacinthen und Topaſen, da lag auf einer Raſenbank im Schatten ein engelgleiches Mädchen, ein Kind noch und doch eine Königin der Schönheit. Und ihr zu Füßen ſaß, gleich einem bewahrenden Dämon eine wunderliche Geſtalt, ein verkrüppelter Menſch, mit bleichen, verzerrten Zü⸗ gen. Er hatte ſein Haupt in des Mädchens Schvos gelegt und bedeckte, während ſie ihn liebevoll an⸗ ſchaute, ihre kleine weiße Hand mit heißen Küſſen. Rudolph wußte nicht, wie ihm geſchah; war dies Alles nur ein Zauber, hervorgerufen durch die Macht der Geiſter, die in dieſen Felſen herrſchten? war es Wahrheit? war es Traum? und was er⸗ faßte den ſonſt ſo unerſchütterlichen Kaiſer ſo mäch⸗ tig, daß er, der Furcht nie gekannt, jetzt erbleichend zitterte? Aber der Kaiſer, noch immer ſtarr in jener Stellung des Entſetzens verharrend, faßte jetzt trampfhaft Habsburgs Hand und rief mit halber⸗ ſtickter Stimme auf die Gruppe zeigend: Rudi, Rudi! ſiehſt du auch? ſiehſt du dort?— es iſt ihr Geiſt, es iſt ſein Bild! Mein Kaiſer, entgegnete beruhigend der Graf, ich ſehe und ſtaune; es iſt ein liebliches, ein ppetiſches Bild, wie von Geiſtern hingehaucht; aber Es iſt ihre Geſtalt!— es ſind ihre ſüßen, unvergeßlichen Züge!— es ſind ihre Augen, ihre Wangen, ihre Haare!— es iſt ihr Mund, ihr kleiner, netter Fuß!— ſo pflegte ſie zu ruhen!— ſo zu lächeln!— ſo— und er?— und er?— bin ich wahnſinnig oder iſt er es?— ſtehen die Todten auf?— trägt ein Zauber die Fernen über Land und Meere? Mein Kaiſer! ſagte Rudolph, der nichts von dem Allen verſtand, beſorgt und milde, mein Kai⸗ ſer faßt Euch, kommt zu Euch! Es wird Alles na⸗ türlich zugehen, es iſt wol.. Es iſt Eudoria! ſchrie hier der Kaiſer wild auf. Eudoria und David, oder es ſind ihre Geiſter! Bei dem Rufe aber:„Eudoria und David,“ den das Echo der nahen Felſen wie neckend hun⸗ dertmal wiederholte, waren das Mädchen und der Verkrüppelte erſchrocken aufgeſprungen. Da ſahen ſie einen Mann, wie außer ſich, mit offnen Armen auf ſich zueilen. Die Kleine flüchtete zu dem Verkrüppelten; dieſer aber war Friedrich kaum anſichtig geworden, als er mit einem Schrei, der Mark und Bein zer⸗ riß, aufſchrie: Gerechter Gott, der Kaiſer! und dem Monarchen wie wahnſinnig zu Füßen ſtürzte, wäh⸗ rend dieſer das Mädchen unter einem Strom von Thränen und unter dem unaufhörlichen Rufe: Eu⸗ doria, meine Eudoria! biſt du denn nicht geſtorben? biſt du vom Tod erſtanden?! biſt du wieder mein?! an ſich drückte. Rudolph ſtand erſchüttert. Er wußte nicht, was er von dem Allen denken ſollte. Der Kaiſer hatte noch heute von ſeiner längſt verſtorbenen Eu⸗ doria geſprochen— und die er im Arme hielt, war ein Kind von zwölf bis vierzehn Jahren. Er hatte Davids, als ſich in Deutſchland befindend, erwähnt und dieſer ſchien doch nun der Verkrüppelte zu ſei⸗ nen Füßen— und dann— Friedrich, der ſonſt nie und in keiner Lage die Faſſung verlor, hier außer ſich und leidenſchaftlich im höchſten Grade? Auch das Mädchen wußte ſich nicht zu helfen und ſchrie um Hülfe, worauf ein Bewaffneter und zwei ältliche Frauen, wovon die eine den Schleier trug, herbeieilten. Aber das erſte übermäßige Entzücken des Wie⸗ 88 derſehens legte ſich bald und wich der ruhigeren Reflerion. Der Kaiſer gewahrte, daß das Mädchen, wel⸗ ches er in ſeinen Armen hielt, zwar ſeiner Eudoria wie ein Ei dem andern glich, daß es jedoch jetzt noch jünger ſei, als dies Eudoria bei ihrem erſten Zuſammentreffen mit ihm geweſen. Er ließ das Kind daher los und wandte ſich gegen David, den er halb verwundert, halb ängſt⸗ lich anſchaute, als wolle er fragen: und du, biſt du geneſen und zurückgekehrt? oder hat dich das Fieber des Wahnwitzes über die Alpen getrieben? Gib mir Aufſchluß über dies Alles? Und David that es. Die hellen Thränen im Auge richtete er ſich empor und rief entzückt: Als der Spartaner Bra⸗ ſidas eine Maus gefangen, biß ihn dieſelbe, da ließ er ſie laufen und ſagte: Wer den Muth hat, ſich zu vertheidigen, verdient die Freiheit! Mein theu⸗ rer Herr und Kaiſer! Euer armer Narr hat ſich männlich gegen das Schickſal, gegen Krankheit und Kummer vertheidigt und der böſe Feind, edelmüthig wie Braſidas, gab ihn los. Geneſen liegt er nun zu Euern Füßen und preiſtt den Himmel, daß er ihm das höchſte Glück, welches er kennt, gewährt, daß er ihn ſeinen Kaiſer wiederfinden ließ! So biſt du völlig geneſen, du edles, treues S 89 Herz? rief der Kaiſer fröhlich und hob David auf und ſchüttelte ihm mit herzlicher Freude die Hände, bei dem allmächtigen Gott, dein Unglück hatte das Mark Unſerer Seele getroffen und Wir konnten dir nicht helfen. Nun aber bleibſt du wieder wie früher unzertrennlich bei Uns und du wirſt dich noch feſter an Uns ſchließen müſſen, denn die Reihen der Freunde ſind licht geworden. Jetzt aber vor allen Dingen wer iſt der Engel, der Unſer Herz und Unſere Sinne ſo lieblich betrogen? Wer iſt ſie, die mit eines Gottes Hülfe die Reize meiner Eudoria ſtahl und ſich wie eine Königin damit ſchmückte? David zitterte, als der Kaiſer dieſe Frage an ihn richtete; aber er zitterte vor Entzücken. Raſch trat er zu dem erröthenden Kinde und ſagte, ihre Hand ergreifend: Eudoria, gedenkſt du der Stunden, in welchen ich dir von deiner holden Mutter, von deinem herrlichen Vater, dem unbeſiegbaren Helden, dem Manne, groß an Geiſt und Tugenden, unerſchöpflich in Güte und Liebe erzählte? Gedenkſt du des feierlichen Momentes, in welchem du mir, überwältigt von kindlicher Liebe und Sehnſucht nach ihm, weinend um den Hals fielſt und mich anflehteſt, dich ihm zuzuführen? Er iſt gekommen, der heilige Augenblick! Der deine Mutter ſo treu und heiß geliebt, der ſie im Leben vergöttert und in allen Stürmen ihr ſüßes Bild wie ein Heiligthum in ſeinem Herzen bewahrte; der Held und Weiſe, den du kindlich liebteſt, noch ehe du ihn ſahſt, hier ſteht er vor dir, dein Herr, dein Kaiſer, dein Vater! 3 David! rief hier Friedrich entzückt. Wäre es möglich? ich hätte mich nicht geirrt, es wäre Eu⸗ doria? meiner ſüßen Eudoria Ebenbild? mein Kind? Ja! ſagte David ernſt und feierlich. Ja, mein Kaiſer, es iſt Euer, es iſt Eudoria's Kind, das ſie mir ſterbend anvertraute, damit es, fern vom Hofe erzogen, ein zarte Blume aufblühe in Gottes freier Natur und ſo einſt in Unſchuld Euch die treue Liebe ſeiner Mutter erſetze. Und mit dieſen Worten führte er dem über⸗ glücklichen Kaiſer das erröthende Kind zu, das in ſchüchterner Zärtlichkeit mit ſeinen dunkeln präch⸗ tigen Angenſternen zu der impoſanten Geſtalt ſeines Vaters aufblickte, der es heiß und inbrünſtig in ſeine Arme ſchloß und unter Thränen und Küſſen und ſchmerzlich⸗ſüßer Erinnerung rief: Eudoria! mein Kind! mein theures, theures Kind! Rudolph aber ſtand ſchweigend zur Seite. In ſeinem Herzen regte es ſich wunderbar. Mit ei⸗ nem berauſchenden Zauber hielten die Reize des kleinen Engels ſeine Sinne gefangen und wenn er je ſeinen Kaiſer beneidet, ſo war es jetzt, da dieſer das holdeſte aller Mädchen, die er je geſehen, in ſeinen Armen hielt. Und Seligkeit berauſchte alle Herzen und un⸗ ſichtbar ſchwebten ſegnend über der Gruppe zwei liebliche Engel: es waren die verklärten Schweſtern Eudoria und Alexis. 6. Die Kirchenverſammlung zu Lyon. Der Hund erinnert mich, Daß ich nicht länger warten ſoll. Ja, ja, du Böſewicht, Dein Maaß iſt voll! S mit dir! ſie haben Platz genommen, ie hohen Richter und ihr Fürſt. Es ſind ſo viele Zeugen angekommen, Daß du dich nicht ertetten wirſt. Goethe. 0 vos omnes, qui transitis per viam, attendite et videte, si dolor est, sicut meus. Blaglieder Zerem. Lyon, das alte ehrwürdige Lugdunum, mit ſeinen engen Straßen und hohen Häuſern, mit ſeinen Prachtbauten und römiſchen Alterthümern, Lyon, die Geburtsſtadt der römiſchen Kaiſer Claudius und Caracalla, Lhon, die gewerbſame, reiche und bevölkerte Stadt, war 1245 am Feſte Johannes des Täufers in einer ganz ungewöhnlichen Auf⸗ regung. Picht allein, daß der heilige Vater hier ſeine Reſidenz aufgeſchlagen, ſich eine außerordentliche Menge Prälaten, geiſtliche und weltliche Würden⸗ träger hier verſammelt hatten und unter ihnen * 93 namentlich die Patriarchen von Konſtantinopel, Antiochien und Aquileja, die Grafen von Provence und Toulouſe, die Geſandten der meiſten weltlichen Mächte und an hundert und vierzig Erzbiſchöfe und Biſchöfe; es war auch Kaiſer Balduin, der Be⸗ herrſcher des lateiniſchen Kaiſerthums, eingetroffen und ihm gerade heute ſeine erſte Audienz bei In⸗ nocenz anberaumt. Man hatte ſich bereits viel mit den Gerüchten von der außerordentlichen Pracht, mit welcher der Kaiſer von Konſtantinopel auftreten werde, umge⸗ tragen, und ſo kam es, daß die halbe Bevölkerung der Stadt auf den Beinen war, um den Aufzug dieſes Potentaten zu ſehen. Die Maſſen wogten in den engen Straßen auf und ab, bald aber ſammelten ſie ſich in dichten Haufen hier und dort an den Straßenecken, gefeſſelt durch koloſſale Anſchlagezettel, auf welchen mit großen Buchſtaben folgender Spottbrief auf den Papſt geſchrieben war: „Pecunia, die Kaiſerin der Römer und des ganzen Erdkreiſes, die Göttin des heiligen Vaters, allen ihren geliebten Söhnen und Bevollmächtig⸗ ten Heil und Ueberfluß am Thaue des Himmels und am Fette der Erde! Ich wohne auf allen Höhen, ich laſſe meine Stimme hören auf allen Straßen, ich habe den Kreis des Himmels durchgangen, ich allein laſſe die Tauben hören und die Stummen reden. Wahr⸗ lich ich ſage euch, ehe denn Abraham war, war ich, gekleidet in Gold, umgeben vom reichſten Schmucke. O ihr Alle, die ihr vorübergeht, gebt Acht und ſehet, ob eine Ehre der meinen gleich ſei. Zu mir fliehen alle Könige der Erde und alle Völker, mir dient ſelbſt der heilige Vater und der römiſche Hof. An ihm will ich wohnen bis an das Ende der Zeiten, den römiſchen Hof habe ich mir auserwählt. Welch größere Freude konnte mir widerfahren, als daß alle Cardinäle mir ihren Nacken beugen und dem Geruche meiner Salben und meines Weih⸗ rauchs nachlaufen? Mir, der Klingenden, verſchließt die Kirche nie ihren Schoos, mir öffnet der Papſt willig ſeine Arme. Ich will euch Ueber⸗ fluß geben, zu deſſen Erhaltung ſich dann auch unſer ſüßeſter Freund gern einfinden wird, der Geiz*).“ Wie Wenige auch damals noch im Stande waren, Geſchriebenes zu leſen, ſo fanden ſich den⸗ noch unter der Menge Welche, die dieſer Kunſt gewachſen. Unbeſchreiblich war der Jubel, mit dem man die Vorleſung des Spottbriefes begrüßte; denn die Lyoner Bürger, die das Treiben des *) Raumer IV S. 136. 95 römiſchen Hofes ſeit kurzem in der Nähe zu beob⸗ achten Gelegenheit gehabt hatten, waren über den Papſt enttäuſcht. Mußte doch der Nimbus der Heiligkeit vor den Augen ſchwinden, die geſehen, daß der heilige Vater keine Scheu trage, ſich auf jede, ſelbſt die geſetzwidrigſte Weiſe, zu be⸗ reichern. Offener Raub, Gewaltthätigkeit, Wucher, Han⸗ del mit Pfründen und Ablaß waren bei Inno⸗ cenz W ganz gewöhnliche Dinge und wurden ſo ſchamlos betrieben, daß ſelbſt die Beſſeren der Geiſtlichkeit, geſchweige das Volk, ihr Misfallen laut äußerten. Gregor M hatte, bei all ſeiner Halsſtarrigkeit, Härte und öfterer Uebereilung, dennoch Größe des Charakters beſeſſen und ſein großer Fehler war einzig: daß er das einmal als gut Anerkannte und, ſeiner Anſicht nach, in ſeinem Recht Begründete, ohne Rückſicht auf Hinderniſſe, mögliches Mislingen, gute oder üble Folgen, Bil⸗ ligung oder Tadel zu behaupten und durchzuſetzen für ſein höchſtes Recht und ſeine höchſte Pflicht hielt. Dennoch ließ er die Wirkſamkeit der Prieſter, Bi⸗ ſchöfe und Aebte in ihren Sphären unangetaſtet und betrachtete ſich nur als den Schlußſtein des ungeheuren Baues, als den höchſten Ausdruck, als das Organ der Kirche. 96 Des Papſtes Innocenz Herrſch- und Habſucht dagegen überſchritt alle Schranken und indem er die höchſten kirchlichen Würdenträger wie ſeine Sklaven behandelte, entfremdete er ſich dieſe und ſtreifte, angeſichts des Volkes, das Kleid eigener perſön⸗ licher Würde ab. Der unglückliche Gedanke, die päpſtliche Klei⸗ derkammer anzuzünden, um einen neuen Grund zu Gelderpreſſungen zu haben; ſo wie die ſchmachvolle Begebenheit mit dem Abte von Burg, der, weil er ſich der unrechtmäßigen Vergebung einer Pfründe widerſetzt, in Lyon angeklagt und auf Befehl des Papſtes zum Palaſte hinausgeworfen und ſo mishan⸗ delt wurde, daß körperlicher und geiſtiger Schmerz ihn in das Grab ſtürzte, brachten vollends alle Gemüther auf. Zwar hielten Gewohnheit und Unwiſſenheit die Geiſter noch immer in den alten Feſſeln gefan⸗ gen; aber die Achtung war dahin und man wagte nun in Lyon wie zu Rom, ſelbſt durch öffentliche Schmähbriefe, des Papſtes zu ſpotten. So hatte denn auch heute der obengedachte Anſchlag dem Volkswitze freie Bahn gebrochen und der Entfeſſelte elektriſirte nun die Menge, ſo daß des Scherzens, Spottens, Lachens und Jubelns kein Ende ward. Nicht auf Gottes weiter Welt iſt aber ver⸗ 97 änderlicher und läßt ſich leichter durch äußere Ein⸗ drücke beſtimmen, als eine Volksmenge, auf welche namentlich die Entfaltung von Pracht und Reich⸗ thum einen tiefen Eindruck macht. So kam es denn auch, daß die Stimmung der Lyoner ſogleich eine andere, eine ernſtere ward, als ſich Kaiſer Balduin mit wahrhaft vrientaliſchem Aufwande öffentlich zeigte. Neügierde und Schauluſt überwogen jetzt alle andere Regungen; der Witz ſchwieg, die Ausge⸗ laſſenheit legte ſich und an ihre Stellen traten Staunen und das Gefühl der Nichtigkeit, gegen⸗ über der Majeſtät. Ja den Papſt ſelbſt hob wieder einigermaßen in den Augen des Volkes der Gedanke, daß es in ſeiner Macht ſtehe, die beiden Kaiſer der Chri⸗ ſtenheit heben oder demüthigen zu können. Und mit welcher Pracht trat Kaiſer Balduin auf? Seinem durchaus vergoldeten, von acht präch⸗ tigen Schimmeln gezogenen Wagen ritt eine Ab⸗ theilung der, auf das koſtbarſte gekleideten Leib⸗ wache voraus; dann kamen fünfzig griechiſche Mädchen, in leichte, ſchneeweiße Gewänder gehüllt und in gllen Reizen üppiger Schönheit prangend. Sie trugen Blumengewinde, ſtreuten Blüten auf den Weg und ſchwangen goldne Rauchfäſſer, aus welchen ſich Wolken ſüßer Düfte erhoben. III. 5 Den Maädchen folgte eine anſehnliche Muſik⸗ bande, und dieſer Leibtrabanten, worauf endlich der kaiſerliche Wagen kam. Balduin ſelbſt war ein kleiner, unanſehnlicher Mann, von nichtsſagendem Aeußern und ohne alle Energie und Hoheit in Zügen und Haltung. So würde ſeine Perſönlichkeit denn auch gewiß gar keinen, oder nur einen ſchlimmen Eindruck auf die Menge gemacht haben, hätte er ſich nicht in einen Glanz gehüllt, der die Augen der ſtaunenden Maſſen blenden und beſtechen mußte. Seine Gewänder ſchienen aus lauterem Gold, Edelſteinen und Perlen zuſammengeſetzt und Krone und Scepter blitzten von Diamanten. Dem Wagen folgte nun noch der Hofſtaat des Kaiſers, während eine zweite Abtheilung Leib⸗ wache zu Pferd den Zug ſchloß. Sobald derſelbe den Palaſt erreicht, in welchem der heilige Vater reſidirte, trat der Cardinal Gre⸗ gor von Montelongo an der Spitze des päpſtlichen Cortäge dem Kaiſer entgegen, der, da er ſeiner koſt⸗ baren Kleider wegen ſich kaum bewegen konnte, durch ſeine Diener von dem Wagen herabgehoben wurde. Innocenz IV empfing ihn hierauf öffentlich und mit Prunk, wenn auch in der Weiſe eines Herrſchers, der die Huldigungen ſeines Vaſallen hinnimmt. Wie aber änderte ſich ſein Betragen, als er bald darauf ſeine Umgebung entließ und ſich nun mit dem Kaiſer allein befand. Schien er, ſelbſt in dem Ausdruck ſeiner Züge, bisher noch jene Achtung für Balduin auszuſpre⸗ chen, die dem Herrſcher des morgenländiſchen Kai⸗ ſerreiches gebührte, ſo zeigten ſie nun ohne Scheu eine tiefe Verachtung. Und aus Ton, Sprache und Geberden des Einen und des Andern, ſtellte ſich jetzt das Verhältniß zwiſchen Herr und Knecht, zwiſchen dem Allmächtigen und dem um Gnade, um Erxiſtenz Flehenden heraus. Kaum waren ſie allein, als ſich auch der Kai⸗ ſer dem Papſte zu Füßen warf und dieſen, mit faſt weinender Stimme um Geld und Hülfe für die Wiedererringung ſeines Thrones anflehte. Innocenz' Blicke funkelten in ſtolzer Selbſt⸗ befriedigung, im höchſten Triumphe, als er den Kaiſer bettelnd zu ſeinen Füßen liegen ſah. Er hieß ihn lange nicht aufſtehen und ſein grenzenloſer Stolz und ſeine Herrſchbegierde ſättigten ſich an dem Anblicke des Gedemüthigten, und er kannte nur noch einen Wunſch: auch Friedrich dem Zweiten auf gleiche Weiſe den Fuß auf den Nacken ſetzen zu können. Endlich gab er ein Zeichen, ſich zu erheben, indem er ſagte: Geld und Hülfe! 5 100 und wieder Geld und Hülfe! die ganze Welt will Geld und Hülfe von mir; wenn aber die Kirche Geld und Hülfe verlangt, um ihre Todfeinde zu bekämpfen, da will Niemand die Hand bieten. Geld! Beim allmächtigen Gott, Ihr koſtet mich hier ſchon ein ſchönes Stück Geld. Zu Paris und London hat man Euch mit Verachtung empfangen, von dem eignen Thron ſeid Ihr, ſo zu ſagen, ver⸗ trieben, und ich, ich allein, erhalte Euch nicht nur, nein, meine Hand hat Euch auch mit Glanz und Pracht überdeckt, die Augen des Pöbels zu blenden. Was ſoll ich aber nunmehr thun? Der Kir⸗ chenverſammlung will ich die Noth des lateiniſchen Kaiſerthums darthun, einen Kreuzzug will ich gegen Eure Feinde predigen— aber Geld?!— meine Mittel ſind erſchöpft, ich bin ein armer Mann! Der Kaiſer erhob ſich traurig und ſchilderte, Thränen im Auge und mit der Beredtſamkeit der Verzweiflung, die Lage und die Verwirrungen ſei⸗ nes Reiches, das ſich dazumal in dem Zuſtande der völligſten Auflöſung befand. Wie es dort mit der Würde des Kaiſers ſtand, geht aus Folgendem hervor: Der frühere Kaiſer, Robert, mit Eudori karis vermählt, vernach⸗ läſſigte dieſe ſeine und nahm die Braut ei⸗ nes burgundiſchen Ritters mit ihrer ehrgeizigen Mutter in den Palaſt auf, vermählte ſich auch in kurzer Zeit mit dem Fräulein. Rache ſchnaubend drang nun der beſchimpfte Bräutigam mit ſeinen Genoſſen in den Palaſt, ließ die Mutter ins Meer werfen, der neuen Kaiſerin aber den Kopf kahl ſcheren und Naſe und Ohren abſchneiden. Und dieſen Frevel vermochte der Kaiſer nicht zu rächen; die fränkiſchen Ritter, bei welchen er Hülfe ſuchte, entſchuldigten ſelbſt die That und ſo mußte Robert ſeinen Zorn ohnmächtig verbeißen. Und wahrlich! es war ſeit Balduins Thron⸗ beſteigung nicht beſſer geworden. Stückweiſe fiel das Reich auseinander und ward die Beute Vatatzes und des Bulgaren Aſan. Dabei zerriſſen es die unſeligen Parteiungen zwi⸗ ſchen Griechen und Lateinern, zwiſchen den fränki⸗ ſchen Edlen und der römiſch⸗katholiſchen Geiſtlich⸗ keit auf eine jämmerliche Weiſe. Anarchie herrſchte allgemein, der Kaiſer beſaß keinen Schatten von Macht mehr, und ſo kam es, daß Balduin ſich ge⸗ nöthigt ſah, in Perſon an den fremden Höfen um Hülfe zu betteln. Alles dies ſtellte der unglückliche Monarch dem Papſte vor, dieſer aber, der, ſchlau genug, die Hülfloſigkeit Balduins zur Manifeſtation ſeiner Macht zu nützen ſuchte und doch nichts aufopfern 102 wollte, wich wie eine Schlange jeder feſten Zu⸗ ſage aus. Die Kirchenverſammlung, ſagte er, auf ſein Wort zurückkommend, die Kirchenverſammlung muß helfen. Dafür aber, daß Eure kaiſerliche Würde hier nicht verletzt wird, dafür will ich auch ferner Sorge tragen, ſo ſchwer mir dieſe heilloſen Aus⸗ gaben werden. Auch begreife ich nicht, wie Ihr ſo ganz ohne Mittel ſein könnt. Eure erblichen Beſitzungen?.. Sind verpfändet oder verkauft! antwortete der geängſtigte Kaiſer. Verpfändet und verkauft! wiederholte der Papſt ſpöttelnd. Ja ſo, ich vergaß ja, daß Ihr ſelbſt Euern Gott verkauftet. O der Schmach, das Höchſte, das Heiligſte: einen Theil des heiligen Kreuzes, das Eiſen der heiligen Lanze, den Schwamm, der mit Eſſig getränkt worden, und die Dornenkrone Jeſu Chriſti, unſers göttlichen Erlöſers, wie elend irdiſch Gut an die Venetianer gegen Geld zu ver⸗ ſetzen! Der Allmächtige weiß, rief der Kaiſer ver⸗ zweifelt, daß die ſchrecklichſte Noth mich dazu zwang. Ihr habt ein ſchönes Geſchäftchen damit ge⸗ macht, ſpöttelte Innocenz weiter, den der Ingrimm bei dem Gedanken packte, daß er nicht Theil daran gehabt, Ludwig M hat ſie ſich etwas koſten laſſen. Aber Ihr ſchreit um Geld und Euer Kleid ſtrotzt von Juwelen. Seht nur! ſeht, welch' funkelnde Diamanten, welch' prächtige Smaragden, und der Topas von ungeheurer Größe... Hier brach aber dem Kaiſer, ſo demüthig und furchtſam er ſonſt war, dennoch die Geduld; er fühlte in dieſem Momente die elende Rolle, die er ſpielte, und außer ſich über den kalten Spott des Papſtes riß er den Mantel von ſeinen Schultern und rief, indem er denſelben zu Innocenz' Füßen warf: Hier liegt mein Reich! der jämmerliche Reſt, den ich gerettet, wollt Ihr ihn etwa zur Zahlung Deſſen nehmen, was Eure Hand mir bis hieher ge⸗ geben? Innocenz' Blicke wurzelten auf den Steinen, die herrlich in allen Farben funkelten. Er ſchwieg einen Augenblick, dann ſagte er in milderem Ton: Mein Sohn, der ungerechte Zorn verleitet Euch, Eure liebende Mutter zu ſchlagen. Hat es je Jemanden auf Erden beſſer mit Euch gemeint, als die Kirche? und iſt dies der Lohn da⸗ für? Ich habe Euch zwanzigtauſend Mark Silbers gezahlt, um bei dem Coneil würdig auftreten zu können, zwanzigtauſend Mark, ohne Anſpruch auf Rückzahlung; denn woher ſolltet Ihr das Geld nehmen zur Wiedervergütung? Iſt doch Eure Krone nicht mehr werth, als ſie an Gold wiegt und an Steinen zählt. Der Kaiſer ſtand beſchämt und verwirrt, denn einerſeits hatte der Papſt vollkommen recht, ande⸗ rerſeits war der kraftloſe Menſch über die eigene Kühnheit erſchrocken, zu der ihn die Verzweiflung fortgeriſſen. Wen hatte er denn noch außer dem Papſte? Kaiſer Friedrich würde ihm auf der Stelle ge⸗ holfen haben, dies wußte er, dies hatte Friedrich II ihm ſelbſt verſichert; aber der römiſch⸗deutſche Kai⸗ ſer hatte eben jetzt ſelbſt vollauf zu thun, um ſeine Krone vor den Eingriffen kirchlicher Gewalt zu ſchützen. Dies einſehend wagte er denn auch für Jenen zu bitten und eine Ausſöhnung zwiſchen Friedrich und Innocenz zu verſuchen, das einzige ſichere Mit⸗ tel, den Frieden in beiden Kaiſerreichen herzuſtel⸗ len. Hier kam er aber auf ein böſes Feld und mußte nun Worte des ungemeſſenſten Zornes ver⸗ nehmen, Worte, wie ſie nur ein Herr an ſeinen Sklaven richtet. Wäre Balduin nicht ein ſo matter, kraftloſer Charakter geweſen, hätte ihn nicht das Unglück mürbe, demüthig und nachgiebig gemacht, wahrlich er würde ſich, trotz aller jener zweideutigen Wohl⸗ thaten des Papſtes von ihm losgeſagt und lieber 105 dem größten Elende Trotz geboten, als eine ſolche Behandlung länger ertragen haben. Aber an ein weichliches und üppiges Leben, an kindiſche Putzſucht und Prachtliebe gewöhnt, konnte er ſich nicht entſchließen, ſeiner Ehre zu Ge⸗ fallen den goldenen Sklavenketten zu entſagen. Nachdem er daher in knechtiſcher Demuth den Zorn des Nachfolgers Petri ertragen und zu be⸗ ſeitigen geſucht, mußte er noch verſprechen, nie wieder zu Gunſten Friedrichs handeln zu wollen. Hierauf kam der Papſt auf den Juwelenſchmuck ſeiner Gewänder zurück und ſagte mit edler Groß⸗ muth, des unangenehmen Zwiſchenfalles nicht mehr gedenkend: M Wenn ich vorhin von den koſtbaren Steinen ſprach, die Eure Gewänder ſchmücken, ſo that ich dies in der beſten Abſicht von der Welt. Ich wollte Euch da rathen, wo ich ſelbſt nicht mehr helfen kann. Seid Ihr nicht ein Thor, ſolchen Reichthum in todten Steinen auf dem Leibe zu tragen? Der Kaiſer ſtand überraſcht. Wie, frug er gedehnt, waren es denn nicht Eure Heiligkeit, die es mir, als ich um die Erlaubniß nachſuchte, zu Lhon erſcheinen zu dürfen, zur Bedingung machte, alle nur immer mögliche Pracht hier zu entfalten? Gewiß! entgegnete Innocenz. Wißt Ihr aber 5** 106 noch nicht, daß für die Großen der Erde nichts leichter iſt, als die Menge zu blenden und am Nar⸗ renſeile herumzuführen? Warum die koſtbaren Steine da, wo falſche den gleichen Effekt machen? Ich ſelbſt habe leider nicht ſo viel, ſie Euch abzu⸗ kaufen, dennoch will ich, aus Liebe zu Euch, hier den Unterhändler machen. Trennt heimlich dis⸗ ächten Steine los, gebt ſie mir und ich ſchaffe Euch, nebſt den ganz gleichen unächten, ein ſchönes Sümmchen. Der Vorſchlag ging Balduin ſo zu Herzen, daß er nahe daran war, in Klagen und Thränen auszubrechen; dennoch ſagte ihm die Vernunft, daß er, ſo ſchwer es ihm kommen möge, ſeines eigenen wohlverſtandenen Vortheils wegen hier nachgeben müſſe, und ſo willigte er denn ſeufzend in des Pap⸗ ſtes Vorſchlag ein, der ihm dafür ſeine kräftige Verwendung bei den weltlichen und geiſtlichen Für⸗ ſten am Concilium zuſagte. Nach Abſchluß dieſes Privatgeſchäftchens ent⸗ ließ Innocenz den Kaiſer, der, von dem Jubel des Volkes begrüßt, mit demſelben Prachtzuge, mit welchem er gekommen, wieder heimkehrte. Nachdem ſich Balduin entfernt, trat der Cardi⸗ nal Montelongo ein. Er überbrachte dem heiligen Vater die wichtige Nachricht, daß Kaiſer Friedrich ſeiner Ladung vor 107 der Hand nicht Folge leiſten werde und an ſeiner Stelle eine kaiſerliche Geſandtſchaft eingetroffen ſei, die aus dem Großrichter Thaddäus von Sueſſa, dem Kanzler Petrus de Vineis, dem Rechtsgelehr⸗ ten Rikuperio von Miniato und den deutſchen Rittern Hugo und Walter von Okra beſtehe. Innocenz überraſchte dieſe Neuigkeit keines⸗ wegs, denn er hatte die Verweigerung Seitens des Kaiſers vorausgeſehen; dagegen rief die Ankunft Sueſſa's ernſte Falten auf ſeine Stirne. Die Wahl dieſes Mannes machte allerdings dem Scharfblicke des Kaiſers Ehre. Zeichnete ſich doch Thaddäus durch durchdringenden Verſtand und ergreifende Beredtſamkeit, ſo wie durch Ge⸗ ſetzeskunde und Gerechtigkeitsliebe aus; dabei machte ihn als Gegner ſeine Geiſtesgegenwart und Feſtigkeit des Willens furchtbar. So gerecht nun des Papſtes Sorge war, ei⸗ nen ſolchen Mann die Rechte des Kaiſers verthei⸗ digen zu ſehen, ſo angenehm kam ihm die Sendung von Vineis. Schon oft hatte man an dieſer Stütze des kaiſerlichen Thrones gerüttelt, ſchon öfter hatte die⸗ ſelbe gewankt und unentſchieden war es noch zur Stunde, ob Pflichttreue oder Zufälle den Kanzler auf den Weg des Rechtes zurückgeführt. Jetzt galt es einen entſcheidenden Schritt in 108 dieſer Sache zu wagen. Vineis, einer der ſcharf⸗ ſichtigſten Köpfe ſeiner Zeit, die rechte Hand des Kaiſers, Vineis mußte der Kirche gewonnen und, wenn dies nicht gelingen ſollte, geſtürzt werden. Welch ein Meiſterſtreich, wenn es dem römi⸗ ſchen Hof gelingen ſollte, den Mann für ſich zu gewinnen, der bisher mit allen Waffen der Gelehr⸗ ſamkeit, des Scharfſinnes, des Witzes und der Rechtskunde, oft mit entſchiedenem Erfolge, gegen ſie gekämpft! Welcher Gewinn für ſie, durch den Zuwachs ſolcher Kräfte, welcher noch bei weitem wichtigerer Erfolg durch den Eindruck, den der Uebertritt eines ſolchen Mannes auf die Zweifel⸗ haften, ja auf alle Welt machen mußte! Aber Innocenz blickte noch tiefer. Selbſt wenn der Kanzler, was bei ſeinem Geiz und ſeinem Hochmuthe nicht zu vermuthen war, der Verſuchung widerſtand, mußte er ein Werkzeug abgeben, den Kaiſer zu vernichten; indem einmal in hochverräthe⸗ riſche Unterhandlungen mit des Kaiſers Feinden geſchickt verwickelt und dann dem Kaiſer entdeckt, dieſem der dreifache Verrath an der Majeſtät, dem Wohlthäter und dem Freunde das Herz brechen, den Verräther aber unfehlbar ſtürzen mußte. Die Aufgabe war daher: Petrus unter jeder Bedingung heranzuziehen und ihn im Geheimen in Verhandlungen zu verſtricken, die, von dem Stand⸗ 109 punkte des Kaiſers aus geſehen, als hochverräthe⸗ riſch gelten mußten. Des Menſchen Schwächen ſind aber des Teu⸗ fels Angelruthen und trefflich wußte der ſchlaue Innocenz dieſe zu benutzen. Montelongo erhielt die ausgedehnteſte Voll⸗ macht, über die Schatzkammer des Papſtes zu Gun⸗ ſten dieſes Planes zu verfügen, wobei der heilige Vater den Cardinal nur erſuchte, in dem Fall er zur Beſtechung des Kanzlers Summen verwende, vorher ſeine Hände abzutrocknen, damit nicht gar zu viel Geld daran hängen bleibe. Ein Beweis, wie gut der Papſt die Würden⸗ träger der Kirche und im Allgemeinen den italieni⸗ ſchen Charakter kannte. Aber auch dem ungemeſſenen Stolze des Kanz⸗ lers ſollten, eingedenk der Wahrheit: Hochmuth kommt vorm Fall, Schlingen gelegt und ihm von weitem der Cardinalpurpur und mit dieſem die Hoffnung auf die dreifache Krone gezeigt werden. Mit ſolchen Mitteln ausgerüſtet, durfte Mon⸗ telongo an dem Erfolge kaum zweifeln und thätig und voll brennenden Eifers für die Kirche ſetzte er auch ſogleich alle Hebel in Bewegung, durch deren Hülfe er zum Ziele gelangen konnte. Das unſichtbare Weberſchiffchen flog geſchaftig hin und her, das verhängnißvolle Netz zu weben. 110 Zu gleicher Zeit eröffnete der Papſt die Kir⸗ chenverſammlung, zu welcher ſich indeſſen, wie na⸗ türlich, nur dem Kaiſer feindlich geſinnte Prälaten eingefunden hatten. Aber Alles war hier ſchon vorbereitet und die ʒweite Sitzung— ſeitdem weltberühmt— ent⸗ ſchied über die Schickſale der Nationen, ſchleuderte die unſelige Fackel des Krieges aufs neue in die Welt. Es war am 5. Juli 1245, als ſich Papſt In⸗ nocenz WV nebſt allen Fürſten, Prälaten und Ab⸗ geordneten in die Kirche des heiligen Johannes verfügt hatte. Das weite Gebäude war zum Erdrücken voll, da außer den zur Kirchenverſammlung berufenen geiſtlichen und weltlichen Würdeträgern eine unge⸗ heure Maſſe Volkes von aller Welt Enden herbei⸗ geſtrömt war, der großartigen Handlung beizu⸗ wohnen. Aber nur die Angeſehenſten, Mächtigſten und Reichſten vermochten es, theils durch Gunſt und Verwendung, theils durch das Opfer beträchtlicher Summen einen Platz in der Kirche zu erringen. Deſſenungeachtet ward das Gedränge ſo groß, daß ſogar mehrere Menſchen erdrückt wurden. Aber es war auch der Mühe werth, dieſer Verſammlung, impoſant durch ihre Glieder und die 111 namenloſe Pracht, die dabei entwickelt wurde, bei⸗ zuwohnen. Der ganze Raum der Kirche mit Scharlach ausgeſchlagen, mit ſchwarzen Behängen drapirt und von Tauſenden von Kerzen und Lichtern erhellt, machte ſchon einen tiefen, erſchütternden Eindruck auf die, ohnehin von Erwartung und Neugierde, Angſt oder Hoffnung, Haß oder Liebe im höchſten Grade erregten Gemüther. Wer konnte ſich hier des unwillkürlichen Ge⸗ dankens an Blutgerüſte und Feuertod, an Richt⸗ ſtätte und Grab enthalten? Wem wehte aus die⸗ ſem ſchauerlichen Pompe nicht eine düſtere Ahnung an und weſſen Seele hätte nun gar das Groß— artige der Verſammlung, die über das Wohl und Wehe von Millionen, die über die Zukunft von Jahrhunderten entſcheiden ſollte, nicht niederge⸗ drückt? Und welch koloſſales Bild entrollte ſich vor den Augen der ſtaunenden Menge? Im Hintergrunde der Kirche, auf der Erhöhung, welche der Chor bildet, und dicht vor dem Hoch⸗ altare ſaß auf einem prächtigen Throne und unter einem koſtbaren Thronhimmel der heilige Vater, in vollem Schmucke des Pontificats. Sein Haupt deckte die ſtolze Tiara, ſeine Hand hielt einen goldenen Stab, auf deſſen Spitze ein großes Kreuz von unſchätzbaren Dia⸗ manten ſtralte. Rechts und links des Papſtes, doch ſo, daß er auf beide herabſehen konnte, ſtanden zwei koſtbare Thronſeſſel, wovon der eine leer blieb, der andere aber von Balduin, dem griechiſchen Kaiſer, einge⸗ nommen wurde. Nicht zu leugnen iſt es, daß dieſe Einrichtung einen allgewaltigen Eindruck machte, da Jeder⸗ mann wußte, daß der leergebliebene Seſſel für Kaiſer Friedrich Il, den Vorgeladenen, beſtimmt war. Aber gewiß! dieſer leere Seſſel imponirte mehr, als Kaiſer Balduin in aller ſeiner orientali⸗ ſchen Pracht. War es doch, als müſſe alle Augen⸗ blicke der zürnende Geiſt Friedrichs wie ein rächen⸗ der Gott aus der Erde ſteigen und dies Gewürme von kleinen und ſchurkenhaften Seelen zertreten. Innocenz IW hatte die Throne der beiden Kai⸗ ſer der Chriſtenheit zu Füßen des ſeinen geſetzt und war auch nur einer dieſer Herrſcher erſchienen und ſchmiegte ſich gehorſam zu ſeinen Füßen; der kluge Papſt hatte ſeinen Zweck erreicht und angeſichts der Welt ſein Oberrecht, ſelbſt über die Kronen der Erde, manifeſtirt. Wußte doch Niemand, daß Balduin nur eine armſelige Puppe, nur ein ver⸗ ächtliches Spielzeug, nur ein herausgeputzter Po⸗ panz in den Händen des Papſtes war. Innocenz ſelbſt war von den Großwürden⸗ trägern des päpſtlichen Hofes umgeben. Zu beiden Seiten des Chores ſaßen in langen und drei⸗ fachen Reihen die Cardinäle, die Laienfürſten und Geſandten Friedrich II, ſo wie die Notare und Schreiber. Den größeren Theil des Schiffes der Kirche füllten, in beſtimmter Reihenfolge, die Erzbiſchöfe, die Biſchöfe, die Aebte und die Abgeordneten der Stifter und der weltlichen Fürſten. An ihrer Spitze, dem Papſte gegenüber, thronten die Patriarchen von Konſtantinopel und Antiochien. Unzählige Mönche, Geiſtliche, Ritter und Edle ſchloſſen ſich, Kopf an Kopf gedrängt, dieſer Verſammlung an. Ein feierlicher Gottesdienſt, der mit dem Ab⸗ ſingen des Liedes:„Komm heil'ger Geiſt!“ einge⸗ leitet wurde, eröffnete die großartige Handlung. Sobald dies geſchehen, erhob ſich der Papſft. Bittre Thränen rollten ihm über die gefurchten Wangen und mit weinender Stimme rief er mit Jeremias: O ihr, die ihr vorübergehet, gebt Acht und ſehet, ob ein Schmerz gleich ſei dem meinigen! So wie Chriſtus mit fünf Wunden durchbohrt wurde, ſo bin auch 3 von fünffachem Schmerze ergriffen. Der Fluch der Menſchheit, die Geißel Gottes 114 traf die Welt. Mit unmenſchlicher Grauſamkeit verwüſten die Mongolen die Länder der Chri⸗ ſtenheit! Mit unſeliger Blindheit entwinden ſich die Griechen dem Schvoſe der Mutter Kirche, ja ſie wagen es, die ewige, die Gottgegründete anzufeinden! Der Ketzer verdammte Schaar nimmt überhand und ſchießt empor wie Unkraut in dem Weizen! Der Chowaresmier gottloſe Brut iſt wieder Herr des heiligen Landes und wo des Heilands Blut zum Wohl der Welt gefloſſen, da rottet nun der Muſelmann Chriſten und Chri⸗ ſtenthum mit Feuer und Schwert verwegen aus! Doch, wie auch dieſe Wunden klaffen, ſie ſind ſo ſchmerzlich nicht als die fünfte. Weine, o Chriſtenheit, ihr Stützen meines Throns zerreißt die Feierkleider, ſtreut Aſche auf euer Haupt und ſchreit mit mir um Gnade zu dem Herrn: die fünfte Wunde ſchlug uns der Kaiſer, der Kirche eigner Sohn. Er, das Haupt der irdiſchen Macht, der Mut⸗ terkirche natürlicher Beſchützer, hat ſich von ihr ge⸗ wandt und iſt ihr Widerſacher, iſt ihr Feind ge⸗ worden. Stets ſuchte die Kirche den Frieden, aber der Kaiſer verhärtete ſein Gemüth und ftürzte aus Ver⸗ brechen in Verbrechen. Ein Meineidiger, ein Friedensbrecher, ein Kir⸗ chenräuber, ein Heiligthumsſchänder, ein Ketzer ſteht er da! Leiſtete Friedrich nicht Innocenz IM den Lehns⸗ eid für Apulien und Sicilien? verſprach er nicht der Kirche jährlichen Zins? beſtätigte er nicht die Rechte des römiſchen Stuhls auf Ancona, Ravenna und Spoleto? gelobte er nicht Honnorius III treu⸗ lichen Schutz? und ſchwur er nicht bei der Ausſöh⸗ nung mit Gregor X, den Befehlen der Kirche nach⸗ zukommen? ihre Anhänger nicht zu verfolgen? ihre Freiheiten nicht zu kränken? Ließ Friedrich nicht noch im vorigen Jahre alle dieſe Verſprechungen durch ſeine Bevollmächtigten eidlich erneuen?— Aber, fuhr der Papſt donnernd fort und hielt hier verſchiedene Pergamente in die Höhe, ich frage euch Alle, ich frage die Welt: welche von dieſen ver⸗ ſchiedenen Urkunden hat er je geachtet und ge⸗ halten? welcher Friedensſchluß wurde von ihm nicht frevelnd übertreten? welcher Eid nicht ge⸗ brochen? Mit Gewalt nimmt er Kirchengüter und Kir⸗ chenſchätze in Beſitz, läßt, vom Dämon des Geizes und des Eigennutzes verführt, die Bisthümer und Pfarreien zum Verderben der Seelen unbeſetzt, beſteuert die Geiſtlichen und zieht ſie vor weltliche Gerichte. Ja mehr, in gottloſem Uebermuth und Stolz nimmt er Männer Gottes, Stützen der Kirche, 116 heilige Prälaten gefangen und läßt ſie in finſtern Kerkern ſchmachten. Trotz des Bannes läßt er Gottesdienſt vor ſich halten und behauptet, gegen Jeſu Chriſti, un⸗ ſeres Herrn unzweifelhaftes Wort: daß der Nach⸗ folger des Apoſtels Petrus kein Recht habe, zu binden und zu löſen. Ja er ſetzt ſeiner Frechheit die Krone auf, indem er leugnet, daß Chriſtus nicht blos eine prieſterliche, ſondern auch eine könig⸗ liche Herrſchaft gegründet und dem heiligen Petrus zugleich die Zügel des irdiſchen und des himmliſchen Reichs an⸗ vertraut habe. Dennoch hat die Kirche, vermöge ihrèr über⸗ all verſöhnenden Natur und Beſtimmung, dieſem Fürſten, oder vielmehr dieſem Heiligthums⸗ ſchänder angeboten: ſie wolle ihm das Mitleid und die Milde erweiſen, welche mit ihrer und Got⸗ tes Ehre irgend verträglich ſei. Allein je mehr dem Kaiſer freiwillig geboten wird, deſto mehr ſteigen ſeine anmaßlichen Forde⸗ rungen, und Niemand wird ſeinen letzten Zweck verkennen, der da iſt: Ausrottung der Kirche und alles Gottesdienſtes auf Erden, damit er allein, ein verabſcheuungswür⸗ diges Götzenbild, vondem elenden, verlaſſenen Geſchlechte angebetet werde. Dieſer ſchnöde Götze iſt aber auch ein Götzen⸗ diener. Statt mit frommem, chriſtlichem Sinn Klöſter und Kirchen zu gründen, legt er mahome⸗ daniſche Städte an, gibt das heilige Land, zum Spott und Verderben der Chriſtenheit, einem maho⸗ medaniſchen Fürſten zum Lehen; hält mahomeda⸗ niſche Verſchnittene zur Bewachung ſeines Weibes, verehrt mahomedaniſche Sitten und Gebräuche, und entblödet ſich nicht, er— das Haupt der Chriſten⸗ heit— mit ungläubigen Dirnen vertrauten Um⸗ gang zu pflegen! Wer Ohren hat zu hören, der höre, und wer ein Chriſt iſt und ein Herz im Buſen trägt, der traure mit mir und fühle den namenloſen Schmerz aller der Wunden, die der Kaiſer, dieſe Ausgeburt der Hölle, dieſer bluttriefende Drache, der heiligen Kirche beigebracht. Der Papſt ſchwieg, aber unwillig und voll edlen Zornes erhob ſich Thaddäus von Sueſſa und ſprach muthig und mit feſter Stimme: Wären dieſe Beſchuldigungen ſo wahr, als ſie ſchwer ſind, wahr⸗ lich! übel ſtünde es dann um die Sache des Kai⸗ ſers, meines edlen, hochherzigen Herrn. Hier aber ſind die Bullen der Päpſte, deren ſorgfältige Prü⸗ 118 fung Jedem offenbaren wird, wer die Eide brach, die Verträge nicht hielt und den neuen Streit ver⸗ anlaßte. Wie kann man den Kaiſer beſchuldigen, er verfolge die Päpſte, da ihm aus tauſend Grün⸗ den mehr am Frieden gelegen iſt, als ihnen? Wie darf man ihn einen Kirchenräuber ſchelten, da er von den Geizigen nur verlangt, was des Kaiſers iſt, da er die Ungehorſamen nur zu der Ordnung anhält, ohne welche jedes Reich zu Grunde geht? Wie darf man ihm verdenken, daß er Diejenigen, welche ſich, berufen von ſeinem Hauptfeinde, zu ſei⸗ ner Unterdrückung verſammeln wollten, als Feinde betrachtete und behandelte? Wer kann ihn tadeln, daß er ſich durch einen ungerechten Bann nicht wollte von der beſeligenden Gemeinſchaft der chriſt⸗ lichen Kirche ausſchließen laſſen? Wer hat ein Recht, das, was Beweis ſeiner frommen Geſin⸗ nung iſt, in ein Zeichen gottloſer Geſinnung umzu⸗ deuten? Ob mein Herr ein Ketzer ſei, das kann Niemand wiſſen, als er ſelbſt; er allein kann durch ſein Bekenntniß darüber entſcheiden. Doch ſpricht augenfällig gegen jene Behauptung, daß er in ſei⸗ nen Reichen keine Wucherer duldet, während der römiſche Hof bekanntlich ſehr arg an dieſem Uebel leidet, daß er die ketzeri⸗ ſchen Lombarden nicht beſchützt, wie zu allgemeinem Anſtoße der Papſt. Die von Gott eingeſetzte welt⸗ 119 liche Herrſchaft will dieſer mit ſolcher Hülfe zer⸗ ſtören, ihm ſind die Ketzer lieber als der Kaiſer, das Haupt der Chriſtenheit! Wie darf er von die⸗ ſem fordern, er ſolle die ſeit undenklicher Zeit in ſeinen Ländern wohnenden Saracenen grauſam aus⸗ rotten? Wie kann er ihn, ſich ſelbſt widerſprechend, zu gleicher Zeit tadeln, daß er ſich ihrer im gerech⸗ ten Kriege bedient und hierdurch dem Vergießen von Chriſtenblute vorbeugt? Die Freundſchaft muhamedaniſcher Fürſten gereicht ihm eher zum Lobe, als zum Vorwurfe, denn ſie gründet ſich auf die freiwillige Anerkenntniß ſeiner herrlichen Eigen⸗ ſchaften. Gern hätten die Päpſte jene Fürſten für ſich und gegen den Kaiſer gewonnen; allein ſelbſt Ungläubige fühlten das Unrecht, was man ihm anthat, und blieben ihm treu. Abgeſehen aber hier⸗ von, ſcheint der Papſt vergeſſen zu haben, wie oft im Morgenlande Bündniſſe zwiſchen Chriſten und Saracenen geſchloſſen und ſelbſt von der Kirche ge⸗ billigt wurden. Saraceniſche Mädchen endlich ſind allerdings am kaiſerlichen Hof geweſen, keines⸗ wegs aber(wie der Papſt, man weiß nicht auf welche Weiſe ausgeſpürt haben will) unkeuſchen Um⸗ ganges, ſondern ihrer weiblichen Geſchicklichkeit halber. Um indeß einem ſo ängſtlichen Sittenrichter, wie Innocenz iſt, völlig zu genügen, ſind auch dieſe unwiderruf⸗ lich entfernt worden. Damit nun aber mein Herr, der Kaiſer, mich über alle dieſe, größtentheils unerwarteten Vorwürfe mit Vollmacht und Wei⸗ ſung verſehe, oder damit er ſelbſt zu vollſtändiger Rechtfertigung herkomme, bewillige man eine ge⸗ nügende Friſt*). Hiermit aber war dem Papſte nicht gedient. Bei ihm ſtand es längſt feſt, daß der Kaiſer ver⸗ urtheilt werde, die Kirchenverſammlung ſollte nur— ein eitles Spiel— das ſchändliche und ungerechte Verfahren einigermaßen in den Augen der Welt beſchönigen. Raſch rief daher Innocenz bei Sueſſa's letzten Worten: Das ſei fern von mir. Ich fürchte die Schlingen, denen ich kaum entronnen bin. Noch habe ich nicht Luſt, ein Märtyrer zu werden! Und mit dem Scheine der Milde und Wehmuth erzählte er nun, wie er den Kaiſer von jeher ge⸗ liebt, wie er ihn noch ehre und wie er nach Friede und Ausſöhnung verlange; er weinte über des Kaiſers Fall und ſchien ſo ergriffen und ſo weich geſtimmt, daß Viele glaubten, er wolle, da er jett dem Kaiſer die drohende Gefahr gezeigt, den Weg der Mäßigung einſchlagen. Aber plötzlich ſtand er raſch auf und mit ihm *) v. Raumer Thl. IV. 121 die ganze Verſammlung und Innocenz, der noch eben von Liebe und Verſöhnlichkeit geſprochen, blickte nun mit furchtbarem Ernſte und rief: Aber was hilft mir mein Schmerz und meine Liebe, des Kaiſers verworfene Halsſtarrigkeit zwingt mich zu dem Aeußerſten. Ich, ein unwürdiger Knecht, habe durch den Rathſchluß des Ewigen die höchſte Würde der Chriſtenheit erlangt, eine Würde, die mir heute zur ſchweren Laſt wird; denn ich bin geſetzt, zu richten über Thaten und Worte, zu löſen und zu binden, zu erhöhen und zu erniedrigen, zu lohnen und zu ſtrafen. Und in wohlberechneter Rede rief nun der hei⸗ lige Vater alle die Anklagepunkte gegen den Kai⸗ ſer der Verſammlung in das Gedächtniß zurück. Dabei wußte er die angeblichen Verbrechen mit den grellſten Farben zu ſchildern; ja er entblödete ſich nicht, in dieſer Beziehung die offenkundigſten Lügen als Wahrheiten darzuſtellen, wie er zum Beiſpiel und unter Anderem Friedrich des an dem Herzoge von Baiern verübten Mords beſchul⸗ digte. Was half Vineis' und Sueſſa's Widerſpruch? ſie wurden gar nicht gehört und keine Vertheidigung angenommen. Das Urtheil war ja längſt gefällt. Der Papſt ſchickte ſich an, es zu verkünden. IMI. 6 122 Es war ein großer, ein erſchütternder, ein furchtbarer Moment. Innocenz ſelbſt ergriff eine brennende Fackel und wie durch einen Zauberſchlag flammte es in tauſend Feuern durch die weiten Räume der Kirche, und jeder der anweſenden Prälaten folgte dem Beiſpiele des heiligen Vaters und erfaßte ein Licht. Da rief der Papſt mit Donnerſtimme: Um dieſer und vieler anderer v erabſcheuungs⸗ und verfluchungswürdiger Frevel und Miſſe⸗ thaten willen, haben wir, nach reiflicher und ſorg⸗ fältiger Berathung mit unſern Brüdern, den Car⸗ dinälen, in Uebereinſtimmung mit der Kirchenver⸗ ſammlung und vermöge der von Chriſto, unſerem Herrn, den Nochfolgern des heiligen Petrus er⸗ theilten Macht, jenen Fürſten, der ſich des Kaiſer⸗ thums und der Königreiche, der ſich aller Wür⸗ den und Ehren unwürdig gezeigt hat, der ſeiner Ungerechtigkeit und ſeiner Verbrechen halber von Gott verworfen iſt, aller ſeiner Würden und Ehren be⸗ raubt und entſetzt Alle, die ihm auf irgend eine Weiſe verbun⸗ den und verpflichtet ſind, entbinden und be⸗ freien wir, kraft der uns zuſtehenden göttlichen Gewalt, von Eid und Pflicht, und gebieten aus apoſtoliſcher Machtvollkommenheit, daß Nie⸗ 123 mand ihm mehr, weder als Kaiſer noch als König gehorche, Deutſchland wähle einen neuen Herr⸗ ſcher, die Reiche von Sicilien und Nea⸗ pel fallen der Kirche zu. Verflucht auf ewig ſei er und wer ihm ferner anhängt, für hier und dort, für dieſes und für je⸗ nes Leben! Verflucht ſei ſeines Mundes Athem! Verflucht das Licht, das ſeine Augen tränkt! Ver⸗ flucht ſei Speiſ' und Trank, die er zum Munde führt! Verflucht der Boden, der ihn trägt! Ver⸗ flucht der Schlaf, der ſich auf ſeine Augen ſenkt! Verflucht ſei ſeine Ruhe ſelbſt im Leichentuch!— und der Verdammniß gräßlichſter Fluch brenne ſeine Seele mit ewigem Feuer in der Hölle Schlund! Und mit dieſen Worten ſenkte Innocenz die Fackel und ſtieß ſie mit furchtbarer Gewalt zu Bo⸗ den, daß ſie erloſch und rief: So löſche aus des Kaiſers Glanz und Glück! Und die Prälaten folgten ihm und, ihre Fackeln erlöſchend auf den Boden ſtoßend, riefen ſie: So löſche aus des Kaiſers Glanz und Glück! Und das Licht erblich und es ward finſter in den weiten Hallen und Todtenſtille herrſchte rings⸗ umher. Ein eiskalter Schauer aber durchrieſelte die Anweſenden und wer nicht zu den feindlich Geſinn⸗ ten gehörte, der vergoß Thränen. 6* 124 Sueſſa aber ſprang auf, ſchlug an ſeine Bruſt und rief: Wehe der Welt! dieſer Tag iſt ein Tag des Zorns, ein Tag der Trauer und des Elends! ich appellire von dieſer Kirchenverſamm⸗ lung, auf welcher ſo viele geiſtliche Würdenträger fehlen, an eine allge⸗ meine unparteiiſche Verſammlungz ich appellire von dieſem, meinem Herrn feindlich geſinnten Papſte an den künf⸗ tigen, milder und chriſtlicher Geſinnten! Aber Innocenz gab ein Zeichen und unter Donnertönen ſtimmten ſeine Creaturen das„Herr Gott dich loben wir!“ an. 7. Die Srſzwitups⸗ Gleichwie der Tiger, der bei ſeiner Beute Im Wald vom Heer der Jäger plötzlich wird umringt: Er hebt das Haupt, der Schweif ſchlägt ſeine Seite Und Flammen ſprüht ſein Auge; furchtlos ſpringt Er auf die Waffen los und auf bie B Beute, Bis man von Blut erſchöpft zum Tod ihn bringt. So iſt der König ohne Furcht und Bangen, Obgleich von grimmen Feinden rings umfangen. Aleſſandro Taſſoni. Die Senſation, welche der fürchterliche und un⸗ chriſtliche Fluch des Papſtes, ſo wie ſein ungerech⸗ tes Urtheil hervorgerufen, war allgemein. Nur die Pfaffheit und ſelbſt von dieſer nur ein kleiner Theil, triumphirte über des Kaiſers ver⸗ meintliche Niederlage. Wer von der Geiſtlichkeit und der Laienwelt unbeſtochen war und neben geſundem Verſtand ein fühlend Herz im Buſen trug, den mußte es betrü⸗ ben, den heiligen Vater ſich ſo vergeſſen zu ſehen, daß er, von Zorn und Leidenſchaftlichkeit hinge⸗ riſſen, über den größten Fürſten der Chriſtenheit, ohne Unterſuchung, ohne Umfrage, ohne gemeinſamen Beſchluß, ja ohne wirk⸗ 126 liche Theilnahme der Kirchenverſamm⸗ lung, ein derartiges Verdammungsurtheil aus⸗ geſprochen. Ohne ſelbſt die Competenz des Papſtes, nach Willkür das Kaiſerthum geben und nehmen, Kro⸗ nen vertheilen und Fürſten beſtrafen zu können, hier in Erwägung zu ziehen; ohne zu berückſichti⸗ gen, daß die, alle Moralität untergrabende, Lehre der Entbindung von Eid und Pflicht, von Treue und Glauben dem Hohenprieſter des Chriſtenthums in den Augen aller Welt auf ſchmähliche Weiſe brandmarkte, ſei nur die Frage geſtellt: wer war hier Kläger, Zeuge und Richter? Niemand anders als der Papſt in eigner und einer Perſon zugleich. Dies Alles ſahen nun die Verſtändigen einz deſſenungeachtet mußte der Bann fürchterlich auf die Maſſen wirken, die wenig oder gar nicht mit dem Hergang der Sache bekannt, außerdem ge⸗ wöhnt waren, Rom in dumpfer Sinnloſigkeit und blindem Glauben zu folgen. Und welches Feld öff⸗ nete ſich nun wieder der Parteiwuth und allen menſchlichen Leidenſchaften, und wie fröhlich wucher⸗ ten die Hoffnungen der Böſen! Waren doch nun wieder die nimmerſatte Habſucht, die unerſättliche Privatrache, die blutige Selbſthülfe, die hundert⸗ köpfige Meuterei, waren doch wieder alle Furien des Bürgerkrieges entfeſſelt und tobten wie die los⸗ gelaſſene Hölle dahin. Es gab ja weder Eid noch Pflicht mehr! Kein Unterthan der Gebannten brauchte dieſen die be⸗ ſchworene Treue zu halten; und wollte man ſie auch gegen Andere nicht halten, je nun, ſo ſchrie man ſie für Freunde des Kaiſers aus und dann waren auch hier alle geſetzlichen Bande gelöſt. Man denke nur an Deutſchland, das Inno⸗ cenz ſelbſt aufgefordert hatte, einen neuen König zu wählen! Man denke der langen und blutigen Bürgerkriege, der ſchrecklichen Anarchie, der nach⸗ haltenden Geringſchätzung des Eides, welche alle die Folgen jener Aufforderung waren! Vineis und Sueſſa ſahen dies Alles nur zu wohl voraus. Der Streit zwiſchen Kaiſer und Papſtthum war zum Aeußerſten gekommen. Jetzt galt es einer Entſcheidung, die das Eine oder das Andere vernichten mußte. Mit bangem Herzen einer finſteren, unheil⸗ ſchwangeren Zukunft entgegenſehend, machten ſich daher die kaiſerlichen Geſandten bereit, Lyon ſo⸗ gleich zu verlaſſen und dem Kaiſer die Trauerbot⸗ ſchaft zu überbringen. Hatte aber die Scene in St. Johannis durch ihre impoſante und ſchreckliche Großartigkeit den Pöbel zu Boden geſchmettert, ſo war ſie ſelbſt an 128 den Gebildetſten nicht ohne erſchütternden Eindruck vorübergegangen. Dieſe Stimmung mußte von Rom benutzt werden, das Netz nach Vineis auszuwerfen. Mon⸗ telongo begann ſeine Miſſion bei dem Kanzler. In einer geheimen Unterredung mit demſelben hob er vor allen Dingen deſſen Verdienſte ſcharf hervor und betheuerte, daß die Kirche ſeine großen Talente wohl anerkenne, wenn ſie auch bedauern müſſe, daß ſie gegen ſie ſelbſt gerichtet ſeien. Schlau führte alsdann der Cardinal den Kanz⸗ ler auf die Zinne des Tempels, indem er den Kai⸗ ſer tadelte, daß er Vineis'Größe mißkenne, ſeine Dienſte nicht gehörig belohne, und ſchloß mit der Bemerkung, daß eben nur der höheren Geiſtlichkeit die großartige Ausſicht auf eine ganz ſelbſtſtändige, ja auf die höchſte Stelle in der Welt vergönnt ſei. Montelongo durchſchaute den Kanzler; er wußte, daß Vineis ſeine Geſundheit durch Studiren und Arbeiten zum Theile eingebüßt und dadurch die Heiterkeit des Geiſtes verloren habe; er wußte, daß Eitelkeit, die Erbſünde aller Gelehrten, auch Vi⸗ neis nicht fremd; es war ihm bekannt, daß dieſer verdienſtvolle Staatsmann— eben durch das Be⸗ wußtſein alles Deſſen, was er geleiſtet, verführt— ſich überſchätze und über den eigenen Werth jeden Anderen überſehe. Es war ferner dem Cardinal 129 nicht unbekannt, daß eben dieſer Stolz des Kanzlers ſchon manchmal— und trotzdem, daß der Kaiſer Vineis ſehr hoch ſchätzte, ja ihm oft nachgab— zu unangenehmen Scenen zwiſchen dieſen Beiden geführt, deren Ausgang den Kanzler bitter gekränkt, indem er ſich eben doch jedesmal dem ſchärferen Blick, den großartigeren Anſchauungen des Kaiſers hatte fügen müſſen. Schließlich aber war Monte⸗ longo mit Vineis' grenzenloſer Habſucht vertraut. Alle dieſe Schwächen behielt der ſchlaue Prie⸗ ſter denn auch im Auge und wußte ſie ſo trefflich zu benutzen, daß Vineis neuerdings zu ſchwanken anfing; namentlich erregte die, in der Ferne ge⸗ zeigte Ausſicht auf den Cardinalspurpur und der damit verknüpfte Gedanke an die Möglichkeit, einſt Papſt werden zu können, ſeine ehrgeizige Seele. Dennoch war auch Vineis klug und vorſichtig genug, nicht allzuraſch zu handeln; er bat ſich da⸗ her vorerſt Bedenkzeit aus, die ihm denn auch be⸗ willigt wurde. Um ihn jedoch deſto ſicherer umſtricken und nöthigenfalls als Hochverräther bei dem Kaiſer ſtürzen, zugleich aber auch in der Abſicht, eine Ge⸗ legenheit zu haben, ihn großartig beſtechen zu kön⸗ nen, bewog ihn Montelongo, Namens des Pap⸗ ſtes und gegen Vergütung einer ungeheuernSumme Goldes, für Rom im Geheimen zu ſchreiben. 130 So vielen Verſuchungen vermochte Vineis nicht auf einmal zu widerſtehen und ohne geradezu auf den gemachten Vorſchlag einzugehen, verſprach er dem Papſte, ihm ſeine Anſichten gegen den Kaiſer, vom Standpunkte Roms aus geſehen, mit⸗ zutheilen, bemerkte aber hiezu: daßer dieſe Ar⸗ beit lediglich als einen Beweis ſeiner wiſſenſchaftlichen Unparteilichkeit an⸗ geſehen zu haben wünſche. Der Papſt nahm dieſen Vorſchlag innerlich frohlockend an, Petrus empfing im Geheimen das Gold und die Geſandtſchaft machte ſich mit der Trauerbotſchaft des erneuten Bannes auf den Weg. Ehe jedoch die Geſandtſchaft und mit ihr der Kanzler Lyon verlaſſen, war Letzterem noch ein paniſcher Schrecken vorbehalten. 8 Ein an die Geſandtſchaft von dem Kaiſer ab⸗ geordneter Bote überbrachte ihm nämlich ein ge⸗ heimes Privatſchreiben. Vineis, der an derartige Sendungen von Freund und Feind ſchon gewöhnt war, ðffnete daſſelbe ziem⸗ lich gleichgültig; wie aber erſchrak er, als er fand, daß es von David Federbuſch komme und von die⸗ ſem ſelbſt nun erfuhr, auf welche Weiſe ihn der Kaiſer wiedergefunden. Jetzt ſchien Alles verloren und ſchon dachte er ernſtlich dargn, die Maske abzuwerfen und den ihm bereits geſtellten Anerbieten des Papſtes: ihn in das Clericat aufzunehmen, nachzukommen, als er im Verlaufe des Schreibens fand, daß David ſeiner auf eine edle Weiſe geſchont habe und Fried⸗ rich, wie alle Welt, ihn als in der That vom Wahnſinn geneſen, betrachte. Die Urſache dieſes Edelmuthes konnte er nicht erfaſſen; weshalb ihm auch das Betragen Davids im Anfange ſehr zweifelhaft und für ihn gefährlich vorkam. Er fürchtete ſelbſt eine Schlinge darin; vielleicht die verborgene Abſicht, ihn nach Hauſe zu locken, um ihn alsdann um ſo ſicherer zu ver⸗ derben. Allein das Ende des Briefes beruhigte ihn wieder, und zwar um ſo mehr, als er Davids große Seele kannte. Außerdem konnte er ja immer auf die bekann⸗ ten Documente fußen, die, wenn auch jetzt ver⸗ nichtet, dennoch dem Kaiſer bekannt waren. Sie waren Grund genug zum Argwohn und traf ihn der Vorwurf ungerechter Strenge, ſo kam ihm der Anſchein allzugroßer Beſorgniß für das Wohl Friedrichs zu gut. Nach langem Kampfe entſchied er ſich dafür: Davids Friedensvorſchlag anzunehmen, war aber, der Sicherheit wegen, um ſo mehr darauf bedacht, ſich die Möglichkeit eines freundſchaftlichen Ver⸗ hältniſſes mit Rom offen zu halten. 132 Da die Geſandtſchaft unterdeſſen die wenigen Vorbereitungen zur Rückreiſe vollendet, verließ ſie ohne weiteres Lyon und eilte nach Italien zurück. Ihre Reiſe geſchah mit der erdenklichſten und größtmöglichſten Schnelligkeit, da ſie jedem Ge⸗ rüchte voreilen mußten und außerdem ahnen konn⸗ ten, mit welcher Spannung der Kaiſer ſie oder Nachrichten von ihnen erwarte. Nach vielen Mühen, Anſtrengungen und Ge⸗ fahren langten ſie endlich bei dem kaiſerlichen Hof⸗ lager an. Niemand ahnte hier etwas von dem Vorge⸗ fallenen, obgleich man ſich von Seiten des Papſtes feindlicher Schritte verſah. Kaiſer Friedrich war gerade von einer glän⸗ zenden Verſammlung umgeben, als ihm die Rück⸗ kunft ſeiner Bevollmächtigten gemeldet wurde. Er traute ſeinen Ohren nicht; aber ein flüchtiges Er⸗ blaſſen zeigte, daß er die Wahrheit errathen. Die Geſandten wurden hierauf ſogleich vor⸗ gelaſſen und mußten ohne Umſchweife den ganzen Hergang der Sache erzählen. Anfangs hörte Friedrich ruhig zu, als Vineis aber an den entſcheidenden Punkt kam und des Papſtes eigenmächtiges und ungerechtes Verfahren verkündete und endlich Sueſſa mit Schaudern den Bannfluch nachgeſprochen, da erfaßte den Kaiſer 133 ein mächtiger Zorn und mit flammenden Blicken rief er aus: Uns hat der Papſt und ſeine Verſammlung abgeſetzt? Uns der Kronen beraubt? Bringt Uns her die Kronen, daß Wir ſehen, ob ſie wirklich ver⸗ loren ſind! Man gehorchte, während Todtenſtille rings in der Verſammlung herrſchte und der fahle Schrecken ſich auf allen Geſichtern gelagert hatte. Der Kaiſer aber ſtand auf, ergriff eine der⸗ ſelben und ſagte mit feierlichem Tone: Noch haben Wir Unſere Kronen und kein Papſt und keine Kirchenverſammlung ſoll ſie Uns ohne blutigen Kampf rauben. Welch jämmerlicher Stolz, welche freche Anmaßung, Uns, dem kein Fürſt auf Erden gleich ſteht, vom Gipfel kaiſer⸗ licher Hoheit mit leeren Worten der Willkür hinab⸗ ſtürzen zu wollen! Aber wahrlich! Unſer Loos iſt beſſer geworden, als es war; denn Derjenige, dem Wir nicht gehorchen, doch Verehrung bezeigen ſollten, hat ſich als ein ungerechter Richter, als ein grauſamer Feind gezeigt, daß Wir nunmehr aller Liebe und Ehrfurcht gegen ihn losgeſprochen, daß Wir zu Fehde und Haß gegen ihn berechtigt ſind. Und der Kaiſer hatte wahr geſprochen, ſein Loos hatte ſich in der That gebeſſert, denn ſtatt von des Papſtes Bannſtral niedergeſchmettert zu ſein, erhob er ſich nun freier, kühner, größer denn je. ² Brauchte er doch min keine Rückſicht mehr gegen Rom zu nehmen; konnte er doch jetzt die Hände, die ihm bisher Schonung vor den Vorur⸗ theilen der Maſſe gebunden, frei bewegen, und dann ha te ihm der Himmel in den letzten Tagen nicht faſt für alle ſeine Wunden Erſatz gegeben? Schmiegte ſich nicht Eudoria, ſein ſüßes Kind, das himmliſche Ebenbild der verklärten Geliebten an ſein Herz? O wie ſelig ward es ihm in ihrer Nähe zu Muthe! Und wenn er ihre beiden zarten Hände faſſen und ihr in die großen Augen ſchauen konnte, dann däuchte ihm, als habe er ein längſt verlore⸗ nes Paradies wiedergefunden; dann träumte er ſich in die ſchönſten Tage ſeines Lebens zurück; dann dachte er der himmliſchen Nächte, die er in Paläſtina auf der Terraſſe an Eudoria's und Ale⸗ ris' Seite in unſchuldiger Seligkeit verſchwelgt; dann führte ihm Erinnerung die Gärten Neapels vor, die ſeine Geliebte bewohnt. Und er verſetzte ſich wieder in jene wilde, oft ge⸗ waltige Gebirgsnatur, die ſich ſo reizend verſchmilzt mit den Orangen⸗ und Limonen⸗Pflanzungen, deren Duft die Tramontana verſchlingt, die im dunkel⸗ blauen Golf di Napoli die weißen Segel ſchwillt. Und er drückte dann ſeine Eudoria feſter an 135 ſein Herz und ſchaute im Geiſte über das Grün der Orangen hinaus nach Neapels weitem Meer⸗ buſen, deſſen weiche Wellen den Fuß der geliebten Königsſtadt beſpülen, die amphitheatraliſch aus dem Ocean emporſteigt, ſich traulich an den Pauſilippo lehnend. Und er ſah die dunkeln Rauchſäulen des ewig dampfenden Veſuvs in die blauen Lüfte und die Inſeln Capri und Jochia wie ſchilf⸗ bekränzte Göttinnen aus den Fluten ſteigen, wäh⸗ rend in blauer Ferne das Cap Miſenum die zau⸗ beriſche Ausſicht ſchloß. Und er hörte wieder Eudoria's liebe Stimme all' dieſe Wunder preiſen, und er trank wieder ih⸗ ren Athem, und er hielt ſie wieder in ſeinen Ar⸗ men, und er drückte wieder ſeine heißen Küſſe auf ihre Alabaſterſtirne. Ja, dieſer Wunde Schmerz hatte der Himmel geheilt und ſelbſt ihr Nachbluten war nur eine wollüſtige ſüße Erinnerung. Und hatte Friedrich nicht auch zugleich ſeinen Da⸗ vid wiedergefunden? Dieſen Freund ſeiner Seele, der ſo manchen Schmerz und ſo manche Luſt mit ihm getheilt, deſſen Rath ihm ſo vft genützt, deſſen Witz ihn ſo manches Mal getröſtet und ergötzt, deſſen Treue ihm ſchon mehr als einmal das Leben ge⸗ rettet. Doppelt mächtig fühlte er ſich, nach jener unglückſeligen Trennung zu ihm hingezogen, ja es war ihm, als ſei ihm mit David ein Stück ſeines Herzens wiedergegeben. Und ſtand ihm— der Dritte im Bunde— nicht auch ſein treuer Kanzler, ſein kluger Petrus de Vineis zur Seite? Dieſe Stütze ſeines Thro⸗ nes, dieſer tiefblickende Staatsmann, den er aus dem Staube gehoben und mit Gnaden und Reich⸗ thümern überdeckt, den er zunächſt ſeinem Throne geſtellt, den er, mehr als Alles dies, zu ſeinem Ver⸗ trauten, ja zu ſeinem Freunde erkoren, und dem er um ſo mehr ſein Herz, ſeine Perſon und ſeine tieſſten Staatsgeheimniſſe anvertrauen konnte, da ihn unbe⸗ grenzte Dankbarkeit und Liebe an ihn feſſeln mußte. Und ſah er nicht unter ſeinen Augen den lieb⸗ ſten ſeiner Söhne, den ritterlichen und ſchönen Enzio erblühen, der, Sänger und Held, ein treues Ebenbild ſeines großen Vaters war? Enzio, vor deſſen Namen ſchon die Feinde erzitterten, Enzio, vor deſſen Blicken alle Frauenherzen erbebten?! Und ſtand nicht auch Rudolph, der hoffnungs⸗ volle junge Graf von Habsburg, bei ihm? und ſah der Kaiſer nicht zu ſeinem innerſten Entzücken ſich eine zarte, fromme Liebe zwiſchen dieſem und Eu— doria entwickeln, eine Liebe, in deren Auſblühen er ſelbſt wieder jung ward, eine Liebe, in deren der⸗ einſtiger Vereinigung er ſeine ſchönſten Hoffnungen, er das Glück und die Luſt ſeiner alten Tage ſetzte? 137 Ja! Friedrich ſtand des ungerechten Bann⸗ fluches ungeachtet, jetzt freier, größer, herrlicher da denn je! Ungebeugt von dem Geſchicke zog er muthig das Schwert zum neuen furchtbaren Kampfe! Und der Kampf, der ſich jetzt entſpann, über⸗ traf in der That alle früheren an Wildheit und Grauſamkeit; denn, herausgefordert von dem hei⸗ ligen Vater ſelbſt, ſtritt die ganze Hölle, ſtritten Fanatismus, Glaubenswuth und Haß in ſeinen Reihen; es war ein Kampf auf Leben und Tod, ein Kampf um Seligkeit und Verdammniß. Aber auch die Keime des Verrathes hatte ja der Nachfolger Chriſti ausgeſtreut und ſeinem Wachsthum Segen und Gedeihen durch die Gnade Gottes verſprochen. War es da ein Wunder, daß Rebellion ihr Schlangenhaupt erhob? Noch war aber Friedrich der Mann dazu, dieſem hölliſchen Drachen, der ſich zuerſt in ſeinen neapolitaniſchen Reichen erhob, das Haupt zu zer⸗ treten. Auf des Papſtes geheime Veranlaſſung, be⸗ thört durch religiöſen Eifer, gereizt durch beleidig⸗ ten Ehrgeiz und beſtochen durch Roms Schätze, erhoben ſich nämlich, während Friedrich noch in Oberitalien mit der Züchtigung der Lombarden be⸗ ſchäftigt war, ein Theil der apuliſchen Barone. 138 An ihrer Spitze ſtanden namentlich: Pandolfo Faſanella, ſeit fünf Jahren Statthalter von Tus⸗ cien und bis dahin der eifrigſte Diener des Kaiſers; Jacob Morra, Andreas Cigala, der Oberfeldherr im ſiciliſchen Reiche, und die Grafen S. Severino und Theobald Franzesco nebſt anderen Edlen. Alle dieſe Männer hatte Friedrich mit Ehren und Wohlthaten jeder Art überhäuft, deſſenunge⸗ achtet ließen ſie ſich von den Einflüſterungen des Papſtes hinreißen, alle Treue und Dankbarkeit zu vergeſſen, und traten in eine gemeinſame Verſchwö⸗ rung, die nichts weniger zum Zweck hatte, als den Römlingen das Reich zu überliefern und den Kai⸗ ſer ſelbſt zu ermorden. Der Plan war fein geſponnen und reifte auch, ohne entdeckt zu werden, heran, ſo daß ſelbſt der Biſchof Heinrich von Bamberg, auf ſeiner Rück⸗ reiſe von Lhon mit lauter Freude öffentlich erzählte: In wenigen Tagen werde der gebannte Kaiſer von ſeinen eigenen Vaſallen in Groſſeto ermordet werden. Aber Friedrich erhielt Nachricht von der Ver⸗ ſchwörung und wie durch Zauber ſtand er plötzlich mit einem Heere und ſeinem dämoniſchen Beglei⸗ ter, Ezelino di Romano, mitten unter den Feinden. Ezelino erhielt den Befehl, die gerechte Rache zu vollſtrecken. 139 Und wahrlich, der Kaiſer hatte den Rechten geſandt. Noch ehe Ezelino ſelbſt zurückgekehrt, traf die Nachricht ein, daß er den Cardinal Rainer, welchen der Papſt mit einem Heere zur Beſitznahme Nea⸗ pels den Verräthern zur Hülfe geſandt, bei Ascoli völlig auf das Haupt geſchlagen und jetzt Capoe⸗ cio belagere, in welches ſich die Rebellen einge⸗ ſchloſſen. Aber auch auf den entſcheidenden Sieg über dieſe Feſte hatte Friedrich nicht lange zu warten. Als er am Abende des achtzehnten Juli 1246, umgeben von ſeinen Freunden, auf einem Hügel ſtand und dem Vorbeiziehen eines furchtbaren Ge⸗ witters, welches ſich in der Ferne entlud, zuſchaute, ſah er plötzlich im falben, ſchwefelgelben Scheine der Blitze einen ſchwarz geharniſchten, athletiſchen Ritter auf ſich zuſprengen. Die Geſtalt glich, durch die bald ſchwache, bald blendende Beleuchtung, einer dämoniſchen Erſchei⸗ nung; ihr Schatten ſelbſt dünkte der erſchrockenen Umgebung des Kaiſers rieſengroß. Das iſt der Böſe! flüſterten die Nächſten; aber Friedrich, der es gehört, ſagte verweiſend: Es iſt Ezelino di Romano, der mir die Nach⸗ richt von der Züchtigung der Rebellen bringt. Und ſo war es auch. Capoccio lag in Trüm⸗ 140 mern. Ueber hundert edle Frauen und Mädchen, Theobaldo Franzesco, S. Severino, Morra, Robert und Richard Faſanella und noch mehrere andere Barone waren in die Hände der Sieger gefallen. Erſtere befanden ſich bereits auf dem Wege nach den Gefängniſſen von Palermo, um nie wieder das Tageslicht zu ſehen; Letzteren hatte man die Augen ausgeſtochen, Hände und Naſen abgeſchnit⸗ ten und ſie dann— gerädert. 8. Neue Kämpfe. Nicht iſt es Zeit, zu ſchmauſen und zu trinken, Zu koſen mit geſchmückten, ſchönen Frau'n; Denn bald beginnt in unſern heim'ſchen Gau'n Ein ernſtes Spiel, und wilde Fiedler winken. Ernſt Münch. Dem ſchrecklichen Fall von Capoccio folgte die völlige Unterwerfung der neapolitaniſchen Erblande unter Friedrichs Scepter auf dem Fuße. Somit war eine drohende Gefahr an dem Kaiſer vorübergegangen und eine der weit ver⸗ zweigteſten Rebellionen unterdrückt. Die Nachricht von dieſem Siege mußte aber einen um ſo tieferen Eindruck auf alle Welt machen, als ſie eben be⸗ urkundete, daß der Kaiſer, trotz des Bannfluches, jetzt mächtiger ſei denn je. Und ſo war es denn auch in der That. Der tapfere und liebenswürdige König Enzio führte mit Glück, als Generalvicar von Italien, den Krieg in der Lombardei. Florenz ſelbſt öffnete ihm ſeine Thore und wer ihn einmal als Sieger begrüßt, ließ ſo leicht nicht mehr von ſeinen Fahnen. Mit⸗ tel⸗ und Unteritalien überwachte der Kaiſer in eig⸗ ner Perſon und, wo es zu ſtrafen galt, da erſchien, wie ein finſterer Dämon der Rache, Ezelino di Romanv. Gewiß! dem edlen Herzen des Kaiſers war jede Härte, jede Grauſamkeit von Natur fremd, und oft tadelte er auch die gräßliche Strenge, mit welcher Ezelino gegen ſeine Feinde verfuhr; ande⸗ rerſeits aber war dies Verfahren allerdings von den Päpſtlichen hervorgerufen und Innocenz W hatte ja ſelbſt auf der Kirchenverſammlung den Impuls zu einem Kampf des Haſſes gegen tödt⸗ lichen Haß gegeben. So wurde denn der Krieg immer blutiger, immer ſchrecklicher. Die Parteiwuth erſtieg den höchſten Grad, und faſt in jeder einzelnen lombar⸗ diſchen Stadt ertönte, unter den Bürgern ſelbſt, der Schlachtruf: hie Ghibellinen! hie Guelfen! Wie weit ſich dabei der Fanatismus von allem menſchlichen Gefühl verirrte, geht daraus hervor, daß man z. B. bei Belagerung und Stürmung der Städte die gegenſeitigen Gefangenen an den be⸗ drohteſten Stellen befeſtigte, wobei dieſe aber ge⸗ wöhnlich ihren Freunden todesmuthig zuriefen, ih⸗ res Lebens nicht zu achten. Aber nicht in Italien allein war der Papſt bemüht, dies ſchreckliche Feuer zu nähren und zu 143 ſchüren, hatte er doch ſchon in ſeiner Bannbulle Deutſchland aufgefordert, ſeinem rechtmaßigen Kai⸗ ſer den Eid der Treue zu brechen und einen neuen König zu wählen. Nun wäre zwar Innocenz' Stimme in den deutſchen Gauen, woſelbſt noch die alte Biederkeit und Treue einheimiſch, ſpurlos verhallt— denn Fürſten und Volk nahmen die Aufreizungen Roms nur mit lauter Verachtung entgegen— wenn nicht ein großer Theil derhöheren Pfaff⸗ heit auch jetzt dem Papſte als Werkzeug zur Ausführung ſeiner finſteren Pläne gedient hätte*). Die Erzbiſchöfe von Mainz, Trier, Köln und Bremen, und die Biſchöfe von Metz, Speyer, Straß⸗ burg, Salzburg, Freiſing und Regensburg traten auf Roms Befehl zuſammen und ſuchten mit vereinigten Kräften die weltlichen Für⸗ ſten zum Treubruche zu verführen. Aber für alle ihre Bemühungen ward ihnen nur Beſchämung zu Theil, da man ſie kalt zurück⸗ wies; ja ſelbſt die Summe von 50,000 Mark Silbers, die der Papſt Demjenigen bot, der ſich zum Gegenkönige hergeben wolle, vermochten weder den Hat ſich dies unſelige, diaboliſche Spiel nicht ſelbſt in unſeren Tagen erneut? und wird und kann es enden, bevor ſich Deutſchland von Rom losgeſagt? 144 König von Böhmen, noch die Markgrafen von Meißen und Brandenburg, noch die Herzöge von Oeſterreich, Braunſchweig, Brabant, Sachſen und Baiern zu dem ſchnöden Verrath. Von Letzterem mußten ſie ſogar die wahren Worte hören: Als ich auf des Papſtes Seite ſtand, nanntet ihr dieſen den Antichriſt und bewieſet mir, daß alles Unheil und aller Frevel von ihm ausgehe. Da wandte ich mich, eurem Rathe folgend, zum Kaiſer, und nun ſchildert ihr dieſen als den größten Frev⸗ ler. Was heute Recht war iſt euch mor⸗ gen Unrecht, und ohne Rückſicht auf Grundſätze und Treue beſtimmt Eigen⸗ nutz allein eure Handlungsweiſe. Ich da⸗ gegen will feſt an Dem halten, was ich geſagt und verſprochen habe, und mich nicht von jedem Winde bald dahin, bald dorthin treiben laſſen. So ſprach der damals mächtigſte deutſche Fürſt, ſo dachten und handelten ſeine Standesgenoſſen. Rom war in bitterer Verlegenheit. Da fielen plötzlich die Augen des heiligen Vaters auf einen kleinlichen, gemüthloſen, habſüchtigen Menſchen, der nicht nur ſeine fromme und tugendhafte Gattin weltkundig mißhandelt hatte, ſondern auf dem ſelbſt der begründete Verdacht eines Mordes haftete. Es war der Landgraf von Thüringen, Heinrich Raspe, der Gatte der heiligen Eliſabeth. 145 Nach langem Weigern gab er endlich, aus klingenden Gründen, nach und wurde von den oben⸗ genannten Prälaten am Himmelfahrtstage des Jahres 1246 in der Nähe von Würzburg zum deutſchen Könige gewählt. Daß dieſe Wahl nach deutſchem Recht und Her⸗ fommen als völlig ungültig betrachtet werden mußte, da ihr auch kein einziger der größeren weltlichen Fürſten beiwohnte, iſt natürlich. Was man aber von dem neuen Gegenkönig überhaupt dachte, geht aus dem Spottnamen hervor, den man ihm allgemein beilegte; man nannte ihn nur„den Pfaffenkönig.“ Nun aber ſetzte die Kirche alle erdenklichen Mittel in Bewegung, dem einmal geſchaffenen Parteihaupte auch Anhang zu verſchaffen. Man predigte das Kreuz gegen Kaiſer Fried⸗ rich und ſeinen Sohn Konrad, den rechtmäßigen König; man ſchrieb für alle Die, welche den Eid der Treue brechen würden, großen Ablaß aus und drohte im Gegentheil den Rechtlichen mit den här⸗ teſten Kirchenſtrafen. Außerdem floſſen von Rom aus jetzt goldne Ströme nach Deutſchland, um da, wo es galt, beſtechen zu können. Es waren dies die Gelder, die der Papſt in England und Frank⸗ reich unter dem Vorwande erpreßt hatte, dem hei⸗ ligen Lande und den Griechen damit helfen zu wollen. III. 7 Bei ſolchen Bemühungen konnte es denn aller— dings nicht fehlen, daß ſich bald um den„Pfaffen⸗ könig“ ein Heer ſammelte; auch würde Konrad endlich wol erliegen haben müſſen, wenn ihn nicht Bürgertreue errettet. Die Keime des Bürgerthums, die Kaiſer Fried⸗ rich Il, wenn auch nicht ausgeſtreut, doch beſchützt und ſorglich gepflegt hatte, waren fröhlich empor geſchoſſen und trugen nun ihre reichen Früchte. Schon ſchwand für Konrad die letzte Hoffnung, ſich gegen Heinrich Raspe halten zu können, als mit Einemmale die deutſchen Städte und Bürger⸗ ſchaften ſich erhoben und kräftig für das Recht der Hohenſtaufen auftraten. Frankfurt am Main ſtand an ihrer Spitze und hielt, ſobald es von fremdem Einfluſſe frei war, ſo treu an Friedrich und ſeinem Sohne, daß ſich ſogar Geiſtliche daſelbſt lieber ihre Pfründen abſprechen ließen, als Jenen untreu wurden*). Auch Heilbronn, Worms, Regensburg, Metz und Straßburg traten auf des Kaiſers Seite und widerſtanden allen Verſuchungen. Reutlingen, welches von dem„Pfaffenkönig“ *) Kirchner I S. 135, laut Urkunde im Archiv des Stifts. Zorns Chronik von Worms. —— hart bedrängt wurde, antwortete auf eine Auffor⸗ derung zur Uebergabe der Stadt: Der Eid, welchen wir dem Kaiſer geſchworen, bleibt uns, trotz päpſtlicher Löſung deſſelben, ein heiliger und wir geloben der Jungfrau Maria eine Kirche zu bauen, wenn wir durch ſie aus den Hän⸗ den des angeblichen Königs befreit werden. Welchem guten Deutſchen ſollte, bei ſolchen Beweiſen von deutſcher Bürgertreue, das Herz nicht höher ſchlagen? Bei Gott, in dieſer Anhänglichkeit, in dieſer aufopferungsfähigen Er⸗ gebenheit an die Sache Friedrichs I liegt der ſchlagende Beweis, welche Rechte auf Dankbarkeit ſich der Kaiſer bei den Städten und dem Bürger⸗ thume erworben, deren vereintes Erblühen ſtets ſein Augenmerk geweſen. Reutlingen hielt ſich aber auch ſo wacker, daß Raspe unverrichteter Dinge abziehen mußte. In Ulm fand er nicht allein denſelben Wider⸗ ſtand, ſondern wurde auch vom König Konrad über⸗ raſcht und mit Hülfe des Heeres, zu welchem ihm die Städte einen bedeutenden Theil geſtellt, auf das Haupt geſchlagen. Verwundet floh er nach ſeiner Heimat und ſtarb bald darauf ruhm⸗, ehr⸗ und machtlos. Somit war, wenigſtens vor der Hand, das 7 N Uebergewicht der Hohenſtaufen in Deutſchland wie⸗ der hergeſtellt. Bis hieher hatte die Sonne des Glücks für Friedrich I noch immer ſtra⸗ lend geleuchtet, da ſprach der Allmäch⸗ tige:ſie erbleiche! Im Kampfe mit dem Geſchick bewährt ſich die Größe des Sterblichen; auch ſein Unterliegen iſt Sieg, wenner das Gute beharrlich und kräftig gewollt! Friedrich hatte ſich um jene Zeit im Vereine mit Enzio, ſeinem Lieblinge, vor Parma gelagert, welches durch unglückliche Zufälle den Feinden in die Hände gefallen war. Da ſich aber die Belagerung dieſes wichtigen platzes durch die tapfere Vertheidigung der Ein⸗ wohner ſehr in die Länge zog und ſich der Winter näherte, ſo ließ der Kaiſer, der Parma unter kei⸗ ner Bedingung aufgeben wollte, der Stadt gegen⸗ über einen neuen Ort, zur beſſeren Verpflegung ſeines Heeres, erbauen, den man— im ſtolzen Vorgefühl eines ſiegreichen Erfolges— Vittoria nannte. Was aber Friedrich einmal wollte, erfüllte ſich ſchnell. Und trotz der immerwährenden Kämpfe beider Theile, erhoben ſich bald eine Maſſe hölzer⸗ 149 ner Häuſer und Mühlen; Straßen wuchſen wie aus der Erde, Mauern und Graben umſchloſſen das Ganze und Parma ſah zu ſeinem Entſetzen eine gefährliche Nebenbuhlerin emporblühen. Das großartige Unternehmen zeigte auch bald ſeine, dem Feinde ſo verderblichen Folgen. Die ſaraceniſchen Bogenſchützen und die Rei⸗ terei, die den beſten Theil des kaiſerlichen Heeres ausmachten, thaten von hier aus beſtändige Aus⸗ fälle auf die Belagerten, ängſtigten ſie und ſchnit⸗ ten ihnen hauptſächlich alle Zufuhr ab. Parma gerieth dadurch in die ſchrecklichſte Noth und ſchon niſteten ſich Hunger und Seuchen ein, ſchon fingen die Einwohner zu murren an und verlangten Uebergabe des Platzes, als der Kaiſer plötzlich ſchwer erkrankte und ſomit jede Thätigkeit ſeinerſeits aufgehoben wurde. 9. Die Falkenjagd. D Herrin, es wird helle! Dein Leibroß, Iſabelle, Begrüßt dich wiehernd.— Schau Luß der Piqueur' und Führer Grünfarb'gen Aermeln ihrer Stoßfalken ſchwarze Klau. Friſch auf denn, meine Wilde! Weithin durch bas Gefilde Fönt deines Thiers Geſcharr! Und wie den Speer ein Knappe, So ſchwingt in bunter Kappe Den Sonnenſchirm dein Narr. Und nun noch die geſtickte Schärp' um die goldgeſchmückte Jagdrobe wirf geſchwind! Und in des Mantels Falten Will tragen ich und halten Dich wie ein ſchlafend Kind! Alfred de Müſſet. ueberſetzt von Freiligrath. Sechs Wochen ſchlichen traurig dahin, ohne daß jedoch die Belagerung aufgehoben, noch von den gänzlich geſchwächten Parmanenſern etwas gegen den Kaiſer unternommen wurde. Endlich beſſerte ſich, zum Jubel des ganzen Heeres, das Befinden Friedrichs, und mit der An⸗ näherung des Frühlings war auch der Kaiſer wie⸗ der ſo weit hergeſtellt, daß er an eine Bewegung im Freien denken konnte. 151 Für dieſen erſten Ausflug war der achtzehnte Februar des Jahres 1248 feſtgeſetzt. Das ganze Heer begrüßte dieſe Nachricht mit der innigſten und aufrichtigſten Freude und ohne jede weitere Veranlaſſung von oben herab, erhob man den Tag zu einem allgemeinen Feſttage. Die Häuſer der Stadt Vittoria ſchmückten ſich, ſo gut es gehen wollte, mit Laub, Blumen, Tep⸗ pichen, Fahnen und Waffen; Jeder zog ſeine beſten Kleider an und rüſtete ſich mit freudigem Muthe. Geſang erſchallte von allen Seiten, Muſik erklang, kurz Alles nahm ein fröhliches Anſehen an; denn der hochgeehrte, der theure Kaiſer war ja ſeinem Heere, der Vater ſeinen Kindern wiedergegeben. Nur ein Herz blieb kalt, nur eine Stirne finſter, nur einen Mann erfreute die Geneſung des Herrſchers nicht. Es war Ezelino di Romanv. Der Kaiſer wurde ihm in Oberitalien zu mäch⸗ tig; er fürchtete ihn, ſeiner eigenen finſteren Pläne wegen, die auf Gründung einer ſelbſtſtändigen Macht gingen. Und der Egviſt ſprach: ich will ihn öffentlich nicht verlaſſen, aber ſeine Macht untergraben. Noch am Morgen deſſelben Tages ſchlich ſich ein Mönch, Fra Salimbene, aus der Wohnung Ezelino's und nahm ſeinen Weg nach Parma. Wenden wir unſer Auge von einer der ſchwärze⸗ ſten Schandthaten der Undankbarkeit und der Selbſt⸗ ſucht weg und kehren zu einem Menſchen zurück, deß tiefes, edles Gemüth uns ſchon ſo oft für die Härten entſchädigt, mit welchen das Schickſal den glorwürdigſten der deutſchen Kaiſer gerade da, wo es ihn am empfindlichſten traf, am meiſten ver⸗ folgte. David Federbuſch war während der ganzen Krankheit nicht von Friedrichs Bett gewichen. Keine andere Hand durfte ihn berühren, keine Arznei kam ihm zum Munde, die David vorher nicht gekoſtet. Welchen Werth aber eine ſolche Pflege hat und wie mächtig ſie auf den Zuſtand des Leiden⸗ den einwirkt, vermag nur Der zu beurtheilen, der ſich in ähnlichen Fällen befunden. Friedrich erkannte die Theilnahme Davids aber auch an und, während er einerſeits, ſobald er ſich nur auf dem Wege der Beſſerung befand, mit innigem Wohlbehagen an der humoriſtiſchen Laune ſeines luſtigen Rathes lauſchte, eröffnete er, bei ernſterer Stimmung, demſelben ſein Herz und ſtellte jenes eigenthümliche Freundſchaftsverhältniß wieder her, was ſchon in früheren Zeiten Kaiſer und Narr ſo oft und wahrhaft beglückt. Erſt als für Friedrich jede Gefahr verſchwun⸗ den, wurde David ſeltner an dem Krankenlager des Herrſchers geſehen. Er blieb jetzt oft ſtunden⸗ 153 lang entfernt, und wenn er wieder kam, trugen ſeine Züge das Gepräge einer komiſchen Geheim⸗ thuerei. Daß etwas Geheimes im Werke, merkte der Reconvalescent recht gut, nur konnte er nicht da⸗ hinter kommen, was es ſei. Erſt der achtzehnte Februar, dieſer allgemeine Jubeltag ſollte den Schleier lüften. Als ſich nämlich der Kaiſer erhoben und an⸗ gekleidet, erſuchte David denſelben, ihm zu folgen. Niemand durfte ſie begleiten, als Rudolph von Habsburg und Sueſſa. Nachdem ſie mehrere bekannte Zimmer durch⸗ ſchritten und in einen Seitenflügel des Hofbaues gelangt, ohne daß ihnen etwas Beſonderes aufge⸗ fallen, erreichten ſie endlich eine Thüre, die ein großer, faltenreicher Vorhang deckte. Der Eingang führte, wie Friedrich wohl wußte, in eine geräumige und bedeckte Reitbahn. Willſt du Uns einen Frühritt machen laſſen? frug er daher ſcherzend den Narren. Ja! entgegnete dieſer, da wir uns aber das Ziel, nach Art der Menſchen, ſehr weit geſteckt und du Gevatter ein Dichter biſt, ſo habe ich die Flü⸗ gelpferde Phantaſie und Poeſie zuſammengekup⸗ pelt und denke, ſie ſollen dich mit Blitzesſchnelle in Abrahams Schoos tragen. X* 154 Und dies ſagend gab er dem Kaiſer ein Zeichen, ſich niederzuſetzen und verließ das Gemach. Da flogen mit Einemmale die Töne einer un⸗ ſichtbaren Muſik wie liebliche Elfen auf und um⸗ gaukelten die Lauſchenden in zauberiſch verſchlun⸗ genen Tänzen. Aber die Muſik ſchwoll immer mächtiger an und plötzlich rauſchte der Vorhang zurück und der Kaiſer ſtarrte in ein Feenreich; denn vor ihm ent⸗ rollte ſich ein ihm wohlbekanntes lebendiges Bild, in aller Wahrheit, in aller Pracht, in allem Far⸗ benglanze der Natur; ein Bild, das ihm einen der ſeligſten Abende ſeines Lebens zurückrief. Sah er doch, wie in einem Zauberſpiegel auf⸗ erweckter Vergangenheit, ſich ſelbſt, Eudoria, Aleris und David genau in derſelben Stellung, Kleidung und Umgebung, wie in jener Nacht, die er einſt in Paläſtina in dem Thiergarten von Budda zuge⸗ bracht, wie in jener Nacht, in welcher ſeine geliebte Eudoria ihm ihre Lebensgeſchichte erzählt, wie in jener Nacht, in welcher ſich zum Erſtenmale ent⸗ ſchieden ihre Liebe zu ihm verrieth. Der ganze weite Raum der Reitbahn hatte ſich durch Davids angeſtrengte Bemühungen in je⸗ nen Thiergarten verwandelt. Palmen und alle möglichen tropiſchen Bäume und Gewächſe prang⸗ ten ringsum in buntem Gemiſch und verdeckten 155 mit ihrer Blätterfülle die hölzernen Wände des Hauſes. Papageien wiegten ſich auf den Aeſten, Strauße ſchritten vorüber, langhälſig guckten Kameele über die Büſche, eine Maſſe Affen kletterten auf und ab, ſchrieen, biſſen ſich und machten drollige Sprünge; kurz Alles lebte und webte von jenen fremdartigen Thieren, an welchen Friedrich, bekannter Weiſe mit ſolch großer Liebe hing. Dies lebendige Bild aber war nur der Rah⸗ men zu der reizenden Gruppe, die den Mittelpunkt des Ganzen bildete. Hier ſaß, in treueſter Nachahmung, die hohe Geſtalt des Kaiſers, der größeren Täuſchung wegen den Zuſchauern mit dem Rücken zugewandt; ihr ge⸗ genüber Eudoria, in Kleidung und Zügen, in Größe und Form, in Lieblichkeit und Schönheit das unver⸗ kennbare Ebenbild ihrer herrlichen Mutter. Zu ih⸗ ren Füßen, das Geſicht in ihren Schoos gedrückt, erſchien Aleris, neben welcher der Narr, wie er leibte und lebte, ſaß. Zwiſchen dem Kaiſer und Eudoria aber lag— die Wahrheit des Bildes zu vollenden— Friedrichs zahmer Löwe. Es wäre vergebens, wollte man es verſuchen, den Eindruck zu beſchreiben, welchen dieſes Zauber⸗ bild auf den Kaiſer übte. 156 Er fühlte ſich zu gleicher Zeit von der Erinne⸗ rung tief und ſchmerzlich ergriffen und doch auch wieder von der Gegenwart freudig bewegt; er hätte um ſeine ſüße Eudoria weinen und Gott zugleich für den Erſatz ihres Verluſtes durch ihr und ſein liebes Kind laut danken mögen. Lange, lange, ſchaute er mit unausſprechlichem Entzücken nach dem Bilde hin, bis ihn endlich, eine ihm ſonſt fremde, unerklärliche Wehmuth gleich einer bangen, entſetzlichen Ahnung ergriff und er laut weinend David und Eudoria in die Arme ſank. Aber dieſer Sturm der Gefühle legte ſich bald und nun genoß er erſt die einzelnen Schönheiten der Ueberraſchung, für die er David auf das herz⸗ lichſte dankte. Der Nachmittag war für eine Falkenjagd in den etwa drei Miglien von Vittoria entfernten Ebenen des Taro beſtimmt. Den Kaiſer begleitete zu Pferd David, Ru⸗ dolph und Vineis nebſt einem zahlreichen Jagdge⸗ folge. Ezelino di Romano hatte ſich, wegen plötz⸗ lichen Unwohlſeins, entſchuldigen laſſen, Thaddäus von Sueſſa blieb an des Kaiſers Statt in Vittoria zurück, das ſich, zur Feier der Wiederherſtellung —— des Kaiſers, ſorglos den Zerſtreuungen aller Art hingab. Der ſchönſte Stern der kaiſerlichen Cavalcade aber war Eudoria, die auf einem ſchneeweißen Zel⸗ ter neben Friedrich einherritt. Sie hatte das orientaliſche Coſtüm, welches ſie den Morgen ihrer holdſeligen Mutter ſo ähn⸗ lich gemacht, mit einem prachtvollen Reitanzuge vertauſcht. Ein faltenreiches Gewand von ſchwerem blaß⸗ roſafarbenen Seidenſtoff fiel weit über die netten Füße, faſt bis zur Erde herab. Um die ſchlanke Taille hielt es ein Gürtel von Gold und Perlen. Gleich koſtbare Gewirke umgaben die kurzen, weit offenen Aermel, die zwei volle und doch im ſchön⸗ ſten Ebenmaß gebildete Arme ſehen ließen. Ueber alle Beſchreibung reizend war aber der obere Theil des Kleides, da er, glatt und ſtraff bis zum Halſe angeſpannt, die Conturen des zar⸗ ten, jungfräulichen Buſens, der gleich der Blüten⸗ knospe die neidiſche Hülle zu ſprengen drohte, dem trunknen Auge zeigte. Eine Schnur milchweißer Perlen umſchloß den Hals, ein kleiner aufgeſchlagener Hut, von einer Art roſenfarbenen Plüſch, überragt von drei weißen Straußfedern, thronte neckiſch auf dem ſtolzen Haupte. 158 So ſaß ſie leicht und gewandt auf dem Zelter und hielt, während ſie mit der Rechten das Thier lenkte, auf der durch einen ſtarken Handſchuh ge⸗ ſchützten linken Hand Jocko, den Lieblingsfalken des Kaiſers. Sie war in der That eine Königin der Schön⸗ heit und der Zauber ihrer Reize ſo allmächtig, daß ſie nicht nur, wo ſie ſich zeigte, ein kaum endender Jubel begrüßte, ſondern auch des Kaiſers und ſei⸗ ner Begleiter Blicke, wie durch höhere Macht ge⸗ feſſelt, unabläſſig auf ihr ruhten. Friedrich zumal war überſelig im Anſchauen dieſes Engels, auf den er die ganze Glut ſeiner Leidenſchaft für die Heimgegangene, die ganze Fülle ſeiner väterlichen Liebe ergoß. Und Rudolph, der ſonſt ſo ruhige vernünftige Rudolph, wie ſtürmte es in deſſen Bruſt! wie jubelte es in ſeinem Herzen voll Entzücken! wie drang es ihn, die Himmliſche im Staube anzubeten! wie quälten und folterten ihn die Freuden und die Schmerzen, die Hoffnungen und die Zweifel einer allgewaltigen Liebe. Aber ſeiner Pein trugen ja die zärtlichen Blicke der ſchönſten Augen reiche Lindrung zu und erfüll⸗ ten ihn mit ſolchem Uebermaß von Seligkeit, daß ihm das Herz zu zerſpringen drohte. O, es war eine Luſt um dieſe Jagd und jeder 159 Einzelne fühlte ſich mit den Glücklichen glücklich, und jeder Einzelne labte ſich an des Kaiſers heite⸗ rem Ausſehen und freute ſich mit ihm der wieder⸗ erlangten Geſundheit und ſchlürfte mit ihm die köſtliche, reine, friſche Luft. Und raſch und muthig ſprengten die Roſſe da⸗ hin und himmelhoch ſtiegen die Falken und entvöl⸗ kerten des Aethers blaue Räume. Friedrich aber wußte es klug zu lenken, daß ſich Rudi und Eudoria gegenſeitig zu nähern ver⸗ mochten; denn er billigte ja ihre fromme Liebe und war entſchloſſen, ſie zu begünſtigen. Wahrhaftig, er erſchloß den Liebenden einen Himmel! So neigte ſich bereits der ſchöne Tag zu Ende, als man zur Rückkehr blies. Rudi und Eudoria ritten nebeneinander vor⸗ an, Kaiſer und Narr folgten ihnen in einiger Ent⸗ fernung, und während die Blicke Beider mit väter⸗ lichem Interreſſe auf dem holden Pärchen ruhten, machte David ſeinen Kaiſer durch den Erguß ſeines unübertrefflichen Humors herzlich lachen. So hatten ſie bereits eine Stunde des Heim⸗ weges zurückgelegt, als David bemerkte, daß Fried⸗ rich plötzlich nicht mehr über ſeine Witze lache. Erſtaunt ſchaute er ihn an und blickte in ein ernſtes, faſt finſteres Geſicht. Was ſchauſt du denn mit Einemmale ſo mür⸗ riſch Gevatter, als witterteſt du parmaneſiſche Schurkerei? frug er noch immer in heiterem Tone— aber das Wort erſtarb ihm im Munde, als der Kaiſer nach der Gegend von Vittoria zeigte, in welcher ſich dicke Rauchſäulen emporwirbelten. Der Kaiſer hielt an, er wagte nicht zu ſprechen und ſtarrte nur mit beklommener Bruſt nach der Ferne. Aber die Rauchſäulen wurden immer mächti⸗ ger und größer, immer ſchwärzer und dicker, und wie das Licht der untergehenden Sonne erſtarb, färbte ſich der Himmel im Oſten roth und röther, als wolle er aus einem Blutmeere am Abend ſelbſt eine neue Sonne gebären. Aber der Kaiſer hatte dieſem ſchrecklichen Phä⸗ nomen nicht müßig zugeſehen. Gott ſei uns gnädig, Kinder! ſchrie er auf, Vittoria ſteht in lichten Flammen, mir nach, mir nach! ſo ſchnell die Pferde können. Und wie von den Furien der Hölle gepeitſcht, flog die ganze Cavalcade dahin. Eudoria verging faſt der Athem, aber ihr Stolz beſiegte jede weibliche Schwäche. Kein Wort entſchlüpfte ihrem Mund, kein Zeichen der Angſt oder Anſtrengung ließ das Mädchen verrathen; ſie brauſte wie eine Amazone an Rudi's Seite da⸗ 161 hin, der unverwandten Blickes, ſie ſchützend, im Auge behielt. Und es ward düſter auf der Erde, der Him⸗ mel aber tauchte ſich in immer höhere Glut. Jetzt wirbelten Flammenzungen in die Höhe, jetzt ſprühte es in unzähligen Funken! Und fort und fort brauſten die Reiter! Schweiß deckte die Thiere, Funken entſchlagend dem ſteini⸗ gen Boden! Aber wie ſchnell ſie dahinflogen, der Weg ſchien zu wachſen, die Ferne vor den Her⸗ aneilenden zu fliehen. Da gewahrte des Kaiſers Falkenauge im gräß⸗ lichen Dämmerſcheine, daß ſich auf dem Wege von Vittoria her fliehende Geſtalten nahten. Sie waren theilweiſe bewaffnet, ſein Herz wollte brechen, er wußte genug— Vittoria war überfallen— war ein Raub des Feindes geworden! Blutig ſpornte er ſein Thier. Halt! donnerte er den Fliehenden zu, die ſich mehrten und mehrten. Da verſperrte ihm plötzlich ein ſchwarzer Rit⸗ ter den Weg und rief: Wem ſein Leben und ſeine Freiheit lieb, der wage ſich nicht weiter! Hinweg! ſchrie Friedrich mit dem Ausdruck der Verzweiflung. Es iſt der Kaiſer! Aber der Ritter fiel dem Pferde in die Zügel und riß es ſo gewaltſam zurück, daß es faſt zu Boden ſtürzte. 162 Es war Romano. Sein ſchwarzer Harniſch träufte von Blut. Beim Fluch der Hölle, Kaiſer, rief er, keinen Schritt weiter, Vittoria iſt nicht mehr! Ein Verräther hat Parma davon unterrichtet, daß Ihr abweſend und das Heer im Rauſche der Freude unbeſorgt ſchwelge. Ohne daß wir es ahneten, ohne daß wir Zeit hatten, uns zu ſammeln und zu waff⸗ nen, haben ſie uns überfallen. Wir kämpften wie Löwen, als aber Sueſſa fiel und der Feind die Stadt an allen Ecken angezündet, da bemächtigte ſich Schreck und Verwirrung des Heeres und, Schwert und Feuer zu entgehen, floh, wer noch Athem hatte. Vittvria iſt ein Haufen Aſche, Tau⸗ ſende liegen erſchlagen, Tauſende fielen in des Fein⸗ des Hände. Deine Kronen, dein Schatz, dein Gold, deine Edelſteine ſind verloren. Und Sueſſa!? und Sueſſa!? rief mit gräß⸗ lichem Tone der Kaiſer. Was wollen Kronen und Schätze ſagen, wenn es das Leben eines ſolchen Mannes gilt! Was ward aus Sueſſa!? Sie haben ihn, trotz daß er beide Hände im Kampfe verloren— in Stücke gehauen. Herr Gott! ſchrie der Kaiſer auf und ſchlug ſich von Schmerz überwunden mit der Fauſt vor die Stirn. Verzweifelt nicht, ſagte mit hohler Stimme 163 Ezelino. Ihr habt noch mehr zu tragen; Euer Sohn Enziv wurde an der Foſſalta geſchlagen und fiel in die Hände der Feinde. Ein Bote brachte vor einer Stunde dieſe Nachricht. Der Kaiſer ſtand erſtarrt. 10. Der Triumphzug. Am Fenſter harrt' und auf den Straßen weilte Nun manche ſchöne Maid, den 8u zu ſehn; und Weib und Kind, Freund und Verwandter eilte, Mit frohem Gruß entgegen ihm zu geh'n. Der König brachte ſelbſt den edlen Degen Den freud'gen Dank vor ſeine Stadt entgegen! Das Lied der Mibelungen. Seit Menſchengedenken hatte die alte Stadt Bo⸗ logna kein ſo ſtolzes Feſt gefeiert, als dasjenige war, welches ſie heute zu begehen im Begriff ſtand. Nach langjährigem Kampfe war die Macht der Ghibellinen in Oberitalien gebrochen. Die Heere des deutſchen Kaiſers— gegen deſſen Ober⸗ lehnsherrſchaft die aufblühenden Städte, im Be⸗ wußtſein ihres Reichthums und ihrer Selbſtſtändig⸗ keit, ſich wiederholt erhoben— waren geſchlagen, ja der Sohn Friedrichs II, Enzio, der König von Sardinien, in die Hände der Guelfen gefallen. Die Freude der Städter kannte keine Grenzen. In ihrem Uebermuthe begnügten ſie ſich nicht mit dem Ruhme des Siegers, nein, ſie verlangten ei⸗ nen Aet, welcher dieſen Sieg und ihre Macht in den Augen der Welt recht auffallend bethätige; ſie wollten ſich in ſtolzem Selbſtgenügen an ihrer eige⸗ nen Größe und dem Unglücke der verhaßten Feinde laben und ergötzen. Darum beſchloß die Republik Bologna ihren Sieg an der Foſſalta durch einen Triumphzug zu feiern— einen Triumphzug, deſ⸗ ſen Glanzpunkt der gefangene König werden ſollte. In der That war aber auch die Gefangennehmung Enzio's für Bologna, ſo wie überhaupt für die mit ihm verbundenen Städte eine Begebenheit von der größten Wichtigkeit. Sie begründete nicht nur für den Augenblick ihre freie Eriſtenz, zerſtörte die Macht des benachbarten und feindlichen Modena's, ſondern gewährte auch, indem ſie dem Kaiſer ſeine kräftigſte Stütze raubte, für die Zukunft Zeit und Möglichkeit zu fernerer Kräftigung. Bis zum Himmel ſchallte daher der Jubel der Städte, als die Nachricht einlief, Enzio, der tapferſte Feldherr ſeiner Zeit, der Sohn des Kaiſers, der Oberſtatthalter von Italien und König von Sar⸗ dinien ſei geſchlagen und gefangen. Man über⸗ ſtrömte die Sieger mit Lob, Ehren, Würden und reichem Lohne und bereitete ſich auf das glänzendſte für den Triumph vor. Endlich brach der dazu beſtimmte Tag an. Herrliches Wetter begünſtigte ihn. Das Firma⸗ ment erglänzte in jenem dunkeln, durchſichtigen 166 Blau, welches den Himmel Italiens charakteriſirt, und in deſſen grundloſen Tiefen ſich zu ſtürzen den wonnig Staunenden gelüſtet. Die Sonne ver⸗ goldete die Welt und, von den warmen Küſſen ih⸗ rer Stralen berührt, lächelten alle Gegenſtände. Die Bewohner Bolognas benutzten aber auch auf das emſigſte die Laune des Wetters, die ihnen ſo freundlich entgegenkam, und entwickelten von dem früheſten Morgen an eine ganz ungewöhnliche Thätigkeit. Alle Kirchen wurden auf das reichſte geſchmückt. Die Straßen der Stadt nahmen ein feſtliches An⸗ ſehen an. Paläſte und Häuſer zierten Blumenge⸗ winde und Kränze; koſtbare Teppiche hingen aus den Fenſtern und von den Balkons hernieder; Fahnen flatterten auf den Dächern und Giebeln; ja ſelbſt die koſtbarſten Geräthe: Vaſen und Ge⸗ mälde, Kryſtall⸗ und Silbergefäße, und was ſonſt nur irgend zur Entfaltung von Pracht und Reich⸗ thum dienen konnte, wurde zum Schmucke der Ge⸗ bäude verwandt. Aber damit begnügte man ſich noch keineswegs. Alle Straßen, durch welche der Zug kommen mußte, beſtreute man mit grünen Zweigen und Blumen und in abgemeſſenen Zr i⸗ ſtiegen herrliche Triumphbogen i Lüfte, das Lob der Sieger in S 3 verkundend. 5 — . Durch dieſe geſchmückten Straßen aber wogte eine unzählbare Volksmenge, denn nicht nur Bo⸗ lognas Bürger waren auf den Beinen, ſondern aus allen befreundeten Städten der Nähe und der Ferne waren Gäſte in Maſſen herbeigeſtrömt und Alt und Jung und Reich und Arm drängten ſich nun nach den Hauptſtraßen; während jeder Einzelne bemüht. war, ſich ein Plätzchen zu erleſen, von wel— chem aus er den Zug ungeſtört und gut ſehen könne. Nur Wenigen aber konnte dies gelingen und ſo ſchob ſich die Menge durch die engen Häu⸗ ſerreihen und Arkaden und glich einem dunkeln Strome, deſſen Wellen ſich bald an Felſen brechen und zertheilen, bald weite Ebenen und Plätze brau— ſend überfluten. Freundlicher aber und noch überraſchender war der Anblick der Häuſer; denn hier ſchauten aus allen Fenſtern, von allen Balkonen, ja ſelbſt von den Dächern herab, Tauſende von Neugierigen. In den Paläſten hatten ſich die Vornehmeren und Reicheren, ſo wie die Patrizierfamilien verſammelt, und was konnte man ſich überhaupt Reizenderes denken, als eben jene Altane, welche, auf laub⸗ umwundenen Säulen ruhend, durch geſchickte Hände in Blumenkörbe und Lauben verwandelt, zwiſchen der Fülle ihrer Blüten die lieblichſten Mädchen⸗ köpfe, die herrlichſten Geſtalten ſehen ließen. 168 Es hätte unſtreitig ein hohes Vergnügen ge⸗ währen müſſen, die vielen Damen in den bunten Rahmen zu muſtern, und der Beſchauer wäre dann gleichſam durch eine Gallerie lebendiger Portraits geſchritten, wovon immer eines das andere an Glanz und Schönheit übertroffen. Aber heute war Niemand aufgelegt, das Bekannte zu bewundern, heute nahmen die Gedanken Aller nur eine Rich⸗ tung, heute zitterte Jeder vor Ungeduld und Er⸗ wartung, den Triumphzug, den gefangenen König zu ſehen. Höher pochte das Herz der Städter, ſtolzer hob ſich das Haupt, ſelbſt des geringſten Bologneſers; denn jeder Einzelne fühlte, daß auch er Theil und Anſpruch an der Ehre dieſes Sieges habe, und niemals ſahen die Bürger Bologna's mit freudigerem Stolze auf die Welt herab, als gerade heute. So kam es denn, daß man ſelbſt vor dem Palaſte Viadagoli mit ungewöhnlicher Schnelle vorübereilte und nur einen flüchtigen Blick nach deſſen Balkon ſandte, obgleich ſich auf demſelben Lucia, die durch ihre Schönheit berühmte Tochter des Hauſes befand. Sonſt der Stolz ihrer Mit⸗ bürger, erblich heute auch ihr Stern vor den Stra⸗ len des Ruhmes und der Ehre, die die kleine Re⸗ publik ſo gut wie den Einzelnen blendeten. Lucia Viadagoli verdiente aber auch mit Recht, 169 der Stolz und die Freude Bolognas zu ſein; denn kaum mochte Italien zu gleicher Zeit eine größere Schönheit und ein liebenswürdigeres Weſen auf⸗ zuweiſen haben. Schien ſie nicht heute, unter dem reichen Blu⸗ menſchmucke und umgeben von ihren Freundinnen, eine wahre Göttin der Liebe? Wie ragte ihre herrliche Geſtalt ſo königlich hervor im Kreiſe der doch auch ſchönen Geſpielinnen! Freilich vermochte keine derſelben ſolch' runde und doch zarte Formen aufzuweiſen, freilich gab es kaum einen kleineren und ſchöneren Fuß. Und wie trefflich ſtand das Gewand von lichtgelber Seide, mit ſchwarzen Spitzen reich beſetzt, zu dem blaſſen Geſichtchen und den dunkeln, vollen Locken! Wen ſollte nicht die ſchöne Stirn, die ſanft und doch kühn gebogene Naſe, die ſchön geſchnittenen, großen Augen— wen nicht die ſchwarzen Sterne, wen nicht, und zwar vor Allem, ihr tiefer, glühender, ſehnſüchtiger Blick begeiſtern und hinreißen? Wer in dies Auge ſchaute, dem ward es wun⸗ derbar zu Muthe, den faßte ein wonniges Sehnen, dem däuchte es, als müſſe er ſich ſenken in die feuchte Glut; dem war es, als ſähe er in einen dunkeln See, in deſſen Schoos ihn die Stimme ei⸗ ner holden Zauberin unwiderſtehlich hinabziehe. MI. 8 Wen dieſer Blick traf, wem die Schönheit Lucia's, durch die Anmuth ihrer Bewegungen und Geber⸗ den noch gehoben, entgegentrat, deſſen Herz fühlte ſich weit und groß und glücklich, deſſen Geiſt er⸗ hob ſich kühn und riß ſich, vom Anblick des Gött⸗ lichen geſtärkt, los von dem Gemeinen und Alltäg⸗ lichen, um ſich dem Ewigen näher zu fühlen, um zu ſtreben nach dem Unermeßlichen. Man möchte glauben, eine ſolch' erhabene Schönheit ſei für die Umgebung niederdrückend. Aber Venus trägt den Gürtel der Anmuth und dieſer Zauber war es denn auch bei Lucia, welcher das Erhabene lieblich, hinreißend machte. Hier kam freilich auch der äußeren Schönheit der innere Werth zu ſtatten. Denn war Lucia auch nicht ganz von Fehlern frei, ſo wurden doch dieſe kleinen Mängel ſelbſt wieder zu einem neuen Reize und man mochte ſich die Holde kaum ohne dieſelben denken. Lucia war nämlich, bei einem kindlich⸗ reinen Gemüthe und einem, nichtsdeſtoweniger kräftigen, kühnen und entſchloſſenen Geiſte, höchſt leidenſchaftlich. Alles, was ſie dachte, empfand, er⸗ griff— geſchah mit einer gewiſſen Heftigkeit. Das einmal Gewollte wußte ſie durchzuſetzen und jedes Hinderniß ſpornte ſie nur zu neuem Kraftaufwande an. Glücklicherweiſe leitete ſie meiſtens ein feiner weiblicher Takt zu einem richtigen Streben; aber auch wenn ſie in ihren Entſchlüſſen fehlgriff, muß⸗ ten ſie, trotz allen vernünftigen Abmahnungen, aus⸗ geführt werden, und hier verwandelte ſich denn manchmal der feſte Wille in Eigenſinn. Es war dies wol eine Folge allzugroßer älterlicher Liebe und Schwäche; doch verletzte Luecia ſelbſt in dieſem Falle ſo wenig die Anmuth, kleidete ſelbſt hier ihre Wünſche, ihren unabänderlichen Willen, ihr Han⸗ deln in ſo freundliche Formen, daß man, wie ge⸗ ſagt, den Fehler wie den Dorn an der Roſe hin⸗ nahm: man ſticht ſich leicht in den Finger, aber man lächelt über die kleine Wunde und erkauft den ſüßen Duft der Blumen gern um dieſen Preis. Wie weit überragten ohnedies die Tugenden Luria's ihre kleinen Schwächen und wer möchte zürnen, wenn ein ſo holdes Weſen ſelbſt in den Tugenden ercentriſch wäre? Bei ſo viel Liebenswürdigkeit und Schönheit iſt es natürlich, daß es Lucia, der edeln Patrizier⸗ familie der Viadagoli entſproſſen und die einzige Tochter eines angeſehenen Vaters, nicht an Be⸗ werbern fehlte. Ja das ſiebzehnjährige Mädchen ſah, trotz dem, daß man wußte: ſie ſei nichts we⸗ niger als reich, die edelſten und ſchönſten Jünglinge der Stadt zu ihren Füßen. Unter dieſen zeichneten ſich beſonders zwei aus: Pietro de Aſinelli und Rainerio di Gonfalvnieri; Beide ſchön, Beide ſehr 8* reich, fein, geiſtreich und liebenswürdig. Deſſen⸗ ungeachtet blieb Lucia's Herz ruhig. Es war dies indeſſen weder die Folge eines übertriebenen Stol⸗ zes, noch Ziererei, am wenigſten Kälte, die bei ih⸗ rem leidenſchaftlichen Weſen kaum zu denken war. Im Gegentheile fühlte ſie längſt, freilich ſich nicht klar bewußt, das wunderbare Weben und Drängen der Liebe in ihrem jungfräulichen Buſen; ja dieſes unerklärliche Gefühl, dies Wechſeln von Weichheit und Sehnſucht, dies Anſtreben nach einem unbe⸗ tannten Etwas hatte ihre Reizbarkeit und ihr excentriſches Weſen ſo ſehr erhöht, daß ſie faſt nicht mehr im Stande war, ihrer Stimmung den richti⸗ gen Ton zu geben, indem ſie bald melancholiſch, bald ausgelaſſen luſtig war. Man braucht kein großer Menſchenkenner zu ſein, um zu gewahren, wie es ſich, der Knospe gleich, welche der erſte warme Sonnenſtral trifft, in ihr regte und daß dies Regen die Liebe ſei. Lucia kannte ſich ſelbſt nicht ſo genau, aber ſie ſah ein, daß ſie mit Keinem von all den Bewer⸗ bern, die ſie bis jetzt umflattert— ſelbſt mit Aſi⸗ nelli und Gonfalonieri nicht— glücklich leben könne. Beide Letztere mochte ſie gern als Geſellſchaf⸗ ter leiden; zum Gatten aber war ihr Gonfalonieri zu leichtſinnig und ausſchweifend, Aſinelli zu ernſt und gelehrt. Kurz, ſie war noch frei, obgleich die italieniſche Sonne ſie gereift und heftige Gluten in ihr angefacht. Mit den Frauen und Mädchen Bolognas ſtand Lucia Viadagoli nicht ſo gut als mit den Männern, die ihr, im Allgemeinen, Alle huldigten; denn wie überall, ſo ging es auch hier, nur Wenige wa⸗ ren geiſtesſtark genug, dem guten Kinde ſeine blen⸗ dende Schönheit zu gönnen. Neid und Eiferſucht verhärten oft die Herzen der beſten Weiber und ſo wurden dem ſo anſpruchsloſen Mädchen die freundlichen Geſchenke der Natur oft zu einer pein⸗ lichen Gabe. Indeſſen gab es auch gute und ver⸗ nünftige Seelen unter den weiblichen Bewohnern Bolognas und dieſe ſchloſſen ſich denn auch um ſo enger und begeiſterter an die kleine Göttin. Auch heute, an der Republik ſchönſtem Tage, hatte ſich der gewohnte Cirkel im Viadogoliſchen Palaſte eingefunden; ja er war, da man von die⸗ ſem Hauſe aus den Zug beſonders gut und weit⸗ hin ſehen konnte, bedeutend durch fremde Beſuche angewachſen. Der alte Viadagoli, die Ehren ſei⸗ nes Hauſes machend, ſtralte von ſtolzer Freude. Ihn, der eifrigſten Republikaner, der eingefleiſchte⸗ ſten Guelfen einer, hatte der Sieg an der Foſſalta zum glücklichſten der Menſchen gemacht; das heu⸗ tige Feſt aber, welches ſeine Vaterſtadt zu einer der 174 ruhmgekrönteſten Städte Oberitaliens erhob, er⸗ füllte ihn mit einem ſolchen Stolz, daß er bei dem Empfang der Gäſte ſich faſt wie ein König geber⸗ dete, was denn bei den fernher Kommenden nicht ohne ſarkaſtiſches Lächeln und Naſenrümpfen auf⸗ genommen wurde. Er war nicht reich; aber heute bot er alles nur Erdenkliche auf, um ſeinem Hauſe, und ſomit dem Feſte, neuen Glanz zu verleihen. Was an ſilbernen und goldenen Geſchirren vor⸗ handen war, mußte herbei, was Küche und Keller liefern konnte ward aufgetragen und ſelbſt Lucia hatte, ſo ſehr ſie ſich dagegen geſträubt, den väter⸗ lichen Bitten nachgeben und den koſtbaren Schmuck anlegen müſſen, welchen ihre verſtorbene Mutter als einziges Vermächtniß ihr hinterlaſſen. Da der Zug noch immer zögerte und man dem Gedränge auf den Straßen lange genug zugeſehen, trat die Geſellſchaft von dem Balkon und den Fen⸗ ſtern auf Augenblicke zurück und nahm gern an dem aufgetragenen reichen und köſtlichen Frühſtücke Theil, auf welches Niemand als der alte Haus⸗ meiſter ein trübes Auge warf, da er wußte, was es gekoſtet und wie wehe es Küche, Keller und Beutel ſeines Herrn gethan. Der alte Viadagoli, ſonſt genau, kannte dies⸗ mal keine Schranken. Er dachte weder an die Ko⸗ ſten noch an die Folgen ſeiner heutigen Verſchwen⸗ dung, er dachte nur an die Ehre und den Ruhm Bolognas und die unermeßlichen Vortheile, die dem kleinen Freiſtaate, ſo wie den verbündeten Städten, aus dem neueſten Siege erblühen würden. Weß das Herz voll iſt, deß geht der Mund über! ſagt ein altes Sprüchwort und bewährte ſeine Wahrheit an Viadagoli. Als dieſer nämlich die Freunde und Bekannten ſo munter um ſich und ſo geſchäftig an dex wohlbeſetzten Tafel ſah, konnte er ſeinen überſprudelnden Patriotismus nicht mehr im Herzen bändigen und ſtrömte daher mit der dem Alter eigenen Redſeligkeit ſeine Gefühle und Gedanken in Worte aus. Mit wahrhaft jugendlichem Feuer pries er den Heldenſinn ſeiner Mitbürger, erörterte mit Scharf⸗ ſicht und Klugheit ſeine Anſichten über die errunge⸗ nen Vortheile und kam endlich auf den gefangenen König ſelbſt zu ſprechen. Hier aber zeigte er ſich als ein echter Guelfe, indem er, ſeinem Haſſe freien Lauf laſſend, König Enzio als einen Barbar, als ein wahres Ungeheuer darſtellte, das, von Gott und der Kirche verworfen, nur zum Fluch der Menſchheit auf der Erde lebe. Des Gefangenen Tapferkeit wandelte Viadagoli's Parteigeiſt in Roh⸗ heit, ſeine bekannte Freiſinnigkeit galt ihm als Ketzerei, die Behauptung kaiſerlicher Rechte, wie natürlich, als freche Anmaßung. Dieſem Bilde fügte er alsdann noch eine ziemlich ungünſtige Be⸗ ſchreibung der Aeußerlichkeit Enzio's bei und ſchloß, indem er mit triumphirender Stimme rief: Der Ghibellinen Macht iſt mit Enzio's Gefangenneh⸗ mung gebrochen, nun iſt der junge Wütherich in unſeren Händen, und glaubt mir, verehrte Freunde und Gäſte, Bologna läßt ihn nie und nimmer⸗ mehr aus ſeinen Mauern. Hier erbleicht der Stern Friedrich II, hier haucht. Enzio ſein Leben aus. Es war in der ganzen Verſammlung kein Menſch, der nicht dem alten Republikaner in dem Urtheil über den Gefangenen beigeſtimmt hätte; nur meinte der junge Aſinelli, man müſſe auch dem Feinde Gerechtigkeit widerfahren laſſen und dar⸗ um Enzio Muth und Tapferkeit zugeſtehen. Der Sohn des deutſcheu Kaiſers gehe natürlich von Grundſätzen aus, welche jedem Guelfen verhaßt ſein müßten, darum ſei aber die eonſequente Verfol⸗ gung dieſer Grundſätze gerade noch keine Schandthat. Dieſe redlich gemeinten Worte des Jünglings waren aber übel angebracht. Gereizt und ſieges⸗ trunken wollte man weder von Vernunft, noch von Mäßigung hören, und ſelbſt Lucia tadelte entſchie⸗ den Aſinelli's Betragen. Lügen nicht alle Berichte, rief ſie, ſo hat mein Vater ein getreues Bild des jungen Königs ent⸗ worfen. Wäre aber auch das Bild verfehlt, ja ſchmückten ihn alle nur möglichen Tugenden und Reize, ſo müßte er uns dennoch, als Feind unſerer Freiheit und als Ketzer, bis in den Tod verhaßt ſein. Daß ich mein Vaterland liebe, entgegnete Aſi⸗ nelli ruhig, habe ich durch Thaten bewieſen. Ich glaube aber kein Unrecht zu begehen, wenn ich an dem Feinde ſelbſt Das ſchätze, was er Schätzens⸗ werthes beſitzt. Die Unterhaltung ſpann ſich noch eine Weile in dieſem Tone fort und bewies, wie allſeitig und gewaltig die Erbitterung gegen den unglücklichen Gefangenen ſei, der heute den Triumphzug der ſiegreichen Städter zieren mußte. Bald aber unter⸗ brach die Sprechenden der wachſende Lärm in den Straßen, Muſik ließ ſich hören, man eilte an die Fenſter und auf den Balkon, und nach wenigen Minuten ſah man auch ſchon die Erſten des Zuges um die ferne Straßenecke biegen. Es war ein ſchöner, ergreifender Anblick, wie der Zug allmälig wuchs, von einem nicht enden⸗ den Jauchzen der Zuſchauer begleitet. Voran ritten, auf ſtattlichen Roſſen, eine Menge Poſauniſten, durch ſchmetternde Töne die Gemüther begeiſternd und zu wildem Muthe hin⸗ reißend. Dann folgten Bolognas berittene Scha⸗ ren und ein Theil des Fußvolkes mit friſchen Eichen⸗ kränzen geſchmückt. Hatte ſchon dieſer Theil des Zuges Jubel erweckt, waren namentlich die tapfe⸗ ren Kämpen mit Freudengeſchrei begrüßt worden, ſo ſteigerte ſich das Jauchzen bis zum Wüthen, als nun die kaiſerlichen Inſignien, der erbeutete Reichsadler, ſowie der königliche, zum größeren Theil aus goldenen und ſilbernen Gefäßen be⸗ ſtehende Schatz vorübergetragen wurde. Darauf folgte, gezogen von zwölf weißen, reichgeſchmückten und mit Purpurdecken überhängten Ochſen, das Caroccio und das Banner der Republik. Beide umgab eine Ehrenwache, aus den edelſten Jüng⸗ lingen der Stadt gebildet. Auf dieſe kamen die gemeinen Gefangenen, ſcharf bewacht und gefolgt von einer Maſſe Trabanten, welche die erbeuteten Helme und Waffen trugen; dann die edleren Ghi⸗ bellinen, endlich die kaiſerlichen Feldherren Marino von Ebulo und Boſo von Doaro und ſodann König Enziv. Wie tief und mächtig der anlic des tapferen Kaiſerſohnes, des edlen, herrlichen Jünglings auf alle Gemüther wirkte, bewies am ſchlagendſten die ehrfurchtsvolle Stille, die mit ſeinem Erſcheinen dem wildeſten Jubel folgte. Der Haß erſtarb auf Augenblicke, überwunden von der Schönheit, und die Scheu vor der geheiligten Majeſtät zwang die Freude der Sieger zu ſchweigen. Hoch auf ſeinem Streitroß ſitzend, angethan mit koſtbarem Kriegsgewand und geziert mit glän⸗ zender Helmkrone, welche ſein goldgelocktes, reich niederfallendes Haupthaar preßte und ein in Fülle der Jugend blühendes, weiches und doch zugleich kräftiges Antlitz noch mehr hervorhob, voll edler Haltung und majeſtätiſch⸗ſtolzen Blickes, in welchem der Gedanke an ſein unglückſeliges Schickſal kaum eine Spur von Wehmuth erzeugte, ragte Enzio un⸗ ter allen ſeinen Mitgefangenen, wie ein Held der alten Zeiten, hervor und erwarb ſich eben ſo ſehr die Achtung und Bewunderung aller Männer, die den lange ſo furchtbaren Gegner anzuſchauen ſich herbeidrängten, als er die Herzen der Frauen zu ſanftem Mitleid und die ſchönſte derſelben zu heißer Liebe entflammte*). Als nämlich König Enzio ſich dem Palaſte Viadagoli's näherte, fiel ſein Blick auf den, mit vie⸗ lem Geſchmack zu einem Blütentempel umgeſchaffe⸗ nen Balkon. Aber wie entzückt ſtaunte er, als er in deſſen Mitte Lucia erblickte, die, gleich der gött⸗ lichen Flora, mitten unter ihren duftenden Kin⸗ dern, ihm holdſelig entgegenlächelte. Das Mädchen ſelbſt wußte nicht, wie ihm ge⸗ ſcuh⸗ Ihr Geſcht erglühte, ihr Buſen wogte heſ⸗ ſ 0 Ernſt von Nünch s:„Die letzten Zeiten der Shen⸗ aufen.“ 180 tig, faſt kam es ihr vor, als ſchwindle ihr. Sie hatte, der Beſchreibung des Vaters und den ver⸗ breiteten Gerüchten nach, in dem Gefangenen einen Dſchengis⸗Khan, einen wilden Barbaren, erwartet und ſah nun einen königlichen, mit allen männlichen Reizen geſchmückten Jüngling vor ſich. Und dieſe Hoheit, dieſe Ruhe, mitten unter den erbittertſten Feinden. Schien doch er der König des S der Sieger, nicht der Beſiegte zu ſein. Lange ruhte ſein Auge auf ihr, die Blice begegneten ſich und machten auf beider Herzen ei⸗ nen tiefen unerlöſchlichen Eindruck. Dies Alles aber war nur ein Moment. Der Zug bewegte ſich unaufhaltſam weiter. Da unterbrach, noch unter den Fenſtern des Viadogoli'ſchen Palaſtes, eine lär⸗ mende Seene die Feierlichkeit. Während nämlich auch hier bei Enzio's Nahen der Jubel verſtummte, und Groß und Klein mit Staunen, Furcht oder Verwunderung den ſchönen Jüngling anblickte, war plötzlich eine alte häßliche Frau aus dem Thor⸗ wege des Palaſtes hervorgeſprungen und hatte unter gellendem Schreien die Zügel des Pferdes ergriffen, auf welchem der König ritt. Kaum be⸗ merkten dies die Enzio umgebenden Trabanten, als ſie auch ſchon hineilten, die Alte wegzureißen. Dieſe aber— wol dem Wahnſinn verfallen, wie ihre ſtarren, graſſen Augen, ihre verzerrten Züge 181 und die wild um das Haupt fliegenden grauen Haare andeuteten— krallte ſich kramphaft an die Zügel des Thieres feſt und ſchrie, ſich wüthend ge⸗ gen die Trabanten wehrend, mit gellender Stimme: Hinweg, hinweg! Er iſt mein wie euer Feind, er iſt ein Ghibelline, ein Erzketzer! aber ich habe mehr Recht auf ihn, als ihr, ſein Vater hat mir vier Söhne ermorden laſſen, ich habe geſchwo⸗ ren, mich zu rächen, und ſo wahr Gott lebt und der heilige Vater ihn verflucht hat, ich werde ihn an ſeinen Haaren erwürgen! Hier ver⸗ ſtummte die kreiſchende Stimme der Alten, denn die breite Hand eines rieſigen Mannes, in der Kleidung eines Weinküpers, ſchloß ihr den Mund. Zu gleicher Zeit packte ſie derſelbe mit Leichtigkeit auf und trug ſie, alles Sträubens ungeachtet, wie ein Kind in das Haus. Dies ganze Zwiſchenſpiel hatte nur wenige Minuten gedauert und da auch das Schreien der Wahnſinnigen unter dem fernhertönenden Jubel und dem Lärm der verſchiedenen Muſikchöre nur von den Nächſtſtehenden gehört worden, ſo war daraus ſo wenig eine Unordnung entſtanden, als man etwas auf das Geſchwätz der als geiſtes⸗ krank bekannten Frau gab. Enzio hatte ſeine Faſſung keinen Augenblick verloren und mit Ruhe den Ausgang erwartet. Jetzt gab ihm das Fortſchleppen der Alten Gelegen⸗ heit ſich umzuſchauen; noch einmal flog ſein Blick nach dem Balkon— noch einmal traf er mit den Blicken Lucia's zuſammen— dann folgte er ge⸗ laſſen den Voranſchreitenden, die alsbald um eine nahe Ecke bogen. Lucia ſtand noch auf dem Altane, ſie ſchaute noch herab auf den Zug; aber ſie ſah weder den Podeſta, Filippo Ugone, den glücklichen Feldherrn und Triumphator, wie er, geſchmückt mit einem Purpurmantel, dicht hinter dem Könige auf einem weißen Pferde ritt, noch deſſen langes, glänzendes Gefolge, noch die Jünglinge, die, ſich ihr bemerk⸗ bar zu machen, ihre Roſſe ſpornend, vorüberſpren⸗ ten, noch hörte ſie die Hymnen und Siegeslieder, unter deren Abſingen man zur Kirche San Pietro zog. Die Außenwelt war für ſie wie verſchwunden, ſie ſah nur Enzio, ſie dachte nur des Blickes, der ſie wiederholt getroffen, ſie ſchauderte zuſammen und wußte nicht worüber, ſie lächelte entzückt und hatte keinen Grund dafür. Ihr Fühlen und Den⸗ ken ſchmolz chaotiſch zuſammen und der Vater mußte ſie erinnern, daß ja der Zug längſt vorüber ſei, um ſie aus ihren Gedanken zu wecken und der Geſellſchaft wieder zuzuführen. Auch hier hatte ſich die Stimmung für Enzio, zumal bei dem weiblichen Theile der Anweſenden, 183 gewaltig geändert, und der alte Viadagoli bekam jetzt faſt mit allen Denen Händel, die noch vor ei⸗ ner halben Stunde ſeinem gehäſſigen Urtheile bei⸗ gepflichtet. Selbſt Lucia frug jetzt, zum Erſtaunen des Vaters und Aſinelli's, theilnehmend, was denn wol das Schickſal des Königs von Sardinien werden würde? und rief, als der Vater von ewiger, ſtren⸗ ger Gefangenſchaft ſprach, heftig aus: Eine ſolche Ungerechtigkeit kann ſich Bologna nicht zu Schulden kommen laſſen. Es wäre ſchmach⸗ voll, Vater und Sohn auf ewig zu trennen und einen ſo jungen Mann für immer der Welt und dem Leben zu entziehen, ihn lebendig zu begraben. Du vergißt, mein gutes Kind, entgegnete Via⸗ dagoli ernſt, daß Enzio, der Sohn des Kaiſers, unſers größten, unverſöhnlichſten Feindes iſt. Man nennt ihn Friedrichs rechten Arm und er war in der That des Hohenſtaufen gewaltigſte Stütze. Ihn freigeben hieße ſich ſelbſt eine Ruthe auf den Rücken binden. Wie aber kann man Kriegsgefangene zurück⸗ halten? frug eifrig Lucia mit glühendem Geſichte. Ich bin ein Weib und verſtehe von der Kriegskunſt und den Welthändeln wenig; ſo viel aber glaube ich immer gehört zu haben, daß man Kriegsgefangene austauſcht, oder nach reichem Löſegeld freigibt. 184 Mein Kind, fuhr Viadagoli fort, hier walten Rückſichten ob, die uns zwingen werden, von der Regel abzuweichen. Aber unterlaſſen wir darüber zu ſtreiten, die Republik wird auch in dieſem wich⸗ tigen Falle ihre alte Weisheit bewähren. Und nicht vergeſſen, menſchlich zu ſein! ſchloß Aſinelli. Lucia warf dem Jünglinge für dieſen Troſt einen freundlichen und dankbaren Blick zu und ſchloß ſich für den Reſt des Tages vertrauensvoller wie bisher an ihn an. Nichtsdeſtoweniger nahm ſie wenig Theil an der allgemein herrſchenden Luſt; ſie blieb in ſich gekehrt und gedankenvoller als ge⸗ wöhnlich; auch entzog ſie ſich den öffentlichen Spie⸗ len und Luſtbarkeiten, welche, den Feſttag würdig zu ſchließen, angeordnet waren, und brachte den Abend allein, ſich ihren Gedanken auf dem Balkone zu. 11. Ein kühner Entſchluß. Hie Welf!— Hie Waiblingen! Laß ſehn Aur ſchwank' nicht hin und her! Du kannſt, ein Ehrenmann, auch ſtehn Genüber im Feindesheer! Anaſtaſius Grün. Das Leben bietet viele ſeltſame Erſcheinungen, die für den aufmerkſamen Menſchen eben ſo viele Auf⸗ forderungen zum Nachdenken ſind. Je überraſchen⸗ der dieſe Erſcheinungen uns entgegentreten, je tiefer ſie in das Seelenleben eingreifen, deſto mehr feſſeln und erſchüttern ſie uns. Wer hätte 5 B. noch nicht an ſich oder Anderen mit Staunen die Erfahrung gemacht, daß oft die größte Seligkeit und der größte Schmerz dicht bei einanderliegen oder, daß es einem ungewöhnlich ſtarken Geiſte möglich iſt, den größten Schmerz durch Liebe zur höchſten Seligkeit zu ſteigern, und wer weiß es nicht, wie oft ein Moment Himmel und Hölle ſcheidet? Kein Seelenzuſtand iſt aber wol reicher an ſolch auffallenden Uebergängen, als die Liebe. Die 186 Liebe, die man mit ſo vielem Rechte eine Leiden⸗ ſchaft nennt, da ſie neben der größten Wonne dem armen Menſchenherzen ſo manche Leiden ſchafft. Lucia Viadagoli hatte bis zu dem Tage, an welchem ſie Enzio ſah, die Macht der Liebe nicht gefühlt. Sie haßte bis dahin aus Grundſätzen den König von Sardinien; jetzt ſah ſie ihn, ihr Blick begegnete dem ſeinen und ein Moment reichte hin, Herz und Seele des Mädchens umzuwandeln, die mit der Muttermilch eingeſogenen Grundſätze und Vorurtheile zu erſchüttern und ſie mit einer Glut, mit einem Verlangen zu erfüllen, von welch Bei⸗ den ſie bisher keine Ahnung gehabt. Lebhaft und leidenſchaftlich, wie ſie war, erfaßte ſie der neue Seelenzuſtand mit ungewöhnlicher Macht. Sie fühlte deutlich den Umſchwung, den ihr ganzes Sein genommen, ſie ſah plötzlich ein neues, ein anderes Leben, wie ein lichtes Canaan, ausgebrei⸗ tet vor ſich liegen, und konnte nicht begreifen, wie ſie bis jetzt ſo bedeutungslos vegetirt habe. Sie wußte nun, warum ſie lebe, ſie vermochte die bis⸗ her unerklärte Sehnſucht ihres Herzens zu deuten, ſie glaubte endlich den Schwerpunkt ihres irdiſchen Daſeins gefunden zu haben. Was kümmerten ſie die Hinderniſſe, die ſich ihr entgegenſtellten, was kümmerte ſie es, daß der Gegenſtand ihrer Liebe ein König, ein Gefangener, 187 daß er vielleicht für die Welt verloren ſei. Sie liebte ihn, ſie wollte, ſie mußte ihn lieben— und was däuchte der Liebe unmöglich?— Ja, Enzio's Mißgeſchick war ihr gewiſſermaßen willkommen, da ſie nun hoffte, für ihn wirken, ſich für ihn opfern, ſeine Neigung verdienen zu können. Schon die kommende Nacht war Lueia's Entſchluß gefaßt. Sie nahm ſich vor, alle ihre Kräfte aufzubieten, ihren ganzen Einfluß auf die Männer, deſſen ſie ſich hier zum Erſtenmal freute, geltend zu machen, um En⸗ zi's Befreiung zu bewirken. Keinen Augenblick zweifelte ſie an dem guten Erfolge der zu unter⸗ nehmenden Schritte. Schon ſah ſie im Geiſte die ſtolzen Bologneſer von Edelmuth beſiegt, dem Sohne ihres Kaiſers die Freiheit ſchenken, den ſchönen Jüngling nach der geheimen Triebfeder dieſer un⸗ erwarteten Milde forſchen und ihr Handeln ent⸗ decken. Schon erblickte ſie die königliche Geſtalt Enzio's liebeglühend vor ſich ſtehen, hörte, zu ſei⸗ nen Füßen liegend, ſeine ſüße Stimme, ſeiner Ge⸗ genliebe Geſtändniß und ſank, in Wonne taumelnd, in ſeine Arme. Aber es waren die Arme des Schlafes, die ſie, freilich erſt ſpät, umfingen. Wie war er zu benei⸗ den, der Mohnbekränzte, daß er dies holde Ge⸗ ſchöpf an ſein Herz legen und es ſanft wiegen und ihm die Märchen der Träume zuflüſtern durfte! Auf den weichen, weißen Kiſſen hingeſtreckt, die ſchönen Formen halb verhüllt, die Wangen leicht geröthet, hochwallend den Buſen, die ſchönen Züge ein ſüßes Verlangen athmend und doch über⸗ haucht von dem Zauber der Unſchuld lag ſie, wie eine volle Roſe, die, niedergebeugt von der eigenen Fülle, ſich müde ſenkt in den Kelch der nahen Lilie. Sie lächelte glücklich und hoffte noch im Traume, während kalte, gefühlloſe Menſchen längſt ſchon Enzio's und damit auch ihr Urtheil geſprochen hatten. Schon während des Triumphzuges war es dem ſchlauen Podeſta Bolognas, Filippo Ugone, ſowie den übrigen Häuptern der Republik nicht ent⸗ gangen, welchen tiefen Eindruck die Erſcheinung Enzio's auf das Volk gemacht. Konnte dies im Siegesrauſche geſchehen, ſo war von den Zeiten ruhiger Ueberlegung wol gar zu fürchten, daß ein Theil der Bürger, durch das Aeußere des Königs geblendet, oder von der Furcht vor dem Kaiſer ver⸗ führt, für des Gefangenen Freilaſſung ſtimmen würde. Da aber der Republick und dem Städte⸗ bund Alles daran liegen mußte, Enzio für immer unſchädlich zu machen, ſo beſchloß der Podeſta, noch in der Nacht nach dem Feſttage eine geheime vor⸗ bereitende Sitzung zu halten. 189 Um Mitternacht fanden ſich die Geladenen ein. Außer den Feldherren Antoniv Lambertacei, Lodo⸗ vico Geremei und Leandro Alberti erſchienen noch die Aelteſten des Rathes und unter dieſen auch der alte Guido Viadagoli. Sämmtliche Anweſende, im Staatsdienſte er⸗ graut, oder durch langjährige Kriegsdienſte gefühl⸗ los, ſtimmten darin überein, daß ſie, das Wohl ihrer kleinen Republik als das höchſte Ziel ihres Strebens erkennend, jede Regung menſchlicher Ge⸗ fühle für eine unverzeihliche Schwäche anſahen. Dieſer Anſicht folgend war es denn auch natür⸗ lich, daß unter ihnen nur eine Meinung rückſicht⸗ lich der Zukunft Enzio's herrſchte, und ſo ging der Vorſchlag Viadagoli's: König Enzio ſolle bis zu ſeinem Tode in der ſtrengſten Haft der Bologneſer bleiben, ohne alle Widerrede durch. Zwar mußte dieſer Beſchluß den kommenden Tag erſt noch in dem weiteren Rathe und von den Anzianern be⸗ ſtätigt werden; da aber die Anweſenden einen großen Theil dieſer Collegien ausmachten und ſich außerdem verſprachen, darauf hinzuwirken, daß er allgemein angenommen werde, ſo war das Urtheil ſo gut als geſällt. Lucia ahnte beim Erwachen nicht, zu welch unheilvollem, allen ihren Wünſchen entgegenſtehen⸗ den Ausſpruche ihr Vater dieſe Nacht Veranlaſſung 190 gegeben. Ihrem Vorſatze getreu begann ſie das beſchloſſene Unternehmen mit der ihr eigenen Wil⸗ lenskraft. Selbſt die Ueberzengung, ihren Vater, deſſen unerbittliche Strenge und deſſen Republi⸗ kanismus ſie kannte, nicht für ihre Anſicht gewin⸗ nen zu können, hielt ſie nicht ab, wenigſtens den Verſuch zu machen, ihn milder zu ſtimmen. Aber an dieſem Felſenherzen ſcheiterte die Kunſt ihrer Beredtſamkeit und ſelbſt ihre Schmeicheleien und anmuthigen Liebkoſungen vermochten nicht, wenn ſie auch dem Vater ein Lächeln abzwangen, den Staatsmann zu beſtechen. Glücklicher war Lucia bei Gonfalonieri und Aſinelli, welche Beide zu der hergebrachten Beſuchſtunde vor ihrer Königin er⸗ ſchienen. Auf das empfängliche Gemüth Gonfalo⸗ nieri's hatte Enzio ohnehin einen günſtigen Ein⸗ druck gemacht, und verliebt, wie er in Lucia war, bedurfte es bei dem immer Exaltirten nur eines Winkes, um ihn ganz im Sinne der Angebeteten handeln zu machen. Aſinelli hatte ſeine auf Ach⸗ tung gegründete Neigung für den unglücklichen Fürſten bereits ſchon ausgeſprochen und ſo ward es Lucia ein Leichtes, dieſe beiden jungen Männer zu benutzen, um eine milde Stimmung für den Ge⸗ fangenen und namentlich die Idee in der Stadt zu verbreiten, daß die Ehre Bolognas die Freigebung Enzio's erfordere. Kaum hatten ſie aber beide 191 Jünglinge mit dem feurigen Verſprechen, Alles aufzubieten, um ihren Wünſchen nachzukommen, verlaſſen, als ſich Lueia, gefolgt von ihren Dienerin⸗ nen, aufmachte, diejenigen Häuſer der Vornehmen und Patrizier zu beſuchen, in welchen ſie gewichtige ältere Männer wußte, die ihr geneigt waren. Ver⸗ ſchiedene Vorwände führten ſie ein. Hier wollte ſie die Tochter des Hauſes, dort eine Freundin ih⸗ rer Mutter, an einem andern Orte eine Braut und wieder wo anders eine Leidende beſuchen. Ueber⸗ all aber entfaltete ſie eine ſolche Liebenswürdigkeit, wußte ſie ihr eigentliches Vorhaben ſo ſchlau zu verſtecken und ſo gewandt beizubringen, daß Nie⸗ mand irgend einen Argwohn ſchöpfte und ſelbſt die Unbefangenſten in ihrem lebhaften Verwenden für den unglücklichen König nur die reinſte Begeiſte⸗ rung eines edlen Gemüthes erblickten. Außerdem war man an Lucia gewohnt, daß ſie an die Aus⸗ führung Desjenigen, was ſie für Recht und gut er⸗ kannt, ihr Leben ſetze, und oft ſchon hatte ſie auf ähnliche Weiſe für Arme Almoſen geſammelt, oder ein gutes Werk fördern geholfen. Der Erfolg entſprach auf das glänzendſte den edlen Bemühungen der ſchönen Viadagoli. Als gegen Abend der volle Rath verſammelt war und der Podeſta mit der größten Sicherheit den in der vorhergehenden Nacht gefaßten Beſchluß zur Be⸗ 192 gutachtung und Genehmigung vorlegte, mußte er und die ihm Gleichgeſtimmten mit Staunen und Be⸗ ſtürzung gewahren, daß trotz ihres Werbens ein ſehr bedeutender Theil der Verſammlung ſich auf die Seite Enzio's ſchlug. Ein heißer Wortkampf entſpann ſich und wäh⸗ rend die Einen von Edelmuth ſprachen und Gerech⸗ tigkeit und Milde, als die Hauptſtützen eines Staates, empfahlen, oder vor dem Zorne des noch immer mächtigen Kaiſers warnten, verfochten die Andern auf das hitzigſte das vorgeſchlagene poli⸗ tiſche Syſtem, erinnerten an Enzio's Rache, an ſeine Feldherrntalente und ſeine Gefährlichkeit und be⸗ haupteten: das Daſein Bologna's ſei nur dann geſichert, wenn der König als Gefangener in deſſen Mauern weile. Lange tobte der Sturm hin und wider, da trat plötzlich auf die für die Redner beſtimmte Ba⸗ luſtrade ein Mönch. Es war der Franziskaner Fra Salimbene. Seine dürre, hagere Geſtalt, ſeine dunkeln, ſtechenden Augen, ſeine todtenbleiche Ge⸗ ſichtsfarbe, ſein flammender Blick erſchütterten die Menge. Alles ſchwieg in Ehrfurcht, denn Jeder kannte ihn als des heiligen Vaters rechte Hand. Der Mönch aber fuhr zürnend auf und ſtrafte die Verſammlung ob des Streites über einen Ge⸗ genſtand, den der heilige Vater längſt erörtert. 193 Mit einer Donnerſtimme rief er den Anweſenden in das Gedächtniß, daß das Geſchlecht der Hohen⸗ ſtaufen von jeher der gefährlichſte Feind des römi⸗ ſchen Stuhles geweſen, daß der Bann ruhe auf dem Kaiſer und ſeinem Sohne, und daß die Blitze des Vatikans alle Diejenigen treffen würden, die als Freunde der von Gott Verworfenen aufzutre⸗ ten wagten. Fra Salimbene ſchwieg. Aber ſeine Rede hatte auf Alle einen ſo tiefen Eindruck ge⸗ macht, daß, als nun noch einmal über den vorge⸗ legten Beſchluß abgeſtimmt wurde, er faſt einſtim⸗ mig genehmigt ward. König Enzio's Schickſal war entſchieden. Der Unglückliche hatte ſeinen Tod in dem Kerker, wenn auch in einem goldnen, zu erwarten. Auf Lucia machte dieſe Nachricht einen ver⸗ ſchiedenen Eindruck. Kränkte ſie der Gedanke, daß ihr Einfluß, der ſich im Anfang ſo glänzend kund⸗ gegeben, durch die wenigen Worte eines Mönches vernichtet worden; ſo ſchmerzte es ſie zu gleicher Zeit unendlich, den herrlichen Jüngling einem ſo ſo traurigen Schickſale hingegeben zu ſehen. Nichts⸗ deſtoweniger mußte ſie ſich aber auch wieder ge⸗ ſtehen, daß ihr das Urtheil, ſo wie es fiel, auf der andern Seite nicht ganz unlieb war. Enzio, einmal frei, konnte und durfte ſich, das fühlte ſie jetzt wohl, der Liebe zu einem unbedeu⸗ III. 9 194 tenden Mädchen nicht hingeben. Als König, als Sohn des Kaiſers, riefen ihn höhere Pflichten in das brauſende Leben, und Herz und Hand gehör⸗ ten ihm dann, als einem Monarchen, nicht mehr frei an. Dem Gefangenen dagegen ſtand ſie, blieb ſie näher; ja ſie durfte— und dazu war ſie kühn genug— die Hoffnung hegen, ihm vielleicht noch näher zu treten, ihm, wenn keine Befreinung von außen bewirkt werde, und ſei es mit Gefahr ihres Lebens, zur Flucht zu verhelfen. Wie ſehr ſie Enzio liebe, ward ſich Lucia jetzt erſt bewußt. Alles, was die Welt Reizendes bis⸗ her für ſie gehabt, war verſchwunden, oder hatte nur noch inſofern Werth für ſie, als es in nähe⸗ rer oder fernerer Beziehung zu Enzio ſtand. Wie das Eiſen von dem Magnete, wie der Körper von dem Geſetz der Schwere, wie die Pflanzen von dem Sonnenlichte beherrſcht werden und ſich nie und nimmer des inneren Zuges entäußern können; ſo war Lucia mit allen ihren Geiſteskräften, mit Leib und Seele, mit allen Gefühlen und Gedanken, mit ihrem Wünſchen und Wollen an den Gefange⸗ nen gebunden. Sie ſah ein, daß ſie an dem Punkte in ihrem Leben angekommen ſei, an welchem ſich ihre Zukunft entſcheiden müſſe und werde. Him⸗ mel und Hölle, Leben und Tod, hingen an der Entdeckung: ob ſie Enzio wieder liebe oder nicht. 195 War Erſteres der Fall, ſo war ſie entſchloſſen, Alles zu opfern, um zu ſeinem Beſitze zu gelangen; denn wie ſie liebte, war es ihr klar, daß in einer Vereinigung ihrer Herzen— liebte ſie anders Enzio nur ebenfalls— auch für ihn das größte Erden⸗ glück liegen müſſe. Dagegen fühlte Lucia wohl, daß ſie im entgegengeſetzten Falle den inneren Gluten erliegen werde. Ein kräftiger Geiſt bebt nie vor einer Ent⸗ ſcheidung und betreffe ſie das Wichtigſte in ſeinem Leben. Ungewißheit iſt ihm die unerträglichſte Qual, welcher er die ſchrecklichſte Gewißheit vor⸗ zieht. Das Unbekannte, das Verhüllte iſt ein Ge⸗ ſpenſt, das ſich in tauſend Geſtalten zeigen und un⸗ ſeren Händen immer wieder entſchlüpfen kann— das Geſchehene iſt eine Thatſache, für oder gegen deren Folgen wir die Möglichkeit in Händen haben, vernunftgemäß zu handeln und zu kämpfen. Lucia's ganzes Streben ging daher darauf hin, zu erfahren, ob Enzio's Blicke Wahrheit geſprochen, ob er ſie wiederliebe. Die Schwierigkeiten, welche ſich dieſem Schritte entgegenſtellten, dienten nur dazu, ihre Anſtrengungen zu erhöhen, und bald hatte auch ihr ſcharfer Blick den einzig möglichen Weg gefunden. Sie entſchloß ſich, ſich Aſinelli zu entdecken. Daß ſie dieſer edle junge Mann liebe, wußte ſie wohl; aber eben dies gab ihr ein unum⸗ 9* 196 ſchränktes Vertrauen zu ihm, und ſie war gewiß, er werde— einmal wiſſend, daß es ihr unmög⸗ lich ſei, ſeine Gefühle zu erwidern— ihr einziges Glück zu fördern willig bereit ſein. Pietro di Aſinelli, ſo wie ſein Freund Gonfa⸗ lonieri und noch mehrere andere Jünglinge aus den erſten Familien der Stadt waren nämlich bald nach dem über den König von Sardinien gefällten Urtheile mit dem Letzteren in eine nähere Verbin⸗ dung getreten, die mit dem Beſchluſſe der Repu⸗ blik in geſetzmäßigem Zuſammenhange ſtand. Filippo Ugone, der ſtolze Podeſta Bolognas, hatte, im Vereine mit dem Biſchofe der Stadt, dem Cardinal⸗Legaten Oetaviano Ubaldini, und dem Franziskanermönche Fra Salimbene, gleich nach der Gefangennehmung des Königs auf eine ſtrenge Haft angetragen und in dem alten Viadagoli, ſo wie bei vielen Anderen Unterſtützung bei dieſem Vorſchlage gefunden. War aber auch die Gegen⸗ partei, zum größeren Theil durch Lucia's Bemühun⸗ gen angeregt, mit ihrem Wunſche, Enzio frei zu geben, nicht durchgedrungen, ſo brachte ſie es doch nun dahin, daß man dem Lieblingsſohne des Kai⸗ ſers, bei ſtrenger Bewachung, wenigſtens eine könig⸗ liche Haft gewährte. Einer von Ugone's Paläſten wurde befeſtigt und ihm vor der Hand als Wohnung angewieſen. 197 Die Einrichtung deſſelben ließ nichts zu wünſchen übrig. Und wenn auch der Podeſta Tag für Tag ſich von dem Daſein des Gefangenen perſonlich zu über⸗ zeugen hatte und eine ſtarke Wache nicht nur Thüren und Thore unabläſſig auf das ſorgſamſte bewachte, ſondern ſogar Tag und Nacht die Schlüſſel zu allen Zugängen in ihren Händen hatte; ſo war es doch den Söhnen der erſten Familien und den Meiſtern der damals ſchon weltberühmten Hochſchule, unter gewiſſen Bedingungen und Vorſichtsmaßregeln, er⸗ laubt, Enzio zu beſuchen und mit ihm ſowol die Freuden eines geſelligen Lebens, als die Genüſſe, die Kunſt und Wiſſenſchaft darbieten, zu koſten. Auf dieſe Weiſe hatte auch Aſinelli den Ge⸗ fangenen näher kennen gelernt und, ſeine Er⸗ wartungen weit übertroffen findend, ſich bald mit der innigſten Neigung an den Unglücklichen ge⸗ ſchloſſen. Auch Enzio erkannte ſofort in Aſinelli ein gleichgeſtimmtes Gemüth und war glücklich, in den trüben Stunden des Leidens ein mitfühlendes Herz, den unſchätzbaren Troſt einer treuen Freund⸗ ſchaft, gefunden zu haben. Durch Aſinelli mußte es daher Lucia am leich⸗ teſten werden, mit Enzio in Verbindung zu treten. Sich demſelben zu entdecken war denn auch, wie erwähnt, ihr Entſchluß. 12. Das Geſtändniß. Der Thau ſteht auf der Roſe, Das Abendroth verglimmt, In ſtiller Dämmrung Schooſe Der Stern der Liebe ſchwimmt. Es girrt auf den Fluren, es flötet im Hain, Umſchlungen will Liebe von Liebe ſein. Mahlmann. Wie es ſich aber gar oft im Leben fügt, daß ſich unſeren liebſten Wünſchen die meiſten Hinderniſſe in den Weg ſtellen, ſo geſchah es auch hier. Aſi⸗ nelli, auf welchen Lucia Viadagoli ihre ganze Hoff⸗ nung geſetzt, ward von der Republik in Staatsge⸗ ſchäften nach Rom geſandt und mußte, da ſein Auftrag keinen Zeitverluſt erlaubte, ohne Abſchied von der Geliebten nehmen zu können, Bologna verlaſſen. Die diplomatiſchen Arbeiten zogen ſich in die Länge und es verging eine lange Zeit, bis er die Vaterſtadt wiederſah. Lucia war untröſtlich. Die Minuten erwuchſen ihr zu Stunden, die Stunden zu Tage, die Tage zu Jahren. Sie hatte früher oft über die Liebe und deren Allmacht geſpottet, jetzt ſchien ſich der 199 Gott hart an ihr rächen zu wollen. Hoch über ihr zuſammen ſchlug die Glut der Leidenſchaft und be⸗ grub ſie in ihren Flammen. Lucia hatte aufgehört für ſich, für ihren Vater, für die Welt zu leben, ſie eriſtirte nur für und in der Liebe ſelbſt. Ver⸗ ſchwunden war alle Heiterkeit; verwandelt jenes wild⸗ſcheue Weſen des aufkeimenden Mädchens in das verſchloſſene Sinnen der Jungfrau, gewichen die Ruhe des Herzens den Stürmen des Verlan⸗ gens. Die Ebbe und Flut der Freude und des Schmerzes ſtieg und fiel in unaufhörlichem Wech⸗ ſel, und Gram und Sehnſucht waren die Ufer, an die ihre Wellen ſchlugen. Oft kam Lucia der Gedanke, ſich einem ande⸗ ren der Freunde Enzio's zu entdecken; aber bald ſiegte dann das Gefühl des Schicklichen und die Vernunft über das Drängen der blinden Leiden⸗ ſchaft. An wen auch hätte ſie ſich wenden können, als an Gonfalonieri? und von dieſem ſchied ſie jene inſtinctartige Abneigung, welche die edleren der weiblichen Seelen, vft des Grundes unbewußt, allgewaltig von den Wüſtlingen trennt. Ein ge⸗ ſellſchaftliches Annähern wird bei ſolch heterogenen Menſchen dann wol durch die Geſetze der(ſoge⸗ nannten) feineren Welt möglich, nie aber werden ſie ſich mit Vertrauen und aufrichtiger Neigung 200 vereinen, wenn nicht das Eine oder das Andere ſei⸗ nen Charakter wechſelt. Lucia mußte ſich daher fügen und Aſinelli's Rückkunft erwarten. Was ſie hatte vermeiden wol⸗ len— den Zweifel: ob ſie wiedergeliebt werde oder nicht— mußte ſie nun um ſo länger tragen; aber die Zeit ward ihrer Liebe Prüfſtein und ſie erwies ſie ächt, wie lauteres Gold. Der ſchönen Viadagoli Herzensangelegenheit blieb indeß nicht ohne Nahrung. Wie vorauszu⸗ ſehen war, ließ der Kaiſer nichts unverſucht, ſeinen geliebten Sohn aus den Händen der Feinde zu be⸗ freien. Leider aber machten es Friedrich Il die po⸗ litiſchen Verhältniſſe Unteritaliens unmöglich, Enzio in eigener Perſon zu Hülfe zu eilen. Ja ſeine mi⸗ litäriſchen Kräfte waren in jener Unglücksperiode ſo zerſtreut, geſchwächt und beſchäftigt, der lombar⸗ diſche Städtebund dagegen für den Augenblick ſo mächtig, daß er, deſſen Haupt ſieben Kronen zier⸗ ten, den Liebling ſeines Herzens nicht durch Waffen⸗ gewalt befreien konnte. Friedrich Il verſuchte daher vorerſt den Weg der Unterhandlungen. Er ſchrieb in eigner Perſon an den Rath und die Gemeinde von Bologna. Er ſchickte Geſandtſchaften; er bat, er drohte, er ver⸗ ſprach als Preis der Löſung einen ſilbernen Ring von dem Umfange, daß er ganz Bologna umſchließe, 201 vergebens! Die Republik wußte, woran ſie war, ſie kannte ihre Macht und ſchlug, darauf trotzend, jede Bitte um Befreiung Enzio's ab. Alle dieſe Bemühungen von außen erfüllten Lucia wechſelnd mit Angſt und Freude, mit Hoff⸗ nung und mit Furcht. Ihr Seelenzuſtand war troſtloſer als je, als ſie Gonfalonieri eines Tages mit der Nachricht überraſchte, Pietro de Aſinelli ſei auf dem Rückwege begriffen und werde in der kürzeſten Zeit in Bologna eintreffen. Lucia däuchten dieſe Worte eine himmliſche Muſik, auf deren Wogen ſich ihre Seele aus den Thälern des Jammers emporwirbelte zu den ſon⸗ nigen Räumen des Entzückens. Nur ſchlecht ver⸗ mochte die Heftige ihre Freude zu verbergen, und ſo kam es denn, daß ſowol Gonfalonieri als der Vater in der Meinung beſtärkt wurden, ſie liebe Aſinelli, um ſo mehr, als Beiden die Veränderung, die mit Lucia ſeit Aſinelli's Abreiſe vorgegangen, nicht fremd geblieben war, und ſie auch des Jüng⸗ lings Geſinnungen in dieſem Punkte kannten. Gon⸗ falonieri bangte über die Gefahr, in welcher ſeine ſchönſten Hoffnungen ſchwebten, und wandte ſich entſchloſſen mit einer förmlichen Bewerbung um Lucia's Hand an den alten Viadagoli. Wie aber erſchrak er, als dieſer ihm geſtand, daß er die 202 Tochter ſchon Aſinelli zugeſagt, der bereits in den letzten Tagen ſchriftlich um ſie angehalten habe. Lucia ſelbſt traf dieſe Nachricht unerwartet; aber ſie ſchmetterte ſie nicht zu Boden. Sie kannte den ihr beſtimmten Bräutigam als einen edeln Menſchen; wußte, daß ihm ſein Ehrgefühl nicht erlauben würde, ein Mädchen gegen ihre Neigung erlangen zu wollen, und hielt ihn, im Gefühl ihrer eigenen Liebe, nicht nur für ſo ſtark zu entſagen, ſondern auch für ſo groß, das Glück des geliebten Gegenſtandes mit eigener e begründen zu können. Kein Schlaf kam mehr in die dißen der Erreg⸗ ten, keine Ruhe mehr in ihr Herz. Würde dieſer Zuſtand länger gedauert haben, er hätte ihr Ner⸗ venſyſtem zerrütten, ihren Verſtand verwirren kön⸗ nen. Endlich erſchien der Erſehnte. Lucia erwar⸗ tete ihn im Garten. In unvergleichlicher Schön⸗ heit wandelte ſie unter ihren Blumen. Sie glühte, von den anſtürmenden Gefühlen erregt, und fühlte kaum die erquickenden Abendlüfte, die ſich mühten, ihre Wangen zu kühlen und mit ihren Locken und dem weiten, weißen Gewande, welches ſie umſchloß, ſpielten. Die runden Arme waren unverhüllt und erhöhten, durch das leicht angeflogene Roth der zarten Haut, den Zauber der Erſcheinung. 203 Als Aſinelli ſie anſichtig wurde, blieb er, von der Fülle der üppigen Schönheit überraſcht, ver⸗ wirrt ſtehen, und der Gedanke, dies herrliche Weſen wird bald ganz dein ſein, berauſchte ihn dermaßen, daß er ſich und Alles um ſich her vergaß und nur ſchaute und ſtaunte. Lucia, die ihm, ſobald ſie ihn erkannt, unbefangen entgegen eilen wollte, fühlte ebenfalls ihre Füße wie gelähmt; denn jetzt erſt fiel ihr das Gewagte ihres Unternehmens auf das Herz, und der Augenblick der Entſcheidung, der ihre Vernunft nüchtern gerüttelt hatte, zeigte ihr ihre ſonderbare Lage in einem Lichte, indem ſie die⸗ ſelbe bisher nicht erblickt. Die Begrüßungen gingen auf dieſe Weiſe et⸗ was kalt und verlegen vorüber, bis eine Frage aus Lucia's Munde das erſte Geſpräch hervorrief. Es betraf gleichgültige Dinge und wurde zerſtreut geführt; denn beide Theilnehmer benutzten es, ſich zu ſammeln und auf Wichtigeres vorzubereiten. Endlich durchbrach Lucia's Heftigkeit die drückenden Schranken. Sie war ſo bewegt, daß ihr der Athem mangelte weiter zu gehen, und bat daher, da ſie gerade an einer der ſchönſten Fernſichten des Gar⸗ tens angelangt, den Freund, ſich neben ihr auf ei⸗ ner Marmorbank niederzulaſſen. Ich ſehe nicht ein, Pietro, ſagte ſie ſodann, die lieben Augen niederſchlagend, warum wir uns 204 Beide mit einem unwahren Weſen quälen. Sie ſcheinen mir etwas zu verbergen, was Sie belaſtet, und ich— ich habe Viel auf dem Herzen, was ich Ihnen, als dem Manne geſtehen möchte, zu welchem ich das meiſte Vertrauen habe. Sie ehren mich eben ſo ſehr durch Ihr Ver⸗ trauen, ſchöne Lucia, entgegnete aufathmend Aſinelli, als mich ihre Offenheit entzückt. Außerdem haben Sie, was mich betrifft, recht geſehen. Ich hoffe, Ihr Herz hat mehr Antheil an der Erkenntniß mei⸗ nes Zuſtandes, als das Fürwort Ihres würdigen Vaters. Pietro! rief Lucia, des Jünglings Hand er⸗ greifend und ihn mit einem Blick des Vertrauens anſchauend, ich kenne Sie als einen guten und edeln Menſchen; Sie haben ſich mir immer als Freund bewieſen und Rechtlichkeit und Wahrheits⸗ liebe zeichneten Sie ſtets in meinen Augen aus. Es wäre feig und unredlich von mir, wollte ich gegen Sie unwahr ſein, zumal da es ſich von einem Schritt handelt, der unſer beiderſeitiges ganzes Lebensglück bedingt. Erfahren Sie darum, fuhr ſie mit gepreß⸗ ter Stimme fort, daß ich, obgleich ich Sie mehr als irgend ſonſt Jemanden auf der Welt ſchätze, doch einen Andern liebe. Aſinelli erblaßte. Eher hätte er ſich des Him⸗ mels Einſturz, als dies Geſtändniß erwartet. Nicht —— 205 Eitelkeit war es, die ihn ſo ſicher gemacht, ſondern das Bewußtſein ſeiner eigenen unbegrenzten Nei⸗ gung und namentlich des alten Viadagoli's wieder⸗ holte Verſicherung, ſeine Tochter liebe ihn auf das innigſte. Der Unglückliche, deſſen ſchönſte Hoff⸗ nungen ein Blitz zertrümmert, war wie vernichtet. Sein erſtes Gefühl mochte wildaufflammende Eifer⸗ ſucht ſein. Gonfalonieri! ſtammelte er kaum vernehmlich. Nein! entgegnete Lucia; Gonfalonieri habe ich nie geachtet, wie könnte ich ihn lieben. Sie bedürfen keiner Entſchuldigung und keiner Rechtfertigung! fiel ihr Aſinelli ernſt in das Wort. Ich habe ja kein Vorrecht auf Ihre Hand; denn Ihr Vater ſelbſt ſagte mir dieſe nur unter der Be⸗ dingung Ihrer Zuſtimmung zu. Ich geſtehe Ihnen mit gleicher Offenheit, jetzt trete ich zurück. Glau⸗ ben Sie mir, daß ich mich unendlich unglücklich fühle und immer fühlen werde; aber ich liebe Sie, das heißt, ich will Ihr Glück, und mein eigener Schmerz iſt mir der Maßſtab für die Qual einer unerwiderten Leidenſchaft. Aſinelli hatte den Aufwand aller ſeiner geiſti⸗ gen und phyſiſchen Kräfte nöthig, die äußere Ruhe und den Anſchein einer männlichen Faſſung zu er⸗ halten. In ihm brach Alles zuſammen. Aber Lucia wußte recht gut, was Pietro in 206 ſeinem Schmerze aufrecht halten würde. Einem ſo verſtändigen Mädchen, wie ſie es war, konnte, bei dem längeren Umgange mit Aſinelli keine Seite ſeines Charakters unbekannt bleiben. So hatte ſie denn auch mit der den Weibern eigenen Geſchick⸗ lichkeit ſogleich des Jünglings Schwächen entdeckt. Die größte derſelben war eine Art Eitelkeit, die aber freilich bei den übrigen ausgezeichneten Eigen⸗ ſchaften und der edlen Richtung Aſinelli's oft ſelbſt zur Tugend wurde. Ganz richtig ſchloß ſie daher, wenn ſie erwartete, daß Pietro, ſo bald nur der erſte Schmerz der Täuſchung vorüber ſei und er den Gegenſtand ihrer Liebe kenne, eine Ehre darin ſuchen würde, ſich zu bezwingen, ſich ſelbſt für den Freund und die Geliebte zu opfern. Dies Märty⸗ rerthum mußte ſeiner Eitelkeit ſchmeicheln und das Bewußtſein einer ſo edlen That ihm das zu erſetzen ſuchen, was ihm des Mädchens Herz nicht anders als verweigern konnte. Lucia, die Aſinelli aufrichtig ſchätzte und welche es ſchmerzte, den guten Menſchen kränken zu müſſen, beeilte ſich, ihm wenigſtens bald den ebengedachten Troſt zu verſchaffen. Mit einer bezaubernden Zu⸗ traulichkeit rückte ſie ihm näher, bat ihn ſo liebevoll, ihr dieſe Härte, zu welcher ſie eine tiefe Leidenſchaft zwinge, zu vergeben, verſprach ihm durch das ganze Leben eine aufrichtige, treue Freundin zu bleiben, 207 und ſchloß mit dem Ausdruck der Ueberzeugung, daß er, ſobald er nur erſt den Namen Desjenigen erfahren, der einen ſo mächtigen Eindruck auß ſie gemacht, und ſich von der Troſtloſigkeit ihrer Liebe überzeugt habe, er ihr gewiß nicht zürnen würde. Aſinelli hatte ſein Unglück weicher als gewöhn⸗ lich geſtimmt. Der ſeelenvolle Ton, der feuchte Blick, wie aus der unendlichen Tiefe eines Meeres von Qual und Leiden tauchend, mit welchem die Reizende, faſt zu ſeinen Füßen liegend, ihn ange⸗ fleht, verwirrten ihn vollends. Und als nun noch Thränen in die dunkeln Sterne traten und beredter ſprachen, als es je der ſchöne Mund vermocht, da neigte er ſich mit gebrochenem Herzen zu der Hol⸗ den herab und ein reichlicher Thränenſtrom er⸗ leichterte die beklommene Bruſt. Lucia ehrte den Schmerz des Jünglings durch ein frommes Schweigen und erſt als ſich Pietro erleichtert erhob und ihr verſichert hatte, daß er ihrer Offenheit nicht zürne, erzählte ſie dem Er⸗ ſtaunten, auf welche Weiſe ſich die Liebe in ihr Herz geſchlichen, und daß es der unglückliche König Enzio ſei, der in demſelben als Sieger eingezogen. Aſinelli erſchütterte dieſe Entdeckung tief. Zwar geſtand er, daß Enzio vielleicht der Einzige ſei, dem er, wenn auch mit blutendem Herzen, die Liebe Lucia's gönne, machte aber zu gleicher Zeit 208 das Mädchen auf das Thörichte dieſer Neigung aufmerkſam. Jede Hoffnung zu einer Befreiung des Gefangenen war verſchwunden, kein weibliches Weſen durfte den Palaſt deſſelben betreten, Enzio ſtand außerdem als Sohn des Kaiſers und als König von Sardinien in unerreichbarer Höhe über der unbedeutenden Adeligen— zudem, wie un⸗ wahrſcheinlich war es, daß Enzio die Leidenſchaft Lucia's, die er nur einen einzigen Augenblick ge⸗ ſehen, erwidere— und ſelbſt wenn dies der Fall wäre, frug Aſinelli, was aus der ganzen Sache werden könne und ſolle? Hier aber entfaltete die ſchöne Viadagoli die ganze Energie ihres Charakters, enthüllte die ganze Glut ihrer Seele. Sie wollte nichts hören und und nichts wiſſen: als ob Enzio ihrer gedenke, ſie liebe, denn die Beantwortung dieſer Frage habe über ihr Glück zu entſcheiden. Was ihr ferneres Leben beträfe, fuhr ſie, wahrhaft begeiſtert, fort, habe ſie ſich als deſſen Ziel die Befreiung Enzio's geſetzt, und weder deſſen Neigung oder Gleichgül⸗ tigkeit gegen ſie, noch irgend etwas in der Welt könne ſie an der Ausführung dieſes Unternehmens hindern. Möge es gelingen oder nicht, möge ſie glücklich werden oder das Wagniß mit dem Tode büßen, das Alles gelte ihr gleich; denn ſie ſei über⸗ zeugt, daß ſie von dem Himmel zu dieſem Werke 209 beſtimmt ſei und ſie habe daher Gott unter einem furchtbaren Schwure gelobt, alle ihre Kräfte an die Erfüllung dieſer Beſtimmung zu ſetzen. Obwol Aſinelli ſchon öfter Gelegenheit ge⸗ habt hatte, Lucia's Feſtigkeit und Leidenſchaftlichkeit kennen zu lernen, ſo überraſchte ihn doch heute neuerdings die Entſchiedenheit dieſes wunderbaren Mädchens. Er konnte ihren edeln Entſchluß nicht tadeln, er mußte ihre unerſchütterliche, gewaltige Liebe ehren, ja er ſelbſt liebte ſie, um dieſes Ent⸗ ſchluſſes willen, nur um ſo heißer und ſchmerzlicher. Von Lucia's Begeiſterung angefacht, von der Doppelliebe und dem Freunde geſpornt, von dem ſtolzen Gedanken hingeriſſen: Beide, mit Aufopfe⸗ rung ſeines eigenen Glückes, glücklich zu machen— wirft er ſich zu des Mädchens Füßen, bedeckt ihre ſchönen Hände mit heißen Küſſen und ruft: Lucia! du biſt zu groß für mich, liebe den edeln Enzio, ich ſtehe dir bei in deinem Vorhaben und will durch Entſagen und edle Thaten ſuchen deiner Achtung würdig zu werden! 13. Enziv. Wos er geſchaffen, iſt ein Edelſtein, Drin blißen Stralen für die Ewigkeit; Doch hätt' er uns ein Leitſtern ſollen ſein, In dieſer bangen, wetterſchwülen Zeit. Grorg Herwegh. Das Siegel wahrer Geiſtesgröße iſt eine vernünf⸗ tige Reſignation in unerwarteten Unglücksfällen. Wer unmännlich verzagt, gleicht einem ſchlechten Steuermann, der im Sturme die Beſinnung ver⸗ liert, ſeine Hände troſtlos in den Schoos ſinken läßt und auf dieſe Weiſe ſein Fahrzeug einem ſiche⸗ ren Untergange hingibt; während kalte Todesver⸗ achtung und kräftiges Handeln wol ihn und die Seinen gerettet hätten. Enzio hatte in den Tagen des Glücks bewie⸗ ſen, daß er im Stande ſei, das Staatsſchiff feſt und ſicher zu leiten. Erzogen nach dem Vorbilde ſeines trefflichen Vaters und erfüllt, wie dieſer, von dem Gedanken an die Größe ſeines Hauſes, war es von jeher ſein Augenmerk geweſen: vereint mit dem Kaiſer deſſen weitſchauende Pläne auszufüh⸗ 211 ren. Wie ſehr ihm dies Streben gelungen, be⸗ weiſt am beſten, daß man ihn ſchon damals„die rechte Hand“ Friedrichs I nannte. Seine Feinde ſelbſt ſtrömen in ſeinem Lobe über und bezeichnen ihn als mild und freundlich, gemüthlich und groß⸗ müthig im Frieden; während ſie zugeſtehen müſſen, daß er— ein ausgezeichneter Feldherr— in der Schlacht tapfer, ja ſchrecklich wie ein Löwe war. Aber das Glück blieb ihm, wie den Ghibellinen überhaupt, feindlich geſinnt. Zu bald nur kehrte es ihm den Rücken, und nun galt es, zu beweiſen, daß keine Macht der Erde den hohen königlichen Sinn eines ächten Hohenſtaufen zu beugen im Stande ſei. Von dem Gipfel der Macht und Größe her⸗ abgeſtürzt, vom Throne zum Gefängniſſe geführt, in der Blüte ſeiner Jahre der Freiheit beraubt, war Enzio dennoch mit edelm Ernſte und kühner Zuverſicht in Bologna eingezogen. Freilich mochte ſich der lebenskräftige Jüngling damals noch mit der Hoffnung ſchmeicheln, durch ſeines Vaters und Kaiſers Anſehen und Macht früher oder ſpäter be⸗ freit zu werden; freilich mochte dieſe Ausſicht dem ans Herrſchen Gewöhnten manche Entbehrung, die ihn jetzt traf, weniger empfindlich machen. Aber dieſe Hoffnungen ſtarben und er blieb vergeſſen und troſtlos zurück, wie der Unglückliche, der auf einem 212 einſamen, nackten Felſen mitten im Meere geret⸗ tet— weit in der Ferne die weißen Segel der Schiffe erſpäht, die ihn ſuchen, zu denen hin aber ſein Ruf nicht dringen kann, und der nun hände⸗ ringend gewahrt, wie die Segel kleiner und kleiner werden— und endlich ganz verſchwinden. So lange Enzio noch die leiſeſte Möglichkeit einer Rettung blieb, trug er zwar ſein Unglück mit Geduld und zeigte der Welt den feſten, unerſchüt⸗ terlichen Mann; nichtsdeſtoweniger aber litt er in⸗ nerlich unendlich, und von den Wogen der Erwar⸗ tung bald zur Höhe ſonniger Hoffnungen getragen, bald in den Abgrund der Verzweiflung geſchleu⸗ dert, marterte ſeine Seele die doppelte Qual des gegenwärtigen Misgeſchicks und des ewigen Zwei⸗ fels über ſeine Zukunft. Sobald aber die letzte Hoffnung erſtorben war, ſobald ſein klarer Ver⸗ ſtand ihm geſagt, daß keine Rettung mehr im Be⸗ reiche der Möglichkeit liege— war Enzio wie umgeſchaffen. Die weltlichen Reiche und ihre Herrlichkeiten blieben für ihn verloren— ob er ſich darüber grämte oder nicht— da ſuchte er ſich, ein ächter Held und König, ein neues Reich und ſiehe, vor ihm öffnete ſich das ſchöne Land der Poeſie, in deſſen ſchattigen, blütenſchweren Hainen er ſchon ſo oft gewandelt. Heiter ſchüttelte der gefangene König das goldne Lockenhaupt und nieder in Staub 6, 6 213 und Vergeſſenheit ſanken die Sorgen und der Gram, und bei den ſüßen Tönen des Saitenſpiels zog Friede und Luſt in das jungendfriſche Herz. Und lag nicht ſein bewegtes, thatenreiches Leben wie ein märchenhafter Traum vor ſeiner Seele? Hatte er nicht von Jugend auf die edle Dichtkunſt gepflegt und ſich zum Meiſter des Sai⸗ tenſpiels gemacht? War er nicht ſelbſt den Wiſſen⸗ ſchaften ernſtlich gefolgt und hatte in dem Studium derſelben den kräftigſten Troſt gegen alle Leiden gefunden? Wer in Bologna ſo glücklich war, Zutritt bei ihm zu erhalten, ſchloß ſich mit Entzücken an ihn; indem ſich zu all ſeinen hervorleuchtenden Eigen⸗ ſchaften noch die größte Liebenswürdigkeit im Um⸗ gange geſellte. Bald hatte ſich um ihn ein Kreis edler Jüng⸗ linge und gelehrter Männer gebildet, mit welchen er abwechſelnd die Freuden der Tafel, des Bechers und die höheren Genüſſe des Geiſtes theilte. Aber auch hier ragte er als König weit hervor; nicht durch Stolz und Anmaßung, die er nicht kannte, ſondern durch Schönheit, Liebenswürdigkeit und Talente. Enzio's liebſter Umgang aber blieb Aſinelli, an welchen ihn bald eine innige und aufrichtige Freundſchaft feſſelte. Schmerzlich vermißte er die⸗ 214 ſen daher, während ſeiner langen Abweſenheit, und heute ſollte mit einem frohen Feſte Pietro's Rück⸗ kehr gefeiert werden. Lange ſchon ging der Gefangene mit großen Schritten und verſchränkten Armen in ſeinen Ge⸗ mächern, den Freund erwartend, auf und ab. Der Abend war bereits angebrochen und dämmerte durch die ſtarkvergitterten Fenſter des Palaſtes. In den Zimmern des Königs hatten ſich die ge⸗ wöhnlichen Gäſte faſt alle ſchon eingefunden; doch ehrten ſie Enzio's Schweigen, indem ſie ſich zurück⸗ zogen und in verſchiedenen Gruppen halblaut unter⸗ einander plauderten. So oft die Wachen die ſchwere eichene Thüre öffneten und neuer Beſuch eintrat, hob ſich des Jünglings Bruſt heftiger und ſeine Blicke flogen erwartungsvoll den Kommenden entgegen. Aber bis jetzt hatte Enzio ſich noch jedesmal getäuſcht und ſtatt des Erſehnten waren andere Freunde eingetreten. Da kündete abermals der Ruf des Poſtens einen Nahenden, die Thüre krachte in ihren Angeln und zwei Geſtalten, wie es ſchien Herr und Diener, ſchritten in das Zimmer. Das Auge der Freundſchaft iſt ſcharf. Enzio erkannte, trotz dem Halbdunkel, ſogleich Aſinelli, und beide Freunde lagen ſich in den Armen. Es war ein wonniges Wiederſehen nach ſo langer Tren⸗ 215 nung. Enzio hatte ſie am ſchmerzlichſten gefühlt, denn ihm war in ſeiner Einſamkeit der Troſt einer wahren Freundſchaft zum Bedürfniſſe geworden. Aber auch die übrige Geſellſchaft, welche zum größe⸗ ren Theile den heute erſt zurückgekehrten Mitbürger noch nicht geſehen hatte, begrüßte ihn mit einem freudigen Willkomm. Nachdem die erſte Bewegung vorüber war und Aſinelli ſeinen Diener, einen jungen, hübſchen Burſchen mit ſchwarzen Locken und einem feinen Schnurrbärtchen auf der Oberlippe, in ein Neben⸗ zimmer gewieſen hatte, in welchem ſich bereits die Diener mehrerer anderen Anweſenden befanden, machte man Anſtalten, ſich zu dem Feſtmahle nie⸗ derzuſetzen. Die Lichter wurden angezündet, die Becher gefüllt, eine liebliche Muſik— außerhalb des Saales aufgeſtellt— ertönte, und laute Hei⸗ terkeit verbreitete ſich unter den Anweſenden. Aſi⸗ nelli's Platz war neben Enzio, und Beide hatten ſich ſo viel zu fragen, zu erwidern, zu erzählen, daß ſie faſt das Eſſen vergeſſen haben würdeſg hätten ſie nicht die Trinkſprüche, welche die An? weſenden bald auf die Dichtkunſt, bald auf die Frauen und die Freundſchaft oder andere Glanz⸗ punkte des Lebens ausbrachten, aus ihren eifrigen Geſprächen geweckt. Gegen das Ende der Tafel kam es zu einer allge⸗ 216 meinen Unterhaltung, welche Laune und Witz reich⸗ lich würzten, und nun hatte Scherz und gemüth⸗ liche Luſt freien Lauf. Nach einiger Zeit ging man dann zu einem andern Spiele über. Es war in dem Kreiſe, der ſich um Enzio geſchloſſen, zum Ge⸗ brauch geworden, daß, ſo oft man ſich verſammelte, Einige etwas vortragen mußten. Entweder ein ſelbſterfundenes Gedicht, oder eine neue Compoſi⸗ tion, oder auch irgend etwas Vorzügliches von ſchon bekannten Dichtern und Sängern. Dieſe ſin⸗ nige Einrichtung, die dadurch im Schwunge erhal⸗ ten ward, daß jeden Abend Diejenigen beſtimmt wurden, welche den nächſten zu verherrlichen hat⸗ ten, trug nicht wenig dazu bei, daß die Unterhal⸗ tung immer friſch und geiſtreich blieb. Heute traf die Reihe Enzio, Gonfalonieri und einen anderen Bologneſer; da aber Aſinelli durch ſeine Abweſen⸗ heit ſo lange verhindert geweſen, an dieſem Spiele Theil zu nehmen, und man ſeine Gabe als gemüth⸗ licher Dichter kannte, ſo vereinten ſich faſt alle Ge⸗ inie in der Bitte, Pietro möge heute an onfalonieri's Stelle treten. Aſinelli, der auch in der Abweſenheit in dieſer Beziehung nicht unthätig geweſen, willigte gern ein und theilte der Geſellſchaft folgendes Gedicht⸗ chen mit, welches er vor wenig Tagen auf ſeiner Rückreiſe nach der Vaterſtadt gedichtet: III. 217 Gruß an die Heimat. Heimwärts eilen meine Schritte, Weit voraus flog Herz und Sinn; Frohe Lieder laß ich ſchallen, Da ich in der Heimat bin. Traute Heimat!— welche Wonne Schließet deine Grenze ein; Fröhlicher iſt hier das Leben, Milder hier der Sonne Schein. Draußen ſah ich reiche Städte Und Paläſte ohne Zahl; Dennoch dacht ich in der Ferne Immer an mein Heimatthal. Draußen ſah ich ſchöne Augen, Nette Mädchen, üpp'ge Fraunz; Dennoch mußt ich immer ſehnend Nach der fernen Heimat ſchaun. Draußen wachſen gute Weine, Draußen klingt manch muntres Lied; Dennoch frug ich oft mich weinend: Was mich nach der Heimat zieht? Draußen gibt es ſchöne Lande, Draußen wogt das prächt'ge Meer; Aber ſelbſt vom Meeresſtrande Zog mich's nach der Heimat her. Als ich ſah den Kranich ziehen Und mich grüßte Frühlingswehn, Mußt' ich, ſollt' das Herz nicht brechen, Wieder nach der Heimat gehn. Sei willkommen ſüße Heimat! Jubelnd zieh' ich in dir ein; In dir leb' ich, in dir ſterb' ich, Will in dir begraben ſein. 10 218 Lauter Beifall lohnte dieſe freundliche Gabe Aſinelli's, nur Enzio wiſchte ſich eine Thräne aus den Augen; doch drückte er dem Freunde innig die Hand, als wolle er ſagen: Singe nur von dem Heimweh, ich kenn es ja auch. Wohl Dem, der es zu ſtillen vermag. Pietro zürnte ſich ſelber über ſeine Unbedacht⸗ ſamkeit, und es ſchmerzte ihn jetzt tief, ſo unvor⸗ ſichtig eine Wunde in Enzio's edlem Herzen auf⸗ geriſſen zu haben. Aber der junge König er⸗ mannte ſich raſch und, mit einem vollen Accorde in die Saiten ſeines Inſtrumentes ſchlagend, ſang er mit einer vollen ſchönen Stimme, was er heute in den Stunden der Einſamkeit gedichtet und in Muſik geſetzt hatte*): Es ſchafft mir oft die Liebe, Daß ſinnend ich erſtarre, Und macht mein Herz beklommen; Und tief ich mich betrübe, Weil ich ſo lange harre Deß, was da konnte kommen. 5 Nicht will ich zweifelnd wähnen, Daß je das ſüße Sehnen Betrug mit meinen Thränen könnte treiben. Doch nimmer ich geſunde; Ich fürchte jede Stunde: Aus könne die Erhörung gänzlich bleiben. *) Canzone nach einer vaticaniſchen Handſchrift König Enzio's. Siehe Ernſt von Münch, Raumer u. ſ. w ihm ſelbſt gedichtet. 3 Von 219 Drum wird mir bang und bänger; Ich denke ſtets mit Beben An ihre große Würde. Falls ich noch harre länger, Kann länger ich nicht leben. Das macht die ſchwere Bürde, Das ſind der Liebe Wunden; So hält ſie mich gebunden, Daß ich von allem Andern gerne ſcheide. Doch iſt mir ſtets als ſähe Ich ihrer Wangen Nähe. Dies iſt mein einz'ger Troſt in meinem Leide. Doch bleibt die Wunde offen, Denn ängſtlich iſt mein Sinnen Und Freude kann nicht weilen. Doch hält mich ſüßes Hoffen Und läßt mich Troſt gewinnen, Recht bald dorthin zu eilen, Wo aller Schönheit Fülle, Wo aller Anmuth Hülle Wo ſie iſt, die mich feſſelt, ſie, die Holde. Sie hat mein Herz beſeſſen, Nie werd' ich ſie vergeſſen, Nie wünſchen, frei zu ſein aus ihrem Solde. Enzio hatte dieſe Canzone mit ſolchem Aus⸗ druck, mit ſo viel Wahrheit in Ton und Miene vorgetragen, daß Aſinelli kein Zweifel blieb, er liebe in der That. Unwillkürlich flog des Bolog⸗ neſers Blick nach der offenſtehenden Thüre jenes Seitengemaches, in welchem die Untergebenen der Anweſenden weilten, und ſiehe an der Thür deſſel⸗ ben lehnte ſein junger Diener. Der Geſang ſchien ihn tief ergriffen zu haben, denn er bemerkte ſeines 10½ „ 220 Herrn Aufſchauen keineswegs, und ſtarrte nur, mit brennenden Wangen und feuchten Augen, nach dem königlichen Sänger. In dem Augenblick ließ ſich vernehmlich die rauhe Stimme eines andern Dieners in einem rohen Scherze hören, welchen er, veranlaßt durch den Geſang Enzio's, auf die Geburt deſſelben machte. Der Freche hatte ſich, von guelfiſchem Haß verführt, ſchon öfter ſolche Unverſchämtheiten gegen den Gefangenen erlaubt; Enzio aber ſie ge⸗ fliſſentlich überhört. In dieſem Augenblicke indeſſen, in welchen des Königs heiligſte und zarteſte Ge⸗ fühle ſo lebhaft erregt waren, traf ihn die Belei⸗ digung ſeiner Mutter wie ein Dolchſtoß. Er ſprang empor, hoch auf richtete ſich ſeine Geſtalt; wild flammte ſein Auge, zornig, wie der gereizte Löwe, ſchüttelte er die goldnen Locken, und Alles erbebte, ſelbſt die Wände, als er nach dem Gemache ſchritt, den Unverſchämten zu züchtigen. Die Donnerworte des Königs vernichteten den Knecht. Als Enzio geendet, wies er mit königlicher Würde nach der Thüre, allen Dienern gebietend, ſeine Zimmer zu verlaſſen. Zitternd gehorchten ſie. Auch Aſinelli's Begleiter ſchickte ſich dazu an, da fielen Enzio's Au⸗ gen auf denſelben. Eine wunderbare Bewegung er⸗ griff ihn, als er das zarte, liebliche Geſicht des Kindes erblickte, über welches Todesſchrecken jetzt 6 221 ſeine Bläße gelagert hatte. Enzio wußte nicht, wie ihm war; er kannte dieſe Züge, ſie erinnerten ihn an den ſchönſten Moment ſeines Lebens, es waren ja die Züge des Mädchens, das er über Alles liebte, deren Bild er im tiefſten Herzen trug. Sein Zorn war verflogen, er bemerkte, wie der Arme, wahrſcheinlich durch den Schrecken gelähmt, kaum von der Stelle konnte. Da trat er freund⸗ lich auf ihn zu und ihm ſeine Hand reichend ſagte er mit milder Stimme: Bleibe du nur und fürchte dich nicht, die Anderen allein traf mein Zorn. Dir, ſetzte er dann mit bewegter Stimme hinzu, dir will ich wohl*)! Dieſe unangenehme Unterbrechung blieb nicht ohne Folgen für die Geſellſchaft. Enzio war ver⸗ ſtimmt und auf eine ſonderbare Weiſe zerſtreut; auch konnte Niemand den rechten Ton mehr treffen, ſo daß ſich die Anweſenden nach mehreren vergeb⸗ lichen Verſuchen, wieder in das alte Geleiſe zu kommen, früher als gewöhnlich trennten. Aſinelli allein blieb auf Enzio's Erſuchen noch bei ihm zu⸗ rück, ſein Diener ſtand in dem entfernteſten Winkel des Seitengemaches. Beide Freunde ſchritten eine kurze Weile neben einander in dem Zimmer auf und ab. Sie ſchwie⸗ *) Ben ti voglio! 222 gen, wenn ſie ſich aber der Thüre des Nebenzim⸗ mers ſo weit genähert hatten, daß ſie den Diener Aſinelli's ſehen konnten, warf der Eine wie der An⸗ dere verſtohlene Blicke nach demſelben. Der hüb⸗ ſche Junge kam dadurch augenſcheinlich in die größte Verlegenheit und wußte kaum, wie er ſich geberden, noch wohin er ſchauen ſollte. Endlich brach Enzio das Schweigen. Wer iſt der junge Mann, den du in Dienſten haſt? frug er Aſinelli mit ungezwungen⸗gleichgül⸗ tigem Tone. Ich ſah ihn früher nicht bei dir. Er iſt ein geborner Bologneſer, entgegnete der Gefragte, ein braver Menſch, über deſſen Da⸗ ſein übrigens ein Geheimniß ſchwebt. Ein Geheimniß? wiederholte der König. Haſt dn Geheimniſſe vor deinem Freund? Aſinelli blieb ſtehen, ſah Enzio ſcharf in die Augen und ſagte lächelnd: Hat Enzio keine vor mir? Mich däucht, dein Lied hätte mir eines faſt halb verrathen. Nimm dich in Acht, wenn du wirk⸗ lich Dinge vor der Welt nicht laut willſt werden laſſen, ſo vertraue ſie ja der Poeſie nicht an, denn die iſt geſchwätzig wie ein Waldbach. Des Königs ſchönes Antlitz überflog ein dunk⸗ les Roth. Halb verwirrt, halb gutmüthig ergriff er des Freundes Hand und ſagte faſt bittend: Vergib mir, Pietro, wenn ich in dieſem Punkte 223 nicht ſo offen gegen dich war, als es die Pflicht der Freundſchaft erfordert. Aber ich will gut ma⸗ chen, was ich verſäumt. Ja! ich liebe— heiß und innig. Ich fühle es, auch hierin bin ich ein ächter Hohenſtaufe. Und darf man den Gegenſtand deiner Neigung kennen? frug Aſinelli. Enzio blieb in dieſem Augenblick ſtehen. Er befand ſich mit dem Freunde gerade an der Thüre des Nebenzimmers und nach dem Diener blickend ſagte er: Sieh nur, Pietro, wie der arme Junge zittert, entweder habe ich ihn durch meinen Zorn vorhin erſchreckt, vder er iſt krank. Aſinelli trat raſch auf ſeinen Begleiter zu und wechſelte mit demſelben leiſe einige Worte, dann kam er zu dem Könige zurück und denſelben wie⸗ der zum Auf⸗ und Abgehen bringend ſagte er gleichgültig: Es iſt nichts, der Junge iſt noch neu im Dienſte und da hat ihn deine Strafpredigt etwas erſchreckt. Beide ſchwiegen eine Minute, alsdann nahm Enzio das Geſpräch wieder auf. Du frugſt nach dem Gegenſtand meiner Liebe? Frage lieber erſt nach dem Rechte derſelben, und nenne mich einen Thoren, weil ich liebe. 224 Wie ſo? rief Aſinelli, iſt Liebe ein Privilegium für gewiſſe Menſchen? Das nicht! verſetzte der König; aber Lieben und Hoffen ſind Geſchwiſter, die unzertrennlich an⸗ einanderhängen und nur da gedeihen, wo man ſie Beide pflegt. Darf ich aber, darf der für immer Gefangene hoffen? Warum nicht. Es iſt in der Welt, zumal in der Liebe, ſo Vieles möglich. Alles! ſeufzte Enzio, nur nicht mein Glück. Aber damit du ein Recht haſt, dich über meine thörichte Neigung, die ich ſelbſt wahnſinnig finde und dennoch nicht tilgen kann, luſtig zu machen, ſo höre. Und damit erzählte der König dem Freunde, wie er bei ſeinem Einzuge in Bologna auf dem Balkon eines Hauſes ein Mädchen von unendlicher Schönheit geſehen und von jenem Augenblicke an Liebe für ſie gefühlt habe, eine Liebe, die er, aller vernünftigen Gegenvorſtellungen, aller Mühe un⸗ geachtet, nicht zu unterdrücken im Stande geweſen und welche ihm nun in ſeinen Leiden, wenngleich hoffnungslos, eine ſüße Nahrung, eine liebliche Tröſterin und Freundin geworden. Jenes Lied, welches er heute geſungen, ſei ihr entſproſſen. Was aber das Bild jener holden Erſcheinung heute mit unendlicher Lebendigkeit in mir aufge⸗ friſcht, fuhr Enzio fort, iſt die beinahe unglaubliche 225 Aehnlichkeit deines Dieners mit jener Dame. Da⸗ her meine Bewegung dieſen Abend, daher meine Frage, woher derſelbe ſtamme. Er iſt ein Viadagoli! entgegnete Pietro. Ein Viadagoli! rief heftig Enziv. Ich dachte mir es faſt. Auch ſie, die ich liebe, iſt eine Via⸗ dagoli. Du kennſt ihren Namen? ſagte erſtaunt Aſi⸗ nelli. Ich frug nach Bolognas Schönen. Aller Mund nannte mir nur Eine, neben welcher die Anderen erblaſſen ſollen, wie die Sterne in den Stralen der Sonne. Ich ließ ſie mir beſchreiben und— es war die Geliebte auf ein Haar, es war Lucia Viadagoli. Und du haſt dich nicht erkundigt, ob ſie dich wiederliebt? Freund, denke daß ſie mich, den Feind ihrer Vaterſtadt, nur mit einem Blicke ſah— und er⸗ innere dich meiner Lage. Und doch.. O ſchweige und erinnere mich nicht daran, daß ich ein Gott ſein könnte. Wahrhaftig! rief hier der König in wildem Schmerze, wenn ſie mich liebte, wenn ich ſie in meinen Armen halten könnte, dann, dann möchte die Welt auf mich zuſam⸗ menſtürzen und die Hölle alle Teufel auf mich 10** 226 loslaſſen, ich fühlte mich dennoch unausſprechlich ſelig. Nicht dir wird die Hölle— ihre Qualen zer⸗ reißen ein anderes Herz; aber um dich glücklich zu wiſſen... rief Aſinelli begeiſtert, nimm ſie hin. Und mit dieſen Worten ergriff er des Dieners Hand und ſchleuderte ihn in Enzio's Arme. Baret und Bart entſanken— und der König hielt Lucia Viadagoli heiß umſchloſſen. Die Gefühle des überglücklichen Paares be⸗ ſchreiben zu wollen, wäre eine Unmöglichkeit. Die zwei höchſten Momente in der Liebe: zu erfahren, daß man wiedergeliebt werde und den Gegenſtand ſeiner Sehnſucht zu beſitzen, ja alle ihre Wünſche fielen bei ihnen, wie die Sonnenſtralen in dem Brennglaſe, in einem Punkte zuſammen, aus wel⸗ chem denn auch die lichte Flamme der Seligkeit blitzend emporſchlug. Sie ſprachen nicht; ſie hielten ſich lang ſtumm umſchloſſen, Bruſt an Bruſt, Auge im Auge. Lu⸗ cia zitterte vor Luſt, Enzio preßte ſie feſt in ſeine Arme, als zweifle er an der Wahrheit ſeines Glücks und wolle ſich durch das Gefühl ſelbſt über⸗ zeugen, daß der Inbegriff ſeiner Wünſche ſein Eigen 227 ſei. Und konnten ſie nicht leicht der Sprache ent⸗ behren? Wie unendlich mehr ſagten ihre Blicke, das Pochen ihrer Herzen, das Flammen ihrer Küſſe! Ihre Lippen hingen an einander wie für die Ewigkeit, ihre Sinne ſchwindelten und zer⸗ ſchmolzen in Einer Wonne und wirbelten ſie empor bis an die Schwelle des Himmels. Zeit und Raum, Vergangenheit und Zukunft war nicht mehr, Lucia und Enzio waren zerfloſſen und nur Eins blieb in der Gegenwart: die Liebe in der Fülle ihrer Seligkeit. Aſinelli ſtand entfernt. Er biß die Zähne auf⸗ einander, um ſeinen Schmerz zu verbergen. Er geißelte ſeine Eitelkeit mit den Gedanken des Mär⸗ threrthums. Er reizte ſeinen Stolz und nannte ſich des Königs Freund, und dachte ſich ſeiner und Lu⸗ cia's würdig— Alles, um nur die Faſſung nicht zu verlieren. Gern hätte er das Zimmer verlaſſen; aber er hatte Lucia verſprechen müſſen, ſich keinen Augenblick und in keiner Lage von ihr zu entfer⸗ nen. Jetzt ward er inne, daß er ſich faſt zu viel zugetraut. Das Opfer zu bringen war ihm weni⸗ ger ſchwer geworden, da Begeiſterung für eine hohe Idee ſeinen Schmerz übertäubt hatte. Aber nun ruhig zuſehen zu müſſen, wie das Weſen, welches er ſelbſt ſo innig liebte, für deſſen Beſitz und Gegenliebe auch er Alles hingegeben haben 228 würde, ſelig ſchwelgte in der Hingabe an einen Andern— dies war zu viel. Er ging in das Nebenzimmer, riß ein Fenſter auf, drückte die Stirn gegen die ſcharfen, kalten Eiſengitter und weinte bitterlich. Als ſich ſein Herz erleichtert, und die kühle Nachtluft die der Thränen ſo ungewohnten Augen getrocknet, kehrte er gefaßt zu den Theuren zurück. Das Bewußtſein, eine edle That mit ſchwerer Aufopferung erkauft zu haben, gab ihm eine heitere Ruhe, die wohlthätig auf die Erregten einwirkte. Er trat zu dem Paare und ſeine Hand auf Enzio's Schulter legend ſagte er ſanft: Kinder, es iſt Zeit, daß ihr euch trennt. Dies Wort weckte die Glücklichen raſch aus ihrem Taumel. Trennen? rief Enzio. Sei nicht ſo hart, Freund, wir haben uns ja im Augenblick erſt ge⸗ funden! Es iſt nahe an Mitternacht, ermahnte Aſinelli, die Zeit, in welcher jeder Beſuch den Palaſt ver⸗ laſſen muß. Die Vorſicht gebeut, keine Veran⸗ laſſung zum Verdacht zu geben. Aber, mein Gott, wir haben ja noch kein Wort mit einander gewechſelt! klagte der König. Werde ich Lucia denn wiederſehen? Aſinelli drängte auf gegenſeitige Verſtändi⸗ gung. Jetzt erſt gewann auch Lucia die Kraft wie⸗ der ſich auszuſprechen; ſie warf ſich vor dem Kö⸗ nige nieder und flehte denſelben an, ihren Schritt, zu dem ſie die glühendſte Liebe und der feſte Vor⸗ ſatz, ihn zu befreien, bewogen, nicht zu misdeuten. Enzio lächelte über den guten Willen des Mädchens, ihn der Welt wiederzugeben; aber Lu⸗ cia, die es bemerkte, ſprach ſich hierüber ſo feſt und entſchieden aus, daß der Jüngling, der ihren Cha⸗ rakter noch nicht kannte, ſich ſtaunend vor dem Heldenſinn der Jungfrau beugte. Theure Lucia, rief er freudig aus, ich ſchätze dich nur um dieſes kühnen Gedankens willen um ſo höher; aber ſiehe, du biſt ein zartes Weib, das, von der Liebe geleitet, das Unmögliche möglich wähnt. Ich kenne meine Lage genau und weiß nur zu gut, daß für mich keine Rettung denk⸗ lich iſt. Mein König! flehte Lucia. Nicht doch, nenne mich nicht König, bat Enzio dringend, ich habe meine Krone längſt verſchmerzt, auch haſt du, Geliebte, am wenigſten Recht dazu, mich ſo zu rufen, denn du allein biſt es ja, die mich in Feſſeln ſchlug. Nenne mich Enzio und mit dem herzlichen Du, denn der Bund der Liebe, den dieſe Stunde beſiegelte, kennt keine Schranken des eitlen Zwanges. 230 Mein Enzio denn! lispelte Lucia, ſüß er⸗ röthend, und ſchlang die Arme um des Jünglings ſchönen Hals. Vertraue mir, vertraue der Liebe, ſie wird dich retten. Wirſt du vollbringen können, was meinem Vater, dem Kaiſer, unmöglich war? Liſt iſt ſtärker als Gewalt! Bedenke, ſüßes Kind, welcher Gefahr du dich ausſetzen würdeſt! fuhr der König fort. Du kennſt die Wachſamkeit, die Strenge nicht, mit der mich deine Mitbürger bewachen. Heute iſt es dir, ge⸗ ſchützt durch die Verkleidung, geglückt, zu mir zu gelangen; wehe dir aber, würdeſt du entdeckt— du ſäheſt der Sonne Stral nie wieder. Laß dich nicht durch den Glanz täuſchen, der mich umgibt, er iſt die ſchlechte Vergoldung meiner Ketten. Schmauſen darf ich und ſingen, aber hinter Eiſen⸗ ſtäben, wie der Vogel in ſeinem Bauer, und ſelbſt die Freunde, welche man, aus Rückſicht vielleicht für meinen Vater, zu mir läßt, ſind, wie du dich überzeugen wirſt, auf das ſchärfſte überwacht. Glaube nicht, mein Enzio, entgegnete lächelnd Lucia, daß eins dieſer Hinderniſſe im Stande wäre, mich von meinem Vorhaben abzuſchrecken. Aſinelli, der ſich ſchon jetzt für mich ſo edel aufgeopfert, hat ſich mit mir zu dieſem Werke verbunden. 231 Lucia! bat der König dringender, ja faſt ängſt⸗ lich,— wenn du mich liebſt, rege die alten Hoff⸗ nungen nicht wieder in mir auf. Sieh, ich habe lange gekämpft; aber endlich blieb die Vernunft Herr in mir, ich ſchloß mit der äußeren Welt ab und entſagte ihr. Seit jener Zeit kehrte die Ruhe bei mir ein, ich fühlte den Druck meiner Ketten weniger, ich ſchuf mir eine neue Welt und ſetzte dein Bild als meinen Gott hinein. O Lucia, Lucia! zerſchlage du dieſe Welt nicht! Du, die du ſie jetzt erſt recht beleben kannſt. Erinnere mich nicht an meinen Kerker, ſondern ſchaffe ihn durch deine Liebe in einen Himmel um. Enzio hatte Lucia ſo bewegt, ſo ergreifend, ſo ſchmerzlich angefleht, daß ſie es nicht wagte, ihm zu widerſprechen. Sie ſchwieg einen Augenblick, dann ſagte ſie ruhig: WMein Gelübde muß und werde ich löſen. Aber es ſei. Ich will von meinem Vorhaben ſchweigen, bis die Liſt erſonnen und der Ausgang geſichert iſt; dann ſoll mein König ſehen, daß der Liebe nichts unmöglich iſt. Enzio zog die Holde entzückt an ſein Herz; Aſinelli aber mahnte nun in vollem Ernſte an die Trennung. Und wann werd' ich dich wiederſehen? rief 232 ſchmerzlich der König der ſchönen Viadagoli zu, die ſich gewaltſam aus ſeinen Armen riß. Bald, theurer Freund! entgegnete dieſe. Ich habe Einmal an deinem Herzen gelegen, es iſt der Boden geworden, in dem die Blume wächſt; ent⸗ reißt du ſie ihm, welkt und ſtirbt ſie! O Himmliſche! rief der Gefangene entzückt, halte Wort, ch zähle die Sekunden bis zu deiner Wiederkunft! Und ich will bis dahin von den erſten Worten, die du an mich gerichtet, leben, wie von einem gei⸗ ſtigen Ambroſia und mir immer wiederholen: Dir, will ich wohl*)! Es iſt in der Natur der Sache begründet, daß der Mann, von dem Geſchick in das wirre Getriebe der Welt geſchleudert, Vieles verfolgen, Manches ergreifen muß. Seine Kräfte zerſplittern ſich oft an den verſchiedenen Richtungen, welche das Leben ſeiner Thätigkeit aufdringt. Während er einerſeits ſchaffen und ſammeln ſoll, zieht ihn andrerſeits der Drang zum Wiſſen zu ernſten Studien fort. Hier ruft die Ehre und der Ruhm, dort die Liebe und *) Ben ti voglio! 233 das häusliche Glück. Kein Wunder iſt es daher, wenn er oft bei dem vielerlei Unternehmen nicht viel zu Stande bringt. Ganz anders iſt dies bei dem weiblichen Geſchlecht. Ihm iſt im Leben und Wirken eine engere Grenze gezogen. Es re⸗ präſentirt einzig die Liebe in ihren vielſeitigen Funk⸗ tionen. Es iſt das Mittelglied zwiſchen der ewigen Schönheit, die da Gott iſt, und der rohen Kraft; es iſt der Träger des verſöhnenden Prinzips, es zieht an, mildert, bildet— und wird auf ſeiner höch⸗ ſten Stufe die Vollendung des Geſchaffenen, das Wiedergebärende. Aber alle dieſe Beſtimmungen ſind nur Ausflüſſe der Liebe; nur dieſe Eine Rich⸗ tung gab die Natur dem Weibe. Daher der Geiſt, die Sinne des Weibes geſammelter ſind, ſein gan⸗ zes Weſen vollendeter und abgeſchloſſener erſcheint, eben darum aber auch einſeitiger, als der Mann iſt. Scheucht nun aber das Schickſal ein ſolches Weſen aus ſeiner ſtillen Laufbahn auf, zwingt es daſſelbe ſelbſt einzugreifen in das Leben, dann wird es, ſind nur ſeine Seelenkräfte gehörig entwickelt, was es erfaßt, mit doppelter Energie ergreifen und, ſeiner Gewohnheit nach, mit Liebe, mit ganzer Seele, mit allen ſeinen ungetheilten Kräften das einmal Erfaßte vollenden. Daher ſo manche große Frauen, die eine Welt ſtaunen oder zittern mach⸗ ten, daher ſo manch kühnes Werk, an deſſen Voll⸗ 234 endung Männer verzweifelten, durch Frauen voll⸗ endet. Recht deutlich trat dieſe Eigenheit des weib⸗ lichen Geſchlechts bei Lucia Viadagoli hervor, in deren Chargkter ohnehin Feſtigkeit und heftiges Er⸗ greifen des einmal Gewollten ſcharf bezeichnet war. Von jenem glücklichen Abende an waren alle ihre Seelenkräfte auf die Auffindung einer Liſt gerichtet, durch welche es möglich werden konnte, den Ge⸗ fangenen aus ſeiner Haft zu befreien. Lucia hatte dazu hauptſächlich nöthig, ſich mit dem Gefängniſſe Enzio's und mit Allem, was in demſelben täglich vorzugehen pflegte, genau bekannt zu machen. Sie beſuchte daher den Geliebten in Aſinelli's Beglei⸗ tung ſo vft es möglich war, doch wählte man aus Vorſicht dazu gewöhnlich die Stunden, in welchen ſich Enzio allein befand. In ihrem Hauſe fand Lucia kein Hinderniß bei dieſen nächtlichen Gängen, da der Vater— beſtändig in Staatsgeſchäften vergraben— ge⸗ wöhnt war, ſie nur bei der Mittagstafel zu ſehen, und die Geſellſchafterin der ſchönen Viadagoli, aus Liebe zu ihrem Pflegling und aus wohlver⸗ ſtandenem Eigennutze, ſchwieg. Lucia war um jene Zeit die Glücklichſte aller Sterblichen. Sie lebte nur in der Liebe und in der Hoffnung einer baldigen Befreiung des Königs 235 durch ihre Hände. Ohne den Angebeteten war ihr die Welt ein weites Grab; ſie zählte die Minuten, die ſie noch von ihm trennten. In Enzio's Armen war ſie der Welt entrückt; kein Gedanke an die⸗ ſelbe, an ihre Zukunft, an ihre Familie, an die Ge⸗ fahr ihres Unternehmens, an deſſen Folgen, mochte es entdeckt werden oder nicht, kam ihr in den Sinn. Sie wußte nur, daß ſie liebe und wiedergeliebt werde, und nur dies wollte ſie hören, denken und empfinden. Wie ſelig, wenn ſie, zu des Königs Füßen ſitzend, ihr ſchönes Haupt in ſeinem Schooſe bergen konnte. Dann ſpielten wol ſeine Hände in ihren ſchwarzen Locken; ſie blickte zu ihm auf, er zu ihr nieder, und in dem Wechſeltauſch der Blicke und der Küſſe lag eine Welt voll nie geahnter, über⸗ reicher Luſt. Oft auch, wenn Aſinelli in der Nähe blieb, griff Enzio nach dem Saitenſpiel und ſang mit ſeiner ſchönen Stimme die Lieder, die ihm die Liebe in den Stunden eingeflößt, die er fern von der Theuern zubringen mußte. Durch alle dieſe zarten Spiele aber ſchlang ſich Lucia's heitre, geiſtreiche Unterhaltung und feſſelte bald durch Witz und Scherz, bald durch Naivetät und holde Gemüthlichkeit. So ſaßen ſie auch einſt vertraulich bei einander, 236 als Lucia den Geliebten nach den Schickſalen ſeiner Jugend frug. Sie müſſen wunderlich und reich an großen Thaten ſein! rief ſie aus; denn lange vorher, ehe ich dich ſah, kannte ich deinen berühmten Namen ſchon. Freilich ſetzte ſie lächelnd hinzu, galt er mir damals als ein Schrecken. Wer hätte da gedacht, daß ich einſt noch den Mann ſo heiß und unaus⸗ ſprechlich lieben würde, deſſen Erwähnung in jener Zeit ſchon hinreichte, mich zittern zu machen? Hieltſt du mich denn für ſo böſe? frug freund⸗ lich der König. Gewiß! entgegnete unſchuldig die Gefragte. Alle Welt ſagte, du ſeieſt wilder als der greuliche Hunnenfürſt Dſchengiskhan. Wie haben ſie gelogen, die falſchen Menſchen, du biſt der ſanfteſte, der beſte Maun, den es gibt. Aber weißt du auch, wie ich dich mir dachte? Nun? Wirſt auch nicht böſe werden? Dir? kleiner Engel!— glaubſt du, das ſei möglich? Theurer! rief das Mädchen glühend und ein Kuß brannte auf Enzio's Lippen. Nun, rief Jener, wie ſah ich denn damals in deiner Phantaſie aus? 237 Wie ein wilder Löwe! lachte Lucia, grimmig und fürchterlich. Und als du mich ſahſt, was dachteſt du da? frug Enzio, faßte das liebe Köpfchen unter dem Kinn und bog es zu ſich auf. Da! ſtotterte Lucia verlegen und Purpurröthe bedeckte das himmliſche Antlitz. O, ſtrafe mich nur mit Beſchämung, ich verdiene ſie wegen meines kindiſchen Geſchwätzes. Du weißt es, was ich da⸗ mals dachte. Ich war wie von einem Zauber umge⸗ wandt. Mit einem Blick in dein liebes, ſeelenvol⸗ les Auge war mir das Leben erſchloſſen; denn ich wußte nun, warum, wofür ich lebe. Ging es mir anders? rief entzückt der König. Noch heute mag ich, wenn es in meiner Seele dunkelt, ſo gern in deine Augen ſchauen. Mir iſt es dann, als müßte ich mich in ſie hinein ſenken, tief! tief! und in ihrer Flut würde mir wohl und ſelig zu Muthe und Alles läge dann klar vor mir, was mich jetzt oft beengt und drückt. O, ſo ſchau nur immer hinein! jauchzte das Mädchen, damit du kein Leid trägſt und keine Sorge. Leiden, liebe Seele, entgegnete Enzio ernſter, Leiden ſollen wir nicht ganz von uns weiſen; Lei⸗ den ſind unſere beſten Erzieher. Durch ſie gelan⸗ gen wir zur höchſten Bildung; an ihrer Hand ler⸗ 238 nen wir uns, die Welt und das Leben— ſelbſt über die Spanne irdiſcher Zeit hinaus— ſchätzen und würdigen und die lieblichſte der Tugenden, Beſcheidenheit, kennen. Wer könnte das beſſer beurtheilen als du! ſeufzte Lucia. Ich that wol unrecht, dich an frühere Zeiten zu erinnern. Keineswegs, liebes Mädchen, ich verſenke mich im Gegentheile gern in jene Erinnerungen und kann ſie jetzt, da ich längſt auf die Hoffnung, wie⸗ der in der Welt aufzutreten, verzichtet habe, wie freunvliche Träume an meiner Seele vorüberziehen laſſen. Komm! fügte Enzio bewegt hinzu, lege Dein liebes Haupt wieder in meinen Schoos, ſieh mich mit den treuen Augen an und höre mir zu, ich will dir erzählen, wie es deinem Enzio ergan⸗ gen, ehe du ihn kannteſt. Lucia gehorchte und Enzio begann: 3 Zu Palermo geboren, erhielt ich in der heiligen Taufe den Namen Heinrich, oder wie man ihn hier in Italien ausſpricht Enziv. Von meiner Jugend weiß ich wenig mehr, als daß mein guter Vater mich unendlich liebte. Nur dunkle Erinnerungen von prächtigen Paläſten, ſchönen Frauen, die in wunderlichen Coſtümen tanzten, fremden Thieren und ſolchen Dingen, welche eine kindliche Phantaſie erregen, blieben mir. Aber ſelbſt dieſe ziehen nur 239 wie Träume, wie längſt verklungene Märchen, an meiner Seele vorüber, mich mit einer ſüßen Wehmuth und Sehnſucht anhauchend, einer Sehn⸗ ſucht, die ich kaum zu deuten vermag, die mich vft noch weiter führt, als die irdiſche Jugend— wei⸗ ter, weiter, als ob der Erinnerung eine noch ſchö⸗ nere göttlichere Vorzeit dämmere. Enzio hielt ei⸗ nen Augenbick inne, dann fuhr er ruhiger fort: älter geworden, übergab mein Vater, von den ſchweren Herrſcherpflichten bald hier, bald dorthin gerufen, meine fernere Erziehung ſeinem Freunde und vertrauteſten Rathe Pietro de Vinea. Ge⸗ wiß iſt der Name dieſes gelehrten Staatsmannes auch bis zu dir gedrungen, und wahrlich, wenn ich etwas lernte und geiſtig beſitze, ſo verdanke ich es dieſem Manne. Vor allem Anderen aber iſt mir ſein Andenken heilig, weil er es war, der mich in das heitere Land der Poeſie einführte und mir mit die⸗ ſer göttlichen Kunſt Himmel und Erde erſchloß. Ach! er ahnte nicht, daß dieſe heitere Wiſſenſchaft mir der Balſam werden ſollte, der meine Wunden in ſchmählicher Gefangenſchaft zu heilen beſtimmt war. Aber über die Dichter und ihre Meiſterwerke vergaß ich die Außenwelt nicht. Früh nahm ich Theil und Intereſſe an ihren Händeln und fühlte mich namentlich von der herrlichen Erſcheinung meines Vaters, von deſſen Ruhm und Größe, von ſeinen 240 Thaten und Wagniſſen angezogen und begeiſtert. Er ward mein Vorbild, mein Ideal, und der Ge⸗ danke: Friedrichs Il, des großen Hohenſtaufen, Sohn zu ſein, reifte das Kind bald zum Jünglinge. Mein Vater durchſchaute mich, ſah meine Liebe zu ihm, den Drang zu ſchaffen, zu handeln, und von die⸗ ſem Augenblicke an kam ich ihm nicht mehr von der Seite. Mit der Schlacht von Cortenuova trat ich zum Erſtenmale öffentlich handelnd auf. Ich war ſo glücklich, an meines großen Vaters und Ezzelino di Romano's Seite kämpfen zu dürfen, und errang Beider Achtung. Wie ſchön würde mir dieſer erſte Lorber aus der Vergangenheit entgegen winken, knüpfte ſich an ihn nicht eine der unangenehmſten Erinnerungen meines Lebens. Durch jenen Sieg war ich in des Kaiſers Augen mündig geworden. Der gute Vater, ſtets auf mein Wohl und die Macht unſeres Hauſes bedacht, beſtimmte mir, mit der Hand Adelaſia's, der Beherrſcherin von Sar⸗ dinien und Corſica, die Krone dieſer Reiche. So ward ich, noch nicht funfzehn Jahre alt, König und O theure Lucia, es kann kein ſchöneres Band auf Erden geben, als das der Ehe, wenn es die Liebe knüpft; aber auch kein drückenderes als ſie, wenn es nur Politik geſchmiedet. Achtung bleibt 241 die Baſis ehelichen Glücks; wo ſie fehlt, wankt das ſchimmernde Gebäude bald und begräbt die Leicht⸗ ſinnigen unter ſeinen Trümmern. Wie aber konnte ich ein Weib achten und lie⸗ ben, das, längſt verblüht, in ſeinem Alter noch der Sünde huldigte. Mich hatte Ehre und Pflicht nach Italien gerufen, da vergaß Adelaſia beide und trat in ein ſchändliches Verhältniß mit meinem Sene⸗ ſchall. Ja nicht genug des Gatten Recht und Ruf zu kränken, erwirkte ſie durch tauſend Ränke Schei⸗ dung und knüpfte dann, in frevelhaftem Uebermuthe, mit jenem Niedrigen ein neues Band. Hinweg Erinnerung!— War mir doch der Bruch willkommen, ſo nachtheilig die Folgen für mich blieben. Kampf und Gefahr war ſtets mein Element. Ich ſtürzte mich in ſie und wahrlich! die Guelfen ſorgten fein, daß uns der Stoff dazu niemals ge⸗ brach. Finſterer zogen ſich die Wetter über meines Vaters edlem Haupte zuſammen, wüthender tobte der Sturm um den würdigen Kaiſer, ſelbſt des Vaticanes Blitz ſchlug praſſelnd auf ihn nieder— der Hohenſtaufe ſtand ruhig wie ein Gott und un⸗ erſchüttert wie des Weltalls ewig feſte Stütze. Ein neuer Kampf begann. Was Waffen tra⸗ gen konnte, griff nach dem Schwerte. Hie Welf! hie Ghibellin! hallt' es von allen Seiten wieder, III. 11 242 und ganz Italien ward zum Schlachtgefild. Ich wurde durch meines Kaiſers Gnade der erſte Füh⸗ rer und— bei Gott! ich darf es ſagen— ich machte dem Vertrauen keine Schande. Da traf auch mich der Bann. Doch unſre Heere frugen nicht darnach und drangen ſiegreich in der Feinde Lande. Ferrara fiel, die ſtolzeſte der Städte, ihm folgte Orta, Corneto, Tuscanella, Civita⸗Caſtel⸗ lana, Sutri, Montefiascone, Viterbo ſelbſt und viele andere mehr. Die Seeſchlacht bei Melvria krönte unſre Siege. Vier Tauſend Gefangene führte ich dem Kaiſer zu, an zwanzig Schiffe waren meine Beute, und in den Händen hielt ich, wohl verwahrt, des deutſchen Kaiſerhauſes allerärgſte Feinde. Ha! wie mein Herz da ſchlug, ich fühlte mich des Glückes werth, des tapfern Friedrich's Sohn zu ſein. O Ruhm! o ſchöne Tage ſtolzer Kriegesehre! wo ſeid ihr hin?— wie wenig haben ſich die Hoff⸗ nungen erfüllt, die damals mir das volle Herz ge⸗ ſchwellt! Enzio ſchwieg. Von den Gefühlen der Erin⸗ nerung überwältigt, verſank der König in ein trü⸗ bes Sinnen. Da ſtrich der Liebe Hand die falten⸗ reiche Stirne ſchmeichelnd glatt. Nicht ſo, mein Enzio! lispelte Lucia, verdie⸗ nen denn die Lorberen, die du pflückteſt, dieſe Trauer? WVie ſtolz bin ich, daß ſolch ein Held . mich liebt, wie ſtolz wird einſt die Nachwelt auf dich blicken und ſagen: er war größer als ſein Geſchick. Der Gefangene ſchloß ſein Mädchen heftig in die Arme, küßte die ſchöne Stirn und rief: Die Liebe iſt ein holder Letheſtrom, deſſen Wel⸗ len alle Sorgen, allen Kummer wohlthätig weg⸗ ſpülend uns von den dürren Geſtaden des gemei⸗ nen, wilden Lebens hinübertragen in das Land der reichſten Seligkeit. Dank dir, daß du mich hin zu ſeinen Ufern führteſt, noch einmal will ich rück⸗ wärts ſchauen und dann in vollen Zügen ſeine Fluten ſchlürfen. Des Kaiſers Macht hatte in Italien den höch⸗ ſten Punkt erreicht. Gregor M ſtarb und mit ihm ſchwieg der römiſche Streit. Doch einem Herrſcher iſt auf der Erde Ruhe nicht gegönnt; dies weiß, wer eine Krone trägt— wie aber beugen ſieben Diademe nieder! Während hier die römiſch⸗deutſche Macht befeſtigt war, erſcholl von Norden her ein Schrei der Angſt und des Entſetzens, der ſelbſt Italien zittern machte. Die Mongolen waren in Deutſchland eingefallen und würgten— Alles vor ſich niederwerfend— mit nie gehörter Grauſam⸗ keit, was ihnen in die Hände fiel. Von der Bar⸗ baren Heere verwüſtet lag das Reich bis an die Donau hin und ſchnelle Hülfe forderten die Für⸗ 244 ſten. Da ſandte mich der Kaiſer nach dem Lande meiner Ahnen, das ich um jene Zeit zum Erſtenmal erblickte. Ich hielt es hoch, da es der Hohenſtau⸗ fen Wiege war und Biederkeit und Kraft in ſei⸗ nen Grenzen wohnte; doch zog es bald zum blauen Himmel mich zurück. Der vereinten Kraft erlagen die Mongolen, nach hartem Kampfe war das Reich gerettet und heimwärts, heimwärts kehrten unſre Schritte. Aber ein neuer Sturm drohte unſerem Hauſe. Den heiligen Stuhl beſtieg der Cardinal Fiesco als Innocenz IV. Fiesco war meines Vaters Freund— der heilige Vater blieb der Feind der Hohenſtaufen. Sein Zorn traf Friedrich ſchwer, denn Wunden, die das Schickſal ſchlägt, vernarben bald; wenn aber Undank und Unverſöhnlichkeit das Herz zerreißen, ſo klafft und eitert das hartverletzte ewig fort. Nur ein ſchöner Stern blinkt mir freundlich aus jenen Zeiten her. Es war der Tag, an dem ich zu Verona meinen großen, herrlichen Kaiſer— meinen liebevollen Vater— wiederſah. Hoch und ſtolz ſchlug mein Herz, als mich ſein Arm umfing, und alle Noth des Krieges und des Lebens war vergeſſen. Schön war die Zeit, doch nur zu kurz. Und wie der Bach, wenn er des Felſen höchſte Wand erreicht, nun jähling ſtürzet in des Abgrunds 245 Nacht, ſo riß von nun an uns das Schickſal allge⸗ waltig in des Unglücks Tiefe. Enzio hielt ein. Seine Augen flammten, zum Kampf geballt war ſeine nervige Hand, hoch ging die Bruſt und glühend ſchoß das Blut durch alle ſeine Adern. Lucia ſtaunt entzückt ihn an, denn einem Weib gefällt die ſtolze Kraft des Mannes. Nachdem der König aber ſich erholt und be⸗ ruhigt hatte, fuhr er alſo fort: Zwei Heere ſtellten wir der ganzen Macht Italiens entgegen; denn überall in Süd und Nord, in Oſt und Weſten waren die Feinde uns erſtan⸗ den. Vaſallen und Städte fielen ab; Treu' und Verſprechen galten nicht mehr, ja Schwur und Eid waren nur luftige Worte. Um Parma ward ge⸗ kämpft und Modena rief endlich meine Hülfe gegen Bologna auf. Ich folgte der Geſandten Ruf, die Bittende von harter Schmach zu retten. Hülfe that Noth. Ich eilte mit einem Theile meines Heeres und der Verſtärkung, die Modena mir ſandte, den Streitern deiner Vaterſtadt entgegen, deren Kräfte durch die Hülfstruppen des lombar⸗ diſchen Städtebundes zu einer furchtbaren Macht gewachſen waren. Kühn pochte mein Herz und unverzagt, wie immer, ſchlug ich den wohlge⸗ meinten Rath der Freunde aus, den müden 246 Truppen Ruhe zu gewähren. Mich trieben Tha⸗ tendurſt und Ehre und ſo vergaß ich in jugend⸗ lichem Ungeſtüm, daß ich zum großen Theile Söldner mit mir führe. Dort, wo die Foſſalta ſchäumend über Felſen brauſt, kam es zur Schlacht. In meinem Plane lag es, die Feinde unbemerkt zu überfallen; ein falſcher Freund, von Goldesklang verführt, verrieth die Liſt und Filippo Ugone empfing uns, wohl⸗ gerüſtet mit tapferem Widerſtand. Ein harter Kampf begann, von beiden Seiten ſchlug man ſich mit Wuth, und blutige Arbeit machten meine Scha⸗ ren. Da rückten, unter Antonio Lambertacci, zwei Tauſend neue Streiter in das Lager der Bolog⸗ neſer ein. Mein Volk war müde, jenes friſch, die Macht des Feindes meinen Kräften überlegen. Kalte Beſonnenheit konnte nur zum Verderben, Kühnheit und Tapferkeit allein zum Siege führen. Raſch war der Entſchluß gefaßt. Vorwärts! rief ich den ſieggewohnten Scharen zu und unterm Schmettern der Poſaunen und der Hörner Heulen ſtürz' ich mich auf den Feind. Die Sonne ſank und noch war nichts entſchieden. Unmenſchlich wühlt der Tod und klafft aus tauſend Wunden; in Strö⸗ men fließt das Blut, daß die Foſſalta ſelbſt, gleich einer aufgeſchlitzten Ader der Mutter Erde, in rothen Wellen ſchäumt. Da traf ich endlich auf 247 Lambertacei, den ich längſt geſucht. Die Schwer⸗ ter klirren freudig an einander, im langen, wüthend⸗ wilden Kampf. Doch wie ich eben, nach des tapfern Gegners Herzen zielend, aushole— ſtürzt mein Pferd. Ich bin gefangen, wenn nicht mit Blitzes⸗ eile Hülfe naht. Da ſehen die Deutſchen ihren Feldherrn ſinken, wie Löwen brechen ſie in den Feind— und ich bin frei! Aber die Modeneſer, durch meinen Fall erſchreckt, ergriffen feig die Flucht. Was hilfts, daß meine Deutſchen wie ver⸗ zweifelt fechten, die Flüchtigen verwirren unſre Scharen; vergebens tönt mein Ruf, vergebens meiner Feldherren Aufgebot, in dem Getümmel geht der Laut verloren. Die Deutſchen ſinken kämpfend, Mann für Mann.— Umſonſt! in wilder Flucht zerſtreuen ſich der feigen Söldner Maſſen. Die Nacht bricht ein, da muß ich endlich ſelber fliehen. Mein Pferd verfehlt den Weg, ein Dickicht hält mich auf und mit dem Morgen ſeh' ich mich ge⸗ fangen. Enzio ſchwieg abermals eine Weile, dann ſetzte er finſter hinzu: Wer vermöchte wol ſolch ein Unglück zu ver⸗ ſchmerzen? Der Freiheit Verluſt hat das Mark der Kraft in meinem Innern aufgezehrt. Ich bin der Enzio nicht mehr, der ich war; der iſt ge⸗ ſtrichen aus dem Verzeichniß der Lebendigen; ich 248 bin ein elend Nichts— ein Kind— ein Ster⸗ bender! Du biſt ein Held! rief Lucia freudig aus, und wirſt den ſpätſten Zeiten ein Muſter wahrer Größe ſein. Dein bin ich Lucia, dein! entgegnete der Kö⸗ nig, in deinem Arm will ich vergeſſen, was ich war, an deinem Herzen wrill ich neugeboren zu neuem Leben auferſtehen! — 14. Der Liebe Wagniß. Staunt im Veſuve Gottes Wunder, Pflanzt dran der ſüßen Reben Zaun! Doch wer hieß euch ſo nah dem Zunder Rings eure morſche Hütte baun? A. Grün. In ſolch traulichen Geſprächen bald heiterer, bald ernſterer Natur verfloſſen den Liebenden oft halbe Nächte. Die Leidenſchaft, in der ſie ſich vereinig⸗ ten, wuchs immer mächtiger und beherrſchte end⸗ lich ihr ganzes Sein ſo gewaltig, daß alle Kör⸗ per⸗ und Geiſteskräfte, daß ſämmtliche Fune⸗ tionen ihres Seelenlebens nur dieſe eine Richtung nahmen. Luria achtete dabei ſcharf auf Alles, was ſich in des Geliebten Kerker zutrug und irgend eine ferne Veranlaſſung zur Flucht geben konnte. Wo Niemand einen Ausweg gefunden, hatte ſie bald ein Rettungsmittel entdeckt und ihren Plan ent⸗ worfen. Wol ſah ſie die Maſſe der Schwierig⸗ keiten, die ſich ihr entgegenſtellten, klar vor Augen; erkannte deutlich genug die Gefahr, welche Enzio, 1 250 ſie und die Freunde, bei der Ausführung umſchwe⸗ ben würde; dennoch ſchrak ſie nicht zurück, ſondern ſteuerte muthig und entſchloſſen dem angeſtrebten Ziele entgegen. Dabei verſchwieg ſie ihr Vorhaben vor der Hand Jedem, ſelbſt dem König, um erſt dann mit demſelben hervorzutreten, wenn alle Vor⸗ kehrungen getroffen ſeien und ſie ſich des Gelingens gewiß halten könne. Lucia hatte nämlich bemerkt, daß jener Wein⸗ küper, deſſen wahnſinniges Weib bei dem Einzuge Enzio's einen ſo unangenehmen Auftritt herbeige⸗ führt, von Zeit zu Zeit ein nicht unbedeutendes Weinfaß in den Palaſt des Königs bringe und daſſelbe— behufs der Bankette, welche der Ge⸗ fangene oft zahlreichen Geſellſchaften gab— in dem Vorſaale niederlegte. War das Faß nach ei⸗ nigen Tagen geleert, holte es der rieſige Menſch wieder ab und trug es auf ſeinem Rücken unge⸗ hindert nach Hauſe. Dieſe Bemerkung erzeugte in dem Mädchen den kühnen Gedanken, den geſangenen König auf demſelben Wege zu befreien, zumal da ſie Filippo, den Weinküper, nicht allein gut kannte, ſondern der⸗ ſelbe ihr auch ſehr verpflichtet war und, wie ſie wußte, mit ganzer Seele an ihr hing. Deſſenungeachtet war das Unternehmen ſchon in ſeinem erſten Theile ſehr gewagt. Sie mußte nämlich ſich vor allen 251 Dingen Filippo entdecken und demſelben ihr Vor⸗ haben geſtehen. Gegen ihre Liebesabenteuer hätte nun zwar der Küper gewiß nichts gehabt und die⸗ ſelben wol, wenn Lucia es gewünſcht, auf alle Weiſe unterſtützt; aber ob er in den Plan eingehen würde, den Todfeind der Vaterſtadt, den Gebannten, die Hoffnung der Ghibellinen zu befreien, war eine große Frage, die um ſo gewichtiger wurde, als Lucia ſich des wüthenden Haſſes entſann, mit wel⸗ chem des Küpers Weib bei dem Triumphzuge den König angefallen. Indeſſen blieb keine Wahl. Kein anderer Aus⸗ weg zeigte ſich den Augen des Mädchens und ſo entſchloß ſich Lucia zu dem Wagniß. Es war an einem Morgen, wenige Tage nach⸗ dem ſie aus dem Munde des Geliebten deſſen Ju⸗ gendſchickſale vernommen, als ſie ſich zu Filippo be⸗ gab, der in einem der Hintergebäude ihres älterlichen Palaſtes wohnte. Da die ſchöne Viadagoli wohl wußte, daß bei allen Unterhandlungen und Strei⸗ tigkeiten das Geld ein Hauptargument ſei, ſie aber leider keines eigen beſaß, ſo hatte ſie ſchon vor⸗ her den Schmuck ihrer verſtorbenen Mutter, ihr einziges Hab und Gut, heimlich verkauft. Sich von dem Schmucke— als ſolcher— zu trennen, war ihr leicht geworden, und die Thränen, welche ihr in die Augen traten, als ſie denſelben dem 252 Käufer reichte, galten einzig dem Andenken der guten Todten. Aber auch dieſer Schmerz ſtarb an dem freudigen Gedanken, daß ſie ja dies Opfer ihrem Enziv bringe, daß der Zweck dieſer Entäuße⸗ rung eines heiligen Andenkens eine edle That ſei. Durch dies Bewußtſein geſtärkt, zugleich aber auch durch die Angſt vor dem Mislingen ihres Vorhabens getrieben, beflügelte Lucia ihre Schritte. Sie fand Filippo vor ſeinem Hauſe auf einer Stein⸗ bank im Schatten ruhen. Der Küper hatte ſich behaglich, ſeiner ganzen Länge nach, hingeſtreckt. Auf dem Bauche liegend, den Kopf in die Hände, die Vorderarme auf die Ellbogen geſtützt, ſchauten die ſchwarzen, ſtechenden Augen, die verſchmitzt aus dem gelbbraunen Geſichte hervorleuchteten, unbe⸗ weglich und gedankenlos nach einem Punkte. Er bemerkte Lucia nicht eher, als bis ſie dicht vor ihm ſtand, und ſelbſt da erhob ſich ſeine koloſſale Geſtalt nur langſam und ſchwerfällig aus der faulen Lage. Sobald er aber wieder auf den Füßen ſtand, grüßte er Lucia auf das ehrerbietigſte, und das freund⸗ liche Lächeln und die blitzenden Augen verriethen dem Mädchen, daß ſie willkommen kam. Gelobt ſei die heilige Jungfrau! ſagte der Alte erfreut, ein ſo ſchöner Beſuch am Morgen bedeutet einen glücklichen Tag. Welchem Wunder aber verdanke ich die Ehre, Euch, Signvra, meine Wohlthäterin, bei mir zu ſehen? Oder gilt wol gar Euer Beſuch meiner armen Alten? Ich kann Euch nicht zu ihr führen, denn ſie tobt wieder und da hab' ich ſie eingeſperrt. Der Beſuch, Filippo gilt eigentlich dir! ent⸗ gegnete das Mädchen, die Angſt ſeines Herzens mühſam verbergend; aber da du doch von deinem Weibe angefangen, ſo erzähle wir, was ſie zu dem ſonderbaren Auftritte bei dem Einzuge des gefange⸗ nen Königs veranlaßt. Es iſt freilich ſehr lange her; aber ich hatte mir ſchon damals vorgenom⸗ men, dich hierüber zu fragen, und vergaß es nur über wichtigere Dinge, die mich ſeitdem in An⸗ ſpruch nahmen. Ach, daran war ich ſelbſt zum Theile ſchuld, entgegnete ärgerlich Filippo. Warum ſchloß ich die Unglückliche nicht vorſichtiger ein. Ihr wißt ja, in welchem Zuſtande ſie ſich oft befindet, und kennt die Urſache davon. Den Grund ihrer Geiſtesſchwäche kenne ich nicht! verſetzte Lucia. Nicht? rief der Küper. Nun, da ſieht man wieder aufs neue, welch ein Engel Ihr ſeid. Ihr habt mich und die Alte aus Elend und Noth ge⸗ rettet, uns eine Wohnung und mir Nahrung ver⸗ ſchafft, und nicht einmal darnach gefragt, was uns an den Bettelſtab gebracht. Wahrlich, Signora, ſo wahr ich ein guter Chriſt bin, dies vergeſſe ich Euch nie!— Die Verzweiflung hatte mich ſchon erfaßt, ich war Willens, meinem elenden Leben ge⸗ waltſam ein Ende zu machen, da erſchient Ihr mir wie ein guter Engel und rettetet Leib und Seele. Dafür aber gehöre ich Euch nun an und ſolltet Ihr mein je bedürfen, ſo fordert von mir, was Ihr wollt, ich gehe für Euch durch Feuer und Waſſer! Ich halte dich beim Wort, Filippo! entgeg⸗ nete Lucia, erfreut durch dieſe Aeußerung, und zwar auf der Stelle. Jetzt bin ich in Gefahr, die Unglücklichſte aller Sterblichen zu werden, wenn du mir nicht beiſtehſt. Ihr, Signora? lachte der Küper ungläubig, Ihr? die Unglücklichſte der Menſchen? Ihr? ſo ſchön und liebenswürdig, daß ganz Bologna Euch huldigt? Ihr wollt mich wol auf die Probe ſtel⸗ len? Thuts immer, ſie wird zu meiner Ehre aus⸗ ſchlagen; denn bin ich gewöhnlich auch etwas be⸗ quem und mürriſch, ſo bin ich doch bei Euch ein ganz anderer Menſch und weiß Wort zu halten. Filippo! rief Lucia beklommen, die Probe iſt ſchwer und gefährlich; führſt du ſie aber aus, biſt du ein reicher, angeſehener Mann. 4 Der Küper wußte noch immer nicht, woran er war. Sind wir hier ganz unbelauſcht? frug Lucia weiter. Wie im Beichtſtuhl! entgegnete der Gefragte. In dieſem Häuschen befindet ſich Niemand als meine Alte, und die faſelt nur von Enzio und hört uns nicht. Von wem ſpricht dein Weib? lispelte das Mädchen erſchrocken. Von dem verdammten Ketzer, dem gefangenen Sohn des Kaiſers! entgegnete finſter und mit zorn⸗ flammenden Augen der Küper. Lucia war erblaßt. Sie wollte reden, aber das Wort erſtarb ihr auf den Lippen. Von Enzio? ſtammelte ſie endlich kaum vernehmbar. Von Enzio, dem du den Wein beſorgeſt?... Daß es Gift wäre! rief Filippp. Meinem be⸗ kannten Haß gegen das verruchte Geſchlecht der Hohenſtaufen verdanke ich dies widerliche Amt. Lucia hatte Mühe, ſich nicht zu verrathen. Die ſchönſte, ja jetzt die einzige Hoffnung ihres Lebens ſank vor ihren Augen in den Staub, da der Mann, durch welchen ſie des Gefangenen Rettung aus⸗ führen wollte, deſſen ärgſter Feind zu ſein ſchien. Aber ſie raffte noch einmal alle Energie ihrer Seele zuſammen und wiſſend, welchen Einfluß ſie auf Filippo übe, welche Macht Ueberraſchung und ein entſchiedenes Auftreten habe, rief ſie, ſich leiden⸗ ſchaftlich raſch erhebend, mit gebietendem Tone: Und gerade dieſen Mann, Filippo, mußt du mir retten! Der Küper bebte drei Schritte zurück; er war durch Lucia's Hoheit eben ſo erſchüttert, als durch deren Zumuthung, die er misverſtanden zu haben glaubte. Wen— wen— poll ich retten? frug er halblaut mit vor Schrecken fahlem Antlitz. Enzio! entgegnete feſt und unerſchrocken Lucia, die im Augenblick der Gefahr ihre Kraft wieder⸗ gefunden hatte, den gefangenen König von Sardi⸗ nien. Dem Küper fehlte hierauf die Antwort. Er fühlte nach ſeinem Kopfe, ſich von ſeinem Wachen zu überzeugen. Dann ſchaute er ſeine Wohlthäte⸗ rin forſchend an, als ob er für deren Verſtand fürchte. Du ſchweigſt, Filippo? fuhr Lucia nach einigen Minuten in milderem Tone fort, iſt dieſe Probe ₰ für deine Dankbarkeit zu ſchwer? Signora! rief der Angeredete verlegen, der Scherz hat mich ſo ſehr erſchreckt, daß ich noch bebe. Wer ſagt, daß es Scherz ſei? Ich liebe den König, ich habe ihn zu retten geſchworen, und du 257 wirſt mir, wenn du nicht anders dein Wort feig zurücknimmſt, behülflich ſein. Madonna, ſeid Ihr denn wirklich Lucia Viada⸗ goli? ſeid Ihr das liebe gute Mädchen? Du bringſt von Zeit zu Zeit ein Faß Wein in des Königs Zimmer, fuhr Lucia, ohne ſich ſtören zu laſſen, fort, und trägſt es, wenn es geleert iſt, wieder heim. In dies Faß wird ſich der König bergen und ſo durch dich aus dem Palaſte ent⸗ kommen. Für das Weitere, ſowie für dich ſelbſt und deine Sicherheit werd' ich Sorge tragen. Nein, Signora! rief hier aus ſeinem verlege⸗ nen Staunen erwachend, der Küper, das werde ich nicht thun. Erdroſſeln will ich ihn, aber nicht befreien. Nicht, Filippo? frug Lucia mit königlicher Hoheit in Ton und Geberde. Wohl, ſo gehe hin, du feiger Prahler und kröne deine Undankbarkeit damit, daß du mich und meinen Plan der Repu⸗ blik verräthſt. Mögen ſie dann uns Beide tödten, um ganz ſicher zu ſein, ich werde mit Freude ſter⸗ ben; denn ich ſterbe für meine Liebe und in dem Bewußtſein, meine Seele nie durch Undank be⸗ fleckt zu haben. Sie hatte dieſe Worte mit einer Ruhe und Würde geſprochen, die Filippo tief in das Herz ſchnitten. Signora! rief er ſchmerzlich aus, und warf ſich ihr zu Füßen, verkennt mich nicht. Fordert Alles— fordert das Leben von mir, nur nicht, daß ich Enzio rette! Ich will ſchweigen, aber entſagt dem gefährlichen und hochverrätheriſchen Plan! Nimm dieſe Summe, fuhr Lucia fort, ſie iſt bedeutend, ſie macht dich reicher, als du je ahnen konnteſt, es zu werden, und ſie ſei nur ein Gedanke Deſſen, was du erhalten ſollſt, wenn Enzio, der König von Sardinien, der Erbe Friedrich II, frei iſt. Filippo fühlte hier einen ſchweren Beutel in ſeine Hände gleiten. Es war Gold. Er ſtaunte es verwirrt an, die Haobſucht erwachte in ſeiner Bruſt; aber der Haß bekämpfte ſie. Eine Erinne⸗ rung ſchien ihn zu durchzucken. Nein! rief er aber⸗ mals heftig und wies das Geld zurück; es iſt Sün⸗ dengeld. Enzio iſt ein Ketzer, iſt Bolognas Feind und ſein Vater trägt die Schuld all meines Elends. Hab und Gut verlor ich durch ſeiner Krieger Schwert und meines Weibes Söhne fielen durch ſeiner Henker Hände, ihr ſelbſt aber zerſtörte der unmäßige Schmerz den Geiſt. Soll ich dem Sohne nun zum Retter dienen, wenn mich des Vaters Fuß zertrat? Und ſoll der Sohn in ewigem Jan was nicht einmal der Vater, wa ſchuldet? rief Lueia leidenſchaftlich aus. Mich ſollſt du retten, mich! die Enzio liebt; ſollſt meinen Gatten mir befreien helfen, denn wiſſe nur: ich bin ſein Weib! Filippo war erſtarrt. Er ſchlug ängſtlich ein Kreuz und ſtammelte: ſein Weib!?— des Ketzers, des Gebannten Weib? Ja, Filippo! wiederholte Lucia bewegt mit jener ſanften ſeelenvollen Stimme, die, nur ihr ei⸗ gen, tief in das Innerſte der Herzen drang, ich bin vor Gott ſein Weib. Willſt du mich nun ewig von ihm getrennt wiſſen? Willſt du haben, daß Die, welche dir einſt das Leben rettete, der Verzweif⸗ lung hingegeben, das ihre durch frevelhaften Selbſt⸗ mord ende? O nein, nein, Filippo! das kannſt, das willſt du nicht. Du biſt ein Mann von Ehre, der ſein Wort nicht wie ein Knabe zurücknimmt; du haſt Muth genug, das Wagniß zu unterneh⸗ men, vor dem ein Feiger nur erbeben könnte. Jetzt iſt es Zeit, das Verſprechen zu löſen, das du mir an jenem Tage gabſt, als ich dich in dieſe Woh⸗ nung führen ließ, und welches du vor wenigen Minuten erſt erneuert. Mit Schätzen wird dich Enzio überſchütten und dir vergüten, was ſein Vater willenlos an dir verbrach. Wie wird das Reich, wie wird die ganze Welt dich als den Ret⸗ ter jenes armen Gefungenen preiſen! Wie will ich 260 dich bis an dein Ende mit der Liebe eines Kindes pflegen, dir jeden Wunſch ablauſchen und dich auf den Händen tragen! Ja, ja, fuhr ſie begeiſtert fort, des finſtern Mannes Hand ergreifend, ich ſehs in deinen Augen, du ſtößſt mich nicht von dir, du biſt ſo edel zu vergeſſen, zu vergeben. Du retteſt mir den Mann, an deſſen Leben und Freiheit mein Daſein hängt, und gibſt durch dieſe That mir tau⸗ ſendfach zurück, was ich bisher an dir und deinem Weib gethan! Lucia ſchwieg; aber ihr wundervolles Auge, von Thränen feucht, blickte den Küper ſo flehend an, daß er nicht widerſtehen konnte. Verwirrt von ihrer Schönheit, ihren Bitten, kämpfte der Haß nur noch ſchwach gegen ſeine alte Anhänglichkeit. Auch mochte der ſchon erhaltene und noch ver⸗ ſprochene reiche Lohn des Italieners Eigennutz er⸗ regen. Kurz er gab nach und ſagte nach kangem Schweigen finſter: Es ſei, Signora, ich will den Haß, aus Dankbarkeit für Euch, bezwingen. Wohl fühle ich, daß ich Unrecht thue; aber wer kann Eurer Schönheit und Euern Bitten widerſtehen? Lucia jubelte. Es hätte wenig gefehlt, ſo wäre die Heftige dem Alten um den Hals gefallen. Filippo! rief ſie freudetrunken, edler, braver, herrlicher Mann, wie ſoll ich di danken! Ach, du 6 kennſt Enzio nicht, ſonſt würdeſt du dich mit mir freuen, daß ſolch einem edlen Herzen die Freiheit wieder tagen wird. Geniach! unterbrach ſie der Küper warnend, frohlocket nicht zu früh. Ich habe Euch meine Dienſte zugeſagt, wenn Ihr mir vorher Sicherheit für meine und meines Weibes Zukunft gebt. Auf mich und meine Treue könnt Ihr zählen; aber das Unter⸗ nehmen iſt mehr als kühn. Mögen die Heiligen uns nicht dafür ſtrafen, daß wir den Ketzer retten! Lucia beruhigte den Alten noch völlig wegen ſeiner Zukunft und vertraute ihm die Mitwiſſen⸗ ſchaft Aſinelli's an, was nicht wenig dazu beitrug, ſeine Gewiſſensbiſſe und Zweifel über dies Unter⸗ nehmen niederzuſchlagen. Als das Weitere ſodann verabredet, eilte ſie nach Hauſe. Noch nie hatte Lucia die Stunde, in welcher ſie Pietro für den nächtlichen Beſuch abzuholen pflegte, mit ſolcher Ungeduld erwartet. Aſinelli war freudig durch Lucia's Plan über⸗ raſcht. Er konnte kaum begreifen, warum er ſelbſt nicht ſchon lange auf dieſe Idee gekommen ſei, die er vortrefflich fand. Geld und Geldeswerth hielt Pietro, aus ſeinen reichen Mitteln ſchöpfend, nicht 8 allein für dieſen Fall ſchon lange bereit, ſondern er war auch ſo vorſichtig geweſen, im Stillen bedeu⸗ tende Summen nach Cremona zu ſenden, in welcher 262 Stadt einer ſeiner nächſten Anverwandten das Podeſtaamt begleitete. Dorthin ſollte auch, im Fall einer Flucht, der Weg genommen werden. Außerdem hatte Aſinelli ſeinen Freund Rainerio di Gonfalonieri mit in das Geheimniß gezogen und denſelben durch die Ausſicht auf eine glänzende Laufbahn an der Seite des ſo viel verſprechenden jungen Königs, für ſeine Abſicht gewonnen. Alles war daher bereit und das Unternehmen konnte jeden Augenblick ausgeführt werden, wenn nur der Gefangene ſelbſt ſich damit einverſtanden erklärte. Enzio hatte aber bis jetzt jedes derartige An⸗ erbieten Aſinell's— Lucia ſchwieg von ihren Plä⸗ nen— ſtets entſchieden abgelehnt. Nicht aus Furcht oder unedlem Verzweifeln an ſich und ſei⸗ nem Schickſale; ſondern weil er einſah, daß jeder Verſuch, bei der Strenge, mit welcher er bewacht w„, vergebens und zu gefährlich für Lucia und ſein Freunde ſei. Dagegen waren in der letzten Zeit die Nach⸗ richten von der immer wachſenden Bedrängniß riedrichs 1l ſelbſt bis in den Kerker Enzio's ge⸗ rungen und tönten ſo mahnend in der Bruſt des jungen Helden wieder, daß dieſer mit Einemmale aus jener künſtlichen Betäubung, in welche er ſich durch Philoſophie gewiegt, erwachte. Mächtiger als je regte ſich in ihm der Wunſch, die Macht und den alten Glanz der Hohenſtaufen wieder aufzu⸗ richten und zu erneuen. Das Bild ſeines großen Vaters trat vor ſeine Seele, er fühlte ſich wieder ſtark genug, einer ganzen Welt entgegen zu treten, und der Gedanke an ſeine Liebe entflammte nur noch mehr ſeinen Muth und ſeinen Thatendurſt. Mit anderen Gefühlen als ſonſt vernahm da⸗ her der König jetzt aus Lucia's Munde die Nach⸗ richt von Demjenigen, was die Geliebte für ihn gethan. Er ſtaunte, er war entzückt von ſo viel Liebe, Muth und Aufopferung; er geſtand, wie ſehr er jetzt ſelbſt wünſche, frei zu ſein, um wieder in das Geſchick der Welt mit ſtarkem Arme eingreifen zu können; er malte ſich die Zukunft um ſo ſchöner aus, als ihm in derſelben die Möglichkeit lachte, Lucia, Aſinelli und alle treue Freunde reich beloh⸗ nen, die viele Liebe ſo guter Menſchen einigermaßen vergelten zu können.— Aber das Unternehmen war ſehr gewagt. Es ſtand Alles auf dem Strel, es konnte Alles gewonnen, aber auch Alles ver⸗ loren werden. Enzio gedachte ſeiner Liebe, gedachte Lucia's und Aſinelli's. Hätte das Wagniß ihn al⸗ lein betroffen, er würde keinen Augenblick ange⸗ ſtanden haben; ſo aber konnte der Gefangene, der für die Welt ſchon Todte, nur wenig, die Freunde aber um ſo mehr— verlieren. „ 264 Dieſe Gedanken und die anſtürmenden Bitten Lucia's und Aſinelli's quälten und marterten den König unendlich. Die Flehenden hatten indeſſen in Enzio's neu erwachtem Thatendurſt einen ge⸗ wichtigen Verbündeten und ſo trugen ſie endlich nach langem Kampfe den Sieg davon. Der Ge⸗ fangene willigte in die Flucht und erklärte ſich be⸗ reit, in den Plan Luria's einzugehen. Das Faß ſtand ſchon ſeit einigen Tagen in dem Vorſaale und war bereits beinahe geleert, ſo daß man den kommenden Abend zur Ausführung des großen Werkes beſtimmen konnte. Aſinelli ſollte mit Filippo dem Könige in ſein Verſteck helfen, der Küper das Faß in der Däm⸗ merung auf ſeinem Rücken aus dem Palaſte brin⸗ gen und Gonfalonieri unweit des Thores mit den zur Flucht bereiten Pferden harren; Lucia aber Aſinelli in ihrer Wohnung erwarten, um nach ge⸗ lungener That die Stadt auf einem anderen ge⸗ heimen Wege zu verlaſſen. Cremona wurde als das erſte Ziel der Flucht beſtimmt. Somit war für Lucia und Enzio der Augen⸗ blick der Trennung gekommen. Sie ſtanden, wie die beiden anweſenden Freunde und Mitverbünde⸗ ten, an einem Wendepunkt ihres Lebens, wohl wiſſend, welcher Abgrund zu ihren Füßen ſich öffne. Drüben lag Leben, Liebe, Ehre, Ruhm und jedwedes —— 265 Glück; aber hinüber führte nur ein ſchmaler, ge— fährlicher Steg. Ein Fehltritt— und Alle ſtürz⸗ ten zerſchmettert in die Tiefe. Wie drückend, wie entſetzlich bang laſtet in ſolch entſcheidenden Momenten das Gefühl der Schwäche, die Nacht der Zukunft nicht durchſchauen zu können, auf dem menſchlichen Geiſte! Wie ſehnt er ſich nach Gewißheit, wie ungeduldig möchte er die langſam ſchleichenden Stunden überſpringen! Jahre ſeines Lebens opferte hier der Sterbliche gern, für einen Blick in den Plan des Ewigen.— Umſonſt!— Von Hoffnung, Furcht und Zweifel auf die Folter geſpannt, muß er das Urtheil, das ihn zum Gott macht oder vernichtet, unter Qualen erwarten. Eine ernſte, feierliche Stimmung er⸗ faßt alsdann den Menſchen; das Bewußtſein ſeiner Nichtigkeit durchrieſelt ihn, denn vor ihm, dem Armſeligen, ſteht, in ſeiner ganzen furchtbaren Größe, das verhüllte Schickſal, das alle Welt in ſeinen Händen trägt und mit einem leiſen Druck ganze Nationen vernichtet. Der König und die ihn Umgebenden befanden ſich in dieſer Lage. Alle ergriff, als ſie das Nöthige völlig abgeredet, jene Stimmung ſo mächtig, daß ſie, von derſelben überwältigt, eine Zeitlang ſchwie⸗ gen. Aber die Blicke eines Jeden frugen: Wer⸗ den und wie werden wir uns wiederſehen? II. 12 Enzio unterbrach die Stille zuerſt. Er reichte Lucia und ſeinen Freunden die Hände und ſagte ernſt: Das gefährliche Werk iſt beſchloſſen, laßt es uns muthig, aber auch beſonnen ausführen. Ich fühle tief, was ich euch Allen ſchulde, ich werde dieſe Schuld— ſo weit dies möglich— wenn ich frei, wenn ich König bin, zu tilgen ſuchen. Von dir aber, Lucia, du Inbegriff der Liebe und der Treue, von dir kann ich ſo nicht ſcheiden. Ich hoffe mit Gewißheit auf einen glücklichen Ausgang un⸗ ſeres Unternehmens und dann ſoll alle Welt deiner Schönheit, deiner Liebenswürdigkeit huldigen und geſtehen: König Enzio iſt der Glücklichſte der Sterb⸗ lichen, denn Lucia iſt ſein Weib, iſt ſeine Königin. Aber, wir ſind Menſchen und der Schritt, den wir thun, iſt gewagt. Er kann misglücken. Es iſt die Möglichkeit vorhanden, daß wir uns nie, oder viel⸗ leicht nach längerer Trennung wiederſehen. Du haſt mir Alles geopfert, haſt voll unenblicher Liebe deine ganze künftige Eriſtenz an mich gekettet;— ſo iſt es denn meine Pflicht für dich zu ſorgen, deine Zukunft für jeden Fall, ſo weit ich es unter den obwaltenden Umſtänden kann, zu ſichern. Knie nieder, Lucia Viadagoli! fuhr er hier in feierlichem Tone fort, ſeine Geſtalt voll Hoheit aufrichtend: Wir, Enzio, König von Sardinien und Corſica, erheben dich, kraft Unſerer königlichen Majeſtäts⸗ rechte, vor Gott und dieſen Edlen, Pietro di Aſi⸗ nelli und Rainerio di Gonfalonieri, in den Grafen⸗ ſtand unſeres Reiches und verleihen dir und deinen Nachkommen für alle Zeiten, eingedenk der erſten Worte, mit welchen Wir dich einſtens begrüßten und die dir ewig Unſere Geſinnungen zurückrufen mögen, den Namen Bentivogliv. Auch fügen Wir dieſer Erhebung die Schenkung der Herrſchaften Gallura und Oriſtan, nebſt allen Rechten und Ein⸗ künften derſelben, als ewiges Beſitzthum bei. Steh auf, Gräfin Bentivoglio! rief dann der König und reichte der Weinenden liebevoll die Hand, noch haben Wir ein Größeres zu thun. Was Gott zuſammenfügt, das ſoll der Menſch nicht tren⸗ nen! Uns hat die Liebe, dieſer Himmelsfunken, uns hat ein wunderbares Schickſal einander zuge⸗ führt. Tief in dem Innerſten erkannten wir, daß unſere Herzen für einander geſchaffen waren, und knüpften ſo den heiligen Bund der Liebe. Nach Chriſtenſitte befeſtigt und beſtätigt Prieſterhand in unſern Staaten dieſen Bund. Uns macht der Zu⸗ fall es unmöglich, dieſen Segen einzuholen. Wir wenden Uns daher, vor dieſen Zeugen, an den Allmächtigen ſelbſt, und ſchwören vor Ihm, deß all⸗ ſehendes Auge die Wahrheit Unſres Herzens wohl ergründet, daß Wir dich, Gräfin Lucia Bentivog⸗ 12½ 268 lio, hiermit als Unſte, des Königs von Sardinien, rechtmäßige und eheliche Gemahlin anerkennen, und geloben zugleich, dieſen Bund, ſo bald Wir frei ſind, durch prieſterlichen Spruch nach Brauch und Sitte zu beſtätigen. Vor Gott, dem König aller Könige, verſpre⸗ chen Wir ſodann feierlich: dir, Lucia, ein treuer Gatte bis in den Tod zu ſein. Kein äußeres Ver⸗ hältniß ſoll jemals Uns von deiner Seite trennen. WVir wollen dir eine feſte Stütze bleiben in den Stürmen des Lebens und dein Troſt ſein in Leiden und Gefahr. Willſt auch du mit redlichem Gemüthe dies beſchwören, beſtätige es mit einem lauten: „Jal“ Lucia genügte dieſer Aufforderung mit gerühr⸗ tem Herzen. Feſt ſprach ſie:„Ja!“ dann aber ſank ſie ſchluchzend an des Gatten Herz. 15. Die Rettung. Furchtlos neig' dein ſieggekröntes Haupt, o Meiſter, guke Nacht! Dingelſtedt. Lucia war um Mitternacht an Aſinelli's und Gon⸗ falonieri's Seite zurückgekehrt. Sie befand ſich in einem Zuſtande namenloſer Aufregung. Auch die Freunde waren von dem Vorgefallenen ſo ergriffen und mit dem Zukünftigen ſo beſchäftigt, daß ſie ſich faſt ſchweigend von Lucia trennten. Aber der Druck ihrer Hände war beredter, als ihr Mund, er war ein neuer Schwur: in dem kühnen Unternehmen treu zu beharren. Es war Lucia unmöglich, ſich niederzulegen. Sie ließ daher die Fenſter ihres Schlafzimmers öffnen und ſandte dann die Vertraute zur Ruhe. Sie ſelbſt blieb angekleidet. Lange ging die ſchöne Bentivoglio in ihren Gemächern auf und ab. Ihre Gedanken hatten ſich verwirrt, ihre Phantaſie glühte, ſie war ſich ihrer ſelbſt nicht klar bewußt. Bald überſchattete 200 ſie die Seligkeit einer Braut, bald dachte ſie ſchwin⸗ delnd des Hochgenuſſes, mit welchem die Neuver⸗ mählte in den Armen des Gatten gelegen; dann wieder ſah ſie ſich als Königin an Enzio's Seite, oder als Mutter in dem Kreiſe ſeiner Kinder. Aber aus dieſen ſüßen Träumen ſchreckten ſie wieder fin⸗ ſtere Bilder auf. Sie folgte im Geiſte der Flucht des Geliebten; ſie ſchien zu glücken— plötzlich wälzte ſich dem Fliehenden ein Ungethüm entgegen. Geſtaltlos, vielgeſtaltig, wechſelnd in fratzenhafter Bildung, langt es mit Polypenarmen nach dem König; es reißt ihn nieder— ſie will zu Hülfe eilen— da rollt zu ihren Füßen Enzio's blaſſes, blutiges Haupt. Lucia ſchrie laut auf, mit beiden Händen ihr Geſicht bedeckend. Es war Nichts. Nur ein irrer Gedankenblitz in den feurigen Mantel einer tollen Phantaſie gehüllt. Sie trat ans Fenſter, die glü⸗ hende Stirn in der Nachtluft zu kühlen. Wie duftig wehte es aus dem Garten empor! wie ruhig ſchlummerte die ganze Natur! wie friedlich und ſtill war Alles da draußen und wie ſtürmte es in ihrem Kopf und Herzen! Sie war am Ziele ihrer Wünſche— und war doch wieder weiter davon als je. Nur vier⸗ undzwanzig Stunden älter— dann— war Alles entſchieden. Aber ſie wollte nicht weichen, die Nacht, der Morgen zögerte unerträglich lang, die Sterne funkelten höhnend hernieder, die Zeit ſchien ſich auf bleiernen Flügeln zu wiegen. Lucia trat in ihrer Ungeduld wiederholt an die Fenſter, um an der Dämmerung den Lauf der Minuten zu zählen. Plötzlich ſteht ſie erſtarrt. Auf der weiß⸗marmornen Gartenmauer bewegt ſich ein dunkler Fleck. Jetzt ein Knäul, dann wieder gedehnt, bald aufrechtſtehend wie ein Menſch, bald wagrecht liegend, wie der Schatten auf einer ebe⸗ nen Fläche. Es kommt näher, aber Lucia kann es nicht erkennen. Sonſt furchtlos, iſt ſie heute zu aufgeregt, um ruhig zu forſchen. Die Furcht ver⸗ größert die Erſcheinung. Lucia ſieht ein altes, häß⸗ liches Meduſenhaupt, mit graſſen, feurigen Augen, mit grauen Schlangenhaaren, aufſchauen; ein dür⸗ rer Arm hebt ſich drohend— dann verſchwindet das Ganze mit einem ſchmerzlichen Schrei hinter der Mauer. Lucia wußte nicht recht, ob ſie wirk⸗ lich Etwas geſehen, oder ob dies abermals nur ein Spiel ihrer Einbildungskraft geweſen. Sie dachte unwillkürlich an das Ungeheuer, welches Enzio zerriſſen, und alle Bemühungen dieſes Bild aus ihrer Erinnerung zu vertreiben, waren von nun an unmöglich. Sie dankte Gott auf den Knieen als der Tag anbrach, den ſie noch nie ſo blaß be⸗ grüßt hatte. 272 Den Tag über blieb Lucia auf ihrem Zimmer. Sie war ſo ſehr mit ihren Gedanken beſchäftigt, ſo in die Zukunft vertieft, daß ſie nichts von allem Dem hörte, was die geſchwätzige Geſellſchafterin ihr vorplauderte; nicht einmal die Nachricht, daß dieſe Nacht des Weinküper Filippo's tolle Frau verſchwunden, und zwar, höchſt wahrſcheinlich, vom Teufel ſelbſt geholt worden ſei. Nach der Tafel ſchied Lucia mit ungewöhnlicher Weichheit von dem finſtern und ſtrengen Vater, der über ihre Thränen zürnte; wie er denn ſchon längſt mit des Kindes ſonderbarem Weſen unzu⸗ frieden war. Der unbegrenzte Haß, mit welchem derſelbe Enzio unabläſſig verfolgte, tröſtete einiger⸗ maßen die Tochter, für deren Herz dieſer letzte, verdeckte Abſchied ſonſt eine allzuharte Prüfung ge⸗ weſen wäre. Aber Lucia's Angſt und Qual wuchs im um⸗ gekehrten Verhältniß der ſchwindenden Zeit. Das Herzpochen nahm zu. Sie vermochte nicht in ihrem Zimmer auszuharren, deſſen Decke ſie zu erdrücken drohte; ſie ging aus einem Gemach in das an⸗ dere— vergeblich— die ſchönſten Säle kamen ihr wie Kerker vor und in jeder Ecke derſelben ſah ſie jenes Unheil kündende Geſpenſt. Da floh ſie in den Garten, die freie Luft milderte das Ge⸗ 273 fühl der Unbehaglichkeit und Angſt, aber ſie ver⸗ mochte die Arme nicht zu beruhigen. Der Tag neigte ſich endlich und mit der Däm⸗ merung ſtiegen Lucia's Qualen bis zur Unerträg⸗ lichkeit. Was wird Enzio jetzt machen? dachte ſie. Wird Filippo Wort halten? Wird er nicht gar am Ende Alles verrathen? Wird er im Stande ſein, die Wachen zu täuſchen, oder hat man viel⸗ leicht gar den ganzen Plan entdeckt? Und wel⸗ ches wird dann Enzio's Lvos ſein?— Dieſen letz⸗ ten Gedanken beantwortete das Bild des Undings mit dem bleichen, blutigen Haupte des Königs. Lucia war außer ſich, ſie floh wie ein aufgeſcheuch⸗ tes Reh durch die ſchattigen Laubgänge des Gar⸗ tens; aber plötzlich blieb ſie ſtehen— ein ſtolzer Gedanke durchzuckte ſie: Ich bin Enzio's Gattin, ſagte ſie mit Würde leiſe vor ſich hin und betrage mich wie ein Kind. Was würde mein König ſagen, ſähe er mich jetzt in dieſem Zuſtande?— Auf, Lucia! fügte ſie dann kräftiger hinzu, mache dich deines Helden durch ein edleres Benehmen werth. Für das Große muß man Großes wagen und wer nach dem höchſten Erdenglück greift, darf in dem Augenblick der Gefahr nicht zittern. Lucia hatte hier ihre alte Energie zuſammen⸗ gerafft. Sie zitterte zwar noch, aber ſie faßte doch einen kühnen Entſchluß. Hin wollte ſie eilen, nach 12** 274 Enzio's Gefängniß, um— wenigſtens von fern— den Ausgang zu belauſchen. Die Ausführung folgte dem Vorſatz auf dem Fuße. In kurzer Zeit hatte ſie die Verkleidung übergeworfen und wenige Minuten ſpäter ſtand ſie unweit des ihr ſo wohlbekannten Palaſtes. Es war unterdeſſen allmälig dunkler gewor⸗ den und die zur Flucht beſtimmte Zeit herangerückt. Lucia ſtarrte faſt athemlos nach dem Thore des Palaſtes. Sie harrte— ſie harrte— es kam Niemand. Die Bruſt wollte ihr zerſprengen. War ein Unglück geſchehen?— War Alles ver⸗ rathen?— Sie vermochte nicht weiter zu denken, es ſchwindelte ihr und ſie wäre umgeſunken, hätte ſie ſich nicht ſchnell an einer der Säulen des nahe⸗ ſtehenden Hauſes gehalten. Aber ſo wie Lucia dieſelbe ergriff, fühlte ſie, daß ſich ſchon ein ande⸗ res Weſen hier angeſiedel hatte; ſie blickte mecha⸗ niſch nach ihm hin und— o Entſetzen! es war die Erſcheinung der Nacht. Wie damals hockte die Geſtalt, in einem Knäuel zuſammengekaucht, am Fuße des Säulenſchaftes; den grauen, borſtigen Kopf halb aufgehoben, ſtarrten die Augen jetzt nach* dem Polaſte des gefangenen Königs. Lucia war zu erſchrocken und verwirrt, um im erſten Augen⸗ blick die Alte zu erkennen; doch ſammelte ſie ſich bald und ſah nun, daß es Filippo's wahnſinniges 275 Weib ſei. Dieſe Entdeckung beunruhigte indeſſen Lucia noch mehr, da ſie der Kranken Haß kannte und wußte, daß Filippo jeden Augenblick mit ſei⸗ ner gefährlichen Laſt aus dem Thore treten konnte. Gewiß war es, daß dann die Alte auf ihren Gat⸗ ten losſchießen würde, den ſie in ihrer Tollheit ſeit jenem Aufzug bei dem Triumphzug für einen Freund des Hohenſtaufen hielt. Lucia erkannte die neue Gefahr in ihrer ganzen Größe, und ent⸗ ſchloß ſich daher, Alles aufzubieten, das Weib zu entfernen. Sie verſuchte hunderterlei, die Geſtalt bewegte ſich nicht, noch gab ſie Antwort. Bitten, Drohungen, Verſßrechungen waren vergeblich, ſelbſt Gold machte keinen Eindruck auf die Furchtbare. In dieſem Augenblick ertönte Geräuſch von dem Thore des Palaſtes her. Lucia fuhr zuſammen und ließ die Alte los. Die Wachen traten an— das Thor that ſich krachend auf— und Aſinelli verließ das Gefängniß. Lucia wiſchte den kalten Schweiß von ihrer Stirn. Der König war verborgen, Filippo mußte nun gleich folgen. Abermals rief die Wache an. Der Küper er⸗ ſchien hinter den Eiſenſtäben mit dem Faß auf dem Rücken, der wachhabende Ofſizier trat vor, klopfte an das Faß, und gab ein Zeichen, dem bekannten Manne das Thor zu öffnen. Es geſchah. Filippo und der König war gerettet. Mit ruhigem Schritte ging der rieſige Träger der Gegend zu, in welcher Gonfalonieri mit den Pferden wartete. Filippo mußte, dahin zu gelan⸗ gen, an Lucia und ſeinem Weibe vorüber, welche er indeſſen in der Dämmerung nicht bemerkte. Schon vernahm er das Wiehern der Pferde, als mit Einemmale die Alte wüthend emporſprang und— ihn mit heiſerer Stimme anrufend— auf ihn zueilen wollte. Lucia aber faßte ſie in der Verzweiflung mit übermenſchlicher Kraft und hielt ſie feſt. Ein wilder Kampf entſpann ſich un⸗ ter den beiden Weibern; während aber Lucia die Alte umſchlang, konnte ſie ihr nicht wehren, aus vollem Halſe zu ſchreien. In derſelben Minute trat eine finſtere Mönchsgeſtalt heran. Es war Fra Salimbene. Was gibts hier? rief der Prieſter, da er ei⸗ nen Mann und eine Frau im wüthendſten Ringen fand. Zu Hülfe! ſchrie die Alte, befreit mich von dem Teufel, der mich gepackt hat. Er hat ſchon meinen Mann verführt, daß er ein Hochverräther an der Republik, daß er ein Ghibelline gewor⸗ 277 Glaubt der Alten nicht, ehrwürdiger Herr! entgegnete Lucia, ſie iſt wahnſinnig und will in ihrer Tollheit die Leute anfallen! Das iſt Trug der Hölle! rief außer ſich das Weib, ſeht nur, ſeht! dort geht der Falſche, der vergeſſen hat, was ich gelitten, und jetzt Den mit Wein lechzt, den er verfluchen ſollte! Mit dieſen Worten hatte ſich des Küpers Frau aus den Armen der ſchwächeren Lucia los⸗ geriſſen und ſtürzte nun auf ihren Mann zu. Fra Salimbene und ein Theil der Wache, durch den Lärm aufmerkſam gemacht, folgten ihr raſch. Halt! herrſchte die Unglückſelige dem dahin⸗ eilenden Filippo zu. Iſt das der Weg nach dei⸗ ner Wohnung?— Was trägſt du in dem Faß ſo ſpät noch aus dem Kerker des Ketzers weg? Dies ſagend hielt ſie ihren Mann an, der— ſprachlos vor Schrecken— keinen Widerſtand leiſtete. Im ſelben Augenblick ſchrie aber die Tolle ſo wüthend auf, daß alle Anweſenden zurückbebten. Ihr Schrei war ein unartikulirter Ton geweſen, aber Jeder verſtand ihn, als ſie eine, aus einem Luftloch des Faſſes blickende, goldgelbe Locke trium⸗ phirend herauszog. Fra Salimbene ſtürzte herbei. Verrath! rief er donnernd, das iſt Enzio's Haar. Verrath! 278 tönte es von allen Seiten wieder. Ein Schlag ſprengte den Deckel und— Enzio trat hervor. Die Gbocken ſtürmten. Hörner heulten durch die Straßen und ganz Bologna kam in Aufruhr. Lucia aber ſank bewußtlos an der Säule nieder, an der ſie ſich bis jetzt krampfhaft gehalten. 16. Fra Salimbene. So hilf ihm, Siger, nach mit deinen Tatzen! Schlag' ihnen breite Wunden ins Gewiſſen, Und Höllenträume hauche auf ihr Kiſſen! Und wenn ſie, aufgeſchreckt, die Augen reiben, Die Kerze zünden, zitternd auf ſich ſetzen: Blaſ' aus das Licht, daß ſie im Finſtern bleiben, Mach' vor der Thür Geräuſch wie Dolchewetzen! Und will der Feige dann in ſeinem Schrecken Verkriechen ſich, entreiß ihm ſeine Decken. Nicolaus Lenau. Das Leben in ſeiner Totalität iſt für den Men⸗ ſchen ein Räthſel und wird dies auf ewig bleiben; da ſich dem Geiſte des Sterblichen nur die eine Hälfte deſſelben, das planetariſche Leben faßlich erſchließt. Die zweite Hälfte, und zwar die wich⸗ tigere, da ſie die durchaus nöthige, harmoniſche Auflöſung ſo vieler Diſſonanzen, die Vollendung ſo mancher, durch den Tod fragmentariſch abge⸗ riſſener Anfänge herbeiführen muß, läßt ſich in⸗ mer nur ahnen und höchſtens logiſch ſchließend er⸗ weiſen. Auch das Leben eines Plato, eines Fichte, iſt nur ein Abriß und das ganze menſchliche Daſein mit ſeinen vielen Inconſequenzen, Widerſprüchen, Ungerechtigkeiten und Leiden wäre Unſinn, wenn uns nicht eine Fortdauer nach dem Tode Gerech⸗ tigkeit und Vollendung garantirte. Inſofern muß uns denn auch das Leben— der Völkerſchaft wie einzelner hervorragender In⸗ dividuen— doppelt intereſſiren. Denn wenn ih⸗ nen, die mit klarem Bewußtſein irgend eine Idee verfolgen, das Schickſal hemmend entgegen⸗ tritt und ſie nun auf der einen Seite im großen Kampfe ihre Meinungen und Kräfte erproben und entwickeln und uns ſomit das Bewegliche und Fortrückende im Daſein vorführen; ſo muß uns eben andrerſeits ihr oftmaliges Erliegen im allzu rieſigen Kampfe darthun, daß ein Geiſt, der ſich mit irgend einer großartigen Idee identifieirt hat, eben ſo we⸗ nig aufhören kann zu ſein, als die Vernichtung der Idee mit ſeinem Tode ausgeſprochen iſt. Dies Gefühl der Theilnahme an dem Schick⸗ ſale großer Männer liegt denn auch in der Bruſt eines jeden Sterblichen und iſt in dem eigenen, ſehr natürlichen Egoismus tief begründet. Einen ſolchen Rieſenkampf aber ſehen wir vor len den erhabenen Hohenſtaufen Kaiſer Fried⸗ rich II kämpfen. Für die Idee der Erlöſung der Welt aus den Ketten und Banden des hierarchiſchen Despotis⸗ 5 mus, für die Gründung eines großen Kaiſerreiches, deſſen Unterthanen glücklich und ſtark durch Gei⸗ ſtesfreiheit, Geſetzlichkeit, Handel, Künſte und Wiſſenſchaften, ſetzte er kühn und entſchloſſen ſein Leben ein. Dieſem hohen Ziele mußte ſich jede Leiden⸗ ſchaft, jeder Wunſch, jeder Gedanke unterordnen; dieſem hohen Ziele ſtrebte er, unerſchüttert durch alle Stürme des Schickſals und der Zeit, allge⸗ waltig entgegen. Er ſtand feſt im Kampfe, er ſtand ſtralend auf der höchſten Stufe des Glücks; er ſtand impo⸗ nirend und groß— ſelbſt als die fürchterlichſten Schläge des Geſchicks ſein Haupt trafen und ſich alle Welt verzweifelnd von ihm wandte. Vittorias Untergang und die Gefangennahme Enzio's waren zwei Begebenheiten von den un⸗ glückſeligſten Folgen. Der Verluſt des ſo treuen als tüchtigen Sueſſa ſchmerzte den Kaiſer mehr, als der Untergang ſei⸗ nes ganzen Heeres, und mit tiefer Kränkung dachte er ſich die Freude, welche der Papſt über dieſes Unglück empfinden würde. War doch der Schaden unermeßlich! Ohne Geld und von dem beſten Theile ſeiner Truppen entblößt, blieb Friedrich nichts übrig, als ſeine Feinde an der Verfolgung ihres Sieges zu 282 hindern. Und er traf in der That auch in der Lom⸗ bardei ſo gute Anſtalten, daß keine andere Stadt es wagte, ſich zu empören. Gewiß ein Beweis ſeiner eminenten Feld⸗ herrntalente! Schmerzlicher, fürchterlicher als dies, traf aber den Kaiſer die Nachricht von Enzio's, ſeines Lieb⸗ lings, Gefangenſchaft. Sie traf nicht ſeine Macht allein— ſie traf mit tödtlicher Allgewalt ſein Herz! Was bot er nicht auf, den theuren Sohn, den edlen herrlichen Heldenjüngling zu retten! Mit Gewalt der Waffen vermochte er es frei⸗ lich im Augenblicke nicht. Von Sorgen und Feinden aller Art rings be⸗ drängt, waren ihm die Hände gebunden. Drohungen und Bitten halfen nichts, und ſelbſt das kaiſerliche Anerbieten: Bologna für die Freilaſſung des Sohnes einen ſilbernen Reif zu ſchenken, der um die ganze Stadt herumgehe, war ja umſonſt geweſen. Und mit all dem Gram im Herzen hatte er auch noch, durch des Papſtes Aufreizung verhetzt, den größeren Theil Italiens gegen ſich. Gewiß! Deutſchland würde in dieſem Augen⸗ blicke ſeinem Kaiſer raſche Hülfe gebracht haben, hätte Innorenz es nicht verſtanden, auch hier neue Keime der Zwietracht zu ſäen. 3 283 Wenn in Zeiten großer, von außen andringen⸗ der Gefahr einem Volke auch die regelmäßige Füh⸗ rung mangelt, ſo kann es dennoch durch ſeine, nach einer faſt unverfehlbaren Richtung allgewaltig wir⸗ kenden Kräfte das Preiswürdigſte vollbringen und nachher zu Maß und Ordnung zurückkehren. Wenn ein Volk durch Ideen, die ſich von in⸗ nen heraus allmälig entwickelten und reiften, in Parteien zerfällt, ſo kann das Natürliche und Rechte auf beiden Seiten vertheilt liegen, und obgleich der höhere Vereinigungspunkt nur Wenigen ſicht⸗ bar bleibt, noch Haltung, Geſetz, Regel und Ziel im Grunde verborgen übrigbleiben. Wenn aber um eines niederen Zweckes willen alle höheren unwandelbaren Grund⸗ ſätze wankend gemacht, alle urſprüng⸗ lichen und heiligen Gefühle hinwegge⸗ ſchwatzt werden, wenn jedes Mittel er⸗ laubt ſcheint, wenn Furcht und Haß, Eigennutz, Ehrgeiz und Beſtechung, Bann, Kirche und Religion in wider⸗ licher Miſchung mit teufliſcher Geſchick⸗ lichkeit auf Hohe und Geringe zur Auf—⸗ löſung aller erhaltenden Bande ange⸗ wandt werden: ſo iſt es nur der Wirkung volksthümlicher Tüchtigket zuzumeſſen, wenn nicht das vielſeitigſte Verderben 284 einbricht und Alle rettungslos in den Abgrund verächtlicher Schwäche und boshafter Ruchloſigkeit hineingezogen werden*). Innocenz IW überſchwemmte ſofort Deutſch⸗ land mit Bettelmönchen und ließ durch dieſe die erbärmlichſten Lügen verbreiten. So z. B. der Kaiſer habe in einem Gottes⸗ hauſe, unmittelbar unter dem Bilde der Madonna, einer Jungfrau Gewalt angethan; er laſſe Mörder im Geheimen ſyſtematiſch erziehen, er nähre Mäd⸗ chen mit Gift, damit ſie ſeine Feinde, an welche er ſie verheirathe, vergiften möchten! Man lehrte laut und öffentlich: daß Jeder⸗ mann berechtigt ſei, alle Güter des Verfluchten und ſeiner Anhänger zu nehmen und zu behalten; und ſo war es denn natürlich, daß bald eine grauen⸗ hafte Anarchie ihr Haupt erhob. Aber dies Alles war dem heiligen Vater nh nicht genug; ihm galt es namentlich, dem Kaiſer einen neuen Gegenkönig, an Eeinich Statt, zu erwecken. Aller Welt bot Rom die Krone an; ſuue Geldern, Kornwall, Norwegen und Brabant ſchlu⸗ gen ſie aus, da ſie kein rechtlicher Mamn auf dieſe *) Friedrich von Raumer. 285 Weiſe beſitzen, noch des Papſtes Fehden auf ſeine Rechnung ausfechten wollte. Da kam der Nachfolger Chriſti auf den Gedanken: König Konrad, wie einſt Heinrich, zum Verrath an ſeinem Vater und Kaiſer zu be⸗ wegen. Aber Konrad entgegnete: Wahrlich, um euch Schurken willen werde ich meinem großen Vater und mir ſelbſt nicht untreu werden. Endlich gelang es Innocenz mit Aufopferung großer Summen, den Neffen des Herzogs von Bra⸗ bant, den Grafen Wilhelm von Holland, zu ſeinem Plane zu gewinnen und ſomit aufs neue den Bürgerkrieg in Deutſchland zu entzünden. Demnach konnte Friedrich im Augenblicke nicht daran denken, weder Verſtärkung und Hülfe, noch Geld aus Deutſchland zu beziehen, und— in Unteritalien von den Feinden ſelbſt beſchäftigt— ſeinen theuern Enziv zu befreien, obwol ihm der Kummer um des geliebten Sohnes Schickſal faſt das Herz abpreßte. Wie natürlich theilte die ganze Umgebung die Sorgen und Leiden des Kaiſers, vor Allen aber ſchnitten ſie David ſchmerzlich in die Bruſt. Der Kaiſer war unter den Stürmen der Zeit älter und älter geworden. Gar viele ſeiner Lieben ſchlummerten ſchon im kühlen Erdenſchooſe und je % 286 mehr die Sonne ſeines Glückes ſank, deſto ein⸗ ſamer wurde es rings um ihn her. Aber weder Geiſt noch Herz hatten gealtert und jemehr das letztere unter den grauſamen Stößen des Schickſals litt, je mehr treue Seelen ſich blutend von ihm riſſen— deſto heißer fühlte er das Bedürfniß, ſich an die Wenigen enger an⸗ zuſchließen, die ihm treu geblieben. Seine einzige Freude machte der ſchöne Bund zwiſchen Rudi und Eudoria aus; ſeinen einzigen Troſt ſchöpfte er aus der Freundſchaft mit Vineis und David. Die äußeren Verhältniſſe angeſichts der Welt achtend, fiel jede Schranke, war er mit David allein. Ja er hatte ſich ſo an den Narren gewöhnt, daß er faſt nicht mehr ohne ihn ſein konnte. Daß David nur in und für ſeinen Kaiſer lebte, iſt bekannt; aber ihn zog ja auch noch ein Nz res Band zu Friedrich hin. Freilich konnte hiervon nie die Rede ſein„da Jedermann aus guten Gründen es vermied, auf einen ſo zarten und delicaten Gegenſtand zu kom⸗ men, und Federbuſch es ſich außerdem ja ſelbſt ge⸗ lobt hatte, Friedrich nie anders als ſeinen Herrn zu betrachten. War es aber eine innere Stimme? War es ein geheimer Zug der Natur? Wuen es 5 † . 287 ſchweren Prüfungen, die ſie mit einander durchge⸗ macht? Beide Männer, Kaiſer und Narr, traten ſich mit den Jahren ſo nahe, daß man ſie in der That ein Herz und eine Seele nennen konnte. Es gab gar keinen Dienſt um des Kaiſers Per⸗ ſon, den David nicht verrichtet hätte. Er war Friedrichs Mundſchenk und Vorſchnei⸗ der, ſein Geſellſchafter und ſein Arzt, ſein Kranken⸗ pfleger und ſein Erheiterer. Aber der Kaiſer hatte auch keinen geheimen Gedanken vor Federbuſch, genoß keine Freude ohne ihn und trug kein Leid, ohne ſich David zu er⸗ ſchließen. Nur in einem einzigen Punkte dach— ten ſie verſchieden und dies war über Vineis, gegen den vorſichtig zu ſein David nicht müde ward zu ermahnen. Friedrich aber, der dies Mistrauen ſeines luſti⸗ gen Rathes für Vorurtheil, vielleicht noch für eine Folge der früheren Krankheit hielt, lächelte darüber und ſuchte David dieſe Idee auszureden; während er ſich Petrus de Vineis gerade im Gegentheile immer rückhaltsloſer hingab. In der That waren des Kanzlers Verdienſte um Friedrich auch groß; ſowie Letzterer für das Vertrauen, die Ehren, Gnaden und Reichthümer, 1 womit der Kaiſer ihn und ſeine Familie überſchüt⸗ tet, nicht dankbar genug ſein konnte. Außerdem ſtand Vineis nun ſeit dreißig Jah⸗ ren dem Kaiſer treu an der Seite. Davids Warnungen mußten daher Friedrich, der die Abneigung beider Männer gegen einander von jeher gekannt, wie eine fire Idee vorkommen, und ſo betrachtete er ſie denn auch. Vineis, ſagte er oft, iſt Unſer Auge, David Unſer Herz und Enzio war Unſre rechte Hand. Die Hand haben ſie abgehauen, es ſchmerzt— indeſſen Wir leben ihnen zum Trotz noch. Wehe aber, wenn einſt ein feindlicher Stral noch Herz oder Auge träfe! Aber all dieſem Vertrauen, all dieſer freund⸗ lichen Hingabe zum Hohn verſtand es Vineis, den edlen Kaiſer, dem er Alles verdankte, was er hatte und war, einzuwiegen in die vollkommenſte Sicher⸗ heit, während er mit frevelnder Hand den Boden untergrub, auf welchem der herrlichſte Mann ſeines Jahrhunderts ruhig und vertrauensvoll ſtand. Ein zweiter Judas, verrieth er ſeinen Herrn mit den Küſſen des Vertrauens und der Liebe. Dem ſcharfen Blicke des Kanzlers entging es eben nicht, daß Europa für jene beſſern Zeiten eben noch nicht reif war, welche Friedrich U der Welt zu geben gedachte. ½§ „ —————————— Wohl ſah er ein, daß das große Werk: die Menſchheit von der Laſt abergläubiſcher Barbarei zu befreien, den Tag der hellen Vernunft herauf⸗ zuführen, ſich nicht in die engen Grenzen eines Menſchenalters drängen laſſe, ſondern daß die Welt hierzu durch mehrere Generationen hindurch allmä⸗ lig und mühſam vorbereitet werden müſſe. Friedrich aber hatte die Thätigkeit ſeines ganzen Lebens an die Löſung dieſer Aufgabe ge⸗ ſetzt; ſein Haupt war gealtert in dieſem Kampfe mit den Vorurtheilen des Jahrhunderts, die Macht ſeines Hauſes hatte ein finſteres Schickſal gebrochen. Und— Dankbarkeit und Treue, Redlichkeit und Pflicht vergeſſend, frug ſich der Egoiſt: Kann es dir ferner nützen, auf der Seite des Kaiſers zu ſtehen? Und ſein kalt berechnender Verſtand ſagte: Nein! Du haſt ihm gedient— er hat dich belohnt, damit iſt zwiſchen uns abgerechnet. Jetzt iſt er alt geworden, Kraft und Macht gehen zu Grabe, er erliegt dem ungeheuren Kampfe gegen ſein fin⸗ ſteres Jahrhundert und da iſt es Zeit, ehe der Abend einbricht, ſich aus dem Schiffbruche zu retten. Jetzt kann mein Uebertritt noch den Ausſchlag geben und iſt alſo für den Papſt von ſo großer Wichtigkeit, daß ich 3 für dieſen Schritt Geſetze II. 13 290 dictiren darf. Iſt aber Friedrich einmal todt oder völlig überwunden, braucht man mich nicht mehr; ja ich laufe dann Gefahr, als treuer Anhänger des Gebannten ebenfalls dem Zorne des Siegers zu verfallen. Jeder iſt ſich ſelbſt der Nächſte und der Kluge ſchwimmt mit nicht gegen den Strom; auch habe ich von jeher nicht eigentlich für den Kaiſer, ſondern— in einem höheren Sinne— für das Wohl der Menſchheit gearbeitet. Hier kann ich nicht mehr viel wirken, alſo entſchieden hinüber auf die Seite, auf welcher mir ein größerer, vielleicht für Menſchen der höchſte Wirkungskreis lacht. So dachte, ſo rechnete der Kanzler, deſſen Herz Alter, Geiz, Eigendünkel und Herrſchſucht ver⸗ tnöchert hatten, und den die Ueberſchätzung des eigenen Werthes zu der Ueberzeugung geführt, daß er Friedrich, obgleich ihn dieſer aus den beſchränkteſten Lebensverhältniſſen zu einer ſchwin⸗ delnden Höhe erhoben, keinen Dank ſchuldig ſei. Dieſe Eitelkeit wäre bei einem ſo klugen Manne kaum zu begreifen, wenn man nicht wüßte, daß ihn der Kaiſer ſelbſt durch allzugroße Güte und Nach⸗ ſicht verwöhnt. Achtete Friedrich Peters Einſicht und ſcharfen Blick doch ſo hoch, daß er die eigene Meinung häufig derjenigen des Kanzlers unterordnete. „ 291 Andrerſeits aber wandten ſich ſelbſt Könige mehr denn einmal bittend an den vielvermögenden Günſtling des gewaltigen Herrſchers; wie mögen da Schmeichler und Niedere gekrochen ſein und Weihrauch geſtreut haben! Endlich ſetzte ſeinem Stolze der Gedanke: Kai⸗ ſer und Papſt reißen ſich um mich— die Krone auf. Hinauf! hinauf! ward ſein Loſungswort und da er nicht Kaiſer werden konnte, ſo ſtreckte er die verwegene Hand nach Roms Tiara aus. Immerhin ging dieſem Entſchluſſe ein pein⸗ licher Kampf in Vineis' Seele voraus. Denn ſelbſt dem trockenſten Gelehrten, dem ehrſüchtigſten Staatsmanne wird es— bewegt auch das Herz kein edlerer Grund— ſchwer, ſich von langjähriger Gewohnheit zu trennen, und außerdem wußte der Kanzler recht gut, wie felſen⸗ feſt der Kaiſer auf ſeine Treue rechne, wie er an ihm hänge, ihn ſchätze und liebe, und daß ein Bruch ſeinerſeits mit ihm Friedrich in den Tod verletzen müſſe. Welchem Irrenden, welchem Verbrecher hätte es aber je an Beſchönigungsgründen für ſeine Thaten gefehlt? Der Kanzler war eben damit beſchäftigt, ſolche aufzuſuchen, um die Gewiſſensbiſſe, die ihn folter⸗ ten, mit ſophiſtiſchen Phraſen einzuſchläfern. „ 292 Es war ſchon ſpät am Abend und das matte icht der Dämmerung, das mühſam durch die bun⸗ ten Scheiben brach— die in ſteifer Zeichnung, aber in brennenden Farben eine Reihenfolge von Scenen aus der Geſchichte chriſtlicher Märtyrer vorſtellten— vermochte nicht mehr die geräumige Halle auszufüllen, in der ſich der Kanzler jetzt befand. Die dicken, kurzen Säulen, auf welchen ſie ruhte, warfen ſchwarze Schlagſchatten und die fer⸗ nen Winkel waren völlig in eine tiefe Nacht ge⸗ hullt, aus der nur einzelne weiße Steinbilder ge⸗ ſpenſtiſch hervortraten. Es waren dies die Statuen der verſtorbenen Aebte des einſt ſo reichen Kloſters S. Madonna della Spina, in welchem der Kaiſer, auf dem Marſche nach Lhon, mit Hoſſtaat und Gefolge eingekehrt war. Friedrich hatte ſich nämlich trotz aller körper⸗ lichen Leiden, die ihn ſeit längerer Zeit niederbeug⸗ ten, entſchloſſen: den Kampf mit erneuter Macht aufzunehmen und namentlich dem Papſte zu Leibe zu gehen. So wie ſein durch unerhörte Anſtrengungen geſchwächter Körper ſich nur einigermaßen erholt, wozu die immer kräftige Seele viel beitrug, ergriff er auch das Schwert wieder und mit dem Mo⸗ 293 mente war auch ſein Uebergewicht wieder herge⸗ ſtellt. Cardinal Capuccio aufs Haupt zu ſchlagen und aus Apulien zu vertreiben, war das Werk weniger Wochen. Zur gleichen Zeit trafen, ſehr gelegen, zwölf mit Gold und Silber ſchwer beladene Kameele, ſo wie ſehr bedeutende Sendungen Hülfstruppen aus dem Oriente für ihn ein. Faenza und Ravenna, Placenza und Parma fielen, und ganz Oberitalien, welches alle Kräfte des gefürchteten Hohenſtaufen ſchon völlig gelähmt glaubte, erfaßte ein ſolcher Schrecken, daß es An⸗ ſtalten zur gänzlichen Unterwerfung machte. Wüthend vor Ingrimm ſah der Papſt dieſen ſchnellen Wechſel des Glücks, den alle ſeine Be⸗ mühungen und ſeine verſchwendeten Schätze nicht hindern konnten. Er ſelbſt war in der mißlichſten Lage. Während er, aus ſeiner Hauptſtadt verbannt, ſich einem zu frühen Triumphe überließ, ward ſein Gegner Meiſter von Italien, hatte den Muth ſei⸗ ner Anhänger in Deutſchland belebt und ſtand im Begriff, dem päpſtlichen Anſehen den letzten ge⸗ fürchteten Schlag zu geben, den zu vermeiden halb Europa hatte müſſen zertreten werden. Täglich verlor der heilige Vater mehrere von 294 ſeinen Anhängern und der Enthuſiasmus der Völ⸗ ker für die Kirche war durch die Erpreſſungen und Laſter des römiſchen Hofes ſo ſehr abgekühlt wor⸗ den, daß Innocenz nicht hoffen durfte, noch einmal die Bewegungen zu ihrem Vortheil hervorzubringen, die ſein Lyoner Concilium bewirkt. Eine unangenehme Nachricht nach der andern ſtörte ſeine Ruhe. Friedrichs größter Verfolger und Läſterer un⸗ ter den Cardinälen, Reiner, war geſtorben und die Römer ſchickten dem Papſte eine Botſchaft, welche mit drohenden Worten ſeine Rückkehr for⸗ derte, für den entgegengeſetzten Fall ihm aber an⸗ kündigte, daß ſie ſich ſonſt einen andern Papſt wählen würden. Dies machte ihm denn auch die größte Sorge; denn nach Italien zu gehen, ohne mit dem Kaiſer ausgeſöhnt zu ſein, war ihm ſo unmöglich, als ihm ein Gegenpapſt, durch Friedrich unterſtützt, gefähr⸗ lich werden mußte. Was aber das Schlimmſte war, er tonnte ſich an ſeinem eigenen Zufluchtsorte nicht mehr ſ halten. Lyon war ſeiner Gegenwart überdrüſſig u der Kaiſer befand ſih auf dem W. dorthin*). Funks Geſchichte Friedrich II, 1792. 295 Eben auf dieſem Marſche war es nun, daß in S. Madonna della Spina eingekehrt wurde. Man hatte dem mächtigen Günſtling, dem weltberühmten Kanzler, eine der ſchönſten Räum⸗ lichteiten des Kloſters angewieſen. Es war dies das Refectorium und eben jener Saal, deſſen wir oben gedacht und in welchem nun Vineis mit großen Schritten und übereinander geſchlagenen Armen auf und ab ging, vergeblich ſuchend den ſtürmiſchen Kampf in ſeinem Innern durch wohlklingende Scheingründe zu beſchwichtigen. Die große und ſchwere Flügelthüre, der einzige Eingang zu dieſem Gemache, war von innen feſt verſchloſſen. Auf einem langen, grün überdeckten Tiſche lagen Pergamentrollen und Schriften mancherlei Art, wovon viele plumpe und große Siegel von Wachs trugen. Zu oberſt dieſes unordentlich durch einander liegenden Haufens befand ſich ein langer Perga⸗ mentſtreif, der auf beiden Seiten von der Hand des Kaiſers beſchrieben war. Seine Lage deutete darauf hin, daß der Kanz⸗ ler den Inhalt deſſelben, vor dem er aufgeſtanden, ſtudirt. Selbſt jetzt blieb er noch vft im Hin⸗ und Her⸗ gehen vor ihm ſtehen, blickte ihn an, rieb ſich die 296 Stirn, als wolle er die tiefen Falten glatt ſtrei⸗ chen, und ſetzte dann wieder ſeinen Gang um ſo heftiger fort. Herr, mein Gott! rief er endlich ärgerlich aus, was ſind wir Menſchen doch für ärmliche Geſchöpfe. Längſt entſchloſſen, den Weg einzuſchlagen, der allein meiner würdig iſt, der allein zu jenem Ziele führt, für das ich geſchaffen, hält mich im Augen⸗ blick der Ausführung das kindiſche Gefühl alter Gewohnheit von dem entſcheidenden Schritt zurück. Weil ich mit dem Kaiſer jahrelang gelebt und Narr genug war, meinen Geiſt dem ſeinen unter⸗ zuordnen; weil ich gewöhnt bin Dem zu dienen, den ich vielleicht— hätte ich früher klüger gehandelt— jetzt zu meinen Füßen ſähe; weil ich aus Kaiſers Hand geringen Lohn empfing für unſchätzbare Dienſte— hängt ſich die träge Gewohnheit wie ein Gewicht von Blei an den großen Entſchluß: mich aus dieſen unwürdigen Banden loszureißen und fortan dem göttlichen Rufe des eigenen Geiſtes zu folgen. Er ging ſchweigend auf und nieder. Plötzlich hielt er wieder inne und ſagte in feier⸗ lichem Tone: Auch Cäſar beſtand dieſen Kampf. Als er aber ſah, daß die Welt verdiene zu ſeinen Füßen zu liegen, überſchritt er raſch und entſchloſſen den Rubicon. 5 297 Wolan! Ich will mich ſeiner würdig machen. Mit dieſen Worten ließ ſich Vineis entſchloſſen in den mächtigen Seſſel nieder, der vor dem Tiſche ſtand; ſchob mit der Hand den Haufen Perga⸗ menke, Urkunden und Pläne, der vor ihm lag, zu⸗ rück, legte jenes obenerwähnte Schreiben des Kai⸗ ſers neben ſich, ergriff eine Feder und war bereit, ein ſchon fertiges Schreiben an den Papſt zu unter⸗ zeichnen, als er plötzlich von neuem innehielt. Vineis! ſagte er dann finſter zu ſich ſelbſt. Und wenn es misglückte?! Du wärſt verloren! Und das Urtheil der Mit- und Nachwelt? Er warf die Feder unwillig weg und ſtand abermals raſch auf. Man wird ſchreien, ich hätte den Kaiſer ver⸗ rathen, im Widerſpruch mit mir ſelbſt und meinem früheren Streben gehandelt. Und ſie werden nach ihren engherzigen Begriffen nicht unrecht haben. Aber wie kann ſich ein Geiſt wie der meine, den ſie zu faſſen unvermögend ſind, um deſſen Licht⸗ gedanken mich Kaiſer und Rom und alle Fürſten der Erde beneiden, wie kann ein ſolcher Geiſt nach dem Urtheil der blinden Menge fragen? Allerdings, ich ſtehe im Begriff, Innocenz mit dieſem Schreiben den ganzen, von des Kaiſers eig⸗ ner Hand niedergeſchriebenen Entwurf des bevor⸗ ſtehenden Feldzuges zu ſchicken. Thue ich dies aber, „ 298 um den Kaiſer zu verrathen? oder bezwecke ich nicht vielmehr dem Ausbruche eines neuen Krieges vorzubeugen, der nur für beide Theile und nament⸗ lich für Friedrich unheilvoll ausfallen kann und muß? Der Kaiſer iſt alt und mürbe geworden und hat eingeſehen, daß unſre Zeit für ſeine Ideen noch nicht reif iſt. Er bedarf der Ruhe und dieſe will ich ihm geben. Denn ſteh' ich, ſteht Vineis noch auf Roms Seite, wagt er keinen Schritt mehr. Friede bedarf die Welt und— binich erſt Papſt— will ich in zehn Jahren vollbringen, was Friedrich mit den Anſtrengungen ſeines ganzen Lebens nicht erzwingen konnte. Und raſch zum Tiſche tretend ſetzte er hinzu: das Wohl der Welt und aller ſpäteren Jahrhun⸗ derte hängt ab von dieſem Federzug... Ich unterſchreibe. Vineis griff zum zweiten Male nach der Feder, da trafen ſein Ohr die lieblichen Töne einer reinen, klangvollen Frauenſtimme. Das iſt Eudoria, die ihrem Vater ein mauriſch Liedchen ſingt! murmelte er finſter und es durch⸗ rieſelte ihn eiskalt, dennerdachte an des Kin⸗ des Mutter und an der Mutter Tod. Aber nur auf Momente feſſelten die Töne des Kanzlers Hand, plötzlich zuckte er auf— und als ob ihn die Hölle ſporne— that er den Federzug, der ihn dem Böſen hingab. Dann ſchleuderte er die Feder weit weg und rief: Es iſt geſchehen— entſcheide nun das Glück, wer Sieger bleibt. Die Kirche! ertönte es hier mit Einemmale ernſt und feierlich. Vineis fuhr entſetzt und todtenbleich empor. Er war ſo furchtbar erſchrocken, daß ihm die Füße faſt den Dienſt verſagten und er ſich an Tiſch und Seſſel halten mußte. Hatte er ſich doch gleich beim Eintreten und Abſchließen des Zimmers auf das beſtimmteſte überzeugt, daß ſich nicht nur Niemand außer ihm in demſelben befinde, ſondern auch, daß das Vor⸗ zimmer verſchloſſen und leer ſei. Auch jetzt war kein menſchliches Weſen zu er⸗ blicken und an das Eingreifen höherer Weſen in die Ordnung dieſer Welt— glaubte der Kanzler nicht. Indeſſen für den Augenblick ſchwankte dieſe Ueberzeugung doch. Gern hätte er ſich eingeredet ſeine erregte Phantaſie habe ihn getäuſcht, aber der dumpfe Ton hallte noch zu deutlich in ſeinen Ohren wieder. Wer wagte es, ſtotterte er endlich verwirrt— denn Tod und Leben hingen an dieſer Entdeckung— wer wagte es, mich hier zu belauſchen? 300 Gott und ſeine Kirche! tönte es abermals feier⸗ lich aus einem der Winkel des Saales. Es war bereits längſt ſo dunkel geworden, daß man faſt nichts mehr erkennen konnte, am we⸗ nigſten in der Tiefe des Saals, aus der nur matt die weißen Statuen der venen Aebte hervor ſchimmerten. Deſſenungeachtet galt es, dies Geheimniß zu enträthſeln. Vineis, der wußte, daß es hier den Kopf gälte, hatte ſich bald gefaßt und ſeinen Dolch ziehend ſchritt er entſchloſſen der Gegend zu, aus welcher die Stimme ertönt. Noch aber hatte er den Hintergrund nicht er⸗ reicht, als mit Einemmale eines der Steinbildniſſe mit feierlichem Schweigen von ſeinem Piedeſtal herab und dem Kanzler entgegentrat. Den feſteſten Mann hätte dieſe Erſcheinung in ruhigem Zuſtande überraſcht, um wie viel mehr Vineis in dem gereizten, in welchem er ſich gerade befand. Er war für den Moment unfähig ſich zu be⸗ wegen, noch zu ſprechen. Die Geſtalt aber, von Kopf bis zu Fuß weiß wie Marmor von Carara, trat feierlich auf ihn zu. Biſt du ein Menſch oder ein Geiſt! rief ihr Vineis bebend zu. — z————————— ⸗ 301 Ich bin die Stimme in der Wüſte! entgegnete die Geſtalt, höre auf mich und du wirſt den Weg wandeln, den dir der Herr vorgezeichnet. Jetzt vermochte der Kanzler die Geſtalt näher zu unterſcheiden. Sie war dürr und hager, aus dem leichenblaſſen Antlitz blitzten ein paar dunkle ſtechende Augen hervor. Der Kanzler hatte den Vermummten erkannt und tief aufathmend rief er: Fra Salimbene! Ich bin es! entgegnete der Franziskaner, und habe ich Euch durch die Art meiner Erſcheinung erſchreckt, ſo müßt Ihr es damit entſchuldigen, daß ich nur auf dieſe Weiſe zu Euch kommen und Eure wahren Geſinnungen belauſchen konnte. Ihr habt einen treuen Diener in mir ge⸗ funden. Das heißt, fiel Salimbene hier ein, einen Egoiſten, der der Kirche um ſeiner ſelbſt und aus Ehrgeiz dienen will. Hört mich... Es bedarf keiner Entſchuldigung. Ihr wollt und werdet der Kirche dienen, dies iſt genug; was Euch dazu bewegt, daran liegt mir und der Kirche wenig. Wißt Ihr aber, was die Kirche und Euch am ſicherſten und kürzeſten zum Ziele führt? Ein bündiger Friede zwiſchen Rom und Kaiſer! entgegnete Vineis. 302 Friede? wiederholte der Mönch mit diaboliſchem Lächeln. Ja wol! Friede zwiſchen Kirche und Kai⸗ ſer; aber dieſer Friede wird der Welt nur— mit des Kaiſers Tod. Der wird nicht mehr lange auf ſich warten laſſen. Er muß erfolgen, entgegnete Salimbene, ehe dieſer Feldzug eröffnet wird. Ihr habt den Kaiſer in Händen. Vineis trat einen Schritt entſetzt zurück. Wollt Ihr mich zum Kaiſermörder ſtempeln? rief er. Die Kirche wird den Helden ſegnen, der ſie von dieſem Drachen befreit. Das ſei fern von mir! entgegnete Vineis entſchieden und nicht ohne den Ausdruck tiefer Ver⸗ achtung. Ich werde zum Papſte übertreten, um der Welt den Frieden zu geben; aber zum Mörder an meinem Kaiſer gebe ich mich nicht her. Wer ſprach von Mord? Der Kirche die⸗ nen, kann nie und unter keiner Form Sünde ſein. Keine Sophismen! Bei Schwachköpfen mögen ſie angewandt ſein, doch nicht bei mir. Ich nehme des heiligen Vaters Vorſchläge an, das heißt, ich trete zu ſeiner Partei öffentlich und entſchieden 303 über, gegen eine, meinem Range angemeſſene Stellung im Clericat, die binnen Jahres⸗ friſt mit dem Cardinalshutbelohntwird. Gegen Friedrich perſönlich unternehme ich jedoch nichts. Iſt dies Euer letztes Wort? Mein letztes! verſetzte Vineis. Eine kleine Pauſe folgte. Endlich ſagte Sa⸗ limbene. Die Kirche zwingt Niemanden die ewigen Ver⸗ dienſte auf; mag es drum ſein. Ich habe den Auf⸗ trag, Eure Antwort und Euern verſprochenen Feldzugsplan dem Papſte zu überbringen, für Euern Uebertritt liegen 20,000 Mark Silbers und ein Cardinalspurpur bereit. Vineis übergab dem Franziskaner ſein Ant⸗ wortſchreiben an den Papſt und die Handſchrift des Kaiſers, die er beide in eine ſilberne Kapſel barg. Nun noch Eines! ſagte hierauf der Mönch, Ihr habt einen Arzt, für den ich Grüße von Ver⸗ wandten und Freunden auszurichten habe. Könnte ich ihn ſprechen, ohne entdeckt zu werden? denn Ihr wißt, mein Kopf iſt verloren, wenn mich der Kaiſer hier auffindet. Mein Arzt, entgegnete der Kanzler, hat die erſte Zelle links vom Refectorium inne; dort werdet 304 Ihr ihn jetzt noch ſtudirend finden. Aber nehmt Euch in Acht, daß man Euch nicht entdeckt. Ihr tragt nicht allein Euer Leben, ſondern auch meines zu Markt. Seid unbeſorgt! entgegnete Fra Salimbene, einen alten Fuchs fängt man ſo leicht nicht. Schließt mir aber auf und entlaßt mich, denn ich muß, noch ehe der Morgen graut, über alle Berge ſein. Und Vineis entließ den Franziskaner ge⸗ räuſchlos. Als Fra Salimbene das Refectorium verlaſſen und der Kanzler die Thüre wieder hinter ſich ver⸗ ſchloſſen, ſchlich der Mönch auf den Zehen zu der angedeuteten Zelle. Die Nacht war bereits hereingebrochen und hatte auch über das Kloſter S. Madonna della Spina, in dem es durch die Einkehr des hohen Gaſtes heute ſo ungewöhnlich laut zugegangen war, Ruhe und Frieden gebracht. Jetzt herrſchte eine ſchauerliche Stille und Oede in den langen, düſteren Gängen, durch die der Wind mit wehmüthig klagenden Tönen ſtrich. Wer hier Salimbene begegnet wäre, wie er in ſeiner ſchneeweißen Kleidung lautlos durch die Finſterniß ſchlich, wahrlich! der hätte ihn für ein Geſpenſt, für eine Geburt des Grabes nehmen müſſen. — 305 Salimbene ſah dies auch ein und da er wußte, daß er es nun mit einem beſchränkten Geiſte zu thun bekomme, den eine ſolch nächtliche Erſcheinung vielleicht zu ſtark afficiren könne, und ihm von Rom aus der Wink ertheilt worden war, daß man mit dem Arzte des Kanzlers, als mit einem ganz blind und fanatiſch Gläubigen, alles durch die Religion machen könne, was man wolle, ſo entſchloß ſich der Mönch, hier gleich als Geiſtlicher aufzutreten. Er ſtreifte alſo den weißen Ueberwurf ab, der ihn dieſen Abend zum ſteinernen Abte gemacht, und ſtand nun wieder als Franziskaner da. Als dies geſchehen und die Maske in einem Winkel verborgen worden, trat Fra Salimbene an die Zelle des Arztes heran, indem er ſein Ohr lauſchend an die Thüre legte, durch deren Ritze er zugleich gewahrte, daß im Inneren derſelben noch Licht brenne. Da Alles ruhig blieb, ſchloß er, daß Vineis wol wahr geſprochen und der Arzt noch ſtudire. Er klopfte daher leiſe an, worauf auch ſogleich die Thüre von innen geöffnet wurde. Der Arzt ſchaute den ſpäten Beſuch mehr er⸗ ſtaunt als erſchrocken an, empfing ihn aber deſſen⸗ ungeachtet mit jener frommen Demuth, die den Rechtgläubigen, angeſichts eines Prieſters, charak⸗ teriſirt. Gelobt ſei unſer Herr und Heiland, ſagte er, mit heiliger Miene ein Kreuz ſchlagend, wie hat ein Sünder, wie ich, die Gnade verdient, noch ſo ſpät einen ſo frommen Beſuch zu erhalten? Die Gnade des Herrn iſt aller Orten, ſie ſuchet den Gerechten aller Zeiten! entgegnete der Franziskaner. Der heilige Vater, dem alle Engel dienen mögen, kennt ſeine getreuen Schafe, er hat Euch zu Großem auserſehen. Herr, ich bin nicht würdig, daß du eingeheſt zu mir! ſagte der Arzt, kniete nieder und ſchlug an ſeine Bruſt, aber ſprich nur ein Wort und meine Seele iſt geſund! Stehet auf und hört mich an! entgegnete Sa⸗ limbene, die Zeit iſt mir knapp zugemeſſen und ich muß meine Sendung vollenden, wie es der Him⸗ mel und ſeine Heiligkeit, Papſt Innocenz W, be⸗ fohlen. Der Arzt gehorchte. Habt Ihr, fuhr der Mönch hierauf fort, den feſten Willen und die Kraft, der Kirche Befehle, ohne Rückhalt und Widerſpruch, mit der frommen Demuth, die jedem guten Rechtgläubigen geziemt, zu vollziehen? Der heilige Vater befehle und ich werde voll⸗ bringen, was es auch ſei. Oft hullt ſich die Gerechtigkeit in finſtere Mit⸗ tel, oft ſind die Arzneien, die Ihr Euern Patienten reicht, bitter, öfter noch erkennt der ſchwache Ver⸗ ſtand die Wege des Heils nicht, wenn ſie die Vor⸗ ſehung oder der Papſt in ihrer Weisheit in an⸗ ſcheinendes Unglück hüllt. Dann, fiel der Arzt heftig ein, iſt es des Chri⸗ ſten Pflicht, zu leiden ohne Murren, oder im blin⸗ den Vertrauen zu gehorchen; wäre es doch frevel⸗ hafte Vermeſſenheit, mit dem armen menſchlichen Verſtande die Weisheit Gottes und ſeines Stell⸗ vertreters ergründen zu wollen. Wie habt Ihr recht! entgegnete mit ſtillem Triumphiren der Franziskaner. Der Segen des Allmächtigen überſchüttet Euch aber auch, da er Euch zum Werkzeug ſeines göttlichen Gerichtes auser⸗ ſehen. O ſprecht, ſprecht! rief der Arzt erhitzt, was muß ich thun, um dieſes Heiles Uebermaß mir zu verdienen? Die Kirche Gottes von ihrem größten Feind befreien. Nennt ihn und ſeine letzte Stunde hat geſchla⸗ gen, und ſollte ich ſelbſt zum Märtyrer darum werden. Ihr werdet's nicht. Doch, was wäre ſelbſt der Tod gegen die Seligkeit des künftigen Lebens, die Euch der heilige Vater im vollſten Maße zu⸗ 308 ſpricht und darum, kraft ſeines Rechts zu binden und zu löſen, Euch hiermit Ablaß für alle Eure Sünden, begangene und noch zu begehende, ertheilt! Doch wer iſt's, von dem ich— ein unwürdig Werkzeug ſolch glorreicher That— die heilige Mutterkirche befreien ſoll? Es iſt ein Ketzer, ein Gottverfluchter, den längſt des Papſtes Bann der Hölle heimgegeben. Es iſt der Antichriſt— der Kaiſer! Der Kaiſer? wiederholte der Arzt erbleichend. Ja, der Kaiſer; das heißt der Frevler, der ſich noch Kaiſer nennt, obſchon der heilige Vater ihn ſeiner Würden entſetzt hat. Und ihn ſoll ich... Bebt Ihr zurück, weil ſich der Schuldige mit einem angemaßten Titel ſchmückt? Wißt Ihr etwa nicht, daß er gleich einem hölliſchen Drachen die Kirche verfolgt und ſie zu vernichten— ſie auf⸗ zuheben droht? Ich weiß es, er iſt ein verabſcheuungswürdiger Ketzer— aber— er iſt meines Herrn— er iſt mein Wohlthäter— er hat uns Beide mit Gna⸗ den und Ehren, mit Gaben und Geſchenken über⸗ häuft. Und warum that er das? Um Euch Beide in den Schlingen der Hölle zu feſſeln, um Euch 309 der Kirche abtrünnig, um Euch zu Knechten Sa⸗ tans zu machen, die mit Eifer gleich ihm bemüht ſind, die Kirche Gottes zu zertreten, das Blut des Lammes zum zweiten Male zu vergießen. O, ich ſehe, der Papſt hat ſich in Euch geirrt; er hielt Euch für einen treuen und gehorſamen Sohn, für einen Chriſten, ja für einen Auserleſenen im Reiche des Herrn— und Ihr ſeid ein Diener Baals, ein Abtrünniger, ein Verlorener, auf den die ewige Pein, die ewige Verdammniß wartet. Haltet ein! ſchrie entſetzt der Arzt, Ihr ver⸗ flucht den Unſchuldigen. Der Allſehende weiß, wie oft ich vor meinem Herrn auf den Knieen lag und ihn mit Thränen anflehte, von den Wegen der Gott⸗ loſen zurückzutreten und auch auf den Kaiſer einzu⸗ wirken, daß auch er ſeine Seele rette. Aber der Kanzler blieb taub und antwortete meinen Bitten mit den Läſterungen der Verdammten. Der Kanzler, fuhr Salimbene fort, hat ſein unrecht eingeſehen und ſich der Kirche unterworfen. Er verläßt den Kaiſer und tritt zu uns. Vineis?! rief außer ſich vor freudigem Er⸗ ſtaunen der Arzt, mein Herr und Gebieter hätte ſich entſchloſſen... Seine Seele zu retten! fiel der Franziskaner ein; er flucht dem Kaiſer als dem Antichriſt. Eine Pauſe folgte. Dann fuhr Salimbene 310 finſter fort: Lebt wohl! meine Zeit drängt; ich muß dem heiligen Vater Antwort ſagen. Es wird ihn tief ſchmerzen, zu erfahren, daß ſtatt der Krone der Heiligen die ewigen Flammen Euch erwarten. Und mit dieſen Worten wandte ſich Fra Sa⸗ limbene zum Weggehen. Aber er vermochte die Stelle nicht zu verlaſſen; denn der Leibarzt des Kanzlers hatte ſich, aus tiefer Betäubung erwachend, ihm zu Füßen geworfen und ſeine Kleider erfaſſend rief er: Bei allen Heiligen! verwerft mich nicht im Zorn. Verwerft nicht Euern treuſten Knecht, der nur aus menſchlicher Schwäche gefehlt. Wenn mein Herr, der Weiſeſte der Sterblichen, den Kaiſer ver⸗ läßt, verlaſſe auch ich ihn; wenn er, wenn die Kirche ihm flucht— fluche auch ich ihm; wenn der heilige Vater, der Stellvertreter des lebendigen Gottes, ihn zum Tode verdammt, verdamme auch ich ihn. Was ſind irdiſche Güter, die Roſt und Motten freſſen, gegen der Seele Heil— gegen die Krone des ewigen Lebens! Mein Heiland ſtarb blutend für die Welt am Kreuzesſtamm, ſo will auch ich ſterben für das Wohl meiner Brüder, wenn es der Himmel fordert. Jeſu Chriſti opferte ſeine Liebe zu Mutter und Freunden, als der Vater rief— ich will meine Dankbarkeit, meine Achtung 311 gegen den Kaiſer opfern, wenn es die heilige Mut⸗ ter Kirche befiehlt. Und der Segen des Allmächtigen wird Euch reichlich lohnen und der Gnadenſchatz aller Heiligen auf Euch niederträufeln. Aber was muß ich thun? Fra Salimbene griff ſchweigend in ſeinen Buſen, langte aus demſelben ein ſilbernes Büchs⸗ en, reichte es dem Arzte und ſprach: Ihr habt den Kaiſer bei ſeinem öfteren Un⸗ wohlſein zu bedienen? Ja! So miſcht den Inhalt dieſes Fläſchchens unter eine der Arzneien, die Ihr ihm reicht. Es iſt ein Nittel, welches ſicher zum Ziele führt. Es ſoll geſchehen! entgegnete der Arzt. Aber nun auch Euern Segen. Den habt Ihr in vollem Maße. Wer den Willen des Herrn erfüllt, iſt gebenedeit, wen der Herr auserleſen, dem dienen die Engel. Und über den Knieenden ſegnend ein Kreuz ſchlagend entfernte ſich der Mönch. 17. Treue Liebe. Nein, um den Fodten war's, daß ich gewacht. Freiligrath. Als Lucia Viadagoli nach dem misglückten Ret⸗ tungsverſuch, den ſie zu Gunſten Enzio's gewagt, aus ihrer Ohnmacht erwachte, fand ſie ſich in einem ihr fremden Raume. Aſinelli, welcher der Unglück⸗ lichen zur Seite ſtand, ſchien mit Aengſtlichkeit ihr völliges Bewußtwerden zu erwarten. Er war bleich wie der Tod; doch ſprachen ſeine Züge männliche Faſſung und Entſchloſſenheit aus. Was iſt aus Enzio geworden? frug mit den erſten kaum verſtändlichen Lauten die Gebengte. Er lebt, entgegnete tröſtend der Freund, und ſein Stand wird ihn für Unbillen ſchützen. Vor allen Dingen müſſen wir jetzt an uns denken, auf welche die ganze Wuth Bolognas fallen wird. Wenn es Ihnen möglich iſt, Signora, erheben Sie ſich und folgen Sie mir. Noch iſt die Stadt in der größten Verwirrung und Flucht möglich; jede Zög⸗ — 3 313 rung ſteigert die Gefahr. Filippo iſt bereits ver⸗ haftet und wird dem Tode nicht entgehen. Uns rettete der Zufall. Ich wollte, wie Sie, in der Nähe des Palaſtes den Ausgang es Unterneh⸗ mens erwarten und barg mich daher in einem nahen Hauſe. Von hier aus gewahrte und erkannte ich Sie, als Sie die verdammte Hexe von ihrem unglück⸗ ſeligen Vorhaben abhalten wollten. Die ſchnelle Dazwiſchenkunft Filippo's verhinderte mich, Ihnen beizuſprihgen. Was dann geſchah, wiſſen Sie. Als ich Sie ſinken ſah, ſtürzte ich, von der allgemeinen Verwirrrung und der Dunkelheit begünſtigt, her⸗ bei, lud Sie auf meine Schultern und trug Sie hierher. Und Enzio? wiederholte noch halb verwirrt Lucia, als habe ſie des Freundes erſte Antwort überhört, was wird aus meinem Gatten werden? Lucia! flehte Aſinelli. Bei Allem, was Ihnen heilig iſt, denken Sie jetzt an Ihre eigne Rettung! Aber Lucia war nun erſt wieder ganz zu ſich gekommen. Ihre Gedanken wurden klarer und das Geſchehene trat deutlicher vor ihre Seele. Sie fuhr, ihrer Schwäche ungeachtet, heftig empor und ſich mit Todesangſt an Aſinelli's Arm klammernd, rief ſie in wilder Verzweiflung: Aſinelli! was iſt aus Enzio geworden? Er lebt, Signora, und wird leben! entgegnete II. 14 314 der Gefragte. Aber denken wir jetzt daran, unſer eigenes Leben zu retten. Er lebt 2 Er wird leben? O Gott, Sie täuſchen mich! fuhr Lucia in entſetzlicher Angſt fort. Sie werden ihn tödten, oder haben ihn vielleicht ſchon gemordet! Aſinelli! ermordet! meinen Enzio, mei⸗ nen Gatten! und ich, ich bin ſeine Mörderin! Die Unglückliche ſank hier jammernd auf ihre Kniee, das ſchöne Haupt in beide Hände bergend. Lucia! flehte Pietro und verſuchte die Kniende zu erheben. Seien Sie nicht ungerecht gegen ſich ſelbſt. ungerecht? rief Jene ſchluchzend. War ich es nicht, die ihn aus einem friedlichen Zuſtande auf⸗ ſcheuchte und ihm Hoffnung machte? War ich es nicht, die dieſen unglückſeligen Plan erdachte und ihn opferte?* Dafür, Signora, ſind Sie nicht verantwort⸗ lich, Ihr Wille war gut. Das weiß der Allmächtige! betheuerte Lucia. Nur Liebe leitete mich, aber eben dieſe Liebe führt ihn nun dem Blutgerüſte zu. Nicht doch, ſein geſalbtes Haupt iſt heilig; ſie werden nicht wagen, das Leben der Majeſtät an⸗ zutaſten. Nicht wagen? Liegt nicht der Bann auf ihm? Iſt er nicht vogelfrei? S Aſinelli wußte wohl, wie unhaltbar ſeiſe Trö⸗ ſtungen ſeien und ſelbſt Alles für Enzio fürchtend, brach er raſch ab und drang ſtürmiſch in Lucia, ihm auf einem geheimen Wege aus der Stadt zu folgen. Aber ſeine Bitten, Vorſtellungen, Beſchwö⸗ rungen waren umſonſt. Lucia weigerte ſich ent⸗ ſchieden, zu fliehen. Was ich verſchuldet, ſagte ſie, nachdem ſie ſich einigermaßen gefaßt hatte, werde ich gut zu machen ſuchen, oder iſt dies nicht möglich, das Schickſal meines Gatten theilen. Fliehen Sie immer, edler Freund, Ihr Tod kann Enzio's Zukunft nicht er⸗ leichtern; wenn Sie aber Ihr Leben erhalten, ſo können Sie ihm vielleicht noch nützen. Ich werde... Laſſen Sie uns vernünftig ſein! fiel hier Aſi⸗ nelli der Sprechenden in das Wort. Wir dürfen uns nicht über die Lage, in der wir uns befinden, täuſchen. Enzio iſt für uns verloren, denn bleibt er auch leben, ſo werden wir ihn doch nimmer wiederſehen. Wir ſelbſt aber ſchweben hier in To⸗ desgefahr. Bliebe auch nur die leiſeſte, die ent⸗ fernteſte Hoffnung, den Freund retten zu können, glauben Sie mir, Signora, ich würde jeder Ge⸗ fahr trotzen, Alles aufbieten, ſelbſt mein Leben muthig in die Schanze ſchlagen, Enzio's Flucht zu befördern— aber da ich überzeugt bin, daß wir dem Freunde, wird unſer Aufenthalt hier entdeckt, 14* nur ſchaden und uns ſelbſt verderben, ſo bin ich entſchloſſen, zu fliehen. Folgen Sie mir daher! Von Cremona aus können wir ſicher das Verhalten der Bologneſer überwachen und jedenfalls eher zu des Königs Gunſten wirken, als hier, wo uns jede Moöglichkeit zum Handeln genommen iſt. Lucia hatte Aſinelli ſchweigend angehört. Bleich und zitternd ſtand ſie vor demſelben, ein rührendes Bild herzzerreißenden Jammers. Ihr ſchönes Haupt geſenkt, die Hände vor ſich hin gefalten, in Thränen aufgelöſt, dachte ſie nicht an ſich, ſondern nur an ihn, den ſie ſo heiß liebte, der ihr Eins und Alles auf der Welt, der ihr Gott und ihre Selig⸗ keit war; an ihn, der ſein bittres Leiden, ehe ſie zu ihm getreten, mit rührender Geduld getragen, der aus ſeinem Kerker eine neue Welt geſchaffen, die ihn getröſtet und die ſie nun zertrümmert— an ihn, der ſie mit ſo unendlicher Gegenliebe um⸗ fangen, dem ſie die Freiheit und alles Lebensglück vorgeſpiegelt— und nun in den troſtloſeſten Ab⸗ grund des Elendes— vielleicht in die Gruft her⸗ abgezogen hatte. Was mußte bei dieſem Gedanken ein Gemüth leiden, das ſo ganz Liebe war! Wie gewaltig mochte der Schmerz ein ſo leidenſchaftliches Weſen durch⸗ zucken! Sie drückte den Stachel der Selbſtbeſchul⸗ digung immer tiefer in das blutende Herz und fand * 317 nur einen Troſt in ihrer verzweifelnden Seele: mit dem Geliebten zu ſterben. Nein! rief ſie daher, als Aſinelli geendet. Ich verlaſſe Bologna nicht. Fliehen Sie und verlieren Sie keine Minute, denn ſie ſind koſtbar und ich möchte nicht auch Ihre Mörderin werden. Das Weib bindet ein heiliger Schwur an ſeinen Gatten; ich hab' ihn in Gottes Angeſicht geleiſtet und werde ihn bis zum letzten Hauche halten. Die Liebe iſt meine Stütze, mein Schmerz, mein Troſt, meine Waſſe und, wenn Alles verloren iſt, mein Tod. Aſinelli kämpfte nochmals mit allen Mitteln, mit ſeiner ganzen Beredtſamkeit, aber vergebens gegen dieſen Entſchluß. Auch für ihn war dieſe Stunde eine qualvolle. Seine Leidenſchaft für Lu⸗ eia flammte hoch auf. Mitten in der Nacht des Unglücks ſah er— für Minuten— in weiter Ferne einen Stern der Hoffnung ſchimmern. Aber das theure Weſen ſchwindelte an einem furchtbaren Abgrunde hin, der ſie und mit ihr die junge Hoff⸗ nung verſchlingen mußte, folgte ſie nicht dem Rath des Freundes. Lucia's unerſchütterliche Feſtigkeit entſchied endlich den für beide peinlichen Kampf. Die Zeit drängte. Pietro übergab Lucia der Ob⸗ hut der Eigenthümerin jener Hütte, in der ſie ſich befanden. Auf Verſchwiegenheit und Treue konnte er rechnen und ſo riß er ſich gewaltſam von dem Weſen los, deſſen Beſitz ihm einſt als ſein höchſtes Glück vorſchwebte und das er nun in Jammer und Elend zurücklaſſen mußte. Aſinelli floh, aber nicht aus Engherzigkeit oder Furcht, ſondern weil er überzeugt war, Enzio auf keinerlei Weiſe in Bologna mehr nützen zu können, und er ſeine einzige und ſchwache Hoffnung auf äußere Hülfe und Verwendung ſowol für den König, als für deſſen unglückliche Gattin ſetzte. Lucia berührte ſein Scheiden wenig. Der un⸗ endliche Schmerz, der ſie erfaßt, verſchlang glle ihre Gedanken, ihr Bewußtſein, ihre Seelen⸗ und Körperkräfte. Als Pietro die Hütte verlaſſen, fiel ſie in ein krampfhaftes, lang andauerndes Weinen und erſt als dieſer Zuſtand überſtanden, ſiegte eine ruhigere Ueberlegung über die leidenſchaftlich toben⸗ den Schmerzen. Aber ſelbſt jetzt vermochte die gute Frau, in deren Behauſung ſie weilte, ſie kaum von dem Ent⸗ ſchluſſe zurückzuhalten: ſich in eigner Perſon von Dem zu überzeugen, was ſeit der unglückſeligen Entdeckung geſchehen. Es war tief in der Nacht, aber Bologna war in ſolcher Bewegung, daß man Mühe hatte, durch irgend eine ſeiner engen Straßen durchzudringen. Noch ſtürmten die Glocken, noch heulten die Hörner, noch fürchteten der Podeſta und die Behörden eine weitverzweigte Verſchwö⸗ 319 ung, noch wußte kein Menſch, von wem das kühne Unternehmen ausgegangen, da man außer Gonfa⸗ lonieri und Filippo Niemanden erfaßt hatte. Aber Ugone war nicht unthätig. Schon um Mitternacht wurden dieſe beiden Unglücklichen den Folterknechten übergeben, um durch hölliſche Qua⸗ len zu dem Geſtändniß der übrigen Mitwiſſenden gebracht zu werden. Wie aber hätte Rainerio das angebetete Mädchen, den treuen Freund verrathen können! Ihm ſchloß Liebe und Stolz— dem armen Küper Dankbarkeit— den Mund. Der Lohn ihrer Standhaftigkeit erfolgte als⸗ bald. Mit dem erſten Grauen des Morgens ver⸗ ſammelte ſich der Rath und verurtheilte Beide, als des Hochverraths überwieſen, zum Tode. Schreck⸗ licher noch fiel der Spruch für König Enzio. Ihm ward ein unterirdiſches Gefängniß angewieſen, deſſen Eingang ſo weit zu vermauern war, daß nur ein Raum offen bleibe, welcher das Einſchieben der nöthigen Speiſen möglich mache. Die einzige Linderung dieſes furchtbaren Urtheils, welche ihm der Rath geſtattete und die faſt mehr Hohn als Mitleiden ausſprach, war die Erlaubniß: daß, wenn ſich einer ſeiner Diener freiwillig entſchließen würde, ihm bei lebendigem Leibe in dies Grab zu folgen, es demſelben vergönnt ſein ſolle. Mit dieſer letzten, gräßlichen Neuigkeit— 320 von Gonfalonieri's und Filippo's Schickſal hatte ſie nichts Beſtimmtes erfahren können— kehrte am kommenden Morgen die Wittwe, bei welcher Aſi⸗ nelli Lucia untergebracht, zurück. Da die Unglück⸗ liche auf das Aergſte, auf Enzio's Todesurtheil gefaßt geweſen war, ſchien ihr die grauenhafte Ver⸗ dammung zu ewigem, unterirdiſchem Gefängniſſe faſt eine milde Behandlung und zwar um ſo mehr, als die dem Urtheil angehängte Clauſel ihre ge⸗ marterte Seele mit einem Gedanken erfüllte, der ſie, mitten im wildeſten Schmerze, mit einem hei⸗ ligen Hochgefühle durchbebte. In den ſchweren Stunden der eben verfloſſenen Nacht war ſie näm⸗ lich mit ſich ſelbſt eins geworden: entweder zu ſuchen, des Gatten Leiden theilen zu dürfen, oder— ſollte er ſterben müſſen— ihm freiwillig in den Tod zu folgen. Jetzt ward ihr ein Mittel an die Hand gegeben, das Erſtere auszuführen— blieb ihr un⸗ ter dieſen Verhältniſſen doch noch immer das köſt⸗ lichſte Kleinod der Menſchen— Hoffnung. Lucia war klug genug, ſich ihrer Wirthin nicht zu entdecken. Unter dem Vorwande, ſich ſelbſt von der Wahrheit dieſer Ausſage überzeugen zu wollen, ver⸗ ließ ſie, allen Gegenvorſtellungen ungeachtet, die Hütte. Das liebliche Geſicht machte aufgelegte bräun⸗ liche Farbe, die ganze Geſtalt die bisherige, doch aus Vorſicht etwas veränderte Kleidung unkenntlich. 321 Auf dieſe Weiſe vor Erkennen geſchützt, ſchlug die junge Gräfin Bentivoglio den nächſten Weg nach jenem Thurme ein, in welchen man den Kö⸗ nig von Sardinien unter ſtarker Begleitung ge⸗ bracht und in deſſen, aus Felſen gehauenen, unter⸗ irdiſchen Hallen der Arme den Reſt ſeines Lebens verſeufzen ſollte. Das Wogen und Treiben in Bolognas Straßen hatte ſeit dem Anbruch des Tages noch zugenom⸗ men; ja es war in einigen derſelben ſo geſtiegen, daß ſich Lucia plötzlich wie von einem Strome er⸗ griffen fand, der ſie, gegen ihren Willen, nach ei⸗ ner ganz anderen, als der vorgeſetzten Gegend ſchob. So ſah ſie ſich nach kurzer Zeit auf dem Marktplatze, welchen bereits eine zahlloſe Menſchen⸗ menge überflutete, die immerwährend durch die neuzuſtrömenden Seitenkanäle anwuchs. Die Ver⸗ kleidete ſuchte ſich vergebens aus dem Gedränge zu flüchten. Alle Zugänge zum Markte wälzten ihre compacte Maſſen entgegen und machten eine Flucht nmöglich. Trotz ihrer doppelten Furcht: entdeckt zu werden, oder gar durch dieſe Verzögerung ihren Plan vereitelt zu ſehen, ſah ſich Lucia daher ge⸗ nöthigt, wenigſtens ſo lange auszuharren, bis der erſte Andrang vorüber. Jetzt erſt ſchenkte ſie dem Treiben um ſich her eine flüchtige Aufmerkſamkeit, wäre aber bald in die Kniee geſunken, als ſie ge⸗ wahrte, daß ſich, mitten aus der Menſchenflut, hoch, ſtarr und drohend ein ſchwarzes Gerüſte erhob. Sie wankte, ihre Augen dunkelten, kalte Tro⸗ pfen traten auf ihre Stirn und es fehlte wenig, ſo hätte ſie ein Schrei des Entſetzens verrathen. Glücklicherweiſe ſtand Lucia in dieſem gefährlichen Momente unter den niederen Arkaden eines alten Hauſes, deſſen plumpe Säulen ſie halb verbargen. Athemlos legte ſich die Erſchöpfte gegen die Wand. Der Schreck ſchien ihr das Herz abdrücken zu wol⸗ len. Hatte ihre Wirthin gelogen? War ſie ge⸗ täuſcht worden? War jenes Gericht von der ſtrenge⸗ ren Haft Enzio's nur eine vage Sage? Oder gal⸗ ten dieſe Schreckensanſtalten den anderen Mitver⸗ ſchworenen und wem?— Filippo war gefangen, das wußte Lucia— aber Gonfalonieri, Aſinelli, waren auch dieſe entdeckt worden? Die Unglückliche brachte eine qualvolle Vier⸗ telſtunde in dieſer Ungewißheit zu; da kündete die Bewegung unter der Volksmenge das Nahen der Verurtheilten an. Unbeweglich, kalt, kaum mehr lebend, ſtarrte Lucia nach dem Blutgerüſte. Es füllte ſich mit Menſchen. Kaum erkannte ſie den Podeſta, Fra Salimbene und— ihren Vater. Bei dem Erſcheinen des Letzteren verlor ſie auf Momente die Beſinnung. Der Gedanke, daß 323 ihre Mitwiſſenſchaft an dem hochverrätheriſchen Complot entdeckt ſei und nun— da ſie ſich dem Rathe entzogen— der Vater für die Tochter büßen müſſe, lag ſo nahe, daß er wie ein Blitz auf das Haupt des Kindes fiel. Aber bald gewahrte ſie Guido Viadagoli unter den Richtern und erkannte in den Geſeſſelten den armen Filippo und Gonfa⸗ lonieri. Neue Qualen, neue Vorwürfe beſtürmten ſie; aber es blieb ihr keine Zeit für dieſe Folter— der Henker hob das Beil und Raineriv's ſchönes Haupt rollte blutend zu Boden. Ein Schrei entfuhr ihrer Bruſt. Die Um⸗ ſtehenden blickten ſie an, da ſie aber in ihr einen Knaben zu ſehen glaubten, der, von dieſem Schau⸗ ſpiel erſchreckt, mit beiden Händen das Geſicht be⸗ deckte, ſo antwortete ihrem Angſtruf ein lautes Hohngelächter, gefolgt von einem Regen von Witzen und Spöttereien. Das Schwert ſchwebte in dieſer Minute über dem Haupte der Gräfin; da führte der Henker Filippo vor und alle Augen blickten nach dem Blutgerüſte. Lucia aber faßte ihre letz⸗ ten Kräfte zuſammen, erhob ſich und floh, wie von den Furien gepeitſcht, dieſen Ort namenloſen Schreckens. Beſinnungslos, ohne zu wiſſen, was ſie that, ſuchte Lucia das Ziel zu erreichen, nach dem ſie aus⸗ gegangen. Erſt an dem Fuße des Thurmes kam ſie wieder zu ſich. Sie mußte ſich niederſetzen, um Athem zu ſchöpfen, ihre Kräfte zu ſammeln und ſich zu faſſen. Nachdem dies einigermaßen ge⸗ ſchehen, ließ ſich die Verkleidete dem Commandan⸗ ten melden. Lucia hatte erwogen, was auf dem Spiele ſtand. Die Wichtigkeit des Augenblicks gab ihr die alte Energie zurück, ſo daß ſie im Stande war, ihre gefährliche Rolle zu ſpielen. Durch die lange Uebung war ſie ohnedies derſelben Meiſter, und Sprache und Manieren gaben durch ihre Sicherheit und Ungezwungenheit nicht den leiſeſten Anlaß zu einem Verdachte. Der Commandant ſtaunte über die Aufopfe⸗ rung des jungen Menſchen und ſtellte demſelben nochmals vor, daß er im Begriff ſei, lebendig in ſein Grab zu ſteigen. Als er aber ſah, daß der Diener in ſeiner rührenden Treue verharre, gab er, für den armen König Mitleid fühlend, den Be⸗ fehl, des Jünglings Bitten ſofort zu willfahren und den Eingang zu ſchließen. Lucia durchrieſelte Todesſchauer, als ſie in die finſteren Steingewölbe trat. Der letzte Aufwand ihrer Kräfte war verzehrt, kaum vermochte ſie wei⸗ ter zu ſchreiten. Ihre Blicke ſuchten Enzio— er befand ſich nicht in dem engen Raume. Sie ſchritt mühſam und ſchwankend der Thüre zu, welche in ein zweites Felsgemach führte. Es war, wie das erſte, nur ſchwach durch kleine ſtarkvergitterte Fen⸗ ſter erleuchtet, welche man in nicht zu erreichender Höhe ſpärlich angebracht. Mit Mühe erkannte ſie die Gegenſtände. Die fürchterlichen Aufregun⸗ gen, Leiden, Schrecken und Qualen der letzten Zeit hatten ſie ſo gewaltig erſchüttert, daß ſie einer Ohn⸗ macht nahe, nach dem Bett ſchwankte, ſich an deſſen Pfoſten zu halten. Siehe! da lag Enzio in ſanf⸗ tem Schlummer hingeſtreckt. Auch ſeine Kräfte waren der übermenſchlichen Anſtrengung gewichen. Ruhige Ergebung in ſein furchtbares Schickſal thronte auf der königlichen Stirn und ſeine auf der Bruſt gefalteten Hände hielten eine welke Oran⸗ genblüte, das letzte Geſchenk der Heißgeliebten. Luria's erſterbender Blick flog mit einem un⸗ ausſprechlichen Ausdruck von Schmerz und Liebe über den Gatten; dann ſank ſie ohnmächtig auf den Boden. Als Beide erwachten— war der Eingang des Kerkers vermauert. 18. Abenddämmerung. Gleich Roſenhauch auf einer Jungfrau Wangen Seh' ich den Abend im Gebirge prangen. Im zarten Dufte glühen ſie vor mir Die Gletſcher, denen treu die Sonne hier Ihr erſtes und ihr letztes Lächeln zeigt; Dnd aus den Flammen wie ein Phönix ſteigt Der Mond mit ſilberſtralendem Gefieder, In jede Woge taucht ſein Bildniß nieder; Ob ſtumm ſie ruht, ob leuchtend ſie ſich bricht, Sie wird verklärt und er vergißt ſie nicht. So mag der Geiſt der Welt in unſer Denken, In jede Blüte, jede Bruſt ſich ſenken. Dem Mond ſtreut ſtill mit ſchmeichelnder Geberde Goldwölkchen auf die Bahn des Ahends Wehn Gleich Blumen, doch nicht Blumen dieſer Erde, Die welken müſſen, ehe ſie vergehn; Dort in dem Rachen wirft mit kalter Hand Sein letztes Gold das herbſtlich gelbe Land Und meine Seele ſieht in ernſter Ruh Der Perlen Träufeln von den Rudern zu, Wie ſie von Ringen ſich zu Ringen dehnen, Ein fliegendes Symbol der Cwißkeit, Und endlich ſich, von jeder Form befreit, Geſtaltlos mit dem Element verſöhnen. Georg Herwegh. Es war den Morgen nach jener Nacht, in welcher Fra Salimbene Vineis und ſpäter deſſen Arzt be⸗ ſucht hatte, als ſowol in dem Kloſter S. Madonna della Spina, ſowie in deſſen weiter Umgebung die Schlachthörner des kaiſerlichen Heeres zum Auf⸗ bruch riefen. Das war ein Leben und Weben, ein Regen und Treiben, ſo weit nur das Auge nach allen Seiten ſehen konnte. Ritter in ihren ſchweren, blanken Harniſchen, Lanzenknechte mit Pickelhaube und Speer, Bogen⸗ ſchützen im bunten Wamms, Sarazenen auf flüch⸗ tigen Roſſen, ſelbſt dunkelfarbige Afrikaner, Alles wimmelte in buntem, wunderlichem Gemiſche durch⸗ einander. Und dazwiſchen das Wehen der Feder⸗ büſche, das luſtige Flattern der Fahnen, die der friſche Morgenwind ſpielend entfaltete, das Blinken und Blitzen der Waffen, das Schreien der Men⸗ ſchen, das Blaſen der kriegeriſchen Inſtrumente, das Wiehern der Pferde:— wer hätte dies Alles ſehen und hören können, ohne ſelbſt fortgeriſſen zu werden zu Kampf und Lebensluſt? Auf Niemanden übte dies Treiben aber einen angenehmeren Eindruck, als auf den Kaiſer, deſſen Ohr, von Jugend auf an den Klang der Waffen gewöhnt, die kriegeriſchen Töne mit Luſt einſqugte. So wunderbar vermag das Geſchick auf den Menſchen einzuwirken. Friedrich II hatte ſich in ſeinen jüngern Tagen, trotz der angebornen Hel⸗ denkraft, trotz Muth und Tapferkeit bei weitem mehr dem Frieden als dem Kriege zugeneigt. Alle ſeine Liebhabereien und Lieblingsbeſchäf⸗ tigungen fielen mit den Segnungen des Friedens zuſammen: das zarte Spiel der Dichtkunſt, das 328 edle Waidwerk, das ernſte Studium der Natur, das weiſe und hochwichtige Werk der Geſetzgebung, die Aufmunterung der Künſte, die Pflege der Wiſ⸗ ſenſchaften, die Ausbreitung des Handels. Alber es war, als ob der Himmel der Erde das Glück nicht gegönnt, das ihr aus einem dauern⸗ den Frieden unter einem ſolchen Herrſcher hätte erſprießen müſſen, da er den edelſten und herrlich⸗ ſten Eigenſchaften und Neigungen des Kaiſers keine Zeit ließ, ſich in ihrer vollen Blüte zum Wohle der Menſchheit zu entwickeln. Wie gern würde Friedrich das Schwert mit dem Oelzweige vertauſcht haben, wenn ihn nicht das unabänderliche Schickſal zu ewigem Kämpfen verdammt hätte! Wie oft bot er ſelbſt die Hand zum Frieden, ohne daß ſie angenommen wurde! Aber hierin, ſo wie in manch anderer Be⸗ ziehung, wurde er ſchon von einem großen Theile ſeiner Zeitgenoſſen, wird er ſelbſt jetzt noch falſch beurtheilt; theils weil ihn der Grad der Aufklä⸗ rung, den er erreicht hatte, ſo hoch geſtellt, daß ihn nur Wenige zu begreifen, Wenige ſeine Plane zu durchſchauen vermochten, theils und hauptſäch⸗ lich aus Parteilichkeit. Man ſollte bei Friedrich Il immer im Auge haben, was Funck in ſeiner Geſchichte deſſelben ſo richtig bemerkt: 329 Wemn die überwundenen Schwierigkeiten und nicht blos der ſchimmernde Erfolg den Gehalt ei⸗ ner Unternehmung beſtimmen, und wenn der Werth des Einzelnen um deſto höher ſteigt, je tiefer ſein Geſchlecht herabgeſunken war, ſo dürfen die großen Männer der mittleren Geſchichte ihr weniger aner⸗ kanntes Verdienſt kühn an die Seite der geprieſen⸗ ſten Tugenden des Alterthums ſtellen. Wir beurtheilen den Staatsmann, den Ge⸗ ſetzgeber, den Aufklärer ſeiner Nation zu oft nach unſerem ſtatt nach ſeinem Zeitalter; oder überſehen gar ſein erhabenes Verdienſt, weil er auf einem undankbaren Boden ſäete und die Stürme des Jahr⸗ hunderts ſeine Ernten vernichteten. Die Menſchen hatten die erſten Stufen der Kultur mühſam erſtiegen, aber den weitern Fort⸗ ſchritt hemmte der Despotismus der Kirche und der Mangel an Ordnung, Gleichgewicht und Zu⸗ ſammenhang in der bürgerlichen Verfaſſung. Durch alle dieſe Uebel wurden den Monar⸗ chen, die ihren Reichen Feſtigkeit zu geben ſtrebten, bei allen ihren Unternehmungen die Hände gebun⸗ den. Sie hatten beinahe mit allen den Widerwär⸗ tigkeiten zu kämpfen, auf welche die Stifter neuer Staaten treffen, und ihre Thätigkeit beſchränkten auch noch die Hinderniſſe, welche fehlerhafte Einrichtungen der Vorzeit, Aberglaube und Vorurtheil ihnen ent⸗ 330 gegenſetzen. Jene errichteten ihr eigenes Werk auf einem völlig freien und ſicheren Boden, dieſe hin⸗ gegen mußten, mitten unter Sturm und Ungewit⸗ ter, auf die wankenden Trümmer eines alten Ge⸗ bäudes ihre neue Schöpfung gründen. Unter allen Monarchen der Chriſtenheit be⸗ fanden ſich die deutſchen Kaiſer in der gefährlich⸗ ſten Lage. Was irgend einem Regenten des damaligen Zeitalters ſich einzeln entgegenſtellte, vereinigte ſich Alles gegen den Fortgang der Nachfolger Otto's des Großen und in Friedrich II Epoche trafen noch eine Menge Umſtände zuſammen, um den Schwie⸗ rigkeiten, welche er überwinden mußte, den höchſten Grad des Nachdrucks und der Wirkſamkeit zu geben. Aber der würdige Enkel Friedrich Barbaroſſa's wurde auch von keinem ſeiner Vorgänger an inne⸗ rer Kraft, an ausdauernder Beharrlichkeit und an kluger Wahl der Mittel übertroffen, mit denen er den unabhängigen Geiſt ſeiner Unterthanen, die Herrſchſucht der Kirche und die Vorurtheile ſeines Jahrhunderts bekämpfte und aus dieſem Geſichts⸗ punkte betrachtet iſt ſeine Regierung unſtreitig eine der merkwürdigſten. Friedrich I kämpfte nicht aus Eroberungsſucht, nicht aus Habgierde, er führte ſein Schwert einzig und allein: ſeine angeſtammten Länder und Rechte 331 gegen fremde Eingriffe zu vertheidigen und der römiſch⸗deutſchen Kaiſerkrone in der Wirklichkeit den Glanz und die Macht zu verſchaffen, die ihr dem Namen nach zukamen. Hätte aber der Kaiſer ſchon in ſeinen kräfti⸗ geren Jahren gern einen ehrenhaften Frieden ge⸗ ſchloſſen, inſofern dies mit der großen Lebensauf⸗ gabe, die er ſich geſtellt, zu vereinen geweſen, ſo war er in ſeinen älteren Tagen, in welchen auch körperliche Leiden ihn heimſuchten, noch geneigter hierzu. Nach den Auftritten in Lhon war aber freilich nicht mehr hieran zu denken und einmal gezwungen neuerdings das Schwert ʒu ʒiehen, ſtreifte der kräftige Geiſt des Kaiſers auch alle Bedenklichkeiten ab und warf ſich, mit dem fröhlichen Muthe eines Helden dem erneuten Kampfe mit der alten Kraft entgegen. Halbheit war ihm von jeher zuwider gewe⸗ ſen— er ſtand auch jetzt wieder majeſtätiſch wie ein Kriegsgott da. Das laute Tönen, das wilde Treiben hatte ihn erregt. Er trat zu einem hohen Bogenfenſter, aus welchem man den Kloſterhof und die umliegende Landſchaft überſehen konnte. Hinter ihm befanden ſich Vineis, Ezelino, Ru⸗ dolph und David ihm zur Seite ſtand— Eudoria. Haſt du Tyrols rieſige Eisgletſcher ſchon ge⸗ ſehen, wie ſie in ungeheuern, imponirenden Maſſen zum Himmel aufſteigen: ernſt, ſchweigend und er⸗ haben? Haſt du gefühlt, wie bei ihrem Anblicke deine Seele erſtarrte im Bewußtſein deiner Nich⸗ tigkeit und ihrer Größe? Sahſt du aber auch an ihrem Fuße die lieblichen Thäler, die dich wie freundliche Idhllen anblickten, geſchmückt mit allen Reizen der Natur? Weißt du noch, wie ſelig ſich da dein Geiſt in den Schoos der Friedlichen ſenkte, beruhigt und entzückt? O, beſchwöre den Gedanken noch einmal vor deine Seele, und blicke dann auf Friedrich und Eudoria und du wirſt ſagen, es iſt ein treues Bild. Der Kaiſer gerüſtet, im männlichen Schmucke der Waffen, Eudoria im leichten, gefälligen Reiſe⸗ habit; hier die Kraft und das ehrfurchtgebietende Alter, dort die ſanfte, weibliche Schönheit in der vollſten Blüte der Jugend; hier die Majeſtät des allbeherrſchenden Gottes, dort die verſöhnende, trö⸗ ſtende Liebe. Und als nun das Mädchen, hingeriſſen von des kindlichen Herzens gewaltiger Regung, ſich ſanft an den Vater ſchmiegte und dieſer wie ſchützend den Arm um ſie ſchloß, da beugte ſich David nieder, die Hand des theuern Kaiſers zu küſſen, der ſo gut und ſo groß zugleich; da zerdrückte Rudolph eine 333 Thräne der Sehnſucht im Auge, da ſchaute Ezelinv di Romano finſter vor ſich hin, ſchon in Gedanken ſich badend im Blute der Feinde, da ſtand Vineis kalt und ernſt mit dem Antlitze des Verbrechers. Der Ewige aber blickte in alle die Herzen, die einander ſo nahe ſchlugen und die doch Him⸗ mel und Hölle ſo weit von einander entfernt. Nachdem des Kaiſers Blicke lange mit innigem Wohlbehagen auf Eudoria geruht, als wolle er ſich zu dem rauhen Kriegshandwerke durch den An⸗ blick der Schönheit ſtärken und begeiſtern, wendete er ſie abermals dem Treiben nach außen zu. Hier hatte aber ſeitdem Alles ein anderes Anſehen gewonnen und das chaotiſche Treiben ſich in Ordnung und ehrfurchtvolle Stille aufgelöſt. Das Heer ſtand in einiger Entfernung von dem Kloſter, in langen, unüberſehbaren dunkeln Linien, die, von den erſten Sonnenſtralen begrüßt, Feuerkronen zu tragen ſchienen. Nur die Leibwache des Kaiſers war dicht vor den Mauern von S. Madonna della Spina auf⸗ geſtellt. Jetzt ließen die verſchiedenen Heerhaufen ihre rauſchende Muſik zum Morgengruße erſchallen⸗ die Fahnen und Feldzeichen ſenkten ſich und ein don⸗ nernder Jubelruf begrüßte den Kaiſer. Es war ein großartiger und ergreifender Mo⸗ 334 ment; ſelbſt Friedrich ſchien erſchüttert. Eine wun⸗ derliche Miſchung von Wehmuth und ſtolzer Freude zog durch ſeine Bruſt und finſtere Geſtalten um⸗ ſchatteten ihn mit einem bangen, ihm ſelbſt unkla⸗ ren Gefühle. War es Erinnerung an überſtandene Gefah⸗ ren, war es Ahnung einer verhängnißvollen Zu⸗ kunft?— er wußte es nicht. Inniger zog er Eudoria an ſich und als das Hurrah! des Heeres zum dritten Male erſchallte, ſagte er bewegt, faſt als wolle er ſich ſelbſt be⸗ ruhigen: Viele, die Unſerm Herzen nahe ſtanden, die Wir mit Güter und Freundſchaft überhäuft, ach! ſelbſt Unſer eigner Sohn, haben Uns verrathen— Der Ruf, ſetzte er heftiger hinzu, iſt kein gezwunge⸗ ner! er kommt vom Herzen, das fühlen Wir hier. Die Kinder jauchzen ihrem Vater zu, der ſie liebt, der ihr Alles iſt, die werden Uns nicht verrathen, auf deren Treue dürfen Wir bauen. Vater! entgegnete Eudoria leiſe, weißt du, daß ich jene Krieger beneide? Und warum? frug der Kaiſer mit trübem Lächeln, die vollen Locken aus der Stirn der Toch⸗ ter ſtreichend. Weil ſie ſo glücklich ſind, ihre treue An⸗ pänglichkeit an dich, ihre Liebe zu dir, durch den 335 Heldentod für ihren Kaiſer beweiſen zu können. O, es muß ſelig ſein, für Die zu ſterben, die man liebt. Der Kaiſer drückte entzückt einen Kuß auf die Lilienſtirn ſeines Kindes und ſagte, zu deſſen Ohr geneigt: Seliger noch iſt es, für die Geliebten zu leben. Eudoria's Antlitz überflog eine hohe Glut; ihr wogender Buſen drohte den ſtraffen Seidenſtoff, der ihn verhüllte, ſprengen zu wollen. Es folgte eine längere Pauſe, während welcher des Kaiſers Blicke aufs neue über die Gegend ſtreiften, durch die nun das Heer zog, geführt von Ezelino, der ſich ſchon früher auf einen Wink des Herrſchers entfernt hatte. Die Ausſicht in die Ferne bot wenig Reize. Nur ein ſchöner Punkt grüßte das Auge und dies war ein weißer, hoher Thurm, der ganz oben auf dem Gipfel eines Berges ſtand. Liegt dort ein Schloß oder eine Stadt? frug bei ſeinem Anblick der Kaiſer halb zerſtreut den Abt des Kloſters, der im Hintergrunde des Gemaches ſtand. Wir entſinnen uns deß kaum, obgleich wir die Gegend ſonſt bis auf jeden Baum kennen. Majeſtät entſchuldigen, entgegnete der Ange⸗ redete näher tretend, es iſt eine jener Sternwarten, die Ihr dem alten, nun längſt in Gott entſchlafe⸗ nen Meiſter Skotus habt erbauen laſſen. Er pflegte 336 ſich oft in Eurer Majeſtät Abweſenheit dort aufzu⸗ halten. Der Kaiſer ſchien unangenehm berührt. Skotus! wiederholte er halblaut für ſich, und warum die Erinnerung an ihn in dieſem Augen⸗ blicke? Jetzt, jetzt, wo mich ein Gefühl misſtimmt, das ich nur ungern eine finſtere Ahnung nennen möchte! Er kehrte ſich raſch nach ſeinem Gefolge um, indem er mit feſtem und entſchiedenem Tone ſagte: Es iſt Zeit zum Aufbruch. Die Vorhut des Heeres iſt bereits voraus. Herr Abt, Wir danken Euch für die gaſtfreie Aufnahme und werden Eure Treue und Liebe zu lohnen wiſſen. Majeſtät! entgegnete der Angeredete, in die⸗ ſen Zeiten unchriſtlicher Chriſtlichkeit gilt es doppelt, zu beweiſen, daß man die Lehre unſers Erlöſers kennt und ihr nachlebt. 4 Und an den Werken wird man Euch erkennen, nicht an den Worten! ſetzte der Kaiſer hinzu. Dies beziehen Wir indeß auch auf Uns. Kloſter S. Ma⸗ donna della Spina iſt von heute und für alle Zei⸗ ten von jeder Abgabe frei. Unſer Kanzler wird Euch den ſchriftlichen Act darüber aushändigen. Vineis überreichte dem Abte das bezügliche Pergament, welches dieſer, vor Freude zitternd, hinnahm und ehrfurchtsvoll küßte. Graf von Habsburg! fuhr der Kaiſer fort. Rudolph trat vor und verbeugte ſich tief. Ihr werdet als treuer Ritter und Beſchützer Unſerer geliebten Tochter und ihrem weiblichen Gefolge ferner zur Seite bleiben. Es iſt ein wich⸗ tiges Amt, das Wir Unſerm Rudi vertrauen; aber... ſetzte Friedrich mit einem vielbedeutenden Blicke auf den jungen Mann hinzu, der in ſüßer Verwirrung erglühte, Wir wiſſen, daß es in guten Händen ruht. Kanzler! Vineis trat vor. Er war blaß wie der Tod. Dem alten, treuen, geprüften Diener, der un⸗ wandelbaren Stütze Unſeres Thrones gebührt der wichtigſte Auftrag. Euch übergeben Wir Unſere Perſon. Verrath lauert auf allen Seiten, denn Verrath iſt das Loſungswort zu Don. Niemand kennt dies beſſer als Ihr, der Kanzler des Reichs, der ſtets mit Rom unterhandelt hat, und Eurem Haß gegen das Papſtthum vertrauen Wir uns eben ſo ſicher an, als Eurer Treue, Eurer Liebe, Eurer Dankbarkeit. Und ſich vom Kanzler weg zum Narren wen⸗ dend ſagte er freundlich: Und Unſer Narr bleibt Uns zur Seite. Wär's anders möglich! rief David. Ich bin ja nur der Schatten von dir, Gevatter! III. 15 338 Friedrich gab nun ein Zeichen, die Aemter traten in Dienſt, der Hof brach auf. Da faßte der Kaiſer noch einmal David und Vineis, von den Andern unbemerkt, bei der Hand, ſah ſie vertrauensvoll an und flüſterte: Wir wurden heute an Skotus erinnert: drei blutig rothe Sterne ſtanden im Horoſkop und deuteten auf dreifachen Mordverſuch durch Gift und Dolch. Die Tempelherren führten den erſten Stoß, Unſer eignes Kind, dem Gott gnädig ſein möge, den Den Dritten.. ſind Wir erwartend... Freunde, Wir verzraen auf Euch! Ihr könnt es, bei dem lebendigen Gott! ver⸗ ſicherte finſter und mit ſchwankender Stimme Vineis und entfernte ſich raſch, als ob er ſeiner Dienſt⸗ pflicht nacheile. Hütet Euch vor Vineis! flüſterte der Narr und ſprang an Eudoria's Seite. Es ging bereits gegen Abend, als der Kaiſer 3 3 ſein Gefolge Halt machen ließ.. Der Punkt, an welchem es geſchah, war trotz der winterlichen Landſchaft reizend und ſeine Wahl bewies, daß ein langes Leben voll Sorgen und Kampf den Sinn des Kaiſers für Naturſchönheiten nicht abgeſtumpft habe. Da die Luft ſehr friſch, ja kalt wehte, zog ſich Friedrich mit David, Eudoria und Rudolph unter den Schutz einer, noch aus den Römerzeiten ſtolz emporragenden Ruine zurück. Hier wurde nun ein frugales Mal eingenom⸗ men, welches ein munteres Geſpräch, vornehmlich aber Davids Humor, würzte. Vineis war vorausgeeilt, dem Kaiſer und ſei⸗ nem Hofſtaate Quartier zu machen. Nach vollendetem Mahle entfernte ſich David, theils weil er merkte, daß Friedrich etwas auf dem Herzen habe, was e wol gern ſeiner Eudoria und Rudplph allein nin, theils weil ihn ſeine Sorge um des Kaiſers Sicherheit keine Ruhe ge⸗ ſtattete und er daher unterſuchen wollte, ob ſich in der weitläufigen Ruine keine Gefahr für den an⸗ gebeteten Herrſcher verberge. Der Kaiſer nahm die Entfernung Davids auch ſogleich wahr, gab den Dienern ein Zeichen, zu⸗ rückzutreten, und winkte ſodann Eudoria und Ru⸗ dolph näher heran. Beide gehorchten mit Freuden und nit einer Miſchung von banger Entzückung und ſüßer Ver⸗ wirrung, die ſich namentlich des Mädchens bemäch⸗ 5 340 tigte, das ſich denn auch erröthend an den Vater ſchmiegte. Kinder! ſagte dieſer endlich, nachdem er ſeine Lieblinge einige Minuten mit ſtummem Entzücken angeblickt, ich trage ſchon lange etwas auf dem Herzen, was mich drängt Euch zu ſagen. Es iſt Zeit, daß es geſchieht; denn wenn auch mein Herz und mein Geiſt noch jugendkräftig iſt, ſo fühle ich doch, daß mein Körper, aufgerieben durch die all⸗ zugroßen Anſtrengungen eines vielbewegten Lebens, mürbe wird. Ehe aber das Alter mich überſchleicht, möchte ich noch einen meiner Lieblingswünſche erfüllt ſehen, der mir, eben in dieſer Erfüllung, den Abend mei⸗ nes Lebens erheitern ſoll. In dir Eudoria— du weißt es ja— in dir blühen mir die ſchönſten Tage meiner Jugend wie⸗ der auf, und du, mein Rudi— er reichte hier dem jungen Grafen die väterliche Hand— du biſt der einzige jugendliche Held, den das Schickſal mir an der Seite gelaſſen; du biſt der einzige Troſt, der mir geblieben, ſeit meinen theuren Enzio ein ſo hartes Schickſal traf. Zwar gelingt es Uns viel⸗ leicht, ihn auf dieſem Zuge aus ſeiner, wenn auch ehrenvollen und königlichen, doch immer drückenden Haft zu befreien; aber dieſe Hoffnung bleibt doch immer ungewiß. — 341 Sieh, mein Rudi, nun bedarf ich für dies köſtliche Kleinod, für meine Eudoria, einen Schutz und Schirm, einen Arm und ein Herz, ſie zu tra⸗ gen durch die Stürme des Lebens. Aber es muß ein ritterlicher Arm ſein, der ſie auch zu ſchützen vermag, und ein Herz, das ihren hohen Werth er⸗ kennt und zu würdigen verſteht. Beides habe ich in dir gefunden, Rudi, in dir, der du ſie liebſt. Du haſt mir vor einigen Tagen deine Neigung geſtanden, ich aber habe ſie gekannt, ehe ſie dir ſelbſt bewußt worden. Erröthet nicht, Kinder!— Wenn es für das Leben, für das Daſein dieſſeits und jenſeits, irgend etwas Wichtiges gibt, ſo iſt es die Liebe, ihre in⸗ nere göttliche Natur, wohlverſtanden: das was ſie, die himmliſche, wahrhaft iſt, nicht was die Men⸗ ſchen oft aus ihr zu machen pflegen. O, wer ſie faſſen könnte in ihrer Allſeitigkeit! Iſt ſie nicht in ihrem reinſten Sinne, in ihrem höhe⸗ ren Leben, die Trägerin der Seligkeit? Iſt ſie nicht die Uneigennützigkeit, die Aufopferung, die Entſagung, die ewige Hingabe? Iſt ſie nicht ewig und unwandelbar? Steht ſie nicht erhaben über Hoffnung, Furcht und Glauben? Liegt in ihr nicht der einzige Troſt für das arme Menſchenherz? Kann es etwas Höheres geben, als ſein Selbſtbe⸗ 342 wußtſein hinzugeben an den geliebten Gegenſtand und es in ihm wiederzufinden? Glaubt mir: Siegesluſt, Herrſcherglück, Sin⸗ nenrauſch, ja Alles, was die Welt uns an Köſt⸗ lichem zu bieten vermag, iſt nichts gegen wahre Liebe. Und der höchſte Ehrenname, den wir dem Ewigen beizulegen vermögen, iſt Allliebender. Gott aber hat dies heilige Gefühl in unſere Bruſt geſenkt, daß es ein Gängelband werde, an welchem Natur die Kinder zu dem Vater leite. Darum Eudoria, darum mein Rudi, dürft ihr euch dieſes ſeligen Gefühles nicht ſchämen. Ihr liebt euch— wohl— ſo hat ja Gott ſchon den Bund der Herzen geflochten, ich füge, ſeinem Winke folgend, eure Hände zuſammen. Liebt euch einan⸗ der, wie Eudoria's Mutter und ich uns geliebt, aber— der Allmächtige gebe es— glücklicher. Und mit dieſen Worten legte der Kaiſer ſeine Hände ſegnend auf die Häupter ſeiner Lieblinge, die ſich, Wonnethränen im Auge, feſt umſchlangen. Aber auch über die braune Wange des Kaiſers rollte eine Thräne in den weißen Bart. Sie galt dem Andenken der früh verblichenen Geliebten. 19. Der Todesſtoß. Laß dich nicht den Kampf verwirren, Denn das Göttliche hienieden Muß beſtehen!— Aus Kampf und Irren Geht hervor der höhere Frieden. Heinrich Stieglitz. Nach einer im Vollgenuſſe des Glücks raſch ent⸗ logenen halben Stunde erhob ſich endlich der Kaiſer, das Zeichen zum Aufbruch zu geben. In demſelben Augenblicke trat ihm Ezelino di Romano entgegen. Die ſchwarze Rüſtung, das todtenbleiche An⸗ tlitz, die ingrimmig funkelnden Angen, gaben ihm etwas Furchtbares, wie ſein Erſcheinen, ſein unge⸗ ſtümmes Eintreten dem Kaiſer die Vorboten einer ſchlimmen Nachricht waren. Was iſt geſchehen, Feldherr? frug ihn daher Friedrich klopfenden Herzens, was iſt geſchehen, daß Ihr ſelbſt und in ſolcher Aufregung Uns die Unglücksbotſchaft bringt? Schlimmes! mein Kaiſer, rief der leidenſchaft⸗ liche Mann, gebt mir den Befehl, Bologna zu ver⸗ nichten, und ich ſchwöre Euch bei den Gebeinen meines Vaters, es ſoll kein Stein auf dem andern bleiben und kein Kind im Mutterleibe verſchont werden. Bologna! wiederholte der Kaiſer entſetzt, Bo⸗ logna! was iſt dort geſchehen? Unſer Enzio?!... Wir wollen nicht hoffen, daß man ſich an dem Könige von Sardinien, an Unſerem Sohne ver⸗ griffen hat?! Herr! entgegnete Ezelino, indem er ſein unge⸗ heures Schwert auf den Boden ſtieß, daß es laut erklirrte, ich bin kein Redner und kein Hofmann, ich ſage gerade heraus, was ich auf der Zunge habe: ich haſſe die Bologneſer ſeit meinem er⸗ ſten Athemzug, als Todfeinde meines Hauſes. Jetzt iſt Gelegenheit vorhanden, die Brut zu ver⸗ nichten. Laßt doch Euern Privathaß und Euer Sonder⸗ intereſſe, wenn es Höheres gilt. Vor allen Din⸗ gen, was iſt geſchehen, ſie haben doch Enzio kein Haar gekrümmt? Die Majeſtät ſoll wol bald in den Racheſchwur einſtimmen, verſetzte finſter triumphirend Romano, den ich der Republik geſchworen. Enzio wagte ei⸗ nen Fluchtverſuch, er mislang— und nun... Nun?! um Gottes willen! rief der Kaiſer er⸗ blaſſend. Und nun?! und nun?! 345 Haben ſie ihn lebendig eingemauert. Er wird das Tageslicht nie wiederſehen! Der Kaiſer erblaßte, ſeine Kniee wankten, er mußte ſich auf Rudolph ſtützen. Des Entſetzens Todtenſtille herrſchte rings umher. Aber der fürchterliche Schreck hatte den Kaiſer nur für einen Angenblick übermannt. Jetzt ſchoß ihm plötzlich das Blut wieder zu Kopf, ſeine Au⸗ gen ſandten Blitze, auf ſeiner Stirn ſtand Ver⸗ nichtung. Mit der Wuth des gereizten Löwen richtete er ſich auf, riß das Schwert aus der Scheide und ſchrie: Auf, nach Bologna! ich will das Grab mei⸗ nes Sohnes ſprengen und bewachte die Hölle ſelbſt ſeine Pforten. Wie ein Dolchſtoß durchzuckte dieſer Schmer⸗ zensruf alle Herzen und unwillkürlich flammten alle Schwerter, als wolle man ſich im Augenblicke ſelbſt auf den Feind ſtürzen. Da durchſchnitt ein banger Hülferuf die Luft. Alle lauſchten. Aber Eudoria hatte die Stimme erkannt und mit den Worten: Das iſt David! rettet, helft! eilte ſie in das Innere der Ruinen, dem Orte zu, aus dem der Ruß erſchallt. Rudolph und eine Menge Diener waren ihr gefolgt; aber ſie hatten noch keine zwanzig Schritte zurückgelegt, als ſie David erblickte, der, zum Tode verwundet, ſich dennoch abmühte, einen Mönch, den er krampfhaft mit der Rechten an der Gurgel gepackt hatte, gewaltſam hinter ſich her zu ziehen. Die linke Hand des Narren ſuchte vergeblich die Dolchſtöße des Mönches abzuwehren und ſeine Kräfte fingen an ihn zu verlaſſen, als die Hülfe ihn erreichte. Kaum aber hatte man ſich des Mönches be⸗ mächtigt, als der Narr bewußtlos zuſammenbrach. Jetzt erſchien auch der Kaiſer. Mit Entſetzen gewahrte er das Unglück, wel⸗ ches ſeinem treuen Narren begegnet. Raſch kniete er ſelbſt nieder, riß in Todesangſt die Kleidung des Verwundeten zurück und beruhigte ſich nicht eher, als bis ſein Leibarzt erklärt: Der Unglück⸗ liche lebe noch und es ſei— wenn auch die Wun⸗ den allerdings lebensgefährlich— dennoch Hoff⸗ nung vorhanden, ihn zu retten. Bei der Gelegenheit war aber der Kaiſer zu einer eigenen Entdeckung gekommen, die ihn wun⸗ derbar berührte. Er fand nämlich, daß David un⸗ ter den Kleidern das Portrait einer Frau trage, deren Züge ihm nicht unbekannt. Da aber jetzt jede Nebenſache vor den wich⸗ 347 tigen Anforderungen des Augenblickes verſtummen mußte, ſo nahm er das Bild ſchweigend zu ſich. Unterdeſſen hatte man den Mönch unterſucht und verhört. Er gab an, ſich aus Furcht vor dem anrücken⸗ den kaiſerlichen Heere hierher verborgen zu haben. Bei ihm hatte man eine wohlverwahrte, an den Kanzler Petrus de Vineis gerichtete Depeſche ge⸗ funden. Friedrich erſchrack. Ihm ſielen Davids War⸗ nungen ein. Haſtig riß er ſie auf, ſie war von Innocenz ſelbſt und enthüllte mit Einemmale dem Kaiſer die ſchmähliche Undankbarkeit ſeines erſten, ſeines be⸗ günſtigten Dieners— ſeines Vertrauten— ſeines Rathes! Das war zu viel für ein menſchliches Herz. Friedrich fühlte, daß ihn dieſe Schickſalsſchläge ver⸗ nichtend getroffen. Ein heftiges Unwohlſein bemächtigte ſich ſeiner. David wurde der Sorge des Leibarztes und Rudolphs übergeben, er ſelbſt brach ſogleich, von Eudoria begleitet, nach dem nahen Siena auf. Die letzten Ereigniſſe hatten ſo erſchütternd auf Friedrichs ganze Umgebung eingewirkt, daß die Strecke bis zu dem eben bezeichneten Orte faſt in lautloſer Stille zurückgelegt wurde. 348 Der Kaiſer bedurfte ſeiner ganzen Energie und einer übermäßigen Kraftanſtrengung, um ſich auf dem Pferde zu erhalten. Die Entdeckung von Vineis' Schandthat, von welcher er übrigens bis jetzt noch Niemanden et⸗ was mitgetheilt, hatte noch bei weitem fürchter⸗ licher auf ihn eingewirkt, als Enzio's Unglück. Denn ſo ſchrecklich, ſo gräßlich dem Vaterherzen das letztere auch war, es blieb ein Unglück, eine von Gott verhängte Prüfung, während der Ver⸗ rath des Kanzlers ſchmachvolle Treuloſigkeit, nie⸗ derträchtige Undankbarkeit, ja widernatürliche Ver⸗ letzung aller geheiligten Naturrechte, ein Frevel an Gott und der Menſchheit war. Friedrichs großer, herrlicher Geiſt erblickte in der Freundſchaft des irdiſchen Lebens ſchönſten Stern, und wie er ſie zu würdigen gewußt, wie hoch Er, der Kaiſer, der erſte aller Sterblichen, ſie ſtellte, beweiſt eben ſeine Hingabe an Vineis und David. Er zeigte, daß Freundſchaft zu üben ſelbſt Herrſchern Bedürfniß ſei, er ſtellte den Fürſten dem durch Freundesliebe beglückten Menſchen nach. Mit den Alten hatte auch er geglaubt, Liebe und Anhänglichkeit zwiſchen Freunden ſeien tief in der göttlichen Natur des Menſchen begründet; an der Seite und kräftig unterſtützt von treuen Freun⸗ den wollte er den furchtbaren Kampf gegen die Vorurtheile, gegen den Wahn ſeines Jahrhunderts beſtehen— auf die Schulter treuer Freunde ge⸗ ſtützt, dachte er der härteſten Schläge des Schick⸗ ſals zu ſpotten— der Unglückliche!— ihm ver⸗ ſprach dies Alles ſein redliches, edles Herz— er ſchloß von ſich auf Andere, und gerade Er ſollte durch die bitterſten Erfahrungen belehrt werden, daß Freundſchaft die ſeltenſte Perle im Schooſe des Lebens ſei. Friedrichs großes Herz war für jene Liebe und Freundſchaft im Geiſte der Alten geſchaffen, die, wie die Schatten, mit der ſinkenden Sonne wachſen. Den Stößen und Schlägen eines grimmen Schickſals von außen her erlag er nicht, als ihn aber alle die vielen Herzen, die er geſchätzt, auf die er vertraut, die er geliebt— verlaſſen und verrathen hatten, und ſo viele ſeiner Theuren im dunkeln Grabe ruhten, da brach er rettungslos zu⸗ ſammen und rief: Die Meinigen ſind ſchlafen gegangen, das er⸗ leichtert auch mir das eigne Schlafengehen! Was iſt das Tiefſte im Menſchen, was iſt die wahre Subſtanz ſeines Weſens? Es iſt das Herz, das Gemüth, das Gefühl, der Enthuſiasmus, die Liebe, es iſt die Seele. Hiervon hängt ſeine gei⸗ ſtige Geſundheit ab, hiervon hängt es ab, ob er 350 geiſtig lebend oder todt ſei, ob er zu den Seligen oder Unſeligen gehöre. Das Menſchenleben iſt höher und tiefer, ſeli⸗ ger und unglückſeliger, als ein oberflächlicher An⸗ blick lehrt. Aber Friedrichs Herz war jetzt gebrochen; das grauenhafte Unglück des geliebten Sohnes, der ſchändliche Verrath des alten Freundes hatten ihm den Todesſtoß verſetzt. Der Schutzgeiſt der Menſchheit verhüllte trauernd ſein Antlitz. Weine nur, du, der du einſt unverhüllet um die Wiege aller Menſchlichkeit in Hellas Feier⸗ hallen gewandelt“); der du mit blutigem Griffel der Zeiten Schmach auf die Tafeln der Geſchichte gräbſt, der du alle Bande der Natur und der Knechtſchaft endlich löſeſt, die Feuerflamme der Wahrheit an heiligem Altar nähreſt und die ge⸗ weihten Haine der Wiſſenſchaft und Kunſt pflegeſt! Weine nur, du, der du aus den Trümmern der Generationen die Blüten alles Göttlichen zur Nach⸗ welt trägſt, der du fernen Geſchlechtern der Völker Ruhm und Schande verkündeſt!— Weine nur, wenn das edelſte Herz bricht, getroffen von den giftigen Pfeilen des Verrathes, die die Hand eines *) Hößli. Judas abſandte nach ſeinem großen, herrlichen Meiſter. Aber Gott, der dich der armen Menſchheit zum heiligen Schirmvogt gab, legte auch den Sieg in deinen Schvos. Du ſchlägſt deine mächtigen Flügel mit zür⸗ nendem Erbarmen über den Kerkern der Unſchuld! Du ſitzeſt an der Urquelle der Thränen! Du be⸗ rühreſt mit heilendem Finger den Staar der Völker und trauerſt, ſinnend verhüllt, jetzt noch an den Trümmern, wo du einſt hienieden deinen höchſten Triumph gefeiert und Samen der Ewigkeit geſtreuet haſt! Das Reich der Finſterniß aber gegen dich ſich erhebend mit Liſt und Gewalt— bedeckt in tauſendjähriger Nacht dein heiliges Bild mit Wahn und Schmach, opfert der Hölle dunkle Greuel und ſtreut im Sturme Saaten des Todes— du aber biſt ewig und dein Sieg iſt bewahret in Gott! Es war ſchon ſpat am Abend, als man in Siena eintraf. Das Unwohlſein des Kaiſers hatte ſich der⸗ maßen vermehrt, daß man ihm vom Pferde helfen mußte. Und kaum war man auf den für ihn be⸗ reit gehaltenen Zimmern angelangt, als ſich neue Uebel, in Folge der heftigen Gemüthsbewegung, vielleicht auch hinzugetretener Erkältung zeigten. Petrus de Vineis, der den Kaiſer zu Siena —.— 352 erwartet, ſandte, auf die erſte Nachricht von des Kaiſers Erkranken, ſogleich nach ſeinem Arzte, deſſen Hülfe um ſo nöthiger, als Friedrichs Leibarzt bei David zurückgeblieben war. Der Kaiſer, in einem Lehnſtuhle ſitzend, ſprach kein Wort. Er war bleich wie der Tod und die auffallende Veränderung, die wenige Stunden in ſeinen Zügen hervorgerufen, zeigte, wie ungeheuer ihn der unerwartete Schlag getroffen. Die Augen lagen tief und ſtarrten erloſchen und glanzlos vor ſich hin. Ein Zug tiefen Schmer⸗ zes umſpielte den Mund, die Stirn deckten tiefe Falten, die Haltung ſelbſt verrieth, daß ein Blitz die königliche Eiche zerſchmettert, daß Körper und Seele in ſich ſelbſt zuſammengebrochen. Eudoria kniete zu des Kranken Füßen. Die Hände gefaltet auf ſeinen Knieen liegend, die Blicke mit einem unnachahmlichen Ausdrucke voll Beſorg⸗ niß und Liebe auf das theure Antlitz gerichtet. Der Kanzler ſtand, ernſter denn je, in einiger Entfernung und beobachtete mit Angſt des Kaiſers Zuſtand; denn ein ſchneller Tod deſſelben konnte ihm nur Schaden bringen, da er durch denſelben den größten Theil ſeiner Wichtigkeit in den Augen des Papſtes verlieren mußte. Ezelino di Romanv's finſtere, rieſige Geſtalt ragte hinter dem Seſſel des Fürſten hoch empor. ——————— 353 Er bildete mit ſeinem kalten Weſen, mit ſeinen ei⸗ ſernen Zügen, in welchen ſich ein unbändiger Stolz, Hohn alles Heiligen, ja ſelbſt im Augenblicke faſt ein ſtiller, innerer Triumph ausſprachen— einen grellen Gegenſatz zu dem engelſanften, reinen und liebeglühenden Kinde, welches ſich betend an des Kaiſers Kniee ſchmiegte. Es war, als ob ein Genius des Heils und ein Dämon der Hölle Friedrich bewachten. Todtenſtille herrſchte lange ringsumher. Der Kaiſer ſchien in ſeinem Innern heftig zu kämpfen. Da öffnete ſich leiſe die Thüre und der Leib⸗ arzt des Kanzlers trat mit einer kryſtallnen Phivle ein, die einen dunkelbraunen Saft enthielt. Ehrerbietig trat er bis in die Nähe der Maje⸗ ſtät, blieb aber hier ſchweigend ſtehen, da er nicht wagte, den Herrſcher in ſeinen Gedanken zu unter⸗ brechen. Wunderbar erglänzte dabei ſein Antlitz, als ſtrale es voll ſeligen Entzückens in dem Be⸗ wußtſein, eine glorwürdige That vollbracht zu haben. Als aber Friedrich aus ſeinem Sinnen nicht erwachen wollte und den Arzt gar nicht bemerkte, trat endlich Vineis näher und ſagt: Vergebung, mein Kaiſer, wenn ich Euch zu ſtören wage; allein der Arzt... Bei dem Klang dieſer Stimme fuhr Friedrich ſo heftig empor, als habe ihn der Schall dey Po⸗ ſaunen geweckt, die einſtens das Menſchengeſchlecht vor den Richterſtuhl des Ewigen fordern ſollen. Vineis? rief er mit zitternder Stimme und ſeine linke Hand fuhr nach der Stelle des Herzens, war das nicht Vineis, der da ſprach? Ja, mein Kaiſer! entgegnete von ſeltſamen Schauern geſchüttelt, der Kanzler. Ihr ſeid un⸗ wohl, nehmt den Trank, den Euch mein Leibarzt bereitet, er wird Euch ſtärken. Des Kaiſers Augen fielen auf den Arzt. Es ſchien, als beſinne er ſich einen Augenblick auf den Umſtand, der die Gegenwart ſeines eigenen Leib⸗ arztes verhindere. In demſelben Momente zuckte er zuſammen; ſeine linke Hand hatte auf der Stelle des Herzens je⸗ nes Bild berührt, welches er heute dem Narren abge⸗ nommen. Es ward ihm wunderlich zu Muth. Da⸗ vids blutende Geſtalt zog an ſeiner Seele vorüber, und er hörte, wie des Freundes ſterbender Mund lallend rief: hüte dich vor Vineis. Und Davids Bild zerrann in Nebel und aus dem Nebel tauchte ein kleines, zitterndes Männchen, und das Männ⸗ chen war Skotus und auf ſeiner Bruſt brannten drei Sterne im blutrothen Lichte. Aber die Flamme der Sterne wuchs und verſchlang alle Geſtalten der erhisten Phantaſie und Friedrich däuchte es 355 nur noch, als umflöße die düſtere Glut einzig den Kanzler, der, von ihr getragen, ſchwarz und gräß⸗ lich auf dem feurigen Hintergrunde abſtach. Aber auch die Glut erloſch und die Wirklichkeit trat wieder vor des Kaiſers Sinne. Da ſagte er leiſe mit einem ſcharfen Blick nach Vineis: Freunde, Unſere Seele vertrauet auf euch. Nehmt euch in Acht, das ihr Uns nicht Gift ſtatt der Arznei gebet! Petrus aber entgegnete unbefangen: O Herr, wie oft hat Euch ſchon mein Arzt heilſame Arz⸗ neien gereicht! warum fürchtet Ihr jetzt? Aber Friedrichs Stirn zog ſich finſter zuſam⸗ men und zum Arzt gewandt rief er: Trinke und gib Uns die andere Hälfte. Der Arzt erbebte und ſtand verwirrt. Trinke! wiederholte der Kaiſer mit Donnerton. Da leuchteten des Arztes Augen in wunder⸗ barem Feuer auf, ſeine Geſtalt hob ſich ſtolz und ohne ein Wort zu ſagen, ſetzte er mit einem trium⸗ phirenden Blick zum Himmel den Becher an den Mund und leerte ihn bis zur Hälfte auf einen Zug. Vineis hatte ruhig zugeſehen und reichte nun die andere Hälfte dem Kaiſer. Aber Friedrich hielt den Pokal ruhig in ſeiner Hand und ohne zu trinken beobachtete ſein Auge den Arzt auf das ſchärſſte. 356 Abermals Grabesſtille. Nach zehn Minuten endlich bat der Arz den Kaiſer dringend, nun die andere Hälfte der Arznei zu nehmen, da ſein Zuſtand ſchleuniger Hülfe be⸗ dürfe. Kaum hatte er aber ausgeſprochen, als ſich ſeine Geſichtszüge plötzlich gräßlich verzogen, die Augen weit hervortraten, der Mund ſchäumte, kal⸗ ter Angſtſchweiß auf die Stirn trat und ein furcht⸗ barer Schmerz den ganzen Körper mit Gewalt zuſammenzog, worauf er bewußtlos zu Boden ſank und— ehe ſich noch Eines der Gegenwärtigen von ſeinem Entſetzen erholen konnte— unter Zuckungen und Röcheln verſchied. Es war ein entſetzlicher Moment. Eudoxia hatte ihr Antlitz im Schvoſe des Kai⸗ ſers verborgen, der hoch aufgerichtet, feſt und ernſt, wie ein richtender Gott daſaß. Vineis ſtand ſprachlos. Romano! gebot endlich der Kaiſer mit einer Stimme, ſo ſchneidend kalt und todesſchwanger, daß ſelbſt Ezelino erbebte, und zeigte dabei auf den Kanzler— Romano! nimm dieſen Hochverräther und Kaiſermörder und führe ihn, ohne daß es ein lebendes Weſen erfahre, nach der Feſte Verrucolv. Daß er das Tageslicht nie wiederſehe, dafür haftet Uns dein Kopf. 357 Mein Kaiſer! rief hier Vineis außer ſich vor Entſetzen. Bei Allem, was Euch heilig iſt, hört mich; ich bin unſchuldig an dieſer Frevelthat! Unſchuldig?! rief donnernd der Kaiſer, indem er dem Beſtürzten die Pergamente vorhielt, die ihm bereits das Einverſtändniß des Kanzlers mit ſeinen Todfeinden verrathen. Und dieſer Brief des Papſtes an Euch und dieſe Documente von Eurer eigenen Hand, die Euch Innocenz auf Euer Verlangen zurückſandte? Und dieſer Mordverſuch? Hört mich, mein Kaiſer! rief Vineis. Nur ein Wort! entgegnete Friedrich in fürch⸗ terlichem Ernſte, war dieſer Brief an Euch ge⸗ richtet? Ja! Hattet Ihr, wie dieſer Brief des Papſtes ſelbſt beſagt, in Lyon und Piſa geheime Unterredungen mit dem Papſte? Hört meine Rechtfertigung... Ja oder nein! Sie nur als einen Beweis wiſſenſchaftlicher Unparteilichkeit anzuſehen, war lediglich Bedingniß dieſer Schrift. Ja oder nein! Hattet Ihr geheime Unter⸗ redungen mit dem Papſte und ſeinen Creaturen? Ja! Und dieſe Schriften, die Uns und Unſre Pläne 358 an Rom verrathen und wider Uns kämpfen, ſind Euer Werk! Ich ſchrieb ſie.. Genug! verſetzte der Kaiſer, der es fühlte, daß ſeine Kräfte brachen. Ihr habt erreicht, was Ihr gewollt. Das Gift hat Uns nicht getödtet, Euer Verrath aber gab Uns den Todesſtoß. Thut Eure Pflicht, Romano! Und zuſammenbrechend barg er weinend ſein Haupt an Eudoria's Bruſt und rief: Wehe! Wehe! Wehe! Treue und Glaube wanken, Freundſchaft und Dankbarkeit ſind Hirn⸗ geſpinſte. Die Wir dem Herzen am nächſten ſtell⸗ ten, wüthen gegen Uns; die wir geliebt, erhöht und mit Wohlthaten bedeckt, erdroſſeln Uns! Wem ſollen Wir noch vertrauen? Wo ſind Wir ſicher, wenn Uns Die verrathen und zu morden ſuchen, in deren Hände Wir Uns vertrauensvoll gaben, wenn Unſer eignes Blut ſich empört, wenn die heiligſten Gefühle Uns belügen? 20. Vineis. Wohl Dem, ſelig muß ich ihn preiſen, Der in der Stille der ländlichen Flur, Fern von des Lebens verworrenen Kreiſen, Kindlich liegt an der Bruſt der Natur!. Denn das Herz wird mir ſchwer in der Fürſten Paläſten, Wenn ich herab vom Gipfel des Glücks Stürzen ſehe die Höchſten, die Beſten In der Schnelle des Augenblicks! Erſchüttert ſteh' ich, weiß nicht, ob ich ihn Bejammern oder preiſen ſoll ſein Loos. Dies Eine fühl' ich und erkenn' es klar: Das Leben iſt der Güter Höchſtes nicht, Der uebel größtes aber iſt die Schuld. Schiller. Wenmn wir an der erkalteten Leiche eines Menſchen ſtehen, den wir heiß und innig geliebt und den nun ein raſcher Tod plötzlich von unſerer Seite geriſſen, ſo ſträubt ſich unſer Herz, ja ſelbſt unſer Verſtand gegen die Ueberzeugung, daß eine ſolch ſchmerz⸗ liche Trennung für uns in Wahrheit eingetreten ſei. Die Möglichkeit einer Täuſchung drängt ſich uns gewaltſam auf und wir geben ihr um ſo lieber Raum, als ſie ja mit unſerm glühenden Hoffen und Wünſchen zuſammenfällt. Selbſt die Sinne ſind bereit, ſich für eine ſolche 360 Täuſchung durch den Schein gewinnen zu laſſen, und die Verzweiflung raunt ihnen zu: es iſt nur Schlaf! wenn gleich deſſen Zwillingsbruder die Fackel des Lebens längſt ausgelöſcht. Wir können nicht begreifen, daß ein Herz, das bis dahin voll treuer Liebe für uns ſchlug, ſich nun plötzlich von uns losgeriſſen habe; es iſt uns, als ziehe uns die Liebe zu dem erſtarrten theuern We⸗ ſen mit in die Gruft. So ging es jetzt Friedrich mit dem Kanzler. Er hatte ſich kaum einigermaßen von dem erſten Schmerze erholt, ſo ſchien ihm ſein Urtheil 2 übereilt. Er ſpiegelte ſich ſelbſt Täuſchung vor. Er konnte, er wollte nicht daran glauben, daß ihn Vineis, ſein alter, treuer Freund, die kräftigſte Stütze ſeines Thrones, ſein Vertrauter, der Mann, den er vor Allen auf Erden mit Ehren und Schätzen überhäuft, verrathen, die verruchte Mörderhand nach ſeinem Leben ausgeſtreckt habe. Und dennoch lagen die Beweiſe klar vor. Aber der Kaiſer verlangte mehr. Zu ſchwach, ſelbſt zu gehen, ließ er ſich auf ſeinem Seſſel nach den Gemächern bringen, welche der Kanzler bereits eingenommen. In ſeiner Gegenwart wurden ſie eröffnet, ſo⸗ wie alle ſeine geheimen Behälter erbrochen, und nun durfte Friedrich an der Treuloſigkeit des be⸗ 7 2 3 reits Verurtheilten nicht mehr zweifeln, indem ſich eine Menge Briefe des Papſtes und des Cardinals Gregor von Montelongo, ſo wie von Petrus eige⸗ ner Hand entworfene Antwortſchreiben an dieſe vorfanden. Auch die Concepte zu mehreren gegen Frie⸗ drich erſchienenen Schriften wurden aufgefunden; wie denn namentlich der Handel um den Cardinals⸗ hut und die 20,000 Mark Silbers das Vorhaben des Kanzlers in das klarſte Licht ſtellte. Wie ſchmerzlich bereute Friedrich jetzt, den Winken des Narren nicht mehr Aufmerkſamkeit ge⸗ ſchenkt zu haben! Mit welch peinlicher Sehnſucht, mit welch trüber Furcht ſah er der Ankunft des Verwundeten entgegen! Freilich hatte ihn Vineis' Schandthat in den erſten Augenblicken ſo erbittert, daß er ſich vorge⸗ nommen, ſein Herz von nun an jedem Menſchen zu verſchließen. Wie aber hätte ein ſo edler Mann ſo ungerecht gegen den Freund ſein können, deſſen Treue und maßloſe Ergebenheit eben in dem Ver⸗ hältniſſe lichter erſtralte, als die Nacht des Un⸗ glücks und des Verrathes den Kaiſer ſchwärzer und ſchwärzer umdüſterte. Allein der Troſt, ſeinen David heute noch wie⸗ derzuſehen, war dem Herrſcher verſagt. Sein ei⸗ III. 16 362„ genes Unwohlſein nahm überhand und ſtreckte ihn in heißen Fieberträumen auf das Lager. Sein Zuſtand hatte ſich bis zum kommenden Morgen wenig gebeſſert; deſſenungeachtet befahl er aufzubrechen, da er ohne Zeitverluſt Piſa er⸗ reichen wollte, um von dort aus gegen Bologna vordringen zu können. Zugleich bewies er aufs neue, welche unglaub⸗ liche Macht ein kräftiger Geiſt über den Körper übe; denn da ihm eine Sänfte zu beengend war, ſo beſtieg er, trotz ſeines Unwohlſeins, ein Pferd, um den Weg von Siena nach Piſa, an Rudi's und Eudoria's Seite reitend, zurückzulegen. Dagegen wurde David, der ſich noch immer in einem ſehr bedenklichen Zuſtande und ohne Be⸗ ſinnung befand, in der kaiſerlichen Sänfte nachge⸗ tragen, um in Piſa der ſorgſamen Pflege Eudoria's übergeben zu werden. Auch Ezelino di Romano war nach der gleichen Stadt, wenn auch die Nacht zuvor, aufgebrochen, um den ihm anvertrauten Gefangenen nach dem Orte ſeiner Verdammniß zu bringen. Dies beabſichtigte der rachſüchtige Italiener indeſſen keineswegs ſo ohne Weiteres zu vollbrin⸗ gen. Vineis hatte den ſtolzen, leidenſchaftlichen Krieger während der Tage ſeiner Macht gar man⸗ ches Mal beleidigt; ſei es nun dadurch, daß er ſich „ ſeinen, oft zu unüberlegten Unternehmungen ent⸗ gegengeſtellt, oder auch den Stolz dieſes Fürſten gekränkt hatte, genug Ezelino haßte ihn. Er haßte ihn um ſo mehr, als er wußte, daß Vineis einſt dem Kaiſer geſagt: Ezelino di Romano denkt nicht mehr daran, wie früher die Macht des Kaiſers zu ſtützen. Er iſt dafür zu viel Egviſt und ſucht nur, unter dem Deckmantel einer erheuchelten Anhäng⸗ lichkeit an das Reichsoberhaupt, ſich eine eigene Hausmacht und Herrſchaft zu gründen. Wäre nun Friedrich— dem indeſſen dieſe Stre⸗ bungen Ezelino's durchaus nicht entgangen— ein kleinerer Geiſt, ein ängſtlicher Tyrann geweſen, ſo hätte dieſe Aeußerung Ezelino den Kopf koſten, ihn wenigſtens verdächtigen und ſtürzen können. So traf Friedrich ſchweigend und unbemerkt ſeine Vor⸗ kehrungen und ließ Romano gewähren, weil er ſich bewußt war, ihn dennoch in Händen zu haben. Aber Ezelino hatte dieſe Aeußerung dem Kanz⸗ ler keineswegs vergeſſen und jetzt war endlich die Stunde gekommen, ſich an dem in Ungnade Ge⸗ fallenen zu rächen. Des Kaiſers Verurtheilung lautete dahin: er ſoll das Tageslicht nie wiederſehen, d. h. nach ei⸗ ner zu damaliger Zeit für ſchwere Verbrechen üb⸗ lichen Strafweiſe den Reſt ſeines Lebens in einem unterirdiſchen Kerker verſeufzen. 16* 364 ₰ So hatte es auch Friedrich gemeint. Allein dem rachſüchtigen grauſamen Italiener war dies nicht genug; ſein ſtets auf Marter raffinirender Geiſt gab dieſen Worten eine andere Deutung. Auf dem Wege von Siena nach Piſa liegt, wenige Stunden von Fiorentino, ein altes Berg⸗ ſchloß, deſſen ſchon damals halb zerfallene Zinnen bis in die Wolken reichten. Ezelino wußte, das es nur als Staatsgefäng⸗ niß benutzt und einzig von einem alten Kaſtellan und einer kleinen Abtheilung Invaliden bewohnt und bewacht werde. Nach dieſem Schloſſe nun begab er ſich noch dieſelbe Nacht, in welcher er den Befehl erhalten, Vineis nach der Feſte Verrucolo abzuführen. Der Kanzler, der ſich nach Allem, was vor⸗ gefallen, in einer Art Betäubung befand, hatte faum bemerkt, wohin man ihn geführt, und noch jetzt, in einem finſteren Gemache des eben gedach⸗ ten Staatsgefängniſſes angelangt, war er unver⸗ mögend, ſeine Sinne der Außenwelt auch nur im entfernteſten zuzukehren. Vor wenigen Stunden noch der ächtigſte Sterbliche in allen Reichen des Kaiſers, Freund und Vertrauter des höchſten aller weltlichen Herr⸗ ſcher, um deſſen Gunſt Könige und Völker buhlten, den ſelbſt der Statthalter Gottes auf alle erdenk⸗ liche Weiſe in ſein Intereſſe zu ziehen ſuchte, ſelbſt greifend im kühnen Uebermuthe nach Roms all⸗ mächtiger Tiara— und nun— geſtürzt von die⸗ ſer Sonnenhöhe des Glücks und der Herrlichkeit in den Abgrund des tiefſten menſchlichen Elendes— lebendig todt— ein Nichts— ein zertretener Wurm! Er hatte ſeinen Kaiſer verrathen, aber der Mordverſuch war ihm fremd geblieben, und doch war es gerade dieſe Unthat, die ihn rettungslos geſtürzt. Wie unſelig hatte dabei das Verhängniß Alles geſtaltet, um ihn in den Augen des Kaiſers und der Welt einer That zu überführen, die er kurz zuvor mit Abſcheu von ſich gewieſen. Er ſelbſt war es ja geweſen, der den Arzt gerufen, der dem Kaiſer den Becher gereicht. Hier war er unſchuldig, o daß er es überhaupt geweſen wäre! aber ſein Gewiſſen rief ihm zu: Du haſt die Strafe dennoch verdient, denn du wurdeſt zum Verräther an deinem Herrn; ja, nach der Unterredung, die Fra Salimbene mit dem Arzte gehabt, war dir der Gedanke an die Möglichkeit einer ſolchen That nicht fremd geblieben. Du haſt den Mord gedacht, ohne ihn zu verhin⸗ dern! Vineis' Zuſtand grenzte in der That an Wahn⸗ ſinn, dennoch war er im Augenblick weniger fürch⸗ 366 terlich, als er in der Zukunft zu werden drohte, indem ihn, wie oben bemerkt, der unerwartete, ent⸗ ſetzliche Schlag des Schickſals dermaßen betäubt, daß ſelbſt die Sinne ihre Dienſte faſt verſagten. Ein ſtumpfes Brüten, eine ſtarre Gefühlloſig⸗ keit hatte ſich ſeiner bemächtigt. Er ſaß regungs⸗ los, die Hände matt herabhängend, die Augen ſtier, den Kopf auf die Bruſt geſenkt. Da öffnete ſich die Thüre mit Geräuſch. Vineis hörte nichts. Vier Männer traten ein. Es waren Ezelino di Romano nebſt drei Gehülfen, von welchen zwei Fackeln trugen. Vineis bemerkte ſie nicht. Wohl ihm! denn nie ſtand ein ſchrecklicherer Henker ſeinem Opfer gegenüber. Wie der König der Finſterniß ſtand Romano da. Das blutrothe Licht der Fackeln umzuckte ihn geſpenſtiſch und ſpiegelte ſich, bald aufſprühend, bald halb erlöſchend in ſeinem ſchwarzen Harniſche. Die Arme auf der Bruſt verſchränkt leuchtete teufliſche Siegesfrende aus ſeinen Zügen und miſchte ſich mit dem Ausdrucke des Hohnes und des Haſſes und einer hölliſchen Wolluſt. Lange ſtand er ſo unbeweglich, den Zertretenen triumphirend in ſeiner Vernichtung betrachtend. Vineis! rief er dann endlich voll bittern Spot⸗ 367 tes, Herr Kanzler! wollet geruhen, mir, Eurem unwürdigen Diener, die Gnade Eurer Aufmerk⸗ ſamkeit zu ſchenken. Vineis ſchwieg. Ich habe Euch Wichtiges zu ſagen! fuhr Ro⸗ mano fort, das Stündchen iſt gekommen, an dem ſich Ezelino— hört Ihr: Ezelino!— Ihr kennt den Namen— rächen wird für die Beleidigungen, die Ihr ihm zugefügt, als Ihr Euch noch ein Gott dünktet. Romano! entgegnete mit matter Stimme Vi⸗ neis, ich bin in Eurer Gewalt; aber ihr werdet ſo niederträchtig nicht ſein, den ſchon ſo Elenden noch zu quälen. Elend! rief Ezelino triumphirend, ja, elend ſeid Ihr, aber elender ſollt Ihr noch werden. Elen⸗ der als der ſchlechteſte Verbrecher, elender als der Wurm, der an der Erde hinkriecht, elender als jed⸗ wedes Geſchöpf, welches die Erde trägt. Ihr habt Romano beleidigt, er wird ſich rächen. Der Kaiſer gab Euch den Befehl, fiel Vineis bebend ein, mich nach Verrucolo zu geleiten... Woſelbſt Ihr das Tageslicht nie wiederſehen ſollt. Ich kenne meine Pflicht und will den Be⸗ fehl ſo ſtreng erfüllen, daß die Hölle darüber auf⸗ jauchzen ſoll. Ihr werdet das Tageslicht nie wie⸗ derſehen, denn ich laſſe Euch jetzt— blenden! 368 Gerechter Gvtt! ſchrie hier Vineis auf und deckte mit beiden Händen ſein Geſicht, als wolle er die Augenſterne ſchützen. Blenden! das werdet, das dürft Ihr nicht! der Kaiſer ſprach... Er ſoll das Tageslicht nie wiederſehen. Ja! aber er ſetzte hinzu... Er ſoll das Tageslicht nie wieder ſehen! un⸗ terbrach ihn Ezelinv. Ich gehorche ſeinem Wort. Und zu ſeinen Gefährten gewendet ſetzte er hinzu: Nieder mit ihm, ſtoßt ihm die Augen aus. Die Henkersknechte hatten unterdeſſen die Fackeln in Ringe geſteckt, die an der Wand befeſtigt, und fielen nun über Vineis her, den ſie ohne Mühe zu Boden warfen. Meine Augen! ſchrie der Kanzler, daß es die Steine hätte erſchüttern können, Barmherzigkeit! Meine Augen! meine Augen! Nehmt mir das Leben, aber laßt mir meine Augen! Doch ſeine Stimme erſtarb, denn einer der Gefährten Romano's hatte ſich auf ſeine Bruſt ge⸗ kniet, daß ihm der Athem ausging, die zwei ande⸗ ren hielten ſeine Arme. Ein gräßliches Stöhnen erfüllte auf Augen⸗ blicke die Halle; dann ſtand der Henker auf und— es war geſchehen: das Licht des Tages war für Vineis auf ewig erloſchen. 369 Es ging bereits gegen Mittag des kommenden Tages, als der Kaſtellan der Burg in das Gemach trat, in welchem Vineis geblendet worden. Der Unglückliche ſaß regungslos in einem Winkel, die lichtloſen Augen verbunden, die Arme ſhuf herabhängend, den Kopf auf die Bruſt ge⸗ ſenkt. Der alte Kaſtellan betrachtete ihn lange mit⸗ leidig, als wolle er ſagen: Iſt das der Lauf irdiſcher Größe? Geſtern noch der Nächſte dem Throne und heute— ein Bild des grenzenloſeſten Jam⸗ mers! Da ſielen ſeine Augen auf die Speiſen, die man dem Geblendeten zur Seite geſtellt, ſie ſchie⸗ nen noch unberührt. Herr Kanzler, ſagte endlich mit weicher Stimme der Greis, überwältigt den gerechten Schmerz, kehrt zur Beſinnung zurück. Gott hat nun einmal dies Unglück über Euch verhängt, ertragt es mit männ⸗ licher Faſſung und Geduld. Vineis blieb ſtumm. Ihr habt noch keine Nahrung zu Euch genom⸗ men, armer Herr, fuhr nach einer Pauſe der Kaſtel⸗ lan mit milder Stimme fort. Meine Nahrung iſt der Schmerz! entgegnete Vineis feierlich und langſam. A Euern Schmerz wird die Zeit mildern.. 16** 370 Die Zeit, fiel Vineis ernſt ein, iſt für mich abgelaufen. Das Gewürm der Alltagsmenſchen mißt ſie nach ſeinen Athemzügen, Geiſter höherer Natur rechnen nach Thaten. So lange der Athem geht, verſetzte der Greis, lebt auch noch die Hoffnung. Wer weiß, ob ſich Eure Zukunft nicht noch beſſer ſtellt, als Ihr jetzt fürchtet. Meine Zukunft iſt entſchieden! verſetzte Vineis. Und als wolle er ſeine Rede durch Zeichen ergänzen, taſtete er nach den Speiſen und ſchob ſie entſchieden zurück. So wollt Ihr jetzt keine Speiſe nehmen? fuhr der Kaſtellan fort. Nein! verſetzte Petrus, da Ihr aber Mitleiden mit meinem Unglück zu fühlen ſcheint, ſo gewährt mir eine andere Bitte. Meine Augen brennen. Die Luft iſt unerräglich dick hier innen. Ich möchte, ehe ich auf ewig von ihr ſcheide, noch einmal freie, friſche Luft athmen. Der Wunſch ſei Euch gern gewährt! verſetzte der Alte, erfreut, dem Unglücklichen eine kleine Linderung verſchaffen zu können. Hier neben iſt ein Balkon, von dem aus man das weite Land über... er hielt inne, ſeinen Fehlgriff bemerkend. Führt mich immer hinaus! entgegnete der Ge⸗ blendete. Wenn auch des Leibes Auge dem Strale der Sonne verſchloſſen, mein Geiſt ſchaut trium⸗ phirend von der Höhe herab, auf die er ſich ge⸗ ſchwungen. Ich ſehe noch jetzt weitere Reiche vor mir ausgebreitet liegen, als ſie ein irdiſches Auge je überſchauen kann. Sie waren unterdeſſen auf einen Balkon ge⸗ treten, der, über einen furchtbaren Abgrund hinaus⸗ reichend, eine herrliche Fernſicht bot. Sind wir im Freien? frug eintönig der Kanz⸗ ler, mir däucht die Luft auch hier unerträglich ſchwer. In der That war es der Jahreszeit ungeach⸗ tet ſchwül. Ja, Herr! entgegnete der Alte. Wir ſind auf dem Balkon. Setzt Euch ruhig hierher, denn die Brüſtungen ſind niedrig und unter uns gähnt eine grauenhafte Tiefe. Seht! die Feſte heißt nicht umſonſt der Falkenthurm, denn ſie iſt auf einem Felſen erbaut, der ſenkrecht von der piſaner Land⸗ ſtraße aufſteigt, die ſich wie ein ſchmales Band dicht um ihn herumzieht. Wenn man, fuhr der Kaſtellan mit der Geſchwätzigkeit des Alters fort, wenn man von dieſem Punkte einen Stein hinunterfallen läßt, ſo kommt er mitten auf der Landſtraße an. Auf dieſe Weiſe können wenige Menſchen von hier oben aus den Durchgang durch den Engpaß faſt ohne Mühe hemmen. Dort ganz in der Ferne liegt Siena, und in Oſten erblickt man die Thurmſpitzen von Florenz. Das Oertchen aber, welches dort auf dem Wege nach Piſa liegt, iſt Fivrentino. Der Geblendete hatte den Worten des Grei⸗ ſes ſehr aufmerkſam, ja mit einer Art halbängſt⸗ lichen, halb freudigen Spannung zugehört. Einem geübteren Menſchenkenner wäre der Kampf nicht entgangen, der ſich jetzt im Innern des Kanzlers entſpann. Ein gewaltiger Entſchluß ſchien in ihm zu reifen. Aber des Kaſtellans Aufmerkſamkeit nahm im Augenblick eine andere Erſcheinung in Anſpruch. Schwere und dunkle Wolkenmaſſen hatten ſich am Rande des Horizontes zuſammengezogen und wälzten ſich nun langſam, gleich finſteren Unge⸗ heuern, herauf. Die Temperatur, die noch vor ei⸗ ner Stunde friſch und kalt geweſen, dann aber zu einer, für die Jahreszeit ungewöhnlichen Höhe plötzlich übergeſprungen war, wurde jetzt faſt er⸗ drückend ſchwül. Kein Lüftchen regte ſich. Kein Vogel durch⸗ ſchwirrte den weiten Himmelsraum, die ganze Land⸗ ſchaft lag unbeweglich und ſchweigend, während ſich ein ſchwefliger Geruch erſtickend verbreitete. Sonderbar! ſagte der Alte, die kurze Stille unterbrechend. Wir ſind im Dekember und die Luft iſt ſo glühend, wie im Juli. Wir ſcheinen ein 373 heftiges Gewitter zu bekommen. Wenn nur der Kaiſer jetzt nicht unterwegs iſt. Unterwegs? ſiel Vineis ein und ſeine Züge ſprachen eine wunderbare Spannung aus. Er war wohl, er wird in Siena bleiben. Nicht doch! entgegnete der Alte, Ezelino— Gott vergeb' ihm ſeine Sünden!— der Euch nach Verrucolo führen ſollte, bekam heute in aller Frühe die Nachricht, daß der Kaiſer, ſeines Unwohlſeins ungeachtet, entſchloſſen ſei, nach Piſa aufzubrechen. Darum überließ der Tyrann Euch meiner Obhut. Iſt der Kaiſer in Piſa, will Ezelino zurückkehren, Euch abzuholen. Bis dahin, armer Mann, ſoll Euch bei mir nichts fehlen. Sagtet Ihr nicht, frug hier der Geblendete mit einem Tone, der dem Grabe zu entſteigen ſchien, ſagtet Ihr nicht, die Landſtraße, die nach Piſa führt, ziehe ſich unter uns in der Tiefe hin? So iſt es, Herr, und der Kaiſer muß hier vor⸗ über. Vineis zuckte auffallend zuſammen. Der Alte, der es bemerkte, trat ihm mitleidig näher und ſagte ergriffen: Ich verſtehe Euch, unglücklicher Mann, die Erinnerung an ihn erſchüttert Euch. Kommt, tretet lieber ein, bis der Zug vorüber, der jeden Augen⸗ blick kommen muß; wenn Ihr ihn auch nicht ſeht, 374 die Töne dringen trotz der Tiefe zu uns herauf. Warum neue Kohlen auf Euer Haupt ſammeln? Sind ſie vorüber, führ' ich Euch zurück. Nein, entgegnete Vineis, ich bitte Euch, laßt mich hier! Mir wird's da innen ſo bang, ſo eng... Er konnte nicht vollenden, denn ein heftiger Windſtoß nahm ihm den Athem. Beide ſchwiegen. Aber aus der Tiefe ertönte ein widerliches Heulen. Die Hunde zu Fiorentino ſpüren das Gewit⸗ ter! ſagte endlich der Greis, ſie heulen jämmerlich. Die Wolkenmaſſen waren endlich herangezogen und bedeckten den ganzen Himmel. Der Donner rollte fern und einzelne Blitze zuckten in blaugelbem Lichte durch die Nacht. Da brach mit einem Male ein raſender Or⸗ kan los. Staubwolken verfinſterten die Luft vollends, Laub und mächtige Baumzweige flogen wie Spreu dahin. Windſtoß folgte auf Windſtoß und zwar mit einer ſolchen Gewalt, daß die Felſen zu erbe⸗ ben ſchienen und das morſche Gemäuer ſichtbar ſchwankte. Mein Gvtt! rief der Alte erbleichend, ein ſolch furchtbares Wetter hab' ich noch nie erlebt. Kommt, kommt!... Aber was iſt das? Waren das nicht Poſaunentöne? O du mein Heiland, ſetzte er, ſich bekreuzend, hinzu, ich glaube gar, der jüngſte Tag bricht an. Beruhigt Euch, entgegnete der Kanzler mit ſchauerlicher Ruhe, für Euch noch nicht, vielleicht aber für Andere. Die Töne künden wol des Kaiſers Nahen an. Seht doch einmal zu. Verwirrt und zitternd gehorchte der Greis. Aber die Dunkelheit ließ ihn lange nichts unter⸗ ſcheiden, endlich durchzuckte ein furchtbarer Blitz die Luft. Ja! rief er bebend, dort in der Ferne ſeh' ich Waffen blinken. Gott ſteh' ihnen bei! Wenn das Gericht nicht vor der Thüre, ſo ſtehen ſchwere Tha⸗ ten der Welt bevor. Wenn ſie ſich nahen, verſetzte der Kanzler kalt, dann ſagt Ihr's mir! Herr Gott! ſchrie in dieſem Momente der Alte auf. Was war das? Ein furchtbares Krachen betäubte das Ohr, Lichtfluten blendeten die Augen und die Erde bebte Stoß auf Stoß, während aus ihrer Tiefe ein Rol⸗ len und Heulen ertönte, als ob die Hölle brüllend ihren Schlund geöffnet. Der Greis lag betend auf ſeinen Knieen. Vi⸗ neis blickte mit den lichtloſen Augen kalt, finſter, 376 ja mit ſchrecklicher Erhabenheit in den Kampf der Elemente. Aber dies Alles war das Werk einiger Mi⸗ muten. Von dem Momente blieb es ruhig. Die Wol⸗ tenmaſſen zerriſſen und flohen, vom Sturmwinde getragen, wie hölliſche Dämonen vom Fluche des Ewigen getrieben. Vineis ſtand unbeweglich. Da erſchallten die Trompetenſtöße näher und näher. Alter! rief der Geblendete, wo biſt du? Hier! entgegnete dieſer, ſich von den Knieen erhebend. Gelobt ſei die heilige Jungfrau! das Erdbeben ſcheint vorüber. Schaut nach dem Kaiſer;— vermöget Ihr etwas zu erkennen? Jetzt allerdings! Redet, ſind ſie nahe? Führt mich zum Ge⸗ länder. Was wollt Ihr da, Herr, entgegnete der Greis, Ihr vergeßt Unglücklicher, daß Eure Au⸗ Sen Aber Vineis hatte ſich ſchon nach dem Gelän⸗ der hingefühlt, das er nun vorſichtig unterſuchend betaſtete. Ich höre das Geräuſch nahender Pferde. 5 Ja! ergänzte der Alte, jetzt biegen ſie um's Eck. Ein Mann reitet voraus. Sein Pferd? Ein Schimmel. Ihm zur Seite? Gemach! rief der Alte, es iſt ſchwer, Etwas in der ungeheuern ſchwindelnden Tiefe zu erkennen. Die Thiere ſcheinen nicht größer als Mäuſe, die Menſchen ſind faſt nur Punkte. Dem Mann zur Rechten reitet wol ein Weib, ihr weißes Gewand flattert weit im Winde.. Er iſt es! murmelte der Kanzler. Wol! Sag gute Nacht der Welt. Du ſtießeſt mich zu Boden, der dich hielt und hob und trug— erfahre nun, daß du mit mir dein eigen Selbſt vernichtet. Mein Stern iſt unter, ſo ſoll auch deiner nicht mehr leuchten! Jetzt ſind ſie ganz nahe, ſagte der Greis, eine Minute und ſie ſind unter uns! Beugt Euch doch nicht ſo vor... rief er dann, nach dem Gefange⸗ nen gewendet; aber er hatte noch nicht vollendet, als er ohnmächtig zuſammenbrach, denn mit einem mächtigen Schwung hatte Vineis die Höhe des ſteinernen Geländers erreicht und ſich in die Tiefe geſtürzt. Ein furchtbarer Schrei ertönte aus der Schlucht. Der Körper war— grauenhaft zerſchmet⸗ tert— mit raſender Gewalt dicht vor dem Kaiſer niedergefallen. Ein Blick und Friedrich erkannte den Kanzler. Vineis! rief er, als wolle das Herz ihm bre⸗ chen, und lag bewußtlos in Habsburgs Armen. A. Ende. Wenn ein erhabnes Gemüth, der Güter und Tugenden ülle Ruhm und Glanz des Geſchlechts die Macht des odes bezwängen, Friedrich ſchlummerte nicht in dem Grab hier, das ihn umſchließt. Friedrich II Grabſchrift. Wir kommen, wir kommen, Mit feſtlichem Prangen, Die Braut zu empfangen: Es bringen die Knaben Die reichen Gewande, die bräutlichen Gaben, Das Feſt iſt bereitet, es warten die Zeugen; Pber der Bräutigam höret nicht mehr, Rimmer erweckt ihn der fröhliche Reigen, Denn der Schlummer der odten iſt ſchwer. Schiller. Flüchtig und wandelbar iſt das irdiſche Daſein. In dem bunten, chaotiſchen Gemiſche ſeiner Er⸗ ſcheinungen wechſeln oft in einer Minute Freude und Leid, Glück und Unglück, Leben und Tod. Du ſchmückſt dich am Morgen zur Luſt und ſchwimmſt am Abend in Thränen;z du haſt die Nacht in Angſt verſeufzt und all dein Sehnen befriedigt der Tag! Der reichſte Bürger von Fiorentino hatte heute die Hand ſeiner einzigen Tochter in die eines wür⸗ 380 digen Schwiegerſohns gelegt. Die Hochzeit war mit aller möglichen Pracht gefeiert worden. Da⸗ von zeugte ſchon das Haus und ſeine Gemächer, die man mit Blumen⸗ und Laubgewinden, trotz des Winters, reich geſchmückt. Aber das Erdbeben hatte die Gäſte wie einen Flug Tauben aufgeſcheucht und in das Freie ge⸗ trieben; als ſich nun die ſchreckliche Naturerſchei⸗ nung gelegt und beruhigt hatte und die Geſellſchaft zurücktehren wollte, begegnete ſie dem Zuge, der in der größten Beſtürzung und Verwirrung den noch immer ohnmächtigen Kaiſer nach Fiorentino zu ſchaffen bemüht war. So kam es denn, daß Friedrich jetzt in einem prächtigen, mit Bändern und Blumen verzierten Seſſel ruhte, der in der Mitte eines weitläufigen Zimmers ſtand, an deſſen Wände ſich ebenfalls Ge⸗ winde von Blüten und Laub hinzogen. Aber wie wenig entſprach dieſer freundlichen, hochzeitlichen Umgebung die ernſte, feierliche Scene, welche der eiſerne Wille eines unbeugſamen Ge⸗ ſchicks hier vorbereitet! Noch hatte der Kaiſer das Bewußtſein nicht wieder gefunden; noch lehnte er bleich, mit ge⸗ ſchloſſenen Augen im Seſſel. Eudoria kniete zu ſeinen Füßen. Sie weinte nicht, ſie betete nicht; denn eine namenloſe Angſt, eine Beklommenheit, wie ſie ſie nie gefühlt, ſchnürte ihr die Bruſt zuſammen, nahm ihr die Kraft zu denken, zu handeln. Es waren die Schauer des Todes, die ſie an⸗ wehten! Eiskalt durchrieſeln ſie den Menſchen, wenn die Marmorfauſt des Unerbittlichen den Freund ihm von der Seite reißen will. Im Junerſten erſchüttert ſtehen wir, wenn ein gewöhnlicher Menſch, der Auflöſung anheimfallend, der Erde wiedergibt, was ihr gehört. Wenn aber die Stunde gekommen, in welcher ein Geiſt, der Welten dachte, ſchuf und erhielt, ſich löſt von den irdiſchen Banden; wenn wir Den, deß Wort der halben Erde gebot, vor welchem Millio⸗ nen zitternd und anbetend in dem Staube lagen, den die Größe, die Macht und die Herrlichkeit der Erde geſchmückt und zu einem irdiſchen Gott er⸗ hoben; wenn wir Den nun vergehen ſehen wie Rauch und erlöſchen wie ein ſchwaches Licht, und denken, daß Alles dies in wenigen Minuten ein Nichts ſein wird— und alle Erdengröße mit ei⸗ nem Hauche erſtirbt:— wahrlich! dann möchte auch unſer Geiſt das irdiſche Leben von ſich ſchüt⸗ teln, wie Staub von den Flügeln, um mit einem Male dem ärmlichen, beſchränkten, wechſelvollen Daſein hienieden enthoben zu ſein. Aber je mächtiger, je tiefer eingreifend in die Welt und ihren Lauf ein Weſen daſtand, deſto ſchwerer wird es uns, an die Möglichkeit ſeines plötzlichen Zerfallens zu glauben. So ging es auch der Umgebung des Kaiſers, ſo ging es vor Allen Eudoria. Mit Todesangſt hielt ſie die ſtarre Hand des geliebten Vaters, unter Höllenqualen erwartete ſie das Zurückkehren ſeiner Lebensgeiſter. Ihr Denken, Fühlen, Wünſchen und Hoffen, ihr ganzes Sein war in dem einen Schmerzensſchrei zuſammenge⸗ preßt: Allmächtiger, gib mir meinen Vater wieder! Hinter Eudoria ſtand Rudolph. In ſeinen Augen erglänzten Thränen. Thränen über den Kaiſer, deſſen Herz ein furchtbares Geſchick unter endloſen Qualen langſam zerbröckelte, Thränen über die ſchweren Leiden, die ſeine geliebte Eudoria erwarteten. 4 Aber der feuchten Augen ungeachtet thronte eine königliche Hoheit in ſeinen ſchönen Zügen und jener feierliche und doch milde Ernſt, mit welchem der Mann von Geiſt und Herz an das Sterbelager eines jeden Menſchen tritt. Auf der linken Seite des Ohnmächtigen ſtan⸗ den zwei Figuren, verſchieden im Aeußeren wie im Inneren, wie Tag und Nacht. Es waren Ezelinv di Romano und der ehrwürdige Erzbiſchof von Palermo. Der Leibarzt des Kaiſers war um die Perſon des Herrſchers beſchäftigt. Den Hintergrund des Zimmers füllten die Großwürdenträger des Reiches, inſofern ſie ſich eben bei dem Gefolge befanden. Aber nicht allein Eudoria ſah mit leidenſchaft⸗ licher Angſt dem Erwachen des Kaiſers entgegen, da war— außer Ezelino— kein Geſicht, in deſſen Zügen ſich nicht die gleichen Gefühle deutlich aus⸗ geprägt hätten. Wer beſchreibt daher die Freude der Umgebung, die Seligkeit des Mädchens, als Friedrich endlich die Augen wieder aufſchlug! Es war, als erwache er aus einem tiefen Trau⸗ me, aus einem Traume, der ihm die Wonne des Paradieſes vorgeſpiegelt; es war, als habe er das Greuliche, welches ihn erſt vor kurzem berührt und ſeiner Sinne beraubt, vergeſſen. Friedrich ſchlug die Augen langſam auf. Sein erſter Blick fiel auf die gegenüberliegende Wand, die ſo freundlich mit Blumengewinden zur Hoch⸗ zeitfeier geſchmückt war. Eine feierliche, erwartungsvolle Stille herrſchte ringsumher; Aller Augen hingen mit athemloſer Spannung an den Zügen der Majeſtät. Sie waren unendlich mild. Ein ſanftes Lächeln umſpielte den Mund. Blumen? ſagte er nach einer kleinen Pauſe 384 halblaut. Blumen, ringsumher? Wolan, ſo iſt es denn geſchehen! Verkündet ward Uns ja; Wir ſtürben unter Blumen! Aber dieſe Worte brachen den eiſernen Har⸗ niſch des allzugroßen Schmerzes, der bis dahin Eudoria's Herz blutig zerquetſcht. Eine unſägliche Wehmuth erfaßte ſie und unter Thränenſtroͤmen die kalte Hand des Kaiſers mit glühenden Küſſen be⸗ deckend rief ſie: Nicht doch, mein Vater, Ihr werdet noch nicht ſterben!— denkt nicht an ſo Schreckliches! Euer ſtarker Geiſt wird auch dieſer Prüfung trotzen! Täuſchen Wir Uns nichtl entgegnete mit freund⸗ licher Ruhe der Kaiſer, dem ewigen Verhängniſſe, dem Loos des Irdiſchen kann nichts entgehen. Wir fühlen, daß Wir an der Schwelle des Grabes ſtehen. Er ſchwieg abermals. Die Todtenſtille unter⸗ brach nur das Schluchzen des Kindes, ja das Wei⸗ nen vieler Männer. Warum der Schmerz, Ihr treuen Seelen! fuhr der Kaiſer ergriffen fort, Wir geben der Erde wie⸗ der, was ihr gehört, Unſer ewiger Theil aber ſchwingt ſich entfeſſelt zum Urquell alles Lichtes auf. Ruhig ſehen Wir der dunkeln Zukunft ent⸗ gegen, denn Wir haben ſtets das Gute ge⸗ wollt. Nicht das Schickſal und ſeine Schläge „ 1 3 385 haben Uns überwunden, ſondern der Undank Unſe⸗ rer Freunde hat Uns das Herz gebrochen. Vater, Vater! rief hier Eudoria und umſchlang verzweifelnd die Kniee des Kaiſers, du kannſt, du wirſt, du darfſt nicht ſterben! Vergiß den Undank der Verräther und ſieh um dich, es ſchlagen dir ja noch ſo viele treue Herzen! Für deren Liebe ich Gott danke! ergänzte der Kaiſer. Kommt Alle, kniet nieder und empfanget den Segen eures ſterbenden Kaiſers. Die Menge gehorchte von Schmerz und Weh⸗ muth hingeriſſen. Der Kaiſer ſtreckte ſegnend die Hände über ſie. Aber ſein Auge ſuchte vergebens nach dem Weſen, das nächſt Eudoria ſeinem Herzen am nächſten ſtand. Wo iſt mein Narr? frug er dann leiſe. Herr, entgegnete der Arzt, er bedarf der Ruhe. Der Kaiſer lächelte ſtill vor ſich hin, als ſchmeichle ſeinem Herzen ein ſüßer Gedanke. Er bedarf— der Ruhe! wiederholte er dann, wenn Uns nicht eine heilige Ahnung täuſcht, wird ſie ihm bald werden. Nicht wahr? ſetzte er fragend hinzu, die Wunden ſind tödtlich? Der Arzt wollte ausweichen, Friedrich aber ſagte: II. 17 — Geſteht es nur immer. Die Unſeren ſitzen auch im Herzen und Wir fühlen: David, der ſeinen Kaiſer im Leben nie verlaſſen, verläßt ihn auch im Tode nicht. Wenn er noch lebt, bringt ihn hier⸗ her. Wir waren unzertrennliche Freunde im Le⸗ ben, es muß göttlich ſchön ſein, mit dem Freunde zu ſterben. Ach! jammerte Eudoria, ſo ſoll ich denn Alles auf einmal verlieren? Nein! entgegnete Friedrich mit mildem Ernſte, Wir geben dir, du Seele Unſeres Daſeins, Alles in Einem wieder. Graf von Habsburg! Wir haben Euch bereits mit Unſerer Tochter, die Ihr ſo innig liebt wie Wir, verlobt, nehmt ſie im Angeſichte Unſeres Hofes als Eure Gattin hin. Rudolph war ebenfalls zu des Kaiſers Füßen niedergekniet. Mit Mühe richtete ſich der alte Held halb in dem Seſſel empor, fügte die Hände der Liebenden in einander, legte die ſeinen ſegnend auf ihre Häup⸗ ter und ſprach: Verbinde und beglücke euch Gott durch dieſelbe Liebesſeligkeit, die deine ſelige Mutter, Eudoria, und Uns verband. Mehr können Wir euch nicht wünſchen; einen höheren, einen heiligeren Segen vermögen Wir nicht von Gott zu erflehen!— Herr „ 4 Erzbiſchof! Euch übertragen Wir die Sorge für die kirchliche Weihe.* Der Kaiſer lehnte hier erſchöpft zurück. Rudi und Eudoria lagen ſich weinend, aufgelöſt von Schmerz in den Armen. Nach einer längeren Pauſe richtete ſich Friedrich wieder empor. Uns bleibt für kurze Zeit noch viel und Wich⸗ tiges zu thun übrig. Laßt Uns das Haus beſtellen. Auf ſeinen Wink traten nun die Großwürden⸗ träger vor und der Kaiſer dictirte mit voller Gei⸗ ſtesgegenwart und Ruhe ſein Teſtament. Als dies geſchehen, richtete er ſich an den Erz⸗ biſchof von Palermo und ſagte: Hochwürdiger Herr! vermöget Ihr in der Stunde des Todes den Gebannten Angeſichts der Chriſtenheit von dem Banne zu befreien? Ja! entgegnete der heilige Mann, wenn Eure Majeſtät ſich beichtend und bereuend der Kirche heimgeben will. Dem Payſte nie! entgegnete Friedrich mit überraſchendem Kraftaufwande. Der Gnade Got⸗ tes aber und der Kirche gern. Der Papſt iſt nur ein einzelnes Glied der Kirche, entgegnete der Erzbiſchof, ihr einzig wahres Haupt iſt Gott und dieſem dien' auch ich. 17* „ 388 Vor Gott beugt ſich der Menſch in Demuth! entgegnete der Kaiſer. Der Erzbiſchof wollte nun die Ohrenbeichte des Herrſchers abhören; aber Friedrich ſagte, ihn abwehrend: Was Wir gefehlt und ſterbend hier bekennen, darf alle Welt erfahren: Wir haben ſtets das Gute nur gewollt; allein als Menſch, als ſchwacher Sterblicher— bekennen Wir uns reuig zu den Mängeln, die an dem Staube haften. Wen Wir beleidigt oder gekränkt— ſei es auch willenlos— der möge Uns vergeben, wie Wir— von Gottes Gnade— Vergebung für unſre Irrthümer er⸗ flehen. Für Unſer Leben hatten Wir Uns ein gro⸗ ßes, ein erhabenes Ziel geſetzt. Haben Wirs auch nicht erreicht, ſo ſind Wir Uns des edlen Strebens doch bewußt. Eins aber fühlen Wir in dieſer feierlichen Stunde beſtimmt und klar— dies irdiſche Leben iſt Unſres Daſeins Marke nicht— hier ging— in nebliget Tiefe— die Sonne nur auf, die dort— im Mit⸗ tag— göttlich flammen wird. Ich glaub an Gott und ſeine ewige Liebe.— Iſt dies ge⸗ nug? Es iſts! und der Erzbiſchof nahm ihn mit dem Kuß der Liebe in den Schoos der Kirche unter Er⸗ theilung der Sacramente wieder auf. B. 389 Als dies geſchehen, öffneten ſich die Thüren und unter Prieſterſang trug man David auf einer Bahre herein. Als man den Sterbenden zu des Kaiſers Füßen niedergeſetzt und beide Männer ſich mit ei⸗ nem vielbedeutenden Blicke begegnet, lispelte der Narr: Die Eulen krächzen uns das Todtenlied, laß ſie verſtummen, Gevatter, ich muß dir noch etwas Wichtiges entdecken und zwar allein. Der Kaiſer gab ein Zeichen, daß ſich alle ent⸗ fernen möchten. Es geſchah. Nach einer halben Stunde trat der Hof wie⸗ der ein. W David war entſchlummert, der Kaiſer kniete weinend an der Leiche, die Lippen feſt auf des Narren kalte Hand gepreßt. Man wollte ihn aufheben, er aber ſagte in feier⸗ lichem Ernſte: Hier iſt mein Platz! Nach einer kleinen Weile ließ er ſich den kai⸗ ſerlichen Purpur geben, deckte ihn ſelbſt über die Leiche und flüſterte: Wir wollen— daß dieſer— mit Uns in einem Sarge ruhe! 390 Dann verſtummte er. Noch einmal ſtrichen ſeine Blicke über Rudi und Eudoria— dann ſenkten ſie ſich freundlich lächelnd auf David— und entſchlafen waren Beide: Kaiſer und Narr. 6* 1 in Leipzig⸗ Druck von F. A. Brockhaus ſſſſn 13 14 15 16 ſ 6 7 8 9 10 11