„— * K — 1 4*. 22 ———— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 5. Ednard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und eſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.* 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe ſſehe entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zuruͤckgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für iechenttich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 M.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Köſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern r.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene und defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Piejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 2 Lesepreis. Bei Ruckgabe eines geliehenen Buches wird von Kaiſer und Narr. Zweiter Theil. Kaiſer und Narr. Hiſtoriſcher Roman von Heribert Rau. Zweiter Theil. —————— Leipzig: 5 A. B 5 1845. Seite 1. Walther von der Vogelweide. Die Abtei St. Gallen.— Das Mittelalter.— Ru⸗ dolph v. Habsburg.— König Heinrich.— Zeitver⸗ hältniſſe.— Die heilige Eliſabeth.— Der Meiſter⸗ ſist 1 Der Unerwartete. Ein dichtender Hofſtaat.— Ueber Dichter, Dichtkunſt und Muſik.— Die Pilger.— Der Stern des Heils.— Deutſche Treue.— Der Aufruf.— Ra⸗ ſcher und kräftiger Entſchluß.— Otto von Baiern. — Der Reichstag zu Regensburg... 42 3. König Heinrich. Frankfurt.— Die Saala.— Der Herrſcher.— Der Mord.— Fiorenze la bella.— Abenteuer.— Der Verſucher.— Kindesmord.— Dem Teufel verſchrie⸗ ben.— Flucht.— Margarethe von Oeſterreich.— Karl und Faſtrada.— Die Warnung. 66 Seite 4. Die rothe Thüre zu Frankfurt a. M. Bürgerthum.— Das Gedinge an der rothen Thüre.— Der blonde Lockenkopf.— Die Geſandtſchaft.— 101 5. Unangenehme Ereigniſſe. Aufregung in Frankfurt.— Des Königs Zorn.— Be⸗ ſtrafte Thorheit.— Die ſchöne Röſe.— Kuß und Raub.— König und Deutſchmeiſter.— Die Unter⸗ 132 6. Vater und Sohn. Worms.— Veränderungen.— Ausgebrannt.— Ein ſeltenes Bündniß.— Burg Oppenheim.— Der Narr über Miniſter.— Zuſammentreffen.— Vater und Sohn.— Friedrichs Plan für Deutſchlands Natio⸗ nalität und Größe.— Ein Egoiſt.— Die Reichs⸗ 154 7. Der Sänger. Rückkehr nach Worms.— Froſti im Unglück.— Trübe Ahnung.— Der Barde. 187 8. Des Horoſcops Erfüllung. Ein verdorbenes Herz.— Der Wüthende.— Frevel⸗ hafter Wunſch.— Gefährliches Spiel.— Er oder ich!— Veränderte Stimmung.— Hinterliſt.— Neue Verſöhnung.— Des Narren Widerwillen.— Die Illumination.— Ein Bild des Todes.— Wie ——— ————— — „—— VII Seite ein Fürſt ſein ſoll.— Geiſtesgegenwart.— Eine hrecensſcene—— 203 9. Guda. Die Meſſe zu Frankfurt am Main.— Unheilvolle Nach⸗ richt.— Die Zünfte.— Ein Freudentag.— Guda und Robert.— Der Hirſchgraben.— Ein Abend im Hauſe Limburg.— Der unwillkommene Gaſt.— Der unverwerfliche Freiwerber........... 232 10. Der Kaiſer. Ein gebrochenes Herz.— Friedrichs Politik.— Pläne für Deutſchland.— Neue Geſetze.— Vineis und ſein Project.— Einwilligung.— Bund mit Eng⸗ ind 264 11. Die Hochzeit. Glanz⸗ und Höhepunkt kaiſerlicher Macht.— Feſtlich⸗ keiten.— Sieben Kronen.— Der Narr und die Geſandtſchaft.— Prächtiger Empfang.— Geſchenke. — Der Barde.— Das Lied der Nibelungen.— Zwei Könige.— Die oſe 280 12. Die Gefangenſchaft. Robert.— Der Rothnaſige.— Ein Fang.— Die Strafpredigt.— Starkenburg.— Bruderliebe und Menſchenhaß.— Läuſchungen.— Guda und die Ziegenhirtin.— Betrug und Flucht......... 306 13. Hülfe. Erwachen.— Der Betende.— Gute Aufnahme.— 5. 335 14. Ezelino di Romanv. Reichstag zu Mainz.— Deutſche Nationalität.— Das Reich geordnet.— Der Lombarden Verräthereien.— Ezelino.— Schandthaten des Markgrafen von Eſte 343 15. Das ſilberne Käſtchen. Der Narr und der Mönch.— Das Geheimniß.— Die Sage von Thaſſilio.— Am Sterbebett.— Die Beichte.— Wunderbare Entdeckung. 356 — 1. Walther von der Vogelweide. D weh! Wohin verſchwanden alle meine Jahr'? Iſt mein Leben mir geträumet oder iſt es wahr? Das ich ſtets wähnte, daß es wäre, war das icht? lächt, irgend etwas.) Darnach hab' ich geſchlafen und ſo weiß ichs nicht. Nun bin ich erwachet, und iſt mir unbekannt, Was mir hievor war kundig, wie meine andre Hand. Leute und Land, dannen ich von Kinde bin geborn, Die ſind mir fremde worden, recht als ob es ſei verlorn. Die meine Geſpielen waren, die ſind träge und alt, Bereitet iſt das Feld, verhauen iſt der Wald, Nur daß das Waſſer fließet, wie es weiland floß. Fürwahr! ich wähnte, mein Unglück würde groß. Mich grüßet Mancher träge, der eh' mich kannte wohl; Die Welt iſt allenthalben ungenadenvoll. Wenn ich gedenke an manchen wonniglichen Tag, Die mir entfallen ſind, wie in das Meer ein Schlag. Dann immermehr o weh! Walther von der Vogelweide. Maneſſiſche Sammlung I. 141. b. Deutſchland hatte einen harten Winter überdauert; deſto lieblicher erſchien nun aber auch der Frühling wieder, nach dem ſich alle Welt ſo lange geſehnt. WVie ein alter guter Freund, der nach ſchwerem Siechthume geneſen, hob er eben jetzt ſein Haupt aus den weißen Schneekiſſen und lächelte in neuer Lebensfriſche ſo heiter und entzückend, daß es eine Luſt war. II. 1 Jedes Leben fühlte ſich durch ihn neu geſtärkt; in jedem Weſen erwachten friſche Triebe, überall keimte und ſproßte es, und Himmel und Erde ſchien ein neuer Schöpfungstag belebt zu haben, da es mit einem Male in tauſend Formen und Geſtalten kroch und lief, ſchwamm und flog, und die ſtille Einöde des Winters ſich in eine tönende und lärmende Welt verwandelte. Was aber die weite Natur bewußtlos, vder doch nur in dumpfem Empfinden, mit ſchwellen⸗ dem Leben fröhlich durchflutete, das erfüllte den Menſchen in klarem Bewußtſein mit Entzücken. Es war der Gedanke, die Erkenntniß des ewigen Lebens, welches, durch allen Wechſel durch, daſſelbe bleibt: nämlich ein ſeliges Sein. Iſt doch der Winter eine treffende Allegorie des Todes und der Frühling der Schlüſſel des Räthſels, der uns eben die tröſtliche Verſicherung gibt: daß Win⸗ ter und Tod, die Alles zu vernichten ſcheinen, ge⸗ rade die Schöpfer ganz neuer Welten werden. Körper und Geiſt ſpüren das Erwachen der Natur und wenn das Blut in den Adern der Ju⸗ gend mit dem Frühling raſcher ſchäumt, ſo durch⸗ rieſeln das Alter neue Kräfte, heben den Geiſt neue Hoffnungen, beſchwingen ihn neue Gedanken. So ging es auch heuer bei Menſchen, Pflan⸗ zen und Thieren, und zwar um ſo mehr, als der . 3 Mai des Jahres 1235 im Sinne des Wortes ein Wonnemonat war. Der blondlockige Knabe ſchien ſich aus dem benachbarten Italien verlaufen zu haben und dennoch mußte es ihm in dem rauheren Deutſchland diesmal gefallen; denn er ließ ſich nicht, wie ſonſt nur zu voft, bald wieder ver⸗ ſcheuchen, ſondern ſtreckte ſich wohlgefällig auf die Flur und lächelte Tag aus Tag ein mit der ihm eigenen Freundlichkeit. Kettete ihn aber eine ſüße Gewohnheit an die Nähe ſeines Vaterlandes Italien, oder war es parteiliche Vorliebe— kurz er wählte die himm— liſchen Thäler der Schweiz zu ſeinem Hauptquar⸗ tiere, und während Großvater Winter noch auf den Bergkuppen und Gletſchern ruhte, ſpielte er zu deſſen Füßen ſchon mit Blumen und Blüten. In einem dieſer beglückten Thäler, eingepfercht von zwei hohen Bergen und umrauſcht von der Steinach, erhoben ſich zu jener Zeit die Thürme der weltberühmten Abtei von St. Gallen. Weltberühmt, ja für die Kulturgeſchichte Deutſchlands heilig, war und bleibt dieſer Ort. Schon im Jahre 630 n. Chr. nennt ihn die Geſchichte. Während nämlich die Nacht des Hei⸗ denthums noch den größten Theil Europas deckte, während Unwiſſenheit und Barbarei in Deutſch⸗ land, im Frankenreiche und in England ihr unheil⸗ volles Weſen trieben, gelang es 565 einem Ir⸗ länder, Columban, im Vereine mit zwölf gleich⸗ geſinnten Freunden, die menſchenfreundliche Chri⸗ ſtuslehre auf der Inſel Ikolmhill*) zu verbreiten. Die Haine der Druiden, und was mehr ſagen will, die Nacht des Aberglaubens wurden gelichtet und da, wo einſt die heiligen Eichen gerauſcht, er⸗ hoben ſich nun die Altäre des einigen Gottes. Columban gründete auf jenem Eilande ein Kloſter, und hier, faſt von der Welt überſehen, erblühte, mitten unter den Stürmen einer beweg⸗ ten Zeit, hohe Gelehrſamkeit. Eine Gelehrſamkeit, die um ſo ſegensreicher wirkte, als tüchtige Män⸗ ner ihren Samen in alle Welt trugen. So ging aus jenem Kloſter auch der Schotte Gallus aus und kündete die ſanfte Lehre Chriſti den Völkern Europas. Bis nach den Thälern Helvetiens führte den würdigen Greis ſein Eifer. Beſchwerden und Leiden, Entſagungen und Krän⸗ kungen ſchreckten ihn nicht, und ſelbſt als ihn, den jetzt fünfundachtzigjährigen Mann, die heidniſchen Prieſter zu Tuggen am Zürcherſee und zu Bregenz vertrieben, predigte er noch an der Steinach das Wort Gottes. Hier fand er denn auch einen mil⸗ deren Boden für ſeine geiſtige Saat und baute *) Nahe der Inſel Staffa. 5 ſich daher, dieſen um ſo ſorgfältiger zu pflegen, im nahen Walde eine Zelle. Die zu Herzen gehende Einfachheit ſeiner Lehre, ſein ſtiller, gottſeliger Lebenswandel und die Wohlthaten, durch welche er ringsum die Ge⸗ gend beglückte, brachten ihn bald in den Ruf eines außerordentlichen, eines heiligen Mannes, ſo daß ſich ſelbſt der Kämmerer des königlichen Hofes, Graf Talto, veranlaßt fühlte, ihm aus Dank⸗ barkeit den Wald und die, ſeine einfache Wohnung umgebenden, Wieſen und Felder zu ſchenken. Aber Gallus blieb auch jetzt, trotz des Beſitzes ausgedehnter Ländereien, anſpruchslos und beſchei⸗ den; pflanzte mit eigner Hand ſeine Kohlgärten, weidete ſeine kleine Heerde, belehrte und bildete die Bewohner der Umgegend und hatte bald die Freude, die Menge der Lernbegierigen wachſen und wachſen zu ſehen. Als er endlich 640 ſtarb, huldigten ſchon alle umliegenden Thäler, ja die Uferbewohner des ganzen Bodenſees und ein be⸗ deutender Theil von Rhätien den ſanften Geboten des Urchriſtenthums. War aber auch Gallus heimgegangen zu den Vätern, wandelte auch ſein Leib nicht mehr auf der Erde, das Gedächtniß an den tugendhaften Lehrer, an den Wohlthäter ſo vieler Tauſende ſchwand nicht; ja die dankbare Erinnerung an den Dahingeſchiedenen verzehrte in dem Feuer der Begeiſtrung noch die letzten Schlacken ſeiner irdi⸗ ſchen Natur und ließ den gottgefälligen Mann, gleich dem Phönir, verjüngt und veredelt den Flammen entſteigen. Das Volk, und ſpäter Rom, ſprachen ihn heilig. Schon funfzig Jahre nach ſeinem Tode erſtand auf der Stelle, wo er gewohnt, ein Kloſter, wel⸗ ches man zum Andenken an ihn das Kloſter des heiligen Gallus— St. Gallen— nannte. Das Erfreulichſte hierbei war, daß der Geiſt des Hei⸗ ligen auch auf ſeinen Nachfolgern zu ruhen ſchien. Schon der erſte Abt des neuen Gotteshauſes, Oth⸗ meier, gründete eine Schule, in welcher jene durch St. Gallus von Schottland herübergebrachten Kenntniſſe ſorgſam gehegt, vermehrt und fortge⸗ pflanzt wurden. Auch kamen bald neue gelehrte Männer von jener Inſel nach der befreundeten Niederlaſſung und ſchloſſen ſich eifrig den wiſſen⸗ ſchaftlichen Forſchungen der Mönche von St. Gal⸗ len an. Die Schule des Kloſters wuchs an Ruf, die Bibliothek an koſtbaren Handſchriften*) und die Abtei St. Gallen galt während des achten, neun⸗ ten und zehnten Jahrhunderts unbedingt als die berühmteſte hohe Schule Europas. Was ſie aber *) Johannes Müller fand ſie daſelbſt noch 1780 unter der Rubrik: Scotice scripti. 7 am meiſten auszeichnete, war die freiſinnige, wahr⸗ haft geniale Weiſe, mit welcher man, fern von aller Pedanterie, auch die ſchönen Künſte in den Bereich der Lehrgegenſtände zog; denn während man mit allem Fleiße der griechiſchen und lateini⸗ ſchen Sprache oblag und die großen Werke der älteren Dichter hervorſuchte und ſtudirte, wurden zu gleicher Zeit Künſtler herbeigezogen, Gemälde aus Italien und dem Oriente angekauft und ſo gut Mathematik als Dichtkunſt und Muſik getrieben und geübt.*) Durch dies Alles gewann aber auch dieſe Klo⸗ ſterſchule einen ſolchen Namen, daß der Adel, na⸗ mentlich der ſchwäbiſche, ja ſelbſt Kaiſer und Kö⸗ nige nicht anſtanden, ihre Söhne nach derſelben zu ſenden, und ſelbſt unter dem ſchönen Geſchlechte wurde von hier aus der Geſchmack für Wiſſenſchaf⸗ ten angefacht; wie denn Hedwig, Herzogin von Schwaben, im 10. Jahrhundert den Rector der Schule zu St. Gallen, den Mönch Eckard, als *) Gingen doch aus demſelben Manuſcripten⸗Schatze hervor: Quintilian Petronius, Silius Italicus, Valerius Flaccus, Ammian Marcellinus, Cicero(de legibus et finibus und de oratore), Porphyrion über Horaz, Asco- nius, die Commentarien des Rhetors Victorinus und die von Rüdger Maneß veranſtaltete Sammlung deutſcher iche des zehnten bis dreizehnten Jahrhunderts(J. G. eh. —— Lehrer annahm und unter ſeiner Leitung Horaz und Virgil ſtudirte. Aber auch die deutſche Sprache vergaß man nicht, und Karon fing an, ſie zwiſchen 720 und 760 durch eigene Werke zu bilden. Noch viele anderen Schriftſteller gingen aus dieſer Anſtalt hervor, wie: Notker, Iſo und Salomo, Biſchof von Konſtanz. In ununterbrochener Wirkſamkeit ſandte auf dieſe Weiſe die Abtei von St. Gallen die Strahlen der Aufklärung über ganz Süd-Deutſch⸗ land und Frankreich und wurde endlich, im drei⸗ zehnten Jahrhundert, zu einer wahren Dichter⸗ ſchule. Auch ſuchte Kaiſer Philipp von Schwaben ihre Verdienſte dadurch zu würdigen, daß er ſie 1204 in den Reichsfürſtenſtand erhob.*) Schon früher hatten die Kloſterbrüder geiſtliche Lieder gedichtet und die anmuthigſten Tonweiſen ſelbſt dazu geſetzt; jetzt aber, in den aufgeregten, poetiſchen Zeiten der Kreuzzüge und der Hohen⸗ ſtaufen, nahm dies Dichten und Treiben noch einen höheren Schwung und kam bald darauf in den ritterlichen Minneſängern zur höchſten Blüte. Jede Erſcheinung in der Zeit trägt die Fär⸗ bung eben jener Zeit, in der ſie auftaucht. Leben wir in dem Jahrhundert der Spekulation, hervor⸗ *) J. G. Ebel. M. D. 9 gerufen durch die große Entdeckung der Dampf⸗ kräfte und des Maſchinenweſens, ſo müſſen wir uns eben leider auch überzeugen, daß faſt allen Strebungen ein eigennütziges Spekuliren zu Grunde liegt. Materielles Wohlſein iſt heut zu Tage das Loſungswort und alle Unternehmungen groß und klein, von Hohen und Niedern„von Armen und Reichen ſind nur Mittel, jenes Ziel zu erreichen. Wie ganz anders, um wie viel ernſter, from⸗ mer, geiſtiger und poetiſcher waren dagegen die Zeiten des Mittelalters! Freilich erfreuen wir uns heut zu Tage einer höheren Aufklärung, eines tieferen und geläuter⸗ teren Wiſſens, einer bei weitem größeren Behag⸗ lichteit, geordneterer Rechtszuſtände, kurz eines tauſendfach geſteigerten Kulturzuſtandes, freilich wird kein vernünftiger Menſch ſich in die Zeiten des Aberglaubens und des Fauſtrechtes zurückwün⸗ ſchen; wie uns aber, treten wir aus einem unſerer neuen, glatten, lichten, Herz und Gemüth kalt laſſenden Gotteshäuſer in einen jener mittelalter⸗ lichen Dome— ein frommer, poetiſcher Schauer Cben der Geiſt jener Jahrhunderte) entgegenweht; wie wir uns in denſelben, durch das feierliche Halbdunkel, die dichteriſchen Formen und Farben (die unter ihrer Narrheit ſo hoch begeiſternde Ge⸗ danken bergen) zur Andacht, zu ſchwärmeriſchen 10 Ideen hingeriſſen fühlen: ebenſo blicken wir auch gern aus unſern lichten, aber nüchternen Zeiten in jene Jahrhunderte der Dämmrung zurück, in wel⸗ chen ſich die Nacht am Lichte und das Licht an der Nacht in höheren Schatten und Farben ſo poetiſch brach. und gerade die Zeiten der Hohenſtaufen trugen in Deuiſchland vor andern das Gepräge der Poeſie. Verſuchen wir ſie in einigen flüchtigen Strichen zu charakteriſiren. Das Erſte, was dem Forſcher als bezeichnend in denſelben entgegentritt, iſt eine rührende Ein⸗ fachheit des häuslichen Lebens; eine Einfachheit, die nur bei öffentlichen Feſten zurücktrat, aber eine Gemüthlichkeit und Genügſamkeit zur Folge hatte, die wir, erdrückt von Bedürfniſſen und Etikette, nicht einmal kennen. Wenn bei Fürſtentöchtern Spinnen, Weben, Sticken und das Anfertigen eigner Kleider noch Sitte war, mußte dieſer ſchlichte Gebrauch nothwendig Sinn für Häuslichkeit und ein ſtilles Leben hervorrufen. Indem man nur we⸗ nige Geräthſchaften bedurfte, kettete man ſich deſto inniger an dieſelben, gab ihnen nicht nur geiſtig, ſondern auch dem Inhalte nach einen höheren Werth, durch kunſtvollere Bearbeitung und rei⸗ cheren Stoff. Dauerhaft und echt mußten die we⸗ nigen Habſeligkeiten ein; aber Kraft und Wahr⸗ 11 heit galt auch für den ſchönſten Schmuck des Man⸗ nes. Natur und Wiſſenſchaft, noch in tiefe Geheim⸗ niſſe gehüllt, erhielten die Menſchen in frommen Ahnungen. Und die Religion, wenn auch bis zur Unkenntlichkeit ihrer erſten Reinheit entrückt, hatte ſich doch in ſo ppetiſche Formen geprägt, daß ſie es gerade war, aus welcher der ritterlich⸗dichte⸗ riſche Geiſt wie eine himmliſche Blüte hervorging. Religion war den kindlichen Gemüthern Eins und Alles; aber eben deswegen vermochte ſie auch eine Begeiſtrung hervorzurufen, die wir faſt nicht mehr begreifen, eine Begeiſtrung, die Millionen mit der größten Aufopfrung nach dem Lande trieb, in welchem der Erlöſer gewandelt*), eine Begei⸗ ſterung, die Dome aufführen konnte, welche die Nachwelt nach Jahrtauſenden noch anſtaunen wird. Zu jener Einfachheit und Religioſität trat aber noch ein drittes charakteriſtiſches Merkmal jener denkwürdigen Zeit. Es iſt dies die hohe und zarte, faſt religiöſe Verehrung, welcher ſich das ſchöne Geſchlecht zu erfreuen hatte. *) Ich wollte ſelbe Krone ewiglichen tragen, Die möcht' kein Söldner mit ſeinem Speer bejagen, Möchte ich die liebe Reiſe fahren über See, So wollt' ich dann ſingen: wohl! Und nimmermehr: o weh! Walther von der Vogelweide. Maneſſiſche Sammlung I. Thl. 141. 12 Wenn ſich die Kraftfülle der damals noch nicht verweichlichten Deutſchen auf der einen Seite in dem Stolze auf die eigene Kraft, in Kampfbe⸗ gierde und dem Ringen nach kriegeriſchen Ehren kundgab, ſo bewies auf der andern Seite das Verhältniß, in welches ſich eben jene wilden Ritter zu den Frauen ſetzten, die Macht, welche Schönheit und ein reines Gemüth auf unverdorbene Menſchen übt. Das Mittelalter iſt analog mit dem Jüng⸗ lingsalter des Menſchen, und wie der Jüngling, gerade je kräftiger er iſt, mit deſto größerer Scheu die ſittſame Jungfrau betrachtet, wie ihm eben aus den Tugenden, die ihm mangeln und ihr eigen ſind, ihre Heiligkeit erwächſt; wie er ſich das ſanfte Mädchen, zu welcher ihm ein ſüßer geheimer Zug der Seele leitet, gleich einer Gottheit rein und aller Fehler frei denkt und ſie in ſtiller Schwärmerei anbetet, und ſein höchſter Gedanke es iſt, nicht ſie zu beſitzen, ſondern ihr nur würdig zu werden; wie ihn alsdann nur der Gedanke in ihre Fuß⸗ tapfen zu treten, einen Ort zu berühren, den ſie berührt, oder gar ein Kuß auf den Saum ihres Gewandes— überglücklich macht:— ebenſo war es in den Zeiten des Mittelalters mit den kräfti⸗ gen, aber unverdorbenen Naturen der Ritter. Ehre, Liebe und Religion war die Deviſe jener Zeit, und aus den Händen dieſer drei himm⸗ —— 13 liſchen Schweſtern ſproßten denn auch die Palm⸗ zweige hervor, aus welchen das Ritterthum die Krone für die, ihm eigenen, Minneſänger flocht. Ehre und Religion waren freilich auch die Felder, aus welchen ſich das Lehnsweſen, die Tirannei des Adels, das Mönchthum und die Hierarchie wuchernd erhoben. Aber Gutes und Böſes, Schönes und Häßliches wachſen nun ein⸗ mal auf dieſer Erde miteinander und oft zeigt die Zukunft erſt, daß ſelbſt Dasjenige heilſam geweſen, was die Gegenwart als Gift verwarf. Das Feudalſyſtem war eben eine Folge jenes Kraftbewußtſeins, jener falſchverſtandenen Ehre, die nichts weniger beabſichtigten als ſelbſtſtändig und unabhängig dazuſtehen und kein höheres An⸗ ſehen, nicht einmal das des Königs, über ſich dul⸗ den wollten. So entſtanden, da keine wahrhaft königliche Macht im Reiche vorhanden war, eine Maſſe trotziger Vaſallen, deren Augenmerk allein dahin ging: ihres Stammes Erbe durch Unabhän⸗ gigkeit zu ſichern, die wiederum durch Länderbeſitz und vergrößerte Macht errungen wurde. Das hauptſächlichſte Recht war das des Stärkeren und ſomit ſahen ſich die Schwächeren genöthigt, ſich den Mächtigeren anzuſchließen. Hieraus entſprang denn in den Fürſten eine, dem König⸗(Kaiſer⸗) thume 14 entgegenſtrebende Macht. Da aber der Adel zu gleicher Zeit die nicht Ritterbürtigen als Menſchen anſah, die nur zu ſeinem Dienſte geſchaffen ſeien, und das Aufſtreben der Bürger gewaltſam zu un⸗ terdrücken ſuchte, ſo vereinigten ſich die Unterdrück⸗ ten wiederum in Städten, die bald durch Handel und Gewerbe fröhlich aufblühten, und ſtellten ſich, als eine dritte Macht im Staate, der länderbe⸗ ſigenden, der Fürſten-oder Adels⸗Macht entgegen, und da ſie ſich im gleichen Streben mit dem Könige (Kaiſer) vereinten, ſo wurden die Städte auch zu vielen Zeiten die wichtigſten Stützen der Herrſcher. Das deutſche Reich bietet daher im Mittel⸗ alter einen ewigen Kampf des Königs gegen die mächtigen Vaſallen der Krone, dieſer gegen die aufſtrebenden Städte und außerdem das Ringen der Hierarchie gegen die weltliche Macht dar. So traurig dieſer Zwieſpalt war, ſo trug eben doch das chaotiſche Gewirre die Keime man⸗ cher ſüßen Frucht in ſich. In den einſamen Zellen der Klöſter ward die Wiſſenſchaft ſorgſam gepflegt, in den Städten hoben ſich die Künſte und Gewerbe, der wachſende Reichthum der ruhigen Bürger be⸗ reitete die Fortſchritte der Kultur vor, die nament⸗ lich auch durch die vielen Hofhaltungen der ver⸗ ſchiedenen Fürſten befördert wurde. Hatte doch ſelbſt der König keine beſtimmte 15 Reſidenz, ſondern hielt bald hier bald dort Hof, wie es eben die Verhältniſſe des Reiches erforder⸗ ten. Um ihn aber und ſelbſt um die Höfe der Fürſten ſammelten ſich wie natürlich: die Gelehr⸗ ſamkeit, die Künſte und Wiſſenſchaften und na⸗ mentlich der lebendige Ausdruck des damaligen Zeitalters, die ritterlichen Minneſänger. Es konnte nicht fehlen, daß die drei Urtrieb⸗ federn jener Tage: Ehre, Liebe und Religion be⸗ gabtere Köpfe zum Dichten begeiſterten; durch⸗ hauchte doch an und für ſich ſchon ein poetiſcher Geiſt alle Lebensverhältniſſe, wozu noch die große Idee der Kreuzzüge, der empfängliche Sinn für die geheimnißvoll ſchaffende Natur und die Ahnun⸗ gen des ſich immer reifer bildenden Geiſtes kamen. Eine ritterliche Begeiſtrung ergriff alle Herzen und that ſich namentlich auch in dem Lobe der Frauen kund, die eine zarte und ſinnige Verehrung, wie Frieden ſtiftende Engel des Lichtes, zwiſchen die toſenden Elemente des Kampfes ſtellte. Minne— Liebe— war demnach auch der Hauptſtoff, welchen die Sänger behandelten; und zwar war es zum größeren Theile jene keuſche, geiſtige Liebe, welche die Frivolität der Jetztzeit kaum zu ahnen verſteht, jener Gottesdienſt der Schönheit, deſſen Sehnen ein Blick, ein Wort, ein Druck der Hand mit Seligkeit lohnt. Das 16 Eigenthümliche der Minneſänger aber iſt, daß ſie ihre Gedichte auch gleich in Muſik ſetzten und mit ihren frohen und ernſten Weiſen Arm und Reich, Vornehm und Gering erfreuten oder tröſteten. Meiſt gehörten dieſe Dichter adeligen Geſchlech⸗ tern an und zogen, wie oben gedacht, von Hof zu Hof, von Feſt zu Feſt. Schwaben, Oeſterreich und Thüringen, ſowie vor Allen die Abtei St. Gallen zogen die meiſten dieſer Minneſänger heran, wovon die würdigſten Namen Heinrich von Veldeke(1190), Hartmann von der Aue(1200), Gottfried von Strasburg 200), Wolfram von Eſchenbach, Heinrich von Ofterdingen, Raimar der Alte und Walther von der Vogelweide ſind. Aber auch Fürſten verſchmähten die liebliche Kunſt des Dichtens nicht und Dichter waren die ſchönſte Zierde ihrer Höfe. So hatte unter Ande⸗ ren der gefürſtete Abt Konrad von St. Gallen einen ganzen Hofſtaat von Dichtern um ſich. Der von Singenberg war ſein Truchſeß, der von Lan⸗ degg, gleichfalls ein liederreicher Sänger, des Ab⸗ tes Mundſchenk, Göli ſein Kämmerer, ja Konrad hatte ſelbſt ſchöne Taglieder geſungen, d. h. Lieder, in welchen der Wächter verſtohlene Minne warnt, daß ſie nicht vom Tageslicht überraſcht werde.*) Aber nicht nur die Minne beſangen dieſe Dichter, ſondern auch die Natur, die Reli⸗ gion, die Ehre— und der Glanz der Fürſten gaben ihnen Stoff zu Schöpfungen und vor Allem noch die Sagen der Vorzeit. Märchenhaft durchklan⸗ gen Deutſchland die Nibelungenſagen, die Lieder von Siegfried, Otnit und Etzel; die Fabeln von König Arthur, ſeiner Tafelrunde und dem heiligen Graal, der Titurell, Triſtan, Parcival und die Märchen von dem Zauberer Merlin. In dieſe Welt des Kampfes und der Gäh⸗ rung— welche letztere gerade eben jetzt durch Kö⸗ nig Heinrichs Empörung gegen ſeinen Vater den höchſten Grad erreicht hatte— aber auch in dieſes ritterlich⸗ poetiſche Leben treten wir nun ein. Der ehrwürdige Abt von St. Gallen hatte eben ſeine Mittagstafel im Kreiſe ſeiner erſten Vaſallen und Freunde vollendet, als es im Hofe des Kloſters ungemein lebendig wurde. Pferde wieherten und ſtampſten, Hunde bellten und Troß⸗ buben ſchrien, als ob ſie ſich nicht in dem Banne eines Kloſters, ſondern in dem Hofe einer Ritter⸗ burg befänden. Deſſenungeachtet machte der Lärm keinen beſondern Eindruck, weder auf den Abt, noch ſeine Umgebung, ja aus ihrer Ruhe und *) Walther von der Vogelweide v. L. Uhland. 18 Gleichgültigkeit ging hervor, daß ſie dies Getüm⸗ mel als etwas Alltägliches erwartet hatten. Das Tiſchgeſpräch lief noch eine kleine Weile über unerhebliche Dinge fort, bis der greiſe Abt endlich ausrief: Was meint ihr, Freunde, wollen wir nicht heute unſeren gewöhnlichen Nachmittagsritt, des herrlichen Maiwetters wegen, ein wenig ausdehnen und hinüber nach Roſchach reiten? Eine allgemeine frendige Zuſtimmung begrüßte dieſen Plan, dem auch die Ausführung auf dem Fuße folgte. Es war eine ſtattliche Cavaleade, die, den ehr⸗ würdigen Abt von St. Gallen an der Spitze, jetzt das Kloſter verließ. Vor allen Anderen zeichnete ſich unter den Reitern eine junge kräftige Geſtalt aus, welche, hoch zu Roß, dicht neben dem gefürſteten Prie⸗ ſter ritt. Es war ein Jüngling von ungefähr achtzehn Jahren, ſchlank und wohlgebaut, von kühner Hal⸗ tung und offenen Zügen, aus welchen Feſtigkeit und deutſcher Biederſinn ſprachen. Kraftfülle und Friſche der Geſundheit zeichneten ihn dabei aus. Sein Antlitz blühte in männlicher Schönheit, ob⸗ gleich eine etwas unverhältnißmäßig große Naſe den angenehmen Totaleindruck ſtörte. So ſtolz aber der Jüngling auf dem Pferde ſaß, ſo raſch und feurig ſeine Bewegungen waren, ſo wenig verletzte er die Beſcheidenheit, mit ſo hoher Achtung begegnete er dem Abte, an dem er ſelbſt mit kindlicher Ehrfurcht hing. Aber auch der Prieſter ſchien dieſe Gefühle zu erwidern, denn ſein Auge hing oft mit väterlichem Wohlgefallem an dem munteren Reitersmann, ſo wie er ſich denn auch ind Geſpräche vorzüglich an dieſen wandte. Nun, mein lieber Rudi! rief ihm der alte Herr eben jetzt zu, wie gefällt dir es denn bei uns! Nicht wahr, das heiße Blut ſtürmt manch⸗ mal ungeduldig durch die Adern, wenn wir ſo über gelehrte und ernſte Dinge ſchwatzen? Politik und trockne Wiſſenſchaft iſt freilich nicht ſo luſtig und ergötzlich, als Waffenſpiel und Waidwerk. Ihr irrt, ehrwürdiger Vater, entgegnete freundlich der junge Graf von Habsburg, wenn Ihr mich für ſo leichtfertig haltet. Gewiß, Jagd und Waffenſpiel ſind herrliche Dinge; aber auch die Wiſſenſchaften halte ich hoch, und vor Allem mag ich Euren Worten gern lauſchen, wenn Ihr von jener Kunſt ſprecht, die uns lehrt, Haus und Hof klug zů leiten. Die Ländereien meines Vaters ſind zwar klein, deſſenungeachtet möchte ich einſt meine Unterthanen gern glücklich machen. Das hör' ich gern, Rudi! erwiderte der Abt wohlwollend. Ob das Land, über das man zu gebieten hat, groß oder klein iſt, gilt gleich. Auch im engſten Kreiſe kann man wie ein Gott ſegnend wirken. Ich wünſchte, dein Pathe, obgleich er ſonſt ein herrlicher Mann iſt, befreundete ſich mehr mit dieſer Idee. Nun! rief der Jüngling freudig, ich denke, er wird ja nicht mehr lange auf ſich warten laſſen. Wie freue ich mich darauf, den großen Kaiſer ken⸗ nen zu lernen. S iſt ja wahr! ſagte der Abt, du kennſt ihn noch gar nicht perſönlich. Seit 1220, alſo ſeit ganzen funfzehn Jahren hat er Deutſchlands Lüfte nicht mehr geathmet, und damals warſt du?.. Erſt drei Jahre alt, ergänzte Rudolph. Und den⸗ noch entſinne ich mich dunkel der hohen, ſtolzen Ge⸗ ſtalt. Sie ragt wunderbar aus den Erinnerungen meiner Kindheit hervor, und gerade ihre, wie in Ne⸗ bel zerfließende Undeutlichkeit hebt noch ihre Größe. Das iſt natürlich, mein Kind, ſagte der Schutz⸗ herr von St. Gallen. Wer den liebenswürdigſten der Monarchen, wer den Enkel Barbaroſſa's, ein⸗ mal geſehen, der vergißt ihn nie wieder. Hätte er nur uns und unſer gutes Deutſchland nicht ſo vergeſſen. Vergeſſen?! ich kanns nicht denken, hochwür⸗ — diger Vater! rief der Jüngling. Wie könnte man ein ſo ſchönes Reich, wie Deutſchlands herrliche Fluren, wie vor Allem ſeine biederen, treuen Söhne vergeſſen?!. Du haſt das Paradies der Erde„Neapel und Sicilien, noch nicht geſehen, kennſt nicht den Reiz, den ein ewiger Frühling über ſie ausgießt. Rudolph ſchwieg einen Augenblick, dann ſagte er in brſcheidenem Tone: Sollten einen ſo großen Mann wol ſolch' kleine Gründe dazu bewegen, die erſten Pflichten eines Herrſchers zu vergeſſen? Ich kann es nicht glauben. Vergebt, wenn ich ihn daher in Stunden des Nachdenkens mit andern Gründen rechtfertigte. Aus dem Munde meines Vaters weiß ich z. B., wie lange und anhaltend ihn die inneren Angelegenheiten ſeiner neapolitani⸗ ſchen Reiche feſſelten und welchen Zeitverluſt und welche Mühe es ihn koſtete, Ruhe und Ordnung dert einzuführen. Und dann der Kreuzzug und der ewige Kampf mit dem heiligen Vater, und die rebelliſchen lombardiſchen Städte, die ihn erſt noch vor drei Jahren verhinderten, nach Deutſchland zurückzukehren. Möge Gott verhüten, daß dies diesmal wie⸗ der geſchehe! rief der Prieſter mit einem flehenden Blick zum Himmel, denn ſonſt möchte ihm ſein Deutſchland verloren ſein. Indeſſen haſt du mit 22 deinen Gründen inſofern recht, als allerdings die Angelegenheiten des Kaiſerreiches, wie ſie ein⸗ mal ſtehen, den Kaiſer zwangen, ſo und nicht an⸗ ders zu handeln. Ich aber, und mit mir wol jeder gute Deutſche, ich hätte gewünſcht, Friedrich würde die allerdings großartige Idee eines römiſch⸗ deutſchen Reiches aufgegeben und ſich ledig⸗ lich mit der Größe und dem Glück Deutſchlands beſchäftigt haben. Aber er hat ſeine Meinung hierüber klar und deutlich in den Sendſchreiben, die er erlaſſen, ausgeſprochen. Seine körperliche Gegenwart hält er weniger nöthig, wenn nur jede weltliche Gewalt ſich im Kaiſerthum reinige und verkläre, daß alles Vereinzelte in ihm ſeinen Trä⸗ ger finde und wie von einem höheren Lebensgeiſte und Lebensgrunde durchdrungen und erhalten werde. Daher ſein unglückſeliger Kampf mit der Kirche, ein Kampf, der freilich in Italien geführt werden muß, wenn er überhaupt nöthig, der ihm aber vielleicht noch, o! möchte ich mich täuſchen, Krone und Leben koſten kann. Mußte er aber nicht ſeine Erbreiche ordnen und ſchützen? den Kreuzzug unternehmen? die lombardiſchen Rebellen züchtigen und des deutſchen Kaiſerreiches Ehre aufrecht erhalten? entgegnete feurig der junge Habsburg. Mir däucht, ſagte der Abt, Deutſchlands 23 Ehre und Glück müßten Hand in Hand gehen. So viele Reiche, verſchieden in ihrer ſtaatlichen Grundform, in Sitten und Gebräuchen, in Den⸗ kungs⸗ und Lebensweiſe, ſo viele verſchiedene Reiche thun nie und ni mmer unter einem Scepter gut. Und dann, warum der ewige Kampf um Italien? Deutſchlands Rechte ſind auch in Deutſchland zu handhaben, und gerade aus der Vereinigung der neapolitaniſchen und der deutſchen Krone entſpann ſich ſeit Kaiſer Heinrich aller Streit mit Rom. Wird erſt einſt ein deutſcher König ſo ſtark ſein, ſich nicht mehr um Italien und Rom zu bekümmern, dann wird auch Roms Uebermacht zu Grabe gehen und Deutſchland um ſo kräfti⸗ ger erblühen. Der Abt ſchwieg und gedankenvoll ritt Ru⸗ dolph, auf welchen die Worte des ehrwürdigen Prieſters einen tiefen Eindruck gemacht, an ſeiner Seite weiter. Sein Herz war voll und doch war er zu beſcheiden, ſich unaufgefordert weiter aus⸗ zuſprechen. Aber der alte Herr hub nach einer Weile ſelbſt wieder an und ſagte: Wenn er nur wenigſtens einen beſſeren und kräftigeren Mann als König und Reichsverweſer zurückgelaſſen, als ſeinen Sohn Heinrich. Ich kenne 24 ihn wohl; es iſt ein unbändiger Geiſt, ein leiden⸗ ſchaftlicher ſtolzer Menſch, der das höchſte Vor⸗ recht der Majeſtät in völliger Ungebundenheit des Willens ſucht. Ehrgeizig und eitel, und dabei ſchwach und unſelbſtſtändig, iſt er ein Spiel niede⸗ rer Schmeichler; und was gleich ſchlimm, jedes Opfer, erlaubt oder unerlaubt, gilt ihm gleich, wenn es ſein Eigenſinn und ſeine Laune verlangt. Darum peitſchen ihn auch die Furien eines böſen Gewiſſens unaufhörlich durch das Leben, darum trieb es ihn auch mit frevelndem Stolze zur Re⸗ bellion gegen ſeinen Vater und Kaiſer, auf daß er eine Stellung erringen möge, die ihn auf Erden jeder Verantwortung entziehe. Wenn es dem Kaiſer gelingt, durch die Lom⸗ bardei zu kommen, wird es dem König ſchlimm ergehen! ſagte hier der Truchſeß von Singenberg, der zunächſt des jungen Grafen ritt und dem Ge⸗ ſpräche bisher ſchweigend zugehört hatte. Denn in Deutſchland wird Heinrich wenig Anklang finden, wie ſchon der Reichstag bewies, den er nach Bop⸗ pard ausgeſchrieben und auf dem er ſich von Für⸗ ſten und Prälaten faſt verlaſſen ſah. Empörung gegen Kaiſer und Vater! rief hier Rudolph mit Abſcheu in Ton und Geberden aus. Ich kann es nicht faſſen, wie ein Menſch ſich bis zu ſolcher Unthat verirren kann? Was dies betrifft, meinte Singenberg, iſt Heinrich für Nichts zu ſchlecht. Hat er nicht, unter tauſend Ungerechtigkeiten nur eine zu nennen, den Grafen Egeno von Urach, den ergrimmteſten Feind des Kaiſers, mit großen Beſitzungen und Freiheiten beſchenkt, die er ſchmählicher Weiſe dem Mark⸗ grafen von Baden geraubt? Ja, laſtet nicht auf ihm der Verdacht, der Mörder des edlen Herzogs Ludwig von Baiern, des treuſten Freundes ſeines Vaters, zu ſein? Des Abtes Stirne verfinſterte ſich hier. Seid vorſichtig, Singenberg! rief er, und ſprecht eine ſo furchtbar ſchwere Beſchuldigung, die kein Menſch erweiſen kann, nicht aus. Freilich! rief der Truchſeß ironiſch, es war ein Glück für den Urheber der That, daß der Mör⸗ der unter den Martern der Tortur ſeinen Geiſt aufgab, ohne zu bekennen, wer ihn zu der heil⸗ loſen Handlung angeſtiftet. Bekannt aber iſt, daß Ludwig und Heinrich Freunde waren und ſich dies Bündniß erſt löſte, als der edle Herzog, ſeinem Kaiſer treu, entſchieden gegen Heinrichs übereilte Maßregeln auftrat. Kurze Zeit darauf ward der ſonſt allgemein beliebte Herr bei Kelheim auf der Brücke ermordet. Es verbreiteten ſich mannichfache Gerüchte über dieſe Schandthat! erinnerte mild der Abt, hoffen II. 2 26 wir, daß ſie den König nicht berührte. Aber ſeiner Schwäche verdankt Deutſchland außerdem des Un⸗ heils noch genug. In welchem unſelig aufgereg⸗ ten Zuſtande iſt das Reich! wohin man blickt, nur Anarchie und Kampf der Elemente. Denkt nur an die blutigen Fehden des Biſchofs von Utrecht mit dem Herrn von Kuvörde, Bertolds von Teck mit dem Grafen von Pfiet, des Kam⸗ pfes der Markgrafen von Brandenburg und des Erzbiſchofs von Magdeburg und des Streites zwi⸗ ſchen Köln und Lüneburg, Bamberg und Kärnthen, Mainz und Thüringen. Und wer könnte unge⸗ rührt und gleichgültig das ſchändliche Betragen des Landgrafen Heinrich Raspes von Thüringen gegen ſeine Schwägerin, die ſanfte, fromme Eliſa⸗ beth, und deren Kinder anſehen? Würde ein kräf⸗ tiger Regent das Unweſen geduldet haben, welches ſich Konrad von Marburg erlaubt? Ach! rief hier der junge Habsburg zornflam⸗ mend, Konrad war zwar ein Geiſtlicher, aber, ehrwürdiger Vater, wäre ich König geweſen, ich würde es nicht geduldet haben, daß der ſtolze, fin⸗ ſtere, leidenſchaftliche Mönch ſo weit über die Pflichten ſeines Berufes hinausgegriffen. Du haſt Recht, Rudi, ſagte der Abt freund⸗ lich. Ein Fürſt ſoll, wie jeder Chriſt, die Geiſtlich⸗ keit achten; geht aber ein Glied derſelben zu weit, 27 ſo halte auch ich es für die Pflicht eines Regenten, ihm Schranken zu ſetzen; zumal wenn er wie Konrad die Verwirrung und das Unweſen bis auf den höchſten Grad treibt, ſo. daß, wie dies in Deutſchland der Fall war, zuletzt das Weib den Mann, der Bruder die Schweſter, der Knecht den Herrn anklagt und nur Lügen und Beſtechungen das Leben erhalten, die Wahrheit aber den Tod“ bringt. Gelobt ſei Gott! ſagte Rudolph aufathmend, dieſe Zeiten ſind vorüber. Konrad iſt todt. Ja! entgegnete der Abt, nachdem Hunderte von Opfern ihm und ſeiner Ketzerwuth und am Ende er ſelbſt der Rache gefallen. Wenn ich Konrad von Marburg erwähnen höre, bemerkte Rudolph, muß ich immer unwill⸗ kürlich an die fromme Frau Landgräfin von Thü⸗ ringen denken, die das Volk ſchon jetzt als heilig verehrt. Wie ſchrecklich ging der fanatiſche Mönch mit dieſem armen Weibe um! Nehmt mirs nicht übel! rief der von Sin⸗ genberg, eine fromme und gute Frau mag Eliſa⸗ beth immer geweſen ſein; ich aber halte dafür, daß ſie zugleich halb wahnſinnig war. Eine ge⸗ borne Königstochter, eine Land gräfin, konnte ihre Demuth und Herablaſſung, ihre Frömmigkeit und Gutherzigkeit auch anders beweiſen, als da⸗ 2 N 28 durch, daß ſie am liebſten Ausſätzige und peſtbe⸗ haftete Bettler in ſtinkenden Lumpen bediente und ſich vom Meiſter Konrad täglich bis aufs Blut geißeln ließ. Gab ihr der hochmüthige Bote Roms nicht einſt vor aller Welt Ohrfeigen, weil ſie zu ſpät in ſeine Predigt kam und ließ ihre Die⸗ nerinnen als Mitſchuldige bis aufs Hemd auszie⸗ hen und geißeln, daß man die Striemen und Wunden der armen Dinger noch nach drei Wochen ſah? Und dies erlaubte ſich ein Ausländer gegen eine deutſche Fürſtin und ihren Hof? und dies ließ eine ungariſche Fürſtentochter geſchehen? Sie ging in Manchem zu weit, entgegnete der Abt, als Singenberg geendet, allein ſie that es in frommer Abſicht. Leiden, ſchwere Leiden, hatten ihre Seele gebeugt, und nun hielt ſie ſich von Gott dafür beſtimmt, in der tieſſten Demuth ihr Leben zu beſchließen. Sie war eine fromme Schwärmerin, wie es deren ſo viele ſchon gab. Aber auch leidend und duldend kann man groß, kann man ein Held ſein. Iech kenne eine ſehr ſchöne Legende von ihr! ſagte der junge Graf von Habsburg, die ein Meiſterſänger jüngſt meiner Mutter er⸗ zählte. Wenn Ihr es erlaubt, hochwürdiger Va⸗ ter, will ich ſie in ein paar Worten wiederzuge⸗ ben ſuchen. 9 Der Abt nickte dem Jüngling freundlich zu und dieſer fuhr fort: Es iſt bekannt, daß die gute Landgräfin, ſo edel und fromm ſie auch war, von ihrer Schwiegermutter aufs bitterſte gehaßt wurde. Namentlich verbot dieſe der mitleidigen Eliſabeth, die Armen zu ſpeiſen. Eliſabeth vermochte es aber nicht über ſich, dieſem Gebote Folge zu leiſten. Einſt ging ſie mit einem Korbe voll Lebensmittel von der Wartburg herab, um ſie an ein paar arme Wanderer zu vertheilen. Da begegnete ihr unglücklicherweiſe die Alte. Was trägſt du da? fragte die ſtrenge Frau. Eliſabeth, vom Schrecken verwirrt, ſtotterte in Todesangſt: Feldblumen, liebe Mutter! Laß ſehen, rief jene und öffnete den Korb, den die Zitternde kaum mehr zu halten ver⸗ mochte; aber ſiehe da! es waren wirklich Feldblu⸗ men! Fleiſch, Brot und Wein hatte der liebe Herr Gott in Blumen verwandelt, um die Fromme vor Mishandlungen zu ſchützen. Die Legende iſt recht ſchön und poetiſch! ſagte nach einer kleinen Pauſe der Abt. Und doch liebe ich dergleichen Sagen nicht, denn die Lüge wird in ihnen, ſo zu ſagen, ſanctionirt. Hier hätte die demüthige Seele wahr ſein und dulden ſollen. Freilich iſt es auch tief und ſchön gedacht, daß Gott, einer ſonſt großen Tugend wegen, ſelbſt einer menſchlichen Schwäche nicht zürnt. Kommen 30 wir aber auf den früheren Gegenſtand unſeres Ge⸗ ſpräches zurück! Alle jene Unordnungen, deren ich gedacht, alle Greuelthaten, die Konrad und der Vernichtungskrieg gegen die Stedinger hervporgeru⸗ fen, Alles dies wäre ſicher vermieden worden, wenn des Kaiſers kräftiger Arm das Staatsruder ſelbſt geführt. Jetzt muß der Vater noch das Aergſte— Empörung des eigenen Kindes erleben. Armer Friedrich! wie furchtbar wird dieſer Frevel dein redliches Herz zerreißen. Und doch iſt dies Ereigniß vielleicht für Deutſchland von hohem Werth, fügte der Truch⸗ ſeß bei. Es führt uns hoffentlich den edlen Kaiſer zurück. Und zeigt der ſich nur erſt im Reich, ſind alle Herzen ſein. Sie waren hier an einen Punkt gekommen, von welchem man die herrlichſte Ausſicht nach dem Bodenſee hatte, der ſich wie ein blanker Spiegel in der Tiefe ausdehnte. Grüne Inſeln ſchwammen in demſelben. Hier und da blinkte ein ſchneeweißes Segel, wie ein glänzender Punkt. Aus den bu⸗ ſchigen Ufern ſchauten freundliche Dörſchen und ſtattliche Schlöſſer hervor und Roſchach ſpreizte ſich mit ſeinen blendenden Häuſern, Zinnen und Thürmen wie eine eitle Schöne im Braut⸗ ſchmuck, während die Kuppen des Voraerl⸗ berges und die eisbedeckten Gipfel der tyroler 31 Alpen die freundliche Landſchaft in Süd⸗Oſten begrenzten. Ein friſcher Wind wehte den Reitern kräftig entgegen und trug ihnen den würzigen Duft von all den Kräutern und Blumen zu, die der Früh⸗ ling bereits hervorgelockt. Das ſmaragdgrüne Gras und die Bäume voll friſcher Blätter und Blüten gewährten dabei im freundlichen Sonnen⸗ ſchein ein wunderliebliches Farbenſpiel. Die ganze Geſellſchaft ſchwieg eine Zeit lang in Staunen und Entzücken verloren. Es war, als ob die guten Leute dieſe herrliche Gegend noch nie geſehen und doch war ihnen faſt jeder Baum, jeder Stein darin bekannt. Der Abt unterbrach zuerſt die Stille, indem er gerührt ſagte: Den Allmächtigen kann kein ſchöneres und innigeres Gebet ehren, als unſer ſtummes Ent⸗ zücken. Aber dies iſt gerade der Stempel der Göttlichkeit, der allem Schönen aufgedrückt iſt, daß es nie altert und uns ewig gleich entzückt; ja mehr noch, daß wir ſtets neue Schönheiten an ihm entdecken. Gewiß! rief Rudolph begeiſtert, und was kann es Prächtigeres geben, als die Natur in ih⸗ rem Frühlingsſchmuck. Ich kann es nicht ausſpre⸗ chen, was in mir vorgeht, aber, ehrwürdiger Va⸗ 32 ter, mir iſt wunderlich zu Muthe. Fröhlich treiben alle meine Kräfte, ich möchte in die Weite mit dem Vogel über Berg und Thal, oder in wildes Schlachtgetümmel und doch, doch! iſt es mir auch wieder ſo eigen ſehnſüchtig zu Muthe, daß ich weinen, daß mir die Bruſt zerſpringen könnte. Schäme dich dieſes Gefühles nicht, mein Rudi, ſagte freudig bewegt der Greis und reichte dem Jüngling die Hand. Es iſt eine frohe Ahnung jenes großen geiſtigen Frühlings, der uns einſt erwartet. Wir ſind gleichſam Samenkörner, ein⸗ geſenkt in den dunklen Schvos irdiſchen Seins. Es keimt und gährt in uns und regt ſich im tiefſten Inneren ein höheres Walten, das, wenn es hienieden den Frühling ſich entfalten ſieht, auch durchbrechen möchte, zu neuem Licht und neuem, fröhlichem Leben. Und alle Geſchöpfe, ſcheint es, fuhr Rudolph fort, theilen, bewußt oder unbewußt, dieſes Ge⸗ fühl; denn Alles regt ſich um dieſe Zeit freudiger und friſcher und jubelt und jauchzt und liebt. Wir wenigſtens, fiel der Truchſeß ein, ſind hier nicht die Einzigen, die die Natur in ihrem neuen Schmucke und die liebliche Ausſicht be⸗ wundern. Und damit zeigte Singenberg auf einen Mann, der nicht ſehr weit von ihnen unter einer hohen 33 Buche auf einem Steine ſaß, während ſein Pferd ihm zur Seite graſte. Die ganze Geſellſchaft folgte mit den Augen der angezeigten Richtung und gewahrte alsbald den Erwähnten. Es war ein noch rüſtiger Mann, obgleich die ins Graue ſchimmernden Haare verriethen, daß er ſchon manches Jahrzehend hatte kommen und gehen ſehen. Seine Geſichtszüge waren weniger ſchön als gutmüthig und namentlich ſprachen die großen blauen Augen eine tiefe Gemüthlichkeit aus. Jetzt ruhten ſeine Blicke auf der Landſchaft und, Bein über Bein geſchlagen, den Ellenbogen darauf geſtützt, Kinn und Wange in die Hand geſchmiegt, war er in ſo tiefes Nachdenken über Welt und Leben verſunken, daß er den Reiter⸗ trupp, der ſich ihm unterdeſſen genaht, gar nicht bemerkte. Ei! rief der Abt, nachdem er den Fremden einige Zeit prüfend angeſchaut, das ſcheint ja ein Bruder in Apoll zu ſein. Der Hut mit Federn, der ſammtne Wamms mit den geſchlitzten Aermeln, der ſpaniſche Kragen, die goldne Kette mit der funkelnden Schaumünze, das Schwert und vor Allem die Geige, verrathen in ihm den Meiſterſän⸗ ger. Laßt uns zu ihm hinreiten, ihr Freunde! Es wäre eine Luſt, wenn wir einen berühmten 4 34 Meiſter in ihm fänden. Jedenfalls ſei er zu St. Gallen herzlich willkommen. Und dies ſagend ritt der Abt auf den Fremden zu und die ganze Geſellſchaft folgte ihm in froher Erwartung.. Aber auch Jener hatte jetzt die ſtattliche Ca⸗ valcade bemerkt, erhob ſich und trat ihr freund⸗ lich grüßend entgegen. Kaum aber war er des Abtes anſichtig gewor⸗ den, als ſich ein freudiges Staunen über ſeine Züge ergoß. Gelobt ſei Gott! rief er dann und trat auf den Schutzherrn von St. Gallen zu. Wenn mich die alten Augen nicht trügen, ſo kommt mir das edelſte Herz vom lieben Schweizerlande entgegen. Seid Ihr nicht der hochwürdige Abt von St. Gallen? Der bin ich in der That! entgegnete der An⸗ geredete und gab ſich Mühe, die Züge zu entzif⸗ fern, die ihm bekannt ſchienen und ihn doch den Fremden nicht erkennen ließen. Wer aber, Freund, ſeid Ihr? Ich kenne Euch und doch.... Ja! ſagte der Fremde. Ich glaube es Euch gern, daß Ihr Euch in meinen Zügen nicht wie⸗ derfindet, obgleich ſie Euch einſt beſſer bekannt waren wie die eignen. Aber ein unſtätes Leben mit ſeinen Freuden und Schmerzen iſt auch über 35 uns hingefahren und hat uns morſch gemacht, daß wir faſt unſerer verwitterten Stammburg im nahen Thurgau gleichen. Jeſus Maria! rief der Abt und ſtreckte beide Hände dem Freunde entgegen, mein Walther, mein lieber Walther von der Vogelweide! Und der greiſe Prieſter ſtieg haſtig vom Pferde und umſchlang entzückt den Jugendfreund, den er ſeit vierzig Jahren nicht geſehen. Die ganze Geſellſchaft aber war ergriffen und angenehm überraſcht, eilte nun ebenfalls auf Wal⸗ thern zu und ſprach ihm ihre Freude aus darüber, einen der berühmteſten Minneſänger ihrer Zeit perſönlich kennen zu lernen. Aber wie? frug der Abt, nachdem der erſte Willkomm vorüber war, Ihr ſeid nach ſo langer Zeit ins liebe Schweizerland zurückgekehrt, wißt Euch die treuſten Freunde nah und ſaßet dennoch eben ſo ſinnend und traurig da, als ob Euch eine ſchwere Laſt drücke2 Ach! hochwürdigſter Herr und Freund, ent⸗ gegnete Walther treuherzig, mich drückt gar manche Laſt. Welch guter Deutſche von echtem Schrot und Korn iſt jetzt nicht gebeugt durch die Schmach, unter welcher das Vaterland ſeufzt?! Und dann, geſteh' ichs nur offen, die Rückkehr in meine Hei⸗ mat, die Erinnerung an meine Kindheit und an 36 ein liebes Weſen, das nun ſeit langen Jahren hier im kühlen Schvos der Erde ruht— dies Alles hat mich wehmüthig geſtimmt, wie überhaupt gar manche trüben Lebenserfahrungen mein ſonſt ſo heiteres Gemüth gebeugt haben. Ei, ei! mein lieber Walther, rief der Abt, wie ſehr habt Ihr Euch verändert. Kaum erkenne ich in Euch den luſtigen Jugendgenoſſen wieder. Warum habt Ihr aber auch in der Fremde Euer Heil geſucht und ſeid nicht bei den Freunden geblie⸗ ben, die es ſo herzlich mit Euch meinten? Das konnt' ich nicht! entgegnete der Dichter. Mein unruhiger Geiſt, meine glühende Phantaſie, eine namenloſe Sehnſucht nach der Ferne und der Wunſch, Menſchen und Länder kennen zu lernen, trieben mich mit unwiderſtehlicher Gewalt hinaus. Und dann, wenn uns eine liebe Menſchenſeele ver⸗ läßt, um nach jenen unſichtbaren Reichen zu gehen, findet das betrübte Herz in der erſten Schmerzens⸗ zeit ſeinen Troſt darin, eine Weile am Grabe des theuern Staubes zu verweilen. Iſt es uns doch, als liege unſer größter Schatz da verborgen, als müßten wir ihn bewachen, als genieße der liebe Freund oder die Freundin eines ſanften Schlum⸗ mers und werde bald aufwachen, unſere Seufzer und Kummerworte hören und wieder aufſtehen, um uns zu tröſten. Wenn aber nichts daraus —————— wird, wenn wir uns vergeblich matt geweint, den geliebten Namen vergebens gerufen haben, ohne Antwort zu bekommen: dann entdecken wir erſt mit Staunen, daß zwiſchen Schlaf und Tod ein gewaltiger Unterſchied iſt; dann ſehen wir den gutmüthigen Irrthum ein, daß wir bei einer Hand voll Staubes verweilt haben, woraus der Geiſt längſt entflohen iſt, der die geliebte Form verlaſſen hat. Dann verlaſſen wir auch das Grab und ent⸗ weder kehren wir beruhigt zum Leben, zur Thätig⸗ keit zurück oder, in ſüße Schwärmereien verſunken, ſuchen wir uns zu zerſtreuen. Dann wird uns eben das Fremde lieb und bekommt etwas Hei⸗ matliches, weil der geliebte Gegenſtand die Hei⸗ mat verlaſſen und in die Fremde gegangen ißt. Ja freilich! ſagte der Abt. Ein Dichter ſollte eigentlich immer ein unglücklich Liebender ſein. Der Glückliche genießt ſelbſt und denkt nicht an Andere, den Unglücklichen freut Anderer Glück und es tröſtet ihn, daß nicht Alle ſein Schickſal theilen. Das tiefe, mächtige Gefühl ſeiner Bruſt, das ſich keinem irdiſchen Gegenſtande mehr mit⸗ theilen kann, ſteigt in hoher Begeiſterung empor und als himmliſche Muſe tritt die ſelige Verſtor⸗ bene aus den Wolken, lächelt ihm zu, winkt ihm Beifall und beglückt ihn mit ihrer unſichtbaren Ge⸗ genwart, wenn er dichtet und ſingt. Jetzt aber! 38 rief der Abt, dem das unerwartete Wiederfinden des Jugendfreundes auch das alte Jugendfeuer wieder eingehaucht zu haben ſchien, jetzt laßt uns heimkehren und dieſen Tag in Luſt und Freuden verbringen; denn er iſt mir ein Feſttag und Freu⸗ digeres hätte mir nicht widerfahren können, als meinen Walther wiederzuſehen, den berühmteſten und lieblichſten Dichter, auf den ganz ſ mit Stolz ſieht. Und Walther von der Vogelweide ward im Triumphe nach dem Kloſter von St. Gallen ge⸗ bracht. Wie natürlich kam auf dem Heimwege die Rede auf die Begebenheit, die damals die ganze Welt erfüllte und namentlich Deutſchland in einer gewaltigen Aufregung erhielt: auf König Hein⸗ richs Empörung gegen ſeinen Vater. Walther, der in der Weiſe der damaligen Meiſterſänger von Hof zu Hof, von Burg zu Burg reiſte, der viele Lande geſehen und ſchon von der Elbe bis an den Rhein und wieder bis ins Ungarland gekommen, ja von der Seine bis an die Muhr, von dem Po bis hin zur Drave der Menſchen Weiſe kennen gelernt hatte*), Wal⸗ ther wußte natürlich viel zu erzählen von der *) Maneſſiſche Sammlung I. Thl. S. 131 b. Stimmung des Landes und den Vorkehrungen des Königs. So ſprach er ſich denn auch frei aus gegen Heinrich und berichtete, wie, trotz aller Drohun⸗ gen, Bitten und Beſtechungen des Königs, ſeine Partei klein bleibe und das ganze deutſche Land den Frevel des Sohnes verachte. Wo er nur hingekommen, habe er die tiefſte Erbitterung gegen den ruchloſen Sohn getroffen; auch halte nur die Macht Heinrichs den Zorn noch in den Schranken. Ich habe, fuhr er dann, gegen den Abt ge⸗ wendet, fort, ich habe in meinem Leben viel ge⸗ dichtet und geſungen von Minne und Liebesluſt; aber auch in meinen Liedern gegen alles Unrecht geeifert, mochte es von Rom oder den Fürſten kommen. Hat nun auch die Zeit das ſtolze Herz gebeugt und iſt mein Blick nun auch mehr nach jenem Hafen der Ruhe gerichtet, in den ich einzu⸗ laufen mich ſehne; ſo habe ich mich dennoch noch einmal emporgeriſſen, um aus meinen heimatli⸗ chen Bergen meine Stimme zu erheben und in kecken ſtürmenden Weiſen mein liebes Deutſchland aufzurufen zum ehrenden Kampfe für ſeinen gro⸗ ßen Kaiſer. Ja! fuhr er begeiſtert fort, und wenn Friedrich heute käme und meines Arms be⸗ dürfte, ich würde die mürben Knochen gern für ihn zu Markte tragen. Alle, und beſonders der junge feurige Habs⸗ burg, der mit Entzücken den Worten des berühm⸗ ten Meiſterſängers, von dem er ſchon ſo viel ge⸗ hört, lauſchte, Alle ſtimmten hierin überein. Aber leider hatte man noch nicht die geringſte Botſchaft von dem Heranziehen eines kaiſerlichen Heeres aus Italien, und Jeder bangte: die Lombarden, im Einverſtändniß mit Heinrich und dem Paypſte, möchten dem Kaiſer die oberitalieniſchen Päſſe vor⸗ legen. Wenn ich des großen Friedrichs und ſeines Kampfes mit dem Papſte denke, ſagte Walther von der Vogelweide unter Anderem noch, fällt mir immer ein Lied bei, in welchem Meiſter Werner in einem ſchauerlich ſchönen Liede von Friedrich I ſpricht. Er vergleicht ihn darin mit einem Manne, der durch einen großen Wald geht, während ein Wolf hinter ihm herſchleicht, ſtets begierig, wenn der Mann ſtraucheln oder fallen würde, ſich über ihn herzuſtürzen und ihn zu zerreißen*). Ueberhaupt ſprach er ſich ſehr entſchieden und offen gegen Rom aus, das nur Zwietracht im Reich erwecke und nähre, Eidſchwüre nach Gefal⸗ len löſe, den Ablaß zu einer Erwerbsquelle mache und Geiſtlichkeit und Laien gleich drücke. Aber er *) Maneſſiſche Sammlung II. Theil S. 165 b. 41 fand auch in dem Abte und deſſen Geſolge entſchie⸗ denen Anklang; denn Rom hatte es in der That durch Ungerechtigkeiten und Habſucht damals ſo weit gebracht, daß ſelbſt die Geiſtlichkeit in Deutſchland höchſt aufgebracht war. Die Rede kam jetzt hierauf und ſpann ſich weitläu⸗ fig über dieſes Thema ab. Was Walther dabei vor Allem charakteriſirte, war eine glühende Vaterlandsliebe, die ſich, wie in ſeinen Gedichten, ſo auch in ſeiner Unterhaltung ausſprach und dieſe höchſt ange⸗ nehm machte. Ohne daß man es daher merkte, erreichte man das Kloſter, deſſen Inſaſſen ſämmtlich über den Beſuch des berühmten und allgemein beliebten Meiſterſängers in einen wahren Jubel ausbrachen. Der Tag wurde, wie der Abt geſagt, zu ei⸗ nem wahren Feſttage, aber ſein Abend ſollte der Luſt noch die Krone aufſetzen und ihn zu einem un⸗ vergeßlichen machen. 2. Der Unerwartete. uns hat der Winter kalt und andre Noth Viel gethan zu Leide. Ich wähnte, daß ich nimmer Blumen roth Sähe an grüner Haide. Doch Schade wär's, ich wäre todt £ Für Die, die nach Freuden ringen Und nach der Weiſe Luſtgebot Gern tanzen und gern ſpringen. Walther von der Vogelweide. Ich ſah mit meinen Augen Der Menſchen Thun und Taugen. Zu Rom da hört' ich lügen, Zwei Könige betrügen. Davon hub ſich der böſe Streit, Der eh' ward oder immer ſeit ²). Und ward uns eine bittre Noth, Leib und Seele lagen todt, Da ſich die Pfuffen und Laien Begannen zu entzweien. Walther von der Pogelweide. Als nach froh verlebtem Nachmittag der Abend hereingebrochen, verſammelte der Abt ſeinen dich⸗ tenden Hofſtaat, unter welchem ſich namentlich der Truchſeß von Singenberg, der Kämmerer Göli und der Mundſchenk von Landegg auszeich⸗ *) immer dauern wird. 43 neten, ſo wie mehrere der Mönche, Habsburg und Walther um ſich. Ein treffliches Abendeſſen erwartete ſie und die ſilbernen Becher, kredenzt mit köſtlichem Rhein⸗ wein, kreiſten munter. Aber die Freuden der Ta⸗ fel erhöhten noch die anziehendſten Geſpräche, Witze und muntere Lieder. Walther von der Vo⸗ gelweide hatte alle Trübſal vergeſſen und es däuchte ihm, wie er ſelbſt ſagte, als ob er durch Zauber wieder in ſeine Jugend verſetzt ſei. Er gab viele ſeiner ſchönen und zarten Min⸗ nelieder zum Beſten, zu welchen er ſelbſt die Me⸗ lodie oder, wie man damals ſagte, die Weiſe erfunden hatte und begleitete den Sang mit ſeiner Geige, die er trefflich zu ſpielen wußte. Ja er ward endlich ſo fröhlich, daß er ſelbſt Schelmenlieder, wie das nachſtehende hören ließ, welches durch die Maneſſiſche Sammlung auf uns gekommen und an dem, wie ſelbſt Uhland ſagt, der hörbare Wohllaut der Singweiſe zu bewun⸗ dern iſt.. Unter der Linden, An der Heide, Da unſer Zweier Bette was*), Da möget ihr noch finden, Schöne beide, Gebrochen Blumen und Gras, Vor dem Walde, in einem Thal, Tandaradai! Schön ſang die Nachtigall. Ich kam gegangen Zu der Aue, Da war meine Liebſte kommen eh'r; Da ward ich empfangen, Hehre Fraue! Daß ich bin ſelig immermehr. Sie küßte mich wohl tauſend Stund, Tandaradai! Seht, wie roth mir iſt der Mund! Da hab' ich gemachet Minnigliche Von Blumen eine Betteſtatt. Das wird noch gelachet, Innigliche, Kommt Jemand an denſelben Pfad; Bei den Roſen er wohl mag— Tandaradai! Merken, wo das Haupt mir lag. Daß wir da lagen, Wüßt' es Jemand, Das hüte Gott! ſonſt ſchämt ich mich. Weß wir da pflagen, Wiſſe Niemand, Niemand wohl, denn ſie und ich Und ein kleines Vögelein! Tandaradai! Das wird wohl verſchwiegen ſein. Aber auch ernſte Geſpräche über Dichtkunſt und Muſik wurden geführt und dieſe vor Allem zogen den jungen Grafen von Habsburg an. Ich bin auf meiner Lebensreiſe oft ſchon von müchternen Menſchen gefragt worden: warum ich denn eigentlich keine nützlichere Wiſſenſchaft als die Dichtkunſt ergriffen hätte! ſagte unter Anderem der Meiſterſänger. Da habe ich ihnen denn ge⸗ antwortet: eben weil ſie in ihrem Sinne nicht nützlich ſei, eben darum huldigte ich der Dicht⸗ kunſt. Ein Dichter ſoll nicht nutzen, das will ſa⸗ gen: mittelbar zum Lebensbedürfniſſe des augen⸗ blicklichen Daſeins. Sein Wirken ſei unmittelbar auf den Geiſt und den Sinn für das Schöne ge⸗ richtet. Iſt denn, frug ich ſie alsdann, Dichten eine müßige, eitle Zugabe im Leben? Iſt dies die Blume, die ja auch nur Auge und Herz er⸗ götzt, ohne zum direkten Nutzen verwendet werden zu können? Und haltet ihr es für Nichts, wenn die Geiſtesſchöpfungen der Dichter die Menſchen erfreuen, erheben und läutern und die ſchöpferiſche Kraft in dem Innerſten des Menſchen zum Be⸗ wußtſein rufen? Wenn ſie den Alleinſtehenden mit zarten Banden an die ganze Menſchheit knüpfen und ſeinen Blick über dieſe arme Erdenwelt heben und ihn tragen in die unendlichen Reiche des freien Geiſtes? Das wollten die beſchränkten Köpfe dann wol nicht einſehen und wieſen auf die Dürftigkeit hin, in welcher die Welt ſo oft die Dichter laſſe. Wenn die kalten Menſchen ihren ausgezeichnetſten Geiſtern ſo ſelten eine ſchöne Eriſtenz bereiten⸗ entgegnete ich, ſo bleibt dies immer eine Schmach und eine Schande für die Zeitgenoſſen jener Män⸗ ner. Dagegen zählt aber die Nachwelt ſie auch zu den Erſten der Menſchheit und das Vaterland nennt ihren Namen mit Stolz. Nun Gott ſei Dank! fiel der Abt ein, unſere Zeit verdient hierin gewiß weniger Tadel, als ir⸗ gend eine andere. Herrliche Männer, den edelſten Geſchlechtern entſproſſen, ſind jetzt Sterne in der hohen Dichterzunft. Der Kaiſer ſelbſt ſteht an ihrer Spitze und jeder Fürſt zählt es ſich zur Ehre, die Meiſter in dieſer herrlichen Kunſt reichlich zu belohnen mit Achtung und Gunſt. Und doch zieht man gar oft die Maler und Bildner den Dichtern vor und ſtellt ſie unabhän⸗ giger als dieſe. Dies kommt wol daher, ſagte Singenberg, weil Malerei und Bildnerei dem Lurus huldigen. Sie dienen, die Paläſte der Großen auszuſchmücken, während der Dichter das Wort frei ausſpricht, wie es ihm der Drang der Seele eingibt. Er denkt und meint in freier Unabhängigkeit und die Wahr⸗ heit zahlt man nicht gern mit ſchwerem Golde. Und doch, fügte der Abt hinzu, und doch ſteht die Dichtkunſt bei weitem höher als jene beiden Künſte, unbeſchadet ihrer herrlichen Talente. Die 47 Pichtkunſt aber iſt die Krone der Künſte, wie der Geiſt die des Menſchen iſt. Ohne ſie iſt keine harmoniſche Ausbildung unſeres Weſens denkbar; ſie erweitert die Schranken unſerer irdiſchen Exi⸗ ſtenz; ſie trägt uns auf ihren Flügeln empor und läßt uns den Zuſammenhang unſeres geiſtigen Le⸗ bens mit dem Leben der Geſammtheit ahnen, ſie führt uns zum Bewußtſein der erhabenſten Ideen. So dachte ich auch, ſagte Walther mit einem Seufzer, als ich vor vierzig Jahren vom Grabe meiner Geliebten ſchied. Ich will in die Ferne gehen, rief ich, und können die Gefühle meines Herzens mich nicht mehr glücklich machen, ſo will ich mich der Phantaſie ergeben und an fernen Or⸗ ten ſchöne, ſeltne, wunderbare Blumen pflücken. Herrliche Sträuße werde ich zuſammenbringen. Finde ich auch meine ſüße Roſenknospe, die ſich zu früh unter den Blättern verbarg, und mit ihr wah⸗ res Glück nie wieder, ſo will ich, darbend, doch Andere erfreuen! Und dies habt Ihr wahrhaftig auch zur Ge⸗ nüge gethan, edler Freund! entgegnete der Abt gerührt und ſchüttelte Walther herzlich die Hand, und dies ſchöne Bewußtſein muß Euch reichlich lohnen. Wenn man liebt, ſagte beſcheiden der junge Graf Habsburg, blüht das Gemüth auf wie der 48 Frühling und ſo ſind wol alle jene zarten Minne⸗ lieder, die Euern Namen ſo berühmt gemacht, aus jener Liebe gefloſſen. Jene erſte Liebe trage ich allerdings noch heute friſch und lebendig in der Bruſt, entgegnete Wal⸗ ther; deſſenungeachtet forderte dennoch auch das Leben ſeinen Tribut und wie ich mit jedem Früh⸗ jahre die Blumen neu liebe, obgleich der Herbſt mir die alten Geliebten entführt hat, ſo blieb ich ſtets holden Frauen gut. Es ging mir wie Einem, der einſt reich war, nun ſein ganzes Vermögen verloren hat und nur noch mitunter an einem gu⸗ ten fremden Tiſche einen feinen Biſſen ſchmauſen kann. Mein Herz iſt für Liebe geſchaffen, ohne dieſe ſüße Luſt waren mir von jeher alle Vergnü⸗ gen der Erde leere Hülſen ohne Inhalt. Und ſelbſt jetzt noch glüht mein Herz in Liebe, aber meine Geliebten habe ich gewechſelt, ſie heißen: Vater⸗ land und Religion. Ihr minnt um die edelſten Schweſtern! rief der Abt. Wißt Ihr aber, Freund, daß wir hier herrliche Kunſt üben? Wem wäre der Ruf Euers Kloſters unbekannt! entgegnete der Meiſterſänger. Wer wüßte nicht, welch ſchöne, fromme Weiſen die Mönche von St. Gallen erfanden? Muſik und Dichtkunſt ſind bimmliſche Zwillingsſchweſtern. Wie ätheriſch, wie 49 beſeligend ſchmiegen ſich die heiligen Töne an jedes Gefühl, zu welcher Begeiſterung vermögen ſie uns fortzureißen, wie harmoniſch löſen ſie ſelbſt den Schmerz. Die Dichtung wird leicht von den ſinn⸗ lichen Menſchen überhört; beflügelt ſie aber die Muſik, ſo trägt ſie ein Geiſterhauch wie im Sturm durch alle Lande. Muſik iſt die Sprache der Seele! rief begei⸗ ſtert der Abt, ſie iſt ein heiliges Gebet, das uns verklärt und göttlich macht. Aber nur reine Her⸗ zen verſtehen ſie. Traue Niemanden, der der Töne Macht nicht anerkennt, ſagte Walther, dies war von jeher mein Grundſatz auf Reiſen. Nur Eins iſt ſchade, warf Singenberg ein, daß die Muſik ſo viel misbraucht und verunſtaltet wird. Geſchieht es mit der Poeſie weniger? frug Vogelweide. Man ſollte in beiden Künſten eigentlich nur Das aushauchen, was Einen beſeelt! entgegnete Göli. Und natürlich und ohne Ziererei! rief Wal⸗ ther, denn wenn der Meiſter Tanhuſer folgende Reimlein macht, ſo iſt das keine Poeſie: Durch den ging ein Bach, Zuthal ob der Planüre. Ich ſchlich der Heißgeliebten nach, II. 3 50 Der ſchönen Creatüre, Fand ſie an der Fontane dann, Die Süße von Natüre. Die ganze Geſellſchaft lachte herzlich und der Abt ſagte: Eigentlich ſollte überhaupt ſich Niemand an⸗ maßen, das tiefe Geheimniß einer Kunſt zu löſen, der nicht die innere Befugniß in ſich fühlt. Wenn wir den Rang eines Sinnes nach der Stärke des Eindrucks beſtimmen wollen, ſo ſteht der Gehörſinn voran, und die illuminirte Ober⸗ fläche einer Welt erbleicht, wie Mondenlicht vor der aufgehenden Sonne, vor einer vollſtimmigen Harmonie. Es gibt Klangfolgen, die das Herz aulöſen in tödtenden Schauern, die es zuſammen⸗ preſſen in Wehmuth und Reue, die es zerknirſchen in Verzweiflung. Aber! es gibt auch wieder Klangfolgen, die Andachtsfülle in das gläubige Herz gießen und es emporwirbeln in die Himmel der Seligen. Andere wieder führen hinab in die Gräber, gießen Todeshauch über die ſtarre Erwar⸗ tung, oder vernichten den letzten Schauer der za⸗ genden Seele, entflammen den Muth und begei⸗ ſtern zu den kühnſten Thaten. Das Ohr, ſagte einer der Mönche, welcher als ein geſchickter Arzt und Anatom galt, beherrſcht das organiſche All. Muſik ertönt: ſogleich wird ——— 51 von den einſtrömenden Luftfibrationen die Tendenz aller unſerer Nerven aufgeſpannt, wir werden ſelbſt zu Saiten und dem treffenden Tonſchlag auf die Ohrmuſchel antwortet von innen harmoniſcher Ein- klang. Unſere ganze Maſſe wird ergriffen und in jene angenehme Miſchung von Leiden und Thätig⸗ keit verſetzt, worin die eigentliche Kraft und Schönheit einer freudigen, entzückten Seele, die ambroſiſchen Genüſſe des Herzens liegen. Ja! rief Walther, und ſeine Augen erglänz⸗ ten in heiliger Begeiſterung, dann werden wir ſelbſt Muſitk. Umweht von ewig ſich ſelbſt wie⸗ dergebärenden Harmonien, ſchweben wir empor auf geiſtigen Flügeln, wie Adler zur Sonne; tief unter uns ſterbender Traum, Lethe und der heiſere Rabenſchrei unſerer Peiniger; Hunger und Durſt, Schmerz und Schlaf, Freiheitsverluſt und Todes⸗ gefahr. Der Anblick der Schönheit, warf der Abt ein, hat ſchon Tyrannen gezähmt und Furien gefeſſelt. Die Wunder der Muſik ſind nicht weniger groß, und darum ſogar noch größer, weil ſie unge⸗ ſchminkt Das ſind, was ſie dem Herzen gelten. Schönheit ſtützt ſehr oft ihre mächtigſten Wirkun⸗ gen auf fremde Gewalt, auf den gebietenden Ein⸗ fluß gröberer Sinnenluſt. Das iſt aber Falſch⸗ münzerei! Wenn Orpheus ein wildes Volk ſanft 52 und mild, geſellig und arbeitſam macht, ſo darf das rein und baar als durch lyriſchen Zauber be⸗ wirkt gelten; wenn aber Paris die ſchöne Helena entführt und dadurch Unheil zieht über ſeine Va⸗ terſtadt, dann büßen die Augen die geringſte Schuld. Iſt doch überall„quid juvat adspectus, dum non conceditur usus? ein heiliger Canon der Sinnlichkeit. Ueber die Wunder der Muſik haben die Alten viel geſchwärmt, aber auch viel Wahres geſagt. Ihre Muſik war Herzensſprache zum Herzen, ſie hatte keinen anderen Zweck, als den, wozu ſie eben Natur geheiligt: wohlthätige Ausſtrömung und Entladung des inneren Dranges von innen, von außen aber die Erwärmung des Gemüthes des Hörers zur lebendigen Theilnahme an den vorgetragenen Tonſtücken... Und, fiel Walther ein, endlich die natürliche, harmoniſche, mitſprechende Begleitung der Dicht⸗ kunſt und der Mimik. Die Muſik war ihnen die heilige Ouelle der Empfindung; natürliches Her— vorquellen, Fall, Woge und Dahingleiten in lieb⸗ lichem Gewinde durch den Schmelz bunter Gefilde, oder Anſammlen zum ſpiegelnden See und Nie⸗ derbrauſen in mächtigen Güſſen; Strudel und Schaum, Wellenhader und Grundaufwühlen un⸗ ter dem herrlichen Donner des Falls und Wider⸗ 53 ſchlags; dann majeſtätiſches Hinrollen des beſänf⸗ tigten Stroms! Und doch zweifle ich nicht, bemerkte Singen⸗ berg, daß man auch ſchon damals Poſſen und Künſteleien mit der Kunſt trieb. Regte ſich doch neben Apelles auch ſo mancher Pyreikus. Indeſſen erhob man damals die mechaniſche Kunſtfer⸗ tigkeit doch noch nicht allgemein über die Kunſt. Leider werden aber jetzt der Seilkünſtler im Gebiete der Tonkunſt, ja ſogar der Dichtkunſt, immermehr; ja ſie finden Beifall und werden dafür hochgeprie⸗ ſen und reich belohnt, daß ſie die ehrwürdigen Schweſtern: Naturmuſik und Naturpoeſie in den Staub treten.„ Das kommt daher, entgegnete der Abt, daß das Volk in unſern Tagen nicht ſo durchbildet iſt, als damals. Im alten Griechenland war Alles Muſik und Poeſie; in ihre Sprache ſelbſt miſchte ſich die Kraft des gewaltigen Rythmus; dem Gang ihrer Proſa ſchob ſich von ſelbſt die lyriſche Walze unter, Muſik der Natur. Es war dabei Alles innig gefühlt, ſchöne Natur und unmerkliches Dazwiſchenhinwehen der Kunſt. Aber nicht Luftwehen, Auftſchwingung, Triller, Strudeln und Zerren, und Pumpen und Preſſen, wie es uns die Welſchen herüberbrachten! rief Singenberg unwillig. Nein! entgegnete der Abt, dies Unweſen iſt Folge unnatürlicher Verzerrung der Menſchheit. Muſik iſt keine Erfindung, ſie iſt Hauch der Natur ſelbſt und hat ihr Grundweſen mit der jungen Menſchheit jeder Zone entwickelt. Doch, fügte der Greis freundlich hinzu, wir wollen ſtatt der Worte Euch lieber thatſächlich beweiſen, daß wir das Ziel, nach dem alle Muſik ringen ſoll, nämlich: den harmoniſchen Einklang des Gemüthes in ſanf⸗ ter Erhebung des Herzens, völlig begriffen haben. Und damit gab der Abt ein Zeichen, die Thü⸗ ren eines anſtoßenden Saales öffneten ſich und den Lauſchenden entgegen ſchlugen die Wellen des fol⸗ genden Chorals, welchen die Mönche des Klo⸗ ſters mit vollendeter Kunſtfertigkeit vortrugen: Wie er ſtill im Grabe ruht, Der für uns ſo viel gelitten! Ausgerungen, ausgeſtritten Hat er nun. Sein heilig Blut, An dem Kreuzesſtamm vergoſſen, Iſt zu unſerm Heil gefloſſen. Hoſianna ihm und Ehre! Alle Welten jauchzen ihm, Singen Dem, in Liebe bang, Der durch Tod zum Lichte drang, Einen ew gen Siegesſang: Hoſianna ihm und Ehre! Die Muſik hob mit halblauten Klagetönen an, weinend und hinſterbend; aber Troſt ſchien die Sänger dann von Zenſeits anzuwehen und die Töne wurden voller und kräftiger, bis ſie zum Triumphe anſchwollen, in Entzücken und Liebesſchauern ſich milderten und im Frohlocken verklangen. Die Zuhörer, namentlich aber Walther und Rudolph, waren entzückt und dem greiſen Mei⸗ ſterſänger, mit deſſen Seelenſtimmung dieſe Muſik ſo ganz harmonirte, traten Thränen der Rührung in die Augen. Der Geſang war verhallt und doch wagte Niemand ein Wort zu ſprechen, denn Jeder ſcheute ſich, des Andern leis nachzitternde Gefühle zu ſtö⸗ ren. Siehe! da antwortete ſingend, von der Land⸗ ſtraße aus, eine ſchöne Stimme und durch die offenen Fenſter vernahm man deutlich die Worte: Auf der Töne Silberwogen Kommt zum dunklen Erdenſtrand“ Hoffnung wie ein Schwan gezogen, Bote uns aus beſſerm Land. Hoffnung, Stern in finſtrer Nacht, Leuchtet treu, wenn Kummer wacht; Lächelt ſelbſt, wenn ſchon die Augen Müd' in Todesdämmrung tauchen. Und ſo wenden alle Herzen Sich der Holden ſehnend zu; Lindern wird ſie ja die Schmerzen, Müden geben Troſt und Ruh. Hoffnung, Stern in finſtrer Nacht, Leuchtet treu, wenn Kummer wacht; Lächelt ſelbſt, wenn ſchon die Augen Müd' in Todesdämmrung tauchen. Alles auf der Lebensreiſe Pilgert hin zu ihrem Thron, Und der Blöde, wie der Weiſe Buhlt um der Erfüllung Lohn. Hoffnung, Stern in finſtrer Nacht, Leuchtet treu, wenn Kummer wacht; Lächelt ſelbſt, wenn ſchon die Augen Müd' in Todesdämmrung tauchen. Auch an eures Kloſters Pforte Flopfen müd' zwei Pilger an, Hoffend, nach der Bibel Worte 8 Werde ihnen aufgethan. Hoffnung, Stern in finſtrer Nacht, Leuchtet treu, wenn Kummer wacht; Lächelt ſelbſt, wenn ſchon die Augen Müd' in Todesdämmrung tauchen. Die Stimme ſchwieg; der Abt aber ſagte milde: Ihr Hoffen ſoll ſie nicht täuſchen, man öffne ihnen und führe ſie zu uns. Alles war nun voll Erwartung, die Pilgrime ſehen und kennen zu lernen, die ſich auf eine ſo artige Weiſe angemeldet. Nach wenigen Minuten traten ſie ein. Aber ihr Erſcheinen mehrte nur die Span⸗ nung und Neugierde der Geſellſchaft; denn die Pilgerkleider und die tief in das Geſicht gedrück⸗ ten breiten Hüte ließen weder die Geſtalten, noch die Geſichtszüge der Fremden erkennen. Deſſenungeachtet hieß ſie der greiſe Abt herz⸗ lich willkommen, belobte ſie um ihres ſchönen Lie⸗ des willen und ſprach ihnen vor Allem ſeine Freude darüber aus, daß ſie mit Vertrauen an die Pfor⸗ ten ſeines Kloſters geklopft. St. Gallen, ſagte er ſchließlich, hat ſich ja auch ſeit langen Jahren des ſchönen Rufes zu rüh⸗ men, daß es eine wirthliche Freiſtätte, nicht nur für die Künſte und Wiſſenſchaften und deren Jün⸗ ger, ſondern auch für Jeden ſei, der müde und belaſtet, hungrig oder durſtig, krank oder geſund, reich oder arm hier anklopft, wenn er nur ein red⸗ liches Herz hat und kein Feind des Landes iſt. Woran aber, hochwürdiger Herr, ſagte der größere der Männer mit dumpfer Stimme, woran wollt Ihr erkennen, ob Eure Gäſte Freunde oder Feinde des Landes ſind? Jetzt, in dieſer Zeit der Aufregung und des Bürgerkrieges. Bürgerkriegs? wiederholte der Abt, Ihr müßt aus fremden Landen kommen, wenn Ihr von Bürgerkrieg ſprecht. Bürgerkrieg ſetzt Mei⸗ nungsverſchiedenheit der Bürger eines Staates voraus. Ihr dürft mir aber getroſt glauben, die Deutſchen ſind in ihren Meinungen und Geſinnun⸗ gen jetzt weniger verſchieden als je. So hätte der Kaiſer ſchon ſein Reich verloren? Beim ewigen Gott! rief Walther von der Vogelweide, er beſaß es nie ſichrer, als eben jetzt. Deutſchland iſt ein Herz und ein Gedanke; 58 Deutſchland flucht dem Empörer und Friedrich darf ſich nur mit einem Heere zeigen, um die Hyder der Rebellion zu zertreten. Mit einem Heere!? wiederholte gedehnt der Pilger, das wird er nicht können. Wir kommen aus Welſchland und haben uns überzeugt, daß dafür keine Möglichkeit vorhanden. Die Lombar⸗ den haben jeden Paß, jeden Weg und Steg be⸗ ſetzt und laſſen keinen Mann, geſchweige ein Heer durch. Das war es, was ich fürchtete, rief erblaſſend der Abt, die Schurken ſind mit Heinrich und dem Papſte im Bunde! Aber! rief heftig Rudolph von Habsburg, ich ſehe nicht ein, wozu der Kaiſer ein Heer mit⸗ zubringen nöthig hat? Kennt er ſeine treuen Deut⸗ ſchen nicht? O! daß er heute noch allein er⸗ ſchiene, beim Allmächtigen, ſo jung, ſo unbekannt ich noch bin, in acht Tagen ſtellt' ich ihm ein Heer. Hinaus wollt' ich eilen, auf alle Berge, in alle Thäler, und mit der Freudenbotſchaft: der Kai⸗ ſer iſt zurück! mein Schweizerland, ganz Deutſchland aus dem Schlaf erwecken. Bis zu der Firnen höchſten Gipfeln klömm' ich dann empor und ließ der Freudenfeuer Flammenſäulen rauchen. Der Senne zög mit mir, des Thals Bewohner griffen zu den Waffen, das eigne Aufgebot ver⸗ ————————— 59 ſtärkte noch den Haufen; Thurgau, St. Gallen, Habsburg, Toggenburg, Kiburg und Rappers⸗ wyl verſammelte des Rothbarts ſtolzes Banner, und wie ein Sturzbach wächſt zum wilden Strom, ſo würd' mein Heer in Deutſchlands Gauen an⸗ ſchwellen, Alles zertrümmernd, was ſich ihm ent⸗ gegenſtellt! O daß er wüßte, wie treu der Deut⸗ ſchen Herzen ſchlagen, er kehrte allein zurück, vertrauend ſeinem Recht und alter deutſcher Treue! Er weiß es! rief der Pilger freudig aus, warf Hut und Kleid zurück und ſtand als Kaiſer in der Dreuen Mitte. Da ſchallt' ein freudiges Hurrah! der Kaiſer iſt zurück! wie Donnerton laut ſchmetternd durch die Hallen, und weinend, jauchzend, ſtammelnd ſtürzt dem edlen Herrſcher, was Odem trägt, zu Füßen. Die Ueberraſchung war ſo groß, die Erſchüt⸗ terung ſo allgemein und mächtig, die Freude ſo wahr und herzlich, als ob ein Engel des Himmels zur Erdennacht herabgeſtiegen und dem Menſchen⸗ geſchlecht eine Botſchaft des Heils verkündet habe. Und dieſe Gefühle waren durch die Anhäng⸗ lichkeit zu dem großen und edlen Geſchlechte der Hohenſtaufen, durch Treue und namentlich durch echt deutſche Gerechtigkeitsliebe, tief in aller Bruſt begründet. Dazu riß noch der Nimbus der Größe, der Friedrich ſo leuchtend umflammte, und jenes geiſtige Uebergewicht, welches geniale Menſchen ſtets auf ihre Umgebung üben, Alle zur lauteſten Begeiſtrung hin. Gewiß! dieſer Empfang in Deutſchland war einer der ſchönſten Momente in Friedrichs Leben und er gewann für den edlen Hohenſtaufen noch durch die Perſonen an Intereſſe, durch welche er ihm ward. Der gefürſtete Abt von St. Gallen war nicht nur durch ſeine Stellung, ſondern auch durch den Ruf ſeiner Gelehrſamkeit einer der einflußreichſten kirchlichen Würdenträger im Reiche; Walther von der Vogelweide, dem Kaiſer aus früheren Zeiten wohl bekannt, repräſentirte ſo zu ſagen die zu jenen Zeiten ſehr wichtige Klaſſe der Meiſterſänger, den lebendigen, pvetiſirten Ausdruck des Volksgeiſtes, während Rudolph von Habsburg, in dem Friedrich mit großem Wohlbe⸗ hagen ſeinen Pathen begrüßte, gleichſam die Stelle der Ritterſchaft einnahm. An dieſe würdigen Männer ſchloſſen ſich noch Singenberg, Göli und der von Landegg an, ſo daß Friedrich ſogleich einen kleinen Hofſtaat um ſich verſammelt ſah. ——— Aber die Zeiten waren zu ernſt und kritiſch, um irgend einem andern Gedanken, als dem an ein kräftiges und entſchiedenes Auftreten, Raum zu geben. Und da es jetzt vor allen Dingen darauf ankam, die Nachricht von des Kaiſers Erſcheinen ſo ſchnell als möglich im Lande zu verbreiten; ſo entſchloſſen ſich Walther, Graf Rudolph, Göli, Singenberg und Landegg, noch dieſelbe Nacht, ſo ſchnell als es die Dunkelheit erlaubte und ihre Pferde ſie tragen könnten, nach den benachbarten Schlöſſern, Städten und Gauen zu reiten und die Ge⸗ treuen unter das Hohenſtaufiſche Banner zu ſammeln. Der Erfolg bewies, daß man die Stimmung im Lande richtig beurtheilt; denn wie ein Lauffeuer lief die Nachricht: der Kaiſer iſt zurück! durch das ganze Land. Da rüſteten ſich jubelnd Groß und Klein, Jung und Alt, Vornehm und Gering. Ritter, Grafen und Herren hatten kaum des Aufgebots nöthig, Dienſtleute und Wehrmänner ſtellten ſich ſelbſt. Der Bauer verließ den Pflug, der Hirt die Heerde, der Handwerker die Werkſtätte, der Bürger ſein Gewerbe. Haufen von Lanzknechten, die bisher den zerrütteten Zuſtand des Reiches benutzt und plündernd und raubend bald hier bald dort herum⸗ gezogen waren, ſtrömten nun herbei, unter den Fahnen der Ehre zu fechten. 62 Und nirgends Zwang und nirgends finſtre Mienen; es war im Gegentheil, al ſchmücke man ſich zu einem ritterlichen Spiele, und Einer ſchrie immer dem Andern fröhlich zu: Auf, zu den Waffen! Der Kaiſer, der große Friedrich, des Rothbarts Enkel, iſt zurück! Er hat ſein Deutſch⸗ land nicht vergeſſen! Er liebt uns noch und will nun bei uns bleiben! So ſah denn der Hohenſtaufe von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde die Heeresmacht, die ſich um ihn ſammelte, wachſen, und die Freude über die rührende Treue ſeiner Deutſchen war ihm ein wohlthätiger Balſam auf ſein wundes Herz, das durch den Verluſt Deſſen, was ihm im Leben das Theuerſte geweſen, und die Undankbarkeit des eige⸗ nen Kindes in der letzten Zeit ſo ſchwer gelitten. Bei den Werbungen zeichnete ſich namentlich der Pathe des Kaiſers, der junge Graf von Habs⸗ burg rühmlich aus, indem er ſeinem Verſprechen treu, ſeine freiheitliebenden und vechtlichgeſinnten Schweizer um ſich ſammelte, die freudig bereit waren, Gut und Blut ihrem Kaiſer zu opfern. So ſah ſich denn Friedrich ſchon nach wenigen Tagen im Stande, an der Spitze eines nicht un⸗ beträchtlichen Heerhaufens außzubrechen. König Heinrich weilte zu der Zeit noch in der Gegend von Frankfurt und Mainz und ahnte, der Wachſamkeit der Lombarden vertrauend, nicht ent⸗ fernt, daß ſein Vater bereits in Deutſchland ſei. Friedrich hätte nun zwar direct nach jenen Gegenden ziehen und ſich auf den Ueberraſchten werfen können; allein dies wäre immer einiger⸗ maßen gewagt geweſen, da ſich der König im Be⸗ ſitz einer Menge feſter Schlöſſer befand, zu deren Wegnahme das kaiſerliche Heer noch zu unbedeu⸗ tend war. Andrerſeits kam es dem Kaiſer des moraliſchen Eindrucks wegen darauf an die Rebellion des eigenen Kindes mit einem Schlage zu dämpfen, ſo wie ſich Süddeutſchland zu ſichern. Hier war um jene Zeit der Herzog Otto von Baiern, der Sohn jenes ermordeten Freundes des Kaiſers, der mächtigſte, aber auch der ihm ergebenſte Fürſt. Konnte er ſich nun mit dieſem und dem Markgrafen von Baden vereinigen, ſo wurde der dem König ergebene Graf Egeno von Urach im Schach gehalten und Friedrich war bei weiteren Unternehmen im Rücken gedeckt. Ohne weiteres Schwanken ſchrieb daher der Kaiſer einen Reichstag nach Regensburg aus und zog ſodann auf Landshut, der Reſidenz des Baiern⸗ herzogs, zu, woſelbſt er denn auch mit dem gleichen Jubel empfangen wurde, der ihn bis dahin über⸗ all begrüßt. Otto entfaltete bei dieſer Gelegenheit eine wahrhaft königliche Pracht, erneuerte das alte Freundſchaftsbündniß, welches der ſtaatskluge Kai⸗ ſer durch eine Verlobung ſeines ſiebenjährigen Sohnes Konrad mit Eliſabeth, der Tochter des Herzogs, noch feſter knüpfte, und erklärte ſich mit Freuden bereit, Friedrich mit Heeresmacht zu folgen. Nun wurde der Markgraf von Baden in alle ihm durch Heinrich entriſſene Rechte wieder ein⸗ geſetzt, worauf ſich Friedrich nach Regensburg begab, woſelbſt ihn bereits ſiebenzig Fürſten und Prälaten erwarteten. Zwei Hauptmotive waren es, welche den Herrſcher bewogen, jetzt und vor allen Dingen einen Reichstag abzuhalten und von dieſem über Recht und Unrecht zwiſchen ihm und ſeinem Sohne entſcheiden zu laſſen. Erſtens war Heinrich ſeiner Zeit mit des Kai⸗ ſers und der Reichsfürſten Beiſtimmung zum deut⸗ ſchen Könige gewählt und gekrönt worden, und ſo mochte Friedrich, den Stolz und die Eiferſucht der Fürſten kennend, dieſen nicht bei ſeinem erſten Auftreten gleich beleidigend entgegentreten. Auch behielt er auf dieſe Weiſe den Schein der Gerech⸗ tigkeitsliebe und der Mäßigung für ſich, während ſeine Sache, wurde ſie, was keinem Zweifel unter⸗ 65 worfen war, zu ſeinen Gunſten entſchieden, mo⸗ raliſch gewinnen mußte. Zweitens mochte Friedrichs verſöhnliches Ge⸗ müth beabſichtigen, durch dieſe Verzögerung dem rebelliſchen Kinde Gelegenheit zu geben, noch zu Zeiten die Gnade ſeines erzürnten Herrn und Va⸗ ters anzuflehen. Allein zu ſeinem unendlichen Schmerze mußte der Kaiſer gewahren, daß bei dem halsſtarrigen und ſtolzen Heinrich an keine Reue zu denken ſei, und ſo erklärten ſämmtliche Fürſten den König für ſchuldig und ſeiner königlichen Würde entſetzt, während ſie zu gleicher Zeit mit ihren Vaſallen zu dem kaiſerlichen Heere ſtießen, welches nun nach dem Rheine aufbrach. Hier aber bedarf es eines Blicks in ein ver⸗ ſtocktes und verdorbenes Herz. 3. König Heinrich. Ich will nicht beten. Fleuch aus meiner Nähe! Zum Thiere wird der wildgereizte Menſch, Zum ſcharfen Gifte ſeines Mundes Schaum. Ss gibt nicht Wunder mehr, ich willnicht beten; Gott hat die Welt dem Leufel abgetreten. Raupach. König Heinrich reſidirte um jene Zeit in der ſtolzen kaiſerlichen Pfalz, der Saala, zu Frankfurt am Main. Von jeher hatte Frankfurt, die reiche, fröh⸗ lich aufblühende Handelsſtadt, etwas Anziehendes für die deutſchen Kaiſer und Könige. Iſt es doch der Schlüſſel zum Süden, der arcus triumphalis, durch welchen der Nordländer jubelnd in die Wein⸗ und Obſtgärten des gelobten Landes zieht. Hier blicken dieſem, dem ernſteren Charakter, dem ver⸗ ſchloſſeneren Menſchen, ſchon die offenen, fröhli⸗ chen Geſichter der Rheinländer entgegen. Ungenir⸗ ter bewegt ſich Alles, leichter und doch auch ge⸗ müthlicher; und dem aufmerkſamen Beobachter wird es nicht entgehen, wie man hier, wo der 67 Natur mit wenig Mühe eine reiche Ausbeute ab⸗ gewonnen wird, auch dem Genuſſe ſorgloſer lebt, als in dem ſtrengen unfruchtbaren Norden. Frankfurt verdankt ſein Entſtehen Karl dem Großen. Ungefähr um das Jahr 242 ſchloſſen mehrere deutſche Volksſtämme ein Schutz⸗ und Trutzbünd⸗ niß gegen die Römer. Es waren dies die Salier, Katten, Anſivarier, Attuarier, Kamaven, Kau⸗ ken, Brukterer und Tubanten. Den Zweck des Bundes bezeichnete ſogleich der Name, den ſich dieſe conföderirten Stämme beilegten. Sie nann⸗ ten ſich nämlich Franken. Eine Bezeichnung, die ſich trefflich für Völker ſchickte, welche die Frei⸗ heit, frank iſt bekanntlich altdeutſch und gleich⸗ bedeutend mit frei, höher ſchätzten denn alles Andere. Der neue Bund gewann zuſehens an Macht und Anſehen, gerieth aber, bald nachdem die Rö⸗ mer völlig aus Deutſchland vertrieben, in einen nicht weniger erbitterten Streit mit einem anderen deutſchen Volksbunde: den Allemannen. Aber das Glück der Waffen war den Franken um ſo günſtiger, als ſie der furchtbare Chlodwig unter ſeiner Alleinherrſchaft vereinigte, während die Allemannen, noch immer in kleine Reiche ge⸗ trennt, ihre Kräfte zerſplitterten. Die Schlacht bei Tolbiac entſchied endlich zu Gunſten Chlodwigs und das große Frankenreich war gegründet. Aber die Allemannen verlieren den Muth nicht. Von Freiheitsliebe und Franken⸗ haß glühend, ziehen ſie ſich hinter den Main zurück und erwarten mit Sehnſucht den Augenblick, um die Schranken zu brechen und Rechenſchaft zu fordern. Hatten aber früher ſchon die Römer hier Grenzwälle gegen die wilden Deutſchen angelegt, ſo waren nun die Franken nicht minder darauf be⸗ dacht, denſelben den Uebergang über den Main zu erſchweren. Verſchanzungen mit Wällen und Gräben wur⸗ den in gleichmäßigen Entfernungen angelegt; die größte Burg der Art errichteten indeſſen die Franken an der Furth, welche an der Stelle des jetzigen Frankfurt über den Main führte und die, ſchon wegen des nahen Maguntia- 6 cum(Mainz), eine der i am ganzen Maine war. So entſtand Frankfurt und die kleine Colonie, unter deren Schutz von nun an der Uebergang der meiſten Kriegsvölker über den Main geſchah, er⸗ freute ſich bald eines fröhlichen Wachsthumes. Da betrat Karl der Große Allemanniens Gefilde, um mit der Schärfe des Schwertes das Kreuz einzu⸗ 69 führen. Aber die ſächſiſchen Kriege feſſelten ihn länger an Deutſchland, als er geglaubt; er be⸗ durfte Winterquartiere, er bedurfte feſter Halt⸗ vunkte, nicht nur in ſtrategiſcher Hinſicht, ſondern auch um von da aus mildere Sitten über die wilde Nation zu verbreiten. Karl befeſtigte daher die Frankenfurth und baute ſich Paläſte hier und in Ingelheim am Rhein*). Aber der große Kaiſer that noch mehr für die⸗ ſen Ort, der bald zu einer ſeiner Lieblings⸗Pfal⸗ zen wurde; denn als er, nach langen blutigen Kämpfen mit den Sachſen, endlich, um neue Empörungen zu verhüten, die Trotzigſten derſel⸗ ben an den entfernten Main verflanzte, wies er ihnen das ſeinem Palaſte gegenüberliegende Ufer zur Pflanzſtätte an und erſchuf ſo jenſeits der Frankenfurth der Sachſen Behauſung: Sachſen⸗ hauſen. So vereinigten ſich hier ſchon im achten Jahr⸗ hundert Deutſchlands edelſte Völker, die Franken und Sachſen, und noch jetzt, nach länger als einem Jahrtauſend, haben ſich Züge unverwiſcht erhalten, die dem Kenner der Geſchichte einen überraſchenden *) In vielen Urkunden Karls des Großen heißt es am Schluß: actum Franconofurd palatio. 70 Beweis von der Dauerhaftigkeit des National⸗ charakters geben*). Der Palaſt Karls des Großen, der ſchon 794 in demſelben eine Verſammlung von Biſchöfen und Fürſten hielt, ſtand auf der Stelle, welche jetzt die St. Leonhardskirche einnimmt und ſeine Ring⸗ mauern reichten von hier bis an den Hirſchgraben und zu dem weſtlichen Ende der Mainzergaſſe. Aber ſchon kurz nach des großen Kaiſers Tod reichte dieſer Königshof nicht mehr aus und Ludwig der Fromme, Karls Sohn, erbaute eine neue Pfalz, die Saala genannt, auf deren Stelle 1717 der Saalhof errichtet wurde**). Hier wurde 823 Karl der Kahle geboren u ſchon 838 erhielt der Ort Stadtgerechtigkeit und blieb von da an ein Lieblingsaufenthalt der Kaiſer, den Ludwig der Deutſche nach Kräften erweiterte und verſchönte. Durch die Krönungen, die Hofhaltungen der Herrſcher, die Reichstage, die hier abgehalten wurden, und den dadurch herbeigeführten Zuſam⸗ menfluß der Menſchen, war indeſſen der Handels⸗ geiſt der Bürger geweckt worden; ſie regten ſich *) Anton Kirchner's Eeſchichte der Stadt Frankfurt am Main. *) Lerßners Chronica franc. „ rüſtig und ſahen bald ihre Bemühungen reichlich gekrönt. So erſcheint Frankfurt ſchon zu König Heinrichs Zeit unter den bedeutendſten Handels⸗ ſtädten Deutſchlands. Seine größte Zierde war indeſſen damals die kaiſerliche Pfalz, an deren geſchmackvolle Aus⸗ ſchmückung die Herrſcher viel verwendet. Namen und Urkunden geſtatten keinen Zweifel, daß der Terrain⸗Compler in Frankfurt, der ge⸗ genwärtig mit dem Namen des Saalhofes bezeich⸗ net wird, ſich an der nämlichen Stelle befindet, wo Ludwig der Fromme 822 ſeinen Palaſt erbaute. Auf⸗ und abwärts am Mainufer— gegen Oſten und Weſten— zog ſich die damalige Stadt in gleich großer Ausdehnung hin; weniger gegen Norden. Auf dieſe Weiſe lag der alte, 189 Fuß lange und 152 Fuß breite Königspalaſt in gleichem Abſtand von den beiden entfernteſten Punkten der Umfaſſung*). Dieſes impoſante Gebäude hatte aber damals eine um ſo reizendere Lage, als es nicht nur an ſeiner prachtvollen ſüdlichen Hauptfagade von den Wellen des Fluſſes beſpült, ſondern außerdem noch auf den drei anderen Seiten von tiefen waſſer⸗ Archiv für Frankfurts Geſchichte und Kunſt,„die älteſten Bauwerke im Saalhof zu Frankfurt“, von Krieg von Hochfelden. reichen Gräben umſchloſſen, von Thürmen flankirt, und im Norden von einem großen freien Platze, dem Samſtagsberg(jetzt Römerberg) begrenzt wurde*). Der Hauptzugang und Porticus zu dem Pa⸗ laſte war auf der, der Stadt zugewandten Seite; doch darf man ſich darunter keinesweges einen Säulen⸗ oder Bogengang nach römiſchem Styl denken. Von dieſem war ſchon im zehnten Jahr⸗ hundert kaum mehr die Rede, da ſich, nach Ab⸗ ſtreifung römiſcher Reminiscenzen, eine, freilich vorerſt noch rohe, aber doch ſchon eigenthümliche deutſche Kunſtrichtung Bahn gebrochen. Der Haupteingang der Saala glich mehr dem Einlaßthore einer wohlbefeſtigten Burg, wie denn überhaupt der ganze Palaſt, durch die Thürme, Ringmauern und Gräben, dieſen Charakter trug. Zu dem Königsbau dagegen führte im Innern des Hofes eine breite offne Treppe, von Quadern errichtet, die Freitreppe genannt, während ſich in Weſten an denſelben die Reſidenz der Biſchöfe von Worms lehnte, die dieſen durch Otto 1 verliehen worden.„ * Erſt in ſpäteren Zeiten verbaute man durch die Leonhardskirche und die umſtehenden Häuſer dem Palaſte die Ausſicht nach dieſem Platz, der lediglich ſein Daſein dieſer Pfalz verdankte. Ein anderer wichtiger Theil der Saala, und zwar der einzige, der ſich bis auf un⸗ ſere Zeit erhalten, war die in Oſten gelegene Kapelle. Ihre Wichtigkeit lag indeſſen weniger in der Weihe zum Dienſte des Höchſten, als in einer viel profaneren Beſtimmung, die ſogleich aus ihrer Bauart, ihrer Befeſtigung und Einrichtung in die Augen ſpringt. Der Zweck ihrer Anlage war: Schätze, Urkunden und namentlich die Reichsin⸗ ſignien in jenen Zeiten der Unruhe und des ſteten Kampfes durch Mauern und Riegel, ſowie durch die Heiligkeit des Ortes, zu ſchützen. So war die Einrichtung getroffen, daß ſich die Thüre der Kapelle in dem Gang öffnete, der aus dem Palaſte nach ihr führte. Noch jetzt ſieht man unmittelbar hinter dieſer Thüre zur Linken ein, etwa zwei Zoll im Gevierte haltendes Loch in den Stein gemeiſelt und gerade gegenüber hin⸗ ter dem rechts ſtehenden Thürpfoſten ſetzt ſich dieſes viereckige Loch in der Dicke der Mauer auf eine Entfernung von circa 21 Fuß fort, bis in das obere Geſchoß des biſchöflichen Hauſes, und ſteigt ſomit allmälig beträchtlich in die Höhe. In dieſer Rinne nun bewegte ſich eine ſtarke ei⸗ ſerne Stange. Stieß man dieſe vorwärts, ſo drang ſie in die gegenüberſtehende Oeffnung aufder anderen — Seite der Pforte und bildete ſo einen koloſſalen Riegel zum Verſchließen der Thüre; zog man die Stange zurück, ſo geſtattete ſie deren Oeffnung, die, was beſonders ins Auge zu faſſen iſt, nur aus dem obern Gemache des biſchöflichen Hauſes bewirkt werden konnte. Ganz dieſelbe Einrichtung beſteht noch jetzt in den räthſelhaften unterirdiſchen Kammern des Schloſſes in Baden⸗Baden. Noch jetzt öffnet und ſchließt ein ſolcher Riegel, der in einer ent⸗ fernten Kammer leicht und geräuſchlos bewegt wird, eine ſteinerne Thüre, die, wie in der Ka⸗ pelle der Saala, wenn ſie völlig geöffnet war, den dahinter befindlichen Gang vollkommen ab⸗ ſperrte. Außerdem befindet ſich im Innern der Kirche eine Crypta, ein unterirdiſcher, ausgemauerter Raum, zu welcher eine kleine Heffnung führt, durch die man, vermittelſt einer Leiter, in die Tiefe ſtieg.. Ohne Zweifel ward dieſe Kapelle nach dem Muſter der Kirche zu Trifels, einer unweit Worms gelegenen, faſt unzugänglichen Bergfeſte erbaut, in welcher ebenfalls die Reichskleinodien in jenen Tagen oft aufbewahrt wurden*). 3 Archiv für Frankfurts Geſchichte und Kunſt. Weniger roh in Arbeit, und für die damalige Zeit prachtvoll ausgeſchmückt, war der Haupt⸗ oder Königsbau, zu deſſen Verſchönerung Kaiſer Friedrich I im Anfang ſeiner Regierung bedeutende Summen verwendet. Die weitläufigen Säle und Gemächer ſchmück⸗ ten kunſtvolle Malereien, von den beſten Meiſtern der damals aufblühenden Kölner Malerſchule ge⸗ fertigt, ſowie reiche Gewebe in den verſchiedenſten Stoffen. Den Hauptſchmuck aber machten koſtbare Waffen und ſilberne und goldene Gefäße aus, die zierlich aufgeſtellt den Reichthum der Beſitzer ver⸗ kündeten. Hier alſo reſidirte eben jetzt König Heinrich. So reich und ſtattlich aber der Hofſtaat dieſes prunkliebenden Fürſten auch war, in der königlichen Pfalz herrſchte kein fröhliches Leben. Die Hofräume waren leer, auf den Treppen und den Vorſälen bewegten ſich nur einzelne Männer und dieſe blickten finſter und ſchweigſam. Ueberhaupt ſchien eine gewitterſchwüle Beklommenheit die ganze At⸗ moſphäre zu drücken. Es war dies die Folge: theils das Bewußtſein jedes Einzelnen, einer ſchlechten Sache zu dienen, theils des Schreckens, welchen die Nachricht von dem Erſcheinen des Kai⸗ ſers im deutſchen Reiche über die Empörer ver⸗ breitet. 4* 76 Wie Feld und Wald athemlos und ſchweigend in der ſengenden Mittagsglut liegen, wenn fern am Horizont ein Ungewitter aufſteigt und kein Lüftchen weht und alle Creaturen matt und erſchlafft aufſeufzen, in banger Ahnung jener großartigen Naturerſcheinung, die ſich in finſterer Erhabenheit naht und alle Welt zu zerſchmettern droht; ſo warnte auch hier einen Jeden eine trübe Ahnung vor dem vernichtenden Zorne des ſchwer gereizten Kaiſers. Wen aber hätte dieſe Angſt gewaltiger nieder⸗ drücken ſollen, als den Urheber dieſer unheilſchwe⸗ ren Kataſtrophe? Mochte er ſich noch ſe ſtolz ge⸗ berden, mochte er mit erzwungenem Leichtſinn, mit ſcheinbarer Verachtung die aufſteigenden ban⸗ gen Zweifel zu verſcheuchen ſuchen; ſie kehrten ſchwarz und ſchwärzer zurück und riefen: Rebell! du haſt dein Schwert gegen deinen Kaiſer, gegen deinen Vater gezogen! jetzt zittre, denn er naht ſich ſtrafend! Zu dem Allen geſellte ſich aber bei Heinrich noch das Mislingen ſeiner Pläne, die, auf Ver⸗ rath gegründet, an der Redlichkeit und Treue der Deutſchen ſcheiterten. So lange Friedrich noch in Italien verweilt, zog der Unwillen über dieſe vermeintliche Hintan⸗ ſetzung des Reiches manchen Fürſten auf die Seite der Unzufriedenen, ſowie Klugheit und Furcht vor der Macht des Königs viele der ſchwä⸗ cheren Grafen und Ritter zwangen, ſich deſſen Partei anzuſchließen. Als aber der Kaiſer wieder auf deutſchem Boden erſchien und ihm die treuen Herzen ſeines Volkes entgegenjubelten, als er verſprach, ſich nun vor Allem des Reiches anzu⸗ nehmen, und ſich mit Blitzesſchnelle ein Heer um ihn ſammelte: da änderte ſich auch ſchnell die Stimmung der bisher Schwankenden und Schwa⸗ chen. Das Volk und die beſſer denkenden Großen entſchieden ſich mit Begeiſtrung für den Kaiſer, und ſo ſahen ſich ſelbſt die übeldenkenden Fürſten zum größeren Theil gezwungen, dem Volkswillen zu gehorchen. Da ſtand denn plötzlich der König faſt allein, und nur ſein Schwager, Herzog Friedrich der Streitbare von Oeſtreich, Biſchof Landolf von Worms, Graf Egeno von Urach und wenige an⸗ dere Ritter und Herren waren ihm treu geblieben. Aber auch die Städte verſchloſſen ihm die Thore. Worms mußte er vergebens belagern und eben hatte er ſogar von dem Magiſtrat des ehr⸗ würdigen Frankfurts, in deſſen Bann er doch im Augenblick ſelbſt weilte, auf die Aufforderung, ſich ſeiner Partei anzuſchließen, die ganz unum⸗ wundene Antwort erhalten: die Stadt werde nie in ihrer Treue gegen den Kaiſer wanken und dem rechtmäßigen Oberhaupt des Reiches ſtets zuge⸗ than bleiben! Daß alle dieſe Misgeſchicke den König in die übelſte Laune ſetzten, iſt natürlich, und ſo ſehen wir ihn denn eben in finſterem Ingrimme in einer der königlichen Gemächer der Saala heftig auf⸗ und abſchreiten. Eine überaus prunkvolle Kleidung umſchließt die unterſetzte Figur; aber weder die Edelſteine, die in Menge an ihr verſchwendet ſind, noch der goldene Reif, der ſich um die Stirne ſchmiegt, geben Heinrich etwas Königliches. Das Antlitz iſt bleich. Die ſchönen, aber ver⸗ lebten und verwitterten Züge, laſſen wenig Aehn⸗ lichkeit mit dem Vater erkennen. Die blauen Au⸗ gen, tiefliegend, irrt der unheimliche und ſtarre Blick unſtät umher. Die hellbraunen Haare fallen verwildert über die Stirne und geben den ohnehin finſtern und ſtolzen Geſichtszügen einen noch wüſteren Ausdruck. Sie tragen das Gepräge des Grauenhaften, des ſich vor ſich ſelbſt Fürchtens. Nur eine einzige Perſon findet ſich außer dem König noch im Gemach. Es iſt Bandinellus, ſein Kämmerer und Vertrauter, ihm ähnlich an Leib und Seele. 79 Vor dieſem blieb nach langem Schweigen der König ſtehen und rief, zornig den Boden ſtam⸗ pfend: Verpflucht ſei dieſe ganze Welt und dreimal verdammt das jämmerliche Geſchlecht, was ſie trägt. Hat nicht vor wenig Monaten ganz Deutſch⸗ land über den Kaiſer geſchrieen und ihm vorgewor⸗ fen: er betrachte das deutſche Reich nur als ein Anhängſel ſeiner übrigen Lande? Riefen nicht alle Fürſten: ſie ſeien des fernen, von Fremden bera⸗ thenen Gebieters müde? Erſchallten nicht überall Klagen? und nun? Kaum zeigt ſich der Kaiſer und Alle fallen vor ihm in den Staub und küſſen ihm die Schuhe. Ja ſelbſt das Krämervolk von Worms entblödet ſich nicht, Uns, ihrem rechtmã⸗ ßigen Könige, die Thore zu verſchließen. Und der Magiſtrat hier will erſt ein Gedinge an der rothen Thüre halten, um zu entſcheiden, ob, wie er ſagt, Friedrich noch von Rechtswegen das Ober⸗ haupt des Reiches ſei. Laßt ſie immer von Treue gegen Friedrich ſchwatzen, mein königlicher Herr! entgegnete Ban⸗ dinellus; antwortet durch die That, laßt ſie Euern Arm fühlen. Willſt du Uns noch höhnen? ſchnaubte Hein⸗ rich erboſt. Antworten durch die That? den Arm fühlen laſſen? und wo wäre die Macht dazu? 80 Fallen nicht jeden Tag neue Verräther ab? Wird Worms nicht ſchon einen Monat belagert, ohne daß es der kleinen Schar möglich würde, es zu nehmen? Geduld! ermahnte der Kämmerer, England kann Hülfe ſchicken, unſere Geſandten ſind noch nicht zurück. Eurer Majeſtät erlauchter Schwager iſt täglich mit einem Hülfsheer erwartet... Das nicht kommen wird. Wir kennen dieſen Herzog, den die Welt ſo prahleriſch den Streit⸗ baren nennt. Der Fürſtentag zu Regensburg hat ihn erſchreckt und wankend gemacht. Gebt Acht, der Streitbare bleibt ſchön daheim und überläßt ſeinen Koͤnig und Schwager dem Unheilſterne ſei⸗ nes Geſchicks. Ihr ſeid erregt! entgegnete der Vertraute, und das Mislingen einzelner Wünſche läßt Euch nun an Allem verzweifeln. Aber bedenkt nur, daß Euch immer noch ein Heer bleibt, für das der hochwürdige Biſchof von Worms jetzt neu wirbt und werben läßt. In Schwaben und Elſaß haltet Ihr an zwanzig feſte, wohlbemannte Schlöſſer und, was die Hauptſache iſt, der königliche Schatz, ſowie die Reichskleinodien, ſind in Euern Händen. Die Lombarden! rief der König, wie aus finſteren Gedanken erwachend, die falſchen, trägen Lombarden ſind an Allem ſchuld! Hätten die. 6 „4 Schläfrigen den Kaiſer nicht durch die Engpäſſe gelaſſen, das Spiel wär' Unſer. Und noch iſts nicht verloren! ſagte Bandi⸗ nellus. Bedenkt, mein hoher Herr und König.. Bedenkt! rief Heinrich, warf ſich auf ein koſtbares Ruhebett und barg die glühende Stirne in den Händen. Bedenkt! Wir können, mögen, wollen jetzt nichts mehr denken! Unſer Kopf glüht im Fieber, die Sinne drohen zu vergehen, Wir könnten raſen! Wir könnten die Welt zer⸗ trümmern! Er ſchwieg und ſelbſt der Günſtling wagte ihn nicht aufzuſchrecken. Endlich, nach einigen Minuten, erhob der König ſein Haupt und ſagte leiſe und dumpf: Bandinellus! Wir mögen für den Augen⸗ blick nichts mehr von Staatsangelegenheiten hö⸗ ren, nicht mehr an Unſre Lage denken. Unter⸗ halte Uns auf andere Weiſe. Erzéhle Uns irgend Etwas. Erzählen? wiederholte der Kämmerer nach⸗ denkend, an ſolche Scenen ſchon gewöhnt. Der Schatz meines Wiſſens iſt erſchöpft. Ihr kennt alle die ſchönen Sagen und Geſchichten. Nicht Das! herrſchte der König finſter. Etwas Grauenhaftes. Etwas, was Uns zerſtreut und an⸗ genehm durchſchaudert. Du haſt Uns längſt etwas 4** 82 aus deinem Leben verſprochen, wie du dem Teufel dich verſchrieben. Mein königlicher Herr. Nur heraus damit. Wir kennen uns einander und Keinenhat dem Andern etwas Wenn Vhr befehlt! ſagte Bandinellus, aber. Zur Sache! Nun denn. Mit meiner Jugendgeſchichte will ich Ew. Majeſtät nicht behelligen, ſondern über⸗ haupt nur eine Begebenheit in meinem bewegten Leben hervorheben, und zwar jene, welche den entſchiedenſten Einfluß auf mich und die Richtung hatte, die ich in ſpäteren Jahren genommen und durch welche ich zu der Ueberzeugung kam: daß ſich der Urheber aller Dinge dieſe Welt zum Spaß gemacht, um ſich damit die ungeheure Langweile der Ewigkeit zu vertreiben. Nun ergötzt es ihn, das Spielzeug immer wieder zu zerſtören, damit 4, er wieder etwas Neues machen kann. Eigennutz und Eigenliebe beherrſchen denn auch die Welt, da ſich die Klugen das Leben zu Nutze machen. Wer geſcheidt iſt, thut Alles aus Egois⸗ mus, voffen oder verſteckt. Die Tugendrednerei iſt kindiſche Mode; denn wenn wir todt ſind, iſt doch Alles am Ende. Alſo zur Sache. Ich bin, wie Ew. Majeſtät weiß, aus edlem Geſchlecht. Deſſenungeachtet 383 verblieb mir bei meiner Aeltern Tode nur ein klei⸗ nes Vermögen. Von Kindesbeinen durch eine zu nachſichtige Mutter verwöhnt und verzogen, ward ch, bald nachdem ich ſelbſtſtändig geworden, ei Spiel der wildeſten Leidenſchaften, die mich, zumal ich da⸗ mals noch ſehr raſch und heftig war, n tauſend Mishelligkeiten verwickelten. Unter Anderm gerieth ich einſt beim Würfel⸗ ſpiel mit einem vornehmen Betrüger in Streit. Das Recht war auf meiner Seite und ſo ging ich demfelben zu Leibe. Wir zogen vom Leder und in kurzer Zeit war mein Gegner verwundet. Da er aber auch jetzt noch nicht aufhörte, mich zu belei⸗ digen und an meiner Ehre zu kränken, ſo ließ ich mich vom Zorne hinreißen und ſtieß ihn völlig zu Boden. Nach dieſer unglücklichen That konnte ich keine Ruhe mehr finden. Es war mir, als ob mir Alles den Namen des Getödteten zuſchreie, und nament⸗ lich quälten mich finſtere Gedanken, wenn ich allein war. Ich ſuchte daher immermehr in Geſellſchaft und rauſchenden Vergnügungen Betäubung und ge⸗ wöhnte mich ſo an Trunk und Spiel. Dabei wurde ich in Letzterem um ſo leidenſchaftlicher, als mich ein faſt wunderbares Glück verfolgte, welches mich denn auch in den Stand ſetzte, meine Ausſchwei⸗ fungen im großen Style fortzuſetzen. Reiſen war dabei meine Luſt und wie den ewigen Juden der Fluch des Herrn raſtlos durch die Welt peitſcht, ſo trieb auch mich eine innere Unruhe und Angſt von Land zu Land. Auf dieſen Irrfahrten kam ich denn auch einſt nach Welſchland, wo ich recht gut hätte leben können, wenn ich nicht Weiber, Wein und Spiel zu ſehr geliebt. Ich machte die Bekanntſchaft vieler Schönen und war meiſt glücklich. Ich mag Euch mit der Aufzählung meiner Liebesabenteuer und der Art, wie ich den Reſt meines Vermögens durchbrachte, nicht lang⸗ weilen. Etwas darf ich aber nicht übergehen; denn obſchon ich auf der einen Seite weiß, daß es nichts als Phantaſterei und Betrug war, ſo ängſtigt es mich doch noch heute, und hat ſich andrerſeits ſo in mich hinein gelebt, daß ich, wie von dämoni⸗ ſcher Macht gezwungen, dennoch an Das glaube, was ich als Unſinn erkannt. . In Florenz nämlich, jener alten, kräftigen Stadt, die ſelbſt der Welſche„la bella“ nennt, lernte ich ein junges, wunderliebliches Mädchen, das mit einem Goldſchmiede Namens Giovanni Graſſi verlobt war, in deſſen Abweſenheit kennen. Ihre Reize bezauberten mich und, leidenſchaftlich wie ich war, ſetzte ich augenblicklich alle mir zu Gebot ſtehenden Mittel in Bewegung, die Gunſt des ſchönen, noch unerfahrnen Kindes zu erlangen. Nach vielen Anſtrengungen ging ſie ins Garn. Ich muß bekennen, ſie war nicht vom gewöhnlichen Schlage, und es koſtete mich mehr Mühe mit ihr, als mit mancher andern. Graſſt war nach Frankreich gereiſt, um eine kleine Erbſchaft zu be⸗ ziehen, war darüber mit ſeinen dortigen Verwand⸗ ten in Prozeß gerathen und wurde ſo ein ganzes Jahr länger aufgehalten, als er gedacht hatte. Dies war ſein Unglück, denn ich wußte die Tren⸗ nung ſchlau zu benutzen, ſo daß die Folgen meines Glücks immer ſichtbarer wurden. Das holde We⸗ ſen fühlte ſich Mutter und ehe wir, in Genuß verloren, es uns nur verſahen, rückte die Zeit ihrer Entbindung heran. Eines Abends brachte mir eine alte Frau das neugeborene Kind und einen Brief der Schönen, in welchem ſie mich bat, für daſſelbe väterlich Sorge zu tragen. Was ſollte ich mit dem Wurme machen? Mein Geld war ohnedies dahin, ſo daß ich mich kaum ſelbſt ernähren konnte. Ich ſchwankte lange, endlich wickelte ich es entſchloſſen in meinen Man⸗ tel und ging mit Anbruch der Nacht längſt den Ufern des Arno ſpazieren, bis ich an einen abge⸗ legenen, von Bäumen und Hecken verborgenen Ort kam. Hier wollte ich die Schachtel mit dem kleinen Moſes in das Schilf ſetzen, damit ihn eine mitleidige Prinzeſſin wiederfinde und zum großen Mann erziehe, als mir eine Stimme zurief: Laß das ſein, Kindermörder! Entſetzt wandte ich mich um, ſiehe! da ſtand, tief in einen Mantel gehüllt, eine ſchwarze Geſtalt dicht hinter mir. Ich erkannte aber ſogleich in ihr Bernardo Roſello, einen luſtigen Geſellen, deſſen Bekanntſchaft ich in Siena gemacht und der vor⸗ gab, Schulden halber nicht nach Florenz kommen zu dürfen. Deſſenungeachtet wußte ich, daß er immer Geld im Ueberfluß habe. Ich ging mit ihm, behielt das Kind unter dem Mantel und frug ihn, wie er hinter mein Geheimniß gekommen ſei? Das und weit mehr weiß ich, ſprach er düſter und erzählte mir Sachen, worüber ich erſtaunen mußte, weil kein Menſch außer Antonia und ich das ſo wiſſen konnte, es müßte denn ihr Bräuti⸗ gam Giovanni Graſſi in Frankreich ſein. Darauf griff Bernardo Roſello in die Taſche, nahm eine Hand voll Dukaten heraus und ſagte: Möchteſt du es auch ſo gut haben? Gern gleich! war meine Antwort. Fürchteſt du dich vor dem Teufel? frug er ferner. Nicht ſonderlich. Glaubſt du, daß er Gewalt über die Menſchen übe? Wer eigentlich die Gewalt übt, entgegnete ich, iſt ſchwer zu ſagen. Faſt ſollte man meinen, das 87 Meiſte, was in der Welt geſchieht, rühre mehr von ihm, als von ſeinem ſogenannten Contrapart. Biſt du auch der Meinung, daß ein Vogel in der Hand beſſer ſei, als zehn in der Luft? frug Bernardo weiter. Ja! Hätteſt du den Muth, auf eine künftige, nur eingebildete Seligkeit Verzicht zu thun, wenn du es hier im Leben gut und immer vollauf haben könnteſt? Sehr gern! rief ich lachend, doch nicht ohne ein heimliches Grauen. Wir waren unterdeſſen in eine tiefe, dunkle Grotte gekommen, in welche der Mond geſpenſter⸗ haft hinein ſchien und wo eine Quelle mit ſeltſa⸗ mem Säuſeln aus der Tiefe rieſelte, als ob ſie Geiſtergeſchichten der Unterwelt erzählen wolle. Ich habe mich ſchon dem Teufel ergeben, ſprach Bernardo Roſello düſter, und haſt du Muth, kannſt du es jetzt auch thun. Hier iſt ein Perga⸗ ment aus Menſchenhaut zubereitet„da eine rothe Hahnenfeder, du mußt aber mit deinem eignen Blute unterzeichnen. Ich will mir die Haut aufritzen! ſagte ich. Nicht doch, rief er, dein Blut fließt ja ſchon in dem Kinde. Tödte es auf jenem ſchwarzen Steine. 8 88 Ich ſchauderte zurück. Narr! verſetzte er verächtlich lächelnd. Meinſt du, weil das Waſſer weicher iſt, als der Stein, daß dieſe Todesart ſchmerzlicher oder der Mord unverzeihlicher ſei? Du haſt mich ſelbſt vor dem Kindermorde ge⸗ warnt! ſagte ich zaghaft. Iſt es denn ſo gewiß, daß du der Vater dieſes Kindes biſt? entgegnete Bernardo höhniſch lachend und er erzählte mir Geſchichten, von welchen ich deutlich abnehmen konnte, daß er mit Antonia im vertraulichſten Verhältniſſe geſtanden, während ſie mich mit verſtellter Liebe hinterging. Dieſe Entdeckung erbitterte mich ſo ſehr, daß ich das Kind nahm und gegen die Felſenwand ſchleuderte. Da haben wir ja rothen Saft vollauf! ſagte Bernardo ruhig und mit wohlgefälligem Lächeln, tunkte die Feder in das Blut und reichte ſie mir. Das Aergſte war geſchehen. Ich bedachte mich nicht lange, mein Gehirn brannte und in den gräß⸗ lichſten Ausdrücken ergab ich mich dem Teufel ewig mit Leib und Seele, wenn er mich hier auf Erden glücklich machen wollte, das will ſagen: wenn er nir immer Geſundheit, ſchöne Weiber, Ehre und Geld vollauf gäbe. Den Brief mußte ich auf offenem Felde unter dem Hochgerichte in die Erde graben, während der Gehenkte, am Galgen im Winde baumelnd, mir mit den Füßen an den Kopf ſtieß. Bernardo folgte mir darauf wieder auf die Heerſtraße, hier drückte er mir krampfhaft die Hand und ſprach mit einer Art diaboliſcher Freude: Lebe wohl, Bandinellus! ich habe mich gerächt. Ich bin nicht Bernardo Roſello, ich bin Giovanni Graſſi, der betrogene Bräutigam Antoniens, der, nach Siena zurückkommend, deine Niederträchtigkeit entdeckte. Das Mädchen war dein Kind, Verführer! Trage nun den Fluch des Kindermordes! Erſt wollte ich dich ſelbſt opfern. Allein dieſe Rache ſchien mir beſſer. Jetzt gehörſt du dem Teuſel mit Leib und Seele und biſt ver⸗ bannt aus dieſem Lande. Er kehrte mir den Rücken und verſchwand in der Nacht, ich habe ihn nie wieder geſehen. Bandinellus hielt hier einen Augenblick inne und fuhr mit der Hand über die Stirne, als wolle er die fürchterliche Erinnerung verwiſchen; der König aber drückte ſchaudernd ſein Haupt in die weichen Kiſſen des Ruhebettes und murmelte: Dein Mord war Wohlthat, du nahmſt dei⸗ nem Kinde die Möglichkeit, ſich gegen den Vater zu empören. 90 Der Kämmerer, zu ſehr mit ſich ſelbſt beſchäf⸗ tigt, hörte dieſe Worte nicht und fuhr alſo fort: Ich war in dem ſeltſamſten Gemüthszuſtande. Ich ſchauderte vor dem Kindermord, den ich be⸗ gangen hatte, obſchon ich mit dem Vorſatz hinaus⸗ gegangen war, ihn zu begehen. Aber ſo hatte ich es doch nicht machen wollen. Außerdem folterte mich der Gedanke, daß ich mich dem Teufel ver⸗ ſchrieben, obgleich ich einſah, daß mich Giovanni Graſſi zum Beſten gehabt und ſo ja auch die ganze Teufelsverſchreibung nichtig ſei.— Indeſſen, ſie ängſtigte mich doch immer und ich dachte nur daran, wie ich das Pergament, das im Galgenhügel vergraben war, wieder bekom⸗ men ſollte, ehe es der Teufel nehme. Es koſtete mich große Ueberwindung, in dunkler Nacht wieder über das einſame Feld hinaus nach der Schädelſtätte zu gehen. Es ſchien mir, als bewege ſich die Erdfläche mit mir, wie die Wogen des Meeres. Das Pergament hatte ich unter dem Galgen, mitten im Dreieck, wo die Alraunewurzeln wach⸗ ſen, vergraben. Ich konnte beim Sternenſchimmer den Gehan⸗ genen in der Ferne hin und her ſchweben ſehen. Es ſchien mir ein ſchwarzer Engel zu ſein, der den Schatz der Hölle bewachte. 91 Lange ſtand ich unſchlüſſig und wagte nicht hinzugehen. Endlich faßte ich Muth und hatte mich bereits dem Galgen auf einige Schritte genähert, als der mürbe Strick, an dem der Gehangene bau⸗ melte, plötzlich riß, der Todte herunterfiel und mit ſeinem Körper den Ort bedeckte, an welchem ich mein Pergament vergraben hatte. Die Leiche wegzuwälzen, um meine Verſchrei⸗ bung wieder zu bekommen, war mir unmöglich. In dieſem Augenblicke hörte ich alle Hunde des entfernten Dorfes gräßlich heulen und drei Raben flogen ſchreiend dem Hochgerichte vorbei. Ein paniſcher Schrecken ergriff mich, die Haare ſtanden mir zu Berge und ich entfloh, um Florenz und Antonia nie wieder zu ſehen. Scheußlich! rief der König hier und ſprang, wie von den Furien gepeitſcht, in die Höhe. Und einen ſolchen verruchten Mörder dulde ich in mei⸗ ner Nähe?! Bandinellus erblaßte. Aber mit finſterem Tri⸗ umphiren richtete er ſich ſtolz auf und ſagte leiſe: Gedenken Eure Majeſtät der Brücke zu Kell⸗ heim! Verflucht! ſchrie der König auf, daß es durch die weiten Hallen ſchallte, und deckte mit beiden Händen das Geſicht. Schurke! woran erinnerſt du mich! In dieſem Augenblicke hörte man leiſe Tritte ſich raſch nahen, Frauengewänder rauſchten und herein trat König Heinrichs Gemahlin, die lieb⸗ liche Margaretha von Oeſtreich. Heinrich hatte ſich bei ihrem Eintritt raſch er⸗ mannt, deſſenungeachtet verrieth ſeine Todtenbläſſe der beſorgten Gattin, daß ſich etwas Ungewöhn⸗ liches mit dem König zugetragen haben müſſe, auch hatte ſie von fern jenen durchdringenden Schrei vernommen. Was iſt geſchehen, mein theurer Herr! rief ſie daher beſorgt und ein Blick nach dem Kämme⸗ rer verrieth, daß ſie Dieſem mistraue. Um Got⸗ tes willen ſprecht, Ihr ſeid leichenblaß. Blaß?! bin ich wirklich blaß?! frug haſtig und verwirrt der König. Ihr irrt wol, Marga⸗ rethe, oder nein! Ihr irrt nicht! fuhr er finſter fort und ſeine Augen warfen wieder die kalten Blitze ſeines Zorns. Staatsgeſchäfte! unange⸗ nehme Dinge.... Verrath im Heer.... Aber Margarethe konnte hier die überſtrömen⸗ den Gefühle ihres Inneren, die Angſt, die ſie verfolgte, die trüben Ahnungen, die ſie quälten, nicht mehr bändigen; weinend warf ſie ſich an des Gatten Bruſt und rief ſchluchzend: Verrath? O Heinrich! Heinrich! Wer gab dazu das Beiſpiel? 93 Des Königs Stirn legte ſich bei dieſen Wor⸗ ten in tiefe Falten und, ſein Weib leiſe zurück⸗ drängend, ſagte er ernſt und entſchieden: Kein Wort hiervon! Wir wollen darüber nichts mehr hören. Uns iſt das Recht und Wir werden es zu wahren und zu vertheidigen wiſſen. Es iſt dein Vater! mahnte mit namenloſer Angſt in Blick und Ton Margarethe. So handle er auch als Vater an Uns. Wir ſind Mann, Gatte und Vater und wollen nun einmal ſelbſtſtändig daſtehen. Er hat bei ſeiner Thronbeſteigung den Eid geſchworen: Neapel und Sicilien nie mit dem Kaiſerthume zu verbinden, ſondern dieſe Reiche Uns einſt abzutreten. Die Zeit iſt längſt gekommen, Wort zu halten. Wir wollen ein freier König und nicht der Vogt des Kaiſers ſein. Heinrich! flehte Margarethe, tritt zurück, vertraue auf den Vater, wirf dich ihm.. Kein Wort! kein Wort mehr! herrſchte wild der Fürſt. Wir handeln, wie Wir als Mann und König handeln müſſen und wenn Ihr nut Weiber⸗ thränen Uns zu zeigen habt, ſo bitten Wir, ver⸗ ſchont Uns mit denſelben! Erſchöpft warf ſich Heinrich hier abermals auf das Ruhebett und rief, die finſtre, faltenreiche Stirn auf die Hand ſtützend: weiter, Bandinellus! weiter! die Geſchichte war ſehr ſchön, ſie hat mich erſchüttert und zerſtreut und ich bedarf der Zer⸗ ſtreuung ſo ſehr! Ihr habt Se. Majeſtät zerſtreut? frug Mar⸗ garethe langſam und ängſtlich, durch Erzählungen zerſtreut? Ja, ſchöne Königin! erwiderte mit ſchlecht verborgenem Spott der Kämmerer, mit einer recht unterhaltenden Begebenheit aus meinem Leben. So angenehm, ſagte Margarethe ſcharf be⸗ tont, daß ein Schrei des Entſetzens Eure Mühe lohnte? Iſt dies die Art, ein aufgeregtes Gemüth zu beſchwichtigen, ein Herz ſanft zu ſtimmen und der Liebe zugängig zu machen? O dreifach Wehe über euch Höflinge, die ihr, ſtatt eure Gönner mild zu ſtimmen, nur ſtets befliſſen ſeid, ihr Herz für Alle, außer euch, zu ſchließen! Und ſich unter Thränen lächelnd über den Gatten lehnend und mit der kleinen, weißen Hand die Falten von ſeiner Stirne ſtreichend, frug ſie ſanft: Darf ichs verſuchen, meinen theuren Herrn und Gatten zu zerſtreuen? Heinrich, den die Gegenwart der frommen, guten Seele peinigte(der Gute iſt dem Böſen ſtets ein Greuel, weil er ihn an ſeine Verworfen⸗ heit mahnt), würde Margarethe gern entfernt 95 haben; dennoch wagte er es nicht, da ihn ein heimliches Grauſen bei dem Gedanken überfiel, wieder mit ſeinem Günſtlinge allein zu ſein. Er nickte daher der Bittenden bejahend zu, worauf ſich dieſe freudig ihm zu Füßen ſetzte und alſo anhub: Die Liebe iſt das ſüßeſte und heiligſte Gefühl der Menſchenbruſt; es iſt oft unglaublich, was ſie bewirken kann, oder bereits vollbracht. Nichts beurkundet dies ſchöner, als die liebliche Sage, die uns die Dichter von Karl dem Großen und ſeiner geliebten Faſtrada überliefert. Und dieſe will ich Euch nun erzählen. Faſtrada, die treue Lebensgefährtin Karls des Großen, war ihrem Gatten um das Jahr 794 an die freundlichen Ufer des Mains gefolgt. Aber ein trauriges Schickſal war ihr hier beſchieden; denn während ſie im Palaſte zu Frankfurt Hof hielt, erkrankte ſie ſchwer und ſtarb nach kur⸗ zer Friſt. Niemand vermag den Schmerz zu beſchreiben, der bei dieſer traurigen Gelegenheit den Kaiſer erfaßte. Starr und bleich ſaß er neben der Leiche der theuren Lebensgefährtin und es wollte ihm ihr Tod faſt unmöglich dünken. Sie ſchläft nur, dachte er, faßte ihre kalte Hand und bedeckte ſie mit Küſſen und Thränen und rief die Schlummernde * 96 mit den ſüßeſten Namen der Liebe. Aber ſie er⸗ wachte nicht und des Kaiſers Betrübniß ſteigerte ſich zu einer ſtummen, fürchterlichen Verzweiflung. Als aber des Herrſchers Freunde ſahen, daß der Schmerz an der Wurzel ſeines Lebens nage, nahten ſie ſich und baten ihn um die Erlaubniß: die irdiſchen Ueberreſte der Kaiſerin beſtatten zu dürfen. Der Kaiſer jedoch ſah ſie zornig an und ſprach: Wage Keiner, ſie zu berühren! ſie ſchlum⸗ mert nur und wird bald wieder erwachen. Da bangte Allen um des geliebten Herrſchers Leben und Verſtand. Nur der Erzbiſchof Turpinus von Rheims, der zu Häupten des Todtenbettes ſtand, wandte ſich im Gebet zu Gott und flehte um Gnade und Troſt für den Unglücklichen. Da erleuchtete der Herr den frommen Mann und Tur⸗ pinus erblickte einen Ring, der in das Haar der Kaiſerin geflochten war, und eine innere Stimme ſprach: Nimm ihn zu dir! Und der Erzbiſchof gehorchte. Siehe da löſte ſich Karls Schmerz mit Einemmale und er ſank weinend in des Freundes Arme. Dieſer aber redete ihm ſanft zu und führte ihn hinweg von der ſchö⸗ nen Leiche nach dem freundlichen Ingelheim. Faſtrade aber ward in Gold und Purpur ge⸗ hüllt und in feierlichem Trauerzuge nach Mainz gebracht, wo man ſie in der Abtei St. Alban 97 beſtattete und ihr ſpäter ein prachtvolles Denkmal errichtete. Eine wunderbare Zuneigung knüpfte indeſſen den Kaiſer an Turpinus und obgleich nun dieſer die Freundſchaft des Herrſchers nur zum Wohle des Reiches benutzte, ſo ſchmerzte ihn doch das Bewußtſein, daß er dieſe Liebe einem Zauber ver⸗ danke. Gequält von ſolch' frommen Skrupeln war er Karl nach Aachen gefolgt, gepeinigt von den⸗ ſelben begleitete er einſt den Kaiſer auf die Jagd. Sie ritten eben durch ein wunderliebliches Wieſenthal, an den reizenden Ufern eines kleinen Sees hin, als ſich in des Erzbiſchofs Seele der Streit entſchied. Hinweg mit dem Zauber, rief er vor ſich hin, ich will die Liebe meines Herrn verdienen, ich will um meiner ſelbſt willen geliebt ſein! und mit dieſen Worten ſtreifte er den Ring der Faſtrada von dem Finger und warf ihn in den See. Von dieſer Minute an war Karl der Große wie in das Thal gebannt. Eine unwiderſtehliche Sehnſucht zog ihn nach dem See, in deſſen Nähe er ſich auch bald darauf ein Schloß erbaute. Hier brachte er von nun an einen großen Theil des Jahres zu, und wenn er müde war von den Ge⸗ ſchäften des Tages und der Laſt der Regierung, ging er zu den Ufern des ſtillen, kleinen Sees II. 65 98 und ſchaute, in ungeſtörter Einſamkeit ſeinen Gedanken nachhängend, wol ſtundenlang in ſeine Tiefe. Und wunderbar regte es ſich dann in dem Waſſer und es däuchte ihm, als ob ſeine theure Faſtrada aus der klaren Flut zu ihm aufblicke und ihm zuflüſtre von den glücklichen Tagen, die ſie miteinander verlebt. Und er war ſelig in der Erinnerung an jene ſchöne, ſchöne Zeit! Margarethe ſchwieg und legte ihr bleiches Antlitz, auf welches ein tiefer Seelenkummer ſein Siegel gedrückt, leiſe auf des Königs Hand, ihren Schmerz, ihre Thränen zu verbergen. Aber Heinrich fühlte die heißen Tropfen. Wie glühendes Erz fielen ſie auf ſeine kalte Hand. Er zuckte, zog ſie zurück und ſagte finſter: Schon wieder Thränen? Margarethe! wann werden Wir erleben, daß Ihr Euch über die Schwäche des Weibes erhebt, wie dies einer Kö⸗ nigin gebührt. Mein Heinrich! entgegnete die Angeredete ſanft und blickte den Fürſten ſeelenvoll an, ſind Thränen der Liebe eine Schwäche? Thränen der Liebe! ſagte der König verächt⸗ lich. Ihr glaubt wol an das Ammenmährchen? Und warum nicht, Ihr ſeid ja ein Weib und für wen Anders iſt der Glaube als für Weiber und Kinder? 99 Und Ihr, mein König, Ihr, der Ihr Gatte und Vater ſeid, Ihr zweifelt an Gatten⸗ und Va⸗ terliebe? O nein, nein! rief Heinrich und lachte wild auf. Wie könnten Wir an Vaterliebe zweifeln? Wir haben ja auch einen Vater, der Uns ſo zärt⸗ lich liebt, ſo zärtlich, daß er uns ſchon als zehn⸗ jährigen Knaben in fremde Hände gab, um Uns ſeidem— Wir ſahen ihn nur im funfzehnten Jahre einmal wieder— ein ſtrenger Herr und Gebieter zu ſein; ſo zärtlich, daß er ſein Verſprechen nicht hält, Uns Apulien abzutreten, ſondern be⸗ liebt: Uns als Vogt und Schulknaben zu behandeln. O Heinrich! Heinrich! rief hier Margarethe ängſtlich, laßt dieſe Stimmung nicht Herr über Euch werden. Der Kaiſer liebt Euch ſo gewiß, wie ich Euch liebe; er hat Großes mit ſeinem Sohne vor; aber, Ihr wißt es ja, er hat ſeine eignen Pläne. Ja! fiel der Kämmerer ein. Friedrich hat Großes mit Seiner Majeſtät im Sinne, er will die Kaiſerkrone dem König einſt zum Erbe laſſen. Zum Erbe! lachte Heinrich grimmig auf und iſt funfzehn Jahre älter als Wir! Alſo bis zu ſei⸗ nem Tode ſollen Wir Sklave ſein? Und wer weiß, ob nicht er Uns überlebt? Er! der in der Kraft⸗ fülle des Mannes ſtrotzt! Er! der, wie man ſagt, 100 im Begriffe ſteht, die einundzwanzigjährige Iſa⸗ bella von England zu ehlichen? Heinrich! rief entſetzt und vorwurfsvoll die Königin. Wartet Ihr auf Eures Vaters Tod?! Wir warten auf Unſer Recht! entgegnete Je⸗ ner finſter und heftig, und wünſchen nicht, daß Weiber ſich Unſerm Thun und Wollen entgegen⸗ ſtellen. Und mit dieſen Worten erhob ſich der König raſch, winkte ſeinem Günſtling und verließ das Gemach. Margarethe ſank unter bitteren Thränen, händeringend zuſammen, ſie ſah ihren Gatten, ſie ſah ſich und ihre Kinder unrettbar verloren. 4. Die rothe Thüre. Conveniunt proceres Sede satis nota, rapido quae proxima Mogo Glara Situ, ponuloue freguens, murisque decora est. Sed rude nomen habet, nam Teutonus incola dixit Franconefurt: nobis liceat sermone latino 3 Francorum dixisse vadum.. Günther Ligurinus. (Lobgedicht auf Friedrich I.) Mächtige Veränderungen hatte das Städteweſen in Deutſchland während des Ende des zwölften und des Anfangs des dreizehnten Jahrhunderts erlitten. Die ganze Organiſation deſſelben unter⸗ lag nachgerade einer völligen Umgeſtaltung, in⸗ dem Handel und Gewerbe fröhlich aufblühten und ſich ſomit ein neuer Stand, der goldne Mit⸗ telſtand, bildete. Namentlich benutzten die Ge⸗ werbtreibenden die Vortheile, welche ihnen die Zeit bot, um waffenfähig und damit frei und unabhän⸗ gig zu werden. Kirchner ſagt hierüber in ſeiner trefflichen Ge⸗ ſchichte der freien Stadt Frankfurt: Die erſte Frucht dieſer Freiheit ſind die Zünfte, in Zukunft 102 ein mächtiger Damm gegen die Alleingewalt der Altbürger. Sie ſcheinen in ganz Franzien zugleich entſtanden zu ſein, wenigſtens iſt ihre Verfaſſung in den rheiniſchen und wetterauiſchen Städten von einerlei Zuſchnitt. Nit dieſer Veränderung war auch für Frank⸗ furt die Morgenöthe einer beſſeren Zeit ungebro⸗ chen. Vorher gab es nach unſeren jetzigen Begrif⸗ fen keinen Bürgerſtand. Die Burgarier, Miniſterialen*) des Reichs, die noch von alter Zeit her, in der Nähe der an⸗ geſehenſten Pfalz des weſtlichen Deutſchlands leb⸗ ten, glaubten ſich durch Gewerbfleiß und Hand⸗ arbeit entehrt. Den Degen, das Brevier, das Jagdhorn ſahen ſie als die einzigen anſtändigen Beſchäftigungen an; gleich den Drohnen des Bie⸗ nenſtocks lebten ſie vom Fleiß ihrer Leibeignen und blickten auf dieſe als verworfene Sklaven mit un⸗ beſchreiblicher Verachtung herab. 5 „ *) Miniſterialen waren Bedienſtete des Kaiſers, von der höchſten bis zu der niederſten Stufe herab, durch viele Freiheiten begünſtigt. Leiſteten ſie auf einen Theil der⸗ ſelben Verzicht, ſo wurden ſie dafür durch andere Vor⸗ theile entſchädigt. Man ſetzte ſie meiſt in den Beſitz be⸗ trächtlicher Grundſtücke, den Aufwand zu beſtreiten, den ihre Aemter verlangten. Aus ihnen ging in den Städten der Stand der Bürger, auf dem Lande der niedere Adel hervor.* 103 Die Burgarier wurden in Deutſchland zum niederen Adel gerechnet und außer dem Recht, auf Turnieren zu erſcheinen, waren ſie der Aufnahme in viele Hoch⸗ und Erzſtifter fähig. Sie konnten Ehrenämter am Kaiſerhof bekleiden,„dywile ſe (ſagt ein altes Geſetzbuch) dez Riges Borger ſint“. Auch bezahlten die Burgarier weder Zoll noch Abgaben und genoſſen mehr Freiheit, als ſich in der blühendſten Zeit des alten Roms die Bür⸗ ger dieſes Freiſtaats zu erfreuen hatten. Außer dieſen urſprünglichen Bewohnern zogen ſich allmälig auch freie Landbeſitzer in die Stadt, die das alte Vorurtheil gegen ummauerte Woh⸗ nungen um der Vortheile willen vergaßen, die der neue Aufenthalt gewährte. Der nützlichſte Theil der Stadtbewohner aber, der Gewerbſtand, war, bis zu Heinrichs WV und ſeines Sohnes Zeit(1056— 1125) auch für ihn die Stunde der Erlöſung ſchlug, aus Leibeigenen und Freigelaſſenen gemiſcht; ſelten, daß freie Leute, durch Armuth bewogen, ein Gewerbe trie⸗ ben. Die meiſten Handwerker begaben ſich als demüthige Vaſallen unter den Schutz irgend eines mächtigen Burgariers und traten ſo in das Clien⸗ tenverhältniß des alten Roms. Endlich aber, mit der Thronbeſteigung der Hohenſtaufen, brach auch für die Städte und ihre Einwohner jene beſſere Periode an, von welcher oben geſprochen worden. Der Geiſt dieſes neuen Zeitalters iſt reges Streben nach Freiheit des Staats im Verhält⸗ niß zum Kaiſer, des Bürgers entgegen der Allein⸗ herrſchaft des erſten Standes. War vorher der Handwerker dem Joch der Altbürger und dieſe der Willkür kaiſerlicher Vögte preisgegeben, ſo gelingt es jetzt Beiden, der Feſſeln los zu werden. Frei⸗ lich wird darüber die Stadt in äußere und innere Fehden verwickelt; aber mitten unter den Stürmen gewinnt ſie an innerer Kraft und äußerem Anſehen. In der Geſchichte deutſcher Städte überhaupt iſt dieſe Zeit unvergeßlich als die, wovon mit Grund der Wahrheit ihr freier blühender Zuſtand hergeleitet wird. Doch ſind es die unruhigſten Jahrhunderte, die Deutſchland erlebt. So erzeugt die Noth heilſame Unternehmungen, ſo veranlaßt die Furcht den erſten Städtebund. Unerhörter Druck von außen lehrt die Bürger die bisher unbekannte Macht eines gemeinſamen Weſens er⸗ kennen und ſchätzen. Von Frankfurt rühmt ſchon mitten im zwölften Jahrhundert ein Gleichzeitiger*), daß es berühmt *) Günther Ligurinus. 105 durch ſeine Lage, an Volk reich und mit feſten Mauern umgeben ſei. Der beſte Vortheil aber kam noch hinzu: die Freiheit ward errungen. Der erſte Schritt hierzu war die Entfernung jener kaiſerlichen Vögte, die mit eiſernem Scepter das gemeine Weſen beherrſchten; und Fried⸗ rich M, dieſer herrlichſte der deutſchen Kaiſer, war es, welcher, als er 1219 lange in Frankfurt verweilte, auf die Beſchwerden der Bürger geachtet, den Vogt entfernt und damit die Freiheit der königlichen Wahlſtadt begründet Mit der Vögte Entfernung nahm aber das Anſehen der Stadtſchultheißen mächtig zu. Ihnen wurden jetzt die Einkünfte der Vogteien angewie⸗ ſen. Sie übernahmen den Oberbefehl bei Fehden und führten das Banner der Stadt. Nicht nur die Bürger, auch Nachbarn, die ſich des Schöffengerichtes bedienten, entrichteten ihnen Gefälle. Von des Kaiſers wegen aber ſtan⸗ den ſie dem Schöffengericht vor und übten in um⸗ liegender Gegend Hoheit aus. In Jenes Namen Von ihm auch der, für damalige Zeit unſchätzbare, Gunſtbrief, in welchem er die Fremden, die zur Meſſe kommen, in ſeinen und des Reiches Schutz nimmt. 1240. 2 106 wohnen ſie Maigedingen bei, halten Zentgerichte, ſchützen den Wildbann, tragen Ständen des Reichs in des Kaiſers Namen die Lehen auf und ſchlichten ſelbſt als unparteiiſche Schiedsrichter die Fehden der Großen. Erwarb ſich aber auch Frankfurt ſo wichtige Vorzüge vor anderen Städten, ſo waren die Bürger derſelben würdig. Wie viel trug nicht der kleine Staat zum Wohlſtande der ganzen Gegend, zur Erhaltung des Landfriedens, zur Sicherheit der Straßen, zum Aufblühen des Handels bei?! Und wie oft haben die Einwohner, mit großem Aufwand von Blut und Geld, die Burgen der Wet⸗ terau gebrochen und die Felſenmauern zertrümmert, auf welchen freche Räu⸗ ber den Geſetzen Trotz boten!*) Auf der andern Seite aber hing Frankfurt auch um ſo dankbarer und treuer an den Kaiſern, von welchen es mit ſo großen Wohlthaten über⸗ ſchüttet worden, und dieſe Dankbarkeit und Treue trat eben auch jetzt, in dem Streite zwiſchen Hein⸗ rich und ſeinem kaiſerlichen Vater, um ſo entſchie⸗ dener hervor, als ſich gerade Friedrich I ſchon ſo beſonders wohlwollend gegen die Stadt bewieſen. *) Kirchner's Geſchichte von Frankfurt. 107 Das erſte Zeichen dieſer Treue, aber auch zugleich einen Beweis hohen Muthes, hatten denn auch bereits hoher Magiſtrat und Bürgerſchaft gegeben, indem man König Heinrich, der doch im Augenblick noch in der Saala Hof hielt und ſeine ganze Macht in der Umgegend von Frankfurt und Worms vereinigt hatte, auf ſein Anſinnen, ſich ihm anzuſchließen, erwidert: Man werde dem rechtmäßigen Kaiſer die Treue nie brechen. Frei⸗ lich folgte dieſem harten Beſcheid noch der mildernde Nachſatz, daß man indeſſen auf einem öffentlichen Gedinge an der rothen Thüre ſich entſcheiden wolle: ob denn Kaiſer Friedrich Il noch als rechtmäßiger Kaiſer zu betrachten ſei oder nicht. Hieraus erhellt denn auch, wie groß Frank⸗ furts Macht und Anſehen ſchon damals geweſen, da es dem König ſo entſchieden entgegentreten durfte, ohne daß Jener an Rache oder Gewalt zu denken wagte. Heinrich war im Gegentheil, da ihm der Be⸗ ſitz der Stadt unumgänglich nöthig, gezwungen, ſeinen Stolz zu beugen und ſich da freundlich und gnädig zu ſtellen, wo er gern geſtraft und ver⸗ nichtet hätte. ⁵ Er verſprach alſo: ſich der Entſcheidung des öffentlichen Gedinges zu unterwerfen und daſſelbe durch Abgeordnete zu beſchicken. 108 Dieſer Entſchluß ſchmeichelte nicht wenig dem Selbſtgefühl des Magiſtrats und ſo boten denn Stadtſchultheiß und Schöffengericht Alles, was nur in ihren Kräften ſtand, auf, um die Feierlichkeit dieſer merkwürdigen Handhabung ihrer Gerichts⸗ barkeit zu erhöhen und ihre Macht, angeſichts des königlichen Hofes, ja ganz Europas gegen⸗ über, in der ſchönſten Glorie zu zeigen. So war, unter den nöthigen Vorkehrungen, der erſte Mai herangekommen, an welchem dem König vom Schickſale die Entſcheidung werden ſollte. Es handelte ſich um nichts weniger, als um Heinrichs Leben, Freiheit und Krone und Alles dies lag mittelbar in der Hand des reichsſtädtiſchen Schöffengerichtes. So parador dies lautet, ſo begründet iſt es.⸗ Heinrich, durch das Erſcheinen ſeines Vaters entſetzt und erſchüttert, und entmuthigt durch das Mislingen des größten Theiles ſeiner Hoffnungen, ſchwankte ängſtlich zwiſchen den verſchiedenſten Entwürfen hin und her. Mit dem Gedanken an eine reuige Unterwer⸗ fung unter den Willen ſeines Vaters, konnte ſich der ſtolze, leidenſchaftliche Mann nicht vertraut machen, ſo ſehr ihn auch ſeine Gattin dazu drängte. Dennoch fehlte es ihm und ſeiner Partei andrer⸗ ſeits wieder an phyſiſcher und moraliſcher Gewalt, 109 das Ungewitter zu beſchwören, das immer näher und näher heraufzog. Viele Vaſallen, Fürſten und Städte waren ſchon von ihm abgefallen, mehr noch ſchwankten und wurden unzuverläſſig. Nur ein entſchiedenes Auftreten, dies ſah auch der Kö⸗ nig recht gut ein und das Beiſpiel irgend einer Macht, die ſich ohne Rückhalt zu ihm ſchlug, konnte ihn retten, zumal da er in dem Palaſt zu Frankfurt die Reichsinſignien verwahrte, deren Beſitz ihm gewiſſermaßen die Krone garantirte. In dieſem kritiſchen Augenblick ſtand Frank⸗ furt, die Wahl⸗ und Krönungsſtadt, im Begriff, ſich für oder gegen ihn zu entſcheiden. Fiel die Erklärung günſtig aus, hatte Hein⸗ rich nicht nur in ſtrategiſcher Hinſicht einen vor⸗ theilhaften Haltpunkt, ſowie nöthigenfalls Deckung für einen Rückzug, ſondern, was mehr heißen will, der moraliſche Eindruck, welchen das Gut⸗ heißen ſeiner Sache von einer der erſten Städte des Reichs machen mußte, ſicherte ihm auch die ſchwankenden Freunde und führte ihm wol ſogar neue, wie die mit Frankfurt verbundenen Städte: Friedberg, Wetzlar und Gelnhauſen, zu. Umgekehrt war aber auch ſein leßter Haltpunk! in beiden Beziehungen verloren. Heinrich miskannte die Lage der Dinge keines⸗ weges; aber auch der Magiſtrat durchſchaute mit 110 ſcharfem Blick die Verhältniſſe, ſowie er recht gut einſah, daß der König keine Gewalt gegen ihn brauchen konnte, da man kluger Weiſe keinen königlichen Söldner in die Stadt gelaſſen hatte, deren waffenfähige Macht dagegen, durch Hülfe der ebengenannten verbündeten Orte, auf eine ehrfurchtgebietende Beſatzung gebracht worden war. Wollte aber in jener Zeit ein deutſcher Fürſt Hülfe von einer Stadt erhalten, ſo war das erſte Erforderniß, der, auf ihre Privilegien Eiferſüch⸗ tigen, dieſelben zu beſtätigen und neue hinzuzufü⸗ gen. Dieſem Herkommen entſprach denn auch vor allen Dingen der König, indem er zugleich Hoch⸗ edlem Magiſtrat die Vergünſtigung ertheilte, daß er ſich der Einkünfte aus der Münzſtätte und des Holzes aus dem Reichsforſt zum Brückenbau be⸗ dienen dürfe*). Dafür ſolle aber auch die Brücke (damals noch von Holz), deren Mittelpfeiler eine Ueberſchwemmung weggeriſſen, ſogleich wieder hergeſtellt werden. Freilich eine Vergünſtigung, die dem Könige ſelbſt wol am meiſten zu Gute kam, da er bei einem Rückzug der Brücke bedürf⸗ tig war. Der Magiſtrat hatte mit Freuden dieſe frei⸗ willig angebotene Vergünſtigung angenommen; *) Privilegienbuch S. 3. 171 immerhin aber den König auf das, den erſten Mai öffentlich abzuhaltende Gedinge hingewie⸗ ſen. Wie natürlich erwartete daher König, Ma⸗ giſtrat und Bürgerſchaft, ſowie die Tauſende von Menſchen, welche die berühmte Meſſe hierher⸗ geführt, dieſen wichtigen Tag mit Spannung und Ungeduld. Schon mit ſeinem Anbruch belebten ſich daher die Straßen der volkreichen Stadt. Wer nicht un⸗ mittelbar bei der Sache betheiligt war, ſuchte ſich wenigſtens heute von ſeinen Berufsgeſchäften los⸗ zureißen. Die Feierkleider wurden angelegt; kurz, es war, als ob man einen der höchſten kirchlichen Feſttage begehen wolle. Kein Bürger mochte aber auch die merkwürdige Handlung verſäumen. Jeder dachte mit patriotiſchem Stolze daran, daß ſeinen Magiſtrat heute ein König bittend beſchicke; Jeder wollte in eigner Perſon ſeinen Theil an der Ehre wegnehmen. Außerdem hatte man, um die Feierlichkeit noch zu erhöhen, auf den gleichen Tag das Pfeiferge⸗ richt, ſowie das Wildbann⸗ und Schutzgericht für die umliegenden Forſten anberaumt, welchen der Stadtſchultheiß, Namens des Kaiſers, vorſtand und bei dem der kaiſerliche Vogt zu Münzenberg Jenem einen feiſten Hirſch unter Hörnerſchall ins Haus liefern mußte, worauf von geſammtem 112 Hochedlen Magiſtrat das ſogenannte Hirſcheſſen eingenommen wurde*). Was Wunder, daß ſich daher ſchon mit Ta⸗ gesanbruch Alt und Jung, Männer und Frauen, Vornehm und Gering nach der Gegend der Saala, des Rathhauſes und der St. Salvatoriskirche eil— ten, um ſich in jenen Gegenden einen guten Platz zu erobern und zu ſichern. Sämmtliche drei Gebäude lagen nämlich dicht beieinander und zwar ſo, daß von der königlichen Pfalz nur eine, mit dem Main parallel laufende Straße, die Saalgaſſe, zum Rathhauſe führte, welchem gegenüber ſich wiederum die Kathedrale, An der Südſeite des Schiffes dieſer Kirche, alſo dicht neben dem Rathhauſe, befand ſich nun eine Thüre, die„rothe Thüre“ genannt, an und vor welcher, nach uraltem Gebrauch und bei beſonders *) Kirchner, Theil I. Fol. 104. Lerßner **6) 1235 war nämlich noch das alte Rathhaus, wel⸗ ches auf dem Platze ſtand, an dem 1415 der Pfarrthurm errichtet wurde, im Gebrauch. Erſt 1329 kaufte der Rath das Haus„zum Römer“ und benutzte es fortan als Rathhaus. St. Salvatorkirche hieß die Domkirche, bis im Jahr 1238 die Hirnſchale des heiligen Bartholomäus nach Frankfurt kam. Ihr zu Ehren nahm das Stift den Na⸗ men St. Bartholomäuskirche an. feierlichen Gelegenheiten, die Gedinge gehalten wurden. Eine Art öffentliche Gerichtsbarkeit. Wohl ein Ueberreſt des älteſten deutſchen Gerichtsver⸗ fahrens*). ₰ In der Umgebung dieſer Thüre wogte nun, obgleich außer den wachhabenden Söldnern noch Niemand vom Magiſtrate zu ſehen war, die größte Volksmenge. Aber ſchon die Vorbereitungen un⸗ terhielten die Maſſe und ſteigerten ihre Neugierde. Die Thüre war mit rothem Tuch behängt und über ihr wehte ein Banner von gleicher Farbe, deſſen ſchwerſeidene Falten, vom Winde hin und her bewegt, bald den kaiſerlichen Reichsadler, bald das Wappen der Stadt ſehen ließen. Auch die Eſtrade vor der Pforte, beſtimmt das Schöffengericht und die Geſandten des Königs zu tragen, war mit Scharlach überdeckt, ſo daß das Ganze einem rieſenhaften Throne glich, deſſen Rückwand die majeſtätiſchen Mauern der Kathe⸗ drale, deſſen Himmel der blauſammtne Bogen des Firmamentes war. Aber nicht nur die Straßen hatten ſich nach und nach gefüllt, ſondern auch aus den Häuſern, ²) Dieſe Thüre iſt noch vorhanden, dermalen aber, nachdem ſpäterhin eine Kapelle daran gebaut worden, im Inneren der Kirche zu ſuchen. Archiv für Frankfurts Geſchichte und K.„die rothe Thüre“ von Fr. Böhner. 114 von der Saala an bis hin zu dem ehrwürdigen Dome und der Mainbrücke, wuchſen Köpfe über Köpfen heraus. Die Söller füllten ſich mit herrlich geſchmückten Frauen und Jungfrauen, aus den ſchmalen, gothiſchen Fenſtern ſchauten ehrſame Bürger und reiche Kaufherren und ſelbſt hoch auf den Giebeln der Häuſer, ja auf den Schornſteinen und Firſten der Dächer, ritten einzelne kühne Ge⸗ ſellen oder hatten ſich, dem Schwindel totzend, ganze Gruppen feſtgeſetzt. Das ſchwirrte und lärmte, ſummte und brummte, wie ein bewegtes Meer und immer neue Menſchenſtröme fluteten und wogten aus den anſtoßenden engen Straßen herbei und ergoſſen ſich auf den weiten Platz, welcher ſich vor dem Rathhauſe und St. Salvator ausdehnte, bis die⸗ ſer zum Erdrücken überfüllt war. Da hieß es: feſten Fuß faſſen und einen Druck und einen Rippenſtoß nicht achten, zumal es noch frühe war und noch eine ganze Stunde bis zu der Zeit verfließen mußte, welche zum Beginnen der Feierlichkeit beſtimmt war. Aber, trotz dem Harren und der Neugierde der Maſſe, ſchlich ſich nirgends Ungeduld ein. Dafür ſorgte das bunte Gewühl, die kleinen Zu⸗ fälle und Misgeſchicke, die Einzelne trafen, und der immer muntere Volkswitz. 115 Hier hatte ſich ein vierſchrötiger Kerl auf ein leeres Faß geſtellt, deſſen Boden, dem Gewicht nachgebend, nun einbrach und den Mann zum Jubel der Umſtehenden verſchlang. Dort waren Knaben auf die eiſernen Traillen vor einem nie⸗ deren Fenſter geſtiegen und purzelten nun herab; in der Gegend der Mainbrücke erwiſchte man einen armen Juden, der ſich, gegen die damals tyran⸗ niſchen Geſetze, die jedem Reichskammerknecht ver⸗ boten, einer öffentlichen Feierlichkeit beizuwohnen, von ſeiner Neugierde hatte verführen laſſen, ſich herbeizuſtehlen und den man nun unter Schlägen, Steinwürfen, Hohn und Spott nach der Gaſſe zurückjagte. Hier wieder nahmen durch die Meſſe herbeigeführte Kaufleute in fremder Tracht die Aufmerkſamkeit in Anſpruch: Lombarden mit der bräunlichen Geſichtsfarbe und den ſtechenden ſchwar⸗ zen Augen, Polen mit ihren pelzverbrämten Klei⸗ dern, flamändiſche Tuchhändler mit ihren breiten Hüten und Geſichtern. Aber lieblicher anzuſehen als alles Dies wa⸗ ren mehrere Mädchenköpfe, die aus dem Eckfen⸗ ſter des Hauſes zum Storchen herausſchauten; be⸗ ſonders ein blondes Lockenköpfchen mit blauen Augen und rothen Wangen, mit Zähnen wie Per⸗ len und einem ſo ſchelmiſchen Lächeln, daß Jeder, der es anſah, mitlachen mußte. 116 Dies allerliebſte Kind war aber niemand An⸗ deres, als Guda, das ſechzehnjährige Töchterchen des reichen und angeſehenen Schöffen Johannes von Goldſtein. Gewiß es war eine Blume von ſeltener Schönheit! Aber in ihren klaren und re⸗ gelmäßigen Zügen ſpiegelte ſich noch die Reinheit ihrer kindlichen Seele; noch übergoß ſie nicht Jungfräulichkeit mit ihrem ſtillen Ernſte, noch war ſie das wild⸗ſcheue Kind, der luſtige Rauſchebeu⸗ tel, der da ſprang und ſcherzte und über jede Kleinigkeit ſo recht von Herzen lachen konnte und doch wieder ſo ſchüchtern war, wie das junge Reh. Wer ſie ſah, mußte ſie lieben; aber ſie liebte noch nicht oder vielmehr ſie liebte Alle und Alles, wer oder was nur gut und ſchön war. Nicht ſo erging es einem ſtattlichen jungen Manne, der, tief im Menſchengewühle verborgen, unaufhörlich nach dem Lockenköpſchen emporſah. Es war Robert, ein Sprößling der edlen Altbürgerfamilie derer von Meiſenbuch, Sohn des Schöffen und Jugendgeſpiele Guda's. 3 Seine Kleidung, ſonſt geſchmackvoll und reich, war heute ſehr einfach und unterſchied ſich in nichts von der eines gewöhnlichen Bürgers. So kam es denn auch, daß er faſt unerkannt unter der Menge blieb und, was er einzig bezweckt hatte, ganz ungeſtört die liebliche Guda anſchauen konnte. War doch Guda ſein Eins und Alles, liebte er ſie doch mit der vollſten Jugendglut, gab es für ihn doch keine höhere Seligkeit, als ihr in die blauen Augen zu ſchauen, aus welchen ihm ein ganzer Himmel entgegenlachte. Aber! und dies hätte ihm, obgleich er ſonſt ein kräftiger und tüchtiger junger Mann war, das Herz brechen können, aber! Guda ſchien ſeine Liebe nicht zu erwiedern. Wol mochte ſie ihn leiden und nannte ihn oft ihren lie⸗ ben Vetter; wol reichte ſie ihm manchmal ſogar von ſelbſt ſcherzend die Hand und ſagte: er ſei ihr Ritter und müſſe ihre Farbe tragen; allein dies Alles that ſie lachend, hüpfte auch wol im nächſten Momente zu einem anderen Freunde und ſchäkerte. ehenſo mit dieſem. Wenn ſie dann Robert zu Rede ſtellen wollte und ihr ſagte: ſie müſſe nicht mit Jedem gleich freundlich ſein, ſo ſah ſie ihn groß an und entgeg⸗ nete wol: Aber wie? ich muß doch gegen alle Menſchen, die gegen mich artig ſind, auch artig ſein? Am übelſten indeſſen erging es Robert, ſeit⸗ dem er eben ſah, daß Guda's kindliches Gemüth noch keine Ahnung von Liebe habe. Nicht nur wuchs ſeine Leidenſchaft dadurch, ſondern ſie beugte ihn, den ſonſt ſo Heitern auch nieder und nun 118 machte ſich das luſtige Kind, das nicht begriff, was in ihres Vetters Bruſt vorging, auch noch über ihn her und hatte ihn wegen ſeiner Trübſal zum Beſten. Lange ertrug Robert dieſe Scherze mit Geduld, immer noch hoffend, Gegenliebe zu erwerben; end⸗ lich aber, da er an Guda nicht die leiſeſte Ver⸗ änderung bemerkte, riß ihm dieſe. Er ſchalt die Geliebte ein kaltes Herz und entſchloß ſich, Kriegs⸗ dienſte zu nehmen und im wilden Waffentanze ſei⸗ nen Schmerz zu übertäuben. Wie gerufen kam ihm daher das heutige Ge⸗ dinge, das jedenfalls ſeine Vaterſtadt nöthigte, für eine oder die andere Partei die Waffen zu er⸗ greifen. Ehe er aber von der Geliebten, vielleicht auf ewig, ſchied, wollte er ſich noch einmal in ihrem Anblick ungeſtört berauſchen, ohne von ihren Scherzen gekränkt zu werden. Darum trug er heute die unſcheinlichen Kleider, darum hatte er ſich unter die Menge gemiſcht, darum hing ſein ſeelenvolles Auge mit ſo unendlicher Sehnſucht an dem holden Lockenkopfe. Aber er drückte ſich mit eigner Hand eine Dornenkrone auf das Haupt; denn Guda, die kein Sterbenswörtchen von Roberts Vorſatz wußte, war heute, angeregt durch die Feſtlichkeiten, nur noch ausgelaſſener als gwöhnlich. 119 Da übermannte den jungen Patricier der Schmerz. Krampfhaft drückte er die Hand auf die Bruſt und wollte eben hinwegeilen, den ſüßen Anblick, der ihm zur Qual wurde, zu meiden, als eine allgemeine freudige Bewegung den Be⸗ ginn der Feſtlichkeit verkündete. Die Menſchenmaſſe wich in der Mitte der Straße und des FPlatzes zurück, indem ſie nach hinten einen gewaltigen Druck übte, und ſo ſah ſich Robert nicht nur un⸗ willkürlich nach der Eſtrade hingedrängt, ſondern auch ſo feſt umſchloſſen und eingequetſcht, daß an keinen ſelbſtſtändigen Schritt, vielweniger an ein Entkommen zu denken war. Ueber die Straße her kam aber der Stadt⸗ hauptmann, an der Spitze der wohlbewaffneten Söldner, deren Hellebarden im Sonnenlichte gar prächtig funkelten und blitzten. Schlau und wohl⸗ berechnet hatte man den eigenen Kriegern auch einen Theil der Hülfstruppen der verbündeten Städte beigefügt, nicht nur um den Geſandten des Königs die Wichtigkeit und Macht Frankfurts näher vor Augen zu rücken, ſondern damit auch jene Städte Zeuge von einem ſo wichtigen, den Ruhm der Stadt erhöhenden Acte wären. Unter dem Schalle kriegeriſcher Muſik nahmen die Lanzenknechte nun Platz auf beiden Seiten der Eſtrade und bildeten ſodann durch Spalier eine 120 freie Gaſſe nach dem Rathhaus und der könig⸗ lichen Pfalz. Wenige Minuten darauf öffneten ſich die Thü⸗ ren des Erſteren und heraus trat, unter Vortritt eines ſtädtiſchen und eines Reichsheroldes, der Hochedle Magiſtrat der freien Reichs⸗, Handels⸗, Wahl⸗ und Krönungsſtadt. Es war eine impoſante Erſcheinung. Den Stadtſchultheißen, einen kräftigen, ritterlich⸗ſchö⸗ nen Mann an der Spitze, ſchritten, je zwei und zwei, die ehrwürdigen Geſtalten der vierzehn Schöffen, gefolgt von ihren Gehülfen und Schrei⸗ bern, langſam einher. Ernſt und feierlich, wie ihre Züge, war ihre Tracht. Lange, ſchwarze Gewänder, faltenreich und mit weiten Aermeln verſehen, umſchloſſen ſie. Die meiſt grauen Häupter ſchmückten Barette von ſchwarzem Sammt und über Hals und Schultern fielen ihnen goldne und ſilberne Gnadenketten. Tiefe, feierliche Stille, ein Zeichen der größ⸗ ten Hochachtung, herrſchte jetzt rings umher. Wie aber der lange Zug die Scharlachſtufen der Eſtrade erſtieg und ihn die Fanfaren der Poſau⸗ nen, Zinken und Trompeten begrüßten, da fühlten ſich Alle von tiefer Ehrfurcht erſchüt⸗ tert und es war, als beträte Roms Senat das Capitvl. Kaum aber hatte ein hoher Magiſtrat Platz ge⸗ nommen, als auch ſchon das Schmettern anderer Trompeten, aus der Saalgaſſe her, die Annäherung der königlichen Geſandtſchaft verrieth. Denn es war von den auf ihre Ehre und Würde eiferſüchtigen Parteien ausgemacht worden, daß Beide zu glei⸗ cher Zeit und auf ein gegebenes Zeichen aufbre⸗ chen ſollten, damit keine die andere zu erwar⸗ ten habe. Aber wie ſtralte, glänzte und flimmerte das in allen Farben, in Sammet und Seide, in Gold und Edelſteinen! Voraus ritt der königliche Herold, gefolgt von Trompetern und den Bannern des königlichen Hauſes und des Reiches. Sodann kamen, ebenfalls zu Pferde, mehrere Großbeamte, an die ſich die Geſandten Biſchof Landolf von Worms und Graf Egeno von Urach anſchloſſen. Das Ende des Zu⸗ ges bildete ein glänzendes Gefolge von Junkern, Pagen und Dienern. Der prachtliebende König, wohl wiſſend, wie viel bei ſolchen Gelegenheiten auf den erſten Ein⸗ druck ankomme, hatte, wie geſagt, dafür geſorgt, ſeine Geſandtſchaft mit einem Glanze auszuſtatten, der allerdings dem Volke, das ſich leicht von den äußern Erſcheinungen blenden und beſtimmen läßt, eine große Idee von ſeinem Reichthum und mithin II. 6 von ſeiner Macht geben mußte. Dieſen Zweck er⸗ reichte Heinrich denn auch ganz; denn die Maſſe war ſo überraſcht, ſo verblendet, ſo entzückt, daß ſie in ein lautes Staunen, ja in Jubel ausbrach, der wie Siegesruf in den Herzen der Königlichen nachklang. Habt Ihrs gehört, Junker von Stein? rief bei dieſer Freudenäußerung des Volkes einer der prächtigſt Ausſtaffirten des königlichen Gefolges, ein geckenhafter, aber ſchöner junger Mann und ließ ſein Pferd courbettiren. Habt Ihrs gehört, wie die Krämerſeelen jubeln, da ſie uns nur ſehen? Beim heiligen Dunſtan! ich kaufe die Gunſt der gan⸗ zen Stadt für den Werth meines linken Aermels. Und damit ſtreckte er wohlgefällig ſeinen lin⸗ ken Arm aus, deſſen Aermel, nach der Mode der damaligen Zeit, eine überaus reiche Stickerei ſchmückte. Freilich! entgegnete der junge von Stein, är⸗ gerlich über das Prahlen ſeines Nebenmannes, es bligen Edelſteine und Perlen um die Wette an ihm; ob aber der Stadt nicht ein nerviger lieber wäre, iſt die Frage. Pah! lachte Jener, Krämer kennen nur Geld und Geldeswerth. Sie halten etwas darauf, wie wir auch, ſagte der Erſte wieder; aber von ihrer Ehre und ihren Rechten vergeben ſich dieſe Städtler doch auch nichts. Dienen wir nicht im Augenblick ihrem ver⸗ dammten Stolze? Muß nicht der König ſelbſt ſich zu Bitten erniedrigen, um nur der geſtrengen Herren Hülfe zu erlangen? Gott ſei's geklagt! rief der Andere. Aber, beim heiligen Dunſtan! wäre ich der König, ich hätte anders mit ihnen geſprochen. Und doch hat ſich der Herr Junker von Ron⸗ ſtädten ſelbſt angeboten, die Ambaſſade zu begleiten. Beim Henker! rief dieſer. Für was hätte ich mir denn dies neue Kleid machen und dieſen köſtlichen Aermel ſticken laſſen? So kann ich mich doch den Krämern zeigen; und der Teufel ſoll mich holen, wenn ihre Dirnen ſich heute nicht alle in mich vernarren. Seht nur! ſeht! wie die da herunter ſchauen und ſtaunen, fuhr er fort, als ſie gerade am„Storchen“ vorüberkamen. Beim heiligen Dunſtan! der blonde Lockenkopf gefällt mir! Wirklich ſtand Guda, von der Pracht des Aufzuges bezaubert am Fenſter und rief in ihrer kindlichen Unbefangenheit ein über das andere Mal: Ach wie ſchön, wie herrlich! Sieh nur, Ma⸗ thilde, wie das blitzt und blinkt! Auch der junge von Stein hatte hinaufgeſchaut und ſtimmte ſeinem Freunde Ronſtädten in ſeiner Begeiſterung bei. 6* 124 Unglücklicherweiſe hatte aber die Geſandtſchaft unterdeſſen den Platz vor dem Rathhauſe erreicht, woſelbſt ſie, der Uebereinkunft nach, von den Pfer⸗ den ſteigen mußte. Ronſtädten verwünſchte jetzt die ganze Ambaſſade, die ihn hinderte, ſich dem holden Lockenkopf bemerkbar zu machen. Nichts⸗ deſtoweniger mußte er ſich fügen. Die Königlichen betraten nun die Stufen. Sowie ſie die oberſte erreicht, erhob ſich der Ma⸗ giſtrat. Die Geſandtſchaft verbeugte ſich, der Ma⸗ giſtrat erwiederte den Gruß, worauf der Stadt⸗ „ſchreiber die hochadligen Herren zu den für ſie bereit gehaltenen Sitzen führte. Sobald die Königlichen nun Platz genommen und durch eine kurze, aber höfliche Rede des Stadtſchultheißen im Namen des Schöffengerichtes und der Stadt willkommen geheißen worden, eröff⸗ nete, auf ein Zeichen deſſelben, erſt der Reichs⸗ und alsdann der ſtädtiſche Herold das Gedinge. Laut und vernehmlich ſchallten ihre Worte über die Köpfe der Tauſende hin, die hier verſammelt waren, und forderten Jeden auf: ſich, im Namen des Kaiſers vor ſeinem Schultheißen und dem hoch⸗ weiſen Schöffengericht der berühmten Stadt Frank⸗ furt Rechts zu erholen. Dieſe Aufforderung geſchah indeſſen heute nur der Form wegen, da wichtigere Dinge die Zeit in 6 125 Anſpruch nahmen und kaum waren denn auch die Worte der Herolde verhallt, als ſich von der Gegend der Mainbrücke aus eine luſtige Mu⸗ ſik von Pfeifen, Hörnern und Zinken hören ließ. Die Menge theilte ſich und abermals ſchrit⸗ ten zwei Züge auf die Eſtrade vor der rothen Thüre zu. Dem erſten Zuge ſchritten vier Kunſtpfeifer vor, die eine luſtige Weiſe aufſpielten; dann kamen Abgeordnete der Städte: Worms, Nürnberg, Bamberg, Aachen, Eger, Friedberg, Gelnhau⸗ ſen, Hagenau, Oppenheim, Prag, Breslau, Schlettſtadt, Sulzbach, Speyer, Strasburg und Wetzlar, Alle in ſtattlicher Tracht und gefolgt von Dienern, welche die Geſchenke trugen, die nach üblicher Weiſe dieſe Städte alljährlich an Frank⸗ furt ſandten, indem ſie zugleich durch ihre Abgeord⸗ neten um Erneuerung der ihnen bewilligten Zoll⸗ freiheit(Zollermäßigung) anhielten. Jede Stadt überſandte dabei von denjenigen Waaren, mit welchen ſie den ausgedehnteſten Handel trieb. So lieferten Worms, Bamberg und Nürnberg: Pfeffer(ein zu jener Zeit noch ſehr koſtbares Gewürz), Handſchuhe, aus Holz gedrech⸗ ſelte Pokale, Caſtorhüte, Goldgulden und Räder⸗ albus. Ein Gebrauch, der ſich bis auf unſere Zeit 126 unter dem Namen des Pfeifergerichtes*) erhal⸗ ten hat. Sobald nun auch dieſe Abgeordneten die Eſtrade erreicht und ihre Abgaben und Geſchenke zu Füßen eines hohen Magiſtrates niedergelegt, auch ihre Bitte um fernere freundliche Geſinnung von Seiten der weltberühmten Stadt vorgetragen hatten; wandte ſich der Stadtſchultheiß zu ihnen, verſicherte ſie des ferneren Wohlwollens Frankfurts und ver⸗ ſprach, in deſſen und des Magiſtrates Namen, ihre Rechte aufrecht zu erhalten und zu ſchützen, wogegen die Abgeſandten wiederum, bei dem Eide, durch welchen ſie ihrer Obrigkeit verpflichtet, ge⸗ loben mußten, die bewilligten Freiheiten nicht zu misbrauchen. Die Scene ſchloß mit einer freundlichen Ein⸗ ladung Seitens des Magiſtrats zu dem bevorſte⸗ henden Hirſcheſſen. Nun aber kam erſt der zweite Zug. Es waren muntere Jäger, die, den Oberforſtmeiſter der kai⸗ ſerlichen Reichsforſten zu Dreieichenhain an der Spitze, dem Stadtſchultheißen, als dem Schutz⸗ herrn der Forſte an Kaiſers Statt, unter luſtigem Hörnerklang einen feiſten Hirſch überbrachten. Auch *) Pfeifergericht, ſo von den Pfeifern genannt, welche den Zug zu führen pflegten. dieſe Feier fand alljährlich ſtatt und war die Veranlaſſung zu jenem ſogenannten Hirſcheſſen. Alle dieſe Feierlichkeiten, die nur die Einlei⸗ tung zu der wichtigeren Verhandlung bildeten, hatte man kluger Weiſe vorangehen laſſen; nicht nur um die Bürgerſchaft, durch die ausgedehnte Macht, die ihrem Magiſtrate zuſtand, in patrio⸗ tiſchem Selbſtgefühl zu heben und zu begeiſtern; ſondern auch um den königlichen Abgeſandten that⸗ ſächlich dieſe Macht vor Augen zu rücken. Jetzt, als ſich die Eſtrade mit all den Abgeord⸗ neten der Städte und des kaiſerlichen Forſtbannes gefüllt; jetzt, als der Eindruck, welchen Heinrichs Geſandte durch die Entfaltung einer königlichen Pracht auf das Volk gemacht, verwiſcht war und dieſes ſeiner hohen Obrigkeit begeiſtert zujauchzte— jetzt erhob ſich die edle Geſtalt des Stadtſchultheißen und wandte ſich in einer wohlgeordneten Rede an die Bürgerſchaft. In einer lichtvollen Darſtellung der gegenwär⸗ tigen Verhältniſſe des Reiches zeigte er, daß der Augenblick gekommen ſei, in welchem ſich auch Frankfurt für die eine oder die andere Partei ent⸗ ſcheiden müſſe. Dieſe Entſcheidung ſolle aber jeden⸗ falls eine ſelbſtſtändige und eine gerechte ſein, wie es der Ruf einer ſo mächtigen und berühmten Stadt erfordere. 128 Darum werde er nun, angeſichts der Bür⸗ gerſchaft, kaiſerliche Majeſtät, die Geſandten Heinrichs, den König vertreten und hochpreis⸗ liches Schöffengericht, nach Erforſchung der öffent⸗ lichen Meinung im Namen der Stadt entſcheiden. Hierauf ging der Stadtſchultheiß zu einer förmlichen Vertheidigung des Kaiſers über, erin⸗ nerte die Bürger an die vielen Wohlthaten, welche ſchon Friedrich I, ſowie ſein Enkel der Stadt erwieſen, verweilte namentlich bei Fried⸗ richs II großmüthiger Vertreibung der Vögte; zeigte wie Heinrich dagegen dem Gemeinweſen der Stadt oft in den Weg getreten und ihr erſt vor kurzem verboten habe, ein engeres Bündniß mit Mainz, Worms, Speyer, Bingen, Gelnhauſen und Fried⸗ berg zu knüpfen; wies ſodann auf den Reichstag zu Regensburg hin, woſelbſt faſt alle Fürſten die Rechte des Kaiſers anerkannt; pries laut und feu⸗ rig deſſen Vorliebe für die Städter und beſchwor zuletzt die Bürger dem Eide treu zu bleiben, den ſie dem größten aller deutſchen Kaiſer geleiſtet. Er hatte aber auch nicht umſonſt geſprochen. Als er ſchwieg und zurücktrat, machte ſich der rechtliche Sinn der Bürgerſchaft in einem nicht endenden Jubel Luft, ſo daß die Abgeſandten des Königs erblaßten und kaum zu Worte kommen konnten. Erſt nachdem der ſtädtiſche Herold wie⸗ 129 derholt Ruhe geboten, vermochte ſich der Biſchof von Worms der Menge verſtändlich zu machen. Auch er ſuchte in einer glänzenden Rede die Rechte ſeines Herrn, des Königs darzuthun. Allein wie ſchön er auch ſeine Worte ſetzte, wie klug er ſich auch feiner ſophiſtiſchen Wendungen bediente, wie ſehr er auch auf des heiligen Vaters Zorn hindeutete, der die Stadt mit dem Inter⸗ dikte treffen werde, falls ſie ſich zum Kaiſer, als dem Feinde der Kirche, ſchlage: der geſunde Verſtand der Bürger durchſchaute den liſtigen Pfafſen, dem ſelbſt das eigene Worms die Thore verſchloſſen. Als er daher an den letzten Paſſus gekommen und Friedrich nun als einen Erzketzer darſtellen wollte, brach der allgemeine Unwille wie ein Sturm los. Von allen Seiten erſchallte der Ruf: Es lebe der Kaiſer! Es lebe Friedrich! Herunter mit dem Pfaffen! Nieder mit den Königlichen! Ja die Leidenſchaft der aufgeregten Menge wuchs in ſolchem Grade, daß ſie handgemein zu werden drohte und die Söldner einen dichten Kreis um die Eſtrade und namentlich um die königliche Geſandtſchaft ſchließen mußten. Auch legte ſich das Toben derſelben nicht eher, als bis der Senior des Schöffengerichtes, der angeſehene Schöffe von Goldſtein, vortrat und Ruhe gebot. 130 Sogleich legte ſich der Lärm, worauf der ehr⸗ würdige Greis den Bürgern kund that, daß ein hochpreisliches Schöffengericht den öffentlichen Aus⸗ druck der Treue gegen den Kaiſer mit väterlicher Freude wahrgenommen, daß auch ſie einſtimmig für Friedrich ſeien und dies ſomit den Geſandten des Königs, welchen übrigens der Fürſtentag zu Regensburg ſchon ſeiner Würde entſetzt habe, er⸗ klärten. Deſſenungeachtet müſſe aber den Geſand⸗ ten das verbürgte freie Geleit, ſowie Heinrich der freie Abzug aus der Saala auf das ſtrengſte ge⸗ halten werden, wozu ſich das Schöffengericht, bei dem anerkannten Rechtlichkeitsſinn der Bürger, verſehe. Dieſe Erklärung beruhigte die Menge völlig und bei der großen Ehrfurcht, die jeder einzelne Bürger vor ſeiner Obrigkeit hatte, ward es nun auch möglich, die Geſandtſchaft zurückkehren zu laſſen. Freilich mußte dies unter ſtarker Bedeckung geſchehen; wie denn auch nicht zu verhindern war, daß mancher Spott und manches verletzende Wort bis zu den Ohren der hochedlen Herren drang. Dieſe aber knirſchten vor Wuth oder zitterten für ihr Leben. Namentlich fühlte der Junker von Ronſtädten dieſe peinliche Lage auf das ſchmerz⸗ lichſte. Die Angſt krümmte ihn ordentlich zuſam⸗ men, ſo daß er ſich in ſeinen koſtbaren Kleidern wahrhaft lächerlich ausnahm. Auch hatte er Alles, ſelbſt das ſchöne Lockenköpfchen„im Storchen“ ver⸗ geſſen und lispelte nur ſeinem Freunde unaufhör⸗ lich die Worte zu: Beim heiligen Dunſtan! am Ende werfen ſie uns noch mit Koth. Ich bitte Euch, reitet mir näher. Ich wäre des Todes, wenn ſie mein neues Kleid und meinen koſtbaren Aermel mit Koth be⸗ würfen. Dennoch geſchah jetzt, was ſich der Junker beim Hinritte ſo ſehnlichſt gewünſcht. Guda be⸗ merkte ihn; aber ſie brach bei ſeinem Anblick in ein tolles Lachen aus und rief ihren Freundinnen zu: Mathilde! Gertrude! Roſa! Schaut den Jun⸗ ker dort, ſitzt der nicht auf dem Pferde, wie ein Goldkäfer auf dem Rücken eines Elephanten? Und die Mädchen kicherten und lachten, bis die drollige Figur ihren Augen entzogen wurde. 5. Unangenehme Ereigniſſe. Der liebſte Buhle, den wir han, Der liegt in unſerm Keller; Er hat ein hölzern Röcklein an Und heißt der Muskateller! Volkslied. Das„Gedinge“ an der„rothen Thüre“ hatte bis gegen zwei Uhr Mittags gedauert. Wenmn ſich aber auch nach dieſer Zeit das Schöffengericht und die Abgeordneten in das Haus des Stadtſchulthei⸗ ßen, zum Hirſcheſſen, und die ehrſamen Bürger in ihre Wohnungen begeben; ſo dauerte es doch noch lange, bis ſich alles Volk aus der Gegend des Rathhauſes und der Saala verlaufen hatte. Ja, die Aufregung dauerte in der ganzen Stadt fort. Auch den Nachmittag wurde weder von den Zünf⸗ ten gearbeitet, noch ein Kaufladen eröffnet. Da⸗ gegen waren die Weinſtuben deſto beſetzter; auf allen Straßen ſtanden Gruppen und hier und dort ward politiſirt und geſtritten, dem Kaiſer ein Lebe⸗ — hoch gebracht oder der König als Rebell gegen Kaiſer und Vater verwünſcht. Noch ſchlimmer ſah es aber in der Saala aus. Der König wüthete und drohte in ſeinem Zorne, Alles zu vernichten, was ihm entgegen⸗ zutreten wagte. Seine Gattin ſelbſt, welche die unglückliche Wendung der Dinge neuerdings benutzt, Heinrich nachgiebig gegen den Vater zu ſtimmen, hatte, wie man ſich zuflüſterte, dieſe Kühnheit mit körperlichen Mishandlungen gebüßt. Jedermann verkroch ſich, um nur nicht dem Zorn des Herrn zu begegnen. Dabei ward die Zugbrücke aufgezogen und die Beſatzung der Ring⸗ mauern verſtärkt, ſo daß ſich mit Einemmale der königliche Palaſt in eine Feſtung verwandelt hatte. Die letzteren Maßregeln erfreuten und beru⸗ higten namentlich den edlen Junker von Ronſtäd⸗ ten, der hoch aufathmete, als er hörte, wie ſich das Hauptthor der Saala knarrend hinter ihm ſchloß. Sobald er ſich aber von dieſer Seite ge⸗ ſichert ſah, ſuchte auch er der entgegengeſetzten Gefahr zu entgehen und ſchlich ſo ſchnell als mög⸗ lich in ſein Gemach. Es lag dieſes in jenem Thurme, welcher die Pfalz in Nord⸗Oſten flankirte, und daher ziemlich abgelegen von dem Hauptgebäude. Ein Umſtand, den Ronſtädten bei der Wahl wohl im Auge gehabt, 134 da ihm, bei dem ausſchweifenden Leben, welches er führte, Alles daran gelegen ſein mußte, ſo viel als möglich unbemerkt und unüberwacht zu bleiben. In dieſes Zimmer zog er ſich jetzt zurück. Es war nach den Begriffen der damaligen Zeit äußerſt koſtbar möblirt, d. h. außer dem breiten Bett, deſſen Lade von Eichenholz in höchſt kunſtvollen Schnitzereien die Schöpfungsgeſchichte und nament⸗ lich die fatale Scene unter dem Baume des Lebens darſtellte und welches Vorhänge von ſchweren Seidenſtoffen im Alkoven bargen, fand ſich auch noch ein Ruhebett nach türkiſcher Art vor; eine Mode, die die Kreuzritter aus dem Oriente her⸗ übergebracht, welche aber nur von Fürſten oder ſonſt ungewöhnlich reichen Perſonen nachgeahmt werden konnte. Dieſem Prunkmöbel gegenüber ſtand, gegen die Wand gelehnt, ein großer metallner Spiegel, ſo blank und fein polirt, daß er alle Gegenſtände auf das deutlichſte zurückwarf und der leiſeſte Hauch ihn trübte. Der mächtige Tiſch war eben⸗ falls von Eichenholz, aber auf das zierlichſte mit Silber und Elfenbein eingelegt. Die Wände deck⸗ ten feine Gewebe und der Fußboden war mit fri⸗ ſchen duftenden Kräutern und Binſen dicht über⸗ deckt, während vor dem Ruhebette ein mächtiger 135 Bärenpelz ausgebreitet lag. Silberne Trinkge⸗ ſchirre ſtanden auf einer Art Credenztiſch und deu⸗ teten durch ihre Größe nicht nur auf Reichthum, ſondern auch auf die Trinkfertigkeit des Beſitzers. Als Ronſtädten eingetreten, war ſein erſter Gang nach dem Spiegel. Hier muſterte er ſich ſorgſam und ängſtlich von Kopf bis zu Fuß. Als er aber gewahrte, daß ſein ganzer Anzug noch unverletzt und in der gehörigen Ordnung, wichen die Falten der Stirn einer ſüßlichen Freundlichkeit, als wolle er ſagen: Ich bin doch ein hübſcher Kerl. In dieſem Momente trat des Junkers Diener, ein kleiner, unterſetzter Menſch mit einem wahren Halunkengeſichte, raſch ein. Gnädiger Herr Junker, ſagte er mit ver⸗ ſchmitztem Lächeln, den Heiligen Dank, daß ſie wieder mit heiler Haut zu Hauſe ſind; ich fürchtete um Ihr edles Leben. Ralff! entgegnete der Junker ernſt, es war auch kein Spaß. Die verdammten Städtler zogen vom Leder und wenn ich ihnen nicht durch meine kühne Haltung imponirt hätte, wer weiß, was geſchehen wäre! Und jetzt, ſetzte der Diener hinzu, ſind wir gefangen und ſitzen in der Falle. Das iſt dreifach verdammt! rief Ronſtädten. Was hab' ich nun von meinem neuen Anzug, der 136 mich ein ſo ſchmähliches Geld koſtet; ich kann mich jetzt darin höchſtens den Ratten zeigen, die zu Hunderten in dieſem alten Gelerche hauſen. Und dann die Roͤſe! Fluch und Verdammniß! ich hatte ihr auf heute einen Beſuch zugeſagt. Macht nichts! entgegnete der Diener pfiffig lächelnd, ich habe Eurer Geſtrengen für einen an⸗ deren Beſuch geſorgt. Und mit dieſen Worten ſchob der Diener die Vorhänge vor dem Alkoven zurück und die Geſtalt eines Mönches mit langem, weißem Bart ward ſichtbar. Ronſtädten trat erſchrocken zurück, indem er unwillig ausrief: Was ſoll mir der Pfaffe?! Aber noch ehe er ausgeſprochen, warf der Mönch ſein braunes Gewand und ſeinen Bart ab und vor dem Ueberraſchten ſtand ein blühendes Mädchen. Röſe! rief der Junker außer ſich vor Freude, iſt's möglich! und in ſeinen Armen lag die ſchmucke Dirne. Nicht wahr, das hab' ich pfiffig gemacht! ſagte ſie nach dem erſten heftigen Willkomm und lachte mit einer jedem feinen Gefühl widerſtre⸗ benden Keckheit. Jetzt hoff ich, ſollen Eure Ge⸗ 137 ſtrengen nicht über Langeweile während der ſauberen Gefangenſchaft klagen! Aber wie war es dir möglich, Mädchen, dich unbemerkt und unerkannt in den Palaſt zu ſchleichen? Das will ich Euch ſagen, Herr. Als ganz Frankfurt nach der rothen Thüre eilte und auch hier ſich Jeder fortſtahl, der Beine hatte, um dem Gedinge beizuwohnen, lief Ralff, der den Braten roch, weg und holte mich. Die Maske hatte ich und ſo gingen wir Arm in Arm hierher und kein Teufel ahnte, was unter der Kutte ſtak. Du biſt ein prächtig Mädel! rief entzückt der Junker. Für Euch, den ſchönſten Junker am ganzen Hofe, laß ich aber auch mein Leben! ſagte die Dirne ſchmeichelnd, ſchmiegte ſich wie eine Schlange an Ronſtädten und blickte ihn mit ihren leuchtenden, lüſternen Augen ſo verlangend an, daß dem Junker Hören und Sehen verging. Er küßte ſie feurig, gab dann Ralff einen Goldgulden als Lohn für ſeine Aufmerkſamkeit und Klugheit und befahl dieſem ſodann, für ein reich⸗ liches Mittagsmahl aus der königlichen Küche, aus welcher die Junker geſpeiſt wurden, ſowie vor allen Dingen für einen Humpen des feinſten Mus⸗ katellerweines zu ſorgen. Ralff genügte dieſem Befehl auf das pünkt⸗ lichſte. Und da heute faſt Niemand in der ganzen Pfalz gegeſſen hatte, ſelbſt der König nicht, ſo war es ihm möglich, dem Pärchen ein wahrhaft fürſtliches Mahl aufzutragen. Sobald dies geſchehen, entfernte er ſich und Ronſtädten machte ſich mit der Geliebten hinter das Eſſen, das ihnen auch Beiden trefflich ſchmeckte. Das Mädchen war nicht ohne Reiz. Schön gewachſen, zeichneten ſie namentlich üppige und vollendete Formen aus. Ihr Geſicht blühte noch in Jugendfriſche und würde ſelbſt leicht einen Beſ⸗ ſeren gefeſſelt haben, hätten nicht alle Züge eine widerliche Frechheit beurkundet. Ihr Anzug war dabei ebenſo einfach und maleriſch, als frivol. Er beſtand eigentlich nur aus zwei Hauptſtücken: einem weißen, faltenreichen Rocke, der von den Hüften an bis auf die Füße ſiel, und einem kurzen, frei⸗ lich ziemlich abgetragenen Jäckchen von grünem Sammet mit ſchmalen Pelzſtreifen beſetzt. Dies Jäckchen ſchloß knapp um die Taille und fiel dann noch in drei Theilen bis auf die Hälfte der Schen⸗ tel. Dabei ließen die kurzen und weiten Aermel die vollen Arme ſehen, ſowie es, von der Taille nach oben aufſtehend, dem entzückten Auge geſtat⸗ tete Hals und Buſen zu gewahren. Ronſtädtens Blicke machten denn hiervon auch den eifrigſten Gebrauch und da die Schöne bemüht war, ihm tüchtig zuzutrinken und ſeinen Becher unabläſſig mit dem edlen Muskateller füllte, ſo ward der Junker auch immer erhitzter, ſo daß er bald ſeines klaren Verſtandes nicht mehr mäch⸗ tig war. Aber dies hatte die ſchlaue Dirne ja gerade beabſichtigt. Willig ließ ſie ſich von dem Halb⸗ trunkenen auf den Schoos ziehen und herzen und küſſen; während aber ihre Lippen an den ſeinen hingen und ihre Arme ihn feſt und zärtlich zu um⸗ ſchlingen ſchienen, waren ihre Finger, mit Hülfe einer kleinen Scheere, die ſie unbemerkt aus ihrem Wetſcher genommen, bemüht, die ſchönſten Perlen und Steine aus dem Prachtkleide des Junkers zu löſen; was ihr auch ſo vortrefflich gelang, daß ſie in kurzer Zeit den oft beſprochenen Aermel ſeiner herrlichſten Zierden beraubt hatte. Ronſtädten ahnte nicht das Geringſte hiervon. Er ward immer luſtiger, wilder und trunkner, bis er endlich in den Armen der Dirne entſchlief. Als ihn das Mädchen ſo weit gebracht, gab ſie ein Zeichen, worauf Ralff erſchien. Mit Hülfe deſſelben durchſuchte ſie nun noch des Junkers Ta⸗ ſchen und theilte alsdann redlich mit dieſem die reiche Beute an Goldſtücken, die ſie gemacht; 140 während ſie freilich klugerweiſe von den losgetrenn⸗ ten Perlen und Steinen ſchwieg. Hierauf that ſich das edle Pärchen noch ein Tüchtiges an den Reſten der Mahlzeit und des Weines zu Gute und ver⸗ tändelte die Zeit, bis die Dämmrung hereinbrach; worauf die Dirne wieder in ihre Maske ſchlüpfte und in der Bekleidung und durch Verwendung Ralffs die königliche Pfalz verließ. Ronſtädten hingegen ſchlief bis an den hel⸗ len Tag. Als er erwachte, fand er ſich höchſt unbehag⸗ lich. Sein Kopf war wüſt und leer, auch ſchmerzte er ihn heftig und es koſtete ihn nicht wenig Mühe, ſich des Geſchehenen zu erinnern. Jetzt fiel ihm ſtückweiſe Eins nach dem Andern bei. Die leeren Becher, die Reſte der Tafel, er ſelbſt auf dem Bette— und zwar— o, welcher Todesſchreck! in ſeinem neuen Prunkkleide, das auf eine ſchmähliche Art zerdrückt und verdor⸗ ben war.. Ronſtädten ſprang mit gleichen Füßen heraus und ſchwankte nach dem Spiegel; aber wer be⸗ ſchreibt ſein Entſetzen, als er nun die ganze Ver⸗ wüſtung inne wurde, welche die Diebsfinger der Dirne hervorgerufen! Sprachlos, halb ohnmächtig, taumelte er nach dem nächſten Seſſel. Es ging Alles mit ihm im S——— 141 Kreiſe herum, er war unfähig, einen Gedanken zu faſſen. In dieſem Augenblick ſtürmten Tritte die nahe Wendeltreppe herauf und gleich darauf ſtürzte der Junker von Stein in das Zimmer. Ronſtädten! rief er haſtig. Es iſt Alles ver⸗ loren! Der Kaiſer rückt heran! Hermann von Salza iſt im Deutſchen Haus! Wir müſſen... Aber hier erſtarb ihm beim Anblick des Freun⸗ des das Wort im Munde. Um Gottes willen, was iſt Euch?! rief er alsdann dieſem nach der erſten Ueberraſchung zu, Ihr ſeid ja bleich wie der Tod und ſtarrt ſo wild umher, als ob Ihr noch mehr gehört hättet? Hier! rief Ronſtädten gedehnt, indem er dem Freunde mit verzweiflungsvoller Miene ſeinen Aer⸗ mel hinhielt, und das Weinen war ihm dabei näher als das Lachen. Hier ſchaut her! Nun? frug Jener ſpöttelnd, was iſt denn da. Blut etwa? Habt Ihr Einen im Zweikampf er⸗ ſchlagen? Erſchlagen?! wiederholte der Junker. Ja, hätte der Blitz nur die Schändliche erſchlagen! die Diebin! die Heuchlerin!... Wen denn? fiel von Stein ein. Wen?! rief Ronſtädten außer ſich. Wen an⸗ ders als die verdammte Röſe! 142 Ha! habt Ihr die hier gehabt, ſagte Jener verächtlich, indem er jetzt erſt den Schaden ge⸗ wahrte, welchen das Prachtkleid genommen, und ihm die Unordnung des Zimmers andeutete, was hier geſchehen. Ich habe Euch längſt vor dieſer nichtswürdigen Creatur gewarnt! Aber wo iſt die Elende denn hingekommen? ſchrie Ronſtädten zornig. Das weiß ich nicht, entgegnete von Stein. Wohl würde es Euch aber Ralff, Euer ſauberer Helfershelfer ſagen können, wenn er nicht drunten in der Vorhalle läge und ſo betrunken wäre, daß er den Himmel für das Schild eines Weinhauſes anſähe. Aber Ronſtädten hörte und ſah nichts mehr. Von Entſetzen faſt bewußtlos, ſtarrte er nur auf ſein Kleid, als ob das Unerhörteſte geſchehen ſei, und ſeine Mienen ſpiegelten die Verzweiflung, die ſein Innerſtes erfaßt. Dies läppiſche Weſen in einem Augenblicke, in welchem ſich die wichtigſten Dinge zutrugen und es nöthig war, alle geiſtigen und phyſiſchen Kräfte zuſammenzuhalten, um den anſtürmenden mislichen Verhältniſſen die Stirn zu bieten, ärgerte von Stein nicht wenig. Er packte daher Ronſtädten bei den Schultern, rüttelte ibn tüchtig und rief: In des Teufels Namen! So laßt denn doch nun einmal den Tand. Krone und Reich ſtehen auf dem Spiel, unſer Leben und unſere Freiheit, und Ihr denkt an nichts, als an den ſeidnen Lappen Und die geſtohlenen Perlen und die herrlichen Steine!... jammerte Ronſtädten, und die pracht⸗ volle Stickerei! Wer iſt im Stande, ſie wieder herzuſtellen? Ihr ſeid ein Weib! zürnte der Junker von Stein, ärger als ein Weib! Hört Ihr denn nicht, daß der Kaiſer mit einem ungeheuren Heere heranrückt, daß er ſchon ganz nahe iſt, daß er den Deutſchmeiſter, der ihm mit vielen ſeiner Rit⸗ ter aus Italien nachgefolgt iſt, an den König ab⸗ geſandt hat, einen letzten gütlichen Unterwerfungs⸗ verſuch zu machen? Nun ja! ſagte Ronſtädten, ohne den trüben Blick von dem Aermel zu erheben, und was dann? Was dann? wiederholte erſtaunt und heftig von Stein. Was dann?! Ich glaube, die lieder⸗ liche Dirne hat Euch mit den Perlen auch Euer Gehirn geſtohlen. Es bleiben nur zwei Dinge: entweder der König unterwirft ſich, oder nicht. Im erſten Falle wird der Vater dem Sohne ver⸗ geben; aber nicht ſo den Freunden deſſelben. Im Gegentheil, ſein ganzer Zorn wird ſich dann über uns entladen und ich ſehe ſchon den Biſchof von Worms, den Grafen von Urach, uns und den ganzen Hofſtaat des Königs an den Eichen des Reichsforſtes als Rebellen baumeln. Unterwirft ſich aber Heinrich nicht, ſo bleibt ihm nur die Flucht auf eines ſeiner feſten Schlöſſer und da kön⸗ nen wir dann ſitzen und hungern, bis wir blau und ſchwarz werden. Verflucht! knirſchte Ronſtädten, da ſitzen wir in einer ſchönen Patſche. Das kömmt davon, wenn man ſich in gefährliche Parteiungen einläßt. Kann ich doch nun nicht einmal die Diebin verfol⸗ gen. Aber, ſetzte er hinzu, wißt Ihr Herr Jun⸗ ker, was ich thue? Nun? Nun, ich will Euch beweiſen, daß die Röſe mit den Perlen nicht auch das Gehirn geſtohlen hat. Ein Narr iſt Der, welcher bei der verlieren⸗ den Partei bleibt. Ich laſſe den König im Stich und unterwerfe mich dem Kaiſer. Iſt zu ſpät! entgegnete finſter der Junker, indem er den Kopf mismuthig ſchüttelte. Hört Ihr die Trompeten von der Stadt her erſchallen? Es iſt Hermann von Salza, der aus dem Deutſchen Hauſe kommt. Ich fürchte, wir ſind verloren. Still! rief hier plotzlich Ronſtädten und Freude ſtralte aus ſeinen Angen, ich habe meinen Plan gemacht. Daß ſich der König jetzt noch ergebe, iſt bei ſeinem Charakter nicht zu erwarten.... Denkt an Margarethe. Frauenthränen ver⸗ mögen viel! Bei Heinrich nichts. Und dann der Graf von Urach und der Biſchof von Worms, die werden ſchon dafür ſorgen, daß ſich der König nicht ergibt. Es geht um ihre Kehlen. Entſchließt ſich nun Hein⸗ rich zur Flucht, ſpiel' ich bei ihm den Beſorgten, den Treuen und flehe ihn an, mir die Saala mit den Reichskleinodien, die, wie Ihr wißt, in der Krypta der Kapelle verwahrt ſind, anzuvertrauen. Heinrich mag mich leiden. Er willigt ein und wenn der Kaiſer kommt, überliefern wir, unter der Zu⸗ ſicherung ſeiner Gnade, die Pfalz ſammt den Klei⸗ nodien. Pfiffig ausgedacht! ſpöttelte von Stein. Der König wird der Narr ſein und die Reichskleinodien, an deren Beſitz der letzte Schein ſeines Rechtes hängt, in fremden Händen laſſen. Das wäre freilich verdammt! Indeſſen, fuhr Stein fort, der Plan iſt im⸗ mer nicht übel. Schon die Uebergabe der Saala muß für Friedrich von großer Wichtigkeit ſein. Freilich wäre es Verrath. Was Verrath! rief Ronſtädten. Was Du in dieſen Zeiten thuſt, ſt Verrath, entweder an dem II. 7 König oder an dem Kaiſer. Und wenn es gilt, ſein Leben zu retten, ſind alle Skrupel Unſinn. Ihr habt Recht! ſagte der Andere, und üben wir Verrath, hat uns der König das Beiſpiel dazu gegeben. Aber jetzt kommt mit zu ihm. Je größer die Maſſe der Seinen, deſto feſter wird er bleiben. Himmel und Erde wollen wir für unſere Treue verſchwören und ihn zur Unverſöhnlichkeit aus allen Kräften anreizen. Laßt mich nur ein anderes Wamms anziehen! ſagte Ronſtädten verzweifelt, indem er mit tiefer Wehmuth das verdorbene Kleidungsſtück ablegte und in einem Kaſten verbarg. Bleib' ich dann in der Saala, ſo müßte es mit dem Teufel zugehen, wenn ich die Röſe, die niederträchtige Kreatur, nicht wie⸗ der in meine Gewalt bekäme. Dann ſoll die Diebin ihren Frevel mit dem Leben büßen. Außerdem habe ich noch ein anderes Plänchen im Kopfe; doch davon ſpäter. Ja! rief Stein und klopfte den Freund auf die Schulter. Was indeſſen die Röſe betrifft, ſo wißt Ihr, die Nürnberger hängen ihre Delinquen⸗ ten erſt dann, wenn ſie ſie haben. Nit dieſen Worten verließen die Junker das Zimm er und begaben ſich zu dem König. Heinrich war eben im Begriff, den Deutſch⸗ eiſter zu empfangen. Er war bläſſer, unruhiger, 8 aufgeregter als je. Eine ſchlafloſe, in den entſetz⸗ lichſten Kämpfen hingebrachte Nacht, hatte ihn bis zum Tode ermattet. War es doch geweſen, als ob Himmel und Hölle ſich um ſeine Seele geſtritten. Bandinellus, der Graf von Urach und der Biſchof von Worms hatten alle Kräfte aufgeboten, ihn zum Widerſtande und zum Trotz aufzureizen; Margarethe dagegen ihn mit der ganzen Beredt⸗ ſamkeit der Liebe im Namen der Tugend, der Kin⸗ despflicht, im Namen Gottes und alles Deſſen, was ihm lieb und werth, unter heißen Thränen und auf den Knien beſchworen: ſich dem Vater zu un⸗ terwerfen. Welche fürchterliche Kämpfe durchſtürmten da des Königs Bruſt! Wie zerrten die Dämonen des Ehrgeizes, des ungemeſſenſten Stolzes, der Furcht und des Haſſes ſeine Seele hin und her! Und wo⸗ hin er blickte— Nacht! ſchwarze, ſchreckliche Nacht! und der peinliche Gedanke: Unterwerfung!! Unterwerfung unter den Willen des erzürnten Va⸗ ters, des beleidigten Kaiſers! Unterw erfung, ihm, dem Könige, angeſichts der Welt! Und doch wieder kaum die Möglichkeit, der Gewalt wi⸗ derſtehen u können. Sein Inneres glich einem empörten, von tau— ſend Stürmen gepeitſchten Meere, auf dem die Entſchlüſſe wie leichte Fahrzeuge tanzten, bald gen 18 148 Himmel geſchleudert, bald herniedergezogen in die ſchauerlichen Tiefen der unermeßlichen Ab⸗ gründe. Heinrich hatte, wie erwähnt, eine entſetzliche Nacht verlebt und dennoch! dennoch! ſtand kein Entſchluß in ſeiner Seele feſt; ſo daß er ſich noch immer in jenem peinlichen, in jenem unerträglichen Zuſtande des Schwankens befand, der dem Men⸗ ſchen das Daſein in Höllenpein verwandelt. Wäre er nicht grundverdorben geweſen, hätte ſich ſeiner Seele Mark nicht längſt in Haß gegen Alles verwandelt, was nicht unbedingt ihm hul⸗ digte, und namentlich gegen ſeinen Vater, deſſen Geiſtesgröße er zu ahnen nicht im Stande war: er würde der Großmuth Friedrichs vertraut, ihr durch Reue entgegengekommen ſein. Aber Reue iſt einem Gemüthe fremd, das, wie das des Königs, ſich längſt in Egoismus ver⸗ härtet, das gewohnt iſt, der ganzen Welt zu mis⸗ trauen, welches das Privilegium einer Krone und die ſüßen Lehren niedrer Schmeichler zu dem ſo unſelig als unſinnigen Glauben verleitet haben: die ganze Welt iſt für Dich geſchaffen. Der Teufel jauchzte, daß die Hölle in ihren Fugen erbebte und der Grund der Erde wankte, als der erſte König dachte, was Ludwig XIV aus⸗ ſprach:„Létat Cest moi!“ Und wie ſchwer iſt es, ſein Unrecht einzuſehen; wie viel ſchwerer noch, es öffentlich zu bekennen! Andrerſeits war Heinrich zu unſelbſtſtändig und ſchwach, um ſelbſt das Böſe conſequent durchzu⸗ führen. Er gab daher den Bitten und Thränen ſeiner Gattin wenigſtens ſo weit nach: Herrmann von Salza, den Hochmeiſter des deutſchen Ordens, den Freund und Geſandten ſeines Vaters vor ſich zu laſſen. Hier aber zeigte ſich auf eine ſchlagende Weiſe, welch' mächtigen Einfluß ein untadelhafter Charak⸗ ter auf alle Menſchen, ſelbſt auf die verdorben⸗ ſten übt. Heinrich, der dem Vater und Kaiſer ſeine Achtung verſagte, empfing den Deutſchmeiſter mit einer Art achtungsvoller Scheu; Heinrich, der taub geblieben gegen das Flehen ſeiner Gattin, gegen den Rath aller Vernünftigen und Gutgeſinn⸗ ten, erlag der leidenſchaftsloſen, offnen Zuſprache des allgemein als unparteiiſch anerkannten Ritters. Freilich bedurfte es der ganzen Beredtſamkeit Salza's, der Eindringlichkeit ſeiner Gründe, der Klarheit, mit welcher er dem König die zeitigen Verhältniſſe des Reiches auseinander ſetzte, um dieſen zu beugen. Mit Scham hörte Heinrich dem Manne, der ihm ohne Schmeichelei, aber mit Ruhe und Würde, ſein pflichtvergeſſenes Betragen vorwarf, zu, und Entſetzen erfaßte ihn, als er vernahm, daß ſich nicht nur bereits ganz Deutſch⸗ land für den Kaiſer ausgeſprochen und wie ein Mann erhoben, ſondern daß ſich auch der größte Theil der königlichen Burgen in Schwaben erge⸗ ben habe. Einem Anderen hätte der König mistraut; Salza's Wort galt allgemein als heilig. An deſſen Wahrheit war nicht zu zweifeln. Hatte doch ſelbſt Frankfurt, in dem er noch weilte, dieſem Beiſpiel Folge geleiſtet, ſah er ſich doch von allen Seiten verlaſſen, verrathen und verkauft. Aber der erzürnte Kaiſer trat auch jetzt noch nicht als Kaiſer, ſondern als Vater auf und bot durch den Deutſchmeiſter dem irrgeleiteten Sohne die Hand zur Verſöhnung dar. Er forderte durch Salza unbedingte, reuige Ergebung des Sohnes, Uebergabe aller Schlöſſer und der Reichsinſignien, wogegen er auf Kaiſerwort verſprach, den Ge⸗ fallenen wieder in Gnaden aufzunehmen und, nach der eidlichen Zuſage: allen ſtrafbaren Unterneh⸗ mungen ferner fremd bleiben zu wollen, in ſeinen Würden zu erhalten. So großmüthig dieſer Vorſchlag von Seiten des Kaiſers war, ſo bitter erſchien Heinrich die 151 Demüthigung, ſo ſchwer ward ihm die Ueber⸗ windung. Allein des Kaiſers mächtigſter Fürſprecher blieb die Nothwendigkeit. Alles war ret⸗ tungslos verloren, kein Ausweg zeigte ſich dem König mehr, keiner! wohin er auch verzweifelnd die Blicke warf. Der morſche Boden, auf dem er ſeine Verräthereien aufgeführt, ſtürzte krachend unter ihm zuſammen. Dennoch blieb Reue Heinrichs finſterer Seele fremd. Wie von Gottes Fluch getroffen, knirſchte er in ohnmächtiger Wuth und ſchwur im Innerſten ſeiner Seele Dem Rache, der ihm, ſeiner Mei⸗ nung nach, triumphirend den Fuß auf den Nacken ſetzte. Aber Satan ſah lächelnd die ingrimmige Seele und erhellte ihre Nacht durch den Blitz eines hölliſchen Gedankens. Der König ſprang entſchloſſen empor. Seine Augen funkelten wie die eines gereizten Tigers, in den zerriſſenen Zügen ſeines blaſſen Antlitzes mal⸗ ten ſich Scham und Wuth, ſeine Kniee wankten, ſeine Hände ballten ſich, ſeine Bruſt wogte müh⸗ ſam, ſeine Haare, wüſt um den Kopf hängend, ſchienen ſich zu ſträuben. So ſtand er einen Au⸗ genblick regungslos, dann ſchauderte er zuſammen, fuhr mit der Hand an die brennende Stirn und rief mit einem Tone, der Alle beben machte: 152 Wolan denn, es ſei! ich unterwerfe mich! Wie ein Donnerſchlag traf dieſer Ausſpruch ſeine Umgebung. Egeno, Bandinellus und der Biſchof von Worms ſtanden ſprachlos; Margarethe aber ſtürzte, Freudenthränen im Auge, ihm zu Füßen. Kein Wort aber wurde mehr gewechſelt. Mit einem gebieteriſchen Zeichen entließ der König den Deutſchmeiſter und ſeinen eignen Hof, ſelbſt ſeine Gattin mußte ſich entfernen. Tiefe Stille, ſchwere Beklommenheit herrſchte im weiten Palaſte. Erſt nach einer Stunde verlangte der König nach Bandinellus. Es wurde Abend, ehe dieſer aus den inneren Gemächern zurückkam. Mit ernſter und wichtiger Miene ertheilte er nach allen Sei⸗ ten Befehle.. Der Graf von Urach erſchien mit aller dispo⸗ niblen Mannſchaft im Hofe. Alle waren bis unter die Zähne gerüſtet. Eine kleine Weile ſpäter brachte man eine feſt verwahrte Sänfte aus der Kapelle, welche die Söldner ſogleich eng umgaben und ſodann auf ein Schiff brachten, das an der Südſeite der königlichen Pfalz ankerte und ſofort, ſammt der geheimnißvollen Laſt und der ganzen Mannſchaft, den Main hinunter ſchwamm. Es waren die Reichsinſignien, welche Heinrich, gegen ſein Verſprechen, nach ſeinem unerſteiglichen Schloſſe Trifels bringen ließ. Zu gleicher Zeit empfing auch Ronſtädten, der ſich kluger Weiſe mit ſeinem Vorhaben an Bandinellus gewandt, den Befehl: die Oberaufſicht über die Saala zu übernehmen. Der König ſelbſt brachte die Nacht mit dem Biſchof von Worms und ſeinem Günſtlinge Ban⸗ dinellus arbeitend zu. 7* 6. Schwefe Schlag dieſelbe Nacht Vater und Sohn. Blaſ., Wind, daß dir die Backen berſten! wüthe! blaſe! Ihr Wolkenbrüche und Hrkane, gießt, Zis ihr die Thürm' umplätſchert, Wetterfahnen Im Waſſer ſtehen! Ihr Gedankendiener, umdampfte Feuer, ihr Vorläufer Der Donnerkeile, welche Eichen ſpalten, Verſengt mein eisgrau Haupt! Du Donner, Allerſchütt'rer, platt die dicke Wölbung dieſes Weltbau's! Zerſchmettere die Formen der Natur, Vertilg“ Der Menſch entſpringt, der Undank! auf einmdl jeden Keim, woraus Shakespeare. Verſöhn' dich mit dem ew'gen Geiſt in dir! Wirf aus der Bruſt die wilden Leidenſchaften, Die dieſen Geiſt bekämpfen, unterdrücken, Erniedrigen zum Sklaven deines Bluts! In dieſer Hoffnung hab' ich ſchon vergeben. Ss kommt ein Tag, da ſchlägt das ew'ge Licht Den Nebeldunſt des ird'ſchen Lebens nieder, Dann wünſch' ich dich zu finden; fehle nicht! Auf Erden ſehen wir uns niemals wieder. Raupach. ermann von Salza hatte, glücklich über den günſtigen Erfolg ſeiner Sendung, Frankfurt noch verlaſſen und eilte nun dem ſchönen Worms zu, nach welchem der Kaiſer mit ſeinem Heere auf dem Marſch war. 5 155 Schon auf die erſte Nachricht von der Annähe⸗ rung der Kaiſerlichen hatten ſich die Söldner Hein⸗ richs von dieſer Stadt, die ſie ſeit längerer Zeit belagert, weil ſie ihre Thore dem König verſchloſ⸗ ſen, zurückgezogen; ja ein großer Theil derſelben harrte nur auf Friedrichs Ankunft, um zu demſel⸗ ben überzugehen. So konnte denn Jener ohne Schwertſtreich ein⸗ ziehen. Auchwar der Kaiſer deſſen ſchon im voraus ſo gewiß geweſen, daß er ſeinem Sohne Worms als den Ort hatte bezeichnen laſſen, an welchem der zürnende Vater das um Gnade flehende Kind erwarte. Die guten Bürger der, damals noch ſo blü⸗ henden und mächtigen, Stadt empfingen ihren rechtmäßigen Herrn, ihren großen Kaiſer, auch mit dem herzlichſten Jubel; und Friedrich würde ſich auch in ihren Mauern gewiß glücklich gefühlt haben, hätte nicht der Schmerz über den Verluſt ſeiner Eudoria und der Kummer über den rebelli⸗ ſchen Sohn ſeine Seele ſo unendlich ſchwer belaſtet. War er doch, ſeit jenem Unglückstage, an welchem er die Nachricht von dieſen beiden Ereig⸗ niſſen erhalten, ein anderer geworden. War doch, von jenem Momente an, die Freudigkeit in ihm erſtorben, die ihn ſonſt mit ſo Liebens⸗ würdigkeit umgeben. 156 Friedrich blieb Herr ſeiner ſelbſt und ſeines Schmerzes; Friedrich war vor wie nach der kühne, tapfre, edelgeſinnte Herrſcher, der große, freiſin⸗ nige Geiſt, der Vater ſeiner Völker, der Beſchützer der Künſte und Wiſſenſchaften, der gerechte Richter, deſſen Strenge in wohlthätigem Gleichgewichte mit ſeiner natürlichen Gutmüthigkeit ſtand, die höchſte Blüte und Frucht ſeines Zeitalters— aber— die lebensfriſche Heiterkeit hatte die kalte Hand des Schickſals auf immer von ihm abgeſtreift. Ein hö⸗ herer Ernſt thronte auf ſeiner Stirn und wie der Frühling der Liebe in ſeinem Inneren erſtorben und mit Eudoria's Tod und des Sohnes Empörung je⸗ des Band gelöſt war, das ihn als Menſch an die Menſchheit kettete, fühlte er ſich nun allein in der eiſigen Region des Herrſcherthums und die Zukunft, entblättert und ihres ſchönſten Schmuckes beraubt, zeigte dem Hochanſtrebenden nur noch das ſtolze Ziel, das ſich der Hohenſtaufe als römiſch⸗deut⸗ ſcher Kaiſer geſteckt. Hermann von Salza's Botſchaft linderte zwar einigermaßen ſeinen väterlichen Schmerz; dennoch aber kannte Friedrich die Menſchen zu gut, um in Heinrichs ſpäter Nachgiebigkeit etwas Anderes als die Folgen der Nothwendigkeit, keineswegs aber aufrichtige Reue zu ſehen. Ein Sohn, der einmal das Schwert nach der 157 Bruſt des Vaters gezückt, iſt der kindlichen Liche auf ewig verloren. So blieb dem Kaiſer auf Erden denn eigentlich nur ein Weſen, zu dem er ſich noch innig hingezo⸗ gen fühlte; ein Weſen, das ſein tief Innerſtes, ſeine Freuden, ſeine Schmerzen kannte; ein We⸗ ſen, an welches ihn nicht nur Dankbarkeit, ſondern namentlich die ſchmerzliche Gewißheit knüpfte, daß es ſich einſt mit ihm in gleicher Liebe zu dem glei⸗ chen Gegenſtande, jetzt im gleichen Kummer über deſſen Verluſt vereinigte, und dieſes eine Weſen war— der Narr. Gewiß! David Federbuſch, noch tief fühlen⸗ der als der Kaiſer, und weniger durch die Erfül⸗ lung großartiger Pflichten ſich ſelbſt entrückt, hatte noch mehr als Jener gelitten; zumal da ihn Eu⸗ dorias und Alexis ſchmachvolles Ende, welches die Liebe mit wohlthätiger Sorgfalt den Blicken des Kaiſers verhüllt, bekannt war. Ihm ward dabei die doppelte Aufgabe: ſich ſelbſt und ſeinen Herrn zu tröſten; eine Pflicht, der er wol unterlegen wäre, hätte ihn ſeine Aufopfe⸗ rungsfähigkeit und die unbegrenzte Liebe zu ſeinem Kaiſer nicht zu einer geiſtigen Höhe erhoben, die ihn durch ſich ſelbſt kräftigte und zum Größten fä⸗ hig machte. Seinen Haupttroſt fand er dabei namentlich in 158 zwei Dingen: in der Rückkehr nach dem lieben Vaterlande und der erhöhten Zuneigung Friedrichs. In der That verknüpfte jetzt Kaiſer und Narr ein eigenthümliches Band, das Band der in⸗ nigſten, der wahrſten Freundſchaft. Ei⸗ ner Freundſchaft, die um ſo unerſchütterlicher und tiefer begründet war, als ſie aus gegenſeitiger Achtung hervorging und der Welt ein Räthſel blei⸗ ben mußte und blieb. So vergab ſich angeſichts des Hofes der Herr⸗ ſcher nichts und wenn ſich der Narr nach wie vor in deſſen Gunſt ſonnte, ſo wußte er zu gleicher Zeit doch genau die Grenzen einzuhalten, die ihn von der Majeſtät trennten. Aber in einſamen Stunden, wenn Friedrich Wehmuth und Schmerz und die unendliche Sehn⸗ ſucht nach der ſüßen Entſchlummerten überkam, dann ſank für Beide das ſcheidende Ceremoniell und der Kaiſer lehnte wol, während David von Eudorien erzählte, das ſorgenſchwere Haupt auf des Narren Schulter und zahlte mit heißen Thrã⸗ nen der Menſchlichkeit Tribut. Und wie ein reicher Schatz erſchloß ſich alsdann Davids tiefes, empfängliches Gemüth und die treue Anhänglichkeit an ſeinen Herrn floß über wie ein ſegensvoller Born und ſein Humor ward ſanft und weich und mild, wie die unendliche Liebe. ————— 159 In einer ſolchen Stunde war es David auch gelungen, den Kaiſer dahin zu bewegen, daß er in väterlicher Milde den, für König Heinrich ſo demüthigenden Akt der Unterwerfung in ſo fern milderte, als er Jenem den Wink gab: wie von ungefähr früher als zu dem öffentlich beſtimmten Tage in Worms einzutreffen und ſomit gleichſam den Vater zu überraſchen. Dann konnte für Hein⸗ rich die Demüthigung im Stillen vorübergehen und der König bei dem öffentlichen Akte, welcher, der kaiſerlichen Ehre wegen, unerläßlich blieb, ſchon als wieder zu Gnaden aufgenommen auftreten. Friedrich folgte dieſem Winke um ſo lieber, als ihn nicht nur die Demüthigung des eignen Kin⸗ des ſchmerzte, ſondern er auch recht gut wußte, daß öffentlich gekränkter Stolz nur Haß erzeuge. Zu dem Ende ſollte wie durch Zufall ein Ritt nach Oppenheim veranſtaltet werden und ſich in der dortigen Burg Vater und Sohn treffen. Aber ſtatt daß Heinrich dies Zeichen väterlicher Milde und wohlwollenden Zartgefühls gerührt und nachgiebiger geſtimmt hätte, erzeugte es in ihm nur neuen Argwohn. Denn der ſchlechte Menſch, gewöhnt gegen Jeden falſch zu ſpielen, ſchließt von ſich auf Andere und trägt, eben in dieſer Lebensanſchauung, den Fluch des Böſen mit ſich herum. 3 160 So fürchtete Heinrich auch in dieſem Vorſchlage Verrath, wie er überhaupt ſeinem Vater, deſſen große Seele verkennend, mistraute. Indeſſen ſieg⸗ ten auch diesmal Margarethens von Oeſtreich lie⸗ bende Bitten, namentlich aber ihre Vorſtellungen: daß er auf ſolche Weiſe doch einer öffentlichen Er⸗ niedrigung entgehe. So war denn die, für dieſe Zuſammenkunft beſtimmte Zeit herangekommen und Kaiſer Friedrich befand ſich bereits nebſt dem Deutſchmeiſter, Da⸗ vid und einem kleinen Gefolge in Oppenheim. König Heinrich ward noch erwartet. Friedrichs Stimmung war indeſſen eine ſo peinliche, er fühlte ſich ſo aufgeregt, Vater und Kaiſer ſtritten ſo mächtig in ſeiner Bruſt, daß er ſich zurückzog, jene Ruhe, Feſtigkeit und Milde zu gewinnen, deren er ſo ſehr bei einer Handlung bedurfte, die ſein Inneres auf das gewaltigſte erſchüttern mußte. Auch David und Hermann von Salza fanden ſich in einer ähnlichen Stimmung, die von Minute zu Minute noch peinlicher wurde, jemehr ſich Er⸗ wartung und Zweifel ſteigerten. In ſolchen Fällen iſt ein Geſpräch über fern liegende Dinge das beſte Mittel der Beruhigung. David trat daher zu dem Deutſchmeiſter, der an einem der Fenſter der Oppenheimer Burg ſtand, unverwandten Blickes bald nach dem Rhein, bald nach der Landſtraße ſchaute und ſagte: Hoffen und Harren Macht Manchen zum Natkren! Geſtrenger Herr Ritter, wir haben deren ge⸗ nug am Hofe, bewahrt Euch Euren Verſtand, den wir ohnedies oft brauchen. Laßt uns die Zeit durch Reden um die Langeweile betrügen. Du haſt recht, David! entgegnete Salza, indem er mit der Hand über die Stirn fuhr. Mich quält die Angſt, der König halte ſein Wort nicht. Verſcheuche mir die Grillen. Erzähle mir etwas. Gevatter Deutſchmeiſter! rief der Narr, ich ſehe, Ihr ſeid auf dem Wege, meine Lehren zu vergeſſen. Ich will Euch zwar einen guten Einfall unſeres guten Herrn erzählen, merkt Euch aber vor Allem, was ich Euch ſchon oft geſagt: Wer um Jedermann weint, kommt bald um ſeine Augen. Wer kann ſein Herz bezwingen! ſagte Salza. Das Herz iſt ein Kind, entgegnete der Hofnarr, es hofft, was es wünſcht. Aber zur Sache! Als ich geſtern Abend mit dem Kaiſer ausritt, kamen wir an einem elenden Dorfe vor⸗ bei, deſſen letzte Hütte ſich von einem Hundeloch unterſchied, wie ein Haar von dem anderen. Vor 162 derſelben aber ſtand ein Bettler mit einem frechen, verlebten Geſicht. Als wir nun nahe zu ihm heran⸗ gekommen, trat er mit ziemlicher Unverſchämtheit auf den Kaiſer zu und bat ihn mit dem Bemerken um ein Almoſen: er ſei ihm verwandt. Auf welche Art? frug Friedrich. Von Adams Rippe her, ent⸗ gegnete der Bettler. Nun, ſagte der Kaiſer ruhig, ſo hole dir einen Sack. Entzückt gehorchte der Menſch, worauf Friedrich ihm einen Weißpfennig mit den Worten hineinwarf: Geh nun weiter und laß dir von Jedem deiner derartigen Verwandten einen Pfennig geben, ſo wirſt du bald ein reiche⸗ rer Mann ſein, als ich es bin. Und ſomit ritt er davon. Das war eine gute Lehre für den Bettler; mit etwas weniger Unverſchämtheit wäre er wol beſſer hinweggekommen. Da wir von Unverſchämtheit reden, ſiel hier David ein, wie iſt es, ſind keine Nachrichten von Vineis eingelaufen? Doch, entgegnete der Deutſchmeiſter, er hat ſeinen Lieblingsplan, den Kaiſer an die ſchöne Iſabelle von England zu verheirathen, jetzt ſo weit ins Werk geſetzt, daß England, Frankreich und ſelbſt der Papſt damit einverſtanden ſind. Es be⸗ darf nur noch der Hauptſache, der Zuſtimmung Friedrichs. Die ſoll ich denn zu erlangen ſuchen, * wozu mir das engelſchöne Bildniß der Prinzeſſin beigelegt wurde. Ich wagte indeſſen um ſo weniger dem Kaiſer in der jetzigen Stimmung mit dieſem Projekte zu kommen, als er es ſchon öfter entſchieden abgelehnt. Ob er nicht recht hat? frug David. Ich habe ihm ein Reimlein gelehrt, das heißt: Wer will haben zu ſchaffen, Der nehme ein Weib Und erzürn' einen Pfaffen. Und dennoch! fuhr Hermann fort. Ich glaube Vineis hat mit dieſer Ehe nicht ganz unrecht. So wenig ich die Liebe und die Ehe kenne, ſo froh ich bin, daß mich kein ſolches Band an die Scholle feſſelt, ſo möchte doch das projektirte Bündniß nicht nur ſtaatsklug, ſondern wol auch gut für Friedrich ſein. Sein gefühlvolles, gerade in den letzten Tagen ſo ſcharf verwundetes Herz, bedarf der Liebe zu ſehr. Eine treue Gattin würde ihm die Einſamkeit ſeines Daſeins verſüßen und ihn vor Abwegen, auf die ein ſo feuriger und poetiſcher Kopf gar leicht geräth, bewahren. Guter Wein und ſchöne Frauen ſind zwei ſüße Gifte! meinte der Narr, und ein Freund iſt beſſer als ein Verwandter. Wen ſoll ein ſo mächtiger Fürſt zu ſeinem wahren Freunde erheben? frug Salza. Etwa ſei⸗ nen Miniſter? 164 5 Fehlgeſchoſſen! rief der Narr kopfſchüttelnd, der König müßte noch geboren werden, der ſeinen Miniſter leiden kann und wäre der Letztere auch ein Gott. Glaubt mir, Herr Ritter, ſo ſehr Friedrich den ſtaatsklugen und gelehrten Vineis ſchätzt, ſo wenig mag er ihn leiden. Eine ſonder⸗ bare Beklommenheit ergreift ihn und mich in des finſteren Mannes Nähe, nur daß ich mir dies Ge⸗ fühl, meinetwegen dieſe Schwäche, geſtehe, der Kaiſer ſie aber zu unterdrücken ſucht. Dies weiß der Kanzler recht gut; allein er iſt klug genug, auf perſönliche Gnade auch gar nicht loszuſteuern. Er dient mehr der Idee des Kaiſerthums als dem Kaiſer ſelbſt. Ich halte ihn dennoch für einen treuen Diener, ſagte der Deutſchmeiſter, und für den geſcheiteſten und einſichtsvollſten Kopf in Friedrichs Reichen. Schlau iſt er, rief der Narr, dies iſt gewiß; wäre er nur weniger finſter und ſtolz und kein ſol⸗ cher Egviſt. Einem Egviſten iſt nie ganz zu trauen; denn ihm iſt nichts heilig, als ſein liebes Ich. So kann denn auch Vineis keinen Menſchen leiden, der in des Kaiſers Gunſt ſteht; am wenigſten duldet er gute Köpfe, die er höchſtens wie Aerzte ge⸗ braucht, um ſie in gefährlichen Kriſen zu Rathe zu ziehen. Ich kenne dabei recht gut ſeine Marime: Gute Köpfe, meint er, tauchen nicht zu Hofämtern, da ſie zu ſelbſtſtändig und keine Handlanger ſind. Als Miniſter ſo gut, als wie äls Egoiſt, beides vereinigt ſich meiſt in einer Perſon, will er ganz allein regieren und ſeine Ideen ohne allen fremden Zuſatz geltend machen und ausgeführt wiſſen, und dies kann denn freilich nur geſchehen, wenn er Maſchinen ſtatt Menſchen um und unter ſich hat. In gewiſſer Beziehung mag Vineis doch auch hier nicht unrecht haben, meinte Salza. Jemehr Köpfe, deſto verſchiedenere Meinungen. Allerdings! rief Federbuſch. Zu viele Köche verſalzen die Suppe und um Alles in der Welt nur keine zwei geniale Köpfe in ein Collegium! denn die zerbeißen ſich unter einander wie zwei Hähne auf einem Miſt. Aber auch das Kind nicht mit dem Bude ausgeſchüttet! Vineis macht es aber mit dem Staate, wie jener Arzt, der ſeinen Pa⸗ tienten von überflüſſigen Säften heilte und ihm dafür die Schwindſucht gab. Er nimmt die Thor⸗ heiten weg, die das Land verderben, entzieht ihm aber zugleich ſeine beſten Kräfte. Das Beſte bei der Sache iſt, daß ein ſolch kluger Miniſter, unter einem ſolch hellſehenden und kräftigen Herrſcher ſteht... Der ihm gehörig auf die Finger ſieht, ergänzte David. Es gibt dreierlei Staatsdiener, ſolche, welche dem Staate dienen, ſolche, die zum Staate „ 166 dienen, und andere, denen der Staat dient, näm⸗ lich: ſich zu bereichern. Zu den Letzteren g gehört unſtreitig auch Signor Pietro de Vineis, der, ehe ihn der Kaiſer erhoben, ſammt ſeiner Familie arm wie eine Kirchenmaus war, während der gute Mann jetzt, nebſt ſeinen Brüdern Tomaſo und Tafuro, ſteinreich iſt. Und die Heirath mit Eng⸗ land, nun, auch bei Vineis gilt das bekannte Sprichwort: in Rom beſtehen die zehn Gebote nur aus den zehn Buchſtaben: Da pecuniam, gib Geld! Mag dies Alles ſein, entgegnete Salza, was kümmert's uns, wir Beide beneiden den Kanzler nicht um ſeinen Mammon und denken wol in Be⸗ treff Friedrichs gleich: Hie Waiblingen! des Kai⸗ ſers Wohl über Alles! Hie Waiblingen! wiederholte David tt des Kaiſers Wohl über Alles! Der Deutſchmeiſter reichte dem Narren Hand und ſagte, von deſſen aufrichtiger Begeiſt⸗ rung ergriffen: Ihr wißt, David, ich bin kein Freund der Mode, Hofnarren zu halten und mag Narren ex officio nicht leiden. Bei Euch mache ich aber eine Ausnahme, denn Ihr ſeid ein treuer, uneigennütziger Diener und bergt unter Guggel und Kragen einen geſunden Verſtand und ein gu⸗ tes Herz. Thue das Gute, Wirf es ins Meer, Weiß es der Fiſch nicht, So weiß es der Herr! trillerte der luſtige Rath. Ein eben ſo ſchlechter Vers als tiefſinniger Spruch. Wer aber in der Welt gehörte der Narrenzunft nicht an! Ich bin nur des Kaiſers Narr, aber der Kaiſer iſt der Narr für die ganze Welt. Was ſind denn Könige anders, als herausgeputzte Sklaven von Milliv⸗ nen? Meine Narrenkappe iſt ſo leicht, wie die Börſe eines Windbeutels und das Gehirn eines Gecken. Ich kann ſie daher zierlich ſetzen, aber nur der Teufel oder ein Hohenſtaufe vermag die deut⸗ ſche Kaiſerkrone mit Würde zu tragen. Kronen drücken das Haupt; darum ſchiebe ich auch gern das weiche Kiſſen der Liebe zwiſchen ſie und den Träger. Ebendarum! rief Salza, ebendarum möchte die Heirath mit der an Tugend, Schönheit und Liebenswürdigkeit ſo reich begabten Iſabelle von England doppelt zu wünſchen ſein. Herr! entgegnete Federbuſch, ich kannte im Kreuzheere einen deutſchen Reitersmann, einen ehrlichen, aber armen Kerl, der nichts hatte, als ſeine Waffen, ſeine deutſche Biederkeit und einen alten, ſchlechten Gaul. Aber ſein Herz hing an dem Thier und er und ſeine Lieſe waren Eins. + 168 Er ſprach mit ihr wie mit einem Menſchen; ſie hatte ſtets beim Nachtquartier den beſten Platz; fehlte es an Nahrung, ſo hungerte er, damit die alte Lieſe nicht darbe, kurz ſie waren ein Herz und eine Seele. Wie es nun aber ſo im Leben kommt, der alten Lieſe ging es wie ſo manchem Menſchen: ſie ging nämlich nicht mit der Zeit fort, ſon⸗ dern mit der Zeit fort, d. h. ſie wurde bei einem kleinen Gemetzel von den Feinden erſtochen. Der Reitersmann war untröſtlich. Da ihn aber der Kaiſer als einen braven und tapfern Krieger kannte, dauerte er ihn doppelt, ſo daß er ihm ein präch⸗ tiges Pferd aus ſeinem eigenen Marſtall ſchenkte. Der Reitersmann nahm das koſtbare Thier dankbar an, pflegte es auch ſorgſam, aber wenn er es fütterte oder putzte, kamen ihm doch die Thränen in die Augen. Er dachte eben immer an die alte Lieſe und hätte gern hundert ſolch ſchmucker Pferde hergegeben, hätte er ſein Thier damit wiederer⸗ faufen können. Eſſen und Trinken ſchmeckten ihm nicht mehr und nach ſechs Wochen war er todt. Sein Herz hatte zu treu an der alten Lieſe gehangen. David hatte dieſe Parabel mit einer Naivetät und Weichheit vorgetragen, die ſelbſt den ruhigen Salza erſchütterten. Er ſchwieg einige Minuten und Federbuſch ſchaute zum Fenſter hinaus und hiß, ſeinen Schmerz zu bewältigen, ſo mächtig in 169 den Stiel ſeines Narrenkolbens, daß die Zähne eine tiefe Spur im Holze zurückließen. Nach einer Pauſe ſagte der Deutſchmeiſter endlich ernſt: David, ſagt mir offen, was Ihr von der projectirten Heirath haltet? Ich wünſche ſie, entgegnete der Narr, aber ich zweifle, daß Friedrich darauf eingehen wird. Er iſt ein Hohenſtaufe! verſetzte Salza. Sinnlichkeit und Liebe ſind ſo verſchieden, wie eines Pfaffen Wort und Lebenswandel, und ein ge⸗ knickter Aſt verdorrt, ſagte Federbuſch. Mir we⸗ nigſtens ging es wie dem Reitersmanne. Doch möchte hier bei dem Kaiſer ein großer Unterſchied ſein, verſetzte Salza; der Reitersmann hatte nichts auf der Welt als ſeine Lieſe, der Kaiſer aber iſt der lebendige Ausdruck einer Idee, für die er lebt und ſtirbt. Seine große Aufgabe iſt, dieſe Idee zu verwirklichen, an ſie ſein Leben zu ſetzen. Unverrückt, feſten Schrittes, verfolgt er die Bahn des Ruhmes und der Größe und kann daher die Blumen der Liebe, die an ſeinem Wege blühen, nur pflücken, um ſich durch die Fülle ihrer Schönheit, den ſüßen Duft ihrer ſtillen Tugenden neu zu kräftigen zum ungeheuren Werke. Nicht aber darf das Welken einer ſolchen Blüte, und wäre ſie die ſchönſte, die köſtlichſte unter der Sonne, 8 17⁰ ein Herz brechen, das eine Welt zu umſchlie⸗ ßen hat.„ Gevatter Deutſchmeiſter, entgegnete David, nehmt mirs nicht übel, aber Ihr redet von der Liebe, wie der Blinde von der Farbe. Das Herz eines Kaiſers und das eines Bettlers freſſen einſt die Würmer. Der Tod iſt ein ſchwarzes Kameel, das vor jeder Thüre niederkniet, und die Liebe ein Tyrann, der weder die purpur⸗ noch die erzbe⸗ deckte Bruſt, weder das Prieſterkleid noch die bunte Narrenjacke reſpectirt. Aber horcht! was iſt das?! ich höre Pferdegetrappel, der Thorwächter ruft an! Gelobt ſei die Furie der Furcht, das iſt unſer Ab⸗ ſalon! In der That zog in dieſem Augenblick König Heinrich in der Burg von Oppenheim geräuſchlos ein. Ihm folgten Gattin und Kinder und ein ſtar⸗ ker Zug Reiſige. Ergreifend war das erſte Zuſammentreffen von Vater und Sohn, dem nur die Königin Marga⸗ rethe beiwohnte. Aber nicht den römiſch⸗deutſchen Kaiſer, vor deſſen Zürnen die Welt bebte, nicht den beleidig⸗ ten Monarchen zeigte Friedrich dem rebelliſchen Kö⸗ nig, nein! mit väterlicher Liebe, mit mildem Ernſte trat er dem reuigen Sohne entgegen, der nebſt ſeiner Gattin ſich ihm zu Füßen warf. 6 171 Gnädig beugte ſich der Kaiſer nieder, die Königin, die in Thränen ſchwamm, aufzuheben, und mild und liebevoll zog er ſie an ſein Herz und rief tief bewegt: Kommt hierher Tochter, iſt der Platz für ein gutes Kind! Und Margarethe hob ihre ſchönen Augen zu ihm auf und flehte mit Wort und Blick um Gnade und um Vergebung für ihren Gatten. Friedrich war tief erſchüttert, ſein liebevolles Herz ſchlug groß, wie das eines Gottes. Lag ihm nicht ſein Kind, lag ihm nicht Deutſchland zu Fü⸗ ßen? ſein Sohn, für deſſen Größe er lebte und kämpfte? ſein Heinrich, dem er einſt ſterbend ſie— ben Kronen und mit dieſen die Weltherr⸗ ſchaft zu übergeben gedachte? Freilich durchzuckte ihn ein zorniger Schmerz, wenn er dachte, daß gerade dies Kind, auf das er alle ſeine Größe zu häufen beabſichtigt, ihn misverſtehe, ſich und ſeine Zeit nicht erkenne und ſtatt von dem Geiſte der Hohenſtaufen durchflammt zu ſein, ſtatt ihm, bei dem Rieſenwerke hülfreich die Hand zu bieten, ſich undankbar von ihm ab⸗ wende, rebelliſch ſelbſt die Hand nach des Vaters Krone ausſtrecke. Aber die Stimme der Natur übertäubte die gerechte Entrüſtung. Die Augen des Kaiſers netzten 8 172 Thränen der Milde; denn ſein großes Herz fühlte ja, was es Heinrich, was es einem König, einem Hohenſtaufen koſten mußte, das Knie zu beugen und um Gnade zu flehen. Und er reichte Heinrich die Hand und ſprach: Steh' auf, mein Sohn! Du bereueſt, ſo ſei dir denn vergeben! O wie göttlich, wie erhaben ſtand Kaiſer Friedrich in dieſem Momente da! Die Majeſtät des Herrſchers, die Liebe eines Vaters und die Geiſtesgröße eines Weiſen verklärten ihn und wandten um ſein Haupt die Glorie der Unſterb⸗ lichkeit. Und Heinrich?!....% Lege an den Fuß des rebenumgürteten Veſuves, an dem ſich die Paradieſes⸗Gärten eines ewigen Frühlings hinanziehen, die unabſehbaren Sand⸗ wüſten Aſiens; ſchaue hier den herrlichſten der Berge, in deſſen unergründlichen Schlünden ein ewiges Feuer brennt, Tod und Vernichtung ver⸗ breitend im zornigen Ausbruch und doch auch wie⸗ der mit ſeiner ſegensreichen Glut die köſtlichen Lacrimae Christi zeugend— ſchaue! wie majeſtã⸗ tiſch die ſonnvergoldeten Wolkenſäulen aus ſeines Kraters Tiefen ſenkrecht in die blauen Lüfte ſteigen und doch an ihm hinauf Orangenwälder grünen, und wie ſein feuriger Boden all den Segen einer 173 überſchwenglich- üppigen Natur den glücklichen Menſchen in den Schoos ſchüttet: und blicke dann auf die Sandwüſten ohne Ende, ohne Erhabenheit, ohne den leiſeſten Schimmer einer Vegetation. Hier das Bild großartigen, ſegenreichen Lebens, dort eine beklemmende, unfruchtbare Oede, über die der Tod hinfährt im heißen, verſengenden Sa⸗ mum. Hier überreiche Fülle liebender Natur, Freundlichkeit gepaart mit Hoheit, Milde mit Größe— und dort die ſchrecklichſte Starrheit, die entſetzlichſte Leere, die grauenhafteſte Verdammniß! Dies das treue Bild des Kaiſers und ſeines im Staube knienden Sohnes. Aber! über Aſiens Wüſten liegt, einer Sage nach, der Fluch Gottes. Und wie, ſchauerlich, aus des todten Meeres Tiefen die Trümmer einſt blü⸗ hender Städte blicken und ſeit dem Tage, an dem der Satan Jeſu dort verſucht, der Hölle Geiſter da ihr Weſen treiben, ſo auch waren in Heinrichs Bruſt Gefühl und längſt wäh⸗ rend des Gewiſſens Furien ſich den Weg zu ſelnem Herzen gebahnt und hier, im finſteren bi des Böſen reiche Saaten ſtreuten! Heinrich erhob ſich auf des Vaters Wort, al⸗ lein ein Blick des Kaiſers in das bleiche, verlebte Angeſicht des Sohnes, das ungerührt und kalt, nur finſteren Trotz zeigte, ſtatt Reue, verrieth ihm augenblicklich den Seelenzuſtand des Königs. Er bebte ſichtbar zurück, faßte ſich aber ſogleich wieder; denn ſeine edle Denkungsweiſe vermochte nicht zu begreifen, wie ein Kindesherz in dieſem feierlichen Momente hart, kalt und reulos bleiben könne. Der reichſte Quell der Liebe und Verſöhnung ſpru⸗ delte ja in ſeinem Innern warm auf und ließ ihn hoffen, die Eisrinde zu ſchmelzen, die Stolz und Egvismus um ſeines Kindes Herz gezogen. Mein Heinrich! ſagte er daher in mildem Tone, ich fühlte die peinliche Lage, in welche dich deine Ungeduld, dein wilder und ſtolzer Charak⸗ ter und gewiß hauptſächlich ſchlechte Räthe und elende Schmeichler geſtürzt, mit dir und darum beſchied ich dich allein hierher, den Sohn zum Vater, nicht den Rebell zum Kaiſer. Stets hat die Natur das Vorrecht, darum verſöhne zuerſt das Herz des Vaters. Haſt du erſt als Kind Ver⸗ gebung, wird es dem König leichter werden, dem Kaiſer die Genugthuung zu geben, die ſeiner Krone, ſeiner Ehre werden muß. Ich habe gethan, was Eure Majeſtät verlangt, entgegnete finſter der Angeredete, ich that ſogar mehr als einem gekrönten Haupte, als einem Ho⸗ henſtaufen ziemte: ich habe mich im Staub vor Euch gebeugt. Nicht das Knie will der Vater gebeugt ſehen, 175 fuhr der Kaiſer fort, ſondern Herz und Sinn. Empörung des Vaſallen gegen ſeinen Herrn iſt Felonie, Empörung des Kindes gegen ſeinen Vater iſt mehr, iſt eine That ſo ſchwarz wie Nacht, iſt— doch ich will darüber ſchweigen, denn du biſt ja gekommen und das zeugt von Reue. Bringſt du aufrichtige Reue mit, ſo geb ich dir mein Wort: es iſt verziehen! Reue ſetzt Unrecht voraus, entgegnete der Kö⸗ nig, ehe ich alſo Reue fühlen könnte, müßte ich des Unrechts überwieſen werden. Des Unrechts überwieſen!? wiederholte der Kaiſer halblaut und ſeine Blicke maßen ſtaunend den Verſtockten. Iſt Ungehorſam gegen den Va⸗ ter, Empörung gegen den Kaiſer, iſt heimliches Verſchwören hinter ſeinem Rücken kein Unrecht? Ich handelte im Recht! fuhr Heinrich fort. Was mir gebührt und Ihr mir ungerecht verſagt, eine freie, unabhängige Krone wollte ich mir er⸗ ringen. Biſt du nicht deutſcher König? Ich bin ein Hohenſtaufe und liebe daher nicht eitlen Schein. Als Deutſchlands König, bin ich nur des Kaiſers erſter Vogt. Gebt mir die Krone von Neapel und Sicilien, die Ihr mir zugeſagt, die mein iſt nach Eurem eignen Schwur, und Alles iſt entſchieden und beigelegt. Heinrich! rief hier der Kaiſer vor Staunen ſtarr, hör' ich recht? Biſt du mein Sohn? Hein⸗ richs VI Enkel, des großen Barbaroſſa's Spröß⸗ ling, ein Hohenſtaufe? Ich fühl' ſo was in meinem Blut! entgegnete der König gereizt. Du irrſt, du irrſt! rief der Kaiſer heftig be⸗ wegt, deine Mutter hat mich hintergangen! Des Adlers Brut, die ſucht kein Sperlingsneſt! Kein Hohenſtaufe ruft: Hie Welf! Der Geiſt des Bar⸗ baroſſa weht durch ſeines Stammes Sproſſen und von dem Ahn auf Sohn und Enkel erbt ſich die eine große Idee, die eines allmächtigen Kaiſer⸗ reichs fort! Stolz bereitete einſt ſelbſt den Fall der Himm⸗ liſchen! entgegnete Heinrich und dieſe übergroße Idee wird Walblingen vernichten. Deutſchland iſt groß durch ſich und mächtig, bildet es ein eignes Reich in eines Mächt'gen Hand. Dies unſelige Ausbreiten der kaiſerlichen Macht aber, eben dies wird es ſchwächen. Wie mag eines Herrſchers Auge Paläſtina, Neapel, Sicilien, ganz Italien, die Lombardei, Sardinien, Corſica, die Provence, Lothringen, Brabant, Deutſchland, Böhmen und Mähren überſchauen und regieren? Iſt der Kaiſer im Süden, erheben ſich die eiferſüchtigen Vaſallen im Norden; eilt er dem Nordpol zu, ſo ſteht der * Süden auf und unter ewigem Kampf bereichern ſich die Großen und bilden ihre Macht aus, bis ſie dem Kaiſer gewachſen ſind. Ich denke, Waib⸗ lingen hört noch den Leu von Braunſchweig brüllen. Wenn erſt der Kampf mit Rom gewonnen, verſetzte der Kaiſer mit Hoheit, regiert das Zucken meiner Augenwimpern die Welt. Und warum dieſer unheilſchwere ewige Kampf mit Rom? rief Heinrich. Man antworte dem Papſt nicht mehr, man bekümmere ſich nicht mehr um ſein hohles Gewäſch und er iſt nichts als ein ſalbadernder Pfaffe! Bekümmere dich ums Unkraut nicht und es wächſt dir über den Kopf, du mußt es auszjäten, willſt du Ruhe vor ihm haben. Nein! nein! Du kennſt das Ziel der Hohenſtaufen nicht. Iſt mir es denn um ein elend Läppchen Land zu thun, etwa um Neapel und die Lombardei? Nein, Heinrich, die Herrlichkeit der Hohenſtaufen herzuſtellen ſind Wir gewillt, ein römiſch⸗deutſches Kaiſerreich, ein Weltreich zu gründen, wie es einſt Rom geſehen, das groß und ſtolz und mächtig emporragt, hoch! über alle Reiche dieſer Erde. Wir ſind der deut⸗ ſchen Ehre mächtige Vertreter, die Vorkämpfer für eine neue Zeit, die ſich der Geiſtesfeſſeln zu entledigen ſtrebt. Zertreten müſſen wir daher vor allen Dingen die Anmaßungen der Kirche. Du ſagſt es ſelbſt: der Papſt iſt nur ein Prieſter, kein Regent, ein Menſch wie wir, ſchwach, fehlerhaft und menſchlichen Gebrechen unterworfen. Ein un⸗ verſchämter Frevel iſt daher die Anmaßung der Göttlichkeit. Kein Menſch iſt Gott, am wenigſten ein Mann, der, ungöttlich genug, die Finſterniß verbreitet und das Licht verfolgt. In die Schran⸗ ken ſeines Amtes ihn zurückzuweiſen, die Anmaßung: als ſtände er über Uns, zu zertreten, 6 Unſere Aufgabe. Da aber die Lombardei des Vaticanes Bollwerk iſt und durch ihren und Neapels Beſitz der Kaiſer den römiſchen Biſchof in den Händen hat, ſo müſſen beide Lande für ein und alle Zeit untheilbar dem deutſchen Reiche angehören. Be⸗ griffeſt du dich und deine Zeit, bei Gott! du würdeſt dies erkennen, dein Geiſtesauge würde für Deutſchland eine große, herrliche Zukunft tagen ſehen, du würdeſt mit mir vereint den Kampf um Geiſtesfreiheit kämpfen und nicht, wie jezt, mir hemmend in die Arme fallen! Ich kenne meine Zeit! erwiderte v König, doch Ihr eilt ihr voraus und ſeid ihr dadurch fremd. Auch werd' ich nie die Hand zu ſolch über⸗ menſchlich großen Plänen bieten. Gebt mir, was mir gebührt, Neapel und Sicilien und. Kein Wort hiervon! entgegnete gebietend der Kaiſer, Mapel und Sicilien verbleiben dem Reich. Was willſt du jetzt mit ihnen? Du, einſt des Kaiſers Erbe, Erbe all der Größe und Macht, die deine Ahnen mit ihrem Leben erkauft! Durch⸗ bebt dich nicht ein heilger Schauer, denkſt du der Zukunft, die dir winkt? Möchteſt du lieber wie ein ungeduldig Kind der ſanften, ehrenvollen Vor⸗ mundſchaft des Vaters entlaufen, ſtatt einſtens ſeine ſieben Kronen zu erben und aufzugehen— ein neuer, ſchönrer Stern für deine Zeit? Ich will... Du gehorchſt! unterbrach hier ſchnell der Kai⸗ ſer ſeinen Sohn und ſein Antlitz ward finſter. Ich hoffte dich reuig und offen zu ſehen und vertrauens⸗ voll ſchloß ich mein Herz dir auf, aber kalt und verſtockt beharrſt du, wie es ſcheint, in deinem Fehl und willſt ſelbſt meine milden Worte nicht verſtehen. So muß der Vater ſchweigen und der Kaiſer ſprechen. Wir haben unſre Zeit und Lebensaufgabe wohl geprüft und wiſſen daher auch beide richtig anzu⸗ ſchlagen. Glaubt Uns, Herr König, von den Höhen des Kaiſerthrones ſieht man weiter als von Eurer Pfalz. Wir wiſſen es, der Verfall eines Staates iſt gewiß, ſobald derſelbe einz ig auf den äußeren Anſchein von Größe und auf fremde Hülfe baut, die Augen über die eignen Mängel zudrückt und die Thätigkeit vernachläſſigt, der er ſeine 180 Größe verdankt. Wer aber darf ſich rühmen, Un⸗ ſere Pläne zu ergründen? Iſt erſt Rom in ſeinen natürlichen Wirkungskreis zurückgedrängt und Ita⸗ lien dem Reich geſichert, dann wenden Wir Uns Unſerm Deutſchland zu, für deſſen Freiheit und Wohlfahrt, für deſſen Ehre und Größe Wir in Welſchland gekämpft. Dann gibt es nur einen Feldruf: Hie Waiblingen! und nur einen Herrn. Dann ſetzen Wir dem raubgierigen Adel, den nimmerſatten Großen den Fuß auf den Nacken und heben den edlen Bürgerſtand durch Kunſt und Wiſſenſchaft, durch Zunft und Handel. Mit Schif⸗ fen beſcen Wir das unfruchtbare Meer und Deutſch⸗ lands Flagge trage Deutſchlands Ruhm von Oſt nach Weſt, vom Nordpol bis zum Südpol. Ein großes, reiches Vaterland erzeugt Gefühl für Nativnalität. Und wollen Wir dieſe nicht Unſrem Volke gerade ja erſtreben? Deutſchland zerſplittert, hält es nicht Unſer Arm allgewaltig zuſammen. Schon theilt man ſich, ja ſchimpft ſich: Oeſterrei⸗ cher, Baier, Schwabe, Badenſer, Lothringer, Braunſchweiger, Sachſe. Wir wollen, daß Jeder ſtolz auf den Namen Deutſcher ſei, Wir wol⸗ len dem Volke das Gefühl für Nationalehre, die Ueberzeugung einflößen, daß ihm unter den Völ⸗ kern der Erde die erſte Stelle gebühre: durch ſeine Lage im Herzen Europas, durch ſeine Bildung, 181 durch ſeine Zahl und durch die Tiefe ſeines Cha- rakters. Germania a germinando nomen acce- pit! Mein deutſches Volk ſei ein Volk von Brü⸗ dern, groß, reich und mächtig durch ſeinen Fleiß und durch Geſetzlichkeit; unüberwindlich aber durch der Eintracht Band!— Der Kaiſer ſchwieg hier be⸗ geiſtert von dem Gedanken einer ſo glorreichen Zu⸗ kunft, ſeine Augen blitzten in edler, ſtolzer Freu⸗ digkeit und das Einſt ward ihm zum frohen Jetzt. Da trafen ſeine Blicke plötzlich auf den König, der kalt und finſter vor ihm ſtand, den Ingrimm ſeiner Seele kaum verbergend. Und ein unendlicher Schmerz durchzuckte ihn, denn er ſah, daß Der, auf den er alle Herrlichkeit der Hohenſtaufen ver⸗ erben wollte, den er in ſeinen Träumen ſchon als den Vollender des begonnenen Rieſenwerkes geſe⸗ hen, ihn nicht verſtand, ihn nicht verſtehen wollte, ſich nicht zu ihm erheben konnte. Nun! rief er in wildem Schmerz, faßt dich denn gar nichts an? ſchäumt dir das Blut bei dieſen Plänen nicht zum Zerſprengen durch die Adern?. Die Pläne Eurer Majeſtät ſind ſehr groß, ſehr edel und ſehr ſchön! antwortete faſt ironiſch der Gefragte, nur fürcht ich, ſcheitern ſie durch ihre eigne Größe. Indeſſen iſt ſich Jeder ſelbſt der Nächſte und Klugheit der Regenten Pflicht. Es 182 gibt ein Sprichwort, das da heißt: Ein Sperling in der Hand iſt beſſer als eine Taube auf dem Dache. Der Meinung bin ich auch, und da Eure Majeſtät nur funfzehn Jahre älter als ich, ſo könnte die Herrlichkeit des Kaiſerreichs leicht nie⸗ mals an mich kommen. Friedrich erblaßte, faßte ſich aber ſogleich wie⸗ der und ſagte mit tiefer, faſt zitternder Stimme: Dies alſo iſt deine Kindesliebe? Du kannſt nicht warten, bis dein Vater todt iſt! Du zählſt die Stunden, bis dies feſte, dir zu feſte, Leben wankt? O! jetzt hab ich dich erkannt, ich hoffte, dein Fehler ſei ungezügelter Stolz, misverſtand⸗ ner Thatendurſt, aber, du biſt ein armer, eng⸗ herziger, egviſtiſcher Wurm! Mein Herr und Kaiſer! fuhr hier Heinrich auf und die geballte Hand zuckte unwillkürlich nach der Bruſt. Aber Margarethe von Oeſterreich, die gefolgt, fiel nuſh dem ien in die Arme und rief: Mäßigung, mein Heinrich, es iſt dein Vater, der zu dir ſpricht. Ich bin ein Hohenſtaufe und ein König! an⸗ gegnete dieſer heftig, indem er die Gattin zurück⸗ zudrängen ſuchte, und werde meine Ehre zu ver⸗ theidigen wiſſen. 5 6 Aber der Kaiſer richtete ſich hoch empor und rief mit Donnerſtimme. Schweige Rebell und zittre vor deines Kaiſers Zorn! Dem Vater und dem Kaiſer zu gehorchen, dies iſt deine Ehre! Gnade! flehte Margarethe zu Friedrichs Fü⸗ ßen. Mein hoher, kaiſerlicher Herr, habt Nach⸗ ſicht! hört nicht auf ihn, er iſt gereizt, er ſpricht im Zorn! das harte Schickſal treibt ihn zur Ver⸗ zweiflung! Glaubt mir, der treuen Gattin, die ſeiner Seele tiefſte Tiefen kennt, er liebt, er ehrt Euch doch, nur Schmeichler, ehrgeiz'ge, falſche Menſchen haben ihn verführt! Gönnt ihm Zeit, ſich zu beruhigen und er wird gern die milde, vä⸗ terliche Hand ergreifen, die ihm der Vater beut! Margarethe hatte dieſe Worte raſch und angſt⸗ beklommen ausgeſtoßen, indem ſie des Kaiſers Kniee heftig umſchlang, obgleich ſie ihr Gatte em⸗ porzuziehen ſuchte und zähneknirſchend rief: Steht auf, Margarethe! Nicht ziemt es einer Königin, im Staub zu knieen, am wenigſten vor dem Tyrannen deines Gatten. Aber das arme, geängſtete Weib ließ nicht nach, bis ſie Friedrich ſelbſt aufhob. Erhebt Euch, meine Tochter, ſagte er dabei milde, und demüthigt Euch nicht an ſeiner Statt. Wohl glaub' ich Euch, daß er verführt iſt. Es iſt einmal der Fürſten Fluch, ſtets von Nichtswürdi⸗ 184 gen im Gewand der Freunde umgeben zu ſein, er aber hätte dies Volk um ſo eher zertreten ſollen, als ihm in Euch ein guter Engel an die Seite ge⸗ ſtellt war. Allein ſein Herz iſt ſchlecht und den Ver⸗ d rbenen nur mag der Verdorbene leiden. Ihr hört es ja, ich lebe ihm zu lang! Nicht doch! flehte Margarethe, dies Wort iſt ihm im Zorn entſchlüpft!... Du haſt erreicht, was du gewünſcht! fuhr der Kaiſer tief und ſchmerzlich aufathmend fort. Du warſt behülflich, die ſchönſten Blüten meines Lebens zu zertreten. Feſter als je iſt meine Macht, unſterblich meines Namens Ruhm, doch dieſes Herz iſt leer, denn es ſchlägt allein, da ſelbſt das Kind ſich von ihm losgeriſſen. Nie wart Ihr mir ein liebevoller Vater, ver⸗ ſetzte finſter Heinrich, nur als den Kaiſer hab' ich Euch gekannt. Wie ſollte ein Herz, dem Liebe fremd, Liebe verſtehen? Doch genug hiervon. Zur Sache! J Ich machte zur Bedingung meiner Gnade, die ſ gabe aller Schlöſſer und feſten Plätze, ſowie die Auslieferung der Reichskleinodien. Haſt du Un⸗ ſern Willen ohne Rückhalt vollzogen? und wo ſind die Letzteren? Mein Herr und Kaiſer, entgegnete verlegen Heinrich. Ihr habt mir zugeſagt, mich in der 185 Würde eines deutſchen Königs zu erhalten, wozu daher die Auslieferung der Krone? Wie!? rief hier der Kaiſer zornflammend. Ausflüchte? Falſches Spiel?! Zurückhaltung, wo Wir mit Offenheit und Milde dem Rebellen ent⸗ gegenkommen?! Nicht Rebell!.... Wo ſind die Reichskleinodien? So laßt doch mit Euch reden! Sind Wir ein Jude, der mit dir um elendes Gold ſchachert? Unbedingt will ich Erfüllung des Verſprechens, das du dem Deutſchmeiſter gegeben. Wo ſind die Kleinodien? Zum Teufel denn! rief hier ſich vergeſſend der König. Glaubt Ihr, ich ſei ein Narr und ginge wie ein Gimpel in die Schlinge? Zu Tri⸗ fels ſind ſie, meiner feſten Burg, und werden mein bleiben, ſo lang hier Athem wohnt! Dieſe Worte, im wildeſten Zorn gerufen, trafen Margarethe und den Kaiſer wie ein Donner. Gerechter Gott! ſtammelte die Königin, ſo hat man mich hintergangen? Graf Egeno brachte ſie nicht nach Worms? Was ich mit Recht beſitze, entgegnete Heinrich, ſoll mir Niemand entreißen und ſelbſt der Himmel und die Hölle nicht! Der Kaiſer hörte dieſe Worte mit ruhiger 186 Größe an; dann wandte er ſich nach dem Eingang des Gemaches und rief mit jener Donnerſtimme, mit der er oft Schlachten wie ein Gott regiert: Hermann von Salza! Der Gerufene erſchien. Und auf ſeinen Sohn zeigend, fügte er hinzu: Du hafteſt mir mit dei⸗ nem Kopf für dieſen Wahnſinnigen! worauf er ſchnellen Schrittes das Gemach verließ. 7. Der Sänger. Papſt Alerander. Ein großes Herz wird ſtärker durchs Zerreißen. Es fühlt die Wunde tiefer als ein kleines Und feſter heilt's deshalb zuſammen. Friedrich Barbaroſſa. Wer Das ſagt, trägt ſelbſt ein großes, einſt wohl ſehr Zerriſſ'nes Herz im Buſen. Grabbe. Der Kaiſer hatte Oppenheim verlaſſen und ritt Worms zu. Er ſchwieg und ſeine finſteren Züge verriethen die Stürme, die ſeinen Buſen durchtobten. Wie anders kehrte er aber auch heim, als er ausgeritten. Die letzte Hoffnung: das Herz des Sohnes durch Milde wieder an ſich zu ketten, den Reuigen wieder aufnehmen zu können, war ver⸗ nichtet, die Langmuth des Vaters erſchöpft und ihm blieb nur noch die traurige Pflicht, als Kaiſer zu richten und zu ſtrafen. 188 So ſchwer und ſchmerzlich aber auch dieſe Auf⸗ gabe für den edelſten Mann ſeiner Zeit wurde, ſo tief betrübte es den Vater, ſein Kind auf dieſe Weiſe verdorben und entartet wiedergefunden zu haben. Und wie kränkend, wie entſetzlich mußte es für Friedrich, deſſen ganzes Wirken und Trach⸗ ten, Athmen und Denken, Leben und Streben der Verwirklichung ſeiner großen Pläne gewidmet, wie kränkend mußte es für dieſen ſein, mit Einem⸗ male die Hauptſtütze derſelben zuſammenſtürzen zu ſehen! Unerſchütterlich hatte er bis jetzt alle Schick⸗ ſalsſchläge getragen, aber der Undank, der Ver⸗ rath des eigenen Kindes beugte ihn nieder. David, der dicht hinter Friedrich ritt, be⸗ merkte dies nur zu gut. Der Kummer, der wie ein gefräßiger Geier ſeinem edlen Herrn das Herz zerriß, zerfleiſchte auch das ſeine. Er trieb daher ſein Thier an, ritt dicht zu des Kaiſers Seite und ſagte in einem mehr weichen als ſcherzhaften Tone: Die Natur hat ihre wechſelnden Jahreszeiten, das Menſchenleben ſeine wechſelnden Thorheiten. Aus dem Kopf mit Dem, was nicht zu än⸗ dern iſt! Du haſt gut reden, David, entgegnete der Kaiſer gebengt, unter allem Undank iſt der 62 Kinder der ſchmerzlichſte. 189 Darum habe ich nicht geheirathet! rief der Narr anſcheinend heiter. Und du thateſt recht daran! fuhr Friedrich fort. Uns, die Wir dem Sohne das Höchſte, das Größte zu bereiten dachten, was die Erde trägt, Uns— nennt er ſeinen Tyrannen. Offen geſtanden: es iſt ſo unbegreiflich als närriſch, oder vielmehr ſo närriſch als unbegreif⸗ lich. Es gibt freilich Aeltern, die ſich wie die Spargeln und Erbſen mit der Zeit verhärten, bis man ſie zuletzt gar nicht mehr genießen kann; aber ein ſo großes, dichteriſches Gemüth wie das Eure blüht ja in ewiger Jugend und das iſt das größte Geſchenk, welches die Götter den Sterblichen ver⸗ leihen können. Ach! ſeufzte der Kaiſer ſchmerzlich, David, jetzt keine Scherze, du glaubſt nicht, wie ſie ſchmerzen. Nießwurz Dem, der den Schnupfen hat! rief David mit heiterer Miene, Witz iſt im Un⸗ 4 glück für den Geiſt, was Schnupftaback bei Ver⸗ ſtopfungen im Kopf für die Naſe iſt; Beides erquickt! Glaubſt du Uns damit für die Täuſchung einer ſo ſchönen und großen Hoffnung tröſten zu können? Alle Hoffnungen leiden an der Schwindſucht! eentgegnete der Narr, d. b. ſie ſchwinden leicht in 190 Nichts dahin. Man ſollte daher nie ſein Herz an eine ſo kranke Tochter des Gehirnes hängen. Aber die Menſchen lieben nun einmal den halbwahren, taumelnden Zuſtand. Viele berauſchen ſich in Wein, Andere in Hoffnungen, Alle aber in— Täuſchun⸗ gen. Habt Ihr denn nur einen Sohn? Lebt Euch nicht der liebenswürdige Bräutigam der Herzogin von Baiern? Und wenn auch Der meine Hoffnungen täuſchte? Gevatter! Gevatter! rief hier der Narr. Wenn die Sonneuntergeht, werfen ſelbſt die kleinſten Dinge große Schatten! Der Kaiſer zuckte bei dieſen Worten auf, als ob ihn die Wahrheit dieſes Gedankens überraſcht. Dann hob er ſich kühner im Bügel und ſagte feſt: Du haſt recht, David. Aber die Soch der Hohenſtaufen geht noch 6 unter. Wir ſind wie⸗ der der Alte. Nicht den Stern der Waiblingen hab ich ge⸗ meint, entgegnete betroffen David, ſondern die Sonne des Glücks. Wir feſſeln auch dieſes an Unſer Haus! ſagte der Kaiſer, das Glück iſt ein Weib und Weiber lieben die Starken. Sie ritten eine Weile ſchweigend weiter. Nach einiger Zeit rief David: Gevatter, es iſt ſchade, daß du ein Kaiſer und kein gewöhnlicher Menſch biſt. Warum? frug dieſer. Weil ich dir dann einen guten Rath geben könnte, damit du dein Leben behaglich genöſſeſt und es dabei recht hoch brächteſt. Wenn du mir aber einen neuen Titel verſprichſt— für einen Titel thut der Deutſche ja Alles— ſage ich dir den Vers doch; wer weiß, ob nicht ſelbſt du noch was dabei lernen kannſt. Höre alſo: Nuhig und genügſam leben, Sich nicht nutzlos alteriren, Gut gelaunt ſein und daneben Ja nur nicht mediciniren. Nur den Muth nicht laſſen ſinken, Bei der kleinſten äußern Regung. Mäßig eſſen, wenig trinken Und im Freien viel Bewegung; Nachts zu Hauſe, doch am Tage Muntre Arbeit ohne Plage. Aber pfui! das Ding paßt ja gar nicht auf dich. Aber ſo geht es, die kühnſten Gedanken eines ſo armen Gehirnchens, wie das meine, ſind eben nur Flaumfederchen im Fittig eines großen Geiſtes! Aber Friedrich horchte heute ſeinem luſtigen Rathe nur halb. Es war ihm unmöglich, ſich der düſteren Gedanken zu entſchlagen, die wie ſchwarze Geſpenſter vor ihm aufſtiegen und das Leichentuch 3 finſterer Ahnungen über ſeinen Lebenshimmel zogen. Eine innere Angſt überkam ihn und unwillkürlich gedachte er jener erſten Nacht in Paläſtina, in welcher ihm der alte Skotus das Horoſtop geſtellt. Drei rothe Sterne! lispelte er für ſich, den mei⸗ nigen bedrängend durch Gift und Dolch. Hat mich der erſte doch durch den Verrath der Tempelherren bedroht, allein der zweite und der dritte Stern.... Sein Herz klopfte heftig, er wagte nicht weiter zu forſchen und es däuchte ihm daher ein verſohnender Himmelsgedanke, als wunderliebliche Töne an ſein Ohr ſchlugen. Friedrich hielt an, er fühlte das Bedürfniß, den inneren Sturm zu beſchwichtigen, und ſprang daher vom Pferde, David winkend, ein Gleiches zu thun. Beide folgten dem Geſange und ſtanden nach wenigen Schritten auf einem Hügel, der eine rei⸗ zende Ausſicht auf den Rhein gewährte, welcher ernſt und majeſtätiſch, zwiſchen den grünen Ufern dahinbrauſte. Der Mond war bereits aufgegangen und ſchlug mit ſeinen, auf den Wellen zitternden Stralen eine ſilberne Brücke über den Fluß, während er die Thürme des fernen Worms in undeutlichen Umriſſen an den Horizont zeich⸗ nete. 193 An dem Hügel aber, auf welchem der Kaiſer und ſein Begleiter ſich jetzt befanden, lehnte ſich ein dichter Wald, deſſen Saum rieſige Bäume ſchmückten. Hier nun, unter dem Laubdache einer uralten Eiche, ſaß ein hoher Greis, deſſen ſchneeweißes Haar und deſſen langer ſilberſchimmernder Bart noch die Friſche der Geſichtsfarbe und den jugend⸗ lichen Glanz der Augen hoben. In wilder Begeiſt⸗ rung rauſchten ſeine Finger durch die Saiten einer vergoldeten Harfe, zu deren Begleitung er, ohne die Kommenden zu bemerken, ſang. Es waren Strophen aus dem Heldenſange, der um jene Zeit— eine Jlias der Deutſchen— auftauchte und, aus dem reichen Schachte eines unbekannten Dichtergeiſtes fließend, unter dem Namen des Nibelungenliedes ſchon in ſeinen einzelnen Theilen alle Welt zur Begeiſtrung hinriß. Auch Friedrich hatte ſchon davon gehört; da ihm aber der Schöpfer deſſelben noch nie begegnet war, ſo kannte er es nur dem Namen nach. Jetzt plötzlich ſtand er vor dem hochbegabten Mann, König gegen König, denn Niemand an⸗ ders, als jener unſterbliche Dichter konnte der greiſe Barde ſein. Der Sänger aber ließ ſeine jugendkräftige, volltönende Stimme alſo erſchallen: M. 9 194 Die Sage meldet Wunder aus alter grauer Zeit Von hochgeprieſ'nen Helden und ihrer Kraft im Streit, Von feſtlichen Gelagen mit frohem Waffenſpiel, Doch auch von heißen Thränen und Schmerz ohn' End' und Ziel. Heran wuchs eine Jungfrau in der Burgunder Land, Die auf der Welt an Schönheit nicht ihres Gleichen fand, Auch jeder Tugend wegen, die edlen Frauen ziemt, Ward überall Kriemhilde, ſo hieß die Maid, gerühmt. Sie war der Wunſch der Helden und Niemand war ihr gram; Ihr ziemt' es, daß der Liebe Gefühl ins Herz ihr kam. Ach, ihrer Schönheit wegen ward mancher Halsberg roth! Wie viele Degen ſanken darum einſt in den Tod! Der ſchönen Schweſter pflegten drei Brüder edler Art, Beſeelt von kühnem Muthe mit mildem Sinn gepaart; Sie waren Gunther, Gernot und Gilſelher das Kind, Die kuͤhner Thaten wegen noch jetzt in Ehren ſind. Nach Vater Dankrads Ende beherrſchten ſie Burgund Mit uUten, ihrer Mutter, in kindlich frommem Bund; Der Brüder Hofburg glänzte zu Worms am heitern Rhein, Dort fanden ſtolze Mannen zu ihrem Dienſt ſich ein. Nach Wundern ihrer nimmer gebeugten Tapferkeit Sind ſie dahingeſunken, im blut'gen Heldenſtreit, Dem gift'gen Haß und Neide zwo königlicher Fraun Als Opfer unterliegend fern in der Hunnen Gaun. Die Ritterſchaft im Lande, kühn, ſtolz und ſtark an Zahl, War ihres Winks gewärtig und ſchwang für ſie den Stahl; Die beſten aller Recken, die Lied und Sage kennt, Die unverzagten Helden, die noch die Nachwelt nennt. Wem iſt der kühne Hagen von Throneck nicht bekannt? Wo wird ſein Bruder Dankwart, der Marſchall, nicht ge⸗ nannt? Detwin von Metz ihr Neffe, der Truchſeß ſtark und kühn, Fühlt auch den Drang nach Thaten in ſeinem Buſen glühn. Ihr Kämmerer war Hunold, Rumold ihr Seneſchall, Und Sindold Schenk und Volker von Alzei Kron⸗Vaſall⸗ Auch war der Markgraf Gere von gleich gediegner Art Und hoch wie er geprieſen der Markgraf Eckewart. Doch wer könnt' alle nennen die Helden jener Zeit? Und welches Lied beſchriebe der Fürſten Herrlichkeit? Und ihres Glückes Ende war nimmer abzuſehn, Nie ſchienen dieſe Tage der Freude zu vergehn. Einſt ward von einem Traume Kriemhildens Herz bewegt: Ein edler wilder Falke, von ihrer Hand gepflegt, Ward feindlich ihr zerriſſen von einem Adlerpaar, Sie nahm ſein blutig Ende mit eignen Augen wahr. Mit banger Sorge hörte die Mutter den Bericht, Sie ſah der Zukunft Jammer im dunkeln Traumgeſicht: Ein edler Mann, ſprach Ute, wird dieſer Falke ſein; Ach möcht' ihn Gott behüten, du büßeſt einſt ihn ein. O ſchweigt mir gute Mutter, von Lieb und Eheband! Gewiß kein Mann auf Erden erwirbt je meine Hand. So ſchön will ich verbleiben und frei bis an den Tod, Von keinem Manne komme mir Kummer oder Noth. Verred', erwidert ute, der Liebe Huld nicht ſo, Denn ſie allein auf Erden macht dich von Herzen froh. Wohl mög' ein edler Ritter dir ſeine Minne weihn, So ſchön du biſt als Jungfrau, wirſt du als Weib noch ſein. Vein, ſprach mit ernſtem Sinne die Jungfrau, Mutter, nein! Ihr redet mir die Liebe durch Euer Lob nicht einz Es hat an Weib und Mädchen zu oft ſich ſchon bewährt: Zuletzt wird alle Freude der Lieb' in Leid verkehrt.— Sie lebt' in Zucht und Tugend, dem ſtrengen Vorſatz treu, Noch manche heitre Tage, von Männerliebe frei. Doch endlich kam die Stunde, die ihr beſchieden war: Ein edler Ritter führte ſie an den Traualtar. Dies war derſelbe Falke, den ſie im Traume ſah, Den ihre Mutter meinte, an dem der Mord geſchah. Die nächſten Anverwandten traf ihrer Rache Wuth, Der Sohn ſo mancher Mutter vergoß um ihn ſein Blut. Die letzten Strophen hatte der Sänger mit einer wehmüthigen, von den Schauern einer ban⸗ gen Ahnung durchbebten Stimme geſungen. Gei⸗ ſterartig, klagend und leiſe erſtarb ſein Lied. 9* 196 Da ſchien es, als ob eine wilde Begeiſtrung ihn plötzlich erfaſſe und ein Bild, blutig und feu⸗ 6, rieſengroß und allmächtig, an ſeiner Seele vorüberziehe. Der Ahnung ſchreckliche Erfüllung ſchwebte ihm vor, ein ſchriller Accord riß durch die Saiten, ein Sturm von Tönen flog donnernd auf und lauthin ſchallte es in die zitternden Lüfte: Die Waffen her! ſo rief der edle Degen, Die Ehre war von Kindheit an mein Ziel! Mit Ruhm ging ich aus manchem Schlachtgewühl! Dem kühnen Hagen tret' ich kühn entgegen. Das rath ich nicht! denn Euren Freunden nur Bringt ſolch ein Gang, rief Hagen, neue Zähren! Zween oder drei, die mich bekämpfen, kehren Beſiegt zuruͤck; ihr Blut färbt ihre Spur. Du ſchreckſt mich nicht, ſprach Fring, denn ſchon che Verſucht' ich Manches, das bedenklich ſchien! Der Stärkſte ſei, ich trete vor dich hin, Daß ich allein im Kampfe dich beſtehe! Er nahm die Waffen, und gepanzert ſchritt Irnfried der Thüringer an ſeiner Seite; Auch Hawart kam, von Zorn entflammt, zum Streite und führt' ein Heer von tauſend Kriegern mit. Ergrimmt ſprach Volker: Scht in langen Zügen Naht uns ein Heer! es ſtralt der Sonnenſchein Von tauſend Helmen und er wollt' allein Doch mit Euch kämpfen! Darf ein Held auch lügen? Zeiht keiner Lüge mich, rief Hawarts Mann, Der dän'ſche Markgraf, mich ſoll Hagen ſehen Im Kampf allein ihm gegenüber ſtehen, Trotz allem Ruhme, den ſein Arm gewann. Zu Füßen ſelbſt den Mannen und Verwandten Warf Fring ſich; ihn nicht zu hindern bat B Er flehentlich und hörte keinen Rath 3 Der Freunde, die den furchtbaren Hagen kannten „ Da ſie den Helden feſt entſchloſſen ſahn, Kühn auf dem Weg der Ehre hinzuſchreiten, Verwehrten ſie nicht länger ihm zu ſtreiten; Und ſchrecklich hob ſogleich der Zweikampf an. Fring begann den Schild und Speer zu ſchwingen Und flog zu ſeinem Feind bis vor den Saal: Das Wurfgeſchoß fuhr wie ein Wetterſtral Die Schilde durch bis zu den Panzerringen. Von jedem Schilde ragt' ein Schaft empor. Die Kämpfer ſäumten nicht und faßten Beide Des Schwertes Heft; da flog aus ſeiner Scheide Weit leuchtend der geſchliffne Stahl hervor. Schnell folgte Schlag auf Schlag von jeder Seite, Durch Burg und Burghof ſcholl der Schwerter Klang. Doch als kein Schlag durch Helm und Panzer drang, Ließ Iring plötzlich ab vom heft'gen Streite Und gegen Volkern wandt' er ſeinen Grimm: Durch Ueberraſchung ſollt' es ihm gelingen, Den Helden(alſo wähnt er) zu bezwingen; Er ſchlug und traf mit furchtbarm Ungeſtüm. Der Sänger hieb: da flog zum erſten Male Schon das Geſpänge von dem Schilde hin. Fring ſah hier den Siegeskranz nicht blühn Und ſtürzt! auf Gunthern in dem offnen Saale. Die Kämpfer gleich an Kraft und Muth: Doch ſo gewandt ſie auch die Klingen ſchwangen, Zu feſt war Helm und Panzer, nimmer drangen Die kräft'gen Hiebe durch; es floß kein Blut. Auch dieſen Kampf ließ Fring unvollendet; Gernoten traf er, daß ein Feuerſtrahl Ihm aus dem Panzer fuhr; doch Gernots Stahl Hatt' in das Geiſterreich ihn faſt geſendet. Er floh auch Den; doch ſeine ſtarke Hand Erlegte vier burgundiſche Vaſallen Und Giſelher der junge ſah ſie fallen: Da, welchen Zorn des Jünglings Herz empfand! Bei Gott, Ihr ſollt, Herr Iring, rief er, büßen Für dieſes Blut; mit dieſem Zuruf ſchwang Er ſeinen Stahl; des Dänen Helm erklang Und ſtrauchelnd fiel er zu des Helden Füßen. Gekommen iſt, ſo dachte, wer ihn ſah, Du fremder Mann, auch deine letzte Stunde! Du kämpfſt nicht mehr! doch ſieh, noch ohne Wunde Und nur betäubt lag er im Blute da! Das Toſen um ſein Haupt begann zu ſchwinden, Das Dunkel wich von ſeinem Angeſicht; Noch leb' ich, dacht' er, doch ich wähnte nicht An Giſelhern ſolch einen Mann zu finden. Noch hört' er ihn, noch ſah er Feinde ſtehn Dicht um ſich her: wohl wär' er nicht entkommen, Hätt' Einer nur ſein Athmen wahrgenommen. Wie kann ich, dacht' er, hier dem Tod entgehn? Wie tobend raffte ſich der ſchnelle Degen Vom Boden auf und floh; ſieh Hagen ſtand Noch vor dem Saal und in des Fluͤchtlings Hand Traf ihn das Schwert Waſeck mit heft'gen Schlägen. Ha, dachte der Thronecker, du biſt mein, Es müßte denn dir Satan Hülfe bringen! Doch Irings Schwert, berühmt vor tauſend Klingen, Drang bis auf's Haupt, den Helm ihm ſpaltend, ein. Als Hagen fühlte die empfangne Wunde, ℳ Hob ſich ſein Stahl ſo fürchterlich empor, Daß Hawarts Mann die Luſt zum Streit verlor Und hinfloh vor des Todes grauſer Stunde. Wohl ihm, daß er den Schild auf's Haupt noch ſchwang! Sein Feind verfolgt' ihn vor ſich hingebogen 3 Und traf ihn Schlag auf Schlag; die Funken flogen Von Schild und Helm die ganze Stieg' entlang. Dennoch gelang's dem Dänen, ohne Wunde Die Seinen zu erreichen, freudig kam Kriemhilde, die des Kampfs Erfolg vernahm, Selbſt zu ihm hin und ſprach mit holdem Munde: 3 Du edler Held! an meines Feinds Gewand 6 Seh' ich ſein Blut, dein Schwert iſt durchgedrungen; 5 Gott lohn' es dir! du haſt mir Troſt errungen. Sie nahm den Schild ihm ab mit eigner Hand. Dankt ihm nicht ſo! er that nicht viel, rief Hagen: Wohl färbt den Panzer mir ein wenig Blut, Doch gebt nur Acht, das reizt nur meinen Muth! Er wär' ein Mann, wollt' er's noch einmal wagen. 299 Den Panzer lüftend und des Helmes Band Ablöſend ſtellte ſich der kühne Degen Aus Dänemark dem kühlen Wind entgegen; Ihn lobt' und pries, wer nah und ferne ſtand. Da ſchlug ſein Herz, mehr Lob noch zu erringen: Wenn ihr, ſprach er, mir neue Waffen reicht, Ihr Freunde, ſo gelingt es mir vielleicht Den Uebermüthigen noch zu bezwingen. Statt des zerhau'nen ſchmückt' ein neuer Schild Schnell ſeine linke Hand und ſeine Rechte Ein neuer Speerz ſo ſchritt er zum Gefechte.„ Ach ihn betrog des Ruhmes gleißend Bild! Nicht warten ließ der Zorn den kühnen Hagen: Er flog herunter an der Stiege Rand, Das Schwert in der emporgehobnen Hand: Und ſchrecklich wars, mit ihm den Kampf zu wagen. Zwar während Feuer aus dem Schilde ſchlug Nicht ſeine nur, auch ſeines Feindes Klinge; Doch plötzlich drang durch Schild und Panzerringe Das Schwert, das einſt der Held von Fanthen trug. ₰ Als Hawarts tapfrer Mann die ſchwere Wunde, Die bis ins Eingeweid' ihm drang, empfand, Hob er den Schild aufs Haupt mit ſchneller Hand; Doch er entfloh nicht mehr der Todesſtunde. Vom Boden hob und warf mit Heldenkraft Ein Wurfgeſchoß der übermüth'ge Hagen Auf ſeinen Feind und ſtarr gen Himmel ragen Sah man aus Frings Haupt den langen Schaft. Er floh und kam noch lebend zu den Seinen: Vom Helm ihn zu befrein zog man den Speer Zuvor heraus, da ward ſein Haupt ihm ſchwer; Und mancher Freund begann um ihn zu weinen⸗ Kriemhilde kam; vom ſchönen Angeſicht Floß um den Helden ihr ein Strom von Thränen. Seid ruhig, ſprach der Tapferſte der Dänen, O hehre Königin, beweint mich nicht; Was hilft es, daß Ihr weint? Die Zähren wenden Den Tod nicht ab, der Eurem Dienſt mich raubt, Und Eurem Herrn und mir es nicht erlaubt, Wos ich für Euch mir vornahm, zu vollenden. Ihr Thüringer, und, o ihr Dänen ſtrebt Den Kampfpreis, fuhr er fort, nicht zu erringen! Den kühnen Hagen wird kein Mann bezwingen: Den letzten Tag hat, wer ihm naht, erlebt. Verblichen war des jungen Helden Wange Und ihn ergriff des Todes ſtarre Hand. Die Rache trieb nun, wen ein freundlich Band Mit ihm vereinte, hin mit heft'gem Drange: Der tapfre Hawart eilt' empor zum Saal, Irnfried mit ihms wol tauſend Mannen zogen gum Kampfe mit und Wurfgeſchoſſe flogen Hinauf zu den Burgundern ohne Zahl. Dem Sänger ſtellte ſich Irnfried entgegen, Der Landgraf; doch der Ritter aus Burgund Schlug durch den Helm den tapfren Gegner wund. Zwar traf auch ihn der unerſchrockne Degen: Durch das Geſpänge fuhr der mächt'ge Schlag Und Volkers Panzer ward ſo roth wie Feuer; Doch ſeinen Zorn büßt' Irnfried mehr, als theuer: Er ſank; auf ewig ſchwand vor ihm der Tag. Hawart gerieth an den gewalt'gen Hagen Und Wunder waren hier von Kraft zu ſchaun; Die kühnſten Krieger ſah'n den Kampf mit Graun: Der Däne fiel, von Hagens Schwert erſchlagen. Die Thüringer und Dänen ſahn mit Wuth Hinſinken ihren Herrn und ſtürmend rangen Sie um den Eingang; Helm' und Schild' erklangen Zertrümmert und in Strömen floß das Blut. Da rief der Sänger: Weicht, ihr Heergeſellen! Laßt ſie herein! ſie ernten doch den Tod Anſtatt des Lohnes, den Kriemhilde bot— Das Ohr ſoll bald ihr von der Nachricht gellen! So drangen Alle nun bis in den Saal 3 Viel über Tauſend: Rach' und Kampfluſt brannten. In ihren Herzen und die Männer kannten Nur zwiſchen Tod und Sieg die Wechſelwahl. Gernot und Giſelher der junge zeigten Jetzt ihre Kraft, den Kriegern von Burgund Vorkämpfend, bis kein Feind mehr widerſtund und Alle den erſchlafften Nacken beugten. * 201 Verſchollen war der Lärm des Todes Graun, Lag auf den Leichen; durch des Bodens Lücken Floß laulicht Blut auf des Gewölbes Rücken Und ſchrecklich war der Wahlplatz anzuſchaun. Da ſetzten ſich und legten aus den Händen Schwert, Schild und Speer die Helden von Burgund, Nur Volker, nach dem Hofe ſpähend, ſtund, Am Eingang, ob nicht Feinde noch ſich fänden. Laut klagend aber und gebeugt, ergrimmt Stand Etzel da; Kriemhilde rang die Hände Und Alle weinten um der Tapfren Ende! Hier ſchwieg der Barde, aber die Töne ſeiner Harfe klangen noch lange nach, wie ein harmoni⸗ ſcher Sturm. Die Welt wagte kaum zu athmen, die Eichen ſchüttelten entzückt die dunklen Wipfel, des Rheines Wellen drängten ſich plätſchernd an die Ufer und aus dem Schooſe der Flut ſtiegen lauſchend, gehüllt in leichte Nebelkleider, die Nymphen des Fluſſes. Friedrich ſtand wie angewurzelt. Die herrlichen Geſtalten des Liedes zogen an ſeiner Seele wie verwandte Weſen vorüber. Eine urkräftige Pveſie hatte ihn angehaucht; eine Poeſie friſch und lebens⸗ kräftig, frei und allgewaltig. Was waren gegen dies Heldengedicht die girrenden Sonette der Ita⸗ liener, die ſpielenden Reimereien franzöſiſcher Troubadours!— Und wie mußte dieſer Sang erſt einen Mann ergreifen, der Held und Dichter zugleich war, wie Kaiſer Friedrich? Aber er hatte auch die Welt 202 vergeſſen und ſchwelgte in den ſeligen Sphären der Ppeſie. Erſt als der letzte Ton längſt verrauſcht, er⸗ wachte der Monarch aus ſeinen Träumen. Entzückt wollte er auf den Sänger zueilen, ſiehe! er war verſchwunden. War die Geſtalt in Nebel zerfloſſen? Hatte die Erde ſie verſchlungen? Wer konnte es ſagen?! Da durchrieſelte es den Kaiſer wie mit heiligen Schauern. Ohne ein Wort zu ſagen winkte er David zum Aufbruch und ernſt und ſchweigend er⸗ reichte die nächtliche Caravane das alte, ehrwür⸗ dige, ſegengeſchmückte Worms. In Friedrichs Bruſt aber war es ruhig gewor⸗ den, und ſein großer Geiſt ſchwebte wieder wie ein Gott hoch über dem irdiſchen Treiben. 6 8. Des Horoſcops Erfüllung. Man hat entehrt, beklagt, beſchimpft mich jett, Nit der Verleumdung Speer mich tief verleßzt? Kein Balſam heilts, als ſeines Herzens Blut, Des Giftes Born Shakespeare. Während aber die große Seele des Kaiſers, durch den Schmerz erweitert und geheiligt, durch des Barden erhabenen Geſang zu der höchſten Weltan⸗ ſchauung getragen, die Leidenſchaftlichkeit, die ſich ihrer bemächtigt, wieder abgeſtreift hatte und nun im Bewußtſein ihrer eigenen Kraft und Selbſtſtän⸗ digkeit jeder Schwäche, ſelbſt der frommen eines Vaters, Herr geworden war, ballte König Hein⸗ rich in wildem, aber ohnmächtigem Ingrimm die ſehnige Fauſt. Der Menſch geht rein und unverdorben aus der Hand der Natur hervor und nie und nimmer ward noch ein Verworfener geboren. Aber der Fehler der meiſten Menſchen iſt Mangel an Selbſtvertrauen und dieſer Fehler wird bei 204 Fürſten gar leicht zum Fluch. Drängt ſich doch um ihre Wiege ſchon das Heer der Schmeichler und der eilfertigen Diener. Sie werden größer und man denkt und handelt für ſie. Zu nichts aber läßt ſich der Menſch leichter verleiten, als zur Trägheit. Iſt doch nichts bequemer als Andere für ſich denken und ſchaffen zu laſſen; aber! alsdann iſt man eben auch der Sklave, ja das Spielzeug Anderer und wenn man Cäſar wäre und über Legionen geböte. König Heinrich theilte leider dies Schickſal mit vie⸗ len Fürſten. Der Kaiſer hatte ihn in ſeiner Jugend den Händen des vortrefflichen Erzbiſchofs Engelbert übergeben. Eine Wahl, die den Scharfſinn und den klaren Blick des Herrſchers ebenſo ſehr beur⸗ kundete, als ſie ſeinem Herzen Ehre machte; denn Engelbert war eine Säule der Kirche, eine Zierde der Geiſtlichkeit, ein Vater und Erhalter Deutſch⸗ lands. Aber ſein früher Tod riß dem jungen Könige nur zu bald einen weiſen Rathgeber von der Seite und ſein Nachfolger, ſowie der Erzbiſchof Sieg⸗ fried I von Mainz, waren gerade das Gegentheil des guten und weiſen Engelbert. Jetzt war es den Hofſchranzen ein leichtes Spiel, ſich des eitlen und ſchwachen Heinrichs zu bemächtigen, und ihre erſten Kunſtgriffe waren, ihn 205 zu ihren Laſtern herabzuziehen und ſeine Neigung für die Beſſeren ſeiner Umgebung in eine kaltſin⸗ nige Achtung zu verwandeln. Man hinterging ihn und er hinterging die Nation und damit ſich ſelbſt am meiſten. Man ſchürte ſeinen Ehrgeiz und ſeine Eroberungsſucht, um unter dieſer Maske den ſei⸗ nen zu verbergen und das Land plündern zu kön⸗ nen. Man verleitete ihn zu Schandthaten und Freveln, um ſeiner gewiß zu ſein. Die Schwäche eines Monarchen iſt aber bei weitem ſchlimmer als zu viel Genie, unter dieſem leiden nur Einzelne, unter jener ganze Nationen. Einmal aber mit ſeinem Gewiſſen verfallen, einmal den Furien preisgegeben, ſchien dem lei⸗ denſchaftlichen König Unverantwortlichkeit das ein⸗ zige Mittel zu ſein, der mahnenden Stimme ſeines Inneren zu entgehen. Aber unverantwortlich ſtand er erſt da, wenn eine ſelbſtſtändige Königskrone ſein Haupt zierte. Außerdem war dem ſtolzen, eitlen, herrſch⸗ ſüchtigen Mann die Oberhoheit eines Größeren bis in die tiefſte Seele verhaßt und unerträglich trafen ihn die Vorwürfe, die ſtrengen Zurechtwei⸗ ſungen ſeines Vaters. Darum hatte er denn auch das Joch abzu⸗ ſchütteln geſucht und als dies unmöglich ward, ſelbſt das Knie vor dem Sieger gebeugt. Denn nie hatte ſeine Seele an Reue und Beſſerung ge⸗ dacht; nur zum Schein, nur um Zeit zu gewin⸗ nen, wollte er ſich mit dem Kaiſer verſöhnen, um bei günſtigerer Gelegenheit das ruchloſe Spiel zu wiederholen. Aber Fluch und Hölle! die Würfel waren un⸗ günſtig gefallen, der Streich mislungen, ja ſelbſt der wohlausgedachte Plan der Täuſchung an der eigenen Starrheit, an ſeinem eigenen Stolze, an ſeiner Leidenſchaftlichkeit geſcheitert. Im Zorn geſchieden war der Kaiſer, tiefer als je gekränkt der Vater! und gefangen, jeder Hoffnung auf Wiedererlangung ſeiner Macht be⸗ raubt, auf Gnade und Ungnade in des Herrſchers Händen, ſaß der König! Sein Zorn, ſein Ingrimm, ſeine Wuth kann⸗ ten keine Grenzen. Wie die Löwin, der man die Freiheit und die Jungen geraubt, vor Wuth und Schmerzen brüllt, daß rings die Erde dröhnt und Menſch und Thier erbeben bis in der Knochen Mark; wie ſie, allge⸗ waltig, mit ihren grimmigen Tatzen die dicken Stäbe ihres Kerkers faßt und rüttelt, als wolle ſie die eiſernen zerknirſchen und ihres Rachens Höllenſchlund, blutlechzend, an den ſcharfen blutig drückt, die Mähne ſchüttelt und der Augen Blitze dem Räuber ihrer Freiheit, ihrer Brut, nach⸗ 207 ſchleudert, ſo raſte in ſeinem weiten ſteinernen Kerker der König, zähnknirſchend und fluchend; fluchend ſich ſelbſt und ſeiner Unbedachtſamkeit! fluchend der Welt! fluchend dem Haupt des eige⸗ nen Vaters! Kein Menſch durfte ſich ihm nahen, auch ſelbſt die Gattin nicht. Er haßte, was eines Menſchen Körper tug; denn auch Friedrich war ja ein Menſch. Er packte die dicken Marmorſäulen, die des Gewölbes Laſten trugen, ſich zu begraben, er blickte hinaus und ſein Herz ward weit bei dem Gedanken: die ganze Welt vernichten zu können. Kein Schlaf ſank auf ſein Auge und ihm ward erſt leichter, als gegen Mitternacht ein ſchweres Gewitter heranzog. Blitze waren ſeine Flügel und ſchwarze Wolken ſein Gefieder. Er athmete hoch auf, denn ihm däuchte der Himmel nehme für ihn Partei und ſpreche ſeinen Zorn in ſeinen Donnern aus. Und erſt als die großartige Naturerſcheinung vorüber, ward auch er ruhiger. Aber ſeine Ruhe glich dem Lauern einer Schlange. Der Zorn war erſtorben, aber der In⸗ grimm brütete über Rache. Tiefe Stille herrſchte rings umher. Am fernen Horizonte lagerte knurrend, wie ein ſchwarzer Rieſe, das verſcheuchte Gewitter und warf von Zeit zu Zeit fahle Flammen auf. Ihm jagte der Wind zerriſſene Wolken⸗Caravanen nach und heulte und pfiff geſpenſtiſch durch die weiten Hallen der alten Burg. Die Wetterfahnen drehten ſich knar⸗ rend, die Thüren ſchütterten und aufgeſcheucht krächzten Raben und Käuzchen. Durch das weite Bogenfenſter aber blickte die träumende Welt. Es lag eine ſchauerliche, ernſte Stimmung in der Natur und finſtere Geiſter jagten über die Erde. Der König trat an das Fenſter und athmete tief auf. Es war ihm wohler: denn er witterte Vernichtung. Vernichtung! lispelte er düſter, Vernichtung, wohin das Auge ſchaut. Hier offen und mit Ge⸗ walt, allüberall ſchweigend, leiſe, aber ewig und unaufhörlich. So unterliegt in der Natur das Alte dem Jungen, das Schwache dem Starken und nur wer den Muth hat, bleibt Sieger. Wenn in dem weiten Himmelsraume zwei Kometen ſich auf glei⸗ cher Bahn begegnen, muß einer weichen, oder beide gehen unter. So iſts mit mir und mit dem Kaiſer, die Würfel ſind gefallen, nun heißt es: Er oder ich! Er ſchwieg lange in finſtere Gedanken verlo⸗ ren; er wünſchte, er träumte, er dachte ſich den Kaiſer todt und ſich an ſeinen Platz. 209 Er wünſchte den Vater todt. Als er aus ſeinem Brüten erwachte und daran dachte: was er gewünſcht, überlief ihn unwill⸗ kürlich ein eiskalter Schauer. Er wußte nicht wa⸗ rum, er ſah, er ahnte es nicht; aber es war der Geiſt des Böſen, den er mit jenem frevelnden Gedanken aus den Tiefen der Hölle beſchworen. Und Heinrich ſpielte mit dem Gedanken. Es war ein ſchönes Spiel. Auf koſtbaren Polſtern lag die Kaiſerleiche, gehüllt in Purpur. Um die bleiche Stirn wandt ſich ein Diadem. Die Augen, die ihn noch geſtern ſo furchtbar angeblitzt, waren geſchloſſen. Der Mund, deſſen Donnerton in ſeinem Ohre kaum verhallt, war ſtill und ſtumm. Und um die Leiche brannten hundert Lichter, doch ihre Stralen ſtar⸗ ben an dem Glanz der ſieben Kronen, die zu des Katafalkes Füßen ſtanden. Im Staube aber lag die Welt. Europa, Aſien, Afrika er⸗ bebten und ſtöhnten laut: der Kaiſer iſt nicht mehr! Der Kaiſer iſt nicht mehr! wie hallte dieſer Ruf ſo freudig in des Königs Herzen wieder! Siehe da trat ein Mann mit fröhlicher Ge⸗ berde in die Mitte der Trauernden. Sein Geſicht leuchtete in frommem Glanze und die Tiara ſchmückte dreifach ſein Haupt. Es war der Papſt. 210 Der ſtolze Römer aber ſtieß mit einem Kreuz, daß Diamanten tauſend Blitze warfen, die Kaiſer⸗ leiche an. Da donnerte der Erdball, des Weltalls Fugen krachten, die Hölle öffnete den Flammen⸗ ſchlund und in die Tiefe ſank der Sarkophag. An ſeiner Stelle aber ſtieg ein Thron empor, ſo reich an Pracht und Glanz, wie das geſtirnte Firmament, wie Morgenroth und Sonnenglut. Und zu dem Thron führte der Papſt den Kö⸗ nig und ſetzte auf das Haupt ihm eine Kaiſer⸗ krone, die ſechs anderen Diademe ihm zu Füßen legend. Da jauchzten Himmel und Erde in einem Ju⸗ belchor und von des Thrones Höhe herab ſah Hein⸗ rich ſeine Reiche liegen von Meer zu Meer, vom Morgen bis zum Niedergang. Anbetend aber ſchmiegte ſich die Welt zu ſeinen Füßen. Und göttliche Geſtalten tauchten auf und hul⸗ digten dem Erdengott. Und alle Luſt der Sinnlich⸗ keit umtanzte ihn und war ihm preis: Ehre und Ruhm, Macht und Gewalt, Schönheit und Reich⸗ thum, Liebesluſt und Wein. Er war ein Gott und Götter kennen kein Gericht. In dieſem Augenblick ſchlugs auf der Thurm⸗ ihr Eins, die Wachen riefen an und Heinrich fuhr aus ſeinem ſüßen Träumen erſchrocken auf. — Wo war das Kaiſerreich? wo ſein Glanz und ſeine Herrlichkeit? wo ſeine ſieben Kronen? Der König zuckte zuſammen. Noch lebte Friedrich! noch blitzten ſeine Augen Verachtung auf ihn nieder! noch donnerte ſein Wort Befehl ihm zu! noch war er Gefangener ſeiner Majeſtät! Und wäre der Kaiſer todt.... Und wie, wenn ſich der Kaiſer nun von dem Rebell befreite? Er oder ich! ſchrie hier der König ſo ent⸗ ſetzlich auf, als ſei ein Dolch ihm durch das Herz geſtoßen. Er oder ich! wiederholte ein fernes Echo pumf Er hatte bei dieſen Worten unwillkürlich die Hände auf die Bruſt gedrückt. Sie berührten ein goldnes Fläſchchen, das an einer Kette von glei⸗ chem Metall hing. Es enthielt Gift. Ein feines Pflanzengift, welches der König beſtändig mit ſich trug und in dem Fall der Noih—— Um in dem Fall der Loth Heinrich erſtarrte. Eroder ich! tönte es in ſeinen Ohren wies der. Gefangenſchaft und Kaiſerthum, Tod und Leben, Qual und Seligkeit zogen an ihm vorüber. Die Ideen kreiſten in dem Gehirn, daß ihm ſchwindelte. Gift! um in dem Fall der Noth!?... Ein heller Blitz zuckte vom Rand des Firma⸗ mentes auf. Ein Blitz durchzuckte ſeines Geiſtes Nacht. Er war entſchloſſen. Er oder ich! rief er und ſank ohnmächtig nieder. Den kommenden Morgen ſchien es, als ſei eine merkliche Veränderung mit dem Könige wäh⸗ rend der Nacht vorgegangen. Er war anſcheinend ruhig, faſt gebeugt. Die Leidenſchaften ſchwiegen, die Augen ſuchten den Boden, die Stimme klang hohl und matt. Die ganze Umgebung des Königs war über⸗ raſcht. Man hatte dem Tag entgegengezittert, man hatte erwartet, den König in der finſterſten Laune, gereizt, im höchſten Zorn zu finden und— er war nur ernſt, faſt demüthig. Hermann von Salza freute ſich dieſer Stim⸗ mung herzlich, denn er hielt ſie für aufrichtige Reue. Sein edles Gemüth zweifelte nicht daran, daß Heinrich ſein Unrecht endlich eingeſehen habe und nun von deſſen Schwere niedergebeugt, an des Vaters Großmuth appelliren werde. Ganz anders berührte der plötzliche Wechſel in dem Benehmen ihres Gatten Margaretha. Zwar wünſchte auch ſie, und gewiß Niemand hei⸗ ——— 213 ßer als ſie, eine Verſöhnung zwiſchen Vater und Sohn, in der ſie einzig noch Rettung hoffte, für ihren Gatten, für ihre Kinder, für ihres Hau⸗ ſes Glück. Aber Margaretha kannte den König zu genau, ſie wußte, daß, bei dem unbeugſamen Charakter ihres Mannes, nach Dem was vorgefallen, an keine wahrhafte Ausſöhnung mehr zu denken ſei. Die urplötzliche und grelle Umwandlung deſ⸗ ſelben war ihr daher ſo unbegreiflich als ängſtlich und peinigend, und ſie wußte dieſelbe einzig einer krankhaften Stimmung des Körpers ſchuld zu geben. In dieſer Meinung beſtärkten ſie einzelne Be⸗ merkungen, die ihrem weiblichen Scharfblicke nicht entgingen. Heinrich ſchrack oft ohne äußere Veran⸗ laſſung heftig zuſammen, ſein Blick war noch un⸗ ſtäter, noch mistrauiſcher, als gewöhnlich, ein Fie⸗ ber ſchien ihn zu ſchütteln und oft murmelte er un⸗ verſtändliche Worte zwiſchen den Zähnen. Indeſſen neigte ſich der Anſchein der tichtige⸗ ren Beurtheilung bald auf des Deutſchmeiſters Seite, indem der König demſelben eröffnete, daß er ſeinen Willen geändert habe und nun entſchloſſen ſei, ſich dem Verlangen des Kaiſers zu fügen. Zugleich drückte er Salza den Wunſch aus, dieſe Nachricht durch ſeine Gattin an den Kaiſer gelangen — laſſen zu können, damit dieſelbe, ein lieblicher Friedensengel, den Streit der Herrſcher vermittle. Hermann von Salza willigte von Herzen gern hierzu ein, da ihm ja nur der König zur Bewa⸗ chung übergeben worden war; Margaretha von Oeſterreich aber, überraſcht von dem Unglaublichen, durch die Erfüllung ihrer heißeſten Wün⸗ ſche, ſank ihrem Gatten, lautweinend vor Freude, an die Bruſt. Ach! die Unglückliche ahnte nicht, daß die Thränen, die aus ihren ſchönen Augen perlten, ihrem Gatten wie glühende Lavaſtröme in das Herz brannten; ſie ahnte nicht, daß unter der wogen⸗ den Bruſt ihres Herrn, ſtatt Treue und Wahrheit, ſtatt Reue und Zerknirſchung die ganze Hölle tobe, mit ihren finſteren Dämonen: Lug und Trug, Falſchheit und Liſt, Haß und Rache, Ehrgeiz, Habſucht und Mordgier. Mit jener Haſt, mit welcher eine fromme Seele das Gute zu vollbringen ſtrebt, bereitete 5 ſich daher die Königin zur Erfüllung ihrer willkom⸗ menen Sendung vor und es war noch keine Stunde verfloſſen, als ſie ſchon, hoch zu Roß und von einem ſtarken Gefolge umgeben, die Burg von Oppenheim verließ. Zu gleicher Zeit ging ein Bote nach Trifels ab, der, laut königlichem Schreiben, den Auftrag hatte, dem Grafen Egeno von Urach den Befehl zur Uebergabe von Trifels und Verabfolgung der Reichskleinodien zu überbringen. Salza hatte ſich hiervon überzeugt, aber er wußte nicht, daß derſelbe Bote einen geheimen Auftrag hatte, der dahin lautete: unter dem Vor⸗ wande, das Schreiben des Königs ſei falſch und unterſchoben, Trifels und die Inſignien der deut⸗ ſchen Königswürde auf keinen Fall und unter keiner Bedingung dem Kaiſer zu übergeben. Dieſem geheimen Handſchreiben war die Be⸗ merkung beigefügt: daß ſich die politiſchen Verhältniſſe in wenigen Tagen völlig ändern würden. Was zu erwarten ſtand, geſchah. Friedrich II war großmüthig genug, die Hand abermals zur Verſöhnung zu reichen, und ſo wurde dem Deutſch⸗ meiſter der Auftrag: König Heinrich frei zu laſſen und ihm auf dem Wege von Oppenheim nach Worms ſicheres Geleit zu geben. Der Kaiſer empfing hier ſein Kind abermals mit Milde und väterlicher Nachſicht und Heinrich zeigte ſich in jeder Beziehung ſo reuig, nachgebend und willfährig, daß Friedrich ihn voll Freude wie⸗ der in ſein Herz aufnahm; ja zu Ehren des wie⸗ dergefundenen Sohnes ein Freudenmahl veran⸗ ſtaltete. 206 6 Das Feſt war prächtig und um ſo heiterer, als ſich der Kaiſer in ſeiner Luſt gehen ließ. Walther von der Vogelweide trug dabei herr liche Lieder vor, meiſt launigen Inhalts, die köſt⸗ lichſten Weine floſſen im Ueberfluß und David Federbuſch's Witze fuhren wie ein praſſelndes Feuer⸗ werk auf. Wer hätte da dem Narren angeſehen, daß unter ſeinem drolligen Weſen ein tiefer Ernſt ver⸗ ½ ſteckt liege. Und doch war dies heute mehr als je 6 der Fall. David, der von jeher König Heinrich als einen finſteren und böſen Menſchen angeſehen und ihm daher auch nie getraut hatte, konnte ſich näm⸗ lich durchaus nicht überzeugen, daß dieſe ſo plötz⸗ lich eingetretene Unterwerfung deſſelben ernſtlich gemeint ſei. Er mistraute ihm auch jetzt, und zwar um ſo mehr, als er den verdorbenen Charakter des Königs kannte und nicht wie der Kaiſer und Mar⸗ garetha von Kindes⸗ und Gattenliebe, noch wie Salza von unbedingtem Vertrauen auf das in der Menſchennatur geblendet wurde. Außerdem konnte er ſich eines perſönlichen 3 Widerwillens gegen Heinrich, der ihn mit einer Art Inſtinkt leitete, nicht erwehren. Es ging Da⸗ vid mit demſelben, wie manchen Menſchen mit den F Katzen: es wurde ihm in des Königs Nähe bang, 217 ſo daß er ihn, wie durch einen magiſchen Zug, nicht aus den Augen zu laſſen vermochte. Vernunft⸗ gründe halfen nichts, ſo ſehr ſie ſich Federbuſch aufzudrängen ſuchte, und er vermochte es eben nicht weiter zu bringen, als das Mistrauen in ſeinem Buſen zu verſchließen, ſo daß Niemand eine Ah⸗ nung davon bekam. Dennoch behielt er den König ſcharf im Auge. Das Feſt eilte bereits ſeinem Ende zu, als der Kaiſer die Gäſte aus dem Banketſaal entließ, um mit Heinrich, Margarethe und ſeinen beiden Enkeln noch einige Zeit ungenirt allein bleiben zu können. Nur David, Salza, Rudolph von Habsburg, der Abt von St. Gallen, Vogelweide und Bandi⸗ nellus, der den König begleitet, ward es ver⸗ gönnt, in dem kleinen Familienkreiſe zu bleiben. Kaiſer Friedrich ſaß in einem koſtbaren Seſſel; neben ihm lag ſein Lieblingshund, jenes Windſpiel, das ihn einſt auf dem Kreuzzug begleitet, während die beiden Enkel: Friedrich und Heinrich auf ſeinen Beinen ritten. Ein Credenztiſch ſtand zwiſchen ihm und dem Könige und trug die goldenen Becher des Vaters und des Sohnes. Der Kaiſer war ſeelenvergnügt, denn heute hatte er jede Sorge vergeſſen, da er ein verlore⸗ nes Kind wiedergefunden hatte, und gerade jetzt IH. 10 218 lachte er herzlich über ſeine Enkel, die ſich mit dem Hofnarren herumſpaßten. Du, bunter Kerl, rief eben der kleine Fried⸗ rich, du ſollſt mit uns gehen, denn der Vater hat an ſeinem Hof keinen ſo närriſchen Kauz. Biſt du denn immer ſo ſpaßig? frug der jün⸗ gere Heinrich. Gewiß! rief der Narr und ſchüttelte ſich, daß alle ſeine Schellen klingelten. Kennt Ihr denn das Sprichwort nicht: Der Kuckuk behält ſeinen Geſang, Die Glocke ihren Klang, Der Krebs ſeinen Gang— Und der Narr bleibt ein Narr ſein Lebelang. Die Kinder jauchzten über den Vers. Vater! rief wieder der kleine Friedrich. Groß⸗ vaters Narr gefällt mir. Warum haſt du denn kei⸗ nen luſtigen Rath? Mein gnädiger Prinz, fiel hier Bandinellus, der einem ſtechenden Witz Davids vorbeugen wollte, raſch ein, weil Euer königlicher Vater männlichen Ernſt albernen Späßen vorzieht. Und, fuhr David fort, weil Narren die Wahr⸗ heit ſagen und weder Schmeichler noch Schmarotzer ſind. Keine Pflanze hat aber ſo viel Zuckerſtoff, als die Schmarotzerpflanze. Das verſtehe ich nicht! ſagte der Prinz. 219 Bandinellus wirds Euch erklären, entgegnete Federbuſch. Was Schmeichler ſind, wißt Ihr aber doch, mein Prinz? O ja, Mutter hat uns vor denſelben gewarnt. Sie ſagen uns Schönes ins Geſicht, was gar nicht wahr iſt. Richtig! perſetzte der Narr mit komiſchem Ernſt. Sie gleichen den Metzgern, die das Schwein, das ſie ſchlachten wollen, ſanft am Halſe kitzeln, ehe ſie ihm das Meſſer in denſelben ſtechen, um ihm das Blut abzuzapfen. Pfui! die garſtigen Menſchen! rief Prinz Hein⸗ rich. Woran aber kennt man ſie? An der falſchen Münze übertriebener Höflich⸗ keit! ſagte der Narr; wie dieſe, ſo trägt auch ihr Aeußeres die Ziffer eines großen Werthes, wäh⸗ rend ihr innerer Gehalt gleich Null iſt. Ich will mich vor ihnen in Acht nehmen, meinte der kleine Friedrich, damit ſie es mir nicht wie die Metzger dem Schweine machen. Das Kind hatte dieſe Worte ſo ernſt⸗naiv hervorgebracht, daß Alle lachen mußten, bis auf König Heinrich und den Kämmerer, der ſich ver⸗ bindlich zu ihm neigte und mit ſüßer Miener ſagte: Mein Prinz, ſchon Ihr klarer Verſtand wird Sie vor dieſen gefährlichſten aller Menſchen be⸗ wahren. 10* 220 muß doch noch von dem Hofphiloſoph Anaxander lernen, der bei einem furchtbaren Donnerſchlage ſeine Majeſtät fragte: ob ſeine Herrlichkeit zürne. Euch aber, meine Prinzen, will ich noch ein Sprüch⸗ lein lehren, was ich von meiner Mutter habe; be⸗ folgt Ihr dies, ſeid Ihr geborgen; Getreten wird, wer kriecht, Geſtoßen, wer ſich ſchmiegt, Verachtet, wer da lügt, . Lupus in fabula! rief der Narr. Aber er Geſchlagen, wer ſich bückt, Vergeſſen, wer ſich drückt. Wer Furcht hat, wird gebunden, 6 Wer läſtert, wird geſchunden; Doch thuſt du deine Pflicht, Schauſt Jedem ins Geſicht, So beißt dich Keiner nicht. Die Nacht war unterdeſſen angebrochen und das Geſpräch ſo weit gediehen, als mit Einemmale ein prächtiges Schauſpiel die Aufmerkſamkeit der ganzen Geſellſchaft auf ſich zog. Tauſende von bunten Flammen erhellten plötz⸗ lich die Nacht und liefen wie Schnüren feuriger Perlen über alle Theile des ehrwürdigen Domes, auf welchen man aus den Fenſtern des Pala⸗ ſtes ſah. Es war ein feenhafter Anblick, wie Kirche und Thürme ſo leuchteten und flammten und die ſchönen, großartigen Formen des Gebäudes ſich 221 im Feuer auf dem dunklen Hintergrund eines be⸗ wölkten Himmels zeichneten. Die Kinder jauchzten vor Freude und die ganze Geſellſchaft war überraſcht an die Fenſter geeilt. Selbſt Kaiſer Friedrich folgte ihr. Auch der König erhob ſich. Aber im gleichen Momente über⸗ flogen ſeine Blicke die Umgebung. Alle ſchauten nach der ſtralenden Kathedrale. Heinrich erbebt! Jetzt war es Zeit! Eroder ich! tönt es wie mit hölliſchem Hohnlachen in ſeinem Innern. Eroder ich! wiederholt er murmelnd mit bleichen, zucken⸗ den Lippen, ergreift das goldene Fläſchchen und leert das Gift in des Kaiſers Becher. Es war dies das Werk eines Momentes und, von Niemanden bemerkt, tritt auch er an das Fenſter. Doch David, der ſich vorgenommen hatte, Heinrich nicht aus den Augen zu verlieren und nur auf Sekunden dem prächtigen Schauſpiel gefolgt war, ſuchte den König. Er ſtand unweit von ihm. Aber der Narr fuhr entſetzt bei ſeinem Anblicke zu⸗ ſammen. War dies ein Menſch? ein Geiſt? eine Leiche, erſtarrt im Todeskampf? ein Verdammter, dem Grab entſtiegen auf des Richters Wort, um ſeinen Fluch zu tragen durch die Ewigkeit? 222 Der König ſtand hochaufgerichtet, ſtarr, be⸗ wegungslos, den linken Arm auf einen Tiſch ge⸗ ſtützt, die Fauſt krampfhaft geballt. Sein Antlitz war todtenbleich, die ſtarren, zerriſſenen Züge trugen den Ausdruck des Entſetzens; die Augen ſtierten aus den tiefen Höhlen, als ſchauten ſie ſo Schreckliches, daß das Gehirn ſelbſt bis in die kleinſten Faſern ſich ſträube, das Bild des Scheuß⸗ lichen dem Geiſte einzuprägen. Die Haare hatten ſich geſträubt, die blauen Lefzen zuckten halb ge⸗ offnet und die Kniee ſchlotterten, als könnten ſie die Laſt des Körpers nicht länger tragen. Ueber die ganze Erſcheinung aber warf der Abglanz der tauſend Flammen ein fahles, bleiches, un⸗ ſichres Licht. David bedurfte Minuten, um ſich zu faſſen. Es war ihm, als habe die Hölle ihr Siegel auf dies Geſicht gedrückt. Er wußte nicht, was geſche⸗ hen, aber daß Entſetzliches geſchehen ſein müſſe, deſſen war er gewiß. Seine Blicke überflogen die Gegenſtände der Umgebung; da trafen ſie auch die goldnen Pokale der beiden Herrſcher und wie ein Blitz zuckte es ihm durch Mark und Seele. Wie? dachte er, wenn er ſich von dem Verhaßten zu befreien dächte? wenn Gift?!— er vermochte den Gedanken nicht vuszudenken. In dem Augenblick trat der Kaiſer vom Fenſter zurück und ſeine Umgebung folgte ihm. Die Kinder verabſchiedeten ſich. Friedrich ſetzte ſich wieder auf ſeinen Seſſel zur Linken des Schenktiſches und winkte Heinrich, ihm gegenüber Platz zu nehmen. Er war ungewöhnlich heiter und zum Erſten⸗ male ſeit einer langen Zeit trat ſeine natürliche, hinreißende Liebenswürdigkeit wieder in ihrer vol⸗ len Glorie hervor. Dies iſt einer der ſchönſten Tage meines Le⸗ bens, ſagte er nachgerade. Iſt es mir doch wie damals, als mir meine ſelige Konſtanze dich, Hein⸗ rich, gebar. Und führt mir dieſe Stunde nicht ſo⸗ gar noch mehr zu: einen Sohn, eine liebenswür⸗ dige Tochter und zwei Enkel? Außerdem erleich⸗ tert die Rückkehr des Königs auf den rechten Weg mein Herz auch um der Welt willen. Wir ſind Fürſten, das heißt die Erſten des Volkes, müſſen wir darum nicht auch die Beſten ſein? Die Könige werden geboren und ſterben wie andere Menſchen. Sind ſie ihnen nun nicht über⸗ legen an Tugend und Weisheit, ſo werden ſie re⸗ giert, anſtatt zu regieren und ihre Einfalt und Untugend gereicht nicht blos ihnen zum Unglück, ſondern zieht oft ganze Völkerſchaften ins Verder⸗ 224 ben. Könige und Kaiſer werden auch nicht von Andern unterſchieden, weil ſie höher geſtellt ſind, ſondern weil ſie gründlicher erkennen und tugend⸗ hafter handeln ſollen. Sind deine Sitten gut, ſo ſuche ſie noch zu verbeſſern; ſchreite fort von Tu⸗ gend zu Tugend und bewähre dieſe, wo es irgend möglich iſt, durch Thaten. Befrage nur Männer, welche ſich durch ihre Würde und Trefflichkeit aus⸗ zeichnen; ſcheue vor allen Dingen zweizüngige Die⸗ ner, fliehe die Schmeichelei und gib nie Verleum⸗ dern Gehör. Ehre dabei die Geiſtlichen, die es rechtlich meinen und die Grenzen ihres Berufes nicht überſchreiten; erfreue dich an der Strenge des Kriegsdienſtes und der Krieger, ſei herab⸗ laſſend und zugänglich für Jedermann, gerecht in der Milde und mild in der Gerechtigkeit, damit weder das Recht, noch die Wahrheit, noch der Friede verletzt werde. Dem Vogelfang und der Jagd, ſowie allen Erholungen, die einem edlen Mann ziemen, mag ſich ein Fürſt dabei immer hin⸗ geben, nur darf der Hang zu ihnen nicht zur Lei⸗ denſchaft werden, damit weder die Staatsgeſchäfte noch das Volk darunter leiden. Schließlich aber vergeſſe ein Fürſt nie, daß auch er ein Menſch, daß auch er der Herrſchaft der Natur unterworfen iſt; der Natur, die ihre Kräfte gegen Jeden aus⸗ 225 6 übt und eben nur den Sterblichen, nicht aber Kö⸗ nige oder Kaiſer anerkennt Wie ſchön, Heinrich, wenn wir einſt einem ſolchen Ideale entſprechen und uns geſtehen dürfen, wir ſind nicht nur durch äußere Macht, ſondern auch moraliſch die Erſten unſerer Völker. Trinken wir auf dieſen edlen Vorſatz! Heinrich ward kalt und weiß wie Marmor. David überlief es heiß, die Sinne drohten ihm zu vergehen. Halt! rief er und hielt dem Kaiſer die Hand. Wir haben auch noch etwas zu ſagen. Es gibt ein Sprichwörtlein, das da heißt: Große Herren haben lange Arme! Ich wünſchte, ſie hätten lange Ohren. Unverſchämter! zürnte Bandinellus. Und warum? frug lächelnd der Kaiſer. Je nun, entgegnete der Narr, der noch im⸗ mer Friedrichs Hand hielt, damit er nicht trinke und ſich dabei in wahrer Todesangſt auf ein Mit⸗ tel beſann, wie er den unſeligen Trunk verhindern könne. Je nun! rief David, dann würden ſie doch *) Kaiſer Friedrich II eigene Worte an ſeinen Sohn (K.) Pitterae Princ. ap. Hahn 18. Wurdtw. nov. subs. XI, 10. Pfiſter II. 302. Rayn. zu 1250, 5 34. Friedr. v. Raumer III. 601. vielleicht merken, was oft hinter dem Vivat ſteckt, das ihnen die Menge bringt, während der Vogt hinter den Reichen mit aufgehobenem Prügel ſteht und ruft: Schreit Vivat, ihr Bengel! David hatte unter dieſen Worten kein Auge von Heinrich verwandt, um zu beobachten, welchen Eindruck das Zurückhalten des Bechers auf ihn mache. Heinrich war auffallend zuſammengezuckt, dann hatte eine Purpurröthe ſein bleiches Geſicht auf einen Moment überflammt und erſt als David ſei⸗ nen Witz vorbrachte, hatte der König ſeine Faſſung wieder erlangt. David wußte genug. Laut ſchüttelte er jetzt ſeinen Narrenkolben und rief: Aber ich will nichts geſagt haben. Reichen die Herrſcher ſich die Hände, müſſen die Unterthanen ſich küſſen. Wo ſich aber Haß und Liebe verbinden, iſt der Narr der Oberprieſter. Kommt Gevatters, in den guten alten Zeiten war es Brauch, daß, wenn Zwei einen Bund ſchloſſen, ſie die Becher wechſelten. Thut dies zu Ehren Eures Bun⸗ des auch. Und mit dieſen Worten wechſelte Federbuſch die Pokale, ſo daß der Kaiſer den des Königs, Heinrich aber den des Kaiſers erhielt. 227 Trinket nun für uns Alle! rief der Narr an⸗ ſcheinend in übermüthiger Laune. Auf ewiges gutes Einverſtändniß zwiſchen Vater und Sohn! ſagte der Kaiſer und tank den goldenen Becher bis auf den Grund leer. Aber Heinrich hatte nicht getrunken. Seine Faſſung war dahin, Verwirrung ſprach aus ſeinen Zügen und wie eine Leiche lehnte er in ſeinem Seſſel. Nun!? rief erſtaunt der Kaiſer. Mein Sohn trinkt nicht? Haſt du nicht gehört, daß es auf ein ferneres gutes Einverſtändniß geht? Heinrich faßte zitternd den Becher und hob ihn an die Lippen. Ein kühner Entſchluß ſchien in ihm zu erwachen. Aber plötzlich fiel ihm der ewige Rich⸗ ter ein, er ſchauderte zurück und ließ die Hand mit dem Pokale ſchwankend ſinken. Dir iſt nicht wohl! ſagte der Kaiſer. Heinrich, was iſt dir? rief Margaretha ängſtlich. Nichts! rief der Narr. Er hat nur nicht Luſt, an die Stelle des Vaters den ewigen Richter zu ſetzen! Was ſoll das heißen! donnerte der Kaiſer auffahrend Nur einen kindlichen Spaß, entgegnete Feder⸗ buſch. Dein Sohn iſt Naturforſcher, er wollte ſehen, ob dein Leib ſo ſtark als deine Seele. Es iſt Gift in dem Becher. Gift!? widerhallte es aus den Kehlen aller Anweſenden. Aber der Kaiſer hatte ſich erhoben. Er glich einem verwundeten Löwen, der ſeine Beute ſucht. Mit einer Hand packte er den Narren vor der Bruſt, daß ihm die Sinne ſchwanden, hob ihn, wie eine Feder auf und rief: Schurke! du lügſt! Er lügt, der Elende! wiederholte ſtarr vor Entſetzen die Königin, ich will es beweiſen! Und mit dieſen Worten ergriff ſie haſtig den Becher, der vor ihrem Gatten ſtand und führte ihn zu den Lippen; aber ehe ſie die tödtliche Flut noch ſchlürfen konnte, hatte ihr der König den Pokal ſchon aus den Händen geſchlagen. Alle ſtanden wie vernichtet. Heinrich aber er⸗ griff die Verzweiflung, ſich verrathen zu ſehen, mit wahnſinniger Wuth. Ja! rief er aufſpringend, da denn Alles verloren, ſo mag es die Welt wiſſen, wie ich ihn haßte. Es galt ihm oder mir: der Becher war vergiftet! Vergiftet! ſchrie Margaretha auf, daß es Steine hätte erweichen können. Vergiftet! tönte es leiſe von den erbleichenden Lippen der Umſtehenden nach. Die Königin ſank ohnmächtig zuſammen und eine Todtenſtille herrſchte rings umher. Vergiftet! lallte endlich der Kaiſer mit ſchwa⸗ cher Stimme, aber plötzlich ſchrie er ſchmerzlich auf: Gift! von dem eigenen Kind! und zuſam⸗ menſinkend deckte er mit beiden Händen ſein Geſicht und weinte laut. Es war eine entſetzliche Scene. Kein Athem⸗ zug ließ ſich hören und Alle ſchienen durch einen Zauber in Stein verwandelt. Der Kaiſer weinte lang und laut. Heinrich ſchien geiſtesabweſend. Nach einer Pauſe erhob ſich Friedrich langſam, aber zu einer Höhe, zu einer Größe, wie er ſie noch nie enffaltet. Es iſt vorüber! ſagte er dann mit einer Stimme, die klang, als ob ſie aus dem Grabe töne. Es iſt vorüber! das Gräßlichſte hab' ich er⸗ lebt, was Menſchen treffen kann. Er hats er⸗ reicht— gebrochen— für alle Zeit! für ewig gebrochen iſt mein Herz; mein Kind, mein eignes, liebes Kind ward ja zum Vatermörder! Der Kaiſer hatte das letzte Wort ſo fürchterlich gerufen, daß ſelbſt die Königin aus ihrer Ohn⸗ macht erwachte. Mit der Verzweiflung Wahnſinn ſprang ſie auf und ſtürzte zu des Kaiſers Füßen nie⸗ der, die ſie wie raſend umklammerte, indem ſie rief: 4 Gnade! Gnade! Es iſt nicht möglich! Es iſt hölliſches Blendwerk. Es iſt Verleumdung! Er thats im Wahnſinn! Gnade! Gnade! Vergeblich ſuchte ſich der Kaiſer von ihr zu befreien, das arme Weib hing ſich ſchwebend an ihn und füllte mit ihrem Wehklagen die Luft. Aber Friedrich hatte die menſchliche Schwäche überwunden. Auf ſeinem erdfahlen Antlitz thronte eine furchtbare Ruhe, eine übermenſchliche Größe.. Hermann von Salza! ſagte er kalt und gebie⸗ tend, verhaftet dieſen Vater⸗, dieſen Kaiſermör⸗ der. Mit Eurem Leben haftet Ihr für ſeinen Kopf. Otto von Baiern bringt ihn nach Apulien, wo er in San Felice's Felſenkerkern bis an ſein Lebens⸗ ende der Reue pflegen mag. Und mich mit ihm! rief händeringend die Kö⸗ nigin. Treu will ich mit ihm ſterben, wie ich mit ihm gelebt! Mit nichten! entgegnete der Kaiſer beſtimmt. Ihr ſeid ein edles Weib, das wol ein beſſer Loos verdient. Er hat ſich von der Menſchheit losgeſagt und mit der Hölle hat der Himmel nichts gemein. Und zu dem Sohn ſich wendend, fügte er hinzu: Verloren biſt du mir für dieſe Welt; laß mich, wenn einſt in jener beſſeren der ewige Richter ruft, dich nicht vermiſſen. Auf Erden ſehen wir uns niemals wieder! Damit winkte er, daß Alle ſich entfernen möchten, ſchlug ſeinen Mantel um ſich und ver⸗ hüllte ſein Haupt. Die Königin ward bewußtlos fortgebracht. Heinrich folgte in dumpfer Betäubung ohne Wider⸗ ſtreben. Der Narr kauerte zu ſeines Kaiſers Füßen, die er mit heißen, glühenden Thränen netzte, und durch die Fenſter blickten, wehmüthig zitternd, die erlöſchenden Flammen des Doms. Es ward ſtille und Nacht. 9. Guda. Verkauft dir der Vaſall nicht ſeine Treue Um Amt und Land, das dü zu Lehn ihm gibſt? Verkauft dir nicht die Frau des Leibes Reiz Um Glanz und Würde, die du mit ihr theileſt? Verkaufen dir die Prieſter nicht den Himmel, Um Opfer und um Zehnten, die du zollſt? Wie heilig uns auch ein Verhältniß ſcheint, Es gründet ſich doch ſtets auf Preis und Waare; Und was wir immer thun, wir ſchachern nur. Raupach. Die große Meſſe zu Frankfurt ging ihrem Ende entgegen. Das Gewühl in den Straßen wär un⸗ geheuer. Namentlich drängten ſich die größten Maſſen auf dem Samſtagsberge zuſammen, jenem geräumigen Platz, welcher der Nordſeite der Saala gegenüber lag. Hier ragte Bude an Bude, Zelt an Zelt, Waarenlager an Waarenlager. Die vorzüglichſten und großartigſten der letzteren fanden ſich indeſſen in den beiden großen Häuſern, welche ſich in der weſtlichen Begrenzung jenes Platzes auszeichneten. 233 Es war dies im Haus zum„Römer“ und im Haus„Limburg“, die beide dicht an einander ge⸗ baut waren. Der„Römer“ gehörte damals der alten Pa⸗ tricierfamilie Köllner und war ein weites unregel⸗ mäßiges Gebäude, in ſeiner Architektur nicht jener äußeren Würde eines Palaſtes ermangelnd, die ihm das großartige, wenn auch düſtere Anſehen gab, das die ganze Zeitepoche, der er angehörte, charakteriſirte.. Sein unterſtes Stockwerk bildeten prächtige, auf maſſiven Säulen ruhende Hallen, die während der Meßzeit von den welſchen(römiſchen) Kauf⸗ leuten(Gewertſchen) zu Magazinen benutzt wur⸗ den. Von dieſen hier feil haltenden Römern hatte denn auch das Haus den Namen:„Zum Römer“ erhalten, der wiederum auf die ihn beſitzenden Familien überging und ſich bis auf unſere Zeit er⸗ halten hat. Ebenſo gaben die dicht daneben feil haltenden reichen limburger Wollenweber dem Haus Lim⸗ burg*) den Namen. Hier nun und in den nahen Buden und Zel⸗ ten hatte die ganze damals bekannte Welt ihren *) Und dieſes wieder der Patricier Geſellſchaft, die ſich hier zu verſammeln pflegte. 3 Reichthum an Kunſt- und Naturproducten aufge⸗ ſtapelt. Hieher brachten die norddeutſchen(ſpäter die hanſeatiſchen) Städte: getrocknete und geſal⸗ zene Fiſche, Pferde*), Hopfen, Metalle, koſtbare Rauchwaaren, Bernſtein und Falken; die rhei⸗ niſchen Städte: Tuch, Handſchuhe, Hüte und Wein; die Schweizer: Tücher, Teppiche, Zeuge; die Welſchen: herrlich gearbeitete Gold- und Sil⸗ bergefäße, kunſtvolle Waffen und Harniſche, ſüße Weine, Gewürze und Oel; Straßburg: ſein Schleiertuch und ſeine Gold- und Silberſpitzen; Böhmen: Glas; Steyermark: Eiſen; Sachſen: Silber; Thüringen: Pech, Theer und Waid und die Niederlande: die feinſten Tücher. Auch der Linnen- und Weinhandel blühte hier um jene Zeit auf das erfreulichſte und wie bedeu⸗ tend ſchon dazumal die Wechſelgeſchäfte zu Frank⸗ furt waren, beweiſt die Thatſache, daß Papſt Innocenz 1246 dem Gegenkönig Heinrich Raspe über Venedig einen Wechſel von 25,000 Pfund Silber auf Frankfurt übermachte. Ueberhaupt erhob ſich unter den Hohenſtaufen Deutſchlands Handel auf eine erfreuliche Weiſe, wovon die mächtige Hanſa ein Beweis, die, wenn *) Der Pferdemarkt zu Frankfurt war einer der be⸗ deutendſten in Deutſchland. 4 auch erſt 1241 entſchieden auftretend, doch ſchon damals zwiſchen Hamburg und den Ditmarſchen Grund faßte. Wem wäre außerdem der Ruhm der Städte Augsburg, Ulm und Nürnberg nicht be⸗ kannt, die in Kunſtfleiß mit den reichen lombardi⸗ ſchen Städten wetteiferten? So war endlich der Deutſche von ſeinem Vor⸗ urtheil gegen den Handelsſtand zurückgekommen, ſo konnte Aeneas Sylvius in einem ſeiner Briefe ohne Uebertreibung ſagen: Keine Nation iſt reicher als die deutſche, deren größter Theil ſich auf Kauf⸗ mannſchaft legt und fremde Länder der Länge und Breite nach durchreiſt, um mit Geld beladen heim⸗ zukehren.* Auch Frankfurt legt derſelbe den Ruhm einer blühenden Handelsſtadt bei N Frankfurt kam hierbei namentlich ſeine Lage zu Statten, die es zum Vereinigungspunkt für Ober⸗ und Niederdeutſchland machte, ja zum Sta⸗ pelplatz des ganzen Reiches, über welchen daſſelbe ſein Füllhorn ausſchüttete. Dieſen Flor zu erhalten, machten die fleißigen Bürger aber auch Anſtrengungen, die nur beur⸗ *) In Franconia super Moenum jacet Francofordia inter inferiores et Superiores Teutones commune empo- rium. Aeneas Sylvius in Germania. C. 25 apud Schar- dium T. I. Germ. antiq. illustr. fol. 456. Kirchner, Thl. 1, fol. 534. 236 theilen kann, welcher die Hinderniſſe erwägt, die ſie bei jedem Schritt beſiegen mußten. Straßenraub treiben oder nach der Kunſtſprache jener Zeit „vom Sattel leben“, war damals ein ritterliches Gewerbe, ein adeliges Vorrecht. Wo der eiſerne Fleiß des Bürgers nach Wohl⸗ habenheit rang, da lauerte ſchon im Hinterhalt ein Räuber auf den Gewinn. Laſſen ſich zwei Nachbarn in Krieg ein, ſo wird ſich der verlierende Theil an einer Reichsſtadt entſchädigen. Söhnen ſie ſich aus, ſo iſt die Frucht der neuen Brüderſchaft ein An⸗ ſchlag auf Brandſchatzung, um die leeren Säckel zu füllen und den Ueberſchuß auf einem Turnier zu verjubeln. Dergleichen Beſchwerden aber, ſtatt den Fleiß des Bürgers zu ſchrecken, verdoppeln ſeinen Muth. Ihm läßt der Nachbarn Raubſucht keine Zeit zum Müßiggang; Arbeit erhält die Sinne nüchtern. Unter äußerm Druck wächſt der Handel, unter Raub und Plünderung der Reichthum. So daß das bekannte Sprichwort aufkam: In Frankfurt iſt mehr Wein in den Kellern als Waſſer in den Brunnen. Wie wichtig im Allgemeinen die Meſſen zu Frankfurt für ganz Europa waren, beweiſt unter Anderm, daß die Befehle der Kaiſer und die Bullen der Päpſte, die allgemein bekannt werden ſollten, 237 in der Meſſe angeſchlagen, ja in vielen Orten Ge⸗ bete für die, die Frankfurter Meſſe beſuchenden Fremden in den Kirchen gehalten wurden. Auch erſchöpften ſich die Schriftſteller des Mit⸗ telalters im Lob der Meſſen, indem ſie dieſelben das Haupt aller Jahrmärkte auf Erden*0, den kleinen Inbegriff der Welt**), das Kaufhaus der Deutſchen*), den berühmteſten Markt Europens nennen So kamen zu den Fremden, die der Handel herbeizog, noch Viele, welche die Neugierde an⸗ lockte, denn die Meſſen waren die hohe Schule der Fechtmeiſter, Wunderärzte, Seiltänzer, Puppen⸗ ſpieler und anderer Luſtigmacher. Der Kaiſer beſtätigte ſelbſt in einem eigenen Vergünſtigungsbrief den Fechtmeiſtern das Recht, ibren Doctorgrad(den Grad eines Meiſters vom langen Schwert) auf der Frankfurter Meſſe zu ſpenden). Die Aufzüge dieſer Fechter gehörten zu den Feſten des Volks. Mit Bändern geſchmückt, eine Sturmhaube von Leder mit einer hohen Feder auf *) Potius orbis emporiorum compendium. Lansius. *) Henricus Stephanus. ***) Winkelmann's Beſchreibung von Heſſen. 1) Lerßner, Thl. 1, fol. 427. Kirchner 1, kol. 552. Orth's Abhandlung über die Reichsm. S. 549. 238 dem Kopf, ein altes Schlachtſchwert ohne Bügel ſchulternd, zogen ſie durch die Straßen und beſtie⸗ gen die Bühne; ein Hanswurſt bettelte Schaugeld. Gewöhnlich reiſten zwei ſolcher Gladiatoren mit⸗ einander, zogen aber durch verſchiedene Stadtthore ein, um ſich, anſcheinend zufällig, begegnen zu können. Dann wurde das verabredete Spiel be⸗ gonnen und das ſchauluſtige Volk in Contribution geſetzt. Auch an Seltenheiten der Natur und Kunſt war kein Mangel. Kurz es entwickelte ſich um dieſe Zeit in Frankfurt ein ſo reges und vielſeitig beweg⸗ tes Leben, wie es, Köln ausgenommen, keine deutſche Stadt aufweiſen konnte. n in dieſe Herrlichkeit treten wir nun ein. Aber ſelbſt dies gewaltige Leben und Weben, Ren⸗ nen und Laufen, Rufen und Schreien iſt heute noch erhöht. Es muß etwas ganz Beſonderes vorgefallen, eine außerordentliche Nachricht eingetroffen ſein; es muß ſich etwas Entſetzliches zugetragen haben, Et⸗ was, was alle Welt aufs höchſte intereſſirt; denn in dicht gedrängten Gruppen ſteht das Volk, eifrig lauſchend den einzelnen Erzählern, der Nachbar, bleich vor Schreck und Entſetzen, läuft zum Nach⸗ bar, der Mann zu ſeinem Weib, der Untergebene zu ſeinem Herrn. Der Magiſtrat eilt nach dem 239 Rathhaus, die Söldner zu den Waffen, die Buden und Magazine werden geſchloſſen, die Zünfte verſammeln ſich auf ihren Stuben, denn es iſt die furchtbare Nachricht eingetroffen: Kö⸗ nig Heinrich habe ſeinen Vater, habe den Kaiſer vergiftet. Aber das Anſtaunen der Bosheit lähmt ſo gut die Zunge, als das Anſtaunen des Werthes, und ein mildes Hetz gerinnt tödtlich vor einem grimmig kalten. Nach dem erſten Schrei des Entſetzens folgte daher jetzt in der ganzen Stadt eine kurze, bange Stille, eine gewitterſchwüle Beklommenheit. Jeder ſträubte ſich, das Unglaubliche als wahr hinzuneh⸗ men, Jeder hoffte, daß das Gerücht lügen möge. Niemand wollte es faſſen: der Sohn habe den Vater, König Heinrich den großen herrlichen Kaiſer vergiftet. Hierzu kam die peinliche Ungewißheit, in wel⸗ cher ſich die Meiſten über ihre eigene Lage befan⸗ den. Denn kein Menſch konnte wiſſen, wie ſich nun die Verhältniſſe in dieſen Zeiten des Kampfes geſtalten würden. Wie aber in der Natur jener niederdrückenden Sommerſchwüle das Unwetter auf dem Fuße folgt, ſo brach auch hier alsbald der Sturm los. Den Klagen, dem Jammer über den ſchmählichen Tod 240 des größten, des beſten Kaiſers, folgten wilde Ausbrüche der Volkswuth. Der Pöbel ſammelte ſich Angeſichts der Saala, die zwar bereits dem Kaiſer übergeben worden, in welcher aber noch immer der Junker von Ronſtäd⸗ ten mit ſeinem Freunde und ſeinen Untergebenen hauſte. Auf dieſe ging nun die ganze Wuth der Maſſen über, da ſie der geſunde Volksverſtand als Mitverſchworene, wenigſtens als Knechte des königlichen Willens betrachtete. Ein wildes Schreien und Schimpfen erhob ſich, Drohungen wurden laut, Steine kamen geflogen und gewiß es wäre der Beſatzung der königlichen Pfalz und ihrer ganzen Einrichtung übel ergangen, wenn man nicht kluger Weiſe noch bei gui 2 die Zugbrücke aufgezogen. Da aber der Pöbel, iſt er einmal gert. durchaus ſeine Wuth an irgend etwas auslaſſen muß, ſo beſorgten die Verſtändigeren, er werde, da er hier nichts auszurichten vermochte, ſeinen Zorn nun gegen die welſchen Kaufleute und Wechs⸗ ler richten und am Ende ſeine Wuth an deren Bu⸗ den und Waarenlagern auslaſſen. In der That tauchten auch bereits ſolche Ge⸗ danken auf, als noch— glücklicherweiſe zeitig ge⸗ nug— die bewaffneten Zünfte herbeieilten, dem Unfug zu ſteuern. Und wirklich gelang es dieſen 241 auch, die Ruhe vor der Hand wieder herzuſtellen, während die Söldner zur Sicherung der Stadt die Thore beſetzten und die Patririer⸗Geſellſchaften Limburg, Laderan und Löwenſtein, ebenfalls be⸗ waffnet, ſich auf ihren Trinkſtuben einfanden, um die weitern Befehle des Magiſtrats zu erwarten. Ehe wir aber weiter gehen, ein Wort über die Zünfte, eine der charakteriſtiſchſten Erſcheinun⸗ gen des Mittelalters*). 3 Das Treiben des Handwerks nach den durch lange Erfahrung erlernten mechaniſchen Vortheilen, ſowie der Unterricht der Lehrlinge, mußte ſchon bei den erſten Fortſchritten der Civilifirung in Deutſch⸗ land gewiſſe Regeln für alle daſſelbe Handwerk Ausübende beſtimmèn, ſowie den Begriff des vollendeten, in jedem vorkommenden Falle geübten Arbeiters, oder Meiſters, Deſſen, der dieſem Ziele entgegenſtrebte, des Meiſtergehülfen oder Geſellen, und Deſſen, der in der gewöhnlichen Arbeit erſt unterwieſen ward, des Lehrlings, feſtſtellen. Früh mußte es bemerkbar werden, daß nur die Ausübung des Handwerks nach einer allgemei⸗ nen Norm, durch Leute, die ordnungsmäßig daſ⸗ ſelbe erlernt hatten, zu Lieferung brauchbarer Ar⸗ beit führen konnte. — *) Hierüber v. Fichard: Die Entſtehung der Reichsſtadt Frankfurt a. M. und der Verhältniſſe ihrer Bewohner. II. 11 242 Daher das hohe Alter der Zünfte, welche das Bedürfniß des geſelligen Lebens eingeführt hatte, und die bei gleichem Entſtehungsgrunde ſich ſchnell durch ganz Deutſchland verbreiteten. Der Wohlſtand der Zunftgenoſſen mußte mit Zunahme des Lurus nach den erhöhteren Begriffen von Pracht, welche Kreuzzüge und Römerfahrten bei dem hohen und niederen Adel erregten, im gleichen Verhältniſſe ſteigen; denn zu einer Zeit, wo noch keine ausländiſchen Fabrikate die Landes⸗ erzeugniſſe verdrängten, mußten die Erwerbs⸗ quellen der Handwerker ſtets an Bebentung zu⸗ nehmen. Von den Städten aus, wo die Zufi⸗ gen erblühten und die geübteſten Meiſter ſich befan⸗ den, wurden alle Schlöſſer und Burgen, Landſitze und Kirchen des weit umliegenden Landes mit den täglichen Bedürfniſſen verſehen. Das Geld der Provinz ſtrömte alſo in die Werkſtätte der Hand⸗ werker, welche Erziehung, Umgang und Erwerb, ſowie das Band der Genoſſenſchaft das ge⸗ nauſte zuſammen vereinigte. Da aber zu gleicher Zeit von außen ein ſchwe⸗ rer Druck auf Allem laſtete, was nicht dem Adel⸗ ſtand oder der Geiſtlichkeit angehörte, da Raub und Fehde das Loſungswort jener Tage war, ſo mußten ſich nothgedrungen überall Corporationen 243 bilden, um dieſem Unweſen, dem eine mangelhafte Polizei nicht ſteuern konnte, entgegenzutreten. Daher die Bündniſſe der Städte und der ein⸗ zelnen Theile der ſtädtiſchen Bevölkerungen. Da⸗ her die Macht ſelbſt unbedeutender Gewerke durch vereinte Kraft. So tritt uns denn auch in Frankfurt ſchon um jene Zeit das Zunftweſen entgegen; und zwar iſt dieſer Drang, Körperſchaften zu bilden, ſo allge⸗ mein, daß er gar keinen Stand ausſchließt. Die Adeligen und Patricier vereinigen ſich in Geſellſchaften, ſogenannten Ganerbſchaften*), wo⸗ runter vor allen diejenige an Zahl und Rang der Mitglieder glänzte, welche ſich Limburg, von dem Hauſe, in welchem ſie ſich verſammelte, nannte. Sie pflegten die Stadtſchultheißen und der Stadt Hauptleute als Ehrenmitglieder aufzuneh⸗ men, obgleich dieſe meiſt Fremde waren. Als die angeſehenſten Beamten gaben ſie jedoch der Ge⸗ ſellſchaft ein bedeutendes Uebergewicht gegen An⸗ dere, ja ſie wurden oft durch Heirathen noch feſter an dieſelbe geknüpft. Zur Aufnahme in die Ganerbſchaften von Lim⸗ burg war eine Ahnenprobe nöthig und es ging das ² Ganerbſchaft, ein in der Wetterau gewöhnlicher Geſellſchaftsvertrag, der einen gemeinſchaftlichen Beſitz be⸗ gründet. 118 244 Sprichwort um: Wer durch Heirath kommt hinein, muß achtſchildig geboren ſein. Das Banner der Geſellſchaft, weit älter als ihr Wappen, oft bei Turnieren von einem Herold vorgetragen, zeigte eine Jungfrau, die einen Sper⸗ ber auf der Hand trägt. Unten den Reimſpruch: Zucht und eren, ſoll man meren, und Freud' nit weren. Spruch und Bild deuten auf eine geſellige Verbindung, wie denn auch der Geſellſchaft Lim⸗ burg kein anderer Zweck unterlegt werden kann. Wie viel dieſe Aſſoeiation übrigens zum Flor der Stadt beigetragen, geht daraus hervor, daß ſie in einem Zeitraum von vierzig Jahren für 52,586 Goldgulden Werth an milde Stiftungen vermachte. Eine ähnliche und nicht minder reiche und wich⸗ tige Geſellſchaft bildeten die Kaufleute. Endlich hatten denn auch die Zünfte ihre Stu⸗ ben, ihre Gerechtſame, ihre Stubenordnungen, ja ſogar eigene Stadttheile, die ſie bewohnten und ſelbſt heut zu Tage führen in Frankfurt noch viele Straßen den Namen hiervon, wie die Schuhgaſſe, die Weißgerber⸗, Bender⸗, Schwerdtfeger⸗, Fi⸗ ſcher- und Schnurgaſſe*); die Plätze unter den neuen Krämen und hinter den Tuchgaden. *) Vicus textorum. Webergaſſe, bei dem Volk Schnarr⸗ (Schnurr⸗) gaſſe, vom Geräuſch der Wollräder genannt. Alle dieſe Corporationen aber hatten ihre An⸗ führer, ihre eigenen Banner, waren bewaffnet und ſtanden ſämmtlich unter dem Befehl des Ma⸗ giſtrates, zu dem ſie auch, mit wenigen Abirrun⸗ gen, Liebe und Vertrauen hinzog; ſo daß es dieſer oberſten Behörde der freien Reichsſtadt möglich wurde, Unruhen, wie die oben beſchriebene, leicht zu unterdrücken. Aber mehr noch als das Einſchreiten der Zünfte, kam dem Magiſtrat die Ankunft eines, von Her⸗ mann von Salza an ihn und an den Comthur des deutſchen Hauſes abgeſandten, deutſchen Ordens⸗ ritter zu ſtatten, der die Nachricht überbrachte: Kaiſer Friedrich ſei nicht vergiftet; der Mord⸗ verſuch des Sohnes ſei fehlgeſchlagen und Hein⸗ rich in Folge deſſelben ewiger Haft übergeben worden. Jetzt wandelte ſich mit Einemmale Jammer und Zorn in die ausgelaſſenſte Luſt. Man ſang Loblieder auf Friedrich und Spottlieder auf den Erkönig, den ohnehin alle Welt haßte und fürch⸗ tete. Die Waffen flogen weg, der DTrauer⸗ und Schreckenstag verwandelte ſich in ein Freudenfeſt. Die Kirchenglocken erklangen, fromme Dankgebete ſtiegen zum Himmel auf, kurz es war: als ob ein todtkranker Vater durch plötzliche Geneſung ſeiner Familie wiedergeſchenkt worden ſei. Die Treue der Bürger ſpiegelte ſich in ihrer aufrichtigen herzlichen Freude. Auch die Ganerben des Hauſes Limburg, zu welchen, wie oben erwähnt, die erſten Familien der Stadt gehörten, beſchloſſen dieſen Tag durch einen Tanz auf der großen Trinkſtube zu feiern. Wem aber hätte dieſe Nachricht erwünſchter kommen kömlen, als der munteren Guda von Goldſtein, dem blonden, ſchelmiſchen Lockenköpf⸗ chen, welches vor nicht langer Zeit bei dem Ge⸗ dinge an der rothen Thüre ſo viel Aufſehen gemacht und auch dem edlen Junker von Ronſtädten ſo wohl gefallen hatte. Aber nicht allein wegen des Tanzes kam Guda dieſes Feſt ſo gelegen, obgleich ſie leidenſchaftlich gern tanzte, ſondern ſie hatte noch einen anderen Grund und dies war ihr böſer Vetter Robert von Meiſenbuch, der ſich nun ſeit längerer Zeit gar nicht mehr vor ihr hatte ſehen laſſen, ja der, wie ſie hörte, entſchloſſen war, Kriegsdienſte zu nehmen. Und dies Alles ihretwegen, wie ihr eine Freundin geſagt. Und doch konnte ſie nicht begreifen, warum ihr der Vetter mit Einemmale ſo böſe geworden ſei, da ſie ihm doch nicht das Geringſte gethan, ja kein ernſtlich böſes Wort gegeben hatte. ————— 247 Nun dachte Guda: heute Abend wird Robert doch gewiß auf Limburg nicht fehlen und da will ich ihn vornehmen und ihn zur Rede ſtellen, warum er mit mir, die es ſo gut mit ihm meint, ſo mür⸗ riſch iſt. In dieſer Erwartung bereitete die hübſche Blondine ihren Feſtanzug auch ſchon vor, als ihre Freundin Mathilde bei ihr eintrat. Guda ſprang freudig überraſcht auf, warf das koſtbare Kleid auf den nächſten Stuhl, als ob es gar nichts ſei, ſprang auf Mathilde zu und um⸗ armte und küßte dieſe zum Erſticken. Um Gottes willen! ſtöhnte Mathilde lachend, Wildfang! du bringſt mich ja ums Leben. Pah! ſcherzte Guda, Unkraut vergeht nicht! Das hab' ich ſchon vft auch an mir erprobt. Du kommſt doch auch heute Abend zum Tanz? Natürlich! entgegnete Mathilde, die unter⸗ deſſen ihren Ueberwurf abgelegt. Natürlich! rief Guda, den ruhigen Ton der Freundin nachahmend, und das ſagſt du ſo ruhig? Du, die du Braut biſt und deinen Bräutigam, den artigen Junker Rohrbach dort findeſt? Glaubſt du, ich freue mich darum weniger? entgegnete die Freundin, ich bin nun einmal ſtiller, als du, liebes Kind. 248 Ich ſage dir, rief Guda, ich kann den Abend kaum erwarten, denn ich will nicht nur tanzen, ſondern meinem ſauberen Vetter Robert auch die Leviten leſen. O weh! entgegnete Mathilde, da muß ich dir deine Freude nehmen. Meiſenbuch kommt nicht. Nicht? wiederholte ſtarr vor Schrecken die Blondine. Woher weißt du das? Mein Bräutigam ſagte es mir ſo eben. Du weißt, er iſt ein Freund Roberts und hat es aus ſeinem eigenen Munde. Und warum nicht? Den Grund hat er nicht angegeben, aber es gehört eben keine große Weisheit dazu, ihn zu er⸗ rathen? Und? Nun es iſt derſelbe, der ihn aus unſerer gu⸗ ten Vaterſtadt treibt. Er hat dich gern und du willſt nichts von ihm wiſſen. Ach! rief Guda und lachte ausgelaſſen, das iſt ja zum Todtlachen. Ich glaube, beim Vetter iſts nicht recht im Kopf. Wer kann ihn denn lieber ha⸗ ben als ich und dann— was könnte ihm um Got⸗ tes willen auch daran liegen, wenn ich ihn nicht liebhätte? Es iſt wahr, ich necke ihn oft, wenn er mir Schmeicheleien ſagt oder wenn er ſo trüb⸗ ſelig darein ſieht, wie ein krankes Huhn. Aber ———— 249 darum mag ich ihn doch leiden, und, wenn ich wüßte, daß ich ihn ernſtlich betrübt hätte.... Das haſt du! So würd' ich ihn um Verzeihung bitten. Aber wie kann ich es, wenn er gar nicht kommt! Morgen geht er ganz weg, fuhr Mathilde fort. Der arme Junge dauert mich. Da Frankfurt nun nicht ausrücken wird, will er ſich beim Kaiſer zu Kriegsdienſten melden und mit nach Italien ziehen. Der Vetter iſt ein Narr! rief die Blondine, die den Schrecken, welchen ihr dieſe Nachricht ein⸗ geflößt, kaum verbergen kannte. Was will er denn in Italien machen? Sich todtſchlagen laſſen? Seine Aeltern betrüben und mich ärgern? Aber wart! ich will ihm meine Meinung ſagen, wenn ich ihn treffe. Wüßte ich nur, wo er wäre!... Im Pirſchgraben iſt er, entgegnete Mathilde, dort ſitz er ſeit einiger Zeit oft im dichten Gebüſch, um ſeinen Aerger und ſeinen Schmerz der Welt zu verbergen. So!? rief freudig Guda, ſprang auf und lief nach ihrem Ueberwurf. Nun warte, ich will ihn fragen: ob ihm die Geſellſchaft der Hirſche lieber iſt als meine. Was willſt du machen? frug Mathilde über⸗ raſcht, du wirſt doch nicht zu ihm in den Hirſch⸗ graben gehen wollen? * 250 Gewiß werde ich das! entgegnete das blonde Kind, das ſchon zum Weggehen fertig daſtand. Der Vater hat mir den Schlüſſel zum Graben ge⸗ geben, um ungenirt mit Freundinnen da⸗ hin ſpazierengehen zu können. Aber, liebe Guda! der Anſtand. Wenn Je⸗ mand erführe... Ei was! ſagte ungeſtüm Guda, indem ſie der Freundin ebenfalls den ſeidnen Ueberwurf umlegte. Was kümmern mich die Leute! Ich habe den Vet⸗ ter beleidigt und muß ihn nun um Vergebung bit⸗ ten. Dies iſt Chriſtenpflicht. Wenn dein Vater hörte.... Daß ich den Brauſekopf von einem unſinnigen Streich abhalten will, der ihn und ſeine Aeltern auf ewig unglücklich machen muß? Er würde mich loben. Ich zittre! entgegnete Mathilde, unſer guter Name ſteht auf dem Spiel. Wollen wir denn etwas Böſes thun? rief Guda ungeduldig und faßte die Freundin beim Arm, ſie fortzuziehen. Wir gehen in den Hirſch⸗ graben ſpazieren; treffen wir zufällig Jemand von den wenigen Familien, die den Schlüſſel zu dem Garten haben, nun, ſo macht das nichts. Iſts aber der Vetter mit dem Tollkopf, ſo iſts deſto beſſer! —— 2 251 Und damit ſprang ſie ſchon die breite Treppe hinab und zog Mathilde hinter ſich her, die ihr nur mit Lebensgefahr folgen konnte. Die beiden Hirſchgraben, jetzt anſehnliche Straßen, obgleich ſie noch immer denſelben Namen tragen, waren zu jener Zeit tiefe, mit Nußbäu⸗ men und dichtem Gebüſch beſetzte Wieſen, die, durch Mauern und Thore eingefriedet, feiſten Hir⸗ ſchen zur Waide dienten*). Sie lagen nur wenig von dem Hauſe„Zum Goldſtein“, welches die Ecke des Kornmarktes bildete und Guda's Vater zugehörte, entfernt. Die beiden Mädchen hatten ſie alſo bald erreicht und ſchlüpften, da dieſe Gegend als die äußere Grenze der Stadt einſam und ſtill war, ungeſehen an dem kleinen Förſterhauſe„Zum Hirſchen“ vorüber und dem Thore hinein. Beiden Mädchen klopfte das Herz gewaltig, als ſie in den dunklen Schatten der uralten Nuß⸗ bäume und Eichen traten, die ſchon ſeit Karls des Großen Zeiten hier prangten. Aber nicht aus glei⸗ chen Urſachen fühlten ſie ſich ſo mächtig bewegt. Mathilde bebte aus Angſt und mädchenhafter Scheu, Guda's Buſen aber durchzogen ganz andere Ge⸗ fühle, die ſie freilich nicht recht entziffern konnte. *) Lerßner 2, 23. Ihr Ziel aber lag ihr klarer vor der Seele: es waren zwei lichtblaue Augen, die ſie oft treu und bittend angeſchaut, und nach dieſem Ziele zog ſie ein Magnet, den ſie bis jetzt nur dem Namen nach gekannt, obgleich ſie, ſich ſelbſt unbewußt, ſeine Kraft längſt gefühlt. Der Magnet war die Liebe. Guda ging es aber wie den Schiffen in der Fabel vom Magnetberg. Der Wind der Leidenſchaft blies friſch in die Segel ihres Lebensſchiffchens, bis ſie ſich dem ver⸗ hängnißvollen Berge zu ſehr genaht; da konnte ſie dem ſüßen Zuge nicht mehr widerſtehen und als ſie ſeine Kraft inneward, lag ſie auch ſchon mit un⸗ auflöslichen Ketten an ihn geſchmiedet. Mit klaren Worten: Guda fand den Vetter bald. Robert traute ſeinen Augen nicht und ließ im Entzücken die ganze Strafpredigt des lieblichen Schalkes über ſich ergehen. Als ſie ihn aber ernſt⸗ lich bat, ihr zu vergeben, wenn ſie ihn ohne Wil⸗ len beleidigt, da konnte er ſich nicht länger halten; er zog ſie an ſich und geſtand ihr in ſo eindringli⸗ chen Worten ſeine Liebe, beſiegelte die Wahrheit dieſer Ausſage auch mit ſo heißen Küſſen, daß ihm Guda glauben mußte. Auch antwortete ihr Herz in einer ſtummen und doch ſehr beredten Sprache auf Roberts Bitten und ſo kam es denn, daß dies Zuſammentreffen im Hirſchgraben die wichtigſten Folgen hatte. Näm⸗ lich Roberts Entſchluß, keine Kriegsdienſte zu neh⸗ men, ſondern in der guten Vaterſtadt zu bleiben und Guda's Umwandlung aus einem Kinde in eine liebende Jungfrau. Mathilde, die der ganzen Scene unter Todes⸗ angſt beigewohnt, mahnte endlich an das Nach⸗ hauſegehen und hatte ihre ganze Beredtſamkeit auf⸗ zubieten, die Liebenden zu trennen, was auch endlich gelang, da man hoffen durfte, ſich in eini⸗ gen Stunden auf dem Hauſe Limburg wiederzuſehen. WVelche Seligkeit tagte nun für Robert und Guda! Aber Guda war für dieſen Abend ernſter und ſtiller wie ſonſt. Auch lächelte ſie nur leiſe vor ſich hin. In Dingen von Wichtigkeit nimmt man ſich eben zuſammen, während man ſich bei Kleinigkeiten gibt, wie man iſt. Daher vermag man auch leicht ſeinen Mann am Lachen zu erkennen. Dem Men⸗ ſchen, der herzlich lacht, dem unſchuldiger Scherz Würze des Lebens iſt, und der, wenn er zu lachen aufhört, ſtill und freundlich fortlächelt, dem reiche getroſt die Hand, er iſt ein guter Menſch. Hüte dich aber vor ewig Lachenden, als vor Dumm⸗ köpfen oder falſchen Seelen. Es iſt ſchwer zu ſagen, wer ſich mehr nach dem Abend geſehnt habe, des Eplen von Goldſteins Töchterchen oder Junker Robert von Meiſenbuch. Gewiß iſt aber, daß ſich die ganze Geſellſchaft wunderte, daß Guda heute ungewöhnlich ſtill ſei. Die Herren begriffen nicht warum, die Mädchen und Weiber ſahen ſchärfer und wußten bald, woran ſie waren. Indeſſen ſpielte die Muſik im Tanzſaale luſtig auf. Der Saal ſelbſt war prächtig mit Tannen⸗ zweigen und jungem Laub verziert, zwiſchen wel⸗ chen die Wappenſchilder der Ganerben zu Limburg ſtolz hervorſchauten. An Kleidern und Schmuck herrſchte dabei eine Pracht, wie man ſie kaum an den Hofhaltungen der Fürſten zu ſehen gewohnt war; denn die reichen Patricier-Geſchlechter Frank⸗ furts liebten es, bei feſtlichen Gelegenheiten ihren Reichthum zu zeigen. Unter allen Mädchen aber ſtralte Guda her⸗ vor, nicht nur durch äußeren Schmuck, ſondern mehr noch durch ihre Reize, die von einer zauber⸗ haften Unbefangenheit noch hervorgehoben wurden. Heute zum Erſtenmal milderte dabei eine ſüße Jungfräulichkeit ihre tolle Laune und ſo erſchien ſie Allen als die Königin des Tages. Wie natürlich ſammelte ſich denn auch um ſie ein kleiner Hofſtaat von verliebten Rittern, von welchen aber Robert ſichtlich der Begünſtigſte war. Wer war ſeliger als er?! Aber ſiehe! da trat mitten in ſeine junge Luſt ein böſer Dämon. Es war Ronſtädten. Wie wenn plötzlich eine fröhliche Muſik in einer ſchrillen Diſſonanze abbricht, die lang und ſchmerz⸗ lich nachtönt und uns aus ſüßem Lauſchen unan⸗ genehm aufſchreckt; ſo ſtörte Ronſtädtens Eintreten die allgemeine Luſt und ſetzte an deren Stelle, we⸗ nigſtens für den Moment, Misbehagen. Schon vor des Kaiſers Rückkehr aus Italien hatte man Ronſtädten, der am Hofe des Königs gern geſehen war, den Zutritt zu der Trinkſtube auf Limburg geſtattet, doch hatte damals der Jun⸗ ker wenig Gebrauch hiervon gemacht, oder war eben nicht weiter beachtet worden. Es hätte daher auch jetzt ſein Eintreten um ſo weniger überraſcht, als er, ſeit der Uebergabe der Saala an den Kaiſer, als deſſen Burgmann angeſehen werden mußte, wenn ihm nicht erſt heute Morgen noch der Auflauf und die Drohungen des Pöbels die Meinung manifeſtirt hätten, die man ſo ziemlich im Allgemeinen von ihm hegtet daß er nämlich ein falſcher und feiger Menſch ſei, der ſeinen Mantel nach dem Wind hänge, im Grunde aber wol als ein Anhänger des vatermördriſchen Königs zu betrachten wäre. Dazu kam hier noch, daß ihn die Verſtändigen — als einen Laffen und dummen Gecken verachteten, während ſich faſt Alle durch ſeinen Stolz beleidigt fühlten, da er gar gern merken ließ, daß er der Ge⸗ ſellſchaft ſeine Beſuche für eine hohe Ehre anrechne. Trotzdem hatte man keinen genügenden Grund ihn auszuweiſen und da das Feſt eigentlich zu Eh⸗ ren des Kaiſers gegeben wurde, mußte man natür⸗ lich des Kaiſers Burgman auch dulden. So kam es denn, daß das Misbehagen ſich bald unter kalter Höflichkeit barg. Dennoch war die eigentliche Freude geſtört. Ronſtädten merkte dies wohl; allein er ſchrieb es in ſeiner Eitelkeit der Ehrfurcht zu, die man vor ihm, als einem kaiſerlichen Miniſterialen, hege. Sein Stolz wuchs und er ſchritt in ſeiner neuen, zierlichen und reichen Kleidung wie ein Pfau daher. Aber er führte mehr noch im Schilde, als zu glänzen: Ronſtädten ging auf nichts weniger, als auf die Eroberung Guda's aus. Im Anfang war der liebliche Blondkopf ver⸗ legen; als aber der Junker zudringlicher wurde und anfing, von Liebe zu ſprechen, fand Guda mit Einemmale ihren Witz und ihre ausgelaſſene Laune wieder und nun ging es auf eine ſo unbarm⸗ herzige Weiſe über den zierlichen Junker her, daß die ganze Umgebung in beſtändigem Lachen erhal⸗ ten wurde. 257 Anfangs lachte Ronſtädten mit, denn er merkte nicht, daß ihn das Mädchen zum Beſten hatte; als es Guda aber zu toll machte und ihm endlich ein Licht aufging, ſchnitt er ein Geſicht gleich einer Wüſte, in dem man vergebens nach den Spuren eines Gedankens forſchte. Aber Affen ſind hämiſch und boshaft und ſo dachte auch er auf Rache, als er ſich von der ſchö⸗ nen Spötterin wegwandte. In Meiſenbuch's Adern aber kochte das Blut und es bedurfte der dringendſten Bitten ſeiner Ge⸗ liebten, um ihn von einer Herausforderung des Junkers abzuhalten... Ein köſtliches Abendeſſen beſänftigte endlich die Gemüther einigermaßen. Die Luſt kehrte zurück und erlitt auch im Allgemeinen keine Störung mehr. Erſt als Guda mit ihrem Vater heimkehrte, hörte ſie zu ihrem Entſetzen: Junker Ronſtädten habe um ſie bei ihm angehalten. Zu ihrem Troſte ſetzte indeſſen der Vater gleich hinzu, daß er die Bitte entſchieden zurückgewie⸗ ſen habe. Als den kommenden Tag der Freund Ron⸗ ſtädten's, Junker von Stein„in das Gemach des Erſteren trat, fand er dieſen in ſehr übler Laune. Er erkundigte ſich um die Urſache und erfuhr nun, daß der edle Ronſtädten geſtern bei ſeinen 258 Bemühungen um die Hand der Schöffentochter ſchlecht reüiſſirt habe. Zwar war Ronſtädten von dem Mädchen über⸗ zeugt, daß ſeine Spöttereien nur Folge der Ver⸗ legenheit, nur verſteckte und verſchämte Liebe ge⸗ weſen ſei; allein den Worten des alten, ernſten Goldſtein konnte er keine andere, keine erwünſchtere Deutung geben. Der Junker war in Verzweiflung; aber Stein lachte ihn aus und rief: Nun, ſeid doch vernünftig; es gibt wahrhaf⸗ tig im Reiche der Mädels noch viele, die ſich um Euch reißen werden. Und wenn Ihr in den Gold⸗ kopf vernarrt ſeid und nicht gerade in ihren Gold⸗ ſack, ſo will ich Euch eine Andere ſchaffen, die ihr, im Sinne des Worts, aufs Haar gleichen ſoll. Da liegt eben der Haaſe im Pfeffer, entgegnete finſter Ronſtädten. Es handelt ſich bei dieſer Hei⸗ rath allerdings um Gold; allein ich möchte vor allen Dingen des alten reichen Schöffen Gold⸗ gulden erheirathen, die Goldhaure wären dann eine ganz nette Zugabe. Seit wann ſeid Ihr denn ſo ſpeculativ? Beim heiligen Dunſtan! rief Ronſtädten, ich habs, unter uns geſagt, verdammt nothwendig. Ihr wißt, ich kümmre mich nicht viel darum, wie meine Gelder eingehen, wenn ſie nur eingehen. — 259 Nun kam vor einiger Zeit der Verwalter meiner Güter, der ſchon oft darüber geſchrien, daß ich zu viel brauche, und ſetzte mir ganz trocken auseinan⸗ der, daß alle Kaſſen leer und das ſchöne Ronſtäd⸗ ten ſchon zweimal für ſeinen vollen Werth verpfän⸗ det ſei. Außerdem hat mich die verdammte Röſe, die kein Teufel auffinden kann, um meine beſten Perlen und Steine gebracht, die dazu noch gar nicht bezahlt ſind. Juwelier, Goldſchmied, Schnei⸗ der, Pelzhändler und wie das Lumpenvolk ſonſt noch heißt, ſchreien auch um Geld. Ihr werdet es daher als einen Beweis meines ſcharfen Verſtan⸗ des anſehen, daß ich meine Finanzen durch eine gute Heirath wieder in das Gleichgewicht zu brin⸗ gen ſuche. Bekomme ich dabei eine ſchöne Haus⸗ frau mit, nun ſo iſt dies, wie geſagt, nur deſto beſſer. Und darum ſchwore ich, muß die Goldſtein mein werden. Ich beuge mich vor Eurer tiefen Weisheit! ſagte Stein ſpöttelnd, allein ich fürchte, wir ſind damit zu Ende. Zu Ende? lachte Ronſtädten laut m Nun, beim heiligen Dunſtan, Freund Stein, Ihr wür⸗ det einen ſchlechten Hofrichter abgeben. Ihr kennt ja weder Geſetze noch Herkommen! Guda muß mein werden. Nur hätte ich dies goldene Band lieber in Freundſchaft als mit Gewalt geknüpft; 260 denn der alte Brummbart wird gegen den aufge⸗ drungenen Schwiegerſohn zäher ſein, als er es wol gegen den ſelbſtgewählten geweſen wäre. Indeſſen kennt er mich nur erſt..... Da lernt er was Rechts kennen.... Und dann die Ehre mit dem Miniſterialen von Ronſtädten verwandt zu werden... Da gibt Euch der ſtolze Schöffe noch keinen Turnoſen dafür. Aber wie wollt Ihr ihn zwingen? Kennt Ihr wirklich das Recht nicht, das uns Junkern und Dienſtmannen des Königs in Frank⸗ furt und den wetterauiſchen Städten zuſteht? frug Ronſtädten erſtaunt. Nein, welches Recht? Wir haben deren gar viele. Nie zu viel! rief Jener. Ich meine aber das Recht: daß ein Dienſtmann des Königs, wenn er eine Jungfrau ſieht, die ihm gefällt, ſie zum Weibe 3 begehren darf. Das Recht hat wol ein Jeder! rief Stein lachend. Aber ob er ſie bekommt, das iſt die Frage. Laßt mich nur ausreden, ſagte Ronſtädten halb verdroſſen; wenn er dies durch den Mar⸗ ſchall nach alter Sitte in Namen des Königs thun läßt, ſo muß der Vater auf der Stelle einwilligen und die Jungfrau iſt ſo gut als wie durch Prieſter⸗ ſegen Euer Weib. 261 Ronſtädten! rief hier Stein mit komiſchem Pathos, gelehrter, weiſer, unvergleichlicher Sa⸗ lomo, ſprecht Ihr wahr? Beim heiligen Dunſtan! Und ich werde es durch die That beweiſen. Victvria! jauchzte Stein. Noch heute laufe ich in ganz Frankfurt herum und ſuche mir eine ſchöne, reiche Frau. Und Eure Braut, die hübſche Gieſela? Bleibt meine Braut, vorausgeſetzt, daß ich keine ſchönere und namentlich reichere finde! ver⸗ ſetzte der Junker. Ich habe von Euch gelernt, wie man als guter Finanzmann operirt. Das Geſpräch ſpann ſich nun noch weiter aus, worauf Ronſtädten in allem Ernſte Anſtalten traf, als Adelſchalke*) das eben beſprochene Recht in Anwendung zu bringen. Wer aber beſchreibt den Schrecken Goldſteins und ſeiner ſchönen Tochter, als ſie, von Trompe⸗ tenſchall an die Fenſter ihres palaſtartigen Hauſes gerufen, einen königlichen Marſchall, begleitet von einem Reichsherold und zwölf wohlbewaffneten Knappen, erblickten und nun aus dem Munde die⸗ ſes unverwerflichen Freiwerbers die Worte hören mußten: *) Servus regius, der Urkunde nach. Servi regii Adelſchalke) ſind vornehme Dienſtleute. 262 Höret zu, ihr Herren überall, Was gebeut der Kaiſer und Marſchall; Was er gebeut und das muß ſein, Hier ruf' ich aus und ſegne ein: Den Adelſchalk von Ronſtädten Mit Guda von Goldſtein. Heute zur Ehen, Morgen zum Lehen, Ueber ein Jahr Zu einem Paar*). Guda war außer ſich, aber nicht vor Ver⸗ zweiflung, ſondern vor Zorn. Sie hätte dem Jun⸗ ker die Augen auskratzen, ſie hätte ihn verkrüm⸗ meln können und ſo ſchwur ſie hoch und theuer, indem ſie mit dem netten Füßchen zornig auf⸗ ſtampfte, eher in ein Kloſter zu gehen, als die Gattin eines ſolchen geckenhaften Menſchen zu werden. Ruhiger, aber auch ernſter, nahm ihr würdi⸗ ger Vater die Sache. Der Schöffe wußte recht gut, daß dieſes un⸗ menſchliche Recht leider Gottes beſtehe und keine Rettung zu erwarten ſei, wenn nicht der König oder Kaiſer durch einen Machtſpruch érlöſend auf⸗ trete; aber er kannte auch Friedrichs Großmuth und Menſchlichkeit und da er zugleich von Meiſen⸗ buch erfahren, daß er ſeine Tochter liebe und ihm *) Der alte, bei dieſem Gebrauch herkömmliche Reim. Klumpf's dis. de priv. Henr. Rom. regis. Kirchner, Thl. 1, ſol. 126. 263 dieſe Verbindung willkommen war, ſo entſchloß er ſich ſchnell zu dem einzigen Schritt, der ihm zu thun übrig blieb: ſich perſönlich an den Kaiſer zu wenden. Ja der edle Mann war entſchloſſen, Alles aufzubieten, um wo möglich bei dieſer Gele⸗ genheit ſeine Vaterſtadt von einer ſo ſchmählichen Unbill zu befreien. Mit Freuden übergab zu dem Behufe der Magiſtrat dem Collegen eine Bittſchrift gleichen Inhalts an den Kaiſer und ſo verließ der alte Goldſtein, begleitet von Guda und geſchützt durch ein ſtarkes Geleite, ſchon in der nächſten Nacht heimlich die Stadt. Aber der Menſch denkt, Gott lenkt. Kaum hatten ſie Darmſtadt hinter ſich und waren eben im Begriff, ſich dem Rheine zuzuwenden, als ſie von einem Haufen Geharniſchter überfallen und trotz der tapferſten Gegenwehr von den bei weitem überlegenen Räubern überwunden wurden. Goldſtein wurde geknebelt, die Sänfte, in welcher ſich Guda befand, ſcharf bewacht und ſo ging es querfeldein in einen dichten, finſteren Wald. 10. Der Kaiſer. Ich ſeh' ihn ganz; der Augen dunkles Feuer, Die lichte Stirn, die Brauen ſtolz geſchweift, Und ſtreng der Mund, als ſei'n die Worte theuer. So ragt, ein Fels mit ſcheitelrechten Wänden, Salas 9 Gomez, kühn er aus der Flut, Vom Wellendrang umbrauſt an allen Enden. Doch in dem Steine ſchlägt ein Herz voll Glut, Ein Herz, das hält die ganze Welt umſchlungen, Dran, wie an Vaterbruſt, die Menſchheit ruht. Dingelſtedt. Wir kehren zu Kaiſer Friedrich zurück. Seit dem Mordverſuch des eigenen Kindes auf ſein Leben war er ein anderer Mann geworden. Hatte Eudoria's Tod ſchon die ſchönſten Blüten dieſes reichen, pvetiſchen Gemüthes geknickt und abgeſtreift; hatte ihr Verluſt in ſeinem Herzen eine Lere zurückgelaſſen, die Nichts mehr auf Erden auszufüllen vermochte; hatte ſeines Sohnes Ver⸗ rath und Abfall ihn an Treue und Glauben, an den Banden der Liebe und der Natur verzweifeln laſſen, ſo hatte deſſen Mordverſuch ſein Herz ge⸗ brochen. 265 Der Schlag war zu fürchterlich, zu allgewal⸗ tig, um nicht mit einem Male und für immer jedes fröhliche Leben dieſes herrlichen Geiſtes zu vernichten. Friedrich blieb groß als Kaiſer; weiſe und edel, gerecht und leidenſchaftslos als Richter; aber der fröhliche, ſtets heitere Menſch war er nicht mehr. Sein Gemüthsleben war erſtorben, ſein Herz leer. Groß, unendlich groß, aber kalt, erhaben und ernſt— wie ein Gott— blickte er nun auf Welt und Leben herab. Nach langem Kampfe war er mit ſich ſelbſt einig geworden. Er ſchloß ab als Menſch mit dem freundlichen Daſein und blieb einzig— Kaiſer. Und felſenfeſt ſtand dieſer Entſchluß in ihm und nichts, gar nichts ſchwebte nun noch ſeinen Blicken vor, als die Größe, die Herrlich⸗ keit des Kaiſerthums und— durch dieſes begründet— das Woyl ſeiner Völker. Dies Ziel im Auge wandte er nun vor allen Dingen ſeinem deutſchen Vaterlande„das nus ſo vielen Wunden blutete, die vollſte Aufmerkſamkeit zu. Was aber die Politik betrifft, die er hier ver⸗ folgte, ſo war dieſelbe ſo klar als einleuchtend und ließ ſich in folgenden wenigen, aber gewichtigen Worten zuſammendrängen. Friedrich war nämlich feſt überzeugt, daß die II. 12 erbliche Monarchie dringend der Volksfrei⸗ heit bedürfe, um nicht durch ſchlechte und geiſtes⸗ beſchränkte Rathgeber auf falſche Wege geleitet zu werden. Dagegen ſah er auch recht gut ein, daß die Freiheit wiederum einer erblichen und unzerſtörbaren Monarchie bedürfe, um nicht in Anarchie auszuarten, oder— wie die Geſchichte oft genug bewieſen, in dem Kampfe um die oberſte“ Gewalt unterzugehen. Auch konnte ſeinem ſcharfen Blicke die Quelle nicht entgehen, aus welcher der größte Theil des Unheiles floß, das Deutſchland überſchwemmte, ja einſt das ganze Reich aufzulöſen drohte. Dieſer Born des Unheils war eben nichts Anderes, als die erbliche Ariſtokratie, die, nur das Wohl ihrer zahlreichen Familien bedenkend, das Staatsleben hemmte, den Glanz des Thrones verdunkelte und jeder freieren Ausbildung ver⸗ nichtend in den Weg trat, während ſie zu gleicher Zeit den leiſeſten Keim ejner auftauchenden Natio⸗ nalität— als ihrem Intereſſe entgegen— zu er⸗ ſticken ſuchte. Drohten doch die Großen des Reiches— die bisher die öftere Abweſenheiten der Kaiſer oder die Schwäche ihrer Könige klug zur Gründung eigener Macht zu benutzen gewußt— unter einem ſchwa⸗ chen Scepter einmal ſelbſtſtändig zu werden; ſtreb⸗ — ten ſie doch ſchon damals dieſem Ziele gewaltig entgegen. Unter dem energiſchen Regimente der Hohen⸗ ſtaufen verſtummte zwar die Klage über die Zer⸗ riſſenheit Deutſchlands mehr und mehr; ja der Grund für ſie wäre wol ohne die unglückſeligen Römerzüge ganz weggefallen, und es ſchien eine deutſche Nation zu beſtehen, weil ſie eine ſtarke Hand zur Einheit zwang. Aber dieſe Einheit war doch nur ſehr allge⸗ meiner und unbeſtimmter Art, da ihr noch die be⸗ lebende Kraft eines energiſchen Bewußtſeins fehlte. Das einzige Band war das ohnmächtige König⸗ thum und die Liebe des Volkes zu ſeinem Kaiſer, die ſich oft auf glänzende Weiſe äußerte, nament⸗ lich bei den Städten. Dieſe ſympathetiſchen Aeuße⸗ rungen floſſen indeſſen einzig aus einem allgemei⸗ nen, unklaren und paſſiven Gefühle, das aber trotz dem als eine Errungenſchaft der deutſchen Ge⸗ ſchichte den Keim der Nativnalität in ſich trug und welches zu erwecken, zu ſtützen und zu begründen dem Kaiſer als eine Hauptpflicht erſchien. Dies ſchöne Ziel zu erreichen machte ſich Fried⸗ rich demnach zur Aufgabe, die aber nur dann ge⸗ löſt werden konnte, wenn die Zerriſſenheit Deutſch⸗ lands gehoben und die Verhältniſſe der einzelnen 12* 268 Großen zu einander und zu dem Reichsoberhaupt geordnet waren. Freilich erwuchs Deutſchland eben aus ſeiner Zerſtückelung, die viele fürſtliche Hofhaltungen nöthig machte, der Vortheil, der Griechenland zu ſeiner eulturhiſtoriſchen Höhe hob. Auch Griechenland zerfiel in eine Maſſe ſelbſt⸗ ſtändiger Individualitäten und ſpielte dennoch in der Entwicklungsgeſchichte des Menſchengeſchlechtes eine große Rolle. So wenig aber für Hellas dieſe Individuali⸗ ſirung zu beklagen war, da ſie die Grundlage und Bedingung der großartigen und bewunderten Lei⸗ ſtungen Griechenlands ward, ſo viel ſie in Deutſch⸗ land zur Entwicklung der Intelligenz beitrug, die nach und nach ſelbſt bei den Maſſen durchdrang, eben ſo viel ſchadete ſie auch in politiſcher Be— ziehung. Friedrich hatte aber bei der großartigen Idee eines römiſch-deutſchen Kaiſerreiches ſtets und im⸗ mer und vor Allem die Größe und die Macht Deutſch⸗ lands vor Augen, welches auch der Mittelpunkt, das Herz dieſer Univerſalmonarchie geben ſollte. Dies konnte aber wiederum nur dann geſchehen, wenn die deutſche Nation zum vollen Bewußtſein ihrer Kraft, zu einer nationellen Selbſtſtändigkeit ſich erhoben. 269 Die Kraft einer Nation wohnt aber im Volkt und nicht im Adel, noch weniger in den einzelnen Großen. Daher Friedrichs freundliche Hinnei⸗ gung für die Städte Deutſchlands und ihre Be⸗ wohner. Hier war es ja, wo Handel und Gewerbe, Kunſt und Wiſſenſchaft blühten. Wie hätten dieſe auch auf den Felſenſchlöſſern des Adels gedeihen können, wo nur das Schwert und das Jagdhorn etwas galten; oder in den Klöſtern, wo man ge⸗ wohnt war, das Leben nur durch gemalte Scheiben zu beobachten. Aber ein Volk, welches in der Geſchichte that⸗ kräftig auftreten will, muß ein Herz und ein Ge⸗ müth ſein, d. h. der Reichthum von Beſtimmungen und Charakterformen, aus welchen es, in Folge ſeiner verſchiedenen natürlichen Verhältniſſe, be⸗ ſteht, die alle, ihren relativen Werth beſitzend, ein Recht auf Pflege und Anerkennung haben und durch die ſelbſtſtändigſte Ausbildung nur dem gemein⸗ ſamen Vaterlande dienen und ſeinen Reichthum, ſeine Vielſeitigkeit, ſeine Lebenskraft erhöhen, muß durch das Gefühl der Nationalität verſchmolzen und ſo das Streben der ganzen Maſſe von einer Idee getragen werden. In dieſem Streben nun vereinigten ſich Volk und Kaiſer, wogegen die Fürſten, die individuellen 270 Eigenthümlichkeiten der einzelnen Theile des Reiches ſchlau in ihrem Intereſſe benutzten. Der wohlverſtandene Vortheil Deutſchlands erforderte daher von dem Kaiſer, der ſelbſtändig aufſtrebenden und überhand nehmenden Macht der Großen des Reiches in dem Nationalgefühle des Volkes einen Damm zu ſetzen; dieſe Nationalität aber dergeſtalt zu verwirklichen, daß Deutſchland, unbeſchadet ſeines geiſtigen Reichthums, und ohne Gefährdung der Eigenthümlichkeiten und Rechte ſeiner einzelnen Theile zu einer inneren und äuße⸗ ren, zu einer politiſchen und geiſtigen Einheit ver⸗ wachſe. Dies aber konnte um ſo leichter errungen werden, wenn ſich erſt in kaiſerlicher Majeſtät alle Stralen wie in einem Brennpunkte einigten. Dies in wenigen Worten der Plan des Kai⸗ ſers, der, wie oben erwähnt, ſein eigenes Selbſt, ſein Hoffen und Wünſchen, ſein Leben und Sein an dieſe Idee hingegeben, und wahrlich er war in ſeiner jetzigen kalten, fürchterlichen Hoheit und Größe der Mann, ſie auszuführen. Der Arbeiten zur Anbahnung der Sache lagen genügend vor. Einen Theil derſelben ordnete er ſofort, das Andere wurde auf einen großen Reichs⸗ tag zu Mainz, welchen Friedrich auf den 15. Au⸗ guſt 1235 einberief, verſchoben. Vorerſt gab er den geſammten ſtaatsrechtlichen 271 Verhältniſſen Deutſchlands, welche ſich ſeit vielen Jahren durch bloße Thatſachen und durch eine, keineswegs von Geſetzen bekräftigte Entwicklung umgeſtaltet hatten, eine neue Geſtalt und eine auf Jahrhunderte hinaus folgenreiche Richtung. Sodann wurden verſchiedene Geſetze erlaſſen, nach welchen kein Geächteter mehr geſchützt, von Fürſten und Prälaten keine neuen und ungebühr⸗ lichen Abgaben dem Volke mehr aufgelegt werden durften. Ebenſo wird befohlen, daß Jeder, dem Ge⸗ richtsbarkeit zuſteht, monatlich vier Gerichtstage halten muß. Selbſt der König wird hiervon nicht ausgenommen. Selbſthülfe iſt verboten. Ein Fürſt, der dem Anderen Gewalt anthut, ohne vorher Klage zu füh⸗ ren*), zahlt 100 Mark Goldes, ein Graf oder ein Edler 100 Mark Silber. Wer durch vollgültige Zeugen überführt wird, daß er den Frieden gebrochen, verliert die Hand. Hieran reihten ſich Geſetze über den Land⸗ frieden. Ferner werden alle ſeit dem Tode Heinrich WU erhöhte Zölle auf den alten Stand ermäßigt; alle ſeitdem ungeſetzlich errichteten abgeſchafft. Ohne Rechtsſpruch gilt keine Pfändung. *) Absque praecedente querimonia. 272 Wer Burgen oder Städte bauen will, muß die Koſten aus eigenen Mitteln beſtreiten, und darf dazu weder das Gut ſeiner Landleute in Anſpruch nehmen, noch bei Strafe des Straßenraubes Zoll erheben u. ſ Wie natürlich erforderten dieſe und noch weit mehrere Verbeſſerungen des öffentlichen Weſens längere Zeit, die denn auch der Kaiſer emſig dar⸗ auf verwandte. So ſehr er aber beim Betriebe dieſer Geſchäfte auch thätig erſchien, ſo mild und väterlich er ſich hier und dort zeigte, kein Lächeln kam mehr über ſeinen Mund und ſelbſt die Scherze ſeines Narren erheiterten ihn nicht mehr, obgleich er ſie aus Ach⸗ tung und Anhänglichkeit für David duldete. Und dennoch ging er um dieſelbe Zeit in ein Verhältniß ein, das die Welt und Jeden ſtaunen machte, dem ein ſchärferer Blick in die Tiefen die⸗ ſes großen Geiſtes verſagt war. Mit ſtillem Schmerze, mit ängſtlicher Span⸗ nung hatten nämlich der Narr, Hermann von Salza, ja die ganze Umgebung des Kaiſers, die an ihm wie an einem Vater hing, die äußerlich kaum merkbare, aber deſto tiefer greifende Ver⸗ änderung beobachtet, welche ſeit König Heinrichs Mordverſuch und Wegführung mit dem Kaiſer vor⸗ gegangen war. — Namentlich verfolgte David und der Deutſch⸗ meiſter den pſychologiſchen Verlauf des fürchter⸗ lichen Eindrucks, welchen die unheilſchwere Be⸗ gebenheit auf den reizbaren Geiſt Friedrichs ge⸗ macht. Beide hofften auf leidenſchaftliche Ausbrüche, auf Tage des Zorns, auf ein wildes Flügelſchlagen des mächtigen Geiſtes, wohl wiſſend, daß ſich der gewitterſchwüle Himmel in Donner und Blitz ent⸗ laden muß, um wieder in ſeiner alten Freundlich⸗ keit und Ruhe der Erde zulächeln zu können. Um ſo mehr überraſchte, peinigte und ängſtigte ſie die erhabene Ruhe, die furchtbare Größe, mit welcher der Kaiſer aus dieſem Sturme hervorging, der ihn nicht gebeugt, ſondern nur befeſtigt, gekräf⸗ tigt zu haben ſchien. Aber Beide ſahen auch ſcharf genug, um zu gewahren, daß dieſe Größe mit einem gebrochenen Herzen erkauft ſei. So ſteht die Blüte in ihrem höchſten Flor; aber in ihr Herz hat ſich ein giftiger Wurm einge⸗ freſſen, der ihr den beſten Nahrungsſaft entzieht und ihrer Pracht einen frühen Tod bereitet. David und Salza zitterten nie mehr für den geliebten Herrn als jetzt, da alle Welt bewundernd vor ſeiner Größe in den Staub ſank. Ihr richtiges Gefühl hielt ſie zwar die erſte 274 Zeit in einem ehrfurchtvollen Schweigen zurück, da ſie aber Beide gewohnt waren zu handeln, ſo vereinigten ſie ſich, von gleichen Intereſſen getrie⸗ ben, um zu berathen, auf welche Weiſe die tödt⸗ liche Wunde des Monarchen zu heilen und er der Welt wieder zu gewinnen ſei. Jetzt kam ihnen des Kanzlers Project einer neuen Verehlichung des Kaiſers und er ſelbſt, der wegen der Ausführung deſſelben dem Kaiſer hier⸗ her gefolgt war, wie gerufen, und es galt nur die Art und Weiſe ausfindig zu machen, durch welche man Friedrichs Einſtimmung erzielen könne. Freilich war für dieſe wenig Ausſicht vorhan⸗ den. Von Liebe, dies war David verſichert, konnte keine Rede ſein, ebenſowenig von irgend einem andern äußeren Grund, alſo nur von Politik. Hier war der Boden, in welchen man den Anker werfen mußte, und in der That erſchien auch eine Verbindung mit dem engliſchen Königshauſe in vielen Beziehungen von großer Wichtigkeit und konnte den Hohenſtaufen in der Ausführung ſeiner Pläne nur kräftig unterſtützen. Wurden doch dadurch die Waiblinger England ſo nahe verſchwägert, als die Welfen, und konnten dadurch dieſer ſtets feindlichen Partei iin m raliſcher und phyſiſcher Rückſicht das Gleichgewicht halten. Ferner beſtimmten die, bereits durch Vineis' 2 5 —1 Betriebſamkeit vorläufig feſtgeſetzten Heirathsbe⸗ dingungen der Prinzeſſin Iſabella eine Mitgift von 30,000 Mark des feinſten Silbers und im Falle der Verſäumniß noch 10,000 Mark als Strafe, nebſt einer ihrem Stande angemeſſenen Ausſtat⸗ tung. Auch dieſer Puntt konnte für Friedrich durch⸗ aus nicht gleichgültig ſein. Nicht aus Hobſucht, ſondern im wohlverſtandenen Intereſſe ſeiner großen Pläne, für die er vor allem Anderen Geld brauchte. Und wer hätte ihm ſo leicht eine gleiche, für jene Zeit ſo ſehr bedeutende Summe bieten können? David und Salza hofften dann zugleich, daß die reizende Tochter Albions das Herz des Kaiſers gewinnen und, wenn auch nicht in Liebe ſelig be⸗ rauſchen, doch wieder der Welt und dem Leben allmälig zuführen werde. Jedenfalls durfte von dem Letzteren bei Friedrich vor der Bnd nichts er⸗ wähnt werden. Nach einem klug überdachten Plane fingen nun Vineis, David und Salza an zu operiren und nach und nach dem Kaiſer mit ihrem Vorhaben näher zu rücken. Ruhig aber kalt hörte ſie Kaiſer, der als⸗ bald ihren Plan durchſchaute, an; ruhig und kalt erwog er die Sache. Ruhig aber kalt gab er jetzt ſeine Einwilligung, denn die Verbindung mit 276 England unterſtützte die Ausführung ſeiner großen Idee. Petrus de Vineis, des Reiches Großkanzler, der Erzbiſchof von Köln und der Herzog von Bra⸗ bant erhielten ſofort den Auftrag, ſich in Beglei⸗ tung eines zahlreichen Gefolges nach London zu begeben, um die hohe Braut zu werben und ſie ſo⸗ fort nach Deutſchland zu geleiten. Viueis, der ewig ernſte und finſtere Mann, war ſo überglücklich über dies endliche Gelingen ſeiner ſtaatsklugen Entwürfe, daß er einen ganzen Tag lang ein freundliches Geſicht ſchnitt und ſogar David freundſchaftlich die Hand drückte. Aufs eiligſte bereitete er ſodann die Reiſe vor und verließ ſchon in wenigen Tagen Worms. Der engliſche Hof empfing ſie mit ausgezeich⸗ neter Achtung und Zuvorkommenheit und nahm ohne weiteres auf die früheren Unterhandlungen hin die Bewerbung an, worauf man ihnen die Er⸗ laubniß ertheilte, Iſabellen im Tower, wo ſie in ſtreng jungfräulicher Eingezogenheit lebte, zu be⸗ ſuchen. Sie fanden, dem Bilde entſprechend, das ein⸗ undzwanzigjährige Mädchen von königlicher Schön⸗ heit und königlichen Sitten, und mit dem Ausrufe: Es lebe die Kaiſerin! ihr zu Füßen ſinkend, über⸗ gaben ſie ihr den Verlobungsring. 277 Die Vorbereitungen, welche nun zur Ausſtat⸗ tung Iſabellens gemacht wurden, waren über⸗ raſchend. Ihre Krone war vom feinſten Golde und mit ſo koſtbaren Steinen beſetzt, daß ſie einer Graf⸗ ſchaft an Werth gleichkam. Armbänder, Halsbänder, Schmuckkäſtchen, ſo wie die unzähligen weiblichen Zierrathen jeder Art erregten Bewunderung, ſowol durch ihre Schönheit, als durch ihre Anzahl. Alle Gefäße, Becher, Schüſſeln und Teller beſtanden aus Gold und Silber, und der Werth der Arbeit überwog noch den Werth des Metalls. Sogar der größte Theil des Küchengeſchirrs war von Silber. Radulf, der Seneſchal, und der Biſchof von Ereter ſtanden an der Spitze der zahlreichen Be⸗ gleiter und Begleiterinnen Iſabellens. Und von allen Seiten verſammelten ſich noch Ritter und Geiſtliche, um die Fürſtin vor ihrer Abreiſe noch einmal zu begrüßen und ihren Zug, der bis auf mehrere Tauſende anwuchs, zu verſchönern. So beſtieg ſie endlich, unter dem Jubel des Volkes, das Schiff, um nach ihrer neuen Heimat zu ſegeln. Zu Antwerpen empfing Iſabella eine zahlreiche Abtheilung kaiſerlicher Truppen, die ihr ſowol als 1 278 . Ehrenwache wie als Schutz dienen ſollten, und ſo ſetzte ſie nun ihre Reiſe wie einen Triumphzug fort, indem man ihr aller Orten mit Jubel entgegenkam. Beſonders zeichnete ſich hierin Köln, die erſte unter den deutſchen Städten aus. An zehntauſend Bürger und Jünglinge zogen ihr bei ihrer Annäherung in feſtlichen Kleidern und mit Blumen und anderem Schmucke geziert, ent⸗ gegen. Viele ritten auf ſtattlichen Roſſen, ſchwenkten die Lanzen und führten, geſchickt ſich wendend, wie⸗ derkehrend, treffend, gleichſam ein Bumterrochi Ritterſpiel auf. Noch wunderbarer erſchien es, als man präch⸗ tige Schiffe auf trockenem Boden daherſegelnſah! Die Thiere, welche ſie zogen, waren nämlich unter den rings übergehängten ſeidenen Decken verbor⸗ gen; in den Schiffen aber ſaßen Geiſtliche, welche unter der Begleitung von Orgeln anmuthige Ge⸗ ſänge ertönen ließen. Je näher man Köln kam, deſto größer wurde die Menſchenmaſſe, deſto lauter die Freuxbeze⸗ gungen. Man führte Iſabellen durch alle Pau und als ſie nun, um von den auf Söllern und Bal⸗ konen und in den Straßen neugierig Verſammelten beſſer geſehen zu werden, ihren Schleier abnahm 279 und freundlich dankte, da prieſen Alle ihre Schön⸗ heit und Herablaſſung aufs höchſte und weiſſagten ihr Glück in der Ehe und eine herrliche Nachkom⸗ menſchaft. In dem Palaſte des Erzbiſchofs, wo Iſabella ihre Wohnung nahm, wurde ſie nochmals von jun⸗ gen Mädchen mit Geſang und Tanz empfangen. Sie miſchte ſich fröhlich in ihre Reihen und die ganze Nacht hindurch dauerten Freudenfeſte der mannich⸗ fachſten Art*). Nach kurzer Raſt brach die kaiſerliche Braut endlich nach Worms auf. *) F. v. Raumer's iht der Hohenſtaufen und ihrer Zeit III, 603— 605. K. W. F Swon Friedrich II, S. 177. Matth. Par. S. 349— 11. Die Hochʒeit. Man lade die Verwandten und Freund' und Mannen ein, Lin großes Feſt der Freude ſoll unſre Hochzeit ſein. Bald ward im ganzen Lande die frohe Nachricht kund Und rege nah und ferne ward Alles in Burgund. Es nüßten Sindold, Hunold und Rumold ſchnell die Zeit Und machten ſchöne Sitze zum Waffenſpiel bereit, Sie ordneten die Arbeit des Königs Schaffnern an, Und regſam ſchien zu leben der ganze weite Plan. Die Buͤrg ward ſelbſt vi des Saales 2 an Mit koſtbar'm Tafelwerke von fremder Meiſter Hand, Und Boten ſandten Gere der Markgraf und Ortwin, Die Gäſte zu beſtellen, nach allen Seiten hinz Beſeelt von mächt'gem Eifer ward ſtolzer Mädchen Hand, Mit Kunſt und Pracht zu ſchmücken ihr feſtliches Gewand. Raſch zogen die Verwandten der Könige heran, Beſandt nach Gunthers Willen, Sett ihm zu em⸗ pfahn. Nun ritten die Gefährten der Braut herauf am Strand nd zu den Ufern drängte ſich wogend Stadt und Land. Nehmt reich Gewand, ihr Mädchen, ſprach Kriemhild, aus dem Schrein, Dann lobt man uns; wir ernten der Gäſte Beifall ein. Es wurden ſtolze Roſſe nun in den Hof geführt, Mit rothem Golde waren die Sättel reich geziert, Es ſchimmerten die Zügel von edler Steine Pracht, Ein ſchöner Pferdgeräthe ward nimmermehr erdacht, Der Boden ward mit Fellen von ſeltnem Werth beſtreut Und goldne Schemel ſtunden den Kommenden bereit; Und Ute kam, umgeben von ſechsundachtzig Fraun, Reich war Gewand und Hauptſchmuck und herrlich anzu⸗ aun. Dann kamen auch die Fräulein mit ungetheiltem Lob, Geziert mit koſtbar'm Schmucke, der ihren Reiz erhob, Die vierundfünfzig Schönſten, die ganz Burgund gebar, Hold ſchmückten goldne Kränze das gelbe Lockenhaar, Der Hermelin und Zobel verherrlicht ihr Gewand, Es glänzt' am ſeidnen Aermel ein diamantnes Band. 281 — Die prächtigen Gewänder umſchlang des Gürtels Schmuck, Den ſchlanken Wuchs erhebend durch ſeinen ſanften Druck. Glanzvolle Spangen hüllten die runden Buſen ein, Doch neben Mund und Wangen erloſch des Demants Schein. Den ſchönen Zug, wie nimmer ein Aug' ihn mehr erblickt, Ehrt' eine Ritterwache, mit Waffenglanz geſchmückt; Der breite Schild der Krieger ſtralt üm die Jungfraun her, Am Schaft vom Stamm der ein gewalt'ger peer. Das Lied der Uibelungen. Der Kaiſer hatte unterdeſſen keinen Augenblick den hohen, den einzigen Zweck ſeines Lebens aus den Augen verloren. Seine Unternehmungen waren ihm auch alle geglückt und er ſtand jetzt im Zenith ſeiner Größe. Mit dem heilgen Vater in Frieden, ja von ihm zu der neuen Verbindung beglückwünſcht; mit England verſchwägert, mit Frankreich durch den Tractat von Portenau aufs innigſte liirt, von den Dänen durch die Schlacht von Bornhövet auf im⸗ mer befreit und unumſchränkter Herr in allen eige⸗ nen Reichen: welcher Monarch auf Erden hätte ſich da mit ihm meſſen können? Und doch war er noch weit vom Ziel! So lange die lombardiſchen Städte nicht zertreten, ſo lange der Papſt noch Gott und Erdenfürſt zugleich, ſo lange ganz Italien nicht unterworfen und dem Reiche einverleibt war, ſo lange durfte der Kaiſer ſein Haupt nicht in Ruhe niederlegen. Friedrich wußte dies und verhüllte ſich keines⸗ wegs die ungeheuern Schwierigkeiten, die bis da⸗ 282 hin noch zu überwinden ſeien. Ein Rieſenkampf ſtand ihm bevor. Er war dazu gerüſtet! Da er es aber zu gleicher Zeit nicht nur mit einer weltlichen, ſondern auch mit einer geiſtigen, mit einer moraliſchen Macht zu thun hatte; da er fer⸗ ner wohl einſah, daß die ganze Welt auf ihn blicke und der Streit, den er durchzukämpfen bereit ſei, das Schickſal von Jahrhunderten entſcheiden werde, ſo kam ihm Alles darauf an, auch in den Augen der Welt ſeine Größe und ſeine Macht zu manife⸗ ſtiren und damit den Muth ſeiner Freunde zu be⸗ leben, ſeine Gegner dagegen moraliſch zu erdrücken. Hierzu aber boten ſich ihm jetzt zwei ſehr paſ⸗ ſende Momente dar: ſeine Vermählung mit Eng⸗ lands königlicher Tochter und der nach Mainz aus⸗ geſchriebene Reichs⸗ und Fürſtentag. Man kann ſich daher leicht denken, welche Herrlichkeit, welche Pracht, welcher Reichthum ſich hier entfalten mußte, da es dem größten Mo⸗ narchen der damaligen Zeit darauf, ſolche zu entwickeln. Worms hatte nie größere Tage geſehen, als diejenigen waren, welche die bevorſtehende Hochzeit herbeiführte. Die Stadt, an und für ſich damals noch eine der erſten des Reiches und von mehr als 60,000 Bürgern bewohnt, vermochte kaum die Unzahl der Fremden zu faſſen, die von Süd und Nord, von Oſt und Weſt, von aller Welt Ende herbeiſtrömten. Die Heerſtraßen waren mit Karavanen, der Rheinſtrom mit Schiffen überdeckt. Und unaufhör⸗ lich, wie aus reichen, nimmer verſiegenden Quel⸗ len, wälzten ſich die Fluten der Fremden dem Menſchengewoge der Stadt zu. Da zogen ein, gerufen durch die Pflicht, ge⸗ lockt durch Kampfesluſt, geſpornt von Ehrgeiz, ge⸗ trieben von Neugierde— die Fürſten und Vaſallen des Kaiſers, gefolgt von Heeren von Dienern; Grafen und Herren, Ritter und Edelknechte in prachtvollen Anzügen oder blanken Rüſtungen, ſich ſehnend nach der Turniere kräftigem Spiel; der Kirche höchſte Würdenträger, Prälaten und feiſte Aebte, Minneſänger und Troubadours, Kaufleute und Neugierige, Männer und Frauen, Jung und Alt. Beiſpiellos war das Gedränge, über jede Be⸗ ſchreibung erhaben die Pracht, die ſich in tauſend und abertauſend bunten Bildern vor den Augen der Staunenden entrollte. Vier Könige, eilf Herzöge, ſiebenzig Fürſten, dreißig Markgrafen und Grafen, zwei und vierzig Erzbiſchöfe und Biſchöfe und nahe an 12,000 Edle und Ritter waren erſchienen; die Menge des Vol⸗ kes blieb in der That unzählbar. 284 Unter den Angeführten, die zum größeren Theil zugleich dem Reichstage in Mainz, als des Reiches Lehnsträger und Vaſallen beiwohnten, be⸗ fanden ſich: die Erzbiſchöfe von Mainz, Trier, Köln, Beſangon, Magdeburg und Salzburg; die Biſchöfe von Bamberg, Regensburg, Konſtanz, Augsburg, Strasburg, Baſel, Hildesheim, Lüt⸗ tich, Cambrai, Metz, Toul, Verdun, Utrecht, Münſter, Osnabrück, Naumburg, Paſſau, Eich⸗ ſtädt, Freiſingen, Speier, Merſeburg u. ſ. w.; die gefürſteten Aebte von St. Gallen, Korvei und Fulda; der Großmeiſter des deutſchen Ordens; die Herzöge von Sachſen, Baiern, Brabant, Kärn⸗ then, Lothringen, Kroatien u. ſ. w.; die Pfalzgra⸗ fen vom Rhein und von Sachſen; die Markgrafen von Meißen, Brandenburg, Baden u. ſ. w.*). Auch ſeinen, zum Nachfolger Heinrichs beſtimm⸗ ten Sohn Konrad hatte der Kaiſer nach Worms und Mainz beſchieden. Eine ſolche Verſammlung hatte die Welt noch nicht geſehen und dennoch erblich der Glanz aller dieſer Sterne gegen die Sonne der Majeſtät. Friedrich M, des römiſch-deutſchen Kaiſers Haupt, ſchmückten ſieben Kronen: Die Kaiſer⸗ krone, die deutſche Königskrone, die eiſerne Krone, *) Raumer. 285 die Kronen von Neapel und Sicilien, die Krone des Königreichs Jeruſalem, die Krone Böhmens— und das deutſche Kaiſerthum hatte hier ſeinen höchſten Glanz, den Gipfel ſeiner Macht und Größe erreicht. Aber Friedrich dachte weiter. Sein ſtolzer, kühner Geiſt wollte das Unmögliche erſtreben: die Herrſchaft über ein Weltreich. Kehren wir zu unſrer Erzählung zurück. In der kaiſerlichen Pfalz zu Worms, jenem prachtvollen, großartigen Gebäude, von dem jetzt nur die Sage noch ſpricht, da es bis auf die letzte Spur von der Erde verſchwunden— in der kaiſerli⸗ chen Pfalz zu Worms herrſchte um jene Zeit ein ungemein reges Leben. Sie glich faſt einem ungeheuern Bienenſtock, ſo lebte und webte, ſummte und ſchwärmte es in ihr und um ſie her. Ja des Kommens und Gehens, Rennens und Laufens, Befehleertheilens und Fra⸗ gens war heute noch mehr als gewöhnlich, denn die Herzöge von Sachſen und Baiern machten ſich auf des Kaiſers Befehl bereit, der hohen Braut bis Mainz entgegenzuziehen. Auch in den Hallen der Hofburg wimmelte es von Menſchen und nur im Hauptbau, der Reſidenz der Majeſtät, herrſchte eine ehrfurchtgebietende Stille. Der Kaiſer war allein in ſeinen innerſten Ge⸗ mächern, welche der Herzog von Lothringen, der Pfalzgraf vom Rhein und der Markgraf von Mei⸗ ßen mit gezogenen Schwertern bewachten. In dem Vorzimmer des Gelaſſes aber, in wel⸗ chem jene drei Fürſten die Wache hielten, ſtanden eine Unzahl von kaiſerlichen Beamten und Dienern und unter Andern auch mehrere feine Herren vom Hofe, die der Geſandtſchaft nach Mainz folgen ſollten. Sie waren ſämmtlich prachtvoll, ja faſt über⸗ laden geſchmückt, ſo daß ſie David Federbuſch, der eben durch den Saal ging, auffielen. Federbuſch haßte aber nichts mehr, als gecken⸗ hafte Männer, Schmeichler und Schmarotzer, die er die Krätze der Menſchheit nannte. Es ging ihm dabei ordentlich gegen die Natur, h Creaturen ungerupft durchzulaſſen. Er blieb alſo auch hier ſtehen und da ihm die platten, nichtsſagenden Phyſiognomien, gepaart mit dem gezierten Aeußeren, verriethen, daß er ſich nicht getäuſcht, ſo machte er ſich an die Herren. Sieh da! rief er ſo laut, daß es alle Anwe⸗ ſenden hören konnten, die neugebackene Geſandt⸗ 287 ſchaft und, wie ich höre, an ihrer Spitze der edle Junker von Ronſtädten, vormals der treuſte An⸗ hänger des Königs, jetzt der ergebenſte Diener des Kaiſers. Recht, Herr Junker, fuhr der Narr fort und klopfte Jenem ſo hart auf die Schulter, daß er zuſammenfuhr und erſchrocken und beſorgt nach den Spitzen ſchaute, die ſeine Achſel ſchmückten. Recht, Herr Junker, der geſchickte Hofmann hängt ſeinen Mantel immer nach dem Winde. Aechte Treue, die ſich im Glück und Unglück gleichbleibt, gehört unter die Narrenkappe: Groß iſt der Tempel der Gunſt Und Raum drin für jegliche Kunſt, Und iſt die Thüre auch klein, Je nun, ſo kriecht man hinein. Ronſtädten ward blaß und ſagte mit verbiſſe⸗ nem Zorn: Nur nicht ſo vorlaut, Burſche, oder wir werden dich zum Schweigen bringen. Möglich, entgegnete David und warf dem Junker einen ſtechenden Blick zu: Heißt es ja doch: qualis rex, talis grex!*) Ronſtädten fühlte den tödtlichen Stich; da ihm aber der Verſtand fehlte, um dem Narren zu ant⸗ worten, that er, was alle Schwachköpfe in ähn⸗ lichen Fällen thun: er ſetzte ſich auf den hohen „ *) Wie der Herr, ſo die Heerde. 288 Gaul und ſagte mit verachtendem Tone zu ſeinen Gefährten: Laſſen wir den Narren ſchwätzen. Es geziemt ſich für Geſandte kaiſerlicher Majeſtät ſchlecht, ſich mit ſolchen Menſchen herumzuſpaßen. Bravo! lachte der Narr. Du kommſt ja in helle Flammen; nur ſchade, wenn dein Witz ſo ſchnell abbrennt. Soll ich vielleicht die Waſſerſpritze der Beſonnenheit nehmen und damit die Feuers⸗ brunſt deiner Begeiſtrung löſchen? Indeſſen habe ich bei dieſer Gelegenheit doch erfahren, wer die Geſandtſchaft bildet. Ich dachte drei Herzöge und Ihr gehörtet nur zu ihrem Schwanz; aber jetzt ſehe ich, es iſt ungekehrt: Ihr ſeid die Geſand⸗ ten und die Herzöge Eure Kometenſchweife. Nun, man kann ſich irren! Indeſſen, da Ihr die Ge⸗ ſandten ſeid, ſo darf ich ja wol unterthänigſt wagen, Eurer Herrlichkeit ein paar gute Lehren mitzugeben. Ronſtädten, noch wenig bekannt an Friedrichs Hof, an welchen er eigentlich nur durch Gunſt eines einflußreichen Verwandten gekommen, um den Hochzeitsfeierlichkeiten beizuwohnen, war eben im Begriff, den Narren grob anzufahren, als ihm ſein Nachbar ins Ohr raunte: er möge ſich in Acht nehmen, denn er habe es mit des Kaiſers ling zu Sh 289 Dies änderte ſogleich bei Ronſtädten die Sache, ſo daß er ſtatt grob herauszufahren aus einmal ein freundliches Geſicht ſchnitt und, in den ſcherzhaften Ton eingehend, den luſtigen Rath ſeiner Majeſtät um Belehrung bat. David entging die Veränderung in des Jun⸗ kers Betragen ſo wenig, als die Veranlaſſung dazu, und nun ſetzte ihn die hündiſche Unterwürfig⸗ keit des Gecken völlig in Zorn. Gut! ſagte er daher, Kinder und Narren ſprechen die Wahrheit. Alſo ſchreibe ſich, wer an Pfingſten nicht zu kurz gekommen, meine Worte hinter die Ohren. Ambaſſaden werden aus Höflin⸗ gen gewählt. Höflinge aber ſind Schauſpieler und ihre erſte Regel iſt: nur eine Rolle ſpielen, kann's die des Königs nicht ſein, nun, ſo ſei es wenigſtens die eines— Nachtwächters. Ein allgemeines Lachen erfolgte, das aber nur bei der Dienerſchaft von Herzen ging, von den Höflingen aber nur erzwungen war, da ſie den Narren gern vergiftet hätten. Ferner ſind die Hauptregeln für einen Hof⸗ mann, fuhr David fort, ſich nie imponiren laſſen, noch ſich ſelbſt reflectiren. Niemals darf ihm etwas fremd ſein, mit ruhiger Gleichgültigkeit muß er überall, wenigſtens zu Hauſe ſcheinen. Ein gu⸗ ter Höfling ſchließt ſich an keinen Menſchen aufrich⸗ I. 13 290 tig an. Im Gegentheil, er muß die Andern nö⸗ thigen, ſich an ihn anzuſchließen, ihn zu ſuchen und zwar durch kaltes ſich in ſich ſelbſt Zurückziehen. Dann erfährt Niemand, ob und was für eine Meinung er hegt, hat er aber den Andern er⸗ forſcht, kann er ſich— jenachdem— ausſprechen. Seine Ausſprüche müſſen aber entſchieden, ab⸗ ſprechend und Alles überrennend ſein; ob ſie falſch oder irrig, iſt ganz gleich. Irrthum iſt jedenfalls beſſer als Unſicherheit. Ferner gehört zu den Tugenden eines Höflings Geſchmeidigkeit gegen Hohe, abſprechendes Weſen gegen Gleich⸗ geſtellte und Impertinenz gegen alle Untergebene. Der Höfling iſt eine Eintagsfliege und demnach ein Kind des Augenblicks. Ueber ſein Bett aber ſchreibe Wer ſich verläßt auf Erdengötter, Wer ihrem holden Lächeln traut, Und viel auf Worte hält, der ſchaut In dem Kalender nach dem Wetter! Gut, ſehr gut! rief Ronſtädten mit verbiſſe⸗ nem Ingrimm. Seiner Majeſtät Weisheit bewährt ſich an dir, du biſt ein geiſtreicher Narr! Federbuſch machte eine tiefe Reverenz und ſagte in ſcharfem Tone: Großen Dank, mein hochgeſchätzter Herr Ge⸗ ſandter, da bin ich wirklich Zweierlei, was Ihr nicht ſeid!. Unverſchämter! rief ſich vergeſſend Ronſtädten, indem er vor Wuth mit den Zähnen knirſchte. Aber David drohte mit dem Narrenkolben und ſagte: St! ich bin noch lange nicht zu Ende mit mei⸗ nen Lehren. Bei dem Umgang mit Höheren habe man hübſch im Auge: daß Vertraulichkeiten nur anzunehmen, nicht aber zu erwidern ſind, und man ſich nie vergeſſen darf, wo ſie es thun. Bleibt man hier ſtark, hat man ſie in der Hand und macht aus ihnen, was man will, und dies iſt doch das Ziel aller Höflinge. Dann heißt's: iſt der Eſel an der Gripp', ſo freſſe er. Große verdauen aber keine Diſteln, ſie laſſen dieſe lieber dem Volk und nehmen dieſem dafür, was es ſonſt hat. Höf⸗ linge und Geſandte müſſen außerdem, wenn auch nicht Verſtand, doch vor allen Dingen ein höchſt feines Gehör haben und ſich auf das edle Bücken und Schmeicheln verſtehen; um aber ſchließlich zu beweiſen, daß ich ſelbſt zu ſchmeicheln verſtehe, ſo betheure ich, daß alle Große Gott ähneln, nur daß ſie ſtatt wie dieſer: Adam, wo biſt du? Eva, wo biſt du? rufen. Es war gut, daß David hier mit ſeiner Galle zu Ende war und mit einem malitiöſen Bückling raſch davonging. Denn Ronſtädten vermochte ſich nicht mehr zu halten und rief ein über das andere 292 Mal: Iſt dies erlaubt an einem Hofe? Darf ein ſolcher Halunke Männer meines Ranges beleidigen? Die Peitſche dem Schurken! Aber David hörte ihn nicht mehr. Entſchieden, aber anſpruchslos war er durch die wachthabenden Herzöge des Vorzimmers durchgegangen, denn nur er und Salza hatten das Recht, unange⸗ meldet bei dem Kaiſer einzutreten. 3 Die Geſandtſchaft zur Bewillkommnung Iſa⸗ bellens verließ noch zur ſelben Stunde Worms. Unmöglich bleibt es aber nun, den Glanz und die Herrlichkeit zu beſchreiben, die ſich den kom⸗ menden Tag bei Iſabellens Einzug in Worms ent⸗ falteten. Beide Ufer des Rheines waren, hinauf und hinab, mit Menſchen überdeckt. Der Strom erſeufzte unter der Laſt der Schiffe, die, herrlich mit koſtbaren Stoffen, Blüten und Laub ausgeſchmückt, großen, in die ſilbernen Wellen geſtreuten Blumen glichen. An dem Landungsplatze erhoben ſich prächtige Zelte und bildeten, wie Sterne den Mond, ſo das kaiſerliche Zelt umgebend, eine neue, luftige Stadt, in deren innerſtem Raume ſich der weite Tur⸗ nierplatz mit ſeinen Eſtraden und Balkonen und ſeinem wahrhaft feenhaft geſchmückten it aus⸗ dehnte. 293 Jeder der einzelnen Großen hatte hier ſein ſeidenes Haus und man kann ſich denken, zu wel⸗ chem mährchenhaften Lurus ſie gegenſeitiger Ehr⸗ geiz, Stolz, Neid und Wetteifer trieb. Seide und Gold, koſtbare Gewebe und Pelz⸗ werk, Perlen, Edelſteine und Federn, kurz, was Kunſt und Natur Schönes und Zierliches in allen ihren Reichen aufzuweiſen hatten, war hier in Maſſe verſchwendet. Des Kaiſers Zelt aber übertraf alle andere. Es war dasjenige, welches er einſt von Malek⸗ al⸗Kamel zum Geſchenke erhalten. Und zwiſchen den Schiffen durch ſchwammen Barken mit Muſik und von den Eſtraden erklangen Lieder der Sänger und von allen Seiten tönte der Jubel des Volkes. Endlich! nachdem ſtundenlanges Harren die Neugierde und Erwartung bis auf den höchſten Grad geſpannt, kündete ein donnerndes Jauchzen, das Nahen des Geſchwaders an, welches die Kai⸗ ſerin trug. Die Maſſe der Fahrzeuge theilte ſich und nun ſchwamm, wie ein Schwan im Abendgolde, das Admiralſchiff daher. Es war ein großes, geräumiges Fahrzeug, in der That und zu Ehren der kaiſerlichen Braut von einem Admiral geführt. Sein Aeußeres mit kunſtpollem Schnitzwerk bedeckt, war theils ſchwarz angeſtrichen, theils vergoldet; von den Kanten hingen bunte Teppiche herab; Segel, Flaggen und Wimpel waren von purpurnen Seidenſtoffen, das Tauwerk aber dermaßen mit Blüten und friſchem Laub umwunden, daß es ſich wie leichte Blumen⸗ gewinde von Maſt zu Maſt ſpann. In der Mitte dieſes ſi chwimmenden Feenpalaſtes aber erhob ſich auf ſieben Stufen ein goldner Thron, über welchen ſich ein Baldachin von purpurrothem, mit Gold durchſtickten Sammet ſpannte, deſſen Spitze in einer Kaiſerkrone endete. Er trug die untadelhafte Perle Albions, die liebliche Braut, die königliche Prinzeß Iſabella von England, die an Schönheit und Glanz noch Alles überſtralte, was ſie rings umgab. Hundert der ſchönſten weiß⸗ gekleideten Mädchen umſtanden ſie, zu ihrer Seite aber befanden ſich die Herzöge von Sachſen, Baiern und Brabant, der Erzbiſchof von Mainz, der Bi⸗ ſchof von Exeter, Vineis und Radulf, der Groß⸗ Seneſchall. Vier Barken ſchwammen zu Seiten des Ad⸗ miralſchiffes und entzückten abwechſelnd durch eine rauſchende Muſik.. Vierundzwanzig andere Fahrzeuge trugen Gefolge der Braut. An dem Landungsplatze harrie umgeben von 295 der ganzen Fürſtenverſammlung, die ſich in unab⸗ ſehbaren Reihen, Stern an Stern, drängte, der Kaiſer. Die Sonne ſchien prächtig vom heiteren Him⸗ mel herab. Muſik wirbelte auf und in den nicht endenden Jubel miſchte ſich ernſt und feierlich das dumpfe Summen der fernen Glocken. Der Moment war ſo großartig, daß, hinge⸗ riſſen von ſeinem Zauber, alle Welt in frommem, freudigem Schauder erbebte und im Gefühl nativ⸗ neller Größe in den donnernden Ruf ausbrach: Es lebe der Kaiſer und die Kaiſerin! Hoch Deutſchland über Alles! Friedrichs Bruſt hob ſich ſtolz. Deutſchland durchzuckte eine Ahnung jener Größe, die er ihm geben wollte, die ihm gebührte. War ſie hier auch nur die Folge eines materiellen Eindrucks und nicht des erwachten Bewußtſeins, der eigenen und ge⸗ ſammten Kraftfülle, ſo legte ſie doch immer den Keim zu dieſem Bewußtwerden und rüttelte die trägen Schläfer wach. Das Admiralſchiff hatte unterdeſſen gelandet und der Kaiſer ſtieg von ſeinem Thron, die ſchöne Braut mit der Achtung und dem Zartgefühle zu empfangen, welcher nach der Sitte ächter Cour⸗ tviſie ein edler Mann der Schönheit und weiblichen Tugend ſchuldig iſt. Sein Herz aber blieb ruhig 296 und kalt und zwar um ſo kälter, als ihn das Zelt Malek⸗al⸗Kamel's an jenen Moment erinnerte, in welchem ihm hinter deſſen aufgehenden Eudoria und Alexis erſchienen. Er zerdrückte bei dieſer Erinnerung eine Thräne. Auch David hatte den ſeidnen Vorhang, der die lieben Geſchöpfe einſt verhüͤllt„unbemerkt geküßt. Jetzt, da Niemand auf ihn achtete, barg er ſich hinter ihm und träumte ſich, taub für den Jubel, der ihn umtobte, in die ſchönen Zeiten zurück, die er zu Eudorias Füßen, in Liebe und Entſagung und doch ſo unendlich viel glücklicher als jetzt, verlebt. Das kaiſerliche Paar hatte indeſſen auf dem Throne Platz genommen und die Großen des Rei⸗ ches begrüßten die Braut, und wer ſie nur ſah, war von ihrer Schönheit und Liebenswürdigkeit, von ihrer Herablaſſung und klugen und beredten Unter⸗ haltung entzückt. Nach dieſer erſten Ceremonie folgte die Ueber⸗ reichung der Geſchenke. Vierundſechzig Edelknaben, Alle prächtig ge⸗ kleidet und den erſten deutſchen Familien angehö⸗ rend, trugen die Morgengabe, welche Friedrich ſeiner Gattin beſtimmt. Sie war wahrhaft kaiſer⸗ lich und beſtand nicht nur aus den herrlichſten 297 Schmuckſachen, ſondern es befanden ſich auch darunter die Schenkungsakten der Herrſchaften: Mazara und S. Angelo im Werthe von 30,000 Mark Silber. Hierauf folgte eine Deputation der deutſchen Edelleute und Ritter und überreichte dem hohen Paare, Namens ihrer Standesgenoſſen, eine prächtige Wiege, welche aus Elfenbein, Gold, Muſcheln und Perlen ſo künſtlich gearbeitet und zu⸗ ſammengeſetzt war, daß es ſchwer zu entſcheiden blieb, ob der innere Gehalt oder der Kunſtwerth größer ſei*). Auch die hohe Geiſtlichkeit und die Städte Worms, Mainz, Frankfurt, Augsburg und Nürn⸗ berg legten, als Beweiſe ihrer Achtung und Liebe, koſtbare Geſchenke am Fuße des Thrones nieder. Endlich aber nahte ſich noch eine ganz eigene Gruppe. Zuerſt kamen vierzig Knaben, deren jeder eine mächtige Pergamentrolle auf einem Sammtkiſſen trug; dann folgte ein Mann mit einer goldnen Harfe, dem ein ehrwürdiger Greis, voll königli⸗ cher Hoheit in Gang und Haltung, nachſchritt. Ihn umgaben die weltberühmten Meiſterſänger: Walther von der Vogelweide, Wolfram von *) Fiorillo I, 88— 90. v. Raumer UI. 606. 13 X* Eſchenbach, der kühne und rſ Sanger des Parcival, Heinrich von Ofterdingen, der Dichter König Laurin's, Reimar und Heinrich von Risbach. Friedrich war angenehm überraſcht, denn er erkannte auf den erſten Blick in dem Greis jenen Sänger wieder, den er einſt auf ſeinem traurigen Heimzuge von Oppenheim angetroffen, deſſen be⸗ geiſterter Sang ihn damals ſo hoch entzückt und den er trotz aller Nachforſchungen ſ ſeidem i wieder finden konnte. 5 Als die Gruppe dem Throne gegenüber ange⸗ langt, knieten die Knaben nieder, der Greis aber bückt ſich und ſprach: Erhabener Kaiſer! Die Majeſtät iſt Herr im Reiche der Welt, der Dichter, König im Reich der Geiſter. Wie Jener das Leben der Völker ordnet durch weiſe Geſetze und regelt durch phyſiſche Macht, ſo führt dieſer den Menſchen, durch höhere geiſtige Anſchauung ſeiner ſelbſt und des Lebens, der Ci⸗ viliſation, der höchſten Ausbildung zu. Darum fällt das höchſte Ziel des Fürſten und des Dichters zuſammen; darum iſt des Fürſten Ruhm des Dich⸗ ters Freude, darum ſollte jeder Fürſt den echten Dichter ſchätzen und heben wie du es thuſt. Hier ſtehen die Zierden des Jahrhunderts vor deinem Thron und ich, ein Unbekannter, mitten unter ihnen. Wir Alle aber wiſſen, daß kein deutſcher Kaiſer die Dichtkunſt ſo geliebt, ſo ge⸗ ſchätzt und geſchützt, wie du. Darum kommen wir, dir ein Zeichen unſerer aufrichtigen Achtung zu überbringen. Es iſt ein Zaubergarten der Sage, durch den die kühnen Geſtalten der Vorzeit ſchrei⸗ ten, nackt und ungeſchmückt, in ihren Schwächen und in ihren Größen: es iſt das Lied der Ni⸗ belungen, an das ich meine ſchwache Kraft, an das ich mein ganzes Leben geſetzt und welches die Männer, die mich umſtehen, würdig gefunden, daß es dir, erhabner Kaiſer, zur Ehrengabe ge⸗ reicht werde. Nimm es in dieſem Sinn hin und der Him⸗ mel gebe, daß ſein Inhalt dein edles Herz und deinen großen Geiſt erfreue. Nachdem der Greis dieſe Worte in beſcheidener Weiſe geſprochen und die Knaben die Kiſſen mit den vierzig Pergamentrollen, deren jede einzelne einen Geſang des gedachten Liedes enthielt, nie⸗ dergelegt, erhob ſich der Kaiſer und ſprach alſo: Wol ſprichſt du recht, ehrwürdiger Vater, wenn du den Dichter einen König im Reiche der Geiſter, einen Bundesgenoſſen der irdiſchen Ma⸗ jeſtät nennſt. Als ſolchen haben Wir den echten Dichter auch immer geſchätzt, als ſolche nennen Wir dich und deine würdigen Freunde an Unſerem Ehrentage willkommen. Vor Allem aber ſchätzen 300 Wir Uns wahrhaft glücklich, den Mann kennen zu lernen, der jenes gewaltige Epos hervorrief, von deſſen Fragmenten ſchon Deutſchland mit ſo gerechtem und ungetheiltem Lobe ſpricht; den Mann, der in ſo hohem Grade die Kunſt zu üben verſteht, die Vergangenheit und Zukunft mit der Gegenwart verbindet, die uns alle merkwürdigen Züge der Natur und des Menſchenleben vergegen⸗ wärtigt, die das Enge erweitert, das Halbe er⸗ gänzt, das Verhüllte entſchleiert und das Schlechte ſelbſt verſchönt; die unſere Liebe ausſpricht, unſere Leidenſchaflen bändigt und unſere Seele bis zur ſeligen Anſchauung des Göttlichen erhebt. Aber Eines mußt du deiner Gabe, die Wir als eine Perle Unſeres Schatzes betrachten, noch beifügen und dies iſt dein Name. Der Kaiſer ſchwieg und Alle, vorzüglich die Meiſterſänger, lauſchten geſpannt, da bis jetzt noch Niemand erfahren, wer der Dichter ſei. Nach einer kurzen Pauſe aber verbeugte ſich der Greis abermals und ſprach: Mein kaiſerlicher Herr vergib, wenn ich dir in dieſer Beziehung nicht genüge. Iſt doch mein Verdienſt kleiner als du wähnſt. Von den herrlichen Liedern, die uns die Sage vergangener Tage be⸗ richten, nahm ich Dasjenige heraus, was mir zur Bildung eines dichteriſchen Ganzen geeignet ſchien. 301 Ein Heldengedicht wollt' ich ſchaffen, das, wie friſcher Waldesduft, mit dem Odem einer außer⸗ ordentlichen Zeit die Nachwelt anhauche. Begeiſtert von der Idee ging meine Perſönlichkeit in ihr auf, was ſollte der Name eines armen Sterblichen der Sache nützen! Der Menſch iſt ein Kind des Augenblicks, die Kunſt aber gehört nicht einer einzigen Zeit an, ſondern der Ewigkeit. Mein Lied ſei mein Name. Tiefe Stille des herrſchte rings⸗ umher. Stolzer Mann! entgegnete endlich überraſcht der Kaiſer. Du beweiſeſt, daß du ein König biſt. Wir aber verſtehen dich und achten daher deinen Wunſch. So gewähre Uns wenigſtens die Freude, dich würdig zu belohnen. Die Dichtkunſt iſt eine friſche Blume im Topfe des kleinen Lebensfenſters, entgegnete der Greis, die in unſerem trüben Erdenzimmer Duft, Farbe und Heiterkeit verbreitet. Ich gab dir eine Blüte aus dem reichen Garten der Phantaſie, gib mir, willſt du mich lohnen, eine andere Blume dafür, deren Zauberkraft mich bis an mein nahes Lebens⸗ ende begeiſtern ſoll. Und welche? frug der Kaiſer. Die Roſe aus dem 5. deiner holden Braut. Der Kaiſer lächelte und als er ſchweigend die Blume aus der erröthenden Iſabella Locken löſte, fand er dieſe zum Erſtenmale reizend. Der Sänger aber empfing knieend die Roſe, zu der der Kaiſer noch eine diamantene gefügt hatte. Dann richtete er ſich kühn auf, ergriff die goldene Harfe und ſang in kühner Begeiſtrung: Sieh, es begann der König mit dem ſchönen Jungfräulichen Geleite nun zu nahn; Mit Jslands und der Nibelungen Söhnen Fuhr manches Schiff zugleich ans Land heran. Die Mutter Ute war von ihren Frauen umgeben am Geſtade ſchon zu ſchauen; und Mädchenreihn verſchönerten den Strand Auf Roſſen, mit dem Zügel in der Hand. Kriemhilden hatt' ans Burgthor Markgraf Gere Das Roß geführt am ſchön geſchmückten Zaum; Dann dient' ihr Siegfried und des Dienſtes Ehre Vergalt ſie ihm nach kurzer Stunden Raum. Der Mutter üte ritt Hetwin zur Seite, Und ſo zog in geſelligem Geleite Mit jedem Fräulein auch ein Ritter hin; Ein Zug, gemacht, manch' Aug' auf ſich zu ziehn! Begonnen war das Kampfſpiel im Gefilde, Dem Fräulein zeigte ſich der Ritter Kraft. Es tönten laut die Buckeln breiter Schilde und raſch zerſplittert brach ſchon mancher Schaft. Bald aber ſah man jeden Ritter ſtreben, Der Holden Eine von dem Roß zu ebeh Indeſſen ſtieg der König an das Land,„ Die ſchön geſchmückte Braut zur rechten Hand. Entgegen trat mit liebevoller Freude Ihr ſeine Schweſter, zum Empfang bereit. Den Kopfſchmuck rückten aus der Stirne Beide und küßten ſich mit wahrer Herzlichkeit. Willkommen, ſprach Kriemhilde, hier im Lande, Mir, meiner Mutter und wen Freundſchaftsbande Mit uns vereinigen! Herzinniglich Erneuten ſie den Gruß und neigten ſich. Treu war der Kuß, den jetzt mit frohem Munde Der ſchönen Schnur die Mutter Ute gab; Sie wechſelte, wohl eine ganze Stunde, Die Braut umarmend mit der Tochter ab. Die Ritter ſahn mit innigem Entzücken Der Mädchen Reiz, geſchäftig oft zu drücken Manch' niedlich Händchen, weiß wie Schnee und rund; Wohl auch geküßt ward mancher rothe Mund. Doch Gunthers Braut und Schweſter anzuſehen, Des holden Schauſpiels ward kein Auge ſatt; Wie hold! ſo hieß es, muß man nicht geſtehen, Daß ſelbſt der Ruf hier nichts vergrößert hat? Untadelig an Schönheit ſelbſt dem Neide Und herrlich vor den Andern ſtanden Beide: Den beſten Kennern nur der Reize ſchien Der ſchönen Braut die Schweſter vorzuziehn. Der holde Zug von Mädchen und von Frauen Verließ allmälig nun des Fluſſes Strand Und wallte durch die Fluren und die Auen, Wo Zelt an Zelt in ſeidnem Schimmer ſtand. Die Krieger hatten auch des Stromes Wogen Verlaſſen und auf muth'gen Roſſen flogen Sie in den Kampf: es ſtaubte himmelan Und wie in Flammen ſtand der ganze Plan. Auf manchen Schild, vom kräft'gen Stoß erklungen, Und Funken ſprühend, fiel der Mädchen Blickz Vor Allen raſch mit ſeinen Nibelungen Flog Siegfried bald voran und bald zurück. Doch Hagen rief: Der König, der mich ſendet, Wünſcht, Ritter, daß ihr jetzt das Kampfſpiel endet, Damit kein Staub den Frau'n beſchwerlich ſei. Der Kampf hört' auf und Sonn' und Licht ward frei. Schnell füllten ſich der prächt'gen Zelte Reihen Mit ſchönen Mädchen, Frau'n und Rittern anz; Man ſäumte nicht, ſich heiterm Scherz zu weihen, Bis niederſank die Sonn' auf ihrer Bahn. 304 8 Vom kühlen Hauch der Abendluft umgeben, Begann man ſich vom Sitze zu erheben, Den Schönen half der Ritter Arm aufs Roß und ſanſt herab vorm königlichen Schloß. Hier trennten ſich die Frau'n und ihr Geleite; und Ute ging zurück, woher ſie kam, Ins Frau'ngemach, die Tochter an der Seite; Die ſchöne Braut ging mit dem Bräutigam. Die Kron' auf ihrem Haupt ging ſie zum Saale, Die Gäſte folgten nach zum Hochzeitmahle. Schon reicht' ein Kämmrer dem gekrönten Paar Das goldne Becken mit dem Waſſer dar; und Siegfried ſprach zum König, auf die Seite Ihn winkend: Herr, was ſchwur mir Eure Hand, Brächt' Euch der Dienſt, den dieſer Arm Euch weihte, Die ſchöne Königin als Braut ins Land? Verſpracht Ihr nicht, ſie, die allein dies Leben Beglücken kann, Kriemhilden mir zu geben? Entzog ich mich der Müh' und der Gefahr? Wo iſt der Eid nun, der mein Bürge war? Daß Ihr mich mahnt, daran iſt recht geſchehen, Sprach Gunther, kräftig ſoll mein Eid auch ſein! An ſeine Schweſter ließ er ſchnell ergehen Ein freundlich Wort und lud ſie zu ſich ein. Sie kam ſogleich in ihrer Jungfrau'n Mitte; Doch Giſelher lief mit geſchäft'gem Schritte Zur Stiege hin und rief hinab zu ihr: O Schweſter, deiner nur bedürfen wir! Er führte ſie herein, im Saale ſtanden Die Ritter noch und mancher Fürſtenſohn Aus nahen Gauen und aus fernen Landen; ² Doch an der Tafel ſaß Brunhilde ſchon. Dich hat ein Held, ſprach Gunther, ſich erkoren Zum Weib, von mir ward'ſt du ihm zugeſchworen; Nun liegt's an dir, o traute Schweſter, nur, Mit deiner Hand zu löſen meinen Schwur. Nicht bitten ſollt Ihr, daß ich es erfülle, ₰ Verſetzte ſie, was Ihr von mir begehrt: Iſt Euer Wunſch nicht Eurer Schweſter Wille? Wer Euch gefällt, iſt ihrer Liebe werth. Von Liebe roth und innigem Entzücken Trat Siegfried zu ihr hin, mit trunknen Blicken; Um Beide ſchloß ein Kreis von Rittern ſich Und Gunther fragt: Wählt auch dein Herz ihn? ſprich! Die holde Schaam verſchloß in ihrem Munde Das Wort; die Liebe drängt es bald hervor, Ein leiſes Ja, ein Kuß zum ew'gen Bunde Hob ihn zu den Unſterblichen empor. Von eigenen Vaſallen ging begleitet Das ſchöne Paar zum Tiſch, der ſchon bereitet, Dem Liſch des Landesherrn genüber ſtandz Ihm diente froh der Nibelungen Hand. So währten Schmauß und Spiel zwo volle Wochen, Von keiner Sorg' und Unluſt unterbrochen; Kein Gaſt zog in die Heimat, als beehrt Mit Gaben reich an Pracht und hohem Werth. Wer da verwandt war mit dem Herrn des Landes, Gab, ihm zu Ehren, Gold und Silber bin Und einen Schatz des köſtlichſten Gewandes Und manches Roß zum Kampfe ſchnell und kühn. Von Siegmunds Sohn und ſeinen tauſend Mannen Zog unbeſchenkt kein Rittersmann von dannen 6 * Die Hinsbergiſche Ueberſetzung. 12. Die Gefangenſchaft. Und ſo ſtarrt ſie ſchweigend in die Welle; unter ihr ſchlägt wild die Brandung an, PAber fern iſt Frieden, Fageshelle, Heitre Ruhe, ebne Spiegelbahn. Inaſtaſius Grün. Während aber das Glück dem edlen Hohenſtaufen immer freundlicher lächelte und der Himmel ſein Füllhorn über ihn ausgoß, ſo daß er größer und herrlicher daſtand, als irgend ein deutſcher Regent vor ihm, hatte ſich der Lebenshorizont für Guda und die Ihren deſto mehr getrübt. 8 Robert hatte ſeinen Ohren nicht trauen wollen, als er ſeiner Zeit erfuhr, Vater Goldſtein habe, in Folge der Zwangswerbung Ronſtädtens„ mit Guda die Stadt heimlich verlaſſen, um ſich nach Worms an den Kaiſer zu wenden. Wie natürlich brauſte er denn auch bei dieſer doppelt unangenehmen Nachricht mit aller Leiden⸗ ſchaftlichkeit der Jugend auf. Sein erſter Gedanke war, den Junker ſofort zu einem ehrlichen Zweikampfe herauszufordern 307 und ſo auf ritterliche Weiſe um den ihm höchſten Preis, um Guda's Beſitz, auf Tod und Leben zu kämpfen. Die Vernunft ſtellt ihm dies Vorhaben aber bald als unausführbar dar, da er nicht nur einſah, daß der Junker als Adelſchalke ſeine Ausforderung gar nicht annehmen werde und er ihn als einen kaiſerlichen Beamten noch weniger ſelbſt angrei⸗ fen dürfe. Aber wer hört in jungen Jahren und in der Hitze der Leidenſchaft Vernunft? Wer ſchlägt nicht ſeine ganze Exiſtenz in die Schanze, wenn es das Erringen des geliebten Gegenſtandes gilt? Ohne ein Wort zu verlieren, oder irgend Je⸗ manden etwas davon zu ſagen, eilte er daher nach der Saala, um Mann gegen Mann dem Junker zu erklären, daß er bereits Guda's Liebe beſitze und demnach von einer Heirath zwiſchen ihr und Ronſtädten die Rede nicht ſein könnte. Allein Robert, deſſen redliches Gemüth bei 3 Andern eben ſo rechtliche und ehrenfeſte Grundſätze vorausſetzte, als diejenigen waren, die ihn leite⸗ ten, mußte nur zu bald ſein allzugroßes Vertrauen und ſeine Unbedachtſamkeit büßen. Ronſtädten hörte ihn lachend an und befahl ſodann ſeinen Leuten, den jungen Brauſekopf, der es wage, einen kaiſerlichen Beamten durch eine Herausforderung zu beleidigen, ohne Weiteres in 308 einen der Thürme der Saala zu ſtecken, damit ſich ſein Müthchen ein wenig kühle. Umſonſt wehrte ſich Meiſenbuch, umſonſt warnte er vor dieſer frevelhaften Gewaltthätigkeit, die der Magiſtrat ſicher nicht ungeſtraft laſſen werde; Ron⸗ ſtädten machte die Eiferſucht taub für alle War⸗ nungen und ſo ſah ſich Robert der Uebermacht preisgegeben und in einen finſteren Kerker ge⸗ worfen. Da aber Meiſenbuch Niemanden ein Wort von ſeinem Entſchluſſe geſagt, ſo ahnte auch Nie⸗ mand im entfernteſten ſein Misgeſchick. Und fiel ſpäter auch ſein Verſchwinden auf, ſo lag die Ver⸗ muthung? er ſei der Geliebten nach Worms ge⸗ ₰ folgt, ſo nahe, daß keine Seele an ihrer Wahr⸗ ſcheinlichkeit zweifelte. Robert aber dachte in ſeinem Kerker an nichts weniger, als daß ſeine theure Guda ein ähnliches Schickſal betroffen. Als nämlich der kleine Zug, den Goldſtein und ſeine Tochter mit ihrem Gefolge bildeten, über⸗ fallen und entwaffnet worden war, nöthigten die Räuber den Schöffen von ſeinem Pferde zu ſteigen, knebelten ihm darauf die Hände, umgaben ſorgſam die Sänfte und wandten ſich, wie ſchon oben er⸗ wähnt, der Bergſtraße zu, indem ſie vorſichtig und auf verſteckten Pfaden einen dichten Wald durchſchritten. Jetzt erſt hatte Goldſtein, der auch in dieſer mislichen Lage ſeine Geiſtesgegenwart und Ruhe nicht verlor, Zeit und Muße, ſeine Bedränger ge⸗ nauer zu muſtern. Es waren wohl an funfzig Reiſige, alle bis unter die Zähne bewaffnet, als ob ſie zu einem Kampfe auf Tod und Leben ausgezogen wären. Sie ſtanden unter dem Befehle eines kleinen, dicken Mannes, der hoch zu Pferde ſaß und deſſen wohl⸗ genährtes, feiſtes Geſicht wie der Vollmond glänzte. Seine lüſternen Augen, ſeine dicken Lippen, ſeine rothen Wangen und die ungeheure Naſe, au der man mit Vortheil ein Kupferbergwerk hätte anlegen können, gaben ihm den Ausdruck jener Sinnlichkeit, die ihren Himmel in gutem Eſſen und vielem Trinken findet. Trotzdem war ihm ein Zug von Bonhomie nicht abzuſprechen, der freilich im Augenblick we⸗ niger hervortrat, da er dem Ausdruck einer ſtolzen Siegesfreude weichen mußte. Wer dem Zuge begegnet wäre, hätte wol aus der kühnen, triumphirenden Haltung und den ſtralenden Blicken des dicken Ritters ſchließen müſ⸗ ſen, daß er einen großen Sieg errungen und wenig⸗ ſtens einen Fürſten gefangen genommen habe. 5 310 Auf ein ſolches Ergebniß ließen faſt auch die außerordentlichen Vorſichtsmaßregeln ſchließen, die der Held des Tages auf dem Rückzuge anwandte. Nicht nur, daß er kein Auge von den Gefan⸗ genen verwandte, er ſandte auch unabläſſig vor und rückwärts und nach allen Seiten Späher aus, um ſich vor jedem Ueberfall zu ſichern; ja er ging in ſeiner Behutſamkeit ſo weit, daß er, als man nach einigen Stunden des Waldes Ende glücklich erreicht, ſich in einen Verſteck legte, um die Ebne erſt bei völligem Einbruch der Nacht zu betreten. Dem alten Schöffen, der von dem ungewohn⸗ ten anhaltenden Gehen bis zum Tode ermüdet war, kam die Raſt dreifach angenehm. Erſtens der Ruhe wegen, zweitens konnte er ſich nun doch einiger⸗ maßen vrientiren, nach welcher Gegend man ſie ſchleppe, und drittens hoffte er ſich bei dieſer Gele⸗ genheit dem Dicken zu nähern, um ſich mit dem⸗ ſelben, der bis dahin außer dem Ertheilen vovn Befehlen kein Sterbenswörtchen geſprochen, zu verſtändigen. Aber nur die zwei erſten Hoffnungen erfüllten ſich; denn ſo oft Goldſtein die leiſeſte Miene machte, ſich dem Anführer der Truppe zu nahen und ihn anzureden, gebot ihm dieſer mit einer Miſchung von Ehrfurcht und Strenge, Befehlshaberwürde und heroiſchem Stolze, die ihm höchſt ſonderbar g ſtand, zu ſchweigen und ſeinem Geſchicke ruhig ent⸗ gegenzugehen. Goldſtein hätte dies auch um ſo mehr gethan, als er wußte, daß Niemand perſönliche Feindſchaft gegen ihn hege und er demnach wol im ſchlimm⸗ ſten Fall mit einem Löſegeld davon komme, wäre nur nicht Guda bei ihm geweſen und hätte ihn nicht die Furcht gepeinigt: Ronſtädten möge bei dieſer hinterliſtigen Gewaltthat die Hände mit im Spiel haben. Mit väterlicher Beſorgniß ſchaute er daher nach der Sänfte, in welcher ſein liebes Kind ſaß, von dem man ihn aber gefliſſentlich entfernthielt. Man hatte die Sänfte, die bisher feſt ver⸗ ſchloſſen geweſen, eben etwas geöffnet, um die ſchöne Gefangene durch Speiſe und Trank zu la⸗ ben, wobei man wol erwartete, eine in Thränen Schwimmende zu finden; wie erſchrack der wohl⸗ genährte Herr Ritter aber, als ſich ihm ſtatt deſſen ein zornſprühendes Lockenköpfchen entgegenneigte und ihn mit einer Flut von Vorwürfen ſchüttete. Seid Ihr auch ein Ritter, daß Ihr ein ſo elendes Handwerk treibt? rief ſie unter Anderem. Nur feige Räuber fallen ruhig und unbeſorgt da⸗ hinziehende Wanderer hinterliſtig an. Ihr ſolltet Euch ſchämen, ein ſo elendes Gewerbe zu treiben 312 und einen alten Mann und ein wehrloſes Mäd⸗ chen ihrer Freiheit zu berauben. Aber wartet nur! der Kaiſer, zu dem zu ziehen wir auf dem Wege ſind, ſoll Euch den frevelhaften Friedensbruch ein⸗ tränken! Holdſelige Prirzeſſn! entgegnete entſetzt der Anführer, hemmt den Strom Eurer Rede, die Euch doch nichts fruchtet, und nehmt lieber einige Nahrung zu Euch. Iſt das Wenige, was wir Euch bieten können, auch nicht ſo lecker, als Ihr es an Eurer fürſtlichen Tafel gewohnt ſeid, ſo kennt Ihr doch wohl das Sprichwort: Hunger iſt der beſte Koch und Hunger müßt Ihr fühlen, denn ſelbſt mich, der ich doch ein Mann ₰. dieſes fatale Gefühl faſt um. Ihr ſeht freilich nicht darnach aus, als ob Ihr die Faſtenzeit ſtreng hieltet, entgegnete Guda ſchnippiſch, meinetwegen mögt Ihr aber immerhin Euren kürbisartigen Körper pflegen, wenn Ihr nur erſt meinen Vater und mich unſeres Weges 3 ziehen laßt. 6 Erlaubt uns, Euch begleiten zu dürfen, ſpöttelte der Rothnaſige, einer ſo zarten Prin⸗ zeſſin. Laßt Eure ſchlechten Witze unterweges! ent⸗ gegnete das Mädchen. Es ſteht einem Manne ſchlecht, unſchuldige Menſchen zu quälen und ihrer 3 ———— 313 dann auch noch zu ſpotten. Mein Vater iſt Schöffe zu Frankfurt und ich bin alſo keine Prinzeſſin. Faule Fiſche! rief der Dicke lachend, man kennt den Vogel. Haben wir doch lange genug das Netz ausgeſtellt, bis er endlich hineinging. Freilich mag's dem Herzog und Euch nun bangen, den Todfeinden entgegentreten zu müſſen; aber der alte Sünder hat auch genug abzubüßen. Guda traute ihren Ohren nicht. Entweder waltet hier eine Verwechslung ob, ſagte ſie daher in gemildertem Tone, oder der Herr Ritter haben im oberen Stock einige Zimmer zu vermiethen. Weder das Eine, noch das Andere! entgeg⸗ nete beleidigt der Dicke. Mein Scharfblick läßt ſich ſo leicht nicht trügen, als Eure Hoheit vielleicht glauben. Was die Zimmer betrifft, ſo kommt es noch ſehr auf Hochderſelben Benehmen an, ob ſie im oberen oder unteren Stockwerk der Feſte Star⸗ kenburg liegen werden. Uebrigens ſehe ich nicht ein, warum ich mit hungrigem Magen ſo viel ſpreche, belieben Euer Holden Ihren Imbiß in ſtiller Zurückgezogenheit einzunehmen. Und mit dieſen Worten reichte er denſelben hinein und verſchloß die Sänfte wieder auf das ſorgfältigſte. Er ſelbſt hieß eine treffliche Kalbs⸗ keule und den Inhalt eines den Weg alles Fleiſches gehen. II. 14 314 Der alte Goldſtein aber hatte das Ge⸗ ſpräch von fern mit angehört und konnte ſich nun leicht und zu ſeiner Beruhigung die Sache erklären. Augenſcheinlich fand hier eine Verwechslung ſtatt. Die Burggrafen von Starkenburg hatten einer hohen Perſon, die ſie auf der Reiſe nach Worms wußten, aufpaſſen laſſen und der unge⸗ ſchickte Anführer des Haufens hatte nun die Fal⸗ ſchen ergriffen. Der beſorgte Vater athmete freier auf, ob⸗ gleich in dieſen Zeiten roher Gewaltthätigkeit durch⸗ aus noch nicht alle Gefahr für ihn und ſeine Toch⸗ ter verſchwunden war. Als die Nacht hereingebrochen, bewegte ſich der Zug langſam weiter, indem man ſich der Berg⸗ ſtraße näherte. Die Bergſtraße, im engern Sinne jene we⸗ gen ihrer ſchönen Landſchaft berühmte Straße, die ſich an den Gebirgszügen hinzieht, welche, als weſtliche Ausläufer des Odenwaldes, ſich von Darmſtadt bis nach Heidelberg lagern, und jetzt durch Obſtgärten und freundliche Orte, an ſanften Abhängen, die theils mit Wald, theils mit Reben bedeckt ſind, hinläuſt, während ſich im Weſten eine fruchtbare Ebene bis an den Rhein ausdehnt— war in jenen Zeiten von der Natur zwar gleich begün⸗ 315 ſtigt, aber noch weniger angebaut und daher rau⸗ her und wilder. Wo jetzt freundliche Gärten blühen und reiche Felder prangen, wo ſich in unſern Tagen die gluterfüllten Reben in friſchem Grün hinaufſpin⸗ nen, da rauſchten im Anfange des dreizehnten Jahrhunderts noch dichte Eichen- und Buchenwäl⸗ der, die immer höher, dichter und finſterer wurden, jemehr ſie ſich in den Odenwald verloren; jenes waldige Gebirgsland, welches an zehn Meilen weit öſtlich von der Bergſtraße zwiſchen Darmſtadt, dem Neckar und dem Maine in einer Entfernung von zwei bis drei Stunden vom Rheine ſich hin⸗ zieht, öſtlich bis zur Tauber und Jart reicht und gegen Norden durch den Main von dem Speſſart getrennt wird. Viele ſtarke Schlöſſer und Burgen, deren ma⸗ leriſche Ruinen uns noch jetzt entzücken, prangten damals auf den felſigen Höhen und ſchauten mit ihren Thürmen, Zinnen und Giebeln gar ſtolz und prächtig in die Runde. Die ſtärkſte und größte dieſer Feſten war Starkenburg, ſchon von Karl dem Großen gegrün⸗ det und 1064 von Ulrich, dem Abt des berühmten und reichen Kloſters Lorſch(Laureshamense mo- nasterium) neu auferbaut. In ſpäteren Jahren war dieſes Bergſchloß in 14* 316 andere Hände übergegangen und gehörte in der Zeit, in welcher dieſe Begebenheit ſpielt, dem Burggrafen Rupprecht zu. Rupprecht war ein finſterer, habſüchtiger und jähzorniger Menſch, vor dem die ganze Gegend, als vor ihrem Tyrannen, erzitterte. Dabei blieb Unverſöhnlichkeit noch ſeine gehäſſigſte Untugend und wer es einmal mit ihm verſchüttet hatte, der konnte auf ſeine ewige Feindſchaft rechnen. Freilich war er auf der anderen Seite ebenſo feſt und treu in der Freundſchaft, was vor allem Andern der unerlöſchliche Haß bewies, mit dem er den Mörder ſeines jüngeren Bruders Waldemar verfolgte. Waldemar hatte nämlich vor vielen Jahren um die Hand einer nahen Verwandten des Her⸗ zogs von Oeſterreich angehalten, die ihm auch zu⸗ geſagt wurde. Er lebte hierauf einige Zeit in Wien, lernte aber unglücklicherweiſe ein anderes Mädchen dort kennen, das ebenfalls einer der erſten Familien an⸗ gehörte, verliebte ſich in daſſelbe und verlobte ſich ſofort mit ihm. Wie natürlich waren der Herzog und ſeine Verwandten über dieſe Beſchimpfung der erſten Braut wüthend. Sie traten auch alsbald zuſam⸗ men und beriethen, wie dieſer Frevel zu beſtrafen ½ 317 ſei, wobei der leidenſchaftliche Herzog durch raſche Worte einen furchtbaren Beſchluß herbeiführte. Am Pfingſtſonntage, als Waldemar prachtvoll gekleidet auf einem ſchneeweißen Roſſe über die Donaubrücke ritt, ſprangen die Mitverſchwornen des Herzogs aus einem Hinterhalte hervor und ermordeten ihn auf eine grauſame Weiſe. Von jener Zeit an tobte der Geiſt einer uner⸗ löſchlichen Rache gegen den Herzog und ſeine Ver⸗ bündeten in Rupprechts Bruſt; denn er hatte ſeinen jüngeren Bruder in eben dem Maße geliebt, als er gewohnt war, andere Wenſ zu haſſen. So mächtig aber die Burggrafen von Star⸗ kenburg auch waren, ſo ohnmächtig erſchienen ſie gegen die Herzöge von Oeſterreich, ſo daß Rup⸗ precht ſeinen Ingrimm lange verbeißen mußte. Endlich ſchien der Tag der Rache erſcheinen zu wollen. Oeſterreichs Friedrich der Streitbare, war bei dem Kaiſer wegen verſchiedener Händel, ſowol mit den Ungarn, den Böhmen und dem Herzog von Baiern, als auch mit ſeinen eignen öſterreichiſchen Unterthanen, die er mit eiſernem Scepter regierte und durch drückende Abgaben bei ſeinen unaufhörlichen Kriegen erſchöpfte, verklagt und von dieſem darauf hin vorgeladen worden. 318 In Folge deſſen hatte ſich nun das Gerücht verbreitet, der Herzog ſei, gehorſam dem Rufe, aufgebrochen und werde ſich, da er München fürchte, über Bamberg, Schweinfurt, Aſchaffen⸗ burg und Frankfurt nach Worms und Mainz be⸗ geben. Dies war Waſſer auf Rupprechts Mühle. Sogleich rief er alle ſeine Vaſallen und Un⸗ terthanen auf, ſorgte für deren vollkommene Be⸗ waffnung, theilte ſie ſodann in verſchiedene Hau⸗ fen und legte dieſelben auf allen Landſtraßen, die nach Worms und Mainz führten, in den Hin⸗ terhalt. Er ſelbſt mit dem ſtärkſten Haufen zog in den Speſſart, den Weg von Birſ S Aſchaffen⸗ burg zu verlegen. Eine andere anſehnliche abchriung ſtand unter ſeinem Liebling und Vertrauten Andreas Meran und hatte den Auftrag, die Paſſage zwiſchen Darmſtadt und dem Rheine zu überwachen. Meran war ein luſtiger Kumpan, aber die Natur hatte ſeinen Kopf und ſein Herz ſtiefmütter⸗ licher behandelt als ſeinen Magen, ſo daß er an der Tafel bei weitem mehr ercellirte als auf dem Schlachtfelde. Auch hatte er keinen übermäßigen Hang zum Kämpfen und iebte das Meſſer als das Schwert. — 319 Seine Deviſe aber war: Eſſen und Trinken hält Leib und Seele zuſammen. Er ſelbſt nannte ſich oft ſcherzweiſe ſtatt Meran den Ritter Mehr han, was ſo viel bedeutet als: Mehr haben! um ſich die diesmalige Campagne einiger⸗ maßen zu erleichtern, hatte Andreas dafür geſorgt, daß immer gehörig Proviant bei ſeiner Abtheilung war und da das Spioniren und Wacheſtehen ſeine Untergebenen traf, ſo pflegte er gemeiniglich im Schatten des Waldes zu liegen und zu eſſen oder zu ſchlafen. Nicht ſehr angenehm überraſchte ihn daher eines Morgens die Nachricht, die einer ſeiner Spione von Darmſtadt brachte: der Herzog ſei hoch zu Roß und begleitet von Reiſigen und einer Dame in einer Sänfte mit Tagesanbruch durch Darmſtadt paſſirt. Um unerkannt zu bleiben, trage er ein ſchlichtes ſchwarzes Kleid und werde ſich über Großgerau dem Rheine zuwenden. Nun galt es, dem erhaltenen Befehle Ehre zu machen, und Meran mußte, gern oder ungern, von Becher, Ruhe und Braten Abſchied nehmen und den Gaul beſteigen. Nach langem, vergeblichem Warten zeigte ſich endlich der angekündigte Zug und welchen Erfolg Andreas mit ſeiner dreimal überlegenen Macht über die Fremden, die Niemand anders als 320 Guda und ihr Vater waren, davontrug, iſt bereits bekannt. Meran ſtralte von Siegesfreude, denn er dachte nicht anders, als den Herzog mit einer Verwandten gefangen zu haben, und ſo zog er, mit der erdenklichſten Vorſicht und von den herrlichen Belohnungen träumend, die ihm dieſer Fang ein⸗ tragen werde, der Feſte Starkenburg zu. Hier angekommen wurden die Gefangenen vor der Hand in ſichere Verwahrung gebracht und ſo⸗ fort ein Reitender nach dem Speſſart geſchickt, dem Burggrafen die Nachricht von dem glücklichen Fang zu überbringen; denn ſo nachdrücklich der Schöffe und ſeine Tochter auch die hohen Würden, mit welchen man ſie, freilich ſehr zu ihrem Nachtheile, belehnte, zurückwieſen, Meran glaubte weder ihren Worten, noch ihren ſchriſtlichen Ausweiſen. Letzteres aus dem ſehr triftigen Grunde, weil er, wie die meiſten Laien der damaligen Zeit, nicht leſen konnte. Goldſtein vertröſtete daher ſich und ſeine Toch⸗ ter auf die Rückkunft des Burgherrn. Denn ob⸗ gleich er ſchon viel von ſeiner wilden Natur und Habſucht gehört, ſo hoffte er doch ſo viel Billig⸗ keit und Klugheit bei ihm zu finden, um einerſeits unſchuldige Menſchen nicht länger zu quälen und andererſeits das mächtige Frankfurt nicht zu reizen. Dem guten Schöffen wurde indeſſen dieſer an⸗ genehme Wahn bald benommen. Nach vier Tagen kehrte nämlich Rupprecht, außer ſich vor Freude über den glücklichen Wurf und geſpornt von den ſüßen Hoffnungen befriedig⸗ ter Rache, heim. Sein Erſtes war, den gefangenen Herzog vor ſich zu beſcheiden. Er triumphirte ſchon im voraus über die Rache, die er an ihm nehmen wollte, und ſann erfinderiſch auf neue Qualen, unter welchen der Mörder ſeines geliebten Bruders den Geiſt aufzu⸗ geben habe. Wie erſchrack er daher, als er ein weltfrem⸗ des Geſicht erblickte, und vollends glaubte er, der Schlag müſſe ihn rühren, als er erfuhr, der Ge⸗ fangene ſei nur ein Schöffe der benachbarten Stadt! Meran, der bei dieſer Scene zugegen war, kam kaum mit dem Leben davon, und es war für ihn eine glückliche Fügung, daß der Burggraf noch an demſelben Tage von Oeſterreich aus die zuver⸗ läſſigſte Nachricht erhielt: Friedrich der Streitbare habe weder ſein Herzogthum verlaſſen, noch werde er es thun. Er trotze in ſeinem Wien kaiſerlicher Acht. Nun war wenigſtens durch den Misgriff nichts verloren und den Verhaßten bedrohte von einer an⸗ deren Seite die Strafe. 14** Nichtsdeſtoweniger hatte ſich Rupprecht über die Vereitlung ſeiner Pläne ſo geärgert, daß er entſchloſſen war, ſich für die Täuſchung an den armen Gefangenen zu rächen und zugleich aus dem glücklichen Zufall den größtmöglichſten Vortheil zu ziehen. Goldſtein und Guda erhielten daher ſogleich beſſere Wohnung; auch ward ihnen im Inneren der Burg völlige Freiheit. Auf ihre Loslaſſung da⸗ gegen ſetzte der edle Ritter, nach Art der damali⸗ gen Zeit, einen Preis von zweihundert Goldgulden. Dieſe Summe, für einen weniger begüterten Mann wie Goldſtein faſt unerſchwinglich, bekam Meran den Auftrag in Frankfurt auf ein Hand⸗ ſchreiben des Schöffen in Empfang zu nehmen. Er reiſte auch ſogleich damit nach Frankfurt ab und nun ſahen die Gefangenen ihrer Erlöſung bin⸗ nen wenigen Tagen mit Gewißheit entgegen. Aber drei, vier und fünf Tage vergingen, Meran kam nicht zurück. Nach einer Woche war er auch noch nicht da und ſo konnte ſich Goldſtein nichts Anderes denken, als der lüſterne Andreas ſei mit den einkaſſirten Goldfüchschen durchgegangen. Da indeſſen Rupprecht abermals auf einen Raubzug ausgezogen und ſeinem Burgvogt den ſtrengen Befehl hinterlaſſen, den Schöffen und ſeine Tochter nicht anders als gegen das bezeichnete 323 Löſegeld in Freiheit zu ſetzen, ſo verlängerte ſich für dieſe die Pein der Gefangenſchaft auf eine grau⸗ ſame Weiſe. Namentlich war ſie eine harte Prüfung für Guda, deren beweglicher Sinn, deren heißes Temperament es faſt nicht mehr vor Ungeduld hin⸗ ter den hohen und ſtarken Mauern der Burg aus⸗ halten konnte. Oſt ſaß ſie auf den höchſten Zinnen, oder er⸗ klimmte, dem Schwindel trotzend, die äußerſten Ringmauern, um nur in die Weite ſehen, um nur die reine, freie Luft athmen zu können. Wie beneidete ſie dann die Vögel um ihre Flügel, wie drängte ſie ein unausſprechliches Ver⸗ langen hinaus in die freie Natur! Oft kam ihr der Gedanke, zu entſpringen. Sie träumte ſich dann auf ihrer glücklichen Flucht, wie ſie der Vaterſtadt zueile und unterweges ſchon Ro⸗ bert treffe, der ſie überall vergebens ſuche. Ach! es waren nur leere Träume, denn ohne den Va er konnte ſie ja doch nicht fliehen. Bei dieſem Klettern nach den äußerſten Win⸗ keln der Feſte hatte Guda eine neue Bekanntſchaft gemacht und zwar mit der Geiſenhirtin der Burg. Da Guda Niemanden anders hatte, ſo klagte ſie vft der alten Frau ihre Noth; worauf wiederum dieſe klagte, daß ſie vor kurzem ihren einzigen 324 Sohn, juſt im Alter des Fräuleins, verloren habe, wodurch ſie nun der letzten Stütze für ihre alten Tage beraubt und dem größten Elend preis⸗ gegeben ſei. Guda rührten die Thränen der Alten; ſie hätte ihr gern geholfen, aber woher die Mittel nehmen? Sie hatte kein Geld und die Reiſekaſſe ihres Vaters war ſeiner Zeit in Meran's Hände gefallen. Da fielen die Blicke des Mädchens auf eine werthvolle goldene Agraffe, welche ihrem Mieder als Zierde diente. Sie that einen Freudenſchrei und ehe die Alte noch deſſen Urſache ergründen konnte, war die Agraffe ſchon abgeriſſen und lag in deren Schoos. Das Weib war wie in den Himmel gefallen, aber Guda rief: Nimm nur das dumme Ding! Es nützt mir hier doch nichts und dir kann es dein Leben erträg⸗ lich machen, denn die Steii ſind von ziemlichem Werth. Von dieſem Moment vente die Geiſenhirtin den kleinen Goldkopf an. Aber Guda's Schickſal ſollte ſich noch ver⸗ ſchlimmern. Nach zehn Tagen kam Meran zurück. Sein Geſicht glänzte, wie ein Butterweck, der an der Sonne ſteht. Er ſchien noch um einige Zoll dicker geworden zu ſein, auch hatten ſich die Rubinen ſeiner Naſe um ein Erkleckliches vermehrt. Vater und Tochter eilten ihm erfreut und er⸗ leichtert entgegen. Guda wäre aus Freude über die endliche Erlöſung im Stande geweſen, ihn zu küſſen, ſo ſehr ſie ſich ſonſt vor dem fetten Bur⸗ ſchen ekelte. Aber wie ſchrecklich wurde Beider Hoffnung zertrümmert, als ihnen Meran verkün⸗ dete: er bringe kein Löſegeld. Goldſtein, der wohl wußte, daß man auf ſein Handſchreiben hin und um ihn und Guda zu be⸗ freien, nicht einen Augenblick angeſtanden haben würde, das dreifache Löſegeld zu erlegen, hielt die Aeußerung Meran's anfangs für einen ſchlechten Scherz. Als dieſer aber auf ſeiner Ausſage beſtand und auf Goldſtein's Frage nach ſeiner Anweiſung auch noch mit der frechſten Miene von der Welt behauptete: man habe ihm dieſe abgenommen, ohne das Geld dagegen zu geben, ſah der Schöffe ein, daß er es mit einem unverſchämten Betrüger zu thun habe, der das Geld wol empfangen, dann aber wahrſcheinlich vergeudet habe. Er ſagte dies dem Ritter auch gerade ins Ge⸗ ſicht, worüber dieſer ſo ergrimmte, daß er den Schöf⸗ fen ohne Weiteres in den alten Kerker werfen ließ. licher, ja zudringlicher zu werden, empfing aber von dieſer nur beißende Wahrheiten und bittere Grobheiten im Austauſch. Guda fing nun nachgerade an einzuſehen, daß nur ihre Flucht ſie und den Vater retten könnte, und zwar mußte ſie ſich um ſo ſchneller zu dieſem Wageſtück entſchließen, als vorauszuſehen war, daß Meran, wenn ſie ihn noch länger zurückſtoße, auch ſie wieder einſperren werde. In dieſer Noth fiel dem Mädchen die Ziegen⸗ hirtin ein. Namentlich erinnerte ſie ſich, daß dieſe ihr vor wenigen Tagen unter Thränen den noch faſt neuen Feiertagsanzug ihres verſtorbenen Soh⸗ nes gezeigt. Wenn ihr dieſer paßte, wenn ihr die Hirtin Hülfe verſprach, war ſie gerettet. Denken und Handeln warbei Guda immer Eins. Sie lief daher auch jetzt zu der Alten und theilte dieſer ihre Noth und ihren Plan mit. Die gute Mutter entſchloß ſich ſchwer zu der Hergabe des einzigen Andenkens, welches ſie von dem geliebten Kinde beſaß, obgleich ſie anderer⸗ ſeits augenblicklich bereit war, ihrer Wohlthäterin, und wäre es mit Gefahr des eigenen Lebens, zur Flucht zu helfen. Endlich beſiegten aber dennoch Guda's Bitten der Wittwe einziges Bedenken und ehe der Abend Gegen Guda fing er dagegen an immer freund⸗ noch völlig einbrach, ſtand die Schöffentochter als Hirtenknabe da. Sie ſah reizend aus. Der blonde Lockenkopf, das ſchneeweiße Hemde mit dem umgeſchlagenen Kragen, das ſaubere Jäckchen von grünem Tuche, die braunen kurzen Beinkleider, die nur bis ober⸗ halb der Kniee reichten und von da an die ſchönen nackten Beine bis zu den Füßen ſehen ließen, welche kleine Stiefel von hellbraunem Leder deckten, Alles dies, im Vereine mit dem jugendfriſchen ſchalkhaf⸗ ten Geſichte, gab ein ungemein liebliches Ganze. Wehe allen Mädchenherzen beim Anblicke eines ſolchen Hirtenknaben, ſie müßten wahrlich von Stein ſein, wenn ſie ſich nicht in ihn bis über die Ohren verliebten. Die nächſte Schwierigkeit war aber nun nicht die, zu entſchlüpfen, denn dies konnte aus der Hirtin Häuschen, mit einiger Kühnheit im Ueber⸗ klimmen der Mauern, leicht geſchehen; ſondern die Art und Weiſe ausfindig zu machen, wie ſodann die Flucht fortzuſetzen ſei, beſonders da Guda in dieſer Gegend ganz fremd war und weder Weg noch Steg, am wenigſten die Richtung kannte, die ſie einſchlagen mußte, um nach Frankfurt zu ge⸗ langen. Aber die Alte wußte hierin Rath und zwar einen recht guten. Nur wenige Stunden von Starkenburg ent⸗ fernt lag nämlich die berühmte, reiche, oben bereits erwähnte Ciſtercienſerabtei Lorſch, die, von Karl dem Großen gegründet und erbaut, erſt vor we⸗ nigen Jahren durch Kaiſer und Papſt dem Erzbi⸗ ſchof Siegfried IIl von Mainz geſchenkt worden war und deren Bewohner mit dem wilden, eben nicht ſehr frommen Burggrafen von Starkenburg nicht im beſten Einverſtändniß lebten. Dorthin ſollte ſich, nach der Alten Rath, Guda begeben und von dem Abte, der als ein heiliger Mann bekannt war, ſich einen ſicheren Geleitsmann erbitten. Der Plan ward ſofort von der ſchönen Ver⸗ kleideten angenommen, die Ziegenhirtin belehrte ſie über den Weg nach der Abtei und ehe der Abend noch völlig hereinbrach, hatte Guda von dem Dach der Hütte aus die Zinne der äußerſten Ringmauer erreicht, war an den dicken Armen des Epheus, der die Wand von außen umrankte, hinabgeſtiegen und eilte nun, leichtfüßig wie ein Reh, der Ab⸗ tei zu. Der Weg war leicht zu finden, aber weniger leicht zurückzulegen. Er ging durch dichte Wälder über Stock und Stein, durch Bach und Buſch. Dabei brach allmälig die Nacht herein und kein Menſch war zu ſehen. 329 Nur die Wölfe heulten durch die Oede und von Zeit zu Zeit brach ein Hirſch oder ein Reh durch das Dickicht, worüber die arme Guda jedes⸗ mal bis zum Tode erſchrack. Sie mußte in der That allen ihren Muth und die ihr eigne Kühnheit zuſammennehmen, um nicht der Furcht zu erliegen. Im Anfang lief ſie ſtreckenweiſe ſo ſchnell ſie ihre Beine tragen konnten; nach und nach nahmen aber ihre Kräfte ab und ſie ſah ſich genöthigt, lang⸗ ſam zu gehen. Was ſie aber am meiſten ängſtigte, war, daß der Weg kein Ende nehmen und das Kloſter nicht erſcheinen wollte. Sollte ſie ſich verirrt haben? Wo dann die Nacht zubringen, deren Kühle ihr, bei der leichten Kleidung, die ſie trug, ſchon empfindlich ward? Sie fing ſchon an, ihre Kühnheit zu bereuen und an dem Gelingen ihres Vorhabens zu ver⸗ zweifeln, als ſich mit Einemmale der Wald lich⸗ tete und ſie im Strale des Mondes die dunklen Maſſen und Thürme des Kloſters erblickte. Da war es ihr, als ob ſich ein Berg von ihrem Herzen wälze, ſie athmete tief und freudig auf und mit dem Erblicken ihres Zieles wuchſen auch ihre Kräfte wieder. In einer halben Stunde hatte ſie das Gebäude 330 erreicht. Aber nun ſtellten ſich ihr neue Schwierig⸗ keiten in den Weg. Alles war wie ausgeſtorben, kein Licht mehr in den Fenſtern zu erblicken und die' einzige kleine Pforte feſt verſchloſſen. Guda umkreiſte verlegen das ganze Kloſter. Endlich kam ſie auch an den Friedhof, der ſich in Oſten an die Kirche ſchloß. Da ſie aber keine Freundin von Kirchhöfen und Todten war, ſondern ſich im Gegentheile vor beiden fürchtete, ſo wollte ſie eben vorübereilen, als der Anblick der offenſtehenden Thüre ſie an den Boden feſſelte. Sie überſchaute mit einem unwillkürlichen Grauſen den weiten, mit Leichenſteinen und Kreu⸗ zen überſäeten Raum, der ihr im unſicheren blaſſen Mondenlichte nur noch ſchauerlicher erſchien. Siehe! da winkte ihr über die Gräber herüber eine Hoffnung. Die Thüre der Kirche war ebenfalls halb geöffnet. Guda ſchwankte keinen Augenblick. In einer Kirche konnte man ſchon zur Noth die Nacht hin⸗ bringen. Wenigſtens war ſie dort ſicher vor wilden Thieren und doch einigermaßen vor der kaltfeuchten Nachtluft geſchützt. In wenigen Sprüngen warſſie über den Fried⸗ hof und ſtand in den Hallen des Gotteshauſes. 331 Es war Alles ringsumher ſtill und feierlich. Sie kniete nieder und dankte Gott für ihre Rettung. Nach einem kurzen Gebet erhob ſie ſich dann wie⸗ der, um eine Stelle zu ſuchen, an welcher ſie eini⸗ germaßen bequem ausruhen könne; denn ſie war ſehr müde. Ein großer Beichtſtuhl von geſchnitztem Eichen⸗ holz ſchien ihr hierzu am dienlichſten, ſie ſchlüpfte hinein; in demſelben Momente bemerkte ſie aber, daß ſie nicht allein in der Kirche ſei. Unweit von ihr kniete auf einem, in den Fuß⸗ boden eingelegten, Leichenſtein eine ſonderbare Geſtalt. Es war ein kleiner, verkrüppelter Mann, deſſen weiter brauner Mantel einen Höcker nicht verber⸗ gen konnte. Da er mit geſenktem Haupte betete, ſo konnte Guda ſeine Züge nicht genau erkennen, doch bemerkte ſie, daß Leichenbläſſe ſein Geſicht übergoß. Die Erſcheinung beängſtigte ſie anfangs. Als der Bucklige aber ohne ſich zu regen fort⸗ fuhr zu beten und nur von Zeit zu Zeit die ſtarren Marmorlippen der weiblichen Geſtalt küßte, die in den Leichenſtein ausgehauen war, auf dem er kniete, ſchwand allmälig Guda's Furcht. Dennoch wagte ſie nicht die Augen zu ſchließen. Die Geſtalt aber betete laut: 332 Theure Mutter! was ich dir auf deinem Tod⸗ tenbette verſprochen, habe ich treulich gehalten. Ich habe mein Schickſal an das des Geſchlechtes der Hohenſtaufen gekettet, ich habe mein Handeln und Wollen, mein Hoffen und Wünſchen, mein Glück und Leben, ja mein ganzes Daſein, an den erhaben⸗ ſten Sprößling dieſes Geſchlechtes, an Friedrich, meinen theuern Kaiſer und Herrn hingegeben. Ich lebte nur für ſein Wohl und du, Verklärte, weißt es, daß ich auch willig und freudig bereit wäre, für denſelben zu ſterben. Aber die Huld des Ewigen hat auch mein ernſtes Streben geſegnet, ich habe durch ihre Gnade und Hülfe ſein koſtbares Leben gerettet. Der Misgeſtaltete betete leiſe weiter. Aber er war ſo vertieft in ſeine Andacht, daß er ſelbſt das Eintreten eines ſteinalten Mönches nicht be⸗ merkte, der, gebückt und mühſelig an einem Stabe einherſchwankend, jetzt dicht zu ihm getreten war. Der Mönch hatte die Worte des Betenden vernommen. Er bebte wie Eſpenlaub im Morgen⸗ winde. Nach einigen Minuten legte er die Hand auf des Knieenden Schulter. Dieſer fuhr erſchrocken auf, beruhigte ſich aber, als er in das ehrwürdige Antlitz des Mönches ſah. Und der Mönch frug mit zitternder Stimme: 333 War die, welche unter dieſem Leichenſteine ſchlummerte, deine Mutter? Der Gefragte bejahte dies. Du biſt misgeſtaltet? Der Beter ſchlug den Mantel zurück. Deine Mutter gab dir auf ihrem Sterbebette ein ſilbernes Käſtchen, deſſen Schlüſſel du in reife⸗ ren Jahren hier im Kloſter von dem Bruder Jor⸗ danus empfangen ſollteſt? Ja! Und deine Mutter war... Eine Gräfin von Sutera. Gelobt ſei Gott! rief der Alte mit Thränen im Auge und hob ſeine zitternden Hände dankend empor, gelobt ſei Gott! ich habe Den wiederge⸗ funden vor meinem nahen Tode, gegen den ich ſchweres Unrecht begangen; kann ich es auch nicht wieder gut machen, ſo will ich durch offenes Ge⸗ ſtändniß doch meine Seele erleichtern. Dann viel⸗ leicht, mein Herr und Gott, läſſeſt du deinen Die⸗ ner in Frieden fahren. Und, zu dem noch immer Knieenden gewen⸗ det, ſetzte er hinzu: Ich habe dir ein wichtiges Geheimniß zu offen⸗ baren, das, haſt du es einmal vernommen, den Lauf der Welt ändern kann. Ich kann es dir in⸗ deſſen nicht entdecken, wenn du mir nicht zugleich 334 jenes ſilberne Käſtchen mitbringſt, zu dem ich den Schlüſſel verwahre. Thue dies bald, denn meine Tage ſind gezählt und ich möchte in Frieden ſcheiden. Der Misgeſtaltete entgegnete hierauf Einiges, aber Guda hörte es nicht mehr. Die Müdigkeit übermannte ſie und— ſie ſchlief ein. ——— 13. Hülfe. und Oberon bewegt den Lilienſtab Sanft gegen ſie, äls wollt' er ſeinen Segen Auf ihrer Herzen Bündniß legen, Und eine Thräne fällt aus ſeinem Aug' berab Auf Beider Stirn. So eil auf Liebesſchwingen, Spricht er, du holdes Paar! Mein Wagen ſteht bereit, Bevor das nächſte Licht der Schatten Heer zerſtreut, Euch ſicher an den Strand von Askalon zu bringen. Wieland. Ein Kuß, den Lesbia uns reichet, Den kein Verräther ſehen muß, Und der dem Kuß der Tauben gleichet, Ja, ſo ein Kuß— das iſt ein Kuß! Demokrit. Als Guda erwachte, war es morgen. Das Frühroth ſchien golden durch die hohen Fenſter, die Vöglein zwitſcherten draußen und die Morgenluft wehte erquickend durch die offene Kir⸗ chenthüre. Guda rieb ſich verwundert die Augen. Es kam ihr vor, als habe ſie wunderbar ge⸗ träumt und als werde ſie noch immer von den düſteren Bildern umgaukelt. Aber die Umgebung belehrte ſie eines Anderen. Sie ſchaute ſich um, ſiehe! da kniete der Betende noch. 336 Ietzt erſt entſann ſie ſich nach und nach des Geſchehenen, wie ſie hierher gekommen und was ſie eigentlich hier wolle. Ein Blick auf ihre ſo ſonderbare als reizende Verkleidung ließ ſie zugleich erröthen. Dennoch überwandten ihre natürliche Entſchloſſenheit und der Gedanke, daß jene Maske durch die Vorſicht geboten ſei, ihre mädchenhafte Scham und ſie war eben entſchloſſen, das Gotteshaus zu verlaſſen, als ſie, durch das Geräuſch aufgeſchreckt, der Misge⸗ ſtaltete gewahrte. Was machſt du hier, Knabe? frug er über⸗ raſcht Guda. Haſt du mich belauſcht? Mit Willen nicht! entgegnete das Mädchen, indem ſie ihrer Stimme der eines Knaben anzu⸗ paſſen ſuchte. Ich flüchtete mich dieſe Nacht in die Kirche, um vor den Wölfen und der Kälte ge⸗ ℳ ſchützt zu ſein, und gewahrte erſt ſpät, daß ich hier nicht allein ſei. Ihr habt gebetet und Euch dann mit einem Pater unterhalten. Ich müßte aber lügen, wenn ich ſagte, ich hätte Euch verſtanden, auch ſchlief ich unter Eurem Geſpräche ein und bin jetzt erſt wieder erwacht. Guda ſagte dies mit jenem Ansdruc der Kind⸗ lichkeit und Offenheit, der den unverkennbaren Stempel der Wahrheit trägt. David Federbuſch— denn Niemand anders 337 war der Misgeſtaltete— glaubte auch dieſen Wor⸗ ten unbedingt. Da er aber Antheil an dem hüb⸗ ſchen Knaben nahm, ſo frug er ihn um die Urſache ſeiner Obdachloſigkeit. Dies ſetzte nun freilich Guda in Verlegenheit, denn ſie fühlte, daß es gewagt ſei, einem Fremden ihr Geheimniß zu entdecken, und dennoch zog ſie ein gewiſſes Vertrauen zu dem Manne hin, der ſo inbrünſtig die ganze Nacht am Grabe ſeiner Mutter gebetet und aus deſſen Miene ein tiefer Seelenſchmerz zu ſprechen ſchien. Jedenfalls, dachte ſie, muß ich erſt wiſſen, wer er iſt. Sie frug ihn daher ohne Weiteres darum. Dieſe Keckheit ſchien aber dem Manne zu ge⸗ fallen. Ein Lächeln drängte ſich in ſein Geſicht und er ſagte mit einem wunderlichen, zwiſchen Lachen und Weinen ſielenden Faltenſchnörkel um die Mundwinkel: Das Sprichwort ſagt: Wer am meiſten weiß, wird am meiſten betrogen. Ich will alſo das Ge⸗ gentheil ſcheinen von Dem, was ich bin, nämlich ein Kluger, und will dir den Schlüſſel zu meiner Per⸗ ſon geben, ehe ich deine Lebensgeſchichte vernehme, die wol nicht viel mehr enthält, als das Leben eines gewöhnlichen Hofſchranzen, d. h. nichts von Erheblichkeit. Mich aber heißt man David Feder⸗ II. 15 338 buſch und geſteht zu, daß ich des Kaiſers geheim⸗ ſter Rath bin. Des Kaiſers Rath! rief Guda freudig, ſich in der Stimme vergeſſend. Allerdings! entgegnete David lächelnd, und zum Beweis, daß ich den Titel eines Raths ver⸗ diene, will ich dir zum Beiſpiel ſagen, daß es nicht ſchwer iſt, hinter dieſem allerliebſten Knaben— ein Mädchen zu errathen.. Guda ward feuerroth. Aber David beruhigte ſie und ſagte: er habe in der Welt längſt gelernt, dümmer zu erſcheinen, als er ſei. Wenn ſie es da⸗ her wünſche, wolle er auch hier ein Auge zudrücken und ein Mädchen für einen Knaben anſehen. Aber Guda hatte unterdeſſen Muth und Ver⸗ trauen zu David gefaßt und entdeckte ſich nun dem⸗ ſelben ganz offen. Federbuſch hörte aufmerkſam zu und war über die Ungerechtigkeiten Ronſtädtens, den er ohnedies nicht leiden konnte, und die Schändlichkeit der Starkenburger Genoſſenſchaft höchſt empört. Er perſicherte Guda daher, auf das Andenken ſeiner ter, daß ihr, ehe zweimal vierundzwanzig Stunden verſtrichen, geholfen ſein ſollte, nur dürfe ſie dann nicht nach Frankfurt gehen, ſondern müſſe ihm ſofort nach Worms zum Kaiſer folgen. Guda willigte freudig ein, ſo wie ſie auch, um 339 keinen Verdacht zu erregen, auf Davids Rath ihrer jetzigen Verkleidung treu blieb. Kaiſer Friedrich empfing ſie auf Davids Bitte ſogleich und führte das liebliche Kind, nachdem er ſie gnädig angehört, ſelbſt ſeiner jungen Gemahlin zu, der er ſie auf das angelegentlichſte empfahl. Streng und gerecht war Friedrich von jeher geweſen und nur durch Strenge und Gerechtigkeit war es ihm gelungen, die wilden Elemente zu be⸗ ſchwichtigen, welche einſt ſeine neapolitaniſchen Reiche durchtobt. Nur durch Strenge, Gerechtigkeit und Eergie konnte er Deutſchland beruhigen und namentlich die, ihm in den Tod verhaßte Selbſthülfe und die Gewaltthätigkeiten der Großen unterdrücken. Floſſen doch aus dieſer guten Abſicht die Land⸗ friedengeſetze, ſowie die ſcharfen Strafen gegen den Friedensbruch. Man kann ſich daher denken, wie ſehr der Kaiſer erzürnt war, als er aus Guda's Munde er⸗ fuhr, wie frech man, ſelbſt jetzt noch und in ſeiner nächſten Nähe den Frieden breche und Gegalt ſtatt Recht übe. F. Sein Erſtes war daher, ſofort einen Reichs⸗ herold nach Starkenburg abzuſenden, die augen⸗ blickliche Freilaſſung des Schöffen von Goldſtein zu befehlen und ſowie den Burggrafen Rup⸗ 15* — 340 precht und ſeinen Helfershelfer Meran vor ſein Ge⸗ richt zu fordern. Dieſem Befehl war kurz und bündig beige⸗ fügt, daß die Nichterfüllung deſſelben die Reichs⸗ acht nach ſich ziehe. Mit dem Kaiſer war aber nicht zu ſpaßen, zumal er ſo nahe und ſo mächtig war, um durch einen Wink ſeine Drohungen zu erfüllen. Meran ließ daher, in Abweſenheit des Burg⸗ grafen, den Gefangenen frei, verſprach auch, ſich mit ſeinem Herrn zu ſtellen, machte ſich jedoch, ge⸗ nrieben von ſeinem böſen Gewiſſen, ehe Rupprecht noch zurückkehrte, heimlich durch. Man kann ſich die Freude leicht denken, welche Vater und Tochter bei dem glücklichen Wiederfinden durchbebte; ſie ward aber noch bedeutend geſteigert, als der Kaiſer, auf des Schöffen Vorſtellung und des Magiſtrates Bittſchrift hin, in den wetteraui⸗ ſchen Städten, an deren Spitze Frankfurt ſtand, das alte Herkommen und Recht der Miniſterialen in Betreff des Ehezwanges durch ein eigenes Pri⸗ vilegium für immer aufhob. Oa indeſſen bei dieſer Gelegenheit gar manche Dinge zur Sprache kamen, welche auf den ſeit wenigen Tagen wieder nach Frankfurt heimgekehr⸗ ten Junker von Ronſtädten ein böſes Licht warfen, ſo befahl der Kaiſer, noch während der Anweſen⸗ 341 heit Goldſteins und ſeiner Dochter in Worms, den Junker in der Saala zu Frankfurt zu verhaften und ihn nebſt allen Gefangenen, die ſich etwa vor⸗ finden dürften, einher zu bringen. Wer beſchreibt aber Guda's Entſetzen, als ſich ihr Vetter Robert unter den Letzteren befand, denn es waren der gewaltſam Eingekerkerten mehrere. Namentlich befanden ſich drei Gläubiger des edlen Junkers darunter, deren er ſich auf dieſe Weiſe zu entledigen gedacht hatte. Nach längerer ſtrenger gerichtlicher Unter⸗ ſuchung wurden die Gefangenen in Freiheit ge⸗ ſetzt, Ronſtädten aber zu einer dreijährigen Ein⸗ ſperrung in ein Kloſter verurtheilt. Goldſtein und die Seinen verließen hierauf, nachdem Guda noch von der Kaiſerin reich beſchenkt worden war, Worms, und kehrten zu ihrer guten Vaterſtadt zurück, die ſie mit wahrem Jubel em⸗ pfing. Beſonders athmeten aber die Aeltern reicher und ſchöner Töchter und dieſe ſelbſt leicht auf, denn nun hatten ſie von jenem Misbrauch adeliger Rechte, der da geſtattete, daß ſo manch edles weibliches Weſen den trauernden Aeltern von einem vorneh⸗ men Wüſtlinge entführt werde, nichts mehr zu fürchten. Guda aber galt von nun an in ganz Frank⸗ „ 342 furt für eine große Heldin, und als ſie nach einigen Wochen ihre Hochzeit mit Robert von Meiſenbuch auf dem Hauſe Limburg hielt, nahm nicht allein dieſe hochanſehnliche Geſellſchaft, ſondern Jung und Alt und Arm und Reich daran Antheil. Guda aber, der liebliche blonde Lockenkopf, war muthwilliger als je. Als ſpät in der Nacht alle Gäſte die Neuvermählten verlaſſen hatten und ſie zu Hauſe mit ihrem jungen Gatten allein war, entfernte ſie ſich auf Augenblicke von ihm. Robert, dem jede Minute zur Stunde ward, harrte unge⸗ duldig auf ihre Rückkunft. Endlich öffnete ſich die Thüre und herein hüpfte Guda— in der reizen⸗ den Hirtentracht. Sie ſoll die Kleidung lange aufgehoben und die Hoſen noch manchmal angezogen haben. 14. Ezelino di Nomano. Nicht iſt es Zeit, zu ſchmaußen und zu trinken, Zu koſen mit geſchmückten ſchönen Fraun, Denn bald beginnt in Welſchlands ſchönen Gaun Ein ernſtes Spiel und wilde Fiedler winken. Schon ſeh' im Geiſt ich heil'ge Waffen blinken, Ein glänzend Roth verdrängt das Nebelgraun; Das Volk wird ſeine Feſten ſelber baun, Sein Stern geht auf, wenn eure Sterne ſinken. Doch ſtehn noch Fürſten mit dem Heldenſchwerte Und jeder Tugend, jedem Ruhm geziert, Bereit zu züchtigen ein frech Vermeſſen. und würd'ge Führer zählt die deutſche Erde, Durch keinen Tand, durch keinen Trug verführt, Die nimmermehr des hohen Schwurs vergeſſen. Ernſt von Münch. Unterdeſſen war die Zeit herangekommen, welche der Kaiſer für einen Reichstag zu Mainz anbe⸗ raumt hatte. Wunderte ſich die Welt ſchon über die Fürſten⸗ verſammlung zu Worms und die Pracht und Herr⸗ lichkeit, die ſich auf des Kaiſers Hochzeit entwickelt hatte, ſo mußte ſie bei dem impoſanten Glanze des Mainzer Reichstages in ehrfurchtsvollem Staunen verſtummen. 344 Eine ſolche Verſammlung hatte Deutſchland noch nicht geſehen; denn nicht nur, daß die vier Könige, die fünfundachtzig Fürſten, die unzähligen Prälaten, Erzbiſchöfe und Biſchöfe, ſowie die 12000 Edlen, die ſich zu Worms eingefunden, dem Kaiſer auch nach Mainz folgten, es fanden ſich noch viele andere Fürſten, Geiſtliche und Adelige ein, des Vol⸗ kes gar nicht zu gedenken. Im Jahre 1235 feierte aber auch das deutſche Kaiſerthum eben auf jenem Reichstage ſeinen ſtolzeſten Sieg. Es hatte ſeinen Höhepunkt, es hatte eine ſo impoſante Macht und Größe erreicht, daß es einen entſchiedenen Einfluß auf die politiſchen Angelegen⸗ heiten der ganzen Welt ausübte. Dies beſtätigt auch Friedrich von Raumer, in⸗ dem er hierüber ſehr treffend ſagt: Freilich 6 die Macht und Herrlichkeit ſpäterer Könige, z. B. Ludwigs XIV für vollkommener ge⸗ halten und höher geſtellt worden; aber wer kann im Ernſte ihre willkürlich aus dem Staube erhobene und in den Staub getretene Umgebung mit der glanzreichen Hoheit jener Zeiten vergleichen? Ueber Freie zu herrſchen iſt ſchon mehr, als Knechten zu befehlen, aber unter freien Fürſten anerkannt der erſte Fürſt, der Lenker und Erhalter des Gan⸗ zen zu ſein, und dieſem Oberhaupte ge⸗ 345 genüber als Biſchof, als Fürſt, als Graf, als Ritter, als Bürger, in eigenthüm⸗ lichen Kreiſen frei und unverletzt dazu⸗ ſtehen: das mußte eine Hoheit der Ge⸗ ſinnung und eine Thatkraft herbeiführen, wovon man ſich bei ganz veränderten Verhältniſſen kaum einen Begriff ma⸗ chen kann. Und mit welcher Liebe hing Deutſchland an ihm! Die alte Klage, er vernachläſſige es, war längſt vor der Einſicht verſtummt, daß ganz natür⸗ lich ſein Verhältniß zu der Kirche und zu Italien Deutſchland öfter in den Hintergrund drängen müſſe. Auch von den Anhängern ſeines unglücklichen Sohnes war keine Spur mehr vorhanden, denn die Klugheit des Kaiſers, der Jeden mit Freundſchafts⸗ bezeigungen aufnahm, keine Angeber hörte, nirgend Treuloſigkeit zu ahnden ſchien, gab auch den Schul⸗ digen Muth, rechtſchaffen zu ſein. Außerdem beſchickten England, Frankreich, Ara⸗ gonien und Sardinien den Reichstag, ſich um des Kaiſers fernere Freundſchaft bewerbend. Alle dieſe Geſandtſchaften wurden mit Ehren und Geſchenken überhäuft, ſowie namentlich die engliſche dem neuen Schwager des Kaiſers die prächtigſten Gaben brachte. Unter Anderem viele 15** 346 Seltenheiten aus dem Oriente, wobei ſich, als An⸗ ſpielung auf das königliche Wappenſchild, drei aus⸗ gezeichnet ſchöne Leoparden befanden. Aber ſo glänzend der Reichstag zu Mainz war, ſo wichtig erſchien er auch in ſeinen Arbei⸗ ten, Beſchlüſſen und Folgen, da ſein Hauptzweck die Ordnung der Reichsangelegenheiten bildete. Hier erſchien völlig ausgearbeitet das große Landfriedengeſetz und zwar— zu Friedrichs unverwelklichem Ruhme— in deutſcher Sprache, während man ſich bis dahin in ähnlichen Fällen. nur der lateiniſchen bedient hatte. k Sodann ließ der Kaiſer durch die Repräſen⸗ tanten der Nation ſeinen Sohn Heinrich nochmals förmlich der königlichen Würde entſetzen und ſuchte dann durch andere nützliche Einrichtungen und Verordnungen die Ruhe Deutſchlands immer mehr zu ſichern. Unter Anderem wurden die Streitigkeiten we⸗ gen des Herzogthums Sachſen beigelegt, indem Otto dieſem Titel entſagte und dagegen ſein Erb⸗ land Lüneburg, zum Herzogthum erhoben, von dem Reiche zum Lehn empfing. Ein Hauptaugenmerk des Kaiſers blieb aber, ſeinen Sohn Konrad nun in der Nachfolge zu ſichern, was ihm auch gelang. Dagegen ſcheiterte auch er, wie ſein Vater mit dem großen Projekte: die Krone 347 für ſein Haus erblich zu machen, an der Vorſicht der Fürſten. Daß Friedrich II auch hierin nicht minder die Größe und Hoheit des deutſchen Reiches wollte, als die ſeines eigenen Hauſes, unterliegt keinem Zweifel. Allein theils ſah die damalige Zeit für einen ſo tief gedachten, großartigen Plan noch nicht hell genug— theils widerſetzte ſich ihm der Ehrgeiz und Eigennutz der Fürſten. Umſonſt ſetzte ihnen Friedrich auseinander, was ihnen ſchon ſein Vater Heinrich V dargethan. Vergebens machte er ſie darauf aufmerkſam, daß ihr Vaterland und ſie ſelbſt nur dadurch gewinnen könnten. Wie nachtheilig hatte nicht bisher der Tod ei⸗ nes jeden Kaiſers auf das Reich zurückgewirkt! Folgte ihm doch nothwendig jedesmal bis zur er⸗ neuten Wahl eine Zeit, in welcher das Reich ohne Haupt blieb und gemeinlich durch Parteiungen in einen Zuſtand wahrer Auflöſung zurückſank. Und ſelbſt die neue Wahl, wie oft gab erſt ſie das Signal zur Anarchie! Wie leicht konnten ſich zwei und mehr Meinungen, ja Erwählte, feindlich entgegenſtehen, die dann, mit doppelter Hartnäckig⸗ keit und mit gedoppeltem Haß ſich befehdend, das eigne Vaterland zerreißen, es ſchwächen und ſeines Anſehens und ſeines Ruhmes berauben mußten! 348 DDies ewige Hinderniß eines fröhlichen Auf⸗ ſchwungs war aber gehoben, alle die unglückſeligen Folgen— die der Ehrgeiz und Reid der Großen, die öffentlichen Befehdungen, jener Wechſel der An⸗ ſprüche und, nach Maßgabe der aus verſchiedenen Häuſern Erhobenen, auch der Anſichten, Grundſätze und Zwecke nach ſich zogen— hörten auf, wenn die Krone ein für allemal als erblich erklärt wurde. Nur unter dieſer Bedingung konnte zugleich an eine deutſche Nationalität gedacht werden, weil alsdann— ſelbſt bei gleichfalls erblicher Verleihung der Lehn, ganz Deutſchland ein und daſſelbe Band umſchlang und bei allen individuellen Sonderinte⸗ reſſen dennoch das Streben, die Ehre, das Glück Aller in einem höheren Intereſſe aufging. Dies Alles wollten aber die Fürſten nicht ein⸗ ſehen. Auch kümmert ſie das Wohl des Geſammt⸗ vaterlands wenig, wenn nur ihre eigene Haus⸗ macht gewann. Was erblühte den Wählern nicht allein für ein Vortheil daraus, daß ſie den neuerwählten Herrſchern Bedingungen vorlegen, d. h. mit ande⸗ ren Worten, daß ſie die deutſche Krone ver⸗ ſchachern konnten! Und dann; blieb nicht jedem einzelnen Fürſten, bis zu den kleinſten Grafen herab, die Möglichkeit, auch einmal König und Kaiſer zu werden? und 6. 349 ſtellte nicht dieſe Möglichkeit allein ſchon Königen gleich? Kurz! Friedrich drang ungeachtet ſeiner Macht und der Achtung und Liebe, mit der man an ihm hing, wie geſagt, eben ſo wenig mit dieſem Vorſchlage durch, als ſein Vater, wogegen die Fürſten gern ſeinem Sohne Konrad durch freie Wahl die deut⸗ ſche Königskrone ſicherten. Was indeſſen Großvater und Vater nicht ge⸗ lungen, blieb vielleicht dem Sohne auszuführen mög⸗ lich, und Friedrich durfte von Konrad viel erwarten. Der Kaiſer ſetzte nun ſeine Bemühungen, Deutſchland völlig zu ordnen, eifrig fort. Dem Reichstag zu Mainz folgte bald ein an⸗ derer zu Augsburg, worauf ſich Friedrich nach Ha⸗ genau begab. Hier leiſteten ihm unter Andern die Grafen Raimund Berengar von Provence und Raimund IV von Toulouſe für ihre Beſitzungen den Lehnseid; hier war es auch, wo er den edlen Minneſänger Walther von der Vogelweide mit einem Reichs⸗ lehn für ſeine Treue und ſeine Lieder lohnte. Hierauf ſuchte der Kaiſer ein anderes, dies⸗ mal unangenehmes Geſchäft zu Ende zu bringen. Der Herzog von Oeſtreich war auf alle Vor⸗ ladungen hin nicht erſchienen. Er wurde jetzt ge⸗ ächtet und dem König von Böhmen, dem Herzog von Baiern und den Biſchöfen von Paſſau und Bamberg die Vollziehung der Acht übertragen. Die erwähnten Fürſten fielen auch ſofort in Oeſterreich ein und, da die Unterthanen gegen ih⸗ ren Herzog aufs heftigſte empört waren, ſo konnte es nicht fehlen, daß das ganze Herzogthum bis auf wenige feſte Schlöſſer ſich auch bald in der Ge⸗ walt der Achtsvollſtrecker befand. Jetzt ſchien Deutſchland vollkommen z Sein Ruhm ſtralte hell und leuchtend allen übrigen Ländern der Erde vorz Handel und Gewerbe, Künſte und Wiſſenſchaften blühten erfreulich auf und ſeine innere Macht und ſein politiſcher Einfluß wuchſen von Tag zu Tag. Friedrichs Aufgabe war hier gelöſt, er wandte ſein Augenmerk auf Italien. Hier hatte ſich unterdeſſen ſeit des Kaiſers Abweſenheit das alte Spiel erneut, ſowie die Er⸗ bärmlichkeit und Falſchheit der Lombarden neuer⸗ dings auf eine widerliche Weiſe an das Licht ge⸗ treten war.. Vor Allem lag die Treuloſigkeit an dem Tage, mit welcher ſie nicht nur bei der Empörung Hein⸗ richs mitgewirkt, ſondern ſogar dieſen unglücklichen Fürſten zum Aufruhr unaufhörlich angereizt hatten. Sodann war Friedrich I durch eigene An⸗ ſchauung belehrt worden, daß ſie ihm, ihrem recht⸗ 351 mäßigen Herrn und Kaiſer bei ſeiner Rückkehr nach Deutſchland in den Engpäſſen Oberitaliens aufgepaßt, um ihn wo möglich zu fangen, jeden⸗ falls aber einem Heere den Durchgang zu ver⸗ weigern. Ferner legten die Mailänder Hinterhalte und hatten die Frechheit, dem Kaiſer mitten im Frieden Elephanten, Kameele, Dromedare und andere fremde Thiere, die er nach Cremona beſtimmt, wegzufan⸗ gen, und endlich brachen ſie ſelbſt wieder unter ſich den Frieden, ſo daß ſich Bologna und Modena, Verona und Mantua, Ravenna und Caſena, Forli und Faenza, Florenz und Siena und andere mehr, neuerdings untereinander befehdeten und blutig zerriſſen. In Piacenza verfolgten und bannten ſich wech⸗ ſelſeitig Adel und Volk, in Venedig und Ravenna haderten Geiſtliche und Laien, und in Mantua ward ſogar der Biſchof erſchlagen. Wie natürlich mußten den Kaiſer alle dieſe Frevel zum höchſten Zorn reizen, ſowie ihm dies erbärmliche egviſtiſche und habgierige Streben der lombardiſchen Städte nicht anders als ein Greuel erſcheinen konnte. Waren ihm aber auch dieſe wechſelſeitigen Schwächungen der Städte einerſeits, und aus un⸗ tergeordnetem Standpunkte betrachtet, willkommen, ſo mußten ſie aus höherem in ihm doch die Ueber⸗ zeugung von der Nothwendigkeit ſeiner regelnden Einwirkung verſtärken. Nichtsdeſtoweniger ließ es der Kaiſer nicht an Ermahnungen und gütlichen Verſuchen fehlen und übertrug dem Papſte ſogar neuerdings die Vermit⸗ lung. Aber ſelbſt hier wurden die Lombarden wort⸗ brüchig. Ihre Geſandten ließen den feſtgeſetzten Termin verſtreichen, ohne in Rom zu erſcheinen und nun rief auch der Kaiſer die Seinen im höch⸗ ſten Zorne zurück. Er war bereits entſchloſſen zu ſtrafen, als die Ankunft eines der erſten italieni⸗ ſchen Fürſten an ſeinem Hoflager zu Worms dem zürnenden Monarchen den Blitz der Vernichtung entlockte. Es war Ezelino di Romano, jene furchtbare, jene dämoniſche Erſcheinung in der Geſchichte der oberitalieniſchen Staaten. Ezelino war ein großer, ſtarker, ungemein kräftiger Mann, der mit dem Kaiſer in gleichem Alter ſtand. Seine Züge waren edel, aber entſtellt durch den Ausdruck einer verwegenen Wildheit. Der dunkle Glanz ſeiner unſtät flammenden Augen hatte etwas Teufliſches. Verſtand, Muth und unermüdliche Tyangleit 353 paarten ſich bei ihm mit einem kühnen Geiſte, doch kannte ſein Stolz keine Grenzen. In Reichthum und Ueberfluß erzogen, von Kindheit an als Fürſt behandelt, von Schmeichlern verdorben und von Natur leidenſchaftlich im höch⸗ ſten Grade, kannte Ezelino kein höheres Ziel, als mit unbeſchränkter Freiheit jeden Wunſch, jede Lei⸗ denſchaft befriedigen zu können, mit einem Worte zu genießen, da er— alle ſittliche und religiöſe Grundſätze leugnend— an kein jenſeitiges Leben glaubte. Daher ſeine unbegrenzte Hab- und Herrſch⸗ ſucht, daher ſeine Grauſamkeit, der er den Namen „des Tyrannen“ verdankte. Nur zwei Tugenden ſtanden ſtralend dieſen finſteren Dämonen gegenüber und dies waren ſeine unüberwindliche Tapferkeit und ſeine Treue für den Kaiſer. Ezelinv di Romano aber brachte ſchreckliche Nach⸗ richten aus Italien mit. Anarchie und Selbſthülfe waren an der Tagesordnung und die Parteiwuth der Fürſten und Städte überſchritt jeden Begriff. Vor Anderen hatte der Markgraf von Eſte, der Dankbarkeit und Unterthanentreue hohnſprechend, ſich von dem Kaiſer losgeſagt und verwüſtete nun mit Feuer und die Beſitzungen der Freunde des Kaiſers. 354 Freilich hatte er an Ezelino ſeinen Mann ge⸗ funden, allein der Markgraf verband ſich nun mit Padua, Treviſo und Vicenza, und dieſer über⸗ legenen Macht mußte ſelbſt der F⸗ Romano weichen. In ſeiner ungezügelten Wuth ging Eſte ſo weit, bekannt machen zu laſſen, daß, wer mit dem Kaiſer in irgend eine Verbindung trete, ja nur ſeinen Namen nenne, des Todes ſchul⸗ dig ſei! Dieſe fürchterliche Beleidigung des Kaiſers forderte ſchwere Strafe, noch lauter aber forderte Ezelino's Hauptklage Himmel und Erde zur Rache auf. Der Markgraf von Eſte hatte nämlich durch einen heimlichen Ueberfall die beiden reizenden Nichten Ezelino's, Amabila und Griſeldis, nebſt ihrer Mutter in ſeine Gewalt bekommen. An dieſen zarten, unſchuldigen Weſen ſuchte nun der Unmenſch ſeine Rache, ſeine Wuth über die empfindlichen Niederlagen, die ihm Ezelino's Tapferkeit oft ſchon zugefügt, zu kühlen. An Pfähle gebunden ließ er ihnen, ungerührt von ihrem Flehen, ihrer Schönheit, ihrer Unſchuld und Verzweiflung die Kleider unter dem Gürtel wegſchneiden, ſtellte ſie, alſo völlig entblößt, den Blicken und dem Spott des rohen Kriegsvolkes 355 preis und ließ ſie hierauf langſam verbren⸗ nen. Und zu ſolchen Schandthaten ſchwieg der Papſt. Der Kaiſer aber zog, als er dieſe Nachrichten vernommen, in edlem Zorne ſein Schwert und ſchwur im Angeſichte ſeines ganzen Hofes den ita⸗ lieniſchen Verräthern und Empörern Vernichtung— und alle anweſenden Fürſten gelobten ihm bei der neuen Kriegsfahrt thätige Hülfe. In kurzer Zeit ſtand ein kleines Heer gerüſtet, die Fürſten verſprachen, mit dem großen Heerbanne zu folgen, und ſo brach Friedrich I den 25. Julius 1236 abermals nach Italien auf. — 15. Das ſilberne Käſtchen. Es war zu offenbar, Daß Kaiſer Karl durch dies Gebot mir nach dem — Leben trachte. Wieland. Wenige Tage aber vor Kaiſer Friedrichs Aufbruch ereignete ſich noch folgende Begebenheit, die für David Federbuſch nicht nur von der höchſten Wich⸗ tigkeit war, ſondern auch tief in ſein Seelenleben eingriff. Der Narr ſtand gerade an einem Fenſter des Wormſer Palaſtes und ſchaute voll Aerger auf die Vorbereitungen zur Reiſe, die man im Schloßhofe traf, als ein Mönch zu ihm trat und frug, warum er ſo ingrimmig auf das Treiben da unten herab⸗ ſehe? Weil ich mich ärgere, daß mir ſo viele Men⸗ ſchen meinen Rang ſtreitig machen! entgegnete der Narr. So hältſt du die Diener des Kaiſers, die ſeine „Befehle befolgen, für deines Gleichen? Ganz gewiß! und der Kaiſer iſt ihr unver⸗ beſſerlicher Meiſter. Der Kaiſer ein Narr?! rief erſchrocken der Mönch und ſah ſich ſcheu um, ob auch Niemand dies Wort gehört. Ja, ja! wiederholte David laut. Der Kaiſer iſt ein großer Narr, denn er legt ſich nackt in ei⸗ nen Ameiſenhaufen, er greift mit der Hand in ein Wespenneſt, er hält die Welt für eine Auſter und will ſie mit einem Schwerte öffnen! Darüber vermag ich nicht zu urtheilen, ent⸗ gegnete der Pater, mit dem Weltlauf und den poli⸗ tiſchen Händeln habe ich nichts zu thun. Ich lebe wie ein Einſiedler in einem Kloſter. Dann ſind wir Collegen, rief der Narr, denn der Kluge iſt der Einſiedler bei der tollen Maske⸗ rade des Lebens. O du Glücklicher, fuhr David fort, du bleibſt in deinem lieben Vaterlande und kannſt hier für deſſen Wohl wenigſtens beten. Ich aber muß in Geſellſchaft von Unthieren nach dem vermaledeiten Italien ziehen und ſehen, wie mein guter Herr dem Teufel in den Rachen läuft. Mit Unthieren zieht Ihr? rief der Mönch er⸗ ſtaunt, habe wol ſchon gehört, daß der Kaiſer ſolche halte, als da ſind: Kameele und Affen, aber daß er ſolche mit nach Deutſchland gebracht habe, davon hörte ich noch nichts. S 358 Freund! ſagte David, Ihr kennt die Welt ſchlecht. Es gibt noch größere Unthiere als Kameele und Affen. Was ſind Felſenklüfte und Wüſten, Schlangen und Tiger, Durſt und Hunger, Hitze und Kälte, Krankheit und Peſt, gegen ärgerliche, zänkiſche und boshafte Höflinge ohne Kopf und Herz, mit einer goldenen Ordenskette um den Hals, die man mit ſich über die Alpen ſchleppt? Wenn dem ſo iſt, entgegnete der Pater, be⸗ neide ich Euch um Eure Fahrt nicht. Aber ich ver⸗ geſſe ganz meinen Auftrag. Seid Ihr David Fe⸗ derbuſch? Euer Aeußeres läßt mich faſt darauf ſchließen. Es hat doch Alles ſeine gute Seite! rief der Narr, ſelbſt mein Höcker, man kann ſich daran hal⸗ ten und ſicher gehen, daß man den Rechten trifft. Und was iſt Euer Anliegen, frommer Vater? Ich ſoll Euch an das Todtenbett eines Bruders rufen, der nicht ſterben kann, ehe er ſein Gewiſſen gegen Euch erleichtert hat. Der Narr ſchlug die Hände über den Kopf zuſammen und rief: So wahr ich lebe, die Welt geht unter! Narr und Pfarr haben die Rollen getauſcht. Nun, einen milden Beichtvater ſoll der arme Teufel haben, denn meine Religivn war von jeher die Liebe, und das Leben hat mich gelehrt, daß Jeder ein paar Narxenſchuhe zerreißen muß. Ach, guter Herr! keinen Scherz, ſagte der Mönch weinerlich. Ihr habt den Bruder Jorda⸗ nus ſchon zu lange warten laſſen. Jordanus! wiederholte David finſter. Es iſt wahr, er wünſchte mich bald wiederzuſehen, um mir ein wichtiges Geheimniß zu entdecken, und ich kam ſeiner Bitte nicht nach. Es iſt unverzeihlich! ſagte der Pater, denkt doch nur, ein wichtiges Geheimniß. Es iſt möglich, verſetzte David noch immer nachdenklich, daß Geheimniſſe für Euch Reiz haben. Ihr habt's ja nur mit Geheimniſſen zu thun, im Beichtſtuhl und außer dem Beichtſtuhl, ja Leben und Welt und eigenes Selbſt bleiben Euch am Ende Geheimniſſe. Ich aber muß geſtehen, daß ich vor nichts einen größeren Widerwillen habe, als vor Wanzen, Höflingen und Geheimniſſen. Das wahre Gute geht nackt wie die Unſchuld und weiß gar nichts von ſeiner ſchönen Nacktheit, während ſich das Böſe hinter den faltenreichen Mantel des Ge⸗ heimnißvollen birgt. Kann ich geſchehene Unthaten ungeſchehen machen? Wer ſchwer trägt, iſt nicht lüſtern nach neuen Bürden. Neues, Geheimnißvolles zu erfahren, iſt doch immer reizend! meinte der Mönch, und dann kann der arme Bruder Jordanus nicht ſterben, wenn Ihr nicht kommt. Wenn das iſt, ſagte David ernſt, muß ich wol. Ihr ſeid wol mehr, als Ihr ſcheint? frug der Pater. Gewöhnlich iſt das Umgekehrte bei den Men⸗ ſchen der Fall! entgegnete Jener. Man ſagt, Ihr hättet vor kurzer Zeit eine Nacht in der Kirche unſeres guten Kloſters zuge⸗ bracht, fuhr der Pater fort, und dort an dem Grabe ddes Herzogs Thaſiliv von Baiern eifrigſt gebetet. 3 Ihr ſtammt wol von Thaſilio's Geſchlecht? 7 O ja! rief David, denn ich ſchmeichle mir ein Mann zu ſein. Der Mönch ſchüttelte mit dem Kopf und ſagte: So meine ich es nicht, ich wollte... Ihr wolltet für mich beten, frommer Vater, fiel ihm David ins Wort. Ich verſtehe Euch, und um mich unſerem Herrgott beſſer empfehlen zu können, wünſcht Ihr zu wiſſen, wer ich bin. Nun, nennet mich nur immerhin den Höckerigen, der da oben wird es ſchon verſtehen. Unterdeſſen Ihr aber hier auf mich wartet und betet, will ich gehen und meine bunten Federn abſtreifen, die ſchlecht in eine Ge⸗ ſellſchaft paſſen würden, in der Freund Hain prä⸗ ſidirt. Ihr aber, Väterchen, merkt Euch den alten Spruch: 8 6 ſe E — —— Ne Magd ohne Lieb', Ein Markt ohne Dieb, Ein Jude ohne Gut, Ein Jüngling ohne Muth, Alte Scheunen ohne Mäus', Alte Pelze ohne Läus', Mädchen, die ſich nicht gern zieren, Pfaffen, die nicht ſpioniren, Alte Böcke ohne Bart, Sind nicht— natürlicher Art⸗ Aber der gute Pater hatte den Witz des Nar⸗ ren nicht verſtanden, er lächelte ihm verdutzt nach und ſagte halblaut: Ein drolliger Kautz! Möchte nur wiſſen, was Bruder Jordanus ſo Geheimnißvolles mit ihm vorhat. Und dies ſagend ergriff er den Roſenkranz und ließ ſeine Kugeln betend durch die Finger laufen. Nach einer Viertelſtunde kam David zurück, um ſich ſofort mit dem Mönche auf den. Weg nach der Abtei Lorſch zu machen, unter dem Mantel barg er das ſchon öfter erwähnte ſilberne Käſtchen. Er hatte keine Zeit zu verlieren, denn ſchon der kommende Tag war zum Auſbruch des kaiſer⸗ lichen Hoflagers beſtimmt. Um unterwegs nicht wieder den Ausforſchun⸗ gen des neugierigen Mönches ausgeſetzt zu ſein, befrug Federbuſch dieſen über manche Einzelnheiten aus der Geſchichte ſeines Kloſters. So kamen ſie auch auf Thaſſilio und der Pater erzählte, daß von dieſem in Lorſch folgende Sage gehe: N. 5 16 362 Es iſt Euch wohl bekannt, daß unſer ſchönes Kloſter ſchon unter Karl dem Großen gegründet, ja die Kirche deſſelben in deſſen Gegenwart einge⸗ weiht wurde. Wie er aber ſchon damals große Anhänglich⸗ keit an die Abtei gezeigt, ſo blieb er ihr auch ſpä⸗ ter zugethan, und der Herr ſegnete ihn dafür und machte ihn zu einem mächtigen Herrſcher und ließ ihn ein hohes Alter erreichen. Das Alter aber beugte Karl nicht und ſo be⸗ ſuchte er noch in ſeinem neunundſechzigſten Lebens⸗ jahre auf einer ſeiner Rundreiſen unſer ſchoͤnes Lorſch. Er kam wie gewöhnlich mit wenig Gefolg, aber mit vollen Händen; denn er ehrte die Geiſtlichkeit, wie es großen Fürſten vor Allen geziemt, und mit Freuden empfingen ihn Abt und Brüder. Sein erſter Gang aber war zur Kirche, wo man, da es ſchon Abend war, gerade die Vesper ſang. Karl betete andächtig und lange, ſo daß die Kirche bereits leer geworden, als er ſich von den Knieen erhob. Eben wollte auch er das Gottes⸗ haus verlaſſen, ſiehe da führte ein Knabe einen alten blinden Geiſtlichen herein, der, auf einen Stab geſtützt und von den Jahren gebeugt, müh⸗ ſam dem Altare zuſchwankte. Gerührt und erſchüttert ſchaute n der Kaiſer nach. Der Greis aber kniete an den Stufen des Altars nieder und betete inbrünſtig und ſein Haupt umſtralte ein lichter Heiligenſchein. Karl fühlte ſich ſonderbar berührt. Er wartete, bis ſich der fromme Mönch erhob, dann trat er zu ihm und ihm dünkte, als ſeien ihm dieſe Züge, auf welchen der Friede eines gottſeligen Lebens thronte, nicht ganz fremd. Wer biſt du, ehrwürdiger Vater? redete er den Greis an, mir däucht, wir ſollten uns kennen, du ſtehſt vor deinem Kaiſer. Bei dieſen Worten flog eine flüchtige Bläſſe über die eingefallenen Wangen des Gefragten; aber er faßte ſich bald wieder und ſagte mit ruhi⸗ ger Faſſung: Wol haben wir uns auf unſeren Le⸗ benswegen oft begegnet. Damals aber war ich noch jung, lebenskräftig, reich und mächtig, jetzt haben das Alter und das Unglück mich gebeugt, jetzt haben die Thränen der Reue über verletzte Pflicht und Eide das Licht dieſer Augen gelöſcht; jetzt ſchmückt mich längſt das falſche Blendwerk irdiſcher Größe nicht mehr. Und dein Name? frug der Kaiſer. Iſt Thaſſilio! einſtens Herzog der Baiern. Eine lange Pauͤſe folgte dieſen Worten. Der Kaiſer war tief erſchüttert. Auch ſein Blut war ja ruhiger geworden, auch ſein Haupt war ſeit 6 jenen Tagen erbleicht, auch er hatte die Richtigkeit aller irdiſchen Größe erkannt. Mit Wehmuth blickte er daher auf den Mann, der, einem alten Fürſtenhauſe entſproßt, einſt über der Baiern Volk geherrſcht, den aber ein unver⸗ ſöhnlicher Haß gegen ihn, ſeinen Kaiſer, zu wie⸗ derholten Empörungen angetrieben, bis er ſeinem mächtigen Arme erlegen. Des Landes verluſtig und zum Tode verurtheilt, hatte ihn Karl der Große damals begnadigt und ihm die Wahl eines Kloſters freigeſtellt, und hier nun fand er ihn nach langer Buße als einen heiligen Mann wieder. Er war verſöhnt. Eine Thräne im Auge er⸗ griff er des Blinden Hand und ſprach: Thaſſilio! wir ſtehen Beide am Rand des Grabes und unſer Hoffen iſt nach einem Jenſeits gerichtet, das nur Liebe kennt. Vergebt mir, wenn ich zu hart gegen Euch war. Nicht ich, entgegnete gerührt der Greis, ſon⸗ dern Ihr habt zu vergeben, und daß Ihr dies whl erleichtert meine letzte Stunde. Und verſöhnt reichten ſich die Herrſcher die Hände. Aber dies Zuſammentreffen hatte den from⸗ men Greis zu tief erſchüttert. Als der Kaiſer den andern Morgen aufbrach und von Thaſſilio Abſchied nehmen wollte, fand er ihn ſanft entſchlummert. Die Erzählung des Mönches hatte David an⸗ geſprochen und da dieſe Art der Unterhaltung ihn zu gleicher Zeit vor deſſen Neugierde und Zudring⸗ lichkeit ſchützte, ſo willigte er ſehr gern in den Vor⸗ ſchlag des redſeligen und an Sagen reichen Bru⸗ ders, noch ein und die andre auf ſein Kloſter be⸗ zügliche Geſchichte vortragen zu dürfen. Wirklich ſchwand ihnen der Weg auf dieſe Weiſe unbemerkt und ehe noch die Nacht völlig ein⸗ gebrochen, hatten ſie Lorſch erreicht. Der Abt geſtattete auch David ſofort, ſich zu dem Bruder Jordanus zu begeben, der ſeiner An⸗ kunft mit Sehnſucht entgegenharrte. Der Greis, der Federbuſch unwillkürlich an Thaſſilio erinnerte, lag oder ſaß vielmehr halb aufgerichtet, Rücken und Kopf gegen die Kiſſen gelehnt, in ſeinem ärmlichen Bette. Die dürren, welken Hände hielten einen Roſenkranz, während die matten, erlöſchenden Blicke an dem Crucifir hingen, das von der nackten Wand der düſteren Zelle auf den Sterbenden herabſchaute. Ein Bruder kniete zu Füßen des Bettes und murmelte halblaut Gebete. Jordanus aber erkannte ſogleich den Sn tenden und ſeine leuchtenden Blicke, das Aufflam⸗ men ſeiner Lebensgeiſter, die fieberhafte Röthe, die ſein bleiches Geſicht flüchtig übergoß, Alles dies zeigte David, wie ungeduldig er erwartet wor⸗ den ſei. Gelobt ſei Gott! rief ihm mit ſchwacher Stimme der greiſe Mönch entgegen, gelobt ſei Gott! daß Ihr gekommen ſeid. Ich habe lange auf Euch ge⸗ wartet, denn Ihr hattet meine Bitte vergeſſen. David wollte hier die Gründe für ſein Weg⸗ bleiben angeben, Bruder Jordanus aber winkte ihm zu ſchweigen und fuhr halblaut fort: Laſſen wir die Sache beruhen, Ihr ſeid ja jetzt gekommen und meine Zeit iſt mir abgemeſ⸗ ſen, meine Kräfte werden kaum reichen. Ich muß kurz und bündig ſein. Er deutete David darauf an, ſich zu Füßen ſeines Bettes niederzuſetzen, dem Mönche aber ſich zu entfernen, holte tief Athem und fuhr als⸗ dann mühſam fort: Zuvörderſt habt Ihr das ſilberne Käſtchen, das ihr von der ſterbenden Gräfin Sutera, Eurer angeblichen Mutter, empfangen, mitgebracht? David nahm es unter ſeinem Mantel hervor und ſtellte es auf den Tiſch, indem er mit ſichtba⸗ rem Misbehagen ſagte: Alter Mann, Ihr erwähntet eben meiner theu⸗ ren, guten Mutter mit einer Bemerkung, die mich für Eure fernere Beichte zittern läßt. Wenn es nicht unumgänglich nöthig, laßt mich Euer Geheim⸗ — —,— niß nicht wiſſen. Der Unglückliche bebt vor jeder neuen Botſchaft des Geſchicks, weil er gewöhnt iſt, nur das Krächzen des Unheil kündenden Raben zu hören. Ich kann nicht ſcheiden ohne dies Bekenntniß! jammerte der Greis, das unſelige Geheimniß drückt meine Seele nieder mit Bergeslaſt, habt daher Erbarmen und hört mich an. Der Kaiſer iſt edel, es kann Euch von Nutzen ſein und meine Seele iſt verdammt, wenn Ihr mich nicht hört, mir nicht vergebt! Es ſprach bei dieſen Worten eine ſo große Verzweiflung aus des Sterbenden Zügen, daß David ſeiner Bitte nicht länger zu widerſtehen ver⸗ mochte. Mit beklommenem Herzen ſagte er daher: So ſprecht denn! B Ein matter Druck der Hand lohnte dieſe Güte, dann fuhr Bruder Jordanus fort: Ich muß kurz ausholen, um zum Ziele zu ge⸗ langen. Es ſind jetzt nahe an funfzig Jahre verfloſſen, ſeitdem ſich Kaiſer Heinrich Vl mit Conſtanze, der Erbin von Sicilien, vermählt. Ich war damals vierzig Jahre alt und der Beichtvater der hohen Frau, der mit dieſer Ver⸗ bindung eine ſo glänzende als glückliche Zukunft zu winken ſchien. 368 Aber dieſe ſchönen Ausſichten trübten ſich bald. Der Kaiſer war ein harter, grauſamer Mann, der nicht nur ſeine Völker, ſondern auch ſeine eigene Gattin oft quälte. So brachte er es durch ſeine Härte dahin, daß ſich Sicilien empörte und eine mächtige Partei den Grafen Tancred, einen natürlichen Sohn des Her⸗ zog Roger's, zum König ausrief. Erſt nach deſſen Tod ward es dem Kaiſer mög⸗ lich, dies Reich wieder zu erobern. Es geſchah; jedoch erſt, als er der Wittwe des Königs und de⸗ ren Kinder Sicherheit der Güter und Perſonen in einem Vertrage verſprochen hatte. Palermo ſah hierauf den Kaiſer als ſeinen Herrſcher einziehen. Nach Stand und Alter in re⸗ gelmäßige Scharen abgetheilt, gingen ihm die Bürger feſtlich gekleidet entgegen; die Straßen dampften von Weihrauch und waren mit Teppichen und Blumen geſchmückt. Der Kaiſer ſelbſt ritt in⸗ mitten ſeines Heeres, umgeben von Fürſten. Ueberall herrſchte Ordnung und ſtrenge Zucht und ſchon hoffte man auf Gnade und Mäßigung, als mit Einemmal, nach kaum befeſtigtem Regimente, des Kaiſers Zorn und Rache ohne Rückhalt los⸗ brachen. Es war um die Zeit der Weihnachten, die Kaiſerin ſah ſtündlich ihrer Entbindung entgegen, als der Kaiſer angab, eine Verſchwörung entdeckt zu haben, deren Zweck kein anderer geweſen, als ihn zu ermorden und das Reich, Wilhelm, dem Sohne des verſtorbenen König Tancred's, wieder zu erringen. Augenblicklich wurde nun die königliche Fami⸗ lie und mit ihr eine kaum glaubliche Menge von Biſchöfen, Grafen und Edlen verhaftet. Greuel folgte auf Greuel und die Tage des fröhlichen Fe⸗ ſtes verwandelten ſich in eine Zeit des Schreckens und des Jammers. Auf des Kaiſers Befehl wurden die Gräber Taonered's und Roger's erbrochen und den Todten, als unrechtmäßigen Königen, die Kronen entriſſen. Erzbiſchöfe, Biſchöfe, Grafen und Edle verfielen, als ſchuldig, dem Schwerte und dem Strange; Andere wurden verbrannt, geſpießt oder lebendig begraben. Die verwittwete Königin mit ihren drei holden Töchtern ſperrte man in Klöſter, der un⸗ glückliche Sohn Tanered's aber ward entmannt und— geblendet. Wehklagen und Verzweiflung tobte durch die Stadt; das Volk fluchte dem Herrſcher, und— o ſchwere Vorbedeutung für ſein Geſchlecht!— unter ſeinen Flüchen kam die Kaiſerin nieder! Der Mönch hielt hier erſchöpft und todtesmatt inne; die ſchrecklichen Eindrücke jener Zeit ſtreiften 370 an ſeinem Geiſte vorüber, er ſchloß, einer Ohn⸗ macht nahe, die Augen und ſchien vor Schwäche zu entſchlummern. David wagte kaum zu aihmen. Ach! er wünſchte faſt, der Leidende möge auf ewig entſchla⸗ fen ſein; denn ihm grauſte vor der Enthüllung eines Geheimniſſes, das mit dieſen Begebenheiten, mit ſeiner Mutter, mit ihm, in gewiſſen Bezie⸗ hungen ſtehen mußte. ·Aber ſein Hoffen hatte ihn getäuſcht, nach einer Viertelſtunde ſchlug Jordanus die Augen wie⸗ der auf. Gebt! ſtammelte er mit einem Blick auf einen naheſtehenden Becher, der einen braunen, ſtark riechenden Trank enthielt. David reichte ihn dem Pater; aber der Greis war zu matt, ihn allein zum Munde führen zu können, Federbuſch mußte helfen. Der ſtärkende und belebende Trank ſchien kräftig zu wirken: die halbentflohenen Lebensgei⸗ ſter kehrten zurück. Nach einer abermaligen Pauſe fuhr der Greis, wenn auch mit leiſerer Stimme, alſo fort: Ich war als Beichtvater der Kaiſerin, nebſt dem Leibarzte, der Schweſter der Fürſtin und der Wärterin, Zeuge dieſes Actes. Conſtanze gebar einen Sohn, Friedrich Roger, unſeren jetzigen Herrn und Kaiſer— aber— o Entſetzen! es folgte noch ein zweites Kind. Fried⸗ rich war eine holde Blume; das zweite, alſo das ältere Kind und daher der geſetzliche Thronerbe aber— war misgeſtaltet und häßlich. Der Kaiſer eilte auf dieſe Nachricht, die ihm von mir im Ge⸗ heimen überbracht wurde, von dem Schauplatz der blutigen Greuel herbei. Ein finſterer Blick traf die Zwillinge. Ich will nicht, daß ein Krüppel meinen Thron beſteige, rief er, noch daß ein Bruderſtreit meine ſchönen Reiche zerreiße. Und das zweitgeborene, ſchwächliche Kind dem Arzte zuſchleudernd, ſetzte er hinzu: Es ſoll nicht geboren ſein! Wir mußten ſodann, bei Verluſt unſeres Le⸗ bens, ſchwören, weder der Kaiſerin, die ſeit der Geburtsſtunde beſinnungslos dalag, noch irgend Jemanden je zu entdecken, was hier geſchehen und allgemein auszuſagen: Conſtanze ſei mit einem geſunden Knaben erfreut worden. Fürſtliche Belohnungen wurden uns ſofort für unſere ſündhafte Bereitwilligkeit verabfolgt und dem Leibarzte angedeutet: er moͤge das unglückliche Geſchöpf aus der Welt ſchaffen. Aber die Schweſter der Kaiſerin, empört über des Kaiſers Verfahren, rettete dem Kind das Le⸗ 372 ben, indem ſie mit Aufopferung des größeren Thei⸗ les ihres Vermögens den Arzt dazu beſtimmte, ihr das Kind zu überlaſſen. Noch zur ſelben Stunde wurden die Doeumente hierüber, ſowie über die Geburt aufgeſetzt und von dem Arzte der Fürſtin, der Wärterin und mir im Geheimen unterzeichnet. Niemand ahnte, was geſchehen, ſelbſt die Mutter nicht. Die Fürſtin aber, die bald darauf wegen einer kühnen Aeußerung vom Hofe verbannt wurde, zog ſich nach Deutſchland zurück und lebte von da an ſtill und eingezogen unter dem Namen einer Gräfin Sutera. Sutera! fuhr David auf. Alſo meine Mutter? Nicht Mutter! entgegnete Jordanus matt, ſie war nie verheirathet; ahnt Ihr denn nicht— Was?! rief David bleich und zitternd, faſt mit Ingrimm, da man ihm die Mutter raubte, an der er mit unerſchöpflicher Liebe hing. Daß Ihr Friedrichs Bruder ſeid. Des Kaiſers Bruder! ſchrie der Narr auf. Es iſt unmöglich! Da langte der Mönch einen künſtlichen Schlüſſel aus ſeinem Buſen hervor und reichte ihn David. Dort!... ſtammelte der Pater und wollte noch weiter ſprechen, aber die Stimme verſagte 8 ½ 2 — ihm und nur ſein verlöſchender Blick deutete Da⸗ vid an, daß er das ſilberne Käſtchen meine. Federbuſch öffnete es. Es enthielt die ebener⸗ wähnten Documente. Und Ihr könnt beſchwören, am Rande des Grabes beſchwören, rief David, daß Alles wahr, was Ihr geſagt? Denkt, daß Ihr mir eine geliebte Mutter raubt, denkt, welche Folgen dieſe Ent⸗ deckung haben kann, denkt, daß Ihr bald vor dem ewigen Richter ſteht! Aber der Greis konnte nicht mehr ſprechen. Er nickte leiſe mit dem Haupte, röchelte— und verſchied. David aber bedeckte mit beiden Händen das Geſicht und rief: Ich! des Kaiſers Bruder! Brockhaus in Leipzig. . — 1 45 n ̃ſſ̃ ſ 6 17 18 1 8 9 10 11 12