Leihbibliothetk 7 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur K von Cdnard Otimann in Gießen, Schloßgaſſe Lit A. Nr. 256. Veih und Seſebediugungen. pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei ückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. . 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe eſehe entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 14 für wöcheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 W— 1 W 5 2W 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und b befecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der P Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene und defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 6 feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, da das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ auch dafür zu ſtehen haben. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 1 Kaiſer und Narr. Erster Theil. Kaiſer und Narr. Hiſtoriſcher Roman wben Heribert Rau. F. Erster Theil. A. Brockhaus⸗ 1845. Vorwort. Friedrich von Schiller ſpricht ſich in ſeinem Aufſatze:„Ueber Völkerwanderung, Kreuzzüge und Mittelalter“ wie folgt aus: „Im dreizehnten Jahrhundert iſt es, wo der Genius der Welt, der ſchaffend in der Finſterniß geſponnen, die Decke hinwegzieht, um einen Theil ſeines Werks zu zeigen. Die trübe Nebelhülle, welche tauſend Jahre den Horizont von Europa umzogen, ſcheidet ſich in dieſem Zeitpunkt und heller Him⸗ mel ſieht hervor. Das vereinigte Elend der geiſtlichen Einförmigkeit und der po⸗ litiſchen Zwietracht, der Hierarchie und VI der Lehenverfaſſung, vollzählig und erſchöpft beim Ablauf des elften Jahrhunderts, muß ſich in ſeiner ungeheuerſten Geburt, in dem Taumel der heiligen Kriege, t ein Ende bereiten. Ein fanatiſcher Eifer ſprengt den ver⸗ ſchloſſenen Weſten wieder auf und der er⸗ wachſene Sohn tritt aus dem väterlichen Wauſe. Erſtaunt ſieht er in neuen Völkern ſich an, freut ſich am thraziſchen Bosporus ſeiner Freiheit und ſeines Muths, erröthet in Byzanz über ſeinen rohen Geſchmack, ſeine Unwiſſenheit, ſeine Wildheit und erſchrickt in Aſien über ſeine Armuth. Was er ſich dort nahm und heimbrachte, bezeugen Eu⸗ ropens Annalen; die Geſchichte des Orients, wenn wir eine hätten, würde uns ſagen, was er dafür gab und zurückließ. Aber ſcheint es nicht, als hätte der fränkiſche Hel⸗ dengeiſt in das hinſterbende Byzanz noch 4 — —— — — ——— VII ein flüchtiges Leben gehaucht? Unerwartet raffte es mit ſeinen Komnenern ſich auf und, durch den kurzen Beſuch der Deutſchen ge⸗ ſtärkt, geht es von jetzt an einen edleren Schritt zum Tode. Hinter dem Kreuzfahrer ſchlägt der Kaufmann ſeine Brücke und das wiederge⸗ fundene Band zwiſchen dem Abend und Morgen, durch einen kriegeriſchen Schwin⸗ del flüchtig geknüpft, befeſtigt und verewigt der überlegende Handel. Das levantiſche Schiff begrüßt ſeine wohlbekannten Gewäſſer wieder und ſeine reiche Ladung ruft das lüſterne Europa zum Fleiße. Bald wird es das ungewiſſe Geleit des Arkturs ent⸗ behren und, eine feſte Regel in ſich ſelbſit, zuverſichtlich auf nie beſuchte Meere ſch wagen. Aſiens Begierden folgen dem Europäer in ſeine Heimat, aber hier kennen ihn ſeine VIII Wälder nicht mehr und andere Fahnen wehen auf ſeinen Burgen. In ſeinem Va⸗ terlande verarmt, um an den Ufern des Euphrats zu glänzen, gibt er endlich das angebetete Jdol ſeiner Unabhängigkeit und ſeine feindſelige Herrengewalt auf und ver⸗ gönnt ſeinen Sklaven, die Rechte der Natur mit Gold einzulöſen. Freiwillig bietet er den Arm jetzt der Feſſel dar, die ihn ſchmückt, aber den Niegebändigten bändigt. Die Majeſtät der Könige richtet ſich auf, indem die Sklaven des Ackers zu Menſchen gedeihen; aus dem Meer der Verwüſtung hebt ſich, dem Elend abgewonnen, ein neues, fruchtbares Land, Bürgergemein⸗ F Er allein, der die Seele der Unter⸗ nehmung geweſen war und die ganze Chri⸗ ſtenheit für ſeine Größe hatte arbeiten ⸗ IX laſſen, der römiſche Hierarch, ſieht ſeine Hoffnungen hintergangen. Nach einem Wol⸗ kenbild im Orient haſchend, gab er im Oe⸗ cident eine wirkliche Krone verloren. Seine Stärke war die Unmacht der Könige, die Anarchie und der Bürgerkrieg die unerſchöpf⸗ liche Rüſtkammer, woraus er ſeine Donner holte. Auch noch jetzt ſchleudert er ſie aus— jetzt aber tritt ihm die befeſtigte Macht der Könige entgegen. Kein Bannfluch, kein himmelſperrendes Interdict, keine Losſpre⸗ chung von geheiligten Pflichten löſt die heil⸗ ſamen Bande wieder auf, die den Unterthan an ſeinen rechtmäßigen Beherrſcher knüpfen. Umſonſt, daß ſein unmächtiger Grimm gegen die Zeit ſtreitet, die ihm ſeinen Thro baute und ihn jetzt davon herunterzi Aus dem Aberglauben war dieſes Schreck⸗ bild des Mittelalters erzeugt und großge⸗ zogen von der Zwietracht. So ſchwach ſeine Wurzeln waren, ſo ſchnell und ſchrecklich durfte es aufwachſen im elften Jahrhundert; ſeines Gleichen hatte kein Weltalter noch geſehen. Wer ſah es dem Feinde der hei⸗ ligſten Freiheit an, daß er der Freiheit zu Hülfe geſchickt wurde? Als der Streit zwiſchen den Königen und den Edlen ſich erhitzte, warf er ſich zwiſchen die ungleichen Kämpfer und hielt die gefährliche Entſchei⸗ dung auf, bis in dem dritten Stande ein beſſerer Kämpfer heranwuchs, das Ge⸗ ſchöpf des Augenblicks abzulöſen. Ernährt von der Verwirrung, zehrte er jetzt ab in der Ordnung; die Geburt der Nacht ſchwin⸗ det er weg in dem Lichte. Verſchwand aber er Dictator auch, der dem unterliegenden m gegen den Pompejus zu Hülfe eilte? Oder Piſiſtratus, der die Factionen Athens auseinanderbrachte? Rom und Athen gehen aus dem Bürgerkriege zur Knechtſchaft über— . das neue Europa zur Freiheit. Warum war Europa glücklicher? Weil hierdurch ein vorübergehendes Phantom bewirkt wurde, was dort durch eine bleibende Macht geſchah, weil hier allein ſich ein Arm fand, der kräftig genug war, Unterdrückung zu hindern, aber zu hinfällig, ſie ſelbſt auszu⸗ üben. Wie anders ſäet der Menſch und wie anders läßt das Schickſal ihn ernten? Aſien an den Schemel ſeines Throns zu ketten, liefert der heilige Vater dem Schwert der Sarazenen eine Million ſeiner Heldenſöhne aus, aber mit ihnen hat er ſeinem Stuhl in Europa die kräftigſten Stützen entzogen. Von neuen n und neu zu er⸗ ringenden Kronen träumt der Adel und ein gehorſameres Herz bringt er zu den Füßen ſeiner Beherrſcher zurück. Vergebung der Sünden und die Freuden des Paradieſes XII ſucht der fromme Pilger am heiligen Grabe, und ihm allein wird mehr geleiſtet, als ihm verheißen ward. Seine Menſchheit findet er in Aſien wieder und den Saamen der Freiheit bringt er ſeinen europäiſchen Brü⸗ dern aus dieſem Welttheile mit, eine unend⸗ lich wichtigere Erwerbung als die Schlüſſel Jeruſalems oder die Nägel vom Kreuz des Erlöſers.“ Einen der wichtigſten Abſchnitte dieſer Zeit umfaßt nun vorliegendes Werk, es iſt die Zeit, in welcher Kaiſer Friedrich II, der herrliche Hohenſtaufe, dieſer Rieſe an Geiſt und Kraft, ausgezeichnet vor allen ſeinen Zeitgenoſſen, groß und gewaltig in allen ſei⸗ nen Regungen, in Haß in Freud' und Leid, in Glück und Unglück, beſeelt von der göttlichen Idee: durch Geſetzlichkeit, freies Denken und wiſſenſchaftliche Forſchungen ſei⸗ nen Völkern einen neuen Morgen, eine neue, XIII große, kräftige Zeit heraufzuführen— den Rieſenkampf mit Roms Hierarchie kämpfte. Wenn aber dieſe Cpoche, eine der merk⸗ würdigſten und folgereichſten in der Geſchichte, uns Deutſche vorab anregen muß, da in ihr die Keime zu unſeren jetzigen politiſchen, kirchlichen und bürgerlichen Verhältniſſen gelegt wurden, ſo wird ihr die Gegenwart, in welcher das ſchmachvolle Streben Roms, alle Welt unter ſeinen Zepter zu knechten, neuerdings grell hervortritt, als dem Spie⸗ gelbilde unſerer Zeit noch ein höhe⸗ res Intereſſe abgewinnen. Damals galt es— wie es jetzt gilt— die Geiſter von den Feſſeln einer unwür⸗ digen Sklaverei zu befreien. Damals rang Deutſchland— wie es jetzt ringt— um Un⸗ abhängigkeit von Rom. Wenn aber in der Gegenwart eine glück⸗ liche Aufklärung die Maſſen durchdringt und unaufhaltſam ihrem Ziele zuführt, ſo ſtan⸗ den damals nur einzelne, ihren Jahrhun⸗ derten vorausgeeilte Geiſter Rom und der geknechteten Menſchheit gegenüber. Gerade deshalb iſt jedoch ihr Kampf, der Kampf gegen eine Welt, doppelt erhaben, anziehend und lehrreich und, ihr in dieſem Misver⸗ hältniß begründetes Unterliegen wird unſer Mitgefühl nur um ſo inniger erregen. Möge man daher einen theilnehmenden Blick auf dieſe Blätter werfen und in ih⸗ rem Inhalte vor allen Dingen einen Wink finden: wohin knechtiſches Beugen unter das Joch der Hierarchie Für⸗ ſten und Völker führt. Frankfurt a. M., im Auguſt 1845. Der Verfaſſer. S nh t Seite 1. Meiſter Skotus. Der Empfang.— Paläſtina.— Das einſame Zelt.— Das bewegliche Männchen.— Der ſpäte Gaſt.— Das Horoſkop.— Papſt und Kaiſer.— Die Sterne. 1 2. Ein Blick in die Vergangenheit. Der Morgen.— Zweifel und Entſchluß.— Die da⸗ maligen politiſchen Verhältniſſe.........—. 23 3. David Federbuſch. Die erſten Tage in Paläſtina.— Der Charakter eines großen Mannes.— Die Orden des heiligen Gra⸗ bes.— Der Narr.— Herman von Salza.— Die h,, 33 4. Der Raub. Thomas von Montaigu.— Der Streifzug.— Die Karavane des Sultans.— Der Friedensbote.— Die raſche That.— Der Kampf.— Die Flucht.— 53 5. Die beiden Franziskaner. Der Beſuch.— Der Lauſcher.— Chriſt und Heidin.— Templer und Johanniter.— Das Complot.— Seite Die Predigt.— Schläge.— Mönchiſche Rhetorik.— Fugen— 65 6. Des Narren Rath. Die Verſammlung.— Des Kaiſers Zorn und des Nar⸗ 83 7. Die Verſchwörung. Der Orden der Templer.— Das Opfer des Haſſes.— Das ſchöne Heidenkind.— Die Folterkammer.— Die Verſammlung.— Der Mordanſchlag.— Der fromme Patriarch.— Des Großmeiſters Entſchluß.— Die Vernichtete.— Die Schlange. 95 8. Der Verrath. Die Karavane.— Der Narr.— Unterredung.— Die Erſcheinung.— Gift und Dolch.... 126 9. Malek⸗al⸗Kamel. Die wunderlichen Heiligen.— Entſchluß.— Ueber⸗ raſchung.— Kaiſer und Sultan.— Der Friedens⸗ vertrag.— Ehrenbezeigungen.— Der wundervolle an 138 10. Das göttliche Strafgericht. Gerechter Zorn.— Verſchwunden.— Das Opfer der eitnen Schi 155 11. Ein tiefes Gemüth. Das kleine Zelt.— Die Hofnarren.— Die ſieben Zeichen der Narrheit.— Das Herz eines guten Menſchen.— Das Liebesfieber.— Seelenkampf.— Der Sieg des Lichtes.— Der beſte Troſt.— Die Erſcheinung.— Das Bild... 163 Seite 12. Die drei Herzen. Leidenſchaften die Stürme der Seele.— Individuelle Geſtaltung derſelben.— Widerſprüche im Men⸗ ſchen.— Bemühungen des Narren.— Deſſen Gründe.— Der Thiergarten.— Narren⸗Ideen.— Warnung.— Das Dattelwäldchen.— Die Oda⸗ isken 180 13. Die Erzählung. Atta⸗Beg⸗Fledſch.— Der Sklave.— Die Erfindung des Weines.— Orientaliſches Glück.— Grauſamer Mord.— Der Löwenkampf.— Dſchengis⸗Khan.— Die blutige Jagd.— Heimweh.— Der Liebe Weh und Glück.— Die Sprache der Engel.— Die un⸗ freiwillige Freilaſſung.— Das Ende der Erzäh⸗ ng D hr 209 14. Pläne. Die ſchwere Aufgabe.— Schmerzliche Aufklärung.— Die unheilſchwere Nachricht.— Des Kanzlers Rath.— Rom.— Der Entſchluß.. 240 15. Die Krönung. Die Quelle des Unheils.— Des Patriarchen Anmaßun⸗ gen.— Haß.— Der Saame der Zwietracht.— Meinungen.— Demuth vor Gott.— Hartnäckig⸗ keit des Patriarchen.— Des Kaiſers Erſcheinung.— Frönun 252 16. Das Feſt. Der Jubel.— Der Schmauß.— Tafelfreuden.— Witzpillen.— Lob der Narrheit.— Federbuſch.— Die Ueberraſchung.— Kronen drücken das Haupt.— Die beiden Schweſtern.— Der Lauſcher.— Das Lied.— Die ſchöne Nacht.— Ein göttlicher Mo⸗ ment.— Der arme Leufel 262 Seite 17. Der Sturm. Ein reines Verhältniß.— Die Stunden der Liebe.— Davids Verdienſt.— Eine harte Prüfung.— Der Krug geht ſo lang zum Waſſer bis er bricht.— Einſchiffung.— Leben auf dem Schiff.— Der Vertraute.— Der böſe Geiſt.— Die ſchöne Nacht.— Das freie Wort und der Lauſcher.— Der Sturm. 286 „ 18. Rom. Roma.— Der Vatican.— Die fromme Geſellſchaft.— Ein Mann Gottes.— Der Erzbiſchof von Mailand und der Biſchof in partibus infidelium.— Gre⸗ gor[X.— Eine Scene vor dem Stuhle Petri.— — Der Dominikaner.— Fluch und Segen. 307 19. Rückblicke. Der neapolitaniſche Hof unter Friedrich II.— Poeti⸗ ſches Leben und Treiben.— Veranlaſſung zum Krieg.— Rainald von Spoleto.— Der Papſt und die Lombarden.— Die Städte.— Kreuzzug gegen den Käiſer Sie Weriörenen 332 20. Das Haus des Friedens. Hoffen, Zweifeln und Glauben.— Ein Blick in ein Herz.— Die Verſuchung.— Schwanken.— Des Staatsrathes und Davids Entſchlüſſe.— Der müh⸗ ſame Weg.— Das Kloſter.— Der Mann des i 351 21. Der Löwe. Das Feſt der heiligen Agathe.— Neckereien.— Der rettende Mönch.— Die Prozeſſion.— Der Löwe.— Die Tupatella.— Das Kloſter S. Trinita di Cava.— Der Narr und der Bettelbruder.— Die Weſch XX Seite 22. Der Kampf. Die Freudenbotſchaft.— Fahrt nach Neapel.— Schöne Nacht.— Empfang.— Entſchiedenes Auftreten.— Letzter Verſöhnungsverſuch.— Krieg in Apulien.— Fride von S Geranc 401 23. Größe. Die Palme des Friedens.— Die Sonnenhöhe des Glücks.— Geſetze, Künſte und Wiſſenſchaften, Han⸗ del und Gewerbe.— Der Hof zu Neapel.— Ein Sroßer Mn 413 24. Stilles Glück. Eine heilige Flamme.— Mutter!— Entſagen?— Italiens Paradies.— Zuſammenleben.— Heiraths⸗ 419 25. Von Chriſti Nachfolge. Die Audienz.— Der Mann zu Rom.— Schlingen.— Die Geſandtſchaſt.— Römiſche Politik........ 431 26. Der Sänger. Erinnerungen an die Heimat.— Der fremde Mann.— Verſchwunden.— Eine italieniſche Nacht.— Der ſüße üf Vera 446 27. Verloren. Die troſtloſe Entdeckung.— Vergebliche Bemühungen.— Des Papſtes Meinung.— Der Kaiſer.— Kaiſer und Narr.— Der Schwur.— Pennaforti.— Da⸗ vids Vorſatz 460 28. Fanatismus und Rache. Der beſchwerliche Weg.— Murren.— Der Blitz.— Das Kloſter.— Der Pförtner.— Abt und Prior.— Räche er Bſehh 474 XX Seite 29. Santa Maria maggiore. Ein Kerker und ſeine Bewohner.— Qualen.— Die Zeichen der Stunde.—„Ich will mit dir gehn.“— Der Skorpion.— Todesahnung.— Das ſummari⸗ ſche Verfahren.— Ein Menſchenherz unter einer Kutte— Das Opfer der Rache 489 30. Die Verklärung. Ein Menſch wie viele.— Das ſtille Zimmer.— Fie⸗ berträume.— Das Lied.— Zweifel und Entſchluß.— Die Schuld.— Die Heimkehr 503 31. Irdiſche Größe. Der Erde Herrlichkeit und der Erde Schmerz....... 521 1. Meiſter Skotus. Wallenſtein. Laß es jetzt gut ſein, Seni. Komm' herab. Der Tag bricht an und Mars regiert die Stunde, Es iſt nicht gut mehr operiren. Komm! Wir wiſſen g'nug. Seni. Nur noch die Venus laß mich Betrachten, Hoheit. Eben geht ſie auf. Wie eine Sonne glänzt ſie in dem HSſten. Schiller. Das Summen der Glocken von Akkon, die kriegeri⸗ ſche Muſik, der Jubelruf der Soldaten, die Freuden⸗ Hymnen, das Jauchzen des Volkes waren ver⸗ ſtummt. Paläſtina hatte einen ſchönen Tag ge⸗ ſehen; denn Kaiſer Friedrich I war nach langem, langem Zögern mit ſeinem Heere zu Akkon ge⸗ landet. Es war dies der fünfte der größeren Kreuz⸗ züge, den das Abendland zu Gunſten des heiligen Grabes unternommen. 2 Aber welch' ungeheure Menſchemmaſſen auch ſchon dieſe romanesken Völkerwanderungen von . 1 2 dem Occident nach dem Orient geworfen; wie viel Blut auch ſchon den Boden getränkt, auf dem einſt Der gewandelt, deſſen Mund Friede und Liebe ver⸗ kündet— das Königreich Jeruſalem ſeufzte den⸗ noch abermals unter dem Joche der Ungläubigen. Und wahrlich! die Leiden, welche die Chri⸗ ſten des Morgenlandes von ihren Unterdrückern zu dulden hatten, waren eine gerechte Strafe des Himmels. Riefen ſie nicht ſelbſt ihre Peiniger her⸗ bei? Schwangen ſie nicht ſelbſt mit thörichter Hand die Geißel, um ſich den eigenen Rücken zu zerfleiſchen? Ueber dem Grabe des Erlöſers, der da gelehrt: „Liebe deinen Nächſten wie dich ſelbſt!“ tobte der wildeſte Bruderhaß. Von der Erfahrung um nichts klüger gemacht, wütheten die Johanniter gegen die Templer, die Geiſtlichen gegen die Laien, die Laien unter ſich. Habſucht und Herrſchbegierde waren die unedlen Motive, aus welchen ſich die Chriſten ver⸗ folgten, bekämpften und verfluchten. Kein Wunder durfte man es daher nennen, wenn ſich— die inneren Zerſplitterungen benutzend, oft ſelbſt von der einen oder der andern der ſtrei⸗ tenden Parteien fe— der Halbmond wieder zum Herrn des Landes gemacht. Nur der Krieg, welcher die Türken in dem eigenen Reiche beſchäf⸗ tigte, ſchützte damals das Häufchen Chriſten vor 3 dem völligen Untergange, dem das Königreich Jeruſalem um ſo ſicherer entgegenging, als der Eifer für die Kreuzzüge im Abendlande bereits zu erkalten anfing. Erfuhren dies doch vor allen Anderen Papſt Honvrius und Kaiſer Friedrich II; war doch dies mit ein Hauptgrund, warum ſich der Kreuzzug des Kaiſers ſo lange verzögert. Jetzt aber hatte der edle Hohenſtaufe ſein Wort gelöſt und mit ſeinem Erſcheinen in Palä⸗ ſtina jauchzten wenigſtens alle diejenigen Chriſten auf, die es redlich meinten. Darum feierte denn auch Akkon den 8. Septem⸗ ber des Jahres 1228 als ein Feſt der Erlöſung mit dem lauteſten Jubel. Der Empfang des römiſch⸗deutſchen Kaiſers, der zugleich— kraft ſeiner Heirath mit der früh verſtorbenen Fürſtin Jolante— König von Jeru⸗ ſalem war, entſprach in Allem den Wünſchen des Herrſchers. Volk und Geiſtlichkeit waren ihm mit großer Ehrerbietung entgegengekommen und ſelbſt die Orden der Tempelherren und Johanniter ſchie⸗ nen ihren Haß vergeſſen zu haben; denn auch ihre ſtolzen Ritter waren erſchienen und beugten, einer alten Sitte gemäß, vor ihm das Knie. Dem fröhlichen Willkomm folgte für das Kreuzheer ſogleich eine angenehme Arbeit. Fried⸗ 1— rich ließ unweit Akkon das Lager ſchlagen und der aufgehende Mond goß ſchon ſein bleiches Licht über die luftige Zeltſtadt. Aber die brauſenden Wogen des vielſeitig an⸗ geregten Lebens legten ſich nur nach und nach, und es war faſt Mitternacht, als es endlich ruhig im Lager wurde. Mit Entzücken hatten ſich die müden Krieger, nach einer langen Seereiſe, auf dem feſten Lande hingeſtreckt und bald wiegten ſie heitere Träume in einen erquickenden Schlaf. Nur in ein einziges Zelt brachte ſelbſt die Geiſterſtunde keine Ruhe. Man hatte daſſelbe auf einem Hügel unweit des kaiſerlichen Zeltes errichtet. Hier ſtand es nun, von den andern getrennt, einſam und ver⸗ laſſen, und deutete durch ſeine Lage und Conſtru⸗ etion an, daß es einen ganz beſonderen Zweck habe. Auch war die Leinwand, welche demſelben zum Dache diente, jetzt zurückgezogen, ſo daß der Ster⸗ nenhimmel freundlich hineinblicken konnte. Schon am Tage hatte man überdies wunderbare Inſtru⸗ mente, Kiſten und Kaſten mit einer Art von Heim⸗ lichkeit in daſſelbe gebracht und einen weiten Raum ringsum abgeſteckt, um unbefugte Neugierde von ihm abzuhalten. Alle dieſe ſorgfältig getroffenen Vorkehrungen mußten bei der unwiſſenden Menge auffallen, und 5 da man nun gar ein kleines ſteinaltes Männchen in daſſelbe hatte ſchlüpfen ſehen, war es natür⸗ lich, daß ſich gar ſchnell wunderbare Sagen über das einſame Zelt und ſeinen Einwohner verbreiteten. Ja der Aberglaube und die Furcht gingen ſo weit, daß ſelbſt die Wachen, welche zur Nachtzeit das Lager der Sicherheit wegen zu durchwandern hatten, dieſe Gegend mieden. In dem einſamen Zelte aber ſaß unter Qua⸗ dranten, Karten und aſtronomiſchen Inſtrumenten jene dürre Geſtalt, die zu ſo manchen Vermuthungen Anlaß gegeben. Wol ſiebzig Jahre waren an dem gebrech⸗ lichen Körper des kleinen Mannes vorübergegangen und hatten ſein Haar gebleicht und ſeinen Rücken gebogen. Aber wie nackt auch ſein Scheitel, wie welk und verwittert ſeine Züge, wie tief und hohl⸗ liegend die Augen waren— die Kraft des Geiſtes, die Beweglichkeit des Körpers hatte die Zeit nicht zu zerſtören vermocht; ja Letztere war ſo auffal⸗ lend, daß ſie— gehoben durch den Contraſt, in welchem ſie mit dem Alter ſtand— für einen Zweiten beängſtigend wurde. War es doch, als ob ſtatt des Blutes Queckſilber in den Adern des Männchens eireulire, ſo raſtlos, ſo haſtig bewegten ſich die kleinen dürren Glieder. War aber dieſe ewige Unruhe, dieſe enorme Beweglichkeit ſchon für den Zuſchauenden beklem⸗ mend, ſo wurde es das Gegentheil noch mehr. Mitten in jener Haſt blieb oft, von einem hellen Gedanken durchzuckt, die kleine Figur plötzlich wie feſtgebannt ſtehen; dann rührte ſich, außer einem kaum merklichen Zittern der Hände, kein Glied mehr; dann ſtarrten die Augen weit geöffnet vor ſich hin und ihr kalter, ſtechender Stral ſchien Alles durchdringen, Alles ergründen zu wollen. Es war dann, als ob ein Starrkrampf den Alten erfaßt hätte, und ſeine fleiſchloſe Figur, ſein faltenreiches gelbes Geſicht, von einer ſchwar⸗ zen, baretartigen Mütze überſchattet, der ſchnee⸗ weiße, bis zum Gürtel herabhängende Bart, ſo wie die dunklen, mit kabaliſtiſchen Zeichen beſetzten Gewänder ließen ihn wol in jenen graſſen Momen⸗ ten wie das ſteinerne Bild eines alten Zauberers erſcheinen. Dieſe Nacht aber war das Männchen noch beweglicher als gewöhnlich. Nachdem es mehre ſeltſame Inſtrumente geordnet und ſich überzeugt, daß Niemand in der Nähe des Zeltes ſei, der es bei ſeinen Arbeiten überraſchen könnte, ging es zu einer ſtarken Eichenkiſte, deren Decke wohl ver⸗ ſchloſſen war, und öffnete dieſelbe. Der Anblick des Inhaltes ſchien den Kleinen zu entzücken; denn 7 er ſtand lange und betrachtete denſelben wie eine Mutter ihren erſten, in der Wiege ſchlummernden Säugling. Hierauf nahm er mit der größten Sorgfalt den Inhalt heraus. Es war ein von ihm entdecktes, damals ſonſt noch völlig unbekann⸗ tes Inſtrument, ein Fernrohr, das er in Folge der von ſeinem Freunde Alerander de Spina zu Piſa erfundenen Kunſt, Brillengläſer zu ſchleifen, gefertigt hatte. Mehr als ein Grund bewog den Aſtrologen, ſeine Erfindung in jener Zeit des Aberglaubens geheim zu halten, und ſo wurde ihm— der ohne⸗ dies nur für feine Wiſſenſchaft lebte und nichts von der Außenwelt wußte, noch wiſſen wollte— dies wichtige Inſtrument bald ſo theuer, als dem Freunde der Freund, der Geliebten der heißerſehnte Bräutigam. Mit wahrer Zärtlichkeit nahm er daher auch heute das Fernrohr aus der ſichern Verwahrung, legte es auf das bereit gehaltene Geſtell und ſchraubte es feſt. Kaum konnte er ſich nun ſatt an dem aufge⸗ ſtellten Teleſtope ſehen und ſeine Freude und ſein Stolz über die kühne Erfindung gab ſich in den ſeligen Blicken kund, mit welchen er daſſelbe von allen Seiten wohlgefällig betrachtete. Erſt als er ſich dieſen Genuß gegönnt und es gerichtet 8 hatte, ging er, nicht ohne wiederholte Seitenblicke nach ſeinem Lieblinge, zu einer weißen Tafel, und fing an mit Kohlen wunderbare Kreiſe und Figu⸗ ren auf derſelben zu ziehen, Winkel und Seiten mit Zahlen und Buchſtaben bezeichnend. Als dies geſchehen, begann das Männchen hin und her zu rechnen und vertiefte ſich endlich ſo ſehr in ſeine Arbeit, daß er gar nicht bemerkte, wie der Vorhang des Zeltes aus einander geſtreift wurde und ein Beſuch eintrat. Der ſpäte Gaſt war ein überraſchend ſchöner Mann von ungefähr dreißig Jahren. Sein feſt gebauter, wohlproportionirter Körper verrieth eine ungemeine Kraftfülle und ſein Anſtand und ſeine leichten und gefälligen Bewegungen deuteten ebenſowol auf körperliche und geiſtige Ausbil⸗ dung, als auf einen hohen Standpunkt in der menſchlichen Geſellſchaft. Blonde Haare beſchatte⸗ ten eine hohe, ſchöne Stirn, an die ſich eine antik gebogene Naſe anſchloß. Der wohlgeſtaltete Mund war fein gezeichnet, das Kinn rundlich, die Augen aber drückten eine freundliche Heiterkeit aus. Da⸗ bei hatte ſein Erſcheinen etwas ſo Impoſantes, in ſeinen edlen Zügen lag eine ſolche Hoheit, daß es augenſcheinlich war, die Natur habe ihm das Sie⸗ gel der Majeſtät aufgedrückt. Meiſter Skotus, ſagte der Gaſt, nachdem er dem kleinen Manne eine Zeit lang ſchweigend zu⸗ geſchaut, wirſt du nun endlich Wort halten, und Uns heute Nacht das Horoſkop ſtellen? Der Angeredete ließ ſich in ſeinen Rechnungen durch den Beſuch ſo wenig unterbrechen, als einſt Archimedes bei der Erſtürmung von Syrakus durch die Soldaten des Marcellus. Er hielt dem Fra⸗ genden, halb bittend, halb abweiſend, den linken Arm entgegen und murmelte nur: Das sigillum Saturni, drei, vier, fünf— nur noch die ſieben magiſchen Quadrate— das sigillum Martis— alsdann iſt Alles bereit. Gut, erwiderte ernſt der Gaſt, nahm ſei⸗ nen weiten Reitermantel ab und ſetzte ſich mit königlichem Anſtande auf einen Seſſel, der, wie es ſchien, für ihn bereit ſtand. Wir wollen Uns ſo lange gedulden, bis du fertig mit Rechnen ſein wirſt. Aber dann verlangen Wir, daß du deine Zuſage hältſt. Du entſinneſt dich ihrer ohne Zweifel. Die erſte Nacht, die wir in Paläſtina zubringen, iſt Euer, ſagteſt du, ſo oft Wir dich auf der Reiſe darum angingen, für Uns in den Sternen zu leſen. Ein Tauſend Zweihundert Achtundzwanzig! rief fröhlich, wie durch die glückliche Löſung einer ſchweren Aufgabe erfreut, Meiſter Skotus 1** und wandte ſich mit der ihm eigenen Behendig⸗ keit dem Fremden zu. Juſt gerade die Jah⸗ reszahl, in der wir leben. O, es trifft Alles herrlich ein, Majeſtät! fuhr er dann ernſter fort, indem er ſich tief vor Kaiſer Friedrich U ver⸗ neigte, denn kein Anderer war der Eingetretene. Was ich verſprochen, halte ich auch. Lebe ich doch nur für die Wiſſenſchaft und wen ſollte ich lieber aus dem Born ihrer ewigen Wahrheit ſchlürfen laſſen, als Ew. kaiſerliche Majeſtät, die ſich ſtets als ein großmüthiger Beſchützer derſelben gezeigt? Aber Ort und Zeit müſſen eingehalten werden, wie es die Sterne beſtim⸗ men; ſonſt würde der Himmel meinen Fragen keine Antwort geben. Es iſt dies geſchehen! entgegnete Friedrich feierlich; darum, mein lieber Meiſter, verliere keine Zeit und mache dich ans Werk. Auf das Pygmäengeſchlecht der Alltagsmenſchen blicken die ewigen Sterne kalt und gleichgültig nieder; denn ihr Leben iſt wie Rauch, der leicht und ſpur⸗ los verfliegt. Wenn aber ein mächtiger Arm welt⸗ erſchütternd in die Schickſale ganzer Völker zu greifen hat, dann mag er wol an die eherne Pforte des Himmels pochen und fragen: was Gottes Geiſt in jener Flammenſchrift für ihn beſtimmt. Wir Herrſcher ſind ja die Stellvertreter des Ewigen 11 auf der Erde und ſollen Unſre Plane der Weisheit des Höchſten unterordnen. O, kaiſerliche Hoheit, wie recht habt Ihr! rief hier Meiſter Skotus; wenn nur alle Fürſten ſo dächten. Wonach ſoll ſich ein Herrſcher denn richten? fuhr Friedrich, halb in Gedanken verloren, fort. Wo iſt für ihn Wahrheit, wenn ſie der Himmel nicht hat? Mein großer Kaiſer! vertraut meiner Wiſſen⸗ ſchaft. Die ewigen Sterne lügen nie und ihr ge⸗ heimnißvolles Walten greift tief und mächtig in des irdiſchen Lebens Bahn. Wir glauben dran! entgegnete feſt der Kaiſer, drum ſind Wir hier. Laß uns zu Werke gehen. Ich habe bereits ſo viel vorgearbeitet, ſagte der Aſtrolog, als ich ohne Ew. Majeſtät Gegen⸗ wart vermochte. Jetzt zur Operation. Und damit huſchte die dürre Geſtalt hinter der Tafel hervor und ſetzte ſich an das Fernrohr. Eine lange Pauſe folgte. Die Beweglichkeit des Aſtrologen war jener ſchon erwähnten ängſt⸗ lichen Starrheit gewichen. Er blickte unverwandt durch das Inſtrument nach dem Himmel und auch der Kaiſer obactete eine tiefe Stille. Das Innere des Zeltes bot jetzt ein ie thümliches Bild dar. 12 Die beiden Männer, verſchieden wie Tag und Nacht, wie Sommer und Winter, ſaßen unbeweglich. Der Kaiſer hatte ſeinen linken Arm leicht auf die vergoldete Lehne des Seſſels, ſein Haupt auf die Hand geſtützt und blickte gedanken⸗ voll nach dem Aſtrologen hin, während er mit der Rechten einem wunderſchönen Windhunde ſchmei⸗ chelte, der, mit ihm eingetreten, jetzt an ſeiner Seite ſaß, die treuen Augen auf ſeinen Herrn gerichtet. Friedrich, deſſen Antlitz die Fülle der Geſundheit, deſſen ganzes Aeußere die volle Manneskraft, deſſen ſanfte und doch entſchiedene Züge Geiſteshoheit verkündeten, bildete ſo, ein Repräſentant jenes ritterlichen Zeitalters, die Hauptfigur des Gemäl⸗ des. Die ſchönen Formen ſeines Körpers wur⸗ den dabei noch durch den eng anliegenden Anzug von ſchwarzem venetianiſchen Sammt gehoben; während der Dolch im Gürtel, das mächtige Schwert an ſeiner Seite, ſowie die blendend weißen, hoch⸗ wallenden Straußfedern ſeines Barets, die eine flammende Brillant⸗Agraffe hielt, ihm den Aus⸗ druck des Romantiſchen gaben. Scharf contraſtirte mit der hohen Geſtalt des lebensfriſchen Kaiſers die gebückte, zerbrechliche Figur des Aſtrologen, die, in jene myſtiſchen Ge⸗ wänder gehüllt, vor dem Fernrohre kauerte und namentlich durch den langen, ſilberweißen Bart 13 auf eigenthümliche Weiſe das Sonderbare, faſt Komiſche ihrer Erſcheinung mit einer Ehrfurcht ge⸗ bietenden Würde vereinigte. Den Hintergrund bildeten die ſchon erwähnten aſtronomiſchen Inſtrumente, Quadranten, Karten und Sternbilder, welche, theils an den Pfählen des Zeltes aufgehängt, theils wieder an die angeſpannte leinene Wand gelehnt, das Abenteuerliche des An⸗ blickes nicht wenig erhöhten. Ueber das Ganze aber, auf das der funkelnde Sternenhimmel herabblickte, warf eine ſilberne Lampe einen matten, unſichern Schimmer. Dies Bild, das den kühnſten Maler zu einer anziehenden Arbeit herausgefordert hätte, blieb lange unbeweglich; ja die Ruhe, die in demſelben herrſchte, ward nicht einmal durch den leiſeſten Laut geſtört. Aber allmälig wich von Meiſter Skotus die unbewegliche Aufmerkſamkeit, mit welcher er bis⸗ her die Stellung der Himmelszeichen beobachtet, und an ihren Platz trat wieder jene beängſtigende Beweglichkeit. Obgleich nun Friedrich die Eigenthümlichkeiten ſeines Aſtrologen genau kannte, fiel ihm doch jetzt deſſen Unruhe auf, da er wußte, daß der Alte, ſo lange ſein Auge unter den Sternbildern wandle, gewöhnlich ſtill und in ſich gekehrt verharre. Du wirſt unruhig, Meiſter Skotus! hob da⸗ her der Kaiſer an, nachdem er den Greis einige Zeit aufmerkſam beobachtet. Weiſſagt der Him⸗ mel dir ſo Böſes? Mein kaiſerlicher Herr! entgegnete der Alte, kein Auge von dem Rohre verwendend, mit zit⸗ ternder Stimme, die Stunde iſt finſter und böſe Geiſter ſcheinen zu regieren. Sprich nur getroſt! ſagte Friedrich. Wir fürchten die Wahrheit nicht. Skotus ſchwieg abermals einige Minuten, als ſuche er ſich von der Richtigkeit ſeiner Anſchauung zu überzeugen; dann rief er heftig bewegt: Nein, nein! ich täuſche mich nicht. Der Stern Euerer Majeſtät, der glänzende Mars, tritt in das Zeichen des Skorpions und— ſeht! ſeht! Hier erhob ſich raſch die kleine Figur, eilte auf den Kaiſer zu, warf ſich vor demſelben nieder und rief mit bebender Stimme: Mein hoher Gönner, Gott ſchütze Euch und Euer edles Haupt vor Gift und Dolch! Eine flüchtige Bläſſe glitt über die edlen Züge des Herrſchers, deſſen Hand unwillkürlich nach der Waffe fuhr, die er in dem Gürtel trug. Aber in derſelben Minute beſann er ſich auch wieder, der Arm ſank allmälig zurück und das Blut trat neuer⸗ dings in die Wangen. P k Und woher droht Uns ſolche Gefahr? frug er gefaßt. Und iſt ſie nah? O, daß ich Euch ſo Unheilſchweres verkün⸗ den muß, jammerte der Alte, den Friedrichs Hand unterdeſſen erhoben, Euch, ſolchem edlen, ritterlichen Herrn, der Wahrheit, Kunſt und Wiſ⸗ ſenſchaft ſtets liebte und ſchätzte. Wißt Ihr doch, mein Kaiſer, fuhr Skotus mit der Geſchwätzig⸗ keit des Alters fort, daß mich die ganze Welt, außer meiner Wiſſenſchaft und Euch, nichts küm⸗ mert. An Beiden häng ich aber gerade darum nur um ſo mehr, und nun muß die Eine dazu dienen, dem Andern Unheil zu verkünden! Wie, Meiſter? entgegnete Friedrich, das eben iſt ja ein Liebesdienſt. Wiſſen Wir erſt, woher und wann Uns Unheil droht, vermögen Wir ihm entgegen zu wirken. Der Greis ergriff mit zitternder Hand die Rechte des Kaiſers und, während er ſie küßte, fühlte Friedrich eine heiße Thräne auf ſie niederfallen. Ich habe nie geliebt, nie Sorgen um ein theures Haupt gefühlt! fuhr Skotus fort; denn meine Aeltern kannte ich nicht und bis zu meiner Zelle verirrte ſich weder Weib noch Freund. Heute aber weiß ich, was Beides heißt. Droht doch meinem gütigen Kaiſer dreifache Ge⸗ fahr. Dreifach? frug der Monarch erſtaunt. So kommt ſie von Rom? Der Aſtrolog ſchüttelte das kahle Haupt, eilte an ſein Fernrohr zurück und begann ſeine Beob⸗ achtungen aufs neue. Nachdem er abermals ei⸗ nige Zeit die Stellung der Sterne unterſucht, ſagte er, ohne ſich wegzuwenden: Mars in dem Zeichen des Skorpions! Dem Kriegsgott drohend gegenüber drei rothe Sterne, von welchen der erſte ſo nahe, daß er ihn bald decken wird. Skotus hielt hier abermals inne, lief zu der Tafel, auf welcher er ſchon vor des Kaiſers An⸗* kunft gerechnet, brachte neue Zahlen zu den alten, zog neue Figuren und verfiel dann plötzlich aber⸗ mals in jene Starrheit, deren wir oben gedacht. Des Kaiſers Züge hatten ſich unterdeſſen ver⸗ finſtert. Der Gedanke, daß ihm neuerdings ſo drohende Gefahren in den Weg treten ſollten, den er ſo kühn eingeſchlagen und verfolgte, ſchmerzte ihn. Nicht für ſeine Perſon, wohl aber für ſeine großen Plane bangte er— für jene Plane, die er, nach tiefſter Ueberzeugung, zum Heil der Welt entworfen, an deren Ausführung er alle ſeine Kräfte, ja ſein Leben ſelbſt geſetzt. War es doch von jeher des edlen Hohenſtau⸗ fen Ziel geweſen: den Glanz und die Macht der 17 alten deutſchen Kaiſerkrone wieder herzuſtellen, lebte in ihm doch die großartige Idee einer deut⸗ ſchen Weltherrſchaft. Und Friedrich Il fühlte ſich der Mann dazu. Er, der Aufgeklärteſte jenes Jahrhunderts, der Verehrer und Beförderer aller Wiſſenſchaften und Künſte, der Gründer neuer Univerſitäten, der Geſetzgeber, der Held! Aber Friedrich— obgleich ihm, dem deutſchen Kaiſer, Deutſchland, Brabant, Lothringen, die Provence, Böhmen, Mähren, Auſtria, die Lombardei, Neapel und Sicilien, Galura und Jeruſalem ge⸗ horchten— Friedrich verkannte die Schwierigkei⸗ ten ſeiner Stellung, die Entfernung des geſteckten Zieles nicht. Wollte er es erreichen, ſo mußte die Macht der nach Selbſtſtändigkeit ſtrebenden Fürſten und lombardiſchen Städte gebrochen, eine eigene, zu⸗ längliche gegründet und vor allem Andern die Un⸗ abhängigkeit der weltlichen Herrſchaft von der geiſt⸗ lichen Gewalt errungen werden. Welche Schwierigkeiten er überwunden, welche ungeheure Kämpfe ſeiner noch harrten, wußte Friedrich recht wohl; eben ſo gut, als er das Streben ſeines größten Feindes zu Rom, die Aufrechthaltung derpſeudviſidoriſchen Idee: daß der Papſt nicht nur Bpisco- pus universalis, ſon dern auch vicarius Christi (Stellvertreter Chriſti) und als ſolcher Herr der Welt ſei, kannte. Die Würfel waren aber gefallen, Papſt Gregor X hatte den Bannſtral auf Friedrichs Haupt geſchleudert: Kaiſerthum und Papſt⸗ thum hatten den impoſanten Kampf be⸗ gonnen. Wie natürlich vermuthete daher der Hohen⸗ ſtaufe, daß auch jene neuen, ihm ſoeben von dem Aſtrologen angedeuteten Gefahren von Rom kom⸗ men möchten; aber wie ſtaunte er, wie zerſchnitt es ſein Inneres, wie blutete ſein Herz, als Sko⸗ tus, endlich aus ſeinem ſtarren Sinnen erwachend, überraſcht ausrief: Mein kaiſerlicher Herr, ſchaut her, wie ſich die Zahlen nun geſtaltet haben! Nicht in Rom, in Eurer nächſten Nähe ſucht Gift und Dolch. Alſo den Skorpion an Unſrer eignen Bruſt! rief der Monarch ſchmerzlich bewegt aus. Sko⸗ tus! Skotus! bedenke, was du ſagſt. Dein Wort vernichtet Unſern Glauben an Treue und Red⸗ lichkeit. Mistrauiſch werden Wir nun den treue⸗ ſten Dienern in die Augen blicken und— bis jetzt gewohnt, Uns rückhaltlos den Freunden hin⸗ zugeben— mit Einem Male verſchloſſen und finſter ſein. Um Gottes willen, Alter, ſag' du lügſt, du irrteſt dich! Die Sterne lügen nie! entgegnete mit Würde der Aſtrolog, und ſchauen Ew. Majeſtät nur her, die Figuren ſind vollkommen richtig gezogen und auch die Rechnung ſtimmt. Bei dieſen Worten glitten die Blicke und der rechte Zeigefinger des beweglichen Männchens, gleichſam recapitulirend, über die ſchwarzen Hieroglyphen und Zahlen hin und das Nicken ſeines Kopfes deutete ihr Richtigbefinden genug⸗ ſam an. Der Kaiſer war den Bewegungen des Meiſters Skotus mit geſpannter Erwartung gefolgt, als hoffe er auf einen Irrthum in der Berechnung. Als er ſich getäuſcht ſah, ließ er mismuthig ſein Haupt auf die Bruſt ſinken und rief erſchüttert: Wehe! dreifach Wehe der Welt, die ſo voll Trug. Wenn Wir den Freunden, wenn Wir De⸗ nen nicht mehr trauen dürfen, die Wir mit Wohl⸗ thaten, mit Ehren, mit Liebe überhäuft: wie können Wir da Unſer ſtolzes Ziel erreichen? Der Rieſen⸗ bau ſtürzt ein, ſind ſeine Säulen faul. Verzeihung, mein kaiſerlicher Herr! ſagte hier Skotus— mir däucht, Ihr geht zu weit, wenn Ihr wegen Eines Vepräthers an allen Menſchen zweifeln wollt. Kannſt du Uns denn einen nennen? rief haſtig der Kaiſer.. 20 Nein! entgegnete Skotus, die Sterne deuten an, allein ſie nennen nicht. Gelobt ſei Gott! ſo kannſt du dich in Deutung irren. Stotus ſchüttelte verdroſſen über den ʒweſel an ſeiner Geſchicklichkeit den Kopf und ging ſchwei⸗ gend abermals an das Fernrohr. Nach einigen Minuten Beobachtung beſtätigte er das früher Be⸗ hauptete, trat dann zu dem weißen Tiſch zurück, rechnete neuerdings und ſagte endlich: Wie drohend die Schlingen ſind, die Freun⸗ deshände legen, es ſchwebt ein heller Stern im All, der ſie unſchädlich machen kannz geſchieht dies, winkt Ew. Majeſtät ein langes Leben und ein ſanfter Tod unter Blumen. Und jener Stern, kannſt du auch den nicht deuten? rief der Kaiſer. Es iſt die Venus! entgegnete der Aſtrolog. Vielleicht ein liebend Herz. Ach nein! rief der Kaiſer mit einem Anfluge von Schmerz. Jolante, Unſer guter Engel, iſt ja nicht mehr. Aber, ſetzte er freudig hinzu, wenn du es nicht kannſt, wollen Wir ihn dir nennen: Wir ſchwören darauf, es iſt Unſer trefflicher Kanz⸗ ler, Unſer kluger Freund Petrus de Vineis! Skotus zuckte die Achſel. 21 Ja! ja! rief der Kaiſer, als wolle er ſich ſelbſt durch dieſen Glauben tröſten, der iſt Unſer guter Stern. Wir kennen ihn durch und durch, und wiſſen, daß ſeine Treue ſo wenig wan⸗ ken kann, als ſeine Wachſamkeit und ſeine Sorge für Unſer und Unſrer Länder Wohl. Aber über Unſre Plane, Skotus, über die Hauptſache, haſt du noch nichts geſagt. Der Aſtrolog blickte einige Minuten auf ſeine Kreiſe, dann ſagte er mit Bedeutung: Ihr werdet größer ſein, als Euer größter Ahn! Als der Erſte Friedrich? Das iſt ein Wort! rief der Erfreute. Aber meine Plane? Skotus ſchaute zum Himmel auf; der erſte Schimmer des nahenden Morgens ließ die Sterne allmälig erblaſſen. Die Zeit iſt vorüber! ſagte er dann, die Stunde Eures Sternes verſtrichen. Wenns Ew. Majeſtät beliebt— ein andermal. Der Kaiſer lächelte halb verbindlich, halb är⸗ gerlich; ja es miſchte ſich ein leiſer Spott in ſeinen Ton, als er, ſich erhebend, ſagte: Meiſter, deine Kunſt iſt eine trübſelige. Von Verrätherei, Gift, Dolch und Tod weiſſagt ſie Uns, und wenn wir nach Unſern liebſten Hoff⸗ nungen fragen, erbleichen deine Sterne. Gott gebe, daß dies Letzte kein böſes Omen ſei. 22 Nun! ſagte das Männchen und biß ſich leicht auf die welken Lippen. Iſt Warnung vor Ge⸗ fahr nicht dankenswerth? Gewiß! rief der Kaiſer, den die Härte, die in ſeinen letzten Worten gelegen, ſchon wieder ſchmerzte, und reichte herzlich dem alten Freunde die Hand. Gewiß, und wird Uns dein guter Stern vor dem Einfluß der böſen bewahren, ſo laſſen Wir dir zum Lohne in Unſerm ſchönen Neapel eine Sternwarte erbauen. Dies ſagend ſchlug der Fürſt ſeinen Mantel um ſich, entzog dem hocherfreuten Aſtrologen ſanft die Hand, die dieſer mit Küſſen bedeckt, und ver⸗ ließ nebſt ſeinem Hunde das abenteuerliche Zelt. 2. Ein Blick in die Vergangenheit. „Drum was man auch von anderm Grunde flüſtert, Nicht die Natur iſt ruchlos und verkehrt, Nur ſchlechte Führung hat die Welt verdüſtert.“ Dante Alighieri. Als der Kaiſer in das Freie getreten und ſich nun vor ſeinen Blicken, im matten Dämmerſcheine des Morgens, das weite Lager dehnte; als der friſche Weſtwind, der mit ſeinen Flügeln das Meer ge⸗ furcht, ihm munter entgegenwehte und der ferne Ruf der Wachen ihn grüßte, kam es ihm faſt vor, als erwache er aus einem ängſtlichen Traume. Es war ihm in der That düſter im Kopfe. Die Anſtrengungen der letzten Tage, die Nachtwache, die Sorgen der Regierung, die drohende, ſein off⸗ nes Gemüth kränkende Verkündigung des Aſtrolv⸗ gen, ja ſelbſt die leiſen Zweifel über die Wahrheit jener nächtlichen Kunſt, beugten ſeine ſonſt ſo kräf⸗ tige Seele nieder. Friedrich blieb daher ſtehen, nahm das Baret ab und ließ den Morgenwind ſein Haupt umſpü⸗ len, als ſolle der Leichtgeflügelte die düſteren Ge⸗ danken entführen. Stärkte indeſſen die friſche Luft auch den Kör⸗ per, erquickte ſie ſelbſt den Geiſt: ſie konnte Fried⸗ rich nicht von dem unbehaglichen Gefühle befreien, daß ſich der Verrath an ſeinen Buſen gelagert. Kampf und Gefahr war des Hohenſtaufen Element. Mit kalter Todesverachtung begegnete er Beiden; aber! wahr und offen, wie er ſich ſtets zeigte, ſah er gern ſeinem Feinde in das Ge⸗ ſicht, kämpfte er gern mit offenem Viſir. Un⸗ wahrheit und Verrath war ihm unerträglich, und daß er dieſe Kinder der Finſterniß gerade in ſeiner nächſten Nähe finden ſollte, das beugte ihn nieder. Gern hätte er jetzt den Beſuch bei dem Aſtrolo⸗ gen ungeſchehen gemacht, um nur nicht an der Treue ſeiner Umgebung zweifeln zu müſſen. Ja es kam ihm ſogar der Gedanke: die Kunſt des guten Meiſter Skotus, einem Sterblichen das Horoſkop zu ſtellen, möge am Ende ein gefälliger Selbſtbe⸗ trug ſein. Aber ſo ſtark iſt die Macht der Gewohnheit, daß ſich der kräftige Geiſt des ſonſt ſo aufge⸗ klärten und hellſehenden Monarchen von dem Glauben an die Wahrheit der Aſtrologie nicht los⸗ reißen konnte. Da aber Friedrich nichts verhaßter war als Schwanken und Mistrauen, faßte er den feſten Entſchluß: ſich jedes Gedankens an die drohende Prophezeiung zu entſchlagen und ſeinem guten Sterne zu vertrauen. Hierdurch erleichtert, eilte er nach ſeinem Zelte, warf ſich, angekleidet wie er war, auf ſein Lager und ſuchte in einem kurzen Schlafe Stärkung für den kommenden Tag. Ehe wir nun aber dem weitern Laufe der Be⸗ gebenheiten folgen, bedarf es eines flüchtigen Blickes auf die Geſchichte jener Zeit. Friedrich Il, der Enkel Friedrich Barbaroſſa's und der Sohn Kaiſer Heinrichs IW, hatte 1215 die deutſche Königskrone und fünf Jahre ſpäter die Krone des Kaiſerreiches empfangen. War je ein Monarch dieſer Ehre würdig, zierte jemals ein kräftiges Herrſchertalent den Thron des ſchönen Germaniens, war er es, war es Fried⸗ rich I, die Blüte des edlen Geſchlechtes der Hohenſtaufen. Die deutſche Kraft und Kühnheit paarte ſich bei ihm, der in Italien aufgewachſen, am Hofe des Papſtes erzogen war, mit welſcher Gewandtheit, Klugheit und ſanfter Sitte, ſeine hohe Männer⸗ tugend, ſeine Großmuth und Treue wurden ver⸗ ſchönt durch alle Liebenswürdigkeiten eines hellen . 2 26 Geiſtes und eines wohlwollenden Herzens. Dem Zeitalter voranſchreitend an Geſchmack und Wiſſen⸗ ſchaft, genial, dabei human und auch im Aeußern voll Würde und Anmuth, ſchien der Beſitzer des erſten Thrones der Welt dazu beſtimmt, den eben damals rührigen republikaniſchen Geiſt zu beſchwo⸗ ren und ein Syſtem monarchiſcher Herrſchaft zu befeſtigen, welches, unter ihm ſelbſt einladend, durch unwürdige Nachfolger hätte verderblich werden mögen. Von dieſer Gefahr ward die Welt befreit durch daſſelbe Verhängniß, welches den edlen Heinrich W zu des übermüthigen Hildebrand's Füßen warf; durch jenes Verhängniß, welches, den Menſchen unbewußt, derſelben Angelegenheiten lenkt, oft den Wünſchen der Zeitgenoſſen entgegen und zum Gram der Wohlgeſinnten ſcheinbar böſe Plane ge⸗ deihen und das Unrecht triumphiren läßt, damit die verborgene Saat des Guten aufkomme und für die Zukunft der Sieg des Rechtes geſichert werde*).. Nit kräftiger Hand ergriff Friedrich I gleich nach ſeiner Thronbeſteigung die Zügel der Regie⸗ rung. Aber eine ſchwierige Aufgabe war ihm ge⸗ worden; hatte er doch nicht nur ſeine deutſchen, ſon⸗ *) Karl von Rotteck's Allgemeine Geſchichte. — dern auch ſeine italieniſchen, von den heftigſten Stürmen bewegten Reiche zu beruhigen und vor allen Dingen die kühn aufſtrebenden, nach Selbſt⸗ ſtändigkeit lüſternen Großen in die ihnen— im Verhältniß zu dem Kaiſerthume— gebührenden Schranken zurückzuveiſen. Bald aber gelang es dem klugen Regenten die ſchwankende Ordnung in dem deutſchen Reiche wie⸗ der herzuſtellen/ ja er brachte es, durch wichtige Vorrechte, welche er der Geiſtlichkeit einräumte, und durch Freundlichkeit und Freigebigkeit gegen die Fürßen, dahin, daß man 1220 ſeinen Sohn Heinrich, der bereits zum Könige von Sicilien be⸗ ſtimnt war, auch zum deutſchen Könige erwählte. Dieſe Wahl aber konnte dem Papſte nicht gleichgültig ſein, da ſein Land dadurch von den Reichen eines und deſſelben Monarchen auch für die Zukunft eingeſchloſſen und ſomit immer bedroht blieb. Deſſenungeachtet vermochte es Fried⸗ rich, den ſanften Honorius III, welcher damals auf dem heiligen Stuhle ſaß, durch andere Gefäl⸗ ligkeiten und Abtretungen zu beſchwichtigen; ja der⸗ ſelbe empfing ihn mit offenen Armen zu Rom und ſetzte Friedrich— nachdem dieſer das, bei ſeiner Krönung zu Aachen ſchon geleiſtete Gelübde eines Kreuzzuges erneut— mit eigenen Händen die Kaiſerkrone auf das Haupt. 2 v 28 Friedrich begab ſich hierauf in ſeine mütter⸗ lichen Erblande Neaprl und Sicilien, woſelbſt er reiche Arbeit für ſeine Thätigkeit fand. Hier waren aufrühreriſche Große zu bändigen und zu ſtrafen, wilde Saracenen⸗Horden zu civili⸗ ſiren, eine elende, faſt nur traditionelle Geſetz⸗ gebung zweckmäßig umzuändern, zu erweitern und ſchriftlich niederzulegen, Univerſitäten zu grün⸗ den, Burgen und Paläſte, Stälte und Höfe zu bauen. Bei all dieſen Arbeiten ging dem rüſtigen Kaiſer ſein Kanzler und Vertrauter, Peter de Vineis, kräftig an die Hand; ſowie es Werhaupt Friedrich verſtand, die beſten und talentvollſten Köpfe um ſich zu verſammeln und ihre Fähigleiten zum Nutzen und Frommen ſeiner Unterthanen m verwenden. Dichter⸗, Maler⸗, Bau⸗ und Bildhauer⸗Schu⸗ len wurden gegründet und ihnen tüchtige Meiſter vorgeſetzt. An die Spitze der Erſteren ſtellte ſich ſogar, und dies mit Recht, der Kaiſer ſelbſt und nach ihm folgte ſein Kanzler, Beide groß in zarten und lieblichen Dichtungen*). Von dieſen edlen Bemühungen zum Wohle ſeiner Staaten, riefen Friedrich aber wiederholt die Sor⸗ gen für Deutſchland und die Unruhen in der Lom⸗ *) E. v. Münch's König Enzio. Rückblicke auf die ſicilianiſche Dichterſchule. 29 bardei ab, welche die, durch ihre zunehmende Blüte ſtolz und übermüthig werdenden Städte, erregten. Unter ſolchen Umſtänden mußte ein Kreuzzug dem Kaiſer höchſt läſtig werden— ja er durfte, ſo lange die Ruhe und Ordnung in ſeinen Reichen nicht hergeſtellt, kaum wagen, auf ein ſo gefähr⸗ liches Unternehmen einzugehen; um ſo mehr, als ihn ein ſolches zugleich lange und weit von ſeinen anderen Staaten zu entfernen drohte. Daß der Papſt dieſe Verzögerung des heiligen Zuges ſehr ungern ſah, iſt natürlich. Auch ließ es Honorius nicht an Bitten und Ermahnungen fehlen; da aber der Kaiſer denſelben triftige Gründe ſeines Aufſchubes entgegenſetzte, war der heilige Vater ſo einſichtsvoll, Friedrich nachzugeben. Band dieſen doch auch ſein eigenes Intereſſe an die Er⸗ füllung des gegebenen Verſprechens, daß er, durch die Verbindung mit Johanna von Brienne, der Erbin des Königreichs Jeruſalem, deſſen Krone daſelbſt empfangen ſollte. Indeſſen trat den obigen Hinderniſſen noch ein anderes, nicht weniger bedeutendes, in der allge⸗ meinen Erkaltung jenes Eifers bei, det bisher Hun⸗ derttagſende in religiöſer Begeiſterung nach Palä⸗ ſtina getrieben. Die Wunden, welche jene Züge den europäiſchen Staaten geſchlagen, waren zu fühl⸗ bar, als daß man ſie zu erneuen gewagt, und wenn ſich auch der deutſche Kaiſer zu dem from⸗ men Werke bereit erklärte, ſo traten England und Frankreich doch zurück und Deutſchland ſelbſt nahm nur wenig Antheil daran. Unter dieſen Verhältniſſen ſtarb der lang⸗ müthige und gemäßigte Honorius Ul, und an ſeine Stelle trat, unter dem Namen Gregor KM, der herrſchſüchtige Cardinal Hugolinus. Gregor, der von jeher ein thätiger Mann⸗ von feſtem Willen und Energie geweſen, der ſchon als Cardinal für der Kirche treueſten Diener galt, hatten ſelbſt mehr als achtzig Lebensjahre nicht abſtumpfen können. Mit einer erſtaunenswürdigen Feſtigkeit er⸗ griff er ſogleich das Ruder des Kirchenſchiffes— aber bald zeigte es ſich, daß er als Menſch den⸗ noch den Geſetzen der Zeit und des Lebens unter⸗ worfen ſei. Hatten nämlich die Jahre die Kraft ſeines Geiſtes nicht zu beugen vermocht, ſo nahmen doch ſeine Seelenäußerungen mit ihnen eine andere Färbung an, und ſein Alter wandelte, wie dies bei Greiſen zu geſchehen pflegt, nach und nach Feſtig⸗ keit in Halsſtarrigkeit, Kraſt in Härte, Thätigkeit in Uebereilung, Beredtſa it in heftiges Schelten, und Papſt Gregor Ktehielt es von nun an für ſein Recht, für ſeine höchſte Pflicht: das einmal als gut Anerkannte ohne alle ——— Rückſicht auf Hinderniſſe, mögliches Mislingen, gute oder üble Folgen, Billigung oder Tadel zu behaupten und durchzuſetzen“), die Untrüglich⸗ keit des Stellvertreters Chriſti wie ſeines Vor⸗ fahren auf den Ausſpruch Lucas 22, 32 gründend, woſelbſt es heißt: Ego autem rogavi pro te, ut non deſiciat fides tua.(Ich aber habe für dich gebeten, daß dein Glaube nicht aufhöre. Wenn du einſt bekehrt biſt, ſo ſtärke deine Brüder.)**) Da nun aber Gregor des Kaiſers Abſicht: die weltliche Macht unabhängig von der geiſtlichen Oberherrſchaft zu machen, erkannte, und dieſes Vorhaben dem ſei⸗ nen als Stellvertreter Chriſti Herrder Weltzubleiben, geradezu entgegenſtand, mußte nothwendigerweiſe früher oder ſpäter jener groß⸗ artige Kampf ausbrechen, der Jahrhunderte lang die Erde erſchütterte und das edle Geſchlecht der Hohenſtaufen, aber auch die Anmaßungen Roms vernichtete. Das Verſprechen des Kaiſers: einen Kreuz⸗ zug zu unternehmen, gab die Veranlaſſung zu dem Ausbruch der lang verhaltenen Glut. *) Friedrich von Raumer's Geſchichte der Hohenſtaufen. *³) Dr. J. C. L. Gieſeler's Kirchengeſchichte II. Band 2. Abtheilung, Fol. 234. Friedrich ſchiffte ſich nämlich, von Gregor ge⸗ drängt, wirklich mit ſeinem Heere ein; aber kaum hatte die Flotte die Küſten verlaſſen, als, von der enormen Hitze des Sommers erzeugt, eine anſteckende Krankheit auf den Schiffen ausbrach, die nicht nur den größten Theil des Heeres, ſondern auch den Kaiſer ſelbſt ſo gewaltig niederwarf, daß derſelbe ſich genöthigt ſah, nach drei Tagen wieder umzu⸗ kehren, um ſeine und ſeiner Krieger Geneſung ab⸗ zuwarten. Obgleich nun Friedrich ſogleich die Biſchöfe von Reggio und Bari, ſo wie Rahnald von Spo⸗ leto an den heiligen Vater abſandte, um demſelben die Umſtände auseinander zu ſetzen, ihn zu ent⸗ ſchuldigen, und den Papſt zu bedeuten, daß der Kreuzzug gleich nach Geneſung des Kaiſers ausge⸗ führt werden ſolle:— ließ ſich dennoch Gregor N von ſeinem Schmerz und Zorn ſo weit hinreißen, den Bannſtral auf den Kaiſer zu ſchleudern. Aber Friedrich bewies, wie unrecht ihm der Papſt gethan, als er bald darauf, des Todes ſeiner Gattin Jolante ungeachtet, zum zweiten Male nach Paläſtina aufbrach und auch nach einer günſtigen Fahrt in Akkon landete. Hier war es nun, wo wir ihn furz nach ſeiner Ankunft verlaſſen. S 3. David Federbuſch. 5 Verſtand iſt unſer Helm, und Witz, die Feder, Setzt uns Gefahren aus; es ſchützt der Helm. Es iſt Verſtand ein Diamant, gewichtig, Feſt und von Werth; iſt er von Witz geſchliffen, So wirft er hell're Strahlen, doch er bleibt Auch ohne Witz noch ſtets ein Diamant. Wisz, des Verſtandes baar, iſt ſchlimmer noch Wie Nichts; er zieht allein mehr Segel auf, um gegen einen Felſen anzurennen! Poung. Die erſten Tage nach O. Ankunft in dem hei⸗ ligen Lande waren dem Kaiſer unter den verſchie⸗ denartigſten Beſchäftigungen verfloſſen. Eine große Heerſchau mußte abgehalten, das Lager völlig eingerichtet, Kundſchafter ausgeſandt, die Geiſtlichkeit und die Ritterorden empfangen, Hul⸗ digungen und Bitten entgegengenommen werden. Bei all dieſen Gelegenheiten beurkundete Friedrich II ſowol ſeine anerkannt liebenswürdige Perſönlichkeit, als ſeinen großen und edlen Charakter. Allezeit gerecht, oft bis zur Strenge, hörte er freundlich ſelbſt den Geringſten ſeiner Unterthanen —— 2 34 und half wo er immer konnte. Merkwürdig war dabei an Friedrich die Verbindung des höchſten Ernſtes mit der natürlichſten Heiterkeit und einem zu Luſt und Scherz aller Art fähigen, überall geiſt⸗ reichen Gemüthe, deſſen Ruhe und Offenheit ge⸗ rade aus dem ſchönen Gleichgewichte entſprang, welches ſich beide Seiten immer hielten. In kriegeriſchen Angelegenheiten war er kühn, tapfer und entſchloſſen und repräſentirte, da er Dichter und Ritter zugleich war, ſo gut ſeige cheva⸗ lereske Zeit, als einſt ſein Vorgänger Richard e „ Wie aber der Kaiſer der erſte Krieger ſeines Heeres, war er auch deg größte Staatsmann ſei⸗ ner Tage, und dies gerade zeichnete ihn vor An⸗ dern aus, daß er niemals das hohe Ziel, welches er ſich geſteckt, aus den Augen verlor und den einmal eingeſchlagenen Weg energiſch verfolgte. Freigebig auf der einen Seite, vergab er auf der andern ſeiner Würde und ſeinen Rechten nicht das Geringſte und wußte dieſelben gegen alle An⸗ ſprüche kraftvoll zu behaupten. Daß ein ſolcher Herrſcher, ſo ſehr er von dem Volke erſehnt worden, der höheren Geiſtlichkeit und den Ritterorden Paläſtinas ungelegen kam, iſt natürlich, da dieſelben unter ihren bisher ſo ſchwachen Königen faſt ſelbſtſtändig geherrſcht und eine Maſſe ihnen nicht zuſtehender Freiheiten und Privilegien an ſich geriſſen hatten. Friedrich machte auch gar keine Miene, als ob er die alten Unge⸗ rechtigkeiten und Unordnungen dulden wolle; ſon⸗ dern verlangte gleich nach ſeiner Ankunft als Kö⸗ nig von Jeruſalem, daß ſämmtliche Urkunden über Schenkungen, Privilegien und Freiheiten ihm zur Beſtätigung vorgelegt werden müßten. Solch entſchiedenes Auftreten ſchreckte die Tem⸗ pelherren und Johanniter nicht wenig. Die gemein⸗ ſame Gefahr ließ ſie ſogleich die gehäſſige Eifer⸗ ſucht, die ſie bisher getrennt, vergeſſen und bewog beide Orden zu einer, wenn auch bis jetzt nur ge⸗ geheimen Allianz. Trotzdem hatten die Großmeiſter beider Orden, Thomas von Montaigu und Guerin de Montaigu, für jetzt noch für gut befunden, den Befehlen Fried⸗ richs— wenigſtens ſcheinbar zu gehorchen, und ein Verzeichniß der verlangten Documente ein⸗ gereicht. Der Kaiſer hatte dieſelben gerade mit ſeinem Kanzler durchgeſehen, als unangemeldet eine dritte Perſon, eine wunderbare, verkrüppelte Geſtalt, in das Zelt trat. Es war ein unterſetzter Mann. Blonde Haare und blaue Augen ließen ſogleich den Deutſchen in ihm erkennen. Seine überaus milden Züge hat⸗ 36 ten einen ſo eigenthümlichen Ausdruck, daß man nicht ſagen konnte, ob es Schmerz oder Scherz ſei, der aus ihnen ſprach; ja die hoch nach der Stirne gezogenen Augenbrauen und das ſchiefe Verziehen ſeines Mundes, welches bei ihm ſtereotyp zu ſein ſchien, durfte man eben ſo gut für Weinen, als für ein Zeichen des Lachens nehmen. Der Contraſt dieſer beiden, auf einem Punkte zuſammengerückten, ja verſchmolzenen Seelenäußerungen war aber ſo komiſch, daß ſchon der bloße Anblick dieſes, ſonſt blaſſen, ja nicht unſchönen Geſichtes ein unwillkür⸗ liches Lachen erregen mußte. Dazu kam noch, daß die Natur alles Mögliche beigetragen hatte, die Geſtalt durch krumme Beine und einen nicht un⸗ bedeutenden Höcker zu einem drolligen Zerrbilde zu machen. Die Schellenkappe und die abenteuerliche, aus allen möglichen Farben zuſammengeſetzte Klei⸗ dung aber verriethen ſogleich das Amt des Lachend⸗ Weinenden, der nichts Geringeres als David Feder⸗ buſch, des Kaiſers luſtiger Rath oder Hofnarr war. Als der Kanzler den Narren erblickte, der halb tanzend eingetreten war und ſich nun unter tollen Körperbewegungen vergebens bemühte, eine kleine Feder in die Höhe zu blaſen, ſchaute er ihn finſter an und ſagte in heftigem und gebieteriſchem Tone: Was willſt du jetzt hier, Narr? Siehſt du nicht, daß ſeine Majeſtät mit mir arbeitet? Selbſt Narr! ſagte David ruhig, und blies mit vollen Backen das leichte Spielzeug, das immer wieder zurückfiel, aufs neue in die Luft. Denn: Ich lache immer Und du lachſt nie; So ſtehn wir Beide, Kluge Leute, In einer Kategorie. Des Kanzlers Geſicht ward blutroth. Mein Kaiſer! rief er zornig, Eure Lang⸗ muth macht den Burſchen frech. Achtet er doch weder Eure treueſten Diener, noch ſelbſt Euer ei⸗ genes kaiſerliches Gebot, daß kein Menſch außer mir in den Arbeitsſtunden eintreten ſoll. Ein Federbuſch iſt kein Menſch! entgegnete trocken der Beſchuldigte. Laß ihn! ſagte ſanft der Kaiſer, von deſſen Stirne bei dem Erſcheinen ſeines luſtigen Rathes alle jene finſteren Falten verſchwunden waren, welche das Leſen des Verzeichniſſes auf ihn hervorgerufen. Wir ſind ja ſogleich zu Ende und mögen außerdem gern ſeine Späße leiden. Das Leben hat ſo viel Betrübendes, daß man ſeine hei⸗ tern Seiten nicht genug aufſuchen kann. Der Kanzler verbeugte ſich ſchweigend und trat, blaß vor Zorn, einen Schritt zurück. Der Narr blies unbekümmert noch immer an ſeiner Feder. 38 Was machſt du da, David? frug ihn, nach⸗ dem er eine Weile lächelnd zugeſehen, der Kaiſer. Was machſt du denn, Gevatter? entgegnete der Bucklige. Wir ſtudiren daran, den Stolz und den Ueber⸗ muth der Templer und der Johanniter zu brechen. Sieh mal an! rief der Narr vergnügt und reichte dem Kaiſer ſeine Schellenkappe; da können wir ja die Rollen tauſchen, denn meine Arbeit iſt ſo dankbar als die deine: ich will die Feder in den Mond blaſen! David! David! ſagte Friedrich lachend, du machſt Uns ein ſchlechtes Compliment. Glaubſt du, Wir hätten nicht Willenskraft und Macht ge⸗ nug, die ſtarrköpfigen Ritter zu beugen? Ich will Dir ein Verschen ſingen, Gevatter! das ich einſt in der Schule gelernt habe, rief der Narr: Verbiet' der Schell' zu klingeln, Der Schlang' zu züngeln, Dem Weib zu zanken, Dem Schiff zu ſchwanken, Dem Pfaff zu hetzen, Dem Narr zu ſchwätzen, Dem Dummkopf zu lachen und ich will dich zu meinem Meiſter machen. Der Kaiſer ſchüttelte lächelnd den Kopf und ſagte, ſich an ſeinen Kanzler wendend: Was meinſt Du dazu, Petrus? 39 Petrus de Vineis, den des Narren Einmiſchung in Staatsgeſchäfte verdroß, zuckte die Achſel und ſagte verächtlich: Wie mögen Ew. Majeſtät bei ernſten Angelegen⸗ heiten auf des albernen Menſchen Reden hören! Zum Narren mag er geboren ſein, aber wahrlich nicht zum Staatsmann, und wenn kaiſerliche Hoheit Beide gleichſetzen.... Du haſt nicht ganz unrecht, Freund! ſagte der Kaiſer ernſter. Man muß Jeden auf ſeinem Poſten laſſen. Aber warum gleich ſo beleidigt. Wir ſchätzen jeden von euch in ſeiner Art; bietet doch der Narr manchmal einen reifen Kern in knackender Schale, und, bei Gott! Wir ſelbſt glauben, dieſe eiſ Prieſter⸗ Ritter werden Uns zu thun machen. Sie werden in ihrem Stolze widerſtreben, das iſt gewiß! entgegnete der Kanzler, aber bald ſollen ſie erkennen, daß der jetzige König von Jeruſalem kein armſeliges Gräflein, ſondern der römiſch-deutſche Kaiſer iſt. Autſch! ſchrie hier der Narr, der ſich unweit des Kaiſers auf die Erde geſetzt, und ſchlenkerte die Hand, als wolle er ſich eines empfindlichen Schmerzes erwehren. Was gibt's ſchon wieder? frug der Mo⸗ narch und gab ſich um des Kanzlers willen Mühe, 40 ſein Lächeln hinter einer ernſten Miene zu ver⸗ bergen. O je, Gevatter! 36 hatte eine Wespe ge⸗ fangen und wollte ſie lehren mir zu gehorchen; aber dies verwünſchte Thier ſtach mich in die Hand und flog davon. Hm! ſagte der Kaiſer, es war unklug die Wespe zu reizen, und dennoch bedurfte der Narr ihrer Hülfe nicht, wie Wir die der Orden. Ihr Gelübde verbindet ſie unter jeder Be⸗ dingung gegen die Ungläubigen zu ziehen! warf Petrus ein. Wie aber, fuhr Friedrich fort, wenn ſie vor den Augen der Welt den Schein wahren, aber im Geheimen ſich an Uns rächen? Höre, Petrus, Wir glauben, es wird vernünftiger ſein, ihre Kräfte für die gute Sache zu benutzen und erſt dann, wenn Wir Unſerer Herrſchaft gewiß ſind, die Spreu von dem Weizen zu ſondern. Das hieße ſie in ihren uſurpirten Rechten beſtätigen! meinte der Kanzler. Keineswegs! rief der Kaiſer, Wir haben denſelben Unſern Willen ſchon jetzt verkündet, Wir behalten das verlangte Verzeichniß in Händen, und werden die Beſtätigung oder Verwerfung ihrer Privilegien, mit ſtrenger Gerechtigkeit, in ruhige⸗ ren Zeiten erfolgen laſſen. So denken Wir Uns 41 aus den Kriegern des heiligen Grabes eine treue Leibwache, eine ſtarke Wache gegen die Ungläubi⸗ gen zu bilden. Hans ſteckte eine Viper ein... ſang hier der Narr halblaut vor ſich hin, Und barg ſie an der Bruſt. Ei Hans, wie kannſt ſo unklug ſein, Ei, lieber Hans, du wirſt's bereun Das böſe Thier wird ſich nicht ſcheun, Dein Blut trinkt es mit Luſt. Wenn Du weiter nichts weißt als Argwohn zu erwecken, ſagte der Kaiſer zu Federbuſch hin⸗ gewendet, ſo verſchone Uns mit Deinem Witz. Man ſollte nicht immer das Schlechteſte von ſeinen Nebenmenſchen denken. Unwillkürlich fiel aber Friedrich über des Nar⸗ ren Verschen des Aſtrologen Prophezeiung ein, die er bis jetzt noch gegen Niemanden geäußert. Er blickte, mit einem Ausdruck von Schmerz ſeine Umgebung an, als wolle er ſagen: könnte nicht ſelbſt unter euch der Judas ſein? Aber ſchnell übertäubte dieſen unſeligen Gedanken die Reue, ihn nur ge⸗ dacht zu haben, und Kanzler und Narr nach beiden Seiten hin die Hände, gleichſam ſie im Stillen um Verzeihung bittend, hinſtreckend, rief er be⸗ wegt: Auch der Kaiſer iſt ſterblich! werdet ihr ihn ſchützen, wenn ihn eine Freundeshand mit Gift und Dolch bedroht? Nur über meine Leiche führt der Weg zu meines Fürſten Herzen! ſagte finſter der Kanzler und griff nach ſeinem Schwerte. Aber der Narr war aufgeſprungen, hatte die Hand ſeines Herrn erfaßt und bedeckte ſie mit Küſſen. Gib mir deine Krone, Gevatter, ſagte er dann mit faſt wehmüthiger Stimme und ſein Ge⸗ ſicht weinte eher, als es lachte; gib mir deine Krone und deinen Mantel und birg dich in meine bunten Fetzen, ſo kannſt du doch wenigſtens ruhig ſchlafen. Das thun Wir doch, mein Junge, entgeg⸗ nete, von der Herzlichkeit ſeines luſtigen Rathes gerührt, der Kaiſer, denn Wir haben ein gutes Gewiſſen. Freilich! entgegnete der Narr. Gut Gewiſ⸗ ſen, weiches Kiſſen. Aber! fuhr er dann mit ei⸗ nem Male wieder heiter auf, weißt du auch, Gevatter, was ich mit deinem Mantel machen würde? Nun? frug der Monarch. Wir ſind wii auf die kluge Anwendung begierig.* David Federbuſch neigte ſich vorſichtig zu des Kaiſers Ohr, als wolle er demſelben etwas heim⸗ 43 lich ſagen, rief aber plötzlich laut: Ich ließ dich mit der Narrenjacke hier und brächte deinen Man⸗ tel meiner Muhme nach Deutſchland. Warum deiner Muhme? Weil die gute Frau deinen verfetzten Man⸗ tel wieder zu Ehren bringen würde. Sie verſteht ſich trefflich aufs Flicken. Die einzelnen Lappen, die ihn jetzt zu groß und beſchwerlich machen und doch nur unzuſammenhängend daran herum fliegen, ſchnitte ſie ab und ſchenkte ſie ihren nackten Kin⸗ dern; dich aber würde dann der Hauptlappen, Deutſchland genannt, deſto wärmer halten. Auch hätten die Hunde alsdann nichts mehr, woran ſie zauſeln könnten. Das iſt zu viel! rief der Kanzler zornig und warf dem Narren einen vernichtenden Blick zu; die Unverſchämtheit, die hohen Pläne ſei⸗ nes erlauchten Herrn meiſtern zu wollen, geht zu weit. Petrus! warnte Friedrich und legte begüti⸗ gend ſeine Hand auf de Vineis Arm, der aber⸗ mals nach dem Schwerte gezuckt, haue dem Men⸗ ſchen kein Ohr ab; denn, begreift er auch nicht wie du die erhabene Idee, die Wir vom Kaiſer⸗ thume hegen, ſo iſt es doch treue Liebe, die ihn die Narrheit ſagen ließ. Aber! rief der Kanzler; doch der Kaiſer winkte Stillſchweigen, denn in demſelben Augenblicke trat Hermann von Salza, der Hochmeiſter des deutſchen Ordens ein. Herrmann von Salza war zu jener Zeit, nebſt Petrus de Vineis, die kräftigſte Stütze Friedrichs I. Wie hätte ſich auch der Kaiſer nicht an den edelſten Menſchen ſeines Jahrhunderts anſchließen ſollen? deſſen Charakter ſo viel Aehnlichkeiten mit dem ſeinen hatte, daß, würde Beiden der gleiche Standpunkt in der Welt, die gleiche Erziehung ge⸗ worden ſein, ſicher nicht der geringſte Unterſchied in der Fühl⸗ und Denkungsweiſe, in dem Ziel und Streben der beiden Freunde obgewaltet haben möchte. Waren ſie doch ohnedies faſt nur durch ihre Lebensaufgabe und dadurch unterſchieden, daß Hermann älter, leidenſchaftsloſer und ernſter als Friedrig erſchien. Salza, aus einem angeſehenen und reichen adligen Geſchlechte Thüringens entſproſſen, war an dem ritterlichen Hofe des Landgrafen von Thü⸗ ringen erzogen worden und hatte ſich hier das ſchöne Ziel geſetzt: durch Entſagung, Frömmigkeit und Kampf, zur Ehre Gottes und zur Erleichte⸗ rung der Leiden der Menſchheit, ſein Leben zu heiligen und als Preis dieſes edlen Strebens auf Erden den reinſten Ritterruhm und jenſeits die ewige Seligkeit zu erringen. Schon 1196 nahm Hermann daher das Kreuz und zog mit dem Landgrafen nach Paläſtina. Tapferkeit, Klugheit und Pflichttreue, ſo wie ein glühender Eifer für das Wohl der Kirche, erwarben ihm bald einen großen Namen und bahnten ihm, nachdem er in den Orden der deutſchen Herren ge⸗ treten, den Weg zu der Hochmeiſterwürde. Als Jeruſalem für die Chriſten verloren war, eilte er voll heiligen Eifers nach Italien, den Kai⸗ ſer an den verſprochenen Kreuzzug zu mahnen; ſchloß ſich hier auf das innigſte dem edlen Fried⸗ rich an, und war nun, gefolgt von tapferen Scha⸗ ren, mit demſelben in das gelobte Land zurückge⸗ kehrt. Was aber Friedrich den Hochmeiſter ſo lieb und werth machte, war nicht nur deſſen Staatsklugheit und leidenſchaftloſes, ſtrengrechtliches Weſen; ſon⸗ dern namentlich auch ſeine echtd eutſche Ehr⸗ lichkeit, Geradheit und Offenheit, ſo wie die unwandelbare Treue, mit der er an ſei⸗ nem Kaiſer hing. Hermann von Salza's Erſcheinung war da⸗ her auch jetzt dem Kaiſer ſehr angenehm und, dem Zug ſeiner Seele folgend, ſtand er raſch auf und ging der kräftigen gedrungenen Geſtalt des Ritters einige Schritte entgegen, indem er ihm mit Hand und Mund einen freundſchaftlichen Willkomm bot. 46 Der Hochmeiſter ſchüttelte die dargebotene Hand mit Herzlichkeit und ſagte: Sir, ich wünſchte, wir wären in Paläſtina ſo willkommen, als ich weiß, daß ich es in Euren Augen bin. Nun, frug erſtaunt der Kaiſer, der wieder Platz genommen und auch Hermann einen Seſſel hatte reichen laſſen, und ſind wir denn dies nicht? Bei dem Volke, bei allen rechtlichen Chriſten, allerdings! entgegnete der Hochmeiſter; aber lei⸗ der! weder bei dem Patriarchen von Jeruſalem, noch bei den Templern und Johannitern. Die Undankbaren! rief der Kaiſer empört. Kommen Wir nicht, ſie vom Joche der Ungläubi⸗ gen zu befreien; fällt nicht Unſer Vorhaben mit ihrem Gelübde, mit Dem, was das Ziel ihres Strebens ſein ſollte, zuſammen? Wohl! fuhr der Deutſchmeiſter fort, ſie wür⸗ den euch auch ſehr gern ſiegreich in Jeruſalem einziehen ſehen, wenn ſie nicht fürchteten, als⸗ dann, ſtatt ſelbſt die Herren wie bisher ſpielen zu können, einen Herrn zu bekommen, der ſie bei ihren vielen Ungerechtigkeiten auf die Finger klopfen würde. Und doch werden Wir, rief Friedrich ſtolz, keinen Gedanken von den— Uns als Kö⸗ nig von Jeruſalem zuſtehenden— Rechten auf⸗ — geben. Was dem Patriarchen und den Orden zu⸗ kommt, ſoll ihnen werden, du kennſt darin Un⸗ ſere Gerechtigkeitsliebe! aber Mißbräuche, Unord⸗ nung und Anmaßungen dulden Wir in Unſeren Reichen nie. Es iſt betrübend genug, entgegnete Salza, daß die Erſten des Landes mit einem ſo ſchlechten Beiſpiele voran gehen. Mein Herz möchte bluten, ſehe ich die Orden ſo geradezu ihrem erhabenen Zwecke entgegenarbeiten. Dächten ihre Ritter alle wie du, Hermann, Jeruſalem wäre für ewig der Chriſtenheit geſichert. Indeß Unſer ſtarker Arm ſoll ihren ſtolzen Nacken beugen, wie er ſich ſchon die Großen Neapels un⸗ terworfen hat. Aber nicht jetzt, Sir! ſagte ernſt der Hoch⸗ meiſter. Ihr müßt ſie vor der Hand ſo viel als möglich auf Eurer Seite halten; denn bei Eurem kleinen Heere und dem Verhalten des Sul⸗ tans von Aegypten... Haſt du Nachricht über Malek⸗al-Kamel? unterbrach der Kaiſer haſtig den Sprechenden, ſind deine Kundſchafter zurück? Ja, Sir! erwiderte Salza. Aber die Nach⸗ richten ſind nicht die beſten. Als der beſonnene Sultan Moattam geſtorben, fiel, wie Ihr wißt, Damaskus nebſt dem ganzen Reiche ſeinem min⸗ derjährigen Sohne Naſr David zu; aber auch Moattam's Bruder Malek⸗al⸗Kamel machte Anſprüche auf das Reich und rief, da er von ſeinen Verwandten bekriegt wurde, Euch um Hülfe an. Allerdings! beſtätigte der Kaiſer, und hätten Wir der Einladung des Sultans nicht getraut, würden wir ſicher nicht mit ſo unbedeutenden Mitteln nach dem Oriente aufgebrochen ſein. Das iſt eben das Schlimmſte, fuhr der Hoch⸗ meiſter fort, die Verhältniſſe haben ſich ſeit⸗ dem hier gewaltig geändert. Das Glück war Malek⸗al⸗Kamel günſtig; er bemächtigte ſich des größeren Theils der Länder ſeines verſtor⸗ benen Bruders, mit dieſen Jeruſalems, und ſieht nun in dem freilich ſelbſt herbeigerufenen Kaiſer keinen Verbündeten mehr, ſondern nur den Rivalen. Biſt du des Letzteren gewiß? frug hier finſter der Kaiſer. Sir, Ihr könnt darauf das heilige Abend⸗ mahl nehmen, betheuerte Salza. Dieſe Aenderung der Umſtände iſt für Uns ſehr ungünſtig! fuhr der Kaiſer nachdenklich fort. Wir rechneten feſt auf Kamel's Freundſchaft, von der er Uns ſchon ſo manches Zeichen gegeben. Auch geſtehen Wir, Wir zählen noch immer etwas 49 3 darauf. Der Sultan iſt ein edler, aufgeklärter und weiſer Mann, der mich ſchätzt— und dann bleibt Uns für den entgegengeſetzten Fall noch im⸗ mer Naſr David. Beide haben ihre Lager einander gegenüber, unweit Joppe aufgeſchlagen. Wolan! rief der Kaiſer aufſtehend mit ſei⸗ ner gewöhnlichen Heiterkeit und dem ihm eigenen fröhlichen Muthe. Du ſiehſt, Freund Hermann, hier muß gehandelt werden. Zwei Dinge ſind vor Allem nöthig: erſtens muß das Kreuzheer in Joppe ein feſtes Lager beziehen und durch dieſe Demonſtration eine drohende, Ehrfurcht ge⸗ bietende Stellung gegen den Feind einnehmen— und zweitens müſſen Wir Unterhandlungen mit Naſr David und Malek⸗al⸗Kamel anknüpfen. Gewinnen Wir nicht den Einen, ziehen Wir den Andern auf unſere Seite. Nützen Vernunft und Geſchenke nichts, arbeitet die Eiferſucht und das Mißtrauen für Uns, da immer Einer von dem Andern fürchten muß, er ſchließe mit Uns ab. Soll aber das Unternehmen glücken, ſo bedürfen Wir der Mitwirkung nicht nur der Chriſten Paläſtinas, ſondern namentlich auch der der Templer und Jo⸗ hanniter. Wir haben daher den Patriarchen, die Biſchöfe, die Fürſten und die Großmeiſter der Or⸗ J. 3. * 50 den zu einer allgemeinen großen Berathung ein⸗ geladen, um Unſern Plan mit denſelben durchzu⸗ ſprechen und das Nöthige feſtzuſetzen. Du, Her⸗ mann und Unſer trefflicher Petrus, der Fels, auf den Wir Unſer Regiment geſtützt, ſo wie Richard Filangieri und Otto von Montbeillard, die Beide meiner harren; ihr begleitet mich nach dem Orte der Verſammlung, die bald be⸗ ginnen wird. Gott gebe, daß ſie zum Ziele führe! ent⸗ gegnete Salza. Aber ich habe nicht eher fröhlichen Muth, als bis ich meinen großen Kaiſer von dem Banne gelöſt weiß. Zweifelſt du daran, daß dies geſchehen? frug der Kaiſer. Keinen Augenblick! ſagte Hermann; Iyr habt ja das verſprochene Gelübde gelöſt, wegen deſſen Nichterfüllung Euch der Bann traf. Aber ich wünſchte nur, die Nachricht darüber ſei ſchon hier eingetroffen; denn der Fluch des Papſtes, Sire, gibt Euren offnen und geheimen Feinden eine gar mächtige Waffe in die Hand. Gregor muß Se. Majeſtät von einem Fluche löſen! rief heftig der Kanzler, den er auf die ungerechteſte Weiſe gegen kaiſerliche Hoheit ge⸗ ſchleudert. Uebrigens hat des Kaiſers Eintreffen v— — 51 in Akkon denſelben, der Sache nach, ſchon ge⸗ hoben. Gewiß! entgegnete der Deutſchmeiſter gelaſſen. Allein wiſſen auch wir, daß der heilige Vater, durch allzugroßen Eifer für das Wohl der Chri⸗ ſtenheit geleitet, hierin zu ſtreng verfuhr— ſind auch wir feſt überzeugt, daß Se. Majeſtät längſt wieder in den Schvos der Mutter⸗Kirche aufgenommen iſt, ſo will doch die Welt— und namentlich die böswillige— augenſcheinlich davon überführt werden, und daher wünſche ich von gan⸗ zem Herzen bald die Löſungsbulle in kaiſerlichen Händen zu ſehen. Du haſt recht, Hermann, ſetzte Friedrich hin⸗ zu, ſich zum Weggehen anſchickend, die Welt be⸗ darf einmal des frommen betrüglichen Spiels. O! wann werden die ſchönen Zeiten kommen, in wel⸗ chen der Verſtand der Maſſen mündig wird und man den einzig wahren Gott von dem Götzen zu Rom zu unterſcheiden vermag! Dies ſagend verließ der Kaiſer, gefolgt von dem Hochmeiſter und dem Kanzler, das Innere des Zeltes. Der Narr ſchloß ſich ihnen, ſeinen Schellen⸗ ſtab ſchüttelnd, an und ſang mit komiſchen Ge⸗ berden: 3* Und ſtünd die liebe Welt Millionen Jahren, So wird man Gleiches ſtets auf ihr erfahren; Zur Schule zog man uns ſchon an den Haaren, Auch Kind und Enkel wird es widerfahren. Ja würd' der Erdenkloß noch neunmal jung und alt, Behielt er wahrlich doch die nämliche Geſtalt. Die Dummheit wiegt bequem in ſüße Faulheit ein, Drum will um den Verſtand die Welt betrogen ſein. — 4. Der Raub. Wohl ritt der Reiter nun im Schritt, Zog aus die Stahlhandſchuhe, Doch dacht' er, als er weiter ritt: Der Teufel hol' die Ruhe!; Freiligrath. An demſelben Tage, an welchem ſich obige Scene in dem Zelte des Kaiſers zugetragen, trat mit dem erſten Morgenſtrale der Großmeiſter der Tempel⸗ herren, Thomas von Montaigu, aus der Pforte des burgartigen Tempelhauſes zu Akkon. Es war eine athletiſche Geſtalt, ganz in Stahl gekleidet; von dem blanken Helme nickte eine lange, ſchwarze Feder, die ſich wie eine Schlange krümmte und, von dem Winde hin und herbewegt, dem Bilde gleichſam durch Leben entſprach. Von dem Helme herab und noch mit demſelben ſo verbunden, daß es den Hinterkopf bis nach den Ohren, ſelbſt Hals und Kinn deckte, zog ſich über Bruſt, Arme und Beine ein ſogenanntes Panzer⸗ hemd, von fein gearbeiteten aber ſtarken Stahl⸗ ringen. Ueber demſelben trug der Ritter noch ei⸗ nen vergoldeten Bruſtharniſch und einen Waf⸗ fenrock. Eiſenhandſchuhe deckten die Hände, eine Bekleidung von demſelben Metalle die Füße. Den Schluß der ſchwerfälligen Rüſtung aber machte, außer einem langen Dolche und einem un⸗ geheuren zweiſchneidigen Schwerte, ein weißer Mantel, deſſen achteckiges, blutrothes Kreuz ſo⸗ gleich den Templer verrieth. Das Viſir des Hel⸗ mes war zurückgeſchlagen und zeigte ein, im Ver⸗ hältniß zu dem rieſigen Bau des Körpers, fein ge⸗ zeichnetes Geſicht, deſſen Züge jedoch bei näherer Betrachtung eine Verſchmitztheit ausſprachen, die ſich nur mühſam hinter einem gewiſſen religiöſen Ernſte zu verſtecken ſuchte. Die grünen Augen hatten etwas ungemein Falſches und der unange⸗ nehme Eindruck, den ihr Blick hervorrief, ward noch durch rothe, ſtruppige Haare und einen ge⸗ waltigen Bart von gleicher Farbe erhöht. Zur Stunde belebte ein kühner, verlangender Ausdruck dies Geſicht, denn Thomas von Mon⸗ taigu, der Ruhe ungewohnt, hatte ſich entſchloſ⸗ ſen, trotz des Kaiſers Friedensgebot, einmal wieder einen Streifzug gegen die Ungläubigen zu machen. Es war nämlich dem unruhigen Geiſte des Großmeiſters unmöglich, Frieden zu halten, und hatte ihn ſchon in ſeiner Jugend das Gelübde: „eines ewigen Krieges mit den Feinden des Kreuzes,“ in den Orden getrieben; ſo konnte er in ſpätern Jahren, da ihm Mord und Raub zur zweiten Natur geworden, den Lockungen des Kam⸗ pfes um ſo weniger widerſtehen. Dürſtete doch ſeine wilde, unduldſame und habſüchtige Seele eben ſo ſehr nach dem Blute der Ungläubigen, als ſie nach Beute verlangte, und zu allem Dem geſellte ſich jetzt noch der Geiſt des Widerſpruches, deſſen Quelle in dem Haß gegen den Kaiſer zu ſuchen war. Montaigu wollte gewiſſermaßen den Gliedern ſeines Ordens zeigen, wie wenig er Friedrichs Befehle achte und wie ſelbſtſtändig er auch noch jetzt ſich und ſeinen Orden betrachte. Darum hatte er eben heute wieder einen ſol⸗ chen Streifzug angeordnet und zu dieſem Behufe erwartete ihn jetzt auch eine Abtheilung Ritter und Knappen in dem weiten Burghofe. Der Großmeiſter begrüßte ſeine Untergebenen mit ſtolzer Miene, ſchwang ſich, ohne ein Wort zu verlieren, trotz der niederdrückenden Schwere ſei⸗ ner Bekleidung, mit der größten Leichtigkeit auf das ebenfalls geharniſchte Pferd, welches ihn er⸗ wartete, und verließ alsdann an der Spitze der Seinen Burg und Stadt. Da der Kaiſer die Berathung, von welcher eben die Rede war, auf den Nachmittag feſtgeſetzt und der Großmeiſter dieſelbe beſuchen mußte und wollte, ſo konnte von einem ſehr weiten Ausfluge nicht die Rede ſein. Indeſſen durfte man auch ſchon in der näheren Umgebung des chriſtlichen Lagers auf Kampf und Beute hoffen, da die Araber daſſelbe beſtändig umſchwärmten. Thomas von Montaigu wandte ſich nach Na⸗ zareth, dem Berge Tabor zu, indem durch jene Gegend die meiſten Pilger und Karavanen zogen, demnach dort auch am eheſten raubluſtige Maho⸗ medaner anzutreffen waren. Aber der Himmel ſchien heute den Wünſchen der Templer nicht günſtig; denn die Sonne ſtand ſchon ziemlich hoch am Himmel und noch hatte ſich der kampfbegierigen Schar kein Feind gezeigt. Des Großmeiſters Ungeduld ſtieg, wie die raſch auf einander ausgeſtoßenen Flüche zeigten, von Minute zu Minute, während ſein ſcharfes Fal⸗ kenauge, ohne zu ermüden, nach Beute ſuchte. Endlich ſchien das Glück das Unternehmen ſegnen zu wollen; denn als die Templer eben das Ende eines Dattelwäldchens erreicht, ſahen ſie in einiger Entfernung eine ziemlich bedeutende Kara⸗ vane auf ſich zukommen. Es mochten ſechzehn oder achtzehn ſchwer be⸗ ladene Dromedare ſein, die indeſſen, wie es ſich „ bald herausſtellte, von einer bedeutenden Zahl be⸗ waffneter Reiter begleitet wurden. Thomas hatte dieſelben nicht ſo bald erblickt, als er ſich ſofort mit ſeinen Kampfgenoſſen hinter einem Vorſprunge des Wäldchens barg. Aber auch die Türken mochten ihn bemerkt haben, da die Berittenen, die bisher die Karavane in weiten Kreiſen unordentlich umſchwärmt, ſich jetzt plötzlich, wie durch einen Zauber gerufen, in einem dichten Knäul um die Laſtthiere ſammelten, dann aber wieder mit geſpannten Bogen und geſchwungenen Lanzen gleich einem Stralenbündel auseinander ſchoſſen. Dem Großmeiſter pochte das Herz in wilder Freude, ſchon hatte er und ſeine Schar die Viſire geſchloſſen und die Schilde, die bisher friedlich an den Sattelknöpfen der Pferde gehangen, ergriffen; ſchon waren die ſchweren Lanzen eingelegt und die Ritter, einer lebenden eiſernen Mauer gleich, be⸗ reit, Alles vor ſich niederrennend, loszubrechen: als aus der Mitte der Mahomedaner ein einzel⸗ ner, unbewaffneter Mann auf ſie zuſprengte. Sein kleines, feingegliedertes arabiſches Roß trug ihn mit Blitzesſchnelle heran. Aber wie un⸗ haltſam auch des Thieres Lauf geweſen, als er den Chriſten bis auf einen Pfeilſchuß nahe gekommen, genügte ein Wort und es ſtand unbeweglich ſtill. 3 58 Der Reiter gab ſich ſofort als einen Friedens⸗ boten zu erkennen, bedeutete Montaigu, daß die Karavane, welche ihm folge, Eigenthum Malek⸗ al⸗Kamel's ſei, nur Weiber und Hausgeräthe des Sultans führe, und forderte ihn auf, dieſelbe un⸗ gehindert vorüberziehen zu laſſen und den herr⸗ ſchenden Waffenſtillſtand nicht zu brechen. Auch ihnen ſei, von dem großen Beherrſcher der Gläu⸗ bigen, Friede auferlegt, doch, fügte er hinzu, wür⸗ den auch ſie im Fall der Noth bereit ſein, ihr Leben und das Eigenthum des Sultans bis zu dem letzten Blutstropfen zu vertheidigen. Aber dieſe Rede ſchlug an taube Ohren. Die Templer lechzten nach Blut und des Großmeiſters Augen blickten gierig nach den ſich langſam nähern⸗ den Dromedaren. Der Gedanke: reiche Schätze, ſchöne Weiber erbeuten zu können, ſchmeichelte ihm zu ſehr, um die Stimme der Vernunft und Gerech⸗ tigkeit zu hören. Hinweg! ungläubiger Hund! donnerte er daher dem Türken zu, ſchütze deine dunkle Haut durch Flucht, oder den nächſten Augenblick ſitzt dir meine Lanze tief in der Bruſt. Siehſt du nicht das blutige Kreuz auf unſern Mänteln, weißt du nicht, daß wir Templer ſind, die keine Gnade geben, keine nehmen? Die Schätze deines Herrn, den Gott verfluche! ſind uns gute Beute und die — ——————————————— 59 Ströme eures Heidenblutes ſollen uns im Ange⸗ ſichte des Erlöſers, deſſen Gottheit ihr nicht aner⸗ kennt, rein von allen Sünden waſchen! Der Araber wollte der ungeſtümen Rede des Anführers der Chriſten antworten, kaum aber öffnete er die Lippen, als Montaigu, die Lanze ſei⸗ nem Nachbar reichend, eine Keule, die an der Seite ſeines Pferdes hing, ergriff und ſie ſo ge⸗ wandt und kräftig nach dem Kopfe des Türken ſchleuderte, daß dieſer lautlos erblaſſend von dem Pferde ſank, den gelben Sand mit ſeinem Blute färbend. Ein wildes Geheul der Türken, die ſich unter⸗ deſſen wieder eng an die Laſtthiere geſchloſſen, ant⸗ wortete dieſer raſchen That. Eine Wolke von ver⸗ gifteten Pfeilen flog auf die Templer, aber ſie glitten machtlos an den eiſernen Panzern und Schilden ab. Da gab Montaigu das Zeichen und die Ritter brachen wie ein furchtbares Gewitter los. Aber den ſchwerfälligen Angriffen der Europäer hatten die Araber längſt gelernt durch Geſchicklich⸗ keit und Gewandtheit zu entgehen. Als die Maſſe der Eiſenmänner in enggeſchloſſener Reihe, die Lanzen vorgeſtreckt, auf die Mahomedaner ein⸗ ſprengte, ſtäubten dieſe mit Gedankenſchnelle in unordentlicher Flucht auseinander; drehten aber, ſobald die Linie der Geharniſchten vorübergeflogen, 60 raſch ihre Thiere und ſandten nun von allen Sei⸗ ten Pfeile oder leichte Wurfſpieße nach den Feinden. Mit ſchnellem Blick erſpähten ſie dabei die verwundbaren Stellen der Templer, oder ſuchten deren Pferde zu tödten, da alsdann die ſchwer Be⸗ waffneten— auf dem Pferde ſo ſchrecklich wegen ihrer Unbehülflichkeit nur wenig mehr zu fürchten waren. Dies Verfahren bewies ſich um ſo zweckmäßi⸗ ger, als die Türken mit ihren kurzen Waffen, de⸗ ren ſie ſich aber mit größter Gewalt und Geſchick⸗ lichkeit, ſowol im Voreilen als im Fliehen bedien⸗ ten, ſich den Chriſten nicht nähern konnten. In dieſer leichten Beweglichkeit erſchien denn auch faſt mehr Kunſt, als in dem zwar gewaltigen, aber un⸗ behülflichen Angriffe der abendländiſchen Reiterei. Trotzdem lagen bereits mehrere Araber am Boden. Eine dichte Staubwolke hüllte jetzt die ganze Scene für einen Augenblick ein. Als ſie ſich einigermaßen legte, konnte Thomas von Montaigu entdecken, daß die Weiber die Sänf⸗ ten, in welchen ſie bisher zum Theil getragen wor⸗ den, verließen, um die Dromedare oder Pferde zu beſteigen. Dieſe Vorbereitung zur Flucht, die ihm den koſtbarſten Theil der Beute zu entführen drohte, ſpornte ihn neuerdings an. Sein Entſchluß war ſchnell gefaßt. Ein Wort 61 und die Eiſenmauer ſchwenkte ſich raſch und ſtürzte mit furchtbarem Gepraſſel auf die beladenen Laſt⸗ thiere los. War es aber berechnete Geſchicklichkeit, Zufall oder der Schrecken, der die Thiere ergriff, — in demſelben Momente ſtreckten ſie die langen Hälſe weit vor, bließen die Naſenlöcher auf, ſetzten ſich in Trab und waren ſchnell hinter Staubwolken verſchwunden. Montaigu wüthete, zumal da auch die Araber den Fliehenden mit wildem Geſchrei folgten. So⸗ gleich befahl er den Seinen ein Gleiches zu thun und, die Sporen ſeinem Pferde tief in die Seiten ſchlagend, wollte auch er eben davoneilen, als ſein ſcharfes Auge trotz der dichten Staubwirbel be⸗ merkte, daß zwei oder drei Glieder der Karavane zurückgeblieben waren. Freudig riß er ſein Roß herum und ſprengte auf die Gruppe zu. Am Boden lag eine kleine, in abenteuerliche Tracht gehüllte Figur. Es war ein alter Araber von dunkelbrauner Geſichtsfarbe. Der Turban war ihm entrollt. Eine breite Wunde klaffte in ſeiner Bruſt. Halb über ihn ausgeſtreckt, kniete vor ihm eine weibliche Geſtalt, bemüht die Ströme des Blutes zu ſtillen, die unaufhaltſam der Todeswunde ent⸗ quollen. Der überaus zart gebaute Körper des 62 Mädchens war in weiße Gewänder gehüllt und ein dichter Schleier von gleicher Farbe bedeckte Kopf und Antlitz. Neben dieſen Beiden ſtand ein Knabe und hielt ein feuriges, arabiſches Roß von edler Race. Er trug keine andere Waffen als den Hanjar oder Jatagan(türkiſchen Dolch) und ſchien be⸗ müht, die Knieende zur Flucht anzutreiben. Montaigu hatte nur Zeit, dieſe flüchtigen Be⸗ merkungen zu machen; denn kaum gewahrte der kleine Mahomedaner den heranſprengenden Ritter, als er das Mädchen mit Gewalt emporriß, es raſch umklammerte, auf das Pferd warf, ſich mit Blitzes⸗ ſchnelle nachſchwang und ebenfalls floh. Der Großmeiſter folgte dem Paare in wilder Haſt und trieb ſein Thier um ſo gewaltiger an, als ein einziger Blick der fliehenden Schönen ihn in helle Flammen geſetzt. Hatte doch, als der Knabe ſeine Gefährtin ſo gewaltſam erfaßt, ſich der Schleier des Mädchens verſchoben und ihm ein Antlitz ſehen laſſen, deſſen Schönheit Alles übertraf, was der Templer bis jetzt erblickt. Aber der faſt übernatürlichen Anſtrengung ſei⸗ nes Thieres ungeachtet, würde es dem Ritter nicht gelungen ſein, den flüchtigen Araber einzuholen, ja ihm nur zu folgen, wenn die ſchöne Unglückliche nicht ihrer Schwäche oder ihrem Schmerze erlegen ——————— wäre und, ohnmächtig in die Arme ihres Retters ſinkend, denſelben an der freien Bewegung gehemmt hätte. Nun aber hatte der Knabe ſeine ganze Auf⸗ merkſamkeit und Kraftanſtrengung auf die ſchöne Laſt zu wenden, ſtatt ſie zur Flucht benutzen zu können. Zwar regierte er ſein edles Thier leicht mit den kraftvollen Schenkeln; deſſenungeachtet aber hielt die Sorge um die lebloſe Schweſter den vollen Flug des jungen Reiters auf. Der Muth ſank ihm nicht. Er baute auf die Ausdauer ſeines und die ſichtbar nachlaſſenden Kräfte des ihn verfolgen⸗ den Roſſes. In der That erlag faſt der Großmeiſter und ſein Thier der Anſtrengung; ſchon fürchtete Mon⸗ taigu die herrliche Beute aufgeben zu müſſen, als einer ſeiner Knappen plötzlich aus dem Dattelwalde hervorbrach und den Araber von der Seite anfiel. Der Knabe hatte, wie bemerkt, keine andere Waffe als den Hanjar. Seine Schweſter mit dem linken Arme unfaſſend, zog er dieſen indeſſen be⸗ herzt aus dem Gürtel und ſchwang ihn drohend über ſeinem Haupte. Hütet euch! rief er dabei ſeinen Verfolgern in der ihnen verſtändlichen Sprache zu, kommt ihr mir zu nahe, gilt es euer Leben, und ſollte ich erliegen, ſtoße ich auch meine Schweſter nieder. 64 Haue den Hund von Mahomedaner zuſam⸗ men, keuchte der Templer gegen ſeinen Knappen, aber ſchone das Mädchen! Der Knappe holte mit ſeinem Schwerte weit aus, des Arabers Dolch blitzte über dem Buſen der Verſchleierten; aber ehe er noch den ſchrecklichen Stoß gethan, hatte ein gewaltiger Hieb in das Genick ſeinem jungen Leben ein Ende gemacht. Krampfhaft preßte er die Schenkel zuſammen, das Roß bäumte ſich ſtöhnend und Thomas von Mon⸗ taigu kam gerade noch zeitig genug, den nieder⸗ gleitenden Körper der Ungläubigen auffangen zu können, die, von dem Sturze aus ihrer Ohnmacht erwachend, in des Großmeiſters Armen ihre Augen wieder aufſchlug. Montaigu blickte in einen Himmel von Schönheit. 5. Die beiden Franziskaner. Gehet hin, je zwei und zwei, und lobet Gott ſchweigend in eurem Herzen bis zur dritten Stunde; dann erſt möget ihr reden⸗ Euer Gebet ſei aber gemäßigt, demüthig und ſtets von der Art, üß der Hörende dadurch beranlaßt werde, Gott zu ehren und zu preiſen. Allen verkündigt den Frie⸗ den, bewahret ihn aber auch ſelbſt in euren Herzen. Keiher laſſe ſich verführen zu Saß und Zorn oder ablenken von der ergriffenen Bahn; denn wir ſind berufen, Irrende auf den Weg zu führen, Verwundete zu heilen und Gebeugte aufzurichten. Worte des heiligen Franz von Aſſiſi. An demſelben Tage, an deſſen Morgen der Groß⸗ meiſter der Tempelherren die Karavane Malek⸗al⸗ Kamel's angegriffen hatte, trat den Nachmittag, kurz vor der zum allgemeinen Kriegsrathe von dem Kaiſer angeſetzten Zeit, der Großmeiſt der Johanniter, Guerin de Montaigu, in das Tem⸗ pelhaus zu Akkon. Guerin war ein unterſetzter, aber lange nicht ſo ſtarkgliederiger Mann als Thomas. Dieſem ähnlich bewaffnet unterſchied ihn von demſelben im Aeußern der ſchwarzſeidene Ordensmantel der Johanniter, in deſſen breitem Saume ſich alle Lei⸗ 66 denswerkzeuge des Erlöſers auf das künſtlichſte eingeſtickt fanden. Guerin war gekommen den Verbündeten zur Fürſtenverſammlung abzuholen, und ſchritt, da ihn ſein Rang und das neugeknüpfte freundſchaftliche Verhältniß zu dem Großmeiſter der Tempelherren aller Ceremonien enthob, gerade auf deſſen Gemächer zu. Als er aber, in das Vorzimmer getreten, in demſelben einen Wortwechſel ver⸗ nahm, hielt er inne, um ſo mehr, da ſich zu ſeinem Erſtaunen eine liebliche Weiberſtimme mit dem rauhen Organe des Ritters miſchte. Alſo hat man mich doch nicht falſch berichtet, dachte Guerin, unſer Freund Templer macht ſich ſein Ordensgelübde leicht und die ſtarkbewachte Sänfte, welche heute Morgen hier eingebracht wurde, enthielt wol keine Geſchenke für das hei⸗ lige Grab, wie man ausſprengte, ſondern ein ſchönes Weib. Der Johanniter konnte der Verſuchung, näher zu treten und zu horchen, nicht widerſtehen. Herzloſe! rief in dieſem Augenblick der Rit⸗ ter in der wunderbaren Miſchung der morgen⸗ ländiſchen und abendländiſchen Sprachen, welcher man ſich zu damaliger Zeit in Paläſtina viel be⸗ diente, und die unter dem Namen lingua franca bekannt war. Hörſt du nicht, daß ich dich bis —— zum Wahnſinn liebe? Daß ich dich mit Schätzen überhäufen will, wenn du dieſe Gefühle erwiderſt? Mein Herz verſteht die Sprache eines Ver⸗ worfenen nicht! entgegnete eine wohlklingende Stimme feſt und entſchieden, und für den Mör⸗ der meines Vaters und meines Bruders hat es nur tödtlichen Haß. Bedenke, entgegnete zornig der Ritter, daß du in meiner Gewalt biſt! Der Gewalt ſpottet ein feſter Wille, ant⸗ wortete jene, und ein Tod von eigner Hand! Dem wird meine Vorſicht wehren! rief der Templer, denn ich ſchwöre dir bei meinem Schutz⸗ patron, dem heiligen Thomas, kommſt du mei⸗ nen Wünſchen binnen kurzem nicht entgegen, laß ich dich, verdammte Ungläubige, bei lebendigem Leibe, zur Ehre unſers Erlöſers, langſam ver⸗ brennen. Und glaubſt du, ich würde den Flammentod nicht der Liebe eines Unmenſchen vorziehen? So will ich Qualen erſinnen, wie ſie der er⸗ finderiſchſte Teufel kaum ahnen ſoll! rief, durch den ruhigen Widerſtand des Mädchens außer ſich, der Großmeiſter. Der Chriſtenkaiſer ſoll ein gerechter und weiſer Herr ſein, entgegnete die ſanfte Stimme, mein Hülferuf wird ihn erweichen. Dafür, lachte der Templer frech auf, werde ich Sorge tragen. Alle Welt weiß, daß der Kaiſer ſchöne Weiber ſehr gern hat; er wäre im Stande, erführe er, daß ich einen ſolchen Schatz beſitze, mir ihn abzuverlangen. Aber, mein ſchönes Heidenkind, damit er und die Welt nichts davon erfahre, ſende ich dich noch heute Nacht unter ſtar⸗ ker Bedeckung auf mein feſtes Schloß zu Joppe. In drei Tagen folge ich nach. Bis dahin haſt du Zeit, dich zu entſchließen: ob du, merke es dir wohl! mir gehören und dafür im Ueberfluß des Reichthums leben oder— unter Qualen ſterben willſt. Die Mühe könnt Ihr Euch erſparen, ſagte gelaſſen die weibliche Stimme. Ihr werdet mich nie anders gegen Euch geſinnt finden als heute. Jetzt will ich nichts mehr hören! rief der Templer, kommt Zeit, kommt Rath! Außerdem könnte man mich überraſchen. Die Stimme Montaigu's entfernte ſich hier mehr und mehr. Guerin ſchärfte ſein Gehör; aber er konnte nichts mehr vernehmen, als das Oeffnen einer Thüre und das Knarren ſchwerer Riegel; dann näherten ſich wieder die ſchweren Tritte des Ritters. Aber dem Großmeiſter der Johanniter lag daran, daß der Templer keine Ahnung von ſeiner —„— uns gern neue, um nur unſeres Schutzes ſicher zu 69 Mitwiſſenſchaft um dieſen Frevel habe; er zog ſich alſo ſchnell zurück und gelangte auch ungeſehen bis in den Hof des Tempelhauſes, woſelbſt er dann ſo lange auf und ab ging, bis ihn Thomas bemerkte und zu ihm herab kam. Beide Großmeiſter machten ſich ſofort auf den Weg nach der Verſammlung. Die Unterhaltung bezog ſich natürlich auf das gemeinſame Intereſſe der beiden Orden. Der Templer machte dabei, ohnehin aufgeregt, ſeinem Herzen voll Groll und Haß gegen den Kaiſer in leidenſchaftlichen Schmähungen Luft. Wohin ſoll das führen, ſchloß er ſeine heftige Rede, wenn es dem ehrgeizigen Fried⸗ rich glückt, hier zu ſiegen, oder wenigſtens einen günſtigen Frieden zu ſchließen? wenn er ſich dann, woran wahrlich wenig fehlt, ganz Italien unter⸗ wirft und ſo mit Deutſchland ein Kaiſerreich bildet, wie es die Welt ſeit Roms Glanzperiode nicht ge⸗ ſehen? Ihr wißt, Guerin, welchen eiſernen Kopf er hat, welcher Stolz, welche Herrſchſucht ihn be⸗ ſeelt. Haben wir doch gleich Proben davon geſehen. Kein Teufel wagte unter den bisherigen Königen von Jeruſalem nach unſein Privilegien und Frei⸗ heiten zu fragen; im Gegentheile, man bewilligte ſein, und dieſer Hohenſtaufe kommt mit einer Hand voll Leute über das Meer geſchwommen und will unſere heiligen Rechte antaſten? Es ſoll ihm nicht gelingen! entgegnete der Johanniter. Beim heiligen Johannes! ich werde, meinem Eide treu, Alles aufbieten, meinen Orden zu retten. Aber— unter uns geſagt— der Kaiſer iſt ein Narr; denn er unternimmt Unmögliches. Er ſieht den Eckſtein nicht, der ihm in dem Wege ſteht und über den er früh oder ſpät den Hals brechen wird. Und der iſt? frug der Templer ſtehen bend. Guerin ſtarrte ihn erſtaunt an und rief: Fragt Ihr im Ernſte? Ja! entgegnete Thomas von Montaigu; meint Ihr etwa Malek⸗al⸗Kamel oder mich? Nicht doch! ſagte Guerin halb ſpöttelnd; aber ſeine Heiligkeit mein' ich. Wenn Friedrich nicht Friedrich wäre, möchtet Ihr wohl recht haben, rief der Templer. Aber was macht ſich der Ketzer aus dem Papſte. Ging er nicht, unbekümmert ob der Bann, der auf ihm laſtet, gelöſt ſei oder nicht, auf den Kreuzzug? Ich glaube, es hat noch Keiner gefährlichere Ideen gegen die Kirche mit 6 herumgetragen, als dieſer Friedrich. * 71 Und iſt darum auch Keiner ſo ſicher verloren als er. Gibt er uns nicht unbedachtſam genug das Heft ſelbſt in die Hand, da er gebannt hierher kommt? Keine Chriſtenſeele iſt gehalten, einem Gebannten zu gehorchen. Die Sache iſt einfach. Wir verweigern ihm unter dieſem Vorwande— der uns in den Augen der Welt noch in den Ge⸗ ruch beſonderer Frömmigkeit ſetzt— jeden Bei⸗ ſtand. Alle ſeine Unternehmen ſind mit Einem Male gehemmt und er muß wie Richard von England abziehen, ohne nur Jeruſalem geſehen zu haben. Guerin! Guerin! Eure geprieſene Weisheit verläßt Euch! rief hier der Templer. Friedrich erwartet jeden Tag einen Legaten, der ihm die Losſprechung bringe. Kann doch der heilige Vater nicht anders, da der Kaiſer ſein Wort gelöſt. Gut! ſagte der Großmeiſter der Johanni⸗ ter, ſo wollen wir wenigſtens daraus, daß dies bis jetzt noch nicht geſchehen, den beſtmöglichen Vor⸗ theil ziehen und unter dem Vorwande: daß wir erſt die Losſprechung des Kaiſers erwarten müßten, ſeine Pläne vereiteln, ſeine Kräfte lähmen. Das iſt auch mein Entſchluß, rief freudig Thomas von Montaigu, aber!— ſetzte er hin⸗ zu und ſeine grünen Augen leuchteten von einem unheimlichen Feuer— dies ſind nur halbe Werke. Wie wär' es, wenn man der Sache mit Einem Male ein Ende machte! 6 Guerin blieb ſtehen. Eine flüchtige Bläſſe glitt über ſeine pfäffiſchen Züge. Verſtehe ich Euch recht, Templer? frug er ſelbſt beklommen. Sicherlich! entgegnete mit dämoniſchem Lächeln der Rothkopf, Templer und Johanniter verſtehen ſich immer, wenn es ihren gemeinſamen Vor⸗ theil gilt. Aber Kaiſermord... liſpelte kaum vernehm⸗ bar Guerin. Was Kaiſer! donnerte der Templer. Er iſt gebannt und ſomit vogelfrei! Der Templer hatte im Zorne die letzten Worte ſo laut geſprochen, daß der Johanniter ängſtlich um ſich blickte, um zu ſehen, ob Niemand in der Nähe geweſen, der ſie vernommen haben könnte. Aber das Lager war ringsum wie ausgeſtor⸗ ben. Verwundert forſchte der Großmeiſter nach der urſache dieſer ſeltſamen Erſcheinung; da gewahrte er, daß ſich in einiger Entfernung ungewöhnlich große Maſſen Kriegsvolks um eine Erhöhung ge⸗ ſammelt habe, auf welcher zwei Franziskaner pre— digend ſtanden. Schon aus den heftigen Geſtienlativnen der Bettelmönche konnte man ſowol auf deren Eifer, als auf die Wichtigkeit des Tertes ſchließen, den —— —— ſie behandelten. Trotzdem würden die Ritter auf dieſe Erſcheinung nicht geachtet haben, da ſolche Bergpredigten in jener Zeit, und namentlich in den Kreuzheeren, etwas Alltägliches waren, wenn nicht plötzlich unter den ungeheuren Maſſen, die den Mönchen zugehört, ein orkanartiger Tumult ent⸗ ſtanden wäre. Wild verworrenes Geſchrei ertönte, die Menge ſchob ſich wellenförmig hin und her, Waffen blitz⸗ ten, jaes machte ein Theil der Anweſenden Miene, die Mönche von ihrem Standpunkte herabzureißen, wogegen Andere ſich anſchickten, dieſelben zu ver⸗ theidigen. Aber die Gefahr ſchien die Franziskaner nur noch in ihrem Eifer zu beſtärken; denn ihre Arme durchſchnitten nur noch wilder die Luft, ihre Bewegungen wurden nur noch heftiger. Was ſoll das! rief der Großmeiſter der Johan⸗ niter. Es ſcheint mir hier etwas Ungewöhnliches vorzugehen! Sicher! entgegnete Thomas von Montaigu, das ſind Bettelbrüder, wenn ich recht ſehe. Wie kommen die Minoriten, die neugebackenen Heiligen nach Paläſtina? Freund! fuhr Guerin eifrig fort und ſein ge⸗ mäſtetes Geſicht glänzte vor Freude und ſeine Augen leuchteten. Mir ahnt nichts Gutes— oder vielmehr für uns— viel Gutes. Das . 4 4 74 ſind Geſandte des Papſtes! Laß uns näher treten. Es ſei! entgegnete der Templer. Aber, ſetzte er mit einem ſtechenden Blick nach ſeinem Nachbar hinzu, Schweigen über das Bewußte. Wir müſſen d uns erſt noch näher darüber beſprechen. Wie das Grab, ſagte der Johanniter. Viel⸗ leicht macht eine glückliche Wendung der Dinge das Aeußerſte unnöthig. Die beiden Großmeiſter gingen ſomit raſchen Schrittes auf die Maſſen zu, die aus Rittern, Edel⸗ tnechten und Söldnern faſt aller Nationen be⸗ ſtanden. Der Tempelherr hatte ſich nicht getäuſcht. Es waren zwei Brüder des neu errichteten Ordens„ vom heiligen Franz von Aſſiſi, zwei Franziskaner oder Minoriten, welche die Menge haränguirten. Trotz alles Tobens der Volksmaſſen, trotz der drohenden Gefahr, von ihrer Erhöhung niederge⸗ 4 riſſen und mißhandelt zu werden, ließen ſich die unerſchrockenen Mönche nicht ſtören, ja ſie über⸗ 1 ſchrien noch mit ihren Löwenſtimmen den hölliſchen Tumult, und verſtopfte eine Eiſenfauſt dem Einen 3 den Mund, ſchrie der Andere nur um ſo wüthender. Bestia devoravit Josephum! domnerte ſo eben der ältere der beiden Brüder, den mehre koloſſale deutſche Söldner am linken Arm ergriffen, —— um ihn niederzureißen, während ihn ein Haufe Italiener am rechten feſt hielt, damit er den Deut⸗ ſchen widerſtehe und ſeinen Platz behalte. Bestia devoravit Josephum! Ein wildes Thier hat den Joſeph zerriſſen! Die Worte waren faule Fiſche als man ſie dem Patriarchen über⸗ brachte; aber das ſich Gott erbarm'! ſie ſind Wahr⸗ heit geworden, wenn wir ſie zum Himmel ſchrein: denn der Kaiſer zerreißt die Kirche, wie der Wolf das Lamm. Was ſind die Heiden, die Mohamedaner, die Ungläubigen? Eingefleiſchte Satans, blutgie⸗ rige Tiger, nimmerſatte Wehrwölfe, mörderiſche Halunken, grauſame Beſtien, verfluchte Höllen⸗ hunde, epikuriſcher Unflat ſind ſie. Aber alles Das, iſt Gold gegen den Kaiſer, gegen den Antichriſt, gegen den hohenſtaufiſchen Kirchenſchänder. Aber der Eifer des Mönches hätte denſelben hier bald zum Märtyrer gemacht. Nieder mit dem Schurken, der den Kaiſer läſtert! donnerte es von allen Seiten. Schützt ihn, er iſt des heiligen Vaters Ge⸗ ſandter! ſchrien Andere. Herab mit ihm! in Stücken mit ihm! Dem heiligen Mann zu Hülfe! tönte es aus tau⸗ ſend rauhen Kehlen, und Hiebe und Stöße, von Eiſen⸗ fäuſten geführt, regneten in Menge. Auch des Red⸗ 3 4* 76 ners Rücken ward damit geſegnet, aber das küm⸗ merte den Miwriten wenig. Je härter die Schläge fielen, deſto lauter ſchrie er: Herodes, Nero, Valentinianus, Julianus, Diocletianus, Numerianus und noch viele andere anus waren wilde Teufel und Kirchenverfolger, ſoffen Chriſtenblut und waren für die Menſchheit kein Segen, ſondern blutige, ſpitzige, ſchneidende Degen. Aber ſtellt ihr ſie mit dem Friedrich zu⸗ ſammen, ſo erſcheinen ſie euch nicht mehr wild, ſondern mild. Denn der Kaiſer macht es mit der heiligen Kirche und ihren Patronen wie das Scheu⸗ ſal Adonibezek mit den ſiebzig gefangenen Königen, denen er die Finger und Zehen abhacken ließ, daß ſie wie die Hunde unter ſeiner königlichen Tafel liegen und mit dem Maul die Broſamen aufklau⸗ ben mußten. Der Kaiſer, der der Kirche und dem heiligen Vater ſollte ſein ein Schutz, bietet beiden Trutz. Statt redlich in dem Weinberge des Herrn zu bauen, thät er ihn verſauen. Statt der Kirche zu ſein ein Kind, iſt er heidniſch geſinnt. Statt Buße zu thun, was von Rechtens geweſt, geberdet er ſich wie ein wildes Beſt. Ja! ſchlagt nur immer zu, von ihm gilt doch: Bestia, Saeva, rapax, crudelis, sanguine gaudet. Darum aber hat ihn auch der Papſ emu und uns hierher geſandt. Hier hätte wol der würdige Redner ſeinen rühmlichen Lebenslauf unter den Mishandlungen der Krieger jämmerlich beſchloſſen, wenn nicht die beiden Großmeiſter ſich durchgedrängt und den Unglücklichen, dem von den wiederholten Schlägen der deutſchen Fäuſte bereits das Blut aus Mund und Naſe herauslief, befreit haben würden. Zurück, wem ſein Leben und ſeine Seele lieb iſt! rief zornflammend der Großmeiſter der Tempelherren, und ſeine athletiſche Geſtalt, das blanke Schwert in der nervigen Fauſt, nahm ſich, zumal auf dem erhöhten Standpunkte, wie die ei⸗ nes Rieſen aus. Wer wagt es, Hand an die Geſalbten des Herrn, an die Boten des heiligen Vaters zu legen? Sie haben unſern glorwürdigen Kaiſer ange⸗ griffen! riefen einige deutſche Edle, kühn vortre⸗ tend, als ſeien ſie bereit, des Templers Heraus⸗ forderung anzunehmen. Wir geben nicht zu, daß man in unſerer Ge⸗ genwart Uebeles von dem erlauchteſten und größten aller Monarchen ſpricht! ſetzte ein Deutſchordens⸗ ritter hinzu. Aber ihr laßt die Boten Roms vor euren Augen wie tolle Hunde todſchlagen, rief noch im⸗ mer feuerroth vor Zorn Thomas von Montaigu, und rührt dabei keinen Finger! 78 Wenn die Bettelbrüder etwas von dem heili⸗ gen Vater zu verkünden haben, fuhr der deutſche Ritter fort, mögen ſie es immer thun, und keine Chriſtenſeele wird es ihnen wehren. Schimpfen aber über den tapfern Friedrich II, den würdigen Enkel des Rothbarts, ſollen ſie nicht, ſo lange noch ein deutſches Herz hier unter dem Panzer ſchlägt. Ein ſchallender Jubel und der weithin don⸗ nernde Ruf: Es lebe der Kaiſer! es lebe Fried⸗ rich Il begleiteten dieſe Worte. Des Templers Stirne ward finſter wie Ge⸗ witternacht; aber ein flüchtiger Blick auf die Maſſen und eine Warnung Guerin's belehrten ihn, daß bei weitem die Ueberzahl der hier Anweſenden Deutſche ſeien. Er wagte daher, obgleich ſich eine ſtarke Anzahl Templer und Johanniter um ihren Groß⸗ meiſter geſchart, keine weiteren feindlichen Demon⸗. ſtrativnen, auch ermahnte ihn Guerin: die Maske nicht unbedacht und zu frühe abzuwerfen. Thomas von Montaigu begnügte ſich daher damit, daß er die Minoriten unter den Schutz ſeines Ordens ſtellte und ihnen(zum Scheine) laut verbot, auf den Kaiſer zu ſchimpfen. Dagegen wurde ihnen die Erlaubniß, ja die Aufforderung, ſich nur immerhin ihres Auftrages zu entledigen und zu ſprechen.. 79 Und das werden wir auch, ſo wahr Gott lebt! rief darauf hin der Minorit, deſſen Bluten unter⸗ deſſen geſtillt worden, und ſollten ſie uns mit ihren unflätigen Fäuſten den Hirnſchädel einſchlagen. Aber der Herr iſt mit den Seinen, das iſt ſo klar als wahr. Der große Stifter unſeres Ordens, der heilige Franz von Aſſiſi, der vierzig Tage hungerte, Eſſig in Wein verwandelte, Teufel austrieb, Todte er⸗ weckte und nun an Gottes Seite ſitzt, ſeine Jünger erwartend; der heilige Franz, für welchen die här⸗ teſten Steine, wenn er ſein heiliges Haupt darauf legte, weich wie Federn wurden, dem unſer ge⸗ benedeiter Erlöſer noch in der Stunde des Todes die fünf Wundmahle eindrückte; der heilige Franz predigte einſt nahe bei den Sümpfen Venedigs. Aber ſeine Worte überſchrien die unzähligen Rohr⸗ ſperlinge, die in dem Schilfe faßen, und keine Seele konnte ein Wort vor Singen und Schreien ver⸗ ſtehen. Da wandte ſich der heilige Mann zu den Vögeln und ſprach: Ihr Brüder und Schweſtern hört auf zu lärmen, bis wir Gott gelobt haben, und ſogleich ſchwiegen alle, bis der Heilige ſeine Predigt geendet hatte. Seht, ſo ergeht es auch euch. Und haltet ihr nicht jetzt eure ungewaſchenen Mäuler, ſo wird Gott eure Zungen und Gaumen vertrocknen laſſen, daß es heißt: dumm aber ſtumm! arm, daß ſich Gott erbarm. Hören ſollt ihr aber jetzt, was uns der hrilige Vater Gregor M aufgetragen hat, euch und aller Welt zu verkünden. ntulit mihi, quidquid contumeliae potuit!*) ruft die Kirche, darum auch trifft ihn mein Fluch! Wer geſündigt hat, der ſei cum poenitentia pec- catorum, das iſt: bußfertig! Aber der Kaiſer thut lieber buhlen als büßen, lieber rauben, als glauben, lieber verheeren, als ſich bekehren. Dieweilen er aber, ohne von dem Bann der Kirche befreit zu ſein, ohne die Erlaubniß des Stellvertreters Chriſti eingeholt zu haben, aus pu⸗ rem Eigendünkel und Uebermuthe den Kreuzzug ausgeführt, damit er die Welt täuſche und des heiligen Vaters ſpotte, dieweilen hat ſeine Heilig⸗ feit, ex olficio suo, kraft ſeines Amtes, den Bann nicht allein nicht von ſeinem Haupte genommen, ſondern den ungehorſamen Kaiſer neuerdings damit belegt. Auch ſpricht er alle Welt frei von dem Gehor⸗ ſam und dem Unterthaneneide gegen den kriegeri⸗ ſchen Hohenſtaufen. Erinnert jeden Chriſten, daß ſich auf„Heiden“ reimt„meiden“ und befiehlt, daß man den Gebann⸗ 6 Alle möglichen Beſchimpfungen erwies er mir. 81 ten nicht ſoll in ſeinen Unternehmungen unter⸗ ſtützen, da Ketzerwerke der Kirche nichts frommen noch nützen! Alſo verlaßt euren Friedrich, denn er iſt ein Wüthrich und ein vermaledeiter Ketzer. Die Ketzerei aber iſt wie die Krätze, ſie ſteckt an, und auf an reimt der Bann! Der Minorit hätte ſeine ſalbungsreiche Rede wol noch lange fortgeſetzt und den ganzen Schatz ſeiner Rhetorik und Poetik erſchöpft, wäre nicht den guten Deutſchen die Geduld ausgegangen. Des Gebotes des Großmeiſters ungeachtet, ſtürmten ſie mit Gewalt auf die beiden Mönche ein, die ſicher als Opfer ihres Fanatismus geblieben wären, hätten nicht die Templer und Johanniter auf ein Zeichen ihrer Obern die Schwerter gezogen und die Franziskaner in ihre Mitte genommen. Aber den Ordensrittern ſchloßen ſich auch noch die mei⸗ ſten anweſenden Italiener an, ſo daß man die Boten Roms unter ſtarkem Geleite in Sicherheit bringen konnte. Als dies geſchehen, legte ſich der Tumult mehr und mehr, ließ jedoch in allen Ge⸗ müthern eine große Aufregung, in ſehr vielen ein unheilkündes Schwanken zurück. Als ſich die beiden Großmeiſter wieder unbe⸗ merkt wußten, ſahen ſie ſich unwillkürlich gegenſeitig mit triumphirenden Blicken an, als wollten ſie 4** ſagen: der Himmel ſelbſt ſegnet unſer teufliſches Complot. Darauf reichte Thomas von Montaigu dem Freunde die Hand, ſchüttelte ſie derb und freu⸗ dig und rief: Das kommt, wie gerufen! Ja wahrhaftig! entgegnete Guerin erſtaunt und zugleich erleichtert. Aber das muß man auch Rom laſſen, die Conſequenz und Energie ſeiner Politik übertrifft Alles. Jetzt raſch in die Verſammlung! fiel der Temp⸗ ler ein, des Schwankens ſind wir quitt. Die Macht des Kaiſers iſt gebrochen und unverrichteter Dinge muß er heimkehren. Es iſt ein Meiſterſtreich Gregors. Und ſollte allenfalls Friedrich doch ſo kühn ſein, etwas unternehmen zu wollen, ſo ver⸗ dient der Dienſt, den uns der heilige Vater ge⸗ leiſtet, einen Gegendienſt. Wie ſo? frug Guerin. Wie ſo? wiederholte der Templer mit ſatani⸗ ſchem Lächeln. Nun, hat er uns von einem Uebel befreit, befreien wir ihn von einem andern. Gott gebe, daß dies nicht nöthig wird! liſpelte der Johamiter und Beide ſtanden an dem Ein⸗ gange des großen Zeltes, in welches Kaiſer Fried⸗ rich II die Fürſten und Großen zu einer gemein⸗ ſamen Berathung beſchieden hatte. 6. Des Narren Rath. Da weinten ſie vor großer Luſt, 0 Und ich vor Kummer ſang, Daß ſolch ein König ſpielen mußt Mit Narren lebelang. Shakesprare. Die Verſammlung war eine ſehr ſtürmiſche ge⸗ weſen. Der Kaiſer hatte von ſämmtlichen Kreuz⸗ fahrern, den Chriſten Paläſtinas und den geiſtlichen Ritterorden verlangt, daß ſie ſich unbedingt unter ſeinen Befehl ſtellen ſollten, und er konnte dies, als römiſch-deutſcher Kaiſer und König von Jeruſalem, mit vollem Rechte. Nur auf ſolche Weiſe und durch die größte Einigkeit konnte ja das gelobte Land der bei wei⸗ tem überlegenen Macht der Türken entriſſen wer⸗ den. Dies ſah denn auch wol Jeder klar ein; allein die Intereſſen der verſchiedenen Machthaber, die zwar Alle unter kaiſerlicher Oberhoheit ſtanden, aber dennoch zum Theile faſt ganz unabhängig 84 waren, wie z. B. die Ritterorden, ließen ſich nicht vereinigen, namentlich da man dies nicht wollte. Außerdem trat die Verſammlung ſchon unter ſehr ungünſtigen Umſtänden zuſammen, da die Nachricht: Papſt Gregor habe Friedrich wieder⸗ holt gebannt, alle Anweſende ſehr aufgeregt, er⸗ ſchreckt oder angefeuert hatte. Der Kaiſer, ſein Kanzler und die ganze kaiſer⸗ liche Partei waren, wie natürlich, über die Unge⸗ rechtigkeiten Roms in Wuth, und Hermann von Salza hatte undenkliche Mühe, den gereizten Herr⸗ ſcher nur einigermaßen zu beruhigen. Aber auch die Anſtrengungen dieſes gemäßig⸗ ten, von Allen als unparteiiſch geachteten Mannes, den kein irdiſcher Vortheil, ſondern einzig und allein die große Idee der Wiedereroberung des heiligen Landes begeiſterte, vermochten die ſo un⸗ umgänglich nöthige Einheit nicht herzuſtellen. Der Patriarch von Jeruſalem, die Orden der Johanniter und Templer, ja alle Völker, bis auf die Deutſchen, die Piſaner und Genueſer, fielen von dem Kaiſer ab und traten von jedem Unter⸗ nehmen deſſelben unter dem Vorwande zurück: ſie müßten Gott und der Kirche mehr gehorchen als dem Kaiſer. So waren denn die Vorkehrungen langer Jahre und die zu dem Kreuzzuge verwandten Millionen 85 für nichts verſchwendet und Jeruſalem ohne Ret⸗ tung für alle Zeiten der Chriſtenheit verloren. Die Verſammlung löſte ſich zum Entzücken Thomas' von Montaigu und Guerin's, ſowie ihres gemeinſamen Freundes, des Patriarchen, in einem leidenſchaftlichen, chriſtlichen Prieſtern und Heer⸗ führern ſehr unwürdigen Streite auf. Noch nie hatte Friedrichs Bruſt ein gerechterer Zorn durchtobt, als derjenige war, der nach jener unglücklichen Berathung in ihm kochte. Scheu und bebend wichen Alle dem ſonſt ſo freundlichen und gütigen Herrn aus, und nur Her⸗ mann von Salza, Petrus de Vineis und der Narr wagten es, ihm in ſein Zeit zu folgen; aber auch dieſe traten hier in ehrfurchtsvollem Schweigen zurück. Die ſtumme Scene gewährte einen eigenthüm⸗ lichen Anblick. Die hohe Geſtalt des Kaiſers, der mit ver⸗ ſchränkten Armen und großen Schritten haſtig auf und abging, und die ſtolze Verachtung und der Zorn, welche aus ſeinen Zügen ſprachen, aus ſeinen Au⸗ gen blitzten, kontraſtirten ſcharf mit ſeiner Umge⸗ bung; mit der gebrechlichen Figur und den finſteren Mienen des Kanzlers, der ernſten Ruhe des Deutſch⸗ meiſters und dem wahrhaft rührenden Ausdruck von Wehmuth, mit welchem der Rarr ſeinen ge— liebten Herrn anblickte. Nachdem der Kaiſer mehre Male die ganze Länge ſeines Zeltes auf und abgeſchritten, blieb er plötzlich vor Salza ſtehen und rief mit einem Tone, der einen tiefen Seelenſchmerz ausdrückte: Hermann! dieſe Welt iſt werth, daß ſie der Zorn Gottes zertrümmere; denn Edles, Großes und Erhabenes gedeiht nicht mehr auf ihr; dafür aber wuchern Dummheit, Verrath und Ungerechtig⸗ keit um ſo üppiger. Iſt dies Betragen Gregors nicht empörend? Sein Fluch traf Uns, weil Wir den Kreuzzug nicht unternommen, ſein Fluch trifft Uns abermals, weil Wir ihn unternommen. Sire! entgegnete der Hochmeiſter ernſt und ruhig. Die ſtrengſte Unparteilichkeit kann hierin den Papſt nur tadeln. Es ſchmerzt mich, daß ſich Rom durch Leidenſchaftlichkeit eine ſolche Blöße gibt, und kränkt mich tief, daß der heilige Vater nicht nur Euch, ſeinen treuen Diener, verkannt, ſondern mit eigner Hand das Werk zerſtört, an dem er ſein ganzes Leben, ja ſchon als Kardinal Hugolinus ſo eifrig gebaut. Mag er ſein Werk zerſtören, fiel gereizt der Kanzler ein, das unſere wird er nicht erſchüttern, oder ich müßte meinen großen Kaiſer, den Enkel Barbaroſſa's, nicht kennen. Du haſt recht, Petrus! rief Friedrich heftig, aus tiefen Gedanken auffahrend, Wir wollen ihm —— 87 zeigen, daß Wir der Kaiſer und ein Hohenſtaufe ſind und ſeinen Bann verlachen. Zeit, Koſten und Anſtrengungen für dieſen Kreuzzug ſollen nicht um⸗ ſonſt aufgewandt worden ſein. Und iſt der Stell⸗ vertreter Chriſti unchriſtlich genug, ſeinem perſön⸗ lichen Haſſe das unglückliche Paläſtina zu opfern; will er lieber Jeruſalem in den Händen der Un⸗ gläubigen und die armen Chriſten unter dem grauenhaften Drucke der Türken, als Uns ſiegreich ſehen, ſo wollen Wir beweiſen, daß Wir chriſtlicher und königlicher denken, und ſchwören vor Gott: dies Reich nicht zu verlaſſen, bis Wir ſeine Krone auf Unſerem Haupte tragen! Sire! entgegnete nach einer kleinen Pauſe Salza, Vergebung Eurem treuen Diener, wenn er — wie immer— unparteüſch die Wahrheit ſagt. Ihr laßt Euch von einem gerechten Unwillen zum ungerechten Zorne hinreißen. Nicht perſönlicher Haß wird Gregor leiten; aber ihm däuchten die wenigen Schiffe, die geringe Heeresmacht, die Ihr herüberführtet, vielleicht zu unbedeutend für das große Unternehmen. Alter, Sire, iſt argwöhniſch, und ſo zweifelt der achtzigjährige Mann wol an der Wirklichkeit Eures guten Willens. Wie kann er aber verdammen, ehe er weiß, was geſchehen? Nein, nein! Hermann, Wir kennen den römiſchen Hof beſſer als du. Hier gilt es ei⸗ nen Kampf auf Tod und Leben, um Kaiſer und Papſtthum. Schon ging Gregor zu weit, er kann nicht mehr zurück, die Würfel ſind gjulet Jetzt heißt es hier raſch gehandelt, damit Wir Unſere Erbländer dem Feinde nicht bloßſtellen. Morgen brechen Wir nach Joppe auf! Das iſt ein kaiſerlicher Entſchluß! rief hier ſtrahlend der Kanzler. Hurrah! lachte der Narr und ſchüttelte ſeinen Stab, daß es laut klingelte, da werd' ich meine Truppen auch müſſen marſchiren laſſen. So? ſagte der Kaiſer, und ein bittres Lächeln zuckte um ſeinen Mund, du biſt auch hier, Burſche. Ja, Gevatter, entgegnete David ernſt, in ei⸗ ner ſo klugen Rathsverſammlung darf ich nicht fehlen. Gut! unterbrach ihn Friedrich. Mache es aber wie ſo manche kluge Leute, ſchweige und nicke Uns nur deinen Beifall zu. Mit nichten, Gevatter Kaiſer! ſagte Feder⸗ buſch. Hier iſt mein Feldherrnſtab und du wirſt meiner wahrlich ſehr bedürfen, denn ich verwette meine Schellenkappe außer mir werden dir verdammt Wenige folgen. Der Narr hat nicht unrecht, Sire, fiel Salza ein. Ihr vergeßt, daß Ihr gebannt ſeid. Aber Kaiſer bin ich noch! rief Friedrich ſtolz. 33 89 Gevatter! Gevatter! ich merke, es ſind nur zwei Kluge im Rath, rief David. Bedenke, daß die Spitze deines Scepters abgebrochen iſt. Mein Narrenſtab iſt jetzt mehr werth! Des Kaiſers Stirne ward neuerdings finſter. Mein großer Kaiſer, fiel hier Petrus de Vineis eifrig ein, die Deutſchen, die Piſaner und Genueſen ſind Euch treu, auch werden die meiſten paläſtini⸗ ſchen Chriſten folgen.... Glaubt es nicht, unterbrach Salza den Kanzler, der Bann iſt ein imponirendes Schreckmittel für die Menge. Und außerdem wären die Streitkräfte doch noch zu gering, um ſie der Macht des Sul⸗ tans entgegenſtellen zu können. Hm! meinte Federbuſch, ich weiß ein Mittel, das uns Allen hilft. Ich auch, ſagte der Kanzler aufgebracht, man vernichtet die geiſtlichen Orden ſchlägt damit allen Zwieſpalt nieder und der Kirche eine empfind⸗ liche Wunde. Pſt! drohte David, die Kirche iſt einem Wein⸗ ſtocke gleich, der vom Schneiden und Hauen nur fruchtbarer wird. Nein! ich weiß ein beſſeres Aus⸗ kunftsmittel. Gevatter! ernenne mich zum Feld⸗ hauptmann, ſo erheb' ich dich zu meinem Narren. Dann befehle ich, der Ungebannte, im Namen und von Gottes Gnaden. Du, der Ketzer, 90 ziehſt als mein luſtiger Rath mit, und machſt's mit mir, wie ſo mancher Diener mit ſeinem Herrn, du gibſt mir im Geheimen guten Rath, den ich dann offen der Welt als meinen Verſtand zeige. Unverſchämter! rief empört der Kanzler. Aber der Kaiſer, der lange ſchweigend geſeſſen, war auf⸗ geſprungen, ging freudig auf David zu und rief: Mein Junge! Wären Wir nicht der Kaiſer, Wir umarmten Dich. Aber da dies Unſer getreuer Kanzler übel nehmen und für unſchicklich erklären würde, begnügen Wir uns dir zu ſagen; daß Wir dich aus vollem Herzen lieben und ſchätzen, und Uns däucht, das gilt dir mehr als eine zier⸗ liche Umarmung. Und ſich zu dem Großmeiſter wendend, fuhr der Monarch fort: So ſei es! Schämen Wir uns nicht, den Wink Unſers luſtigen Rathes zu benutzen. Wir laſſen Unſre Befehle im Namen Gottes und der a Chriſtenheit bekannt machen, übergeben dir, Her⸗ mann, den Befehl über die Deutſchen und Lombar⸗ den, Richard Filangieri und Otto von Montbeillard aber die Mannſchaft aus Syrien und Cypern. Wir ſelbſt folgen im einfachen Pilgerkleide und wollen ſehen, wer es alsdann noch wagt, ſich von dem großen Unternehmen auszuſchließen. Gelobt ſei Gott! rief Hermann von Salza hei⸗ ter, Jeruſalem, unſere leidenden Brüder und die 91 Ehre der Chriſtenheit ſind nicht verloren! Der Himmel möge Eure Majeſtät für die Demuth lohnen, die dieſem Entſchluſſe zum Grunde liegt, und Jeruſalems Krone bald auf Euer kaiſerliches Haupt ſetzen. Und der Kaiſer hatte nicht umſonſt gehofft. Die beſſeren Führer traten mit Freuden dem Vor⸗ haben bei und ſelbſt der Patriarch von Jeruſalem, ſowie die Templer und Johanniter mußten nun, ſo ungern ſie es thaten, gehorchen, indem ihre Pflicht, die Ehre und die Stimme des Volkes ihnen keine Wahl ließen. So rückte denn das chriſtliche Heer, aus zehn tauſend Fußgängern und achthundert Rittern be⸗ ſtehend, bald in Joppe ein und befeſtigte ſofort dieſen Ort. Malek⸗al⸗Kamel ſtand, nur eine Tagreiſe nach Süd⸗Oſten entfernt, bei Gazara; Naſt David nordöſtlich bei Neapolis. 5 Da aber von allen drei Heeren keines dem andern ſo überlegen war, daß es mit Gewißheit auf einen entſcheidenden Sieg rechnen konnte, ſo beſchränkten ſie ſich ſämmtlich vor der Hand auf gegenſeitige Beobachtung. Niemanden kam dieſer Quaſi⸗Waffenſtillſtand willkommener als dem Kaiſer, der nur zu gut die Schwäche ſeiner Armee kannte und wohl wußte, 92 daß er im Fall der Noth nur wenig auf die Hülfe der geiſtlichen Orden und ſo mancher Führer zählen dürfe. In dieſer mislichen Lage war Friedrich klug genug, einzuſehen, daß er aus Unterhandlungen größere Vortheile ziehen könne, als aus gewagten Unternehmungen mit den Waffen in der Hand. Er knüpfte daher ſogleich diplomatiſche Verbindungen mit den beiden Sultanen an. Malek⸗al⸗Kamel war nicht nur der mäch⸗ tigſte unter den heidniſchen Fürſten, ſondern auch ein ſo kluger als rechtlicher Mann, der den Kaiſer perſönlich hochſchätzte. An dieſen wandte ſich daher Friedrich, eingedenk ihrer früheren Verhältniſſe, zu meiſt. Eine prächtige Geſandtſchaft ging an Kamel mit dem Auftrage ab, ihm zu erklären: daß Fried⸗ rich keineswegs aus Länderſucht nach Aſien gekom⸗ men ſei, ſondern einzig um ſein Gelübde zu löſen, die heiligen Orte zu beſuchen und die Anſprüche ſeines Sohnes*) zu vertheidigen. Wenn der Sul⸗ tan dieſe anerkenne, wolle er ſein treuer Freund ſein und zeitlebens bleiben. Dieſen Worten Nachdruck zu verſchaffen, über⸗ brachten die Geſandten Malek⸗al⸗Kamel eine Maſſe koſtbarer Geſchenke. *) Kontad 1IV, Sohn Folantens von Jeruſalem. Aber auch der Türke verkannte ſeine misliche Lage nicht, und was hatte er außerdem auf lange Zeit von Europa zu befürchten, wenn er den Kaiſer zufrieden geſtellt und dieſer erſt ſeine Staaten ver⸗ laſſen? Schon hatte er Friedrich als Gegenge⸗ ſchenke Kameele, Giraffen, Elephanten und andere im Abendlande unbekannte Thiere überſandt, ſchon ſtand er im Begriffe einen für die Chriſten höchſt günſtigen Frieden abzuſchließen, als er durch die Tempelherren über die Spaltungen unterrichtet wurde, welche in Friedrichs Heer herrſchten und deſſen Kraft faſt gänzlich lähmten. Dieſe Nachricht machte ſogleich den Sultan ſchwierig und die Unterhandlungen zogen ſich in die Länge. Unterdeſſen leitete der Kaiſer das Kreuzheer noch immer durch die zweite Hand und gewann ſich, um dieſer Selbſtbeherrſchung willen, viele neue Freunde. Damit er aber auch dem Volke zeige, daß es ihm an echt chriſtlichen Geſinnungen nicht gebreche, entſchloß er ſich, eine Wallfahrt an jene Stelle des Jordans zu unternehmen, an welcher einſt Jeſu die Taufe empfangen. Die Nachricht von dieſem frommen Unterneh⸗ men verbreitete ſich ſchnell in dem ganzen Lager 94 und traf wie ein Donnerſchlag in das Ohr Tho⸗ mas' von Montaigu. Der Großmeiſter der Templer berief in Folge dieſer Nachricht ſogleich die ihm Geneigteſten ſeines Ordens, den Patriarchen von Jeruſalem und Gue⸗ rin de Montaigu zu einer geheimen Berathung zu ſich. Bevor aber noch die Geladenen eintreffen konnten, ereignete ſich in dem Tempelhauſe zu Joppe nachfolgende wichtige Begebenheit. 7. Die Verſchwörung. Verrina. Höre, aber erwidere nichts. Nichts, junger Menſch!— Hörſt du?— Kein Wort ſollſt du darauf ſagen— Fiesco muß ſterben! Bourgognino(beſtürzt). Sterben! Fiesco?! Verrina. Sterben! Schiller. Der Orden der Tempelherren, einer jener drei großen Ritterorden, welche religiöſe Schwärmerei und ritterliche Thatkraft in den bewegten Zeiten der Kreuzzüge hervorgerufen, hatte zur Zeit Fried⸗ richs Il ſeine höchſte Blüte erreicht. Zwar lagen auch ihm die drei bekannten Mönchsgelübde: Armuth, Keuſchheit und Gehorſam zum Grunde, aber es ging bei den Templern wie bei allen ähnlichen Aſſociationen; jene Gelübde wurden nur ſo lange gehalten, als frommer Sinn die Glieder des Ordens für ſein hohes Ziel begei⸗ ſterte, und verachtet, ſobald Reichthum und Macht Eigenthum und Zweck des Ordens ward. Die Päpſte hatten nämlich bald eingeſehen, welche mächtige Stütze der Hierarchie in jenen mönchiſch⸗ritterlichen Verbindungen erwüchſe, und beeilten ſich daher, dieſe Inſtitute durch Freiheiten und Schenkungen zu begünſtigen. Die Laien ahm⸗ ten im frommen Wahne der Mutter Kirche nach und ſo kam es, daß der Großmeiſter der Tempel⸗ herren, als das Oberhaupt des Ordens, bald un⸗ abhängig von jeder geiſtlichen und weltlichen Herr⸗ ſchaft daſtand und, ſelbſt gefürſtet, den König von Jeruſalem nur als Schirmherrn, den Papſt als alleinigen höchſten Richter anerkannte. Außerdem zählte der Orden ſchon damals nahe an neuntauſend wichtige Beſitzungen und bildete in ſeinen Comthuren, Großprioren, Prioren, Marſchällen und Rittern eine ehrfurchtgebietende Macht. Aber gerade in dieſer ſelbſtſtändigen Macht⸗ vollkommenheit lag der Hauptkeim des Verderbens. Denn da den Großmeiſtern abſolute und monarchi⸗ ſche Gewalt zuſtand, wurde der Orden nothwendig zu einem Spielwerke ihrer Leidenſchaften herabge⸗ würdigt. Reichthum untergrub die Sittlichkeit und ſchon im Anfange des dreizehnten Jahrhunderts charakteriſirte Herrſchſucht, Stolz, Ueppigkeit und Habgierde nicht allein die Großmeiſter, ſondern auch das Streben des ganzen Ordens. 4 97 Entſchiedner denn je traten aber dieſe Mängel in dem leidenſchaftlichen Thomas von Montaigu hervor, der, nichts heilig erachtend, nur ſeiner Sinnlichkeit und ſeinem Stolze auf das ungebun⸗ denſte leben wollte. Die Grauſamkeiten, die er bereits begangen, die Räubereien, die er ſich zu Schulden hatte kom⸗ men laſſen, die Eingriffe, die er mit frecher Hand in die Rechte des Königs von Jeruſalem gethan, alles Dies waren Dinge, welche ihn in den Augen des als gerecht, aber auch als auf ſeinen Rech⸗ ten beſtehenden Kaiſers herabſetzten, ja ſtraf⸗ bar machten. Thomas von Montaigu kannte aber nicht nur Friedrichs Willenskraft und Strenge, ſondern auch die Anſichten, welche jener von Kaiſer- und König⸗ thum hatte, und mußte demnach fürchten, daß er, wenn er erſt feſten Fuß gefaßt, darnach trachten würde, auch ihn und ſeinen Orden unter ſeine Ober⸗ herrſchaft zu ſtellen. Der ſtolze Montaigu bot daher bekannter Weiſe Alles auf, den Kaiſer in ſeinen Erfolgen zu hin⸗ dern; ja er haßte und fürchtete denſelben ſo ſehr, daß ihn Friedrichs Tod willkommen geweſen wäre. Mit dieſen finſtern Ideen ſich herumtragend vergaß der Großmeiſter keineswegs, auch jetzt der Ueppigkeit zu pflegen und ſeinen Leidenſchaften. . 5 blicke das Spiel einer glühenden Liebe zu jener ſchönen Heidin, wenn man anders ſeinem ſinnlichen, unlautern Verlangen dieſen heiligen Namen bei⸗ legen darf. Aber ſo wenig Montaigu an Widerſtand ge⸗ wöhnt war, auf einen ſo entſchiedenen traf er hier. Hatte er erſt mit Schlauheit zu Joppe ver⸗ ſucht, das Mädchen durch Zuvorkommenheit, durch die Fülle einer vrientaliſchen Pracht, die er um ſie ausgoß, zu gewinnen, war ihm dies eben ſo we⸗ nig gelungen, als er ſie zu Akkon mit Drohungen hatte erſchrecken können. Der ſtolze Großmeiſter, der ſich weigerte ſein gefürſtetes Haupt vor dem römiſch⸗deutſchen Kaiſer zu beugen, verſchmähte es nicht um die Gunſt einer gefangenen Mahomedanerin gleich einem Trouba⸗ dour zu flehen. Als Eudoria ſeinen Bitten und Verſprechungen aber ſtets den gleichen Stolz, die gleich vffene Verachtung entgegenſetzte, brach ihm endlich die Geduld und ſeine Liebe fing an ſich in bittern Haß zu verwandlen. Zweimal ſchon war er geſonnen geweſen, die Beleidigung an dem Heidenkinde zu rächen, zwei⸗ mal hatte ihn ein Blick auf ihre Reize, ein Stral der Hoffnung davon zurückgehalten. Aber heute fühlte er ſich ſtark genug, der unwürdigen Schwäche zu ſchmeicheln, und war vorzüglich in dieſem Augen⸗ 99 zu widerſtehen. Hatte ihn doch ohnedies heute die Nachricht von Friedrichs Vorhaben(in dem er nur ein Gaukelſpiel ſah, die gute Meinung der Menge zu gewinnen) in Zorn geſetzt. Umkreiſten ihn doch die Eumeniden mit wildem Rachegeſchrei; ſchürte Megära doch ſeine Wuth gegen den Kaiſer und füllte ſein Herz mit Mordluſt und blutigen Todes⸗ gedanken. Seine verderbte moraliſche Natur war zu ſchwach den Jähzorn zu bemeiſtern, der ihn ſchon bei dem bloßen Gedanken an Friedrichs Streben und Eudoria's Zurückweiſung ergriff. Ein uner⸗ träglicher Durſt nach Rache quälte ihn, ein Durſt zu deſſen Stillung die Liebe zu matt war. Blut mußte er ſehen, ſeinen Haß zu kühlen, Blut oder Thränen. Er fühlte, daß der Moment gekommen ſei, der zwiſchen ihm und der Ungläubigen entſcheiden müſſe. Er ſchämte ſich der Schwäche, der Nachgiebigkeit gegen ſie, und ſchwur, dem unwürdigen Handel auf einmal ein Ende zu machen, zu genießen— oder die Spröde zu verderben. Mit dieſem Vorſatze begab er ſich raſchen Schrittes nach den Gemächern, die man Eudoria angewieſen. Zwei herkuliſche Geſtalten mit wilden Geſichtern und groben Zügen, aus welchen eine unmenſchliche Rohheit hervorblickte, begleiteten ihn. 5 X Ihr kurz geſchnittenes Haar, ihre rothen Mützen, ihre ſcharlachfarbigen Jacken, von manchem Blut⸗ fleck beſpritzt, kündeten ſie als des Ordens Folter⸗ knechte an. Als Montaigu eingetreten war, wies er mit gebietender Miene die Alte, welche Eudoria's Be⸗ dienung beſorgt, aus dem Gemache, und deutete ſeinen ſchrecklichen Begleitern an, vor deſſen Thüre zu verharren, bis er ſie rufe. Die Unglückliche empfing ihren Peiniger mit er unerſchütterlichen Ruhe, mit jenem herviſchen Stolze, der ihn bisher von jedem frevelhaften Un⸗ ternehmen zurückgehalten, faſt eingeſchüchtert, eben darum aber auch in aufgeregten Momenten em⸗ pört hatte. In der That leuchtete aber auch eine wahr⸗ haft königliche Hoheit von dieſer reinen, hohen, lilienweißen Stirn, ſowie der Feuerblick ihrer ſchwarzen Augen imponirte und die leiſeſte Kühn⸗ heit gebieteriſch in die Schranken der Ehrfurcht zurückwies. Die fein geſchnittenen Züge waren von einer ſeltenen aber eigenthümlichen Schönheit; da ſie eine Combination, ein harmoniſches Zuſam⸗ mentreten der entgegengeſetzteſten Reize darboten, indem lange, dichte Augenwimpern, die ſich in zauberiſcher Nacht über die flammenden Sterne ſenk⸗ ten, und ein ſüßer, zum Küſſen geformter Mund, — 101 den höchſten Stolz mit der holdeſten Lieblichkeit verſchmolzen. Der zartgebaute Körper zeigte die ſchönſten Proportionen und nie hatte noch ein klei⸗ nerer Fuß ein ſchlankeres Kind getragen. Montaigu, ſo finſter ſeine Seele geſtimmt war, ſo ſehr ihn die Furien der Hölle in Geſtalt thieri⸗ ſcher Leidenſchaft beherrſchten, ſo ſehr ſein Herz nach Blut lechzte und ſich ſehnte nach dem Anblickmenſch⸗ licher Qualen— Montaigu ſelbſt traf die liebliche Erſcheinung wie ein Geſicht des Himmels. Er bebte, ſeine Nerven fibrirten und ſeine Blicke ver⸗ ſchlangen gierig die Fülle der Reize. Und wie lieblich wurden dieſe noch durch den blendend weißen Anzug! Unter dem ſchneeweißen Turbane drängten ſich die ſchwarzen Zöpfe hie und da hervor, von milchweißen Perlen durchſchlungen. Das kurze Unterkleid und die nied⸗ lichen Schuhe waren von köſtlichem Atlas, Ueber⸗ wurf, Schleier und Beinkleider von lichtem weißen Zeuge. Wahrhaftig! es gehörte ein wildes und rohes Gemüth dazu, dies liebliche Weſen kränken, es mit unreinen Gelüſten anblicken zu können. Aber ſo ſehr hatte der Ingrimm in des Templers Bruſt überhandgenommen, daß er bei Eudoria's Anblick faſt mehr verlangte ihren ſchönen Körper unter Qualen zucken, als ſie in ſeinen Armen erröthen zu 102 ſehen. Grauſamkeit iſt die Wolluſt der Hölle und nach ihr verlangte mit diaboliſcher Gier der Groß⸗ meiſter. Der Augenblick der Entſcheidung iſt gekom⸗ men! ſagte er daher feſt, als er das Opfer, wel⸗ ches auf eine oder die andere Art ihm werden mußte, einige Minuten triumphirend betrachtet. Meine Langmuth iſt zu Ende. Wähle nun, un⸗ gläubige Seele, zwiſchen Liebe und einem grau⸗ ſamen Tode. Eudoria, die ſich bei dem Eintritte Thoma's von Montaigu ſtolz erhoben, warf demſelben ei⸗ nen kalten, verachtenden Blick zu; dann ſagte ſie gelaſſen: Der Löwe in der Wüſte iſt menſchlicher als du es biſt, Chriſt. Er ſpielt nicht mit dem Opfer, das für ſeine Blutgier beſtimmt, er zerreißt es. Wie oft ſoll ich dir noch ſagen, daß mir der fürchterlichſte Tod willkommner iſt, als deine verachtete Liebe? Montaigu knirſchte mit den Zähnen. Du verläßt dich auf deine Schönheit! rief er drohend aus. Aber du täuſcheſt dich, wenn du glaubſt, ich wäre ſo ſchwach wie ein verliebter Thor. Wiſſe, daß ich mich meiner Nachgiebigkeit gegen dich ſchäme und bei dem Gott der Chriſten, dem einzig wahren, ſchwöre: biſt du nicht auf der Stelle mein und ſchwörſt deinem Hund von Pro⸗ 103 pheten ab, laß ich dich unter den Martern der Folter deine verdammte Seele aushauchen. Chriſtus, den ihr zum Gott gemacht, erwiderte ruhig die junge Mahomedanerin, war ein ſanfter Prophet. Seine Worte waren Liebe, warum ünd ſind die euren Haß? Daß ich mit einer ungläubigen Seele detheh ſtritte! entgegnete finſter der Großmeiſtet. Das Verdienſt eines chriſtlichen Ritters wächſt mit der Maſſe Heidenblut, die er vergoſſen. Zum letzten Malet entſcheide dich. Eudvria ſchwieg einen Augenblick. Laß mich zurück in das Lager der Meinen kehren! ſagte ſie alsdann ſanfter wie bisher, und Allah und ſein Prophet werden dir den Mord meines Vaters und meines Bruders vergeben. Die ſind längſt zum Teufel gefahren, lachte der Ritter wild und roh, und haben dir dort Quar⸗ tier gemacht. Glaube aber nicht, daß ich ſo wahn⸗ ſinnig wäre, die Wolluſt, die mir deine Liebe oder dein Tod verſchafft, für die Grille ſogenannter Großmuth zu verſcherzen. Du liebſt mich— oder ſtirbſt! Eudoria ſah bei dieſen Worten die finſtere Geſtalt Montaigu's fragend an, als zweifle ſie, daß ſolche Unmenſchlichkeit in einem Menſchenherzen wohnen könne. Als aber der Ritter auf ſeinem Schwur beharrte, antwortete ſie mit einer unerwar⸗ teten Feſtigkeit in Ton und 3 ſterbe! Da gab der Großmeiſter der Templer ein Zeichen und die Folterknechte traten ein. Eudoria zuckte bei dem Anblick der rohen Ge⸗ ſichter, die mit hölliſcher Freude nach ihrem zarten V blickten, zuſammen. Cyriſt! ſagte ſie ſodann zu Montaigu gewandt, 8 mit Behagen den Eindruck bemerkte, welchen die Henkersknechte auf das Mädchen gemacht. Chriſt! ſagte ſie, wenn dein Herz nicht Stein und dein Ge⸗ wiſſen Erz iſt, ſo gib mir einen Dolch, daß ich mir den Tod mit eignen Händen gebe. Ha! lachte der Templer wild, kriechſt du zu Kreuz? fürchteſt du den Tod? Wolan! noch iſt es Zeit, willſt du.. Zertreten kannſt du mich, unterbrach ihn heftig die Türkin, aber verachten ſollſt du mich nicht. Nicht den Tod fürcht' ich, aber deine Mordgeſellen. Beruhige dich mein Liebchen! entgegnete mit beißendem Spott der Ritter, ich ſelbſt werde dich zum luſtigen Tanze begleiten, mich an deinen Qua⸗ len zu laben. Folgt mir! rief er dann mit Donnerſtimme den Knechten zu, und bringt die Ungläubige zur Folterkammer. 105 Hiermit ſchritt Montaigu voraus und die bei⸗ den ungeſchlachten Burſche faßten die zarte Geſtalt des Mädchens plump bei den Armen. Eudoria hatte Mühe ſich aufrecht zu erhalten. Die Sinne ſchwanden ihr, die Kniee brachen zu⸗ ſammen, und ſie würde bewutßlos auf den Boden geſunken ſein, wenn ſie nicht die Folterknechte kräf⸗ tig unterſtützt hätten Aber dieſe Schwäche währte kaum zwei Mi⸗ nuten, dann kehrten der Unglücklichen die Kräfte zurück. Sie vermochte ihren Peinigern zu folgen und betrat feſten Schrittes die ſchreckliche Kammer. Es war dies ein kleines kerkerartiges Gewölbe. Die feuchten, ſchwarzen Steinwände, mit Marter⸗ werkzeugen geziert, trugen eine in Spitzbogen ge⸗ wölbte Decke, in deren Mitte ein mächtiger Eiſen⸗ ring angebracht war. Tageslicht und friſche Luft, dieſer Mördergrube fremd, fanden keinen Eingang, da man mit Vorſicht jede Oeffnung nach Außen vermieden hatte, um das Jammergeſchrei der un⸗ glücklichen Opfer in dem engen Raume zu erſticken. Vier brennende Holzſpäne oder Fackeln, in Ringen an den Wänden aufgeſteckt, warfen ihren rothen Schein über die Gegenſtände und zeigten eine Menge Folterinſtrumente. Leitern, Räder, Ketten, Meſſer aller Art, eiſerne Zangen, Daumenſchrau⸗ ben, Hämmer, Nägel und Keulen, ja complicirte 5* 106 Maſchinen; denn der barbariſche Geiſt jener finſte⸗ ren Jahrhunderte hatte ein wahres Studium aus dem Aufſuchen und Erfinden ſinnreicher Marter⸗ werkzeuge gemacht. In einer der Ecken des Ge⸗ wölbes praſſelte eine mächtige Kohlenglut, in die bereits eiſerne Zangen eingelegt waren. Eudoria überflog mit Entſetzen die fürchter⸗ lichen Geräthſchaften. Ihr zarter Körper erbebte in allen ſeinen Fibern, ihr Blut ſchien zu erſtarren, der Athem ſtockte und Todenbläße überflog die hol⸗ den Züge. Aber wunderbar! dieſen Zeichen des Schreckens, menſchlicher Schwäche, widerſprachen die ſtralen⸗ den Blicke ihrer ſeelenvollen Augen, aus welchen Begeiſterung, ja ein freudiger Muth leuchtete. Hatte ſich das Mädchen doch nun überzeugt, daß es der Tod, wenn auch ein qualvoller, von den Zudringlichkeiten des verhaßten Templers befreien, daß es für ſeinen Glauben, für ſeine Tugend ſterben werde. Dies Bewußtſein aber, mit aller Energie ihres Geiſtes erfaßt, erhob Eudoria's Seele hoch über die Schranken der Alltäglichkeit. Ihre rege Einbildungskraft malte ihr in den glühend⸗ ſten Farben die Gärten des Paradieſes mit all' den Herrlichkeiten, welche Mahomeds ſieben Himmel den Gläubigen und Gerechten bieten. Durch die finſteren Hallen floß ſchon ihr Licht, ſchon umwehten 107 ſie die reinen Lüfte jener göttlich ſchönen Welt, ſchon grüßten ſie die Lieder der reizenden Houris. Es war, als ob ein höherer Geiſt über ſie ge⸗ kommen ſei und ſie erfaſſe und treibe. Es war ihr, als vb ihr Körper ein Nichts und Schmerzen Won⸗ nen wären. Montaigu ſelbſt erbebte vor dem Stral ihres Auges, aber wie konnte der Verworfene die reine Seele faſſen?— er hielt ihn für das Flammen eines verzweifelnden Haſſes. Auch ſein Seelenzuſtand war ein hochgeſteiger⸗ ter; denn der Schreckensort, an dem er ſchon ſo manche Schandthat verübt, berauſchte ſeine Phantaſie mit gräßlichen Bildern, und wie der Tiger, deſſen Zunge einmal Blut geleckt, mit gierigem Blick ſeine Beute nun zerreißt und ſich wollüſtig badet in dem warmen, rothen Blut, ſo zog er mit der einen Hand die ſchöne Heidin an ſich und rief, mit der anderen eine der glühenden Zangen empor⸗ haltend: Zum letzten Male! willſt du mein ſein, oder ſoll ich dein Fleiſch mit dieſem glühenden Eiſen zer⸗ reißen laſſen? Aber kaum hatte der Großmeiſter das Mäd⸗ chen berührt, als es deſſen athletiſche Geſtalt mit einer Kraft zurückſtieß, die man kaum in dem zarten Körper vermuthet hätte und, ſich in die Arme der 108 Henkersknechte werfend, dieſen zurief: nicht unter deinen, unter ihren Händen will ich ſterben! Montaigu war zähneknirſchend zurückgetau⸗ melt, aber ſich ſchnell wieder faſſend, donnerte er den Knechten zu: auf die Folter mit ihr! Da erfaßten Eudoria die mächtigen Hände des Einen bei den zarten Schultern und der Andere ergriff ein Meſſer, ihr die Gewänder unter dem Buſen zu löſen. Die Unglückliche ſchrie laut auf, aber in dem⸗ ſelben Augenblicke ertönte von außen ein Trompe⸗ tenſtoß. Montaigu gebot Halt, und deutlich ließen ſich Schritte vernehmen, die näher und näher kamen. Gleich darauf wurde an die verſchloſſene Eiſen⸗ thüre der Folterkammer geklopft und auf Montai⸗ gu's zornige Anfrage: was es gebe? antwortete die Stimme des Vertrauten: Se. Heiligkeit der Patriarch von Jeruſalem und der Großmeiſter der Johanniter ſind ſo eben angekommen und erwarten Euer Erſcheinen mit Ungeduld. Thomas von Montaigu gehorchte dem Rufe der Freunde in dieſem Augenblicke ſehr ungern; dennoch mußte er demſelben Folge leiſten, da erſie ja ſelbſt ſo dringend herbeſchieden und Dinge von der höchſten Wichtigkeit mit ihnen zu berathen hatte. 109 Noch zitterte der Großmeiſter, ſo hatte ihn die 4 Begierde, die Ungläubige martern zu ſehen, erregt. Mit Unwillen verzichtete er daher für den Augen⸗ blick auf den gehofften Genuß, gebot den Folter⸗ knechten ihm zu folgen, rief Eudoria finſter zu: daß er in einer Stunde wiederkehren würde und ſie dann, ſo wahr Gott lebe! ſeiner Rache nicht ent⸗ gehen ſolle, und verließ ſodann das Gewölbe, wel⸗ ches er mit eigenen Händen ſorgfältig hinter ſich verſchloß. Die Nacht war bereits angebrochen, als ſich die Genannten in einem düſteren Saale des Ordens⸗ hauſes verſammelten. Die ſchwere ſilberne Lampe, welche von der gewölbten Decke herabhing, erleuch⸗ tete nur matt den öden Raum, ſo daß die finſteren, bis unter die Zähne bewaffneten Geſtalten der Ritter, deren Mehrzahl noch der faltenreiche, weiße Ordensmantel umſchloß, in dem bleichen flackernden Scheine wahrhaft geſpenſterartig er⸗ ſchienen. Starr und ſchweigend, wie Steingebilde, ſaßen diejenigen Templer, welche der Großmeiſter zuge⸗ zogen, an den nördlichen und ſüdlichen Wänden des Saales, während die dämoniſche Geſtalt des Meiſters ſelbſt im Oſten auf einem durch mehre Stufen erhöhten Sitze Platz genommen. Zu ſeiner Rechten aber befand ſich der Patriarch von Jeru⸗ ſalem, zu ſeiner Linken Guerin de Montaigu. Guerin war dieſer Einladung nur ungern ge⸗ folgt, da er ihren Zweck ahnen konnte. Zwar war auch er, um ſeines Ordens willen, ein entſchiedener Feind des Kaiſers und hatte mit den Templern ein Schutz⸗ und Trutzbündniß gegen Friedrich ein⸗ gegangen; deſſenungeachtet aber trieb er, weniger leidenſchaftlich als Montaigu, die Abneigung gegen einen kräftigen Oberherrn nicht bis zum ſchwindeln⸗ den Gipfel eines tödtlichen und perſönlichen Haſſes. Er wünſchte Friedrich I aus Paläſtina entfernt zu ſehen; während Thomas von Montaigu darauf ausging, den Kaiſer ſelbſt zu vernichten. Aber noch Etwas machte dem Johanniter die Zuſammenkunft in dem Kapitelhauſe der Templer zuwider. Es war dies der Gedanke an die Ver⸗ brechen, welche man dem Orden Schuld gab, und die, wie man ſagte, in nächtlicher Stille, eben in jenen unterirdiſchen Sälen vollbracht würden, in deren einem man heute Rath zu halten ent⸗ ſchloſſen war. Trotzdem mußte der Großmeiſter der Johan⸗ niter— wollte er Montaigu nicht beleidigen, ihren gemeinſamen Bund trennen, ja ſeine eigene Stel⸗ lung gefährden— erſcheinen; konnte aber einen ge⸗ heimen Widerwillen, ſelbſt ein gewiſſes Grauſen nicht ganz unterdrücken, als er nun an der Seite ſeines mehr gefürchteten als befreundeten Bundes⸗ genoſſen ſaß. Unwillkürlich glitten die Augen des Johan⸗ niters dabei über Fußboden, Decke und Wände, neugierig, Spuren zu finden, die ihnen als eine Beſtätigung jener Anklagen hätten dienen können. Sie entdeckten aber nichts, als wunderliche Sym⸗ bole und Hieroglyphen, die, plump in Stein ge⸗ hauen, die Wände zierten und auf einen geheimen Cultus deuteten. Indeſſen gaben Eiſenringe und Haken, in die Säulen gekittet, und mehrere, jetzt ſorgſam ver⸗ ſchloſſene Seitenthüren, ſo wie namentlich ein aus Erz gegoſſenes Löwenhaupt, welches ſich ihm gerade gegenüber befand, ſeiner Phantaſie Stoff genug, ſich die wunderbarſten, ſeiner vorgefaßten Meinung entſprechenden Bilder zu entwerfen und auszuſpin⸗ nen. Kam es ihm doch ſogar manchmal im Laufe der Sitzung vor, als ob aus den tiefen Augenhöh⸗ len jenes Löwenhauptes dunkle Augenſterne in unſtetem Feuer blitzten. Thomas von Montaigu ließ jedoch dem Jo⸗ hanniter wenig Zeit zu ſolchen Beobachtungen; denn ſobald die Ritter ſämmtlich Platz genommen und ſich der Ceremonienmeiſter des Ordens über⸗ 112 zeugt, daß das Gemach geſchloſſen, hob der Groß⸗ meiſter alſo an: Hochwürdigſter Patriarch, hochwürdiger Bru⸗ der Großmeiſter und ihr, verſammelte Brüder, kennt genügend die traurige Lage, in welche der ketzeriſche Kaiſer nicht nur die katholiſche Kirche im Allgemeinen, ſondern auch namentlich die Kirche Paläſtinas und unſere heiligen Orden gebracht hat und immer mehr zu bringen ſucht. Friedrich allein will herrſchen, und die Kirche, die freien Ritterſchaften ſollen ſich in Demuth vor ihm beugen, in Abhängigkeit von ihm ſchmachten. Schon reicht ſein Arm von der Nordſee bis an Aſiens Küſten und iſt erſt Paläſtina ſein, werden Akkon, Tripolis, Bairut, Tunis u. ſ. w. ihm ihre Thore, ihre Hafen öffnen, hat er die Schlüſſel Arabiens und Perſiens in der Hand! Nit jenen Plätzen aber wächſt ſein Gewicht bei allen morgenländiſchen Fürſten, mit denen ſich der Ketzer nicht entblödet zu unterhandeln, um ei⸗ nen, unſeren Ordensgelübden ſchnurſtracks entge⸗ genlaufenden Frieden abzuſchließen. Wird ihm erſt der, ſind wir, iſt der heilige Vater ſelbſt ver⸗ loren; denn wer könnte alsdann noch ſeiner Macht widerſtehen? Jetzt noch in heuchleriſche Demuth ſchlau verhüllt, wird er von jenem Angenblicke an des Bannes ſpotten, Ungläubige in ſeinen Sold 113 aufnehmen und mit Hülfe der Heiden die Mutter Kirche ſtürzen. Ich weiß es, daß er mit Naſr David und mit Malek⸗al⸗Kamel unterhandelt; ja meine Wachſam⸗ keit allein vereitelte einen Frieden, den der Gebannte mit dem verruchten Mahomedaner ſchließen wollte. Aber was heute zerfiel, kann der Verräther an der Chriſtenheit, der Abtrünnige, den der Papſt und Gott verflucht, morgen wieder aufbauen. Darum verſammelte ich euch, ihr Ritter, die ihr einſt ewi⸗ gen Krieg wider die Feinde des Kreuzes geſchwo⸗ ren, und rufe euch im Namen des heiligen Vaters, der Chriſtenheit und eures Ordens zu: Zu mir! zu mir! des Löwen Brüllen ſchallt! Chriſtus iſt in Gefahr! Bei dieſem Nothrufe, den der Großmeiſter, beide Hände auf das Herz drückend, wild ausge⸗ ſtoßen, fuhren mit einem Male die Templer, die bisher wie Marmorbilder leblos dageſeſſen, in die Höhe und indem ſie die Worte: Des Löwen Brüllen ſchallt! Chriſtus iſt in Gefahr! laut donnernd wiederholten, funkelten auch ihre Schwerter wie tauſend Blitze durch die Däm⸗ merung. Der Patriarch und Guerin waren überraſcht emporgeſprungen, da ſie Verrath befürchtet. Tho⸗ mas von Montaigu aber, der Beiden gern dieſen 114 Beweis ſeiner Macht gegeben, that als ob er den Schreck der Freunde nicht bemerkt, und fuhr, zu ſei⸗ nen Rittern gewendet, alſo fort: „ Die Mutter Kirche hat gerufen und ihre Kin⸗ der ſind bereit! In ihrem Namen gebiete ich euch, ſchwört, wenn es ihr Wille iſt, den verruchten Sohn, den abtrünnigen Tyrannen Friedrich Il in Stücke zu hauen. Haltet ein, rief hier der Johanniter gereizt durch die unangenehme Ueberraſchung, die ihm Montaigu bereitet, um ihm, wie er überzeugt war, durch den Schreck, den er nothwendig empfinden mußte, angeſichts der Templer zu kränken. Kaiſer⸗ mord befiehlt die Kirche nicht! Wie? rief der Templer und ſeine Augen ſchoſſen dunkle Gluten auf Guerin, Ihr verthei⸗ digt den Wüthrich, der uns zu unterdrücken ſucht, der in den Engeweiden der Kirche mit Wolluſt wühlt, den ſelbſt der heilige Vater verſtoßen 2 Ich vertheidige den Kaiſer nicht! entgegnete Guerin, ich habe mich für meinen Orden mit Euch und dem Euren verbunden, ſeine Macht zu brechen und unſere Privilegien zu ſchützen, nicht aber den Geſalbten zu morden. Der Ausgeſtoßene iſt vogelfrei, und ein Ver⸗ dienſt, ja unſere Pflicht iſt es, die Kirche von ihren Feinden zu befreien. 115 Von ihren Feinden, ja! rief Guerin; aber ich glaube nicht, daß man den Kaiſer unter dieſe Höl⸗ lenbrut zählen darf. Friedrich iſt herrſchſüchtig, eigenſinnig, verirrt; aber ſicher kein Feind der Kirche. Ich kenne Euch nicht mehr, Herr Großmeiſter! rief empört der Templer. Muß ich Euch zurück⸗ rufen, daß Friedrich gebannt iſt? Gedenkt Ihr nicht mehr, was uns der heilige Vater durch die Mino⸗ riten verkünden ließ? Das Geſchwätz der Bettelmönche iſt nicht die Stimme des heiligen Vaters! eiferte Guerin, Gregor X iſt ein großer Mann, der, ſelbſt käm⸗ pfend, nie ſeine Würde vergeſſen wird. Jene aber drehen ſein Wort nach ihrem beſchränkten Geiſte. Wenn Gregor durch ſeinen Bann die Welt erſchüttert, bellen dieſe wie böſe Hunde den Mond an. Zur Sache! rief Thomas von Montaigu un⸗ geduldig. Geſtehen wir unumwunden, daß es uns wenigſtens eben ſo viel um unſern Orden zu thun iſt, als um die Unantaſtbarkeit der Kirche. Beiden aber iſt ein Gefallen gethan, wenn Friedrich ſtirbt. Warum ſterben? entgegnete der Johanniter, hintertreiben wir ſeine Plane... Und wenn er wiederkommt? Machen wir es eben ſo! 116 Das iſt Halbheit, die gefährlich werden kann! rief zornig Montaigu, und nur Feigheit kann von einem Unternehmen abſtehen... Feigheit! ſchrie Guerin aufſpringend und ſeine Hand fuhr nach dem Schwerte. Friede! Friede! ſchallte es von allen Seiten. Im Namen Gottes! rief hier der Patriarch, gebiete ich euch Frieden. Warum denn Streit? warum die eigene Hand in Blut tauchen, wenn es nicht nöthig iſt? Mir kommt es vor, als ließe ſich die Sache weit ſicherer und geräuſchloſer machen. Der Kaiſer wird übermorgen, nur in ein Pilger⸗ kleid gehüllt und ſchwach bedeckt, eine Wallfahrt an den Jordan antreten. Sein Weg führt ihn ganz nahe an dem Lager Malek⸗al⸗Kamels vorüber. Wie leicht iſt es nun, ſetzte der fromme Mann ſchärfer betonend hinzu, daß die unglä ubigen Hunde Nachricht hiervon bekommen, und iſt dies der Fall, nun ſo werden ſie ſo toll nicht ſein, ihren größten Feind lebendig durchzulaſſen. Vortrefflich! heil'ger Herr, rief Montaigu freudeſtralend. Man muß es Malek⸗al-Kamel wiſſen laſſen. Das ſagte ich nicht! entgegnete mit frommer Miene der Prieſter. Ich meine nur, man ſtelle es auf dieſe Weiſe Gott anheim, ob er den Sünder ſtrafen wolle oder nicht. Was meint Ihr zu dem Plane, Großmeiſter? frug hier der Templer den Johanniter. Ich meine, wenn wir dem Sultan keine Kund⸗ ſchaft geben, aber auch dafür ſorgen, daß dem Kaiſer keine Hülſe werden kann, erreichen wir wol unſer Ziel ohne unſer Gewiſſen zu beunruhigen. Montaigu überlegte einen Augenblick, dann that er, als ſei er mit der Meinung ſeiner Freunde völlig einverſtanden, und hob, nachdem man ſich noch lange über die Maßregeln, welche von den Orden nach dem allenfallſigen Tode des Kaiſers zu ergreifen wären, beſprochen hatte, die Verſamm⸗ lung auf. Kaum aber befand er ſich allein, als er ein Schreiben an den Sultan aufſetzte, in welchem er demſelben das Vorhaben des Kaiſers anzeigte und Malek⸗al⸗Kamel aufforderte, dieſen günſtigen Zu⸗ fall, ſeinen größten Feind mit leichter Mühe aus dem Wege räumen zu können, nicht ungenützt vor⸗ über gehen zu laſſen. Der Morgen brach an, als er den Brief voll⸗ endet, und als er beim Scheine der Lampe das Pergament noch einmal mit triumphirender Miene durchgeleſen, ſagte er: Und entgeht er auch dieſer Schlinge, ſoll er den Klingen meiner treuen Ritter wahrlich nicht entkommen! Hierauf begab ſich Montaigu neuerdings nach der Folterkammer. In dieſer hatte ſich unterdeſſen Folgendes zu⸗ getragen: Als Thomas von Montaigu den Ort des Schreckens verlaſſen und die ſchwere Eiſenthür hinter ſich geſchloſſen hatte, als ſeine Schritte mehr und mehr verhallten und es nun todtenſtill in der Gruft wurde, athmete Eudoria tief auf. Sie war dem Tode, ſie war unmenſchlichen Qualen, ſie war, was in ihren Augen mehr heißen wollte, gräßlichen Mishandlungen, wenigſtens für den Augenblick, entgangen. Aber auch nur für den Augenblick, denn des Templers Wuth und Blutgier war nicht geſtillt und ſie mußte mit Sicherheit auf deſſen bal⸗ dige Rückkehr zählen. Verläßt doch der hungrige Tiger ſeine Beute nicht, bis er den letzten Knochen zerknirſcht, den letzten Tropfen Blut geſchlürft hat. So wurde denn dieſe Friſt dem unglücklichen Mädchen zu einer neuen, namenloſen Pein. Eben noch war es von dem Gedanken: für ſeine Reli⸗ gion, für die Tugend zu ſterben, ſo hoch begeiſtert geweſen, daß es den nahen Tod mit einer Art be⸗ täubender Entzückung umarmt und die fürchterlich⸗ ſten Leiden in frommer Schwärmerei willig und kräftig ertragen hätte; jetzt aber trat an die Stelle jener geiſtigen und nervöſen Anſpannung der um⸗ gekehrte Zuſtand und die glühende Phantaſie Eu⸗ doria's ſetzte alle die Marterwerkzeuge, die ſie rings umgaben, in Bewegung, durchlief mit ſchauerlicher Behendigkeit alle die Stufen der Qualen, die ihr bevorſtanden. Ach! ihre reine keuſche Seele ſchauderte mehr noch vor der frevelhaften Entweihung ih⸗ res Körpers, als vor den raffinirteſten Martern zurück. Eudoria brach in ſich zuſammen. Der Muth wich einer namenloſen Angſt, die Entſchloſſenheit einer herzzerreißenden Verzweiflung. Fiebriſch kochte das Blut in ihren Adern. Ihre Gedanken verwirrten ſich und irrten wild umher, wie flam⸗ mende Kometen durch das weite, leere All ʒ bald ihre Flügel in Blut und Thränen tauchend, bald die Wüſte durchſchweifend und das Lager der Freunde, bald kreiſend über den entſtellten Leichen ihres Pflegevaters und ihres Bruders, bald auf⸗ wärts rauſchend nach den Gärten des Paradieſes und wieder hinübergetragen von Sehnſucht und Liebe nach der theuern, theuern Schweſter. Und alle dieſe Bilder reihten ſich toll und bunt aneinander und zogen raſch und lautlos vorüber, eine geſpenſtige Geiſterkaravane, und in ihre Reihen miſchten ſich tauſendmal die widerlich⸗gierigen Züge Montaigu's und die dämoniſchen Geſtalten ſeiner 120 Henkersknechte, mit frechem Hohngelächter glühende Zangen über ihren Häuptern ſchwingend. Mit wilden, ſchneidenden Schmerzen riſſen dieſe Gedanken durch das Gehirn des armen Kin⸗ des und jeder Pulsſchlag ſchrie auf: ſie kommen! Da ſank Eudoria halb bewußtlos an der Fol⸗ terbank nieder, krampfhaft umſchlangen ihre Arme einen der Pfähle; aber wie ſie ihr mattes Haupt wider denſelben legen wollte, prallte ſie ſchaudernd mit einem Schrei des Entſetzens zurück, denn an dem Blocke klebte das geronnene Blut früherer Opfer. Sie lag auf ihren Knieen, das ſchöne Haupt war auf die Bruſt geſunken, die Arme hingen ſchlaff herab. Todtenſtille herrſchte ringsumher und nur die Kohlenglut praſſelte von Zeit zu Zeit unheim⸗ lich auf. In ihrem Geiſte war's gräßlich öd' geworden, bleich und bewußtlos ſtarrt ſie vor ſich hin. Da ſtört ſie plötzlich ein leiſes Raſcheln auf. Sie fährt entſetzt empor, es kann der Wüthrich ſein, der ihre Seele, ihren Körper morden will. Doch nein, ſie tuſchte ſich. Alles bleibt todt und ſtill! In kalte Troſtloſigkeit ſinkt ſie zurück. Der Sturm in ihrem Innern iſt vorüber; aber— er riß auch Alles nieder, was ein ſchöner, reicher Frühling auferzog. Wo ſind ſie nun, die Hoffnungen 1 der Jugend? Erſtorben iſt des Lebens Reiz und Glanz! All' ſeine Blumen ſanken welk darnieder und ſelbſt den welken Kranz verliert bald ihre Hand! Von kaltem Tode angehaucht, ruht in des Grabes kühlem Schooſe, was ihrem Herzen einſtens lieb und werth, und was ihr noch geblie⸗ ben, die treue ſüße Schweſter, ſie ſendet bald der Gram ihr nach ins Schattenreich. Iſt denn nur Schmerz der Erdenlebens Ziel? Begießt nur Thrä⸗ nenthau die Blumen dieſer Welt? War all' das frohe Regen in der jungen Bruſt nur trügeri⸗ ſches, falſches Spiel? nicht Ahnung eines reichen, ſchönen Lebens, das ſich ſo voll und üppig, wie ein Blütenbaum, vom Himmel niederbeugt?— Ach nein! ach nein! die ſüßen Ahnungen betrogen; der friſche Kranz, er wird zur Dornenkrone, die Lieb' zu Haß, die Luſt zu bitterm Schmerz, Qual iſt des Lebens Mark, Tod und Verzweiflung aber ſind ſeine blut'gen Kronen! Doch horch, es raſchelt abermals! Kalt blickt Eudoria auf und ſiehe, nicht fern von ihr, da regt ſichs an der ſchwarzen, feuchten Mauer. Aus einer Niſche morſch⸗bröckelndem Geſtein, leis und behutſam, windet ſich ein dunkler, glatter Leib. Laut ſchreit Eudoria auf! Eine mächtige Schlange hebt langſam den Kopf und richtet ſich auf ihren Ringen ſtolz empor. Ihr kleines Auge I. 6 122 funkelt lüſtern nach der ſchönen Beute, die ſpitze, geſpaltene Zunge ſpielt behend und giftiger Geifer träuft ihr aus dem Rachen. Eudoria rührt ſich nicht. Die Hände auf die Bruſt gedrückt, vom Schreck gelähmt, kann ſie ſich nicht erheben. Zitternd und todtenbleich ſtarrt ſie das Unthier machtlos an. Die Schlange aber, deren Leib zum Theil noch in der Mauer, rollt ſich zuſammen und zieht mit ihrer ganzen Muskelkraft den Hinterkörper nach. Ein Ruck und es gelingt, doch rollt der Stein, der ihr den Eingang wehrte, mit hinab. Ein leiſer Lufthauch folgt dem Fall und durch die Oeffnung ſchimmert matt der ew'gen Sterne Licht. Freiheit! durchzuckt es wie ein Blitz Eudoria's Geiſt. Ein neues Leben ſtrömt durch ihre Glieder. Durch Hoffnung angefacht erwachen Muth und Kraft. Sie ſpringt empor! Scheu weicht das Thier zurück! Die zarten Hände faſſen mit der Verzweif⸗ lung Rieſenkräften in die morſche Mauer, zwei Steine gleiten nach; ein Blick belehrt das Mädchen, daß es den Boden des äußeren Gemachs durch ei⸗ nen kühnen Sprung erreichen kann. Sie ſchaut noch einmal um— das Unthier iſt bereit, auf ſeine Beute loszuſchießen— Inſch⸗Allah! ruft ſie aus — ſpringt— und erreichet unverſehrt den Boden. 123 Aber wohin nun weiter fliehen? Wo Eine Schlange iſt, da können hundert weilen!— und ſchrecklicher: gewahrte Montaigu die Flucht. Der Streifen Himmelslicht, der ſie dem Leben wieder⸗ gab, an dem der Hoffnung Fackel ſie entzündet, er kommt aus einem Fenſter, das unerreichbar hoch, ihrer zu ſpotten ſcheint. Angſt treibt ſie weiter; ſie fühlt ſich an der feuchten Mauer fort, endlich erſpäht ſie in der Ferne einen matten Dämmerſchein, ſie eilt dem dunklen Gang entlang, ſo ſchnell ſie kann; Nacht hülltſie ein— da plötzlich hört ſie Menſchenſtimmen. Sie horcht und alle Sinne wollen ihr vergehen, denn es iſt Montaigu! Die Zitternde vermag ſich kaum noch aufrecht zu erhalten, der Athem wird ihr ſchwer, die Blicke werden trübe. Erſt nach Minuten ſammeln ſich die Sinne wieder. Sie lauſcht— die Stimmen bleiben fern. Und jetzt gewahrt Eudoria, daß ihr gegenüber zwei runde Oeffnungen ein mattes Licht einlaſſen. Sie ſchleicht heran und ſieht in einen Saal, in welchem viele Ritter zur Berathung ſitzen. Thomas von Montaigu, ihr Peiniger, führt laut das Wort und zu dem Kaiſermord hört ſie die finſtern Ritter fre⸗ velnd ſich verſchwören. Allein die Angſt läßt ſie auch hier nicht weilen. 6* Nach einem Ausgang ſucht ſie ſcheuen Schritts und bald gewahrt ſie, daß ein ſolcher von ihrem Standpunkt in den Saal ausmünde. Was iſt zu thun? Eudoria muß der Ritter Weggehn hier erwarten. Nit ehernen Flügeln, ſchwerfällig, träg und bang ziehen die Stunden an der Harrenden vor⸗ über. Endlich wird ſie erlöſ't; der Saal iſt leer, ſie ſchleicht hinab, die Thüre thut ſich auf— Eu⸗ doria iſt befreit. Jetzt gilt es Muth! Entſchloſſen ſteigt ſie empor. Noch ruhet Alles in der weiten Burg, da erſt der Morgen graut. Sie kommt zum Hof, den eben der Knappe, der des Großmeiſters Schreiben an den Sultan zu überbringen hat, verlaſſen ſoll. Geöffnet iſt das Thor, die Zugbrücke geſenkt, die Wache lehnt ſchläfrig an der Mauer und ſchaut hinunter nach dem kaiſerlichen Lager hin. Eudoria will entfliehen; da ſieht ſie, wie der Knappe, um ſchneller den Befehl vollziehen zu können, das Roß beſteigen will, das Montaigu von ihrem Bruder jüngſt erbeutet hat.. Wild knirſcht das Thier, mit Schaum den Zaum bedeckend und bäumt ſich ſtolz, als wenn's dem fremden Reiter nicht den edlen Rücken beugen wollte, indeß der Knappe fluchend ſich bemühet aufzuſteigen. 125 In dieſem Augenblicke ſtürzt Eudoria's weiße Geſtalt hervor, entſchloſſen reißt ſie dem Knappen die Zügel aus der Hand, ſchwingt ſich empor und iſt, eh' Knapp und Wache noch ihr Kreuz geſchla⸗ gen, ſchon entflohen. 8. Der Verrath. Seid ihr, ſprach er, die Feigſten nicht auf Erden? Ihr Mörder! mußte dies zum Lohn mir werden Für meine Dienſte, für den edlen Sinn, Wonmit ich ſtets euch treu geweſen bin? Euch und den eurigen habt ihr verloren Der Ehre Schmuck bis in die ſpätſte Zeit; Die Lebenden und wer, noch nicht geboren, Euch angehört, habt ihr der Schmach geweiht. Das Lied der Miebelungen. Es war an dem Tage nach jener Zuſammenkunft in dem Kapitelhauſe der Templer, als eine kleine Karavane durch die Wüſte zog, welche das Lager der Chriſten von dem Jordan trennte. Obgleich die Reiſenden ſchon in der Nacht auf⸗ gebrochen, hatten ſie doch bis gegen Mittag erſt einen kleinen Theil des Weges zurückgelegt. Die Sonne ſtand bereits hoch an dem Himmel und ſandte ihre glühenden Strahlen faſt ſenkrecht auf die Erde, die hier, öde und wüſt einem unabſehbaren Sand⸗ meere glich. Es war dies für die Europäer, aus welchen die Karavane beſtand, ein ungewohnter, trauriger Anblick. Kein Baum, kein Strauch, nicht einmal ein Grashalm zeigte ſich, ſo weit das Auge 127 reichte, nur eine gelbe, wellenförmige Fläche, die in unabſehbarer Ferne von den ſanftgebogenen Jochen niederer Hügel eingeſchloſſen ward. Mühſam zogen die wenigen Menſchen durch die brennende Einöde, ſchauriger noch durch die Todtenſtille, die in ihr herrſchte; denn nirgends athmete hier die Natur Leben, weder in Pflanzen noch in Thieren, weder in den Lüften noch auf der Erde. Ja den Dahinziehenden mußte es ſcheinen, als ob vor ihnen noch kein Weſen dieſen Boden berührt, da auch nicht die mindeſte Spur davon zu ſehen. Aber ein Blick auf den zurückgelegten Weg ½ belehrte ſie, daß die unſichtbare Hand des Windes, gleich einem Geiſte der Vernichtung, jede Spur auch ihres Daſeins tilge. Dabei waren die Schwierigkeiten, die Wüſte zu durchſchreiten, für die ſchweren Pferde und Rei⸗ ter groß. Die Sonne brannte getaltig auf die ge⸗ harniſchten Männer, die in ihrer drückenden, engen Eiſenbekleidung faſt erſtickten; während ihre robuſten Pferde bei jedem Tritte bis über die Knöchel in den heißen Sand ſanken. Deſſenungeachtet ſetzte der kleine Zug ſeinen beſchwerlichen Weg ſchweigend fort. An ſeiner Spitze ritt ein hoher, kräftiger Mann, in ein einfaches Pilgergewand gehüllt, das Haupt t dem breiten Hute bedeckt. Ihm folgte in ge⸗ ringer Entfernung ein ähnlich gekleideter Reiter, der jedoch eine ſonderbare Figur abgab, da ſich ſein Muſchelgewand, wie es ſchien über einen Höcker fallend, nach hinten gleich einem Zelte bauſchte. Es war der Kaiſer und ſein Narr, welchen ungefähr zwanzig Bewaffnete folgten. Zwar hatten Meiſter Skotus, Petrus de Vineis und ſelbſt Herman von Salza den Kaiſer gebeten, von dem gefährlichen Unternehmen abzuſtehen; allein Friedrich, auf die gute Wirkung rechnend, elche dieſe Pilgerfahrt auf die ſtrenggläubige Maſſe machen mußte und dem derzeitigen Waffen⸗ ſillſtande vertrauend, wies nicht nur alle Ermah⸗ nungen zurück, ſondern duldete ſogar nicht einmal, daß ihn einer ſeiner Freunde begleitete. Dem treuen Narren allein gelang durch Witz, was jene in allem Ernſte nicht durchgeſetzt. Friedrich erlaubte demſelben, ihm zu folgen. So ritten denn Kaiſer und Narr nebeneinan⸗ der hin und Friedrich ergötzte ſich an den Witzen und Sarkasmen, mit welchen ihn Federbuſch un⸗ terhielt. Der edle Hohenſtaufe war hierbei weit von iieder Frivolität entfernt; denn er kannte ſeinen luſtigen Rath und wußte, daß ihm kaum ein treue⸗ res und ergebeneres Herz. auf Erden ſchlage. Ent⸗ ging es doch auch ſeinem ſcharfen Geiſte nicht, daß 129 Federbuſch etwas ganz Anderes ſcheine, als er im tief Innerſten war. Ein ſcharfer Zwieſpalt mußte dieſe Seele zerreißen, und wie ſeine Züge eine wunderliche Miſchung des Schmerzes und der Freude darboten, und durch das Verſchmelzen die⸗ ſer ſo heterogenen Affecte Lachen erregten; eben ſo barg er wohl unter Laune und Witz ein tiefes Lei⸗ den, Gefühl und einen edlen hohen Geiſt. Seit Jahren war David ſchon der Gefährte des Kaiſers, und wußte dieſer auch nicht, woher jener ſtamme, kannte Friedrich ſelbſt weder die frühern Lebensumſtände des Narren, noch die Ur⸗ ſache des geheimnißvollen Schmerzes, den er auf ſo ſeltſame Weiſe der Welt verbarg, ſo hatte er doch tauſend Beweiſe von der Anhänglichkeit, Treue und Klugheit deſſelben. Friedrich I, ſelbſt gemüthlich und ſtets voll Heiterkeit, liebte dabei ungemein Humor, Scherz und Witz, dieſe ſeltenen Gaben des Himmels; zu⸗ mal letztern, wenn er körnig, treffend und vor Allem nicht boshaft war. David ſprudelte von ſolchem über und ſeine Scherze führten meiſt Gold im Grunde. Oft verbargen ſich in ihnen die treff⸗ lichſten Rathſchläge, wie köſtliche Perlen in bunten Muſcheln; ja ſogar Troſt und Beruhigung hatte Federbuſch ſchon ſeinem Herrn in der burlesken Schale des Witzes gereicht. 6** 130 Oefter aber noch, und namentlich wenn David mit dem Kaiſer allein war, verwandelte ſich bei ihm die praſſelnde Laune des funkenſprühenden Witzes in den ſanfteren Humor. Dann enffaltete er eine hinreißende Liebenswürdigkeit, indem er ſein tiefes Gemüth, ſeine an Anbetung grenzende Liebe zu Friedrich warm und gefühlvoll ausſtrömte, und den höchſten Ernſt oft auf eine rührende Weiſe mit Komiſchem verband. Der Kaiſer vergaß alsdann völlig die Kluft, welche die Außenwelt zwiſchen ihm und ſeinem luſtigen Rathe gezogen. David war in ſolchen Momenten ſein Freund und die Lehren, Rathſchläge oder Tröſtungen, ſo lieblich von ihm in ein humo⸗ riſtiſches Gewand gehüllt, machten einen unver⸗ löſchlichen Eindruck auf des Kaiſers empfngliche Seele; ja der Monarch verſchmähte dann nicht, das ſchöne Vorrecht echter Freundſchaft zu üben und öffnete David auch ſein Herz. Von ſolcher Güte und Großmuth hingeriſſen, ſteigerten ſich in dieſem Fall wol des luſtigen Rathes Ergießungen zu wahrer Begeiſterung und er um⸗ faßte dann mit einem Seufzer die Welt, oder ver⸗ wiſchte mit einem Lächeln ſein Unglück und den. Schmerz ſeines hohen Freundes. Auch heute fand dieſe gegenſeitige Annäherung ſtatt und der Kaiſer, deſſen volles Herz einer Mit⸗ theilung bedurfte, beklagte ſich bitter bei ſeinem luſtigen Rathe über die Ungerechtigkeit Roms, das er doch in ſeinen wahren Rechten nicht zu beein⸗ tächtigen ſtrebe und welches nun wieder, ſelbſt hier, ſeine redlichen Unternehmungen hintertreibe und ſomit ihm, ſich und der Chriſtenheit ſchade. 3 Federbuſch antwortete auf die ihm eigenthüm⸗ liche Weiſe, ließ aber bei allen humvriſtiſchen Witz⸗ ſprüngen den Kaiſer deutlich merken, daß er die Ruhe ſeines Lebens, ja deſſen Glück in dem Augen⸗ blick verſpielt habe, in welchem er den großartigen, aber für ihn unglückſeligen Gedanken gefaßt, die weltliche Macht von der Vormundſchaft der kirch⸗ lichen zu befreien. Wer eſſen muß, wenn ihn hungert, trinken, wenn ihn durſtet, und kratzen, wenns ihn juckt (und wen ſchmerzte nicht eine wunde Stelle): der ſollte ſich hüten, mit dem Mann zu Rom anzubin⸗ den, bei dem j ſelbſt unſer Herrgott Meßner iſt. Sieh Gevatter, fuhr er fort, der alte Schimmel, den ich reite, hat wenig Haare mehr; aber es ſitzt ſich doch beſſer darauf, als im heißen Sande Fuß⸗ bäder nehmen, und der deutſche Reichsadler iſt kein übles Beſt, wenn ihm auch hie und da Schwanz⸗ federn ausgefallen ſind. Kann er ſchon das italieni- ſche Klima nicht recht vertragen, um wie vielmehr wird er ſich in Paläſtina mauſern. Der gute Hirte 132 läßt ihn los, ein verlornes Schäflein zu fangen, und während der königliche Vogel auf ausgebrei⸗ teten Fittigen dahin ſchwebt, ſetzt ihm jener daheim den Kuckuck ins Neſt. Ob ich klug daran gethan, dieſen großartigen Kampf zu beginnen, entgegnete Friedrich, muß die Nachwelt entſcheiden. Mir ſchien es recht, groß und heilſam für die arme Menſchheit, die Rom gern in der ewigen Nacht der Dummheit und den Ketten geiſtiger Sklaverei erhalten hätte. Auch weißt du ja, David, daß jedem Menſchen ein in⸗ nerer Drang angeboren iſt, dem er folgen mu ß, ob er will oder nicht. Ich gehorchte der Stimme und die Sphäre, in welche ſie mich führte, macht mein Glück, gleichviel ob ich ſiege oder unterliege! Saheſt du noch je einen Adler Sperlingsbrut füttern, oder einen Sperling in den Wolken kreiſen? Spatz bleibt nahe der Erde, der Aar in den ſonni⸗ gen Höhen, und Friedrich II wäre ein großer Kai⸗ ſer geweſen, auch wenn er in Deutſchland geblieben. Ich kenne dein Heimweh, ſagte der Kaiſer be⸗ wegt, und deine Liebe zu unſerm gemeinſchaftlichen Vaterlande. Aber geſtehe ſelbſt, konnte meinem Geiſte das traurige deutſche Reichsweſen zuſagen? Jetzt kämpfe ich einen großartigen Kampf mit dem einen Papſte, in Deutſchland hätte ich mit hun⸗ dert Päpſtlein und eben ſo viel wilden, ſelbſtſüch⸗ 133 tigen Vaſallen zu thun gehabt. Jetzt gilt es den Be⸗ ſitz der Welt, Geiſtesfreiheit und das Glück vieler Völker— dort hätte ich entſcheiden müſſen, ob der Herzog von Baiern oder der von Zähringen beim Erſcheinen auf dem Reichstage die längſten Schuhe tragen dürfe. Und verwaltet mein Sohn Heinrich das Reich nicht würdig in meinem Namen? Gevatter! auf dieſe Fragen muß Vineis, dein finſterer Kanzler antworten. Ich weiß nur, daß mir die Sitte der Chriſten: ein Weib zu eh⸗ lichen, lieber iſt, als die der Türken: Hunderte zu haben. Warum? ſagte lächelnd der Kaiſer. Ich finde die Harems ſo übel nicht. Warum? wiederholte David mit ſichtlicher Rührung, weil ich ein Weib mit ungetheilter, un⸗ endlicher Liebe umſchlingen, für eine— mein Ein und Alles— frendig ſterben könnte! nicht ſo für viele. Wenn mein Herz aber groß genug wäre, viele Völker zu lieben? rief der Kaiſer begeiſtert. Ich ſah oft den Schwalben zu, fuhr Feder⸗ buſch fort, wenn ſie ihre Jungen fütterten. Sie bringen Allen etwas, aber das Kleine, welches das Köpfchen am artigſten dreht, bekommt doch die meiſten Fliegen. Der Kaiſer ſchwieg. Es mochte etwas Wahres 134 in dem Vorwurf liegen. Er dachte an Deutſchland und Neapel. Aber unwillkürlich verlor er das neblige Ger⸗ manien aus dem Sinn und ſeine Seele erging ſich bald einzig in den himmliſchen Gefilden Italiens. David ehrte das Schweigen ſeines Herrn. Stumm ritt er an deſſen Seite und dachte an die Heimat. So bewegte ſich der Zug in feierlicher Stille fort, als der Anführer der kaiſerlichen Wache her⸗ anſprengte und Se. Majeſtät auf eine ſeltſame Er⸗ ſcheinung aufmerkſam machte. 4 3 Kaiſerliche Majeſtät! ſagte er, als ihn Fried⸗ rich fragend anblickte, und ſchlug andächtig ein Kreuz. In einer ſolchen Wüſte hat der— Gott ſei bei uns!— der Satan unſern allerheiligſten Herrn verſucht. Seit jener Zeit hat die Höllenbrut dieſe Sandfläche zu ihrem Tanzplan gemacht und nun iſt es auf ihnen nicht geheuer. So, entgegnete der Kaiſer ruhig, fürchteſt du dich etwa? Nein! entgegnete der Anführer, ich bin ein Deutſcher und diente unter Eurer Majeſtät. Vor Menſchen fürchte ich mich dennoch nicht, am wenig⸗ ſten vor den heidniſchen Hunden; aber mit Geiſtern iſt es ein ander Ding... 5 Haſt du denn welche geſehen? Der Anführer deutete ſcheu nach der Gegend, aus welcher ſie gekommen. In der That zeigte ſich dort eine wie Feuer leuchtende unförmliche Erſcheinung, die, der Ent⸗ fernung nach, von außerordentlicher Größe ſein mußte. Sie wechſelte unaufhörlich Farbe und Ge⸗ ſtalt, indem ſie bald glühend roth, bald goldgelb, jetzt wie eine Wolke, dann wieder wie eine Säule erſchien. Dabei näherte ſie ſich wie mit Sturmes⸗ flügeln der Gegend, in welcher ſich die kleine Kara⸗ vane befand, und folgte einem ſchwarzen Punkte, der immer größer und größer wurde. Der Kaiſer und ſeine Begleitung hatten Halt gemacht und ſämmtliche Augen waren auf das Wunder gerichtet. Des Kaiſers Falkenblick enträthſelte es zuerſt. Es iſt ein Reiter, ſagte er ruhig, und der Licht⸗ ſtreif, der ihm folgt, nichts Anderes, als die von ihm aufgewühlte Staubwolke, von dem Sonnenlichte erleuchtet. Da man aber nicht erkennen kann, ob es Chriſt oder Muſelmann iſt, und eben ſo wenig weiß, ob dem Einen nicht Viele folgen, ſo wird es gut ſein, Kinder, wenn ihr euch zu einem Angriffe bereit haltet. Die Waffen klirrten und ſelbſt David Feder⸗ buſch zog ſein Schwert, welches er bisher unter ſei⸗ nem Pilgergewande verborgen. 136 Auf dies kurze Geräuſch folgten mehrere Mi⸗ nuten des tiefſten Schweigens. Der Reiter ſchien die Karavane bemerkt zu haben, denn er wechſelte die Richtung ſeines Weges und flog auf ſie zu. Das iſt ein arabiſch Roß, ſagte der Kaiſer abermals, ich wüßte keines in dem chriſtlichen Lager, das ſich mit ihm an Schnelligkeit meſſen dürfte. Wirklich näherte ſich auch die Erſcheinung mit der Schnelle des Sturmwindes. Je näher ſie aber kam, deſto ſeltſamer ward es den Chriſten zu Muthe. Die Feuerſäule war verſchwunden und hatte ſich in eine Wolke auffliegenden Sandes verwan⸗ delt. Das ſchwarze Roß aber trug weder einen chriſtlichen noch türkiſchen Reiter, ſondern eine weiße Geſtalt, die mehr auf ihm zu liegen, als zu ſitzen ſchien. Weit und geſpenſtig umflatterten ſie blen⸗ dende Gewänder wie dichte Nebel, und hüllten ſie bald ein, bald blätterte ſie der Wind auf, ſo daß ſie wie ein Kometenſchweif dem daher brauſenden Gebilde nachwehten. Selbſt der Kaiſer ſtaunte, ehe er ſich aber noch recht faſſen konnte, ſtand das Roß an ſeiner Seite und eine ſanfte Stimme rief: Sultan der Chriſten, rette dich! die Templer haben dich an Malek⸗al⸗Kamel verrathen. Entgehſt du dieſem, ſollſt du durch ihre Hände fallen. Aber 137 der Sohn Mahomed's wird die Chriſten beſchämen. Fliehe zu ihm, er iſt edel! Und dies ſagend brauſte die Erſcheinung weiter und ward bald nicht mehr geſehen. Das iſt des Aſtrologen„Gift und Dolch!“ rief erſchüttert der Kaiſer, die Kinder erſchlagen ihren Vater, der Chriſt den Chriſten, der Templer ſeinen Kaiſer! Er ſchwieg. Die rechte Hand ſchmerzlich wider das verwundete Herz gepreßt, blickte er finſter in die Wüſte, die ſchaurig und einſam vor ihm lag, ſich wie ein gelbes, brennendes Leichentuch über die Erde hinziehend. — 1 9. Malek⸗al⸗Kamel. Egyptens Sultan hat vor langer Zeit Den Chriſten dieſe Grenzſtadt abgenommen, Und da ſie nah und günſtig für den Streit, Den längſt er führt im Schilde, hoch entglommen, Verläßt er Memphis' Schloß voll Herrlichkeit, Und ſucht hierher mit ſeinem Thron zu kommen; Aus fernen Landen über manches Meer Zog er zuſammen hier ein zahllos Heer. Torquato Taſſo. „ Der Kaiſer und David ſtarrten noch immer nach der Gegend hin, in welcher die Erſcheinung ver⸗ ſchwunden, aber Beide hatte mehr die Nachricht von dem Verrathe der Templer, als die wunder⸗ bare Art, wie ihnen dieſelbe geworden, erſchüttert. David brach die Stille zuerſt. Saubere Vögel, dieſe Tempelherren! rief er zornig aus, wunderliche Heilige das. Glauben, ſie hätten ein großes Loch aus dem Himmel gebiſſen und Gott weiß was für Frömmigkeit geſchluckt, wenn ſie ein und ein halb Vaterunſer gebetet. Aber ihren Kaiſer, den edel⸗ ſten, tapferſten und beſten Ritter der Chriſtenheit, mir nichts dir nichts wegzublaſen, wie Dreck vom Aermel, das rührt ihr Gewiſſen ſo wenig, wie das Huſten einer Mücke meinen alten Schimmel. 189 Ich kann es noch immer nicht faſſen! ſagte ſchmerzlich bewegt der Kaiſer. Daß Templer und Johanniter mich wieder in Europa wünſchen, finde ich natürlich; daß ſie mich haſſen, ja in meinen Unternehmungen, ſo viel ſie können, hemmen ſtatt fördern, weiß ich und verzeih' es ihnen; daß ſie aber ſo niederträchtig ſein ſollten, mich, den Kaiſer, den Geſalbten des Himmels, den Schutzherrn der Chriſtenheit, ermorden zu wollen: das kann, das will ich nicht glauben. Gevatter! ſagte der Narr und ſeine Blicke ſchweiften beſorgt über die Ebene, danke dem Him⸗ mel, wenn ſie nicht ſo orthodor ſind, dich zu dem Glauben zu zwingen. Es ſind Prieſter⸗Ritter, d. h. ſie lieben Anderer Gut und Blut, verdammen und hauen gleich drein, heucheln Demuth und athmen Rache; und was das Schlimmſte iſt: morden und abſolviren geht bei ihnen aus einem Sack. Und könnte dieſe Erſcheinung, fuhr der Kaiſer nachdenklich fort, wenn auch nicht ein Blendwerk der Hölle, doch ein Verſuch böſer Menſchen ſein, einen offenen Bruch zwiſchen Kaiſer und Templer hervorzurufen und dem großen Werke der Chriſten dadurch zu ſchaden? Es war ein Weib, das ver⸗ riethen ihre Stimme und ihre ſchönen Augen, die letzteren ich zufällig ſah, als der Wind ihren Schleier lüftete. S Es war ein Weib, das hab' ich auch weg, antwortete Federbuſch und Eva's Urenkelinnen ge⸗ braucht man immer noch gern, wenn's gilt, einen ehrlichen Mann zum Apfelfraße einzuladen. Könnte die Einladung nicht aber auch dem Paradieſe Mahomed's gelten? Malek⸗al⸗Kamel denkt zu edel! rief der Kaiſer, um ſich ſolch niederer und kleinlicher Mittel zu be⸗ dienen. Turban, Prieſtermütze und Helm haben Eins gemeinſchaftlich! ſagte Federbuſch, das nämlich, daß die Schurkerei nicht in, ſondern immer unter ihnen ſitzt. Ich bin entſchloſſen! fuhr Friedrich ſorhl komme es darauf an, zu entſcheiden, wer edler denkt: der Sultan oder der Kaiſer. Wir begeben uns ſogleich in das türkiſche Lager und dort will ich Kamel ſelbſt fragen, ob mich die Templer verrathen. Löwe und Tiger bei einem edelmüthigen Stell⸗ dichein meinte David und zuckte die Achſeln. Die Sache iſt wenigſtens neu, wenn auch etwas gefähr⸗ lich; nicht für mich, die Mücke in des Löwen Mähne, aber vielleicht für den König der Thiere ſelbſt. Nein! erwiderte entſchloſſen der Kaiſer. Ma⸗ lek⸗al⸗Kamel, ich wiederhole es, iſt ein edler Mann. Außerdem ſoll es lieber bei meinem Tode heißen: Kuie ich dachte zu edel von ſeinem Feinde! als— pfui! daß ich es nur zu denken wagen darf — er fiel durch die Mörderhand ſeiner Glaubens⸗ genoſſen, durch den Dolch gottgeweihter Ritter! Gevatter! ſagte David treuherzig, wo du ſchläfſt, will ich auch ſchlafen, und wird der Tiger knurrig, halt ich ihm meinen Buckel vor den Rachen, beißt er ſich doch vielleicht die Zähne daran aus. Der Kaiſer warf dem Narren einen dankbaren Blick zu, ja Federbuſch däuchte es, als ſei ſein klares Auge feucht geworden, da er ſich raſch zu dem Anführer des Gefolges wandte, demſelben ſeine Befehle mitzutheilen. Die kleine Karavane ſchlug nun die Richtung ein, welche die blendende Erſcheinung genommen, und Friedrich, dem dieſer wunderbare Zwiſchenfall wie ein Wink Gottes erſchien, fiel in ein tiefes Nachſinnen; denn ein großer Gedanke beſchäftigte ſeine Seele. So mochten ſie eine Stunde Weges zurückge⸗ legt haben, als ſie von neuem aufgeſchreckt wurden. Auf der Höhe eines nahen Hügels erſchien nämlich abermals ein Reiter. Diesmal war es ein Araber und zwar, wie man leicht erkennen konnte, ein wohlbewaffneter Bogenſchütze. Aber nur für einen Moment war der Rei⸗ ter auf der Spitze des Sandhügels erſchienen. Er blickte um, beobachtete einen Augenblick das 142 Häufchen Chriſten und verſchwand wieder hinter der Anhöhe. Der Kaiſer gebot ruhig, ſich ſchlagfertig zu halten; obgleich David mit einem Blick auf ihre geringe Zahl meinte: es bedürfe gerade keiner großen Armee, um die Hand voll Leute bald fer⸗ tig geſchlagen zu haben. Aber das Wortſpiel war ſeinem Munde kaum entſchlüpft, als eine leichte Bläſſe das edle Antlitz des Kaiſers überflog. Federbuſch folgte den Blicken ſeines Herrn, da erbebte auch ſein Herz. Gleich einem Bienenſchwarme brach es urplötz⸗ lich ſchwarz und dicht hinter dem Hügel hervor. Tauſende und Abertauſende von Reitern deckten die Anhöhe und ihre Maſſen ergoſſen ſich wie ein Bergſtrom in die Ebene. Mit Blitzesſchnelle ſpreng⸗ ten ſie auf die Chriſten heran und Friedrich hatte kaum noch Zeit, einem der Reiter das Schwert zu entreiſſen und ſich an die Spitze der Seinenzu ſtellen, als ſchon eine Wolke von Pfeilen die Luft verdunkelte. Der mahomedaniſche Tiger muß die Braten für ſeine Höllenküche geſpickt lieben, ſagte bei dieſem Anblicke der Narr, denn wahrlich, wir wer⸗ den in wenig Augenblicken wie der heilige Stephan ausſehen. Sie ſollen wenigſtens unſer Blut theuer er⸗ kaufen! rief der Kaiſer, haltet euch tapfer, Kinder, und beweiſt, daß ihr Chriſten und deutſche Krie⸗ ger ſeid. Aber die Scene hatte ſich geändert. Die Pfeile waren alle weit von ihnen niedergefallen und ge⸗ rade als die Chriſten den wildeſten Angriff erwar⸗ teten, theilte ſich der dichte Schwarm und ſtand, wie durch einen Zauber getheilt, in zwei langen, unabſehbaren Reihen auf beiden Seiten der Kreuz⸗ fahrer. Dem Kaiſer aber ritt, unter dem Klange kriegeriſcher Inſtrumente und umgeben von einer Leibwache, deren Kleidung von Gold und Juwelen ſtrotzte, Malek⸗al⸗Kamel, der Beherrſcher der Gläu⸗ giben, entgegen. Es war eine lange, dürre Figur mit braunem Antlitz und ungemein nervigen Gliedern. Die Züge waren höchſt regelmäßig, ſelbſt ſchön zu nen⸗ nen, und ſprachen einen edlen Stolz und den Adel einer großen Seele aus. Der Anblick des Sultans, wenn auch zu über⸗ laden für das Auge der Europäer, ſtrahlte von Glanz und Pracht und übte, vereint mit der impo⸗ nirenden Haltung deſſelben und dem hohen Ernſte der auf ſeinem Antlitze lag, einen ehrfurchtgebieten⸗ den Einfluß. Sobald ſich der Kaiſer von ſeiner Ueberraſchung erholt und den Sultan erkannt hatte, gab er ſeinem 144 Pferde die Sporen und ſprengte Natt⸗ ⸗al⸗ ae entgegen. Der Muſelmann empfing ihn mit feierlichem Ernſte. Gelobt ſei Allah! rief er in der lingua franca aus, der mein Auge die Sonne des Abendlandes ſchauen läßt. Lange hat ſich mein Herz darnach geſehnt, den großen Sultan der Chriſten ſelbſt ken⸗ nen zu lernen, deſſen Ruhm bis zu meinem Throne drang und mit dem ich ſchon einmal das Band der Freundſchaft geknüpft. Unſer königlicher Bruder kommt Uns auf hal⸗ bem Wege entgegen! antwortete der Kaiſer, zum Staunen Kamel's in dem reinſten Arabiſch; Wir waren eben im Begriff, ihn aufzuſuchen, um ihm perſönlich einen Beweis Unſeres Vertrauens und Unſerer hohen Achtung zu geben. Ich war von dem Beſuche unterrichtet! ent⸗ gegnete der Sultan, zog eine Pergamentrolle aus dem Buſen und reichte ſie dem Kaiſer hin; die Tempelherren haben mir deine Nähe gemeldet. Friedrichs Blicke durchflogen zornſprühend das Schreiben des verrätheriſchen Großmeiſters. Sein Geſicht erglühte von tiefer Schamröthe, ſeine Hände zitterten und mit dem Ausdruck der i Ver⸗ achtung rief er aus: Mein Bruder, Wir ſchämen Uns, daß Wir 145 ein Chriſt ſind; kein Mahomedaner hätte ſo ſchmäh⸗ lich ſeinen Herrn auf einer heiligen Wallfahrt ver⸗ rathen. Indeſſen, fuhr der Kaiſer ruhiger fort, ſei⸗ nen Gleichmuth durch den Ernſt Malek⸗al⸗Kamel's wiederfindend, Wir wußten davon, obgleich Wir geſtehen, an der Wahrheit dieſes ſchändlichen Bu⸗ benſtücks bis jetzt gezweifelt zu haben. Und dennoch ſetzteſt du deinen Weg fort? frug erſtaunt der Muſelmann. Nein! entgegnete der Kaiſer. Sobald Wir die Nachricht hiervon erhielten, beſchloſſen Wir, im Vertrauen auf Sultan Malek⸗al⸗Kamel's anerkann⸗ ten Edelmuth, Unſrem königlichen Bruder dadurch, daß Wir Uns gerade jetzt ihm waffenlos in die Hände geben, zu zeigen, wie hoch Wir ihn ſchätzen. Und Kaiſer Friedrich hat ſeinen Bruder nicht verkannt, antwortete feierlich der Sultan; er iſt mir willkommen und ein lieber Gaſt! Die beiden Herrſcher begaben ſich hierauf, un⸗ ter dem wilden Gejauchze der Araber und dem Schalle kriegeriſcher Muſik nach dem Lager des Sultans, welches ſich dicht hinter jenem obener⸗ wähnten Sandhügel, nahe bei Gazara, ausdehnte. Ihr Ritt glich einem Triumphzuge und der Kaiſer ſah ſich, wo er nur erſchien, mit der größ⸗ ten Aufmerkſamkeit, Ehrfurcht, ja mit Jubel be⸗ grüßt. — 146 Eine wahrhaft fürſtliche Mahlzeit erwartete ihn in dem Zelte des Großherrn. Der Kaiſer hatte beſchloſſen, für ſich und ſeine Sache den beſtmöglichſten Vortheil aus dem Zu⸗ falle zu ziehen, der ihn mit Malek⸗al-Kamel zu⸗ ſammen geführt. Die Verrätherei der Tempelher⸗ ren öffnete ihm völlig die Augen über die Lage der Dinge in Paläſtina. Auf die Ritterorden, dies ſah er wohl ein, konnte er von nun an nicht mehr rechnen. Sein eignes Heer war ſchwach und durch die Predigten der Bettelmönche und deren ewige Hetzereien zum Theil unſicher. Von dem Papſte war nicht zu hoffen, daß er mildere Saiten aufziehen oder gar den Bann zurücknehmen würde; im Gegentheile mußte Friedrich fürchten, daß Jener, während er um den Beſitz des heiligen Grabes in Aſien kämpſe, ſeine angeſtammten Reiche beunruhige. Dennoch durfte der Kaiſer, wollte er ſeinen moraliſchen Einfluß auf die Angelegenheiten Eurv⸗ pas nicht untergraben, Paläſtina nicht verlaſſen, ohne die Krone Jeruſalems auf dem Haupte zu tragen. Er durfte und wollte dies um ſo weniger, als er Gregor M beſchämen und der Chriſtenheit be⸗ weiſen mußte, wie unrecht ihm der Papſt gethan. Da ſich nun aber die Dinge ſo geſtaltet, daß jede Hoffnung auf eine Eroberung des König⸗ 147 reiches mit Gewalt der Waffen vernichtet war, blieb dem Kaiſer kein anderer Ausweg, als des Sultans freundliche Geſinnungen zu einem günſtigen Frie⸗ densabſchluſſe zu benutzen. Friedrich verlor daher keinen Augenblich dieſe Idee zu verwirklichen. Mit der Klugheit eines er⸗ fahrnen Staatsmannes leitete er ſofort die Sache ein und hatte bald die Freude zu gewahren, daß Malek⸗ al⸗Kamel ſeinen Wünſchen nicht abgeneigt ſei. Bedurfte doch auch der Sultan Ruhe von dieſer Seite, um mit voller Energie gegen Naſr David auftreten zu können, und was hatte er von dem Abendlande zu fürchten, war erſt der Kaiſer mit ſeinem Heere nach Europa zurückgekehrt? Dies wichtige Geſchäft würde ſich indeſſen den⸗ noch nicht ſo leicht gemacht und ſo ſchnell zu dem gewünſchten Ziele geführt haben, wenn beide Herr⸗ ſcher ſich nicht gegenſeitig von jeher als große Män⸗ ner gekannt und geſchätzt und dieſe Neigung durch ihre perſönliche Bekanntſchaft bis zur Bewunderung und Freundſchaft geſteigert hätten. Friedrich Il kam hierbei vor allem Anderen ſeine Freiſinnigkeit und Toleranz in religiöſen Din⸗ gen zu ſtatten. Tugenden, durch welche er um Jahrhunderte ſeinen Zeiten vorausgeeilt war; die aber eben deswegen von ſeinen Zeitgenoſſen nicht begriffen und deshalb verdammt wurden. N . 148 Von ganzem Herzen Chriſt, ſonderte ſein ſchar⸗ fer Geiſt gar bald die Spreu von dem Weizen, den Unſinn von der Wahrheit, den Schein von der Sache. Und mit hellen Augen in das erwärmende und belebende Licht der Vernunft blickend, brach in ſeinem Innern ein Tag an, der ihn einen derein⸗ ſtigen vernunftrechtlich-religiöſen Zuſtand ſeiner Völker ahnen ließ. Aber jene Zeit lag noch fern, ſo fern, daß Friedrich einſah, er dürfe ihr Kommen nicht gewaltſam befördern. Mit der Reife eines Weltweiſen beſchloß er daher, nur allgemach die Nacht der Finſterniß durch die Pflege und Förde⸗ rung der Künſte und Wiſſenſchaften zu zerſtreuen, und ſomit durch Aufklärung einer dereinſtigen Ent⸗ knechtung des Geiſtes den Weg zu bahnen. Daher das Errichten von Univerſitäten, daher das Heran⸗ ziehen von Künſtlern und Gelehrten. Mußte doch Auftlärung in dem Kampfe gegen die Uebergriffe des Papſtthums zugleich ſein mächtigſter Verbünde⸗ ter werden. Daß ein Mann von ſo hellen Anſichten die Unduldſamkeit ſeiner Zeitgenoſſen gegen Anders⸗ denkende nicht theilte, iſt natürlich. Friedrich ließ Jedem gern die Form ſeines Glaubens, wenn er nur den einzigen Gott verehrte und ſeine Pflichten gegen ſich, den Staat und den Nebenmenſchen er⸗ füllte. 149 Keinen Anſtoß konnte es daher geben, als Malek⸗al⸗Kamel unter anderen Friedensbedingun⸗ gen auch die machte, daß auch die Muſelmänner— da ſie ja in Chriſtus gleichfalls einen Propheten verehrten— den Tempel des heiligen Grabes be⸗ ſuchen dürften. Kurz, in weniger Zeit kam es dahin, daß Kai⸗ ſer Friedrich Il und Sultan Malek⸗al⸗Kamel fol⸗ genden höchſt wichtigen und für die Chriſten ſehr günſtigen Frieden abſchloſſen: Jeruſalem, Bethlehem, Nazareth, Rama und das ganze Land zwiſchen Akkon, Tyrus, Sidon und Jeruſalem wird den Chriſten überlaſſen; mithin das Reich Jeruſalem, ſo wie es vor der ſaraceniſchen Eroberung war, nur mit Ausnahme von etwa vier Burgen. Die alten Be⸗ feſtigungen dürfen von den Chriſten hergeſtellt, von dem Sultan aber keine neuen angelegt werden. Die Moſcheen bleiben unverletzt und die Mahome⸗ daner erhalten den Zutritt zu dem Tempel, welchen ſie eben ſo ſehr verehren, als die Chriſten; nur müſſen ſie ohne Waffen erſcheinen und außerhalb Jeruſalem wohnen. Die Gefangenen werden zu⸗ rückgegeben und der abgeſchloſſene Waffenſtillſtand dauert zehn Jahre? N *) Geſchichte der Hohenſtaufen und ihrer Zeit von Fr. v. Raumer III. Band S. 377. 150 Friedrichs Staatsklugheit, unterſtützt durch ſeine liebenswürdige Perſönlichkeit, hatte ſomit ohne Schwertſtreich einen vortheilhafteren Frie⸗ den erzielt, als die abendländiſchen berrſcher ſeit dem Falle Jeruſalemsje einen durch Gewalt erzwingen konnten. Jetzt aber athmete der Kaiſer auch wieder frei auf. Eine große Sorge war von ſeinen Schultern gewälzt und das Ziel ſeines Zuges nach Jeruſalem ſo gut als erreicht. Die alte Heiterkeit überkam ihn, Luſt und Liebe, Scherz und Poeſie wehten ihn fröhlich an. Und er ſtürzte ſich, der Regierungs⸗ ſorgen los, nun eben ſo kühn in die ſchäumenden Fluthen eines freudig bewegten Lebens, als er bis⸗ her das Ruder des Staatsſchiffes geführt. Herzlich willkommen waren Friedrich daher die prächtigen Spiele, Tänze und Waffenkämpfe, mit welchen Sultan Malek⸗al⸗Kamel ſeine Gegen⸗ wart ehrte; ſo wie er gern die überaus reichen Geſchenke annahm, die ihm ſein neuer Freund mit offnen Händen und fröhlichem Herzen darbrachte. Die meiſten der Spiele waren bereits vorüber, als der Sultan ſeinen Gaſt noch auf folgende Er⸗ ſcheinung aufmerkſam machte. Vor dem Zelte Malek⸗al⸗Kamel's wurde mit unglaublicher Schnelligkeit ein getäfelter Fußboden gelegt, deſſen Theile ſich ſo genau in einander füg⸗ 151 ten und deſſen Oberfläche ſo blank und glatt polirt war, daß der ganze Boden einem ungeheuren Spie⸗ gel glich. Den hinteren Theil dieſer Bühne bildete ein koſtbares Zelt. Als dieſe Vorbereitungen, die kaum einige Minuten in Anſpruch genommen, vollendet, erſchallte eine liebliche Muſik, die Vorhänge des Zeltes öff⸗ neten ſich und zwei wunderſchöne ſaraceniſche Mäd⸗ chen ſtanden oder ſchwebten vielmehr ſo leicht und ätheriſch auf vier goldenen Kugeln, daß man jeden Augenblick beſorgen mußte, ſie möchten bei der leiſe⸗ ſten Bewegung hinabgleiten. Da ging die Muſik unerwartet in ein raſcheres Tempo über und die auf das reizendſte gekleideten Mädchen fingen an ſich zu bewegen und ſich bald nach dieſer, bald nach jener Richtung zu wenden. Aber kühner und küh⸗ ner wurden mit dem Anſchwellen der Muſik ihre Bewegungen und wie der Frühling mit vollen Händen immer neue Blüten ſtreut, ſo entfalteten die wunderholden Weſen immer reicher die Fülle ihrer Grazie. In ſanften Biegungen erhoben ſie die Hände und ſchlugen zu fröhlichem Geſange die Handpau⸗ ken. Flohen ſich jetzt, ſuchten ſich dann wieder und verſchlangen nun die Arme in den mannichfaltigſten Stellungen. In dieſem Augenblicke entrollten den zarten Füßen zwei Kugeln, ein kaum unterdrückter — 152 Schrei entfuhr dem Kaiſer und den Seinen, aber ihre Beſorgniß war zu ſchnell; denn auf der einen Kugel anmuthig ſich wendend und nachſchwebend, erreichte jede leicht die zweite wieder und ſo be⸗ gannen ſie zu allgemeiner Bewunderung aufs neue den Tanz. Der Kaiſer, David und die Deutſchen waren ganz Auge; aber Friedrich hatte das Spiel wun⸗ derbar ergriffen. Seine Blicke hingen wie gefeſſelt an der ältern der beiden Schweſtern(denn dies mußten ſie, der ungemeinen Aehnlichkeit in Zügen und Körperbildung nach, ſein). Die Augen, die Stimme, die Figur, er konnte nicht zweifeln! ſie gehörten jener ſeltſamen Erſcheinung an, die in der Wüſte an ihm vorübergebrauſt und ihn gewarnt hatte. Und welche entzückende Lieblichkeit thronte in dieſen Zügen! Nur eine engelreine Seele konnte ſich auf dieſe Weiſe ſpiegeln; nur Geiſtesgröße und Seelenadel vermochten mit dieſer ſanften Lieblichkeit einen ſolch imponirenden Stolz zu verſchmelzen. Friedrich fühlte ſich aufgeregter, als ihm lieb war. Er tadelte ſich und ſeine Leidenſchaftlichkeit, die im Gegenſatze mit dem unerſchütterlichen Phlegma der Türken nur noch ſchärfer hervortrat. Aber welche Mühe ſich auch der Kaiſer gab, das ſchöne Mädchen zu vergeſſen, ihr Bild in ſei⸗ nem Gedächtniſſe zu verwiſchen, es gelang ihm nicht. 153 Ja dieſer Zwieſpalt ſeines Gemüthes, dieſer Kampf des Verſtandes mit dem Herzen beängſtigte, quälte ihn ſo, daß er den Aufbruch ſeiner kleinen Karavane ſo viel als möglich beſchleunigte. Malek⸗al⸗Kamel ſah Friedrich ungern ſobald von dannen ziehen, doch wagte er dem Kaiſer nicht zu wi⸗ derſprechen, da dieſer es für nöthig erachtet, um allen⸗ fallſigen weiteren Schändlichkeiten von Seiten der Templer vorzubeugen, ſein Lager noch vor Nacht wieder zu erreichen. Er beorderte eine Escorte von Viertauſend ſeiner Edlen, zur Begleitung des Kai⸗ ſers, und als derſelbe nun ſcheiden wollte, führte er ihn noch zu einem prächtigen Zelte und ſprach: Da du denn heimkehren willſt, ſo ziehe hin in Frieden, Allah und ſein Prophet geleiten dich! Dieſe kleine Gabe aber nimm noch zum Abſchied hin; möchte ſie dir glückliche Stunden geben. Darauf entfernte ſich der Sultan und ſein Blick verkündete, daß er einen frohen Tag verlebt. Das Zelt aber übertraf Alles, was man bis dahin jemals von wunderbarer Arbeit geſehen. Sonne und Mond gingen darin, durch künſtliche Vorrichtun⸗ gen bewegt, auf und unter, und zeigten in richtigen Zwiſchenräumen die Stunde des Tages und der Nacht. Zwanzigtauſend Mark war der Werth deſſelben*). Raumer MI. S. 493 und 194. — 154 Der Kaiſer ſtaunte entzückt das Wunderwerk an, aber ſein Herz pochte in gewaltigen Schlägen, ſein ſchönes Antlitz erglühte, als man den mittlern Vorhang des inneren Raumes hinwegzog und zu ſei nFüßen die lieblichen Schweſtern hocherröthend knieten. 2 10. Das göttliche Strafgericht. Doch für die grauſe Tig'rin Tamora Geſcheh' kein Leichenbrauch, kein Trauerzug, Rein frommes Läuten bei der Grablegung; Dem Raubthier werft ſie hin, als Las den Vögeln. Sie lebte wie ein Raubthier, bar von Mitleid, Darum entbehre ſie des Mitieids auch. Shakesprart. Der Kaiſer war zum Jubel ſeiner Tteuen und zum Schrecken ſeiner Feinde nach Joppe zurückge⸗ kehrt. Die Schlinge, die ihm die Hölle gelegt, hatte ſein Schutzgeiſt mit ſtarker Hand zerriſſen und Fried⸗ rich erntete Ruhm und Ehre, wo man ihm Tod geſäet. 8 Der neue, für die Chriſten ſo günſtige Friede erfüllte jeden Rechtlichdenkenden mit der innigſten Freude und nur die Finſterlinge, die Unduldſamen und Gehäſſigen ſahen mit Aerger und Mißgunſt auf Friedrichs Glück, oder vielmehr auf den glück⸗ lichen Erfolg ſeiner geſchickt gepflogenen Unterhand⸗ lungen Indeſſen wagte doch Niemand die geringſte Unzufriedenheit blicken zu laſſen, da die Macht des Kaiſers nun beſſer befeſtigt war denn je und ſelbſt Thomas von Montaigu kein Lebenszeichen von ſich gab. Aber ſo milde und gütig der römiſch-deutſche Kaiſer gewöhnlich war, ſo unerbittlich ſtreng konnte er gegen Verrätherei ſein, die ihm die Quelle däuchte, aus welcher die menſchliche Geſellſchaft ſo manches Gift ſchlürfe, das alsdann unter unſäg⸗ lichen Schmerzen ihre Eingeweide zerreiße. Sein erſter Gedanke war daher: die Niederträchtigkeit der Tempelherren zu enthüllen und ihren Groß⸗ meiſter angeſichts aller Welt, trotz dem Anſehen von Unantaſtbarkeit, welches er ſich von jeher 8 geben, ſtreng zu züchtigen. Jedermann ſchauderte bei Anſicht des verräthe⸗ riſchen Briefes empört zurück und vor allen Ande⸗ ren konnte das gerade, deutſche Gemüth Hermanns von Salza dies namenlos hinterliſtige Benehmen des Großmeiſters der Templer nicht faſſen. Seine redliche Seele ergriff darüber ein ſo heftiger Schmerz, daß er in ſeinem gerechten Unwillen nur mit Mühe die Geiſtesruhe beibehielt, die ihn ſonſt immer ſo vortheilhaft von ſeiner, meiſt ſtürmiſchen Umgebung auszeichnete. Peter de Vineis ſpie natürlich Feuer und Flammen, da ihm gar keine größere Schändlichkeit denkbar war, als ſeinem vortrefflichen Herrn, dem größten der deutſchen Kaiſer, nach dem Leben zu ſtreben. Mit ihm riefen faſt alle die deutſchen Für⸗ ſten, Grafen und Ritter, welche Friedrich U in das gelobte Land gefolgt waren, ein dreifaches„Wehe!“ über den Orden und es bedurfte aller erdenklichen Anſtrengungen von Seiten Salza's, um dieſe treuen Diener abzuhalten, in ihrem gerechten Zorne über die Glieder des Ordens herzufallen und ſie in Stücke zu hauen. So weit dachte indeſſen Friedrich nicht zu gehen, indem er nur den Großmeiſter, den ſein Brief an Malek⸗al⸗Kamel des Verrathes zu offen⸗ kundig überwies, ſtrafen wollte. Der Kaiſer begab ſich daher, bevor ſich dies Gerücht noch verbreiten konnte, gefolgt von ſeinen Großen, in das Tem⸗ pelhaus. Hier aber fand er zu ſeinem Erſtaunen den Orden in großer Aufregung, da man, wie es hieß, den Großmeiſter ſchon ſeit einiger Zeit vermiſſe. Friedrich hielt dieſe Angabe anfänglich nur für eine elende Ausflucht und drang mit geſteigertem Zorn auf die Herausgabe Montaigu's; überzeugte ſich indeſſen nach und nach, daß die Ordensritter, hier wenigſtens, kein falſches Spiel trieben. Es blieben daher nur zwei Möglichkeiten übrig: Mon⸗ taigu mußte entweder entflohen ſein, oder ſich feig verborgen haben. Gegen letztere Vermuthung ſprach aber der Charakter des Großmeiſters zu laut, als daß man auf ſie hätte Gewicht legen können. Friedrich war daher eben im Begriff, die ganze Wucht ſeines Zornes die verſammelten Templer fühlen zu laſſen, als einer der Ritter blaß und zer⸗ ſtört eintrat und meldete: er habe den Aufenthalt des Großmeiſters entdeckt. Der Schrecken, welcher aus ſeinen Zügen ſprach, theilte ſich wie ein elertriſcher Schlag der ganzen Verſammlung mit, ſo daß faſt alle Gegen⸗ wärtige in ein ängſtliches„Wo?“ ausbrachen. Der Meldende ſchien indeß ſeiner Gefühle nicht ſo weit Herr werden zu können, um ſich darüber auszuſprechen. Faſt mehr in Geberden als in Worten bat er den Kaiſer und die Verſammlung, ihm zu folgen. Friedrich willigte ein und man ſtand, nachdem * man in einem finſteren Gange viele Treppen hin⸗ abgeſtiegen, vor einer mächtigen Eiſenthüre, an welcher zwei rieſige Geſtalten die Kommenden mit brennenden Fackeln erwarteten. Es waren die Henkersknechte, welche Thomas von Montaigu zwei Nächte zuvor an dieſen Ort begleitet. Auch ihre Züge trugen den Ausdruck des Entſetzens. Sie hatten, ſeitdem ſie mit dem Groß⸗ meiſter die Folterkammer verlaſſen, nichts mehr von dieſem erfahren, und jetzt erſt, da man Mon⸗ 159 taigu überall ſuchte und nirgends fand, erinnerten ſie ſich an das Mädchen, welches ſie dort zurückge⸗ laſſen. Neugierde und rohe Luſt an den Qualen Anderer trieb ſie zu dem Schreckensort zurück, wo ſie die Unglückliche verhungert wieder zu finden dachten. Sie fanden den gewichtigen Schlüſſel in der Thüre, öffneten ſie, prallten aber erbleichend vor dem gräßlichen Bilde zurück, welches ſich ihnen jetzt wie den Augen des Kaiſers und ſeiner Be⸗ gleiter zeigte. Mitten in der Mörderhöhle, deren Wölbungen nur ſchwach von den Fackeln erleuchtet wurden, lag, zwiſchen ſcheußlichen Marterwerkzeugen aus⸗ geſtreckt, ein menſchlicher Körper. Das bleiche Antlitz entſtellte der Ausdruck ei⸗ nes fürchterlichen Schmerzes, den die Hand des Todes unverwiſchlich in gräßlichen Zügen einge⸗ drückt. Die blauen Lippen ſtanden weit auf, als ob ein herzzerſchneidender Schreiſie gewaltſam aus⸗ einander geriſſen. Die Augen, hoch aus dem Kopfe getreten, ſtarrten kalt und todt, einen letzten Fluch der Verzweiflung nach dem Himmel ſchleudernd, vor ſich hin. Die zerzauſte Kleidung und die wild um den Kopf hängenden Haare zeigten, daß ein wüthender Kampf dem Tode vorausgegangen. Um den angeſchwollenen Körper aber hatte eine unge⸗ heure Schlange ihren weißgelblichen, mit braunen 160 und ſchwarzen Flecken bedeckten Leib in vielen Rin⸗ gen geſchlungen. Der platte, ſtumpfe Kopf ruhte gemächlich auf der ſtillgewordenen Bruſt, die klei⸗ nen Augen funkelten argwöhniſch nach der Thüre und aus dem züngelnden Rachen troff ſchwärzlicher Geifer Der Kaiſer und Alle, die ihn begleiteten, beb⸗ ten ſchaudernd zurück, denn vor ihnen lag die ent⸗ ſtellte Leiche des Großmeiſters. Zögernd geſtanden, auf Friedrichs Gebot, die Folterknechte, was ſich zuletzt hier zugetragen. Nie⸗ mand begriff, auf welche Weiſe das Mädchen ver⸗ ſchwunden, Jeder aber ſah ein, daß Montaigu ein Opfer ſeiner Tyrannei und Unmenſchlichkeit ge⸗ worden. 1. Der Kaiſer war tief erſchüttert. Gott ſelbſt hat den ſtolzen Miſſethäter zu Boden geſchleudert und ſeinem verbrecheriſchen Leben ein ſchreckliches Ende geſetzt! ſagte er feierlich. Nehme ſich dies zu Herzen, wen ähnliche Schuld drückt. Wo aber der Himmel gerichtet, da ſoll der Sterbliche ſich in Demuth des Zornes enthalten. Darum modere mit ſeinem Urheber der Beweis einer nichtswürdigen That. 6 Mit dieſen Worten ſchleuderte Friedrich II das Pergament, auf welches Montaigu die Ein⸗ ladung zum Kaiſermorde an den Sultan geſchrie⸗ —,,——————— 161 ben, in die Gruft, ließ die eiſerne Pforte ſchließen und in ſeiner Gegenwart das kaiſerliche Siegel auf Schloß und Riegel legen. Als dies geſchehen, legte er ſelbſt ſeine Hand auf das Reichswappen und rief laut und feierlich: Des Himmels Fluch und kaiſerliche Acht auf Den, der dieſe Siegel jemals löſt! Dann kehrte er ſich mit Abſcheu weg und ver⸗ ließ raſch das Tempelhaus. Es gibt Momente im Menſchenleben, die ſich der Seele mit unauslöſchlichen Farben einprägen. Keine Gewalt des Himmels und der Erde iſt dann im Stande, die Erſcheinung, die wir in jenen Augenblicken gehabt, das Wort, das wir in ihnen gehört, den Gedanken, der uns damals durch⸗ blitzt, aus unſerem Gedächtniſſe zu tilgen und ſelbſt die Zeit, die ſonſt ſo viel verwiſcht, vermag hier nichts. Gewöhnlich ſind ſolche Eindrücke für unſer Leben entſcheidend, oder geben demſelben doch einen neuen Impuls. Sie lähmen oder feuern anz ſie entwickeln neue Ideen oder treten alte Vorurtheile zu Boden; ſie beſſern oder ziehen ganz in den Staub. Es ſind moraliſche Gewitterwolken, die ſich plötzlich mit fürchterlicher Macht entladen und hier zerſtören, zünden und zertrümmern, während ſie dort Segen bringen und befruchten. 162 In Friedrich Il ſtand von dieſer Minute an das Vorhaben, Paläſtina ſo ſchnell als möglich zu verlaſſen, unumſtößlich feſt; ja es trieb ihn ein faſt unerklärliches Gefühl, alle ſeine Kräfte an die Ausführung dieſes Entſchluſſes zu ſetzen. 11. Ein tiefes Gemüth. Dauert denn die längſte Nacht bei uns länger als ſechzehn Stunden und zwei Minuten? Geſetzt, ſie kehre ein paarmal um, ſo bricht doch nachher ein Mor⸗ gen an, deſſen Aurora“ von einer Milchſtraße zur ande⸗ ren brennt. Während aber den Kaiſer die Sorgen für ſein Heer und das Wohl ſeiner vielen fernen Länder beſchäftigten; während er mit geübtem Herrſcher⸗ blick hier das Kleinſte und Größte erſpähte, prüfte und ordnete; während er Anſtalten zum Aufbruch nach Jeruſalem traf, die Friedensverträge aufſetzen ließ, Abſchriften davon nach Europa an den Papſt und alle Höfe beförderte; während ſo tauſend Dinge von höchſter Wichtigkeit den Monarchen beſchäftig⸗ ten und ſeine große Seele zugleich große Leiden⸗ ſchaften beſtürmten und durchtobten: hatte ein Zu⸗ fall in Davids Bruſt alle die Wunden wieder auf⸗ geriſſen, die ihm ein hartes Schickſal geſchlagen und Vernunft und ein glücklicher nur leicht zu verharſchen n David hatte die Vorhänge ſeines kleinen Zel— tes, welches nahe an dem des Kaiſers errichtet war, ſorgfältig zuſammengezogen, um ſich den neu⸗ gierigen, oft zudringlichen Blicken der Welt zu entziehen. In der That genügte dieſe Vorſicht auch vollkommen und ſchützte Federbuſch ſo gut als Schloß und Riegel vor jedem Beſuche; denn wer arm und verlaſſen in dem Leben daſteht, bedarf ja ohnehin keines Portiers, um die Heere zudringlicher Freunde, Schmeichler und Supplikanten abzuweh⸗ ren. David aber hatte nur einen Freund und dieſer ſtand ſo unerreichbar hoch über ihm, wie die ewigen Sterne über den flackernden Meteoren der Sternſchnuppen. Brachte es doch ſchon ſein Stand mit ſich, daß ihn der Hof und die Umgebung des Kaiſers, faſt mit der einzigen Ausnahme Hermanns von Salza, haßte oder fürchtete. War doch die Stellung ei⸗ nes Hofnarren eine höchſt eigenthümliche. Gerade in jenen Zeiten hatte ſich nämlich die alte Sitte: Narren oder Luſtigmacher zu halten, ſo verbreitet, daß es faſt keinen Hof in Europa gab, der nicht wenigſtens einen privilegirten Narren — der unprivilegirten gab es damals, wie jetzt, unzählige— unter ſeinem Hofſtaate mit aufführte. Die Benennung, Luſtigmacher, bezeichnet wol am treffendſten den Urſprung dieſes vrientaliſchen 165 Gebrauches, der über Griechenland und Rom zu uns herüberkam und deſſen Spuren wir noch hie und da auf der Bühne unter verfeinerter Form als „Kasperl“ wiederfinden. War nun auch unſtreitig der Hofnarren erſter Zweck Beluſtigung ihrer Herren, ſo führte doch das große und wichtige Privilegium: denſelben die Wahrheit ungeſtraft ſagen zu dürfen, unter vielen Tröpfen auch manchen Mann von Geiſt und Ge⸗ müth in dieſes ſeltſame Amt ein. Auch gewan⸗ nen ſolche Männer oft einen überwiegenden Ein⸗ fluß bei Hofe und die Geſchichte hat Beiſpiele genug aufzuweiſen, daß ſich die glänzendſten Ei— genſchaften und Tugenden, aus Liebe zu ihrem Monarchen, unter der bunten Jacke bargen. Ja es verſchmähten es aus dieſem Grunde ſelbſt An⸗ geſehene und Adlige nicht, dieſe Hofcharge zu be⸗ gleiten. Sieben äußere Kennzeichen unterſchieden die Narren vor allen andern Menſchen. Es waren dies: erſtens der beſchorene Kopf. Eine Sache, die ſie ſonderbarer(oder tiefbedeutender ²) Weiſe mit den Weiſen Griechenlands gemein hat⸗ ten. Zweitens die Narrenkappe oder Gugel, welche, zum Unterſcheidungszeichen von den Gelehr⸗ ten und Mönchen, die ähnliche runde Mützen tru⸗ gen, drittens mit einem Hahnenkamm von rothem Tuche und viertens mit Eſelsohren ge⸗ ziert war. Fünftens der Narrenkolben, eine lederne Keule oder auch ein mit einem Narrenkopfe und Schellen gezierter Stab. Sechſtens der Nar⸗ renkragen, von welchem Flögel in ſeiner Ge⸗ ſchichte der Narren*) ſehr trefflich ſagt:„der Kra⸗ gen war anfänglich geſcheuten Leuten und Narren gemein; bis man etwa hinterher, nachdem man die Mode veränderte, etwas Närriſches darin finden mochte und ihn als einen Narrenputz betrachtete; wie es noch heut zu Tage mitden Moden geht. Jemehr man zuerſt darauf erpicht iſt, deſto närriſcher findetman ſie hinter⸗ her.“ Und wahrlich! auch wir haben verrückte Moden genug, um eine ganze Muſterkarte von Narren für die Nachwelt auszuſtaffiren; ſieben⸗ tens die Schellen, ebenfalls anfangs eine Zierde großer Herren und Damen, die man ſpäter in aller Demuth den Narren zuerkannte**). . *) Geſchichte der Hofnarren von K. Fr. Flögel, Lieg⸗ nitz und Leipzig 1789. *) Bei Tenzel in ſeiner Chronik(1704) heißt es: Anno 1400 war ſo ein großer Ueberfluß an prächtigen Gewand und Kleidungen der Fürſten, Grafen, Herren, Ritter und Knechte, auch der Weiber, als vorher niemals gehört worden, da trug man ſilberne Faſſungen oder Bän⸗ der mit großen Glocken von zehn, zwölf, fünfzehn, bis⸗ weilen von zwanzig Marken. —. 167 Die Wahrheit ſagen macht überall Feinde! So kam es denn auch, daß die luſtigen Räthe der großen Herren zu allen Zeiten den Höflingen, die eine wahre Antipathie gegen die Wahrheit haben ſollen, höchſt läſtig und ein Dorn im Auge waren. Konnte es an Kaiſer Friedrichs II Hofe anders ſein? Da⸗ vid Federbuſch geißelte mit ſcharfem Witze alle Ge⸗ brechen ſeiner Umgebung und ſeiner Zeit und machte von dem gefährlichen Rechte, die Wahrheit ſagen zu dürfen, den umfaſſendſten Gebrauch. Da er da⸗ bei aber einzig das Wohl ſeines theuern Herrn im Auge hatte, ſo konnte es eben nicht fehlen, daß er gar manchmal den Großen und Beamten läſtig wurde, die ihr eigenes Wohl ſtets dem des Staa⸗ tes und des Kaiſers vorzogen. Daher ward Da⸗ vid von Allen ebenſo gefürchtet, als gehaßt; aber daraus machte ſich die gute Seele nichts, denn David wußte: daß ihn Friedrich liebe und ſchätze, und dies Bewußtſein überwog bei ihm Kronen. Federbuſch war überhaupt ein tiefes, empfäng⸗ liches Gemüth, edel und großmüthig und uner⸗ ſchöpflich reich an Liebe für ſeinen Herrn, treu wie Gold, muthig und zu jeder Aufopferung fähig. Bei ſolchen Seeleneigenſchaften hätte Niemand Witz von ihm erwarten ſollen. War es aber die Natur, die ihn durch einen glücklichen Humor für Das entſchädigen wollte, was ſie ihm an äuße⸗ ———— 168 rer Annehmlichkeit entzogen; oder war es vielmehr eine gewiſſe Bitterkeit, welche das Gefühl, mißge⸗ ſtaltet in die Welt geſchleudert, ſo zu ſagen von ihr ausgeſtoßen worden zu ſein, in ihm erzeugte: kurz das Eine oder das Andere, oder auch Beides, hoben ihn über die Welt und ihre Alltäglichkeit, und ſein ſcharfer Geiſt trug ihn auf eine Höhe der Anſchauung, die ihm Welt, Menſchen und menſch⸗ liches Treiben in der Vogelperſpective, in ihrer ganzen Armſeligkeit und Lächerlichkeit zeigten. Sein Humor war daher in gewiſſer Beziehung die Frucht eines erhabenen Schmerzes, eine ſchmerz⸗ liche Liebe, ein liebevoller Haß, ſo zwiegeſpalten wie ſeine Seele, ſo doppeldeutig wie ſein Geſicht. Aber auch ſein Humor, wie überhaupt all ſein Denken und Handeln, war einem Gefühle unter⸗ geordnet und dies eine Gefühl war und blieb: eine unbegrenzte Liebe zu ſeinem großen Kaiſer. David ſelbſt konnte ſich recht gut über die Quelle, nicht aber über die Macht dieſes Gefühles, das ihn ſo ganz dominirte, ja mit einer tief ein⸗ gebornen, dunkeln Regung lenkte, Rechenſchaft geben. Friedrich I war eine ſo liebenswürdige Per⸗ ſönlichkeit, daß ihn jeder Rechtlichdenkende im Her⸗ zen tragen mußte; er ſtand ſo groß und erhaben „ in der Welt, daß ihm kein Aufrichtiger ſeine 169 Achtung verſagen konnte; David aber that mehr als Beides: er liebte ihn wie einen Bruder, faſt wie eine Geliebte. Friedrichs Daſein bedingte das ſeine. Er hatte ſeine Eriſtenz faſt an die des Kai⸗ ſers aufgegeben und lebte nur noch in dem Streben: Friedrichs wahre Wohlfahrt auf alle mögliche Weiſe, aus allen ſei⸗ nen Kräften, mit Aufopferung ſeiner ſelbſt zu fördern. So ſehr aber auch die Schwimmblaſen des Humors Federbuſch über dem Thränenwaſſer und den ſthgiſchen Fluten der Melancholie hielten, aus welchen er emporgeſtiegen, ſo gab es doch Stun⸗ den, in denen er die Blaſen zuſammendrückte und in dies Element untertauchte. Freilich waren ſie ſo ſelten, als ſchöne Maimonde in Deutſchland; denn David wußte ſich zu bezwingen und mied, nicht in Verſuchung zu fallen, die Einſamkeit. Hatten ihn aber große Ereigniſſe mächtig berührt, ſei es freu⸗ dig oder ſchmerzlich, ſiegte die menſchliche Schwäche und er fühlte, daß er ſein Herz in einer einſamen Stunde durch Thränen oder Gebet erleichtern müſſe. Einer ſolch einſamen Stunde bedurfte er aber vor Allem heute; denn in ſeiner Seele hatte ſich etwas zugetragen, was er nie für möglich gehalten, was er daher auch nie gefürchtet und bei Andern F 8 ⸗ 170 tauſendmal verſpottet. Ein neues Gefühl war ſei⸗ ner Herr geworden, verwirrte ihn, zeigte ſeinem geiſtigen Auge neue Entſagungen, neuen Jammer, riß mit einem Male alle die Schleußen ſeines Her⸗ zens, all' die kaum verharrſchten Wunden deſſelben auf— ja, drohte ſogar mit dem Weſen ſeines Daſeins, mit der Liebe zu dem Kaiſer, in einen mißlichen Conflict zu gerathen. David Federbuſch, der häßliche, von der Welt ausgeſtoßene, verachtete und verlachte Menſch; David Federbuſch, der Einſame, der Arme, der Gehaßte und Gefürchtete; David Federbuſch, der Hofnarr des Kaiſers— liebte!— liebte einen Engel, liebte daſſelbe Mädchen, welches ſeinen Herrn und Kaiſer feſſelte— liebte— Eudoria! Wie es gekommen, daß die wunderliebliche Tänzerin auf ihn und Friedrich zugleich, bei jenem Feſte, welches Malek⸗al⸗Kamel dem Kaiſer gegeben, einen ſo tiefen Eindruck gemacht, wußte er nicht. Aber welcher Weiſe könnte uns auch über das Weſen der Liebe und über ihr, oft blitzſchnelles, Entſtehen genügend belehren. Die Liebe iſt ja gleich einem elektriſchen Funken, der, mit einem Blicke hervor⸗ gelockt, ſchlägt und ein Feuer zündet, das ſelbſt den Herd verzehrt, auf dem es brennt. David hatte bisher nur zwei Gegenſtände ge⸗ liebt: ſeinen Kaiſer und... ein Bild. 171 Aber wir treten zu ihm ſelbſt. Die Vorhänge ſeines Zeltes waren zugezogen. Die letzten Stra⸗ len der Abendſonne drangen nur ſchwach durch die leinenen Wände und verbreiteten einen matten Dämmerſchein in dem Innern der luftigen Woh⸗ nung, in die ſich der Abendwind verrätheriſch ſtahl. David hatte ſich auf eine Art Feldbett niederge⸗ laſſen, ſo daß er, den Kopf in die Hand geſtützt, mehr lag als ſaß. Wunderbar, faſt beklemmend, war der Contraſt, welchen ſeine wehmüthigen, jetzt wahrhaft ſchmerzlichen Züge, ſein ſtummes Brüten, ja die Thräne, die ſein Auge feuchtete, mit der bur⸗ lesken, buntſcheckigen Kleidung des Narren machte. Nie hatte er dies ſelbſt ſo ſtark gefühlt, als jetzt. Wie die Seele oft den Leib, ſo hätte ſein Leib dies Kleid abſtreifen mögen; aber— da trat das Bild ſeiner körperlichen Unförmlichkeit vor ſeine Seele und mit einem bitteren Lächeln ſagte er monoton: Bin ja auch ohne die Jacke ein Mißgeſtalteter, ein Narr. Mit ihr— der des Kaiſers, nackt— der meiner Leidenſchaften und des Schickſals. Ein tiefes Schweigen folgte dieſen Worten. David machte ſich Vorwürfe, daß er rückſichtlich der ſchönen Eudoria ſo kindiſch ſei. Er hatte ſo oft über das Seelenfieber der Liebe, das gewöhn⸗ lich auch ein körperliches zur Folge hat, humvriſirt und jetzt ſchüttelte es ihn ſelbſt. Er ſtellte ſeine 8* 172 Häßlichkeit neben die vollendete Schönheit Eudoria's, ſeinen Stand neben den des Kaiſers und frug ſich: ob er nicht ein recht dummer, ein dreifacher Narr ſei? Erſtens: weil er ein Weib liebe, zweitens: weil er einen wahren Engel liebe, und drittens: weil er mit einem ſolchen Nebenbuhler liebe? Mir geht's mit der Liebe, wie einem alten Kater mit dem Fliegen, wenn böſe Buben ihm Blaſen an die Füße gebunden, ſagte er endlich trocken und ſtand ärgerlich über ſich ſelbſt auf; das arme Vieh, vom Kirchthurme in die Luft geworfen, möchte aus dem ihm unheimlichen Elemente wieder her⸗ unter; aber je mehr es mit den Füßen arbeitet, deſto ſchöner fliegt's über die Dächer dahin, bis es ermüdet ſich in ſein Schickſal ergibt, herabſtürzt und den Hals bricht. Aber ſo raſch Federbuſch auch auf und ab ging, ſo viel Mühe er ſich gab, das Bild der Tänzerin zu vergeſſen, an andere Sachen zu denken; ſo ſehr er ſich das Unſinnige und ewig Fruchtloſe einer ſolchen Leidenſchaft vorhielt: ſeine Phantaſie malte ihm immer wieder die ganz eigenthümlichen lieben Züge, die ätheriſche Geſtalt, das tiefe, flammende Auge Eudoria's. Jetzt erſt gewahrte er mit Entſetzen, daß der Eindruck, den das Mädchen auf ihn gemacht, kein vorübergehender geweſen, daß er ernſtlich liebe. 173 David hielt in ſeinem Auf⸗ und Abgehen inne. Es war ihm unbeſchreiblich wunderbar zu Muthe; denn in demſelben Momente thaute ein ganzer Himmel voll Seligkeit auf ihn herab, durchrieſelte ihn Entzücken; durchſchnitt ſeine Seele aber auch zugleich ein furchtbarer Schmerz, erfaßte ihn eine tiefe erſchütternde Wehmuth. Die Gottheit, die ewige Liebe, hatte ihre Flü⸗ gel geregt und ihn berührt. In dem Bewußtſein: daß er liebe, hauchte ihn die Seligkeit Gottes an, in dem Gedanken: daß er verurtheilt ſei, ewig unglücklich zu lieben, durchzuckte ihn die Qual der Verdammniß. Da flogen alle die finſteren Geiſter, die in dem Menſchen wohnen und die David mit männlicher Willenskraft ſeit langer Zeit in der Tiefe ſeiner Seele gefeſſelt hielt, ſchreiend auf. Wie Harpyen umkreiſten ſie ihn geſpenſtig und ſchlugen ihre Geier⸗ klauen tief in ſein Herz, riſſen alle die alten Wunden wieder auf und wühlten mit hölliſchem Triumphiren in denſelben. Hohn der Allmacht, riefen ſie ihm zu, hat dich ſo häßlich geſchaffen! Was willſt du, Mißgeſtalteter, unter den Men⸗ ſchen? Spielwerk der Natur, biſt du nun der Spott deiner Brüder! Mit Widerwillen, mit verächt⸗ lichem Lächeln wendet ſich jeder Schöngeformte von dir hinweg! Du biſt ein Ausgeſtoßener, ein Paria der Menſchheit! Dir blüht nicht der Liebe Glück; verſchloſſen ſind für dich die Tempel des Ruhmes und der Ehre! Mit Ekelnamen ruft dich die Welt! Ja deine Seele brandmarkt ſie, weil die Natur dich mißformt. Wer kennt dein Inneres? Wer ahnt, daß unter der häßlichen Hülle ein Herz ſchlägt, das die ganze Welt mit Liebe umfangen möchte, das nur in beißende Bitterkeit ausbricht, um mit dem Höllenſteine des Witzes das faule Fleiſch in der menſchlichen Geſellſchaft auszumerzen? Wer kennt die Opfer, die du entſagend dargebracht? Die Kämpfe, die du ausgerungen? Die Siege, die du über Leidenſchaften davongetragen? Wer achtet die Demuth, mit der du dich, nur um das Wohl deines Kaiſers und durch ihn das von Millionen Menſchen zu fördern, zum elenden Narrendienſte hergegeben? Habt ihr viel⸗ leicht, die ihr ihn mit Füßen tretet, das Gute ge⸗ zählt, das er geſtiftet? Seid ihr fähig, die Größe der Lebensaufgabe zu faſſen, die er ſich geſtellt? Aber er iſt ja häßlich, mißgeſtaltet, arm und ver⸗ laſſen und darum ein Elender, der höchſtens vor⸗ handen iſt, euch lachen zu machen! Und die frechen Hände der Harpyen griffen ſelbſt an den Himmel und warfen Gott ſein Werk vor und ſchrieen: Warum haſt du ihn ſo ge⸗ ſchaffen? David war ein Menſch, er trug in ſeinem Buſen Leidenſchaften, wie jeder Sterbliche, die, wenn erſt entfeſſelt, den Titanen gleich, den Him⸗ mel ſeiner Bruſt zu ſtürmen drohten. Aber in dem verkrüppelten Körper wohnte eine ſtarke Seele. Sie war der Jupiter, der die Empörten mit ſeinen göttlichen Blitzen niederſchmetterte und ſie bannte in die Tiefe des Tartarus. Auch heute waren ſie aufgebrauſt, wilde Stürme hatten ihn umtoſ't. Aber aus dem finſteren Chaos ſtieg ſiegreich, wie eine Sonne, der große und gött⸗ liche Gedanke empor, der Davids Leben von jeher geregelt und ihn unwandelbar einem herrlichen Ziele entgegengeführt: aus Liebe zu Friedrich jedem Erdenglücke zu entſagen, jede De⸗ müthigung geduldig zu tragen und nur über das Wohl des Kaiſers und ſeiner Völker, gleich einem Schutzgeiſte, zu wachen. Und wie das Licht einſt blühende Welten aus dem Chaos rief und die tobenden Elemente in ſegensreiche Feſſeln zwang, ſo wurde es auch ſtiller und ſtiller in ſeiner Bruſt; die ihn begeiſternde Idee rief den alten Frieden in ſeiner Seele hervor und das Bewußtſein, ſo Edles zu wollen, kräftigte ihn durch ſeine Größe zu neuen Entſagungen und 176 machten ihn ſtark, die ſchwere Bürde zu tragen, die der Himmel ihm auferlegt. Und gewähren denn nicht in der That auch getäuſchte Hoffnungen Genuß? Gibt es etwa eine großartigere Liebe, als die, die da freiwillig aus Liebe entſagt und dadurch dreifach liebt: Gott, durch die Entſagung, den Gegenſtand, für den ſie zurück⸗ tritt, und den, auf den ſie verzichtet? Werden doch auch nicht alle Blüten eines Baumes zu Früchten, und dennoch entzücken ſie uns im Prangen— und in der Erinnerung. Der beſte Troſt für eine wunde Bruſt iſt: das Verſtändniß der Grundbedeutungen der wechſeln⸗ den Erſcheinungen auf dieſer Welt. Der Wechſel birgt die ewige Einheit, wie der Tod das Leben. Und wie Sünden und Leiden Verhüllungen der Gottheit ſind, ſo ruht in Entſagungen oft ein un⸗ endliches Glück. Und wer wird den eigenen Schmerz nicht vergeſſen, oder wenigſtens minder fühlen, wenn er einen Blick auf die Leiden ganzer Natio⸗ nen wirft? Wen werden die kleinen Unglücksfälle ſeines Lebens zu Boden drücken, wenn er an die großartigen Weltkataſtrophen denkt, die ganze Völ⸗ kerſchaften vernichteten? David war entſchloſſen! Die Liebe zu Eudoxia konnte er zwar nicht unterdrücken, dies lag außer ſeiner Macht, aber er vermochte jeder Hoffnung zu entſagen. Ihre Unſchuld zu ſchützen vor jedem Giſthauche des Laſters, ſeinen Kaiſer vor einem Fehltritte zu bewahren und deſſen volle Liebe und Thätigkeit ſeinen Völkern zu erhalten, ſollte ſeine nächſte Aufgabe ſein. So mächtig ihn aber dieſer Vorſatz begeiſterte, konnte er ſich doch einer leiſen Wehmuth nicht er⸗ wehren. Seine Augen wurden feucht und er brei⸗ tete die Arme aus, als ſuche er ein Weſen, an deſſen Bruſt er ſich ausweinen könne. Aber der Arme hatte ja Niemand! Niemand! Auf Gottes weiter Welt Niemand, der ſeiner achtete, der die Gefühle hätte erwidern können, die ihn bewegten. Und den⸗ noch lagerte ſich ein Ausdruck des Entzückens, der Erhebung über ſeine Züge. Er ſtand noch immer regungslos, mit weit geöffneten Armen. Die Au⸗ gen blickten ſtarr vor ſich hin, als ob ſich ein gei⸗ ſtiges Weſen in durchſichtigen Formen ihnen ver⸗ körperte. Mutter! rief David alsdann kaum hörbar, verklärter Geiſt! ich bin dem Schwure treu geblie⸗ ben, den ich an deinem Sterbebette geleiſtet: mein ganzes Leben, alle meine Kräfte ungetheilt den edlen Hohenſtaufen zu widmen. Mag immer mein armes Herz verbluten— ich bin ja ohnedies zum Leiden geboren!— wenn nur dein Wunſch erfüllt wird! 178 Mit dieſen Worten ſanken die Arme des Un⸗ glücklichen allmälig nieder. Dann richtete er ſich langſam empor, verſicherte ſich noch einmal, daß er unbelauſcht und unbeachtet ſei, und ging dann raſch auf ſein Feldbett zu. Es war dies ein altmodiſches, Fuſſtors Möbel von geſchnitztem Eichenholz, unanſehnlich und ſchwerfällig und, da es keine Füße hatte, nur we⸗ nig von der Erde erhaben. David ging zu dem Ende, an welchem ſein Kopf zu liegen pflegte. Hier bückte er ſich nieder und drückte an dem untern Theile der Bettſtelle auf eine Feder. Eine doppelte Thüre ſprang auf und zeigte in einem kleinen, 4 ſchrankartigen Behälter ein Küſtchen von Ebenholz. Nachdem Federbuſch dies Käſtchen herausgenom⸗ . men und es durch einen Schlüſſel, den er unter ſeinen Kleidern trug, geöffnet hatte, blickte ihm ein zweites, ſilbernes Käſtchen entgegen. David betrachtete daſſelbe mit einer Art heili⸗ ger Scheu, ließ es aber unberührt, und nahm nur ein kleines Bild, welches auf demſelben lag, her⸗ aus. Es ſtellte eine wunderſchöne Frau in der Blüte ihrer Jahre vor. Reiche Gewänder um⸗ ſchloſſen ſie, ihre Züge aber trugen, unbeſchadet ihrer Schönheit, eine nicht zu verkennende Aehn⸗ lichkeit mit denjenigen des Narren. Ein breiter goldner Rahmen mit eingelegten Edelſteinen von ſehr beträchtlichem Werthe umfing das Portrait. David betrachtete es lange mit tiefer Vereh⸗ rung, dann küßte er es inbrünſtig und rief: Für dich und meinen Kaiſer! Es war das Bildniß ſeiner Mutter. 12. Die drei Herzen. Erzählen?— Wohl! Wir ſind in Kamel's Zelt, Die Nacht iſt lau, wir ſehn aufs Sternenfeld. Dein Oheim ſpricht: Bevor die Schatten weichen, Soll uns die Zeit in Märchenluſt verſtreichen. Gleich tritt ein Mädchen an das Polſterbett, Auf dem wir Schwelger ſchlürfen den Sorbet, Die Palmen ſchütteln ſch vor Neugier draußen, 2 Dumpf durch den Sand klingt her der Trott der Straußen Vom Baume horcht, erweckt, der Papagei, Das edle Roß des Oheims tanzt herbei, Langhälſig gucken in das Zelt Kameele; So lauſcht nun Alles.— Odalisk', erzähle! Kaiſer Friedrich II. Immermann. Die Leidenſchaften ſind die Stürme des geiſtigen Lebens. Ohne die Bewegung der Luft, die wir Wind nennen, und welche ſich, die Atmoſphäre reinigend, aufregend und durch Beides geſund er⸗ haltend, vom Zephyr zum Sturme, vom Sturm zum Orkane ſteigert, wäre der Dunſtkreis, der unſere Erde umgibt, ein todtes Meer, in deſſen dicken, ver⸗ peſteten Fluten kein Leben athmen könnte. Aber während die Winde auf leichten Flügeln die Welt ſegensvoll umrauſchen und Friſche, Leben und Ge⸗ ſundheit verbreiten— wirft der allgewaltige Sturm, furchtbar daher brauſend, Alles vor ſich nieder. Es iſt eine Emporung des himmliſchen Luftoceaus. Bäume entwurzelnd, die Wohnungen der Menſchen niederſtürzend, Berge und Felſen zerreißend, Schiffe zertrümmernd fährt er einher, ein Bild der Größe, der ungefeſſelten Kraft. Wie Spreu fliehen die Heere der ſchwarzen Wolken vor ihm dahin, die Vögel flüchten, die Thiere des Waldes bergen ſich heulend in ihre Höhlen, das Meer öffnet ſeine un⸗ erforſchten Tiefen und der Erdball erzittert bis an ſeine Achſe. Mit ſcheuem Auge mißt der Menſch den Schaden, den die furchtbare Erregung gebracht, aber ruhig lächelnd überſieht ihn die Gottheit; denn vor ihrem lichten Blicke wandelt ſich das Unheil zum Heile, wird die Empörung ſelbſt eine Quelle des Segens. So iſt es im Mikrokosmus des menſchlichen Körpers mit den Leidenſchaften. Sie ſind das be⸗ wegende Lebensprineip des Menſchen und wenn ſchon der Affekt die Wellen des Blutes ſchneller durch die Adern treibt, ſo reißt die Leidenſchaft Alles mit ſich fort, Körper und Seele in ihren tief⸗ ſten Tiefen erſchütternd, uns bald niederwerfend ih den Abgrund des Verderbens, bald erhebend zu den lichten Höhen wahrer Größe. Meenſchen ohne Leidenſchaften ſind Automaten; wer ein Spiel derſelben, ſinkt zu den Thieren, 182 ja oft unter dieſe herab; Menſchen aber, die von großen Leidenſchaften bewegt, ihrer Herr bleiben, reißen den Göttern den Kranz der Unſterblichkeit von der ewig klaren Stirne. Wie wir aber mit ernſtem, faſt andächtigem Staunen den imponirenden Naturerſcheinungen zu⸗ ſchauen und ihren Wirkungen beobachtend folgen; ſo iſt es für jeden gebildeten Menſchen auch von dem höchſten Intereſſe, die gewaltigen Seelenäuße⸗ rungen Anderer zu beachten. Das Feld dieſer Er⸗ ſcheinungen aber iſt unendlich groß; um ſo mehr, als ſich jede Anregung, jeder Affekt, jede Leiden⸗ ſchaft in den verſchiedenen Individuen auch ver⸗ ſchiedenartig geſtalten. Liebe bleibt zwar immer Liebe; aber wie anders liebt der ſinnliche und der geiſtige Menſch, der Sanguiniker und der Phleg⸗ matikus, der Mann und das Weib, der Jüngling und die Jungfrau. Und wie mit der Liebe, ſo geht es auch mit allen andern Leidenſchaften. Leiden⸗ ſchaften erregen aber unſere Theilnahme um ſo mehr, als ſie, nach der in der deutſchen Sprache ſo trefflichen Etymologie, Leiden ſchaffen; Lei⸗ den, die durch Kämpfe erzeugt, nur durch die ab⸗ ſolute Herrſchaft der Vernunft von uns abgehalten werden können. Natürlich bleibt es dabei, daß wir vorzugs⸗ weiſe unſer Wohlgefallen an der Beobachtung der 183 Liebe haben, da dieſe Seelenäußerung allen Men⸗ ſchen am nächſten liegt und die angenehmſten Ein⸗ drücke auf uns macht, die ſüßeſten Leiden bietet. Wie verſchieden ſich aber die Liebe in den Herzen verſchiedener Menſchen geſtaltet, zeigte ſich namentlich auch, als ſie, wie von einem Gott her⸗ vorgerufen, in dem gleichen Momente Eudoria, Kaiſer Friedrich und David ergriff. Kaiſer und Narr liebten mit Einemmale das ſchöne Heidenkind, welches ſelbſt fühlte, daß eine glühende Neigung zu dem neuen Herrn in ſeinem Herzen erwacht ſei. Der Narr, deſſen Vernunft längſt das ſchöne Vorrecht einer faſt unumſchränkten Herrſchaft aus⸗ übte, beugte auch diesmal, wenn ſchon nach hartem Kampfe und unter tiefen Schmerzen, die Leiden⸗ ſchaft unter den goldenen Zepter derſelben. Fried⸗ rich aber, der gewaltige Kaiſer, der liebenswür⸗ dige, ſchöne Mann, nicht an Entbehrungen noch an Widerſpruch gewöhnt, leicht entzündlich, raſch aufflammend und ſtets des Sieges bei allen weiblichen Herzen gewiß; geiſtig groß, aber auch von jener, den Hohenſtaufen ſo eigenen Sinn⸗ lichkeit durchglüht, vermochte theils des aufkei⸗ menden Feuers nicht ganz Herr zu werden, noch hatte er den entſchiedenen Willen, daſſelbe zu unter⸗ drücken. Kaiſer Friedrich ſah überhaupt die Liebe von dem hohen geiſtigen Geſichtspunkte aus, den er mitten in einem finſtern Jahrhunderte einnahm, welches allein durch ſein Erſcheinen und Wirken Licht empfing und zur Wiege beſſerer Tage wurde. Der Geiſt, der es gewagt, die Feſſeln des Aberglaubens wie Spinngewebe zu zerreißen; der den großen imponirenden Kampf mit der geiſtigen Tyrannei der römiſchen Finſterlinge begonnen, während er zugleich die vielen, ſeiner Krone unter⸗ worfenen Reiche weiſe regierte— konnte ſich an die engen Schranken nicht halten, welche das Zwerg⸗ geſchlecht der Menſchheit um ſeine kleinen Leiden⸗ ſchaften gezogen. Stand er doch auch als Menſch hoch über dem Getriebe der Welt, deſſen Wir⸗ ren ſich vor ſeinem ſcharfen Blicke auflöſten, der ihn den Anfang und das Ende aller Wege klar ſehen ließ. Ihm war Liebe der Schlüſſel zum Himmel, der zwar nie mit Gewalt genommen werden darf, wenn er aber mit gleichem Gefühle gereicht wird, unbedingt den Himmel erſchließt, auch ohne den Portier im Prieſterrock. Für das Volk— beſſer für das geſellige Leben— bedarf es einer politiſchen und geiſtigen Polizei, das fühlte der Kaiſer recht gut; ebenſp war er aber auch überzeugt, daß es in dem Reiche des Verſtandes keinen ſolchen Popanz gebe und ſomit der Bund der Liebe ur durch Gegen⸗ liebe bedingt ſei und geſchloſſen werden könne. Wie hätte auch ein ſo poetiſches, liebeglühen⸗ des, für alles Schöne empfängliches Gemüth bei dem Anblick ſo hoher als ſeltener Reize ungerührt bleiben können! Wenn daher Friedrich den tiefen Eindruck, den Eudoria auf ihn gemacht, im An⸗ fang zu unterdrücken geſucht, ſo ging dieſe Regung nicht von dem Menſchen, ſondern von dem Kaiſer aus, der beſorgte, eine ſolche Leidenſchaft könne das Wirken für ſeinen großen Zweck hemmen. Deſſenungeachtet fühlte Friedrich das Bedürf⸗ niß, ſo recht heiß und innig zu lieben und wieder⸗ geliebt zu werden, in dem üppigen Morgenlande mächtiger als je. Und wer hätte ein treues Herz, eine tröſtende, beſänftigende, begeiſternde Liebe mehr bedurft, als der Monarch, der von Sorgen belaſtet, von Verräthern bedroht, von kalten, ſelbſt⸗ ſüchtigen Schmeichlern umgeben, fern von Vater⸗ land, Freunden und Kindern allein daſtand, in einer Welt, für die er entweder der Antichriſt vder ein Gott war? Der ſtolze Adler ſchwebt auf ausgebreiteten Schwingen der Sonne entgegen. Rings um ihn her, im todtenſtillen Reich der Größe weht reine Aetherluft und tief unter ihm, kaum kenntlich, liegt die Welt mit ihren Erbärmlichkeiten, ihrem Jam⸗ mer, ihrem Elend— aber auch— mit der Selig⸗ keit ihrer Liebe. Aber dem Kaiſer war Liebe das Licht des Lebens. Nur ſchwach hatte er ihren erſten Eindrücken wider⸗ ſtanden, und es bedurfte nur eines Lufthauches, die verborgene Glut zur Flamme anzuſchüren. Anders geſtaltete ſich dieſes Gefühl in Eu⸗ doria's Herzen. Hier war ſie bereits zur Leiden⸗ ſchaft geworden; denn von dem Augenblicke an, in welchem ſie den Kaiſer geſehen, wußte ſie, daß nur deſſen Zuneigung ſie beglücken könne. Und wahr⸗ lich Friedrichs ſchöne Geſtalt, die Lebensfriſche, die ihn umwehte, ſeine geiſtreichen Züge, ſein majeſtäti⸗ ſches und doch freundliches Weſen rechtfertigten die Wahl vollkommen. Außerdem hatte die Mor⸗ genländerin andere Anſichten von Liebe und Ehe, als man ſie in dem Abendlande gewohnt iſt, vor⸗ auszuſetzen; denn mit dem Momente, in welchem ſie von Malek⸗al-Kamel an den Kaiſer geſchenkt worden, war ſie deſſen Sklavin, und folglich ſtand, nach ihrem Glauben und der Sitte des Landes, dem innigſten Verhältniß zwiſchen ihr und ihrem neuen Herrn kein Hinderniß entgegen. Ein Kind der Natur, legte ſie daher ihrer Lei⸗ denſchaft keinen andern Zaum an, als denjenigen, den ihr das angeborene weibliche Zartgefühl an die Hand gab; ja ihre Glut und Sehnſucht wuchs mit jedem Tage. So ſtanden die Dinge, als ſich David Feder⸗ buſch entſchloß, die eigenen Gefühle tief in dem Herzen begrabend, Eudoria und den Kaiſer, wo immer möglich, vor einer Leidenſchaft und einem Schritte zu bewahren, der ſie Beide mit der Zeit unglücklich machen mußte. Der Narr hatte nämlich mit wenig Mühe, da ſein Auge ja ebenfalls durch die Liebe geſchärft war, ſowol den Seelenzuſtand Beider entdeckt, als auch in Eudoria ein Weſen gefunden, deſſen himmliſche Güte, deſſen Seelenreinheit und edler Charakter ſie in moraliſcher Beziehung eben ſo hoch ſtellte, als dies ihre bezaubernde Schönheit in phyſiſcher that. Dieſe Entdeckung entflammte David nur noch mehr, aber die Liebe hatte bereits in dem an Entſagung gewöhnten Herzen des redlichen Narren die Fär⸗ bung einer rein göttlichen angenommen. Ihr Wach⸗ ſen ſteigerte einzig den Entſchluß, das theure We⸗ ſen zu ſchützen, und er hoffte dies um ſo leichter zu können, als er Friedrichs Edelmuth und Geiſtes⸗ größe kannte. Ein eigner Zufall kam ihm hierbei zu ſtatten und verſchaffte ihm einen ungemeinen Einfluß auf Eudoria. Dieſe nämlich, obgleich im Anfang von der Mißgeſtalt Davids zurückgeſchreckt, theilte mit allen Orientalen den Glauben: Narrheit und Wahn⸗ ſinn ſeien Zeichen einer beſonderen göttlichen Gnade. Sie hielt daher die Ausſprüche Federbuſch's für göttliche Inſpiration, wodurch es dieſem ein Leich⸗ tes wurde, mächtig auf ſie einzuwirken. David hatte denn auch nicht ſo bald dieſe für ihn ſo günſtige Meinung entdeckt, als er die Ge⸗ walt benutzte, die ihm Eudoria's Vorurtheil über ſie gab, indem er durch Andeutungen und myſtiſche Ausſprüche ihr die Kluft zeigte, die ſich zwiſchen ihr und der Majeſtät befände und immer klaffen müſſe. Eudoria, deren Gedanken alle nur nach einem Ziele gerichtet waren, konnte dieſe Winke nicht mißverſtehen. Sie fielen ſchwer und beängſti⸗ gend auf ihre Seele; denn ſie waren das feurige Schwert, mit welchem ſie David aus ihrem dieſe trieb. Der Reiche, für den auf hundert Feldern die Hoffnung grünt, kann ſich tröſten, wenn ihm der Ha⸗ gel eines derſelben zerſtört; wem aber in der Welt nur eine Hoffnung blüht, der ſteht verzweifelt, wenn ihm das Schickſal auch noch das Letzte raubt. So ging es Eudoria. Nach einer wechſelvollen Ju⸗ gend voll dunkler Schlagſchatten ſchien ihrer Lebens⸗ nacht der Stern des Heils aufgegangen zu ſein. Mit allen den Gluten, mit all der Heftigkeit einer Orientalin erfaßte ſie die neue Hoffnung, und ſtürzte ſich berauſcht in die Flut der beſeligen⸗ den Gefühle. Da griff, wie es ihr däuchte, die Hand des Himmels ſelbſt dazwiſchen und knickte die kaum Aufgegangene. Eudoria glich in der That jetzt einer jener Lieblingsblumen ihres Vaterlandes. Wie die Cactusknospe hatte ſie ſich der warm auf⸗ gehenden Liebesſonne zugewandt und in ihrem Strale die geſchuppten Kronblätter des zart duf⸗ tenden Kelches weit, weit geöffnet. Aber nur ein Tag ſah ihre freudige Pracht; ſchon den kommen⸗ den Morgen ſenkte ſich die liebliche Blüte traurig und hoffnungslos. David bemerkte das Erblaſſen, das matte Zu⸗ ſammenſinken der Wunderblume, aus deren bloßem Anblicken er ſchon Seligkeit zog, mit tiefem Schmerz. Ach, wie viel lieber hätte er ſie mit unendlicher Zärtlichkeit gehegt und gepflegt, mit welcher Sorg⸗ falt ſie auf den Händen getragen, und jetzt ſollte er ſie aus der Sonne rücken, der ſie doch ſo ſelig entgegenlächelte? Aber er mußte es thun, denn dieſe Sonne brannte zu heiß und glühend, ihr Stral hätte die zarte Blume nach einer kurzen Wonne vernichtet. Davids Beweggründe für dieſe Handlungs⸗ weiſe waren ſo rein von jeder Selbſtſucht, wie ein italieniſcher Himmel von trüben Dünſten. Hatte doch die doppelte Liebe, zu dem Kaiſer und Eudoria, 190 in ihm die doppelte Furcht erzeugt, daß Beide durch eine Leidenſchaft unglücklich werden möchten. Hei⸗ rathen konnte der Kaiſer die Morgenländerin ja ohnedies nicht und dabei war noch vorauszuſehen, daß die Politik und die Großen des Hofes den rüſtigen und blühenden Monarchen bald wieder zu einer kirchlichen Verbindung drängen würden. Außerdem aber hatte der Narr noch einen anderen, faſt noch wichtigeren Beweggrund. Kaiſer Friedrich war nämlich, wie ſchon oft er⸗ wähnt worden, ein ſehr aufgeklärter Geiſt, der na⸗ mentlich in Sachen der Religion ganz anders als ſein Jahrhundert dachte und die Toleranz als eine der erſten Tugenden aufſtellte. Dieſe Duldſamkeit aber war ſchon längſt ſeinen Feinden ein Greul und wurde Friedrich, unſinnig genug, von jenen für Ab⸗ neigung gegen das Chriſtenthum und heimliche Ver⸗ ehrung des mahomedaniſchen Glaubens ausgelegt. Federbuſch, der über den Frieden und das Glück ſeines Herrn mit eiferſüchtigem Auge wachte, wußte dies längſt und kannte auch die Mühe, die man ſich gab, an dem großen Charakter ſeines Fürſten Flecken zu entdecken und wo möglich Etwas aus⸗ zuſpüren, was ihn in den Augen der Menge her⸗ abſetzen oder als Ketzer in Verdacht bringen könne. Bis jetzt hatten die Stlavenſeelen umſonſt ge⸗ lauſcht und geforſcht, aber welch ein Triumph wäre 19¹ es für ſie geweſen, den Kaiſer in den Armen einer Mahomedanerin zu finden. Einer Mahome⸗ danerin, denn der edeldenkende Monarch würde nie ein Uebertreten aus einer Religion in die an⸗ dere zur Bedingung ſeiner Liebe gemacht haben; ſo wenig als die Sonne nur den orthodoren Katho⸗ liken auf die Köpfe ſcheint und alle Andersdenken⸗ den im Dunkeln läßt. Dies Aergerniß, von dem man ſicher auf tau⸗ ſend andere Dinge geſchloſſen haben würde und wel⸗ ches dem Kaiſer in den Augen der damals noch ſo ganz blinden Menge ſehr hätte ſchaden können, wollte nun der treue und beſorgte Narr um jeden Preis vermeiden. Sagen durfte er davon Fried⸗ rich nichts, da dieſen ein ſolch neues Zeugniß für ſeine Toleranz wol gerade nur noch mächtiger an⸗ gefeuert hätte. Aber nur zu bald gewahrte Federbuſch, daß die Aufgabe, die er ſich geſtellt, nicht ſo leicht zu löſen ſei. In beiden Lagern kämpften günſtige Zu⸗ fälle. So hatte der unerwartete und günſtige Friede mit Malek⸗al⸗Kamel den Kaiſer ſelbſt friedlich und freudig geſtimmt und ſein großes Herz ſehnte ſich jetzt, nach ſo vielen Mühen, Gefahren und Sor⸗ gen mehr denn je nach Liebe. Friedrich ſuchte ſich daher Eudoria zu nähern. Er hätte als Kaiſer, als unumſchränkter Herr, über 192 den Leib der Sklavin gebieten können; daran zu denken war aber der Monarch zu edel; auch ſuchte er ja nicht armſeligen Sinnenreiz, ſondern die freie, ſelbſtſtändige Neigung eines freien Weſens. Er liebte Eudoria leidenſchaftlich, das fühlte er immer mehr und mehr, und als er endlich mit ſich darüber im Klaren war, gab es für ihn nur noch die Fragen: liebt auch ſie mich? und liebt ſie in mir den Herrſcher oder den Menſchen? Dieſe Fragen mußten gelöſt werden; fiel die Antwort zu Gunſten Friedrichs aus, ſo gab es für ihn kein weiteres Hinderniß mehr. Liebe iſt die Poeſie des Lebens. Wie ſüß, wie entzückend mußte ſie ſich in dem poetiſchen und empfänglichen Gemüth des Kaiſers ſpiegeln. Den Lieblingswünſchen jagt die Phantaſie des Menſchen wie ein wilder Knabe den bunten Schmetterlingen nach, glücklich, wenn er ſie erhaſcht und im Feſt⸗ halten den zarten Farbenſtaub nicht von den Flü⸗ geln wiſcht! Während der Herrſcher ſich zu überzeugen ſuchte, ob in dem Herzen des ſchönen Heidenkindes eine Neigung für ihn throne, war ſeine Phantaſie dem Erfolge längſt vorausgeeilt. Er dichtete ſich ein Land des Entzückens, ein Paradies, und ſetzte die zauberiſche Geſtalt Eudorias als ſeinen guten Engel hinein. Ha! wie ging da dem Kaiſer das 193 Herz auf, wenn er dachte, daß er an dem Buſen dieſes holden Weſens die traurige Etikette, ſammt dem öden Sonnenreiche des Herrſcherthums, und die Welt mit ihrer Falſchheit, Scheinheiligkeit und Laſterhaftigkeit vergeſſen dürfe und ſo ganz er ſelbſt mit einem zweiten, gleichgeſinnten und gleichgeſtimmten ſelbſt zu ſein. Dies Dichten und Denken ſteigerte ſeine Lei⸗ denſchaft noch mehr; aber ſo viel Mühe er ſich gab, Eudoria zu erforſchen, er konnte aus dem Mädchen nicht klug werden. Sanft und demüthig wie ein Engel ſchmiegte ſie ſich zu ſeinen Füßen und doch war es eine Achtung gebietende Hoheit, die ſich wieder bei der geringſten Annäherung zwiſchen ihn und ſie ſtellte. Ihre Augen blitzten oft, wie von einem mächtigen Gefühle überwältigt, mit einer verzehrenden Glut auf; dann wurde ihr blaſſes, intereſſantes Geſicht gewöhnlich noch bläſſer, bis eine feurige Röthe durch die zarte, faſt durchſichtige Haut ſpielte, als wolle ſie die Kälte in ihrem Aeußeren Lügen ſtrafen. Eudoria kannte die Künſte der Verſtellung zu wenig, um nicht den Kampf ih⸗ rer Seele durchblicken zu laſſen; wenn ihr aber Friedrich mit der ihm eigenen Offenheit und Herz⸗ lichkeit entgegentrat, ſie bittend, ihr Inneres ihm eben ſo offen zu erſchließen:— dann ſteigerte ſich dieſer Kampf noch mehr, ja er äußerte ſich in einer . 194 Angſt und Beklommenheit, die einem nnatteihen den deutlichſten Beweis einer allmächtigen, aber mit Gewalt zurückgehaltenen Liebe an die Hand gegeben haben würde. Friedrich aber liebte ſelbſt und zweifelte daher, gerade dieſen Kampf zu ſeinem Nachtheile und zum Vortheile eines Andern deutend. Ein Wort von ihm hätte entſcheiden müſſen; aber er hatte ſich vorgenommen, nur einer wahren und uneigennützigen Glut zu huldigen, wollte da⸗ her auch um keinen Preis die Wünſche ſeines Her⸗ zens voreilig verrathen. In dieſer Noth wandte ſich der Kaiſer an ſei⸗ nen Vertrauten, den Narren. Hier aber ſtach er in ein Wespenneſt; denn ſtatt durch die Hülfe ſei⸗ nes luſtigen Rathes klüger zu werden, verwirrte dieſer ihn durch tauſend Witze und Schelmereien nur noch mehr; ja er mußte von Federbuſch mit⸗ unter manche bittere Wahrheiten koſten, die ihm deutlich genug zeigten, was David von einem ſol⸗ chen Verhältniß fürchte und halte. So war es, als man an einem ſchönen Abende Raſt machte— denn der Kaiſer war mit ſeinem gan⸗ zen Heere nach Jeruſalem aufgebrochen, um ſich dort krönen zu laſſen— daß Federbuſch zu dem Kaiſer trat. Es war ſchon ſpät, die Sonne ſank bereits ihrem Untergange zu und alle Geſchöpfe athmeten, 2 3— nach einem drückend heißen Tage, erleichtert auf. Auch Kaiſer Friedrich hatte die Friſche des Abends aufgeſucht. Er ſaß in einer Art Garten, den aber mehr die Natur als die Kunſt geſchaffen. Der Garten gehörte zu der Burg von Ludda, in welcher der Monarch ſein Quartier für dieſe Nacht genom⸗ men. Eine ſonderbare Welt umgab hier den Kai⸗ ſer. An den Palmen, die ihre Wipfel über ihm im Winde wiegten, kletterten Affen mit komiſchen Geberden auf und ab. Von den Zweigen der nahen Balſamſtauden ſchrieen bunte Papageien, die ſo zahm waren, daß ſie oft zu dem Kaiſer herüber⸗ flogen und ſich ihm neckend auf die Schultern ſetz⸗ ten. Giraffen, Kameele und Dromedare reckten ihre langen Hälſe neugierig über die Büſche, zwei ſchneeweiße Elephanten ſchritten in einiger Entfer⸗ nung majeſtätiſch dahin, ja aus wohl verſchloſſenen, mit eiſernen Gittern verſehenen Kaſten, blickten die grimmen Geſichter von Tigern und Hyänen, wäh⸗ rend neben dem Lieblingshund des Kaiſers ein großer afrikaniſcher Löwe zu den Füßen des Für⸗ ſten lag und mit zugedrückten Augen behaglich die Liebkoſungen ſeines Herrn hinnahm. Kaiſer Friedrich ſaß inmitten jener Menage⸗ rie, die er der Freigebigkeit ſeines Freundes Ma⸗ lek⸗al⸗Kamel's verdankte. Der Sultan hatte längſt davon gehört, wie ſehr ſich der Kaiſer für Thiere v— 196 im Allgemeinen, beſonders aber für Falken und ſeinem Vaterland fremde Thiere intereſſire, und war um ſo aufmerkſamer geweſen, Friedrich mit dieſer Sammlung vorzüglich ſchöner, mitunter ge⸗ zähmter Geſchöpfe zu erfreuen. Und wahrlich er hätte demſelben kaum ein angenehmeres Geſchenk ſenden können, da Friedrich ſich das Studium der Natur und ihrer Gebilde zu einer Lieblingsbeſchäf⸗ tigung in müßigen Stunden gemacht hatte. In dieſen ſo mannigfaltig belebten Raum trat in dem Augenblicke der Narr. Nicht ſogleich von dem Kaiſer bemerkt, fand er dieſen in tiefen Ge⸗ danken verloren. Er konnte ſich leicht denken, wem ſie galten, da Friedrich es an der Gewohnheit hatte, während der Geſchäftszeit nur den Geſchäften, in den Erholungsſtunden aber auch nur ſeiner Phan⸗ taſie zu leben. Und mit wem beſchäftigte ſich dieſe in der letzten Zeit lieber, als mit Eudoria? Davids Augen ruhten mit einem Ausdruck des Mitgefühls auf dem ſchönen Bilde. Der kräftigen, ſtolzen Geſtalt des Kaiſers gab der Anflug von Melancholie etwas Weiches, Mildes, während die Vertraulichkeit zwiſchen ihm und dem Könige der Thiere etwas Imponirendes hatte. Wie gern würde auch hier die treue Seele des Narren dem angebeteten Herrn zu der Erfüllung ſeines ſehn⸗ lichſten Wunſches verholfen haben, wenn er nicht gerade darin das Verderben deſſelben erkannt. Faſt hätte er, durch die ſtillen Leiden der edlen Menſchen gerührt, in ſeinem Vorhaben geſchwankt; aber ein Blick in die Zukunft ſtärkte ihn und die Liebe zu Beiden rief ihm zu: Laß ſie lieber jetzt kurz dulden, als daß ſie ein raſch vorübergehendes Glück mit ewiger Reue büßen. Mit der, ſeinem Geiſte eigenen Elaſticität ſprang David von dem tiefſten Ernſte zu ſeiner burlesken Rolle über und ſchritt, ſeinen Stab ſchüt⸗ telnd, auf den Monarchen zu. Das Klingeln der Schellen erweckte den Kaiſer aus ſeinen Träumen; er hob das ſchöne Haupt lang⸗ ſam in die Höhe und ſagte mit jenem milden Ernſte, der ihn ſo liebenswürdig machte: Sieh da, David, kommſt du endlich zurück? Ja, Gevatter Majeſtät! antwortete der Narr, und du kannſt froh ſein, daß ich es bin und nicht dein anderer Narr, der Kanzler. Wie ſo? frug Friedrich. Was ſoll ich von meinem treuen Petrus des Vineis fürchten? Eine Strafpredigt, weil du den Adam im Pa⸗ radieſe ſpielſt. Er kann die Beſtien nicht leiden. Vielleicht glaubt er an die Seelenwanderung und fühlt ſich bei dem Anblicke deiner gezähmten Leo⸗ parden unangenehm berührt. Daß ihr, meine beiden treuſten Diener, es nicht 198 laſſen könnt, euch gegenſeitig zu verfolgen! ſugie mit einer Falte auf der Stirn der Kaiſer. Gevatter! rief David, Kinder und Narren ſagen die Wahrheit. Traue, ſchaue— wem? Petrus hat mir ſchon tauſendmal Beweiſe ſeiner Treue gegeben, ſetzte ernſter werdend Friedrich hinzu. Mag ſein! fuhr der Andere fort, ich kann mich täuſchen. Aber ſieh, Gevatter, wenn ich Vineis in deiner Geſellſchaft treffe, geht mir's immer, als wenn ich dich auf die Jagd reiten ſehe, einen ge⸗ zähmten Leoparden hinter dir auf dem Pferde. Ich kann mir nicht verwehren zu denken, die geſcheckte Katze ſehe dich einmal für eine Maus an.. Genug davon! unterbrach heftiger wie gewöhn⸗ lich der Kaiſer den Sprechenden; denn obgleich er felſenfeſt auf des Kanzlers Treue baute, durchrie⸗ ſelte Friedrich dennoch, er mußte es ſich geſtehen, manchmal ein ängſtliches Gefühl bei dem Anblicke des immer finſteren und kalten Mannes. Aber das redliche Gemüth des Kaiſers mochte keinem ſo un⸗ begründeten Gefühle Werth geben; er ſuchte es daher als eine nervöſe Anwandlung zu unterdrücken und konnte es nicht leiden, wenn ihn der Narr— kein anderer Menſch hätte es ohnedies wagen dür⸗ fen— darauf brachte. Weil ihr es Beide gut mit mir meint, fuhr der Monarch fort, und eure Charaktere doch wie — 199 Tag und Nacht verſchieden ſind, ihr auch demnach euch nicht verſteht, ſo glaubt immer Einer von dem Andern: er verſtelle ſich und bedrohe meine Sicher⸗ heit. Ich kenne euch Beide beſſer und will daher, daß Keiner den Andern verunglimpfe. Petrus geht mit ſeinem Haſſe gegen die unſchuldigen Thiere eben ſo zu weit, wie er pedantiſch faſt Alles verwirft, was nicht ſtreng Geſchäftsſache iſt. Und doch habe ich mit der Sammlung dieſer Thiere, mit der An⸗ lage der ſchönen Thiergärten bei Gravina, Melfi, Melazzo u. ſ. w. wahrhaftig einen höhern Zweck im Auge, als eine kindiſche Spielerei. Meine Liebe zur Naturgeſchichte leitet mich zu naturgeſchichtlichen Unterſuchungen und ich hoffe, einſt auch dieſem Zweige der Wiſſenſchaft durch meine und namentlich durch die Beobachtungen meiner gelehrten Freunde manche wichtige Entdeckung überliefern zu können. Das iſt ſehr trefflich! rief David, dem die Wendung des Geſpräches willkommen kam. Aber weißt du, was noch bei weitem geſcheidter wäre? Wenn du mir den Auftrag ertheilteſt, über ver⸗ gleichende Naturgeſchichte zu ſchreiben, damit die Nachwelt meine Vergleiche mit ihren Vergleichen vergleichen und ſehen könnte, ob etwa in ſechshun⸗ dert Jahren noch ſo viele Kameele, Mauleſel, Pa⸗ viane und ſonſtige zahme und wilde Beſtien an den Höfen gehalten würden, als jetzt. Mein Freund, entgegnete lächelnd der Kaiſer, das kann ich aus Eitelkeit nicht zugeben; denn das Reich deiner Forſchungen wäre zu groß und die Erfolge ſicher ſo eminent, daß ich bei meiner ange⸗ fangenen Geſchichte über die Falken allen Ruhm* einbüßen könnte. Aber weißt du auch, daß ich eine wahre Sehnſucht nach meinen Falken habe? Ich kann es kaum begreifen, wie ich mich ſo an die Thiere gewöhnen konnte. Wenn ſie nur ſorgfältig gepflegt und genährt werden. Ich habe lange keine Nachrichten über ſie erhalten. Thiere ſind oft treuere Freunde als die Men⸗ ſchen! ſagte der Narr. Weißt du aber auch Ge⸗ vatter, welche die Treueſten ſind? Die Hunde wol! meinte der Kaiſer und kratzte d ſeinen ſchönen Windhund dankbar unter dem Kopfe. Fehlgeſchoſſen! rief David, die Trabanten⸗ thiere des Menſchen ſind es; denn ſie verlaſſen ihn erſt nach dem Tode. Du wirſt eyniſch! entgegnete, aber ohne jeden Unwillen, der Kaiſer. Turpitudo non turpiter!*) rief der Narr. Der Vorwurf trifft außerdem nicht mich, ſondern auch unſern lieben Herrgott, der Läuſe und Flöhe erſchaffen hat. Ich meine indeſſen, was aus ſeiner Hand hervorginge, müſſe rein ſein. Uebrigens ſind *) Anſtändiger Vortrag einer Unanſtändigkeit. S————— dieſe lieben Thierchen zweierlei: einmal das Gewiſ⸗ ſen des Körpers, den ſie ſo lange mishandeln, bis er ſich rein hält, und dann kommen ſie auch in meiner vergleichenden Naturgeſchichte unter der Rubrik „Hoflieferanten und Finanzmänner“ vor. Es iſt dies nach meiner Aufſtellung die Ordnung der Blutzapfer. Dein Werk möchte dir viele Feinde machen, mein Junge! fuhr der Kaiſer fort. Nicht Jeder ſteht ſo hoch, die Wahrheit ertragen zu können. Die Wahrheit iſt eine bittere Medicin. Sie zu ſagen iſt das Merkmal der Narren; geſcheidte eute hüten ſich vor der Peitſche. Die Wahrheit Manren und annehmen iſt aber auch der Prüfſtein der Vernunft. Nur kleine oder verdorbene Seelen mögen ſie nicht hören, ergänzte der Monarch. Da haſt du Recht! rief der Narr, und da du dies ſelbſt bemerkſt, ſo kann ich ſie dir mit deſto größerer Gewiſſensruhe ſagen. Gevatter Adam, hüte dich vor dem Apfelbiſſe. Des Kaiſers Geſicht überflog eine dunkle Glut; er beugte ſich, ſie zu verbergen, tiefer zu dem Lö⸗ wen nieder, der noch immer ſanft wie ein Lamm zu ſeinen Füßen lag. Aber dieſe Bewegung dauerte nur einen Moment, dann hob er das Haupt wieder langſam und ſtolz in die Höhe und ſagte, Feder⸗ buſch mit klarem Blicke anſchauend: Ich kann dich 202 nicht bemerkt, wie du auf alle Weiſe meiner Liebe zu der ſchönen Eudoria entgegenarbeiteſt? Was ſoll das? Verſtehen wir uns nicht mehr? Oder biſt du etwa gar eiferſüchtig? Die letzten Worte hatte Friedrich, durch Da⸗ vids Kühnheit gekränkt, mit einem leiſen Ausdrucke von Spott geſagt. Sie ſchnitten tief in die Bruſt des Misgeſtalteten; aber Federbuſch drängte ener⸗ giſch den Schmerz in die Folterkammer ſeines Her⸗ zens hinab und ſagte lächelnd, während ſeine Seele von zwei Qualen zerriſſen bebte: Ja, Gevatter, daß ich es nur geſtehe! es iſt die Eiferſucht. Ich möchte gern allein der Narr ſein und ich hoffe, du machſt mir den Rang nicht ſtreitig. Iſt Liebe Narrheit? Die größte, die auf der Welt eriſtirt! Verliebt und verrückt ſein, liegt ſo nahe beiſammen, wie ſtehlen und gehenkt werden. Lieb' iſt ein Giftkraut: wer es ißt, Dem bald der Gram das Herz zerfrißt; Lieb' iſt ein Ungethüm das gleißt, Und ſchnell den, der ihm naht, zerreißt.*) Wie?! rief der Kaiſer ungeduldig; ziehſt du die Liebe, das göttlichſte Gefühl in dem armen Menſchenherzen zum Liebe iſt die 6 V — — Quelle aller Poeſie! Ihre Springflut trägt uns hoch über das armſelige Getriebe des Erdenlebens. Was wären wir anders, als elende Sklaven des thranniſchen Körpers, wenn uns die Liebe nicht das Reich der Seligen erſchlöße? Amor iſt ein ſo wunderlicher Kautz, als wir Menſchen! entgegnete David. Er iſt, wie wir, doppelt vorhanden. Einmal kriecht der Naſeweiſe aus dem Ei, welches die Nacht in dem weiten Schooſe des Erebus hervorbrachte, und ſteht dann über den Göttern; das Anderemal iſt er der leicht⸗ ſinnige Sohn der lockern Frau Venus. Leider macht der Schalk ſich nun gewöhnlich den Menſchen in der erſteren Geſtalt bekannt, verwandelt ſich aber, ehe man es ſich verſieht, in die Letztere; ſo daß es heißt: Setz Lieb' auf deines Herzens Thron, So wird dir Seligkeit zum Lohn; Doch Seligkeit wird Höllenpein, Dringt Lieb' dir in das Blut erſt ein. Kocht nun in deinem Herzen Blut, Sei vor der Liebe auf der Hut. Ich verſtehe dich recht wohl! ſagte nach einer kleinen Pauſe der Kaiſer; aber ich kann dir nicht Recht geben. Armer Teufel! du haſt noch nicht geliebt und weißt daher nicht aus eigener Er⸗ fahrung, was Liebe iſt. Die Liebe, mit welcher Gott die Welt umſchlingt, vermögen wir Sterbliche 204 nur zu ahnen, nicht zu faſſen, am wenigſten aus⸗ zuüben, Dennoch liegt ſcho der Keim zu ihr in durch die irdiſche en. Darum, eben Beſchöpfe ſind, i auch d ern Sinn keiten ann ich mir keine wahre g ich geſtehe, 3 e en ſüßen Sorgen des Einet fi w igentlichen Him⸗ du ha eine ihre und hre ſüßen rade in ihr der einfache Me und Schwächen ſein. Du biſt Philoſoph mit b und Haar, meinte der Narr. Ueber das eigene„Ich“ vergißt er alles Andere. Wenn ich dein Schulmeiſter wäre, ich züchtigte dich. Warum? Weil du Semelens Geſchichte vergeſſen haſt. Jupiter blieb bei der Umarmung wer er war, aber die arme Semele büßte ihren Vorwitz mit einem — — ſchrecklichen Tode. Aber tröſte dich, Gepatter Ma⸗ jeſtät, es laufen viele Jupiterchen in der Welt her⸗ um und ſeufzen viele Semelen. Auf des Kaiſers Stirne hatte ſich eine finſtere Wolke gelagert. Dein bitterer Vorwurf kränkt mich, David! ſagte er dann mit Ernſt; ich dächte, du kennteſt mich beſſer. Will ich Eudoria zur Liebe zwin⸗ gen, ſie verderben? Lauſche ich nicht ſorgfältig, ob der Gott in ihrem Buſen erwacht ſei? Iſt dies aber der Fall, fuhr der Kaiſer fort und erhob ſich mit Hoheit, ſo ſoll ſich unſerer Liebe weder Himmel noch Hölle entgegenſtellen. Liebe iſt über Rang und Stand, über Zeit und Maß, über alle die armſeligen Schranken, welche die Menſchheit beengen, erhaben. Zwei Herzen, die ſich lieben, erkennen Niemand— ſelbſt Gott nicht — über ſich; denn ſie ſtehen hoch über der Welt und der Allliebende durchflammt ſie, wohnt in denſelben. Die Seligkeit, die ich durch ihre Nei⸗ gung zu erringen hoffe, muß auch ihr in mei⸗ ner Gegenliebe werden. Außerdem iſt ihr Glaube in dieſer, ſo wie in ſo mancher Beziehung, vernünf⸗ tiger als der unſere. Ihr Herz wird kein falſcher Gewiſſensſerupel beklemmen und ich werde Die, die ich anbete, vor der Welt und ihren Angriffen zu ſchützen wiſſen. Der Narr antwortete nicht, er wühlte nur em⸗ ſig in ſeinen Taſchen und Kleidern, als ob er et⸗ was ſuche; endlich brachte er ein kleines metallnes Büchschen zum Vorſchein. Da, ſagte er, es dem Kaiſer hinhaltend, nimm! Was ſoll ich damit? frug dieſer. Nimm es nur, fuhr der Narr ernſt fort, es iſt Scorpionöl! Du wirſt es ſehr nöthig haben, da du eine beſondere Liebhaberei daran zu finden ſcheinſt, ſolche Thiere an deinen Buſen zu legen. David! donnerte der Kaiſer erzürnt, denn er glaubte, der Narr ſpiele auf Eudorien an. Der Löwe rollte ſeine Augen, ſchüttelte die Mähnen und ſchlug mit ſeinem Schweife einen weiten Ring. Federbuſch verlor die Faſſung nicht. Mit der größten Ruhe fuhr er fort: Ich ſehe, daß ich von meinem gekrönten Vet⸗ ter noch viel lernen muß. Willſt du mir nicht Un⸗ terricht darin geben, wie man ſich am beſten um ſeinen guten Ruf bringt und ſich den Bann auf⸗ richtig verdient? Willſt du da hinaus, Junker Superklug! ent⸗ gegnete der Monarch, angenehm von ſeinem Irr⸗ thume überraſcht. Ich bitte dich dann mur: vergiß nicht, daß ich Kaiſer bin. Die Majeſtät ſteht hoch über der Alltagswelt; in ihrem Kopf und cS ——— ——— Herzen geſtalten ſich die Dinge anders, großartiger, klarer, als in denen anderer Menſchenkinder. Den Weg, den Jene mit Mühe und Zeitverluſt zurück⸗ legen, überſchreitet ſie mit einem Rieſenſchritte. Ihr Haupt reicht an die Wolken und, einem Halb⸗ gotte gleich, darf ſie thun, was Millionen nicht er⸗ laubt, ſelbſt nicht möglich iſt. Unter dieſem Geſpräche hatten Kaiſer und Narr den Ausgang des Gartens erreicht, und als ſie eben aus demſelben in ein Dattelwäldchen tra⸗ ten, gewahrte Erſterer einen weißen Schein zwiſchen den Bäumen. Sein Auge konnte in der bereits an⸗ gebrochenen Dämmerung nichts mehr bis in jene Entfernung erkennen, ſo ſcharf es ſonſt war. Aber ſonderbarerweiſe trat an die Stelle des phyſiſchen Auges ein geiſtiges Fühlorgan und eine innere Stimme rief: Eudoria! Die Ahnung hatte ihn nicht getäuſcht. Die Liebliche war in Begleitung ihrer Schwe⸗ ſter nach dem Wäldchen gekommen, die laue Nacht in dem grünen Verſtecke hinzubringen. Beide erſchracken, als der Kaiſer mit ſeinem ſonderbaren Hofſtaat, dem Narren, dem Löwen und dem Windhunde, zu ihnen trat. Eudoria zit⸗ terte ſogar merklich, nicht etwa vor dem königlichen Thiere— das war ihr noch von Malek⸗al⸗Kamel's Hof her bekannt;— ſondern vor ſich ſelbſt und der 208 Nähe des Mannes, denſie über Alles liebte und doch nicht lieben ſollte. Die Bewegung der beiden Män⸗ ner war nicht minder heftig, aber ſo himmelweit von einander verſchieden, wie Wonne und Schmerz. Friedrich war entſchloſſen, eine Entſcheidung herbeizuführen. Bedarf es denn des Wortes, bedarf es der Schrift, um zu ſprechen und zu verſprechen? Mit jener entzückenden, hoheitvollen Milde, mit jener natürlichen Heiterkeit, die der Spiegel ſeiner reinen Seele war, begrüßte er die beiden ſchönen Heidenkinder und, da er fand, daß ſich Eudoria ein wunderliebliches Plätzchen, von dem man auf der einen Seite eine reizende Fernſicht hatte, ausgewählt, ſo ſchlug er vor, hier einige Stunden in freundlichen Geſprächen hinzubringen. Auf ſeinen ernſt ausgeſprochenen Wunſch mußte Jedes die zwängenden Formen der Etikette ver⸗ geſſen und da dennoch— durch die ängſtlich arbei⸗ tenden Herzen, die ſo voll waren und ſich doch nicht verrathen durften— die Unterhaltung nur gezwun⸗ gen ſich abſpann, bat Friedrich die ſchöne Eudoria um die gewiß intereſſante Geſchichte ihres Lebens. Das Wunderkind gehorchte gern und hub, als ſich Alle gelagert hatten— der Löwe lag zwiſchen ihr und dem Kaiſer und liebkoſte bald das Eine, bald das Andere— folgendermaßen an. . 13. Die Erzählung. In flachen Gegenden oder auf dem Meere gibt es ein Phänomen, welches man das Heliakallicht nennt. Die Ku⸗ gel der Sonne bildet ſich früh Morgens in den Dünſten ab, welche den Luftkreis durchziehen; das Tagsgeſtirn ſcheint ſchon aufgegangen zu ſein, während es in der That noch unter dem Horizonte verweilt. Etwas Nehnliches be⸗ gegnet oft im Leben. Das Schöne, Reizende, Wünſchens⸗ werthe zeigt ſich uns nicht ſelten zuerſt in ſeinem Dunſt⸗ bilde, wir meinen es dann ſchon zu beſitzen und doch iſt es vor der Hand nur ein Schein, der erſt einige Zeit ſpäter zum leuchtenden und wärmenden Geſtirne unferer Tage werden kann, wenn das Schickſal überhaupt es uns ſo gönnen will. Die Epigonen von R. Immermann. Ich bin die Tochter des großen Atta⸗Begs Jledſch Kholaſſa⸗ul⸗Akhbar, eines der ausgezeichnetſten Fürſten Perſiens. Iledſch war nicht auf dem Throne geboren, ſondern die Hand des Propheten, dem er von jeher treu angehangen, führte ihn bis zu dem goldnen Stuhle. Der Weg aber, den ihn der Himmel lei⸗ tete, war ſo wunderbar, daß ich die Erzählung der Schickſale Jledſch's der der meinen vorausſchicken muß. Mein Vater war ſchon als Knabe ſeinem Stamme, bei dem Ueberfalle einer Perſerhorde, 210 geraubt worden. Der Tag der Freiheit wandelte ſich für ihn früh in die Nacht der Sklaverei und er mußte es ſich gefallen laſſen, daß man ihn, nach⸗ dem er durch manche Hände gegangen war, mit noch neun und dreißig anderen Gefangenen der durch Schönheit, Talente und Freigebigkeit berühm⸗ ten Königin Khatun Turkan zum Kaufe anbot. Der Vezier dieſer Fürſtin erhandelte auch wirklich neun und dreißig der Sklaven für ſeine Herren, verwarf aber Jledſch, da ihm deſſen Kör⸗ per ſchwächlich vorkam. Der arme Knabe erbebte. Fern von ſeinem Vaterlande und von Allem, was ihm werth und theuer, ſtand ihm nun auch noch die Trennung von ſeinen mitgefangenen Stammge⸗ noſſen und mit ihr jedenfalls ein doppelt hartes Schickſal bevor. Als man daher Anſtalt machte, ihn hinweg zu führen, wandte er ſich um und rief: O Vezir, wenn du neun und dreißig Sklaven um der Königin wil⸗ len kaufteſt, ſo kaufe mich doch um Gottes willen! Dieſe Geiſtesgegenwart erfreute den Vezier in der That auch ſo ſehr, daß er meinen Vater mit in den Kauf einſchloß. Wie gering man indeſſen ſeine körperlichen Fähigkeiten ſchätzte, geht aus der Beſchäftigung hervor, die man ihm anwies. Man machte ihn in der königlichen Küche zum Küchenjungen. Aber —— Allah iſt groß, ſeine Weisheit führt auch durch die * dunkelſten Wege zum Lichte. Jledſch erwarb ſich nicht nur bald durch Sorg⸗ falt und Aufmerkſamkeit in Allem, was er that, die Anerkennung des oberſten Küchenbeamten, ſondern der gewandte und heitere junge Mann wußte auch ſo deſſen Vertrauen zu erlangen, daß ihn Jener faſt wie ſeinen Sohn betrachtete. Der Atta(Meiſter), der übrigens kein Mys⸗ lem war, liebte aber im Leben zwei Dinge vor⸗ züglich und dies waren Wein und Mährchen. Jledſch hatte dieſe Neigungen ſeines Herrn bald entdeckt und benutzte ſie zu ſeinem Vortheile. Da kam es, daß eine andere niedere Hofſtelle, die aber den Vortheil bot, daß ihr Geſchäft mit dem Veziere in directe Verbindung brachte, zu vergeben war. Mein Vater, der wußte, daß der Atta bei deren Beſetzung behülflich ſein konnte, flehte denſelben um ſein Fürwort an. Der Küchenmeiſter war gerade in einer ſehr guten Laune, denn er hatte bereits einige Humpen Weins geleert und rief daher: Iledſch, wenn du mir erklären kannſt, warum man hier zu Lande dem Wein, dieſem Göttertrank, den Namen„Sehir⸗i⸗chuſch“— was ſo viel heißt als das ergötzliche Gift— gegeben hat, ſollſt du die Stelle bekommen. Jledſch war entzückt, daß ihm keine ſchwerere 212 Aufgabe wurde. Er rief daher heiter: O großer Atta! das will ich dir leicht darthun. Im grauen Alterthume herrſchte in Perſien ein großer Fürſt, der ſich Dſchemſchid nannte und nicht nur das herr⸗ liche Perſepolis baute, ſondern auch viele Künſte, ja ſogar den Wein erfand. Das muß ein ſehr kluger Herrſcher geweſen ſein! meinte der Küchenmeiſter. Aber wie kam er auf dieſe herrliche Entdeckung? Auf wunderbare Weiſe! antwortete mein Va⸗ ter, der, obgleich er den Wein als guter Moslem verachtete, dennoch von ſeiner Wirkung auf den Atta Vortheil zu ziehen dachte. Hört nur. Dſchem⸗ ſchid liebte nämlich die Trauben außerordentlich, wünſchte einige aufzubewahren und füllte zu dem Ende ein großes Gefäß mit dieſen Früchten, deckte daſſelbe zu und ſtellte es zu künftigem Gebrauch in ein Gewölbe. Als aber der Fürſt nach einiger Zeit wieder nach ſeinen Trauben ſah, fand er ſie gegohren und ihren Saft ſo herb, daß er ihn für giftig hielt. Der König ließ hierauf die ʒluſigkeit vorſich⸗ tig in verſchloſſene Gefäſſe bringen, ſchrieb„Gift“ auf dieſelben und ſtellte ſie in eins ſeiner Zimmer. Eines Tages leidet eine ſeiner Favoritinnen an fürchterlichen nervöſen Kopſſchmerzen, die ſie ſo peinigen, daß ſie ſich den Tod wünſcht. Zufällig Sabhd—— „ fällt ihr weinendes Auge auf die Gefäße, auf wel⸗ chen warnend das Wort„Gift“ ſteht. Da wird es plötzlich licht vor ihrer Seele, ſie ſpringt auf, ergreift einen der Krüge und ſtürzt ſeinen Inhalt hinunter. Der Wein, denn dies war der Saft unterdeſſen geworden, überwältigt die Schöne; ſie fällt in ei⸗ nen tiefen Schlaf und erwacht endlich ſehr geſtärkt und völlig wohl. Voll Freude über dies Mittel wiederholte ſie ſelbe ſo oft, bis des Königs Gift ganz ausge⸗ trunken iſt. Jetzt entdeckt erſt der Fürſt das Ge⸗ ſchehene und zwingt die Geliebte zu dem Bekennt⸗ niß ihrer That. Zitternd geſteht der ſchöne Mund die Wirkungen des Gi ftes und König und Hof finden ſo viel Gefallen an dieſer Beſchreibung, daß man eine Menge Wein macht und ſich mit Leib und Seele dem neuen Getränk ergibt, das von der Stunde an„Sehir⸗i⸗chuſch“, das ergötz⸗ liche Gift, genannt wurde. Als mein Vater dies Mährchen beendet, war der Alte vor Freuden außer ſich, reichte dem Er⸗ zähler entzückt die Hand und ſprach: Jledſch! die Stelle iſt dein. Von dem Augenblicke an war meines Vaters Glück gemacht und er ſtieg ſo reißend ſchnell„daß er wenige Jahre nachher Verwalter des königlichen * 214 Haushaltes wurde. Seine Bekanntſchaft mit den Misbräuchen in der Küche und andern Verwal⸗ tungszweigen, die er ſich in untergeordneten Aem⸗ tern erworben, befähigten ihn, ſo viele erſparende Verbeſſerungen einzuführen, daß er ſich in ſeiner königlichen Herrin Gunſt ſetzte und dieſe ihn zu den höchſten Stellen im Reiche erhob. Ja die ge⸗ ſchickte Weiſe, in welcher Jledſch jedes ihm aufge⸗ tragene Amt verſah, führte zuletzt nicht nur dahin, daß er mit der Erziehung eines der jungen Prin⸗ zen beauftragt ward, was ihm den Zitel Atta⸗ Beg verſchaffte, ſondern auch zu einer Heirath mit der reizenden Tochter Toghrul's MI. Bald nachher ward er zum Statthalter von Aderbidſchan verordnet und, als durch den Tod des erſten Veziers deſſen Stelle leer ward, bekam er ſogar auch dies hohe Amt. So war in kurzer Zeit durch des Propheten Gnade der verachtete Küchenjunge der mächtigſte Edle des perſiſchen Reichs geworden. Aber in der niedrigſten Hütte ſchläft es ſich ſüßer und ruhiger, als auf den goldnen Polſtern der Paläſte. Dieſe Wahrheit ſollte mein Vater bald wieder an ſeiner königlichen Herrin, ſpäter leider auch an ſich ſelbſt machen. Die ſchöne Khatun Turkan war ſeit längerer Zeit Witwe geworden; da ſie aber eines männlichen —— 8——— — Armes als Hülfe bei dem ſchweren Geſchäfte der Regierung bedurfte, entſchloß ſie ſich, Seldſchuk, einen Häuptling aus der Familie Solguos zu heirathen. Seldſchuk war ein ſchöner Mann, der, wie es ſchien, auch ein treffliches Gemüth beſaß. Er ging das vorgeſchlagene Bündniß natürlich ſehr gern einz zwar nicht aus Liebe, aber in der Hoffnung, ſeine Gewalt zu befeſtigen. Die erſte Zeit verfloß den Neuvermählten glücklich. Als aber der Ehr⸗ geiz der Fürſtin durch die Herrſchſucht ihres Gat⸗ ten mehr und mehr beengt wurde, beſtieg bald der Haß den Thron und Seldſchuk ſann auf ein Mit⸗ tel, ſich ſeiner Vormundſchaft zu entheben. Jetzt erſt ſtellte es ſich auch heraus, daß der neue König ein Heuchler ſei, deſſen Herz ein Abgrund der Sünde. Denn bei dem Trunke, ſeiner Lieblings⸗ beſchäftigung, vergaß er ſich oft ſo weit, das Kleid der Verſtellung fallen zu laſſen und ſich in ſeiner ganzen häßlichen Blöße zu zeigen. Ja es dauerte nicht lange, ſo befahl er, in einem An⸗ fall von Rauſch, einem ſeiner Sklaven, die Kö⸗ nigin heimlich zu überfallen und ihr das Haupt abzuſchlagen. Der Sklave gehorchte dieſem Gebote und hatte ſelbſt die Frechheit, das Haupt der reizenden Für⸗ ſtin in einer goldenen Schüſſel ihrem Gatten dar⸗ zureichen, als er mit ſeinen ſchwelgeriſchen Gefähr⸗ ten beim Zechgelage ſaß*). Mit wilder und wahnſinniger Freude ergif das Ungeheuer von Gatte den Kopf der Unglück⸗ lichen, riß zwei prachtvolle Rubinen aus deſſen Ohren und warf ſie der Lieblingsſängerin der Ge⸗ ſellſchaft zu. Die Nachricht von dieſer Unthat verbreitete ſich mit Blitzesſchnelle über das ganze Land und ein Schrei des allgemeinen Entſetzens erſchütterte Himmel und Erde. Mein Vater ſtand an der Spitze des Heeres unweit der Hauptſtadt. Die entſetzliche Botſchaft entflammte ihn zur Wuth und ohne einen Augen⸗ blick zu verlieren, eilte er, den Tod ſeiner verehrten Königin zu rächen. Aber Seldſchuk, von ſeiner Trunkenheit zu ſich gekommen, zitterte bei der Erinnerung an ſein Ver⸗ brechen und floh, von dem böſen Gewiſſen getrie⸗ ben, nach Kaſerun. Doch Allah iſt gerecht! Jledſch folgte ihm auf dem Fuße, ergriff ihn und ließ ihn eines ſchimpf⸗ lichen Todes ſterben. Nun war die Krone Perſiens erledigt Mein Vater, als Großvezier, und Seldſchuk's Bruder, als der erſte Fürſt im Reiche, bewarben ſich um *) Sinet ul-Tarich. 217 dieſelbe. Ein blutiger Bürgerkrieg ſtand bevor, und ſchon waren die Heere beider Machthaber ge⸗ rüſtet, als Jledſch, um das Blut der Unterthanen zu ſchonen, vorſchlug, die Krone angeſichts der Heere zwiſchen zwei hungrige Löwen zu ſtellen und ſie Dem zu verleihen, der ſie dieſen fürchterlichen Hütern entriſſe 6). Seldſchuk's Bruder, ein rieſenſtarker und ta⸗ pferer Mann, nahm dieſe Entſcheidung gern an, und an dem beſtimmten Tage ſtrömte eine unzählige Maſſe von Menſchen aller Klaſſen und Alter auf dem Raume zuſammen, in deſſen Mitte der ent⸗ ſcheidende Kampf ſtattfinden ſollte. Oft hat mir meine gute Mutter von demſelben erzählt und ob⸗ gleich ſchon damals die tiefe Erſchütterung, welche ſie bei dieſer Gelegenheit ergriff und die ſie, blaß vor Entſetzen und Thränen im Auge, zu einer wahrhaften Begeiſterung hinriß, einen tiefen Ein⸗ druck auf mein kindliches Gemüth machte, ſo ver⸗ ſtehe ich dies Alles doch erſt jetzt recht— meine Mutter liebte! Eudoria's Stimme zitterte. Unvermögend, die Bewegung ihres Herzens ganz zu bewältigen, hielt ſie einen Augenblick inne und holte tief Athem. Weder dem Kaiſer noch David entging dieſe Beklommenheit der Sprecherin und während der et Sn Wtn Geſchichte von Perſien. . 10 218 Narr ſeine geballte Hand krampfhaft auf das Herz drückte, als wolle er einen übermäßigen Schmerz bei dieſer Erinnerung bändigen, mußte Friedrich die ganze Macht ſeiner Vernunft anwenden, alle Zweifel eines Liebenden beſchwören, um die liebliche Heidin nicht feurig an ſein Herz zu ziehen und ihr unter tauſend Küſſen zuzurufen: Ach, auch ich kenne ja dieſe Gefühle nur zu gut, denn ich liebe ja auch, du göttliches Weſen! Eudoria konnte den Eindruck, welchen ihre kurze Pauſe und ihr Seufzer auf Kaiſer und Narr gemacht, eben ſo wenig gewahren, als dieſe die Röthe ſahen, die verrätheriſch das ſchöne Antlitz der Mahomedanerin färbte, da die Nacht bereits vollkommen hereingebrochen war und mit ihrem ſüßen Dämmerſcheine die reizende Gruppe umfing. Nach kaum einer Minute fuhr Eudoria alſo fort: Ich will verſuchen, jene Scene des Entſetzens meiner Mutter nachzuerzählen, wenn ich ſie auch nicht mit den glühenden Farben zu ſchildern vermag, mit welchen ſie, in ihrem Mund, die Lebe malte. Faſt alle Einwohner der Hauptſtadt, ja die Bevölkerung des ganzen umliegenden Landes, wa⸗ ren auf der weiten Ebene verſammelt, in deren Mitte ſich der abgeſchloſſene Raum befand, in wel⸗ chem die zwei größten und tapferſten Fürſten des Reiches den furchtbaren Kampf beſtehen ſollten. 3 Zwei prächtige Zelte, aus den koſtbarſten Sei⸗ denſtoffen, Kaſchmirſhwals und Goldgeweben ge⸗ bildet, befanden ſich im Oſten und Weſten des Kampfplatzes; während ein drittes, das ſelbſt dieſe Beiden noch an Glanz übertraf, ſich in Süden er⸗ hob. Erſtere beherbergten die beiden kampfbereiten Streiter mit ihren Frauen und ihrem Gefolge, letzteres war beſtimmt, den Sieger als Khakan oder Kaiſer zu empfangen. In der Mitte des Raumes erhob ſich ein klei⸗ ner Altar von Cedernholz, koſtbar mit Elfenbein und Perlmutter ausgelegt, und auf demſelben ruhte der Preis des Kampfes, die ſchimmernde Krone des Reiches. Wohl mochten dies köſtliche Kleinod und der Gedanke, daß von ſeinem Beſitze die unumſchränkte Herrſchaft von faſt ganz Perſien abhing, Manchen locken und in Vielen den Wunſch erregen, um deſſen Beſitz mitkämpfen zu dürfen; auch begrüßte dieſen Anblick das Volk mit ununterbrochenem Jauchzen. Als ſich aber plötzlich zwei verborgene Thüren öffneten und aus jeder ein furchtbarer Löwe, von rieſenhaſtem Knochenbau, dumpfbrüllend, hervor⸗ trat und die wilden Ungeheuer blutdürſtig gähnten und den grauenhaften Rachen zeigten, da ward es mit Einemmale, trotz der ungeheueren Menſchen⸗ menge, todtenſtill und Jeder dachte wol: beſſer alle Laſten des Lebens tragen, als einen Kampf mit diefen Beſtien beſtehen. Was meine Mutter, die ihren Gatten zärtlich liebte, bei dieſem Anblicke litt, konnte ſie nur an⸗ deuten, kann ſich auch wol nur ein Herz, welches ſelbſt liebt, einigermaßen denken. Indeß die Ehre gebot. Sie ſah es nur noch für ein Glück an, daß der Bruder Seldſchuk's, als erſter Prinz von Per⸗ ſien, den Vorrang im Kampfe hatte. Endlich ſchmetterten Poſaunen und Trompeten; die Schranken öffneten ſich und der Prinz trat ein. Es war ein ungewöhnlich großer, breitſchultriger Mann, im ganzen Lande durch ſeine Körperkräfte und ſeine Tapferkeit berühmt. Mit kalter Verach⸗ tung blickte er auf ſeine beiden Gegner und ging feſten Schrittes mitten durch ſie nach dem Altare. Die Löwen ſtanden wie erſtaunt, als ob der Ein⸗ fluß einer höhern Macht ihre Kraft lähme. Schon hatte der Prinz den Altar faſt erreicht, ſchon ſtreckte er die Hand nach dem königlichen Diademe, als plötzlich das eine der Thiere mit einem weiten Sprunge auf ihn einſtürzte und ihn, der unvorſich⸗ tig ihm den Rücken gekehrt, niederwarf. Vergebens ſuchte ſich der Prinz mit ſeinem ſcharfen Schwerte zu wehrenz denn ehe er es ſich verſah, ſtürzte auch der andere Löwe auf ihn ein und riß ihm in grauen⸗ hafter Wuth den Kopf aus den Schultern. 221 Ein Schrei des Entſetzens erfüllte die Lüfte. Meine Mutter lag bewußtlos in den Armen ihrer Sklavinnen. Ein grauſames Spiel von wenigen Minuten hatte nun über des Reiches Krone und ihr Lebensglück zu entſcheiden. Fiel mein Vater, ging nach uraltem Gebrauche das Kampfrecht auf Jeden, ohne Berückſichtigung des Standes, über. Der Sieger war Kaiſer. Stellte ſich aber kein Kämpfer ein, oder errang Keiner den Sieg, fiel die Krone unangefochten dem Sohne des gefallenen Prinzen zu. Abermals erſchallten die Trompeten. Mein Vater trat vor. Lautlos ſtarrte die Menge. Seine ſchmächtige Figur ließ wenig für ihn hoffen; aber Fledſch vertraute auf Allah und ſeine eigene Be⸗ hendigkeit. Noch ſtillten die Löwen ihren Heißhunger an der Leiche des Erwürgten. Als ſie meinen Vater eintreten ſahen, erhoben ſie finſter knurrend die Häupier, aus deren Rachen das rauchende Herz⸗ blut des Prinzen troff. Jledſch war vorſichtiger als ſein Gegner. Seine Augen maßen unaufhör⸗ lich die Blicke der Ungeheuer, als wolle er deren Vorhaben daraus ermeſſen. Da drückte der eine der Löwen den Kopf zur Erde und duckte ſich auf den Vorderpranken, während der Hinterkörper ſeine gewöhnliche Lage behielt. Die Augen funkelten wie 2 glühende Kohlen, der Schweif hob ſich in einem gewaltigen Rade, die Mähne ſpreizte ſich und ein dumpfes Brüllen verrieth des Thieres Wuth. Ein Moment und es hatte ſeinen Gegner mit einem Satze erreicht; aber ſchneller als das Zucken eines Auges flog der Wurfſpieß aus Jledſch's Hand und — die Spitze tief im Gehirn, ſtürzte der König der Thiere ächzend zuſammen. Aber der Tod ſeines Gefährten reizte deſſen Kampfgenoſſen und kaum hatte mein Vater Zeit, einen zweiten Wurfſpieß zu ergreifen, als dieſer auf ihn einſtürzte. Doch hier zeigte ſich der Vor⸗ theil, der Iledſch aus ſeiner kleinen, feingeglieder⸗ ten Geſtalt erwuchs. Er wich mit ungemeiner Geſchicklichkeit jedem Sprunge des wüthenden Raubthieres aus, begegnete jeder Liſt mit einer andern und benutzte gewandt eine Gelegenheit, ihm den Schaft tief in den Rachen zu ſtoßen. Aber das Thier knirſchte mit den Zähnen und der Schaft war in Splitter, obgleich die eiſerne Spitze deſſel⸗ ben im Schlunde des Löwen ſitzen blieb. Von Schmerzen gefoltert brüllte er furchtbar auf. Die Erde erbebte, Blut und Schaum quoll hervor, und mein Vater würde ſeiner unbegrenzten Wuth kaum entgangen ſein, wenn das Thier nicht bei einem ungeheuren Sprunge im Sande ausgeglitten und hingeſtürzt wäre. Ein gewaltiger Stoß in das Herz machte ſeinem Leben ein Ende. In demſelben Momente ſank aber auch mein Vater, von der übergroßen Anſtrengung erſchöpft, an dem Altare nieder! Das Jauchzen des Volkes begrüßte ihn als Sieger und Herrſcher. Eudoria hielt einen Moment inne. Der Löwe zu ihren und des Kaiſers Füßen aber brüllte ſchmerz⸗ lich auf, als habe auch er ſie verſtanden und be⸗ klage das Geſchick ſeiner königlichen Brüder. Wie von einem Gefühle bewegt, legten der Kaiſer und das Mädchen ihre Hand beſänftigend auf das Haupt des edlen Thieres. Siehe, da berührten ſich Beide. Zitternd zog Eudoria ihre Hand ein wenig zurück, aber Friedrich faßte ſie dennoch und drückte ſie leiſe. Das Mädchen hatte die Kraft nicht, ſie dem theuren Mann zu entreißen. Ein ſüßer Schauer durchrieſelte die Liebenden. Da bewegte ſich der Narr, daß ſeine Schellen laut raſſelten. Erſchrocken fuhr Eudoria zuſam⸗ men, entzog haſtig die zarten Finger der Hand des Freundes und fuhr mit bebender Stimme fort: Der Ehre Gipfel war erreicht; aber, als ob Allah dem Uebermuthe des Menſchen zu ſteuern, ſtets dem Glücke ein Elend entgegenſetzte: der ent⸗ ſetzliche Kampf hatte meine Mutter ſo gewaltig er⸗ regt, daß ſie, von dieſem Tage an, zu kränkeln 224 anfing und nach wenigen Jahren dem Uebel erlag. Auch meines Vaters Herrſchaft ſollte nicht lange dauern. Kurz nach meiner Mutter Tode erſchien der furchtbare Dſchengis⸗Khan an der Spitze ſeiner zahlloſen Mongolen. Seiner ungeheuern Macht konnte nichts widerſtehen, ſelbſt die Tapferkeit mei⸗ nes Vaters und ſeines Heeres war umſonſt. Un⸗ zählbar waren die Haufen des Eroberers,„das Wiehern ihrer Pferde erſchütterte die Erde und ihre Pfeile wandelten den ganzen Himmel in ein großes Rohrfeld.“ Vierzig Tauſend Tode blieben auf dem Wahlplatze, unter dieſen war auch mein Vater. Die Nachricht von der Niederlage und dem Schickſale des Vaters erſchütterte mich tief. Mit Hülfe eines alten Sklaven, der ſeit jener Zeit durch treue Sorge zu meinem zweiten Vater wurde, nahm ich ſchnell, was ich von Koſtbarkeiten finden konnte, zuſammen und flüchtete mit dieſer meiner guten Schweſter, die damals erſt vier Jahre alt war, und einem Bruder von ſechs Jahren ſo raſch als möglich nach dem Innern der Gebirge. Aber Dſchengis⸗Khan hatte Nachricht von unſerem Un⸗ ternehmen erhalten, er ſandte uns Reiter nach und ſchon zwei Tage darauf waren die Kinder des großen Khakans Jledſch Kholaſſat⸗ul⸗Akhbat, des Veherrſchers von Perſien— Sklaven Dſchengis⸗ Khans. — Aber ſo furchtbar uns bisher der Mongolen⸗ fürſt geſchienen, ſo gnädig bewies er ſich jetzt gegen uns. Ja ſeine Gnade ging ſo weit, daß er mich zu ſeinem Weibe machen wollte. Wie aber konnte ich den Mörder meines Vaters, den Vernichter all meines Glücks lieben? Er war mir verhaßt wie der Tod und ich wies ſein Anerbieten mit Verach⸗ tung zurück. Deſſenungeachtet benahm er ſich auch noch jetzt gegen mich und die Meinen menſchlicher, als er ſonſt gegen Gefangene zu thun pflegte. Zwar ſtreng bewacht und unſerer Schätze, bis auf diejenigen, die unſere Kleidung ausmachten, beraubt, hatten wir doch über keine Mishandlungen zu klagen. Freilich quälten mich Dſchengis⸗Khans fortwährende Bewerbungen mehr, als dies ein hartes, dienſt⸗ bares Leben hätte thun können, und da ich fürchten mußte, der Mongolenfürſt werde doch einmal ſeine Großmuth vergeſſen und gegen mich als unum⸗ ſchränkter Herr verfahren, ſo ſann ich ununterbrochen auf Flucht. Schon hatte mein zweiter Vater für alles Nöthige geſorgt, ſchon waren Tag und Stunde be⸗ ſtimmt, an welchem ich mit meinen Geſchwiſtern heimlich den Palaſt verlaſſen ſollte: als ich an dem Morgen deſſelben Tages den Befehl bekam, mich in meine koſtbarſten Gewänder zu werfen und mich mit dem Reſte meiner ehemaligen Größe zu ſchmücken. So ungern ich auch dieſem Befehlc in mehr als einer Beziehung, nachkam, ſo war doch hier kein Ausweg möglich. Eine Sänſte harrte meiner und bald ſah ich nich mit dem ganzen Hofe des Fürſten unterwegs Erſt fput ühr ich, daß den Abgeſandten des Sulkans von Aegypten, Malek⸗ al⸗Kamel's zu Ehren, eine jener großen, ſchaudererregenden Jagden abgehalten werden ſollte, auf welcher Dſchengis⸗Khan die gunze Pracht⸗ ſeines Hofes zu entfalten liebte. Als wir an Ort und Stelle angekommen, hatte* ich noch einmal die Wünſche des Herrſchers zu ver⸗ nehmen. Da ich aber auch jetzt meinem Haſſe gleich blieb, ſo war ich bald von ihm befreit, gewahrte indeß nicht ohne Bangen, daß der Khakan mich im höchſten Zorne verließ. Wie ſchrecklich aber meine Lage war, kann man nur dann begreifen, wenn man daran denkt, daß ich nicht nur mit Todesangſt der Zukunft entgegenſah, ſondern auch wußte, daß in demſelben Momente auf mein Geheiß die Flucht meiner Geſchwiſter verſucht wurde. Elend mußte ich werden! Elend, wenn ſie entkamen und ich, von den Theuren ge⸗ ſchieden, allein zurückblieb;— elend, namen⸗ los elend! wenn ſie untergingen. In dieſer Gemüthsſtimmung nun, in dieſer entſetzlichen Angſt mußte ich auch noch der Jagd beiwohnen, die ohnedies ſchon etwas Grauſener⸗ regendes für jedes menſchlich fühlende Herz hatte. Es war dies eine Jagd, wie ſie Perſien bis⸗ her nie, wie ſie ſchwerlich ein anderes Land je ge⸗ ſehen hat. Dſchengis⸗Khan war, ſie abzuhalten, mit einer Armee nach den Wäldern und Ebenen abmarſchirt, in deren Klüften, Dickichten und Ein⸗ öden ſich ganze Heerden Eber, Löwen, Tiger, Bä⸗ ren, Wölfe, das andere Wild gar nicht zu rechnen, aufhielten. An dem Punkte ihrer Beſtimmung an⸗ gelangt, umzog nun die ganze Armee in langen, unabſehbaren Reihen, wohlbewaffnet und mit ſtar⸗ ken Hunden verſehen, einen kaum zu ermeſſenden Raumz ſich von da an immer mehr und mehr— aufſpürend, jagend und tödtend— nach einem ge⸗ meinſchaftlichen Mittelpunkte verengend. Furcht⸗ bares Getöſe, Schreien und Feuer auf den Bergen ſchreckte jedes Wild auf und trieb es in Scharen einer Ebene in der Mitte des weitgeſtreckten Jagdrevieres zu, die von drei Seiten her wohl eingezäun war. Hier nun entwickelte ſich ein Schauſpiel, wie es kein Dichter furchtbar, blutiger, wilder ſich er⸗ ſinnen könnte. In den engen Raum ſtürzten, zitternd vor Furcht, die Heerden der flüchtigen Gazellen und miſchten ſich mit den Scharen von Antilvpen, * Hirſchen und Schweinen. Löwen und Tiger brachen brüllend, wüthend, zu Hunderten durch und Bären und Wölfe heulten in Furcht und Zorn. Aber mit⸗ ten in dies entſetzliche Gewirre fielen nun die wil⸗ den Helden ein. Die Spieße ſchwirrten, die Schwer⸗ ter flammten, die Pfeile ziſchten, der Tod gähnte in unzähligen, in ſchrecklichen Geſtalten und unter Stöhnen, Schreien und Brüllen färbt ſich die Ebene ringsumher mit Blut. Endlich haben ſich, da den Boden Tauſende von Leichen decken, die Fürſten an dem Gemetzel, an dem Schreckenskampfe der Verzweiflung ſatt ge⸗ ſehen. Der Kaiſer gibt ein Zeichen, das Heer, welches die vierte Seite des eingeſchloſſenen Rau⸗ mes bildet, öffnet ſeine Reihen und die erſchrocke⸗ nen Thiere fliehen wuthgepeitſcht in ihre heimiſchen Ebenen und Gebirge zurück. Ich zittre heute noch, wenn ich an jenes grauen⸗ volle Spiel denke. Ich zitterte auch damals, als ich, vor Dſchengis⸗Khan geführt, von ihm mit kal⸗ ten Worten den Geſandten Malek⸗al⸗Kamel's als ein Geſchenk für ihren Herrn übergeben wurde. Kameele trugen mich durch dürre Wüſtenſteppen, und wenn kein Waſſer weit und breit zu ſehen war und der Himmel ſelbſt hartherzig ſich verſchloß, ich hatte ſtets zwei Quellen, reich an Fluten, aufzuwei⸗ ſen; meiner Thränen Born verſiegte nicht. 229 Die Aeltern todt! Vom Vaterland getrennt! Weit von der Schweſter Herz und von des Bru⸗ ders Liebe!— ſo zog die Königstochter als Skla⸗ vin durch die Wüſte. Kannteſt du je, mein großer Kaiſer, das Ge⸗ fühl des Heimwehs? Iſt dein Vaterland ein Pa⸗ radies, voll Thäler der Wonne und des Entzückens, wie das meine? Ach! dein Auge hat nie das ſchöne Thal von Rama⸗Horms geſehen? Dein kai⸗ ſerliches Herz hat nie geweint, weil es um all ſein Glück betrogen ward, weil es einſam, misverſtan⸗ den daſtand in der Welt, ohne Aeltern, Geſchwiſter, Liebe. Nein! nein! den Glanz der Majeſtät verdunkelt die Wolke eines ſo tiefen Kummers nicht. Du kennſt nur ſtolze Befriedigung, nicht Sehnſucht, nicht Melancholie! Ach! der Gram der Seele fraß begierig an Herz und Körper. Kein Schlaf ſchloß mehr mein Auge, matt und zerknickt und in mir ſelbſt verloren ſank ich zuſammen, des unheimlichen Fiebers Raub. Da ſah ich dich, mein Heimatthal, im Geiſte wie⸗ der; in bunten Farben lagſt du vor den entzückten Augen. Wie freudig pochte mein Herz! Wie lieb⸗ lich lächelten die ſüßen Haine, die reizenden Gär⸗ ten, die flutenden Ströme. O Paradies, v Auf⸗ enthalt der Wonne, Sammt iſt dein Boden, Weih⸗ rauch deine Luft! Wie der Pfau ſich unter Blu⸗ men birgt, die Turteltaube und die Nachtigall von Liebe girren im Cypreſſenhain! Die Grenze deiner Hügel ſind des Paradieſes Lauben, in ihnen tan⸗ zen ſüße Mädchen, aus ihnen blicken die lieblich⸗ ſten der Feen! Der Pappel gleich an Wuchs, ſind ihre Locken Moſchus, die Wangen Roſenglut und Lilienhauch iſt ihres Athems Süße! Die Erinnerung an ihre Heimat hatte Eu⸗ doria ſo mächtig ergriffen, daß ſie der Gegenwart für Augenblicke ganz vergaß. Ihre reiche Phan⸗ taſie wob ihr aus Nacht und Sternenſchein das ferne Zauberthal, in dem ſie die erſten, die glücklichſten Zeiten ihres Lebens zugebracht. Aber der wehmüthig⸗ſehnſüchtige Ton, in wel⸗ chem ſie ſeiner gedacht, hatte genug den Seelen⸗ ſchmerz der armen Heimatloſen verrathen, die ein wunderbares, launenhaftes Schickſal auf die Höhe irdiſchen Glücks geführt, um ihr alsdann doppelt ſchmerzlich den Verluſt aller Erdengüter fühlen, ja um ihr nicht einmal das zu laſſen, was das Leben des Elendeſten erträglich macht— die Freiheit. Tief und ſchmerzlich durchſchnitten dieſe Ge⸗ danken die Herzen jener zwei edlen Männer, welche der ſchönen Erzählerin gelauſcht. Beide hätten anbetend ihr zu Füßen ſtürzen können, Beide hätten mit Freuden ihr Leben für ſie hingegeben, wenn ſie für dies Opfer das Glück und die Herzensruhe des ſüßen Kindes zu erkaufen gewußt Und doch wie verſchieden geſtaltete ſich wieder die Liebe, die Kaiſer und Narr, gleich mächtig, zu dem gleichen Gegenſtande fühlten, in dem In⸗ nern der Männer. Während David das Glück, von der Holden geliebt zu werden und ihr in heißer, treuer Gegen⸗ liebe Alles zu erſetzen, was ſie beweinte, wie ein fernes, verlorenes Paradies ſchmerzlich anlächelte; während ſeine edle Seele nicht nur die Qualen des Mitleidens, die Angſt und Beſorgniß für ihre Zukunft, der Schmerz über die eigene Unfähigkeit, ihr wirkſam helfen zu können, zerriſſen:— drohte das Herz des Fürſten vor Seligkeit zu zerſpringen. Es war ihm, als ob ihm die Herrlichkeit, die ihn umgab, jetzt erſt geworden wäre; als wenn er nun erſt erfahre, warum ſie da ſei. Er fühlte in ſeiner Bruſt eine ſolche unüberſchwengliche Fülle von ſeliger Liebe, daß er, einem Gotte gleich, Wel⸗ ten hätte ſchaffen und an ſeinem Buſen tragen können. Und doch ſtrömten alle ſeine Gefühle nur auf Eudoria.„Ich will die Ungerechtigkeiten des Schickſals gut machen, dachte er, und erwidert ſie meine Glut, bin ich es im Stande. Aber mehr und mehr trat für ihn auch die Sonne des Glücks, die Gewißheit, daß er wieder⸗ 232 geliebt werde, hervor. Er hatte im Laufe der Er⸗ zählung die Hand Eudoria's aufs neue erfaßt und— das Mädchen hatte ſie ihm nicht nur ge⸗ laſſen, ſondern, als ſich zuletzt ihre Gefühle ſteiger⸗ ten, als ſie des verlornen Glückes gedachte, fühlte er ſogar einen leiſen Druck, als ob ſie ſein Mit⸗ gefühl erkannt und unwillkürlich andeuten wolle, daß nur er im Stande ſei, ihr dies Alles zu erſetzen. Die Zeichen der Liebe aber, für den kalten Menſchen ſo nichts ſagend, ja oft lächerlich, ſind für glühende, leidenſchaftlich bewegte Herzen eine verſtändliche Sprache. Ueberhaupt ſcheint es, wenn zwei Gegenſtände gleicher Neigung ſich gegenſeitig nähern, als ob ein geiſtiges Fluidum, ein unſicht⸗ barer Strom als Leiter ihrer Gedanken und Ge⸗ fühle ſie verbinde. Bedarf es unter ihnen doch kaum der Wort⸗ und Zeichenſprache; ein Blick, ein Seuf⸗ zer genügen. Ein unbegreifliches Etwas zieht ſie, mit einer Art magnetiſcher Kraft, zu einander. Auch unſere plumpen Sinne ſind im Gewühle des Lebens taub für dieſe Sprache des Lichtes und der Engel und nur die Liebe vermag ſie in den hei⸗ ligſten Momenten zu erſchließen. Eudoria! ſagte der Kaiſer bewegt, du haſt viel verloren: Vaterland, Aeltern und Thron. Keines von alle Dem kann ich dir wiedergeben; aber ich werde ſuchen, ſie dir zu erſetzen. 233 Großer Kaiſer! entgegnete tief bewegt die An⸗ geredete, wenn dies Etwas in der Welt vermag, ſo iſt es deine Gnade! Verſprechen und Halten Wohnt ſelten bei Gewalten. rief der Narr in ſcherzhaftem Tone(die Thräne in ſeinem Auge ſah man wegen der Dunkelheit nicht). Wie? entgegnete finſter der Kaiſer, welchen dieſer, wie ihm dünkte, ſehr übel angebrachte Scherz ärgerte, erlaubſt du dir an der Wahrheit meiner Worte zu zweifeln? Ein Sperling in der Hand iſt beſſer, als eine Taube auf dem Dache! entgegnete ruhig der Narr. Wenn mich der Vogel im Bauer wegen ſeiner Ge⸗ fangenſchaft dauert, mache ich die Thüre auf und laß ihn ins Freie fliegen. Eine augenblickliche Pauſe folgte dieſen Worten. Der Kaiſer merkte recht gut, was Federbuſch wolle, auch lag der Grund dazu nicht fern. War Eudoria erſt einmal frei, hatte der Kaiſer kein be⸗ ſtimmtes Vorrecht mehr auf ſie. Unumſchränkter Herr über eine ſchöne Sklavin zu ſein, die man dabei noch liebt, ſchien dem Narren eine allzu⸗ ſchwere Tugendprobe für heißes Blut. Friedrich aber, der eben deswegen dies Recht nicht aufgeben mochte, ſetzte die ziemlich deutliche Anforderung des Narren in Verlegenheit. Er fand David heute zum Erſtenmale höchſt läſtig und verwünſchte ihn heimlich. Aber der Narr ließ ſich nicht ſtören und fuhr in anſcheinend gleichgültigem Tone fort: Holde un⸗ gläubige Schöne! ich freue mich, daß es dunkel iſt, damit ich deine Thränen nicht ſehen kann; denn die wären im Stande, einen vernünftigen Men⸗ ſchen zum Narren und einen Narren vernünftig zu machen— und das vor Allem möchte ich nicht werden. Aber ſei getroſt, ich kenne meinen Herrn, er wird dir beweiſen, daß er kein Tiger von Dſchen⸗ gis⸗Khan, ſondern ein chriſtlicher Kaiſer iſt. Er will dir Alles erſetzen? Da haſt du ja die Beſtä⸗ tigung meiner Behauptung; um dies zu können, muß er dich vor allen Dingen frei geben! Friedrich glühte vor Zorn, aber er durfte bei der Geliebten nicht im Snuh gegen den Nar⸗ ren zurückbleiben. Es bedurfte deiner ſchlechten Vise nicht! ſagte er heftig zu Federbuſch, Wir wollten Eudoria's Er⸗ zählung nur zu Ende hören und alsdann den ſchö⸗ nen Abend durch das Werk der Liebe krönen. Er betonte dabei das Wort Liebe etwas ſtär⸗ ker als die anderen Worte und ſprach es, nach der Schönen hingewendet, aus. Verzeihung, kaiſerliche Majeſtät, da hat der Narr wieder daneben getreten! rief David an⸗ ſcheinend ärgerlich aus. Indeſſen kommt Gnade nie zu früh! Himmel, es iſt doch ſchöner, Kaiſer als Narr zu ſein! So unerreichbar hoch für jeden anderen Menſchen dazuſtehen.... Eudoria! fiel raſch der Kaiſer ein, du biſt frei; aber ich hoffe, du wirſt meine Nähe nicht fliehen, damit ich meinem Verſprechen noch weiter nach⸗ kommen kann. Mäjeſtät! rief ängſtlich die ſchöne Heidin, wo⸗ mit hab ich deinen Zorn verdient? Wirſt auch du mich verſtoßen, bin ich ganz verloren! Die letzten leidenſchaftlich ausgeſtoßenen Worte verriethen dem Kaiſer den Seelenzuſtand des Mäd⸗ chens. Jetzt wußte er, daß er geliebt werde. Raſch ergriff er Eudoria's beide Hände und„ ſie heftig drückend, rief er: Wie könnte ich dich verſtoßen! Vertraue mir nur und ich will dein Herz heilen. Da doch vom Heilen die Rede iſt, fiel hier raſch der Narr ein, der mit Schrecken ſah, daß ſich, allen ſeinen Bemühungen zum Trotz, die beiden Liebenden immer mehr und mehr näherten, ſo wäre nun wol die Reihe an der Erzählerin, die halb verbundene Wunde unſerer Neugierde gänz⸗ lich verharrſchen zu laſſen. Eudoria, die ſehr erregt war und ihre Leiden⸗ ſchaft kaum mehr zurückzuhalten vermochte, kam dieſe Aufforderung willkommen; ſie machte ſich da⸗ her ſanft von dem Kaiſer los, holte tief Athem und fuhr mit zitternder Stimme fort: Malek⸗al⸗Kamel empfing und behandelte mich mit der würdigen Ruhe eines Weiſen. Ich wurde zu ſeinen übrigen Sklavinnen in den Harem ge⸗ bracht, ohne jedoch jemals von ihm beläſtigt zu werden. Ja der Sultan von Aegypten war groß⸗ müthig genug, mir den Abglanz meiner alten Herr⸗ lichkeit, den Schmuck, zu laſſen, den ich noch beſaß. Von ſo viel Großmuth betroffen, ſann ich auf Nittel, ſie einigermaßen zu vergelten. Und da ich bemerkte, daß Kamel vieles Wohlgefallen an dem Tanz hatte, ſo ſuchte ich die Kunſt, die ich in mei⸗ ner Jugend als ein heiteres Spiel gelernt, wieder hervor, vervollkommnete mich durch anhaltende Uebung und hatte ſo endlich die Befriedigung, mei⸗ nem Schutzherrn manche heitere Stunde zu ver⸗ ſchaffen. Aber dies war nicht das einzige Ziel meiner Anſtrengungen; ich ſehnte mich darnach, von ihm aufgefordert zu werden, ihn um eine Gnade zu bitten. Der Augenblick kam und nun konnte ich mein Herz ausſchütten. Jener treue Sklave, der meinen Geſchwiſtern zur Flucht verholfen, hatte mein Schickſal erfahren und ſich durch tauſend Ge⸗ fahren den Weg zu mir gebahnt. Aber traurig war die Nachricht, die ich aus ſeinem Munde er⸗ 237 fuhr; meine Geſchwiſter waren auf der Flucht ge⸗ fangen genommen worden und ſchmachteten nun in Damaskus in harter Knechtſchaft. Um deren Befreiung flehte ich den Sultan an. Der edle Mann war gerührt. Eine Kara⸗ vane, die nach Damaskus und wieder zurückging, ſollte mich und meinen zweiten Vater nebſt Löſe⸗ geld und Befehl zur Freilaſſung der Geſchwiſter nach jener Stadt mitnehmen und uns alleſammt dann zurückbringen. Glücklich gelangten wir an das Ziel unſerer Reiſe. Entzückt umarmte ich Schweſter und Bru⸗ der, aber es ſcheint, als ob ein trübes Verhängniß über unſere Familie herrſche. Auf der Rückreiſe ſehen wir uns von einem Haufen Templer ange⸗ fallen; meine Schweſter entkömmt glücklich, aber mein armer Pflegevater und mein Bruder bleiben als Opfer auf dem Platze, ich ſelbſt wurde die Beute eines Ritters. Eudoria erzählte nun noch dem finſter zuhor⸗ chenden Kaiſer, was ihr bei Montaigu widerfah⸗ ren, wogegen ihr der Fürſt zu ihrem Entſetzen das tragiſche Ende des Großmeiſters mittheilte. Ich bebte für dich, ſchloß endlich die Erzäh⸗ lende, ohne dich zu kennen. Als ich dich aber ge⸗ ſehen, kam es wunderbar über mich. Ich weiß es ſelbſt nicht zu ſagen wie, aber eine ſüße, träumeri⸗ 238 ſche Welt ging mir auf; es dünkte mir faſt, als müſſe Allah mich beſtimmt haben, dir zu folgen und zu dienen. Und ſiehe! ich hatte mich nicht ge— täuſcht, ich ward von dem Sultan dir geſchenkt und keine Macht der Erde ſoll mich von nun an abhalten, dir als Sklavin meine Treue zu bewei⸗ ſen und wäre es ſelbſt mit dem Tode! Eudoria ſchwieg. Sie hatte ſich dem Kaiſer zu Füßen geworfen, der bemüht war, ſie liebevoll aufzurichten. Der Mond war unterdeſſen aufge⸗ gangen und beleuchtete die ſchöne Scene. David ſtand zur Seite. Sein Herz war ge⸗ preßt. Die gute Seele wurde faſt an ſich ſelber irre. Sollte er die Liebenden gewähren und in ihr Verderben rennen laſſen? Und doch konnte er es kaum über ſein Herz bringen, den ſchönen Bund fühllos zu zerreißen, den zwei der edelſten Men⸗ ſchen im Begriffe ſtanden zu ſchließen. Aber diesmal riß ihn der Himmel ſelbſt aus der Verlegenheit; denn durch die ſtille Nacht er⸗ ſchallte plötzlich der dumpfe Ton jenes Hornes, welches beſtimmt war, den Kaiſer, hatte er ſich von den Seinen entfernt, in Zeiten der Noth und Ge⸗ fahr zurückzurufen. Friedrich Il erhob ſich bei dieſem Schalle raſch. Er war ein Anderer. Hoch aufgerichtet, die Hand an dem Schwerte, ſtand er— den Löwen zu ſei⸗ ner Seite— wie ein Held der Vorzeit, wie der Recke eines wunderbaren Märchens da. Da ertönte das Horn abermals, und, David gebietend, die Mädchen heim zu geleiten, küßte er Eudoria auf die Stirne und ſchritt dann majeſtä⸗ tiſch der Burg zu. 14. Pläne. Wer ſich begriffen hat in ſeiner Zeit, Der weiß ſein Leben richtig anzuſchlagen. E. Raupach. Wie die Aeolsharfe harmoniſcher und prächtiger zu ſingen beginnt, wenn Winde ſich erheben, die ſtärker und erſchütternder an ihre Saiten ſchlagen: ſo entwickelt und offenbart ſich die Seele des Wei⸗ ſen am herrlichſten in dem Kampfe mit Unglück und Widerwärtigkeiten. So ging es auch mit David Federbuſch. Die Schickſale Eudoria's, die Art und Weiſe, mit wel⸗ cher ſie dieſelbe erzählt, das deutliche Hervortreten ihrer Liebe zu dem Kaiſer— Alles dies hatte ihn ſo mächtig erſchüttert, daß er im erſten Augenblick ſich kaum zu faſſen wußte, ja halb entſchloſſen war, dem Drange ſeines Herzens nachgebend, die Nei⸗ gung und ſomit das Glück der beiden ihm ſo theuern Menſchen eher zu befördern, als zu hin⸗ tertreiben. 4 — Aber der erſten Begeiſterung folgte der Kampf. Das eigene„Ich,“ die Eigenliebe regte ſich wieder und die Vernunft mußte noch einmal das traurige und ſchmerzliche Geſchäft übernehmen, die unſchuldige Regung des edelſten Herzens durch vhiloſophiſche Gründe zu feſſeln und zu unterdrücken. Sie ſiegte auch heute. Aber mit dem Bewußtſein, Vernunft und Größe ſo viel geopfert zu haben, ſteigerte ſich die Kraft der Seele wieder und Da⸗ vid glaubte nun, auch von Andern mit Recht eine Ueberwindung zu Gunſten der Tugend fordern zu dürfen. Indeſſen vergaß Federbuſch hierbei Zweierlei zu berückſichtigen. Erſtens, daß Eudoria einen ganz andern Begriff von Tugend habe, als er; ja, daß ſogar Dinge ihr recht erſcheinen mußten, die ihm verwerflich vorkamen, wie eben dieſe Liebe. Zwei⸗ tens, daß das Mädchen eben ein Weib und Natur⸗ kind ſei und daher unmöglich ſeine Leidenſchaften ſo im Zaum zu halten vermöchte wie er, den außer⸗ dem ein hartes Schickſal von Kind auf an Ent⸗ ſagung gewöhnt. Federbuſch ließ ſich aber, ohne hieran zu den⸗ ken, von ſeinem redlichen Eifer für ſeines Kaiſers und Eudoria's Wohl hinreißen, und benutzte die Aufregung dieſes Abends, um dem ſchönen Kinde die Augen zu öffnen. Er that dies ſo ſanft und I. 11 liebevoll und doch ſo entſchieden, daß ſeine Worte auf das unverdorbene Herz des Mädchens einen tiefen Eindruck machten. Eudoria bebte entſetzt zurück. Sieſ ah mit Ei⸗ nemmale die Welt in einem neuen Lichte; aber wie ſchmerzlich blendete ſie der grelle Schein! Unbedingte Hingabe ihres Herzens, ihrer Seele und ihres Körpers an den geliebten, angebeteten Herrn, war bis jetzt für ſie, nach den Begriffen ihres Landes, Pflicht und Tugend geweſen— nach den neuen Lehren verwandelte ſich dies Alles in Verworfenheit. Eudoria war unfähig, dieſe Me⸗ tamorphoſe zu begreifen. Wie konnte in den Au⸗ gen des Chriſtengottes Das unrecht ſein, was Allah und Mahomed als recht und löblich lehrten? Konnte der Gott der Chriſten denn Wohlgefallen daran finden, zwei Herzen, die ſich in der unſchuldigſten Liebe zu einander hinneigten, gewaltſam auseinan⸗ dergeriſſen zu ſehen? Schon das vernünftige Sprechen des Narren, den ſie für in der That wahnſinnig hielt, kam ihr ſonderbar vor, und wenn ihr ſeine, von tollen Ge⸗ berden begleiteten Witze ſonſt als Ausbrüche einer göttlichen Inſpiration galten, ſo ſchienen ihr nun ſeine vernünftigen Reden als wahnwitzig. Indeſſen war immer der Zwieſpalt in ihrem Inneren erweckt. Zweifel regten ſich, Kämpfe tob⸗ 243 ten, wo bisher Friede gewohnt, und als Eudoria ihr Gemach erreicht und ſich David von ihr ge⸗ trennt hatte, ſank ſie lautſchluchzend in die Arme ihrer Schweſter.—— Der Kaiſer hatte unterdeſſen längſt die Burg erreicht und fand ſeinen Kanzler an der Spitze der Diener ängſtlich beſchäftigt, ihn zu ſuchen. Petrus de Vineis hatte Depeſchen von Eu⸗ ropa bekommen, deren Wichtigkeit nicht den leiſe⸗ ſten Aufſchub erlaubten. Der eifrige Mann, von den erhaltenen Nachrichten noch finſterer als ge⸗ wöhnlich, ja zornſprühend, eilte nach Friedrichs Ge⸗ mächern. Er fand ſie leer, eben ſo den Garten. Da ihm aber auch außerdem keine Seele Nachricht von dem Kaiſer geben konnte und in dieſem Lande der Treuloſigkeit und des Verrathes Alles zu fürch⸗ ten war, ſo gerieth Petrus in eine ſolche Angſt, daß er nicht nur alle Diener aufbot, um den Herrn zu ſuchen, ſondern auch von ſeinem Nothhorne Ge⸗ brauch machte. Der Ton des Letztern, der wie der Schrei eines hölliſchen Dämons Friedrich aus den Armen der Liebe aufgeſtört, rief endlich den Kaiſer herbei. Schon während des kurzen Weges von dem Daitelwäldchen bis zu der Burg, den er mit raſchen Schritten zurücklegte, hatte ſein kräftiger Geiſt jene Ruhe und Feſtigkeit wiedergefunden, die ihn ſo ge⸗ 11* 244 waltig auszeichneten, und welche allein vermochten, ihn, bei den vielen Stürmen, die ſein Leben beweg⸗ ten, vor dem Untergange zu bewahren. Deſto unruhiger fand er den ſonſt ſo ernſten Kanzler, der ihn ohne Rückhalt über die Kühnheit, mit welcher er ſein großes, für ſeine Völker ſo wichtiges Leben in einem Lande voll Mörder aus⸗ ſetze, tüchtig ſchalt. Der Kaiſer, den edlen Beweg⸗ grund dieſes Unwillens kennend, verſicherte Vi⸗ neis, daß er der Vorſicht nie vergeſſe, frug dann aber raſch nach dem Anlaß zu dem Nothrufe. Ich mußte Eure Majeſtät ſogleich ſprechen! entgegnete der Kanzler, und das Blut ſtieg ihm, bei dem Gedanken an die Nachricht, die er mitzu⸗ theilen hatte, ſiedend zu Kopfe. Es ſind wichtige Depeſchen von Europa angekommen. Der Admiral ſandte ſie gleich nach Landung des Schiffes durch einen Ritter hieher, der denn auch ſchweißbedeckt vor kaum einer halben Stunde hier ankam. Aber die Nachricht ſelbſt! rief ungeduldig der Kaiſer. Neue Niederträchtigkeiten von Rom! knirſchte Vineis. Eine Schandthat, die ihres Gleichen ſucht. Aber was denn? Gregor, der Papſt, der heilige Vater, der Stellvertreter Chriſti, benutzte die Zeit Eurer Ab⸗ weſenheit, die Ihr anwendet, Paläſtina der Chri⸗ ſtenheit wieder zu gewinnen, in Eurer Maje⸗ ſtät Reiche einzufallen. Das iſt nicht möglich! rief der Kaiſer; Gre⸗ gor M iſt zwar Unſer Feind, aber Wir achten ihn dennoch zu ſehr, als ihn einer ſolchen Treuloſigkeit fähig zu halten! Leſen Eure Majeſtät ſelbſt! ſagte der Kanzler bitter und reichte dem Kaiſer die Documente. Ein päpſtliches Heer iſt unter der Anführung Johannes von Brennes in Apulien eingefallen, hat bereits S. Germano erobert und zieht nun gegen Kapua. Friedrich durchflog die dargebotenen Depeſchen raſch. Aber ſeine Geſichtszüge verfinſterten ſich mehr und mehr, und als er vollendet, ließ er die Hände mit den Pergamenten matt ſinken. Das hätten Wir nicht erwartet! ſagte er dann leiſe. Wir achteten Unſern Feind für zu groß. Groß?! rief zornig der Kanzler; ja groß in Meineid, in Scheinheiligkeit, in Niederträchtigkeit war Rom von jeher. Sei nicht ungerecht! entgegnete der Kaiſer, die römiſche Politik und der Papſt ſind Zweier⸗ lei. Honorius III war ein milder, edler Menſch. Gregor war als Kardinal ein achtenswerther Charakter. Mag ſein, ſagte unwillig Vineis; aber die Perſönlichkeit des Menſchen geht unter, wenn die Tiara ſein Haupt berührt, und die Päypſte gleichen ſich in ihrem Handeln wie ein Ei dem andern- Auch Conſequenz iſt eine Tugend! fuhr der Kaiſer fort. Rom verfolgt ſeine Politik, wie die Kaiſer die ihre. Aber eben weil es ein Kampf auf Tod und Leben, ein Ringen um die Weltherrſchaft iſt, ſollte Rom nur edle Waffen gebrauchen. Iſt das aber Gerechtigkeit, wenn der Stellvertreter Chriſti, nachdem er Uns zum Kreuzzuge auffordert, Uns bannt, weil Wir— aus Krankheit verhin⸗ dert— nicht gehen; Uns wieder bannt, da Wir gehen, und nun gar, während Wir unter Mühen und Sorgen, ja mit Todesgefahr bemüht ſind, Pa⸗ läſtina den Heiden zu entreißen, räuberiſch in Un⸗ ſere Erblande einfällt und brennt und ſengt und raubt? Sire! ſagte der Kanzler, wer ſich in namen⸗ loſer Anmaßung den Herrſcher des Himmels, der Erde und der Hölle nennt; wer Engel und Heilige einſetzt, Kaiſer und Königen gebietet und in das ewige Feuer ſenden kann, wen er will, der braucht wahrlich nicht nach Dem zu fragen, was die armen Menſchenkinder Recht nennen. O es iſt traurig! rief der Kaiſer, mit großen Schritten auf⸗ und abgehend, d aß die Völker in eine ſolche Sklaverei des Geiſtes ver⸗ ſinken konnten. ——— 247 „ Und es wird groß, unendlich groß ſein, ver⸗ ſetzte Petrus, ſie daraus zu befreien. Wer aber wäre für dies Rieſenwerk geeigneter, als Eure Majeſtät? Iſt dies nicht das Ziel Unſeres Lebens? rief der Kaiſer begeiſtert. Ja, es wird Licht vor Unſe⸗ ſerer Seele, Gott ſelbſt gibt Uns das Zeichen. Paläſtina iſt befreit, nun raſch zurück an das große Werk. Weit entfernt, den Glauben an Chriſtus untergraben zu wollen, werden Wir dem göttlichen Weinberge ein teuer Wächter ſein. Mag dann immer der große Gärtner zu Rom pflanzen und jäten im Reiche des Geiſtes, von allem Irdiſchen ſoll Uns der Prieſter die freche Hand laſſen. Majeſtät! fiel der Kanzler hier raſch ein, um Gottes willen führt das große Werk nicht halb aus. Wie bei einem Krebsſchaden im menſchlichen Körper das Uebel erſt dann gehoben iſt, wenn keine Spur des Scirrhus mehr vorhanden, ſo wird das Leiden der Welt erſt dann geheilt, wenn es weder Papſt noch Pfaffen mehr gibt. Du ſchütteſt das Kind mit dem Bade aus, er⸗ innerte Friedrich. Wenn Wir Beide und vielleicht noch wenige klarſehende Männer auch der Prieſter und ihres Gängelbandes nicht bedürfen und dabei doch gute Chriſten und rechtliche Menſchen ſind, ſo kann man das von der Menge nicht verlangen. Sie 248 bedarf der Form, wo uns der Geiſt befriedigt. Dem Kinde, das an einem ſchwindelnden Abgrunde dahin taumelt, den ſichern Führer nehmen, auch wenn er es durch Umwege zum Ziele leitet, wäre Mord. Laß uns erſt die neuen Führer, Aufklärung und Wiſſenſchaft, groß ziehen, ſind dieſe im Stande die Menſchheit zu leiten, dann fort mit dem Pfaffen⸗ thume; aber bis dahin, Freund, werden noch viele Geſchlechter kommen und gehen. Vergebung, Sire, ſagte Petrus, mir däucht die Kur zu langſam. Warum ſollen noch Jahrhun⸗ derte in Feſſeln ſchmachten, wenn wir im Stande ſind mit Einem Worte den neuen Tag zu ſchaffen? Dies Zauberwort möchten Wir kennen, rief der Kaiſer. Gewalt! verſetzte finſter und ſtolz der Andere. Gewalt der Waffen im Reiche des Geiſtes? wiederholte erſtaunt der Kaiſer; und dies räth Uns der kluge Vineis? Wie vft ſprachen Wir ſchon hierüber. Das Prirſterthum verdankt ſeine Allge⸗ walt der höheren Geiſtesbildung, die es vor der Laienwelt voraushatte. Hierdurch wurde es auch die mãchtige Gehülfin bei der Gründung des Königs⸗ thums. Nun, da es über den Thron hinausge⸗ wachſen iſt, kann es nur das gleiche Mittel, wel⸗ ches es hob, freie Wiſſenſchaft und Geiſtesbildung, nie aber Gewalt ſtürzen. 249 Majeſtät, vergebt! Iſt es nicht Thorheit, daß wir hier in Aſien um ein elendes Stückchen Land, deſſen Beſitz uns doch nie ſicher bleiben wird, Zeit, Menſchen und Geld opfern, während wir unter⸗ deſſen mit denſelben Kräften Italien erobern und dem Papſtthum ein Ende hätten machen können? Des alten Roms Cäſaren vereinigten in ſich das König⸗ und das Hohenprieſterthum. Eine kleine Pauſe folgte dieſen Worten. Zwar hatte ſie Friedrich ſchon öfter gehört, denn ſie drück⸗ ten den Lieblingsgedanken de Vineis' aus; aber heute gerade berührten ſie ihn mächtiger, denn je. Strebte doch der kühne Hohenſtaufe darnach, das deutſche Kaiſerthum zu der Größe des alten Roms zu erheben. Petrus, der die Pläne ſeines Herrn kannte und ſah, welchen Eindruck ſeine Worte auf Jenen gemacht, fuhr nach einer Minute des Schwei⸗ gens fort: Wie kann die Herrlichkeit eines römiſch⸗deut⸗ ſchen Reiches bei der jetzigen Lage der Dinge feſten Fuß faſſen und beſtehen? Die verſchiedenartigſten, nicht einmal feſt zuſammenhängenden Länder bil⸗ den den mächtigen Staatskörper, den die Majeſtät unmöglich allein überblicken kann, da keine Haupt⸗ ſtadt in ihret Mitte liegt. Iſt der Kaiſer im fer⸗ nen Nordei, leidet der Süden, iſt er im Süden, beklagt ſich der Norden. Allem dem iſt abgeholfen, 250 wenn Rom die Hauptſtadt und der Sitz des römiſch⸗ deutſchen Kaiſers wird. Wie das Herz, mitten im Körper gelegen, des Blutes Wellen gleichmäßig nach allen Theilen des Mikrokosmus treibt und dadurch überall Wärme und Leben gleich erhält, ebenſo wird von Rom aus, deſſen Pulsſchlag von jeher welthiſtoriſch war, das weite Reich Ruhe und Lebensfriſche erhalten. Und welch' unermeßlicher Vortheil für die Welt, wenn Ein Kopf über Erde und Himmel gebietet, die Körper und die Seelen lenkt und damit der unglückſelige Zwieſpalt endet, der ſchon ſo unzähliges Unheil geſtiftet hat! Und wer, wer könnte fähiger, würdiger ſein, dies große Werk des Heils zu vollenden, als Eure Maje⸗ ſtät? Auf weſſen Haupte würde die Krone der Welt heller glänzen, als auf dem des erhabenſten der Hohenſtaufen, auf dem Haupte Friedrichs I?! Der Kaiſer war ſtehen geblieben. Seine hohe Geſtalt ſchien in dem Momente noch höher, könig⸗ licher, ſein Haupt richtete ſich ſtolz empor, als trage es ſchon die Krone des Weltreiches; ſeine Augen funkelten, ſeine Bruſt hob und ſenkte ſich mächtig. Es war augenſcheinlich, ein innerer Kampf zerriß ihn. Es ſei! rief er endlich, wie von einem großen Gedanken durchdrungen, du haſt Recht, Petrus, bis auf das Prieſterthum. Fort nach Jeruſalem, ſind Wir gekrönt, hinüber nach Italien. Dann mag der treuloſe Gregor erzittern, ſein Reich iſt zu Ende. Zwar wollen Wir Uns mit Meſſeleſen und Buße nicht befaſſen, aber dem Kaiſer werde end⸗ lich, was des Kaiſers iſt. Rom gibt die Hauptſtadt Unſeres Reiches und ſein Biſchof ſei Unſer erſter Unterthan! Sire, die Pfaffheit weg! Nichts mehr davon! Das wäre nur der Da⸗ naiden Arbeit. So lange Throne ſtehen, ſo lange wird man auch Altäre bauen. Der Morgen dämmerte bereits im Oſten, als dies Geſpräch ſo weit gediehen. Petrus ſah ein, daß er im Augenblick nachgeben müſſe. Hatte er ja ohnedies einen großen Schritt vorwärts gethan und blieb ihm doch die Hoffnung, auch noch mit ſeinen andern Wünſchen zum Ziele zu gelangen. Für jetzt beſchloß man nur den ſofortigen Aufbruch, um nach einer baldigen Krönung Paläſtina ver⸗ laſſen und in Italien an das große Werk gehen zu können. In kurzer Zeit ſchmetterten die Trompeten, das Lager wurde lebendig. Alles rüſtete, brach ab, packte und, ehe noch die Sonne die Mittagshöhe erreicht, war ſchon das ganze Heer auf dem Marſche nach Jeruſalem. 15. Die Krönung. Schon lang hat meinen Geiſt ein ſeltſam Streben Nach kühner namenloſer That entfacht. Sei's, daß ein Gott mir dies ins Herz gegeben, Sei's, daß der Menſch den Wunſch zur Gottheit macht. Torquato Taſſo. Die Hauptſtadt war bald erreicht. Unter dem Jauchzen des Volkes und dem Klange kriegeriſcher Muſik zog Kaiſer Friedrich Il, der ſiegreiche König von Jeruſalem, zwei und vierzig Jahre nach Ex⸗ oberung der Stadt durch Saladin, triumphirend in ſie ein. So ſegenbringend dies Exeigniß aber auch für die Chriſten Paläſtinas war, ſo groß der Jubel ſchien, mit dem man den Befreier begrüßte, die Elemente der Zwietracht, von der Geiſtlichkeit und den Ritterorden ausgeſäet, bewegten ſich gährend in der Maſſe. Die Quelle dieſes Unheils war namentlich in dem beleidigten Stolze Gerolds, des Patriarchen von Jeruſalem, zu ſuchen. Dieſer herrſchſüchtige Mann hatte ſich zwar gleich nach Ankunft Fried⸗ richs II in dem gelobten Lande zu dem Kaiſer be⸗ geben und denſelben, wenigſtens ſcheinbar, auf das freundlichſte empfangen; unterließ aber ſchon de⸗ mals nicht, ſich dem Kaiſer faſt gleich zu ſtellen und verlangte ausdrücklich, daß Se. Majeſtät nicht das Geringſte unternehme, ohne vorher ſeinen Rath eingeholt zu haben. Wie aber erſtaunte der fromme Mann, als ihm der Kaiſer ganz artig, aber dennoch feſt und beſtimmt antwortete: Alle geiſtlichen Angelegen⸗ heiten werde er mit Vertrauen in ſeine Hände legen; was jedoch das Irdiſche, Politik und Re⸗ gierung beträfe, ſo bedürfe er in dieſen Dingen keines geiſtlichen Rathes. Gerold fand ſich durch die Zurückweiſung ſei⸗ ner Anmaßungen bitter gekränkt und ſchwor von dieſem Augenblicke an dem Kaiſer die glühendſte Rache. Deſſenungeachtet blieb er nach außen hin der freundlichſte und frömmſte Menſch und wußte durch Scheinheiligkeit den offenen, jeder Verſtellung fremden Monarchen ſo zu täuſchen, daß dieſer in ihm einen redlichen Menſchen und, wenn auch nicht wahren Freund, denn dafür war Friedrich zu klug, doch einen Freund des Rechtes und der Ordnung zu ſehen glaubte. Aber die Scheinheiligkeit und die Verſtellungs⸗ kunſt ſind ja die Lügengöttinnen der Höflinge und 254 Pfaffheit. Gerold lächelte fromm, pries und ſchmei⸗ chelte in Gegenwart des Kaiſers, trieb aber ſeiner Zeit ſchon die beiden Franziskaner heimlich an, recht heftig gegen Friedrich zu predigen und wo möglich alles Volk dem Gebannten abwendig zu machen. Später verband ſich der Patriarch mit den Templern und Er war es ja gerade, welcher Thomas von Montaigu ſpornte, den Kaiſer an Malek⸗al⸗Kamel zu verrathen. Mehr aber als durch alles bisher Geſchehene fühlte ſich Gerold durch den Frieden verletzt, wel⸗ chen der Kaiſer ſo geſchickt mit dem Sultan zuwege⸗ gebracht. Er zog ſich daher, als er von der glück⸗ lichen Wendung hörte, welche der Mordanſchlag genommen, ſchleunig von dem Hofe zurück, warf die Maske ab und erfüllte nun die Welt mit den Ausbrüchen ſeines Zornes. So ließ er, kurz vor der Ankunft Friedrichs durch ſeine Creaturen in der Hauptſtadt verbreiten: der Friede mit Malek⸗al⸗Kamel ſei null und nich⸗ tig, da ſich der Sultan mit dem Eide des Kaiſers und dieſer mit dem Schwure des Sultans bei deſſen Abſchluſſe begnügt und weder die übrigen türki⸗ ſchen Herrſcher befragt, noch vor allen Dingen ſeine Zuſtimmung in dieſer wichtigen Ange⸗ legenheit eingeholt worden ſei. Auch verrathe die⸗ ſer Friede Chriſtus den Herrn an den heidniſchen Sultan, weil den Mahomedanern freier Gottes⸗ dienſt in dem Tempel verſtattet ſei, anſtatt deſſen unbedingte Uebergabe an den Patriarchen auszu⸗ bedingen. Wenn nun auch dieſe und ähnliche Reden dem geſunden Sinne des Volkes als lächerlich erſchie⸗ nen, da jeder Rechtliche Gott für die Segnung des lang erſehnten Friedens dankte, ſo konnte es doch nicht fehlen, daß ſie deſſeungeachtet den Samen der Zwietracht ſtreuten. Mehr aber noch machte der überall emſig neu angeregte Gedanke: daß ja der Kaiſer als ein Gebannter nicht gekrönt werden könne, das Volk zweifelhaft. In dieſer mislichen Lage der Dinge trat aber⸗ mals der große Charakter Friedrich 1l leuchtend hervor. Es war an einem Sonnabende Gen 17. März 1229), als der Kaiſer ſeinen feierlichen Einzug hielt. Sein erſter Entſchluß ging dahin, ſich ſofort, an der Spitze ſeiner Truppen, in die Kirche des heiligen Grabes zu begeben, Gott für die Gnade zu danken, mit welcher er ihn aus Todesgefahr errettet und zu dem heißerſehnten Ziele geführt, und ſich den kommenden Sonntag durch den Patriar⸗ chen krönen zu laſſen. Kaum aber befand ſich der Kaiſer in Jeruſa⸗ lems Mauern, als er nicht nur hörte, daß Gerold nicht erſchienen ſei, noch kommen werde; ſondern auch erfuhr, welcher Zweifel das Volk bewegte. Jetzt konnte eine gewöhnliche Hofſcene nicht fehlen. Faſt die ganze Umgebung des Kaiſers, voll des Lobes über die ruhmvolle Löſung ſeines Gelübdes, rieth ihm: Gottesdienſt für ſich halten und die Krönung ohne Anſtand vollziehen zu laſſen. Auch der Kanzler war dieſer Meinung und ver⸗ theidigte ſie heftig, nicht, wie die übrigen Höflinge, um Sr. Majeſtät zu ſchmeicheln, ſondern aus an⸗ geſtammtem Haß gegen die Anmaßungen der Kirche und weil, ſeiner Anſicht nach, der große Weltſtreit nur durch Gewalt und raſches Vorſchreiten auf dem einmal eingeſchlagenen Wege entſchieden wer— den konnte. Ein abgeſagter Feind jeder Halbheit war„feſt und kühn“ ſein Wahlſpruch, den er denn auch jetzt dem Kaiſer vorhielt, jedes Schwanken hitzig verwerfend. Friedrich hörte ruhig die Meinung ſeines Kanz⸗ lers an, dem er, da er ſonſt ein ſehr einſichts⸗ voller, grundgelehrter und ihm mit Leib und Seele ergebener Mann war, oft und Manches nach⸗ ſah; hörte dann aber auch noch den ruhigen, mit der Leidenſchaftlichkeit deſſelben ſcharf contraſtiren⸗ den Deutſchmeiſter, ſeinen biederen Hermann von Salza an. Dieſer aber, ſo wie der Narr, hatte eine ganz verſchiedene Anſicht von den Dingen. Beide gaben, freilich auf ſehr verſchiedene Weiſe, den Rath: das Wohl und die Aufrechthaltung des Kaiſerthums und der Kirche gleichmäßig zu beach⸗ ten und namentlich hier keine Gewalt zu gebrauchen, da weder für Krone noch Altar Vortheil von der⸗ ſelben zu gewärtigen ſei. Friedrich, ſo kräftig und entſchieden er ſonſt war, hatte doch die löbliche Gewohnheit, bei wich⸗ tigen Fällen den Rath ſeiner Freunde zu hören und ſich, war derſelbe wahrhaft gut, nach ihm zu rich⸗ ten. Vorzüglich viel hielt er dabei auf Hermann, den er als ein Gegengewicht gegen ſeine und ſeines Kanzlers Leidenſchaftlichkeit betrachtete. Auch dem Narren, deſſen richtigen Blick er oft bewundern mußte, lauſchte er gern. Heute zumal fühlte er ſich zu deren Meinung hingezogen. Einmal, weil ihn mit dem Eintritte in Jeruſalem eine wunderbare Demuth anwehte, entſproſſen aus dem Gefühl der Dankbarkeit gegen Gott und dem Bewußtſein, die Stellen betreten zu haben, wo jener große Weiſe Demuth und Liebe gelehrt und als Zeuge für dieſe Tugenden geblu⸗ tet hatte. Dann durfte er, bei ſeinem zu begin⸗ nenden großen Kampfe mit Rom, nicht durch un⸗ begründete Gewaltmaßregeln die Meinung der Menge voreilig verſpielen, und endlich hatte die Liebe, ſo ſehr ſie jetzt bei den wichtigen Begeben⸗ heiten und Regierungsgeſchäften zurücktreten mußte — er hatte Eudoria ſeit jener Erzählung nicht mehr geſehen— dennoch einen weſentlichen Ein⸗ fluß auf ſeine Stimmung, die milder und ſanſter wurde. Friedrich gab daher den Vernünftigeren nach, wohnte dem Gottesdienſte nicht bei und ſandte ei⸗ nen Eilboten an den Patriarchen mit dem Erſuchen: Gerold möge ſich ſofort nach der Hauptſtadt(in deren Nähe er weilte) begeben, den Kaiſer, da ſein Gelübde und die Wünſche der Kirche erfüllt ſeien, vom Banne löſen und ihn mit dem ihm zu⸗ ſtehenden Diadem von Jeruſalem krönen. Der kommende Tag brach an, alle Vorkeh⸗ rungen zu der großen Feierlichkeit waren getroffen — der ſtolze Prieſter erſchien nicht. An ſeiner Stelle aber kam der Erzbiſchof von Cäſarea und belegte im Namen des Patriarchen die Kirche des heiligen Grabes und alle heiligen Orte mit dem ſtrengſten Banne. Dieſe ſchamloſe Ungerechtigkeit ging zu weit. Volk und Heer brachen in lauten Unmuth aus, und auch Friedrich war ſo empört, daß er jetzt alle längere Nachgiebigkeit als Schwäche verwarf und ſich an der Spitze ſeines Heeres, unter dem lauten Jubel des Volkes und in feierlichem Zuge nach der Kirche begab. 259 Hier aber trat der Kaiſer an den Altar. Es war eine imponirende Erſcheinung! Die hohe, kräf⸗ tige Geſtalt hob ſich prachtvoll in dem vollen Kö⸗ nigsſchmucke. Die langen, goldnen Locken umfloſſen das edle Haupt wie ein leuchtender Heiligenſchein. Die Augen blitzten und die Begeiſterung, die der ſtolze Gedanke: mit reinem, Gott ergebenem Her⸗ zen ein großes Werk zu vollbringen, in ihm her⸗ 4 vorrief, ſtrahlte aus den ſchönen, königlichen Zü⸗ gen; während das Halbdunkel der Kirche, die groß⸗ artige und geheiligte Umgebung die ganze Erſchei⸗ nung auf einem magiſchen, zauberhaften Grunde trug. Kein Ende wollte das Jauchzen der leicht da⸗ hingeriſſenen Menge nehmen; da winkte endlich der Kaiſer. Todtenſtille folgte dem Lärmen und Friedrich ſprach alſo: Ihr Fürſten, Biſchöfe, Ritter und Prälaten! Ihr Krieger alle, die fromme Begeiſterung für das Heil der Chriſtenheit weit übers Meer geführt und die ihr nun an heiliger Stätte knieet, und ihr, die Unſres neuen Reiches Unterthanen— euch Allen unſern königlichen Gruß! Es iſt bekannt, daß Wir in Aachen bei der Kaiſerkrönung freiwillig einſt das Kreuz genom⸗ men, durch unzählige Hinderniſſe aber von der Er⸗ füllung des Gelübdes abgehalten, erſt jetzt den frommen Zug beginnen konnten. Entſchuldigt ſei der Papſt, der Uns ſo hart gemahnt und endlich gar den Bann auf Uns geſchleudert: der Menſchen Schmähung zu entgehen, hat er es wol gethan. Entſchuldigt ſei der Papſt, daß er hierher feind⸗ ſelig von Uns ſchrieb; denn Unſre Feinde hatten ausgeſprengt, nicht zur Errettung dieſes Landes, ſondern zur Unterjochung des Kirchenſtaates erhö⸗ ben Wir ein Heer. Hätte der heilige Vater Unſre Abſicht gekannt, er würde nicht gegen, ſondern für Uns geſchrieben haben; ja wüßte er, wie Viele hier zum Nachtheile der Chriſtenheit ihr Gift verſpritzen, er lieh den Klagen und Beſchwerden kein ſo gün⸗ ſtig Ohr. Was Kirch' und Kaiſerthum zur Ehr' gereicht, das werden Wir erfüllen, daß Unſre Friedensliebe ſich Euch offenbare; ſo wie Wir Alles, was jemals Wir oder die Unſern dem Stuhle Petri Unrechtes gethan, gut machen wollen, damit die Feinde Chriſti und deſſen falſche Freunde, die Zwietracht lieben, durch Einigkeit zu Schanden werden. Nicht jener Hoheit, die Uns auf Erden zu Theil geworden, gedenken Wir in dieſem heiligen Mo⸗ mente, Wir beugen Uns vor Gott in tiefſter De⸗ muth; doch da der Prieſter fehlt, vollenden Wir das Werk, das deſſen Pflicht, und nehmen aus der Hand des Höchſten dieſe Krone. 261 Hiermit ergriff der Kaiſer die Krone Jeruſa- lems, die auf dem Altar ſtand, und ſetzte ſie ſich auf das Haupt. Die Poſaunen erklangen, das„te Deum lau- damus“ ſchallte erſchütternd durch die Hallen und Heer und Volk ſchwuren dem neuen Könige den Eid der Treue zu*). *) Fr. v. Raumer's Geſchichte der Hohenſtaufen Thl. III. 16. Das Feſt. Die Waffen ruhn, des Krieges Stürme ſchweigen, Luf blut'ge Schlachten folgt Geſang und Tanz, Durch alle Straßen tönt der muntre Reigen, Altar und Kirche prangt in Feſtesglanz, Und Pforten bauen ſich aus grünen Zweigen, Und um die Säule windet ſich der Kranz;„ Das weite Rheims faßt nicht die Zahl der Gäſte, Die wallend ſtrömen zu dem Völkerfeſte. Und einer Freude Hochgefühl entbrennet Und ein Gedanke ſchlägt in jeder Bruſt. Was ſich noch jüngſt in blut'gem Haß getrennet, Das theilt entzückt die allgemeine Luſt. Wer nur zum Stamm der Franken ſich bekennet, Der iſt des Namens ſtolzer ſich bewußt: Erneuert iſt der Glanz der alten Krone Und Frankreich huldigt ſeinem Königsſohne. Schiller. Seit undenklichen Zeiten hatte Jeruſalem keinen ſo glücklichen Tag, kein ſo frohes Feſt geſehen. Das Volk, welches hier wie überall ein Spiel der äußern Eindrücke war, hatte längſt, von der Pracht der Aufzüge, den öffentlichen Spielen, dem Glanze und der Luſt, die ſich überall hin verbreite⸗ ten, geblendet, Bann und künſtlich erregten Haß, vergeſſen, und wie immer Entſchiedenheit und kräf⸗ tiges Auftreten den rohen Maſſen imponiren undſie fortreißen, ſo war es auch hier gegangen; die Menge begrüßte die eigenhändige Krönung mit einem na⸗ menloſen, kaum endenden Jubel und war von die⸗ ſer Minute an für den kühnen, hochherzigen Kaiſer ſo begeiſtert, daß ihr Jauchzen ſeinen Namen bis an den Himmel trug. Friedrich ſelbſt war es unendlich leicht und froh zu Muthe. Es kam ihm vor, als habe er ſich mit jenem kühnen Schritte erſt mündig gemacht und eine ſchwere, niederdrückende Laſt von ſeinen Schultern gewälzt. Er athmete frei auf. Jetzt war er ſo recht er Selbſt und in ſeinem Elemente. Abgeſtreift hatten Papſt und Kaiſer den letzten Schein gegenſeitiger Berückſichtigung; Beide ſtan⸗ den in den Schranken gleich groß, gleich tüchtig, gleich unerbittlich! Der Kampf um die Weltherr⸗ ſchaft war offen begonnen, Sieg oder Untergang das Loſungswort! Auch der Kanzler ſtrahlte von Entzücken; ſein heißeſter Wunſch war erfüllt: Rom war der Krieg erklärt und zugleich hatte der Kaiſer der Welt ge⸗ zeigt, daß er des Papſtes nicht bedürfe, ſelbſtän⸗ dig ſet und aus eigner Kraftfülle auch Handlungen verrichten könne, für deren Ausübung man bis jetzt nur die Kirche befähigt gehalten. Der ſonſt ſo ernſte finſtere Mann ſtrömte heute im Lobe ſeines Kaiſers über; ja er war bei dem prächtigen Schmauſe, welchen Friedrich den erſten 264 Beamten ſeines Hofes gab, luſtig und ſcherzhaft, etwas, was ihm ſonſt nie vorkam. Der Monarch hatte es ſich nicht verſagen kön⸗ nen, im Kreiſe ſeiner treueſten Diener und ſeines ganzen Hofes zu ſpeiſen. Ein weiter Saal war zu dieſem Zwecke geſchmackvoll mit Blüten, Laub und Trophäen ausgeſchmückt worden und zeigte am oberen Ende eine drei Stufen anſteigende und mit Purpurſtoffen bedeckte Erhöhung. Hier ſaß— Hermann von Salza an ſeiner Seite— Kaiſer Friedrich beim köſtlichen Mahle, welches von reich geſchmückten Mohren in ſilbernen und goldenen Gefäßen aufgetragen wurde. Von dieſem erhöhten Standpunkte aus konnte denn auch der Monarch die langen Reihen der Tiſche über⸗ ſehen, die den weiten Raum des Saales füllten und an welchem ſein ganzer Hof, nach dem Bei⸗ ſpiele des Herrn, ſich gütlich that. Friedrich liebte bekanntlich, ohne den Magen zu ſeinem Gotte zu erheben, die Freuden der Ta⸗ fel und wollte, daß dieſelben Heiterkeit, Witz und Muſik erhöhten. Daher ſtand, der alten guten Gewohnheit nach, auch heute der Narr hinter ſei⸗ nem Thronſeſſel und füllte die Pauſen, die eine aus⸗ gezeichnete Muſik übrigließ, mit ſeinen Witzen und Scherzen aus. David ſchien äußerlich in ſeiner beſten Laune, obgleich mancher Kummer ſein Herz drückte, wor⸗ unter namentlich die Sorge über die Folgen der Handlung, die man hier ſo pomphaft feierte. Vor⸗ züglich ärgerten ihn die Lobeserhebungen, die man darüber dem Herrſcher ſpendete und welche nur dazu beitrugen, die unglückſelige Kluft zwiſchen Kaiſer und Papſt noch zu erweitern und unheil⸗ barer zu machen. Er ließ daher ſein Gift auf die Schmeichler los, deren Heuchelei und Egoismus ihm ſtets zu⸗ wider war. Gevatter! rief er deshalb, als eben ein Höf⸗ ling eine Tirade auf den großen„Selbſtgekrönten“ ſo laut geſprochen, daß es der Kaiſer hören mußte, und beugte ſich über den Seſſel ſeines Herrn, den Narrenkolben mit drolligen Geberden über ſeinem Haupte ſchwingend, daß die Schellen laut raſſelten — Gevatter, ſag' mir einmal, warum halten die großen Herren Narren? Nun! entgegnete der Kaiſer freundlich, ich denke: um durch Scherz und Witz durch ſie erhei⸗ tert zu werden! Nicht doch! entgegnete David; ich will dir es ſagen: um ſich die Langeweile zu vertreiben, die ihnen bornirte Hofleute machen. Da Federbuſch dieſe Worte ſo laut geſprochen, daß man ſie in dem ganzen Saale gehört, und Jeder . 12 266 ſogleich merkte, daß ſie jenem Schwätzer gegolten, ſo brach die ganze Geſellſchaft, theils aus Schaden⸗ frende, theils um zu beweiſen, daß ſie ſich nicht getroffen fühle, in ein ſchallendes Gelächter aus. Nur der Kanzler, der an den untern Tiſchen präſidirte, und jener Hofmann blieben ernſt; ja Erſterer fand durch Davids Witz ſeine gravitätiſche Würde wieder, die heute ausnahmsweiſe durch ei⸗ nige frohe Worte gelitten hatte. Er beugte ſich da⸗ her zu dem erzürnten Höflinge und ſagte: Auch die treuſten Diener ſeiner Majeſtät müſſen ſich ſolche Dinge gefallen laſſen; aber die unnützen Worte treffen nicht, der Schwätzer trägt ja die Narrenkappe. Und mancher trägt eine Ordenskette, der einen Strick verdiente! rief der Narr.* Des Kanzlers Augen blitzten und mancher der Anweſenden ſchaute drohend nach dem verwe⸗ genen Spaßmacher. David aber that, als ob nichts vorgefallen, lehnte ſich auf die Rückwand des Thron⸗ ſeſſels und ſagte: Gevatter, ſoll ich dir ſagen, was für ein Un⸗ terſchied zwiſchen Narren und Hofſchranzen iſt? Thue es, mein Junge! erwiderte der Kaiſer, der dem Volke der Schmeichler und Schmarotzer gern eine Lehre geben ließ. So höre! rief der Narr. 267 Die Narren reden mit einer Zunge Die Wahrheit gerade von der Lunge. Hofſchranzen haben der Zungen zwei Und ſprechen nach dem Wind dabei! Sie machen hurtig ſchwarz aus weiß Und, wenn du's willſt, auch kalt aus heiß; Doch haſt du lieber heiß als kalt, do wirſt du ſehn, es friert ſie bald. Trefflich! entgegnete der Kaiſer. Von wem haſt du deine Verſe gelernt? Von meiner Baſe, mit Reverenz zu melden, antwortete der luſtige Rath mit einer tiefen und komiſchen Verbeugung. Wer iſt denn deine Baſe? frug der Monarch weiter, der die Gemüther wieder beſänftigen wollte. Eine ſehr vornehme Perſon, ſagte Federbuſch ernſt, die den Teufel nach allen Fürſten, nach Macht, Aden, Ehre, ja ſelbſt nach dem Mann zu Rom vor der alle ſogenannten Großen nackt da⸗ ſtehen und ihre Strafpredigt anhören müſſen, und die ſich von Niemanden, auch nicht von einer gold⸗ nen Hand, an der Naſe herum führen läßt, mit einem Wort, meine Baſe, die mich die ſchönen Verschen und noch ſo manches Gute lehrt, iſt— die Weltgeſchichte. Allerdings eine vornehme Dame, rief Friede⸗ rich; aber woher die Verwandtſchaft? Durch die Wahrheit, die auf der ganzen Welt nur ſie und ich ſagen. 12* 268 Nicht doch! unterbrach Salza den Narren; Es gibt, Gott ſei Dank, auch noch andere Menſchen, die ihr treu bleiben. Wenige, Herr Ritter! rief David mit bedenk⸗ licher Miene. Und das ſind auch Narren, denn ſie verbrennen ſich das Maul für Nichts und Wieder⸗ nichts. Ihr freilich macht, wie mir Baſe Weltge⸗ ſchichte geſagt, eine ehrenvolle Ausnahme von der Regel. Der Deutſchmeiſter, ſo wenig er die Sitte, Hofnarren zu halten, leiden mochte, konnte ſich doch hier eines freundlichen Blickes nach David nicht enthalten, und weſſen Herz wäre auch ſo ausge⸗ brannt oder ſtark, über ein verdientes Lob nicht zu lächeln? Nicht wahr, lieber Hermann, ſagte der ſer, dem das Geſchehene nicht entgangen Narrheit hat doch auch gute Seiten! Ol rief Federbuſch, Narrheit iſt eine köſtliche Arznei, die das Blut verdünnt, das Zwerchfell er⸗ ſchüttert und die Lebensgeiſter aufweckt. Sie iſt mein Brotherr, ich; daher eine Lobrede halten. Die Narren ſind die glücklichſten der Sterb⸗ lichen. Sie werden nicht durch die Märchen von der Hölle erſchreckt; ſie fürchten keine Plagegeiſter, ſondern ſind eher ſelbſt welche, und da ſie die Zu⸗ 269 kunft nicht durchſchauen können, ſo ängſtigen ſie ſich weder mit leeren Hoffnungen auf künftige Glücks⸗ fälle, noch fürchten ſie ſich vor Dingen, die da al⸗ lenfalls kommen könnten. Sie ſchämen ſich nicht, die Wahrheit zu ſagen, ſie ſtreben nach Nichts, was ihnen unerreichbar iſt, und kennen die liebliche Tugend des Neides nicht. Erwäge nur einmal, du närriſcher Weiſer, welche Qualen deine Seele Tag und Nacht von allen Seiten zerreißen, trage alle Mühſeligkeiten deines Lebens auf einen Hau⸗ fen zuſammen, ſo wirſt du am Ende einſehen, wie glücklich die Narren ſind. Nimmſt du noch dazu, daß die Narren immer fröhlichen Herzens ſind, ſingen und lachen und ſomit noch Luſt und Scherz um ſich her verbreiten, ſo wirſt du geſtehen müſſen, daß ſie die glücklichſten Geſchöpfe unter der nne ſind. Uebrigens iſt Narrheit ſo gut ein Stück der Menſchlichkeit, wie der Durſt; nur daß erſtere von einer luſtigen Zugabe in Herz und Kopf, letz⸗ terer von einem Fehler im Halſe herrührt. Narr⸗ heit verraucht in Witz, Durſt braucht Gurgelwaſſer. Außerdem: Sprichwort, wahr Wort; jedem Narren gefüͤllt ſeine Kapp'! Es gibt ernſthafte, kriegeriſche, politiſche, juriſtiſche, petiſche, kirchliche, gelehrte, traurige und tauſend andere Arten von Narren. Daß Narrheit aber eine Kardinaltugend iſt, be⸗ 270 weiſt, daß nur durch ſie ein vergnügtes, langes Leben und eine beſtändige Oeffnung des Unterlei⸗ bes erzweckt wird. Den Kaiſer beluſtigten ſolche und ähnliche Scherzreden unendlich und ſelbſt Derbheiten ver⸗ letzten ihn nicht, nur durften die Witze nicht bos⸗ haft und wahrhaft kränkend werden. So frug er den Narren, nachdem die Muſik abermals einen Wechſel in die Unterhaltung ge⸗ bracht, was denn eigentlich Witz ſei? David beſann ſich nicht lange, ſondern trillerte: Es iſt der Witz ein raſches Roß, Das den Verſtand als Reiter trägt, Doch zügellos dahinbrauſend Aus jedem Steine Funken ſchlägt. Witz iſt ein munterer Geſell, Der lacht, wo Andre weinend ſchrei'n; Denn dieſer lieben Erde Noth Nur Puppenſpiel und Kinderei'n. Witz einem ſcharfen Meſſer gleicht, Das ſeiner Scheide baß entfuhr; Wer damit ſcherzt, verwundet leicht, Trotz Freundſchaftsbund und Armatur. Und Witz iſt auch ein ſpielend Kind, Der Amme Phantaſie im Schoos, Die zieht, vor Affenliebe blind, Das liebe Ding zum Schelmen groß; Doch kommt ſein Mentor, der Verſtand, Dann ſtirbt er flugs bei dem Pedant. Am wenigſten konnte der Kanzler den Narren vertragen, und obgleich ihn David jedesmal tüch⸗ tig abführte, brachte es Vineis doch nicht über 271 das Herz, denſelben ſtets aufs neue anzugreifen. So frug ihn Petrus auch heute, nachdem er auf die Poſſenreiſſer lange geſchimpft, wie viel Nar⸗ ren der Kaiſer halte? So viel Höflinge er hat! entgegnete David trocken. Der Kanzler zuckte mitleidig die Achſeln und meinte: es ſei doch ſchmachvoll, daß man noch Narren halte. Gewiß! rief der luſtige Rath. Mein Junge, ich würde an deiner Stelle darauf antragen, daß man ſie abſchaffe. Was braucht man in unſern aufgeklärten Zeiten noch Amt und Namen eines Hofnarren, die nur ein Aergerniß geben. Laßt ſie aufheben; die Narrheit geht doch nicht verloren, ſie ſpukt ja genug an den Höfen und das Kleid eines Kanzlers oder die Glatze eines Kaplans ſind im⸗ mer anſtändiger als Narrenkappe und Wamms. Auch braucht man ſtatt„luſtiger Rath“ nur einfach „Rath“ oder geheimer, oder geiſtlicher, oder Hof⸗ Rath zu ſagen, fo hat man einen feiner klingenden Titel, vhne die Sache zu ändern. Du biſt immer ein naſeweiſer Burſche, ver⸗ ſetzte der Kanzler, dem Alles hingeht, weil unſer kaiſevlicher Herr zu gnädig gegen dich iſt. Wahr⸗ haftig, fiel ein anderer Kavalier ein, wenn man der Vorrechte und Gnaden denkt, die ein 272 ſolcher Schuft genießt, möchte man ſelbſt Hofnarr werden. Männchen! rief David und klopfte täppiſch lächelnd dem vornehmen Herrn auf die Achſel, das kannſt du nicht werden; denn ſieh, wer ein guter und ordentlicher Narr werden will, muß zuvor klug geweſen ſein. Elender Tropf! rief der Kavalier beleidigt. Brauchſt mich übrigens nicht zu beneiden, fuhr Federbuſch ruhig fort, du haſt dir ja auch ein wich⸗ tiges Amt gewählt; du mußt die Welt auf die großen Ereigniſſe am Hofe des Kaiſers aufmerk⸗ ſam machen und ihr melden, wie vft Se. Maje⸗ ſtät nieſt oder— ſonſt etwas gethan haben. Der Hofmann ward vor Zorn blutroth; Da⸗ vid aber ſchlug ihm lachend mit ſeinem Kolben auf den Rücken und ließ ihn mit den Worten: es ſind nicht Alle Narren, die nicht in den Rath gehen, und nicht Alle Doctoren, die rothe Barete tragen. Je kleiner die Schachtel, deſto beſſer die Salbe! — verblüfft ſtehen. Derartige Scenen kamen viel vor. David hielt ſeine Ernte und geißelte die Verkehrtheiten des Hoflebens mit unerbittlicher Strenge. Aber ſeine Scherze erhöhten nur, außer bei den Betrof⸗ fenen, die allgemeine Luſt; wie denn zu jenen Zeiten bei keinem Feſte der oder die Narren fehlen durften. Kaiſer Friedrich freute ſich am meiſten darüber; denn er lachte gern und wußte, daß die Satyre der beſte Lehrer ſei, wie denn auch das alte Sprich⸗ wort ſagt: je größer Narr, je beſſer Pfarr! Deſſenungeachtet aber war der Monarch nicht mit ganzer Seele bei dem Feſte, was auch eine gewiſſe Zerſtreutheit beurkundete. Ja manche der geiſtreichen Reden des Deutſchmeiſters, welchen er doch ſonſt ſo gern zu lauſchen pflegte, ging ſpur⸗ los an ihm vorüber, da er ſich oft in Gedanken weit ab verirrte. Friedrich war dann bei Eudoria, die er ſo lange nicht geſehen, und deren Bild nun, da vor der Hand die wichtigeren Pflichten ſchwie⸗ gen, wie Frühlingsahnung in ſeiner Seele auf⸗ ſtieg. Er beſchloß, ſie heute noch zu ſehen, und auch in dieſem Verhältniſſe alle drückenden Feſſeln abzuſtreifen. Noch war er mit dieſen Gedanken beſchäftigt, als plötzlich die ſilbernen Inſtrumente laut ſchmet⸗ terten, die dem Kaiſer entgegenſehende Wand des Saales, die eine künſtlich angebrachte war, ſich öff⸗ nete und vor den erſtaunten Blicken ein ſpiegel⸗ blanker, von Blumenwänden eingeſchloſſener Plan erſchien, auf welchem Eudoria und ihre holde Schweſter den Kugeltanz zum Entzücken aller An⸗ weſenden ausführten. Der Kaiſer ſtand unbeweglich. Er war wie 274 berauſcht, wie betäubt von dem Glanze und der Schönheit der Erſcheinung. Eudoria glich aber auch in Wahrheit eher einem Zauberbilde, als ei⸗ nem menſchlichen Weſen. Das Hauptſtück ihrer Kleidung waren ein Paar ſehr weite, bis auf die Schuhe reichende Hoſen von dünnem, roſenfarbigem Damaſte mit ſilbernen Blu⸗ men geſtickt. Die wundervollen kleinen Füßſhen deckten zierliche Pantoffeln von demſelben Stoffe. Ueber die Beinkleider fiel ein Hemde von ſo ſchö⸗ ner weißſeidner Gaze, daß es, obgleich am Halſe mit einem Diamantknopfe geſchloſſen, dennoch Form und Farbe des Buſens leicht erkennen ließ. Ebenſo zeigten die weiten, bis über die Ellbogen reichenden Aermel zwei runde, äußerſt zart ge⸗ formte Arme. Ein enges, dicht an dem Leibe ſchließen⸗ des Kamiſol, von weißem, mit Gold durchwirktem Atlas, mit ſehr langen zurückfallenden Aermeln, ſchweren goldenen Franſen und Diamantknöpfen beſetzt, verrieth die ungezwungenſte und feinſte Taille, die man ſich zu denken vermochte; während ein Kaftan von dem gleichen Stoffe der Hoſen die Geſtalt nett umſchloß und von einem vier Finger breiten, reich mit Edelſteinen beſetzten Gürtel ge⸗ halten wurde. Auch ihn ſchloß eine diamantne Schnalle von bewundrungswürdiger Arbeit. Gleich reizend und mit einer zauberhaften Leichtigkeit war 275 ein lichter Silberſtoff wie ein Turban um den Kopf geſchlungen. Ungemein neckiſch ruhte dieſer zier⸗ liche Kopfputz auf der Fülle rabenſchwarzer Locken und Zöpfe, durch welche ſich Perlenſchnuren ſchlan⸗ gen, wie Reihen glänzender Sterne in dunkler Nacht. Den Turban aber ſchmückte ein großer Strauß von Juwelen, der natürliche Blumen feenhaft nach⸗ bildete. Die Knospen waren von Perlen, die Ro⸗ ſen von vielfarbigen Rubinen, die Jasminen von Diamanten, die Jonkillen von Topaſen. Aus allem dieſem Glanze aber, aus aller die⸗ ſer Pracht blickte das zarte, blaſſe, himmliſche An⸗ tlitz, das ſo widerſprechende Reize ſo lieblich einigte, das unergründliche, heiße Liebesglut mit Ernſt, jungfräuliche Hingebung mit Stolz, Sanftmuth mit Kühnheit verſchmolz. Dem ſtaunenden Kaiſer kam es vor, als habe er noch nie ſo was Herrlichſchönes geſehen, und als Eudoria nun am Schluſſe des Tanzes wie ein En⸗ gel des Lichts gegen ihn hinſchwebte und ſich dann ſüßverſchämt vor ihm neigte und ihre kleine, wohl⸗ geformte Hand mit einer ſo natürlichen Anmuth auf das Herz legte, wie ſie ihr keine Hoferziehung je hätte geben können, da mußte er geſtehen, daß die Natur dies wundervolle Heidenkind zur Köni⸗ gin geboren und erzogen habe. Der Kaiſer glühte. Er war ſo bewegt, daß 276 ihm die Sprache verſagte. Er hätte die Himmliſche an ſein Herz ziehen mögen; da ſchloß ſich wieder die neidiſche Wand und Alles verſchwand wie ein flüchtiger Traum. Sein Herz trieb ihn der Geliebten nach, die Bürde der Majeſtät hielt ihn zurück. Der Kaiſer und König mußte ſich noch dem Volke bei den öf⸗ fentlichen Spielen zeigen. Noch nie hatte ihn die Laſt der Krone ſo gepeinigt, als jetzt. Sein Herz hätte zerſpringen, davonfliegen mögen. Wie glück⸗ lich, dachte er in ſtiller Verzweiflung, wie glück⸗ lich iſt der ärmſte meiner Unterthanen; er kann in ſeiner Freiheit dem Gegenſtande ſeiner Liebe, ſei— nem Glücke nachgehen, während mich, den Kaiſer, den allmächtigen Herrſcher, kalte, todte Ceremonien bis in die ſpäte Nacht feſſeln und martern. Trotz dem mußte er ſeinen Nacken dem Joche beugen und in Geduld ausharren. Während ſich aber der Neugekrönte dem Volke zeigte und, nach Gnadenausſpendungen, den Spielen und Beluſtigungen der Bürger und des Heeres, die bis in die Nacht dauerten, beiwohnte, begab ſich in ſtiller Zelle Folgendes. Eudoria und ihre Schweſter Aleris waren mit ihren Frauen bereits in den Theil des Pala⸗ ſtes zurückgekehrt, welchen ſie bewohnten. Er war durch die Aufmerkſamkeit des Kaiſers ſogleich nach Ankunft ſo prächtig, als dies in der Eile gehen wollte, eingerichtet worden; auch hatte man dabei auf Eudoria's Gewohnheiten Rückſicht genommen und Alles türkiſchem Geſchmack und Sitten ange⸗ paßt. Dadurch gewannen denn auch die Gemächer eine Wohnlichkeit, die man vergeblich in den Ritter⸗ ſälen und öden Zimmern der damaligen Zeit ſuchte. Weite Vorhänge von leichten Stoffen, ein den Franken gänzlich fremder Gebrauch, umwallten Thüren und Fenſter und verbreiteten ringsum eine liebliche Dämmerung. Buntfarbige Teppiche von perſiſchem Gewebe deckten den Boden und weich⸗ ſchwellende Divans luden den Müden zu üppiger Ruhe ein. In dieſem ſtillen Heiligthume angekommen, warf ſich Eudoria tief bewegt auf die Polſter, in⸗ dem ſie ihren Dienerinnen ein Zeichen gab, ſich zu entfernen; dann verſank ſie in ein tiefes Sinnen. Wehmuth ſprach aus ihren Zügen. Sie ſchien ſchwer und tief zu leiden. Lange blieb ſie ungeſtört. Als aber die ſanfte, weichherzige Aleris, das Ebenbild Eudoria's an Geſtalt und Schönheit, eine Thräne in dem Auge der Schweſter gewahrte, ſchmiegte ſie ſich liebend an dieſelbe und ſagte, mit dem Ausdruck des zärt⸗ lichſten Mitgefühls: Liebe, gute Schweſter! Ver⸗ gißt du ſo ſchnell dein Verſprechen? Du wollteſt ja nicht mehr deinem Kummer nachhängen— und ſieh, ſchon weinſt du wieder. Eudoria zog ſtatt aller Antwort das holde Kind an ihr Herz und weinte bitterlich. Wenn ich nur wüßte, was du hätteſt, was dich drückt, fuhr die Kleine fort, ſo könnte ich doch deinen Schmerz theilen. Aber ich kann's nicht be⸗ greifen. Wir haben es hier ja noch weit beſſer, als bei dem Sultane. Dort ſtanden wir unter der alten ſtrengen Baſſamalta, hier ſind wir ſelbſt die Herrinnen und haben Sklavinnen genug. Ja wir können thun, was wir wollen, und dürfen uns ſo⸗ gar offen und unverſchleiert zeigen. Und die ſchö⸗ nen Kleider! Ach, Schweſterchen, wenn du wüßteſt, wie herrlich du in deinem Schmucke ausſiehſt, du würdeſt lachen und nicht weinen! Eudoria lächelte in der That über die Kind⸗ lichkeit ihrer Aleris. Aber dies Lächeln war nur ein Sonnenblick zwiſchen düſteren Wolken; ihr feuchtes Auge fiel auf die koſtbaren Gewänder, die ſie umſchloßen, und mit einem Seufzer ſagte ſie: Weißt du auch, daß dieſe Steine und Per⸗ len der armſelige Reſt unſerer einſtigen Herrlich⸗ keit ſind? Aber wie kannſt du um den Verluſt ſeufzen. Geh! Du ſelbſt haſt mir ja von den Greuel⸗ thaten erzählt, die damals vorfielen, und von den 279 Aengſten, die euch ewig peinigten. Was fehlt uns denn jetzt? Sind wir nicht ſogar frei? Frei? wiederholte ſchmerzlich Eudoria. Iſt man frei, wenn Herz und Geiſt gefeſſelt ſind? Frei, wenn all unſer Denken„Hoffen, Wünſchen und Sehnen ein Gegenſtand verſchlingt? Ich kann dich nicht verſtehen! ſagte Alexis kopfſchüttelnd. Seit wir Malek⸗al⸗Kamel's Lager verlaſſen haben, biſt du eine Andere als ſonſt. Du warſt immer ſo feſt und kühn; es mochte kommen, was da wollte, es beugte dich nicht. Und gar Thränen?!— die kenw ich erſt ſeit wenig Tagen bei dir. Warum auch, fuhr Endoria träumeriſch fort, als habe ſie die Schweſter gar nicht gehört, warum auch muß ihr Glaube, müſſen ihre Sitten ſo wun⸗ derlich ſein. Warum darf ich Dem nicht gehören, den ich liebe? Du liebſt? rief Aleris überraſcht. Ich denke gehört zu habent Lieben ſei ſüß und ſchön! Warum weinſt du denn, wenn du liebſt, und biſt immer ſo traurig? Weil ich liebe und nicht lieben darf! ſagte das ältere der Mädchen. Aleris wiederholte verwun⸗ dert die Worte, ſchwieg einen Augenblick und frug dann leiſe: Eudoria, wer hat dir denn verboten zu lieben? 280 Der Chriſtengott! antwortete die Gefragte ſeufzend. Pfui! rief die Kleine, wie unrecht, daß er dich weinen macht. Aber was haſt du denn nach dem frem⸗ den Gott zu fragen? Allah verbietet die Liebe nicht. Ein leiſes Geräuſch ließ ſich hören. Beide Mädchen ſchwiegen erſchrocken; aber Alles blieb ſtill. Eudoria war zu ſehr mit ihren Gedanken beſchäftigt und Aleris zu unbefangen, um genauer aufzumerken, auch fing es zu dämmern an; ſonſt würde ihnen doch nicht entgangen ſein, daß ſich die weiten Falten des Vorhanges, welcher die Haupt⸗ thüre verdeckte, öfter bewegten und von Zeit zu Zeit das vertrocknete braune Geſicht und die hohlen Glasaugen eines Mönches ſich ſehen ließen. Aber, fuhr nach einer Pauſe des Nachdenkens Alexis fort, wie haſt du denn erfahren, daß der Chriſtengott deine Liebe nicht billigt? Wie anders, ſagte Eudoria, als durch den Narren. Aus dem Munde der Wahnſinnigen ſpricht der Himmel. Weißt du auch, rief die Kleine, daß mir unſere Dienerinnen ebenfalls ſchon von dem Chriſtengott erzählt, daß ſie Allah einen Lügengeiſt nennen und mich Ketzerin ſchelten? Erſt geſtern wieder ſagten ſie, ich müßte Chriſtin werden, ſonſt würde ich noch verbrannt. Laß ſie ſprechen, entgegnete ernſter Eudoria, der Kaiſer allein iſt unſer Herr, und Der zwingt uns nicht zu ſolcher Frevelthat. Bleibe deinem Glauben treu! Gewiß! rief Aleris begeiſtert, weiß ich doch, daß Allah der einzig wahre Gott iſt und Mahomed ſein Prophet. Es regte ſich abermals. Eudoria dachte un⸗ willkürlich an die Schlange in Montaigu's Folter⸗ kammer. Entſetzt ſprang ſie auf. Die Falten des Vorhanges wehten hin und her, ſie riß ihn hinweg, es war nichts zu ſehen. In demſelben Augenblicke aber hörte man von der Seite des Schloßgartens leiſe Töne. Es war eine angenehme Männer⸗ ſtimme, die zu einer lieblichen, aber höchſt wehmüthi⸗ gen Melodie folgende Strophen ſang: Ich bin ein wunderlicher Geſell, Ich liebe um die Wett, ühr ſtets zwei Schätzchen mit mir her, Die gehn mit mir zu Bett; Die ſtehn früh morgens mit mir auf, Begleiten mich den Tag— Ich glaub', wenn ich einſt ſterben werd', So folgen ſie mir nach. Das erſte Liebchen Sehnſucht heißt, Das andre— Melancholie. Sie ſchmiegen ſich mir zärtlich an Und herzlich lieb' ich ſie. Sie ſtreun mir Roſen auf den Pfad Mit Dornen— wie's ſo Brauch; Doch wer die Roſen leiden mag, Liebt ja die Dornen auch. 282 Die Töne des ſonderbaren Liedes verhallten leiſe und leiſer wie im Vorübergehen; hatten aber durch den Ausdruck des tiefſten Schmerzes, der ſich unter ihnen zu verbergen ſchien, Eudoria ſo mächtig ergriffen, daß ſie ſich an das Fenſter ge⸗ zogen fühlte. Die Dunkelheit war völlig herein⸗ gebrochen, ſo daß ſie die Gegenſtände nicht mehr gut unterſcheiden konnte; doch kam es ihr vor, als verlöre ſich Davids bunte Figur unter den Bäumen. Die Nacht war wunderſchön. Die Luft um⸗ floß die träumende Welt warm und lau. Die Sterne glitzerten ſo freundlich⸗ſehnſüchtig von dem dunkelblauen Firmamente herab, als wollten ſie allen Sterblichen zurufen: Trocknet eure Thränen, ihr lieben, armen Menſchen, die Spanne Prüfungs⸗ zeit iſt bald vorüber und dann winkt euch auf uns ein höheres, beſſeres Leben! Und wer verſtände dieſe Sprache der flam⸗ menden Welten nicht? Welch reines Herz ver⸗ möchte nicht aus den goldnen Zügen des geſtirnten Himmels die Größe des Allmächtigen zu leſen und Troſt zu ſchöpfen für ſeine wunde Bruſt? Eudoria vermochte nicht in den engen geſchloſſe⸗ nen Räumen zu bleiben. Sie trat mit ihrer Schwe⸗ ſter auf die Terraſſe, die an ihre Zimmer ſtieß. Hier ringelten ſich ſüdliche Schlingpflanzen um die Stäbe des Geländers und um die ſteiner⸗ nen Säulen und ihre herabhängenden Zweige flatterten, wie lebendige Arabesken, im Winde. Blühende Cactus und Alve ſtanden zu beiden Sei⸗ ten der ziemlich großen Fläche, die wie einer jener berühmten hängenden Gärten das Dach eines an⸗ deren Gebäudes bildete. Nachtſchmetterlinge wieg⸗ ten ſich auf den ſüß⸗duftenden Kelchen oder flat⸗ terten von Blume zu Blume und der Ortvlan ſang in den nahen, dicht belaubten Bäumen ſein wun⸗ derliebliches Lied. Herzen ſo rein und kindlich, wie die der beiden Schweſtern, verſtehen das Lallen der Natur. Dar⸗ um ſchwiegen auch die Mädchen und lauſchten, die Arme liebend in einandergeſchlungen und auf einer Ottomane ruhend, den Tönen der nächtlichen Sänger, dem leiſen Flüſtern des Windes, dem Duften der Blüten. Aber das wirre Getöſe des feſtlichen Tages und Alles, was ſie an ihm Neues geſehen und ge⸗ hört, hatte Aleris betäubt, die Müdigkeit übermannte ſie und ſie entſchlummerte bald an dem treuen Herzen der Schweſter. Eudoria entwand ſich ihr leiſe und lehnte mit einem Kuſſe das theure Haupt auf die Kiſſen des Ruhebettes. Da hörte ſie ihren Namen hinter ſich flüſtern, ſie wandte ſich um, ein halblauter Schrei des Schreckens und Entzückens entfuhr ihrer Bruſt, 284 die Kniee wankten— und der Kaiſer hielt die ſüße Bürde in ſeinen Armen. Es war für ihn ein großer, ein göttlicher Mo⸗ ment. Vergangenheit und Zukunft verſchmolzen in ein Hochgefühl der Gegenwart. Er fühlte ſich mehr als Kaiſer— er fühlte ſich ein Gott. Sprachlos blickte er zu den Sternen, ſprachlos in Eudoria's Augen. Ach! aber in welche Augen?! Herrlicher noch als die funkelnden Sterne! Groß, ſchwarz und glänzend! Glühend und doch mit all dem ſanft⸗ſchmachtenden der blauen! Und welche Harmonie der Züge in dem zaubriſchen Antlitz! Welch reizendes Reſultat des Ganzen! Welch ge⸗ naues Ebenmaß, welche Fülle aller Glieder! Welch unbeſchreiblicher, anmuthsvoller Zauber! Keines ſprach; aber ſie hielten ſich umſchlun⸗ gen und unwillkürlich, wie von einem inneren magi⸗ ſchen Zuge getrieben, fanden ſich die Lippen. Die Leidenſchaften waren entfeſſelt, Eudoria hatte faſt das Bewußtſein verloren, ſie wußte nicht, was ſie that; und Küſſe, lange glühende Küſſe brannten auf ihren Lippen; aber länger, glühender, ſeliger gab ſie ſie dem Theuern zurück. Doch die Engel des Himmels ſahen freund⸗ lich auf das liebende Paar und lächelten ihres un⸗ ſchuldigen Glücks und breiteten ſchützend ihre Flü⸗ gel über ſie aus. 7. 285 An dem Fuße der TDerraſſe aber, unter den Fenſtern Eudoria's, ſaß auf der Schwelle, die zu ihren Gemächern führte, eine gebeugte Geſtalt. Der Arme weinte bitterlich, denn ſein Herz, das die Liebe gebrochen, wollte aus Wehmuth zer⸗ ſpringen. Es war der verlaſſene, verachtete, vergeſſene Narr— es war David, der beſte, aber auch der unglücklichſte der Menſchen. 17. Der Sturm. Inzwiſchen bricht mit fürchterlichem Sauſen Ein unerhöhter Sturm von allen Seiten los; Des Erdballs Achſe kracht, der wolkenſchwarze Schoos Gießt Feuerſtröme aus, das Meer beginnt zu brauſen, Die Wogen thürmen ſich wie Berge ſchäumend auf, Die Pinke treibt im ungewiſſen Lauf, 3 Der Bootsmann ſchreit umſonſt in ſturmbetäubte Ohren, Laut heults durchs ganze Schiff: Weh uns! wir ſind verloren. Wieland's Oberon. Von jener Nacht an war für den Kaiſer und Eu⸗ doria eine neue Aurora angebrochen. Sie liebten und was ihre i ſo unendlich reich und beſeli— gend machte, ſie liebten rein. Kein giftiger Hauch hatte noch den Spiegel ihrer Seelen getrübt, in dem ſie gegenſeitig mit Entzücken ihr eignes Bild wiederfanden. Selbſt in dem kräftigen, jedem entimenta⸗ len Schwärmen fremden, Kaiſer hatte ſich der rohe Naturtrieb, wie ein gezähmter Löwe, knurrend zu Füßen des hohen, unſchuldigen Bildes geſchmiegt, das wie ein Gott jetzt in ſeinem Herzen thronte. So iſt aber die Liebe bald Göttin, bald Furie; je nachdem ſie uns in einer edlen oder gemeinen Geſtalt entgegentritt. 287 Friedrich fühlte ſich wahrhaft beſſer, edler als ſonſt. Ja er war verſöhnlicher und weicher gegen alle Welt, ſo daß ſeine ganze Charakterſtärke da⸗ zu gehörte, in ſeinen Regierungsgeſchäften die Feſtigkeit zu behalten, deren er ſo ſehr gegen ſeine ruhigen und kalten Gegner bedurfte. Jedenfalls fühlte er ſich, wie auch Eudorxia, von der Liebe getragen und die ganze Welt ſtralte den beiden Glücklichen von deren Abglanz wider. Einen neuen Reiz gewann aber noch ihr Verhält⸗ niß dadurch, daß ſie es klugerweiſe geheimhielten, und nur Aleris wußte von ihren allnächtlichen Zu⸗ ſammenkünften, welchen ſie um ſo eher beiwohnen durfte, als ſich der Kaiſer ſchon in den erſten Ta⸗ gen zu dem ſanften guten Kinde mit väterlicher Liebe hingezogen fühlte. Gewiß haben Sterbliche keine holderen Stun⸗ den verlebt. Der Kaiſer ſaß dann, Alexis auf ſeinem Schooſe, an der Seite der Geliebten, deren Haupt an ſeiner Bruſt, deren zarte Hand in der ſeinen ruhte. Gegenſeitige Erzählungen, Geſang, Tanz, Lieb⸗ koſungen und Scherze ſcheuchten die Minuten nur zu ſchnell hinweg und heiße Küſſe waren die flam⸗ menden Siegel, mit welchen die Liebe dieſen Stun⸗ den den Stempel der Seligkeit aufdrückte. Selbſt David, obgleich er ein Einverſtändniß ahnte, wußte von den Zuſammenkünften nichts. Deſſenungeachtet kam ihm zu gutem Theil das Ver⸗ dienſt ihrer Reinheit zu. In Eudoria's Bruſt hatte nämlich ſelbſt die feurigſte Liebe nicht vermocht, die warnenden Aus⸗ ſprüche des Wahnſinnigen, wie ſie David nannte, zu verwiſchen. Im Augenblicke der Gefahr ge⸗ dachte ſie des Gottbegeiſterten, der für den Fall ihrer Hingabe an den Kaiſer dieſen ſelbſt in dunk⸗ len Sprüchen mit dem ſchrecklichſten Untergang bedroht. Liebe gab ihr daher die Kraft, die Glut ihrer Liebe zu mäßigen, und Friedrich dachte zu edel, um ein Glück mit Gewalt zu erlangen, was nur dann Glück iſt, wenn es die Liebe erröthend gewährt.. Später erfuhr der Kaiſer aus Eudoria's Mund das Benehmen Davids. Der hochherzige Monarch, ſelbſt nun überzeugt, daß wahre, dauernd be⸗ glückende Liebe geiſtig und auf Achtung begründet ſein müſſe, ſtaunte über das treffliche Herz und den Verſtand ſeines Narren und ließ es ihm von dem Tage an auch merken, daß er ihm neu ver⸗ pflichtet ſei. Ja, als Friedrich einſt erſt gegen Morgen von einer ſolchen Zuſammenkunft zurück⸗ kam und in Gottes freier, herrlicher Natur mit dem Narren zuſammentraf, deſſen Augen roth geweint ſchienen, konnte er ſich nicht länger halten— welches Menſchenherz wäre ſo ſtark geweſen, es nicht zu thun— und theilte David ſein Glück und ſeine Seligkeit um ſo mehr mit, als er dadurch den armen Narren zu erheitern hoffte. Federbuſch hörte ihm wehmüthig zu; er ſuchte zu lächeln, aber der Kaiſer malte ſein Glück in ſo glühenden Farben, daß David, deſſen Liebe zu Eudorien ebenfalls mit jedem Tage gewachſen war, der ſeine Thränen und ſeinen furchtbaren Schmerz zu verbergen ſuchte, ſich vor dem Kaiſer niederwarf und, ſeine Kniee mit ungewohnter Lei⸗ denſchaftlichkeit umſchlingend, nur ausrufen konnte: Dankt Eurem Schöpfer, Herr, er gab Euch ja mehr als Kronen, er gab Euch ein liebend Herz. Aber vergeßt nie und nimmer: Die ſchönſte Rof' ſtirbt und erblaßt, Wenn frevelnd du gepflückt ſie haſt. Der Kaiſer war über Davids ganz ungewöhn⸗ liche Aufregung höchſt erſtaunt, er wollte ihn um die Urſache fragen; aber ehe er ſich noch von ſei⸗ ner Verwunderung erholt hatte, war Jener aufge⸗ ſprungen und hinter den Gebüſchen verſchwunden. Armer Freund! ſagte der Kaiſer mit herzlichem Mitgefühl, dich muß ein ſchwerer Kummer drücken. Wie muß da dein Amt auf dir laſten? Schrecklich, ſchrecklich!— mit zertretenem Herzen zu lachen! Entſetzen des Wahnſinns, an der Bahre eines ge⸗ F 13 290 geliebten Gegenſtandes Andere mit Witzen zu kitzeln! David, ich fürchte, dein Herz iſt größer als das meine. Der Narr ließ ſich dieſen Tag nicht ſehen. Der Kaiſer überſandte ihm den kommenden ein fürſtliches Geſchenk. Als David dem Monarchen bald darauf dankte und Friedrich ihn ſeiner Ge⸗ wogenheit verſicherte, wiederholte der Narr: Gevatter, haſt du mich wirklich lieb, So werd' nicht an dir ſelbſt zum Dieb. Die ſchönſte Roſ' ſtirbt und erblaßt, Wenn frevelnd du gepflückt ſie haſt. Sonderbarerweiſe kamen dieſe Worte dem Kaiſer nicht mehr aus dem Gedächtniſſe und ſo oft die Leidenſchaft mit dem Verſtande durchgehen wollte, erinnerte er ſich ihrer und jener erſchüttern⸗ den Scene mit David. Aber auch über Letzteren verbreitete ſich nach und nach wieder Heiterkeit. Als er nämlich ſah, wie ſelig die zwei Weſen, an welchen er einzig auf der Welt hing, durch ihre reine Liebe waren, über⸗ täubte die Freude, ſie glücklich zu wiſſen, ſeinen Schmerz; ja er würde es vielleicht ſelbſt geworden ſein, wenn er ſich nicht immer hätte zurufen müſſen: der Krug geht ſo lange zu Waſſer, bis er bricht. Menſchen ſind keine Engel und haben an den Fuß⸗ ſohlen keine Augen, ergo— ſtolpern ſie leicht! Was noch ſehr bedeutend dazu beitrug, des Kaiſers Freudigkeit zu ſteigern, war die Ausſicht, bald ſein theures Neapel wiederzuſehen und dann den großen Kampf mit dem„Antichriſt zu Rom“, wie er ſich ausdrückte, zu beſtehen. Mit möglichſter Eile wurden daher die Mauern von Jeruſalem hergeſtellt und alles zur Ruhe und dem Schutze des Reiches Erforderliche beſorgt. Hierauf ſtellte noch der Kaiſer ſeinen Marſchall an die Spitze der Verwaltung und verließ endlich, ge⸗ trieben von den großartigſten Plänen und Ent⸗ würfen, Paläſtina. Auf der Gallione, die ihn trug, befand ſich auch ſein Hofſtaat und unter demſelben Hermann von Salza, Petrus de Vineis, der alte Skotus, David Federbuſch, Eudoria und Alexis. Der Himmel ſchien dem Unternehmen gewo⸗ gen; der Anfang der Reiſe war von dem ſchön⸗ ſten Wetter begünſtigt und bald hatte die kaiſer⸗ liche Flotte Cypern und Kreta im Rücken. Auch für die Unterhaltung auf der ziemlich langen Ueberfahrt war geſorgt. Der Kaiſer konnte hier wieder einmal ſo ganz den Wiſſenſchaften leben. Das Schwert ruhte; aber Stotus mußte deſto mehr mit ſeinem neuentdeckten Fernrohre den faſt beſtän⸗ dig heiteren Sternenhimmel beobachten. Ja Fried⸗ rich ließ, zum Verdruſſe des Aſtrologen, gar manchesmal die beiden Schweſtern ſtaunende Blicke in jene Sphären werfen. Mit Hermann von Salza und dem Kanzler entſpann ſich ebenfalls manch unterhaltendes Ge⸗ ſpräch über des Reiches und des Ordens Verhält⸗ niſſe. Des Kaiſers Plane wurden durchdacht und durchſprochen; neue Geſetze vorbereitet und über manchen wichtigen Punkt in den Wiſſenſchaften hin und her geſtritten. Namentlich kam oft das Ver⸗ hältniß der Kirche zum Staate in Erwägung, bei welcher Gelegenheit ſich zwiſchen dem Kaiſer, Salza und Vineis drei verſchiedene Meinungen kund⸗ gaben. Friedrich geſtand nämlich gern Rom das Recht eines rein geiſtigen Staates, unter dem weltlichen Schutze des Kaiſerthums, zu. Petrus de Vineis beſtand auf Vereinigung der höchſten geiſtlichen und weltlichen Würde in dem Kaiſer und damit Aufnahme der Prieſter als Staats⸗ diener, während Hermann von Salza die bisheri⸗ gen Verhältniſſe beibehalten und nur von den Schlacken gereinigt wiſſen wollte, welche Zeit und Leidenſchaften über Krone und Altar gehäuft. Wie ſich von ſelbſt verſteht, verfocht Jeder ſeine Meinung auf das hartnäckigſte und Feder⸗ buſch war oft genöthigt, durch ſeinen Humor die Streitenden wieder zu vereinigen. 293 Was den Kaiſer einzig beläſtigte, war, daß ihn das Leben auf dem Schiffe, ſo wie die beſtändige und nahe Umgebung ſeines Hofſtaates, an der Fortſetzung ſeines Verhältniſſes mit Eudoria faſt gänzlich hinderte, ſo daß ihm hierfür faſt nur die nächtlichen Stunden blieben, welche er in Gemein⸗ ſchaft mit den Schweſtern bei Skotus hinbrachte. Deſto mehr wurde dem Narren Gelegenheit, ſich Eudoria zu nähern. Friedrich ſelbſt hatte die Liebliche nach und nach über ihren Irrthum hin⸗ ſichtlich Davids enttäuſcht. Ja, der Kaiſer war ſo edel und dankbar, ihr ſeinen luſtigen Rath in einem ſo ſchönen und reinen Lichte zu zeigen, ſeine Red⸗ lichkeit, ſeine unbegrenzte Liebe zu ihm, ſeine oft be⸗ währte Aufopferungsfähigkeit und ſeine Verdienſte um ihn und den Staat ſo offen, ja mit der Wärme der Freundſchaft herauszuheben: daß Eudoria und Aleris in der That alle Furcht vergaßen und ſich um ſo eher mit der Misgeſtalt des armen Teufels ausſöhnten, als David ihrer einſamen Kajüte Un⸗ terhaltung und Heiterkeit, ja Eudorien, in ſeinen Nachrichten und Grüßen von dem Kaiſer, das ei⸗ gentliche Leben brachte. So ſah ſich denn mit Einemmale David als den Vertrauten der Liebenden, mit dem eignen liebedurſtenden Herzen, zwiſchen jene zwei Weſen geſtellt, deren gegenſeitiges Glück, welches er doch befördern helfen ſollte, ſein troſtloſes Unglück machte. Wenn er ſich auch tauſendmal ſagte: Wer wahrhaft liebt, will einzig das Glück des geliebten Gegenſtandes!— die Ueberwindung blieb ſchwer und namenlos ſchmerzlich, und nur der Gedanke, daß Liebe auch ohne Gegenliebe beſtehen, und die Seligkeit, mit der Angebeteten wenigſtens umgehen zu können, hielten ihn aufrecht. Seine Sorge war von nun an zwiſchen dem Kaiſer und Eudoria getheilt, und namentlich ſuchte er, freilich nur mit ſchwacher Hoffnung, das Ver⸗ hältniß ſo platoniſch zu erhalten, als möglich. War doch auch ſeine Wachſamkeit doppelt nöthig, da der Kaiſer mit eigner Hand die ſicherſte Scheidewand, den Glauben Eudoria's an ſeine göttliche W tion, niedergeriſſen. Auf dem Schiffe ſchien indeſſen wenig von die⸗ ſer Seite zu fürchten, deſto mehr von einer andern. Davids Aufmerkſamkeit war es nämlich nicht entgangen, daß ſich unter dem Hoſſtaate des Kaiſers ſeit einiger Zeit ein Dominikanermönch eingeniſtet hatte, der wie eine Katze beſtändig ſchnüffelnd her⸗ umſtrich. Wahrſcheinlich, dachte der Narr, hat der Kerl, dem die Sünde aus der vertrockneten Perga⸗ menthaut und den hohlliegenden Glasaugen her⸗ ausguckt, Ketzerei gerochen und ſucht nun den Höl⸗ 295 lenbraten. Er paßte dem Pfaffen auf und richtig lauerte dieſer den beiden ſaraceniſchen Mädchen, wenn ſie ſich ja einmal ſehen ließen, jedes Wort und jede Miene ab; ja die Kutte ſtack faſt den ganzen Tag hinter den Schürzen der Dienerinnen Eudoria's. Da David den frommen Mann durchaus nicht kannte, war er überzeugt, daß derſelbe auch dem Mo⸗ narchen fremd ſei und ſich unter irgend einem Vor⸗ wande zu verderblichem Zwecke eingeſchlichen habe. Federbuſch erbebte. Wie leicht konnte der Mönch das Verhältniß des Kaiſers zu der ſchönen Heidin erſpähen und welche Folgerungen ließen ſich dann von den Feinden Friedrichs aus dieſem Bunde ſchließen. Auch kannte der luſtige Rath ſei⸗ nen Herrn. Der Kaiſer war zu weitherzig und zu offen, um ſich zurückhalten, zu aufgeklärt, um alle Albernheiten der Kirche gutheißen zu können. Ein freies Wort, in einem heitern Momente der Zunge unbedachtſam entſchlüpft, war für die Feinde hinreichend, eine Anklage auf Ketzerei gegen Fried⸗ rich zu begründen. David nahm es ſich daher vor, den Kaiſer auf den Mönch aufmerkſam zu machen. Friedrich hörte den Bericht geduldig an, wies aber Davids Bedenklichkeiten ſcherzend zurück. Du biſt ſo alt geworden! rief er dem Narren 296 zu, und weißt noch nicht, daß Weiber nicht ohne Pfaffen beſtehen können? Was ich ſpreche, darf er übrigens hören und für die lieben Heidenkinder will ich ſorgen. Was kann man mir außerdem vorwerfen, als höchſtens Duldſamkeit? Und ge⸗ rade darin bin ich ein beſſerer Chriſt als ſie. David warnte vor Roms Tücken und erinnerte daran, daß ſich aus einem Worte oft ein Strick drehen laſſe. Die Wahrheit behält am Ende immer Recht! entgegnete der Kaiſer. Auch würde ich der Welt als ein viel ärgerer Ketzer gelten, wenn ich den gläubi⸗ gen und reuigen Seelen den Beichtvater nehmen wollte. Die Mädchen und Weiber, die Eudoria dienen, mögen ohnedies der Abſolution manchmal nöthig haben. Ich will ihre Seelen nicht verderben. Damit war die Sache vor der Hand abge⸗ macht. Friedrich dachte nicht mehr daran und Da⸗ vid nahm ſich vor, nur um ſo vorſichtiger über die Theuern zu wachen. Für die kommende Nacht hatte der Kaiſer wie⸗ der eine Zuſammenkunft mit Eudoria und ihrer Schweſter in Gegenwart des alten Skotus und des Narren verabredet. Sobald ſich Alles zur Ruhe begeben und nur einzelne Wachen noch auf⸗ und abgingen mußte das bewegliche Männchen auf dem Verdecke ſein geliebtes Inſtrument aufſtellen und ſeine Beobachtungen beginnen, während wel⸗ cher alsdann die beiden Schweſtern erſchienen. Nicht für alle Welt hätte Meiſter Skotus, ſo ſehr er an dem Kaiſer hing, ſich hergegeben, zum Deckmantel einer geheimen Zuſammenkunft zu die⸗ nen. Aber das gute Männchen ahnte hiervon auch nicht das Geringſte. Er wußte, daß ſich Friedrich für Aſtrologie und Aſtronomie ſehr intereſſire, war auch an deſſen nächtliche Beſuche gewöhnt. Wer die weiblichen Weſen ſeien, kümmerte ihn nicht, und das Einzige, was ihn von Zeit zu Zeit ärgerlich machte, war, daß er die Mädchen manchmal durch ſein Inſtrument mußte ſehen laſſen, was ihn ſtörte und verdroß, denn ein weibliches Auge ſchien ihm eine wahre Entweihung ſeines Fernrohres. Doch unterdrückte er, dem Kaiſer zu Liebe, dieſen Kummer. Die Nacht war ausgezeichnet ſchön. Man ſah wieder nach den Sternen und Skotus breitete ſich über die Grundſätze aus, auf welche ſich die Wiſſen⸗ ſchaft, aus den Sternen wahrzuſagen, gründe. Nach ſeiner Behauptung ſollten alle Dinge im Himmel und auf Erden in einem tiefbegründeten innerlichen Zuſammenhange ſtehen, und zwar ſo, daß eine allgewaltige Sympathie alle Weſen, ſelbſt Menſchen und Geſtirne, verbinde und von einander abhängig mache. Ein„Für“ und„Wider“, ein „Plus“ und„Minus“ regiere in Oppoſition und Conjunction und gäbe daher durch ſeine Wirkun⸗ gen die Fähigkeit an die Hand, namentlich aus der Conſtellativn der Geſtirne, die Zukunft der Men⸗ ſchen zu deuten. Das bewegliche Männchen ſprach mit ſolcher Entſchiedenheit und Begeiſterung über dieſe Materie und führte ſeine Behauptungen ſo vortrefflich durch, daß der Kaiſer, deſſen poetiſches Gemüth ſich gern in dieſe Irrgärten der Phantaſie verſetzt ſah, neuer⸗ dings von der Wahrheit der Sache überzeugt wurde. Freilich hatte auch ſeiner Zeit der Mordan⸗ ſchlag der Templer die Prophezeiungen des Aſtro⸗ logen beſtätigt. Das Geſpräch nahm bald eine andere Wen⸗ dung. Friedrich, der ſich an der Seite Eudoria's und im Angeſichte des Meeres und der Sternen⸗ welt unendlich glücklich fühlte, gedachte des Schö⸗ pfers aller dieſer Herrlichkeiten und der armſeligen Idee, welche ſich die Menſchen von dieſem höchſten Weſen machten. Immer weiter führte ihn die Größe des Gegenſtandes und er forderte endlich Eudoria auf, ihre Anſicht über die Gottheit, vom Stande'des Mahomedanismus, neben die gewöhn⸗ lich chriſtliche zu ſtellen. Freilich mußte Letztere— in jenen Zeiten ſo jämmerlich entſtellt— gegen Er⸗ ſtere verlieren und nur die Auffaſſung des Kai⸗ ſers ſelbſt überragte Beide. 299 O du unendlicher, erhabener Geiſt! rief er begeiſtert, ſchmerzlich aus, wie iſt es möglich, daß ſich ſo Viele ein ſo enges, wahnſinniges Bild von dir ſchaffen? Warum einen gebrechlichen Menſchen an deine Stelle ſetzen? Glauben ſoll man an ihn und an Alles, was er ſagt und lehrt, ſo wollen ſie, ohne zu bedenken, daß die Idee der Verpflich⸗ ung, Etwas zu glauben, den Stempel der Ver⸗ werflichkeit von vorn herein an ſich trage, da es nur Pflicht ſein kann, nach richtiger Erkenntniß zu ſtreben und alle vernunftgemäßen Mittel anzu⸗ wenden, um dazu zu gelangen. Wohl durchweht den chriſtlichen Kultus eine fromme Poeſie! Wol hebt ſeine berauſchende Pracht den ſinnlichen Men⸗ ſchen empor und zieht, in den Werken der Kunſt, in den Tönen heiliger Muſik, den Himmel zu ihm herab. Aber wird nicht der Seele dadurch ein eben ſo ſchönes als unw ahres Bild vorgeführt? Verliert ſie nicht, von den Wogen vorüberrau⸗ ſchender Begeiſterung getragen, den ſichern Bo⸗ den der Vernunft? Schwindet ihr nicht, im Meere der Phantaſie ſchwimmend, die freie An⸗ ſchauung des Jenſeits? Hinreißen mag⸗ ſie und den Schwachen tröſten— erquicken und kräfti⸗ gen, ein höheres geiſtiges Leben fördern, kann ſie nicht. Gott iſt ſo groß, daß der arme Menſchen⸗ geiſt ihn nicht meſſen kann. Gott iſt der Geiſt der Liebe und nur wer die Liebe kennt, ver⸗ mag ihn zu ahnen! Erſt nach Mitternacht vermochten die Glück⸗ lichen zu ſcheiden. Ihre Liebe war ja ſo fromm, ſo rein, ſo groß! fähig eine Welt zu umſchließen und zu tragen. David hatte wenig geſprochen, mehr gehört und am meiſten Acht gegeben, ob ſich Niemand nähere, Worte zu hören, die— unſchuldig, ja wohlgefällig vor Gott und der Vernunft— furchtbar in dem Munde eines Päpſtlichen werden konnten. Er war froh, als man ſich trennte. Still und in ſich gekehrt ging er noch lange auf dem Verdecke auf und ab; dann ſchlich er zu der Pforte, welche in die von Eudoria bewohnte Kajüte führte. Alles war ſtill. Sie ſchläft! ſagte er leiſe und wehmüthig, von Träumen der Liebe gewiegt. Ich will an ihrer Schwelle wachen. Iſt doch der Gedanke, in ihrer Nähe zu athmen, das einzige Glück, das der Him⸗ mel mir Armen gewährt. Und er ſetzte ſich auf die Schwelle, lehnte das Haupt an die Thüre und dachte, wie ſelig er— hätte ſein können. Auf dem Verdecke aber blieb es ruhig, bis ſich Davids Schritte entfernt; dann raſchelte es hinter einem Haufen Tauwerk, ein kahlgeſchornes Haupt —— 301 blickte vorſichtig empor und, als Alles ſtill blieb, erhob ſich die düſtere Geſtalt des Dominikaners. Der Morgen brach trübe an. Schwere Wolken⸗ maſſen ſtiegen von allen Seiten auf, obgleich ſich in der Tiefe kein Lüftchen regte. Das Meer lag ſpiegelglatt. Unbeweglich, mit ſchlaff herabhängen⸗ den Segeln ſchwamm auf ſeinem Rücken die kaiſer⸗ liche Flotte. Die erfahrenen Schiffer gingen mit finſteren Mienen auf und ab. Die Matroſen flüſterten ge⸗ heimnißvoll und ſelbſt die Laien blickten bedächtig nach den immer größer und größer werdenden Wolkenmaſſen. Bis gegen Mittag war der Him⸗ mel förmlich überzogen und bald wich das Tages⸗ licht einer faſt undurchdringlichen Nacht. Da brach mit Einemmale ein wüthender Sturm los. Die Wolkenkaravanen flogen mit raſender Eile, die Oberfläche der Waſſer, kaum noch ein Spiegel, ſchäumte in unzähligen Wogen. Wie Pfeile ſchoſſen jetzt die Schiffe dahin. Der Anblick war groß und erhaben. Der Kaiſer und ſein ganzer Hof weilte auf dem Ver⸗ decke. Niemand ſprach ein Wort, denn Jeder fühlte das Impoſante der Erſcheinung, die Größe des Ewigen und ſein eigenes Nichts. 302 Aber bald ſteigerte ſich der Sturm zum Orkan. Die Nacht der Wolken zerriſſen grelle Blitze. Die Donner rollten unaufhörlich. Finſterniß und Ta⸗ geshelle wechſelten mit Gedankenſchnelle. Die Wogen rauſchten und wälzten ſich wie Berge da⸗ her, und ſchleuderten die Fahrzenge, wie elendes Spielwerk, bald den Wolken zu, bald riſſen ſie ſie mit ſich hinab in die klaffenden Tiefen. Die Rip⸗ pen der Schiffe krachten, das Tauwerk klapperte, der Sturm heulte. Der Kampf der Elemente er⸗ reichte ſeinen Höhepunkt. Es ſchien, als ob der Himmel die Erde, das Meer den Himmel ver⸗ ſchlingen wollte. Wohin das Auge nur blickte, thürmten ſich bergeshohe Wogen und die grünen Waſſermaſſen gähnten wie ungeheure Rachen, Schaum und Giſcht weithin ſpritzend, während der Regen in Strömen niederfloß. Längſt hatten die Meiſten das Verdeck der kaiſerlichen Gallione verlaſſen, auf dem man ſich, ohne einen Gegenſtand zu umklammern, nicht mehr halten konnte. Nur der Kaiſer und Hermann von Salza wichen nicht. Von den übrigen Schiffen war nichts mehr zu ſehen. Waren ſie zertrümmert, verſchwunden, zer⸗ ſtreut? Die Fragen ſchwanden vor dem Gedanken an die eigene Gefahr. Aber der Kaiſer und Hermann verloren den Muth nicht; ja der hohe Ernſt, die Seelengröße des Erſteren, ſchien mit der Gefahr zu wachſen. Von den Stürmen umſchnaubt, hob ſich ſeine Ge⸗ ſtalt nur noch majeſtätiſcher und, als ob ein innerer Gott ihm ſagte: Zittre nicht, der Elemente Wuth wird vor dir zu Schanden, trat er mit Einem⸗ male unter die Schiffer, ſie ermahnend zur Aus⸗ dauer, ſie aufrufend zu kräftiger That. Des Kai⸗ ſers Geiſtesgegenwart und Ruhe wirkte wie ein Wunder. Alles griff an, wo Hülfe nöthig war und die Gallione fuhr ziſchend durch die empörte Flut, wie von einem Zauber geleitet. Aber plötzlich erfolgt ein furchtbarer Stoß. Es kracht, Alles ſtürzt zu Boden! Ein Schrei des Entſetzens ertönt! Der Kaiſer ſelbſt wankt— und ſieht erbleichend, daß das Schiff auf einem Koral⸗ lenriff feſtgefahren iſt. Jetzt ſtürzt Alles in buntem Gemiſch nach dem Verdeck— und„Verloren!“—„Wir ſind ver⸗ loren!“ tönt es von Mund zu Munde. Es war grauenhaft! Verzweiflung, Todes⸗ angſt und Wahnſinn malten ſich in Aller Zügen, wie ſich Jammern, Heulen, Beten und Fluchen gräßlich miſchten. Hier ſtarrten bärtige Krieger, die dem Tode in hundert Schlachten muthvoll in das Auge geſchaut, graß und fahl in das naſſe Grab. Dort lagen Gruppen auf den Knieen, be⸗ wußtlos Gebete ſtammelnd. Neben ihnen ſtand ein alter Mann, ein Kind an ſich klammernd, und ſeine weit aufgeriſſenen Augen, ſeine flatternden Haare, ſein gräßliches Lachen zeigten, daß der Schrecken ſein Gehirn verwirrt. Jenſeits zerrauften Weiber und Mädchen ſich in wilder Verzweiflung, heulend und ſchreiend, die Haare, während die Matroſen die entſetzlichſten Flüche gegen Himmel und Erde, gegen Gott und die Menſchen ſchleuderten. Der Dominikaner ſelbſt, wie eine Mumie bleich und ſtarr, hatte ſeine Beſinnung verloren, er kniete und verſuchte zu beten, aber er hatte weder Worte noch Gedanken, er ſtarrte in den ſchrecklichen Waſſer⸗ ſchwall und ſeine Lippen bebten nur und zuckten mechaniſch. Dem Kaiſer erzitterte das Herz bei dem na⸗ menloſen Jammer. Er ſuchte mit Hermann die Unglücklichen zu ermahnen und zur Rettung auf⸗ zumuntern. Zu den Boten! rief er. Muth, wir ſind noch nicht verloren— laßt uns die Boote niederlaſſen und uns retten! Dieſe Worte riefen neues Leben hervor. Der Gedanke, ſein Daſein friſten zu können, durchzuckte Jeden. Alles ſtürzte zu den Booten. Des Kaiſers Blicke ſuchten Eudoria. Sie ſtand fern an Davids Seite, den Aleris halb ohnmächtig umklammerte. Friedrich ſtürzte auf ſie zu, umfaßte mit Rieſenkraft die Geliebte und trug ſie den Booten entgegen. David folgte mit Aleris. Ein kühner Sprung des Narren trug ihn in eines derſelben; aber— vEnt⸗ ſetzen!— in demſelben Augenblick durchſchnitt in der Verwirrung eine unſelige Hand das Tau, wel⸗ ches das letzte Boot noch mit der Gallione verband. Man hielt in der Finſterniß den Kaiſer geborgen, der indeſſen mit namenloſem Entſetzen bei dem Scheine der Blitze die letzte Hoffnung der Rettung entſchwinden ſah. Friedrich ſtand ſprachlos. Er war mit Eudoria allein— rettungslos allein! Das Todesurtheil iſt geſprochen! ſagte er nach einer furchtbaren Pauſe. Eudoria, wir müſſen hier ſterben! Eudoria umflammerte ihn laut ſchluchzend. Sterben! rief ſie in einer wilden, fieberhaften Er⸗ regung; gelobt ſei Allah! er hat mein heißes Flehen erhört, ſo biſt du endlich mein. Er vereinigt uns, wenn auch im Tode! Und ihre Arme umſchlangen mit Rieſenkräften den Nacken des Geliebten. Fried⸗ rich fühlte heiße Küſſe auf ſeinem Munde. In dieſem Augenblicke durchzuckte ein neuer Blitz die Luft. Der Kaiſer ſah ſich von den nackten Armen des göttlich⸗ſchönen Mädchens umſchlungen, deſſen reizenden Körper nur ein leichtes, weißes 306 Gewand kaum halb bedeckte. Dunkelheit umfing ſie aufs neue. Die Donner krachten Schlag auf Schlag. Der Orkan heulte wie die losgelaſſene Hölle. Der treue Löwe brüllte an der Seite des Kaiſers und der Tod frohlockte und ſtreckte laut jauchzend die grünen Krallen der Wogen nach dem Paare. Das war zu viel. Friedrichs Gehirn glühte. Seine Beſinnung ſchwand; nur der nahe Tod ſtand vor ſeiner Seele und der Gedanke an ihn miſchte ſich fieberhaft mit dem Bewußtſein: das Weſen mit ſich hinabzunehmen, was er ſo unendlich liebe. Sie zu beſitzen, todt ſein! verſchmolz in Eins. So laß den ſchrecklichen Moment die Liebe krönen, rief er wild, und uns in ihrem Taumel ſelig, ſelig, ſterben! Und mit dieſen Worten umſchlang er Eudoria und ſtürzte mit ihr der Kajüte zu. Die Donner rollten, die Blitze ziſchten, die Erde erbebte in ihrem Grunde— ſie hörten es nicht! Dem grauenhaften Brautbette heulten die Stürme ihr Lied!— ſie hörten es nicht! Himmel und Erde, Leben und Tod war nicht mehr für ſie, die Wellen der Liebe ſchlugen wild ſchäumend über ihnen zu⸗ ſammen. 18. Nom. Dieſelben Erſcheinungen gewähren uns heut zu Tage noch die Prieſter in den cultivirten Gauen Europas und die auf den Salzſteppen Aſiens; ſie verkündigen ihre Erfin⸗ dungen als den heiligen Willen Gotkes und in ſchwei⸗ gender Ehrfurcht und Unterwürfigkeit empfängt ſie das ge⸗ blendete Volk, die ſchimpflichen Feſſeln nicht fühlend, die man ſeinem Geiſte anlegt. Es iſt ganz daſſelbe, wenn dort die Prieſter des Fo den Gläubigen gebieten, das Ge⸗ betrad zu ſchwingen, um entſündigt zu werden, und hier, um vollkommen Ablaß zu erlangen, den Roſenkranz ſo odet ſo oftmals abzubeten befehlen. Es iſt daſſelbe, wenn in Indien der Gott Jagarnaut von unſinnig ſchreiendem Pö⸗ bel auf einem hohen Gerüſte umhergezogen wird und die Gläubigen auf beiden Seiten anbetend niederfallen, ja ſich von den Rädern des Wagens fromm zermalmen kaſfen, und wenn anderwärts der Prieſter den neu geſchaffenen Gott in die Höhe hebet, vor welchem das Volk ſtumpf⸗ ſinnig niederfällt und willig und freudig den Triumph⸗ wagen der hierarchiſchen Schlauheit über ſeinen Nacken dahin rollen läßt. Auch der Aberglaube hat ſeine Familien⸗ ähnlichkeit, wenn ſchon ſeine Phhſiognomie hie und da Ab⸗ wechslungen und Veränderungen darbietet. Johann Peter Gerlach, Capitels⸗Camerar, Pfarrer und Schulinſpector in Baiern. Rom, du ewige Roma, die du ſeit Jahrtauſenden die Weltbeherrſchende biſt, der ſichtbare Erdenthron himmliſcher Mächte! Stadt der Städte, die ihre raubgierigen Adler ausſandte nach Süd und Nord, nach Oſt und Weſt! Die du Völker und Nationen verſchlangſt im nimmer zu ſtillenden Heißhunger, bis du, ein himmelſtürmender Koloß, donnernd zu⸗ ſammenbrachſt unter der eigenen Wucht!— Rom! 308 deſpotiſche Beherrſcherin der Leiber und Geiſter, auferſtanden gleich dem Phönir aus der läuternden Glut! Rom, du großes, weites Grabmal der Weltgeſchichte! Weß Auge könnte dich, Siebenhüg⸗ lige, ſchauen, ohne, angeweht von deinem Geiſte, die Schatten der Helden und Rieſengeiſter an ſich vorübergehen zu ſehen, die einſt die Zierde, der Stolz, oder der Abſcheu und Fluch der Welt geweſen. Deine Geſchichte, o Rom, iſt die Geſchichte der Menſchheit! Brudermord weihte deinen Boden dem Fluche und Fluch und Brudermord blieb deine Looſung. Selbſt als auf die Trümmer der alten Roma die ſchlauen Prieſter das Zeichen des Kreuzes geflanzt und, ſtatt der rohen Macht über die phyſiſche Welt, die ſchrecklichere Herrſchaft über die Geiſter begann, ſelbſt dann noch rollten die Donner des Fluches, ſelbſt dann noch floſſen Ströme Blutes, ſelbſt dann fiel noch der Bruder getroffen von der Brudethand. Aber groß warſt du ſtets und groß biſt du ge⸗ blieben; groß in der Tugend und in dem Laſter, groß in der Liebe und groß in dem Haß! Groß auch biſt du noch als Leiche, eine unge⸗ heure Mumie, auf welche die Zeit die Weltge⸗ ſchichte mit rieſigen Hieroglyphen geſchrieben. Wie ſtarren die Ruinen deiner vierhundertvier⸗ undzwanzig Tempel empor? wehklagend ob dem 5 — Sturz ihrer Götter! O Menſchheit, Jupiter Cä⸗ pitolinus fiel— wie er wird jeder Gott, den ihr euch ſelbſt erſchafft, zuſammenſtürzen. Aber welch Prachtgebäude blickt dort ſo ſtolz auf die Trümmer einſtiger Größe, die Krone edler Architektur, auf das Pantheon, das Coliſeum, auf die Theater und Amphitheater, die Porticus, Triumphbögen, Aquaducte und Obelisken, ſelbſt auf das Capitol herab?— Es iſt das Haus Konſtantin des Großen, der Palaſt aus Paläſten, der welthiſtoriſche Vatican, der Sitz der irdiſchen Gottheit, der Päpſte, mit ſeinen zehntauſendzwei hundertſechsundvierzig Sälen, Zimmern und Gän⸗ gen, mit ſeinen Muſeen, Kunſtſchätzen und Bib⸗ liotheken; der furchtbare Vatican, in deſſen Schoos der neue Jupiter des Bannes und des Interdictes Blitze ſchmiedet; der Ort, wo jetzt der Ehrenſtuhl der alten Republik, der Kaiſerthron der Mark Aurele ſteht. In einem der Säle dieſes Prachtgebäudes fanden ſich, kurz nach der Zeit, in welcher Kaiſer Friedrich II Schiffbruch gelitten, eine Menge der höchſten geiſtlichen Würdenträger verſammelt. Es waren ſowol Kardinäle als Erzbiſchöfe und Biſchöfe, die in buntem Gemiſche theils plaudernd auf und ab gingen, oder in Gruppen ſaßen und ſtanden, ſich in halblautem Geſpräche die Zeit bis zum Erſcheinen ſeiner Heiligkeit, Gregor M, vertrei⸗ bend. Nur ein einziges Glied der Geſellſchaft hatte ſich aus dem Getriebe zurückgezogen und ſtand ein⸗ ſam in einer der tiefen Fenſterniſchen. Es war Parſus, der Erzbiſchof von Palermo, eine ſchöne, würdige Geſtalt, mit einem freundlichen Geſichte und ſchneeweißen Haaren. Seine Züge trugen den Ausdruck der Zufriedenheit und Seelenruhe, ſpra⸗ chen aber eher eine verſöhnende Milde als Hoheit aus. Ueberhaupt hatte ſeine ganze Erſcheinung et⸗ was ſo Beruhigendes und Einfaches, daß man ſich unwillkürlich zu dem Manne hingezogen fühlte. Die Friſche der Geſundheit ſtralte ihm dabei von den Wangen, ſo daß der gemüthliche Greis, das treffende Bild eines heitern Alters, eines ſonnigen und doch friſchen Wintertages ſchien. In die Geſellſchaft, die ihn hier umgab, paßte er freilich nicht, auch ſchien es, als ob dieſelbe ihn ignorire oder doch über die Achſeln anſehe, wäh⸗ rend er eben ſo wenig Luſt zeigte, ſich ihr zu nähern; ja ein aufmerkſamer Beobachter hätte leicht bemer⸗ ken können, daß der gute alte Erzbiſchof mit ei⸗ ner Art Sehnſucht den Wolken nachſah, die ein heftiger Wind nach Süd⸗Oſten trieb. Deſſenunge⸗ achtet gab der Greis kein Zeichen von Ungeduld kund und ſeine Augen ſtreiften mit demſelben 311 freundlichen Feuer über die beiden Geiſtlichen, die ſchon ſeit einer halben Stunde unermüdlich an ihm vorüber auf und ab gingen, als ſie eben noch die leichten Luftſchiffer gegrüßt oder auch die übrigen Gruppen betrachtet hatten. Jenes wandelnde Pärchen aber bildete einen ſo grellen Kontraſt mit Vater Parſus, als unter ſich ſelbſt. Der Eine, der Erzbiſchof von Mailand, war eine kleine, ſchwammige Figur, mit einem dicken, wohlgenährten Bauche und einem fetten, be⸗ haglichen Geſichte, aus deſſen glitzernden, verlan⸗ genden Augen und aufgeworfenen Lippen eine nim⸗ merſatte Lebensluſt und Sinnlichkeit ſprach, wäh⸗ rend ſeine, einer unreifen Melone nicht unähnliche, Naſe dieſen Ausdruck nur noch erhöhte. Dieſem ganz entgegengeſetzt erſchien ſein Be— gleiter, Bonifaz, Biſchof von Carthago in partibus. Es war ein junger Mann aus ſehr reicher Familie; von dem heiligen Vater aus geheimen Gründen zu jener Titularwürde befördert, übrigens eine lange, ausgetrocknete Geſtalt, deren finſtere Züge ſo ganz die Leere und den Kampf ausdrückten, in welchen ſich die arme Seele beſtändig wiegte. Seine Ge⸗ danken waren trübe, wie der bewölkte Himmel. Eine körperliche Abſpannung, aus übergroßem Reize her⸗ vorgegangen, hatte ſich ſeiner bemächtigt. Die Nerven affieirt, den Kopf wüſte und leer, wohnte ein fürchterlicher Ekel vor allen den Vergnügungen in der hohlen Bruſt, die die Nacht vorher ſo ſtür⸗ miſch gekoſtet worden, und welche er dennoch nicht unterlaſſen konnte wieder, willenlos und freuden⸗ arm, zu erjagen, um nur die Zeit zu tödten und die vernichtende Leere des Geiſtes einigermaßen zu beſchwichtigen. Man ſah dem jungen Manne deut⸗ lich an, welch eine Sehnſucht nach etwas Befrie⸗ digendem, welch eine Unruhe und Angſt, welch eine bis zur Verzweiflung gehende Ungeduld ihn trieb. So ſtand er da, ſchwankend zwiſchen Gebet, an deſſen Kraft er nicht glaubte, und einer wahn⸗ ſinnigen Vergnügungsſucht, die ihn weder tröſten noch ſättigen konnte. Es ſchien bei dem Paare, als Leben und Tod, Behaglichkeit und Verzweiflung brüderlich nebeneinander gingen. Dabei erzählte der dicke Herr ohne Unterlaß die munterſten Geſchichten, während der junge Geiſtliche ſeine Ungeduld kaum zu verbergen wußte und ſeine unſtäten Blicke bald dort, bald dahin ſandte. Endlich ſchien der Unter⸗ haltungsſtoff des Mailänders erſchöpft; um aber ja im Geſpräche zu bleiben, wandte er ſich ſogleich an den Erzbiſchof von Palermo, bei dem er ſich eben ganz nahe befand. Sein Begleiter war ge⸗ zwungen, ebenfalls Stand zu halten. 313 Nun, hochwürdigſter Herr College, redete er Jenen an, wie gefällt es Euch denn in unſerem un⸗ vergleichlichen Rom? Schlecht, antwortete, zum ſichtbaren Schrecken des Fragenden, Vater Parſus ruhig, ich muß ge⸗ ſtehen, daß ich mich recht herzlich nach meinem Kloſter und den ſtillen Thälern von Venoſa zurück⸗ ſehne. Aber wie um Gottes willen iſt das möglich? fuhr der Erzbiſchof von Mailand fort; wie kann es einem Menſchen in Rom, in dieſer Weltſtadt nicht gefallen? Hier, wo ſich alle Schätze der Erde häufen und die Künſte ihr goldnes Reich gefunden haben? Hier, wo man erſt recht fühlt, was man iſt; wo jedem Kirchenfürſten das Herz bei dem ſtolzen Gedanken aufgehen muß, daß er ein Glied jener heiligen Macht iſt, vor der ſich ſelbſt Kaiſer und Könige demüthigen müſſen? Hier, wo der Nachfolger Petri thront, in deſſen Hand die Schickſale aller Völker, Heil und Unheil, Segen und Fluch, Krieg und Frieden, Leben und Tod, ja Seligkeit und Verdammniß liegen? Mein Mailand iſt wahrlich ein kleines Paradies, aber dennoch ge⸗ fällt es mir hier, in dem großartigen Drange der Geſchäfte, bei weitem beſſer. Verzeihung, hochwürdiger Bruder! ſagte der Greis gelaſſen, wenn ich Euch durch die Wahrheit I 14 ——— verletzen ſollte; aber es iſt nun mein unumſtößlicher Grundſatz, ihr ſtets treu zu bleiben. Ich geſtehe Euch, eben dies Treiben in Rom iſt mir ein Greuel. Ich kann mich weder mit den Meinungen und Anſich⸗ ten befreunden, die hier herrſchen, noch ſcheint mir überhaupt das Leben der Geiſtlichkeit hier mit ih⸗ rem Beruf und der Lehre unſeres Herrn und Hei⸗ landes zu harmoniren. Ei, ei, lachte der dicke Herr, Ihr ſeid ja gar ſtreng; was habt Ihr denn an unſerem Lebens⸗ wandel auszuſetzen? Etwa, daß wir auch einmal hie und da ein Freudenblümchen pflücken? Iſt das nicht erlaubt? Iſt der Prieſter kein Menſch? Bewegen und treiben ihn nicht Leidenſchaften, wie jeden Sterblichen? Oder ſeid Ihr gar ein kaiſer⸗ lich Geſinnter und ärgert Euch, daß Se. Heiligkeit den Ketzer in den Staub tritt? Ich bin ein rechtlich Geſinnter! nahm mit mildem Ernſte der Erzbiſchof von Palermo das Wort; weder dem heiligen Vater noch dem Kaiſer abhold. Aber mir dünkt, Chriſtus ſprach: Mein Reich iſt nicht von dieſer Welt, und da ich dieſen Ausſpruch nicht mit dem Getreibe zu Rom vereinen kann, wohl aber auch einſehe, daß es Narrheit wäre, wenn ich einzelner, alter Mann hier etwas ändern wollte, ſo ziehe ich mich lieber in meine ſtille Welt zurück. Seht, lieber Bruder, in meinem 315 Kloſter leb' ich ganz einſam, nur mir und meinem Gott. Sind die Pflichten meines heiligen Amtes gethan, dann ergötzt ſich meine Seele in der Natur. Ich pflege meine lieben Kinder, meine Blumen, begieße, ſchneide, binde ſie, und Leſe ſo aus ihrem Keimen, Wachſen und Blühen das unvergängliche, ewig wahre Evangelium der Liebe Gottes. Hier tritt mir keine Leidenſchaft, kein Laſter, nichts Häß⸗ liches entgegen, was mich betrübt, auch nichts, was mich zerſtreuen und verlocken könnte. Die Außenwelt, ſo weit mich die Pflicht als Seelen⸗ ſorger ihr nicht verbindet, iſt mir fremd; ich lebe ein ruhiges, anſchauliches Leben und genieße ein ungetrübtes Glück.. Der Greis hatte, je mehr er ſeines Stilllebens gedachte, deſto wärmer geſprochen. Der dicke Herr lächelte ſpöttiſch über ſeine Begeiſterung und der Mann in partibus infidelium, der ein großer Be⸗ ſchützer der Wiſſenſchaften zu ſein affectirte, frug haſtig, ob denn dieſe Götter ihm nichts ſeien? Ich achte ſie ſehr hoch, entgegnete der Erz⸗ biſchof von Palermo, allein ich halte Selbſtbe⸗ herrſchung für die größte Kunſt und die Erkenntniß Gottes und unſrer ſelbſt für die höchſte Wiſſenſchaft. Was man übrigens hier von dieſen Dingen ſchwatzt, iſt Alles nur Fabel. Können doch dieſe himmliſchen Blumen nur da gedeihen, wo man frei 316 denken darf, und daß dies nicht zu Rom der Fall iſt, wiſſen wir. Kein Recht iſt heiliger, als das der freien Wiſſenſchaft, der ſchrankenloſen Forſchung. Dies beweiſt uns ſchon, daß Gott des Menſchen Geiſt ſichtbar dazu organiſirt hat. Hochverrath gegen Gott iſt es daher, ihr vorſchreiben zu wollen, wie und was ſie finden dürfe. Dies aber ge⸗ ſchieht hier. Drum iſt es lächerlich, in Rom von den Fortſchritten der Wiſſenſchaften und Künſte zu ſprechen. Man merkt, daß Ihr aus kaiſerlichen Staaten kommt, ſagte bitter der finſtere Karthagener, es ſcheint, die Aufklärungsſucht des Hohenſtaufen hat Euch angeſteckt. Junger Mann, entgegnete mit väterlicher Milde der greiſe Prieſter, ich habe in meinem lan⸗ gen Leben und durch mein Studium der Natur es zu einer gewiſſen Fertigkeit in der Kunſt gebracht: Gott die Regeln und Grundſätze abzulauſchen, nach welchen er die Welt regiert. Darunter iſt aber eine der wichtigſten, daß er all ſeinen Geſchöpfen in gleichem Maße Licht, Luft und Nahrung gibt, ſich vollkommen und frei zu entwickeln. Er ſagt dem Baum nicht„halt!“ wenn er zu blühen anfängt, und erſtickt dadurch die Früchte in dem Keim; er fürchtet auch nicht, daß ſeine Krone in den Himmel wachſe. Er hat mit weiſer Hand jedem 317 Weſen ſeine Grenze vorgezeichnet, bis zu welcher die vollkommenſte Entwicklung ihren freien Lauf hat, und Alles in dem Reiche der Natur verkündet laut die Lehre: Was reife Früchte tragen ſoll, das muß ſich frei entwickeln. Beraubt Ihr die Pflanze des Lichtes, ſchießt ſie nur gewaltſamer empor; doch wohlgemerkt— dann trägt ſie weder Blüte noch Frucht. Wenden wir aber dieſen Satz auf die Völker an, ſo heißt es: Gewaltſames Anhalten der⸗ ſelben gibt ihnen blos einen neuen Stoß zum Vor⸗ wärtsſchreiten und läßt ſie nur dem ruhigen Wachs⸗ thum der Erkenntniß in wilder Haſt frevelnd vor⸗ greifen. Ihr ſeid ein ſchlauer Fuchs! rief der dicke Herr ſpöttiſch, ein Politikus, ein Freund des Kaiſers, im Rock der Unſchuld. Noch Eins! fuhr der Greis fort, ohne ſich an die Unterbrechung zu kehren. Habt Ihr jemals geſehen, daß der Baum im Herbſt und Winter ſein falbes Laub ſtarrſinnig feſthält? Nein! das Abge⸗ lebte ſtreift er ſorglich ab, den neuen Trieben freien Raum zu geben. Will ſich Eure berühmte Staats⸗ klugheit daher der ewigen Weisheit würdig zei⸗ gen, ſo erkenne ſie den immer neu zeugenden Or⸗ ganismus des Staates an, und befreie denſelben von den abgeſtorbenen Reſten ſeiner frühern Thä⸗ tigkeit. 318 Die Biſchöfe von Mailand und Karthago ſahen ſich bei dieſen kühnen Worten ihres alten Collegen faſt verlegen an. Das klingt ja ganz ketzeriſch, Hochwürdigſter! ſagte darauf der Dicke. Nehmt Euch in Acht, ſetzte Bonifaz hinzu; Gregor verſteht ſich ſchlecht auf ſolche Dinge, und wenn er in Euch den Kaiſerlichen merkt, kann es Euch übel ergehen. Beruhigt Euch, liebe Brüder, entgegnete lächelnd Vater Parſus. Ich weiß es ja ſchon lange, daß hier zu Lande jede Meinung anüchig iſt und Ketzerei heißt, die auch nur ein Haar von der alten Vorſchrift abweicht. Deſſenungeachtet glaube ich, kein Sünder zu ſein, wenn ich ſelbſt denke. Der Vogel hat Flügel zum Fliegen, der Menſch den Verſtand zum Denken. Auch weiſt ja Jeſus ſelbſt, Matth. 6, 22. 23. und Luc. 11, 34. 35, auf die hohe Gabe eines ſelbſtſtändigen Verſtandes hin und zeigt damit deutlich, daß er nicht blos den guten Willen, ſeinen Unterricht anzunehmen, von ſeinen Zuhörern fordert, ſondern auch von ihnen verlangt, daß ſie religiöſe Selbſtdenker ſein und das ihnen Vorge⸗ tragene prüfen ſollen. Denke man doch der ſo ſchö⸗ nen als wichtigen Worte unſeres Erlöſers: Wenn ihr bleibet an meinem Worte, ſo ſeid ihr wahrhaf⸗ tig mein Schüler, und ihr werdet Erkennt⸗ 319 niß von der Wahrheit bekommen und die Wahrheit wird euch frei machen. Die Wahrheit! entgegnete der Erzbiſchof von Mailand. Ja, freilich die Wahrheit wird Euch vom falſchen Glauben frei machen. Wo aber iſt die Wahrheit anders als zu Rom, im Munde des Nachfolgers Chriſti? Glaubt Ihr das ernſtlich? frug hier erſtaunt der Greis. Na! lachte der Mailänder, wollen wir uns gegeneinander verſtellen? Von uns glaubt Keiner dran, aber die Velt muß es glauben, das iſt gut und recht. Uebrigens kenne ich auch nichts Bequemeres. Mag der Papſt ver⸗ antworten, was er thut, wir folgen ihm und leben dafür in dulci jubilo. Der greiſe Erzbiſchof von Palermo ſah bei dieſen Worten ſeinen Collegen kopfſchüttelnd an und ſagte dann faſt wehmüthig: Gott vergebe Euch, mein Bruder, dieſe Sünde gegen den heiligen Geiſt. Ach, leider habe ich hier viel Aehnliches ſehen und hören müſſen. Wohl mir, wenn ich wieder in meinen ſtillen Thälern und in meinem Kloſter bin, hier wird der Friede meiner Seele gar ſehr ge⸗ trübt. Bei Euern Ideen, Hochwürdigſter, ſagte der finſtere Jüngling, habt Ihr allerdings Recht, wenn 1 1 320 Ihr wieder in Euer Kloſter heimkehrt. Ich kann überhaupt nicht begreifen, was Euch in dies Sodom und Gomorrha geführt? Der unglückſelige Krieg, der nicht nur die ſchö⸗ nen Fluren Neapels verheert, ſondern eine ſchreiende Ungerechtigkeit gegen den Kaiſer iſt. Vergeßt in Euerm Eifer für den ruchloſen Kaiſer nicht, daß ſeine Heiligkeit ſelbſt es war, der dieſen Krieg hervorgerufen, mahnte der Mai⸗ länder. Das iſt es eben, warum ich hier bin. Der heilige Vater irrt, er iſt hintergangen, von ſchlech⸗ ten Menſchen gereizt worden. Auch muß man den Kaiſer in ſeinen Augen verleumdet haben; denn ſonſt hätte ſich der kluge Gregor zu keiner ſolch' offenbaren Unrechtlichkeit verleiten laſſen. Und das wollt Ihr dem ſtarrköpfigen, zorni⸗ gen Gregor ſagen? frug ſtarr vor Schrecken Bonifaz. Ja! entgegnete ernſt und feſt der Greis. Er wird die Stimme der Gerechtigkeit, welche die ſeiner eignen Ehre iſt, hören und ſeine Befehle zu⸗ rücknehmen. Der junge Mann ſah den Erzbiſchof von Pa⸗ lermo hier mit einer halb mitleidigen, halb verächt⸗ lichen Miene an, als zweifle er an ſeinem geſun⸗ den Verſtande. Der Mailänder hingegen wandte 321 ſich lächelnd zu dem Biſchof in partibus infidelium und ſagte halblaut: Laßt uns von dem Narren hinweggehen, der alte Hitzkopf könnte kommen und uns für gleich Unſinnige halten. Ihr aber, fügte er, zu Parſus gewandt, hinzu, gehabt Euch wohl, und wenn Ihr den Rath eines Freundes annehmen wollt, geht dem unheilſchwangeren Donnerwetter aus dem Wege, ſtatt ihm entgegen zu rennen. Für die Wahrheit ſetz ich gern mein Leben ein, ſagte Parſus freundlich, und welch' eine heiligere Pflicht könnte einem Diener Gottes obliegen, als die Vertheidigung der Unſchuld und des Rechtes? In dieſem Augenblicke ſprang die Hauptthüre auf und, gefolgt von mehren in Scharlach gekleide⸗ ten Kardinälen, trat Se. Heiligkeit, Papſt Gre⸗ gor M, ein. Es war ein impoſanter Anblick. Der ſchöne, kräftige, über achtzig Jahre alte Greis, mit der tief gefurchten Stirne, dem dunklen Teint, der ge⸗ bogenen Naſe und den weißen, faſt zuſammenge⸗ wachſenen Augenbraunen, ſtand, trotz der gebückten Geſtalt, wie ein Gott zwiſchen Patriarchen. Er ſchritt raſch nach dem vergoldeten Seſſel, der für ihn bereit ſtand, und ließ während deſſen ſeine lebhaften, ſtechenden Blicke über die Verſamm⸗ lung gleiten. Eine ſcharf ausgedrückte Haſtigkeit nud Beſtimmtheit, ja ein gewiſſes despotiſches We⸗ 322 ſen zeichnete alle ſeine Bewegungen aus und theilte ſich ſo gut ſeinen Blicken, als ſeiner Sprache mit. Dabei konnte man ſeinem Weſen eine königliche Hoheit nicht ableugnen; dieſelbe gewann ſogar durch ſeine gebückte Figur, lag aber dennoch hauptſächlich im Auge und in den ausdrucksvollen Zügen. Als er ſich niedergelaſſen, die Kardinäle neben ſeinem Seſſel in einem Halbkreiſe ebenfalls Platz genommen und ſich die Verſammelten zu beiden Seiten in ehrerbietiger Entfernung gruppirt hatten, nahm der Papſt das Wort und machte ſeinem von Sorge für das Wohl der Kirche gepreßten Herzen durch eine heftige Rede Luft. Zwei Schmerzen waren es vornehmlich, welche ihn zerriſſen, zwei Gefahren, die das Schifflein der Kirche mächtig bedrohten: der Kaiſer, deſſen An⸗ kunft in ſeinen Staaten mit jedem Augenblicke zu erwarten ſtand, und das Unſichgreifen der ketzeri⸗ ſchen Sekte der Katharer. Rath für dieſe beiden Punkte zu ſchaffen, war die gegenwärtige Verſamm⸗ lung anberaumt. Die Katharer, die unter anderen Dingen die Gegenwart Chriſti im Abendmahle, die Auferſtehung der Leiber, die Göttlichkeit der römiſchen Kirche leugneten, hatten in der letzten Zeit, zum Schrecken aller Rechtgläubigen, große Fortſchritte in Ober⸗ italien gemacht, ja in Florenz ſtand bereits Philipp Paternon als Biſchof an ihrer Spitze. Die neuen Irrlehren drohten ein Schisma in der Kirche hervorzurufen, und da ſie ſich, trotz allen Gegenmitteln, mit raſender Schnelle verbreiteten und nachgerade, namentlich im Florentiniſchen, feſten Fuß zu faſſen drohten, ſo beſchwor der heilige Va⸗ ter Himmel und Hölle zu deren Vernichtung, über⸗ gab auch dem gegenwärtigen Biſchofe von Florenz und Roger Kalkagni ausgedehnte Vollmacht, um durch Liſt und Gewalt, offen oder heimlich, kurz auf jede erdenkliche Weiſe, dieſe verfluchten Ketzer auszurotten. Bei dieſer Gelegenheit war es aber auch zur Sprache gekommen, daß der kaiſerliche Podeſta, Pandalfo von Faſanella, früheren Verfolgungen dieſer Sekte in jener Stadt im Namen ſeines Herrn entgegengetreten. Natürlicherweiſe war dies Gre⸗ gor eine erwünſchte Gelegenheit, ſeinen ganzen Zorn auf Kaiſer Friedrich Il auszuſchütten, den er, unter dem heftigſten Schelten, die Urſache all die⸗ ſes Unheils, einen Drachen, einen Abtrünnigen, ei⸗ nen Gottverfluchten nannte und ſchließlich alle Ge⸗ genwärtige aufforderte, das Kreuz gegen dieſen unverſöhnlichen Feind der Kirche zu predigen und predigen zu laſſen. Die Rede des Papſtes hatte über eine halbe ⸗ —————— ———— —·— 324 Stunde gedauert. Wenn man ſich aber auf der einen Seite über die Ausdauer, Kraft und Beredt⸗ ſamkeit verwundern konnte, mit welcher der acht⸗ zigjährige Mann geſprochen; mußte man auf der andern geſtehen, daß ſie ein treuer Abdruck ſeines halsſtarrigen, harten und hochmüthigen Charakters geweſen. Eine tiefe Stille folgte, als er geendet; Nie⸗ mand wagte ein Wort des Widerſpruches, als plötzlich, zum Erſtaunen aller Anweſenden, die ehr⸗ furchtgebietende Geſtalt des Erzbiſchofs von Palermo vortrat. Der graue Prieſter neigte ſich vor dem heiligen Vater und bat mit der ihm eigenen Ein⸗ fachheit und Demuth um die Erlaubniß, ſeine Mei⸗ nung hier äußern zu dürfen. Schon dieſe Kühnheit beſchwor finſtere Wolken auf die Stirne des Despoten, um ſo mehr, als der Papſt bereits von anderen Gelegenheiten her den Geiſt des Widerſpruches kannte, welcher, ſeiner Meinung nach, den alten Erzbiſchof leitete. Deſſenungeachtet geſtattete er dem Bittenden das Wort, ſein Staunen ſteigerte ſich aber zum wildeſten Zorn, als Vater Parſus mit edelmüthigem Freimuth nicht nur den Kaiſer gegen alle ungerech⸗ ten Anſchuldigungen vertheidigte, ſondern ſogar auch das Verfahren des Papſtes gegen die Katha⸗ rer als unchriſtlich tadelte. Der achtzigjährige Prieſter vergaß in ſeiner Heftigkeit alle Grenzen. Er ſprang zitternd auf, zerriß mit einer kaum begreiflichen Kraft ſein Ge⸗ wand und rief mit Donnerſtimme: Verflucht ſeiſt du, daß du dein heilig Amt ſo ſchmählich mit den Füßen trittſt. Wenn dies am grünen Holz geſchieht, was ſoll dann mit dem dürren werden? Iſt Re⸗ ligion ein Spielwerk für der Kinder Hand, das man nach eignem Willen zerbrechen und wegwerfen kann? Weh' uns, wenn ſelbſt die Säulen der hei⸗ ligen, alleinſeligmachenden Kirche wanken und Ketzerei im Prieſterrock erſcheint. Der Papſt hatte dieſe Worte wuthſchnaubend ausgeſtoßen. Alles bebte, nur Vater Parſus ſtand in würdevoller Ruhe, wie ein Fels in ſturmbeweg⸗ tem Meer. Erlaubt mir, Heiligkeit, fuhr er dann mit mil⸗ dem Ernſte fort, Gott der Allmächtige, der aller Menſchen Herz und Nieren prüft, weiß es, wie innig ich Euch und unſter Mutter Kirche ergeben bin. Auch ich beklage jede Spaltung und bin aufs eifrigſte bemüht, die Irrenden zurückzuführen; doch Eins kann ich nie dabei im Sinne unſeres ſanf⸗ ten, liebenden Erlöſers erkennen— dies iſt Ge⸗ walt. Chriſtus vergab den Feinden noch am Kreuz — en fluchte ihnen nicht. Auch die Natur hat keinen Fluch für irrende Geſchöpfe. Wie kann 326 nun die Religion, die der Geiſt der Liebe und der Wahrheit iſt, den Nächſten fluchend ſtrafen? Es gibt nur eine Wahrheit, darum auch nur eine Religion, deren Grund die Worte ſind: Gott iſt ein Geiſt und die ihn anbeten, die ſollen ihn im Geiſte und in der Wahrheit anbeten, d. h. ſich gei⸗ ſtig mit dem Geiſt beſchäftigen und mit aufrichtiger Theilnahme an der religiöſen Erkenntniß hangen, die ſie als wahr befunden. Nun glaubt freilich der Irrende auch: was er als wahr befunden, ſei es auch, ſo wie der Irre ſich für klug und alle Ver⸗ ſtändige für Narren hält. Den Irren aber bringt man durch Gewalt nicht zum Verſtand, viel eher führt ihn liebevolle Pflege, Nachſicht mit ſeiner Schwäche und Geduld zum Licht zurück. So, Hei⸗ ligkeit, meine ich in meinem demuthsvollen Sinn, würde auch bei den Ketzern Geduld und Sanft⸗ muth, die ſchönſten Ehriſtentugenden, mehr wirken, als Fluch und Scheiterhaufen. Du ſelbſt biſt ein Katharer, rief hier erhitzt der Papſt, ein Freund des ketzeriſchen Kaiſers, den Gott verfluchen möge...... Heil unſrer chriſtkatholiſchen Kirche, dreifaches Heil auch Eurer Heiligkeit! rief in dieſem Momente die rauhe Stimme eines Dominikaners, der athem⸗ los in den Saal ſtürzte und ſich mit wilder Haſt zu den Füßen des Papſtes warf, den Feind der E———————— Kirche traf des Himmels Fluch! Friedrich II, der ketzeriſche Kaiſer, der ſtolze Hohenſtaufe iſt nicht mehr. Wie ein Donner aus lichten Höhen wirkten dieſe Worte auf die Verſammlung. Die Ueber⸗ raſchung hatte Alle wie verſteinert. Gregor ſtand noch mit zum Fluche aufgehobenem Arm. Pennaforti! rief er endlich, und ſeine Züge ſtrahlten wie von einer Glorie übergoſſen, Pen⸗ naforti, ſprichſt du wahr? Ja, Heiligkeit, die Nachricht iſt wahr und be⸗ gründet, ſagte der Dominikaner, noch immer vor dem Papſte in dem Staube liegend. Mein eigner, leiblicher Bruder, der mit dem Kaiſer auf einem Schiffe von Paläſtina kam, hat ſie mir hinterbracht. Das Schiff litt in der Nähe von Zante Schiff⸗ bruch; Alles entkam wie durch Gottes Hand, nur Friedrich und eine Heidendirne, die er frevelnd liebte, blieben an Bord zurück. Doch wie? Wie ging das Unglaubliche denn zu und hat der Kaiſer ſich nicht am Ende vielleicht doch noch gerettet? rief in ängſtlicher Spannung Gregor. Nein, heiliger Vater, erwiderte der Mönch, Gott iſt gerecht und ſchützt mit ſtarker Hand die heilige Kirche. Als das Schiff bei einem fürchter⸗ lichen Sturm auf einer Korallenbank geſtrandet 328 war und ſich ſchon Alles auf die Boote gerettet hatte, da ſah mein Bruder, daß der Kaiſer mit jener Heidin, gleichſam die Rache Gottes zu ver⸗ höhnen, auf dem Verdeck noch koſite; ſein Zögern brachte den Rechtgläubigen die größte Gefahr. Der Hohenſtaufe aber lachte ihrer nur. Da plötz⸗ lich erſchien der heilige Petrus meinem Bruder, gab ihm ein Meſſer und rief: Nicht mit den Ver⸗ dammten ſollen die Gerechten ſterben! Zitternd und gehorchte Jener, ein Schnitt trennte das Seil, welches Schiff und Boot verband, die Engel trugen das kleine Fahrzeug durch des Stur⸗ mes Graus, Kaiſer und Schiff aber verſanken in die Tiefe! Gelobt ſei Gott! rief Gregor begeiſtert. Ge⸗ lobt ſei Gott und gebe, daß du wahr geſprochen! Der Hohenſtaufe kehrt nicht mehr zurück, wie⸗ derholte der Dominikaner, doch ſelbſt für dieſen Fall iſt er vernichtet: mein Bruder kann ihn der Ketzerei überführen. Er hat mit eignem Auge das Schändlichſte geſehen, mit eignen Ohren das Un⸗ erhörteſte gehört! Mag ſeine Schande Nacht und Tod bedecken, ſagte der Papſt, Uns ſchaudert vor der Schmach dieſes gefallenen Sohnes. Du, Raimundus de Pen⸗ naforti, bisher unſer ſtets ergebener Sekretär, du biſt von heute an ernannt zum General deines Or⸗ 329 — dens, ein würdiger Nachfolger des heiligen Domi⸗ nikus. Wie? rief hier, aus ſtarrem Entſetzen er⸗ wachend, der greiſe Erzbiſchof von Palermo, und helle Thränen hingen ihm in den grauen Wimpern, iſt das die Gerechtigkeit zu Rom„daß man die Kaiſermörder lohnt? Wie ein Flug Tauben, auf den ein Falke ſtößt, ſcheu auseinander ſtäubt, ſo fuhren bei dieſen Worten die Prälaten auf und entſetzt zurück. Gre⸗ gor aber erhob ſich majeſtätiſch. Sein Auge flammte Wuth, Wuth feſſelte lange ſeine Zunge. Endlich rief er zitternd: Im Namen Chriſti ſu, deſſen Stellvertreter Wir, Papſt Gregor M, ſind, biſt du, Parſus, Erzbiſchof von Palermo, als frecher Gottesläſterer deiner Würde entſetzt, die Wir dem Bruder des neuen Ordengenerals verleihen. Du magſt in einem Kloſter, fern von der Welt, die Kühnheit büßen, mit der du Uns, den Untrüglichen, verletzt. Dem Vorgeſetzten dank' ich für dieſen Spruch! verſetzte mit freundlicher Miene der alte Erzbiſchof. Ihr habt mir eine ſchwere Bürde abgenommen und meinem grauen Haupte den Segen des Frie⸗ dens gegeben. Mein Kaiſer iſt, wie alle meine Freunde, ſchlafen gegangen; wohl!— das erleich⸗ tert denn auch mir das Schlafengehen! 330 Mit dieſen Worten entfernte ſich der greiſe Prieſter und auf einen Wink des Papſtes folgten, nach einer tiefen Verbeugung, alle Gegenwärtige, bis auf den Kardinal Kolonna, den Erzbiſchof von Mailand und Pennaforti, dieſem Beiſpiele. Als ſich der Papſt mit dieſen Dreien allein ſah, ſtampfte er in finſterem Ingrimm den mar⸗ mornen Boden und rief: Tod und Verdammniß über dieſe verwegnen Starrköpfe! Hab ich mich nicht bald ein volles Jahrhundert der heiligen Sache unſter Mutter Kirche mit Leib und Seele, mit allen meinen Kröften geweiht? Haben nicht die Erfahrungen von ehr als achtzig Jahren meinem Geiſte Untrüglichteit gegeben? Ich ſehe die Welt und das Leben, die Vergangenheit und die Zu⸗ kunft wie ein aufgeſchlagenes Buch vor meinem Geiſte. Ich kann nicht irren!— kann mich nicht täuſchen. Der Gott in mir erleuchtet meinen Sinn. Darum, was ich einmal als gut anerkannte, das will ich auch ohne alle Rückſichten auf Hinder⸗ niſſe, mög iches Mislingen, gute vder böſe Folgen durchſetzen. Kein Tadel ſchreckt, keine Billigung freut mich— Gehorſam, aber unbedingten, blinden BGehorſam fordere ich von der Welt! Gregor ſank hier erſchöpft zurück. Pennaforti ſprach ihm tröſtend zu und ſuchte geſchickt die Un⸗ erredung wieder auf den Kaiſer zu lenken. Der Name Friedrichs wirkte wie ein galvani⸗ ſcher Schlag auf den Papſt. Neues Leben durch⸗ rieſelte ihn. Da er aber immer noch Zweifel über den Tod deſſelben hegte, nahm er mit einer ſolchen Schlauheit ſeine Maßregeln, daß die drei anweſen⸗ den Kirchenfürſten geſtehen mußten, es ſei keine einzige Möglichkeit unbedacht geblieben. Die Hauptpunkte aber waren: die ſchnelle und allgemeine Verbreitung des Gerüchtes der Kaiſer ſei todt, eine erhöhte Anſtrengung im Kriege gegen Neapel und die Aufreizung der Lombardei zur Losſagung vom Kaiſer, ſelbſt Su den Fall, daß er noch lebe. t Letzteren Auftrag erhielten der Kardinal Ko⸗ lonna und der Erzbiſchof von Mailand, während man, nach Anhörung der Beſchuldigungen, welche Pennaforti, im Namen ſeines Bruders, gegen den Kaiſer vortrug, im Allgemeinen übereinkam, in ſo⸗ fern ſich der Tod des Kaiſers nicht beſtätigen ſollte, die Nachricht zu verbreiten: er gehe mit dem Plane um, in ſeinen Reichen den chriſtlichen Glauben zu vertreiben und den mahomedaniſchen an deſſen Stelle zu ſetzen. Nach dem Grundſatze: das ſicherſte Mittel, jedwede Kraft in ihrem Aufſchwunge zu lähmen, iſt, ſie in der öffentlichen Meinung hera zuwürdigen. 19. Rückblicke. Was iſt das Leben? Eine Wandrung, bald bei heitrem, bald bei trübem Wetter. Un Recht und Unrecht auf beiden Seiten, auf der des Kaiſers ſowol, wie der des Papſtes zu erken⸗ nen, um eine richtige Ueberſicht der damaligen po⸗ litiſchen Verhältniſſe zu erlangen, bedarf es hier nothwendigerweiſe eines kurzen Rückblickes auf die Geſchichte der italieniſchen Staaten, ſeit dem Auf⸗ bruche Kaiſer Friedrichs Il nach dem gelobten Lande. Seinem angeſtammten neapolitaniſchen Reiche hatte Friedrich, als er den Kreuzzug antrat, nicht nur die langvermißte Ruhe wiedergegeben, die zum Aufblühen eines Landes, zur ruhigen und ſichern Entwicklung der Kultur durchaus nöthig iſt; ſondern es war ſeiner Entſchiedenheit und Energie, ſeinem Wohlwollen auf der einen, ſeiner Strenge auf der andern Seite gelungen, diejenigen Elemente aus demſelben zu entfernen, welche durch ihre ewige Gährung das ganze Reich bisher in einem ſchwan⸗ kenden, chaotiſchen Zuſtand erhalten. — ——————— 333 Mit Einem Worte, er hatte Ordnung, Geſetz⸗ lichkeit und Sicherheit da eingeführt, wo ſeit Jah⸗ ren die entgegengeſetzten Dämonen geherrſcht. Die Geiſtlichkeit war auf ihren frommen Be⸗ ruf zurückgeführt, die Sarazenenhorden waren um⸗ geſiedelt und kultivirt und vor Allem die aufrühre⸗ riſchen, nach Unabhängigkeit ſtrebenden Großen in die Schranken ihres Rechtes, aber auch zu ihrer Unterthanenpflicht zurückgeführt worden. Die Früchte ſolcher weiſen Einrichtungen zeig⸗ ten ſich bald. Neapel blühte herrlich auf und da der Kaiſer dafür Sorge trug, daß ſich das Nütz⸗ liche auch mit dem Schönen eine; da ſeine Kunſt⸗ liebe die trefflichſten Baumeiſter, Maler, Bildhauer und Künſtler aller Art an ſeinen Hof rief, ſo konnte es nicht fehlen, daß das ſo ſehr von der Natur be⸗ günſtigte neapolitaniſche Reich unter ſeiner Herr⸗ ſchaft zu einem wahren Paradieſe wurde. In Neapel, Palermo, Meſſina, Apricerna, Garagnone, Monteſerico, Aquila, Andria, Caſtello de Monte und andern Städten ſtiegen die herrlich⸗ ſten Paläſte und Prachtgebäude empor; wahre Tempel der Kunſt, die hier mit freigebigen Händen ihre Schätze an dem Altare irdiſcher Größe nieder⸗ legte. Gravina, Melfi, Melazzv hatten wunder⸗ ſchöne Thiergärten aufzuweiſen, in welchen ſich nicht nur die ſeltenſten Thiere der ganzen damals ————— bekannten Erde vorfanden, ſondern wohin ſelbſt Neptun und die Flußgötter ihren Tribut zollten, indem ſich in ungeheuern ausgemauerten Fiſch⸗ teichen auch alle möglichen Geſchöpfe des Waſſers fröhlich tummelten. Aber in dies Alles brachte der treffliche Kaiſer erſt das rechte Leben. Wie er in höheren und nie⸗ deren Schulen die Wiſſenſchaften pflegen ließ, ſo führte er an ſeinem Hofe einen Kultus des Schö⸗ nen ein, deſſen würdiger Hoherprieſter er ſelbſt war. Ruhten die Geſchäfte, vergaß er die Sorgen der Regierung bei dem freien, edlen Waidwerke und dem liſtigen Vogelfang, oder bei den geiſtigen und ritterlichen Spielen ſeines Hofes, zu dem ſich Alles drängte, was nur durch Schönheit, Adel und inneren Werth dazu berechtigt war. Den Söhnen der edelſten Familien galt es als der Gipfel des Glücks, wenn ſie als Knappen oder Pagen in das Gefolge des Kaiſers eintreten durften, um unter den Augen des angebeteten Fürſten die Vorſchule des reinſten Ritterthums durchlaufen zu können. Mit einem ſeltnen pvetiſchen Takte verſtand der Hohenſtaufe dabei die Erholungen zu einer gei⸗ ſtigen Mannigfaltigkeit zu ſteigern und wie ein ausgezeichneter Geſchichtsforſcher von ihm ſagt, jede Ergötzung zu verklären, bis ſie in ihrer Ein⸗ zelheit ſchön und im Zuſammenhange mit dem 335 Ganzen bedeutend wurde. Ueberhaupt erhielt da⸗ durch, daß das Deutſche hier auf eigenthümliche Weiſe mit dem Morgenländiſchen in Berührung kam, das Leben an Friedrichs Hofe eine ungemein romantiſche Färbung. 3 In dieſem Zauberkreiſe hielt der ſtarke Geiſt des Monarchen ſelbſt die unruhigen Großen gefan⸗ gen und wußte mit kluger Berechnung, unbeſchadet des eigenen Glanzes, ſo viel Licht auf ſie fallen zu laſſen, daß ihre kühnſten Wünſche befriedigt ſchie⸗ nen. War es doch ſchon ein überaus ſtolzer Gedanke, einem ſolch erhabenen Fürſten nahe zu ſtehen. Dieſe Verhältniſſe änderten ſich aber mit dem Augenblicke, in welchem Kaiſer Friedrich II Italien verließ, um in Paläſtina die Fahne des Kreuzes aufzupflanzen. Der Kaiſer hatte Rainald von Spoleto als Statthalter in ſeinem neapolitaniſchen Königreiche zurückgelaſſen. War nun aber auch Rainald ein ſo tapferer Feldherr als kluger Staatsmann, ſo fehlte ihm doch die Glorie der Majeſtät und vor Allem jener große Geiſt ſeines Herrn, der Milde und Strenge, Liebenswürdigkeit und unerſchütterliche Feſtigkeit auf ſo wunderbare Weiſe in ſich vereinigte. Dem Kaiſer, dem großen Friedrich, hatten ſich die ſtolzen und widerſpänſtigen Barone und Grafen 336 leicht gebeugt, ſeinem Statthalter zu gehorchen ward den Uebermüthigen unendlich ſchwer. Papſt Gregor M konnte dieſe Gemüthsſtim⸗ mung erwarten und fand auch bald mit der Schlau⸗ heit der römiſchen Politik, die ihre unſichtbaren Fühlhörner über die ganze Welt und nach allen Gewiſſen ſtreckt, daß er ſich nicht getäuſcht. Von der Minute an goß man heiliges Oel in die Flamme, die Mutter Kirche zeigte ihren guten, dienſtwilligen Kindern einen ganzen Himmel voll Liebe und Gnade, während ſie mit gebrochenem Herzen über die Wunden weinte und klagte, die ihr der Kaiſer, ihr ungerathener Sohn, geſchlagen habe und noch ſchlagen werde. Auch den Stolz und die Ehrſucht der italieniſchen Großen unterließ Rom nicht zu reizen und verſprach namentlich für jeden denklichen Fall Schutz. Was vergißt der Menſch leichter, als erzeigte Wohlthaten, was weniger als gekränkten Stolz? Kaum hatte des Kaiſers imponirende Gegenwart es vermocht, die gedemüthigten Großen in den Schranken der Unterthanentreue zu halten, wie hätten die Unbändigen ſeine Abweſenheit nicht be⸗ nutzen ſollen? Die Herren von Polito in Capitanata waren die Erſten, welche ihren Unwillen an den Tag leg⸗ ten und ſich namentlich gegen die Oberherrſchaft 337 des kaiſerlichen Statthalters ſtemmten. Kaum hatte ſich aber dieſe, von Rom aus ſo weislich genährte Unzufriedenheit öffentlich kundgegeben, als Letzteres mit Einemmale entſchiedener auftrat und die aufrühreriſchen Barone vor aller Welt in Schutz nahm. Rainald von Spoleto, über dies Betragen em⸗ pört, warf dem Papſt mit harten Worten ſeine Un⸗ gerechtigkeit vor und drang nicht nur auf Beſtra⸗ fung der Empörer, ſondern auch auf Zurücknahme des Bannes, der noch immer auf dem Kaiſer laſte. Deſſenungeachtet blieb Rom ſeinen Grundſätzen treu; ja der heilige Vater, anſtatt den Kreuzzug auf alle mögliche Weiſe zu unterſtützen, hielt in linder Leidenſchaft ſogar noch die eifrig nachfol⸗ genden Pilger mit Gewalt vom Einſchiffen zurück. Zugleich erhielt Rainald von Petrus de Vineis die Nachricht, daß Rom im Morgenlande durch ſeine Maßregeln alle Schritte Friedrichs hemme, ſo wie dem Statthalter aus der Lombardei Berichte ein⸗ liefen, welche beurkundeten, daß auch hier Gregor bemüht ſei, alle die Banden zu trennen, welche die Unterthanen an ihren Fürſten knüpfen. In der That war der Papſt mit den Lombarden ein Bündniß eingegangen, welches nichts weniger zum Zweck hatte, als dem Regimente der Hohen⸗ ſtaufen in Italien ein Ende zu machen. F 15 —— ——— —— — Gleich wie die Barone in Neapel, ſo ſtrebten um jene Zeit die Städte Oberitaliens nach Unab⸗ hängigkeit. Der Handel, dieſe Quelle des Wohlſtandes, mithin phyſiſcher Macht, hatte die großen Städte der Lombardei zu einem, bisher nicht geahnten Reichthume geführt. Reichthum aber erzeugt Be⸗ haglichkeit und Sicherheit, welche angenehme Ge⸗ fühle indeſſen bei ungebildeten Menſchen leicht in Stolz und Trotz übergehen. So kam es denn, daß ſich auch die oberitalieniſchen Städte bald fühlten und mit einem Blick auf ihre Schätze und ihre ſtolze Größe ausriefen: Wir ſind uns ſelbſt genug, wir bedürfen keines Oberherrn mehr. Nichts iſt natürlicher, als daß der Menſch, ſind erſt die phyſiſchen Bedürfniſſe geſtillt und iſt ſeine Eriſtenz geſichert, auch zu höherem Sinnen und Treiben erwacht. Mit den Völkern geht es ja wie mit den einzelnen Individuen; iſt erſt der Jüng⸗ ling den Knabenſchuhen entwachſen, fühlt er ſich ſtark und reich an Lebenskraft, ſo geht ſein erſtes Streben nach Selbſtſtändigkeit und Freiheit. Genau dieſelbe Erſcheinung bieten die auf⸗ wachſenden Völker und— bilden doch die Ein⸗ wohner größerer Städte gewiſſermaßen Völkchen unter ſich— auch die Städte. Dieſes Aufſtreben zur Selbſtſtändigkeit und 3 339* Freiheit, ſo tief in der Natur begründet, war um die Zeit Friedrichs I der Hauptcharakterzug, ſowol der italieniſchen als der deutſchen Handelsſtädte. Aber, und dies war dem ſcharfen Blicke des Kai⸗ ſers nicht entgangen, es äußerte ſich dieſes Streben in den beiden Ländern auf eine auffallend verſchie⸗ dene Art. Die deutſchen Städte, von dem Intereſſe ih⸗ res Handels, der die Grundlage ihrer Größe bil⸗ dete, geleitet, bemühten ſich, alle läſtigen und beſchränkenden Gebräuche und Verordnungen abzu⸗ ſchütteln und dagegen für ihren Handel und die den⸗ ſelben fördernde Selbſtſtändigkeit Privilegien und Freiheiten zu erlangen. So eigenſinnig und ſtolz ſie aber dann auf dieſen, meiſt theuer erkauften Vorrechten beſtanden, ſo ſprach ſich doch immer ihre Liebe zur Geſetzlichkeit und Ordnung deutlich aus; ja ſie lohnten die Freigebigkeit und Milde der Kaiſer durch eine Treue und Anhänglichkeit, die gar manchesmal rührend oder glänzend in der Ge⸗ ſchichte hervortritt. Dazu kam, daß ſie in den auf⸗ ſtrebenden weltlichen und geiſtlichen Fürſten, gleich dem Kaiſer, ihre ärgſten Feinde ſahen, die nur ſtets bereit waren, ſie zu plündern, mit Zöllen und Laſten zu beſchweren und niederzudrücken. Friedrich erkannte daher in dem Aufblühen der deutſchen Handelsſtädte eine mächtige Stütze ge⸗ SSee —— —— —— — gen den Uebermuth des Adels und die Herrſchgier der Großen und unterſtützte dieſelben aus dieſem Grunde, ſo viel er konnte. Ganz anders verhielt es ſich dagegen mit den mächtigeren lombardiſchen Städten, wie Genua, Bologna, Mailand u. ſ. w. Hier ſuchte man das Weſen der Freiheit nicht allein darin, Niemanden auf Erden zu gehorchen, ſondern vielmehr in einer völligen Geſetzloſigkeit nach außen und in dem Rechte, andere Städte und Gemeinden erobern, beherrſchen, ja tyranniſiren zu dürfen. in ewiger Krieg unter ihnen, durch Rivalität hervorgetufen, rieb ihre beſten Kräfte auf und gab zu den größten Ungerechtigkeiten und den ſcheuß⸗ lichſten Grauſamkeiten Veranlaſſung. Nur bei ei⸗ ner einzigen Gelegenheit pflegte ſich die Mehrzahl dieſer Städte zu einem Körper, zu einem Wil⸗ len zu vereinigen, und dies war, wenn es galt, kaiſerliche Rechte zu beeinträchtigen oder gar ſich völlig gegen das Reichsoberhaupt aufzulehnen. Auch verbanden ſie ſich zu ſolchen Zeiten gern mit den Großen und waren(recht im Gegenſatze mit den deutſchen Städten), wenigſtens zum größe⸗ ren Theile, die entſchiedenſten Gegner des Kaiſers. Hieraus nun läßt ſich leicht erklären, in wel⸗ chem gehäſſigen Lichte Friedrich dieſe Uebelſtände erſcheinen mußten; ihm, dem es als erſte Regen⸗ 343 wildeſten Zorne entbrannt ſeine feindlichen Be⸗ mühungen. Mit welch friedlichen Geſinnungen gegen Rom und mit welchem Vertrauen auf des Papſtes Rechtlichkeit Friedrich ſich ſeiner Zeit eingeſchifft, bewies jetzt die geringe, kaum zu nennende Streit⸗ macht, welche er damals zurückgelaſſen. Zwar ſammelten der kaiſerliche Großrichter Heinrich von Morra und der Herzog von Spoleto ſogleich alle Getreuen des Kaiſers unter ihren Fahnen; zwar ſchlugen ſie ſogar anfangs das bei weitem über⸗ legene Heer der ſogenannten„Schlüſſelſoldaten“ zu⸗ rück; ſie mußten aber deſſenungeachtet, als plötzlich die neapolitaniſchen Grafen Celano und Aquila ver⸗ rätheriſch von dem Kaiſer abfielen und ſich zu den Päpſtlichen ſchlugen, der Uebermacht weichen und ſahen ſich endlich bis nach Kapua zurückgedrängt. S. Germano und Montecaſſino, ja alles Land bis weit über den Vulturnus, fiel in die Gewalt der Papſtlichen. Soweit war Gregor IX Alles geglückt. Nur über Eines hatte er ſich zu beſchweren, und dies war die Wortbrüchigkeit der lombardiſchen Städte, die, nachdem ſie zu ihrer Freude und ihrem Vor⸗ theile den Krieg gegen den Kaiſer hatten ausbrechen ſehen, die Hände in den Schoos legten und weder die feſtgeſetzten Truppen noch Gelder ſandten, hof⸗ — 344 fend, der Papſt werde ſchon mit eignen Mitteln Neapel erobern. So ſtanden die Dinge, als ſich die, in dem vorhergehenden Kapitel erwähnte, Scene in dem Vatican zutrug. Gregor M fühlte, daß nun ein entſcheidender Schlag nothwendig ſei; darum ließ er mit Blitzesſchnelle und nach allen Himmelsge⸗ genden hin das Gerücht ausbreiten: Kaiſer Fried⸗ rich U ſei todt! Darum beorderte er noch einmal den Erzbiſchof von Mailand und den Kardinal Kolonna, ſich ſchleunig zu den befreundeten Städ⸗ ten zu begeben, um ſie durch alle nur erdenkliche Mittel zu bewegen, jetzt endſ'ch kräftigen Antheil an dem, wie er ſagte, heiligen Kriege zu nehmen. Die Nachricht von dem Tode des edlen Kaiſers machte einen tiefen, gewaltigen Eindruck auf das ganze Land; hier Trauer und Entſetzen, dort ein übermüthiges Frohlocken hervorrufend, je nachdem man in dieſen Zeiten der Parteien ghibelliniſch vder guelfiſch geſinnt war. Jedenfalls erſchütterte ſie den Muth der Kaiſerlichen und erhöhte die Kühn⸗ heit der Feinde. Alle Beſſergeſinnten in dem ganzen Königreiche Neapel brachen in einen Schrei des Schmerzes aus und ihre Klagen und Thränen konnte die Kunde von der glücklichen Rettung des ganzen kaiſerlichen Hofes, Petrus de Vineis', Her⸗ mann von Salza's und der Behauptung dieſer: „ 345 Friedrich ſei keinesweges todt, ſondern nur von der Küſte verſchlagen worden, tröſten. Dieſe Behauptung war freilich auf nichts An⸗ deres, als auf eine verzweifelte Hoffnung gebaut, von der ſich jedoch los zu ſagen keine der treuen Seelen weder Muth noch Kraft hatte. Nachdem nämlich in jenem fürchterlichen Stur⸗ me, welcher die kaiſerliche Flotte in der Nähe der Inſel Zante erreicht, die Gallione, die den Kaiſer geführt, geſtrandet war und auf Friedrichs Antrei⸗ ben ſich Alles auf die Boote gerettet, der edle Fürſt ſelbſt aber, welcher der Letzte an Bord ſein wollte, durch den Frevel des Mönches zurückgelaſſen wor⸗ den, trug die Hand der Vorſicht das kleine Fahr⸗ zeug glücklich durch die empörte Flut. Schrecken, Eile, Verwirrung und Todesangſt, ſo wie der erſchütternde Kampf der Elemente, die in ihrer Wuth Himmel und Erde zu zerſtören drohten, und die dichte, nur durch gräßliche Blitze von Zeit zu Zeit erhellte Nacht, hatten faſt das ganze Gefolge des Kaiſers ſo verwirrt und betäubt, daß Jeder nur mit ſich ſelbſt beſchäftigt war und in den erſten Augenblicken Niemand die Abweſen⸗ heit des Monarchen gewahrte. Selbſt Federbuſch, der, die vhnmächtige Aleris in ſeinen Armen, nach dem Kaiſer wiederholt ſchrie, um ſich von deſſen glücklicher Rettung zu überzeugen, ſah bald ein, daß ihn die größte Anſtrengung der Lunge nichts helfe, da Sturm, Donner und Wogengebrauſe jeden Laut übertönten. War es aber Ahnung, war es Furcht, ein unausſprechlich ängſtliches Gefühl ließ ihm keine Ruhe und ſo oft ein Blitz die Wolken⸗ nacht durchflammte, ſuchten ſeine Augen nach den Gegenſtänden ſeiner Liebe. Aber weder der Kai⸗ ſer noch Eudoria war zu gewahren; nur in die fahlen, graſſen Geſichter des Gefolges, aus denen ihm eine ſtumpfe Verzweiflung entgegenſtarrte, ſah er. David hoffte ſich getäuſcht, in dem Durch⸗ einander, welches in dem kleinen überfüllten Fahr⸗ zeuge herrſchte, die Vermißten überſehen zu haben. Ein neuer Blitz ließ ihn nicht mehr entdecken, nur ſchien es ihm, als ob auch der Deutſchmeiſter Friedrich ſuche. Jetzt krachte abermals ein Don⸗ ner, ein ſchwefelgelbes Licht wandelte die dichte Nacht in hellen Tag, eine furchtbare Welle ſchleu⸗ derte, auf ihrem Kamm von ziſchendem Schaume, das Bvot hoch in di Lüfte. David klammerte ſich an den Rand des Fahrzeuges ſo feſt als mög⸗ lich, da fielen ſeine Blicke zufällig auf das ſchon ferne Wrack— ein Schrei des Entſetzens entfuhr der gepreßten Bruſt— im Höllenſcheine der Blitze hatte er eine Erſcheinung, die wie das Zucken des Auges auftauchte und wieder in die Nacht ver⸗ ſank. Auf dem Verdeck des Wrackes ſtand eine 4 347 hohe Geſtalt, in den Armen lag ihr ein zartes Weſen, deſſen weiße Gewänder wild in dem Sturm⸗ wind flatterten, zur Seite der Unglücklichen aber ragte ein Löwe, deſſen ſchmerzliches Brüllen Sturm, Donner und Wogenſchwall furchtbar übertäubte. David war außer ſich. Friedrich und Eudoxia waren zurückgeblieben, waren unrettbar verloren! Was galt Federbuſch das eigene Leben, jede Rück⸗ ſicht hörte hier auf. Er rüttelte ſeinen Nachbar aus der Starrheit der Verzweiflung, drückte ihm die noch immer ohnmächtige Aleris in die Arme und verſuchte nun, Salza und Vineis ſeine Ent⸗ deckung zurufend, ſich zu Jenen hinzuarbeiten. Aber auch dieſe waren bereits zur gleichen Gewißheit gekommen. Ein männlicher Entſchluß erfüllte ſie. Mit dem Kaiſer leben oder ſterben! riefen ſie wie aus einem Munde. Alles flog zu den Rudern und Jeder arbeitete mit faſt übermenſchlichen Kräften. Aber was iſt Menſchenkraft gegen eine em⸗ pörte Welt? Sturm und Wogen ſpotteten ih⸗ rer Anſtrengungen— und ehe eine Viertel⸗ ſtunde vergangen, war das Wrack ihren Augen entſchwunden. Nach verzweifelten rieſigen Anſtrengungen lan⸗ dete das Boot auf Zante. Der Sturm aber raſ'te fort bis zum kommenden Morgen. Der Kanzler, wie der größere Theil der Schinbrüchigen, war bis zum Tode erſchöpft, für des alten Skotus und Aleris Leben war zu bangen und nur Hermann von Salza und David trotzten der Anſtrengung. Deſſenungeachtet graute kaum der Tag, als ſich dieſe beiden edlen Männer, unterſtützt von einigen Fiſchern, die ſie an der Küſte der Inſel getroffen, von neuem einſchifften. Liebe und Angſt ſtärkten ihren Muth, und ob⸗ gleich die See noch immer ſehr hoch ging, und das einzige Fahrzeug, welches ihnen zu Gebote ſtand, ſchwach und gebrechlich war, ließen ſie ſich doch nicht von dem Entſchluße abbringen, ihren Kaiſer, und wäre es mit Gefahr des eigenen Lebens, zu retten. So ſtachen ſie, im Vertrauen auf Gott, muthig in die See. Wie aber ſollten ſie nun das Wrack, vorausgeſetzt, daß es die Wellen noch nicht ver⸗ ſchlungen, finden, da ſie weder die Richtung, noch Entfernung kannten, in welcher es von den Küſten lag? Aber auch dieſe Zweifel konnten den Vor⸗ ſatz der kühnen Männer nicht beugen, und woran man einmal ſein Leben geſetzt, das wird man meiſt auch zum Ziele führen. Gegen Mittag gewahrten ſie von fern einen ſchwarzen Punkt und begrüßten bald darauf mit Jubel die Reſte des geſtrandeten Schiffes.. Je näher ſie demſelben kamen, deſto fräftiger —— 349 handhabten ſie die Ruder, laut tönte ihr Ruf, fröh⸗ lich flatterten im Winde weiße Tücher— es regte ſich auf dem Schife nichts! Bald waren ſie der Gallione ſo nahe, daß man ihre Stimme auf der⸗ ſelben hören mußte— Alles blieb auf dem halb⸗ zertrümmerten Schiffsrumpfe todt und ſtill. Hermann und David erbebten. Schweigend, angſtbeklommen ſtiegen ſie haſtig an Bord. Das Schiff war leer und weder von Friedrich noch Eudoria eine Spur zu ſehen! Es iſt herzzerreißend, ſeine Lieben in Gefahr zu wiſſen; es iſt ein peinlicher Zuſtand, von namen⸗ loſer Angſt getrieben, nach ihrer Rettung zu ſtre⸗ ben— mit bangem Entzücken winkt der Augen⸗ blick, in dem wir hoffen, unſere Anſtrengungen durch ein glückliches Gelingen gekrönt zu ſehen— aber niederſchmetternd, vernichtend iſt der Moment, der mit Einemmale alle unſere Hoffnungen mit Füßen tritt, all unſere Bemühungen als vergebens erſcheinen läßt. David ſtand ſprachlos. Die einzigen Sterne in der Nacht ſeines Lebens waren untergegangen; dichte, ſchauerliche Finſterniß hüllte ihn in ihren Mantel ein. Der übergroße Schmerz raubte ihm faſt die Beſinnung. Auch Hermann von Salza hatte es befremdet, den Kaiſer nicht mehr an Bord zu finden; aber 35⁰ ſeine Geiſtesgegenwart und Ruhe verließen ihn auch jetzt nicht. Er unterſuchte den Raunm, welchen der Kaiſer auf dem Schiffe bewohnt hatte, und da er fand, daß hier Alles, was von Wichtigkeit an Documenten und ſonſtigen Dingen vorhanden ge⸗ weſen, nicht mehr anzutreffen war, ſo zog er den natürlichen Schluß, daß ſich der Kaiſer auf irgend eine ſichere Weiſe gerettet haben müſſe. Dieſe ſchwache Hoffnung war denn auch der einzige Troſt, den ſie von dieſer kühnen Fahrt mit⸗ brachten— der einzige Troſt, der ihnen für die Weiterreiſe nach Italien blieb. Dort, dort hoffte David ſeinen Kaiſer, ſeine Geliebte, ſein Alles wieder zu finden— nach je⸗ nen Küſten ſtrebte mit namenloſer Sehnſucht und Ungeduld ſein Herz, ſein Geiſt, ſein Sinn. Endlich waren ſie erreicht— aber ach!— auch ſie hatten die Theuern nicht begrüßt und mit dumpfem Aechzen tönte ihnen der Trauerruf entgegen: Der Kaiſer iſt nicht mehr! Gelobt ſei uns die ew'ge Nacht, Gelobt der ew'ge Schlümmer! Wol hat der Tag uns warm gemacht Und welk der lange Kummer. Die Luſt der Fremde ging uns aus, Wir ſehnen uns ins Vaterhaus. Uovalis. Es gibt Fälle im menſchlichen Leben, die uns ſo ſchmerzlich, ſo grauſam oder ſo überraſchend berüh⸗ ren, daß wir, ſelbſt wenn ſie uns ſchon betroffen, an der Möglichkeit derſelben zweifeln. Der Schmerz liegt, ſo zu ſagen, noch fremd außer uns; wir ah⸗ nen ihn, aber er däucht uns ſo unermeßlich groß, daß wir vor ihm zurückſchrecken, ihn mit Gewalt abzuwehren ſuchen und flehend zu dem Himmel auf⸗ ſchreien: Herr! es iſt unmöglich, daß deine milde Hand ſolch Furchtbares über mich verhängt. So ging es David, ſo ging es Aleris, ſo Her⸗ nann und Petrus und, welch herrliches Zeugniß für den Kaiſer, mit wenig Ausnahme dem ganzen Hofe, ſelbſt dem größten Theile des Landes. Ja in Davids Innerem geſellte ſich nach und nach dieſem Glauben an die Unmöglichkeit des Unterganges all ſeiner Hoffnungen, ſeiner Liebe, ſeines Glücks ein wunderbares Gefühl, eine Ah⸗ nung, eine dunkle Gewißheit bei, daß er Kaiſer und Geliebte wiederfinden werde; eine Gewißheit, die ihm ein Troſt, eine Verheißung des Himmels dünkte, die ihn ſtärkte, die furchtbare Angſt und Spannung zu ertragen, in welche ihn das unaus⸗ geſetzte Hoffen und Fürchten ſetzte. Auch Hermann von Salza gab den Glauben an die Erhaltung des Kaiſers nicht auf und nur der finſtere Kanzler, gewohnt, Alles in den dunkel⸗ ſten Farben zu ſehen, entſagte verzweifelnd allen Hoffnungen. Der Tod des Kaiſers wäre freilich für Vineis Zukunft entſcheidend geweſen, da ihn derſelbe in vielen Beziehungen höchſt ſchmerzlich berührt haben würde. Kettete ihn doch vor Allem aufrichtige Freundſchaft und Dankbarkeit an den Monarchen, dem er Alles, was er war und beſaß, verdankte. Friedrich hatte ſchon im Anfange ſeiner Regierung Petrus in Bologna kennen gelernt, woſelbſt Vineis ſtudirte und in den dürftigſten Verhältniſſen lebte. Dem ſcharfen Blicke des Fürſten entgingen die ausgezeichneten Anlagen und Fähigkeiten des jun⸗ gen Mannes nicht; er zog ihn an ſich und da ſich Vineis bald durch tiefe Gelehrſamkeit hervorthat, ſo erhob ihn der Kaiſer nicht nur zu ſeinem Miniſter 353 und Staatskanzler, ſondern wandte demſelben auch ſein ganzes Vertrauen, ſelbſt ſeine Freund⸗ ſchaft zu. Petrus verdiente dieſe Auszeichnung auch in vollem Maße und befriedigte die hohen Erwar⸗ tungen des Kaiſers vollkommen, wofür ſchon die damals erſchienene Geſetzſammlung für die König⸗ reiche Neapel und Sicilien zeugt, die ſeiner Feder zum größten Theil entfloſſen iſt und die ſeinem Geiſte und ſeinen Kenntniſſen ein würdiges Denk⸗ mal für alle Zeiten bleiben wird. Welcher Menſch dürfte ſich aber ſchmeicheln, feh⸗ lerfrei zu ſein? Auch Petrus hatte ſchwache Seiten, und hieher gehörte ein unbändiger Stolz, der ſein finſteres Gemüth völlig beherrſchte, ſich namentlich auch in ſeinem politiſchen Handeln kundgab und ihn ſchon durch ſich zum natürlichen Feinde des ſtolze⸗ ſten Menſchen, des Papſtes, machte. Außer dem Stolz beherrſchte ihn aber noch ein andrer Dämon, der Geiz. Da er arm in Aemter und Würden getreten war und doch denſelben gemäß leben und erſcheinen wollte, ſo war er lange genöthigt, den Geſetzen der Sparſamkeit zu folgen; wie ſich aber Reichthum bei ihm einfand, wandelte ſich dieſe Tugend allmälig in das vbenerwähnte Laſter und von nun an wußte der kluge Mann ſo weiſe zu wirthſchaften, daß nicht nur er, ſondern auch ſeine beiden Brüder Tomaſo und Tafuro in kurzer Zeit ungeheure Reichthümer aufzuweiſen hatten. Dabei blieb er aber vor wie nach des Kaiſers Stütze und gerade dieſe Leiden⸗ ſchaften des Stolzes und Geizes banden ihn, nebſt einer tiefen Achtung und aufrichtigen Dankbarkeit, nur noch feſter an Friedrich. Würden und Einkünfte ſtanden aber bei des Kaiſers Tod in Gefahr, und ſo peinigte Petrus der Gedanke, dieſe verlieren zu müſſen, jetzt eben ſo ſehr, als ihn die Trennung von dem hohen Freunde und mit ihm von allen den ſtolzen Idealen der Größe kränkte und aufrichtig ſchmerzte. In dieſer zweifelhaften Lage gelangte auf ge⸗ heimem Wege ein Schreiben des Papſtes an ihn, des Inhaltes: er möge, da es ja doch dem Him⸗ mel gefallen, ſeinen bisherigen Herrn, den Kaiſer, zu ſich zu rufen, nun ſeine Kräfte, ſeine hohe Ein⸗ ſicht und Staatsweisheit dem heiligen Stuhle wid⸗ men. Das Sendſchreiben war in einem höchſt ſchmeichelhaften Tone abgefaßt und ſchloß mit der Ausſicht auf wahrhaft fürſtliche Belohnung. Petrus erbebte, als er es las. Zwar kam es von ſeinem größten Feinde; aber er haßte ja den Papſt eigentlich nur um des Kaiſers willen, und der Kaiſer war, aller Wahrſcheinlichkeit nach, todt. War dies der Fall, mußte er für ſeine Exiſtenz fürchten, während ihm in Rom vielleicht der Kar⸗ 355 dinalspurpur, vielleicht— ihm ſchwindelte bei dem Gedanken!— Und dann konnte ja auch ein ſolcher Uebertritt den todten Freund nicht ſchmerzen, war an ihm kein Verrath der Freundſchaft mehr. Wilde, leidenſchaftliche Kämpfe zerriſſen des Kanzlers Bruſt, aber als ein gewandter Staats⸗ mann zeigte er der Welt ein kaltes, ruhiges Aeußere, und war entſchloſſen, erſt dann zu handeln, wenn ſich Friedrichs Schickſal beſtimmt entſchieden. Es iſt wahr, das Gefühl der Rechtlichkeit, Freundſchaft und Dankbarkeit ließ in ihm den Ge⸗ danken nicht aufkommen: ſeinen kaiſerlichen Wohl⸗ thäter durch den leiſeſten Zweifel an ſeiner Treue, falls er noch lebe, zu kränken. Vineis ſchloß ſich daher, Entſcheidung zu er⸗ langen, unbedingt dem Entſchluſſe an, welchen Salza im Vereine mit den Großen des Reiches gefaßt, ſofort alle erdenkliche Mittel aufzubieten, den jetzigen Aufenthalt des Kaiſers zu erforſchen. Hunderte von Boten flogen nach allen Küſtenſtäd⸗ ten, was an Schiffen aufzutreiben war, ſtach in die See, und ſelbſt nach den entfernteſten Ländern wurden Geſandte abgeſchickt, dem Verlornen nach⸗ zuſpüren. Ehe aber dies Alles noch geſchehen konnte, hatte David, der keine frohe Minute mehr ſah, Aleris in ſichere Hände untergebracht und war, um unerkannt zu bleiben, in dem ſchlichten Kleide eines Knappen nach der Küſte von Reggio geeilt, ſich dort auf irgend einem Fahrzeuge einzuſchiffen und die Spur jener theuern Menſchen zu erforſchen, ohne welche ſein Daſein keinen Reiz, keinen Werth mehr hatte. Aber ſchon der Weg nach Reggio ſetzte dem treuen Diener die größten Schwierigkeiten entge⸗ gen. Er war weit und, namentlich in den Ge⸗ birgen Calabriens, höchſt gefährlich zu paſſiren. Auch ſchien es, als ob ein tückiſches Schickſal Da⸗ vid verfolge; denn bald ermattete ſein Pferd, bald verirrte er ſich, hier wurde er von den Kaiſerlichen aufgehalten, dort von päpſtlich Geſinnten bedroht. Federbuſch überwand indeſſen alle dieſe Schwierig⸗ keiten mit einer bewundrungswürdigen Beharrlich⸗ keit, obſchon er faſt einen ganzen Monat brauchte, die ſüdliche Küſte Italiens zu erreichen. Endlich näherte er ſich derſelben und ſein Herz ſchlug höher und hoffnungsvoller, als er erfuhr, daß ihn nur noch eine Strecke von einer Tagereiſe von ſeinem vorläufigen Ziele trenne. David hatte mitten in einem dichten Walde in der Hütte eines Köhlers übernachtet und ritt nun, mit Anbruch des Morgens, dem angedeuteten Wege entlang, der Gegend von Reggio zu. Es war ihm wunderbar zu Muthe. Der kühle 357 Morgenwind rauſchte friſch und fröhlich durch die Bäume und ſchüttelte in den grünen Wipfeln die befiederten Sänger munter. Allüberall erwachte das Leben in tauſend Geſtalten und unzählige Ge⸗ ſchöpfe ſummten und ſchwirrten, ſchrieen und jubel⸗ ten in dem Gefühle der Luſt, das die Fülle der neu⸗ erwachten Lebenskraft in ihnen hervorrief. Selbſt die Blumen öffneten ihre bunten Aeuglein und blickten mit einer Thräne der Dankbarkeit, die in dem Kelche zitterte, nach dem tiefblauen, reinen Himmel. Süße Düfte waren ihre Gebete, in die der Vöglein Morgenlied, des Sturzbaches Gebrauſe, das Rauſchen der Bäume— und alle Laute der weiten Schöpfung ſich innig miſchten. Davids Bruſt durchſchnitt dies ſelige Erwachen der Natur mit einem tiefen Schmerz. Es war ihm wie einem Unglücklichen, der in das lächelnde An⸗ tlitz eines Säuglings ſchaut und mit einem Seuf⸗ zer ausruft: Ach, auch dein Herz wird das rauhe Leben noch brechen und dein Lächeln wird erſterben an manchem ſchweren Kummer! Das Schickſal, welches der treuen Seele ſo plötzlich den hohen Freund und die ſo heiß, wenn auch nur ſtill und fern Geliebte entriſſen, hatte gleichſam ſeinem Leben die Grundlage entzogen. Es war hohl und kalt in ſeiner Bruſt geworden, und da er ſein ganzes Leben unbedingt der Wohl⸗ 358 fahrt des Kaiſers gewidmet, ſo fehlte dieſem jetzt der Zweck, der ihm ja doch eigentlich nur den Werth gibt. Dachte er ſich, ein weiteres Leben, ohne Fried⸗ rich und Eudoria wiedergefunden zu haben, führen zu müſſen, ſo kam er ſich wie ein Schiffer vor, der in dunkler Nacht, ohne die freundlich leitenden Sterne, ungewiß und ein Spiel der Wellen, auf fremden Meeren umhertreibt. Um nicht in Wehmuth und Troſtloſigkeit ver⸗ gehen zu müſſen, klammerte ſich ſeine Seele krampf⸗ haft an der Hoffnung feſt, und wenn er dann ſo recht innig hoffend und ſehnend aufblickte zu dem freundlichen Himmel und der Güte und Gnade des Ewigen gedachte, der ja ſeine Geſchöpfe nicht zer⸗ treten, ſondern aufrichten, nicht unglücklich machen, ſondern beglücken will; dann konnte er ſich nicht halten und rief: Ach ja, ich werde ſie gewiß— ich muß ſie wiederſehen! Und er trieb dann wol raſcher ſein Pferd an und bat Gott aus tiefſtem Herzen, ſein Flehen zu erhören, ſein Hoffen zu erfüllen. Wer David hier geſehen, wie er im Dunkel des Waldes, zwiſchen Bergen und Schluchten, da⸗ hinritt und, mit feuchten Augen zum Himmel blickend, ſo herzlich für ſeinen Kaiſer betete, der würde erſtaunt. gefragt haben: Iſt das jener „Narr,“ der, ſo oft von Witzen überſprudelnd, den 359 ganzen Hof des Kaiſers lachen machte? derſelbe, deſſen beißende Sarkasmen den Schrecken aller Hofſchranzen bildeten? Und doch war es eine und dieſelbe Perſon, und gerade der Humor, wenn auch ein ſchmerzlicher, hob ihn über ſich und die Welt und ihre Leiden. Seelen, wie die des Narren, vermag eine hu⸗ moriſtiſche Stimmung auf eine Höhe zu heben, von welcher aus das Leben ſo klein, kurz und arm er⸗ ſcheint, daß ſelbſt ſeine ſchwerſten, uns oft unerträg⸗ lich vorkommenden Leiden, gegen Gott und die Ewigkeit ſo winzig zuſammenſchrumpfen, daß ſie ein mitleidiges Lacheln hervorrufen. Von dort aus geſehen ſinken die Höhenpunkte des Lebens ſo gut zuſammen, wie ſich die Thäler verflachen, und wir ſchauen erſtaunt, daß wir alle wie Kinder mit ge⸗ brechlichem Spielzeug geſpielt und wie jene über Kleinigkeiten gelacht und geweint haben. Iſt der Spieltag vorüber, ſtreicht der Tod den bunten Tand hinweg und lullt uns ſanft zur Ruhe. Auch jetzt ſtärkten David ähnliche Gedanken und er ſuchte durch ſie wenigſtens den Schmerz und die Unruhe zu betäuben, die immer wieder mit den alten Zweifeln: wirſt du ſie je wiederfinden oder nicht? in ihm aufſtiegen. Die Gegend war einſam und höchſt roman⸗ tiſch. Der Weg führte ihn jetzt eben durch ein rei⸗ zendes, von hohen, waldigen Bergen eingeſchloſſe⸗ nes Thal, das ſich nach und nach immer mehr ver⸗ engte und in der Ferne faſt keinen Ausgang ſehen ließ. Mächtige Felsblöcke ſtiegen hie und da gigantiſch auf und gaben, bald kahl, bald bemooſt, der Phantaſie Veranlaſſung zu wunderlichen Träu⸗ men. Durch die Wieſe ſchlängelte ſich dabei ein kla⸗ rer Bach, der ſich neckiſch dort hinter Büſchen ver⸗ ſteckte und hier wieder luſtig hervorhüpfte, jenſeits einen See und wenige Schritte weiter einen klei⸗ nen Waſſerfall bildend. In glücklicheren Zeiten und mit weniger be⸗ laſtetem Gemüthe würde Federbuſch dieſe Gegend einen reichen Genuß gewährt haben; in ſeiner jetz⸗ gen Stimmung aber dachte er bei dem ſchönſten Wege nur an Eins, und zwar— an deſſen Ende. Dies aber wollte gerade heute nicht erſcheinen, und ſo oft er den Ausgang des Thales erreicht zu ha⸗ ben glaubte, zeigte ihm eine zurücktretende Felſen⸗ wand eine neue Biegung des Thales. So war die Sonne bereits in den Zenith getreten. Ihre Strahlen ſchoſſen faſt ſenkrecht hernieder und Thier und Reiter ſeufzten unter ihrer Glut. Auch Hun⸗ ger und Durſt hatten ſich bei Beiden eingeſtellt, ſo daß ſich Federbuſch ſchon zu öfteren Malen nach einer menſchlichen Wohnung umgeſehen, in welcher er dieſe Bedürfniſſe zu befriedigen hoffen konnte ——————— 361 Lange harrte er indeſſen vergebens, bis ihm end⸗ lich in einer neuen Wendung des Thales die ſtatt⸗ lichen Gebäude eines Kloſters entgegenlachten. Sein hungriger Magen drehte ſich vor Freude um und auch ſein Pferd ſpitzte die Ohren und nahm einen ſchärferen Schritt an. Das Kloſter war in wenigen Minuten erreicht, und dem Klopfenden öffnete ſich alsbald die gaſt⸗ liche Pforte. Der Bruder Pförtner empfing ihn freundlich und führte ihn, ſobald er ſein Anliegen vernommen und das Pferd einem Knechte über⸗ geben hatte, in den nahen Kloſtergarten. Hier bat er David, in einer kühlen Laube Platz zu nehmen, und ging ſodann einen andern Bruder— der un⸗ weit der Laube im Schatten Blumen begoß, Ge⸗ wächſe beſchnitt und anband— von der Ankunft des Fremdlings zu benachrichtigen. Der greiſe Gärt⸗ ner ſetzte ſogleich das Gefäß mit Waſſer, welches er in der Hand hielt, nieder und kam auf Feder⸗ buſch zu. Es war eine überaus würdevolle Geſtalt, welcher die wenigen grauen Haare und das ein⸗ fache Gewand eines gewöhnlichen Mönchs etwas wahrhaft Impoſantes gaben, das jedoch ein Aus⸗ druck von unendlicher Herzensgüte auf eine an⸗ ziehende Weiſe milderte. David trat voll Ehrfurcht dem Mönche ent⸗ I. 16 362 gegen; wer aber beſchreibt ſein Erſtaunen, als er in ihm den ehemaligen Erzbiſchof von Palermo er⸗ blickte! Aber auch Parſus erkannte ſogleich in dem vermeintlichen Knappen: David Federbuſch, den Hofnarren des Kaiſers. Das doppelte Räthſel löſte ſich bald, und nach⸗ dem David den würdigen Pater über den Zweck ſeiner Reiſe belehrt, erfuhr er aus dem Munde des Erzbiſchofs, daß ihn der heilige Vater aller irdiſchen Sorgen überhoben und ihm erlaubt habe, ſein Leben in der Einſamkeit dieſer Mauern, im Umgange mit ſeinen Blumen und ſeinem Gotte, ruhig und glücklich zu beſchließen. David war über dieſe Zurückſetzung eines Mannes, der in aller Rechtlichen Augen als ein ausgezeichnet frommer und weiſer Prieſter galt, und auf welchen der Kaiſer von jeher ſehr viel ge⸗ halten, höchſt erbittert.* Die alte Kreuzſpinne zu Rom mag ſich in Acht nehmen, rief er heftig aus, und wenn ſie auch Alles von ſich entfernt, was ihre unheiligen Netze zerreißen könnte, der große Hohenſtaufe wird ſie doch einſtens noch zertreten und dann wird Euch, ehrwürdiger Herr, Recht und Gerechtigkeit wider⸗ fahren. Nicht ſo, mein lieber Freund, entgegnete lächelnd der Geiſtliche. Gott gebe, daß der edle ————— —.—— Kaiſer bald wieder in ſein Reich zurücktehre. Wenn ihm aber dieſe Gnade wird, dann rathet ihm ernſt⸗ lich von jedem Verſuche, den Nachfolger Petri zu ſtürzen, ab. Friedrich wird den Lauf der Welt und die menſchliche Natur nicht ändern. Religion, und in ihr Einheit, bedürfen aber die Völker, bedürfen die Herrſcher, und ſo lange ein Menſch Papſt ſein wird, ſo lange werden auch die Päpſte irren. Das iſt es eben, ſagte David, die Päpſte möchten immer menſchlich irren, dem wäre abzu⸗ helfen, wenn ſie nur nicht in ihrem Uebermuthe dieſe Irrthümer durch die Lehre von ihrer Unfehl⸗ barkeit heiligten. Geſteht ſelbſt, ehrwürdiger Va⸗ ter, welche Maſſe von Unheil hat Religionshaß ſchon geſtiftet? Religionshaß! wiederholte Parſus mit einem ſchmerzlichen Blicke nach dem Himmel, ach! daß wir eines ſo wahnſinnigen Wortes in der Sprache bedürfen. Religionshaß?— Liebeshaß?— liegt denn Vernunft darin? Was iſt denn Religion?— Religion iſt das Leben in Gott— in spiritu al- lissimo— wie das Epangelium ſagt; da aber Gott die Liebe iſt, ſo heißt religiös ſein, ſo viel als: in der Liebe leben. Wenn die Menſchen doch nur einen Blick in das große Buch der Natur werfen wollten, da würden ſie Antwort auf alle ihre Fragen und Zweifel finden. Dort würden ſie 16* . 364 finden, daß die lieben, ſtillen Pflanzen und Thiere mehr Religion haben, als ſie, denn ſie leben nach den Vorſchriften der Natur und wollen nichts Anderes, als was Gott will. Freilich, dafür haben ſie aber auch keinen freien Willen, und ich dächte, rief David, lieber hier und da fehlen und ſelbſtſtändig ſein, als mit aller Hei⸗ ligkeit bewußtlos vegetiren. Da haſt du Recht, mein Sohn, entgegnete der Pater, und du kannſt mir glauben, daß ich die Gaben des Verſtandes und der Selbſtſtändigkeit zu den höchſten rechne, mit welchen uns der Allgütige überſchüttet. Aber eben der Verſtand läßt uns je⸗ nen Schluß ziehen, und ſollte uns anhalten, eben⸗ falls nichts Anderes zu wollen, als was Gott will. Wie ſchrecklich misbrauchen oft die Menſchen dieſen Segen! Ich dachte früher auch oft über den vielen Unſinn nach, den die Menſchen zu allen Zeiten be⸗ gangen und bis in alle Ewigkeit begehen werden, verſetzte David. Seit ich im Oriente war, kann ich mirs aber erklären. Dort gab es einſt einen großen Religionslehrer,„Zoroaſter“ glaub' ich mit Namen, der lehrte, daß der erſte Menſch aus ei⸗ nem Urſtier entſtanden ſei. Iſts da ein Wun⸗ der, daß die Menſchen oft mit dem Kopf an die Wand rennen? ——,— ————— 365 Ach ja, ſagte Parſus, wenn man das wirre Treiben der Welt anſieht, ſo kann manecht trau⸗ rig werden, und nur die Natur vermag uns wie⸗ der zu erheben, zu erheitern und der Gottheit zu⸗ rückzuführen. Hier iſt reine Sittlichkeit, weil nichts die Sitte, die vorgezeichnete Schranke, überſchreitet, und will denn das Chriſtenthum et⸗ was Anderes als Sittlichkeit? Will dies aber auch der Papſt, will dies ein großer Theil der Geiſtlichkeit? Leben ſie nicht zumeiſt in dem Schlamm der Sünde und blähen ſich auf, als ob ſie den heiligen Geiſt mit allen Federn gefreſſen? Leider muß die Wahrheit dies bejahen, verſetzte Vater Parſus, gar vielen Prieſtern fehlt die ſchönſte aller Tugenden, die Demuth. O daß ſie doch alle ſo edel, fromm und be⸗ ſcheiden wären, wie Ihr! rief, von tiefer Verehrung hingeriſſen, der Narr. Schon in Palermo hab' ich Euch oft bewundert, aber heute ſcheint Ihr mir größer als je! Ihr täuſcht Euch, ſagte der Mönch lächelnd, nicht ich bin groß, aber ich ſtehe mitten in Gottes ſchöner Natur, die mich hebt und verklärt und be⸗ ſeligt. Daher werde ich auch dies Kloſter nie mehr verlaſſen; denn gerade die beſcheidene Stelle, welche ich jetzt in der Welt ausfülle, iſt diejenige, an die ich gehöre. Den richtigen Standpunkt im Leben zu finden und durch ihn innere Zufrieden⸗ heit zu begründen, iſt ſchwer. Wer ihn ausmitteln will, ſeine kleine häusliche Welt, berechne ſeine natürlichen Anlagen, prüfe den Hang ſeiner Seele, lerne ſodann die große Welt und ihre For⸗ derungen kennen und vergleiche das Eine mit dem Anderen. Der Punkt, von welchem aus geſehen dies Alles harmonirt, iſt der rechte. Wer ſich auf denſelben ſtellt, wird das innere Gleichgewicht— und mit ihm die größte Gabe Gottes: Zufrieden⸗ heit— nie vermiſſen. Ich habe dies gethan und finde hier den Ort, an dem ich den Ruf zur Heim⸗ kehr erwarten ſoll. Vater Parſus hatte dieſe Worte mit einem ſolchen Ausdruck tiefer Ueberzeugung geſagt, daß David nichts zu entgegnen wagte. Er küßte ehr⸗ furchtsvoll die welke Hand des Greiſes, der hier⸗ auf wegging, den Hungernden mit einem einfachen Mahle zu erquicken. ₰ Federbuſch hatte indeſſen Zeit, dieſen Worten nachzudenken, und fand ſie unendlich wahr. Wie Recht haſt du, rief er nach einer kleinen Pauſe aus, die Auſter bleibt in ihrer Schaale und verlangt nicht nach den Flügeln des Vogels; aber der Menſch ſucht gewöhnlich ſein Heil in den Elemen⸗ ten, die am wenigſten für ihn paſſen. Das ſtillſte Glück iſt das größte! ————— Vater Parſus war indeſſen mit einem Korbe köſtlicher Früchte und einem Kruge Wein zurückge⸗ kehrt, und bediente, obgleich ſich David dagegen wehrte, den Narren mit der liebenswürdigſten Freundlichkeit und Aufmerkſamkeit. Das Geſpräch kam natürlich vor allem Ande⸗ ren auf jene Frage, die damals faſt ganz Europa bewegte und an deren glücklicher Löſung auch das Lebensglück Davids hing. Daß ich keine irdiſchen Güter habe, hat mich ſelten gedrückt! ſagte bei dieſer Gelegenheit der einſtige Erzbiſchof, heute empfinde ich es faſt zum Erſtenmale ſchmerzlich. Ich würde Euer Unterneh⸗ men mit allen meinen Kräften unterſtützen. So kann ich es nur Gott in brünſtigem Gebete empfeh⸗ len. Mein Vertrauen auf ihn wankt indeſſen nicht. Iſt es zum Beſten der Menſchheit, ſo glaubt ſicher: der Allweiſe führt den edlen Kaiſer in ſeine Reiche zurück. David pries den glücklichen Glauben und das feſte Vertrauen des Greiſes und geſtand, welchen Kämpfen, Zweifeln, ja welchem Kleinmuth zum Theile ſeine Seele ſeit jener Trennung von dem angebeteten Herrn erlegen ſei. Parſus tadelte auf milde Weiſe dieſen Man⸗ gel an Zuverſicht auf Gottes Gnade und ſagte: Lieber Freund, die Duinteſſenz aller Lebensweisheit 368 läßt ſich in den paar Worten zuſammenfaſſen: Al⸗ les iſt am beſten, wie es iſt. Der wahrhaft religiöſe Menſch iſt von der Ueberzeugung durch⸗ drungen, daß nichts auf Erden ohne Gottes Wil⸗ len geſchieht; da nun aber das höchſte Weſen im⸗ mer nur das Beſte wollen kann, ſo muß auch Alles, was da geſchieht, das Tauglichſte ſein. Ein un⸗ endlicher Troſt liegt in dieſem Evangelium, deſſen Urtert, wie der aller Lebensweisheit in dem großen Buche der Natur verzeichnet iſt. Dann müßte ja aber auch die Maſſe des Schlechten, das in der Welt iſt, gut ſein, meinte der Narr. Keineswegs, verſetzte Parſus, das Schlechte, an und für ſich bleibt immer Unrecht und ein Ab⸗ fall von Gott; deſſenungeachtet hat es in ſeinen Wirkungen ſein Gutes und iſt dem geſellſchaftlichen Leben, was z. B. die Giftpflanzen in der Pflanzen⸗ welt ſind. Glaubt Ihr, Gott habe ſie umſonſt ge⸗ ſchaffen? Während ſie dem einen Geſchöpfe Tod bringen, geben ſie dem andern Leben. Sie ſind die wahren Bäume der Erkenntniß und lernen uns das Gute vom Schädlichen unterſcheiden und Er⸗ ſteres um ſo inniger lieben. Chriſtus ſelbſt hat dies Alles ſchon gelehrt, indem er die ewigen Worte ſprach: Denen, die da Gott lieben, müſſen alle Dinge zum Beſten dienen! — 369 Die Lehren des Prieſters, ſo anſpruchslos und doch mit ſolcher Ueberzeugung geſprochen, machten auf Davids aufgeregtes Gemüth einen ſo wohl⸗ thätigen Eindruck, daß er, als er von dem liebens⸗ würdigen Greiſe ſchied, ſich ſelbſt wie ein anderer, beſſerer Menſch vorkam. Mit neuen Hoffnungen und feſterem Vertrauen ausgerüſtet, ſetzte er ſeinen Weg fort, und als die Sonne endlich in Weſten ſank, hatte er Reggio erreicht. 16** 21. Der Löwe. Sie haben ihren Unvergeßnen Geraubt dem Schvos kryſtallner Wogen, Den Helden aus dem Unermeßnen In ihres Babels Koth gezogen. G. Herwegh. Schon bei ſeinem Einzuge in dieſe, damals noch in ihrer vollen Blüte ſtehenden Stadt, kündete David das Gewühl und der Lärm auf den Straßen eine Volksfeier an. Die Maſſen wälzten ſich ſo dicht von allen Seiten einher, daß David mit ſei⸗ nem Pferde kaum durchkommen konnte. Uebrigens blieb er nicht lange in Zweifel, wem der Jubel gälte; denn der unaufhörlich von allen Seiten er⸗ ſchallende Ruft Viva Sant' Agata! belehrte ihn, 2 daß man hier den Vorabend des Feſtes jener ſchö⸗ en Heiligen begehe, die, da ſie ſich nicht zur Ab⸗ götterei verführen ließ, 252 nach Chriſto von einem Stntthalter des Kaiſers Decius Quintianus auf eine grauſame Weiſe hingerichtet worden. Federbuſch kümmerte der Lärm ſo wenig, als das Spottgelächter, mit welchem ihn der Pöbel überall 3 —— —— 371 5 empfing. Dachte er doch weder an die bevorſtehen⸗ den Herrlichkeiten des Feiertages, noch an ſich, ſondern ritt ſtill und in ſich gekehrt, nur mit dem Gedanken: auf welche Weiſe er wol am eheſten die Spur des Kaiſers entdecken könnte, einer Her⸗ berge zu. Luſt berauſcht ſo gut als geiſtige Getränke und Zorn. Sind aber einmal rohe Menſchen in jenem unglücklichen Zuſtande, ſo kennen ſie gemeinlich keine Grenzen mehr und ihre Freude muß ſich alsdann in Thätlichkeiten Luft machen. Dies mußte auch der Narr, der längſt ſchon das Ziel des allgemei⸗ meinen Muthwillens geweſen, bald fühlen; denn ehe er noch ein gaſtliches Haus erreichen konnte, hatte ſich das Necken der ihm nachziehenden Weiber und Jungen ſchon in handgreifliche Späße ver⸗ wandelt. Ein gewandter, baumlanger Lümmel ſchwang ſich mit Einemmale hinter ihn auf das ohne⸗ hin matte Pferd und hielt ſich nun, zum allgemei⸗ nen Jubel, an dem Höcker des armen Menſchen feſt. David war ſo klug, in dieſer mislichen Lage gute Miene zum böſen Spiele zu machen. Einige kernige Witze brachten das Volk vor Entzücken außer ſich und Alles ſchickte ſich an, das wunder⸗ liche Reiterpaar durch alle Straßen zu führen, als Federbuſch zu ſeiner Seite die Herberge erblickte, in welcher er abzuſteigen geſonnen war. Er be⸗ , 372 merkte dies ſeinem läſtigen Hintermann und bat ihn mit freundlichen Worten, abzuſitzen; dieſer aber ſchrie wie beſeſſen, er laſſe ihn nicht los, bis er, der Heiligen zu Ehren, alle Straßen Reggios durchritten. Vergebens bemühte ſich David, den lümmelhaften Menſchen zu bedeuten, daß ſein er⸗ müdetes Pferd kaum ihn, geſchweige denn ſie Beide, noch fortzubringen im Stande ſei; der Menſch geberdete ſich, den Jubel des Volks zu ernten, auf läppiſche Weiſe und rief Letzteres endlich zu Hülfe. David bat, ſtellte vor, ſcherzte— Alles ver⸗ gebens!— ja die in ihrer rohen Luſt geſtörte Menge verwandelte, von dem Widerſpruch gereizt, plötzlich ihr Benehmen. Schimpfreden und Spott⸗ namen auf den Misgeſtalteten ertönten, Fäuſte erhoben ſich und Federbuſch würde ſchwerlich thät⸗ lichen Beleidigungen entgangen ſein, wenn nicht in demſelben Augenblicke ein dicker Dominikaner unter die Menge getreten wäre und ihr mit einer, eben nicht feinen, Rede den Kopf über dieſe Profanirung des Vorabends eines ſo hohen Feiertages gewa⸗ ſchen hätte. Der Pater hatte den rechten Ton getroffen, ſeine Donnerworte und die Drohung: die Heilige werde ſich dafür an ihnen rächen, thaten ihre Wir⸗ kung, der Bucklige und ſein Rößlein waren ver⸗ geſſen und ſtatt ihrer trug die Menge den dicken Mönch unter dem jauchzenden Zurufe: Viva Sam' Agata! auf den Achſeln davon. Auf David machte dieſer Vorfall einen um ſo unangenehmeren Eindruck, als er fürchtete, durch denſelben am Ende verrathen zu werden; auch nahm er ſich vor, den kommenden Tag vorſichtiger zu ſein. Aber auch in dem Wirthshauſe mußte er durch den Feiertag leiden, der allen Reggianern den Kopf verdreht zu haben ſchien. Kaum, daß man ihn, von dem man freilich auch keine große Zeche hoffen durfte, bediente, und nur mit unſäglicher Mühe gelang es ihm den nächſten Morgen, von dem Wirthe zu erfahren, welche Schiffe im Hafen lägen und wohin ſie zu ſegeln gedächten. Der Herr muß ein Heide ſein, rief endlich, über Davids Bemühungen, Auskunft zu erlangen, höchlich erzürnt, der Wirth, daß er an dieſem heh⸗ ren Tage nach Schiffen und Fahrgelegenheiten fragt. Heute iſt Sant' Agata und da wird nichts gefahren! David ſah ein, daß hier nichts zu machen ſei, und entſchloß ſich daher, ſelbſt in den Hafen zu gehen. Aber auch hier war Alles wie ausgeſtor⸗ ben. Unmuthig kehrte er zurück und traf, des We⸗ ges unkundig, gerade mit der Prozeſſion zuſammen, als dieſelbe die Hauptkirche verließ. Ehe Feder⸗ S . 374 buſch es ſich verſehen, umflutete ihn eine ungeheure Menſchenmaſſe und ſchob ihn, gegen ſeinen Willen und Vorſatz, der heiligen Handlung zu. In dieſem Augenblicke öffneten ſich die Flügel⸗ thüren der Kathedrale und die Prozeſſion trat aus den dunklen, von tauſend Lichtflammen durchblitzten Räumen, unter dem donnernden Zurufe: Viva Sant' Agata! auf die Straße. Kapuziner eröffneten den Zug, ihnen folgten Ca⸗ nonici, Domherren und Prälaten in ſtrenger Rang⸗ ordnung. Hierauf kam der Erzbiſchof und vier Biſchöfe, welchen der kaiſerliche Statthalter und die Senatoren der Stadt nachtraten. An dieſen ſchon beträchtlich langen Zug ſchloſſen ſich die In⸗ nungen mit ihren Fahnen und Symbolen an. Der Stolz einer jeden derſelben aber waren die rieſigen Wachskerzen, welche man der Heiligen zum Opfer brachte. Jede Innung führte deren vier und deu⸗ tete durch die Größe und Schwere derſelben ihren Reichthum und ihre Freigebigkeit an. Für heute hatten die Seidenſpinner den Sieg davon getragen. Ihre Kerzen waren ſechzehn Fuß hoch und vier Zoll dick. Sie ruhten auf einem hölzernen Geſtelle, welches ſich in barocker Form bis zu zwei Drittheil der Höhe der Lichter hinauf⸗ zog und von acht Männern getragen wurde. Drei⸗ zehn ſolcher Wachskerzengruppen ſchritten inmitten — der dreizehn Innungen Reggios vorüber. Jetzt ſtieg der bekannte Zuruf bis zu einer donnernden Kraft; denn auf einer Art Schlitten, von einem ſilbernen Tempel überragt und von ungefähr acht⸗ zig Mann gezogen, erſchien der Sarg der Heiligen. Die Kuppel des Tempels wurde in der Breite von zwei, in der Länge von drei Säulen getragen, un⸗ ter ihr ruhte der ſilberne Sarg, welcher die Ge⸗ beine Agathens einſchloß. Den Hintergrund des Tempels aber bildete ein kleiner Altar mit einer ſchlechten, mit goldenen Ketten und Edelſteinen be⸗ hangenen Büſte der ſchönen Märthrin, die von Blumen und Lichtern umgeben prächtig funkelte. Ein Biſchof, an eine der vorderen Säulen gelehnt, leitete vermittelſt einer Schelle den Zug, der ſich unter unaufhörlichem Jubelgeſchrei und dem Läu⸗ ten aller Glocken ſingend vorwärts bewegte. David hatte der ganzen Prozeſſion bis dahin theilnahmlos zugeſchaut; ſeine Gedanken ſchweiften ſuchend über Meere und ferne Länder, ſein Herz folterten Ungeduld, Wehmuth und Sehnſucht, ſeine Phantaſie umgaukelten die Geſtalten Friedrichs und Eudoria's. Da ſchreckte ihn plötzlich fürchterliches Brüllen und Schreien aus ſeinen Träumen. Raſch fuhr er empor und glaubte ſeinen Augen kaum trauen zu können, als er durch die ängſtlich zurück⸗ weichende Maſſe des Volkes hindurch den maje⸗ 376 ſtätiſchen Löwen des Kaiſers erblickte. Das edle Thier hatte heute eine ſonderbare Funetion. Mit⸗ ten in einem langen Zuge von Dominikanermönchen ſchritt es daher, einen kleinen Triumphwagen mit der Statue der heiligen Agatha ziehend. Die Mönche ſchienen ungemein ſtolz über dieſe neue auffallende Weiſe, ihren Antheil an der Feier des Tages kund zu geben; dennoch mußten ſie der Beſtie nicht ganz trauen, denn ſie wurde von vier handfeſten Män⸗ nern an eiſernen Ketten geführt und eine Schlinge um den Hals verrieth, daß man geſonnen ſei, das edle Thier bei der geringſten Gefahr, die es durch Wildwerden erregen würde, zu erdroſſeln. Deſſen⸗ ungeachtet fuhren die Dominikaner ſo wie das Volk entſetzt zurück, als der Löwe plötzlich zu brüllen anfing, und es hätte in der That wenig gefehlt, ſo wären die guten Pater vor ihrer eigenen Herr⸗ lichkeit davongelaufen. Aber der Löwe ſchien nur irgend einen Gegen⸗ ſtand erblickt zu haben, der ihn ſchmerzlich oder freudig berührte; ſeine flammenden Augen blickten nach der Gegend, in welcher David ſtand, der furchtbare Rachen öffnete ſich weit und ſein dum⸗ pfes, Alles übertönendes Gebrülle erſchallte noch einmal, als wolle er dem bekannten Freunde des Kaiſers zurufen: Rette deinen Herrn!— Dann ſchritt er mit finſteren Blicken ſtolz weiter. David ſtand wie verſteinert. Er hatte das Thier recht gut wiedererkannt. Es war kein ande⸗ rer, es war Friedrichs zahmer Löwe. Aber wie kam er in die Hände der Dominikaner? Gerettet mußte alſo der Kaiſer ſein, da das zreue Thier in dem Sturme bei ihm zurückgeblieben. War aber der Löwe hier, konnte es auch der Kaiſer ſein. Jedenfalls mußte der Löwe auf eine Spur, eine Nachricht über Friedrich führen. David war entſchloſſen. Er hüllte ſich in die Menſchenmaſſe, welche die Prozeſſion begleitete, und folgte Schritt vor Schritt den Dominikanern und ihrem wunderbaren Geſpanne. Der Zug ging an allen Kirchen vorüber und wurde an einer jeden derſelben mit dem unbegrenz⸗ teſten Jubel empfangen. Faſt ſchienen die Reggia⸗ ner ſelbſt die gewöhnlichen menſchlichen Bedürfniſſe des Eſſens und Trinkens vergeſſen zu haben, und der Lärm und die Luſt mehrte ſich noch, als gegen Mittag die ſogenannten Tupatelli ſich ſehen ließen. Das Feſt der heiligen Agatha brachte nämlich ſchon damals(und es hat ſich dieſer Gebrauch, ſo⸗ wie die ganze Feierlichkeit, bis auf die neueſte Zeit vererbt und findet noch jetzt in Catania ſtatt) den ſonſt ziemlich ſtreng bewachten Frauen einen Tag der Freiheit. Mädchen und Weiber haben nämlich alsdann das Recht, der Prozeſſion ohne ihre Män⸗ 378 ner, mit einer ſchwarzen Maske verſehen, zu folgen. Demjenigen, der ihnen am beſten gefällt, wird dann das Glück, für dieſen Tag ihr Führer zu ſein, wo⸗ gegen er die freundliche Gefährtin mit Früchten oder Dolce zu beſchenken hat. Gibt auch dieſer altherkömmliche Gebrauch, der quasi mit dem übergroßen Verdienſte der Hei⸗ ligen die übrige Frauenwelt lohnen ſoll, dem Feſte einen etwas weltlichen Charakter, ſo ſteht zu be⸗ rückſichtigen, daß damals, wie jetzt, Italien und Sicilien ſo viele Feiertage hatten und haben, daß allen denſelben, eben durch das Alltägliche, ohne⸗ dies ſchon jeder tiefere Ernſt, jede wahre kirchliche Weihe genommen iſt. Niemanden traf aber dieſe Freiheit ungelege⸗ ner als David, den, ehe er es ſich verſah, ein neckiſches Weſen, wol aus Muthwillen, zu ſeinem Ritter erkoren hatte. Federbuſch, der dieſen Ge⸗ brauch nicht kannte, ⸗wehrte ſich im Anfange zum großen Jubel aller Umſtehenden der Tupatella, indem er ſie für eine zudringliche Dirne hielt. Da ihn aber ſeine Ausſprache als einen Fremden ver⸗ rieth, ſo kehrte ſich die verlarote Schöne nicht an ſein Widerſtreben, erklärte ihm lachend den Scherz und zwang ihn ſo, das ihm peinliche Amt eines Cavaliers zu übernehmen. Wahre Liebe hat die Eigenheit, daß ſie das Herz des Lie benden, wie die Auſter ihre Schaale, nur in dem befreundeten Elemente öffnet, es aber deſto feſter gegen jeden fremden Angriff verſchließt. David widerte, namentlich in ſeinem dermali⸗ gen Zuſtande, die heitere Laune des Mädchens an. Er ging wie auf glühenden Kohlen an ihrer Seite, während der Zug und mit ihm der Löwe immer weiter und weiter aus ſeinen Augen verſchwanden. Endlich kamen ſie an eine Art Bretterbude, die aber nach vorn offen, ſo freundlich mit Blumen und grünen Zweigen ausgeſchmückt war, daß ſie eher einer wundervollen Laube glich. Hier lagen auf Matten die herrlichſten Früchte, hoch in Pyra⸗ miden aufgethürmt, und luden, nebſt Platten voll ſüßduftender Leckereien, die hungrigen Magen zum Naſchen ein. Die ſich dort ſchon mit ihren Ein⸗ tagsfreunden luſtig tummelnden Tupatelli mahnten den Narren an ſeine Pflicht und da zugleich ſein Magen auch ein Wort mitſprach, ſo kam er auch derſelben treulich nach. Das Geſpräch der verſchiedenen, ſich unter ein⸗ ander neckenden Gruppen berührte die hetrogenſten Dinge, von welchen indeſſen Federbuſch ſo wenig Notiz nahm, als von dem Geplauder ſeiner ver⸗ larvten, zudringlichen Freundin. Da hörte er mit Lachen dicht hinter ſich des Löwen erwähnen. Corpo di bacco! rief einer der Cavaliere, das 380 ſchönſte bei der heutigen Prozeſſion war doch die Beſtie, die die Dominikaner mit ſich führten! Freilich! entgegnete ſeine Dame, ſo etwas hat man hier noch nie geſehen. Doch! rief eine Andere, in des Kaiſers Thier⸗ garten zu Melfi ſah ich zwei eben ſo ſchöne Löwen. Die auch ſo zahm waren? Nein! ſie wurden hinter Eiſenſtäben ſorg⸗ fältig verwahrt. Das iſt aber gerade das Wunder! ſagte hier eine etwas ältliche, weibliche Stimme; auch das Unthier, welches wir eben ſahen, iſt ſo wild wie nur je ein Löwe ſein kann, aber der Wille der heiligen Brüder hat es gezähmt, und als es heute Morgen die Statue der heiligen Agathe ſah, win⸗ ſelte es ſo lange, bis man es an den Wagen der Gottgeweihten ſpannte. Gelobt ſei die heilige Agathe! rief es im Cho⸗ rus und nun hatte faſt jede der Verlarpten ein neues Wunder zu erzählen, welches die Gebeine der Märtyrerin heute ſchon gewirkt. Wie kommen aber die Mönche zu dem Thiere? frug dazwiſchen einer der Männer. Sie haben es aus Melazzo, entgegnete die ältere Stimme. Da es todtkrank war, verkaufte es der Aufſeher jenes Thiergartens an den Abt des Kloſters S. Trinita di Cava, der es erſtechen laſſen 381 und ſein Fell wohlbearbeitet dem heiligen Vater ſenden wollte. Kaum hatte es aber die heiligen Mauern des Kloſters betreten, ſo genas es zur Stunde, und nun denken die Dominikaner, es dem Papſte lebendig zu verehren. Neue Pärchen traten hier ein und das Geſpräch nahm eine andere Wendung. David aber hatte genau aufgemerkt. Ihm, der wohl wußte, daß jenes ſchöne Thier nicht aus Melazzo, ſondern derſelbe Löwe ſei, welchen der Kaiſer einſtens von Malek⸗al⸗Kamel empfangen, ihm däuchte faſt, als müſſe unter dem Ausſpruche: die Dominikaner wollten den Löwen oder ſeine Haut an den Papſt liefern, eine tiefere Deutung liegen. Eine ſonderbare Angſt überfiel ihn. Konnte er ſich doch kaum den Kaiſer und ſeinen Liebling getrennt denken, und wie?— wenn Friedrich, wenn Eudoria nun ebenfalls in der Gewalt jener finſte⸗ ren Mönche wären? Aber wie ſollte dies zuge⸗ gangen ſein? Er verlor ſich ſo tief in Muthmaßun⸗ gen und Gedanken, daß er gar nicht einmal be⸗ merkte, wie ſeine bisherige Begleiterin ihn, da er ihr nun pflichtſchuldigſt aufgewartet, verließ und ſeine Geſellſchaft mit der eines ſchmucken Sicilia⸗ ners vertauſchte. David machte dieſe angenehme Entdeckung erſt nach einiger Zeit. Indeſſen reute ihn die Bekannt⸗ — 382 ſchaft nun nicht mehr, da er durch dieſelbe doch er⸗ fahren, daß das Kloſter S. Trinita di Cava der jetzige Aufenthalt des Löwen ſei. Er erkundigte ſich, in welcher Gegend der Stadt daſſelbe liege, und lenkte ſodann ſeine Schritte dorthin. Die Feierlichkeiten der Prozeſſion waren vor⸗ über und die Mönche heimgekehrt; Todtenſtille lag über den finſtern hohen Mauern des weitläufigen Gebäudes. Wie ſollte nun aber David in das Innere dieſer geiſtlichen Feſtung dringen? Er überlegte hin und her, da fühlte er plötzlich eine Hand auf ſeiner Schulter und eine wohlklingende Stimme grüßte ihn mit dem, heute in jeder Beziehung üb⸗ lichen Viva Sam' Agata! 33 Federbuſch ſchaute ſich um und ſah überraſcht in das feiſte Antlitz jenes Dominikaners, der ihm am Abende zuvor wie ein Peus ex machina er⸗ ſchienen war und ihn durch eine Bußpredigt vor den Mishandlungen des Pöbels geſchützt hatte. Ihr ſchaut ja die Mauern unſers Kloſters an, fuhr der Pater gutmüthig lächelnd fort, als *) Dieſer Ausruf dient an den Feſten der heiligen Agathe auch zum Gruße; ungefähr wie unſer: Proſt Neu⸗ jahr! am 1. Januar.. 383 wolltet Ihr ſie durchgucken. Juckt Euch vielleicht der Magen und beneidet Ihr darum unſere Brü⸗ derſchaft? oder treibt Euch gar die fromme Luſt, in unſer Regiment zu treten?. David durchzuckte bei den letzten Worten des Mönches ein Gedanke, der ihn zum Ziele führen konnte. Frommer Bruder, ſagte er daher, dem Domini⸗ kaner treuherzig die Hand ſchüttelnd: Euer Auge hat ſcharf geſehen. Das Leben war mir ein harter Schulmeiſter und hat mich das Sprüchwort gelehrt: Hoffen und Harren macht Manchen zum Narren. Die Welt iſt voll Zweifel, d. h. voll Zweifälle, was ſo und auch ſo ſein kann; da muß man dann denken und prüfen und das iſt höchſt unbequem, während der blinde Glaube die Bequemlichkeit ſelbſt iſt und, wie figura zeigt, gar hübſch fett macht. Da hab' ich denn beſchloſſen, auf nichts Irdiſches mehr zu rechnen und in den Frieden ei⸗ nes Kloſters einzuziehen. Wenns haußen in der Welt gar nicht mehr gehen will, entgegnete der Mönch, habt Ihr einen geſcheidten Entſchluß gefaßt; ſonſt, lieber Freund, iſt eben doch Schweine hüten und frei ſein noch beſſer, als die Regel des heiligen Auguſtin, die uns der ſelige Honorius auferlegt. Nun, meinte David, Euer Aeußeres, ehrwür⸗ diger Bruder, klagt gerade nicht ſehr über Noth und Sorge. Noth und Sorgen! rief der Mönch, die hab' ich nie gekannt. David ſtaunte den Bettelbruder ungläubig an und ſagte: Dann ſeid Ihr ein Liebling des Him⸗ mels. Wenige Menſchen werden ſich deß rühmen können. Weil wenige Menſchen klug ſind! fuhr der Pater behaglich lächelnd fort. Ich habe das Ding gefunden, nach dem ſo tauſend Menſchen vergeblich forſchen: den Stein der Weiſen nämlich, und wenn Ihr ſchön bittet, weih' ich Euch in mein Geheimniß ein. Es hält Euch vielleicht von einem Schritt ab, der überlegt ſein will. Aber hier auf der Straße läßt ſich dies nicht thun, wir müſſen.... Nun, ſo nehmt mich einmal in Eure Zelle mit! unterbrach hier David den Sprechenden und ſah ſich in Gedanken ſchon im Kloſter. Aber ſeine Hoff⸗ nung ſchmolz wie Eis an der Sonne, als jener ernſt rief: Behüte Gott! das geht aus vielen Gründen nicht. Erſtens iſts gegen die Regel; zweitens bin ich froh, daß ich ſelbſt einen Augenblick aus den finſtern Mauern bin, und drittens weiß ich in der Nähe ein Haus, wo man trefflichen Syrakuſer ſchenkt und wo wir ungeſtört plaudern können. 38 4% 385 Um ſein Vorhaben nicht zu verrathen, ſah ſich David henöthigt, dem durſtigen Pfäffchen zu folgen. Iſt mir um ſo lieber! rief Federbuſch daher mit verſtellter Heiterkeit. Ich bin Euch ohnedies noch meinen ſchönſten Dank dafür ſchuldig, daß Ihr mich geſtern aus den Fäuſten des Pöbels gerettet, der meinen Höcker für eine Pauke anzuſehen ſchien und ſchon anfing ihn kunſtgerecht zu handhaben. Schließen wir Freundſchaft und trinken einen Krug Aechten darauf. Der Pater erklärte ſich einverſtanden und die neuen Freünde ſaßen bald in einem traulichen, et⸗ was von dem größeren Wirthsraume abgeſonder⸗ ten Stübchen. Ich weiß nicht, was mich zu Euch hinzieht, fing der Dominikaner an, Ihr gehört gerade nicht zu den Menſchen, deren Aeußeres, was man ſagt, ſchön iſt, und doch habt Ihr auch wieder Etwas in den Zügen, was mich ungemein anſpricht. Ich wette, wir verſtehen uns bald. Ja, rief David, mir däuchts auch ſo; ſchon daß wir Beide Durſt haben... Immer ein gleiches Gefühl! ſagte der Mönch. Aber wir werden gleich ſehen, ob wir weiter har⸗ moniren. Was däucht Euch die höchſte Weisheit im Leben? 1.9 17 386 Zufrieden ſein! Getroffen! rief der Pater und ſtieß freudig mit dem Knappen an. Getroffen! So wahr ich lebe: Zufriedenheit iſt der Stein der Weiſen. Seht, Brüderchen, da hab ich mir eine eigene Weisheit gebildet. Der Menſch denkts und Gott lenkts, das heißt: wir Erdenklöße müſſen das Schickſal nehmen wie es kommt. Gehts gut, vortrefflich, da ſind wir alle gute Schwimmer; holperts aber, wird der Weg rauh und ſteinig, kurz kommt das Un⸗ glück— da!— da verlieren die Meiſten den Kopf, heulen und klagen, reißen ſich die Haare aus und wollen verzweifeln. Jetzt frag ich Euch, mein Trefflicher, zu was ſoll und kann das nützen?— Wirds beſſer damit? Gott behüte! nur noch ſchlim⸗ mer wirds. Schaut, da bleib ich nun ganz ruhig und nehms eben, wie's iſt, und zieh die beſten Sei⸗ ten ans Licht. Verehrter! entgegnete David. Wer im Trock⸗ nen, hat gut lachen! Ihr ſagtet vorhin, Noth und Sorgen ſeien Euch ſtets fremd geblieben. Allerdings, das heißt, ich habe mir eben keine gemacht. Glaubt mir, das Leben hat mir ſo arg mitgeſpielt wie Einem. Ich machte alle möglichen Verhältniſſe durch. Aus einer ſehr reichen Familie zu Genua ſtammend, lebte ich in der Jugend wie ein Fürſt; da verloren meine Aeltern Hab und Gut und ich mußte Dienſte als gemeiner Soldat neh⸗ men, um mich nur zu erhalten. Das Glück wollte mir abermals wohl, verließ mich wieder; lächelte nochmals und ſetzte mich am Ende ſo auf den Rand, daß ich weiter kein Rettungsmittel mehr ſah, als unter die Bettelmönche zu gehen. Aber beim heiligen Dominikus! ich war immer guten Muthes. Hatte ich vollauf, lebte ich wie ein Krö⸗ ſus; hatte ich wenig, ſo ſtreckte ich mich nach der Decke, und wenn mir gar nichts blieb, ward ich Philoſoph und ſchlug, wie Diogenes, meine Woh⸗ nung lachend in einem leeren Faße auf. Mit Ei⸗ nem Worte: ich fand mich ſogleich in alle Lagen und ſuchte denſelben immer die Lichtſeiten abzuge⸗ winnen. Bei Gott! rief der Narr, wenn ich nicht ich wäre, ich möchte Ihr ſein! Ihr ſeid der glück⸗ lichſte Menſch von der Welt. Hm! brummte der Pater und ſah vergnüglich Federbuſch zu, der ihm wiederholt von dem feuri⸗ gen Weine eingoß. Ich würde lügen, wenn ich nicht geſtehen wollte, daß ich doch jetzt etwas vermiſſe. Und das iſt? Eine Kleinigkeit und doch das Größte und Beſte auf der Welt:— die Freiheit! Was? Freiheit? rief David und ſchüttete aber⸗ . —————m———— 388 mals dem dicken Dominikaner den Becher voll. Wer in der Welt hats denn beſſer, als die„lieben Brüder der heiligen Jungfrau“? Wahre Wunder⸗ werke ſoll das Innere des Kloſters S. Trinita di Cava enthalten... Narrenspoſſen! es iſt eine wahre Feſtung! Die herrlichſten Gemälde von Galaſio und Bramante, Statuen von dem köſtlichen Breono... Keine Spur davon... Ganze Thiergärten... Ach, warum nicht gar! rief hier der Mönch lachend. Freund, Ihr habt Euch ſchöne Dinge auf⸗ binden laſſen. Wenn es erlaubt wäre, ſo würde ich Euch einmal mitnehmen, und da ſolltet Ihr ganz gewaltig enttäuſcht werden. Und warum iſt denn der Eingang zu Eurem Kloſter ſo ſtreng unterſagt? Weil— weil! Aber trinkt doch!— Nun? Weil dies eben ſo die verdammte Regel iſt. Aber mit den Thiergärten muß es doch wahr ſein! fuhr David fort, ich ſah ja doch heute erſt einen wunderſchönen Löwen eure Heilige ziehen. Der Dominikaner ſchien hier verlegen und ſuchte dies unter Trinken zu verbergen. Der Löwe iſt aus Melazzo, warf er dann hin und wollte auf eine andere Sache übergehen. 389 David aber war froh, daß er den Faden der Ariade in der Hand hatte, und da er einſah, daß er ſo leicht nicht in das Kloſter dringen würde, änderte er hier ſeinen Plan und entſchloß ſich, ent⸗ ſchieden auf ſein Ziel loszugehen. Sonderbar, ſagte er daher, ein Mann, den ich heute bei der Prozeſſion getroffen, behauptete: das ſei derſelbe zahme Löwe, welchen der Kaiſer auf dem Kreuzzuge von Malek⸗al⸗Kamel erhalten und der ihn auf ſeiner Rückreiſe begleitet. Corpo di Bacco! rief der Mönch überraſcht, wer wagt das zu ſagen? Ich! entgegnete David ruhig, und ich ſage Euch noch mehr: wo der Löwe iſt, iſt auch der Fai Der Dominikaner war entſetzt aufgefahren und hatte dem Sprechenden mit beiden Händen den Mund geſchloſſen; dann ſah er ſich ängſtlich um und, als er gewahrte, daß ſie unbelauſcht ge⸗ blieben, ſagte er: Um Gottes willen ſchweigt, wenn Euch Euer Leben lieb iſt. Wer hat Euch dies furcht⸗ bare Geheimniß anvertraut, das keine Seele außer unſerm Kloſter kennt und wovon ſelbſt der heilige Vater erſt in wenigen Tagen unterrichtet ſein wird. David war von dem Bekenntniß des überrum⸗ pelten Bettelbruders ſo erſchüttert, daß er ſich kaum faſſen konnte. Sollte er fürchten oder hoffen, jauch⸗ zen oder weinen? Friedrich— ſein großer Friedrich! ſein theurer Kaiſer! ſein Jdeal!— lebte noch— dann war ja auch Eudoria gerettet— gerettet? Dieſer Gedanke erſtickte das wilde Aufflammen des Ent⸗ zückens und gab ihm die volle Ueberlegung wieder. Gerettet waren ſie noch nicht; ja die größte Ge⸗ fahr ſchwebte über ihren Häuptern. Jetzt fühlte David, daß es gelte. Das Aeußerſte war zu wagen. Aber auch der Mönch ſchien zu überlegen. Wenn er ihn nun verrieth? auch ſeine plötzliche Gefangennehmung bewirkte? Was würde Federbuſch haben machen können, er allein gegen eine ganze Stadt, die in blindem Gehorſam an dem neu geſchaffenen Orden hing? Aber der Narr verlor die Geiſtesgegenwart keinen Augenblick. Mit ernſter, gebieteriſcher Miene zog er den Mönch zu ſich nieder und ſagte: Euer Frevel iſt entdeckt und Reggio, wie Euer Kloſter, ſehen ihrem Untergange entgegen; denn ſchon iſt ein Heer auf geheimen Wegen bis nahe der Stadt vorgedrungen und wird ſie dieſer Tage erreichen. Nur ein Mittel iſt möglich, Kloſter, Stadt und Euer Leben zu retten, und dies iſt: Ihr ſelbſt ret⸗ tet den Kaiſer und das Mädchen, welche er mit ſich führt. n nicht das Unmögliche. Wenn man ernſtlich will, iſt viel mgjchl rief 391 Federbuſch, von glühendem Eifer hingeriſſen, au verlange ich es nicht umſonſt. 8 Bei dieſen Worten öffnete er eine geheime Taſche unter ſeinem ledernen Koller und zog jenes Miniaturbild hervor, deſſen wir ſchon einmal in Paläſtina erwähnt. Die breite goldene Rahme mit den vielen, koſt⸗ baren Edelſteinen blitzte und funkelte in den letzten Strahlen der untergehenden Sonne, die ſpärlich durch das kleine Fenſter des Gemaches fielen, daß es eine wahre Luſt war. David hielt ſie dem ſtaunenden Mönche vor die Augen und ſagte, ihm freundlich auf die Schultern klopfend: Was ſagt Ihr zu dem Ding, mein feiſtes Brüderchen? Wenn ich nun nicht nur den, ſondern die Steine der Weisheit gefunden hätte, das heißt Steine, die ei⸗ nen armen Teufel auf einmal reich wie einen Na⸗ bob und damit zum Weiſeſten der Menſchen machen konnten? Glaubt Ihr nicht, das Ding ſei ſo viel werth, als eine geſchorene Glatze? Der Dominikaner hatte kaum Worte. Er lieb⸗ äugelte ſo entzückt mit den prachtvollen Edelſteinen, daß ihm das Waſſer in Mund und Augen trat. Ach, du allgebenedeite heilige Jungfrau! rief er dann, ordentlich gerührt, ſeit meiner ſchönen Ju⸗ gend hab' ich keine ſo herrlichen Steine mehr in der Hand gehabt. Damals— mögen alle Heili⸗ 392 gen mir vergeben— damals handelte mein Vater mit ſolchen Engelsäuglein, und da ich ein guter Junge war und die Engel liebte, vielleicht manche nur zu ſehr, ſo hieß ich gar manchmal ſolche Stein⸗ chen mit mir gehen. Nun ſeht, ſagte David ſchmeichelnd, alte Liebe roſtet nicht! Die Rahme iſt zwar mein ganzer Reichthum, aber wenn Ihr mir die befreien helft, iſt ſie Euer. 3 Herr, führe uns nicht in Verſuchungt ſtöhnte der Mönch aus beklommener Bruſt, ohne von den funkelnden Steinen wegzuſehen, und ſchlug ängſtlich ein Kreuz. Der Narr bewegte die Rahme gſam hin und her, daß die Steine in allen Regenbogenfarben ſchillerten; ſchmiegte ſich dann zutraulich an das Pfäffchen und wiederholte deſſen eigene Worte: Wenns in der Welt gar nicht mehr gehen will, iſt der Entſchluß, in ein Kloſter zu gehen, nicht übel; ſonſt iſt eben doch Schweine hüten und frei ſein beſſer als die Regel des heiligen Auguſtin. Da wären aber Sihen S hüten.— Aber mein Gelübde! Ich will Euch zu keinem Meineid verführen, entgegnete Federbuſch, iſt auch gar nicht nöthig, Eurem heiligen Stande untreu zu werden. Eine 393 Biſchofsmütze oder ein Abtſtab, von dem das Fett des Himmels träufelt, wären noch die beſten Be⸗ lohnungen nicht, mit welchen der Kaiſer ſeinem Befreier danken würde. Und der Bann?— und die Kirche? Offen geſagt, machte ich mir zwar aus Beiden nur dann etwas wenn ſie mich im ruhigen Genuß ſtören ſollten.. Des Kaiſers Arm iſt ſtark und die Welt groß und Jedem offen, der Baares hat. Der Dominikaner ſchwieg, ſichtbar von einem gewaltigen Seelenkampfe zerriſſen. David that, als ob er deſſen Stimmung nicht gewahre, und ſpielte mit dem Kleinode, das er verführeriſch vor den gierig blickenden Augen des Mönches ſchim⸗ mern ließ. Freilich, ſagte nach einer kleinen Pauſe der Geiſtliche halblaut vor ſich hin, ich würde am Ende noch ein gutes Werk thun; denn iſt es nicht die ſchändlichſte Ungerechtigkeit, einen ſo großen Kaiſer gefliſſentlich krank zu machen, um... Jeſus Chriſtus! rief hier David, und das Bild wäre vor Schrecken faſt ſeinen Händen entfallen. Was ſagt Ihr? Friedrich iſt krank? Gefliſſentlich krank gemacht?— am Ende hat er gar... ₰ Dem Narren erſtarb das Wort auf der Zunge, aber Todtenbläſſe verrieth ſeine Gedanken. 17** 394 Nein! entgegnete der Mönch, der ſie ahnen mochte. So ſchlimm iſt es nicht gemeint. Sie ha⸗ ben dem Löwen nur ein unſchädliches Tränkchen gegeben, um ihn zahm zu halten, bis er dem heili⸗ gen Vater überliefert iſt. Und iſt das auch gewiß wahr? Iſt für den edlen Hohenſtaufen keine Gefahr vorhanden? Ihr könnt das heilige Abendmahl darauf neh⸗ men: Friedrich droht von dieſer Seite nichts. Und die Mahomedanerin? Man wollte ſie von dem Kaiſer trennen, aber keine Gewalt vermochte es, ſie zu bewegen, den Kranken zu verlaſſen. 5 Gelobt ſei Gott! rief Federbuſch erleichtert. Jetzt, theurer Bruder, laßt uns aber auch keinen Augenblick verlieren, Beide zu retten. Reichthum und Ehre, ja der Dank der halben Welt, erwarten Euch. Schnell nun den Entſchluß gefaßt! Ein kühnes und entſchiedenes Auftreten und Alles iſt gewonnen! Wolan, rief der Suujitan, es ſei gewagt! Aber— allein kann ich den Streich nicht ausfüh⸗ ren— laßt mich die Sache gehörig überlegen. Er ſann lange hin und her. Endlich rief er: Das iſt der einzige Weg. Ich kenne noch zwei aus der Brüderſchaft, die ſchon lange gern das Joch des Kloſterlebens abgeſchüttelt hätten, wenn es ihnen nur nicht an den Mitteln gefehlt, ihr Leben ſonſt zu friſten. Es ſind tüchtige und ver⸗ wegene Kerls, haben früher manchen Teufelsſtreich ausgeführt, die will ich zu gewinnen ſuchen und— da wirds wol keiner großen Beredtſamkeit bedür⸗ fen. Brecht die Steine aus der Rahme, ich will die Engelsäuglein zu mir ſtecken und das Gold den frommen Galgenvögeln geben. David zögerte. Das Werk pflegt man erſt nach gethaner Arbeit zu lohnen! ſagte er mit ei⸗ nem prüfenden Blick auf den Mönch. Auch gut! erwiderte dieſer, ohne aus ſeiner Gemüthlichkeit zu kommen. Ich will Euch bewei⸗ ſen, daß ich Euch mehr traue, als Ihr mir. Be⸗ haltet die Steine, bis der Kaiſer in Euren Händen iſt, das Gold aber muß ich haben, denn ohne etwas Sicheres bewegen meine Corſaren keinen Finger. Federbuſch ergriff in dieſem Augenblick ein ei⸗ genthümliches Gefühl. Er ſollte ſich von dem ein⸗ zigen irdiſchen Gut trennen, was er beſaß, und zwar zugleich dem Bilde ſeiner theuern Mutter den Schmuck rauben, der es ſo würdig geziert. Er kam ſich wie ein Dieb vor, der im Begriff ſteht, das Allerheiligſte von dem Altare zu rauben, an dem er einſt in beſſern Tagen mit reinem Herzen gekniet. Mit Thränen im Auge ſchaute er in die holden Züge, aber ſie zerſchwammen und ein Tod⸗ 396 tenantlitz blickte ihn an und ſtammelte mit bleichen Lippen: Dein letzter Blutstropfen für das Wohl der Hohenſtaufen! Und von dem geiſterartigen Hauche berührt, ſchwand alle Weichheit und Unentſchloſſenheit. Da⸗ vid drückte einen heißen Kuß auf das Gemälde, böſte es mit feſten Händen von der koſtbaren Rahme, barg es an ſeine Bruſt und reichte ſodann die Letz⸗ tere, ſammt den Steinen, dem erſtaunten Mönche, der ſie raſch unter ſeine Kutte ſchob. Es wird Euch nicht gereuen, ſagte dieſer dar⸗ auf. Schon künftige Nacht iſt der Kaiſer und ſein Mädchen frei, oder dieſe Bruſt iſt ſo ſtill geworden, daß ſelbſt kein Wunſch mehr darin wohnen mag. Die beiden Verſchwornen ſetzten nun noch das Nöthige feſt. Die Abtei, in welcher Vater Parſus wohnte, ſollte für das Erſte das Ziel der Flucht ſein. Die größte Schwierigkeit blieb, den leidenden Kaiſer fortzuſchaffen. Zu einer Sänfte hätte man neue Mitverſchworne gewinnen müſſen, was ge⸗ fährlich geweſen wäre; und da der Mönch behaup⸗ tete, das Leiden des Monarchen ſei nicht ſo ſchlimm, daß er nicht zur Noth reiten könne, ſo machte ſich David anheiſchig, mit den nöthigen Pferden zur be⸗ ſtimmten Stunde an dem bezeichneten Orte zu war⸗ ten. Als noch alles Uebrige verabredet worden, trennte man ſich, und der Dominikaner verſprach Da⸗ 397 vid den kommenden Tag an demſelben Platze, an dem ſie ſich in dem Augenblick befanden, Nachricht über die geſchehenen Vorbereitungen zu geben. Noch nie hatte der Narr ſchrecklichere Stunden verlebt, als die nun folgenden. Kein Auge ſchloß er während der ganzen Nacht, und nur die man⸗ cherlei Vorbereitungen zur Flucht waren im Stande, die peinliche Spannung, die Angſt und Zweifel, wenigſtens für Augenblicke, zu mildern und zu be⸗ ſchwichtigen. Der Tag ſchien ihm eine Ewigkeit. Endlich nahte die Zeit, in welcher der Mönch über das vorläufige Gelingen rapportiren wollte. David war ſchon eine Stunde vor ihm am Platze; wie freudig aber ſchlug ſein Herz, als der Dominikaner erſchien und ihm die Nachricht brachte, daß alle Vorkehrungen glücklich getroffen und das Gelingen des Unternehmens faſt keinem Zweifel mehr unter⸗ worfen ſei. Heute erfuhr der Narr auch noch, auf welche Weiſe der Kaiſer den Mönchen in die Hände ge⸗ fallen und wie er gerettet worden. Ein von den Dominikanern der Ritterſchaft Chriſti(den fratres et servi de militia Christi) ausgerüſteter und gegen die ungläubigen Seeräuber ausgeſandter Kreuzer hatte den Morgen nach dem Sturm das Wrack aufgefunden, auf welchem Fried⸗ rich und Eudoria zurückgeblieben. Beide begrüßten freudig ihre Rettung; aber ſchon nach kurzer Zeit und noch an Bord des Schiffes erkrankte der Mo⸗ narch heftig, ſo daß er bewußtlos und lebensgefähr⸗ lich darniederliegend nach Reggio in das Kloſter S. Trinita di Cava gebracht wurde. Da ſich aber gerade damals das Gerücht von ſeinem Tode ver⸗ breitete, da man mit Recht an ſeinem Aufkommen zweifelte und es ſehr dahin ſtand, ob die Kaiſer⸗ lichen ſiegen würden, ſo waren die Brüder jenes Kloſters ſo ſchlau, über den ganzen Vorfall zu ſchweigen, um den Lauf der Dinge abzuwarten und am Ende Das zu thun, was ihrem Orden und Kloſter am nützlichſten ſei. Die kräftige Natur des Fürſten erholte ſich bald; deſto ſchlechter wurde es von Tag zu Tag mit ſeinen Angelegenheiten. In dieſer mislichen Lage entſchloſſen ſich die Brüder: die Verantwor⸗ tung, die ſie ſich allzukühn aufgeladen, auf fremde Schultern zu wälzen. Ein geheimer Bote ging an den Papſt ab, dieſen von der ganzen Sache in Kenntniß zu ſetzen und um Verhaltungsbefehle zu bitten. Da indeſſen der Kaiſer immer mehr genas und zu fürchten ſtand, daß er ſich, einmal wieder bei Kräften, von den Pfaffen nicht ferner gefangen halten laſſe, gaben ihm die guten Seelen ein ganz un⸗ ſchuldiges Tränklein, welches ihn nur in beſtändigem, wenn auch nicht gefährlichem Siechthume erhielt. 399 Aber die Zeit der Rache war gekommen. Die Verſchwornen, welche es ſo einzurichten gewußt, daß ſie alle Drei die Nachtwache erhielten, führten ihr Vorhaben ſo gewandt und vorſichtig aus, daß die Geſangenen längſt Kloſter und Stadt verlaſſen, ehe noch eine Seele ihre Flucht gewahrte. Der Kaiſer, wenn auch ſchwach, nahm, als er ſeine Lage und den kühnen Plan der Verſchwornen erfuhr, alle ſeine Kräfte zuſammen. Schon der furchtbare Zorn, der ihn faßte, als ihm ſeine Ret⸗ ter das Mittel verriethen, womit man ihn, den Löwen, bisher gebändigt, gab ihm die alten Kräfte wieder; eben ſo erfriſchend wirkte auf ihn die Luft, und namentlich der Gedanke: endlich wieder frei und ſo großen Gefahren entgangen zu ſein. Was David empfand, als er ſeinen todt ge⸗ fürchteten Herrn, als er das heißgeliebte Mädchen in der ſtillen, lautloſen Nacht wiederfand, vermag keine Feder, vermögen Worte nicht auszudrücken. Er ſank vor den Theuren nieder und umſchlang, vor Wonne laut ſchluchzend, wechſelweiſe ihre Kniee, und nur die immer noch drohende Gefahr der Ent⸗ deckung ſetzte ſeinem Jubel, ſeiner Seligkeit ein Ziel. Der Weg konnte des Kranken wegen nur lang⸗ ſam zurückgelegt werden. Deſſenungeachtet erreichte man die einſame Abtei glücklich, und hier endlich empfing der lauteſte, der herzlichſte Jubel den Kai⸗ 400 ſer und innige Dankgebete für ſeine wunderbare Rettung ſtiegen aus den Herzen der frommen Brü⸗ der auf. Der ehrwürdige Erzbiſchof von Palermo aber rief entzückt: Herr, jetzt läſſeſt du deinen Diener in Frieden fahren, denn ſeine Augen haben deinen Sohn wiedergeſehen. 22. Der Kampf. D ſpreiz' dich nicht, du ſtolzes Rom, Dir iſt ein baldig Ziel geſetzt; Du biſt ein längſtverſiegter Strom, Der keines Kindes Mund mehr letzt; Du biſt ein tiefgefallen Land, Du biſt das auferſtandne Babel, Der Trug iſt deine rechte Hand, Dein Schwert das Märchen und bie Fabel. G. Herwegh. Da der Kaiſer noch zu angegriffen war, um ſeine Flucht fortzuſetzen, oder auch ſich öffentlich zu zei⸗ gen, ſo wurden wenigſtens auf der Stelle reitende Boten nach Neapel und allen benachbarten Städ⸗ ten geſandt, die frohe Nachricht im ganzen Lande zu verkünden, indem man von ihr hoffen durfte, daß ſie mit Einemmale die Macht der Feinde läh⸗ men, den Muth der Treuen aber aufrichten und beleben würde. Man hatte ſich nicht geirrt. Mit Blitzesſchnelle flog die Botſchaft: Der Kaiſer lebt und iſt zurückgekehrt! über Meer und Land, wo ſie eintraf, den herzlichſten Jubel verbreitend. Reggio ſelbſt erklärte ſich ſogleich für Fried⸗ rich; ja der leicht angeregte Pöbel drohte ſogar, 402 als dumpfe Gerüchte das Nähere über des Kaiſers Aufenthalt und ſeine Flucht von den Dominikanern verbreiteten, das Kloſter S. Trinita di Cava zu ſtürmen und ihren Kaiſer und König an den Mön⸗ chen blutig zu rächen. Nur die hohen und ſtarken Mauern des Kloſters ſchützten deſſen Einwohner vor der erſten Wuth des Volkes, das, leicht bewegt wie Rohr, die kaum noch als heilig Verehrten jetzt in Stücke zerreißen wollte. Größeren Werth für den Kaiſer hatte die Be⸗ wegung im Hafen jener Stadt, die völlig zu ſeinen Gunſten ausfiel, und da ſich ſein kräftiger Körper, ſo bald er nicht mehr von den Arzneien der Domi⸗ nikaner künſtlich geſchwächt wurde, ſehr ſchnell wie⸗ der erholte, ſo benützte er die gute Stimmung und ſchiffte ſich alsbald ein, um ſo ſchnell als möglich ſeine Hauptſtadt zu erreichen. Die kleine Reiſe, vom ſchönſten Wetter begun⸗ ſtigt, ging vortrefflich von ſtatten. Reggio ent⸗ ſchwand den Blicken, und nun erſchienen in maleri⸗ ſchen Fernſichten bald die Ufer Calabriens, bald die Inſeln Vulcano, Lipari, Salina, und der Vulkan⸗ kegel Stromboli. Ueberall zeigte ſich ein reges Leben. Schwärme wilder Enten ſchwammen und flogen vorüber, der gierige Hai durchfurchte die Wellen und arbeitſame Fiſcher zogen inecuf den Fung des— — Spada. Aber nichts kam an hoher Schönheit der Nacht vor der Ankunft zu Neapel gleich. Friedrich, nun wieder in dem vollen Genuſſe der Geſundheit und von tauſend und abertauſend großen Planen, Entwürfen und Vorſätzen durch⸗ ſtürmt, konnte unmöglich ſchlafen. Er brachte da⸗ her den größten Theil derſelben in Eudoria's und Davids Geſellſchaft auf dem Verdecke zu. Der Gedanke an den nahe bevorſtehenden Kampf mochte den Kaiſer ernſter als gewöhnlich geſtimmt haben; auch ſchien dieſe Gemüthsbewegung auf ſeine ſchöne Gefährtin übergegangen zu ſein, obgleich Federbuſch bemerkt hatte, daß ſich Eudoria's Weſen überhaupt etwas geändert und ſtiller, ſich⸗ rer, frauenhafter geworden. Auch hielt ſich der Kaiſer nicht mehr ſo ſorgfältig gegen das Mädchen zurück; wie er denn eben dieſe Nacht neben der Lieblichen ſaß und ſie feſt umſchlungen hielt, als ſolle ihre Liebe die wilden Wogen beſänftigen, welche die erregten Leidenſchaften in ſeinem Innern ſchlugen. Die Außenwelt war ein treues Bild ſei⸗ ner großen Seele. Die glücklich ſchöne Nacht ruhte erhaben über der Erde und während der Mond und die freund⸗ liche Venus in ſtiller Glorie in das ſpiegelglatte Meer ſanken, warf der Stromboli aus dem weſt⸗ lichen Theile ſeines Kraters hohe Feuerſäulen in den dunkelblauen Aether auf. Aber ein noch größerer, feenhafterer Anblick war ihnen vorbehalten. Als die Scheibe des Mondes im Schvoſe des Meeres verſchwunden, fing das Waſſer plötzlich an, rund um das Schiff wie be⸗ wegte Perlenmutter zu ſchimmern und zu leuchten, und Millionen und Myriaden flammende Stern⸗ chen blitzten aus den Wellen und mehrten ſich in namenloſer Zahl; und immer weiter und weiter dehnte ſich der Glanz und mit Einemmale war es, als ſchwämme das Schiff auf einer feurigen Glut*). Die Elemente ſelbſt feiern deine Rettung! flüſterte Eudoria mit einem heißen Kuſſe dem Ge⸗ liebten zu. Friedrich aber drückte das Mädchen feſt an ſein Herz und ſagte tiefbewegt: Nein, Süße, entheilige ſie nicht; ſie feiern die Größe ihres Schöpfers. Neapel empfing ſeinen Herrſcher mit einem namenloſen Jubel. Was athmete ſtrömte ihm entgegen und kein Imperator hatte ſich je eines ſolchen Empfanges zu erfreuen; denn Friedrich zog ein, nicht nur in die prachtvoll geſchmückte Hauptſtadt ſeines treuen Reiches, ſondern— was *) Ein Phänomen, welches chu auf dem Meere vor⸗ kommt und Folge der Electricität des Waſſers iſt. N tauſendmal mehr heißen will— in die Herzen all ſeiner Unterthanen, in deren jedem ihm ein Triumph⸗ bogen der Liebe errichtet war. In dieſem Augenblicke fühlte er ſich einen Gott, denn ihn umwehte der große, ſelige Gedanke: der Vater eines durch ihn beglückten Volkes zu ſein. David war glücklich in der Wonne, die Fürſt und Volk umſchlang, und doch trübte ein Wölkchen den Himmel ſeiner Luſt und aus tiefem Herzen entſtieg ihm der Seufzer: Wannwerd' ich mein Deutſchland ſo glücklich ſehen! Sobald die Feſtlichkeiten vorüber waren, rüſtete ſich der Kaiſer zu dem Werk der Rache. Auch ſtand er von dem Augenblicke, in welchem ſein Fuß den Boden von Neapel berührt, feſt und erhaben wie ein Kriegsgott da. Federbuſch dünkte es, als habe er ihn früher nie ſo ernſt, ſo entſchieden, ſo thaten⸗ durſtend geſehen. Der Engel des Liblichen wich, aufgeſcheucht von dem Geräuſche der Waffen, ſcheu von ihm. Er war nur Kaiſer und Feldherr! Aber mit dem Rufe: Der Kaiſer lebt! der Kaiſer iſt zurückgekehrt! nahmen auch die Dinge in Ntalien einen mächtigen Umſchwung. Das päpſt⸗ liche Heer erzitterte und ſchon auf obige Nachricht hin liefen Tauſende davon; Andren entſank der Muth, als ſie gewahrten, daß ſich die Anhänglich⸗ keit an ihren Kaiſer, bisher bei den Meiſten nur ————— aus Furcht vor der ſiegreichen Partei verſteckt habe, jetzt aber deſto entſchloſſener wieder hervortrete. Außerdem mangelte es bei den Schlüſſelſolda⸗ ten, die zum größten Theile in der Hoffnung, reiche Beute machen zu können, unter das päpſtliche Ban⸗ ner getreten, ſchon lange an dem verſprochenen Solde. Die Klagen wurden laut und lauter, und endlich ſo heftig, daß ſich die Anführer genöthigt ſahen, ſelbſt Kirchenſchätze anzugreifen. Deſſenun⸗ geachtet reichten ſie nicht aus und, was noch ſchlim⸗ mer, das Vertrauen war verloren. Noch einmal, leider vergeblich, lächelte der Genius der Verſohnung der bedrängten Erde, dann ſchied er weinend auf lange Zeit. Hermann von Salza nämlich vermochte, gegen alle Einflüſterungen des Kanzlers(deſſen Schwan⸗ ken Friedrichs Erſcheinen geendet und der nun durch deſto größeren Haß gegen Rom die heimliche Untreue quaſi vergüten wollte), den Kaiſer dahin, daß er noch einmal ihn und den Erzbiſchof von Bari mit Friedensvorſchlägen an den Papſt abſandte. Freilich waren dieſe Vorſchläge nicht ſehr einladend für Rom, indeſſen hätte der hartnäckige Gregor wol auch milderen Bedingungen ſeine Annahme verweigert. Er wollte den Hohenſtaufen zertreten und ſeine Macht in Italien vernichtet ſehen, ſchrie er zornflammend auf, und weder Himmel noch Hölle werde ihn in ſeinem Vertilgungskriege gegen dies verfluchte Geſchlecht zurückhalten. Nun hieß es auf beiden Seiten mit dem Schwerte drein ſchlagen. Friedrich hatte vorausgeſehen, daß es ſo kom⸗ me würde; ja, der Wahrheit treu zu bleiben, die Harnäckigkeit Gregors, oder vielmehr die dadurch nöthig gewordene Entſcheidung mit den Waffen in der Hand, war ihm willkommen. Gott iſt mein Zeuge, ſagte er zu dem Deutſch⸗ meiſter, als dieſer ihm mit ſchwerem Herzen die Antwort des Papſtes überbracht; Gott iſt mein Zeuge, daß ich den Krieg, als ſolchen, nicht will. Ich ſtehe zu hoch, um den Gipfel wahrer Größe einzig in Heldenruhm zu finden, und kenne ehren⸗ vollere Wirkungskreiſe als das Schlachtfeld. Krieg iſt ein Unglück, das oft meine ſegensreichſten Plane ſtört. Wenn ich aber gezwungen werde, das Schwert zu ziehen, ſo werd' ich es auch handhaben, daß es eine Luſt iſt. Einmal muß dieſer unſelige Streit entſchieden ſein, ſoll ein dauerhafter Frieden mit allen Segnungen der Kultur die Erde erfreuen. Sei es denn jetzt. Hie Welf! hie Weiblingen! Kaiſer oder Papſt! Von dieſem Augenblicke an entfaltete Fried⸗ rich I eine wahrhaft ſtaunenerregende Thätigkeit. ——— Seine erſte Sorge ging dahin, ein neues Heer zu errichten, deſſen Kern die ihm getreuen Kreuz⸗ fahrer und ſeine Lehensmannen bildeten. Rainald von Spoleto bekam zu gleicher Zeit den Auftrag, mit ſeinen Truppen ſämmtliche Bet⸗ telmönche, dieſe wichtigen Verbündeten des Papſtes, ſo wie die Tempelherren aus dem Reiche zu ver⸗ treiben; ein Befehl, welchem der leidenſchaftliche Mann mit Freuden nachkam, ja ihn oft nur zu ſtreng ausführte. Das Kloſter S. Trinita di Cava wurde der Erde gleich gemacht. In kaum einem Monate ſtand der Kaiſer an der Spitze einer ehrfurchtgebietenden Macht bei Kapua und ſchritt um ſo kühner und unaufhalt⸗ ſamer vor, je mehr Schrecken und Zweifel ſeine Feinde verwirrten und unthätig machten. Es war, als ob Rachegeiſter ſeine Paniere trügen; wo ſie ſich zeigten, flohen die Schlüſſel⸗ ſoldaten ſo ſchnell, daß es ſelten zu ernſtlichem Tref⸗ fen kam, und in wenigen Wochen ſah ſich Friedrich, mit Ausnahme weniger feſter Plätze, wieder Herr ſeiner angeſtammten Lande. Aber hier dachte für diesmal der Kaiſer nicht ſtehen zu bleiben. Er wollte ein für allemal in Italien einen dauernden Frieden, aufſichere Grund⸗ 409 lagen geſtützt, und hatte dieſen um ſo nöthiger, als Deutſchland, das ihn nur zu lange entbehrt, ſeiner unumgänglich bedurfte. So ſtand er an den Grenzen des Kirchenſtaa⸗ tes, die Hülfe ſeiner lombardiſchen und deutſchen Freunde, an die ſein Aufruf ergangen, erwartend. Indeſſen blickte Gregor M ſtolz und finſter vom Vatikane auf dies wilde Spiel herab. Aber der bald neunzigjährige Greis ſtand feſt und uner⸗ ſchütterlich und beobachtete mit eiſerner Starrheit und dem Selbſtbewußtſein einer Gottheit das Un⸗ glück ſeiner Truppen, die Rebellion ſeiner Römer und die bedenklichen Pläne des Kaiſers. Indeſſen blieb auch er nicht unthätig und rief, wie ſein Feind, die Lombardei und Deutſchland, ja ganz Europa zur Hülfe auf. Das unſichtbare Weberſchiffchen der römiſchen Politik lief hurtig hin und her und wob geſchäftig an einem Garne für den Löwen. Da griff die plumpe Hand deutſcher Treue in das ſchlaue Gewebe und zerriß es, während ſie nicht verhindern konnte, daß einer jener blutigen Sterne, die Skotus einſt im Horoſtope des Kaiſers ſo ge⸗ fährlich fand, höher und höher am dunklen Hori⸗ zonte heraufrückte. Längſt hatte Rom an den deutſchen Verhält⸗ niſſen gerüttelt; aber man kannte ſeine Abſicht und wenn der Kaiſer dem Reiche auch allzulang fern 3 18 410 geblieben, es ſcheinbar ſogar ſtiefmütterlich behan⸗ delte, ſo achtete man in ihm demnoch den großen und edlen Kaiſer, den Enkel Barbaroſſa's, und hatte ſich außerdem nicht beſonders über ſeinen Sohn Heinrich zu beklagen, der, als deutſcher König, in Abweſenheit des Vaters das Reich ver⸗ waltete. Natürlich war es daher, daß die geheimen Be⸗ mühungen des Papſtes, eine Abſetzung König Hein⸗ richs zu bewirken, bei den deutſchen Fürſten und Prä⸗ laten ſcheiterten; mußte er doch ſogar den Schmerz erleben, die Herzöge Leopold von Oeſterreich, Bern⸗ hard von Kärnthen und Otto von Meran, den Patriarchen Bertold von Aquiloja, den Erzbiſchof Eberhard von Salzburg, den Biſchof von Regens⸗ burg und viele andere Große dem Kaiſer nach Neapel zu Hülfe eilen zu ſehen. Ja ſelbſt die Geiſtlichkeit bezeigte ſich ihrem Oberhaupte abge⸗ neigt, da ſie Gregor durch einen Zehnten erbittert hatte, den er, behufs des Kriegs gegen den Kaiſer, von ihren Gütern erhob. Zugleich entfremdeten noch drückende Kriegs⸗ ſteuern und Grauſamkeiten, die freilich gegen ſeinen Willen, aber doch in ſeinem Namen geſchahen, dem Papſte die Gemüther. So wurde in Ganta ein kaiſerlicher Geſandter erſchlagen, als er die Bürger aufforderte, ſich ihrem rechtmäßigen Herrn zu er⸗ geben; ſo zerriß das aufgehetzte Volk den Ober⸗ richter Paulus von Apulien in Stücke. Der härteſte Schlag für Gregor aber war, daß ſich ſein eignes Rom gegen ihn empörte und er nach Perugia flüchten mußte. Trotz dem blieb er unerſchütterlich, ja er ſpann um jene Zeit neue geheime Fäden an, deren Knoten und tragiſche Entwicklung einen großen Theil unſerer ſpäteren Erzählung ausmachen werden. Jetzt hatte Kaiſer Friedrich das Heft in der Hand. Raſch und ſiegreich ſchritt er vor; da gab ein unbedeutender Vorfall allen Verhältniſſen plötz⸗ lich eine andere Wendung. Die Tiber ſtieg nämlich in Rom bis zu einer beiſpielloſen Höhe. Die Pauls- und Peterskirche und ein großer Theil der Stadt ſtanden unter Waſſer. Peſtartige Krankheiten verbreiteten ſich und der Schaden, welchen die Bürger litten, war faſt unermeßlich. Da ſchlugen die geängſtigten Römer an ihre Bruſt, die ungewöhnliche Erſcheinung däuchte ihnen eine Strafe des Himmels. Zitternd flehten ſie da⸗ her den Papſt an, nach Rom zurückzukehren, und holten ihn ſelbſt in Perugia unter Singen und Be⸗ ten feierlich ab. Dieſer Umſtand änderte mit Einemmale die Sachlage und da der ſchlaue Gregor nun wohl 18* — einſah, daß er für den Augenblick nichts mit Ge⸗ walt durchſetzen würde, und von dem neubegonne⸗ nen, geheimen Unternehmen eine ſichere und fürchterlichere Wirkung hoffte, ſo trat er plötzlich, zum Staunen der ganzen Welt, den Frieden ſuchend, dem Kaiſer entgegen. Dieſer kluge Schritt hemmte Friedrichs Sie⸗ geslauf. Den feindlichen Papſt konnte er be⸗ kriegen, den um Frieden Bittenden nicht. Indeſſen war auch der Kaiſer ſchnell entſchloſ⸗ ſen. Gab ihm doch dieſer Waffenſtillſtand(denn daß es nicht mehr ſei, wußte er wohl) Gelegenheit, ſeine Macht in Neapel und namentlich in Ober⸗ italien zu befeſtigen, und ſo ſchloß er denn mit Rom einen für ihn höchſt günſtigen Frieden zu S. Ger⸗ mano ab, deſſen Hauptpunkt die endliche Aufhebung des Bannes war, die denn auch ſofort erfolgte. Die Erde lächelte des neuen Bündniſſes, über ihr wölbte ſich der Bogen des Friedens; aber in ihrem Schooſe tobte verhüllt eine vulkaniſche Glut. 23. Größe. Feſt, wie der Erde Grund, Gegen des Schickſals Macht Steht mir des Hauſes Pracht!— Doch mit des Geſchickes Mächten Iſt kein ew'ger Bund zu flechten, Und das Unglück ſchreitet ſchnell. Schiller. Hatte der Friede von S. Germano Friedrich auch noch nicht zu dem Ziele geführt, welches er ſich ge⸗ ſetzt, hatte er auch die weltliche Macht des Papſtes noch nicht gebrochen; ſo wies er den ſtolzen Kirchen⸗ fürſten doch in die Grenzen der beſtehenden Ord⸗ nung zurück und gab dem Kaiſer Gelegenheit, ſeine Macht zu befeſtigen und die nöthigen Vorkehrungen für die Fortſetzung des großen Kampfes zu treffen. Jener Friede breitete ſeine Palme über ganz Ita⸗ lien und Sicilien, die nun mit Einemmale, mit Ausſchluß des Kirchenſtaates, ihrem rechtmäßigen Herrſcher wieder huldigten. Groß, mächtig und erhaben, im Sonnenſtrahle des höchſten Glücks, ſtand nun Kaiſer Friedrich II und ſein Zepter gebot von der Nordſee bis zum mittelländiſchen Meere, von der Rhone bis nach Polen und Ungarn, von Cyprien bis nach den Steppen Aſiens. Eine ſolche Macht und ein ſolcher Herrſcher waren freilich zu gefährlich für Rom; aber der ſchlaue Hoheprieſter wußte ja, daß auch Berge einſtürzen müſſen, wenn man ſie zu unter⸗ graben verſteht. Für Friedrich brachen nun herrliche Tage der Größe, des Glücks, des Genuſſes herein, und wäh⸗ rend er auf der einen Seite ſeine Macht kräftigte, entfaltete auf der andern ſein großer Genius die kühnen Schwingen. Vor allem Anderen galt es, als mächtiger Herr⸗ ſcher jeder Selbſthülfe der Unterthanen, jeder Pri⸗ vatgewalt ein Ende zu machen und die rohen Maſſen unter ein Geſetz zu beugen. Friedrich von Raumer ſagt in ſeiner Geſchichte der Hohenſtaufen über jenes Unternehmen: Die ſchrankenloſe Unordnung, die ungezügelte Willkür, Krieg, Verrath, Ungehorſam aller Art, welche Friedrichs erſte Jugend ſo arg umdrängten und verkümmerten, hatten ihm gegen ſolche Erſcheinun⸗ gen die tiefſte Abneigung beigebracht, und ihn zu der Ueberzeugung geführt: daß unwandelbare Ordnung und ſtrenger Gehorſam allen geſelligen Verhältniſſen zum Grunde liegen müſſe und daß ohne dieſelben 415 auch das ſcheinbar Selbßſtändigſte in Nichts zerfalle, oder ſich in S verwandle. Friedrichs Klugheit und Strenge ſiegte nun allerdings über allen Ungehorſam und Auftuhr; allein die Ereigniſſe während ſeiner Abweſenheit in Aſien bewieſen, wie geneigt die ſchnell ſich erken⸗ nenden und geſellenden Friedensfeinde waren, jeden günſtigen Augenblick zur Erneuerung ihrer Will⸗ kür zu benutzen, und wie ſchwer es dagegen den Wohlgeſinnten fiel, in ihrer Zerſtreuung wirkſam gegen Jene aufzutreten. Dieſen Beſſergeſinnten war die Richtung und Grenze ihres Widerſtandes nicht genau bezeichnet, es fehlte an einem untrüglichen Maßſtabe ihres Urtheils, an einem feſten Mittelpunkte ihrer Thä⸗ tigkeit, an dem Zauberworte, ohne welches das Böſe ſich immer und überall für das Gute aus⸗ gibt, die Unbefangenen betrügt und die Kräftigeren lähmt: es fehlten feſt ausgeſprochene, allgemein anerkannte Geſetze. Friedrichs durchdringender Blick erkannte die Uebel in ihrem ganzen Umfange, und er beſchloß, nicht an dem Einzelnen hie und da zu künſteln, oder Einzelnes oberflächlich zu heilen, ſondern alle Mängel in der Wurzel anzugreifen und von Grund aus zu vertilgen. Er war der Erſte, welcher 416 ſeit Jahrhunderten den großen Gedan⸗ ken faßte: Geſetzgeber ſeines Volkes zu werden. Von unendlichem Nutzen waren ihm hierbei die Kenntniſſe ſeines Kanzlers, des gelehrten Petrus de Vineis, mit deſſen Hülfe, wie ſchon früher ge⸗ dacht, der Kaiſer denn ein Cfür jene Zeiten) treff⸗ liches Geſetzbuch ſchuf und nun, in den Zeiten des Friedens, vollendete. Ueberhaupt trieb der thätige Geiſt des Kaiſers nach allen Richtungen die herrlichſten Blüten und entwickelte aufs neue die hohe Kunſt: das Nütz⸗ liche auf eine reizende Weiſe mit dem Schönen zu verbinden. Stotus erhielt, dem Verſprechen des Kaiſers nach, eine Sternwarte angewieſen, um nicht allein den Träumereien der Aſtrologie nachzuhängen, ſon⸗ dern auch die Wiſſenſchaft der Aſtronomie durch unermüdliche Forſchungen zu bereichern. Die Thiergeſchichte des Ariſtoteles wurde überſetzt, und Friedrich ſelbſt, als eifriger und tüch⸗ tiger Naturforſcher, vollendete ſein Werk: über die Kunſt, mit Vögeln zu jagen, Ein Werk, voll der genaueſten und gründlichſten Forſchungen über die Natur der Falken, deren Lebensweiſe das ſcharfe Auge Friedrichs ſo ſorgſam belauſcht, das er mit einer ihn an die Seite der größten Män⸗ ner ſetzenden Gründlichkeit über alle Verrichtungen dieſer Thiere, ihre Krankheiten und die Heilmit⸗ tel derſelben zu ſchreiben vermochte. Er war es, der vom Leuchtthurme von Meſſina einen ſilbernen Becher in das Meer warf, um den ſicilianiſchen Schwimmer Nicola zu bewegen, die räthſelhaften Meerestiefen zu erforſchen. Die heitere Jagd wechſelte mit Spielen, Ge⸗ ſang und Tanz, und um dies Alles webte die Dicht⸗ kunſt ihre himmliſchen Arabesken. Aber auch das Liebliche wurde nicht vergeſſen. Der köſtlichſte Wein, die beſten Fiſche, die ſelten⸗ ſten Früchte ſtrömten herbei; denn wenn auch der Kaiſer für ſeine Perſon höchſt mäßig lebte, ſo durfte es doch an ſeinem prächtigen Hofe an nichts fehlen, was Herz und Sinne hätte entzücken können. Den wahren Adel ſeiner Seele beurkundete er aber dadurch, daß er alle berühmte Gelehrte, Künſtler und Dichter um ſich verſammelte. Unter ſeinem Vorſitze wurden dann ihre Werke darge⸗ ſtellt, vorgeleſen und geprüft, und den Sieger mußte die Schönſte ſeines Hofes mit Kränzen und reichen Gaben lohnen* Was Italien an herrlichen und edlen Frauen aufzuweiſen hatte, fand man am Hofe zu Neapel, der der Mittelpunkt alles Großen, Schönen und Geiſtreichen war. Und der Kaiſer, ſeine Söhne, 8 18** — —— —— 418 ja Alle, die in dieſen Zauberkreis traten, ließen, von Begeiſtrung ergriffen, Lieder ertönen. So er⸗ fand Friedrich ſelbſt mehre künſtlich verſchlungene Weiſen und Versmaße, welche von großer Herr⸗ ſchaft über die Sprache zeugen, und Peter de Vi⸗ neis iſt der Dichter des erſten Sonetts, welches wir in italieniſcher Sprache beſitzen, und das, ſelbſt dem Inhalte nach, unzählige von ſpäteren überwiegt.*) Auch Handel und Gewerbe wurden nicht über⸗ ſehen, und erſterem entſprangen, namentlich aus des Kaiſers freundlichen Beziehungen zu dem Oriente und ſeinen Herrſchern, unermeßliche Vortheile. Wer ſollte hier nicht ſtaunen und ſich voll Ehr⸗ furcht beugen vor einem ſo edlen Charakter, vor einem Geiſte, der rieſengroß und in Hinſicht auf ſeine Vielſeitigkeit wahrhaft einzig in der Ge⸗ ſchichte da ſteht.* Der Stern des römiſch-deutſchen Kaiſers— der Stern Friedrich Il ſtand im Zenith! Hellleuch⸗ tend flammte ſein Licht über die ganze bekannte Welt, doch—— Mit des Geſchickes Mächten Iſt kein ew'ger Bund zu ten, Und das Unglück ſchreitet ſchnell. *) Fr. v. Raumer und Ernſt v. Münch's Geſchichte der italieniſchen Dichterſchule unter den Hohenſtaufen. 423 klar und anſchaulich zu machen und harmoniſch ge⸗ ordnet wiederzugeben; ſo ſcheint hier die milde Hand der Natur ſelbſt alle Reize der Schöpfung verei⸗ nigt zu haben. Wildromantiſches und Sanftes, Elegiſches und Heiteres, Großartiges und Lieb⸗ liches ſind in dieſem Garten Gottes ſo lieblich ver⸗ ſchmolzen, daß ihr Einklang in der Seele des Be⸗ ſchauers zaubriſch wiedertönt und ſich mit dem Blick in dieſes Paradies auch deſſen ſelige Ruhe in das entzückte Herz ſtiehlt. Eine wilde, oft gewaltige Gebirgsnatur ver⸗ einigt ſich mit Orangen⸗ und Limonenpflanzungen, deren Duft die Tramontana verſchlingt, die im dunkelblauen Golf di Napoli die weißen Segel ſchwillt. Die ganze Hochebene, auf der Sorrento, von kleinen Ortſchaften und reizenden Villen um⸗ geben, liegt, krönen unzählige Weinſtöcke, Feigen⸗, Johannisbrot⸗ und andere Obſtbäume, unter welche hingeſtreckt, ſich dem Auge eine Fernſicht erſchließt, wie ſich kaum eine zweite finden wird. Ueber das Grün der Orangen hinaus liegt der weite Meerbuſen von Neapel, der mit ſeinen weichen Wellen den Fuß der königlichen Stadt be⸗ ſpült, die amphitheatraliſch aus dem Ocean empor⸗ ſteigt, ſich traulich an den Pauſilippo lehnend. Majeſtätiſch hebt ſich die dunkle Rauchſäule des ewig dampfenden Veſups in die reinen Lüfte und 1 424 aus den Fluten tauchen, wie ſchilfbekränzte Meer⸗ göttinnen, die Inſeln Capri, Jschia und Procida; während in blauer Ferne das Cap Miſenum die zauberiſche Ausſicht ſchließt. Und hier! hier! wohnten Eudoria und Alexis, fern von dem Getöſe der Hauptſtadt, nur ſich und ihrer Liebe. Engel mochten die Liebliche beneiden, wenn ſie am Abend an der Seite ihres Geliebten hinaus⸗ ſah in die göttlich⸗ſchöne Welt. Wenn in dem glatten, grenzenloſen Spiegel des Meeres ſich von den Strahlen der untergehenden Sonne ein Refler vom Horizonte an bis zu der nahen Küſte in laut⸗ rem Feuer bildete und in dem flüſſigen Abendgolde die grünen Inſeln ſchwammen; wenn von den Klö⸗ ſtern dann das friedliche Geläute herüberzog und unweit von ihnen ein ſchönes Mädchen andächtig vor einem Heiligenſtocke kniete; wenn zahlreiche Heerden weißer Ochſen und ſchwarzer Buffoli aus der Ebene und den Sümpfen von Pestum vorüberzogen und ealabreſiſche Hirten mit ihren ſpitzen Mützen und langen Schilfröhren Scharen halbwilder Pferde da⸗ hin trieben, die ſich, frei von Zaum und Zügel, zu ſchönen Gruppen geſellten; wenn die Liebenden, von der ſtillen Herrlichkeit überwältigt, ſich dann ſelig in die Arme fielen!— o wahrlich! wahrlich! dann durften ſie Engel beneiden. Nur in der erſten Zeit, ſo lange der Krieg den Kaiſer in Anſpruch nahm, ſiel ein düſtrer Schatten über Eudoria's Paradies. Deſto himmliſchere Tage erblühten ihr aber nach dem Frieden von S. Ger⸗ mano. Ihr Zuſtand, der nachgerade dem wichtigen Momente ſeiner Endſchaft mehr und mehr entgegen⸗ ging, beunruhigte ſie in keiner Weiſe. Ihrem Ge⸗ wiſſen, ihrer Anſicht nach war er ein rechtlicher, und ſie freute fich auf das ſüße Kleine, wie ein Kind auf die Gaben des Weihnachtsfeſtes. David hatte ſich, wie ſchon erwähnt, in das Unabänderliche geſchickt; ja er lebte in dem unbe⸗ grenzten Glücke jener theuren Menſchen ordent⸗ lich auf. Er liebte Eudoria bis zum Anbeten und ſeine ſtillen Huldigungen, ſein verſchwiegenes Sehnen, konnte ihm ja kein Gott wehren. Ihre Nähe, ihr Lächeln, ein Blick von ihr, machte ihn zum Glück⸗ lichſten der Sterblichen, und oft, wenn Friedrich nach einem ſchönen Abende mit ihr heimgekehrt, ſaß David noch bis tief in die Nacht auf der Stelle, die ſie eingenommen, und hing ſüßen Träu⸗ men nach. In Eudoria's und Friedrichs Geſellſchaft aber trieb ſein Humor deſto phantaſtiſchere Blüten; denn Witz und Laune waren, wie er ſagte, die Zwil⸗ 426 linge, die der Menſch nur dann zur Welt ſetzte, wenn Frau Fortuna ſich bei ihm einquartiere. So frug er einſt einen jungen Mann, welchen der Kaiſer bei einem Beſuche in ſeinem Gefolge mitgebracht, und der zwar ein tüchtiger Maler, aber dabei ein höchſt aufgeblaſener Menſch war: welche Aehnlichkeit die Kochkunſt mit den ſchönen Künſten habe?— und ſagte, als Jener keine auffinden wollte: Beide erzeugen Dünſte und Blähungen! Wie natürlich gab die Liebe oft einen Hauptge⸗ genſtand des Geſpräches ab und führte zu tauſend Scherzen und Neckereien. David ſagte von ihr, als Eudoria ihn einſtens frug, was denn wol ei⸗ gentlich Liebe ſei? Lieb' iſt ein ſüßer Fiebertraum, Ein Dieb, durchs Aug ins Herz geſtiegen. Lieb' iſt des Nektars duft'ger Schaum, Die Götter naſchen ihn in vollen Zügen. Lieb' macht den Reichen arm, den Armen reich, Und oft den Weiſeſten zum Thoren; Lieb' lacht und weint, fürchtet und hofft zugleich, Und ſtirbt mit uns, wie ſie mit uns geboren. Lieb' iſt ein Engel und ein wildes Thier; Will ſie allmächtig ſein, borgt ſie den Reiz— von dir. Seine Hauptkraft entfaltete er aber in ſchalk⸗ haften Erzählungen, die er meiſt, zu Füßen des holden Paares ſitzend, vortrug, während Jene die Zeit unter Lachen und Koſen vertändelten. 427 So hatte ſich nach und nach ein unendlich glückliches Zuſammenleben entwickelt, das Eudoria und Aleris, den Kaiſer und den Narren mit un⸗ auflöslichen Banden umſchloß und Allen eine frohe Zukunft zu ſichern ſchien. Die Schattenſeite alles Erdenglücks aber it ſeine Zerbrechlichkeit. Ueber dem ſcheuen Tauben⸗ fluge der Menſchheit kreiſt ungeſehen der ſchwarze Raubvogel des Unheils und droht jeden Augen⸗ blick niederzuſtürzen und ſeine Beute zu zer⸗ reißen. Der Kaiſer, der über ſein Liebesglück die Staatsgeſchäfte keinen Augenblick vergaß, hatte unterdeſſen ſeine Macht in Italien ſo befeſtigt, daß er den wiederholten Bitten der deutſchen Fürſten endlich nachgeben konnte, und ſo entſchloß er ſich, eine langverſäumte Pflicht nachzuholen, ſein Haupt⸗ reich, Deutſchland, wieder zu beſuchen. Nur wollte er noch vorerſt Eudoria's bald bevorſtehende Nie⸗ derkunft abwarten. Aber ein ihm widerliches Project hatte der ſtaatskluge Kanzler unterdeſſen entworfen, und un⸗ terließ nicht, den Kaiſer mit deſſen Ausführung zu quälen. Es war dies nichts Geringeres, als der Vor⸗ ſchlag zu einer Heirath des Kaiſers mit Iſabella, der einundzwanzigjährigen Schweſter König Hein⸗ richs des Dritten von England, einem Mädchen von königlicher Schönheit. Den argwöhniſchen Blicken des Kanzlers war ſchon in Paläſtina das Verhältniß des Kaiſers zu der ſchönen Mahomedanerin nicht entgangen. Als guter Hofmann aber hatte er daſſelbe ignorirt; zu⸗ mal da er es höchſtens für eine jener vorüber⸗ gehenden Leidenſchaften hielt, die, nach Davids Ausdruck, die fliegende Krätze der Großen ſind, die ſie alle Tage vierundzwanzigmal juckt. Selbſt als Vineis ſpäter gewahrte, welche Folge dieſe Liebe gehabt, blieb er ruhig; denn er dachte: Liebe ſtirbt meiſt an ihren Folgen. Zu ſei⸗ nem Schrecken aber gewahrte er bald, daß auch hierin Kaiſer Friedrich Il eine Ausnahme von der Alltäglichkeit machte und— treu blieb. Jetzt ward ihm das erwähnte Verhältniß höchſt zuwider, da es ihm nicht nur, wie ihm däuchte, einen guten Theil kaiſerlicher Gunſt entzog, ſondern auch ſchnurſtracks der Ausführung einer ſeiner Lieb⸗ lingsideen— ſeines Herrn Anſehen und Macht durch eine zweckmäßige Heirath noch zu ſteigern— entgegenlief. Bekannterweiſe ſtanden ſich um jene Zeit noch immer die Guelfen und Ghibellinen feindlich ge⸗ 429 genüber und ihr unglückſeliger Haß zerriß Deutſch⸗ und Welſchland in zwei große Parteien*). Nun waren aber die Welfen dem engliſchen Königshauſe verſchwägert und dieſe Verwandtſchaft gab ihnen, wenn auch kein poſitives, doch oft ein moraliſches Uebergewicht. Konnte Vineis es nun zu jener Heirath bringen, ſo war dieſer Einfluß der feindlichen Partei nicht nur neutraliſirt, ſondern der Kaiſer konnte auch im Nothfalle auf die thätige Hülfe Englands rechnen, mit welchem bei dieſer Gelegenheit ein günſtiger Vertrag leicht abzu⸗ ſchließen war. Rom hatte mit ſeinen überall off⸗ nen, unſichtbaren Ohren die Pläne des Kanzlers bald belauſcht und, da ſie mit der hölliſchen Intri⸗ gue, an welcher man eben ſpann, hübſch klappten, ſo beeilte ſich der Papſt, ſich mit Petrus zu ver⸗ ſtändigen und ſeinen Vorſchlag ſowol am kaiſer⸗ *) Die richtigſte Ableitung der Parteinamen Welfen und Ghibellinen iſt folgende. In der Schlacht bei Weinsberg zwiſchen Herzog Welf VI und König Konrad IMI von Waiblingen hatte jene Partei den Schlachtruf:„Hie Welf!“— dieſe„Hie Waiblingen!“ angenommen. Die⸗ ſer Feldruf blieb von da an für die beiden feindlichen Heere entſcheidend, ja er erhielt ſich noch, als die Waib⸗ lingen den urſprünglichen Familiennamen mit dem der Hohenſtaufen vertauſchten, ſo wie die Gegenpartei der bairiſchen Herzöge und mit dieſen des Papſtes den der Welfen behielt. Endlich galt er nur noch für kaiſerlich und päpſtlich Geſinnte und ward von den Italienern nach ihrem Munde in Guelfen und Ghibellinen umgemodelt. 430 lichen, als am engliſchen Hofe eifrig und unter dem Scheine der lebhafteſten Theilnahme zu un⸗ terſtützen. Friedrich aber wollte von nichts dergleichen hören und wies alle ſich darauf beziehenden Vor⸗ ſchläge entſchieden zurück. Aber es bedarf hier eines Blicks in das In⸗ nere des Vatikans. 25. Von Chriſti Nachfolge. 6 die Macht, die ich mit Recht beſitze, Sei du verflucht und excommunicirt: Geſegnet ſei, wer dieſem Ketzer bricht Die Unterthanentreu' und ſich empört; Und hochverdienſtlich ſei die Hand genannt, Canoniſirt und heilig ſtets geehrt, Die insgeheim das Leben de entkeißt. W. Shakespearr. In einem höchſt prunkvollen Saale des Vatikans hatte Papſt Gregor M, umgeben von ſeinem ganzen geiſtlichen Hofſtaate, ſo eben den Geſandten Eng⸗ lands, Frankreichs und Spaniens eine 166. Au⸗ dienz gegeben. Der Stellvertreter des Allmächtigen, der pochſe Richter der ganzen Menſchheit, der Herr der Kö⸗ nige und Völker— der, in deſſen Hand Fluch und Segen, Leben und Tod, Seligkeit und Ver⸗ dammniß lag, entſchied hier an Gottes Statt die Händel der Fürſten. Die Geſchäfte waren ſo eben beendet, und der Papſt erhob ſich. In demſelben Momente ſanken die Geſandten— man hatte meiſt Fürſten zu die⸗ ſem Ehrenamte ernannt— gleich allen Anweſen⸗ den auf die Kniee, den Segen des heiligen Vaters zu empfangen. Es war ein feierlicher, überraſchen⸗ der Anblick, wie der ſilberhaarige, gebückte und doch noch ſchöne und kräftige Greis mit den flam⸗ menden Blicken und dem imponirenden Angeſichte die dürre und welke Hand ſegnend ausſtreckte über die Fürſten und Prälaten, die zu ſeinen Füßen la⸗ gen. Es war ein Bild, das in allen ſeinen Zügen den Charakter der damaligen Zeit ausdrückte. Auf einen Wink entfernten ſich hierauf alle Anweſenden bis auf den General des Dominikaner⸗ ordens. Gregor ſank erſchöft auf ſeinen Thronſeſſel zurück. Pennaforti aber ſtand ſchweigend in einiger Entfernung. Die Züge des Papſtes hatten ſich plötzlich merk⸗ lich geändert. Die eben noch von Hoheit ſtrahlende Stirne zeigte jetzt die vielen, tiefen Furchen, welche die Stürme des Lebens und die Sorgen der Re⸗ gierung während ſo langer Jahre auf ihr einge⸗ graben; die buſchigen Brauen, die durch ihr glän⸗ zendes Weiße ſcharf von dem dunklen Teint des Geſichtes abſtachen, waren über die Augen geſun⸗ ken, als wollten ſie die flammenden mit ihrem Schnee kühlen. Die eingefallenen Wangen belebte das fieberhafte Roth der Anſtrengung und die fleiſch⸗ loſen Hände umſchloſſen krampfhaft die beiden gold⸗ 433 nen Engelsköpfe, welche die Enden der Lehne des Thrones bildeten; während das weite, violette Ge⸗ wand die ſchmale Geſtalt in tauſend Falten umfloß. Gregors Körper ruhte ermattet von dem ſchwe⸗ ren Dienſte aus, den die heftige Seele ſo tyranniſch von ihm forderte. Gehorſam verlangte der ſtarke Geiſt, wie von der Welt, ſo auch von dem eignen, gebrechlichen Leibe. Aber wenn auch die Hülle der Ruhe bedurfte, die Seele arbeitete raſtlos fort; laſtete doch die ſchwere, einen Gott erfordernde Aufgabe auf ihr, die ganze Welt zu regieren. Faſt eine Viertelſtunde verfloß dem Papſte in ſolch ſtillem Brüten. Er ſchien die Außenwelt ver⸗ geſſen zu haben, und auch Pennaforti verharrte in tiefem, ehrfurchtsvollem Schweigen. Da fuhren plötzlich die Augenbrauen raſch in die Höhe, ein Blitz zuckte nach dem Dominika⸗ ner. Pennaforti! rief die ſx⸗ Stimme des Greiſes. Dieſer trat einen Schritt vor, beugte ſich tief und ſagte: Eurer Heiligkeit treueſter Diener erwar⸗ tet Eure Befehl. Du ſprachſt mir von den ghn Abgeſand⸗ ten König Heinrichs! Sie ſind bereit, ihre Aufträge zu den Füßen Eurer Heiligkeit niederzulegen. Gut! entgegnete der Papſt, und Sie und . 19 Züge nahmen wieder das ihnen gewöhnliche Leben an. Vorerſt aber, was ſchreibt Vineis? Der Kanzler ſchreibt nichts! Wie?! rief der Greis erzürnt und ſtampfte auf den Boden. Wird dieſer Starrkopf nie nachgeben? Fordern Wir denn Ungerechtes von ihm? Er ſoll Uns ja nur genaue Auskunft über das Verhältniß ſeines Herrn zu den ungläubigen und ketzeriſchen Dirnen geben, mit welchen er lebt, damit Wir den Kaiſer kraft Unſeres Amtes ermahnen und auf den rechten Weg zurückführen können. Heiligkeit mögen vergeben! entgegnete Pen⸗ naforti, Petrus de Vineis iſt zu klug, um nicht zu merken, daß es ſich hier weniger um Zurechtweiſen handelt, als um einen Beweis von Friedrichs ketz⸗ riſchen Neigungen und Zügelloſigkeit in die Hand zu bekommen. Am wenigſten wird er etwas Schrift⸗ liches in dieſer Beziehung von ſich geben, da ihn ſolches einer Treuloſigkeit überführen könnte. Was?! fuhr hier Gregor zornig auf. Treu⸗ loſigkeit? Wo iſt hier Treuloſigkeit? Die Zeit iſt krank, ſie liegt im Fieberwahn! Was Treue iſt, gilt ihr für Untreue, Untreue für Treue! Wem anders gilt der erſte Eid, den jede Chriſtenſeele ſchwört, nbch eh' ſie ſtammeln kann, und wieder 5 n 3 befleckten Mutter Kirche? Der Eid iſt bindend für dieſe und jene Welt und jedes Verſprechen, das nach ihm geleiſtet, ihm widerſpricht, iſt Meineid. Darum wer ſeinem Kaiſer Treue ſchwört, der ſel⸗ ber treulos gegen die Kirche iſt, iſt dadurch dieſes Schwures quitt und ſeine fernere Treue für den Fürſten wird zu Verrath an Gott und ſeiner Kirche. Wenn Eure Heiligkeit. Gehorſam will ich, buiben, unbedingten Ge⸗ horſam, wie gegen Gott! fuhr Gregor eifernd fort, ohne auf Pennaforti zu achten. Bald ein Jahr⸗ hundert übte ich Gehorſam und frug nicht warum? nicht wie? noch wo? wenn mir Honorius gebot. Der Himmel gab den Menſchen mancherlei Beruf, all ihren Kräften wies er Bahnen an, doch iſt das Ziel jedweden Strebens Gehorſam. Wie die Na⸗ tur ihren Geſetzen gehorcht, ſo folge auch der Menſch dem ewigen Geſetz der Pflicht, und Fluch dem Frevler, der ſich rebelliſch ihm entgegenſtellt. Gregor hatte ſo laut und heftig geſprochen, daß er erſchöpft nach Athem haſchte. Pennaforti benutzte den Moment und ſagte in unterwürfigem Tone: Der Kanzler iſt ein Höfling, ein Weltmann und daher ängſtlich und mistrauiſch. Darum erlaßt ihm, Heiligkeit, die Schrift, zu⸗ mal er ſonſt Euren Wünſchen mehr als kommt. 19* 436 Nun! herrſchte der Papſt und war ganz Ohr. Eure Heiligkeit weiß, fuhr Jener fort, daß je⸗ der Menſch ſein Spielwerk, ſeine Schwäche hat, und daß es Vineis' Hauptſchwäche iſt, ſich ſeinem Kaiſer durch große Pläne und Unternehmungen, in die er ihn klug verwickelt, unentbehrlich zu ma⸗ chen. Ferner iſt Eurer Heiligkeit bekannt, daß die projectirte Heirath mit Iſabellen von England ſolch ein kanzleriſche iſ. Ihr habt Euch ja der Sache ſelber an Weil man dem u er doch ſterben muß, ſelbſt Schädliches, wenn er es liebt, nicht mehr verſagt. Ich kenn' den Henkerblock, er iſt aus deutſchen Eichen... Zur Sache! Srt ihn Gregor finſter und gebieteriſch. Alſo die Heirath, fuhr Pennaforti mit einer Verbeugung fort, die möchte Vineis vor allen Din⸗ gen im Reinen ſehen. Man ſagt, England habe dem guten Unterhändler ein rundes Sümmchen in der Ferne gezeigt, doch die Welt iſt ſchlimm. Zur Sache! Zur Sache! drängte der Papſt. Was geht mich und die Kirche Euer Mammon an? Nun, dieſer Heirath ſteht nun vor allen Din⸗ gen jene ſündliche Liebe entgegen. Jene Teufelsliebe! rief Gregor, in der der 437 Ketzer ſo recht ſeine verfluchte Neigung zum mahv⸗ medaniſchen Glauben kundgibt! Ja! ſagte der Dominikaner. Um nun freies Spiel zu haben, wünſcht Vineis dieſe Steine des Anſtoßes auf die Seite zu ſchaffen. Ha! rief Gregor und hob ſich mit Jugendkraft empor, ſeine Züge leuchteten und ſeine Augen ſchoßen Feuerſtrahlen. Er liefere ſie mir aus und ich will der Ketzerei ein Beiſpiel geben, daß ſie auf ewige Zeiten erbeben Joll! Der Kanzler iſt dazu bereit! ſagte Pennaforti lauernd, nur hat er Eines zur Bedingniß gemacht. Ihm werde, was er will, wenn nur die Kirche dieſen Sieg erlebt. Vineis will Alles ſo einrichten, daß es ein Leichtes ſein wird, die Dirnen zu entführen, nur dürfte kein Verdacht auf ihn fallen, da... Verſtehe! lächelte Gregor, da's ihm mit Recht um kaiſerliche Gunſt hier bangt; freilich möchte eher ein Strick als eine Gnadenkette dieſe edle Handlung lohnen. Indeß es ſei! du, Pennaforti, haſt Vollmacht, Alles abzuſchließen. Doch hörſt du? Die Gerechtigkeit auch hierbei nicht außer Augen laſſen! Die Kirche bleibt unbeſiegbar, ſo lange ſie ſich ſtrenge an dem Recht hält; ihr Recht iſt aber: den wahren Glauben aufrecht zu erhalten und zu deſſen Gedeihen das Unkraut auszujäten. 438 „ Bekehren ſich die Dirnen, darf ihnen kein Haar gekrümmt werden, beharren ſie im Wahnſinne ih⸗ res Glaubens, dann in die Flammen mit ihnen. Ein reicher Lohn iſt dir gewiß, denn die Sache iſt von höchſter Wichtigkeit. Einmal das Beiſpiel in den jetzigen ungläubigen Zeiten; dann die Demüthi⸗ gung Friedrichs, den man quasi mit den Ketzerin⸗ nen beſtraft; und endlich haben Wir alsdann auch den Trotzkopf von Kanzler gefangen. Hat er den Schritt gethan, iſt er in Unſrer Hand und Unſres Mundes Hauch kann ihn verderben. O Menſchen! ein Schritt zum Böſen und der Teufel hat euch in der Hand. Zum Böſen? Ja, zum Böſen! Freilich in ihren ſchwachen verblendeten Augen. Wie oft iſt gut, was den be⸗ thörten Menſchen böſe dünkt, und ſchlecht, was ih⸗ nen Tugend ſcheint. Des Kanzlers Gewiſſen wird ihn in ſeiner Beſchränktheit über jenes Vorhaben ſchelten und dennoch iſt es ein Werk des Himmels; denn Wir— Wir— der Untrügliche— der an Gottes Statt Wir nehmen es auf Uns und reihen es den Werken eines Heiligen an. Doch nun genug davon, bis daß die That vollbracht. Jetzt die Geſandten! Der General der Dominikaner verbeugte ſich tief, öffnete die Seitenpforte und winkte zwei 439 Männern, von ziemlich derbem Ausſehen, einzu⸗ treten. Marſchall Anſelm von Juſtingen und der würzburgiſche Oberhelfer Wolker von Tannhauer! Beide geheime Abgeſandte König Heinrichs, ſagte hierauf Pennaforti, die beiden Deutſchen vorſtel⸗ lend, die ſich in tiefer Ehrfurcht auf ein Knie nie⸗ derließen. Gregor maß die beiden Männer einen Augen⸗ blick mit ernſten, faſt finſteren Blicken; dann neigte er kaum merklich das Haupt und ſagte: Im Na⸗ men des dreieinigen Gottes nennen Wir euch hier willkommen. Doch ehe Wir zu weitern Dingen ſchreiten, wie ſteht es mit der Vollmacht? Wir ſind eigentlich gewohnt, nur mit den Königen direct zu unterhandeln. Geruhen Eure Heiligkeit die Lage der Dinge hier zu berückſichtigen, entgegnete Wolker, die Vollmacht überreichendz es bedurfte geheimer Boten. So hätte unſer Sohn Heinrich ſie doch im Fürſtenrange wählen ſollen, wie Ehrfurcht vor dem Statthalter des Höchſten ihm gebot. Doch, fuhr der Greis fort, nachdem er das Pergament durch⸗ geſehen, zum Beweiſe, wie gnädig Wir dem deut⸗ ſchen Könige, wollen Wir ſeinen Bitten keine Schwierigkeiten in den Weg legen. Die Vollmacht 7 440 iſt unumſchränkt. Und nun? was iſt der Inhalt Eurer Botſchaft? Die Geſandten erhoben ſich und Wolker ſagte: Im Namen Sr. Majeſtät König Heinrichs von Deutſchland——— Im Namen des deutſchen Königs Heinrich un⸗ terbrach der Papſt den Sprechenden, und fügte mit Nachdruck hinzu: Vor dem Stuhle zu Rom gibt es keine Majeſtät. Der Deutſchen Stirnen wurden düſter, doch beugte ſich Wolker leiſe und fuhr dann fort: Noch iſts kein Jahr, da legte unſer König zu Füßen Eurer Heiligkeit gerechte Klagen gegen ſeinen Kai⸗ ſer und Vater, Friedrich I, nieder. Gerechte Klagen! wiederholte Gregor, ja, ja! Wir kennen ſie genau; ſie ſind mit glühenden Zügen Uns ins Herz geſchrieben. Wie kann der Kaiſer Deutſchland wohl regieren, wenn er beſtän⸗ dig zu Neapel weilt und ſich allda im Pfuhl der Sünde badet? Wie darf er eben jene Reiche ver⸗ einigen? Da doch die Kirche ihre Trennung be⸗ fohlen und er ihr dieſelbe verſprochen hat? Gehört Neapel nicht von Gott und Rechtswegen eurem König, ſtatt der elenden Statthalterſchaft des deut⸗ ſchen Reichs? Entſtehen nicht alle Streitigkeiten mit der Kirche, alle Unbillen in Deutſchland aus der Aufrechthaltung dieſes unnatürlichen, verkehrten 441 Verhältniſſes? Die Klagen ſind gerecht! Und wie? Wir haben ja dieſelben dem Kaiſer an das Herz gelegt. Hat er denn nichts gethan, ſie abzuſtellen? Nur harte Verweiſe ertheilte er dem Sohn. Verweiſe? rief der Papſt anſcheinend verwun⸗ dert. Und that Nichts, gar Nichts, König Heinrich zufriedenzuſtellen? Nein! entgegnete Wolker, Gehorſam fordere der Kaiſer, wie er ſagte, von ſeinen Unterthanen, der Vater von ſeinem Sohne. Sprach viel von Kaiſerthum, in dem jedwede weltliche Gewalt ſich reinigen und verklären müſſe, damit das Einzelne in ihm ſeinen Träger finde und von ſeinem Lebens⸗ geiſte durchdrungen und erhalten werde. Nach all den ſchönen Worten endlich zeigte er Heinrich in ferner Zukunft die Kaiſerkrone. O wie ſchlau! rief hier der Papſt mit ſpötti⸗ ſchem Lächeln. Nur Schade für den guten Heinrich, daß dieſe Zukunft für ihn vielleicht niemals zur Gegenwart werden wird. Der Vater iſt nur fünf⸗ zehn Jahre älter als der Sohn. Das letzte geheime Schreiben Eurer Heiligkeit rieth nun dem Könige, ſich ſelbſtſtändig zu erklären und ſtatt Neapel das deutſche Reich für ſich ſelber in Beſitz zu nehmen. Allerdings, ſagte der Papſt, damals war Fried⸗ 19** = 442 rich noch im Bann. Jetzt haben ſich die Dinge frei⸗ lich geändert. Das heißt, verſetzte Wolker nicht ohne Bitter⸗ keit, jetzt ſitzt der Kaiſer dem Glück im Schoos und da findet Eure Heiligkeit die Sache zu gefährlich, vielleicht wiegt unſers Königs Recht nun leichter? Das Recht bleibt ſich nicht ſtets und nicht in jeder Lage gleich! verſetzte Gregor ernſt. Recht iſt, hört ihr wol, ihr Herren, und meldet dieſe Worte eurem König— Recht iſt, einem Gebannten die Unterthanentreue zu brechen; Recht iſt, ſich gegen ihn empören; ein ewiges Verdienſt erwirbt ſich ſelbſt die Hand, die ihm das Leben nimmt. Doch hat die Mutter Kirche ihm erſt wieder den Gnadenſchoos eröffnet, dann wird Un⸗ gehorſam, Rebellion und Mord aus Recht— ja aus Verdienſt— zu fluchenswürdiger That. Was übrigens des Kaiſers Glück betrifft, ſo wißt: wenn das Glück den Menſchen in ſeine Arme ſchließt, er⸗ drückt es ihn gar leicht. Glück iſt eine buhleriſche Dirne, die, wenn ſie am heißeſten küßt, am eheſten den Thörichten, der ſich ihr hingegeben hat, beraubt. Aber mein Gott! ſagte hier Wolker von Tann⸗ hauer in ſichtbarer Verlegenheit, auf Eurer Heilig⸗ keit Anrathen hin hat König Heinrich alle Vorkeh⸗ rungen zu der Loßreißung ſchon getroffen. Die Unzufriedenen ſind gewonnen, die Lombardei und 443 ihre Städte haben zu Mailand einen Vertrag mit Heinrich unterzeichnet und verſprochen, ihn als König anzuerkennen, ja für ihn zu kämpfen; wo⸗ gegen er dieſelben frei von Abgaben, Geißeln und Pfändern ſprach und ihre Freiheit bewilligte. Was ſoll er nun beginnen? Warten und hoffen! entgegnete mit einem vielſagenden Blick Gregor. Die Sünde iſt ein Ge⸗ ſchwür, das, wenn es reif iſt, aufbricht. Und Kai⸗ ſer Friedrich leidet ſtark an ihr. Wir ſind die Gnade, aber auch der Zorn!— und glaubt es mir, der Kaiſer bleibt nicht lange in der Kirche Schoos. Aber möge Eure Heiligkeit berückſichtigen, fuhr Wolker ängſtlich fort, daß nach den Schritten, die bereits geſchehen, Heinrich nicht mehr zurücktreten kann. Und wenn der Kaiſer erführe.. Genug! entgegnete der Papſt entſchieden und erhob ſich. Ihr habt Unſere Meinung vernommen. Aber was ſollen Wir denn Sr. Majeſtät be⸗ richten?. Sagt Heinrich, was Ihr gehört! rief Gregor finſter, und fügte bei: der Weiſe jammert nicht über zukünftiges Weh, er beuget vielmehr jetzt dem fernen Uebel kräftig vor. Und damit meinen Segen! Die Geſandten, überraſcht von der ſo plötz⸗ lichen Verabſchiedung und dem ſchwankenden und nichtsſagenden Benehmen des heiligen Vaters, der ſie und ihren Herrn in einer Verlegenheit ließ, in die er ſie geſtürzt, knieten verwirrt nieder und ver⸗ ließen ſodann höchſt misgeſtimmt das Gemach. Als dies geſchehen, ſagte Gregor mit trium⸗ phirender Miene: Es iſt entſchieden. Heinrich empört ſich gegen den Kaiſer. Er muß es, denn er iſt bereits zu weit gegangen und kann nicht mehr zurück. Was aber daraus entſtehe: Wir ſind frei von Schuld, denn Wir verboten ihm die kühne That. Die Hauptſache aber iſt, daß Friedrich dieſen Schlag wol nicht überleben ſoll. Siegt Heinrich, iſt des Kaiſers Macht gebrochen; doch bliebe auch das Schickſal Friedrich günſtig, ſo kenne ich ihn, er iſt zu leidenſchaftlich, um nicht den oftgewarnten Sohn, den Rebellen, zu vpfern. Dann, Freund, wird ihm dieſe raſche That die Liebe ſeiner Unterthanen ent⸗ fremden; man wird in ihm nur den Tyrannen ſehen und jeden Anlaß benutzen, ſich von ihm zu trennen, während die gefräßigen Geier der Reue und der Trauer ihm das ſtolze Herz zerreißen. Begonnen iſt das Werk mit Gott— denn Fried⸗ rich iſt Gottes und der Kirche Feind— mit ſeiner Hülfe werd' ichs auch vollenden. Ich will nur das Recht der Kirche wahren; allein was ich „will,“ das will ich auch ganz und unabän⸗ 445 derlich. Die Mittel ſind gleich, wenn ſie nur den frommen Zweck erreichen helfen. Nicht eher aber ſollen ſich dieſe Augen ſchließen, bis ich den Unter⸗ gang der Hohenſtaufen, der Erzfeinde der Kirche, erſt geſchaut. Dies ſagend winkte er dem Dominikaner und ſtieg, auf ihn gelehnt, des Thrones Stufen nieder. 26. Der Sänger. Ich lag heut Nacht in ſüßen, ſtillen Träumen Von meiner Heimat und von meinen Lieben. Ich wandelte bei meiner Kindheit Bäumen, Wo ich wol wünſchte, daß ſie mich begrüben. Freiligrath. Dem ſtillen, zurückgezogenen Leben der beiden Schweſtern erwuchs um jene Zeit eine neue An⸗ nehmlichkeit. Sie vernahmen nämlich, als ſie an einem hüb⸗ ſchen Abende Arm in Arm durch die weitläufigen Anlagen ihres Gartens gingen, eine ſchöne Män⸗ nerſtimme, die aus einiger Entfernung zu ihnen herüber klang. Anfangs blieben ſie mit mädchenhafter Schüch⸗ ternheit ſtehen und lauſchten. Wie aber ſchlugen ihre Herzen, welch wehmüthiges Entzücken erfaßte ſie, als ſie wohlbekannte Klänge vernahmen und ganz deutlich Worte ihrer Mutterſprache unter⸗ ſchieden. Es war Beiden, als ob ſich plötzlich die Ge⸗ gend verändert habe und ſie mit Einemmale in das Paradies ihrer Jugend ſchauten. Die Heimat mit allen ihren Reizen, mit tauſend ſüßen Erin⸗ nerungen, mit freundlichen und trüben Bildern, tauchte vor ihrer Seele auf und mit den ſchwel⸗ lenden Tönen, die ſo ſüß und zaubriſch die wohl⸗ bekannten Laute trugen, erwachte in ihrem Herzen das ſchmerzlich⸗traute Gefühl des Heimwehs. Ach! ſelbſt dem Glücklichſten bleibt, iſt er von dem Orte, an den die Erinnerung das Glück der Jugend knüpft, lange entfernt, dies Gefühl nicht fremd und ſeiner Schwermuth Wellen umſpülen ihn dann mit einer qualvoll⸗ſüßen Luſt. Eudoria und Alexis lauſchten mit klopfendem Herzen dem unſichtbaren Sänger, der, hinter Bü⸗ ſchen verſteckt, an jenem Lieblingsplätzchen Eudoria's zu weilen ſchien, nach welchem dieſe ſich eben hatte begeben wollen Sie war in dem Zuſtande, in welchem ſi gerade jetzt befand, doppelt erregt und reizbär; ſo daß ihr Herz, ſo voll Wonne, Furcht und Hoffnung, dieſem neuen Ueberfluten der Gefühle nicht widerſtehen konnte und ſich in Thränen Luft machte und ergoß. Erſchütterten ſie doch ſchon die Ahnungen jenes Momentes, der über zwei Leben zu entſcheiden, der ihr Beides, unend⸗ liches Glück und tiefes Weh, bringen konnte. Aber als ſie ſich ausgeweint, erwuchs mit dem Dahinſterben der Töne in Eudoria's Bruſt die 448 Neugierde. Sie wünſchte Den zu ſehen, kennen zu lernen, der ihr durch Vaterland und Sprache ſo zu ſagen verwandt war. Sie hoffte manch Neues über jene Gegenden und deren letzte Schickſale von ihm zu erfahren; ſie mußte einmal wieder einen Landsmann ſprechen. Sonſt würde ſie kaum ohne r Kaiſers Zu⸗ ſtimmung gewagt haben, einem fremden Manne unter die Augen zu treten; jetzt aber erwirkte die erhöhte Leidenſchaftlichkeit der Schwangern einen ſchnellen und eigenmächtigen Beſchluß. Sie ging raſch vorwärts und der Zufall ſchien ihre Wünſche begünſtigen zu wollen; denn faſt in dem gleichen Momente trat der Sänger hinter einer Lorber⸗ wand hervor und ihr entgegen. Es war eine lange, ſchmale Geſtalt, mit einem gebräunten Antlitze, welches ſcharf geg den ſchnee⸗ weißen Turban abſtach. Die faltigen, zuſammengezogenen Beinkleider waren ben Farbe. Ein breiter Gürtel und eine ſchön mit Goldgezierte blaue Jacke ſchloßen ſeinen Anzug. Die Erſcheinung war den Mädchen um ſo weniger auf⸗ fallend, als zu der Zeit noch jene Maſſen von Sa⸗ razenen im Königreich Neapel lebten, welche Fried⸗ rich, ſie zu kultiviren, aus Siecilien herüber ver⸗ pflanzt und ſelbſt ihre eigene Bedienung aus Glie⸗ dern dieſes Volkes beſtand. Dennoch zeichnete den — 449 Mann, der ihnen jetzt gegenüberſtand, etwas Be⸗ ſonderes aus; etwas, was beide Schweſtern ſich nicht zu deuten wußten, deſſen Einwirkung ſie aber fühlten. Seine Züge waren ſanft, faſt ſchwermüthig. Die unſtäten Augen aber belebte eine düſtere Glut, die nur manchmal zu Blitzen aufloderte, die wie Dolche zuckten. Als der Sarazene die Mädchen gewahrte, beugte er ſich tief, die Hände, deren eine ein lau⸗ tenartiges Inſtrument hielt, auf der Bruſt krenzend. Eudoria redete ihn in ihrer Mutterſprache an, was ihn zu erſtaunen und zu entzücken ſchien. Er antwortete in dichteriſchen Phraſen und bald hatte ſich durch Fragen und Antworten, durch Auskünfte über das gemeinſame Vaterland und Erzählungen eine ſo lebhafte Unterhaltung entſponnen, daß die Dämmerung angebrochen, als man ſich trennte. war um jene Zeit gerade in Staats⸗ angelegenheiten auf einige Tage in Meſſina und Eudoria, welcher dieſe Abweſenheit des angebete⸗ ten Mannes wie eine Ewigkeit dünkte, freute ſich um ſo mehr, durch den Sänger, deſſen Stimme und Lieder ſie entzückt hatten, ein Mittel gefunden zu haben, die langſam ſchleichenden Stunden zu verkürzen. Der Fremdling war, wie er den Mädchen er⸗ zählt, auf einer Reiſe begriffen, um als Dichter fremde Länder und Sitten kennen zu lernen und ſeiner Phantaſie eine neue, reiche Nahrung zu ge⸗ ben. Der Hof des großen Chriſtenſultans zu Nea⸗ pel, der zu jenen Zeiten allerdings weltberühmt war, hatte ihn angezogen, doch hielt ihn bis jetzt noch die zauberhafte Natur in der Gegend der Hauptſtadt zurück, die er erſt dann beſuchen wollte, wenn er hier alle Reize gekoſtet. Der Sänger erzählte dies Alles mit einer ſo zurückhaltenden Beſcheidenheit und war nament⸗ lich von den Ausſichten, welche der Garten darbot, den Eudoria und ihre Schweſter bewohnten, ſo be⸗ rauſcht, daß ſich dieſe nicht enthalten konnte, ihrem Landsmanne die Erlaubniß zu ertheilen, einige Zeit bei ihrem Gärtner wohnen zu dürfen. Der Sarazene lohnte dieſe Güte mit herzlicher Dankbarkeit und erheiterte in den wächſten Tagen durch ſeine Kunſt den Mädchen die ſich für Eudoria— lag es in ihrem Zuſtande, oder in einer düſtern Ahnung, oder auch in der Unbehaglichkeit, welche das länger als erwartete Ausbleiben des Kaiſers in ihr hervorrief— in der letzten Zeit für ſie häuften. Ja es entſpann ſich bald ein ſo freundſchaftliches Verhältniß unter die⸗ ſen Kindern des Südens, daß die Mädchen, als die Nachricht von der Rückkunft des Kaiſers an⸗ langte und der Sänger ſich ihr zu Folge entſchloß, nun die Hauptſtadt zu beſuchen, ihn höchſt ungern ſcheiden ſahen. Eudoria hätte ihn gern vermocht, den Kaiſer, der ja der Poeſie ſo hold, in ihrer Nähe zu erwar⸗ ten, um ihn demſelben perſönlich bekannt zu machen; aber der Sänger zog es vor, den großen Herrſcher erſt aus der Ferne kennen und bewundern zu ler⸗ nen, verſprach indeſſen nach einiger Zeit zurückzu⸗ kehren und behielt ſich die Zuſage Eudoria's bis dahin vor. An dem Morgen deſſelben Tages, an welchem der Kaiſer bei den Mädchen eintraf, war er ver⸗ ſchwunden. Aber wie der ſchönſten Sterne Licht bei dem erſten Blick der königlichen Sonne erbleicht, ſo ſchwand mit Friedrichs Ankunft das Bild des Sa⸗ razenen faſt bis zu der Erinnerung aus Eudoria's Gedachtgiß. War doch ohnedies diesmal ihre Lei⸗ denſchaft ſtürmiſcher als je; eben weil ein gewiſſes ängſtliches Gefühl ſich ihr beimiſchte, ja ſelbſt der mögliche Tod ſich der Hochſchwangern im unge⸗ wiſſen Dunkel der Zukunft zeigte. Deſto heiterer und lebenskräftiger ſchaute der Kaiſer, in allen ſei⸗ nen Unternehmungen jetzt vom Glück begünſtigt, dem Leben in das offne Antlitz und ſein Muth und ſeine Zuverſicht kräftigten bald auch die Geliebte, wie ſeine Nähe allmälig auch alle trüben Bilder aus ihrer Seele verſcheuchte. Jetzt fiel ihr auch der wunderliche Sänger wieder ein. Sie ſprach zu Friedrich von ihm und der Kaiſer ſah mit Vergnügen ſeiner Rückkunft ent⸗ gegen. Indeß er kam nicht und dieſer mußte aber⸗ mals die Mädchen auf einige Tage verlaſſen. Was iſt dem Menſchen, wenn er irgend einem Genuſſe, der ihm lieb geworden, entſagen muß, theurer, als die Erinnerung? Und woran lehnen Erinnerungen ſicherer als an Oertlichkeiten? Ein Plätzchen, an welchem wir in glücklichen Tagen mit dem Gegenſtande unſrer Liebe geſeſſen, wird uns in den Zeiten der Entſagung zu einem Dem⸗ pel, vom Gottesgeiſte der Liebe durchweht. Ein Band, das die Theure getragen, eine Locke!— verwandeln ſich in Reliquen; ja die Töne eines Liedes, die Worte, die ein treuer Mund uns zu⸗ trug, klingen fort und fort in unſerm Ohre und unſer Herz ſchwelgt in träumeriſchem Glück, wenn die eignen Lippen ſie andächtig nachbeten. So hatte auch Eudoria ein Lieblingsplätzchen, das ſchon ſeiner unbeſchreiblichen ſchönen Ausſicht auf Stadt, Golf und Veſuv wegen, dieſe Auszeich⸗ nung verdiente. Noch mehr gewann es aber in ihren Augen dadurch, daß ihr hier mit dem Geliebten die ſeligſten Stunden ihres Stilllebens verfloſſen. ———— Wenn nun der Kaiſer fern, ſo wandelte ſich, ſo zu ſagen, die einfache, von Lorber- und Oran⸗ genbäumen umſchattete Bank für Eudoria in eine grüne, freundliche Moſchee, in der ſie, im eigent⸗ lichen Sinne des Wortes, den heiligen Gottesdienſt ihrer frommen Liebe feierte. Dann ſaß ſie ſtill und in ſich gekehrt und ſah gedankenvoll in die Ferne, während Alexis in wei⸗ chem Graſe ihr zu Füßen lag, das wunderliebe Köpfchen auf der Schweſter Schoos gelehnt. Kein Wort unterbrach in ſolchen Stunden die tiefe Stille; aber Engel ſtiegen auf und ab und trugen in ge⸗ fälligem, abwechſelndem Spiele bunte, liebe Bilder vor die Seele der Liebenden. Eudoria's Gedanken ſchwebten dann wie Bienen nach all den duftenden Blumen glücklicher Momente, die ihr erblüht, ſeit ſie den Kaiſer kannte, und ſammelte der Erinnerung Honig in die Zellen ihres Herzens. In ſüßem Ver⸗ geſſen der Außenwelt gewahrte dann wol die Lieb⸗ liche nicht, wie ſich der müde Tag ins Meer ge⸗ ſenkt und die erhabene Nacht den Sternenmantel um die Welt geſchlagen. So wäre es ihr auch heute ergangen, wenn nicht Aleris ſie mit einem ſchweſterlichen Kuſſe aus ihren Träumen geweckt. Vergib mir! lispelte die Kleine, als Jene die tiefen, glutvollen Angen, wie aus einem Zauber⸗ traume erwachend, langſam aufſchlug und ein wahrhaft engelgleiches Lächeln die Seligkeit ver⸗ rieth, die ſie umſchwebt. Vergib mir, liebe Schwe⸗ ſter, daß ich dich aus deinen Gedanken aufſchrecke; aber der Abend iſt heute ſo unendlich ſchön, daß es Verbrechen wäre, ihn unbemerkt zu laſſen. Sieh nur, wie herrlich die Sonne jetzt in das Meer ſinkt, wie ihre letzten Strahlen die dicke Rauchſäule des Veſuvs vergolden, die ihre Geſtalt ſo tauſend⸗ fältig mit jedem Augenblicke wechſelt. Ach, theure Schweſter, wie iſt dies Alles doch ſo ſchön, ſo un⸗ ausſprechlich herrlich! Mir iſt es ſo wunderbar ſelig zu Muthe; ich glaube, ſetzte ſie hier erröthend hinzu, ich glaube, ſo muß es uns ſein, wenn wir lieben. Eudvria beugte ſich mit feuchten Augen über das holde Mädchen, küßte es liebreich auf die Stirn und ſagte: Du liebſt ja auch, mein Herz! Ich— lieben? rief faſt erſchrocken Aleris. Ja! entgegnete Eudoria, die Schweſter an ſich ziehend. Liebſt du nicht mich, den Kaiſer und Allah, der all dies Herrliche ſchuf? Schweſter! liſpelte die Bewegte. Wie un⸗ endlich! Beide Mädchen lagen ſich lange ſchweigend in den Armen, während Augen und Seele den gtr lichen Abend genoſſen. Aber er war auch über alle Beſchreibung mild und ſchön. Die Sonne ſenkte ſich majeſtätiſch in das Meer und der Abſchiedskuß ihres Lichtes legte einen gold⸗ nen Reif um die Häupter der Berge. Immer tie⸗ fer ſank ſie und tiefer in das brennende Flutengrab und— war— bald nicht mehr. Aber der Himmel ſchwamm in Gold und Roth, die ſich allmälig in ein kräftiges Orange, dann in das dunkle Blau des Himmels und endlich in die düſtre, unbeſtimmte Farbe der Dämmrung— und der Nacht verliefen. Jetzt war es unendlich feierlich und ſtill ge⸗ worden und Schlaf und Tod wandelten über die Welt. Aber das Licht zog der Erde nach, wie ein treues Herz ſeiner Liebe!— und nach kurzer Zeit hob ſich der Mond mild lächelnd von der entgegen⸗ geſetzten Seite und zeigte die weite, herrliche Land⸗ ſchaft wie durch einen Schleier. Der matte Schein verlieh dem Wunderpanorama einen eignen Reiz, unendlich verſchieden von der Sonnenbeleuchtung. Alle Farbentöne wurden zarter und ſanfter und Ruhe und Behaglichkeit lag ausgegoſſen über dem Paradieſe. Ein magiſcher Schein, ein Zauber, um⸗ floß die ganze Gegend und ließ die Grenzen der Gegenſtände unbeſtimmter, ſchwankender erſcheinen. Alles verſchwamm in einander und geſtaltete ſich 456 doch zu einem harmoniſchen Ganzen. Wie Silber ſchimmerten die Wellen des Meerbuſens, Neapel mit ſeinen weißen Prachtgebäuden thürmte ſich wie das ungeheure Monument einer halbvergeſſenen Vorzeit voll rieſiger Geſtalten. Die impoſanten Maſſen des Veſuvs ragten in feierlichem Ernſte in den ſternbedeckten Himmel und die Inſel Capri und Joschia bildeten die Grenzen dieſes göttlichen Bildes. Nur das ſüdliche Italien hat Nächte und Ge⸗ genden aufzuweiſen, wie die beſchriebenen; die freilich weder die gewandteſte Feder, noch der ge⸗ nialſte Pinſel in ihrer vollen Herrlichkeit wiederzu⸗ geben vermögen. Eudoria und Aleris ſtaunten ſchweigend die oft geſehenen und doch ewig neuen Wunder des Allmächtigen an, deſſen Größe tieferſchütternd und doch wieder erhebend zu ihnen aus ſeinen Werken ſprach. Mit Einemmale unterbrachen ſanfte Töne die ſtille Nacht. Sehnſüchtig rufend klagten ſie ein tiefes Lied und erſtarben dann wie Schwäne auf den weichen duftenden Luftwellen. Aber der Mädchen Herzen hatten ſie freudig getroffen. Erkannten ſie doch in ihnen die Stimme ihres vaterländiſchen Dichters. Er iſt es! rief Eudoria, angenehm überraſcht, der Schweſter zu, die vor Wonne zitterte. Wie ſein armes Herz wieder um die Heimat klagt, bald in wilder Glut, bald in tiefer Wehmuth. Aber er iſt zu fern, als daß ich die Worte vernehmen könnte!— Komm, laß uns ein wenig näher nach ihm gehen, es iſt gewiß ein neues Gedicht, ich höre es an der Sangweiſe. Wird es dir aber nicht zu ſpät? frug beſorgt Aleris, obgleich ſie ſich ſelbſt wunderbar angezogen fühlte. 2 Die Nacht iſt ja ſo himmliſch ſchön und mild! entgegnete Eudoria, und was hätten wir in unſerm Garten zu fürchten? Wir wollen uns dem Freund überdies nicht zeigen, ſondern nur ſuchen, ihn deut⸗ licher zu hören. Sie gingen langſam der Gegend zu, aus wel⸗ cher die Töne kamen. Aber ſonderbar! ſo oft ſie glaubten, ſich dem Sänger ſo weit genähert zu ha⸗ ben, um ſeine Worte verſtehen zu können, ſo oft däuchte ihnen, die Stimme entferne ſich wieder; und da ſich dies ſechs⸗ bis achtmal wiederholte, ſo ſahen ſich die Mädchen am Ende weit von ihrem Wohnhauſe entfernt, ja an dem Punkte, an welchem ſich der große Garten allmälig in die Wildniß ver⸗ lief. Jetzt endlich konnten ſie folgende Worte deut⸗ lich unterſcheiden: . 20 458 Wie der Steppe Wüſtenſand Brennt in Sonnenglut, Glüht fürs ferne Vaterland Seele mir und Blut. Und das Feuer wühlet mir Tief in Mark und Bein, Frißt mit nimmerſatter Gier Sich ins Herz mir ein. Uebers Meer die Vögel ziehn Nach der Heimat Strand! Ach! und meine Wünſche fliehn Mit ins Vaterland. Wünſche fliehn mit Sehnſuchtsdrang, Leichtes Geiſterchor; Aber mich, ſo todesbang, Hebt kein Gott empor. Blumenaugen ſchließen ſich, Geht die Sonn' zur Ruh'; Sonne, die auch mir erblich, Vaterland, biſt du. Bricht die kalte Nacht nun auch Dieſes arme Herz, Zieht der Liebe Glutenhauch Dennoch heimatwärts. Eine unendlich liebliche Melodie begleitete dieſe Verſe und löſte ſich am Schluße ſo weich und ſter⸗ bend auf, daß Eudoria ihre Schweſter tief bewegt an ſich zog und zitternd in ihre Arme preßte. Beide ſchwiegen und ſelbſt die Nacht ſchien ferneren Tö⸗ nen zu lauſchen— aber Alles blieb ſtill. Er ſcheint heimgekehrt zu ſein, ſagte endlich Eudoria kaum vernehmbar. Laß uns daſſelbe thun; ich fühle mich ſonderbar ergriffen. 459 Aber jetzt erſt gewahrten die Mädchen, bis zu welch' entlegenem Orte ſie gekommen. Mühſam fanden ſie ſich zurecht und Eudoria fühlte, daß ſie ſich heute zu viel Kraft zugetraut. Erſchöpft lehnte ſie ſich auf den Arm der Schweſter. Ihre Kniee wank⸗ ten und ſie mußte von Beit zu Zeit ſtehen bleiben, Athem zu ſchöpfen und neue Kräfte zu ſammeln. Da rauſchen mit Einemmale die Büſche und ehe die Schwetern nur Zeit haben, irgend einen Gegenſtand zu unterſcheiden, umhüllen ihre Augen dichte Schleier— ſie fühlen ſich an Händen und Füßen geknebelt— und in Sturmeseile davon ge⸗ tgen. 20* 27. Verloren. Zwiſchen kühn kbrochnen Süulen Längſt vergangne Herrlichkeit Sitzet Rom, die Kruzzesſpinne, Webend Netze, fein ünd weit. Nord'ſche Tdler moag ſie fangen Nicht bedenkend klug dabei, ſe finen Daß ein Einz'ger könnte vißen Leicht ihr ganzes Netz entzwei. Telegryy Schon lange war es in dem Palaſte, welchen der Kaiſer den beiden Mädchen zum Aufenthalte ange⸗ wieſen, unruhig geworden. Zwar war die zahl⸗ reiche Dienerſchaft Eudoria's gewohnt, daß ihre Herrin, in Geſellſchaft ihrer Schweſter, die ſchönen italieniſchen Abende im Freien zubrachte, ja ſich oft bis tief in die Nacht in den prächtigen Gärten erging; eine Sache, die in dem Klima und der Landesſitte begründet war, da ſich erſt mit der an⸗ brechenden Dämmrung die Hitze des Tages zu mil⸗ dern pflegte und man mit der Kühlung der Nacht erſt recht auflebte; heute aber war bereits ſelbſt die Stunde der Mitternacht vorüber gegangen, ohne die Schweſtern heimzuführen. — — 461 Wie leicht konnte ihnen, zumal Eudoria, etwas Unangenehmes begegnet ſein? Hatten ſie ſich ver⸗ irrt? War eines der Mädchen unwohl geworden? oder feſſelte ſie nur der Zauber der Mondnacht? Man erſchöpfte ſich in Vermuthungen und da Eudoria und Aleris ihre Dienerinnen längſt durch Herzensgüte und Freundlichkeit gewonnen hatten, ſo war der Antheil, welchen die Untergebenen an ihren Herrinnen nahmen, ſo lebhaft als aufrichtig, und die Beſorgniſſe ſteigerten ſich nachgerade zu tödtlicher Angſt, die um ſo mehr um ſich griff, als die Dienerſchaft zum größeren Theile aus Weibern und Mädchen beſtand. Erſt nachdem man die wenigen Männer zu Rathe gezogen, reifte die allgemeine Furcht zu dem Entſchluſſe: den ganzen Garten in vorher verab⸗ redeter Ordnung zu durchſuchen, eine Aufgabe, welche durch den prächtigen Mondſchein ſehr be⸗ günſtigt wurde; aber— zum Entſetzen Aller— ohne Erfolg blieb. Ein neuer, ausgedehnterer Verſuch ward eben ſo nutzlos gemacht und es war bereits lichter Mor⸗ gen, als man zu der ſchrecklichen Gewißheit ge⸗ langt, daß beide Schweſtern verſchwunden ſeien. Wie?— Wohin? davon fand ſich nicht die leiſeſte Spur, weder in dem Palaſte, noch in dem Garten, noch ſelbſt in der ganzen Umgegend. Großes und unvorhergeſehenes Unglück ver⸗ wirrt und erſtarrt die Menſchen wie ein gleiches Glück. Männer finden ſich dann noch eher als Weiber, da bei Jenen der kalte, Alles wohl er⸗ wägende Verſtand, bei Letzteren aber das Gefühl dominirt. So ging es auch hier. Der erſten Er⸗ ſtarrung folgte bei den Frauen ein grenzenloſes Jammern und Klagen, ein nutzloſes Händeringen und Vermuthen, und zu der Trauer um die Ver⸗ lorenen geſellte ſich noch die Angſt vor dem Zorne des Kaiſers. Der einzige Haushofmeiſter behielt den Kopf und ſandte ſofort einen Eilboten nach Neapel an den Kanzler, der während des Kaiſers Abweſen⸗ heit die Staatsgeſchäfte leitete, mit der Schreckens⸗ nachricht und der Bitte, doch ſogleich bewaffnete Kundſchafter nach allen Gegenden auszuſenden, da er ſich bei dem Verſchwinden der beiden Mädchen nicht anders als eine gewaltſame Entführung denken könne. Die größte Eile und kräftigſte Handhabung der ihm zu Gebote ſtehenden Gewalt, ſchrieb jener Beamte ferner, glaube er kaum dem Staatskanzler und Freunde des Kaiſers empfehlgi zu dürfen, da es ſich um die Geliebte des Moüarchen hanble. Wirklich entwickelte Petrus de Vineis auch eine ganz außerordentliche Thätigkeit, beförderte auf der Stelle den Boten des Haushofmeiſters an den Kaiſer ſelbſt, mit dem Zuſatze: er werde ſein Leben an das Wiederfinden der Schweſtern ſetzen. Auch wurden in der That Tauſende von Bewaff⸗ neten mit dem erdenklichſten Aufſehen ausgeſandt, um die Unglücklichen zu retten; wobei freilich ge⸗ fliſſentlich die Richtung überſehen wurde, nach welcher man ſie entführt wußte. Den Kaiſer traf die Nachricht wie ein Blitz aus heiteren Höhen, und wie der Löwe, den ein ſcharfer Pfeil aus tiefem Schlummer weckt, wuth⸗ brüllend die Blutstropfen aus der Mähne ſchüttelt und mit ungeheurem Sprung auf ſeinen Feind hin⸗ fliegt: ſo fuhr der Kaiſer in namenloſer Qual, in grimmigem Zorne empor, warf alle Geſchäfte von ſich und eilte auf Sturmesflügeln nach Neapel. Ihm folgte Niemand als der Narr. Noch nie hatte man den Kaiſer ſo leidenſchaft⸗ lich geſehen. Seine Wuth kannte keine Grenzen und ſelbſt Salza's und Davids Bemühungen, ihn auch nur einigermaßen zu beruhigen, dienten faſt nur, ſeinen Zorn zu ſteigern. Er hätte eine Welt zerknirſchen können! Ja, der ſonſt immer ſo gerechte Fürſt ließ ſich zu ungerechten Härten hinreißen und die ſämmtliche Dienerſchaft der unglücklichen Eu⸗ voria, zur Strafe für ihre unverzeihliche Nachläſſig⸗ keit, hart einkerkern. Freilich laſtete der nächſte Verdacht des Einverſtändniſſes auf dieſer. Den Urhebern und Theilnehmern an der Fre⸗ velthat ward, für den Fall der Entdeckung, ein ſchauderhafter Tod— dem Entdecker eine kaiſer⸗ liche Belohnung beſtimmt. Aber wer? wer?! ſollte die ruchloſe That voll⸗ führt haben?— Der Kaiſer hatte keine Ahnung, bis David plötzlich Eudoria's Erzählung von dem unbekannten Sänger einfiel, der verſchwunden, als der Kaiſer von Meſſina zurückgekehrt und ſich ſeit der Zeit nicht wieder gezeigt hatte. Friedrich erbebte. Sollte eine mächtige Hand bi über das Meer gelangt haben, ihm den köſt⸗ lichſten ſeiner Schätze zu rauben?— Es war faſt das Wahrſcheinlichſte, denn wer in ſeinen Reichen hätte es ſonſt wagen können? und zu welchem Zwecke?— Selbſt für Rom ſchien ihm die That zu ſchändlich. Dennoch ſchrieb er an Gregor und erſuchte denſelben, alle ſeine ſichtbare und unſicht⸗ bare Gewalt aufzubieten und den Aufenthaltsort und das Schickſal der Unglücklichen ausfindig zu machen. Der Papſt verſprach es auch, fügte aber ſeinem Schreiben die Worte bei: Darüber aber magſt du beruhigt ſein, Wir werden für dich wie für einen Sohn handeln und will es dem Ewigen gefallen, Uns, ſeinem Stellvertreter auf Erden, die Verlorenen in die Hände zu geben, ſo magſt du als guter Chriſt dem Allmächtigen für dieſe weiſe 465 Fügung der Schickſale danken. Denn nicht allein, daß Wir ſi ſchützen werden— nein! Unſer väter⸗ liches Herz wird es ſich dann auch zur Pflicht ma⸗ chen, die Verirrten auf den Weg des Heils zu führen, ſo daß Uns und dem Himmel unbezweifelt die Freude werden wird, ſie dir als gute Chriſtin⸗ nen heimzuſenden. Wir ſind die Gnade für den Reuigen, aber auch die Strenge für den Verſtock⸗ ten. Du aber ſelbſt, jetzt Unſer geliebter Sohn, nimm in Demuth dieſes Schickſal hin und betrachte es als eine gerechte Züchtigung, welche der Herr dir für den frevelhaften Umgang mit den Ungläu⸗ bigen auferlegt. Dieſe Worte gefielen freilich dem Kaiſer durch⸗ aus nicht; er hielt ſie indeſſen nur für eine diplo⸗ matiſche Phraſe, die lediglich bezweckte, ihm neuer⸗ dings die Conſequenz der römiſchen Politik darzu⸗ thun, und baute für den unglücklichen Fall auf ſeine, jetzt ſo koloſſale Macht. Kein Geld, keine Mittel wurden unterdeſſen geſpart, auch nur eine Spur von den Verſchwun⸗ denen zu erforſchen— vergebens!— alle ausge⸗ ſandte Späher kamen unverrichteter Dinge zurück. Es war, als ob die Erde ihre ſchönſten Kinder eiferſüchtig verſchlungen hätte. Die erſten Aufwallungen des Zornes hatten ſich bei Friedrich längſt gelegt und ein tiefer Schmerz 20** 466 war an deſſen Stelle getreten— ein Schmerz, um ſo unergründlicher, als er urplötzlich und fürchter⸗ lich den Kaiſer mitten in ſeiner Glückſeligkeit ge⸗ troffen, deren Höhepunkt ſeiner Hoffnung eben noch ſo nahe. Ungewöhnliche Unglücksfälle ſind für den Men⸗ ſchen die Prüfſteine ſeiner Kraft und Seelengröße. Der Schwache unterliegt denſelben, indem er an ſich und der Welt muthlos verzweifelt; der ſtarke Geiſt dagegen bleibt unerſchütterlich, wenn ſelbſt die furcht⸗ barſten Schmerzen die Seele zerreißen, er bewäl⸗ tigt ſie, ſein Aeußeres zeigt keine Spuren des Kampfes— ja! dem geflügelten Ungeheuer des Verderbens kühn entgegentretend, wachſen ſeine Kräfte und heben ihn endlich über ſch, die Welt und ihren Schmerz. Friedrich litt unendlich; aber er vergaß nicht, daß er Mann und Kaiſer war. Der Schmerz um Weib und Kind wollte ihm die Bruſt zerſprengen; aber— er zeigte ihn nur der Einſamkeit und der Tiefe der Nacht. Nachdem ſich der Zorn gelegt, kehrte eine ernſte kalte Hoheit auf ſeine Stirn zu⸗ rück und nur David erkannte, daß dieſer furchtbare Schickſalsſchlag den Lebensfrühling für immer von der ſchönen und edlen Seele geſtreift. Auch Davids Friede war untergraben. Sein Humor verſiegte, wie ein Brunnen der Wüſte im — ———. 467 heißen Sommer. Er war blaſſer und ſtiller ge⸗ worden und vermochte nicht ſich, geſchweige ſeinen Herrn, mehr zu tröſten. Dem Kaiſer entging dies auffallende Dahinwelken ſeines armen Freundes nicht; um ſeinetwillen allein konnte der Gram ei⸗ nen Mann ſo mächtig nicht beugen. Er dachte an jenen Morgen in Paläſtina, an welchem David, als er ihm ſeine Liebe und ſein Glück geſtanden, ihm ſo tief bewegt zu Füßen geſunken. So manche andere Scene fiel dem Kaiſer ein und als er noch einzelne Aeußerungen, die dem Narren entſchlüpft, mit allen Dem zuſammengeſtellt, fiel es wie Schup⸗ pen von ſeinen Augen und er ſah mit Staunen, Bewunderung und Mitleid, daß auch David Eu⸗ doria geliebt. Der Narr trat in dem Momente bei dem Kai⸗ ſer, der allein war, ein. Er trug nicht mehr die bunte Tracht ſeines Amtes, ſondern ein einfaches, dunkles Kleid, und Friedrich ſah ſeinen Schmerz, als er David betrachtete, wie in einem Spiegel wieder. Ein Monat hatte Federbuſch um Jahre älter gemacht und der Vampyr des Grames alles Blut aus den Wangen des Armen geſogen. 2 Der Kaiſer fühlte die Kraft ſeiner Seele bei dem Anblick ſeines Leidenbruders wanken und es bedurfte einer gewaltigen Anſtrengung, die ſtoiſche R 468 Ruhe zu erhalten, deren Behauptung er ſich zur unerläßlichen Mannespflicht gemacht. David! rief er, kaum ein leiſes Zittern der Stimme verbergend.— David! Willſt du Uns ver⸗ laſſen?— jetzt?— wo der Himmel Unſres Lebens ſich getrübt? Ja, Gevatter! entgegnete der Narr und ſein Geſicht nahm einen rührenden Ausdruck an. Laß dir einen Leichenbitter kommen, der wird luſtiger ſein als dein luſtiger Rath, und ſchicke mich weg. Sieh, ich tauge nichts mehr. Ich bin wie ein an⸗ geſtochener Zahn: die Krone der Lebensfriſche iſt dahin und unter unſäglichen Schmerzen bröckeln ſich die mürben Stücke nach und nach ab, bis endlich der große Zahnarzt ihn aus der Wurzel hebt und wegwirft. Und was hat dich denn mit Einemmale ſo nie⸗ dergeſchmettert? Gevatter! ſagte David. Wenns regnet und die Sonne ſcheint, kommen Würmer in die Früchte. In meinem Lebensmai hats viel geregnet, ich glaube, da ſchlich ſich auch ſo ein Würmlein in mein Herz. Der Kaiſer ſah den Narren einen Augenblick ſchweigend an, dann ſagte er plötzlich ſanft: du liebſt, David, du liebſt Eudoria! Herr! rief Federbuſch, ſeiner Gefühle nicht mehr mächtig, und ſank vor dem Kaiſer nieder, deſſen Kniee unter lautem Schluchzen umfaſſend, Herr! ich liebe dich! Und Eudoria! ſetzte der Kaiſer hinzu und zog bewegt den Knieenden zu ſich empor. Leugne es nicht! Gott beten ja alle Menſchen an. Vergib! flehte Jener, wenn ich deine Hoheit in meiner Leidenſchaft beleidigt; aber— wer hätte vermocht ſo viel Schönheit und Güte zu ſehen, ohne anzubeten! Die ſtille Glut hat mein Herz zu einer Kohle ausgebrannt; mein einziges Glück aber war es, dich glücklich zu wiſſen. Armer Freund! rief hier der Kaiſer und reichte David die Hand. Wie viel magſt du gelitten haben! Ach! ſeufzte Jener mit trübem Lächeln. Je ärger das Fleiſch geſchlagen wird, deſto früher wird es gar. Aber, Gevatter, da du ja doch nun das Innere meiner Seele kennſt, laß mich ziehen und Die ſuchen, die dein Alles war. Wende dich nicht ab, mir die Thräne zu verbergen, ſie entehrt den Kaiſer nicht; im Gegentheil, ſie beweiſt, daß unter dem Purpur ein Menſch wohnt und vor Gott gilt der Menſch mehr als der Kaiſer. Ohne dich glücklich zu wiſſen, kann ich ſo wenig leben, als ein Höfling ohne Intrigue. Darum will ich herum⸗ ziehen in allen Landen und ſuchen, bis daß ich Eu⸗ doria oder das Plätzchen finde, an dem ſtatt des Grams die Würmer uns freſſen. Wir werden ohne⸗ dies bald gute Freunde ſeinz ich, weil ſie mit mir ungeſchoren vorliebnehmen, was mich die Menſchen nie ließen— und ſie, weil ich ihnen eine Extra⸗ paſtete mit meinem Höcker vorſetze. Dein Suchen wird vergebens ſein! ſagte der Kaiſer finſter. Ich habe Alles aufgeboten, alle Winkel des Landes durchſuchen laſſen.. Auch die Klöſter? frug der Narr ſcharf be⸗ tonend. O himmliſche Gerechtigkeit! ſchrie der Kaiſer auf, von einem entſetzlichen Gedanken durchzuckt; aber ſich ſogleich wieder faſſend, ſagte er entſchie⸗ den: Nein! nein! David!— hier irrſt du, das iſt unmöglich! So dachte ich auch, als ich den Kaiſer ſuchte! fuhr Jener ruhig fort, und doch. Herr! Gott! rief Friedrich und ſein bisher ſo bleiches Geſicht flammte in Zornröthe auf. Wenn die Pfaffen ihr auch nur ein Haar krümmen, ſo ſchwöre ich. Schwöre nicht, Gevatter! nuehte David bittend den Kaiſer. Schwören und Eidbrechen. So ſchwöre ich! fuhr Jener mit Donnerſtimme fort, daß ich die Brut vertilgen will ſammt ihren 1 — Neſtern, wie Sodom und Gomorrha. So wahr mir Gott helfe! In dieſem Momente trat Pennaforti, der im Augenblick als päpſtlicher Legat am Hofe des Kai⸗ ſers verweilte, ein. Er hatte den Schwur noch ge⸗ hört und ſagte mit heiliger Miene: Möchten die Engel des Herrn die Worte kaiſerlichen Zornes nicht zum Throne des Allgütigen tragen! Wem auch der entſetzliche Schwur galt... Den Pfaffen galt er! rief der Kaiſer, noch im⸗ mer erhitzt, und zwar, wenn ich je erfahre, daß ihre Hand bei dem Raube der Mahomedanerinnen mit im Spiele war. Ueber Pennaforti's Antlitz lief eine flüchtige Bläſſe; dann ſagte er mit einem ſtechenden Blick auf David: Wer Eurer Majeſtät einen ſo gottes⸗ läſteriſchen Gedanken eingehaucht, mag ihn einſt vor dem Ewigen verantworten. Ich waſche meine Hand im Namen der ganzen Geiſtlichkeit, kann aber nicht umhin, den Vorgang ſogleich nach Rom zu berichten. Wir danken Euch für dieſe bewundrungswür⸗ dige Offenheit, entgegnete der Kaiſer ernſt und ſtolz. Obgleich Wir dies vorausgewußt, da Spio⸗ niren ja das edle Handwerk aller Geſandten iſt. Auch wollen Wir Euch von dieſer frommen Pflicht keinen Augenblick zurückhalten und verſichern Euch noch, daß Wir den Schwur auch ſo gewiß halten werden, als Kaiſer Barbaroſſa unſer Ahn. Dies ſagend winkte er David, ihm zu folgen und verließ raſch das Gemach. Gevatter! hub der Narr an, als ſie wieder allein waren. Nehm mirs nicht übel, diesmal ging aber dein Zornrößlein mit dem Verſtande durch. Der Fuchs iſt nun gewarnt und die Jagd doppelt ſchwer. Der Teufel mag ſich halten! rief Friedrich noch immer glühend. Wir laſſen Uns ſo leicht nicht vom Zorne überrumpeln; wenn aber ein Schurke den Namen Gottes zu ſeinen Schlechtigkeiten mis⸗ braucht, dann halte ſich, wer da kann. Gregor M iſt trotz ſeines Haſſes gegen Uns ein großer Cha⸗ rakter und, wenn er ſich zu Ungerechtigkeiten ver⸗ leiten läßt, ſo geſchieht es durch die Künſte ſolcher Heuchler. Aber Wir wollen der Sache mit Einem⸗ male und auf der Stelle ein Ende machen. Wir geben ſogleich Befehl: alle Klöſter von den Zinnen bis in die Tiefen zu unterſuchen und... Und verdirbſt Eudoria, falls ſie in der Gewalt der Pfaffen iſt, ohne ſie retten zu können; führſt einen neuen Krieg mit Rom herbei, jetzt, wo Deutſchland deiner harrt, und empörſt durch eine Gewaltmaß⸗ regel, die einzig durch eine ferne Möglichkeit her⸗ vorgerufen ward, die ganze Chriſtenheit gegen dich. ———— ——— Eine lange Pauſe folgte, in welcher der Kaiſer mit großen Schritten in dem Gemache auf⸗ und abging. Endlich blieb er vor David ſtehen und ſagte: Du haſt Recht, mein Freund, aber was willſt du nun thun? Was ich vorher beſchloſſen hatte! entgegnete der Narr. Wenn du mich unterſtützen willſt, Ge⸗ vatter, gib mir eine Vollmacht, daß ich bei irgend welchem Heerhaufen oder Magiſtrat ich es für nöthig finde, genügende Mannſchaft erheben kann, um im Nothfall mit Gewalt der Waffen drein zu ſchlagen. Du weißt, ich bin vorſichtig und du wirſt nicht bedauern müſſen, den Bock zum Gärtner ge⸗ macht zu haben. Der Kaiſer ließ ſogleich ſeinen Gryeinſchrber kommen und die Vollmacht anfertigen; verſorgte dann David reichlich mit Geld und Beide ſchieden alsdann— freilich mit geringen Hoffnungen. —— 28. Fanatismus und Rache. Wohin, ließ ich von meinem Haß mich führen! Ich wünſchte mir den Figer zum Genoſſen, Schon iſt in meinem Geiſt ſein Hauch zu ſpüren Und durch mein Herz ſein wildes Blut ergoſſen. Uicolaus Lenau. Es war in einer finſteren Gewitternacht, als ein Trupp Bewaffneter durch die wilden Schluchten der Abruzzen zog. Die Gegend war an und für ſich ſhon rai und gewaltig, nahm aber unter der falben Be⸗ leuchtung der Blitze, die von Zeit zu Zeit an dem weſtlichen Rande des Horizontes aufzuckten, einen noch ſtarreren Charakter an. Himmelhoch ragten die kahlen, waldloſen Berge empor, und die einzel⸗ ſtehenden Baumgruppen und Felſen erſchienen in der momentanen Helle wie rieſige Geſpenſter, dem Schvoſe der Nacht entſtiegen. Der Sturm heulte und pfiff grauenhaft, und ſcheuchte die dunklen, zerriſſenen Wolkenmaſſen mit raſender Schnelle vor ſich her. In kurzen Zwiſchenräumen rollte dumpf⸗ grollend der ferne Donner und einzelne, ſchwere Regentropfen fielen nieder. Nur mit großer Mühe verfolgten die nächt⸗ lichen Wanderer den ſchlechten, kaum gebahnten Pfad und der Eifer und die Standhaftigkeit, mit welchen ſie alle Hinderniſſe, die ſich ihnen in den Weg ſtellten, beſiegten, zeigten zugleich für die Eile und Wichtigkeit ihres Vorhabens. Der Reiter, welcher die Spitze der kleinen Colonne bildete, war tief in ſeinen Mantel gehüllt. Aber obgleich er dem Maulthiere, auf deſſen ſichern Schritt er rechnen konnte, freie Hand ließ, ſo ſchien ihn doch deſſen Langſamkeit zu peinigen. Er ſparte daher gegen daſſelbe eben ſo wenig Schläge und Tritte, als gegen ſein Gefolge Ermahnungen und Verſprechungen, und hatte dadurch wenigſtens die Genugthuung, ſo ſchnell vom Platze zu kommen, als es in einer ſolchen Nacht und auf dieſen Wegen nur immer möglich war. Deſſenungeachtet war Mitternacht bereits vor⸗ über, ohne daß die Wanderer ein Obdach erreicht, oder ſich ihnen auch nur die Spur einer menſch⸗ lichen Wohnung von fern gezeigt hätte. Die Rei⸗ ſigen fingen an zu ermüden, ihr Eifer ließ merklich nach, ſie flüſterten untereinander, ja der Keckſte oder Trägſte unter ihnen begann halblaut zu mur⸗ ren, Andere geſellten ſich ihm bei und in weniger als einer halben Stunde brach eine förmliche Em⸗ pörung in der kleinen Rotte aus, die ſich theils 476 durch Schimpfen auf alle Heiligen, die es zugeben, daß man ſich verirrt, theils durch die Drohung: nicht mehr von dem Platze weiter gehen zu wollen, kundthat. Alle Ermahnungen, Verſprechungen und Bitten des Reiters fruchteten nichts und da das Gewitter, welches ſich gedreht hatte, jetzt gerade wieder heranzog, ſo beſchloß der Trupp unter ei⸗ ner uralten Cypreſſe, die ſich in einiger Entfernung zeigte, Schutz zu ſuchen und den Reſt der Nacht hinzubringen. Noch während man ſich dem Baume näherte, verſuchte der Anführer ſein Gefolge dadurch zu weiterem Dienſte zu bewegen, daß er ihm die Wich⸗ tigkeit ihrer Sendung vorhielt und es mit dem Zorne des heiligen Vaters bedrohte; aber die trä⸗ gen Italiener kümmerten ſich wenig um Beides und würden den Papſt ſo wenig als die Heiligen reſpektirt haben, wenn nicht in demſelben Momente ein krachender Donner über ihre Häupter gerollt wäre und ein furchtbarer Blitzſtrahl jene Cypreſſe, unter welcher ſie Schutz ſuchen wollten, zündend zerſchmettert hätte. In wenigen Sekunden ſtand der Rieſenbaum in lichten Flammen. Der Schrecken hatte Alle gelähmt und der Tod, der ſo nahe an jedem Einzelnen niedergefah⸗ ren, die rohen Gemüther erſchüttert. Die noch eben auf Gott und ſeine Heiligen geſchimpft, lagen nun ——— 477 im Staube und lispelten zitternd gedankenloſe Ge⸗ bete. Aber der Reiter erfaßte ſchnellen Geiſtes die günſtige Gelegenheit und rief: Ein Zeichen des Himmels iſt geſchehen, da ihr Gott und ſeinen Stellvertreter geläſtert und nur um des einen Ge⸗ rechten willen, der unter euch iſt, hat er die Un⸗ gerechten gnädig verſchont. Herr! vergib uns unſere Schuld! entgegnete der Rädelsführer, der wie alle ſeine Kameraden in die Kniee geſunken war und in dieſer Stellung verharrte, und wir wollen nie mehr gegen dich murren. Gelobt ſei Gott und alle ſeine guten Heiligen! murmelte die Menge. Und wollt ihr mir nun willig folgen? fuhr der Reiter jetzt wieder in gebietendem Tone fort. Ja! ja! riefen Alle. Geprieſen ſei die heilige Mutter Kirche und Gregor! Wir folgen! wir folgen dir! Und damit ihr ſeht, wie der Himmel Gehor⸗ ſan lohnt, ſagte der Reiter ferner und deutete nach einer Felſenhöhe, ſo ſchaut nach jenem Berge, in dem Scheine des Feuers werdet ihr ſtattliche Ge⸗ bäude erſchen; ſie ſind das Ziel unſerer Wanderung, das feſte Kloſter Santa Maria maggiore*). Nicht mit der gleichnamigen Stadt zu verwechſeln, welche ſich auf den Trömmern des alten Kapua erhebt. 478 Auf! nach Santa Maria maggiore! riefen Alle und der Zug ſetzte ſich raſch in Bewegung. Die erſten Streiflichter des anbrechenden Mor⸗ gens ſäumten den Oſten, als die Höhe des Berges, der ſich faſt ſteilrecht aus der Tiefe erhob, erreicht war. Santa Maria maggiore glich, von hier aus geſehen, eher einer Feſtung, als einem Kloſter, wie ihm denn ſeine Lage ſchon militäriſche Wichtigkeit gab. Außerdem aber umſchloſſen auch Wälle, Mauern und Thürme den Raum, der ſtillen Ge⸗ beten und einem beſchaulichen Leben gewidmet war. Die Urſache dieſer kriegeriſchen Bauweiſe lag aber weniger in dem kampfluſtigen Sinne der Mönche, als in der urſprünglichen Beſtimmung des Gebäu⸗ des, welches ſein Entſtehen den Römern verdankte, und zu den Zeiten Kaiſer Hadrians als ein Stütz⸗ ſeiner militäriſchen Macht errrichtet Aber weder die Bauart des Kloſters Si weitgedehnte Ausſicht über die Landſchaft von Abruzz“ ulterivre, die von Minute zu Minute mehr dem Dunkel der Nacht auftauchte, feſſelter den Führer der kleinen Schar. Er ritt ſofort wach dem Thore des Kloſters und gab Befehl, on daſſelbe zu pochen. Lange hörten die i Schläfer den Lärmen nicht, ja es dauerte eine gute Viertel⸗ ſtunde, bis der Bruder ſein ſchlaftrunkenes „ 479 Haupt aus einem kleinen Fenſter des Thorthurmes ſtreckte und mürriſch frug: Wer es wage, den Frie⸗ den der frommen Brüder ſo früh zu ſtören? Der Reiter, der ſchon lange ungeduldig ge⸗ worden, glühte vor Zorn und mit flammenden Augen nach dem noch immer halb Schlafenden blickend rief er finſter: Zum Teufel zu! kennt Ihr denn Pennaforti, den General Eures Ordens, nicht mehr? Es war, als ob der gute Bruder ſich nach ei⸗ ner Blume gebückt und eine Schlange ergriffen habe. Er fuhr mit Blitzesſchnelle zurück und als er das Thor zitternd öffnete, war aller Schlaf ver⸗ ſchwunden und aus dem bleichen Geſichte ſtarrten den Fremden zwei weit geöffnete Augen ſtupid entgegen. Aber der General hatte ſeiner nicht Acht. Wo iſt der Prior von Santa Maria maggiore und der Abt von S. Trinita di Cava? frug er, von ſeinem Maulthiere ſteigend. Der Pförtner, der der Meinung war, er ſolle für ſeine Pflichtverletzung und Grobheit zur Ver⸗ antwortung gezogen werden, antwortete in kläg⸗ lichem Tone: Hochwürdigſter Herr, den Gerechten beſchert der liebe Gott einen ſanften Schlummer; auch ſie ſchlafen noch! S laſſe ſie augenblicklich wecken und beſcheide ſie zu mir in das Refectorium; iſt dies geſchehen, ſo trage Sorge für meine Leute. Der Pförtner verbeugte ſich unterthänig, blieb aber verlegen ſtehen. Nun! rief Pennaforti, als er des Mönches Zögern gewahrte, wird's bald! Hochwürdigſter! ſtammelte Jener, wenn ich, als ich Euch gewahrte, noch halb im Schlafe... Zum Teufel! donnerte der General. Laß die Poſſen und rufe mir den Prior und den Abt— öder Der Pförtner aber hörte dieſe Worte nicht mehr und eilte halb erleichtert die geiſtlichen Wür⸗ denträger zu erwecken. Nach einigen Minuten erſchienen Beide. Auch ſie mußte die Nachricht von der ſo plötzlichen und ungewöhnlich frühen Ankunft ihres Ordensgenerals erſchreckt haben, wie ihre bleichen Geſichter und die Beſorgniß kündenden Züge verriethen. Um Gottes willen, was iſt geſchehen? rief der Abt von S. Trinita di Cava eintretend; hat der Wüthrich von Kaiſer unſern Handel entdects— ſind wir Alle verloren? Etwas ſehr Wichtiges muß es ſein, ſagte nicht weniger beklommen der Prior, das Euch, General, in ſolcher Stunde hieherführt. Sind wir in Ge⸗ fahr? Ach Gott! nun wird es meinem kei Klo⸗ 6. 64 — 481 ſter ergehen wie Trinita di Cava und kein Stein auf dem andern bleiben! Ach, mein armes, ſchönes Kloſter! Hätte ich doch nur nicht die Hände zu dem verwünſchten Werke gereicht! Ich überlebe den Fall meines Kloſters nicht. Pennaforti hatte ſich geſetzt; die Unruhe ſeiner Freunde gab ihm ſeine Ruhe wieder. Seid ihr zu Ende mit euren Jeremiaden? frug er, als der Prior ſchwieg. Ihr habt gut reden! ſagte dieſer, Euer Rang ſchützt Euch vor Unbillen, auch verliert Ihr im un⸗ glücklichen Falle kein ſo ſchönes Kloſter. Wenn Ihrs verliert, ſollt Ihr drei andere dafür haben! entgegnete gelaſſen Pennaforti, und die Biſchofsmütze iſt euch Beiden ohnedies gewiß; laßt alſo die kindiſche Furcht und hört mich an. Der Kaiſer ahnet nicht im entfernteſten, daß ſeine ketzeriſchen Sündendirnen in eurem Felſenneſte ſitzen; aber man hat ihm einen Floh ins Ohr ge⸗ ſetzt und ihm im Allgemeinen die Klöſter verdächtig gemacht. Seit dem Ihr ihn, mein lieber Herr Abt von S. Trinita die Cava, in Reggio ſo gut bewirthet, iſt er ohnedies ſchlecht auf Klöſter zu ſprechen. Ach, mein gutes Trinita di Cava! klagte der Abt und legte die gefalteten Hände auf der dicken Bauch. Mögen ihn alle Heiligen dafün verdammen. 482 Alſo! fuhr Pennaforti fort, die Hauptſache iſt, daß ich ſelbſt Friedrich ſchwören hörte: er wolle, wenn er entdecke, daß irgend ein Geiſtlicher Hand an die Dirnen gelegt— alle Klöſter wie Sodom und Gomorrha verderben. Da haben wirs! riefen wie aus einem Munde Abt und Prior. Wir ſind verloren! Sicher! entgegnete Pennaforti ruhig, wenn es der Kaiſer nämlich erfährt, daß ſeine Turteltauben in euren Händen ſind. Denn Friedrich pflegt in ſolchen Dingen nicht zu ſcherzen. Und das könnt Ihr Alles ſo ruhig ſagen? jammerte der Prior, der ſein Santa Maria mag⸗ giore ſchon dem Erdboden gleich ſah. Bin ich nicht deswegen mit Lebensgefahr hier⸗ her geeilt? frug der General der Dominikaner ernſt. Ich konnte befehlen und handle als Freund. Die letzten Worte erinnerten die beiden geiſt⸗ lichen Herren an die ſtrenge Ordensdisciplin und verſchloſſen mit Einemmale allen Klagen den Mund. Die Sachen ſtehen jetzt anders als früher! fuhr Pennaforti fort, als er die Wirkung bemerkt, die ſeine Erinnerung hervorgerufen. Ich habe mich perſönlich überzeugt, daß der Schritt, welchen wir zu thun vorhaben, nicht öffentlich geſchehen kann. Selbſt der heilige Vater würde uns jetzt nicht vor dem Zorne des Kaiſers ſchützen können; jetzt, wo 483 des Hohenſtaufen Macht feſter begründet iſt, denn je! Deſſenungeachtet wären wir Narren, wenn wir dieſe Gelegenheit der Rache unbenutzt würden entſchlüpfen laſſen! Was meint Ihr, Herr Abt? Hochwürdigſter! eher laß ich mich in einem Mörſer zerſtoßen, als daß ich es aufgäbe, mich an dem Kaiſer, den Gott verfluchen möge, zu rächen. Dies hab' ich geſchworen auf den Trümmern mei⸗ nes Kloſters und dies werd' ich halten, ſo wahr Gott lebt! Wolan denn, die Zeit iſt uns kurz zugemeſſen! rief erhitzt Pennaforti und hölliſcher Fanatismus leuchtete aus ſeinen Augen; was Klugheit verbietet öffentlich zu thun, vollbringt man ungeſehen vor dem Auge der Welt. Wie Ketzer ſterbem iſt einer⸗ lei, wenn ſie nur ſterben, und was Gregor wünſcht und nicht thun darf, wird er gern von Andern vollbracht ſehen. Aber was kann denn geſchehen, hochwürdigſter General? ſagte beſtürzt und ängſtlich der Prior. Wenn die Mädchen nicht vor ein öffentliches Ge⸗ richt geſtellt werden... Was brauchts da eines öffentlichen und förm⸗ lichen Gerichtes! rief Pemnaforti ungeduldig. Die Dirnen ſind Mahomedanerinnen, alſo Ketzer— darum aus dem Wege mit ihnen. Ungläubige ſind es allerdings, meinte der 21* 484 Prior, aber keine Abtrünnigen. Man müßte doch erſt verſuchen, ſie zu bekehren. Macht nicht ſo viel Federleſens! ſagte der Ge⸗ neral finſter. Es ſind Buhldirnen und alſo, gläu⸗ big oder ungläubig, des Todes ſchuldig! Verzeiht, Hochwürdigſter, wenn ich hier ein Bedenken einlege. Erſtens ſcheint mir der Tod ohne jede gerichtliche Verurtheilung ungerecht, zwei⸗ tens möchte ich für die Unſchuld der Jüngeren ſchwören, drittens... Drittens erinnere ich Euch, Herr Prior von Santa Maria maggiore, an Euere Ordensgelübde, unter welchen unbedingter Gehorſam oben an ſteht! rief der General heftig. Der Prior verbeugte ſich demüthig und ſagte: Ich werde mein Gelübde nie verletzen, ſelbſt wenn ich gegen meine Ueberzeugung handeln muß, die Verantwortung laſtet auf Denjenigen, welche be⸗ fehlen; aber vertheidigen darf ich die Unſchuld doch! Schöne Unſchuld! lachte Pennaforti wild auf, ſie würde bald die ſaubere Brut vermehren, wenn man nicht bedacht wäre, die Schlange zu zertreten, ſo lange ſie im Ei! Ja! ſagte der Abt von S. Trinita di Cava zu ſeinem Gaftfreunde. Man muß die Brut vernich⸗ ten, ehe ſie das Licht der Welt ſieht. Der Prior trat einen Schritt zurück und ſein 485 bleiches Geſicht kündete, daß er die Meinung ſeiner Freunde zu ahnen anfange. Ihr wollt doch nicht! ſtammelte er, Mutter und Kind... Ich ſehe, unterbrach Pennaforti den Sprechen⸗ den, man muß deutlich mit Euch reden. Alſo denn: Im Namen Sr. Heiligkeit befehle ich, Pennaforti, General des Ordens des heiligen Dominikus, Euch, Prior zu Santa Maria maggiore, die beiden ge⸗ fangenen Mahomedanerinnen noch vor Sonnen⸗ untergang im Innern Eures Kloſterhofes zu ver⸗ brennen! Hört Ihr, Bruder, wiederholte triumphirend der Abt, zu verbrennen! Als Sühnopfer für die Zerſtörung S. Trinita di Cava's zu verbrennen! Aber mein Gott! rief der Prior, dem kalte Schweißtropfen auf der Stirn ſtanden, ich haſſe ge⸗ wiß auch den Kaiſer, aber hier würde ja nicht der Kaiſer, ſondern.. 4 Thut nichts! lachte der Abt, der Kaiſer liebt die Dirnen und darum müſſen ſie qualvoll ſterben! Weil ſie der Kaiſer liebt? frug mit gefalteten Händen der Prior. Sie ſterben, weil ſie Ketzerinnen und Buhl⸗ dirnen ſind! ſagte feſt und beſtimmt Pennaforti und erhob ſich ſtolz. Kein„aber“ mehr! Ich werde die Verantwortung tragen. 486 Herr! rief der Prior und ſank vor dem Ge⸗ nerale nieder, Gnade für Recht! Laßt mich die Mädchen zu bekehren ſuchen und ſtraft ſie, wenn ſie hartnäckig in der Sünde verharren, ſo hart Ihr wollt; aber.. Genug! rief Pennaforti zornglühend. Ich habe keine Zeit, mich hier mit Euch zu ſtreiten; denn da man meine Abweſenheit in Neapel nicht bemerken darf, ſo muß ich ſofort wieder zurück. Antwort alſo, Ihr habt die Wahl, wollt Ihr gehorchen oder nicht? O wählt doch lieber einen Andern zu der Voll⸗ führung dieſes ſchrecklichen Auſtrags! jammerte der Privr. Antwort! wiederholte Pennaforti. Wollt Ihr gehorchen oder nicht; den Verbrecher, der ſein Ge⸗ lübde brach, erwartet gleichfalls der Flammentod, den gehorſamen Bruder ein reiches Bisthum. Laßt mich in Armuth und wählt einen Andern. Gehorſam will ich! Ja oder nein? Eine Pauſe folgte, in welcher der arme Prior ſeine Hände in bangem Seelenkampfe rang. Ja oder nein! wiederholte Pennaforti und ſchickte ſich zum Aufbrechen an. Biſchof oder dem Tode verfallen. Und die Verantwortung? Die Verantwortung vor Gott und dem Kaiſer? rief ſtöhnend der Prior. 487 Uebernehme ich, übernimmt Gregor! Euer Gewiſſen bleibt ſo rein, wie das eines neugebore⸗ nen Kindes. Alſo? Dann mag es ſein! lispelte erſterbend der Ge⸗ quälte. Ich gehorche. Das finſtere Antlitz Pennaforti's erheiterte ſich bei dieſen Worten, er legte freundlich ſeine Hand auf des Priors Schulter und ſagte: Hochwürdig⸗ ſter Bruder in Gott! Ich grüße Euch als Biſchof. Ich wußte, daß Ihr die Schwäche beſiegen würdet. Reicher Lohn dieſſeits und jenſeits wird die edle That vergelten. Der Prior ſeufzte tief auf; aber der Abt von S. Trinita di Cava rief mit rachedurſtenden Blicken: Hätte Euch der Hohenſtaufiſche Wüthrich ein ſo ſchönes Kloſter zerſtört, wie mir, und Euch, wie uns, zum Lande hinaus gejagt— bei dem Blute des heiligen Januarius! Ihr würdet mit Freude jede Gelegenheit ergreifen, Euch an dem Ketzer blutig zu rächen. Pennaforti ertheilte nun noch die nöthigen Be⸗ fehle, beauftragte den Abt von S. Trinita di Cava, über die pünktliche Vollziehung des Blutauftrags zu wachen und namentlich darauf zu ſehen, daß außer den Brüdern Niemand von dem Akte etwas erfahre, und verließ ſodann wieder, nachdem er 488 und die Seinen ſich geſtärkt und ausgeruht, das Felſenkloſter Santa Maria maggivre. Sobald ſich das Thor hinter Pennaforti ge⸗ ſchloſſen, entwickelte ſich in dem Hofe des einſamen Kloſters eine ungemeine Thätigkeit. Wie aus den ööchern eines Ameiſenhaufens kamen aus allen Gängen und Pforten düſtere Geſtalten hervor und ſchleppten und trugen mächtige Holzſcheite zuſam⸗ men, und bauten zwei Stöße, aus deren Mitte jedesmal ein ſtarker Pfahl aufſtieg. Die Mönche ſprachen faſt kein Wort während dieſer beſchwerlichen Arbeit, die den Schweiß in dicken Tropfen auf ihre Stirn trieb; aber der Ei⸗ fer, mit welchem ſie das grauenhafte Werk hand⸗ habten, und ihre düſter leuchtenden Blicke verkünde⸗ ten, daß ein wilder Fanatismus ſie begeiſtere. Als die Glocke zur Mittagstafel rief, waren die Holz⸗ ſtöße vollendet. 29. Santa Maria maggiore. Soli Deo Gloria! Ergriffen wird die Schöne. Zorndurchdrungen, Verdammt der Herr zum Feuertod die Maid. Von Feſſeln wird ihr zarter Arm umſchlungen, Geraubt der Schleier ihr, das keuſche Kleid; Sie doch Furcht hat nimmermehr bezwungen Dies ſtarke Herz, nur leiſe Bangigkeit; Die ſchöne Wang erbleicht, doch ſanft erblaſſend, Nicht Bläſſe, zartes Weiß nur blicken laſſend. Torquato Taſſo. Nur ſchmale Lichtſtreifen fielen durch das einzige Fenſter des Kerkers, in welchem Eudoria und Alexis ſchmachteten; denn das Fenſter war klein und mit ſtarken Eiſengittern verſehen. Zu den Zeiten der Römer mochte dieſer Raum wol als Bad gedient haben, wie noch die viereckige Vertiefung, zu der man auf Stufen hinabſtieg, zeigte; jetzt war er halb zerfallen und die feuchten und nackten Wände gaben ihm ein düſteres Ausſehen. Der Tod witterte Ei⸗ nem gleichſam aus den kalten, zerbröckelnden Stei⸗ nen entgegen und Moderduft, aus dem unbemerk⸗ bar aber ewig fortſchreitenden Auflöſungsprozeſſe aufſteigend, füllte den engen Raum. 490 Häßliches Ungeziefer hatte hier lichtſcheu ſein Reich gegründet und der giftige Skorpion war deſſen König. Und in dieſer Mördergrube lag, hingeſtreckt auf ein Bündel Stroh, Eudoria, das himmliſch⸗ ſchöne, zarte Mädchen! der erſte Edelſtein aus des Kaiſers Krone! Eudoria, Perſiens Fürſtentochter und des Kaiſers Geliebte! Eudoria, das liebens⸗ würdigſte, ſanfteſte Weſen. Sie war blaß wie der Tod, doch ernſt und gefaßt. Ihr tiefes, ſeelenvolles Auge aber, hatte ſeinen Glanz verloren und ſtarrte thränenlos vor ſich hin. Ein leiſes Zucken, das von Zeit zu Zeit über ihr Geſicht lief, verrieth, daß auch Körper⸗ ſchmerzen ſie durchtobten. Aleris kniete zu der Schweſter Seite gud barg das in Thränen gebadete, von den atfgelöſten Haaren umfloſſene Haupt, in ihren Schvos. Unſterbliche hätten weinen en, wäre dies Bild vor ihre Seele getreten. Lag nicht der ganze Zauber der unſchuldigſten Kindlichkeit in dieſen unbeſchreiblich lieblichen Zü⸗ gen? und ward er nicht gehoben durch jenen ſüßen Zug, welchen die aufkeimende Mutterliebe dem jungen Weibe aufdrückt? Goß nicht der namenloſe Schmerz den Heiligenſchein unverdienter Leiden über ſie aus? 491. Sie war eine Lilie, zertreten von dem eiſernen Fuße des Schickſals, ſie war das Bild der ewig⸗ reinen, jungfräulichen Mutter Gottes unter dem Kreuze ihres Sohnes! Ach! ihr Leben, ihre Vergangenheit und Zu⸗ kunft, ihr Hoffen und Lieben, ihr Sehnen und Wün⸗ ſchen, ihr Glück und ihre Freude— Alles! Alles lag zerknickt, welk und erſtorben zu ihren Füßen. Sie fühlte mit Schaudern, daß ſie einſam, daß ſie verloren ſei! Sie blickte in ihr Herz und fand es leer!— todt! zerdrückt!— ſie bebte zuſammen und ſeufzte; aber der Seufzer war ein Schrei der Krea⸗ tur zu ihrem Schöpfer, das Stöhnen des unglück⸗ lichen Opfers, gefällt von dem tödtlichen Streiche. eiſr nicht, ſie weinte nicht; aber ihre Lippen bewegten ſich lautlos— ſie hauchten den Namen des Geli ten, des Mannes, für den ſie athmete, für den ſie war, der einen Theil ihrer Seele ausmachte, von dem hinweggeriſſen Herz und Seele blutig zuckten, nach dem ſie krampfhaft rang in ſtarrer Verzweiflung. Hinweg mit dem Leben, wenn die Liebe fehlt! Zerſchmetternd— Hölle! brennende, glühende Hölle! iſt der Gedanke, das ewig zu miſſen, was wir ſo unausſprechlich lieben. Es iſt, als ob eine kalte Marmorfauſt das Herz aus dem Buſen 3 492 reiße und uns dann blutend und zuckend vergehen laſſe. Und das Kind, das ſie unter dem Herzen trug? Das ſüße, unſchuldige Weſen, dem ſie mit dem ſeligen Zittern einer jungen Mutter entgegenſah? Der Engel, der ihr den Vater verdoppeln ſollte; den ſie ſein Ebenbild dachte, den ſie im Geiſte ſchon an ihr Herz gedrückt, gewiegt, an ihre Bruſt ge⸗ legt, den ſie unter ihren und des Vaters Küſſen ſo himmliſch⸗lächelnd ſich gedacht, für den ihr Geiſt ſchon eine Zukunft voll Wonne und Entzücken er⸗ baut:— was ſollte aus ihm werden? Sie griff, als ſie dies Alles dachte, verzwei⸗ felnd an ihre Stirn, auf der die Tropfen kalten Angſtſchweißes ſtanden. In demſelben Momente regte ſich die lebendige Frucht und ſie fuhr mit ei⸗ nem Schrei zuſammen. Aleris richtete ſich langſam en ot. Ihre Bläſſe war angſterregend und wurde durch die rothge⸗ weinten Augen und ſchwarzen Haare, die, aufge⸗ löſt bis auf Schultern und Bruſt herabfielen, nur noch gehoben. Edle Seelen ertragen leichter eigene Schmerzen, als die Anderer. Der herzzerreißende Anblick der theuern Schweſter durchzuckte Eudoria wie ein Schwert. Was hatte ſie verbrochen, um um ſo namenlos hart büßen zu müſſen? Sie zog die Geliebte an ſich und beide Schwe⸗ ſtern umklammerten ſich krampfhaft und preßten ſich Herz an Herz; als ſolle das Gefühl, daß ſie ja Beide mit einander litten, die Qualen mildern, die ſie zerriſſen. Und ſiehe der Jammer der Schwe⸗ ſter erweichte Eudoria und ſie weinte bitterlich. Aber mit Einemmale ergriff die Geliebte des Kaiſers eine namenloſe Angſt; es dämmerte vor ihren Augen, die Bruſt hob ſich mühſam und eine plötzliche Schwäche überfiel ſie. Eudoria ſank zurück. Allmächtiger, ſie ſtirbt! ſchrie Aleris auf und warf ſich über ſie, und küßte ſie zu hundertmalen, und ſchluchzte: Eudoria, ſüße, liebe Schweſter, ſtirb nicht!— laß mich nicht allein, in dieſer Schreckenswelt! O Allah! ſie darf, ſie kann nicht ſterben! Eudoria, bleibe bei mir! Schwe⸗ ſter! Schweſter! ſtirb nicht oder nimm mich mit! Verlaß deine arme Aleris nicht, die ja nur dich hat auf der weiten, weiten Welt. Aber Eudoria hörte nicht. Der Tod ſchwebte über ihr und überſchattete ſie, und verdeckte ihr mit ſeinen ſchwarzen Flügeln den Himmel— und die Sonne brannte wie ein blutrothes Auge in ſeiner Stirn, und ſeine Klauen hackten in das arme, weiche Menſchenherz. Aleris wollte verzweifeln. Sie rang die Hände, ſie ſchrie um Hülfe, ſie raufte ihre Haare, ſie küßte die Ohnmächtige, ſie rüttelte ſie— Eudoria blieb ſtumm und bewußtlos. Da war es ihr, als ob Froſt den Körper ſchüttle und Feuer ihr Gehirn verzehre. Sie griff mit beiden Händen nach der Stirn, ſie war eis⸗ kalt. Sie ſtarrte auf Eudoria, die wie das mar⸗ morne Bild eines Engels dalag und lispelte: todt! Todt! wiederholte ſie leiſe und mit dem Worte wehte es ſie an wie himmliſcher Friede und ſie ſagte: Ich will mit dir gehen. Und das Feuer, das in ihrem Gehirn brannte, goß glühende Ströme in ihre Adern. Sie zitterte wie Eſpenlaub— aber ihre ſtarren Blicke liefen emſig ſuchend an dem Boden und den feuchten Mauern hin. Plötzlich funkelten die Augen und unwillkürlich deutete die Hand nach einer Stelle in dem alten Bade, während die Lippen bebend ſtammelten: Allah ſei Dank! Es war ein Skorpion, den ſie ſah. Das häß⸗ liche Thier ruhte in einem Winkel des Steinbehäl⸗ ters und lauſchte auf Raub. Er ſollte ihr der Schlüſſel zu der dunkeln Pforte werden. Sie war entſchloſſen. Schon hatte ſie den Fuß auf eine Stufe des Bades geſetzt, ſchon langte ſie nach dem giftigen Thiere, als ein Geräuſch ſie emporſchreckte. Sie blickte auf und ſiehe— Eu⸗ doria regte ſich. 495 Mit einem Schrei namenloſer Wonne flog die Unglückliche auf die Ohnmächtige zu, die ſich auch bald in ihren Armen erholte. Aleris vergaß über das Glück all ihre Leiden; jubelnd hing ſie an dem Halſe der theuern Schwe⸗ ſter und küßte und herzte ſie. Dank! unendlichen Dank dem großen Prophe⸗ ten! rief ſie entzückt, der dich mir wiedergegeben. Ich glaubte dich todt! Eudoria!— todt!— be⸗ greifſt du meinen Schmerz? meine Verzweiflung? Aber bei Allah! ich wäre dir gefolgt, ſelbſt in jene Welt. Siehſt du in jenem Winkel... fuhr ſie triumphirend fort, ſiehſt du... Den Skorpion? unterbrach ſie Eudoria matt und zog ſie ängſtlich an ſich. Ja, den Skorpion! fuhr Alexis begeiſtert fort. Er würde mich dir nachgeſandt haben. Eudoria umarmte ſtumm die Schweſter. Nach einer Pauſe lehnte ſie ſich müde zurück. Es war mit ihr ſeit der Ohnmacht eine merkliche Verände⸗ rung vorgegangen. Sie war ruhiger, ſanfter, aber wehmüthiger geworden. Die Augen blickten nicht mehr ſo groß, ſondern mit der alten, tiefen, geheim⸗ nißvollen Liebesglut, eine leichte fiebriſche Röthe brannte auf den Wangen. 5 Aleris! ſagte ſie leiſe, mit einem Tone himm⸗ liſcher Güte und reichte mühſam der Schweſter die Hand. Gutes, liebes Mädchen, du warſt immer meine Freude, mein Stolz! haſt ſtets meinen Win⸗ ken gehorcht und liebevoll an mir gehangen; wirſt du auch meine letzte Bitte erfüllen? Deine letzte? ſtammelte Aleris, warum deine letzte? Wir trennen uns nicht und gewiß auch die Menſchen werden nicht ſo grauſam ſein, uns zu trennen. Eudoria ſah die heftig Sprechende mit einem Blick unendlicher Liebe an und der Schmerz, der ſie ſelbſt bei dem Gedanken einer Trennung zerriß, ſchnitt ihr durch Mark und Bein. Wie Allah will! entgegnete ſie endlich mit Faſſung. Sein Name ſei geprieſen, was auch ge⸗ ſchieht. Aber ſiehe, mein Kind, ich fühle mich todtesmatt und eine Ahnung ſagt mir, daß ich die Stunde meiner Niederkunft nicht überleben werde. Eudoria! ſchluchzte Aleris, ſprich nicht ſo! Du wirſt nicht ſterben!— glaub' mir! Du wirſt jetzt nicht ſchon ſterben! Du biſt zu jung, zu ſchön, zu gut! Ich liebe dich zu ſehr, du kannſt, du darfſt nicht ſterben! Sei ruhig, gute, treue Schweſter! entgegnete Eudoria und küßte mit heißer Inbrunſt die Stirn der Knieenden. Liebe iſt ſüß; aber all' ihre Macht vermag den Tod nicht wegzuſcheuchen. Ich bin alt 497 geworden in wenig Tagen und mein Körper mürbe in kurzer Zeit. Aber ich murre nicht; denn ich habe ſchöne Stunden geſehen, Stunden der Liebe und des Glücks, Stunden himmliſcher Seligkeit! Ach freilich! ſagte ſie dann leiſer und blickte ſchamhaft nieder, freilich hätte ich gern das ſüße Weſen, das unter meinem Herzen lebt, noch geſehen, geküßt, geſegnet und ihm in die Arme gelegt, ihm, deß Liebe mein Alles war— ihm... Sie konnte nicht weiter ſprechen, Mutter⸗ und Gattenliebe brachen ihr das Herz. Beide weinten bitterlich. Da ertönten ferne Tritte. Sie kamen näher. Die Riegel klirrten, die Kerkerthüre öffnete ſich und herein traten der Abt von S. Trinita di Cava und der Prior von Santa Maria maggiore von Mön⸗ chen und Knechten gefolgt. Bekennt ihr euch, frug ohne irgend eine Ein⸗ leitung der Abt, aus deſſen Augen eine hölliſche Freude blitzte, zur allgemeinen, alleinſeligmachen⸗ den chriſtlichen Kirche? Nein! entgegnete Eudoria entſchieden, ſo bald ſie ſich von der Ueberraſchung erholt, in die ſie das plötzliche Eintreten& Männer und die ſonderbare Frage verſetzt. So glaubt ihr an keinen Gott? fuhr der Do⸗ minikaner in dem Ton, in welchem er ſeine Litanei 498 zu leſen gewöhnt war, fort, und habt keine Reli⸗ gion? Wir glauben an Gott! antwortete Eudoria mit großer Anſtrengung, aber dennoch feſt in Ton und Geberde, und bekennen uns zur mahomedani⸗ ſchen Religion. Verflucht ſei Mahomed und ſeine Lehre! rief der Prieſter, es gibt nur eine wahre Religion! Gewiß! verſetzte Eudoria, es gibt ja nur eine einzige: das Gefühl unſerer Ohnmacht und Ab⸗ hängigkeit, angeſichts der Allmacht, und die Liebe zu ihr und unſern Mitgeſchöpfen. Ketzer und Weibergeſchwätz! eiferte der Abt. Wer nicht mit mir iſt, iſt gegen mich! Ja oder nein!— Himmel oder Hölle!— ſelig oder ver⸗ dammt! Und fühlt ihr euch nicht gedrungen, zur heili⸗ gen Religion Chriſti überzutreten? frug bewegt der Prior. Die Mutter Kirche iſt bereit... Laßt das Bekehren, Herr Prior! herrſchte der, Abt. Die Ordre lautet einfach: Executio. Es wäre auch vergebens! ſagte Eudoria milde. Wir bleiben unſerem Glauben treu; denn wahr⸗ lich! ſo lange wir unter Chriſten wohnen, haben wir ſtatt der Liebe, die jener Prophet gelehrt, nur Haß und Unduldſamkeit unter ſeinen Jüngern ge⸗ ſehen. Läſtere nicht, verworfenes Weſen! rief hier der Abt von S. Trinita di Cava zornentflammt. Re⸗ ligion iſt nur eine, der Glaube an Gott und ſeine Heiligen, wie ihn die Kirche lehrt. Mir däucht ſie, fuhr Eudoria ſchwach, aber freudig fort, und ich darf es mit Stolz ſagen, ich theile dieſe Meinung mit dem größten aller jetzt lebenden Männer, ein geheimnißvolles Etwas, das mit lebendiger Allliebe Herz und Gemüth durchdringt, ein Leben in Gott und nach ſeinem Willen; eine Blüte des Gemüthes und der Phan⸗ taſie, die auf dem ſteinigen Boden kalter Vernunft oder leeren Ceremoniells welkt und ſtirbt. Das hoölliſche Feuer auf ſolch' verruchte Irr⸗ lehren! rief finſter der Mönch. Wir wiſſen, wer ſie euch beigebracht, und ſie allein wären genug, euch zu verderben. Aber auch eure Unzucht ver⸗ dammt euch, Buhlerinnen des Kaiſers! Eudoria, die ſich bisher nur mit Mühe ſitzend erhalten, richtete ſich bei dieſen Worten plötzlich hoch auf. Kühnheit und Stolz leuchteten aus ihren Augen und die Macht ihrer Schönheit und das Imponirende ihres Weſens waren ſo mächtig, daß ſelbſt die Mönche Ehrfurcht durchrieſelte und der Abt unwillkürlich einen Schritt zurücktrat. Wer wagt es! ſagte ſie mit königlicher Hoheit 500 in Geberden und Worten, hier zu läſtern und die Reinheit meiner Sitten anzugreifen. Als Sklavin dem Kaiſer geſchenkt, gehöre ich ſein mit Leib und Gut. Ich liebte ihn, wie er mich, und ſo ſchloſſen wir vor Allahs Augen den Bund der Liebe, wie ihn das Geſetz des Propheten erlaubt. Meine Schweſter iſt rein, wie eine Huri des Paradieſes, wenn ſie einen Rechtgläubigen an der Pforte des Himmels empfängt. Ich aber bin ſtolz auf des Kaiſers Liebe und die Frucht, die ich unter meinem Herzen trage. Der Abt knirſchte vor Wuth. Kennſt du mich noch? rief er mit halb erſtickter Stimme. Ja! entgegnete Jene, du biſt der Abt von S. Trinita di Cava, der ſeinen Kaiſer ermorden wollte. Was der Teufel verhinderte! ſchrie der Mönch, aber heute wenigſtens will ich meine Rache kühlen. Im Namen Gottes— auf den Scheiterhaufen mit ihnen! Die Knechte traten bei dieſem Befehle vor. Ale⸗ ris umſchlang mit einem herzzerreißenden Schrei die Kniee ihrer Schweſter. 6 Was ſoll das? rief Eudoria. Wir ſtehen in dem Schutze des Kaiſers! In die Flammen mit den Ketzerinnen! wie⸗ derholte der Abt. 501 Da erfaßten die Knechte Aleris und riſſen ſie empor. Eudoria! Eudoria hilf! ſchrie die Unglückliche, Gnade! Gnade! rief Jene, die Schweſter mit der letzten Kraft feſthaltend, ſie iſt unſchuldig— laßt mich das Opfer ſein! Aber die Knechte riſſen die Schweſtern ausein⸗ ander. Da ſtürzte Eudoria unter Wimmern und Schreien nieder— furchtbare Schmerzen zerriſſen ſie— ſie umklammerte wie wahnſinnig die Steine. Mein Kind! mein Kind! rief ſie, hinweg mit euch, mein Kind! Barmherzigkeit! flehte Aleris. Laßt mich zu ihr, ſie kommt nieder! der Schrecken hat die Stunde befördert. Ins Feuer mit Beiden! donnerte der Abt und griff mit eignen Händen nach der Wöchnerin. Da konnte ſich der Prior nicht mehr halten, er ſprang vor, riß den Mönch von Trinita di Cava weg und ſchwur: nur über ſeine Leiche gehe in dieſer Stunde der Weg zu der Unglücklichen. Ingrimmig, wie ein gereizter Tiger, fletſchte der Abt ſeinen Ordensbruder an, und wilde Drohun⸗ gen und Flüche floſſen über ſeine Lippen; aber der Prior von Santa Maria maggiore wich nicht und der Abt ſah ſich genöthigt, ſich mit einem Opfer zu begnügen. Eudoria! Aleris! erſchallte es noch einmal, daß es die Steine erbarmt haben würde, dann ward es ſtill, denn Eudoria fiel aus einer in die andere Ohnmacht und aus dieſen in fürchterliche Wehen——— Aleris aber——— gab ihren Geiſt——— in den Flammen auf. 30. Die Verklärung. Was du verlorſt, hat er gefunden; Du triffſt bei ihm, was du geliebt: Und ewig bleibt mit dir verbunden, Was ſeine Hand dir wiedergibt. Uovalis. Den Tag, nachdem das grauenhafte Opfer dem Fanatismus und der Rache gebracht worden, ver⸗ ließ der Abt von S. Trinita di Cava das Kloſter, um das Geſchehene nach Rom zu berichten und zu⸗ gleich den Prior von Santa Maria maggiore bei dem Ordensgeneral wegen unvollſtändiger Aus⸗ führung des Befehls zu verklagen. Der Prior, ſo ſehr er nach der Biſchoſsmütze verlangte, ſo gewaltig er den Zorn Pennaforti's und die Strafe für ſeinen Ungehorſam fürchtete, war bei der herzzerreißenden Kerkerſcene nach lan⸗ gem, fürchterlichem Kampfe dennoch den Regungen der Menſchlichkeit erlegen. Hatte er auch nicht die Kraft und den Muth, die Schandthat ganz zu ver⸗ hindern; ſo vermochte er es doch nicht mit anzu⸗ ſehen, daß man eine Wöchnerin in der entſcheiden⸗ S 504 den Stunde dem Feuer übergebe und ſomit Kind und Mutter opfere. Aber auch nach Eudoria's Niederkunft verwei⸗ gerte er deren Auslieferung, da, wie er ſich über⸗ zeugt, die Unglückliche jenen Tag des Schreckens nur kurz überleben würde. Die lohnendſte Frucht jeder edlen That, die ihr auf dem Fuße folgt, iſt, daß ſie uns in dem Guten befeſtigt und uns mit der freudigen Kraft, ferner das Edle zu wollen und auszuüben, erfüllt. Auch dem Prior hatte ſein erſtes Widerſtehen die Kraft gegeben, ſtandhaft gegen den Abt zu ver⸗ harren. Er konnte dabei dem Zorne Pennaforti's um ſo ruhiger trotzen, als es mit Gewißheit vor⸗ auszuſehen war, daß bald ein natürlicher Tod den Wünſchen des Generals entgegenkommen würde. Deſſenungeachtet ſandte auch er einen gehei⸗ men Boten an Pennaforti ab, um demſelben die Lage der Dinge auseinanderzuſetzen und dadurch wo möglich die Anklage zu neutraliſiren. Nach der Abreiſe des Mönchs von S. Trinita di Cava war der Prior ſogar noch weiter gegan⸗ gen, indem er die Wöchnerin in ein Bett und nach einem beſſeren Gemache hatte bringen laſſen, wo⸗ ſelbſt ſie und ihr Kind von einer alten Magd be⸗ dient wurden. Eudoria aber hatte ſeit der Stunde der Nie⸗ 505 derkunft das Bewußtſein verloren. Kein ſegnender Mutterkuß begrüßte das kleine holde Weſen bei dem Eintritte in die Welt; und wie es unter un⸗ ſäglichem Jammer geboren ward, ſo war auch ſein erſtes Athmen ein ſchmerzliches Weinen, als ob es den Himmel verklagen wolle, der es ſchon mit der Geburt in fremde Arme gelegt. Jetzt eben— es war die dritte Nacht, nach⸗ dem es die Welt erblickt— ſchlummerte es ſanft und ruhig auf einem Kiſſen, welches am Boden, dicht neben dem Bett der Mutter lag. Noch hat⸗ ten ſich die Züge nicht klar entwickelt und doch zeigte ſein kleines Geſichtchen ſchon eine überra⸗ ſchende Aehnlichkeit mit Eudoria. Sein Athem ging ſo leiſe, daß er faſt nicht zu hören war. Ach, welche Seligkeit würde es der Mutter geweſen ſein, hätte ſie den kleinen Engel ſo ſchlum⸗ mern ſehen, über ſeine Athemzüge wachen können. Aber Eudoria's Bewußtſein hatte die heiße Hand eines Fiebers verwirrt. In wildem, geſpen⸗ ſtiſchem Taumel tanzten und raſ'ten die bunteſten Bilder an ihrer Seele vorüber und regten ſie bald auf durch eine trügeriſche Freude und ſchüttelten ſie dann wieder mit den Schauern des Schreckens und des Entſetzens. Es war, als ob Hunderte von Geiſtern ſie in phantaſtiſchen Reihen umtanz⸗ ten, immer wechſelnd in Form und Zügen, Geſalt b 22 5 — 506 und Farbe. Die Bilder des Geliebten und der theuren Schweſter tauchten hier aus Blumen, dort aus Flammen auf, die Arme nach ihr ausbreitend. Sie waren wunderbar geſchmückt und an dem Herzen trugen ſie liebliche Blumen; aus den Blü⸗ ten aber ſchlüpften Amoretten und legten ſich an Eudoria's Bruſt, und ſie hatte viele, viele wunder⸗ ſchöne Kinder. Aber wenn ſie die Kinder herzen und küſſen wollte und ſo recht ſehnſüchtig nach ih⸗ ren Lieben ſchaute, ſiehe da ſchmolzen plötzlich alle die theuren Züge und fuhren unter Flammen in einander und woben das gräßliche Bild des Abtes. Und um des Abtes Haupt wand ſich ein Diadem von lebendigen Skorpionen und ſeine Hände wa⸗ ren blutig, und ſein Haupt wurde immer ſpitzer und ſpitzer, und ſein Körper dehnte ſich bis er zu jener häßlichen Schlange ward, welche Eudoria einſt in Paläſtina verfolgt. Und wieder ward es ſtiller in der Kranken. Sie hörte die ſüßen Lieder des geheimnißvollen Sängers; ſie ſaß mit der Schweſter an ihrem Lieb⸗ lingsplätzchen und ſchaute hinaus in die paradieſi⸗ ſche Gegend. Wie waren doch die Töne ſo deutlich, wie klangen ſie ſo klagend durch die ſtille Mitter⸗ nacht! Eudoria lauſchte und lauſchte. Sie richtete ſich in ihrem Bett auf, das ſie für ein weiches ——— — 507 Mooslager hielt, und horchte wieder. Die Töne klangen fort und fort. Da färbte ein höheres Roth ihre Wangen und ſie lispelte: Er iſts! Leiſe richtete ſich die Kranke in die Höhe— Niemand gewahrte es; denn die alte Pflegerin war entſchlummert und ſchnarchte behaglich, den Kopf auf die Bruſt geſenkt, in einem Winkel des Zimmers. Eudoria ſtand auf. Sie ſah das Kind auf dem Kiſſen am Boden liegen und betrachtete es lange von fern. Aber ſie konnte ſich nicht entſinnen, was damit ſei, und mit der Hand über die heiße Stirn ſtreichend, ſagte ſie raſch und heftig: Will ſeine Mutter ſein, wenn's keine hat. Habe mir ja lang ſo ein Püppchen gewünſcht. Der Geſang, der einige Minuten geſchwiegen, hub eben wieder an. Sie fuhr empor. Es war eines ihrer Lieblingslieder, das ſie in beſſeren Zei⸗ ten oft wechſelweiſe mit David geſungen. Die Er⸗ innerung ſchien ſie zu entzücken; zugleich verlor ſie ſich aber auch ſo in dieſelbe, daß ſie ihr zur Gegen⸗ wart wurde. Das Fenſter ſchloß nur ein Laden, der leicht angelehnt war. Eudoria ſchaute hinab, ſie ſah Niemanden; aber deutlich hörte ſie Davids Stimme in der bekannten lieben, wehmüthigen Weiſe die Worte ſingen: — 508 Zu dem Freunde ſprach er ſcheidend: Siehſt du ſie, die mir einſt gut, Sag' ihr, daß— wie ſehr auch leidend— Noch ihr Bild im Herz mir ruht. Sag' ihr, daß ich nicht vergeſſen, Was an ihr ich einſt beſeſſen, Sag' ihr, Freund, vergiß es nicht, Daß mein Herz in Liebe bricht. Siehſt du ſie, dann ſag' ihr leiſe, Daß mein Schatten ſie umſchwebt, Daß in ihrem Zauberkreiſe Einzig meine Seele lebt. Sag' ihr, daß ich nicht vergeſſen, Was an ihr ich einſt beſeſſen; Sag' ihr, Freund, vergiß es nicht, Daß mein Herz in Liebe bricht. Hier trat eine kleine Pauſe ein, als ob der Sänger erwarte, daß eine zweite Stimme einfalle. Eudoria bebte; ſie fühlte weder ihre Schwäche, noch die Schauer der Nachtluft, die ſie in dem leich⸗ ten Nachtgewande anwehten; ſie däuchte ſich in ihren Fieberträumen in ihrem Palaſte bei Neapel und wie ſie dort ſo manchmal David in demſelben Liede geantwortet, ſo verſuchte ſie es auch heute. Ach! ſie hörte ja nicht, wie matt und klanglos ihre Stimme war, wie ſie manchmal erſtarb und dann wieder haſtig über ganze Takte hinglitt— ſie war in ſich vergnügt, dachte ſich in des Geliebten Nähe und ſang: Alſo ſprach er ſchon erblaſſend Und ſein letztes Wort warſt du. Dir, die treulos ihn verlaſſen, Ruf' ich ſeine Worte zu: Sag' ihr, daß ich nicht vergeſſen, Was an ihr ich einſt beſeſſen; Sag' ihr, Freund, vergiß es nicht, Daß mein Herz in Liebe bricht. Gleich die erſten Worte dieſes Verſes hatte von unten ein halblauter Schrei der Ueberraſchung unterbrochen, den aber Eudoria nicht gehört, die bei den letzten Tönen ohnmächtig zuſammenbrach. David ſtand athemlos. Er war ausgezogen, um die Verlorenen wo möglich wiederzufinden; er hatte gehofft, vielleicht an irgend einem Kloſter oder einer Burg, durch die Klänge eines bekannten Liedes, ſeine Nähe der Geliebten ſeines Herzens kundzugeben— nun war es geſchehen, nun hatte er ſie gefunden, das oft Bezweifelte war eingetre⸗ ten und er ſtand ſo überraſcht, ſo betroffen, ja ſo verwirrt, als ob ihn der wunderbarſte Zufall plötz⸗ lich ans Ziel geführt. Entzücken folgte der Ueberraſchung, während doch zugleich eine eigene Beklommenheit die Wal⸗ lungen der Freude hemmte. Hatten doch zwei Dinge Federbuſch ängſtigend berührt: die Gewiß⸗ heit, daß die Mädchen in den Händen fanatiſcher Mönche ſeien, und die auffallende Schwäche der lie⸗ ben Stimme. „ 510 Und warum war dieſelbe plötzlich verſtummt? Warum folgte auf ſein leiſes Rufen keine Antwort? Warum zeigte ſich das ſüße Mädchen nicht? Sollte ihr gegenſeitiger Geſang gehört— ihr Unter⸗ nehmen entdeckt worden ſein? Alle dieſe Fragen durchſtürmten Davids Bruſt; tauſend Zweifel regten, Gedanken, Vermuthungen, Entſchlüſſe kreuzten ſich in ſeinem Gehirn. Na⸗ mentlich war die Hauptfrage, was jetzt zu thun ſei. Des Narren erſte Idee war, zu dem Fenſter, welches ſich geöffnet, wo möglich empor zu glim⸗ men. Als er aber die Oertlichkeit ruhiger unter⸗ ſuchte, ſah er, daß es zu hoch liege und die glatte Mauer keine Möglichkeit zum Aufſteigen darbiete. Was nun thun? Sollte er ſofort nach der nächſten Stadt zurückkehren und— Kraft kaiſerlicher Voll⸗ macht— Truppen erheben, die Befreiung der Mahomedanerinnen mit Gewalt der Waffen zu er⸗ zwingen? Oder war es gerathener, erſt mit Güte einen Befreiungsverſuch zu machen? Erſteres Vorhaben wurde durch den Zeitver⸗ luſt, den es erforderte, gefährlich und dann war auch das Kloſter Santa Maria maggiore durch ſeine Lage und Mauern im Stande, einer bei wei⸗ tem größeren Macht zu trotzen, als diejenige war, die David in der Eile hätte auſtreiben können. Wagte ſich dagegen David in das Kloſter und —. — — — verſuchte den Weg der Güte, ſo ſtand zwar auf der einen Seite zu vermuthen, daß er Gewißheit über die Verlorenen erhalten, ſie vielleicht ſehen und ſprechen würde; andererſeits aber mußte er befürchten, von den Mönchen überwältigt und zu⸗ rückgehalten, vielleicht in einem Burgverließe auf ewig unſchädlich gemacht zu werden. Ein Mann wie David kannte keine Furcht; aber Klugheit gebot ihm um ſo mehr vorſichtig zu ſein, als mit ihm das kaum entdeckte Geheimniß von dem Aufenthalte der Schweſtern in Gefahr war, wieder verloren zu gehen. Er überlegte hin und her. Da erinnerte er ſich plötzlich, wie er einſt in Reggio, durch die entſchie⸗ dene Annahme einer Wahrſcheinlichkeit ſo mächtig auf den Mönch gewirkt, durch deſſen Hülfe ſodann der Kaiſer befreit worden. Dies Mittel konnte vielleicht auch hier fruchten, namentlich wenn er mit Beſtimmtheit als Geſandter des Kaiſers auf⸗ trete, die Gefangenen reclamire und nöthigenfalls mit einer Waffengewalt drohe, welche ihm auf dem Fuße folge. Der kühne Gedanke ſagte dem Herzen Davids zu und ſeine Ausführung ward in ihm zum feſten Entſchluß. Mit den erſten Stralen der Morgenſonne klopfte er an die wohlverwahrte Pforte und ließ 6⁸ ſich ſogleich dem Prior melden. Wer aber ver⸗ möchte deſſen Entſetzen zu beſchreiben, als David ſich zu erkennen gab und mit Entſchloſſenheit dem Prior den Zorn des Kaiſers meldete, der mit Heeres⸗ macht heranziehe, Santa Maria maggivre wie einſt S. Trinita di Cava zu zerſtören, wenn die beiden Mahomedanerinnen ihm nicht ſogleich über⸗ liefert und in Freiheit geſetzt würden. Der Prior, der weder grundverdorben, noch be⸗ ſonders ſtarken Geiſtes war, gehörte zu den Men⸗ ſchen, welchen irdiſche Güter und ein behagliches Leben das Höchſte auf Erden ſind, und die daher ewig zwiſchen gut und böſe ſchwanken, je nachdem es ihr Vortheil erheiſcht. Zu ſchwach, der Tyran⸗ nei Pennaforti's zu trotzen, hatte die Ausſicht auf eine Biſchofsmütze ihn ſeiner Zeit ſelbſt im Schlech⸗ ten nachgiebig gemacht; zu menſchlich dagegen an⸗ geſichts hölliſcher Barbarei wagte er wieder, der⸗ ſelben zu trotzen. Jetzt plötzlich drohte ihm, was er am meiſten gefürchtet: die Rache des Kai⸗ ſers, mit völliger Zerſtörung alles Deſſen, an dem ſein Herz hing. Davids Nachricht hatte ihn ſo völlig außer Faſſung gebracht und ſein Gewiſſen quälte und be⸗ ſtürmte ihn dermaßen, daß er in der That alle Geiſtesgegenwart verlor und, während er David unter unverſtändlichen Entſchuldigungen Alles zu⸗ ————,— 513 geſtand, nur auf Rettung ſeines Lebens und ſeiner Koſtbarkeiten dachte. Die Unruhe, die Angſt des Mönches— nur ſchlecht unter der Maske der Höflichkeit verborgen— entgingen Federbuſch nicht und erregten in dieſem die gleichen Gefühle. Haſtig begehrte er zu den Gefangenen geführt zu werden, und folgte mit wahrer Todesangſt dem Mönche, der den Auftrag erhalten, ihn zu Eudoria zu geleiten. Die langen Kloſtergänge ſchienen dem Unge⸗ duldigen ohne Ende; er trieb ſeinen Führer zur Eile und als dieſer endlich vor einer Thüre ſtehen blieb, verkündend: dies ſei die Zelle der Ketzerin, fehlte ihm die Luft, er mußte tief und gewaltſam aufathmen; ja es ergriff ihn ein ſo heftiger Schwin⸗ del, daß er nach den Pfoſten der Thüre faſſen mußte, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Die Schwäche war nur momentan. Er öff⸗ nete— aber die Thüre blieb in ſeiner Hand— Ueberraſchung und Schrecken hatten ihn gelähmt. Die ohnehin düſtere Zelle war von dem Mor⸗ genlichte nur matt erleuchtet. Noch lag das Kind ſchlummernd auf dem weißen Kiſſen, wie eine Ro⸗ ſenknospe hinaus geſchleudert von unbarmherziger Hand auf die weiche Decke des friſch gefallenen Schnees; noch verträumte es, ſich ſelber unbewußt, die erſten Stunden ſeines Daſeins in glücklicher, 22* nur ſeufzen konnte: Himmliſcher Vater, ſegne ſie! 514 traumartiger Dumpfheit— in dem Bette aber, zu deſſen Füßen der Säugling ruhte, lag ein blei⸗ ches, zerfallenes Weſen. Blendende Schönheit mochte einſt auf dieſem Geſichte gethront haben, jetzt war ſie gemildert zu einer himmliſchen Sanft⸗ muth. Die eingefallenen Wangen, die tiefliegen⸗ den Augen, die ſchmerzlichen Züge um die Winkel des Mundes zeigten von ſchweren und tiefen Lei⸗ den; die Blicke aber, die einſt Glut geathmet, drückten nun eine unendliche Sanftmuth aus und ſchienen, als ſie auf David fielen, zu ſagen: Nicht wahr, du erkennſt mich nicht mehr? Wirklich hatte David im erſten Augenblick ge⸗ zweifelt, vb dieſe ſanfte Dulderin, dieſer zerfließende Schatten jene Eudoria ſei, die einſt die Krone der Schönheiten zweier Welttheile geweſen; aber hät⸗ ten ihm auch die Augen nicht geantwortet, ſein Herz würde es ihm laut beſtätigt haben. Alſo war ſie Mutter geworden! David übergoß es mit heiligen Schauern; Wehmuth durchzitterte ihn und vor Freude und Schmerz hätte er niederknieen und, wie einſt die Hirten vor Maria und dem Kinde, weinen und anbeten mögen. Aber er ſtand nur mit gefalteten Händen da und ſein Herz war ſo gepreßt und voll, daß er 515 Da reckte Eudoria die unterdeſſen zu ſich ge⸗ kommen, die abgezehrte, kleine Hand nach ihm und lispelte kaum hörbar, mit einem milden und weh⸗ müthigen Lächeln: Mein guter David! Und David ſtürzte ſprachlos vor ihr nieder und faßte die fleiſchloſe Hand und bedeckte ſie mit Küſſen und mit Thränen. Eine lange Pauſe folgte, nur unterbrochen von dem halberſtickten Schluchzen des Narren. Und die Engel, die unſichtbar um das Kran⸗ kenlager der Dulderin ſtanden, ſeufzten, als ſie den unbändigen Schmerz des armen Mannes ſahen und wehten ihm ſanften Troſt mit ihren Flügeln zu. Herr! hob endlich die alte Pflegerin an, ſchont die Wöchnerin. Sie iſt ſehr ſchwach und hat eine ſchlechte Nacht gehabt. Ein furchtbares Fieber hat ſie geſchüttelt und erſt ſeit einer Stunde hat es ſich gelegt. Ruhe wäre ihr wol das Beſte. Ruhe?! wiederholte Eudoria mit einem Blick, der Sehnſucht und Hoffnung ausſprach. Ihr habt recht, gute Frau, Ruhe iſt das Einzige, was ich be⸗ darf und— ich fühle es— ſie wird mir bald werden. Laß mich denn dem treuen Freunde noch „gute Nacht“ ſagen; denn der Schlummer wird tief und ſchwer ſein. Eudoria! ſagte David, der ſich indeſſen männ⸗ —— ñ—— 516 lich gefaßt. Was ſollen dieſe Reden, Ihr ſeid Wöchnerin, Mutter, und werdet wieder geneſen. Mutter! rief Eudoria und es war, als ob ſich der Himmel vor ihr erſchlöſſe. Mutter! und habe mein Kind noch nicht geſehen. Mein Kind! mein ſüßes, liebes Kind! Allah vergib, daß ich im Fie⸗ ber mein Kind vergaß!— Gebt mir mein Kind, mein Kind! Die Pflegerin hatte den Säugling ergriffen und reichte ihn der Mutter mit den Worten: Ein Mädchen! Die heilige Jungfrau möge es ſegnen und ſeine Seele dem Lichte zuwenden! Eudoria richtete ſich mit Davids Hülfe halb auf und beugte ſich dann mit jenem Entzücken über die Kleine, welches ſich fühlen, ahnen— aber nie vollkommen wiedergeben läßt. Mit jenem Entzücken, das von jeher alle Künſtler zur Begeiſterung ent⸗ flammt, mit jenem göttlichen Entzücken, das die katholiſche Religion unter dem Bilde der jungfräu⸗ lichen Mutter, als Symbol der reinſten Liebe, ſo ſchön verſinnlicht und mit Recht an die Spitze ih⸗ res Cultus ſtellt. Eudoria bedeckte die Neugeborne mit Küſſen und Thränen. David und die Wärterin verharr⸗ ten ſchweigend. Da ſtieß die Mutter plötzlich einen furchtbaren 517 Schrei aus. Das Kind entſank ihren Händen, ſie fiel zurück und bedeckte mit beiden das Geſicht. Was iſt geſchehen? um Gottes willen! Eu⸗ doria, ſprecht, was iſt geſchehen? rief David be⸗ ſorgt. Eudoria ſchwieg. Federbuſch und die Alte be⸗ mühten ſich lange um ſie; ſie ſchwieg und hielt ihr Geſicht verdeckt. Endlich ſanken die Hände matt zurück; aber ihre Züge hatten ſich mächtig verän⸗ dert. Sie waren graß und die Blicke ſtarr, faſt verwirrt. Eudoria! flehte David. Die Angeredete ſah ihn ſtarr an. Todesqual ſprach aus ihren Augen. Sie zuckte. Krämpfe ſchienen ſie zu zerreißen und, den ſchönen Mund häßlich verziehend, ſtöhnte ſie mit einem herzdurch⸗ ſchneidenden Tone: Aleris! Aleris! wiederholte bebend David. Gerechter Gott!— es iſt wahr, ich habe ſie über Euch ver⸗ geſſen. Wo iſt Aleris? Eudoria deutete mit geiſterartigem Weſen nach oben. Todt?! ſchrie David auf. Todt! entgegnete mit eiſiger Kälte die Schwe⸗ ſter. Und wann iſt ſie geſtorben?— und wie? frug Federbuſch heftig. Sie haben ſie verbrannt! antwortete Eudoria und barg ihr Antlitz in den Kiſſen ihres Bettes. Ver— brannt! lispelte der Narr und ſtand vernichtet. Es war todtenſtill im Zimmer geworden und die Engel beugten ſich tief und beteten: Herr, ver⸗ gib den Menſchen, ſie wiſſen ja nicht, was ſie thun! Nach langer, langer Stille kehrte Eudoria ihr Geſicht dem Freunde wieder zu. Man ſah, ſie hatte geweint und die Züge waren abermals verändert, ſie trugen den Stempel des Todes. David! ſagte die junge Mutter, tritt näher— ich kann nur leiſe ſprechen. Unterbrich mich nicht, denn ich fühle, bald iſt es überſtanden und ich habe dir noch Manches zu ſagen. Nimm mein Kind— und ſei ihm Vater— du biſt ein guter Menſch— mache, daß es auch ſo wird. Bei dir iſts ſicherer, als am Hofe. Dann— gib mir dein Wort, dem Kaiſer nicht zu ſagen, daß du mich gefunden— noch was— die Sterbende hielt hier einen Augen⸗ blick an, die ſchmerzliche Erinnerung erſchwerte ihr das Sprechen. Nach einigem Kampfe ſagte ſie dann— noch was— mit Aleris geſchehen. Er beweine uns als todt, aber das Entſetzliche zer⸗ reiße nicht ſein edles Herz; auch iſt er heftig und würde uns gräßlich rächen. Willſt du, fuhr ſie fort, 519 nachdem ſie tief Athem geſchöpft, mir dies ver⸗ ſprechen? Ja! entgegnete David von ſo viel Liebe und Geiſtesgröße erſchüttert, ich ſchwöre zu thun, wie du es begehrſt. Eudoria dankte mit einem Blicke unendlicher Liebe und Milde. David ſprach ihr Worte des Troſtes zu und bat die Todesgedanken zu vergeſſen, da ſie ſich ge⸗ wiß noch erholen und dieſen harten Anfall über⸗ winden würde. Aber Eudoria wies jede Hoffnung ſanft zurück. Wer ſo Gräßliches erfahren, ſagte ſie leiſe, kann nicht mehr leben. Selbſt die Liebe zu meinem Kaiſer, dem Allah all das Gute vergelten möge, was er an mir gethan— ſelbſt mein Kind kann mich nicht zurückhalten. Aleris' gräßlicher Tod hat meinen Lebensfaden zerriſſen— und würde dieſer Leib— auch widerſtehen— der Geiſt erläge— und der Tod iſt ſüßer— als Wahnſinn. Die Zeit, ſagte David, würde auch dieſen Schmerz lindern. Nein! entgegnete Eudoria matt, ſie wurde ja— verbrannt!! Heftige Krämpfe ergriffen ſie; die Arme litt furchtbar unter deren dämoniſcher Macht; aber kein 520 Laut der Klage kam über ihre Lippen, die blaß und immer bläſſer wurden. Nach einer Viertelſtunde war der Anfall vor⸗ über und die Wöchnerin ward ruhig. Sie verlangte noch einmal ihr Kind, küßte es und gab es David. Dann blieb ſie ſtill. Plötzlich ſagte ſie: Es wird finſter!— Licht! David legte ſeine Hand auf ihre Stirn; ſie war kalt und feucht. Abermals Stille, hierauf ein ſchluchzendes Athmen; dann lispelte ſie: Friedrich! ſchrie auf und war nicht mehr. David kniete zu ihrer Seite und preßte ſeine Lippen auf die kalte Hand. Die Engel aber umfloß ein morgenrother Glanz, ihre Häupter blitzten wie das Licht der Sonne, ihre Flügel ſtralten in Purpurfeuer und ſelig gewiegt auf den Wogen himmliſcher Melodien ſchwebten ſie ſanft empor und führten die Schweſterſeele triumphirend zu des Ewigen Thron. Was du verlorſt, hat er gefunden, Du triffſt bei ihm, was du geliebt; Und ewig bleibt mit dir verbunden, Was ſeine Hand dir wiedergibt. 31. Irdiſche Größe. O Geiſt, der über dieſen Waſſern lebt, Der hier aus dieſen kühlen Gründen thaut, Der aus der Tiefe Himmel wiederblaut, Du Geiſt des Friedens, der mich jetzt umſchwebt, Der ſich den Aether maßlos läßt entfalten, Der Erde ſtillen Drang zum Lenz geſtalten— So licbend beut die Luft des Vogels Schwingen, Der Harfe Ton, um drin ſich auszuklingen— Was haſt du uns um dieſen Stern betrogen Und, eh' es tagen wollte, uns entzogen Den Genius, der dir ſo rein verwundt, Sich in dem All wie Hauch in Hauch empfand, Drin wie in einer Blume RKelch ſich ſenkte Und draus ein Herz, ſo liebedurſtig, tränkte? Du haſt ein Auge der Natur genommen, Das ihr in ihre tiefſte Seele ſah. In mir biſt du um einen Beter nun gekommen— Um einen Veter? ei, ſo ſtaunet, ja! Um keinen Beter, ruhig, ſicher, ſtill— Die Flamme bebt, wenn ſie nach oben will! Um keinen Beter— nein, um keinen Wurm— Es tobt das Meer und lobt den Herrn im Sturm! Der Blumen ſchönſte brauchet einen Dorn, Ein edles Herz zu Schutz und Trutz den Zorn; Manch heiß Gebet hüllt ſich in einen Fluch, Wie unſre Hoffnung in das Leichentuch. G. Herwegh. Ganz Neapel war in Bewegung. Friedrich I, der römiſch⸗deutſche Kaiſer, der König von Nea⸗ pel, Sicilien und Jeruſalem, der Herrſcher über Deutſchland, Brabant, Lothringen, die Provence, Böhmen, Mähren und die Lombardei, der Schirm⸗ 522 vogt von Sardinien, Corſica, Cypern, Creta und Malta, hielt einen Reichstag. Der große Platz um den Palaſt und alle Straßen in deſſen Nähe wogten wie ein Meer von Menſchen, in welches ſich immer neue Ströme Neugieriger ergoſſen, die die prachwollen Aufzüge all' der Geſandtſchaften ſehen wollten, die von nah und fern, von Oſt und Weſt, von Süd und Nord, von Frankreich und England, Spanien, Sardinien, der Lombardei, Deutſchland und ſelbſt aus dem Oriente gekommen waren, dem größten und mäch⸗ tigſten Monarchen der damaligen Zeit zu huldigen, oder ihn zu ehren, Freundſchaftsbündniſſe mit ihm zu knüpfen, oder ihn um Gnaden anzuflehen. Alle Portale, Gänge, Stiegen und Säle des Palaſtes waren mit Edelleuten und Patriciern an⸗ gefüllt und der Thronſaal ſelbſt wimmelte von weltlichen und geiſtlichen Fürſten, den Großen des Reiches und Reichswürdenträgern. Noch nie hatte Neapel ein Schauſpiel der Art geſehen, wie ſeit der Römerzeiten kein größerer Herrſcher den erſten Thron der Welt geſchmückt. Wer beneidete nicht den mächtigen und doch ſo liebenswürdigen Herrſcher um die Fülle der Größe und um die Pracht und Herrlichkeit, die ihn umgab! Wer aber von Allen ion in des Kaiſers Herz ſchauen? 6 Da ſaß er auf dem Throne, geſchmückt mit den Inſignien ſeiner Würde: mit Krone, Scepter und Schwert; umhüllt von Gold und Purpur, um⸗ ſtralt von dem Glanze unzähliger Steine und könig⸗ lichen Schmuckes. Der Ehre Vollgenuß und der Größe Bewußtſein erfüllten ihn; ſeine edlen Thaten leuchteten wie helle Sterne an dem Himmel der Erinnerung; Dankbarkeit und Wohlwollen blickten ihm fröhlich entgegen— und ach! dennoch, den⸗ noch, fehlte dem Mächtigen ein kleines Etwas, um glücklich zu ſein— ein Herz! So lange er ſeine Eudoria beſeſſen, begleite⸗ ten den Glücklichen die Gedanken an ſie nie bis zu den Geſchäften. Friedrich war gewohnt, Alles ganz zu ſein, und hütete ſich, die Staatsgeſchäfte zur Geliebten, oder liebende Gedanken mit zu jenen zu bringen. Erſt ſeit er mit ihr den Kern ſeines Lebens verloren, konnte er die Gedanken an ſie nicht los werden; und zwar um ſo weniger, als es all ſeinen Anſtrengungen und Forſchungen nicht gelingen wollte, auch nur eine von den Verſchwundenen zu entdecken. Friedrich war Manns genug, ſeinen Schmerz zu tragen; aber eben dieſer Schmerz ward zu dem Geier des Prometheus, der beſtändig an ſeinem Herzen fraß. Keine wahre Freude hatte ihn ſeit dem Verſchwinden der Schweſtern mehr angelächelt. 524 Wäre er ein armer Ritter geweſen, würde er ſie in allen Welten aufgeſucht haben; als Herrſcher gebo⸗ ten höhere Pflichten ihm, an der erhabenen Stelle zu weilen, die ihm das Schickſal angewieſen. So wohnte er denn auch heute dem Reichs⸗ tage als Herrſcher bei, und der innere Schmerz veredelte und verklärte ihn nur, und zeigte ihm das Leben tiefer im Staube und hob ihn nur kühner und ſtolzer empor. Die Geſandtſchaften waren bereits entlaſſen und die Feſtlichkeit neigte ſich ihrem Ende zu, da traf plötzlich des Kaiſers Blick auf David, der— noch immer in ſeiner düſteren Kleidung— in dem fernſten Winkel des Saales ſtand. Friedrich ſchrak ſichtlich zuſammen; die Todtenbläſſe, welche ſich über das Geſicht ſeines Narren gelagert hatte, und das Verſtörte, was aus ſeinen Zügen ſprach, kün⸗ deten ihm Unheil. Da er aber, wie alle ſtarken Seelen, Gewißheit dem matten Zweifel vorzog, ſo deutete er dem Narren an, ſich zu nahen. David gehorchte, obwol ungern. Du biſt zurück! ſagte Friedrich, und Wir wiſ⸗ ſen nichts davon? Geht das Herz nicht vor der Hand? Haſt du ſie entdeckt oder nicht? Deine Mienen, fürchten Wir, ſind Dolmetſcher dei⸗ ner Seele, und dann haſt du Schlimmes zu be⸗ richten. Mein Kaiſer! entgegnete David, nicht jetzt, nicht hier... Doch, David, doch! rief der Kaiſer ungedul⸗ dig, ſeine Unruhe kaum verbergend. Jetzt, zur Stelle wollen Wir den Ausgang deiner Sendung wiſſen. Die Geſchäfte ſind vorüber und Unglück⸗ liche aus Räuberhand befreien, gehört zu den hei⸗ ligſten Pflichten eines Herrſchers. Wo ſind die Mädchen? Haſt du ſie entdeckt oder war dein Suchen auch vergebens? Herr!—— Sprich, ſprich! herrſchte der Kaiſer. Sie ſind todt! entgegnete monoton der Gefragte. Todt?! wiederholte der Kaiſer und das Wort erſtarb auf den zuckenden Lippen. Aber plötzlich flammte ſein edles Antlitz in hoher Röthe auf, ſeine Augen funkelten und blitzten, ſeine Adern ſchwollen an, die Haare hoben ſich um den goldenen Reif der Krone— majeſtätiſch richtete er ſich empor und mit übermenſchlicher Gewalt ſein Schwert zur Erde ſtoßend, rief er mit einer Donnerſtimme, daß die Wände zu zittern ſchienen und alle Anweſenden er⸗ blaſſend zurückwichen: So ſind ſie ermordet! Niemand wagte zu athmen. 4 Antwort! rief der Kaiſer, bei meinem Zorne; Antwort und Wahrheit. Mein Herr und Kaiſer, ſagte David gelaſſen, ich habe oft mein Leben für Euch gewagt, nehmt es hin, wenn Ihr meinen Worten nicht glauben wollt. Eudoria und Aleris ſchlummern in Frieden den ewigen Schlaf; wo und wie ſie ſtarben, kann und werde ich nie ſagen; forſcht nicht darnach!— weiht ihrem Andenken eine Thräne und ergebt Euch wie ein Chriſt in den unerforſchlichen Willen des Allmächtigen. Gerechtigkeit zu handhaben, rief der Kaiſer, kaum ſeinen Schmerz zügelnd, dafür ſtehen Wir hier——— Majeſtät! unterbrach in dieſem Augenblick der raſch eintretende Kanzler den Kaiſer. Majeſtät, auf ein Wort! Wer wagt es, in Unſere Rede zu fallen? frug Friedrich zornig. Euer treueſter Diener, entgegnete Vineis haſtig, da eine Hiobsbotſchaft von der größten Wich⸗ tigkeit auf ſeiner Zunge liegt. Der Herrſcher fuhr auf, faßte ſich aber ſogleich wieder, ſah Vineis ſchweigend an und ſagte dann feſt, Ohr des Monarchen und flüſterte: Deutſchland iſt in Rebellion. Dein Sohn Beri hat ſich gegen dich empört. Der Kaiſer wankte bei dieſen Worten einen aber mit Grabeston: Sprich denn, Unglücksbote! Der Kanzler trat näher, lehnte ſich zu dem —— * Schritt zurück und ſtammelte: Vineis, ſprichſt du wahr?— Nein, nein, du lügſt! Du biſt falſch berichtet— es iſt nicht möglich! Der Unterthan gegen den Kaiſer! Der Sohn gegen den Vater! Es kann nicht ſein. Eher würde die Welt unter⸗ gehen, eher könnten die Sterne aus ihren Bahnen weichen, der Löwe mit dem Lamm ſchäkern und die Taube den Adler würgen, als ſolch unnatür⸗ lich Frevelhaftes geſchehe. O daß ich löge! ſagte der Kanzler finſter, aber leider iſt es Wahrheit. König Heinrich hat ſich zu Boppard ſelbſtſtändig und unabhängig erklärt und die verruchte Hand nach ſeines Vaters Krone aus⸗ geſtreckt. Hört! donnerte Friedrich, hört ihr alle und bebet!— denn die Welt iſt aus ihren Fugen und des Gerichtes Tag naht! Hört! was unerhört iſt: der Sohn empört ſich gegen den Vater; Fleiſch gegen Fleiſch, Blut gegen Blut! Fluch denn für Fluch und Gottes Rächerblitz auf das Haupt aller Verräther! Der Kaiſer war erſchöpft und ſein Haupt ſank auf den Knauf ſeines mannshohen Schwertes, das er mit beiden Händen hielt. Todtenſtille und ſtarres Entſetzen herrſchte ringsumher, nur von außen, wo man keine Ahnung von den erſchütternden Scenen im Innern des —— Palaſtes hatte, tönte lauter Jubelruf. Nach Mi⸗ nuten richtete der Kaiſer ſich wieder majeſtätiſch empor. Seine Züge waren ſtreng und ernſt, aber ſie trugen den Stempel des Zornes nicht mehr. Es iſt vorüber! ſagte er in tiefem Tone. Wir haben es überſtanden. Dieſe Stunde trug die ſchoͤn⸗ ſten Hoffnungen Unſeres Lebens zu Grabe. Das Herz iſt todt und leer, nun handle der Kaiſer. Groß⸗ richter Unſerer Königreiche Neapel und Sieilien, Ihr ſeid zum Statthalter in dieſen Reichen ernannt. Empfangt noch heute Nacht Eure Inſtruction. Wir gehen mit Tagesanbruch nach Deutſchland. Wie? frug der Kanzler, ohne Heer? Ohne Gefolge und Heer! entgegnete der Kai⸗ ſer. Allein wollen Wir— imVertrauen auf Unſer Recht und deutſche Treue— die Alpen überſteigen, allein und waffenlos dem rebelliſchen Kinde entgegentreten und, ſetzte er feierlich hinzu, ſehen, was das Wort eines Kaiſers und eines Vaters kann. 5 Und Niemand dürfte Eure Majeſtät begleiten? Niemand! entgegnete ſchmerzlich bewegt der Piemand als der Narr! —— ——— 3— — 7 8 9 10 11 12 1 14 15 16 17 ſiu — . 8 6 3* . 4. 8* „ 3 —