für wöcheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: beſonders darauf aufmerkſam gemacht, da Gduard Oikmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih und geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Vibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Ruckgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: auf1 Monat;: 1 W W 1 W 5 2 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. Fur beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis drtehr werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene und defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 ſ feſtgeſetzt und wird e 6 das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, au ü haben. Romau Heribert Rau. von Frankfurt um Main. Verlag von Guſtav Oehler. 1849. 8—— Es war an einem Juli⸗Abende des Jahres 1840, als der„Jungfernſtieg“, dieſer freundlichſte Stadt⸗ theil Hamburgs, von einer bunten Maſſe Spazier⸗ gänger wogte. Noch ſtanden die impoſanten Gaſt⸗ höfe:„die alte Stadt London,“ das„Hötel de Russie,“ das„Hötel de Petersbourg,“ in ihrer grandioſen Pracht,— noch träumte die Weltſtadt von jener Schreckenskataſtrophe nicht, die ſie zwei Jahre ſpäter ſo furchtbar heimſuchen ſollte. Zehn Uhr hatte geſchlagen, und obgleich dieſe Stunde in vielen deutſchen Städten das Signal zur Ruhe gibt,— ja in gewiſſen ſogar die ſich ſpäter auf den Straßen Zeigenden als Unſolide gelten: rief die Glocke in der großartigen Seeſtadt jetzt erſt einen bedeutenden Theil der Bevölkerung von ſeinen Ge⸗ ſchäften, Vergnügen oder ſeinem häuslichen Treiben ab, Luft zu ſchöpfen und ſich in der Kühle der Som⸗ mernacht zu ergehen⸗ 1 — 2 Und wahrlich! die guten Hamburger hätten zur Mode⸗Promenade keinen ſchöneren Spaziergang, als eben den„Jungfernſtieg,“ wählen können. Sich an dem ſchönen, von der Alſter gebildeten Baſſin, der Binnenalſter, hinziehend, wird dieſe Straße von Bäumen beſchattet, die ihre volle üppige Blätterpracht, ihr freundliches Grun, ihr leicht beweg⸗ tes Laubwerk, mitten in der ungeheuren, todten Stein⸗ maſſe der Stadt nur um ſo geltender machen. Von dem Waſſer herüber, nach den Palläſten der entge⸗ gengeſetzten Seite, weht eine friſche, erquickende Luft; eine Seltenheit in den engen Straßen Hamburgs, die ſich,— unregelmäßig gebaut, zwiſchen ihren hohen Häuſern,„Kellern“ und„Gängen,“ von ſchmutzigen Kanälen, ſogenannten Fleeten, durch⸗ zogen,— gerade nicht immer der beſten Ausdün⸗ ſtungen zu erfreuen haben. Reizender noch iſt freilich die Ausſicht auf dem „Stindefang“, von welchem man Stadt und Ha⸗ fen überſehen kann. Reichen ſich doch hier Natur und Kunſt freundlich die Hände, indem geſchmackvolle Anlagen den ganzen Raum mit Blumen und Blü⸗ then umkränzen, die ihre Wohlgerüche mit dem fri⸗ ſchen Waſſerdufte angenehm miſchen. Vor uns ausgebreitet liegt die Elbe, die mit er⸗ — —— 3 habener Ruhe dem Meere in die ausgeſtreckten Arme ſinkt, gleich einer liebenden Braut dem wichtigen Momente ihrer Hingebung mit Sehnſucht und doch auch mit ernſtem Bangen entgegengehend. Heran⸗ gewachſen iſt das kleine freundliche Kind des Rieſen⸗ gebirges, das ſchäkernd von Fels zu Fels hüpfte und ſchon in ſeiner Jugend mit Gold und Granaten ſpielte, zu mächtiger Größe, und ſtatt der zierlichen Nachen, die es ſonſt auf ſeinen Händen wiegte, trägt es jetzt ſtolze Kauffahrteiſchiffe auf ſeinem Nacken. Hier lie⸗ gen in dichten Reihen die ſchwimmenden Palläſte aller Welttheile; hieher ſandte Baltimore ſeine Büffelhäute, New⸗York ſeine Baumwolle, Que⸗ bec ſeine Pelzwerke. Jener Dreimaſter grüßte das reiche Meriko, dieſer ſchaute über die fetten Reis⸗ felder Ceylons; die Wimpeln des fernliegenden Grönländers flatterten in dem eiſigen Hauche des Nordens, und wie manchmal ſchon paſſirte der naheliegende Oſtindienfahrer den Gluthgürtel des Aequators. Rußland, Spanien, Schweden, Frankreich und vor allem England ſind hier repräſentirt und Hamburg ſelbſt ſieht ſeine Flagge auf zweihundert Schiffen wehen. Wenden wir aber den Blick von ven Maſten⸗ walde, ſo liegt uns rechts zu Füßen die Staht. Der —— — —— 4 Hamburger-Berg lehnt ſich an das ſchweſterliche Altona und zeigt den erſtaunten Blicken eine un⸗ abſehbare Häuſermaſſe. Jetzt freilich war von allem dieſem nichts mehr zu ſehen; denn die Nacht war bereits angebrochen und tauchte die Stadt in Nebel, Dampf und Finſter⸗ niß. Demohngeachtet wimmelte es hier, ſo wie auf dem„Jungfernſtiege,“ von einer unzähligen Menge Spaziergänger. Wie wohlthätig ſäuſelten aber auch die friſchen Lüfte nach einem gewitterſchwülen Tage; wie erquickend war die Ruhe, die hier herrſchte, gegen das Gewirre, das Handelsgewühle der Stadt. Nur leiſe ſchallte noch immer das Getümmel, wie das Toſen eines fernen Meeres, herüber; aber ſeine Wellen legten ſich mehr und mehr und wurden endlich zu einem dumpfen Summen. Der Boulevard und die angrenzenden Straßen, die Gaſt⸗ und Privathäuſer und vor Allem die Alſter⸗ Pavillons, erglänzten von Lichtern und Laternen, die ſich, wie die unzähligen Sterne des Himmels, in den ruhigen Fluten freundlich ſpiegelten. Aber un er all dem Glanze hin bewegte ſich eine bunte Welt. Koſend, lachend und ſcherzend ſchoben ſich die Maſſen hin und her, auf und ab. Es war ein reges Volksleben. Der bedächtige Kaufmann mit 5 ſeiner Familie,— der ſtolze, ernſte Großhändler, vertieft in kühne, weitgreifende Spekulationen,— der bewegliche . Makler,— der alte, grauköpfige Buchhalter und der le⸗ bensluſtige, der anſtrengenden Arbeit entledigte Com⸗ mis,— die feine Damenwelt, begleitet von ihren Ca⸗ valiers,— der Schiffskapitän, der Induſtrieritter, tau⸗ ſend Fremde aller Gegenden und Zonen, Jung und Alt, Arm und Reich, ſchmachtende Liebespärchen und Heere wildlärmender Matroſen:— alle wogten hier durcheinander, und liebten, ſcherzten, erholten ſich, oder trieben ihr Gewerbe. Die Hauptanziehungspunkte bildeten aber die bei⸗ den Alſter⸗Pavillons, die in ihren geſchmackvollen Räumen alles darboten, was das Leben nur ange⸗ nehm und comfortable machen kann. Während der eine derſelben, in welchem nicht geraucht werden darf, mehr die ſchöne Welt zu empfangen das Glück hat, beſuchen die Männer mehr den anderen, und finden 5 beim Schmauchen der Cigarre hier eine ſehr bedeutende . Auswahl der geleſenſten Blätter Europa's und Ame⸗ rika's. Da aber auch zu gleicher Zeit die Sorge für 3 den Magen nicht vergeſſen wird— und wem wäre nicht die Trefflichkeit der Hamburger Küche, wem „ nicht ſeine Seefiſche, ſeine Auſtern, ſein Rauchfleiſch u. ſ. w., wenigſtens dem Renommé nach, bekannt— . *— 6 ſo kann es nicht fehlen, daß dieſer Pavillon von den früheſten Morgenſtunden bis in die tiefſte Nacht von den Repräſentanten aller Nationen beſucht wird. Auch heute war dies der Fall, und ein geſchickter Maler hätte hier die Skizze zu einem intereſſanten Bilde gefunden, ſo trefflich hatte der Zufal ldie Grup⸗ pen geordnet. Gleich im Vordergrunde links, ſaßen um einen kleinen runden Tiſch, auf welchem ein dampfender Theekeſſel ſtand, drei Holländer. Die langen irdenen Pfeifen im Munde, die flachen, phlegmatiſchen Ge⸗ ſichter von keiner Spur eines Affektes bewegt, rührten ſich die Geſtalten in der einmal angenommenen Lage ſo wenig, daß man ſie für künſtlich geſchnitzte Figu⸗ ren hätte nehmen können, wenn nicht dem Einen oder dem Anderen alle Viertelſtunde ein Wort ent— ſchlüpft wäre, auf welches die Antwort in dem gleichmäßigen Zeitraume erfolgte. Die Zwiſchen⸗ räume fullte das Beobachten der Dampfwolken, die ſie aus ihrer Pfeife blieſen, oder das bedächtige zu Mundeführen einer Taſſe Thee. Und dennoch war die gepflogene Unterhaltung von hoher Wichtig⸗ keit; denn zwei der Anweſenden handelten mit dem Dritten um eine koſtbare Blumenzwiebel. Den Holländern gegenüber ſaßen mehrere Eng— „—— — — ⸗ 7 länder, leicht an ihren charakteriſtiſchen Geſichtszügen und der anmaßenden Art und Weiſe zu erkennen, mit welcher ſie ſich behaglich⸗dehnend ausſtreckten. Auffallender, und auch von der Maſſe der Ab⸗ und Zugehenden bemerkt, erſchien ein Pärchen an ihrer Seite. Beide waren noch jung, doch ſchien der Mann älter als ſeine Dame. Er war groß, mager, dünn⸗ beinig und von bleichgelber Geſichtsfarbe. Seine blitzenden Augen, ſeine Kopfbewegungen, ſeine Züge, alles dies ſprach eine eigenthümliche Glorie, einen gewiſſen Stolz aus. Seinen Kopf deckte ein breit⸗ krämpiger Hut, dabei trug er, trotz des hohen Som⸗ mers, einen weiten Mantel, den er mit unnachahm⸗ licher Gewandtheit,— man möchte ſagen mit einem Anfluge von Koketterie,— über die Schultern ge⸗ worfen hatte. Das Mädchen oder die Frau, welche zu ſeiner Seite ſaß, und trotz dem, daß ſie das ein⸗ zige weibliche Weſen im Saale war, ganz gemüth⸗ lich ihre Cigarre rauchte, durfte der gewiſſenhafteſte Kenner als vollendet ſchön bezeichnen. Es ſchmückte ſie nicht die roſige Farbe, welche die Wangen der Kinder des Nordens belebt; aber ihre großen, ſchwar⸗ zen, leidenſchaftlichen Augen, die ein unbegreifliches Gemiſch von Wolluſt und Stolz enthielten, contraſtir⸗ ten ſiegreich mit den blaſſen Roſen ihres feingeſchnit⸗ 8 tenen Geſichtes, über welches der Ausdruck eines rührend⸗ſchmachtenden Verlangens gegoſſen war. Auch ihre Bewegungen, ſelbſt die unbedeutend⸗ ſten, hatten etwas reizendes und anmuthiges, und zeigten denſelben ſchwer zu beſchreibenden Stolz, der auch ihren Gefährten eigen war. Ueberhaupt konnte ein geübtes Auge zwiſchen ihr und dem Spanier, (denn daß Beide Kinder Hiſpaniens waren, ließ ſich leicht errathen) eine leiſe Aehnlichkeit entdecken. Die fremdartige Tracht der Donna, ihr weites Kleid von ſchwarzem Atlas, die lange ſeidene Man⸗ tille von gleicher Farbe, die Kopf, Schultern und Seiten bedeckte und ſich über der Bruſt kreuzte, gaben ihr in aller Männer Augen noch einen neuen beſon⸗ deren Reiz. Und wahrlich! wenn die Schöne durch die Spitzen der Mantille blickte, die halb über ihre Augen fielen, oder ihre Hände dieſelbe läſſig gleiten ließen, und ſich nun die leichten Formen ihres ſchlan⸗ ken Wuchſes zeigten: müßte der ein Herz von Stein im Buſen gehabt haben, den nicht die Schönheit der Spanierin, wenigſten auf Minuten, gefeſſelt hätte. Uebrigens machte ſich das Paar keinesweges be⸗ merkbar; ſondern Beide rauchten gemüthlich ihre Ci⸗ garren, indem ſie ſich lebhaft mit einander in ihrer 1 — 9 Landesſprache unterhielten, wobei die Donna vielen Humor zu entwickeln ſchien. Während ſich aber zwiſchen den beiden Tiſchen ein buntes Gemiſch von Männern aller Stände und Länder auf und ab trieb; während hier eine Geſell⸗ ſchaft munterer Franzoſen, bei gefüllten Champagner⸗ gläſern, über die bon mots lachte, welche die heitere Laune ihrer Glieder improviſirend ſchuf; dort ein ſüddeutſcher Gourmand ſich begierig über eine mäch⸗ tige Hummer hermachte; jenſeits das materielle Ge⸗ ſicht eines Nordamerikaners ſich hinter ein rieſen⸗ großes Zeitungsblatt barg,— nahmen zwei andere auffallende Figuren ungefähr die Mitte des Gemäl⸗ des ein, deſſen Umriſſe wir zu entwerfen verſucht haben. Beide alte Herrn waren, wie ſehr auch im Aeu⸗ ßern verſchieden, nur wenige Jahre im Alter von einander entfernt. In dem Einen konnte man leicht einen Aktenmenſch, einen Beamten, erkennen, ſelbſt wenn er keinen Bandzipfel im Knopfloch getragen; denn ſeine dürre Geſtalt, ſeine kalten, trockenen Züge und die oft wiederkehrenden juriſtiſchen Citate, ver⸗ riethen ihn als einen Jünger der Themis. Dabei behauptete er eine ernſte Miene und ließ eine gewiſſe vornehme Nachläſſigkeit, ſo in ſeinen Bewegungen — 10 wie in ſeiner Kleidung, durchblicken. Es war Hof⸗ rath Wellen, ein als Juriſt berühmter Mann. Sonderbarer erſchien der Geſellſchafter des Hof⸗ raths. Aus ſeinem Aeußeren konnte man eigentlich nicht recht klug werden. Daß er, trotz ſeinem friſchen Ausſehen und jugendlichen Anzuge, ſchon ziemlich alt ſein müſſe, zeigten nicht nur die grauſen, ſorgſam gelockten Haare, von welchen nur wenige mehr blond, die Mehrzahl aber grau geworden waren; ſondern auch ſo manche von Zeit und Leidenſchaften tief ge⸗ furchten Linien des Geſichtes. Trotz dem war ſeine Kleidung nach der neueſten Pariſer Mode und mit ſolcher Sorgfalt angelegt, daß die angewendete Mühe, die ſich der alte Geck gegeben um ſich zu verjüngen, nur um ſo deutlicher in die Augen ſprang. Dabei affektirte er auf unbehülfliche Weiſe das savoir faire der Franzoſen und ermangelte nicht,— oft recht un⸗ geſchickt und unpaſſend— einige franzöſiſche Worte in ſeine Rede mit einfließen zu laſſen, obgleich er grundwenig von Galliens Sprache verſtand. Wie aber würde ein Fremder erſtaunt ſein, der daſſelbe Individuum vor einem Jahre geſehen. Da⸗ mals war es nämlich engliſirt, noch ein Jahr früher italieniſirt u. ſ. w. Die Urſache dieſes chamäleonartigen Weſens, des ——*—— F—— † F.— ꝛ — 11 ſich verjüngenden Alten aber, erklärt ſich durch Fol⸗ gendes. Der Beſprochene, der ſich Heylig nannte, war ein reicher Kaufmann, aus Worms am Rhein gebürtig, der ſich, nachdem er ſein Geſchäft aufgegeben, mit ſeiner Familie nach Hamburg gezogen hatte. Einer gemeinen Familie entſproſſen, ohne gründliche Bildung— verdankte er ſeinen Reichthum lediglich glücklichen Zufällen.— Wie natürlich fand er nun, geſchäftslos, keine Befriedigung in ſich ſelbſt— und ſuchte daher die Leere der Zeit mit Reiſen auszufüllen. Dem Unwiſſenden waren alle fremden Erſcheinungen neu und übten daher einen um ſo tieferen und bleibenderen Eindruck auf ſein Gemüth. Dasjenige aber, was er von Großem und Schönem zuletzt geſehen, ſchien ihm immer das Größte, Schönſte, Unübertrefflichſte,— und ſo kam es denn, daß Heylig als Italiener aus Rom, als Engländer aus London, als Franzoſe aus Paris zurückkam; ja er hob dieſe Schwäche, die auch einen tüchtigen Beigeſchmack von Eitelkeit und deutſcher Nachahmungsſucht hatte, bis zur vollendeten Narrheit, indem ſich auch ſeine ganze Familie, ſeine Haushal⸗ tung, ſeine Einrichtung— kurz das Leben und Treiben des ganzen Hauſes nach dem Lande und deſſen Sitten und Gebräuchen einrichten und ſie nachahmen mußten, welches er zuletzt beſuchte. Nach jeder neuen Reiſe 12 aber bekam die Familie Heylig einen neuen Schnitt, und alle Bekannten derſelben freuten ſich ſchon im Voraus auf die Epoche, die nach einem Beſuche Kon⸗ 3 ſtantinopels oder gar der Urwälder von Nord— amerika eintreten würde. Ein Gutes wenigſtens hatten indeſſen die Reiſen des alten Gecken für ihn gehabt. Der Umgang mit ſo verſchiedenartigen, meiſt gebildeteren Menſchen als er war, gaben ihm einen leichten, freilich nur ober flächlichen Schliff, und ſetzten ihn wenigſtens in die 1 Möglichkeit, mit denjenigen in Hamburg umzugehen, welchen er ſich durch ſeine pekuniären Mittel gleich⸗ geſtellt glaubte. —— Demohnerachtet würde der ſtolze Hofrath Wel⸗ . len, der ebenfalls ein glänzendes Haus machte und für reich galt, den eingebildeten Pinſel— wie er Heylig oft heimlich zu nennen pflegte— nicht an⸗ geſehen haben, wenn nicht Beide ein mächtiges Band aneinander gefeſſelt; das heißt mit einem Worte: . wenn der Hofrath dem ehemaligen Kaufmanne nicht bedeutende Summen ſchuldig geweſen wäre. Hier aber drückte Wellen der Schuh und zwar auf doppelte Weiſe;— einmal, weil er unter dem Pan⸗ toffel ſtand, und dann, weil ſeine prunkſüchtige Gattin und ein leichtſinniger Sohn ſeine Kaſſen geleert hatten — und er, deſſen empfindlichſte Stelle die Ehre,(in dem Sinne der Welt) war, doch vor den Leuten ſich keine Blößen geben durfte. Heute zumal hatten die beiden Freunde Wichtiges miteinander abzuſprechen gehabt, da Heylig, der ausbleibenden Zinſen wegen, ein wenig auf den Buſch geklopft. Im Alſter⸗Pavillon traf man, der Verabredung nach, zuſammen, und eben war das Geſpräch recht im Gange, als der Hofrath plötzlich mit einer Miene in die Höhe fuhr, als habe er ſtatt des vor ihm ſtehenden Bordeaur ein Glas Eſſig zum Munde geführt. „Was haben Sie, mon cher ami?“— frug Heylig, den Blicken des Hofraths mit den Augen folgend. Aber er konnte ſich die Antwort ſelber geben, denn in gleichem Augenblick gewahrte er Ferdinand Wellen mit zwei Schauſpielern eintreten. „Ah! Monsieur votre fils!“ fuhr der Erkauf⸗ mann lächelnd fort.„Nun, das genirt uns ja nicht im Geringſten. Ein netter junger Mann das. Immer ſo ziemlich nach der Mode. Nur die Weſte, mon Dieu! wer wird denn noch eine ſo lange Weſte tra⸗ gen?— Da, beſter Hofrath, ſehen ſie mal mein Gilet; voyez! das iſt genau nach dem neueſten Journal.“ 14 Wellens Stirne glich einem zugeſchlagenen Fä⸗ cher, ſo viele Falten zeigte ſie. Berührte den ver⸗ ſtändigen Mann doch das Geſchwätz des alten Narren eben ſo unangenehm, als die Nähe des Sohnes, den er ohnedem nicht leiden konnte und der ihn jetzt im Augenblick gewaltig ſtörte. Ferdinand aber hatte weder ſeinen Vater noch das alte Mode⸗Journal erblickt; ſondern ſtand erſt in einiger Entfernung von der Spanierin, in das An⸗ ſchauen des ſchönen Mäbchens verſunken und ſetzte ſich dann mit ſeinen Freunden an denſelben Tiſch, an welchem die rauchende Grazie Platz genommen. „Enfin! Kommen wir wieder auf unſer Geſpräch zurück“— fuhr nach einer kleinen Pauſe, in welcher er den jungen Wellen beobachtet, Heylig fort. „Sie ſagten mir eben, daß Sie in Kurzem im Stande ſein würden, mir das ganze Darlehn zurück zu zahlen. Machen Sie vielleicht eine Erbſchaft?“ „Keinesweges! Aber mein Sohn wird eine ſehr gute Parthie machen....“ „Grand Pieu! das iſt ja das erſte was ich höre!“ rief freudig Heylig und rückte neugierig näher. „Darf man nicht wiſſen mit wem?— Verſteht ſich von ſelbſt, bleibt alles entre nous.“ „Die Sache iſt vor der Hand noch ein Geheim⸗ ————— 15 niß!“ entgegnete trocken der Hofrath, und ich erwähne ſie nur gegen ſie, um Sie über ihre Sorgen zu be⸗ ruhigen.“ „Zu beruhigen?!“ rief Heylig lauter als es ſeinem Nachbar lieb war—„Beſter Hofrath! wer ſollte denn bei Ihnen unruhig werden. Sie können zahlen wenn Sie wollen, ſind nur zu ängſtlich..“ „Etwas leiſer ſprechen!“ erinnerte Wellen. „Ja ſo!— Ach ich denke mich immer nach Pa⸗ ris zuruͤck“— fuhr Heylig noch lauter fort—, und da vergeſſe ich mich manchmal. Dort iſt doch Alles großſtädtiſcher als hier in unſerem armen Deutſchland und wenn ich nicht vorhätte den kommenden Winter nach Petersburg zu gehen, ſo brächte ich die kalte Saiſon ſicher in dem göttlichen Paris zu. Enfin! um abermals auf beſagte Heirath zurückzukommen. Ihr Sohn macht demnach fortune? Voila un de ses tours!— Ich hätte Alles eher erwartet, als daß ſich dieſe milde Seele ſobald in das Joch der Ehe ſchmiegte.“ Hofrath Wellen unterdrückle hier einen tiefen Seufzer, den ihm der Ausdruck„das Joch der Ehe“ erpreßt; dann ſagte er, mit der ihm eigenen Kälte in Ton und Gebärde: ———,——————— 16 „Es wird ſein erſter, vernünftiger Streich ſein!— Wollte Gott er würde überhaupt damit zu einem praktiſchen Menſchen.“ „Wie viel bekommt die Braut denn mit?“ unter⸗ brach Heylig den Sprechenden, indem er den Kopf neugierig vorbog. Wellen ſchaute ſich um und ſagte, als er ſich unbeobachtet fand:„Zweimalhunderttauſend Mark und ein Gut im Vierländiſchen.“ „Zwei— mal— hundert—“ ſtotterte gedehnt Heylig. „Tauſend Mark,“ vollendete Wellen. „Und ein Gut?!— Hofräthchen! es bleibt Alles beim Alten!“ rief hier entzückt Heylig. „Ich habe es doch immer geſagt, es iſt ein Blitz⸗ junge der Ferdinand.“ „Das iſt meine Meinung nicht“— fuhr Wellen fort.„Wenn er ſein Gluck durch dieſe Parthie macht, ſo iſt es wahrlich ſeine Schuld ſo wenig als die ſeiner Mutter, die ihn durch eine verkehrte Erziehung gänzlich verdorben. Denken Sie doch nur, daß der junge Mann jetzt ſchon vierundzwanzig Jahre alt iſt. Kaufmann wollte er nicht werden, ſtudirt hat er nur halb,— und ſo iſt er eigentlich nichts, aus dem einzigen Grunde: weil ihn ſeine thörichte Mutter immer für ein Genie erklärt hat.“ 17 „Mais mon cher ami!— Zweimalhunderttauſend Mark und ein Gut im Vierländiſchen als Mitgift— vielleicht auch ein Mädchen, welches nicht übel iſt— ich meine, das zu erheirathen wäre wirklich ein Ge⸗ nieſteich.“ „Den Ferdinand nie gemacht hätte, wäre ſein Vater nicht geweſen.— Aber laſſen wir es gut ſein!“— fuhr Wellen fort,—„ich will zu Hauſe gehn; es iſt ſchon ſpät, und außerdem wäre es mir Unange⸗ nehm, wenn mich mein Sohn hier bemerkte. Es bleibt alſo vor der Hand beim Alten. Die Heirath wird in wenigen Tagen abgeſchloſſen, und dann bin ich im Stande Alles nach Ihren Wünſchen zu ordnen.“ „Schon gut, ſchon gut!“ lachte Heylig,—„ver⸗ ſtehe; zu Hauſe wird man Sie erwarten. Nun, ich bleibe noch hier; oder gehe vielmehr noch ein Stünd⸗ chen zu Peter Ahrens. Man muß das Leben ge⸗ genießen, ſo lange man noch jung und kräftig iſt.“— Und dabei fuhr ſich der Erkaufmann zufrieden lä⸗ chelnd durch die grau und blond melirten Haare, deren Locken er, gleich einem Friſeure, mit den langen, dürren Fingern kräuſelnd. Der Hofrath erhob ſich ernſt und kalt, grüßte den alten Cpikuräer mit zweideutiger Miene und verlor ſich unter der Menge. 2 18 Adieu, au plaisir!„rief affektirt laut Heylig dem Weggehenden nach, indem auch er aufſtand; aber er fiel auf den Stuhl zurück, ſo heftig hatte ihm ein Fremder auf die Schulter geklopft. Verblufft wandte er ſich um, und ſah in das ſonnenverbrannte weinrothe Geſicht eines ihm unbekannten Menſchen. „Soll mich doch der leibhaftige Teufel holen!“— rief der Unbekannte mit derber Herzlichkeit,—„wenn Du nicht der Heylig aus Worms biſt. Aber es ſcheint, Du kennſt mich nicht mehr?— Ja ſo gehts bei Euch Landratzen, habt Ihr eine ehrliche Haut zwei Jahre nicht geſehen, ſo iſt ſie rein vergeſſen. Indeß,— ich muß geſtehen— ich hätte in Dir auch kaum den alten Kameraden mehr erkannt. Sag' mal, alter Kerl, in was für verdammte Maskerade haben Sie Dich denn geſteckt, Du ſiehſt ja aus....“ Jetzt ward's aber gerade dem Mode⸗Journal zu dick. Roth wie ein Welſcherhahn hob er ſich ſtolz in die Höhe und ſagte: „Pardon, Monsieur, je n'ai pas Phonneur...!“ Der Unbekannte aber brach bei dieſer Anrede in ein unmäßiges Lachen aus.„Was Gewitter!“ rief er,„biſt Du Komödiant geworden? oder ſticht Dich die Tarantel?— Du Wormſer Landbär haſt doch Dein Bischen Deutſch nicht verlernt?— So wahr 19 ich Kapitän des„Ophir“, des ſchönſten Dreimaſters, bin, der je das atlantiſche Meer durchpflügt hat,— eben ſo gewiß biſt Du des alten Schiffer Heylig's Sohn. Stell Dich doch nicht wie ein Schiffsjunge, und ſieh mich an, ich bin ja Dein Schulfreund Andreas Hauer!“ „Monsieur Hauer!“ entgegnete mit verbiſſenem Zorne und ſtolzer Miene der Angeredete, und trat vorſichtig einen Schritt vor dem plumpen Seekapi⸗ tän zurück.— „Si je suis capable de vous obliger, vous n'avez qu'à dire... Aber in dieſem Moment erſtarben dem Sprechen⸗ den die Worte auf der Zunge, denn der Kapitän machte ein ſo furchtbares Geſicht, als ob alle zwei und dreißig Winde, ſammt dem Chamſin, Sa⸗ mum und Sirocco, in wilden Stürmen aus ihm hervorbrechen wollten. Heylig retirirte nochmals um einen Schritt. Aber ſeine Furcht war unnöthig geweſen; indem ihm der Seekapitän nur einen tief verachtenden Blick zuwarf, und ſich mit dem Ausrufe: „Armſeliger Stockfiſch!“ von ihm wegwandte. Heylig athmete hoch auf. Der Schreck war ihm in den Leib gefahren und verurſachte ihm, außer einer heftigen Erregung, Indigeſtionen. Er nahm 20 daher ſchnell noch ein Glas Madeira zu ſich, und verließ dann eilig den Pavillon. Ferdinand Wellen hatte in dem Gewühle weder ſeinen Vater noch deſſen Freund bemerkt; auch nahmen ihn zwei Dinge ſo ſehr in Anſpruch, daß er weder Auge noch Ohr für etwas Anderes hatte. Es war dies der Anblick jener, ihm gegenüber ſitzenden Spanierin, und ein, zwiſchen ihm und ſeinen Geſell⸗ ſchaftern angeknüpftes Geſpräch, über den poetiſchen Werth der Tragödie„Clavigo,“ deren Aufführung Ferdinand dieſen Abend im Stadttheater beige⸗ wohnt. Wie ein König unter den Rittern ſeiner Tafel— runde, ſaß der junge hübſche Mann, mit dem blaſſen Geſichte und den lebhaften, blauen Augen. Die hohe Stirne leuchtete von der Begeiſterung, die ihn er⸗ griffen, und den Stempel ihrer Wahrheit und Tiefe in den belebten Zügen trug. Seine Geſellſchaft beſtand aus drei Mä wovon zwei bedeutend, einer aber nur wenig ä er zu ſein ſchien. Die beiden Erſteren ſahen r lebt aus, und während der Anzug des Einen falt als geſuchte Ueberladenheit. Erſterer war ein ärmlich war, zeigte der des Anderen wenige alter Muſenſohn, deſſen verunglückte Carriere mit 21 dem Amte eines Recenſenten geſchloſſen; Letzterer ein Prieſter der Kunſt Thaliens,— ein reiſender Helden⸗ ſpieler,— der Ferdinand im Parterre des Theaters kennen gelernt, und ſich, da er in dem jungen, frei⸗ giebigen Manne einen Protektor der ſchönen Künſte gefunden, mit den Polypenarmen der Schmeichelei und dem Scheine des herzlichſten Antheils, der größten Seelenharmonie, an ihn angeſchloſſen hatte. Aber auch der dritte Mann war Schauſpieler, doch unter⸗ ſchied er ſich auffallend von ſeinem älteren Kunſtge⸗ noſſen. Sein ſanftes Geſicht überſchattete eine Wolke der Schwermuth, ein Ausdruck tiefen Seelenleidens oder drückenden Kummers. Ueber ſeine einfache ſchwarze Weſte fiel nicht, wie bei Jenem, eine fingerdicke Uhr⸗ kette von ſchlechtem Golde, an ſeinen Fingern blitzten keine Ringe mit großen Steinen— aber dafür trug er ſehr feine und blendendweiße Wäſche, und einen, auf das ſorgfältigſte unterhaltenen, wenn auch nicht neuen, Rock. Trüb und theilnahmlos blickte er vor ſich hin, und es bedurfte jedesmal eines freundlichen Ermahnens von Seiten Ferdinands, um ihn zu bewegen, das Champagnerglas an den Mund zu füh⸗* ren. Die beiden anderen Geſellſchafter ließen ſich nicht ſo nöthigen, und während ſie dem ſplenditen Wirthe mit einer Art von Unterwürfigkeit zuhörten, — und ſich jedesmal ſehr artig verneigten, wenn er ihre Gläſer wieder füllte, oder ihnen eine neue Schuſſel zuſchob, aßen und tranken ſie mit einer Geſchicklichkeit und Eile, als ob es die Wette gelte: wer von ihnen am ſchnellſten und meiſten zu conſumiren verſtünde. Ferdinand ſelbſt trank mäßig; zum Eſſen aber fand er faſt gar keine Zeit, da ihn der Schwung der Gedanken, das Intereſfe, welches er an dem Inhalte des Geſpräches nahm, und die funkelnden Augen der Spanierin, die von Zeit zu Zeit durch ihr ſchwar zes Verſteck zu ihm herüberblitzten, weit über das materielle Geſchäft des Kauens erhoben. Hatte ihn die heutige Vorſtellung tief erſchüttert,— trug ſeinen beweglichen Geiſt der Enthuſtasmus für den unſterblichen Dichter bis zu den Wolken, und er konnte ſich nicht in dem Lobe deſſelben erſchöpfen. Der Heldenſpieler und der alte Recenſent ließen ſeiner Begeiſtrung um ſo lieber freien Lauf, als ſie ſich dadurch ungeſtörter mit dem trefflichen Abendeſſen befaſſen konnten, welches ihnen der noble junge Mann hatte vorſetzen laſſen. Beide nickten nur mit kauen⸗ den Backen von Zeit zu Zeit dem Redner ihre gänz⸗ liche Uebereinſtimmung und ihren Beifall zu. „Und iſt es nicht ein ſchreckliches Zeichen unſerer Zeit!“— rief endlich Ferdinand, erſchöpft von 23 der Apotheoſe Göthes, auf die heutige Vorſtellung zurückkommend—„daß bei ſolch claſſiſchen Stücken die Räume des Schauſpielhauſes leer ſind— leer! wenn Clavigo gegeben und ſo trefflich gegeben wird, als dies, bekannter Weiſe, bei uns der Fall iſt.“ „Vorgeſtern war es beſetzter,“ murmelte der Re— cenſent mit vollem Munde und einem ſchadenfrohen Blicke; denn er wußte, daß dieſe Bemerkung Ferdi⸗ nand unangenehm berühre. „Und was gab man!“— fuhr Wellen ver⸗ ächtlich die Achſeln zuckend fort:—„Von Sieben die Häßlichſte.“ „Nicht ſchlecht! nicht ſchlecht!“ rief der Recen— ſent.„Angely hat ſein Publikum.“ „Aber nur ein kleines; oder vielmehr nur die oberflächliche Aufmerkſamkeit deſſelben“— unterbrach ihn der jüngere Schauſpieler mit ernſter Miene.— „Kann doch bei all' ſeinen Stücken von einer tieferen“ tünſtleriſchen oder poetiſchen Bedeutung nicht die Rede ſein. Wer mag ihn nennen, wenn von Göthe die Rede war?“ „Thut nichts, macht nichts!“ ſagte immer eſſend 7 der alte Kritiker,„ſie halten ſich trotz dem auf den Repertoirs, und eine gewiſſe draſtiſche Wirkſamkeit kann ihnen Niemand abſprechen. Bewegen ſie ſich — doch mit einer Rührigkeit, welche die Zuſchauer nicht zu Athem kommen läßt, und erfüllen das, was man eben von ihnen verlangt: ſie ergötzen momentan Alle, die lachen und ſich ohne geiſtige Anſtrengung unterhalten wollen.“ „Freilich!“— entgegnete Ferdinand mit fin⸗ ſterer Stirne—„iſt doch die göttliche Kunſt jetzt nur noch die Kupplerin, die der Langenweile einen ange— nehmen Zeitvertreib zuführt.“ „Was verlangen Sie denn von dem Schauſpiele, was können Sie von ihm verlangen!“ rief hier von der Anſtrengung des Eſſens ausſchnaufend mit Pathos der Heldenſpieler—„muß es nicht, und wenn es die beſten Kräfte ſtützten, der neuen Zeitrichtung, dem neuen Geſchmack, der einzig nach Sinnenreizen lechzte und nichts Höheres, als die Oper kennt, erliegen?“ „O nein!“— entgegnete Ferdinand und ſeine Augen blitzten ſo freudig auf, als ob ſich ſeinen Bli⸗ cken eine reiche Ausſicht in die Zukunft öffnete— „die Zeiten der Oper werden vorübergehen, und Tage werden kommen, in welchen ſie nicht mehr die herrſch⸗ ſüchtige Stiefmutter auf der Bühne ſein, ſondern die Arme wie eine liebende Schweſter um das Schauſpiel ſchlingen wird. Man wird der Bellini und Roſ⸗ ſini, der Auber und Halevy's ſchon jetzt ſatt,— 25 die Deutſchen ſelbſt ſchaffen ja ohnedem, mit wenigen Ausnahmen, kaum Kennenswerthes. Aber, daß ich es frei ſage: Schauſpieler und Publikum müſſen ſich ändern, wenn ſich die dramatiſche Literatur heben ſoll. Sehen wir nicht allzu oft bei den Coriphäen der Schau⸗ ſpielkunſt wahre Couliſſenreißerei an die Stelle der Natur treten? opfern ſie nicht freudig tauſendmal die zärteſten Schönheiten einem Effecte, der ihnen den Applaus der Ungebildeten zuwendet?— Natur! Na⸗ tur! iſt die erſte Erforderniß eines jeden Kunſtgebil⸗ des— Natur iſt ja die Baſis der Kunſt ſelbſt.— Wie kann das Bild des Lebens, was ja jede gute dichteriſche Schöpfung ſein ſoll— an unſeren Geiſt lebensfräftig herantreten, wenn es uns durch verkehrte, leichtfertige, ungenügende Auffaſſung und unnatürliche Darſtellung nur in verzerrten Formen vorgeführt wird. Wie viele Schauſpieler aber haben wir, die wahrhaft und gründlich gebildet und dadurch im Stande ſind, die ſchwierige Aufgabe des Eindringens in die Charaktere, welche ihnen zur Aufführung zufallen, zu löſen? Sagen Sie ſelbſt, meine Herren, wie oft Sie die Erfahrung gemacht, daß man den Stand des Schauſpielers als den bequemſten und vergnüglich⸗ ſten der Welt angeſehen, und ſich leichtſinnig in den⸗ ſelben geworfen hat, ohne zu bedenken, daß er wohl 26 gerade einer der ſchwerſten iſt; wenn man anders ſeine Pflicht erfullen und über den traurigen Stand der Mittelmäßigkeit hinausgelangen will.“ „Das iſt ſehr wahr“— ſiel hier der Recenſent ein, mit kritiſcher Miene die aufſteigenden Bläschen in ſeinem Glaſe beobachtend.—„Aber ich glaube Sie dürfen unſeren neueren Dichtern auch ein wenig Schuld an dem Verfall des Schauſpiels geben. Wen haben wir denn, der Großes darin geleiſtet. Etwa Gutzkow? Mund?Feldmann? Halm?Laubes — Keiner von Allen vermochte bis jetzt durchzudrin⸗ gen, und ſich zu einer imponirenden Größe zu erheben.“ „Laſſen Sie mir Gutzkow unangetaſtet“— ent⸗ gegnete Wellen faſt feierlich—„ich geſtehe, daß ich in ihm eine der ſchönſten Hoffnungen Deutſchlands verehre. Was er geleiſtet, läßt bei ſeinen Talenten, ſeinem tiefen und vielſeitigen Wiſſen und ſeiner Pro⸗ duktivität, allerdings auf große Schöpfungen in der Zukunft ſchließen. Bedenken Sie aber welche Schwie⸗ rigkeiten ſich den beſſeren Geiſtern bei dem Schaffen neuer Werke entgegenſtellen. Erinnern Sie ſich nur an den verdrehten, wahrhaft krankhaften Geſchmack des größeren Publikums und vor allem Anderen an die ungluckſelige Idee, die es von dem Theater gefaßt. 27 * Iſt es doch längſt nicht mehr die freundliche Schule der Bildung!“ „Gewiß wird Niemand ſo pedantiſch ſein, das Schauſpiel als ein rein-moraliſches Inſtitut anzuſehen, das mit dem Ernſte der Religion auf die Gemüther wirken ſoll; aber eben ſo ſoll der Gebildete das Ver⸗ gnügen, welches ihm die ſchönen Künſte bereiten, von den armſeligen Beluſtigungen niederer Geiſter unterſcheiden.“ „Ich gehe in das Theater, mich zu amü⸗ ſiren! heißt es jetzt, und was verſtehen ſie nicht alles unter amüſiren? Sich zeigen, lorgnettiren, co⸗ kettiren, gähnen, ſchwätzen... O laſſen Sie mich ſchweigen, von den materiellen, nüchternen Seelen!— Aber wahrlich! wenn nur die Schauſpieler ernſtlich wollten, ſie wären im Stande,— Hand in Hand mit den Dichtern gehend,— dem Geſchmacke eine beſſere, würdigere Richtung aufzudringen.“ „Ja wenn die Intendanzen nicht wären!“ lachte faſt roh der Heldenſpieler.„Aber da iſt der erſte Grundſatz: Einnehmen, der zweite ſparen und der dritte auf die Schwächen des Publikums ſpekuliren. Die Mitglieder werden ſchlecht bezahlt und die Re⸗ pertoirs ſtrotzen von ſogenannten Kaſſen⸗Stücken.“ „Eine beſſere Bezeichnung hätte man für dieſen —— ——— — 28 Genre von Stücken wahrlich im Deutſchen nicht fin⸗ den können,“— ſeufzte Ferdinand.—„Es iſt eben kein Funken Genialität mehr in unſerem Menſchengeſchlecht. Aber“— rief er froh begeiſtert aus und hob ein volles, perlendes Glas in die Höhe —„bei dieſem Nektartrank ſchwöre ich: lieber zu ſterben, als mich in die Feſſeln ihrer Gemeinheit ſchlagen zu laſſen. Wohl dem, der tief in ſeinem Innerſten fühlt, daß ein Moment wahrer Größe mehr werth iſt, als ein langes nichtsſagendes Leben, wie ſie es zu Tauſenden dahinſchleppen.— Wäre mir doch die bitterſte Armuth, bei einer geiſtigen Auf⸗ faſſung des Daſeins, lieber, als der größte Mammon und ein leeres Herz.“ „Am beſten aber iſt und bleibt die Mittelſtraße!“ — antwortete in gepreßtem Tone der jüngere Schau⸗ ſpieler, und als Ferdinand ſich verweiſend zu ihm wenden wollte, traf ihn ein ſo wehmüthig, ernſter, ermahnender und ſtrafender Blick, daß er beſchämt ſchwieg und ſeine Verlegenheit unter dem Austrinken ſeines Glaſes verbarg. Rach einer kurzen Pauſe, in welcher der Helden⸗ ſpieler und der Recenſent dem Beiſpiele ihres freund⸗ lichen Wirthes gefolgt, nahm dieſer wieder das Wort. „Wir können uns überhaupt Glück wünſchen“— ſagte er,—„daß wir in einer Zeit raſchen Fort⸗ ſchreitens leben; in einer Zeit, die tauſend Lebenskeime gebärt und entwickelt; in einer Zeit, die von den Verſuchen zur Löſung der wichtigſten Fragen bewegt und angeregt wird. Abgeſehen von den Vortheilen, welche dem Staate in materieller Beziehung aus dem Maſchinenweſen, aus Dampfſchifffahrt und Eiſen⸗ bahnen erſtehen, reizen uns die Kämpfe der Auf⸗ klärung im Felde der Philoſophie und Religion, das Bemühen und Streben der Völker nach einer, von Geſetz und Vernunft geſchirmten Freiheit; die großen kosmopolitiſchen Ideen der Emancipation der Juden, der Sclaven, der Frauen.“ „Wahrhaftig, wer dies allgewaltige Streben ſcharf ins Auge faßt; wer angefacht von dem Weltengeiſte, ſich dieſem Drange hingibt, dem Kämpfen und Stre⸗ ben nach allen Seiten folgt,— deſſen Bruſt muß ſtolz und freudig bei dem Gedanken ſchlagen: daß auch er ein Glied dieſer auf⸗ und vorwärtstreibenden Weſenkette iſt.“— „Dieſer Weſenkette, in welcher alle Nationen der Erde brüderlich ineinander greifen, wie die Ringe in einer metallenen“— ſagte hier, leiſe erröthend, die Spanierin, die ſchon lange den feurigen Reden Ferdinands mit Intereſſe zugehört, und Alle er⸗ ſtaunten über die Geläufigkeit und Reinheit, mit welcher die ſchöne Fremde die deutſche Sprache ſprach. „Ein pragmatiſcher Geiſt darf ſich an die engen Grenzen einzelner Nationalitäten nicht kehren, er wird ſie nicht verwiſchen wollen, aber er ſteht über ihnen, wie ein Weſen höherer Art über den Begriff: Menſch⸗ heit. Ich bin Spanierin— Sie ſind ein Deutſcher— welch' anderes Band kann unſere Nationen geiſtig feſter aneinander knüpfen, als das des Kosmopolitis⸗ mus? und wer könnte wiederum, ohne von dieſem durchdrungen zu ſein, jene großen weltverbeſſernden Ideen, die ſie eben erwähnt, in ſich aufnehmen?— Gleiche Wünſche, gleiche Hoffnungen, machen uns aber auch ſeelenverwandt, und da ich ſolche in Ihnen entdecke, nehme ich keinen Anſtand, Ihnen meine Freude darüber zu bezeugen.“ Die Fremde hatte dieſe Worte in einem ſo ver⸗ bindlichen, feſten und doch beſcheidenen Tone geſagt, daß Niemand ſich von der Freiheit verletzt fühlte, mit welcher ſie die Grenzen überſchritt, die Conve⸗ nienz und Gebrauch dem Benehmen unſerer Damen vorſchreiben. Iſt doch ohnedem der Hamburger in dieſer Beziehung großſtädtiſcher als jeder andere Deutſche, da der Zuſammenfluß aller Nationen in der mächtiger Handel- und Weltſtadt, ihn mit den 31 6. verſchiedenſten, oft grell contraſtirenden Sitten aller Völker bekannt und vertraut macht. Ferdinand aber war von dem ungezwungenen und doch ſo anſtändigen Weſen der Spanierin eben ſo hingeriſſen, als von ihren Aeußerungen, die ihm auf den erſten Blick einen ganz gleichgeſtimmten Geiſt in ihr entdeckten. „Kein größeres Vergnügen hätte mir heute zu Theil werden können“— ſagte er mit einer leiſen Verbeugung und freudeſtrahlenden Augen zu der Nachbarin—„als in Ihnen, ſchöne Dame, ein ſo geiſtig verwandtes Weſen kennen zu lernen. Leider! hüllen noch dichte Nebel das Selbſtbewußtſein der Völker ein, und hemmen deren geiſtiges Reifen; aber die Beſſeren, die, gleich kühn-aufſtrebenden Höhen⸗ punkten, uͤber die dichte Dunſtſchichte der Beſchränkt⸗ heit hinausreichen— die ſollen ſich, welcher Nation ſie auch angehören, freudig und innig die Hände reichen; denn nur auf ſolche Weiſe iſt das große Werk einer, alle Welt umfaſſenden Aufklärung und Fortbildung zu erzielen. Was mich aber bei Ihnen, Schönſte, doppelt freut, iſt nicht nur das Echo aller meiner Gefühle in dem Herzen einer Dame; ſondern auch Ihr kräftiges, ſo weit von der beſchränkt⸗ſchüchtern⸗ gezierten Weiſe unſerer Frauen entferntes Auftreten. — „* 32 „Warum ſollte es uns armen Geſchöpfen auch verboten ſein, kräftig aufzutreten? Sind wir nicht Menſchen wie Ihr? Und haben nicht alle Menſchen gleiche Rechte?“ „Gewiß!“— rief feurig Ferdinand, der längſt dieſen Ideen gehuldigt und nun entzuckt war, endlich eine Dame gefunden zu haben, die nicht nur hierin mit ihm übereinſtimmte, ſondern ſogar den kühnen Gedanken im Leben praktiſch auszuführen ſchien. „Ich habe längſt die großartige Idee einer Frauen⸗Emancipation vertheidigt und für ſie gekämpft. Aber was kann hierin ein einzelner Mann thun, wenn ihm nicht das ganze weibliche Geſchlecht zu Hülfe kommt.“ „Sonderbar!“ ſagte der Recenſent, mit ſeiner faſt ſtereotypen ironiſchen Miene,—„daß ſich das ganze ſchöne Geſchlecht bei dieſem Auferſtehungsrufe nicht wie ein Mann— oder hier vielmehr wie eine Frau erhoben hat. Es müſſen doch noch Wenige an den Heiland glauben?“ „Das iſt leicht zu erklären!“— antwortete die Spanierin, und zündete ſich eine Cigarre an,—„den außerordentlichen Werth, das unumgänglich Nöthige einer Emancipation, ſo wie die Schmach der jetzigen Sclaverei, erkennen Alle recht gut; da es aber, um 33 gegen das einmal durch Gewohnheit zur Sitte ge⸗ wordene ſich aufzulehnen, Muth, Kraft und Kühnheit bedarf, und Ihr Männer wohlweislich von jeher da⸗ für geſorgt habt, daß wir Weiber nicht mehr lernen, als nöthig iſt, um die ſtolze Ueberlegenheit unſerer Tyrannen zu begreifen,— ſo iſt es ganz natürlich, daß ſich auch unter den Weibern jetzt nur ſehr wenige finden, die ſo ſtark ſind, das alte Vorurtheil abzu⸗ ſtreifen und kämpfend für die höchſte Idee aufzutreten.“ „Es frägt ſich vor allen Dingen“— ſagte der Recenſent weiter—„was ſie eigentlich wollen? zu welchen Rechten ſie emancipirt zu werden verlangen?“ „Zu den ſchon ausgeſprochenen!“— entgegnete die Schöne ruhig und ließ die Mantille etwas zu⸗ rückſinken, ſo daß man das geiſtreiche und liebliche Antlitz ganz ſehen konnte.—„Wir verlangen: per⸗ ſönliche Freiheit in unſerem Handeln und Wollen, und die gleichen Rechte, welche die Welt und der Staat dem Manne einräumt.“ „Alſo auch politiſche?“ „Allerdings! Ich bin ſo gut ein Kind Spaniens, als es mein Begleiter iſt. Darf ich, wenn das Va⸗ terland in Noth und Gefahr iſt, nicht eben ſo gut mein Blut für deſſen Freiheit verſpritzen, als er?“ 3 „Denken Sie an die Jungfrau von Orleans!“ rief Ferdinand dem Recenſenten zu. „Iſt eine mythiſche Perſon!“ entgegnete Jener. „An Semiramis, Catharina, Libuſſa und vor allen an die edlen Mädchen, welche Deutſch⸗ lands Befreiungskampf mitfochten.“ „Letztere waren fromme Schwärmerinnen. Ich tadle indeſſen ihr Gefühl nicht, nur ihr Handeln, welches immer unweiblich war.“ „Unweiblich!“— zürnte die Spanierin— „die Weiblichkeit iſt immer das Bollwerk, hinter wel⸗ ches ſich die klugen Herrn zurückziehen, wenn ſie nicht mehr weiter können. Ich will Ihnen ſagen, was man unter dieſer ſogenannten Weiblichkeit verſteht: Nichts als die Schwäche und Apathie, in die unſer Geſchlecht, durch die wohlberechnete Klugheit der Män⸗ ner, nach und nach verfiel. Sorgt man nicht ſchon von Kind an, daß wir nicht kräftig werden ſollen? Würde man dem kleinen Mädchen dieſelbe freie Be⸗ wegung in friſcher Luft, dieſelbe Körperübung im Waſſer, dieſelben zweckmäßigen Spiele gönnen, die man dem Knaben erlaubt; würde die Jungfrau ſo gut ſpazieren gehen, reiten, fahren, jagen dürfen, als der Jüngling— ich möchte doch wiſſen, ob dann das Weib noch immer ſchwächer als der Mann wäre? 35 ob ihre Züge, ihre Muskeln nicht dieſelbe Kraft aus⸗ ſprächen, als die des Herrn der Schöpfung?— Oder? — glauben Sie vielleicht, wir würden ihnen an geiſtiger Kraft, an Wiſſen nachſtehen, wenn wir nicht auch hierin auf unverzeihliche Weiſe zurückgeſetzt wuͤrden? Freilich, während das Mädchen kaum das Nothwendigſte lernt,(Sie werden das Spielen auf dem Flügel und mit den Sprachen und dem Pinſel hoffentlich nicht lernen nennen) während man es zu den Sclavendienſten der ſogenannten Häuslichkcit er⸗ zieht— öffnet ſich dem Jüngling der ſtrahlende Tempel des Wiſſens auf Gymnaſien und Hochſchulen; während die Jungfrau in ihren vier Wänden einſeitig werden muß, durchſtürmt der Mann die weite Welt und eignet ſich durch Erfahrungen einen überwiegen⸗ den Schatz an.“ „Der Wahrheit muß man beipflichten!“— ſagte hier Ferdinand, begeiſtert von dem ſchönen Apoſtel des neuen Frauenglücks.„Geſtehen wir nur, daß es vorzüglich unſere Herrſchſucht und Eitelkeit iſt, die das arme Geſchlecht der Damen ſo unterdrückt hat. Sie können ja ſo gut frei und ſelbſtſtändig ſein als wir, ohne daß wir uns etwas dadurch vergeben.“ „Frei und ſelbſtſtändig kann jede Frau auch in der jetzt einmal für ſie feſtgeſetzten Sphäre ſein. Aber die Natur“— — — 36 „Halt!“— unterbrach den Sprechenden hier hef⸗ tig die Spanierin—„Eines nach dem Anderen. Sie erwähnten die Gewohnheit, laſſen ſie uns erſt von dieſer, dann von der Natur reden.“ „Gut!“— entgegnete der Recenſent.—„Alſo die Sitte; achten Sie dieſelbe für Nichts?“ „Eben nur für Menſchenſatzung, die eine lange Gewohnheit heiligte.“ „Die Behauptung iſt zu kühn. Woraus iſt die Sitte hervorgegangen? doch wohl aus einer Ueber⸗ einkunft, welche die Menſchen ſtillſchweigend über Gebräuche abgeſchloſſen, die ſo ſehr mit eines Jeden Rechts⸗“ und Schicklichkeitsgefühl harmonirten, daß man ſie, eben durch die ſtillſchweigende Annahme, ſanktionirte.“ „Ich, meinentheils, glaube daß die Eigenliebe die Mutter der Sitte iſt!“ ſagte die Schöne. „Eigenliebe will den eigenen Vortheil ſo gut als den Anderer; denn ſie weiß, daß eine behagliche Eriſtenz nur auf gegenſeitiges Wohlwollen und ge genſeitige Achtung gegründet werden kann.“ „Alſo halten auch Sie die Sitte nur für die liebe Selbſtſucht, der man einen gefälligeren Namen, eine Form, gegeben hat.“ „Selbſtſucht und Eigenliebe iſt nicht einerlei 37 Letztere kann ſelbſt, aus den genannten Gründen, edel ſein. Eine Form iſt die Sitte eben ſo wenig; ſie iſt ein moraliſches Geſetz, eine ſtillſchweigende Anerken⸗ nung des Edlen und Guten.“ „Das mag ſie in ihrem Urſprunge und in man⸗ chen Beziehungen ſein!“— rief Ferdinand— „aber ganz gewiß iſt ſie noch weit öfter eine alberne Tyrannei, die längſt von den hervorleuchtenden Gei⸗ ſtern angegriffen und verſpottet wurde.“ „Nur in einem Falle iſt ſie dies,“— entgegnete der Recenſent—„wenn ſie nämlich die Mode betrifft; keinesweges aber, wo es die Moralität gilt. Sagen Sie mir doch um Gotteswillen, meine Herrſchaften, was aus der menſchlichen Geſellſchaft werden ſollte, wenn man ihr den Zügel der Sitte und der Schick⸗ lichkeit abnehmen würde? Wir wiſſen wie klein die Zahl der edleren Seelen iſt, und kennen die Wuth der Leidenſchaften, die Folgen der Selbſtſucht. Und heben wir nicht faktiſch die beſtehenden Sitten über Weiblichkeit auf, wenn wir das Weib in Ihrem Sinne emancipiren? Stoßen wir nicht ſelbſt— was nie ungeſtraft bleibt— die Geſetze der Natur damit um?“ „Ich glaube dieſe Sünde fällt bei weitem mehr auf das Haupt der Männer!“— rief eifrig die 38 Schöne—„die Natur ſchuf das Weib frei wie den Mann; aber der Mann zertrat des Weibes Freiheit und würdigte es zur Magd herab.“ „Werden wir nicht ercentriſch!“— ſagte der alt Student ſpöttelnd—„die Natur ſchuf Mann und Weib, um ſie in der Ehe, der Krone rein menſchlicher Verhältniſſe, auf diejenige Stufe zu ſtellen, die die vollendteſte Entwickelung geſtattet M Da aber der na⸗ türliche Erfolg einer Ehe die n von Kinder iſt, da Kinder wiederum einerſeits glboren, gepflegt und erzogen, andererſeits Mutter und Kinder geſchützt und ernährt werden müſſen;— ſo geht aus dieſem, von der Natur ſelbſt gegebenen doppelten Verhältniſſe, auch eine zweifache Beſtimmung für die Glieder der Ehe hervor, das heißt: die Matur beſimmte ganz klar das Weib zu der Erziehung der Kinder und dem ſtilleren Wirken der Häuslichkeit; den Mann dagegen— zu dem Schützer und Ernährer der Familic. Drehen wir nun dieſe Verhältniſſe herum; oder ändern ſie, ſo iſt die nothwendige Folge, daß die, dem Weibe zur Erfüllung ſeines Berufes geſchenkten, zarten und edlen Seiten ſeines Seelenlebens unterdrückt und zerſtört werden. Der Mann kann ihre Stelle nicht einneh⸗ men, und ſomit iſt die Ordnung der Natur aufge⸗ hoben und einſeitig geſtört.“ 39 icher Verhältniſſe? ich nenne ſie, natürlich nur in Betracht unſerer angenommenen Form, den Un⸗ ſinn alles Unſinns, das ächte Joch wahrer Sclaverei!“ „Sie mögen hier bei vielen Ehen, gewiß bei den meiſten, Recht haben!“— entgegnete Ferdinand— „ließe es ſich denn aber nicht denken, daß eine frei⸗ ere Form für dieſelbe beſtünde. Eine Form, die auch dem emancipirten Frauengeiſte entſpräche?“ „Nein!“— ſagte die Spanierin entſchieden— „ſo lange ſich namentlich die Kirche in die Cheu⸗ miſcht, nie. Was ſind denn die Ehen der civiliſirten Völker?— Vor allem Anderen treibt man einen niederträchtigen Handel mit den edelſten und zärteſten Gefühlen des MädchenszCs wird faſt immer verkauft Was iſt die Folge davon?— Das Band, welches die Natur dazu beſtimmt hat, Herzen zu feſſeln und zu binden, fehlt. Der Mann folgt gefühllos ſeiner Herrſchſucht, und das Weib duldet und dient. Dies das Bild Eurer Ehen!“ „Wahr, wahr! ſehr wahr!“ rief Ferdinand erhitzt.„Aber wie ſchön, wie groß, wie genial ſteht das Bündniß zweier ſtarken Geiſter dagegen da. Die Liebe hat ſie ſich finden laſſen...“ „Verſteht ſich, eine Liebe, die mit der Vernunft 5 naunten die Ehe: die Krone rein menſch⸗ 40 Hand in Hand geht!“ unterbrach den Sprechenden die Schöne. „Gewiß. Sie geſtehen ſich ihre gegenſeitigen Gefühle„ „Verabreden das Nöthige über die feſtzuſtellenden bürgerlichen Verhältniſſe....“ „Und der Bund iſt geſchloſſen..“ „Ohne daß Staat oder Kirche ſich durch drückende Anfordepengen einmiſchten.“ „Gleich geſtimmt, gleich geiſtig, genießen ſie das Lben doppelt... „Jeder achtet des Anderen Freiheit und Wille...“ „Kein Zwang.... „Keine albernen Eiferſüchteleien..“ „Stören den Genuß.“ N „Diener beſorgen die niederen Geſchäfte...“ „Die Erziehung der Kinder..“ „Uebernimmt wie einſt in Sparta, der Staat..“ „Die größten Unternehmungen feſſeln Mann und Weib in einem Streben, das um fo eher zum Ziele geführt werden kann, als ihm weniger Hinderniſſe entgegentreten und doppelte Kräfte darnach zielen.“ „Das Weib iſt dann“— fuhr mit wilder Leiden⸗ ſchaftlichkeit, die aus den dunklen Augen funkelte, die Spanierin fort, und ihre ſtolzen, ſchönen Züge 1 N 41 gewannen nur noch an Reiz durch das Leben, das aus ihnen ſtrahlte,—„das Weib iſt dann nicht allein mehr in den Kreiſen des geſellſchaftlichen Lebens, ſon⸗ dern auch auf der Weltbühne, in Künſten und Wiſ⸗ ſenſchaften, in den Gewerben des Friedens und auf dem Felde der Schlacht, das Muſter des Mannes, das ihn begeiſtert, anfeuert und lohnt. Sagen Sie ſelbſt, Sie, mein Herr, deſſen Geiſt kräftig genug iſt, vor der kühnen Idee der Frauen⸗Emancipation nicht zu erſchrecken,— ſagen Sie mir, ob es etwas Großartigeres auf Erden geben kann, als wenn zwei Seelen, die eine hohe,— den Jetztmenſchen faſt un⸗ denkliche,— Freundſchaft verbindet, ihr ganzes Wirken und Streben in ſchöner Eintracht der Ausführung jener weltverbeſſernden⸗ Ideen widmen, die Sie im Anfange unſeres Geſpräches ſelbſt erwähnten— ge⸗ ſtehen Sie, daß weder das Alterthum, noch das kräf⸗ tige Mittelalter, am allerwenigſten die Gegenwart, einen höheren Aufſchwung aufzuweiſen hat— und gewiß es wird ſich nie und nimmer die Größe des Geiſtes ſchlagender und evidenter zeigen, als wenn die Emancipation des Weibes dem Weibe Gelegen⸗ heit gegeben hat, zu beweiſen, daß es dieſes Rechtes werth ſei!“— Mit dieſen Worten ſtand die Spanierin auf, 42 zog die Mantille feſter um Kopf und Schultern und machte ſich zum Weggehen bereit. Der Cayalier — ber an der Unterhaltung, die er nicht zu verſtehen ſchien, nicht den geringſten Antheil genommen,— folgte dem Beiſpiele ſeiner Dame, zündete noch eine Cigarre an, warf den Mantel mit wunderbarer Ge⸗ ſchicklichkeit und Grazie über, und Beide entfernten ſich mit einer wahrhaft königlichen Hoheit in Gang und Haltung. Ferdinand war zu aufgeregt, um noch länger in dem engen Raume eines dampferfüllten Saales bleiben zu können; auch hatte es bereits Mitternacht geſchlagen. Der alte Recenſent war gegen das Ende des Geſpräches in einen ſüßen Schlummer gefallen, und der Heldenſpieler konnte eben ſo wenig mehr ſehen als ſprechen und lallte, von dem edlen Cham⸗ pagnergeiſte bezwungen, nur noch mit ſchwerer Zunge unzuſammenhängende Worte. Daß ſich der jüngere Schauſpieler ſchon lange heimlich entfernt, bemerkte Ferdinand auch erſt jetzt, und ſo winkte er dem Kellner, um ſeine Rechnung zu bezahlen. Immer noch in Gedanken dem Ieengang des eben geende⸗ ten Geſpräches folgend, den Kopf auf einen Arm geſtützt, bemerkte er deſſen Rechnen nicht, und erſt als derſelbe die ungeheure Summe von achtundvier⸗ zig Mark forderte, blickte er erſtaunt auf; der Kellner aber verſtand ihn ſogleich, und zeigte ohne ein Wort zu entgegnen, auf die acht leeren Champagnerflaſchen und die Reſte des Abendeſſens, die noch vor ihm ſtanden. Aber ſchon hatte auch Ferdinand vergeſſen, daß er noch eben über die Summe erſtaunt, welche ihn dieſer Abend gekoſtet. Er zahlte. Und mit dem ſtolzen Gedanken: Anderen eine frohe Stunde gemacht und ſich angenehm und gut unterhalten zu haben, ſtand er auf, nahm Stock und Hut und verließ, un⸗ bekümmert um die Zurückbleibenden, den Saal, indem er entzückt leiſe vor ſich hin ſagte: „O Gott! wie ſchön, wie groß, wie genußreich iſt das Leben, wenn man es nur genial aufzufaſſen, ſich über die neblige Tiefe der Trivialität zu erheben weiß!“— So ſpät es war, konnte der Jüngling jetzt doch noch nicht heimkehren. Sein Herz war zu voll, ſein Blut zu erhitzt, ſein Gehirn zu fibrirend. Er warf ſich der göttlich ſchönen Sommernacht in die Arme, die lau und träumeriſch über der Erde lag. Wie ſtill war nun die unermeßliche Stadt ge⸗ worden, deren Steinmaſſen und Palläſte im ſchwachen Dämmerſchein der Sterne den Rieſenmonumenten 44 eines Weltkirchhofes glichen, über die ſich der Himmel, wie eine ungeheure Trauerweide, mit ſeinem goldenen Laubwerke ernſt und ſchweigend ſenkte. Kein Laut, kein Ton! unterbrach die tiefe Stille; nur das Plätſchern der kleinen Wellen der Alſter ließ ſich von Zeit zu Zeit in leiſem Murmeln hören, wenn gerade ein friſcherer Windhauch über die Fläche der Waſſer fuhr. Ferdinand bebte. Er hatte ſich eben noch ſo groß ſo erhaben gefühlt— und nun ſtand er, ein armſeliger Wurm, allein vor der ſtummen Größe des Weltalls. Lange blickte er ſtaunend ewpor in den Lichtſchaum der Milchſtraßen, und ſein Geiſt flog mit der Schnelle des Gedankens an tauſend Welten, an dem kaum mehr ſichtbaren Uranus vorüber und ſtürzte ſich in die weiß⸗glänzenden Wolken eines Lichtmeeres von Millionen und abermal Millionen Sonnen, die ſo weit im unermeßlichen Abgrunde der Unendlichkeit liegen, daß nur der letzte matte Schimmer ihrer Strahlen unſeren Augen dämmert,— und hinter den Welten und hinter den Sonnen lagen wieder Welten und Sonnen, und hinter dieſen zogen neue Milch⸗ ſtraßen hin, und auf die Milchſtraßen folgten neue Sonnenſyſteme,— und der Gedanke durchzuckte wie ein Blitz die flammende Unendlichkeit; aber er fand 45 kein Ziel und keinen Halt, und unter den wild dahin⸗ ſchwirrenden Kometen ſeufzte er nach dem Ende der Unendlichkeit. Da ermüdete ſein Flug, denn nach Millionen durchzuckten Weltſyſtemen, dämmerten ihm, in ewig neuer Ferne, neue Welten, neue Sonnen. Ferdinand bedeckte ſchwindelnd Augen und Stirne mit den Händen, und ſeine Seele hatte als einziges Gebet für den Unendlichen nur einen tiefen, ſchmerzlichen Seufzer. Lange ſtand er ſo unbeweglich mit ausgebrannter Gedankenkraft, mit einem Gehirne voll todter Aſche, mit einem Herzen voll unendlicher Qualen und ſagte nur immer und immer: „Und was biſt Du gegen das All? und gegen den, der größer noch iſt als das All!?“ Da fühlte Ferdinand, daß ihn eine Hand ſanft berühre Er wandte ſich raſch um, und blickte mit feuchtem Auge in das blaſſe, leidende Geſicht des jungen Schauſpielers, der heute in dem Alſter⸗Pavillon an ſeiner Seite geſeſſen, ſich aber früher von ihm entfernt hatte. „Sie noch hier?“ ſagte mit weicher Stimme Wellen—„ich glaubte Sie längſt heimgekehrt.“ „Ich war es, edler Mann!“— entgegnete der Hinzugetretene mit tiefer Rührung—„konnte ich es 46 denn über das Herz bringen, meine unglückliche Fa⸗ milie nur eine Stunde länger darben zu ſehen, da ich doch, durch Ihre Güte, die Mittel in der Hand hatte, Ihren geſunkenen Muth aufzurichten?— Aber ich vermochte eben ſo wenig mich niederzulegen, ohne dem Manne noch einmal herzlich gedankt zu haben, der mich und die Meinen von dem Jammer des äußerſten Elendes befreite.“ „Laſſen Sie es gut ſein!“— bat Ferdinand— „was ich that, würde jeder Menſch an meiner Stelle gethan haben und wohl noch mehr.“ „Nicht doch!“— rief der Schauſpieler und ergriff heftig die Hand Wellens, auf die eine heiße Thräne niederfiel. „Ich hatte Ihnen nicht geklagt, Sie um nichts gebeten; aber Ihr edles Herz eilte jedem Worte voraus, und las in meinen kummervollen Mienen, was ich zu ſagen zu ſtolz war. Sie frugen mich ſo herzlich nach der Urſache meines Grames, daß ich Ihnen entdeckte, was ich ſeit Monaten gegen jeden Menſchen verſchwiegen. Und die Art und Weiſe, wie Sie mich beſchenkten, Herr, war wahrlich ſo viel werth, als die Gabe ſelbſt. Ich mußte Ihnen dies ſagen, ich mußte Ihnen den innigen Dank meiner Seele ausſprechen— oder ich hätte mich ſelbſt ver⸗ 47 achtet. Sie waren edel genug dies vermeiden zu wollen, und zwangen mich daher mit Ihnen nach dem Pavillon zu gehen. Aber einem niedergedrückten Herzen ſind die Freuden des Lebens ein zerreißendes Gift. Ich ſtahl mich fort und genoß eine unendlich größere, als ich den kleinen Schatz, den ich Ihrer Güte verdankte, an dem Bette meiner leidenden Gat⸗ tin niederlegte.— Herr Wellen!“ rief hier, von den anſtürmenden Gefühlen übermannt, der junge Mann mit zitternder Stimme: „Wenn auf Gottes Welt Gerechtigkeit wohnt, müſſen Sie einſt glücklich werden; denn das heiße Gebet einer ſchwer Leidenden und ihrer drei unſchul⸗ digen Kinder ſtieg zum Himmel, der Segen meiner guten Schweſter ruht auf Ihrem Haupte.“ Der Schauſpieler konnte nicht weiter ſprechen; aber er drückte krampfhaft die Hand ſeines Wohl⸗ thäters. Wellen vermochte ſich ſelbſt kaum zu faſſen. „Sie nehmen einen Dienſt zu hoch auf, den Sie mir in der umgekehrten Lage ja mit Freuden eben⸗ falls erwieſen haben würden!“ ſagte er.„Ich habe nur eine Bitte dafür an Sie: ſein Sie auch künftig mein Freund.— Jetzt aber laſſen Sie uns heimkeh⸗ ren; denn es geht ſchon auf den Morgen und die Luft wird kühl und feucht.—“ 48 Da der Rückweg Wellen an der Wohnung ſeines neuen Freundes vorüberführte, begleitete er ihn. Als ſie ſich dem kleinen Hauſe näherten, in welchem derſelbe wohnte, gewahrten ſie ſchon von Ferne Licht in einem der Zimmer. „Man erwartet Sie!“ ſagte Ferdinand zu ſeinem Begleiter. „Nein, mein Herr,“ antwortete Jener noch immer bewegt—„das iſt das Zimmer meiner Schweſter, die, meiner Bitten ungeachtet, noch arbeitet.“ Ferdinand blickte mit einem eigenthümlichen Gefühle von Mitleid und Achtung empor, und als er ſchon weit von dem kleinen Hauſe entfernt war, malte ihm noch ſeine lebhafte Phantaſie das Bild des fleißigen Mädchens mit den lieblichſten Farben aus. Ferdinand ſchlief nur wenige Stunden. Schon die erſten Strahlen der Morgenſonne fielen auf ſein Kopfkiſſen und weckten ihn auf. Er ſprang fröhlich empor, und in wenigen Minuten ſog er mit Ent⸗ zücken die friſche Morgenluft ein. Alles war noch ſtill! die Fenſter und Thüren der Häuſer noch geſchloſſen, und nur einzeln erwachte das — — 49 Leben hie und da. Wellen blickte ſtolz auf die noch immer ſchweigende Stadt, und der Gedanke: noch gewacht zu haben, als ſchon Alles ſchlief, und auch jetzt wieder von den vielen Tauſenden einer der Erſten zu ſein, der zum Leben erwacht, erfüllte ihn mit Entzuͤcken. „Menſchen!“— rief er in ſeiner Behaglichkeit aus, von dem Kraftgefühl und dem Lebensmuthe der Jugend durchſtrömt—„wie iſt es möglich, daß ihr von eurem kurzen Leben,— in das ſich ſo viele Wünſche, Hoffnungen und Entwürfe drängen, die doch alle erreicht und ausgeführt werden ſollen,— auch noch die größere Hälfte verträumt!?— Sind wir nicht ohnedem Eintagsfliegen?— und iſt es denn eine Luſt nicht zu ſein? Leben heißt ge⸗ nießen. Aber die wenigſten Menſchen ver⸗ ſtehen freilich zu leben!“ Und wie Recht hatte der junge Mann hierin. Die Meiſten ſchaffen ſich eine gewiſſe Anzahl und Art von Sinnenreizen, die ſie dann ihre Vergnügun⸗ gen nennen. Haben ſie einen dieſer Reize genoſſen, richten ſie den Blick eigenſinnig und beſchränkt auf einen beſtimmten anderen, nicht beachtend, daß zwiſchen dieſen ſelbſtgeſchaffenen künſtlichen Genüſſen eine un⸗ endliche Menge ungekünſtelter Freuden liegen, deren 4 50 Lebenswein eben darum um ſo ſüßer ſchmeckt, als er natürlicher iſt. Wir wollen da oder dorthin ſpazieren gehn, heißt es, und über die Erwartung der Luſt, die wir uns vorgenommen haben da oder dort zu genießen,— gehen wir kalt, immer nur den Blick nach dem Ziele gerichtet, an den tauſend und abertauſend Blumen der Freude vorüber, die rings an unſerem Wege blühen. Ferdinand dagegen hatte ſich, geleitet durch ſeinen lebhaften Geiſt und ſein ſehr empfängliches Gemüth, eine ganz beſondere Theorie des Genießens geſchaffen, die er aber auch in dem Leben ausführte. Frühes Aufſtehen, das Einathmen der friſchen Mor⸗ genluft, ein ſtärkendes Bad, das Lied eines Vogels, eine ſchöne Blume, eine reizende Ausſicht, ein heiterer Sonnenblick— alle dieſe Kleinigkeiten boten ihm ſo gut Genüſſe und Freuden, als ein gutes Buch, ein ſchönes Schauſpiel, ein treffliches Eſſen, ein Ball u. f. w. Er war, mit einem Worte, ſo klug, keine Freudenblume des Lebens,— auch nicht die kleinſte, — zu verſchmähen; und ſo kam es denn, daß er ſich allerdings einen vollen, üppigen Kranz auf die Schläfe drücken konnte. Heute griff er, ſo friſch und poetiſch von der 51 Morgenluft angeweht, nach ſeinem Lieblingsſtudium den Dichtern. Er überflog an ſeinem Bücherſchranke die Namen der Autoren, welche die Rückſeiten der Werke in goldenen Buchſtaben trugen. Als er an „Freiligrath's“ Gedichte kam, durchzuckte es ihn wie ein electriſcher Funke. Er nahm das Buch und ſchlug es auf. Er hatte die„Meerfahrt“ vor ſich und las das Gedicht mit Behagen. Aber es er⸗ weckte in ihm eine eigenthümliche Unruhe, eine Sehn⸗ ſucht, und als er die letzte Strophe: „Er lebt in den Häuſern der alten Zeit, Wo die Muſchel blitzt, wo der Bernſtein glüht, Unten die alte Herrlichkeit, Oben ein Fiſcherlied.“ geleſen und wiederholt hatte, ſprang er auf, warf das Buch zur Seite und rief: „Jetzt weiß ich, was mir die ganze Zeit gefehlt hatte!— Ich muß einmal wieder hinaus, auf die See, meine Seele weiten und dehnen an dem groß⸗ artigen Anblick des Meeres.“ Und er ging raſch in ſeinem Zimmer auf und ab, überlegend, wohin er heute gehen und wen er zu der Parthie einladen wolle.»Der Plan war ſo ſchnell gefaßt, als der Gedanke in ihm aufgeſtiegen. Seinen neuen Freund von geſtern Abend mußte er 52 nicht nur näher kennen lernen, ſondern es däuchte ihm auch gut und edel den Niedergebeugten zu zer⸗ ſtreuen und aufzurichten. Dabei ſtieg in Ferdi⸗ nand unwillkührlich auch wieder das Bild auf, welches er ſich dieſe Nacht von des Schauſpielers fleißiger Schweſter entworfen, und er mußte ſich ge⸗ ſtehen, daß er ſehr neugierig ſei, zu wiſſen, in wie weit ſich ſeine Phantaſie dabei von der Wahrheit entfernt. Die Löſung dieſes Wunſches aber ließ ſich, wie ihm däuchte, auf das Schönſte mit ſeinem Plane vereinen. Raſch eilte er zu ſeinem Schreibtiſche, nahm Feder und Papier und ſchrieb folgende Zeilen:* „Geſchätzter Freund!“ „Auf die Gefahr hin, für einen Egoiſten zu gelten, nehme ich heute in Beſchlag, was ſich mir kaum ge⸗ ſtern Liebenswürdiges gezeigt. Nämlich Sie ſelbſt.“ „Sie verſprachen mir Freund zu ſein und ich er⸗ bitte mir als erſte Probe unſeres jungen Bundes— falls es der Zuſtand Ihrer geſchätzten Gattin erlaubt — Ihre und die Geſellſchaft Ihrer Fräulein Schwe⸗ ſter zu einem kleinen Ausfluge nach Rützebüttel. Sie brauchen ſich nicht zu geniren, denn es wird außer uns Dreien Niemand an der Parthie Theil nehmen. Für Ihre ſo fleißige Schweſter wird dieſer Ausflug eine geſunde Erholung, für uns Gelegenheit ſein, uns näher einander anzuſchließen.“ 53 „Ich rechne mit um ſo größerer Sicherheit auf die Erfüllung meiner Bitte, als ich weiß, daß Sie heute von Geſchäften ganz frei ſind. Dem Ueber⸗ bringer die Antwort. Wir können uns dann zur Stunde der Abfahrt an dem Dampfſchiffe treffen.“ Mit herzlicher Ergebenheit Ihr Freund Ferdinand Wellen.“ Ferdinand ſchellte ſeinem Diener; da aber der⸗ ſelbe, gleich allen anderen Hausgenoſſen noch nicht auf den Beinen war und der junge Mann keine Geduld hatte länger zu warten, lief er ſelbſt nach dem Hauſe des Freundes, den eignen Brief auf irgend eine Weiſe hinein zu bringen. Das Leben war unterdeſſen in der großen Stadt mit einem Male in ſeiner ganzen Regſamkeit erwacht, und die kaum noch leeren Straßen wimmelten ſchon wieder von tauſend und abertauſend geſchäftig dahin⸗ eilenden Menſchen. Als ſich Wellen der Wohnung des Freundes näherte, flogen ſeine Blicke unwillkürlich nach jenem Fenſter, das er vor kaum fünf Stunden noch erleuchtet geſehen; jetzt war es geöffnet und eine weibliche Geſtalt war hinter demſelben, wie es ſchien, mit dem Reinigen des Zimmers, beſchäftigt. Fer⸗ dinand war ſich nichts Böſes bewußt und dennoch 54 erfaßte ihn plötzlich ein beängſtigendes Gefühl, eine Art Schaam. Sein Geſicht glühte und er ſcheute ſich weiter zu gehen. Wenn dies das gute Kind wäre, dachte Wellen bei ſich, die ich eben im Begriff ſtehe, mit ihrem Bru⸗ der ſchriftlich einzuladen, und ſie bemerkte mich jetzt, wie ich meinen eignen Brief bringe, würde ich mich nicht lächerlich machen?— Lächerlich!— das iſt die Stelle, an welcher wir Männer alle ſterblich ſind; lieber ſchuldig als lächerlich. Und er ſtellte ſich in den Gang eines nahen Hauſes, ſo daß man ihn nicht bemerken, er aber die Geſchäftige ſehen konnte. Jetzt wandte ſie ſich nach dem Fenſter, einen Vor⸗ legteppich ausſchüttelnd. Welch' allerliebſtes, kindlich⸗gutes Geſichtchen!— Wahrlich wenn dieſe Züge Unſchuld und Frömmig⸗ keit heuchelten, dann müßte die ganze Natur lügen. Und welche Jugendfriſche, welch' heiterer, froher, dan⸗ kender Blick. Keine Spur von kränkelnder Bläſſe, trotz dem anhaltenden Arbeiten; kein finſterer Zug, ungeachtet der drückenden Lage. Dankbarkeit, wo Andere gemurrt haben würden— fromme Ergebung, wo Tauſende verzweifelt wären. Und doch jene kindliche Koketterie dabei, die dem weiblichen Geſchlechte angeboren iſt, und ihm einen 55 ſo eigenthümlichen Reiz gibt. Wie ſchelmiſch die Au⸗ gen unter dem weißen Nachthäubchen hervorblinkten, das mit Sorgfalt unter dem Kinne gebunden war. Wie neckiſch ihr die zierliche Nachtjacke von hellblauem Kattun mit den kurzen Aermeln ſtand, welche die ſchöngeformten, runden Arme ſehen ließen; wie rein⸗ lich das weiße, faltige Unterkleid. Ferdinand kam faſt täglich in die erſten Zirkel der Stadt; er war daher gewohnt die ſchönſten und geſchmackvollſten Toiletten zu ſehen,— Ferdinand war Hamburger, reich und vierundzwanzig Jahre alt, alſo auch mit dem Kultus der Pande⸗ mos vertraut und kein Neuling in Beurtheilung weiblicher Schönheiten. Aber das mußte er ſich hier geſtehen,— ſo ſüß, ſo lockend und doch ſo heilig,— ſo kindlich zugleich und doch ſo fromm erhaben, hatte ihm bis jetzt kein Mädchen gedünkt. Was waren die geſuchteſten Toiletten gegen dies Negligée; die fein⸗ ſten Manieren gegen dieſe natürliche Anmuth. Wellen hatte den Zweck ſeines Ganges rein vergeſſen und er würde hier den ganzen Morgen ſtehen geblieben ſein und angeſchaut haben, wenn nicht die Liebliche ſelbſt bald verſchwunden wäre. Jetzt erſt dachte er wieder an ſeinen Brief; aber wie mächtig war unterdeſſen das Intereſſe an deſſen In⸗ 56 halt geſtiegen. Er bangte faſt, als er ihn einem al— ten, ſchmutzigen Weibe im Hauſe zur Beſtellung ab⸗ gab, und ſein Herz hüpfte vor Freude, wenn er der Hoffnung gedachte: einen ganzen Tag an der Seite jenes lieben Kindes hinbringen zu dürfen. Seine Einbildungskraft war im höchſten Grade erregt. Er malte ſich die Kleine in einem einfachen, geſchmack⸗ vollen Anzuge; er ſaß auf einem ſchwankenden Fiſcher⸗ kahne neben dem Bruder und ihr, er fühlte wie das Schaukeln der Wellen ſie ſanft und leiſe an ihn preßte, er hörte ihre Stimme, trank durſtig ihre Blicke; er ſchloß mit Bruder und Schweſter einen heiligen Freundſchaftsbund und alle Götter des Olym⸗ pes ſtiegen herab, den Tag dieſes ſchönen Seelen⸗ bündniſſes würdig auszuſchmücken und zu feiern. So kam er nach Hauſe und fand zu ſeinem Er⸗ ſtaunen, daß ihn die Frau Mutter— gegen alle Gewohnheit— ſchon erwarte. Es mußte etwas Wichtiges ſein, das dieſelbe ſo früh aus den Federn trieb; denn der Hausordnung nach ſtand die Frau Hofräthin gewöhnlich erſt um zehn Uhr auf, und zeigte ſich faſt nie vor Eilfe, der Zeit des Früh⸗ ſtückens. Ehe wir nun aber mit Ferdinand in das mo⸗ ſchusduftende Zimmer ſeiner Mutter treten, einige — .— 0 5 Worte über deſſen Erziehung und das Verhältniß, in welchem er zu ſeinen Eltern ſtand. Ferdinand war das einzige Kind des Wel⸗ len'ſchen Ehepaares. Sein Vater, einer jener trocknen Actenmenſchen ohne Gefühl und Herz, hatte ſich nie um die Erziehung ſeines Sohnes weiter be⸗ fümmert, als daß er das erforderliche Geld dazu brummend hergegeben. Der Hofrath war Juriſt, und zwar ein tüchtiger, aber auch ein eingefleiſchter. Die Jurisprudentia war ſeine Göttin, und er ſtrei⸗ chelte von jeher den ſchweinsledernen Einband ſeines Corpus juris lieber, als die friſchen Wangen ſeines Kindes. Von einer Neigung des Kindes zu dem Vater konnte daher eben ſo wenig die Rede ſein, als eine ſolche umgekehrt beſtand, und die ganze Liebe des Sohnes, ſo wie deſſen Erziehung, fiel in natürlicher Folge der Mutter anheim. Damit aber war das Ur⸗ theil über den angehenden Menſchen geſprochen, der wahrlich in keine ſchlimmere Hände hätte fallen können. Die Hofräthin war zwar ihrem Sohne eine lie⸗ bende Mutter,— aber eine ſolche, von welchen Gellert in dem Gedichte:„die Affen und die Bären“ ſang: 58 „Hier fängt ſie zärtlich an zu weinen, Nimmt eins von ihren lieben Kleinen, Das ſie ſo lang und herzlich an ſich drückt, Bis ihr geliebtes Kind erſtickt.“ Aus lauter Liebe verdarb ſie den Sohn, indem ſie ihm jeden Willen ließ. Dies würde indeſſen weniger zu ſagen gehabt haben, da Ferdinand ſchon als Knabe einen kräf⸗ tigen Geiſt entwickelte, der ſich unſtreitig ſeine Bahn gebrochen hätte; wenn nicht der Charakter und die Geiſtesrichtung der Mutter den jungen Mann irr⸗ geleitet und völlig unpraktiſch gemacht. Wie konnte auch dies ſelbſtſüchtige Weib, deſſen höchſtes Streben ein genußreiches Leben war, das auf der einen Seite Herrſchſucht gegen den Gatten, auf der andern eine unbegrenzte Schwäche gegen den Sohn, im Aeußeren Eitelkeit und im Tiefinnerſten Bosheit verrieth— wie konnte ein Weib, deſſen Glau⸗ ben und Denken nicht über den Putztiſch, ſeine kleine Intriguen und die Vergnügungen des Tages reich⸗ ten— einen Geiſt lenken und richtig leiten, der dem ihren ſo weit überlegen war? Bald fühlte dies die Mutter, und überglücklich über die trefflichen Anlagen des Sohnes, ſtieg die Vergötterung nur noch, mit welcher ſie denſelben liebte un len lich hei und behandelte; ſie erkannte in ihm ein großes Ta⸗ lent— ein Genie— und beging in ihrer mütter⸗ lichen Freude und Schwäche die unverzeihliche Thor⸗ heit, dieſe Ueberzeugung in dem aufkeimenden Jüng⸗ ling zu befeſtigen. Von nun an wurden Lehrer auf Lehrer gehalten, verſteht ſich von ſelbſt nur in Fächern, die einem Genie Nahrung geben konnten— oder dem Söhnchen behagten;— Rützliches hatte ohnedem der Erbe des reichen Hofrath Wellen nicht nöthig zu lernen— und endlich legte das Theater und die große Welt noch die letzte bildende Hand an den hoffnungsreichen Jüngling. Aller dieſer Mißgriffe ungeachtet, war aber den⸗ noch aus Ferdinand ein guter Menſch, wenn auch ein ſchwankender Charakter geworden. Die Natur hielt dem Einfluß ſeiner Mutter wenigſtens hie und da die Stange. Er gehörte zu jenen, wie Meteore auftauchenden, lichteren Seelen, die zwar von den edelſten Beziehungen der Menſchen zu einander wa⸗ ren und innig ergriffen werden,— ſich aber auch eben ſo leicht von ihren eitelen Beſtrebungen beherrſchen laſſen; die gutmüthig aber ſchwach ſind und einen gefälligen, auf philoſophiſch klingende Vertheidigungen geſtützten Leichtſinn— für Genialität nehmen. — Ferdinand wußte nicht anders: als er ſei reich! beſonders da dies der ewige Refrain ſeiner Mutter war, die kein größeres Verdienſt als Reichthum kannte. Es war ihm ferner eingeprägt worden: er ſei ein Genie— was war alſo natürlicher, als daß ſeine poetiſche Natur, ſobald erſt ſein Geiſt klar geworden und er die Strebungen des Lebens erfaßt und ver⸗ ſtanden, ſich jubelnd in den Strom der Zeitrichtung ſtürzte, und— ein jugendkräftiger Schwimmer,— unbekümmert um die nackten Ufer der Trivialität, nach dem Ziele ſtrebte, das wie ihm däuchte, ſeinem erleuchteten Geiſte geſetzt ſei. Schön und verführeriſch war ja der Wahn! und kein Freund war noch zu dem Jünglinge getreten, ihn warnend vor zu ſchwindelndem Fluge, mit dem er, ein zweiter Ikarus, der Sonne der Genialität all zu kühn entgegen ſtrebte. So ſtand es jetzt mit Ferdinand Wellen, der übrigens Vieles oberflächlich wußte, und den alle Welt ſeiner Offenheit und Gutmüthigkeit wegen liebte und ſchätzte. Freunde hatte er in Unzahl; denn er war„cin nobler, ſplendider Junge!“— und wenn ſich auch viele derſelben oft heimlich über ſeine Freigiebig⸗ keit luſtig machten und ihn ſpottweiſe„den Pro⸗ 4 — 5 „— — tektor der Künſte“ nannten, ſo ſchlugen ſie es doch nie aus, ſich von ihm bewirthen zu laſſen. In ſeinem Inneren hatte Ferdinand freilich noch kei⸗ nen feſten Halt gewonnen, da er eigentlich ſelbſt nicht klar wußte, was er wolle und wohin er ſtrebe. Ge⸗ liebelt hatte er bereits viel; von einer wahren Liebe aber ſchienen gerade eben jetzt die erſten Strahlen in ſein Herz gefallen zu m Noch war ſeine Seele mit den letzt empfangenen Eindrücken beſchäftigt, als er in das Gemach ſeiner Mutter trat. Die Hofräthin war eine Frau von achtundvierzig Jahren, aber gut conſervirt und noch immer hübſch zu nennen; wobei ihr vor allen Dingen ein ſchöner Wuchs und ein angenehmer Embonpoint zu ſtatten kam. Den Putztiſch durfte man freilich nicht unter⸗ ſuchen; denn auf dieſem, der Göttin der ewigen Ju⸗ gend errichteten Altare, lagen in kryſtallnen Opfer⸗ ſchaalen gar manche Dinge, die eine Dame nicht gerne ſehen läßt, als: falſche Locken, künſtliche Zöpfe, herrliche Zähne, zauberiſches Roth und andere Uten⸗ ſilien der Toilette, die zu verrathen das Zartgefühl verbietet. Jetzt lag ſie, in einen koſtbaren Morgenanzug gehüllt, nachläſſig hingeſtreckt auf dem Divan. Die 62 fenen Augen, das matte Niederſinken des Hauptes auf die ſtützende Hand,— contraſtirten auffallend mit den rothen Wangen und der leicht bemerkbaren Sorgfältigkeit, mit welcher Anzug, Lage und Bewe⸗ gungen geordnet waren. Schärfer aber noch trat der Abſtand zwiſchen den beiden Gatten ſelbſt hervor. Während die Hof⸗ räthin, gleich einer Sultanin, auf den weichen Pol⸗ ſtern thronte, ſtand die dürre, trockne Geſtalt ihres Mannes in einer nahen Fenſterniſche, den ſtrengen Zügen mit komiſchem Ernſte einen Anflug von Be⸗ haglichkeit aufzwingend. Man ſah es dem Juriſten auf den erſten Blick an, daß er lieber die Vertheidigung des ärgſten Ver⸗ brechers vor dem Hochnothpeinlichen Halsgerichte, als die ſeinige vor ſeiner Gattin geführt hätte. Hier halfen weder Vernunftgründe, noch die ſchlagendſten juriſtiſchen Citate; denn erſtens ließ ihn die theuere Chehälfte ſelten zu Wort kommen; zweitens bekam ſie, ſobald er mit Vernunftgründen und Schlüſſen heranrückte, Migräne; und drittens war alles Streiten ja doch umſonſt, da die Hofräthin, nach Art vieler Damen, wenn ſich ihr Gegenpart auch in unumſtöß⸗ lich⸗überzeugenden Beweiſen ſeines Rechtes erſchöpft angegriffene Miene, die, wie von Leiden halbgeſchloſ⸗ hatte— immer wieder auf ihre alte Meinung zu⸗ rückkam. Der Hofrath war ein aufgeklärter Mann; dem⸗ ohnerachtet glaubte er in ſolchen Stunden an die Sage von dem Disputirteufel, den Luther, bei ſeiner Disputation mit Eck, in einem Ringe bei ſich ge⸗ tragen haben ſoll; ja er war ſogar moraliſch über⸗ zeugt, daß dieſer dämoniſche Ring, durch irgend eine Veranlaſſung in ſeine Familie gekommen und nun Eigenthum ſeiner Frau geworden ſei. Hätte er als Juriſt keine ſo entſetzliche Scheu vor dem Stehlen gehabt, wären die Hände der Hofräthin längſt ring⸗ los geworden. Auch heute waren, wahrſcheinlich von jenem böſen Geiſte erregt, verſchiedene eheliche Stürme über das graue Haupt des Hofraths hingefahren; da er— freilich mit zagendem Herzen und nur verblümt,— ſeine Gattin von weitem darauf aufmerkſam gemacht, daß ihre grenzenloſe Verſchwendung ihr Vermögen gänzlich untergrabe. Glücklicherweiſe hatte diesmal aber der gute Mann eine Zauberformel zur Beſchwö⸗ rung des Ungewitters gefunden, nämlich die Nach⸗ richt von der projektirten Heirath des Sohnes mit der Tochter eines der reichſten Großhändler Hamburgs, die außerdem dadurch Gewicht bekam, daß der Kon⸗ trakt bereits mit dem alten Herrn abgeſchloſſen war⸗ — Freilich ärgerte ſich die Hofräthin anfangs darüber, daß dieſer Plan ohne ſie und hinter ihrem Rücken geſchmiedet worden ſei, und hielt dem Gatten eine lange und nicht leidenſchaftloſe Gardinenpredigt, über dies heimtückiſche und voreilige Handeln der Männer bei ſolchen Gelegenheiten. Nach und nach ſöhnte ſie ſich aber doch mit dem Gedanken aus, da die Parthie ihren Anforderungen ganz entſprach, und ſie nichts ſehnlicher wünſchte, als ihren vielgeliebten Sohn gut — das heißt an ein reiches Mädchen— verheirathet zu ſehen. Um ſich einigermaßen für ihre Paſſivität bei dem Abſchließen des Handels,— war doch die Ueberein⸗ kunft der beiden Väter kaum etwas anderes— zu entſchädigen, hatte ſich die Hofräthin vorbehalten, die glückliche Botſchaft dem Sohne ſelbſt zu eröffnen; fiel doch dann wenigſtens die Glorie des Unterneh— mens auf ſie zurück; konnte ſie ſich dabei doch das Anſehen geben, als wäre ſie die Stifterin des über⸗ ſchwenglichen Glücks, das in Geſtalt einer reichen Braut ihrem Herzblatt um den Hals fallen ſollte. Als daher Ferdinand eintrat, winkte ſie ihn zärtlich zu ſich heran, und bat ihn auf einem Ta⸗ bourette an ihrer Seite Platz zu nehmen. Als dies geſchehen, leitete ſie die Eröffnung mit einer weit⸗ — läufigen Auseinanderſetzung und Würdigung ihrer unbegrenzten Mutterliebe ein, die unausgeſetzt Alles aufbiete, ihn glücklich zu machen. Dann ging ſie— immer ohne die geringſte Notiz von ihrem Manne nehmend— auf die Erläuterung deſſen über, was ſie unter Glück verſtehe, nämlich einfach den Reich⸗ thum, da dieſer der goldne Schlüſſel zu allen ordent⸗ lichen Vergnügungen, zu der Ehre und einem behag⸗ lichen Leben ſei. So ſehr aber Ferdinand an ſeiner Mutter hing, ſo wenig durfte er,— wollte er in ihren und ſeinen Augen nicht den Ruf eines Genie's verlieren — dieſen materiellen Grundſätzen huldigen. Er folgte in der That aber auch nur ſeiner innerſten Ueber⸗ zeugung, wenn er auf das entſchiedenſte den Reich⸗ thum als die alleinige Quelle des Glücks zurückwies und— daſſelbe vielmehr in wahrer Liebe und Gegen⸗ liebe, in der Ehre, in dem, mit Erfolg gekrönten Streben nach Größe und Ruhm ſuchte. Ferdinand ſprach, von aufrichtiger Begeiſterung für dieſe Ideale der Jugend getrieben, mit ſolchem Feuer, mit ſolcher hinreißenden Beredſamkeit, daß die Mutter,— nicht bedenkend wie er ja gerade ihren Anſichten und Wünſchen entgegenſtrebe,— Migräne und Heirathsplan auf Minuten aus der Erinnerung 5 66 verlor und im Entzücken über den genialen Sohn, dicke Thränen der Freude und der Rührung vergoß. Für den Vater aber waren dieſe idealiſtiſchen Le⸗ bensanſichten, was aufgelöſtes quasia excelsa für die Mücken iſt,— nämlich Gift. Auch wirkten ſie auf gleiche Weiſe, indem er ordentlich Leibkrümmen davon bekam und,— in ſeiner Verzweiflung alle ehlichen Gewitterſtürme nicht achtend— auf das hef⸗ tigſte gegen dieſe unſinnige, unpraktiſche Richtung losbrach, die jeden Menſchen unglücklich machen müſſe. Er frug, wohin denn eigentlich dies verſchwommene Weſen, wohin dieſe hochfliegenden Gefühle die Welt führen ſollten, wenn Jeder ſo dächte?— er wünſchte zu wiſſen, ob Ferdinand ſich und ſeine Familie einſt mit Liebe, Ehre und Größe ernähren wolle? ja er ging— da er nun doch einmal den fürchter⸗ lichſten Zorn ſeiner Gattin beſchworen— ſo weit, gerade heraus zu erflären: er ſei durch dieſe verfluchte Ueberſpanntheit ruinirt, und wenn ihm die projektirte Heirath— aus der ohnedem nichts würde, wenn Ferdinand ſich nicht zum Kaufmannſtande ent⸗ ſchlöſſe— nicht auf die Beine hülfe, er ſich nur hin⸗ ſetzen und ſich ſelber das decretum de aperiendo concursu ſchreiben könne. Die Hofräthin war unter ihrer Schminke blaß 67 wie der Tod geworden; ihre Blicke ſchoſſen wie giftige Pfeile nach dem Unglücklichen, der ſeit einer langen Reihe von Jahren nicht mit ſolcher unverzeihlichen Kühnheit gegen ſie und ihren Schützling aufzutreten gewagt hatte. Kaum vermochte ſie, in Rückſicht auf ihren Sohn, ihren Jorn zu bändigen, die Verachtung zurückzu⸗ halten, welche ihr die niedere Denkungsweiſe des Ak⸗ tenmannes eingeſtößt. Mit einem Blicke, welcher dem Hofrath ankündigte, daß ſich das Donnerwetter nicht verzogen habe, ſondern nur auf die ſchickliche Zeit warte über ihn loszubrechen, wandte ſie ſich darauf zu dem erſtaunten Sohne und ſagte ſpöttelnd: „Dein Vater ſcheint von ſeinem geſtrigen Schwär⸗ men noch etwas aufgeregt zu ſein, da er in meiner Gegenwart aller Schicklichkeit vergißt; auch mußt Du dem Juriſten den Eifer für ein Brodſtudium ver⸗ zeihen; der Aktenſtaub legt ſich gern zu ſchwer auf die Flügelchen des Menſchengeiſtes, und hindert ihn an einem Aufſchwung in die Regionen, in welchen ſich das lichte Genie bewegt. Aber ich, mein Kind, verſtehe Dich, faſſe ganz Dein hohes Streben und theile Deine Anſichten von Glück; nur wirſt Du mir zugeſtehen müſſen, daß bei allem dem, Reichthum eine ſchöne Gabe iſt.“ ———— 68 „Dagegen habe ich nichts“— entgegnete Fer⸗ dinand.„Es würde mir ſogar ſchmerzlich ſein, wenn ich ihn entbehren ſollte; aber ich kann mir mich auch arm glücklich denken.“ Und die Gedanken des jungen Mannes verfolgten in dieſem Augenblicke ein ihm liebgewordenes Bild mit doppeltem Intereſſe und knüpften ſonderbare Fol⸗ gerungen daran. Aber die beſorgte Mutter, wel as träumeriſche Sinnen des Sohnes für Angſt überſ den eben an⸗ gedeuteten ſchlechten Stand des älterlithen Vermögens anſah, ſuchte Ferdinand zu tröſten, indem ſie ihm mit einem Male ſein nahes Glück verkündete, und ihn dabei ganz unverhohlen merken ließ, ſie habe die Werbung betrieben. Ferdinand war überraſcht. An's Heirathen hatte er bis heute um ſo weniger gedacht, als ihm die Ehe noch immer wie ein unter Gold und Blumen verſtecktes Joch vorgekommen; ja im älterlichen Hauſe waren ſogar die Blumen, die es vielleicht auch anfangs geziert, welk abgefallen, und die Vergoldung mußte ſchlecht geweſen ſein, da er von jeher nur eine recht drückende, häßliche Eiſenkette bemerkt. Außerdem aber fürchtete er auch, Freund Hymen möge die Schwingen ſeiner Pſyche zerknicken, und ihn von dem großartigen „ 69 kosmopolitiſchen Streben, welches er ſich zur Aufgabe gemacht, in die nüchternen Schranken eines philiſtrö⸗ ſen Hausweſens zurückdrängen. NMit einem Male trat das beinah vergeſſene Bild der Spanierin vor ſeine Seele, und alles was ſie über Ehe und Liebe geſagt, ſchien ihm nun doppelt wahr. Sollte er ſeine Freiheit, ſein hohes, ſein Le⸗ bensglück ſchon ſo jung dem Mammon opfern? und wer ſollte ihm dies Opfer erſetzen? ein allerdings nicht häßliches Mädchen— aber eine jener vorneh⸗ men Damen, die mit einem Anfluge von Bildung— Geiſtesbeſchränktheit und einen unerträglichen Stolz, mit Koketterie— Herzloſigkeit, mit nie endenden Prätenſionen— Unduldſamkeit verbinden, und die von der Muttermilch an den Grundſatz eingeſogen haben: Nichts auf Erden zu achten, als eben das Geld. Ferdinand überſchaute dies Alles mit klarem Blick. Einem Schwanken aber war er durch die Aeuß⸗ rung ſeines Vaters: daß die Heirath nur dann Statt haben könne, wenn er ſich entſchlöſſe, Kaufmann zu werden— enthoben. Außerdem neigten ſich Herz und Sinn nach dem Bilde, welches er kaum eben in ſeine Seele aufgenommen. Mit jenem Kinde der Natur und ihrem Bruder wollte er ein Freundſchaftsbündniß ſchließen, das, ohne den Zwang der abgeſchmackten Convenienzen, alle drei zu dem Genuß des höchſten p Lebensglück führen ſollte. Er erklärte ſich daher auf das Entſchiedenſte: daß er vor der Hand noch ledig und ungebunden bleiben wolle, ſpottete über des Vaters Zumuthung: die ſchönen Schätze ſeines Wiſſens, ſeine großen, freiſin⸗ nigen Ideen hinter einem Comptoirpulte zu vergraben, und redete die Hofräthin ſo gewaltig in die Be⸗ geiſterung hinein, daß dieſelbe, ehe ſie ſich es verſah, ihren Standpunkt ganz geändert hatte, und nun ihrem Sohne Recht gebend, ſelbſt über den Gatten herfiel, (ſie konnte den Aerger über den ohne ihr Mitwiſſen geſchloſſenen Plan ohnedem nicht überwinden) und deſſen Eigennutz und Gefühlloſigkeit, deſſen nüchtern⸗ praktiſches Weſen und deſſen Despotismus gegen ſein Kind, auf das Unbarmherzigſte geiſſelte. Der alte Juriſt hatte gut geſticuliren, zum Reden kam er nicht, und wenn er auch in aller Gelaſſenheit mit den Worten:„Vernunft!“—„Zerrüttung des Vermögens“—„Bedenket die Lage der Dinge“.. u. ſ. w. anhob, ſo erſtickte der Redeſtrom der Gattin ſeine Stimme und er konnte nur ſchweigen und ſeuf⸗ zen. Da aber die Hofräthin gar nicht zu Ende kam, und immer wieder anfing; man muͤſſe einem Genie ————— 6 3 71 nicht aus kleinlichen Rückſichten in den Weg treten, es würde ſich ſchon ſelber ſeine Bahn brechen; kleine Seelen vermöchten große nicht zu beurtheilen; Ge⸗ ſchäftsmänner verſtünden nichts vom Freien, da die Fühlhörner ihrer ausgetrockneten Seele nur nach Geldſäcken und Aktenſtößen taſteten— riß endlich dem Geduldigen die Geduld; er packte auf, lief, in reiner Verzweiflung, aus dem Zimmer ſeiner plädi⸗ renden Ehehälfte, ſtürzte auf das ſeine, ſchloß ſich ein und vergrub ſich unter Bergen ſtaubiger Papiere. Ferdinand hatte dieſe Flucht nach Egypten mit Sehnſucht erwartet, da auch er weg wollte, um nach⸗ zufragen, ob noch keine Antwort von dem Freunde gekommen ſei. Vorerſt mußte Frau Mamma mit neuen Geldzuſchüſſen herausrücken, da die Kaſſe des Sohnes durch deſſen Freigiebigkeit am vorhergehenden Abend faſt erſchöpft worden war, und die heutige Parthie bedeutende Ausgaben veranlaſſen mußte. Die Hofräthin äußerte, indem ſie nichts deſtowe⸗ niger den hoffnungsvollen Sohn mit wohlgefälligem Lächeln anblickte, ihre Verwunderung über die ſchnelle Ebbe in dem Geldbeutel Ferdinands, ſorgte aber zugleich für eine entſprechende Fluth, und entließ endlich den Sohn unter Umarmungen und Küſſen und mit der Tröſtung: ſie ſelbſt wolle ſich nun für eine paſſende Parthie für ihn umſehen. 2 Als Ferdinand auf ſein Zimmer kam, traf er auch ſchon eine Antwort auf ſein Billetchen von heute früh. Sie lautet: „Hochgeſchätzter Herr!“ „Ueberraſcht durch Ihre freundlichen Zeilen die mir wieder auf's Neue Ihr wohlwollendes Herz be⸗ urkunden, kann ich wohl nicht anders als Ihre Ein⸗ ladung annehmen. Ich darf dies um ſo mehr, als meine Frau,— Dank ſei es der Freude, die ihr Ihre Güte bereitet,— ſich beſſer befindet.“ „Meine gute Schweſter muß indeſſen auf dies Vergnügen verzichten, da ſie die kleine Haushaltung, ſo wie die Leidende überwacht und ſich von beiden nicht trennen könnte, ohne beſtändig in der größten Angſt zu ſchweben. Die heutige Entbehrung wird ihr übrigens der Moment reichlich erſetzen, in welchem ſie Gelegenheit findet, Ihnen, als dem großmüthigen Wohlthäter ihrer Lieben, ſo recht aus vollem Herzen danken zu können. Geben Sie der Guten dazu bald Gelegenheit, und genehmigen Sie bis dahin, daß ſie ſich Ihrem Wohlwollen empfohlen hält.“ „Ihrem Wunſche gemäß harre ich an dem Dampfſchiffe.“ Mit aufrichtiger Hochachtung Ihr ergebener Karl Werdendorff.“ 73 Ferdinand warf den Brief ärgerlich auf die Seite. Nicht als ob ſeine Freundſchaft gegen den jungen Schauſpieler Heuchelei geweſen wäre,— nicht als ob er nun mit Widerwillen an den Ausflug ge⸗ dacht hätte;— ſondern weil das erwähnte Schooß⸗ tind des Glücks ein Fehlſchlagen ſeiner Wünſche, ſei⸗ ner, ſo lieblich ausgemalten Hoffnungen, nicht er⸗ tragen konnte. Brannte er doch vor Begierde, mit jenem lieben Weſen eine Freundſchaft in dem hohen Sinne zu ſchließen, in welchem die geiſtreiche Spanierin ſie bei Frauen aufgefaßt haben wollte. Miſchte ſich doch nicht die leiſeſte unreine Idee in dieſen Wunſch; fühlte er doch in ſeinem Innerſten einen gewaltigen Drang das Glück jenes Mädchens zu gründen, ihr Schickſal an das ſeine zu knüpfen. Und heute hatte „er, wie er es bei wichtigen Dingen zu thun liebte, mitten in der Natur im Angeſichte des imponirenden Meeres, umweht von der Größe und der Allmacht des Ewigen, den Grund legen wollen zu einem ſo ſchönen und dreifachen Bunde— und jetzt lagen alle dieſe Hoffnungen zertrümmert zu ſeinen Füßen. Es bedurfte einiger Zeit bis er ſich zu faſſen und wiederzufinden im Stande war und einſah, daß ge⸗ rade dieſe Weigerung des Mädchens ihm den Lilien⸗ 74 duft neuer Tugenden zuſandte. Schien ſie außerdem doch ſelbſt ſeine nähere Bekanntſchaft zu wünſchen, und bedurfte es zu einer Annäherung an ſie, nicht vor allen Dingen des unumſchränkten Vertrauens und der feſteren Freundſchaft ihres Bruders?— Ferdinand ſtreifte daher gewaltſam das unange⸗ nehme Gefühl ab, welches der vereitelte Wunſch in ihm erzeugt, und eilte, ſeine Blicke voll Hoffnung der nächſten Zukunft entgegenrichtend, dem Freunde nach dem Baumhauſe entgegen. Als Beide auf dem Verdeck des Dampfſchiffes ſtan⸗ den, welches von Paſſagieren wimmelte, gewahrte Wellen zu ſeinem Entſetzen dicht an ſeiner Seite den Menſchen, den er von allen Sterblichen am mei— ſten verachtete: den Erkaufmann Heylig. Ferdi⸗ nand erſchrack und wollte ſich ſo ſchnell als möglich aus deſſen Nähe entfernen, um von demſelben unbemerkt zu bleiben. Siehe da wandte einer von jenen ver⸗ hängnißvollen kleinen Zufällen,— die man oft ge⸗ neigt iſt, als Neckereien tückiſcher Geiſter anzunehmen, und die im Leben oft die ſchönſten Freudenblumen in dem Augenblicke zerknicken, in welchen wir uns zu denſelben niederbücken,— das fleiſchige, nichts ſagende Geſicht des alten Gecken um, und richtete ſo Hey⸗ lig's Blicke gerade nach den beiden Freunden. au eit 75 Das Mode⸗Journal lachte ſo recht albern-freundlich auf, eilte dem Sohne des Hofraths mit ungewöhn⸗ licher Artigkeit entgegen und überhäufte ihn mit einer ſolchen Maſſe zudringlicher Höflichkeiten, daß ſich Ferdinand, der gar nicht begreifen konnte, woher ſich dieſe Gunſt und Neigung datire, kaum zu helfen wußte. Dabei wich jenes albern⸗pfiffige Lächeln keine Minute aus dem platten Geſichte, und brachte Wellen, durch den Ausdruck der Dummheit, den es hervorrief, faſt zur Verzweiflung. „Wollen auch eine Reiſe machen? Petit tour de voyage?“ rief der Wormſer ſo laut er konnte, damit Jedermann höre, er ſpreche franzöſiſch.„Haben recht, mein Herr!— Rien de plus superbe.— Reiſen bildet den Menſchen und Sie ſind ja ein Mann, der es kann. Müſſen mal Italien ſehen— ich war in Italien!— o Rom!— herrlich, köſtlich!— Ita⸗ lienerinnen!— Grand dieu fasse!— und doch iſt Rom nichts gegen London. Ein Leben,— ein comfortables Leben ſag' ich Ihnen! Nur ein bischen langweilig Ueber Alles aber geht Paris. In Paris habe ich ein ganzes Jahr zugebracht. Trage ſeit der Zeit gar keine anderen Kleider als Pariſer mehr. Nicht wahr die ſitzen anders als die Hamburger? Voyez!“ Dabei drehte ſich das Mode⸗Journal mit ſtolzzu⸗ friedenem Lächeln wie ein Perückenkopf langſam um und um; Ferdinand aber brannte das Geſicht vor Scham und Aerger, daß ein ſolcher Wicht ihm die ſchönen Morgenſtunden rauben durfte. So kalt und kurz er ſich aber gegen Heylig benahm, dieſer merkte es nicht; er fuhr in dem angefangenen Tone fort, und zeigte in ſeinem anmaßlichen Urtheile und den vielen Verkehrtheiten, die er zu Tage förderte, wie wenig oder vielmehr wie gar nicht gebildet er ſei. Endlich unterbrach er ſich ſelbſt, und plötzlich im Ge⸗ ſpräche überſpringend, rief er, als würde ihm das Herz frei! „Savez-vous quelque chose de nouveau?“ „Ich habe lange nichts Neues und nichts Ver⸗ nünftiges gehört!“— entgegnete, mit kaum ver⸗ biſſenem Zorne und beſonderer Betonung Ferdinand, der faſt verzweifelte, da alle ſeine Bemühungen, ſich von dem Verachteten loszumachen, mißglückten. „Comment!— Wirklich?— vous ne snvez pas ce que l'on dit de vous dans toute la ville?“ fuhr der Schwätzer freudeſtrahlend fort. „Von mir?“ wiederholte Ferdinand.„Was kann man von mir ſagen?“ „Je, mein Gott, ſtellen Sie ſich doch nicht ſo!“ ſa me — — ſagte Heylig, und drohte unter ſeinem pfiffig⸗dum⸗ men Lächeln mit dem Finger.—„Vraiment! Es iſt kein Geheimniß mehr. Aber Sie ſind ein Fuchs, Sie haben gut gewählt! Zweimalhundert Tauſend Mark und ein Gut!— Que le diable vous em- porte! das iſt ein ſchöner Fang!“ Jetzt erſt verſtand Wellen den Wormſer und konnte ſich die entſetzliche Artigkeit erklären, mit wel⸗ cher dieſer ihn peinigte.„Sie irren!“— rief er da⸗ her, froh, die unglückliche Täuſchung zerſtören zu kön⸗ nen.—„Mit jener Heirath iſt es nichts. Ich bleibe ledig.“ „Sie ſcherzen!“ ſtammelte Heylig. „Durchaus nicht!“— entgegnete Wellen ernſt. „Und die Zweimalhundert Tauſend Mark?“ „Mag ein Anderer verdienen.“ „Aber Ihr Vater, grand dieu!— das Verſpre⸗ chen das er mir gab?“— rief das Mode⸗Journal blaß vor Schrecken. „Wenn Ihnen mein Vater etwas verſprochen hat, wird er es Ihnen auch halten!“ erwiederte mit einem finſteren Blick Ferdinand. „Das wird er nicht können, er ſagte mir ſelbſt, daß ſein fortune.4 78 Hier trat Wellen raſch an den Schwätzer heran, faßte ihn feſt am Arm und ſagte ihm leiſe: „Bedenken Sie, wo Sie ſind, und ſtellen Sie den Ruf eines ordentlichen Mannes nicht durch Jhe al⸗ bernes Geſchwätz bloß. Wenn Sie, wie mir faſt ſcheint, Etwas an meinen Vater zu fordern haben, ſo können Sie ruhig ſein. Ich habe noch ein Bank⸗ folio als Erbſchaft meines verſtorbenen Oheim, und werde, falls er nöthig ſein ſollte, damit decken.“ „Vous?“ frug mit ganz verändertem Tone Hey⸗ lig ſpöttelnd. „Ja, ich!— Sie werden wohl nicht daran zweifeln!“ „Und was bleibt alsdann Ihnen?“ fuhr das Journal frech fort. „Das was Sie nicht haben!“ entgegnete ſtolz Ferdinand—„Verſtand.“ Mit dieſen Worten warf Wellen einen verach⸗ tenden Blick auf den alten Gecken, wandte ſich um, und ließ das pecus mit offnem Munde ſtehen. Als ſich Heylig erholt, ging er nach der Kajüte und ſuchte durch Dry Madera, ſein Lieblingsgetränk, die Schmach zu vergeſſen, die er, durch die zuvorkom⸗ auf ſich geladen zu haben glaubte. mende Hflichkeit gegen einen unbemittelten Menſchen, 1 6 70 Auf Ferdinand hatte dieſe Zwiſchenſcene nur um ſo günſtiger gewirkt, als er ſich von nun an auf immer von Heylig's Zudringlichkeit befreit wußte. Mit der glücklichen Gewandigkeit eines leichten Sinnes ſchüttelte er Aerger und Sorge von ſich ab, und warf ſich der heiterſten Luſt in die Arme. Ein treffliches Frühſtück und einige Flaſchen Bordeaur gaben dem Körper neue Spannkraft, und die Anſicht Ritzebüt⸗ tels weckte alle die Träume von einer idealen Freund⸗ ſchaft, deren Grundſtein er hier zu legen gedachte, wieder in ſeiner Seele. Bald ſtand eine allerliebſte Jölle mit rüſtigen Schiffern bereit, die Freunde ſtiegen ein, und ein friſcher Wind trieb das leichte Fahrzeug der hohen See zu. Ferdinand und Karl ſaßen lange ſchweigend nebeneinander. Der Anblick des Meeres hat etwas Uebergroßes, das die Seele zugleich beengt und doch auch wieder erhebt. Dieſe unendliche Waſſermaſſe, dieſe Weite, dieſe Ferne, imponiren den Geiſt, und die Sammlung der Sinne, denen ſich nur ein ſchauer⸗ liches Einerlei darbietet, gebiert eine Subjectivität, die den Menſchen zur ſtillen Betrachtung ſeiner ſelbſt und zur Anbetung Gottes führt. Aber wie dem Sterblichen, mitten auf dem un⸗ —— 80 ſicheren, treuloſen Elemente, tauſend Gefahren drohen, ſchließt er ſich enger an die Wenigen ſeines Gleichen an, die ihm zur Seite ſtehen und mit ihm eben dieſe Gefahren, die gleiche Noth, die gleiche Freude zu tra⸗ gen haben. Auch die beiden jungen Männer fühlten ihre Neigung, ihr gegenſeitiges Vertrauen wachſen, und ſprachen dieſe Gefühle ſchweigend durch einen Druck der Hand aus. Ferdinand's Buſen zumal bewegte ein ſo ſüßes Verlangen: Karl ſeinen Bruder nennen zu dürfen; er fühlte ſich ſo mächtig zu dem ernſten, ſchwermüthi⸗ gen Freunde hingezogen; er liebte den Bruder jenes anſpruchsloſen Mädchens ſo innig, daß er mit feuch⸗ ten Augen in den blauen Himmel blickte, an deſſen. fernem Rande ein Gebirge von dichten weißen Wolken 1 aufſtieg. Karl ſchien eine Zeit lange mit ſich zu kämpfen; endlich aber wandte er ſich gefaßt und ernſt an ſeinen Nachbar und ſagte mit milder Stimme: „Sie haben einen gerechten Anſpruch an mein unbeſchränktes Vertrauen; es ſoll Ihnen werden. Sie haben mich des Namens eines Freundes gewürdigt, und ich nahm von Ihnen freudig ein ſo hohes Zeug⸗ niß der Liebe an. Daß Sie es an keinen Unwürdi⸗ gen verſchwendet, mag Ihnen der Umſtand beweiſen, —— 81 daß Sie mein einziger Freund ſind, da ich mit dieſer inhaltſchweren Bezeichnung ſehr ſparſam bin. Aber das erſte Erforderniß unter Freunden iſt Offen⸗ heit. Seelen, die ſich lieben, müſſen ſich durchſchauen; daskleinſteFältchen in einer derſelben wird zum Grabe ihrer Neigung. Darum ſollen Sie, mein edler Wohlthäter, vor allem Andern mich kennen lernen— mich!— und die Schickſale, die mich erzogen. Ich werde wahr ſein und keinen Schleier über meine Fehler werfen; denn — ich ſpreche ja zu einem Manne, der ſich über die Alltäglichkeit erhoben, ich ſpreche— zu meinem Freunde.“ „Sie kommen meinen lebhafteſten Wünſchen ent⸗ gegen!“— rief mit Herzlichkeit Wellen—„und wer⸗ den in mir Theilnahme und um ſo größere Milde des Urtheils finden, als ich mir der eigenen Schwächen nur zu gut bewußt bin.“„Ach!“— rief Karl tief bewegt—„Sie ſind ein Kind des Gluͤcks, und kennen die dämoniſche Macht der Leidenſchaften nur aus den Beſchreibungen Ihrer Bücher!— Möge Sie der Him⸗ mel bewahren, ſie je ſelbſt kennen zu lernen!“ Karl ſchwieg einige Minuten, ſich zu ſammeln, dann hub er alſo an: „Ich bin der Sohn eines heſſiſchen Lieutenants und wurde im Jahr 1813 zu Frankfurt am Main 6 2— geboren. Meine Mutter ſtarb wenige Monate nach ihrer Niederkunft und mein Vater fiel den 29. Sep⸗ tember deſſelben Jahres, in einer Attaque bei der Brücke von Roßlau. So war ich Waiſe, noch ehe ich ſprechen konnte, und da ſich auch nicht das ge⸗ ringſte Vermögen vorfand, ward ich einer milden Stiftung in der ſchönen Mainſtadt übergeben, die mich erſt auf dem Lande erziehen ließ, und dann ſelbſt unter ihre Zöglinge aufnahm.“ „Kaum hätten mich bemittelte Aeltern ſo viel können lernen laſſen, als dies hier geſchah; und da ich ein aufgeweckter Kopf war, ſo kam ich auch raſch vorwärts und ward in kurzer Zeit der Liebling eines jener reichen Herren, welche das Vertrauen ſeiner Mitbürger an die Spitze des Inſtituts geſtellt hatte.“ „Die Schuljahre flogen raſch an dem Knaben vorüber, und als die Stunde gekommen, in welcher ich in die Welt treten ſollte, nahm mich mein Gönner zu ſich in ſein Haus. Ich ſollte ſo eine Art Kam⸗ merdiener abgeben; da aber der alte Herr keine Kin⸗ der hatte und mich bis zur Schwäche liebte, ſo än— derten ſich die Verhältniſſe bald ſo, daß ich wie das Kind im Hauſe ſtand und gehalten wurde. Ich war überglücklich— ach!— und ahnte nicht, daß ge⸗ rade dieſes Herausreißen aus der mir 83 von dem Schickſal einmal vorgezeichneten Sphäre mein Unglück, die Quelle namen⸗ loſen Jammers werden ſollte. Ich, der n älternloſe Knabe, lebte bald wie der Sohn eines Für— ſten. Statt entbehren zu lernen, ſchwelgte ich in allen Genüſſen, die mir mein Protektor mit willigen Händen darbot; an der Stelle des Gehorchens, er⸗ laubte man mir zu befehlen; ſtatt zu ſparen, lachte man, wenn ich recht unſinnig verſchwendete,— und mein Gönner ſah endlich zu ſpät ein, daß er mich zum Dienen und zum Arbeiten unfähig gemacht hatte, ohne mir die Mittel geben zu können, das einmal begonnene und gewohnte Leben fortzuſetzen, da geizige Verwandte ſich ſeiner bemächtigt, aus Furcht, er möchte mich als Sohn adoptiren.“ „So lange der alte Herr lebte, ging Alles gut. Er war zu ſchwach, kräftig einzugreifen,— ich zu leicht⸗ ſinnig und zu jung an die Zukunft zu denken. Aber plötzlich ſtarb er. Die Verwandten nahmen Beſitz von ihrem rechtmäßigen Erbe und ich mußte, ohne einen Heller in der Taſche, auswandern. Jetzt war guter Rath theuer. Ich ſchämte mich als Bettle in einer Stadt länger zu bleiben, in welcher ich jungen Herrn geſpielt, und machte mich daher auf Geradewohl auf und davon. Mehrere Tage bettelte — 84 ich mich kuͤmmerlich durch, bis ich endlich auf eine Truppe herumziehender Schauſpieler traf, die mich, * mein Bitten und Flehen, nur für die Koſt, als Mnecht und Laſtthier annahm.“ „M u hatte mich in Franffurt oft mit in das Theater genommen und die Eindrücke, welche daſſelbe auf mich gemacht, waren ſo tief und nachdauernd geweſen, daß ich ſchon damals, freilich nur wie ein kleiner Affe, das Geſehene wiederzugeben ſuchte. Man lachte dann wohl über mich, und je toller ich mich gebärdete, deſto freundlicher ſtreichelte mir mein Gön⸗ ner die Wangen, mich ſeinen kleinen Comödianten nennend. Jetzt zog ich in der Wirklichkeit, und nicht mehr zum Spiele, an dem Thespiskarren, und jene kindiſchen Anfänge kamen mir hier zu Nutze. Der Direktor der Truppe erkannte die Anlagen des jun⸗ gen Menſchen, und ſo avancirte ich bald vom Sta⸗ tiſten zu Diener- und Pagenrollen, und nach einem Jahre ſtand ich ſogar als zweiter Liebhaber auf den Brettern.“ „Um jene Zeit nahm mein glänzendes Elend wie⸗ einen neuen Umſchwung, der mich äußerlich ſehr ehm ſtellte. Aber es ſchien einmal in dem Rathe chickſals beſchloſſen, daß ſich für mich das 85 „Wir hatten, wie dies oft geſchah, in einem Land⸗ ſtädtchen geſpielt. Hier ſah mich eine wohlhabende, aber ziemlich alte Wittwe und fand ſolchen Gefallen an mir, daß ſie mich nicht nur noch denſelben Abend zu ſich kommen ließ und mich trefflich bewirthete; ſon⸗ dern auch, in jeder Beziehung, Beſitz von meiner Perſon nahm. Die reichen Geſchenke, die ſie dem ganz dürftigen Jünglinge, der oft kaum ſatt zu eſſen hatte, gab; die Verſprechungen, die ſie mir für die Zukunft machte; die Schmeicheleien, mit welchen ſie mich überhäufte;— alles dies, und hauptſächlich die Charakterloſigkeit, welche ſich meiner ſeit dem Aus⸗ tritte aus der Schule bemächtigt, und die durch meine damalige Geſellſchaft nicht wenig geſteigert wurde— führten den gänzlichen Untergang meiner Moralität herbei.“ „Wir kehrten mit dem Winter in die kleine Re⸗ ſidenz zurück, und da ſich meine Wittwe an mich ge⸗ wöhnt hatte, entſchloß auch ſie ſich, die kalte Jah⸗ reszeit in derſelben zuzubringen. Jetzt hatte ich Geld genug und ſpielte daher nur wenig Theater. Wie natürlich blieb mir viel freie Zeit. Ich ſchlenderte oft nichtsthuend herum, und ſo führte mich denn die Langeweile auch gar manchmal an den Pharaotiſch, der leider! hier einen lebhaften Zuſammenfluß von ſeichtſinnigen Menſchen unterhielt.“ 665 „Lange Zeit ſah ich dem gefährlichen Treiben nur zu; aber nach und nach bekam ich doch auch Luſt und Geſchmack an der Sache. Ich verſuchte es klein— und war glücklich. Ich verſuchte es abermals— und ging reich beladen zu Hauſe. Jetzt hatte die böſe Sucht leichtes Spiel! Ich kam wieder und wie⸗ der, ich verlor, ich gewann; alle meine Gedanken zielten nur nach dem grünen Tiſche; Nachts, Tags, auf der Bühne, zu Hauſe, bei meiner Wittwe, kurz überall ſah ich Nichts mehr als den grünen Tiſch, hörte Nichts mehr als das monotone: rien ne va plus!— Ich war Spieler im ſtrengſten Sinn des Wortes geworden— und verloren!— wenn nicht gerade in dieſem entſcheidenden Momente Gott einen Engel zu meiner Rettung geſandt hätte.— Es war dies ein wunderliebliches Mädchen, die Tochter eines Förſters. Sie hatte mich lieb gewonnen, aber zu ihrem Entſetzen zur gleichen Zeit bemerkt, wie leiden⸗ ſchaftlich ich ſpiele. In demſelben Augenblick aber faßte auch die kräftige Seele den Entſchluß mich zu retten.“ „So oft ich von nun an an dem Pharaotiſche erſchien, ſtand die Liebliche dicht an meiner Seite; ihr ernſter Blick beſchämte mich eben ſo ſehr, als mich ihre Schönheit rührte und verwirrte. Spielte ich 87 nicht, blickten mir ihre ſchönen Augen freundlich und dankbar zu; ließ ich mich aber dennoch verführen, trafen mich ſo ſtrafende Blicke, daß ſich mein Inner⸗ ſtes empörte und ich dem Mädchen beſchämt folgen mußte. Nur wenige Zeit ging es ſo fort und der Spieltiſch war mir fremd, die Liebe dagegen, mit ihrem ganzen Himmel voll Seligkeit, bekannt ge⸗ worden.“ „Ich ſchweige über jene Zeit der erſten wahren, edlen Liebe. Sie ward durch nichts befleckt, da zum Glück auch damals die Wittwe ſtarb und mir den kleinen Reſt ihres Vermögens vermachte. Ich ward durch den Umgang mit dem frommen Mädchen beſſer, und ganz vollkommen glücklich, als ich ſie Gattin nennen konnte.“ „Da meine Frau mir kein Vermögen zugebracht und meine Erbſchaft nur beſcheiden war,— ich hatte der Wittwe bei Lebzeiten von ihrem Gelde geholfen — mußte ich bei dem Theater bleiben. Aber ich griff die Sache nun anders an, ſtudirte und bildete mich heran und hatte die Freude, mir ſelbſt geſtehen zu dürfen, daß ich nun etwas Tüchtiges in meinem Fache zu leiſten im Stande ſei. So verſtrichen zwei Jahre; da ſtieg der Dämon der Finſterniß wieder empor und klopfte an meine Thüre.“ — — „Meine Frau hatte zwei Kinder geboren; aber leider! war ihr zarter Körper dadurch erſchüttert, ihre Geſundheit zerrüttet worden. Sie kränkelte immer⸗ während und auch die Kinder litten viel, ſo daß die kleine Habe, die ſchon die Haushaltung und Ein⸗ richtung faſt verzehrt, gänzlich ſchwand. Hierzu kam noch der Banquerout des Direktors, wodurch nicht nur eine Halbjahresgage, ſondern auch der fernere Verdienſt ganz verloren ging, da das Theater vor der Hand aufhörte.“ „Was war natürlicher, als daß bei uns in kurzer Zeit die bitterſte Noth einriß. Sie wiſſen nicht, edler Freund, was es heißt: Gatte und Vater zu ſein, Weib und Kinder zu lieben und die Heißgeliebten nun leiden— ach!— darben zu ſehen. Mit Wolluſt würde ich mir die Bruſt zerriſſen haben, wenn Blut und Leben die Armen hätten retten können. So aber blieb mir keine, keine Hoffnung: der Alleinſtehende würde ſich leicht durch die Welt geſchlagen haben,— was kann der ledige Mann nicht Alles tragen und dulden,— der Familienvater aber ward das Opfer der Verzweif⸗ lung. Da durchzuckte ein Blitz die Nacht meines In⸗ nern. Spielen! dachte ich, ſpielen mußt du und ge⸗ winnen. In einem kaum zurechnungsfähigen Zuſtande der Verzweiflung, raffte ich den Reſt meines Vermö⸗ W gens zuſammen. Es waren zehn Gulden. Ich eile zum Roulerte, ſetze in der Wuth,— was ich bei ru— higer Ueberlegung nie gethan,— mein ganzes Habe auf eine Nummer. Rien ne va plus! tönt es an mein Ohr, vor meinen Augen wird es finſter, meine Kniee tragen mich kaum, mein Athem ſtockt, kalter Schweiß tropft von meiner Stirne— ich höre dumpf das Springen der Kugel. Die Worte des Gruppiers verſtehe ich nicht— aber wie ich aufblicke— liegt ein Haufe Gold vor mir. Meine Nummer war ge⸗ kommen, und der Einſatz mir zwei und dreißigmal bezahlt worden.“ „Zitternd ſtreiche ich den Gewinnſt ein, ſchleiche aus dem Saal, und ſinke, an einem verborgenen Plätzchen des Gartens angelangt, weinend auf eine Bank nieder.“ Karl ſchöpfte tief Athem, ſeine ernſten, melancho⸗ liſchen Züge hatten den Ausdruck der Wemuth an⸗ genommen, die ihn damals erfaßt. War es doch ein lichter Punkt in den düſteren Katakomben des Jam⸗ mers, durch welche ſein junges Leben ſich bis jetzt mühſam geſchleppt;— war es doch ein Moment der Reue, der Zerknirſchung, der Dankbarkeit, und eben darum auch ein Moment der Erlöſung und der Er⸗ hebung zu dem Urquell ewiger Wahrheit und Liebe. „Ich war für den Augenblick gerettet!“— fuhr er wie erleichtert dann fort—„ja auf längere Zeit geſichert. Und feſt ſtand der Entſchluß in mir, den Himmel nun nicht mehr durch Spielen zu verſuchen. Das Erſte, was ich that, war, daß ich mich nach Ar⸗ beit umſah. Konnte ich auch wenig leiſten,— da ich nichts ordentlich gelernt, und ſeit der Schule faſt Alles wieder vergeſſen hatte, ſo war ich doch zum Abſchreiben, als Secretär, als Gehüfe in einer Schreib⸗ ſtube zu gebrauchen. Aber alle Mühe, die ich mir gab, war umſonſt. Theils mochte die Stadt zu klein und zu arm ſein; theils fürchtete man einen Schau⸗ ſpieler, wohl mehr noch den Haſard⸗Spieler, in den Kreis ſeines Lebens zu ziehen.“ „Schon neigte ſich die gewonnene Baarſchaft wie⸗ der ihrem Ende zu, ſchon ſtand ich nach Monaten wieder auf dem Sprunge, ein Kind der Verzweiflung zu werden, als mich ein Ruf nach Hamburg aus der unglücklichen Lage riß. Hier ſollte mir ein zwar untergeordnetes Rollenfach, aber doch immer ein En⸗ gagement werden. Freudig verkauften wir Hab und Gut und eilten, ſo ſchnell es der immer leidende Zu⸗ ſtand meiner guten Frau erlaubte, hierher. Nach kur⸗ zer Zeit ward mir das dritte Kind geboren, und die⸗ ſer Umſtand, ſo wie die gänzliche Erſchöpfung mei⸗ L ner Kaſſe durch die Reiſe war es, der mich nieder⸗ beugte, als Gott Sie mir entgegenführte. Wie Sie wiſſen, hat der Director ſeine Zufriedenheit über meine Leiſtungen geäußert, und mir eine Stellung zuge⸗ ſagt, die mich in der Zukunft vor jeder Noth ſchü⸗ n id „So kennen Sie nun den Mann, dem ſie das ſchöne Vorrecht einräumen wollen, Ihr Freund ſein zu dürfen. Sie kennen ihn in ſeinen Schwächen ⁰ und Verirrungen; aber ſie ſind auch bekannt gewor⸗ den mit den Schickſalen, die ihn zu jenem Vergehen geführt. Eine richtige Leitung in meiner Jugend, namentlich als ich in das öffentliche Leben trat, hätte gewiß einen brauchbaren Menſchen au smir ge⸗ macht. Aber einer Sphäre entrückt, gewöhnt an eine höhere, ohne Mittel, der ſüßen Gewohnheit folgen zu können, mir ſelbſt, dem Unerfahrenen, dem Verwöhnten überlaſſen, mußte ich untergehen. Ich habe viel, ſehr viel! gelitten; doch überſteigen die Qualen, die Kämpfe, die innere Zerriſſenheit, die Todesangſt des Spielers, bei weitem die Leiden, welche uns ein unerbittliches Schickſal prüfend auferlegt. Aber ein Gutes haben auch ſie geſtiftet, ſie haben dies Herz geläutert und rein gebrannt. Denn ich darf es vor Gott ſagen; ſeit jenem Augenblick, in welchem mich —— — * ——— — — 92 ſeine Hand durch den wunderbaren Gewinnſt zum letzten Male errettet, hielt mich eine heilige Scheu von jedem Spiecle fern, und ſelbſt als mir wieder die größte Noth drohte, ſtand der Entſchluß bei mir feſt: lieber unterzugehen mit Weib und Kind, als noch einmal den ECwigen zu verſuchen.“ „Ernſt liegt vor meinen Augen das Leben, eine harte Schule des aufwärtsſtrebenden Geiſtes;— ernſt will ich ſie durchlaufen, und nehme gern die ſtützende Hand eines Freundes an.“ „Der ich Ihnen bin und bleiben werde!“— rief hier Ferdinand feierlich, und drückte dem jungen Mann mit Herzlichkeit die Hand.—„Ihre Seele, wie oft ſie irrte, ſteht höher als die meine, die noch kein Schickſal geprüft, und die vielleicht da unterlegen wäre, wo die Ihre kräftig ſiegte. Aber nun auch zum Siegel des ſchönen neuen Bundes, das freun⸗ liche„Du“ und mit ihm Freundſchaft auf ewig!“— „Du willſt es!“— rief Karl ergriffen—, wohl⸗ an denn: Freundſchaft auf ewig!“ Und beide junge Männer hielten ſich lange, feſt umſchloſſen Am Himmel war unterdeſſen eine merkliche Ver⸗ änderung vorgegangen. Zu ſehr in ihre Unterhaltung vertieft, hatten beide nicht darauf geachtet, wie die 93 ihnen etwas ferner ſitzenden Schiffer ſich öfter Zeichen der Bedenklichkeit gegeben, und erſt jetzt, als einer derſelben ſie auf den dicht bedeckten Himmel und die Gefahr aufmerkſam machte, die das Schiffchen beim Losbrechen eines Sturmes laufen könnte, ſahen ſie mit Staunen die eingetretene Veränderung des Wet⸗ ters. Ferdinand willigte, da er mußte, zur Rück⸗ fahrt nach Ritzebüttel ein, heimlich hoffend, daß ſie der Anfang des Sturmes noch auf offenem Meere erreiche. Denn ſeine erregte Seele ſehnte ſich nach einer entſprechenden Erregung der Natur; er dürſtete nach einer Kraftäußerung derſelben; er wünſchte Sturm, um ihn den Stürmen ſeines Innern entge⸗ genſetzen zu können. Sie fuhren, da kein Windhauch über den Spie⸗ gel des Waſſers ſtrich, langſam dem Ufer zu. Nach einer kleinen Pauſe, in welcher Ferdinand über et⸗ was nachgeſonnen zu haben ſchien, frug er plötzlich lebhaft: „Wie Karl?! Du haſt mir ja nicht ein Wort von Deiner Schweſter geſagt?— Deine Aeltern ſtarben gleich nach Deiner Geburt und doch ſcheint Deine Schweſter um vieles jünger als Du?“ „Kennſt Du ſie?“— frug Werdendorfferſtaunt. Ferdinand erröthete über ſeine Unbedachtſam⸗ — —— —— 94 keit, und mußte nun, da er ſich verrathen, dem Freunde die Geſchichte dieſes Morgens erzählen. Karl lächelte froh; denn im erſten Augenblicke war der beklemmende Gedanke in ihm aufgeſtiegen: Ferdinand kenne, liebe vielleicht das Mädchen ſchon länger, und habe nur, um ihr näher zu kom⸗ men, ſeine Freundſchaft und ſein Vertrauen erſchlichen. Aber die Offenheit Wellens und der Ausdruck der Wahrheit, der in ſeinen Worten lag, beruhigten Karl bald, und er erzählte nun dem Freunde, daß jenes Mädchen nicht ſeine, ſondern die Schweſter ſeiner Frau ſei. Nur die unbegrenzte Achtung, die er vor des frommen und fleißigen Kindes Charakter hege und die wahre geſchwiſterliche Liebe, die ſie Beide ver⸗ binde, habe ihnen die ſüße Gewohnheit gegeben, ſich Bruder und Schweſter zu nennen. Karls Beredſamkeit erreichte bei der Lobpreiſung des guten Kindes ihre höchſte Stufe, und Ferdi—⸗ nand, der mit Entzücken ein himmliſches Bild vor ſeinen Augen ſich entrollen ſah, gewann den Bruder, um der Anerkennung willen, die er der Holden zuge⸗ deihen ließ, nur um ſo lieber. So waren ſie abermals eine Strecke gefahren und ſchon zeigte ſich das Ufer deutlich ihren Blicken, als das Unwetter plötzlich losbrach. Der Wind pfiff über —,— ** 95 die Waſſer und furchte die bis jetzt faſt ſpiegelglatte Fläche mit ſeinen gewaltigen Flügeln. Die Wellen gingen höher und höher, und warfen die Jölle wie ein leichtes Spielzeug einander zu. Der Schaum ſpritzte hoch über den Fahrenden zuſammen, die, ihre Arme umeinander geſchlungen, mit einer andächtigen Luſt dem großartigen Kampfe der Elemente ſchwei⸗ gend zuſahen. Aber immer heftiger wüthete der Or⸗ kan. Das Pfeifen ward zu einem wilden Geheul, der Donner rollte und die Blitze durchzuckten ſchauer⸗ lich die Wolkennacht. Das Fahrzeug aber tanzte einen gefährlichen Reigen auf den Waſſerbergen. Bald rauſchte eine mächtige Woge, wie ein gieriges See⸗ ungeheuer daher, und hob es auf ihrem Rücken zu ſchwindelnder Höhe; bald ſchoß es mit der Einſtür⸗ zenden in einen Abgrund von Giſcht und Schaum, daß Himmel und Erde den Blicken der Freunde ent⸗ ruͤckt wurden, und ſie in das ſchauerliche Wellengrab blickten, das ſchon ſo manchen Verwegenen verſchlun⸗ gen. Das ganze Meer war ein Schäumen, ein Kämpfen, ein Wogen; es klaffte mit tauſend Rachen, es langte mit tauſend Tatzen, und furchtbar miſchte ſich das Rollen der Donner mit dem Heulen der Winde und dem Brauſen der Wogen. Aber der Menſch iſt größer als das All, und der Geiſt ſtärker als die Macht der Erde. 96 Ferdinand und Karl zitterten nicht. Feſt — hielten ſie ſich umſchloſſen und ſchwuren einander, mitten unter den Schrecken des Todes, Treue bis in das Grab!— Und es gähnte weit genug an ihrer Seite, und der Tod ſtreckte ſeine Hand gierig nach ihnen aus; aber ihr Engel wachte und ſprach: „Noch haben ſie nicht vollendet!“ und er führte das leichte Fahrzeug unverſehrt in den Hafen. Erſt ſpät in der Nacht langten die Freunde in Hamburg an. Ferdinand taumelte nach dem ſchönen Tage dem Schlafe müd in die Arme, und ſelbſt die Träume hallten noch von dem Jubeltone nach, in den ſich ſeine Seele aufgelöſt hatte. Was einen Anderen beengt, die mißlichen Ver⸗ hältniſſe des älterlichen Vermögens, kümmerte ihn um ſo weniger, als er das Geld mit zu großem Stolze und Selbſtvertrauen von jeher angeblickt und mißachtet hatte. Er ging in der Verachtung deſſelben eben ſo ſehr zu weit, als ſeine Antagoniſten, Heylig und Conſorten in deſſen Anbetung. Aber wie ſollte auch ſein exaltirter Geiſt einen Mittelweg finden?— Kennt doch ohnedem nur der den wahren Werth die⸗ ſes Nervus werum, der es ſelbſt verdient und weiß, daß es nur das Mittel zur Erreichung höherer Zwecke iſt. Ein Genie!— mein Gott! er hatte es ja oft genug gehört und geleſen— muß aber vor Allem mit Verachtung auf dies elende Geld ſehen. Sagte doch ſeine Mutter, ſo oft er als Knabe oder ange hender Jüngling mit leerem Beutel nach Hauſe kam: „Man ſieht, daß Du ein Genie biſt, auf Geld hältſt Du nicht, und wahrlich Du thuſt recht daran, nur kleine Seelen hängen an dem Quark.“ Aber Vater und Mutter ward es doch etwas bange, als es ſich herausſtellte, der Quark gehe zu Ende. Der Heirathsplan hatte Schiffbruch gelitten. Heylig, von Ferdinand beleidigt und für den Verluſt ſeines Gottes bangend, klopfte noch an dem⸗ ſelben Tage mit großem Ernſte an, und verlangte die unbedingte Rückzahlung ſeines Darlehens. Was brauche ich mit den Menſchen jetzt noch Umſtände zu machen, dachte er, ſie ſind nicht mehr reich und alſo iſt es ja doch unter meiner Würde mit ihnen umzugehen. Der Juriſt kaute unter dieſen Umſtän⸗ den an den Nägeln, ohne eine geſcheidte Idee zu be⸗ kommen, und die Hofräthin litt entſetzlich an Migräne; denn der Gedanke: in der Folge kein Haus mehr 8 7 — 98 machen zu können und den Vergnügen entſagen zu müſſen, brachte ſie der Verzweiflung nahe. Siehe! da half das Genie und Mama trug einen ſo entſcheidenden Sieg davon, als nur je einer im Felde der Erziehung errungen worden Ferdi⸗ nand erſchien nämlich den kommenden Morgen auf dem Zimmer ſeines Vaters und kündigte demſelben, als er ihn hinter Bergen von Acten entdeckte, an: daß er mit ſeinem, vom Oheim ererbten Guthaben an der Bank bereit ſei, die Schuld an Heylig zu decken. So kränkend dem Vater dies großmüthige Aner⸗ bieten des Sohnes ſein mußte; ſo wenig konnte er es ablehnen, da er Heylig unter jeder Bedingung zu befriedigen hatte. Er war aber doch ehrlich genug, es nur gegen Schein als Darlehen zu acceptiren. Weniger Umſtände machte die Hofräthin, die darin mit grenzenloſem Entzücken einen Beweis ihrer un⸗ übertrefflichen Erziehung fand. Uebrigens blieb Ferdinand noch ſo viel übrig, daß er anſtändig, wenn auch nicht flott davon leben fonnte; und ſonderbar— ſeitdem er Karl und ſeine Schickſale näher hatte kennen gelernt; ſeitdem er wußte, wie eingeſchränkt das Mädchen, welches er unter allen Sterblichen am höchſten verehrte, lebe,— 89 ſeit jenem Momente ſchämte er ſich ſeines Reichthums, und es war'ihm, ſo zu ſagen, angenehm, durch Min⸗ derung ſeines Vermögens dem Freunde und ſeiner Schweſter näher zu kommen. Das Geſchehene, ſo wenig er es als ein Opfer anſah, erleichterte ſeine Seele. Und wie jede gute Handlung uns hebt,— da ſie die Gottheit in uns glänzend hervortreten läßt, und uns, durch gottähn⸗ liches Handeln, in das Element derſelben ſetzt,— ſo fühlte ſich auch Ferdinand, nachdem er ſeinen Aeltern über eine drückende Verlegenheit mit unge⸗ wöhnlicher Freigiebigkeit geholfen, ſelig und leicht, und er glaubte wohl keinen Augenblick finden zu können, indem er würdiger vor die Verehrte hätte treten können, als eben jetzt. Darum entſchied er ſich denn auch, den erſehnten Schritt zu thun und begab ſichhgicht Zagen, nach der Wohnung Karls. 36 Der Freund kam ihm freudig entgegen und führte ihn wie im Triumphe bei ſeiner Familie ein. Das Zimmer war klein und niedrig, aber unge⸗ mein rein, und alle Möbel und Zierrathen ſo geſchickt und geſchmackvoll geſtellt und geordnet, daß es nicht ohne einen Anſtrich von behaglicher Wohlhabenheit blieb. In dem ſchneeweißen Bette, welches von einem „ —— „ 100 gleichen Vorhange umwallt wurde, lag die arme Leidende, ein Weſen, zart und durchſichtig wie Wachs, deſſen ſanfte, zeriſſene Züge von einer ausgezeichneten Schönheit, von einer unendlichen Güte des Herzens, von einem ſtillen Dulden zeugten. Vor dem Bette aber, die älteren Kinder zu ihren Füßen, das jüngere auf dem Schooße, ſaß Auguſte, die Schweſter der Leidenden. Ein hohes Roth über⸗ flog das liebliche Antlitz des Mädchens bei dem un⸗ erwarteten Eintreten des Fremden. Sie wollte ſich erheben, aber die Kleinen zu ihren Füßen zogen ſie wieder nieder, und der erwachende Säugling rührte ſich bittend, als flehe er um fernere Ruhe. Ferdinand, der ſonſt ſo tolle Junge, der oft in wildem Schwärmen, im kühnen Werben um Wei⸗ bergunſt alle Andere überboten, ſtand vor dem ent⸗ zückenden Bilde dieſer Familie, wie der fromme Pilger vor ei e gurſi Raphaels, in ſtiller Anbetung verloren. Als aber die Leidende, mit einem Blicke unendlicher Dankbarkeit, ihm die welke Hand entge⸗ genſtreckte; als Auguſten die Tropfen in die Augen traten und Karl ſeine Rechte drückte, und Alle in Dank ausbrachen,— da wußte er ſich ſelbſt kaum mehr zu halten, und ſein übervolles Herz ſtrömte ſeine Liebe nur in der Bitte aus:„O ſeid doch Alle, Alle Ihr guten Menſchen, meine Freunde!“ Aber warum bat er denn noch?— Seine edle Menſchenliebe hatte ihm ja ſchon lange, noch ehe ſie ihn geſehen, Auguſtens Achtung und Freundſchaft erworben, ſeine offenen, gutmüthigen Züge, ſeine leb⸗ haften blauen Augen, blieben nicht ohne Eindruck auf das Mädchen. Was er in ihr geſucht, fand er auch und noch mehr— er fand zum erſtenmale in ſeinem Leben die keuſche, reine, erwärmende Flamme ächter Weiblichkeit. Hier war keine Sinnlichkeit, die ſich ſo gerne ſcheinheilig, hinter Coquetterie verbirgt, kein geziertes, verſchrobenes, überſpanntes— und doch leeres und herzloſes Weſen; hier fand ſich keine Spur von jener modernen, erzwungenen Geiſtesgröße— hier war nur Einfachheit und Natur, Seel nreinheit und Herzensgüte. In der That bedurfte es auch nur weniger Be⸗ ſuche und Ferdinand hatte ſeine Meinung von der Ehe geändert; ſo wie er einſah, daß er mit dieſem kindlichen Mädchen nicht das leichtfertige Spiel eines— ſogenannten— genialen Verhältniſſes anknüpfen dürfe, ohne an ihr zum Schurken zu werden. Noch war ſein Herz edel genug den Frieden einer Seele nicht ſeiner Eitelkeit opfern zu wollen; noch fühlte er, daß die Ruhe unſeres Herzens einer zarten Pflanze gleicht, die, wenn erſt einmal ein kalter Hauch über ſie gefah⸗ 102 ren, welkt und bas verbluͤhte Haupt nie wieder erhebt, Ach! iſt erſt der Friede der Seele dahin, ſehnen wir uns ja umſonſt in die Paradieſesgärten der Jugend zurück, in welchen wir einſt ſo ſüß geträumt. Dann erfaßt uns der Wirbelwind des Schickſals und ſchleu⸗ dert uns in den Strudel der Welt. Das wilde Stre⸗ ben des Lebens erfaßt uns, mächtige Leidenſchaften regen uns auf, und Schmerzen und Qualen, Freuden und Leiden rütteln an uns, bis wir müde und todes⸗ matt der großen Ruhe entgegengehen, die alle Diſſo⸗ nanzen des Lebens auflöſt, alle Wunden heilt und alle Sorgen im langen, langen Schlafe begräbt. Es war ein Charakterzug Ferdinands, daß er einem einmal gefaßten Beſchluſſe die Ausführung gewöhnlich gleich auf der Stelle folgen ließ. Ur⸗ ſprünglich war es— und Andere würden es auch ſo genannt haben— nichts anderes als der Eigen⸗ ſinn eines verwöhnten Kindes. Die Kinderjahre flohen, aber der Eigenſinn blieb, nur bekam er jetzt die ſchönere Benennung: Eigenwille; und die vor Liebe blinde Mutter, in der Ungeduld und oft eigen⸗ ſinnigen Uebereilung ihres Sohnes nur einen ſchnel⸗ len Blick, nur Geiſtesſtärke ſehend, ging auch hier von ihrem einſeitigen Standpunkte aus— und fand dieſes ſchnelle Handeln— genial. Kaum aber hatte der Jüngling dies gemerkt, als er den neuen Beleg ſeiner Geiſtesgröße ſcharf in's Auge faßte, und ſo oft als möglich dieſe Ahnenprobe der Genialität vor der Welt ablegte. Gewiß iſt Feſtigkeit lobenswerth, und nichts ver⸗ ächtlicher als das ewige Schwanken eines Mannes; gewiß darf man es als das Zeichen einer ſtarken Seele annehmen, wenn einem wohldurchdachten, wohlüberlegten Entſchluſſe eine kräftige Ausführung auf dem Fuße folgt. Aber ein anderes war dies mit Ferdinand. Der Entſchluß ſelbſt war meiſt das Produkt eines Augenblicks, und ehe er deſſen Werth oder Unwerth, deſſen gute oder ſchlimmen Folgen überlegt, war er ſchon an ſein Ziel geführt. Zum Glück war Ferdinand eine unverdorbene Natur, und völlig unfähig das Böſe zu wollen; in⸗ deſſen kam ihm doch manches Verkehrte in den Sinn, das denn auf dieſe mißverſtanden„geniale“ Weiſe, auch in's Leben eingeführt wurde. Vor wenigen Tagen hatte er eine Parthie unter dem Vorwande: daß er noch nicht heirathen wolle, ausgeſchlagen. Jetzt, nachdem er Auguſtens ganzen Werth erkannt, nachdem er gefühlt, daß ſie für ihn geſchaffen, daß er ſie liebe und nicht ohne ſie leben könne, war er entſchloſſen, ſie zu heirathen. Er ſagte — keinem Menſchen— nicht einmal ihr ſelbſt— ein Wort davon, beſorgte alles Nöthige, miethete ſogar eine Wohnung in der Nähe Karls und richtete ſie völlig ein. Dann erſt erklärte er ſich gegen ſeinen Freund und die Geliebte, und als er mit dieſen in Richtigkeit war, ging er nach Hauſe und ſagte, als man gerade,— es war eine anſehnliche Geſellſchaft verſammelt— von der Mittagstafel aufſtand:„Meine verehrten Eltern und Freunde, zum Nachtiſch eine Neuigkeit. Ich heirathe in einigen Tagen.“ Der Hofrath und ſeine Frau ſtanden wie vom Donner gerührt und alle Uebrigen riefen neugierig: „Wen?“ „Fräulein Auguſte Werdendorff!“ entgegnete bas Genie ruhig. „Wen?“— hallte es gedehnt von allen Lippen nach, denn Niemand kannte eine Familie dieſes Na⸗ mens unter den Honorationen Hamburgs. „Die Schweſter des Schauſpielers...“ Aber Ferdinand hatte noch nicht vollendet, als die Frau Mama ſchon ohnmächtig auf das nahe⸗ ſtehende Sopha ſank, um ſo wenigſtens anſtändig zu beurkunden, wie entſetzlich ſie ſchon dieſer ſchmach⸗ volle Gedanke berühre. Der Hofrath war ruhig ge⸗ blieben, er nahm nur verſchiedene ſehr bedeutende 105 Priſen Tabak und ſagte:„Hiems excipit autumnum. Auf den Herbſt folgt der Winter. Wie man's treibt ſo gehts. Das ſind die Folgen der Erziehung.“ Die Geſellſchaft ſchwieg verblüfft, und wechſelte nur bedeutungsvolle Blicke. Der Eine zuckte die Ach⸗ ſeln, die Andere rümpfte das hübſche Näschen; Dieſer zeigte in ironiſchem Lächeln ſeine Schadenfreude, und Jene betrachtete den armen Schwärmer, der ihre Reize überſehen und ſich von einer Dirne hatte fangen laſſen, mitleidig. Aber Ferdinand lachte Alle aus, hielt ihnen, ohne Rückſicht, ihre Beſchränktheit vor, und ſchloß damit, daß nur ein ſchwacher Geiſt ſich an den Vorurtheilen der Welt ſtoßen könne; er aber, Gott ſei Dank, über dieſe Erbärmlichkeiten hinaus ſei, und in dem Menſchen nicht die zufälligen Ge⸗ ſchenke des Lebens, als Reichthum, Stand, Adel u. ſ. w., ſondern einzig und allein den Menſchen ſelbſt ehre. Und damit verließ er die Geſellſchaft und das älterliche Haus, und warf ſich ſeiner Angebeteten in die Arme. Was er aber verkündet, geſchah auch, und nach drei Wochen ſtand das ſchöne Pärchen vor dem Al⸗ tare, den Bund zu ſchließen, der ihm die höchſt mög⸗ liche Seligkeit für dieſes Leben zu geben verſprach. Aber Ferdinand, der immer etwas Beſonderes, 106 hauptſächlich bei feierlichen Gelegenheiten haben mußte, hatte es dahin gebracht, daß er in der kleinen Kirche von Ottenſen(einem Dorfe in der Nähe Ham⸗ burgs und noch zu deſſen Gebiet gehörend) getraut wurde. Das Feſt war um ſo froher, als es zugleich eine Art Geneſungsfeſt wurde; da ſeine Schwägerin heute zum erſtenmale wieder in das Freie kam. Er hatte ſie herausfahren laſſen, und das zarte Weſen fühlte ſich durch die Freude und die Luft ſo geſtärkt, daß ſie ſich entſchloß bis gegen das Ende zu bleiben; auch die Kleinen waren da, und einige Freunde. Hatten doch ſelbſt der Heldenſpieler und der alte Recenſent mitgemußt. Ferdinand trug Sorge, daß das Ganze einen Anſtrich von Originalität bekam, und die Aeußerlich⸗ keiten bald imponirend, bald beſänftigend auf alle Gemüther wirkten, die ohnehin erregt, jedem Ein⸗ drucke offen ſtanden. Sorgfältig hatte er vor allen Dingen die Geſellſchaft gewählt, ſo daß Niemand an derſelben Theil nahm, der nicht dazu paßte. Die Aeltern wollten ohnedem nicht beiwohnen und von den Bekannten derſelben war keine Seele geladen. Er dachte mit Shakeſpeare: Wahrhaftig es iſt beſſer, unter einfachen Leuten in gleichem Range zufrieden leben, als in einem ſchimmernden Gram herausge⸗ putzt werden, und goldne Feſſeln tragen. 107 Als alle Geladene zugegen waren, begab ſich der Zug aus dem Pfarrhauſe nach der Kirche, die man mit Laubwerk und Blumen freundlich ausgeſchmückt hatte. Die warme Sommerluft zog fröhlich durch die offenen Thüren, durch welche der leiſe Wind den Duft der Blüthen, wie Weihrauch, zu den Stufen des Altares führte; und aus den grünen Räumen des kleinen Kirchhofes und der fernen Landſchaft blickte der reiche, volle Sommer lächelnd herein, und ſandte, als Amouretten, bunte Schmetterlinge und ſummende Bienen in die kühlen Räume. Aber welche Blume hätte ſich an Fülle der Reize meſſen können mit der Blüthenkrone weiblicher Schön⸗ heit, mit der verſchämt⸗ſelig⸗lächelnden Braut? Stand ſie nicht da, wie eine Schöpfung höherer Sphären?— leicht, ätheriſch!— und doch auch ſo menſchlich ſchön, kräftig und freundlich. Weiße Gewänder, einfach und zierlich geordnet, zeigten halb, halb verſteckten ſie, die Reize der ſchönen Körperformen. Ein weißer Schleier, von dem blühenden Myrthenkranze gehalten, fiel wie ein ſchneeigtes Wölkchen von dem Haupte herab und umfloß die jungfräuliſchGeſtalt, die aus ihm, wie eine freundliche Fee aus leichtem Zaubernebel, auf⸗ zutauchen ſchien. Und an ihrer Seite ſtand Ferdinand, ſtrahlend 108 von Glück und Seligkeit, und aus den großen blauen Augen blitzte ein fröhlicher Lebensmuth, und jeder Blick ſagte der Geliebten: ich will Dich auf den Händen tragen durch das ſtürmende Leben, und Dich 3 lieben, wie noch Keiner geliebt, und Dich erheben zu 11 der Sonnenhöhe eines weltumfaſſendes Geiſtes, und Dir alles Glück geben und alle Seligkeit, die das ſtaubgeborene Herz des Sterblichen tragen kann. Und als die kirchliche Handlung nun vorüber war, welche Wonne durchfluthete Alle, und namentlich die glückliche Familie. Wie ſchlugen die Herzen der Freunde aneinander, wie mächtig rauſchte der Flügelſchlag der Freundſchaft, die ſie emportrug— hoch über die Erde — hoch über die Sterne— hoch!— bis zu dem Reiche der Unſterblichkeit. Und taumelnd vor Wonne rief Ferdinand und blickte begeiſtert in die Augen des Freundes:„Karl! denkſt Du der Stunde, in der wir uns, mitten unter den Schrecken des Todes, Treue ſchwuren, Treue bis in das Grab?— Laß uns das Gelübde erneuern, und Einer dem Andern verſprechen, ihn nicht aus den Augen zu verlieren, und zu wachen, auch über das Leben ſeiner Seele, und ihn zu warnen, wenn geiſtiger Tod ihm droht.“ „Gern, gern! Bruder!“ rief überglücklich Carl, von deſſen Stirne,— nach Jahren heute zum erſten⸗ 109 male,— die Schatten einer quälenden Melancholie gewichen. Und ſie erneuten den Bund und beſiegel⸗ ten ihn mit einem flammenden Kuſſe. Und Alle, Alle waren glücklich und froh, denn die Seligkeit des Liebens hatte ſie erfaßt. Die Selig⸗ keit des Liebens, die uns hebt über das irdiſche Leben; die ſo lebhaft, ſo mächtig iſt, daß wir ſie ausſtrö⸗ men auf alles was uns umgibt; denn der Gottes⸗ funke, der uns in ihr durchflammt, vergoldet ja mit ſeinen himmliſchen Lichte alle Werke des Cwigen. Aber zärtlicher, heißer, inniger als die der Uebri⸗ gen, war die Umarmung der Schweſtern. Ein dop⸗ peltes, ein nie gehofftes Glück umflügelte ſie. Hatte doch Adolphine dem bleichen Tode und dem Elende ſo lange in das graſſe Antlitz geſchaut, lachte ihr doch heute wieder zum erſtenmale das ſüße Leben, an dem ſie, ihres Gatten und ihrer Kinder wegen, mit heißem Verlangen hing. Erfüllten doch die beiden Herzen die Hoffnungen der Liebe, die da allmächtig ſind, wie die Liebe ſelbſt, die ſie emporwirbelten über die träge Wirklichkeit des alltäglichen Lebens, und ihnen von ferne das gelobte Land ihrer Wünſche und die Para⸗ dieſe ihrer Zukunſt gezieen.— Sobald das erſte Ueberfluthen der Gefühle ſich gelegt, führte Ferdinand die kleine Geſellſchaft 110 auf einen von Obſtbäumen beſchatteten Raſenplatz, der dicht neben der Kirche lag, und mit dem freund⸗ lichen Kirchhofe faſt eine Ebene bildete, die nur eine grüne Hecke umſchloß. „Leben und Tod ſind Eins!“— rief er, weich geſtimmt, aus, als ſie über den Gottesacker ſchritten— „wer könnte uns dies ſchöner lehren, als der kleine, hügliche Raum, der in ſeiner Tiefe die edelſte Saat birgt, und uns aus dem Schooße des Todes ſo freundlich die Kinder eines neuen Lebens entgegen⸗ ſtreckt. Der Reiz des Daſeins ſteigt, wenn wir auf unterhöhltem Boden wandeln. Der Tod iſt die Folie des Lebens, der düſtere Hintergrund, auf welchem ſich die freundlichen Bilder heben, und an Farben⸗ pracht gewinnen.“ „Sollten wir nicht immer, wenn uns das Leben am ſchönſten lacht, ſo gut einen Blick nach unten als nach oben werfen?— Wenn letzterer uns er⸗ hebt, und die ſtolze Zuverſicht der ewigen Fortdauer in uns kräftigt— wird erſterer uns an die Stunde“ der einſtigen Trennung mahnen, und gewiß!— wir ſchließen bei dieſem Gedanken das Herz, das uns am wärmſten entgegenſchlägt, feſter an uns, und geloben ihm heilig in der Tiefe unſerer Seele: es heißer noch zu lieben, es ſorglicher zu wahren vor jedem Gift⸗ * 111 hauche des Kummers, es zu ſchützen und zu ſchirmen und gälte es das eigene Blut und Leben!“— Ferdinand preßte bei dieſen Worten ſeine junge Gattin mit ſtürmiſcher Gewalt an ſein Herz. Seine Blicke ſenkten ſich in ihre Augen, ſein Mund flammte auf ihren weichen Lippen, ſein Athem trank ihren Athem, und ſeine Seele ſchlug mit Flammenfittichen um ſich, als wollte ſie Gott und der Welt, dem Tod und dem Leben wehren, nach dem Weſen zu greifen, was nun ſein, ganz und ewig ſein war. Nach wenigen Minuten ließen ſeine Arme nach, und erröthend gedachte er der Umſtehenden. Aber Karl und Adolphine, die ſich auf eine Raſen⸗ bank niedergelaſſen, blickten ihn ſo freundlich und ſo liebevoll an, daß jede Verlegenheit ſchwand. „Sie haben Recht!“— ſagte Adolphine, mit dem ihr eignen ſanften Tone,—„wer ſo lange in die Grube blickte als ich, wird Ihre Worte ver⸗ ſtehen. Ich fürchte den Tod nicht mehr, ich liebe ihn; ja wenn mich nicht mein Gatte und meine Kin⸗ der an dieſes Leben feſſelten, ich würde den Tag er⸗ ſehnen, in dem ich das müde Haupt niederlegen dürfte.“ 1„Wem ſollte dieſer Gedanke hier auch nicht lieb werden“— rief Ferdinand—„hier, wo zwei „ der größten und der edelſten Menſchen von den Stürmen . 112 des Lebens ausruhen: Karl Wilhelm Ferdinand, Herzog von Braunſchweig-Wolfenbüttel, und Klopſtock.— Sehen Sie dort jene große Linde ihr reiches Blätterdach in ſtiller Majeſtät über zwei Gräber breiten?— Dort ruht Deutſchlands Pindar an der Seite ſeiner heißgeliebten Meta, der er die Grabſchrift ſetzte: „Saat geſähet von Gott,, Am Tage der Garben zu reifen.“ Dort ruht der begeiſterte Dichter der Meſſiade, dort ſchläft der, der einſt ſang:„Auferſtehn, ja auf⸗ erſtehn..“, dort träumt der Barde, der ſeine Mit⸗ brüder aus dem dumpfen Schläfe der Gefühlloſigkeit mit Heldengeſängen weckte, der einen„Herrmann“ erſtehen ließ,— der für Deutſchlands Würde und Ruhm mit allgewaltiger Hand in die Saiten griff, und für ſeines Vaterlandes Freiheit und Unabhän⸗ gigkeit den ſchönſten Kampf beſtand.“ „Wahrhaftig! mich faßt eine wunderbare Begeiſte⸗ rung, wenn ich denke: ſein Geiſt weht um dieſe Stätte, flüſtert in dieſen Zweigen, ſpricht zu uns, in dem Rauſchen dieſer Blätter. O es war ein großer Geiſt!— es war der Geiſt eines lichten Genies.—— Wer wirken könnte wie er, wer ſich einen Lorbeer aufdrü⸗ cken könnte, reich, unverwelklich, wie der ſeine, der, der müßte wahrhaft glücklich hienieden ſein.“ * 18 Auch ihn wird mancher Gram niedergebeugt haben“— entgegnete ernſt Karl—„auch ſeine Seele kämpfte und litt, auch er ſtrebte nach Höherem und ſah ſich, zwiſchen dem Streben und dem Vol— lenden die unüberſchreitbare Kluft dehnen.— Bruder! die Höhen peitſchen die wildeſten Stürme, im Thale nur reifen die ſüßen Früchte des Friedens.“— „Im Thale?“— wiederholte wehmüthig Ferdi⸗ nand—„ja! im kühlen, ſchattigen Thale des Todes!“ „Und wo iſt des Herzogs Gruft?“— frug der Heldenſpieler, dem das Geſpräch peinlich wurde, und der gerne zu Ende und von dem Kirchhofe gekom⸗ men wäre. „Und was hat er gethan, das ihn berühmt machte? war er auch ein Dichter?“ „Der edle Herzog ſtarb, nach einem bewegten Leben, den Helden⸗Tod für das Vaterland!“— ent⸗ gegnete Wellen.—„Auch er wollte Deutſchlands Freiheit und Größe, und opferte dieſem Streben Leben, Krone und Vaterland. Hier ruht er nun, aus der Reihe der europäiſchen Dynaſten geſtrichen, an der Seite des gleichgeſinnten Sängers, mit dem er im Reiche der Geiſter die Seligkeit eines höheren Daſeins, auf Erden das ſtolze Glück eines ſchönen, großen Nachruhmes theilt!“— 114* „Nachruhm!“— ſeufzte der Heldenſpieler achſel⸗ zuckend—“ was hat man vom Nachruhm!— es geht mit dem Nachruhm wie mit der Ehre. Was iſt Ehre! — ſagt Falſtaff— ein Wort. Was iſt in dem Worte Ehre?— Luft.— Eine faubere Rechnung!— Wer hat ſie?— Er, der vergangenen Mittwoch ſtarb. Fühlt er ſie?— Nein!— Hört er ſie?— Nein!— Sie iſt alſo unfühlbar?— Ja, für den Todten. Aber lebt ſie nicht mit den Lebenden?— Nein.— Warum nicht? Verläumdung duldet es nicht. Alſo ich will nichts davon. Chre iſt nichts als ein Wappenſchild beim Begräbniß, und damit iſt mein Katechismus zu Ende.“ Ferdinand, der ſich ungern aus den höheren Sphären, in welchen ſein Geiſt eben noch mit aus⸗ gebreiteten Flügeln ſchwebte, herabgezogen ſah, ent⸗ gegnete finſter: „Und doch läßt der große Britte Caſſio ausrufen: Ehre! Ehre! Ehre! O, ich habe meine Ehre verloren! Freund, ich habe den unſterblichen Theil meines Selbſt verloren! Was mir bleibt, iſt bloß thieriſch.— Und wie recht hat er hier! Was iſt es denn anders, das den Menſchen zu allem Großen, Schönen, Erhabenen,— ſelbſt mit Aufopfe⸗ rung ſeines Erdenglücks, ſeiner Perſon— anſpornt, 115 als die Ehre, der berauſchende Gedanke: in ſeinem Ruhme ewig zu leben.“ „Alſo Eitelkeit“— ſagte der Recenſent, dem eben ſo wie ſeinem Freunde, dem Heldenſpieler, daran lag, auf eine andere Unterhaltung und von dem Kirch⸗ hofe an die Tafel zu kommen. „Glauben Sie denn!“— entgegnete Wellen ruhig, obgleich er ſich eines gewiſſen Gefühls von Verachtung, das er gegen die beiden materiellen Men⸗ ſchen fühlte, nicht erwehren konnte,—„das Motiv, welches Klopſtock ſowohl, als den Herzog von Braun⸗ ſchweig⸗Wolfenbüttel zu dem bewog, was ſie thaten, ſei auch Eitelkeit geweſen?“ „Allerdings!“— rief der Kritiker mit entſchiede⸗ nem Tone—„Klopſtock war Dichter, der Herzog Soldat.— Der Dichter allbekannte ſchwache Seite iſt Ehrſucht, des Kriegers Ideal, der Ruhm.“ „Damit iſt bewieſen, was Sie verwerfen wollen;“ entgegnete der junge Ehemann—„es kann und wird von Niemanden beſtritten werden, daß Klop⸗ ſtock's und des Herzogs Streben ein edles war. Wenn aber edle Seelen mit allen ihren Kräften nach Ehre und Ruhm ſtrebten, wahrlich dann müſſen dieſe doch wohl auch köſtliche Güter ſein.“ „Nur in Betracht des Lebens; nur dann, wenn 116 ſie dazu dienen uns das Leben angenehm zu machen,“ meinte der Recenſent—„Ich bin gewiß, dieſer An⸗ ſicht ſind auch Alle, die darnach ſtreben. Dann haben ſie auch eine gewiſſe Realität, ſie ſind, im einzelnen Beziehungen, klingende Münze.“ „Und gilt für ſie keine Cwigkeit?“— frug Fer⸗ dinand erſtaunt—„ſchneiden Sie mit dem Tode, gleich der unerbittlichen Atropos, jeden zarten Faden ab, den wir hier angeſponnen um ihn dort zu vollenden?“ „Dort?“— frug der Recenſent kalt und ironiſch lächelnd—„wo iſt das Dort?“ „Ueber dem Grabe!“ entgegnete Ferdinand ernſt. „O weh!“— rief der Heldenſpieler,—„wir kom⸗ men am Hochzeitstage ſchon wieder auf Grab und Tod zu ſprechen. Laſſen wir doch heute dieſen Vor⸗ hang ungelüftet. Es ſchaut ja doch Keiner dahinter, und es geht uns Allen mit dem zukünftigen Leben, wie einem Kinde, welches zum erſtenmale in das Theater kömmt. Es will aus der Ouvertüre, die das Orcheſter ſpielt, und aus den Hyroglyphen des Vor⸗ hanges gern den Inhalt des Stückes errathen, das es mit banger Ungeduld erwartet, da ihm Aeltern und Lehrer viel Schönes davon geſagt. Alles iſt Stück⸗ 117 werk! ſagt Paulus, oder ſonſt ſo ein frommer Herr, und er hat ſehr Recht, namentlich wenn er unſer Wiſſen über„Jenſeits“ meint. Ich ſollte denken, wir hätten genug zu thun, wenn wir unſere Rolle auf der Erdenbühne gut und zu unſerem Vortheile ſpielen⸗ Das Grab iſt dann das Auskleidezimmer; und ob ich einen Fetzen Ehre als Mantel um mich geſchlagen hatte, ob ich den König oder den Bettler, den Helden oder den Feigen geſpielt habe, iſt dann gleich— wir Alle legen uns nackt in das letzte Bett.“ „Und nur der war klug“— rief munter der Re⸗ renſent—„der ſterbend mit Auguſtus rufen kann: Wenn Euch mein Spiel gefallen hat, ſo ruft mir Beifall in'sgeſammt und klatſchet mir mit Freudigkeit.“ Ferdinand hatte ſchon lange nicht mehr auf das Geſpräch geachtet, ſeine Augen ſtarrten nach einem fernen Punkte, ſeine Stirne überſchattete eine finſtere Wolke, ſein ganzes Weſen trug das Gepräge des Schreckens. Niemand aber ahnte, was ihn bewegte, man hielt ſeine Aufregungen für eine Folge der Aeußerungen, welche eben ausgeſprochen worden waren; aber ſie hatte einen andern Grund. Fer⸗ dinand gewahrte nämlich, durch die noch of⸗ fene Kirchenthüre ſehend, zwei Geſtalten in dem Schiff des Gebändes. Gleichgültig ſah er Anfangs — 118 nach ihnen hin; aber wie erſtaunte er, als er in denſelben Heylig und die Spanierin erkannte. Die Geſtalten ſchwebten nur in der Ferne, und um⸗ floſſen von dem Halbdunkel der Kirche vorüber; aber Heylig blickte Ferdinand, den er wohl auch erſpäht haben mochte, mit einem ſo ſataniſch⸗boshaf⸗ ten Lächeln an, die ganze Erſcheinung hatte etwas ſo geiſterartiges und traf das Herz Wellens in einem ſo weichen Momente, daß er bebte, und es ihm däuchte, als müſſe dies eine böſe Vorbedeutung für ſeine Zukunft ſein. Gerne brach er daher auf und führte die Geſell⸗ ſchaft nach der obengedachten benachbarten Wieſe, auf welcher, im Schatten der herrlichſten Obſtbäume, eine reichlich beſetzte Tafel aufgeſchlagen war. Ferdinand hatte von jeher kein größeres Glück gekannt, als Andere zu überraſchen, zu beſchenken, zu bewirthen und mit Freuden zu überſchütten. Auch war ihm der Geſchmack und die Art eigen, dies auf eine ſinnige Weiſe zu thun. Er rechnete dieſe Gen⸗ tilität zu einem der wichtigſten Erforderniſſe des Genie's, und würde lieber gehungert, als ſich der Freigebigkeit entſchlagen haben. Heute aber, an dem ſchönſten Feſte ſeines Lebens, ließ er ihr den freieſten Lauf. Die Tafel beugte ſich unter der Laſt der Schüſſeln, die beſten und edelſten Weine ſprudelten in unverſiegbarer Fülle, der Champagner ſprengte ſeine Stopfen knallend in die Lüfte, und ſelbſt Floras zarte Kinder würzten das Mahl, durch das Opfer ihrer balſamiſchen Düfte. Und war es denn auch in der That nicht gött⸗ lich?— Schaute nicht der Himmel azurblau hernie⸗ der?— Sangen nicht Tauſende von Lerchen ihre ſchmetternden Hymnen?— Wehte die Luft nicht ſo friſch und erquickend?— Wirrte und ſchwirrte nicht das Leben, ſichtbar, unſichtbar, rings in allen Tiefen und Höhen der Schöpfung?— Saß nicht dem Freunde der Freund gegenüber?— Den Kindern die Mutter?— Lehnte nicht die Braut das Haupt an die Bruſt des Bräutigams?— Nannte nicht Fer⸗ dinand mit Entzücken die ſüß erröthende Geliebte— ſeine Gattin?— Ja!— ſie waren Alle glücklich, froh und heiter. Ferdinands augenblickliche Mißſtimmung war längſt gewichen, er durfte ja nur ſeinem jungen Weibchen in die Augen blicken, um eine nicht zu beſchreibende Seligkeit zu koſten. Das ſchöne, große Vorrecht der Seligkeit aber iſt— über die Seligkeit ſelbſt— Alles zu vergeſſen. Wahrhaftig! der Heldenſpieler und ſein Freund 120 ſchwammen ebenfalls im Meere der Wonne. Hier war das eigentliche Element ihres Daſeins. Hier leiſteten ſie Großes! Hier trotzten ſie den Stürmen des Lebens; hier bewieſen ſie, daß ſie Künſtler und Philoſophen ſeien; denn ſie waren Meiſter im Eſſen und Trinken, und ſtellten in ſich das warnende Bild der Alles verſchlingenden Zeit dar. Mit der Flüchtigkeit glücklicher Stunden entfloh der Nachmittag und der Abend führte die heitere Ge⸗ ſellſchaft über Klein„Flottbeck nach Nien⸗ ſtädten. Wie enthüllte die Natur ihre Schönhei⸗ ten vor den Blicken der Wanderer; wie reizend fan⸗ den ſie die Ufer der Elbe, die ſich, wie ein ſpielendes Kind, bald hinter Gebüſchen verſteckte, bald ihnen freundlich entgegenblickte. Die Abendluft wiegte ſich in ſanften Wellen auf den Kornfeldern; Haaſen ſpielten in dem fetten Klee; aus den ferneren Gehölzen lachte die Turteltaube, ſchrie der Kukuk, und auf den ſaftigen Wieſen graſten unzählige Lämmer. Der Friede der Natur ſenkte ſich in das Herz des Menſchen, und es feierte das glückliche einen from⸗ men Sabbath. Spät kam man nach der Stadt zurück, und Alle trennten ſich mit dem Gedanken; dies war ein ſchö⸗ ner, reicher Tag! 121 Aber die Liebe, iſt ſo überreich an Glück, daß ſie das Herz, welches ſie mit ihrer ganzen Fülle erfaßt, zu zerſprengen droht. Es muß ſich ſammeln und in die Einſamkeit zurückziehen, um, ſtill verborgen, den überſprudelnden Becher der Wonne zu koſten, zu ſchwelgen in heiliger Behaglichkeit in dem Schatze, den es kaum ſein Eigen zu nennen wagt. Ferdinand und Auguſte ſaßen noch lange an dem offenen Fenſter beieinander. Sie hatten ſich um— ſchlungen, ſie ruhten Bruſt an Bruſt, Mund auf Mund; aber kein Wort kam über ihre Lippen; denn ihre Geiſter neigten ſich zueinander und ſprachen die Sprache der Liebe und des Lichtes. Es iſt viel über die Fortdauer der Seele nach dem Tode geſtritten worden, und wird ſicher noch viel über dieſen Gegenſtand geſtritten werden, da wohl nie ein unumſtößlicher, handgreiflicher Beweis dafüͤr geltend gemacht werden kann. Dennoch iſt der denkende Menſch berechtigt, aus tauſend— hier nicht zu erörternden— Gründen für beſtimmt anzunehmen, daß wir individuell fortbeſtehen. Hier nur einen * 122 Grund für dieſe Behauptung— einen,— der zu⸗ gleich auch ein Licht auf das, ſonſt gänzlich unbe⸗ greifliche Benehmen ſo vieler Menſchen, hier ſpeciell auf Ferdinands Betragen nach der Ehe— wirft. Es hat nie einen Menſchen gegeben, und gibt keinen, deſſen Seele die Sehnſucht fremd geblieben. Auch die Zukunft wird kein vernünftiges Weſen her⸗ vorrufen, das nicht hoffen und ſich ſehnen müßte. Bei der verſchiedenen Bildungsſtufe aber, auf welcher die Menſchen ſtehen; bei ihren verſchiedenen Temperamenten und Characteren, iſt es ſehr natürlich, daß dies Gefühl der Sehnſucht nicht nur mehr oder weniger hervortritt; ſondern ſich auch nach einem Ziele neigt, welches der inneren Stimmung der ein⸗ zelnen Individuen entſpricht. Wir ſehen ja alltäglich, wie tauſendfach ſich dieſer Strahl bricht. Wir geben ihm die verſchiedenſten Namen; wir nennen ihn Lebensüberdruß, Sehnſucht nach dem Tode, Sehnen nach der Ferne, Liebe, Ehr⸗ ſucht, Geldgier, Religion, Habſucht, Melancholie, Liebe der Einſamkeit, Schwärmerei u. ſ. w. Kurz! wenn wir uns genau erforſchen, liegt faſt allen unſeren Handlungen ein verſtecktes Sehnen, ein Hinziehen nach etwas Gewiſſem, das Bedürfniß, eine gewiſſe Lucke oder Leere in uns zu füllen, zu Grunde. 22 Schlagend iſt aber bewieſen,— und es beweiſt ſich täglich auf's Neue in uns ſelbſt— daß es gar nichts auf Erden gibt, welches dieſe Sehnſucht dauernd zu ſtillen vermag. Nicht einmal das Pflaſter, welches der Menſch gleich von ſeiner Entſtehung an für dieſe Wunde erfunden, nicht einmal die Religion; die im Gegentheil, und dies mit Recht, die ſüßeſte Nahrung für ſie iſt.*) Die Liebe allein,— ſie, die auf Erden gerade die heftigſte Sehnſucht einflößt— iſt auch im Stande dieſe Sehnſucht am vollkommenſten und längſten zu ſtillen. Und dennoch vermag ſie nie dieſelbe aufzu⸗ heben. Wenn alle Schwierigkeiten überwunden, wenn das heißerſtrebte Ziel erreicht, wenn die Liebenden das heiligſte, das innigſte Band vereint— ſchimmert dennoch die alte, tiefe Sehnſucht durch ihr Glück. „Ach! wenn ſie ewig grünen bliebe, Die ſchöne Zeit der jungen Liebe.“ Nicht iſt dies, als ob die auf gegenſeitige Achtung und Seelenneigung gegründete Liebe edler Gatten *) Hier wird natürlich nur von gebildeten Menſchen geſprochen; Seelen, die noch in der Sinnlichkeit verpuppt ſind, zählen für Nichts, und ihr allenfalls geruhigter Zuſtand iſt nur durch das Schlummern ihres beſſern Theiles bedingt. 124 bald nach der Verheirathung aufhören würde. Gott behüte!— dieſe Liebe lebt fort, ſelbſt bis über die Sterne!— Nicht als ob hier die phyſiſche, die thie⸗ riſche Liebe gemeint ſei— für dieſe gilt bekanntlich der Satz: der heißerſehnteſte Gegenſtand findet ſeinen Tod im Genuß.— Aber— hinter der irdiſchen Liebe liegt noch eine höhere Liebe— hinter dem irdiſchen Sehnen noch eine geiſtigere Sehnſuch— und hier! hier! liegt gerade der ſicherſte Beweis für unſere Fordauer nach dem Tode; denn da nichts, nicht einmal das Beſte, das Edelſte— die Liebe— uns im Erdenleben ganz befriedigen kann; da auch über dieſe jene innerſte Sehnſucht reicht; da wir auch an dem Buſen der Geliebten noch ſeufzend den Blick nach Oben richten, iſt es doch wohl gewiß, daß wir noch nach einer fernen Inſel zu ſchiffen haben, an deren unbekannten Geſtaden der Hauch Gottes weht, der dieſe Wunde heilt. Gott iſt, Gott muß gerecht ſein; das Urprinzip muß befriedigen, wo es einen Drang ſchuf. Der Drang iſt in uns, die Befriedigung wird uns hier nicht; folglich muß ſie uns wo anders— ſpäter— nach dem Tode werden. Hierdurch läßt ſich nun auch erklären, was einen kräftigen Menſchen oft, wenn er in der glücklichſten 125 Ehe doch wieder ein fremdes Sehnen findet, zu dem Irrthum führt, als habe er ſich in der Wahl des Gegenſtandes getäuſcht. Frauen ſind dieſem bitteren Gefühle ſchon deswegen weniger ausgeſetzt, weil ihr Geiſt ſelten ſolche Elaſticität und Vehemenz beſitzt, als der des Mannes. Jedenfalls aber irrt Jeder, der ſo denkt; denn nicht in der Wahl des Gegenſtandes liegt der Fehler; ſondern darin, daß er ſeine Liebe, ſein Sehnen, eben auf einen Gegenſtand und nicht auf die Urquelle der Liebe ſelbſt, auf Gott, ge⸗ richtet hat.— Ferdinand's unruhiger, freiheitliebender Geiſt, ſein Streben in das Weite, Unendliche, ſeine Sucht genial zu ſein und zu erſcheinen; ſein Drang Großes und Edles zu wollen— dem freilich faſt immer die Ausführung fehlte,— alles dies ſchwieg nach der Verheirathung auf einige Zeit; da es eine glühende, tiefgefühlte Liebe mit der Gewalt der Lei⸗ denſchaft in ſich verſchlang. Auguſte, die, wenn auch von ruhigerem Tem⸗ peramente, ſich dem geliebten Gatten doch mit jener ſüßen, bräutlichen Hingebung anſchmiegte, war ſein Abgott, und eraltirt, wie ſolche funkenſprühende Ge⸗ müther immer ſind, wich Ferdinand die erſten vier Wochen keinen Augenblick von der Seite der Lieblichen. —— 126 Aeltern und Bekannte, Studium und Zerſtrenung, ſelbſt die Literatur war vergeſſen, und nur Karl und Adolphine hatten Zutritt zu dem Ueberglück⸗ lichen, dem das Leben in ſeines jungen Weibes Ar⸗ men ein paradieſiſches ſchien. Karl lächelte dem Himmelsſtürmer freundlich zu; er gönnte dem edlen Menſchen und ſeiner guten Schweſter das ſchäumende Gluͤck, wohl wiſſend, daß ſich dies Brauſen bald legen und einem ruhigeren Genuſſe Platz machen würde. In der That kam Ferdinand nach einigen Wochen zu ſich. Er war nicht weniger glücklich; aber ſtiller. Er fühlte, daß eine zweckmäßige Unter⸗ brechung durch Arbeit oder Zerſtreuung den Genuß reizender mache; wie wir unter einen Blüthenſtrauß, Blätter miſchen, den Glanz der farbigen Dolden zu heben. Karl rieth zu einer feſten und regelmäßigen Be⸗ ſchäftigung, die Ferdinand nicht allein Gelegenheit gebe, ſeinen Drang zum Schaffen zu befriedigen; ſondern auch das Einkommen um Etwas erhöhe, da Wellen ſeine Freigiebigkeit keineswegs aufgeben wollte noch konnte. Anfangs berührte der Gedanke, für den Erwerb zu arbeiten, den jungen, ſtolzen Mann ſehr peinlich, doch gelang es endlich dem Freunde,— nach⸗ 127 dem er ihm bewieſen, daß ſelbſt die erſten Staats⸗ männer, Schriftſteller und Künſtler ſich bezahlen ließen, da ſie ja ihre Zeit und ihr Leben dem Staate oder der Kunſt widmeten— Ferdinand dahin zu beſtimmen, daß er ſich an der Redaction einer Zeit⸗ ſchrift betheiligte, welche die Tendenzen der neueſten Zeit verfocht. Karl's Wahl war hierin ſehr glück⸗ lich; denn Wellen würde kaum, trotz ſeinem vie⸗ lerlei Wiſſen, irgend einen anderen Poſten in der Welt haben ausfüllen können, auch ließ ihm dieſes Geſchäft den Schein der Ungebundenheit und ſchmei— chelte ſeinem Hang nach Genialität, indem es ihm nun leicht möglich wurde, ſeine oft ertravaganten Anſichten öffentlich auszuſprechen. Mit ſeinen Aeltern war er geſpannt, und blieb es, obgleich die faſt verzweifelnde Mutter Alles auf⸗ bot, den Sohn wieder an ihr Herz zu ziehen. Aber der Sohn wollte nicht ohne die Gattin kommen, und die hochmüthige Hofräthin die Schweſter eines armen Schauſpielers nicht als Tochter empfangen. So blieb es denn bei der Trennung, unter welcher freilich das Mutterherz am meiſten litt. Der Vater hätte wohl eher nachgegeben; denn er zuckte, wenn darauf die Rede kam, die Achſeln und meinte: es ſei nun ein⸗ mal nicht mehr zu ändern; das Paar ſei rechts⸗ 128 kräftig verbunden und alle Reue zu ſpät. Dann nahm er gewöhnlich eine Priſe, und ſchloß mit dem ſtoiſchen: in acerbis simus faciles.*) Ferdinand ſelbſt machte ſich wenig aus dieſer Spannung, und Auguſte, die ſich vor der Hofräthin gefürchtet hatte, war dieſelbe für ſich willkommen, ſo ſehr ihr kindli⸗ ches Gemüth die Uneinigkeit zwiſchen Sohn und Aeltern ſchmerzte. Sie ſuchte auch den Gatten zur Nachgiebigkeit zu bewegen, und wollte gern die Zu⸗ ruͤckſetzung ſchweigend tragen; aber Wellen beſtand aufſ einem Verlangen. Auf das Leben der Neuvermählten hatte dies in⸗ deſſen keinen Einfluß. Sie lebten wahrhaftig glücklich, und Ferdinand theilte ſeine Zeit ſo zweckmäßig zwiſchen Arbeit und Liebe, daß— da er auch ſeinem Geſchäft mit Freude und Eifer oblag— kaum ein zufriedeneres Paar in Hamburg hätte können auf— getrieben werden. Das Gefühl der Behaglichkeit wuchs aber noch als Karl zu einem beſſeren Rollenfache ſtieg, und ſeine Gage bedeutend erhöht wurde. Aber bei Ferdinand's Charakter war es eine reine Unmöglichkeit, lange in dieſem künſtlichen *) In bitteren Erlebniſſen ſeien wir heiter. Deutſch; in einen ſaueren Apfel beißen. 129 Frieden, in dieſer Ruhe zu verweilen. Liebe hatte die Flügel ſeines Geiſtes gebunden,— Liebe vermochte auch den Verwöhnten, den wild Stürmenden, den Eitlen, den an ein bewegtes, rauſchendes Leben Ge⸗ wohnten,— einige Zeit zu feſſeln. Als er aber ein⸗ mal den Becher der Luſt geleert und den Rauſch der Neuheit ausgeſchlafen, erwachte jenes Gefühl der Leere in ihm. Wie natürlich dachte er über deſſen Entſtehen nach, verglich ſein früheres und ſein jetzi⸗ ges Leben, und da— wie er glaubte— der Vergleich zu Gunſten jenes freieren, genialeren Seins aus⸗ fiel; ſo mußte die Ehe die ganze Schuld tragen. Er dachte an die Lehren ſeiner Mutter, an die Be⸗ friedigung, die er gefühlt, wenn er ſeinem großartigen Streben mit Genialität gefolgt, an die Unterhal⸗ tung, die er einſt in dem Alſter-Pavillon mit jener ſchönen und geiſtreichen Spanierin geführt,— er verglich die hohe, ſtolze Schönheit der Letzteren, mit der anſpruchloſen ſeiner Gattin, den kühnen Ideen⸗ ſchwung der Emancipirten— mit dem klaren, prak⸗ tiſchen Verſtande Auguſtens; und da einmal die Unzufriedenheit ſich ſeiner bemeiſtert, ſo drängte auch jenes Leben, jenes verführeriſche Bild alles Andere in den Hintergrund; er erinnerte ſich dabei der Aus⸗ ſprüche der Fremden über die Ehe, billigte ſie wieder, 9 130 wie damals, aus vollem Herzen und verwünſchte den Tag, an dem er ſo wahnſinnig geweſen, ſich ſelbſt in die drückenden Feſſeln zu ſchmiegen. Die Grundfeſte ſeines häuslichen Glücks war erſchüttert. Ueber den eingebildeten Zwang fühlte er bald einen wirklichen; da an die Stelle der bisheri⸗ gen Herzlichkeit— Kälte, an die einer freudigen Hingebung— Zurückhaltung trat; und ſtatt der bis jetzt durch Liebe hervorgerufenen Harmonie ſich der Zweifel und die Unzufriedenheit in ſein Herz ein⸗ niſteten, und ihm ewig die— freilich rauſchenderen und lauteren— Genüſſe ſeines früheren Lebens vor⸗ hielten. Von nun an ſuchte Ferdinand wieder Zerſtreu⸗ ungen nach Außen. Das Erſte, was er that, war, die dargebotene Hand der Mutter zu ergreifen, und ſich mit ihr zu verſöhnen. Er ließ zwar dabei nichts auf ſeine Gattin kommen, ſchloß aber dennoch den Frie⸗ den ohne die früher aufgeſtellte Bedingung. Dieſe Inconſequenz war ein ſchlagender Beweis, daß ſeine Liebe nachgelaſſen, und die Hofräthin, die als Frau dies leicht errieth, ermangelte nicht durch leiſe Anſpie⸗ lungen die Kluft noch zu erweitern, die ſich bereits zwiſchen ihrem Sohne und der verhaßten Schwieger⸗ tochter gebildet. Auch der Alſter⸗Pavillon und ſon⸗ * 131 ſtige Vergnügungsorte ſahen den jungen Wellen nun wieder, und der Heldenſpieler und ſein Pylades, der alte Recenſent,— von welchen ſich Ferdinand in letzterer Zeit durch Auguſten's warnende Bitten etwas mehr entfernt— wurden wieder zu Gnaden an⸗ und bei faſt allen Luſtbarkeiten mitgenommen. Waren doch Beide ſtets bereit, die Genüſſe, die ihnen durch Ferdinand's Freigiebigkeit wurden, durch Schmeicheleien, Heiterkeit, bizarre und pikante Reden, vor allem Andern aber durch die laute und ofte An⸗ erkennung ſeiner Genialität zu erkaufen. Was aber Ferdinand's Seele am meiſten in Anſpruch nahm, war der Wunſch: jene Spanierin wiederzufinden, deren Welt⸗ und Lebensanſichten ſo ganz mit den ſeinen übereingeſtimmt. Nicht Liebe zog ihn zu ihr hin; ſondern das Bedürfniß, mit dieſem geiſtreichen Weſen in eine nähere, wenn auch eben nur geiſtige, Verbindung zu treten, da er ja in dieſer Richtung allein das Heil und die Befriedigung zu finden hoffte, die ihm ſeine Liebe zu Auguſten nicht geben konnte. Es muß noch etwas Höheres geben, als die Frauenliebe, ſeufzte er, und dies dunkel Angeſtrebte kann nichts anderes ſein, als eine höhere Liebe, die Liebe der ganzen Menſchheit, die ſich in dem Streben 132 kund gibt, die großen kosmopolitiſchen Ideen unſeres Jahrhunderts zu verwirklichen. Wie feſt und klar aber hatte, ſeiner Meinung nach, die Spanierin dies Ziel im Auge, und wie groß und ſchön, dachte er, müſſe es ſein, wenn ſie Beide ſich zu dem gemein⸗ ſamen Ringen vereinigten. Leider war aber die Donna ſpurlos für ihn ver⸗ ſchwunden, da er jene Erſcheinung in Ottenſe n½ für eine Eingabe ſeiner Phantaſie erachtete; um ſo mehr, als es wahrlich undenklich ſchien, daß die geiſt⸗ reiche Emancipirte und der beſchränkte Heylig ſich einander auch nur in einer Beziehung genähert haben ſollten. Nichts deſtoweniger ſuchte ſie Ferdinand allenthalben; ihr Bild kam ihm nicht aus dem Sinn, ihre Reden ſchallten beſtändig in ſeinem Ohre— und Gattin, Freund und Arbeit waren vergeſſen; ja er⸗ ſtere dünkten ihm nur hemmende Bande, die ihn, in gutgemeinter Beſchränkheit, von dem kühnen Fluge abhalten wollten, dem ihre Geiſtesflügel freilich nicht gewachſen ſeien. Auguſte hatte die Veränderung ihres Gatten bald bemerkt. Die gute Seele ſchob den Fehler auf ſich und war bemüht, den Flatterhaften durch deſto größere Innigkeit; durch deſto heißere Liebe und Hin⸗ gabe, durch tauſend kleine Aufmerkſamkeiten, durch ₰ 133 Heiterkeit und Gemüthlichkeit, wieder enger an ſich zu feſſeln. Aber mit Entſetzen gewahrte ſie endlich, daß dies Alles faſt gerade den umgekehrten Eindruck auf Ferdinand mache, ja daß er kalt und kälter werde und ſogar ihren Umgang fliehe. Der gefräßige Wurm des Grames hatte ſich in den Kelch der zarten Blume geſenkt. Auguſte brach innerlich über dieſen frühen Einſturz ihres Himmels zu⸗ ſammen; ließ aber weder der Welt, noch dem Gatten— nicht einmal dem Schwager— ihr Leiden merken, das ſie mit jener ſanften Duldung trug, die nur den Frauen; und ſelbſt unter dieſen nur den edelſten der⸗ ſelben, eigen iſt. Je vergeblicher aber Ferdinand nach ſeiner Donna forſchte, deſto finſterer ward er; und ſchon ſtellte ſich in ſeinem ercentriſchen Gehirne der Plan feſt, ſie ſelbſt in fernen Ländern zu ſuchen. So war aber Wellen immer, und ſo werden jene ſich zer⸗ ſplitternden, ſchwachen, aber eingebildeten Geiſter ewig bleiben; ſie wollen das Schöne und Gute, ſie ſtreben nach dem Edlen; aber ehe ſie ſich es verſehen, hat ſie eine ganz unbedeutende Nebenſache von ihrem Streben abgezogen,— ſie ſichen mit Eigenſinn pi Nebenſache zu erringen, vermeng großen Ziele, welches ſie ſich geſteckt, 134 ſo am Ende ihrer Laufbahn um den Preis aller ihrer Mühe betrogen. Aber dem Eigenſinne Ferdinands ſchmeichelte der Zufall. Es war ſchon ziemlich ſpät Abends, als er von einem Spaziergange zurückkehrte. In eine jener volk⸗ reichen, aber engen und von alten, hohen Häuſern zuſammengeſetzten Straßen getreten, reizte ein Zu⸗ ſammenlauf des Volkes ſeine Aufmerkſamkeit. Kaum aber wandte er ſich mit der Frage: was es da gäbe, an einen Vorüberlaufenden; als auch ſchon der Schreckensruf:„Feuer!“„Feuer!“ von allen Seiten her ertönte, und ihn aus ſeiner Ungewißheit riß. Ferdinand beeilte ſeine Schritte, und obgleich er, der Volksmaſſe wegen, welche die enge Straße ſperrte, nicht bis zu dem brennenden Hauſe ſelbſt gelangen konnte, ſah er doch von Ferne das ganze Gebäude mit einem Male in Flammen ſtehen. Das Schreck⸗ lichſte dabei war, daß es von unten hinauf brannte, und die Unglücklichen, welche im dritten Stockwerke wohnten, ſich nicht retten konnten, da das Feuer die Treppen bereits ergriffen. So vorzüglich nun auch Hamburgs Löſchanſtalt war, lag es doch im Bereiche de„ daß dieſelbe mit der Gedanken⸗ ſchnellez e eilen konnte, mit welcher das Feuer,— 135 auf leicht brennbare Stoffe geſtoßen,— um ſich griff. Hier galt es alſo entſchloſſenes Angreifen von Seiten der Anweſenden, namentlich, da zwei Kinder aus den Fenſtern des dritten Stockes in Verzweiflung um Hülfe ſchrieen. Wer aber wollte es wagen hier zu retten. Ueber die Treppen konnte Niemand mehr ge⸗ langen und nur von außen, vermittelſt einer, oder viel⸗ mehr mehrerer aneinander gebundenen Leitern, konnte man den Unglücklichen nahen, nach welchen die rothen Jungen der Flammen ſchon begierig leckten. Aber auch dies blieb um ſo verwegener, als der Hinaufſteigende ſelbſt dem Feuer ausgeſetzt war, oder dies raſende Element unter ſeinen Füßen die Leiter verzehren konnte. Letztere war daher ſchon bereit; aber Niemand wollte ſich dem faſt ſicheren Tode Preis geben. Eine Mi⸗ nute des Erwartens, der Beklemmung, der Angſt, des faſt allgemeinen Schweigens trat ein, nur von dem Jammern der armen Kinder unterbrochen. Ferdinand zuckte es durch das Herz.„Platz!“— rief er—„laßt mich vor, ich will hinauf!“— Die freudig erſtaunte Menge theilte ſich,— aber in dem gleichen Momente ſah Wellen in dem, ſchauerlich durch den flackernden, blutrothen Schein des Feuers erhellten Halbdunkel der Nacht, eine weibliche Geſtalt die ſchwanke Leiter erklimmen. Der Athem ſtockte 435 ihm,— Todtenſtille trat abermals ein— die Ver⸗ wegene ſtieg muthig empor, nicht achtend des Rau⸗ ches, der ſie in dichten Säulen ſchwarz umwirbelte, noch des Feuers, das ſeine Glutharme begierig nach ihr reckte.— Jetzt hatte ſie die Kinder erreicht; aber nur eines vermochte ſie zu tragen, da ſie ſich mit der anderen Hand an der ſchwanken Leiter halten mußte; ſie half daher dem ſtärkſten derſelben auf ihren Nacken, hieß es mit ſeinen Händen ihren Hals umfaſſen, packte das Leichtere dann feſt mit der linken Hand, drückte es wider ihre Seite— und kehrte ſo, mit der Rechten ſich an der Leiter haltend, zurück. Schon hatte die kühne Retterin die Hälfte des e fährlichen Weges zurückgelegt, ſchon jauchzte ihr die Menge entgegen, ſchon waren auch die Spritzenleute erſchienen— als plötzlich die Flammen die weiten Röcke der Verwegenen ergriffen, und die leichten Stoffe licht aufloderten. Ein Mark und Bein zer⸗ ſchneidender Schrei durchſchnitt die Luft. Aber Fer⸗ dinand, der ſich unterdeſſen bis nach vornen vor⸗ gearbeitet hatte, gewahrte dies Unglück nicht ſo bald, als er auch ſchon der Leiter hinaufgeklommen war, und mit beiden Armen die Füße der Brennenden um⸗ ſchlingend, die Flammen tödtete und von den bren⸗ nenden Stoffen herunterriß, was er habhaft werden 137 konnte. Dann nahm er dem Weibe den Knaben, den ſie in der Hand trug, ab, und Beide erreichten nun raſch den ſicheren Boden. Dies Alles war das Werk eines Augenblicks ge⸗ weſen; aber eines Augenblicks, der furchtbar auf alle Gemüther gewirkt. Ferdinand ſelbſt war kaum ſeines klaren Bewußtſeins Herr. Er übergab den Knaben demjenigen, der ihn eben in Empfang zu nehmen ihm entgegenkam,— bot der Dame, der er ſo zeitig zu Hülfe geſprungen, mechaniſch ſeinen Arm, und hörte weder das Lob noch den Dank der Menge, die ſich preiſend um das edle Paar drängte; noch ſpürte er die Schmerzen der Brandwunden, die er an der Hand und dem Arme davongetragen. Erſt als ſie ſich aus dem lärmenden Gewühle geflüchtet und die kühle Nachtluft ſie labend umwehte, ward ihm Alles klar; wie aber ſtaunte er, als ſeine Dame ihn mit bekannter Stimme bat: ſie in das naheliegende Gaſthaus zu führen, woſelbſt ſie ein Zimmer nehmen und ſo lange dort warten wolle, bis ſie ſich einen anderen Anzug aus ihrer ſehr ent⸗ legenen Wohnung habe holen laſſen. Ferdinand ſtarrte die Sprecherin erſtaunt an, und ſtand wie vom Donner gerührt, als er, im Scheine einer Laterne, in die ruhigen, ſtolz⸗erhabenen Züge ſeiner Spanierin blickte. 138 Jetzt riß ihn aber die Freude ſo ſtürmiſch hin, als ihn noch eben der Schrecken ergriffen hatte; und nur die wiederholte Bitte der Donna: ſie nach einem Gaſthofe zu leiten, da ſie eines Theiles ihrer Kleider beraubt ſei, brachte den Entzückten vor der Hand zur Faſſung. Als Beide in das Gaſtzimmer, welches ſich Fer⸗ dinand hatte öffnen laſſen, getreten waren, und der Kellner Licht gebracht hatte, gewahrten ſie erſt wie tragiſch⸗komiſch ihr Aeußeres ſei. Donna Arabella's Mantille war verloren, ihr gelb ſeidenes Kleid, mit den zwei breiten ſchwar⸗ zen Spitzengarnierungen, hatten die Flammen auf der einen Seite bis zum Gürtel verzehrt, während es auf der anderen in braunrandigen Fetzen herab hing, und ſich die Spitzen nur noch in zuſammen gerollten, halb verbrannten Ueberreſten zeigten. Aber auch die Unterkleider hatten auf der linken Seite, die das Feuer zumeiſt erfaßt, ſehr gelitten, ſo daß der ganze Anzug der Spanierin auf dieſer Seite nur noch in braunen Reſten bis zu dem Knie reichte, während er auf der anderen, das Oberkleid abgerech⸗ net, faſt unbeſchädigt war. Hände und Angeſicht der Schönen zeigten ebenfalls ſehr merkliche Spuren des Abenteuers, durch ihre 139 Schwärze, ſo daß Arabella in ein ſchallendes Ge⸗ lächter ausbrach, als ſie ſich in dem Spiegel erblickte. „Das ſind die Folgen unſerer albernen Tracht!“— rief ſie launig. Hätte ich Beinkleider ſtatt der weiten, flatternden Röcke angehabt, die ohnehin in jeder freien Bewegung hemmen, ſo würde ich jetzt nicht wie eine Hexe ausſehn, die dem Auto da Fe entlaufen. Ge⸗ ſchwind Kellner!“— ſagte ſie dann, ſich mit Leichtig⸗ keit und Grazie auf das Sopha werfend—„nehmen Sie dieſe Adreſſe, und ſenden Sie nach meiner Woh⸗ nung, damit man mir einen neuen Anzug von Kopf bis zu Fuß bringe. Unter der Zeit ein gutes Nacht⸗ eſſen ſür uns Beide und eine Flaſche feurigen Teres. Nachdem ſich der Kellner entfernt, fand Ferdi⸗ nand erſt Gelegenheit ſich ſtaunend und lobpreiſend über die Kühnheit und Geiſtesgegenwart Arabel⸗ la's auszuſprechen. Die Donna hörte lächelnd ſeinen Tiraden zu und ſagte, als er endlich ermüdet ſchwieg: „Nehmen Sie mir es nicht übel, mein Herr, Sie ſprechen aber in dieſem Augenblicke wie die Menge. Iſt ſo etwas noch nicht vorgekommen?— Kennen Sie außerdem meine Grundſätze nicht?— Wiſſen Sie nicht, daß ich dem Manne kein Vorrecht vor dem weiblichen Geſchlechte gebe, da ich behaupte: in uns wohnen die gleichen Fähigkeiten, Kräfte und 140 Tugenden, die in des Mannes Bruſt thronen. Fin⸗ den Sie es denn nun auffallend, daß ich beweiſe, was ich behaupte?— Ich nicht!— Mein Nächſter war in dringender Gefahr; ich ſah es, ich konnte ihm helfen— aber!— als Mädchen hätte ich freilich nun ſagen ſollen, das wird ſich nicht ſchicken, wenn du vor der blöden Menge die Leiter hinaufſteigſt!— Was werden die Leute von dir den⸗ ken?— Das würde ja das weibliche Zartgefühl ver⸗ letzen!— Während ich aber ſo philoſophirt, hätten die Flammen die armen Kinder ergriffen und ver⸗ zehrt. Ich aber wäre dann mit dem ſtolzen Gefühle heimgegangen, die Sitte nicht verletzt, meine Weib⸗ lichkeit bewahrt zu haben. O pfui! pfui! über die Verkehrtheit der Menſchen!“— rief ſie dann „Mögen mich die Schwachköpfe immer verachten. Ich genüge mir ſelbſt und ſetze ihrem Mitleiden— den Stolz ſiegender Vernunft entgegen.“ „Das Ungewöhnliche überraſcht, begeiſtert uns!“— entgegnete Ferdinand einigermaßen beſchämt; denn er fühlte, daß er ſich von der Verehrung für ſeine Donna zu einer Inconſequenz hatte hinreißen laſſen. „Aber auch bei einem Manne war das Unternehmen gewagt.“ „Würden Sie an meiner Stelle nicht das Gleiche gethan haben?“— frug die Spanierin erſtaunt. e 141 „Allerdings!“— entgegnete Wellen,—„ich war im Begriff nach der Leiter zu ſtürzen, als Sie die⸗ ſelbe beſtiegen.“ „Alſo!“— rief Arabella.—„Und nun kein Wort mehr hierüber.“ Das Eſſen wurde unterdeſſeu aufgetragen, und ſchmeckte Beiden vortrefflich. Ferdinand fand na⸗ mentlich den Wein ausgeczeichnet. „Das iſt ein Lob, das meinem Vaterlande ſo gut als meiner Nation zufällt. Die Weine charakteriſiren, wie bekannt, die Völker. Der Champagner iſt der ächte, ſprudelnde, witzige Franzoſe. Der ſchwere Rheinwein mit ſeinem edlen Feuer, ſeiner Blume, ſeiner Kraft und ſeiner Säure— der wahre Deutſche. Der Tokayer, der hitzige Ungar. Der Porto, der trockene, racheglühende Portugieſe— mein lieber Keres aber der feurige, liebeglühende, ſtolze Spanier.“ „Da Sie Ihrer Landsleute erwähnen, erlaube ich mir eine, freilich etwas unbeſcheidene, Frage. Wer iſt jener Mann, den ich ſeiner Zeit im Alſter⸗Pavillon an Ihrer Seite traf? Verheirathet können Sie, Ihren Grundſätzen nach, nicht ſein. Alſo wohl Ihr Bruder?“ „Faſt ſo was!“ antwortete Arabella lächelnd. „Als Menſch, mein Bruder; ſonſt aber mein Freund 142 und Begleiter. Wir Spanierinnen ſind gewohnt, be⸗ ſtändig einen ſolchen zu haben. Die Cortejos ſind unſere Cavalieres servantes, nützliche Haus⸗ geräthe, die man zu Allem gebrauchen kann.“ Ueber Ferdinand's Stirne glitt bei dieſen Worten eine leiſe Wolke des Unbehagens.„Alſo iſt Ihre ſo gerühmte Freiheit, wie es ſcheint, doch auch dahin?“— ſagte er ironiſch—„denn wer liebt, iſt nicht mehr frei!“ „Die Erfahrung, armer, junger Mann, haben Sie wohl an ſich gemacht;“— entgegnete Arabella mit einem Tone, der mehr Mitleiden als Spott aus⸗ drückte.—„An meinen Cortejo feſſelt mich kein anderes Band, als das einer freiwilligen Neigung. Ich liebe ihn, weil er mir nützlich iſt; ſo wie ich Sie liebe, weil Sie ein hübſcher und artiger Cava⸗ lier, und dabei, was noch mehr ſagen will, geiſtreich ſind.“ Hiermit ergriff die Schöne Ferdinand's Hand und drückte ſie zärtlich in der ihren. Wellen's Blut kochte. Er zitterte am ganzen Leibe, ſo ſchüt⸗ telte ihn das wollüſtige Gefühl, welches die Berüh⸗ rung ihrer zarten, warmen Hand hervorrief. „Nun!“— ſagte die Spanierin, nachdem ſie Wellen's Verlegenheit wohlgefällig bemerkt.—„Er⸗ 143 röthen Sie nur nicht. Ich weiß, daß Sie verhei⸗ rathet ſind, und will Sie keinesweges in Verſuchung führen. Nur das ſchmerzt mich, daß die gute Sache jetzt wieder einen tüchtigen Kämpfer weniger zählt.“ „Das iſt nicht der Fall!“— rief hier Ferdinand heftig—„ich denke jetzt noch gerade ſo wie damals.“ „Unmöglich!“— entgegnete, den ſchönen Kopf ſchüttelnd, die Spanierin.—„Sie ſind ein Ueberläu⸗ fer. Zum Feinde getreten können Sie, ſchon Ihrer ſelbſt Willen, nicht mehr für die Emancipation der Frauen kämpfen. Außerdem feſſelt Sie die Liebe und— die Ehe!“— „Nur in ſittlicher Beziehung.“ „Iſt es etwa unſittlich mich freundlich anzuſehen? mein Freund zu ſein?— Ach ja!— durch die Ehe“— fuhr ſie ſpöttelnd fort—„hat Ihre Gattin ein Liebespatent gelöſt, wodurch nur ſie undkeine Andere berechtigt iſt, Sie gern zu haben. Die Phi⸗ loſophie, das Chriſtenthum ſelbſt, befiehlt alle Men⸗ ſchen zu lieben; die Pfaffen aber verbieten dieſe gottähnliche Allliebe und befehlen: Ihr zwei habt einzig euch zu lieben.“ „Sie gehen zu weit, ſchöne Donna!“— bemerkte Wellen—„man kann verheirathet und doch ver⸗ nünftig ſein.“ 144 „Aber nicht mehr frei!“— rief dieſe.—„Sie haben für Ihre Frau, bald wohl auch für Kinder zu ſorgen; Sie ſind verbunden in dieſem kleinen Kreiſe zu wirken— wie könnten Sie noch an das Wohl der Welt, an die Fragen der Zeit denken? Wären Sie frei geblieben, ich hätte Ihnen meine Freund⸗ ſchaft angeboten. Wir hätten miteinander viel Gro⸗ ßes erzielen können. Sie ſchienen mir ein genialer Kopf zu ſein, der die Welt und das Leben aus höhe⸗ ren Geſichtspunken anſchaut, als die Maſſe der trau⸗ rigen Alltagsmenſchen. In ſchöner Eintracht würden wir nach den Idealen der Menſchheit geſtrebt, und in gegenſeitiger freier, unabhängiger Liebe vielleicht ein großes, ſeliges Leben, geführt haben.“ Arabella ließ bei dieſen Worten ihr Haupt, wie in tiefes Sinnen verloren, niederſinken, und— da es Ferdinand's Schulter berührte— leiſe auf derſelben ruhen. Es lag in dieſer Bewegung keine Ziererei, noch weniger aber der leiſeſte Anflug von unziemlicher Freiheit; ſondern jenes natürliche Sichgehenlaſſen, das auch in der Sprache und dem Ton der Stimme die kräftige Seele des Mädchens verrieth. „Sie haben ſich in mir nicht getäuſcht!“— ſagte Ferdinand, den der Zweifel an ſeiner Ge⸗ 145 nialität empfindlich berührt, nach einer kurzen Stille. „Was Sie in mir vermutheten, werden Sie auch noch jetzt in mir finden. Ich kann nicht begreifen, wie meine Ehe ein Hinderniß an meinem Streben, oder auch an einem Freundſchaftsbunde zwiſchen Ihnen, theure Donna Arabella, und mir werden könnte. Ja, um HOffenheit mit Offenheit zu vergelten, geſtehe ich Ihnen, daß ich Sie ſchon ſeit Wochen überall geſucht.“ „Und Ihre Frau?“ „Beſorgt daheim die Haushaltung!— Sie iſt ein unendlich gutes Weſen das ich, ſeiner häuslichen Tugenden wegen, hochſchätz— aber— ſie genügt meinem Geiſte nicht. Ich glaubte eine Zeitlang ſie zu lieben, ich hoffte in dieſer Liebe die völlige Befrie⸗ digung für Herz und Geiſt zu finden, und ſehe nun mit Entſetzen eine ſchauerliche Leere in meinem Herzen und in meinem Leben. Ich hätte,— wenn ich denn doch heirathen wollte— einer Frau wie Sie bedurft!“ „Oder beſſer noch, gar nicht geheirathet!“ vollen⸗ dete die Spanierin. Indeſſen was geſchehen, läßt ſich nicht ändern, und ſo tragen ſie in Geduld ihre Feſ⸗ ſeln wie tauſend Andere und rächen ſich, wie dieſe, durch Tyrannei an dem armen Weibe, das Sie und 10 — ſich ſelbſt an dem goldenen Angelhaken der Ehe ge⸗ fangen.“ „Arabella!“— rief Wellen— fur was halten Sie mich?“ Arabella legte lächelnd ihre ſchöne Hand ſanſt auf die ſeine und ſagte mit eigener Betonung: „Für einen Mann!“ „Nein, nein!“— zürnte Ferdinand—„Sie verkennen mich wahrhaftig. Ich fühle, daß ich un⸗ würdige Feſſeln trage; aber ich werde ſie zerbre⸗ chen, oder doch ſo lockern, daß ſie mich weder hem⸗ men noch drücken.“ Donna Arabella's Augen funkelten in freudi⸗ ger Gluth.„Wer den Muth hat groß ſein zu wollen, iſt groß!“— rief ſie freundlich aus.—„Uebermorgen geht ein Schiff nach Edinburg, das ich benutzen werde. Vermögen Sie ſich nun, wie es einem kräf⸗ tigen Geiſte geziemt, aus den armſeligen Banden, in welche ſie verſtrickt ſind, loszuwinden; ſo thuen Sie es um Ihret⸗ und der Welt willen, der dadurch ein lich⸗ ter Kopf gerettet wird. Sie werden dies um ſo leichter thun können, wenn Sie vorher die Eriſtenz Ihres Weibes geſichert haben. Wiederſehen können Sie dieſelbe ja wenn Sie wollen, und tröſten wird ſie ſich auch, iſt ſie anders klug und verſtändig.“ en ſt „Die Trennung wird ſie tief ſchmerzen“— ſeufzte Ferdinand—„aber ich muß fort, wenn mein Geiſt in dieſer beengten Sphäre nicht eintrocknen ſoll. Auch iſt es ja nur für kurze Zeit, und unſer ideales Bündniß kein Treuebruch.“ „Nein!“— rief Arabella und zog Ferdinand in wilder Gluth an ſich—„Im Reiche der Geiſter herrſcht nur eine Liebe. Nicht iſt ſie dem Einzel⸗ weſen in ärmlicher Doſis zugemeſſen; ſondern ſie durchfluthet alle, alle Weſen mit der gleichen verzeh⸗ renden Flamme, und eines jauchzet, wenn die an⸗ dern lieben!“ Heiße Küſſe erſtickten die Stimme der ſchönen Sophiſtin, und erſt als die Dienerin Arabella's mit dem neuen Anzug ankam, kehrten die Geiſter der Schwärmenden zu der armen Erde zuräck. Zwei Tage ſpäter verließ das Dampfſchiff„der Delphin“ Hamburg, und trug auf ſeinem Rü⸗ cken, unter den vielen anderen Paſſagieren, auch Donna Arabella la Romano und Ferdi⸗ nand Wellen. Aber die Gefühle, welche die beiden Neuverbün⸗ deten bei der Abreiſe belebten, ſchienen keinesweges 148 ein und dieſelben zu ſein. Die Spanierin ſtrahlte vor Freude, die ihre ſchöne, ſtolze Figur nur noch kühner hob und mit den Blitzen eines dunklen Feuers aus ihren Augen leuchtete. Ferdinand dagegen, ſo ſehr er ſich Mühe gab, gleichgültig zu erſcheinen, war ſo mächtig ergriffen und erſchüttert, daß er alle Augenblicke willenlos in ein dumpfes Sinnen verfiel, und dann bleich und kalt, wie ein Marmorbild, nach den Thürmen Hamburgs blickte, die mehr und mehr in dem Dunſtkreiſe des fernen Horizontes verſchwanden. Arabella war klug genug, dieſe Nachwirkungen einer, nicht ganz ſchmerzloſen Trennung, ruhig ſich ſelbſt zu überlaſſen. Wußte ſie doch, daß der Moment des Scheidens nicht nur faſt alle die früher erhalte⸗ nen unangenehmen Eindrücke verwiſcht; ſondern auch das Gute und Liebe, was wir je von dem Weſen, von dem wir uns losreißen müſſen, empfangen haben, unſerem Herzen ſo nahe bringt, daß es uns weit üͤberwiegend, oft unüberſchwenglich erſcheint. Aber ſie kannte ja auch das menſchliche Herz, und hatte wohl ſelbſt manchmal an ſich bemerkt, daß auch die Wellen des heftigſten Schmerzes, wie die eines ſturmbewegten Meeres, ſich nach und nach legen, und ſich in dem Geruhigten dann die Sonne der Hoffnung bald wieder freundlich ſpiegelt. 149 Sie ſetzte ſich daher auf dem Verdecke nieder, er⸗ griff ein Buch und las. Ferdinand dagegen ging, ſobald Hamburg aus ſeinem Geſichtskreiſe verſchwunden war, mit großen Schritten und verſchränkten Armen auf und ab. Finſter blickte er vor ſich hin, finſterer war es in ſeiner Seele. Die Erinnerung des Augenblicks, in welchem er ſich aus den Armen ſeiner Gattin— die ihn, laut ſchluchzend, krampfhaft umſchlungen— ge⸗ riſſen, wollte nicht ſchwinden. Noch ſah er ſie mit dem Ausrufe:„Ferdinand! Du liebſt mich nicht mehr, Du gehſt Deinem Verderben entgegen“, ohn⸗ mächtig in die Arme ihres Bruders ſinken; noch ſah er deſſen flehenden Blick, noch hörte er deſſen ernſte, ermahnende Worte, die der Freund, eingedenk des Verſprechens, welches ſich Beide an Wellen's Hoch⸗ zeitstage gegeben, an ihn gerichtet. Seine Seele kämpfte noch immer den fürchterlichen Kampf fort, den ſeine That doch längſt entſchieden. Die Liebe, die wahre ächte Liebe, die er einſt für Auguſten empfunden, war in dem Momente wieder in ihm er⸗ wacht, in dem er ihr ſeine Abreiſe unter dem Vor⸗ wande nöthiger Geſchäfte, angekündigt. Auguſte, die bisher mit ihren Zweifeln, ihrem Grame, ihrer Herzensangſt zurückgehalten, traf dieſer Schlag zu 150 tief; ſie ſtrömte unter Thränen ihre Befürchtungen aus, ſie klagte den Gatten der Kälte gegen ſie an; ſie beſchwor ihn, das kaum aufgeblühte Glück ihrer Ehe doch nicht ſo gewaltſam zu zertreten; ſie erin⸗ nerte ihn erröthend daran: daß ſie bald Mutter werde. Ferdinand bebte. Die Gefühle der Natur umflü⸗ gelten ihn wie lichte Boten des Himmels— die Liebe ſchien, von der Reue geführt, zurückkehren zu wollen— da zuckte das Bild Arabella's wie ein Blitz durch ſeine Seele. Der kalte Verſtand, ange⸗ than mit dem undurchdringlichen Harniſch der Eitel⸗ keit, bewaffnet mit dem ſchneidenden Schwerte des Sophismus, trat zwiſchen ihn und die Pflicht, und hieb mit einem Streiche den Knoten auseinander, welchen die rückkehrende Liebe ſo eben erſt zu ſchlingen begonnen. Nie! nie! hatte noch die verkehrte Erziehung in ihren Folgen nachtheiliger auf ihn gewirkt, als jetzt! Nie war ihm der— von der Mutter eingeflößte, von ſeiner Eitelkeit genährte Gedanke: er ſei ein großer Geiſt, ein Genie!— zur unglücklicheren Stunde gekommen als hier. Aber es war der Satan der Selbſtſucht, der, dieſen Gedanken mit flammender Schrift an ſeiner Stirne tragend, aus dem Schlunde der Finſterniß auftauchte. Vor ſeinem giftigen Odem 151 —— wichen die Geburten des Lichtes ſcheu zuruͤck. Sein Ruf übertönte die ſanfte Stimme des Gewiſſens, das Jammern der Gattin, den Rath des Freundes; das Feuer ſeiner Augen blendete die geiſtige Sehkraft des ſchwankenden Mannes, den er, ein Spielwerk ſeiner Laune, mächtig packte und hinwegriß aus dem Kreiſe ſeiner wahren Freunde. Ferdinand hörte das freche, triumphirende Lachen des Höllenſohnes. Noch gällte es in ſeinen Ohren wieder, noch zitterte ſeine Seele— und doch fühlte er, daß der Kampf entſchieden ſei, und ihm nun keine Wahl mehr bleibe. Er riß ſich daher mit Gewalt empor, die noch leiſe grollende Stimme des Gewiſſens mit dem Gedanken beſchwichtigend: daß er ja für das materielle Wohl ſeiner Gattin genügend geſorgt habe, und ſeinem eigenen Glück, ſo wie der Welt, dieſen Schritt zu thun ſchuldig ſei. Donna Arabella, deren Blicke unterdeſſen oft über das Buch hinüber zu dem ſchönen Verbündeten geflogen waren, gewahrte auch kaum, daß ſich all⸗ mählig Ferdinand's Aufregung legte, als ſie auf⸗ ſtand und mit dem Anſtande und der Anmuth einer Grazie auf ihn zuging. Aber die Augen der klugen Donna ſprachen jetzt nicht mit Liebesgluthen, ihr Mund hatte weder Troſt noch Zärtlichkeit für den 52 Mann ihrer Wahl; ſondern ſie griff mit gewandter Hand gleich kräftig in die Saiten ſeiner Seele, von denen ſie wußte, daß ſie am mächtigſten widerhallten: „Ich bin Ihnen, lieber Freund, noch die Erklä⸗ rung ſchuldig, warum ich nach Edinburg reiſe;“— ſagte ſie daher mit ruhigem Ernſte zu Ferdinan d, als ob zwiſchen dem Abend nach dem Brande und ihrem jetzigen Wiederſehen nichts vorgefallen wäre, was auch nur im Geringſten hätte ſtörend auf ihren beiderſeitigen Entſchluß einwirken können.—„Menſchen, wie wir, die ihr perſönliches Glück mit dem des ganzen Menſchengeſchlechtes identificiren, ſind gewohnt, nichts ohne triftigen Grund zu thun, da ihre Zeit und ihre Kräfte dem Streben nach dem höchſten Ziele, was ſich ein Erdenſohn ſetzen kann, angehören. So haben denn auch alle die Reiſen, die ich ſeit Jahren unter⸗ nommen, in dieſem Streben ihren Grund. Madrid, London, Paris, Brüſſel, Rom, Kopenha⸗ gen und Edinburg haben ihre großen, mitunter ſehr weit verzweigten, kosmopolitiſchen Vereine, deren thätiges Mitglied ich bin, und Sie, edler Mann, in Kurzem werden ſollen. Dieſe Verbindungen haben, da ſie zum größeren Theile aus Männer beſtehen, natürlich weniger die Erhebung des weiblichen Ge⸗ ſchlechtes auf die ihm gebührende Stufe in der menſch⸗ voll!“ und die große Arbeitsloge nicht geſchloſſen. 153 lichen Geſellſchaft zum Zweck,— als überhaupt die Emancipation aller Unterdrückten; vorzüglich der Ju⸗ den, der Sclaven, ja ſelbſt der Thiere. Während ich nun beſtändig bemüht bin, für dieſe löblichen Vereine zu wirken, war ich zu gleicher Zeit darauf bedacht, deren Einſeitigkeit dadurch zu heben, daß ich auch Verbindungen von Weibern hervorrief, die alle jene Strebungen theilen, denſelben aber die Emancipation des Weibes natürlich voranſetzen.“ „Namentlich zeichnen ſich hierin London und Edinburg aus, und die Welt wird aus dieſen, von mir gegründeten, Schulen bald Perſönlichkeiten her⸗ vorgehen ſehen, vor deren großen Rednertalenten ſie ſtaunend zurücktreten ſoll.“ 4 „Was die Erfolge betrifft, welche dieſe Vereine hatten, ſo ſind Ihnen dieſe genügend bekannt. Die Hoffnung, das Judenthum auch in Deutſchland zu emancipiren, ſcheiterte bis jetzt noch immer an der Pedanterie Ihrer guten Landsleute, die hierin ſo ſchwach ſind, daß ſelbſt ein großer Theil ihrer Frei⸗ maurer,— deren drittes Wort doch immer:„Hu⸗ manität“ iſt,— ſo unhuman ſind, die Juden noch immer nicht in ihre„Tempel der Huma⸗ nität“ zuzulaſſen. Aber noch iſt:„Mitternacht nicht 154 Es wird und kann nicht ausbleiben, daß auch die⸗ jenigen, die an den Talmud glauben, mit denen, die ein neues Teſtament beſitzen, gleiche bürgerliche Rechte erhalten. Schreitet doch die Aufklärung und mit ihr Bildung und Civiliſation ruhig aber unaufhaltſam vorwärts;— bleib es doch ewig wahr: daß es eine Lächerlichkeit, ein Unſinn iſt, dem rollenden Rade der Zeit in die Speichen fallen zu wollen!“— „Indeß muß dafür gehandelt werden, und ſo ha⸗ ben die Vereine von London, Paris und Edin⸗ burg, in Gemeinſchaft mit mehreren Schweſterver⸗ einen in Deutſchland, einen Congreß nach der Haupt⸗ ſtadt Schottland's ausgeſchrieben, um ſich daſelbſt über die Mittel zu beſprechen, welche am geeignetſten ſeien, ihre erhabenen Zwecke zu fördern. Dorthin alſo, mein Freund, bin ich im Begriff zu gehen, dort werde ich Sie mit vielen Männern bekanpt machen, die ſo edel denken als Sie,— dort werden Sie Ge⸗ legenheit finden, thätig und kräftig mit einzugreifen in das Werk, das Ihrer großen Seele als leuchten⸗ der Stern längſt ſchon vorgeſchwebt.“ Ferdinand hatte mit Spannung den Worten ſeiner ſchönen Gefährtin gelauſcht. Die Hoffnungen, die ſie in ihm erregten, träufelten wie lindernder Balſam in die noch offene Wunde. Seinen Geiſt 155 wehte frühlingskräftig der Geiſt der kühnen Spanie⸗ rin an, und hob ihn mit einemmale über Kampf, Reue und Gewiſſensbiſſe in die Sphäre empor, in der er einzig die Stillung ſeiner Wünſche, ſeiner Sehnſucht zu finden hoffte und glaubte. Auch ließ ihm Arabella keine Zeit zum Nachdenken, ſondern verwickelte ihn unmerklich mehr und mehr in anzie⸗ hende Geſpräche, in welchen fie immer ſeiner Schwäche zu ſchmeicheln, ſeine Einbildung zu erregen, ſeine Begeiſterung für ihre Sache zu ſteigern wußte. Und wer hätte den allmächtigen Einfluß noch nicht gefühlt, den eine geiſtreiche Frau auf uns übt; wen hätte eine ſolche nicht bezaubert, wenn ſich den Reizen des Verſtandes auch noch die körperliche Schönheit beigeſellen. Zu allemdem kamen noch die großartigen Eindrücke, welche die erſte weitere See⸗ reiſe auf Wellen machte, ſo, daß er nach Verlauf von wenigen Stunden der Vergangenheit mit allen ihren Bildern und Erinnerungen kaum mehr gedachte. Die Ueberfahrt ward ohnedem von dem herrlichſten Wetter begünſtigt, und bald erblickten die Reiſenden die grünen Ufer Schottlands. Eine neue Welt öffnete ſich Ferdinand; denn wenn er auch bereits den größten Theil des Conti⸗ nentes geſehen hatte, ſo war ihm doch Großbritannien — 156 noch fremd, von deſſen drei Reichen ihn Schottland am meiſten anzog;— Schottland mit ſeinen hohen Na⸗ turſchönheiten, mit ſeinen Bergen, die ſich kahl und nackt in die Wolken ſtrecken, mit ſeinen Schluchten und Klüften, Seen und Waſſerfällen, rauhen Haiden und Höhen,— Schottland!— die kühne, ſchauerlich⸗ melancholiſche Welt Oſſian's. In Edinburg angekommen, bezogen die drei Reiſenden Ferdinand, Donna Arabella und ihr Cortejo,— der indeſſen, da er nun ſpaniſch ſprach und faſt an gar nichts Antheil nahm, auch außer Cigarrauchen, Eſſen und Zeres trinken keine Bedürfniſſe zu haben ſchien, faſt für Niemanden zählte,— eine freundliche Wohnung in der Neuſtadt, welche die ſchöne la Romano bereits im Voraus beſtellt hatte. Die Wohnung war äußerſt geräumig und dabei prachtvoll eingerichtet. Ferdinand hatte ſeine Zim⸗ mer dicht neben den Appartements Arabella's, während der Spanier auf dem entfernteren Flügel einquartirt wurde. Da der Congreß erſt in einigen Tagen beginnen ſollte, benutzte man die Zeit, um vor allen Dingen die Reſidenz der alten ſchottiſchen Könige anzuſehen und kennen zu lernen; und Ferdinand war über⸗ 15 glücklich, dies an der Seite eines ſo reizenden und unterrichteten Weſens bewerkſtelligen zu können, das den Zauber ſeiner Liebenswürdigkeit noch durch jenes hinreißende, kühne Auftreten, durch jene allerliebſte, ihm ſo ſehr ſchmeichelnde Freiheit der Manieren, erhöhte. Donna la Romano, die überall ange⸗ ſtaunte Schönheit, gehörte in den Augen aller Welt ſein. An ſeiner Seite ſprengte ſie auf wildem Zelter dahin; mit ihm erſchien ſie an allen öffentlichen Orten; ſeinen Arm nahm ſie, wenn ſie ſich ſtützen wollte;— ja es ſchien, als ſuche ſie dies familiere Verhältniß mit dem ſchönen jungen Manne recht augenfällig zu machen. Ferdinand gehörte aber auch mit Leib und Seele ihr. Er fuͤhlte es ſelbſt mit Entzücken, und es däuchte ihm, als habe die Himmliſche ihm einen jener Liebestränke eingegeben, deſſen Zauberkräfte ihn nun mit unauflöslichen Banden feſſele. In dieſem Rauſche ſchien ihm Edinburg ein Paradies. Ging er nun hierin zu weit, ſo blieb doch die Stadt immer ſehr intereſſant und beide Reiſenden widmeten ihr mit Recht die vollſte Aufmerkſamkeit. Ihr erſter Ausflug ging über die Hauptſtraße, die ſich eine Meile weit bergaufwärts bis zum Schloſſe hinzieht, und Ferdinand durch die ungeheure Höhe 158 ihrer Häuſer auffiel, die auf der Seite des Hügels faſt durchgehends zehn bis zwölf, auf der anderen ſieben bis acht Stockwerke zählen. Ehedem wohnten hier faſt alle angeſehene Familien, nun aber, da dieſe ſeit Jahren in die Neuſtadt gezogen, wälzte ſich den beiden Fremden die ganze Fluth des Geſchäftsverkeh⸗ res entgegen. Indeſſen zeigte die Straße noch immer Trümmer ihrer früheren Größe, da ſich auf ihr die große Gerichtshalle, das Parlamenthaus, die Börſe und die Advokaten⸗Bibliothek befanden. Als beſondere Eigenthümlichkeit der Häuſer fielen Ferdinand die ſteinernen Treppen auf, die zum großen Theile an der Außenſeite der Gebäude, oft bis unter das Dach liefen. „Befördert dieſe Art zu bauen auch gerade nicht die Schönheit“— ſagte er zu Arabella, die neben ihm herritt—„ſo iſt ſie doch bei Feuersgefahr von hohem Werthe.“ „Ohne Zweifel!“ entgegnete dieſe—„und doch ziehe ich die Hamburger Bauart vor?“ „Warum?“— frug ſie Wellen zerſtreut; denn ſein Blick verſchlang die hohe Geſtalt, die ſich doppelt kräftig und friſch auf dem muthigen Pferde ansnahm. „Warum?“ wiederholte Arabella erſtaunt, mit einem unausſprechlich ſüßen Lächeln, und aus ihren 159 Blicken ſprach jenes wunderbare Gemiſch von Wolluſt und Hoheit.— „Warum?— Eben weil ſteinerne Treppen bei einem Brande Feuerleitern unnöthig machen.“ Ferdinand erröthete tief. Er hätte ihr um den Hals fallen mögen; aber die ſchöne Reiterin gab ihm mit der Reitgerte ei nen leiſen Schlag auf die Achſel ſpornte ihr Pferd und flog davon. Wellen folgte, ihr ſeufzend nach. Aber ſie konnte ihm nicht mehr weit entfliehen, da ſie an dem oberen Ende der Haupt⸗ ſtraße angelangt, ſich an dem Fuße des großen Fel⸗ ſens befand, der von drei Seiten ſenkrecht in die Tiefe fiel, und auf deſſen Spitze das alte Schloß, wie eine alterthümliche Krone, ruhte. Sie gelangten über eine, von zwei kleinen halb⸗ mondförmigen Batterien vertheidigte, Zugbrücke, dem einzigen Zugange von der Hochſtraße her, in den Schloßraum. Aber welche entzückende Ausſicht bot ſich hier dar. Zu ihren Füßen lag Stadt und Land, ja die Blicke verloren ſich in eine unabſehbare Ferne. Beide ſchwiegen im Anſchauen verloren einige Minuten; dann ſagte Arabella, mit einem An⸗ fluge poetiſcher Schwärmerei, die ein flüchtiges Feuer über ihre blaſſen Wangen hauchte: 160 „O Ferdinand! wie ſpricht mich aus dieſem großen Bilde der Geiſt der ſchottiſchen Nation an!— Iſt es doch, als ob er mich umwehe, ſo groß und wunderbar, ſo kühn und elegiſch, ſo heiter und lieb⸗ lich, ſo ernſt und poetiſch! erfüllt doch meine Seele ein unerklärlich magiſcher Drang, und zieht ſie, wie mit dämoniſcher Macht, nach den romantiſchen Jahr⸗ hunderten des Mittelalters zurück. Dies alte Schloß mit ſeinen unzähligen Zinnen und Thürmchen, die finſtere Steinmaſſe der Stadt, die ſeltſam geformten Berge, die dort duftig emporſteigen und jenſeits wie⸗ der die heitere Landſchaft, die freundlich grünen Wie⸗ ſen,— und endlich! weit in der Ferne, das Meer.“ „Ach! mit den Thürmen dieſes Schloſſes zerfiel auch die alte Clanverfaſſung, auf dem Meere ſchwamm zwar eine höhere Cultur herüber von dem glatten England; über der alte Celtenſtamm legte ſich auch nieder— und war nicht mehr!—“ „Wie Arabella!“ frug erſtaunt Wellen,— „Sie läſtern die Civiliſation?— Siel ihre eifrigſte Jüngerin?“ „O des kalten Deutſchen!“— rief die Spanierin mit ſamftem Vorwurf—„Ihn vermag die göttliche Natur nicht fortzureißen zu einem höhern Aufſchwung, ſeine Liebe erſtreckt ſich nicht über die Welt und die 161 Nationen mit lebendigem Feuer, mit tiefer Seeleneinig⸗ keit!— Nein!— er glaubt genug gethan zu haben, wenn er ſeine Liebe nur in kalten Philoſophemen der Welt vorhält. Läſtere ich die Civiliſation, wenn ich die Poeſie, die edle Kraft finſterer Jahrhun⸗ derte preiſe?— Kommen Sie!“— fuhr ſie dann fort, ſchwang ſich von dem Pferde und nahm Fer⸗ dinand's Arm.—„Was lieben heißt, müßt ihr Nordländer von uns lernen, die eine heißere Sonne zeitigt.— Jetzt laſſen Sie uns das Schloß ſehen.“— Sie betraten ſchweigend, von einem grauen Ca⸗ ſtellane geführt, die alte Reſidenz der Könige Schott⸗ lands. Ein Schauer der Ehrfurcht durchrieſelte ſie, als ſie die weiten, finſteren Gänge und Hallen, die düſteren Zimmer durchſchritten. Letztere waren faſt alle von dunklem Eichenholz, reich mit ſchönem Schnitz⸗ werke verſehen, daß ſich hauptſächlich um und über den Thüren und Kaminen hinzog. Die alten Tape⸗ ten, die ſchweren Seidenſtoffe, die Tiſche und Stühle von künſtlich eingelegter Arbeit,— die rieſengroßen Bildniſſe der alten Schottenkönige— alles dies zeugte noch von der ſchwerfälligen Pracht, die in beſſeren Tagen hier geherrſcht. Aber der Eindruck, den es jetzt machte, war düſter; durchſtreifte doch das Leben das Reich des Todtes, ſchien es doch den Durch⸗ 1 ——— 162 wandelnden, als ſeien ſie herabgeſtiegen, in eine fabel⸗ hafte unterirdiſche Welt. Auch die Zimmer, welche einſt die unglückliche Maria Stuart bewohnt, zeigte ihnen der greiſe Pförtner. Das Schlafgemach war noch theilweiſe möblirt. Noch ragte ihr koloſſales Bett von rothem Damaſt mit grünen Franſen empor, von der Zeit merklich gebleicht; noch ſtand an deſſen Seite, auf einem Tiſchchen von Eichenholz, künſtlich mit Elfen⸗ bein eingelegt, ein Toilettenkäſtchen mit einer Stickerei von ihrer Hand, noch hingen an den Wänden alt⸗ modiſche, große Spiegel, noch luden mehrere Seſſel zum Niederlaſſen ein. An das Schlafgemach ſtieß ein kleines Eckzimmer mit jener, in Maria's Geſchichte ſo berühmten Wendeltreppe. Die Beſuchenden fühlten ſich, als ihr Cicerone die hiſtoriſche Bedeutſamkeit der Gemächer mit kalten, gleichgültigen Worten und monotoner Stimme er⸗ wähnte, tief ergriffen. „Dies alſo!“— ſagte Ferdinand, den hier die Erinnerung an jene unglückliche Fürſtin mehr ergriff, als es draußen die Natur vermocht; da ſei⸗ nem nach Größe lüſternen Geiſte eine große Erſchei⸗ nung entgegen trat—„dies alſo ſind die Räume, in welchen einſt die ſchönſte, aber auch die unglücklichſte 7 163 —— Königin geathmet?— Hier vielleicht lauſchte ſie oft der ſüßen Stimme ihres Rezzios?— Hier viel⸗ leicht war es, wo er, von der Seite ſeiner Herrin geriſſen, unter den Dolchen blutgieriger Mörder ſein Leben aushauchte.— Arme Maria!— deine Seuf⸗ zer verhallten an den kalten Wänden, und du ahne⸗ teſt nicht, daß auch dein Blut unter Henkershand verſpritzen ſollte.“ „Wie ſonderbar doch oft der Menſch iſt!“— ſagte Donna Arabella—„die Natur, die ewig Reine, ewig Wahre, ließ Sie kalt; die Erinnerung an ein Weſen, das durch eigene Schwachheit ſeinen tragi⸗ ſchen Untergang herbeigeführt, begeiſtert Sie. Offen geſtanden iſt mir die königliche Schweſter, die männ⸗ lich⸗- kräftige Eliſabeth, lieber, als die ſchwan— kende Stuart. Maria war ſo ſchwach, ſich durch die Liebe beherrſchen zu laſſen, ſtatt ſie ſelbſt zu be⸗ herrſchen. Willig beugte ſie den königlichen Nacken dem Joche, welches ihr der elende Darnley auf⸗ legte, und reichte, als ſie ſich nicht mehr anders da⸗ von befreien konnte, die Hand zu ſeinem Morde.“ „Und Eliſabeth!“— rief Ferdinand— „brandmarkt die ſtolze, jungfräuliche Königin, nicht eine ſchädliche That; opferte ſie nicht ihrer Eiferſucht und einer ſchmählichen Politik die Unſchuldige, die Schweſter, die Königin?“ — 164 „Niemand wird dieſe That entſchuldigen wollen!“ — entgegnete die Spanierin—„Mord befleckte Beide⸗ Aber was that Maria für ihr Reich?— Nichts! — Ihre Schwäche bereitete deſſen Sturz vor, wäh⸗ rend England noch heute die Regierung Eliſabeth's ſegnet. Unter ihr ward Englands Handel zum Welt⸗ handel, erſtand eine ehrfurchtgebietende Marine, die Gerichtsbarkeit ward verbeſſert, Künſte und Wiſſen⸗ ſchaften hoben ſich, die Finanzen ſtanden beſſer als je, und wie hoch ſteht ſie ſelbſt im Wiſſen und in der Politik.“ „Leider konnte Maria Stuart wenig für Schott⸗ land thun,“— ſagte Wellen.—„Stellte ſich doch faſt das ganze Land und vor Allem die Geiſtlichkeit, der Katholikin in den Weg. Und rechnen Sie die Geiſtesgröße, die bewundrungswürdige Standhaftigkeit für Nichts, mit der die edle Dulderin ihr langes Leiden trug— und endlich dem Tode entgegen ging?“ „Allerdings!“— entgegnete die ſchöne la Ro⸗ mano—„ihr Enhe verſöhnt uns einigermaßen mit ihrem Leben; denn hier zeigte auch ſie, daß Seelen⸗ ſtärke ſelbſt in dem ſchwächſten Weibe wohnt. Ihren Manen dies gerechte Urtheil und Ruhe ihrer Aſche.“ Dies ſagend, verließ die Spanierin das Zimmer, und Ferdinand war einen Augenblick verſucht, ſie 165 für den Schatten jener armen Königin zu nehmen, ſo ſchön! ſo ſtolz! ſo wahrhaft königlich! ſchritt ſie dahin.— Ihr Weg führte ſie durch die George's Street— die ſchönſte Straße, welche nach Donna Arabellas Meinung ganz Europa aufzuweiſen habe. Die Neu⸗ ſtadt der ganzen Länge nach durchſchneidend, mündet ſie an beiden Enden in zwei grünen Plätzen, und zeigt auf beiden Seiten nur Reihen großartiger Palläſte. Auch Theater und Vergnügungsorte, ſo wie alle Muſeen und Kunſtanſtalten, blieben nicht ungeſehen, und Ferdinand war ſtets bedacht, dieſes geiſtig⸗ bewegte, intereſſante Leben, noch durch körperliche Genüſſe zu erhöhen und ihren Aufenthalt in Edin⸗ burg zu einem wahrhaft genialen Daſein zu geſtalten. Waren die Tage in eben ſo belehrender als fröh⸗ licher Weiſe verſchwunden, wurden die Abende einem noch ſüßeren Glücke gewidmet. In ſeliger Vertrau⸗ lichkeit ſaß Ferdinand an Arabella's Seite, und die Schöne vergaß dann gern ihr männlich ſtarkes Weſen und ward, ſich den ſanfteren Gefühlen hinge⸗ bend, zum liebenden Weibe. Nur in dem Genuß der Liebe war die ſtolze la Romanvo Weib— aber dann war ſie es auch mit der verzehrenden Gluth, mit der wild⸗funkelnden Luſt einer Spanierin.— 166 Von einer Seite hatte aber Wellen die Freun⸗ din noch nicht kennen gelernt. Er wußte zwar, daß ſie tief und gründlich, ja wiſſenſchaftlich, gebil⸗ det war; aber daß ſie dabei auch Rednerin ſei, blieb für ihn eine neue Entdeckung. Er ſollte ſie den drit⸗ ten Abend nach ihrer Ankunft in Schottland machen. Nachdem nämlich Arabella mehrere Beſuche bei den wichtigſten Gliedern des Edinburger Eman⸗ cipations⸗Club's gemacht, auch Wellen dem Präſi⸗ denten und mehreren anderen Herren und Frauen von Bedeutung vorgeſtellt hatte, bereitete ſie ſich dar⸗ auf vor, in dem erſten Meeting der Geſellſchaft einen längeren Vortrag zu halten. Sie hatte, wie natürlich, Ferdinand davon geſprochen, und zwar mit der größten Ruhe, ja ſogar mit vielem Selbſtvertrauen. Demohnerachtet begleitete ſie Wellen nicht ohne einige Angſt nach dem Par⸗ lament⸗Hauſe, in deſſen großer Halle(Outer hall) die Verſammlung gehalten wurde. Seine Verlegenheit ſtieg aber nicht wenig, als ex inden hundert zwei und zwanzig Fuß langen und neun und vierzig Fuß breiten Saal trat, und in demſelben eine, über ſeine Erwartung große, Verſammlung beiderlei Geſchlech⸗ tes antraf. Das Gewühl in der ſchönen, mit einer Mamor⸗Statue des verſtorbenen Lord Melvills on ar ete die eit vei uß ine ner — gezierten Halle war unbeſchreiblich, ſchien aber auf die Spanierin,— die ſehr bekannt war, und überall mit Auszeichnung behandelt wurde,— nur angenehm zu wirken. Zu der beſtimmten Zeit wurde mit einer Glocke ein Signal gegeben, und ſogleich nahm Jedermann ſeinen Platz ein. Nach Verlauf von wenigen Minu⸗ ten herrſchte in dem ganzen, von Menſchen dicht ausgefüllten Raume die größte Stille. Sobald dies geſchehen, kündigte der Präſident an: daß die Verſammlung eröffnet ſei, und ging dann ſogleich zur Geſchäftsordnung über. Nach kurzer Er⸗ wähnung des Zweckes gegenwärtigen Congreßes und nach freundlicher Begrüßung der Fremden, las er ſo⸗ dann die Namen der Redner vor, welche ſich für die⸗ ſen Abend hatten einſchreiben laſſen, und Ferdinand ſchoß es wie Feuer durch alle Glieder, als darunter auch der Name: Donna Arabella la Romano ertönte; die Verſammlung aber begrüßte ihn mit einem ſchallenden Applaus. Von dem Inhalte der erſten Rede vernahm Fer⸗ dinand nur ſehr wenig, da der Sprechende,— ein kleines zappligtes Männchen— mit ſeiner dünnen und feinen Stimme in dem weiten Raume nicht ausreichte. Die zweite Rede war eben ſo lang als 168 langweilig und blieb gleichfalls ohne Erfolg. End⸗ lich war die Reihe an Donna la Romano. Sie erhob ſich und beſtieg, ſtolz und kühn, mit der ihr angebornen Grazie, die Rednerbühne. Ein lautes dreimaliges„Huzzä!“ und das Wehen der Schnupf⸗ tücher von Seiten der Damen begrüßte ſie. Ferdi⸗ nand aber vermochte kaum Athem zu holen, und verbarg ſich, ſo viel er konnte, vor den Blicken der Menge. Arabella begann mit feſter Stimme und ſprach in dem reinſten Engliſch wie folgt: „Gentlemans und Ladys!“ „Schon öfter ward mir die Ehre vor dieſer hoch⸗ geehrten Verſammlung zu ſprechen, und jedesmal hatte ich mich Ihrer Nachſicht zu erfreuen; einer Güte, die ich um ſo mehr in Anſpruch nehmen muß, als ich zu dem Geſchlechte gehöre, welches die Herren der Schöpfung artig genug„das Schöne“— aber auch ſtolz herabſehend„das Schwache“ nennen!—“ Die in ironiſchem Tone Sprechende ward hier vom einem„Hört! Hört!“ der Männer unterbrochen, welches das Lächeln der Damen begleitete. Sobald es wieder ruhiger geworden, fuhr die Rednerin alſo fort: „Aber auch das Weib, wenn gleich ungerechter 169 Weiſe noch nicht emancipirt, nimmt gerne Theil an den edlen Strebungen der Männer. Darum ſchloſſen ſich dieſer Geſellſchaft, dieſem Bunde für Humanität und Fortſchritte, auch die Damen an, und mein Herz ſchlägt ſtolz und freudig, wenn mein Auge über die Verſammlung ſchweift und hier in buntem Gemiſche beide Geſchlechter zu dem edlen, großen Zweck:„Men⸗ ſchenwohl und Menſchenglück zu fördern, vereinigt ſieht.“ „Heute namentlich feiern wir ein ſchönes Feſt. Der brüderliche Zuruf der Emancipations⸗Vereine England's, Schottland's und Frankreich's drang bis tief in die freundlichen Gauen Germa⸗ nien's, und, ihm folgend, führte des Herzens ſchön⸗ ſter Drang eine große Anzahl deutſcher Menſchen⸗ freunde in unſere Mitte. Vereint mit dieſen, den herzlich willkommenen Brüdern, wollen wir nun mit Ernſt und aller Kraft der Seele die Mittel berathen und in Erwähnung ziehen, die auch ferner unſere Zwecke zu fördern im Stande ſind, und namentlich für unſeren ſpeciellen Fall auf eine baldige Emanci⸗ pation der Juden in Deutſchland zielen.“ „Schon die beiden geehrten Redner, welche vor mir das Wort hatten, brachten Mittel in Vorſchlag, dieſen Krebsſchaden der Menſchheit zu heilen. Die 170 erleuchtete Verſammlung wird ſie ſeiner Zeit beachten und darüber abſtimmen. Um aber bei dieſer Bera⸗ thung— um überhaupt bei allen unſeren vorzuneh⸗ menden Arbeiten in dieſer Sache recht mit uns und dem Gegenſtande der Verhandlung im Klaren zu ſein, erlaube ich mir noch einmal denſelben näher zu berühren.“ „Der Zufall hat uns in einer bewegten, thaten⸗ ſchwangeren Zeit geboren werden laſſen,— in einer Zeit, die mehr als jede andere geſchichtliche Epoche dazu geeignet iſt, die Aufmerkſamkeit des denkenden und weiterſtrebenden Menſchen in Anſpruch zu nehmen. Die geiſtige Emancipation, die Freiheit im Glauben, im Wiſſen und im Leben, verbunden mit einem mäch⸗ tigen Streben zum Beſſerwerden, ſind die edlen Gäh⸗ rungsſtoffe der Jetztzeit, ſind die Elemente jenes gei⸗ ſtigen Lebens, das ſich in der ſehnenden Bruſt des Einzelnen, ſo wie in den Herzen faſt aller Völker und Nationen, regt. Ein allgewaltiger Kampf iſt entſtanden;— aber in dem Kampfe liegen die Keime zu neuem Leben, und die erſte Frage dieſes neuen Lebens iſt: Geben in der menſchlichen Geſellſchaft erworbene und ererbte Vorzüge ein Recht auf Unter⸗ drͤckung Anderer?— oder erfordert die Gerechtigkeit, daß das Wohl gleichgeſchaffener Weſen auch auf einer gleichen Baſis ruhe?“— zu nel he 171 „Da die Tendenz dieſes Vereines keine politiſche, ſondern eine rein menſchliche iſt, ſo kann hier auch weder von politiſcher Freiheit, noch von einer Gleichſtel⸗ ung, oder vielmehr Ausgleichung der Stände die Rede ſein. Wir ſind einzig berufen das Recht zu prüfen, nach welchem einzelne Völkerſtämme— durch ihre Religion, ihre Sitten und Gebräuche und eine mit der Zeit herrſchend gewordene Staatsverfaſſung— von der ungeſchmälerten Theilnahme an den Vor⸗ theilen unſerer bürgerlichen Verfaſſungen ausgeſchloſ⸗ ſen werden können oder nicht.“ „Unter dieſen Paria's der chriſtlichen Welt treten uns vor allen Dingen die, durch religiöſen Fanatis⸗ mus zurückgeſetzten Bekenner des Talmuds,— die durch Habſucht zu elenden Geſchöpfen herabge⸗ würdigten Sclaven und endlich die durch Män⸗ nerſtolz niedergebeugten Weiber entgegen.“ Ein abermaliges„Hört! hört!“ ſchallte durch den Saal und ward diesmal, da die Wendung auf das Lieblingsthema der ſchönen Rednerin ſehr unerwartet gekommen, mit einem ſchallenden Gelächter begleitet. Donna Arabella wartete mit der größten Ruhe ab, bis es wieder ſtill geworden, dann fuhr ſie fort: „Die geehrten Gentlemans, die hier für die Eman⸗ cipation aller Unterdrückten ſo edel und ſo eifrig käm⸗ 172 pfen, ſcheinen demohnerachtet die des Weibes nicht gerne zu ſehn. Ich will den Rechtsſinn derſelben da⸗ her hier auch nicht länger auf die Folter ſpannen, und komme, indem ich ihnen mit einiger Bosheit die Verſicherung gebe, daß dies große Werk, ihres Wi⸗ derſtrebens ungeachtet, dennoch kräftig vorwärts ſchrei⸗ tet— auf den eigentlichen Gegenſtand und Grund⸗ gedanken meiner Rede, auf die Emancipation der Iſraeliten zurück.“ „Die Religion war es vor allen Dingen, welche jene Bevorrechtung der Chriſten und Zurückſetzung der Iſraeliten hervorrief. Laſſen Sie uns daher erſt einen vergleichenden Blick auf dieſe werfen und prüfen, ob denn wirklich die Grundzüge des Glau⸗ bens der einen oder der anderen Parthei, gemeinſame politiſche und ſtaatsbürgerliche Rechte ohnmöglich ma— chen.“ „Chriſt und Jude ſind Bekenner der alleinigen Gottheit. Das höchſte Princip, die vollendete Einheit ſchwebt ihrem Geiſte als Gott vor. Aus Egyptens Tempeln, in welchen die Idee der Unſterblichkeit und Unendlichkeit den erſten Sieg menſchlicher Geiſtes⸗ größe bezeugten, flüchtete der Glaube an einen Gott nach Iſrael, und trat hier, des geheimnißvollen Schlei⸗ ers zum Wohle der Menſchheit beraubt, zum erſten⸗ 173 male als Volksglaube auf. Aber aus der jüdiſchen Lehre entſprang die chriſtliche, und die Juden wa— ren es daher, welche dieſe erhabene, dieſe Grundidee des Chriſtenthums, demſelben als Baſis darboten.“ „Ja es iſt nicht zu leugnen, daß alle Welt, daß vorab gerade dieſes Chriſtenthum eine alte Schuld der Dankbarkeit an die Bekenner des Talmuds ab⸗ zutragen hat; denn während Griechen und Römer bei den Eroberungen Egyptens, das Palladium menſch⸗ licher Geiſtesgröße, den Glauben an einen Gott, miß⸗ achtend überſahen und Alles nach ihrer Götterlehre modelten, erhielt Iſrael das köſtlichſte Kleinod der Welt, war das Judenthum ſein ſicherer Träger, ſein Ueberlieferer an die Mahomedaner, die Chriſten und alle Völker, deren Bildungsſtufe Monotheismus zuließ.“ „Die Auffaſſung einer und derſelben Idee bei verſchiedenen Völkern, wird ſich immer verſchieden geſtalten, verſchieden nach ihren Schickſalen modificiren oder ausbilden. Die Juben geſtalteten ihren Gott nach ihren kindlichen Begriffen; ſie rückten ihm, wie faſt alle Nationen des Alterthums, die erſten Menſchen näher; ſie empfingen aus ſeiner Hand Gebote, die noch jetzt, die für alle Zeiten, die Grundgeſetze der Sittlichkeit und Moralität bleiben werden.— Ge⸗ bote, die ebenfallseineweſentliche Grund⸗ lage des Chriſtenthums bilden.“ 174 „Aber das Kind wuchs zu reiferem Alter heran; das Selbſtbewußtſein erwachte und mit ihm die leiſe Sehnſucht nach höherer Vollendung. Der große Gott hatte ſich den Augen der Sterblichen verhüllt; aber ſein Geiſt wehte herab auf einzelne ausgezeich⸗ nete Männer, er ſprach nicht mehr zu, er ſprach durch Menſchen. Die Blüthenzeit Iſraels war angebrochen— aber— die Knospe konnte nicht ſpringen, die Frucht nicht reifen; denn der⸗Hauch der Freiheit umwehte ſie nicht, ſie ſchmachtete kränkelnd im engen, luftleeren Kerker.“ „Mo ſes hatte nämlich, gleich Lykurg, den großen Fehler begangen, und ſeinen Geſetzen das Siegel der Stabilität aufgedrückt. Wo aber kein Wei⸗ terſchreiten iſt, iſt Rückgang, und ſo verfiel die leben⸗ dige Lehre der Iſraeliten bald in einen ſtarren To⸗ desſchlaf.“ „Da plötzlich ſprengte ein lichter Geiſt den fin⸗ ſteren Kerker, die Sonne der Geiſtesfreiheit warf ihre allesbelebenden Strahlen auf die erſtarrte Pflanze der jüdiſchen Religionslehre, und wie von Gottes mächtigem Rufe erweckt, durchrieſelte Leben die zarten Gefäße; die Pflanze ſchoß kräftig empor und breitete mit einemmale die reichen Blüthenäſte über die Welt.“ „Aber die Strahlen der Gottesſonne hatte nur ar 175 einen Theil des Stammes getroffen, nur einen Trieb hervorgerufen; in kalter ſtarrer Nacht verblieb die Wurzel.“ „Aber wie ſtarr ſie auch verharrt, die jüdiſche Nation, in ihrer alten und urtypiſchen Lehre, der Moſaismus bleibt die Wurzel des Chri⸗ ſtenthums; er iſt ein Stück von ihm; wie die Bibel— das alkte ſo gut als das neue Teſtament,— die zehn Gebote, und vor allen das Grunddogma: die Lehre von einem Gott— weſentliche Theile un⸗ ſeres Glaubens ſind. Die Chriſten ſind noch immer Mo ſaiſten, nur durch Chriſtus er⸗ heuchtet, durch ſeine Lehre auf einen höheren, frei⸗ eren Geſichtspunkt geſtellt.“ „Darf aber ein Kind ſeine Mutter verſtoßen, und mit Füßen treten?— Iſt es gerecht und vernünftig die Religion zu verſchmähen und zu verdammen, die der unſeren Wiege war?— Iſt das der Ausfluß jener ſanften Chriſtuslehre, die der Odem einer alles⸗ umfaſſenden Liebe iſt? daß man das religionverwandte Volk in den Staub drückte, daß man es zwang, ein⸗ ſam unter den Völkern zu leben, daß man es aller ſtaatsbürgerlichen Rechte beraubte und grauſam züch⸗ tigte für Vergehen, die unmenſchlicher Zwang in ihm hervorgerufen?“ 176 „Gewiß der edle Chriſt wird hier erröthen und dem, nicht durch die Religion, ſondern nur durch die Kirche von ihm geſchiedenen Mitbruder gern die hülfreiche Hand bieten.“ „Aber auch als Staats- als Weltbürger erheiſcht Gerechtigkeit die umfaſſendſte Emancipation der Juden.“ „Der Humanität erſtes Prinzip iſt: in dem Men⸗ ſchen nur den Menſchen zu erkennen, ohne Rückſicht auf Stand, Abſtammung oder Religion. Sind wir doch Alle Gottes Ebenbild, Alle von ihm gleich ge⸗ ſchaffen und zu gleichen Naturrechten zugelaſſen. Ver⸗ ſchiedenheit der Stände bedingt unumgänglich unſere bürgerliche Einrichtung. Aber freies Streben nach jedem Standpunkte muß auch jedem ſtrebendem Weſen werden, und auch hier bleibt es eine ſchreiende Ungerechtigkeit, wenn der Staat einem oder dem andern Glauben dies Streben unterſagt. Wie können ſich die Unterthanen eines Reiches zu guten Staats⸗ bürgern ausbilden, wenn die Regierung es ihnen, durch Verweigerung aller ſtaatsbürgerlichen Rechte, unmöglich macht?— und doch iſt gerade jene Er⸗ ziehung der Unterthanen zu guten Staatsbürgern die erſte Pflicht einer geſunden Politik.“ „Endlich aber hat auch das ſociale Leben ſeine Anſprüche geltend zu machen. Und wahrlich! dieſes eine eſes 177 würde, ſo wie der Staat, manchen vortrefflichen Bür⸗ ger mehr gewinnen. Zerreißt die Banden, mit welchen Ihr das Judenthum geknebelt, und es wird ſich frei und kräftig erheben. Keine Kunſt, keine Wiſſen⸗ ſchaft blieb noch von Juden unbebaut; wie viel haben ſie ſchon geleiſtet, wie viel mehr werden ſie noch leiſten, wenn ihrem Streben ein ehrenvoller Erfolg geſichert iſt.“ „Und auch die gehäſſigen Seiten dieſes Volkes werden allmählig ſchwinden, wenn Ihr Euren jüdiſchen Brüdern die Hand reicht und mit Ernſt ſucht, ſie hauptſächtlich von innen heraus zu bilden. Wie aber könnte dies der Staat anders und beſſer bewirken, als durch deren Emancipation? Und iſt dies nicht auch ſeine Pflicht? Hat er nicht auf eine zweckmäßige, auf Naturell und Volksthümlichkeit berechnete Erzie⸗ hung der, unter ſeinen Auſpicien heranwachſenden Generationen zu ſorgen? Welche reiche Ernte ſollte dieſe goldene Saat ihm bringen! Wie göttlich ſchön iſt nicht ſchon der bloße Gedanke: dies ſcharfſinnige Volk an der Kultur der Wiſſenſchaften, an dem Wohle des Staates, dem ſie dann angehören, und allen gro⸗ ßen Zwecken der Menſchheit mit regem Fleiße, nicht als Sclaven, ſondern als freie Männer, mitarbeiten zu ſehen? Wie würde dann das Selbſtgefühl, die 12 178 2 Ehrs, die Sittlichkeit dieſes Volkes gehoben werden, und wie viel mehr würde es ſich dann noch durch rein menſchliche, wiſſenſchaftliche und bürgerliche Verdienſte heben!“ „Wenn aber Religion, Politik und ſociales Leben keine Hinderniſſe bieten; wenn dies Triumphirat im Gegentheile eine Emancipation der Juden gebieteriſch verlangt; wer ſollte dann eigenfinnig genug ſein, der ſanften Stimme der Humanität, der Menſchenliebe— ja den Geboten Chriſti ſelbſt!— ſein Ohr zu ver⸗ ſchließen.“ „Wir wenigſtens, die wir, entzückt von den gro⸗ ßen Ideen des Jahrhunderts, uns feſter aneinander⸗ geſchloſſen, wir, die wir das Ringen der ganzen Weſenkette, des ganzen Weltalls, alles Seins, nach dem Ziele der Vollendung erkannt und feierlich ver⸗ ſprochen haben, es nach Kräften zu unterſtützen und zu fördern— wir wollen zuſammentreten und uns hier neu geloben, in dem gottähnlichen Streben nicht zu ermüden, nicht nachzulaſſen, bis das ſtrahlende Ziel erreicht und auf der Oberfläche der weiten Erde nur freie, glückliche Menſchen— nur Brüder unter Brüdern wohnen.“—— Ein langer, anhaltender Applaus lohnte die Red⸗ nerin, die mit ſolcher Energie, mit ſolcher Klarheit, ———— 179 . en, mit olcher 4 und doch auch wieder mit ſcſher urch hinreißenden Beredſamkeit geſprochen, daß ihre Worte liche alle Herzen tief ergriffen. Man hörte, man ſah es der Spanierin an, wie ſie mit ganzer Seele an der eben Sache hing, die ſie führte. Hier war von keiner tin Affektation die Rede, von keinem nur geborgtem erſch Scheine— hier war Ueberzeugung, Natur. Selbſt „der das Ungewöhnliche, eine Dame, Angeſichts einer ſo zahlreichen, doch zum größeren Theile aus Männern ver⸗ beſtehenden, Verſammlung reden zu hören, hatte bei Donna Arabella nichts Anſtößiges. Man ver⸗ zw⸗ gaß über dem Inhalt der Rede die Rednerin, und 5 ſet wurde andrerſeits von ihrer Schönheit, dem Wohl⸗. nen flang ihrer Stimme und den runden, graziöſen Be⸗ wegungen nur noch mehr gefeſſelt. 8. ſ⸗ Kein Wunder war es daher, als nach dem Schluſſe 6 der Verſammlung ſich alles zu der berühmten Spa⸗ 1 nierin drängte. Wer ſie kannte, wollte ſie ſprechen, nit wer noch nicht ſo glücklich war, wollte ihr vorgeſtellt ſein, oder, wenn dies nicht ging, ſie doch näher ſehen. 6ue Faſt alle anweſenden Damen gehörten außerdem zu nin der, von Donna Arabella gegründeten und ſo 2 und w ollten daher der glorwürdigen Vorſteherin per⸗ Red⸗ ſönlich ihher Dant abſtatten, ihre Anerkennung und heiß protegirten Verbindung der emancipirten Frauen, hei, Verehrung zollen. ——————————— 2 ſaß denn Donna Aidi⸗ la Romano gleich einer Königin im Mitten eines ihr huldigenden Hofſtaates. Ihre hohe Figur, die weiſen Roſen ihrer Wangen, jetzt von dem durchſichtigen Roth der Freude und der befriedigten Eitelkeit angehaucht; die gluth⸗ vollen, den Stempel ſüdlicher Abkunft tragenden Augen und ihre ſtolze, männlich- kräftige Haltung— alles dies zeichnete ſie ſcharf vor der Menge der ſie umdrängenden Damen aus, mit welchen ſie ſich nichts deſtoweniger ſo fein und artig, ſo anſpruchslos und natürlich unterhielt, daß der Enthuſiasmus, der ohnehin ſchon alle erfaßt, nur noch geſteigert wurde. Ferdinand und der Cortejo ſtanden, wie Günſt⸗ ling und Miniſter, hinter ihrem Seſſel. Letzterer mit einem Ernſte und einer ächt ſpaniſchen Gran⸗ dezza, gleichgültig, ja verächtlich, auf alles herab⸗ ſchauend, was um ihn vorging; Erſterer dagegen ſtrahlend und glühend; denn der Ruhm und die Ehre, die Arabella, ſein Ideal, ſeine Gottheit, hier ſo reichlich erndtete, warfen, wie ihm däuchte, ſelbſt auch auf ihn ihre Strahlen zurück. Nur Eines ärgerte innerlich Wellen: die Gunſt⸗ bezeugungen, welche die Angebetete natürlich auch von allen Männern empfing, und die brüderliche Vertraulichkeit, mit der ſie mit jenen umging. Da ano nden hrer eude uth⸗ ndeu g— ſie ſich os der de. inſt⸗ teret ran⸗ rab⸗ gen die hier bſt nſt⸗ uch che 16 ſich die Spanierin nämlich mit dem männlichen Geſchlechte auf eine Stufe ſtellte, und verlangte, daß zwiſchen Mann und Weib kein Unterſchied im öffent⸗ lichen Leben gemacht werde, da ſie ferner ſelbſt männ⸗ lich auftrat, und mit eigener Hand jene Schranken durchbrach, die bei gewöhnlichen Menſchen die beiden Geſchlechter trennen;— ſo war es eine ganz natür⸗ liche Folge, daß an die Stelle jener zarten, ſcheuen, heiligen Verehrung, die ſonſt der Jüngling den Damen bringt, Bewunderung— aber auch eine Art kame⸗ radſchaftlichen Verhältniſſes trat. Arabellen, die in demſelben die Anerkennung der erſtrebten Stellung fand, war dieſe Weiſe, ſie zu behandlen ſehr willkom⸗ men. Ferdinand dagegen,— der noch nicht ſo ſtark war einzuſehen, daß der Geliebte einer emanci⸗ pirten Dame alles, nur nicht eiferſüchtig ſein dürfe— kränkte ſich darüber, weil er es als eine tigung der Liebe Arabella's zu ihm betrachtete. Er ließ dies die Donna auf dem Heimwege merken, wurde aber dafür von dieſer herzlich ausge⸗ lacht, und mußte aus dem ſchönen Munde der Red⸗ nerin eine lange Vorleſung über die Eiferſucht hören. Arabella frug ihn darin: ob er denn was Abgeſchmackteres kenne, als die Art und Weiſe, mit welcher die Männer durch Eiferſucht die armen Weiber * quälten. Ob denn das etwa Gerechtigkeit ſei, daß ſich in der Ehe der Gatte ſo oft alles erlaube, ja geradenweges die Ehe hundertmal breche; dagegen von dem Weibe aber mit unbarmherziger Strenge verlange, daß ſie nur ihn liebe, und keinem anderen männlichen Weſen, auch nur im geringſten, ihre Aufmerkſamkeit und Theilnahme ſchenke. Ferdinand ſuchte hierin die Männer zu ver⸗ theidigen, indem er behauptete: der Mann könne ſich wohl einer Anderen hingeben, ohne darum die Treue zu brechen, da Fleiſch und Geiſt zweierlei ſeien; nur das geiſtige Band der Liebe dürfe dann zwiſchen den Gatten nicht zerriſſen werden. Es war gut, daß es Nacht war; denn Ferdi⸗ nand's Geſicht überzog bei dieſen Worten eine dunkle he, und er ſah wie von Ferne in geiſterartigen onturen das Bild Auguſten's aufſteigen. Arabella aber ließ ſich ſo leicht nicht überführen, und kam auf ihren alten Grundſatz zurück: daß we⸗ Fnigſtens dem Weibe dann die gleichen Rechte wie * dem Manne geſtattet ſein müßten. „Wenn ſie übrigens eiferſuͤchtig ſind, lieber Fer⸗ dinand,“— fuhr ſie in heiterem Tone fort— „wird Ihr Herz morgen auf eine harte Probe geſtellt werden. Ich bemerkte von der Tribüne aus unter . daß ja gen ren ihre ren, we⸗ wie en ſtelt ntel 183 — X der verſammelten Menge, einen meiner feurigſten Verehrer, der erſt hier angekommen ſein muß; denn ich weiß, daß er vor einigen Monaten,— es war kurz nach Ihrer Verheirathung— eine Reiſe nach Petersburg unternommen. Da er mich, wie ſich von ſelbſt verſteht, erkannt hat,— mir ward es ſchwerer, da er jetzt einen fürchterlichen Ruſſenbart trägt— ſo bin ich überzeugt, morgen die Ehre ſeines Beſuches zu haben.“ „Und wer iſt der Glückliche?“ frug Ferdinand von einer finſteren Ahnung angeregt. „Ein alter Geck! ein Narr!“— rief Arabella lachend—„aber eine intereſſante Figur für die Naturforſcher; denn er iſt augenfällig der Uebergang von dem lieben Vieh zum Menſchen. Affe in a1len ſeinen Aeußerlichkeiten, iſt er auch eben ſo dummzund boshaft wie dieſe Thiere, und nähert ſich dem Men⸗ ſchen nur dadurch, daß er— leider!— ſprechen kani“ „Sie haben nicht nöthig mir ſeinen Namen zu nennen,“— entgegnete verſtimmt Wellen—„J dermann wird in ihrer anziehenden Beſchreibung den alten Heylig von Worms erkennen.“ „Sieh da!“— ſpöttelte Arabella—„einer Ihrer Bekannten?“ „Sagen Sie lieber: mein erbittertſter Feind. Sein Wae————— ————— —— — 184 Hierſein iſt mir eben ſo unangenehm, als mir es räthſelhaft bleibt, wie eine ſo geiſtreiche Dame, wie Sie es ſind, mit ſolch einem Menſchen umgehen kann.“ „Ferdinand, Sie ſind heute Abend nicht in der beſten Laune!“— entgegnete die Spanierin—„ſonſt wuͤrden Sie ein ſo ſchönes Compliment, wie dasjenige war, welches Sie mir ſo eben machten, nicht gleich wieder durch eine Unart verwiſchen. Der langweilige Menſch, von welchem wir hier ſprechen, drängte ſich mir mit einer namenloſen Zudringlichkeit auf.“ „Sie machten doch Ausflüge von Hamburg aus mit ihm!“ „Ich?“— rief Arabella erſtaunt. „Ja, Sie, ſchöne Flatterhafte!“— ſagte Wellen ſcharf betonend.—„Ich ſah Sie Beide zu Ottenſen.“ ich!“— lachte die Angeredete laut auf,—„das iſt ein Anderes!— Zu Ottenſen war ich gerade ſo unglücklich, den albernen Menſchen kennen zu ler⸗ nen. Ich war allein nach dem Orte ſpaziren gegan⸗ gen; dies fiel dem Schlaukopf auf. Er hielt mich,— für Gott weiß wen?— Jedenfalls für ein weibliches Weſen, welches ſeiner Liebenswürdigkeit nicht wider⸗ ſtehen würde, ſchloß ſich mit unverſchämter Zudring⸗ lichkeit an mich an, und— geſtehe ich es nur— der Tropf amüſirte mich endlich, nachdem ich einmal wie n. der nſt ige eich lige ſich en 5 185 den Aerger über die Störung meines einſamen Gan— ges verbiſſen hatte.“ „Und wollen Sie den Menſchen wirklich wieder vorlaſſen?“— frug Ferdinand verdrießlich. „Warum denn nicht?“— rief Arabella unge⸗ duldig—„ich glaube gar, Sie ſind auch auf den eiferſüchtig? Wellen, Sie verſetzen mich wahrhaf⸗ tig in mein Vaterland!— Doch Sie werden ſchon ruhiger über dieſen Punkt denken, wenn Sie erſt die Lectionen alle erhalten haben, die meinen theuren Cortejo zu einem ſo bewundrungswürdigen Gleich⸗ muthe führten.“ „Ich habe eine zu hohe Vorſtellung von Ihrem Geiſte“— entgegnete Ferdinand—„als daß mir bei Heylig die fernſte Idee von Eiferſucht kommen könnte. Aber ich kann mir eben nur nicht reimen, wie Ihre und Heylig's Seelen Berührungs⸗ punkte haben können.“ „Theurer! Sie haben die Menſchen noch nicht durchſtudirt!“— entgegnete lächlend Arabella, in⸗ dem ſie, auf ihrem Zimmer angekommen, die Ober⸗ kleider abwarf, und ſich, ihrer Gewohnheit nach, nach⸗ läſſig auf den breiten Divan warf.—„Glauben Sie mir, die geſcheiteſten Leute haben ihr Steckenpferde und ihre Spielpuppen. Der Eine die Ehre, der An⸗ — ———— dere das armſelige Geld. Dieſer iſt Schöngeiſt— Jener Pferdenarr. Dieſer liebt die Mädchen— und wieder ein Anderer bildet ſich ein, er haſſe alle Men⸗ ſchen. Ich— ſpiele mit den Männern.— Sie: mit der Idee, ein Genie zu ſein!“ Aber die letzten Worte der,— durch den Gedan⸗ ken: Ferdinand wollte ſie beherſchen, gereitzten— Dame, trafen Wellen's Eitelkeit zu tief, als daß ſie ihn nicht ſcharf verletzt hätten. Nach einer Minute gegenſeitigen Schweigens ſagte er daher empfindlich:„Freilich! gegen die Sonne iſt die Erde klein; wie groß ſie auch uns armen Men⸗ ſchen erſcheinen mag. Aber iſt es nicht ſonderbar, daß ſie der flammende Himmelskörper dennoch gerne an⸗ zieht?“ „Der Vergleich hinkt, und der Stachel Ihres Witzes iſt ſtumpf;“ entgegnete ruhig Arabella. „Die Erde hat aber viele Paradieſe, und darum liebt ſie die Sonne, und wirft ihr die warmen Strahlen ihrer Liebe gerne zu.“ „Verſenkt aber auch manchmal die ſchönen Triften, und wandelt durch ihren ſtechenden Strahl, Leben in Tod, freudig grünende Gegenden in öde Wüſten.“ „Nur dann, wenn ihr der Erde zu nahe kommt. Die Theile derſelben, die ſich immer in der gleichmäßigen Ent⸗ len en ſ ie 187 fernung von ihr halten, erfreuen ſich des mildeſten Climas. Doch laſſen Sie mich auch hier offen und natürlich ſein. Daß und wie ich Sie liebe, habe ich Ihnen bewieſen, Ferdinand!— ſollen wir aber ferner gut miteinander auskommen, müſſen Sie meine ſchwachen Seiten ſchonen. Eiferſucht, und ſelbſt der entfernteſte Gedanke, mich irgend wie lenken oder beherrſchen zu wollen, würde geradezu ein Ver⸗ hältniß trennen, das mir ſehr lieb geworden iſt. Aber Arabella la Romano wird ſtets den tief⸗ ſten Schmerz der Unterjochung durch einen Mann vorziehen.“ „Stolze Spanierin!“ entgegnete Wellen, den das Geſtändniß der ſchönen Zauberin weicher geſtimmt —„habe ich denn auch nur einen Verſuch dazu ge⸗ macht. Nur meine Liebe zu Ihnen, riß mich fort!— meine Liebe zu Ihnen, die, ich weiß es wohl, ein Verbrechen iſt, und die ich dennoch nicht aufgeben kann.“ „Sehen Sie!“— rief hier heftig Arabella— „was mich zu dem Ausſpruche, der Sie gekränkt, verleitete?— Wird ein wahrhaft großer Geiſt das geniale Verhältniß, in dem wir leben, den Aufſchwung, den Ihre Seele genommen, indem ſie ſich kräftig über die alberne Herkömmlichkeit erhob,— ein Ver⸗ brechen nennen?— Iſt es ein Verbrechen, mich zu lieben?“— fuhr ſie fort, und das Mann⸗Weib trat in ihr zurück, und ſie zog ſanft den leiſ'Wieder⸗ ſtrebenden zu ſich nieder, und barg ſein glühendes Haupt an ihren ſchönen Buſen—„Iſt es ein Ver⸗ brechen, wenn für einander geſchaffene Weſen den Bund ſchließen, der ihnen von der Natur, durch jene Harmonie in Körper und Seele, zu ſchließen ange⸗ wieſen iſt?— Gewiß und wahrhaftig nicht!— Nur die Unvernunft des Menſchen konnte dieſe ſchöne Einrichtung der Natur zerſtören und ein unnatürliches Geſetz an deſſen Stelle ſchaffen. Mögen ſich die Be⸗ ſchränkten in ihrer Beſchränktheit gefallen; unſer Geiſt hat,— Gott ſei Dank!— die Feſſeln zer⸗ brochen.“ Ferdinand antwortete nichts; er hatte Welt, Weib, Kränkung, ſich ſelbſt vergeſſen— denn!— er war glücklich. Den andern Morgen zu guter Stunde ſuhr eine Droſchke vor. Der Wagen, die drei nebeneinander⸗ geſpannten Pferde, Kutſcher und Diener— kurz Alles verrieth wenigſtens einen Knees.*) Und doch war es, der Meldung nach, niemand anders als Heylig. *) Knees, Knäs, iſt ein rufſiſcher Großer. ————————— S— 1 189 Ferdinand hatte ſich ſchon mit Sonnenaufgang entfernt; Arabella blieb daher allein das Glück ſeines Beſuches. Sie empfing ihn in einem äußerſt eleganten und geſchmackvollen Negligée, welches durch den, auf die Weiſe deutſcher Studenten umgeſchlage⸗ nen Hemdenkragen, jenen Charakter der Freiheit trug, welche die Emancipirte ſo gern auch in ihrer äußeren Erſcheinung beurkundete. Als Heylig eintrat, konnte die Spanierin kaum das Lachen verbeißen. Zwar war der Aufenthalt in St. Petersburg nicht im Stande geweſen, den Pariſer Schneider bei Heylig in Ungnade zu bringen; da er ſich dort hatte ſagen laſſen, die Mode der Haupt⸗ ſtadt Frankreichs ſei auch die Göttin der feinen ruſ— ſiſchen Welt; dafür umnachtete aber— damit er doch einen augenſcheinlichen Beweis ſeiner Reiſe mit ſich herumtrage— ein dichter Bart, Kinn, Ober— lippe und die beiden Seiten der Backen. Er um⸗ nachtete ſie!— denn er war ſchwarz.—(Natürlich gefärbt;) was den großen Vortheil mit ſich führte, daß Heylig auch das Haupthaar färben laſſen mußte, wodurch die Prediger in der Wüſte— die grauen Haare— gänzlich verjüngt wurden. Aber die neue Finſterniß rings um das pockennarbige, noch durch Nervenzucken um die grünen Augen entſtellte, 190 Geſicht, machte einen um ſo draſtiſch⸗komiſcheren Ein⸗ druck, als der ſchwarzen Haarfülle— die Runzeln der Stirne, den weinrothen Wangen, der zahnloſe Mund, dem ganzen Ausdruck des Alters— eine geckenhaft⸗ſüße Miene entgegenſtanden. Arabella verbarg die Lachluſt unter dem An⸗ ſcheine der Artigkeit, und hieß Heylig, nachdem die erſten Complimente gewechſelt, niederſitzen. „Sie kommen unzweifelhaft von einer Reiſe nach dem prächtigen St. Petersburg zurück?“— be⸗ gann ſie ſofort!—„denn wenn ich mich nicht täuſche, hatten Sie, als wir uns in Ottenſen kennen lern⸗ ten, den Vorſatz, wenige Tage darauf nach Rußland zur See zu gehen.“ „Ja wohl, belle cruelle!“— ſeufzte der Neu⸗ Ruſſe, der leider! von der Sprache der jetzt ſo heiß verehrten ruſſiſchen Nation keinen Begriff hatte, und daher(um doch zu zeigen daß er mehr als ein ordinairer Deutſcher ſei,) immer mit franzöſi⸗ ſchen Worten um ſich warf.—„Ich komme von dem magnifiquen Petersburg! der Stadt aller Städte! dem Paradies der Menſchheit zurück. Ich gehöre zu den Glücklichen die es geſehen!— und— Sie, meine zauberhafte Spröde, haben es zu bereuen, daß Sie nicht auf den Vorſchlag eingingen, den ich Ihnen zu Ottenſen machte: mich dahin zu begleiten.“ ———————————— 191 „Ich ſagte Ihnen ja ſchon damals, daß auch ich ſehr gern die ſchöne Stadt der Czaaren kennen ge⸗ lernt— meine Reiſe dahin gerichtet hätte; wenn mich nicht wichtige Geſchäfte abgehalten. Sie haben ſich geſtern wohl überzeugt, daß ich nur Wahrheit ge⸗ ſprochen.“ „O mon petit ange! ſo haben Sie mich unter der Maſſe ſogleich entdeckt!“— rief entzückt der alte Suitier.—„Haben Sie auch geſehen, wie wüthig ich Ihnen applaudirte?— Ich war weg! rein weg! von dem Donner Ihrer Stimme, der ſich bald in das Säuſeln italieniſcher Frühlingslüfte, bald in das Brauſen terribler Stürme verlor.“ „Der Donner meiner Stimme?“— frug ironiſch lächelnd Arabella. „Oui Madame!“ „Und wie ſagte Ihnen der Inhalt der Rede zu, was halten ſie von den darin aufgeſtellten Principien?“ „Was Inhalt? Was Principien?— Sie waren es, Ihre göttliche Perſönlichkeit, die mich feſſelte, hin⸗ riß, in Anſpruch nahm. Wie können da Sie— eine Spanierin!— denken, ich befaſſe mich in Ihrer Gegenwart mit Principien?— Ich kann überhaupt keine Principien leiden— es iſt alles leeres Gewäſch, Dummheit!— reich ſein! das iſt das einzig rich⸗ tige Princip, und das hab' ich.“ gewiß, wenn man ſich dazu bekennt!“— entgegnete die Dame. „Es hängt nur von Ihnen ab, ſich dieſen Vor— theil zu verſchaffen!“— platzte Heylig heraus und rückte Arabella näher. „Was gefiel Ihnen in Petersburg beſon⸗ ders?“— unterbrach ihn in ſtolzem Tone Donna la Roma no, in gleichem Maaße von ihm wegrückend. „Ja, das iſt ſchwer zu ſagen;“— meinte Heylig, die Bewegung ſeiner Nachbarin als eine feine Co⸗ quetterie betrachtend—„der Marmorpallaſt, die Statue Peter des Großen, die Iſaakskirche, die drei⸗ ßig Millionen Rubel koſten ſoll, die Börſe, der Kauf⸗ hof, die Theater, ganz beſonders die Gaſthäuſer— und vor allem dieſer Speiſezettel— er zog bei die⸗ ſen Worten einen rieſengroßen Bogen aus der Taſche und entfaltete ihn— dieſer Speiſezettel, wie— je vous en jure!— weder London noch Paris einen aufzuweiſen hat. Als die größte Merkwürdig⸗ „Sie haben nicht ſo unrecht. Angenehm iſt es keit fuhre ich ihn immer bei mir, und leſe ihn manch⸗ mal durch, um mich an meinen göttlichen Aufent⸗ halt in Petersburg zu erinnern. Sehn Sie nur, er iſt von Boitel, premier restaurateur de la cour 193 tes imperiale!— Zählt drei Hundert Gerichte. nete Und was für welche: Champignon sauté à la Bordellaise. zor⸗ Truffes à Tespagnol. und He! was ſagen Sie? à l'espagnol, ich denke immer dabei an Sie. ſon⸗ Truffes a l'italienne. n Téte de veau au naturel. end.„ en tortue. ig, Fraise de veau au naturel. 6v⸗ und ſo weiter! die Canard aux petites pois. „ aux olives. u⸗ und ſo weiter! Aileron de dinde glacé! „ à la Chicorée. und ſo weiter! ſin Horly de poulets. Pigeon à la crapaudine. Patée de foie gras aux truffes. Caneton, Faisan, Perdreau, Becasses. ui⸗ Grives, Cailles, Moviettes roties. W und ſo weiter! 3. Patisseries, Legumes, Crémes, Desserts u und ſo weiter!“ 13 194 Arabella ſeufzte hier tief auf. „Was fehlt Ihnen?“— rief Heylig ängſtlich, der ſchönen Spanierin wieder nachrückend. „Ich möchte mich erſchießen!“— entgegnete Donna la Romano ſpöttelnd und abermals retirirend,— „daß ich Ihrem Rathe nicht folgte.“ „Nicht wahr?!“— rief der Neuruſſe—„aber war⸗ ten Sie das Beſte kommt noch:“ „Bayonner Schinken! Straßburger Gänſeleber-Paſtete! Gefüllte Zungen von Prois! Kapaunen von la flèche! Rothkehlchen von Metz——“ „Und das Alles in Petersburg?— Wunderbar!“ „In Petersburg!“— beſtätigte Heylig. „Und die Academie der Wiſſenſchaften mit den großen wiſſenſchaftlichen Sammlungen!— die Biblio⸗ thek, das aſiatiſche Muſeum?“— frug Arabella. „Dafür war meine Zeit zu kurz!“— erwiederte Heylig, ſich den gefärbten Bart ſtreichend. „Und die Kirchen? das Findelhaus? das Land⸗ und See⸗Hoſpital!“— fuhr die Donna faſt er⸗ ſtarrt fort. „Was Hoſpitäler!?“ rief Heylig entſetzt— „Ich denke Sie ſpaßen?— Ich werde doch nicht ſo „der var⸗ 195 wahnſinnig ſein ſollen, meine Geſundheit!— mein Leben zu riskiren!“ „Nein! nein! Sie haben recht!“— rief Ara⸗ bella von Verachtung durchdrungen—„um Gottes⸗ willen. Ihr edles Leben. Ich vergaß, daß Sie mit ihm Alles verlieren würden.“ „Verſteht ſich!“— entgegnete Heylig.—„Wer reich iſt, weiß das Leben zu ſchätzen. Daß es einem armen Schlucker, einem Lumpen leicht wird, ſein elendes Daſein in die Schanze zu ſchlagen, iſt begreif⸗ lich; aber ein reicher Mann, ein Mann wieich, dem alle Lebensgenüſſe zu Gebote ſtehen, der müßte ja toll ſein, wenn er nicht mit Aengſtlichkeit an dem⸗ ſelben hinge.“ „Aber es gibt ja doch ſo viele, mitunter recht reiche Leute, die noch immer mit Begeiſtrung bereit ſind, ihr Leben für die Ehre, für das Wohl ihrer Mitmenſchen, für eine große Idee— hinzugeben..“ „Das ſind Charlatane, wenn ſie arm ſind— Narren und Schwärmer, wenn ſie Vermögen haben!“ — rief der Erkaufmann entſchieden. „Sie haben eine bewundrungswürdige Philoſo⸗ phie!“— entgegnete die Schöne;—„wenn alle Men⸗ ſchen wie Sie dächten, würde es mit der Welt übel ſtehen. Wer würde alsdann z. B. Arzt werden wollen?“ 196 „Dafür iſt die Welt gut eingerichtet und nicht jeder reich.“ „Die Baſis Ihrer Lehre iſt alſo?“— frug die Spanierin. „Baſis?— Baſis?... Weiß nicht was Sie da⸗ mit ſagen wollen!“ „Die Grundſätze Ihrer Lehre, meine ich.“ „Sind die einfachſten und natürlichſten: reich werden und genießen.“ „Und für das andere Leben?“ „Schönſte Donna! pourquoi cela?“— rief hier ungeduldig Heylig.—„Sie haben ja nichts wie Todesgedanken im Kopfe. Laſſen Sie uns doch von etwas Anderem ſprechen; ich denke nicht gerne an den leidigen Tod.— Es iſt albern genug, daß auch die reichen Leute ſterben müſſen— darum— genug des Philoſophirens!— Ich lebe gern heiter und ſorgen⸗ los und wenn Sie nicht ſo eigenſinnig wären, ſo könnten Sie an meiner Seite ein gleiches Leben führen, und müßten dann nicht ſolche Reden öffentlich halten...“ „Sieh doch einmal an! Ich glaube gar, Sie denken, ich rede für Geld?“ „Nun verſteht ſich!“— ſagte gelaſſen der Bär⸗ tige—„und ich finde dies auch ganz recht. Jeder wuchert mit dem ihm verliehenen Pfund!“ ht ⸗ ch 197 „Und haben Sie denn gar nichts von dem In⸗ halte des Vortrages gehört?“— frug Arabella, welche mit dem gleichen Staunen über die Einöden und Wüſten in des armſeligen Menſchen Innerem hinſtrich, mit welchem ein Naturforſcher die Steppen ferner Welttheile durchzieht. „Etwas von der unſinnigen und unchriſtlichen Idee der Juden⸗Emancipation!“— entgegnete Heylig. „Unſinnig?“ „Ja. Laſſen Sie ſich aber darin nicht irre ma⸗ chen, mon ange,— durch was man reich wird, iſt gleich, wenn man nur reich wird. Ich bin viel gereiſt, war in London, Paris, Rom und in dem göttlichen Petersburg! und habe überall gefunden, daß nichts beſſer bezahlt wird als der Unſinn.“ „Laſſen Sie ſich doch von der unwürdigen Idee abbringen,“— ſagte die Spanierin ungeduldig— „als ſpräche ich für Geld.“ „Silence, mon eufant! nur nicht ſtolz. Ich meine es ja gut mit Ihnen. Ich will Ihr Glück gründen.“ „Wirklich?“— rief die Spanierin lachend, und rückte von Neuem dem ſich immer näher drängenden Gecken aus dem Wege—„Ich bin begierig zu hören.“ — 198 „Allons donc!“— ſagte Jener mit ſüß,läch⸗ lender Miene, indem er ſeiner reizenden Nachbarin mit Unverſchämtheit in das Geſicht ſah, und nach ihrer Hand griff.—„Gehen ſie auf den Vorſchlag ein, welchen ich Ihnen zu Ottenſen machte!“ „Sie nach Petersburg zu begleiten?— Sie waren ja erſt da!— Können Sie den unſterblichen Boitel und ſeinen Küchenzettel denn gar nicht vergeſſen?“ „Wo denken Sie hin, ich war vierzehn Tage in Petersburg und das iſt lang genug, um ſagen zu können, ich war dort. Nein!— Verſtehen ſie mich nur recht. Sie ſollen meine Begleiterin für's Leben werden, uud ich will Sie mit Glücksgütern über⸗ ſchütten.“ „Wie?“— rief hier Donna la Romano ſih verſtellend:—„Sie wollen mich heirathen?“ „Heirathen!“— ſagte Heylig und ſein pochen— narbiges Geſicht zerriß das widerliche Nervenzucken.— „Heirathen gerade nicht; denn ich habe ſchon eine Frau! Mais, mon dieu! Sie ſind ja ein ſogenann⸗ ter großer Geiſt, ſo verſtehn Sie mich doch. Die Frau bleibt zu Haus; Sie reiſen mit mirz ich gebe Sie für meine Frau aus und ſorge dafür für Ihre Zukunft.“ „Und wer ſagt denn, daß ich Sie liebe?“ 199 „Lieben?— Liebe iſt dazu nicht nöthig. Beden⸗ ten Sie den Vortheil....“ Aber hier hatte das Maas der Frechheit in Ara⸗ bella's Augen den höchſten Grad erreicht. Ihre Züge wurden plötzlich ſo ernſt und finſter, ihre Augen ſprühten ſolche Zornesgluthen, ihr Körper hob ſich ſo ſtolz und gebieteriſch, daß Heylig in der That erſchrack und merklich zurückprallte. „Sie ſind ein jammervoller Menſch!“— ſagte ſie dann mit feſter und tiefer Stimme.—„Wären Sie ein Ehrenmann, ich würde Sie herausfordern; aber das Blut eines Menſchen, wie Sie, vermag eben ſo wenig einen Flecken der Ehre zu tilgen, als das Geſchwätz eines Gecken beleidigen kann.“ Heylig lachte bei dieſen Worten frech auf.— „Sie ſpielen trefflich Comödie!“— rief er—„Mais laissons là les cérémonies!— Was ſoll die Ver⸗ ſtellung. Sie leben mit dem überſpannten, windbeut⸗ ligen Wellen, der nichts hat als Weib, Kind und Schulden und ſtellen ſich bei mir, der ich reich, ſehr reich bin, wie eine Prieſterin Veſta's!“ „Mein Herr!“— entgegnete ernſt Donna Ara⸗ bella,—„glauben Sie mir, daß ich, als Sie bei mir eintraten, recht gut wußte, wohin ihr Beſuch zielte. Ich hätte Sie abweiſen können; aber ich that es aus 200 mehreren Gründen nicht. Erſtens, weil ich begierig war, eine ſo ganz ſeichte, gottverlaſſene Seele kennen zu lernen, wie die Ihre iſt. Zweitens, um über Ihre Albernheiten zu lachen und drittens, um Ihnen zu ſagen, was Sie eigentlich von mir zu halten haben“ Arabella hielt hier für einen Augenblick inne, hoffend einen Zornesfunken aus Heylig's Innerem ſchlagen zu ſehen. Da aber das Mode ⸗Journal ſich mit übereinander geſchlagenen Armen und Beinen auf den Divan hinſtreckte, und mit einer namenloſen Gelaſſenheit und Frechheit ſie anlachte, riß ihr die Geduld und zornflammend fuhr ſie fort: „Sie haben mich um eine Stufe des Wiſſens weiter gebracht. Ich kannte bereits manche, leider viele! dürre, kraftloſe Gemüther, die nur dem mate⸗ riellen Drange folgend, faſt keines Aufſchwunges fä⸗ hig waren— eine ſo arme, wüſte Seele, wie die Ihre, fand ich, Gott ſei Dank, bis jetzt noch nicht. Ich habe über Ihre Albernheit gelacht!— So wahr ein Gott lebt!— ich möchte ſie Sie jetzt beweinen.“ „Je vous en prie! geniren Sie ſich nicht“— rief hier Heylig—„weinen Sie immer zu. Sind Sie doch ſo ſchön im Zorn, warum ſollen Sie es nicht weinend ſein?— Ich habe noch keine ſo vor⸗ treffliche Schauſpielerin geſehen. Haben Sie das von 201 ig dem ſaubren Wellen? der iſt ſo ein halber Co— mödiant.“ e Arabella ließ den Schwätzer enden, dann fuhr 5 u ſie ruhiger, aber gleich feſt und entſchieden fort: .„Ich bin mir— wohlverſtanden: mir und nicht e, Ihnen— noch eine Rechtfertigung ſchuldig, die n nun freilich Ihr Geiſtchen nicht faſſen kann. Ich 5 läugne es weder vor Ihnen, noch vor der Welt, daß n ich Wellen liebe; denn ich haſſe jede Unwahrheit. Ferdinand hat einen dummen Streich gemacht, als er heirathete. Sein Weib mag gut ſein, für ihn geſchaffen iſt ſie nicht; indem ſein Geiſt wenigſtens kräftig aufwärts ſtrebt. Er bedurfte einer gleichgeſtimmten Seele, er fand ſie in mir— und ſo — — ſchloſſen wir den ſchönen Bund der Natur, der, wenn auch von Ihresgleichen mißdeutet und entwürdigt, in den Augen Gottes und aller Aufgeklärten heiliger und vernünftiger iſt, als Eure Verſorgungsan⸗ ſtalt: Ehe genannt.“ „Bravo! Bravo!“— rief Heylig.—„Eine. zweite Rachel! ſo wahr ich lebe eine zweite Rachel! Aber, mein liebes Kind— die Ehe ſo wie dieſe— dieſe— wie nennt man philoſophiſch dieſen heiligen Naturbund?— nun alſo die Ehe und dieſer Naturbund bedürfen als Grundlage der Eriſtenz 202 Mittel. Wellen hat keine. Ich weiß, daß das Reſtchen ſeines Vermögens kaum hinreicht, ſeine Fa⸗ milie zu ernähren, ſeine hochmüthigen Aeltern wer⸗ den eheſtens cbenfalls mit dem Ihrigen fertig ſein und Ferdinand macht in aller Genialität Schulden auf Schulden. Mir liegt nun natürlich nichts an dem Taugenichts; aber Sie, Täubchen! Sie werden ſich ins Clend ſtürzen, während ich Sie in Gold würde faſſen laſſen.“ „Meinen Sie?“— frug mit einer wahrhaft königlichen Grandezza die Spanierin.—„So muß ich dem Schwachen denn zeigen, was den Schwachen allein imponirt.“ Mit dieſen Worten ging ſie nach einem Kaunitz, öffnete denſelben, ergriff eine prachtvolle Brieftaſche, nahm eine Hand voll Papiere heraus, ſtreute ſie auf einen Tiſch und ſagte: „Nun, Herr Erkaufmann, belieben Sie zu ſehen. Was ſind dies?“ Heylig blinzelte die Papiere an, fuhr aber blaß vor Staunen zurück, eine grenzenloſe Verwirrung malte ſich in ſeinem Geſichte, und gab demſelben einen noch jämmerlichern Ausdruck. „Nun?!“— herrſchte die ſtolze Frau—„was ſind dies?“ das„Creditbriefe! Creditbriefe!“— ſtotterte Heylig— Fo⸗„Ich bitte ſehr um Vergebung! je suis confus..— wer⸗ aber wer konnte auch wiſſen...“ ſein Freilich iſt es meine Art nicht, Jedem gleich zu lden ſagen: ich bin reich, ſehr reich; ich habe auf Ham— an burg, London und Edinburg für dieſe Reiſe erden zehntauſend Pfund Sterling im Portefeuille. Wollen Gold Sie dieſen Paß leſen?... „Gnädige Frau?“— ſtammelte der Vernichtete rhaft mit einem tiefen Bückling. ß ich„Leſen Sie!“— herrſchte ihm die Spanierin entgegen. ſchen Heylig gehorchte mit Zittern. Kaum aber hatte er in den Paß geſchaut, als ihm der kalte Schweiß nunis, auf die Stirne trat und ſeine Kniee zu wanken an— uſche fingen. e auf„Jammermenſch!“— rief, als ſie dies ſah, Ara⸗ bella mit einem Blick der tiefſten Verachtung.—„Geiſt, ſchn. Größe, Genialität, Ideale kennſt Du nicht, ſie machen feinen Eindruck auf Dich, Du verachteſt ſie, trittſt aler ſie in den Staub; aber Geld! mehr Geld als Du mung haſt— und der Titel: Donna Arabella, Mar⸗ ſbu quiſe de la Romano vernichten Dich.— Geh! und danke es meiner Großmuth, daß ich Dich nicht ſnt durch meine Diener hinauswerfen laſſe; denn— zu der Genugthuung, die jeder Andere mir geben müßte, biſt Du zu elend!“ * „ Hiemit wandte Arabella Heylig den Rücken, und dieſer eilte unter Bücklingen nach dem Ausgange; war aber ſo verwirrt, daß er erſt an zwei falſchen Thüren hinaus wollte, bis er, in Angſtſchweiß ge⸗ badet, die rechte fand. Halb todt ſank er in ſeine ruſſiſche Droſchke, und ſtöhnte nur noch, indem er wie das Thier, mit dem ihn geſtern erſt Arabella verglichen, die Zähne fletſchte: „Warte Wellen, Du ſollſt mir für dieſe Schmach büßen.“— 6 Der Congreß der Emancipations-Männer ging unterdeſſen ſeinen vorgezeichneten Gang und mit ihm hielten die Sitzungen des Damen Vereines für Frauen⸗ Emancipation gleichen Schritt. Arabella und Ferdinand waren dadurch vollauf beſchäftigt; denn Letzterer war ſogleich auf der Spanierin Erſuchen in beiden Verbindungen aufgenommen worden. Ferdinand bewegte ſich in dieſen Sphären wie der Fiſch im Waſſer. Es war dies Treiben und Leben, Reden hören, ſich verſammeln, dieſes aller⸗ dings oft geiſtreiche, eben ſo oft aber auch nichts⸗ ten, ge; hen ine wie la ach ing m n⸗ nd nn in 205 ſagende Phraſenmachen, dies Wichtigthun für das Wohl der Menſchheit— ſo recht ſein Element.— Indeſſen ging es ihm, wie den Meiſten dabei: ſie hatten den beſten Willen, ſie wünſchten alle die philantropiſchen Ideen, die ſie beſeelten, ausgeführt zu ſehen— aber das war denn auch Alles. Ihre Thatkraft verpuffte in langen Vorträgen, ſie gefielen ſich in dem Gedanken, ſo Großes und Edles zu wol⸗ len, und ſchauten entzückt in die bunte Seifenblaſe ihrer Wünſche, in der ſich immer das eigene Bild am ſchönſten ſpiegelte. Wenige nur ſetzten, wie Donna Arabella, ihre Zeit, ihr Vermögen— ja ihr Leben an die Erreichung des einmal geſteckten Zieles. Ferdinand wurde noch beſonders durch den Eifer ſeiner Freundin im Schwunge erhalten, und gelangte ſo ebenfalls bald zu dem Rufe eines Haupt⸗ miſſionärs. Für ihn hätte denn auch in der That kein paſſenderes Leben gefunden werden können; ein Leben, das mit allen Annehmlichfeiten, allen nur erdenklichen ſinnlichen Genüſſen, auch noch ſo viele geiſtige Reize verband. Vergeſſen waren Cltern, Freunde, Gattin, Pflichten, Vermögenszuſtand, Ver⸗ gangenheit und Zukunft, und nichts erfüllte ihn als die Luſt des gegenwärtigen genialen Lebens. Mit der ihm eigenen Leichtigkeit und Gewandt⸗ 206 heit ſchloß er ſich namentlich an die jungen, reichen und vornehmen Schottländer an; ſich als ihres Glei⸗ chen betrachtend; denn, ſagte er oft zu ſich: das Ge⸗ nie ſteht ſelbſt über Königen. Da er in der That fein gebildet und geiſtreich war, auch alles mitmachte, was jene unternahmen, außerdem aber auch als Arabella's Kavalier und— wie geſagt für eine Hauptſtütze des Vereines galt— ſo näherten ſich ihm wiederum die angeſehenſten Leute, und rechneten es ſich für eine Ehre ihn zum Freunde zu haben Wie ſehr dies Ferdinand ſchmeichelte, läßt ſich leicht denken und er unterließ nun nichts, um dieſe gün⸗ ſtige Stimmung für ihn zu erhalten. Er lebte gleich einem Lord, machte alle Vergnügungen mit, bereitete ſeiner Don na die geſchmackvollſten und prächtigſten Feſte, erſchien bei allen Jagden, Fahrten, Ritten, Diners und Meetings ſtreng nach der Mode, und zeigte überhaupt, eine wahrhaft fürſtliche Freigiebigkeit. Natürlicherweiſe reichte hierfür das wenige Geld nicht aus, welches er ſich mit auf die Reiſe genommen. Von Hamburg mochte er keines beziehen, weil er recht gut wußte, daß ſeine arme Frau ſelbſt kaum mit dem zurückgelaſſenen Reſte ſeines Vermögens anſtändig leben könne;— ſo entſchloß er ſich denn zu thun, was man ſo auf deutſchen Univerſitäten: 3 207 „Pumpen“ nennt.„Pumpen aber iſt gleich⸗ bedeutend mit„Geldentlehnung“ und dieſes ſynonyme mit dem profanen:„Schulden machen.“ Ferdinand faßte dieſen Entſchluß mit einer großen Seelenruhe, ja mit einem Anfluge von Freude und Selbſtgefühl; denn Schulden muß jedes Genie haben, dachte er bei ſich, und außerdem bekomme ich dann wieder eine Aehnlichkeit mit den großen Herrn mehr. Arabellen hielt er dieſen neuen Beleg ſeiner Genialität vor der Hand noch geheim, da er vor allen Dingen in ihren Augen glänzen wollte. Wie er denn überhaupt, als das Anleihen contrahirt war, nicht mehr an daſſelbe dachte, und von dem Strome dieſes vielſeitig bewegten Lebens erfaßt, ſich demſelben mit Leidenſchaft hingab. Unterdeſſen ging nach gerade der Congreß zu Ende, ohne daß etwas Beſonderes aus all den vielen Sitzungen, Reden und Meetings hervorgegangen wäre. Man hatte Vorſchläge der verſchiedenſten Art gemacht, nach welchen den Juden ein ähnlicher Rechts⸗ zuſtand wie in Holland errungen und geſichert werden konnte,— Vorſchläge, die mitunter ſehr praktiſch und vernünftig waren;— man hatte Petitionen ein— gereicht— aber, für Deutſchland zumal,— blieb eben noch das Meiſte zu thun übrig, da hier alles —— 208 von den Regierungen abhing. Vorerſt ſollten dorten ähnliche Vereine gebildet werden, wie die zu Edin⸗ burg, London, Paris u. ſ. w., und Donna Arabella hatte ſich anheiſchig gemacht, die Stif⸗ tung derſelben mit Wellen zu bewerkſtelligen. Von dieſen Vereinen ſollten dann die weitern Schritte uberlegt und ausgeführt, von der Geſammtheit aus aber unterſtützt werden. Mit dieſen Hoffnungen bereichert, fingen denn auch nach und nach die Fremden an, ſich zur Abreiſe anzuſchicken, und ſelbſt Arabella bereitete ſich dar⸗ auf vor, als ſie von Ferdinand mit der Bitte beſtürmt wurde, doch noch, ehe ſie zuſammen Schott⸗ land verließen, mit ihm einen Ausflug nach den weltberühmten Hochlanden zu machen. Arabella, die dieſelbe ebenfalls noch nicht geſehen, und ohnedem eine große Freundin von Naturſchönheiten war, wil⸗ ligte gern ein; umſomehr als ſie von zwei der Da⸗ men, welche als beſonders eifrige Mitglieder des „Frauen⸗Emancipations-Vereins“ galten und auf ihren Beſitzthümern in Mitten jener herrlichen Gegenden lebten, ſchon früher freundlich dazu einge⸗ laden worden war. Arabella und Ferdinand machten ſich ſo⸗ mit, unter Zurücklaſſung Cortego's, dem die Auf⸗ ren in⸗ a ötif⸗ Von ritte aus enn eiſe ar⸗ itte ott⸗ den a, dem wil⸗ Da⸗ des ten hen ge⸗ 200 ſicht über das Hausweſen unterdeſſen übertragen wurde, auf den Weg. Zu ihrem Ziele hatten ſie vorerſt den größten und ſchönſten der Seen Schott⸗ lands, den Loch Lomond, beſtimmt, an deſſen romantiſchen Ufern die Schlöſſer der beiden emanci⸗ pirten Damen lagen. Donna la Romano war äußerſt begierig, dieſe Freundinnen in dem Kreiſe ihrer Familien beob⸗ achten zu können und ihre Lehre auch im Praktiſchen triumphiren zu ſehen, und nur die Natur in ihrer unvergleichlichen, ewig jungen Pracht, vermochte, bis zu dem Eintreffen auf ihren Schlöſſern Inchdava⸗ nan⸗Caſtle und Lenor Schire⸗Caſtle, ihre Aufmerkſamkeit in Anſpruch zu nehmen. Mit der plötzlich aufgehenden Ausſicht auf den vier und zwanzig Meilen langen und von einer bis ſieben Meilen breiten See, trat ihnen ein impoſantes Bild der Hochlande entgegen. Ueber zwanzig Inſeln mit ihren maleriſchen Baumgruppen, ihrem friſchen Laubwerke, ihren rei⸗ zenden Anlagen, ſchwammen wie große, blühende Waſſerpflanzen auf der Spiegelfläche des Sees, deſſen Einfahrt ſich romantiſch öffnete. Hier lagen zu beiden Seiten die ſchönen in gothiſchem Geſchmack erbauten Schlöſſer Tillichewn⸗Caſtle und Ba⸗ 14 — ——— 210 turrich⸗Caſtle, deren Hintergrund dichte Waldun⸗ gen bildeten. Dort dehnte ſich ein weites Wieſenthal, aus deſſen fettem, üppigen Graſe tauſende von Blu⸗ men ihre bunten Kelche hoben. Ueber das niedere Buſchwerk, welches den Raſen auf der einen Seite begrenzte, ragten die grauen Stämme uralter Bäume, die ihre Wipfel in dem jetzt reinen Blau des Him⸗ mels wiegten. Ueber den Boden tief in hellen Streifen das Sonnengold, und Schmetterlinge flogen bald dem Lichte, bald dem Schatten zu. An der anderen Seite der Wieſe zog ſich der Wald, wie eine hohe, undurch⸗ dringliche, grüne Mauer hin, und ſeinen Saum ſchmückten leichtblättrige Birken. Hie und da öffnete ſich die grüne Wand und zeigte in zaubriſcher Nacht verborgene Pfade, aus welchen Hirſche und Rehe mit ſtolzem Schritte hervortraten. Mitten aus dem Waſſer ragten dann wieder ungeheure Felſenblöcke, nur mit Tannen und niedrem Gebüſch bewachſen und von einer Anzahl von Schwimmvögeln bewohnt. Aber je weiter die Reiſenden dem See hinauffuhren, deſto mehr nahm die Natur den rauhen und wild⸗ romantiſchen Charakter der Hochländer an. Kahle und nackte Berge ſtreckten ihre ſeltſam geformten Häupter hoch in den Aether. In den mannichfaltig⸗ ſten Geſtalten und Richtungen ſchienen ſie bald un⸗ hal lu⸗ dere eite me, im⸗ ifen dem eite ſch⸗ um nete acht ehe dem ce, und en, ild⸗ hle ſten tig⸗ ald 211 Thürme oder Pyramiden, bald hohe Burgen oder verfallenes Gemäuer zu bilden. Mit ſcharfen Riſſen ſprangen tiefe Schluchten und Klüfte dazwiſchen ab, und auf den Bergeshöhen zogen in melancholiſchem Einerlei rauhe Haiden von Diſteln und ſchwarzbrau⸗ nem Mooſe hin, durch die ſich hie und da ein kleiner Bach drängte, der dann wild dahinſchäumend von Felſen zu Felſen fiel,— und von Ferne geſehen, wie ein ſchimmernder Silberſtreif in den See herabſchoß. Den fernſten Hintergrund bildete aber der hohe Berg Lomond; der jäh am See aufſteigend, ſein Haupt in ewige Nebel birgt. Keine Dörfer und Städte, keine Landhäuſer und zierlichen Palläſte ſchmückten die Ufer, nur hie und da blickten einzelne Wirthshäuſer oder finſtere alte Schlöſſer von dem unfreundlichen Geſtade. Selbſt das Waſſer des Sees wurde dunkeler und ſchwärzlicher und trug den Aus⸗ druck und das Gepräge der ganzen Landſcheft. Ferdinand und Arabella fühlten ſich Beide von dem Ernſt und der Größe dieſer himmelanſtre⸗ benden Natur tief ergriffen, und nie war der ſchönen Spanierin der junge Deutſche liebenswürdiger erſchie⸗ nen, als eben jetzt, da er in dem kleinen, von zwei kräftigen Bergſchotten geführten Nachen zu ihren Füßen ſaß, und ihr von dem unſterblichen Barden, von Oſſian dem begeiſterten Sänger dieſer Welt erzählte. Arabella lauſchte mit wahrer Andacht ſeinen Worten, da ſie zwar Oſſian's Namen, nicht aber ſeine Geſänge kannte. Ja ſie bat Wellen, ihr ei⸗ nige Proben dieſer düſteren, wilden und doch wieder zarten Dichtungen vorzutragen. Ferdin and war in Verzweiflung, keine Stelle im Gedächtniß, noch eine Ausgabe Oſſian's bei ſich zu haben. Als dies der ältere der Schiffer bemerkte: frug er lächelnd ob es der ſchönen Lady vielleicht recht ſei, wenn er und ſein Kamerad ihr eine Stelle aus den Dichtun⸗ gen ihres Landsmannes vortrügen. Arabella nahm das Anerbieten mit vielem Dank und um ſo lieber an, als dieſe Art der Recitirung noch origineller war. Die Schiffer legten ihre Ruder aus den Händen, ſchlugen ihre nationellen Plaids zurück, ließen den Kahn leiſe über die ſchwärzliche Fluth hintreiben und ſprachen wechſelweiſe wie folgt: Vinvela. „Mein Liebſter iſt des Hochlands Sohn. Er ver⸗ folgt den flüchtigen Hirſch. Die grauen Hunde um⸗ keuchen ihn. Im Wind ertönt ſeine Bogenſchnur. Ruhſt Du am Felſenborn? Oder beim Rauſchen des Bergſtromes? Des Baches Rohr es ſchwankt im elt 218 Wind, der Nebel huſcht über die Berge. So kann ich ungeſehn ihm nahn, und ihn betrachten von Fels herab. Schlank kehrt er von der Jagd zurück, der Schönſte aller Geſellen.“ Schilrik. Weß war der Ton, den ich vernahm; der Ton, wie Sommerwind? Nicht ſitz' ich bei dem ſchwanken⸗ den Rohr, noch nah' dem Felſenborn. Vinvela, höre! ich ziehe weg, zu Fingals Kriegern weg. Nicht folgen mir die Hunde nach, nicht betret ich mehr das Gebirg; ſehe nicht mehr Dich von oben herab, ſtill wandelnd am Strome des Thals, hell glänzend, wie der Bogen der Luft, und auf weſtlicher Woge der Mond.“ Vinvela. „So willſt Du denn fort, mein Schilrik! läßt mich allein auf ödem Gebirge! Der Hirſch erſcheint auf der Höh', und graſet furchtlos umher. Schreckt ihn doch nicht mehr der Wind, und nicht das raſſelnde Laub. Der Jäger, er iſt ja fern, fern im Gefilde der Gräber! Freunde! Söhne der Wogen! Ach! ſchont mir den lieblichen Schilrik!“ Schilrik. „Sollt ich fallen in der Schlacht, erheb', o Vin⸗ vela, hoch mein Grab! Graue Steine bezeichnen 214 mich und ein Hügel von Erde der Zukunft! Sitzt dann an dem Hügel einſtens ein Jäger, genießend ſein Mittagsmahl, ſo ſpricht er:„Hier ruht ein Held!“ und belebt meines Namens Ruhm. Auch Du, Vin⸗ vela, gedenke mein, wenn ich ruhe tief in der Gruft. Vinvela. „Ja, ich gedenke Dein!— Ach!— Fallen wird mein Schilrik! was fang ich, Geliebter, dann an, wenn Du auf ewig dahin biſt?— Um Mittag irr' ich durch dieſes Gebirg; durchirre die ſtumme Haide. Da betracht' ich Deinen Ruheplatz; wann von der Jagd Du kamſt. Ach! Fallen wird mein Schilrik! Ich aber gedenke ſein!“—— Schilrik. „Wohl ſitz' ich nach vollendetem Kriegszuge an mooſigem Quell, hoch auf dem Berge des Sturmes. Ein einzelner Baum rauſcht über mir. Die Haid' entlang rollen dunkle Wogen. Empört tobt unten der See. Der Hirſch ſteiget nieder vom Berge. Kein Jä⸗ ger zeigt ſich von fern; und Alles iſt ſtill ringsumher. Heim bin ich gekehrt aus dem Kampfe und einſam trau'r ich nun hier. Möchteſt doch Du mir erſcheinen, o Liebe! wallend über das Haidekraut. Mit Locken flatternd im Winde, mit dem lieblich ſchwellenden Bu⸗ ſen, mit Augen voll Zähren für die Deinen, welche n 2¹5 barg der Nebel des Hügels. Ich würde Dich tröſten, Du Liebe, Dich führen zum Hauſe des Vaters.— Aber iſt ſie es nicht? die dort auf der Haid' erſcheint, wie ein Strahl des Lichtes?— Glänzend, wie herbſt⸗ lich der Mond, und wie im Sommerſturme die Sonne. Kommſt Du, o Mädchen, über Felſen und Berge zu mir?— Sie redet!— Aber nur ſchwach iſt ihr Laut! Wie das Lüftchen im Schilfe der See.“— Vinvela's Geiſt. „Kommſt Du glücklich vom Kriege zurück? Wo, Liebſter, ſind Deine Geſellen? Ich hörte von Deinem Tod im Gebirg; ich hört' es, und trauert um Dich, mein Schilrik.“ Schilrik „Ja, Holde, wohl komm' ich zurück; doch der ein⸗ zige meines Geſchlechtes. Nie wirſt Du ſie wieder erſpähen; ich begrub ſie dort auf der Aue. Doch warum biſt Du in der Bergwüſtenei?— Warum auf der Haide allein?“ Vinvela's Geiſt. „Allein bin ich, v Schilrik, allein in der Winter⸗ behauſung! Ich ſtarb aus Gram um Dich, Schilrik, und liege nun bleich in der Gruft.“ Schilrik. „Sie gleitet, ſie ſchwebet von hinnen, wie Nebel⸗ 2¹6 gewölk vor dem Winde. Und willſt Du nicht harren, Vinvela? o harre, mich weinen zu ſehn! Wie herrlich erſcheinſt Du, Vinvela! Im Leben auch warſt Du ſo ſchön.“— „So will ich denn ſitzen an mooſiger Quelle, hoch auf dem Berge des Sturms. Wann Alles ſchweiget umher, dann rede mit mir, o Vinvela! Komm auf dem leichtbeflügelten Weſt, auf dem leiſen Lüftchen der Wüſte! Laß hören mich Deinen Laut, wann vorüber Du ſchwebſt, vorüber der ſchweigenden Welt Die Schiffer ſchwiegen; aber der Wind, der mit geiſterartigem Geflüſter durch die Weidenbäume des nahen Ufers ſäuſelte, oder mit ſchrillen Tönen durch die Felſen und Klüfte pfiff, ſchien die Klagen des armen Liebenden leiſe fortzuſetzen, die Seufzer Vin⸗ vela's zu den langſam Dahinſchiffenden zu tragen. Arabella war tief ergriffen. Sie geſtand es laut. Und wie hätte das Gedicht auch nicht einen ſolchen Eindruck auf ſie machen ſollen, mitten in dieſer elegiſchen Welt. Natürlich, ja mit Gefühl, von zwei jener Bergſchotten geſprochen, deren Aeußeres ſchon um Jahrhunderte zurüͤckverſetzte und die für den ächten Typus jener kräftigen Nation gelten konnten, deren Heldenthaten der blinde Dichter ſo wundervoll beſang. 217 „Ja!“— rief Ferdinand—„wenn je ein Dichter den Charakter ſeines Volkes, die Natur, in der es lebte, und die Sitten und Lebensweiſe deſſelben trefflich beſang, ſo iſt es Vater Oſſian. Nehmen wir nur die eben angeführte kleine Stelle— es iſt eine Epiſode aus einem größeren Gedichte: Karrik⸗ Thura betitelt— und wir können alles das Ge⸗ nannte daraus entnehmen. Schilrik iſt Jäger. Aber der Ruf zum Kampfe geht ihm noch über dieſe Beſchäftigung, ja! ſelbſt über die Liebe. Ehre und Nachruhm iſt ſein höchſtes Ideal; es zu erringen, ſcheidet er mit bangem Vorgefühl von der Geliebten. Und wie hold dieſes ſaufte Weſen, das aus Treue ſtirbt, und ſelbſt in ſtiller Gruft vor Sehnſucht nicht ruhen kann. Ueber Alles aber legt ſich leiſe, wie ein düſterer Schleier, die Melancholie, die eine Natur wie dieſe, neben erhabenem Ernſte einflößen muß.“ „Betrachten Sie nur jene kahlen, mooſigen Berge, die ſonderbaren Felſen⸗Formationen, die ſich wie Geiſter geſpenſtig im Nebel verlieren, den dunklen ſchweigen⸗ den See, mit ſeinen finſteren Inſeln und geſtehen Sie, theure Arabella, es däucht auch Ihnen, als ob Sie Geiſter umſchwebten.“ „Einer glühenden Dichterphantaſie kann es hier wohl nicht anders ergehen!“— entgegnete die Spa⸗ 2¹8 nierin—„denn ſelbſt ich fühle mich allerdings wunderbar angeregt.“ „In der That man muß ſeine Einbildungskraft hier zügeln!“— rief Ferdinand erhitzt,—„da⸗ mit ſie mit dem Verſtande nicht durchgeht. Geſtehe ich Ihnen nur, daß, als wir vorhin den Schiffern aufmerkſam zuhörten, ich ganz deutlich auf jenem runden, bemooſten Felsvorſprung Vinvela's Ge⸗ ſtalt erblickt.“ „Oder die einer Dirne, die Schafe hütet!“— ſpöttelte Arabella. „Nein, nein! es war eine ſchlanke, ſehr zarte Geſtalt, von weißen, wie es ſchien ungewöhnlich weiten Gewändern unfloſſen, ein karirter Plaid flat⸗ terte im Winde nach und auf dem Haupte trug ſie eine Art Baret! „Mein Gott!“— lachte Donna Arabella— „ſeit wann ſehen Sie Geiſter, ich möchte auch ſo glücklich...“ aber das Wort erſtarb ihr in dem Munde; denn urplötzlich erſchallten zauberiſche Töne, und wallten in vollen Accorden zu ihnen herüber. Es ſchienen Harfenklänge, ſo ſanft und voll, ſo an⸗ dächtig bald, und bald ſo ſtürmiſch flogen ſie auf, ſo ſilberhell und glockenrein erklangen ſie, und eine Stimme, wie die eines Engels, ſchien, von ihnen 219 g getragen, aus der Tiefe des Sees, aus dem Schooß 3 der Berge, aus den Lüften zu kommen. Die Stimme t aber, die leiſe begonnen, ſchwoll an, wie ein Berg⸗ g⸗ ſtrom, in voller Begeiſterung und erſtarb wieder, gleich he dem letzten Hauche eines Scheidenden. n Ferdinand und Arabella ſchauten ſich fra— m gend an; als ſie aber in demſelben Augenblicke um e jenen Felſenvorſprung bogen, und, dem Ufer ganz nahe, an einer kleinen Höhle, die tief in das Geſtein p hineinragte, vorüberfuhren, ſahen ſie Beide ganz deut⸗ 1 lich die eben beſchriebene Geſtalt, eine goldene Harfe im Arm, in der Grotte ſitzen. Ihr Antlitz war ſo bleich und durchſichtig, daß es faſt die gleiche Farbe mit ihren Gewändern trug, und die Fülle ihrer blon⸗ ſ den, langen Locken ließ es noch ſchmächtiger erſcheinen als es ohnedem ſein mochte. Der Nachen war, von den Schiffern angetrieben, 5 zu ſchnell an der kleinen Höhle vorübergeflogen, als b daß Arabella oder Ferdinand die Züge der 3 wunderbaren Erſcheinung hätten erkennen können; ſie frugen daher die Schiffer: wer die Dame gewe⸗ 3 ſen ſei, und Arabella ſtaunte nicht wenig, als ihr der Bergſchoiten einer, den Namen derjenigen uf Dame nannte, die ſie eben zu beſuchen im Begriff e ſtanden. 220 Auch zeigte ſich wirklich in ganz kleiner Entfer⸗ nung das Schloß Inchd avanan⸗Caſtle, welches auf einer kleinen Felſeninſel mit ſeinen Thürmchen, Ba⸗ ſteien und gothiſchen Zierrathen ſchwarz und ſchau⸗ rig, gleich einem alten Zauberſchloſſe, aus Weiden und Tannen hervorragte. Ferdinand's Seele fühlte ſich von den Ein⸗ drücken, welche die Natur, die Erſcheinung, das Schloß ſelbſt, auf ſie gemacht, beengt— und dennoch gefiel es ihm unendlich in dieſer Welt Oſſian's, die kaum von den dahinſtürmenden Jahrhunderten berührt und verändert ſchien. Es war ein angenehmer Schauer, eine wollüſtige Furcht, die ihn durchrieſelte, als der Nachen zwiſchen den Weidengebüſchen der Inſel lan⸗ dete und ſie nun das ſchwarzmaurige Schloß mit ſeiner finſteren, wilden Phyſiognomie, mit Schieß⸗ ſcharten und aufgezogener Zugbrücke, anſtarrte. War Arabella auch weniger poetiſch angeregt; ſo konnte ſie doch die Neugierde nicht verbergen, mit welcher ſie dem Beſuche entgegenging und die ſich hauptſächtlich auf die Art und Weiſe richtete, in wel⸗ cher die Schülerin ihre Lehren der Frauen-Rechte und des Frauen-Werthes angewandt. Als Beide bis zu der aufgezogenen Zugbrücke ge⸗ langt, konnten ſie nicht weiter, da ſie ein tiefer Gra⸗ ufer⸗ sauf Ba⸗ hau⸗ iden Ein⸗ hloß efiel um und uet, der lan⸗ nit eß⸗ egt nit ſich el⸗ chte 221 ben vom dem Schloſſe trennte, an deſſen Fenſtern ſich kein ſterbliches Weſen ſehen ließ. Sie warteten eine kleine Weile. Es kam Niemand. Ferdinand rief. Es hörte keine Seele, und ſeine in Scherz ge— äußerte Meinung:„Es komme ihm vor, als ſtehe er vor einem verzauberten Schloſſe,“ ſchien ſo un⸗ richtig nicht zu ſein. Schon war er im Begriffe nach dem Ufer zurückzugehen, und ſich bei den hier bekann⸗ ten Schiffern Raths zu erholen, als er neben ſich einen alten, abgedorrten Baumſtamm gewahrte, an dem ein, an einer Metallkette befeſtigtes Kuhhorn hing. Wellen betrachtete es genauer und fand, daß es eine Art Hüfthorn ſei, wie ſie die Bergbe⸗ wohner ſchon in grauer Vorzeit auf Jagden und im Kriege gebraucht. Er machte Arabella auf daſſelbe aufmerkſam, und frug was ſie davon halte. „Es kann hier wohl keinen anderen Zweck haben“ — entgegnete die Spanierin—„als den eines Signalhornes.“ „Richtig!“— rief Ferdinand—„ich entſinne mich, geleſen zu haben, daß ſich die alten Lairds zur Zeit der Clanverfaſſung ſolcher Dinger als Anmelder an ihren Burgen bedient. Nun“— ſetzte er lachend 622 hinzu—„bei uns heißt's ja doch einmal wie in Göthes Fauſt: „In die Traum— und Zauberſphäre Sind wir, ſcheint es, eingegangen.“ Ich will alſo fortfahren und zu dem Horne ſagen: „Führ uns gut und mach dir Ehre! Daß wir vorwärts bald gelangen.“ Und mit dieſen Worten ſetzte er es an und blies aus Leibeskräften hinein; taumelte aber entſetzt über den fürchterlichen Ton zurück, den er dem lieblichen In⸗ ſtrument entlockt, und der von hundert Echo nachge⸗ äfft, das Brüllen einer ganzen Menagerie recht treff⸗ lich darſtellte. Indeſſen der Zauber wirkte, und an dem Fenſter, welches dem, durch die aufgezogene Zug⸗ brücke geſchloſſenen Thore am nächſten lag, erſchien ein häßliches, altes Weibergeſicht. Nachdem die grauen Augen eine Zeitlang die Freundin gemuſtert, öffnete ſich der zahnloſe Mund, und eine ſchneidende, gellende Stimme rief: „Wer naht ſich Inchd avanan⸗Caſtle?“ „Donna Arabella la Romano!“— ent⸗ gegnete Wellen. „Was will die Donna?“— frug die Alte wei⸗ ter—„auf Inch davanan⸗Caſtle?“ be A 223 „Ihre Freundin“... Ferdinand ſah Ara⸗ e in 6 bella fragend an, als bitte er um den Namen. „Lady Macdonatheronbethduff,“ ſagte Arabella. „Ihrer Freundin, Lady Macdonatheron⸗ . bethduff, einen Beſuch erſtatten,“ „Die hochedle Lady iſt zwar für den Augenblick nicht gegenwärtig“,— entgegnete ſchreiend das alte Weib,—„aber jeder Beſuch im Clan iſt ihr will— kommen.“ Damit warf ſie einen Katzenblick auf die In Harrenden, trat zurück und die Zugbrücke fiel. ge„Gott ſei Dank!“— rief Ferdinand.—„Der tre⸗ Spruch war gültig, wir rücken ein in's Feenreich. dan Wenn wir aber an jeder Thüre ſo lange warten Zu müſſen wie hier, kommen wir vor Abend nicht in chien ein Zimmer.“ die Wellen wurde hier im Sprechen von zwei ſter, zottigen Hunden unterbrochen, die wie toll und raſend ende, aus ihren Löchern in der Mauer des Thorbogens hervorſtürzten, und die Eintretenden ſicher zerriſſen . hätten, wenn ſie nicht ſtarke eiſerne Ketten zuruckge⸗ en⸗ halten. „Die Drachen des Mährchens!“— rief Ferdi⸗ wei⸗ nand, lachend auf die Beſtien zeigend, und ſchob ſich vorſichtig an der entgegengeſetzten Mauer hin. „ 5 224 Sie ſtanden in dem Hofraume. Er war ſehr eng und finſter, und gewann, durch die ringsum thurm⸗ hoch aufſteigenden Gebäude, das traurige Anſehen eines Kerkerhofes; dabei war er äußerſt ſchmutzig und der Miſthaufen, welcher urſprünglich nur einen klei— nen Theil deſſelben eingenommen zu haben ſchien, war ſo angewachſen und durch das Federvieh und die frei herumlaufenden Schweine ſo vertheilt wor⸗ den, daß nachgerade der ganze Hofraum wie ein Miſt erſchien. „Es ſcheint, man iſt hier auf ein Bombardement vorbereitet“— flüſterte Ferdinand ſeiner Beglei⸗ terin in das Ohr—„der Miſt ſoll das Platzen der niederfallenden Kugeln wahrſcheinlich hindern.“ „Sie ſind boshaft, Ferdinand!“— entgegnete Arabella—„meine Freundin iſt Oekonomin, ſie hat große und ausgedehnte Güter und da iſt der Dünger ein wichtiges Ding.“ „So, ſo!— entgegnete Wellen mit verſtelltem Ernſte—„ſie hat wohl heute in der romantiſchen Grotte die Freuden und Leiden der Oekonomie be⸗ ſungen?“ „Als ob man nicht das Schöne mit dem Nützli⸗ chen verbinden könnte!“— ſagte Arabella unge⸗ duldig—„warten wir doch erſt ihr Erſcheinen ab.“ eng m⸗ hen ent der ete ſie der 225 Und ſich zu der alten Pförtnerin wendend, frug ſie dieſelbe, wo ſich denn der Gatte ihrer Freundin befinde. „Der Laird“— entgegnete mit Achſelzucken und einem Blick der tiefſten Verachtung die Alte,—„iſt wieder nach Glasgow, ſeiner Vaterſtadt.“ „Wie?“— rief die Spanierin—„nach einer Ehe von kaum einem Jahre verließ er ſchon wieder ſeine liebenswürdige Gattin?— O, da ſieht man eure viel⸗ geprieſene Treue, ihr Männer!“ „Ja, ſchon nach vier Monaten ging er auf und davon!“ „Und warum?“ „Ja nun, er wollte hier befehlen, ſagte immer: er ſei der Herr im Hauſe. Und was die hochedle Lady that, war ihm nicht recht,“— ſchrie die Alte gellend.—„Denken Sie nur, als Lady Maecdo⸗ natheronbethduff den herrlichen Einfall hatte, alle Mannsbilder aus dem Dienſte zu jagen und ſämmtliche Arbeiten von Mägden verſehen zu laſſen, als ſie ferner die alte Clanverfaſſung wieder einfüh⸗ ren wollte, wiederſetzte ſich ja der Laird förmlich, und ſagte das wäre Unfinn, unter welchem die Haus⸗ und Feldwirthſchaft, leiden müßten— ja der Laird ging ſo weit, der hochverehrten Lady ſogar das Dich⸗ ten verbieten zu wollen.“ 15 226 „Der Tyrann!“— rief Arabella. „Ja! die Männer, die Männer!“— kreiſchte die Alte mit einem giftigen Seitenblick auf Wellen— „ſie ſind Alle ſo.“ „Meinſt Du ſchöne Pförtnerin?“— frug Fer⸗ dinand lachend die Alte—„ſie haben Dich wohl auch einmal gekränkt.“ „Ach!“— ſeufzte die Angeredete—„welch Weibs⸗ bild bleibt von ihnen ungerupft.“ „Nu, tröſte Dich nur, altes Haus!“— ſagte Ferdinand mit verbiſſenem Lachen— iezt rupft Dich gewiß keiner mehr.“ „Der heiligen Jungfrau Dank, jetzt kommt über⸗ haupt keiner mehr ſo leicht über unſere Brücke.“ „Dank für die mir erzengte Gnade und Ehre!“ — rief ironiſch Ferdinand und ſchritt neben Ara⸗ bella die große ſteinerne Treppe, die in das Haupthaus führte, hinauf. Die Zimmer, in welche ſie traten, waren ſämmt⸗ lich düſter und ſchmutzig. Wohin man ſchaute, that ſich Unordnung kund. Auf Tiſchen und Stühlen la⸗ gen weibliche Kleidungsſtücke, Reſte von Speien Bücher und Landkarten und hundert andere Dinge in buntem Gemiſche durcheinander Hunde, Katzen und Vögel liefen und flogen frei darin umher, riſſen gte yft ber⸗ e!“ d das mt⸗ hat ſen,. nge 227 Gegenſtände auf den Boden, oder ſetzten und legten ſich darauf, ſpielten damit und beſchmutzten ſie. Die Gemächer, welche man den Gäſten anwies, waren mit Kiſten und Kaſten angefüllt, die erſt hinausge⸗ ſchafft werden mußten, und alle Möbel ſaßen ſo voll Staub und Spinnweben, daß Arabella, die vor allen Dingen Reinlichkeit liebte, ſehr ungeduldig ward und über die Dummheit und Nachläſſigkeit der Dienſtboten losbrach, die ihnen ſicher nur falſche Zimmer angewieſen. Ferdinand vertröſtete ſie iro⸗ niſch auf die Heimkehr ihrer Freundin, und ſich mit, denn er fiel bald vor Hunger und Durſt um, und keine Seele ſchien daran zu denken, daß es doch ſchick⸗ lich ſei, den Fremden etwas vorzuſetzen. Um die Langeweile bis zur Rückkunft der Lady von ſich abzuhalten, und die ſchreienden Gefühle des Magens zu betäuben, beſahen Ferdinand und Arabella einſtweilen das Innere von Inchda⸗ vanan⸗Caſtle. Es war mitunter ſehr reich, aber ungleich und geſchmacklos, in den meiſten Gelaſſen barok eingerichtet. Die intereſſanteſten Räume wa⸗ ren die Säle des erſten Geſchoſſes, die noch alle ihre urſprüngliche, ſteinalte Einrichtung hatten, und viele Bilder der Altfodern des Hauſes Macdonatheron⸗ bethduff enthielten. Aus faſt allen Fenſtern des 228 Schloſſes hatte man eine reizende Ausſicht, wenn gleich, wie natürlich, jede derſelben den finſteren Cha⸗ rakter der ganzen Gegend trug. Auch viele gute neuere Gemälde fanden ſich vor, und vor allem eine ausgedehnte koſtbare Bibliothek. Ferdinand und Arabella würden hier Stoff genug gehabt haben, ſich lange Zeit zu unterhalten, wenn ſie nur nicht die verwünſchte Leere des Magens immer wieder an die Zeit erinnert hätte. Verge⸗ bens frug Donna Arabella mehreremale: zu welcher Zeit denn wohl die Lady zurückkehren würde; man konnte es nicht beſtimmt ſagen und Niemand wagte es, ſie durch die Nachricht von dem Beſuche in ihren dichteriſchen Aufſchwüngen zu ſtören. Endlich— als ſchon der Abend angebrochen und die untergehende Sonne ſich hinter den aufſteigenden Nebeln barg, ertönte das Horn, deſſen Ton Ferdi⸗ nand ſehr richtig mit dem, der in Deutſchland ge⸗ brauchlichen, Feuerhörner verglich. Diesmal aber ſchallte das Heulen wie himmliſche Muſik in ſein Ohr; denn es verkündete die Rückkunft der Herrin. So war es denn auch. Die Zugbrücke ſenkte ſich krachend nieder, und durch das Thor ſchritt dieſelbe ſylphidiſche Geſtalt, welche Ferdinand auf der Höhe und Beide ſpäter in der Höhle des Felſens geſehen. n ute ine toff ten, ſche uft uce hrit auf 229 Jetzt ging es faſt der ruhigen und verſtändigen Arabella, wie früher ſchon dem erhitzten Ferdi⸗ nand. Die Erſcheinung kam ihr ſo geiſterhaft, ſo ſeltſam vor, daß ſie ſich tief ergriffen, pvetiſch darin angehaucht, in eine andere Welt verſetzt fühlte. Es war dies kein Wunder: denn Natur, Schloß, Men⸗ ſchen— kurz Alles paßte zueinander, und nirgends wurde man an die fernliegende Außenwelt gemahnt. Schritt doch die Herrin von Inchdavanan-Caſtle jene ſchlanke Geſtalt, mit dem zarten, blaſſen Antlitz, den blauen Augen und den wallenden blonden Locken, gehüllt in abentheuerliche weite, weiße Gewänder, über die der ſchottiſche Mantel reizend ſiel, und ge⸗ folgt von einem hübſchen Mädchen, welches, ebenfalls weiß gekleidet, ihr die reichvergoldete Harfe nachtrug— ſo leicht und ätheriſch daher, als ſchwebe eine Oſſia⸗ niſche Geſtalt über die Zugbrücke, als nähere ſich eine luftige Fee dem alten Sitze Merlin's. Die wilden Beſtien von Hunden, welche das Thor bewachten, und Arabella und Ferdinand bald zerriſſen hätten, traten aus ihren Löchern und ſchmiegten ſich ſchmeichelnd und wedelnd zu den Füßen der Herrin; alles Geflügel und ſonſtige Vieh des Hofes flatterte und rannte ihr entgegen, ſelbſt die Tauben kamen von den Dächern herab, und ſetzten ſich zum Theile 230 auf der ſchönen, blaſſen Lady Arme— und alles das Volk umgab ſie ringsum flatternd und flügel⸗ ſchlagend, hüpfend und ſpringend. Und als man ihr ein großes Gefäß mit Futter gereicht, warf ſie deſſen Inhalt unter die Thiere, wie eine milde liebende Gottheit. Nachdem dies Geſchäft verrichtet, verkündete ihr die alte Pförtnerin, daß und wen ſie zum Beſuch erhalten, und nun eilte Lady Maedonatheron⸗ bethduff freundlich ihrer geſchätzten Meiſterin ent⸗ gegen, die, von Ferdinand begleitet, jetzt ebenfalls in den Hof getreten war. „Sein Sie mir herzlich auf Inchdavanan⸗ Caſtle willkommen!“— rief ſie Arabellen ent⸗ gegen—„dem Clan widerfährt eine große Ehre durch Ihren Beſuch, nach dem ich mich ſo lange ge⸗ ſehnt. O wahrlich! des See's Geiſter tänſchen nicht, ſie lispelten gar freundlich mir in den Abendlüftchen zu: noch heute wird dem bangen Herz und Deiner Sehnſucht Ruh.“ „Ja,“— entgegnete Donna la Romano herz⸗ lich—„auch ich habe mich lange darauf gefreut, meine liebenswürdige Miß Adelina als Lady Maedonatheronbethduſſ wieder zu ſehen.“ * „ 2 231 „Ach! ſeufzte dieſe,— Romeo ſprach:“ Ich ſchwöre Julia bei dem heilgen Monde, Der dieſer Bäume Wipfel ſilbern färbt,— Doch Julia rief mit Recht; „Schwör' nicht beim Mond, dem unbeſtänd'gen Moud, Der ewig ſeiner Scheibe Form verändert, Damit gleich wankend nicht Dein Lieben ſei. Wie ſchnelle war der Ehe Glück dahin.“ „Mich wundert's ſehr!“— erwiederte die Spanie⸗ rin—„Ihr Gatte war als Jüngling ſehr ſanft. War ſogar ein Mitglied unſeres Vereines?— Ich muß geſtehen, ich hoffte Sie recht glücklich.“ „Wie Knaben weg vom Buch, wird Lieb' zum Lieben, Doch Lieb' von Lieb' wie's Kind zur Schul' getrieben. So dacht ich mit dem göttlichen Dichter, doch kam's faſt umgekehrt; denn auch mein Gatte war ein Heuchler nur, der— kaum mein Mann— mein Herrſcher wollte ſein. O! ſchweigen wir davon!— Ich hab' es lang dem ſtillen See geklagt, den Mor⸗ genlüften und den Abendwinden; hab' ſeufzend manche Thrän' geweint, wenn ich vom hohen Fels in's Ne⸗ belthal geſchaut; wenn meiner Harfe Klang den Namen rief, der einſt mir werth und lieb.— Doch haben milde Geiſter dieſen Schmerz geſtillt, Der meinen Buſen lang mit Gram erfüllt. Ich ſchwang 3* auf in's Reich der Poeſie, 3 232 Ich wandle gern im Land der Harmonie, Und wie mich Harmonie und Poeſie umſchließen. So will ich Poeſie und Harmonie genießen.“— „Sie haben Recht!“— verſetzte Arabella, die nur mühſam ihre Verwunderung über die ſonder⸗ bare Verwandlung des früher ſo natürlichen Mädchens verbarg.—„Das Weib muß, iſt es gekränkt, ſich über den Schmerz erheben und keine Schwäche zeigen, wir ſind ja ſo viel als die Männer ſind. Apropos! — hier iſt eine Ausnahme!“— rief ſie lachend und ſich ſelbſt unterbrechend—„Herr Wellen, mein Freund und Begleiter, und zugleich ein eifriger Ver⸗ fechter der Frauen⸗Emancipation.“ „Alſo mir doppelt willkommen!“— ſagte die Lady und wandte Ferdinand freundlich ihr Geſicht zu, der über deſſen regelmäßige Schönheit erſtaunte. „Ich hoffe Ihnen, ſchöne Lady, um ſo weniger läſtig zu fallen“— entgegnete mit einer Verbeugung und vor Hunger ſchwacher Stimme Ferdinand,— „als ich nicht nur ganz Ihrer Meinung über den, den Damen in der Welt und in dem Leben gebüh⸗ renden Standpunkt bin; ſondern auch Dichtkunſt und Muſik leidenſchaftlich verehre.“ „O, mein Herr! was kann es denn auch Höhe⸗ res geben als dieſe zwei himmliſchen Schweſtern. Ich habe mich denſelben ganz geweiht. Mein trivialer Gatte wollte von hier aus— denken Sie von hier, dem romantiſchſten Ahnenſitz in ganz Schott⸗ land, aus— die Oekonomie und Bebauung unſerer weitläufigen Güter beſorgen. Dieſe beiden leerſtehen⸗ den Schloßflügel, die einſtens König Malcolm IMI. bewohnte, ſollten— o Entſetzen!— als Wirth⸗ ſchaftsgebäude benutzt werden— und ich— ich— ſollte der Poeſie, der Muſik entſagen, und, gleich einer Magd, dem Haushalte vorſtehen. Noch jetzt erröthe ich über dieſe Zumuthungen, die ich aber mit Verachtung von mir wies. Als er ſah, daß ich mich ſeinen Anmaßungen nicht fügen würde, als ich, vor wie nach, Morgen, Tag und Abend mit meiner ſußen Harfe auf dem Felſen und am See zubrachte; als ich, um nicht in dem Aufſchwunge meiner Seele durch gemeine Erſcheinungen geſtört zu werden, die dienenden Männer wegſandte und nur Mädchen in weißen Gewändern, als Prieſterinnen der Un⸗ ſchuld und Keuſchheit um mich duldete— da nahm, er,(ſein ſchwacher Geiſt drang nicht bis zu einer ½ idealen Welt) Abſchied und begab ſich nach Glas⸗ gow, wo er nun ein materielles Leben führen wird.“ Ferdinand ſeufzte hier kaum hörbar auf, und dachte, wie wird der arme Teufel froh ſein, der hier 234 auf dem verzauberten Schloß, wo man, wie es ſcheint, nur mit Poeſie und Harmonie bewirthet wird, gewiß nie ſatt zu eſſen bekommen hat. Die Geſellſchaft begab ſich nun nach dem Haupt⸗ hauſe, und Lady Adeline führte ſie nochmals durch alle Zimmer, ihnen deren hiſtoriſche Wichtigkeit an⸗ deutend, und dadurch gleichſam alle die Schatten der⸗ jenigen belebend, die einſt auf längere oder kürzere Zeit hier gehauſt. Ein Mädchen mit der Harfe folgte ihr beſtändig auf dem Fuße, und konnte mit ſeinen aufgelöſt herabfließenden Haaren, ſeinem ganz einfachen, weiten, weißen Gewande, ſeinen nackten, nur von Sandalen geſchützten Füßen, das Bild Vinvela's nicht in Ferdinand's Seele verwi⸗ ſchen, der durch den Hunger aufgeregt und ange⸗ griffen, alle die Geiſter, von welchen Lady Ade lina Macdonatheronbethduff ſprach, ſich aus dem Grabe erheben und ihn, in den dunkeln, auf ſchwere ſteinerne Säulen geſtützten Zimmern, umſchweben ſah. „Hier“— erklärte die Lady— hatte„Robert — Bruce gewohnt, als er die Bergvölker zum Kampfe gegen England um ſich ſammelte; in jenem weiten und öden Saale ſoll der Adel Schottlands einſt ſeine Verſammlungen gehalten haben, als er ſich gegen Jacob I. verſchwor, der auch bald darauf unter 235 deſſen Dolchen blieb;— und in jener Reihe von Ge⸗ mächern hat Jacob V. die Zeit ſeines Wahnſinns zugebracht, bis ihn ein wohlthätiges Gift von ſeinen ſchweren Leiden befreite. Alle dieſe und noch viele andere Nachrichten von Unglcksfällen, Mord- und Blutſcenen, welche ſich auf den Stellen, wo ſie jetzt athmeten, zugetragen, ergriffen die Gäſte allmächtig; aber ein wahrhaft unheimliches Gefühl durchrieſelte ſie, als ſich die Lady in einer der finſterſten und älteſten Gemächer— auf deſſen Boden ihnen Adeline noch die Blutſpuren eines grauenhaften Mordes zeigte— einen alten moderigen Seſſel und ihre Harfe reichen ließ, und ihnen die ganze, von ihr in Verſe gebrachte und in Muſik geſetzte Geſchichte, vortrug. Die Sonne war untergegangen, dichte Nebel um⸗ lagerten, den Waſſern entſteigend, die Burg, und lie⸗ ßen durch die, von der Zeit tauben Fenſterſcheiben faum noch einen ſchwachen Schimmer des matten Lichtes dringen. Hinter dem Seſſel der Singenden ſtand die Die⸗ nerin, und beide hohe, weiße Geſtalten tauchten in faſt unkenntlichen Umriſſen, wie fabelhafte Bilder eines Mährchens, aus dem Halbdunkel ihrer Umge⸗ bung auf. Voll und geiſterhaft klangen die Accorde 236 der Harfe durch die öden Räume, von deren feuchten Mauern die Töne hart und ſcharf zurückprallten. L ady Macdonatheronbethduff aber ſang mit weicher, klagender Stimme: Aus Loch⸗Lomonds dunkelem Fluthenreich, Von Geiſtern aufgethürmt, Erhebt ſich im Strahle des Mondes bleich, Und wild vom Wind umſtürmt, Umſchwärmt von der Raben laut krächzendem Troß, Inchdavanan-Caſtle, das alte Schloß. Wie heulen die Winde, wie ſauſt der Sturm, Wie ſchwarz und ſchweigend die Nacht. Es wimmert der Burggeiſt aus Mauer und Thurm, Kein Stern am Himmel wacht. Die Eule ſchreit, und geſpenſterhaft ziehn Die bleichen Schatten am Himmel hin. Der Laird nur er ſitzet im ſchimmernden Saal, Ihm mundet nicht der Trank, Er wendet ſich finſter vom reichen Mahl, Iſt doch das Herz ihm krank. Der flüchtige König, den lang er gehaßt, Der flüchtige König, er iſt nun ſein Gaſt. Jetzt kann er ſich rächen ob alter Schmach, Der König ſchläft allein. Fort ziehet der Flüchtling den kommenden Tag, Raſch muß gehandelt ſein. Und fällt erſt der König, iſt die Dame fein, Die Schönſte der Schönen auf ewig ſein. 237 Der Laird ſteiget nieder, wo ſüß und gut An ſeiner Liebſten Seit, Der flüchtige König ſchlummernd ruht, Von jeder Furcht befreit. Er wieget, entſchlafen in Lieb und Luſt, Sein fürſtliches Haupt an der Schönen Bruſt. Tief ſenkt er den Dolch in des Gaſtes Herz, Daß hoch der Blutſtrom ſpringt, Und lautlos unter Todesſchmerz Der König niederſinkt. Doch ſchreiet das Blut auf dem Boden roth um Rache! um Rache! für Königs Tod. Und ſieh, mit dem ſchönſten der Weiber lebt Der edle Laird fortan. Aus Luſt und aus Liebe ſich fröhlich webt Nun ſeines Lebens Bahn. Nicht denkt er in wildem Uebermuth An heimlich vergoſſenes Königsblut. Und als nun im Ranſche der Freude ein Jahr Seit jenem Königsmord Verſchwunden, da koſ'te das liebende Paar Einſt an demſelben Ort. Nicht achten, in ſtürmiſcher Liebesgluth, Die Beiden am Boden das Königsblut. Und wie ſie ſo ruhen nun Mund auf Mund Von wilder Luſt gefacht; Da öffnet ſich plätzlich ein Höllenſchlund 238 Zur grauſen Mitternacht. Und drohend ſieht man, mit ſchrecklichem Schweigen, Den Schatten des Königs der Tiefe entſteigen. Der Laird er erzittert, die Dirne erbebt, Wie nun— ein ſtummer Gaſt— Stets näher und näher der Schatten ſchwebt Und Beide dann erfaßt. Und wie ſie ſich wandten und flehten und riefen, Sie mußten hinab in die grauſigen Tiefen. — Noch ſteigt aus Loch⸗Lomonds dunkeler Fluth Inchdavanan-Caſtle ſo kühn Noch ſieht man des Königs vergoſſenes Blut In jener Halle glühn, Und wie es die alte Sage ſpricht: Tilgt Menſchenhand den Flecken nicht.“ Die Töne verklangen hier leiſer und leiſer und erſtarben endlich wie in einem fernen Gewimmer. Arabellen ſowohl als Ferdinand war es ungehaglich geworden; denn nicht nur laſtete der Eindruck, welchen das finſtere Schloß mit ſeiner über⸗ ſpannter Herrin uud ſeinen ſchaurigen Erinnerungen auf ſie gemacht, auf ihrer Seele; ſondern ſie waren überhaupt ſo müde und matt, ſo hungrig und durſtig, ſo abgeſpannt und doch auch aufgeregt, daß ſie froh waren, als Lady Macdonatheronbethduff den Rückweg antrat. Zu ihrem Entzücken ſahen ſie nun endlich Anſtalten, die entfernt auf ein Mittag⸗(oder jetzt vielmehr Nacht⸗) Eſſen hindeuteten. Demohn⸗ erachtet ſchlich noch, da ſich Lady Adelina nicht im Geringſten darum bekümmerte, eine halbe Stunde dahin, ehe nur die Tafel gedeckt war, und die Gäſte mußten noch in aller Geduld ſechs oder acht Gedichte von Lady Adelinas Arbeit anhören. Endlich gab eine Glocke das Zeichen zur Tafel, und Ferdinand und Arabella ſanken, namentlich Erſterer, erſchöpft und matt an derſelben nieder. Treu der, vor hunderten von Jahren angenomme⸗ neu Sitte, ging das ganze Dienſtperſonal auf Inch⸗ davanan⸗Caſtle aus der alten Pförtnerin und Schließerin, fünf Mägden und zwei Mädchen beſtehend — mit zur Tafel, was den Gäſten indeſſen, da ſie ſich ſchon in dieſer ſonderbaren Welt eingewöhnt hatten, nicht auffallend vorkam. Dagegen wollte Ferdi⸗ nand die Küche der edlen Lady gar nicht behagen; ja er fand ſie unter allen Begriffen ſchlecht und arm, und wäre vollends vor Schrecken bald vom Stuhle gefallen, als für die zwölf Perſonen, welche an der Tafel ſaßen, zwei gebratene Tauben aufgetragen wurden. Das Geſpräch nach dem Eſſen lief gleich wieder in das alte Geleis, und Lady Adelina machte 240 ihrem empfindſamen und poetiſchen Herzen durch eine Vergötterung Shakſpeares, neben welchem ſie gar keinen Dichter mehr beſtehen laſſen wollte, Luft; wie ſie denn auch bei jeder, ſelbſt der unpaſ⸗ ſendſten Gelegenheit, eine Stelle dieſes Heroen der Dichtkunſt im Munde hatte. Schließlich aber wurde die Geduld der Gäſte noch einmal auf eine grauſame Probe geſtellt, als ſie Lady Macdonatheronbethduff mit der Vorleſung eines, gerade nicht ſchlechten, aber zwei⸗ hundertvierzig Verſe langen Heldengedichtes erfreute. Im Anfange hoffte Ferdinand auf die ſich zu entwickelnde Handlung, dann, als dieſe ſich immer durch nichtsſagende Epiſoden verzog, lenkte er ſeine Aufmerkſamkeit auf die Vorleſerin ſelbſt, und genoß ihre Reize ſo recht nach einander und einzeln, wie ein Gourmand eine vorzügliche Schüſſel— und als er auch damit fertig war, hoffte er auf das Ende des Gedichtes. Aber es wollte nicht kommen. Zu ſeinem entſetzlichen Verdruße ſchlummerte auch noch Arabella beim hundert neun und fünfzigſten Vers ſanft ein; und ſo mußte er,— innerlich wüthend, äußerlich zahm wie ein Lamm— da die hochedle Dichterin ihren Vortrag namentlich an ihn richtete, ſte als der te. ſich ner ine noß wie as nde 3 och nd, dle ete, 241¹ ganz geduldig bis zur zweihundert vierzigſten Octave ausharren. Ferdinand hatte keine Ader von Bosheit an ſich; nach dieſer Tortur aber ſchoß ihm die Galle über, und er lobte das Gedicht in ſeiner Wuth ſo fürchterlich und übertrieben, daß Donna Arabella ſich heimlich ihres Schlafes ſchämte, Lady Adelina außer ſich vor Entzücken war— und jeder Dritte ſein Lob für den unverſchämteſten Tadel gehalten hätte. Aber das war noch nicht Alles, nicht einmal die Genugthuung ward ihm, ſeinen Zorn beim Schla⸗ fengehen vor der Geliebten ausſchütten zu dürfen; da man Donna Arabella in den, an Lady Macdonatheronbethduff's ſtoßenden Gemä⸗ chern, ihn aber in jenen ſtaubigen Zimmern unter⸗ brachte, die ihn ſchon am Tage wegen ihrer Unrein⸗ lichkeit angeekelt hatten. Als er allein war, verfluchte er den Einfall, der ihn in die Hochlande zu gehen veranlaßt, und mit ihm alle verſchrobenen Weiberköpfe und ſchlechte Haushaltungen und ſchlief voll galliger Gedanken ein. Den anderen Morgen wartete Donna Ara⸗ bella lange mit dem Frühſtück auf Ferdinand; als er immer und immer nicht kommen wollte, ging ſie endlich ſelbſt auſ ſein Zimmer; aber hier war er 16 —— 242 ebenfalls nicht. Sie ſuchte, ſie frug nach ihm,— nirgends war eine Spur von Ferdinand zu findenz; bis Arabella von der alten Pförtnerin erfuhr; der Gentleman ſei ſchon mit Sonnenaufgang aus dem Schloſſe, und ſo viel ſie geſehen, auch mit einem der Schloßkähne nach dem Ufer gefahren. Auf Ara⸗ bella's weiteres Fragen, erfuhr ſie noch, daß er ſehr niedergeſchlagen und melancholiſch geſchienen habe. Donna la Romano konnte ſich Wellen's Betragen nicht erklären. Daß er geſtern Abend ver⸗ ſtimmt zu Bette gegangen, hatte ſie bemerkt; was aber konnte ihn in aller Welt ſo frühe ſchon forttrei⸗ ben, was ſeinen ſonſt ſo heiteren Geiſt auch ſchon wieder am Morgen beugen?— Sie ward unruhig.— Indeſſen war vor der Hand nichts anders zu machen, als in aller Geduld ſeine Rückkunft abzuwarten. Als aber die Sonne immer höher ſtieg, und Ferdinand noch nicht kam, entſchloß ſich Donna Arabella ihn an den Ufern des See's zu ſuchen; denn der Gedanke: er könne ſich in den ihm fremden Bergen verirrt oder wohl gar an Klippen und Felſen Scha⸗ den genommen haben, ließ ihr keine Ruhe mehr. Das Ufer war bald erreicht und der Spanierin erſter Weg ging an dem abſchüſſigen Geſtade des See's hin, in deſſen ſchwärzliche Fluth ſie von Zeit zu Zeit 243 um ſo beklommener blickte, als ihre Seele noch von den Eindrücken des vorigen Tages höchſt aufgeregt war. Nachdem ſie ungefähr eine Viertelſtunde gegan⸗ gen, hörte ſie von Ferne eine ihr bekannte Stimme ein munteres Lied ſingen. Sie horchte auf. Es kam näher— und als ſie um einen Felſen bog, ſah ſie Ferdinand freudeſtrahlend auf ſie zukommen. „Heiſa!“— rief er ſchon von weitem, ſeinen Hut ſchwingend—„es leben die Bergbewohner!“ „Nun! nun?“— ſagte Arabella verwundert über das vergnügte Ausſehen ihres Cavaliers.— „Was in aller Welt ſoll denn das heißen. Ich ſuche Sie in der größten Herzensangſt; kann nicht begrei⸗ fen, wo Sie hingegangen ſind, ohne mir ein Wort zu ſagen, quäle mich mit den ſchlimmſten Gedanken wegen ihrer Melancholie herum— und auf einmal kommen Sie in voller Seligkeit und in wahrem Uebermuthe daher.“ „Es leben die Bergbewohner!“— rief Ferdi⸗ nand noch einmal und hielt ſich wohlgefällig den Bauch.—„Melancholie, Verzweiflung, Lebensüber⸗ druß, Zorn und alle dieſe Höllengeburten ſind— meine theure Gönnerin— mit einemmale dahin— denn!— denn!— ich bin ſatt!“ „Aber Ferdinand!“— rief Donna la Ro⸗ mano erſtaunt—„wie können Sie ſo proſaiſch ſein „Verehrteſte!“— entgegnete Wellen feierlich— „es handelte ſich heute Morgen, wie Lady Mac⸗ donatheronbethduff mit Shakspeare ſagen würde, um„ſein oder nicht ſein!“— deutſch, mein jugendlicher Magen war von dem geſtrigen Faſten den ganzen Tag und den zwei Tauben auf zwölf Perſonen, ſo zuſammengeſchrumpft, daß ich nahe am Verſcheiden, oder doch wenigſtens in dem Zuſtande der Viſionen war. Ich fürchtete auch heute wieder von Poeſie und Harmonie leben zu müſſen, und da brach ich aus. Ich ſuchte, wie ein hungriges Raubthier, nach Menſchen, nicht um dieſe, ſondern ihre Küche und Speiſekammer anzufallen. Endlich fand ich eine Hütte mit Bergbewohnern, und bewog deren Einwohner mir für Geld und gute Worte eine Spanſau zu braten. Jetzt glauben Sie es, oder glau⸗ ben Sie es nicht, loben Sie mich, oder nennen mich einen trivialen Menſchen— ich aß ſie auf mit Haut und Haar!“— Arabella lachte herzlich; Wellen aber flehte ſie an, nicht länger auf Inchdavanan-Caſtle zu bleiben, da ſonſt Umgegend die Schweine im en ern 09 ine ich t 245 Preis ſteigen müßten. Er könne nun des armen Lord Flucht recht gut begreifen, ſetzte er hinzu, und hoffe zu Gott, daß die Frauen⸗Emancipation auf Lenor⸗Shire-Caſtle beſſer angeſchlagen ſei, und eine weniger zerrüttete Haushaltung zur Folge habe wie hier. Arabella nickte ihm mit einiger Verlegenheit bejahend zu, und noch gegen Mittag verließen die Gäſte das romantiſche Inchdavanan⸗Caſtle nebſt ſeiner dichteriſchen Herrin. Schloß Lenor⸗Shire-Caſtle lag nur zwei Meilen von der Burg Lady Adelina's entfernt. Die Reiſenden erreichten es daher bald. Der erſte Eindruck, den ſein Anblick von Ferne auf ſie machte, war dem, welchen Inchd avanan⸗Caſtle in ihnen heworgerufen, ziemlich gleich; indem das, nahe am ufer des See's gelegenen Gebäude mit jener Burg ähnlichen Urſprungs zu ſein ſchien, und ein gleich finſteres Aeußere hatte. Als ſich Arabella und Ferdinand aber demſelben näherten, gewahrten ſie, daß ein anderer Geiſt aus ihm ſpreche; denn das offne Thor, die neuen ſchönen Fenſter, die flatternden Fahnen auf ſeinen Zinnen; alles dies ließ wohl mit Recht auf einen frohen Lebensmuth der Einwohner des Schloſſes ſchließen. Und ſo war es denn auch in —— —— 246 der That. Als ſie in den Hof traten, empfing ſie ein tobendes Durcheinander von Jägern und Jäge⸗ rinnen, von Hunden und Pferden, von Knechten und Mägden, von Herren und Dienern. Alles lachte, ſchrie, ſcherzte, wieherte und bellte. Hier fütterte ein Diener eine Koppel Hunde, dort zäumte man die Pferde ab; hier ſprang ein Mädchen von ungefähr vierzehn Jahren, als Jägerin gekleidet, mit einem kurzen, nur bis zu den Knieen reichenden Kleide von ſchottiſchem, karrirtem Zeuge, einen Federhut auf dem Kopf und eine Büchſe auf der Achſel, wild umher; dort wieder drängte ſich eine Maſſe junger und äl⸗ terer Männer um einen mit Hirſchen, Rehen, Füch⸗ ſen und Vögeln beladenen Wagen,— die Beute des Tages,— und ganz im hinteren Theile des Hofes endlich ſtand die Herrin des Hauſes; eine ältliche, ziemlich beleibte und ſehr häßliche Dame, rechts und links Befehle austheilend. Lady Macbeem in Jagd⸗ kleider gehüllt, wie jenes wilde Mädchen, das Nie⸗ mand anders, als ihre jüngſte Tochter war, hatte aber kaum durch einen Diener Nachricht von dem neuen Beſuche bekommen, als ſie mit Entzücken auf Arabella und Ferdinand(immer noch die Büchſe über die Achſel geworfen) losrannte, und Beide ſo herzlich umarmte, daß ſchwächere Naturen blaue Mahle davon getragen haben würden. 0n he, nd g⸗ ie⸗ tte em uf die 247 „Willkommen! Willkommen!“— rief ſie mit tie⸗ fer Männerſtimme.—„Das iſt recht. Ihr kommt gerade zur beſten Zeit, trefft herrliche Geſellſchaft,— lauter flotte Jäger— und morgen eine Hauptjagd.“— Dies geſagt, ergriff ſie ein an ihrer Seite hängen⸗ des Hüfthorn von Silber, in welches ſie zu dreien⸗ malen ſtieß. Bei dieſen Tönen ſchwieg Alles und wandte ſich neugierig der Herrin zu, die auf einen hohen Stein geſtiegen war, und nun mit ihrer lauten Donnerſtimme rief: „Erſtens ſtell ich ſämmtlichen Freunden Donna Arabella la Romano und Don Romano (ſie hielt Wellen für den Bruder der Spanierin) vor— zwei treffliche Schützen und leidenſchaftliche Jäger, die gekommen ſind, unſere Jagden zu verherrlichen,— und zweitens bitte ich die Hertſchaften in den Speiſe⸗ ſaal zu treten, da die Atzung bereit iſt.“ Beide Nachrichten wurden mit einem ſchallenden Hallo! aufgenommen, und das wilde Heer ſtürzte ſich nach dem benannten Saale. „Jetzt macht's wie die Andern und nehmt tüchtig auf“—*) ſagte Lady Macbeem— ,hier kommt ———— *) Aufnehmen heißt in der Jägerſprache das hingeworfene Futter freſſen. — 248 Jeder zu kurz, der blöde thut. Später mehr.“ Und damit ſchüttelte ſie Beiden herzlich die Hand, blickte beſonders Ferdinand ſehr freundlich an, und ver⸗ ſchwand dann unter der Menge. Das derbe Weſen der Lady würde in einer an⸗ deren Umgebung beide Gäſte unangenehm berührt haben; hier aber, unter Jägern, Waffen, getödteten und lebenden Thieren, in der rauhen Natur und dem finſteren Schloß— hier ſchien es ihnen zu dem Canzen zu gehören und jedenfalls war es Beiden lieber, als das Mondſcheinweſen auf Inchdavanan⸗ Caſtle. Die Tafel war vortrefflich und überreich beſetzt und die Geſellſchaft ſo luſtig, als man ſie ſich nur denken konnte; wiewohl auch hier Jägerſitten, Jäger⸗ ton und Jägerſprache auf das Ungebundenſte herrſchten. Wilder aber noch als alle Männer, erſchienen die Damen, die außer Donna Arabella am Tiſche ſaßen. Es waren Lady Macbeem nnd ihre Töchter, und noch zwei andere junge Frauen von ziemlich gemeinem Anſehen. Namentlich Letztere er⸗ laubten ſich die größten Freiheiten und machten Späſſe mit den Männern, über welche ſelbſt Donna Arabella, die doch bekannter Weiſe ſich, als eman⸗ cipirte Frau, viel erlaubte, erröthen mußte. Auch d 249 konnte hier von einer geiſtreichen Unterhaltung nicht die Rede ſein, da die eingefleiſchten Jagdliebhaber auf nichts Anderes zu bringen waren— als eben auf die Jagd. Glücklicherweiſe ſaß neben Donna Ara⸗ belha ein eben ſo ausgezeichnet ſchöner als gebilde⸗ ter, ja tief und vielſeitig gelehrter, Mann. Auch er war heute erſt zum Beſuche auf Lenor⸗Schire⸗ Caſtle eingetroffen, und fühlte ſich ſehr glücklich, unter dieſer Maſſe von Nimrods und Dianen einen Menſchen zu finden, der auch für etwas Anderes als für Hirſche, Hunde, Fährten u. ſ. w. Sinn hatte. Arabella hörte mit Entzücken von ihm, daß er Naturforſcher ſei und als ſolcher bereits ganz Ame⸗ rika durchreiſt habe. Mit der ihr eignen Wißbegierde frug ſie ihn nun nach ſo manchen ihr noch nicht bekannten, oder dunkel vorſchwebenden Dingen, und ließ ſich vor Allem die Verhältniſſe des Weibes bei den noch wilden Volksſtämmen angeben. Auch der Fremde ſchien an der ſchönen Spanierin großes Be⸗ hagen zu finden, und bald waren Beide in ein ſo lebhaftes Geſpräch vertieft, daß ſie von der rohen Tiſchunterhaltung kein Wort mehr hörten. Ferdinand war es weniger gut ergangen als ſeiner Begleiterin. Er hatte den Ehrenplatz neben der Herrin von Lenor⸗Schire-Caſtle erhalten, die ſich zwar ſehr freundlich mit ihm unterhielt, Wel⸗ len aber durchaus nicht zuſagen wollte. Es kam ihm dies wilde, derbe und dabei doch jugendlich co⸗ quette Weſen bei der häßlichen, wenigſtens achtund⸗ dreißig Jahre alten Frau, widerlich vor, und nament⸗ lich peinigte ihn die außerordentliche Vertraulichkeit, mit der ſie gegen ihn verfuhr, den ſie doch erſt ſeit vielleicht einer halben Stunde kannte. Nichtsdeſto⸗ weniger mußte er aushalten, ja auf ihre oft ſehr derben Späſſe eingehen und ſehen, wie ſie ſich auf eine grauſame Art über ihren Gatten luſtig machte, der,— ein kleines, ſchüchternes Männchen,— ganz unten an der Tafel ſaß, und eigentlich nur den ober⸗ ſten Aufwärter und Ceremonienmeiſter machte; wie er dies denn überhaupt im Schloſſe war, und auch nur als ſolcher und Ober⸗Küchen⸗ und Keller-Meiſter geduldet wurde. War die Lady mit dem ganzen Schwarm von Gäſten, der immerwährend ihr Schloß belagerte, auf der Jagd, mußte der Lord die Haushaltung beſorgen und überwachen; wurde aber auch hier, da er einen ſehr beſchränkten Kopf hatte und wenig verſtand, überall unterjocht und übervortheilt, ſo daß die Haus⸗ haltung der Lady Macbeem, außer der ſchreckli⸗ chen Verſchwendung durch den ewigen Beſuch, über iber 3 251 alle Begriffe viel verſchlang, und ein empfindlicher Krebsſchaden an dem Vermögen wurde, welches doch alles er ſeiner Frau zugebracht. Aber Lady Macbeem ſagte: wir Frauen haben die gleichen Rechte wie ihr Männer. Mag das Haus⸗ und Erziehungsweſen beſorgen wer will, ich folge der Luſt meines Herzens und dies iſt die Jagd. Was bei ſolchen Grundſätzen aus dem Vermögen geworden wäre, wenn es weniger groß, iſt leicht zu errathen; da ſelbſt das Ungeheure des Lords, wie geſagt, ſchon jetzt litt. Eben ſo natürlich iſt es, daß die beiden Töchter der Lady förmlich verdorben werden mußten, da ſie ihre zarte Jugend unter Mägden, ihre ſpäteren Jahre unter rohen und ungebildeten Jägern zubrachten. So kam es denn, daß die Aelteſte mit einem Vagabun⸗ den durchging, und die Jüngſte ſo unbändig und wild wurde, daß ſie kein Menſch mehr zähmen kannte. Die gewöhnliche Kleidung der Mädchen hinderte ſie auf der Jagd, beim Bergſteigen und Reiten, ſie ließ daher alle ihre Röcke nur bis an die Kniee ma⸗ chen, trug Schnürſtiefel und eine Art Männerjacke, zu der der breitrandige runde Filzhut mit den Adler“ federn allerdings gut ſtand. Die blonden Haare hingen ſtraff, wie bei Knaben, auf die Schultern herab, und nie ſah man Miß Pernel Macbeem 252 in einem andern Aufzuge oder ohne Jagdtaſche, Waid⸗ meſſer und Büchſe. Wie wüſt und traurig es in einem ſolchen Her⸗ zen ausſehen mußte, kann man ſich ebenfalls vor⸗ ſtellen; wenn man denkt, daß das Lieblingsgeſchäft . des vierzehnjährigen Mädchens morden war, und ſie keine größere Freude kannte, als ein edles Thier zu ihren Füßen verenden zu ſehen. Von Zartgefühl, . von Sinn für Großes und Schönes, von Milde und Weiblichkeit war bei ihr keine Spur, und Niemand hätte überhaupt, ohne daß man es ihm geſagt, in Miß Pernel ein Mädchen errathen. Aber die Mutter hatte keine Zeit und keine Luſt, ſich hierüber Sorgen zu machen. Sie wird eine ächte emancipirte Frau, dachte ſie, die kein Mann unter das Joch bringen wird, und das ſoll ſo ſein, denn: wir Weiber haben daſſelbe Recht wie die„ Männer. In dem wilden Durcheinander auf Lenor⸗ Schire-Caſtle wurden Donna Arabella und Ferdinand gewaltſam auseinandergeriſſen. Die Spanierin ließ es ſich gern gefallen, denn ſie konnte ſich um ſo ungenirter an den neuen Freund anſchließen, an welchen ſie, wie Ferdinand zu ſeinem Aerger bald bemerkte, ſchon in den erſten Ta⸗ 253 gen faſt mit Begeiſterung unzertrennlich hing. Wel⸗ len ſelbſt war das Schooßkind der Lady geworden die ihn beſtändig in Anſpruch nahm, und ſein Herz mit verliebten Blicken und Worten unaufhörlich bom⸗ bardirte, in der Hoffnung endlich Breſche zu ſchießen. Ferdinand aber, den die Zärtlichkeit des alten weiblichen Nimrods unangenehm berührten, that aus Verzweiflung, als ob auch er ein eingefleiſchter Jä⸗ ger ſei, und nur für die Jagd und kein zärteres Ge⸗ fühl Sinn habe; dafür aber durfte er nicht von der Seite der noch immer hoffenden Lady. Dem armen Wildſtand ward ein noch hitzigerer Krieg angekün— digt und die Rudel von Damm-, Roth⸗, Reh⸗ und Schwarzwild ſchmolzen immer mehr und mehr zu⸗ ſammen. Ferdinand ſeufßzte in dieſer unangenehmen Lage um ſo qualvoller, als der Glaube an Arabella's Liebe in ihm mehr und mehr erſchüttert wurde, und er ihre Begriffe von Treue nur zu gut kannte. Hat ſte einen Anderen gefunden, der ihr mehr zuſagt als du, dachte er, iſt es um dich geſchehen. Dann wird ſie ſagen: ſie liebe dich und den Andern auch,— wird das Vangen deiner Liebe Eiferſucht nennen— behaupten: es ſei kleinlich und ſchwach von einem Manne, nur der einzige Geliebte einer ſchönen Frau — ——— 254 ſein zu wollen, und dich am Ende, wie den Cortejo ſachte bei Seite ſchieben, und nur wie ein nützliches Hausmöbel mit ſich führen. Dieſe und ähnliche Gedanken zerriſſen Wellen's Seele; denn er fühlte recht gut, daß er ohne Ara⸗ bella— ohne ihre Liebe— nicht leben könne. Kam er dann, wie dies in dem wilden Getreibe auf Lenor⸗Schire⸗Caſtle nicht anders ſein konnte— auch auf Minuten auf ihre Seite, ſo lächelte ſie ihn ſo unausſprechlich ſüß und freundlich an, daß er auf der Stelle den Vorſatz: ſie zur Rede ſtellen zu wollen vergaß. Aber die Abende und Nächte, die er entfernt von ihr zubringen mußte, und in welch letzteren nur die Seufzer der Lady Macbeem, die neben ſeinem Zimmer ſchlief, zu ihm drangen, waren für ihn um ſo troſtloſer. Er dachte an ſein kurzes Glück in Edinburgz er dachte, daß vielleicht der verwünſchte Naturforſcher jetzt ſeinen Platz ein⸗ nehme; und ſo ſuchte ſeine gefolterte Seele umſonſt die Ruhe, die ſein Körper nach den Anſtrengungen des Tages ſo ſehr bedurft hätte; denn der Schlaf drückt den ſtärkenden Mohnkranz nur auf das Haupt Desjenigen gern, deſſen Herz⸗ und Seelentiefen keine Stürme aufregten. Als aber Ferdinand endlich gar nicht mehr an ſie ß en die ch m, 255 ſich halten konnte, und bei einer paſſenden Gelegen⸗ heit Arabella mit Vorwürfen überhäufte; lachte ihn dieſelbe kalt aus, geſtand ihm ganz ruhig zu, daß ſie den Naturforſcher, als einen hübſchen und ſehr geiſtreichen Mann, ſo gut wie ihn liebe, und bat ihn mit ſolcher Jronie und Gelaſſenheit: ſich nicht kindiſch und eiferſüchtig zu benehmen, daß Ferdinand alle Geiſtesgegenwart verlor und Arabella mit den bitterſten Schmähungen überhäufte. „Sie ſind ein Kind, Ferdinand!“— entgeg⸗ nete Donna la Romano, ohne ihre Ruhe zu ver⸗ lieren,—„und toben wie ein ſolches, wenn man ihm ein liebes Spielzeug auf Augenblicke nimmt. Gönnen Sie mir doch das Vergnügen, die wenigen Tage, die wir hier zubringen, in der Nähe und in dem Umgange jenes ſo liebenswürdigen und tiefwiſ⸗ ſenſchaftlich gebildeten Mannes zu verleben. Sie werden meinem Herzen wahrhaftig dadurch nicht fremd; denn Sie wiſſen: ich liebe Sie. Das muß Sie beruhigen. Kehren wir zurück, geht Jener nach dem Nordpol ab und unſer altes Verhältniß tritt ein. Aber Eiferſucht, Ferdinand, Sie wiſſen es, kann ich nicht vertragen, und meine Freiheit muß unange⸗ taſtet bleiben.“ „Und das ſoll nun die wahre Liebe ſein?“— 256 rief Ferdinand außer ſich,—„die heute mir, mor⸗ gen dir und übermorgen wieder mir gilt?“ „Es iſt freilich nicht die Liebe nach den Geboten der Kirche“— entgegnete ſcharf die Spanierin— „will man dieſen opfern und hegt man die Treue nach den Regeln des Catechismus, muß man in den Stand der heiligen Ehe treten. Das Band der Ehe iſt unverletzlich!“ ſetzte ſie ſchneidend hinzu. Ferdinand erblaßte.„Es iſt unedel“— ſagte er dann leiſe—„mir ein Verbrechen vorzuwerfen, das ich aus Liebe zu Ihnen beging.“ „Ich erkenne, wie Sie wiſſen, Ihre Liebe zu mir nicht für verbrecheriſch!“— ſagte die ſchöne Spa⸗ nierin milder—„daher war auch das, was ich ſagte, kein Vorwurf. Ich wollte Sie nur daran er⸗ innern, daß Ihre Liebe auch„heute mir, mor⸗ gen dir“ iſt,— und,— Ferdinand,— was die Männer dürfen, dürfen wir Weiber auch.“ Das Geſpräch wurde unterbrochen und konnte nicht wieder aufgenommen werden. Aber von jener Zeit an trat eine auffallende Kälte zwiſchen Ara⸗ bella und Ferdinand. Letzteren quälte außerdem noch ein Gedanke, den er nicht auszuſprechen, ja kaum zu denken wagte. Es kam ihm in der letzten Zeit nämlich manchmal mol⸗ boten — Treue den Ehe e er das mit Spl⸗ s ich nel⸗ or⸗ was 27 vor, als ob es doch mit der Emancipation der Frauen nichts wäre. Inchdavanan und Lenor⸗Shire⸗ Caſtle hatten ihn auf andere Ideen gebracht, und Arabella's Wankelmuth oder, wie ſie es nannte, geniale Liebe, ſagte ihm ebenfalls ſehr wenig zu. Das Bild ſeiner ſanften Gattin,— deren reine, tu⸗ gendhafte Seele, deren ſtille, liebenswürdige Weiblich⸗ keit er ſo hart mißkannt,— trat wieder vor ſeinen Geiſt, und die Erinnerung an die Zeit ſeiner Liebe zu ihr erweichte ſein Herz. Aber wie hätte er auf Lenor-⸗Shire⸗Caſtle zu ſich kommen können. Hundegebell und Hüfthörner zerſtörten ſeine Träume, und an der Seite der alten Amazone zog er mit dem wilden Heere aus. Bei ſeiner Rückkunft fand er zu ſeinem Erſtaunen und Entſetzen einen Brief von Auguſten, der nach Edinburg gerichtet und ihm vom Cortejo nach Lenor⸗Shire⸗Caſtle nachgeſchickt worden war. „Woher weiß ſie, daß ich in Edinburg bin?“ dachte er, den Brief erbrechend. Aber wie er las, entfärbte er ſich mehr und mehr und als Ferdi⸗ nand geendet— ſtand er vernichtet. Doch vor dem Inhalte des Briefes müſſen wir erwähnen, was ſich bis dahin mit Auguſten zu⸗ getragen. 17 258 Jean Paul ſagt:„Lieber in die offene Wunde die zweite gebohrt, als erſt in die verharſchte; und 1 lieber ſogleich nach dem erſten Fingerglied das zweite abgehauen, als ſpäter; denn zwei Schmerzen werden ⁰ faſt zu einem.“ Karl dachte, als ſeine arme Schwe⸗ „ ſter oder vielmehr Schwägerin, nach dem Weggehen Ferdinand's ohnmächtig in ſeinen Armen lag, an dieſe Worte, und zwang ſich darnach zu handeln. Als daher Augu ſte wieder zu ſich gekommen, ſuchte er ſie nicht zu tröſten; ſondern geſtand ihr offen, daß auch er, nach allem was vorgefallen, glauben müſſe, Ferdinand liebe ſie nicht mehr, und habe ſie für immer verlaſſen. Wenigſtens rieth er der armen Wittwe dieſen Gedanken feſt zu halten, da ſie nur auf ſolche Weiſe ſich emporrichten könne; denn Verachtung überwiege den Schmerz, und Verachtung verdiene Wellen, trotz ſeiner vielen ſonſtigen guten Seiten, da er auf ſo leichtſinnige Weiſe das Lebensglück zweier Menſchen zertreten habe. Solle ihn je einſt die Reue erfaſſen und zurückführen fuhr er fort, ſo dürfe Auguſte dies alsdann wie ein vom Himmel gefallenes Glück betrachten; würde ſich aber, im entgegengeſetzten Falle, nicht in einem nimmer endenden Schmerze verzehren. Karl rieth dies mit äußerlich kalter Miene der Punde und zweite erden chwe⸗ gehen lag, ndeln. ſuchte daß nüſſe e für umen nlr enn und ielen mige habl. hren wie vürde inem e der 259 jungen Frau, während ſein eignes Herz vor Kummer und Zorn hätte zerſpringen mögen. Auguſte hörte ihn und hörte ihn nicht. Sie athmete, aber ſie lebte nicht. Sie blickte um ſich und ſah nicht. Der Ge⸗ danke: für alle die unendliche Fülle von Liebe, die ſie ihrem Gatten bewahrt— nichts— gar nichts — bei ihm erwirkt zu haben, als einen flüchtigen Rauſch der Leidenſchaft, der eben ſo ſchnell verbrauſte als er gekommen war— erzeugte in ihrem Innern eine ſolche Leere, eine ſolch' tödtliche Kälte, daß es faſt ausſah, als habe ein gnädiges Schickſal der Lei⸗ denden Bewußtſein, Vernunft und Erinnerung— kurz alle Seelenfähigkeiten— geraubt und ihren Körper nur zu einem pflanzenartigen Weitervegetiren beſtimmt. Liebe iſt die innerſte Grundbedingung des Daſeins Wo ſie gezeitigt hervortritt und ihre reichen Blüthen treibt, wird ſie die Poeſie des Lebens. Sinkt aber die Blüthe vom rauhen Sturme geknickt, verſchwindet des Daſeins Werth, und alles, was uns berührt, geht kalt an uns vorüber, und Alles, was uns entgegentritt, erſcheint uns farblos und ohne Zuſammenhang. Auguſten's Herz hatte dieſe bittere Erfahrung, dieſer tödliche Schlag ſo hart getroffen, daß es ordent⸗ lich wie gelähmt war. Sie weinte nicht, ſie ſaß nur ſtill und in ſich gekehrt, wie eine Erſtarrte; ſo daß 260 es ihrer Schweſter und Karl im Anfang um ihren Verſtand bangte. Was aber keine liebenden Worte vermocht, erzielte die Einſamkeit und die Nacht. Au⸗ guſten's Schmerz löſte ſich in Thränen auf. Aber welches menſchliche Herz wäre ſo ſtark, allen Hoff⸗ nungen freiwillig zu entſagen? welch' liebendes Weib verzweifelte mit einemmale an der Treue ihres Ge⸗ liebten? Warum ſollte dies Auguſte thun? Wußte ſie doch, daß ihr Gatte ein guter Menſch ſei, der ſich nur leicht von fremden Einflüſſen beſtimmen laſſe. Durfte ſie doch hoffen, daß er wieder zu ſich kommen, ihre treue Liebe erkennen und reuig in ihre Arme flüchten würde. Sein Thatendurſt, ſein unruhiger Geiſt, dachte ſie, habe ihn fortgetrieben. Er wird draußen finden, wie ſehr ich ihn liebte, und bald, bald! zurückkehren. Sie hätte ihm gerne geſchrieben, aber ſie wußte nicht, wohin er ſich gewendet, und ſo blieb ihr nichts zu thun übrig, als vor der Hand auf einen Brief von ihm zu harren. Dieſe Erwartung beſchäftigte ſie lange. Während dieſer ganzen Zeit verließ ſie faſt ihr Zimmer nicht, und mit der Zubereitung eines Bettchens und der erſten Kleidungsſtücke für das Kind beſchäftigt, welches ſie unter ihrem Herzen trug, beſtand ihr einziges ihren borte Ar⸗ Aber bof⸗ Weib Ge⸗ te ſie ſch aſſe. men, lrme iger wird bald, ußte icht rief tend der ches 103 ige 261 Glück in der Erinnerung an jene Stunden, die ſie einſt an Ferdinand's Seite ſo himmliſch ſchön verlebt. Und nur dies dumpfe Hinbrüten und Leben in einer allzuſchnell entſchwundenen Vergangenheit war es, was ſie das Bange des Zuſtandes, in dem ſie ſich befand, nicht empfinden ließ. Sie hofften vergebens. Wochen verſtrichen und es kam kein Brief. Die Stunde ihrer Niederkuuft rückte heran— es kam kein Brief. Sie genas von einem geſunden Knaben— ſie konnte ihn nicht in die Arme eines treuen Gatten legen— ach!— dem Fernen nicht einmal zurufen:„Und wenn Du auch mich lieblos verſchmachten läßt, wende Dich nicht ab von Deinem armen, armen Kinde.“ Unter Thränen drückte Auguſte den Kleinen an ihr Herz, und viele! viele Thränen ſanken noch auf das Kind, deſſen Züge ihr ſo lieb waren, und ſie doch an einen Grauſamen erinnerten. Karl hatte lange ſchon alles Erdenkliche aufge— boten, um etwas Näheres über Ferdinand zu er⸗ fahren; womöglich deſſen Aufenthalt auszumitteln. Denn der Freund konnte ſich recht gut denken, daß irgend Jemand von Gewicht es ſein müſſe, der auf Wellen ſo ſtark einwirke, um den— ſonſt redlichen Menſchen— dahin zu vermögen, alle Pflichten eines 252 rechtſchaffenen Mannes mit Füßen zu treten. Aber alle Bemühungen Karl's waren vergebens, und ſein guter Wille: den Verirrten mit eigner Auf⸗ opferung auf den Weg der Vernunft zurückzuführen, mußte ſich eben ſelbſt genügen. So war denn auch allmählig in Auguſten's Herz faſt jede Hoffnung, den Treuloſen je wieder zu ſehen, verſchwunden, als eines Morgens vor ihrem kleinen Hauſe in der Bergſtraße, eine ruſſiſche Droſchke vorfuhr. Wellens Gattin war allein; ſie ahnte nicht, daß ihr der Beſuch gelte und fuhr daher ruhig fort das Kind in den Schlaf zu wiegen. Wie aber ſtaunte ſie, als ſie in dieſem Geſchäfte durch das Eintreten eines Fremden geſtört wurde. Es war Heylig. Mit einer Ungeniertheit— die zeigen ſollte, daß er über den Stand derjenigen, die er mit ſeinem Beſuche beehre, weit erhaben ſei,— eintretend, frug der Er⸗ kaufmann unter flüchtigem Gruße: ob er hier recht bei der Frau Wellen ſei. Auguſte bejahte ver⸗ legen. „So!“— rief Heylig mit Katzenfreundlichkeit und Auguſten ward's in ſeiner Nähe, wie Gretchen im Fauſt, als ſie in das Zimmer trat, in welchem kurz zuvor Mephiſtophles geweſen.„So! ſo!“— wie⸗ 7 ihren, ews er z ihren oſchke nicht, fort aunte treten lig er ſiche Er⸗ recht vel⸗ chleit ſchen chem wie⸗ derholte er warf ſich auſ das Sopha und muſterte mit hämiſchen Blicken das einfache Zimmer.—, C'est charmant! Sie alſo ſind die liebenswürdige Gattin meines Freundes!“ „Ihres Freundes!“— rief Au guſte entzückt.— „O Gott! ich weiß zwar noch nicht, wen ich das Vergnügen habe vor mir zu ſehen; aber Sie ſind willkommen, denn Sie ſind Ferdinand's Freund. O ich bitte Sie, ſprechen Sie! ſprechen Sie! Wie geht es ihm? wo befindet er ſich jetzt? wann haben Sie ihn verlaſſen?“ „Er muß nicht ſehr eifrig im Schreiben ſein!— ſagte boshaft lächlend der Wormſer—„da ſeine Frau nicht einmal weiß, wo er ſich befindet.“ Auguſte erröthete; aber die Freude, die Angſt, etwas von Ferdinand zu hören, betäubte jedes andere Gefühl in ihr. „Ja, ich bin lange ohne Brief!“— ſagte ſie hin⸗ werfend—„aber vielleicht haben Sie welche!“ „Non, mon enfant!— bedaure!— Herr Gemahl hat keine Zeit zum Schreiben.“ „Und warum nicht?— er iſt doch wohl?— es geht ihm doch gut?“ „O daran, ſchönes Weibchen, zweiflen Sie nicht. Es geht ihm, wie dem Vogel im Hanfſaamen.“ 264 Auguſte athmete, mit einem dankbaren Blick nach oben, tief auf.„Gott ſei gelobt!“— rief ſie freudiger—„wenn es ihm nur gut ergeht und er wohl iſt; dann will ich ſeiner Rückkunft geduldig warten. Aber wo iſt er denn jetzt?“ „Das weiß der Himmel!“— ſagte Heylig die Achſeln zuckend—„ich traf ihn noch nicht ſo ſehr lange in Edinburg.“ „In Edinburg!“— rief das junge Weib er⸗ ſtaunt—„In Schottland alſo?— Mein Him⸗ mel welche Geſchäfte mögen ihn denn dahin getrieben haben.“ „O! des affaires bien importantes!— Sehr wichtige Geſchäfte!“— lachte Heylig. „Sie lachen?“— frug Auguſte—„alſo ſind ſie ſo wichtig nicht?— O ich kenne meinen Mann! Sein unruhiger, vorwärtsſtrebender Geiſt hat nirgends Ruhe, ſein edles Herz treibt ihn, Ideen zu verwirk⸗ lichen, die an und für ſich recht ſchön und gut, aber in dieſer Welt nicht ausführbar ſind. So wird es ihm auch dort gehen....“ „Nun“— unterbrach ſie der Neu⸗Ruſſe achſelzuckend, und blinzelte das ſchöne junge Weibchen wohlgefällig an—„r iſt in guter Schule. Ihre Freundin....“ „Meine Freundin?“— wiederholte Au guſte ver⸗ wundert halblaut. 25 „Ja, ihre Freundin,“— fuhr Heylig in gleich⸗ gültigem Tone fort—„wird ſeine großen Ideen ſchon in den rechten Gang bringen.“ Auguſte ſchwieg einen Augenblick in merklicher Verlegenheit. Sie zitterte. Eine finſtere Ahnung ſtieg in ihrer Seele auf. Aber ſie faßte ſich vor dem Fremden und ſagte gleich darauf mit anſcheinender Ruhe:„Sie müſſen ſich irren, mein Herr, ich habe keine Freundin in Edinburg.“ „Mais mon dieu! die Gattin eines Schöngeiſtes eines soit disant„Genie's“— wird doch nicht eiferſüchtig ſein?“ lachte der alte Geck frech—„dann müßte ich Sie, mein allerliebſtes Kind, bedauern, und könnte Ihnen nur rathen, ſich zu rächen. Ueber⸗ haupt begreife ich nicht, wie mein lieber Freund ein ſo himmliſches Weſen, wie Sie es ſind— erlauben Sie, daß ich Ihnen die Hand küſſe— gegen ein ſo freches Weſen vertauſchen kann.“ „Mein Herr!“— ſtotterte Auguſte hier ver⸗ legen, dem zudringlichen zugleich ihre Hand entzie⸗ hend—„Sie ſahen, was mich beunruhigt, ich hoffte Sie ſcherzen nur.“ „Ganz und gar nicht, im Gegentheil!“— ſagte Heylig mit einem triumphirenden Strahl aus den falſchen grünen Augen—„Sie wiſſen ja, daß er, M— 266 3 unter dem Vorwande von kosmetiſchen— oder— oder— kosmopolitiſchen Geſchäften in Geſellſchaft jener allgemein bekannten Spanierin abreiſte, die durch ihre ausgezeichnete Schönheit und ihre Künſte ſchon ſo manchen Mann gefangen.“ „In Geſellſchaft einer Spanierin ſagen Sie, ſei er von hier abgereiſt?“ frug Auguſte, und ihr war es, als ob tauſend Dolche ſich in ihrem Herzen kreuzten. „Oui Madame!“— entgegnete Heylig in der größten Gemüthsruhe.—„Es iſt eine Betrügerin, die unter verſchiedenen Namen in der Welt herum⸗ fährt und ihre allerdings ausgezeichnete Schönheit benutzt, Männer und Jünglinge unter der Maske einer emancipirten Frau zu fangen. Jetzt läßt ſie ſich Marquiſe la Romano ſchimpfen. Laſſen ſie ſich ſagen, mich wollte ſie auch verführen, ſie ſtellte mir auf alle erdenkliche Weiſe nach— aber— Dieu merci!— ich widerſtand, ich wies ſie mit Verach⸗ tung zurück. „Und mit dieſer Perſon, ſagen Sie“— lispelte todtenbleich Auguſte, und hielt ſich gewaltſam an der Lehne des Stuhles, auf welchem ſie ſaß, um nicht umzuſinken— mit dieſer Perſon reiſte Ferdinand nach Edinburg?— Täuſchen Sie ſich auch nicht? 267 S war jenes Weib nicht vielleicht zufällig auch am Bord ſf deſſelben Schiffes?— und..“ dit„Du mein Himmel, was liegt denn einer ge⸗ ſu ſcheuten Frau an ſo etwas“— rief Heylig.— „Nach der neueſten Mode hat jede Ehefrau ihren Ge⸗ ſi liebten und jeder Ehemann wenigſtens drei Maitreſ⸗ ihr ſen. Was Ferdinand, meinen lieben Freund be⸗ zen trifft, ſo können Sie mir glauben, daß er die Spa⸗ nierin ſchon vor Ihrer Verheirathung genau gekannt, er hier in Hamburg mit ihr die Reiſe verabredet in, hat, und in Edinburg öffentlich mit ihr lebte. Ich n⸗ habe oft über den genialen Kopf gelacht— er iſt, eit wie Sie wiſſen, ein wenig eraltirt— wenn er ſo in sk begeiſterte Lobeserhebung bei mir über die Spanierin ich ausbrach. Je vous en conjure! rief er dann, haben ſch Sie je eine geiſtreichere, liebenswürdigere Dame als nir die Marquiſe geſchen, es iſt keine von den gewöhnli⸗ eu chen Alltagsfrauen, ſetzte er dann immer hinzu, die ⸗ einem durch ihre Beſchränktheit und Sentimentalität langweilig werden; ihr Geiſt iſt enorm, ihr Witz beißend, ihr— ihr— und dann ihr Feuer.... aber — ma chère— was machen Sie denn— Sie t werden ja ohnmächtig!“— nd Es war zu ſpät. Auguſte hatte das Bewußt⸗ ſein verloren und ſank in Heylig's Arme. Aber 268 der Schurke hatte erreicht, was er beabſichtigt. Er ließ daher das junge Weib leiſe aus ſeinen Armen auf den Boden gleiten, warf, zähnefletſchend, noch einen triumphirenden Blick auf das Opfer ſeiner Bos⸗ heit und verließ dann ſchnell mit den Worten:„Ich bin gerächt!“ das Zimmer. Auguſte lag lange Zeit regungslos am Boden. Daß ſie Ferdinand nicht mehr liebe, hatte ſie lange geahnt, ja gewußt; die Nachricht aber, daß ſie ihm gleichgültig ſei, daß er ſie noch ſpottend, einer eitlen Creatur geopfert, mit der er ſchamlos öffentlich 46 lebe, traf ihr Herz mit tödtlicher Gewalt. Es war mehr, als ſie tragen konnte; denn auch die kräftigſte menſchliche Natur hat ihre Grenzen, ſie iſt Freud' und Leid, Entzücken und Schmerz bis zu einem ge⸗ wiſſen Punkte gewachſen; ſobald dieſer aber überſtie⸗ gen wird, bricht ſie unter der Laſt des Affektes zu⸗ ſammen und geht zu Grunde. So ging es denn auch mit der unglücklichen Gattin Wellen's. Als ſie erwachte, fühlte ſie ſich eine Andere als bisher. Kein Zorn, kein Schmerz, keine Eiferſucht; aber auch keine Liebe und kein Hoffen bewegte ihr Herz mehr. Erſtarrt ſtand ſie vor dem Leben, das wie eine kalte, nackte Winterlandſchaft öde vor ihr lag. Sie ver⸗ langte keinen Troſt, ſie bewegte keine frohe Ahnung, ſie ſehnte ſich nach keiner heiteren Ausſicht, nach keinem Frühling mehr. Das Leben war für ſie verblüht, welk und abgeſtreift; der Tag zur Nacht, das Licht zur Finſterniß geworden. Keine Thräne benetzte ihr Auge, Niemand erfuhr ein Wort von dem Vorgefal— lenen. Sie war entſchloſſen ihr Leben wie ein Kreuz geduldig auf ſich zu nehmen und es, um ihres armen Kindes willen, ſchweigend zu tragen; aber ſie fühlte auch: der Weg bis zu Golgatha ſei nicht ſo weit. Ruhig ergriff Auguſte dann Feder und Papier und ſchrieb folgende Zeilen an ihren Gatten: „Ferdinand! „Nur einmal noch mag die, für Dich drückende Erinnerung: daß Du Gatte und Vater biſt, an Dir vorüber gehen. Nur diesmal noch; denn ich ſpreche Dich hiermit von allen Pflichten gegen mich frei. Ich habe einen ſchönen Traum gehabt, in dem däuchte mir: ich würde von einem edlen Manne ge⸗ liebt. Ich erwachte— und fand— es war ein Traum. Er iſt vorüber— aber auch meine Liebe iſt mit ihm geſtorben, und nie, nie wird ſie wieder erwachen, wie ein gebrochenes Herz kein Leiden und keine Freude mehr erfüllt.“ „Ich kenne den Weg, den Du wandelſt. Ich ſchelte ihn nicht. Gott gebe, daß er Dich nicht zum 270 Verderben führt. Ich mache keinerlei Anſprüche an Dich, ich entbinde Dich aller Pflichten gegen mich— aber merke Dir, Ferdinand!— das Weib, von deſſen treuem Herzen Du Dich freiwillig losgeriſſen und verbannt, gehört nicht mehr Dein— wage es nicht, mich je wiederſehn zu wollen, ich bin todt für Dich— achte den Frieden meines Grabes!“ „Den Knaben, der das Pfand meines welken Glückes, erziehe ich. Nach meinem Heimgang em⸗ pfehle ich ihn Dir, und ich hoffe, Du wirſt bei ihm das heiligſte Gefühl der Natur, die Elternliebe, nicht verläugnen.“ „Lebe wohl und vergiß Deinen unſterblichen Theil nicht. Auguſte.“ Dies alſo war der Inhalt des Briefes, den Fer⸗ dinand auf Lenor⸗Shire⸗Caſtle empfangen. Als er ihn geleſen, umflorte es ſein Gehirn wie Wahnſinn. Er fühlte, daß er der Mörder ſeiner Gattin, dieſes frommen, guten, treuen Weſens ſei; er war ſich bewußt, ein Herz gebrochen zu haben, das ihn mit der wahrſten, innigſten Liebe, mit felſen⸗ feſtem Vertrauen umfaßt. Er mußte ſich geſtehen: das ſtille, unſchuldige Glück einer kindlichen Seele, die in ihrer Al m ht 271 Einfachheit doch einen ſo reichen Schatz an Liebe, treuer Hingebung und wahren Tugenden beſaß, zerknickt— hoff⸗ nungslos zertreten zu haben. Und keine, keine Rückkehr 21 Und Arabella! Arabella! die ihn dazu verleitet, war ihm treulos, belohnte ſeine verbrecheriſche Gluth mit Spott, ſtand mit ihrer ſophiſtiſch-vernünftelnden Liebe fern, ſtieß ihn ab und zog ihn an, wie ein Spielzeug. Und wer ſtand ihm dafür, daß nicht noch Hunderte von Männern ſich zwiſchen ihn und die Ge⸗ nußſüchtige drängten?— und dann immer, immer! dies Eis des kalten Verſtandes auf ſeine Gluth!— und auch ſeine ſchönen Ideen von Weltverbeſſerung, wie nahmen ſie ſich, von Nahem geſehen und prak⸗ tiſch verwirklicht aus?— Ihm graute bei dem Ge⸗ danken an Inchdavanan- und Lenor⸗Shire⸗ Caſtle— und dennoch ſtand er mitten in dem Ge⸗ triebe, und konnte weder zurück⸗ noch vorwärts. Von der Gattin verſtoßen, von ſeinem Gewiſſen verdammt, von der Geliebten verſpottet und kalt zurückgedrängt, von den Iealen ſeiner Seele verhöhnt, von allen Hoffnungen verlaſſen, unſelbſtſtändig, thatenlos in der Welt ſtehend und dabei verſchuldet und doch ſchon wieder bald ohne Mittel— ſo ſtand er da— in wildem Wahnſinn, ſich und ſein Geſchick verfluchend. Er ſuchte in ſeiner qualvollen Aufregung die Ein⸗ — 272 ſamkeit. Es gelingt ihm das Schloß ungeſehen zu verlaſſen. Er ſtreift über die kahlen, öden Berge. Spät kommt er zurück. Müde, und doch nicht auf⸗ gelegt nach Hauſe zu gehen, ſucht er eine ihm be⸗ kannte Grotte auf, er tritt hinein— und findet Arabella in den Armen ihres neuen Freundes. Wüthend, daß ein Tag all ſein Glück— vernichtet, von der Eiferſucht zur Raſerei getrieben, wirft er zähneknirſchend der Spanierin ihre Untreue vor, und flucht ihr, als der Urſache all ſeines Jammers. Arabella's Freund will dem Wuthſchnaubenden antworten, aber die Spanierin erhebt ſich ruhig, kalt und ſtolz, und ſagt: „Wäre ich allein mit Ihnen, Herr Wellen, würde ich den Ausbruch Ihrer kindiſchen Eiferſucht verlacht haben. Sie beleidigten mich aber Angeſichts eines Dritten, und dafür fordere ich Genugthung.“ „Wenn ſie kein Weib wären...“— rief Ferdi⸗ nand—„Sie ſollten ſie haben.“ „So ſtellen Sie ſich mir!“ rief der Dritte. „Kein Wort weiter, meine Herren!“— unter⸗ brach Beide die Spanierin ernſt.—„Herr Wellen weiß, daß ich in keiner Beziehung den Männern weiche, und wird nicht ſo feig ſein, der Marquiſe Arabella la Romano die verlangte Genugthuung zu ver⸗ weigern.“ en t Aber Ferdinand, der unterdeſſen zu ſich ge⸗ fommen, erbebte jetzt bei dem Gedanken, ſich mit der Geliebten auf Tod und Leben zu ſchießen. „Arabella!“— flehte er daher, durch den Ton die Spanierin an ihr altes Verhältniß mahnend, aber Donna la Romano blieb kalt und ernſt und ſagte nur: „Beſtimmen Sie Zeit, Ort und Waffen.“ „Arabella!“— flehte Ferdinand wieder⸗ holt—„bedenken Sie, was Sie von mir verlangen, wie kann ich auf Sie ſchießen.“ „Bedenken Sie das Geſetz der Ehre, und be⸗ ſtimmen Sie Zeit, Ort und Waffen!“— wiederholte die Dame. „Laſſen Sie mich das Duell übernehmen“— bat neuerdings der Naturforſcher—„es kommt ohnedem mir zu, die Beleidigung meiner Dame zu rächen.“ „Nein!“— rief ungeduldig Arabella—„ich ſelbſt, ich, die ich immer mit Stolz mich rühme, den Männern in nichts nachzuſtehen, ich werde mir auch Genugthuung zu verſchaffen wiſſen. Sie mögen un⸗ ſer Secundant ſein.“ „Recht ſo!“— rief hier die tiefe Stimme der Lady Macbeem, indem ſie den Kolben ihrer Jagd⸗ flinte ſo heftig auf die Erde ſtieß, daß es klirrte— 18 8 . 4 „ich kenne zwar die Veranlaſſung des Streites nicht; wenn es aber Donna Arabella für nöthig findet, ſich zu ſchießen, ſo ſoll ſie es nur immer ſelbſt thun, damit die Männer Reſpekt vor uns Weibern bekom⸗ men. Und wer iſt der Geforderte?“ „Ich!“— ſagte gelaſſen Ferdinand. „Sie?“— rief, bei dieſer unerwarteten Wendung der Sache beſtürzt, die Jägerin. „Ja!“— entgegnete Arabella und ſetzte etwas beißend hinzu:„Lady Macbeem könnte die Ge⸗ fälligkeit haben, dem Herrn Wellen zu ſecundiren.“ Die Lady beſann ſich einen Augenblick.„Iſt hier keine friedliche Ausgleichung möglich?“— frug ſie dann mit einem zärtlichen Blick auf Ferdinand. „Keine!“— rief haſtig die Spanierin und Wel⸗ len zuckte die Achſeln. „Gut denn!“— rief die Herrin von Lenor⸗ Shire⸗Caſtle—„ſo mag es ſein; die Ehre will ihr Opfer. Ich bin Ihr Secundant, Herr Wellen.“ „Und Zeit und Ort und Waffen!“— wiederholte Donna la Romanv. „In drei Teufels Namen denn, wenn Sie es haben wollen!“— rief außer ſich Ferdinand.— „Morgen mit Sonnenaufgang, hier und auf Piſtolen.“ „Abgemacht!“— ſagte Arabella.—„Jetzt laſſen t det, un, m⸗ un was Ge⸗ — Sie uns Alle zurückkehren und im Angeſicht der Fremden die alten Freunde ſein. Es wird Jedermann die Sache als ein Geheimniß betrachten“ Und da⸗ mit nahm ſie des neuen, ſehr verwirrt ausſehenden Freundes Arm und ging, heiter ſcherzend, voran,— Ferdinand und Lady Macbeem folgten ihr ſchweigend nach. Der Abend verfloß in ungetrübter Heiterkeit. Die ganze Geſellſchaft machte nach der Tafel noch eine Spazierfahrt auf dem See, und da man bei dieſer Gelegenheit bis in die Nähe von Inchda⸗ vanan⸗Caſtle kam, ſo nahm Lady Macbeem davon Veranlaſſung, auf die unbarmherzigſte Weiſe über die Herrin dieſes Schloſſes herzufallen und ihre Leidenſchaft zur Dichtkunſt und Muſik lächerlich zu machen und zu verſpotten. Donna Arabella beſchrieb, die Flamme zu nähren, ihren Beſuch bei Lady Macdonatheron⸗ bethduff auf das Komiſchſte, und malte ihre Er⸗ zählung mit ſo lebhaften Farben aus, ließ ihre Laune in ſo beißenden Witzen ſpielen, daß Alle von der un⸗ gebundenſten Heiterkeit erfaßt wurden, die indeſſen ihren höchſten Grad erreichte, als die Donna auch die Bemerkungen zum Beſten gab, welche Lady Adelina ihr im Vertrauen über ihre Nachbarin 276 Lady Macbeem und deren Leidenſchaft zur Jagd gemacht. Letztere Dame lachte bei dieſer Beichte ſo unmäßig, daß ſie bald in einen Lachkrampf gefallen . wäre. ₰ So konnte denn keine Seele in der Geſellſchaft 6 ahnen, was vorgegangen und einem Theil von ihr ſ 3 noch bevorſtehe; um ſo weniger, als man über die 3 eigene Luſt, den Ernſt Wellen's überſah. Erſt ſpät in der Nacht trennte man ſich, und Ferdinand entging es nicht, daß Arabella den Arm des Naturforſchers nahm, und ſich von ihm nach ihrem Zimmer führen ließ. Dieſe Bemerkung empörte ihn ſo gegen die frühere Geliebte, daß er um Vieles ruhiger wurde. Indeſſen blieb er ſehr ver⸗ ſtimmt, und wenn er des Briefes und ſeiner armen Au guſte gedachte, ſehnte er ſich ſogar nach dem Tode, und wünſchte innig: er möge als Opfer des kommenden Tages fallen. Gegen Mitternacht ſchlief er ein, um bald darauf wieder zu erwachen. Es däm⸗ merte noch nicht, er machte ſich daher Licht, ſtand auf und fing an ſeine Sachen zuſammen zu packen; da ihm die nächſte Sonne entweder den Tod, oder die Nothwendigkeit zur Flucht bringen mußte. Als auch dies Geſchäft beendet und es nun allmählig zu dämmern anfing, nahm er noch den Reſt ſeiner Baar⸗ die und den ihm fung ſchaft auf. Als er aber gerade damit beſchäftigt war, dieſelbe zu zählen, öffnete ſich plötzlich eine Tapeten⸗ thüre und Lady Macbeem trat zu ihm ein. Diesmal war die ſchottiſche Diama noch nicht zur Jagd gerüſtet, ſondern ſie ſtieg, leicht geſchürzt, und von zarten Gefühlen bewegt, zu ihrem Endymion herab. Mit vielen Worten ihre Zudringlichkeit entſchuldi⸗ gend, ſtellte ſie vor allen Dingen als den Hauptgrund ihres Kommens ihre Beſorgniß für Ferdinand dar, an dem ſie, wie ſie ſich ausdrückte: unmenſchlich hänge, und der ſie, ſo angetrieben,*) dauere.„Erlegt Sie die Gegnerin,“— fuhr ſie fort—„nun, ſo iſt freilich die ganze Hatze am Ende. Werden Sie aber, was ich hoffe, nur verwundet, ſo ſollen Sie wahrlich unter meinen Händen die beſte Pflege erhalten. Sie brauchen alsdann gar nicht ängſtlich zu ſein; ich ver⸗ ſtehe mich auf Wunden, und habe ſchon manchem Pferde und manchem guten Jagdhunde das Leben ge⸗ rettet. Nun bleibt aber auch noch der dritte und vierte Fall: wenn nämlich Sie die Gegnerin erlegen oder anſchießen? Bleibt Donna Arabella, müſſen *) Angetrieben iſt in der Jägerſprache der Fuchs, wenn er in ſeinem Bau ſo weit gebracht iſt, daß er nicht vor noch rückwärts kann. 278 Sie fliehen, und für dieſen Fall muß, vor allem An⸗ dern, geſorgt ſein. Unſer gutes Land hat Schlupf⸗ winkel genug und ich ſorge dafür, daß Sie in einen Bau*) kommen, wo Sie kein Teufel ausſpüren ſoll, Da man aber nicht wiſſen kann, wie ſich die Verhält⸗ niſſe ferner geſtalten, ſo nehmen Sie dieſen Beutel mit Guineen zu ſich. Bei dieſen Worten wollte Lady Macheem Fer⸗ dinand einen vollen Geldbeutel zuſchieben. Wel⸗ len aber, der die liebenswürdige Dame durchſchaute, wies ihn zwar artig aber beſtimmt zurück, und bat die Lady ihre Güte nur dann in Anſpruch nehmen zu dürfen, wenn er genöthigt ſei, in dem ihm frem⸗ den Lande flüchtig zu werden. Die Herrin von Lenor⸗Shire⸗Caſtle wagte wegen dem Geld nicht weiter in ihren Gaſt zu drin⸗ gen, und beruhigte ſich daher mit der Hoffnung: den ſchönen jungen Mann bald ganz in ihre Gewalt zu bekommen. Auch mußten Beide die Unterhaltung einſtellen und ſich zu dem ernſten Gange bereiten, da die Sonne ihrem Aufgange nahe war. Beide Partheien verließen faſt zu der gleichen *) Bau, in der Jägerſprache die unterirdiſche Wohnung des Fuchſes, Bibers, Dachſes tc. te in⸗ den zu un da hen 279 Zeit das Schloß, und erreichten noch vor dem völli⸗ gen Aufgange der Sonne den bezeichneten Platz. Der Morgen war kühl und feucht. Dichte Nebel deckten See und Thal, und ſchienen den Wanderern, als ſie ſich erhoben, wie ein milchweißes Meer, aus dem einzelne Felspyramiden, gleich rieſigen Geſpen⸗ ſtern, hervorragten. Feuchte Wolken umlagerten die Berge und der Morgenwind ſauſte unfreundlich durch die einzeln ſte⸗ henden Bäume. Selbſt der Bach, der ſich mühſam durch das ſchwarzbraune Moos zwängte, ſchien heute unbehaglich langſam, traurig und einſam dahinzu⸗ rollen. Ferdinand vor Allen, fühlte das drückende, ſchwermüthige dieſer Natur. Und wenn er auch weit entfernt von der leiſeſten Furcht blieb; ſo erhöhte die traurige Umgebung doch die düſtere Stimmung noch, in der er ſich ſeit geſtern befand. Es kam ihm vor, als ob alle Geiſter Oſſian's ſich rings um ihn beleb⸗ ten und die leichten Nebelgeſtalten, die hie und da aus der Tiefe ſtiegen, wurden ihm zu bleichen Schat⸗ ten, zu ernſten Boten, zu weiſſagenden Todesahnungen. Endlich war die Stelle erreicht, welche zum Wahl⸗ platz dienen ſollte. Lady Macbeem hatte ſür Piſtolen geſorgt, und ſchickte ſich an, dieſelben zu laden. 280 Ein leiſer Verſuch, ihrer Seits, die Sache beizulegen, mißglückte, und einen weiteren machte ſie um ſo we⸗ niger, da ſie eigentlich an dem Drell eine heimliche Freude hatte. Erſtens, weil ſie Gefahr liebte; zwei⸗ tens, weil dieſer Duell, er mochte ausfallen wie er wolle, ungemeines Aufſehen err. gen uud ihren Namen dadurch wieder berühmter machen mußte; und drittens, weil ſie hoffte den hübſchen Wellen dadurch ganz in ihre Gewalt zu bekommen. Arabella war ſich ganz gleich geblieben. Mit der größten Unbefangenheit hatte ſie ſich im Herauf⸗ ſteigen, auf den Arm ihres neuen Freundes gelehnt, das wildromantiſche der ſchottiſchen Hochlande be⸗ wundert; ja der Aufgang der Sonne, ſo verdeckt er durch die Dünſte war, welche die Atmoſphäre aus⸗ füllten, begeiſterte ſie. Da kündete Lady Macbeem an, daß die Pi⸗ ſtolen geladen ſeien, und bot beiden Duellanten das Paar zur Auswahl. Als dieſe getroffen, ging Donna Arabella mit ihrer gewöhnlichen Freundlichkeit auf Ferdinand zu, reichte demſelben ihre ſchöne Hand hin und ſprach: „Ferdinand! Sie haben mich Angeſichts eines Dritten beleidigt, und dieſe Beleidigung muß ein Zwei⸗ kampf auf Tod und Leben ausgleichen. Ich muß um 281 gen, ſo mehr auf dieſe Sitte halten, weil man meine Be⸗ we⸗ hauptungen von Frauenkraft und Seelenſtärke der liche Frauen ſonſt für eine leere Prahlerei, meine ganze wei⸗ Lehre für Charletanerie halten könnte. Da es in⸗ deſſen der mögliche, ja der wahrſcheinliche Fall iſt, eer men daß Sie oder ich auf dem Platze bleiben; ſo laſſen ens, Sie uns wenigſtens ohne Groll von einander ſcheiden.“ anz„Arabella!“— rief Ferdinand heftig— „iſch trage die Schuld nicht, daß meine Liebe zu Mit Ihnen in Zorn aufloderte.“ f„Von dem Geſchehenen kann die Rede hier ſo we⸗ uf⸗ * nig ſein, als von dem Recht oder Unrecht des Einen he⸗ und der Andern. Darüber haben die Kugeln zu ent⸗ er ſcheiden!“— entgegnete ruhig die Donna.—„Nur us⸗ ein freundliches, ein herzliches„Lebewohl“ wollen wir uns noch bieten; denn in wenigen Minuten ſteht p⸗ möglicher Weiſe Eins von uns an den Pforten der das Cwigkeit. Wohin wird der dunkle Weg führen?—. Vielleicht weiß ich es bald!— Alſo, mein Ferdinand, uf der Ehre ihr Recht; aber— keinen Groll über das in Grab hinaus.“ Mit dieſen Worten ſchüttelte Arabella herzlich 5 die Hand Wellen's, warf ihm noch einen ihrer, Paradieſe austheilenden. Gluthblicke zu, und trat an die den Duellanten beſtimmte Stelle. 282 Ferdin and hatte den erſten Schluß. Er hob auf das Comando ſeine Piſtole; aber er vermochte nicht loszudrücken. „Ich kann nicht!“— rief er, als er dreimal ver⸗ gebens angeſetzt.„Arabella ſchießen Sie mich nieder, ich vermag es nicht, Sie, die ich bis zum Wahnſinn liebe, kalten Blutes zu ermorden!“ „Sie ſind und bleiben ein Kind!“— ſagte unge⸗ duldig Donna la Romano—„Iſt das Man⸗ neskraft?— Glauben Sie außerdem, es ſei ein Spaß, wenn der Scharfrichter dreimal anſetzt?“ „Ich will, ich kann Ihr Henker nicht ſein!“— rief Wellen.— Ich ſchieße in die Luft, dann mö⸗ gen Sie thun, was Sie wollen.“ „Nur keine Dummheiten!“— zürnte Arabella —„dieſe rührenden Verir⸗Duelle waren mir von jeher zum Ekel. Denken Sie an Ihre Gattin!— rufen Sie ſich ſelbſt zu, mit was Sie mich geſtern beleidigt. Sie zielen auf die Mörderin Ihres Weibes!“ „Ha!“— ſchrie Ferdinand wild auf,—„an was mahnen Sie mich, Arabella!“. „An Ihre Pflicht und Ihre Ehre!“— entgegnete dieſe ruhig. „Wohlan denn! ihr Geiſt führe meine Waffe!“ rief Wellen wie raſend. hob chte ver⸗ nich zun nge⸗ lan⸗ ein Lady Macbeem zählte. Die Piſtole hob ſich, der Schuß fiel— und Arab ella lag, in ihrem Blute ſchwimmend, am Boden. Sie röchelte nur noch. Die Kugel hatte das Herz durchbohrt.— Ferdinand ſtand lange wie erſtarrt; dann warf er ſich wie wahnſinnig über die ſchöne Leiche, und erſt als man ihn gewaltſam von Arabellen riß, gewahrte man, daß er in einem Starrkrampfe liege. Lady Macbeem, die einzige, die in dieſem furchtbaren Momente den Kopf behalten, ſtieß leiſe in ihr Jagdhorn, und ſogleich traten fünf ſtarke Berg⸗ ſchotten aus der nahen Grotte, wovon viere eine Bahre trugen. Die vorſichtige Frau hatte ihre Diener für den Nothfall ſchon beordert. Die Leiche der Mar⸗ quiſe ward leiſe auf die Bahre gelegt und nach dem Schloſſe gebracht; den erſtarrten Körper Ferdi⸗ nand's aber lud einer der rieſigen Bergbewohner auf ſeine Achſeln, und ſchlug mit ihm einen einſamen Pfad nach den Gebirgen ein. Ohngefähr ein Jahr nach dieſer Begebenheit er⸗ zitterte Europa vor dem Schreckensſchickſal, welches das reiche und bevölkerte Hamburg heimgeſucht. 284 Ein Viertel der blühenden Stadt lag in Aſche, an hundert und fünfzig Tauſend Menſchen waren brod⸗, an dreißig Tauſend obdachlos. Ein Schrei des Jammers erſchütterte den Erd, ball!— Kein menſchlich fühlendes Herz blieb kalt und regungslos. Fern und Nah, Reich und Arm ſuchte zu helfen, und namentlich einigte ſich Deutſch⸗ land zu den ſchönſten Strebungen, und zeigte einen Bruderſinn, der lange geſchlummert. Von den benachbarten Städten kam die thätigſte Hülfe und Tauſende von Menſchen eilten, theils von eigenen Intereſſen, theils von Mitleid, oder auch von Neugierde und Schauluſt getrieben, der alten Krone der Hanſa zu. Die Straßen, die nach der Stadt führten, wimmel⸗ ten auch ſchon in der Ferne von Wagen und Reitern, von Ertrapoſten und Fußgängern. Unter den Letzte⸗ ren befand ſich auch ein junger Mann, von krankem, elendem Ausſehen. Seine Kleidung war ärmlich und zerriſſen, ſein Gang gebückt und ſchwankend, und nur der Stab, den ſeine dürre, fleiſchloſe Hand hielt, ſtützte ihn, und hielt den matten Körper vom gänzlichen Zu⸗ ſammenbrechen ab. Demohnerachtet ſetzte der Bettler ſeinen Weg un⸗ aufhaltſam fort. Weit ſchon war er, durch den gräß⸗ an Am tſch⸗ inen 285 lichen Brand gerufen, hergekommen, und doch mußte er, ſo müde, ſo erſchöpft er war, heute noch das mit Augen ſehen, was er draußen ſchon tauſendmal gehört, und dennoch nicht glauben konnte. Rief auch ihn ein perſönliches Intereſſe?— Fürch⸗ tete auch er, daß ihn oder die Seinen der harte Schlag getroffen?— Aber was hat ein Bettler zu fürchuz— Was kauh dr noch verlieren, deſſen Hand den dürren, hoffnungsloſen Stab umſpannt?— Der bleiche junge Mann mit dem kummervollen Geſichte ſchritt ſchweigend dahin. Er hatte kein Auge für das, was an ihm vorübereilte, er hatte kein Ohr für die Laute, die ihn umſchallten. Aber gräßlich durchzuckte es ſein Herz, als er, noch meilenweit von der unglücklichen Stadt entfernt, ſchon Zeichen ihres Jammers, traurige Boten des ungeheuren Brandes fand. Halbverkohlte Tapetenſtücke, verbranntes Papier, Fetzen von Leinwynd, hatte der Wind den Flammen entführt und bis hieher getragen. Der Bettler ſchauderte in ſich zuſammen, als er, der Elende, ſolche Spuren menſchlichen Elendes ſah. Aber ſtärker ſtrengte er ſich an, ſchneller wurden ſeine ſchwankenden Schritte; denn finſterer ward es mehr und mehr in ſeiner Seele, und ihre Angſt wuchs mit jeder Secunde.— 286 Alſo geht der Verurtheitte der Stätte entgegen, allwo ſein ſchuldiges Haupt fallen ſoll. Todesangſt knirſcht ſein Herz zuſammen; und doch! und doch! fühlt er tief, daß nur Tod und Strafe ihn mit dem ewigen Richter verſöhnen kann.— Als der Bettler der Vaterſtadt— denn das war ihm Hamburg— näher kam, mehrten ſich die Zeichen der drei Tage. S.———— Hier lagen auf offenem Felde in buntem Gemiſche die nöthigſten Hausgeräthſchaften; aber keine Seele wachte über ſie. Dort ſeufzte unter einem leichten Zelte, eine Wöchnerin allein und verlaſſen in ihrer Noth. Hier graſte herrenloſes Vieh; da kauerte eine Mutter mit ihren Kindern, und ihr graſſer, verwirrter Blick ſagte: ich habe Alles verloren, was ich im Schweiße meines Angeſichtes durch ein langes, kum⸗ mervolles Leben für meine alten Tage und meine Kinder erſpart. An jenem Hügel knicte ein Knabe, und hielt in ſeinem Arme das Haupt eines ſterbenden Greiſes, und der Altvater, deſſen letzte Kräfte der Schrecken verzehrt, blickte in den blauen Himmel und ſagte kalt: ich mag nicht länger leben dies Daſein des ewigen Schmerzes und der ewigen Qual. Wagen mit Hausrath und Bettwerk ſtanden an jener Seite, um ſie herum ſaßen die Familien; aber — 287 gen, die rothverweinten Augen bezeugten, 8 mehr ngſt als das Vermögen, daß ſie theure Glieder ihrer, ſonſt och! ſo traulichen Häuslichkeit, vermißten. Durch das dei wachſende Gewühl, drängte ſich der Vater, rufend nach ſeinem Kinde— Kinder ſchreiend nach ihren war Aeltern. Alles aber war abgeſpannt, nakt, hoff⸗ die nungslos, niedergeſchlagen. Aller Augen ſtarr, in allen Blicken die Frage: Gott warum haſt Du mir ſche das gethan? ele Der Bettler ſtand unter Bettlern. Der Niederge⸗ en beugte unter Vernichteten. Die Wogen des Elendes 3 ſchlugen hoch über ſeinem Haupte zuſammen,— ſie ii begruben nicht ihn allein— ſie verſchlangen Tau⸗ ſ vi ſende;—— aber!—— die Tauſende weinten über n ein unverſchuldetes Leiden, und in des Bettlers tief um⸗ Innerſtem rief eine Stimme: Was Dich traf, war i die Folge Deiner eigenen Schuld!— Und der Bettler ging vorüber und ſeufzte:„Wär 3 „ ich der Aermſte unter Euch!“—. Und der blaſſe Mann drängte ſich durch die Volks⸗ ſi 3 maſſen nach der Stadt. Raſch ſchritt er der Brand— u ſtätte zu. Als er ſie aber erreicht, ſtand er ſtill, denn 6 ſeine letzten Kräfte ſchienen entfliehen zu wollen, ſeine Füße verſagten ihm den Dienſt, er lehnte ſich gegen den Eckpfoſten eines Hauſes— und weinte. 288 über dich ſelbſt!“— ſagte aber die Stimme im Innern—„eine mit ſich zerfallene Seele iſt wüſter, und grauenhafter, als das Meer dieſer Ruinen.“— Und der Bettler ging vorüber, wiſchte die Thräne aus ſeinen Augen und ſeufzte:„Hätte ich doch hier Hab und Gut verloren, und trüge im Buſen ein reines, ſchuldloſes Herz!“ Er durchwanderte den ungeheuren Schutthaufen einer halben Stadt. Er ſchritt vorüber an den pitto⸗ resken Trümmern der ſchönſten Theile von Ham⸗ burg. Er ſuchte Straßen und fand ſie nicht mehr. Er ſuchte das Haus, in dem er geboren und jenes, in dem er einſt glücklich geweſen— ihre Spuren waren verſchwunden. Nur rauchende und glühende Aſchenhaufen lagen auf ſeinem Wege, nur öde Mau⸗ ern, von den Flammen geſchwärzt, oder von Kano⸗ nenkugeln und Pulverminen zerriſſen, ſtarrten ihn traurig an.— Und der Bettler ging vorüber und ſeufzte tief auf: „O läge ich unter eurem Schutte begraben.“— Der Weg führte ihn weiter und weiter. Er be⸗ trat die Stelle, an welcher ſich einſt ſtolz und lieblich der Jungfernſtieg erhoben. Die Palläſte, die ihn geſchmückt, waren nicht mehr. Die herrlichen Gaſthöfe verſchwunden. Die prächtigen Modehand⸗ — mme üſter 0 räne hier ein aufen pitto⸗ an⸗ ehr. enes, uren hende Mau⸗ danb⸗ ihn uf be⸗ eblich die lichen m⸗ — 4 tungen vom Feuer verzehrt. Auch der ſchönen Alſter⸗ Pavillons einer war in dem Flammenmeere unter⸗ gegangen, der andere lag in Trümmer. Aber ſonderbar!— der Bettler hatte die verödete Stelle geſehen, wo er geboren und wo er gelebt— und es hatte ihn nur wenig erſchüttert.— Bei dem traurigen Anblick der Pavillons, fuhr er entſetzt zu⸗ ſammen, wandte er ſich zitternd ab, als ob ſich ihm geiſterhafte Geſtalten in den noch immer aufwirbeln⸗ den Rauchſäulen zeigten. Er wollte fliehen; aber es war ihm nicht mehr möglich, ſeine Kräfte waren völlig erſchöpft, und ſo ſank er halb bewußtlos an den Trümmern eines Hauſes nieder. Er blieb nicht lange allein; denn Neugierige, Fremde, Arbeiter kamen an ihm vorüber; aber ſie bemerkten ihn nicht. Wer ſieht den Tropfen im Meere?— Wer das Sandkorn in der Wüſte?— Wen rührt ein gebro⸗ chenes Herz, wenn er über ein Schlachtfeld geht?— Aber auch den Bettler kümmerten die Menſchen nicht. Er hatte einen Quaderſtein zu ſeinem Kopf⸗ kiſſen gemacht, ſein Haupt in beide Hände gelegt und ſann und ſann, und fühlte die Thränen nicht, die er in die Aſche des Bodens weinte. Da traf eine bekannte Stimme das Ohr des 19 290 blaſſen Mannes, eine Stimme, die ihn zittern machte, wie Espenlaub der rauhe Nordwind. Er hob leiſe das Haupt ein wenig und ſiehe— er hatte ſich nicht getäuſcht. Von den zwei Männern, die dicht an ſeiner Seite ſtanden, war der eine, wie es ſchien, ein Eng⸗ länder, der andere hingegen glich einem ungariſchen Cavalier, denn er trug einen ſchwarzen, langen, ge⸗ wichſten, nach beiden Seiten ſteif und ſpitz abſtehen⸗ den Schnurrbart. Sonſt war er modiſch gekleidet. „Bassa ma nelka!“ rief der Letztere.—„Siiſt doch ein ſchöner Anblick! Ich ſage Ihnen, Mylord, ich habe in meinem ganzen Leben— und ich war doch in Rom, Paris, London, Petersburg, Edingburg, Wien und Peſth— manch Großes geſehen; aber ein ſo prächtiges Schauſpiel, wie das Feuer zu Hamburg, iſt mir doch noch nicht vor⸗ gekommen.“ „Es muß haben geweſen ſein horrible!“— ſagte der Engländer. „Das Beſte dabei iſt!“— rief der Andere—„das ich verſchont geblieben bin.“ ⁰ „Ves!“— entgegnete der Britte—„danken Sie Gott!“ „Ei was, wenn auch mein Haus abgebrannt wäre“— meinte der quasi Ungar(dem übrigens tachte, leiſe nicht ſeinet Eng⸗ iſchen n ge⸗ tehen⸗ leidet. Spiſt wlord, war urg, eoßes edas vor⸗ ſagte pas „da 2 der Schnurrbart in dem pokennarbigen, nichtsſagen⸗ den Geſichte wie geliehen ſtand)—„es hätte nicht viel zu ſagen gehabt. Ich bin ja reich, habe außer⸗ halb Kapitalien ſtehen. Fiel mir doch wieder eine charmante Erbſchaft zu. Mais à propos! bald hätte ich ſie um etwas zu frageu vergeſſen, was mich inte⸗ reſſirt. Sie kommen von Edinburg, wo wir vor etwas mehr als einem Jahre zuſammen waren; kön⸗ nen Sie mir vielleicht ſagen, was aus jener Spanie⸗ rin geworden iſt, welche damals ſo viel Aufſehen in Edinburg machte, und in die auch Sie verliebt waren?“ „Die Marquiſe la Romano?“ „Dieſelbe.“ „Erſchoſſen— in einem Duell!“ „Bassa ma nelka!“— rief entſetzt der Poken⸗ narbige.—„Und von wem?“ „Von ihr Liebhaber!“— ſagte der Engländer. „Von Wellen?“ „Ves! Mister Wellen!“ „Und wo iſt denn der Taugenichts hingekommen?“ „I don't know! weiß nicht!“ „So geht's!“— rief der Schnurrbärtige mit einer boshaften Freude.—„Die Familie Wellen war reich und machte ein glanzvolles Haus. Aber das 2 Herrchen wollte zu hoch hinaus. Bassa ma nelka! war der Menſch eingebildet. Jetzt iſt, nachdem die Alten ſchon ganz hunten waren, ihr letztes Gut, das Haus, abgebrannt, und hat Beide bei ſeinem Ein⸗ ſturze begraben, und auch des Jungen Weib wird nun ſchon im Elende ſitzen. Gerechte Strafe!“— fuhr er lachend fort—„warum hat es der Junge gewagt, einen Mann wie mich zu beleidigen, und ihm in den Weg zu treten. Aber kommen Sie, Mylord!— Sie ſollen ſehen, daß Hamburg auch ſelbſt jetzt noch dem Reichen unzähliche Genüſſe bietet.“ „Ves!“— ſagte der Britte gedehnt.—„Man kann viel Gutes thun.“ „Allerdings!“ rief der quasi Ungar—„wenn man nur Geld hat, kann man ſich viel zu gut thun. Ich lache das Schickſal und ſeine Schläge aus. Bassa ma nelka! Wer reich iſt, iſt Herr in der Welt; dar⸗ um gibt es auch nichts Höheres: als den Reichthum.“ Damit reichte er dem Engländer den Arm und verſchwand hinter den Ruinen. Der Bettler hatte, von beiden Männern unbe⸗ merkt, dem Geſpräche derſelben zugehört. Als er jetzt das Haupt hob, und den Gehenden nachſah, ſchienen ſeine Züge noch graſſer, noch entſtellter. Er umklammerte krampfhaft den Stein, drückte ſeine elka! ndie Gll, Ein⸗ mn hr er wagt, m ih — noch Man wenn thun. a880 dal⸗ hum“ nd uube⸗ 6 el chſch ſine Bruſt ſo feſt dagegen, als wolle er einen raſenden Schmerz ſtillen, und rief:„Gott! Gott! ich habe ſchwer gefehlt!— aber wenn Du gerecht biſt, war⸗ um ließeſt Du mich ſinken— und trägſt ſolch' ein Geſchöpf auf Deiner Hand?“ Er ſchwieg— und ein finſteres Brüten bemäch⸗ tigte ſich ſeiner Seele. Nach einer Nacht, die ihm unter freiem Himmel verſchwunden, machte ſich der blaſſe Mann auf, ſein Weib unter der Maſſe der Geflüchteten zu ſuchen. Ein ſanfter Schlummer hatte den Ermüdeten ge⸗ ſtärkt, und mitleidige Hände reichten ihm Nahrung. Was ihn aber mehr als dies alles kräftigte, war eine Art Ruhe, die in ſeine Seele eingezogen. Er fühlte nämlich, daß er für ſeine Verkehrtheiten im Leben gebüßt habe und die gerechte Strafe noch trage; aber— er war auch zu der Ueberzeugung gekommen, daß er ſein Seelenübel erkannt und nun Beſſerung möglich ſei. Ein friſcher Muth durch⸗ ſtrömte ihn. Noch einen ſchweren Kampf, noch eine Demüthigung mußte er beſtehen; dann aber, hoffte er, auf die Trümmer eines eingeſtürzten Glückes, durch eigne Kraft ein neues, wenn auch beſcheidene⸗ res zu bauen. Aber wie ſollte er unter der, in chaotiſcher Unord⸗ . ½ nung vor der Stadt lagernden Maſſe von Geflüchte⸗ ten und Abgebrannten ein einzelnes Weſen finden? — und doch konnte er ſich nicht entſchließen Andere nach der Geſuchten zu fragen. Trug ſie doch ſeinen Namen, konnte man doch leicht durch die Frage ihn erkennen. Doch der bleiche junge Mann verlor den Muth nicht, er ſuchte und ſuchte— aber nirgends konnte er die Vermißte ausfindig machen. Zwei Tage lang waren ſeine Bemühungen um⸗ ſonſt geweſen, und ſchon neigte ſich die Sonne wie⸗ der ihrem Untergange zu, als er an einem der äu⸗ ßerſten Häuschen der Stadt anlangte und ſich, von ſeiner beſchwerlichen Wanderung auszuruhen, auf einem vor demſelben liegenden Baumſtamme nie⸗ derließ. Lange betrachtete er ſeine Umgebung nicht, bis ihn ein kleines Kind, welches zu ſeinen Füßen im Graſe herumgekrochen, mit ſeinen Händchen ſpielend antaſtete. Der bleiche Mann fuhr aus ſeinen Träu⸗ men auf, und ſah unwillkürlich nach dem kleinen ar⸗ tigen Geſchöpfe hin, das, höchſt reinlich gekleidet, ihn mit ſeinen großen blauen Sternen ſo recht kindlich und unſchuldig anblickte. Aber das Lächlen der Unſchuld war ein Dolchſtoß in das leidende Herz des Armen; er ſeufzte auf und lüchte⸗ nden? Andere ſeinen ge ihn N den tgends um⸗ wie⸗ et ä⸗ 90 von auf nie⸗ 295 dachte; auch mir könnte jetzt der ſüße Ruf: Vater! das Herz ſchwellen, wenn ich nicht ſelbſt die heiligſten Bande der Natur zerriſſen. Dieſer Gedanke erfaßte ihn ſo ſchmerzlich, daß er ſich niederbeugen wollte, das Kind zu küſſen. Aber in demſelbem Augenblicke wurde ein Fenſter hinter ihm ſo heftig aufgeriſſen, daß es klirrte, und eine ängſtliche Stimme rief„Fer⸗ dinand! komm zu mir!“ Ueber des Bettlers Haupt zuckte es wie ein Blitz— er kannte die Stimme— halb todt vor Schrecken blickte er um— und zwei durchdringende Schreie wurden zu einem. Der blaſſe Mann war aufgeſprungen,— der Stab ſeiner Hand entſunken.— Er ſtürzte nach der Thüre des Hauſes,— des Kindes Mutter ſchwankte ihm entgegen— ſie öffnete die Arme— aber der Un⸗ glückliche warf ſich vor ihr nieder und umſchlang, laut ſchluchzend, ihre Kniee. Ein anſtändig gekleideter junger Mann und ein ſehr zartes weibliches Weſen, waren entſetzt der Mut⸗ ter aus dem Zimmer gefolgt. „Um Gotteswillen, was haſt Du, Auguſte!“ rief ängſtlich die zarte Frau. Aber der junge Mann ſelbſt todtenblaß vor Schreck, hielt ſie ſanft zurück und 296 ſagte, auf den zu Auguſten's Füßen Liegenden, deutend: „Es iſt Ferdinand!“ Und ſo war es auch. Aber Wellen bedurfte einer langen Zeit, bis er ſich von ſeinem krampfhaf⸗ ten Weinen erholt. Endlich ward er ſeiner Gefühle Meiſter. Auguſte wollte ihn aufheben, aber er ließ es nicht geſchehen. „Nicht eher!“— ſagte er zerknirſcht—„bis ich mein Bekenntniß zu Deinen Füßen niedergelegt und Du mir vergeben haſt.“ „Auguſte— zu Deinen Füßen kniet ein Menſch, der Dich einſt ſchmachvoll verrathen— ein Menſch, der in wahnſinnigem Taumel, Irrthümer, auf Irr⸗ thümer gehäuft— ein Menſch, der ſich geiſtig ſtark dünkte und namenlos ſchwach warz; der durch ſein un⸗ ſinniges Handeln Dich, ſich und Andere unglücklich gemacht hat.“ „Du haſt mir verboten, Dich je wiederzuſehen, ich würde es nicht gewagt haben, dennoch zurückzu⸗ kehren, wenn nicht Gottes Hand Hamburg ſo hart be⸗ drängt; wenn ich nicht gefürchtet, Du ſeieſt unter den Abgebrannten; wenn ich nicht mir ſelbſt geſchworen hätte: mein Unrecht, ſo weit es nur in meiner Macht ſteht, wieder gut zu machen.“ — *. gnden„Arm und elend kehre ich zurück. Aber mein Geiſt iſt frei geworden von jenem unglückſeligen Wahne, der allein mich in's Unglück ge⸗ durſte ſtürzt, von jenem verfluchten Hochmuthe. pſhaf⸗ den eine ſchlechte Erziehung in mir feſt⸗ efihl geſetzt, von jener unglücklichen Einbil er liß dungnich ſei ein Genie und alles, wa Sch ſei genial.“ lis ic„Mag Gott meiner Mutter dieſen Mißgriff,— und mir die Schwäche, dem Gedanken zu huldigen,— vergeben. Er allein war es, der mich mit dem Menſch, redlichſten Willen für alles Gute und Edle in ein Nenſch, Streben trieb, dem meine Geiſteskräfte bei weitem f Ir⸗ nicht gewachſen waren, der mich aus der, mir zuge⸗ ſiur wieſenen Sphäre riß, und in die Arme ercentriſcher ein un⸗ Menſchen ſchleuderte. Durch dieſe Eitelkeit verkannte lüclich ich Deine Tugenden, Deine Liebe, und opferte ein ſtilles aber wahres Glück, einer flimmernden Chi⸗ uſehen, märe, die unter meinen Händen verſchwand und mich rück⸗ in einen Abgrund von namenloſem Jammer und art be⸗ Elend ſtürzte.“ ter den„Aber, Auguſte, ich habe meinen Irrthum nicht hworen nur eingeſehen, ich bereue ihn nicht allein,— nein! Mct— fern von der Welt und ihrem eitlen Streben, will ich von nun an, wenn Du mir vergeben kannſt, an 19* Deiner Seite wirken, arbeiten und ſchaffen wie ein Mann, und durch Beſcheidenheit beweiſen, daß ich jene falſche Genialität verachte, und wahre Geiſtesgröße in der unbedingten Herrſchaft der Ver⸗ nunft erkenne.“ „Ferdinand!“— rief bei dieſen Worten die über⸗ lüciche Gattin—„würde das Glück Dir treu geblieben ſein, wäre ich unter keiner Bedingung von meinem Vorſatze: Dich nie wieder zu ſehen, gewichen. Aber das Unglück hat Dich gebeugt und— ich hoffe es— gebeſſert— darum komm an das Herz Deiner Gattin, es iſt der Platz, wo Du geneſen wirſt!“ „Gottes Hand hat über uns und das Haupt Deiner guten Frau ſichtbar gewacht!“— ſagte hier Karl milde—„wenige Zeit vor dem Brande haben wir dies kleine Haus gemiethet, das, dem Himmel ſei * Dank, wie unſere ganze Umgebung, von dem Feuer verſchont blieb. Der Reſt Deines Vermögens, deſſen Zinſen Du bei Deiner Abreiſe Auguſten für ihren Unterhalt anwieſeſt, wurde erhalten. Arbeit wirſt Du jetzt eher finden als je, und ſo kann und wird es Dir nicht fehlen, wenn Du es nur feſt willſt, Dir ein neues, ſtilles Glück zu gründen.“ „Ja, theures Weib, ja liebe Freunde!“— ent⸗ gegnete Wellen—„mein guter Wille ſteht feſt. übel⸗ trel von ſchen. hoff einer aupt hier aben ————— 299 Ich wollte die Welt verbeſſern, und war nicht einmal Herr meiner ſelbſt. Hinweg mit der Eitelkeit„genial“ ſein zu wollen, meine Ehre, mein Glück ſei es fortan, ein guter Gatte und ein nützlicher Weltbürger zu werden.“ Und eine heiße Umarmung dies Ver⸗ ſprechen und den neuen Bund. * ——————————— — ——————————— —,— 4 — — Grey Sorſtroſ Cnari M Sreen NVellow Red Magenta