Leihbiothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 1 on Cdnard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256 Seih und Zefebedingungen. 1. Ofrensein der Bibliothek. Die Bibliothet ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgen 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird vb eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatter wird. o Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſſt eträgt:. für wchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: I W— 1 N 1 V 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder deferte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. . Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird ſ. beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen I der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stu den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. . — e— Freuden und Leiden Commis Voyageur. „So Jemand eine Reiſe thut, So kann er was erzählen!“ —— Zweiter Theil. „— Stuttgart. Franckho'ſche Verlagsbuchhandlung. 18 44. — Das Schreiben einer treuen Serle.— Dolchſtiche.— Die zwei Maturen im Menſchen.— Die ſchöne Wäſcherin.— Augsburg.— Gpiſtel über die Trinkgelder auf Reiſen. — München.— Deſſen Phyſtognomie.— Die Familie Haubenhuber.— Der Männerfang.— Die Glüchliche und der Glückliche.— München, Liebe und Rüböl.— Der chineſiſche Thurm und der Prater.— Münchens Sehenswürdigkeiten.— Die Hoffnung auf einen Wi- ſcher.— Das Theater.— Ein unerwartetes Wieder- finden.— Beiſeplan.— PDiplomatiſche Entwürfe.— „Gute Macht!“— Präutigam.— Die Furien der acht. „Lenore fuhr ums Morgenroth Empor aus ſchweren Träumen: Biſt untreu, Wilhelm! oder todt? Wie lange willſt Du ſäumen?“ Bürger. „Quoi! cing actes devant nolaire? Cing ſilles à pourvoir? Ciel! peut-on jamais avoir Opéra plus facheux à faire?““ Der Operndichter Quinault. In Augsburg fand Zacharias folgendes Schrei⸗ ben von Clariſſen: —————— Theurer Freund! Deinen lieben Brief aus Ehningen habe ich glück⸗ lich erhalten. Aber warum ließeſt Du mich ſo lange auf ihn warten?— Ach, Du kennſt die Angſt und Sorge eines liebenden Herzens nicht!— Tauſend neue Gegenſtände ſchweben in einem Tage an Dir vor⸗ über, Du willſt fie kennen lernen, Dich unterrichten; Du haſt ſchöne Gegenden zu ſehen, fremde Menſchen, Sitten und Gebräuche zu beobachten, Kunſtſchätze auf⸗ zuſuchen und vor allen Dingen Deinen Geſchäften nachzugehen, die Dich allein ſchon von Dir ſelbſt abziehen. Aber wie ganz anders iſt es mit Deiner armen Clariſſe. Sie ſitzt zu Hauſe in ihrem beſcheidenen Stübchen und arbeitet. Ihre ganze Zerſtreuung be⸗ ſteht allenfalls in der Beſorgung der kleinen Haus⸗ haltung, und wenn es hoch kommt, im Leſen eines guten Buches. Sieh! da bleiben die Sinne gefan⸗ gen in den vier Winden denn— daß ich es Dir nur geſtehe: beim Arbeiten und in der Küche und ſelbſt über dem Leſen überraſcht mich ſtets ein und derſelbe Gedanke, und das iſt— die Erinnerung 9 an Dich. Ja, ich darf es Dir fröhlich ſagen: ſie iſt mein einziges Glück, ſie entſchädigt mich für Alles, was ich in meiner Zurückgezogenheit entbehre, und was Mädchen in meinem Alter ſonſt wohl mit ma⸗ chen; aber eben dieſe Erinnerung an Dich, gute Seele und die Gewißheit Deiner treuen Liebe, macht mein Leben doch ſchön und tröſtet mich ſelbſt, wenn ich manchmal traurig und ungeduldig werde, denn ach! wann? wann, werde ich Dich wiederſehen? Ich freue mich, daß Du bald wieder aus Ehnin⸗ gen hinauskommſt, da ich geſtehen muß, daß mir das Leben der Reiſenden dort nicht gefällt. Sei nur recht vorſichtig im Trinken. Dem Beſten kann es in luſtiger Geſellſchaft paſſiren, daß er zu viel trinkt; ach!— und es gibt doch nichts Schrecklicheres als einen betrunkenen Menſchen. Ueberhaupt ſei ja recht vorſichtig, erkälte Dich nicht und reiſe vor allen Din⸗ gen nicht die Nacht durch. Ich freue mich für Dich, daß Du nun nach dem prächtigen München kommſt. Wär' ich nur an Deiner Seite, und könnte mit Dir all die Herrlichkeiten ſe⸗ hen. Es iſt doch was Himmliſches um das Reiſen; wenn ich ein Mann wire— doch nein!— dann 10 könnte ich ja meinen guten, herzigen Zacharias nicht lieben, und lieber alles Andere auf der Welt entbeh⸗ ren, als meine Liebe zu Dir und die Gewißheit Dei⸗ ner treuen Gegenliebe. Treu!— haſt Du mich auch noch nicht ver⸗ geſſen?— Gewiß nicht! denn Du ſchreibſt mir ja immer ſo lieb,(wenn auch etwas ſelten) und ver⸗ ſicherſt mir es ja in jedem Brief auf Deine Ehre— und dann weißt Du— daß es mir das Herz brechen würde. Doch ich muß ſchließen, denn es iſt ſchon faſt Mitternacht. Lebe wohl, recht wohl, ſei beſorgt um Deine Ge⸗ ſundheit und ſchreibe mir bald wieder. Mit der reinſten und innigſten Liebe Deine treue Clariſſ e. P. S. Entſchuldige das ſchlechte Schreiben; aber ich habe jetzt Niemanden, der mir Federn ſchneidet.— Apropos! wohin adreſſire ich meinen nächſten Brief und bis wann kommſt Du ungefähr zurück? Lebe wohl Engel. — — 5 ———————,———— — —,————— 11 Der Inhalt dieſer Zeilen traf Zacharias wie Dolch⸗ ſtiche. Clariſſens reine und wahre Liebe, die ſo un⸗ gezwungen und urkräftig wie eine ſegensvolle Quelle aus ihrem Herzen floß, ſchmetterte ihn zu Boden. Hatte er ſie nicht ſchon ſo oft in kurzer Zeit treulos verrathen? ſetzte er ihrem kindlichen Zutrauen nicht Heuchelei entgegen? Und dennoch fühlte er, daß er Clariſſe innig und wahr liebe. Aber er liebte ſie ganz eigenthümlich, wie ein höheres Weſen, unendlich!— aber mit ei⸗ ner gewiſſen heiligen Scheu. Er betete ſie an!— und die Andern?— die ſchöne Jüdin in Dalmſtadt — und Jeannettchen u. ſ. w.?— ja,— dieſe liebte er nicht, zu dieſen hatte ihn nur ein heftiger Sin⸗ nenreiz gezogen. Aber dieſer verdammte Sinnenreiz war ſo unwiderſtehlich und die Sünde ſo ſchön, ſo angenehm. Und dann, was konnte dieſes vorüberge⸗ hende Liebesgetändel ſeiner tiefgegründeten Neigung zu Clariſſen thun. „Nein“— ſagte er—„ich bin Clariſſen, weiß Gott, im Augenblick der Untreue noch treu!— Ich heirathe ſie doch!“ Er dachte tiefer über ſich nach und fand, daß er 12 eigentlich aus zwei Perſonen beſtehe. Die eine, ſein beſſerer Theil, wollte nur das Gute und Edle, und liebte Clariſſe treu und wahr; ſie hatte früher in ihm regiert— ſo lange er nämlich in Clariſſens Nähe gelebt—; die andere Perſon machte aber der erſteren geradezu den Krieg, ſie ritt,— wie ein eng⸗ liſcher Reiter zu gleicher Zeit auf mehreren Pferden, — ſo auf den Leidenſchaften, und war in den letzten Tagen Königin geworden. Aber warum hatte er ihr auch den Zügel ſchießen laſſen?— Er ſchämte ſich ſeiner Schwäche, denn Charakterſchwäche, er fühlte es, und nicht Verdorbenheit war ſein Fehler. Wenn der Menſch in etwas Geduld hat, ſo iſt es in der Langmuth mit ſich ſelbſt. Zacharias faßte auch heute auf's Neue den Entſchluß: Jetzt ganz gewiß ordentlich zu werden, und Clariſ⸗ ſen von heute an unverbrüchlich treu zu bleiben. Als er dieſen Entſchluß gefaßt, ſprang er mit beiden Beinen aus dem Bette, um ſich anzukleiden; in demſelben Augenblick pochte es an die Thüre. Es wird der Kellner mit dem Frühſtück ſein, dachte er, und rief„herein!“— 13 Aber er hatte ſich geirrt, es war ein rothbackiges, nettes Mädchen, einen Korb am Arm, die lächelnd fragte:„Haben der Herr vielleicht ſchwarze Wiſche? ich bin die Wäſcherin vom Hauſe.“ „Schwarze Wäſche?“ wiederholte Zacharias und ging,— von der liebenswürdigen Erſcheinung ſo be⸗ zaubert, daß er ſein leichtes, nur aus einem Hemde beſtehendes Koſtüm ganz vergaß— auf das, mit nie⸗ dergeſchlagenen Augen lächelnde Kind zu, und ſchlang ſanft ſeinen Arm um ihre Taille.—„Wenn Sie ein wenig verweilen wollen, ſo will ich nachſehen, und Ihnen geben, was ich habe.“ Sie ſagte„Ja!“ und er ſah auch nach und gab ihr auch aber was? „Was ſind Plaͤne, was ſind Entwürfe, Die der Menſch, der vergaͤngliche Sohn der Stunde, Aufbaut auf dem truͤglichen Grunde.« Nachdem Adam im Paradieſe den dummen Streich gemacht und den Apfel genaſcht hatte, ſoll er ſehr üblen Humors geweſen ſein. Gerade ſo ging es Za⸗ charias. Als er, bald nachdem ihn die artige Wi⸗ ſcherin verlaſſen, an ſeine Geſchäfte ging, machte er 14 ein Geſicht wie ein Menſchenfreſſer; ſo daß ihm alle Kellner ſcheu aus dem Wege gingen und ein Poli⸗ zeidiener, der am Hofthore ſtand, ihn für einen Re⸗ publikaner hielt. Aber ein Geſchäftsreiſender lernt ſich bezwingen. Wenn er noch ſo grimmig aus dem Gaſthofe geht, muß er bei den Kunden doch ſanſt wie ein Lamm ſein. Zacharias offerirte: Leinöl fl. 45. Terpentinöl fl. 45. 60 Arabiſchen Gummi fl. 79 ½ Gummi maſtir fl. 255 u. ſ. w. und machte gute Geſchäfte.— Aber die Antwort auf Clariſſens Brief konnte er heute nicht ſchreiben. Im Allgemeinen machte Augsburg keinen gün⸗ ſtigen Eindruck auf ihn. Die große, von Mauern und Graben umgebene Stadt, hatte trotz der breiten Marimilians⸗ und Karolinen⸗Straße, den einzelnen Paläſten und ſchönen Springbrunnen, etwas lang⸗ weiliges und todtes. Sie glich einer ungeheuren Mu⸗ mie, über deren bunt bemaltem Sargdeckel Aneiſen krabbeln. Alle Gebäude haben hier etwas Unheim⸗ liches; ſie ſind zumeiſt rieſengroß und werden nur von wenigen Menſchen bewohnt. 15 Selbſt das prächtige Rathhaus mit ſeinem gol⸗ denen Saale, wohl das ſchönſte in Deutſchland, ließ Zacharias kalt; wie ihn die Fuggerei(jene 51 von den Grafen von Fugger erbauten Häuſer, in welchen arme Bürgerfamilien Wohnungen für ſehr geringen Miethzins erhalten) an den verlorenen Glanz Augs⸗ burg erinnerte. Wehten nicht einſt die Handelsflaggen der Fugger auf allen Meeren; waren nicht die Nach⸗ kommen des Webermeiſters, durch Merkur begünſtigt, im Stande, dem Kaiſer Marximilian 170,000 Du⸗ caten Hülfsgelder zum Kriege gegen Venedig darzu⸗ leihen, floſſen nicht im Mittelalter tauſend goldne Ströme des Reichthums nach Augsburg, durch ſeinen enormen Handel?— Und nun?— Außer dem Wechſel⸗ und Staatspapierenhandel, der in wenigen Händen, nichts mehr von dem Allen, nur noch etwas Commiſſion und Spedition und einige Fabriken. So wechſeln die Verhältniſſe mit den Zeiten; glücklich der, der ſie begreift und Scharffinn genug hat, in Vergangenheit und Gegenwart prüfend und vergleichend zu ſchauen, und viel Energie beſitzt, ſich von den Schlacken der erſtern frei zu machen, und an die Spitze der neueren Erſcheinune g zu ſtellen. Wir 16 Deutſche können hierin namentlich von den Englän⸗ dern lernen. So dachte Zacharias, als er durch die leeren Straßen ſchritt. Wohler ward es ihm in Schöpp⸗ ler u. Hartmanvs ſchöner Cattun⸗ und in See⸗ thaler's Silberwaarenfabrik. Ueberhaupt ſöhnte ihn das Fabrikweſen nach und nach einigermaßen mit Augsburg wieder aus, es war doch— wenn auch nur ein Schatten von Erſatz. Zu noch einer anderen Reflerion ſollte Hartmann hier Veranlaſſung finden. Als ſeine Geſchäfte voll⸗ endet, ließ er ſeinen Wagen nach der Eiſenbahn brin⸗ gen, um vermittelſt derſelben nach München zu gehen. Unglücklicherweiſe kam er etwas zu ſpät, und mußte daher bis zur nächſten Abfahrtſtunde noch in Augsburg bleiben. Er hatte noch einen Leidensge⸗ führten, einen anderen Geſchäftsreiſenden, und Beide kehrten nach dem Wirthshauſe, in dem fie bisher lo⸗ girt, zurück. Hier fand nun Zacharias bei ſeinem Wiederer⸗ ſcheinen, daß ihm die ganze Kellnerſchaar, Bett⸗ und Hausmagd, Hausknecht und Lohndiener finſtere Ge⸗ ſichter machten und ihn faſt gar nicht beachteten, ja ——— —— 17 in der That ihm mehrmals grob begegneten. Er konnte dieſe Umwandlung des Dienſtperſonales lange nicht begreifen, da ſie gegen ihn vorher ſämmtlich doch ſehr artig geweſen, und erſt als er ſeinem neuen Bekann⸗ ten ſein Staunen mitgetheilt und dieſer ihn gefragt: ob er denn vielleicht nicht genug Trinkgeld gegeben? — ſiel es Zacharias heiß ein, daß er willenlos dieß zu geben ganz vergeſſen habe. Nichts deſtoweniger gab er nun gefliſſentlich nichts, und ſagte dem Herrn Oberkellner bei dieſer Gelegenheit ſeine Meinung dick und dünn. „Ich gebe nie etwas,“— fuhr der andere Rei⸗ ſende ſodann zu Zacharias gewendet fort,—„denn das gezwungene Trinkgeldergeben in den Wirthshäu⸗ ſern iſt ein ſchmählicher Mißbrauch.— Kehre ich in einem Gaſthofe ein, ſo muß ich, wie recht und bil⸗ lig, jede Kleinigkeit bezahlen: Zimmer, Bett, Feuer, Eſſen und Trinken, Lichter und Weißzeug, an allem dieſem hat der Wirth ſeinen reichlichen Gewinn; um dieſen Gewinn machen, ſeine Wirthſchaft betreiben zu können, muß der Gaſthalter nun ebenſogut Diener⸗ ſchaft haben, wie der Spezereihändler ſeine Leute im Laden und der Schneider ſeine Geſellen; denn wer Commis Voyageur. II. 2 — Gäſte an ſeiner Table d'hote haben will, muß die Speiſen zubereiten,— wer Schlafgeld einnehmen will, die Betten überdecken und zum Schlafen bereiten laſ⸗ ſen;— wer ein Pfund Kaffee verkaufen will, muß Jemanden haben, der es wiegt,— und wer Kleider zu verkaufen denkt, muß Geſellen hinſetzen, die ſie machen.— Hat man aber je erlebt, daß, wenn man einem Spezereihändler das Geld für ein Pfund Kaffee zu löſen gibt, man auch noch dem Ladendiener ſechs Kreuzer Trinkgeld zu verabreichen habe, weil er ſo gefällig war den Mokka zu wiegen?— Oder gibt Jemand dem Schneidergeſellen ſeinen Thaler, weil er die Gewogenheit hatte den Rock, der dem Meiſter ſündentheuer bezahlt werden muß, zu nähen?— Weder das Eine noch das Andere wird uns im Ent⸗ fernteſten einfallen, weil es eine Abſurdität wäre!— Im Wirthshaus aber verlangt täglich: der Herr Oberkellner wenigſtens.... fl.— 24 kr. der Zimmerkellner„— 18„ die Betimags die Stubenmagd, für's Einheizen z. B.—(ſie könnte Einen ja doch frieren laſſen, wenn —— 1 1 3 auch der Wirth das Feuer berechnet fl.— 12 kr. der Hausknecht„— 12 der Stallknecht 12 macht per Tag. fl. 1. 30 kr Hiezu kommen nun für einen Reiſenden noch der Lohndiener(der ſein Geld natürlich verdient) mit fl. 1. 12 kr.,— verſchiedene Hausknechte, wenn er unterweges anhalten und ſeine Pferde füttern, oder Poſttrinkgelder, wenn er umſpannen muß,— ſo wie die Douceure, im Fall er eine Merkwürdigkeit beſieht, wo denn für zehn Sehenswürdigkeiten in einem Hauſe, gewöhnlich auch zehn hohle Hände gezeigt werden, ſo daß die Trinkgelder ſich oft per Tag auf mehrere Gulden erheben. Die Lohndiener verdienen ihr Geld, auch bei den Douceuren bei Sehnswürdigkeiten kann man weniger ſagen—— aber iſt es nicht eine Unverſchämt⸗ heit, wenn man den Wirthen, die Einem ohnedem 6 genug ſchneiden, auch noch das Dienſtperſonal— ohne welches ſie ihr Geſchäft ja gar nicht betreiben, alſo auch nichts gewinnen können— noch beſolden ſoll? Denn jedes Kind weiß, daß daſſelbe vielfach c 2 auf die Trinkgelder angewieſen iſt.“ „Sagt man nun etwas dagegen, heißt es: Cs ſteht Jedem frei Trinkgelder zu geben oder nicht; denn Trinkgelder ſind freiwillige Belohnun⸗ gen für beſonders gut— oder über die Pflicht geleiſtete Dienſte.— In wie weit Einem aber das Trinkgeldgeben frei ſteht, ſehen Sie jetzt mit eigenen Augen. Sie haben dem Gaſt⸗ halter eine ſchöne Zeche bezahlt; da Sie aber ver⸗ abſäumten Trinkgelder auszuſtreuen, beſinnt ſich der Kellner ob er Ihnen wohl die beſtellte Flaſche Wein bringen ſoll, und es wird mich wundern, wenn er Ihnen nicht ſagt: im Keller ſteht ſie, gehen Sie hin und holen Sie ſich die Flaſche ſelbſt.“ „Dieſes Unweſen hat mich längſt indignirt; denn ſo gut jeder andere Geſchäftsbeſitzer die ihm zur Be⸗ treibung ſeines Geſchifts nöthigen Hände beſolden muß— was nicht mehr als recht und billig— ebenſogut müſſen dieß die Gaſtwirthe auch, und es iſt dieß gezwungene Trintgeldgeben gar nichts anders als eine, durch die Gewohnheit ſanctionirte, Prellerei.“ „Viele Geſchäftsreiſende haben ſich daher— und ich gehöre zu denſelben— entſchloſſen: Gar keine Trinkgelder mehr zu geben, und jedes Gaſthaus zu meiden, in welchem die Die⸗ nerſchaft ſich im leiſeſten gegen dieſes rechtliche Verfahren opponirt. Mehr aber noch, dies Unweſen ſollte von Obrigkeitswegen ebenſogut unterſagt werden, als jede andere Prellerei; denn dies Trinkgelderabnehmen in den Gaſthäuſern iſt eine indirecte Steuer, die man nament⸗ lich dem Handel, zu Gunſten weniger Privaten auflegt. Denn, ſetzen wir auch nur Einen Gulden per Tag, ſo hat ein Geſchäftshaus, das drei Reiſende(was ſehr häufig) hinausſendet, wenn dieſelben das ganze Jahr reiſen, nicht weniger als 1095 Gulden per Jahr Speſen an Trinkgeldern in den Gaſthäuſern,(Lohndiener nicht eingerechnet)!“ Dieß ſagte Zacharias neuer Reiſegefährte, und Hartmann mußte geſtehen, daß er recht hatte. Den Nachmittag fuhren ſie nach München. Wie klopfte unſerem Helden das Herz!— Der erſte Eindruck, welchen die Haupt⸗ und Reſidenzſtadt, mit ihren unzähligen Paläſten, ihren Kirchen und Prachtbauten auf Zacharias machte, war ein ſehr großartiger. München hat ſeine pittoreske 22 Phyſiognomie, eine ganz eigenthümliche, intereſſante und charakteriſtiſche Weiſe, ſich dem Fremden darzu⸗ ſtellen. Größe und Pracht verſchmilzt ſich hier, wie in Wien, mit Gemüthlichkeit; Kunſt und Leben ſind hier heiter und Alles ſucht und Alles zielt nach Genuß. Selbſt die alte Stadt iſt nicht ſo düſter, eng und ſchmutzig, wie Ulm und ein Theil von Augsburg; im Gegentheile zeugen ſelbſt die Wohnungen des Mit⸗ telſtandes von einer gewiſſen Behaglichkeit und alter⸗ thümlichen Eleganz; während die neueren Theile der Stadt jenen Reichthum an ſchönen Bauwerken auf⸗ weiſen, der München den Ruf, eine der ſchönſten Städte Deutſchlands zu ſein, mit allem Rechte erwarb. Was die Gaſthöfe betrifft, ſteht dagegen die Re⸗ ſidenz Baherns, mit Ausnahme des neuen, auf Actien errichteten„Bayeriſchen Hofes“— jeder anderen großen Stadt bei Weitem nach; da man in denſelben gar keinen Begriff von jener Eleganz, Feinheit und Sorge für Gemächlichkeit hat, die man am Rheine in jedem Hotel bewundern muß. Reinlichkeit zumal kennt man hier nicht, wie denn überhaupt die An⸗ forderungen, welche ein ächter Münchner an's Leben macht, einzig darin beſtehen: alle Tage ein gutes — — 23 Bier und einen Kalbsbraten zu haben. Hat er dieſe zwei Haupterforderniſſe des baheriſchen Himmels, iſt er zufrieden, kommt aber noch ein Miädel dazu— dann iſt er ganz glücklich. Das erſte was Zacharias in München that, war einen alten Freund ſeines Vaters zu beſuchen, für welchen dieſer ihm ein Empfehlungsſchreiben geſandt. Der Mann hieß Haubenhuber, wohnte in einem prächtigen Gebäude und machte, wie man zu ſagen pflegt, ein großes Haus. Er und ſeine ganze Familie,— die außer ſeiner Gattin noch aus acht hoffnungsvollen Töchtern beſtand, wovon, unter uns geſagt, fünf auf Männer paßten,— waren ächte Münchnerinnen, die nie über die Menter⸗ Schwaige und den Starnberger⸗See hinausgekommen. Haubenhuber ſelbſt war eine vierſchrötige Perſon, von plumpen Zügen und eckigen Manieren, beſchränkt, S bigott und genußſüchtig, alles gerade wie ſeine Frau; von der er ſich überhaupt nur dadurch unterſchied: daß er den Pantoffel trug, und ſie die Hoſen an⸗ hatte; er auf Kleider nicht das Geringſte gab, ſie aber deſto mehr. Die Mädchen waren ſimmtlich ſehr hübſch; aber ihre Schönheit war mehr eine fleiſchliche— nicht jene transparente, vom Hauche des Geiſtes belebte, wie ſie das nördliche Deutſchland, Frankreich und Eng⸗ land, häufig aufzuweiſen haben. Die fünf Aelteſten, wovon die Fünfte erſt vierzehn Jahre, kämpften ſämmtlich und beſtändig mit einer inneren Verzweif⸗ lung, zu der ſie der Gedanke führte:„ſie würden keine Männer bekommen,“— und da Vater und Mutter dieſe Angſt von Herzen theilten, ſo glich das ganze Haubenhuber'ſche Haus— keiner Perlen⸗ aber — einer Männerfiſcherei. Wie ein guter Vogelſteller ſteckte die beſorgte Mutter nach allen Seiten Leimruthen aus;— aber trotz Kleider und Schneider, Muſiciren und Singen, in die Kirche⸗, auf Ball⸗, Parade⸗ und Bierkeller⸗ gehen, ja trotz den Geſellſchaften, die ſie ſelbſt gab— wollte Keiner anbeißen. Haubenhuber ſah mit Schmerzen, daß alle dieſe Anſtalten, die ihn faſt ſchon ruinirt, nichts fruchte⸗ ten, und daß, ſtatt einige ſeiner überreifen Töchter los zu werden— im Gegentheile die drei Jüngſten immer mehr in die Kleider und das Geld wuchſen. Wo war da die Ausſicht, jemals ſeinen Krug Bier 25 in Frieden trinken zu tönnen?— Siehe— da kam eine Taube und brachte ein Oelblatt— das heißt: der Brieſträger mit einem Brief, in welchem der reiche Herr Hartmann in Frankfurt dem Freunde die Ankunft ſeines Sohnes meldete. „Iſt er noch ledig!“ ſchrien die Mutter und die fünf Heirathsaſpirantinnen wie aus einem Munde. „Gott ſei Dank, ja!“ entgegnete der Vater— „und es wäre eine ewige Schande für Eure Mutter, für mich und Euch, wenn er ſo wieder aus unſerem Hauſe ging.“ „Mache Dich nicht mauſig“— ſagte die Alte, trat vor den Spiegel und zupfte die Haube zurecht— „meine Töchter hätten längſt Männer genug, wenn ſie nur gewollt hätten.“ „Ja wohl!“ riefen die Fünfe ſchnippiſch und lie⸗ fen davon, Toilette zu machen, indem Jede betete „Andreas heil'ger Schutzpatron Ach gib mir endlich den!“ Zacharias ahnte unterdeſſen nicht im Entfernte⸗ ſten, welches Glück ihm entgegenblühte, er nahm ganz ruhig ſeinen Empfehlungsbrief und ließ ſich nach dem Haubenhuber'ſchen Hauſe führen. 26 Unterwegs fiel ihm die allerliebſte Tracht der Münchner Bürgermädchen auf. Die ſilbernen und gol⸗ denen Riegelhäubchen ſtanden den friſchen Geſichtchen ganz vortrefflich und dabei blitzten ihn ſo ſchöne und freundliche Aeuglein an, daß er, wäre ihm der Lohndie⸗ ner nicht zur Seite geweſen, vielleicht den Empfehlungs⸗ brief mit ſammt dem alten Haubenhuber vergeſſen hätte. So aber ſchämte er ſich und außerdem ſtanden ſie auch bald vor dem fraglichen Hauſe, deſſen Inhaber, wie der Cicerone unſerm Freunde auf dem Wege erzählt, ſehr reich war. Zacharias trat in das Comptoir und wurde von Herrn Haubenhuber auf das Herzlichſte empfangen. Nach einer kurzen Unterhaltung und einigen Fragen über Zacharias's Vater,— unter welchen auch die vorkam: ob er deſſen einziges Kind ſei? bat darauf der Münchner ſeinen Empfohlenen:„ihn doch über eine Stiege hoch zu begleiten, um ihn ſeiner Familie vorſtellen zu können“. Der junge Hartmann folgte mit Vergnügen, war aber in der That auf das an⸗ genehmſte überraſcht, als er ſich plötzlich im Kreiſe ſo vieler hübſcher Mädchen ſah, die Alle auf das rei⸗ zendſte und koſtbarſte geſchmückt waren. 27 Madame Haubenhuber war die Liebenswürdigkeit ſelbſt, und ſtellte ſogleich,— mütterlichen Stolz in den Blicken,— ihre Sprößlinge dem überraſchten jungen Manne vor. „Creszens!“ ſagte ſie, auf die ie Alteſte deu⸗ tend—„ein herzensgutes Mädchen von viel Er⸗ fahrung und fromm wie die lieben Heiligen. Ge⸗ noveva, meine Zweite, ausgezeichnet in der Haus⸗ haltung; ſie ſoll Ihnen Ihre Leibſpeiſe machen, was es auch ſei, ſo trefflich wie Sie ſie nie zuvor gegeſ⸗ ſen. Dies liebe Kind hier, meine Dritte,— und unter uns geſagt— mein Liebling, heißt Verv⸗ nika. Sagen Sie ſelbſt, iſt es nicht ein ganz char⸗ mantes Brünettchen? Nun, liebes Engelchen, brauchſt Deine Taubenäugelchen nicht niederzuſchlagen; Deine Mutter ſagt nur die Wahrheit. Nachher mußt Du Herrn Hartmann etwas fingen. Sie ſingt ausgezeich⸗ net; ich verſichere Sie beſſer als unſere Prima Donna. — Der Schelm hier, mit den blonden Löckchen und blauen Augen iſt Nanchen, ſie ſucht als Tänzerin ihres Gleichen, und da meine Regina iſt die Klügſte von Allen,— die drei Kleinen heißen Chriſpine, Portiunkula und Kunigunde.“ 28 Zacharias war in Verlegenheit über die vielen Reize und Tugenden, die ihn umgaben; und alle die Blicke, die ihn— hier ſchmachtend, da feurig, hier neckiſch und dort nur verſchämt trafen. Er erröthete über und über; aber es kam daher, weil ihm der Gedanke gekommen: wenn er der türkiſche Sultan wäre, nehme er ſie alle Fünfe. Es wäre dieß am Ende auch Vater und Mutter am liebſten und den Töchtern einerlei geweſen; aber unſere Geſetze ſind nun einmal in dieſer Beziehung ſchlecht, wir müſſen uns mit Einem Weibe begnügen — und doch hat an der Einen Mancher ſchon zu viel! Madame Haubenhuber riß dießmal Zacharias aus der Verlegenheit, indem ſie Veronika veranlaßte, zu ſingen, und wirklich das Brünettchen ſang die Cava⸗ tine aus Robert dem Teufel:„Robert, Nobert, mein Geliebter!“ ausgezeichnet. Sie ſchmetterte Flammen mit ihrem:„Gnade! Gnade!“ in Hart⸗ manns Herz, und die Augen des jungen Frankfur⸗ ters liefen mit Entzücken über die ſchönen Formen des Mädchens, und das, durch das Singen hervor⸗ gerufene mächtige Wogen des vollen Buſens entzün⸗ dete nun gar ſeine Phantaſie. Was half es nun, 29 daß Nanchen trotz der Fanny Elsler tanzte, und Regina über van Dyck und Rembrands Werke ſprach, Creszens einem fingirten Bettler reiche Almo⸗ ſen gab und Genovefa, den Schlüſſelbund an der Seite alle zwei Minuten bald in die Küche, bald in die Speiſekammer lief?— es war umſonſt, die Wür⸗ fel lagen—— und Veronika war die Siegerin. Madame Haubenhuber hatte, wie ein guter Ge⸗ neral, der eine Schlacht lenkt, überall die Augen. Kaum hatte ſie mit weiblichem Scharfſinn bemerkt, daß Ve⸗ ronika Breſche geſchoſſen, als für die vier Uebrigen zum Rückzug geblaſen wurde. Zacharias mußte zum Mittageſſen bleiben, Veronika noch einmal ſingen und unterdeſſen ſchüttete die glückliche Mutter, neben dem Gaſt auf dem Sopha ſitzend, gegen dieſen ihr Herz aus. Ach! unter allen ihren Töchtern war Vero⸗ nika die Allerbeſte, ein wahrer Engel an Herz und Gemüth, ſo gut und ſanft, ſo liebevoll, ſo hingebend warm, ſo ſparſam und haushälteriſch.— Mutter Haubenhuber traten, zum Beweis der Wahrheit, die Thränen in die Augen, als ſie nur entfernt da⸗ ran dachte, daß ſie einmal dieſen Liebling durch eine Heirath verlieren könnte. 30 „Fräulein Veronika iſt doch nicht etwa ſchon ver⸗ ſprochen?!“ platzte, von der mütterlichen Rührung ergriffen und von den eigenen Gefühlen überſtürmt, Zacharias heraus. „Nein!“ ſagte mit einem ſüßen Lächeln, welches ihr der verrätheriſche Ausruf des jungen Mannes ausgepreßt, die Mutter; und die Sängerin, welche des Gaſtes ſtürmiſche Frage auch gehört, blieb vor Entzücken in einem ungeheuren Laufe ſtecken. Gleich darauf entfernte ſich auch die Mutter unter einem Vorwande und Zacharias befand ſich mit der Brünette allein. Er konnte nicht ermangeln, ihr ei⸗ nige Komplimente zu machen, und kam nach und nach ſo in das Feuer, daß er Veronikas hübſche Hand nahm und ſie leidenſchaftlich küßte. In demſelben Momente trat die Mutter wieder ein. Zacharias fuhr entſetzt zurück; aber Madame Haubenhuber lächelte nur und hob drohend den Finger— was ſo viel hieß, als: ſei nur nicht blöde, ſie iſt doch nun Dein. Beim Mittageſſen waltete der Zufall in Geſtalt der alten Haubenhuberin ſo günſtig für Zacharias, daß er neben Veronika kam. Sie hatte vor dem — Eſſen noch einmal Toilette gemacht, und ſaß nun, in einem weißen, ſtark ausgeſchnittenen Ballkleide, neben dem jungen Gaſte, der immer mehr in Flammen ge⸗ rieth, und von Entzücken und Glückſeligkeit, von ſüßem Verlangen und Genießen ſo betäubt wurde, wie ein falzender Birkhahn, den ſelbſt ein Fehlſchuß nicht aufſchreckt. Die kluge Mutter und die eben ſo gewandte Toch⸗ ter ſchoſſen aber nicht fehl, alle Volzen trafen in's Schwarze, und umgekehrt ſchoſſen die ſchwarzen, le⸗ bendigen Aeuglein Veronika's gleich Homers„fernhin⸗ treffendem Apoll“ die gefährlichſten Wunden. Möch⸗ ten doch alle Mütter, die Töchter anzubringen haben und alle Töchter, die nach Männern ſeufzen— ſich hier ein Beiſpiel nehmen. Aber ach! die vier anderen Schweſtern! welch' ſauer⸗ſüße Geſichter ſchnitten ſte zu dem ſtrahlen⸗ den der Siegerin, und nur der glückliche Umſtand, S — noch ein junger Franzoſe zu Gaſte war, der ja ebenfalls gute Beute werden konnte, verhinderte den Ausbruch ihrer üblen Laune. Indeſſen, der Pariſer war bei all ſeiner Artigkeit zu pfiffig, um anzu⸗ beißen. Ein ächter Repräſentant ſeiner ſelbſt⸗, vergnü⸗ 32 gungs⸗ und zerſtreuungsſüchtigen Nation, nahm er alles oberflächlich und leicht; er tändelte und ſcherzte, er ſtrömte in Witzen über, die durch ſein Radebre⸗ chen der deutſchen Sprache nur noch pikanter wurden; er liebelte— aber er liebte nicht, machte allen vier Schweſtern den Hof, zeichnete aber Keine aus, wo⸗ durch er ſich das große Vergnügen verſchaffte, von allen Vieren auf den Händen getragen zu werden, da, bei jeder Artigkeit, Jede dachte: ſie gehe auf ſie, und ſie ſei die Auserwählte. So ſchwamm denn Alles gegen das Ende der Mahl⸗ zeit in Entzücken: Courmacher, Töchter, Mutter und Vater. Namentlich aber der Letztere, der ſich ſchon als Schwiegerpapa des jungen Hartmann und als ſol⸗ cher aus der großen Geldverlegenheit geriſſen ſah, in welche er demnächſt gerathen mußte. Selbſt der Be⸗ diente und die Mägde freuten ſich, blühte ihnen im Falle einer guten Heirath doch die Hoffnung, ihren, ſeit Jahren rückſtändigen Lohn endlich einmal zu er⸗ ———————————————————————— —— halten. Zacharias konnte außerdem gar nicht genug die Artigkeit und das Zuvorkommen des Herrn und der Frau Haubenhuber rühmen. Nach dem Eſſen mußte ——— er zum Kaffee bleiben und nach dieſem ging es in den engliſchen Garten, in welchem heute am chineſi⸗ ſchen Thurme die Militärmuſik von zwei Regimen⸗ tern ſpielte. Von dem chineſiſchen Thurme aber ſollte in den Prater gegangen werden, um in demſelben den Abend zuzubringen. Geſchäfte?— Zacharias hatte allerdings deren wichtige und eilige; denn erſt geſtern bekam er einen Brief von ſeinem Hauſe, in welchem dieſes ihn auf⸗ merkſam machte: daß der Reiſende eines bedeutenden Concurrenten wahrſcheinlich mit ihm zugleich in Mün⸗ chen eintreffen werde; er möge daher— hieß es in jenen Zeilen,— da es ſich um den Verkauf eines ſehr an⸗ ſehnlichen Oellagers handle, keinen Augenblick ver⸗ ſäumen, um ja jenem Concurrenten zuvorzukommen. Das war nun Alles gut und ſchön, wenn die hübſche Haubenhuber nicht geweſen wäre!— aber es wird ihm doch wohl kein vernünftiger Menſch zu⸗ muthen, mitten in ſeiner Glückſeligkeit an ſo gemeine Dinge wie Geſchäfte zu denken?— Wundervolle ſchwarze Augen und ein Mädchen im weißen Ball⸗ kleid, das wie eine Göttin ſingt— und auf den Händen getragen von einer der liebenswürdigſten und Commis Voyageur. II. 3 6 reichſten Familie Münchens— er— der einzige Sohn des reichen Hartmann?— und an Rüböl— ſchmieriges, ſchmutziges, gemeines Rüböl zu denken? — Nein! nein! das ging wahrhaftig nicht. Und dann der Mittag am chineſiſchen Thurme und der Abend im Prater?! Aber warum denn all die Worte?— er hatte ja die Geſchäfte ſammt dem Concurrenten längſt ver⸗ geſſen, und ſelbſt als ihm ſein Gewiſſen den Namen „Clariſſe“ mahnend und ſtrafend zurief, wußte er mit ihm fertig zu werden. Clariſſe war arm, und er hätte ſeine guten Eltern nur gekränkt, wenn er dieſe zum Weibe begehrt haben würde; während er gewiß war, ihnen in der reichen Veronika eine liebe Schwie⸗ gertochter zuzuführen. Und iſt es nicht lobenswerth⸗ ein guter Sohn zu ſein? Ein wunderhübſcher, ſchattiger Weg führte nach dem„chineſiſchen Thurme,“ einem alten, hölzernen Gebäude im engliſchen Garten, welches nach dem Porzellanthurm zu Nankin erbaut iſt. Wie Mittwochs im Hofgarten, ſo findet hier Sonnabends die Militär⸗ muſik ſtatt. Zacharias fand die Verſammlung glän⸗ zend und von ſchönen und reichen Equipagen beſucht; ja ſelbſt der Hof ließ ſich ſehen, und Hartmann freute ſich über den König, der ſeine geliebten Unterthanen ſo ganz außerordentlich freundlich grüßte. Viel ſah er eigentlich nicht, da er nur für Ve⸗ ronika Augen und Ohren hatte, an deren Seite er ging. Es war ihm daher wohl, als die rauſchende Muſik zu Ende und man ſich behaglich nach dem Prater begab, der auf einer Inſel der Iſar gelegen, ein Lieblingsort der Münchener iſt. Hier in dem weiten, hübſch angelegten Garten, zeigte ſich ihm zum erſtenmale das Münchener Volks⸗ leben von ſeiner charakteriſtiſchen Seite. Der Raum ſelbſt war trefflich gewählt: denn beſchattet von uralten, hochſtämmigen Bäumen, wehte ihm die Iſar, die ihn rauſchend empfing, immerwäh⸗ rend Kühlung und Erquickung zu. Hier waren Gar⸗ tenhäuschen angebracht, dort erhob ſich eine Eremitage, hier drehte ſich ein Carouſell und jenſeits donnerte ein mächtiger Waſſerfall. Ueber die Wipfel der Bäume hinaus wehten ungeheuere Fahnen, die an aufgepflanz⸗ ten himmelhohen Maſtbäumen befeſtigt waren; auf einer kleinen, nahegelegenen Inſel erhob ſich die, von gemalten Brettern künſtlich aufgeführte Feſtung Belgrad, 3 36 welche bei Nacht und unter Feuerwerk erſtürmt wer⸗ den ſollte, und über ihre Wälle und Baſtionen rag⸗ ten ſchon jetzt, ehrfurchtgebietend, die Mündungen der Kanonen. Zwei Muſikchöre ſpielten ununterbro⸗ chen rauſchende Melodieen, und durch dies Alles hin und her wogte eine ungeheuere Volksmenge. Alle Tiſche waren beſetzt, ja man lagerte auf dem Raſen, oder faßte Fuß, wo man eben ſonſt konnte. Was aber dem jungen Frankfurter am Auffal⸗ lendſten vorkam, war die allgemeine Heiterkeit und die gemüthliche Vermiſchung aller Stände. Generul und Corporal ſaßen mit ihren Familien dicht neben einander. Hier der reiche Kaufmann, da der Künſt⸗ ler; hier Damen mit Federhüten und Schleiern und an demſelben Tiſche die allerliebſten Riegelhäubchen. Kurz, Vornehm und Gering, Reich und Arm, Militär und Civil, Jung und Alt, Einheimiſche und Fremde — Alle ſchmolzen ſich zuſammen, wie zu einer großen Familie. Man hätte glauben mögen, der unbezwing⸗ liche Aſſociationstrieb unſerer Zeit vereinige alle dieſe Menſchen zu einem gleichen Streben; aber hier war nicht von ſogenannten induſtriellen Vereinen, auch nicht von Politik die Rede; hier huldigte man nicht — 37 dem Idealismus, der oft ganze Völker erfaßt und zu einem ſolchen transſcendentalen Schwindel erhebt, aus dem ſie nur die ruhige, ſpekulative Vernunft wieder erretten kann;— hier galt Alles nur dem fröhlichen Genuſſe des Augenblicks,— Niemand dachte der Kämpfe der Zeit und der gewichtigen Fragen, deren Löſungen noch im Schvoße einer dunklen Zukunft ruhen,— hier dachte man nur an den harmloſen Genuß des Lebens und feierte das glückliche Daſein mit den braunen Fluten eines ganz vorzüglichen Biers. „Was ſchoffen's?“ riefen die flinken Kellnerinnen den neu Ankommenden zu und frugen gleich weiter? „Schoffen's a Bier un e Brod a? oder wollen's Raadi(Rettig) oder en Kolbsbrotn?“ Denn der Münchener iſt einfach. Bier iſt die Seele aller Bayern, mit Bier werden die Kinder groß gezogen und Bier iſt der letzte Labetrank, mit dem ein ächter Bayer abſegelt. Die meiſten Münchener Familien eſſen im Sommer nicht zu Hauſe zu Nacht; ſon⸗ dern gehen mit Kinder und Kegel auf einen Bier⸗ keller und trinken hier ihr Bier und eſſen ihre Raadi dazu. Billiger könnten ſie freilich nicht leben, und 38 ſo genießen ſie noch der freien Luft und eines wahr⸗ haft bezaubernden geſellſchaftlichen Vergnügens. Auch Zacharias war ganz entzückt. Das wirrte und ſchwirrte, klang und ſang, ſcherzte und herzte um ihn herum, daß er in einem Zauberreiche zu ſein ſchien. Mitten durch dies Tönen, ſchallten auch oft die Geſünge tüchtiger Geſangvereine, die ſich meiſtens um die Maſtbäume mit Fahnen, die ihre Abzeichen wa⸗ ren, gruppirten. Denn auch hier machte ſich dieſe charakteriſtiſche Erſcheinung unſeres Jahrhunderts gel⸗ tend, die vor allen in Süddeutſchland, der Wiege des Geſanges, ſo herrliche Blüthen treibt und von welchen Berthold Auerbach ſo hübſch ſagt: Der lange Friede hat keiner Kunſt ſo weite Kreiſe eröffnet, als der Muſik, und ich glaube nicht zu weit zu gehen, wenn ich die Verbreitung der Geſangvereine als ei⸗ nen culturhiſtoriſchen Moment bezeichne, da hierdurch die reichen Blüthen deutſcher Geſangesdichtung auf⸗ hören, ein Monopol Einzelner zu ſein. Und ſo iſt es auch. Das lebendige Wort des Dichters wird erlöst aus ſeiner papierenen Hülle, und in freien, tauſendſtimmig ſich faſſenden Tönen 39 hebt es die Bruſt des Sängers, braust mahnend und erhebend, jauchzend und zürnend über die zahlloſe Menge dahin, und ruft die ſchlummernden Echo's wach. Noch ein Jahrzehend, und wir haben der freien Bildung des claſſiſchen Alterthums eine andere ent⸗ gegenzuſetzen, wie es ſie nie kannte, und wie ſie noch zu keiner Periode unſerer Nativn zu Theil ward.— Aber die Nacht brachte Zacharias neue Ueberra⸗ ſchungen. Mit ihrem Anbrechen entzündete ſich der ganze Garten wie durch einen Zauberſchlag. Tauſend und abertauſend bunte Lampen und Lichter flimmerten in den grünen Zweigen der Bäume, oder zogen ſich, wie leuchtende Arabesken in flammenden Reihen von Aſt zu Aſt. Hoch in den Wipfeln der alten Silber⸗ pappeln wiegten ſich farbige und leuchtende Ballons, wie ungeheure Früchte, und auf jedem Tiſche brann⸗ ten ſchön gemalte Windlichter. Hatte man denn aber Zeit, das Alles nur ruhig zu ſehen? Kanonenſchüſſe kündeten den Anfang des Feuer⸗ werkes. Raketen ſtiegen dicht über dem ſchäumenden Waſſerfalle, den der Mond mit Silber übergoß. Räder und Sonnen blitzten und ſprühten, Trans⸗ 40 parente und Namenszüge ſtrahlten in allen Farben, wie aus mächtigen Edelſteinen zuſammengeſetzt. Aber das Ganze krönte die Beſtürmung der Feſtung Bel⸗ grad durch Prinz Eugen, die von Cavallerie und hundertfünfzig Mann Infanterie,— Alle in das dazu paſſende Coſtüm gekleidet— ausgeführt wurde, und mit einem bengaliſchen Feuer ſchloß, welches den Prater und die ganze Gegend in einen blaſſen blauen Schein und dann in eine purpurne Gluth tauchte. Und bei allem dem das göttliche Bier— ach! und Veronika am Arm, deren Hand man drückte und die den Druck leiſe erwiederte, und hie und da ein verſtohlener Kuß und dann wieder das Lichtmeer die⸗ ſes Feenreichs—— Zacharias war außer ſich— er taumelte— er war berauſcht von Sehen, Hören, Fühlen, Schmecken und Riechen— von Liebe— und— Bier. Den andern Tag wollte er an ſeine Geſchäfte gehen, da fiel ihm heiß ein, daß ihn Madame Hau⸗ benhuber eingeladen, in ihrer Geſellſchaft die Sehens⸗ würdigkeiten Münchens zu beſuchen und er im heiligen Eifer verſprochen habe: ſie um zehn Uhr Morgens mit einem Wagen abzuholen. 41 Was war zu machen? er konnte doch wohl die Damen nicht ſitzen laſſen, nachdem ſie gegen ihn ſo artig?— Ach!— und wie leicht war es möglich, daß die Mutter Veronika mitnahm,— welche neue Seligkeit erwartete ihn dann. Und die Kunſtſchätze Münchens, nach welchen er ſo lange gelechzt, und ſie zu ſehen an der Seite eines ſo liebenswürdigen und ſchönen Mädchens. Ja! das war Poeſie des Lebens — pfui!— ihm ekelte, wenn er an das Rüböllager dachte. Kurz er machte Toilette à quatre épingles, nahm eine Equipage und fuhr zu Haubenhubers. Die Alte war ſchon bereit und aufgeputzt wie eine Fürſtin. Da Creszens in der Kirche, Genovefa in der Küche, Nanchen in der Tanzſtunde und Regina im Malen begriffen,— Chriſpinchen, Portiunkula und Kunigunde aber noch zu klein waren, und doch ſchicklichkeitshalber noch Jemand mitfahren mußte, ſo bat die gute Mutter um die Erlaubniß, Veronika mitnehmen zu dürfen. Man kann ſich denken, wie gerne Zacharias ein⸗ willigte, und alsbald erſchien das Brünettchen in ei⸗ nem reizenden Anzuge von ſchwarzem Atlas. Hart⸗ 42 mann hätte ihr zu Füßen fallen können; denn mußte er auch geſtehen, daß Clariſſe eine viel zartere höhere Schönheit und hundertmal weiblicher, verſchämter und geiſtreicher war; ſo vermochte er doch durchaus dem Sinnentaumel nicht zu widerſtehen, zu welchem ihn dieſe üppige Venus hinriß. Der Stern ſeiner Liebe zu der Fernen erblich mehr und mehr, und es regte ſich in der That der Gedanke in ſeiner Bruſt: Veronika heimzuführen. Mutter und Tochter unterließen natürlich nicht, das Feuer zu ſchüren, und Jedermann weiß, was es heißen will, mit einem ſo geliebten Gegenſtande vis-à-vis in einem Wagen längere Zeit zu fahren, wenn Auge in Auge wurzelt und Kniee und Füße ſich berühren. Zacharias war im Himmel. Was Schrannenplatz, Obelisk, Baſilika, Ludwigsſtraße, Reichsarchiv und Bibliothek, Blindeninſtitut und Odeon— ſie waren für ihn nur in ſo fern vorhanden, als Veronika ſie ihm zeigte, und erſt die Allerheiligenkirche, Glypto⸗ thek und Pinakothek rüttelten ihn durch ihre impo⸗ ſante Pracht, ihren Reichthum und ihre Fülle an Schönheiten und herrlichen Werken aus ſeinem Tau⸗ 43 mel und riſſen ihn zur alten, reinen Vegeiſterung für die Kunſt und das Edle, Schöne und Große hin. Unter dem Anſchauen dieſer und der ungeheueren Maſſe noch übriger Sehenswürdigkeiten gingen meh⸗ rere Tage, wie in einem angenehmen Rauſche, hin, während welchen Zacharias ſo zu ſagen gar nicht zu klarem Bewußtſein kam. Die Maſſe der neuen Ge⸗ genſtände, ihre Größe und Herrlichkeit, erdrückten ihn ordentlich, und es ging ihm geiſtig, wie einem Schwel⸗ ger an einem koſtbaren Mahle, er verdarb ſich den Magen. Glücklicherweiſe fühlte er es noch bei Zeiten, und nahm ſich vor, einige Tage geiſtig zu faſten; war es doch ohnedem hoch Zeit, an die Geſchäfte zu denken, die er in München zum erſtenmale mit Widerwillen betrieb. Sie fielen auch ſchlecht genug aus, denn je⸗ ner Concurrent, vor welchem ihn noch dazu ſein Haus gewarnt, war ihm zuvorgekommen, und den Herrn Dahlmann, Dunkert, Duppendorf Compagnie und Conſorten blieb die Nachleſe. Gewiſſensbiſſe und Reue kamen zu ſpät und Hartmann mußte ſich auf einen tüchtigen Wiſcher ge⸗ faßt machen. Es war höchſt ärgerlich. Um dieſer 44 Stimmung zu entgehen, ging er gegen drei Uhr Nach⸗ mittags zu Haubenhubers, aber Alle waren ausge⸗ fahren und Niemand wußte, wohin. Das Mißgeſchick ſteigerte den Unmuth des jungen Mannes noch mehr. Er nahm einen Wagen und fuhr nach dem chineſi⸗ ſchen Thurm— ſie waren nicht da. Er nahm ſeinen Weg nach dem Dianabad— ſie waren nicht da,— auch im Brunnthal fand er ſie nicht. Jetzt ſtieg ſein Aerger zu wildem Zorn, er flog nach Neuberghauſen. Hier ſollte dieſen Abend Gartenbeleuchtung, wie im Prater ſein, mächtige bunte Ballons hingen tief von den Bäumen hernieder und man hatte daher verord⸗ net: daß die Wagen dießmal nicht in den Garten fahren, ſondern vor demſelben halten ſollten. Auch Zacharias kündete man dieß an, aber er war ſo wü⸗ thend und zornig, daß er dem Kutſcher befahl: in's Teufels Namen durchzufahren. Der Kutſcher peitſchte und nun ging's zum all⸗ gemeinen Jubel mitten durch, daß die papierenen Ballons krachend zerſplitterten, im Hofe aber hielt der Wirth und die Polizei den Wagen an, und Hartmann mußte zur Kühlung ſeines Zörnchens vier⸗ zehn Gulden zahlen. 45 Indeſſen hatte ihn die Scene doch etwas erleich⸗ tet, nicht nur im Beutel, ſondern auch in Kopf und Bruſt; indem der gewitterſchwüle Humor abgeleitet war.„Das Nachtlager von Granada,“ welches den Abend in der Oper gegeben wurde, ſollte ihn völlig beſchwichtigen. Schon das prächtige Aeußere des königlichen Hof⸗ theaters,— welches im römiſchen Styl erbaut iſt und deſſen Periſtyl von acht koloſſalen korinthiſchen Säulen getragen wird,— hatte ihn ſeiner Zeit ent⸗ zückt. Wie viel mehr überraſchte ihn das Innere, welches mit ſeinen ſechs Logenreihen nahe an drei⸗ tauſend Perſonen faſſen kann. Auch die Ausſchmü⸗ ckung in Weiß und Gold fand er ſo prachtvoll als ſchön, und ſein Frankfurter Stadttheater kam ihm, gegen dieſen Muſentempel, wie ein Hundeſtall vor. Er hatte einen Sperrſitz genommen und bemerkte zu ſeinem Vergnügen, als er ſich demſelben näherte, daß auf dem Platze dicht neben dem ſeinen, eine ele⸗ gant gekleidete Dame ſaß. Sie trug einen geſchmack⸗ voll gearbeiteten Hut von roſa Seide und hatte faſt ihre ganze Figur in einen prächtigen Lvoner Shwal gewickelt. 46 Es gibt einen gewiſſen Pli, der nur Perſonen von Bildung— es kann hier nur von einer äußer⸗ lichen Bildung, dem ſogenannten Schliff, die Rede ſein— eigen iſt, und ſich in jeder Bewegung, na⸗ mentlich auch in der Art und Weiſe, ſich zu kleiden und die Kleidungsſtücke zu tragen, kund gibt. Nur Großſtädtern und Vornehmen iſt er angeboren, und er kann nur ſelten— und dieß faſt nur von dem weiblichen Geſchlechte in den ſ päteren Jahren erlernt und angenommen werden. Jedenfalls liegt in ihm ein eigener Zauber, ja er gibt Denjenigen, die ihn be⸗ ſitzen, in geſelliger Hinſicht ſogar ein entſchiedenes Uebergewicht, gegen die ſo ihm fremd. Zacharias, der ebenfalls viel auf ihn hielt, da er auch ſeine Clariſſe ſchmückte, bemerkte ihn hier zum erſtenmale wieder; denn ſo viele Reize er Ve⸗ ronika zugeſtehen mußte, ſo fehlte ihr dies Savoir- taire doch gänzlich. Seine Nachbarin jedoch ward ihm dadurch intereſſant, ehe er ſie noch im Geſichte geſehen; wer aber beſchreibt ſein Staunen, als ſie nun plötzlich das Köpfchen wandte und er in ein, ihm nur zu bekanntes, Geſicht ſchaute. Ein Schrei der Ueberraſchung entfuhr ihm, und 47 auch die Dame ſchien ihren Augen kaum trauen zu wollen. „Sophie?!“— rief Zacharias—„Wie in aller Welt iſt es möglich, ſind Sie es wirklich?— Was führt Sie aus Frankfurt hieher?— O ſpre⸗ chen Sie, es hätte mir ja wahrhaftig keine größere Freude widerfahren können!“ Die Dame, die über und über roth geworden war, und den Shwal unwillkürlich ſorgfältiger um ſich gezogen hatte, entgegnete leiſe: „Ob es Sie freut, möchte ich bezweifeln.“ „Nein!“— fuhr Jener fort, und die Wahrheit ſprach ſich in Ton und Blick aus—„zweiflen Sie lieber nicht daran. Ward ich Ihnen auch einſt un⸗ treu, ſehe ich jetzt doppelt ein, wie verblendet ich da⸗ mals war. Sie ſind bei Gott noch reizender ge⸗ worden.“ „Sprechen wir nicht mehr von jenem Ereigniß, es ſchmerzt mich und iſt ſchuld...... doch um nicht unwahr zu ſein, muß ich geſtehen: daß auch mich dies Zuſammentreffen herzlich freut. Was führt Sie hierher?“ „Eine Geſchäftsreiſe. Und Sie?“ 48 Die Dame ward neuerdings roth, indem ſie ſagte „Ich habe, wie Sie wiſſen, eine Schweſter in Wien verheirathet, die ich beſuchen will.“ „Und reiſen Sie hier nur durch?“ „Ich werde übermorgen über Paſſau und Linz meinen Weg fortſetzen. Hier brachte ich einige Tage bei Verwandten zu.“ „Nun“— ſagte Zacharias und ſein Geſicht ſtrahlte vor Entzücken und auch ihn überlief eine dunkle Gluth—„das iſt ja göttlich, ich gehe ja ebenfalls nach Paſſau und habe meinen eignen Wagen bei mir! Ich ſchmeichle mir: daß Ihnen dieſe Reiſegelegenheit nicht unangenehm kommt.“ „Und doch muß ich ſie ablehnen,“— verſetzte die Dame verlegen—„Was würde die Welt ſagen, wenn ich mit Ihnen allein reiste.“ „Die Welt“— wiederholte Zacharias—„Sie meinen damit doch nur Frankfurt, denn hier und in Paſſau u. ſ. w. kennt man uns nicht. Und wie ſoll⸗ ten ſie zu Hauſe etwas davon erfahren.“ „Und unterwegs?“ „Gelten Sie für meine Frau!“ Die Dame ſchüttelte mit dem Kopfe und der Vor⸗ hang erhob ſich. 49 Zacharias gab wenig acht: ſeine Gedanken ſchweif⸗ ten bald in die niächſte Zukunft, bald verloren ſie ſich in der Vergangenheit. Erinnerung führte ihm die ſchönen Tage zurück, die er einſt— und zwar noch ehe er Clariſſe gekannt— zu Sophiens Füßen verlebt. Sie war aus anſtändiger Familie, und Za⸗ charias hatte ſich auf einem Balle in ſie verliebt. Ein tändelndes, aber unſchuldiges Verhältniß ent⸗ ſpann ſich zwiſchen den beiden jungen Leuten auf ei⸗ nige Zeit. Da lernte Hartmann Clariſſe kennen, und von dem Augenblick an war Sophie vergeſſen. Spä⸗ ter machte des Mädchens Vater Bankerott und die Familie kam gänzlich zurück, was die Sache vollends endete. Jetzt ſchien es, wenigſtens dem Aeußeren nach, als ob ſich der Wohlſtand wieder bei Sophien eingeſtellt. Wer gereist iſt, weiß, wie freudig Einen in der Fremde jede Spur, jeder Genuß von der Heimath berührt, und wie leicht und eng ſich Landsleute, wenn ſie ſich draußen finden, aneinander ſchließen. Um wie viel mehr mußte dieß hier geſchehen, wo ſich die Her⸗ zen ſchon durch früheres Lieben näher gebracht waren. Commis Voyageur. I. 4 50 So läßt es ſich denn auch leicht erklären, wie ſich ſchon während der Oper das alte Verhiltniß faſt wieder herſtellte; obgleich von beiden Seiten von keiner eigentlichen Liebe die Rede war und ſein konnte. Zacharias dachte, wie wir wiſſen, ernſtlich daran, Veronika zu heirathen, und hatte bei dem Anerbie⸗ ten: Sophie mitzunehmen, durchaus keine böſen Ne⸗ benabſichten, da er von deren Tugend überzeugt war. Er verſprach ſich nur durch ihre Geſellſchaft eine an⸗ genehmere Reiſe, und ſchmeichelte ſich, daß dieß auch wohl für ſie der Fall werden dürfte. Als er daher ſeine frühere Geliebte beim Nach⸗ hauſegehen begleitete, ſuchte er dieſelbe durch ſeine ganze Beredſamkeit zu der gemeinſchaftlichen Reiſe zu bewegen. Sophie ſträubte ſich lange und gab erſt nach, als Zacharias ſie verſichert: er werde nie die Schranken der Schicklichkeit aus den Augen verlieren. Da aber das Mädchen um keinen Preis aus München mit ihm abreiſen wollte, kam man überein: daß Sophie übermorgen in der Frühe mit der Paſ⸗ ſauer Poſt wegfahren, ſich aber heimlich nur einen Platz bis zur erſten Station nehmen ſolle, woſelbſt ſie dann Zacharias erwarten würde. Als dieß ver⸗ abredet, trennten ſich Beide, und Hartmann kehrte höchſt aufgeregt zu ſeinem Gaſthofe—„dem gol⸗ denen Hahn“ zurück. Unterwegs begegnete ihm eine unglaubliche Menge Liebespaare, und manch Riegelhäubchen ſtrich an ihm vorüber und zupfte ihn leiſe mit dem Ellenbogen an. Aber er hatte zu wichtige Dinge im Kopf, als auf die zärtlichen Rippenſtöße zu achten. In München durfte er nämlich auf keinen Fall länger mehr bleiben; denn er hatte ſich ſchon zu lange hier verweilt und alle Geſchäfte vernachläßigt. Demohnerachtet kam es ihn einigermaßen ſchwer an, ſich von Veronika zu trennen, und außerdem mußte wegen ihr ein entſcheidender Schritt geſchehen. Hatte er doch recht wohl gemerkt, wie man ihn zu einer beſtimm⸗ ten Erklärung zu drängen ſuchte, was ihm— wäre er nicht verliebt geweſen— vielleicht über Manches die Augen geöffnet. Aber Amor wird nicht umſonſt mit einer Binde abgebildet, und es iſt in vielen Be⸗ ziehungen ſo unrecht nicht, was mein Vater oft ſagte: verliebt und verrückt ſein iſt einerlei. Zacharias fand lange keinen Ausweg, endlich ent⸗ ſchloß er ſich, morgen zu Haubenhubers zu gehen und 4* 52 als Diplomat zu handeln. Nämlich: Veronika ſeine Liebe ziemlich deutlich— doch noch immer nicht ganz beſtimmt— zu erklären, ſeine Abreiſe nach Lands⸗ hut, Paſſau, Straubing und Regensburg anzukün⸗ digen, und zu verſprechen, von letzter Stadt aus, ungeführ nach zehn bis vierzehn Tagen, wieder in München einzutreffen. Zugleich wollte er dann ver⸗ blümt andeuten, daß er ſodann einen für ihn wich⸗ tigen Schritt machen würde. So konnte er ſeinen Geſchäften nachgehen, ſei⸗ nem Vater über die projektirte Heirath ſchreiben und noch vor ſeiner Rückkunft nach München die älter⸗ liche Antwort erhalten. Als er mit allem Dieſem im Reinen war und zu Nacht geſpeist hatte, begab er ſich auf ſein Zim⸗ mer, welches die Nummer„Eins“ trug und Par⸗ terre lag. Die nette Kellnerin leuchtete ihm vor und deckte ſodann das friſche weiße Bett auf...... Er ſoll wenig geſchlafen und doch eine angenehme. Nacht zugebracht haben. Den kommenden Tag führte er ſein Vorhaben aus, in welchem er noch durch einen Brief von ſei⸗ nem Haus beſtärkt wurde, der ihm den wohlver⸗ 53 dienten Wiſcher in ſehr unzweideutigen Ausdrücken überbrachte, und ihn zur ſchleunigſten Abreiſe mahnte. Mutter Haubenhuber ſaß wie auf glühenden Koh⸗ len. Sie bot alle ihre Liſt und Zungenfertigkeit auf, den guten Hartmann in ſeinen eigenen Reden zu verſtricken, immer hoffend, daß er ſich einmal ver⸗ plappern und irgend etwas ſagen würde, woran ſie ihn halten könnte. Aber Zacharias, verſtimmt durch den Darmſtädter Brief, war zurückhaltender als bis⸗ her, und wollte auf keine Weiſe in die Falle gehen. Da griff die gewandte Frau zu einem andern, bereits mit Veronika verabredeten Mittel. Sie verließ nämlich das Zimmer, und da Za⸗ charias den Bitten Veronikas: noch länger in Mün⸗ chen zu bleiben, aus Geſchäftsrückſichten nicht nachgab, traten ihr allmählig die Thränen in die Augen und als gar, eben von den feuchten Perlen der ſchönen Brünette ergriffen, der junge Mann raſch Abſchied nehmen wollte, um nicht zu unterliegen— ſank ſie auf dem Sopha ohnmächtig zuſammen. Dieſe ſchweig⸗ ſam⸗plaſtiſche Liebeserklärung war aber zu gut be⸗ rechnet, als daß der junge Hartmann hätte widerſtehen können. Er verlor den Kopf, und ſeinen Gefühlen 54 nachgebend, ſank er vor der Ohnmächtigen nieder und beſchwor ſie mit den zürtlichſten Ausdrücken, wieder zu erwachen. Dirs geſchah denn auch endlich; aber die gute Mutter, die heimlich eingetreten war, hatte Alles gehört. Enßüct umarmte ſie den auf's höchſte r jungeh, Mann, nannte ihn ein über das andefemal hn lieben Schwiegerſohn“— rannte darauf hinaus, tinmelte das ganze Haus zuſammen und»verkündete jubelnd der jubelnden Menge: der junge Herr Harhnann liebe Veronika und ſie gebe von Herzen ihren Segen zu dieſer ſo ſchönen und „ paſſenden Partie. Veronika hing während dieſer ganzen Scene ſchuchzend an Zacharias Hals, der vor Ueberraſchung ſprachlos daſtand und ſich endlich nolens volens genöthigt ſah, zu Allem„ja“ zu ſagen; indem er ſich nur das eigentliche Anhalten bei Herrn Hauben⸗ ßube bis nach ſeiner Rückkehr nach München vorbe⸗ hielt da er zuvor die älterliche Zuſtimmung einho⸗ len müſſe. Erſt als er das Haus verlaſſen und ſich in freier Luft befand, kam er wieder zu ſich; aber er war faſt unfähig, zu begreifen, wie er Bräutigam geworden. ——————— 55 Jetzt, da der Wurf geſchehen, ſchwindelte ihm. Wilde Bilder umgaukelten ſeine Phantaſie. Sophie und Jeannette, Veronika und die hübſche Jüdin tanzten wie ein Geiſterreigen um ihn her; während mitten unter ihnen das Bild Clariſſens bleich und entſtellt, im Leichentuche und mit aufgelösten Haaren auf⸗ tauchte. Er bebte zuſammen, ein ſonderbares Gefühl von Angſt erfaßte ihn, und trieb ihn über Feld und Flur bis tief in die Nacht hinein. ₰ H. Innerer Kampf.— Weibliche Stärke in weiblichem Stolz. — Peichtſinn.— Ein ſauberer Jandel.— Die Einla- dung.— Entſetzen.— Die Kichel'ſche Weinhandlung. — Ein käuſchchen.— Eine gute Mutter.— Das Opfer.— Zacharias in Wuth.— Handgemenge.— Prü- gel.— Schmetzlicher Abſchied.— Das Zuſammentreffen. — Der fatale Mantel.— Wirth und Fremdenbuch.— Die Entdeckung.— Abendlicher Streit und nächtliche Perſöhnung.— Reiſeluſt und Beiſelaſt.— Wen?—. Prief.— Entſchieden.— Die Geſchichte vom Frack.— Die Geſellſchaft.— Pracht und Lurus.— Vas üendez- vous.— Die Werbung.— Wer in die Fremde will wandern, Der muß mit der Liebſten gehn, Es jubeln und laſſen die Andern Den Fremden alleine ſtehn.“ Aus dem Leben eines Taugenichts, von J. Freiherr v. Eichendorſ. Wenn wir etwas Unrechtes gethan oder einen dummen Streich gemacht haben— eine menſchliche Schwäche, die wohl Jedem einmal paſſirt— ſo it 3 gewöhnlich die Vernunft als geiſtiger Mentor auf 57 und liest uns die Leviten. Aber ſie hat ſelten gleich reines Feld; ſondern gewöhnlich tritt ihr eben jene Leidenſchaft, die uns verführt, entgegen und oppo⸗ nirt und ſucht mit ihren eitlen Scheingründen die Vernunft zu täuſchen und zu beſchwichtigen. Dieß kann ihr übrigens nur da gelingen, wo die Vernunft auf ſchwachen Füßen ſteht. Peinlich iſt jedenfalls dieſer Streit in unſerer Bruſt, und er muß ausgekämpft ſein, ſoll er nicht zu unſerer Unbehaglichkeit einen bitteren Bodenſatz von heimlicher Verachtung unſrer eignen Schwäche zurücklaſſen. Auch Zacharias fühlte dieſen Kampf und um ſo empfindlicher, als er ſeinem Rechtlichkeitsgefühl, das ihn des Treubruchs gegen ſeine gute Clariſſe,— die ihn doch ſo wahrhaft liebte und für die ſeine Wort⸗ brüchigkeit ein Todesurtheil ſein mußte— beſchul⸗ digte, Vernunftgründe, wie: ſie ſei arm,— er müſſe als guter Sohn den Eltern folgen— und derglei⸗ chen mehr, entgegenſetzte. Aber etwas Anderes erhöhte ſeine Unbehaglichkeit noch mehr. Es war ihm, trotz ſeiner Liebesverblen⸗ dung, bei den letzten Scenen im Haubenhuber'ſchen 58 Hauſe dennoch nicht entgangen: daß man ihn mit Liſt in das Netz gelockt und faſt mit Gewalt zu i⸗ ner Erklärung gezwungen. Hielt er dabei auch Veronika für unſchuldig, ſo ſagte ihm ſeine gute Erziehung doch, daß ſie ſich ziem⸗ lich unzart dabei benommen, die Mutter aber alle Grenzen des Schicklichen überſchritten. Der beſſere Mann will aber das Herz eines Wei⸗ bes nach freier Wahl gewinnen, und nicht mit den Polypenarmen der Koketterie umklammert und wie eine ſchnöde Beute gewaltſam herangezogen werden. Bemerkt er ein ſolches Beſtreben, ſo fühlt er ſeinen eigenen Werth gekränkt und wird zweifelhaft an dem Werth des Weſens, das ihn mit ſolcher Verzweif⸗ lung zu erringen ſucht. Dem Zacharias fiel bei dieſer Gelegenheit ein, was Clariſſe als einſt von einem ähnlichen Falle die Rede war, zu ihm geſagt. Nämlich: wenn ein weibliches Herz— aufgeregt und beſtürmt von der Liebe— mit ſich und der Tugend oder Schicklichkeit in Con⸗ flikt gerathe; wenn an den Pfeilern heiliger Sitte, die ſtürmende Leidenſchaft rüttle— dann möge die Kämpfende nur den weiblichen Stolz zu Hülfe 59 rufen. Eine Königin der Herzen, eine Hoheprieſterin der Tugend ſtehe es ihr nicht an zu bitten, nur zu gewähren— und der Gedanke: den Herrn der Schöpfung zu ihren Füßen zu ſehen, werde ſie retten. Wäre Zacharias weniger ſinnlich und energiſcher geweſen, müßte ihn dieſe einzige Erinnerung an Cla⸗ riſſe und ihren hohen geiſtigen Werth, aus dem ge⸗ genwärtigen Dilemma geriſſen haben. Er that in dieſer unangenehmen Lage, was alle ſchwache Seelen in ähnlichen Fällen thun: er ver⸗ traute auf die Zeit und gab ſich dem Schickſal an⸗ heim; indem er ſeinem Vater die ganze Sache ſchrieb und beſchloß: deſſen Rath als Fingerzeige des Himmels zu betrachten. Heimlich dachte er freilich, ſein Vater werde nicht anſtehen, ihm zu einer ſo vortheilhaften Par⸗ tie zu rathen. Solch' ſinnlichen Menſchen iſt außerdem in dergleichen Fällen nichts lieber, als wenn irgend ein neuer Sinnenreiz ſie zerſtreut und ſomit von der Laſt ernſten Denkens und Entſcheidens befreit. Und winkte Zacharias dazu nicht die herrlichſte Gelegen⸗ heit? Erwartete ihn nicht Sophie auf der nächſten Poſtſtation?— 60 Er lief ſchnell noch zum Hofſchneider, ließ ſich— um für alle Fälle gerüſtet zu ſein, einen Frack nach dem neueſten Schnitte anmeſſen, wählte dazu das feinſte Tuch, das nur aufzutreiben war, und eilte alsdann zurück, um zu packen. Unterweges ſah er zwei elegant gekleidete Damen vor ſich hergehen, die Aeltere ſchien die Mutter, die Jüngere— ein blaſſes, engeiſchönes Mädchen von höchſtens fünfzehn Jahren, die Tochter. Da Zacharias von der Schönheit der Kleinen frappirt war, ſuchte er mehreremale ihr vorzukommen, um ſie an ſich vorübergehen zu laſſen. Auch jetzt war dieß geſchehen und beide Damen gingen eine kleine Strecke vor ihm her, als ſie plötzlich in den Thorweg eines Hauſes bogen. Sie werden da wohnen, dachte Zacharias und wollte eben vorübergehen, als er ein„Bſt!— Bſt!“ — vernahm. Er ſchaute um, und ſiehe die Damen ſtanden unter dem Thorbogen und die Aeltere winkte ihm. Klopfenden Herzens trat er näher. „Meine Tochter ſcheint Ihnen zu gefallen?“ frug darauf die Mutter leiſe den jungen Mann. „Ich kann nicht anders ſagen,“ entgegnete Za⸗ charias,—„als daß ich von ihr entzückt bin.“ 61 „Ja!“ entgegnete das Weib— oſie iſt ſchön und noch rein. Wenn Sie ſie haben wollen, iſt ſie für ſechs Carolin auf drei Nächte Ihnen. Ich ver⸗ ſichere Sie, es iſt dieß nicht zu viel; und hier der gewöhnliche Preis für ein unſchuldiges Mädchen. Auch hat mir erſt geſtern ein Engländer vier Carolin ge⸗ boten, ohne daß ich einwilligte.“ Zacharias war wie vom Donner gerührt; er blickte von der Rabenmutter auf das arme Kind, auf deſſen Züge die Natur den heiligen Stempel der Unſchuld gedrückt, und das jetzt verlegen und ängſtlich in einiger Entfernung ſtand und kaum die Thränen zurückhalten konnte. Aber die Alte ließ Hartmann keine Zeit zur Beſinnung zu kommen. „Nun, mein Herr?“— frug ſie—„Sie oder der Engländer?“ „Aber mein Gott!“. „Sie wiſſen unſere Wohnung nicht?“ ſiel die Alte ſchnell ein.„Ja, ja, ich weiß es, mein ſchöner Herr. Nehmen Euer Gnaden dieſen Zettel:„Kau⸗ finger⸗Straße Nr. 2400 über zwei Stiegen. Thüre vis-A vis der Stiegen.“ Und kommen Sie um acht Uhr, der Thee erwartet Sie.“ 62 Mit dieſen Worten verſchwand die Alte, ihre Tochter nach ſich ziehend, deren verhaltenes Schluch⸗ zen noch das Ohr des Jünglings traf, welcher, den kleinen Zettel in der Hand, bewegungslos daſtand.*) Zacharias war leichtſinnig genug, davon hatte er Proben abgelegt, und dachte namentlich im Punkte der Liebe nicht ſehr ſtreng. Aber hier!— hier! wo die eigne Mutter die Herzensreinheit, das ganze Lebensglück des eigenen, zarten Kindes für ſchnödes Geld feil bot und verkaufte; hier! wo eine Mutter die Seligkeit eines reinen Herzens lächelnd vernichtete und das eigne Kind in die Maulwurfshöhlen des Laſters ſtieß— hier! ſträubten ſich ſelbſt ihm die Haare zu Berge. Sein Kopf glühte, das Blut ſchoß ihm wild durch die Adern, er ſah das holde Mädchen in eines Wüſt⸗ lings Arme unbarmherzig geopfert— ſein ganzes Inneres ſchrie um Rache. Sollte er dem ſchändlichen Weibe folgen?— ſollte er die ganze Sache auf der Polizei anzeigen? ) Thatſache ohne Uebertreibung, wie faſt alle Einzelheiten des ganzen Buches. 63 — oder das Kind untergehen laſſen, wie ſo Viele untergegangen ſind? Er ſchwankte hin und her; entſchloß ſich bald zu dem Einen, bald zu dem Andern— da kam ihm plötzlich der Gedanke wie? wenn auch das Comö⸗ die geweſen wäre, um Dich zu fangen?— Bei dem „auch das“ dachte er unwillkürlich an Haubenhubers, und ſeine Stimmung ward immer wilder und finſterer. Er ging gerade an der„Michelſchen Weinhand⸗ lung“ vprüber, eines der wenigen Hüäuſer, in welchem man in München guten Wein bekommt.„Ja“— dachte er in ſeiner Aufregung—„Wein! Wein! um dieſe verfluchte Stimmung, die mir die ganze Welt zum Eckel macht, hinabzuſpülen.“ Er ging hinein— das freundliche„Babett⸗ chen“ reichte ihm den beſtellten Champagner. Wie er aber ein Glas nach dem andern raſch hinabſtürzte, änderte ſich ſeine Stimmung. Im Anfang entſchloß er ſich, der Rabenmutter ihren Frevel mit glühenden Farben vorzuhalten; dann lachte er wieder über die⸗ ſen Entſchluß, die Welt ſank im Champagnerdunſte tief unter ihn; es kam ihm Alles darauf jammer⸗ voll und erbärmlich vor. Ironie bemächtigte ſich 64 ſeiner, und er lachte über ſeine Bekehrungsideen, und rief:„Falle ſie, wie ſo tauſend Andere, was geht es mich an!“ Ach! er bemerkte nicht, daß der in dem Aerger und in der Aufregung hinabgeſtürzte Wein ihn be⸗ rauſchte. Als er die zweite Flaſche halb getrunken, war er ſeiner Sinne kaum mehr michtig, und nun fläm⸗ merte nur noch das Bild des ſchönen Mädchens vor ſeiner Seele. Alle Ideen verwiſchten ſich, während die einzigen Worte:„Kaufinger⸗Straße Nr. 2400 über zwei Stiegen“ noch in ſeinen Ohren gellten. Er nahm Hut und Stock und taumelte der ge⸗ nannten Wohnung zu, ohne eigentlich zu wiſſen, was er wollte.* Nur mit Mühe erfrug er ſich das Haus und mit Lebensgefahr erklomm er die zwei Stiegen. Die Alte empfing ihn freudeſtrahlend an der Thüre, entſchul⸗ digte ſich, daß ſie, die Frau eines Beamten, der jetzt gerade auf der Reiſe, zu ſolchen Geſchäften ihre Zu⸗ flucht nehmen müſſe; aber die Einnahme ſei doch gar zu klein, und wenn man einigermaßen anſtändig erſcheinen und hie und da eine Lebensfreude mitma⸗ chen wolle, ſo müſſe man eben zu ſolchen Mitteln — 65 ſeine Zuflucht nehmen. Uebrigens habe ſie bereits genug an ihre Kinder gehängt, ſo daß dieſe auch ein⸗ mal etwas für ihre Mutter thun könnten. Dies Alles brachte die Alte mit einer Zungen⸗ geläufigkeit vor, die Zacharias nicht zu Worte kom⸗ men ließ, der ohnedem nur halb hörte und nur zu einem Viertel wußte, was er wollte. Als aber die liebe Mutter obige Entſchuldigungs⸗ rede geendet, ging ſie nach der Nebenſtube und holte mit Gewalt das, bis auf's Hemd entkleidete Mädchen heraus,— das ſich vor Schaam und Angſt zitternd ſträubte. „Da iſt die dumme Gans!“ rief die Mutter roh, indem ſie die arme Kleine dem Gaſt zuſchleu⸗ derte,—„machen Sie nun mit ihr, was Sie wol⸗ len. Und ſollte ſie nicht gutwillig gehorchen, ſo rufen Sie nur, ich bin im Nebenzimmer, und will ſie ſchon nachgiebig machen.“ Das Kind aber war zu Hartmanns Füßen hin⸗ gefallen, und jammerte um Barmherzigkeit; indem es mit den Händen die ſchönen Schultern zu bedecken ſuchte, auf welchen man deutlich die Spuren friſcher Züchtigungen ſah. Commis Voyageur. II. S 66 Da endlich ermannte ſich Zacharias, ſprang wie wüthend auf, packte die Alte vor der Bruſt, ſchüt⸗ telte ſie und ließ nun eine ſolche Straſpredigt über ſie ergehen, daß die Alte im Anfange kaum ſelber mehr wußte, wo ſie war. Bald aber änderte ſich die Stene. Das Weib ſchrie wie beſeſſen um Hülfe, das Kind entfloh, und Leute— die jedoch Zacharias ſtürzten herein. nicht erkennen konnte Zacharias wollte ſich gegen dieſelben erklären; aber nun ſchrie die Alte: ſie kenne ihn nicht, es ſei ein weltfremder Menſch, der betrunken wäre, und ſie hier in ihrem eigenen Zimmer mit ungebührlichem Verlangen überfallen habe. Hartmann widerſprach; aber es war zu deutlich, daß er Wein im Kopfe hatte, und ehe er es ſich nur ver⸗ ſah, hatte Jeder einen Gegenſtand ergriffen und ſchlug nun aus Leibeskräften auf ihn ein. Glücklicherweiſe war er nahe bei der Thüre und entſchlüpfte ſo, nach⸗ dem er mehrere ſchmerzliche Hiebe erhalten, mit Le⸗ bensgefahr dem Zimmer. Wie er die dunklen Stiegen hinabgekommen, be⸗ griff er nie. Im Wirthshauſe angelangt, ſah er ſich indeſſen genöthigt, noch in der Nacht den Chirurgus kommen zu laſſen. 67 Es war dieß ein einſichtsvoller und wohlwollender Mann, zu dem Zacharias— der durch die Prügel wunderbarerweiſe wieder faſt ganz nüchtern geworden, — bald Zutrauen faßte. Er erklärte die Folge der Schläge wohl für ſchmerzlich, nicht aber für gefähr⸗ lich; dagegen drang er beharrlich in ſeinen Patienten, um von demſelben die Veranlaſſung des unglücklichen Zufalls in polizeilicher Rückſicht zu erfahren. Zacharias erzählte die reine Wahrheit und bat ſchließlich den Wundarzt: ſich wo möglich für das arme Mädchen zu verwenden; jedoch ohne polizeiliche Hülfe, weil ihm ſehr viel daran liege, daß die Sache, die gar leicht einer ſchlimmen Deutung fähig, nicht bekannt werde. Der Chirurgus hatte mit Aufmerkſamkeit und Theilnahme zugehört, und gab Hartmann ſein Ehren⸗ wort dahin: daß er Alles aufbieten werde, das un⸗ glückliche Kind zu retten; übrigens verſicherte er ſei⸗ nen Patienten, daß dieſer ſcheußliche Handel leider hier ſtark getrieben werde. Erſt nach Mitternacht ſchieden Beide, und Zacha⸗ rias verſprach: ſich bei ſeiner Zurückkunft über den Ausgang der Sache bei dem Wundarzte zu erkundigen. 5* 68 An Schlaf war übrigens für den jungen Reiſen⸗ den nicht zu denken, und unter Schmerzen nahm er ſich vor, künftig klüger zu ſein und nur vor ſeiner Thüre zu kehren. Für das Märtyrerthum und das Apoſtelamt fühlte er durchaus keinen Beruf mehr in ſich Zu der, mit Sophien verabredeten Zeit verließ er den kommenden Morgen München; nicht ohne phyſiſches und geiſtiges Unbehagen. Er mufßte ſich geſtehen, daß er ſich nach ſo vielen ungünſtigen Er⸗ fahrungen, darauf freute, endlich einmal wieder mit einem tugendhaften Frauenzimmer zuſammen zu kom⸗ men. In der That hatte aber auch auf der Reiſe ſein Glaube an Weibertugend ſehr gelitten, und er machte hier den Fehler, in den alle Reiſenden leicht verfallen:— er bedachte nicht, daß ja gerade die ſittſamen und tugendhaften Weſen den edlen Metallen gleichen, die im Verborgenen wachſen und blühen; während man das blinkende, aber werthloſe Katzen⸗ gold an jedem Wege findet. Freilich gibt es nur wenig Muſcheln, die Perlen in ſich ſchließen.— aber deſto größeren Werth haben dieſe auch— und ausgehen werden ſie nicht, ſo 69 lange die Wellen des Oceans an die Ufer der Feſte ſchlagen!——— 3 Freyſing war bald erreicht, und Sophie, trotz der nicht unbedeutenden Hitze in einen Mantel ge⸗ hüllt, empfing den alten Freund auf das Herzlichſte. Unbedeutende Dinge können Einen oft gewaltig geniren; ſo ging es Zacharias, als ſeine Freundin ſelbſt bei dem Frühſtücke, welches ſie gemeinſchaftlich — verſteht ſich auf Hartmanns Koſten— einnah⸗ men, jenen fatalen Mantel durchaus nicht ablegen wollte. Nach längeren vergeblichen Bitten fand er ſich endlich in die ſonderbare Laune. Man packte den Koffer der Dame auf, die Poſtpferde kamen und fort ging es, behaglich, wie mit allen bayeriſchen Ertra⸗ poſten und ſtoßend wie auf allen bayeriſchen Wegen. In Landshut kam man zum Mittageſſen an, und da Zacharias hier Geſchäfte hatte und deßhalb hier übernachten mußte, ſo antwortete er auf die Frage des Wirthes: „Befehlen Sie ein Zimmer mit einem oder mit zwei Betten?“ „Geben Sie mir für mich und meine Frau zwei aneinanderſtoßende Zimmer, jedes mit einem 70 Bett.“ In das Fremdenbuch aber ſchrieb er: Kauf⸗ mann Zacharias Hartmann nebſt Gattin von Frank⸗ furt am Main. Es war, wie er ſpäter erfahren mußte, ein hölliſcher Dämon, der ihm dieſe Worte dictirte. Auf dem Zimmer angekommen, wollte er einiger⸗ maßen Toilette machen, und bat auch Sophie ein Gleiches zu thun. Sie ſchien verlegen. Er ging in ſein Appartement, kehrte aber, da er ſeine Brieftaſche in Sophiens Zimmer hatte liegen laſſen, unerwartet ſchnell in dieſes zurück— ſiehe da ſtand Sophie ohne Mantel vor dem Spiegel— und— Jeder⸗ mann hätte in der That geſchworen es ſei Hartmanns junges Frauchen, denn ihr Leibchen war— rund und convex. Zacharias erſtarb das Wort auf der Zunge, das Mädchen aber warf ſich verſchämt an ſeinen Hals und weinte. Nach einigen Minuten ſtummen Staunens, hob Zacharias das Köpfchen der ſchönen Sünderin ſanft in die Höhe und bemühte ſich dieſelbe zu tröſten. „Was werden Sie von mir denken?“ lispelte Sophie, das Geſicht unter dem Schnupftuche bergend. 71 „Mein Gott!“— entgegnete der junge Mann —„ich habe wahrlich nicht das Recht den Stab in dieſer Beziehung über Jemanden zu brechen.“ „Ich habe ſchwer gefehlt und büße ſchwer«— fuhr Sophie fort,—„aber wiſſen Sie auch, daß Sie die erſte Veranlaſſung dazu ſind.“ „Ich?!“— rief Zacharias erſtaunt.„Wahr⸗ haftig das wäre mir doppelt leid: die Veranlaſſung zu Ihrem Unglück gegeben zu haben, ohne die ſüße Schuld zu theilen.“ „Ich hing mit treuer, reiner Liebe an Ihnen. Sie verließen und vergaßen mich dennoch,“— ſagte wehmüthig das Mädchen,—„als daher ſpäter ein Anderer ſich mir näherte, glaubte ich ihn durch größere Nachgiebigkeit feſſeln und binden zu können. Jetzt habe ich die traurigen Folgen meines Irrthums zu beweinen.“ „Beſte Sophie!“— rief hier Zacharias, den die Täuſchung rückſichtlich der Tugendhaftigkeit ſeiner früheren Geliebten, gar nicht unangenehm berührte —„grämen Sie ſich nicht länger. Was einmal geſchehen, iſt nicht mehr zu ändern, und der Kluge zieht aus jeder Lage ſeinen Nutzen. Ich denke unter 72 dieſen Umſtänden können wir die jungen Eheleute deſto beſſer und natürlicher ſpielen.“ Sophie hielt hier ihrem fingirten Gatten den Mund zu, und gab vor der Hand in Nichts nach, als in der Bitte gegenſeitig„Du“ zu ſagen, damit man wenigſtens die Welt nicht irre mache. Nach Tiſche ging Zacharias ſeinen Geſchäften nach, während es ſich die Wirthin zur Aufgabe machte, das hübſche junge Frauchen zu unterhalten. Der Abend erregte unter den jungen Eheleuten einige Strei⸗ tigkeiten; die Nacht aber brachte wieder Verſöhnung, und nun hatte ſich mit einemmale für Sophie und Zacharias ein Himmel eröffnet. Fühlten doch beide zum erſtenmale das unaus⸗ ſprechliche Glück, eines ehelichen Lebens. Jenes häus⸗ lichen, heimlichen und immerwährenden Zuſammenſeins; jenes ſich ſo ganz einander gehören in jeder Lage und in jedem Momente, das eine ſo zauberiſche Ver⸗ traulich⸗ und Gemüthlichkeit herbeiführt. Sie gewahr⸗ ten, daß nichts dieſem ſicheren und nicht zu beſchrei⸗ benden Glücke gleicht, und waren ſo klug, ſich mit einer ſolchen Selbſttäuſchung zu umgeben, daß ſie wahrhaftig am Ende ſelbſt glaubten, ſie ſeien Mann und Frau. 73 So reisten ſie mit der größten Gemächlichkeit über Oſterhofen und Vilshofen an den romantiſchen Ufern der Donau hin, dem ſchönen Paſſau zu, von wo aus Zacharias über Deggendorf, Regensburg und Neuſtadt wieder nach München zurückgehen wollte; während Sophie auf der Donau nach Linz und Wien zu reiſen beabſichtigte. Aber es war Beiden unmög⸗ lich ſich hier ſchon zu trennen, und ſo kamen ſie überein, daß Sophie ihren Freund noch bis Regens⸗ burg begleiten ſolle. Und konnte es denn für Zacharias ein herrlicheres Leben geben?— Bald ſchlenderte er Arm in Arm, mit ſeinem ſchwangeren Weibchen an den maleriſchen Ufern der Donau dahin, die in der Gegend von Regensburg bis Paſſau dem Rheine an Schönheit wenig nachgibt; bald ſaßen ſie traulich im Wagen nebeneinander und Sophie ſang dem Gatten liebliche Liedchen von„der Donau reizenden Thälern“ vor. Oder auch— ſie kamen ermüdet an, und machten es ſich auf ihrem Zimmer,— denn ſie nahmen jetzt immer nur eins— bequem. Dann ſtanden wohl die Fenſter offen, die Kühlung des Abends einzulaſſen, während Zacharias in Schlafrock und Pantoffeln auf 74 dem Sopha ſaß, und Sophie im weißen Unterkleide und Corſette auf ſeinem Schooße. Und dann das Entkleiden, wo Eins dem Andern freundlich half— und das Erwachen, Arm in Arm und Wange an Wange. Und faſt jeden Tag eine andere Gegend und eine andere Stadt, und ſtets die artige Bedie⸗ nung und das gute Eſſen und Trinken. O!— im Schlaraffenland muß es wohl lauter junge Pärchen geben, die miteinander reiſen So ward denn auch Regensburg nur zu ſchnell erreicht und nun mußte man ſich trennen. Aber wel⸗ cher Schmerz!— Seit dem Abſchied von Clariſſen hatte Zacharias keinen ſolchen mehr erlebt. Band ihn doch an Sophie nicht allein die Sinnlichkeit; ſondern in der That ein wahrhaftes und zärtliches Intereſſe, welches das längere Zuſammenleben mit ihr hervorgerufen. Beide trennten ſich unter heißen Thrä⸗ nen, nachdem Zacharias vorher ſein liebes Weibchen mit den koſtbarſten Geſchenken überdeckt hatte. „Ach!“— rief Hartmann als er allein war— „wie ſchön war dieſer Traum;— wie göttlich ſchön muß es aber erſt ſein, wenn man mit reinem Herzen und gutem Gewiſſen ein liebes Weſen als Gattin in — 75 die Arme ſchließt. Wie gerne würde ich ſchon jetzt das wilde, finnliche Reiſeleben, gegen den Himmel einer glücklichen Häuslichkeit, vertauſchen!“ Ueberhaupt hatte dieß kurze und freundliche Zu⸗ ſammenleben mit einem lieben Weſen, Zacharias Hang zu einer gemüthlichen Häuslichkeit wunderbar ent⸗ wickelt; ja er fühlte das Bedürfniß, die Sehnſucht, eine ſolche bald zu gründen. Dies Bedürfniß trat aber in ihm um ſo klarer und lebhafter hervor, als er nachgerade der leichtſinnigen Streiche ſatt wurde. Fühlte er doch, daß ihm dies Leben, ſo ſehr es auf der einen Seite ſeiner Sinnlichkeit ſchmeichelte, nicht genügen könne; indem alle dieſe Genüſſe erſtürmt und mit Gewiſſensbiſſen und Reue bezahlt werden mußten, ohne ein wahres und dauerndes Glück ge⸗ währen zu können. Keinem Zweifel unterlag es ferner, daß ihm mit der Zeit, und wenn erſt der Reiz der Neuheit abgeſtreift, die Freuden der Reiſe widerlich werden dürften, während ſich die Schattenſeiten immer mehr und mehr herauszukehren drohten. Und wie viele Schattenſeiten hat in der That das Geſchäftsreiſen, ſobald die erſte Begeiſterung für daſſelbe ſchwindet. Dies Fahren Tag und Nacht, 76 dieſer ewige Wechſel der Wohnung, der Betten, der Speiſen und Getränke, die alle oft genug ſchlecht und theuer find. Und dann die ewige Haſt, um den Concurrenten vorzukommen, und die Sorge an keinen ſchlechten Mann zu verkaufen, und die Vorwürfe von dem Hauſe, wenn unglücklicherweiſe einer der Kunden fallirt, die Naſen und Rüffel und ach! ſo tauſend Dinge mehr. Kurz, wer nur einen Funken von Gemüthlichkeit und Sinn für häusliches Glück in ſich trägt, dem muß dies Leben auf den Landſtraßen bald zum Ekel werden. So ging es denn auch jetzt ſchon bei dem jungen Hartmann, bei welchem, wie wir wiſſen, neben be⸗ deutendem Leichtſinn dennoch ein gefühlvolles und gutes Herz, und bei aller Sinnlichkeit, doch auch Sinn für das Edle und Schöne in dieſem Leben zu finden war. Dabei brach die ächte und wahre Liebe bei ihm immer mehr durch, und drückte, wie die leuchtende Sonne, die düſteren irdiſchen Nebel mäch⸗ tig zu Boden. Glänzte ſie aber auch jetzt noch nicht in ihrem vollen Lichte, ſo mußte ſie doch bald völlig ſiegen. 77 Ueber dies Alles dachte Zacharias nach, als ihn Sophie verlaſſen, und kam endlich mit ſich dahin überein: daß er ſobald als möglich heirathen wolle. Schnitt er damit doch auf einmal alle die Verſuchun⸗ gen ab, welchen er— er war ehrlich genug es zu⸗ zugeben— nicht widerſtehen konnte. Nun kam aber die zweite Frage, an die er nicht ohne Herzklopfen dachte: Wen ſollte er heirathen? — Clariſſe oder Veronika? Ließ er ſich in eine Unterſuchung über den Werth beider Mädchen ein, ſo war kein Zweifel: Clariſſe trug den Sieg davon. Aber Veronika war üppiger, reizender, lebhafter— ſie kam ihm wie eine Huri aus dem Paradieſe Mahomeds vor, die ſich in leiden⸗ frlicher Gluth und doch in ſüßer Unterwürfigkeit an ihren Herrn ſchmiegt; während Clariſſe mehr wie eine Königin der Schönheit und Tugend daſtand, der man ſich, ſo liebevoll und ſanft ſie ſich herab⸗ neigt, doch nur mit Ehrfurcht und ſtiller Anbetung zu nahen wagt. Die Armuth der Letzteren würde ihn perſönlich nicht be ühret haben, ſo wenig als Reichthum ihn für die Erſtere beſtimmte. Indeſſen war vorauszu⸗ 3 —— 28 ſehen— und dieß war der gewichtigſte Stein des Anſtoßes— daß ſeine Eltern nie ihre Einwilligung zu einer Verbindung mit Clariſſen geben würden. Ohne deren Einwilligung aber konnte er keine Ehe eingehen, und heirathen wollte er doch. Er kämpfte Tag und Nacht und während des ganzen Weges von Regensburg bis München einen ſchweren Kampf, der ihn unausſprechlich beängſtigte und quälte. Denn gerade dieſer Kampf zeigte ihm wie tief und wahr er Clariſſe liebe, wie ſich ſchon bei dem Gedanken an ſie alles Edlere in ihm rege. Und doch waren keine Hoffnungen da, ſie je zu er⸗ langen— und auf der andern Seite heiße Schwüre und Verſprechungen ſie nie zu verlaſſen. Und wußte er nicht,— was das Schlimmſte war,— daß unbedingt das Lebensglück des guten Kindes du ſeine Untreue zerſtören würde? In der größten Unbehaglichkeit und Aufregung kam er ſo nach München zurück, wo ſeine letzte Hoff⸗ nung auf einen Brief ſeines Vaters gerichtet war, der den Ausſchlag geben ſollte, und deſſen Rath un⸗ bedingt zu befolgen er ſich vorgenommen hatte. Schon beim Ausſteigen aus dem Wagen frug er —h —.——— 29 daher nach dieſer Depeſche: ſie war angekommen und bald in ſeinen Händen. Zitternd vor Erregung und Erwartung riß er das Cvuvert auf, der alte Hart⸗ mann ſchrieb wie folgt: Frankfurt a. M., den 30. Auguſt 1843. Lieber Sohn! Im Beſitz Deines Werthen vom 20. dieſes aus München, beeile mich, Dir meinen Rath über Deine diverſen Fragen zu ertheilen. Die alte Liebelei mit Clariſſe, von der ich längſt wußte, ſchlage Dir als vernünftiger Menſch aus dem Kopf. Ein guter Kaufmann hat immer ſeinen Vor⸗ theil im Auge und macht mit ſeinem Verſtande nie bankerott. Der Schornſtein will einmal rauchen und dazu braucht man Geld. Clariſſe hat nichts und iſt darum keine Partie für Dich. Gefreut hat mich dagegen der Avis von Deiner Bekanntſchaft mit Fräulein Haubenhuber. Ihr Vater iſt, ſo viel man weiß, reich und genießt, wie ich mich erkundigt, einen anſehnlichen Credit. Freilich ſind acht Töchter da— allein in der Freude über die erſte Verheirathung, kann man den Alten viel⸗ leicht ein wenig überrumpeln und beſonders gute Ehe⸗ bedingungen machen. Indeſſen iſt Vorſicht die erſte Tugend eines Kaufmannes. Und ſo darfſſt Du in keinem Falle um die Hand Veronikas anhalten, ehe Du meinen zweiten Brief in München erhalten haſt, der jedoch nicht auf ſich warten laſſen ſoll. Da Haubenhuber jedenfalls doch gerade nicht Prima Qualität, ſo habe ich, ſtets Dein Glück im Auge, an diverſe Freunde um Auskunft über ihn geſchrieben. Nichts deſtoweniger ſei unterdeſſen nicht flau, präſentire Dich, und ſtelle Dich ſo, daß man Dich— kommt meine Einwilli⸗ gung— prima vista acceptirt. Verputze außerdem nicht zu viel Geld und em⸗ pfange den Gruß Deines Vaters H. C. Hartmann. Somit war denn der Streit entſchieden, und Za⸗ charias beſchloß, nun auch als guter Sohn zu han⸗ deln,— und ſo ſchwer es ihm auch würde— nicht mehr an Elariſſe zu denken. 81 Sein erſter Gang war nun zu Haubenhubers, die ihn, wie natürlich, mit der größten Freude em⸗ pfingen, und um ſeinetwillen ein großes Feſt ver⸗ anſtalteten. Er ward auf den kommenden Tag zu Conzert und Vall eingeladen. Kaum konnte der junge Mann die Stunde er⸗ warten, in welcher er ſeine Zukünftige wieder ſehen ſollte. Seine Phantaſie zeigte ſie ihm ſchon in dem geſchmackvollſten Ballſtaate, im raſchen Walzer ſich wiegend in ſeinen Armen, oder, umrauſcht von don⸗ nerndem Applaus, an dem Flügel. Aber dieſe angenehmen Träume unterbrach die Sorge über den verdammten Schneider, der noch immer mit dem neuen Frack auf ſich warten ließ. Endlich klopfte es.„Herein!“ rief Zacharias ungeduldig; aber ſtatt dem Schneider trat jener ält⸗ liche Reiſende in das Zimmer, an welchen ſich der junge Hartmann in Stuttgart und Ehningen ſo enge angeſchloſſen, da er in ihm einen ſoliden und gebil⸗ deten Mann und das Muſter eines Geſchäſtsreiſenden erkannt. Zu jeder andern Stunde wäre ihm der Mann willkommen geweſen, jetzt peinigte ihn ſein Beſuch; Commis Voyageur. II. 6 82 doch hatte Zacharias Bildung genug, ihn nichts merken zu laſſen. „Ich las in der Fremdenanzeige, daß Sie wieder hier ſind,“— fieng Jener darauf an—„und wollte mir daher das Vergnügen machen, mich Ihrer Frau Gemahlin vorzuftellen.“ „Wem?“ rief Zacharias verwundert. „Nun, Ihrer Frau!“ wiederholte Jener. „Da kommen Sie noch zu frühe, mein Beſter,“ — lachte Hartmann—„noch bin ich ledig.“ „Sie ſcherzen. Ich las ja auf der ganzen Tour von hier nach Paſſau, die ich gleich nach Ihnen machte, in allen Fremdenbüchern: Herr Hartmann nebſt Gattin und erfuhr, daß Sie mit Ihrem Weib⸗ chen, die ſogar guter Hoffnung ſein ſoll, in Landshut, Vilshofen und Paſſau logirt.“ Zacharias ward bei dieſen Worten roth bis über die Ohren. „So?“ rief Jener lachend und drohte mit dem Finger—„ich hab' mir's halb gedacht. Nun ich bin kein Philiſter, der ſeine Jugend vergeſſen hat, und will über den loſen Streich nichts ſagen, als daß Sie entſetzlich unvorſichtig ſind. Ich wünſche, * 83 daß Sie keine übeln Folgen treffen mögen, und rathe Ihnen nur, wenn Sie ſich wirklich verheirathen, nicht allenfalls denſelben Weg mit Ihrer legitimen Frau einzuſchlagen; damit es Ihnen nicht wie jenem Rei⸗ ſenden gehe, dem der Wirth in Baſel, als Jener ihm ſeine wirklich junge Frau vorſtellte, ſagte: dieß⸗ mal laſſe ich mich nicht anführen; das iſt mun die Vierte die Sie als Frau mitbringen und nach drei Tagen als Mädchen fortjagen.“ Zacharias fielen dieſe Worte ſchwer auf das Herz; wie leicht konnte außerdem die Sache durch Reiſende ausgeplaudert werden. Zu ſeiner Entſchuldigung er⸗ zählte er dem Freunde die Geſchichte. Es war ihm indeſſen unmöglich ſeine Unruhe über das Ausbleiben des Schneiders zu verbergen, und als Jener ſie be⸗ merkte und ihn darum fragte, geſtand er die Urſache ganz offen. „Sonderbar!“ entgegnete der Aeltere—„Ihre Lage erinnert mich an einen ähnlichen Fall, der einem Bekannten von mir begegnet, und deſſen Erzählung für Sie vielleicht von Intereſſe ſein wird— jeden⸗ falls zügelt es Ihren Unmuth, der den armen Schneider mit einem Donnerwetter bedroht.“ 6* 84 „Jener Freund, von dem ich ſprechen will, war aus dem Geſchlecht des Narciſſus, d. h. einer von den Männern, die man nicht nur ihres zarten Aeuſ⸗ ſern, ſondern auch ihrer Eitelkeit wegen für Mädchen zu halten verſucht iſt. Er war ſchön, liebte aber über alle Begriffe den Putz und führte auf ſeiner Reiſe beſtändig drei mächtige Koffer voll Kleidungs⸗ ſtücke— alle natürlich nach der neueſten Mode— mit ſich. Als ich einſt bei dem Auspacken derſelben zu⸗ gegen war, zählte ich, der Merkwürdigkeit halber, ſeine Halsbinden; es waren nicht mehr als vierundfünfzig, ſage: vierundfünfzig Stück.“ „Wer nur an Kleider denkt, und nichts Höheres als einen ſchönen Pariſerrock kennt, kann nun zwar freilich keinen Verſtand haben; aber Sie kennen ja das Stammbuchverschen: O Juͤngling fliech der Weisheit Bahn, Die Eſel ſind am beſten d'ran! „Es bewährte ſich bei unſerem Freunde, indem ſich in Berlin ein ſehr hübſches und reiches Mädchen auf einem Balle dermaßen in ihn verliebte, daß ſie ihre Leidenſchaft ihrem Vater geſtand und denſelben bat, ihr Lebensglück durch eine Verfnigung mit dieſem jungen Manne zu gründen. Da Freund Alphons von guter Familie und nicht ganz ohne Vermögen war, auch in gutem Rufe ſtand, hatte der Vater nichts gegen die Bitte des einzigen Kindes, nur wollte er den jungen Mann zuvor ſelbſt kennen lernen. Alphons ward daher zu einer Soirce in jenem Hauſe eingeladen.“ „Der Abend mußte entſcheidend für ſein Leben werden. Gefiel er, ſo war tines der ſchönſten und reichſten Mädchen Berlins ſein— wo nicht— ſo mußte er halt mit einer lungen Naſe abziehen und vor wie nach für Handelshäuſer reiſen.“ „Alphons begriff dieß auch vollkommen, lief daher ſpornſtraks zum erſten Schneider dorten und beſtellte ſich einen Frack nach der neueſten Mode, ſo koſtbar als möglich. Hätte der Schneißer die Gabe des Vorausſehens gehabt und ihm ein Kleid nach der Mode machen können, die— noch nicht erfunden— bevorſtand, er hätte ihn, glaube ich, doppelt bezahlt.“ „Auch ich war als alter Bekannter in jenem Hauſe zu der Soirce eingeladen und hatte daher Al⸗ phons verſprochen: ihn abzuholen. Als Tag und Stunde herbeikamen, begab ich mich etwas frühe zu ihm, da ich wußte, daß er ſich gewöhnlich bei der Toilette vergaß und verſpätete. 86 „Richtig fand ich ihn in doppelter Aufregung. Einerſeits ſollte bald die Stunde der Entſcheidung ſchlagen, andererſeits war er in wahrer Verzweiflung über den Schneider, der ihn auf den neuen koſtbaren Frack warten ließ. Dreimal hatte er ſchon hingeſchickt, dreimal hieß es:„Sogleich!“ „Fertig— bis auf jenen unglückſeligen Rock— ging er in Hemdärmeln und mit großen Schritten im Zimmer auf und ab, und zählte die Minuten, die hoffnungslos verſtrichen. Ich ſuchte ihn zu be⸗ ruhigen,— er nannte mich gleichgültig für ſein Glück.— Ich nahm die Sache von der komiſchen Seite— er ſchalt mich ſchadenfroh. So verging eine Viertelſtunde nach der andern— der Frack kam nicht. Alphons ward todenbleich. Bald rannte er zum Fenſter und ſchaute, trotz der Nacht, hinaus, als wolle er den Schneider herbeiſehen; bald zog er die Uhr; jetzt ſetzte er ſich und dann lief er wieder wie beſeſſen im Zimmer auf und ab.“ „Der Wagen, der uns abholen ſollte, wartete bereits eine Stunde, und ich ſah ſelbſt ein, daß es die höchſte Zeit ſei, uns in die Geſellſchaft zu begeben, wollten wir nicht durch unſer Zögern beleidigen.“ 87 „In dem ſanfteſten und freundſchaftlichſten Tone machte ich Alphons hierauf aufmerkſam, und rieth ihm, einen von ſeinen zwei noch ganz neuen und mo⸗ dernen Fracks,— gegen die mein Eigener ausſah, als kime er aus Adams Auctivn,— anzuziehen. Aber nein!— das war nicht möglich—„„lieber Alles aufgeben!““— rief er—„„als ſich in einem ſolch altmodiſchen Ding lächerlich machen.““ „Noch eine Viertelſtunde verſtrich— endlich! endlich! kam der Schneider.“ „Der Frack wird aus dem Tuche geſchlagen. Vier Kellner mit Wachskerzen leuchten. Alphons ſchlupft ſprachlos vor Freude, Aerger und Erwartung— hinein, tritt vor den Spiegel und—— ein angſt⸗ voller, verzweifelter Schrei entfährt ſeiner Bruſt— der Frack ſpannt auf der einen Seite und ſchlägt auf der anderen kleine Falten.“ „Freilich iſt Beides ſo unbedeutend, daß man es kaum ſieht, dem Unglücklichen aber ſcheint es ein Majeſtätsverbrechen. Bleich und athemlos, die Arme matt niederhängend, ſteht er da, unentſchloſſen was zu thun.“ „Da faſſe ich mich kurz, nehme ihn beim Arm, —— ———— —— ————— 8 nöthige ihm Hut und Handſchuhe auf und ziehe ihn in den Wagen.“ „Wir kommen ſo ſpät, daß bei unſerem Erſcheinen ſchon eine ungünſtige Stimmung herrſcht. Alphons blaß, verwirrt und unbehaglich, verfolgt von dem Gedanken: Jedermann ſähe ſeinem Frack die Fehler an, iſt bei der Vorſtellung und den ganzen Abend linkiſch und zerſtreut. Dem Vater antwortet er ver⸗ kehrt, die Mutter überſieht er faſt ganz, und zu der Tochter tritt er kaum, immer in der Meinung lächer⸗ lich dazuſtehen.“ „Ich warne, ich bitte, er wird nur verlegener— und wie man einen wichtigen Brief, bei dem man ſich vornimmt: ihn recht ſchön zu ſchreiben, ge⸗ wöhnlich aus Angſt recht ſchlecht und kraklich ſchreibt, ſo ging es hier Alphons mit der Liebenswürdigkeit — ich hatte ihn nie bald ſo übertrieben, bald ſo ſteif und langweilig geſehen.“ „Nach zwei Stunden zieht ſich das Mädchen auf das Höchſte indignirt zurück, und Vater und Mutter kehrten ihm den Rücken.— Es war geſchehen!— Auch er verläßt unbemerkt, verzweifelnd und außer ſich vor Schaam das Haus— und als ich ihn ſpäter 89 aufſuche— fand ich ihn weinend auf dem Sopha, — den koſtbaren, unmenſchlich theuren Frack aber in zwei Stücke faſt durch und durch geriſſen am Boden. Mit der Heirath war es Nichts und er reist noch zur Stunde wie Sie und ich.“ „Dieß die Geſchichte von einem Frack, und die Folgen unmännlicher Putzſucht und Eitelkeit. Sie wiſſen, daß ich dies Alles ohne Beziehung auf Sie geſagt, da Ihnen dieſe Fehler nicht eigen. Indeſſen werden Sie Gelegenheit haben, manchen derartigen „Alphons“ unter den Reiſenden zu finden.“ Zacharias ging es, Gott ſei Denk! beſſer. Der Frack kam bald nach Beendigung der Erzählung; und lag wie angegoſſen. Die Freunde aber trennten ſich unter dem Verſprechen: ſich morgen wiederzuſehen, und Zacharias fuhr zu Haubenhubers. Die Geſellſchaft war eine glänzende. Kaufleute erſten Rangs, Civil⸗ und Militär⸗ Angeſtellte, Bürgerliche und Adelige fanden ſich in Menge ein, und wogten in buntem Gemiſch durch die Zimmer und den Salon. Die ganze Wohnung aber war auf das Herrlichſte ausgeſtattet, wobei Za⸗ charias eine Menge eleganter und moderner Möbel 90 auffielen, die er ebenſowenig noch bei Haubenhubers geſehen, als die Maſſe von Silbergeſchirren und ſil⸗ bernen Leuchtern, die ihm von allen Seiten entgegen⸗ blitzten. Indeſſen überzeugte ihn dieß immer mehr von des alten Haubenhubers gediegenem Reichthum, und befeſtigte in ihm den Entſchluß: deſſen Schwie⸗ gerſohn unter jeder Bedingung zu werden. Hat doch der Gedanke: ſo recht reich zu ſein und glänzen zu können, für jeden Menſchen etwas unendlich Verfüh⸗ reriſches. Von ſelbſt verſteht es ſich, daß Madame Hauben⸗ huber nebſt ihren fünf Heirathsfähigen, Alles an Glanz überſtrahlten, und doch wieder von Vero⸗ nika überſtrahlt wurden, die heute wirklich wie eine Cleopatra ausſah. Das Venehmen der Gäſte war übrigens,— und nur mit Ausnahme einiger Wenigen,— ledern und eckig; denn der Münchener, weß Standes er auch ſei, findet ſich nur auf ſeinem Bierkeller behaglich, wo er ſich gehen laſſen und mit Bequemlichkeit ſein Seidel trinken kann. Alle Welt langweilte ſich wäh⸗ rend dem muſikaliſchen Theile der Soirce, in welchem Veronika viermal ſang, Nanchen dreimal Solo tanzte, 91 und Regina eine Vorleſung über Paul Rembrandt van Ryns Werke vorlas, über welchen faſt die ganze Geſellſchaft, mit Ausnahme der entzückten Ael⸗ tern, einſchlief. Demohnerachtet wurde nach jeder äſthetiſchen Lie⸗ ferung applaudirt; was man gewiſſermaßen in Geſell⸗ ſchaften der Art als Vorauszahlung für die zu genießenden Speiſen und die Ehre für die Einladung anſieht. Erſt als ſich eine Flügelthüre öffnete und dem Publikum die Ausſicht auf das gelobte Land— d. h. auf die wohlbeſetzte Tafel— wurde, ſenkte ſich der heilige Geiſt der Freude hernieder und die Geſellſchaft ward lebendig. Nach dem Nachteſſen gingen die Jungen an das Tanzen, die alten Damen an's Spielen und die Män⸗ ner an's Saufen. Von Letztern ward Haubenhuber vergöttert, weil er ſo aufmerkſam geweſen, für ſie in einem Nebenzimmer Bier und Tabak bereit zu halten. Ach! ohne Bier gibt es ja für einen Bayern keine Freude, und er läßt den beſten Wein für ſein Salvator⸗, Bock⸗ und Braunes⸗Bier freudig ſtehen; — Haubenhuber machte aber hier doppelt gern den Galanten, da er noch bedeutend dabei an Wein ſparte. 92 Wie ſich von ſelbſt verſteht, tanzte Zacharias wie raſend; hatte er doch ſchon an der Mutter und den fünf Töchtern— die alle durchgetanzt werden muß⸗ ten— ein gehöriges Penſum zu löſen. Als dieß überſtanden, widmete er Herz und Füße nur ſeiner Göttin. Aber über Veronikas Weſen ſchien heute eine eigne Art Trübſinn oder Wehmuth oder inner⸗ liche Verzweiflung gegoſſen zu ſein, aus der Zacha⸗ rias nicht recht klug werden konnte. Dabei wurde ſeine Schöne dieſen Abend auf die ſonderbarſte und auffallendſte Weiſe beſtändig von einem alten, abſcheu⸗ lichen Herrn verfolgt, deſſen rothes Bacchantengeſicht unaufhörlich dumm lächelte, und der ihr par force die Cvur ſchnitt. Zacharias war über den Nebenbuhler, von dem ——— er nie ein Sterbenswörtchen gehört, ſehr überraſcht. Faſt verdroſſen frug er daher Veronika: Wer der zudringliche Menſch denn ſei?— dieſe aber blickte nur verzweifelt zum Himmel, ſeufzte und ſagte:„Er wird mein Mörder, wenn Sie mich nicht befreien.“ „Ihr Mörder!“— ſtotterte Zacharias überraſcht und verwundert—„Erklären Sie ſich näher, mein Engel!“ 93 „Nicht hier“— entgegnete das Mädchen— „man könnte uns hören. Schleichen Sie ſich aber unbemerkt hinweg. Am Ende des Corridors werden Sie eine Thüre finden, die gewöhnlich verſchloſſen iſt und in einen andern Theil unſeres Hauſes führt. Heffnen Sie dieſelbe mit dieſem Schlüſſel und erwar⸗ ten Sie mich in dem Zimmer. Es handelt ſich um mein ganzes irdiſches Glück, ja um mein Leben.“ Mit dieſen Worten drückte ihm Veronika den Schlüſſel in die Hand und miſchte ſich dann raſch unter die Gäſte. Wer liebt in ſeiner Jugend nicht Abenteuer? wen freute nicht ein heimliches Rendezvous? Wel⸗ cher Liebhaber wäre nicht bereit, für ſeine Dame den Hals zu brechen, handelte es ſich davon ſie ritterlich aus einer Gefahr zu befreien? Zacharias verſchwand, ehe man es ſich verſah, und gelangte unbemerkt in das beſchriebene Zimmer. Es war nur matt durch ein Licht erleuchtet und elend möblirt. Ein ſchlechtes Bett und ein alter Tiſch wa⸗ ren, nebſt einem zerbrochenen Stuhle, ſeine ganze Zierde. Es wird das Bedientenzimmer ſein, dachte Hartmann, aber einem Verliebten wird ja der elen⸗ 94 deſte Raum, wenn ihn nur die Gegenwart der An⸗ gebeteten heiligt, zu Neros goldenem Hauſe— ver⸗ ſteht ſich von ſelbſt— vor der Heirath. Veronika ließ nicht lange warten. Einen Shwal übergeworfen, ſchlüpfte ſie herein und lag ſchluchzend in Zacharias Armen. Wie aber ſtaunte dieſer, als er nun erfuhr wäh⸗ rend ſeiner Abweſenheit ſei jener rothnaſige, aber ſehr reiche Gutsbeſitzer in ihrem Hauſe eingeführt worden, habe ſich in ſie verliebt und auch ſchon um ſie an⸗ gehalten. Der Vater ſei über den ehrenvollen An⸗ trag entzückt, und obgleich ſie ihn beſchworen: ſie durch keine eheliche Verbindung mit dem alten und albernen Manne auf ewig unglücklich zu machen, ſei er doch entſchloſſen, demſelben ſchon übermorgen ſein Jawort zu geben. Thränen erſtickten hier die Stimme des Mädchens, während Zacharias außer ſich vor Ueberraſchung, In⸗ dignation, Eiferſucht und Liebe, bald den Rothna⸗ ſigen herausfordern wollte, bald auf den alten grau⸗ ſamen Haubenhuber ſchimpfte, und dann wieder Ve⸗ ronika, unter den Betheurungen ſeiner Liebe und Treue zu tröſten ſuchte. ———— 95 Dieſe kam aber ſo lange wieder unter Thränen darauf zurück, daß ſie übermorgen unfehlbar an Za⸗ charias ſchrecklichen Nebenbuhler verhandelt werde, und dann unrettbar verloren ſei— bis Zacharias im heiligen Eifer der Liebe und gedrängt von ritter⸗ lichen Gefühlen ihr verſprach; ſelbſt übermorgen förm⸗ lich um ſie anzuhalten. Da folgte plötzlich auf Regen Sonnenſchein und Veronika hing lang entzückt und ſelig an des Ge⸗ liebten Hals. Indeſſen war es Zeit geworden, zu dem Feſte zurückzukehren, ſollte die Abweſenheit der Liebenden nicht bemerkt werden. Da ſich aber Hartmann in ſeiner Aufregung unfähig fühlte, dem läſtigen Nebenbuhler ruhig entgegen zu treten, zog er es vor, die Geſell⸗ ſchaft ganz zu verlaſſen und Veronika führte ihn auf ſeine Bitten über eine geheime Treppe nach dem Hofe. Nur ſchwer vermochten Beide ſich zu trennen, was indeſſen endlich unter Schwüren und Küſſen dennoch geſchah. Aber wie hätte Zacharias nach einem ſolchen Abend ſchlafen können? wie wäre es ihm möglich geweſen, ſeine leidenſchaftliche Aufregung zu beſchwichtigen Gegen eine Verbindung mit Clariſſen hatte ſich ſein Vater ein für allemal entſchieden erklärt und nun ſollte er am Ende auch Veronika verlieren?! Und doch hatte auf der einen Seite ſein Vater jedes definitive Auftreten bis auf nähere Anzeige von ihm verboten;— während auf der anderen, blieb er unthätig, der alte Haubenhuber das arme Kind dem verteufelten Gutsbeſitzer zuſagte. Was war zu machen?— Aber halt!— Hart⸗ manns Vater ſchwankte ja nur einzig noch, weil er ſich von Haubenhubers Reichthum überzeugen wollte! — und hatte das der Sohn nicht gethan? Mufßte ein Mann, der jederzeit mit ſeiner großen Familie Alles mitmachte, der ſolche prächtige Soirces gab, und bei denſelben einen ſolchen Lurus an Möbeln und Silberzeug entwickelte, nicht reich, ſehr reich ſein? Warum alſo die übertriebene Vorſicht?!— Hart⸗ mann war entſchloſſen, den kommenden Tag um Ve⸗ ronika anzuhalten. Unter welchen herrlichen Gedanken wälzte er ſich nun im Bette ſchlaflos herum; wie zählte er mit Herzklopfen die Augenblicke der langſam dahinſchlei⸗ chenden Zeit. Es wollte nicht hell werden. Endlich! 8 kam der Morgen. Er ſprang mit gleichen Füßen aus dem Bette, lärmte die Kellner(die keine Werbung heute vorhatten und daher noch gern ein Stündchen geſchlafen hätten) wach, und begehrte das Frühſtück. Als er Toilette gemacht und ſchon in den Frack geſchlüpft, ſchlug es gerade acht Uhr. Das war nun freilich noch ſehr früh, um einen ſo wichtigen Beſuch zu machen, zumal nach einem Balle; aber Zacharias war in ſolch' leidenſchaftlicher Erregung, daß er nicht im Stande war, es länger in dem Zuſtande aus⸗ zuhalten. Er wollte Entſcheidung, und hoffte, daß man ſeiner Liebe den ganz übermäßigen Eifer ver⸗ geben, ja aus demſelben auf die Größe ſeiner Nei⸗ gung ſchließen würde. Kurz er lief ſpornſtracks nach dem Haubenhuber⸗ ſchen Hauſe, um bei dem Alten um die Hand Vero⸗ nika's anzuhalten. Als er hinkam, fand er den Haupteingang im Thorbogen verſchloſſen. Schon wollte er ärgerlich umkehren, als ihm die Nebentreppe einfiel, über welche ihn dieſe Nacht die Geliebte geführt. Sie mündete in den Hof. Er ging in denſelben und fand ſie. Die Thüre, welche zu ihr führte, war nur angelehnt, Commis Voyugeur. II. 98 und ſo konnte er ungehindert hinaufſteigen. Als dieß geſchehen, ſtand er auf einem kleinen Vorplatze, auf welchen zwei Thüren mündeten. Noch war Zacharias zweifelnd, wohin er ſich wenden ſollte, als ſich die eine derſelben öffnete und zwei jüdiſche Diener einen ſchweren, ſorgfältig verſchloſſenen Korb, heraustrugen. Zacharias trat nach ihnen ein. Hier ſah er nun eine ſonderbare Scene. Ein reichgekleideter Mann, anſchei⸗ nend ebenfalls ein Jude, ſtand vor einem andern Korbe,— ähnlich dem, den man ſo eben weggetra⸗ gen— und zählte mit Sorgfalt das Silbergeſchirr und die ſilbernen Leuchter, welche geſtern Abend in der Geſellſchaft geglänzt. Der Mann betrachtete Stück für Stück aufmerkſam, als fürchte er Betrug, und legte alsdann jedes Einzelne mit Vorſicht in den Korb. Haubenhubers Diener reichte ihm mit verdrüßlicher Miene die ſchönen Gefäße, und Beide waren ſo in ihr Geſchäfte vertieft, daß ſie Zacharias gar nicht bemerkten. „Herr Ivachim“— ſagte der Diener—„Sie müſſen aber wahrhaftig ſteinreich ſein, wenn all das blanke Zeug Ihnen iſt. Weiß der Himmel, ich nähme mit einem ſolchen Brodkörbchen vorlieb.“ 99 „Fünfzehn!“— zählte der Mann mit den leb⸗ haften verlangenden Augen und der gebogenen Naſe, indem er das gedachte Stück zu den andern in den Korb legte—„Mein? Was ſchwätzt er da für tol⸗ les Zeug?— Verſteht er nich, das Silberzeug iſt mei ganz Kapital, auf dem ich verdiene muß. Ich geh nich im Theater, ich geb kei Geſellſchafte, ich leb wie e armer Mann und verdien ehrlich mit dem Ausleihe von dem Zeug mei bische Geld.“ „Deſto mehr koſts die Narren, die es leihen, um zu glänzen“— ſagte der Diener ärgerlich. „Was geht's mich an!“— rief achſelzuchend der Jude.—„Verſteht er nich?— Kann ich annere Leut wehre, ſich zu ruinire?— hat doch Jeder ſei Vergnüge, auf das er reit. Verſteht er nich?— Wenn ich mei Geſchirr und mei Geld hab', bin ich zufriede.“ „Freilich kann's Ihnen gleich ſein,“— ſagte der Diener—„Sie ſind pfiffig genug ſich bezahlt und gut bezahlt zu machen; ich aber muß mich, Tag ein Tag aus, mit Metzger, Bäcker, Schuſter und Schnei⸗ der u. ſ. w. herumbalgen, die mit ihren unbezahlten Rechnungen das Haus bald ſtürmen und die ich im⸗ mer zurückweiſen ſoll.“ 100 „Sechszehn!“ zählte der Jude und nahm ein neues Stück. Zacharias aber, wie aus dem Himmel gefallen, verwirrt und betroffen wollte nicht mehr hören. Er riß daher mit Geräuſch die Thüre auf, als ob er eben erſt einträte und frug die erſchrocken Auffahrenden: Ob er hier recht bei Herrn Hauben⸗ huber ſei? Der Diener erkannte ihn ſogleich. Anfangs ſtand er unentſchloſſen und verlegen, nach kurzem Ueberlegen aber ſagte er halblaut vor ſich hin:„Ei was! viel⸗ leicht rett ich damit den armen Verblendeten vor großem Uebel.— Ja!“ fuhr er dann lauter fort, —„treten Sie nur durch die gegenüberliegende Thüre ein.“ Zacharias dankte und verließ das Zimmer. Aber wie ſollte er ſich das deuten, was er ſo eben geſehen und gehört? War es Wahrheit! oder hatte man Herrn Haubenhuber nur verläumden wollen? Sollte er weiter gehen? oder ſeines Vaters Brief abwar⸗ ten?— Er ſchwankte. Aber die Liebe, die gegen alle Warnungen blind iſt, ſiegte, er trat auf der an⸗ deren Seite des kleinen Vorplatzes ein. Es war das Zimmer, in welchem er geſtern 101 das téte-Atéte gehabt. Die Erinnerung begeiſterte ihn aufs Neue und er ſchritt, da das Zimmer leer war, weiter.— Aber war denn das auch Hauben⸗ hubers Wohnung?— War er nicht etwa nochmals irr gegangen? Hier ſtanden in einem erbärmlichen Zimmer fünf Betten, ſo ſchlecht, ſchmutzig, elend und zerriſſen, als hätten ſie in einem Feldlazareth mehrere Cam⸗ pagnen mitgemacht. Unterröcke, die von Lappen ſo bunt waren, wie die Jacke eines Narren, zerriſ⸗ ſene Hemden und Nachthauben, lagen im freundlichen Vereine mit den koſtbaren Kleidern auf der Erde, welche geſtern Abend noch an der alten Haubenhuber und ihren Töchtern geprangt. Statt der Vorhänge deckten Leintücher die Fen⸗ ſter, Waſchlavvirs ſah man keine, aber halbzerbrochene irdene Kübel, Bündel ausgekämmter Haare, Corſetten und Handtücher— von welchen man fragen konnte: ſind die Löcher im Handtuch oder iſt das Handtuch zwiſchen den Löchern?— ſtanden und lagen in ma⸗ leriſcher Unordnung durcheinander. Der Anblick wirkte auf Zacharias wie ein Duſch⸗ bad von kaltem Waſſer. Aber er zweifelte aus Ver⸗ 102 zweiflung noch. Da hörte er der alten Haubenhu⸗ berin Stimme in einem anſtoßenden Gemache, welches von dieſem nur durch eine Glasthüre getrennt war, die ebenfalls durch ein altes Leintuch verhängt war. Zacharias konnte ſich nicht halten, zitternd luf⸗ tete er ganz leiſe den Vorhang— Herr Gott! da ſaß die Familie zum Frühſtück um einen alten Tiſch, auf dem das miſſerabelſte Kaffeegeſchirr ſtand, das man ſich nur denken konnte. Mutter und Töchter aber, die dieſe N 3 wie Fürſtinnen geglänzt, ſaßen um den Tiſch in Unterröcken, deren Säume in Franzen hingen, und in Nachtjacken ſo geflickt und ſchmutzig, wie ſie Hartmann nur bei einer Bettler⸗ familie vermuthet. Und was mußte er hören? „Nun?“— frug eben Haubenhuber ſeine Toch⸗ ter Veronika—„wie iſt's gegangen?“ „Trefflich!“— rief die Mutter—„wie ich vorausgeſagt. Veronika hat ihre Rolle ſo gut ge⸗ ſpielt, als der alte Merig. Wer hätte den für einen Schafhändler halten ſollen, er that ſo verliebt wie ein achtzehnjähriger Menſch, und der Frankfurter ging in die Falle. Ich will nicht ſelig werden, wenn er nicht ſchon heute um Veronika anhält.“ „Es iſt aber auch Zeit“— entgegnete der Alte. —„denn wenn uns ſein Geld nicht bald zu Hülfe kommt, ſind wir verloren. Ich weiß mir keinen Rath mehr zu ſchaffen.“ „Nur jetzt nicht den Kopf verlieren«— mahnte die Mutter—„der Vogel iſt in der Falle und ſein Geld uns. Ich ſage Euch, er kommt noch heute..“ Zacharias, dem es bisher bald ſiedendheiß, bald eiskalt über den Rücken gelaufen, da er ſich auf eine ſo ſchmähliche Weiſe von Mutter und Vater— ja von Veronika ſelbſt— betrogen ſah, verließ hier Geduld und Mäßigung— Leichenblaß vor Zorn und Indignation riß er die Thüre auf und rief mit Don⸗ nerſtimme: „Hier iſt er ſchon!— Aber nicht, um wie ein Gimpel in das Netz einer ſchändlichen Betrügerei zu flattern, ſondern um Euch Allen, und namentlich Ve⸗ ronika,— die mit den heiligſten Gefühlen ſo frech geſpielt— zu ſagen: daß er Euch verachtet.“ Mit dieſen Worten kehrte er ſich ſtolz um und verließ das Zimmer. Die ganze Familie aber war wie vernichtet und Veronika lag in heftigen Krämpfen. IHI. Ein Meſt.— Sonſt und jetzt.— Mißmuth.— Troſt.— Das Zuſammentreffen.— Der Weinreiſende und der Zuckerrunkelrübenfabrikant.— Vivat Bacchus, Vacchus lebe!— Der geiſtliche Herr und der Affenthaler.— Die ſchöne Proceſſion.— Wie ein Weinreiſender würdig ſein Haus repräſentirt.— Unglück über Unglück.— Weh- müthige Erinnerungen an verputzte Gelder.— Der Prief mit einer Maſe.— Antwort.— Der Prief eines gebro- chenen Herzens.— Folgen. „Ich muß Dich nun vor allen Dingen In luſtige Geſellſchaft bringen, Damit Du ſiehſt, wie leicht ſich's leben läßt. Dem Volke hier wird jeder Tag ein Feſt. Mit wenig Witz und viel Behagen Dreht jeder ſich im engen Zirkeltanz, Wie junge Katzen mit dem Schwanz. Wenn ſie nicht über Kopfweh klagen, So lang der Wirth nur weiter borgt, Sind ſie vergnügt und unbeſorgt.“ Göthe. Es war ſchon ſpät am Abend und bereits düſter geworden, als Zacharias in einem kleinen Orte auf dem Weg zwiſchen München und Nürnberg halt 105 machte. So armſelig das Neſt auch ſchien, der junge Mann war zu erſchöpft, um die Nacht noch weiter reiſen zu können, und entſchloß ſich daher, in der Poſt zu übernachten. Alles war hier elend: Zimmer, Möbel, Betten, Eſſen und Trinken, das ganze Haus und die Leute drin!— Hartmann bemerkte es kaum. In der Nie⸗ dergeſchlagenheit die ſeinem früheren Zorne gefolgt, war ihm Alles gleich. Man hätte ihn überall, nur nicht zurück nach München führen können. Gott! wie widerlich war ihm jetzt die hübſche Stadt, für die er früher geſchwärmt; ſie kam ihm nicht mehr wie das Aſhl der Künſte vor, ſondern wie ein großes Bierhaus, wie eine Höhle voll Laſter und Verbrechen. Die Kunſt, die dort auf keine Weiſe mit dem Leben verwachſen, ſchien ihm wie hingeleimt. Es ging ihm hier, wie allen jugendlich brauſen⸗ den Köpfen: ſie ſpringen bei der geringſten Veran⸗ laſſung von einem Ertrem zum andern über. Nur der erfahrene und vollendete Maler vermag bei der Carnation(der Farbe des Fleiſches) die richtigen Mitteltöne zu treffen— jene Farbentöne, welche die Uebergangsſtellen modificiren, indem ſie die dunklen 106 lichter, die hellen ſchattiger machen, und dadurch die große Ruhe und Harmonie erzielen, welche die ei⸗ gentliche Meiſterſchaft bewähren. Jeder Menſch ſollte aber ein Künſtler im„Leben“ ſein, und ſich daher auch hier die Meiſterſchaft in der Anlage der Mit⸗ teltöne zu erringen ſuchen;— aber er wird es nicht, ehe die Zeit ſein Blut gekühlt. Wer kann es übrigens Zacharias verüblen, daß ihn die ganze Welt anekelte? Sah er nicht alle La⸗ ſter in ihrer vollen, häßlichen Nacktheit frech um ſich her tanzen: Geiz, Hochmuth, Völlerei, Freßſucht, Lüderlichkeit, Lug und Trug?— Hatte er denn auf der Reiſe noch ein braves Mädchen gefunden?— Sah er ſich nicht ſelbſt bei Sophien getäuſcht und von Veronika hinterliſtig und ſchmählich betrogen? Mußte er nicht erfahren, daß eigene Mütter ihre Kin⸗ der verkauften?— Selbſt die Nachricht, welche ihm vor ſeiner Abreiſe aus München noch durch den Chirurg geworden: daß jene arme Kleine,— in deren Vertheidigung er die Prügel erhalten,— von ihrer Mutter genommen und unter gute Aufſicht gebracht, tröſtete ihn nicht; und die ſchändliche Hinterliſt Hau⸗ benhubers kam ihm natürlich nicht aus dem Kopf. ————— 107 Freilich war er froh, daß er noch ſo hinter die Schliche der ſauberen Familie gekommen,— natür⸗ lich wünſchte er ſich Glück, durch einen Zufall an einer Verbindung verhindert worden zu ſein, die ihn in unermeßliches Elend geſtürzt haben würde. Aber wenn dem Patienten auch das Leben durch Abſchnei⸗ den eines brandigen Körpertheiles gerettet wird,— ſchmerzt alsdann die Operation nicht? Dahin war alle Ausſicht auf die Gründung einer ſtillen Häuslichkeit! Dahin die Hoffnung alles Glücks!—— Und wahrlich die Umgebung, in welcher ſich Za⸗ charias jetzt befand, war nicht geeignet, ihn aufzu⸗ heitern. Er ſaß allein in einem großen, niederen und finſteren Wirthszimmer, das ein armſeliges Licht nur ſchwach und kümmerlich beleuchtete. Der Wirth ſchlief auf der Ofenbank, und ein häßliches altes Weib ſtellte ihm ein Nachteſſen vor, bei deſſen Anſicht ei⸗ nem civilifirten Menſchen ſchon der Appetit verge⸗ hen mußte. Hartmann rührte es auch nicht an, ſondern be⸗ gnügte ſich mit dem ſchlechten Brod und dem Bier. Den Kopf in die Hand geſtützt, ſaß er lange da ohne 108 aufzuſchauen, und vor ſeinem Geiſtesauge zogen dü⸗ ſtere Bilder vorüber, da hörte man plötzlich das Nahen eines Wagens— er hielt— ein luſtiges„hopla!“ ließ ſich hören, die Thüre fuhr weit auf und— das Schweizerliedchen: „Steh nur auf, ſteh nur auf lieber Schweizerbue,“ ſingend, tanzte die„Locomotive“ in das Zimmer. Ein Freudenſchrei entfuhr beiden Reiſenden; ſie eilten auf einander zu, drückten ſich herzlich die Hand, und waren beide doppelt froh, ſich in dieſer trauri⸗ gen Einſamkeit gefunden zu haben. Wie weggezaubert war Hartmanns Melancholie; aber Goldmännchen hätte ja auch den allergrößten Menſchenfeind mit ſeiner ewigen Heiterkeit anſtecken müſſen. Was kümmerte ihn der Ort, an dem er ſich befand, der Himmel ſeines Geiſtes war ja ſtets ein italieniſcher. Mit Witzen und Scherzen erweckte er den Wirth, machte dem alten Drachen flinke Beine und brachte es ſogar durch ſeine ſchönen Lieder zu einem genieß⸗ baren Nachteſſen. Aber als dieß verzehrt, ging die Luſt erſt recht los. Ein paar reiſende Muſikanten traten ein, im Vorüberziehen„a Biear“ zu trinken. 109 Das war ein Fang für die„Locomotive.“ Sie mußten ſogleich aufſpielen; der Dicke dagegen lief hinaus, kam aber bald und jubelnd mit einem hüb⸗ ſchen Dienſtmädchen zurück, und nun ging's im fröh⸗ lichen Wirbeltanz, trotz einem Valle, mit„hopla's“ walzend dahin. Das Pärchen war gerade in der ſchönſten Luſt, als nochmals ein Fuhrwerk ankam, und Spreitzer mit einem„Gott verdamm mich, die Oſer halta Baal!“ hereintrat. Da ſchallten die Wände von Jauch⸗ zen, und von dem Lärm und der Muſik und dem Jubel herbeigezogen, ſchaute das halbe Dorf in das Wirthszimmer. Die Reiſenden aber waren nicht faul, alle Dreie ſuchten ſich ſchmucke Mädels heraus und tanzten mit ihnen,— und die Burſche folgten ihrem Beiſpiele, und ehe es ſich Jemand verſehen, ging es in der Kneipe her, wie im ewigen Leben. Als ſich nach Verlauf einer Stunde die Muſi⸗ kanten entfernten, verlief ſich auch nach und nach die Menſchenmenge. Die drei Reiſenden ſetzten ſich darauf gemüthlich zuſammen und waren eben luſtig und guter Dinge, als ſich ein fernes Poſthorn hören ließ. „Ha!“ rief die Locomotive,—„unſere Geſell⸗ ſchaft ſcheint noch größer werden zu ſollen; laßt mal ſehen, wer da kömmt.“ Dieß ſagend nahm er ein Licht, und ging, gefolgt von den Freunden, nach dem Hofe. Hier war denn auch ein Wagen, mit Poſtpferden beſpannt, ange⸗ kommen. Er hielt, der Poſtillon ſtieg ab, aber keine Paſſagiere ließen ſich ſehen. Da nahm der immer luſtige Goldmann die Serviette, welche er zufüllig noch in der Hand trug, wie ein Kellner unter den Arm, und öffnete mit komiſcher Behändigkeit den Schlag. Aber als er in den Wagen geleuchtet, prallte er mit ſolchem Lachen zurück, daß ihm Spreitzer das Licht abnehmen und er ſich den Bauch halten mußte. In dem Wagen befanden ſich nämlich zwei ſchla⸗ fende Perſonen, deren Aeußeres ſogleich die Geſchäfts⸗ reiſenden verkündete. Nun würde dieß nichts Ungewöhnliches geweſen ſein, hätte die komiſche Situation, in der ſie ihr Schläfchen machten, nicht augenblicklich verrathen, daß ſie heute dem weinumlaubten Gott etwas zu ſtark gehuldigt. Einer der jungen Männer lag nämlich, wie eine Bya zuſammengekrümmt, auf dem BVoden des Wagens, während der Andere halb auf dem Sitze, „ 111 halb auf dem Freunde, ruhte. Beide aber träumten ſelig.— „Saubere Kameraden!“— rief Goldmännchen endlich—„haben ihre Gurgel, wie es ſcheint, heute ordentlich geſchwenkt!“ „Deß mehn ich ach“— entgegnete Spreitzer, der unterdeſſen die neuen Ankömmlinge mit dem Licht beleuchtet und ſogleich auch erkannt hatte—„die hawe awer äch geſoffe wie die Löcher. Der Ane is ä Weinräſender und der Anner ä Runkelriwezucker⸗ Fabrikant. Mer ſein heut Morjend mit enanner aus Nürnberg weckgeräst. Was mehut'er, hawe die Oſer, die noch en Hormel von geſtern gehabt hawe, gethan. Wie ſe ungefähr fufzig Schritt gefahre ſein un ans nächſte Wirthshaus komme, halte ſe Euch wahrhaftig widder ſtill, ſteie aus un ſaufe e Budell Champag⸗ ner. Dann räſe ſe noch e mol e Gaß weiter un halte widder ſtill un ſaufe widder. Und der Deiwel ſoll mich hole, wann ſ'es nit ſo fortgemacht hawe bis hieher.“ Dieß war allerdings der Fall geweſen, wie der ſelig lächelnde und ebenfalls beſoffene Poſtillon mel⸗ dete, und da ſie auch kein einziges Wirthshaus 112 unterweges ausgelaſſen, ſo war es natürlich, daß ſie, wie Spreitzer ſagte,„Voll wie Kanone“ waren. Letzterem gelang es daher auch nur mit undenklicher Mühe, die Schläfer zu erwecken. Sie ſahen ſich be⸗ troffen und mit gläſernen Augen um, und als der Runkelrübenzucker⸗Fabrikant den Weinreiſenden mit ſchwerer Zunge aufforderte, auszuſteigen, ſo fing die⸗ ſer fürchterlich auf Jenen zu ſchimpfen an, weil er glaubte, dieſer wolle ihn abermals perſuadiren,„ein Gläschen“ zu trinken. Während aber der Eine noch ſchimpfte, ſchlief der Andere wieder ein, und auch der Weinreiſende fiel ſogleich aus ſeiner Strafpredigt wieder in's Schnarchen. Was war zu machen? Unſere drei Freunde übten einen Akt der Milde, ſie luden die Betrunkenen auf ihre Schultern und trugen ſie auf ein Zimmer. Nie hatte Zacharias das Abſcheuliche und Ent⸗ würdigende eines ſolchen Zuſtandes mehr gefühlt als hier, und er gelobte bei dieſem Anblick im Stillen der Mäßigkeit unverbrüchliche Treue. Als Goldmann, Spreitzer und Zacharias wieder am Wirthötiſche beieinander ſaßen, ſagte der Erſtere: —— 113 „Da wir doch gerade vom Zopf und Rauſch ſprechen, will ich Euch ein Geſchichtchen erzählen, was dahin einſchlägt und mir vor Kurzem im Badiſchen begeg⸗ net iſt.“ „In einem Städtchen unweit der württembergi⸗ ſchen Gränze, traf ich eines Tages an dem Mittags⸗ tiſch mit einem alten Geiſtlichen zuſammen, der früher in der Gegend angeſtellt geweſen, ſpäter verſetzt wor⸗ den und mun gerade einmal zurückgekommen war, die alten Bekannten zu beſuchen. Es war ein charmanter und jovialer Mann, und wir unterhielten uns um ſo beſſer miteinander, als wir nur zu zwei am Tiſche waren. Der alte Herr ſprach dabei dem Affenthaler des Wirthes tüchtig zu, und da er auch mir trefflich ſchmeckte, ſo machte er mir den Vorſchlag mich in ein Wirthshaus zu führen, wo ich einen Affenthaler finden ſollte, wie ich noch keinen getrunken.“ „Ich war gerne bereit, dieſer Einladung zu folgen, und ſo gingen wir durch eine reizende Gegend einem nahen Thälchen zu, in welchem ſich von Ferne ein ſehr ſchönes Haus nebſt einem Parke zeigte.“ „Wie ſich doch Alles mit der Zeit verändert und verſchönert,“ ſagte bei dieſem Anblick der geiſtliche Commis Voyageur. H. 8 114 Herr.„Das Haus gehört einem meiner alten Freunde, einem reichen Wirth, bei dem ich manche Flaſche ge⸗ leert. Früher ſah es ſchlecht und zerfallen aus, jetzt hat er, wie ich ſehe, es anſtreichen und ausbeſſern laſſen, ſo daß es einem Schlößchen gleicht.“ „Dieſe Betrachtung führte den munteren Greis auf das beliebte Thema des Alters; er erinnerte ſich mit ſichtlicher Freude ſo mancher vergangener ſchöner Tage, und konnte mir namentlich nicht genug erzäh⸗ len, wie vergnügt er oft in dem vor uns liegenden Wirthshauſe geweſen. Wir hatten daſſelbe auch bald erreicht, und ich vermochte mich nicht ſatt zu ſehen an deſſen reizender Lage, ſeinem geſchmackvollen Aeußeren und den hübſchen Gartenanlagen, die ſich bis vor daſſelbe hinzogen. „Ein ſo ſchönes Wirthshaus war mir noch nicht vorgekommen, und die Wohlhäbigkeit und Feinheit deſſelben wunderte mich um ſo mehr, als es ſo ver⸗ borgen und weit ab von der Heerſtraße lag. Ich wagte daher meinen Zweifel: ob es auch wirklich ein Wirthshaus ſei?— leiſe zu äußern; aber der alte Herr nahm mich lächelnd bei der Hand und zog mich mit den Worten:„das muß ich beſſer wiſſen; ——,— 115 denn hier hab' ich mir manchen Haarbeutel geholt!“ in eine Art Gartenſälchen des unteren Geſchoſſes.“ „Auch hier war Alles auf das Eleganteſte einge⸗ richtet. Die Wände weiß mit Gold, die Vorhänge prächtig und ſelbſt die vielen Stühle, die um einen ungeheuren runden Tiſch ſtanden, wie dieſer ſelbſt von feinem Holze. Indeſſen hatte dies Gemach allerdings einigermaßen das Anſehen eines nobeln Gaſtzimmers.“ „Wir rückten daher Stühle zurecht, ſetzten uns und harrten auf den Kellner und ſeinen ausgezeichneten Affenthaler. Da aber nach mehreren Minuten weder Wirth noch Kellner kam, pochte der alte Herr derb auf, ſchellte und rüttelte ſo lange mit dem Stuhle, bis ſich endlich eine ältliche menſchliche Figur ſehen ließ, die uns Beide mit großen Augen anſah.“ „Kommſt Du endlich, alter Schwede!“ rief ihm der Geiſtliche munter entgegen—„für die ſchöne Einrichtung Eures Wirthshauſes iſt die Bedienung allerdings ſehr langſam. Indeſſen wir ſind gute Chri⸗ ſten und wollen Dir vergeben, wenn Du uns eine Flaſche von dem trefflichen Affenthaler bringſt, der Eurem Wirthsauſe ein ſo großes Renommee verſchafft.“ 8 116 „Den Eingetretenen ſchien dieſe Anrede einiger⸗ maßen zu überraſchen:„Meine Herrn....“ hub er daher mit ernſter Miene an—„ich muß bedauern...“ „Ei was bedauern“— unterbrach ihn hier mein munterer Geſellſchafter—„Geh nur hin, Du altes Haus, und ſage Deinem Herrn, dem Bärenwirth, ſein Freund, Paſtor Fidanbeck, ſei einmal wieder zum Beſuche hier, und verlange eine Flaſche von dem Affenthaler, mit dem er ihn oft ſo prächtig unter den Tiſch getrunken.“ Der alte Diener ſtand verlegen. Er ſetzte aber⸗ mals mit:„Aber meine Herrn“ an, der Paſtor er⸗ wiederte ungeduldig und verlangte nach dem Wirthe ſelbſt, und es würde ſicherlich zu einem kleinen Wort⸗ wechſel gekommen ſein, wäre nicht in dieſem Augen⸗ blicke ein anderer Mann, der uns ſchon ſeit mehreren Minuten mit lächelnder Miene beobachtet, vorgetreten. Es war ein Mann in den beſten Jahren, von auf⸗ rechter Haltung und feinen— für einen Landwirth faſt zu geiſtreichen Zügen. Doch entſprachen ſein ein⸗ facher Rock und das Sammetmützchen ganz ſeinem Gewerbe.“ „Geſchwind, Johann!“— rief er dem grauen ——— 117 Kellner, begleitet von einem bedeutenden Blicke zu— „Geſchwind dem Herrn Paſtor eine Flaſche Affen⸗ thaler Nr. 1.“ „Der Beauftragte eilte ſogleich hinweg, während mein Geſellſchafter ſein Erſtaunen kund gab, daß ſich der Bärenwirth ſo gewaltig verändert. Dieſer aber zog den geiſtlichen Herrn mit einemmal aus allen Zweifeln, als er ihm bemerkte, daß er dem früheren Wirthe Haus und Wirthſchaft abgekauft und nun auf ſeine eigene Fauſt hier walte. Indeſſen nehme es doch ſein Wein mit dem des früheren Wirthes auf, und er ſolle ſelbſt nun entſcheiden, weſſen Affenthaler der beſſere.“ „In der That ſtellte man uns einen Wein vor, der ſeines Gleichen ſuchte. Der geiſtliche Herr war ganz entzückt, ganz außer ſich, er umarmte den Wirth, und überhäufte ihn mit Lobeserhebungen; denn ſein Wein, rief er, ſtehe über dem des alten Bärenwir⸗ then, wie der Himmel über der Erde. Auch feine Leckerbiſſen wurden uns aufgeſtellt und eine Flaſche folgte der anderen. Wir waren ſo recht vergnügt, mit jedem Glaſe thaute mein Begleiter mehr auf, und Witze und Schnurren, Anskdoten und Scherze, 118 ja manch unſchuldiges Zötchen entfloß ſeinem Mund und er brachte dabei alles ſo launig vor, daß wir Anderen uns oft vor Lachen ſchüttelten.“ „Es war ſchon Abend, als wir aufbrachen und die Rechnung verlangten; wie aber ſtaunten wir, als uns der Wirth nichts abnehmen wollte. Ein freund⸗ ſchaftlicher Streit entſpann ſich und der geiſtliche Herr gab ſich erſt zufrieden, als ihm der Wirth verſpro⸗ chen: ihn eheſter Tage einmal auf ſeiner Pfarrei zu beſuchen, um ihm dadurch Gelegenheit zu geben, ſich für die freundliche Aufnahme wenigſtens einigermaßen dankbar zu beweiſen.“ „So nahmen wir denn herzlichen Abſchied von einander und kehrten ſelig nach Hauſe. Hier hatte ſich unterdeſſen auch Geſellſchaft eingefunden, welcher der alte Geiſtliche in der Freude ſeines Herzens ſo⸗ gleich die ganze Geſchichte erzählte. Alles hörte er⸗ ſtaunt und mit offenen Mäulern zu; aber der Schlag hätte meinen luſtigen Begleiter beinahe gerührt, als der Hausherr nach beendigter Erzählung ihm auf die SSchultern klopfend ſagte:„Wiſſen Sie denn auch, wer Ihr Wirth und der jetzige Beſitzer jenes Hau⸗ ſes war?“ „Nun?“ „Herr von A.„der Miniſter der geiſtlichen Angelegenheiten.“ „Wie Berge drückten den alten Knaben nun die Zötchen und Fläſchchen, aber ſchon den anderen Mor⸗ gen empfing er ein paar freundliche und tröſtende Zeilen von dem Miniſter, der ſich mit Vergnügen des fröhlichen Abends erinnerte und ihm ſchriftlich das Verſprechen eines baldigen Beſuches zuſagte.“ Solche und ähnliche Geſchichten erheiterten den drei Reiſenden noch den Abend und es war bereits Mitternacht, als ſie zu Vette gingen. Bevor dieß indeſſen geſchah, machte die Locomotive noch den Vor⸗ ſchlag: den kommenden Morgen,— da ſie doch der Zufall ſo ſchön und unerwartet zuſammen geführt— auch noch mit einander hier zuzubringen, und eine kleine Luſtpartie nach einem benachbarten Waldkapell⸗ chen zu machen, welches, auf einem Berge gelegen, eine der reizendſten Ausſichten in ganz Bayern dar⸗ biete. Man kam, wie natürlich, überein und ent⸗ ſchlief mit freudigen Hoffnungen. Goldmännchen hatte auch wirklich nicht zu viel verſprochen, der Punkt war ſo wunderſchön, daß unſer 20 Triumvirat ſtatt, wie abgeredetermaßen den Mittag, erſt gegen Abend zurückkehrte. Als ſie ſich dem Orte, in welchem ſie logirten, nahten, gewahrten ſie mit Staunen ſchon von weitem einen Zug, der ſich ihnen— eben aus jenem Orte her— langſam entgegen bewegte. Er entrollte ſich immer mehr und mehr, der Wagen, in dem die Reiſenden ſaßen, mußte halten, und nun zeigte ſich denſelben ein Schauſpiel eigner Art. Zuvörderſt begrüßten ſie einige Dorfmuſikanten deren ſchrillende und ſchnarrende Inſtrumente, ſich trefflich zu einer Katzenmuſik geeignet hätten; dieſer Bande folgten zwei baumſtarke Bauernburſche mit Blumen und Vändern geſchmückt, die einen großen Keſſel mit einer dampfenden Flüſſigkeit trugen. Andere Burſche gingen mit Biergläſern nebenher, ſchöpften beſtändig aus dem Keſſel und reichten die vollen Gläſer der Menge von Männern und Wei⸗ bern, Mädchen und Knaben, Alten und Jungen, die taumelnd und jauchzend mitzogen, und aus Leibes⸗ kräften das ſüße— ihnen ſonſt fremde— Getränke hinabgoſſen. Auf den Keſſel, deſſen Inhalt ſich unſe⸗ rem Triumvirate durch den Geruch als Punſch 121 anzeigte, folgte ein Reiſewagen, und in demſelben ſaßen, mit blutrothen Geſichtern, weit aufſtehenden, flammenden Augen, und ebenfalls Biergläſer voll Punſch in der Hand, jene zwei junge Männer, welche den Abend zuvor ſo furchtbar betrunken angekommen, und von Goldmann, Spreitzer und Zacharias be⸗ wußtlos auf ein Zimmer gebracht worden waren. Ihr jetziger Zuſtand war nicht viel beſſer. Als der Weinreiſende die Fremden, die er nicht erkannte, an der Straße halten ſah, befahl er gebietend, ein Gleiches zu thun, ſtand dann mühſelig im Wagen auf, gab einen Wink, die Fremden zu bedienen, brüllte dann mit heißerer Stimme: allen Geſchäftsreiſenden ein„Hoch“ zu, trank das ganze Glas auf einen Zug aus, und warf es dann weit über die Köpfe der jubelnden Umgebung, daß es klirrend an einem nahen Felſen zerſchellte. Der Anblick dieſer ganzen Scene war ſo wider⸗ lich, daß er ſelbſt bei dem, ſonſt eben nicht zartfüh⸗ lenden Spreitzer Abſcheu erregte; auch lehnten alle Drei das Trinken Anfangs entſchieden ab; da aber die beiden anderen Reiſenden und der ganze betrun⸗ kene Haufe laut brüllend, ja drohend, darauf beſtanden, 122 ſo gaben ſie endlich nach, und tranken wenigſtens zum Scheine. Kaum aber war dieß geſchehen, als der Weinreiſende und der Runkelrübenzuckerfabrikant ſich den Punſchkeſſel in den Wagen geben ließen, und— nachdem der Weinreiſende mit ſchwerer Zunge gebrüllt, daß nun— da dieſe Freunde aus dem Napfe getrunken — Niemand mehr werth ſei, ein Gleiches zu thun— in denſelben p.... n.*) Darauf ſchüttete man den Keſſel aus, die beiden Herren warfen rechts und links Geld unter die ju⸗ belnde Menge, ſanken in den Wagen zurück— und fuhren unter„Hurrah!“ davon. Unſere Freunde aber, namentlich Goldmann und Zacharias, hatte dieſe fürchterliche Rohheit ſo unan⸗ genehm verletzt, daß ihnen der Reſt des Tages ver⸗ bittert war. Sie gingen früh zu Bett und trennten ſich den kommenden Morgen eben ſo früh. Die Mißſtimmung klang in Zacharias auch am anderen Morgen noch nach, und ließ ihn wieder in jenen unbehaglichen Zuſtand zurückfallen, in welchen ihn die Haubenhuberiſche Geſchichte verſetzt, und aus ²) Thatſache. —— 123 dem ihn nur das unerwartete Zuſammentreffen mit den Freunden, wenigſtens auf Stunden, geriſſen. Nichts iſt aber im Leben ſchwerer zu vergeſſen und zu vergeben, als Täuſchungen, namentlich im Bereiche der Liebe. Und wenn auch gerade nicht für jeden Ikarus,— dem der Liebe Sonne die wachſenen Flügel ſchmilzt, daß er aus ihrem Reich hernieder⸗ ſtürzt, auf die nüchterne Welt,— wenn auch gerade nicht für jeden Ikarus, ſage ich, der Fall tödtlich wird, ſo bleibt er doch immer ſchmerzlich, und der verlorene Himmel wird ſo leicht nicht erſetzt. Die beſte Waffe iſt in ſolchem Fall eine kalte Verachtung desjenigen, der Verräther an den heiligſten Gefühlen der Menſchheit werden konnte. Sie nahm auch Za⸗ charias klugerweiſe zur Hand; indeſſen war die Wunde noch zu neu, um plötzlich heilen zu können; ſie blu⸗ tete noch leiſe und ſchmerzlich nach. Nürnberg, das ernſte, finſtere Nürnberg, das Zacharias ſonſt, ſchon wegen ſeiner mittelalterlichen Phyſiognomie, angeſprochen haben würde, war nun freilich nicht dazu geſchaffen ihn ſeinem Unmuthe zu entreißen. Alles was er ſah und hörte ärgerte ihn, und es 124 ſchien ordentlich, als wolle ſich Unangenehmes an Unangenehmes, wie ſchwarze Perlen— beides iſt oft gleich koſtbar— an eine Schnur reihen. Dicht vor der Stadt brach— des guten Weges wegen— an ſeinem Wagen eine Achſe. Nach einem unerträglich langen Aufenthalte mußte er zu Fuß in die Stadt gehen. Unterwegs verlor er, weil er wie ein Laſtthier bepackt war, ein ihm als Andenken an Clariſſe werthes, Notizbuch. Der Gaſthof„zum Strauß“ kam ihm, mit ſeinen dunkeln Winkeln, Treppen, Gängen und Zimmern, eher wie ein Kerker, als wie ein Hotel vor, und als er, nach hinten ge⸗ wieſen, ein Zimmer vorn heraus verlangte, konnte man ihm auch hierin nicht willfahren, da, wie der Zimmerkellner ironiſch lächelnd bemerkte, im erſten und zweiten Stock ſeit vier Wochen zwei Geſchäfts⸗ reiſende wohnten, die ſeit jener Zeit ſehr ſtark am Schnupfen litten. Aber alles dieß, ſo wie die Erinnerungen an das enorme Geld, welches ihn München und die Reiſe mit Sophien gekoſtet, waren nur kleine Spitzchen in der Dornenkrone, welche das Geſchick mit unbarm⸗ herziger Hand ihm heute aufprückte; die wahren ————————— — — 125 Stacheln brachten erſt die zwei an ihn gerichteten Briefe, die er hier vorfand. Der eine war von Haus, der andere— b Him⸗ mel, von Clariſſen. Gegen beide hatte er ſo arg geſündigt, daß er nur mit Zittern an deren Inhalt dachte, und es bald wie jener alte Beamte gemacht hätte, der alle Briefe der Regierung an ihn, aus Furcht, ſie könnten Straf⸗ reſeripte enthalten, uneröffnet in ſeinem Pulte ver⸗ ſchloß, wodurch natürlich erſt eine wahre Sündfluth von wirklichen Strafreſeripten entſtand. Aber welchen ſollte er zuerſt leſen?— Er ent⸗ ſchloß ſich nach langem Zögern für den Darmſtädter. Er lautete: Darmſtadt, den 3. September 1843. Herrn Zacharias Hartmann, d. Z. in Nürnberg! Im Beſitz Ihrer Zuſchrift vom 28. l. M. können wir nicht begreifen, was Sie ſchon wieder in Mün⸗ chen zu thun hatten, nachdem Sie nicht nur auf eine unverzeihliche Weiſe, und trotz unſerer War⸗ nung, das erſtemal die Geſchäfte verſäumt und ver⸗ 126 nachläſſigt und ſich dann auch noch eine halbe Ewig⸗ keit dorten aufgehalten haben. Wir müſſen Ihnen mit dieſer Art zu reiſen un⸗ ſere große Unzufriedenheit zu erkennen geben, und Sie verſichern, daß nur die alte Freundſchaft für Ihren Herrn Vater uns bewegen konnte, Sie nicht augenblicklich zurückzuberufen. Außerdem iſt Birkbaum und Comp. in Eßlingen fallit, und Ihre unvorſichtige Verkaufsweiſe hat uns mit 854 fl. in die Maſſe gebracht, die wir große Luſt haben, Sie an das Bein ſchwitzen zu laſſen. Wer heißt Sie an ſchlechte Kunden verkaufen? Lieber wollen wir nichts vom Lager abgehen ſehen, als ſolche Geſchäfte machen. In München mag Gott wiſſen was Sie getrieben, da Sie dorten faſt nichts umſchlugen. So müſſen wir Sie denn ein für allemal erſu⸗ chen, von dem Augenblick an, in welchem Sie dieſen Brief empfangen, ſich dem Geſchäfte thätiger zu wid⸗ men, da wir ſonſt alle Rückſichten auf Seite ſetzen, und ihnen aufkündigen werden. Sie beſuchen nun ſofort Nürnberg, Fürth, Am⸗ berg, Baireuth, Bamberg, Coburg, Schweinfurth —— 127 und Würzburg und kehren über Aſchaffenburg hie⸗ her zurück. Halten Sie Kleeſaamen im Auge, Oel iſt flau. Weinſtein zieht an und lagert eine große Partie, wovon Sie Muſter per Poſt erhalten. Ergebenſt Dahlmann, Dunkert, Duppendorf, Comp. und Conſorten. Es iſt eine traurige Sache um Vorwürfe, die man verdient hat, man muß ſie hinabwürgen, und das Gewiſſen hält uns auch noch die erbaulichſten Strafpredigten dazu; während unverdiente Vorwürfe uns mit dem Stolz des Märtyrerthums erfüllen. Zacharias, der einſt von Darmſtadt mit den beſten Vorſätzen von der Welt abgereist, hätte ſich aus Aerger über ſeinen Leichtfinn, der ihm ſolche Wiſcher zugezogen erſtechen können. Indeſſen empörte ſich doch ſein Frankfurter Stolz gegen den Inhalt dieſer Zeilen, und die Sprache der Emporkömmlinge reizte ihn um ſo mehr, als er in der Virkbaumſchen Sache ganz unſchuldig war. In edlem Zorne ſetzte er ſich daher hin und ſchrieb ſofort folgende Antwort: 128 Uürnberg, den 6. September 1843. Herr Dahlmann, Dunkert, Duppendorf, Comp. und Conſorten zu Darmſtadt. In höflicher Erwiderung Ihres Geehrten vom 3. Sept. erlaube ich mir Ihnen vor allem Andern zu bemerken, daß der Ton, in welchem derſelbe geſchrie⸗ ben, ein ſehr unpaſſender iſt. Habe ich auch hie und da vielleicht Ihren Wünſchen nicht ganz entſprochen, ſo bleibt zu berückſichtigen, daß ich im Reiſen noch ein Neuling bin NMd es ſoll mir eine Pflicht ſein, das Verſäumte durch doppelte Aufmerkſamkeit nachzuhv⸗ len. Demungeachtet kann das jetzige ſchen uns nut dann fortbeſtehen, wenn Sie e Stellung nicht verkennen, und mir auf eine Weiſe entgegenkommen, die ſich für den Sohn des Hauſes Hartmann und Comp. in Frankfurt paßt. Was meinen etwas verzögerten Aufenthalt in München betrifft, ſo hatte ich dazu meine triftigen Gründe, von welchen auch mein Vater unterrichtet iſt, und ſie Ihnen auf Verlangen erklären wird. Nachdrücklich aber verwahre ich mich gegen Ihre Vorwürfe in Betreff der Fallite von Birkbaum und Comp. in Eßlingen. Erſt nach mehrſeitigen Erkun⸗ . — digungen, und allſeitiger Verſicherung von der So⸗ lidität dieſes Hauſes, machte mit demſelben Geſchäfte. In ſeine Kaſſe und Bücher aber konnte eben ſo we⸗ nig ſehen, als in die Herzen der Chefs, die es— wie jetzt ſo häufig— auf Betrug abgeſehen hatten. Iſt doch der Bankrott in unſerer Zeit ein geheiligtes Raubritterthum, und eine gebräuchliche Weiſe, auf Anderer Koſten ſchnell reich zu werden. Sonſt war ein Bankrott ehrlos, jetzt haben Alle, die fallirt, die erſten Anſprüche auf Ehren. Wie ſoll ich nun zu Werke gehen, wenn Sie mich auf der einen Seite verantwortlich machen: wenn ich wenig verkaufe, und auf der andern Seite wieder verantwortlich halten: wenn hie und da ein Haus füllt?— Es bleibt mir hier durchaus nichts übrig, als Erkundigungen einzuziehen, und— fallen dieſe gut aus— auf Geſchäfte zu entriren. Wollen Sie die Beſtellungen dann nicht ausführen, ſo ſteht es ja immer noch bei Ihnen. Uebrigens waren Birkbaum und Comp. noch obendrein alte Kunden von Ihnen. Berückſichtigen Sie dieß gefülligſt, glauben Sie, daß die Lage eines Reiſenden keine beneidenswerthe Commis Voyageur. II. 9 130 iſt; rechnen Sie auf der andern Seite aber auf meinen verdoppelten Eifer und meine erhöhte Vorſicht. Hochachtungsvoll zeichnet: Zacharias Hartmann. Nachdem der junge Mann dieſe Demonſtration von ſich gegeben, und ſich einigermaßen in einen noblen Zorn hineingeſchrieben hatte, riß er auch den Brief Clariſſens auf. Es waren nur wenige Zeilen; aber ſie reichten hin, ihn zu vernichten, und er glaubte der Schlag müſſe ihn treffen, als er las: Zacharias! Das Unglaubliche iſt für mich wahr geworden: ich bin nicht nur von Deinem unſittlichen Leben auf der Reiſe unterrichtet; ſondern weiß auch, daß Du eine Andere liebſt und jetzt vielleicht ſchon ihr Bräu⸗ tigam biſt. Da ich Dich wahrhaftig liebe, will ich Dir rückſichtlich einer freien Wahl nicht im Wege ſtehen, und entbinde dich hiermit Deiner Ver⸗ ſprechungen und Schwüre. Eins aber erflehe ich ſcheidend von Dir: Bewahre Dein beſſeres Ich vor dem Untergang, reiße Dich aus dem Schlamm der Sünde empor, Du kannſt und wirſt es. Dieß meine letzte Bitte. * ½ Ich bin keine Romanheldin und drohe daher nicht mit einem gewaltſamen Tode; ſollteſt Du aber e wieder vorhaben: ein braves Mädchen zu betrü⸗ gen, ſo denke— daß Deine Flatterhaftigkeit ſchon ein armes Herz geopfert hat, das ſich im Gram verzehrt. Ewig, auch in den bitteren Stunden des Leidens, — auch in der letzten bleibt Dir treu Deine arme Clariſſe. Frankfurt a. M., im Auguſt 1843. Es war ſonderbar gleich als ob eine unſichtbare Hand einen dichten Vorhang von der Seele des jungen Mannes weggezogen, ward es bei dieſen Wor⸗ ten wunderbar licht in ſeinem Innern. Clariſſens Bild tauchte mit unendlicher Anmuth vor ihm auf und eine innere Stimme ſchien zu rufen: „Nur bei ihr blüht Ruhe und Seligkeit für Dich.“ und eine namenloſe Wehmuth erfaßte ihn, und er warf ſich auf das Sopha und weinte tief und bitterlich. 9* IV. Trübe Ausſichten.— Pertröſtungen.— Mlißlingen.— Ueberdruß am Beiſen.— Der Strom der Zeit.— Sängerfeſte, Pereine und Monumente.— Geſangvereine und ihre Jolgen.— Ein Mationallied.— Das Sänger- feſt.— Allgemeine Luſt.— Das Zuſammentreffen.— Der Verliner.— Anekdoten.— Leben und Treiben. — Der Gruß.— Die Baroneſſe und der Schnurr- bart.— Das gemeinſchaftliche Machteſſen.— Das Piel- liebchen.— Das Signal.— Das Taſchentuch.— Guten Morgen Pielliebchen!— Der Einkauf.— Die liebe Eitelkeit.— Der Ring.— Der Chevalier.— Auf dem Vall und nach dem Vall.— Ein Intermezzo.— Schreckliche Entwicklung.— Die Entdeckung. „Sie ſinkt auf's Lager hin, hoch ſchlägt ihr volles Herz Durchs weichende Gewand, und ſtromweis ſtürzt der Schmerz Aus ihren ſchmachtenden, vor Liebe ſchweren Augen. Er ſieht's und länger hält die Menſchheit es nicht aus, Halb ſinnlos nimmt er ſie(werd auch das ärgſte draus) In ſeinen Arm, die glühnden Lippen ſaugen Mit heißem Durſt den Thau der Liebe auf, und ganz entfeſſelt ſtrömt das Herz in vollem Lauf.“ Wielands Oberon. War es ihm aber auch neuerdings klar geworden, daß er wirklich Clariſſe wahr und innig liebe, und daß alle die Abſchweifungen, zu welchen ihn Leicht⸗ ſinn und Sinnlichkeit verlockt, nur Verhüllungen, nur ſinnliche Ausbrüche dieſer tieferen Liebe geweſen, ſo konnte ihn dieſe Ueberzeugung eben dennoch nicht tröſten, da ſich ſein Vater ja ein für allemal ſo ent⸗ ſchieden gegen eine Verbindung mit dieſem Mädchen ausgeſprochen. In welche traurige Lage ſah er ſich daher mit einemmale verſetzt: unzufrieden mit der Gegenwart und ſeiner Stellung in derſelben,— das Reiſen ekelte ihn bereits an,— verrathen und verkauft von der einen, zurückgewieſen und verachtet auf der an⸗ deren Seite, ſein wahres Glück und ſeine Pflichten erkennend und doch wieder von dem Gebote kind⸗ lichen Gehorſams— ja von dem ſtrengen„Nein“ des Vaters von dieſen beiden zurückgehalten,— ſah er in eine düſtere, freudenarme Zukunft, ſah er nur die Nothwendigkeit einer Wahl, zwiſchen häuslichem Glück und dem Zorn der Aeltern,— oder deren Beifall und der Aufopferung der Geliebten. Für den Augenblick unfühig ſich für das Eine oder Andere zu entſcheiden, fühlte er einzig die Nothwen⸗ digkeit und den Drang, Clariſſe über die wahre Lage 134 der Dinge aufzuklären und ſich, ſo gut als möglich, in ihren Augen zu entſchuldigen. Er ſchrieb ihr da⸗ her ſofort: daß er ſie vor wie nach innig liebe, und auch nie aufgehört habe ſie anzubeten; daß aber,— da eben aus dieſer Neigung zu ihr der Trieb nach Begründung eines häuslichen Glückes in ihm ent⸗ ſtanden und er ſich ſeinem Vater entdeckt— dieſer ihn auf das Beſtimmteſte mit der Bitte zurück und an Veronika gewieſen. Hierauf erzählte er, der Wahr⸗ heit treu, die ganze Geſchichte mit Haubenhubers, und verſicherte ſchließlich Clariſſen: daß er gerade jetzt erſt doppelt einzuſehen gelernt habe, was ſie ihm ſei und wie unausſprechlich er ſie liebe. Gegen das Verbot des Vaters könne er freilich nichts unternehmen, da ihm dieſer ſonſt Haus und Kaſſe verſchließen, auch ſeine Einwilligung nie geben würde— und dann doch, da in dieſem Falle Nichts zu Nichts käme, auch nichts für ſie zu hoffen und zu machen ſei. Indeſſen verſprach er ihr demohnerachtet ewige Treue und flehte um Vergebung und Geduld, da die Zeit viel⸗ leicht auf irgend eine Weiſe zu ihren Gunſten inter⸗ veniren würde. Als auch dieſer Brief geſchrieben und auf die Poſt gebracht war, ward es Zacharias etwas leichter, und er ging mit dem doppelten Vorſatze: fleißig im Geſchäfte und ſeiner Geliebten treu zu ſein, an die Arbeit. Aber es ſchien ihm eben Alles mißglücken zu wollen. Er brachte keine ordentliche Commiſſion zu⸗ wege; denn hier war ihm ein Concurrent zuvorge⸗ kommen, dort waren die Lager noch gefüllt; dieſer Kunde war mit der letzten Sendung unzufrieden ge⸗ weſen, und Jenem waren die Preiſe zu hoch. Mit den Zahlungen ſah es nun gar ſchlecht aus. Sehr wenige gingen ein, und bei dieſen wurden noch un⸗ verſchämte Abzüge oder ſonſtige Chicanen gemacht. Und dabei war das Unangenehmſte, daß Zacharias wußte, daß dies Alles ihm in die Schuhe geſchoben werden würde; da die Principale ſeine Bemühungen, ſeinen Aerger, ſein Laufen und Rennen, ſein Reden und Unterhandeln nicht ſehen konnten, wohl aber immer bereit waren, ihm alles Mißlungene auf⸗ zubürden. Natürlich benahmen ihm dieſe Umſtände die Luſt am Reiſen immer mehr und mehr; er ſah daſſelbe jetzt von einer ganz anderen Seite wie früher an, und hätte wahrlich den Poſten eines Commis Voyageur freudig mit jedem anderen vertauſcht. Aber das Leben gleicht einem wilden Strome, in welchen uns eine mächtige Hand hineingeſchleudert. Seine Wellen und Wirbel reißen uns unaufhaltſam fort, und nur dem kräftigen Menſchen und guten Schwimmer wird es gelingen, ſich den eignen Weg zu bahnen,— ſelbſtſtändige Willensfreiheit zu er⸗ halten,— die Maſſe ſchwimmt dahin, wohin ſie die Flut eben hinträgt; Zacharias verſchlug ſie in den nächſten Tagen auf ein Sängerfeſt, welches in einer der nahegelegenen größeren Städte gefeiert wurde. Sängerfeſt!— Geſangvereine! Monu⸗ mente! Welche Stadt Deutſchlands, ſie ſei groß oder klein, wäre in der Cultur ſo weit zurückgeblieben, daß ſie nicht wenigſtens einen Geſangverein, ein Monument aufzuweiſen hätte, und beſtände erſterer auch nur aus dem Schulmeiſter und Cantor und wäre letzteres auch nur ein Heiliger ohne Kopf, oder ein neuer— Gemeindebackofen:— oder auch ein Epi⸗ taphium eben auf den erſteren, wie das des Cantors Rudroff zu Marienburg, auf deſſen Grabmal ein Skelet abgebildet iſt, welches auf eine Notentafel und die Finalpauſe hindeutet, mit den Worten:„Der hat ausgeſungen!“ Ueberhaupt war das erſte Monument der erſte Leichenſtein, wie Adam und Eva den erſten Verein ſchloſſen. Aber Du mein Gott! wie viele Leichenſteine wurden ſeitdem gelegt, wie viel Monumente geſett — hauptſächlich von unſerer Zeit,— und wie vie⸗ lerlei Vereine, abgerechnet der ehe⸗ und unehelichen, gibt es jetzt. Naturforſcher⸗, Philologen⸗, Pädagogen⸗, Thev⸗ logen⸗, Juriſten⸗, Muſikaliſche⸗, Theatraliſche⸗, Eß⸗, Trink⸗ und Nichteß⸗ und Trink⸗ oder Mäßigkeits⸗ Vereine; Vereine gegen die Menſchen⸗ und Thier⸗ quälerei, kurz!— Vereine für und gegen Gott und die Welt. Nur einen Verein haben wir in Deutſchland noch nicht; den Verein brüderlicher Liebe zur Gründung feſter Nativnalität; aber wie ſollten wir einen ſolchen ſchließen können, da wir ja noch nicht einmal den Namen unſerer Nation zu ſchreiben wiſſen und uns in den Haaren liegen, ob es Deutſchland oder Teutſchland heißen müſſe. Indeſſen iſt nicht zu läugnen, daß die vielen Kunſtvereine gedeihlich auf den Culturzuſtand unſeres Vaterlandes wirkten und manch Treffliches hervor⸗ riefen. Namentlich ſei dieß von den Geſangvereinen geſagt. Außer der geſelligen und muſikaliſchen Bildung, die ſie zur nüchſten Folge haben, wecken ſie im Allgemei⸗ nen den Sinn für das Edle und Schöne, ja ſie ſind in ſofern auch von politiſcher Bedeutung, als ſie durch die, durch dieſelben hervorgerufenen Sängerfeſtt, uns eben— wenn auch nur eine ſchwache— Idee von Nationalfeſten geben. Die alte engherzige Abgränzung der einzelnen deutſchen Völkerſchaften fällt weg, ſo⸗ bald Arndts: „Was iſt des Deutſchen Vaterland“ tauſendſtimmig durch die Lüfte braust, und Niemand fragt: iſt das ein Preuße, Sachſe, Schwabe, Franke, Rheinländer oder Baher, ſondern nur: ſpricht er deutſch, fingt und trinkt er, und Jedem wird das Herz weit; denn er iſt ſtolz auf ſein Vaterland, das da reicht: »So weit die deutſche Zunge klingt, Und Gott im Himmel Lieder ſingt.« Haben wir doch auch in dieſem ächt deutſchen Ge⸗ dichte, welches der geniale Wilhelm Speyer in Frank⸗ furt ſo paſſend in Mufik ſetzte, ein Nationallied,(lei⸗ —— — 139 der faſt das Einzige, denn das ſchlechte Machwerk: „Sie ſollen ihn nicht haben“, wird kein Menſch zu einem ſolchen erheben wollen.) Der geiſtreiche Bert⸗ hold Auerbach macht über Arndts Gedicht fol⸗ gende treffende Bemerkung: Arndts Lied:„Was iſt des Deutſchen Vaterland“ iſt ein ächt deutſches Lied; denn es iſt ächt deutſch, daß der Provinzialismns erſt katechetiſch überwunden, durch's Bewußtſein vermittelt werden muß, und dann erſt die tiefe Pietit für das Geſammtvaterland ſich erſchließt, jene fromme Hinge⸗ bung, wie ſie die deutſche Nation in der Feuerprobe der Gefahr bewährt hat. Aber auch Herr Speyer hat den ganzen Charak⸗ ter des Liedes auf eine überraſchend glückliche Weiſe in Tönen wiedergegeben. In dem, in vielfachen Ton⸗ arten ſich wiederholenden Aufſchrei und Wechſel der verſchiedenen Stimmen bei dem:„O nein! o nein!“ und in dem darauf folgenden Vereinigen derſelben hat Herr Speyer die bunte Mannigfaligkeit und den Widerſpruch einer Volksmenge trefflich dargeſtellt. Von den Mittelworten der fünften Strophe an, wo vie achte Antwort beginnt, klingt es gebetähnlich und himmliſch beruhigend, pis es ſich am Schluſſe zu 140 freudiger Zuverſicht und kräftiger Ermannung er⸗ hebt. Dieſer doppelte Charakter des Liedes, der aus der Dichtung ſo unverkennbar ſpricht, tritt in der Compoſition Speyers anf die finnigſte Weiſe hervor.— Auch Zacharias fühlte die Wahrheit dieſer Be⸗ merkungen tief, als das Lied— von vielen Hunder⸗ ten geſungen— die ganze Maſſe der Zuhörer be⸗ geiſternd hinriß und ein donnerndes„Hoch!“ und ein kaum endender Applaus durch die Lüfte ſchallte. Ueberhaupt war es ein ſchönes Feſt, das man hier feierte, und ganz geeignet das jugendfriſche, für alles Gute und Schöne empfängliche Gemüth des jungen Hartmanns zu ergreifen, und ſein leidenſchaft⸗ lich⸗pulſirendes Herz gegen Jedermann zu öffnen. Das herrliche Wetter, die reizende Umgebung, die große Wieſe mit Tauſenden von Menſchen aller Klaſſen und Alter bedeckt, die flatternden Fahnen, die fröhlichen Geſänge, die heiteren Geſichter die Zufrie⸗ denheit und Luſt kündeten, die geputzten Menſchen und Häuſer, der allgemeine Jubel und das ſtille Glück einzelner Pärchen— alles dieß riß ihn zur Be⸗ geiſterung hin. Vergeſſen war Aerger und Noth, ————————————————— — 141 Mißmuth und Melancholie, und der blaue Himmel ſtrahlte neue Hoffnungen auf Lebensglück in ſeine Bruſt. Was ihm kurz zuvor noch ſchwarz und finſter geſchie⸗ nen, trug jetzt die freundliche Farbe der Hoffnung, und da gerade ſein Hauptcharakterzug Gemüthlichkeit war, ſo gefiel ihm dieß gemüthliche Weſen, dieß Verſchmel⸗ zen einer großen Volksmaſſe faſt zu einer Familie unendlich wohl.. Wirkte doch hier jeder Einzelne nach Kräften zur Verherrlichung des Ganzen mit, ſo daß ſelbſt Dinge, die vereinzelt faſt kleinlich geſchienen haben würden, als Theile eines harmoniſchen Ganzen ſich trefflich ausnahmen. So hatten in der Stadt alle Gewerbe ihre Wohnungen mit den eigenen Produkten verziert Die Tuchmacher mit Draperien von Tuch, die Fär⸗ ber mit Guirlanden aus Strängen von buntem Garn, die Blechſchmiede mit künſtlich zuſammengeſetzten Ara⸗ besken aus glänzenden Blechwaaren, ſogar die Häus⸗ chen armer Töpfer ſchmückten Garnituren von Töpfer⸗ waaren. Noth und Armuth, Seufzer und Thränen ſchienen von der Erde verbannt, und überall war Sonnenſchein, Glück und Luſt. 142 Beſonders vergnügt machte es aber Zacharias, daß er in der Menge bald mehrere bekannte Rei⸗ ſende entdeckte, unter welchen ſich auch der„Berliner“ befand, und an die er ſich ſogleich anſchloß. Glück⸗ licherweiſe erwiſchte man noch einen Tiſch auf der Wieſe und nun floß der edle Gerſtenſaft in reichlichem Maaße, während Witz und Laune bis zum Ueber⸗ muthe ſtiegen. Allen gefiel das Feſt ungemein, nur dem Berliner nicht, der immer als Großſtädter auf dies Treiben einer Provinzialſtadt verächtlich herab⸗ ſah. Aber er mußte ſeinen Hochmuth theuer büßen, da ihn dafür die ganze Schaar zur Zielſcheibe ihres Witzes machte. So rief unter Anderem Einer:„Mit unſerem Freund Berliner geht es uns heute, wie es mir vor einigen Wochen mit dem Caſtellan der Burg Stolzenfels am Rheine ging. Ich beſuchte dieſe ſchöne jetzt durch den König von Preußen wieder aufge⸗ baute Ruine, und konnte mich nicht ſatt ſehen an der göttlichen Ausſicht, welche man von dort aus in das wild⸗romantiſche Rheinthal, mit ſeinen Bergen und Burgen hat. In meinem Enthuſiasmus wandte ich mich auch einmal an den Caſtellan, der mir die in⸗ nere Einrichtung zeigte, und rief:„Gott wie iſt es —————— doch hier ſo ſchön!“— Ja,“ entgegnete der Mann trocken:„Unſer juter König hat man mich des Alles ſehr ſchön einjerichtet. Alleene aberſcht es wäre Alles jut, wenn nur die Jegent nicht ſo jottverjeſſen lang⸗ weilig wäre. Da müßten Sie mich mal Berlin ſehn! na! da jann man doch weit hinſchaun, da iſt man mich doch Alles ſchön flach; alleene aberſcht hier, mein Jott! da jann man ja jar niſcht ſehn vor lau⸗ ter Bergen!“ Alles lachte herzlich und der Berliner verlor ſich bald darauf ſchmollend unter der Menge, indem er ein paar netten Mädchen nachſtrich. Man hatte es bemerkt und nun kam die Rede auf Mädchen. Das Thema war reich und variirte mit Wahrheit und Dichtung in das Weite. Erſt kamen hübſche, nette Geſchichtchen, dann wurden ſie immer pikanter, und wie man mehr lachte und mehr trank, fielen die Schranken immer tiefer und tiefer, bis endlich zur allgemeinen Heiterkeit die ſo ſehr beliebten„Anekdoten“ an die Reihe kamen. Zacharias, der im Anfange mit Intereſſe zuge⸗ hört, fand freilich an Gemeinheiten keinen Geſchmack, indeſſen mußte er doch über manch witzige Zweideu⸗ 144 tigkeit lachen, die oft Schlag auf Schlag von einer und der anderen Seite fielen. Eben hatte einer der Reiſenden eine ſolche Anek⸗ dote zur Herzensfreude der Geſellſchaft vollendet, als ſein Nachbar eine neue begann. „Koſtbar ſind oft die Landprediger in dergleichen Dingen,“— rief er—„da war zum Beiſpiel Einer auf einem Dorfe in meiner Heimath, der von ſeiner vorgeſetzten Behörde den Auftrag bekam: einem leicht⸗ ſinnigen Mäbchen in ſeinem Pfarrſprengel in das Ge⸗ wiſſen zu reden. Der gute Mann that es und be⸗ richtete darauf in aller Unbefangenheit an ſeine Oberen: „Hochpreißliches, hochwürdiges Conſiſtorium! Auf Hochdero Befehl habe ich Babette Nagler dreimal in meiner Studierſtube vorgenommen; obgleich ſie aber viel Schaam dabei zeigte, konnte ich doch nichts in ſie hineinbringen.“ Wie ſich von ſelbſt verſteht, jubelte hier die Ge⸗ ſellſchaft, und die Köpfe noch näher bei einander ſteckend, fuhr der Sprechende fort:„Ein andermal frug derſelbe Geiſtliche bei einer Prüfung ein Mäd⸗ chen:„„Auf wie vielerlei Weiſe kann man fündi⸗ gen?““— Dieſe entgegnete:„Mit Gedanken, 145 Gebärden, Worten.... und...“—„nund?““ wiederholte Jener und erhob den Finger—„„und mit dem Finger!““ rief erſchrocken das Miädchen. „Schade, daß Spreitzer nicht bei uns iſt!“— rief hier ein Anderer—„der kennt eine Maſſe ſol⸗ cher Geſchichtchen. Ich will verſuchen, ihm Eins nach⸗ zuerzählen. In den Kriegsjahren beſchwerte ſich einſt eine Sachſenhäuſerin über die Menge Einquartirung, die man ihr zugewieſen.„Aber, liebe Frau““— ſagte der Quartiervorſtand—„„Sie hat ja zwei Häuſer?““—„nden Deiwel äch!““ ſchrie Jene hef⸗ tig—„„Wie?— Was?— zwi Häuſer? zwä Löcher haw ich, deß hinnere is e klän, ſtinkig Neſt, wo nit e mol e Soldat enein geht, un im vordern hot mei Mann ſei Werkſtatt!““ „Kennt Ihr folgende Geſchichte?“ rief ein Dritter „Einem Kaufmann begegnete in den Tuillerien eine äußerſt elegant gekleidete Dame, die er früher als armes Mädchen gekannt hatte. Erſtaunt frug er ſeinen Begleiter: ob er nicht wiſſe, wie ſie ihr Glück gemacht?“„„Elle a fait fortune dans la com- merce.““—„„ Commis Voyugeur. II. 10 Dans quelle partie 260— frug — 3 der Erſtere.—„Dans les draps!“« 4) entgeg⸗ nete Jener. Aber die Anekdoten wurden immer ſtärker und frivoler, ſo daß es endlich Zacharias anekelte. Leiſe und unbemerkt ſchlich er ſich fort, und konnte um ſo weniger begreifen, wie ſeine Collegen Spaß an den ordinärſten Zoten finden konnten, da doch hier Natur, Umgebung, und das Feſt ſelbſt ſo reichen Stoff zu edlerem Vergnügen boten. Er miſchte ſich in die auf- und abwogende Menge und ließ ſich behaglich von dem Menſchenſtrome wei⸗ ter treiben. So kam er hier an reichbeſetzten und von fröhlichen Menſchen umgebenen Tiſchen, dort an, im Graſe lagernden, Gruppen, hier wieder an Sänger⸗ chören und weiter hinauf an einem ſpielenden Or⸗ cheſter vorbei. Von der einen Seite herüber ſchrie dabei der Harlekin einer Seiltänzergeſellſchaft, von der anderen tönte die prahlende Ankündigung eines Ta⸗ ſchenſpielers. Aber mehr noch als dies Alles beſchäftigten ihn die Beobachtungen, die er an der bunten Menſchen⸗ 5 Betttücher. 14 menge vornahm. Wie verſchieden die Geſtalten und Phyſiognomien, wie charakteriſtiſch prägten ſich oft im Außeren die Gewerbe der Einzelnen ab, oder ver⸗ riethen ſich die Charaktere ſelbſt. Er war tief in ſolche Bemerkungen und Forſchungen verloren, als plötzlich eine ſehr elegant gekleidete Dame, an dem Arm eines Mannes von vornehmem Aeußern, bei ihm freundlich grüßend vorüberſchwebte. Das Zunicken des wunderlieblichen feinen Geſichtchens hatte ihn nicht nur angenehm aus ſeinen Träumen aufgeweckt, ſon⸗ dern auch ein brennendes Roth der Ueberraſchung, der Freude und der Verlegenheit über ſein Antlitz ge⸗ jagt. Uud doch ſtand er in keiner näheren Berührung mit der Dame, als daß er das Vergnügen gehabt, den Mittag während der Tafel neben ihr zu ſitzen, und ſich recht angenehm mit ihr zu unterhalten. Sie war eine Franzöſin von Geburt, aber ſeit ihrer Kindheit in Deutſchland, und jetzt an einen Baron Braßleff verheirathet. Es war dieß eben jener hübſche junge Mann, an deſſen Arm ſie vorüberge⸗ ſchwebt. Eine athletiſche Figur mit einem intereſſan⸗ ten Kopfe. Der gewaltige, ſchwarze Schnurrbart, an beiden Enden in feſte Spitzen gedreht, und die feurig 102 5 148 blitzenden Augen, gaben ihm dabei ein martialiſches Aeußere; jedoch milderte ſein artiges und feines Be⸗ nehmen den etwas abſchreckenden Eindruck, welchen ſeine äußere Erſcheinung machte, bedeutend. Die junge Frau dagegen erſchien deſto liebens⸗ würdiger. Ihre zarte Geſtalt, ihr liebliches und geiſt⸗ reiches Geſichtchen, verbunden mit ihrer franzöſiſchen Lebhaftigkeit, der feinen Tournüre und der eleganten Toilette, in welcher ſie Meiſterin war, umgaben ſie mit einem wahren Zauber. Zacharias konnte nicht umhin, ihr mit den Blicken zu folgen und hatte die Genugthuung, daß auch ſie noch einmal das Köpſfchen flüchtig nach ihm wandte. Glitt ſie aber auch nicht dahin wie eine Sylphide, ſo daß es ſchien, als ob die netten Füßchen kaum den Voden berührten?— Und ſtand ihr nicht der kleine Strohhut und das faltenreiche, weit abſtehende weiße Kleid zauberhaft? Leider war ſie bald unter der Menge verſchwun⸗ den und Zacharias ſah ſich bald wieder in dem Ge⸗ dränge allein. Er ſchlenderte weiter aber es ſprach ihn nichts mehr recht an, und zu ſeinen Collegen —— vermochte er nicht mehr zurückzukehren. — — —— 149 Der Abend war unterdeſſen hereingebrochen. Alle Welt paßte nun auf das Feuerwerk, welches, ſobald es dunkel genug, zum würdigen Schluſſe des ſchönen Tages, abgebrannt werden ſollte. Auch Hartmann näherte ſich daher der Gegend, in welcher man die Vorkehrungen zu derſelben ge⸗ troffen, aber die compakten Menſchenmaſſen, die ſich hier zuſammendrängten, erlaubten ihm bald kein wei⸗ teres Vordringen. Gleichgültig ging er wieder zu⸗ rück und fand nun, daß ſich die Honoratioren in ei⸗ niger Entfernung meiſtens unter Zelten niedergelaſſen hatten, um hier mit dem Genuß des Schauens auch den des Eſſens und Trinkens zu verbinden. Seine Neugierde trieb ihn an mehreren Zelten vorbei, als ihm plötzlich eine tiefe Miünnerſtimme mit Namen rief. Er wandte ſich um und ſtand vor dem Baron. Braßleff, der ihm, aus einer jener luftigen Wohnungen freundlich entgegentrat. „Treten Sie bei uns ein, Herr Hartmann“— ſagte er artig—„Sie haben doch, wie ich ſehe, keinen Platz, und da wir uns bei der Mittagstafel ſo angenehm unterhalten haben, ſo werden Sie uns verbinden, wenn Sie uns Ihre Geſellſchaft auch bei dem 150 kleinen Soupe gönnen, welches wir eben im Begriff ſind, einzunehmen.“ Die Einladung war in mehr als einer Beziehung unſerem Freunde willkommen er nahm ſie daher dankbar an und hatte keine urſuche es zu bereuen. Das einfache Mahl würzte Witz und Champagner. Zacharias fühlte ſich dabei durch das herablaſſende und zuvorkommende Weſen des Barons und ſeiner jungen Frau unendlich geſchmeichelt; ja er ward am Ende ſo vertraut mit Beiden, als ob ſie ſeines Glei⸗ chen wären, was Jene ſogar gerne zu ſehen ſchienen. Die kleine Geſellſchaft ward immer heiterer, und na⸗ mentlich entwickelte die Baroneſſe einen Humor, der jeden Zuhörer entzücken mußte. Wie hätte die Zun⸗ derſeele Zacharias nicht Feuer fangen ſollen? Er war ganz hingeriſſen von ihr, ohne jedoch einen unlau⸗ teren Gedanken zu nähren, und er beneidete Braß⸗ leff nur um das namenloſe Glück, ein ſolches Weib⸗ chen zu beſitzen. Unter Scherzen hatte man das Nachteſſen bis auf den Nachtiſch verzehrt; jetzt rauſchten, während man behaglich die Krachmandeln knackte, die Raketen em⸗ por, praſſelten die Potefeus, ziſchten die Räder, —b ——— — ů 11 flammten die Tempel und Transparente. Aber die Geſellſchaft ließ ſich in ihrer Luſt nicht ſtören, und die Baroneſſe ließ das geiſtige Feuerwerk der Witze und der Bonmots mit dem flammenden um die Wette knacken. Eifrig ſuchte ſie dabei unter den Mandeln bis ſie eine doppelte fand, deren Hälfte ſie dann lä⸗ chelnd dem jungen Hartmann hinhielt, damit er ſie als„Vielliebchen“ mit ihr eſſe. Und was hätte Zacharias nicht Alles der kleinen Zauberin mit den lebhaften ſchwarzen Augen und dem neckiſch⸗verliebten Blicke gethan? Er aß die Doppel⸗ mandel, war aber ſchon im Voraus entſchloſſen, die Scherzwette zu verlieren, nur um dem göttlichen Weib⸗ chen ſeine Huldigung in einem recht ſinnigen und reichen Geſchenke bringen zu dürfen. So enteilte die Zeit nur zu ſchnell. Das Feuer⸗ werk war längſt abgebrannt, der größere Theil der Menſchenmenge hatte ſich verlaufen und es war nach und nach kaltfeucht geworden, als auch Braßleff und ſeine Geſellſchaft an das Heimkehren dachte. Der aufmerk⸗ ſame Wirth hatte der Baroneſſe einen Mantel ge⸗ ſandt, der ihr jetzt gut zu ſtatten kam; ſie warf ihn um, nöthigte aber auch Zacharias, als ſie ſah, daß X 152 dieſer ſehr leicht gekleidet, ihr Taſchentuch noch um⸗ zuknüpfen. Er hätte es lieber geküßt und auf ſein Herz gedrückt, mußte hier indeſſen gehorchen; als er ſich jedoch unbemerkt glaubte, konnte er ſich von Er⸗ ſterem nicht enthalten; aber die Dame bemerkte es, und drückte ihm heimlich die Hand mit zärtlicher Gluth. Zacharias durchrieſelte dies Zeichen der Neigung wie Feuer,— war es ihm nicht ein Beweis, daß er, der unbedeutende junge Menſch, der Geſchäftsreiſende, den bei weitem ſchöneren Mann, den hochadeligen, den Ehemann ausgeſtochen habe?— Seine Eitelkeit rief ihn als Sieger aus. Er glaubte, ſeine Seele müſſe vor Entzücken den beengenden Körper ſprengen.— Aber mit dieſem leiſen Druck der Hand hatten ſich auch, wie durch einen Zauberſpruch, ſeine Gefühle gegen die Dame ſeines Herzens geändert. Während er ſie bisher, ohne ſinnliches Verlangen verehrt, an⸗ gebetet— durchſtrömte ihn nun plötzlich die wildeſte Leidenſchaft. Sie ſelbſt hatte das Signal zu dieſem Aufruhr in ſeiner Seele gegeben, durch ein Zeichen des Wohlwollens hinter dem Rücken des Gatten; ſie hatte die Pforten des Paradieſes aufgeriſſen, und der arme Verblendete blickte nun ſehnſüchtig nach den 153 verbotenen Früchten. Und ſchmeckt Verbotenes nicht gerade am beſten? Heißt nicht verbieten erſt recht reizen? Indeſſen ein Blick auf den Herrn Gemahl, ſeine martialiſche Geſtalt, ſein funkelndes Auge und ſeinen ungeheuren Schnauzbart dämpfte das verwegene Lie⸗ besfeuer des erregten Zacharias ganz bedeutend. Die kleinſte Vermeſſenheit konnte ein Duell hervorrufen und Hartmann verſpürte in der That keine Luſt, ein ſolches zu provociren.. Im Gaſthaus vergaß er gefliſſentlich das Ta⸗ ſchentuch zurückzugeben und ein Blick, wie er nicht zu malen noch zu beſchreiben,— einzig ſelig zu fühlen iſt, lohnte dieſe geheime Huldigung. Hartmanns Phantaſie glühte. Er dachte ſich jetzt an die Stelle des glücklichen Barons, den er auf den Bloksberg wünſchte; er malte ſich Scenen aus, deren Reiz ihn wüthend machte. Vergebens warf er ſich lange in dem Bette hin und her. Er hörte Zwölf und Eins ſchlagen, und erſt der Morgen wiegte ihn in einen kurzen, unruhigen Schlummer. Die Sonne lachte ſchon durch ſeine Fenſter, als er mit gleichen Beinen aus dem Bette ſprang. Müh⸗ ſelig ordnete er die Erinnerungen an geſtern. Sie X 154 machten ihn ſtolz; dennoch blieb er ruhiger. Geſtern wollte er ſein„Vielliebchen“ um jeden Preis ver⸗ lieren, heute dachte er, daß es doch wohl ſchöner ſei, es der Baroneß abzugewinnen, und dadurch ein An⸗ denken von ihr zu erringen, da er das Taſchentuch doch wohl wieder hergeben müſſe. „Das Taſchentuch!“— rief er, holte es unter ſeinem Kopfkiſſen hervor und blickte es gedankenvoll an. Die Stickereien ſchienen ſich ihm dabei in wun⸗ derbaren Bildern zu verſchlingen. Bald ſah er des Ehemanns Geſicht, ihn, wie ein grimmiger Tigerkopf, angrinzen; bald wuchſen ſchwarze Schlangen aus deſ⸗ ſen ungeheurem Barte; dann wieder ſah er das lieb⸗ liche Antlitz der Baroneſſe. Aus den geſtickten Roſen wuchſen Amoretten und Teufelchen, die ſich balgten und mit einander rangen, und ſich endlich hohnlüchelnd in ſein Herz theilten. Er ſtarrte noch auf das Tuch, als es an der Thüre klopfte. Sollte es die Baroneſſe ſein?— er ſchwieg vorſichtig. „Ich bin es“— ſagte nach einigen Sekunden eine tiefe Männerſtimme—„der Hausknecht und will die Stiefel holen.“ ——— „So!“ entgegnete Zacharias getröſtet und ohne von dem Tuch aufzublicken.„Sie können herein⸗ kommen!“ Die breite Figur folgte dem Befehl, aber un⸗ mittelbar darauf rief eine liebliche Stimme: „Guten Morgen, Vielliebchen.“ Hartmann ſchrack zuſammen, drückte das Tuch auf ſein Herz, wandte ſich um, und ſah in das En⸗ gelsgeſichtchen der Baroneſſe, die ihren Lockenkopf lächelnd zur Thüre hereinſtreckte. „Himmliſche!“ rief er, und flog nach ihr hin; aber ehe er noch die Thüre erreicht, war ſie wie ein Schatten verſchwunden. Er wußte wenigſtens jetzt, was er zu thun hatte, und eilte denn auch getroſt ſich anzuziehen und das Vielliebchen zu kaufen. Der einzige Blick in das Auge der ſchönen Frau war genug geweſen, um ſein Herz wieder in die Flammen zu ſetzen, in welchen es den Abend zuvor geſtanden, und die Eitelkeit: einen Ehemann ausgeſtochen und eine ſo hochſtehende Dame gewonnen zu haben, war der Wind, der die Gluth nur immer noch mächtiger anfachte. Jetzt hätte er in Paris ſein mögen, um irgend *— einen prachtvollen Gegenſtand auffinden zu können, der ſeiner Dame auch würdig. In der bayeriſchen Provinzialſtadt blieb es allerdings eine ſchwierige Aufgabe, irgend Etwas von Geſchmack, Werth und Bedeutung zu finden. Er rannte hier und dorthin, aber nichts wollte ſeinen Anforderungen genügen, ſo daß er ſich endlich bequemen mußte, zu den Dingen zurückzukommen, die man gewöhnlich zu Präſenten verwendet; um aber den Mangel des Neuen, Ueber⸗ raſchenden, Feinen und Geſchmackvollen zu erſetzen, mußte er nun noch mehr auf inneren Werth ſehen. Und wie? war die Gelegenheit nicht werth, einmal zu zeigen: daß man nicht von Adel zu ſein braucht, um nobel zu geben, nobel auftreten zu können?— Zacharias fühlte ſich!— Denn eine Baroneſſe hatte ihm Zeichen der Liebe gegeben, was war da nicht Alles noch zu erwarten, wenn man ſich ſolcher Nei⸗ gung würdig zeigte?— Solche Gedanken verwirrten ihm den Kopf immer mehr und mehr, und da die Gabe ausſprechen ſollte, wie werth ihm die Perſon ſei, an die ſie ging, ſo konnten nur Gold und Edelſteine ſeinen Anforderungen genügen. 152 Hartmann lief daher zum erſten Juwelier der Stadt. „Ich bin„von Hartmann“— ſagte er, nach⸗ dem er eingetreten, zu dem höflich grüßenden Gold⸗ arbeiter mit ſtolzer Miene—„und möchte eine Kleinigkeit haben, um ſie als Scherz an eine Baro⸗ neſſe zu geben, die mir ein Vielliebchen abgewonnen.“ „Wollen ver Herr Baron ſich einmal umſehen?“ — entgegnete mit einem tiefen Bückling der Schüler Benevenuti Cellinis, der, wie die meiſten Bayern, in ſeinem breiten Geſicht einen Schnurr⸗ und Knebel⸗ bart trug, der ihm recht ſchlecht ſtand.„Hier ſind Armreife von Gold oder Silber.... von fünf bis zu zwanzig Gulden.“ „Pfui!“— entgegnete verächtlich Zacharias— „ſilberne Armreife für eine Baroneſſe!— Nein, ich meine eine Kleinigkeit: fein, ſchön, geiſtreich gedacht und werthvoll!“ Der Goldarbeiter ſah erſtaunt und entzückt ſeinen Käufer an. Er hatte ſchon manchen Adeligen in ſeinem Laden gehabt— aber da war es ſchon viel, wenn der für zehn Gulden auf Pump gekauft. Das muß eine hohe Perſon ſein, dachte er, und ſagte, ſich noch tiefer verneigend und einen andern Glas⸗ kaſten öffnend:„Velieben der Herr Graf etwa eine Brillantnadel, eine goldne Kette, eine Broche mit fei⸗ nen Steinen?“ Zacharias Blicke liefen kalt über alle die Herr⸗ lichkeiten; er fühlte in dem Augenblicke ſo recht, daß er eigentlich für eine hohe Sphäre geboren ſei; und mußte dieß nicht ſelbſt ſein Aeußeres verrathen, da ihn der Juwelier Baron und Graf titulirte, und die Baroneſſe ihn ihrem Gemahle vorzog? Und kann ich es nicht ſo manchen Baronen gleich, is noch vorthun, dachte er, ich, der einzige Sohn eines reichen Frankfurter Kaufmanns?— Ja!— ſtehe ich nicht ſelbſt dadurch ſchon viel höher, als der ganze Adel, daß ich Frankfurter Bürger bin, und als ſolcher einmal regierender Bürgermeiſter, alſo ein regierendes Haupt, und als ſolches wieder College der übrigen Kaiſer und Könige, Großherzoge und Herzoge werden kann?— Die Wahrheit dieſer Gedanken ergriff ihn ſo mächtig, daß er die ganze Welt, wie in der Vogel⸗ perſpektive, unter ſich liegen ſah. Er fühlte ſich ſchon in Amt und Würden und hörte,— mit Aiſance in ——— 159 einen Seſſel geſtreckt,— kaum den Lobpreiſungen des Goldarbeiters zu, bis ihn dieſer durch das Vor⸗ zeigen eines ſehr ſchönen Ringes aus ſeinen Träu⸗ men weckte.. Zacharias griff haſtig nach dem Stück. Der Ring ſtellte zwei doppelt und vielfach verſchlungene Schlangen vor, die in ihrem Rachen Vergißmein⸗ nichte, als Sinnbilder ewiger Treue, trugen, ihre Häupter aber ſchmückte eine gemeinſame Krone von ſchönen Brillanten. „Was koſtet das Ding?“— frug Hartmann, nachdem er den Ring länger mit innerem Wohlbe⸗ hagen, aber äußerlich mit vornehmer Gleichgültigkeit betrachtet. „Acht Carolin, Herr Graf!“ verſetzte, ſich uber⸗ mals verneigend, der Künſtler. „Hum!“ brummte Zacharias,„acht Carolin iſt viel Geld für den einfachen Ring. Wenn Sie ihn für ſechs geben, will ich ihn behalten.“ Der kluge Verkäufer hatte das vorhergeſehen und daher auch ſo vorgeſchlagen, daß er nun, nach eini⸗ gem ſcheinbaren Widerſtreben, zuſchlagen konnte. Hartmann freilich, dem der Ring zwar gefallen, aber 1160 doch zu theuer geweſen, glaubte nicht, daß Jener ſo viel herabgehen würde, und war durch den Zuſchlag in der That beſtürzt; indeſſen konnte er Ehren halber ſein Wort jetzt nicht mehr zurücknehmen. Er zahlte, obgleich mit Gewiſſensbiſſen, und machte ſich — als er das„Herr Baron! Herr Graf“ des Juwe⸗ liers nicht mehr hörte und die friſche Luft ſein er⸗ hiztes Gehirn abgekühlt— Vorwürfe, daß er ſich von der kindiſchen Eitelkeit zu einem ſo unklugen Schritte hatte fortreißen laſſen. Das Geſchehene war indeſſen nicht mehr zu än⸗ dern, und Zacharias durfte einzig hoffen, daß ihm das werthvolle und ſchöne Geſchenk deſto ſicherer den Weg zu dem Herzen ſeiner Dame bahnen würde. Außerdem tröſtete er ſich mit Göthes: »So ein verliebter Thor verpufft Euch Sonne Mond und Sterne Dem Liebchen zu gefallen in die Luft.« Um die Sache ſinniger zu machen, verſchaffte er ſich noch ein Sträußchen, deſſen Hauptzierde eine Noſe ausmachte, und barg den Ring in dem Kelche dieſer Blume. Der Dank der ſchönen Frau war allerdings warm und aufrichtig, ja ſie frug in ihrem Entzücken ſchalk⸗ haft den Gatten: ob ſie den ſinnigen Geber nicht mit einem Kuſſe lohnen dürfe, und da der Herr Gemahl lächelnd einwilligte, ſo fühlte Zacharias bald die zwei ſchönſten Lippen der Welt mit einer Gluth auf den ſeinen brennen, die ihm Mark und Bein verzehrte. Bei der Tafel ſaß er wieder neben der Baroneſſe, und erfuhr im Laufe des Geſprächs von Braßleff, daß dieſer gleich nach Tiſche einen Beſuch auf dem benachbarten Gute des Fürſten Vockerdorf⸗Wellmer⸗ laus⸗Wetzelberg⸗Werſch mache, und dort einige Tage verweilen werde, da ihn die Durchlaucht zur Jagd eingeladen habe. „Und die gnädige Frau?“— frug Hartmann unangenehm berührt und faſt mit zu ſtürmiſchem Tone. „Laſſe ich in Ihrem Schutze zurück!“— entgeg⸗ nete der Baron lächelnd, ſetzte aber ernſt hinzu: —„Sie werden mich und ſie in der That verbin⸗ den, wenn Sie ihr die kurze Zeit als Chevalier an der Seite ſtehen wollen. Ich weiß, ich darf auf Sie vertrauen.“ Zacharias war innerlich entzückt und lnchte den Narren von Ehemann aus, der ſo klug den Bock Commis Voyageur. II. 1. zum Gärtner ſetzte; that aber deſto ernſter und ſo⸗ lider, und wünſchte endlich dem Barone alles mög⸗ liche Glück, als ſich dieſer auf ein Pferd ſetzte und davon ritt. 1. Der Tag war ebenfalls noch ein Feſttag. Die Sänger hatten den Morgen in der Kirche geſungen und den Abend ſollte ein glänzender Ball dik ganze Herrlichkeit ſchließen. Zacharias beſtürmte die Baroneſſe— die früher vorgehabt hatte, denſelben mit ihrem Manne zu be⸗ ſuchen, nun aber wegen deſſen Abweſenheit darauf zu verzichten gedachte— ihn dennoch an ſeiner Seite zu beehren. Nach vielen Bitten gab ſie endlich nach und Hartmann wußte ſich kaum vor Luſt und Stolz zu faſſen, als er, die gnädige Frau am Arm— ſtrahlend in ihrer Schönheit und einer wundervollen Toilette— in den Saal trat. Und welche Seligkeit erſt, ſo Arm in Arm mit ihr im raſchen Walzer dahin zu fliegen, angeſtaunt von Allen, geehrt. von Allen, beneidet von Allen. Aber er machte ſeiner Chevalierſchaft auch Ehre, in⸗ dem er ſeiner Dame fürſtlich aufwarten ließ. Die feinſten Speiſen und Champagner im Ueberfluſſe — ihren Begleiter erinnerte, daß es wohl Zeit ſei, ſich wurden aufgetragen. Namentlich ſuchte er die Baroneſſe tüchtig von dem ſchäumenden Nektar betrunken zu machen, und— bei Gott!— dachte Zacharias, hier ſicht man, daß ſie aus den höheren Ständen, denn ſie iſt, wie es ſcheint, den Champagner gewöhnt. Sie ward immer munterer, bis ſie doch endlich zurückzuziehen. Da der Ball in demſelben Gaſthauſe gehalten wurde, in welchem die Herrſchaften wohnten, hatten ſie nicht weit bis zu ihren Zimmern zu ghen Den⸗ noch ſtützte ſich die Baroneſſ ſe, die jetzt ganz ausge⸗ laſſen war, feſt auf den Arm ihres Führers, ihn ſcherzhaft zankend, daß er ſie faſt berauſcht gemacht habe. Hartmain, der wie geſchmolzene Lava glühte, und N dem der Champagner bedeutend ernehmungsgeiſt eingehaucht hatte, ward dabei immer ʒürtlicher. Unter lauter Scherzen merkte keines von Beiden, daß ſie zu⸗ ſammen auf der Baronin Zimmer waren, und unter lieblichen Neckereien raubte der leidenſchaftliche Chevalier ſeiner Dame ein Kleidungsſtück nach dem andern. Das ſchöne Frauchen lag im Bette, man wußte nicht wie, und Zacharias ließ nicht auf ſich warten. * ſchon ſtand auch er halb entkleidet und wollte eben nur noch die Thüre zuſchließen, als ihn die Baroneſſe bat dieſelbe offen zu laſſen. „Unverſchloſſen laſſen?“ rief Hartmann erſtaunt —„Warum?— Wenn nun Ihr Mann käme?“ „Der iſt weit von hier und ich kann nicht ſchla⸗ fen, wenn ich die Thüre von Innen verſchloſſen weiß. Wie leicht kann Einem etwas zuſtoßen und dann kann Niemand herein.“ Zacharias lobte lachend ihren Muth, hatte aber an beſſere Dinge zu denken als an den Riegel der Thüre und ſchlüpfte daher, ſtrahlend vor Seligkeit in das Bett des himmliſchen Weibchens.——— „Auch die beiden Lichter, die am Fenſter ſtehen, habe ich zu löſchen vergeſſen!“— ſagte er r nach einem halben Stündchen. „Laß ſie brennen“— bat ihn die Holde mit einem Kuſſe—„es iſt ſo ängſtlich im Dunklen.“ „Was thue ich nicht für Dich!“ rief Jener, und ſchloß ſie leidenſchaftlich in ſeine Arme. Aber dieſe zärtliche Scene ſollte auf eine ſchreck⸗ liche Weiſe unterbrochen werden, indem ſich mit einem⸗ male die Thüre weit öffnete und Braßleff hereintrat. 165 Seine Augen funkelten, wie die einer hungrigen Hyäne, ſeine Stirne zeigte in ihren tiefen Falten, welch' finſterer Ingrimm ſeine Seele erfaßt, dunkle Röthe deckte ſein Geſicht, und wie convulſiviſch drehte die linke Hand das eine Ende des mächtigen Schnurrbartes zu einer langen, ſteifen Spitze. So ſchritt die athletiſche Geſtalt raſch auf das Bett zu, während ein halberſterbender Schrei die Todes⸗ angſt der ſchuldbewußten Gattin kündete,— die ſich unter Kiſſen und Decke barg, während ſich Zacharias, ſprachlos vor Schreck, halbaufgeſetzt hatte, und nun, blaß wie eine Leiche, nach dem Baron hinſtarrte. Dieſer erſten Bewegung folgte eine Minute ent⸗ ſetzlichen Schweigens, während welcher die Blicke Braßleffs das Paar zu vernichten vrohten. „Dieß alſo, mein Herr“,— brach er alsdann plötzlich mit Donnerworten los—„dieß alſo, iſt die Weiſe, wie Sie die Gaſtfreundſchaft eines Edelmanns lohnen; dieß der Schutz, den Sie it Ihrem Worte der Gattin Ihres Freundes zuge agt?“ Er hielt einen Moment inne, als erwarte er Ant⸗ wort; aber Zacharias hatte der Champagner, ſein raſches Liebesglück und der Schrecken ſo verwirrt und — betäubt, daß er keines Wortes fähig war. Braßleff fuhr daher in einem tiefen, faſt erſterbenden Tone,— der um ſo mehr etwas unausſprechlich Schreckliches in ſich hatte, als er eine kalte Reſignation kündete, — langſam fort: „Dieß ſchurkenhafte Vetragen, Herr, würde jeder Andere durch ein Duell auf Tod und Leben rächen. Ich nicht. Ein Narr ſchlägt ſein eigenes Leben in die Schanze, wo es die Beſtrafung fremden Frevels gilt; da er, möglicherweiſe ſelbſt fallen, und ſomit der Schuld ſelbſt den Sieg verſchaffen könnte. Furchtbarer ſoll meine Rache ſein. Vor Ihren Augen werde ich jetzt das Weſen, das Sie verführt hat, oder welches Ihren Lockungen erlag, auf das Furchtbarſte züch⸗ tigen, bis es unter den gräßlichſten Schmerzen be⸗ wußtlos niederſinkt und den Boden mit ſeinem Blute färbt!— und jeden Tag— hören Sie,— jeden Dag werd' ich dieſe Züchtigung wiederholen— bis ſie der Tod befgzit und ihre Schande und meine 2 eit deckt. Ihre Niederträchtig⸗ Schmach mit Ver keit aber wiſſe Ihr Haus, Ihr Vater und Ihre Ge⸗ liebte— denn Ihre Verhältniſſe ſind mir bekannt und ich weiß, daß ich damit Ihr Lebensglück vernichte.“ 167 „Barbar!“— ſchrie bei dieſen Worten Zacha⸗ rias, entſetzt über die ſchrecklich⸗eiſige Kälte ſeines Gegners, der wie ein triumphirender Satan auf ſein Opfer blickte,—„warum die Unglückliche mit teuf⸗ liſcher Grauſamkeit opfern, wo ich die Schuld trage? — Ja! auf mich, auf mich allein falle Ihr Zorn, und er entlade ſich wie es Brauch und Sitte, die Waffen in der Hand.“ Braßleff ſah ihn hier einen Augenblick wie mit verbiſſenem Zörne an, dann rief er wild: „Sie wiſſen meinen Willen, ſie iſt mein Weib und Sie— ſind mir zu elend.“ „Herr!“ rief Zacharias und ſprang mit beiden Füßen aus dem Bett. Aber er erreichte kaum den Boden, denn der athletiſche Gegner packte ihn mit ſolch' furchtbarer Kraft, daß ihm ſogleich der Athem ausging. „Ein Wort noch!“ ſtöhnte der Varon—„und Sie fliegen zum Fenſter hin Blau und mit verzerrtem Hef ht taumelte Zacha⸗ rias zurück; Braßleff derriegelte die Thüre, er⸗ griff, alles Jammerns und Flehens ungeachtet, die Unglückliche bei ihren langen ſchönen Haaren, wickelte 168 dieſelbe um ſeine Hand und zog ſie, rias noch vor Entſetzen ſehen konnte, da ihm die Sinne ſchwanden— aus dem Bette, indem er zugleich eine kurze, knotige Peitſche wüthend ſchwang. Aber Hartmann fing den nervigten Arm auf, als er den erſten Schlag führen wollte. „Halten Sie ein!“— rief er in Verzweiflung— „ſie iſt unſchuldig, ich habe ſie bethört, berauſcht; verlangen Sie von mir was Sie wollen, ich bin zu Allem bereit, nur ſchonen Sie die Unglückliche.“ Braßleff hielt inne, während das junge Weib ſeine Kniee jammernd umſchlang. — ſo viel Zacha⸗ „Geben Sie mir Ihr Ehrenwort, daß Sie Alles thun wollen, was ich von Ihnen verlange?“ frug nach einer Pauſe der Baron. „Ja!“— ſtammelte kaum ſeiner ſelbſt bewußt Zacharias,—„wenn Sie mir das Ihre geben, Ihre Gattin alsdann nicht zu mißhandeln.“ Dieß geſchah beiden Seiten. „Und was?“ frug der junge Hartmann, dem Befehle Folge leiſtend. 169 „Einen Wechſel auf Ihren Vater, meine Odre, bei Sicht, Summe: Zweitauſend Thaler!“ entgegnete Jener kalt.„Zweitauſend Thaler?!“ wieder⸗ holte der junge Mann erblaſſend. „Zweitauſend Thaler!“ „Und wie ſoll ich dieß verantworten?“ „Wie Sie können. Sagen Sie: Sie hätten ſie verſpielt, und es ſei eine Ehrenſchuld.“ „Aber ich bitte“.... „Wollen Sie oder wollen Sie nicht?!“— don⸗ nerte Braßleff und ſchwang die Peitſche über der halb Entkleideten.—„Ich habe Ihr Ehrenwort.“ „Und ich das Ihre!“ ſchrie Zacharias,„ich ſchreibe!“ Nach wenigen Minuten reichte er dem Barön den Wechſel.„Aber nun auch Vergeſſenheit und Vergebung für das Geſchehene und ewiges Schweigen.“ „Und von Ihrer Seite einen Schwur, daß Sie weder den Wechſel widerrufen, noch mir das Geringſte bei deſſen Einziehung in den Weg legen.“ Auch dieſen Forderungen wurde genügt, worauf Zacharias aus dem Zimmer taumelte. Kalter Schweiß ſtand auf ſeiner Stirne,— wilde Phantaſieen rißen durch ſein Gehirn. Halb angekleidet, wie er war, warf er ſich auf ſein Bett, um eine gräßliche Nacht zuzubringen. „Das war eine tolle Nacht!“— ſagte der Kellner, als er anderen Morgens das Frühſtück brachte,— „haben Sie den Seandal auch gehört?“ „Nein!“ entgegnete Zacharias kurz und kalt. „Es war Streit auf des Barons Zimmer, er muß mit ſeiner Frau etwas gehabt haben.“ „Wie?“— rief Zener haſtig—„ich will nicht hoffen, daß er ſie doch mißhandelt?“ „Mißhandelt? nein! Im Gegentheil. Aber der Teufel mag daraus klug werden. Erſt Zank, dann wurde in vollem Entzücken von beiden Seiten gepackt, Poſt beſtellt, Champagner getrunken, die Rechnung bezahlt, und fort ging's.“ „Wie? wer ging fort?“ frug Zacharias. „Der Baron Braßleff«“— ſagte der Kellner— „und, unter uns geſagt, ich bin froh, daß er fort iſt; denn ich glaube deſſen Baronie liegt auch im Monde.“ „Das iſt nicht möglich!“— entgegnete der Rei⸗ ſende—„der Fürſt Bockerdorff, Wellmerlaus, Wetzel⸗ 121 berg⸗Werſch iſt ſein Freund, bei dem er geſtern den ganzen Mittag war.“ „Da haben wir's ja!“ lachte der Kellner—„ſo hat er Ihnen auch etwas aufgebunden. Drüben im Jägerhaus am Ende der Stadt hat er geſeſſen und mit mehreren Offizieren Hazard geſpielt.“ „Es iſt nicht möglich?“ „Ich war Augenzeuge!“ „Und das Paar ſchien heiter und in gutem Ver⸗ nehmen als ſie einſtiegen?“ „Sie waren kreuzfidel, küßten ſich und nannten Ihren Namen oft lachend.“ „Papier und Feder!“— ſchrie bei dieſen Worten Zacharias ſo heftig, daß der Kellner zuſammenfuhr; — aber im ſelben Augenblicke ſank der junge Hart⸗ mann ohnmächtig zurück. — V. Todesmatt.— Die Erkenntniß.— Rränkungen.— Die Rrankheit.— Das Mervenſieber.— Das Phantaſtren. — Die blaue Blume.— Fennimore.— Die Erſchei- nung.— Des Arztes Bemühung.— Eine Mutter.— — Das Zwiegeſprüch.— Der Entſchluß.— »Wie alt iſt nicht der Wahn, wie alt und ungerecht, Als ob dir, weibliches Geſchlecht, Die Liebe nicht von Herzen ginge? Das Alter ſang in dieſem Ton; Von ſeinem Vater hört's der Sohn, Uund glaubt die ungereimten Dinge. Verlaßt, v Männer, dieſen Wahn, Und daß ihr ihn verlaßt, ſo hört ein Beiſpiel an, Das,ich für alle Männer ſinge. Du aber, die mich Dichten heißt, Du, Liebe, ſtärke mich, daß mir ein Lied voll Geiſt, Ein überzeugend Lied gelinge! Und gib mir, zu geſetzter Zeit, Ein Weib von ſo viel Zärtlichkeit, Als dieſe war, die ich beſinge!« Gellert. Erſt nach einigen Minuten gelang es dem Kellner den Ohnmächtigen, durch Anſprengungen von kaltem 173 Waſſer, wieder zu ſich zu bringen; doch fühlte ſich Hartmann nicht nur erſchöpft und kraftlos, ſondern auch ſehr unwohl. Da er indeſſen, auf ſeine ſonſt ſo feſte Geſund⸗ heit bauend, von einer kleinen Ruhe vollkommene Herſtellung hoffte, wies er für jetzt noch alle ärztliche Hülfe ab, und bat einzig den Kellner ihn ein wenig allein zu laſſen. Es geſchah, und der ſonſt ſo blühende junge Mann lehnte nun bleich und kraftlos in einem Seſſel, mit trüben, erlöſchenden Blicken vor ſich hinſtarrend. Waren doch in den letzten Tagen ſo manche Stürme an ihm vorübergegangen, und hatten Körper und Geiſt erſchüttert. Fühlte er die Folgen des all⸗ zuraſchen und wilden Lebens, das er ſeit ſeinem Ab⸗ ſchiede von der Vaterſtadt geführt; ſo beugten ihn die trüben Erfahrungen die er gemacht, Gewiſſensbiſſe und namentlich die Täuſchungen, die er erlebt, noch ſchwerer und ſchmerzlicher nieder. Die Reiſe hatte ihn bis jetzt ein gar ſchmähliches Geld gekoſtet, aus deſſen Verluſt er ſich zwar wenig machte, den er aber kaum bei dem Vater zu recht⸗ fertigen wußte. Die Reiſe hatte ihm ferner die Gewißheit gegeben: daß er namenlos ſchwach und ſo charakterlos ſei, daß er ſich vor ſich ſelbſt ſchämen müſſe. Jetzt erſt verſtand er Göthes: „Sind wir ein Spiel von jedem Druck der Luft?“ — jetzt erſt fühlte er, was ihm auch in dieſer Be⸗ ziehung Clariſſe geweſen. Welch' ein namenloſer Unterſchied zwiſchen dem Leben, das er, gehoben und geheiligt durch ihre Nähe, zuletzt in Frankfurt geführt, und dem Treiben auf ſeiner Reiſe? Damals genoß er nicht minder die Freuden der Welt; aber nur die edleren; er ſah das Leben in dem verklärenden Lichte eines reinen Herzens an, denn Clariſſens Geiſt hatte ihn auf ihren Standpunkt gehoben. Wohl wußte er z. B. ſchon damals, daß nicht alle weibliche Weſen Göttinnen der Keuſchheit ſeien; allein er achtete doch noch in Allen ſo lange weibliche Tugend, bis er ſich vom Gegentheil überzeugte, das ihm auch dann noch nur Ausnahme ſchien; während er jetzt die troſtloſe Vor⸗ ausſetzung mit ſich herumtrug: weiblchie Tugend ſei ein Hirngeſpinſt, und nur ausnahmsweiſe bei über⸗ ſpannten Seelen zu finden. Sonſt ſchöpfte er an der Geliebten Seite die reinſten und wahrſten Genüſſe aus dem Anſchauen der Natur und dem Studium — der beſſeren vaterländiſchen Schriftſteller;— in der letzten Zeit dagegen wußte er nur dem Trinken und der ſinnlichen Liebe Genuß abzugewinnen. Und wie leer, wie namenlos leer ließ ihn dieß Haſchen nach derben Freuden, wie peinigte ihn dabei der Gedanke: ſo ſchwach und finnlich, ſo werthlos zu ſein, ſo ge⸗ wiſſenlos zu handeln?— Und wie ſtill glücklich, wie zufrieden mit ſich und der Welt, wie ruhig und ſelig war er an Clariſſens Seite geweſen? Wie hatte ihn damals ſein eigenes Streben nach Veredlung mit Achtung gegen Andere und gegen ſich ſelbſt erfüllt? — Bei Gott, er fühlte: der Tauſch, den er einge⸗ gangen, war ein elender!— 3 Was ihn aber am fürchterlichſten kränkte, war immer das ſchmähliche falſche Spiel, was man mit den edelſten Gefühlen trieb, und die niederträchtige Weiſe, mit welcher man ſeine Gutmüthigkeit, ſeine— wenn auch vorübergehende doch aufrichtige— Liobe gelohnt. Die Heuchelei Haubenhubers kam ihm nicht aus dem Gedächtniß. Er hätte ja gerne vergeſſen, daß ſie ihn mit Liſt— ſelbſt mit Betrug fangen wollten; nie aber konnte er ihnen vergeben, mit welcher kalten 176 Vosheit ſie ſich über ihn luſtig gemacht; noch Verv⸗ nika, daß ſie ſich zum Werkzeug ſo unwürdigen Be⸗ truges hergegeben. Und jetzt erſt wieder?— Mußte er ſich nicht überzeugen, daß ihn die Baroneſſe,— dieß ſüße, liebliche Weſen— im Vereine mit ihrem Manne, mitkalter Berechnung ſyſtematiſch beſtohlen? Darum alſo die Artigkeit? Darum das Vielliebchen? Das Verliebtthun?— Darum durfte er das Zimmer von Innen nicht verrieglen?— Darum mußten die beiden Lichter(als Signal) am Fenſter ſtehen? O, und der Schmach!— Wer war vielleicht dieſer ſogenannte Baron und ſein Weib?— Wie plump hatte er ſich von dieſem und dem Juwelier übertölpeln laſſen?— Er ſprang auf, ſeinem Vater die ganze Geſchichte zu ſchreiben, die zweitauſend Thaler zu retten und die Elenden zu ſtrafen. Was brauchte er Betrügern Ehrenwort und Schwur zu halten?!— aber die Feder entſank ſeiner Hand und er ſagte ruhig „Nein!— waren dieſe Schurken, will ich keiner ſein!“ Indeſſen wurde es ihm immer unwohler. Er 177 mochte ſich auf dem Ball verdorben und erkältet haben, oder nachher; der Aerger von früher und der Schrecken, die Aufregung und die Angſt der Nacht, traten noch dazu— kurz er fühlte, daß er ſchlimmer, daß er ernſtlich krank werde. Sein Kopf brannte, ein Fieber ſchüttelte ihn, der Magen ſchien mit Blei ausgegoſſen, und die Glieder verſagten den Dienſt. Es iſt immer traurig, wenn man eine Krankheit hohlaugig heranſchleichen ſieht;— aber es iſt ent⸗ ſetzlich, es iſt troſtlos, wenn uns ernſtliches Krankſein auf der Reiſe überfällt. Eiskalt ſchüttelt uns dann noch der ſchreckliche Gedanke: fern von der Heimath, von all unſeren Lieben zu ſein, ausgeſetzt der mit⸗ leidsloſen Pflege weltfremder Menſchen, die keine Liebe, kein zartes Band an uns knüpft,— ach! und ohne Troſt leiden— vielleicht allein und ver⸗ laſſen ſterben zu müſſen! Es liegt ja die Entmuthigung in dem krankhaften Zuſtande des Körpers ſelbſt, und in dem Bewußtſein der Hülfloſigkeit und der Hinfilligkeit deſſelben. WAuch Zacharias drückte ſein Zuſtand und die trübe Ausſicht in die Zukunft zu Boden Er konnte die Thränen nicht zurückhalten, und als ſie ihn einigermaßen Commis Voyageur. II. 12 X 128 erleichtert, gelobte er ſich, für den Fall, daß er wie⸗ der geneſen werde, das Reiſen aufzugeben, und unter jeder Bedingung zu Clariſſen und ſeinem früheren Leben zurückzukehren. Hierauf ſchickte er zum Arzt, ſchrieb in der Eile ein paar Zeilen an ſein Haus, ihm ſein Unwohlſein meldend, aviſirte ſeinem Vater die Unglücks⸗Tratte und zeigte Clariſſen den Entſchluß: zu ihr zurückzu⸗ kehren, und das Reiſen aufzugeben, an. Kaum aber hatte er dieſen letzten Brief vollendet, zuſammengelegt und überſchrieben, als ihn— noch ehe er denſelben ſiegeln konnte— die Schwäche über⸗ mannte, ſo daß er kaum noch nach ſeinem Bett tau⸗ meln konnte. Einige Minuten darauf lag er bewußtlos da, und fing zu phantaſiren an. Der Arzt kam, und erklärte die Krankheit ſogleich für geführlich; doch konnte er für den Augenblick noch nicht entſcheiden, ob es ein gaſtriſches, katarrhaliſches oder gar ein Nervenfieber ſei, und erſt den dritten Tag bezeichnete er es mit Gewißheit für ein hitziges Nervenfieber. Er hatte gleich bei ſeinem erſten Beſuche die neu⸗ geſchriebenen Briefe ſeines Patienten vorgefunden, und es für ſeine Pflicht erachtet, demjenigen an den Vater, ſo wie dem offenen an Clariſſe— deren Verhältniß er aus dem Inhalt erkannte— einige Worte über den Zuſtand des jungen Mannes beizufügen. Seine nächſten Anordnungen waren nun Verdunkelung und Abſperrung des Zimmers, die Anſchaffung eines Wärters, Blutegel an den Kopf und ſonſtige medi⸗ einiſche Vorkehrungen. Ueberhaupt nahm der Arzt ſich des armen Verlaſſenen mit Eifer und Gewiſſenhaftigkeit an, ſo daß kein Tag verging, an welchem er den⸗ ſelben nicht wenigſtens zweimal beſuchte. Fern von der Heimath, fern von Aeltern und Freunden, fern von ſeiner guten Clariſſe, die ihn gewiß ſo gern und treu gepflegt haben würde, lag nun Zacharias bewußtlos in einem dunklen Zimmer des Gaſthofes jener fremden Stadt, und an ſeiner Seite ſaß— kalt und gefühllos, der gewohnten Pflicht nachgehend— ein gedungener Krankenwärter. Aber der Himmel erſparte dem Leidenden wenig⸗ ſtens die Qual des Bewußtſeins. Nacht umhüllte ſeinen Geiſt und Fieberträume zogen in wildem phantaſtiſchem Tanze an ſeiner Seele vorüber, bald ihn ſchreckend mit gräßlichen Geſichten, bald ihm ein ſüßes Glück 125 S vorlügend, oder auch ihn hinübertragend in neue, ihm unbekannte Welten. Geſpenſtiſch reichten ſie ſich die Hände und rauſchten an ihm vorüber wie Geiſter⸗ karavanen. Es waren bewußte aber unwillkürliche Vorſtellungen und Gedanken; es waren aphoriſtiſche Erinnerungen aus ſeinem Leben, grell erleuchtet von dem Feuer, welches die Krankheit in ſeinem Gehirne entzündet, und wie Karten bunt gemiſcht und aus⸗ geſpielt von der Hand des Fiebers; Ideen, die das verſchloſſene Bewußtſein firirt, und welche die Phan⸗ taſie nun als Anhaltspunkte benutzte, um ganze Reihen von Ideen⸗Aſſociationen mit bewunderungswürdiger Schnelligkeit erfolgen zu laſſen. Träume, und namentlich die wilden Phantaſieen eines hitzigen Fiebers, knüpfen ſich bald an kurz⸗ verſchwundene, bald an näherliegende Eindrücke. So zogen die bunteſten Bilder chaotiſch an ſeiner Seele vorüber, und wiegten ihn angenehm auf ihren goldnen Schwingen; oder zerriſſen ſein Herz; oder trugen ihn freundlich empor zu himmliſcher Luſt, um ihn wieder deſto tiefer in den Abgrund der Verzweiflung zu ſtürzen. Bald ſah er ſich bei Jeanettchen und der wüthende Lieutenant jagte ihn auf das Dach. Er kletterte dann wohl nach dem Schornſteine, den er ſchwindelnd um⸗ klammerte; aber da hingen ſich böſe Dämonen an ſeine Füße und riſſen ſo lange an ihm, bis er, mit einem entſetzlichen Schrei, herabſtürzte. Und wieder verſchmolzen die Geſtalten zu hölliſchen Fratzen, die ihn verfolgten mit offenem Rachen und langen Klauen, und er konnte nicht fliehen, und mußte angewurzelt, die gräßlichen Kobolde erwarten. Aber als ſie näher kamen waren es hübſche Mädchen, und Veronika, und Creszens, Genovefa, Nanchen, Regina und Kunigunde umtanzten ihn, und lockten ihn mit allen Künſten der Liebe, und er mußte ihnen folgen, ob er wollte oder nicht. Aber mit einemmale ſchüttelten ſie die blendenden Gewänder ab und ſiehe es waren ſcheußliche Schlangen, die ihn unziſhten und un⸗ wanden, und ihn zerriſſen und ſein Herzblut tranken. Und Zacharias fühlte, wie er immer ſchwächer und ſchwächer wurde, und unter dem triumphirenden Hohngelächter der Schlangenſchweſtern ſtarb. Aber ein Tropſfen ſeines Herzblutes war auf die Erde gefallen, und ſiehe! aus der Rothgedüngten ſproßte es empor wie zartgrüne Blätter, und die Blätter wurden größer und größer und entfalteten ſich, und der Schaft ſchoß auf und trieb herrliche blaue Blüthen. Es war ein Vergißmeinnicht von ſeltner Schönheit und Größe. Aber auch die Blume wollten die Schlangen verderben— da regte es ſich in ihr wunderbar, und wob und wirkte wie Zauberduft, und aus dem Kelche der Blume hob ſich ein ſchlankes Frauenbild, und wie es den lichten Schleier zurück⸗ ſchlug, war es Clariſſe. Vor ihrem Bilde aber flohen die Ungeheuer, und ſie neigte das Haupt, wie müde von Gram und Sorgen nieder. Ueber die bleichen Wangen rannen bittere Zähren, und ſie ſtreckte die Hände nach dem Todten aus und rief mit einem un⸗ ausſprechlich wehmüthigen Tone:„Geliebter kehre wieder, oder auch ich welke Dir nach!“ Ach, es waren Höllenqualen, die hier Zacharias zerriſſen; er fühlte ſeine Bruſt leer und hohl, ſein Auge trocken, ſein Herz blutlos und ſtarr, und hätte doch die Blume, die ſichtbar zu welken anfing, gern mit ſeinen Thränen und ſeinem Blute begoſſen— um ſie zu retten. Aber matter und matter ſenkten ſich die Blätter und Clariſſens ſchönes Haupt— bis ſie auf ſeine hohle Bruſt ſank und auf ihr verging. Noch fürchterlichere Phantaſieen hatte er, aber faſt immer ſchwebte ein Bild durch ſeine Träume: liebend, ſehnſüchtig, verſöhnend, rettend!— und dieß eine Bild war das Clariſſens. Wunderbar!— oft glaubte er ſie ganz deutlich ſprechen zu hören,— oft dünkte ihm, ſie beuge ſich, voll liebender Sorge über ihn; ja er fühlte manchmal ihren Kuß, und Seligkeit thaute mit dieſem auf ihn hernieder, wie lindernder Balſam auf eine tiefe und ſchmerzliche Wunde. Endlich war die Kriſis glücklich vorübergegangen. die Phantaſieen ließen allmählig nach, ein geſunder Schweiß trat ein und mit ihm von Zeit zu Zeit ein uhiger Schlummer. Dennoch war dem Leidenden das Bewußtſein noch icht zurückgekehrt; nur freundlicher waren die Phan⸗ aſieen geworden, und namentlich jetzt war es, daß Clariſſens Bild dem Kranken ſo oft und ſo deutlich erſchien. In einer Nacht hatte er wieder von der Geliebten geträumt; aber in ſonderbarer Verſchmelzung ein poetiſcher Form, getragen von einem andern theuren Bilde, war ſie ihm erſchienen. Vor Kurzem hatte er nämlich den lieblichen Roman der Frau von Paalzow * „St. Roche“ geleſen, und war von demſelben, na⸗ mentlich von dem himmliſch⸗ſüßen Bilde ſeiner Fen⸗ nimore ſo tief berührt, ſo ergriffen worden, daß ſich ſein Geiſt noch jetzt mit ihm beſchäftigte. Aber dieſe ätheriſche Schöpfung eines dichteriſchen Kopfes, ihm lieb geworden, theilte ja die Neigung mit der wahren und lebenden Geliebten, und ſo verſchmolz denn auch der phantaſtiſche Traum beide Weſen in Eines, und in der zarten Geſtalt Fennimor's umſchwebte den Glücklichen die Geliebte. Es war ihm aber wunderbar zu Muthe. Er be⸗ fand ſich, wie ihm dünkte, in dem alten, düſteren Schloſſe, und durchwandelte an der Hand eines unbe⸗ kannten Führers die hohen und weiten Gemächer des⸗ ſelben. Alles athmete jene gediegene Pracht, von der er einſt geleſen. Dieß waren die ſchweren ſeidenen Tapeten, dieß die hohen Spiegel von breiten Gold⸗ rahmen umgeben; dort die goldenen und ſilbernen Gueridons, die Tiſchchen und Büchergeſtelle von Mar⸗ mor oder ſeltenen Holzarten, hier das kleine Poſitiv, von Engeln getragen, und der künſtlich geſchnitzte Betpult von Eichenholz. Selbſt in den ſchönen Ge⸗ fäßen aus Japan prangten die Blumen, und erfüllten 185 die Luft mit ihrem ſüßen Hauche. Und wohin er blickte der Lurus und Reichthum des Geſchmackes Ludwig des Vierzehnten und die holde Behaglichkeit einer finnigen Anordnung. Ein matter Dämmerſchein lag aber auf den Gegen⸗ ſtänden, und tiefe Ruhe herrſchte ringsumher. Siehe da hob ſich am fernen Horizonte der Mond, und goß ſein bleiches Licht durch die hohen Fenſter und die offene Thüre, und das Gärtchen, das draußen lag, prangte in ſeinen Strahlen in ſtiller Lieblichkeit. Gegen die Thüre aber ſtand ein hoher Lehnſtuhl, um welchen Roſen in ſchönen Gefüßen blühten, und auf ihn hingeſtreckt ſaß ein ätheriſches Weſen. Es war Fennimore. Der Träumende aber fühlte ſein Herz überwältigt von Liebe zu der ſüßen Geſtalt der Leidenden, und zerriſſen von Reue über eigene Schuld, und er ſank ihr weinend zu Füßen, und flehte ſie an, daß ſie ihm vergeben und ihn wieder aufnehmen möchte in ihre Liebe. Da entquollen den Augen der Geliebten heiße Thränen und fielen her⸗ nieder auf ſeine Wangen und ſanft ſagt ſie:„Uner⸗ ſchöpflich iſt der Liebe der Quell der Vergebung, und aufrichtige Reue trägt die Vergebung in ſich. Sei — mein, Du gute Seele, und ich will Dich umſchlingen und ſchützen gegen die Laſter und Härte der Welt.“ Und Fennimore zog ihn leiſe an ſich, und als er ihr in das Antlitz blickte, trug es die Züge Clariſſens. Aber die Laune des Traumgottes wechſelte die Scene. Verſchwunden war die behägliche Pracht⸗ zerſtoben das ſüße Doppelbild. Zacharias ſtand auf einer gelichteten Waldſtelle. Es war Mitternacht, und nur ſchwach konnte er die koloſſalen Maſſen Sanct Roches erkennen, die finſter und drohend in den Nacht⸗ himmel ragten. Da brausten zwei Reiter vorüber und nahmen den Weg nach dem Schloſſe. Eine un⸗ widerſtehliche Gewalt zog Zacharias nach, er folgte und ſah ſich bald in jenem unheimlichen Prunkge⸗ mache, in welchem einſt die unglücklichen Brüder Ludwig und Reginald entſchlummert, um ſich nie wieder zu ſehen. Auch ihm zogen jetzt, wie damals dem Letzteren, die Geſtalten der Vorzeit vorüber, er ſah wie Jener: Katharina von Medicis, Theophine von Crech, Spinvla und Souvre— auch er hörte den unſeligen Schuß, durch welchen der Bruder be⸗ wußtlos den Bruder tödtete— auch er erblickte Ludwigs Leiche, aber der Traum wandelte ihn ſelbſt in Reginald, und gepeitſcht von den Furien der Hölle floh er, weit! weit weg! Die Bruſt des Träumenden hob ſich hier gewalt⸗ ſam, er keuchte und ſtöhnte und eine namenloſe Angſt marterte ihn. Da fühlte er ganz deutlich eine kühle Hand ſich wohlthätig auf ſeine Stirne preſſen; der Sturm der Gefühle ließ nach, die graſſen Bilder zer⸗ floſſen, der Athem ging ruhiger und als ob ein Engel ſich ihm ſegnend genaht, zog der Friede in ſeine Bruſt. Er war wieder in Fennimors Zimmer, aber Jahr⸗ zehnte waren vergangen. Es däuchte ihm er entſinne ſich des holden Weſens mit einer ſtillen Wehmuth, und doch ſah er ihre Geſtalt wieder. Endlich ord⸗ neten ſich die Jdeen. Es war ja Elmerice die Enkelin Jener, ihr ſo gleich an Schönheit und Liebenswür⸗ digkeit. Und ſiehe! Emmy Gray, die alte, treue Dienerin, voll der poetiſchen Liebe zu ihrer einſtigen Herrin, kauerte zu Elmericens Füßen, die ſie mit un⸗ ſüglichem Entzücken anſchaute. Und Fennimors Eben⸗ bild lag ſchlummernd in einem Seſſel, und neben ihr brannte ein Nachtlicht, deſſen matter Schein das Zim⸗ mer kaum erhellte. Sie trug ein einfaches Kleid, das ihr unendlich gut ſtand. 188 Zacharias aber wußte nicht, ob er wache oder träume. Er war ſich ſelbſt bewußt, er fühlte, daß er in einem weichen Bette liege, und doch ſaß gegen ihm über Elmerice im Seſſel, das blaſſe Haupt auf den Arm geſtützt. Die Alte war verſchwunden. Aber je länger Zacharias das bleiche Weſen anſtarrte, deſto deutlicher trat Clariſſens Bild vor ſeine Seele. Das war ihre ganze Figur, das war ihr Fuß, ihr Arm, das waren ihre Züge. Hartmann richtete ſich halb auf. Er fühlte nach der Stirne ob er wache oder träume. Er wußte es nicht. Wie war er hieher? wie in dies Bett gekom⸗ men? War er in St. Roche? und wo war die Erinnerung an die nächſte Vergangenheit?— Und jenes weibliche Weſen? es athmete, in tiefe Gedanken verloren ſchien es halb zu wachen, halb zu träumen. Ha!— ein Geräuſch hat es aufgeſchreckt—— es ſind Clariſſens Züge!——„Clariſſe! Clariſſe!“ ruft Zacharias leidenſchaftlich—— da erlöſcht das Licht und Alles verfinkt in Nacht und Dunkel. Aber noch iſt der Kranke zu ſchwach, der leiſeſten Anſtrengung widerſtehen zu können, n er zurück— und entſchlummert. Erſt gegen Morgen dämmerte es wieder ſeinen Sinnen, da beugt ſich daſſelbe holde Frauenbild über ihn, ein heißer, ſeelenvoller Kuß brennt auf ſeinen Lippen, er reißt gewaltſam die Augen auf; aber nur das Gewand Elmericens ſieht er noch durch die raſch ſich ſchließende Thüre. Man kann ſich denken, welche Mühe es den Re⸗ convalescenten koſtete, nach einer ſo langen Be⸗ wußtloſigkeit klar über ſeinen Zuſtand zu werden, auch bedurfte es in der That des Arztes, um ihn ganz au fait zu bringen. Mit Staunen ver⸗ nahm Hartmann nun, daß er lange an einem hitzi⸗ gen Nervenfieber darniedergelegen. Auf alle anderen Fragen gab ihm der Arzt keine Antwort; ſondern er verwies ihn noch zur vollkommenſten Ruhe, der ſich auch der Patient gerne überließ, da er ſich na⸗ menlos ſchwach fühlte. Die Erſcheinungen der Nacht und des Morgens dünkten ihm jetzt ein Traum und ſo ſchlummerte er von Neuem ſanft ein. Der Arzt beſchäftigte ſich indeſſen auch außer dem Krankenzimmer mit Zacharias. Unbegreiflich blieb es ihm, daß auf jenen erſten Brief an Zacharias * 190 Vater keines von den Aeltern gekommen ſei, oder doch wenigſtens nur geſchrieben habe. Sollte der Brief verloren gegangen ſein? oder Zwietracht zwi⸗ ſchen denſelben und dem Kinde herrſchen.— Aber die weiteſte Kluft, die unangenehme Ereigniſſe zwi⸗ ſchen Kindern und Aeltern reißen können, überſpringt doch immer die Liebe, wenn der Tod droht, Eines oder das Andere zu entführen. Der Arzt begriff den Zuſammenhang nicht, that aber, was er für ſeine Pflicht hielt, und zeigte Hart⸗ manns Vater nun an: daß die Criſis nicht nur vorüber, ſondern der Leidende auch außer Gefahr und auf dem Wege der Beſſerung ſei. Er hatte ſich in ſeinen Vermuthungen nicht ge⸗ täuſcht; da die erſte Nachricht nur in der Eile auf den Umſchlag jenes Briefes, den Zacharias an den Vater geſchrieben, und der den Avis der Tratte von den zweitauſend Thalern überbrachte, ſo hatte dieß der alte Hartmann über den Aerger ganz überſehen; jetzt kam die Mutter in wahrer Todesangſt mit Er⸗ trapoſt ſelbſt an, und fand ihren Sohn faſt hergeſtellt. Man kann ſich die Erkenntlichkeit und Dankbar⸗ . keit der glücklichen Mutter denken, die nach einem ſo fürchterlichen Schrecken, nach einer Reiſe voll Todes⸗ angſt und Qual ihr einziges Kind gerettet in ihre Arme ſchließt. Nicht nur die reichſten Geſchenke floſſen dem Arzte zu; ſondern ſie erſchloß ihm auch ihr Herz unter Thrã⸗ nen, da nahm ſie der edle Mann bei der Hand, führte ſie in ein Nebenzimmer und ſagte: „Verehrte Frau, ich habe nur gethan, was ich als Arzt und Menſch zu thun ſchuldiß war. Gelang es mir aber, Ihren Sohn zu retten, ſo haben Sie dieß größtentheils einer andern Perſon zu danken; einer Perſon, die ihr Leben daran wagte, Ihren Sohn Tag und Nacht zu pflegen, und welche— eben durch dieſe liebevolle Pflege, durch die zarteſte Sorg⸗ falt, ſelbſt mit den größten Aufopferungen, gewiß eben ſo viel zu ſeiner Rettung beitrug, als ich.“ „Und wer iſt dieſe Perſon?“— frug die Mutter ergriffen—„etwa der Krankenwächter? oder der Gaſthalter? oder ſeine Frau? Ich will ſie ja fürſt⸗ lich belohnen.“ „Keines von dieſen,.“— entgegnete der Medi⸗ einer.„Gedungene Krankenpfleger ſind Maſchinen. Sie verrichten ihren Dienſt Tag ein, Tag aus, bei Dieſem und bei Jenem mit gleichem Stumpffinn. Wirth und Wirthin aber müſſen ihren Geſchäften nachgehen, und waren ohnehin ärgerlich genug, einen Nervenfieberkranken im Hauſe zu haben.“ „Oder war es einer ſeiner Freunde? ein anderer Reiſender?“ „Es waren deren unter der Zeit Manche hier; ſie frugen auch nach dem Kranken, als ſie aber von dem Nervenfieber hörten, wagte Keiner ſich ihm zu nahen.“ „Nun?!“ frug Hartmanns Mutter geſpannt— „Wer war denn ſein Engel? und ſo kühn, ſein Le⸗ ben an die Erhaltung des ſeinen zu ſetzen?“ „Ja, wahrhaftig ein Engel!“— entgegnete mit ſichtbarer Rührung der Arzt.—„Ein Engel, der auf die erſte Nachricht ſeines gefährlichen Unwohl⸗ ſeins weit herkam, der ihn pflegte und wartete wie ein liebendes Weib und ſo beſcheiden war, unerkannt hinwegzueilen, ſobald die Geneſung des Kranken als beſtimmt feſtſtand.“ „So löſen Sie mir doch das Räthſel, wer war es denn?“ 193 „Fräulein Clariſſe Eros.“ „So!“— ſagte Madame Hartmann gedehnt, und! mit einem Tone, der verrieth, wie unangenehm ſie dieſe Nachricht berühre.—„Mamſell Clariſſe. Ei! ei! was doch überſpannte Liebe nicht thut. Aber das war freilich ſo recht romantiſch, und wohl berechnet, uns zu gewinnen.“ Den Doktor verletzten dieſe Worte tief, die Galle ſtieg ihm, und er hatte ſchon ein giftiges ſcharfes Wort auf der Zunge, als er ſich im Intereſſe ſeines ihm lieb gewordenen Protege's Gewalt anthat und den Aerger hinabſchluckte. „Geehrteſte,— ſagte er darauf ernſt—„es ſteht mir zwar kein Recht zu, in Ihre Familien⸗ Angelegenheiten zu ſprechen, noch Ihre Denkungsweiſe zu tadeln; allein wir Aerzte müſſen nun einmal, wollen wir einen krankhaften Körperzuſtand von Grund aus heilen, auch die Seele im Auge haben. Erlauben Sie mir daher, mich in dieſer Beziehung über ihren Sohn auszuſprechen, da er mir überdem in dem Pa⸗ rorismus des Fiebers dieſen verrathen. Ihr Sohn liebt jenes Mädchen eben ſo innig, wie ſie ihn, und zwar kettet ihn jene reine, geiſtigende und beſeeligende Commis Voyugeur. II. 13 Liebe an ſie, die allein die Gründerin wahren ehe⸗ lichen Glücks ſein kann. Ihr Sohn hat es verſucht dem elterlichen Gebote zu gehorchen, er hat hie und da genaſcht von den Freuden des Lebens—— aber! er hat ſich mit Ekel von Allem abgewandt, da ſein tief Innerſtes erkannt hat: er werde nun und nim⸗ mer wahrhaft glücklich werden, wenn er nicht Cla⸗ riſſe beſitze. Was Letztere nun betrifft, ſo ſcheinen Sie dieſelbe noch gar nicht einmal zu kennen; denn ſonſt würden Sie ſie eben ſo wenig für überſpannt halten, als von ihr glauben: ſie habe mit ihrem letzten Schritt einen Theatercoups beabſichtigt.“ „Was thut man nicht aus Liebe zu einem Mann!“ ſagte ſpöttelnd die Dame. „Wohl viel!“— entgegnete der Arzt verletzt.— „Wer aber ſein Leben dafür wagt, ich meine der habe bewieſen, daß er es redlich meine; denn er hat ja ſein Alles daran geſetzt. Uebrigens konnte Clariſſe nicht beabſichten, Ihren Sohn durch dieſe rühmliche Aufopferung zu gewinnen; denn ſie ging, ohne daß er erfuhr wer ihn gepflegt, und bat mich, überhaupt, die Sache geheim zu halten. Da ich aber auch in ihrer Seele las, daß ihre Seligkeit von einer dauernden Vereinigung mit Zacharias abhänge, ſo ſah ich mich gedrungen, Sie über das Verhältniß Beider aufzuklären. Weiter geht meine Befugniß, freilich nicht.“ „Ich danke Ihnen, Herr Doktor, für den An⸗ theil, den Sie an meinem Sohne nehmen!“— ſagte die Mutter kalt—„und will die Sache meinem Gatten vorlegen.“ Beide verließen das Gemach verſtimmt Mit Zacharias war unterdeſſen eirie merkliche Ver⸗ änderung vorgegangen. Es war ihm als ſei er von einem langen Traume erwacht, deſſen Zuſammenhang ihm nicht mehr bewußt. Die Außenwelt mit ihren flüchtigen Reizen, ihren Wirr⸗ und Irrſalen, trat zurück, denn ein einziger Gedanke hatte ſeiner Seele eine neue Richtung gegeben. Er war entſchloſſen, nicht mehr zu reiſen, und ſich— koſte es auch was es wolle— an Clariſſens Seite ein dauerndes häus⸗ liches Glück zu gründen. Seine ganze Seele warf ſich mit voller Thätigkeit nun auf dieſe einzige Idee. Nur in ihrer Erfüllung ſah er die freundliche Löſung aller ſeiner Wünſche, und er nahm daher auch keinen. Anſtand, ſich ſeiner Mutter unumwunden zu erklären. 13. 196 Die gute Frau gerieth hierüber aber in ſchwere Kämpfe; indem ihre exaltirte Mutterliebe nun in offenen Krieg mit den von Geburt an eingeſogenen Vorurtheilen des Geldſtolzes trat. Auch hier war ſie indeſſen klug genug an den Herrn Papa zu ap⸗ pelliren, und dem Sohne weder gegründete Hoffnung zu geben, noch deſſen Entſchluß entſchieden entgegen zu treten. Zacharias indeſſen genas von Tag zu Tag mehr, und konnte nach acht Tagen die Heimreiſe antreten. Er begab ſich aber direkt nach Darmſtadt, um mit ſeinem Hauſe abzurechnen, und dann auf immer dem Reiſen valet zu ſagen. VI. In Parmſtadt.— Rrämerſerlen, merkantiliſche Thiere, Geldſücke und wahre Kaufleute.— Meber das Bingen nach Geld!— Zwillinge!— Die zwei Priefe zweier Schweſtern.— Evler Entſchluß.— Frankfurt.— Pictor Jugo in der Stadt der Karyatiden.— Der Empfang und die Erklärung.— Die Entdeckung.— Das leere Meſt.— Sag Deiner guten Freundin nie Etwas von Deiner Liebe, Trau nicht der Allerbeſten—— ſie Fühlt mit Dir gleiche Triebe, und trotz dem zehenten Gebot Sucht ſie zu Deinem größten Spott Den Schatz Dir abzujagen. Ovids Werke von der Liebe.. Traveſtirt. In Darmſtadt hatte Zacharias noch manches Un⸗ angenehme zu überwinden. Das Unangenehmſte war ihm die Perſönlichkeit ſeiner Herren Principale. Er fühlte hier recht deutlich, wie viele reiche Kaufleute doch nur erbärmliche Krämerſeelen ſeien; während er auf der anderen Seite eine immer klarere Anſchauung von dem Standpunkte bekam, zu welchem ſich der wahre Kaufmann erheben müſſe. Und wies ihn die Geſchichte Venedigs und Genuas nicht darauf hin?— Er las viel in den neueren Werken über Handel: in Liſt, Oſiander und Smith's„Ueber Nationalreich⸗ thum“, um ſich noch die Ausbildung zu geben, die er bisher über leichtfinnige Streiche und Lumpereien vergeſſen. Man ſieht, die Krankheit und die Erfah⸗ rungen der Reiſe hatten Epoche in ſeinem Leben gemacht. Alles zeigte ſich ihm ernſter, gehaltvoller und bedeutender, und ſein Lieblingsgedanke war nun: ſeinem Vater eine tüchtige Stütze im Geſchäft, und ſeiner Clariſſe ein treuer und liebevoller Gatte zu werden. Zugleich aber ſtand in ihm der Vorſatz feſt, ſich vor den Fehlern zu hüten, in welche ein eifriger Kaufmann ſo oft fällt, nämlich— ein merkan⸗ tiliſches Thier zu werden. Die ſchönſten Gedanken hierüber rief ihm der neue Demokritos warnend zu, wie: Es gibt merkan⸗ tiliſche Seelem, in denen das Einmaleins da ſitzt, wo das Herz ſitzen ſollte,—(Napolevn ſaß an der 199 Stelle eine Kanonenkugel)— wie bei den Hebräern, die Rechnen und Denken mit einem Wort ausdrücken. Dieſe merkantiliſche Thiere, denen Zahlen noch weit heiliger ſind, als dem Pythagoras— nennen nur denjenigen ihren Freund, mit welchem ſie Geſchäfte machen. Handel heißt Geſchäft, reich bedeutet gut,— Intereſſe gilt nur im Plurali Inte⸗ reſſen, und Verdienſte nur im Singulari Ver⸗ dienſt Wie ſchwer fällt es dem Moraliſten den Werth auszumitteln? Der Kaufmann beſtimmt ihn bis zu einem Pfund, und das höchſte Gut, worüber die Philoſophen noch heute ſtreiten, iſt ihm ſein Kapital. Wo Alles nur nach dem Gewinn berechn ſelbſt der innere Werth eines Mannes nur nach Gelde, wie die äußere Ehre; wenn die Söhne ſchon im zehenten bis zwölſten Jahre in den Laden geſteckt werden ohne weitere Bildung, als Kaufmanns⸗ bildung,— ſo kann der Sinn für das Höhere und Evlere im Menſchen nicht aufkommen, und wird im Aufſchwung ſchon erſtickt. Ich weiß nicht woher es kommt, daß die Juriſten den Handelsmann an⸗ ſehen, wie Kinder und Wittwen, Kirchen, Juden und * 200 ſchwere Kranke, die ein Recht auf ſchnellere Hülfe haben, und ſie in ihrer Sprache personas mise- rabiles nennen. Personas miserabiles macht allerdings die Maxime: O Cives! Cives! quarenda pecunia pri- mum est, Virtus post nummos. Was im Deutſchen heißt: Bürger! Bürger! zuerſt ſucht Euch nur Geld zu erwerben, Nach dem Gelde die Tugend. D Hofrath Weber!— dachte Zacharias, alte, ehr⸗ liche Haut, wie haſt Du Recht. 3 Geld iſt einmal das zweite„Ich“ des Kauf⸗ manns, und es wäre verzeihlich, wenn es nur nicht auch in der Welt ſein beſſeres„Ich“ wäre!— Ein guter Wechſel iſt unter allen Schriften dem Kauf⸗ mann die intereſſanteſte. Freundſchaft?— ach! die kennt er gar nicht, und er zahlt um keinen Preis einen Wechſel einen Tag früher, als er verfallen; denn Business will be done in a regular way, d. h. Handel leidet keine Freundſchaft.* A. Smith in ſeinem trefflichen Werke über den 201 Nationalreichthum füngt damit an, daß er ein eigenes Princip des Menſchen feſtſetzt, das Tauſchprinzip, und in der That, trotz aller Uneinigkeiten und Strei⸗ tigkeiten der Philoſophen über die Prinzipien der Moral, iſt der Kaufmann allein im Reinen mit ſei⸗ nem Tauſchprinzip, bei dem gar keine Moral gilt. Und erzählt nicht der„lachende Philoſoph“ ſo viele charakteriſtiſche Geſchichtchen? „Ich ernähre fünfhundert Menſchen,“ ſagte einſt ein ſtolzer Fabrikherr, und bekam die verdiente Gegen⸗ rede:„Erlauben Sie, eigentlich ernähren Jene ſie.“ Zu ſolchen Dingen kann man noch lachen, aber ganz ernſt wird man bei dem Gedanken an die Bereitſchaft dieſes Standes, ſich vom Staate zu mäſten und vom öffentlichen Elende, wie man bei langen Kriegen er⸗ leben kann. Der Amſterdamer Byland ſandte 1638. Pulver, Musketen und Piken nach Antwerpen und wurde zur Verantwortung gezogen.„Sie ſind bezahlt und gut, kann ich etwas gewinnen, ſo ſchiffe ich nach der Hölle; und ſollt ich die Segel verbrennen, ſo ſoll Mynheer Satan, wenn er Rimeſſen ſchickt, ſtets gut bedient werden.“ —— —— 202 Und dieß iſt die Marime der meiſten Kaufleute. Es wäre ſchlimm, gäbe es unter dieſem Stande keine Beſſeren; aber ſie ſind immerhin ſehr dünn geſäet. Zacharias Lieblingsgedanke war es aber, ſeinen Mitbürgern einſt zu zeigen: daß man auch als Kauf⸗ mann Intereſſe an geiſtigen Dingen, und ein menſch⸗ lich fühlendes Herz haben könne. Mitten in dieſen Beſtrebungen und Vorbereitungen traf ihn aber noch einmal eine kalte Hand, ihn an frühere unüberlegte Streiche bitter erinnernd. Er empfing nämlich einen Brief aus Wien. Die Hand der Aufſchrift war ihm fremd, er erbrach ihn und fand noch eine Einlage; die Einlage, mit unſicherer, ſchwacher Hand geſchrieben, war aber von Sophien und lautete: Theurer Freund! „Thränen der Freude und des Schmerzes in den Augen, ergreife ich mit ſchwacher Hand die Feder, Dir zu melden, daß ich Mutter von zwei Knaben bin. Aber im gleichen Augenblick ſchreit auch mein Herz in Noth und Verzweiflung zu Dir auf!— Ich habe meine Schweſter ſelbſt arm und hüfflos 203 gefunden, und ſchmachte nun im größten Elend.— Zacharias! Du ſchwurſt mir auf unſerer Reiſe ſo oft Liebe, ach! wenn es Dir möglich, hilf mir!“ Deine arme Sophie. Der Brief in welchen dieſe Zeilen eingeſchlagen, lautete aber ganz anders. Er war von Sophiens Schweſter. Herr Hartmann! „aus Einligendem Brief erſehen ſie den zuſtand Meiner ſchweſter, die ſie tadurch unklücklig gemagt, das ſie ſie zurickgeſezt haben und Eine andere ihr vorgezogen haben. ich bin die ältere und muß ihre Gerechtſamme Vertreten ich ſchreibe ihnen alſo, das ſie Meiner ſchweſter ſokleich dreihuntert gulten ſchücken, ſie wer⸗ den das gelt ſchücken, denn ſonſt ſchwöre Ich ihnen, wenn ſie das gelt nigt ſogleig ſchücken, ſchreibe ich an ihren Vader und ihre Vorgezogene Braud, wie ſie meine ſchweſter fervührt haben, und mit Ihr ge⸗ reiſt ſint. 204 Beweiße der Waarheit ſind in unſeren hänten, ſo das Ich ſie auch verklagen werte: denn ſie haben ja ſelbſt in Freifing, Landshut, Oſterhofen, Vilz⸗ hoffen, Baßſau, Regenspurch u. ſ. w. in die fremden Bücher mit Eigener hant geſchriben: Herr Hartmann und ſeine Frau. und iſt dies in die polizei Lüſten mit eingeſchriben und haben es Viele leute geſehen die zeichen ſein werden und Müßen. darum ſchücken ſie das Gelt, oder ich ſchwöre ihnen ſie ſind unklick⸗ lich. denn ich liebe Meine ſchweſter und ſie jammert mig ſehr Marie. ſchücken ſie das gelt ja, ſonſt Halte ich wort. Wien, den 1843. Dieſe zwei Briefe machten auf Hartmann einen ſehr verſchiedenen Eindruck, indem ihn der eine ergriff und rührte, während ihn der andere im höchſten Grade erzürnte. Setzte man ihm mit demſelben nicht ſo zu ſagen die Piſtole auf die Bruſt?— In der erſten Erregung beſchloß er daher, gar nicht zu antworten;— nach kälterer Ueberlegung aber 205 ſah er ein, daß er doch wohl ein ſo rohes und un⸗ gebildetes Weſen, wie Sophiens Schweſter nach dem Briefe zu ſein ſchien, nicht reizen dürfe. Er hatte unvorſichtiger Weiſe dem Feinde ſelbſt das Meſſer in die Hand gegeben, und er fühlte nun mit klopfendem Herzen, was auf dem Spiele ſtand; indem ihm ge⸗ rade jetzt, wo er im Begriff war, ernſtlich ſolid zu werden, in des Vaters Geſchäft und die bürgerliche Welt einzutreten und zu heirathen,— indem ihm gerade jetzt das Ruchbarwerden dieſer verwünſchten Reiſe in der allgemeinen Achtung unendlich ſchaden mußte. Dazu kam noch das aufrichtige Mitleid, welches er mit Sophien fühlte, die gewiß nichts von ihrer Schweſter grobem Briefe wußte,— und das Be⸗ wußtſein— nicht Jene verführt und benutzt— ſon⸗ dern nur einſt ſitzen gelaſſen zu haben. Er hatte ſie damals getäuſcht, und mit dieſer Treuloſigkeit, mit dieſer erſten Täuſchung für ein kindlich⸗reines Herz, war ja der Grund zu deſſen Untergang gelegt. Zacharias hatte alſo nichts anderes zu thun, als ſeinen Privat⸗Reiſe⸗Conto, der bereits ſchon ſchöne Poſten aufzuweiſen hatte, noch dreihundert Gulden — mehr zu belaſten. Nur eines vermochte er nicht über das Herz zu bringen: ſchon wieder Geld von ſeinem Vater zu verlangen; er achtete daher die acht Procent nicht, die ihm ein ehrlicher chriſtlicher Jude für das Darlehen abnahm, und ſandte in Gottesnamen auch dieſes Schmerzensgeld ab. Zwei Briefe begleiteten es; ein freundlich trö⸗ ſtender an Sophien und ein anderer an deren Schwe⸗ ſter, in welchem er ſich auf den hohen Gaul ſetzte, und ihr ſchrieb, daß nicht die albernen Drohungen und ihre Grobheit ihn zu der Geldſendung bewogen, ſondern lediglich Mitleid und Anhänglichkeit an Sophie. Als die Sache geordnet, athmete Zacharias or⸗ dentlich frei; denn es kam ihm vor, als habe er ſich nun völlig aus dem unglücklichen Banne losgekauft, der ihn auf der ganzen Reiſe verfolgt. Auch mit ſeinem Hauſe war er bald in der Reihe und flog nun der nahen Heimath zu. Seine Mutter war gleich nach ſeiner Geneſung dahin zurückgekehrt. Endlich war der letzte Berg erreicht, und von der Sachſenhäuſer Warte herab ſah er die alte Vater⸗ ſtadt weit ausgebreitet mit ihren weißen prächtigen Paläſten vor ſich liegen. Wie freudig grüßte er ſein liebes Frankfurt, wie wurden bei ſeinem Anblick ſo viele ſchöne Erinnerun⸗ gen wach,— Erinnerungen, die bis in die zarteſte Kindheit reichten und ihn unſchuldig und ſelig anlä⸗ chelten wie Engel. In jener Häuſermaſſe lebten ſo Viele, die er ſchätzte; ſie umſchloß Eltern, Freunde und Geliebte, dort ſollte ihm ein neues Glück erblühen,— ein ſtilles, häusliches Glück. Aber hatte er nicht auch neue Kämpfe zu beſtehen um daſſelbe zu erringen? mußte nicht Clariſſe wiedergewonnen, mußte nicht— was wohl das S werſte und Gefährlichſte war— des Vaters ſtrenges„Nein“ beſiegt werden? Aber eine wunderbare Ueberzeugung eines glück⸗ lichen Erfolges hatte ſich in ihm, ſeitdem er es aufrichtig und redlich mit ſich und Clariſſen meinte, feſtgeſetzt, und erhielt ihm den frohen Muth. Mit Entzücken begrüßte er daher die derben, kräf⸗ tigen Geſtalten der Sachſenhäuſer, deren ſtets meh⸗ rende Zahl ihm das Annähern an die berühmte Vorſtadt kündete. Endlich war ſie erreicht. Der Eilwagen raſſelte durch Sachſenhauſens Straßen, dem deutſchen Hauſe und der ernſtblickenden 208 Statue Kaiſer Karl des Großen auf der Mainbrücke vorbei, hinein in die volkreiche Stadt. In die Stadt der Karyatiden, wie ſie Victor Hugo in ſeinem Werke „der Rhein“ nennt. Freilich hat der ppetiſche Fran⸗ zoſe oder vielmehr der franzöſiſche Ppet hier wie anderwärts viele Dinge geſehen, die gar nicht exiſtiren und auch nie exiſtirten, und ich frage Jeden, der Frankfurt kennt: ob der gute Dichter der„Notre⸗ Dame“ nicht geträumt haben muß, als er folgende Stelle niederſchrieb: Ich habe noch nirgends ſo viele Coloſſe als Laſtträger geſehen wie in Frankfurt. Es iſt unmög⸗ lich Marmor(²), Stein, Bronze(2) und Holz in rauherer Erfindung und größerem Wechſel arbeiten, winſeln und heulen zu laſſen. Nach welcher Seite man ſich immer(in Frankfurt) wendet, ſo ſind es arme Figuren aller Weltabſchnitte, aller Style, aller Geſchlechter, jeden Alters und jeder erdenklichen Er⸗ ſcheinung, die ſich winden und jämmerlich ſeufzen unter ungeheuren Gewichten. Gehörnte Satyre, Nym⸗ phen mit flammändiſchen Buſen, Zwerge, Rieſen, Sphynxe, Drachen, Engel und Teufel, kurz ein gan⸗ zes unglückſeliges Volk übernatürlicher Weſen, von einem Zauberer, der frech in alle Mythologieen zu⸗ gleich hinein ſündigte, zuſammengerafft, in verſteinerte Gehäuſe gebannt, und ſo unter Geſimſe und Trag⸗ balken geſchmiedet und mit dem halben Körper in's Gemäuer hinein gezwingt. Die einen tragen Balkone, die andern Thürm⸗ chen(2), die meiſt Beladenen ganze Häuſer. Un⸗ ter ſolchen titaniſchen Laſten beugen ſich die Karha⸗ tiden in allen Stellungen der Wuth, des Schmerzes Dieſe neigen den Kopf, Jene und der Erſchöpfung. werfen ihn halb zu, andere ſtemmen die gekrämpften Hände auf die 5 aufgeblähte Bruſt, die faſt zerſpringen will; da gibt es verachtende Herkuleſe, welche ein ſechsſtöckiges Haus mit einer Achſel ſtützen und die Fauſt der an⸗ dern Hand dem Volke weiſen. Da ſieht man be⸗ trübte bucklige Vulkane, die ſich mit ihren Knieen helfen, oder unglückliche Syrenen, deren Schuppen⸗ ſchwanz ſich an den Bindeſteinen gräßlich zerſchmettert; vort erblickt man erbitterte Chimären, die ſich wüthend unter einander verbeißen; die Einen weinen, die An⸗ dern lachen bitter, die Dritten ſchneiden den Vorüber⸗ gehenden fürchterliche Geſichter u. ſ. w. Commis Vopageur. Il. 124 * en, oder drücken ſie gegen die 210 Schließlich dieſes Karyatiden-Artikels ſagt der dichteriſche Reiſende: Das fürchterlichſte Ereigniß, welches Frankfurt treffen könnte, wäre weder die Invaſion der Ruſſen, noch der Einbruch der Franzoſen, weder der europäiſche Krieg, der durch das Gebiet zöge, noch die alten Bür⸗ gerkriege, die neuerdings die vierzehn Quar⸗ tiere der Stadtzerſtörten,(wann? wo? wie ²), weder der Typhus noch die Cholera, ſondern das Er⸗ wachen, das Losbrechen und di e ne Zacharias kümmerte ſich Einfahren in die Vaterſtadt wen darum, ob Vietor aryatiden. freilich bei ſeinem Hugo recht habe oder nicht, ſein Geiſt war auf ganz andere Dinge gerichtet. Bald war auch das ſchöne Poſthaus erreicht, und wenige Minuten darauf ſtand Zacharias vor ſeinem Vater. Er fand denſelben auf dem Comptoir und gerade mit einem Mäkler beſchäftigt. Demohnerachtet eilte der Sohn dem Vater entgegen, ihn zu umarmen; aber der Alte ließ ſich nicht ſtören, ruhig handelte er weiter, wehrte die ſtürmiſche Umarmung mit einer leichten Handbewegung ab und reichte ſodann unter beſtändigem Aeccordiren dem Sohne die Rechte. — Arme der Mutter. Haſt Du Hezard geſpielt?“ Zacharias bebte. Er kannte ſeines Vaters Ruhe, wußte, daß er ſich durch nichts in ſeinen Geſchäften ſtören laſſe; aber einen ſo kalten Empfang hatte ſich doch der feurige, lebenswarme Jüngling nicht erwar⸗ tet, und zwar um ſo weniger, als er— das einzige Kind Hartmanns— vor wenigen Tagen erſt vom Tode erſtanden, wie durch ein Wunder ihm wieder⸗ geſchenkt war. Zachaxias ei e verletzt und entmuthigt in die 5 Erſt als der äkler weggegangen, das Geſchäft in's Fehne gebrn und noch einige Briefe geſchrie⸗ ben waren, die mit der Mittagspoſt fort ſollten, be⸗ gab ſich der alte Hartmann hinauf in ſeine Wohnung und zu ſeinem Sohne. Zacharias erwartete nun vor Allem eine Strafpredigt wegen der ungeheuren Summe Geldes, die er in ſo kurzer Zeit verpraßt; aber der Alte ſagte nur: „Ich habe ſchon durch Deine Mutter gehört, daß Du nicht mehr reiſen willſt. Das iſt auch nöthig; denn ein Strudelkopf wie Du eignet ſich nicht dazu, ſonſt geht Vermögen und Geſundheit zum Teufel. 14* 212 „Nein!“ entgegnete Zacharias beſtimmt, da er hier nicht läugnen konnte noch wollte. „Das iſt mir lieb,“— entgegnete ruhig der Vater—„einen Spieler nähme ich nicht in mein Geſchäft; von den anderen Lumpereien will ich nichts wiſſen, nur hoff' ich, daß der junge Herr die Hör⸗ ner jetzt abgelaufen hat.“ „Sie können ſich darauf verlaſſen,— entgegnete Zacharias, angenehm von des Aten Jole⸗ e größere Sehn⸗ P ranz überraſcht,—„Ich hab ſucht, als in Ihr Geſchäft zu tiger Kaufmann, guter Staatém n, und ein tüch⸗ nn und er Gatte zu werden.“ „Weiter nichts?“ entgegnete der alte Hartmann trocken.„Auch die Braut ſchon bei der Hand?“ „Sie wiſſen, Vater, wen ich liebe.“ „Lieben? Lieben! Narretheien!“— brummte Jener ärgerlich—„ich dächte, die Reiſe und Hau⸗ benhubers hätten Dich von den romantiſchen JWeen geheilt. Oder haſt Du noch eine beſſere Parthie an der Hand?“ „Mein Herz und mein Leben, Vater, gehört Clariſſen.“ 213 „Und Du gehörſt in's Narrenhaus!“ zürnte der Vater.„Wann wirſt Du anfangen, vernünftig denken zu lernen, und ſelbſtſtändig zu werden? — Aber das kommt von den verfluchten Comödian⸗ tenſtreichen der überſpannten Mamſell: Hinreiſen!— den Patienten pflegen! mit Schwärmerei ſein Leben wagen! und dann heimlich verſchwinden!“ „Wie?— Was?!“— rief hier Zacharias auf⸗ ſpringend—„So wär' es doch kein bloßer Traum geweſen? Clariſſe, meine füße, treue Clariſſe, die ich verrathen, vernachläßigt, gekränkt, wäre hingereist und hätte mich in der tödtlich anſteckenden Krankheit gepflegt?“ „Stell Dich nicht, als ob Du nichts davon wüß⸗ teſt!“— brummte der Alte, während die Mutter, ärgerlich den Kopf ſchüttelnd, den Vater anſah und ſagte:„Das war nun wieder klug, Alter, nun haſt Du's erſt gut gemacht.“ „Nein, lieber Vater!“ rief ſtrahlend vor Ent⸗ zücken Zacharias—„ich habe nichts hievon ge⸗ wußt; aber ich gebe Ihnen mein Wort, Sie hůt⸗ ten mir keine ſchönere Himmelsbotſchaft verkündigen können.“ . „Ich will Dir ſagen, was ich Dir zu verkündi⸗ gen habe!“ entgegnete mit ſtets gleicher Ruhe der Kaufmann.—„Ich habe Dir bereits eine Frau aus⸗ gemacht, die Geld hat und auch hübſch und jung ſein ſoll. Es iſt eine Verwandte des Herrn Kehrenſohn, eines meiner Jugendfreunde, der vor ganz kurzer Zeit als reicher Mann aus der Havannah zurückgekehrt. Da er kinderlos und ledig, nahm er ſich des jungen Mädchens an, und warb für ſie um Deine Hand, da er ihr einen braven Mann geben will. Ich habe, da ſie gleich wenigſtens fünfzig tauſend Gulden mit be⸗ kommt, wie natürlich zugeſagt, und Du wirſt....“ „Ich, lieber Vater,“ vollendete Zacharias— „werde mich ſtets bemühen, Ihr guter Sohn zu ſein; heirathen aber werde ich nur Clariſſen— oder gar nicht.“ Der alte Hartmann ſtand bei dieſen Worten ru⸗ hig auf und ſagte nach der Thüre gehend: „Du kannſt mir ſagen, wann Dein Paroxismus vorüber iſt, dann wollen wir von der Sache weiter ſprechen.“. Zacharias kränkte dies Benehmen ſeines Vaters nicht, er kannte ihn ja, und gab daher die Hoffnung 215 nicht auf, ſeinen Eigenſinn und ſeine Vorurtheile mit der Zeit zu beſiegen. Vorerſt erklärte er ſich offen gegen ſeine Mutter, hielt ihr Clariſſens edlen Cha⸗ rakter, ihre Vildung und den guten Einfluß vor, welchen ſie auf ihn übe; zeigte dann, daß es nach einer ſo ſchönen und anſpruchslos ausgeführten That, die doch wahrlich eine tiefbegründete und wahre Liebe verrathe, doch niederträchtig von ihm gehandelt wäre, wenn er ſie mit Undank und Treuloſigkeit lohnte. Aber auch bei der Frau Mama drang er nicht durch; denn ſie machte es wie alle Weiber, nachdem Zacharias ſtundenlang geſprochen hatte und ſie über⸗ zeugt glaubte— kam ſie auf ihr erſtes Wort zurück und ſagte:„Das iſt Alles gut; aber ſie hat kein Vermögen, und der Vater hat nun einmal dem Herrn Kehrenſohn ſein Wort gegeben.“ Da brach dem jungen Manne die Geduld, er nahm Hut und Stock und lief davon. Aber ſeine Seele war ſo voll Entzücken über Clariſſens Liebe, daß der Aerger nicht lange wider⸗ hielt, und wo anders hätte er hinflüchten können, als gerade zu der Geliebten. 216 Ihr kleines Haus war bald erreicht, doch fand es Hartmann verſchloſſen, und erfuhr zu ſeinem Schrecken: daß Eltern und Tochter vor einigen Tagen wegge⸗ fahren und noch nicht zurückgekehrt ſeien. Wohin 1 wüßte Niemand anzugeben. — . Die Frankfurterinnen.— Frankfurt ein klein Paris.— Die drei goldenen Kälber.— Zildung, Verbildung, Ueberbildung.— Die Millionär, die Hunderttauſender, die Tauſender, die Handwerker und die Lumpen.— Diverſe Projekte.— Erinnerungen an den Wiener Tongreß.— Homburg.— Der Freund aus der Ha- vannah.— Die Anrede und die Gegenrede.— Die auf- gezwungene Praut.— Täuſchungen und Entwirrungen. — Die Hochzeit.— Die Freunde.— Wer hat Recht?!— „Der Kaiſer ſteigt vom Thron, heißt freundlich ſie will⸗ kommen An ſeinem Hof. Die Fürſten drängen ſich um Hüon her, umarmen brüderlich Den edlen jungen Mann, der glorreich heimge⸗ kommen Von einem ſolchen Zug. Es ſtirbt der alte Groll In Karl des Großen Bruſt. Er ſchüttelt liebevoll Des Helden Hand, und ſpricht: nie fehl' es un⸗ s ſerm Reiche An einem Fürſtenſohn, der Dir an Tugend gleiche.“ Wieland's Oberon. Beurmann kam in ſeinen„Frankfurter Bilder“ bei dem Kapitel„die Frankfurterin⸗ nen“ einmal der Gedanke: die ganze Frauenwelt in S* 218 mehrere Claſſen und Ordnungen zu bringen, wie ſol⸗ ches Linné mit den Pflanzen gethan. Der Mann iſt zartfühlend und artig und es ſchwebten ihm dabei, wie er ſelbſt ſagt: „Feuerröschen, Adonisaugen, Augentroſt, Balſa⸗ minen, Vergißmeinnicht, Himmelsſchlüſſel, Heilkraut, Engelſüß, Sammetblumen, Ehrenpreis, Mannestreue, Maiblümchen, Königskerzen, Sinngrün, Sonnenthau, Liebesäpfel, brennende Liebe u. ſ. w.“ vor, da fielen ihm aber plötzlich auch die Namen:„Kreuzkraut, Frauen⸗ krieg, Pfeffermünze, Klatſchroſen, Gänſeblume, Unhol⸗ denkerz, Schlangenkraut, Krebsdiſtel, Donnergrün, Sauerklee, Erdgalle, Schwerdtlilien, Natterkopf, Ma⸗ tronenkraut u. ſ. w.“ ein, und ſo zog er klugerweiſe die Sicherheit ſeiner Augen in Betracht, die er jeden⸗ falls gefährdet haben würde, hätte er die oder jene Schöne mit den letztgenannten Pflanzen in eine Ka⸗ tegorie gebracht. Groß würde jedenfalls die Claſſe: Tauſend⸗ guldenkraut geworden ſein, hätte man nur dann noch ein: Hunderttauſendgulden⸗ und ein Millionenkräutchen ſchaffen können, die Beide auf dem Frankfurter Boden gut gedeihen. —— 219 Roſen kommen weniger hier fort,— mit Aus⸗ nahme der weißen— und man wird ſelten ein blü⸗ hendes, dafür aber deſto mehr feine und intereffante Geſichter finden. Tournüre haben die Frankfurterin⸗ nen und vor allem Anderen einen feinen Geſchmack, und da das Geld in dieſem Bunde als die dritte Gabe erſcheint, ſo findet man in dieſer Stadt ſo feine, koſtbare Toiletten, als man nur in Paris ſehen kann! Ueberhaupt darf der Frankfurter ſagen: »Mein Frankfurt lob' ich mir! Es iſt ein klein Paris, und bildet ſeine Leute.« Denn Wien, Berlin und Hamburg ausgenommen, gibt es keine deutſche Stadt, welche ſo artige und feine, ja gebildete Griſetten und Loretten aufzuweiſen hätte, als die edle Mainſtadt. Uebrigens wiſſen ſich hier die Mädchen bis in die niederſten Klaſſen höchſt geſchmackvoll zu kleiden, und auch die jungen Männer haben mehr Schliff als irgend ſonſt in Deutſchland. Wenn nur der verfluchte dumme Geldſtolz nicht wäre! der die Menſchen hier wahrhaft embstet, und etwas mehr Intelligenz. Aber es ſind hier drei gol⸗ dene Kälber gufgerichtet, die kein geiſtiges Leben auf⸗ * . kommen laſſen; das Eine ſteht auf der Millionen⸗ ſtraße und wird von den höheren Klaſſen umtanzt mit der Bitte:„Geld! Geld! Geld!“— Das Zweite thront hoch oben über der guten Stadt, und hat Ableger in Bockenheim, Bornheim, Hauſen u. ſ. w. und zu ihm ſchreien namentlich die Handwerksklaſſen: „Gut Eſſen und Trinken“— das Dritte aber iſt aus Paris geſchickt worden, und kommt jetzt auf die Zeil. Seine eifrigſten Verehrer ſind die Damen, und die Anbetungsformel heißt hier:„Nur Putz und Staat!“ über dieſe Kälberanbetung werden nur zu Viele ſelbſt zu Kälbern. Es wird in Frankfurt ſehr viel für eine gedie⸗ gene Schulbildung gethan; aber damit iſt es auch fertig. Schüler und Schülerinnen machen ihrem Jahr⸗ hundert Ehre; haben ſie aber Schule oder Inſtitut verlaſſen, ſo ſind auch ſie verlaſſen; denn es weht eben hier kein Geiſt, der ſie freiſinnig für ein that⸗ kräftiges bürgerliches Leben erziehen, keine Sympathie für das Höhere im Leben, die ſie erheben, und zu edlen geiſtigen Menſchen machen könnte. Man führt die Jugend im Dienſte der goldenen Kälber ein, und 3 gibt ihr höchſtens einen geſellſchaftlichen Schliff. 6———— 221 lind was charakteriſirt die jungen Herrchen und Dämchen: ſie können tanzen, ſchlecht engliſch und fran⸗ zöſiſch ſprechen, das Clavier ſpielen, keck aburtheilen, ſich hübſch putzen, Jeden verachten, der weniger Tha⸗ ler hat als ſie; ſie wiſſen nicht das Geringſte von den geiſtigen Intereſſen der Menſchheit, nichts von Ge⸗ ſchichte noch Literatur— überhaupt Nichts, was über die Tagesmode hinausgeht. Dieſe geiſtige Beſchränktheit bei reichen Geldmit⸗ teln hat denn natürlich einen doppelt widerlichen Stolz zur Folge, und dieſer Geldſtolz iſt es, welcher jene ſcharfe Schattirung der Stände und Taxation nach dem Vermögen hervorruft, welche einem ſocialen Le⸗ ben ſo hemmend entgegentreten. Und dann— es fehlt hier Gemüthlichteit. 1 Dieſe bockslederne Steifheit geht ſo weit, daß die WMillionärs gewiß mit den Hunderttauſendern nicht einen und denſelben Vergnügungsort beſuchen; eben ſo wenig wollen die Letzteren mit den Tauſendern noch die Tauſender mit den Handwerksleuten zu⸗ ſammentreffen. Nur der dritte Pfingſttag vereinigt Alles im Wäldchen, und ſelbſt die Ariſtokratie fährt dann hinaus und ſagt dann gnädig lächelnd:„Wie 222 ſich unſer Volk amüſirt.“ Wer in Frankfurt kein Geld hat, und wäre er ein Gott an Wiſſen und Verſtand, iſt ein Lump. Zacharias hatte Mühe, ſich wieder in dieſen Geiſt einzugewöhnen; denn war er auch nicht lange ge⸗ reist, ſo hatte er doch mit der Fremde eine gewiſſe Freiſinnigkeit eingeathmet; auch hatte er zu viel wahre Bildung, um ſeinen eigenen inneren Werth in die Anzahl von Kronthaler ſeines Vaters zu ſetzen. Indeſſen fügte er ſich um ſo mehr in jeden Wunſch ſeiner Eltern, als er entſchloſſen war, Dieſen be⸗ züglich der Heirath nicht nachzugeben. Aber der alte Hartmann blieb ſo feſt wie ſein Sohn, der— trotzdem daß Clariſſe wie verſchwun⸗ den war— nicht einmal ſeine beſtimmte Braut ſehen wollte; zu welchem Ende doch Herr Kehrenſohn die Familie Hartmann eingeladen, ihn in Homburg vor der Höhe, wo er für den Augenblick wohnte, zu beſuchen. Der Mutter allein gelang es endlich, Zacharias dahin zu beſtimmen, dieſen Beſuch zu machen, und der junge Mann ſah ein, daß es ja auch kein beſſe⸗ res Mittel gäbe, der ganzen Werberei mit einemmale 223 ein Ende zu machen, als hinzutreten und dem Herrn Bewerber und der Braut klaren Wein einzuſchenken. Natürlich behielt Zacharias dieſes Projekt für ſich. Der alte Hartmann aviſirte alſo den Beſuch nach Homburg auf den kommenden Sonntag. Der Kutſcher ſchob an dem beſtimmten Tage den Staatswagen aus der Remiſe, der ſonſt ſelten 6 braucht wurde. Die Familie erſchien en grande tenue, und. fort ging es, nach dem freundlichen Taunusbad. Homburg iſt nur drei kleine Stunden von Frankfurt entfernt, aber man kann ganz Frankreich von Süden bis Norden durchreiſen, was ungefähr einen Weg von hun⸗ dertfünfzig Meilen macht, und hat nicht das Merkwür⸗ dige geſehen, als hier in ein und einer halben Meile; denn man kommt durch die Länder von vier Herren, nämlich aus dem Frankfurtiſchen in's Naſſauiſche, von da in's Kurheſſiſche und dann in das Reich des Land⸗ grafen von Homburg u. ſ. w. Dem patrivtiſchen Deutſchen lacht dabei das Herz im Leibe; denn er ſieht jede Viertelſtunde einen buntgemahlten Pfahl mit dem Wappen irgend eines ſeiner Fürſten. Und warum dieſe jammervolle Zerſtückelung? X 8. „Man wurde auf dem Wiener Congreß unter⸗ einander einig,“— ſagt der oben angeführte franzö⸗ ſiſche Touriſt,—„Jener Fürſt verlangte ſein Angeld, man gab ihm eine Stadt; ein Anderer ſchrie um ſein Ausgleichungsrecht, und man warf ihm ein Dorf zu.“ Ach! daß der Franzoſe hier recht haben muß!— Die Hartmannſſche Familie hatte bald das freund⸗ liche Städtchen Homburg vor der Höhe erreicht, das ſeinen Gäſten ein gaſtliches und wohnliches Aeußere zuwendet. Als Bad und Vergnügungsort iſt daſſelbe ſeit einigen Jahren in der Gunſt der Frankfurter, namentlich der Claſſen Eins und Zwei, ſehr geſtiegen, was aus mehreren Urſachen geſchah. Erſtens, weil es durch ſeine Entfernung dem Plebs nicht ſo zugänglich; zweitens, weil es ein Bad iſt, aus dem man in einer Stunde auf das Comp⸗ tvir reiſen kann; drittens, weil es etwas Ländliches hat, und daher den, von dem Gewühl des Stadtle⸗ bens Abgeſpannten, eine Veränderung bietet; vier⸗ tens, weil es ſechshundert Fuß über der Meeresfläche und nicht nur ſchön, ſondern auch ſehr angenehm liegt, da es ſtets eine reine und friſche Bergluft um⸗ ſpült, und doch, nach Norden und Weſten durch die 225 Kette der Taunusgebirge geſchützt, von keinen un⸗ freundlichen Stürmen heimgeſucht wird; endlich, weil ſeine Heilquellen namentlich die geſtörten Funktionen des Magens, wie aller Organe des Unterleibs leicht in den geſunden Zuſtand zurückführen, und der Ma⸗ gen durch einen zu üppigen Kultus und das viele Sitzen am Schreibepulte gerade bei den Frankfurtern ſehr oft zum leidenden Theile wird. Außerdem iſt es Mode, nach Homburg zu gehen. Auch heute war es lebhaft auf dem Wege dahin und in dem Stidtchen ſelbſt, und Reiter, Wagen und Fußgänger drängten, rollten und ſchwirrten, in bun⸗ tem Gemiſche aneinander vorüber. Zacharias aber bemerkte wenig davon. Er war in ſich gekehrt, was der Vater für ein Zeichen der Unterwürfigkeit, die Mutter aber für Trotz anſah. In der That bereitete er ſich auf die Reden vor, die er dem Herrn Kehrenſohn und der beſtimmten Braut zu halten gedachte. Der Freund aus der Havannah, der ein ganzes und zwar eines der hübſcheſten Häuſer in Homburg bewohnte, nahm den Beſuch auf das Freundlichſte auf. Commis Voyageur. IM. 15 — 1 226 Es war eine ſonderbare Figur: lang, dürr, aus⸗ getrocknet und gelb wie eine Mumie, ſteif und lang⸗ ſam wie ein Holländer und pedantiſch wie ein Deut⸗ ſcher. Der lange Aufenthalt in dem tropiſchen Klima hatte ſonſt faſt jede Spur des Deutſchthums in ihm verwiſcht, wenn man einen Reſt von Gemüthlichkeit abrechnet, die aber tief verborgen im Schachte ſeines Herzens lag. Sie Nach den erſten Höflichkeitsbezeugungen kamen die beiden Kaufleute gleich auf das Geſchäft. Vater Hartmann präſentirte den Sohn. Kehrenſohn be⸗ trachtete ihn mit Wohlgefallen und mit einem pfiffi⸗ gen Lächeln, als ob er ein Ballen hübſcher Waare wäre, von der ein guter Gewinn zu hoffen ſei. Zacharias bemerkte dieß und ward nur noch in⸗ grimmiger. Ohne daher die weiteren Demarchen der alten Herren abzuwarten, wandte er ſich an die Mu⸗ mie und ſagte: „Mein Herr, ich bin Ihnen ſehr verpflichtet für das Vertrauen und für die gute Meinung, mit wel⸗ cher Sie mich beehren; ich finde es auch natürlich, daß zwei Freunde, wie Sie und mein Vater, einen Gefallen daran haben, ihre Familien gegenſeitig mit 227 einander zu verbinden, um ſo quaſi das alte freund⸗ ſchaftliche Verhältniß ſelbſt in den Kindern fortzu⸗ pflanzen. Eben darum aber, weil Sie ſich Beide Freunde ſind, und Sie Ihr Vertrauen auf mich ſetzen, iſt es in doppelter Beziehung meine Pflicht— wahr gegen Sie zu ſein. Daher ſage ich Ihnen unver⸗ hohlen, daß ich bereits liebe, und einem Mädchen ſchon die Ehe verſprochen habe, die ich denn auch hei⸗ rathen werde, ſobald meine Eltern einwilligen Ge⸗ ſchieht dieß nicht, bleibe ich ledig.“ Dieſe Worte, deren Inhalt die Mutter voraus⸗ geahnt, kamen den Männern höchſt unerwartet. Vater Hartmann ſtieg der Zorn, Kehrenſohn aber lächelte ſo verſteckt pfiffig wie im Anfange. „Hören Sie nicht auf ſein Geſchwätz,— rief finſter der Frſtere,„es iſt Romanengeplapper. Laſſen Sie uns vor allen Dingen die Vraut ſehen; denn die jungen Leute haben heutzutage keinen Sinn für das Reelle mehr, nur das Aeußerliche kann ſie be⸗ ſtimmen.“ „Das ſoll gleich geſchehen!“— erwiederte der Freund aus der Havannah—„indeſſen muß ich ge⸗ ſtehen, die Erklärung Ihres Sbhnes kommt mir ſehr 15* zu paß, und rettet mich aus der Verlegenheit, wort⸗ brüchig zu erſcheinen, denn— offen geſagt— meine Nichte mag Ihren Herrn Sohn auch nicht.“ „Für was war denn die Einladung?“ brummte finſter der alte Hartmann—„ich dächte, wir wären doch zu alt, um noch Komödie zu ſpielen.“ „Nun“— ſagte Kehrenſohn begütigend—„ich wollte wenigſtens nichts unverſucht laſſen. Kein or⸗ dentlicher Kaufmann kauft eine Katz im Sack, die jungen Leute müſſen ſich doch erſt einmal ſehen.“ „Wenn reelle Männer wie wir mit einander handeln“— verſetzte Hartmanns Vater ärgerlich— „können ſich die jungen Leute auf unſer Wort ver⸗ laſſen.“ „Am Beſten iſt immer die Waare erſt ſehen“— rief der Havanneſe—„dann gibt's nachher keine Chikanen!“ und mit dieſen Worten ging er nach einer Seitenthüre, öfnete ſie und rief:„Nichtchen!“ Alle Augen ſtarrten geſpannt nach der Pforte, auch die des Herrn Zacharias, denn er war begierig auf die Dame, die ihn ſo mir nichts dir nichts aus⸗ geſchlagen. Da trat ein ſchönes, blaſſes Mädchen mit etwas 229 verweinten Augen ſchüchtern herein. Kaum aber war ſie auf der Schwelle erſchienen, als Zacharias ihr mit einem Freudenſchrei entgegeneilte, ſie blickte auf und ſank lautlos vor Ueberraſchung dem jungen Mann in die Arme. Es waren Zacharias und Clariſſe. Der alte Hartmann und ſeine Frau ſahen erſtaunt bald ſich, bald das Pärchen, bald den Freund an, der ruhig, mit auf der Bruſt gekreuzten Armen, da⸗ ſtand und keine Miene verzog. „Was ſoll denn das wieder ſein?“— ſagte der Erſtere endlich— erſt mögen ſie ſich gegenſeitig nicht, und nun ſind ſie wie wahnſinnig vor Liebe.“ „Vater! Mutter!“— rief jubelnd Zacharias— „Es iſt ja Clariſſe, meine ſüße, liebe, treue Clariſſe, meine Lebensretterin, mein Alles.“ „Herr Kehrenſohn!“— rief hier überraſcht und ernſt der alte Hartmann—„ich bitte um Aufklä⸗ rung. Sie hatten mir für meinen Sohn die Hand einer Verwandten zugeſagt und nun....“ „Steht dieſe Verwandte, meine Nichte, die Toch⸗ ter meiner Schweſter, vor Ihnen,“— entgegnete der Gelbe.„Was ich verſpreche, halt' ich. Ich bin —— Wittwer und kinderlos, wie Sie wiſſen, und habe daher mein Nichtchen zur Univerſalerbin irteſett Was ſie mitbekommt, wiſſen Sie.“ „Oheim!“— rief Clariſſe, den edlen Verwand⸗ ten umſchlingend—„wie habe ich Ihre Güte ver⸗ dient.“ „Nun!“— lächelte Jener—„Ich kannte Dich und Dein Verhältniß zu Herrn Hartmann ja längſt durch einen Freund, der Dich beobachten mußte. Dein Entſchluß, den Todtkranken zu pflegen, bewies mir die Tiefe Deiner Liebe und da ich ſelbſt ſehr un⸗ glücklich durch eine Geldheirath wurde, war ich be⸗ dacht, Dir die Wahl des Herzens zu ſichern.“ „Ach!“— rief Clariſſe—„und Sie ſagten mir kein Wort von dem Allem, und drohten mir nur mit einer Verbindung mit einem reichen Mann.“ „Ja!— und machte das Glück Deiner armen Eltern von Deinem Jaworte abhängig. Du warſt nach vielen Kämpfen im Begriff, auch dieſes Opfer zu bringen, das Dir Dein ganzes Lebensglück geko⸗ ſtet haben würde,— ſei nun zum Lohne doppelt glücklich.“ Dieſe Auflöſung ließ 6 nun Jedermann gern 231 gefallen. Die Eltern der Braut wurden vorgeſtellt und ein wahrhaft glücklicher Tag verlebt. Nur Eines drückte Zacharias, und das war das Bewußtſein der vielen Treuloſigkeiten, die er an Cla⸗ riſſe auf der Reiſe begangen, und von welchen ſie, nach ihrem Briefe wiſſen mußte. Er fühlte ihr auf den Zahn; aber das Mädchen ſah ihn mit ſeinen ſeelenvollen Augen liebend an, und ſagte, eine Thräne zurückdrängend: „Ich denke an das Vergangene nicht mehr; denn ich weiß, Deine Irrthümer haben Dich zur Vernunft und zu der ſeeligen Gewißheit gebracht: daß nur das ein wahres Glück ſei, was man mit reinem Herzen genießt. Außerdem liebſt Du mich jetzt wahr, und wahre Liebe kennt keine Untreue.“ Noch wurde das Nähere wegen der Hochzeit feſt⸗ geſetzt und zwar auf die nächſte Zeit; da Kehren⸗ ſohn nach derſelben noch einmal nach der Havannah zurückzugehen gedachte, um dort ſeine Liegenſchaften zu verkaufen und dann ganz nach Europa zurückzukehren. Aber noch Etwas erbat ſich Zacharias von ſei⸗ ner Braut, nämlich die Erlaubniß, einige ſeiner Rei⸗ ſefreunde zur Hochzeit einladen zu dürfen. Clariſſe 232 willigte, wie natürlich, gern in ſeine Wünſche, und nun ſchrieb Hartnmnn an„die Locomotive“, den „Berliner“ und an„Spreitzer,“ die, wie er ja wußte, jetzt auf ihrer Tour nahe bei Frankfurt waren. Endlich erſchien der frohe Tag, und der Bräu⸗ tigam hatte an ihm auch wirklich die Freude, die drei eingeladenen Freunde zu umarmen. Alle waren ſeelenvergnügt und Spreitzer brachte Neuigkeiten mit. „Wiſt de denn äch, was aus dem Froſch ge⸗ worde is?“ frug er Zacharias, als die Reiſenden auch einmal auf Augenblicke allein beieinander ſtanden. „Nun?“ „Todgeſoffe hot ſich deß Os!“— rief Jener— „ich habb' geſtert die Nachricht kriecht. Un's Jean⸗ nettche! ℳ „Leiſe! Leiſe!“ bat Zacharias ſich verlegen um⸗ ſehend. „Du hoſt mer emol dervon verzehlt“— „Schon gut! ſchon gut!“ „Die kriet Der von ihr'm Mann Brichel nach Note. Se hat den Utz mit de Männer äch nach der Heirath net laſſa könne, un do hot ſe ihr Mann ——————— — —— 233 emol erwiſcht, un ſeit der Zeit kriecht ſe alle Mor⸗ jend fünfundzwanzig à 3. de Tag.“ „Das arme Kind!“— ſagte Zacharias—„ſie dauert mich!“ „Mich äch!“, rief Spreitzer—„Ich muß mache, daß ich bald widder nach Günzborg komm, um ſe zu dröſte.“ „Nun?“ frug Zacharias, der gern auf ein an⸗ deres Thema überging, und wandte ſich an Gold⸗ mann, der ſo recht in ſeinem Behagen war—„Nun, Freundchen? Haſt Du nicht auch Luſt, das Reiſen aufzugeben?“ „Gott bewahre!“— rief Jener—„Reiſen iſt mein Element! Ich wäre des Todes, müßte ich im⸗ mer auf einem und demſelben Platze bleiben. Nein! nein! die Locomotive braust vorwärts, hinaus in die Ferne. Und ſiehſt Du, das ganze Leben iſt ja eine Reiſe, und Reiſeluſt? was geht über ſie! Ich werde reiſen, ſo lange ich lebe, und wenn ein paar fidele Kerls beieinander ſitzen und luſtig bechern, oder ein Mädchen ſeinen weißen vollen Arm um mich ſchlingt, und ich heute die mein nenne und morgen eine Andere beſiege, da bin ich zu Hauſe, das iſt Le⸗ ben, das iſt Luſt.“ 234 Und er nahm ſein volles Champagnerglas und winkte den Freunden, ein Gleiches zu thun und rief: „Es lebe das Reiſen, und alle Com⸗ mis Vohageurs!“ und die Gläſer klangen laut und fröhlich und mit„hoppla!“ Gläri⸗ er den köſt⸗ lichen Schaum hinab. Da kam Hartmanns junges Weibchen, ſchön wie ein Engel und hold wie eine Göttin, und Zacharias ſchloß ſie heiß und ſelig in ſeine Arme und ſagte leiſe: „Und doch kennt Ihr das höchſte Glück nicht; denn es iſt das Bewußtſein, ein holdes, treues Weib zu beſitzen deren Leben und Sein Eins iſt mit den unſeren, deren Herz und Seele aufgeht in Liebe zu dem Gatten, die Freude und Leid mit uns theilt, und uns einführt in eine ſtille Häuslichkeit.“ * üh Erſtes Kapitel. Seite Das Schreiben einer treuen Seele.— Dolch⸗ ſtiche.— Die zwei Naturen im Menſchen. — Die ſchoͤne Waͤſcherin.— Augsburg.— Epiſtel uͤber die Trinkgelder auf Reiſen.— Nuͤnchen.— Deſſen Phyſiognomie.— Die Familie Haubenhuber.— Der Maͤnnerfang. — Die Gluͤckliche und der Gluͤckliche.— Muͤnchen, Liebe und Ruͤboͤl.— Der chine⸗ ſiſche Thurm und der Prater.— Muͤnchens Sehenswuͤrdigkeiten.— Die Hoffnung auf einen Wiſcher.— Das Theater.— Ein un⸗ erwartetes Wiederfinden.— Reiſeplan.— Diplomatiſche Entwuͤrfe.—„Gute Nacht le — Brautigam.— Die Furien der Rache 7— 35 II Zweites Kapitel. Innerer Kampf.— Weibliche Staͤrke in weib⸗ lichem Stolz.— Leichtſinn.— Ein ſauberer Handel.— Die Einladung.— Entſetzen. — Die Michelſche Weinhandlung.— Das Räuſchchen.— Eine gute Mutter.— Ein Opfer.— Wuth.— Handgemenge und Pruͤgel.— Schmerzlicher Abſchied.— Das Zuſammentreffen.— Der fatale Mantel.— Wirth und Fremdenbuch.— Die Ent⸗ deckung.— Abendlicher Streit und nächt⸗ liche Verſohnung.— Reiſeluſt und Reiſelaſt. — Wen?— Der Brief.— Entſchieden. — Die Geſchichte vom Frack.— Die Ge⸗ ſellſchaft.— Lurus.— Das Rendezvous. — Werbung Drittes Kapitel. Ein Neſt.— Muͤnchen.— Sonſt und jetzt.— Mißmuth.— Troſt.— Das Zuſammen⸗ treffen.— Der Weinreiſende und der Run⸗ kelruͤbenzuckerfabrikant.— Vivat Bacchus, Bacchus lebe!— Der geiſtliche Herr und der Affenthaler.— Die ſchoͤne Prozeſſion.— Wie ein Weinreiſender wuͤrdig ſein Haus repräſentirt.— ungluͤck uͤber ungluͤck.— Seite 56— 103 5 III Wehmuͤthige Erinnerungen an verputzte Gel⸗ der.— Der Brief mit einer Naſe.— Ant⸗ wort.— Der Brief eines gebrochenen Her⸗ zens. Fölen Viertes Kapitel. Truͤbe Ausſichten.— Vertroͤſtungen.— Miß⸗ lingen.— Ueberdruß am Reiſen.— Der trom der Zeit.— Säͤngerfeſte, Vereine und Monumente.— Der erſte Verein und das erſte Monument.— Geſangvereine und ihre Folgen.— Ein Nationallied.— Das Saͤngerfeſt.— Allgemeine Luſt.— Das Zu⸗ ſammentreffen.— Der Berliner.— Die Anekdoten.— Leben und Treiben.— Der Gruß.— Die Baroneſſe und der Schnurr⸗ bart.— Das gemeinſchaftliche Nachteſſen.— Das Vielliebchen.— Das Signal.— Das Taſchentuch.— Guten Morgen Vielliebchen! — Der Einkauf.— Die liebe Eitilkeit.— Der Ring.— Der Chevalier.— Auf dem Ball und nach dem Ball.— Ein Inter⸗ mezzo.— Schreckliche Entwicklung.— Die Entdeckung. Seite 104— 131 132—171 IV Fünftes Kapitel. Seite Todesmatt.— Die Erkenntniß.— Kränkun⸗ gen.— Die Krankheit.— Das Nerven⸗ fieber.— Das Phantaſiren.— Die blaue Blume.— Fennimore.— Die Erſcheinung. — Des Arztes Bemuͤhung.— Eine Mutter. — Das Zwiegeſpraͤch.— Der Entſchluß 172—196 Sechstes Kapitel. In Darmſtadt.— Krämerſeelen, merkanti⸗ liſche Thiers, Geldſaͤcke und wahre Kauf⸗ leute.— ueber das Ringen nach Geld!— Zwillinge!— Die zwei Briefe zweier Schwe⸗ ſtern.— Edler Entſchluß.— Frankfurt.— Victor Hugo in der Stadt der Karyatiden. — Der Empfang und die Erklaͤrung.— — Die Entdeckung.— Das leere Neſt 197— 216 Siebentes Kapitel. Die Frankfurterinnen.— Frankfurt ein klein Paris.— Die drei goldenen Kaͤlber.— Bildung, Verbildung, Ueberbildung.— Die Nillionär, die Hunderttauſender, die Tau⸗ — ———— V ſender, die Handwerker und die Lumpen.— Diverſe Projekte.— Erinnerungen an den Wiener Congreß.— Homburg.— Der 4 Freund aus der Havannah.— Die Anrede und die Gegenrede.— Die aufgezwungene * Braut.— Taͤuſchungen und Entwirrungen. — Die Hochzeit.— Die Freunde.— Wer hat Recht? Seite 217—234 ſ ſu 9 15 10 11 12 13 1 16