Le ——— ihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih und geſebedingungen. 1. oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. —— 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 6 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet o wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt; für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Ft— Pf 1 5 W Pf „ 3 „ 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(ngmentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Hauſen verpflichtet. 3 7. Auseihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 2 2 gS 82 Commis Voyagenr. Frenden und Leiden eines Commis Woyagent. „So Jemand eine Reiſe thut, So kann er was erzählen!“ Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. I. 2ohann Uepomuk Jacharias Jartmann.— Scheiden und Mei⸗ den thut weh!— Die Revolution im Omnibus.— Küſſe und Stoßſrußer.— Lolgen des Mitleidens.— Morgenbetach- tungen einer guten Seele. „In der Abtei von Sankt Quan War dazumal ein Sakriſtan; 5 Er war als frommer Mönch genannt, Ihm gutes Zeugniß zuerkannt, Allein je mehr die Seele werth, Je mehr der Teufel ihr begehrt.“ Uhland. ohann Nepomuk Zacharias Hartmann, der Sohn eines reichen Kaufmanns und Bürgers der freien Reichs⸗ und Handelsſtadt Frankfnrt am Main, hatte als einziges Kind eine ſorgfältige Erziehung genoſſen, und konnte daher, da ihn auch die Natur mit einem gefälligen Aeußern begabt, mit einigen Anſprüchen auf Glück in die Welt treten. Wie natürlich unterließ er nicht dieſe An⸗ ſprüche geltend zu machen, un das bewegte Leben ſeiner Vaterſtadt bot ihm denn auch hierzu die mannigfaltigſte Gelegenheit dar. Aber nicht nur dem Vergnügen ſollte ſeine Jugend ge⸗ widmet ſein. Zacharias— wie der junge Hartmann zu Commis Vohageur. 3 1 2 ſeinem nicht geringen Aerger im väterlichen Hauſe gerufen wurde— hatte den Kaufmannſtand zu ſeinem Berufe erwählt; oder war vielmehr, wie dies ja meiſtens zu geſchehen pflegt, ohne ſeinen Willen und ſeine Neigung zu befragen, aus elterlicher Autorität zum Kaufmann beſtimmt, geſtempelt und in dem väterlichen Geſchäftshauſe in die Lehre ſeines Standes eingeführt worden. Lebhaft und unruhig von Natur, mit einer reichen, beweglichen und reizbaren Phan⸗ taſie und einer thatdurſtigen Seele begabt, konnte ihm das einförmige Leben in dem düſteren Comptoir, in welchem es ſelbſt um die Mittagsſtunden kaum Tag wurde, um ſo weniger zuſagen, als das Auge ſeines Vaters, der aus ſeinem Sohne einen ächten Geſchäftsmann nach ſeinem Bilde zu formen eifrigſt bemüht war, ihn ſtreng überwachte. Je gewaltſamer man aber einen Strom eindämmt, deſto mäch⸗ tiger wachſen ſeine Fluthen, und je ſtrenger Zacharias von dem Vater gehalten wurde, deſto heißer ſehnte er ſich hin⸗ aus aus der finſteren Schreibſtube in die luſtige, freie, leichtbewegte Welt. Was half es, daß die zärtlich⸗ſchwache Mutter dem Söhnchen die Börſe, wenn ſie erſchöpft war, heimlich füllte, oder ihn die Freuden des Lebens, nach ge⸗ ſchloſſenem Comptoir, in allen Farben und Geſtalten an⸗ lachten; er konnte ja doch alle dieſe Herrlichkeiten nicht mit frohem Herzen genießen! denn hier wachte mit Aengſt⸗ lichkeit die Mutter über die Geſundheit des einzigen Kindes, — dort trat ihm der Vater mit Vorwürfen, Ermahnungen und Verboten entgegen. Was ihm aber den Aufenthalt im elterlichen Hauſe und Geſchäfte am drückendſten, ſeine Lehr⸗ jahre am peinlichſten machte, war ſein eigener Vater, der, als Typus einer eingefleiſchten Kaufmannsſeele, ihm die 3 Luſt an ſeinem Stände gänzlich verleidete. Streng recht⸗ lich, von Herzen gut, beſorgt für das Wohl und den Wohl⸗ ſtand ſeiner Familie, gehörte der alte Hartmann zu jenen kännern, die außer dem Bereiche ihrer Geſchäfte ſo zu ſagen Nichts ſind. Kunſt und Wiſſenſchaft und alle die höheren Blüthen des Geiſtes kennen ſie nicht oder kaum dem Namen nach; Tugend und Verdienſt iſt in ihrer Sprache gleichbedeutend mit Vermögen und Einnahme, und ihr Gefühl erweckt nur der Klang des Goldes; denn an der Stelle ihres Herzens tragen ſie einen Geldſack und ihr— Gehirn iſt eine geſchickte Rechenmaſchine. Wer reicher iſt als ſie, iſt ihr Abgott, wer gleiches Vermögen beſitzt, ihr Mitmenſch, wer weniger aufzuweiſen hat, ihnen verächtlich, und wer kein Geld hat, und ſei es der größte, der edelſte Menſch— iſt ihrer Meinung nach ein Lump, oder exiſtirt für ſie gar nicht. Ich habe ſchon manchesmal darüber nachgedacht, warum dieſe Zahlenſeelen, vorzüglich in großen Handelsſtädten und Geldariſtokratieen, nicht zuſammentreten und es dahin bringen: daß man jedem Menſchen eine Tafel auf den Rücken befeſtige und die Größe ſeines Vermögens darauf bemerke. Um wie viel würde alsdann der geſellige Umgang erleichtert ſein; da man auf der Stelle wüßte, ob und wie man mit einander ſprechen und umgehen könne. Nur düpf⸗ ten ſich dieſe Zahlengrößen nicht etwa einmal in eine Re⸗ publik verlieren, in welcher die Tafeln nur den Werth geiſtiger Schöne tarifirten, ſonſt möchte wohl manche Hun⸗ derttauſende zur Nulle herabſinken. Daß hier nicht im Allgemeinen geſprochen, ſondern nur einer gewiſſen, aber leider noch zahlreichen Va von Kauf⸗ leuten gedacht iſt, verſteht ſich von ſelbſt, und dieſer Art dürrer Naturen gehörte eben unſer alter Hartmann an. Wie ſchroff mußten ſich nun, da Zacharias vielſeitig ge⸗ bildet und mit einem feinen Gefühle für alles Schöne be⸗ gab var, Vater und Sohn entgegenſtehen! Wie oft verwünſchte Letzterer die Calculationen und Arbitragen, die Gleichförmigkeit der Buchführung und das Collationiren und Addiren! Mit welcher Sehnſucht ſah er dem Ende ſeiner Lehrjahre entgegen; denn alsdann ſollte er in ein anderes Geſchäft und zwar als Reiſender eintreten, damit er die Welt ſehe und kennen lerne. Hat doch die Sprache kaum ein Wort aufzuweiſen, wel⸗ ches— man nehme Liebe und Wein aus— den Jüngling mit größerer Seligkeit durchzuckt, als das Wort:„Reiſen!“ — Welche Maſſe von freundlichen Bildern gaukeln nicht vor ſeiner regen Phantaſie vorüber, wenn der Poſtillon des dahinfahrenden Eilwagens ſein ſchmuckloſes Trompeter⸗ ſtückchen bläst! Wie von Oberons Zauberhorn bethört, tanzen die leichten Gebilde des aufgeregten Geiſtes vor ſeiner ſchwindelnden Seele. Sieht er doch nichts als des Reiſens angenehme Seiten; mit welch' ganz anderen Gefühlen wird er einſt, hat er erſt Jahre auf der Landſtraße hingebracht, aus der Diligence ſteigen!— Doch zur Sache!— Nach langem Schmachten und Seufzen waren endlich die Jahre der Lehre verſtrichen und, Dank der ausgebreiteten Bekanntſchaft des Herrn Papa, Zacharias hatte ſogleich eine andere Stelle. Denn eines Morgens nach Eröffnung der Poſt, trat der alte Hartmann mit ſeiner ewig gleich⸗ernſten Miene zu des Sohnes Pult und las demſelben folgenden Brief vor: N. ——,——— ——— —— 5 Darmſtadt, den 1. Mai 1843. Höflich erwidernd Ihr Geehrtes vom 27. Passato, wird es uns zum Vergnügen gereichen, die in unſerem Hauſe offene Reiſeſtelle durch Ihren Herrn Sohn beſetzt zu ſehen. Ueber die Bedingungen einig, ſehen wir deſſen budiger Ankunft entgegen. Arabiſcher Gummi fl. 37.— Gummi Meſtix fl. 250.— Schellack, vrangefarbig fl. 70.— Leinöl fl. 40.— Terpentinöl fl. 45.— Colophonium fl. 41 ½.— Dahlmann, Dunkert, Duppendorf Comp. u. Coͤnſorten. Zacharias eilte klopfenden Herzens hinaus, um aller Welt ſein Glück zu verkündigen; der Alte ſchüttelte das Haupt, murmelte ein„Brauſekopf“ zwiſchen den Zähnen und fing an, das Leinöl nach der eben erhaltenen Notiz zu calculiren, die Mutter aber ging in die Speiſekammer und weinte bitterlich. Zwei Tage nachher war Alles für Zacharias Abreiſe geordnet, die Koffer gepackt, und ſogar die lange ſalbungs⸗ reiche Rede des Vaters glücklich mit einer zärtlichen Um⸗ armung geſchloſſen. Jetzt noch einmal in die Arme der ſchluchzenden Mutter und dann, ſelbſt eine Thräne ver⸗ beißend, mit einem Sprunge aus dem Hauſe. Aber— damit war es nicht geſchehen. Die trübſte Stunde ſtand Zacharias noch bevor! Die Stunde der Trennung von dem Gegenſtande, der bisher ihn einzig an Frankfurt hatte 6 feſſeln können, der allein ihm die Abreiſe ſchwer, ja ſchmerz⸗ lich machte— die Stunde der Trennung von der Geliebten. Clariſſe, ein herzensgutes, ſittſames und dabei wahr⸗ haft liebenswürdiges Mädchen, war es, die ſich ſein Herz, nachdem es einige Dutzend Liebſchaften untergeordneten Ranges durchgemacht, nun zur einzigen, wahren und hei⸗ ligen Liebe erkoren hatte. Nur der unglückliche Umſtand, daß Clariſſens Eltern ohne Vermögen waren, hatten unſe⸗ ren Zacharias bis jetzt verhindert, ihr ſein unwiderruf⸗ liches Verſprechen zu halten und ſie zum Altar zu führen. Denn da er die Geſinnungen der Seinen genugſam kannte, und wußte, daß man bei denſelben Reiz und Tugend nur nach Brabanterthalern zu würdigen verſtehe, ſo hatte er bis dahin nicht gewagt, ſeinen Alten eine ſolche tugendloſe (d. h. thalerloſe) Schwiegertochter in das Haus zu führen. Jeder Verſtändige und nur einigermaßen mit dem Zeit⸗ geiſte Fortſchreitende wird wohl einſehen, wie ſehr hierin das Recht auf der Seite des alten Hartmann war, der ja, wie wir wiſſen, von Tugend, wie Falſtaff von der Ehre philoſophirte. Uebrigens iſt es wahr, daß dieſe Liebe einen günſtigen Einfluß auf unſeres Helden Charakter ausübte, und nur zu bedauern konnte es daher ſein, daß das unſelige Verhäng⸗ niß den gutherzigen, aber dabei ziemlich leichtſinnigen Jüng⸗ ling ſo bald wieder den Augen ſeiner Schutzgöttin entzog. Ich will es nicht verſuchen, die Scenen zu beſchreiben, welche ſich in dieſer Leidensſtunde in Clariſſens einfachem Gemach zutrugen; nur erwähnen werde ich, daß Zacharias, nicht etwa im Leichtſinne und indem er— wie wohl hier und da gewiſſenloſe Leute thun— das Gegentheil dabei * 7 dachte, ſondern von Herzen, und mit dem redlichen Willen, dies Verſprechen zu halten, ſeiner Geliebten ewige, un⸗ verbrüchliche Dreue ſchwur, und unter Küſſen und Thränen verſprach: ihrer ſtets zu gedenken. Erſt die grell tönende Glocke vermochte die Liebenden ihren Um⸗ armungen zu entreißen. Mit dumpfem Brüten, einen Erdball auf dem Herzen, ſchlich er zu der Thüre hinaus, die ihn ſo oft ſelig einge⸗ laſſen, und aus welcher er ſo manchesmal mit guten und frommen Entſchlüſſen getreten. Die Freude am Reiſen war für den Augenblick erblaßt und die ſo ſehnlichſt gewünſchte Zukunft däuchte ihm nun ein Meer des Jammers. So erreichte er den Omnibus, welcher ihn nach Darmſtadt in den Gaſthof zur„Traube“ bringen ſollte, woſelbſt er zu übernachteu gedachte, um den kommenden Morgen den neuen Principalen ſeine Aufwartung machen zu können. In dumpfem Schmerze hatte Hartmann ſeinen Platz im Cabriolete des Omnibus eingenommen, ohne auch nur einen Blick auf ſeine Reiſegeſellſchaft zu werfen, und fand zu ſeinem Vergnügen an ſeinem Nebenmanne einen ebenfalls ſehr ſchweigſamen Cumpan. Es war ein herrlicher Tag. Friſch und kräftig wehte die Luft, und verſcheuchte die dich⸗ ten Nebel, welche dem Maine entſtiegen. Die warme Früh⸗ lingsſonne weckte die ſchlummernde Welt, und fand nur weniges Weißes mehr; denn die Berge allein zeigten noch ſilberne Häupter, und nur auf ihren Höhen hatte ſich der flockige Schnee noch halten können. War es daher ein Wunder, daß unſer Freund, als er die hohen Häuſer der Vaterſtadt hinter ſich hatte, und ſeine Augen nun über die weiten Flächen ſchweiften, von 8 dieſen Gefühlen angeſteckt, ſich bald von ſeiner Schwermuth erholte?— Erfreute er ſich doch noch der goldenen Ju⸗ gendzeit, die über Bitteres ſo leicht hinüber eilt. So ſaß er, in der Ecke des Coupés gelehnt, und ſeine Gedanken ſchweiften von der bräutlichen Natur zu ſeiner Geliebten hinüber, und er fragte ſich: Werde ich ſie auch wiederſehen mit dem kommenden Frühlinge? und an dieſen Gedanken knüpfte ſich eine Reihe von Folgerungen und Bildern, die er zu einer Geſchichte ausſpann, deren Held er war, und die mit ſeiner und Clariſſens glücklicher und wunderbarer Vereinigung ſchloß. Während er ſich nun ſo in ſüße Träumereien verſenkte und ſein Nachbar durch lautes Schnarchen ſein Schlafen kund gab, verrieth das Getöne, welches aus dem Innern des Wagens erſcholl und dem unaufhörlichen Klappern einer Mühle glich, daß ſich eine anſehnliche Geſellſchaft von Damen darin befinde. Und ſo war es denn auch in der That; denn außer einem alten Landgeiſtlichen und einem Seifenſiedergeſellen, der ſich ſehr bemühte, der Geſellſchaft zu beweiſen, daß der Beſitzer des Gaſthofs zum weißen Schwanen in Frankfurt monatlich 1100 Pfd. Fett, demnach im Jahre über 13,000 Pfd. dieſes Fleiſchabfalles an die Seifenſieder liefere, waren die beiden Bänke mit Frauenzimmern von verſchiedenem Rang und Alter beſetzt. Im hinterſten Winkel befand ſich eine Frau, deren Mund einem perpetuum mobile glich, und welche, indem ſie ein ſchmutziges und ſchreiendes Kind auf dem Schooße hielt, ein Mädchen von acht Jahren hinter ſich verbarg, deſſen Geſicht mit Ausſchlag bedeckt wie eine Ekel erregende Larve ausſah. Zum Glück konnte die übrige Geſellſchaft dieſes Geſchöpf theils der Dunkelheit im Winkel — — — 9 des Wagens, theils der Sorgfalt wegen, mit welcher es die Mutter zu bedecken ſuchte, nicht wahrnehmen. Weiter vor⸗ nen von dieſer lieblichen Gruppe ſaßen mehrere Bauern⸗ weiber, deren naſſe Kleidung einen modrigen Geruch aus⸗ hauchte, und eine Magd, welche, außer Dienſt getreten, in ihre Heimath zurückkehrte. Nur zwei weibliche Geſtalten vermochten die Aufmerkſamkeit des Beobachters auf eine an⸗ genehmere Weiſe zu feſſeln. Die ſchwarzen, lebhaften Augen, die kühn gebogenen Naſen, der volle, üppige Körperbau verriethen die orientaliſche Herkunft; während Hüte, Shawls und Schleier auf einen höheren Stand als den der übrigen weiblichen Reiſegeſellſchaft folgern ließen. Auch enthielten ſich beide Mädchen aller Theilnahme an der Unterhaltung, und gaben nur zuweilen durch Naſenrümpfen die Unbehag⸗ lichkeit kund, in welche ſie dieſe Fahrt ſetzte. Zacharias wußte von allem Dieſem Nichts, indem ihm die Geſellſchaft im innern Wagen bisher nur hörbar und nicht ſichtbar geworden war. Aber als nach einigen Stun⸗ den der Wagen anhielt, um Paſſagieren und Pferden eine Gelegenheit zur Stärkung zu geben und er nun herabſprang, ſielen ſeine Blicke, indem er nach der Wirthsſtube ging, zufällig auf eine der ſchönen Jüdinnen. Ihre ſchwarzen Augen trafen die ſeinen, eine tiefe Röthe überflog ihr lieb⸗ liches Geſicht und Zacharias fühlte ein wunderbares Feuer durch alle Adern ſchießen. Er trat raſch ein und forderte einen Schoppen Wein, um durch denſelben den letztempfan⸗ genen Eindruck hinabzuſpülen. „Iſt dies Treue?“ frug er ſich leiſe und mit Mißbe⸗ hagen, indem er ſein Glas vollgoß,—„iſt dies Treue gegen Deine Clariſſe?“— Aber wie viel Mühe er ſich auch 10 gab, den Eindruck zu verwiſchen, welchen die ſchöne Jüdin auf ihn gemacht, wie ſehr er ſich ſchwach und veränderlich, treulos und falſch ſchalt, wie er auch das Bild der erſt ſo kurz verlaſſenen Geliebten heraufbeſchwor—— es war vergebens. Die Farben jenes Heiligenbildes erblaßten vor dem Glanze der gegenwärtigen Schönen und die ſtille, fromme Liebe zu der Fernen wich einer ungeſtümen Gluth für die Nahe. Er zitterte und wußte nicht warum. Mit raſchen Schritten ging er im Zimmer auf und ab, und ſtürzte bei jedem Gange ein Glas Wein hinab. Endlich, nach langem innerlichen Kampfe, blieb er mit verſchränkten Armen ſtehen und frug ſich, ſein Gewiſſen begütigend:„Iſt es denn ein Verbrechen, ein ſchönes Mädchen anzuſehen? und läßt ſich dies auf längeren Reiſen vermeiden?— An⸗ ſehen, ſie ſchön finden, iſt doch wahrlich nicht Treue brechen? — Schaue nur auf!— Trotz aller Feueraugen ſoll und kann keine Schöne der ganzen Welt meine himmliſche Cla⸗ riſſe aus meinem Herzen verdrängen!“ Mit ſolchen Gedanken ging er zum Wagen zurück. Hier aber war unterdeſſen eine völlige Revolution aus⸗ gebrochen. Weinen, Schreien, Zanken und Fluchen tönte aus dem Innern des Omnibus, und Niemand war im Stande, auch nur ein vernünftiges Wort zu unterſcheiden oder zu verſtehen; ja die Revolution hatte ſich ſogar nach Außen hin verbreitet, indem eine der ſchönen Jüdinnen den Platz des Reiſegefährten unſeres Zacharias eingenommen hatte, und nun von ihrer Höhe herab mit erzürnter Miene und erhobener Stimme perorirte und parlamentirte. „Iſt das erlaubt?“— rief die erboste Schöne dem lachenden Conducteur zu— und eine dunkle Röthe ihr Geſicht, und ihre Züge belebte ein wunderbares Feuer und ihre Augen blitzten wie die einer begeiſterten Prophe⸗ tin.„Siiſt doch wahrhaftig nit erlaubt, daß mer Kinder, die die Blattern— die Blattern, die natürlichen Blat⸗ tern ſage ich, habe, zu einer ordentlichen Geſellſchaft in den Wagen nimmt?— Können Sie ſolche unverzeihliche Nach⸗ läſſigkeit, durch welche nicht nur dieſe Geſellſchaft ſelbſt, ſondern auch ein ganzes Land angeſteckt werden kann, ver⸗ antworten?— Da könnt mer doch ſelbſt krank wäre?— Bezahlt man nicht ſein gutes Geld, um geſund und wohl⸗ behalten an Ort und Stelle geliefert zu werden? Und iſt dies möklich, wenn man mit ſolchen unreinen Perſonen zu⸗ ſammen kömmt?— Großer Gott!“— fuhr ſie jammernd fort—„am Ende bin auch ich angeſteckt von dieſer ent⸗ ſetzlichen Krankheit, ich fühle ein Brennen— ein Jucken — ach, ich bin gewiß angeſteckt, die ganze Geſellſchaft iſt angeſteckt und des Todes. Malchen! Malchen! meine arme Freundin, um Gotteswillen komm' doch aus dieſem ſchau⸗ derhaften Kaſten heraus!— So wahr wir Alle einen Gott haben, Du biſt des Todes!— o unglückſeliger Gedanke, mit ſo e Wagen zu reiſen!“ „Aber, Fräulein,“ entgegnete der Conducteur mit halb vor Lachen erſtickter Stimme,„ich kann Sie verſichern....“ „Wie können Sie lachen,“— rief empört die Redne⸗ rin des Cabriolets,„wo es Tod und Leben Ihrer Paſſagiere gilt?!“ „Was!“— kreiſchte in dieſem Augenblicke die Mutter des Kindes, welche unſchuldiger Weiſe dieſe Scene verurſacht hatte, aus dem Wagen:„Was will die Mamſell?— Blat⸗ tern?— Wer hat Blattern? Wo ſind Blattern?— Wer unterſteht ſich, zu ſagen: mein Kind habe die Blattern?— Grind hat es und weiter nichts!“ „Und iſt das Nichts?“— entgegnete die andere Jüdin und fing laut zu weinen an.—„Wenn wir nun auch die unſaubere Krankheit bekommen!“— „Ja,“— rief die Andere aus dem Coupé,„und am Ende todt nach Hauſe kommen!“ „Himmeltauſend Donnerwetter!“— donnerte der Frank⸗ furter Seifenſieder dazwiſchen und hielt ſich beide Ohren zu, — Weiber bringt mich nit um mit Eurem verfluchte Geſchrei!“ „Kinder!“ ſagte der Landgeiſtliche mit gefalteten Händen. So jammerte die verzweifelte Schöne vom Cabriolet herab; ſo klagte, tobte, fluchte auf der einen, und verthei⸗ digte ſich auf der andern Seite die Geſellſchaft im Wagen. Endlich, nach undenklicher Mühe gelang es dem Conducteur, den Kampf auf einen Augenblick zu unterbrechen, und den Klagenden darzuthun: daß das beſchuldigte Kind die Blat⸗ tern durchaus nicht habe, ſondern in aller Ordnung geimpft worden ſei und im Augenblick nur an einem geſunden Ausſchlag leide. Aber dies war vergebliche Mühe; Niemand ſchenkte dieſer Rede Glauben, der gelaſſene Conducteur wurde mit Beſchul⸗ digungen überhäuft und der Teufelslärm fing auf's Neue an. „Iſt denn kein anderer Wagen zu haben?“ herrſchte die Rednerin im Cabriolet dem Wirthe zu, der ſich ſeinen dicken Bauch vor Lachen hielt, und kaum mit einem:„O ja, Mamſellchen!“ antworten konnte. „Ein recht bequemer zweiſpänniger Wagen,“ fuhr er, nachdem er ſich erholt hatte, fort.„Ich laſſe ſogleich ein⸗ ſpannen, wenn Sie befehlen.“ — — 13 „Was ſoll er denn koſten?“ „Vier Thaler, Mamſellchen.“ „Vier Thaler? warum nicht gar. Wir brauchen keinen Zweiſpänner“, entgegnete mit etwas milderer Stimme die Erzürnte,„ein einſpänniges Fuhrwerk thut dieſelben Dienſte.“ „Auch das können Sie für zwei Thaler und das Trink⸗ geld haben,“ antwortete ſchmunzelnd der Wirth. „Zwei Thaler?“ wiederholte die Fragende gedehnt. „Und das Trinkgeld.“ „Oder“— fuhr die Schöne fort und wandte ſich mit freundlicher Miene an Hartmanns ſtummen Nachbarn— „oder wäre der Herr vielleicht ſo artig, mir ſeinen Platz hier haußen zu überlaſſen?— Denn in den Wagen gehe ich nicht für die ganze Welt zurück!“ Wirth und Conducteur ſahen ſich lächelnd anz Zacha⸗ rias überlief es ſiedend heiß, und der ſtumme Freund nickte verdrießlich ſeine Zuſtimmung zu der erzwungenen Artigkeit. Man ſtieg ein. Schnell trabten die Pferde von dannen, der Hauptſturm war vorüber, und aus dem Innern des Wagens tönte es nur noch gleich dem Murren eines fer⸗ nen Donners. Armer Zacharias! auf welche ſchwere Probe wird Deine Treue geſtellt. Kaum wagleſt Du dies Mädchen anz zuſchen, und nun ſitzſt Du allein mit der üppigen Schönheit im Cabriolet; deren Knie Du berühren mußt, Du magſt wol⸗ len oder nicht, und deren freundlich blitzendes Auge Dein Blut immer mehr in Wallung bringt. Was war zu thun?— Als Mann von Welt konnte er nicht ſtumm neben ſeiner Dame ſitzen, die ohnehin noch immer in bittere Klagen ausbrach und ſich ängſtigte, ob 14 ſie nicht angeſteckt ſei. Zacharias ſuchte ſie auf alle Weiſe zu tröſten, verſicherte ſie, daß er, was auch der Wahrheit gemäß, früher eine Zeitlang mediciniſche Vorleſungen in ſeiner Vaterſtadt zu ſeinem Vergnügen beſucht habe, und daher mit Beſtimmtheit behaupten könne, daß dieſer Fall ohne weitere Folgen ſein würde. So entſpann ſich ein Geſpräch, das nach und nach heiter, ja anziehend wurde, und bei welchem nicht zu vermeiden war, daß ſich die ge⸗ genſeitigen Blicke trafen. Man gewann Intereſſe aneinan⸗ der, und ſah es gerne, wenn der dahineilende Wagen über recht große Steine flog, ſo daß man unwillkürlich gegen⸗ einander geworfen wurde, bei welcher Gelegenheit Zacha⸗ rias Fuß auch ſo glücklich war, ein paar volle, runde Waden zu entdecken. Jetzt war die letzte Höhe erreicht, und vor den Reiſen⸗ den lag Darmſtadt im Abendlichte. Da entſchlüpfte dem glühenden Jünglinge die Frage: „Wo werden Sie abſteigen, mein ſchönes Fräulein?“ und auf die Angabe eines Gaſthofes betheuerte Hartmann, daß dies gerade auch der Gaſthof ſei, in welchem er übernachten würde, obgleich ihn ſein Erröthen Lügen ſtrafte, da er ſich früher für einen andern beſtimmt hatte. Bald war das Wirthshaus erreicht. Die beiden Jüdin⸗ nen trennten ſich, indem Malchen hier Verwandte hatte, Zacharias' ſchöne Nachbarin aber den andern Tag weiter zu reiſen gedachte, und das Schickſal wollte es, daß er und ſeine Begleiterin in zwei aneinanderſtoßende Zimmer quar⸗ tirt wurden, welche durch eine wohlverriegelte Thüre ver⸗ bunden waren. Der Abend war bereits angebrochen, und beide Theile eilten daher ihr Soups einzunehmen, bei — — —— —— 15 welchem noch freundliche, faſt zärtliche Blicke gewechſelt wurden, doch zog ſich die Schöne bald auf ihr Zimmer zurück. Auch Zacharias wollte eben die Reſtauration ver⸗ laſſen, als er einen alten Freund erblickte, der mit ſeiner Neuvermählten eine Vergnügungsreiſe unternommen hatte. Das liebende Pärchen gefiel dem jungen Manne. Eine Flaſche Rheinwein ſchlürfte ſich unter heiteren Geſprächen allmälig hinunter, bis die junge Frau ihren Mann durch wiederholtes Zupfen am Aermel erinnerte, daß es doch jetzt Zeit ſei, ſich zurückzuziehen. Es gibt Gelegenheiten im menſchlichen Leben, Lagen, in welche uns der Zufall verſetzt, die uns oft zu zwingen ſcheinen, Handlungen zu begehen, die unſerem Willen gerade entgegenlaufen. Schwer hält es dann zu ſiegen, um ſo ſchwerer als wir uns gerne überreden, dieſe ſonderbaren Verwicklungen ſeien Fügungen des Himmels und unſer Feh⸗ len liege im Plane des Ewigen. Thörichter Menſch!— Wie ſtolz biſt Du ſonſt und prahleſt mit Deinem freien Willen, und wie leicht opferſt Du dieſen auf, und wie gerne, wenn nur Deinen Sinnen, Deinen Schwächen gehuldigt wird! So zog der Zufall ſein Netz um Hartmann. Welche widerſtreitenden Gefühle wurden heute in ihm erregt und durch den Wein erhöht! Dazu mußte das Unglück wollen, daß das junge Pärchen auf ſeiner linken Seite logirte, und daß dies Zimmer gleichfalls nur durch eine dünne Thüre von dem ſeinen getrennt war.— Mit großen Schritten ging er auf und ab. Weit offen ſtanden die Fenſter, um die kühle Nachtluft einzulaſſen; aber ſein erhitztes Blut war nicht zur Ruhe zu bringen. „Horch!“— das war ein Kuß— noch einer— und noch einer— leiſes Gelächter!— Er lehnte ſeinen Kopf gegen die Thüre, fuhr aber, wie vor einem Geſpenſte in die Höhe, als hinter ihm ein tiefer, langer Seufzer ertönte. Er wandte ſich um. Niemand war im Zimmer. Neu⸗ gierig nahm er ſeine vorige Stellung wieder einz aber nach einer kurzen Weile ließ ſich derſelbe Seufzer hinter ihm vernehmen. „Was mag das ſein?“ dachte er, nahm das Licht und leuchtete unter ſein Bett. Aber weder hier noch ſonſt wo im Zimmer war Jemand zu erblicken. Da wiederholte ſich das Seufzen abermals und nun konnte Zacharias deutlich unter⸗ ſcheiden, daß der Ton aus dem Zimmer der ſchönen Jüdin kam. Entſchloſſen wandte er ſich nach jener Thüre, legte die Hand auf den Drücker und beugte das Ohr gegen das Schlüſſelloch.— Aber ſiehe! die Thüre gab nach und öffnete ſich leiſe. Mit einem gemäßigten Schrei des Entſetzens, ob künſt⸗ lich, ob natürlich, iſt ſchwer zu unterſcheiden, empfing ihn die Seufzerin, die, im Bette liegend, den Eintretenden beim Scheine der noch brennenden Kerze ſogleich erkannte. Mit Haſt zog ſie die Decke bis unter das Kinn und rief: „Wie darfe Sie wagen, Herr, bei Nacht in das Zim⸗ mer eines anſtändigen Mädchens zu dringen?— ich muß Sie erſuchen, mich ſogleich wieder zu verlaſſen, oder ich ſehe mich genöthigt, die Schelle zu ziehen.“ „Beruhigen Sie ſich, meine Schöne,“ entgegnete Zacha⸗ rias, der ſich nun plötzlich in einem Entſchluſſe feſt fühlte; —„beruhigen Sie ſich, es ſoll Ihnen durchaus kein Leid geſchehen. Nur Angſt und Beſorgniß vermochte mich zu dieſem Eindringen, denn ich hörte Sie mehreremale tief und ängſt⸗ — ——— 17 lich ſeufzen, und befürchtete, es ſei Ihnen ein Unglück zu⸗ geſtoßen. Mein Herz ließ mich daher nicht ruhen...4 „Ein Unglück!? Wohl ein Unglück!“— wiederholte das Mädchen, und fing bitterlich zu weinen an. Die unglück⸗ liche Fahrt von heute.... Hier erſtickten Thränen ihre Stimme. „Die heutige Fahrt?— ein Unglück? ich verſtehe Sie nicht, mein liebes Kind.— Was iſt Ihnen denn zuge⸗ ſtoßen, Sie waren ja vorhin noch ganz heiter?“ „Die Blattern, die Blattern!“ ſtotterte die Weinende. „Aber um Gotteswillen, was haben Sie denn jetzt noch mit den Blattern zu thun?“ fuhr Hartmann fort, ſich theil⸗ nehmend über die Jammernde bückend. „Ich bin davon angeſteckt!“ klagte das Mädchen weiter, wiſchte ſich die Thränen aus den Augen, und hielt dem Staunenden ihren ſchönen vollen und runden Arm hin. „Da ſehe Se nur, überall rothe Flecken und ein Jucken und Brennen am ganzen Körper, daß es kaum zu ertragen. Das find die Anzeigen der natürlichen Blattern. Sie müſſen es ja auch verſtehen; nicht wahr, es ſind die Blattern? O ich bin die Unglückſeligſte unter der Sonne!“ Zacharias hielt noch immer den Arm der Schönen, ohne eigentlich recht zu wiſſen, was er that; nur ſo viel gewahrte er, daß ſich, als ſie ſich aufſetzte, das weiße Negligée ein wenig verſchob, und ihm ein wunderſchöner Buſen entquoll. Er ließ willenlos den Arm der Kranken fahren, und ſchlang den ſeinen um ihre reizende Taille, indem er zugleich zu unterſuchen begann, ob ſich auch an dieſem Theile der hol⸗ den Patientin rothe Flecken zeigten. Aber die ſchönen ½ Hände bedeckten ſchnell den üppigen Buſen. Doch der 2 Commis Vohageur. 18 junge Freund, einmal als Arzt angerufen, behauptete mit ernſter Miene, daß dies Brennen und Jucken allerdings gefährlich ſei, und beſtand auf weiterer Unterſuchung. So entſpann ſich ein ziemlich lebhafter Kampf zwiſchen Doktor und Patientin, der indeſſen dem Erſteren Gelegenheit gab, mit jeder Minute neue Reize an ſeiner ſchönen Gegnerin zu entdecken. In dieſem Augenblick ſchallte durch die offen⸗ ſtehende Thüre ein langer Kuß aus des jungen Ehepärchens Zimmer herüber, und fuhr wie ein elektriſcher Funke Za⸗ charias in die Seele. Ein Stoß des Ellenbogens warf die Kerze zu Boden, daß ſie erlöſchte, und ſtörte ſo den ferne⸗ ren Lauf der Unterſuchung, die ſich damit endigte, daß die Patientin, ihr Unwohlſein völlig einſehend, dem Rathe ihres jungen Arztes nachgab und das von demſelben ver⸗ ordnete Mittel, nach einigem vergeblichen Widerſtreben, ein⸗ nahm. Auch wirkte dies Mittel ſo gut, daß, als Hart⸗ mann beim Erwachen die Schöne nach ihrem Befinden fragte, ſie ſich verſichert hielt, daß der noch einmalige Ge⸗ brauch der verordneten Mediein alles Brennen und Jucken gänzlich vertreiben würde. Als den kommenden Morgen der Kellner dem Herin Hartmann das Frühſtück brachte, und, da er denſelben mit blaſſem, etwas zerſtörtem Antlitze auf dem Sopha liegend fand, ihn mitleidig frug:„Ob der Herr etwa unwohl ſei?“ antwortete Jener nur mit einem ſtummen Nicken; denn er fing gerade an, über den geſtrigen Abend zu philoſophiren. Das Bild ſeiner angebeteten Clariſſe trat vor ſeine Seelé; er gedachte des Treuſchwures, den er ihr erſt geſtern gelei⸗ ſtet hatte, und der Verſicherung: daß er nur ihr gehs⸗ ren, nur ſie lieben wolle. Er hätte ſich ſelbſt vor 19 Zorn umbringen können, und wer kann wiſſen, was er gethan haben würde, wenn ihn nicht die edle Philoſophie aus ſeiner Verzweiflung und Selbſtverachtung gerettet hätte. Denn ge⸗ rade, als er die letzte Taſſe Kaffee hinunterſtürzte, fiel ihm bei, daß doch Alles im menſchlichen Leben Beſtimmung ſei. „Wie,“ rief er aus und zählte ſeine Fata an den Fin⸗ gern ab,„war es nicht unſelige Beſtimmung, daß ich ge⸗ rade mit jenem Wagen reiſen mußte? Vermied ich nicht ſorgfältig bis zum Anſchauen alle Frauenzimmer, bis der Teufel die Revolution ausbrechen ließ, und mir die Jüdin auf den Schooß ſetzte?— Wollte ich nicht im„Trauben“ einkehren, und kam, ich weiß kaum wie, in den„ſch warzen Bock“?— war es nicht abſichtliche Tücke des Schickſals, mich zwiſchen Küſſe und Seufzer zu quartiren?— konnte ich etwa etwas dafür, daß jene unglückſelige Thüre nicht verſchloſſen war und daß die Närrin meine ärztliche Hilfe anſprach?— Nein, das war zu viel für einen Menſchen, da hätte der feſteſte Charakter unterliegen müſſen— wenn es nicht ſchon im Voraus beſtimmt geweſen wäre. Und“ — fügte er beruhigt hinzu, indem er ſich zum Ankleiden erhob:„Was vermag der arme Sterbliche gegen des Schick⸗ ſals unumſtößliche Beſtimmungen!“ Glückliche Philoſophie, oder vielmehr Sophiſterei, die du den Menſchen durch ein paar Wendungen der Sprache, mit welchen er ſich ſelbſt, wenigſtens auf Augenblicke, täuſcht, aus der düſteren Verzweiflung emporhebſt, um ihn dem Leben und ſeinen alten Verirrungen um ſo ſicherer wieder zuzuführen! II. Ein moraliſcher Ratzenjammer.— Entſchloſſen.— Das Haus Dahlmann, Dunkert, Duppendorf, Compagnie und Conſorten. — Rechte Verdienſte.— Jwei Parvenu's.— Großartige Spar- ſamkeit.— Ein Freundſchaſtsbündniß.— Das hiad des Rion. — Die Abfütterung. „Ci git qui se plüt à prendre, Et qui Pavait si bien appris, Qu'il aima mieus mourir, que rendre Un lavement, qu'il avait pris.“ Scaon. Grabſchriſt auf einen Geizhals. 6 er kenntnicht das unleidliche Gefühl eines moraliſchen Katzenjammers?— Schrecklich ſind die Nachwehen phyſiſcher Unordnungen— aber noch viel peinlicher und anhaltender jene, welche eine noch nicht ganz verdorbene Seele, in Folge moraliſcher Fehltritte, peinigen. Der reinſte italieniſche Himmel wird dem grau, der mit ſich unzufrieden iſt. Jeder Gegenſtand, jede neue Er⸗ ſcheinung tritt in einen ſtrafenden Gegenſatz mit— oder gebärt eine neue Erinnerung an unſer Vergehen, an un⸗ ſere Verkehrtheit. Wir möchten zurücknehmen, was wir nicht können; wir erinnern uns, wie oft wir uns vorgenommen, den gleichen Fehler zu vermeiden,— und die Schwäche, deren wir uns gerechter Weiſe beſchuldigen müſſen, flößt 21 uns ſogar einen Ekel gegen uns ſelbſt ein. Dazu vergiftet uns noch die Angſt vor widerwärtigen Folgen den fröh⸗ lichen Lebensmuth, und geht es uns gar erſt wie Zacharias, d. h.— haben wir etwas Wichtiges vorzunehmen, ſo iſt uns die ganze Sache von vorn herein entleidet; denn der Muth gebricht, und es ärgert uns— wie der Deutſche ziemlich plump ſagt— die Laus. Der junge Hartmann war ein Opfer ſolch' peinlicher Gefühle, und— bei Gott!— er hätte ſich den kleinen Finger abhauen laſſen, hätte er ſich nicht ſo gewaltig vor ſich ſelbſt und vor Erinnerungen an Clariſſen ſchämen müſſen. Dazu ſollte er den neuen Principalen ſeine Auf⸗ wartung machen, ein Gang, der ihm um ſo ſaurer wurde, als das verwöhnte Söhnchen ſich damit zum erſtenmale un⸗ ter die Botmäßigkeit fremder Menſchen begeben mußte. Unglückſeligerweiſe hatte ihn auch ſein Vater auf heute per Poſt aviſirt— und ſo blieb denn dem Aermſten nicht ein⸗ mal die Hoffnung eines Verzuges. Der Zuſtand des Kämpfens und Schwankens iſt immer der ſchrecklichſte; er dauerte bei Zacharias, bis er raſirt und friſirt in die Beinkleider gefahren. Von dem Augenblicke, in dem er wieder die Hoſen anhatte, fühlte er ſich auch wieder Mann, und ohne ferner Notiz von ſeiner ſchönen Nachbarin zu nehmen, machte er ſich ſofort auf den Weg nach dem Geſchäftshaus der Herren Dahlmann, Dunkert, Duppendorf, Compagnie und Conſorten. Der Vortheil einer kleinen Stadt liegt auf der flachen Hand: man hat, ſucht man irgend Wen, nicht lange nach ihm zu fragen und zu forſchen; denn die ganze Bevölke⸗ rung kennt ſich untereinander ſo genau, daß ZJeder weiß, 22 wie viel Hemden und Ueberfluß an Geldmanco der An⸗ dere beſitzt. Hartmann freute ſich der ſchönen breiten Straßen, die nobel anzuſehen waren, da keine gemeine lärmende Thätig⸗ keit ſie entheiligte— ja, wie hätte er erſt geſtaunt, wenn er gewußt, daß die zwei einzigen Menſchen, denen er auf der Hauptſtraße begegnete, Beamte geweſen waren. Der ſchöne Brunnen ohne Waſſer erinnerte ihn freilich an Ab⸗ dera; aber er wagte in einer deutſchen Reſidenz keinen ſol⸗ chen verrätheriſchen Gedanken und unanſtändigen Verglei⸗ chungen nachzuhängen. In wenigen Minuten war das Haus der berühmten Firma erreicht, und Zacharias trat nicht ohne Zagen in das Comptvir. Das Lokal war weniger ſchmutzig und räucherig, als das ſeines Vaters und die der meiſten Frankfurter Kauf⸗ leute, die— eher Gefängniſſen und Rauchkammern als Schreibſtuben gleichen, trotz dem, daß der Principal ſammt ſeinem Perſonale den größten Theil des Lebens darin zu⸗ bringen müſſen; auch nicht ſo kalt, feucht und ungeſund wie jene war es;— aber auch— nicht ſo alt. Beſtand das Haus Dahlmann, Dunkert, Duppendorf, Compagnie und Conſorten— das, beiläufig geſagt, nur zwei Chefs, Dahl⸗ mann und Duppendorf hatte— doch erſt ſeit zehn Jahren; denn ſeit jener Zeit datirte ſich erſt der Reichthum der Chefs. Beide waren vor jener Zeit Ausläufer geweſen, hatten in der Frankfurter Lotterie bedeutend gewonnen, er⸗ langten dadurch Anſehen in den Augen der Welt, fingen einen kleinen Handel an, ſahen ſich vom Glück begünſtigt, fanden reiche Aſſocies, wurden wiederum durch den Tod 23 von dieſen befreit, und ſtanden nun als das erſte Haus Darmſtadt's da. Ihre Verdienſte hatten längſt ihren frühern Stand ver⸗ geſſen machen, und dieſe Verdienſte waren auch hiefür aller⸗ dings ſolid genug. Nicht als ob ſich die guten Leute die alberne Grille in den Kopf geſetzt hätten, ſich ihres neuen Reichthums durch Streben nach Kenntniſſen und Bil⸗ dung nach Innen und Außen würdig zu machen— Gott behüte!— ſie fühlten, daß ſich ein gutes kaufmänniſches Talent in ihnen entwickele; ſie fingen an zu ſchachern und zu wuchern, Gelder auf hohe Zinſen zu leihen, Fruchtſpecu⸗ lationen zu machen. Sie kauften in der benachbarten Ffalz beim Herannahen des Herbſtes den Weinbauern„welche in den drückendſten Nöthen waren— verſteht ſich aus reiner Menſchlichkeit— die Ernte an den Stöcken um eine Ba⸗ gatelle ab u. ſ. w., ürz, ſie verſtanden es— nicht ſich Verdienſte um die Menſchheit anzu⸗ eignen— aber Verdienſte aus der Menſchheitzu ziehen; ächte, klingende Verdienſte, die denn am Ende das ſolide Ergebniß mehrerer hunderttauſend Thaler lieferten. Bei einem Kapitale aber von mehreren hunderttauſend Tha⸗ lern bedarf es durchaus keiner Geiſtesbildung um— geiſt⸗ reich, keines äußern Schli ffes um— artig, keiner Welt⸗ erfahrung um— Weltmann zu ſein. Geld! iſt die Zau⸗ berruthe, die dies Alles aus Nichts hervorruft, und das Sprichwort hat recht, wenn es ſagt: mit dem Amt kommt auch der Verſtand, denn— mit dem Amt kommt Geld, und„Geld haben“ und„Verſtand haben“, iſt gleich. Dieſen Bemerkungen hing indeſſen Zacharias nicht nach, ſondern er machte ganz andere, indem er bereits eine Viertel⸗ 24 ſtunde im Comptoir der Herren Dahlmann, Dunkert, Dup⸗ pendorf, Compagnie und Conſorten ſtand, ohne bemerkt zu werden, ein Umſtand, der das Frankfurter Kaufmanns⸗ ſöhnchen nicht wenig verletzte und ärgerte. Die Sache aber ging folgendermaßen zu. Dem Hauſe war eine große Ehre widerfahren— was freilich Hartmann, hätte ihn der moraliſche Katzenjammer nicht gegen Alles blind gemacht, ſchon an der vor dem Hofthor haltenden Hofequipage müßte gewahr worden ſein,— indem einer der Herren Miniſter in demſelben abgeſtiegen, und ſich herabgelaſſen hatte, in höchſteigener Perſon mit Herrn Dahlmann einen geheimen Geſchäftsgegenſtand zu conferiren. Dahlmann, eine unterſetzte, etwas vierſchrötige Figur, mit einem glatten, nichtsſagenden Geſichte, aber in das feinſte ſchwarze Tuch und die feinſte Wäſche gekleidet, eine ſchwere goldene Uhrkette über die Bruſt und mehrere Bril⸗ lantringe an einem Finger, ſaß in dem Nebenzimmer mit der Ereellenz auf dem Sopha. k Die offenſtehende Thüre zeigte einer Menge in dem Comptvir verſammelter untergeordneter Menſchen, als da ſind: Makler, Käufer, Lehrlinge und Ausläufer mit Wech⸗ ſeln, Nothleidende mit Bittſchriften u. ſ. w., die beiden Herren. Wie ſich von ſelbſt verſteht, hielt der doppelte Reſpekt, der vor einem Geld⸗ und vor einem Staatsmanne, die ge⸗ wöhnlichen Menſchenkinder aus der Hörweite, und da die Maſſe zu compakt war, um durchdringen zu können, ſah ſich eben Zacharias, der zuletzt eingetreten, genöthigt, mitten unter dem Trupp das Weggehen des Herrn Miniſters ab⸗ zuwarten. So ſehr er ſich aber— er hatte erwartet, daß ihm beide Principale, als dem Sohne des reichen Frank⸗ 8 furter Geſchäftsfreundes, mit offenen Armen entgegen kom⸗ men würden— über den Unſtern ärgerte, der ihm bei ſeinem Eintritt in das Haus leuchtete, ſo wenig konnte er ſeine Neugierde, die zukünftige Principalität wenigſtens einſtweilen äußerlich kennen zu lernen, unterdrücken. Er reckte den Hals, hätte aber bald laut auflachen müſſen, als er das Pärchen auf dem Sopha gewahrte. Der Miniſter war ein hübſcher, ältlicher Mann, würdevoll in Haltung und Geberden, und, wie ſich von ſelbſt verſteht, Herr des feinſten Tones. Er ſprach ruhig und angelegent⸗ lich mit dem Kaufmann Dieſer aber, aus tiefem Reſpekt vor der hohen Perſon einer Seite, ſaß nur ſo knapp, auf dem Sopha, daß er kaum mit einem kleinen Theilchen des rechten Hinte⸗ viertels daſſelbe berührte. Die Beine ſtanden nun in zwei ſpitzen Winkeln, wie Kirſchenhaken hinaus, und theilten noch dazu die Bewegung des Ober⸗ körpers, der ſich in beſtändigen devoten Reverenzen auf und ab bewegte. Dabei hatte Dahlmann ſein Geſicht in die möglichſt freundlichen Falten gelegt, und lächelte die Ex⸗ eellenz unaufhörlich complaiſant an, während er den größten ſeiner Brillantringe beſtändig dermaßen an dem Finger auf⸗ und abrutſchte, daß ſein Blitzen dem Miniſter nicht entgehen konnte. Zacharias war aus ſeiner Vaterſtadt, wenn auch nicht die feinſten, doch feinere Manieren gewöhnt, ja, er fühlte als Menſch und Freireichs⸗Städter, der ſelbſt mög⸗ licher Weiſe einmal ein regierendes Haupt— wenigſtens auf ein Jahr— werden kann, das Unwürdige und Krie⸗ chende ſeines künftigen Principals doppelt. Unwillkürlich drehte er den Kopf nach dem andern Chef des Hauſes, und 26 fand in dem kleinen, dürren, ängſtlich⸗dreinſehenden Dup⸗ pendorf das vollkommene Gegentheil Dahlmann's. Duppendorf trug einen verſchabten grauen Rock à la Lorenz Stark; aber dies à la konnte man bei ihm auch nur auf den Rock, leider nicht auf die Seele beziehen. Seine kleinen, grauen Augen liefen wie Queckſilberkügel⸗ chen hin und her, und ſchienen eine gewiſſe, nimmerſatte Gier zu verrathen. Die winzige Figur ſaß dabei auf einem himmelhohen, alten Drehſtuhle; wahrſcheinlich damit die Füße nicht zur Erde kommen und ſich die Stiefel daher auch im Sitzen nicht unnöthig abtreten konnten⸗ Zacharias, der, geſchützt durch die vor ihm Stehenden, ungeſehen beobachten konnte, gewahrte, daß Duppendorf's Argus⸗Blicke beſtändig über die Pulte des Comptoir⸗Per⸗ ſonals liefen; gleichſam Wache haltend über die Thätigkeit der Arbeiter im Weinberge des Herrn, und über deren Verſchwinden; wie ihm denn jedes neue Schneiden einer Feder, oder gar das Weglegen eines verſchriebenen Stück⸗ chen Papiers kalte Schweißtropfen auf die Stirne trieb. Was er aber damit wollte, daß er von allen alten Brief⸗ couverts die zerbrochenen Siegel ſorgſam abmachte, und die Stückchen derſelben in ſeine Taſche ſchob— dies ver⸗ mochte unſer Held nicht zu enträthſeln. Er grübelte hierüber noch nach, als ihn verſchiedene Rippenſtöße aus ſeinem Sinnen erweckten; ſie kamen von ſeiner Umgebung, die ſich eben— da ſich die Excellenz zum Weggehen anſchickte— in zwei Colonnen theilte und unter tiefen Bücklingen den Miniſter, wie einen Spieß⸗ ruthenlaufenden zwiſchen ſich durchgehen ließ. Aber mit dem Verſchwinden des Staatsmannes ſollte 27 Zacharias eine Beobachtung machen, die ſich uns zwar lei⸗ der alltäglich und allerwege aufdrängt, nichtsdeſtoweniger aber ein noch nicht ganz verwahrlostes Herz jedesmal auf das Empfindlichſte neu verletzt. Es war dies die Meta⸗ morphoſe, welche ſofort mit Herrn Dahlmann vorging. Un⸗ terwürfig und artig bis zum Kriechen, mit gebogenem Rücken, als drückte ihn die erzeigte Ehre nieder, hatte er noch die Excellenz bis an die Treppe begleitet— hoch auf gerichtet, ſtolz und verächtlich um ſich ſchauend, kam er zurück und war gegen die ihm Untergebenen oder gar Bittenden nun ſo grob, daß er bei einer Preisconeurrenz in Flegeleien mit den berüchtigten Sachſenhäuſern und Mainzer Rheinſchnacken hätte wetteifern können, und wahr⸗ ſcheinlich noch den Sieg davon getragen haben würde. Für Zacharias waren alle dieſe Wahrnehmungen nicht erfreulich, und hätte er, ſtatt für das Haus zu reiſen, auf deſſen Comptoir arbeiten ſollen, er wäre auf der Stelle umgekehrt. So aber machte die Hoffnung ſeine verzweifelte Seele wieder flott, er faßte Muth, trat vor und überreichte Herrn Dahlmann das väterliche Empfehlungsſchreiben. Er kam ſich wie ein lebendiger Wechſel vor, der vorgezeigt und — wenn auch kalt— dennoch, ſeiner Valuta wegen, artig acceptirt wurde. Dahlmann wechſelte mit dem jungen Manne einige Worte, d. h. er frug ihn über mehrere Handelsartikel, als man plötzlich von der Straße her das Klappern eines auf dem Pflaſter dahergalloppirenden Pferdes vernahm. Zugleich flog auch das Thier ſammt ſeinem Reiter an den Fenſtern vorüber, aber mit einer ſolch' raſenden Schnelligkeit, daß alle Anweſenden entſetzt aufſchauten und Herrn Dahlmann 28 das Wort im Munde erſtarb; gleichzeitig hörte man den Fuchs ausgleiten— und in derſelben Secunde ſtürzten Roß und Reiter zuſammen. Alle Herren des Comptvirs waren entſetzt emporgeſprun⸗ gen und ſtießen faſt zugleich einen Angſtruf aus, nur Dahlmann und Duppendorf blieben ruhig. Letzterer be⸗ nützte den Moment und ſtahl dem nächſtſitzenden Commis eine Feder weg, und Dahlmann frug gelaſſen:„Hat's dem Goldfuchs nichts gethan?“ „Es ſcheint nicht!“ entgegnete der Buchhalter—„aber Ih He Sohn muß ſich weh gethan haben, e hinkt!“ „So?“— ſagte gleichgültig der Vater, und ging, Hartmann ſeinem Aſſocié vorzuſtellen. Duppendorf's Au⸗ gen liefen taxirend über den Anzug des jungen Frankfur⸗ ters, dann ſagte er: „Nun, es wid ſchon gehen. Sie haben beſtimmte Speſen auf der Kie was Sie dübe bauche, geht aus Ihem Sack.“ Zacharias biß ſich auf die Lippen, nicht allein der cha⸗ rakteriſtiſchen Bemerkung, ſondern auch der ſchönen Aus⸗ ſprache des Filzes wegen, der, wie die meiſten Darmſtädter, dem Schnurrlaute aus guten Gründen ſehr abhold war. Glücklicherweiſe trat hier der junge Dahlmann, noch etwas hinkend, ein, und ihm wurde Zacharias zum Ein⸗ führen in's Geſchäft nun zugewieſen; indem der Vater, ohne nur die geringſte Notiz von dem Unfalle des Sohns zu nehmen, Herrn Hartmann(zu Ehren ſeines Alten ²) zu Tiſche lud. Dann ging er zu ſeinem Pult zurück; ſandte aber doch heimlich einen Diener nach dem Stall, um nach dem Goldfuchs ſehen zu laſſen. 3 29 In der Jugend⸗ ſchließen ſich die Menſchen, ſelbſt bei verſchiedenen Charakteren leicht an einander, weil eben in dieſer Blüthenzeit des Lebens der roſige Nebel der Poeſie alle Dinge umſchwebt, und deren ſcharfe, verletzende Ecken und Kanten verbirgt; weil man dann Herz und Sinne noch voll Ideale hat und daher überall auch ſolche zu ſehen glaubt, bis die Erfahrung uns abkühlt, der Zauberduft ſchwindet, und wir nun eben ſo geneigt werden, die Fehler Anderer hervorzuſuchen, wie wir früher bedacht geweſen waren, deren Tugenden zu überſchätzen. Gerade hierin liegt aber das Glück der Jugend. Iſt der nicht glücklicher, wel⸗ cher— wenn auch im Wahne— in jedem Mädchen eine keuſche Göttin erblickt, als Jener, der allen Glauben an weibliche Tugend verloren hat?— Gewiß werden die mei⸗ ſten dauernden Freundſchafts⸗ und Liebesbündniſſe zwiſchen dem achtzehnten und fünfundzwanzigſten Jahre geſchloſſen, und wenig innige mehr darüber. Auch Zacharias und Ernſt Dahlmann waren bald Freunde. Sie ſchloſſen den neuen Bund im Magazine des Hauſes, indem ſie auf einem Ballen, der ihnen zum Altare diente, das Opfer einer Flaſche Wein brachten. Ernſt, der, wie ſo viele Söhne reicher Eltern, weder Luſt am Lernen noch an irgend einer ernſten Beſchäftigung hatte, und ſchon lange mit dem— für ein kaufmänniſches Vaterherz entſeßlichen Gedanken;„zur Bühne zu gehen,“ umging, war ganz außer ſich, als er hörte, daß auch Zacharias früher ſolche erhaßene Plane gehegt. Dieſe Entdeckung öffnete alle Schleußen ſeines Herzens, und nachdem er tüchtig auf den Kaufmannsſtand losgezogen, frug er endlich Hartmann: wie ihendenn Herr Duppendorf gefallen? 30 Zacharias konnte noch wenig über ihn ſagen, dennoch glaubte er aus den paar Worten, die Jener mit ihm über die Reiſeſpeſen gewechſelt, ſchließen zu dürfen, daß er ſehr ſparſam ſei. Ernſt lachte hell auf, und rief dann:„Ich will Ihnen einige Züge von ihm mittheilen, damit Sie auch Ihren zukünftigen Peiniger kennen lernen. Er iſt, wie Sie viel⸗ leicht wiſſen, Wittwer und kinderlos, ſeine ganze Haushaltung beſteht daher aus ſeiner Perſon. Mittags ſpeist er ſo we⸗ nig als möglich, Abends aber— ißt er Käſe und Brod. Um indeſſen auch bei der letzten Ausgabe ſo viel wie mög⸗ lich zu ökonomiſiren, hat ſich der gute Mann ein Lädchen gemerkt, in welchem zwei Ladenmädchen dieſe Gabe Gottes ausſchneiden. Da aber die Eine beſſer zu wiegen pflegt als die Andere, ſo ſpaziert Duppendörfchen bei Wind und Wetter ſo lange auf der Straße auf und ab, bis er merkt, daß die Gutwiegende am Ladentiſch ſteht. Halten Sie dies ja für keine Anekdote, auch dann nicht, wenn Sie ihn heute Mittag fürchterlich freſſen ſehen. Denken Sie, daß er bei uns zu Gaſt iſt, und das Mittageſſen alsdann auch für den Abend reichen muß.“ Zacharias konnte kaum begreifen, wie es möglich ſei, daß ein Menſch ſo ganz auf alle Lebensgenüſſe, nur für den Beſitz großer Schätze verzichten könne. „Glauben Sie ja nicht“— entgegnete Ernſt—„daß ein ſolcher Filz ohne Genuß ſei. Hungern, mit der Ge⸗ wißheit, einen Groſchen erſpart zu haben, iſt ihm Seligkeit, und das glückliche Erwiſchen eines etwas größeren Stück⸗ chens Käſe heitert ihn den ganzen Abend auf, den er— Licht zu ſparen— im Bette zubringt.“ 31 „Und geiſtige Genüſſe... „Genüſſe höherer Art kennt er nicht und Jeder, der ſelbſt nur in das Theater geht, iſt ihm ein Windbeutel!— dabei„windbeutelt“ er aber ſelbſt auf folgende vrigi⸗ nelle Weiſe. Vor mehreren Jahren, als bei ihm die Tu⸗ gend der Sparſamkeit noch nicht an dem krankhaften Aus⸗ wuchſe des Geizes litt, hielt ſich Duppendorf zur Beſorgung ſeiner häuslichen Angelegenheiten einen Diener; ja er ver⸗ ſtieg ſich ſo weit, daß er demſelben eine Liprée bei dem be⸗ rühmteſten der hieſigen Trödler erkaufte. Der Rock war bereits bedeutend über ſeine Blüthenzeit hinaus, mußte aber demunerachtet noch Sommer und Winter, früh und ſpät, bei gutem und ſchlechtem Wetter aushalten. Unterdeſſen nahm der Geiz bei Duppendorf wie ein Fehler an der Le⸗ ber zu; ſeine Reue über die Verſchwendung: einen Diener zu halten, wuchs mit der Dahinfälligkeit der Livrée, und als es ſich endlich herausſtellte, daß dieſe nicht mehr auf dem Leib des magern Johann ſitzen bleiben konnte, ſo brachte ihn der Schreckensgedanke, einen andern Rock an⸗ ſchaffen zu müſſen, dahin, lieber gleich auch dem Diener den Laufpaß zu geben. Dies Alles ging im Geheimen vor ſich; um indeſſen ſeinen Credit nicht zu erſchüttern und den Leuten weiß zu machen: er halte ſeinen Diener noch, ſchnitt er der Livrée den beſtconſervirten Theil, den linken Aermel ab, den er ſeitdem— hat er etwas auf die Straße zu ſchütten — ſchnell über ſeinen Arm ſtreift, und ſo auf die billigſte Weiſe einen höchſt unſchuldigen Lurus treibt. Zacharias lachte herzlich und frug ſeinen neuen Freund: ob er ihm auch vielleicht das Einſammeln der alten zer⸗ brochenen Siegel erklären könne? 32 „Gewiß!“— rief Jener—„r pfuſcht damit einem jetzt verſtorbenen großen Herrn in's Handwerk, indem er die geſammelten Stückchen zuſammenſchmelzt und ſich ſein eigenes Siegellack daraus bereitet. Profit tout clair! Die beiden jungen Leute ſetzten noch lange dies Ge⸗ ſpräch fort, und Ernſt war unerſchöpflich in Anekdoten aus Duppendorf's Leben. Erſt nach langer Zeit fiel es dem jungen Hartmann heiß ein, daß es— da er bei Dahlmann's zur Tafel ein⸗ geladen— doch ſchicklich ſei, der Frau vom Hauſe zuvor ſeine Aufwartung zu machen. Als er dies gegen Ernſt äußerte, entſchloß ſich dieſer, zu des Fremden Freude, ihn einzuführen und vorzuſtellen. Sie ſtiegen miteinander die ſchöne und breite Treppe hinauf. Kaum aber auf deren Hälfte angekommen, ſchallte ihnen von dem oberen Corridor ein ſo furchtbares Schreien und Zanken entgegen, daß Beide verdutzt ſtehen blieben und aufſchauten. Der Regen von Schmäh⸗ und Schimpfworten entquoll den geläufigen Sprachwerkzeugen einer ältlichen Dame, de⸗ ren plumpe Züge der Zorn mit einem grellen Roth und Blau überlief, „Eſel!“— ſchrie ſie eben jetzt dem Diener zu, der eine große runde Tiſchplatte mühſam auf den Achſeln zu halten ſuchte—„hab' ich ihm nicht geſagt, er ſoll den viereckigen Tiſch nehmen?“ „Entſchuldigen Sie, gnädige Frau,“— entgeg⸗ nete Jener beſcheiden,—„Sie befahlen mir vor fünf Minuten noch, den runden Tiſch in den Speiſeſaal zu bringen.“ „Den Teufel hab' ich befohlen““— ſchrie die Dame ——— 33 noch erboster über den Widerſpruch— können denn zwan⸗ zig Perſonen an dem runden Tiſche Platz nehmen?“ „Ich wußte nicht.„ „Hä! ſchrie die Erzürnte, ſchnitt dem Diener eine Gri⸗ maſſe und ſtreckte dem verlegenen Manne die Zunge ſo weit heraus, als es gehen wollte. Dann gab ſie mit einem „Rindvieh!“ der Platte einen ſo gewaltigen Ruck, daß ſie dem erſchrockenen Diener von der Achſel hüpfte und mit ungeheurem Donnern die Treppe hinabrollte. Ernſt und Zacharias drückten ſich, bleich vor Entſetzen, in eine Ecke, um der Zerknirſchung durch das rollende Frionsrad zu ent⸗ gehen, und athmeten erſt wieder auf, als die Platte, in zwei Theile zerſprungen, unten angekommen— die holde Dame oben aber verſchwunden war N „Kommen Sie!“— ſagte darauf Ernſt verlegen und roth bis über die Ohren—„wir wollen lieber jetzt nicht zur Frau Mutter gehen. Es macht ohnedem nichts, wenn Sie ſie nicht vor Tiſche begrüßen. Sie nimmt's nicht ſo genau.“ Die Stunde der Mittagstafel kam bald heran. Das Eſſen war reich und ausgeſucht, die Weine vortrefflich, die Unterhaltung dagegen langweilig zum Sterben. Dahlmann unterhielt ſich mit einem„Geſchäftsfreunde“ über„Wein⸗ ſtein“ und„Kleeſamen.“ Duppendörſchen fraß wie ein Wolf und konnte daher nicht ſprechen; Ernſt machte der Tochter des„Geſchäftsfreundes“ den Hof, die anderen Gäſte *) Die Leſer mögen hier den Verfaſſer keiner Uebertreibung beſchuldigen, da derſelbe ſie verſichern kann, dieſer Scene in Perſon beigewohnt zu haben. Die Dame war die Gat⸗ tin— eines reichen und angeſehenen Banquiers. Commis Voyagenr. 34 widmeten ihre ganze Aufmerkſamkeit den trefflichen Speiſen, — und Zacharias mußte der jetzt wieder beſänftigten Dame des Hauſes, die von goldenen Ketten und anderem Ge⸗ ſchmeide faſt erdrückt wurde, und alle Farben des Regen⸗ bogens— freilich in den koſtbarſten Stoffen— an ſich trug — von den Wachsfiguren auf der letzten Frankfurter Meſſe und den neueſten Moden erzählen. Ueberhaupt war dem jungen Hartmann dies Eſſen ein Gräuel, wie alle ſolche Einladungen, die reine Abfütterungen ſind. Aber leider iſt in unſerem egviſtiſchen Jahrhundert die edle— herzliche Gaſtfreundſchaft— die Weniges an⸗ ſpruchslos, aber gern gibt— faſt gänzlich verſchwunden. Wem man eben nolens volens! eine„Ehre anzuthun“ ſchuldig iſt, den ladet man zu einem Braten und dem Schaugerichte von ſilbernen Meſſern, Gabeln und Geſchirren; empfängt und behandelt ihn mit einem geiſtloſen, alle fröh⸗ lichen und gemüthlichen Anregungen unterdrückenden Cere⸗ moniell, und ruft, hat der Gaſt mit vollem Magen das Zim⸗ mer verlaſſen:„Gott ſei Dank, mit dem iſt es abgemacht!“ Wie ganz anders war es da bei unſeren biederen Alt⸗ vorderen. Die große Annehmlichkeit ihrer wahren Gaſt⸗ freundſchaft beſtand darin: daß man den Gaſt bei aller ehrenden und freundlichen Aufmerkſamkeit nicht ſowohl als einen Fremden, ſondern als ein Glied der Familie betrach⸗ tete, und ihm dabei ſeine Zeit zur völlig freien Verfü⸗ gung ließ. Doppelt gern und mit freier, heiterer Seele erſchien- Jener dann auch in den Stunden, welche, nach der Sitte des Hauſes, der gemeinſchaftlichen Unterhaltung gewidmet waren. Aber wie geſagt, das zarte Pflänzchen:„Gaſtfreund⸗ 35 ſchaft“ erſtarb in der dicken Luft des„egoiſtiſchen Jahrhunderts.“ Zacharias athmete leicht auf, als das Eſſen vorüber war, und ſummte im Nachhauſegehen— die, aus ähnlicher Quelle fließenden Mängel ſeiner Erziehung, von welchen ihm un⸗ bewußt doch auch noch manche anhingen, vergeſſend:— „Und der Geldſack iſt kein leerer Schall, Der Menſch kann ihn brauchen im Leben, Und ob er auch dumm iſt überall, Dem Reichthum wird Alles vergeben, Und worauf kein Verſtand des Verſtändigen füllt, Das übet in Einfalt ein Tölpel um's Geld.“ Aber!— wir ſehen den Splitter in unſeres Bruders Auge und nicht den Balken in dem unſeren. III. Eine angenehme Uachricht.— Guter Vorſatz.— Der Blick in das Paradies.— Ein goldrner Morgen.— Die Pergſtraße. — Heidelberg und ſein Schloß.— Poeſie und Teben.— Der Frankfurter.— Sechs Ueiſende.— Der Zroſch und die Lo- komotive.— Sein Ideal.— Der Heimgang vom Bier und der Einzug zum Wein.— Abendunterhaltung.— Ein Bachus⸗ feſ und deſſen nächſte Lolgen. „St. Paulus war ein Medicus und ſchrieb an den Timothens: Trink Wein! um deines ſchwachen Magens willen Magſt du den Durſt mit Weine ſtillen: Trink Wein! Das war ein Mann nach unſerm Fuß, §S Es lebe Paul der Medicus!“ P angenehmſte Nachricht, welche Zacharias bei ſeiner Rückkunft in das Wirthshaus erhalten konnte, und auf ſein Fragen auch erhielt, war: ſeine ſchöne Nachbarin ſei ab⸗ gereist. Hatte er gleich ſeit dem Frühſtück nicht mehr an das Mädchen gedacht, ſo erleichterte ihm doch die Gewißheit, aus dem Bereiche ſo gefährlicher Verſuchungen zu ſein, gewaltig das Herz, und er nahm ſih, in der gereizten Stimmung, in — 37 welche ihn der moraliſche Katzenjammer, Dahlmann's feuri⸗ ger Wein und die Erinnerung an Clariſſen und ſeine gute Mutter verſetzten, vor— vonen un an gewiß nicht mehr leichtſinnig zu ſein. Dieſem edlen Entſchluſſe war er auch wirklich am andern Morgen noch treu, und er erfüllte ihn mit einem freudigen, thatkräftigen Streben. Es war ordentlich, als ob aus dem Schlamm der Sünde der Wille hervorgegangen wäre, ſeinen Fehler durch deſto ſtrengere Pflichterfüllung wieder gut zu machen. Die Reue heiligte ihn, und Clariſſens Bild zog wieder, gleich einer freundlich lächelnden Göttin, in ſeinem Herzen ein. In wenigen Tagen war er au courant mit ſeinen neuen Geſchäftsverhältniſſen, da er ja ohnehin den Material⸗ und Droguerie⸗Handel von dem väterlichen Hauſe aus kannte, und ehe noch die Woche zu Ende, waren die Reiſeauszüge beſorgt, Muſter und Koffer gepackt, und der Abſchied von Darinſtadt leichten Herzens genommen. Aber welche Welt voll Herrlichkeit, welch' Götterleben, welche überreiche Zukunft öffneten ſich nun vor des jungen Mannes Blicken!— Ueberall nur Sonnenſchein, nur hüpfende Lichter, nur reiche Frucht⸗ und Blumenſtücke!— Zum erſtenmal in ſeinem Leben fühlte er ſich ſo ganz frei und unabhängig, und, in dem ſchönen und bequemen Reiſewagen über die herrliche Bergſtraße dahinrollend, rief er in jugendlichem Uebermuth: „Ja, die Franzoſen haben recht: Les voyageurs sont des princes!“ Aber nicht nur Eitelkeit und Genußſucht machten ſein Herz höher ſchlagen; auch der friſche Odem der Natur, die hier alle Reize in verſchwenderiſcher Pracht enthüllte, hauchte ihn zauberiſch an, und weckte in ſeiner empfänglichen Seele ſüße Sympathieen⸗ 5 Der Morgen lächelte ſo freundlich, die Blumen und Wälder dufteten, die Vöglein ſangen, und die Menſchen gingen mit heiteren Geſichtern an die Arbeit. Hier zogen blöckende und brüllende Heerden dahin, dort ſchlüpfte ein Jäger pfeifend in den Wald, auf der breiten Landſtraße knarrte ein ſchwer beladener Laſtwagen, deſſen Fuhrmann ſeine Lebensluſt durch unaufhörliches Klatſchen mit der Peitſche kund gab, und jenſeits wanderte ein Brautpaar, die Seligkeit der Liebe in den Augen, Arm in Arm nach der Stadt, die Einkäufe zu der Hochzeit zu beſorgen. Wahrhaftig! unſer Held hätte nur zwanzig Jahre älter und ſeine Seele dürr und vertrocknet ſein müſſen, wenn ihn nicht dies Alles poetiſch geſtimmt haben würde. Wäre er im Reimen fertig geweſen, ſo hätte der Augenblick ein Gedicht geboren; ſo aber dünkte ihm die ganze Natur ein freundliches Gedicht, und er fühlte ſich gedrungen, mit in den allgemeinen Jubel einzuſtimmen. So ſummte er denn auch ein munteres Liedchen vor ſich hin, während ſeine Blicke entzückt über die reizenden Anſichten der Bergſtraße ſtreiften. Und Wem wäre dieſe zauberiſche Gegend nicht bekannt? — Wer hätte wenigſtens nicht ſchon einmal von dem Wege zwiſchen Darmſtadt und Heidelberg und ſeinen Schönheiten gehört? Dieſe, ſchon von den Römern angelegte, zu beiden Sei⸗ ten mit welſchen Nußbäumen beſetzte Straße, zieht ſich in ſanfter Anſchwellung ſieben Meilen lang durch eine der 39 ausgezeichnetſten Gegenden Deutſchlands. Weſtlich von ihr, nach dem Rheine zu, erſtrecken ſich wohlbebaute Ebenen mit ſchönen Dörfern beſäet; öſtlich zieht ſich eine Reihe von Bergen hin, am Fuße und Abhange mit Weinſtöcken, Obſt⸗, Mandel⸗, Pfirſich⸗ und Kaſtanienbäumen, oben mit Laubwaldungen beſetzt, aus welchen ſich die Ruinen von vielen alten Schlöſſern erheben. Terraſſenförmig ſteigen dieſe Berge empor und gewähren nicht nur durch ihre reizenden Gruppirungen die ſchönſten Anſichten, ſondern bieten auch die weiteſten Ausſichten auf die fruchtbaren Rheinebenen und den ſich hindurchſchlängelnden Strom dar. An der Bergſtraße träumt Deutſchland von Italien, und nur Philiſter und Engländer können gleichgültig an ihr vorüberziehen. Auf den jungen Hartmann machte der ſchöne Morgen und dies Paradies einen tiefen Eindruck, und als er zu Heppenheim im Garten des Herrn Frank ein treffliches dejenner à la fourchette unter Blumen und duftenden Kräutern einnahm, rief er entzückt aus:„Ach! jetzt nur noch meine Clariſſe als junges Frauchen an meiner Seite, und ich tauſchte mit keinem König!“ Dennoch erwartete ihn noch eine höhere Ueberraſchung, als er gegen Abend— ſeine erſten Geſchäfte waren unter⸗ wegs gut ausgefallen— bei einer ſcharfen Biegung des Weges plötzlich Heidelberg vor ſich liegen ſah. Er glaubte nie etwas Schöneres geſehen zu haben. Die Stadt,— welche ſich am jenſeitigen Ufer des Neckars, der aus einem von hohen, waldigen Bergen eingeſchloſſenen Thale hervorſtrömt, freundlich dahinzog, und in der ſoge⸗ nanntig Bergſtadt“ ſanft an dem grünen Gaisberg und 40 den ihn majeſtätiſch überragenden Kaiſerſtuhl hinaufſtieg, — erglänzte im röthlichen Abendgolde. Ueber ihr ſchwebte, wie eine prachtvolle Mauerkrone, von dem romantiſchen Hauche längſt verſchwundener Jahrhunderte umweht, die herrliche Ruine der alten Pfalzgrafenburg. Ueber den wild dahinſchäumenden Neckar legte die ſchöne Brücke ihren Arm, und dieſſeits lachten die zierlichſten Landhäuſer aus Wein⸗ bergen und freundlichen Gärten herab. 3 Die Freude ſtimmt uns heiter, und drängt uns, wenn ſie ſich ſteigert, zu lauten Aeußerungen: wir fingen, lachen, jauchzen. Ueberſchüttet aber ein Moment die Seele mit Entzücken, ſo finden wir keine Weiſe, dieſe Seligkeit würdig auszudrücken— verſenkt in Luſt, ſchweigen wir, und nur ein wonniges Zittern, eine glühende Umarmung, ein Blick, deuten die überſchwenglichen Gefühle an, deren Mächtigkeit unſere Bruſt zerſprengen möchte. Aber ſelten ſind dieſe Momente im Leben und nur die Begeiſterung für Religion, Poeſie, Kunſt, Wiſſenſchaft, Natur und— reine Liebe ver⸗ mögen ſie zu geben. Unſern jungen Helden erſchütterte eben jetzt ein ſolches Entzücken, und nur ungern nahm er Abſchied von der Na⸗ tur, um in die engen Straßen einer Stadt einzufahren. Deſto inniger fühlte er das Bedürfniß ſich mitzutheilen, und ſo ſollte das Feſt dieſes Tages ein Spaziergang nach den Ruinen und dann— in der Stille der Nacht— das Schreiben eines Briefes an Clariſſen krönen. Im„Prinzen Carl“, dem erſten, ſchönſten und beſten Gaſthofe Heidelbergs, bekam er, da er mit eigenem Wagen und Ertrapoſt reiste, ein ſchönes Zimmerchen im zweiten Stock mit der Ausſicht nach dem Schloſſe und freundliche Geßßter⸗ 4¹ Zacharias ſchwankte nicht lange. Für Geſchäfte war es zu ſpät, er machte daher hurtig Toilette und trat den Weg nach dem Schloſſe an. So mühſam er dieſes erſteigen mußte, ſo reichlich fand er ſich für die Anſtrengung belohnt. Er konnte ſich nicht ſatt ſehen, weder an den vielen Ausſichten, noch an den Ruinen ſelbſt, aus welch' letztern ihm der wunderbare Zauber der Poeſie entgegenwehte. War es ihm doch, als ſähe er geiſterhafte Geſtalten durch die prachtvollen Trüm⸗. mer gleiten, als höre er ſie in klagenden Tönen ſingen: von den ſchönen Tagen einer kräftigeren Vorzeit, von Hel⸗ denruhm und Minne und dem Dahinwelken aller irdiſchen Größe*). Süße Träume feſſelten den jungen Mann, und er würde noch lange zwiſchen den Steinmaſſen herumgewandelt ſein, wären nicht die Töne einer lieblichen Muſik wie bunte Schmetterlinge aus dem Schloßgarten zu ihm herüberge⸗ flogen. Er ſchrieb noch die verſchlungenen Anfangsbuch⸗ ſtaben von ſeinem und Clariſſens Namen an eine weiße Thurmwand, umſchlang beide mit einem Herz, warf dann den letzten Blick aus den gothiſchen Fenſtern in die freund⸗ liche Tiefe und riß ſich gewaltſam von der romantiſchen Umgebung los. Er trat in den Garten. Aber wie wunderbar wechſelte damit das Leben. Er glaubte ſich durch die Gewalt einer *) Freunde landſchaſtlicher Poeſie machen wir auf einen Ro⸗ manzen⸗Cyelus: Heid elberg, aufmerkſam, welcher ſich in den„Gedichten von Heribert Rau“ befindet und an Schönheit mit der geſchilderten Natur wetteifert. 42 freundlichen Fee plötzlich aus den Katakomben des Mittel⸗ alters in das bewegte Leben der Jetztzeit verſetzt zu ſehen. Eben noch war er durch die Ritterſäle einer prächtigen aber zerfallenen Burg gewandelt, und ihre Trümmer hatten ihm die Hinfälligkeit alles Irdiſchen gepredigt— und jetzt ſah er ſich mit einemmale mitten unter einer Maſſe lebens⸗ luſtiger Menſchen, die ſich an dem ſchönen Abende ihr Nachteſſen und ihren Krug Bier im Freien trefflich ſchmecken ließen. Hier ſaßen nun um die wohlbeſetzten Tiſche luſtige Studenten, und ſetzten, ihre langen Pfeifen ſchmauchend, dem köſtlichen Gerſtenſafte wacker zu; dort hatte eine Fa⸗ milie mit Kind und Kegel Platz genommen; von dieſer Seite kam ein ernſter Profeſſor mit Frau und Töchtern herauf, und auf jenem Wege hüpften lächelnde Bürgers⸗ mädchen davon, gefolgt von den Glücklichen, welchen ſie liſtig ein Zeichen zu zärtlichen Rendezvous gegeben. Alles lachte, ſcherzte, ſchwatzte, trank und bewegte ſich ſo heiter und behaglich, daß ſelbſt die Philiſter aufthauten und ſich ordentlich wieder jung vorkamen. Auch Zacharias fühlte ſich von dem Strome der allge⸗ meinen Luſt ergriffen und würde in den Jubel mit einge⸗ ſtimmt haben, hätte er nur irgend Jemanden unter all den frohen Menſchen gekannt, gegen den er ſich ausſprechen und der wiederum ſeine Gefühle mit ihm hätte theilen können. Indeſſen war's doch zu einladend, um vorüber zu gehen, und eben'war er im Begriffe, ſich allein an einen noch leer ſtehenden Tiſch zu ſetzen, als ihn eine bekannte Stimme bei Namen rief. Zacharias' Blicke flogen nach der Gegend, aus welcher der Ruf erſcholl, und ſiehe, an einem großen runden Tiſch, umgeben von elegant gekleideten Herren, ſaß Spreitzer, einer ſeiner Jugendfreunde. „Was alle Deiwel! biſt Du hier?“ rief Spreitzer ſei⸗ nem Landsmanne freudig zu.„Das is ja herrlich; was haſt Du denn hier zu dhun?“ „Ich reiſe für das Haus Dahlmann, Dunkert, Duppen⸗ dorf, Compagnie u. Conſorten“— entgegnete ebenfalls auf's Angenehmſte überraſcht der Angeredete. „Dahlmann, Dunkert, Duppendorf, Compagnie u. Con⸗ ſorten— Gott verdamm' mich!— das is awer e Ferma, die ſich gewaſche hat. Nu, in was räſt de dann?“ „In Materialwaaren.“ „Aach recht!— Da ſinn mer aach kein Concurrene. Meine Herren!“— fuhr dann Spreitzer fort, indem er ſich zu den andern Herren wandte:„Ich hab' die Ehr, Ihne en Cammerade vorzuſtelle, äch e Räſender, un guter Freind von mir, mächt in Materialwaare und räſt vor Dahlmann, Dupper, Deiwel— und ich wäs net was vor Conſorte.“ „Dahlmann, Dunkert, Duppendorf, Compagnie u. Con⸗ ſorten!“ entgegnete, über ſeines Landsmanns Derbheit leicht erröthend, Zacharias,„und wenn es den Herren nicht un⸗ angenehm, bin ich ſo frei, mich Ihrer Geſellſchaft anzu⸗ ſchließen.“ „Norzt kän Comblemende!“— rief Spreitzer, dem neuen Ankömmling einen Stuhl zurecht rückend,—„daß ſin a lauter Räſende und kreuzfidele Kerl— Keller e Flaſch Bier vor den Herrn!“ Auch die übrigen Herren hatten unterdeſſen zuſammen⸗ gerückt und empfingen, obgleich ſie Zacharias noch nie 44 geſehen, denſelben mit einer Cordialität, als ob ſie ſchon ſeit Jahren mit ihm bekannt geweſen wären. So ſonder⸗ bar dies Hartmann im Anfang vorkam, ſo fand er ſich doch bald darein, indem die ungebundene Heiterkeit, die an dem Tiſche der Reiſenden herrſchte, ihm gefiel und er ſtolz darauf war, unter ſo gereisten Leuten als Ihresgleichen zu ſitzen. Seinem Schapfblicke entgingen dabei ihre nonchalanten Manieren, ihr freies und gebietendes Weſen nicht. Wenn er z. B. zum Kellner ſagte:„Wollen Sie ſo gut ſein, mir noch eine Flaſche Bier zu bringen“— ſo klopften ſeine Nachbarn nur auf den Tiſch und riefen mit vornehmer Miene:„Eine Flaſche Bier!“ Zacharias merkte ſich dies Alles um ſo genauer, als ihn der Ehrgeiz anſpornte, ſich in der kurzmöglichſten Zeit ebenfalls jene Routine zu erwerben, welche den Geſchäfts⸗ reiſenden charakteriſirt, und zu der eben jene freien Ma⸗ nieren hauptſächlich mitgehören. Die Geſellſchaft beſtand übrigens außer Spreitzer aus noch vier Reiſenden, worunter ſich zwei ganz beſonders auszeichneten. Der Eine— Froſch mit Namen— war ein ältlicher Mann, von unterſetzter Statur. Seine Beine waren zwei Stelzen nicht unähnlich, und ſo dürr, daß es rein unbe⸗ greiflich ſchien, wie dieſe Stöckchen einen ungeheuer dicken Oberkörper und Bauch tragen konnten. Mit den Beinen in gleichem Verhältniß waren die ſpindeldürren Arme, wo⸗ gegen wieder ein ungewöhnlich dicker Kopf auf dem winzi⸗ gen Halſe ſaß. Am ausgezeichnetſten aber war Froſch's Phyſiognomie, und er machte ſeinem Namen Ehre, indem 45 er in der That mehr einem ausgebalgten und aufgeblaſenen Froſche als einem Menſchen glich. Das wie ein Fettſack herabhängende Doppelkinn, der Mund, der nahe bis an die beiden Ohren reichte, die dicke rothe Naſe, und namentlich die Augen, welche in dem Umfange von Kinderfäuſten vor dem Kopfe lagen, und ſchrecklich in die Welt glotzten, gaben ihm ein abſchreckendes Aeußere, wozu noch eine quackende Stimme kam, deren Trompetentöne der Inhaber zu mildern nicht im Stande war. Auf eine bei weitem vortheilhaftere Weiſe zeichnete ſich der Andere aus, welchen ſeine Gefährten: Goldmar Goldmännchen, oder auch:„die Lokomotivg“ nannten Letzteren ſcherzhaften Beinamen, unter welchem Golhen faſt überall bekannt war, hatte er erhalten, weil er— eben⸗ falls ganz außerordentlich corpulent— bei der geringſten Bewegung wie eine Lokomotive ſchnaufte und dampfte. Seiner Dicke aber ungeachtet war Goldmann ein hübſcher Mann. Seine Größe machte die Corpulenz weniger auffallend. Seine Züge trugen das unverkennbare Gepräge eines ewig heiteren Geiſtes und eines aufrichtigen guten Herzens. Die kleinen, lebendigen Augen funkelten lüſtern, und die rothen Wangen verkündeten eine kräftige Geſundheit. Wilde Stürme waren über Goldmann's Haupt dahin⸗ gebraust, er hatte Hunderttauſende beſeſſen und wieder ver⸗ loren;— aber— keinen Augenblick war der heitere Sinn von ihm gewichen. Mit einer beneidenswerthen Leich⸗ tigkeit wußte er ſich in alle Lagen des Lebens zu finden, und dieſem die ſchönſte Seite abzugewinnen. Dabei höchſt thätig und eifrig in ſeiner Pflicht, freundlich und zuvor⸗ kommend gegen Fremde, herzlich gegen Freunde— und 46 immer luſtig— war es natürlich, daß Goldmännchen bei Kunden und Reiſenden willkommen war, und ſich gern ein Kreis um ihn ſammelte. Die beiden anderen Herren, wovon der Eine ein Ber⸗ liner und der Andere ein Stuttgarter war, zeichneten ſich wenig aus, nur daß Erſterer ebenfalls für eine aus einem Modejournal geſchnittene Figur gelten konnte. Die ganze Geſellſchaft aber unterhielt ſich vortrefflich, theils mit der Conſumtion des ausgezeichnet guten Bieres, mit Anhören der Muſik und Kritiſiren der vorüber⸗ gehenden Damen, theils auch mit Erzählung von Liebesaben⸗ ern, die der Eine und der Andere erlebt hatte, oder— doch ℳ bt haben wollte. Zacharias war ganz erſtaunt über die Unzahl von Siegen, welche ſeine neuen Freunde ſchon über Mädchen und Frauen dutzendweiſe davongetragen. Er beneidete ſie um ſolch' ein unverſchämtes Glück, ſie dünk⸗ ten ihm wahre Helden auf dem Felde der Liebe; demuner⸗ achtet hatte er den Muth nicht, ſein kleines ſelbſterlebtes Abentener zu erzählen; es kam ihm gegen die großartigen Siege der Andern, namentlich des Frankfurters und Ber⸗ liners, gar zu unbedeutend vor, zumal Letzterer faſt nur von Baroneſſen und Marquiſinnen ſprach. Unterdeſſen war die Nacht angebrochen, und da es Jeder von der Geſellſchaft bis auf drei Flaſchen Bier gebracht hatte, — Zacharias war nur um eine halbe zurück— entſchloß man ſich, heimzukehren und miteinander zu Nacht zu ſpeiſen. Der Heimweg war nur für Hartmann und den Schwaben etwas beſchwerlich, die Beide, von dem guten Bierſtoff ein wenig angeraucht, auf dem dunklen, abſchüſſigen Wege laviren 3 mußten. Auch ſetzte ſich Zacharias unterwegs zweimal un⸗ 47 freiwillig und unſanft auf den ſteinigen Boden, was indeſ⸗ ſen, da er den Zug ſchloß, glücklicherweiſe Niemand ſah. Indeſſen machten ihn dieſe Unfälle doch darauf auf⸗ merkſam, daß er gerade genug getrunken, und er beſchloß daher, nach dem Nachteſſen ſogleich auf ſein Zimmer zu gehen; um ſo mehr, als er ja noch an ſeine geliebte Ela⸗ riſſe den erſten Brief von der Reiſe zu ſchreiben hatte. Während nun„die Lokomotive“ mit„Hopla!“ und mun⸗ terem Singen, trotz ihrer Körperſchwere fröhlich vorantanzte, Froſch entſetzlich keuchte und quackend ſchrie:„doch langſam zu gehen!“— während Spreitzer ein„Gott verdamm' mich!“ über das andere dem ſchlechten Wege zuſchimpfte und die beiden Andern ſchweigend im Dunkeln tappten, ſah Zacha⸗ rias zu den Sternen und ſchwärmte in den ſüßen Schauern ſeiner platoniſchen Liebe. — Erſt der„Prinz Carl“ vereinigte die Geſellſchaft wie⸗ der, die ſämmtlich in ihm logirte; und alsdann nahm das Nachteſſen die allgemeine Aufmerkſamkeit auf kurze Zeit in Anſpruch. Nach demſelben erhob ſich Zacharias, um, treu ſeinen Vorſätzen, auf ſein Zimmer zu eilen; aber Spreitzer er⸗ wiſchte ihn am Rockſchoß und rief: „Was zum Deiwel ſoll dann deß ſein? ich glaub' gar Du willſt uff Dein Zimmer?“ „Ja,“ entgegnete Hartmann—„ich habe nöthig zu ſchreiben.“ „Krie die Krenk Offebach!— wer werd dann jetzt noch ſchreiwe. Oder is es vielleicht an die Frau Mama— he2 — hat ſe der verbotte, länger wie zehn Uhr uffzubleiwe?“ „Ja! Sie müſſen dableiben!“ rief Goldmann—„jetzt 48 wird's erſt recht hübſch. Auf das Bier muß man eine Flaſche Wein ſetzen. Hopla! Kellner! eine Flaſche Markgräfler!“ „Aber meine Herren....“ ſtotterte Zacharias. „Was aber!“— quackte Froſch, und bei dem fürchter⸗ lichen Schall ſeiner Stimme fuhren alle Fremden, die noch im Zimmer ſaßen, entſetzt in die Höhe—„vor zwei Uhr Morgens geht kein ordentlicher Reiſender zu Bett.“ „Geh weck un ſei kein Mammeſöhnche!“ ſetzte Spreitzer hinzu und zog Zacharias wieder zum Stuhle nieder. Hartmann gab nach. Was wollte er machen? Sollte er ſich gleich den erſten Abend compromittiren? Sollte er ſich als ein verzär⸗ teltes Herrchen ausſchreien laſſen?— oder gar als geizig er⸗ ſcheinen?— und den Brief— nun den konnte er ja auch morgen ſchreiben, oder übermorgenz kurz er blieb. Die Flaſche Markgräfler war bald verſchwunden, eine, zweite folgte, eine dritte— die Unterhaltung ward immer luſtiger— und da ſich keiner von dem Anderen wollte freihal⸗ ten laſſen, ſo ſtanden endlich ſechs Flaſchen auf dem Tiſch. War die Unterhaltung bei dem Nachteſſen etwas lahm geweſen, ſo war ſie jetzt um ſo lebhafter und lauter. Die Geſichter glühten, die Augen funkelten, die Pulſe hüpften. Der Wein hatte die Herzen Aller geöffnet, jede Sorge aus denſelben verjagt, jede Falte geglättet. Indeſſen äußerte er ſich doch ſchon verſchiedenartig. Froſch war ſo nüchtern, als habe er nur Waſſer getrunken; Goldmann ſo recht in⸗ nerlich vergnügt, der Berliner blieb ſich gleich, den Andern merkte man nichts an, und Zacharias war außer ſich vor Luſt. Er wollte ſich todtlachen über die luſtigen Liedchen, die Goldmann— als ſich alle übrigen Gäſte entfernt hat⸗ ten— anſtimmte. 49 Da rief mit einemal Froſch:„Eine Flaſche Cham⸗ pagner!“— Dieſe Ordre gab der G ſellſchaft einen neuen Impuls. Die Flaſche kam. Goldmann ließ ſie ſich ge⸗ ben, öffnete ſie, und mit einem„Hopla!“ flog der Pfropfen an die Decke. „Jetzt laßt uns aber auch was Vernünftiges ſchwätzen!“ rief er dann, als der Wein in den Gläſern ſchäumte. „Die Lokomotive hat Recht!“ prüllte Froſch.„Jeder Alle ſtimmten ein und Goldmann fing an und ſang mit einer ſchönen Tenorſtimme, die man bei ihm nicht er⸗ wartet hätte: St. Paulus war ein Medicus Und ſchrieb an den Timotheus: Trink Wein! Um deines ſchwachen Magens willen Magſt du den Durſt mit Wein dir ſtillen, Trink Wein! Das war ein Mann nach unſerm Fuß, Es lebe Paul der Medicus! Nachdem der Geſang im jubelnden Chorus geendet, kam die Reihe an Zacharias. In großer Verlegenheit ſann er hin und her, denn ſein Gedächtniß hatte ihn faſt ganz ver⸗ laſſen, und dabei fing die Stube an, um ihn in einem ewigen Kreiſe herumzutanzen. Endlich ſiel ihm noch eine jüdiſche Sage ein, die er einſt wo geleſen. Mit großer Anſtrengung trug er ſie vor: „Als Noah vor vielen tauſend Jahren den Wein pflanzte, kam Satan hinzu und half dem alten Herrn. Als aber die Reben gepflanzt waren, tränkte ſie der Schwarze mit Commis Voyageur. 4 50 dem Blute eines Lammes, und dem eines Löwen und eines Schweins. Noah ſah ihm lange erſtaunt zu und frug ihn endlich: was er denn da eigentlich mache? Da ſagte Satan: Wer einen Becher dieſes Gewächſes trinkt, wird froh und un⸗ ſchuldig ſein wie ein Lamm; wer zwei trinkt, wird mu⸗ thig und ſtark werden wie ein Löwe, undr wer drrei und mehr trinkt, wird.... Hier ſtockte plöhlich der Erzähler und blaß wie eine Leiche, denn er merkte, daß er in der Unüberlegtheit im Begriffe ſtand, die ganze Geſellſchaftt auf das Gröb⸗ lichſte zu beleidigen. Glücklicherweiſe aber errieth Spreitzer das Fehlende, brach in ein ſchallendes Gelächter aus und rief: „Gott verdamm' mich! Du mächſt uns ſchöne Comble⸗ mende— gelt wer drei trinkt, werd ſich im Dreck welze wie a Sau!“ Zacharias ward feuerroth und wollte eine Entſchuldi⸗ gung ſtammeln; aber Froſch fing mit ſeiner entſetzlichen Stimme an zu brüllen: „Uns iſt ſo kannibaliſch Löht Als wie fünfhundert Säuen!“ Alle klatſchten dem Sänger Beifall zu und der Stutt⸗ garter ſagte: „Oh! Wiſcht Ihr auch, welch' Geſchichtle mir immer am beſchte gefalle. Als einſcht e würteberger Herre einem Kloſchter von hundert eins und zwanzig Kutten e Fäſchle koſtbare Umſchteiner zum Geſchenk gemacht, der Auſchgangs⸗ zoll auſch dem Städtle aber ſehr hoch war, rief der Prior den Convent zur Berathung, waſch zu thun ſei. Da ent⸗ 51 ſchloſſe ſich die Mönchle und ſoffe das ganze Fäſchle auf einmal aus und brachte ſo den Wein in de Bäuchle in's Kloſchter.“ „Als nix!“— rief Spreitzer.„In Frankfort hot e mol e Beſoffener im Dreck gelege, ich geh⸗ derzu, um zu gucke; do kömmt e Schuhflicker, guckt de Volle aach ganz betribt an und ſägt mit em tiefe Säufzer: Ach Suntags werd' ich aach ſo daleihe.“ „Kennt Ihr die Geſchichte mit dem Diener und dem Herrn?“ frug hier der Berliner. Man verneinte und er fuhr fort:„Ein Herr und ſein Diener hatten ſich einſt be⸗ deutend benebelt und legten ſich, als ſie nach Hauſe kamen, auf ein Bett. Nach einer Weile fing der Herr an:„Jo⸗ hann, es liegt Jemand pei mich.“—„Bei mich auch, Ew. Gnaden.“—„Schmeiß den Kerl heraus!“ rief der Herr, und ehe er ſich's verſehen, flog er über Bord.“ „Da iß deß noch viel beſſer!“ rief Spreitzer:„E Pfaff, e Bauer und e Ballwirrer räſe mit enander. Wie ſe in der erſte Nacht beſoffe ſei, raſirt der Ballwirrer dem Bauer, der eingeſchlofe war, e Glatz. Wie nu der Hausknecht de annere Morje de Bauer weckt und der ſich ufm Kopp kratzt, ruft er ganz ärjerlich: hat deß dumm Os den Pfaff ge⸗ weckt, ſtatt mich!“ In dieſem Tone ging die Unterhaltung fort, ja ſie ſteigerte ſich mehr und mehr, ſowohl in der Erzählung im⸗ mer luſtigerer Anekdoten, als im Tone, da alle Stimmen lauter und lauteß wurden. Eine Flaſche Champagner nach der andern berſchwand, und als die Glocke Ein Uhr ſchlug, ſetzte der Kellner die Sechste auf den Tiſch. Die Geſellſchaft hatte unterdeſſen eine andere Phyſiognomie 4* angenommen, und Gott Bachus, der unſichtbar mitten unter ſeinen Prieſtern ſaß, freute ſtch der luſtigen Vögel. Auf Goldmännchen hatte der Wein nur einen angeneh⸗ men Eindruck gemacht. Er war, was man zu ſagen pflegt, kreuzfidel, ſang ſeine luſtigen Lieder, und tanzte der Geſell⸗ ſchaft, trotz ſeiner Dicke, einen Menuet auf das Graziöſeſte vor. Froſch war ſtumm geworden und glotzte halb ſchlafend immer auf einen Fleck, ohne jedoch zu vergeſſen, ſein Glas von fünf Minuten zu fünf Minuten auf einen Zug zu leeren. Selbſt als die„Lokomotive“ zum allgemeinen Ju⸗ bel vorſchlug: Brüderſchaft zu trinken, und dies auch unter zärtlichen Küſſen geſchah, blieb Jener unbeweglich und ſagte nur— undeutlich quackend—„Es gilt!“— Zacharias war im ſiebenten Himmel der Liebe. Sein Herz war ſo gefühlvoll geworden, daß ſeine Augen bei dem Schmollistrinken in heißen Zähren überliefen. Er ſchwärmte! — und der Zug nach ſeiner angebeteten Clariſſe war ſo groß — daß er beinahe nach Poſtpferden geſandt hätte, um auf der Stelle zu ihr zurückzukehren. Den Schwaben hatte der Patriotismus ergriffen. Er behauptete, der Neckarwein überrage an Güte bei weitem den Champagner, und Stuttgart ſei ein zweites Paris; worüber er dem Spreitzer in die Haare gerieth, der „Frankfort“ über Alles ſtellte und dabei aufſchnitt und prahlte, daß die Wände des Saales blau anliefen. Am göttlichſten aber war der Berliner. Er erzählte ſämmtliche Liebesaffairen, die er heute ſchon einmal zum Beſten gege⸗ ben, noch einmal,— nur mit dem Unterſchiede, daß er an alle Zahlen eine Null anhing, die Baroninnen zu Grä⸗ finnen und die Marquiſinnen zu Fürſtinnen avanciren ließ, und außerdem die eine Geſchichte in— freilich jetzt etwas ſchwerfälliger— franzöſiſcher, die andere in engliſcher Sprache vortrug. Dies reizte die Geſellſchaft zur Entwicklung gleicher Fertigkeiten, und mit einemmale war Pfingſten unter den Apoſteln,— die ganze Compagnie redete in allen, Alle aber in ſchweren Zungen. Endlich ſah Goldmännchen doch ein, daß es Zeit ſei, aufzubrechen, beſonders da ihm die Glasaugen des Stutt⸗ garters und deſſen Verziehen des Mundes von Zeit zu Zeit unheimlich vorkamen, auch wurde Spreitzer immer gereizter und gröber, und Zacharias fing gar an zu weinen und gab ernſtliche Befehle zum Anſpannen, während er ihn umarmte und ein über das anderemal ausrief:„Ach, Clariſſe!— v, Clariſſe!“ Es gehörte indeſſen viele Mühe und Anſtrengung dazu, alle die brauſenden Elemente zu beruhigen und zum Auf⸗ bruch zu bewegen. Endlich gelang dies, und die Geſellſchaft erreichte mit Hülfe diverſer Kellner und Hausknechte die Zim⸗ mer; was namentlich bei dem Berliner ſchwer hielt, der durchaus in die Kammer der fünfzigjährigen Stallmagd wollte, behauptend, es logire eine junge Gräfin darin, die ihm für dieſe Nacht ein Rendezvvus verſprochen. Ja, als er zuletzt anfing auf jut preußiſch grob zu werden, gab der ihn führende Hausknecht aus Bosheit nach und ließ ihn ein. Darauf rief der loſe Menſch noch die Kellner zuſammen, und ſie ſämmtlich lauſchten an der Thüre. Unter Schwie⸗ rigkeiten ſchien ſich der Liebhaber zu entkleiden, ohne jedoch die holde Dame aus ihrem tiefen Schlummer zu ſtören, dann hörte man den Seladon in das krachende Bett ſteigen — darauf ein kurzes Schimpfen einer weiblichen Stimme — dann verſank Alles in tiefes Schweigen. Die Kellner aber und der Hausknecht ſchlichen davon und wollten ſich krank lachen. 2 Auch Zacharias hatte noch Unfälle. Er ſtand nämlich wenigſtens eine halbe Stunde, den Rock in der Hand, mit dem Willen, denſelben an ſeiner Schlinge aufzuhängen. Aber Thüre, Zimmer, Bett, Stühle, Haken und Schlinge gingen mit ihm ſo furchtbar ſchnell herum, daß es eine Unmößlichkeit war, jenen mit dieſer zu erwiſchen. Er la⸗ borirte, halancirte und chancelirte dann auch ſo lange, bis er endlich das Uebergewicht bekam und den langen Weg hinfiel. Da aber das Aufſtehen neue Schwierigkeiten ver⸗ urſachte, ſo faßte er mit einemmale den heroiſchen Ent⸗ ß. dies ihm von der Natur angewieſene Lager auch nicht wieder zu verlaſſen, ſchob ſeinen Rock als Kiſſen unter den Kopf, und entſchlief mit einem ſchmerzlichen:„H Clariſſe!“ oldmännchen ſang zum Fenſter hinaus in die ſchöne laue Nacht: „Der Deutſche hat zum Symbolum Das Wort der Paſſion: „Mich dürſtet!“ auserſehen, Und hält nach eignen Proben Den Vers für unterſchoben: „Laß dieſen Kelch vorübergeben!“ IV. Vas Erwachen.— Und es war Finſterniß— Schreckliche Ent⸗ deckungen.— Die Lulder.— Flucht.— Wuth.— Adieu mon plaisir!— JZacharias und ſein Clend.— Schlechte Ge⸗ ſchäſte.— Reue.— Dir Schwabemädle.— Die Reichsſtädter. — Dummer Dünkel.— Der Brief— Stuttgart.— Der Spaziergang nach Degerloch.— Das Abenteuer.— Der Lieutenant.— Die Ratte.— Sternbetrachtungen.— „La vie n'est qu'un voyage, PTächons de Pembellir, Sémons sur 1e Passage, P Les roses du plaisir!“ W. andern Morgen ſtand die Sonne ſchon hoch am Himmel, als der Berliner erwachte. Die erſten Eindrücke, welche das neue Leben auf ihn machte, waren ſehr unangenehm. Ein furchtbarer Schmerz ſchien ihm den Kopf auseinander ſprengen zu wollen; ein widerlicher, verpeſteter Geruch beleidigte ſeine Naſe, wäh⸗ rend ein peinliches, ihm nur zu bekanntes Gefühl und die gänzliche Unmöglichkeit, ſich irgend an Etwas aus der ver⸗ ſchwundenen Nacht klar zu erinnern, ihm die Gewißheit gaben: daß er ſich Abends zuvor einen tüchtigen Rauſch angetrunken. Er hätte ſich, als ſich dieſe Ueberzeugung immer mehr und mehr beſtätigte, den Kopf abreißen mögen. Sah er doch aus ſeiner Umgebung, daß er in irgend einen miſerab⸗ 56 len Winkel— er konnte nach ſeinem Charakter ſchließen durch was— gekommen war; auch umſchwebten ihn ganz dunkle Anklänge von Liebesaffairen. Uum der Anſtrengung, ſich des Vorgefallenen zu erin⸗ nern, zu Hülfe zu kommen, ließ er ſeine Blicke nun um⸗ herſchweifen; wer aber beſchreibt ſein Entſetzen, als er ge⸗ wahrte, daß er ſich in einer elenden Kammer befinde, die — kaum ſo groß, daß ein Menſch neben dem Bett ſtehen konnte— ohne Fenſter, nur wenige Lichtſtrahlen aus einer OHeffnung über der Thüre empfing. Das Bett ſelbſt be⸗ ſtand aus einem alten Strohſack, einem Kiſſen und einer Decke, die alle drei vor Schmutz klebten und ſtanken, und war ſo abſcheulich, daß der, welcher jetzt darin lag, es ſchwerlich ſeinem Hunde als Lager würde angeboten haben. Kaum hatte auch der Berliner dieſe Entdeckung gemacht, als er mit beiden Beinen aus dem soit disant Bett ſprang. Aber nun trafen ſeine Augen auf einen neuen Greuel; ſeine feinen modiſchen und koſtbaren Kleider lagen zerſtreut auf dem ſchmutzigen Boden und ſchienen in der Dunkelheit der Nacht oder des Morgens und wegen Mangel an Platz — mit Füßen getreten worden zu ſein. Demunerachtet riß ſie der Berliner in wahrer Verzweif⸗ lung empor, und kleidete ſich ſo ſchnell als thunlich an. Unter dieſer Beſchäftigung hatte er nun Muße, die Haupt⸗ frage zu löſen: bei Wem er denn eigentlich übernachtet habe? Er wußte es nicht!— Er konnte ſich nicht erinnern, was er gethan!— Aber er wollte es auch nicht wiſſen. Er war ſo fürchterlich böſe auf ſich,— nicht über das, was geſchehen, ſondern wie es geſchehen— daß er ſich 57 ſelbſt hätte erwürgen können. Indeſſen war er doch ſo vernünftig, vorderhand keine Hand an ſich zu legen, und tröſtete ſich mit der Hoffnung: ſeinem anerkannten feinen Geſchmack keine Unehre gemacht zu haben. Was er dabei am meiſten fürchtete, war, das Bekanntwerden dieſes Aben⸗ teuers bei ſeinen Freunden, und er beſann ſich eben auf eine feine Lüge, als die Thüre aufging und eine Weibs⸗ perſon hereintrat. Ihr breites ſtarkknochiges Geſicht mit der platten Naſe, von einer gelben Haut bedeckt, ſo faltig als die des Rhi⸗ noceroſſes, die grauen Haare, die verworren und ſtruppig unter der Cattun⸗Kappe hervorſtrotzten, der faltige, nur bis zu den Knieen reichende Rock und die nackten Beine und Füße verkündeten auf den erſten Blick dreierlei— daß die Perſon eine Fulder— daß ſie ſehr at— unß die Viehmagd des Hauſes ſei. Der Berliner hatte auch, als feiner Menſchenkenner, dies Alles auf den erſten Blick errathen und wollte die Eintretende eben zornig anfahren, als eine handfeſte Um⸗ armung nicht nur die Worte des Zornes, ſondern beinahe ihn ſelber erſtickten. „Ho je!“— ſchrie die Fulder Schöne dabei—„find eich mei Engeli noch?“ Dieſe lakoniſche Anrede und die Umarmung zündeten dem Berliner ſogleich ein Licht, groß wie die Sonne an; ſteigerten aber auch ſeine Wuth in dem Maße, daß er die arme Perſon mit den Kräften eines Simſons von ſich ſchleuderte, über ſie hinausſprang und wie ein Blutvergießer die Treppe hinab und in ſein Zimmer ſtürzte. Aber auch hier konnte er ſich nicht faſſen; und trotzdem, 58 daß ſeine Geſchäfte in Heidelberg noch lange nicht beendigt waren, packte er ſeine Siebenſachen ein, wie vom böſen Geiſt beſeſſen. Auf ſein Schellen, das ſo heftig geweſen, daß der Schellenzug abriß, ſtürzte der Kellner mit den Worten in das Zimmer: „Haben Sie gelitten?“ Der Berliner war verſucht, dem Kerl die Zähne einzu⸗ ſchlagen, denn er glaubte, er ſpiele mit dem„gelitten“ auf ſein Abenteuer von heute Nacht an. Aber er beſann ſich eines Beſſeren und verlangte die Rechnung und Poſtpferde. Beide kamen, und ohne von irgend wem Abſchied zu nehmen eilte er in ſeinen Wagen. Unerträglich kamen ihm dabei die Kellner und Hausknechte vor, denn ihm ſchien, als ſpielte auf allen ihren Geſichtern ein boshaftes, kaum unterdrücktes Lächeln. Endlich war er außerhalb dem Thore der Stadt. Er warf ſich in die Ecke des Wagens, um ſeinen Zorn und ſein Kopfweh zu verſchlafen. Es ging nicht. Er griff nach der Uhr— und glaubte, der Schlag müſſe ihn rühren— er hatte ſie vergeſſen. Vergeſſen, lie⸗ gen gelaſſen in der Kammer der Holden! Sollte er zurück?— Die Uhr war koſtbar!— Aber nein! nein! lieber wollte er zehn Uhren verlieren, als noch einmal in dieſe Hölle! „Vorwärts!“ ſchrie er wüthend dem Poſtillon zu und drückte ſich mit der Phyſiognomie eines Verdammten in die finſterſte Ecke ſeines Wagens.—— Aber auch Zacharias war nicht viel beſſer daran. Als er erwachte und ſich im Bett aufzurichten glaubte, fand er ſich ganz gemüthlich im lieben Sonnenſcheine und mitten in ſeinem Zimmer auf dem Boden ſitzend. Auch ihm fielen 59 nur mühſam und theilweiſe die Erlebniſſe der letztverſchwun⸗ denen Nacht ein. Aber was noch viel ſchlimmer war, ſein Magen revoltirte. Ihm war ſo ſchlecht, daß er thun mußte — was der Commis Vohageur in der Kunſtſprache: „Kurz Augsbu rgabgeben“ nennt. Ja Hartmännchen fühlte ſich ſogar bis zum Tode krank, und kroch krächzend in ſein noch friſches Bett, um hier unter Kopfſchmerzen und namenloſen Uebelkeiten ſeinen abermaligen Sündenfall zu bereuen; denn diesmal war der Katzenjammer nicht nur moraliſch, ſondern auch phyſiſch. Er war eben daran, ſein Gewiſſen mit den bitterſten Vorwürfen zu geißeln, als er die„Lokomo tive“ ſchnau⸗ fen und trillern hörte, und ehe er es ſich verſehen könnte, ſtand Goldmännchen mit einem„Hopla!“ im Zimmer. Ihm folgte Spreitzer, der ſich, wie er ſagte, über Hart⸗ mann:„ſchebb lache!“ wollte. Weder ihm, noch Gold⸗ mann, noch auch Froſch hatte der geſtrige Abend etwas gethan. Aber die„Lokomotive“ bewährte ſogleich ihre Gutmüthigkeit wieder, und verordnete— während Spreitzer den Landsmann auslachte— dem armen Patienten die dienlichſten Mittel, um ſich wieder herzuſtellen, was Zacha⸗ rias demunerachtet nicht vor dem nächſten Morgen gelingen wollte. Als der junge Hartmann wieder ganz hergeſtellt, ging er an ſeine Geſchäfte; aber da zeigten ſich die ernſteren Folgen des Debauchirens; ein Concurrent war ihm, wäh⸗ rend er im Bette lag, zuvorgekommen, und der Reiſende von Dahlmann, Dunkert, Duppendorf, Compagnie und Conſorten ging für dießmal leer aus.— Wie verſchieden waren die Empfindungen, mit welchen 60 er Heidelberg verließ, von jenen, mit welchen er in die Muſenſtadt eingezogen war. Er mußte ſich vorwerfen, Ge⸗ ſchäfte durch eigene Schuld verſcherzt, und ſein Verſprechen: gleich die erſten Tage von der Reiſe zu ſchreiben— gegen Mutter und Geliebte gebrochen zu haben. Wie traurig ſaßen nun wohl die beiden guten Weſen zu Hauſe und weinten und ängſtigten ſich, während er ſich berauſchte und in dulci jubilo lebte. Neue Reue, neue gute Vorſätze. Aber das Reiſen hat eben für junge Leute, deren Charakter noch nicht feſt iſt und deren Grundſätze ſchwanken, neben zu viel Verſuchungen auch das Böſe, daß es durch die Maſſe ewig wechſelnder Gegenſtände ungemein zerſtreut, und Niemanden zur ruhigen Beſinnung kommen läßt. So war auch die Reue des jungen Zacharias aufrich⸗ tig, und von den beſten Vorſätzen gefolgt; demunerachtet aber verwiſchten die erſten Stunden, die er gefahren, ſchon vi alle guten Eindrücke; denn er ſah ſo viel Neues und unter dem Neuen ſo viele nette Schwabenmädchen, mit den friſcheſten Geſichtern und herrlichſten Waden, daß un⸗ willkürlich ſeine Gedanken die runden Formen verfolgten und ſeine rege Phantaſie ſich dann in Gegenden verirrte, die eher zu neuem Sündigen anreizten, als ihn in ſeinen guten Vorſätzen beſtärkten. Und kann er etwas dafür, daß ihn Mutter Natur mit einer ſo reizbaren Phantaſie begabt?— Und wird ihm Je⸗ mand es verübeln, daß er den ſchönen„Schwabamädle“ gerne nachſah? Wie rüſtig ſchritten die kräftigen Geſtalten dahin, die Wangen roth, die Haare blond, die Augen blau; ſo unge⸗ mein gutmüthig und freundlich in die Welt ſchauend. Und 61 kleidete ſie der kurze, kaum über das Knie fallende falten⸗ reiche Rock von Tuch oder Barchent, das knappe Mieder, die blendend weißen Hemdärmel und vor allen die dicken Zöpfe, die mit Bändern durchflochten, bis zum halben Fuß herabhingen— nicht trefflich?— Es waren überdies die erſten freundlichen Zeichen, daß er in dem ſchönen Württemberg, dem Garten Deutſchlands eingezogen ſei. Er freute ſich unendlich der vriginellen Ge⸗ ſtalten, und wenn ihm ein Bauer mit ſeinen kurzen Hoſen von gelbem Leder, ſeinem leinenen langen Rock, dem drei⸗ ſpitzigen Filzhute— unter dem ein ehrliches Geſicht her⸗ vorſchaute— ſeinen weißen Strümpfen und dauerhaften Schuhen mit Schnallen entgegenkam; ſo ſah er darin ganz das Bild dieſes biederen, derben und einfachen Volksſtam⸗ mes, der ſo breit, aber auch wieder ſo gemüthlich als ſeine Sprache iſt. Daß dies indeß von dem Volke und nicht von den ehe⸗ maligen Reichsſtädtern gilt, ſollte er ſchon zu Heilbronn erfahren. Fand er doch in dieſem kleinen aber gewerbſamen Städtchen, unter den reicheren Kaufleuten mitunter ſo aufge⸗ blaſene Menſchen, als er nur je geſehen. Sie kamen ihm wie Ruinen einer längſt verſchwundenen Zeit vor, die, wenn auch friſch übertüncht und mit manchem neuen Anbaue verziert, dennoch eckig und ſteif in die Welt blicken, und— ſind ſie auch jetzt zu ehrbaren Wohnhäuſern umgemodelt— doch immer noch für die alten hochadligen Burgen gelten wollen. Sie können eben nicht vergeſſen dieſe Reichsſtädter, daß ſie einſt ſelbſt kleine Tyrannen waren, und als wohl⸗ löbliche Magiſtratsperſonen zu gebieten hatten. Die Geſchichte ihres Städtchens iſt ihnen die Welt⸗ 62 geſchichte, und dem Heilbronner dünkt ſeine St. Kilianskirche, das Haus, in dem einſt Götz von Berlichingen gefangen ſaß, und vor Allem das Rathhaus mit der kunſtvollen Uhr— bei weitem merkwürdiger— als Egyptens Pyramiden oder die Trümmer Roms. Komme keiner den Heilbronnern auf ihre Dampfſchifflein zu ſprechen, denn das iſt ihre ſchwache Seite, und gegen daſſelbe ſinkt Englands Marine zu einer Null. Dieſer Dünkel, in Paris und London an ſeinem Platz, läßt aber bei dem Heilbronner(die Reutlinger nicht zu vergeſſen) unendlich komiſch; da ja bekannterweiſe Lächer⸗ liches auf den Gegenſätzen beruht. Alle dieſe Erfahrungen machte Zacharias in den zwei— Tagen, welche er ſich in Heilbronn aufhielt, außerhalb und in dem Wirthshauſe. In letzterem, dem ſonſt guten und reinlichen„goldenen Falken“ trat ihm ſogar dies kleinſtädtiſche Weſen einmal recht ſcharf entgegen. Als er nämlich den einen Abend von einem Spaziergang nach dem Jägerhauſe zurückkam und zu Nacht ſpeiſen wollte, ſetzte er ſich an den einzig beleuchteten Tiſch des Wirthszimmers, an welchem noch vier Herren ſaßen. Er hatte dieſe, die eben laut ſchreiend politiſirt und gekannengieſert, artig be⸗ grüßt— wie entſetzte er ſich aber, als ihr Geſpräch plötz⸗ lich verſtummte und ihn mörderiſche Blicke trafen. Zacharias ſann hin und her, was er den hochedeln Herren Philiſtern denn wohl angethan— ſiehe! da kam zitternd der Wirth und ſagte ihm leiſe in's Ohr; er möge ſich doch um Got⸗ tes willen an einen andern Tiſch ſetzen, an dieſem pflegten. nur Heilbronner zu ſitzen., Ein Anderer würde dem Wirthe laut geantwortet haben: Es ſei dies ein öffentliches Wirthszimmer, er könne ſich alſo — 63 hinſetzen, wohin er wolle; zumal an dieſen Tiſch, der einzig beleuchtet, und wenn den Herren ſeine Geſellſchaft nicht gefallen ſollte, ſo möchten ſie ſich eine andere ſuchen! — aber Hartmann war zu beſcheiden hiefür; er warf den Spießbürgern einen verachtenden Blick zu, und mußte nun, wie eine Paria, in der Ecke des Zimmers einſam zu Nacht ſpeiſen*). Was ihm den Aufenthalt in Heilbronn einzig erträg⸗ lich machte, waven die Geſchäfte, mit welchen er vollkommen zufrieden ſein konnte; dazu blühte ihm eine neue Hoffnung, er empfing nämlich mit der Poſt ein großes Paket von ſeinem Hauſe nebſt nachſtehenden Zeilen: „Im Beſitz Ihrer Zuſchrift vom 15ten dieſes, ſehen wir mit großem Bedauern, daß Sie in Heidelberg nichts machen konnten. Wir ſchreiben es Ihrer Neuheit im Reiſen zu, müſſen Sie aber bitten, ſich in Zukunft mehr Mühe zu geben. Beifolgend ein Paket Kattun⸗Muſter von einer Partie, die wir als Deckung zu übernehmen uns genöthigt ſahen. Sie finden angebogen die Preiſe, und wollen ſich von Stutt⸗ gart aus nach Ehningen auf den Con greß begeben, um dorten die Waare an den Mann zu bringen. Behalten Sie Schellack im Auge. Kleeſamen iſt hier flau und brennt uns die bewußte Partie auf den Fingern. Ergebenſt Dahlmann, Dunkert, Duppenborf, Compagnieu. Conſorten. P. S. Sein Sie ſparſam. Was über die beſtimmten Speſen, geht aus Ihrem Sack. Duppendorf. * Thatſache. Aergerte ſich Zacharias auch über den Anfang und das Ende des Briefes, ſo freute ihn doch die Mitte. Er ſollte den Ehninger Congreß beſuchen, von dem er ſchon ſo viel Herrliches und Sonderbares gehört, und wahrlich die Adreſſen, welche für dort beigelegt waren, ſteigerten ſeine Erwartungen, denn Firmen wie: Johs. Rall, Müller⸗Hannes. Jach. Rall, Putzjägerle. Phil. Bäcker, Bäcker Friedrichs. Jäger, Knäuble⸗Johannes. . Sauter, Hansjürgen und Andere, gab es wohl außer Ehningen nicht mehr. Und dann trafen ſich dort, wie man ſagte, die Reiſenden zu Hunderten. Was für ein Leben mußte dies ſein?!— Der junge Hartmann verließ daher freudig und hoff⸗ nungsreich Heilbronn und ſeine Luſt ſteigerte ſich noch, als er deſſen Thore hinter ſich hatte. Ludwigsburg, die große Kaſerne, war bald erreicht, und in anderthalb Stunden ſah er Stuttgart vor ſich liegen. Die Anſicht der ſchönen Stadt freute ihn ſchon, weil er dabei denken durfte, in ihr demjenigen Könige zu vegegnen, den er,— obgleich ein Freiſtädter und mithin ein halber Republikaner— vor allen anderen Monarchen hochſchätzte, da er— und dieſen unverwelklichen Lorbeer kann ihm Niemand rauben— der Vater ſeines Volkes ſtets war und iſt. Hartmann kehrte in Stuttgart— gewitzigt durch Hei⸗ delberg und Darmſtadt— im„König von England“ ein. Da er es vermeiden wollte, viel mit Geſchäftsreiſenden zuſammen zu kommen, deren Hauptabſteigquartiere, wie er —.——— erfahren,„Hotel Marquardt,“ vorzugsweiſe aber der „Adler“ ſeien. Er hatte auch ſogleich Urſache zufrieden zu ſein, in⸗ dem der artige Wirth ihm ein hübſches und freundliches Zimmer anwies, deſſen Fenſter auf der einen Seite nach dem alten— in romantiſchem Style erbauten— Schloſſe, auf der andern nach der ſchönen Stiftskirche gingen. Die Statue Schillers zierte den freundlichen Platz vor dem Hauſe. Diesmal machte ſich Zacharias ſogleich an die Erfüllung ſeiner Pflichten, und fand zu ſeiner Freude in den dortigen Geſchäftsmännern gebildete und artige Leute, die, bei all' ihren Mitteln, ohne Stolz und lächerlichen Hochmuth waren; ja, recht im Gegenſatze mit den ehemaligen Reichs⸗ ſtädtern, den Hauptzug des ſchwäbiſchen Charakters: Bieder⸗ keit und Gutmüthigkeit herauskehrten, dabei aber nicht minder geſchickte Kaufleute waren. Erfüllte Pflicht erzeugt in allen Verhältniſſen des Lebens innere Zufriedenheit; krönt aber auch unſere An⸗ ſtrengungen das Glück, ſo ſteigert ſich dieſe noch zur ſchön⸗ ſten Freudigkeit. Dies fühlte heute auch der junge Hart⸗ mann, ſo wie: daß die Seelenſtimmung eines ordentlichen Geſchäftsreiſenden ſtets davon abhänge: ob er gute oder ſchlechte Geſchäfte gemacht. Die ſeine war für den Augen⸗ blick die heiterſte, und ſo liefen denn auch die beiden lang verſprochenen Briefe an ſeine Mutter und Clariſſe glücklich Hatte er den erſten Abend das Theater beſucht, ſo be⸗ ſtimmte er ſich den zweiten für einen Spaziergang die Steige hinan nach Deg erloch, von welchem Wege aus er ſich Commis Vohageur. 5 66 einer reizenden Ausſicht erfreute. Wie wunderlieblich brei⸗ tete ſich die Reſidenz mit ihren Kirchen, Kaſernen und Schlöſſern in dem Thalkeſſel aus, von allen Seiten mit von Weinreben bepflanzten Bergen umragt; wie ſchön und künſt⸗ lich, wie rein und nett gebaut, fand er ſelbſt die rieſige Steige, die ſich wie eine Schlange den Berg hinanwindet. Lange ſtand er ſo im Anſchauen verloren, als ihn plötzlich ein derber Schlag auf die Schulter aus ſeinem Entzücken weckte. Er blickte erſchrocken um und ſah in das offene Geſicht Spreitzers. „No Du neugebackener Vouyager“— rief ihm dieſer lachend entgegen—„ich gläb gar, Du ſchwärmſt widder? — Wann Du net verliebt biſt, bin ich des Deiwels neu un neuzigmal!“ Zacharias erröthete, wich aber der Antwort dadurch aus, daß er Spreitzer vorwarf, Heidelberg ohne Abſchied von ihm zu nehmen, verlaſſen zu haben. Spreitzer ſah bei dieſen Worten den jungen Hartmann verwundert an, und ſagte, indem er ſich in Mienen und Ton das Anſehen eines Mannes von Welt gab, der zu einem Neulinge ſpricht: „Mer ſieht, daß de erſcht acht Tag unner Wegs biſt. Mir Räſende von Fach ſinn iwer ſolche Lapalie enaus. Guck, Kerlche!— wann mer ſich im Johr hunnertmol ſieht, un bald hie bald do trifft, do hätt mer viel ze duhn, wann mer immer erſcht en rihrende Abſchied nemme wollt.“ Zacharias gab dem erfahrenen Freunde hierin Recht und fand etwas Grofartiges in dieſem collegialiſchen und zwangsloſen Weſen jener Männer, für welche— wie er 4 ſich ausdrückte— ganz Deutſchland quasi nur ein Garten 67 ſei,— indem ſie ſich bald in dieſer, bald in jener Allee, bald an dieſem, hald an jenem Ruheplätzchen träfen. Spreitzer erzählte ſeinem Freund, indem ſie Degerloch zu gingen, viel von ſeinen Reiſen, und wie angenehm es ſei, ſo überall bekannt zu ſein und allerwege Bekannte zu treffen. „Da warſt Du gewiß auch ſchon öfter in München?“ frug Hartmann. 8 „Mehr wie tauſendmol!“ entgegnete Spreitzer. „Und Du biſt auch dorten recht bekannt? Ich frage, weil ich von Ehningen aus über Ulm und Augsburg da⸗ hin gehen werde, und mich unendlich darauf freue.“ „Münche kenn ich wie mein Hoſeſack!“ rief Spreitzer, „wann ich dort bin, krie ich allemol das Fiewer— des häſt:— ich ſchreib meine Prinzipals— ich wär krank, um länger dort bleiwe ze könne.“ „So haſt Du Glücklicher auch ſchon die Glypothek geſehen?“ „Was mähnſt de?“— frug Jener—„Glyppethek? was is deß vor e Ding?“ Zacharias ſah Spreitzer groß an:„Nun die Glypo⸗ thek?— das herrliche Gebäude, welches die ſchönſten Werke der Bildhauerkunſt in ſich ſchließt!“ „Nä!“ entgegnete Spreitzer kopfſchüttelnd,„deß Ding kenn ich net.“ „Aber doch gewiß die weltberühmte Pinakothek2“ „Gott verdamm' mich! redd mer kän Latein— Glyppethek und Pinakthek,— was deß vor voßige Neme ſinn!“ „Nun ich meine die große Gemäldegallerie.“ 5* 68 „A was! Bilder intreſſire mich nor“— ſagte Spreitzer unwillig—„wann Säuerei druff ſinn.“ „Je, mein Gott! das iſt ja nicht möglich?— rief Zacha⸗ rias blieb ſtarr vor Staunen ſtehen,—„Du ſollteſt ſchon ſo oft in München geweſen ſein, ohne die Werke der Kunſt, die ſich dort häufen, geſehen zu haben? Warſt Du denn auch nicht bei Schwanthaler Stiegelmeier. 6 „Ich mögt' wiſſe vor was de ſo kreiſcht!“— entgeg⸗ nete Spreitzer.—„S'is wohr, ſtis e Schann, daß ich deß Zeug net ag e mol beguckt hab, wie ſo viele annere Eſel, die net mer dervon verſtehn wie ich, awer wan ſes geſehe hawe, die Welt voll kreiſche.“ „Aber, ich bitte Dich, wo bringſt Du denn ſonſt die Zeit in München hin?“ „Deß will ich der ſoge“— lachte Spreitzer und ſeine Augenfunkelten:—„In de Bier⸗und in de H— häuſer, un— Kerlche!— guck!— da haw ich mehr als ze viel ze duhn!“ Zu Ehren unſeres Helden Zacharias ſei es geſagt, daß ihn die letzten Worte ſeines Landsmannes, ſowie überhaupt deſſen Rohheit, tief verletzten. Hartmann war kein Heiliger, dies wiſſen wir,— auch hielt er eine gewiſſe Doſis Leicht⸗ ſinn und frohen Lebensgenuß für keine Sünde; unbegreiflich aber blieb es ihm, wie man ſo gemein ſein, und noch dabei ſo gar keinen Sinn für das Schöne und Edle im Leben haben könne. Schon die Sprache ſeines Landsmannes ärgerte ihn, und er konnte ſich nicht enthalten, dieſen zu fragen, warum er denn eigentlich ſo frankfurteriſch— oder beſſer zu ſagen: ſachſenhäuſeriſch rede, da man ja längſt in Frankfurt dieſen plumpen Dialekt faſt ganz abgelegt. „Deß will ich der ſage!“— entgegnete, ohne verletzt — 69 zu ſein, Spreitzer:„Weil ich alle Ziererei net leide kann. Ich ſchwätz äwe, wie mer der Schnawel gewachſe is. Guck! und deß verſichr' ich Dich, all' meine Kunne hawe mich gern, weil ich von der Lewer eweck redd und immer kreuzfidel bin.“ In dieſem Augenblick ging eine hübſche Bauerndirne an ihnen vorüber. Spreitzer hatte ſie kaum erſchaut, als er den Arm um ſie ſchlang und rief: „Gott verdamm' mich, Madle, nemm mich mit! de biſt e Staatskind!“ „Jo! au voll!“— rief die Schwäbin mit dem ganzen Geſicht lachend.„Gang mer a wegg, i kan ei net brauche!“ „Der Deiwel ſoll mich mit lewendigem Leib hole“— rief Spreitzer—„wann ich Dich widder loslaß.“ „Jetzt gi nu Acht!“— entgegnete die Schwäbin— „ganget mer a wegg, die Leut klotze a.“ Mit dieſen Worten machte ſich die Dirne lachend los und Spreitzer gab, da ſie dicht vor Degerloch ſtanden, nach, indem er frug: „No, Du lieb Oeſi, wo wohnſt de dann?“ J bi*s Sonnewieths Mädle,“ rief Jene freundlich und ſchritt wacker davon. „E Blitzkerl“— ſchmunzelte Spreitzer,—„Freund, komm, der Sonnewärd hat e trefflich Stoffche!“ „Ehrlich geſprochen“— ſagte der junge Hartmann— „wundert es mich, daß Du jo gut bei Deiner Keckheit da⸗ vongekommen; ich fürchtete alle Augenblicke, die handfeſte Dirne würde Dir eins auf's Ohr geben!“ „Oho!“— lachte Spreitzer—„do kennſt Du die Wei⸗ wer ſchlecht. Je unverſchämter mer is, deſtv beſſer. Du werſchts mit Deiner Jvſephsnatur nie weit bringe.“ 70 Sie waren bereits am Gaſthof zur Sonne angelangt. Es war ein freundliches Bauernhaus. In der Wirthsſtube ſtanden mehrere grob gearbeitete, aber reinliche Tiſche und Bänke, außerdem war ſie voll— nicht von Gäſten, denn außer den zwei Ankömmlingen befanden ſich keine andere mehr darin— ſondern von Fliegen. „E Schoppe Sechſer!“ rief Spreitzer, und die alte Wirthin ſetzte ihnen einen guten Neckarwein in weißer Flaſche mit weitem achteckigen Halſe, friſch gefüllt und ohne Kork vor. Sie hatte dies eben gethan, als ſich die Thüre öffnete und der Wirth— kenntlich an ſeiner derben, breiten Geſtalt, dem dicken Bauche und dem weingrünen Geſichte— eintrat, die brennende Pfeife im Munde und die Mütze, die er bei Anſicht der Fremden nur wenig rückte, auf dem Haupte. „Woher komſcht?“— ſchrie ihn mit gellender Stimme die Wirthin an.—„Wurſcht wider im Wiethshäusle gwea ſein?— ₰ ſiehs deim rautha Kopf an. Siehſcht jo aus wie e Brenndle!“ „Deesmol hätſchs verrothe, Woib!“ entgegnete mit elaſ⸗ ſiſcher Ruhe der dicke Wirth—„der Vetter Batſchler vo Vai⸗ hinge iſch hie gwea und hoatt a paar Butelle Wein zahlt.“ „Jo, wurd ſchö zahlt han“— kreiſchte die Alte.— „Kenn's ſchun— wenn Du's ällemval zahlſt, no ſaiſt, ander Leut häbes zahlt. Gang mer a wegg, dei Sach iſt nunz.“ „Jo, wenn i's aber ſagg!“ entgegnete der Wirth. „J woaß et“— rief das Weib—„ich hob ſchon lang z'vil nochgea— ſonſt biſt viel bräfer 3½ Was wern d'Leut ſagga, dei Sach iſt nunz.“ 2 „Woib!“ entgegnete gelaſſen der Wirth znd ging 4 ——— 71 wieder hinaus.—„Meithalb könnet d'Leut ſagge was ſe wellt.“ Unglücklicherweiſe trat hier das ſchöne Schwabenmäd⸗ chen, welchem die beiden Frankfurter unterwegs begegnet, aus der Seitenkammer, und lief ſo der zankenden Mutter, einen angefangenen Strickſtrumpf in der Hand, gerade in die Arme. „Nu Mädle!“— ſchrie die Alte immer in gleich gel⸗ lendem Tone:—„mach au, ſtrick au tapfer!“ „Jo! entgegnete dieſe—„ſtrick jo!“ „Muſcht net ſo lahm ſein, fauls Menſch!“ ermahnte die Mutter,„muſcht no's Vieh fuatera!“ „Il au voll! entgegnete die Tochter und ſetzte ſich ſchmollend in einen Winkel. Zum Glück für ſie traten in dieſem Augenblick neue Gäſte ein und die Alte ſah ſich genöthigt, den Zank auf⸗ zugeben. Spreitzer wechſelte unterdeſſen verſtohlene Blicke mit dem Mädchen, und als dies bald darauf, um der ſich meh⸗ renden Gäſte willen, in den Keller mußte, verſchwand auch dieſer von Zacharias' Seite. Hartmann unterhielt ſich unterdeſſen ſehr gut; er beob⸗ achtete die Sitten der gemüthlichen Leute und freute ſich, als ſich der Wirth— immer die Pfeife im Munde und die Mütze auf dem Haupte— ohne Complimente zu ihm ſetzte und mit ihm von Dieſem und Jenem, von ſeinem Vieh und der Landwirthſchaft, und von Gott und der Welt zu discuriren begann. Nach einer halben Stunde fand ſich auch Spreitzer wie⸗ der ein. Er war ſehr erhitzt und namentlich glühten ihm die 72 linke Wange und das linke Ohr,— auf der Wange waren ſogar fünf Tupfen, wie von den Fingern einer Hand, in dunkelm Roth abgedrückt. Er eilte, nach Stuttgart zurück zu kommen, und wirklich war es auch ſchon ſpät; denn die Dämmerung brach allmählig herein. Da übrigens Spreitzer üblen Humors war, ſo blieb das Geſpräch einſilbig. Glück⸗ licherweiſe entſchädigten die verſchiedenen Ausſichten auf die friedlich im Thalkeſſel liegende Stadt, die nachgerade einen Schleier von Rauch über ſich zog, Zacharias reichlich. Sein Herz öffnete ſich und wurde weicher und empfänglicher, und er beneidete die liebenden Pärchen, die Arm in Arm langſam dahinſchritten, und in dem Austauſch ihrer Gedan⸗ ken und Gefühle Alles doppelt genoſſen: den himmliſchen Abend, und die Natur— und die Seligkeit ihrer eigenen Liebe. Am Thore trennten ſich die beiden Frankfurter, indem Spreitzer noch in die Actienbierbrauerei ging; während Zacharias ſich nach Hauſe wandte. Den nächſten Weg verſchmähend, ſchlenderte er behag⸗ lich durch die Straßen, als plötzlich über ihm ein„Ach!“ ertönte und ein Buch dicht vor ihm niederfiel. Unwillkürlich ſchaute er auf, und ſah den Kopf eines artigen Mädchens aus einem Fenſter des dritten Stockwerks herausſchauen. Natürlich hob er das Buch auf, es ſeiner Herrin zu bringen, die, wie er erwartete, ihm halbwegs entgegenkommen würde; aber er mußte die drei ſchlechten und dunkeln Trep⸗ pen hinaufſteigen und erſt hier empfing ihn das Mädchen, in⸗ dem es bei ſeinem Annähern die Thüre ihres Zimmers öffnete, und ihn freundlich begrüßend und dankend, ihm entgegentrat. Sie war keine ausgezeichnete Schönheit; aber in ihren Zügen und in ihrem Benehmen lag etwas ungemein Lie⸗ 73 benswürdiges. Feiner und artiger als er es erwartet, ent⸗ ſchuldigte ſich das nette Kind über ſeine Unachtſamkeit, und bat ihn, ihr zu vergeben, daß ſie ihm nicht entgegengekom⸗ menz aber da ſie den Abend zu Hauſe zugebracht, ſo ſei ſie eben ſchon im Negligée. Es war reizend genug, dies Negligée; denn es beſtand aus einem ganz einfachen Hausüberröckchen, was ihr überaus gut ſtand, und die vollen Körperformen an ihren weichen und ſchönen Conturen leicht errathen ließ. Den hübſchen Hals bedeckte dabei ein ſeidenes Halstuch nur ſparſam; während ſich die kleinen Füßchen in den ſchneeweißen Strüm⸗ pfen und geſtickten Pantöffelchen allerliebſt ausnahmen. Dies Alles harmonirte aber ſo ſchön, und das etwas blaſſe Ge⸗ ſichtchen des Mädchens ſchaute ſo freundlich drein, daß ſich Zacharias von einem je ne sais quoi ſo angezogen fühlte, daß er der beſcheidenen Bitte: ſich doch einen Augenblick niederzulaſſen, nicht widerſtehen konnte. „Sie ſind keine Stuttgarterin?“— ſagte er im Laufe des Geſpräches, welches beim Wetter begonnen und dann auf's Theater gekommen war, in welch' letzter Sphäre die Kleine ſehr zu Hauſe ſchien. „Nein“ entgegnete ſie—„ich bin aus der fran⸗ zöſiſchen Schweiz, kam als Gouvernante hieher, und ging ſpäter zum Theater über.“ Dieſe Worte erklärten Zacharias Alles, und ſonderbar — von dieſer Minute an ward er freier und kühner. Auch das Geſpräch belebte ſich mehr, und er mußte dabei die vielſeitigen Kenntniſſe— oder beſſer geſagt— die außerordent⸗ liche Beleſenheit des Mädchens bewundern. Mehr entzückte ihn faſt noch die Naivetät und die zauberhafte Heiterkeit 74 deſſelben, während es, von aller und jeder Unziemlichkeit fern, immer traulicher und geſprächiger wurde. Zacharias fühlte ſich unendlich behaglich. Das kleine, freundliche Stübchen, welches ein reinliches Bett, blendend weiße— wenn auch ganz einfache— Vorhänge, der mit einem Kranze friſcher Blumen gezierte Spiegel, und die mit Taſſen geſchmückte Kommode— noch heimlicher machten, ſchien ihm ein Paradies. Und wie traulich ſaß es ſich im Dämmerſcheine auf dem Sopha neben dem lieblichen Weſen in dem netten Hausüberröckchen. Alles rückte dem jungen Manne das Bild einer glücklichen Ehe, einer freundlichen Häuslichkeit näher, und er konnte ſich, von ſolchen Gefühlen beſtürmt, nicht enthalten auszurufen:„Gott! wie ſchön muß es doch ſein, wenn man, durch das Band einer heißen und innigen Liebe vereinigt, ſo in ſeiner kleinen Häuslichkeit neben einem lieben Weibchen ſitzt. Neben einem Weibchen“— fügte er hinzu und ergriff in der Begeiſterung die zarte Hand ſeiner Nachbarin und drückte ſie innig—„neben einem Weib⸗ chen, ſo hold, ſo anſpruchslos und heiter— wie Sie es ſind.“ „Ich fühle etwas Aehnliches“— entgegnete Jene leiſe und ſchlug die Augen beſcheiden nieder, indem ſie mit einem Seufzer hinzufügte:„Wer doch ſo glucklich wäre!“ „Wie?“— entgegnete Zacharias—„ein Engel wie Sie ſollte die Liebe nicht kennen? Sollte ſein Herz nicht verſchenkt, und damit einen Sterblichen überglücklich gemacht haben?“ „Mein Herr“— ſagte Jene—„Sie wiſſen recht gut, daß man in unſeren Zeiten nur reiche Mädchen heirathet, und zu lieben nur um eine Liebſchaft zu haben, erlaubt die Sitte und mein guter Name nicht.“ Das Mädchen ſprach dieſe Worte ſo ernſt und bedeu⸗ ——— 75 tungsvoll, daß Zacharias in Verlegenheit kam, und zu viel geſagt zu haben glaubte, er lenkte daher auf einen andern Weg und ſagte: „Und dennoch habe ich von jeher die Mädchen benei⸗ det; ihre Organiſation iſt mehr zur Freude geſtimmt, ihre Nerven ſind reizbarer, ihre Phantaſie lebendiger, als dies bei uns Männern der Fall iſt. Heiter durchlachen ſie Zeit und Leben, und es liegt zu Tage, daß ſie die Natur zum wohlthätigen Gegengewichte des männlichen Ernſtes, zum verſüßenden Hausmittel beſtimmt hat.“ „Ach!“— entgegnete das Mädchen—„ſo urtheilen die Männer immer, weil wir ihnen unſer Lächeln und nicht unſere Thränen zeigen. Wie manche Nacht weinen wir unſere Kiſſen naß!“ „Bei Gott!“— rief Hartmann und zog die Sprechende ſanft an ſich—„ich hätte keinen heißeren Wunſch, als Ihnen die ſüßen Tropfen dann vom Auge küſſen und Sie tröſten zu dürfen.“ „Nicht unartig!“— bat die Umſchlungene ſanft und machte ſich aus dem Arme Zacharias' los. Dieſer aber gab nur wenig nach und ſagte:„Das Schöne, Sanfte und Liebliche iſt der zauberiſche Schmuck des weiblichen Geſchlechts; und wie unſer körperliches Auge gern auf dem Schmelze des Frühlings ruht, ſo entzücken jene Seeleneigenſchaften unſern geiſtigen Blick. Auf uns Män⸗ nern ruht die Laſt des bürgerlichen Lebens, daher findet man einen ernſten und finſtern Mann nicht auffallend; aber wie ſchrecklich iſt eine finſtere, ernſte Frau!“ „Ungerechtigkeit Dein Name iſt Mann!“— rief das Mädchen und drohte lächelnd mit dem Finger.—„Glauben Sie denn, unſere häuslichen Sorgen, die Sorge für un⸗ ſere— hundertmal mehr gefährdete— Exriſtenz wären nichts? Nein— wir ſollen nur immer lachen, damit der Herr der Schöpfung ja kein unfreundliches Geſicht erblickt. Wahrlich, wenn man manchmal wüßte, in welchen Lagen wir uns befänden, man würde milder über uns urtheilen. Daß wir gerne lachen und tändeln, mein Gott! das liegt in unſerer Natur. Wir ſind weniger auf das Ernſte an⸗ gewieſen, fangen mit Puppen an, wenn der Knabe ſchon nach Waffen ſucht,— ſpielen dann mit Katzen oder Vö⸗ geln; ſpäter mit Männern und zuletzt— mit der Re⸗ ligion.“ Sie war unter dem Sprechen aus einem ernſten in einen wehmüthigen, aber auch eben ſo ſchnell wieder in einen heiteren Ton übergegangen; eine Eigenſchaft, die den Weibern geläufiger iſt als uns Männern. Haben ſie doch Lachen und Weinen in einem Sack! Zacharias pries hierauf dieſen leichten Sinn des Mäd⸗ chens und ihr reiches Gemüthsleben; kam von Einem auf das Andere, von der Allgemeinheit auf ſeine neue Freun⸗ din, und war ſo eifrig und feurig in ihrem Lobe, zog ſie ſo zärtlich an ſich, daß ſie endlich zitternd nachgab, ja den liebenswürdigen Redner mit einem flammenden Kuſſe lohnte. Daß es unterdeſſen faſt Nacht geworden, hatte Keines von Beiden bemerkt, auch fand ſich hierzu faſt keine Zeit; denn Zacharias zog die Kleine auf ſeinen Schooß, und unter Küſſen und Scherzen verſchwand den Glücklichen Zeit und Raum. Aber ſo iſt der Menſch, hat er den Apfel, will er den Baum. Auch der junge Reiſende fing an, mehr als Küſſe zu verlangen, er flehte das himmliſche Mädchen S an, ihn heute den Traum: als ſei er ein glücklicher Ehe⸗ mann— bei ihr austräumen zu laſſen. Aber jene wei⸗ gerte ſich beharrlich, betheuerte, daß ſie ihren guten Namen bis jetzt unbefleckt erhalten, bereute, in ihrer Neigung zu ihm ſchon ſo weit nachgegeben zu haben, daß Zacharias eine ſolche Bitte habe wagen können, und ſchalt auf die Schwäche des weiblichen Herzens. „Schwäche?“— entgegnete der junge Hartmann, die ſchöne Hand an ſein Herz drückend— gerade dieſe ſüße Schwäche iſt ja die Stärke des weiblichen Geſchlechts; ſeine Hingabe iſt auch ſein Sieg. Und wenn das Weib vom Himmel ſtammt, ſo dankt es Eva dies göttliche Vorrecht. Ich war nie ſeliger als heute, ſtoßen Sie mich nicht aus dieſem Paradies, laſſen Sie mich hier, und gönnen Sie mir das höchſte Glück, das mir je blühen kann.“ Zacharias war mit dieſen Worten zu des Mädchens Füßen geſunken, umſchlang ihre Kniee und drückte Herz* und Kopf gegen den ſüßen Leib der Angebeteten. Sie zitterte wie Espenlaub und ſtotterte:„Und wenn es nun Jemand erfahren würde?“ „Wer ſollte!“— rief Zacharias entzückt—„Ich bin ja doch einmal bei Ihnen; mein Weggehen würde um dieſe nächtliche Stunde viel mehr auffallen, als wenn ich das Haus morgen am hellen Tage verlaſſe.“ „Ach, Sie wiſſen nicht“— ſtotterte das Mädchen wei⸗ er ich hab „Einen Liebhaber?“— rief Zacharias ironiſch. „Nein!“ entgegnete jene—„aber einen Vetter— er iſt Lieutenant bei der reitenden Artillerie— wenn der es erführe— ach, Sie glauben nicht, wie hitzig der Menſch & F iſt— wenn er Sie hier träfe— er würde Sie zu Stücken hauen!“ „Nun, Ihr Vetter wird Sie doch nicht in der Nacht beſuchen?“ „Nein“— lispelte das Mädchen—„auch iſt er heute im Dienſt.“ „Alſo ich bleibe.“ „O Gott! was thu' ich!“— ſchluchzte die Schöne und barg mit beiden Händchen ihr Geſicht. Zacharias aber ſprang auf und umarmte ſie unter lei⸗ denſchaftlichen Küſſen. Nachdem er darauf ſein Weibchen (in der Phantaſie) noch völlig getröſtet, frug er jetzt mit dem vertraulichen„Du“, ob es ſchon zu Nacht geſpeist. Auf die Verneinung dieſer Frage verſicherte er, daß er be⸗ eutenden Hunger habe, und gab ihr einen Dukaten mit der Bitte: doch ein kleines Nachteſſen und eine Flaſche hampagner holen zu laſſen. Jeanette ging, kehrte gleich darauf wieder, und nach wenigen Minuten brachte eine alte, etwas trüb ausſehende Magd das Verlangte und deckte freundlich lächelnd das Tiſchchen. Jeanette, die Zacharias jetzt nur ſein Weibchen nannte, hatte es ſich unterdeſſen auf Hartmann's Bitten bequem gemacht, d. h. das Hauskleid aus und ein Nachtjäckchen angezogen. Aber wie entzückend ſchön ſtand ſie nun vor ihm, im blendendweißen Unterröckchen und gleichfarbigen Jäckhchen! Er war ganz außer ſich— dieſe Küſſe— und der Champagner!— Er war auch eben im Begriff, die Flaſche zu öffnen, als die Hausthüre ſo heftig aufgeriſſen wurde, daß die da⸗ ran befeſtigte Schelle einen Höllenlärm machte. — 79 „Jeſus Maria!“— ſchrie bei dieſem Schall das Mäd⸗ chen und ſprang todtenbleich empor—„das iſt Karl! um Gotteswillen fort mit Ihnen, fort mit dem Eſſe „Was!“— entgegnete ſtarr vor Schreck und Staunen Zacharias—„Wer?“ „Der Lieutenant!“— rief Jene—„mein Bruder— mein Vetter wollt' ich ſagen. Wenn Ihnen ihr Leben lieb iſt, in dieſe Kammer. Schnell, ſchnell— ſie iſt zwar klein — aber— und werfen Sie nichts um— damit Sie ſich nicht verrathen— hier den Hut, den Stock— um Gottes⸗ willen beeilen Sie ſich!“ Mit dieſen Worten ſchob ſie den Ueberraſchten in eine enge, dunkle Kammer, in welcher er zwiſchen Körben, Kleidern, Töpfen und Cartons, ſchwarzer Wäſche und Holz kaum mehr Platz hätte. Aber es war auch die höchſte Zeit, denn ſchon klirrte der Säbel des fürchterlichen Bruder⸗ oder Vetter⸗Lieutenants auf den Stufen der Treppe. Mit un⸗ glaublicher Schnelle und Geiſtesgegenwart ſchloß Jeanette alsdann die Kammer ab, ſteckte den Schlüſſel in ihr Bett, kugelte die Champagnerflaſche unter daſſelbe, packte das ganze Eſſen mit dem Tiſchtuche zuſammen, daß es einen ächt engliſchen Miſchmaſch von Braten und Obſt, Salat und Saugen gab, und barg Tuch und Inhalt in einer— ſonſt unglücklicher- jetzt glücklicherweiſe— leeren Komod⸗ ſchublade. Alles dies geſchah mit Blitzesſchnelle, und ſie hatte gerade noch Zeit, ſich auf das Sopha zu werfen, als die Thüre aufging und der Lieute t fluchend hereinſtürzte. Es war ein kleiner Mann mit einem martialiſchen Schnurrbart und einer ſchlanken Taille. Wenn er Abends 80⁰ nicht zu Nacht aß, was aus Gründen oft geſchah, behauptete er: er thue es der Taille wegen. Heute aber ſchien er gut geſpeist und noch beſſer getrunken zu haben; denn ſein Geſicht glühte, ſein Tſchako ſaß auf einem Ohr, und ſeine breiten Züge ſprachen einen tollkühnen Muth— wahrer geſagt— eine bedeutende Unverſchämtheit aus. „Bomben und Granaden!“— ſchrie er, zur Thüre herein polternd—„der Teufel hol' die drei Treppen. Wenn man, wie ich heute, in dreißig Minuten nach Lud⸗ wigsburg hin und hierher zurückgeritten iſt, und dabei ſeine fünf Flaſchen Champagner getrunken hat, werden einem die verdammten Treppen ſauer. Nun“— fuhr er fort, warf Handſchuhe und Tſchako auf den Tiſch und ſchnallte den mächtigen Pallaſch ab—„Was iſt Dir, Du biſt ja heute wie Eis? Höre Kind,'s war'ne prächtige Partie. Graf Käther und die Fürſten Stillinghauſen und Schnudi waren mit. Das ſind Dir ein paar prächtige Kerls. Wir haben Kameradſchaft getrunken, und Du— daß Du's nur weißt— an der Fürſtin Stillinghauſen haſt Du eine ge⸗ fährliche Nebenbuhlerin. Ich ſage Dir!— wenn ich nur wollte!— Aber Bomben und Granaden!— wie Teufel riecht's denn hier?— nach Braten oder Cottelet?— haſt Du mir ſo etwas duh geſtellt?“ „Ich glaube Du träumſt!“ entgegnete in tödtlicher Verlegenheit Jeanette, denn ſie gewahrte, daß Zacharias den Vorhang, welcher das Glasfenſter der Kammerthüre deckte, etwas zurückſchob und mit einem Auge hereinſchaute.„Ich weiß überhaupt nicht, wie Du mir vorkommſt, gegen alle Schicklichkeit noch ſpät 3 zu kommen?“ Der Lieutenant ſchaute groß auf.„Was?“— rief er 81 lachend—„entweder biſt Du oder ich voll ſüßen Weins. Schicklichkeit?— Spät kommen!— man ſollte meinen, es wäre das Erſtemal. Vomben und Granaden! ich bleibe die Nacht hier! „Warum nicht gar? ſiehſt Du nicht, daß ich unwohl bin?“— ſagte immer mehr erblaſſend die Kleine. „Ich will Dich kuriren, mein Schatz, wie ſchon oft geſchehen“— tröſtete der junge Offizier.—„Aber ſag' mir nur, was ſo verdammt nach Braten riecht? Man be⸗ kommt ja wahrhaftig Luſt.... „Karl! Du biſt betrunken!“— zürnte Jeanette,„ich verbitte mir alle unnützen Bemerkungen, und will ein für allemal, daß Du auf der Stelle gehſt und mich allein läßt, denn mein Kopf zerſpringt mir bald vor Schmerz.“ „Laß die dummen Launen“— entgegnete Jener ge⸗ reizt.—„Ich bin Offizier, habe heute mit Fürſten Kame⸗ radſchaft getrunken, und leide daher keinen Widerſpruch. Komm her und zieh' Dich aus. Ich bin müde, wir wollen zu Bette gehen.“ Ueber Jeanettens Geſicht lief jetzt ein brennendes Roth. Das Sopha däuchte ihr ein Lager glühender Kohlen, die Luft dick zum Erſticken. Scham, Zorn und Verlegenheit kämpften wie Furien in ihrer Seele. Sie liebte bisher den Lieutenant und wollte es nicht ganz mit ihm verderben, und doch liehte ſie ſeit dieſem Abend den artigen und feinen Fremden noch mehr. Wenn er hörte— und er mußte es hören— was der Lieutenant ſagte, wenn er daraus auf ihr Verhältniß mit ihm ſchloß, was mußte er von ihr denken, da ſie gegen ihn ſo züchtig gethan?— Und wenn nun gar der Lieutenant auf dem, was er ſein Recht nannte beſtand? Commis Voyhageur. 6 82 Karl machte in der That keine Anſtalten zum Gehen; im Gegentheil er ward, vom Wein ohnehin erhitzt, immer zudringlicher; wogegen Jeanette auf dem Verlangen, er ſolle ſie augenblicklich verlaſſen, beſtund. Dies ewige und ſtandhafte Weigern war dem Lieutenant endlich auffallend, die Eiferſucht ſchlug wie ein Blitz in ſeine Seele, er nahm — ohne ein Wort zu ſagen— das Licht und leuchtete in alle Winkel des Zimmers und endlich auch unter das Bett. Aber hier gewahrte er, ſtatt eines Nebenbuhlers, eine Flaſche Champagner. „Bomben und Granaden!“— ſchrie er erſtaunt und freu⸗ dig auf—„Champagner?— und unter Deinem Bett?“— Aber die Eiferſucht erſtickte die Freude über dieſe Entdeckung, und als er die Flaſche vermittelſt ſeines Säbels hervorge⸗ zogen und, da ſie voll war, vorſichtig auf den Tiſch geſetzt hatte, trat er mit grimmigem Blick vor die Geliebte und frug: „Was hat dies zu bedeuten? Haſt Du mich betrogen, Sirene, ſo ſchwöre ich— bei meinem Adel!— ich haue erſt den Hund in Stücken, der ſich Dir genaht, und dann drehe ich Dir, Verrätherin, den Hals herum!“ Der Lieutenant hatte dies in tiefem fürchterlichen Tone geſagt, indem er die beiden Enden ſeines Schnurrbartes in ſeiner Wuth zu Rattenſchwänzen drehte. Er ſtand vor ihr, wie Marius auf den Trümmern von Carthagv. Aber: „Und wenn's Matthäi am letzten iſt, Trotz Rathen, Thun und Beten, So rettet oft noch Weiberliſt Aus Aengſten und aus Nöthen. Denn Pfoffentrug und Weiberliſt Geht über Alles, wie ihr wißt!“ 83 Auch Jeanette war mit dieſer Waffe wohl bekannt und, ſtatt dem Wüthenden zu antworten, drückte ſie ihr Ge⸗ ſicht in die Kiſſen und fing nun bitterlich zu weinen an. Weiberthränen!— Gott bewahre uns in Gnaden davor!— wer kennt ſie nicht? Bücher könnte man über das ſchreiben, was ſie ſchon vermocht. Auch hier wirkten ſie. Zwar donnerte und fluchte der Lieutenant noch einige Zeit lang fort, als aber das Mädchen unter Schluchzen ausrief: „Undankbarer Menſch— ſo verkennſt Du mich!— Was meine Liebe zu Dir that— ſoll nun zur ſchmachvollen Anſchuldigung gegen mich werden?— O, ich bin das un⸗ glücklichſte Mädchen auf der ganzen Welt,“ da ſtand er verwirrt und frug:„Was haſt Du denn, ſo ſprich doch ver⸗ nünftig!“ Aber die Kleine wollte ſich nicht beruhigen. „Hinweg Du Undankbarer!“— rief ſie unter bitteren Thränen— in Deiner tollen Eiferſucht und Wuth vergißt Du Alles. Bringe mich nur um, dann iſt mir wohl— denn ich bin Dich los.“ „Undankbarer und Undankbarer!“— wiederholte ärger⸗ lich und bewegt zugleich der Liebhaber.—„So rede doch in aller Teufel Namen wer war undankbar? warum bin ich undankbar?“ „Weil Du mich wegen der Flaſche Champagner ſchimpfſt und mißhandelſt,— wegen der Flaſche Champagner, die ich Schluchzen unterbrach hier ihre Rgde „Nun?“— frug immer milder Whienn— „die Du„. „Die ich für mein ſauer verdientes Geld kaufte, um Dich— Undankbarer!— morgen— an Deinem Geburts⸗ tage— damit zu erfreuen.“ 6* 84 „Morgen?— an meinem— Ach Du liebe, gute Seele!“— ſtammelte verlegen der junge Held—„es iſt wahr, morgen iſt mein Geburtstag— und Du hätteſt...“ „Ja— ich wollte Dich damit überraſchen— und barg ſie deßhalb unter dem Bette.“ Jetzt hatte ſich die Scene mit Einemmale ganz umge⸗ kehrt. Der Herr Lieutenant flehte um Vergebung, und Jea⸗ nette ſchmollte. Er ſchwur, bei ſeinem Adel! und unter greulichen Flüchen: nie wieder an ihrer Treue zweifeln zu wollen; und ſie weinte ſich leiſe aus, wie ein Gewitter, das vorübergezogen. Endlich ſagte Karl zärtlich: „Süßes Jeanettchen, ſieh, ich will Dir einen Vor⸗ ſchlag zur Güte machen. Trinken wir Verſöhnung die Flaſche heute.“ Mit dieſen Worten ſprang er auf, und ehe es das Mädchen hintertreiben konnte, knallte ſchon der Kork. Was war zu machen? Beide ließen es ſich wohl ſein; ja als der ungeſtüme Liebhaber noch auf manch' anderen Rechten beſtand, mußte— neuen Ausbrüchen ſeines Zornes vorzubeugen— die Arme nachgeben, damit ihr nur die Hoffnung und das Verſprechen des Lieutenants wurde, ſich, nachdem er die Flaſche geleert, zu entfernen. Karl ſchwamm jetzt in Seligkeit. Die Liebliche auf ſeinem Schvoße, ein Glas voll Champagner in ſeiner Hand — Reize vor ſzinen Augen, um die ihn die Götter benei⸗ det— dies war ſein eigentliches Element. „Held Attila war groß im Feld, 8 Pitt war ein Held im Kabinet, 3 Und Karlchen iſt, wie mancher Held, Ein Alexander in dem— Bett.“ 8 S* Einem Dritten aber war ſchon bei all den wechſelnden Secenen nicht wohl geweſen, da er— wie eine Maus in der Falle ſtack— den Speck vor der Naſe und den Tod vor Augen. Jetzt aber hätte er ſich den Kopf einrennen mögen; denn nicht nur, daß er ſich ſchämte, von einer Griſette be⸗ trogen und angeführt worden zu ſein, nicht nur, daß er einen ſchönen Dakaten dabei eingebüßt, nein, er mußte auch, halb todt vor Hunger und Durſt, zuſehen, wie ſich der vermale⸗ deite Lieutenant ſeinen Champagner— und— ach! noch andere Dinge gutſchmecken ließ, auf die er ſo ſüß gehofft. Zacharias hätte wahnſinnig werden können; der Tar⸗ tarus mit allen ſeinen Qualen wäre ihm weniger ſchrecklich geweſen, als der Zuſtand, in dem er ſich befand. Und dabei war es ſo eng in der Kammer, daß er ſich nicht drehen konnte; denn bei der leiſeſten Bewegung drohte et⸗ was umzufallen und ihn zu verrathen. Und nun immer die beiden Liebenden zu ſehen! Er drückte die Augen zu, aber die Neugierde öffnete ſie wieder. Endlich konnte er es nicht mehr aushalten, er mußte etwas zurücktreten; aber wie er ſich auch nur regte, ſtieß er wider einen Haubenkopf— und das unſelige Papiergeſicht rollte polternd zur Erde. Jeanette ſchrie auf— und der Lieutenant ſtand blaß vor Schrecken. Aber die Beſinnung kehrte ihm bald zurück und mit ihr der Verdacht. „Was war das?“— ſchrie er neuerdings grimmig. „Was wird's geweſen ſein?“— entgegnete Jeanette einer Ohnmacht nahe—„eine Ratte wird etwas umgeworfen haben.“ Eine Ratte!2“— ſpöttelte mit wildem Blick der Artilleriſt.—„Laß mal die Ratte ſehen.“ 86 Aber die Thüre war verſchloſſen. „Wo iſt der Schlüſſell“— herrſchte er dem zittern⸗ den Mädchen zu. Ich habe ihn nicht“— ſtammelte dieſe mit wenig Faſſung—„er iſt verlegt, ich ſuchte ihn ſchon den ganzen Tag.“ „So!“— donnerte Karl—„der Schlüſſel verlegt, hinnen riecht's nach Braten, unter dem Bett finde ich eine Champagnerflaſche, Du zierſt Dich, wie ſonſt nie, und willſt mich fort haben— und in der Kammer machen die Ratten — von denen ich bisher nie etwas gehört— einen Höllen⸗ lärm. Bomben und Granaden! ich ſchwör's bei mei⸗ nem Adel! die Ratte will ich ſeh'n und zu Stücken hauen.“ Mit dieſen Worten riß der Lieutenant, den der letzte Champagner noch um alle ruhige Beſinnung gebracht hatte, den Säbel aus der Scheide und ging auf die Thüre des Kabinets zu, ſie einzutreten, während Jeanette in Ohn⸗ macht fiel. Aber Zacharias hatte die drohende Gefahr ſich nahen ſehen. Der Tod ſtand ihm vor Augen, denn aus der Kam⸗ mer führte nur ein Gaubloch auf das Dach— und— er war, wie er ſich recht gut entſann, drei Treppen hoch. Wäre er katholiſch geweſen, er hätte ſeinem Schutzhei⸗ ligen in dieſer Todesangſt für die glückliche Rettung ein Kloſter zu bauen gelobt. So wußte er nichts— als— daß er eben nicht wiſſe, ob er noch den Kopf habe oder nicht. Da ſah er den Säbel blitzen und hörte den erſten 4 Fußtrit des Lieutenants wider die Thüre donnern. Ver⸗ zweifelnd blickte er durch das Gaubloch, es ging auf ein nicht ſehr ſchiefes Dach. Ohne recht zu wiſſen was er that, 87 ſchwang er ſich auf eine Brüſtung, unter ſeinen Füßen kol⸗ lerte Alles zuſammen— er hörte es kaum— und ſtand — mit einer Kühnheit, die er ſpäter nicht begreifen konnte, auf dem Dache. Glücklicherweiſe verlief ſich dieſes mit dem des Nebenhauſes— und zwar ſo, daß die beiden gegen einander geneigten Flächen ſich in einem ſtumpfen Winkel vereinigten und eine breite, von einer Brandmauer getragene, Rinne bildeten. In ihr ſchritt Zacharias haſtig fort, bis er an deren Ende einen Schornſtein traf, der ihn barg. Kaum hatte er dies Aſyl erreicht, als er das ſchnurr⸗ bärtige Geſicht des Lieutenants aus dem Gaubloche ſchauen ſah. Einige Flüche trafen noch ſein Ohr— dann zog ZJe⸗ ner den Kopf wieder zurück und Alles ward ſtill. Zacha⸗ rias aber ſaß auf der Firſte eines Gaubloches, drei Stock⸗ werk unter ſich die Straße, über ſich den Sternenhimmel, und in ſich Hunger, Durſt, Wuth und Verzweiflung. Wäre er ein Aſtronom geweſen, er hätte die herrlichſte Gelegenheit gehabt, den Sternenhimmel zu beobachten. V. Uachtwandler uder Dieb!— Das Geſetz der Geſpenſter.— Per vorgeſchobene Riegel und das aufgedeckte Bett.— Nächtliche Sitzung.— Morgenentdeckungen.— Gymnaſtiſche Uebungen. — Der Willkomm.— Das Loch.— Gefängniß und Freiheit. — Ein Mann wie er ſein ſollte.— Ausflüge und Ausſicht. „Doris ſchwört, in ihrem Leben Nur dem, der ihr gefällt, ſich zu ergeben; Da aber Jeder ihr gefällt, F Ergibt ſie ſich der halben Welt⸗ . Lage oder vielmehr der Sitz des guten Zacharias war in der That nicht nur höchſt verfänglich und gefähr⸗ lich, ſondern auch im höchſten Grade unbequem und unan⸗ genehm. Verfänglich!— denn wurde er entdeckt, ſo konnte man ihn nur für einen Nachtwandler oder einen Dieb hal⸗ ten, und welche Folgen hätte es für ihn haben müſſen, wenn man ihn in letzter Eigenſchaft eingefangen. An die Gefahr dachte Hartmann noch am wenigſten, da er einer viel größeren: von einem Lieutenant zu Hachée verhackt zu werden, entgangen war. Jedermann weiß ja genügend, daß mit einem Lieutenant nicht zu ſpaſſen iſt, am wenigſten wenn er kurz zuvor mit irgend einem kleinen Fürſichenum⸗ gegangen, oder gar Wein im Kopf hat. Was Zacharias am meiſten chicanirte, war das Unbe⸗ 3 queme ſeiner Lage. Hunger und Schrecken hatten ihn er⸗ 89 mattet, und nun ſchüttelte ihn auch noch, zur Abkühlung von ſeinem Liebesfieber, der Nachtfroſt. Denn war es auch Sommer, ſo pfiff doch um Mitternacht der Wind in dieſer Höhe eben nicht beſonders linde; außerdem ritt es ſich auf dem ſcharfen Giebel des Gaubloches nicht ſehr bequem. Indeſſen war vorderhand nichts anderes zu thun, als ruhig die verdiente Strafe auszuhalten, und klüglich zu über⸗ legen, wie der Rückzug aus dieſer luftigen Höhe genommen werden könne. Zacharias überlegte hin und her. Sein erſter Gedanke war natürlich der: durch daſſelbe Loch wieder hinein zu ſchlupfen, durch welches er herausgekommen war. Ganz nach den Geſetzen der Geiſter; denn er erinnerte ſich, daß Me⸗ phiſtopheles in Göthe's Fauſt in ähnlicher Verlegenheit ſagt: „Der Teufel kann nicht aus dem Haus, s iſt ein Geſetz der Teufel und Geſpenſter: Wo ſie hereingeſchlüpft, da müſſen ſie hinaus.“ Da der Lieutenant ja Niemanden gefunden, ſo hoffte er immer, der Lärm in der Kammer werde auf einer Ratte ſitzen bleiben und der Schnurrbärtige ſich bald drücken. Von Zärtlichkeit wollte er alsdann zwar nichts mehr wiſſen, aber er durfte in dieſem Fall doch hoffen, auf natürliche Weiſe und ohne ſeinen guten Namen und den Hals zu riskiren, wieder auf die Straße zu kommen. Mit Sehnſucht lauſchte ſein Ohr der Stimme Jeanettens, deren„komm und packe Dich!“ ihm jetzt ſüßer gelautet haben würde, als die feu⸗ rigſten Liebesſchwüre. Aber— es rief Niemand— als von Zeit zu Zeit die Glocke der nahen Stiftskirche, der ihre Schweſtern im rauhen Chorus antworteten. 90 Zwölf Uhr!— Ein Uhr!— hatte es geſchlagen— unſerem Dachreiter war es immer fürchterlicher zu Muthe. Jetzt war es ſehr unwahrſcheinlich, daß der Lieutenant vor Tag das Haus verlaſſen würde. Aber vielleicht ſchlief er, vielleicht wiegte ihn der Rauſch in einen feſten, betäuben⸗ den Zuſtand, und Zacharias konnte wenigſtens wieder in das Haus gelangen. Er ſchlich nach dem Fenſterchen zurück, durch welches er aus der Kammer auf das Dach gekommen. Aber— o Hölle! es war geſchloſſen— und— von innen verriegelt; durch die trüben Scheiben aber konnte er— die Kammerthüre hing halb eingetreten auf der Seite und noch brannte Licht— gerade das ſchöne weiße Bett Jea⸗ nettens ſehen. Er ſtrengte ſeine Augen an— aber— er drückte ſie gleich wieder zu— denn ihm ward ſchwarz da⸗ vor und ſchwindlig. Jetzt erſt begriff er in der Wuth, die ihn packte, die Sage von Tantalus: der in der Unterwelt unter einem überhangenden Felſen mitten im Waſſer ſtehen und endloſen Durſt und Hunger leiden muß, da er weder das Waſſer zum Munde bringen, noch die von dem Felſen herabhängenden Zweige mit den lieblichſten Früchten erreichen kann, indem— ſobald er die Hand darnach ausſtreckt— der Wind Beides zurücktreibt. Auch ihn trieb das, was er geſehen, zurück, und er verſpürte in ſich dabei die Luſt, bei Gerathewohl die drei Stockwerke herunter zu ſpringen. Brach er auch alsdann den Hals, ſo war er doch aus der verdammteſten aller Lagen befreit. Indeſſen machte er es wie Lord Pappen⸗ deckel— er zog den Dolch aus der Scheide— und ſteckte ihn wieder hinein. Das heißt: er blieb doch lieber ſitzen, als daß er herunterſprang. Unter Todesqualen kam end⸗ 9¹ lich für ihn der Morgen heran, und ſein leiſes Dämmern brachte dem Armen einige Hoffnung. Er gewahrte näm⸗ lich, ungefähr zehn Fuß unter ſich, das platte Dach eines Hinterhauſes, das zwar keinen der berühmten Gärten der Semiramis, nichts deſto weniger aber einen kleinen Garten von Blumentöpfen bildete. Bis zu dieſem Dache aber ſtieg ein alter Nußbaum aus der Tiefe auf, deſſen höchſte Zweige ebenfalls mit Lebensgefahr zu erreichen ſein mochten. Za⸗ charias ſchwankte keinen Augenblick, kam er dann auch auf fremden Boden, was lag ihm daran, wenn er nur erſt feſten Boden unter ſeinen Füßen hatte. Und leicht konnte er ſich ja auf dem Nußbaume, der mitten im Hofe ſtand, oder ſonſt wo verbergen, bis man Haus und Thor— und ihm ſomit den Weg zur Freiheit geöffnet. Zeit war keine zu verlieren. Zacharias ſetzte an, ſprang und ſtand auf dem platten Dache. Schwieriger und gefähr⸗ licher aber war der zweite Theil dieſer umgekehrten Himmel⸗ fahrt, und kaum hatte er mit entſetzlicher Mühe den näch⸗ ſten Aſt des Nußbaumes erreicht, und wollte nun eben an demſelben herabgleiten, als er zu ſeinem Todesſchrecken ge⸗ wahrte, daß ihm zwei Nachtwächter ganz gemächlich bei ſeinen gymnaſtiſchen Uebungen zuſchauten und ſein Herab⸗ kommen ganz gemüthlich abwarteten, um ihn beim Kragen zu nehmen. Die Kerls mußten ihn ſchon früher bemerkt haben, da ſie ſo ruhig in dem Hofe, deſſen Thore ſie ge⸗ öffnet, auf ihn warteten. Nichts iſt ſchrecklicher in der Welt, als wenn man ſich mit den größten Anſtrengungen aus einer mißlichen Lage herausgearbeitet zu haben glaubt, und nun plötzlich gewahrt: daß man erſt recht in der Patſche ſitzt. 92 Das Lachen der dummen Nachtwächtergeſichter kam ihm wahrhaft diaboliſch vor, und noch wüthender machte ihn ihr ſpöttiſches Erſuchen: nur völlig herabzuſteigen. Zacha⸗ rias war indeſſen von all den ſeit dem verwichenen Abend erduldeten Widerwärtigkeiten ſo fuchswild, daß ihm Alles einerlei war. Um nur weiter keinen Scandal zu machen, folgte er, ohne ein Wort zu ſagen„der nächtlichen Polizei und ſtieg vollends herab, nicht ohne ſeine Hoſen an einem Theile zu zerſprengen, den doch ſchon Adam ſeiner Zeit gefliſſentlich mit einem Feigenblatt bedeckte. Mit einer ſolchen Liebe zur Menſchheit in der Bruſt, daß er ſie hätte ſammt und ſonders mit Rattengift um⸗ bringen können, ging er nun, links und rechts von einem Nachtwächter eskortirt, den Stadtpolizeigefängniſſen zu. Keine Vorſtellungen konnten die Hartherzigen erweichen, keine Geldanerbietungen ſie in ihrer Pflichterfüllung wan⸗ kend machen. Dicht neben ſeinem Gaſthofe— er konnte die Fenſter ſeines ſchönen Zimmers ſehen— ging es in das Polizei⸗ gebäude. Von hier zum Schließer, von da eine Treppe höher; die Riegel knarrten, Zacharias trat in ſeine Zelle, — die Riegel knarrten abermals und Zacharias Hartmann befand ſich allein in dem— Gefängniß. Er ſank zuſammen, alle anderen Gefühle ſchwanden vor dem Gedanken der Schande; wie ein Dieb— ja als ein ſolcher— hier zu ſitzen. Und wie ſollte er be⸗ weiſen, daß er keiner war? Was hatte ein Fremder für nächtliche Spaziergänge auf den Dächern Stuttgarts zu machen? Und konnte er erzählen, was ihm wirklich be⸗ gegnet?— Und wenn es nun ſeine Prinzipale, ſeine 93 hieſigen Kunden, ſeine Freunde, ſeine Eltern und Clariſſe erfahren ſollten?! Welcher Hohn und Spott, welche Ver⸗ achtung erwartete ihn und vielleicht welch' noch Schlim⸗ meres! Alles ging ihm kraus und wirr im Kopf herum. Das Leben war ihm zum Ekel und er ſich ſelbſt am meiſten; da er ſich ja wie ein Gimpel hatte fangen laſſen und ſomit in alle dieſe miſerabeln Geſchichten hineingerannt war. Kaum ſeiner Beſinnung mehr fähig, warf er ſich auf das elende Bett und ſchlief endlich vor Ermattung ein. So kurz indeſſen dieſer Schlummer dauerte, trug er doch dazu bei, die Geiſtes⸗ und Körperkräfte des armen Teufels einigermaßen zu ſammeln; ſo daß Zacharias am Ende den beſten Entſchluß, den er in ſeiner Lage faſſen konnte, er⸗ wühlte: nämlich dem Herrn Polizeicommiſſär die ganze Sache der Wahrheit nach zu erzählen, und ſich dabei auf ſeinen Wirth zu berufen. Auch ſtärkte ihn jetzt das Ge⸗ fühl, daß er Unrecht leide, denn wenn er gleich ſeinen Fehltritt nicht entſchuldigen wollte, ſo gehörte er eben doch für denſelben nicht unter die Diebe, Räuber und Mörder. Die Zeit, bis er den Commiſſär ſprechen konnte, brachte er damit zu, die Inſchriften auf der weißgetünchten Wand des Gefängniſſes zu leſen. Er fand viele Namen und manch' guten Gedanken; unter andern auch folgende Canzone, die, wenn ſie auch nichts mit dem Ort gemein hatte, dennoch bewies, daß einſt auch ein Dichter hier ge⸗ weilt. Die Canzone lautete: „Ein Herold, der im rothen Wappenrocke Zum Feind hinüberreitet, aufzuſagen Den Frieden und der Schlacht Beginn zu künden, Iſt der Poet in unſern ſtürm'ſchen Tagen; Kein frommer Pilger, der der Abendglocke Des Dorfes lauſcht, gelagert unter Linden, Der, wenn mit ſeligem Empfinden Zur Kirche geh'n die Alten und die Jungen, Auch ſelber ſteht, in frommer Beter Kreiſe, Mitſtimmend in des Lieds andächt'ge Weiſe.— Des Glaubens Glocken ſind ihm, ach! zerſprungen, Mißtönend gellt ihr ſchrilles, wildes Läuten, Sie laden nicht zum Beten, nein, zum Streiten!“ Unter ihr ſtand und mit einer Hand geſchrieben: genannt:„Spatz.“ Zacharias ſtand eben noch vor dieſen Verſen, als der Herr Polizeicommiſſär ſelbſt eintrat. Es war ein artiger Mann, der ruhig die Beichte des jungen Zacharias anhörte, und da er deſſen aufrichtige Reue ſah— ihm verſprach, die Sache ſofort ohne Aufſehen zu unterſuchen, auch das Mädchen zu ſchonen, zu dem er ſich ſelbſt verfügte. Nochmals verfloſſen mehrere Stunden— da endlich! lachte dem Armen die Befreiung. Der Commiſſär kam nämlich zurück und kündete Zacharias an, daß er ſeine Aus⸗ ſagen als wahr und richtig befunden habe, und ihm daher — gegen Erlegung der— dem Nachtwächter und dem Schließer zufallenden Gebühren— das Gehen freiſtünde. Zacharias dankte dem einſichtsvollen Manne auf das Innigſte und eilte aus dem Gefängniſſe wie eine Seele aus 95 dem Fegfeuer, dem Paradieſe ſeines nahen Gaſthofes zu, ſeine Blöße nach Art der medicäiſchen Venus verbergend. Auf ſeinem Zimmer angekommen, warf er ſich auf die Kniee, ſtreckte beide Hände in die Höhe und ſchwur bei allen Göttern des Olymps einen fürchterlichen Eid— ſich nie mehr fangen zu laſſen. Beim Mittagstiſch hörte und ſah er nichts und ſoll — wie man mir ſagte— ſo furchtbar gefreſſen haben, daß ſeine Nachbarn zur Linken und Rechten ängſtlich von ihm weg gerückt ſeien.—— Durch Schaden wird man klug. Dieſe Wahrheit lern⸗ ten wir Alle als Kinder ſchon, und thun oft dennoch nicht darnach, wenn wir ſelbſt Greiſe geworden ſind; denn ein anders Sprüchwort ſagt: Alter ſchützt vor Thorheit nicht. Wir müſſen daher erſt mehreremale mit dem Kopf an die Wand rennen, oder uns die Hörner ablaufen, eh wir halb⸗ weg vernüftig werden. Glücklich der, bei dem dies wenig⸗ ſtens in der Jugend geſchieht und nicht in ſpäteren Jah⸗ ren; denn um der Jugend willen überſieht die Welt Manches. Auch ſchaden die ſogenannten„Lumpenſtreiche“ eines ledigen jungen Mannes— ſind ſie eben nur keine ſchlechten Streiche— gemeinhin wenig; während die eines älteren oder gar verheiratheten Mannes oft das Lebensglück ganzer Familien untergraben. Ein anderer Unterſchied iſt es bei dem ſtärkeren und ſchwächeren Geſchlecht. Die Frauen ſind tugendhafter als die Männer; wenn ſie aber fallen, um deſto elender und verworfener. Auch wird der geſunkene Mann, vermöge ſeiner Kraft, das ret⸗ 96 tende Ufer leichter erreichen, als das ſchwächere Weib. Der gewaltige Strom reißt die Arme unaufhaltſam dahin. So breche man denn auch über Zacharias nicht gleich den Stab, weil er— namentlich in Puncto puneti— etwas ſchwach war. Er verehrte nun einmal das ſchöne Ge⸗ ſchlecht leidenſchaftlich, und ſchon der heilige Hieronimus ſagt: Diaboli virtus in lumbis! d. h. die Tugend des Teufels liegt in den Lenden. Bei allem dem hatte Zacharias ein gutes derz und einen nach dem Guten und Edlen ſtrebenden Geiſt. Er war alſo nicht gemein, und der Menſch geht nie verloren, ſo lange er noch an Edlem Sinn hat. Das letzte Abenteuer war bei ihm zum Dämpfer ſei⸗ ner Leidenſchaften geworden, und die unangenehmen Ein⸗ drücke, die ihm davon geblieben, ſtanden wie Schweizergar⸗ diſten vor ſeinem Herzen und wehrten jedem Liebesgedanken mit einem groben: zurück“ den Eingang. Deſto fleißi⸗ ger ging er ſeinen Geſchäften nach, und ſchrieb faſt täglich lange Briefe, theils an ſein Haus, theils an ſeine Mutter und Clariſſe. Auch hatte er ſich der Antworten auf ſeine erſten Briefe an dieſe Letzteren hier noch zu erfreuen; wie denn deren Inhalt ihn nur noch mehr zum Guten an⸗ feuerte. Geſellſchaft macht aber bei den Menſchen unendlich viel und wer nicht ganz charakterfeſt iſt, wird durch den Umgang mit ſchlechten Seelen eben ſo leicht ſchlecht, als er ſich durch den mit braven, leicht zum edlen Handeln be⸗ ſtimmen läßt. Dies bewährte ſich auch hier bei Zacharias. Er fand 97 nämlich in dem„König von England“, neben einer ange⸗ nehmen Tiſchgeſellſchaft, eine geiſtreiche Unterhaltung; da mehrere junge Schriftſteller und einige Künſtler dorten zu Mittag ſpeisten, und— was ihm noch lieber war, indem er ſich mit ihm leichter in Berührung ſetzen konnte— einen ſoliden vielſeitig gebildeten Nachbar, der ebenfalls Geſchäfts⸗ reiſender war. Freilich hielt es Zacharias ſchwerer mit die⸗ ſem anzuknüpfen, als mit jenen Herren, die er bisher ge⸗ troffen; aber ſein geſunder Verſtand ſagte ihm: daß dieſes zurückhaltende Weſen eben eine Garantie für den inneren Werth des Mannes ſei; da nur Die ſich jedem Unbekann⸗ ten gleich an den Kopf werfen, die ſich ſelbſt für nichts achten, und weder an Zeit, noch an ihrem Namen, noch an dem Genuſſe ihrer Gedankenwelt etwas zu verlieren haben. Auch der neue Bekannte, er war ebenfalls Frank⸗ furter, und mit jenen Dichtern und Künſtlern ſehr be⸗ kannt und befreundet, fand an Hartmann Gefallen und lud ihn ein, mit ihm das Sehenswertheſte der Reſidenz in Augenſchein zu nehmen.„Denn,“ ſagte er,„ſind mir dieſe Dinge auch alle ſchon bekannt, ſo ſehe ich ſie, indem ich ſie Ihnen zeige, doch recht gern noch einmal. Man lernt immer etwas Neues dabei, was man noch nicht wußte oder kannte, und findet in dem Austauſche der Gedanken eine neue Gelegenheit, ſich ſeinen Geſchmack und ſeinen Sinn für das Schöne zu bilden.“ Zacharias bemerkte dagegen, er habe an einem Freunde die kaum glaubliche Bemerkung gemacht: daß er ſchon ſehr oft in München geweſen, ohne auch nur das Allergeringſte von den dortigen Kunſtſchätzen geſehen zu haben. „Dieſe traurige Erfahrung werden Sie leider! noch Commis Voyhagenr.. 7 98 tauſendmal machen,“— entgegnete Jener—„denn den meiſten Geſchäftsreiſenden geht aller Sinn für Kunſt und Wiſſenſchaft ab. Ich ſage den meiſten, weil es edler Denkende, die auch noch Etwas außer ihren Geſchäften, Wein und Mädchen kennen, gewaltig Wenige gibt. Und doch hätte gerade der Kaufmann vor allen anderen Stän⸗ den nöthig, ſeine Seele von Zeit zu Zeit über das trockene und gemeine Schacherweſen zu erheben. Machten doch ſchon die Griechen und Römer den Mercur zum Gott der Kauf⸗ leute und der Diebe;— aber auch zum Götterboten, dem wichtigen Vermittler des Ewigenmit dem Irdiſchen. Ja, ihm ſchrieb man die Erfindung der Lyra zu, und er wurde ein Freund Apollo's. Handel und Wan⸗ del ſollen nur die Mittel zur höheren Ausbildung herbei⸗ ſchaffen. O! die geiſtreichen Griechen!— wie ſie in Allem ſo ſcharf ſahen und doch wieder ſo lieblich und ſo poetiſch Alles verbanden und verſchmolzen. Es ſcheint indeſſen, ein großer Theil der Menſchen war damals wie jetzt; dei Mercur's Lieb ſchaften waren ſo unzählig wie ſeine Ränke.“ Auf das Angenehmſte und Belehrendſte verfloßen von nun an Zacharias die nächſten Tage in dieſes Mannes. Waren die Geſchäfte Beider beſorgt, ſo gingen ſie die Merkwürdigkeiten Stuttgarts zu ſehen; während Zacharias zugleich in das Leben, die Eigenthümlichkeiten der Bewoh⸗ ner, ja in das geheime Spielen der verſchiedenen Partheien eingeweiht wurde, die hier, wie überall und namentlich in jeder Reſidenz ihr Weſen und Unweſen treiben. So wurden das königliche Schloß, die Gebäude der vormaligen Militärakademie, das Theater, die Kirchen, das 99 Ständehaus, die neuen ſehr ſchönen Kaſernen, die Kunſt⸗ ſammlungen und Muſeen u. ſ. w. beſehen, der Roſenſtein, die Solitude, Hohenheim und Cannſtadt beſucht. Zacharias dünkte ſich in der Geſellſchaft jenes neuen Bekannten ordentlich ein anderer, ein beſſerer Menſch zu werden, und freute ſich daher nicht wenig, als er hörte, daß auch dieſer, wenn gleich etwas ſpäter, nach Ehningen komme. Die Zeit des Congreſſes war unterdeſſen herangerückt, und Zacharias,— dem bei dem Worte Congreß immer der diplomatiſche zu Wien vor Augen ſchwebte— reiste ihm nun mit einer ungemeinen Spannung entgegen. 7* VI. Abſchied von Stuttgart.— Der Ehninger Congreß.— Bedeu⸗ tung des Wortes: Congreß.— Das Congreßmitglird.— Unfall.— Einzug.— Die Ehninger Rrämer.— Gaſthaus zur Craube.— Aufwartung.— Ein ſchöner Abend.— Nit⸗ tagstafrl.—„Der goldene Ochſe.“— Ein ernſtes Wort über den Congreß.— Schlußſcene. „Die Menſchen ſind, was Menſchen immer waren, Gemiſch von Schwachheit und von Kraft, Oft ſpricht Vernunft, weit öfter Leidenſchaft— So ſind ſie ſeit ſechstauſend Jahren.“ *— „Entzwei! entzwei! Da liegt der Brei! Da liegt das Glas! Es iſt nur Spaß. Der Tact, du Aas, Zu deiner Melodei!“ Göthe's Fauſt, 1r Thl. Macharias hatte Stuttgart beim ſchönſten Wetter ver⸗ laſſen; denn die Nebel, die rings aus der Tiefe ſtiegen und den Horizont auf allen Seiten wie mit einem Mantel um⸗ hüllten, achtete er wenig. Es war noch ſehr frühe, und das Aufflattern der Vögel, ihr Schreien und Singen, das ₰ 101 Ziehen der Bauern nach der Stadt, aus der ihm das Mor⸗ gengeläute fromm nachklang— alles dies ſtimmte ihn ganz ungemein fröhlich. Wie ſich die Gegend um ihn her, je höher er ſtieg, deſto mehr entfaltete, ſo ſollte ſich ihm ja auch die ganze Welt und das Leben, mit den ſteigenden Erfahrungen auf der Reiſe aufdecken. Und wie voll Erwartungen war ſeine Seele auf die neuen, wichtigen merkantiliſchen Verhältniſſe gerichtet, die er nun kennen lernen ſollte, und auf das Leben, das, wie er gehört hatte, ſich in Ehningen ganz eigen geſtaltete! Großartig mußte die Sache ohnedem ſein, da eine ſolche Maſſe angeſehener Handlungshäuſer ihre Bevollmäch⸗ tigten dahin ſandten, und man die Zuſammenkunft keinen Jahrmarkt, keine Meſſe, ſondern— einen Congreß nennt. Schon in Stuttgart hatte er im Converſations⸗Lexikon für alle Stände das Wort„Congreß“ nachgeſchlagen, und folgende Stelle gefunden die ihn ordentlich ſtolz machte, an einem ſolchen theilnehmen zu können: „Congreß, dieſes Wort iſt abzuleiten von dem la⸗ teiniſchen congredi, d. i. zuſammenkommen, und be⸗ deutet daher eine Zuſammenkunft verſchiedener Perſo⸗ ſonen, um ſich gemeinſam zu berathen. Vorzüglich kennen wir politiſche Congreſſe, auf denen ſich entweder die Staatsoberhäupter ſelbſt Gürſtencongreſſe), oder ihre Bevo llmächtigten Geſandtencongreſſe), oder ſowohl Fürſten als Geſandte(gemiſchte Congreſſe) verſammeln, um entweder durch einen ſchriftlichen Notenwechſel oder durch mündliche Beſprechung ſich über wichtige Gegenſtände des Staatsintereſſes zu be⸗ rathen. Die bedeutendſten Congreſſe der neueren Zeit ſind die zu Erfurt, Dresden, Wien, Aachen, Verona u. ſ. w.“ War nun auch in dieſem Artikel Ehningen— wahrſcheinlich aus Verſehen— nicht mit erwähnt, ſo mußte doch ſchlechterdings die Zuſammenkunft der Reiſenden dor⸗ ten etwas Aehnliches mit den ſo eben erwähnten Conferen⸗ zen haben; denn ſonſt hätte man ſie ja doch nicht: einen Congreß nennen können. Zacharias ſann hin und her. Daß Geſchäfte, viele Ge⸗ ſchäfte, große Geſchäfte dort gemacht wurden, war ihm be⸗ kannt. Ging doch auch er in dieſer Abſicht hin. Wahr⸗ ſcheinlich, dachte er, haben dann zugleich Sitzungen ſtatt, in welchen über das Wohl und Wehe der merkantiliſchen Welt berathen wird. Er war ſtolz, gleichſam auch ſo ein Plenipotentiair zu ſein, wie die Herren Geſandten am Bundestage zu Frank⸗ furt a. M., die er ſo oft zum gemeinſamen— Eſſen hatte fahren ſehen. In Folge der obigen Erklärung ordnete er denn auch den Ehninger Congreß unter die zweite Claſſe, näm⸗ lich unter die Geſandtencongreſſe. Welche prächtige Wirths⸗ und Privathäuſer mußten wohl den Ort zieren, der auf einmal ſo viele Reiſende aufzunehmen und drei bis vier Wochen zu beherbergen hatte? — Welch' koloſſale und reiche Waarenlager waren wohl 3 da zu treffen, wo von Hunderten von Kunden zu gleicher 3 Zeit Beſtellungen an Hunderte von Fabrikanten und Zwi⸗ 103 ſchenhändler gemacht wurden? Und die ſchönen Magazine und Laden?— Und die reichen, ſtolzen Kaufherren?— Zacharias dachte ſich die Ehninger Kaufleute gar nicht einmal wie die eingebildeten Heilbronn er, nein! höher hinauf— etwa wie in den alten Zeiten die Genueſer, Mailänder, und vor allen Andern die ſtolzen Vene⸗ tianer. Schon die Gegend, durch die er kam, ſtimmte ihn ernſter und ſchien ihn auf die großartige Erſcheinung vorbereiten zu wollen. Die rauhe Alp breitete ſich in langen Zügen am fernen Horizonte aus, und lagerte ihre bald dunkleren, bald helleren Maſſen in majeſtätiſchen und maleriſchen Grup⸗ pen, und die ſteile Achalm, die Mauerkrone einer zer⸗ fallenen Burg auf dem Haupte, hob ſich kühn in die Wolken. An ihrem Fuße lag Reutlingen, und— nur durch einen Berg von dieſem getrennt— Ehningen. In Betrachtungen verloren, gepeinigt von der Unge⸗ duld, die Congreß⸗Stadt zu erreichen, ſaß Zacharias in dem Winkel ſeines Wagens. Was kümmerten ihn jetzt die Menſchen, an welchen er raſch vorüberrollte? was der Himmel, der ſich nach und nach gänzlich überzogen hatte, und nun ſeinen Regen in Strömen herabgoß?— Ja, er fuhr ſogar ein wunderſchönes Schwabamädle, welches ihn treuherzig frug: ob ſie nicht ein Stückchen mitfahren dürfe, um ſich vor dem Regen zu ſchützen, ſo grob an, daß ſie ganz verdutzt zurückwich. Aber wie hätte auch jetzt eine Bauerndirne neben ihm ſitzen können?— jetzt!— da er ſich in ſeiner aufgeregten Phantaſie als den Repräſentanten des Heſſen⸗Darmſtädtiſchen Handelsſtandes dachte, der nach dem Geſandten⸗Con greſſe fahre. 104 Nur Eines konnte er nicht begreifen, daß die dumme Welt ſo wenig von dem Ehninger Congreſſe wiſſe. Reutlingen war erreicht; aber er hielt nicht an. Wer wird in einem Neſte Oberitaliens ſitzen bleiben, wenn er das prächtige Rom ſehen will?— Raſch und unauf⸗ haltſam ging es vorwärts, d. h. bis an den oben erwähn⸗ ten Berg, der eigentlich nur eine Fortſetzung der Achalm und ſo ſteil wie dieſe ſelbſt iſt. 6 Der Weg ward hier ſo furchtbar jähe und ſchlecht, und noch dazu durch den Regen ſo bodenlos, daß die zwei ſtarken Pferde vor Hartmann's Wagen kaum im Stande waren, denſelben hinauf zu bringen. Unverantwortlich! dachte Zacharias— einen Weg, der zu dem Orte führt, in welchem der große Congreß ſtatt⸗ findet, nicht beſſer im Stande zu erhalten. Da iſt ja das Leben der merkantiliſchen Abgeſandten(der Ausdruck„Rei⸗ ſende“ däuchte ihm für Einen, der zu einem Congreſſe führt, zu gemein) in Gefahr. Kaum hatte er dies gedacht, als auch die Hinterräder des Wagens auf dem ſchlüpfrigen Boden aus⸗— und in den Graben rutſchten; der obers Theil der Equipage be⸗ kam dadurch das Uebergewicht, und ehe es ſich Zacharias verſehen, lagen Wagen und Congreßmitglieder im Graben. Der Schrecken war groß; indeſſen glücklicherweiſe— nebſt mehreren zerbrochenen Glasſcheiben— das einzige Unglück. Auch halfen einige Bauern das Fuhrwerk wieder aufrichten, ſo daß Zacharias im Stande war, die fortzuſetzen. Jetzt peinigte ihn aber die Verlegenheit, mit einem ſo 4 ſchmutzigen Wagen und halben Scheiben in dem eleganten 105 Städtchen einzufahren. Er war verdrießlich. Auch das Wetter ſchikanirte ihn; denn der Himmel ſah aus wie ein Spühllumpen und goß unaufhörlich herab. Dem ohnerachtet plagte ihn die Neugierde, von Zeit zu Zeit aus dem Wagen zu ſchauen. Da ſah er denn verſchie⸗ dene Leute des Weges mit ſich ziehen. Es waren Männer in den beſten Jahren, Greiſe, Weiber und größere Kinder, ſämmtlich in ſchlechte, oft elende Kleider gehüllt, ſchmutzig und mit rohen, gemeinen Geſichtern. Auf dem Rücken tru⸗ gen ſie ſämmtlich große und ſchwere Kiſten, oder wohl auch Eines und das Andere einen Bündel von Sackleinen. Figur, Gang, Geſichtsfarbe und Züge kündeten die herumziehenden Krömer, wie ſolche Zacharias ſchon öfter unterwegs, oder auch auf den Märkten in den Dörfern getroffen. Sieh! dachte er, da wird gewiß auch eine Art Meſſe mit dem Congreſſe verbunden ſein, und die fleißigen Leute, die kein Wetter und keine Unbequemlichkeit des Lebens ſcheuen, ziehen zu derſelben, ihren kleinen Waarenvorrath auf dem Rücken. Unterdeſſen hatte er die Höhe des Berges erreicht, und es ging nun abwärts und Ehningen zu. Wie pochte ihm das Herz! Er ſchaute abermals aus dem Wagen,— war aber höchſt überraſcht, ſtatt der Schieferdächer, hohen Häuſer, Kirchen und Thürme— nichts in dem engen Thalkeſſel, welchen hier die Achalm und die letzten Züge der rauhen Alp bilden, zu ſehen, als die Ziegeldächer eines großen Dor⸗ fes, das in einzelnen Straßen ſich in die Berge hinein zog. „Sonderbarer Ort, um einen Congreß zu halten!“ rief er unwillkürlich aus; beruhigte ſich aber mit dem Ge⸗ 106 danken: daß man dies ſtille Plätzchen wohl nur gewählt habe, um deſto ungeſtörter von aller Zerſtreuung der lär⸗ menden Welt ſein zu können. Jetzt endlich war er ganz nahe! jetzt fuhr er ein!— Gleich links einige ſtattliche Häuſer— der Gaſthof zur Traube von Batzle.— Nun, von dieſem hatte er be⸗ reits gehört!— aber als den täglichen und Hauptſammel⸗ platz aller Reiſenden, hatte er ihn ſich allerdings größer und flotter vorgeſtellt. Er dachte indeſſen:„Wird ſchon kommen, die größeren Häuſer ſtehen im Innern der Stadt.“ Jedoch es kamen Bauernhäuſer, recht ſchlechte Bauern⸗ häuſer, einſtöckig und baufällig, mit großen Miſthaufen vor der Thüre und elenden hölzernen Treppen von Außen. Dabei war der Schmutz auf der ungepflaſterten Straße ſo groß, daß der Wagen einigemale in demſelben ſtecken blieb. Zacharias ward ungeduldig. Wann kommt denn nur das eigentliche Ehningen? dachte er. Zu ſeiner Verwunderung ſah er auch lauter ſolche Krä⸗ mer, wie ihm unterwegs begegnet, aus den kleinen, mit roth und weiß karrirten Vorhängen gezierten Fenſtern ſchauen. Hie und da patſchte ein Geſchäftsreiſender durch den furchtbaren Schmutz, ein ſchwarzes Päckchen unter dem Arm und gefolgt von einem Lohndiener mit Muſterkaſten — in der Kunſtſprache: Orgeln genannt. Er wollte eben dem Poſtillone zurufen: ſchneller zu fahren, um aus der Vorſtadt— für nichts anderes hielt er ſeine Umgebung— zu kommen, als eine beer ihn ſtill zu halten nöthigte. Die Geduldprobe war groß, aber es kam noch auf die Kühe folgten die heimkehrenden Schweine, zehn 107 Schritte weiter die Ziegen, und an der nächſten Ecke die Gänſe. Nachdem Hartmann ſeinen Aerger hinuntergeſchluckt, und ſich wieder gehörig gefaßt, rief er dem Schwager zu: wenn die verdammten Gänſe vorüber ſeien, ſchnell zu fahren, da⸗ mit er endlich nach Ehningen komme. Der Kutſcher ſchaute ihn bei dieſen Worken dumm an, riß Augen, Maul und Naſe auf und ſagte: „J woaß et was Se wälla, deeß iſcht jo Ehninge!“ „Dies Ehningen?“ rief entſetzt Zacharias. „Jo deeß iſcht Ehninge!“ beſtätigte der Poſtillon.— „Und Se wället jo nebig Schulmoaſchters Haus, zu Batſch⸗ lers Bärbele.“ „Allerdings!“ ſagte verwirrt Zacharias,„das ſind doch ordentliche Leute?“ „Sind reachte Leut“— entgegnete der Schwager— „Se hänt zwee Gäul, e paar Ochſa und Sache gnuag.“ Aber Zacharias hatte gerade auch genug.„Vorwärts!“ rief er ärgerlich, und die Pferde zogen an. Wie er jedoch langſam weiter durch den Schmutz, und nun gar in eine Nebenſtraße kam, wurden die Miſthaufen immer höher und die Häuſer immer elender. Endlich hielt der Wagen ganz ſtill. „Nun?!“— frug Hartmann aus dem Schlage. „Hie iſch Batſchlers Bärbele!“ entgegnete lakoniſch der Poſtknecht und ſtieg ab. Das Haus ſah von Außen nicht beſſer aus, als die anderen Bauernhäuſer. Auch hier, wie faſt überall, war gleicher Erde der Ochſen⸗ oder Pferdeſtall und zu den Woh⸗ nungen des erſten und einzigen Stockes führte von Außen eine hölzerne Treppe, ganz auf die Art wie die Treppen . 108 zu den Hühnerſtällen conſtruirt, nur daß noch ein Gelän⸗ der an der Seite angebracht war. Uebrigens hatten Zeit und Wetter dieſelbe ſo verdorben, daß man ſie nur, und zumal beim Regen, mit Lebensgefahr beſteigen konnte. Vor dem Hauſe lag, wie gewöhnlich, der Miſt. „Ländlich, ſittlich!“ Zacharias ſtand noch immer unentſchloſſen. Spreitzer, der ſelbſt in dem Hauſe logirte, hatte ihm dieſe Wohnung empfohlen und auch, da er vor ihm nach Ehningen gegan⸗ 3 gen, ausgemacht. Trotz dem hatte Zacharias große Luſt, wieder umzukehren. Es ſchauderte ihm vor Allem, was er ſah, und er konnte ſich dabei gar nicht in das finden, was allen ſeinen Erwartungen gerade entgegen lief. rief ihn plötzlich der Ausruf: „Gott verdamm' mich! da biſt De jo!“ aus Zweifel, Angſt und Nöthen. Spreitzer kam, bis über die Ohren mit Schmutz beſpritzt, die Straße daher. Aber welche Mühe hatte dieſer nun, Zacharias begreif⸗ lich zu machen: daß dies das berühmte Ehningen ſei. Er lachte den Neuling aus, und ſuchte ihn mit der Bemerkung zu tröſten: daß er bis jetzt nur die Schattenſeite des Con⸗ greſſes geſehen. Unter der Zeit hatte man Hartmann's Gepäck auf das Zimmer gebracht, welches für ihn beſtimmt war. Er hatte in demſelben nicht über allzu großen Luxus zu klagen. In den vier weißgetünchten nackten Wänden befand ſich ein wolkenhohes Bett, wie es die Bauersleute lieben, ein Tiſch von Eichenholz, mit einem ordinären Tyroler Teppich überdeckt, eine altmodiſche Kommode und drei Stühle als ganzes Ameublement. 109 „Einfach un ſchön!“ ſagte Spreitzer, als er gewahrte, daß Zacharias bei dem Anblick dieſer unſchuldigen Simpli⸗ cität große Augen machte. „Das iſt allerdings Alles höchſt idylliſch“— entgeg⸗ nete immer mehr ſtaunend dieſer.—„Von den Viehheer⸗ den und dem greulichen Dreck an, bis zu dieſem Zimmer, das wahrhaftig für einen Einſiedler nicht zu luxuriös wäre; indem kaum die nöthigſten Bequemlichkeiten des Lebens in ihm zu finden ſind.“ „Ich möcht äch wiſſe, was De mehr willſt!“— rief Spreitzer luſtig.—„In dem Loch hoſt De weiter nir ze duhn, als ze ſchreiwe un ze ſchlofe. Den Tag ünwer biſt De bei de Kunne un de Owend beim Batzle.“ „Ich muß Dir geſtehen“— fuhr Hartmann fort,— ich habe mir den Congreß großartig gedacht, und jetzt „Norzt abgewart!“— rief Jener—„Du ſollſt ſcho Dei Wunnerwerk ſehn, wann die Deller fliehe, un Alles zeſammegeſchmiſſe werd, un mer ſo recht fidel aus dem Effeff ſein. Odder jetzt komm, s' is gleich zwölf Uhr, mer miſſe zum Eſſe. Du wäſt jo, daß alle Räſende beim Batzle ze Mittag eſſe. Ich ſag Dr, der utz werd Dr gefalle!“ Zacharias willigte ſchweigend ein. Er war ſo aus ſei⸗ nem Himmel herabgeſtürzt, daß er ſich immer noch nicht finden konnte, und als der Herr Plenipotentiair neben Spreitzer nun durch den Koth watete, der ihm bis über die Fußknöchel ging, zerfloſſen die ſchönen Bilder, die ihn unterwegs umgaukelt, immer mehr zu Luft und Nebel. Demohnerachtet konnte er ſich nicht enthalten, ſeinen Lands⸗ mann zu fragen: wo denn eigentlich die Kaufleute wohn⸗ ten, die hier die großen Geſchäfte machten?— Es ſei ja 110 weder ein anſtändiges Haus noch ein Waarenlager, noch ein großartiger Laden zu erblicken? „Wo die Ehninger Krämer wohnen?“— wiederholte Spreitzer—„Ei do! un do! un do! un in von dene Häuſer!“ „Keinen Scherz!“ entgegnete Zacharias irgertic,—„da werden Bauern drinn wohnen; ich meine aber die Kaufleute!“ „Käfleut gibt's hier net“— rief jener,— nur Krä⸗ mer odder höchſtens Hannelsleut. Gott verdamm' mich! De wärſcht doch die Ehninger kenne, die ſo erumläfe, mit Kiſte uff'em Buckel. Guck! do komme grad e Paar.“ Es waren dies die Leute, welchen Zacharias am Berge begegnet. „Und dieſen Menſchen, die ausſehen, daß man ihnen keinen Kreuzer borgen würde,— dieſen gebt ihr für Tauſende von Gulden Credit?— und die machen hier das Geſchäft?“ „Utz Dich net!“— warnte Spreitzer,—„Siehſte des Pärche da driwwa gehe, ſehn die net aus wie e Orgelmann mit ſeiner Madamme? „Wahrhaftig, gerade ſo.“ „No, un ich ſag Dr, wann mer die vor viertauſend Gulde beſtelle, leck ich alle Finger dernach. Die hawe viel⸗ leicht en Credit vor ſechzigtauſend Gulde!“ Zacharias— der wußte, daß Spreitzer gern übertrieb, hatte denſelben hier ungerechterweiſe im Verdacht, daß er wieder aufſchneide; ehe er aber noch antworten konnte, waren ſie ſchon in den Gaſthof„z ur Traube“ eingetreten. Hier aber regte und ſich ein ganz Leben. 171 Schon die vielen Wagen und Equipagen, die vor dem Hauſe hielten, zeigten an, daß auch die Reutlinger Kauf⸗ leute herüber gekommen waren, Theil an den Congreß⸗ Geſchäften zu nehmen. Unter der Hausthüre, auf dem Flur und in den unte⸗ ren Zimmern wimmelte es von Lohndienern und Dienerin⸗ nen, die die Befehle ihrer Herren erwarteten. Denn in Eh⸗ ningen verſteht man unter der Bezeichnung„Herren“ nur die Geſchäftsreiſenden, wie auf Univerſitäten die Studenten. Auf der Treppe wogte es auf und ab. Kellner und Kellnerinnen liefen hin und her. Blinde ſpielten Geige, und Einer hatte gar eine ganze Menagerie bei ſich, be⸗ ſtehend aus einem übermäßig fetten Hammel, einem Stein⸗ bock und einer Ohreneule, um ſie zur Unterhaltung ſehen zu laſſen. Am lauteſten war es indeſſen in dem erſten Stock. Hier tönte den Ankommenden aus einem freundlichen Saale — deſſen Decke ein großer und ſchöner Kronlüſter von Cri⸗ ſtall, deſſen Wände hohe Fenſter und Spiegel zierten— die rauſchende Muſik eines vollſtändigen Orcheſters entgegen, in welche ſich noch das Lachen, Schreien und Sprechen von ungefähr hundert Reiſenden miſchte, die Alle an einer lan⸗ gen, an drei Seiten des Saales hinlaufenden Tafel ſaßen. Zacharias fühlte ſich hier neuerdings, diesmal aber angenehmer überraſcht. Das war ein Leben!— ein Lachen und Scherzen, ein Kommen und Gehen, und dabei die ſchöne Muſik, und das Rennen und Laufen der Kellner! Und die Maſſe der Reiſenden aus Nord und Süd, aus Oſt und Weſt, aus Berlin und Wien, aus Frankfurt und Elberfeld, aus Cöln und Mannheim, aus Carlsruhe und 2 Reutlingen, aus Stuttgart und Nürnberg und Gott weiß woher ſonſt noch. Ja!— dies ließ nun Zacharias allenfalls wieder gelten! Dies ſah doch wenigſtens etwas Großartigem ähnlich, es war eine grandioſe Sitzung,— freilich nur beim Eſſen. Aber der gute Zacharias hätte ſich ganz damit beruhigen können, wäre er nur einigermaßen Diplomat geweſen; denn alsdann würde er gewußt haben: daß die Hauptſitzungen bei allen Congreſſen ſtets— Prners und Soupers waren und ſind. 4 Das Mittageſſen in der„Traube“, von dem Gaſt⸗ halter, Herrn Batzle(der Name iſt nicht von Batzen her⸗ zuleiten, denn der gute Mann hat die Gulden viel lieber als die Batzen) ſelbſt dirigirt, wie eine Schlacht von einem geſchickten Feldherrn, war vortrefflich und ſchien auch den Anweſenden gut zu ſchmecken; denn es verſchwand wie Geld aus der Taſche und die Unſchuld aus dem Unterrock— ehe man es ſich verſah. Zacharias fiel es dabei auf, daß nicht Alle zugleich und erſt nach dem Deſſert aufſtanden und gingen, ſondern der Eine früher, der Andere ſpäter; hörte aber auf ſeine Er⸗ kundigung, daß dies der Geſchäfte wegen geſchehe, die zu den feſtgeſetzten Stunden eingehalten werden müßten. Nach aufgehobener Tafel machte ſich denn auch Zacharias — etwas ermuthigt durch das Beiſpiel ſo vieler Edlen— daran, ſeine Pflicht zu erfüllen. Spreitzer hatte ihm, da er nur ein kleines Muſterpäckchen zu tragen hatte, für ein Mädchen geſorgt, welches ihn, ſtatt eines Lohndieners, be⸗ dienen ſollte. Sie war fünfzehn Jahre alt und gar nicht übel, nur hatte ſie— beziehungsweiſe ihre Kleider— einen ſpecifiſch unangenehmen, modrigen Geruch(genau wie ein „ ₰ 113 naßgewordener Regenſchirm), eine nicht gerade liebenswürdige Eigenheit, die Zacharias ſpäter als ein charakteriſtiſches Merkmal aller Ehninger Weiber kennen lernte; ſo daß er ſich einſt bereit erklärte: mit verbundenen Augen eine Eh⸗ ningerin auf ſechs Schritte zu wittern. Alſo!— Freund Hartmann zog aus, ſeine Geſchäfte zu beginnen. Marie, ſo hieß ſeine Cicerona, ſchritt dies⸗ mal ohne Muſter voraus, denn erſt mußten— ganz groß⸗ artig— die Einführungsviſiten gemacht, und angefragt werden: ob und wann man mit den Muſtern erſcheinen dürfe. „Mer wället erſcht zu Hannes Schneider⸗Hannes goa!“ — ſagte Marie—„deeß ſinn reachta Leut und eba an⸗ komma.“ „Gut!“— entgegnete Zacharias— und folgte klopfen⸗ den Herzens. Sie ſchritten durch jämmerliche Gäßchen und Winkel, und kamen endlich gegen ein kleines Haus, auf deſſen Hüh⸗ nertreppe eilf Reiſende von Stufe zu Stufe wie Orgel⸗ pfeifen ſtanden. „Was machen denn die da?“ frug Hartmann. „Deeß ſinn Herrä!“— antwortete das Mädchen— „die all' ihra Giſchäft macha wölla. S'müßa auch warte biſch Se dran komme, ſonſcht iſch nunz.“ Zacharias erröthete, indem er das Dutzend voll machte; denn er ſchämte ſich einigermaßen, ſo mit noch eilf Concur⸗ renten die Thüre eines Ehninger Krämers, den er ſonſt nicht angeſehen, zu belagern, und dann um die Erlaubniß zu betteln, ihm gehorſamſt ſeine Muſter zeigen zu dürfen. Er ſing an, die Partie Callico's die ſein Haus übernom⸗ men, nebſt Ehningen zu verwünſchen. Nach einer halben Commis Voyageur. 8 114 Stunde war die Reihe endlich an ihm, einzutreten, wäh⸗ rend er hinter ſich ſchon wieder einen Schwanz wie ein Komet hatte; wenn auch keinen feurigen, doch einen von ſechs bis acht anderen Reiſenden. Hartmann trat ein; aber ſchon hier hatte er Unglück. Thüren gewohnt, durch die man wenigſtens aufrecht gehen kann, ſtieß er ſich an Hannes Schneider-Hannes niederer Pforte den Kopf furchtbar wider. „Grüeß Gott!— ſchaua Se auf, Siiſch e biſchle nie⸗ der!“ meinte zwar, als es geſchehen, die Gattin des Krä⸗ mers, ein derbes Weib, das ganz ungenirt im wollenen Unterrock daſtand und ſich die Haare kämmte, während der Mann den eleganten Reiſenden in Hemdärmeln empfing. Aber die Umgebung paßte trefflich zu dem holden Paare; denn um den rieſigen Ofen, der das halbe Stübchen aus⸗ füllte, hingen bep...e Windeln zum Trocknen, auf dem Tiſche dampfte eine irdene Schüſſel mit Kartoffeln und da⸗ neben ſoß ein Kind und verrichtete, während es eine dieſer Früchte ſtipitzte, ganz gemüthlich ſeine Nothdurft auf den Tiſch. Zacharias verging faſt Hören und Sehen;— auf den Geruchsſinn hätte er aber hier noch lieber verzichtet; dem⸗ ohnerachtet faßte er ſich und ſagte: „Mein Name iſt Hartmann. Ich reiſe für das Haus Dahlmann, Dunkert, Duppendorf, Compagnie und Con⸗ ſorten in Darmſtadt, und mache in Callico's.“ „Dammer, Dapper, Dupper und Compagnie“— wie⸗ derholte mühevoll der Ehninger—„Woib! kennſcht De deeß Haus?“ „Noi nittä!“ entgegnete dieſe, den Kopf ſchüttelnd. „Händ mer dann waſch in Zits nöthigg?“ 115 „J wäas et! i glaub äls mer händ noch genugg!“ „No, de Muſchter kenne mer Sällemal ſehn.“ Dabei nahm er einen Zettel, ſah lange darauf und ſagte endlich: „S'iſch heut Sammſchtagg—— biſch z'em Freitagg zehn Uhr— wen's dem Harra recht iſch!“ Zacharias ſagte zu und empfahl ſich alsdann, froh, wieder los zu kommen. Mann und Frau begleiteten ihn bis an die Treppe und riefen ſcheidend: „Spazierä Se g'maach!“ Hartmann dankte Gott, als er wieder unter freiem Himmel war. Ach! wohin waren die ſtolzen Träume ge⸗ ſchwunden!— Und dies alſo war der berühmte Congreß? — Halt!— er ſtand vor dem Hauſe eines anderen Kun⸗ den. Der gute Mann hatte eben ſeinen Stall gemiſtet; er trat ihm in einem ſchmutzigen Kittel unter der Stall⸗ thüre entgegen, reichte dem entſetzten Zacharias die duftende Hand, ſchüttelte ſie ihm herzlich, als ob er ein alter Be⸗ kannter ſei, und beſtellte ihn endlich auf kommenden Don⸗ nerſtag, drei Uhr Nachmittag. So ging das Ding bei zwanzig Ehningern fort, und immer mußte ſich der junge Mann Tag und Stunde genau bemerken. Beſchmutzt, müde, ärgerlich— ja verzweifelnd kam er nach Hauſe; denn da er erſt von dem Mittwoch der kom⸗ menden Woche an beſtellt war,— bis dahin hatten die Kunden ſchon Stunde vor Stunde beſetzt,— blühte ihm die Ausſicht, wenigſtens vierzehn Tage in Ehningen bleiben zu müſſen. Er ſchrieb in ſeiner Aufregung mehrere Briefe und 8* ſpäter kam glücklicherweiſe Spreitzer und holte ihn ab, um den Abend bei Batzlen zuzubringen. Sie trafen die muntere Geſellſchaft noch auf der Kegel⸗ bahn, wo ſie ſich mit„Parteln“ und bei einem Glaſe guten Bieres die Zeit vertrieb. Unendlich freute es Zacharias, hier wieder ſeine alten Bekannten zu treffen; namentlich auch„die Lokomotive“, den Berliner und den Stuttgarter, die er ja ſämmtlich in Heidelberg kennen gelernt hatte. Außer dieſen fanden ſich hier noch junge und alte Männer, ſchön und häßlich, ge⸗ ſcheidt und dumm, gebildet und roh, wie es ſich eben gibt, wo viele Menſchen beiſammen ſfind; nur Eines hatten Alle, die hier verſammelt, gemein, und dies war der Stand, ſie waren ſämmtlich: Commis Vohageurs! Die Geſchäfte waren für den heutigen Tag beendet, darum herrſchte auch die ungebundenſte Heiterkeit, die vor allen Goldmännchen zu befördern wußte. Schon ſeine Fi⸗ gur trug dazu bei; denn wenn er— um beſſer kegeln zu können, von ſeinem Rocke befreit— ſich zum Schieben der Kugeln bückte, und der ganzen Geſellſchaft nun den Erdball ſeines Posteriori zum Beſten gab, ſo erſchallte ſchon hiebei ein donnernder Jubel. Dabei machte er es nie wie ſo manche Andere, die auf Koſten ihrer Freunde ſchlechte Witze riſſen, beleidigten und hetzten; ſondern ſeine Scherze waren ſtets gemüthlich und nie verletzend. 85 Als es finſter geworden, begab man ſich wieder in den Speiſeſaal. Jeder aß nach der Karte und trank nach Her⸗ zensluſt; dann wurden von Verſchiedenen Spiele begonnen, Andere plauderten und wieder Andere ſangen. 117 Unter den Spielen exeellirte das edle„Zwicken,“ wel⸗ ches oft ſehr hoch ging, ja bis zum wahren Hazardſpiel getrieben wurde. Goldmännchen, der Berliner, Spreitzer und Zacharias hatten ſich zuſammengeſetzt und plauderten von Dem und Jenem, die ſogenannte„Sauglocke“ wurde geläutet, und wie es ſo geht, das Geſpräch kam bald auf das Lieblings⸗ thema: auf die verliebten Abenteuer. Spreitzer ſchnitt bei dieſer Gelegenheit ganz furchtbar auf, der Berliner aber blieb nicht zurück, und erzählte unter Anderem auch, in jener bewußten Nacht zu Heidelberg habe er noch ein prächtiges Rendezvous gehabt. Er ſei nämlich irre gegangen und zufällig in das Zimmer einer wunder⸗ ſchönen Lady gekommen; dieſe habe ihn zwar erſt hart an⸗ gelaſſen, endlich aber doch ſeinen Bitten nachgegeben und ihn in ihre ſchneeweißen Arme aufgenommen. Der Berliner kam bei dieſer Erzählung ganz in Ekſtaſe, und konnte nicht aufhören, von den feinen Formen, dem zarten, delikaten Buſen, den wundervollen Locken und den koſtbaren Spitzen an dem Nachtgewande der Lady zu erzählen. Alle hörten ruhig zu, obgleich— außer Zacharias— Niemand daran glaubte; als ſich aber der Berliner am Ende noch hoch und theuer vermaß, daß dies Alles auch wahr ſei, brach Spreitzer die Geduld, und mit einem Fauſt⸗ ſchlag auf den Tiſch, daß Gläſer und Flaſchen klirrten, rief er: „Ei ſo ſoll Dich doch äch e Dunnerwetter neunund⸗ neunzigmol verzehre, Du Lügenmaul!— bei wem biſt De geweſe? bei ere Lady?— den Deiwel äch, Prahlhans! bei er Fulder worſchte!“ „Was?!“ ſchrie der Berliner, um ſo wüthender, als 118 er die verdammte Geſchichte verrathen ſah, und ein unbän⸗ diges Gelächter den Worten Spreitzers folgte und er ſuchte ſich nun zu vertheidigen. Aber unglücklicherweiſe trat in dieſem Augenblick Froſch— einer der Senioren des Congreſſes in die Thüre. Er hörte ſogleich, wovon die Rede war, und quackte, da auch ihm die Kellner Alles ver⸗ rathen: „Spreitzer hat Recht! es war eine Fulder und zwar die Viehmagd aus dem Prinz Karl.“ Das hatte noch gefehlt! Das Lachen ward allgemein, und da Jeder den Berliner als einen Windbeutel in dieſer Beziehung kannte, ſo nahm der Jubel gar kein Ende, wäh⸗ rend ſich zwiſchen Spreitzer und dem Preußen ein ernſtlicher Streit erhob. Auch hätte der Zank ohne Goldmanns Be⸗ mühung, Frieden zu ſtiften, wohl unangenehme Folgen nach ſich gezogen, aber die„Lokomotive“ fuhr zwiſchen die Strei⸗ tenden, und es gelang ihr auch, dieſelben mit vieler Mühe zu beruhigen. Ein paar Flaſchen Champagner ſtellten die Eintracht gänzlich her. Alle Anweſenden brachten dafür, auf Froſch's Anrathen, der„Lokomotive“ ein Lebehoch! und dieſe rief:„Hopla!“ ſchnalzte mit den Fingern und der Zunge, ſprang auf den Tiſch, und rief: „Zum Dank für das Vivat will ich ein Tyroler Liedel ſingen.“ Donnernder Applaus kündete die allgemeine Freude, und Goldmännchen ſang mit ſchöner Tenorſtimme: „Bin ein und ausgange im ganze Tyrol, Jetz g'fall mer die baeriſche Madel ſo wohl, O Deanal, Dei Juged, Dei ſchö'ne Mani, Dei kreuzbrave Tuged, hät mi hegefü't eu Di. —— —— 119 Blond kopfet, blau augget, a Rösle im Gſſicht, Mer kann Dr nit Feind ſei, weil D'gar ſo nett biſt. Wie höhhe de Kirchthu'm, wie ſchö'er das Glait, . Wie weite zum Deanal, wie größe iſt dFreud. Und wenn D'mit Deim Hezal ſo haekle willſt ſei, So nimm a Papiel un wickl Di's drei, Und thu's in a Schachtal und bind es feſcht zu, No kimt Dr Dei Lebtagg kei Menſch net dezu.“ Goldmann hatte dies Liedchen ſo ungemein gemüthlich geſungen, daß er alle Anweſenden damit entzückte, und da er doch einmal im Zuge war, ſo rief der ganze Saal: „Lokomotive! noch mehr!“—„„Noch weiter ſingen!““ —„die Lokomotive ſoll ſingen!““— Goldmann klatſchte in die Hände und Alles ſchwieg. „Da es die geehrte Geſellſchaft wünſcht!“— rief er —„o bin ich gerne bereit, noch ein Lied zum Beſten zu geben, und zwar ein altbaieriſches, zum Lobe des braunen Biers!“ Und er ſtimmte an und ſang: „O du edles brau's Bier, Wie viel Tugend hoſcht on Dier! Is necks beſſes auf de Welt, Biſcht me lieber als e Huet voll Geld. Wenn i e brau's Bier hob i'n Moggng, Kon i en Plunder olln zuſammenſchloggng. Wenn ie brau's Bier trink, dees is g'wis, Bin i weit ſtärke as wos e Ries. Wenn i wos ſchlimms i'n Moggng ho drinn, Geht's brau' Bier für d'Medizin; 120 Bin i von Dokter und Bader frei, Kon i no's Geld au ſparen dabei. Wenn i kunt kae brau's Bier mehr hoben, Müßt me mi um zwanzgg Johr ener begrobn, Drum tracht i ollzeit, daß i bran's Bier gnue hob, Daß i no net kim ſo früe in's Grob. Des brau Bier macht gen gſchickt und glärt, Wie me mehr trinkt, wie gſcheide daß me werd, Redt aene vo Kriegg un fremde Lände her, Hob i brau's Bier im Kopf, waes glei i viel mehr. Des brau' Bier hot die Aeggenſchoft, Git mir zu'n Hauſo große Kroft: Wills Weib do greine un zanke mit mier, Nemm i's bei'n Arm un füehr's' zu'n Bier. Wenn i wide geh' zu'n brau' Bier, Nemm i mei Weibel holt a mit mier, Sie vertrinkt d'Hauben, un i verfauf'n Hut, Wal denn des brau' Bier gar e ſo guet. Hob i en Rauſch ſo legge mi in's Bett, Do kon i brav ſchlaffe— abe fündige net, So weer i halt endli e hoilige Moan: Sehhts liebe Lend, wos's bran Bier net olls koan!“ Abermaliger laut ſchallender Beifall ward dem Sänger; Andere folgten noch ſeinem Beiſpiel, und als Zacharias nach Mitternacht an Spreitzers Seite nach Hauſe ging, mußte er geſtehen, daß er kaum noch einen vergnügteren Abend erlebt habe. Der kommende Tag war ein Sonntag. An einem Sonntage werden in der Regel in Ehningen keine Geſchäfte gemacht; denn der Ehninger, der faſt das ganze Jahr un⸗ 121 terwegs iſt, und gerade an den Sonn⸗ und Feiertagen die meiſten Märkte hat, will auch einmal mit ſeiner Ehehälfte zur Kirche, ja zum Abendmahle gehen. Das Wetter hatte ſich aufgeklärt, und ſchien heute gut machen zu wollen, was es geſtern bei Zacharias verdorben; und er mußte ſich in der That geſtehen, daß ihm heute Ehningen erträglicher vorkam. Es war dies ſehr natürlich: denn erſtens machte er an den Ort die Anſprüche nicht mehr, die ihm eine falſche Vorſtellung und ſeine feurige Phantaſie vorgeſpiegelt und eingehaucht; zweitens wirkte der ſo heiter verbrachte Abend günſtig zurück und ließ manche ähnlich ſchöne Stunde hier hoffen, und drittens verliert ja ſelbſt die ſchönſte Stadt unendlich viel, wenn man bei ſchlechtem Wet⸗ ter in ihr einzieht. Hartmann benützte den günſtigen Augenblick zu einem Spaziergange und kehrte erſt um die Mittagszeit zurück. Er fand die Gegend, wenn auch etwas düſter, dennoch reizend, und namentlich verſprachen ihm die Höhen der Alp und die Thalſchluchten, welche ſich in dieſelbe hinein zogen, die ſchönſten Spaziergänge. Im„Trauben“ fand er bereits den größten Theil der Reiſenden, die faſt ſämmtlich für die Dauer des Congreſſes, wie er, in Privathäuſern wohnten, verſammelt. Die Tafel war wie geſtern, nur noch bei weitem größer und luſtiger. Dabei heyrſchte mehr Ordnung, da Niemanden die Geſchäfte zwangen, ſpäter zu kommen oder früher aufzuſtehen. Das Orcheſter, welches gewöhnlich ebenfalls für die Dauer des Congreſſes hierher kam, ſpielte die beſten Ton⸗ ſchöpfungen, und führte ſie auch recht tüchtig aus. Dem edlen Rebenſaft wurde wacker zugeſprochen, und Heiterkeit, 122 Witz und Scherz flogen um die Tafel und würzten das Mahl; denn Batzle führte einen Tiſch gleich dem beſten in der Reſidenz. Obenan ſaß ein alter, ziemlich corpulenter Herr, mit einem finſteren, breiten Geſicht, die Brille auf der Naſe, und immer mit einer ſo wichtigen und ſtolzen Miene drein ſchauend, als wäre er der König und nebenbei die Weisheit ſelbſt, was indeſſen beides nicht der Fall, da er ein alter und ſteifer Proviſions⸗Reiſender und noch dazu ein ſehr beſchränkter Kopf war. Um ihn ſchaarte ſich die alte Garde, die, mit ihrem Präſes an der Spitze, eine Art Ariſtokratie bildete. Ihr Adels⸗Fundament war die Länge der Zeit, ſeit welcher ſie Ehningen jährlich auf ſeinen zwei Congreſſen beſucht. Und in der That, ſie ſpielten ihre Rolle nicht ſchlecht; denn ſie waren gegen die jüngeren Reiſenden ebenſo hochmüthig und aufgeblaſen, wie dies der ungebildete Theil des Adels gegen Bürgerliche iſt. Aber ſelbſt an Batzle's Tafel konnte man ſehen, daß der Zeitgeiſt keine Schlafhaube mehr trägt; indem der bei weitem größere Theil der jüngeren Reiſenden, unter welchen ſich auch wahrhaft gebildete Männer befanden, die alten, ſteifen Philiſter auslachte und ſich keinen Teufel um deren Anmaßungen kümmerte. Froſch war Sprecher bei der alten Garde, und da⸗ durch gewann ſie ſoviel, als manche Miniſtertafel im Stände⸗ haus an einem Schreier mit ähnlich quackender Stimme; denn beide zu überſchreien liegt nicht in der Möglichkeit menſchlicher Natur. Ja Zacharias fand bei genauem Aufmerken ſelbſt 123 hier eine„äußerſte Linke“, ein juste milieu und Re⸗ publikaner. So ſpiegelt ſich die Welt und das Leben, ſo der Geiſt der Zeit, ſelbſt in den kleinſten Kreiſen, treu ab. „Die Lokomotive“ war der Hauptvertreter des„juste milieu,“ und Spreitzer ein wüthender Republikaner. Auf Politik hatten indeſſen alle dieſe Nüancirungen keinen Bezug; denn um Politik bekümmern ſich Geſchäfts⸗ reiſende nichts, ſo lange man die Einfuhr des ächten Cham⸗ pagners noch nicht verbietet;— ſondern die obigen Schat⸗ tirungen galten lediglich der Geſellſchaft beim Batzle und allenfalls der Speiſekarte; indem jeder Voyageur ein ge⸗ borener Gaſtronom iſt.— Die Luſt ſteigerte ſich während der Tafel nichts deſto weniger immer höher, die Champagnerpfropfen knallten wie Artillerieſalven, und wenn das Orcheſter eine bekannte Me⸗ lodie anſtimmte, fiel die ganze Geſellſchaft im Chorus ein. Mit dem Kaffee kamen die Würfel, und nun gab es einen neüen Spaß; denn der braune Trank von Mokka wurde ausgewürfelt, und oft mußte Einer, zum Jubel der Anderen, zwanzig bis dreißig Taſſen zahlen. Aber!— nun folgten die Sorgen!— Wie den Nach⸗ mittag hinbringen?— Für eine Partie auf die Achalm oder nach Lichtenſtein war es noch zu ſchmutzig. Alſo?... „Zum Ochſenfritz!“ rief die„Lokomotive.“ „Ja!— zum Ochſeufritz! zum Ochſenfritz!“ donnerte es jubelnd aus hundert Kehlen, und Alles ſprang auf. Wer ſeinen eigenen Wagen hatte, ließ anſchirren und enga⸗ girte Den oder Jenen zum Mitfahren, ein Paar ritten ſo⸗ gar, und die Anderen machten ſich zum Gehen fertig. 124 Unter Letztern war auch Zacharias und Goldmann. Als der Zug in Bewegung war, wandte ſich Hartmann an ſeinen Nachbar und frug: „Wer iſt denn das, der Ochſenfritz?“ „Wie?“ rief Jener erſtaunt—„Sie kennen den Ochſenfritz nicht? den charmanteſten und luſtig⸗ ſten Wirth von der ganzen Welt!“ „Habe noch nie etwas von ihm gehört!“ „Nun, ſo reiſen Sie gewiß auch noch nicht lange und waren jedenfalls noch nicht in Reutlingen. Dort iſt er nämlich Gaſthalter zum goldenen Ochſen, dem erſten Gaſt⸗ hof der alten Stadt. Er iſt ein reicher Mann, bei dem man gut logirt, einen vorzüglichen Wein und einen aus⸗ gezeichneten Tiſch trifft. Was aber den Reiſenden haupt⸗ ſächlich an den„goldenen Ochſen“ knüpft, iſt der Wirth ſelbſt, der ein ſo gefälliger, artiger, herzensguter und lu⸗ ſtiger Kauz iſt, daß ihn alle Welt gern haben muß. Da⸗ rum ſcherzen ſeine Gäſte auch gerne mit ihm, und er läßt ſich von ihnen und der Gicht viel gefallen; aber Alles geht in Ehren her, und der Scherzname:„Ochſenfritz“— er heißt nämlich mit dem Vornamen Fritz— iſt eigentlich ein Ehrenname: da der Fritz den„Ochſen“ zu Reutlingen erſt zu Ehren und zu— Gold gebracht hat.“ Zacharias war recht begierig, den Mann kennen zu lernen; denn ſein Nachbar hatte mit ſolchem aufrichtigen Antheil von ihm geſprochen, daß Hartmann von der Wahr⸗ heit des Lobes überzeugt war. Indeſſen hatten ſie die Höhe des Berges erreicht, auf welchem Zacharias vor Kurzem umgeworfen. Die Ausſicht von ſeinem Gipfel— über welchen die Taktloſigkeit der 125 Alten den Weg geführt, während man ihn ganz bequem und ohne Zeitverluſt am Fuße deſſelben hätte hinleiten kön⸗ nen— war überraſchend. Nach Oſten und Süden begränzten die kegelförmigen Höhenpunkte der rauhen Alp den Horizont. Sie waren theils— und hauptſächlich die nach Reutlingen und Pful⸗ lingen zu liegenden— bebaut bis zum Gipfel; theils deckte ſie noch dichter Wald, aus deſſen ſaftigem Grün ſich graue Felſen wie Rieſen erhoben. Romantiſche Schluchten zogen ſich dazwiſchen und wechſelten mit freundlichen Thälchen; während von Ehningen nur die rothen Ziegeldächer aus den Obſtbäumen hervorſchauten. Im Norden ſtieg die Achalm majeſtätiſch aufz und wenn die Ruinen, die ſie auf ihrem Gipfel trug, auch an finſtere Zeiten mahnten, ſo verſöbnte doch der liebliche Anblick der königlichen Schweizerei wieder, die ſich in der Mitte des Berges, wie ein anmuthsvoller Gürtel um denſelben zog. Nach Weſten zu aber öffneten ſich die Berge, und in einer der fruchtbarſten Ebenen Würt⸗ tembergs lag Reutlingen, die vormalige Reichsſtadt, mit ihren Graben, hohen Mauern und Thürmen. Das Bild war unendlich freundlich, und gewann noch durch ſeinen Hintergrund; denn über die Stadt hinaus ſah man in eine weite, weite Ferne, die endlich wieder mit blauen Hügel⸗ reihen ſchloß, auf welchen ſogar ein ſcharfes Auge die Ge⸗ bäude von Hohenheim wie einen weißen Strich erkennen konnte. Zacharias ward es ſchwer, ſich von dem herrlichen Punkte zu trennen; aber der ganze Zug ging lärmend vorüber und immer weiter, und nur Wenige warfen einen flüchtigen Blick auf die Gegend. 126 Aber nur Wenige ſind auch auserwählt, die Sprache der Natur zu verſtehen. In einer kleinen halben Stunde war Reutlingen er⸗ reicht. Zacharias überraſchten die engen Straßen und alten Häuſer nicht; ja ſie gefielen ihm ſogar, und es kam ihm vor, als trage das ganze Städtchen noch ſtark das Gepräge des Mittelalters. Den Marktplatz dagegen, auf welchem auch der„goldene Ochſen“ ſteht, fand er in neuerem Styl und recht freundlich. An weitere Bemerkungen konnte er indeſſen jetzt nicht denken; denn zu Wagen, zu Pferde und zu Fuße zogen die Reiſenden ein, wie das wilde Heer, und Alle begrüßte unter dem Thore der dicke, freundliche Wirth und drückte jedem Einzelnen die Hand, und Jeder ſcherzte mit ihm, und der„Ochſenfritz“ lachte, daß es ſchallte, und ſprang vor Vergnügen über die vielen Gäſte wie ein Böcklein, und je mehr er lachte und ſprang, deſto lauter ſchrieen die Andern, daß es einen Höllenjubel gab. Aber dies war Alles nichts gegen den Lärmen in der ſchmalen, engen Wirthsſtube, die kaum die Maſſe der Gäſte faſſen konnte; denn jetzt ging der Trödel erſt recht an, und wie verabredet ſchrie Jeder nach dem„Ochſenfritz“ und Jeder wollte etwas Anderes. Der rief nach Waſſer, um den Wirth zu necken, Jener nach Wein, Froſch brüllte nach Champagner und die„Lokomotive“ verlangte Johannisberger. „Mir e Schoppe Sechſer,“ rief Spreitzer, und ſchickte ein: „Gott verdamm' mich!“ nach, und der Berliner wollte gar einen Schnaps haben.—„Wurſt!“—„Kaffee!“— „Wünrfel!“—„Bier!“—„Sechſer!“—„Achter!“— „Zwölfer! tönte es hier und dort durcheinander, wie bei dem Thurmbau zu Babel. —,— 127 Der Wirth aber, der ſich erſt die Seiten gehalten und furchtbar gelacht, verſtopfte ſich nun mit beiden Händen die Ohren und ſetzte mit komiſchen Geberden, trotz einem eng⸗ liſchen Bereiter, über Stühle und Bänke. Seine gymnaſtiſchen Uebungen lohnte ein ungeheurer Applaus; worauf ſich die Maſſen mehr ordneten, obgleich weder der Lärm noch das Necken der Reiſenden nachließ, dem aber der kluge Gaſtwirth ebenfalls nur Scherz entgegenſetzte. Zur allgemeinen Luſt trug auch nicht wenig der Lohn⸗ diener des Hauſes,„die Maus“ genannt, bei, der ganze Schoppen Wein auf einen Zug trinken mußte, was er mei⸗ ſterlich verſtand; dann wieder ſeine Prügel empfing, und zur Belohnung, daß er ſie ausgehalten, einige Sechſer einſtrich. Kurz der Muthwillen der jungen Leute machte ſich auf alle Weiſe Luft. Der Witz knatterte wie ein Heckenfeuer, wenn er auch manchmal plump war, der Wein floß in Strömen, und das Geld ging auf eine herrliche Weiſe zum Teufel, — oder— beſſer geſagt— in Ochſenfritzens Taſche. Erſt ſpät am Abend kehrte man nach Ehningen zurück, nachdem noch manches Glas und mancher Teller zerbrochen worden war, und der Berliner einen ganzen Schrank voll Milchtöpfe und Speiſevorräthe aus Uebermuth umge⸗ worfen hatte, ſo daß die verſchiedenen Braten und Würſte, zum allgemeinen Jubel, eine Beute der Hunde und Katzen wurden, und die Krebſe, die lebendig in einem großen Topfe waren aufbewahrt worden, jetzt in den Milchbächen herumkrabbelten. Auch der Wirth lachte recht herzlich über den ſchlechten Witz, ſchrieb aber dabei ſogleich die Rechnung für alles Zerbrochene und Geopferte, und ſchob ſie dem Berliner in 128 die Hand. Dieſer warf, ebenfalls lachend, dem„Ochſen⸗ fritz“ die verlangten achtzehn Gulden hin, und die Kara⸗ vane ſetzte ſich in Bewegung. Zacharias war, wie man zu ſagen pflegt, bezopft— und litt den andern Tag einmal wieder an einem bedeuten⸗ den Katzenjammer. Indeſſen hatte er ſich doch auch im Trinken vervollkommnet; denn er war an jenem Tage Meiſter geworden über: Vormittags: zwei Schoppen Rothen, Bei Tafel: anderthalb Flaſchen Nierenſteiner, Im Ochſen: eine Flaſche Scharlachberger und eine Flaſche Champagner. Es war dies allerdings wenig gegen die Geübteren; indeſſen blieb ihm doch die Ausſicht, es noch zu etwas Tüch⸗ tigent zu bringen. Auf eine ähnliche Weiſe wie die eben beſchriebene, ver⸗ floßen auch die nächſten Tage; mit dem Mittwoch dagegen begannen für Zacharias die Geſchäfte. Pünktlich mußte er ſich zu den beſtimmten Stunden immer einfinden, damit ihm kein Anderer zuvorkomme, und war er mit ſeinen Geſchäf⸗ ten bei einem Kunden fertig, ſo wartete gewiß auch ſchon ein anderer Reiſender, der mit den gleichen oder ähnlichen Artikeln handelte. Bei dem Handel aber hatte er viel zu ſprechen, und namentlich eine ungeheure Concurrenz zu bekämpfen. Demohnerachtet durfte er mit ſeinen Geſchäften ziemlich zufrieden ſein. Denn ſo anſehnlich auch die Partie geweſen, die ſein Haus übernommen, und welche er nun zu verkaufen hier war, ſo raſch ging es mit derſelben zu Ende. Ueber den Congreß ſelbſt und deſſen wahren Werth und Standpunkt für und in der merkantiliſchen Welt war 129 indeſſen Zacharias durchaus noch nicht im Reinen, und würde auch kaum darüber klar geworden ſein, hätte ſich nicht zu ſeiner Freude auch jener ernſte Mann eingefunden, den Hartmann in Stuttgart hatte kennen und achten gelernt. Mit dieſem beſprach er ſich denn ſobald er konnte auf einem Spaziergange über dieſen Gegenſtand, und Jener äußerte ſich hierüber ungefähr wie folgt: „Sie hatten, wie ich ſehe, im Anfange ganz unrichtige Begriffe von dem Ehninger Congreß. Er däuchte Ihnen wohl eine merkantiliſch⸗diplomatiſche Conferenz, und wie natürlich fanden Sie ſich bei Ihrem Hieherkommen bitter in dieſen Ausſichten getäuſcht. Jetzt müſſen Sie vor⸗ ſichtig ſein, damit Sie nicht in das entgegengeſetzte Extrem verfallen, und ihn verachten.“. „Die Benennung„Congroß“ hat mich hauptſächlich irregeleitet!“— entgegnete Zacharias.* „Sie iſt auch nicht gut gewählt“— fuhr Jener fort —„da wir nun einmal gewöhnt ſind, mit dieſem Worte berathende Zuſammenkünfte in Verbindung zu bringen; indeſſen läßt ſie ſich auch wieder vertheidigen, da ſie eben von zuſammenkommen,„congredior“ abgeleitet iſt. Immer iſt die Erſcheinung für die kaufmänniſche Welt eine ſo wichtige als eigenthümliche: ja— ſie iſt einzig in ihrer Art.“ „Ehningen iſt nur ein Marktflecken von ungefähr 5000 Einwohnern, aber dieſe 5000 Menſchen bilden, ſo zu ſagen, einen kleinen kaufmänniſchen Staat im Staate, ein Völkchen für ſich, das ganz einzig in ſeinen Sitten und Gebräuchen, in ſeiner Lebensweiſe und Erwerbsart daſteht. Von Kin desbeinen an iſt der E hninger Kaufmann, er iſt ein ge⸗ borener Krämer, und wenn er die Schule des Ortes abſolvirt Commis Vohagenr. 9 8 130 hat, ſo wird nicht gefragt: was er werden will? ſondern es verſteht ſich von ſelbſt, er nimmt ſeine Kiſte voll Waaren auf den Rücken und folgt den Eltern in die Welt.“ „Reiſen Sie durch ganz Württemberg, Baden und Bayern, und Sie finden keinen Jahrmarkt und keine Meſſe, wo nicht einer oder mehrere Ehninger ihren Kram aufge⸗ ſchlagen haben, und Langewaaren als vorzüglich: Spitzen, Kattun, Shawls, Bänder, Seidenſtoffe und ſeidene Tücher, Zeuge und Gewebe aller Art, Sammt, Goldborden, ſelbſt manchmal Galanteriewaaren verkaufen. Iſt der Jahrmarkt geendet, geht es auf einen andern, immer die Kiſten auf dem Rücken, oder— wie es jetzt der auch hier ſteigende Luxus will— in einem einſpännigen ſchlechten Wagen⸗ Unterwegs wird hauſirt; denn der Ehninger bleibt immer thätig und kennt, iſt er mit Frau und Kindern unterwegs, keine Schwierigkeiten, die nicht, um einen kleinen Gewinn zu machen, zu beſiegen wären. Einfach in ſeiner Lebens⸗ weiſe, lacht er,— ſpotten ſelbſt die Weiber und Mädchen der größten Mühſeligkeiten des Lebens, deſſen Freuden ſie faſt ebenſowenig kennen. Dafür hält ſie aber das raſtloſe Reiſen in friſcher Luft ſtark und geſund; wie denn die Leute hier alle von kernhaftem Schlage ſind.“ „Nur zweimal im Jahr kommt der Ehninger von der Handelſchaft nach Hauſe, und dies geſchieht um Sommer⸗ Jacobi und um Neujahr. Hier aber erwartet ihn doppelte Arbeit: die häuslichen und bürgerlichen Angelegenheiten müſſen jetzt wieder für ein halbes Jahr geordnet werden. Die Abgaben ſind zu zahlen, neue Beamtenwahlen zu treffen Heirathen zu ſchließen— aber!— vor allen Dingen 131 warten ja ſchon Hunderte von Reiſenden, um neue Be⸗ ſtellungen und— für die alten— Geld zu empfangen.“ „Nun, die Geſchäfte, die hier geſchloſſen werden, davon haben Sie ſich überzeugt, wollen etwas heißen. Ich allein ſchlage— auf beiden Congreſſen, alſo in einem Jahre— für eirca 200,000 Gulden hier um. Rechnen Sie nun, daß im Jahre wohl über 200 Reiſende zu faſt jedem Ehninger kommen, bei welchen er mit wenig Ausnahmen etwas beſtellt, und ziehen Sie ferner in Betracht, wie viele Handelsleute hier ſind, ſo können Sie ungefähr die Summe überſchlagen, für welche hier Geſchäfte gemacht werden. Sie beläuft ſich— Sie dürfen es mir glauben — über eine Million.“ „Was aber bei dem Allem das Merkwürdigſte,— iſt: daß die meiſten Ehninger faſt gar kein eigenes Vermögen, oder doch ſo wenig haben, daß dies gar nicht gegen den ungeheuren Credit, den ſie erhalten, in Betracht gezogen werden kann. Faſt das ganze Geſchäft beruht daher auf Credit, auf Zutrauen ohne alle Garantie, eine Thatſache, welche wenigſtens in dieſem Maße in der commerciellen Welt wohl nicht mehr vorkommt. In früheren Zeiten, in welchen die Geſchäfte noch beſſer gingen, mehr zu verdienen und weniger zu verlieren war, da balancirte ſich nun freilich die Gefahr durch den enormen Gewinn, der hier gemacht wurde. Dem iſt aber nicht mehr ſo: Die Cvncurrenz drückt die Preiſe ſchon bei den Anerbieten der Reiſenden gewaltig; ſie und die ſchlechte Conjunktur, die ſeit Jahren auf dem Handel Deutſchlands laſtet, ſchmälern den Gewinn der Ehninger ſelbſt ſo ſtark, daß ſie kaum ihren Lebensbedarf zu erſchwingen vermögen; die neue Rich⸗ 9* 132 tung, die der Handel ferner durch die Erleichterung in der Communikation genommen, ſchwächt die Märkte, dabei ſteigt der Lurus auch bei dieſen Leuten; an die Stelle der alten ehrenfeſten Solidität tritt ein Schwindelgeiſt, man überhäuft ſich mit Waaren, um nur Geſchüfte machen zu können, die Waaren werden alsdann, weil es an Abſatz fehlt, alt und für den Inhaber werthlos— und das Ende von dem Allem ſind— die leider ſo ſchrecklich überhandnehmenden Banke⸗ rotte. In der Beziehung haben ſie denn auch in der neue⸗ ren Zeit auf dem Congreß nur zu viele berathende Sitzun⸗ gen, zu welchen freilich die Betheiligten gewöhnlich mit ſchiefen Geſichtern kommen.“ „Unter dieſen Umſtänden“— ſagte Zacharias faſt er⸗ ſchrocken—„begreife ich aber nicht, warum, ſo Viele hier⸗ herkommen und ſich faſt um die Geſchäfte reißen.“ „Nun!“— entgegnete der Andere—„wenn man ſeine Leute kennt und auswählt, iſt immer noch Manches hier zu verdienen. Nur vorſichtig muß man ſein und den Platz kennen. Frankfurt am Main und Elbevfeld — erſteres, vor dem Zollverbande, und ſeinen engliſchen Waaren, und letzteres in ſeinen Seidenſtoffen und Tüchern haben den Rahm hier abgeſchöpft; jetzt ſendet die ganze Welt ihre Reiſenden her.“ „Doch, um noch einmal auf die Ehninger ſelbſt zurück⸗ zukommen: haben ſie nun hier auf dem Congreß wieder friſch beſtellt und das Alte bezahlt, ihrer Töchter Verſpruch gehalten oder ſie verheirathet, ſo geht es wieder fort auf den Handel wie früher, und dies Jahr aus Jahr ein, pis der Körper nicht mehr fort will, oder der Tod ſein „Amen!“ ſagt.“ 3 133 „Wenige Tage nach Beendigung des Congreſſes würden Sie das jetzt ſo laute Ehningen gar nicht mehr kennen. Männer und Weiber und die älteren Kinder ſind, wie die Reiſenden, fort; viele Häuſer werden ganz geſchloſſen,— Alles iſt wie ausgeſtorben, todt und leer, und die ganze Einwohnerſchaft beſteht dann faſt nur noch aus Greiſen und Kindern. Aber der Sommer kommt wieder und das Jahr, und Ehningen wird wieder lebendig und laut und fröhlich und arbeitſam.“ Sie hatten hier ihre Wohnungen erreicht und trennten ſich. Zacharias aber beſchäftigte noch lange das Bild dieſer merkwürdigen kleinen Handelswelt. Seine Geſchäfte gingen unterdeſſen ihrem Ende zu, da die Partie Callico's, welche er zu verkaufen hatte, bis auf wenige Stücke an den Mann gebracht war. Zacharias freute ſich in vielfacher Beziehung hierüber; hauptſächlich weil ihm der Verkauf eines ihm faſt ganz fremden Artikels ſchwer wurde, und dann— weil er ſich aus Ehningen weg ſehnte. Wenn ihn auch dies eigenthüm⸗ liche Leben im Anfange einigermaßen angezogen, ſo vertor daſſelbe doch bald ſeinen Reiz, da, außer der Arbeit, täglich dieſelben Unterhaltungen wiederkehrten, die noch dazu, bei der Maſſe jugendkräftiger und darum übermüthiger, junger Leute, gar oft in Rohheit ausarteten, und ſich in zügel⸗ loſem Spiel, Bacchanalien und im Zerſchlagen aller zer⸗ brechlichen Dinge kundgab. Daß nicht alle Anweſenden hiebei Antheil nahmen, ver⸗ ſteht ſich von ſelbſt; doch gab es hiefür gewiſſe Tonangeber, und Froſch, Spreitzer und der Berliner waren faſt immer dabei. Die„Lokomotive“ blieb ſich ſtets gleich. Immer 134 heiter, ja oft recht luſtig, wußte ſie doch meiſt die rich⸗ tige Gränze zu halten, und war dabei mehr als einmal das verſöhnende Glied in der Geſellſchaft. Die Erſten bei allen tollen Streichen waren meiſt einige feine Herrchen, welche ſich ohnehin durch ein ewiges„dicke thun“ und ſchwadroniren charakterifirten. Luſtige Vögel reizten dieſelben dann gewöhnlich ſo lange, bis ſie von Worten zu Thaten übergingen, und Dinge ausführten, die zu der Bildung, die man von ihnen verlangen durfte, eben nicht paßten, und die ſie den andern Tag bei nüchterner Ueberlegung bereuten. Ehe indeſſen Zacharias den Congreß verließ, ſollte er noch einmal Zeuge eines Auftritts ſein, wie ihn nur Ehningen hervorrufen konnte. Faſt alle dort anweſenden Reiſenden hatten ſich nämlich zu einem großen Abendeſſen im„Trauben“ vereinigt. Batzle bot alles Erdenkliche auf, die Ehre ſeines Hauſes zu retten, und brachte in der That auf die Tafel, was nur der lüſternſte Gaumen eines Gourmands ſich wünſchen konnte. Die Muſik ſpielte herrlich und„die Weine glitſchten à mer- veille.“ Was war natürlicher, als daß ſich die ungebun⸗ denſte Heiterkeit entwickelte?— Bald begleitete man im Chorus die bekannten Melodien, welche das Orcheſter anſtimmte, bald erzählte Einer und der Andere eine Schnurre, oder läutete die„Sauglocke“; und dann hielt wieder, zum allgemeinen Jauchzen, Froſch eine Rede, bei welcher Anſtrengung ihm die Augen noch um einen halben Zoll weiter aus dem rothen Kopfe heraus⸗ traten; während Goldmännchen ein ſchönes Liedchen nach dem andern jum Beſten gab. — 135 So ſteigerte ſich die Luſt; aber mit ihr ward auch das Flaſchengefecht heftiger. Die ſchweren Rheinweine mußten dem Champagner, dem Lieblingstranke aller Reiſenden, weichen, und je fröhlicher man wurde, deſto öfter führte man das Glas an den Mund, in deſto gewaltigeren Zügen ſchlürfte man den ſchäumenden Nektar hinunter. Jugend aber hat keine Tugend! Während die älteren Männer nun ruhiger wurden, je mehr ſie tranken, und deſto mehr tran⸗ ken, je ruhiger ſie wurden— deſto lauter und ausgelaſſe⸗ ner fing die Jugend ſich zu äußern an. „Was gilt die Wette!“ rief jetzt am untern Ende der Tafel ein Modeherrchen—„ich treffe mit dieſem Stückchen Brod Froſch, der dort oben ſitzt, auf die Naſe!“ „Nicht möglich!“ ſagte ſein Nachbar. „Kein Gedanke drran!“ entgegnete ein Anderer„ der immer zum Hetzen bereit war, und warf ſeiner Umgebung einen bedeutenden Blick zu. „Wetten Sie eine Flaſche Champagner?“ entgegnete hitzig das Herrchen. „Ja!“ rief Jener. „Gut!“ In demſelben Augenblicke flog auch das Stückchen Brod über den Tiſch, verfehlte aber ſeine Richtung und traf eine Vaſe mit Blumen, die ſogleich umſtürzte, im Fallen eine Schüſſel und mehrere Flaſchen zerſchlug und ſelbſt am Bo⸗ den zerſchellte. Ein ungeheurer Jubel erſchallte, und Alles rief lachend: „dacapo! dacapo!“ Das junge Herrchen brachte dies Mißgeſchick aber erſt recht in's Fenuer, es ließ ſeinen verlorenen Champagner 136 kommen, lief dann hin, hob die Vaſe, deren Bauch allein gelitten, auf, trug ſie auf einen Seitentiſch, ſtellte dann auf die obere Mündung derſelben eine Schüſſel, auf dieſe eine Waſſerflaſche, auf dieſe Waſſerflaſche einen Teller und auf den Teller ein Glas. Schweigend hatte man ihm zugeſehen; kaum aber war er mit den Worten:„Noch eine Flaſche Champagner dem, der das Glas trifft, ohne das Andere umzuwerfen!“ zu⸗ rückgetreten, als mit einem Male ein wahrer Hagel von Stücken Brod, Pfropfen, Tellern und Gläſern nach dem gebrechlichen Thurme flogen, der natürlich unter lautem Krachen und Klirren zuſammenſtürzte. Aber trotzdem, daß das Ziel verſchwunden war, ſchienen jetzt Mehrere der Geſellſchaft von einer wahren Zertrümme⸗ rungswuth ergriffen zu ſein. Schüſſeln, Teller, Gläſer, Flaſchen, Alles flog nun mit Kraftanſtrengung auf die Erde, daß es krachend wie Granaten zerſchellte, und ſelbſt die davonfliegenden Stücke noch in die Fenſter und Spiegel ſprangen, dieſe zertrümmernd. Je furchtbarer Schlag und Wirkung eines Wurfes, deſto lauter der Jubel des größten Theiles der Verſammlung. Denn waren es eigentlich auch nur Wenige, die wie zer⸗ ſtörende Dämonen Alles zerſchmetterten, was unter ihre Hände kam, ſo lieferten doch Andere das Material und die Meiſten amüſirten ſich dabei. In weniger als fünf Minuten war weder ein Stücchen Porzellan noch Glas von den nahe an hundert Gedecken mehr übrig, und als die Wüthenden unter Gejauchze nach neuen zerſchlagbaren Dingen ſuchten, rief jene Stimme, die ſchon das Herrchen aufgehetzt,—„den Kronleuchter!“ — 137 Wie ein Blitz zündete dieſer Gedanke! Zwar ſchrie Gold⸗ mann dem Orcheſter zu, mit einem beliebten Thema einzu⸗ fallen, um die Gedanken auf etwas Anderes zu richten; aber er führte nur herbei, was er hatte verhindern wollen. Froſch und Spreitzer ſprangen, mit Stöcken bewaffnet, auf zwei Stühle, und ſchlugen nun, während die Muſik ſpielte: „Sie ſollen ihn nicht haben“ den Takt auf dem prächtigen Lüſtre, daß er hin⸗ und herflog, bis auch nicht ein Gedanke von Kryſtall mehr an ihm zu ſehen war. Der Saal gewährte in dieſem Momente einen recht artigen Anblick. Alle Fenſter und Spiegel waren zertrüm⸗ mert, von dem Kronleuchter hingen nur noch die Gerippe von Bronze wie ein dürrer Aſt, traurig in der Luft, das ganze Service der großen Tafel war zerſchellt, und der Boden dergeſtalt mit Trümmern bedeckt, daß man ihn mit Kies überſchüttet glaubte. Aber was macht das?— Es war ja nicht im Zorn, nicht im Streite geſchehen,— ſondern aus reinem Ver⸗ gnügen. Man hatte ſich ja dabei erluſtigt:„ſo recht aus dem Effeff!“— wie Spreitzer ſagte. Zacharias war freilich blaß geworden, ob auch aus Freude?— ob aus Schreck und Staunen, oder aus Indignation?— weiß ich nicht. Als er aber zu ſeinem Landsmann ſagte: „Aber, Spreitzer, ich bitte Dich um Gottes willen, ſeid Ihr denn wahnſinnig2“ ſo rief dieſer wild auflachend: „Halt's Maul, Duckmäuſer, morje kimmt erſcht der wahre Jacob!“ Und ſo war es auch in der That, der beſte Theil des Vergnügens kam den andern Morgen, als nämlich die ſechs Haupturheber eine Rechnung im Betrag von: 138 Kreuzer für— beim Zuſammenſchlagen ausgeſtandenes Vergnügen.“ Aber Glaſer, Porzellan⸗ und Spiegelfabrikanten wollen auch leben.— Zacharias war indeſſen der Schrecken in den Leib ge⸗ fahren— er packte noch die Nacht und reiste mit Tages⸗ Anbruch nach Ulm ab. † „Achthundert“ ſage:„Achthundert fünfundzwanzig Gul⸗ den und zwölf Krerzer“ erhielten, in welche ſie ſich brü⸗ derlich zu theilen hatten. Machte auf den Kopf netto: „Hundert ſiebenunddreißig Gulden zweiunddreißig Urach.— Die rauhe Alp.— Das Uilpferd.— Ein Freſſer.— Blaubruren.— Der Blaue.— Ulm.— Mißgeſchick an riner Cable d'hote.— Die Scylla und Charybdis— Ein Wein- reiſender.— Der brennende Pudding und die Perrücke.— Unverſchämthrit.— Die Unſchuld.— Der Menſchenkenner.— Der glückliche Präutigam.— Die Kapitulation.— Günzburg. — Zwei liebe Schweſtern und die Schinkengeſchichte.— Der anonyme Brief.— Auf nach München! „Wir luden ihn zum Eſſen, Er aber kam zum Freſſen.⸗ „The wommans are pictures out of doors, Bells in your Parlours, wildcats in your kitchens, Saints in your injuries, dewils being offen ded, Players in your housewifery, and housewives in Vour beds. Vou rise to play, and go io bed to work.“ Shakespeare's Othello. acharias war es unendlich wohl, als er— nach einem vierzehntägigen Aufenthalt— Ehningen wieder hinter ſich hatte. Er freute ſich zwar, den Congreß kennen gelernt zu haben, beneidete diejenigen Reiſenden aber gar nicht, die iedes Jahr zweimal und dann drei bis vier Wochen auf ihm zubringen mußten. 140 Sein Weg führte ihn nun über Ulm und Augsburg dem ſchönen München zu, das wie ein Eldorado ſeiner Phan⸗ taſie vorſchwebte. Und welchen ſchönen Weg hatte er heute zu machenz erſt nach Urach, durch eine Gegend, die mit dem vollſten Rechte ein Garten genannt werden kann, und dann die wilde, romantiſche Steige hinauf und über die mächtige rauhe Alp nach Blaubeuren und endlich nach Ulm. Hartmann hatte Poſtpferde genommen und ſich, da er dieſen ziemlich weiten Weg raſch zurücklegen wollte, mit Tagesanbruch aufgemacht. So traf er denn noch das alte gewerbſame Städtchen Urach, welches in einem langen und engen, von den hohen und ſteilen Gebirgen der Alp gebil⸗ deten Thale, wie in einer grünen Wiege liegt, in tiefem Schlafe. Von dem Kamm des Gebirges ſchauten, vergoldet von den erſten Strahlen der aufgehenden Sonne, die Rui⸗ nen der alten Feſte Hohen⸗Urach ſtolz herab, und erinnerten den Wanderer an den Wechſel der Zeiten, denn Burg und Stadt Urach waren einſt groß und mächtig geweſen unter den alten Grafen von Württemberg. Wie anders ſtand es damals um Beide; wie blühten da noch mächtige und reiche Patriciergeſchlechter in der Stadt; welchen Jubel ſah ſie, als zu der Hochzeit Eberhards im Bart an zwanzigtauſend Gäſte zu ihr hingeſtrömt kamen, während Urach jetzt nur 3500 Einwohner zählt! Ja, vorüber ging für Urach die Zeit der Größe und nichts iſt ihm von ihr geblieben— als die Erin⸗ nerung. durch ihren Leinwandhandel, ihr Bleichen und ihre Damaſt⸗ Die jetzigen Einwohner waren Zacharias indeſſen als fleißige Menſchen gerühmt worden, und bekannt ſind ſe ————— 141 gewebe; denn jährlich gehen von hier 7000 bis 8000 Stück Leinwand in die weite Welt. Unendlich reizend erſchien Zacharias der von hier auf⸗ ſteigende Weg auf die Alp, von dem man beſtändig die Ausſicht in das kleine, enge Thälchen der Erms hat; wäh⸗ rend zu beiden Seiten die waldigen Berge faſt ſenkrecht aufſteigen, und mit abenteuerlichen Felsgebilden wie Fabel und Mährchen mit Rieſen und Ungeheuern ſpielen: So ſtieg er immer höher und höher aus dem Zauber⸗ reiche empor, bis es mit den grotesken Naturerſcheinungen allmählig verſchwand, und auf der unfruchtbaren Höhe der rauhen Alp mit der nackten Wirklichkeit zuſammenfiel. Hier nahm er in einem ſchlechten Dorfe das Frühſtück ein, bei welchem ihn der Wirth zu unterhalten ſuchte. Er erzählte ihm unter Anderem, daß ein Reiſender, der eben⸗ falls von Ehningen komme und nach⸗Ulm gehe, dieſe Nacht bei ihm zugebracht; doch ſei er, wegen ſeiner ungeheuren Dicke, in keines der gewöhnlichen Betten gegangen, man habe ihm daher aus dem Bettzeuge von zweien ein Lager auf die Erde gemacht. Aus der Beſchreibung erkannte Zacharias ſogleich ſeinen Mann; denn es gab gewiß weit und breit nur eine ſolche Fallſtaff⸗artige Fettmaſſe, die um ſo unförmlicher, ja be⸗ ängſtigend erſchien, als ſie eine kleine Menſchenſtatur faſt zur Kugel machte. Der Mann war dabei ein ungeheurer Eſſer und Fein⸗ ſchmecker und ſein Gott der Magen. Zu Ehningen aber, und bei den Reiſenden in's Gemeine, hieß er, ſeiner Ge⸗ ſtalt halber, nur„das Nilpferd.“ In Urach, ſo erzählte der Wirth, habe er am Abend 142 zuvor, neben einem ſonſt vollſtändigen Nachteſſen, zwei ganze Capaunen verzehrt; dann bei ihm, wenig vor Mitternacht, nochmals einen halben Schinken gegeſſen und vier Flaſchen Wein dazu getrunken; heute Morgen aber den Kaffe nebſt drei Weißbroden mit Butter eingenommen und zur Vor⸗ ſorge zwei gebratene Hahnen benebſt einem Kalbsbraten und einigen Flaſchen Wein mit in den Wagen genommen. In Blaubeuren gedenke er außerdem ein Gabelfrühſtück und in Ulm das Mittageſſen einzunehmen. Zacharias hatte nun zwar„das Nilpferd“ ſchon in Eh⸗ ningen nicht eſſen— ſondern freſſen— geſehen, auch viel über ſeine Virtuoſität in dieſem Zweige menſchlichen Wiſ⸗ ſens vernommen; demohnerachtet blieb ihm bei dem Berichte des Wirthes der Verſtand faſt ſtille ſtehen. Ja er zweifelte an der Wahrheit der Sache; nahm ſich aber vor, den guten Mann in Ulm ſelbſt zu beobachten. Da„das Nilpferd“ mit eigenem Wagen— er war beſonders ſtark gebaut— und mit eigenen Pferden reiste, auch, ſeiner Schwere wegen, nicht ſchnell vom Platze konnte, ſo blieb Hartmann ſogar die Hoffnung; es noch in Blau⸗ beuren zu treffen, eine Erwartung die ihn kaum ruhig frühſtücken ließ, da ihn eine wahre Sehnſucht ergriff, dies Meerwunder einmal recht mit Muße zu beobachten. Ach! er dachte nicht an die Warnung: 8 „Male den Teufel nicht an die Wand!“ Unterwegs philoſophirte er über die Freßſucht, und dachte an Eſau, der ſchon das Recht der Erſtgeburt um ein elendes Linſengericht hingab— der Mann war kein Gaſtronom— und an den Kaiſer Maximin, der oft fünfzig bis ſechig Pfund Fleiſch fraß und vierundzwanzig Maas Wein dazu 143 ſoff— und an die Römer, die mit ihrem Sittenverfall die größten Schweine waren, und nach vollendeter Mahlzeit ſich mit Flamingofedern im Halſe kitzelten oder Brechmittel ein⸗ nahmen, um ſich auszuleeren und dann von Neuem anfangen zu können— und an die Kalmüken, die rohes Fleiſch, Speck und Talg freſſen....... und er fragte ſich, was ſchöner ſei: Freßgierde oder Trunkſucht? und fand endlich, daß beides— Zierden und hohe Vorrechte des Menſchen ſeien. Gegen zehn Uhr erreichte er Blaubeuren an der Blau. Gleich bei ſeinem Einfahren in den Ort hingen ſich rechts und links Knaben an ſeinen Wagen und frugen ihn: ob er zu dem Blautopfe(einem 65 Fuß tiefen und 40 Schritte im Umfang meſſenden Waſſerbecken, aus welchem die Blau entſpringt) geführt ſein wolle. Unwillkürlich fiel ihm hier die Stelle ein, die er vor Kurzem irgendwo geleſen und in ſeine Schreibtafel einge⸗ tragen hatte: „Und warum ſollte ich meinen alten humoriſtiſchen Freund weniger lieben, weil er in die blaue Farbe ſo ver⸗ liebt war, daß Alles bei ihm wo möglich blau ſein mußte: Mobilien und Wände, Gläſer, Bücher, Papier, Streuſand, Kleider u. ſ. w. Das Veilchen galt ihm als ſeine Lieb⸗ lingsblume(die franzöſiſche Veilchenfaction hätte er aber mit Rattenpulver umbringen können), und ſelbſt die blaue Kornblume zog er Roſen und Nelken vor. Nur mit Sehn⸗ ſucht dachte er an die blauen Gebirge Nordamerika's und ärgerte ſich oft, daß er blau ward. Seine Frau hatte blaue Augen, die Fiſche mußten bei ihm blau geſotten und das Gemüſe Blaukohl ſein. In ſeinem Zimmer hielt er 144 Blaumeiſen und im Stalle einen Blauſchimmel, auch galten Blauſtrümpfe(blue stockings, gelehrte Damen) viel bei ihm. Er ging von den Preußen zu den Republikanern über, weil man ſie die„Blauen“ nanntez ſeine Schimpf⸗ worte waren: téte bleu! ventre bleu! parbleu! corbleu! morbleu! Die höchſte Ehrenſtelle war ihm ein britiſcher Admiral von der blauen Flagge; den blauen Schürzen eng⸗ liſcher Wirthe verzieh er jede Prellerei, und hätte er Ritter des blauen Hoſenbandes werden können, ſo wäre mir für ſeinen ſonſt guten Verſtand bange geworden, da man von Orden und Titeln ſonderbare Beiſpiele hat in deutſcher Titularnation. Er ertrug ein blaues Auge einſt mit An⸗ ſtand und Geduld und kam bei Vielen, die ſeine Liebe zum Blauen nicht kannten, in garſtigen Verdacht, da er keine blaue Schürze ſehen konnte, ohne hinzugreifen. Er machte gern blauen Montag und ruhte am liebſten unter blauem Himmel. Wenn er zu Zeiten gern neben der Wahrheit vorbeiſegelte, ſo entſchuldigte ich ihn immer mit dem blauen Dunſt und den blauen Wundern, die ja ſo Vielen gefallen. Hätte er am Orinoko gelebt, wo ſich die Indianer die Haut färben— er würde ſich haben blau färben laſſen. Er zog nach Blaubeuren im Blauthale, an der Blau, neben den Blautopf und Blauſtein, das einen blauen Mann im Wappen führt. Minerva, die blauäugige war ſeine Göttin. In ſeinem Teſtamente verordnete er: blauen Sarg und Sargkleid! gewiß hätte er befohlen, in blauer Luft aufgehängt zu werden, wenn's nur halb ſchicklich geweſen wäre; ſo tröſtete er ſich damit, daß ihm unter der Erde ja doch jede Farbe gleichgültig ſein würde. Sein Grabmahl aber iſt— blau.“——— — 145 Zacharias war ungemein neugierig, ob er„das Nilpferd“ hier noch treffen werde oder nicht; wie aber freute er ſich, als er die Thüre des Wirthszimmers aufriß, und den dicken Herrn, die Serviette unter dem Kinne zuſammengebunden, in beſter Arbeit daſitzend fand. Sein feiſtes Viſage glänzte wie Moſis Angeſicht, als der Herr zu ihm auf Sinai ſprach, — er knöpfte eben mit ſtrahlender Miene die Weſte weiter auf, ſchnaufte, daß ſich die Vorhänge an den Fenſtern be⸗ wegten, nickte dem Eintretenden freundlich zu, und machte ſich mit neuer Kraft und neuem Eifer an die Reſte einer ſechspfündigen Forelle, die um ſeinetwillen ihr armes Leben eingebüßt hatte. „Délicat!— Deélicieux!“ rief er dann in kleinen Zwiſchenräumen, ſich bald die Finger leckend, bald den Mund abwiſchend, um ſich durch einen guten Schluck zu ſtärken. „Müſſen hier eine Forelle eſſen; Blaubeuren iſt berühmt durch ſeine Forellen, wie Frankfurt durch ſeine Bratwürſte, Ulm durch Spargeln, Hamburg durch Rauchfleiſch. O Hamburg, was iſt in dir nicht trefflich! die glücklichſten Tage habe ich dort verlebt!“ Zacharias entgegnete— ſich ihm mit Wohlgefallen ge⸗ genüber ſetzend— daß es ihm zu eſſen noch zu früh ſei; er werde erſt in Ulm zu Mittag ſpeiſen. „Das werd' ich auch!“— keuchte mit vollen Backen „das Nilpferd“ und ließ ſeinen Hunde⸗, Schneide⸗, Augen⸗ und Backenzähnen keine Minute Ruhe—„und Sie werden mir— o Gott, wie délicieux!— einen Ge⸗ fallen thun, mein Beſter— ich bitte Sie, eſſen Sie eine Forelle; es iſt eine Sünde, hier keine Forelle ge⸗ geſſen zu haben!— Ja, Sie thun mir einen Gefallen, Commis Voyageur. 10 146 wenn Sie mich— délicat! ſag' ich Ihnen— dem Wirthe aviſiren!“ Zacharias verſprach's, dachte aber dabei: Wehe! dem Wirth, der Dich zum Gaſte hat, Du gibſt ihm einen Gul⸗ den und friß'ſt für zwanzig. Wärſt Du Kaiſer, Du glichſt dem Römer Vitellius, der in ſieben Monaten für ſechs Millionen Pfund durch die Kehle jagte. Ob er wohl weiß, daß die Brüder Arrii einſt ſechzigtauſend Gulden für eine Schüſſel Nachtigallenzungen gaben? und Heliogabalus den Erfinder einer neuen Brühe kaiſerlich belohnte; behagte ſie ihm aber nicht, den armen Schlucker von Erfinder zwang, dieſelbe ſo lange fort zu eſſen, bis er auf eine beſſere kam. Indeſſen war es merkwürdig, dem„Nilpferde“ zuzu⸗ ſehen. Ach! gewiß war auch ihm der Februar der verdrieß⸗ lichſte aller Monate, da man in ihm— nur achtundzwan⸗ zigmal zu Mittag eſſen kann. Der Dicke kam aber nicht aus ſeiner Ruhe, ſein Blick hatte ſich, ſeitdem Zacharias eingetreten, nur einmal auf einen Moment von der Schüſſel erhoben, und dies war eben, um jenen zu begrüßen. Seitdem waren ſeine Augen auf dem Teller feſtgewurzelt, und hoben ſich auch nicht während der wenigen Worte, die er ſprach. Die Adern auf der Stirne waren zugleich dick angeſchwollen und er ſchwitzte am ganzen Körper wie ein Ochſe im Bratofen. Ueber die vollen, rothen und runden Wangen floßen Schweiß⸗ tropfen, und die Kinnladen gingen unaufhörlich hin und her, und zeigten das Doppelkinn in verſchiedenen Lagen, wäh⸗ rend der Bauch ſich wie eine Weltkugel ſtattlich rundete und bewies: daß der Mann ſeine Schuldigkeit gethan. Endlich war die Forelle aus dem Reiche des Lichtes ver⸗ 8*————— 147 ſchwunden, und das„Rilpferd“ hob ſein Geſicht ſeufzend empor, es war von lauter Anſtrengung roth und blau. Nach einer kleinen Viertelſtunde gab er Befehl, einzu⸗ ſpannen, um in Ulm zur rechten Zeit einzutreffen zum— Mittageſſen. Zacharias verließ Blaubeuren um einige Minuten früher. Aber ſeine rege Phantaſie ſpielte ihm ſchlecht mit: er ſah unterwegs in Felſen, Bergen und Bäumen nichts wie Un⸗ gethüme, die ihre Rachen aufſperrten und ihn zu verſchlin⸗ gen drohten. Kobolde mit dicken Bäuchen kugelten über ſeinen Weg und die gewöhnlichen Menſchen ſchienen ihm Mumien und Gerippe zu ſein. Am ängſtlichſten ward ihm aber das eigene Gefühl des Hungers, da er über lauter Staunen ſelbſt zu eſſen vergeſſen hatte. Er fürchtete, auch wie das„Nilpferd“ ganze Welten verſchlucken zu müſſen, und war daher froh, als er den ehrwürdigen, dicken und ſtumpfen Thurm des Ulmer Münſters erblickte. Die Stadt war bald erreicht. Auch ihre alten Häuſer und finſtern Straßen ſprachen von einem gefräßigen Un⸗ geheuer,— von der Zeit, die mit ſcharfem Zahne an der ehemaligen Reichsſtadt genagt, und die dereinſtige Größe, wie Kronos ſeine Kinder, verſchluckt hatte. Im„goldnen Hirſchen“, bei Herrn Leipheimer, einem ſo rechtlichen als artigen Wirthe, ward eingekehrt, und Zacharias erhielt ein anſtändiges, wenn auch gegen die Gaſt⸗ häuſer Frankfurts und des Rheins verglichen, ſehr einfach meublirtes Zimmer. Aber er kam ja aus Ehningen, und da war ihm das, was er um ſich ſah, ſchon Luxus. Außer⸗ dem herrſchte hier überall die größte Reinlichkeit, und Rein⸗ lichkeit iſt eine Cardinaltugend für einen Gaſthof. 40 148 Erſchöpft von dem langen Fahren und hungrig wie ein Wolf, tönte ihm die Eßglocke in lieblicher Muſik. Hurtig, um ja die Suppe nicht zu verſäumen, ſchlüpfte er in ſeinen Bratenrock, warf noch einen Blick in den Spiegel, ordnete die Haare, und ſprang die Treppe hinab nach dem Speiſe⸗ zimmer. das Alterthum kannte ſie, und Lykurg iſt ihr Vater; denn er lud bereits die Spartaner in ſeinen Geſetzen zu den Syſſitien oder gemeinſchaftlichen Mahlzeiten. Freilich möchte ein Gaſthalter mit ſeiner ſchwarzen Blutſuppe jetzt wenig Glück machen. Die Table d'höte unſerer Zeit iſt aber auch eine ge⸗ fährliche Erfindung; denn Wehe! dem Menſchen, der ſich ohne die erforderlichen Vorkenntniſſe an ſie ſetzt,— er wird, blaß und matt vor Hunger, von ihr aufſtehen und doch ſein ſchönes Geld bezahlen müſſen. Die Haupt⸗ befähigung zum Speiſen an einer Table d'höte iſt aber jene liebenswürdige Unverſchämtheit, welche die ſchönſte Zierde ſo vieler jungen Leute iſt. Ein geiſtreicher Journaliſt ſagte einſt: Um an einer Table d'höte zu eſſen, muß man vor Allem kein Deutſcher ſein; denn wir Deutſche warten mit Geduld, bis Alles an uns kömmt; bis aber an einer Table d'höte etwas an Einen kömmt, kann man verhungern. An einer Table d'höte iſt man bei jeder Schüſſel Lieb⸗ haber und Nebenbuhler in einer Perſon, und am Ende der Mahlzeit liegt uns nichts im Magen, als die unglück⸗ 8 liche Liebe und der Aerger über ein paar Nachbarn. Dieſe Erfahrungen machte auch heute Zacharias; denn Die Table d'höte iſt eine ſchöne Erfindung. Schon 149 als er vom Tiſche aufſtand, war er ſo hungrig, daß er— ein Frühſtück verlangte. Die Sache aber trug ſich folgendermaßen zu: Der Zufall, das Geſchick oder ein hölliſcher Dämon placirten nämlich den guten Hartmann ganz verzweifelt; denn kaum hatte er Platz genommen, als ſich die Thüre öffnete und das„Nilpferd“ ſich keuchend und ſchnaufend hereinſchob. Es blieb zwar anfänglich in der Thüre, wie ein Pfropfen im Flaſchenhalſe, ſtecken, aber ein kräftiger Druck des Hausknechts— und das Unthier flog in das Zimmer. Ohne Umſtände ſegelte das„Nilpferd“ alsdann auf Zacharias zu, und ſetzte ſich an ſeine grüne Seite; während es einen Stuhl und ein Couvert hinwegſchob, welche beide durch es überflüſſig geworden. Zacharias ſchickte ein Stoßgebet zum Himmel; indeſſen tröſteten ihn doch einigermaßen die Erfahrungen, die er auf der Alp und in Blaubeuren gemacht;— indem er verſichert war, ſelbſt der Magen eines Vielfraßes—(er dachte an Raff's Naturgeſchichte)— könnte nun nichts mehr zu ſich nehmen. An ſeine andere Seite hatte ſich unterdeſſen eine ſpindel⸗ dürre Frau, mit einem ellenlangen Geſichte und einem Näschen dünn und ſpitz wie eine Stecknadel, geſetzt, an die ſich, wie eine Kette Feldhühner, ſechs liebenswürdige Töch⸗ ter von 40 bis 28 Jahren in gleichmäßigen Abſtufungen anſchloſſen. Mutter und Küchlein waren in dem beſten Sonntags⸗ ſchmuck, der ſie aber zu einer höchſt verfänglichen Attitude veranlaßte; denn kaum hatten ſie ſämmtlich die Stühle gerückt und ſich in Reihe und Glied vor dieſelben poſtirt, 4 150 als ſie auf einen Schlag— zum Entſetzen der ganzen Geſellſchaft— die Röcke von hinten aufhoben. Aber die Sache ging gnädiger ab, als man befürchtete, ſie hatten glücklicherweiſe nur die Oberkleider erwiſcht und ſetzten ſich nun— jene zu ſchonen— auf die Unterröcke. Hartmann warf nun auf ſein vis-Avis einen verzweifel⸗ ten Blick, aber auch hier fand er wenig Troſt; denn er ſchaute, wie ihn der erſte Blick lehrte, in das Geſicht eines Gimpels. Der Menſch hatte zu gleicher Zeit Aehnlichkeit mit einem Cacadu, indem über ſeinem abgelebten, faltigen Geſichte eine Perrücke thronte, die in eine ſpitze Haarkaupe auslief, welche ſich, wie der Federbuſch eines Vogels oder der Kamm eines Hahns von vorn nach hinten zog. Dabei ſchnitt er gewaltige Fratzen und hatte jene ekelhaft artigen Manieren an ſich, die einen vernünftigen Menſchen zur Verzweiflung bringen können. Der Mund ging dabei wie eine Mühle, und ehe noch die Tiſchgeſellſchaft ſaß, mußte ſie ſchon erfahren: daß er„Fürchtentropf“ heiße, und Weinreiſender eines berühmten Hauſes ſei. Schwach und elend vor Hunger, machte Zacharias alle dieſe traurigen Bemerkungen, und ſein Auge flammte erſt freudig auf, als zwei mächtige Suppenſchüſſeln hereingebracht und auf dem Nebentiſche aufgeſtellt wurden. Endlich nahten ſich die Kellner von beiden Seiten im⸗ mer mehr und mehr mit den dampfenden Tellern, und— links erſchien die„Klöße⸗,“ rechts die Krebsſuppe. Zacha⸗ rias ſchaute mit gleicher Liebe und mit gleichem Heißhunger hier⸗ und dorthin; jeder Teller fand ſeinen Mann. Von der Krebsſuppe, die auf der Seite heraufkam, an welcher die Mutter mit ihrer Kette Töchter ſaß, war wenig zu hoffen; 151 auch aßen die lieben Geſchöpfe, als ob ſie ſeit acht Tagen gefaſtet, und die Schwänzchen, die ſie beſonders zu lieben ſchienen, verſchwanden im Nu unter ihren Händen. Zacharias, der überſehen worden war, wandte ſich jetzt wieder auf die Seite des„Nilpferds“. Aber dies hatte in unbegreiflicher Schnelligkeit den erſten Teller geleert, und ließ ſich gerade die Schüſſel mit dem Reſte der Suppe bringen. In Todesangſt rief Hartmann dem Kellner zu, er habe noch gar keine Suppe bekommen; aber ſchon ſchöpfte der dicke Nachbar in dem Napfe herum. Zacharias ſtreckte ſich ſo lang er konnte. Noch ſchwam⸗ men einige Klöße, wie kleine Eilande, in der Brühe; das „Nilpferd“ ſchöpfte einmal und zwei davon fielen, ein Opfer ſeiner Grauſamkeit, er ſchöpfte noch einmal— und— o der Barbar!— es war um Suppe und Klöße geſchehen. Aber— ſo ſchmerzlich dieſe erſte Niederlage auch für unſern Helden war,— noch blieb ja die Hoffnung in Pandora's Büchſe. Es mußte noch viel, ſehr viel zu eſſen kommen.— Das Rindfleiſch folgte, aber da Zacharias in der Mitte der Tafel ſaß, ging es wie bei der Suppe. Als das„Nil⸗ pferd“ den letzten Teller erhielt, lagen gerade noch zwei Stückchen darauf; das eine war dünne, aber fett, das an⸗ dere dick und mager. Ein innerer Kampf ſpiegelte ſich auf dem Antlitze des Dicken, endlich blitzte es hell durch ſeine Seele, ein lichter Gedanke ergriff ihn, und er nahm— damit das zu fette und zu magere ſich ausgleiche— beide Stücke. Zacharias kam der Menſch in dieſer Minute ordentlich 152 unheimlich vor; denn er lächelte wie eine Sphinr jede Schüſſel an, indem er zugleich die Krallen nach ihr aus⸗ ſtreckte, und kam eine in ſeine Macht, dann hieß es auch von der Speiſe, die ſie trug: „Und ſchnell war ihre Spur verloren, Sobald die Schüſſel Abſchied nahm*).“ Nachdem alſo auch das Rindfleiſch ſpurlos verſchwunden war, blieben die ſüßen Schüſſeln und der Braten Zacharias' einzige Hoffnungen. Es waren für ihn in dieſem Augen⸗ blicke noch unentdeckte aber geahnte Welten, deren Erſchei⸗ nen ihn endlich mit Entzücken erfüllte, wie einſt die Küſte Amerika's den kühnen Colombus. Einmal mußte ja doch der allesverſchlingende Magen ſeines Nachbars gefüllt werden, wenn er nicht rein bodenlos war. Von dem Gemüſe traf Zacharias nur ein kleines Theil⸗ chen, gerade genug, um ſeinen Hunger zu reizen; alles uebrige verſchwand, ehe es an ihn kam, rechts und links in der„Schylla und Charybdis“. Das„Nilpferd“ kaute und verſchlang, als ob es dafür bezahlt würde, hatte auch ſeine Aufmerkſamkeit ſo ganz dieſem Geſchäfte gewidmet, daß es faſt nichts ſprach. Nur einmal wandte es ſich mit vollen Backen an ſeinen Nachbar und ſagte: „Die Hauptregeln beim Eſſen ſind: Vor Tiſch ein Glas Kräuterwein, das macht Appetit; bei Sauerkraut ein Glas Bier, während dem Eſſen nicht viel Wein; aber nachher zur Verdauung einen guten ſchwarzen Kaffee und ein Li⸗ queurchen.“ *) Fftr. Blätter.. * 153 Während aber der Dicke außer dieſen guten Lehren die feierlichſte Stille behauptete, ſchnatterte die Mutter mit ihrer Kette Töchter deſto mehr; am ſchrecklichſten war aber die Unterhaltung„Fürchtentropfs“. Ohne daß er jemals eine einzige der am Tiſche an⸗ weſenden Perſonen geſehen, unterhielt er doch die Geſell⸗ ſchaft auf das Angelegentlichſte von— ſich und ſeinen Verhältniſſen,— und zwar dermaßen laut, daß keine an⸗ dere Seele zum Sprechen kommen konnte. Der ewige Refrain ſeines unleidlichen Geſchwätzes— bei welchem er auch noch Fratzen ſchnitt, als habe er Gift geſchluckt, und— fein ſein ſollende— Bewegungen machte, die aber ausſfielen wie die des Hanswurſten in der Polici⸗ nelle— war: er ſei ein enormer Menſchenkenner, denn er reiſe nun ſchon fünfundzwanzig Jahre. Dieſen Vortheil habe er nie mehr empfunden, als jetzt, da er ſich eine Braut in Stuttgart geholt. Zwar gehe er ſchon ſeit Jahren mit dieſer Idee um;— aber weil die Weiber und Mädchen, wie er ſich ſelbſt oft genug überzeugt, faſt Alle nichts taugten(er wandte ſich bei dieſer Stelle mit einem verbindlichen Kratzfuße an die Mutter mit ihren ſechs hoff⸗ nungsvollen Küchlein und ſagte hold lächelnd und bedeutſam: —„Verſteht ſich, mit Ausnahme!“)— ſo habe er ſich nie entſchließen können, zu wählen. Jetzt aber— fuhr er be⸗ geiſtert fort— habe er das non plus ultra eines keuſchen und liebenswürdigen Mädchens gefunden, einen wahren Engel an Unſchuld, eine Heilige an Tugend und eine Göttin an Schönheit.„Ach!“— rief er, und verdrehte die Augen wie ein abſtehender Fiſch,—„was wird liebes Mamachen ſagen, wenn ich ihr dieſen Engel bringe? Aber dafür bin 154 ich auch ein Menſchenkenner, und mich hätte nie ein Mädchen zu täuſchen vermocht. Indeſſen macht ſie auch eine gute Parthie“— ſetzte er ſelbſtgefällig hinzu— „denn ich habe mir außer Menſchenkenntniß auch Blankes geſammelt, und Mamachen....4 „Iſt Ihnen von dieſer Schüſſel„Windbeutel“ gefäl⸗ lig?“— frug ihn in dieſem Augenblick ſein Nachbar, ein anſtändiger, bisher ſtiller Mann, und hielt ihm die Reſte der genannten Mehlſpeiſe hin, die denn auch zu Zacharias' Verzweiflung auf des Weinreiſenden Teller wanderten. Endlich hatte der junge Hartmann gegründete Hoffnung, ſo glücklich ſein zu können, etwas für ſeinen hungrigen Magen zu erwiſchen. Von einem ungeheuren brennenden Pudding blieb noch ein mächtiges Stück übrig. Mit der Verzweiflung eines Verhungernden langte er darnach. Fürch⸗ tentropf ſah es und beeilte ſich, die ihm näher ſtehende Schüſſel zu ergreifen, um ſie Zacharias mit Grazie zu reichen. Unglücklicherweiſe wollte er aber zu graziös ſein, ſchlenkerte dabei die Arme in einem zu ſchönen Bogen, der brennende Spiritus lief über, und die Flamme erfaßte ſeine Hände. Vor Schrecken und Schmetz ſchreiend ſprang er auf, — und Stuhl, Schüſſel und Pudding lagen auf der Erde. Zacharias überkam eine fürchterliche Wuth, er hätte dem Tölpel den Schädel einſchlagen können;— aber ſiehe! das Schickſal nahm ſich diesmal ſeiner an. Fürchtentropf fuhr mit den verbrannten Fingern convulſiviſch in ſeine Cacadu⸗ Perrücke, riß, da ſie ſich in der Schnelle in den Haaren der⸗ ſelben verwickelten, das ganze Toupet herab, und zeigte nun der Geſellſchaft ſein kahles, fettglänzendes, widerliches Haupt. Ein ſchallendes Gelächter begleitete dieſe Scene. Ven 155 dem Gelächter aber ward Zacharias nicht ſatt, und ebenſo⸗ wenig von dem Nachtiſch, den ſich die holden Damen zu Gemüthe zogen, indem ſie die Hälfte davon in ihre Ridi⸗ culs ſteckten. Dabei kehrte ſich auch noch das„Nilpferd“— nachdem es den Bauch wie das Magazin einer Feſtung gefüllt hatte — zu ihm und ſagte, keuchend wie ein Maſtochſe: „Das war ein vortreffliches Eſſen, ſind Sie zufrieden?“ Dies war denn doch zu viel:„Mit Ihrer Artigkeit bei Tiſche eben nicht!“— entgegnete gereizt Zacharias.— „Wer das Glück hat, neben Ihnen zu ſitzen, darf den Tag unter die Faſttage zählen.“ „Ja!“— ſagte das„NRilpferd“ ruhig, und zuckte die Achſeln:„an einer Table d'höte muß man tapfer zulangen, da iſt ſich jeder ſelbſt der Nächſte.“ „Sie haben Recht!“ rief Fürchtentropf dazwiſchen, der unterdeſſen ſeinen chineſiſchen Kopf wieder unter die Atzel gebracht,—„ich habe Menſchenkenntniß genug, um nicht zu kurz zu kommen.“ Zacharias aber ſtand ſtolz auf, ließ Beide, ſo wie die Mutter mit der Kette hungriger Töchter verachtend ſitzen, ging auf den Oberkellner zu, und ſagte: „Kellner! geben Sie mir ein Frühſtück!“ Erſtaunt trat der Wirth näher, und frug nach der Ur⸗ ſache dieſes ſonderbaren Verlangens; war aber, als er die Mißgeſchicke ſeines Gaſtes vernommen, ſo artig, demſelben ſogleich noch einige leckere Biſſen nachſerviren zu laſſen. Das„Nilpferd“ beſtellte ſich für den Abend eine Aal⸗ paſtete und ſchob ſich ſodann von der Seite zur Thüre hinaus, um ſeinen Geſchäften nachzugehen. Die Damen ſtanden auf, 156 und ließen die Röcke wieder vor ihre Allerwertheſten fallen, zupften und rupften ſich zurecht, indem ſie ſich wie Grena⸗ diere vor dem Spiegel ablösten, und verließen dann ſchnat⸗ ternd den Saal, um in eine Kaffeeviſite zu gehen. Auch die übrige Tiſchgeſellſchaft hatte ſich bald verlaufen, bis auf Fürchtentropf, der ſich: mir nichts, dir nichts! zu Zacharias ſetzte und ihm von ſeiner Menſchenkenntniß und klugen Brautwahl erzählte. Jetzt hörte der junge Hartmann zu ſeinem Erſtaunen noch: daß der vielerwähnte Engel hier im Hauſe ſei, da ihn der Bräutigam in Stuttgart abgeholt, um ihn ſeinem Mamachen nach Günzburg zu bringen. „Aber warum haben Sie denn Ihre Braut nicht an die Tafel geführt?“— frug Zacharias lebhaft. „Ah! nein, behüte Gott!“— rief Fürchtentropf—„dies that ſie nicht, da iſt ſie viel zu ſchüchtern. Sie hat mir ein⸗ für allemal erklärt: daß ſie als Mädchen nie an Table d'höte gehen werde. Wo denken Sie aber auch hin?— Dies ſittſame, zarte, unſchuldige Weſen an eine Table d'höte? — Sie wäre ja in Ohnmacht gefallen, wenn ein zweideu⸗ tiges Wort ihre keuſchen Ohren berührt hätte. Sie müſſen ſie nur ſehen, dies fromme, tugendhafte Kind; ſchon bei dem bloßen Anblicke eines Mannes bebt ſie und ſchlägt die lieben Aeuglein erröthend nieder. Ach! und ihre Sprache iſt ſo kindlich. Ich glaube, ſie ahnt noch gar nicht, was für ein Unterſchied zwiſchen Mann und Weib iſt.“ „Sie ſind ſehr glücklich!“— ſagte Zacharias—„eine ſolche Perle gefunden zu haben, kindliche Unſchuld iſt jetzt ſehr ſelten.“ „Ja!“— rief Fürchtentropf ſtolz—„wenn man abe auch fünfundzwanzig Jahre gereist iſt, und ſo viel Men⸗ ſchenkenntniſſe geſammelt hat, wie ich, dann iſt man ſicher, nicht angeführt zu werden.“ „Wie machten Sie es denn, ſich ſolche Menſchenkenntniß zu erwerben?“— frug Zacharias weiter.—„Mir liegt daran, es zu wiſſen, da auch ich mir dieſen Schatz aneignen möchte. Ihre Geſchäfte brachten Sie wohl mit Männern von Auszeichnung, Geiſt und Welterfahrung zuſammen?“ „Dies wohl!“— entgegnete wichtig der Weinreiſende —„aber ſehen Sie, dies iſt Alles dummes Zeug, um wel⸗ ches ich mich wenig bekümmerte. Mein Hauptumgang war mit Wirthen und vor allen Dingen mit— Kellnerinnen. Ich ſage Ihnen, es geht nichts über das Studium der Kellnerinnen! wer erſt die Kellnerinnen, vorzüglich in Bayern, recht begriffen hat, der kennt das menſchliche Herz durch und durch.“ „Ich dächte“— ſagte Zacharias etwas frappirt—„bei Kellnerinnen ſei eben nicht viel zu holen 4 „Doch!“— rief Fürchtentropf mit betheuernder Miene —„manchmal ſehr viel. O, ich habe in dieſem Punkte Erfahrungen gemacht!„ „Ich meine, die rechte Kenntniß der Menſchen könne man nur dann erlangen“— fuhr Hartmann fort,—„wenn man vorerſt ſich ſelbſt durch und durch kenne, und dann mit unermüdlicher Aufmerkſamkeit alle Menſchenklaſſen, doch aber vorzüglich die gebildeteren, beobachte.“ „Sie irren! Sie irren!“— rief der Andere.„Aber Irrthum wird am beſten durch die That widerlegt. Kom⸗ men Sie mit mir herauf, ich mache mir ein Vergnügen daraus, Sie meinem lieben Bräutchen vorzuſtellen. Sie 158 werden ja gewiß Ihre Worte zart und ſinnig ſetzen, um ihre ſüße Unſchuld nicht zu beleidigen.“ „Verlaſſen Sie ſich auf mein Schicklichkeitsgefühl!“— entgegnete Zacharias, über die Beſorgniß des Bräutigams lächelnd. Er hatte eben ſeine nachträgliche Mahlzeit geendet, ſtand daher auf und folgte Fürchtentropf, der mit zierlichen Affen⸗ ſprüngen ihm bald vorauseilte, und bald unter peinigenden Complimenten zurückblieb. Endlich hatten ſie das Zimmer der Braut erreicht. Fürchtentropf öffnete, eine Dame trat ihnen entgegen— aber v Himmel!— Zacharias glaubte in die Erde ſinken zu müſſen;— denn er ſchaute in das erbleichende Antlitz — Jeanettchens! Auch dem zärtlichen Bräutigam war das Erblaſſen der Geliebten nicht entgangen. „Ach! ſehen Sie! ſehen Sie! wie ſie ſchon bei dem Anblicke eines fremden Mannes blaß wird! Aber liebes, ſüßes Engelchen, mußt nicht erſchrecken, der Herr iſt mein Freund, und ein ſehr artiger und ſittſamer Mann. O Gott! wie unendlich glücklich bin ich, einen ſolchen Tugendſpiegel zu beſitzen.“ Und damit zog er Jeanettchen an ſein Herz und küßte ſie auf die Stirne. Das Mädchen ſträubte ſich ſanft, in⸗ dem es die Augen fromm niederſchlug und liſpelte dann: „Ich bitte Dich, Lieber, was wird der Herr von mir denken?“ Zacharias wußte allerdings nicht, was er ſagen ſollte; aber er dachte zweierlei: Weib, dein Name iſt Heuchelei und Falſchheit,— und der deine, Mann,— iſt Gimpel. 159 Jeanette war eine ganz Andere als an jenem berüchtig⸗ ten Abend in Stuttgart. Erſchien ſie damals Zacharias in der liebenswürdigſten Naivetät und anſpruchsloſeſten Heiter⸗ keit, ſo ſaß ſie heute auf dem Sopha, als könne ſie nicht bis zu Drei zählen, machte dazu ein wahres Madonna⸗ Geſicht, und liſpelte höchſtens hie und da ein paar Worte. Nach einer Viertelſtunde ſagte ſie:„Ach, beſtes Fürch⸗ tentröpfchen, könnte ich nicht ein Glas friſches Waſſer haben?“ „Mit Entzücken!“ rief der Bräutigam und ſprang auf. Zacharias wollte die Schelle ziehen, aber ein leiſer Fußtritt des Mädchens verhinderte ihn daran; auch ließ es der Bräutigam nicht zu und rief: „Nein, dies laſſe ich mir nicht nehmen, ich muß meinen Engel ſelbſt bedienen. O ich Glücklicher!“— und damit hüpfte er zur Thüre hinaus. Aber kaum war er verſchwunden, als Jeanette empor⸗ ſprang, Zacharias' beide Hände leidenſchaftlich ergriff, und mit einer Thräne im Auge ausrief: „Mein Herr, bei Allem was Ihnen theuer iſt, flehe ich Sie an: verrathen Sie mich nicht, meine ganze Zukunft ſteht auf dem Spiele!“ „Sie werden mich hoffentlich nicht für ſo niederträchtig halten!“— entgegnete Hartmann—„verlaſſen Sie ſich auf mein Schweigen. Indeſſen, eine Gefälligkeit iſt der anderen werth, ich ſetze eine Bedingung.“ „Und die iſt?“ „Sie machen noch heute gut, was Sie in Stuttgart verdarben!“ „Um Gottes willen. 160 „Wollen Sie mir Ihre Zuſage von damals halten oder nicht?“ „O! ich bin ſchwach!“— liſpelte Jeanetichen,—„aber Sie ahnen nicht, wie ſehr ich Sie liebe. Ach! was hab' ich jenen Abend für Sie gelitten!....“ „Ja!“ entgegnete Zacharias etwas boshaft.—„Aber unſchuldig leiden iſt ſüß.“ Ein Kuß verſtopfte ihm den Mund. In dieſem Momente hörte man Fürchtentropf zurück⸗ kommen, die Liebenden fuhren auseinander und Jeanettchen ſaß wieder als Madonna auf dem Sopha. „Wie finden Sie mein Bräutchen?“ rief der glückliche Seladon, als er ſeiner Angebeteten das Glas Waſſer, zier⸗ lich vor ihr niederknieend, gereicht. „Ich kann Ihnen nur Glück wünſchen!“— entgegnete der Gefragte.—„Schon aus den paar Minuten, ſeit welchen ich das Vergnügen habe, das Fräulein zu kennen, darf ich auf ein vortreffliches Herz ſchließen.“ „Ja, ich bin glücklich wie im Himmel!“— jauchzte Fürchtentropf, und hüpfte bald zu der Süßen, bald zu Za⸗ charias;—„aber ich habe auch dieſes Glück meiner Men⸗ ſchenkenntniß zu danken. Wie Viele werden angeführt — aber ich, ich!— ſpotte ihrer. Nicht wahr, mein Beſter!“— fuhr er dann fort—„Sie gehen übermorgen von hier nach Augsburg?“ 1 „Ja!“— „Herrlich! da müſſen Sie über Günzburg, wo Mama⸗ chen wohnt und wir uns aufhalten werden. Nicht wahr, da beſuchen Sie uns?“ „Wenn Sie es erlauben, mit Vergnügen.“ ——————— 161 „O dies iſt vortrefflich!— Wiſſen Sie was? bleiben Sie noch einen Augenblick hier, ich will nur auf die Poſt laufen, und für mich und mein liebes Engelchen noch zwei Plätze für heute Abend nehmen, damit wir bald bei Mamachen ſind. Sie ſehen, wie ſicher ich meiner Sache bin, da ich Sie mit meinem Täubchen allein laſſe.“ „Fürchtentropf!“— mahnte erröthend das Mädchen —„bringe mich nicht in Verlegenheit!“ „Sein Sie ruhig, mein liebes Kind,“— fügte Zacha⸗ rias hinzu,—„ich weiß, was ich Ihnen ſchuldig bin!“ „O, ich Glicklicher!“ rief der Bräutigam und hüpfte hinaus. Er war aber kaum über die Straße geſprungen, als ſich Zacharias und Jeanettchen glühend umarmten. Küſſe regneten, Freund Amor trieb ſein loſes Spiel, und die Engel hielten die Hände vor die Augen, weil ſie Hart⸗ männchen beneideten!————. Den kommenden Tag ging Zacharias ſeinen Geſchäften nach und beſah in der Zwiſchenzeit die Sehenswürdigkeiten Ulms, die ſich auf den Münſter, das Rathhaus und einige Fabriken beſchränken. Nicht ſehr erfreulich für den deutſchen Beſucher dieſer Stadt iſt die Frinnerung, daß es hier war, wo 1805 der öſterreichiſche General Mack mit 26,000 Mann kapitulirte. Doch verſüßte bei Zacharias die Erinnerung an eine andere Kapitulation dieſen Gedanken.— Logiſch ſchloß ſich hieran noch die Hoffnung: Jeanettchen morgen in Günzburg wiederzuſehen; und als er ſich noch verſichert, daß das„Rilpferd“ eine andere Tour ein⸗ geſchlagen, und daher keine— Hungersnoth für ihn zu Commis Vohageur. 1 162 fürchten ſei, machte er ſich den dritten Tag freudig auf den Weg. Er ſtand früh Morgens auf. Der Herr Oberkellner ſchliefen noch— denn er hatte ſein Trinkgeld den Abend zuvor bekommen;— dagegen war der immer thätige Gaſt⸗ halter ſelbſt ſchon bei der Hand und bediente Zacharias auf das Freundlichſte. Nach einem herzlichen Abſchiede rollte Hartmann aus der Stadt der Spargeln hinaus, und über die Donaubrücke in's Bayeriſche. 3 Hätten ihn aber auch ſeine geographiſchen Kenntniſſe nicht belehrt: daß hier die Grenze zwiſchen Württemberg und Bayern, er hätte den Uebergang an dem ſchlechten Wege gemerkt, auf dem er jetzt fuhr, und doch war's noch einer der beſten im Reiche. Das ſehr kleine aber freundliche Günzburg machte einen angenehmen Eindruck auf ihn. Er ſtieg im Gaſthoſe ab, und begab ſich ſodann nach dem Fürchtentropf'ſchen Hauſe. Auf der Hausflur begegnete ihm Niemand. Eben wollte er an eine Stubenthüre pochen, als dieſelbe aufgeriſſen wurde und eine alte Jungfer, breit wie der Kaſten Noah, herausſtürmte, einen weſtphäliſchen Schinken gleich einer Keule ſchwingend. Zacharias wich entſetzt zurück, die Fliehende rannte wie beſeſſen an ihm vorüber, aus dem Innern der Zimmer aber ſchallte es mit kreiſchender Stimme: „die Sau! das Luder! das ſchlechte Aas! kauft Schinken für drei Gulden, wenn ich krank bin und nichts davon eſſen kann,— aber ich will Dir's eintränken, verfluchtes Menſch! Gelt, ich ſoll in meinem Bett ſechs gekochte Zwetſchen freſſen, während Du Dir den Schinken gut ſchmecken läßt?— Ei Dich ſoll ja... erblühen könnte. 163 Und hier folgte eine ſolche Sündfluth von Schimpf⸗ wörtern, daß Zacharias ganz betroffen den Kopf einzog, als fürchte er in deren Folge das Pispitorchen Kantippens. Indeſſen ließ ihm die Neugierde keine Ruhe, er mußte ſehen, woher denn das Hagelwetter gekommen, und ſo ſchlüpfte er in das Zimmer. In einer anſtoßenden Kammer lag eine andere alte Jungfer im Bitt, wahrſcheinlich die Schweſter der Arche Noah, die eben, mit dem Schinken flankirend, an Hartmann vorübergeſaust. Sie war wo möglich noch abſcheulicher als jene und der Zorn hatte ihr altes, warziges Geſicht roth gefärbt. Sie ſah und hörte nichts, denn ſie ſchimpfte noch immer wie ein Rohrſpatz und als ſie endlich erſchöpft und athemlos auf ihre Kiſſen zurückfiel, befahl ſie der zitternd neben ihr ſtehenden Magd; ſich augenblicklich hinaufzu⸗ ſchleichen, ein tüchtiges Stück von dem Schinken abzuſchnei⸗ den und es ihr, nebſt Brod, zu bringen. Das Mädchen gehorchte zitternd und kam mit dem Ver⸗ langten bald zurück. Jetzt ſetzte ſich die alte Schachtel im Bette auf, und machte Anſtalten, den Schinken zu verzehren. Das Mädchen ſah es mit Schrecken, und erlaubte ſich end⸗ lich, die Kranke zu warnen. Kaum aber war das unglückliche Wort über ihre Lip⸗ pen, als alle Schimpfregiſter wieder gezogen wurden, und der Davvneilenden ein Teller und ein Glas nachfolgten. Als jene zur Thüre hinaus, verſchlang die Zürnende ihren Schinken mit. einer widrigen Gier, und Zacharias dachte mit Schaudern an das Geſchlecht, welches aus einer allenfall⸗ ſigen Ehe mit dieſem alten Ungethüm und dem„Nilpferde“ 6* 115 164 Nachdem der Weſtphälinger verſchluckt war, gewahrte endlich die Leidende Zacharias. „Was gibt's?— Wer ſind Sie?— Was wollen Sie hier?“ rief ſie heftig. „Ich wünſchte Herrn Fürchtentropf zu ſprechen!“ ent⸗ gegnete Hartmann. „Mein Bruder iſt ausgegangen 1 herrſchte jene. Zacharias wollte gehen und wiederkommen und war ge⸗ rade im Begriff, von der lieben Schweſter ſeines neuen Bekannten Abſchied zu nehmen, als der fette Schinken zu wirken anfing. Die Leidende verzog das Geſicht in einer bedenklichen Art, und ehe Zacharias noch den Hut ergriffen, fing ſie an, das zu ſich Genommene wieder von ſich zu geben. Die Lage des jungen Reiſenden war jetzt nicht ſehr an⸗ genehm. Im Anfange dachte er davon zu laufen, dann ſiegte aber die Menſchlichkeit, er eilte nach der Schelle und zog heftig. Sogleich kamen auch die Magd und die andere Schweſter; aber ebenfalls in einer merkwürdigen Situativn. Letztere hielt nämlich mit der rechten Hand den Schinken, an dem jenes unglückliche Stück fehlte, hoch in die Höhe, während ſie mit der linken das arme Mädchen beim Schopfe nach ſich zog, und immer ſchrie: „Diebin! Naſchmaul! geſteh' Sie nur, daß Sie den Schinken geſtohlen!“ Das Mädchen ſuchte ſich zu vertheidigen, die Arche Noah ließ ſie aber zu keinem Worte kommen. Da deutete die Magd in der Verzweiflung auf den Boden, welcher vvn der eben beſchriebenen Kataſtrophe mit Schmutz bedeckt war. Ein Gedanke durchblitzte die alte Jungfer, ſie ergriff — 165 ein Stäbchen und unterſuchte die Maſſe— ach! der Schin⸗ ken war nicht zu verleugnen!— Jetzt aber ward die Scene erſt recht intereſſant: d die Kranke ſtöhnte, die Magd heulte und die Arche Noah über⸗ ſchüttete das liebe Schweſterchen mit all' den vorhin em⸗ pfangenen Schimpfwörtern:„Du Aas! Du ſchlechtes Menſch! Du Diebin! Du Schinkenfreſſerin!“ tönte es wie auf einer verdorbenen Sackpfeife—„kannſt Du Neidhammel nicht warten, bis Du wieder wohl biſt? aber Du ſollſt mir jetzt fäſten 2 Hier fing auch die Kranke zu heulen an, und die Arche Noah ſtimmte aus Zorn in das Trio mit ein. Zacharias floh wie Joſeph vor Potiphars Weib, kaum hatte er aber das Zimmer hinter ſich, als er in Fürchten⸗ tropf's Arme rannte, der wie wahnſinnig in das Haus ge⸗ ſtürmt kam, einen offenen Brief wie eine Fahne ſchwingend. „Schändlich! ſchmählich! niederträchtig!“— rief er und ſchlug ſich mit der Hand vor den Kopf—„aber Alles reine Verläumdung! denn ich, ich laſſe mich nicht täuſchen, ich habe Menſchenkenntniß. Und ich ſage Ihnen: ich heirathe ſie doch, und wenn die Welt untergeht!— Mich aus mei⸗ nem Himmel zu reißen!— mir ſo etwas zu ſagen!— Hl es iſt ſchändlich!“ „Aber um Gottes willen,“— ſagte Zacharias entſetzt —„was iſt denn hier ſchon wieder los?— Was iſt denn ſchändlich?“ „Hier!“ rief Fürchtentropf, und machte ein Geſicht wie der lebendige Satan—„hier! leſen Sie dieſen anonymen Brief voller Verläumdungen meines ſüßen Engelchens. Ach, das gute, unſchuldige Jeanettchen!— Da!— da! 166 — Leſen Sie:„„Jeanette war in Karlsruhe Kellnerin im „goldenen Feigenblatt“— was man von einer Kellnerin zu erwarten hat, wiſſen Sie. Hierauf wurde ſie von einem General lange Zeit unterhalten; dann nahm ſich ein Hof⸗ rath ihrer an, auch von dieſem abgedankt, ging ſie nach Stuttgart zum Theater und ward Chornymphe. Hier ver⸗ liebte ſich der Artillerie⸗Lieutenant von Bombenmann in ſie, und lebte ebenfalls über ein Jahr mit ihr. Aber nicht zufrieden hiermit, empfing ſie fleißig noch Beſuche von an⸗ deren Herren. Dieſe Nachricht zur Warnung, ehe Sie einen Bund eingehen, der Sie ewig unglücklich machen kann.““ — Was ſagen Sie nun hierzu, ich bin über dieſe Bosheit rein perplexe!“ „Was ich dazu ſage?“— wiederholte Zacharias gedehnt, kaum ſein Lachen verbeißend—„daß man das arme Kind ſchmählich verläumdet. Ich bin feſt überzeugt, daß ſie die Unſchuld ſelbſt iſt.“ „Ich auch! ich auch!“— ſchrie Fürchtentropf—„und ich laſſe mich nicht betrügen, ich habe Menſchenkenntniß. Hier iſt mein Kopf, ich laſſe mir ihn abhauen, wenn das gute Jeanettchen nicht ſo engelrein wie ein neugeborenes Kind iſt!— Kommen Sie!“— rief er dann—„Sie ſollen es aus ihrem Munde ſelbſt hören.“ Wer aber beſchriebe nun die Thränen, Nervenanfälle, Ohnmachten und dann wieder die Schwüre und Unſchulds⸗ betheuerungen Jeanetichens. Wie gut ſtand ihr der edle Stolz beleidigter Unſchuld, mit dem ſie auf des Bräutigams Hand verzichten wollte, wenn er im Geringſten an ihrer fleckenloſen Tugend zweifle. Auch Mama Fürchtentropf war außer ſich; denn ——— 167 Jeanettchens einſchmeichelnde Weiſe hatte die alte Frau ſchon ganz für die liebe Schwiegertochter geſtimmt. Aber was ein Märtyrerthum vermag, weiß ja Jeder. Die Scene endete nach vielen Thränen mit einem Schwure Fürchten⸗ tropfs, den er knieend vor Jeannetten ablegte, daß er ſie binnen acht Tagen heirathen werde, denn ſeine Menſchen⸗ kenntniß habe ihn nicht getäuſcht, und er erkenne in ihr eine ſittſame, reine Jungfrau! Zacharias hatte genug; er machte ſich ſobald als mög⸗ lich aus dem Hauſe fort; wie aber erſtaunte er, als er im Wirthshauſe ſowohl die Schinken⸗, als auch die Briefge⸗ ſchichte haarklein wiedererzählen hörte, bei welch' beiden Scenen er doch allein zugegen geweſen war. Doch nicht im Gaſthauſe nur wußte man ſie, ſondern es gab bereits keinen Günzburger— geſchweige denn eine Günzburgerin— mehr, der oder die nicht über beide lachte. Die Sache war aber folgendermaßen zugegangen? Die alte Jungfer hatte Alles mit angehört und die Magd Alles erlauſcht. Beide waren voll Entzücken über eine ſolche Neuigkeit. Die Magd lief ſogleich an den Brunnen, die alte Jungfer in eine Kaffeegeſellſchaft. Mit offenen Mäu⸗ lern und Ohren hörten hier nun ſämmtliche Fraubaſen der Geſchichte von dem anonymen Briefe zu, die ihnen unter dem Siegel der Verſchwiegenheit anvertraut wurde. Kaum aber war die Erzählung beendet, ſoſtoben ſie auseinander wie ein Flug Tauben, auf die der Habicht ſtößt.— Nicht einmal der Kaffee wurde ausgetrunken; hier⸗ und dorthin flogen die Glücklichen, und nun gab's ein Beſuchen und Erzählen, ein Klatſchen und Lügen, daß es eine wahre Luſt war, und in einer Stunde war— wie geſagt— 168 keine Seele in ganz Günzburg mehr, welche die angenehme Geſchichte von Fürchtentropf's Braut(die ohnehin Niemand leiden mochte, da es keine Günzburgerin war) und dem Schinkenſtreite nicht wußte. Ja! man wußte ſogar viel mehr noch, als wirklich geſchehen war. Böſes nachzureden und zu übertreiben, iſt ja ſo ſüß!— Zacharias war die ganze Sache zuwider.„Auf! nach München!“— rief er, und nahm noch in der Nacht Poſtpferde. ————— VIII. Das Schreiben einer treuen Seele.— Volchſtiche.— Die zwei naturen im Menſchen.— Die ſchöne Wäſcherin.— Augsburg. — Cpiſtel über Crinkgelder auf Reiſen.— München.— Deſſen Phyſiognomir.— Pie Familie Haubenhuber.— Der Männerſang.— Dir Glückliche und der Glückliche.— Mün⸗ chen, Lirbe und Rüböl.— Der chineſiſche Churm und der Prater.— Münchens Sehenswürdigkeiten— Die Hoffnung auf einen Wiſcher.— Das Cheater.— Ein unerwartetes Wiederſinden.— Reiſeplan.— Diplomatiſche Entwürfe.— „Gute nacht!“— Bräutigam.— Die Lurien der Racht. „Lenore fuhr um's Morgenroth Empor aus ſchweren Träumen: Biſt untreu, Wilhelm! oder todt? Wie lange willſt Du ſäumen?“ Bürger⸗ „Quoi! eing actes devant notaire? Cinq filles à pouvoir? Ciel! peut-on jamais avoir Opéra plus facheux à faire?“ Der Operndichter Quinault. n Augsburg fand Zacharias folgendes Schreiben von Clariſſen:. ₰ 170 Theurer Freund! Deinen lieben Brief aus Ehningen habe ich glücklich erhalten. Aber warum ließeſt Du mich ſo lange auf ihn warten?— Ach, Du kennſt die Angſt und Sorge eines liebenden Herzens nicht!— Tauſend neue Gegenſtände ſchwe⸗ ben in einem Tage an Dir vorüber, Du willſt ſie kennen lernen, Dich unterrichten; Du haſt ſchöne Gegenden zu ſehen, fremde Menſchen, Sitten und Gebräuche zu beolachten, Kunſt⸗ ſchätze aufzuſuchen und vor allen Dingen Deinen Geſchäften nachzugehen, die Dich allein ſchon von Dir ſelbſt abziehen. Aber wie ganz anders iſt es mit Deiner armen Cla⸗ riſſe! Sie ſitzt zu Hauſe in ihrem beſcheidenen Stübchen und arbeitet. Ihre ganze Zerſtreuung beſteht allenfalls in der Beſorgung der kleinen Haushaltung, und wenn es hoch kommt, im Leſen eines guten Buches. Sieh! da bleiben die Sinne gefangen in den vier Wänden; denn— daß ich es Dir nur geſtehe: beim Arbeiten und in der Küche und ſelbſt über dem Leſen überraſcht mich ſtets ein und derſelbe Gedanke, und das iſt— die Erinnerung an Dich. Ja, ich darf es Dir fröhlich ſagen: ſie iſt mein einziges Glück, ſie entſchädigt mich für Alles, was ich in meiner Zurückgezogenheit entbehre, und was Mädchen in meinem Alter ſonſt wohl mitmachen; aber eben dieſe Erinnerung an Dich, gute Serle, und die Gewißheit Deiner treuen Liebe, macht mein Leben doch ſchön und tröſtet mich ſelbſt, wenn ich manchmal traurig und ungeduldig werde, denn ach? wann? wann werde ich Dich wieder ſehen? Ich freue mich, daß Du bald wieder aus Ehningen hinauskomnmſt, da ich geſtehen muß, daß mir das Leben der 17¹ Reiſenden dort nicht gefällt. Sei nur recht vorſichtig im Trinken. Dem Beſten kann es in luſtiger Geſellſchaft paſ⸗ ſren, daß er zu viel trinkt; ach!— und es gibt doch nichts Schrecklicheres als einen betrunkenen Menſchen. Ueber⸗ haupt ſei ja recht vorſichtig, erkälte Dich nicht und reiſe vor allen Dingen nicht die Nacht durch.. Ich freue mich für Dich, daß Du nun nach dem präch⸗ tigen München kommſt. Wär' ich nur an Deiner Seite, und könnte mit Dir all' die Herrlichkeiten ſehen. Es iſt doch was Himmliſches um das Reiſen; wenn ich ein Mann wäre— doch nein!— dann könnte ich ja meinen guten, herzigen Zacharias nicht lieben, und lieber alles Andere auf der Welt entbehren, als meine Liebe zu Dir und die Ge⸗ wißheit Deiner treuen Gegenliebe. Treu!— haſt Du mich auch noch nicht vergeſſen?— Gewiß nicht! denn Du ſchreibſt mir ja immer ſo lieb(wenn auch etwas ſelten), und verſicherſt mir es ja in jedem Brief auf Deine Ehre— und dann weißt Du— daß es mir das Herz brechen würde. Doch ich muß ſchließen, denn es iſt ſchon faſt Mitternacht. Lebe wohl, recht wohl, ſei beſorgt um Deine Geſund⸗ heit und ſchreibe mir bald wieder. Mit der reinſten und innigſten Liebe Deine treue Clariſſe. P. S. Entſchuldige das ſchlechte Schreiben: aber ich habe jetzt Niemanden, der mir Federn ſchneidet.— Apropos! wohin adreſſire ich meinen nächſten Brief und bis wann kommſt Du ungefähr zurück? Lebe wohl, Engel. 172 Der Inhalt dieſer Zeilen traf Zacharias wie Dolchſtiche. Clariſſens reine und wahre Liebe, die ſo ungezwungen und urkräftig wie eine ſegensreiche Quelle aus ihrem Herzen floß, ſchmetterte ihn zu Boden. Hatte er ſie nicht ſchon ſo oft in kurzer Zeit treulos verrathen? ſetzte er ihrem kindlichen Zutrauen nicht Heuchelei entgegen? Und dennoch fühlte er, daß er Clariſſe innig und wahr liebe. Aber er liebte ſie ganz eigenthümlich, wie ein höhe⸗ res Weſen, unendlich!— aber mit einer gewiſſen heiligen Scheu. Er betete ſie an!— und die Andern?— die ſchöne Jüdin in Darmſtadt— und Jeanettchen u. ſ. w.?— ja,— dieſe liebte er nicht, zu dieſen hatte ihn nur ein heftiger Sinnenreiz gezogen. Aber dieſer verdammte Sin⸗ nenreiz war ſo unwiderſtehlich und die Sünde ſo ſchön, ſo angenehm. Und dann, was konnte dieſes vorübergehende Liebesgetändel ſeiner tiefgegründeten Neigung zu Clariſ⸗ ſen thun? „Nein“— ſagte er—„ich bin Clariſſen, weiß Gott, im Augenblick der Untreue noch treu!— Ich heirathe ſie doch!“ Er dachte tiefer über ſich nach und fand, daß er eigent⸗ lich aus zwei Perſonen beſtehe. Die eine, ſein beſſerer Theil, wollte nur das Gute und Edle, und liebte Clariſſe treu und wahr; ſie hatte früher in ihm regiert— ſo lange er nämlich in Clariſſens Nähe gelebt—; die andere Perſon machte aber der erſteren geradezu den Krieg, ſie ritt— wie ein engliſcher Reiter zu gleicher Zeit auf mehreren Pferden — ſo auf den Leidenſchaften, und war in den letzten Ta⸗ gen Königin geworden. Aber warum hatte er ihr auch den Zügel ſchießen laſſen?— Er ſchämte ſich ſeiner Schwäche, 173 denn Charakterſchwäche, er fühlte es, und nicht Verdorbenheit, war ſein Fehler. Wenn der Menſch in etwas Geduld hat, ſo iſt es in der Langmuth mit ſich ſelbſt. Zacharias faßte auch heute auf's Neue den Entſchluß: Jetzt ganz gewiß ordent⸗ lich zu werden, und Clariſſen von heute an unverbrüchlich treu zu bleiben. Als er dieſen Entſchluß gefaßt, ſprang er mit beiden Beinen aus dem Bette, um ſich anzukleiden; in demſelben Augenblicke pochte es an die Thüre. Es wird der Kellner mit dem Frühſtück ſein, dachte er, und rief„herein!“— Aber er hatte ſich geirrt, es war ein rothbackiges, nettes Mädchen, einen Korb am Arm, die lächelnd fragte:„Haben der Herr vielleicht ſchwarze Wäſche? ich bin die Wäſcherin vom Hauſe.“ „Schwarze Wäſche?“ wiederholte Zacharias und ging,— von der licbenswürdigen Erſcheinung ſo bezaubert, daß er ſein leichtes, nur aus einem Hemde beſtehendes Koſtüm ganz vergaß— auf das mit niedergeſchlagenen Augen lächelnde Kind zu, und ſchlang ſanft ſeinen Arm um ihre Taille.—„Wenn Sie ein wenig verweilen wollen, ſo will ich nachſehen, und Ihnen geben, was ich habe.“ Sie ſagte„Ja!“ und er ſah auch nach und gab ihr auch aber was? OD Menſch! „Was ſind Pläne, was ſind Entwürfe, Die der Menſch, der vergängliche Sohn der Stunde, Aufbaut auf dem trüglichen Grunde?“ Nachdem Adam im Paradieſe den dummen Streich ge⸗ macht und den Apfel genaſcht hatte, ſoll er ſehr üblen 174 Humors geweſen ſein. Gerade ſo ging es Zacharias. Als er, bald nachdem ihn die artige Wäſcherin verlaſſen, an ſeine Geſchäfte ging, machte er ein Geſicht wie ein Menſchen⸗ freſſer; ſo daß ihm alle Kellner ſchen aus dem Wege gingen und ein Polizeidiener, der am Hofthore ſtand, ihn für einen Republikaner hielt. Aber ein Geſchäftsreiſender lernt ſich bezwingen. Wenn er noch ſo grimmig aus dem Gaſthofe geht, muß er bei den Kunden doch ſanft wie ein Lamm ſein. Zacharias offerirte: Leinöl fl. 45. Terpentinöl fl. 45. Arabiſchen Gummi fl. 79 ½. Gummi maſtir fl. 255 u. ſ. w. und machte gute Geſchäfte.— Aber die Antwort auf Cla⸗ riſſens Brief konnte er heute nicht ſchreiben. Im Allgemeinen machte Augsburg keinen günſtigen Ein⸗ druck auf ihn. Die große, von Mauern und Graben um⸗ gebene Stadt hatte trotz der breiten Maximilians⸗ und Karolinen-Straße, den einzelnen Paläſten und ſchönen Springbrunnen, etwas Langweiliges und Todtes. Sie glich einer ungeheuren Mumie, über deren bunt bemaltem Sarg⸗ deckel Ameiſen krabbeln. Alle Gebäude haben hier etwas Unheimliches; ſie ſind zumeiſt rieſengroß und werden nur von wenigen Menſchen bewohnt. Selbſt das prächtige Rathhaus mit ſeinem goldenen Saale, wohl das ſchönſte in Deutſchland, ließ Zacharias kalt; wie ihn die Fuggerei(jene 51 von den Grafen von Fugger erbauten Häuſer, in welchen arme Bürgerfamilien Wohnungen für ſehr geringen Miethzins erhalten) an den 175 verlorenen Glanz Augsburgs erinnerte. Wehten nicht einſt die Handelsflaggen der Fugger auf allen Meeren; waren nicht die Nachkommen des Webermeiſters, durch Merkur be⸗ günſtigt, im Stande, dem Kaiſer Maximilian 170,000 Du⸗ katen Hülfsgelder zum Kriege gegen Venedig darzuleihen; floſſen nicht im Mittelalter tauſend gold'ne Ströme des Reichthums nach Augsburg durch ſeinen enormen Handel?— Und nun?— Anßer dem Wechſel⸗ und Staatspapieren⸗ Handel, der in wenigen Händen, nichts mehr von dem Allen, nur noch etwas Commiſſion und Spedition und einige Fabriken. So wechſeln die Verhältniſſe mit den Zeiten; glücklich der, der ſie begreift und Scharfſinn genug hat, in Vergan⸗ genheit und Gegenwart prüfend und vergleichend zu ſchauen, und viele Energie beſitzt, ſich von den Schlacken der erſtern frei zu machen und an die Spitze der neueren Erſcheinung zu ſtellen. Wir Deutſche können hierin namentlich von den Engländern lernen. So dachte Zacharias, als er durch die leeren Straßen ſchritt. Wohler ward es ihm in Schöppler u. Hart⸗ mann's ſchöner Kattun⸗ und in Seethaler's Silber⸗ waarenfabrik. Ueberhaupt ſöhnte ihn das Fabrikweſen nach und nach einigermaßen mit Augsburg wieder aus, es war doch— wenn auch nur ein Schatten von Erſatz. Zu noch einer andern Reflexion ſollte Hartmann hier Veranlaſſung finden. Als ſeine Geſchäfte vollendet, ließ er ſeinen Wagen nach der Eiſenbahn bringen, um vermittelſt derſelben nach München zu gehen. Unglücklicherweiſe kam er etwas zu ſpät und mußte daher bis zur nächſten Ab⸗ 176 fahrtſtunde noch in Augsburg bleiben. Er hatte noch einen Leidensgefährten, einen anderen Geſchäftsreiſenden, und Beide kehrten nach dem Wirthshauſe, in dem ſie bisher lo⸗ girt, zurück. Hier fand nun Zacharias bei ſeinem Wiedererſcheinen, daß ihm die ganze Kellnerſchaar, Bett⸗ und Hausmagd, Hausknecht und Lohndiener finſtere Geſichter machten und ihn faſt gar nicht beachteten, ja in der That ihm mehrmals grob begegneten. Er konnte dieſe Umwandlung des Dienſt⸗ perſonals lange nicht begreifen, da ſie gegen ihn vorher doch ſämmtlich ſehr artig geweſen, und erſt als er ſeinem neuen Bekannten ſein Staunen mitgetheilt und dieſer ihn gefragt: ob er denn vielleicht nicht genug Trinkgeld gegeben? — ſiel es Zacharias heiß ein, daß er willenlos dies zu geben ganz vergeſſen habe. Nichtsdeſtoweniger gab er nun gefliſſentlich nichts, und ſagte dem Herrn Oberkellner bei dieſer Gelegenheit ſeine Meinung dick und dünn. „Ich gebe nie etwas,“— fuhr der andere Reiſende ſodann zu Zacharias gewendet fort,—„denn das gezwun⸗ gene Trinkgeldergeben in den Wirthshäuſern iſt ein ſchmäh⸗ licher Mißbrauch.— Kehre ich in einem Gaſthofe ein, ſo muß ich, wie recht und billig, jede Kleinigkeit bezahlen: Zimmer, Bett, Feuer, Eſſen und Trinken, Lichter und Weiß⸗ zeug, an allem dieſem hat der Wirth ſeinen reichlichen Ge⸗ winn; um dieſen Gewinn machen, ſeine Wirthſchaft betreiben zu können, muß der Gaſthalter nun ebenſogut Dienerſchaft haben, wie der Spezereihändler ſeine Leute im Laden und der Schneider ſeine Geſellen; denn wer Gäſte an ſeiner Table d'höte haben will, muß die Speiſen zubereiten,— 177 wer Schlafgeld einnehmen will, die Betten überdecken und zum Schlafen bereiten laſſen;— wer ein Pfund Kaffee verkaufen will, muß Jemanden haben, der es wiegt,— und wer Kleider zu verkaufen denkt, muß Geſellen hinſetzen, die ſie machen.— Hat man aber je erlebt, daß, wenn man einem Spezereihändler das Geld für ein Pfund Kaffee zu löſen gibt, man auch noch dem Ladendiener ſechs Kreuzer Trinkgeld zu verabreichen habe, weil er ſo gefällig war, den Mokka zu wiegen?— Oder gibt Jemand dem Schnei⸗ dergeſellen einen Thaler, weil er die Gewogenheit hatte, den Rock, der dem Meiſter ſündentheuer bezahlt werden muß, zu nähen?— Weder das Eine noch das Andere wird uns im Entfernteſten einfallen, weil es eine Abſurdität wäre!— Im Wirthshaus aber verlangt täglich der Herr Hrtellner wenigſtens fl.— 24 kr. Der Zimeelner— 18 Die Bettmagd Die Stubenmagd für's Einheizen z. B.— ſie könnte Einen ja doch frieren laſſen, wenn auch der Wirth das Feuer berechnet—.— der Hausknecht d S— 12„ * macht per Tag fl. 1. 30 kr. „Hiezu kommen nun für einen Reiſenden noch der Lohn⸗ diener(der ſein Geld natürlich verdient) mit fl. 1. 12 kr. — verſchiedene Hausknechte, wenn er unterwegs anhalten und ſeine Pferde füttern, oder Poſttrinkgelder, wenn er umſpannen muß, ſowie die Douceure, im Fall er eine Me⸗ würdigkeit beſieht, wo denn für zehn Sehenswürdigke“ Commis Voyageur. 12 178 einem Hauſe gewöhnlich auch zehn hohle Hände gezeigt werden, ſo daß die Trinkgelder ſich oft per Tag auf meh⸗ rere Gulden erheben.“ „Die Lohndiener verdienen ihr Geld, auch bei den Dou⸗ ceuren bei Sehenswürdigkeiten kann man weniger ſagen, — aber iſt es nicht eine Unverſchämtheit, wenn man den Wirthen, die Einen ohnedem genug ſchneiden, auch noch das Dienſtperſonal— ohne welches ſie ihr Geſchäft ja gar nicht betreiben, alſo auch nichts gewinnen können — beſolden ſoll? Denn jedes Kind weiß, daß daſſelbe vielfach auf die Trinkgelder angewieſen iſ „Sagt man nun etwas dagegen, heißt es: Es ſteht Jedem frei, Trinkgelder zu geben oder nicht; denn Trink⸗ gelder ſind freiwillige Belohnungen für beſonders gut— oder über die Pflicht geleiſtete Dienſte. — In wie weit Einem aber das Trinkgeldgeben frei ſteht, ſehen Sie jetzt mit eigenen Augen. Sie haben dem Gaſt⸗ halter eine ſchöne Zeche bezahlt; da Sie aber verſäumten, Trinkgelder auszuſtreuen, beſinnt ſich der Kellner, ob er Ihnen wohl die beſtellte Flaſche Wein bringen ſoll, und es wird mich wundern, wenn er Ihnen nicht ſagt: im Kel⸗ ler ſteht ſie, gehen Sie hin und holen Sie ſich die Flaſche ſelbſt.“ „Dieſes Unweſen hat mich längſt indignirt; denn ſo gut jeder andere Geſchäftsbeſitzer die ihm zur Betreibung ſeines Geſchäftes nöthigen Hände beſolden muß— was nicht mehr als recht und villig— ebenſogut müſſen dies die Gaſtwirthe auch, und es iſt dies gezwungene Trinkgeld⸗ geben gar nichts anders, als eine durch die Ge⸗ wohnheit ſanctionirte Prellerei.“ 179 „Viele Geſchäftsreiſende haben ſich daher— und ich gehöre zu denſelben— entſchloſſen: Gar keine Trink⸗ gelder mehr zu geben, und jedes Gaſthaus zu meiden, in welchem die Dienerſchaft ſich im lei⸗ ſeſten gegen dieſes rechtliche Verfahren oppo⸗ nirt. Mehr aber noch, dies Unweſen ſollte von Obrig⸗ keitswegen ebenſo gut unterſagt werden, als jede andere Prellerei; denn dies Trinkgelderabnehmen in den Gaſthäu⸗ ſern iſt eine indirekte Steuer, die man nament⸗ lich dem Handel, zu Gunſten weniger Privaten, auflegt. Denn, ſetzen wir auch nur einen Gulden per Tag, ſo hat ein Geſchäftshaus, das drei Reiſende(was ſehr häufig) hinausſendet, wenn dieſelben das ganze Jahr reiſen, nicht weniger als 1095 Gulden per Jahr Speſen an Trinkgeldern in den Gaſthäuſern(Lohndiener nicht ein⸗ gerechnet)!“ Dies ſagte Zacharias' neuer Reiſegefährte, und Hartmann mußte geſtehen, daß er Recht hatte. Den Nachmittag fuhren ſie nach München. Wie klopfte unſerem Helden das Herz!— Der erſte Eindruck, welchen die Haupt⸗ und Reſidenz⸗ ſtadt, mit ihren unzähligen Paläſten, ihren Kirchen und Prachtbauten, auf Zacharias machte, war ein ſehr großar⸗ tiger. München hat eine pittoreske Phyſiognomie, eine ganz eigenthümliche, intereſſante und charakteriſtiſche Weiſe, ſich dem Fremden darzuſtellen. Größe und Pracht verſchmilzt ſich hier, wie in Wien, mit Gemüthlichkeit; Kunſt und Leben ſind hier heiter und Alles ſucht und Alles zielt nach Genuß. Selbſt die alte Stadt iſt nicht ſo düſter, eng und ſchmutzig, wie Ulm und ein Theil von Augsburg; im Gegentheile 12* 180 zeugen ſelbſt die Wohnungen des Mittelſtandes von einer gewiſſen Behaglichkeit und alterthümlichen Eleganz; während die neueren Theile der Stadt jenen Reichthum an ſchönen Bauwerken aufweiſen, der München den Ruf, eine der ſchön⸗ ſten Städte Deutſchlands zu ſein, mit allem Rechte erwarb. Was die Gaſthöfe betrifft, ſteht dagegen die Reſidenz Bayerns, mit Ausnahme des neuen, auf Actien errichteten „Bayeriſchen Hofes“— jeder anderen großen Stadt bei Weitem nachz da man in denſelben gar keinen Begriff von jener Eleganz, Feinheit und Sorge für Gemächlichkeit hat, die man am Rheine in jedem Hotel bewundern muß. Rein⸗ lichkeit zumal kennt man hier nicht, wie denn überhaupt die Anforderungen, welche ein ächter Münchner an's Leben macht, einzig darin beſtehen; alle Tage ein gutes Bier und einen Kalbsbraten zu haben. Hat er dieſe zwei Haupter⸗ forderniſſe des bayeriſchen Himmels, iſt er zufrieden, kommt aber noch ein Mädel dazu— dann iſt er ganz glücklich. Das erſte, was Zacharias in München that, war: einen alten Freund ſeines Vaters zu beſuchen, für welchen dieſer ihm ein Empfehlungsſchreiben geſandt. Der Mann hieß Haubenhuber, wohnte in einem prächtigen Gebäude und machte, wie man zu ſagen pflegt, ein großes Haus. Er und ſeine ganze Familie— die außer ſeiner Gattin noch aus acht hoffnungsvollen Töchtern beſtund, wovon, unter uns geſagt, fünf auf Männer paßten— waren ächte Münchnerinnen, die nie über die Menter⸗Schwaige und den Starnberger⸗See hinausgekommen. Haubenhuber ſelbſt war eine vierſchrötige Perſon, von plumpen Zügen und cckigen Manieren, beſchränkt, bigott, 181 und genußſüchtig, Alles gerade wie ſeine Frau, von der er ſich überhaupt nur dadurch unterſchied: daß er den Pantof⸗ fel trug, und ſie die Hoſen anhatte; er auf Kleider nicht das Geringſte gab; ſie aber deſto mehr. Die Mädchen waren ſämmtlich ſehr hübſch; aber ihre Schönheit war eine mehr fleiſchliche— nicht jene transpa⸗ rente, vom Hauche des Geiſtes belebte, wie ſie das nörd⸗ liche Deutſchland, Frankreich und England häufig aufzu⸗ weiſen haben. Die fünf älteſten, wovon die fünfte erſt vierzehn Jahre, kämpften ſämmtlich und beſtändig mit einer inneren Verzweiflung, zu der ſie der Gedanke führte:„ſie würden keine Männer bekommen,“— und da Vater und Mutter dieſe Angſt von Herzen theilten, ſo glich das ganze Haubenhuber'ſche Haus— keiner Perlen-, aber— einer Männerfiſcherei. Wie ein guter Vogelſteller ſteckte die beſorgte Mutter nach allen Seiten Leimruthen aus;— aber trotz Kleider und Schneider, Muſieiren und Singen, in die Kirche⸗, auf Ball⸗, Parade⸗ und Bierkellergehen, ja trotz den Geſell⸗ ſchaften, die ſie ſelbſt gab— wollte Keiner anbeißen. Haubenhuber ſah mit Schmerzen, daß alle dieſe Anſtal⸗ ten, die ihn faſt ſchon ruinirt, nichts fruchteten, und daß, ſtatt einige ſeiner überreifen Töchter los zu werden— im Gegentheile die drei jüngſten immer mehr in die Kleider und das Geld wuchſen. Wo war da Ausſicht, jemals ſeinen Krug Bier in Frieden trinken zu können?— Siehe! — da kam eine Taube und brachte ein Oelblatt— das heißt: der Briefträger mit einem Brief, in welchem der reiche Herr Hartmann in Frankfurt die Ankunft ſeines Sohnes meldete. 182 „Iſt er noch ledig?“ ſchrien die Mutter und die fünf Heirathsaſpirantinnen wie aus Einem Munde. „Gott ſei Dank, ja!“ entgegnete der Vater,— und es wäre eine ewige Schande für Eure Mutter, für mich und Euch, wenn er ſo wieder aus unſerem Hauſe ging.“ „Mache Dich nicht mauſig,“ ſagte die Alte, trat vor den Spiegel und zupfte die Haube zurecht—„meine Töchter hätten längſt Männer genug, wenn ſie nur gewollt hätten.“ „Ja wohl!“ riefen die Fünfe ſchnippiſch und liefen da⸗ von, Toilette zu machen, indem Jede betete: „Andreas, heil'ger Schutzpatron, Ach gib mir endlich den!“ Zacharias ahnte unterdeſſen nicht im Entfernteſten, wel⸗ ches Glück ihm entgegenblühte, er nahm ganz ruhig ſeinen Empfehlungsbrief und ließ ſich nach dem Haubenhuber'ſchen Hauſe führen. Unterwegs ſiel ihm die allerliebſte Tracht der Münchner Bürgermädchen auf. Die ſilbernen und goldenen Riegel⸗ häubchen ſtanden den friſchen Geſichtchen ganz vortrefflich, und dabei blitzten ihn ſo ſchöne und freundliche Aeuglein an, daß er, wäre ihm der Lohndiener nicht zur Seite ge⸗ weſen, vielleicht den Empfehlungsbrief mit ſammt dem alten Haubenhuber vergeſſen hätte; ſo aber ſchämte er ſich, und außerdem ſtanden ſie auch bald vor dem fraglichen Hauſe, deſſen Inhaber, wie der Cicerone unſerem Freunde auf dem Wege erzählte, ſehr reich war. Zacharias trat in das Comptoir und wurde von Herrn Haubenhuber auf das Herzlichſte empfangen. Nach einer kurzen Unterhaltung und einigen Fragen über Zacharias' Vater— unter welchen auch die vorkam: ob er deſſen —————— 183 einziges Kind ſei? bat darauf der Münchner ſeinen Empfoh⸗ lenen:„ihn doch über eine Stiege hoch zu begleiten, um ihn ſeiner Familie vorſtellen zu können.“ Der junge Hart⸗ mann folgte mit Vergnügen, war aber in der That auf das Angenehmſte überraſcht, als er ſich plötzlich im Kreiſe ſo vieler hübſcher Mädchen ſah, die Alle auf das Reizendſte und Koſtbarſte geſchmückt waren. Madame Haubenhuber war die Liebenswürdigkeit ſelbſt, und ſtellte ſogleich— mütterlichen Stolz in den Blicken — ihre Sprößlinge dem überraſchten jungen Manne vor. „Creszens!“ ſagte ſie, auf die Aelteſte deutend— „ein herzensgutes Mädchen von viel Erfahrung und fromm wie die lieben Heiligen. Genovefa, meine Zweite, aus⸗ gezeichnet in der Haushaltung; ſie ſoll Ihnen Ihre Leib⸗ ſpeiſe machen, was es auch ſei, ſo trefflich, wie Sie ſie nie zuvor gegeſſen. Dies liebe Kind hier, meine Dritte— und unter uns geſagt— mein Liebling, heißt Veronika. Sagen Sie ſelbſt, iſt es nicht ein ganz charmantes Brü⸗ nettchen? Nun, liebes Engelchen, brauchſt Deine Tauben⸗ äugelchen nicht niederzuſchlagen: Deine Mutter ſagt nur die Wahrheit. Nachher mußt Du Herrn Hartmann etwas ſingen. Sie ſingt ausgezeichnet; ich verſichere Sie, beſſer als unſere Prima Donna.— Der Schelm hier mit den blonden Löckchen und blauen Augen iſt Nanchen, ſie ſucht als Tänzerin ihresgleichen, und da meine Regina iſt die Klügſte von Allen,— die drei Kleinen heißen Chriſpine, Portiunkula und Kunigunde. Zacharias war in Verlegenheit über die vielen Reize und Tugenden, die ihn umgaben, und alle die Blicke, die ihn— hier ſchmachtend, da feurig, hier neckiſch und dort 184 nur verſchämt trafen. Er erröthete über und über; aber es kam daher, weil ihm der Gedanke gekommen; wenn er der türkiſche Sultan wäre, nähme er ſie alle Fünfe. Es wäre dies am Ende auch Vater und Mutter am liebſten und den Töchtern einerlei geweſen; aber unſere Ge⸗ ſetze ſind nun einmal in dieſer Beziehung ſchlecht, wir müſſen uns mit Einem Weibe begnügen— und doch hat an der Einen Mancher ſchon zu viel! Madame Haubenhuber riß diesmal Zacharias aus der Verlegenheit, indem ſie Veronika veranlaßte, zu ſingen, und wirklich, das Brünettchen ſang die Cavatine aus Robert dem Teufel:„Robert, Robert mein Geliebter!“ ausge⸗ zeichnet. Sie ſchmetterte Flammen mit ihrem:„Gnade! Gnade!“ in Hartmann's Herz, und die Augen des jungen Frankfurters liefen mit Entzücken über die ſchönen Formen des Mädchens, und das durch das Singen hervorgerufene mächtige Wogen des vollen Buſens entzündete nun gar ſeine Phantaſie. Was half es nun, daß Nanchen trotz der Fanny Elsler tanzte, und Regina über van Dyk und Rem⸗ brandt's Werke ſprach, Creszens einem fingirten Bettler reiche Almoſen gab, und Genovefa, den Schlüſſelbund an der Seite, alle zwei Minuten bald in die Küche, bald in die Speiſekammer lief?— es war umſonſt, die Würfel lagen —— und Veronika war die Siegerin. Madame Haubenhuber hatte, wie ein guter General, der eine Schlacht lenkt, überall die Augen. Kaum hatte ſie mit weiblichem Scharfſinn bemerkt, daß Veronika Breſche ge⸗ ſchoſſen, als für die vier Uebrigen zum Rückug geblaſen wurde. Zacharias mußte zum Mittageſſen bleiben, Veronika noch einmal ſingen und unterdeſſen ſchüttete die glückliche 185 Mutter, neben dem Gaſt auf dem Sopha ſitzend, gegen dieſen ihr Herz aus. Ach! unter allen ihren Töchtern war Veronika die Aller⸗ beſte, ein wahrer Engel an Herz und Gemüth, ſo gut und ſanft, ſo liebevoll, ſo hingebend warm, ſo ſparſam und haushälteriſch.— Mutter Haubenhuber traten, zum Beweis der Wahrheit, die Thränen in die Augen, als ſie nur ent⸗ fernt daran dachte, daß ſie einmal dieſen Liebling durch eine Heirath verlieren könnte. „Fräulein Veronika iſt doch nicht etwa ſchon verſpro⸗ chen?“ platzte, von der mütterlichen Rührung ergriffen und von den eigenen Gefühlen überſtürmt, Zacharias heraus. „Nein!“ ſagte mit einem ſüßen Lächeln, welches ihr der verrätheriſche Ausruf des jungen Mannes ausgepreßt, die Mutter; und die Sängerin, welche des Gaſtes ſtürmiſche Frage auch gehört, blieb vor Entzücken in einem ungeheuren Laufe ſtecken. Gleich darauf entfernte ſch auch die Mutter unter einem Vorwande und Zacharias befand ſich mit der Brünette allein. Er konnte nicht ermangeln, ihr einige Complimente zu machen, und kam nach und nach ſo in das Feuer, daß er Veronika's hübſche Hand nahm und ſie leidenſchaftlich küßte. In demſelben Momente trat die Mutter wieder ein. Zacharias fuhr entſetzt zurück; aber Madame Haubenhuber lächelte nur und hob drohend den Finger— was ſo viel hieß, als: ſei nur nicht blöde, ſie iſt doch nun Dein. Beim Mittageſſen waltete der Zufall in Geſtalt der alten Haubenhuberin ſo günſtig für Zacharias, daß er neben Vero⸗ nika kam. Sie hatte vor dem Eſſen noch einmal Toilette ge⸗ macht, und ſaß nun, in einem weißen, ſtark ausgeſchnittenen 186 Ballkleide, neben dem jungen Gaſte, der immer mehr in Flammen gerieth, und von Entzücken und Glückſeligkeit, von ſüßem Verlangen und Genießen ſo betäubt wurde, wie ein falzender Birkhahn, den ſelbſt ein Fehlſchuß nicht aufſchreckt. Die kluge Mutter und die ebenſo gewandte Tochter ſchoſſen aber nicht fehl, alle Bolzen trafen in's Schwarze, und umgekehrt ſchoſſen die lebendigen Aeuglein Veronika's gleich Homers„fernhintreffendem Apoll“ die gefährlichſten Wunden. Möchten doch alle Mütter, die Töchter anzubrin⸗ gen haben, und alle Töchter, die nach Männern ſeüfzen— ſich hier ein Beiſpiel nehmen. Aber ach! die vier andern Schweſtern! welch' ſauer⸗ſüße Geſichter ſchnitten ſie zu dem ſtrahlenden der Siegerin, und nur der glückliche Umſtand, daß noch ein junger Franzoſe zu Gaſte war, der ja ebenfalls gute Beute werden konnte⸗ verhinderte den Ausbruch ihrer üblen Laune. Indeſſen, der Pariſer war bei all' ſeiner Artigkeit zu pfiffig, um anzu⸗ beißen. Ein ächter Repräſentant ſeiner ſelbſt⸗, vergnügungs⸗ und zerſtreuungsſüchtigen Nation, nahm er Alles oberfläch⸗ lich und leicht; er tändelte und ſcherzte, er ſtrömte in Witzen über, die durch ſein Radebrechen der deutſchen Sprache nur noch pikanter wurden; er liebelte— aber er liebte nicht, machte allen vier Schweſtern den Hof, zeichnete aber Keine aus, wodurch er ſich das große Vergnügen verſchaffte, von allen Vieren auf den Händen getragen zu werden, da bei jeder Artigkeit Jede dachte: ſie gehe auf ſie, und ſie ſei die Auserwählte. So ſchwamm denn Alles gegen das Ende der Mahlzeit in Entzücken: Courmacher, Töchter, Mutter und Vater. Na⸗ mentlich aber der Letztere, der ſich ſchon als Schwiegerpapa 187 des jungen Hartmann und als ſolcher aus der großen Geld⸗ verlegenheit geriſſen ſah, in welche er demnächſt gerathen mußte. Selbſt der Bediente und die Mägde freuten ſich, blühte ihnen im Falle einer guten Heirath doch die Hoffnung, ihren ſeit Jahren rückſtändigen Lohn endlich einmal zu erhalten. Zacharias konnte außerdem gar nicht genug die Artigkeit und das Zuvorkommen des Herrn und der Frau Hauben⸗ huber rühmen. Nach dem Eſſen mußte er zum Kaffee bleiben, und nach dieſem ging es in den engliſchen Garten, in welchem heute am chineſiſchen Thurme die Militärmuſik von zwei Regimentern ſpielte. Von dem chineſiſchen Thurme aber ſollte in den Prater gegangen werden, um in demſel⸗ ben den Abend zuzubringen. Geſchäfte?— Zacharias hatte allerdings deren wichtige und eilige; denn erſt geſtern bekam er einen Brief von ſei⸗ nem Hauſe, in welchem dieſes ihn aufmerkſam machte: daß der Reiſende eines bedeutenden Conecurrenten wahrſcheinlich mit ihm zugleich in München eintreffen werde; er möge daher— hieß es in jenen Zeilen,— da es ſich um den Verkauf eines ſehr anſehnlichen Oellagers handle, keinen Augenblick verſäumen, um ja jenem Concurrenten zuvor⸗ zukommen. Das war nun Alles gut und ſchön, wenn die hübſche Haubenhuber nicht geweſen wäre! aber es wird ihm doch wohl kein vernünftiger Menſch zumuthen, mitten in ſeiner Glückſeligkeit an ſo gemeine Dinge wie Geſchäfte, zu den⸗ ken?— Wundervolle ſchwarze Augen und ein Mädchen im weißen Ballkleid, das wie eine Göttin ſingt— und auf den Händen getragen von einer der liebenswürdigſten und reichſten Familien Münchens— er— der einzige Sohn des 188 reichen Hartmann?— und an Rüböl— ſchmieriges, ſchmutziges, gemeines Rüböl zu denken?— Nein! nein! das ging wahrhaftig nicht. Und dann der Mittag am chineſiſchen Thurme und der Abend im Prater?! Aber warum denn all' die Worte?— er hatte ja die Geſchäfte ſammt dem Concurrenten längſt vergeſſen, und ſelbſt als ihm ſein Gewiſſen den Namen„Clariſſe“ mah⸗ nend und ſtrafend zurief, wußte er mit ihm fertig zu wer⸗ den. Clariſſe war arm, und er hätte ſeine guten Eltern nur gekränkt, wenn er dieſe zum Weibe begehrt haben würde; während er gewiß war, ihnen in der reichen Veronika eine liebe Schwiegertochter zuzuführen. Und iſt es nicht lobens⸗ werth, ein guter Sohn zu ſein? Ein wunderhübſcher, ſchattiger Weg führte nach dem„chi⸗ neſiſchen Thurme“, einem alten, hölzernen Gebäude im eng⸗ liſchen Garten, welches nach dem Porcellanthurm zu Nankin erbaut iſt. Wie Mittwochs im Hofgarten, ſo findet hier Sonnabends die Militärmuſik ſtatt. Zacharias fand die Verſammlung glänzend und von ſchönen und reichen Equi⸗ pagen beſucht; ja ſelbſt der Hof ließ ſich ſehen, und Hart⸗ mann freute ſich über den König, der ſeine geliebten Unter⸗ thanen ſo ganz außerordentlich freundlich grüßte. Viel ſah er eigentlich nicht, da er nur für Veronika Augen und Ohren hatte, an deren Seite er ging. Es war ihm daher wohl, als die rauſchende Muſik zu Ende war und man ſich behaglich nach dem Prater begab, der, auf einer Inſel der Iſar gelegen, ein Lieblingsort der Münchner iſt. Hier in dem weiten, hübſch angelegten Garten zeigte ſich ihm zum erſtenmale das Münchener Volksleben von ſeiner charakteriſtiſchen Seite. 189 Der Raum ſelbſt war trefflich gewählt: denn beſchattet von uralten, hochſtämmigen Bäumen, wehte ihm die Iſar, die ihn rauſchend empfing, immerwährend Kühlung und Er⸗ quickung zu. Hier waren Gartenhäuschen angebracht, dort erhob ſich eine Eremitage, hier drehte ſich ein Carouſell und jenſeits donnerte ein mächtiger Waſſerfall. Ueber die Wipfel der Bäume hinaus wehten ungeheure Fahnen, die an auf⸗ gepflanzten himmelhohen Maſtbäumen befeſtigt waren; auf einer kleinen, nahegelegenen Inſel erhob ſich die von gemal⸗ ten Brettern künſtlich aufgeführte Feſtung Belgrad, welche bei Nacht und unter Feuerwerk erſtürmt werden ſollte, und über ihre Wälle und Baſtionen ragten ſchon jetzt, ehrfurcht⸗ gebietend, die Mündungen der Kanonen. Zwei Muſikchöre ſpielten ununterbrochen rauſchende Melodien, und durch dies Alles hin und her wogte eine ungeheure Volksmenge. Alle Tiſche waren beſetzt, ja man lagerte auf dem Raſen, oder faßte Fuß, wo man eben ſonſt konnte. Was aber dem jungen Frankfurter am Auffallendſten vorkam, war die allgemeine Heiterkeit und die gemüthliche Vermiſchung aller Stände. General und Corporal ſaßen mit ihren Familien dicht neben einander. Hier der reiche Kaufmann, da der Künſtler; hier Damen mit Federhüten und Schleiern, und an demſelben Tiſche die allerliebſten Riegelhäubchen. Kurz, Vornehm und Gering, Reich und Arn, Militär und Civil, Jung und Alt, Einheimiſche und Fremde— Alle ſchmolzen ſich zuſammen, wie zu einer großen Familie. Man hätte glauben mögen, der unbe⸗ zwingliche Aſſociationstrieb unſerer Zeit vereinige alle dieſe Menſchen zu einem gleichen Streben; aber hier war nicht von ſogenannten induſtriellen Vereinen, auch nicht von Po⸗ 190 ² litik die Rede; hier huldigte man nicht dem Idealismus, der oft ganze Völker erfaßt und zu einem ſolchen trans⸗ ſcendentalen Schwindel erhebt, aus dem ſie nur die ruhige, ſpekulative Vernunft wieder erretten kann;— hier galt Alles nur dem fröhlichen Genuſſe des Augenblicks,— Nie⸗ mand dachte der Kämpfe der Zeit und der gewichtigen Fra⸗ gen, deren Löſungen noch im Schooße einer dunklen Zukunft ruhen,— hier dachte man nur an den harmloſen Genuß des Lebens und feierte das glückliche Daſein mit den braunen Fluthen eines ganz vorzüglichen Biers. „Was ſchoffen's?“ riefen die flinken Kellnerinnen den neu Ankommenden zu, und frugen gleich weiter:„Schoffen's a Bier un e Brod a?“ oder wollen's Raadi(Rettig) oder en Kolbsbrotn?“ Denn der Münchner iſt einfach. Bier iſt die Seele aller Bayern, mit Bier werden die Kinder groß gezogen, und Bier iſt der letzte Labetrank, mit dem ein ächter Bayer abſegelt. Die meiſten Münchner Familien eſſen im Sommer nicht zu Hauſe zu Nacht, ſondern gehen mit Kind und Kegel auf einen Bierkeller und trinken hier ihr Bier und eſſen ihre Raadi dazu. Billiger könnten ſie freilich nicht leben, und ſo genießen ſie noch der freien Luft und eines wahrhaft bezaubernden geſellſchaftlichen Vergnügens. Auch Zacharias war ganz entzückt. Das wirrte und ſchwirrte, klang und ſang, ſcherzte und herzte um ihn herum, daß er in einem Zauberreiche zu ſein ſchien. Mitten durch dies Tönen ſchallten auch oſt die Geſänge tüchtiger Geſangvereine, die ſich meiſtens um die Maſtbäume mit Fahnen, die ihre Abzeichen waren, gruppirten. Denn auch hier machte ſich dieſe charakteriſtiſche Erſcheinung unſeres Jahrhunderts geltend, die vor allen in Süddeutſchland, der — 19¹ Wiege des Geſanges, ſo herrliche Blüthen treibt und von welchen Berthold Auerbach ſo hübſch ſagt: Der lange Friede hat keiner Kunſt ſo weite Kreiſe eröffnet, als der Muſik, und ich glaube nicht zu weit zu gehen, wenn ich die Verbreitung der Geſangvereine als einen rulturhiſtoriſchen Moment bezeichne, da hierdurch die reichen Blüthen deutſcher Geſangsdichtung aufhören, ein Monopol Einzelner zu ſein. Und ſo iſt es auch. Das lebendige Wort des Dichters wird erlöst aus ſeiner papierenen Hülle, und in freien, tau⸗ ſendſtimmig ſich faſſenden Tönen hebt es die Bruſt des Sän⸗ gers, braust, mahnend und erhebend, jauchzend und zürnend über die zahlloſe Menge dahin, und ruft die ſchlummernden Echo's wach. Noch ein Jahrzehend, und wir haben der freien Bil⸗ dung des klaſſiſchen Alterthums eine andere entgegenzuſetzen, wie es ſie nie kannte, und wie ſie noch zu keiner Periode unſerer Nation zu Theil ward. Aber die Nacht brachte Zacharias neue Ueberraſchungen. Mit ihrem Anbrechen entzündete ſich der ganze Garten wie durch einen Zauberſchlag. Tauſend und aber tauſend bunte Lampen und Lichter flimmerten in den grünen Zweigen der Bäume, oder zogen ſich wie leuchtende Arabesken in flam⸗ menden Reihen von Aſt zu Aſt. Hoch in den Wipfeln der alten Silberpapeln wiegten ſich farbige und leuchtende Ballons wie ungeheure Früchte, und auf jedem Tiſche brannten ſchön gemalte Windlichter. Hatte man denn aber Zeit, das Alles nur ruhig zu ſehen? Kanonenſchüſſe kündeten den Anfang des Feuerwerkes. Raketen ſtiegen dicht über dem ſchäumenden Waſſerfalle, den der Mond mit Silber übergoß. Räder und Sonnen blitz⸗ ten und ſprühten, Transparente und Namenszüge ſtrahlten in allen Farben, wie aus mächtigen Edelſteinen zuſammen⸗ geſetzt. Aber das Ganze krönte die Beſtürmung der Feſtung Belgrad durch Prinz Eugen, die von Cavallerie und hundertfünfzig Mann Infanterie— Alle in das dazu paſſende Coſtüm gekleidet— ausgeführt wurde, und mit einem bengaliſchen Feuer ſchloß, welches den Prater und die ganze Gegend in einen blaſſen blauen Schein und dann in eine purpurne Gluth tauchte. Und bei allem dem das göttliche Bier— ach! und Ve⸗ ronika am Arm, deren Hand man drückte und die den Druck leiſe erwiederte, und hie und da ein verſtohlener Kuß und dann wieder das Lichtmeer dieſes Feenreichs—— Zacharias war außer ſich— er taumelte— er war berauſcht von Sehen, Hören, Fühlen, Schmecken und Riechen— von Liebe — und— Bier. Den andern Tag wollte er an ſeine Geſchäfte gehen, da fiel ihm heiß ein, daß ihn Madame Haubenhuber eingela⸗ den, in ihrer Geſellſchaft die Sehenswürdigkeiten Münchens zu beſuchen und er im heiligen Eifer verſprochen habe, ſie um zehn Uhr Morgens mit einem Wagen abzuholen. Was war da zu machen? er konnte doch wohl die Da⸗ men nicht ſitzen laſſen, nachdem ſie gegen ihn ſo artig?— Ach!— und wie leicht war es möglich, daß die Mutter Veronika mitnahm,— welche neue Seligkeit erwartete ihn dann! Und die Kunſtſchätze Münchens, nach welchen er ſo lange gelechzt, und ſie zu ſehen an der Seite eines ſo lie⸗ benswürdigen und ſchönen Mädchens. Ja! das war Poeſie des Lebens— pfui— ihm eckelte, wenn er an das Rüb⸗ öllager dachte. 193 Kurz er machte Toilette à quatre épingles, nahm eine Equipage und fuhr zu Haubenhubers. Die Alte war ſchon bereit und' aufgeputzt wie eine Fürſtin. Da Creszens in der Kirche, Genovefa in der Küche, Nanchen in der Tanz⸗ ſtunde und Regina im Malen begriffen,— Criſpinchen. Portiunkula und Kunigunde aber noch zu klein waren, und doch Schicklichkeits halber noch Jemand mitfahren mußte, ſo bat die gute Mutter um die Erlaubniß, Veronika mitneh⸗ men zu dürfen. Man kann ſich denken, wie gerne Zacharias einwilligte, und alsbald erſchien das Brünettchen in einem reizenden An⸗ zuge von ſchwarzem Atlas. Hartmann hätte ihr zu Füßen fallen können; denn mußte er auch geſtehen, daß Clariſſe eine viel zartere, höhere Schönheit und hundertmal weiblicher, verſchämter und geiſtreicher war; ſo vermochte er doch durch⸗ aus dem Sinnentaumel nicht zu widerſtehen, zu welchem ihn dieſe üppige Venus hinriß. Der Stern ſeiner Liebe zu der Fernen erblich mehr und mehr, und es regte ſich in der That der Gedanke in ſeiner Bruſt: Veronika heimzuführen. Mutter und Tochter unterließen natürlich nicht, das Feuer zu ſchüren, und Jedermann weiß, was es heißen will, mit einem ſo geliebten Gegenſtande vis-à-vis in einem Wagen längere Zeit zu fahren, wenn Auge in Auge wur⸗ zelt und Kniee und Füße ſich berühren. Zacharias war im Himmel. Was Schrannenplatz, Obe⸗„ lisk, Baſilika, Ludwigsſtraße, Reichsarchiv und Bibliothek, Blindeninſtitut und Odeon— ſie waren für ihn nur inſo⸗ fern vorhanden, als Veronika ſie ihm zeigte, und erſt die 4 Allerheiligenkirche, Glyptothek und Pinakothek rüttelten ihn Commis Voyageur. durch ihre impoſante Pracht, ihren Reichthum und ihre Fülle an Schönheiten und herrlichen Werken aus ſeinem Taumel und riſſen ihn zur alten reinen Begeiſterung für die Kunſt und das Edle, Schöne und Große hin. Unter dem Anſchauen dieſer und der ungeheuren Maſſe noch übriger Sehenswürdigkeiten gingen mehrere Tage wie in einem angenehmen Rauſche hin, während welchen Zacharias ſo zu ſagen gar nicht zu klarem Bewußtſein kam. Die Maſſe der neuen Gegenſtände, ihre Größe und Herrlichkeit erdrück⸗ ten ihn ordentlich, und es ging ihm geiſtig, wie einem Schwel⸗ ger an einem koſtbaren Mahle, er verdarb ſich den Magen. Glücklicherweiſe fühlte er es noch bei Zeiten, und nahm ſich vor, einige Tage geiſtig zu faſten; war es doch ohne⸗ dem hohe Zeit, an die Geſchäfte zu denken, die er in Mün⸗ chen zum erſten Male mit Widerwillen betrieb. Sie ſielen auch ſchlecht genug aus, denn jener Coneurrent, vor welchem ihn noch dazu ſein Haus gewarnt, war ihm zuvorgekommen, und den Herren Dahlmann, Dunkert, Duppendorf, Compag⸗ nie und Conſorten blieb die Nachleſe. Gewiſſensbiſſe und Reue kamen zu ſpät und Hartmann mußte ſich auf einen tüchtigen Wiſcher gefaßt machen. Es war höchſt ärgerlich. Um dieſer Stimmung zu entgehen, ging er um 3 Uhr Nachmittags zu Haubenhubers, aber Alle waren ausgefahren und Niemand wußte wohin. Das Mißgeſchick ſteigerte den Unmuth des jungen Mannes noch mehr. Er rahm einen Wagen und fuhr nach dem chineſiſchen Thurm— ſie waren nicht da. Er nahm ſeinen Weg nach Dianabad — ſie waren nicht da,— auch im Brunnthal fand er ſie nicht. Jetzt ſtieg ſein Aerger zu wildem Zorn, er flog nach Neu⸗ berghauſen. Hier ſollte dieſen Abend Gartenbeleuchtung wie 195 im Prater ſein, mächtige, bunte Ballons hingen tief von den Bäumen hernieder und man hatte daher verordnet: daß die Wagen diesmal nicht in den Garten fahren, ſondern vor demſelben halten ſollten. Auch Zacharias kündete man dies an, aber er war ſo wüthend und zornig, daß er dem Kutſcher befahl: in's Teufels Namen durchzufahren. Der Kutſcher peitſchte, und nun ging's zum allgemeinen Jubel mitten durch, daß die papierenen Ballons krachend zerſplitterten, im Hofe aber hielt der Wirth und die Polizei den Wagen an, und Hartmann mußte zur Kühlung ſeines Zörnchens vierzehn Gulden zahlen. Indeſſen hatte ihn die Scene doch etwas erleichtert, nicht nur im Beutel, ſondern auch in Kopf und Bruſt, indem der gewitterſchwüle Humor abgeleitet war.„Das Nachtlager von Granada“, welches den Abend in der Oper gegeben wurde, ſollte ihn völlig beſchwichtigen. Schon das prächtige Aeußere des königlichen Hoftheaters— welches im römiſchen Styl erbaut iſt und deſſen Periſtyl von acht koloſſalen korinthi⸗ ſchen Säulen getragen wird— hatte ihn ſeiner Zeit entzückt. Wie viel mehr überraſchte ihn das Innere, welches mit ſei⸗ nen ſechs Logenreihen nahe an dreitauſend Perſonen faſſen kann. Auch die Ausſchmückung in Weiß und Gold fand er ſo prachtvoll als ſchön, und ſein Frankfurter Stadttheater kam ihm, gegen dieſen Muſentempel, wie ein Hundeſtall vor. Er hatte einen Sperrſitz genommen und bemerkte zu ſeinem Vergnügen, als er ſich demſelben näherte, daß auf dem Platze dicht neben dem ſeinen eine elegant gekleidete Dame ſaß. Sie trug einen geſchmackvoll gearbeiteten Hut von roſa Seide und hatte faſt ihre ganze Figur in einen prächtigen Lyoner Shawl gewickelt. 13 196 Es gibt einen gewiſſen Pli, der nur Perſonen von Bil⸗ dung— es kann hier nur von einer äußerlichen Bildung, dem ſogenannten Schliff die Rede ſein— eigen iſt, und ſich namentlich auch in der Art und Weiſe ſich zu kleiden und die Kleidungsſtücke zu tragen, kundgibt. Nur Großſtädtern und Vornehmen iſt er angeboren, und er kann nur ſelten — und dies faſt nur von dem weiblichen Geſchlechte in den ſpäteren Jahren erlernt und angenommen werden. Jeden⸗ falls liegt in ihm ein eigener Zauber, ja er gibt Denjeni⸗ gen, die ihn beſitzen, in geſelliger Hinſicht ſogar ein ent⸗ ſchiedenes Uebergewicht gegen die, ſo ihm fremd. Zacharias, der ebenfalls viel auf ihn hielt, da er auch eine Clariſſe ſchmückte, bemerkie ihn hier zum erſtenmale wieder; denn fo viel Reize er Veronika zugeſtehen mußte, ſo fehlte ihr dies Savoire-faire doch gänzlich. Seine Nach⸗ barin jedoch ward ihm dadurch intereſſant, ehe er ſie noch im Geſichte geſehen; wer aber beſchreibt ſein Staunen, als ſie nun plötzlich das Köpfchen wandte und er in ein, ihm nur zu bekanntes Geſicht ſchaute. Ein Schrei der Ueberraſchung entfuhr ihm, und auch die Dame ſchien ihren Augen kaum trauen zu wollen. „Sophie?!“— rief Zacharias—„wie in aller Welt iſt es möglich, ſind Sie es wirklich?— Was führt Sie aus Frankfurt hieher?— O ſprechen Sie, es hätte mir ja wahrhaftig keine größere Freude widerfahren können!“ Die Dame, die über und über roth geworden war und den Shawl unwillkürlich ſorgfältiger um ſich gezogen hatte, entgegnete leiſe: „Ob es Sie freut, möchte ich bezweifeln.“ „Nein!“— fuhr Jener fort, und die Wahrheit ſprach 197 ſich in Ton und Blick aus—„zweifeln Sie lieber nicht daran. Ward ich Ihnen auch einſt untreu, ſehe ich jetzt doppelt ein, wie verblendet ich damals war. Sie ſind bei Gott noch reizender geworden.“ „Sprechen wir nicht mehr von jenem Ereigniß, es ſchmerzt mich und iſt ſchuld..... doch um nicht unwahr zu ſein, muß ich geſtehen: daß auch mich dies Zuſammentreffen herzlich freut. Was führt Sie hierher?“ „Eine Geſchäftsreiſe. Und Sie?“ Die Dame ward neuerdings roth, indem ſie ſagte:„Ich habe, wie Sie wiſſen, eine Schweſter in Wien verheirathet, die ich beſuchen will.“ „Und reiſen Sie hier nur durch?“ „Ich werde übermorgen über Paſſau und Linz meinen Weg fortſetzen. Hier brachte ich einige Tage bei Verwand⸗ en „Nun“— ſagte Zacharias und ſein Geſicht ſtrahlte vor Entzücken und auch ihn überlief eine dunkle Gluth—„das iſt ja göttlich, ich gehe ja ebenfalls nach Paſſau und habe meinen eigenen Wagen bei mir! Ich ſchmeichle mir: daß Ihnen dieſe Reiſegelegenheit nicht unangenehm kommt.“ „Und doch muß ich ſie ablehnen“— verſetzte die Dame verlegen—„was würde die Welt ſagen, wenn ich mit Ihnen allein reiste?“ „Die Welt“— wiederholte Zacharias—„Sie meinen damit doch nur Frankfurt, denn hier und in Paſſau u. ſ. w. kennt man uns nicht. Und wie ſollten ſie zu Hauſe etwas davon erfahren?“ „Und unterwegs?“ „Gelten Sie für meine Frau!“ 198 Die Dame ſchüttelte mit dem Kopfe, und der Vorhang erhob ſich. Zacharias gab wenig Acht: ſeine Gedanken ſchweiften bald in die nächſte Zukunft, bald verloren ſie ſich in der Vergan⸗ genheit. Erinnerung führte ihm die ſchönen Tage zurück, die er einſt— und zwar noch ehe er Clariſſe gekannt— zu Sophiens Füßen verlebt. Sie war aus anſtändiger Fa⸗ milie, und Zacharias hatte ſich auf einem Balle in ſie ver⸗ liebt. Ein tändelndes, aber unſchuldiges Verhältniß ent⸗ ſpann ſich zwiſchen den beiden jungen Leuten auf einige Zeit. Da lernte Hartmann Clariſſe kennen, und von dem Augenblick an war Sophie vergeſſen. Später machte des Mädchens Vater Bankerott und die Familie kam gänzlich zurück, was die Sache vollends endete. Jetzt ſchien es, wenigſtens dem Aeußeren nach, als ob ſich der Wohlſtand wieder bei Sophien eingeſtellt. Wer gereist iſt, weiß, wie freudig Einen in der Fremde jede Spur, jeder Gruß von der Heimath berührt, und wie leicht und eng ſich Landsleute, wenn ſie ſich draußen finden, an einander ſchließen. Um wie viel mehr mußte dies hier geſchehen, wo ſich die Herzen ſchon durch früheres Lieben näher gebracht waren. So läßt es ſich denn auch leicht erklären, wie ſich ſchon während der Oper das alte Verhältniß faſt wieder herſtellte; obgleich von beiden Seiten von keiner eigentlichen Liebe die Rede war und ſein konnte. Zacharias dachte, wie wir wiſ⸗ ſen, ernſtlich daran, Veronika zu heirathen, und hatte bei dem Anerbieten: Sophie mitzunehmen, durchaus keine böſen Nebenabſichten, da er von deren Tugend überzeugt war. Er verſprach ſich nur durch ihre Geſellſchaft eine angeneh⸗ 199 mere Reiſe, und ſchmeichelte ſich, daß dies auch wohl für ſie der Fall werden dürfte. Als er daher ſeine frühere Geliebte beim Nachhauſegehen begleitete, ſuchte er dieſelbe durch ſeine ganze Beredtſamkeit zu der gemeinſchaftlichen Reiſe zu bewegen. Sophie ſträubte ſich lange und gab erſt nach, als Zacharias ſie verſichert: er werde nie die Schranken der Schiclichteit aus den Augen verlieren. Da aber das Mädchen um keinen Preis aus München mit ihm abreiſen wollte, kam man überein: daß Sophie übermorgen in der Frühe mit der Paſſauer Poſt wegfah⸗ ren, ſich aber heimlich nur einen Platz bis zur erſten Sta⸗ tion nehmen ſolle, woſelbſt ſie dann Zacharias erwarten würde. Als dies verabredet, trennten ſich beide und Hart⸗ mann kehrte höchſt aufgeregt zu ſeinem Gaſthofe— dem „goldenen Hahn“— zurück. Unterwegs begegnete ihm eine unglaubliche Menge Lie⸗ bespaare, und manch' Riegelhäubchen ſtrich an ihm vorüber und zupfte ihn leiſe mit dem Ellenbogen an. Aber er hatte zu wichtige Dinge im Kopf, als auf die zärtlichen Rippen⸗ ſtöße zu achten. In München durfte er nämlich auf keinen Fall länger mehr bleiben; denn er hatte ſich ſchon zu lange hier ver⸗ weilt und alle Geſchäfte vernachläßigt. Demohnerachtet kam es ihn einigermaßen ſchwer an, ſich von Veronika zu tren⸗ nen, und außerdem mußte wegen ihr ein entſcheidender Schritt geſchehen. Hatte er doch recht wohl gemerkt, wie man ihn zu einer beſtimmten Erklärung zu drängen ſuchte, was ihm— wäre er nicht verliebt geweſen— vielleicht über Manches die Augen geöffnet. Aber Amor wird nicht um⸗ 200 ſonſt mit einer Binde abgebildet, und es iſt in vielen Be⸗ ziehungen ſo unrecht nicht, was mein Vater oft ſagte: ver⸗ liebt und verrückt ſein iſt einerlei. Zacharias fand lange keinen Ausweg, endlich entſchloß er ſich, morgen zu Haubenhubers zu gehen und als Diplomat zu handeln. Nämlich: Veronika ſeine Liebe ziemlich deut⸗ lich— doch noch immer nicht ganz beſtimmt— zu erklären, ſeine Abreiſe nach Landshut, Paſſau, Straubing und Regens⸗ burg anzukündigen, und zu verſprechen, von letzter Stadt aus, ungefähr nach zehn bis vierzehn Tagen, wieder in München einzutreffen. Zugleich wollte er dann verblümt andeuten, daß er ſodann einen für ihn wichtigen Schritt machen würde. So konnte er ſeinen Geſchäften nachgehen, ſeinem Vater über die projektirte Heirath ſchreiben und noch vor ſeiner Rückkunft nach München die elterliche Antwort erhalten. Als er mit allem dieſem im Reinen war und zu Nacht geſpeist hatte, begab er ſich auf ſein Zimmer, welches die Nummer„Eins“ trug und Parterre lag. Die nette Kell⸗ nerin leuchtete ihm vor und deckte ſodann das friſche, weiße Beit auf Er ſoll wenig geſchlafen und doch eine angenehme Nacht zugebracht haben. Den kommenden Tag führte er ſein Vorhaben aus, in welchem er noch durch einen Brief von ſeinem Haus be⸗ ſtärkt wurde, der ihm den wohlverdienten Wiſcher in ſehr unzweideutigen Ausdrücken überbrachte, und ihn zur ſchleu⸗ nigſten Abreiſe mahnte. Mutter Haubenhuber ſaß wie auf glühenden Kohlen. Sie bot alle ihre Liſt und Zungenfertigkeit auf, den guten Hartmann in ſeinen eigenen Reden zu verſtricken, immer 201 hoffend, daß er ſich einmal verplappern und irgend etwas ſagen würde, woran ſie ihn halten könnte. Aber Zacharias, verſtimmt durch den Darmſtädter Brief, war zurückhaltender als bisher, und wollte auf keine Weiſe in die Falle gehen. Da griff die gewandte Frau zu einem andern, bereits mit Veronika verabredeten Mittel. Sie verließ nämlich das Zimmer, und da Zacharias den Bitten Veronika's: noch länger in München zu bleiben, aus Geſchäftsrückſichten nicht nachgab, traten ihr allmählig die Thränen in die Augen, und als gar, eben von den feuchten Perlen der ſchönen Brünette ergriffen, der junge Mann raſch Abſchied nehmen wollte, um nicht zu unterliegen— ſank ſie auf dem Sopha ohnmächtig zuſammen. Dieſe ſchweigſam⸗plaſtiſche Liebeserklärung war aber zu gut berech⸗ net, als daß der junge Hartmann hätte widerſtehen können. Er verlor den Kopf, und ſeinen Gefühlen nachgebend, ſank er vor der Ohnmächtigen nieder und beſchwor ſie mit den zärtlichſten Ausdrücken, wieder zu erwachen. Dies geſchah denn auch endlich; aber die gute Mutter, die heimlich ein⸗ getreten war, hatte Alles gehört. Entzückt umarmte ſie den auf's Höchſte überraſchten jungen Mann, nannte ihn ein über das anderemal„ihren lieben Schwiegerſohn“— rannte darauf hinaus, trommelte das ganze Haus zuſammen und verkündete jubelnd der jubelnden Menge: der junge Herr Hartmann liebe Veronika, und ſie gebe von Herzen ihren Segen zu dieſer ſo ſchönen und paſſenden Partie.. Veronika hing während dieſer ganzen Seene ſchluchzend an Zacharias Hals, der vor Ueberraſchung ſprachlos daſtand und ſich endlich nolens volens genöthigt ſah, zu Allem „ja“ zu ſagen; indem er ſich nur das eigentliche Anhalten 202 bei Herrn Haubenhuber bis nach ſeiner Rückkehr nach München vorbehielt, da er zuvor die väterliche Zuſtimmung einholen müſſe. Erſt als er das Haus verlaſſen und ſich in freier Luft befand, kam er wieder zu ſich; aber war faſt unfähig, zu begreifen, wie er Bräutigam geworden. Jetzt, da der Wurf geſchehen, ſchwindelte ihm. Wilde Bilder umgaukelten ſeine Phantaſie. Sophie und Jeanette, Veronika und die hübſche Jüdin tanzten wie ein Geiſterreigen um ihn her; während mitten unter ihnen das Bild Clariſſens bleich und entſtellt, im Leichentuche und mit aufgelösten Haaren auftauchte. Er bebte zuſammen, ein ſonderbares Gefühl von Angſt er⸗ faßte ihn und trieb ihn über Feld und Flur bis tief in die Nacht hinein. IX. Innerer Kampf.— Weibliche Stärke in weiblichem Stolz.— Leichtſinn.— Ein ſauberer Handel.— Die Einladung.— Ent- ſetzen.— Vie Klichel'ſche Weinhandlung.— Ein Räuſchchen.— Eine gute Mutter.— Das Opfer.— Jacharias in Wuth.— Jandgemenge.— Prügel.— Schmerzlicher Abſchied— Das Ju⸗ ſammentreffen.— Der ſatale Mantel.— Wirth und Fremden- buch.— Die Entdeckung.— Abendlicher Streit und nächtliche Verſöhnung.— Reiſeluſt und Reiſelaſt.— Wen?— Prief.— Entſchieden.— Die Geſchichte vom Frack.— Die Geſellſchaft. — Pracht und Lurus.— Das endez-vous.— Die Werbung. „Wer in die Fremde will wandern, Der muß mit der Liebſten geh'n, Es jubeln und laſſen die Andern Den Fremden alleine ſteh'n.⸗ Aus dem Leben eines Taugenichts von J. Freiherr von Eichendorf. ß 0 enn wir etwas Unrechtes gethan oder einen dummen Streich gemacht haben— eine menſchliche Schwäche, die wohl Jedem einmal paſſirt— ſo tritt gewöhnlich die Vernunft als geiſtiger Mentor auf und liest uns die Leviten. Aber ſie hat ſelten gleich reines Feld; ſondern gewöhnlich tritt ihr eben jene Leidenſchaft, die uns verführt entgegen und opponirt und ſucht mit ihren eitlen Scheingründen die Ver⸗ nunft zu täuſchen und zu beſchwichtigen. Dies kann ihr 204 übrigens nur da gelingen, wo die Vernunft auf ſchwachen Füßen ſteht. Peinlich iſt jedenfalls dieſer Streit in unſerer Bruſt, und er muß ausgekämpft ſein, ſoll er nicht zu unſerer Un⸗ behaglichkeit einen bitteren Bodenſatz von heimlicher Verach⸗ tung unſerer eigenen Schwäche zurücklaſſen. Auch Zacharias fühlte dieſen Kampf, und um ſo em⸗ pfindlicher, als er ſeinem Rechtlichkeitsgefühl, das ihn des Treubruchs gegen ſeine gute Clariſſe— die ihn doch ſo wahrhaft liebte und für die ſeine Wortbrüchigkeit ein Todes⸗ urtheil ſein mußte— beſchuldigte, Vernunftgründe wie ſie ſei arm,— er müſſe als guter Sohn den Eltern fol⸗ gen— und dergleichen mehr, entgegenſetzte. Aber etwas Anderes erhöhte ſeine Unbehaglichkeit noch mehr. Es war ihm, trotz ſeiner Liebesverblendung, bei den letzten Scenen im Haubenhuber'ſchen Hauſe dennoch nicht entgangen: daß man ihn mit Liſt in das Netz gelockt und faſt mit Gewalt zu einer Erklärung gezwungen. Hielt er dabei auch Veronika für unſchuldig, ſo ſagte ihm ſeine gute Erziehung doch, daß ſie ſich ziemlich unzart dabei benommen, die Mutter aber alle Grenzen des Schick⸗ lichen überſchritten. Der beſſere Mann will aber das Herz eines Weibes nach freier Wahl gewinnen, und nicht mit den Polypen⸗ armen der Koketterie umklammert und wie eine ſchnöde Beute gewaltſam herangezogen werden. Bemerkt er ein ſolches Beſtreben, ſo fühlt er ſeinen eigenen Werth gekränkt und wird zweifelhaft an dem Werth des Weſens, das 4 mit ſolcher Verzweiflung zu erringen ſucht. Dem Zacharias fiel bei dieſer Gelegenheit ein, was&u⸗ 205 riſſe, als einſt von einem ähnlichen Falle die Rede war, zu ihm geſagt. Nämlich: wenn ein weibliches Herz— aufge⸗ regt und beſtürmt von der Liebe— mit ſich und der Tu⸗ gend oder Schicklichkeit in Konflikt gerathe; wenn an den Pfeilern heiliger Sitte die ſtürmende Leidenſchaft rüttle— dann möge die Kämpfende nur den weiblichen Stolz zu Hülfe rufen. Eine Königin der Herzen, eine Hoheprieſte⸗ rin der Tugend, ſtehe es ihr nicht an, zu bitten, nur zu gewähren— und der Gedanke: den Herrn der Schöpfung zu ihren Füßen zu ſehen, werde ſie retten. Wäre Zacharias weniger ſinnlich und energiſcher gewe⸗ ſen, müßte ihn dieſe einzige Erinnerung an Clariſſe und ihren hohen geiſtigen Werth aus dem gegenwärtigen Di⸗ lemma geriſſen haben. Er that in dieſer unangenehmen Lage, was alle ſchwachen Seelen in ähnlichen Fällen thun: er vertraute auf die Zeit und gab ſich dem Schickſal anheim, indem er ſeinem Vater die ganze Sache ſchrieb und beſchloß: deſſen Rath als Fin⸗ gerzeig des Himmels zu betrachten. Heimlich dachte er freilich, ſein Vater werde nicht anſtehen, ihm zu einer ſo vortheilhaften Partie zu rathen. Solch' ſinnlichen Menſchen iſt außerdem in dergleichen Fällen nichts lieber, als wenn irgend ein neuer Sinnenreiz ſie zerſtreut und ſomit von der Laſt ernſten Denkens und Entſcheidens befreit. Und winkte Zacharias dazu nicht die herrlichſte Gelegenheit? Erwartete ihn nicht Sophie auf der nächſten Poſtſtation?— Er lief ſchnell noch zum Hofſchneider, ließ ſich— um für alle Fälle gerüſtet zu ſein— einen Frack nach dem neue⸗ ſten Schnitte anmeſſen, wählte dazu das feinſte Tuch, das nur aufzutreiben war, und eilte alsdann zurück, um zu packen. 206 Unterwegs ſah er zwei elegant gekleidete Damen vor ſich hergehen, die Aeltere ſchien die Mutter, die Jüngere— ein blaſſes, engelſchönes Mädchen von ſ fünfzehn Jahren — die Tochter. Da Zacharias von der Schönheit der Kleinen frappirt war, ſuchte er mehreremale ihr vorzukommen, um ſie an ſich vorübergehen zu laſſen. Auch jetzt war dies geſchehen und beide Damen gingen eine kleine Strecke vor ihm her, als ſie plötzlich in den Thorweg eines Hauſes bogen. Sie werden da wohnen, dachte Zacharias und wollte eben vorübergehen, als er ein„Bſt!— Bſt!“— vernahm. Er ſchaute um, und ſiehe, die Damen ſtanden unter dem Thorbogen und die Aeltere winkte ihm. Klopfenden Her⸗ zens trat er näher. „Meine Tochter ſcheint Ihnen zu gefallen?“ frug darauf die Mutter leiſe den jungen Mann. „Ich kann nicht anders ſagen,“ entgegnete Zacharias, —„als daß ich von ihr entzückt bin.“ „Ja!“ entgegnete das Weib—„ſie iſt ſchön und noch rein. Wenn Sie ſie haben wollen, iſt ſie für ſechs Caro⸗ lin auf drei Nächte Ihnen. Ich verſichere Sie, es iſt dies nicht zu viel; und hier der gewöhnliche Preis für ein un⸗ ſchuldiges Mädchen. Auch hat mir erſt geſtern ein Eng⸗ länder vier Carolin geboten, ohne daß ich einwilligte. Zacharias war wie vom Donner gerührt; er blickte von der Rabenmutter auf das arme Kind, auf deſſen Züge die Natur den heiligen Stempel der Unſchuld gedrückt, und das jetzt verlegen und ängſtlich in einiger Entfernung ſtand und kaum die Thränen zurückhalten konnte. Aber die Alte ließ Hartmann keine Zeit, zur Beſinnung zu kommen. 207 „Nun, mein Herr?“— frug ſie—„Sie oder der Engländer?“ „Aber mein Gott!“ „Sie wiſſen unſere Wohnung nicht?“ fiel die Alte ſchnell ein.„Ja, ja, ich weiß es, mein ſchöner Herr. Neh⸗ men Euer Gnaden dieſen Zettel:„Kaufinger⸗Straße Nr. 2400 über zwei Stiegen.“ Und kommen Sie um acht Uhr, der Thee erwartet Sie.“ Mit dieſen Worten verſchwand die Alte, ihre Tochter nach ſich ziehend, deren verhaltenes Schluchzen noch das Ohr des Jünglings traf, welcher, den kleinen Zettel in der Hand, bewegungslos daſtand*). Zacharias war leichtſinnig genug, davon hatte er Proben abgelegt, und dachte namentlich im Punkte der Liebe nicht ſehr ſtreng. Aber hier!— hier! wo die eigene Mut⸗ ter die Herzensreinheit, das ganze Lebensglück des eige⸗ nen, zarten Kindes für ſchnödes Geld feil bot und verkaufte; hier! wo eine Mutter die Seligkeit eines reinen Herzens lächelnd vernichtete und das eigene Kind in die Maulwurfshöhlen des Laſters ſtieß — hier! ſträubten ſich ſelbſt ihm die Haare zu Berge. Sein Kopf glühte, das Blut ſchoß ihm wild durch die Adern, er ſah das holde Mädchen in eines Wüſtlings Arme unbarmherzig geopfert— ſein ganzes Inneres ſchrie um Rache. Sollte er dem ſchändlichen Weibe folgen?— ſollte er die ganze Sache auf der Polizei anzeigen?— oder das Kind untergehen laſſen, wie ſo Viele untergangen ſind? *) Thatſache ohne Uebertreibung, wie juſ alle Einzelheiten des ganzen Buches. 208 Er ſchwankte hin und her; entſchloß ſich bald zu dem Einen, bald zu dem Andern— da kam ihm plötzlich der Gedanke: wie? wenn auch das Comödie geweſen wäre, um Dich zu fangen?— Bei dem„auch das“ dachte er unwill⸗ kürlich an Haubenhubers, und ſeine Stimmung ward immer wilder und finſterer. Er ging gerade an der„Michel'ſchen Weinhandlung“ vorüber, eines der wenigen Häuſer, in welchem man in München guten Wein bekommt.„Ja“— dachte er in ſei⸗ ner Aufregung—„Wein! Wein! um dieſe verfluchte Stim⸗ mung, die mir die ganze Welt zum Ekel macht, hinab⸗ zuſpülen.“ Er ging hinein— das freundliche„Babettchen“ reichte ihm den beſtellten Champagner. Wie er aber ein Glas nach dem andern raſch hinabſtürzte, änderte ſich ſeine Stim⸗ mung. Im Anfang entſchloß er ſich, der Rabenmutter ihren Frevel mit glühenden Farben vorzuhalten; dann lachte er wieder über dieſen Entſchluß, die Welt ſank im Champag⸗ nerdunſte tief unter ihn; es kam ihm Alles darauf jammer⸗ voll und erbärmlich vor. Ironie bemächtigte ſich ſeiner, und er lachte über ſeine Bekehrungsideen, und rief:„Falle ſie, wie ſo tauſend Andere, was geht es mich an!“ Ach! er bemerkte nicht, daß der in dem Aerger und in der Aufregung hinabgeſtürzte Wein ihn berauſchte. Als er die zweite Flaſche halb getrunken, war er ſeiner Sinne kaum mehr mächtig, und nun flimmerte nur noch das Bild des ſchönen Mädchens vor ſeiner Seele. Alle Ideen verwiſch⸗ ten ſich, während die einzigen Worte:„Kaufinger⸗Straße Nr. 2400 über zwei Stiegen“ noch in ſeinen Ohren gellten. 209 Er nahm Hut und Stock und taumelte der genannten Wohnung zu, ohne eigentlich zu wiſſen, was er wollte. Nur mit Mühe erfrug er ſich das Haus und mit Le⸗ bensgefahr erklomm er die zwei Stiegen. Die Alte empfing ihn freudeſtrahlend an der Thüre, entſchuldigte ſich, daß ſie, die Frau eines Beamten, der jetzt gerade auf der Reiſe, zu ſolchen Geſchäften ihre Zuflucht nehmen müſſe; aber die Einnahme ſei doch gar zu klein, und wenn man einiger⸗ maßen anſtändig erſcheinen und hie und da eine Lebens⸗ freude mitmachen wolle, ſo müſſe man eben zu ſolchen Mit⸗ teln ſeine Zuflucht nehmen. Uebrigens habe ſie bereits genug an ihre Kinder gehängt, ſo daß dieſe auch einmal etwas für ihre Mutter thun könnten. Dies Alles brachte die Alte mit einer Zungengeläufigkeit vor, die Zacharias nicht zu Worte kommen ließ, der ohne⸗ dem nur halb hörte und nur zu einem Viertel wußte, was er wollte. Als aber die liebe Mutter obige Entſchuldigungsrede geendet, ging ſie nach der Nebenſtube und holte mit Gewalt das bis auf's Hemd entkleidete Mädchen heraus„— das ſich vor Scham und Angſt zitternd ſträubte. „Da iſt die dumme Gans!“ rief die Mutter roh, in⸗ dem ſie die arme Kleine dem Gaſt zuſchleuderte,—„machen Sie nun mit ihr, was Sie wollen. Und ſollte ſie nicht gutwillig gehorchen, ſo rufen Sie nur, ich bin im Neben⸗ zimmer, und will ſie ſchon nachgiebig machen.“ Das Kind aber war zu Hartmanns Füßen hingefallen und jammerte um Barmherzigkeit; indem es mit den Hän⸗ den die ſchönen Schultern zu bedecken ſuchte, auf welchen man deutlich die Spuren friſcher Züchtigungen ſah. 14 Commis Voyageur. 210 Da endlich ermannte ſich Zacharias, ſprang wie wüthend auf, packte die Alte vor der Bruſt, ſchüttelte ſie und ließ nun eine ſolche Strafpredigt über ſie ergehen, daß die Alte im Anfange kaum ſelber mehr wußte, wo ſie war. Bald aber änderte ſich die Scene. Das Weib ſchrie wie beſeſſen um Hilfe, das Kind entfloh, und Leute— die jedoch Zacha⸗ rias nicht erkennen konnte— ſtürzten herein. Zacharias wollte ſich gegen dieſelben erklären; aber nun ſchrie die Alte: ſie kenne ihn nicht, es ſei ein weltfremder Menſch, der betrunken wäre, und ſie hier in ihrem eigenen Zimmer mit unnatürlichem Verlangen überfallen habe. Hartmann widerſprach; aber es war zu deutlich, daß er Wein im Kopfe hatte, und ehe er es ſich nur verſah, hatte Jeder einen Gegenſtand ergriffen und ſchlug nun aus Lei⸗ beskräften auf ihn ein. Glücklicherweiſe war er nahe bei der Thüre und entſchlüpfte ſo, nachdem er mehrere ſchmerz⸗ liche Hiebe erhalten, mit Lebensgefahr dem Zimmer. Wie er die dunklen Stiegen hinabgekommen, begriff er nie. Im Wirthshauſe angelangt, ſah er ſich indeſſen ge⸗ nöthigt, noch in der Nacht den Chirurgus kommen zu laſſen. Es war dies ein einſichtsvoller und wohlwollender Mann, zu dem Zacharias— der durch Prügel wunderbarerweiſe wieder faſt ganz nüchtern geworden— bald Zutrauen faßte. Er erklärte die Folge der Schläge wohl für ſchmerzlich, nicht aber für gefährlich; dagegen drang er beharrlich in ſeinen Patienten, um von demſelben die Veranlaſſung des unglücklichen Zufalls in polizeilicher Rückſicht zu erfahren. Zacharias erzählte die reine Wahrheit und bat ſchließlich den Wundarzt: ſich wo möglich für das arme Mädchen zu verwenden; jedoch ohne polizeiliche Hilfe, weil ihm ſehr ℳ 211 viel daran liege, daß die Sache, die gar leicht einer ſchlim⸗ men Deutung fähig, nicht bekannt werde. Der Chirurgus hatte mit Aufmerkſamkeit und Theil⸗ nahme zugehört, und gab Hartmann ſein Ehrenwort dahin: daß er Allem aufbieten werde, das unglückliche Kind zu ret⸗ ten; übrigens verſicherte er ſeinen Patienten, daß dieſer ſcheußliche Handel leider hier ſtark getrieben werde. Erſt nach Mitternacht ſchieden Beide, und Zacharias verſprach: ſich bei ſeiner Zurückkunft über den Ausgang der Sache bei dem Wundarzte zu erkundigen. An Schlaf war übrigens für den jungen Reiſenden nicht zu denken, und unter Schmerzen nahm er ſich vor, künftig klüger zu ſein und nur vor ſeiner Thüre zu kehren. Für das Märtyrerthum und das Apoſtelamt fühlte er durchaus keinen Beruf mehr in ſich. Zu der mit Sophien verabredeten Zeit verließ er den kommenden Morgen München; nicht ohne phyſiſches und geiſtiges Unbehagen. Er mufte ſich geſtehen, daß er ſich nach ſo vielen ungünſtigen Erfahrungen darauf freute, end⸗ lich einmal wieder mit einem tugendhaften Frauenzimmer zuſammen zu kommen. In der That hatte aber auch auf der Reiſe ſein Glaube an Weibertugend ſehr gelitten, und er machte hier den Fehler, in den alle Reiſenden leicht ver⸗ fallen:— er bedachte nicht, daß ja gerade die ſittſamen und tugendhaften Weſen den edlen Metallen gleichen„die im Verborgenen wachſen und blühen; während man das blinkende, aber werthloſe Katzengold an jedem Wege findet. Freilich gibt es nur wenig Muſcheln, die Perlen in ſich ſchließen:— aber deſto größeren Werth haben dieſe auch— 14* ————— 212 und ausgehen werden ſie nicht, ſo lange die Wellen des Oceans an die Ufer der Feſte ſchlagen!——— Freiſing war bald erreicht, und Sophie, trotz der nicht unbedeutenden Hitze in einen Mantel gehüllt, empfing den alten Freund auf das Herzlichſte. Unbedeutende Dinge können Einen oft gewaltig genixen; ſo ging es Zacharias, als ſeine Freundin ſelbſt bei dem Frühſtücke, welches ſie gemeinſchaftlich— verſteht ſich auf Hartmanns Koſten— einnahmen, jenen fatalen Mantel durchaus nicht ablegen wollte. Nach längerem vergeblichen Bitten fand er ſich endlich in die ſonderbare Laune. Man packte den Koffer der Dame auf, die Poſtpferde kamen und fort ging es, behaglich, wie mit allen bayeriſchen Extra⸗ poſten, und ſtoßend, wie auf allen bayeriſchen Wegen. In Landshut kam man zum Mittageſſen an, und da Zacharias hier Geſchäfte hatte und deßhalb hier übernachten mußte, ſo antwortete er auf die Frage des Wirthes: „Befehlen Sie ein Zimmer mit einem oder mit zwei Betten?“ „Geben Sie mir für mich und meine Frau zwei aneinanderſtoßende Zimmer, jedes mit einem Bett. In das Fremdenbuch aber ſchrieb er: Kaufmann Zacharias Hart⸗ mann nebſt Gattin von Frankfurt am Main. Es war, wie er ſpäter erfahren mußte, ein hölliſcher Dämon, der ihm dieſe Worte diktirte. Auf dem Zimmer angekommen, wollte er einigermaßen Toilette machen, und bat auch Sophie ein Gleiches zu thun. Sie ſchien verlegen. Er ging in ſein Appartement, kehrte aber, da er ſeine Brieftaſche in Sophiens Zimmer hatte liegen laſſen, unerwartet ſchnell in dieſes zurück— 2¹3 ſiehe, da ſtand Sophie ohne Mantel vor dem Spiegel — und— Jedermann hätte in der That geſchworen, es ſei Hartmanns junges Frauchen, denn ihr Leibchen war— rund und convex. Zacharias erſtarb das Wort af der Zunge, das Mäd⸗ chen aber warf ſich verſchämt an ſeinen Hals und weinte. Nach einigen Minuten ſtummen Staunens hob Zacha⸗ rias das Köpfchen der ſchönen Sünderin ſanft in die Höhe und bemühte ſich dieſelbe zu tröſten. „Was werden Sie von mir denken?“ liſpelte Sophie, das Geſicht unter dem Schnupftuche bergend. „Mein Gott!“— entgegnete der junge Mann—„ich habe wahrlich nicht das Recht, den Stab in dieſer Beziehung über Jemanden zu brechen.“ „Ich habe ſchwer gefehlt und büße ſchwer“— fuhr Sophie fort—„aber wiſſen Sie auch, daß Sie die erſte Veranlaſſung dazu ſind?“ „Ich?!“— rief Zacharias erſtaunt.„Wahrhaftig das wäre mir doppelt leid, die Veranlaſſung zu Ihrem Unglück gegeben zu haben, ohne die ſüße Schuld zu theilen.“ „Ich hing mit treuer, reiner Liebe an Ihnen. Sie ver⸗ ließen und vergaßen mich bennoch“— ſagte wehmüthig das Mädchen—„als daher ſpäter ein Anderer ſich mir näherte, glaubte ich ihn durch größere Nachgiebigkeit feſſeln und bin⸗ den zu können. Jetzt habe ich die traurigen Folgen meines Irrthums zu beweinen.“ „Beſte Sophie!“— rief hier Zacharias, den die Täu⸗ ſchung rückſichtlich der Tugendhaftigkeit ſeiner früheren Ge⸗ liebten gar nicht unangenehm berührte—„grämen Sie ſich nicht länger. Was einmal geſchehen iſt, iſt 5 mehr zu 35 ———— 214 ändern, und der Kluge zieht aus jeder Lage ſeinen Nutzen. Ich denke, unter dieſen Umſtänden können wir die jungen Eheleute deſto beſſer und natürlicher ſpielen.“ Sophie hielt hier ihrem fingirten Gatten den Mund zu, und gab vorderhand in nichts nach, als in der Bitte, gegen⸗ ſeitig„Du“ zu ſagen, damit man wenigſtens die Welt nicht irre mache. Nach Tiſche ging Zacharias ſeinen Geſchäften nach, wäh⸗ rend es ſich die Wirthin zur Aufgabe machte, das hübſche junge Frauchen zu unterhalten. Der Abend erregte unter den jungen Eheleuten einige Streitigkeiten; die Nacht aber brachte wieder Verſöhnung, und nun hatte ſich mit Einem⸗ male für Sophie und Zacharias ein Himmel eröffnet. Fühlten doch Beide zum Erſtenmale das unausſprechliche Glück eines ehelichen Lebens; jenes häuslichen, heimlichen und immerwährenden Zuſammenſeins; jenes ſich ſo ganz einander Gehören in jeder Lage und in jedem Momente, das eine ſo zauberiſche Vertraulich⸗ und Gemüthlichkeit her⸗ beiführt. Sie gewahrten, daß nichts dieſem ſicheren und nicht zu beſchreibenden Glücke gleicht, und waren ſo klug, ſich mit einer ſolchen Selbſttäuſchung zu umgeben, daß ſie wahrhaftig am Ende ſelbſt glaubten, ſie ſeien Mann und Frau. So reisten ſie mit der größten Gemächlichkeit über Oſterhofen und Vilshofen an den romantiſchen Ufern der Donau hin, dem ſchönen Paſſau zu, von wo aus Zacharias über Deggendorf, Regensburg und Neuſtadt wieder nach München zurückgehen wollte; während Sophie auf der Do⸗ nau nach Linz und Wien zu reiſen beabſichtigte. Aber es war Beiden unmöglich, ſich hier ſchon zu trennen, und ſo 21¹5 kamen ſie überein, daß Sophie ihren Freund noch bis Re⸗ gensburg begleiten ſolle. Und konnte es denn für Zacharias ein herrlicheres Leben geben?— Bald ſchlenderte er Arm in Arm mit ſeinem ſchwangeren Weibchen an den maleriſchen Ufern der Donau dahin, die in der Gegend von Regensburg bis Paſſau dem Rheine an Schönheit wenig nachgibt; bald ſaßen ſie trau⸗ lich im Wagen neben einander und Sophie ſang dem Gat⸗ ten liebliche Liedchen von„der Donau reizenden Thälern“ vor. Oder auch— ſie kamen ermüdet an, und machten es ſich auf ihrem Zimmer— denn ſie nahmen jetzt immer nur eins— bequem. Dann ſtanden wohl die Fenſter offen, die Kühlung des Abends einzulaſſen, während Zacharias in Schlafrokk und Pantoffeln auf dem Sopha ſaß und Sophie im weißen Unterkleide und Corſette auf ſeinem Schooße. Und dann das Entkleiden, wo Eins dem Andern freundlich half— und das Erwachen, Arm in Arm und Wange an Wange. Und faſt jeden Tag eine andere Gegend und eine andere Stabt, und ſtets die artige Bedienung und das gute Eſſen und Trinken. O!— im Schlaraffenlande muß es wohl lauter junge Pärchen geben, die mit einander reiſen!—— So ward denn auch Regensburg nur zu ſchnell er⸗ reicht und nun mußte man ſich trennen. Aber welcher Schmerz!— Stit dem Abſchied von Clariſſen hatte Zacha⸗ rias keinen ſolchen mehr erlebt. Band ihn doch an Sophie nicht allein die Sinnlichkeit; ſondern in der That ein wahrhaftes und zärtliches Intereſſe, welches das längere Zuſammenleben mit ihr hervorgerufen. Beide trennten ſich unter heißen Thränen, nachdem Zacharias vorher ſein 216 liebes Weibchen mit den kehgrßen Geſchenken überdeckt hatte. „Ach!“— rief Hartmann, als er allein war—„wie ſchön war dieſer Traum;— wie göttlich ſchön muß es aber erſt ſein, wenn man mit reinem Herzen und gutem Gewiſ⸗ ſen ein liebes Weſen als Gattin in die Arme ſchließt. Wie gerne würde ich ſchon jetzt das wilde, ſinnliche Reiſeleben gegen den Himmel einer glücklichen Häuslichkeit vertauſchen!“ Ueberhaupt hatte dies kurze und freundliche Zuſammen⸗ leben mit einem lieben Weſen Zacharias' Hang zu einer gemüthlichen Häuslichkeit wunderbar entwickelt; ja er fühlte das Bedürfniß, die Sehnſucht, eine ſolche bald zu gründen. Dies Bedürfniß trat aber in ihm um ſo klarer und leb⸗ hafter hervor, als er nachgerade der leichtſinnigen Streiche ſatt wurde. Fühlte er doch, daß ihm dies Leben, ſo ſehr es auf der einen Seite ſeiner Sinnlichkeit ſchmeichelte, nicht genügen könne; indem alle dieſe Genüſſe erſtürmt und mit Gewiſſensbiſſen und Reue bezahlt werden mußten, ohne ein wahres und dauerndes Glück gewähren zu können. Keinem Zweifel unterlag es ferner, daß ihm mit der Zeit, und wenn erſt der Reiz der Neuheit abgeſtreift, die Freuden der Reiſe widerlich werden dürften, während ſich die Schatten⸗ ſeiten immer mehr und mehr herauezukehren prohten. Und wie viele Schattenſeiten hat in der That das Ge⸗ ſchäftsreiſen, ſobald die erſte Begeiſterung für daſſelbe ſchwin⸗ det! Dies Fahren Tag und Nacht, dieſer ewige Wechſel der Wohnung, der Betten, der Speiſen und Getränke, die alle vft genug ſchlecht und theuer ſind. Und dann die ewige Haſt, um den Concurrenten vorzukommen, und die Sorge, an keinen ſchlechten Mann zu verkaufen, und die Vorwürfe 21 ⸗ von dem Hauſe, wenn unglücklicherweiſe einer der Kunden fallirt, die Naſen und Rüffel und ach! ſo tauſend Dinge mehr. Kurz, wer nur einen Funken von Gemüthlichkeit und Sinn für häusliches Glück in ſich trägt, dem muß dies Leben auf den Landſtraßen bald zum Eckel werden. So ging es denn auch jetzt ſchon bei dem jungen Hart⸗ mann, bei welchem, wie wir wiſſen, neben bedeutendem Leichtſinn dennoch ein gefühlvolles und gutes Herz, und bei aller Sinnlichkeit doch auch Sinn für das Edle und Schöne in dieſem Leben zu finden war. Dabei brach die ächte und wahre Liebe bei ihm immer mehr durch, und drückte, wie die leuchtende Sonne, die düſteren irdiſchen Nebel mächtig zu Boden. Glänzte ſie aber auch jetzt noch nicht in ihrem vollen Lichte, ſo mußte ſie doch bald völlig ſiegen. Ueber dies Alles dachte Zacharias nach, als ihn Sophie verlaſſen, und kam endlich mit ſich dahin überein: daß er ſobald als möglich heirathen wolle. Schnitt er damit doch auf einmal alle die Verſuchungen ab, welchen er— er war ehrlich genug, es zuzuge ben— nicht widerſtehen konnte. Nun kam aber die zweite Frage, an die er nicht ohne Herzklopfen dachte: Wen ſollte er heirathen?— Clariſſe oder Veronika? Ließ er ſich in eine Unterſuchung über den Werth beider Mädchen ein, ſo war kein Zweifel: Clariſſe trug den Sieg davon. Aber Veronika war üppiger, reizender, lebhafter— ſie kam ihm wie eine Huri aus dem Paradieſe Mahomeds vor, die ſich in leidenſchaftlicher Gluth und doch in ſüßer Unterwürfigkeit an ihren Herrn ſchmiegt; während Clariſſe mehr wie eine Königin der Schönheit und Tugend daſtand, 218 der man ſich, ſo liebevoll und ſanft ſie ſich herabneigt, doch nur mit Ehrfurcht und ſtiller Anbetung zu nahen wagt. Die Armuth der Letzteren würde ihn perſönlich nicht be⸗ rührt haben, ſo wenig als Reichthum ihn für die Erſtere beſtimmte. Indeſſen war vorauszuſehen— und dies war der gewichtigſte Stein des Anſtoßes— daß ſeine Eltern nie ihre Einwilligung zu einer Verbindung mit Clariſſen geben würden. Ohne deren Einwilligung aber konnte er keine Ehe eingehen, und heirathen wollte er doch. Er kämpfte Tag und Nacht und während des ganzen Weges von Regensburg bis München einen ſchweren Kampf, der ihn unausſprechlich beängſtigte und quälte. Denn gerade dieſer Kampf zeigte ihm, wie tief und wahr er Clariſſe liebe, wie ſich ſchon bei dem Gedanken an ſie alles Edlere in ihm rege. Und doch waren keine Hoffnungen da, ſie je zu er⸗ langen— und auf der andern Seite heiße Schwüre und Ver⸗ ſprechungen, ſie nie zu verlaſſen. Und wußte er nicht— was das Schlimmſte war— daß er unbedingt das Lebens⸗ glück des guten Kindes durch ſeine Untreue zerſtören würde? In der größten Unbehaglichkeit und Aufregung kam er ſo nach München zurück, wo ſeine letzte Hoffnung auf einen Brief. ſeines Vaters gerichtet war, der den Ausſchlag geben ſollte, und deſſen Rath unbedingt zu befolgen er ſich vor⸗ genommen hatte. Schon beim Ausſteigen aus dem Wagen frug er daher nach dieſer Depeſche: ſie war angekommen und bald in ſeinen Händen. Zitternd vor Erregung und Erwartung riß er das Couvert auf, der alte Hartmann ſchrieb wie folgt: 2¹9 Lrankfurt a. M., den 30. Auguſt 1842. Lieber Sohn! Im Beſitz Deines Werthen vom 20. dieſes aus Mün⸗ chen, beeile mich, Dir meinen Rath über Deine diverſen Fragen zu ertheilen. Die alte Liebelei mit Clariſſe, von der ich längſt wußte, ſchlage Dir als vernünftiger Menſch aus dem Kopf. Ein guter Kaufmann hat immer ſeinen Vortheil im Auge und macht mit ſeinem Verſtande nie bankerott. Der Schornſtein will einmal rauchen und dazu braucht man Geld. Clariſſe hat nichts und iſt darum keine Partie für Dich. Gefreut hat mich dagegen der Avis von Deiner Bekannt⸗ ſchaft mit Fräulein Haubenhuber. Ihr Vater iſt, ſo viel man weiß, reich und genießt, wie ich mich erkundigt, einen anſehnlichen Credit. Freilich ſind acht Töchter da— allein in der Freude über die erſte Verheirathung kann man den Alten vielleicht ein wenig überrumpeln beſonders gute Ehebedingungen machen. Indeſſen iſt Vorſicht die erſte Tugend eines Kaufmannes. Und ſo darfſt Du in keinem Falle um die Hand Ve⸗ ronika's anhalten, ehe Du meinen zweiten Brief in Mün⸗ chen erhalten haſt, der jedoch nicht auf ſich warten laſſen ſoll. Da Haubenhuber jedenfalls doch gerade nicht Prima Qualität, ſo habe ich, ſtets Dein Glück im Auge, an diverſe Freunde um Auskunft über ihn geſchrieben. Nichtsdeſto⸗ weniger ſei unterdeſſen nicht flau, präſentire Dich, und ſtelle Dich ſo, daß man Dich— kommt meine Einwilligung— Prima vista acceptirt. 220 Verputze außerdem nicht zu viel Geld und empfange den Gruß Deines Vaters H. C. Hartmann. Somit war denn der Streit entſchieden, und Zacharias beſchloß, nun auch als guter Sohn zu handeln,— und ſo ſchwer es ihm auch würde— nicht mehr an Clariſſe zu denken. Sein erſter Gang war nun zu Haubenhubers, die ihn, wie natürlich, mit der größten Freude empfingen, und um ſeinetwillen ein großes Feſt veranſtalteten. Er ward auf den kommenden Tag zu Conzert und Ball eingeladen. Kaum konnte der junge Mann die Stunde erwarten, in welcher er ſeine Zukünftige wieder ſehen ſollte. Seine Phan⸗ taſie zeigte ſie ihm ſchon in dem geſchmackvollſten Ballſtaate, im raſchen Walzer ſich wiegend in ſeinen Armen, oder, um⸗ rauſcht von donnerndem Applaus, an dem Flügel. Aber dieſe angenehmen Träume unterbrach die Sorge über den verdammten Schneider, der noch immer mit dem neuen Frack auf ſich warten ließ. Endlich klopfte es.„Herein!“ rief Zacharias ungeduldig; aber ſtatt dem Schneider trat jener ältliche Reiſende in das Zimmer, an welchen ſich der junge Hartmann in Stuttgart und Ehningen ſo enge angeſchloſſen, da er in ihm einen ſoliden und gebildeten Mann und das Muſter eines Ge⸗ ſchäftsreiſenden erkannt. Zu jeder andern Stunde wäre ihm der Mann willkom⸗ men geweſen, jetzt peinigte ihn ſein Beſuch; doch hatte Zacharias Bildung genug, ihn nichts merken zu laſſen. „Ich las in der Fremdenanzeige, daß Sie wieder hier 22¹ ſind“— ſing Jener darauf an—„und wollte mir daher das Vergnügen machen, mich Ihrer Frau Gemahlin vor⸗ zuſtellen.“ „Wem?“ rief Zacharias verwundert. „Nun, Ihrer Frau!“ wiederholte Jener. „Da kommen Sie noch zu frühe, mein Beſter“— lachte Hartmann—„noch bin ich ledig!“ „Sie ſcherzen. Ich las ja auf der ganzen Tour von hier nach Paſſau, die ich gleich nach Ihnen machte, in allen Fremdenbüchern: Herr Hartmann nebſt Gattin, und erfuhr, daß Sie mit Ihrem Weibchen, die ſogar guter Hoffnung ſein ſoll, in Landshut, Vilshofen und Paſſau logirt.“ Zacharias ward bei dieſen Worten roth bis über die Ohren. „So?“ rief Jener lachend und drohte mit dem Finger —„ich hab' mir's halb gedacht. Nun, ich bin kein Phi⸗ liſter, der ſeine Jugend vergeſſen hat, und will über den loſen Streich nichts ſagen, als daß Sie entſetzlich unvor⸗ ſichtig ſind. Ich wünſche, daß Sie keine übeln Folgen tref⸗ fen mögen, und rathe Ihnen nur, wenn Sie ſich wirklich verheirathen, nicht allenfalls denſelben Weg mit Ihrer legi⸗ timen Frau einzuſchlagen; damit es Ihnen nicht wie jenem Reiſenden gehe, dem der Wirth in Baſel, als Zener ihm ſeine wirkliche junge Frau vorſtellte, ſagte: diesmal laſſe ich mich nicht anführen; das iſt nun die Vierte, die Sie als Frau mitbringen und nach drei Tagen als Mädchen fortjagen.“ Zacharias fielen dieſe Worte ſchwer auf das Herz; wie leicht konnte außerdem die Sache durch Reiſende ausgeplau⸗ dert werden. Zu ſeiner Entſchuldigung erzählte er dem Freunde die Geſchichte. Es war ihm indeſſen unmöglich, 222 ſeine Unruhe über das Ausbleiben des Schneiders zu ver⸗ bergen, und als Jener ſie bemerkte und ihn darum fragte, geſtand er die Urſache ganz offen. „Sonderbar!“ entgegnete der Aeltere—„Ihre Lage erinnert mich an einen ähnlichen Fall, der einem Bekannten von mir begegnet, und deſſen Erzählung für Sie vielleicht von Intereſſe ſein wird— jedenfalls zügelt es ihren Unmuth, der den armen Schneider mit einem Donnerwetter bedroht.“ „Jener Freund, von dem ich ſprechen will, war aus dem Geſchlecht des Nareciſſus, d. h. einer von den Männern, die man nicht nur ihres zarten Aeußern, ſondern auch ihrer Eitelkeit wegen für Mädchen zu halten verſucht iſt. Er war ſchön, liebte aber über alle Begriffe den Putz und führte auf ſeiner Reiſe beſtändig drei mächtige Koffer voll Kleidungsſtücke— alle natürlich nach der neueſten Mode — mit ſich. Als ich einſt bei dem Auspacken derſelben zugegen war, zählte ich der Merkwürdigkeit halber ſeine Halsbinden; es waten nicht mehr als vierundfünfzig, ſage: vierundfünfzig Stück. „Wer nur an Kleider denkt, und nichts Höheres als einen ſchönen Pariſerrock kennt, kann nun zwar freilich kei⸗ nen Verſtand haben; aber Sie kennen ja das Stammbuch⸗ verschen: O Jüngling, flieh der Weisheit Bahn, Die Eſel ſind am beſten d'ran! „Es bewährte ſich bei unſerem Freunde, indem ſich in Lerin ein ſehr hübſches und reiches Mädchen auf einem Balle dermaßen in ihn verliebte, daß ſie ihre Leidenſchaft ihrem Vater geſtand und denſelben bat, ihr Lebensglück durch 223 eine Vereinigung mit dieſem jungen Manne zu gründen. Da Freund Alphons von guter Familie und nicht ganz ohne Vermögen war, auch in gutem Rufe ſtand, hatte der Vater nichts gegen die Bitte des einzigen Kindes, nur wollte er den jungen Mann zuvor ſelbſt kennen lernen. Alphons ward daher zu einer Soirée in jenem Hauſe eingeladen.“ „Der Abend mußte entſcheidend für ſein Leben werden. Gefiel er, ſo war eines der ſchönſten und reichſten Mädchen Berlins ſein— wo nicht— ſo mußte er eben mit einer langen Naſe abziehen und vor wie nach für Handelshäuſer reiſen.“ „Alphons begriff dies auch vollkommen, lief daher ſporn⸗ ſtraks zum erſten Schneider dorten und beſtellte ſich einen Frack nach der neueſten Mode, ſo koſtbar als möglich. Hätte der Schneider die Gabe des Vorausſehens gehabt und ihm ein Kleid nach der Mode machen können, die— noch nicht erfunden— bevorſtand, er hätte ihn, glaube ich, doppelt bezahlt.“ „Auch ich war als alter Bekannter in jenem Hauſe zu der Soirée eingeladen und hatte daher Alphons verſprochen: ihn abzuholen. Als Tag und Stunde herbeikamen, begab ich mich etwas frühe zu ihm, da ich wußte, daß er ſich ge⸗ wöhnlich bei der Toilette vergaß und verſpätete.“ „Richtig fand ich ihn in doppelter Aufregung. Einer⸗ ſeits ſollte bald die Stunde der Entſcheidung ſchlagen, an⸗ dererſeits war er in wahrer Verzweiflung über den Schneider, der ihn auf den neuen koſtbaren Frack warten ließ. Dreimal hatte er ſchon hingeſchickt, dreimal hieß es:„Sogleich!“ „Fertig— bis auf jenen unglückſeligen Rock— ging er in Hemdärmeln und mit großen Schritten im Zimmer 224 auf und ab, und zählte die Minuten, die hoffnungslos ver⸗ ſtrichen. Ich ſuchte ihn zu beruhigen— er nannte mich gleichgültig für ſein Glück.— Ich nahm die Sache von der komiſchen Seite— er ſchalt mich ſchadenfroh. So verging eine Viertelſtunde nach der andern— der Frack kam nicht. Alphons ward todtenbleich. Bald rannte er zum Fenſter und ſchaute, trotz der Nacht, hinaus, als wolle er den Schneider herbeiſehen; bald zog er die Uhr; jetzt ſetzte er ſich und dann lief er wieder wie beſeſſen im Zim⸗ mer auf und ab.“ „Der Wagen, der uns abholen ſollte, wartete bereits eine Stunde, und ich ſah ſelbſt ein, daß es die höchſte Zeit ſei, uns in die Geſellſchaft zu, begeben, wollten wir nicht durch unſer Zögern beleidigen.“ „In dem ſanfteſten und freundſchaftlichſten Tone machte ich Alphons hierauf aufmerkſam, und rieth ihm, einen von ſeinen zwei noch ganz neuen und modernen Fracks— gegen die mein eigener ausſah, als käme er aus Adams Auktion — anzuziehen. Aber nein!— das war nicht möglich— „„lieber Alles aufgeben!““— rief er—„„als ſich in einem ſolch altmodiſchen Ding lächerlich machen.““ „Noch eine Viertelſtunde verſtrich— endlich! endlich! kam der Schneider.“ „Der Frack wird aus dem Tuche geſchlagen. Vier Kell⸗ ner mit Wachskerzen leuchten. Alphons ſchlupft ſprachlos vor Freude, Aerger und Erwartung— hinein, tritt vor den Spiegel und—— ein angſtvoller, verzweifelter Schrei entfährt ſeiner Bruſt— der Frack ſpannt auf der einen Seite und ſchlägt auf der andern kleine Falten.“ „Freilich iſt Beides ſo unbedeutend, daß man es kaum 225 ſieht, dem Unglücklichen aber ſcheint es ein Majeſtätsver⸗ brechen. Bleich und athemlos, die Arme matt niederhängend, ſteht er da, unentſchloſſen, was zu thun.“ „Da faſſe ich mich kurz, nehme ihn beim Arm, nö⸗ thige ihm Hut und Handſchuhe auf und ziehe ihn in den Wagen.“ „Wir kommen ſo ſpät, daß bei unſerem Erſcheinen ſchon eine ungünſtige Stimmung herrſcht. Alphons, blaß, verwirrt und unbehaglich, verfolgt von dem Gedanken: Jedermann ſähe ſeinem Frack die Fehler an, iſt bei der Vorſtellung und den ganzen Abend linkiſch und zerſtreut. Dem Vater antwortet er verkehrt, die Mutter überſieht er faſt ganz, und zu der Tochter tritt er kaum, immer in der Meinung lächerlich dazuſtehen.“ „Ich warne, ich bitte, er wird nur verlegener— und wie man einen wichtigen Brief, bei dem man ſich vornimmt: ihn recht ſchön zu ſchreiben, gewöhnlich aus Angſt recht ſchlecht und kraklich ſchreibt, ſo ging es hier Alphons mit der Liebenswürdigkeit— ich hatte ihn nie bald ſo über⸗ trieben, bald ſo ſteif und langweilig geſehen.“ „Nach zwei Stunden zieht ſich das Mädchen auf das Höchſte indignirt zurück, und Vater und Mutter kehrten ihm den Rücken.— Es war geſchehen!— Auch er verläßt unbemerkt, verzweifelnd und außer ſich vor Scham, das Haus — und als ich ihn ſpäter aufſuche— fand ich ihn weinend auf dem Sopha— den koſtbaren, unmenſchlich theuren Frack aber in zwei Stücke faſt durch und durch geriſſen am Boden. Mit der Heirath war es nichts, und er reist noch zur Stunde wie Sie und ich.“ „Dies die Geſchichte von einem Frack und die Folgen Commis Vohagenr. 15 226 unmännlicher Putzſucht und Eitelkeit. Sie wiſſen, daß ich dies Alles ohne Beziehung auf Sie geſagt, da Ihnen dieſe Fehler nicht eigen. Indeſſen werden Sie Gelegenheit haben, manchen derartigen„Alphons“ unter den Reiſenden zu finden.“ Zacharias ging es, Gott ſei Dank! beſſer. Der Frack kam bald nach Beendigung der Erzäh lung, und lag wie angegoſſen. Die Freunde aber trennten ſich unter dem Verſprechen: ſich morgen wiederzuſehen, und Zacharias fuhr zu Haubenhubers. Die Geſellſchaft war eine glänzende. Kaufleute erſten Rangs, Civil⸗ und Militär⸗Angeſtellte, Bürgerliche und Adelige fanden ſich in Menge ein, und wogten in buntem Gemiſch durch die Zimmer und den Sa⸗ lon. Die ganze Wohnung aber war auf das Herrlichſte ausgeſtattet, wobei Zacharias eine Menge eleganter und moderner Möbel auffielen, die er ebenſowenig noch bei Haubenhubers geſehen, als die Maſſe von Silbergeſchirren und ſilbernen Leuchtern, die ihm von allen Seiten entgegen⸗ blitzten. Indeſſen überzeugte ihn dies immer mehr von des alten Haubenhubers gediegen em Reichthum, und befeſtigte in ihm den Entſchluß: deſſen Schwiegerſohn unter jeder Bedingung zu werden. Hat doch der Gedanke: ſo recht reich zu ſein und glänzen zu können, für jeden Menſchen etwas unendlich Verführeriſches. Von ſelbſt verſteht es ſich, daß Madame Haubenhuber nebſt ihren fünf Heirathsfähigen Alles an Glanz überſtrahl⸗ ten, und doch wieder von Veronika überſtrahlt wurden, die heute wirklich wie eine Cleopatra ausſah. Das Benehmen der Gäſte war übrigens— und nur mit Ausnahme einiger Wenigen— ledern und eckig; denn 227 der Münchner, weß Standes er auch ſei, findet ſich nur auf ſeinem Bierkeller behaglich, wo er ſich gehen laſſen und mit Bequemlichkeit ſein Seidel trinken kann. Alle Welt lang⸗ weilte ſich während des muſikaliſchen Theils der Soirée, in welchem Veronika piermal ſang, Nanchen dreimal Solo tanzte, und Regina eine Vorleſung über Paul Remb randt 3 van Ryns Werke hielt, über welche faſt die ganze Geſell⸗ ſchaft, mit Ausnahme der entzückten Eltern, einſchlief. Demohnerachtet wurde nach jeder äſthetiſchen Lieferung applaudirt; was man gewiſſermaßen in Geſellſchaften der 3 Art als Vorauszahlung für die zu genießenden Speiſen und die Ehre für die Einladung anſieht. Erſt als ſich eine Flügelthüre öffnete und dem Publikum die Ausſicht auf das gelobte Land— d. h. auf die wohl⸗ beſetzte Tafel— wurde, ſenkte ſich der heilige Geiſt der Freude hernieder und die Geſellſchaft ward lebendig. Nach dem Nachteſſen gingen die Jungen an das Tanzen, die alten Damen an's Spielen und die Männer an's Sau⸗ fen. Von Letzteren ward Haubenhuber vergöttert, weil er ſo aufmerkſam geweſen, für ſie in einem Nebenzimmer Bier und Tabak bereit zu halten. Ach! ohne Bier gibt es ja für einen Bayern keine Freude, und er läßt den beſten Wein für ſein Salvator⸗, Bock⸗ und Braunes⸗Bier freudig ſtehen;— Haubenhuber machte hier aber doppelt gern den Galanten, da er noch bedeutend dabei an Wein ſparte. Wie ſich von ſelbſt verſteht, tanzte Zacharias wie raſend; hatte er doch ſchon an der Mutter und den fünf Töchtern — die alle durchgetanzt werden mußten— ein gehöriges Penſum zu löſen. Als dies überſtanden, widmete er Herz und Füße nur ſeiner Göttin. Aber über Veronika's Weſen 228 ſchien heute eine eigene Art Trübſinn oder Wehmuth oder innerliche Verzweiflung gegoſſen zu ſein, aus der Zacharias nicht recht klug werden konnte. Dabei wurde ſeine Schöne dieſen Abend auf die ſonderbarſte und auffallendſte Weiſe beſtändig von einem alten, abſcheulichen Herrn verfolgt, deſſen rothes Bachantengeſicht unaufhörlich dumm lächelte, und der ihr par force die Cour ſchnitt. Zacharias war über den Nebenbuhler, von dem er nie ein Sterbenswörtchen gehört, ſehr überraſcht. Faſt ver⸗ droſſen frug er daher Veronika: Wer der zudringliche Menſch denn ſei?— Dieſe aber blickte nur verzweifelt zum Him⸗ mel, ſeufzte und ſagte:„Er wird mein Mörder, wenn Sie mich nicht befreien.“ „Ihr Mörder!“— ſtotterte Zacharias überraſcht und verwundert.—„Erklären Sie ſich näher, mein Engel!“ „Nicht hier“— entgegnete das Mädchen—„man könnte uns hören. Schleichen Sie ſich aber unbemerkt hin⸗ weg. Am Ende des Corridors werden Sie eine Thüre finden, die gewöhnlich verſchloſſen iſt und in einen anderen Theil unſeres Hauſes führt. Oeffnen Sie dieſelbe mit die⸗ ſem Schlüſſel und erwarten Sie mich in dem Zimmer. Es handelt ſich um mein ganzes irdiſches Glück, ja um mein Leben.“ Mit dieſen Worten drückte ihm Veronika den Schlüſſel in die Hand und miſchte ſich dann raſch unter die Gäſte. Wer liebt in ſeiner Jugend nicht Abenteuer? wen freute nicht ein heimliches Rendezvous? Welcher Liebhaber wäre nicht bereit, für ſeine Dame den Hals zu brechen, handelte es ſich davon, ſie ritterlich aus einer Gefahr zu befreien? Zacharias verſchwand, ehe man es ſich verſah, und ge⸗ 229 langte unbemerkt in das beſchriebene Zimmer. Es war nur matt durch ein Licht erleuchtet und elend möblirt. Ein ſchlechtes Bett und ein alter Tiſch waren, nebſt einem zer⸗ brochenen Stuhle, ſeine ganze Zierde. Es wird das Be⸗ dientenzimmer ſein, dachte Hartmann, aber einem Verliebten wird ja der elendeſte Raum, wenn ihn nur die Gegenwart der Angebeteten heiligt, zu Nero's goldenem Hauſe— ver⸗ ſteht ſich von ſelbſt— vor der Heirath. Veronika ließ nicht lange warten. Einen Shawl über⸗ geworfen ſchlüpfte ſie herein und lag ſchluchzend in Zacha⸗ rias Armen. Wie aber ſtaunte dieſer, als er nun erfuhr: während ſeiner Abweſenheit ſei jener rothnaſige, aber ſehr reiche Gutsbeſitzer in ihrem Hauſe eingeführt worden, habe ſich in ſie verliebt und auch ſchon um ſie angehalten. Der Vater ſei über den ehrenvollen Antrag entzückt, und obgleich ſie ihn beſchworen: ſie durch keine eheliche Verbindung mit dem alten und albernen Manne auf ewig unglücklich zu machen, ſei er doch entſchloſſen, demſelben ſchon übermorgen ſein Jawort zu geben. Thränen erſtickten hier die Stimme des Mädchens: während Zacharias außer ſich vor Ueberraſchung, Indigna⸗ tion, Eiferſucht und Liebe, bald den Rothnaſigen heraus⸗ fordern wollte, bald auf den alten, grauſamen Haubenhuber ſchimpfte, und dann wieder Veronika unter den Betheurun⸗ gen ſeiner Liebe und Treue zu tröſten ſuchte. Dieſe kam aber ſo lange wieder unter Thränen darauf zurück, daß ſie übermorgen unfehlbar an Zacharias' ſchreck⸗ lichen Nebenbuhler verhandelt werde, und dann unrettbar verloren ſei— bis Zacharias im heiligen Eifer der Liebe 5* 230 und gedrängt von ritterlichen Gefühlen ihr verſprach: ſelbſt übermorgen förmlich um ſie anzuhalten. Da folgte plötzlich auf Regen Sonnenſchein und Vero⸗ nika hing lang entzückt und ſelig an des Geliebten Hals. Indeſſen war es Zeit geworden, zu dem Feſte zurückzu⸗ kehren, ſollte die Abweſenheit der Liebenden nicht bemerkt werden. Da ſich aber Hartmann in ſeiner Aufregung un⸗ fähig fühlte, dem läſtigen Nebenbuhler ruhig entgegen zu treten, zog er es vor, die Geſellſchaft gans zu verlaſſen, und Veronika führte ihn auf ſeine Bitten über eine geheime Treppe nach dem Hofe.— Nur ſchwer vermochten Beide ſich zu trennen, was in⸗ deſſen endlich unter Schwüren und Küſſen dennoch geſchah. Aber wie hätte Zacharias nach einem ſolchen Abend ſchlafen können? wie wäre es ihm möglich geweſen, ſeine leidenſchaftliche Aufregung zu beſchwichtigen? Gegen eine Verbindung mit Clariſſen hatte ſich ſein Vater ein für allemal entſchieden erklärt, und nun ſollte er am Ende auch Veronika verlieren?! Und doch hatte auf der einen Seite ſein Vater jedes deſinitive Auftreten bis auf nähere Anzeige von ihm ver⸗ boten;— während auf der anderen, blieb er unthätig, der alte Haubenhuber das arme Kind dem verteufelten Gutsbe⸗ ſitzer zuſagte.. Was war zu machen?— Aber halt!— Hartmann's Vater ſchwankte ja nur einzig noch, weil er ſich von Hau⸗ benhubers Reichthum überzeugen wollte!— und hatte das der Sohn nicht gethan? Mußte ein Mann, der jederzeit mit ſeiner großen Familie Alles mitmachte, der ſolche prächtige Soirées gab, und bei denſelben einen ſolchen . — ————— 231 Luxus an Möbeln und Silberzeug entwickelte, nicht reich, ſehr reich ſein? Warum alſo die übertriebene Vorſicht?!— Hartmann war entſchloſſen, den kommenden Tag um Veronika anzu⸗ halten. Unter welchen herrlichen Gedanken wälzte er ſich nun im Bette ſchlaflos herum; wie zählte er mit Herzklopfen die Augenblicke der langſam dahin ſchleichenden Zeit. Es wollte nicht hell werden. Endlich! kam der Morgen. Er ſprang mit gleichen Füßen aus dem Bette, lärmte die Kellner(die keine Werbung heute vorhatten und daher noch gern ein Stündchen geſchlafen hätten) wach, und be⸗ gehrte das Fruhſtück. Als er Toilette gemacht und ſchon in den Frack ge⸗ ſchlüpft, ſchlug es gerade acht Uhr. Das war nun freilich noch ſehr früh, um einen ſo wichtigen Beſuch zu machen, zumal nach einem Balle; aber Zacharias war in ſolch lei⸗ denſchaftlicher Erregung, daß er nicht im Stande war, es länger in dem Zuſtande auszuhalten. Er wollte Entſchei⸗ dung, und hoffte, daß man ſeiner Liebe den ganz über⸗ mäßigen Eifer vergeben, ja aus demſelben auf die Größe ſeiner Neigung ſchließen würde. Kurz er lief ſpornſtracks nach dem Haubenhuber'ſchen Hauſe, um bei dem Alten um die Hand Veronika's anzu⸗ halten. bogen verſchloſſen. Schon wollte er ärgerlich umkehren, als ihm die Nebentreppe einfiel, über welche ihn dieſe Nacht die Geliebte geführt. Sie mündete in den Hof. Er ging in denſelben und fand ſie. Die Thüre, welche zu ihr Als er hinkam, fand er den Haupteingang im Thor⸗ 232 führte, war nur angelehnt, und ſo konnte er ungehindert hinaufſteigen. Als dies geſchehen, ſtand er auf einem klei⸗ nen Vorplatze, auf welchen zwei Thüren mündeten. Noch war Zacharias zweifelnd, wohin er ſich wenden ſollte, als ſich die eine derſelben öffnete und zwei jüdiſche Dien r einen ſchweren, ſorgfältig verſchloſſenen Korb heraustrugen. Zacharias trat nach ihnen ein. Hier ſah er nun eine ſon⸗ derbare Scene. Ein reichgekleideter Mann, anſcheinend ebenfalls ein Jude, ſtand vor einem andern Korbe— ähn⸗ lich dem, den man ſo eben weggetragen— und zählte mit Sorgfalt das Silbergeſchirr und die ſilbernen Leuchter, welche geſtern Abend in der Geſellſchaft geglänzt. Der Mann betrachtete Stück für Stück aufmerkſam, als fürchte er Betrug, und legte alsdann jedes Einzelne mit Vorſicht in den Korb. Haubenhubers Diener reichte ihm mit ver⸗ drießlicher Miene die ſchönen Gefäſſe, und Beide waren ſo in ihre Geſchäfte vertieft, daß ſie Zacharias gar nicht bemerkten. „Herr Joachim“— ſagßte der Diener—„Sie müſſen aber wahrhaftig ſteinreich ſein, wenn all' das blanke Zeug Ihnen iſt. Weiß der Himmel, ich nähme mit einem ſol⸗ chen Brodkörbchen vorlieb.“ „Fünfzehn!“— zählte der Mann mit den lebhaften, verlangenden Augen und der gebogenen Naſe, indem er das gedachte Stück zu den andern in den Korb legte.—„Mein? Was ſchwätzt er da für tolles Zeug?— Verſteht er mich, das Silberzeug iſt mei ganz Kapital, auf dem ich verdiene muß. Ich geh nich im Theater, ich geb kei Geſellſchafte, ich leb wie e armer Mann, und verdien ehrlich mit dem Ausleihe von dem Zeug mei bische Geld.“ 233 „Deſto mehr koſt's die Narren, die es leihen, um zu glänzen“— ſagte der Diener ärgerlich. „Was geht's mich an!“— rief achſelzuckend der Jude. —„Verſteht er nich?— Kann ich annere Leut wehre, ſich zu ruinire?— hat doch Jeder ſei Vergnüge auf das er reit. Verſteht er nich?— Wenn ich mei Geſchirr und mei Geld hab', bin ich zufriede.“ „Freilich kann's Ihnen gleich ſein,“— ſagte der Diener —„Sie ſind pfiffig genug, ſich bezahlt und gut bezahlt zu machen; ich aber muß mich, Tag ein Tag aus, mit Metz⸗ ger, Bäcker, Schuſter und Schneider u. ſ. w. herumbalgen, die mit ihren unbezahlten Rechnungen das Haus bald ſtür⸗ men und die ich immer zurückweiſen ſoll.“ „Sechszehn!“ zählte der Jude und nahm ein neues Stück. Zacharias aber, wie aus dem Himmel gefallen, ver⸗ wirrt und betroffen, wollte nicht mehr hören. Er riß da⸗ her mit Geräuſch die Thüre auf, als ob er eben erſt ein⸗ trete und frug die erſchvocken Auffahrenden: Ob er hier recht bei Herrn Haubenhuber ſei? Der Diener erkannte ihn ſogleich. Anfangs ſtand er unentſchloſſen und verlegen, nach kurzem Ueberlegen aber ſagte er halblaut vor ſich hin:„Ei was! vielleicht rett ich damit den armen Verblendeten vor großem Uebel.— Ja!“ fuhr er dann lauter fort,„treten Sie nur durch die gegen⸗ über liegende Thüre ein.“ Zacharias dankte und verließ das Zimmer. Aber wie ſollte er ſich das deuten, was er ſo eben geſehen und ge⸗ hört? War es Wahrheit? oder hatte man Herrn Hauben⸗ huber nur verläumden wollen? Sollte er weiter gehen? oder ſeines Vaters Brief abwarten?— Er ſchwankte. Aber 234 die Liebe, die gegen alle Warnungen blind iſt, ſiegte, er trat auf der anderen Seite des kleinen Vorplatzes ein. Es war das Zimmer, in welchem er geſtern das tẽte atöte gehabt. Die Erinnerung begeiſterte ihn auf's Neue und er ſchritt, da das Zimmer leer war, weiter.— Aber war denn das auch Haubenhubers Wohnung?— War er nicht etwa nochmals irr gegangen? Hier ſtanden in einem erbärmlichen Zimmer fünf Bet⸗ ten, ſo ſchlecht, ſchmutzig, elend und zerriſſen, als hätten ſie in einem Feldlazareth mehrere Campagnen mitgemacht. Unterröcke, die von Lappen ſo bunt waren, wie die Jacke eines Narren, zerriſſene Hemden und Nachthauben, lagen im freundlichen Vereine mit den koſtbaren Kleidern auf der Erde, welche geſtern Abend noch an der alten Haubenhuber und ihren Töchtern geprangt. Statt der Vorhänge deckten Leintücher die Fenſter, Waſchlavoirs ſah man keine, aber halbzerbrochene irdene Kübel, Bündel ausgekämmter Haare, Corſetten und Hand⸗ tücher— von welchen man fragen konnte: ſind die Löcher im Handtuch oder iſt das Handtuch zwiſchen den Löchern? — ſtanden und lagen in maleriſcher Unordnung durch⸗ einander. Der Anblick wirkte auf Zacharias wie ein Duſchbad von kaltem Waſſer. Aber er zweifelte aus Verzweiflung noch. Da hörte er der alten Haubenhuberin Stimme in einem anſtoßenden Gemache, welches von dieſem nur durch eine Glasthüre getrennt war, die ebenfalls durch ein altes Lein⸗ tuch verhängt war. Zacharias konnte ſich nicht halten, zitternd lüftete er ganz leiſe den Vorhang— Herr Gott! da ſaß die Familie 235 zum Frühſtück um einen alten Tiſch, auf dem das miſera⸗ belſte Kaffeegeſchirr ſtand, das man ſich nur denken konnte. Mutter und Töchter aber, die dieſe Nacht wie Fürſtinnen geglänzt, ſaßen um den Tiſch in Unterröcken, deren Säume in Franſen hingen, und in Nachtjacken ſo geflickt und ſchmutzig, wie ſie Hartmann nur bei einer Bettlerfamilie vermuthet. Und was mußte er hören? „Nun?“— frug eben Haubenhuber ſeine Tochter Ve⸗ ronika—„wie iſt's gegangen?“ „Trefflich!“— rief die Mutter—„wie ich voraus⸗ geſagt. Veronika hat ihre Rolle ſo gut geſpielt, als der alte Merig. Wer hätte den für einen Schafhändler halten ſollen? er that ſo verliebt wie ein achtzehnjähriger Menſch, und der Frankfurter ging in die Falle. Ich will nicht ſelig werden, wenn er nicht ſchon heute um Veronika anhält.“ „Es iſt aber auch Zeit“— entgegnete der Alte.— „Denn wenn uns ſein Geld nicht bald zu Hilfe kommt, ſind wir verloren. Ich weiß mir keinen Rath mehr zu ſchaffen.“ „Nur jetzt den Kopf nicht verlieren“— mahnte die Mutter—„der Vogel iſt in der Falle und ſein Geld uns. Ich ſage Euch, er kommt noch ht Zacharias, dem es bisher bald ſiedendheiß, bald eiskalt über den Rücken gelaufen, da er ſich auf eine ſo ſchmäh⸗ liche Weiſe von Mutter und Vater— ja von Veronika ſelbſt— betrogen ſah, verließ hier Geduld und Mäßigung. — Leichenblaß vor Zorn und Indignation riß er die Thüre auf und rief mit Donnerſtimme: 236 „Hier iſt er ſchon!— Aber nicht um wie ein Gimpel in das Netz einer ſchändlichen Betrügerei zu flattern, ſon⸗ dern um Euch Allen, und namentlich Veronika— die mit den heiligſten Gefühlen ſo frech geſpielt— zu ſagen: daß er Euch verachtet.“ Mit dieſen Worten kehrte er ſich ſtolz um und verließ das Zimmer. Die ganze Familie aber war wie vernichtet, und Veronika lag in heftigen Krämpfen. — X. Ein Meſt.— Sonſt und jetzt.— Mißmuth.— Troſt.— Das Buſammentreffen.— Der Weinreiſende und der Zuckerrunkel⸗ rübenfabrikant.— Pivat Bachus, Vachus lebe!— Der geiſt⸗ liche Herr und der Affenthaler.— Dir ſchöne Prorrſſion.— Wie ein Weinreiſender würdig ſein Jaus repräſentirt.— Un- glük über Unglück.— Wehmüthige Crinnesungen an ver⸗ putzte Gelder.— Der Prief mit einer Uaſe.— Antwort.— Der Brief eines gebrochenen Herzens.— Lolgen. „Ich muß Dich nun vor allen Dingen In luſtige Geſellſchaft bringen, Damit Du ſiehſt, wie leicht ſich's leben läßt. Dem Volke hier wird jeder Tag ein Feſt. Mit wenig Witz und viel Behagen Dreht Zeder ſich im engen Zirkeltanz, Wie junge Katzen mit dem Schwanz. Wenn ſie nicht über Kopfweh klagen, So lang der Wirth noch weiter borgt, Sind ſie vergnügt und unbeſorgt“⸗ Göthe. war ſchon ſpät am Abend und bereits düſter ge⸗ worden, als Zacharias in einem kleinen Orte auf dem Wege zwiſchen München und Nürnberg Halt machte. So arm⸗ ſelig das Neſt auch ſchien, der junge Mann war zu er⸗ ſchöpft, um die Nacht noch weiter reiſen zu können, und entſchloß ſich daher, in der Poſt zu übernachten. 238 Alles war hier elend: Zimmer, Möbel, Betten, Eſſen und Trinken, das ganze Haus und die Leute drin!— Hartmann bemerkte es kaum. In der Niedergeſchlagenheit, die ſeinem früheren Zorne gefolgt, war ihm Alles gleich. Man hätte ihn überall, nur nicht zurück nach Mü nchen führen können. Gott! wie widerlich war ihm jetzt die hübſche Stadt, für die er früher geſchwärmt; ſie kam ihm nicht mehr wie das Aſyl der Künſte vor, ſondern wie ein großes Bierhaus, wie eine Höhle voll Laſter und Ver⸗ brechen. Die Kunſt, die dort auf keine Weiſe mit dem Leben verwachſen, ſchien ihm wie hingeleimt. Es ging ihm hier, wie allen jugendlich brauſenden Köpfen: ſie ſpringen bei der geringſten Veranlaſſung von einem Extrem zum andern über. Nur der erfahrene und vollendete Maler vermag bei der Carnation(der Farbe des Fleiſches) die richtigen Mitteltöne zu treffen— jene Far⸗ bentöne, welche die uebergangsſtellen modificiren, indem ſie die dunklen lichter, die hellen ſchattiger machen, und dadurch die große Ruhe und Harmonie erzielen, welche die eigent⸗ liche Meiſterſchaft bewähren. Jeder Menſch ſollte aber ein Künſtler im„Leben“ ſein, und daher auch hier die Meiſter⸗ ſchaft in der Anlage der Mitteltöne zu erringen ſuchen;— aber er wird es nicht, ehe die Zeit ſein Blut gekühlt. Wer kann es übrigens Zacharias verübeln, daß ihn die ganze Weit aneckelte? Sah er nicht alle Laſter in ihrer vollen häßlichen Nacktheit frech um ſich her tanzen: Geiz, Hochmuth und Völlerei, Freßſucht, Lüderlichkeit, Lug und Trug?— hatte er denn auf der Reiſe noch ein braves Mädchen gefunden?— Sah er ſich nicht ſelbſt bei Sophien getäuſcht und von Veronika hinterliſtig und ſchmählich be⸗ 239 trogen? Mußte er nicht erfahren, daß eigene Mütter ihre Kinder verkauften?— Selbſt die Nachricht, welche ihm vor ſeiner Abreiſe aus München noch durch den Chirurg ge⸗ worden: daß jene arme Kleine— in deren Vertheidigung er die Prügel erhalten— von ihrer Mutter genommen und unter gute Aufſicht gebracht, tröſtete ihn nicht; und die ſchändliche Hinterliſt Haubenhubers kum ihm natürlich 3 nicht aus dem Kopf. Freilich war er froh, daß er noch ſo hinter die Schliche der ſauberen Familie gekommen,— natürlich wünſchte er ſich Glück, durch einen Zufall an einer Verbindung verhindert worden zu ſein, die ihn in unermeßliches Elend geſtürzt haben würde. Aber wenn dem Patienten auch das Leben durch Abſchneiden eines brandigen Körpertheiles gerettet wird,— ſchmerzt alsdann die Operation nicht? Dahin war alle Ausſicht auf die Gründung einer ſtil⸗ len Häuslichkeit! Dahin die Hoffnung alles Glücks!—— Und wahrlich die Umgebung, in welcher ſich Zacharias jetzt befand, war nicht geeignet, ihn aufzuheitern. Er ſaß allein in einem großen, niederen und finſteren Wirthszim⸗ mer, das ein armſeliges Licht nur ſchwach und kümmerlich beleuchtete. Der Wirth ſchlief auf der Ofenbank, und ein häßliches altes Weib ſtellte ihm ein Nachteſſen vor, bei deſſen Anſicht einem civiliſirten Menſchen ſchon der Appetit vergehen mußte. Hartmann rührte es auch nicht an, ſondern begnügte ſich mit dem ſchlechten Brod und dem Bier. Den Kopf in die Hand geſtützt, ſaß er lange da, ohne aufzuſchauen, und vor ſeinem Geiſtesauge zogen düſtere Bilder vorüber; da hörte man plötzlich das Nahen eines Wagens— er hielt— ein 240 luſtiges„hopla!“ ließ ſich hören, die Thüre fuhr weit auf und— das Schweizerliedchen: „Steh' nur auf, ſteh' nur auf, lieber Schweizerbue“ ſingend, tanzte die„Lokomotive“ in das Zimmer. Ein Freudenſchrei entfuhr beiden Reiſenden; ſie eilten auf einander zu, drückten ſich herzlich die Hand, und waren beide doppelt froh, ſich in dieſer traurigen Einſamkeit ge⸗ funden zu haben. Wie weggezaubert war Hartmanns Melancholie; aber Goldmännchen hätte ja auch den allergrößten Menſchenfeind mit ſeiner ewigen Heiterkeit anſtecken müſſen. Was küm⸗ merle ihn der Ort, an dem er ſich befand, der Himmel ſeines Geiſtes war ja ſtets ein italieniſcher. Mit Witzen und Scherzen erweckte er den Wirth, machte dem alten Drachen flinke Beine und brachte es ſogar durch ſeine ſchönen Lieder zu einem genießbaren Nachteſſen. Aber als dies verzehrt, ging die Luſt erſt recht los. Ein paar reiſende Muſikanten traten ein, im Vorüberziehen„a Biear“ zu trinken. Das war ein Fang für die„Lokomotive.“ Sie mußten ſogleich aufſpielen; der Dicke dagegen lief hinaus, kam aber bald und jubelnd mit einem hübſchen Dienſtmädchen zurück, und nun ging's im fröhlichen Wir⸗ beltanz, trotz einem Balle, mit„hopla's!“ walzend dahin. Das Pärchen war gerade in der ſchönſten Luſt, als nochmals ein Fuhrwerk ankam, und Spreitzer mit einem „Gott verdamm' mich, die Oeſer halta Baal!“ hineintrat. Da ſchallten die Wände von Jauchzen, und von dem Lärm und der Muſik und dem Jubel herbeigezogen, ſchaute das halbe Dorf in das Wirthszimmer. Die Reiſenden waren aber nicht faul, alle Dreie ſuchten ſich ſchmucke Mädels 241 heraus und tanzten mit ihnen— und die Burſche folgten ihrem Beiſpiele, und ehe es ſich Jemand verſehen, ging es in der Kneipe her, wie im ewigen Leben. Als ſich nach Verlauf einer Stunde die Muſikanten entfernten, verlief ſich auch nach und nach die Menſchen⸗ menge. Die drei Reiſenden ſetzten ſich darauf gemüthlich zuſammen und waren eben luſtig und guter Dinge, als ſich ein fernes Poſthorn hören ließ. „Ha!“ rief die Lokomotive—„unſere Geſellſchaft ſcheint noch größer werden zu ſollen; laßt mal ſehen, wer da kömmt.“ Dies ſagend nahm er ein Licht, und ging, gefolgt von den Freunden, nach dem Hofe. Hier war denn auch ein Wagen, mit Poſtpferden beſpannt, angekommen. Er hielt, der Poſtillon ſtieg ab, aber keine Paſſagiere ließen ſich ſehen. Da nahm der immer luſtige Goldmann die Serviette, welche er zufällig noch in der Hand trug, wie ein Kellner unter den Arm, und öffnete mit komiſcher Behendigkeit den Schlag. Aber als er in den Wagen geleuchtet, prallte er mit ſolchem Lachen zurück, daß ihm Spreitzer das Licht abnehmen und er ſich den Bauch halten mußte. In dem Wagen befanden ſich nämlich zwei ſchlafende Perſonen, deren Aeußeres ſogleich die Geſchäftsreiſenden verkündete. Nun würde dies nichts Ungewöhnliches geweſen ſein, hätte die komiſche Situation, in der ſie ihr Schläfchen mach⸗ ten, nicht augenblicklich verrathen, daß ſie heute dem wein⸗ umlaubten Gott etwas zu ſtark gehuldigt. Einer der jungen Männer lag nämilich, wie eine Bva zuſammengekrümmt, auf dem Boden des Wagens, während der Andere halb auf dem Sitze, halb auf dem Freunde ruhte. Beide aber träumten ſelig. Commis Voyageur. 16 242 „Saubere Kameraden!“— rief Goldmännchen endlich —„haben ihre Gurgel, wie es ſcheint, heute ordentlich ge⸗ ſchwenkt!“ „Deß mehn ich ach“— entgegnete Spreitzer, der unter⸗ deſſen die neuen Ankömmlinge mit dem Lichte beleuchtet und ſogleich auch erkannt hatte—„die hawe awer äch geſoffe wie die Löcher. Der Ane is ä Weinräſender und der Anner ä Runkelriwezucker⸗Fabrikant. Mer ſein heut Morjend mit enanner aus Nürnberg weckgeräst. Was mehnt' er, hawe die Oeſer, die noch en Hormel von geſtern gehabt hawe, gethan? Wie ſe ungefähr fufzig Schritt gefahre ſein un ans nächſte Wirthshaus komme, halte ſe Euch wahrhaftig widder ſtill, ſteie aus un ſaufe e Budell Champagner. Dann räſe ſe noch e mol e Gaß weiter un halte widder ſtil un ſaufe widder. Und der Deiwel ſoll mich hole, wann ſes nit ſo fortgemacht hawe bis hieher.“ Dies war allerdings der Fall geweſen, wie der ſelig lächelnde und ebenfalls beſoffene Poſtillon meldete, und da ſie auch kein einziges Wirthshaus unterwegs ausgelaſſen, ſo war es natürlich, daß ſie, wie Spreitzer ſagte,„voll wie Kanone“ waren. Letzterem gelang es daher auch nur mit undenklicher Mühe, die Schläfer zu erwecken. Sie ſahen ſich betroffen und mit gläſernen Augen um, und als der Runkelrüben⸗ zucker⸗Fabrikant den Weinreiſenden mit ſchwerer Zunge auf⸗ forderte, auszuſteigen, ſo fing dieſer fürchterlich auf Jenen zu ſchimpfen an, weil er glaubte, dieſer wolle ihn abermals perſuadiren,„ein Gläschen“ zu trinken. Während aber der Eine noch ſchimpfte, ſchlief der An⸗ dere wieder ein, und auch der Weinreiſende fiel ſogleich aus ſeiner Straſpredigt wieder in's Schnarchen. 243 Was war zu machen? Unſere drei Freunde übten einen Akt der Milde, ſie lnden die Betrunkenen auf ihre Schultern und trugen ſie auf ein Zimmer. Nie hatte Zacharias das Abſcheuliche und Entwürdigende eines ſolchen Zuſtandes mehr gefühlt als hier, und er ge⸗ lobte bei dieſem Anblick im Stillen der Mäßigkeit unver⸗ brüchliche Treue. Als Goldmann, Spreitzer und Zacharias wieder am Wirthstiſche bei einander ſaßen, ſagte der Erſtere:„Da wir doch gerade von Zopf und Rauſch ſprechen, will ich Euch ein Geſchichtchen erzählen, was dahin einſchlägt, und mir vor Kurzem im Badiſchen begegnet iſt. „In einem Städtchen unweit der württembergiſchen Gränze traf ich eines Tages am Mittagstiſch mit einem alten Geiſtlichen zuſammen, der früher in der Gegend an⸗ geſtellt geweſen, ſpäter verſetzt worden und nun gerade ein⸗ mal zurückgekommen war, die alten Bekannten zu beſuchen. Es war ein charmanter und jovialer Mann, und wir unter⸗ hielten uns um ſo beſſer mit einander, als wir nur zu zwei am Tiſche waren. Der alte Herr ſprach dabei dem Affen⸗ thaler des Wirthes tüchtig zu, und da er auch mir trefflich ſchmeckte, ſo machte er mir den Vorſchlag: mich in ein Wirthshaus zu führen, wo ich einen Affenthaler finden ſollte, wie ich noch keinen getrunken.. „Ich war gerne bercit, dieſer Einladung zu folgen, und ſo gingen wir durch eine reizende Gegend einem nahen Thälchen zu, in welchem ſich von ferne ein ſehr ſchönes Haus nebſt einem Parke zeigte. „Wie ſich doch Alles mit der Zeit verändert und ver⸗ ſchönert,“ ſagte bei dieſem Anblick der geiſtliche Herr.„Das 16* „ 244 Haus gehört einem meiner alten Freunde, einem reichen Wirth, bei dem ich manche Flaſche geleert. Früher ſah es ſchlecht und zerfallen aus, jetzt hat er, wie ich ſehe, es anſtreichen und ausbeſſern laſſen, ſo daß es einem Schlöß⸗ chen gleicht.“ Dieſe Betrachtung führte den muntern Greis auf das beliebte Thema des Alters; er erinnerte ſich mit ſichtlicher Freude ſo mancher vergangener ſchöner Tage, und konnte mir namentlich nicht genug erzählen, wie vergnügt er oft in dem vor uns liegenden Wirthshauſe geweſen. Wir hat⸗ ten daſſelbe auch bald erreicht, und ich vermochte mich nicht ſatt zu ſehen an deſſen reizender Lage, ſeinem geſchmack⸗ vollen Aeußeren und den hübſchen Gartenanlagen, die ſich bis vor daſſelbe hinzogen. Ein ſo ſchönes Wirthshaus war mir noch nicht vorge⸗ kommen, und die Wohlhäbigkeit und Feinheit deſſelben wunderte mich um ſo mehr, als es ſo verborgen und weit ab von der Heerſtraße lag. Ich wagte daher meinen Zweifel: ob es auch wirklich ein Wirthshaus ſei?— leiſe zu äußern; aber der alte Herr nahm mich lächelnd bei der Hand und zog mich mit den Worten:„das muß ich beſſer wiſſen; denn hier hab' ich mir manchen Haarbeutel geholt!“ in eine Art Gartenſälchen des unteren Ge⸗ ſchoſſes.. Auch hier war Alles auf das Eleganteſte eingerichtet. Die Wände weiß mit Gold, die Vorhänge prächtig, und ſelbſt die vielen Stühle, die um einen ungeheuren runden Tiſch ſtanden, wie dieſer ſelbſt von feinem Holze. Indeſſen hatte dies Gemach allerdings einigermaßen das Anſehen eines nobeln Gaſtzimmers. 245 Wir rückten daher Stühle zurecht, ſetzten uns und harr⸗ ten auf den Kellner und ſeinen ausgezeichneten Affenthaler. Da aber nach mehreren Minuten weder Wirth noch Kellner kam, pochte der alte Herr derb auf, ſchellte und rüttelte ſo lange mit dem Stuhle, bis ſich endlich eine ältliche menſch⸗ liche Figur ſehen ließ, die uns Beide mit großen Augen anſah. „Kommſt Du endlich, alter Schwede!“ rief ihm der Geiſtliche munter entgegen—„für die ſchöne Einrichtung Eures Wirthshauſes iſt die Bedienung allerdings ſehr lang⸗ ſam. Indeſſen wir ſind gute Chriſten und wollen Dir vergeben, wenn Du uns eine Flaſche von dem trefflichen Affenthaler bringſt, der Eurem Wirthshauſe ein ſo großes Renommée verſchafft.“ Den Eingetretenen ſchien dieſe Anrede einigermaßen zu überraſchen:„Meine Herren...“ hub er daher mit ernſter Miene an—„ich muß bedauern.. „Ei was bedauern“— unterbrach ihn hier mein mun⸗ terer Geſellſchafter.—„Geh' nur hin, Du altes. Haus, und ſage Deinem Herrn, dem Bärenwirth, ſein Freund, Paſtor Fidanbeck, ſei einmal wieder zum Beſuche hier, und er ver⸗ lange eine Flaſche von dem Affenthaler, mit dem er ihn oft ſo prächtig unter den Tiſch getrunken.“ Der alte Diener ſtand verlegen. Er ſetzte abermals mit: „Aber meine Herren“ an, der Paſtor erwiderte ungeduldig und verlangte nach dem Wirthe ſelbſt, und es würde ſicher⸗ lich zu einem kleinen Wortwechſel gekommen ſein, wäre nicht in dieſem Augenblicke ein anderer Mann, der uns ſchon ſeit mehreren Minuten mit lächelnder Miene beobachtet, vorgetreten. Es war ein Mann in den beſten Jahren von 246 aufrechter Haltung und feinen— für einen Landwirth faſt zu geiſtreichen Zügen. Doch entſprachen ſein einfacher Rock und das Sammetmützchen ganz ſeinem Gewerbe. „Geſchwind, Johann!“— rief er dem grauen Kellner, begleitet von einem bedeutenden Blicke, zu—„geſchwind dem Herrn Paſtor eine Flaſche Affenthaler Nr. 1.“ Der Beauftragte eilte ſogleich hinweg, während mein Geſellſchafter ſein Erſtaunen kund gab, daß ſich der Bären⸗ wirth ſo gewaltig verändert. Dieſer aber zog den geiſtlichen Herrn mit einem Mal aus allen Zweifeln, als er ihm be⸗ merkte, daß er dem früheren Wirthe Haus und Wirthſchaft abgekauft und nun auf ſeine eigene Fauſt hier walte. In⸗ deſſen nehme es doch ſein Wein mit dem des früheren Wirthes auf, und er ſolle ſelbſt nun entſcheiden, weſſen Affenthaler der beſſere. In der That ſtellte man uns einen Wein vor, der ſei⸗ nes Gleichen ſuchte. Der geiſtliche Herr war ganz entzückt, ganz außer ſich, er umarmte den Wirth, und überhäufte ihn mit Lobeserhebungen; denn ſein Wein, rief er, ſtehe über dem des alten Bärenwirths, wie der Himmel über der Erde. Auch feine Leckerbiſſen wurden uns aufgeſtellt und eine Flaſche folgte der andern. Wir waren ſo recht vergnügt, mit jedem Glaſe thaute mein Begleiter mehr auf, und Witze und Schnurren, Anekdoten und Scherze, ja manch' unſchul⸗ diges Zötchen entfloß ſeinem Munde, und er brachte dabei Alles ſo launig vor, daß wir Anderen uns oft vor Lachen ſchüttelten. Es war ſchon Abend, als wir aufbrachen und die Rech⸗ nung verlangten; wie aber ſtaunten wir, als uns der Wirth nichts abnehmen wollte. Ein freundſchaftlicher Streit ent⸗ 247 ſpann ſich, und der geiſtliche Herr gab ſich erſt zufrieden, als ihm der Wirth verſprochen: ihn eheſter Tage einmal auf ſeiner Pfarrei zu beſuchen, um ihm dadurch Gelegen⸗ heit zu geben, ſich für die freundliche Aufnahme wenigſtens einigermaßen dankbar zu beweiſen. So nahmen wir denn herzlichen Abſchied von einander und kehrten ſelig nach Hauſe. Hier hatte ſich unterdeſſen auch Geſellſchaft eingefunden, welcher der alte Geiſtliche in der Freude ſeines Herzens ſogleich die ganze Geſchichte er⸗ zählte. Alles hörte erſtaunt und mit offenen Mäulern zu; aber der Schlag hätte meinen luſtigen Begleiter beinahe ge⸗ rührt, als der Hausherr nach beendigter Erzählung ihm auf die Schultern klopfend ſagte:„Wiſſen Sie denn auch, wer Ihr Wirth und der jetzige Beſitzer jenes Hauſes war?“ „Nun?“ „Herr von A.„ der Miniſter der geiſtlichen An⸗ gelegenheiten.“ Wie Berge drückten den alten Knaben nun die Zötchen und Fläſchchen, aber ſchon den andern Morgen empfing er ein paar freundliche und tröſtende Zeilen von dem Miniſter, der ſich mit Vergnügen des fröhlichen Abends erinnerte und ihm ſchriftlich das Verſprechen eines baldigen Beſuches zuſagte. Solche und ähnliche Geſchichten erheiterten den drei Reiſenden noch den Abend und es war bereits Mitternacht, als ſie zu Bette gingen. Bevor dies indeſſen geſchah, machte die Lokomotive noch den Vorſchlag: den kommenden Mor⸗ gen— da ſie doch der Zufall ſo ſchön und unerwartet zu⸗ ſammen geführt— auch noch mit einander hier zuzubringen, und eine kleine Luſtpartie nach einem benachbarten Wald⸗ 248 kapellchen zu machen, welches, auf einem Berge gelegen, eine der reizendſten Ausſichten in ganz Bayern darbiete. Man kam, wie natürlich, überein und entſchlief mit freudigen Hoffnungen. Goldmännchen hatte auch wirklich nicht zu viel verſprochen, der Punkt war ſo wunderſchön, daß unſer Triumvirat ſtatt wie abgeredetermaßen den Mittag, erſt gegen Abend zurück⸗ kehrte. Als ſie ſich dem Orte, in welchem ſie logirten, nahten, gewahrten ſie mit Staunen von Weitem einen Zug, der ſich ihnen— eben aus jenem Orte her— langſam ent⸗ gegen bewegte. Er entrollte ſich immer mehr und mehr; der Wagen, in dem die Reiſenden ſaßen, mußte halten, und nun zeigte ſich denſelben ein Schauſpiel eigener Art. Zuvörderſt begrüßten ſie einige Dorfmuſikanten, deren ſchrillende und ſchnarrende Inſtrumente ſich trefflich zu einer Katzenmuſik geeignet hätten; dieſer Bande folgten zwei baumſtarke Bauernburſche mit Blumen und Bändern geſchmückt, die einen großen Keſſel mit einer dampfenden Flüſſigkeit trugen. Andere Burſche gingen mit Biergläſern nebenher, ſchöpften beſtändig aus dem Keſſel und reichten die vollen Gläſer der Menge von Männern und Weibern, Mädchen und Knaben, Alten und Jungen, die taumelnd und jauch⸗ zend mitzogen, und aus Leibeskräften das ſüße— ihnen ſonſt fremde— Getränke hinabgoſſen. Auf den Keſſel, deſ⸗ ſen Inhalt ſich unſerem Triumvirate durch den Geruch als Punſch anzeigte, folgte ein Reiſewagen, und in demſelben ſaßen, mit blutrothen Geſichtern, weit aufſtehenden, flammen⸗ den Augen, und ebenfalls Biergläſer voll Punſch in der Hand, jene zwei jungen Männer, welche den Abend zuvor ſo furchtbar betrunken angekommen, und von Goldmann, 249 Spreitzer und Zacharias bewußtlos auf ein Zimmer ge⸗ bracht worden waren. Ihr jetziger Zuſtand war nicht viel beſſer. Als der Weinreiſende die Fremden, die er nicht erkannte, an der Straße halten ſah, befahl er gebietend, ein Gleiches zu thun, ſtand dann mühſelig im Wagen auf, gab einen Wink, die Fremden zu bedienen, brüllte dann mit heißerer Stimme allen Geſchäftsreiſenden ein„Hoch“ zu, trank das ganze Glas auf einen Zug aus, und warf es dann weit über die Köpfe der jubelnden Umgebung, daß es klirrend an einem nahen Felſen zerſchellte. Der Anblick dieſer ganzen Scene war ſo widerlich, daß er ſelbſt bei dem, ſonſt eben nicht zartfühlenden Spreitzer Abſcheu erregte; auch lehnten alle Drei das Trinken An⸗ fangs entſchieden ab; da aber die beiden anderen Reiſenden und der ganz betrunkene Haufe laut brüllend, ja drohend darauf beſtanden, ſo gaben ſie endlich nach, und tranken wenigſtens zum Scheine. Kaum aber war dies geſchehen, als der Weinreiſende und der Runkelrübenzucker-Fabrikant ſich den Punſchkeſſel in den Wagen geben ließen, und nach⸗ dem der Weinreiſende mit ſchwerer Zunge gebrüllt, daß nun — da dieſe Freunde aus dem Napfe getrunken— Niemand mehr werth ſei, ein Gleiches zu thun— in denſelben p Darauf ſchüttete man den Keſſel aus, die beiden Herren warfen rechts und links Geld unter die jubelnde Menge, ſanken in den Wagen zurück— und fuhren unter„Hurrah!“ davon. *) Thatſache. 250 Unſere Freunde aber, namentlich Goldmann und Zacha⸗ rias, hatte dieſe fürchterliche Rohheit ſo unangenehm ver⸗ letzt, daß ihnen der Reſt des Tages verbittert war. Sie gingen früh zu Bett und trennten ſich den kom⸗ menden Morgen eben ſo früh. Dieſe Mißſtimmung klang in Zacharias auch am andern Morgen noch nach, und ließ ihn wieder in jenen nnbehag⸗ lichen Zuſtand zurückfallen, in welchen ihn die Hauben⸗ huber'ſche Geſchichte verſetzt, und aus dem ihn nur das unerwartete Zuſammentreffen mit den Freunden wenigſtens auf Stunden geriſſen. Nichts iſt aber im Leben ſchwerer zu vergeſſen und zu vergeben als Täuſchungen, namentlich im Bereiche der Liebe. Und wenn auch gerade nicht für jeden Jarus— dem der Liebe Sonne die wachſenen Flügel ſchmilzt, daß er aus ihrem Reich herniederſtürzt auf die nüchterne Welt— wenn auch gerade nicht für jeden Ikarus, ſage ich, der Fall tödt⸗ lich wird, ſo bleibt er doch immer ſchmerzlich, und der ver⸗ lorene Himmel wird ſo leicht nicht erſetzt. Die beſte Waffe iſt in einem ſolchen Fall eine kalte Verachtung desjenigen, der Verräther an den heiligſten Gefühlen der Menſchheit werden konnte. Sie nahm auch Zacharias klugerweiſe zur Hand; indeſſen war die Wunde voch zu neu, um plötzlich heilen zu können; ſie blutete noch leiſe und ſchmerz⸗ lich nach. Nürnberg, das ernſte, finſtere Nürnberg, das Zacha⸗ rias ſonſt, ſchon wegen ſeiner mittelalterlichen Phyſiognomie, angeſprochen haben würde, war nun freilich nicht dazu ge⸗ ſchaffen, ihn ſeinem Unmuthe zu entreißen. Alles, was er ſah und hörte, ärgerte ihn, und es ſchien 251 ordentlich, als wolle ſich Unangenehmes an Unangenehmes, wie ſchwarze Perlen— beides iſt oft gleich koſtbar— an eine Schnur reihen. Dicht vor der Stadt brach— des guten Weges wegen — an ſeinem Wagen eine Achſe. Nach einem unerträglich langen Aufenthalte mußte er zu Fuß in die Stadt gehen. Unterwegs verlor er, weil er wie ein Laſtthier bepackt war, ein ihm als Andenken an Clariſſe werthes Notizbuch. Der Gaſthof zum„Strauß“ kam ihm, mit ſeinen dunkeln Win⸗ keln, Treppen, Gängen und Zimmern eher wie ein Kerker als wie ein Hotel vor, und als er, nach hinten gewieſen, ein Zimmer vorn heraus verlangte, konnte man ihm auch hierin nicht willfahren, da, wie der Zimmerkellner ironiſch lächelnd bemerkte, im erſten und zweiten Stock ſeit vier Wochen zwei Geſchäftsreiſende wohnten, die ſeit jener Zeit ſehr ſtark am Schnupfen litten. Aber alles dies, ſowie die Erinnerungen an das enorme Seld, welches in München und die Reiſe mit Sophien ge⸗ koſtet, waren nur kleine Spitzchen in der Dornenkrone, welche das Geſchick mit unbarmherziger Hand ihm heute aufdrückte; die wahren Stacheln brachten erſt die zwei an ihn gerichte⸗ ten Briefe, die er hier vorfand. Der eine war von Haus, der andere— o Himmel! von Clariſſen.. Gegen beide hatte er ſo arg geſündigt, daß er nur mit Zittern an deren Inhalt dachte, und es bald wie jener alte Beamte gemacht hätte, der alle Briefe der Regierung an ihn, aus Furcht, ſie könnten Strafreſeripte enthalten, uner⸗ öffnet in ſeinem Pulte verſchloß, wodurch natürlich erſt eine wahre Sündfluth von wirklichen Strafreſcripten entſtand. 252 Aber welchen ſollte er zuerſt leſen?— Er entſchloß ſich nach langem Zögern für den Darmſtädter. Er lautete: Darmſtadt, den 3. September 1843. Herrn Zacharias Hartmann, d. Z. in Nürnberg! Im Beſitz Ihrer Zuſchrift vom 28. l. M. können wir nicht begreifen, was Sie ſchon wieder in München zu thun hatten, nachdem Sie nicht nur auf eine unverzeihliche Weiſe, und trotz unſerer Warnung, das erſte Mal die Geſchäfte verſäumt und vernachläſſigt und ſich dann auch noch eine halbe Ewigkeit dorten aufgehalten haben. Wir müſſen Ihnen mit dieſer Art zu reiſen unſere große Unzufriedenheit zu erkennen geben, und Sie verſichern, daß nur die alte Freundſchaft für Ihren Herrn Vater uns bewegen konnte, Sie nicht augenblicklich zurückzuberufen. Außerdem iſt Birkbaum und Comp. in Eßlingen fallirt, und Ihre unvorſichtige Verkaufsweiſe hat uns mit 854 fl. in die Maſſe gebracht, die wir große Luſt haben, Sie an das Bein ſchwitzen zu laſſen. Wer heißt Sie an ſchlechte Kunden verkaufen? Lieber wollen wir nichts vom Lager abgehen ſehen, als ſolche Geſchäfte machen. In München mag Gott wiſſen, was Sie getrieben, da Sie dorten faſt nichts umſchlugen. So müſſen wir Sie denn ein für allemal erſuchen, von dem Augenblick an, in welchem Sie dieſen Brief empfangen, ſich dem Geſchäfte thätiger zu widmen, da wir ſonſt alle Rückſichten auf Seite ſetzen und Ihnen aufkündigen werden. Sie beſuchen nun ſofort Nürnberg, Fürth, Amberg, Baireuth, Bamberg, Coburg, Schweinfurt und Würzburg und kehren über Aſchaffenburg hierher zurück. N 1 253 Halten Sie Kleeſamen im Auge, Oel iſt flau. Wein⸗ ſtein zieht an und lagert eine große Partie, wovon Sie Muſter per Poſt erhalten. Ergebenſt Dahlmann, Dunkert, Duppendorf, Comp. und Conſorten. Es iſt eine traurige Sache um Vorwürfe, die man ver⸗ dient hat, man muß ſie hinabwürgen, und das Gewiſſen hält uns auch noch die erbaulichſten Strafpredigten dazu während unverdiente Vorwürfe uns mit dem Stolz des Märtyrerthums erfüllen. Zacharias, der einſt von Darmſtadt mit den beſten Vor⸗ ſätzen von der Welt abgereist, hätte ſich aus Aerger über ſeinen Leichtſinn, der ihm ſolche Wiſcher zugezogen, erſtechen können. Indeſſen empörte ſich doch ſein Frankfurter Stolz gegen den Inhalt dieſer Zeilen, und die Sprache der Em⸗ porkömmlinge reizte ihn um ſo mehr, als er in der Birk⸗ baum'ſchen Sache ganz unſchuldig war. In edlem Zorne ſetzte er ſich daher hin und ſchrieb ſofort folgende Antwort: Uürnberg, den 6. September 1843. Herren Dahlmann, Dunkert, Duppendorf, Comp. und Conſorten zu Darmſtadt. In höflicher Erwiderung Ihres Geehrten vom 3. Sept. erlaube ich mir, Ihnen vor allem Andern zu bemerken, daß der Ton, in welchem daſſelbe geſchrieben, ein ſehr unpaſſen⸗ der iſt. Habe ich auch hie und da vielleicht Ihren Wün⸗ ſchen nicht ganz entſprochen, ſo bleibt zu berückſichtigen, daß ich im Reiſen noch ein Neuling bin, und es ſoll mir eine 254 Pflicht ſein, das Verſäumte durch doppelte Aufmerkſamkeit nachzuholen. Demungeachtet kann das jetzige Verhältniß zwiſchen uns nur dann fortbeſtehen, wenn Sie meine Stel⸗ lung nicht verkennen, und mir auf eine Weiſe entgegenkom⸗ men, die ſich für den Sohn des Hauſes Hartmann und Comp. in Frankfurt paßt. Was meinen etwas verzögerten Aufent⸗ halt in München betrifft, ſo hatte ich dazu meine triftigen Gründe, von welchen auch mein Vater unterrichtet iſt, und ſie Ihnen auf Verlangen erklären wird. Nachdrücklich aber verwahre ich mich gegen Ihre Vor⸗ würfe in Betreff der Fallite von Birkbaum und Comp. in Eßlingen. Erſt nach mehrſeitigen Erkundigungen, und all⸗ ſeitiger Verſicherung von der Solidität dieſes Hauſes, machte ich mit demſelben Geſchäfte. In ſeine Kaſſe und Bücher aber konnte ich eben ſo wenig ſehen, als in die Herzen der Chefs, die es— wie jetzt ſo häufig— auf Betrug abge⸗ ſehen hatten. Iſt doch der Bankerott in unſerer Zeit ein geheiligtes Raubritterthum, und eine gebräuchliche Weiſe, auf Anderer Koſten ſchnell reich zu werden. Sonſt war ein Bankerott ehrlos, jetzt haben Alle, die fallirt, die erſten Anſprüche auf Ehren. Wie ſoll ich nun zu Werke gehen, wenn Sie mich auf der einen Seite verantwortlich machen, wenn ich wenig ver⸗ kaufe, und auf der andern Seite wieder verantwortlich hal⸗ ten: wenn hie und da ein Haus fällt?— Es bleibt mir hier durchaus nichts übrig, als Erkundigungen einzuziehen, und, fallen dieſe gut aus,— auf Geſchäfte zu entriren. Wollen Sie die Beſtellungen dann nicht ausführen, ſo ſteht es ja immer noch bei Ihnen. Uebrigens waren Birkbaum und Comp. noch obendrein alte Kunden von Ihnen. 255 Berückſichtigen Sie dies gefälligſt, glauben Sie, daß die Lage eines Reiſenden keine beneidenswerthe iſt; rechnen Sie auf der andern Seite aber auf meinen verdoppelten Eifer und meine erhöhte Vorſicht. Hochachtungsvoll zeichnet: Zacharias Hartmann. — Nachdem der junge Mann dieſe Demonſtration von ſich gegeben, und ſich einigermaßen in einen nobeln Zorn hin⸗ eingeſchrieben hatte, riß er auch den Brief Clariſſens auf. Es waren nur wenige Zeilen; aber ſie reichten hin, ihn zu vernichten, und er glaubte, der Schlag müſſe ihn treffen, als er las:. Zacharias! Das Unglaubliche iſt für mich wahr geworden: ich bin nicht nur von Deinem unſittlichen Leben auf der Reiſe un⸗ terrichtet, ſondern weiß auch, daß Du eine Andere liebſt, und jetzt vielleicht ſchon ihr Bräutigam biſt. Da ich Dich wahrhaftig liebe, will ich Dir rückſichtlich einer freien Wahl nicht im Wege ſtehen, und entbinde Dich hiermit Deiner Verſprechungen und Schwüre. Eins aber erflehe ich ſcheidend von Dir: Bewahre Dein beſſeres Ich vor dem Untergang, reiße Dich aus dem Schlamm der Sünde em⸗ por, Du kannſt und wirſt es. Dies meine letzte Bitte. Ich bin keine Romanheldin und drohe daher nicht mit einem gewaltſamen Tode; ſollteſt Du aber je wieder vor⸗ haben: ein braves Mädchen zu betrügen, ſo denke— daß Deine Flatterhaftigkeit ſchon ein armes Herz geopfert hat, das ſich in Gram verzehrt.. 256 Cwig, auch in den bitteren Stunden des Leidens,— auch in der letzten bleibt Dir treu Deine arme Clariſſe. Frankfurt a. M., im Auguſt 1843. Es war ſonderbar, gleich als ob eine unſichtbare Hand einen dichten Vorhang von der Seele des jungen Mannes weggezogen, ward es bei dieſen Worten wunderbar licht in ſeinem Innern. Clariſſens Bild tauchte mit unendlicher Anmuth vor ihm auf und eine innere Stimme ſchien zu rufen: „Nur bei ihr blüht Ruhe und Seligkeit für Dich.“ Und eine namenloſe Wehmuth erfaßte ihn, und er warf ſich auf das Sopha und weinte tief und bitterlich. XI. Crübe Ausſichten.— Pertröſtungen.— Mißlingen.— Ueberdruß am Reiſen.— Der Strom der Zeit.— Sängerfrſte, Vereine und Monumente.— Grſangvereine und ihre Folgen.— Ein National- lied.— Vas Sängerfeſt.— Allgemeine Luſt.— Das Juſammen- treffen.— Der Berliner.— Inekdoten.— Leben und Creiben. Der Gruß.— Die Varoneſſe und der Schnurrbart.— Das gemrinſchaftliche Nachteſſen.— Das Virllirbchen.— Das Signal. — Pas Caſchentuch.— Guten MWorgen vielliebchen!— Der Einkauf.— Die liebe Eitelkeit.— Der Ring.— Der Chevalier. — Auf dem Ball und nach dem Ball.— Ein Intermezzo.— Schrecklicht Entwicklung.— Dir Entdeckung. Sie ſinkt auf's Lager hin, hoch ſchlägt ihr volles Herz Durch's weichende Gewand, und ſtromweis ſtürzt der Schmerz Aus ihren ſchmachtenden, vor Liebe ſchweren Augen. Er ſieht's und länger hält die Menſchheit es nicht aus, Halb ſinnlos nimmt er ſie(werd' auch das Aergſte draus!) In ſeinen Arm, die glüh'nden Lippen ſaugen Mit heißem Durſt den Thau der Liebe auf, Und ganz entfeſſelt ſtrömt das Herz in vollem Lauf. Wierands Oberon. ⸗ EMar es ihm aber auch neuerdings klar geworden, daß er wirklich Clariſſe wahr und innig liebe und daß alle die Abſchweifungen, zu welchen ihn Leichtſinn und Sinnlichkeit verlockt, nur Verhüllungen, nur ſinnliche Ausbrüche dieſer tieferen Liebe geweſen, ſo konnte ihn dieſe Ueberzeugung eben dennoch nicht tröſten, da ſich ſein Vater ja ein für Commis Voyageur. 17 258 allemal ſo entſchieden gegen eine Verbindung mit dieſem Mädchen ausgeſprochen. In welche traurige Lage ſah er ſich daher mit einem Male verſetzt: unzufrieden mit der Gegenwart und ſeiner Stellung in derſelben— das Reiſen eckelte ihn bereits an — verrathen und verkauft von der einen, zurückgewieſen und verachtet auf der andern Seite, ſein wahres Glück und ſeine Pflichten erkennend und doch wieder von dem Gebote kind⸗ lichen Gehorſams— ja von dem ſtrengen„Nein“ des Va⸗ ters von dieſen beiden zurückgehalten— ſah er in eine düſtere, freudenarme Zukunft, ſah er nur die Nothwendigkeit einer Wahl zwiſchen häuslichem Glück und dem Zorn der Eltern,— oder deren Beifall und der Aufopferung der Geliebten. Für den Augenblick unfähig, ſich für das Eine oder Andere zu entſcheiden, fühlte er einzig die Nothwendigkeit und den Drang, Clariſſe über die wahre Lage der Dinge aufzuklären und ſich, ſo gut als möglich, in ihren Augen zu entſchuldigen. Er ſchrieb ihr daher ſofort; daß er ſie vor wie nach innig liebe und auch nie aufgehört habe ſie anzubeten; daß aber— da eben aus dieſer Neigung zu ihr der Trieb nach Begründung eines häuslichen Glücks in ihm entſtanden, und er ſich ſeinem Vater entdeckt— dieſer ihn auf das Beſtimmteſte zurück und an Veronika gewieſen. Hierauf erzühlte er, der Wahrheit getreu, die ganze Geſchichte mit Haubenhubers, und verſicherte ſchließlich Clariſſen: daß er gerade jetzt erſt doppelt einzuſehen gelernt habe, was ſie ihm ſei und wie unausſprechlich er ſie liebe. Gegen das Verbot des Vaters könne er freilich nichts unternehmen, da ihm dieſer ſonſt Haus und Kaſſe verſchließen, auch ſeine 259 Einwilligung nie geben würde— und dann doch, da in dieſem Falle Nichts zu Nichts käme, auch Nichts für ſie zu hoffen und zu machen ſei. Indeſſen verſprach er ihr dem⸗ ohnerachtet ewige Treue und flehte um Vergebung und Ge⸗ duld, da die Zeit vielleicht auf irgend eine Weiſe zu ihren Gunſten interveniren würde. Als auch dieſer Brief geſchrieben und auf die Poſt ge⸗ bracht war, ward es Zacharias etwas leichter, und er ging mit dem doppelten Vorſatze: fleißig im Geſchäfte und ſeiner Geliebten treu zu ſein, an die Arbeit. Aber es ſchien ihm eben Alles mißglücken zu wollen. Er brachte keine ordentliche Commiſſion zuwege; denn hier war ihm ein Concurrent zuvorgekommen, dort waren die Lager noch gefüllt; dieſer Kunde war mit der letzten Sendung un⸗ zufrieden geweſen, und Jenem waren die Preiſe zu hoch. Mit den Zahlungen ſah es nun gar ſchlecht aus. Sehr we⸗ nige gingen ein, und bei dieſen wurden noch unverſchämte Abzüge oder ſonſtige Chicanen gemacht. Und dabei war das Unangenehmſte, daß Zacharias wußte, daß dies Alles ihHm in die Schuhe geſchoben werden würde; da die Principale ſeine Bemühungen, ſeinen Aerger, ſein Laufen und Rennen, ſein Reden und Unterhandeln nicht ſehen konnten, wohl aber immer bereit waren, ihm alles Mißlungene aufzubürden. Natürlich benahmen ihm dieſe Umſtände die Luſt am Reiſen immer mehr und mehr; er ſah daſſelbe jetzt von einer ganz andern Seite wie früher an, und hätte wahrlich den Poſten eines Commis Voyageur freudig mit jedem an⸗ deren vertauſcht. Aber das Leben gleicht einem wilden Strome, in welchen uns eine mächtige Hand hineingeſchlendert. Seine Wellen 260 und Wirbel reißen uns unaufhaltſam fort, und nur dem kräftigen Menſchen und guten Schwimmer wird es gelingen, ſich den eigenen Weg zu bahnen,— ſelbſtſtändige Willens⸗ freiheit zu erhalten,— die Maſſe ſchwimmt dahin, wohin ſie die Fluth eben hinträgt; Zacharias verſchlug ſie in den nächſten Tagen auf ein Sängerfeſt, welches in einer der nahegelegenen größeren Städte gefeiert wurde. Sängerfeſt!— Geſangvereine!— Monumente! Welche Stadt Deutſchlands, ſie ſei groß oder klein, wäre in der Cultur ſo weit zurückgeblieben, daß ſie nicht wenigſtens einen Geſangverein, ein Monument aufzuweiſen hätte, und beſtände erſterer auch nur aus dem Schulmeiſter und Can⸗ tor, und wäre letzteres auch nur ein Heiliger ohne Kopf, oder ein neuer— Gemeindebackofen:— oder auch ein Epita⸗ phium eben auf den erſteren, wie das des Cantors Rudroff zu Marienburg, auf deſſen Grabmal ein Skelett abgebildet iſt, welches auf eine Notentafel und die Finalpauſe hindeu⸗ tet, mit den Worten:„Der hat ausgeſungen!“ Ueberhaupt war das erſte Monument der erſte Leichen⸗ ſtein, wie Adam und Eva den erſten Verein ſchloſſen. Aber Du mein Gott! wie viele Leichenſteine wurden ſeitdem ge⸗ legt, wie viel Monumente geſetzt— hauptſächlich von unſe⸗ rer Zeit,— und wie vielerlei Vereine, abgerechnet der ehe⸗ und unehelichen, gibt es jetzt! Naturforſcher⸗, Philologen⸗, Pädagogen⸗, Theologen⸗, Juriſten⸗, Muſikaliſche⸗, Theatraliſche⸗, Eß⸗, Trink⸗ und Richteß⸗ und Trink⸗ oder Mäßigkeits⸗Vereine; Vereine ge⸗ gen die Menſchen⸗ und Thierquälerei, kurz!— Vereine für und gegen Gott und die Welt. Nur einen Verein haben wir in Deutſchland noch nicht: 261 den Verein brüderlicher Liebe zur Gründung feſter Natio⸗ nalität; aber wie ſollten wir einen ſolchen ſchließen können, da wir ja noch nicht einmal den Namen unſerer Nation zu ſchreiben wiſſen und uns in den Haaren liegen, ob es Deutſchland oder Teutſchland heißen müſſe. Indeſſen iſt nicht zu läugnen, daß die vielen Kunſtvereine gedeihlich auf den Culturzuſtand unſeres Vaterlandes wirk⸗ ten und manch Treffliches hervorriefen. Namentlich ſei dies von den Geſangvereinen geſagt. Außer der geſelligen und muſikaliſchen Bildung, die ſie zur nächſten Folge haben, wecken ſie im Allgemeinen den Sinn für das Edle und Schöne, ja ſie ſind in ſo fern auch von politiſcher Bedeutung, als ſie durch die durch dieſelben hervorgerufenen Sängerfeſte uns eben— wenn auch nur eine ſchwache— Idee von Nationalfeſten geben. Die alte engherzige Abgränzung der einzelnen deutſchen Völkerſchaften fällt weg, ſobald Arndt's: „Was iſt des Deutſchen Vaterland“ tauſendſtimmig durch die Lüfte braust, und Niemand fragt: iſt das ein Preuße, Sachſe, Schwabe, Franke, Rheinländer oder Baher, ſondern nur: ſpricht er deutſch, ſingt und trinkt er, und Jedem wird das Herz weit; denn er iſt ſtolz auf ſein Vaterland, das da reicht: „So weit die deutſche Zunge klingt, Und Gott im Himmel Lieder ſingt.“ Haben wir doch auch in dieſem ächt deutſchen Gedichte, welches der geniale Wilhelm Speyer in Frankfurt ſo paſ⸗ ſend in Muſik ſetzte, ein Nationallied(leider faſt das Ein⸗ zige; denn das ſchlechte Machwerk:„Sie ſollen ihn nicht haben,“ wird kein Menſch zu einem ſolchen erheben wollen). 262 Der geiſtreiche Berthold Auerbach macht über Arndt's Gedicht folgende treffende Bemerkung: Arndt's Lied:„Was iſt des Deutſchen Vaterland,“ iſt ein ächt deutſches Lied; denn es iſt ächt deutſch, daß der Provinzialismus erſt kate⸗ chetiſch überwunden, durch's Bewußtſein vermittelt werden muß, und dann erſt die tiefe Pietät für das Geſammtvater⸗ land ſich erſchließt, jene fromme Hingebung, wie ſie die deutſche Nation in der Feuerprobe der Gefahr bewährt hat. Aber auch Herr Speyer hat den ganzen Charakter des Liedes auf eine überraſchend glückliche Weiſe in Tönen wie⸗ dergegeben. In dem, in vielfachen Tonarten ſich wieder⸗ holenden Aufſchrei und Wechſel der verſchiedenen Stimmen bei dem:„O nein! o nein!“ und in dem darauf folgenden Vereinigen derſelben hat Herr Speyer die bunte Mannig⸗ faltigkeit und den Widerſpruch einer Volksmenge trefflich dargeſtellt. Von den Mittelworten der fünften Strophe an, wo die ächte Antwort beginnt, klingt es gebetähnlich und himmliſch beruhigend, bis es ſich am Schluſſe zu freudiger Zuverſicht und kräftiger Ermannung erhebt. Dieſer doppelte Charakter des Liedes, der aus der Dichtung ſo unverkennbar ſpricht, tritt in der Compoſition Speyers auf die ſinnigſte Weiſe heryor.— Auch Zacharias fühlte die Wahrheit dieſer Bemerkungen tief, als das Lied— von vielen Hunderten geſungen— die ganze Maſſe der Zuhörer begeiſternd hinriß und ein don⸗ nerndes„Hoch!“ und ein kaum endender Applaus durch die Lüfte ſchallte. Ueberhaupt war es ein ſchönes Feſt, das man hier feierte, und ganz geeignet, das jugendfriſche, für alles Gute und Schöne empfängliche Gemüth des jungen Hartmann zu er⸗ 263 greifen, und ſein leidenſchaftlich⸗pulſirendes Herz gegen Je⸗ dermann zu öffnen. Das herrliche Wetter, die reizende Umgebung, die große Wieſe mit Tauſenden von Menſchen aller Klaſſen und Alter bedeckt, die flatternden Fahnen, die fröhlichen Geſänge, die heiteren Geſichter, die Zufriedenheit und Luſt kündeten, die geputzten Menſchen und Häuſer, der allgemeine Jubel und das ſtille Glück einzelner Pärchen— alles dies riß ihn zur Begeiſterung hin. Vergeſſen war Aerger und Noth, Miß⸗ muth und Melancholie, und der blaue Himmel ſtrahlte neue Hoffnungen auf Lebensglück in ſeine Bruſt. Was ihm kurz zuvor noch ſchwarz und finſter geſchienen, trug jetzt die freundliche Farbe der Hoffnung, und da ge⸗ rade ſein Hauptcharakterzug Gemüthlichkeit war, ſo gefiel ihm dies gemüthliche Weſen, dies Verſchmelzen einer großen Volksmaſſe faſt zu einer Familie, unendlich wohl. Wirkte doch hier jeder Einzelne nach Kräften zur Ver⸗ herrlichung des Ganzen mit, ſo daß ſelbſt Dinge, die ver⸗ einzelt faſt kleinlich geſchienen haben würden, als Theile eines harmoniſchen Ganzen ſich trefflich ausnahmen. So hatten in der Stadt alle Gewerbe ihre Wohnungen mit den eigenen Produkten verziert. Die Tuchmacher mit Draperien von Tuch, die Färber mit Guirlanden aus Strängen von buntem Garn, die Blechſchmiede mit künſtlich zuſammen⸗ geſetzten Arabesken aus glänzenden Blechwaaren, ſogar die Häuschen armer Töpfer ſchmückten Garnituren von Töpfer⸗ waaren. Noth und Armuth, Seufzer und Thränen ſchie⸗ nen von der Erde verbannt, und überall war Sonnenſchein, Glück und Luſt. Beſonders vergnügt machte es aber Zacharias, daß er in 264 der Menge bald mehrere bekannte Reiſende entdeckte, unter welchen ſich auch der„Berliner“ befand, an die er ſich ſo⸗ gleich anſchloß. Glücklicherweiſe erwiſchte man noch einen Tiſch auf der Wieſe, und nun floß der edle Gerſtenſaft in reichlichem Maße, während Witz und Laune bis zum Ueber⸗ muthe ſtiegen. Allen gefiel das Feſt ungemein, nur dem Verliner nicht, der immer als Großſtädter auf dies Treiben einer Provinzialſtabt verächtlich herabſah. Aber er mußte ſeinen Hochmuth theuer büßen, da ihn dafür die ganze Schaar zur Zielſcheibe ihres Witzes machte. So rief unter Anderem Einer: Mit unſerem Freund Berliner geht es uns heute, wie es mir vor einigen Wochen mit dem Caſtellan der Burg Stolzenfels am Rheine ging. Ich beſuchte dieſe ſchöne, jetzt durch den König von Preußen wieder aufgebaute Ruine, und konnte mich nicht ſatt ſehen an der göttlichen Ausſicht, welche man von dort aus in das wild⸗romantiſche Rheinthal mit ſeinen Bergen und Burgen hat. In meinem Enthuſiasmus wandte ich mich auch einmal an den Caſtellan, der mir die innere Einrichtung zeigte, und rief:„Gott, wie iſt es doch hier ſo ſchön!“—„Ja,“ entgegnete der Mann trocken:„Unſer juter König hat man mich des Alles ſehr ſchön einjerichtet. Allene aberſcht es wäre Alles jut, wenn nur die Jegent nicht ſo jottverjeſſen langweilig wäre. Da müßten Sie mich'mal Berlin ſehn! na! da jann man doch weit hinſchaun, da iſt man mich doch Alles ſchön flach; alleene aberſcht hier, mein Jott! da jann man ja jar niſcht ſehn vor lauter Bergen!“ Alles lachte herzlich und der Berliner verlor ſich bald darauf ſchmollend unter der Menge, indem er ein paar netten Mädchen nachſtrich. 265 Man hatte es bemerkt und nun kam die Rede auf Mäd⸗ chen. Das Thema war reich und variürte mit Wahrheit und Dichtung in das Weite. Erſt kamen hübſche, nette Ge⸗ ſchichtchen, dann wurden ſie immer pikanter, und wie man mehr lachte und mehr trank, fielen die Schranken immer tiefer und tiefer, bis endlich zur allgemeinen Heiterkeit die ſo ſehr beliebten„Anekdoten“ an die Reihe kamen. Zacharias, der im Anfange mit Intereſſe zugehört, fand freilich an Gemeinheiten keinen Geſchmack, indeſſen mußte er doch über manch witzige Zweideutigkeit lachen, die oft Schlag auf Schlag von einer und der anderen Seite fielen. Eben hatte einer der Reiſenden eine ſolche Anekdote zur Herzensfreude der Geſellſchaft vollendet, als ſein Nachbar eine neue begann. „Koſtbar ſind oft die Landprediger in dergleichen Din⸗ gen“— rief er—„da war zum Beiſpiel Einer auß einem Dorfe in meiner Heimath, der von ſeiner vorgeſetzten Be⸗ hörde den Auftrag bekam: einem leichtſinnigen Mädchen in ſeinem Pfarrſprengel in das Gewiſſen zu reden. Der gute Mann that es und berichtete darauf in aller Unbefangenheit an ſeine Oberen:„Hochpreisliches, hochwürdiges Conſiſto⸗ rium! Auf Hochdero Befehl habe ich Babette Nagler drei⸗ mal in meiner Studirſtube vorgenommen; obgleich ſie aber viel Schaam dabei zeigte, konnte ich doch nichts in ſie hin⸗ einbringen.“. Wie ſich von ſelbſt verſteht, jubelte hier die Geſellſchaft, und die Köpfe noch näher bei einander ſteckend, fuhr der „ Sprechende fort:„Ein andermal frug derſelbe Geiſtliche bei einer Prüfung ein Mädchen:„„Auf wie vielerlei Weiſe kann man ſündigen?““— Dieſe entgegnete:„Mit Gedanken, 266 Gebärden, Worten.... und“—„„und?““— wiederholte Jener und erhob den Finger—„„und mit dem Finger!““ rief erſchrocken das Mädchen. „Schade, daß Spreitzer nicht bei uns iſt!“— rief hier ein Anderer—„der kennt eine Maſſe ſolcher Geſchichtchen. Ich will verſuchen, ihm Eins nachzuerzählen. In den Kriegsjahren beſchwerte ſich einſt eine Sachſenhäuſerin über die Menge Einquartierung, die man ihr zugewieſen.„„Aber, liebe Frau,““— ſagte der QOuartiervorſtand—„„Sie hat ja zwei Häuſer?““—„den Deiwel äch!““ ſchrie Jene heftig—„„Wie?— Was?— zwä Häuſer? zwä Löcher haw ich, deß hinnere is es klän, ſtinkig Neſt, wo nit e mol e Soldat enein geht, und im vordern hot mei Mann ſei Werkſtatt!““ „Kennt Ihr folgende Geſchichte? rief ein Dritter. „Einem Kaufmann begegnete in den Tuilerien eine äußerſt elegant gekleidete Dame, die er früher als armes Mädchen gekannt hatte. Erſtaunt frug er ſeinen Begleiter, ob er nicht wiſſe, wie ſie ihr Glück gemacht?„„Elle a fait kortune dans le commerce.““—„„Dans quelle partie?““ — frug der Erſtere.—„„Dans les Araps!“«*) entgeg⸗ nete Jener. Aber die Anekdoten wurden immer ſtärker und frivoler, ſo daß es endlich Zacharias aneckelte. Leiſe und unbemerkt ſchlich er ſich fort, und konnte um ſo weniger begreifen, wie ſeine Collegen Spaß an den ordinärſten Zoten finden konnten, da doch hier Natur, Umgebung, und das Feſt ſelbſt ſo reichen Stoff zu edlerem Vergnügen boten. *) Betttücher. 267 Er miſchte ſich in die auf und abwogende Menge und ließ ſich behaglich von dem Menſchenſtrome weiter treiben. So kam er hier an reichbeſetzten und von fröhlichen Men⸗ ſchen umgebenen Tiſchen, dort an im Graſe lagernden Gruppen, hier wieder an Sängerchören und weiter hinauf an einem ſpielenden Orcheſter vorbei. Von der einen Seite herüber ſchrie dabei der Harlekin einer Seiltänzergeſellſchaft, von der anderen tönte die prahlende Ankündigung eines Taſchenſpielers. Aber mehr noch als dies Alles beſchäftigten ihn die Beobachtungen, die er an der bunten Menſchenmenge vor⸗ nahm. Wie verſchieden die Geſtalten und Phyſiognomien⸗ wie charakteriſtiſch prägten ſich oft im Aeußeren die Ge⸗ werbe der Einzelnen ab, oder verriethen ſich die Charaktere ſelbſt! Er war tief in ſolche Bemerkungen und Forſchun⸗ gen verloren, als plötzlich eine ſehr elegant gekleidete Dame, an dem Arm eines Mannes von vornehmem Aeußern, bei ihm freundlich grüßend vorüberſchwebte. Das Zunicken des wunderlieblichen feinen Geſichtchens hatte ihn nicht nur an⸗ genehm aus ſeinen Träumen aufgeweckt, ſondern auch ein brennendes Roth der Ueberraſchung, der Freude und der Verlegenheit über ſein Antlitz gejagt. Und doch ſtand er in keiner näheren Berührung mit der Dame, als daß er das Vergnügen gehabt, den Mittag während der Lafel neben ihr zu ſitzen, und ſich recht angenehm mit ihr zu unterhalten. Sie war eine Franzöſin von Geburt, aber ſeit ihrer Kindheit in Deutſchland, und jetzt an einen Baron Braßleff verheirathet. Es war dies eben jener hübſche junge Mann, an deſſen Arm ſie vorübergeſchwebt. Eine athletiſche Figur 268 mit einem intereſſanten Kopfe. Der gewaltige, ſchwarze Schnurrbart, an beiden Enden in feſte Spitzen gedreht, und die feurig blitzenden Augen, gaben ihm ein martiali⸗ ſches Aeußere; jedoch milderte ſein artiges und feines Be⸗ nehmen den etwas abſchreckenden Eindruck, welchen ſeine äußere Erſcheinung machte, bedeutend. Die junge Frau dagegen erſchien deſto liebenswürdiger. Ihre zarte Geſtalt, ihr liebliches und geiſtreiches Geſichtchen, verbunden mit ihrer franzöſiſchen Lebhaftigkeit, der feinen Tournüre und der eleganten Toilette, in welcher ſie Mei⸗ ſterin war, umgaben ſie mit einem wahren Zauber. Zacharias konnte nicht umhin, ihr mit den Blicken zu folgen und hatte die Genugthuung, daß auch ſie noch ein⸗ mal das Köpfchen flüchtig nach ihm wandte. Glitt ſie aber auch nicht dahin wie eine Sylphide, ſo daß es ſchien, als ob die netten Füßchen kaum den Boden berührten?— Und ſtand ihr nicht der kleine Strohhut und das faltenreiche, weit abſtehende weiße Kleid zauberhaft? Leider war ſie bald unter der Menge verſchwunden und Zacharias ſah ſich bald wieder in dem Gedränge allein. Er ſchlenderte weiter; aber es ſprach ihn nichts mehr recht an, und zu ſeinen Collegen vermochte er nicht mehr zurückzukehren. Der Abend war unterdeſſen hereingebrochen. Alle Welt paßte nun auf das Feuerwerk, welches, ſobald es dunkel genug, zum würdigen Schluſſe des ſchönen Tages werden ſollte. Auch Hartmann näherte ſich daher der Gegend, in wel⸗ cher man die Vorkehrungen zu demſelben getroffen, aber die compakten Menſchenmaſſen, die ſich hier zuſammendrängten, erlaubten ihm bald kein weiteres Vordringen. Gleichgültig 269 ging er wieder zurück und fand nun, daß ſich die Honora⸗ tioren in einiger Entfernung meiſtens unter Zelten nieder⸗ gelaſſen hatten, um hier mit dem Genuß des Schauens auch den des Eſſens und Trinkens zu verbinden. Seine Neugierde trieb ihn an mehreren Zelten vorbei, als ihm plötzlich eine tiefe Männerſtimme mit Ramen rief. Er wandte ſich um und ſtand vor dem Baron Braßleff, der ihm aus einer jener huftigen Wohnungen freundlich entgegentrat. „Treten Sie bei uns ein, Herr Hartmann“— ſagte er artig—„Sie haben doch, wie ich ſehe, keinen Platz, und da wir uns bei der Mittagstafel ſo angenehm unter⸗ halten haben, ſo werden Sie uns verbinden, wenn Sie uns Ihre Geſellſchaft auch bei dem kleinen Soupé gönnen, wel⸗ ches wir eben im Begriff ſind, einzunehmen.“ Die Einladung war in mehr als einer Berziehung un⸗ ſerem Freunde willkommen; er nahm ſie daher dankbar an und hatte keine Urſache es zu bereuen. Das einfache Mahl würzte Witz und Champagner. Zacharias fühlte ſich dabei durch das herablaſſende und zuvorkommende Weſen des Barons und ſeiner jungen Frau unendlich geſchmeichelt; ja er ward am Ende ſo vertraut mit Beiden, als ob ſie ſeines Gleichen wären, was Jene ſogar gerne zu ſehen ſchienen. Die kleine Geſellſchaft ward immer heiterer, und namentlich entwickelte die Baroneſſe einen Humor, der jeden Zuhörer entzücken mußte. Wie hätte die Zunderſeele Zacharias' nicht Feuer fangen ſollen? Er war ganz hingeriſſen von ihr, ohne jedoch einen unlauteren Gedanken zu nähren, und er beneidete Braßleff nur um das namenloſe Glück, ein ſolches Weibchen zu beſitzen. 270 Unter Scherzen hatte man das Nachteſſen bis auf den Nachtiſch verzehrt; jetzt rauſchten, während man behaglich die Krachmandeln knackte, die Raketen empor, praſſelten die Potefeus, ziſchten die Räder, flammten die Tempel und Transparente. Aber die Geſellſchaft ließ ſich in ihrer Luſt nicht ſtören, und die Baroneſſe ließ das geiſtige Feuerwerk der Witze und der Bonmots mit dem flammenden um die Wette knacken. Eifrig ſuchte ſie dabei unter den Mandeln, bis ſie eine doppelte fand, deren Hälfte ſie dann lächelnd dem jungen Hartmann hinhielt, damit er ſie als„Viel⸗ liebchen“ mit ihr eſſe. Und was hätte Zacharias nicht Alles der kleinen Zau⸗ berin mit den lebhaften ſchwarzen Augen und dem neckiſch⸗ verliebten Blick gethan? Er aß die Doppelmandel, war aber ſchon im Voraus entſchloſſen, die Scherzwette zu ver⸗ lieren, nur um dem göttlichen Weibchen ſeine Huldigung in einem recht ſinnigen und reichen Geſchenke bringen zu dürfen. So enteilte die Zeit nur zu ſchnell. Das Feuerwerk war längſt abgebrannt, der größere Theil der Menſchenmenge hatte ſich verlaufen und es war nach und nach kaltfeucht geworden, als auch Braßleff und ſeine Geſellſchaft an das Heimkehren dachte. Der aufmerkſame Wirth hatte der Ba⸗ roneſſe einen Mantel geſandt, der ihr jetzt gut zu ſtatten kam; ſie warf ihn um, nöthigte aber auch Zacharias, als ſie ſah, daß dieſer ſehr leicht gekleidet, ihr Taſchentuch noch umzuknüpfen. Er hätte es lieber geküßt und auf ſein Herz gedrückt, mußte hier indeſſen gehorchen; als er ſich jedoch unbemerkt glaubte, konnte er ſich von Erſterem nicht ent⸗ halten: aber die Dame bemerkte es, und drückte ihm heim⸗ lich die Hand mit zärtlicher Gluth. Zacharias durchrieſelte 271 dies Zeichen der Neigung wie Feuer— war es ihm nicht ein Beweis, daß er, der unbedeutende junge Menſch, der Geſchäftsreiſende, den bei weitem ſchöneren Mann, den hoch⸗ adeligen, den Ehemann ausgeſtochen habe?— Seine Eitel⸗ keit rief ihn als Sieger aus. Er glaubte, ſeine Seele müſſe vor Entzücken den beengenden Körper ſprengen.— Aber mit dieſem leiſen Druck der Hand hatten ſich auch, wie durch einen Zauberſpruch, ſeine Gefühle gegen die Dame ſeines Herzens geändert. Während er ſie bisher ohne ſinnliches Verlangen verehrt, angebetet— durchſtrömte ihn nun plötz⸗ lich die wildeſte Leidenſchaft. Sie ſelbſt hatte das Signal zu dieſem Aufruhr in ſeiner Seele gegeben, durch ein Zeichen des Wohlwollens hinter dem Rücken des Gatten; ſie hatte die Pforten des Paradieſes aufgeriſſen, und der arme Verblendete blickte nun ſehnſüchtig nach den verbotenen Früchten. Und ſchmeckt Verbotenes nicht gerade am beſten? Heißt nicht verbieten erſt recht reizen? Indeſſen ein Blick auf den Herrn Gemahl, ſeine mar⸗ tialiſche Geſtalt, ſein funkelndes Auge und ſeinen ungeheu⸗ ren Schnauzbart dämpfte das verwegene Liebesfeuer des erregten Zacharias ganz bedeutend. Die kleinſte Vermeſſen⸗ heit konnte ein Duell hervorrufen, und Hartmann verſpürte in der That keine Luſt, ein ſolches zu provvciren. Im Gaſthaus vergaß er gefliſſentlich das Taſchentuch zurückzugeben, und ein Blick, wie er nicht zu malen noch zu beſchreiben,— einzig ſelig zu fühlen iſt, lohnte dieſe geheime Huldigung. Hartmann's Phantaſie glühte. Er dachte ſich jetzt an die Stelle des glücklichen Barons, den er auf den Blocks⸗ berg wünſchte; er malte ſich Scenen aus, deren Reiz ihn 272 wüthend machte. Vergebens warf er ſich lange in dem Bette hin und her. Er hörte Zwölf und Eins ſchlagen, und erſt der Morgen wiegte ihn in einen kurzen, unruhigen Schlummer. Die Sonne lachte ſchon durch ſeine Fenſter, als er mit gleichen Beinen aus dem Bette ſprang. Mühſelig ordnete er die Frinnerungen an geſtern. Sie machten ihn ſtolz; dennoch blieb er ruhiger. Geſtern wollte er ſein„Viellieb⸗ chen“ um jeden Preis verlieren, heute dachte er, daß es doch wohl ſchöner ſei, es der Baroneſſe abzugewinnen, und da⸗ durch ein Andenken von ihr zu erringen, da er das Taſchen⸗ tuch doch wohl wieder hergeben müſſe. „Das Taſchentuch!“— rief er, holte es unter ſeinem Kopfkiſſen hervor und blickte es gedankenvoll an. Die Stickereien ſchienen ſich ihm dabei in wunderbaren Bildern zu verſchlingen. Bald ſah er des Ehemanns Geſicht, ihn, wie ein grimmiger Tigerkopf, angrinzen; bald wuchſen ſchwarze Schlangen aus deſſen ungeheurem Barte; dann wieder ſah er das liebliche Antlitz der Baroneſſe. Aus den geſtickten Roſen wuchſen Amoretten und Teufelchen, die ſich balgten und mit einander rangen, und ſich endlich hohn⸗ lächelnd in ſein Herz theilten. Er ſtarrte noch auf das Tuch, als es an der Thüre klopfte. Sollte es die Baroneſſe ſein?— er ſchwieg vorſichtig. „Ich bin es“— ſagte nach einigen Sekunden eine tiefe Männerſtimme—„der Hausknecht und will die Stiefel holen.“ „So!“ entgegnete Zacharias getröſtet und ohne von dem Tuch aufzublicken.„Sie können hereinkommen!“ Die breite Figur folgte dem Befehl, aber unmittelbar darauf rief eine liebliche Stimme: „Guten Morgen, Vielliebchen.“ 273 Hartmann ſchrack zuſammen, drückte das Tuch auf ſein Herz, wandte ſich um, und ſah in das Engelsgeſichtchen der Baroneſſe, die ihren Lockenkopf lächelnd zur Thüre herein⸗ ſtreckte. „Himmliſche!“ rief er, und flog nach ihr hin; aber ehe er noch die Thüre erreicht, war ſie wie ein Schatten ver⸗ ſchwunden. Er wußte wenigſtens jetzt, was er zu thun hatte, und eilte denn auch getroſt ſich anzuziehen und das Vielliebchen zu kaufen. Der einzige Blick in das Auge der ſchönen Frau war genug geweſen, um ſein Herz wieder in die Flammen zu ſetzen, in welchen es den Abend zuvor geſtan⸗ den, und die Eitelkeit: einen Ehemann ausgeſtochen und eine ſo hochſtehende Dame gewonnen zu haben, war der Wind, der die Gluth nur immer noch mächtiger anfachte. Jetzt hätte er in Paris ſein mögen, um irgend einen prachtvollen Gegenſtand auffinden zu können, der ſeiner Dame auch würdig. In der bayeriſchen Provinzialſtadt blieb es allerdings eine ſchwierige Aufgabe, irgend Ezwas von Geſchmack, Werth und Bedeutung zu finden. Er rannte hier⸗ und dorthin, aber nichts wollte ſeinen Anforderungen genügen, ſo daß er ſich endlich bequemen mußte, zu den Dingen zurückzukommen, die man gewöhnlich zu Präſenten verwendet; um aber den Mangel des Neuen, Ueberraſchen⸗ den, Feinen und Geſchmackvollen zu erſetzen, mußte er nun noch mehr auf inneren Werth ſehen. Und wie? war die Gelegenheit nicht werth, einmal zu zeigen: daß man nicht von Adel zu ſein braucht, um nobel zu geben, nobel auf⸗ treten zu können?— Zacharias fühlte ſich!— Denn eine Baroneſſe hatte ihm Zeichen der Liebe gegeben, was war Commis Voyageur. 18 274 da nicht Alles noch zu erwarten, wenn man ſich ſolcher Neigung würdig zeigte?— Solche Gedanken verwirrten ihm den Kopf immer mehr und mehr, und da die Gabe ausſprechen ſollte, wie werth ihm die Perſon ſei, an die ſie ging, ſo konnten nur Gold und Edelſteine ſeinen Anforderungen genügen. Hartmann lief daher zum erſten Juwelier der Stadt. „Ich bin„von Hartmann“— ſagte er, nachdem er eingetreten, zu dem höflich grüßenden Goldarbeiter mit ſtolzer Miene— und möchte eine Kleinigkeit haben, um ſie als Scherz an eine Baroneſſe zu geben, die mir ein Vielliebchen abgewonnen.“ „Wollen der Herr Baron ſich einmal umſehen?“— entgegnete mit einem tiefen Bückling der Schüler Beneve⸗ nuti Cellini's, der, wie die meiſten Bayern, in ſeinem brei⸗ ten Geſicht einen Schnurr- und Knebelbart trug, der ihm recht ſchlecht ſtand.„Hier ſind Armreife von Gold oder Silber.. von fünf bis zu zwanzig Gulden.“ „Pfui!“ entgegnete verächtlich Zacharias—„ſilberne Armreife für eine Baroneſſe!— Nein! ich meine eine Kleinigkeit: fein, ſchön, geiſtreich gedacht und werthvoll!“ Der Goldarbeiter ſah erſtaunt und entzückt ſeinen Käufer an. Er hatte ſchon manchen Adeligen in ſeinem Laden gehabt— aber da war es ſchon viel, wenn der für zehn Gulden auf Pump gekauft. Das muß eine hohe Perſon ſein, dachte er, und ſagte, ſich noch tiefer verneigend und einen andern Glaskaſten öffnend:„Belieben der Herr Graf etwa eine Brillantnadel, eine goldne Kette, eine Broche mit feinen Steinen?“ Zacharias' Blicke liefen kalt über alle die Herrlichkeiten; 275 er fühlte in dem Augenblicke ſo recht, daß er eigentlich für eine hohe Sphäre geboren ſei; und mußte dies nicht ſelbſt ſein Aeußeres verrathen, da ihn der Juwelier Baron und Graf titulirte, und die Baroneſſe ihn ihrem Gemahle vorzog? Und kann ich es nicht ſo manchen Baronen gleich, ja noch vorthun, dachte er, ich, der einzige Sohn eines reichen Frankfurter Kaufmanns?— Ja!— ſtehe ich nicht ſelbſt dadurch ſchon viel höher, als der ganze Adel, daß ich Frank⸗ furter Bürger bin, und als ſolcher einmal regierender Bür⸗ germeiſter, alſo ein regierendes Haupt, und als ſolches wieder College der übrigen Kaiſer und Könige, Großherzoge und Herzoge werden kann?— Die Wahrheit dieſer Gedanken ergriff ihn ſo mächtig, daß er die ganze Welt, wie in der Vogelperſpektive, unter ſich liegen ſah. Er fühlte ſich ſchon in Amt und Würden und hörte— mit Aiſance in einen Seſſel geſtreckt— kaum den Lobpreiſungen des Golbarbeiters zu, bis ihn dieſer durch das Vorzeigen eines ſehr ſchönen Ringes aus ſeinen Träumen weckte. Zacharias griff haſtig nach dem Stück. Der Ring ſtellte zwei doppelt und vielfach verſchlungene Schlangen vor, die in ihrem Rachen Vergißmeinnichte, als Sinnbilder ewiger Dreue, trugen, ihre Häupter aber ſchmückte eine gemein⸗ ſame Krone von ſchönen Brillanten. „Was koſtet das Ding?“ frug Hartmann, nachdem er den Ring länger mit innerem Wohlbehagen, aber äußerlich mit vornehmer Gleichgültigkeit betrachtet. „Acht Carolin, Herr Graf,“ verſetzte, ſich abermals ver⸗ neigend, der Künſtler. „Hm!“ brummte Zacharias,„acht Carolin iſt viel Geld 18* 276 für den einfachen Ring. Wenn Sie ihn für Sechs geben, will ich ihn behalten.“ Der kluge Verkäufer hatte das vorhergeſehen und daher auch ſo vorgeſchlagen, daß er nun, nach einigem ſchein⸗ baren Widerſtreben, zu ſchlagen konnte. Hartmann freilich, dein der Ring zwar gefallen, aber doch zu theuer geweſen, zlaubte nicht, daß Jener ſo viel herabgehen würde, und var durch den Zuſchlag in der That beſtürzt; indeſſen konnte er Ehren halber ſein Wort jetzt nicht mehr zurücknehmen. Er zahlte, obgleich mit Gewiſſensbiſſen, und machte ſich— als er das„Herr Baron! Herr Graf“ des Juweliers nicht mehr hörte und die friſche Luft ſein erhitztes Gehirn abge⸗ kühlt— Vorwürfe, daß er ſich von der kindiſchen Eitelkeit zu einem ſo unklugen Schritt hatte fortreißen laſſen. Das Geſchehene war indeſſen nicht mehr zu ändern, und Zacharias durfte einzig hoffen, daß ihm das werthvolle und ſchöne Geſchenk deſto ſicherer den Weg zu dem Herzen ſeiner Dame bahnen würde. Außerdem tröſtete er ſich mit Göthe's: „So ein verliebter Thor verpufft Euch Sonne, Mond und Sterne, Dem Liebchen zu gefallen, in die Luft.“ Um die Sache ſinniger zu machen, verſchaffte er ſich noch ein Sträußchen, deſſen Hauptzierde eine Roſe ausmachte, und barg den Ring in dem Kelche dieſer Blume. Der Dank der ſchönen Frau war allerdings warm und ufrichtig, ja ſie frug in ihrem Entzücken ſchalkhaft den Batten: ob ſie den ſinnigen Geber nicht mit einem Kuſſe lohnen dürfe, und da der Herr Gemahl lächelnd einwilligte, ſo fühlte Zacharias bald die zwei ſchönſten Lippen der Welt 277 mit einer Gluth auf den ſeinen brennen, die ihm Mark und Bein verzehrte. Bei der Tafel ſaß er wieder neben der Baroneſſe, und erfuhr im Laufe des Geſprächs von Braßleff, daß kieſer gleich nach Tiſche einen Beſuch auf dem Gute des Fürſten Vockerdorf⸗Wellmerlaus⸗Wetzelberg⸗Werſch mache und dort einige Tage verweilen werde, da ihn die Durchlaucht zur Jagd eingeladen habe. „Und die gnädige Frau?“— frug Hartmann unange⸗ nehm berührt und faſt mit zu ſtürmiſchem Tone. „Laſſe ich in Ihrem Schutze zurück!“— entgegnete der Baron lächelnd, ſetzte aber ernſt hinzu:—„Sie werden mich und Sie in der That verbinden, wenn Sie ihr die kurze Zeit als Chevalier an der Seite ſtehen wollen. Ich weiß, ich darf auf Sie vertrauen.“ Zacharias war innerlich entzückt und lachte den Narren von Ehemann aus, der ſo klug den Bock zum Gärtner ſetzte; that aber deſto ernſter und ſolider, und wünſchte endlich dem Baron alles mögliche Glück, als ſich dieſer auf ein Pferd ſetzte und davon ritt. Der Tag war ebenfalls noch ein Feſttag. Die Sän⸗ ger hatten den Morgen in der Kirche geſungen und den Abend ſollte ein glänzender Ball die ganze Herrlichkeit ſchließen. Zacharias beſtürmte die Baroneſſe— die früher vorge⸗ habt hatte, denſelben mit ihrem Manne zu beſuchen, nun aber wegen deſſen Abweſenheit darauf zu verzichten gedachte — ihn dennoch an ſeiner Seite zu beehren. Nach vielen Bitten gab ſie endlich nach, und Hartmann wußte ſich kaum vor Luſt und Stolz zu faſſen, als er, die gnädige Frau am 278 Arm— ſtrahlend in ihrer Schönheit und einer wundervol⸗ len Toilette— in den Saal trat. Und welche Seligkeit erſt, ſo Arm in Arm mit ihr im raſchen Walzer dahin zu fliegen, angeſtaunt von Allen, ge⸗ ehrt von Allen, beneidet von Allen. Aber er machte ſeiner Chevalierſchaft auch Ehre, indem er ſeiner Dame fürſtlich aufwarten ließ. Die feinſten Speiſen und Champagner im Uueberfluß wurden aufgetragen. Namentlich ſuchte er die Baroneſſe tüchtig von dem ſchäumenden Nektar betrunken zu machen, und— bei Gott!— dachte Zacharias, hier ſieht man, daß ſie aus den höheren Ständen, denn ſie iſt, wie es ſcheint, den Champagner gewöhnt. Sie ward immer munterer, bis ſie doch endlich ihren Begleiter erinnerte, daß es wohl Zeit ſei, ſich zurückzuziehen. Da der Ball in demſelben Gaſthauſe gehalten wurde, in welchem die Herrſchaften wohnten, hatten ſie nicht weit bis zu ihren Zimmern zu gehen. Dennoch ſtützte ſich die Baroneſſe, die jetzt ganz ausgelaſſen war, feſt auf den Arm ihres Führers, ihn ſcherzhaft zankend, daß er ſie faſt berauſcht gemacht habe. Hartmann, der wie geſchmolzene Lava glühte, und dem der Champagner bedeutenden Unternehmungsgeiſt eingehaucht hatte, ward dabei immer zärtlicher. Unter lauter Scherzen merkte keines von Beiden, daß ſie zuſammen auf der Baronin Zimmer waren, und unter lieblichen Neckereien raubte der leidenſchaftliche Chevalier ſeiner Dame ein Klei⸗ dungsſtück nach dem andern. Das ſchöne Frauchen lag im Bette, man nußte nicht wie, und Zacharias ließ nicht auf ſich warten, ſchon ſtand auch er halb entkleidet, und wollte eben nur noch die Thüre zuſchließen, als ihn die Baroneſſe bat, dieſelbe offen zu laſſen. 79 „Unverſchloſſen laſſen?“ rief Hartmann erſtaunt— „warum?— Wenn nun Ihr Mann käme?“ „Der iſt weit von hier und ich kann nicht ſchlafen, wenn ich die Thüre von innen verſchloſſen weiß. Wie leicht kann Einem etwas zuſtoßen und dann kann Niemand herein.“ Zacharias lobte lachend ihren Muth, hatte aber an beſ⸗ ſere Dinge zu denken, als an den Riegel der Thüre, und ſchlüpfte daher ſtrahlend vor Seligkeit in das Bett des himmliſchen Weibchens.——— „Auch die beiden Lichter, die am Fenſter ſtehen, habe ich zu löſchen vergeſſen!“— ſagte er nach einem halben Stündchen. „Laß ſie brennen“— bat ihn die Holde mit einem Kuſſe—„es iſt ſo ängſtlich im Dunklen.“ „Was thue ich nicht für Dich!“ rief Jener und ſchloß ſie leidenſchaftlich in ſeine Arme. Aber dieſe zärtliche Scene ſollte auf eine ſchreckliche Weiſe unterbrochen werden, indem ſich mit einemmale die Thüre weit öffnete und Braßleff hereintrat. Seine Augen funkelten wie die einer hungrigen Hyäne, ſeine Stirne zeigte in ihren tiefen Falten, welch' finſterer S ſeine Seele erfaßt, dunkle Röthe deckte ſein Geſicht, und wie conoul⸗ ſiviſch drehte die linke Hand das eine Ende des mächtigen Schnurrbartes zu einer langen, ſteifen Spitze. So ſchritt die athletiſche Geſtalt raſch auf das Bett zu, während ein halb erſterbender Schrei die Todesangſt der ſchuldbewußten Gattin kündete— die ſich unter Kiſſen und Decke barg, während ſich Zacharias, ſprachlos vor Schreck, halb aufgeſetzt hatte, und nun, blaß wie eine S nach dem Baron hinſtarrte. 280 Dieſer erſten Bewegung folgte eine Minute entſetzlichen Schweigens, während die Blicke Braßleffs das Paar zu vernichten drohten. „Dies alſo, mein Herr“— brach er alsdann plötzlich mit Donnerworten los—„dies alſo iſt die Weiſe, wie Sie die Gaſtfreundſchaft eines Edelmannes lohnen; dies iſt der Schutz, den Sie mit Ihrem Worte der Gattin Ihres Freundes zugeſagt?“ Er hielt einen Moment inne, als erwarte er Antwort; aber Zacharias hatte der Champagner, ſein raſches Liebes⸗ glück und der Schrecken ſo verwirrt und betäubt, daß er keines Wortes fähig war. Braßleff fuhr daher in einem tiefen, faſt erſterbenden Tone— der um ſo mehr etwas unausſprechlich Schreckliches in ſich hatte, als er eine kalte Reſignation kündete— langſam fort: „Dies ſchurkenhafte Betragen, Herr, würde jeder Andere durch ein Duell auf Tod und Leben rächen. Ich nicht. Ein Narr ſchlägt ſein eigenes Leben in die Schanze, wo es die Beſtrafung fremden Frevels gilt; da er möglicher⸗ weiſe ſelbſt fallen, und ſomit der Schuld ſelbſt den Sieg verſchaffen könnte. Furchtbarer ſoll meine Rache ſein. Vor Ihren Augen werde ich jetzt das Weſen, das Sie verführt hat, oder welches Ihren Lockungen erlag, auf das Furcht⸗ barſte züchtigen, bis es unter den gräßlichſten Schmerzen bewußtlos niederſinkt und den Boden mit ſeinem Blute färbt!— und jeden Tag— hören Sie— jeden Tag werd' ich dieſe Züchtigung wiederholen— bis ſie der Tod befreit und ihre Schande und meine Schmach mit Ver⸗ geſſenheit deckt. Ihre Niederträchtigkeit aber wiſſe Ihr Haus, Ihr Vater und Ihre Geliebte— denn Ihre Ver⸗ 281 hältniſſe ſind mir bekannt und ich weiß, daß ich damit Ihr Lebensglück vernichte.“ „Barbar!“— ſchrie bei dieſen Worten Zacharias, ent⸗ ſetzt über die ſchrecklich⸗eiſige Kälte ſeines Gegners, der wie ein triumphirender Satan auf ſein Opfer blickte;—„warum die Unglückliche mit teufliſcher Grauſamkeit opfern, wo ich die Schuld trage?— Ja! auf mich, auf mich allein falle Ihr Zorn und er entlade ſich, wie es Brauch und Sitte, die Waffen in der Hand.“ Braßleff ſah ihn hier einen Augenblick wie mit verbiſ⸗ ſenem Zorn an, dann rief er wild: „Sie wiſſen meinen Willen, ſie iſt mein Weib, und Sie ſind mir zu elend.“ „Herr!“ rief Zacharias und ſprang mit beiden Füßen aus dem Bett. Aber er erreichte kaum den Boden, denn' der athletiſche Gegner packte ihn mit ſolch' furchtbarer Kraft, daß ihm ſogleich der Athem ausging. „Ein Wort noch!“ ſtöhnte der Baron—„und Sie fliegen zum Fenſter hinaus.“ Blau und mit verzerrtem Geſicht taumelte Zacharlas zurück; Braßleff aber verriegelte die Thüre, ergriff, alles Jammerns und Flehens ungeachtet, die Unglückliche bei— ihren langen, ſchönen Haaren, wickelte dieſelben um ſeine Hand und zog ſie— ſo viel Zacharias noch vor Entſetzen ſehen konnte, da ihm die Sinne ſchwanden— aus dem Bette, indem er zugleich eine kurze, knothige Peitſche ſchwang. Aber Hartmann fing den nervigten Arm auf, ats er den erſten Schlag führen wollte. „Halten Sie ein!“— rief er in Verzweiflung„ſie 282 iſt unſchuldig, ich habe ſie bethört, berauſcht; verlangen Sie von mir, was Sie wollen, ich bin zu Allem bereit, nur ſchonen Sie die Unglückliche.“ Braßleff hielt inne, während das junge Weib ſeine Kniee jammernd umſchlang. „Geben Sie mir Ihr Ehrenwort, daß Sie Alles thun wollen, was ich von Ihnen verlange?“ frug nach einer Pauſe der Baron. „Ja!“— ſtammelte kaum ſeiner ſelbſt bewußt Zacha⸗ rias—„wenn Sie mir das Ihre geben, Ihre Gattin alsdann nicht zu mißhandeln.“ Dies geſchah auf beiden Seiten. „Setzen Sie ſich!“ fuhr darauf Braßleff gebieteriſch fort—„und ſchreiben Sie.“ „Und was?“ frug der junge Hartmann, dem Befehle Folge leiſtend. „Einen Wechſel auf Ihren Vater, meine Otrdre, bei Sicht, Summe: Zweitauſend Thaler!“ entgegnete Jener kalt.—„Zweitauſend Thaler?!“ wiederholte der junge Mann erblaſſend. „Zweitauſend Thaler!“ „Und wie ſoll ich dies verantworten?“ „Wie Sie können. Sagen Sie: Sie hätten ſie verſpielt, und es ſei eine Ehrenſchuld.“ Ab ich bitte „Wollen Sie oder wollen Sie nicht?!“— donnerte Braßleff und ſchwang die Peitſche über der halb Entkleide⸗ ten.—„Ich habe Ihr Ehrenwort.“ „Und ich das Ihre!“ ſchrie Zacharias,„ich ſchreibe!“ Nach wenigen Minuten reichte er dem Baron den Wechſel. 283 „Aber nun auch Vergeſſenheit und Vergebung für das Geſchehene und ewiges Schweigen.“ „Und von Ihrer Seite einen Schwur, daß Sie weder den Wechſel widerrufen, noch mir das Geringſte bei deſſen Einziehung in den Weg legen.“ Auch dieſen Forderungen wurde genügt, worauf Zacha⸗ rias aus dem Zimmer taumelte. Kalter Schweiß ſtand auf ſeiner Stirne— wilde Phantaſien riſſen durch ſein Gehirn. Halb angekleidet, wie er war, warf er ſich auf ſein Bett, um eine gräßliche Nacht zuzubringen.— „Das war eine tolle Nacht!“—ſagte der Kellner, als er andern Morgens das Frühſtück brachte—„haben Sie den Scandal auch gehört?“ „Nein!“ entgegnete Zacharias kurz und kalt. „Es war Streit auf des Barons Zimmer, er muß mit ſeiner Frau etwas gehabt haben.“ „Wie?“— rief Jener haſtig—„ich will nicht hoffen, daß er ſie doch mißhandelt?“ „Mißhandelt? nein! im Gegentheil. Aber der Teufel mag daraus klug werden. Erſt Zank, dann wurde in vol⸗ lem Entzücken von beiden Seiten gepackt, Poſt beſtellt, Champagner getrunken, die Rechnung bezahlt, und fort ging's.“ „Wie? wer ging fort?“ fragte Zacharias. „Der Baron Braßleff“— ſagte der Kellner n unter uns geſagt, ich bin froh, daß er fort iſt; denn ich glaube, deſſen Baronie liegt auch im Monde.“ „Das iſt nicht möglich!“ entgegnete der Reiſende— „der Fürſt Bockerdorf⸗Wellmerlaus⸗Wetzelberg⸗Werſch iſt ſein Freund, bei dem er geſtern den ganzen Mittag war.“ 284 „Da haben wir's ja!“ lachte der Kellner—„ſo hat er Ihnen auch etwas aufgebunden. Drüben im Jägerhaus am Ende der Stadt hat er geſeſſen und mit mehreren Offi⸗ zieren Hazard geſpielt.“ „Es iſt nicht möglich!“ „Ich war Augenzeuge!“ „Und das Paar ſchien heiter und in gutem Vernehwen, als ſie einſtiegen?“ „Sie waren kreuzfidel, küßten ſich und nannten Ihren Namen oft lachend.“ „Papier und Feder!“— ſchrie bei dieſen Worten Za⸗ charias ſo heftig, daß der Kellner zuſammenfuhr;— aber im ſelben Augenblicke ſank der junge Hartmann ohnmächtig zurück. XII. ₰ Codtesmatt.— Die Erkenntniß.— Kränkungen.— Die Krank⸗ 1 heit.— Das Uervenſieber.— Das Phantaſiren.— Dir blaue Blume.— Jennimorr.— Die Erſcheinung.— Des Arztes Bemühung.— Eine Mutter.— vi zugrrit— Der Entſchluß.— „Wie alt iſt nicht der Wahn, wie alt und ungerecht, Als ob Dir, weibliches Geſchlecht, Die Liebe nicht von Herzen ginge? Das Alter ſang in dieſem Ton; Von ſeinem Vater hört's der Sohn, Und glaubt die ungereimten Dinge. Verlaßt, o Männer, dieſen Wahn, 1 Und daß ihr ihn verlaßt, ſo hört ein Beiſpiel an, Das ich für alle Männer ſinge. Du aber, die mich dichten heißt, 3 Du Liebe, ſtärke mich, daß mir ein Lied voll Geiſt, Ein überzengend Lied gelinge! Und gib mir, zu geſetzter Zeit, Ein Weib von ſo viel Zärtlichkeit, Als dieſe war, die ich beſinge.“* Gelrert. Wrſt nach einigen Minuten gelang es dem Kellner, den Ohnmächtigen durch Anſprengen von kaltem Waſſer wieder zu ſich zu bringen; doch fühlte ſich Hartmann nicht nur erſchöpft und kraftlos, ſondern auch ſehr unwohl. Da er indeſſen, auf ſeine ſonſt ſo feſte Geſündheit 286 bauend, von einer kleinen Ruhe vollkommene Herſtellung hoffte, wies er für jetzt noch alle ärztliche Hilfe ab, und bat einzig den Kellner, ihn ein wenig allein zu laſſen.“ Es geſchah, und der ſonſt ſo blühende junge Mann lehnte nun bleich und kraftlos in einem Seſſel, mit trüben, erlöſchenden Blicken vor ſich hinſtarrend. Waren doch in den letzten Tagen ſo manche Stürme an ihm vorübergegangen und hatten Körper und Geiſt er⸗ ſchüttert. Fühlte er die Folgen des allzu raſchen und wilden Lebens, das er Abſchiede von der Vaterſtadt geführt; ſo beugten ihn die trüben Erfahrungen, die er gemacht, Gewiſſensbiſſe und namentlich die Täuſchungen, die er erlebt, noch ſchwerer und ſchmerzlicher nieder. Die Reiſe hatte ihn bis jetzt ein gar ſchmähliches Geld gekoſtet, aus deſſen Verluſt er ſich zwar wenig machte, den er aber kaum vor dem Vater zu rechtfertigen wußte. Die Reiſe hatte ihm ferner die Gewißheit gegeben: daß er namenlos ſchwach und ſo charakterlos ſei, daß er ſich vor ſich ſelbſt ſchämen müſſe. Jetzt erſt verſtand er Göthe's:„Sind wir ein Spiel von jedem Druck der Luft?“ — jetzt erſt fühlte er, was ihm auch in dieſer Beziehung Clariſſe geweſen. Welch ein namenloſer Unterſchied zwiſchen dem Leben, das er, gehoben und geheiligt durch ihre Nähe, zuletzt in Frankfurt geführt, und dem Treiben auf ſeiner Reiſe? Damals genoß er nicht minder die Freuden der Welt, aber nur die edleren; er ſah das Leben in dem verklärenden Lichte eines reinen Herzens an, denn Clariſſen's Geiſt hatte ihn auf ihren Standpunkt gehoben. Wohl wußte er z. B. ſchon damals, daß nicht alle weibliche Weſen Göttinnen 287 der Keuſchheit ſeien; allein er achtete doch noch in Allen ſo lange weibliche Tugend, bis er ſich vom Gegentheil überzeugte, das ihm auch dann noch nur Ausnahme ſchien; während er jetzt die troſtloſe Vorausſetzung mit ſich herum⸗ trug; weibliche Tugend ſei ein Hirngeſpinnſt, und nur ausnahmsweiſe bei überſpannten Seelen zu finden. Sonſt ſchöpfte er an der Geliebten Seite die reinſten und wahr⸗ ſten Genüſſe aus dem Anſchauen der Natur und dem Stu⸗ dium der beſſeren vaterländiſchen Schriftſteller; in der letzten Zeit dagegen wußte er nur den Trinken und der ſinnlichen Liebe Genuß abzugewinnen. Und wie leer, wie namenlos leer ließ ihn dies Haſchen nach derben Freuden, wie peinigte ihn dabei der Gedanke: ſo ſchwach und ſinn⸗ los, ſo werthlos zu ſein, ſo gewiſſenlos zu handeln?— Und wie ſtill glücklich, wie zufrieden mit ſich und der Welt, wie ruhig und ſelig war er an Clariſſen's Seite geweſen? Wie hatte ihn damals ſein eigenes Streben nach Veredlung mit Achtung gegen Andere und gegen ſich ſelbſt erfüllt? — Bei Gott, er fühlte: der Tauſch, den er eingegangen, war ein elender!— Was ihn aber am fürchterlichſten kränkte, war immer das ſchmähliche falſche Spiel, das man mit den edelſten Gefühlen trieb, und die niederträchtige Weiſe, mit welcher man ſeine Gutmüthigkeit, ſeine— wenn auch vorüber⸗ gehende, doch aufrichtige— Liebe gelohnt. Die Heuchelei Haubenhuber's kam ihm nicht aus dem Gedächtniß. Er hätte ja gerne vergeſſen, daß ſie ihn mit Liſt— ſelbſt mit Betrug fangen wollten; nie aber konnte er ihnen vergeben, mit welcher kalten Bosheit ſie ſich über 288 ihn luſtig gemacht; noch Veronika, daß ſie ſich zum Werk⸗ zeug ſo unwürdigen Betrugs hergegeben. Und jetzt erſt wieder?— Mußte er ſich nicht über⸗ zeugen, daß ihn die Baroneſſe— dies ſüße liebliche We⸗ ſen— im Vereine mit ihrem Manne mit kalter Berechnung ſyſtematiſch beſtohlen? Darum alſo die Artigkeit? Darum das Vielliebchen? Das Verliebt⸗ thun?— Darum durfte er das Zimmer von innen nicht verriegeln?— Darum die beiden Lichter(ls Sig⸗ nal) am Fenſter ſt H, und der— Wer war vielleicht dieſer ſogenannte Baron und ſein Weib?— Wie plump hatte er ſich von dieſem und dem Juwelier übertölpeln laſſen? — Er ſprang auf, ſeinem Vater die ganze Geſchichte zu ſchreiben, die zweitauſend Thaler zu retten und die Elenden zu ſtrafen. Was brauchte er Betrügern Ehrenwort und Schwur zu halten?!— aber die Feder entſank ſeiner Hand und er ſagte ruhig:„Nein!— waren dieſe Schurken, will ich keiner ſein!“ Indeſſen wurde es ihm immer unwohler. Er mochte ſich auf dem Ball verdorben und erkältet haben, oder nach⸗ her; der Aerger von früher und der Schrecken, die Auf⸗ regung und die Angſt der Nacht traten noch dazu— kurz er fühlte, daß er ſchlimmer, daß er ernſtlich krank werde. Sein Kopf brannte, ein Fieber ſchüttelte ihn, der Magen ſchien mit Blei ausgegoſſen, und die Glieder verſagten den Dienſt. Es iſt immer traurig, wenn man eine Krankheit hohl⸗ augig heranſchleichen ſieht;— aber es iſt entſetzlich, es iſt ⸗ 289 troſtlos, wenn uns ernſtliches Krankſein auf der Reiſe überfällt. Eiskalt ſchüttelt uns dann noch der ſchreckliche Gedanke: fern von der Heimath, von all unſern Lieben zu ſein, ausgeſetzt der mitleidsloſen Pflege weltfremder Men⸗ ſchen, die keine Liebe, kein zartes Band an uns knüpft, — ach! und ohne Troſt leiden— vielleicht allein und ver⸗ laſſen ſterben zu müſſen! Es liegt ja die Entmuthigung in dem krankhaften Zu⸗ ſtande des Körpers ſelbſt, und in dem Bewußtſein der Hilfloſigkeit und Hinfälligkeit deſſelben, Auch Zacharias drückte ſein Zuſtand und die trübe Ausſicht in die Zukunft zu Boden. Er konnte die Thränen nicht zurückhalten, und als ſie ihn einigermaßen erleichtert, gelobte er ſich, für den Fall, daß er wieder geneſen werde, das Reiſen aufzugeben, und unter jeder Bedingung zu Clariſſen und ſeinem früheren Leben zurückzukehren. Hierauf ſchickte er zum Arzt, ſchrieb in der Eile ein paar Zeilen an ſein Haus ihm ſein Unwohlſein meldend, avifirte ſeinem Vater die Unglücks⸗Tratte und zeigte Cla⸗ riſſen den Entſchluß: zu ihr zurückzukehren und das Reiſen aufzugeben, an. Kaum aber hatte er dieſen letzten Brief vollendet, zu⸗ ſammengelegt und ihn überſchrieben, als ihn— noch ehe er denſelben ſiegeln konnte— die Schwäche übermannte, ſo daß er kaum noch nach ſeinem Bett taumeln konnte. Einige Minuten darauf lag er bewußtlos da und fing zu phantaſiren an. Der Arzt kam und erklärte die Krankheit ſogleich für gefährlich; doch konnte er für den Augenblick noch nicht entſcheiden, ob es ein gaſtriſches, katarrhaliſches oder gar Commis Vohageur. 19 290 ein Nervenfieber ſei, und erſt den dritten Tag bezeichnete er es mit Gewißheit für ein hitziges Nervenfieber. Er hatte gleich bei ſeinem erſten Beſuche die neuge⸗ ſchriebenen Briefe ſeines Patienten vorgefunden und es für ſeine Pflicht erachtet, demjenigen an den Vater, ſowie dem offenen an Clariſſe— deren Verhältniß er aus dem In⸗ halt erkannte— einige Worte über den Zuſtand des jungen Mannes beizufügen. Seine nächſten Anordnungen waren nun Verdunklung und Abſperrung des Zimmers, die An⸗ ſchaffung eines Wärters, Blutegel an den Kopf und ſon⸗ ſtige mediciniſche Vorkehrungen. Ueberhaupt nahm der Arzt ſich des armen Verlaſſenen mit Eifer und Gewiſſenhaftigkeit an, ſo daß kein Tag verging, an welchem er denſelben nicht wenigſtens zweimal beſuchte. Fern von der Heimath, fern von Eltern und Freunden, fern von ſeiner guten Clariſſe, die ihn gewiß ſo gern und treu gepflegt haben würde, lag nun Zacharias bewußtlos in einem dunklen Zimmer des Gaſthofes jener fremden Stadt, und an ſeiner Seite ſaß— kalt und gefühllos, der gewohnten Pflicht nachgehend— ein gt Kran⸗ kenwärter. Aber der Himmel erſparte dem Leidenden Sniſſe die Qual des Bewußtſeins. Nacht umhüllte ſeinen Geiſt und Fieberträume zogen in wildem, phantaſtiſchem Tanze an ſeiner Seele vorüber, bald ihn ſchreckend mit gräß⸗ lichen Geſichten, bald ihm ein ſüßes Gluck vorlügend, oder auch ihn hinübertragend in neue, ihm unbekannte Welten. Geſpenſtiſch reichten ſie ſich die Hände und rauſchten an ihm vorüber wie Geiſterkarawanen. Es waren bewußte aber unwillkürliche Vorſtellungen und Gedanken; es waren 291 aphoriſtiſche Erinnerungen aus ſeinem Leben, grell erleuch⸗ tet von dem Feuer, welches die Krankheit in ſeinem Ge⸗ hirne entzündet, und wie Karten bunt gemiſcht und aus⸗ geſpielt von der Hand des Fiebers; Ideen, die das ver⸗ ſchloſſene Bewußtſein firirt, und welche die Phantaſie nun als Anhaltspunkt benützte, um ganze Reihen von Iteen⸗ Aſſociationen mit bewunderungswürdiger Schnelligkeit er⸗ folgen zu laſſen. Träume, und namentlich die wilden Phantaſieen eines hitzigen Fiebers, knüpften ſich bald an kurzverſchwundene, bald an näherliegende Eindrücke. So zogen die bunteſten Bilder chaotiſch an ſeiner Seele vorüber und wiegten ihn angenehm auf ihren goldenen Schwingen, oder zerriſſen ſein Herz, oder trugen ihn freundlich empor zu himmliſcher Luſt, um ihn wieder deſto tiefer in den Abgrund der Ver⸗ zweiflung zu ſtürzen. Bald ſah er ſich bei Jeanettchen und der wüthende Lieu⸗ tenant jagte ihn auf das Dach. Er kletterte dann wohl nach dem Schornſteine, den er ſchwindelnd umklammerte; aber da hingen ſich böſe Dämonen an ſeine Füße und riſſen ſo lange an ihm, bis er, mit einem entſetzlichen Schrei, herabſtürzte. Und wieder verſchmolzen die Geſtalten zu hölliſchen Fratzen, die ihn verfolgten mit offenen Rachen und langen Klauen, und er konnte nicht fliehen, und mußte angewurzelt die gräßlichen Kobolde erwarten. Aber als ſie näher kamen, waren es hübſche Mädchen, und Veronika, und Creszens, Genovefa, Nanchen, Regina und Kunigunde umtanzten ihn, und lockten ihn mit allen Künſten der Liebe, und er mußte ihnen folgen, ob er wollte oder nicht. Aber mit Einemmale ſchüttelten ſie die blendenden Gewänder ab 292 und ſiehe, es waren ſcheußliche Schlangen, die ihn umziſch⸗ ten und umwanden, und ihn zerriſſen und ſein Herzblut tranken. Und Zacharias fühlte, wie er immer ſchwächer und ſchwächer wurde, und unter dem triumphirenden Hohn⸗ gelächter der Schlangenſchweſtern ſtarb. Aber ein Tropfen ſeines Herzblutes war auf die Erde gefallen, und ſiehe! aus der rothgedüngten ſproßte es em⸗ por wie zart⸗grüne Blätter, und die Blätter wurden größer und größer und entfalteten ſich, und der Schaft ſchoß auf und trieb herrliche blaue Blüthen. Es war ein Vergiß⸗ meinnicht von ſeltener Schönheit und Größe. Aber auch die Blumen wollten die Schlangen verderben— da regte es ſich in ihr wunderbar, und wob und wirkte wie Zauber⸗ duft, und aus dem Kelche der Blume hob ſich ein ſchlankes Frauenbild, und wie es den lichten Schleier zurückſchlug, war es Clariſſe. Vor ihrem Bilde aber flohen die Unge⸗ heuer, und ſie neigte das Haupt, wie müde von Gram und Sorgen, nieder. Ueber die bleichen Wangen rannen bittere Zähren und ſie ſtreckte die Hände nach dem Todten aus und rief mit einem unausſprechlich wehmüthigen Tone:„Ge⸗ liebter, kehre wieder, oder auch ich welke Dir nach!“ Ach, es waren Höllenqualen, die hier Zacharias zer⸗ riſſen; er fühlte ſeine Bruſt leer und hohl, ſein Auge trocken, ſein Herz blutlos und ſtarr, und er hätte doch die Blume, die ſichtbar zu welken anfing, gern mit ſeinen Thränen und ſeinem Blute begoſſen— um ſie zu retten. Aber matter und matter ſenkten ſich die Blätter und Cla⸗ riſſen's ſchönes Haupt— bis ſie auf ſeine„hohle Bruſt ſank und auf ihr verging. Noch fürchterlichere Phantaſieen hatte er, aber faſt immer 293 ſchwebte ein Bild durch ſeine Träume: liebend, ſehnſüch⸗ tig, verſöhnend, rettend!— und dies eine Bild war das Clariſſen's. Wunderbar!— vft glaubte er ſie ganz deutlich ſprechen zu hören— oft dünkte ihm, ſie beuge ſich voll liebender Sorge über ihn; ja er fühlte manchmal ihren Kuß, und Seligkeit thaute mit dieſem auf ihn hernieder, wie lindern⸗ der Balſam auf eine tiefe und ſchmerzliche Wunde. Endlich war die Kriſis glücklich vorübergegangen. Die Phantaſieen ließen allmählich nach, ein geſunder Schweiß trat ein und mit ihm von Zeit zu Zeit ein ruhiger Schlummer.. Dennoch war dem Leidenden das Bewußtſein noch nicht zurückgekehrt; nur freundlicher waren die Phantaſieen ge⸗ worden, und namentlich jetzt war es, daß Clariſſen's Bild dem Kranken ſo oft und ſo deutlich erſchien. In einer Nacht hatte er wieder von der Geliebten ge⸗ träumt; aber in ſonderbarer Verſchmelzung in poetiſcher Form, getragen von einem andern theuren Bilde, war ſie ihm erſchienen. Vor Kurzem hatte er nämlich den lieb⸗ lichen Roman der Frau von Paalzow„St. Roche“ geleſen, und war von demſelben, namentlich von dem himmliſch⸗ ſüßen Bilde ſeiner Fennimore ſo tief berührt, ſo ergriffen worden, daß ſich ſein Geiſt noch jetzt mit ihm beſchäftigte. Aber dieſe ätheriſche Schöpfung eines dichteriſchen Kopfes, ihm lieb geworden, theilte ja die Neigung mit der wahren und lebenden Geliebten, und ſo verſchmolz denn auch der phantaſtiſche Traum beide Weſen in Eines, und in der zarten Geſtalt Fennimore's umſchwebte den Glücklichen die Geliebte. 294 Es war ihm aber wunderbar zu Muthe. Er befand ſich, wie ihm dünkte, in dem alten, düſteren Schloſſe, und durchwandelte an der Hand eines unbekannten Führers die hohen und weiten Gemächer deſſelben. Alles athmete jene gediegene Pracht, von der er einſt geleſen. Dies waren die ſchweren ſeidenen Tapeten, dies die hohen Spiegel von brei⸗ ten Goldrahmen umgeben; dort die goldenen und ſilbernen Gueridons, die Tiſchchen und Büchergeſtelle von Marmor oder ſeltenen Holzarten, hier das kleine Poſitiv, von Engeln getragen, und der künſtlich geſchnitzte Betpult von Eichen⸗ holz. Selbſt in den ſchönen Gefäſſen aus Japan prangten die Blumen und erfüllten die Luft mit ihrem ſüßen Hauche. Und wohin er blickte, überall der Reichthum des Geſchmackes Ludwigs des Vierzehnten und die holde Behaglichkeit einer ſinnigen Anordnung. Ein matter Dämmerſchein lag aber auf den Gegenſtän⸗ den, und tiefe Ruhe herrſchte rings umher. Siehe, da hob ſich am fernen Horizonte der Mond und goß ſein bleiches Licht durch die hohen Fenſter und die offene Thüre, und das Gärtchen, das draußen lag, prangte in ſeinen Strahlen in ſtiller Lieblichkeit. Gegen die Thüre aber ſtand ein hoher Lehnſtuhl, um welchen Roſen in ſchönen Gefäſſen blühten, und auf ihn hingeſtreckt ſaß ein ätheriſches Weſen. Es war Fennimore. Der Träumende aber fühlte ſein Herz überwältigt von Liebe zu der ſüßen Geſtalt der Lei⸗ denden und zerriſſen von Reue über eigene Schuld, und er ſank ihr weinend zu Füßen, und flehte ſie an, daß ſie ihm vergeben und ihn wieder aufnehmen möchte in ihre Liebe. Da entquollen den Augen der Geliebten heiße Thränen und fielen hernieder auf ſeine Wangen und ſanft ſagte ſie: „Unerſchöpflich iſt der Liebe der Quell der Vergebung, und aufrichtige Reue trägt die Vergebung in ſich. Sei mein, Du gute Seele, und ich will Dich umſchlingen und ſchützen gegen die Laſter und Härte der Welt.“ Und Fennimore zog ihn leiſe an ſich, und als er ihr in das Antlitz blickte, trug es die Züge Clariſſens. Aber die Laune des Traumgottes wechſelte die Scene. Verſchwunden war die behagliche Pracht, zerſtoben das ſüße Doppelbild. Zacharias ſtand auf einer gelichteten Wald⸗ ſtelle. Es war Mitternacht, und nur ſchwach konnte er die koloſſalen Maſſen Sanct Roche's erkennen, die finſter und drohend in den Nachthimmel ragten. Da brausten zwei Reiter vorüber und nahmen den Weg nach dem Schloſſe. Eine unwiderſtehliche Gewalt zog Zacharias nach, er folgte und ſah ſich bald in jenem unheimlichen Prunkgemache, in welchem einſt die unglücklichen Brüder Ludwig und Re⸗ ginald entſchlummert, um ſich nie wieder zu ſehen. Auch ihm zogen jetzt, wie damals dem Letzteren, die Geſtalten der Vorzeit vorüber, er ſah wie Jener: Katharina von Medicis, Theophine von Crech, Spinola und Souoré— auch er hörte den unſeligen Schuß, durch welchen der Bru⸗ der bewußtlos den Bruder tödtete— auch er erblickte Ludwigs Leiche, abrr der Traum wandelte ihn ſelbſt in Reginald, und gepeitſcht von den Furien der Hölle floh 3 weit! weit weg! Die Bruſt des Träumenden hob ſich hier gewaltſam, er keuchte und ſtöhnte und eine namenloſe Angſt marterte ihn. Da fühlte er ganz deutlich eine kühle Hand ſich wohl⸗ thätig auf ſeine Stirne preſſen: der Sturm der Gefühle 296 ließ nach, die graſſen Bilder zerfloſſen, der Athem ging ruhiger, und als ob ein Engel ſich ihm ſegnend genaht, zog der Friede in ſeine Bruſt. Er war wieder in Fenni⸗ more's Zimmer, aber Jahrzehnte waren vergangen. Es däuchte ihm, er entſinne ſich des holden Weſens mit einer ſtillen Wehmuth, und doch ſah er ihre Geſtalt wieder. Endlich ordneten ſich die Ideen. Es war ja Elmerice, die Enkelin Jener, ihr ſo gleich an Schönheit und Liebens⸗ würdigkeit. Und ſiehe! Emmy Gray, die alte, treue Die⸗ nerin, voll der poetiſchen Liebe zu ihrer einſtigen Herrin, kauerte zu Elmericens Füßen, die ſie mit unſäglichem Ent⸗ zücken anſchaute. Und Fennimore's Ebenbild lag ſchlum⸗ mernd in einem Seſſel, und neben ihr brannte ein Nacht⸗ licht, deſſen matter Schein das Zimmer kaum erhellte. Sie trug ein einfaches Kleid, das ihr unendlich gut ſtand. Zacharias aber wußte nicht, ob er wache oder träume. Er war ſich ſelbſt bewußt, er fühlte, daß er in einem weichen Bette liege, und doch ſaß ihm gegenüber Elmerice im Seſſel, das blaſſe Haupt auf den Arm geſtützt. Die Alte war verſchwunden. Aber je länger Zacharias das bleiche Weſen anſtarrte, deſto deutlicher trat Clariſſen's Bild vor ſeine Seele. Das war ihre ganze Figur, das war ihr Fuß, ihr Arm, das waren ihre Züge. Hartmann richtete ſich halb auf. Er fühlte nach der Stirne, ob er wache oder träume. Er wußte es nicht. Wie war er hieher, wie in dies Bett gekommen? War er in St. Roche? und wo war die Erinnerung an die nächſte Vergangenheit?— und jenes weibliche Weſen? es athmete, in tiefe Gedanken verloren, ſchien es halb zu wachen, halb zu träumen. Ha!— ein Geräuſch hat es 297 aufgeſchreckt—— es ſind Clariſſen's Züge!——„Clariſſe! Clariſſe!“ ruft Zacharias leidenſchaftlich—— da erlöſcht das Licht und Alles verſinkt in Nacht und Dunkel. Aber noch iſt der Kranke zu ſchwach, der leiſeſten An⸗ ſtrengung widerſtehen zu können, ermattet ſinkt er zurück— und entſchlummert. Erſt gegen Morgen dämmerte es wieder ſeinen Sinnen, da beugt ſich daſſelbe holde Frauenbild über ihn, ein heißer, ſeelenvoller Kuß brennt auf ſeinen Lippen, er reißt gewalt⸗ ſam die Augen auf; aber nur das Gewand Elmericens ſieht er noch durch die raſch ſich ſchließende Thüre. Man kann ſich denken, welche Mühe es den Reconvales⸗ centen koſtete, nach einer ſo langen Bewußtloſigkeit klar über ſeinen Zuſtand zu werden, auch bedurfte es in der That des Arztes, um ihn ganz au fait zu bringen. Mit Staunen vernahm Hartmann nun, daß er lange an einem hitzigen Nervenfieber darnieder gelegen. Auf alle anderen Fragen gab ihm der Arzt keine Antwort; ſondern er ver⸗ wies ihn noch zur vollkommenſten Ruhe, der ſich auch der Patient gerne überließ, da er ſich namenlos ſchwach fühlte. Die Erſcheinungen der Nacht und des Morgens dünkten ihm jetzt ein Traum, und ſo ſchlummerte er von Neuem ſanft ein. Der Arzt beſchäftigte ſich indeſſen auch außer dem Krankenzimmer mit Zacharias. Unbegreiflich blieb es ihm, daß auf jenen erſten Brief an Zacharias' Vater keines von den Eltern gekommen ſei, oder doch wenigſtens nur ge⸗ ſchrieben habe. Sollte der Brief verloren gegangen ſein? oder Zwietracht zwiſchen denſelben und dem Kinde herrſchen? Aber die weiteſte Kluft, die unangenehme Ereigniſſe zwi⸗ 298 ſchen Kindern und Eltern reißen können, überſpringt doch immer die Liebe, wenn der Tod droht, Eines oder das Andere zu entführen. Der Arzt begriff den Zuſammenhang nicht, that aber, was er für ſeine Pflicht hielt, und zeigte Hartmann's Vater nun an: daß die Kriſis nicht nur vorüber, ſondern der Leidende auch außer Gefahr und auf dem Wege der Beſſerung ſei. Er hatte ſich in ſeinen Vermuthungen nicht getäuſcht; da die erſte Nachricht nur in der Eile auf den Umſchlag jenes Briefes, den Zacharias an den Vater geſchrieben, und der den Avis der Tratte von den zweitauſend Thalern überbrachte, ſo hatte dies der alte Hartmann über den Aerger ganz überſehen; jetzt kam die Mutter in wahrer Todesangſt mit Extrapoſt ſelbſt an, und fand glücklicher⸗ weiſe ihren Sohn faſt ganz hergeſtellt. Man kann ſich die Erkenntlichkeit und Dankbarkeit der glücklichen Mutter denken, die nach einem ſo fürchterlichen Schrecken, nach einer Reiſe voll Todesangſt und Qual ihr einziges Kind gerettet in ihre Arme ſchließt. Nicht nur die reichſten Geſchenke floſſen dem Arzte zu, ſondern ſie erſchloß ihm auch ihr Herz unter Thränen; da nahm ſie der edle Mann bei der Fanb, führte ſie in ein Nebenzimmer und ſagte: „Verehrte Frau, ich habe nur gethan, was ich als Arzt und Menſch zu thun ſchuldig war. Gelang es mir aber, Ihren Sohn zu retten, ſo haben Sie dies größtentheils einer andern Perſon zu danken; einer Perſon, die ihr Leben daran wagte, Ihren Sohn Tag und Racht zu pflegen, und welche— eben durch dieſe liebevolle Pflege, durch die 299 zarteſte Sorgfalt, ſelbſt mit den größten Aufopferungen, gewiß eben ſo viel zu ſeiner Rettung beitrug, als ich.“ „Und wer iſt dieſe Perſon?“— frug die Mutter er⸗ griffen—„etwa der Krankenpfleger? oder der Gaſthalter? oder ſeine Frau? ich will ſie ja fürſtlich belohnen!“ „Keines von dieſen“— entgegnete der Mediciner.„Ge⸗ dungene Krankenpfleger ſind Maſchinen. Sie verrichten ihren Dienſt Tag ein, Tag aus bei Dieſem und bei Jenem mit gleichem Stumpfſinn. Wirth und Wirthin aber müſſen ihren Geſchäften nachgehen, und waren ohnehin ärgerlich genug, einen Nervenfieberkranken im Hauſe zu haben.“ „Oder war es einer ſeiner Freunde? ein anderer Rei⸗ ſender?“ „Es waren deren unter der Zeit manche hier; ſie frugen auch nach dem Kranken; als ſie aber von dem Nervenfieber hörten, wagte Keiner ſich ihm zu nahen.“ „Nun?“ frug Hartmann's Mutter geſpannt—„wer war denn ſein Engel? und ſo kühn, ſein Leben an die Erhaltung des ſeinen zu ſetzen?“ „Ja, wahrhaftig ein Engel!“— entgegnete mit ſicht⸗ barer Rührung der Arzt.—„Ein Engel, der auf die erſte Nachricht ſeines gefährlichen Unwohlſeins weit herkam, der ihn pflegte und wartete, wie ein liebendes Weib, und ſo beſcheiden war, unerkannt hinwegzueilen, ſobald die Ge⸗ neſung des Kranken als beſtimmt feſtſtand.“ „So löſen Sie mir doch das Räthſel, wer war es denn?“ „Fräulein Clariſſe Eros.“ „So!“— ſagte Madame Hartmann gedehnt, und mit einem Tone, der verrieth, wie unangenehm ſie dieſe Nach⸗ 3 1 300 richt berühre.—„Mamſell Clariſſe. Ei! ei! was doch überſpannte Liebe nicht thut. Aber das war freilich ſo recht romantiſch, und wohl berechnet, uns zu gewinnen.“ Den Doktor verletzten dieſe Worte tief, die Galle ſtieg ihm und er hatte ſchon ein giftiges, ſcharfes Wort auf der Zunge, als er ſich im Intereſſe ſeines ihm lieb gewordenen Protegé's Gewalt anthat und den Aerger hinabſchluckte. „Geehrteſte,“— ſagte er darauf ernſt—„es ſteht mir zwar kein Recht zu, in Ihre Familienangelegenheiten zu ſprechen, noch Ihre Denkungsweiſe zu tadeln; allein wir Aerzte müſſen nun einmal, wollen wir einen krankhaften Körperzuſtand von Grund aus heilen, auch die Seele im Auge haben. Erlauben Sie mir daher, mich in dieſer Be⸗ ziehung über Ihren Sohn auszuſprechen, da er mir über⸗ dem in dem Paroxismus des Fiebers dieſen verrathen. Ihr Sohn liebt jenes Mädchen eben ſo innig, wie ſie ihn, und zwar kettet ihn jene reine, geiſtigende und beſeligende Liebe an ſie, die allein die Gründerin wahren ehelichen Glücks ſein kann. Ihr Sohn hat es verſucht, dem elter⸗ lichen Gebote zu gehorchen, er hat hie und da genaſcht von den Freuden des Lebens—— aber! er hat ſich mit Eckel von allem abgewandt, da ſein Tiefinnerſtes erkannt hat: er werde nun und nimmer wahrhaft glücklich werden, wenn er nicht Clariſſe beſitze. Was Letztere nun betrifft, ſo ſcheinen Sie dieſelbe noch gar nicht einmal zu kennen; denn ſonſt würden Sie ſie eben ſo wenig für überſpannt halten, als von ihr glauben: ſie habe mit ihrem letzten Schritt einen Theatercoup beabſichtigt.“ „Was thut man nicht aus Liebe zu einem Mann!“ ſagte ſpöttelnd die Dame. 301 „Wohl viel!“ entgegnete der Arzt verletzt.—„Wer aber ſein Leben dafür wagt, ich meine, der habe bewieſen, daß er es redlich meine; denn er hat ja ſein Alles daran geſetzt. Uebrigens konnte Clariſſe nicht beab⸗ ſichtigen, Ihren Sohn durch dieſe rühmliche Aufopferung zu gewinnen; denn ſie ging, ohne daß er erfuhr, wer ihn gepflegt, und bat mich überhaupt, die Sache geheim halten. Da ich aber auch in ihrer Seele las, daß ihre Seligkeit von einer dauernden Vereinigung mit Zacharias abhänge, ſo ſah ich mich gedrungen, Sie über das Verhält⸗ niß Beider aufzuklären. Weiter geht meine Befugniß frei⸗ lich nicht.“ „Ich danke Ihnen, Herr Doktor, für den Antheil, den Sie an meinem Sohne nehmen!“— ſagte die Mutter kalt —„und will die Sache meinem Gatten voriegen.“ Beide verließen das Gemach verſtimmt. Mit Zacharias war unterdeſſen eine merkliche Verände⸗ rung vorgegangen. Es war ihm, als ſei er von einem langen Traume erwacht, deſſen Zuſammenhang ihm nicht mehr bewußt. Die Außenwelt mit ihren flüchtigen Reizen, ihren Wirr⸗ und Irrſalen, trat zurück, denn ein einziger Gedanke hatte ſeiner Seele eine neue Richtung gegeben. Er war entſchloſſen, nicht mehr zu reiſen, und ſich— koſte es auch, was es wolle— an Clariſſen's Seite ein dauern⸗ des häusliches Glück zu gründen. Seine ganze Seele warf ſich mit voller Thätigkeit nun auf dieſe einzige Idee. Nur in ihrer Erfüllung ſah er die freundliche Löſung aller ſeiner Wünſche, und er nahm daher auch keinen Anſtand, ſich ſeiner Mutter unumwunden zu erklären. Die gute Frau gerieth hierüber aber in ſchwere Kämpfe, „ 302 indem ihre eraltirte Mutterliebe nun in offenen Krieg mit den von Geburt an eingeſogenen Vorurtheilen des Geld⸗ ſtolzes trat. Auch hier war ſie indeſſen klug genug, an den Herrn Papa zu appelliren, und dem Sohne weder ge⸗ gründete Hoffnung zu geben, noch deſſen Entſchluß ent⸗ ſchieden entgegenzutreten. Zacharias indeſſen genas von Tag zu Tag mehr, und konnte nach acht Tagen die Heimreiſe antreten. Er begab ſich aber direkt nach Darmſtadt, um mit ſeinem Hauſe ab⸗ zurechnen, und dann auf immer dem Reiſen Volet zu ſagen. XIH. In Yarmſtadt.— Brämerſerlen, merkantiliſche Chiere, Geldfückt und wahrr Kaufleute.— Aeber das Ringen nach Geld!— Zwillinge!— Die zwei Briefe zweier Schweſtern.— Edler Entſchluß.— Frankfurt.— Pirtor Hugo in der Stadt der Karyatiden.— Der Empfang und die Erklärung.— PDie Entdemung.— Das leere Ueſt.— Sag' Deiner guten Freundin nie Etwas von Deiner Liebe, Trau' nicht der Allerbeſten—— ſie Fühlt mit Dir gleiche Triebe, Und trotz dem zehenten Gebot Sucht ſie zu Deinem größten Spott Den Schatz Dir abzujagen. Ovid's Werke von der Liebe. Traveſtirt. . Darmſtadt hatte Zacharias noch manches Unange⸗ nehme zu überwinden. Das Unangenehmſte war ihm die Perſönlichkeit ſeiner Herren Principale. Er fühlte hier recht deutlich, wie viele reiche Kaufleute doch nur erbärm⸗ liche Krämerſeelen ſeien; während er auf der anderen Seite eine immer klarere Anſchauung von dem Standpunkte bekam, zu welchem ſich der wahre Kaufmann erheben müſſe. Und wies ihn die Geſchichte Venedig's und Genua's nicht darauf hin?— Er las viel in den neueren Werken über 304 Handel: in Liſt, Oſiander und Smith's„Ueber National⸗ reichthum,“ um ſich noch die Ausbildung zu geben, die er bisher über leichtſinnige Streiche und Lumpereien vergeſſen. Man ſieht, die Krankheit und die Erfahrungen der Reiſe hatten Epoche in ſeinem Leben gemacht. Alles zeigte ſich ihm ernſter, gehaltvoller und bedeutender, und ſein Lieb⸗ lingsgedanke war nun: ſeinem Vater eine tüchtige Stütze im Geſchäft und ſeiner Clariſſe ein treuer und liebevoller Gatte zu werden. Zugleich aber ſtand in ihm der Vorſatz feſt, ſich vor den Fehlern zu hüten, in welche ein eifriger Kaufmann ſo oft fällt, nämlich— ein merkantiliſches Thier zu werden. Die ſchönſten Gedanken hierüber rief ihm der neue De⸗ mokritos warnend zu, wie: Es gibt merkantiliſche Seelen, in denen das Einmaleins da ſitzt, wo das Herz ſitzen ſollte —(Napoleon ſaß an der Stelle eine Kanonenkugel)— wie bei den Hebräern, die Rechnen und Denken mit einem Wort ausdrücken. Dieſe merkantiliſchen Thiere, denen Zahlen noch weit heiliger ſind, als dem Pythagoras— nennen nur denjenigen ihren Freund, mit welchem ſie Geſchäfte machen. Handel heißt Geſchäft, reich bedeutet gut, — Intereſſe gilt nur im Plurali Intereſſen, und Verdienſte nur im Singulari Verdienſt. Wie ſchwer fällt es dem Moraliſten, den Werth aus⸗ zumitteln? Der Kaufmann beſtimmt ihn bis zu einem Pfund, und das höchſte Gut, worüber die Philoſophen noch heute ſtreiten, iſt ihm ſein Kapital. Wo Alles nur nach dem Gewinn berechnet wird, ſelbſt der innere Werth eines Mannes nur nach ſeinem Gelde, 305 wie die äußere Ehre; wenn die Söhne ſchon im zehnten bis zwölften Jahre in den Laden geſteckt werden ohne wei⸗ tere Bildung, als Kaufmannsbildung— ſo kann der Sinn für das Höhere und Edlere im Menſchen nicht auf⸗ kommen, und wird im Aufſchwung ſchon erſtickt. Ich weiß nicht, woher es kommt, daß die Juriſten den Handelsmann anſehen, wie Kinder und Wittwen, Kirchen, Juden und ſchwere Kranke, die ein Recht auf ſchnellere Hilfe haben, und ſie in ihrer Sprache personas miserabiles nennen. Personas miserabiles macht allerdings die Maxime: O Cives! Cives! querenda pecunia primum est, Virtus post nummos. was im Deutſchen heißt: Bürger! Bürger! zuerſt ſucht Euch nur Geld zu er⸗ werben, Nach dem Gelde die Tugend. O! Hofrath Weber!— dachte Zacharias, alte, ehrliche Haut, wie haſt Du Recht. Geld iſt einmal das zweite„Ich“ des Kaufmanns, und es wäre verzeihlich, wenn es nur nicht auch in der Welt ſein beſſeres„Ich“ wäre!— Ein guter Wechſel iſt unter allen Schriften dem Kaufmann die intereſſanteſte. Freundſchaft?— ach! die kennt er gar nicht, und er zahlt um keinen Preis einen Wechſel einen Tag früher, als er verfallen; denn Businness will be done in a regular way d. h. Handel leidet keine Freundſchaft. A. Smith in ſeinem trefflichen Werke über den Natio⸗ nalreichthum fängt damit an, daß er ein eigenes Princip des Menſchen feſtſetzt, das Tauſchprincip; und in der That, trotz aller Uneinigkeiten und Streitigkeiten der Philoſophen Commis Vohagenr. 20 306 über die Principien der Moral, iſt der Kaufmann allein im Reinen mit ſeinem Tauſchprincip, bei dem gar keine Moral gilt. Und erzählt nicht der„lachende Philoſoph“ ſo viele charakteriſtiſche Geſchichtchen? „Ich ernähre fünfhundert Menſchen,“ ſagte einſt ein ſtolzer Fabrikherr, und bekam die verdiente Gegenrede:„Er⸗ lauben Sie, eigentlich ernähren Jene Sie.“ Zu ſolchen Dingen kann man noch lachen, aber ganz ernſt wird man bei dem Gedanken an die Bereitſchaft dieſes Standes, ſich vom Staate zu mäſten und vom öffentlichen Elende, wie man bei langen Kriegen erleben kann. Der Amſterdamer Byland ſandte 1638 Pulver, Mus⸗ keten und Piken nach Antwerpen und wurde zur Verant⸗ wortung gezogen.„Sie ſind bezahlt und gut, kann ich etwas gewinnen, ſo ſchiffe ich nach der Hölle; und ſollt' ich die Segel verbrennen, ſo ſoll Mynheer Satan, wenn er Rimeſſen ſchickt, ſtets gut bedient werden.“ Und dies iſt die Maxime der meiſten Kaufleute. Es wäre ſchlimm, gäbe es unter dieſem Stande keine Beſſeren; aber ſie ſind immerhin ſehr dünn geſäet. Zacharias' Lieblingsgedanke war es aber, ſeinen Mit⸗ bürgern einſt zu zeigen: daß man auch als Kaufmann In⸗ tereſſe an geiſtigen Dingen und ein menſchlich fühlendes Herz haben könne. Mitten in dieſen Beſtrebungen und Vorbereitungen traf ihn aber nochmal eine kalte Hand, ihn an frühere unüber⸗ legte Streiche bitter erinnernd. Er empfing nämlich einen Brief aus Wien. Die Hand der Aufſchrift war ihm fremd, er erbrach ihn und fand noch eine Einlage; die Einlage, 307 mit unſicherer, ſchwacher Hand geſchrieben, war aber von Sophien und lautete: „Theurer Freund! Thränen der Freude und des Schmerzes in den Augen, ergreife ich mit ſchwacher Hand die Feder, Dir zu melden, daß ich Mutter von zwei Knaben bin. Aber im gleichen Augenblick ſchreit auch mein Herz in Noth und Verzweif⸗ lung zu Dir auf!— Ich habe meine Schweſter ſelbſt arm und hilflos gefunden, und ſchmachte nun im größten Elend. — Zacharias! Du ſchwurſt mir auf unſerer Reiſe ſo oft Liebe, ach! wenn es Dir möglich, hilf mir! Deine arme Sophie.“ Der Brief in welchem dieſe Zeilen eingeſchlagen, lau⸗ tete aber ganz anders. Er war von Sophiens Schweſter. „Herr Hartmann! aus Einligendem Brief erſehen ſie den zuſtand Meiner ſchweſter, die ſie tadurch unklücklig gemagt, das ſie ſie zu⸗ rickgeſezt haben und Eine andere ihr vorgezogen haben. ich bin die ältere und muß ihre Gerechtſamme Vertre⸗ ten. ich ſchreibe ihnen alſo, daß ſie Meiner ſchweſter ſo⸗ kleich dreihuntert gulten ſchücken, ſie werden das gelt ſchücken, denn ſonſt ſchwöre Ich ihnen, wenn ſie das gelt nigt ſo⸗ gleig ſchücken, ſchreibe ich an ihren Vader und ihre vorge⸗ zogene Braud, wie ſie meine ſchweſter fervührt haben, und mit Ihr gereist ſint. Beweiße der Waarheit ſind in unſeren hänten, ſo das Ich ſie auch verklagen werte: denn ſie haben ja ſelbſt in 20* 308 Freiſing, Landshut, Oſterhofen, Vilzhoffen, Baßſau, Regens⸗ purch u. ſ. w. in die fremden Bücher mit Eigener hant geſchriben: Herr Hartmann und ſeine Frau. und iſt dies in die polizei Lüſten mit eingeſchriben und haben es PViele leute geſehen die zeichen ſein werden und Müßen. darum ſchücken ſie das Gelt, oder ich ſchwöre ihnen ſie ſind un⸗ klicklich. denn ich liebe Meine ſchweſter und ſie jammert mig ſehr. Marie. ſchücken ſie das gelt ja, ſonſt Halte ich wort. Wirn, den 15343. Dieſe zwei Briefe machten auf Hartmann einen ſehr verſchiedenen Eindruck, indem ihn der eine ergriff und rührte, während ihn der andere im höchſten Grade erzürnte. Setzte man ihm mit demſelben nicht ſozuſagen die Piſtole auf die Bruſt?— In der erſten Erregung beſchloß er daher, gar nicht zu antworten;— nach kälterer Ueberlegung aber ſah er ein, daß er doch wohl ein ſo rohes und ungebildetes Weſen, wie Sophiens Schweſter nach dem Briefe zu ſein ſchien, nicht reizen dürfe. Er hatte unvorſichtiger Weiſe dem Feinde ſelbſt das Meſſer in die Hand gegeben, und er fühlte nun mit klopfendem Herzen, was auf dem Spiele ſtand; indem ihm gerade jetzt, wo er im Begriff war, ernſtlich ſolid zu werden, in des PVaters Geſchäft und die bürgerliche Welt einzutreten und zu heirathen— indem ihm gerade jetzt das Ruchbarwerden dieſer verwünſchten Reiſe in der allgrmeinen Achtung unendlich ſchaden mußte. Dazu kam noch das aufrichtige Mitleid, welches er mit Metin 309 Sophien fühlte, die gewiß nichts von ihrer Schweſter gro⸗ bem Briefe wußte— und das Bewußtſein— nicht Jene verführt und benützt— ſondern nur einſt ſitzen gelaſſen zu haben. Er hatte ſie damals getäuſcht, und mit dieſer Treuloſigkeit, mit dieſer erſten Täuſchung für ein kindlich⸗ reines Herz war ja der Grund zu deſſen Untergang gelegt. Zacharias hatte alſo nichts Anderes zu thun, als ſeinen Privat⸗Reiſe⸗Conto, der bereits ſchon ſchöne Poſten aufzu⸗ weiſen hatte, mit noch dreihundert Gulden mehr zu belaſten. Nur Eines vermochte er nicht über das Herz zu bringen: ſchon wieder Geld von ſeinem Vater zu verlangen; er ach⸗ tete dayer die acht Prozent nicht, die ihm ein ehrlicher chriſtlicher Jude für das Darlehen abnahm, und ſandte in Gottesnamen auch dieſes Schmerzensgeld ab. Zwei Briefe begleiteten es: ein freundlich tröſtender an Sophien und ein anderer an deren Schweſter, in welchem er ſich auf den hohen Gaul ſetzte und ihr ſchrieb, daß nicht die albernen Drohungen und ihre Grobheit ihn zu der Geldſendung bewogen, ſondern lediglich Mitleid und An⸗ hänglichkeit an Sophie. Als die Sache geordnet, athmete Stin ordentlich frei; denn es kam ihm vor, als habe er ſicch nun völlig aus dem unglücklichen Banne losgekauft, der i auf der ganzen Reiſe verfolgt. Auch mit ſeinem Hauſe war er bald in der Reihe, und flog nun der nahen Heimath zu. Seine Mutter war gleich nach ſeiner Geneſung dahin zurückgekehrt. Endlich war der letzte Berg erreicht, und von der Sach⸗ ſenbäuſer Warte herab ſah er die alte Vaterſtadt weit ausge⸗ breitet mit ihren weißen, prächtigen Paläſten vor ſich liegen. 310 Wie freudig grüßte er ſein liebes Frankfurt, wie wur⸗ den bei ſeinem Anblick ſo viele ſchöne Erinnerungen wach — Erinnerungen, die bis in die zarteſte Kindheit reichten und ihn unſchuldig und ſelig anlächelten wie Engel! In jener Häuſermaſſe lebten ſo Viele, die er ſchätzte; ſie umſchloß Eltern, Freunde und Geliebte, dort ſollte ihm ein neues Glück erblühen— ein ſtilles, häusliches Glück. Aber hatte er nicht auch neue Kämpfe zu beſtehen, um daſſelbe zu erringen? mußte nicht Clariſſe wieder gewonnen, mußte nicht— was wohl das Schwerſte und Gefährlichſte war— des Vaters ſtrenges„Nein“ beſiegt werden? Aber eine wunderbare Ueberzeugung eines glücklichen Erfolges hatte ſich in ihm, ſeitdem er es aufrichtig und redlich mit ſich und Clariſſen meinte, feſtgeſetzt, und erhielt ihm den frohen Muth. Mit Entzücken begrüßte er daher die derben, kräftigen Geſtalten der Sachſenhäuſer, deren ſtets ſich mehrende Zahl ihm das Annähern an die berühmte Vorſtadt kündete. Endlich war ſie erreicht. Der Eilwagen raſſelte durch Sachſenhauſens Straßen, dem deutſchen Hauſe und der ernſtblickenden Sta⸗ tue Kaiſer Karls des Großen auf der Mainbrücke vorbei, hinein in die volkreiche Stadt. In die Stadt der Karya⸗ tiden, wie ſie Victor Hugo in ſeinem Werke„der Rhein“ nennt. Freilich hat der poetiſche Franzoſe oder vielmehr der franzöſiſche Poet hier wie anderwärts viele Dinge ge⸗ ſehen, die gar nicht exiſtiren und auch nie exiſtirten, und ich frage Jeden, der Frankfurt kennt: ob der gute Dichter der„Notre⸗Dame“ nicht geträumt haben muß, als er fol⸗ gende Stelle niederſchrieb: 31¹ „Ich habe noch nirgends ſo viele Coloſſe als Laſtträger geſehen, wie in Frankfurt. Es iſt unmöglich, Marmor(²), Stein, Bronze(²) und Holz in rauherer Erfindung und größerem Wechſel arbeiten, winſeln und heulen zu laſſen. Nach welcher Seite man ſich immer(in Frankfurt) wendet, ſo ſind es arme Figuren aller Weltabſchnitte, aller Style, aller Geſchlechter, jeden Alters und jeder erdenk⸗ lichen Erſcheinung, die ſich winden und jämmerlich ſeufzen unter ungeheuren Gewichten. Gehörnte Satyre, Nymphen mit flamändiſchen Buſen, Zwerge, Rieſen, Sphynxe, Drachen, Engel und Teufel, kurz ein ganzes unglückſeliges Volk übernatürlicher Weſen, von einem Zauberer, der frech in alle Mythologien zugleich hinein ſündigte, zuſammen⸗ gerafft, in verſteinerte Gehäuſe gebannt, und ſo unter Ge⸗ ſimſe und Tragbalken geſchmiedet und mit dem halben Körper in's Gemäuer hineingezwängt. „Die einen tragen Balkone, die andern Thürmchen(2), die meiſt Beladenen ganze Häuſer. Unter ſolchen titaniſchen Laſten beugen ſich die Karyatiden in allen Stellungen der Wuth, des Schmerzes und der Erſchöpfung. Dieſe neigen den Kopf, Jene werfen ihn halb zurück, andere ſtemmen die gekrämpften Hände auf die Hüften, oder drücken ſie gegen die aufgeblähte Bruſt, die faſt zerſpringen will; da gibt es verachtende Herkuleſſe, welche ein ſechsſtöckiges Haus mit einer Achſel ſtützen und die Fauſt der andern Hand dem Volke weiſen. Da ſieht man betrübte, bucklige Vulkane, die ſich mit ihren Knieen helfen, oder unglückliche Sirenen, deren Schuppenſchwanz ſich an den Bindeſteinen gräßlich zerſchmettert; dort erblickt man erbitterte Chimären, die ſich wüthend unter einander verbeißen; die Einen weinen, die 312 Andern lachen bitter, die Dritten ſchneiden den Vorüber⸗ gehenden fürchterliche Geſichter u. ſ. w.“ Schließlich dieſes Karyatiden⸗Artikels ſagt der dichteriſche Reiſende: „Das fürchterlichſte Ereigniß, welches Frankfurt treffen könnte, wäre weder die Inoaſion der Ruſſen, noch der Einbruch der Franzoſen, weder der europäiſche Krieg, der durch das Gebiet zöge, noch die alten Bürgerkriege, die neuerdings die vierzehn Quartiere der Stadtzer⸗ ſtörten(wann? wo? wie ²), weder der Typhus, noch die Cholera, ſondern das Erwachen, das Losbrechen und die Rache der Karyatiden.“ Zacharias kümmerte ſich nun freilich bei ſeinem Ein⸗ fahren in die Vaterſtadt wenig darum, ob Victor Hugo Recht habe oder nicht, ſein Geiſt war auf ganz andere Dinge gerichtet. Bald war auch das ſchöne Poſthaus er⸗ reicht, und wenige Minuten darauf ſtand Zacharias vor ſeinem Vater. Er fand denſelben auf dem Comptoir und gerade mit einem Mäkler beſchäftigt. Demohnerachtet eilte der Sohn dem Vater entgegen, ihn zu umarmen; aber der Alte ließ ſich nicht ſtören, ruhig handelte er weiter, wehrte die ſtür⸗ miſche Umarmung mit einer leichten Handbewegung ab und reichte ſodann unter beſtändigem Accordiren dem Sohne die Rechte. Zacharias bebte. Er kannte ſeines Vaters Ruhe, wußte, daß er ſich durch nichts in ſeinen Geſchäften ſtören laſſe; aber einen ſo kalten Empfang hatte doch der feurige, lebens⸗ warme Jüngling nicht erwartet, und zwar um ſo weniger, als er— das einzige Kind Hartmanns— vor wenigen 313 Tagen erſt vom Tode erſtanden, wie durch ein Wunder ihm wiedergeſchenkt war. Zacharias eilte verletzt und entmuthigt in die Arme der Mutter. Erſt als der Mäkler weggegangen, das Geſchäft in's Reine gebracht und noch einige Briefe geſchrieben waren, die mit der Mittagspoſt fort ſollten, begab ſich der alte Hartmann hinauf in ſeine Wohnung und zu ſeinem Sohne. Zacharias erwartete nun vor Allem eine Strafpredigt wegen der ungeheuren Summe Geldes, die er in ſo kurzer Zeit verpraßt; aber der Alte ſagte nur: „Ich habe ſchon durch Deine Mutter gehört, daß Du nicht mehr reiſen willſt. Das iſt auch nöthig; denn ein Strudelkopf wie Du eignet ſich nicht dazu, ſonſt geht Ver⸗ mögen und Geſundheit zum Teufel. Haſt Du Hazard geſpielt?“ „Nein!“ entgegnete Zacharias beſtimmt, da er hier nicht läugnen konnte noch wollte. „Das iſt mir lieb,“ entgegnete ruhig der Vater— „einen Spieler nähme ich nicht in mein Geſchäft; von den andern Lumpereien will ich nichts wiſſen, nur hoff' ich, daß der junge Herr die Hörner jetzt abgelaufen hat.“ „Sie können ſich darauf verlaſſen, Vater!“— entgeg⸗ nete Zacharias, angenehm von des Alten Toleranz über⸗ raſcht.—„Ich habe keine größere Sehnſucht, als in Ihr Geſchäft zu treten, und ein tüchtiger Kaufmann, guter* Staatsmann und glücklicher Gatte zu werden⸗“ „Weiter nichts?“ entgegnete der alte Hartmann trocken. „Auch die Braut vielleicht ſchon bei der Hand?“ „Sie wiſſen, Vater, wen ich liebe.“ 314 „Lieben? Lieben! Narretheien!“— brummte Jener ärgerlich—„ich dächte, die Reiſe und Haubenhuber's hät⸗ ten Dich von den romantiſchen Ideen geheilt. Oder haſt Du noch eine beſſere Parthie an der Hand?“ „Mein Herz und mein Leben, Vater, gehört Clariſſen.“ „Und Du gehörſt in's Narrenhaus!“ zürnte der Vater. „Wann wirſt Du anfangen, vernünftig denken zu lernen und ſelbſtſtändig zu werden?— Aber das kommt von den verfluchten Comödiantenſtreichen der überſpannten Mamſell: Hinreiſen!— den Pakienten pflegen! mit Schwärmerei ſein Leben wagen! und dann heimlich verſchwinden!“ „Wie?— Was?!“— rief hier Zacharias aufſpringend. —„So wär' es doch kein bloßer Traum geweſen? Clariſſe, meine ſüße, treue Clariſſe, die ich verrathen, vernachläſſigt, gekränkt, wäre hingereist und hätte mich in der tödtlich anſteckenden Krankheit gepflegt?“ „Stell Dich nicht, als ob Du nichts davon wüßteſt!“ — brummte der Alte, während die Mutter, ärgerlich den Kopf ſchüttelnd, den Vater anſah und ſagte:„Das war nun wieder klug, Alter, nun haſt Du's erſt gut gemacht.“ „Nein, lieber Vater,“ rief ſtrahlend vor Entzücken Za⸗ charias—„ich habe nichts hievon gewußt! aber ich gebe Ihnen mein Wort, Sie hätten mir keine ſchönere Himmels⸗ botſchaft kündigen können.“ „Ich will Dir ſagen, was ich Dir zu verkündigen habe entgegnete mit ſtets gleicher Ruhe der Kaufmann.—„Ich habe Dir bereits eine Frau ausgemacht, die Geld hat, und auch hübſch und jung ſein ſoll. Es iſt eine Verwandte des Herrn Kehrenſohn, eines meiner Jugendfreunde, der vor 14 ganz kurzer Zeit als reicher Mann aus der Havannah zu⸗ — 315 rückgekehrt. Da er kinderlos und ledig, nahm er ſich des jungen Mädchens an, und warb für ſie um Deine Händ, da er ihr einen braven Mann geben will. Ich habe, da ſie gleich wenigſtens fünfzigtauſend Gulden mitbekommt, wie natürlich, zugeſagt, und Du wirſt„ „Ich, lieber Vater,“ vollendete Zacharias— werde mich ſtets bemühen, Ihr guter Sohn zu ſein; heirathen aber werde ich nur Clariſſen— oder gar nicht.“ Der alte Hartmann ſtand bei dieſen Worten ruhig auf und ſagte nach der Thüre gehend: „Du kannſt mir ſagen, wann Dein Paroxismus vor⸗ über iſt, dann wollen wir von der Sache weiter ſprechen.“ Zacharias kränkte dies Benehmen ſeines Vaters nicht, er kannte ihn ja, und gab daher die Hoffnung nicht auf, ſeinen Eigenſinn und ſeine Vorurtheile mit der Zeit zu beſiegen. Vorerſt erklärte er ſich offen gegen ſeine Mutter, hielt ihr Clariſſens edlen Charakter, ihre Bildung und den guten Einfluß vor, welchen ſie auf ihn übe; zeigte dann, daß es nach einer ſo ſchönen und anſpruchslos ausgeführten That, die doch wahrlich eine tiefbegründete und wahre Liebe verrathe, doch niederträchtig von ihm gehandelt wäre, wenn er ſie mit Undank und Treuloſigkeit lohnte. Aber auch bei der Frau Mama drang er nicht durch; denn ſie machte es wie alle Weiber, nachdem Zacharias ſtundenlang geſprochen hatte und ſie überzeugt glaubte— kam ſie auf ihr erſtes Wort zurück und ſagte:„Das iſt Alles gut, aber ſie hat kein Vermögen, und der Vater hat nun einmal dem Herrn Kehrenſohn ſein Wort ge⸗ geben.“ 316 Da brach dem jungen Mann die Geduld, er nahm Hut und Stock und lief davon. Aber ſeine Seele war ſo voll Entzücken über Clariſſen's Liebe, daß der Aerger nicht lange widerhielt, und wo an⸗ ders hätte er hinflüchten können, als gerade zu der Ge⸗ liebten? Ihr kleines Haus war bald erreicht, doch fand es Hart⸗ mann verſchloſſen, und er erfuhr zu ſeinem Schrecken: daß Eltern und Tochter vor einigen Tagen weggefahren und noch nicht zurückgekehrt ſeien. Wohin, wußte Niemand an⸗ zugeben. XIV. Die Frankfurterinnen.— Frankfurt ein klein Paris.— Die drei goldenen Kälber.— Pildung, Perbildung, Urberbildung. — Die Millionüre, die Hunderttauſendrr, die Tauſender, die Handwerker und die Lumnen.— Diverſe Projekte.— Erin- nerungen an den Wiener Congreß.— Homburg.— Der Lreund aus der Havannah.— Dir Anrede und die Gegen- redr.— PDie aufgezwungene Braut.— Cäuſchungen und Entwirrungen.— Die Hochzeit.— Die Freundr.— Wer hat Recht?!— „Der Kaiſer ſteigt vom Thron, heißt freundlich ſie will⸗ kommen An ſeinem Hof. Die Fürſten drängen ſich Um Hüon her, umarmen brüderlich Den edlen jungen Mann, der glorreich heimge⸗ kommen. Von einem ſolchen Zug. Es ſtirbt der alte Groll In Karl des Großen Bruſt. Er ſchüttelt liebevoll Des Helden Hand und ſpricht: nie fehl'es unſerm Reiche An einem Fürſtenſohn, der Dir an Tugend gleiche.“ Wieland's Oberon. B eurmann kam in ſeinen„Frankfurter Bil⸗ der“ bei dem Kapitel„die Frankfurterinnen“ ein⸗ mal der Gedanke: die ganze Frauenwelt in mehrere Claſ⸗ ſen und Ordnungen zu bringen, wie Linné mit den Pflanzen gethan. 318 Der Mann iſt zartfühlend und artig und es ſchwebten ihm dabei, wie er ſelbſt ſagt: „Feuerröschen, Adonisaugen, Augentroſt, Balſaminen, Vergißmeinnicht, Himmelsſchlüſſel, Heilkraut, Engelſüß, Sam⸗ metblumen, Ehrenpreis, Mannestreue, Maiblümchen, Königs⸗ kerzen, Sinngrün, Sonnenthau, Liebesäpfel, brennende Liebe ſ. w.“ vor; da fielen ihm aber plötzlich auch die Namen: „Kreuzkraut, Frauenkrieg, Pfeffermünze, Klatſchroſen, Gänſe⸗ blume, Unholdenkerz, Schlangenkraut, Krebsdiſtel, Donnergrün⸗ Sauerklee, Erdgalle, Schwertlilien, Natterkopf, Matronen⸗ kraut u. ſ. w.“ ein, und ſo zog er klugerweiſe die Sicher⸗ heit ſeiner Augen in Betracht, die er jedenfalls gefährdet haben würde, hätte er die oder jene Schöne mit den letzt⸗ genannten Pflanzen in eine Kategorie gebracht. Groß würde jedenfalls die Claſſe: Tauſendgulden⸗ kraut geworden ſein, hätte man nur dann noch ein Hunderttauſendgulden⸗ und ein Millionen⸗ kräutchen ſchaffen können, die beide auf dem Frankfurter Boden gut gedeihen. Roſen kommen weniger hier fort— mit Ausnahme der weißen— und man wird ſelten ein blühendes, dafür aber deſto mehr feine und intereſſante Geſichter finden. Tournüre haben die Frankfurterinnen, und vor allem An⸗ deren einen feinen Geſchmack, und da das Geld in dieſem Bunde als die dritte Gabe erſcheint, ſo findet man in dieſer Stadt, ſo feine, koſtbare Toiletten, als man nur in Paris ſehen kann. Ueberhaupt darf der Frankfurter ſagen: „Mein Frankfurt lob' ich mir! Es iſt ein klein Paris, und bildet ſeine Leute.“ Denn Wien, Berlin und Hamburg ausgenommen, gibt es keine deutſche Stadt, welche ſo artige und feine, ja ge⸗ bildete Griſetten und Loretten aufzuweiſen hätte, als die edle Mainſtadt. Uebrigens wiſſen ſich hier die Mädchen bis in die nie⸗ derſten Elaſſen höchſt geſchmackvoll zu kleiden, und auch die jungen Männer haben mehr Schliff als irgend ſonſt in Deutſchland. Wenn nur der verfluchte dumme Geldſtolz nicht wäre! der die Menſchen hier wahrhaft embétet, und etwas mehr Intelligenz. Aber es ſind hier drei goldene Külber aufge⸗ richtet, die kein geiſtiges Leben aufkommen laſſen: das Eine ſteht auf der Millionenſtraße und wird von den höheren Claſſen umtanzt mit der Bitte:„Geld! Geld! Geld!“— Das Zweite thront hoch oben über der guten Stadt, und hat Ableger in Bockenheim, Bornheim, Hauſen u. ſ. w., und zu ihm ſchreien namentlich die Handwerksklaſſen:„Gut Eſſen und Trinken!“— Das Dritte aber iſt aus Paris geſchickt worden, und kommt jetzt auf die Zeil. Seine eifrigſten Verehrer ſind die Damen, und die Anbetungs⸗ formel heißt hier:„Nur Putz und Staat!“ ueber dieſe Kälberanbetung werden nur zu Viele ſelbſt zu Kälbern. Es wird in Frankfurt ſehr viel für eine gediegene Schul⸗ bildung gethan; aber damit iſt es auch fertig. Schüler ünd Schülerinnen machen ihrem Jahrhundert Ehre; haben ſie aber Schule oder Inſtitut verlaſſen, ſo ſind auch ſie verlaſ⸗ ſen; denn es weht eben hier kein Geiſt, der ſie freiſi für ein thatkräftiges bürgerliches Leben erziehen, keine Sym pathie für das Höhere im Leben, die ſie erheben, und zu 320 edlen geiſtigen Menſchen machen könnte. Man führt die Jugend im Dienſte der goldenen Kälber ein, und gibt ihr höchſtens einen geſellſchaftlichen Schliff. Und was charakteriſirt die jungen Herrchen und Dämchen? Sie können tanzen, ſchlecht engliſch und franzöſiſch ſprechen, das Clavier ſpielen, keck aburtheilen, ſich hübſch putzen, Jeden verachten, der weniger Thaler hat als ſie; ſie wiſſen nicht das Geringſte von den geiſtigen Intereſſen der Menſch⸗ heit, nichts von Geſchichte noch Literatur— überhaupt Nichts, was über die Tagesmode hinausgeht. Dieſe geiſtige Beſchränktheit bei reichen Geldmitteln hat dann natürlich einen doppelt widerlichen Stolz zur Folge, und dieſer Geldſtolz iſt es, welcher jene ſcharfe Schattirung der Stände und Taxation nach dem Vermögen hervorruft, welche einem ſocialen Leben ſo hemmend entgegentreten. Und dann— es fehlt hier Gemüthlichkeit. Dieſe bockslederne Steifheit geht ſo weit, daß die Mil⸗ livnärs gewiß mit den Hunderttauſendern nicht einen und denſelben Vergnügungsort beſuchen; eben ſo wenig wol⸗ len die Letzteren mit den Tauſendern noch die Tau⸗ ſender mit den Handwerksleuten zuſammentreffen. Nur der dritte Pfingſttag vereinigt Alles im Wäldchen, und ſelbſt die Ariſtokratie fährt und ſagt gnädig lächelnd:„Wie ſich unſer Volk amüſirt.“ Wer in Frank⸗ furt kein Geld hat, und wäre er ein Gott an Wiſſen und Verſtand, iſt ein Lump. Zacharias hatte Mühe, ſich wieder in dieſen Geiſt einzu⸗ öhnen; denn war er auch nicht lange gereist, ſo hatte doch mit der Fremde eine gewiſſe Freiſinnigkeit einge⸗ athmet; auch hatte er zu viel wahre Bildung, um ſeinen 321 eigenen inneren Werth in die Anzahl von Kronthalern ſei⸗ nes Vaters zu ſetzen. Indeſſen fügte er ſich um ſo mehr in jeden Wunſch ſeiner Eltern, als er entſchloſſen war, dieſen bezüglich der Heirath nicht nachzugeben. Aber der alte Hartmann blieb ſo feſt wie ſein Sohn, der — trotdem daß Clariſſe wie verſchwunden war— nicht einmal ſeine beſtimmte Braut ſehen wollte; zu welchem Ende doch Herr Kehrenſohn die Familie Hartmann ein⸗ geladen, ihn in Homburg vor der Höhe, wo er für den Augenblick wohnte, zu beſuchen. Der Mutter allein gelang es endlich, Zacharias dahin zu beſtimmen, dieſen Beſuch zu machen, und der junge Mann ſah ein, daß es ja auch kein beſſeres Mittel gäbe, der ganzen Werberei mit einem Male ein Ende zu machen, hinzu⸗ treten und dem Herrn Bewerber und der Braut klaren Wein einzuſchenken. Natürlich behielt Zacharias dieſes Projekt für ſich. Der alte Hartmann aviſirte alſo den Beſuch nach Hom⸗ burg auf den kommenden Sonntag. Der Kutſcher ſchob an dem beſtimmten Tage den Staats⸗ wagen aus der Remiſe, der ſonſt ſelten gebraucht wurde. Die Familie erſchien en grande tenue, und fort ging es nach dem freundlichen Taunusbad. Homburg iſt nur drei kleine Stunden von Frankfurt ent⸗ fernt, aber man kann ganz Frankreich von Süden bis Norden durchreiſen, was ungefähr einen Weg von hundertfünfzig Meilen macht, und hat nicht das Merkwürdige geſehen, als hier in ein und einer halben Meile; denn man kommt durch die Länder von vier Herren, nämlich aus dem Frankfur⸗ Commis Voyageur. 21 . tiſchen in's Naſſauiſche, von da in's Kurheſſiſche und dann in das Reich des Landgrafen von Homburg u. ſ. w. Dem patriotiſchen Deutſchen lacht dabei das Herz im Leibe; denn er ſieht jede Viertelſtunde einen buntbemalten Pfahl mit dem Wappen irgend eines ſeiner Fürſten. Und warum dieſe jammervolle Zerſtückelung? „Man wurde auf dem Wiener Congreß unter einander einig“— ſagt der oben angeführte franzöſiſche Touriſt.— „Jener Fürſt verlangte ſein Angeld, man gab ihm eine Stadt; ein anderer ſchrie um ſein Ausgleichungsrecht, und man warf ihm ein Dorf zu.“ Ach! daß der Franzoſe hier recht haben muß!— Die Hartmann'ſche Familie hatte bald das freundliche Städtchen Homburg vor der Höhe erreicht, das ſeinen Gäſten ein gaſtliches und wohnliches Aeußere zuwendet. Als Bad und Vergnügungsort iſt daſſelbe ſeit einigen Jahren in der Gunſt der Frankfurter, namentlich der Claſ⸗ ſen Eins und Zwei, ſehr geſtiegen, was aus mehreren Ur⸗ ſachen geſchah. Erſtens, weil es durch ſeine Entfernung dem Plebs nicht ſo zugänglich; zweitens, weil es ein Bad iſt, aus dem man in einer Stunde auf das Comptoir reiſen kann; drittens, weil es etwas Ländliches hat, und daher den, von dem Gewühl des Stadtlebens Abgeſpannten eine Verände⸗ rung bietet; viertens, weil es ſechshundert Fuß über der Meeresfläche und nicht nur ſchön, ſondern auch ſehr ange⸗ nehm liegt, da es ſtets eine reine und friſche Bergluft um⸗ ſpült, und doch, nach Norden und Weſten durch die Kette der Taunusgebirge geſchützt, von keinen unfreundlichen Stürmen heimgeſucht wird; endlich, weil ſeine Heilquellen 323 namentlich die geſtörten, Funktionen des Magens, wie aller Organe des Unterleibs, leicht in den geſunden Zuſtand zu⸗ rückführen, und der Magen durch einen zu üppigen Kultus und das viele Sitzen am Schreibpulte gerade bei den Frank⸗ furtern ſehr oft zum leidenden Theile wird. Außerdem iſt es Mode, nach Homburg zu gehen. Auch heute war es lebhaft auf dem Wege dahin und in dem Städtchen ſelbſt, und Reiter, Wagen und Fußgänger drängten, rollten und ſchwirrten in buntem Gemiſche an einander vorüber. Zacharias aber bemerkte wenig davon. Er war in ſich gekehrt, was der Vater für ein Zeichen der Unterwürfig⸗ keit, die Mutter aber für Trotz anſah. In der That bereitete er ſich auf die Reden vor, die er dem Herrn Kehrenſohn und der beſtimmten Braut zu halten ge⸗ dachte. Der Freund aus der Havannah, der ein ganzes und zwar eines der hübſcheſten Häuſer in Homburg bewohnte, nahm den Beſuch auf das Freundlichſte auf. Es war eine ſonderbare Figur: lang, dürr, ausgetrocknet und gelb wie eine Mumie, ſteif und langſam wie ein Hol⸗ länder und pedantiſch wie ein Deutſcher. Der lange Auf⸗ enthalt in dem tropiſchen Klima hatte ſonſt faſt jede Spur des Deutſchthums in ihm verwiſcht, wenn man einen Reſt von Gemüthlichkeit abrechnet, die aber tief verborgen im Schachte ſeines Herzens lag. Nach den erſten Höflichkeitsbezeugungen kamen die beiden Kaufleute gleich auf das Geſchäft. Vater Hartmann prä⸗ ſentirte den Sohn. Kehrenſohn betrachtete ihn mit Wohl⸗ gefallen und mit einem pfiffigen Lächeln, als ob er ein Bal⸗ 324 len hübſcher Waare wäre, von der ein guter Gewinn zu hoffen ſei. Zacharias bemerkte dies und ward nur noch ingrimmi⸗ ger. Ohne daher die weiteren Demarchen der alten Herren abzuwarten, wandte er ſich an die Mumie und ſagte: „Mein Herr, ich bin Ihnen ſehr verpflichtet für das Vertrauen und für die gute Meinung, mit welcher Sie mich beehren; ich finde es auch natürlich, daß zwei Freunde, wie Sie und mein Vater, einen Gefallen daran haben, ihre Fa⸗ milie gegenſeitig mit einander zu verbinden, um ſo quaſi das alte freundſchaftliche Verhältniß ſelbſt in den Kindern fortzupflanzen. Eben darum aber, weil Sie ſich Beide Freunde ſind und Sie Ihr Vertrauen auf mich ſetzen, iſt es in doppelter Beziehung meine Pflicht— wahr gegen Sie zu ſein. Daher ſage ich Ihnen unverhohlen, daß ich bereits liebe, und einem Mädchen ſchon die Ehe verſprochen habe, die ich denn auch heirathen werde, ſobald meine Eltern einwilligen. Geſchieht dies nicht, bleibe ich ledig.“ Dieſe Worte, deren Inhalt die Mutter vorausgeahnt, kamen den Männern höchſt unerwartet. Vater Hartmann ſtieg der Zorn, Kehrenſohn aber lächelte ſo pfiffig wie im Anfange. „Höten Sie nicht auf ſein Geſchwätz,“— rief finſter der Erſtere,„es iſt Romanengeplapper. Laſſen Sie uns vor allen Dingen die Braut ſehen; denn die jungen Leute haben heutzutage keinen Sinn für das Reelle mehr, nur das Aeußerliche kann ſie beſtimmen.“ „Das ſoll gleich geſchehen!“— ſoetie der Freund aus der Havannah—„indeſſen muß ich geſtehen, die Er⸗ klärung Ihres Sohnes kommt mir ſehr zu paß, und rettet 325 mich aus der Verlegenheit, wortbrüchig zu erſcheinen, denn — offen geſagt— meine Nichte mag Ihren Herrn Sohn auch nicht.“ „Für was war denn die Einladung?“ brummte finſter der alte Hartmann—„ich dächte, wir wären doch zu alt, um noch Komödie zu ſpielen.“ „Nun“— ſagte Kehrenſohn begütigend—„ich wollte wenigſtens nichts unverſucht laſſen. Kein ordentlicher Kauf⸗ mann kauft eine Katz im Sack, die jungen Leute müſſen ſich doch erſt einmal ſehen.“ „Wenn reelle Männer wie wir mit einander handeln,“ — verſetzte Hartmanns Vater ärgerlich—„können ſich die jungen Leute auf unſer Wort verlaſſen.“ „Am beſten iſt immer, die Waare erſt ſehen“— rief der Havanneſe—„dann gibt's nachher keine Chikanen!“ und mit dieſen Worten ging er nach einer Seitenthüre, öff⸗ nete ſie und rief:„Nichtchen!“ Alle Augen ſtarrten geſpannt nach der Pforte, auch die des Herrn Zacharias, denn er war begierig auf die Dame, die ihn ſo mir nichts dir nichts ausgeſchlagen. Da trat ein ſchönes, blaſſes Mädchen mit etwas ver⸗ weinten Augen ſchüchtern herein. Kaum aber war ſie auf der Schwelle erſchienen, als Zacharias ihr mit einem Freu⸗ denſchrei entgegeneilte; ſie blickte auf und ſank lautlos vor Ueberraſchung dem jungen Mann in die Arme. Es waren Zacharias und Clariſſe. Der alte Hartmann und ſeine Frau ſahen erſtaunt bald ſich, bald das Pärchen, bald den Freund an, der ruhig, mit auf der Bruſt gekreuzten Armen daſtand und keine Miene verzog. 326 „„Was ſoll denn das wieder ſein?“— ſagte der Erſtere endlich—„erſt mögen ſie ſich gegenſeitig nicht, und nun ſind ſie wie wahnſinnig vor Liebe.“ „Vater! Mutter!“ rief jubelnd Zacharias—„es iſt ja Clariſſe, meine ſüße, liebe, treue Clariſſe, meine Lehens⸗ retterin, mein Alles!“ „Herr Kehrenſohn!“— rief hier überraſcht und ernſt der alte Hartmann—„ich bitte um Aufklärung. Sie hat⸗ ten mir für meinen Sohn die Hand einer Verwandten zu⸗ geſagt und nun...4 „Steht dieſe Verwandte, meine Nichte, die Tochter meiner Schweſter, vor Ihnem entgegnete der Gelbe. „Was ich verſpreche, halt ich. Ich bin Wittwer und kin⸗ derlos, wie Sie wiſſen, und habe daher mein Nichtchen zur Univerſalerben eingeſetzt. Was ſie mitbekommt, wiſſen Sie.“ „Oheim!“— rief Clariſſe, den edlen Verwandten um⸗ ſchlingend—„wie habe ich Ihre Güte verdient?“ „Nun!“— lächelte Jener—„ich kannte Dich und Dein Verhältniß zu Herrn Hartmann ja längſt durch einen Freund, der Dich beobachten mußte. Dein Entſchluß, den Todtkranken zu pflegen, béwies mir die Tiefe Deiner Liebe, und da ich ſelbſt ſehr unglücklich durch eine Geldheirath wurde, war ich bedacht, Dir die Wahl des Herzens zu ſichern.“ „Ach!“— rief Clariſſe—„und Sie ſagten mir kein Wort von dem Allem, und drohten mir nur mit einer Ver⸗ bindung mit einem reichen Mann!“. „Ja!— und machte das Glück Deiner armen Eltern von Deinem Jaworte abhängig. Du warſt nach vielen Kämpfen im Begriff, auch dieſes Opfer zu bringen, das 327 Dich Dein ganzes Lebensglück gekoſtet haben würde,— ſei. nun zum Lohne doppelt glücklich.“ 2 Dieſe Auflöſung ließ ſich nun Jedermann gern gefallen. Die Eltern der Braut wurden vorgeſtellt und ein wahr⸗ haft glücklicher Tag verlebt. Nur Eines drückte Zacharias, und das war das Bewußt⸗ ſein der vielen Treuloſigkeiten, die er an Clariſſen auf der Reiſe begangen, und von welchen ſie nach ihrem Briefe wiſ⸗ ſen mußte. Er fühlte ihr auf den Zahn; aber das Mäd⸗ chen ſah ihn mit ihren ſeelenvollen Augen liebend an, und ſagte, eine Thräne zurückdrängend: „Ich denke an das Vergangene nicht mehr; denn ich weiß, Deine Irrthümer haben Dich zur Vernunft und zu der ſeligen Gewißheit gebracht: daß nur das ein wahres Glück ſei, was man mit reinem Herzen genießt. Außerdem liebſt Du mich jetzt wahr, und wahre Liebe kennt keine Untreue.“ Noch wurde das Nähere wegen der Hochzeit feſtgeſetzt und zwar auf die nächſte Zeit, da Kehrenſohn nach derſel⸗ ben noch einmal nach der Havannah zurückzugehen gedachte, um dort ſeine Liegenſchaften zu verkaufen und dann ganz nach Europa zurückzukehren. Aber noch etwas erbat ſich Zacharias von ſeiner Braut, nämlich die Erlaubniß, einige ſeiner Reiſefreunde zur Hoch⸗ zeit einladen zu dürfen. Clariſſe willigte, wie natürlich, gerne in ſeine Wünſche, und nun ſchrieb Hartmann an„die Lokomotive“, den„Berliner“ und an„Spreitzer“, die, wie er ja wußte, jetzt auf ihrer Tour nahe bei Frankfurt waren. Endlich erſchien der frohe Tag, und der Bräutigam hatte an ihm auch wirklich die Freude, die drei eingeladenen Freunde zu umarmen. — 328 Alle waren ſeelenvergnügt und Spreitzer brachte Neuig⸗ keiten mit. „Wäſt de denn äch, was aus dem Froſch geworde is?“ frug er Zacharias, als die Reiſenden auch einmal auf Augen⸗ blicke allein bei einander ſtanden. „Nun?“ „Todgeſoffe hot ſich deß Os!“— rief Jener—„ich habb' geſtert die Nachricht kriecht. Un's Jeanettche!.. 4 „Liet leiſe!“ bat Zacharias, ſich verlegen umſehend. „Du hoſt mer emol dervon verzehlt“— „Schon gut! ſchon gut!“ „Die kriecht Der von ihr'm Mann Brichel nach Note. Se hat den Utz mit de Männer äch nach der Heirath net laſſa könne, un do hot ſe ihr Mann emol erwiſcht, un ſeit der Zeit kriecht ſe alle Morjend fünfundzwanzig à Conto vor de Tag.“ „Das arme Kind!“— ſagte Zacharias—„ſie dauert nich!“ „Mich äch!“ rief Spreitzer.—„Ich muß mache, ich bald widder nach Günzborg komm, um ſe zu dröſte.“ „Nun?“ frug Zacharias, der gern auf ein anderes Theina überging, und wandte ſich an Goldmann, der ſo recht in ſeinem Behagen war.—„Nun, Freundchen? haſt Du nicht auch Luſt, das Reiſen aufzugeben?“ „Gott bewahre!“— rief Jener.—„Reiſen iſt mein Gleuent! Ich wäre des Todes, müßt' ich immer auf einem und demſelben Platze bleiben. Nein! nein! die Lokomotive braust vorwärts, hinaus in die Ferne. Und ſiehſt Du, das ganze Leben iſt ja eine Reiſe, und Reiſeluſt, was geht über ſie! Ich werde reiſen, ſo lange ich lebe, und wenn — 329 ein paar fidele Kerls bei einander ſitzen und luſtig bechern, oder ein Mädchen ſeinen weißen vollen Arm um mich ſchlingt, und ich heute die mein nenne und morgen eine Andere be⸗ ſiege, da bin ich zu Hauſe, das iſt Leben, das iſt Luſt.“ Und er nahm ſein volles Champagnerglas und winkte den Freunden, ein Gleiches zu thun und rief: „Es lebe das Reiſen und alle Commis Voya⸗ geurs!“ und die Gläſer klangen laut und fröhlich und mit„hopla!“ ſchlürfte er den köſtlichen Schaum hinab. Da kam Hartmann's junges Weibchen, ſchön wie ein Engel und hold wie eine Göttin, und Zacharias ſchloß ſie heiß und ſelig in ſeine Arme und ſagte leiſe: „Und doch kennt Ihr das höchſte Glück nicht; denn es iſt das Bewußtſein, ein holdes, treues Weib zu beſitzen, deren Leben und Sein Eins iſt mit dem unſeren, deren Herz und Seele aufgeht in Liebe zu dem Gatten, die Freude und Leid mit uns theilt, und uns einführt in eine ſtille Häuslichkeit.“ Ende. Druck von E. Greiner in Stuttgart. 5 8 9 10 11 12 1 3 14 5 16 17 18