w Leihbibliothetk deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und geſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Biblivthek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. „3 „—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlbrene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 6 iee Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch vafür zu ſtehen haben. 2 ——— 4. ℳ e e — —————— —— Novellenſchatz des deutſchen Volkes. Perausgegeben von Ludwiz Puſtkuchen. Zweiter Band. Mit Friedrich v. Schillers Bildniß. Quedlinburg und Leipzig, 1822, bei 6Gottfied Bafſ Der Koͤnig von Atlantis. —— Enn alter Konig hielt einen glänzenden Hof. Weit und breit ſtroͤnten Menſchen herzu, um Theil an der Herrlichkeit ſeines Lebens zu haben, und es gebrach weder den täglichen Feſten an Ueberfluß koͤſtlicher Waaren des BHaumes, noch an Muſik, praͤchtigen Verzierungen und Trachten, und tauſend abwechſelnden Schauſpielen und Zeit⸗ vertreiben, noch endlich an ſinnreicher Anordnung, an klugen, gefaͤlligen und unterrichteten Maͤnnern zur Unterhaltung und Beſeelung der Geſpraͤche, und an ſchoͤner, anmuthiger Jugend von beiden Geſchlechtern, die die eigentliche S reizender Feſte ausmachen. Der alte Koͤnig, der fonſt ein ſtrenger und ernſter Mann war, hatte zwei Neigungen, die der wahre Anlaß dieſer praͤchtigen Hofhaltung waren, und denen ſie ihre ſchoͤne Einrichtung zu — 6 2 danken hatte. Eine war die Zärtlichkeit fur ſeine Tochter, die ihm als Andenken ſeiner fruͤh ver⸗ ſtorbenen Gemahlin und als ein unaus ſprechlich iebenswuͤrdiges Mädchen unendlich theuer war, und fur die er gern alle Schaͤtze der Natur und alle Macht des menſchlichen Geiſtes aufgeboten haͤtte, um ihr einen Himmel auf Erden zu ver⸗ ſchaffen. Die andere war eine wahre Leidenſchaft fuͤr die Dichtkunſt und ihre Meiſter. Er hatte von Jugend auf die Werke der Dichter mit in⸗ nigem Vergnügen geleſen; an ihre Sammlung aus allen Sprachen großen Fleiß und große Sum⸗ men gewendet, und von jeher den umgang der Sänger über Alles geſchätzt. Von allen Enden zog er ſie an ſeinen Hof und uͤberhaͤufte ſie mit Ehren. Er ward nicht muͤde, ihren Geſängen zu⸗ zuhoͤren, und vergaß oft die wichtigſten Angele⸗ genheiten, ja die Beduͤrfniſſe des Lebens uͤber einen neuen hinreißenden Geſang. Seine Lochter war unter Geſaͤngen aufgewachſen, und ihre ganze Seele war ein zartes Lied geworden, ein einfacher Ausdruck der Wehmuth und Sehnſucht. Der wohlthaͤtige Einfluß der beſchutzten und geehrten Dichter zeigte ſich im ganzen Lande, be⸗ ſonders aber am Hofe. Man genoß das Leben mit langfamen, kleinen Zuͤgen, wie einen koͤſt⸗ lichen Trank, und mit deſto reinerem Wohlbe⸗ —,.——— —— —(— hagen, da alle niedrige, gehaͤſſige Leibenſchaften, wie Mißtöne von der ſanften harmoniſchen Stim⸗ mung verſcheucht wurden, die in allen Gemuͤthern herrſchend war. Frieden der Seele und inneres ſeliges Anſchauen einer ſelbſt geſchaffenen, gluͤck⸗ lichen Welt war das Eigenthum dieſer wunder⸗ baren Zeit geworden, und die Zwietracht erſchien nur in den alten Sagen der Dichter, als eine ehemalige Feindin der Menſchen. Es ſchien, als haͤtten die Geiſter des Geſan⸗ ges ihrem Beſchuͤtzer kein lieblicheres Zeichen der Dankbarkeit geben koͤnnen, als ſeine Tochter, die alles beſaß, was die ſuͤßeſte Einbildungskraft nur in der zarten Geſtalt eines Maͤdchens vereinigen konnte. Wenn man ſie an den ſchoͤnen Feſten unter einer Schaar reizender Geſpielen, im wei⸗ ßen glaͤnzenden Gewande erblickte, wie ſie den Wettgeſängen der begeiſterten Saͤnger mit tiefem Lauſchen zuhoͤrte, und erroͤthend einen duftenden Kranz auf die Locken des Gluͤcklichen druckte, deſſen Lied den Preis gewonnen hatte: ſo hielt man ſie fuͤr die ſichtbare Seele dieſer herrlichen Kunſt, die jene Zauberſpruͤche beſchworen haͤtten, und hoͤrte auf, ſich uͤber die Entzuͤckungen und Melodien der Dichter zu wundern. Mitten in dieſem irdiſchen Paradieſe ſchien jedoch ein geheimnißvolles Schickſal zu ſchweben. . Die einzige Sorge der Bewohner dieſer Gegenden betraf die Vermaͤhlung der aufbluͤhenden Prin⸗ zeſſin, von der die Fortdauer dieſer ſeligen Zeiten und das Verhaͤngniß des ganzen Landes abhing. Der Koͤnig ward immer älter. Ihm ſelbſt ſchien dieſe Sorge lebhaft am Herzen zu liegen, und doch zeigte ſich keine Ausſicht zu einer Vermaͤh⸗ lung für ſie, die Aller Wuͤnſchen angemeſſen ge⸗ weſen waͤre. Die heilige Ehrfurcht fuͤr das koͤnig⸗ liche Haus erlaubte keinem Unterthan, an die MWöglichkeit zu denken, die Prinzeſſin zu beſitzen. Man betrachtete ſie wie ein uberirdiſches Weſen, und alle Prinzen aus andern Landern, die ſich mit Anſpruͤchen auf ſie am Pofe gezeigt hatten, ſchienen ſo tief unter ihr zu ſeyn, daß kein Menſch auf den Einfall kam, die Prinzeſſin oder der Ko⸗ nig werde die Augen auf einen unter ihnen rich⸗ ten. Das Gefuͤhl des Abſtandes hatte ſie auch allmaͤhlig alle verſcheucht, und das ausgeſprengte Geruͤcht des ausſchweifenden Stolzes dieſer koͤnig⸗ lichen Familie ſchien Andern alle Luſt zu beneh⸗ men, ſich ebenfalls gedemuͤthigt zu ſehn. Ganz ungegruͤndet war auch dieſes Gerucht nicht. Der Koͤnig war bei aller Milde beinah unwillkührlich in ein Gefühl der Erhabenheit gerathen, was ihm jeden Gedanken an die Verbindung ſeiner Tochter mit einem Manne von niedrigerem Stande „ — 9— und dunklerer Herkunft unmöglich oder unertrag⸗ lich machte. Ihr hoher, einziger Werth hatte jenes Gefuͤhl in ihm immer mehr beſtaͤtigt. Er war aus einer uralten morgenlaͤndiſchen Koͤnigs⸗ familie entſproſſen. Seine Gemahlin war der letzte Zweig der Nachkommenſchaft des beruͤhmten Helden Ruſtan geweſen. Seine Dichter hatten ihm unaufhoͤrlich von ſeiner Verwandtſchaft mit den ehemaligen uͤbermenſchlichen Beherrſchern der Welt vorgeſungen, und in dem Zauberſpiegel ihrer Kunſt war ihm der Abſtand ſeiner Herkunft von dem urſprunge der andern Menſchen, die 6. Herrlichkeit ſeines Stammes, noch heller erſchte⸗ nen, ſo daß es ihn duͤnkte, nur durch bie edlere Klaſſe der Dichter mit dem uͤbrigen Menſchenge⸗ — ſchlechte zuſammenzuhaͤngen. Vergebens ſah er ſich mit voller Sehnſucht nach einem zweiten Ruſtan um, inbem er fuͤhlte, daß das Herz ſei⸗ ner aufbluͤhenden Tochter, der Zuſtand ſeines Reichs und ſein zunehmendes Alter ihre Vermaͤh⸗ lung in aller Abſicht ſehr wünſchenswerth mach⸗ tten. Nicht weit von der Hauptſtadt rlebte auf einem abgelegenen Landgute ein alter Mann, der ſich ausſchließlich mit der Erziehung feines einzi⸗ gen Sohnes beſchäftigte, und nebenher den Land⸗ leuten in wichtigen Krankheiten Rath ertheilte. 5 Der junge Menſch war ernſt, und ergab ſich einzig der Wiſſenſchaft der Natur, in welcher ihn ſein Vater von Kindheit auf unterrichtete. Aus fernen Gegenden war der Alte vor mehreren Jahren in dies friedliche und bluͤhende Land ge⸗ zogen, und begnuͤgte ſich, den wohlthaͤtigen Frie⸗ den, den der Koͤnig um ſich her verbreitete, in der Stille zu genießen. Er benutzte ſie, die Kraͤfte der Natur zu erforſchen, und Sieſe hinrei⸗ ßenden Kenntniſſe ſeinem Sohne mitzutheilen, der viel Sinn dafuͤr verrieth, und deſſen tiefem Ge⸗ muͤth die Natur bereitwillig ihre Geheimniſſe an⸗ vertraute. Die Geſtalt des jungen Menſchen ſchien gewoͤhnlich und unbedeutend, wenn man nicht einen hoͤhern Sinn fuͤr die geheimere Bil⸗ dung ſeines edlen Geſichts und die ungewoͤhnliche Klarheit ſeiner Augen mitbrachte. Je laͤnger man ihn anſah, deſto anziehender ward er, und man konnte ſich kaum wieder von ihm trennen, wenn man ſeine ſanfte, eindringende Stimme und ſeine anmuthige Gabe zu ſprechen hoͤrte. Eines Tages hatte die Prinzeſſin, deren Luſtgarten an den Wald ſtießen, der das Lanbgut des Alten in einem kleinen Thale verbarg, ſich allein zu Pferde in den Wald begeben, um deſto ungeſtoͤrter ihren Phantaſien nachhaͤngen und einige ſchone Geſänge ſich wiederholen zu können. Die Friſche des hohen —— — II— Waldes lockte ſie immer tiefer in ſeine Schatten, und ſo kam ſie endlich an das Landgut, wo der Alte mit ſeinem Sohne lebte. Es kam ihr die Luſt an, Milch zu trinken, ſie ſtieg ab, bond ihr Pferd an einen Baum und trat ins Haus, um ſich einen Trunk Milch auszubitten. 8 Der Sohn war gegenwaͤrtig und erſchrak beinah uber dieſe zauberhafte Erſcheinung eines mäzeſtätiſchen weib⸗ lichen Weſens, das mit allen Reizen der Jugend und Schoͤnheit geſchmuͤckt und von einer unbe⸗ ſchreiblich anziehenden Durchſichtigkeit der zarte⸗ ſten, unſchuldigſten und edelſten Seele beinah ver⸗ göttlicht wurde. Während er eilte, ihre wie Gei⸗ ſtergeſang tönende Bitte zu erfuͤllen, trat ihr der Alte mit beſcheidner Ehrfurcht entgegen und lud ſie ein, an dem einfachen Heerde, der mitten im Hauſe ſtand, und auf welchem eine leichte blaue Flamme ohne Geraͤuſch emporſpielte, Platz zu nehmen. Es ſiel ihr, gleich beim Eintritt, der mit tauſend ſeltenen Sachen gezierte Hausraum, die Ordnung und Reinlichkeit des Ganzen, und eine ſeltſame Heiligkeit des Orts auf, welcher Eindruck noch durch den ſchlicht gekleideten ehr⸗ wuͤrdigen Greis und den beſcheidenen Anſtand des Sohnes erhoͤhet wurde. Der Alte hielt ſie gleic. fuͤr eine zum Hof gehörige Perſon, wozu ihre koſtbare Tracht und ihr ebles Vetehgen In An⸗ laß genug gab. Waͤhrend der Abweſenheit des Sohnes befragte ſie ihn um einige Merkwuͤrdig⸗ keiten, die ihr vorzuglich in die Augen fielen, worunter beſonders einige alte, ſonderbare Bil⸗ der waren, die neben ihrem Sitze auf dem Heerbe ſtanden, und er war bereitwillig, ſie auf eine anmuthige Art damit bekannt zu machen. Der Sohn kam bald mit einem Kruge voll friſcher Milch zuruͤck und reichte ihr denſelben mit unge⸗ kuͤnſteltem und ehrfurchtsvollem Weſen. Nach einigen anziehenden Geſpraͤchen mit Beiden, dankte ſie auf die freundliche Bewirthung, bat errothenb den Alten um die Erlaubniß, wiederkommen und ſeine lehrreichen Geſpraͤche über die vielen wun⸗ derbaren Sachen genießen zu duͤrfen, und ritt zu⸗ ruck, ohne ihren Stand verrathen zu haben, da ſie merkte, daß Vater und Sohn ſie nicht kann⸗ ten. Ohnerachtet die Hauptſtadt ſo nahe lag, hatten Beide, in ihre Forſchung vertieft, das Gewuͤhl der Menſchen zu vermeiden geſucht, und es war dem Jüngling nie eine Luſt angewanbelt, den Feſten des Hofes beizuwohnen; beſonders da er ſeinen Vater hochſtens auf eine Stunde zu ver⸗ laſſen pflegte, und zuweilen im Walde nach Schmetterlingen, Käfern und Pflanzen umherzu⸗ gehn, und die Eingebungen des ſtillen Naturgei⸗ ſtes durch den Einfluß ſeiner mannichfaltigen, — —— —— —— äußeren Lieblichkeiten zu vernehmen.— Dem Al⸗ ten, der Prinzeſſin und dem Juͤngling war die einfache Begebenheit des Tages gleich wichtig. Der Alte hatte leicht den neuen tiefen Eindruck bemerkt, den die unbekannte auf ſeinen Sohn machte. Er kannte dieſen genau, um zu wiſſen, daß jeder tiefe Eindruck bei ihm ein lebensläng⸗ licher ſeyn wuͤrde. Seine Jugend und die Natur ſeines Herzens mußten die erſte Empfindung die⸗ ſer Art zur unuͤberwindlichen Neigung machen. Der Alte hatte lange eine ſolche Begebenheit her⸗ annahen ſehen. Die hohe Liebenswuͤrdigkeit der Erſcheinung flößte ihm unwillkuͤhrlich eine innige Theilnahme ein, und ſein zuverſichtliches Gemuͤth entfernte alle Beſorgniſſe uͤber die Entwickelung dieſes ſonderbaren Zufalls. Die Prinzeſſin hatte ſich nie in einem aͤhnlichen Zuſtande befunden, wie der war, in welchem ſie langſam nach Hauſe ritt. Es konnte vor der einzigen helldunkeln, wunder⸗ bar beweglichen Empfindung einer neuen Welt, kein eigentlicher Gedanke in ihr entſtehen. Ein magiſcher Schleier dehnte ſich in weiten Falten um ihr klares Bewußtſeyn. Es war ihr, als wuͤrde ſie ſich, wenn er aufgeſchlagen wuͤrde, in einer uͤberirdiſchen Welt befinden. Die Erinnerung an die Dichtkunſt, bie bisher ihre ganze Seels beſchäftigt hatte, war zu einen — 14— fernen Geſange geworden, der ihren ſeltſam lieb⸗ lichen Traum mit den ehemaligen Zeiten verbanb. Wie ſie zuruͤck in den Pallaſt kam, erſchrak ſie beinah uͤber ſeine Pracht und ſein buntes Leben, noch mehr aber bei der Bewillkommung ihres Vaters, deſſen Geſicht zum erſteimale in ihrem Leben, eine ſcheue Ehrfurcht in ihr erregte. Es ſchien ihr eine unabänderliche Nothwendigkeit, nichts von ihrem Abentheuer zu erwaͤhnen. Man war ihre ſchwaͤrmeriſche Ernſthaftigkeit, ihren in Phantaſien und tiefes Sinnen verlornen Blick ſchon zu gewohnt, um etwas Außerordentliches darin zu bemerken. Es war ihr jetzt nicht mehr ſo lieblich zu Muthe; ſie ſchien ſich unter lauter Fremden, und eine ſonderbare Bänglichkeit beglei⸗ tete ſie bis an den Abend, wo das frohe Lied eines Dichters, der die Hoffnung pries, und von den Wundern des Glaubens an die Erfällung unſrer Wuͤnſche mit hinreißender Begeiſterung genehmſten Traͤume wiegte. Der Juͤngling hatte ſich gleich nach ihrem Abſchiede in den Wald ver⸗ joren. An der Seite des Weges war er in Ge⸗ buͤſchen bis an die Pforten des Gartens ihr ge⸗ folgt, und dann auf dem Wege zuruͤckgegangen. Wie er ſo ging, ſah er vor ſeinen Fußen einen hellen Glanz. Er buͤckte ſich darnach und hob ſang, ſie mit ſuͤßem Troſt erfuͤllte und in die an⸗ * — — —— einen dunkelrothen Stein auf, der auf einer Seite außerordentlich funkelte, und auf der andern ein⸗ gegrabene unverſtaͤndliche Chiffern zeigte. Er er⸗ kannte ihn fuͤr einen koſtbaren Karfunkel, und glaubte ihn in der Mitte des Halsbandes an der Unbekannten bemerkt zu haben. Er eilte mit be⸗ flugelten Schritten nach Hauſe, als waͤre ſie noch dort, und brachte den Stein ſeinem Vater. Sie wurden einig, daß der Sohn den andern Morgen auf den Weg zuruckgehen und warten ſollte, ob der Stein geſucht wuͤrde, wo er ihn dann zuruͤck⸗ geben koͤnntes ſonſt wollten ſie ihn bis zu einem zweiten Beſuche der unbekannten aufheben, um ihr ſelbſt ihn zu uͤberreichen. Der Juͤngling be⸗ trachtete faſt die ganze Nacht den Karfunkel, und fuhlte gegen Morgen ein unwiderſtehliches Ver⸗ langen, einige Worte auf den Zettel zu ſchreiben, in welchen er den Stein einwickelte. Er wußte ſelbſt nicht genau, was er ſich bei den Worten dachte, die er hinſchrieb:— Es iſt dem Stein ein raͤthſelhaftes Zeichen Tief eingegraben in ſein gluͤhend Blut, Er iſt mit einem Herzen zu vergleichen, In dem das Bild der Unbekannten ruht. Man ſieht um jenen tauſend Funken ſtreichen, um dieſes woget eine lichte Fluth, — 16— In jenem liegt des Glanzes Licht begraben, Wird dieſes auch das Herz des Herzens haben? Kaum daß der Morgen anbrach, ſo begab er ſich ſchon auf den Weg, und eilte der Pforte des Gartens zu. unterdeſſen hatte die Prinzeſſin Abends beim Auskleiden den theuren Stein in ihrem Halsbande vermißt, der ein Andenken ihrer Mutter und noch dazu ein Talisman war, deſſen Beſitz ihr die Freiheit ihrer Perſon ſicherte, indem ſie damit nie in fremde Gewalt, ohne ihren Willen, gera⸗ then konnte. 6 Dieſer Verluſt befremdete ſie mehr, als daß er ſie erſchreckt haͤtte. Sie erinnerte ſich, ihn geſtern bei dem Spazierritt noch gehabt zu haben⸗ und glaubte feſt, daß er entweder im Hauſe des Alten, oder auf dem Ruͤckwege im Walde ver⸗ loren gegangen ſeyn muſſe; der Weg war ihr noch in friſchem Andenken, und ſo beſchloß ſie, gleich fruͤh den Stein aufzuſuchen, und ward bei dieſem Gedanken ſo heiter, daß es faſt das An⸗ ſehen gewann, als ſey ſie gar nicht unzufrieden mit dem Verluſte, weil er Anlaß gaͤbe, jenen Weg ſogleich noch ginmal zu machen. Mit dem Tage ging ſie durch den Garten nach dem Walbe, und weil ſie eilfertiger ging als *. ℳ . — 17— gewöhnlich, ſo fand ſie es gans natuͤrlich, daß ihr das Herz lebhaft ſchlug, und ihr die Bruſt beklomm. Die Sonne fing eben an, die Wipfel der alten Bäume zu vergolden, die ſich mit ſanf⸗ tem Fluͤſtern bewegten, als wollten ſie ſich gegen⸗ ſeitig aus nächtlichen Geſichten erwecken, um die Sonne gemeinſchaftlich zu begruͤßen, als die Prin⸗ zeſſin durch ein fernes Geräuſch veranlaßt, den Weg hinunter und den Jüngling auf ſich zueilen ſah, der in demſelben Augenblick ebenfalls ſie be⸗ merkte. Wie angefeſſelt blieb er eine Weile ſtehen und blickte unverwandt ſie an, gleichſam um ſich zu überzeugen, daß ihre Erſcheinung wirklich und keine Täuſchung ſey. Sie begruͤßten ſich mit einem zuruͤckgehaltenen Ausdruck von Freude, als hatten ſie ſich ſchon lange gekannt und geliebt. Noch ehe die Prinzeſſin die urſache ihres fruͤhen Spaziergangs ihm entdecken konnte, uberreichte er ihr mit Erroͤthen und Herzklopfen den Stein, in dem beſchriebenen Zettel. Es war, als ahn⸗ dete die Prinzeſſin den Inhalt der Zeilen. Sie nahm ihn ſtillſchweigend mit zitternder Hand, und hing ihm, zur Belohnung fuͤr ſeinen gluͤcklichen Fund, beinahe unwillkuͤhrlich, eine geiene Kette um, die ſie um den Hals trug. Beſchämt kniete er vor ihr, und konnte, da II. 2 ſie ſich nach ſeinem Vater erkundigte, einige Zeit keine Worte finden. Sie ſagte ihm halbleiſe und mit niedergeſchlagenen Augen, daß ſie bald wie⸗ der zu ihnen kommen und die Zuſage des Vaters, ſie mit ſeinen Seltenheiten bekannt zu machen, mit vieler Freude benutzen wuͤrde. Sie dankte dem Juͤnglinge noch einmal mit ungewoͤhnlicher Innigkeit, und ging hierauf lang⸗ ſam, ohne ſich umzuſehen, zuruͤck. Der Jungling konnte kein Wort vorbringen. Er neigte ſich ehrfurchtsvoll und ſah ihr lange nach, bis ſie hinter den Baͤumen verſchwand. Nach dieſer Zeit vergingen wenig Tage bis zu ihrem zweiten Beſuche, dem bald mehrere folgten. Der Juͤngling ward unvermerkt ihr Begleiter bei dieſen Spaziergängen. Er holte ſie zu be⸗ ſtimmten Stunden am Garten ab und brachte ſie dahin zuruͤck. Sie beobachtete ein unverbruͤch⸗ liches Stillſchweigen uͤber ihren Stand, ſo zu⸗ traulich ſie auch ſonſt gegen ihren Begleiter wurde, dem bald kein Gedanke in ihrer himmliſchen Seele verborgen blieb. Es war, als floͤßte ihr die Erhabenheit ihrer Herkunft eine geheime Furcht ein. Der Juͤngling gab ihr ebenfalls ſeine ganze Seele. Vater und Sohn hielten ſie fuͤr ein vornehmes Maͤdchen von Hofe. Sie hing an den Alten mit der Zaͤrtlichkeit einer Tochter. Ihre Liebkoſungen gegen ihn waren die entzuͤckenden Vorboten ihrer Zaͤrtlichkeit gegen den Juͤngling. Sie ward bald einheimiſch in dem wunderbaren Hauſe; und wenn ſie dem Alten und dem Sohne, der zu ihren Fuͤßen ſaß, zu ihrer Laute reizende Lieder mit einer uͤberirdiſchen Stimme vorſang, und Letzteren in dieſer lieblichen Kunſt unterrich⸗ tete: ſo erfuhr ſie dagegen von ſeinen begeiſterten Lippen die Entraͤthſelung der uͤberall verbreiteten Naturgeheimniſſe. Er lehrte ſie: wie durch wun⸗ dervolle Sympathie die Welt entſtanden ſey, und die Geſtirne ſich zu melodiſchen Reigen vereinigt haͤtten. Die Geſchichte der Vorwelt gtng durch ſeine heiligen Erzählungen in ihrem Gemuͤth aufz und wie entzuͤckt war ſie, wenn ihr Schuͤler, in der Fuͤlle ſeiner Eingebungen, die Laute ergriff und mit unglaublicher Gelehrigkeit in die wun⸗ dervollſten Geſänge ausbrach. Eines Tages, wo ein beſonders kuͤhner Schwung ſich ſeiner Seele in ihrer Geſellſchaft bemaͤchtigt hatte, und die maͤchtige Liebe auf dem Rückwege ihre jungfraͤuliche Zuruͤckhaltung mehr als gewoͤhnlich uͤberwand, ſo daß ſie Beide, ohne ſelbſt zu wiſſen wie, einander in die Arme ſan⸗ ken, und der erſte gluͤhende Kuß ſie auf ewig zu⸗ ſammenſchmelzte, fing mit einbrechender Dämme⸗ rung ein gewaltiger Sturm in den Gipfeln der — 20— Bäume plotzlich zu koben an. Drohende Wetter⸗ wolken zogen mit tiefem, naͤchtlichen Dunkel uͤber ſie her. Er eilte, ſie in Sicherheit vor dem fuͤrch⸗ terlichen Ungewitter und den brechenden Bäumen zu bringen; aber er verfehlte in der Nacht und voll Angſt wegen ſeiner Geliebten den Weg, und gerieth immer tiefer in den Wald hinein. Seine Angſt wuchs, wie er ſeinen Irrthum bemerkte. Die Prinzeſſin dachte an das Schrecken des Koͤ⸗ nigs und des Hofes; eine unnennbare Aengſtlich⸗ keit fuhr zuweilen, wie ein zerſtorender Strahl, durch ihre Seele, und nur die Stimme ihres Geliebten, der ihr unaufhoͤrlich Troſt zuſprach, gab ihr Muth und Zutrauen zuruͤck und erleich⸗ terte ihre beklommene Bruſt. Der Sturm wuͤthete fort; alle Bemuͤhungen, den Weg zu finden, waren vergeblich, und ſie prieſen ſich gluͤcklich, vei der Erleuchtung eines⸗ Blitzes eine nahe Höhle an dem ſteilen Abhang eines waldigen Huͤgels zu entdecken, wo ſie eine ſichere Zuflucht gegen die Gefahren des Ungewit⸗ ters zu finden hofften, und eine Ruheſtätte fuͤr ihre erſchöpften Kräfte. Das Glück beguͤnſtigte ihre Wuͤnſche. Die Hohle war trocken und mit reinlichem Mooſe bewachſen. Der Juͤngling zuͤn⸗ dete ſchnell ein Feuer von Reiſern und Moos an, woran ſie ſich trocknen konnten, und die beiden — 21— Liebenden ſahen ſich nun auf eine wunderbare Weiſe von der Welt entfernt, aus einem gefahr⸗ vollen Zuſtande gerettet, und auf einem beque⸗ men, warmen Lager allein neben einander. Ein wilder Mandelſtrauch hing mit Fruͤchten beladen in die Höhle hinein, und ein nahes Rie⸗ ſeln ließ ſie friſches Waſſer zur Stillung ihres Durſtes finden. Die Laute hatte der Jungling mitgenommen, und ſie gewährte ihnen jetzt eine aufheiternde und beruhigende Unterhaltung bei dem kniſternden Feuer. Eine hoͤhere Macht ſchien den Knoten ſchneller loͤſen zu wollen, und brachte ſie unter ſonderbaren umſtaͤnden in dieſe roman⸗ tiſche Lage. Die unſchuld ihrer Herzen, die zau⸗ berhafte Stimmung ihrer Gemuͤther und die ver⸗ bundene, unwiderſtehliche Macht ihrer ſuͤßen Lei⸗ denſchaft und ihrer Jugend ließ ſie bald die Welt und ihre Verhältniſſe vergeſſen, und wiegte ſie unter dem Brautgeſange des Sturms und den Hochzeitsfackeln der Blitze in den ſuͤßeſten Rauſch ein, der je ein ſterbliches Paar beſeligt haben mag. Der Anbruch des lichten blauen Morgens war fuͤr ſie das Erwachen in einer neuen ſeligen Welt. Ein Strom heißer Thränen, der jedoch bald aus den Augen der Prinzeſſin hervorbrach, verrieth ihrem Geliebten die erwachenden tauſendfachen Bekümmerniſſe ihres Herzens. Er war in dieſer Racht um mehrere Jahre aͤlter, aus einem Juͤng⸗ linge zum Manne geworden. Mit uͤberſchweng⸗ licher Begeiſterung troͤſtete er ſeine Geliebte, er⸗ innerte ſie an die Heiligkeit der wahrhaften Liebe, und an den hohen Glauben, den ſie einfloͤße, und bat ſie, die heiterſte Zukunft von dem Schutzgeiſt ihres Herzens mit Zuverſicht zu erwarten. Die Prinzeſſin fuͤhlte die Wahrheit ſeines Troſtes und entdeckte ihm, ſie ſey die Tochter des Koͤnigs und nur bange wegen des Stolzes und der Bekäm⸗ merniſſe ihres Vaters. Nach langen reiflichen Ueberlegungen wurden ſie uͤber die zu faſſende Entſchließung einig, und der Juͤngling machte ſich ſofort auf den Weg, um ſeinen Vater aufzuſu⸗ chen und dieſen mit ihrem Plane bekannt zu machen. Er verſprach, in kurzem wieder bei ihr zu ſeyn, und verließ ſie beruhigt und in ſuͤßen Vorſtellungen der kuͤnftigen Entwickelung dieſer Begebenheiten. Der Juͤngling hatte bald ſeines Vaters Woh⸗ unverletzt ankommen zu ſehen. Er erfuhr nun die Beſchichte und den Plan der Liebenden, und bezeigte ſich nach einigem Nachdenken bereitwillig, ihn zu unterſtutzen. Sein Haus lag ziemlich ver⸗ ſteckt und hatte einige unterirdiſche Zimmer, die nung erreicht, und der Alte war ſehr erfreut, ihn — 23— nicht leicht aufzufinden waren. Hier ſollte die Wohnung der Prinzeſſin ſeyn. Sie ward alſo in der Dämmerung abgeholt und mit tiefer Ruͤh⸗ rung von dem Alten empfangen. Sie weinte nachher oft in der Einſamkeit, wenn ſie ihres traurigen Vaters gedachte, doch verbarg ſie ihren Kummer vor ihrem Geliebten und ſagte es nur dem Alten, der ſie freundlich troͤſtete und ihr die nahe Ruͤckkehr zu ihrem Vater vorſtellte. Unterdeß war man am Hofe in große Be⸗ ſtͤrzung gerathen, als Abends die Prinzeſſin ver⸗ mißt wurde. Der Koͤnig war ganz außer ſich, und ſchickte uͤberall Leute aus, ſie zu ſuchen. Kein Menſch wußte ſich ihr Verſchwinden zu er⸗ klären. Keinem kam ein heimliches Liebesver⸗ ſtändniß in die Gedanken, und ſo ahndete man keine Entfuͤhrung, da ohnedies kein Menſch wei⸗ ter fehlte. Auch nicht zu der entſernteſten Ver⸗ muthung war Grund da. Die ausgeſchickten Bo⸗ ten kamen unverrichteter Sache zuruͤck, und der Koͤnig fiel in tiefe Traurigkeit. Nur wenn Abends ſeine Sänger vor ihn kamen und ſchoͤne Lieder mitbrachten, war es, als ließe ſich die alte Freude wieder vor ihm blickenz ſeine Tochter duͤnkte ihm nahe, und er ſchoͤpfte Hoffnung, ſie bald wieder zu ſehen. War er aber wieder allein, ſo zerriß es ihm von neuem das Herz und er weinte laut, Dann gedachte er bei ſich ſelbſt: Was hilft mir nun alle die Herrlichkeit und meine hohe Geburt. Nun bin ich doch elender, als die andern Men⸗ ſchen. Meine Tochter kann mir nichts erſetzen. Ohne ſie ſind auch die Geſaͤnge nichts, als leere Worte und Blendwerk. Sie war der Zauber, der ihnen Leben und Freude, Macht und Geſtalt gab. Wollt' ich doch lieber, ich waͤre der geringſte meiner Diener, dann haͤtte ich meine Tochter noch; auch wohl einen Eidam dazu und Enkel, die mir auf den Knien ſäßen: dann wäͤre ich ein anderer Koͤnig, als jetzt. Es iſt nicht die Krone und das Reich, was einen Koͤnig macht; es iſt jenes volle, uberfließende Gefuͤhl der Gluͤckſeligkeit, der Sät⸗ tigung mit irdiſchen Guͤtern, jenes Gefuͤhl der überſchwenglichen Genuͤge. So werd' ich nun fuͤr meinen Uebermuth beſtraft. Der Verluſt meiner Gattin hat mich noch nicht genug erſchuͤttert; nun hab' ich auch ein grenzenloſes Elend. So klagte der König in den Stunden der heißeſten Sehn⸗ ſucht. Zuweilen brach auch ſeine alte Strenge und ſein Stolz wieder hervor. Er zuͤrnte uͤber ſeine Klagen; wie ein Koͤnig wollte er dulden und ſchweigen. Er meinte dann, er leide mehr als alle Andern, und gehoͤre ein großer Schmerz zum Koͤnigthum; aber wenn es dann dämmerte und er in die Zimmer ſeiner Tochter trat, und ſah — 25— ihre Kleider haͤngen und ihre kleinern Habſelig⸗ keiten ſtehn, als habe ſie eben das Zimmer ver⸗ laſſen:; ſo vergaß er ſeine Vorſätze, gebehrdete ſich wie ein truͤbſeliger Menſch, und rief ſeine geringſten Diener um Mitleid an. Die ganze Stadt und das ganze Land weinten und klagten von ganzem Herzen mit ihm. Sonderlich war es, daß eine Sage umherging, die Prinzeſſin lebe noch und werde bald mit einem Gemahl wieder⸗ kommen. Kein Menſch wußte, woher die Sage kamz aber Alles hing ſich mit frohem Glauben daran und ſah mit ungeduldiger Erwartung ihrer baldigen Wiederkunft entgegen. So vergingen mehrere Monden, bis das Fruhjahr wieder heran kam. Was gilts, ſagten einige im wunderlichem Muthe, nun kommt auch die Prinzeſſin wieder. Selbſt der Koͤnig ward heitrer und hoffnungsvol⸗ ler. Die Sage duͤnkte ihm wie die Verheißung einer guͤtigen Macht. Die ehemaligen Feſte fingen wie⸗ der an, und es ſchien zum völligen Aufbluͤhen der alten Herrlichkeit nur noch die Prinzeſſin zu feh⸗ len. Eines Abends, da es gerade jährig wurde, daß ſie verſchwand, war der ganze Hof im Gar⸗ ten verſammelt. Die Luft war warm und heiter; ein leiſer Wind tonte nur oben in den aiten Wipfeln, wie die Ankundigung eines feinen fröh⸗ lichen Zuges. Ein maͤchtiger Springquell ſtieg zwiſchen den vielen Fackeln mit zahlloſen Lichtern hinauf in die Dunkelheit der toͤnenden Wipfel, und begleitete mit melodiſchem Plaͤtſchern die mannichfaltigen Geſänge, die unter den Baͤumen hervorklangen. Der Koͤnig ſaß auf einem köſt⸗ lichen Teppich und um ihn her war der Hof in feſtlichen Kleidern verſammelt. Eine zahlreiche Menge erfuͤllte den Garten und umgab das pracht⸗ volle Schauſpiel. Der Koͤnig ſaß eben in tiefen Gedanken. Das Bild ſeiner verlornen Tochter ſtand mit ungewöhnlicher Klarheit vor ihm; er gedachte der gluͤcklichen Tage, die um dieſe Zeit im vergangenen Jahre ein plotzliches Ende nah⸗ men. Eine heiße Sehnſucht uͤbermannte ihn, und es floſſen haäufige Thränen von ſeinen ehrwuͤrdi⸗ gen Wangenz doch empfand er eine ungewoͤhnliche Heiterkeit. Es duͤnkte ihm das traurige Jahr nur ein ſchwerer Traum zu ſeyn, und er hob die Augen auf, gleichſam um ihre hohe, heilige, ent⸗ zuͤckende Geſtalt unter den Menſchen und den Baͤumen aufzuſuchen. Eben hatten die Dichter geendigt, und eine tiefe Stille ſchien das Zeichen der allgemeinen Ruͤhrung zu ſeynz denn die Dich⸗ ter hatten die Freuden des Wiederſehns, den Frähling und die Zukunft beſungen, wie ſie die Hoffnung zu ſchmuͤcken pflegt. iglee Plötzlich wurde die Stille durch keiſe Laute einer unbekannten ſchoͤnen Stimme unterbrochen, die von einer uralten Eiche herzukommen ſchienen. Alle Blicke richteten ſich dahin, und man ſah einen Juͤngling in einfacher, aber fremder Tracht ſtehen, der eine Laute im Arm hielt und ruhig in ſeinem Geſange fortfuhr, indem er jedoch, wie der Koͤnig ſeinen Blick nach ihm wandte, eine tiefe Verbeugung machte. Die Stimme war außer⸗ ordentlich ſchoͤn, und der Geſang trug ein frem⸗ des, wunderbares Gepräge. Er handelte von dem Urſprunge der Welt, von der Entſtehung der Geſtirne, der Pflanzen, Thiere und Men⸗ ſchen, von der allmächtigen Sympathie der Na⸗ tur, von der uralten goldenen Zeit und ihren Beherrſcherinnen, der Liebe und Poeſie, ven der Erſcheinung des Haſſes und der Barbarei und ihren Kaͤmpfen mit jenen wohlthaͤtigen Gottinnen, und endlich von dem zukuͤnftigen Triumph der letztern, dem Ende der Truͤbſale, der Verjuͤn⸗ gung der Natur und der Wiederkehr eines ewi⸗ gen goldenen Zeitalters. Die alten Dichter tra⸗ ten, ſelbſt von Begeiſterung hingeriſſen, während des Geſanges naͤher um den ſeltſamen Fremdling her. Ein nie gefuͤhltes Entzuͤcken ergriff die Zu⸗ ſchauer, und der Koͤnig ſelbſt fuͤhlte ſich wie auf einem Strom des Himmels fortgetragen. Ein — 28— ſolcher Geſang war nie vernommen worden, und Alle glaubten, vin himmliſches Weſen ſey unter ihnen erſchienen, beſonders da der Juͤngling un⸗ term Singen immer ſchoͤner, immer herrlicher und ſeine Stimme immer gewaltiger zu werden ſchien. Die Luft ſpielte mit ſeinen goldnen Locken. Die Laute ſchien ſich unter ſeinen Hän⸗ den zu beſeelen, und ſein Blick ſchien trunken in eine geheimere Welt hinüber zu ſchauen. Auch die Kindesunſchuld und Einfalt ſeines Geſichts ſchien Allen uͤbernatuͤrlich. Nun war der herr⸗ liche Geſang geendigt. Die bejahrten Dichter druͤckten den Juͤngling mit Freudenthraͤnen an ihre Bruſt. Ein ſtilles, inniges Jauchzen ging durch die Verſammlung. Der Koͤnig kam geruͤhrt auf ihn zu. Der Juͤngling warf ſich ihm beſchei⸗ den zu Fuͤßen. Der Koͤnig hob ihn auf, um⸗ armte ihn herzlich und hieß ihn ſich eine Gabe ausbitten. Da bat er mit gluͤhenden Wangen den Koͤnig, noch ein Lied gnädig anzuhoͤren und dann uͤber ſeine Bitte zu entſcheiden. Der Koͤnig trat einige Schritte zuruͤck und der Fremdling fing an: Der Säͤnger geht auf rauhen Pfaden, Zerreißt in Dornen ſein Gewand; Er muß durch Fluß und Suͤmpfe baden, und Keins reicht huͤlfreich ihm die Hand. Einſam und pfadlos fließt in Klagen Jetzt uͤber ſein ermattet Herz; Er kann die Laute kaum noch tragen, Ihn uͤbermannt ein tiefer Schmerz. Ein traurig Loos ward mir beſchieden, Ich irre ganz verlaſſen hier, Ich brachte Allen Luſt und Frieden, Doch Keiner theilte ſie mit mir. Es wird ein Jeder ſeiner Habe und ſeines Lebens froh durch michz Doch weiſen ſie mit karger Gabe, Des Herzens Forderung von ſich. Man laͤßt mich ruhig Abſchied nehmen, Wie man den Fruhling wandern ſteht, Es wird ſich Keiner um ihn graͤmen, Wenn er betruͤbt von dannen zieht. Verlangend ſehn ſie nach den Fruͤchten, Und wiſſen nicht, daß er ſie ſä't; Ich kann den Himmel für ſie dichten, Doch meiner denkt nicht ein Gebet. Ich fuͤhle dankbar Zaubermaͤchte An dieſe Lippen feſtgebannt. O! knupfte nur an meine Rechte Sich auch der Liebe Zauberband. Es kuͤmmert Keine ſich des Armen, Der duͤrftig aus der Ferne kam; Welch Herz wird ſein ſich noch erbarmen und loͤſen ſeinen tiefen Gram? Er ſinkt im hohen Graſe nieder, und ſchlaͤft mit naſſen Wangen ein: Da ſchwebt der hohe Geiſt der Lieder In die beklemmte Bruſt hinein: Vergiß anjetzt, was du gelitten, In Kurzem ſchwindet deine Laſt, Was du umſonſt geſucht in Huͤtten „Das wirſt du finden im Pallaſt. Du nahſt dem hoͤchſten Erdenlohne, Vald endigt der verſchlungne Lauf: Der Myrtenkranz wird eine Krone, Dir ſetzt die treuſte Hand ſie auf. Ein Herz voll Einklang iſt berufen Zur Glorie um einen Thronz Der Hichter ſteigt auf rauhen Stufen 3 Hinan, und wird des Konigs Sohn. So weit war er in ſeinem Geſange gekom⸗ men, und ein ſonderbares Erſtaunen hatte ſich der Verſammlung bemächtigt, als während dieſer — 31— Strophen ein alter Mann nebſt einer verſchleier⸗ ten weiblichen Geſtalt von edlem Wuchſe, die ein wunderſchoͤnes Kind auf dem Arme trug, das freundlich in der fremden Verſammlung umherſah und laͤchelnd nach dem blitzenden Diadem des Koͤnigs die kleinen Haͤndchen ausſtreckte, zum Vorſchein kamen und ſich hinter den Saͤnger ſtel⸗ ten; aber das Staunen wuchs, als ploͤtzlich aus den Gipfeln der alten Bäume der Lieblingsadler des Koͤnigs, den er immer um ſich hatte, mit einer goldenen Stirnbinde, die er aus ſeinem Zimmer entwandt haben mußte, herabflog und ſich auf das Haupt des Juͤnglings niederließ, ſo daß die Binde ſich um ſeine Locken ſchlang. Der Fremdling erſchrak einen Augenb ick; der Adler flog an die Seite des Koͤnigs und ließ die Binde zurüͤck. Der Juͤngling reichte ſie dem Kinde, das darnach verlangte, ließ ſich auf ein Knie gegen den Koͤnig nieder und fuhr in ſeinem Geſange mit bewegter Stimme fort: Der Säͤnger fährt aus ſchoͤnen Träumen Mit froher ungeduld empor; Er wandelt unter hohen Baͤumen Zu des Pallaſtes ebrnem Thor. Die Mauern ſind wie Stahl geſchliffen, Doch ſie erklimmt ſein Lied geſchwind, Es ſteigt von Lieb⸗ und Weh ergriffen Zu ihm hinab des Koͤnigs Kind. Die Liebe druͤckt ſie feſt zuſammen, Der Klang der Panzer treibt ſie fort; Sie lodern auf in ſuͤßen Flammen, Im nächtlich ſtillen Zufluchtsort. Sie halten furchtſam ſich verborgen, Weil ſie der Zorn des Koͤnigs ſchreckt; Und werden nun von jedem Morgen Zu Schmerz und Luſt zugleich erweckt. Der Sänger ſpricht mit ſanften Klängen Der neuen Mutter Hoffnung ein; Da tritt, gelockt von den Geſaͤngen, Der Koͤnig in die Kluft hinein. Die Tochter reicht in goldnen Locken Den Enkel von der Bruſt ihm hinz Sie ſinken reuig und erſchrocken, Und mild zergeht ſein ſtrenger Sinn. Der Liebe weicht und dem Geſange Auch auf dem Thron ein Vaterherz, und wandelt bald in ſuͤßem Hrange Zu eweger Luſt den tiefen Schmerz. Die Liebe giebt, was ſie entriſſen, Mit reichem Wucher bald zuruͤck, * und unter den Verſoͤhnungskuͤſſen Entfaltet ſich ein himmliſch Glück. Geiſt des Geſangs, komm du hernieder, und ſteh auch jetzt der Liebe bei; Bring die verlorne Tochter wieder, Daß ihr der Koͤnig Vater ſey!— Daß er mit Freuden ſie umſchließet, Und ſeines Enkels ſich erbarmt, und wenn das Herz ihm uͤberfließet, Den Saͤnger auch als Sohn umarmt. Der Juͤngling hob mit bebender Hand bei dieſen Worten, die ſanft in den dunkeln Gaͤngen verhallten, den Schleier. Die Prinzeſſin fiel mit einem Strom von Thränen zu den Fuͤßen des Koͤnigs und hielt ihm das ſchone Kind hin. Der Saͤnger kniete mit gebeugtem Haupte an ihre Seite. Eine äͤngſtliche Stille ſchien jeden Athem feſtzuhalten. Der Koͤnig war einige Augenblicke ſprachlos und ernſt; dann zog er die Prinzeſſin an ſeine Bruſt, druckte ſie lange feſt an ſich und weinte laut. Er hob nun auch den Juͤngling zu ſich auf und umſchloß ihn mit herzlicher Zaͤrtlich⸗ keit. Ein helles Jauchzen flog durch die Ver⸗ ſammlung, die ſich dicht zubraͤngte. Der Koͤnig nahm das Kind und reichte es mit ruͤhrender An⸗ . 5 dacht gen Himmel; dann begruͤßte er freundlich den Alten. unendliche Freudenthraͤnen floſſen. In Geſaͤnge brachen die Dichter aus, und der Abend warb ein heiliger Vorabend dem ganzen Lande, deſſen Leben fortan nur ein ſchones Feſt war. Kein Menſch weiß, wo das Land hinge⸗ kommen iſt. Nur in Sagen heißt es, daß At lantis von maͤchtigen Fluthen den Augen entzogen worden ſey. Begebenheit im ₰ 4 5 — — — 2— — — — 8 S Auf meiner vorigjaährigen Reiſe kam ich in ſpaͤter Nacht in das ſchone große Dorf, vier Stunden von B...ʒ ich entſchloß mich, in den ſtattlichen Gaſthof einzukehren, wo mich ein freundlicher, aufgeweckter Wirth empfing. Ermü⸗ det, ja zerſchlagen von der weiten Reiſe, warf ich mich in meinem Zimmer gleich ins Bette, um recht auszuſchlafenz aber es mochte eben Eins ge⸗ ſchlagen haben, als mich eine Floͤte, die dicht neben mir geblaſen wurde, weckte. In meinem Leben hatte ich ſolch ein Blaſen nicht gehoͤrt. Der Menſch mußte ungeheure Lungen haben; denn mit einem ſchneidenden, durchdringenden Ton, der den Charakter des Inſtruments ganz vernichtete, blies er immer dieſelbe Paſſage hinter einander fort, ſo daß man ſich nichts Abſcheulicheres denken konnte. Ich ſchimpfte und fluchte auf den ver⸗ hammten tollen Muſikanten, der mir den Schlaf raubte und die Ohren zerriß, aber wie ein auf⸗ gezogenes uhrwerk rollte die Paſſage fort, bis iich endlich einen dumpfen Schlag vernahm, als wuͤrde etwas gegen die Wand geſchleudert, wor⸗ auf es ſtill blieb und ich ruhig fortſchlafen konnte. Am Morgen hoͤrte ich ein ſtarkes Gezaͤnk unten im Hauſe. Ich unterſchied die Stimme des Wirths und eines Mannes, der unaufhoͤrlich ſchrie:„Verdammt ſey Ihr Haus, waͤre ich nie uͤber die Schwelle getreten.— Der Teufel hat mich in Ihr Haus gefuͤhrt, wo man nichts trin⸗ Len, nichts genießen kann!— Alles iſt infam ſchlecht und hundemaͤßig theuer.— Da haben Sie Ihr Geld, Adieu, Sie ſehn mich nicht wieder in Ihrer vermaladeiten Kneipe.“— Damit ſprang ein kleiner, windduͤrrer Mann, in einem kaffee⸗ braunen Rocke und fuchsrother, runder Peruͤcke, auf die er einen grauen Hut ganz ſchief und mar⸗ tialiſch geſtuͤlpt, ſchnell zum Hauſe heraus und lief nach dem Stalle, aus dem ich ihn bald auf einem ziemlich ſteifen Gaule in ſchwerfaͤlligem Ga⸗ lopp zum Hofe hinaus reiten ſah. Natuͤrlicherweiſe hielt ich ihn fuͤr einen Frem⸗ den, der ſich mit dem Wirth entzweit habe und nun abgereiſet ſey; eben deshalb nahm es mich nicht wenig Wunder, als ich Mittags, da ich mich X in der Wirthsſtube befand, dieſelbe komiſche kaffeebraune Figur, mit der fuchsrothen Peruͤcke, welche des Morgens hinausritt, eintreten und ohne Umſtände an dem gedeckten Tiſch Platz neh⸗ men ſah. Es war das häßlichſte und dabei poſſier⸗ lichſte Geſicht, das mir jemals aufſtieß. In dem ganzen Weſen des Mannes lag ſo etwas drollig⸗ Ernſtes, daß man ihn betrachtend, ſich kaum des Lachens enthalten konnte. Wir aßen mit einan⸗ der, und ein wortkarges Geſpräch ſchlich zwiſchen mir und dem Wirth hin, ohne daß der Fremde, der gewaltig aß, daran Antheil nehmen wollte. Offenbar war es, wie ich nachher einſah, Bos⸗ heit des Wirths, daß er das Geſpraͤch geſchickt auf nationelle Eigenthuͤmlichkeiten lenkte, und mich geradezu frug, ob ich wohl ſchon Irrländer kennen gelernt und von ihren ſogenannten Bulls etwas wiſſe?—„Allekdings!“ erwiederte ich, in⸗ dem mir gleich eine ganze Reihe ſolcher Bulls durch den Kopf ging. Ich erzaͤhlte von jenem Irrlaͤnder, der, als man ihn frug, warum er den Strumpf verkehrt angezogen, ganz treuher⸗ zig antwortete:„auf der rechten Seite iſt ein Loch!“— Es kam mir ferner der herrliche Bull jenes Irrlaͤnders in den Sinn, der mit einem jaͤhzornigen Schotten“ zuſammen in einem Bette ſchlief und den bloßen Fuß unter der Decke her⸗ vorgeſtreckt hatte. Nun vemerkte dies ein Eng⸗ länder, der im Zimmer veſindlich, und ſchnallte flugs dem Irrlaͤnder den Sporn an den Fuß, den eer von ſeinem Stiefel heruntergenommen. Der Irrländer zog ſchlafend den Fuß wieder unter die Decke und ritzte mit dem Sporn den Schot⸗ ten, der daruͤber aufwachte und dem Frrlaͤnder eine tuͤchtige Ohrfeige gab. Darauf entſpann ſich unter ihnen folgendes ſinnreiche Geſpraͤch:„Was Teufel ficht Dich an, worum ſchlaͤgſt Du mich?“ —„Weil Du mich mit Deinem Sporn geritzt haſt!“—„Wie iſt das moͤglich, da ich mit blo⸗ ßen Füßen bei Dir im Bette liege?“—„Und voch iſt es ſo, ſieh nur her.“—„Gott verdamm mich, Du haſt Recht, hat der verfluchte Kerl von Hausknecht mir den Stiefel ausgezogen, und den Sporn ſitzen laſſen.“— Der Wirth brach in ein eben mit dem Eſſen fertig geworden und ein gro⸗ ßes Glas Bier heruntergeſturzt hatte, ſah mich Hernſt an und ſprach:„Sie haben ganz Recht, die Irrländer machen oft dergleichen Bulls, aber es riegt keineswegs an dem Volke, das regſam und geiſtreich iſt, vielmehr weht dort eine ſolche ver⸗ fluchte Luft, die einen mit dergleichen Tollheiten, wie mit einem Schnupfen befällt; denn, mein Herr! ich ſelbſt bin zwar ein Engländer, aber in unmäßiges Gelaͤchter aus, aber der Fremde, der — 41— Irrkand geboren und erzogen, und nur deshalb jener verdammten Krankheit der Bulls unterwor⸗ fen.“ Der Wirth lachte noch ſtaͤrker, und ich mußte unwillkuͤhrlich einſtimmen; denn ſehr ergoͤtzlich war es doch, daß der Irrlaͤnder, nur von Bulls ſpre⸗ chend, gleich ſelbſt einen ganz vortrefflichen zum Beſten gab. Der Fremde, weit entfernt durch unſer Gelaͤchter beleidigt zu werden, riß die Au⸗ gen weit auf, legte den Finger an die Naſe und ſprach!„In England ſind die Irrlaͤnder das ſtarke Gewuͤrz, das der Geſellſchaft hinzugefuͤgt wird, um ſie ſchmackhaft zu machen. Ich ſelbſt bin in dem einzigen Stuͤck dem Fallſtaff ähnlich, daß ich oft nicht allein ſelbſt witzig bin, ſondern auch den Witz Anderer erwecke, was in dieſer nuͤchternen Zeit kein geringes Verdienſt iſt. Soll⸗ ten Sie denken, daß in dieſer ledernen, leeren Bierwirthsſeele ſich auch oft dergleichen regt, bloß auf meinen Anlaß? Aber dieſer Wirth iſt ein guter Wirth, er greift ſein duͤrftig Capital von guten Einfaͤllen durchaus nicht an, ſondern leiht hie und da in Geſellſchaft der Reichen nur einen aus auf hohe Zinſen; er zeigt, iſt er dieſer Zin⸗ ſen nicht verſichert, wie eben jetzt, hoͤchſtens den Einband ſeines Hauptbuchs, und der iſt ſein un⸗ maͤßiges Lachenz denn in dies Lachen hat er ſei⸗ nen Witz eingewickelt. Gott befohlen, meine Herrn!““— Damit ſchritt der originelle Mann zur Thuͤr hinaus, und ich bat den Wirth ſofort um Auskunft uͤber ihn.„Dieſer Irrlaͤnder,“ ſagte er,„der Ewſon heißt und deswegen ein Englaͤn⸗ der ſeyn will, weil ſein Stammbaum in England wurzelt, iſt erſt ſeit kurzer Zeit hier, es werden nun gerade zwei und zwanzig Jahre ſeyn.— Ich hatte, als ein junger Menſch, den Gaſthof gekauft und hielt Hochzeit, als Herr Ewſon, der auch noch ein Juͤngling war, aber ſchon damals eine fuchsrothe Peruͤcke, einen grauen Hut und einen kaffeebraunen Rock von demſelben Schnitt, wie heute, trug, auf der Ruͤckreiſe nach ſeinem Vaterlande begriffen, hier vorbeikam und durch die Tanzmuſik, die luſtig erſchallte, hereingelockt wurde. Er ſchwur, daß man nur auf dem Schiffe zu tanzen verſtehe, wo er es ſeit ſeiner Kindheit erlernt, und fuͤhrte, um dies zu beweiſen, indem er auf gräßliche Weiſe dazu zwiſchen den Zähnen pfiff, einen Hornpipe aus, wobei er aber bei einem Hauptſptunge ſich den Fuß dermaßen ver⸗ renkte, daß er bei mir liegen bleiben und ſich heilen laſſen mußte.— Seit der Zeit hat er mich nicht wieder verlaſſen. Mit ſeinen Eigenheiten habe ich meine liebe Noth; jeden Tag, ſeit den vielen Jahren, zankt er mit mir, er ſchmählt auf die Lebensart, er wirft mir vor, daß ich ihn uͤbertheure, daß er ohne Rotbeef und Porter nicht laͤnger leben könne, packt ſein Felleiſen, ſeine drei Peruͤcken auf, eine uͤber die nimmt von mir Abſchied und reitet auf f alten Gaule davon. Das iſt aber nur ſein zierritt; denn Mittags kommt er wieder zum an⸗ dern Thore herein, ſetzt ſich, wie Sie heute ge⸗ ſehen haben, ruhig an den Tiſch und ißt von den ungenießbaren Speiſen fuͤr drei Mann. Jedes Jahr erhaͤlt er einen ſtarken Wechſelz dann ſagt er mir ganz wehmuͤthig Lebewohl, er nennt mich ſeinen beſten Freund, und vergießt Thraͤnen, wobei mir auch die Thraͤnen uͤber die Backen laufen, aber vor unterdruͤcktem Lachen. Nachdem er noch, Le⸗ bens und Sterbens halber, ſeinen letzten Willen aufgeſetzt, und, wie er ſagt, meiner aͤlteſten Toch⸗ ter ſein Vermögen vermacht hat, reitet er ganz langſam und betruͤbt nach der Stadt. Den drit⸗ ten oder hoͤchſtens vierten Tag iſt er aber wieder hier und bringt zwei kaffeebraune Roͤcke, dret fuchsrothe Peruͤcken, ſechs Hemden, einen neuen grauen Hut und andere Beduͤrfniſſe ſeines An⸗ zugs, meiner älteſten Tochter, ſeiner Lieblingin, aber ein Tuͤtchen Zuckerwerk mit, wie einem Kinde, unerachtet ſie nun ſchon achtzehn Jahr alt worden. Er denkt dann weder an ſeinen Aufent⸗ * — 44— halt in der Stadt, noch an die Heimreiſe. Seine Zeche berichtigt er jeden Abend, und das Geld fuͤr das Fruͤhſtuͤck wirft er mir jeden Morgen zor ig hin, wenn er wegreitet, um nicht wieder nmen. Sonſt iſt er der gutmuͤthigſte Menſch der Welt, er beſchenkt meine Kinder bei jeder Gelegenheit, er thut den Armen im Dorfe wohl, nur den Prediger kann er nicht leiden, weil er, wie Herr Ewſon es von dem Schulmeiſter erfuhr, einmal ein Goldſtuͤck, das Ewſon in die Armen⸗ vuͤchſe geworfen, eingewechſelt und lauter Kupfer⸗ pfennige dafuͤr gegeben hat. Seit der Zeit weicht er ihm uͤberall aus, und geht niemals in die Kirche, weshalb der Prediger ihn fuͤr einen Athe⸗ iſten ausſchreit. Wie geſagt, ich habe aber oft meine liebe Noth mit ihm, weil er jähzornig iſt, und ganz tolle Einfaͤlle hat. Erſt geſtern horte ich, als ich nach Hauſe kam, ſchon von weitem ein heftiges Geſchrei, und unterſchied Ewſons Stimme. Als ich ins Haus trat, fand ich ihn im ſtärkſten Zank mit der Hausmagd begriffen. Er hatte, wie es im Zorn immer geſchieht, be⸗ reits ſeine Peruͤcke weggeſchleudert, und ſtand in kahlem Kopf, ohne Rock, in Hemdaͤrmeln dicht vor der Magd, der er ein großes Buch unter die Naſe hielt und ſtark ſchreiend und fluchend mit dem Finger hinein wies. Die Magd hatte die Hände in die Seiten geſtemmt und ſchrie: es moͤge Andere zu ſeinen Streichen brauchen, er ſey ein ſchlechter Menſch, der an nichts glaube u. ſ. w. Mit Muͤhe gelang es mir, die Strei⸗ tenden auseinander zu bringen und der Sache auf den Grund zu kommen.— Herr Ewſon hatte verlangt, die Magd ſolle ihm Oblate verſchaffen zum Briefſiegeln; die Magd verſtand ihn anfangs gar nicht, zuletzt fiel ihr ein, daß das Oblate ſey, was bei dem Abendmahl gebraucht werde, und meinte, Herr Ewſon wolle mit der Hoſtie verruchtes Geſpotte treiben, weil der Herr Pfar⸗ rer ohnedies geſagt, daß er ein Gottesläugner ſey. Sie widerſetzte ſich daher und Herr Ewſon, der da glaubte, nur nicht richtig ausgeſprochen zu haben und nicht verſtanden zu ſeyn, holte ſo⸗ fort ſein engliſch⸗deutſches Woͤrterbuch, und de⸗ monſtrirte daraus der Bauermagd, die kein Wort leſen konnte, was er haben wolle, wobei er zu⸗ letzt nichts als engliſch ſprach, welches die Magd fuͤr das ſinnverwirrende Gewaͤſche des Teufels hielt. Nur mein Dazwiſchentreten verhinderte die Pruͤgelei, in der Herr Ewſon vielleicht den Kuͤr⸗ zeren gezogen.“ Ich unterbrach den Wirth in der grijttlung von dem drolligen Manne, indem ich frug, ob das vielleicht auch Herr Ewſon geweſen, d mich din er Nacht durch ſein graͤßliches Flotenblaſen ſo geſtoͤrt und geärgert habe.„Ach, mein Herr!“ fuhr der Wirth fort,„das iſt nun auch eine von Herr Ewſons Eigenheiten, womit er mir beinahe die Gäſte verſcheucht. Vor drei Jahren kam mein Sohn aus der Stadt hierher; der Junge blaͤſt eine herrliche Floͤte und uͤbte hier fleißig ſein In⸗ ſtrument. Da fiel es Herrn Ewſon ein, daß er ehemals auch Flöte geblaſen, und ließ nicht nach, bis ihm Fritz ſeine Floͤte und ein Conzert, das er mitgebracht hatte, fur ſchweres Geld verkaufte.“ „Nun fing Herr Ewſon, der gar keinen Sinn fuͤr Muſik, gar keinen Takt hat, mit dem groͤßten Eifer an, das Conzert zu blaſen. Er kam aber nur bis zum zweiten Solo des erſten Allegro's, da ſtieß ihm eine Paſſage auf, die er nicht herausbringen konnte, und dieſe einzige Paſ⸗ ſage blaͤſt er nun ſeit den drei Jahren faſt jeden Tag hundertmal hinter einander, bis er im hoͤch⸗ ſten Zorn erſt die Flote und dann die Peruͤcke an die Wand ſchleudert. Da dies nun wenige Floͤten lange aushalten, ſo braucht er gar oft neue, und hat jetzt gewöhnlich drei bis vier im Gange. Iſt nur ein Schräubchen zerbrochen, oder eine Klappe ſchadhaft, ſo wirft er ſie mit einem:„Gott ver⸗ damm mich, nur in England macht man Inſtru⸗ mente, die was taugen!“ durchs Fenſter Ganz erſchrecklich iſt es, daß ihn dieſe Paſſion der Flo⸗ tenblaͤſerei oft Nachts uͤberfällt, und er dann meine Gaͤſte aus dem tiefſten Schlafe dudelt.“ „Sollten Sie aber glauben, daß hier im Amts⸗ hauſe ſich, beinahe eben ſo lange, als Herr Ew⸗ ſon bei mir iſt, ein engliſcher Doktor aufhaͤlt, der Green heißt, und mit Herrn Ewſon darin ſym⸗ pathiſirt, daß er eben ſo originell, eben ſo voll ſonderbaren Humors iſt?— Sie zanken ſich un⸗ aufhoͤrlich und können doch nicht ohne einander leben. Es faͤllt mir eben ein, daß Herr Ewſon auf heute Abend einen Punſch bei mir beſtellt hat, zu dem er den Amtmann und den Doktor Green eingeladen. Wollen Sie es ſich, mein Herr, ge⸗ fallen laſſen, noch bis morgen fruͤh hier zu ver⸗ weilen, ſo koͤnnen Sie heute Abend bei mir das poſſierlichſte Kleeblatt ſehen, das ſich nur zuſam⸗ menfinden kann.“ Sie ſtellen ſich es vor, daß ich mir den Auf⸗ ſchub der Reiſe gern gefallen kieß, weil ich hoffte, den Herrn Ewſon in ſeiner Glorie zu ſehen. Er trat, ſo wie es Abend worden, ins Zimmer, und war artig genug, mich zu dem Punſch einzula⸗ den, indem er hinzuſetzte, wie es ihm nur leid thaͤte, mich mit dem nichtswuͤrdigen Getränk, das man hier Punſch nenne, bewirthen zu muͤſſenz. ur in England trinke man Punſch, und da er — nachſtens dahin zuruͤckkehren werde, hoffe er⸗ käme ich jemals nach England, mir es beweiſen zu koönnen, daß er es verſtehe, das koͤſtliche Ge⸗ tränk zu bereiten.— Ich wußte, was ich davon zu denken hatte.— Bald darauf traten auch die eingeladenen Gäſte ein. Der Amtmann war ein kleines, kugelrundes, hoͤchſt freundliches Mäͤnn⸗ lein, mit vergnuͤgt blickenden Augen und einem rothen Näschen; der Doktor Green ein robuſter Mann von mittlern Jahren mit einem auffallen⸗ den Nationalgeſicht, modern, aber nachlaͤſſig ge⸗ kleidet, Brill⸗ auf der Naſe, Hut auf dem Kopfe.—„Gebt mir Sekt, daß meine Augen roth werden!“ rief er pathetiſch, indem er auf den Wirth zuſchritt und ihn, bei der Bruſt pak⸗ kend, heftig ſchuͤttelte:„Hallunkiſcher Cambyſes, ſprich! wo ſind die Prinzeſſinnen? Nach Kaffee rriechts und nicht nach Trank der Götter!“— „Laß ab von mir, o Held! weg mit der ſtarken Fauſt, zermalmſt im Zorne mir die Ribben!“ rief der Wirth keuchend.—„Nicht eher, feiger Schwächling,“ fuhr der Doktor fort,„bis ſuͤßer Dampf des Punſches Sinn umnebelnd Naſe kitzelt, nicht eher laß ich Dich, Du ganz unwer⸗ ther Wirth!“— Aber nun ſchoß Ewſon grimmig auf den Doktor los und ſchalt:„unwuͤrd'ger Green! gruͤn ſoll's Dir werden vor den Augen⸗ — vbe —— 49— ja greinen ſollſt Du gramerfuͤllt, wenn Du nicht abläßt von ſchmachvoller That!“— Nun, dacht⸗ ich, wuͤrde Zank und Tumult losbrechen, aber der Doktor ſagte:„So will ich, feiger Ohn⸗ macht ſpottend, ruhig ſeyn, und harr'n des Goͤt⸗ tertranks, den Du bereitet, würd'ger Ewſon.“— Er ließ den Wirth los, der eiligſt davon ſprang, ſetzte ſich mit einer Cato's Miene an den Tiſch, ergriff die geſtopfte Pfeife und blies große Dampf⸗ wolken von ſich.—„Iſt das nicht, als wäre man im Theater?“ ſagte der freundliche Amt⸗ mann zu mir;“ aber der Doktor, der ſonſt kein deutſches Buch in die Hand nimmt, fand zufaͤllig Schlegels Shakeſpear bei mir, und ſeit der Zeit ſpielt er, nach ſeinem Ausdruck, uralte bekannte Melodien auf einem fremden Inſtrumente. Sie werden bemerkt haben, daß ſogar der Wirth rhythmiſch ſpricht, der Doktor hat ihn ſo zuſagen, eingejambt.“ Der Wirth brachte den dampfenden Punſch⸗ napf, und unerachtet Ewſon und Green ſchwuren, er ſey kaum trinkbar, ſo ſtuͤrzten ſie doch ein großes Glas nach dem andern hinab. Wir fuͤhr⸗ ten ein leidlich Geſpräch. Green blieb wortkarg, nur dann und wann gab er auf komiſche Weiſe, die Oppoſition behauptend, etwas von ſich. So ſprach z. B, der Amtmann von dem Theater in II. 4 — 50— 8 ber Stadt, und ich verſicherte: der erſte Held ſpiele vortrefflich.—„Das kann ich nicht finden,“ fiel ſogleich der Doktor einz„glauben Sie nicht, daß, hätte der Mann ſechsmal beſſer geſpielt, er des Beifalls viel wuͤrd'ger ſeyn würde?“ Ich mußte das nothgedrungen zugeben, und meinte nur, daß dies ſechsmal beſſer ſpielen dem Schau⸗ ſpieler Noth thue, der die zärtlichen Väter ganz erbaͤrmlich tragire.—„Das kann ich nicht fin⸗ den,“ ſagte Green wieder;„der Mann giebt Alles, was er in ſich traͤgt! Kann er dafuͤr, daß ſeine Tendenz ſich zum Schlechten hinneigt? Er hat es aber im Schlechten zu ruͤhmlicher Vollkom⸗ menheit gebracht, man muß ihn deshalb loven!“ — Der Amtmann ſaß mit ſeinem Talent, die Beiden anzuregen zu allerlei tollen Einfaͤllen und Meinungen, in ihrer Mitte, wie das erzitirende Prinzip, und ſo ging es fort, bis der ſtarke Punſch zu wirken anfing. Da wurde Ewſon aus⸗ gelaſſen luſtig, er ſang mit kraͤchzender Stimme Nationallieder, er warf Peruͤcke und Rock durchs Fenſter in den Hof, und fing an mit den ſonder⸗ barſten Grimaſſen auf ſo drollige Weiſe zu tan⸗ zen, daß man ſich vor Lachen hätte ausſchuͤtten mögen. Der Hoktor blieb ernſthaft, hatte aber die ſeltſamſten Viſionen. Er ſah den Punſchnapf für eine Baßgeige an und wollte durchaus darauf — 2. herumſtreichen, mit dem Loffel Ewſons Lieder akkompagnirend, wovon ihn nur des Wirths drin⸗ gendſte Proteſtationen abhalten konnten.— Der Amtmann war immer ſtiller und ſtiller geworden, am Ende ſtolperte er in eine Ecke des Zimmers, wo er ſich hinſetzte und heftig zu weinen anfing. Ich verſtand den Wink des Wirths und frug den Amtmann um die urfache ſeines tiefen Schmerzes. —„Ach! ach!“ brach er ſchluchzend los:„der Prinz Eugen war doch ein großer Feldherr, und dieſer heldenmüthige Fuͤrſt mußte ſterben. Ach, ach!“ und damit weinte er heftiger, daß ihm die hellen Thraͤnen über die Vacken liefen. Ich ver⸗ ſuchte, ihn uͤber den Verluſt dieſes wackern Prin⸗ zen des laͤngſt vergangenen Jahrhunderts möglichſt zu tröſten, aber es war vergebens. Der Doktor Green hatte indeſſen eine große Lichtſcheere er⸗ griffen, und fuhr damit unaufhorlich gegen das offene Fenſter.— Er hatte nichts Geringeres im Sinn, als den Mond zu putzen, der hell hinein⸗ ſchien. Ewſon ſprang und ſchrie, als waͤre er beſeſſen von tauſend Teufeln, bis endlich der Hausknecht, des hellen Mondſcheins unerachtet, mit einer großen Laterne in das Zimmer trat, und laut rief:„Da bin ich, meine Herrn! nun kann's fortgehen.“ Der Doktor ſtellte ſich dicht vor ihm hin und ſprach, ihm die Dampfwolken — 52— ins Geſicht blaſend:„Willkommen, Freund! Biſt Du der Squenz, der Mondſchein traͤgt, und Hund, und Dornbuſch? Ich habe Dich geputzt, Hal⸗ tunke, darum ſcheinſt Du hell! Gute Racht denn, viel des ſchnoden Safts hab' ich getrunken, gute Racht, mein werther Wirth, gute Nacht, mein Pylades!“— Ewſon ſchwur, daß kein Menſch zu Hauſe gehen ſolle, ohne den Hals zu brechen, aber Niemand achtete darauf, vielmehr nahm der Hausknecht den Doktor unter den einen, den Amtmann⸗ der noch immer über den Verluſt des Prinzen Eugen lamentirte, unter den andern Arm, und ſo wackelten ſie uͤber die Straße fort nach dem Amtshauſe. Mit Muͤhe brachten wir den närriſchen Ewſen in ſein Zimmer, wo er noch die halbe Nacht auf der Floͤte tobte, ſo daß ich kein Auge zuthun und mich erſt im Wagen ſchla⸗ fend, von dem tollen Abend im Gaſthauſe erholen konnte. „ Das Bettelweib von Locarno. —— Am Fuße der Alpen, bei Locarno im obern Italien, befand ſich ein altes, einem Marcheſe gehoͤriges Schloß, das man jetzt, wenn man vom St. Gotthardt kommt, in Schutt und Truͤmmern liegen ſieht; ein Schloß mit hohen und weitlaͤu⸗ figen Zimmern, in deren einem einſt, auf Stroh, das man ihr unterſchuttete, eine alte kranke Frau, die ſich bettelnd vor der Thür eingefunden hatte, von der Hausfrau aus Mitleiden gebettet worden war. Der Marcheſe, der, bei der Ruͤckkehr von der Jagd, zufaͤllig in das Zimmer trat, wo er ſeine Buͤchſe abzuſetzen pflegte, befahl der Frau unwillig, aus dem Winkel, in welchem ſie lag, aufzuſtehen und ſich hinter den Ofen zu verfuͤgen. Die Frau, da ſie ſich erhob, glitſchte mit der Kruͤcke auf dem glatten Boden aus, und beſchä⸗ digte ſich auf eine gefährliche Weiſe das Kreuz; dergeſtalt, daß ſie zwar noch mit unſaͤglicher Muͤhe aufſtand und quer, wie es vorgeſchrieben war, uͤber das Zimmer ging, hinter den Ofen aber, unter Stohnen und Aechzen, niederſank und ver⸗ ſcied. Mehrere Jahre nachher, da der Marcheſe, durch Krieg und Mißwachs, in bedenkliche Ver⸗ moͤgensumſtaͤnde gerathen war, fand ſich ein flo⸗ rentiniſcher Ritter bei ihm ein, der das Schloß, ſeiner ſchonen Lage wegen, von ihm kaufen wollte. Der Marcheſe, dem viel an dem Handel gelegen war, gab ſeiner Frau auf, den Fremden in dem oben erwaͤhnten, leer ſtehenden Simmer, das ſehr ſchoͤn und prächtig eingerichtet war, unterzubrin⸗ gen. Aber wie betreten war das Ehepaar, als der Ritter mitten in der Nacht, verſtoͤrt und bleich, zu ihnen herunterkam, hoch und theuer verſichernd, daß es in dem Zimmer ſpuke, indem etwas, das dem Blick unſichtbar geweſen, mit einem Geraͤuſch, als ob es auf Stroh gelegen, im Zimmerwinkel aufgeſtanden, mit vernehmlichen Schritten, langſam und gebrechlich, quer uͤber das Simmer gegangen und hinter dem Ofen, unter Stoöhnen und Aechzen, niedergeſunken ſey. Der Marcheſe erſchrocken, er wußte ſelbſt nicht recht warum, lachte den Ritter mit erkuͤn⸗ ſtekter Heiterkeit aus und ſagte, er wolle ſogleich niederſank. Die Marquiſe, am andern Morgen, —— aufſtehen und die Racht, zu ſeiner Beruhigung, mit ihm in dem Zimmer zubringen. Doch der Ritter bat. um die Gefaͤlligkeit, ihm zu erlauben, daß er auf einem Lehnſtuhl in ſeinem Schlafzim⸗ 7. mer übernachte; und als der Motgen kam, ließ er anſpannen, empfahl ſich und reiſte ab. Dieſer Vorfall, der außerordentliches Auf⸗ ſehen machte, ſchreckte auf eine dem Marcheſe höchſt unangenehme Weiſe mebrere Kaͤufer abz dergeſtalt, daß ſich unter ſeinem eigenen Hausge⸗ ſinde, befremdend und unbegreiflich, das Geruͤcht erhob, daß es in dem Zimmer, zur MWitternachts⸗ ſtunde, umgehez er, um es mit einem entſchei⸗ denden Vepfahren niederzuſchlagen, beſchloß, die Sache in der nachſten Nacht ſelbſt zu unterſuchen. Demnach ließ er, beim Einbruch der Dammerung, ſein Bett in dem beſagten Zimmer aufſchlagen, und erharrte, ohne zu ſchlafen, die Mitternacht. Aber wie erſchuͤttert war er, als er in der That, mit dem Schlage der Geiſterſtunde, das unbe⸗ greifliche Geraͤuſch wahrnahm; es war, als ob ein Menſch ſich vom Stroh, das unter ihm kni⸗ ſterte, erhob, quer über das Zimmer ging und hinter dem Ofen, unter Geſeufz und Geroͤchel, da er herunterkam, fragte ihn, wie die Unter⸗ fuchung abgelaufen; und da er ſich mit ſcheuen und ungewiſſen Blicken umſah und, nachdem er die Thuͤr verriegelt, verſicherte, daß es mit dem Spuk ſeine Richtigkeit habe: ſo erſchrak ſie, wie ſie in ihrem Leben nicht gethan, und bat ihn, be⸗ vor er die Sache verlauten ließe, ſie noch einmal in ihrer Geſellſchaft einer kaltbluͤtigen Pruͤfung zu unterwerfen. Sie hoͤrten aber, ſammt einem treuen Bedienten, den ſie mitgenommen hatten, in der folgenden Nacht daſſelbe unbegreifliche, ge⸗ fpenſterartige Feräuſch; und nur der dringende Wunſch, das Schioß, es koſte was es wolle, los zu werden, vermochte ſie“ das Entſetzen, das ſie ergriff, in Gegenwart ihres Dieners zu unter⸗ drücken, und dem Vorfall irgend eine gleichguͤl⸗ tige und zufällige urſache, die ſich entdecken laſ⸗ ſen müſſe, unterzuſchieben. Am Abend des dritten Tages, da Beide, um der Sache auf den Grund zu kommen, mit Herzklopfen wieder die Treppe zu dem Fremden⸗ zimmer beſtiegen, fand ſich zufällig der Haushund, den man von der Kette losgelaſſen hatte, vor der Thuͤr deſſelben ein; dergeſtalt, daß Beide ohne ſich beſtimmt zu erklären, vielleicht in der unwillkuͤhrlichen Abſicht, außer ſich ſelbſt noch etwas Drittes, Lebendiges bei ſich zu haben, den Hund mit in das gZimmer nahmen. Das Ehe⸗ paar, zwei Lichter auf dem Tiſch, die Marguiſe ——— unausgezogen, der Marcheſe Degen und Piſtolen, die er aus dem Schrank genommen, neben ſich, ſetzten ſich, gegen elf uhr, jeder auf ſein Bett; und waͤhrend ſie ſich mit Geſpraͤchen, ſo gut ſie vermögen, zu unterhalten ſuchen, legt ſich der Hund, Kopf und Beine zuſammengekauert, in der Mitte des Zimmers nieder und ſchlaͤft ein. Darauf, in dem Augenblick der Mitternacht, läßt ſich das entſetzliche Geraͤuſch wieder hoͤrenz Je⸗ mand, den kein Menſch mit Augen ſehen kann, hebt ſich auf Kruͤcken im Zimmerwinkel emporz man hoͤrt das Stroh, das unter ihm khuſchtz und mit dem erſten Schritt: tapp! tapp! erwacht der Hund, hebt ſich plötzlich, die Ohren ſpitzend, vom Boden empor und knurrend und bellend, gerade als ob ein Menſch auf ihm eingeſchritten käme, ruckwärts gegen den Ofen weicht er aus. Bei dieſem Anblick ſtuͤrzt die Marquiſe mit ſträu⸗ benden Haaren aus dem Zimmer; und waͤhrend der Marquis, der den Degen ergriffen, Wer das⸗ ruft, und da ihm Niemand antwortet, gleich einem Raſenden, nach allen Richtungen die Luft durchhaut, laͤßt ſie anſpannen, entſchloſſen, augen⸗ blicklich nach der Stadt abzufahren. Aber ehe ſie noch einige Sachen zuſammengepackt und nach Z ſammenraffung einiger Sachen aus dem Thore herausgeraſſelt, ſieht ſie ſchon das Schloß ringsum „ 65 in Flammen aufgehen. Der Marcheſe, von Ent⸗ ſetzen uͤberreizt, hatte eine Kerze genommen und daſſelbe, uͤberall mit Holz getäfelt wie es war, an allen vier Ecken, muͤde ſeines Lebens, ange⸗ ſteckt. Vergebens ſchickte ſie Leute hinein, den ungluͤcklichen zu retten; er war auf die elen⸗ diglichſte Weiſe bereits umgekommen, und noch jetzt liegen, von den Landleuten zuſammengetra⸗ gen, ſeine weißen Gebeine in dem Winkel des Zimmers, von welchem er das Bettelweib von Locarno hatte aufſtehen heißen. ——— ———— Philadelphia der Zweite. ————— Nie war noch ein ſo glaͤnzender Zirkel vom er⸗ leſenſten deutſchen Reichsadel um den Geſundbrun⸗ nen um Pyrmont her verſammelt geweſen, als im Sommer des Jahres 17933 gerade in dem Zeitpunkte, da die gleichzeitigen Eroberungen von Valenciennes und Mainz durch die verbuͤndeten Maͤchte ein paar lichte Punkte auf die düſtre Ge⸗ ſchichte eines Krieges warfen, von welchem das Vaterland vielleicht noch manches Menſchenalter hindurch die Narben moͤchte brennen fuͤhlen. Die Couriere von beiden alliirten Heeren wetteiferten, die Nachrichten dieſer ſiegreichen Ereigniſſe rund umher zu verbreiten; und am genannten Brun⸗ nenorte trafen ſie zufaͤllig auf dem namlichen Mor⸗ gen zuſammen. Hier war der allgemeine Jubel daruͤber ſo laut und rauſchend, als die zarte De⸗ cenz der hochgebornen Anweſenden es erlaubte. Man ſchickte ſich Gluͤckwuͤnſchungskarten; man lud zu großen Dinees ein; man kuͤndigte laͤngſt bereitete Feuerwerke und Erleuchtungen fuͤr den nächſten Abend an, und die Damen erſchienen zum erſtenmale im Branenſaal mit bonnets à la Cobourg und Vändern à 14 Mayence. Zu den Wenigen, welche dieſen Tag auf eine geräuſchloſere, aber vielleicht nur um ſo viel wuͤr⸗ digere Weiſe feierten, gehörte die Gräfin Bern⸗ heim,— eine Frau, die mit den liebenswürdig⸗ ſten Eigenſchaften für die Societät zugleich das edelſte und gefühlvollſte Herz verband. Fuͤr Nie⸗ mand hatte daneben der doppelte Sieg der Deut⸗ ſchen ein dringenderes perſoͤnliches Intereſſe, als gerade fuͤr ſie. Ihr einziger Sohn hatte bisher in den Laufgräben vor Valenciennes mit gefoch⸗ ten, und ihre beträchtlichen Guͤter in der Pfals wurden nur durch die Wegnahme von Mainz vor neuen feindlichen Invaſionen ſicher geſtellt. Eben hatte ſie auf einem ſtillen Morgenſpaziergange ihr Herz zur innigen Empfindung der Andacht und des Banks gegen den Vater uͤber den Ster⸗ nen geſammelt, und kehrte nun durch eine wenig beſuchte Allee nach dem lauten und bunt wim⸗ melnden Mittelpunkte der vornehmern Welt im Kurſaale zuruͤck. Ermüdung und die ſchwülſtechende Sonne luden ſie ein, in dieſem Schattengange auf einer willkommnen Gartenbank einige Minuten lang zu ruhen. Zu dem naͤmlichen Sitze hatte der Zufall einen ſchon bejahrten Mann gefuͤhrt, dem ſeine ſcharf gezeichnete Nation Phyſtognomie noch fruͤ⸗ her, denn ſeine Sprache, als einen Franzoſen verrathen haben wuͤrde, wenn er nicht, wider die Gewohnheit dieſer in jedem Alter beredten Na⸗ tion, zumal an der Seite einer Dame, in einem finſtern, untheilnehmenden Schweigen verharrt waͤre. Dagegen aber war heute die Stimmung der Graͤfin zu heiter, um ſo ein miſanthropes Geſicht neben ſich zu duldenz— vielleicht auch, daß es gerade dieſe Ungeſprächigkeit war, was ihr Luſt machte, ihm Rede anzugewinnen. Um einen Anlaß konnte ihre Wahl unter den tauſendfachen Formen, welche Beduͤrfniß, Neugier und Langeweile erfunden haben, aus einem Nichts ein intereſſantes Geſpräch anzuſpinnen, wohl kaum verlegen ſeyn. Es war hinlaͤnglich, die Vermu⸗ thung hinzuwerfen: ihr Nachbar gehoͤre wahr⸗ ſcheinlich zur Zahl der Bedauernswerthen, die ein entſetzliches Loos gezwungen habe, Vaterland, Frrunde und Eigenthum mit einer fremden Hei⸗ math auszutauſchen? Er ſey ein Emigrirter— lautete die St dene Antwort, IM. 5 „ „Gleichwohl ſcheint es nichk, als ob die bei⸗ den großen Ereigniſſe des Tags, welche der Hoff⸗ nung auch zu Ihrer Wiederkehr in die geliebtere Heimath neue Flügel vermocht haͤtten, Sie zu erheitern?“ „Ach!“ ſeufzte er,„traurige Wiederkehr fuͤr den, der die Hoffnung ſogar aufgeben muß, die letzten aufgeſparten Thränen uber dem Grabhuͤgel ſeiner Liebe ausweinen zu koͤnnen! Die Leichen meines Weibes und meiner Soͤhne hab' ich die Rhone auf ihrem Ruͤcken mit ſich davon tragen geſehen. Wo wuͤrd' ich ihre Gräber zu ſuchen haben?“ Mehr braucht es nicht, um die ganze volle Theilnahme der Graͤfin zu wecken, und eben ſo wenig vermochte der Alte, der hier— zum erſten Male vielleicht ſeit ſeiner Auswanderung— wahrhaft menſchliches Gefuͤhl ſich entfalten ſah, ſals vorzuenthalten. Er war einer der angeſe⸗ henſten Manufakturiſten in Lyon, ein beguͤterter Mann und ein in jedem Betracht gluͤcklicher Haus⸗ vater geweſen. Ein gemäßigter Freund der Re⸗ volution, die er gern auf dem Wege der Ver⸗ nunft und der Gerechtigkeit fortgefuͤhrt geſehn hätte, konnt' es nicht fehlen, daß er in das all⸗ iyr die nähern Umſtände ſeines tragiſchen Schic⸗ gemeine Verderben mit verwickelt wurde, welches — unter Robespierre's eiſerner Herrſcherruthe ſeine bluͤhende Vaterſtabt in eine große Trummer ver⸗ wandelte. Zwei Söhne— Beide ſein Stolz und ſeine Hoffnung— fielen zugleich in einer von den ſo oft wiederholten graͤßlichen Abſchlachtungen, da Hunderte von allen Altern und Geſchlechtern durch einen Kartaͤtſchenhagel von ihren Henkern in Maſſe zu Boden geſtreckt wurden. Seine Ge⸗ faͤhrtin durchs Leben, die ungluͤckliche Mutter, unter der nämlichen Opferſchaar befindlich, ſah ihre Sohne neben ſich ſinken; und ihr Herz war in Brechen, auch ohne von einer mitleidigen Ku⸗ gel getroffen zu ieyn. So, mit dem Tode ringend, ſchleppten die Barbaren ſie, die Lebende, unter den andern Todten zu ihrem allgemeinen Grabe, dem nahen Strome. Er ſah ſie ſich ſtraͤuben, konvulſiviſch zucken und endlich in den Wellen verſinkenz denn er ſtand daneben, durfte ſie nicht retten, war, obgleich dem nämlichen Kugelregen mit einer leichten Quetſchung entgangen, zu der nämlichen zweiten Todesart in den Fluthen auf⸗ geſpart, welche auch fuͤr ihn mit jedem Augenblick unvermeidlicher zu werden ſchien, ſo wie die Lei⸗ chen— unter den Haͤnden ihrer Moͤrder ſparſa⸗ mer wurden. Eben da er des Gnadenſtoßes vom Quai herab in die Tiefe ſich verſah, fuͤhlt' er „ ſich plötzlich von der nervigten Hand eines zer⸗ — 68— lumpten Sanskuͤlotten angepackt,— dem Tode, der Gefahr, dem Gedraͤnge, wie durch ein Wun⸗ derwerk, entriſſen— und fand ſich nicht eher wie⸗ der zu ſich ſelbſt, als in dem niedrigen, dumpfen Kellergeſchoß, das ſeinem Befreier zur armſeligen Wohnung diente, und wo dem troſtloſen Gatten und Vater ſein letztes, aber nun auch ſein theu⸗ erſtes Gut— ſeine beiden unmündigen Toͤchter— mit frohlichem Aufſchrei zu Fuͤßen ſtuͤrzten. Seine Einkerkerung, die mit dem Umſturz des Koͤnigsthrones beinahe gleichzeitig geweſen, hatte den Ungluͤcklichen von dieſen Lieblingen ent⸗ fernt gehalten. Er glaubte ſie verloren; denn wer konnte der Verlaſſenen ſich angenommen haben, ohne ſich freiwillig der Verdächtigung und dem Mordmeſſer auszuliefern?— Gleichwohl waren ſie gerettet und erhalten. Ein Arbeits⸗ mann aus ſeinen jetzt verddeten Fabriken war dankbar genug gegen ſeinen alten gütigen Herrn, ſich dieſer verwaiſeten auf jede Gefahr anzuneh⸗ men. Er kleidete, er ſpeiſte, er beherbergte ſie die ganze lange Zeit hindurch, und darbte ſelbſt, um es nur ihnen nicht an dem Nothwendigen feh⸗ len zu laſſen. Wer anders konnte dieſer edle Menſch ſeyn, als der naͤmliche Sanskulotte, der unter den Lumpen und der vorgeſteckten Larve der Zuͤgelloſigkeit ein ſo großes Herz verbarg? — 69— der ſo gern die ganze Familie ſeinen Raub⸗ und Mordgenoſſen entruͤckt haͤtte, und dem es, durch das kuͤhnſte Wageſtuͤck kaum mit dem Vater ge⸗ lang?— Dieſer lag an ſeinem Halſe mit unaus⸗ ſprechlichem Entzuͤcken. Er war wieder reich; ſeine todtgeglaubten Kinder ruhten wieder in ſei⸗ nen Armen! Dieſe Freude wurde auch erfordert, um ſeine lebensſatte Seele zu halten, daß ſie nicht unaufhaltſam nacheilte, wo Weib und Söhne ausruhten vom langen Leiden. Der Zweck des Lebens war ihm wiedergegeben, nun er wußte, daß ihm noch dieſe Lieblinge uͤbrig geblieben, denen es nutzlich werden konnte. Er rathſchlagte mit ſeinem Schutzengel, wie er ſich und die Sei⸗ nen der Gewalt ſeiner Feinde entziehen mochte? Es wuͤrde zu weit fuͤhren, die Mittel anzu⸗ geben, wodurch es dem rechtſchaffenen Arbeiter ge⸗ lang, ſeinen Herrn— der ſich ſtolz fuͤhlte, ihn ſeinen Freund zu nennen— unter beſtaͤndiger Gefahr der Guillotine, wofern ſeine Abſicht ent⸗ deckt wurde, auf den ſichern Boden von Genf zu bringen. Er kehrte zuruͤck, um auch die Kinder in dieſen Freihafen zu geleiten. Sie langten eben ſo gluͤcklich an: und nun ſchied ihr Fuͤhrer unter Segenswuͤnſchen und troſtloſen Thränen in ſeine von tauſend Graͤueln befleckte, aber dennoch ge⸗ liebte Heimath. Der Vater wollte ſeine geringe Baarſchaft mit ihm theilen, und vergaß, daß er ſelbſt auch dies Wenige der Betriebſamkeit ſeines Retters verdankte, der es aus den Truͤmmern ſeines gepluͤnderten Hauſes, als angemaßten Raub zu verbergen gewußt hatte.„That ich es darum, was ich that?“ erwiederte dieſer ernſt, und wies die dargebotne Hand voll Aſſignate zuruͤck.— „Sie haben mir einen beſſern Lohn zu geben— Ihr Herz und ein guͤtiges Andenken; und beide, das weiß ich, ſoll ich nicht erſt heut erlangen.“ Der Gerettete durchzog nun mit ſeiner Fa⸗ milie die Schweiz und Beutſchland, um in St. Petersburg ſich und ſein kuͤnftiges Gluͤck der Großmuth ſeiner dortigen Handelsfreunde anzu⸗ vertrauen, die durch ihn vermoͤgende Maͤnner ge⸗ worden. Schon vor der unglucklichen Kataſtrophe ſeines Geſchicks hatten dieſe ihm zum oͤftern an⸗ gelegen, ſeine Induſtrie, ſeine Kenntniſſe und ſeine Fabrikanſtalten auf ruſſiſchen Boden zu ver⸗ pflanzen, und von der großen Catharina Beifall und thäͤtige Beguͤnſtigung zu erwarten. Dieſer Antrag, den er ehemals ausgeſchlagen, blieb jetzt ſeine einzige Hoffnung. Allein auf weniger als der Haͤlfte dieſes Ve⸗ ges legte ihn eine Krankheit darnieder, die aus der Schwaͤche ſeines Alters, aus den Wirkungen einer acht Monden lang eingeſchluckten Moderluft — ſeines Kerkers, aus der Verſchlimmerung ſeiner vernachläſſigten Schußwunde, und vor allem aus dem Zehrfieber ſeines Grames um die aus ſeinem Herzen gewaltſam hinweggeſpulten Leichname ſei⸗ ner Theuern, ſo mannichfaltig und zerſtorend zu⸗ ſammengeſetzt war, daß ſie der Kunſt des herbei⸗ gerufenen Arztes hartnäckig trotzte. Nur im Ge⸗ brauch der Pyrmonter Waſſer ſchmeichelte dieſer ſich noch einige Wahrſcheinlichkeit fuͤr ſeine Gene⸗ ſung zu entdecken. Der Kranke, dem das Loos ſeiner Kinder ſeine Erhaltung zur zwiefachen Pflicht machte, folgte dieſem Rath, ſo ſehr er auch ſeinen Reiſeplan verruͤckte; kam in dem Brunnenorte an, und fuͤhlte ſich nach einer ſechs⸗ woͤchentlichen Kur ſo merklich erleichtert, daß er es nunmehr wieder wagen durfte, auf die Fort⸗ ſetzung ſeines Weges zu denken. Dieſen Morgen ſey er hinausgegangen, um von dieſem ſeinem Lieblingsplätzchen Abſchied zu nehmen. Die Gräfin war eine aufmerkſame und be⸗ wegte Zuhoͤrerin geweſen. Sie bezeugte ihm das, ſo wie den dringenden Wunſch ihres Herzens, ſeine Lage erleichtern zu koͤnnen.„Ihre Ausſich⸗ ten, mein Freund,“ ſagte ſie,„ſind, ſo ungern ich Sie aus einem ſuͤßen Traume reißen mochte, nichts weniger, als ſicher, da ſie ſich auf die Großmuth und Erkenntlichkeit menſchlicher Her⸗ — 72— zen ſtützen. Zudem iſt Ihr Ziel ſo entfernt, Ihre Geneſung ſo neu und zart, und(was Sie mir zu verſchweigen ſich bemuͤhen) mit ſo viel von dem Reſt Ihres Vermogens erkauft, daß es Pflicht für die Freundinn wird, die der Zufall Ihnen heute entgegengefuͤhrt hat, Sie auf das Wagniß aufmerkſam zu machen, dem Sie ſich uͤberlaſſen wollen. Waͤr' es Ihnen angenehm, Ihre Hoff⸗ nungen mit einer kleinern, aber nähern Erleich⸗ terung Ihres Looſes zu vertauſchen, ſo ſoll mir's Freude ſeyn, Ihnen dieſe mit Herzlichkeit ange⸗ voten zu haben. Ich beſitze Guͤter jenſeit des Rheins, die, wie unbebeutend ſie dem Ungenuͤg⸗ ſamen ſcheinen moͤchten, dennoch betraͤchtlich genug ſind, einem Mann von Ihren mannichfaltigen Kenntniſſen ungehinderten Spielraum fuͤr ſeine Thaͤtigkeit zu geben. Durch die verwuͤſtende Hand Ihrer Landsleute haben ſie dieſe Zeit her freilich ein wenig gelitten; deſto angemeſſener jedoch wäre Ihnen vielleicht der Beruf, das kleine Paradies wieder aufzubauen, das jene zerſtoͤrt haben. Sie wuͤrden ſich den Standpunkt und die Geſchaͤfte ſelbſt auswaͤhlen, die Ihnen am meiſten zuſagtenz und ich— ich wuͤrde mich freuen, mir einen Freund erobert zu haben.— ueberlegen Sie ſich's; und“ ſetzte ſie laͤchelnd hinzu,„tragen Sie um ſo weniger Bedenken, mir Ihren Hand⸗ ſchlag zu geben, da Sie augenſcheinlich ſehen, daß es purer Eigennutz iſt, der mir dieſen Vorſchlag eingiebt; und Sie wiſſen unſtreitig, wie feſt die Banden zu ſeyn pflegen, die das Intereſſe knuͤpft.“ „Bedenken?“ erwiederte der Alte mit Feuer, „Bedenken keinen Augenblick, wenn nicht Ihre ungluͤcklichen Worte:— jenſeit des Rheins— auch dieſen lieblichen Traum ſchon im erſten Au⸗ genblick ſeines Entſtehens wieder zerſtörten. Ich weiß, es iſt das Augenmerk der jetzigen Macht⸗ haber in meinem Vaterlande, dieſen Fluß als einen Ring um die Grenze der jungen Republik zu ziehen. Jetzt zuruͤckgedraͤngt durch die ſiegrei⸗ chen Waffen der verbundenen Heere, werden ihre Truppen nimmer ruhen, bis jene Rieſenplane dennoch gereift ſind. und dann?. Ich bin ein Ausgewanderter und bin vogelfrei erklaͤrt. Die erſte Ann erung meiner Landsleute waͤre füͤr mich der Ruf zur Guillotine. Mein Leben gilt mir wenig; mein Haar iſt grau: aber um meiner Unmuͤndigen willen bin ich mir ſchuldig, dieſe ſparſamen Locken noch uͤber der Grube zu erhalten. Goͤnnen Sie mir denn, Madam, den Genuß, Ihre Guͤte gegen mich bewundern— aber auch die Erlaubniß, mich ihr entziehen zu dürfen. Nur weite Länderſtrecken koͤnnen mich von der Sorge, meine blutduͤrſtigen Verfolger wieber zu erblicken, heilen. Hab' ich mein Ziel erreicht— (und wär' es denn auch, daß ich meinen Kindern zu Liebe, mich dahin durchbetteln muͤßte) ſo moͤgen mir viel Erwartungen fehlſchlagen, ehe ſie meinen Muth gaͤnzlich beugen. Das Geheimniß einiger Fabrikmaſchinen, das ich, ausſchließlich vor Tau⸗ ſenden beſitze, verſichert mir dort mein Brod, wenn ich auch den frivolern Plan aufgeben muͤßte, dem Luxus und der Verſchwendung durch neue und immer neue Erzeugniſſe zu frohnenz und ohne Reue wuͤrd' ich die nuͤtzlichere Beſtimmung fuͤr die ergiebigere eintauſchen.“ 2 „So bliebe mir denn nichts r verſetzte die Graͤfin ſinnend,„nichts, als WMorgen, ſagten Sie, haͤtten Sie Ihre Abreiſe beſchloſ⸗ ſen?“* „Morgen mit dem Fruͤheſt „Gut denn. Aber Ihre d darauf, daß Sie nicht reiſen, ohne mich vorher geſehen zu haben. Ich fodere das ausdruͤcklich! und Sie— verſprechen Sie mir's? 2 „Es wäre undankbar gegen ſo viele æheil⸗ nahme, dieſem Befehl nicht ohne ale Frage nach dem Warum? zu g⸗ orjamen Sie ließ ſich darauf noch im Aufſtehen ſeine Wohnung bezeichnen, druͤckte ihm freundlich die Hanb, und war ihm in der naͤchſten Minute aus dem Geſicht verſchwunden. Ihr Eintritt in den großen Brunnenſaal, wo n ſie bereits zu vermiſſen angefangen, zog chten Zirkel um ſie her zuſammen. Man „ihr den heißen Antheil an dem zwie⸗ gniſſe zu bezeugen, welches durch die Beziehung auf ſie einen neuen Grad keit und Intereſſe erlange. Man eEmpfindungen der Freundſchaft durch ewas getend machen zu können, wovon een daß es ihr angenehm ſey. Man ſie, ſolche Anläſſe herbei zu fuͤhren; ver⸗ ſicern e ſe eher nicht beruhigen zu koͤnnen, als bis„ und wie der Schnickſchnack denn weiter lautet, womit hergebrachter n die feine Welt ihre wahren Empfi en ſo fein parodirt. Die Graͤfi nſt vollendete— nerin Verſicherungen nach ihrem wahren Geha digen— hatte in dieſem Augenblick gleichwohl das Herz ſo voll von ihrem Ungluͤcklichen, da ſie der g unterlag, dieſe anſcheinen e g des Zirkels zu deſſen Vorth „Und wen beim Worte in dieſer nun wirklich eine en 2 verſetzte ſie der Be eignen Lebhaftig⸗ 5 — keit.„Ich komme ſo eben aus der Geſellſchaft eines Mannes, dem ein entſetzliches Schickſal Gattin, Kinder, Wohlſtand und Vaterland ge⸗ raubt hat; der eine thätige unterſtuͤtzung, wiej irgend ein ungluͤcklicher, verdient, undzder Moͤglichkeit, ihm nachdruͤcklich zu helfen, mannichfache Talente entgegenkoͤmmt.“ ſetzte darauf hinzu, was ſie für dieſe thun willens geweſen, und was fur tr er gehabt, dieſe Erbietungen auszuſchla ſes Hinderniß iſt jedoch nur lokal,“ ihren Vericht.„unter andern Verhaͤltniſſ in andern Haͤnden, als den meinigen, ſeh ließe ſich wahrſcheinlich dem Vaterlande ein nütz⸗ richer Buͤrger, und dem Herzen das Bewußtſeyn einer guten Tha innen.“ „Feinpei 1 pales von Munde zu Munde. „Ich erbiete mich ſo der billigen Buͤrgſchaft,“ fuhr ſie mit ed fort,„wenn dennoch ein ſolcher Zweifel einer großherzigen Entſchließun Man ſch gab, ganz an ihren Li gen. „Ihre Art zu. chöne Graͤfin,“ ſagte endlich ein Beleſprit, der ſein etwas langes Ohr beſonders weit hervorgeſtreckt hatte,„Ihre Art . das Anſehen zu erzaͤhlen— ich kenne ſie!— iſt ſo hinreißend, ſo herzergreifend; und Sie erwaͤhnten vorhin ines entſetzlichen Schickſals.— O! in Ihrem Gewiß, Sie ſind ſo grauſam nicht, die⸗ ban unſerm Vergnuͤgen zu begehen!“ reſignir⸗ ich mich denn auf das klei⸗ ienſt, Ihnen ein Vergnuͤgen zu four⸗ derte die Graͤfin mit wundem Her⸗ es nicht auch, daß ich mir dadurch Rechtfertigung bewirke, deren ich kig glaube—“ ftig? und einer Rechtfertigung? 3 er Grazien willen, die Ihnen dienen! Ich bitte Sie, welcher?“ untertc ſie der un⸗ aͤchte Muſenjuͤnger, der ſeiner uͤber der Furcht, ihpzzu miß „Daß ich mich einer mentanen Theil⸗ nahme verfuͤhr konnte, die ich Gefahr laufe mißbilli ſſen, da ich ſie n lich mit Niem Der Graͤfin Vorſatz war geweſen, ihren un⸗ gluͤcklichen Schutzling rſuch ſo we⸗ nig als moͤglich Schwerlich alſo würde die ru d ee ben, dieſe Schonung nicht nochmals gut⸗ daß die ausgemaltere hintanzuſetzen,* muͤthig uͤberredet haͤ . Schilderung ſo vieler Leiden auch eine menſch⸗ lichere Wirkung auf die Gefuͤhle ihrer Hoͤrer her⸗ vorbringen muͤßte. In dieſem Geiſte denn e zahlte ſie, was ſie eben erſt aus des Alten vernommen hatte; und man mag erwaͤgen, ihrem Vortrag an Kraft und Feuer g Sie hatte geendigt: und ein tiefes herrſchte bei einer halben Minute „Welch ein Stoff fuͤr die tre rief der Schoͤngeiſt endlich, und empfindſame Stille.„Was fuͤr erle tionen! Ewig Schade nur, daß e Klippe giebt, an der jede Kunſt nothwe tern muͤßte; daß unſer Subjekt ſo tief mer der Linie ſteht, elcher Melpomene ihre Heilden ſchoͤpft; daß d ufall er Geburt nicht ge⸗ rechter gegen ihn war, er ihn verurtheilte, neue Zwirnmuͤhlen und vonner Stoffe zu erfinden „Nicht doch!“ unte lispelnd ein Kommerherr,„Eben weil ich hier von Lyon hoͤre, attendirt m ie Hiſtoriet furids. Es geht nichts uͤber d onner ätze, ich protegire ſie, wo ich nur weiß z und eben um ihrer Fabrikate wi Eleganz! welche Neuheit! welche gelunge Kuͤhnheit in den Deſ⸗ ſeins!— Moͤgen Andere nur loben, was den Stempel von Birmingham oder Mancheſter fuͤhrt, und fort und fort an der immer weiter um ſich greifenden Anglomanieſeuche. Ich mindeſtens werde dieſe Verkehrtheit nie durch mein Beiſpiel unter⸗ ſtützen. Nie hab' ich an mir geduldet, als wo⸗ fuͤr mein Lyonner Korreſpondent mir die Buͤrg⸗ ſchaft leiſtete. Dies Gillet zum Beiſpiel! Ich hoffe, es iſt hinreichend, jeden unbefangenen zu meiner Reinung zu bekehren?— Sonderbar, meine Gnädigſte,“(er wandte ſich zur Gräſin) erbar waͤre doch die Fuͤgung, wenn viel⸗ leicht dieſe näͤmliche Piece von der Fabrikatur des armen Teufels ware, der uns Alle ſo weich ge⸗ macht hat, und ich haͤtte ſeine douleurs in einem Gillet von ſeiner eignen Fagon mit anhoren muſ⸗ ſen! Faſt ahndet mir ſo etwas. Rur die Zeit⸗ rechnung wuͤrde nicht zuſammenſtimmen. Denn dieſer Zeug iſt auf alle Fälle noch keine ſechs Wochen alt! ich verſichere Sie!“ „Meinen ganz beſondern Dank haben Sie verdient, wuͤrdige Frau!“ hub darauf ein Mann mit Band und Stern an, indem er dazu eine ſtattlich wichtige Miene machte.„Man kann wahrlich der Beiſpiele nicht genug ſammeln, die aus Mangel an patriotiſchen Aufleſern ſo leicht verloren gehen, um die Frevel des tollen Pobel⸗ regiments der Frankreicher in ſeiner vollen Ab⸗ — 80— ſcheulichkeit auf die ungläubige Nachwelt zu brin⸗ gen.— Wie heißt der bedaurenswerthe Mann? Wo kann ich dies ungluͤckliche Schlachtopfer auf⸗ finden? Nicht ohne urſach bin ich ſo dringend. Die Sache liegt mir mehr, als ich zu ſagen weiß, am Herzen. Ich will den Mann erſuchen, mir ſeine horrible Geſchichte in Briefform einzu⸗ kleiden; und dieſen Auffatz übernehm⸗ ich— Sie koͤnnen feſt darauf rechnen!— an d wuͤrdigen Herausgeber der Eudamonia und Wiener Zeitſchrift zur Einruͤckung in ihre beliebten Schrif⸗ ten einzuſenden. Die Herren werden dann wohl in einer Rachſchrift mit Schimpfen ein Uebriges thun. Und fuͤr ihn iſt dieſe Satisfaction die voll⸗ ſtäͤndigſte, die er nur immer wuͤnſchen kann: wir werden ihn mit Theilnehmung leſen.“ —„Die- Gelegenheit iſt ſo erwünſcht,“ ſagte indeß der Schoͤngeiſt zur Gräfin halbleiſe,„die — erzerſind erweicht. Beauftragen Sie mich, Gnaädigſte, fuͤr den armen Schelm einen Reiſe⸗ pfennig in unſerm Zirkel zu ſammeln. Er kann nicht anders als beträchtlich ausfallen, wenn wir auch nur Silbergeld „Ich unterſage es Ihnen!“ unterbrach ihn die Graͤfin mit kaum unterdruͤcktem Spott,„denn die Collecte, wenn's dazu kommen ſoll, behalte ich mir guf eine beſſere Gelegenheit vor. Ich — 38— kann die Ruͤhrung meiner Freunde nicht zu einer zu raſchen Großmuth mißbrauchen.“ Man vergaß, wovon bish⸗r die Rebe gewe⸗ ſen, um der Graͤfin die wichtigern Nachrichten mitzutheilen, wie viele und was fuͤr Brunnengaͤſte laut der Brunnenliſte ſeit geſtern eingetroffen ſeyen. Sie ſelbſt ſchien alles Gedächtniß fuͤr die eben erſt empfundenen tiefen Riſſe durch ihr Herz verloren zu haben; und ehe man ſchied, um an die Toilette zu kommen, hatte ſie noch ein Souper bei ſich arrangirt, zu welchem die Einladung von dem geſammten Zirkel mit der ſchuldigen Artigkeit angenommen wurde. Das Erſte, was die Graͤfin Vernheim nach ihrer Zuhauſekunft zu thun hatte, war, ein Billet an ihren emigrirten Schuͤtzling zu ſchreiben mit der gemeſſenen Bitte, ſich zu ſeiner Abreiſe ſchon heute Abend unfehlbar bereit zu halten, doch muͤſſe es eben ſo unfehlbar bei der zwiſchen ihnen verabredeten Bebingung bleiben.“ Indeß erſchien die Geſellſchaft zahlreich, und Leder geſtand ſich mit Vergnuͤgen, daß während der ganzen Brunnenzeit noch nie ein Abenbzirkel ſo brillant geweſen. Man war im Begriff, ſich an die Spieltiſche zu arrangiren, als der Wir⸗ thin ein Brief überbracht wurde, den ſie, da er * mit einer Miene von Wichtigkeit an ſie gelangte, n. 6 3 82— die Neugier hatte, ſogleich zu durchlaufen. Sie konnte nicht umhin, während dem Leſen zu lächeln, und der Schoͤngeiſt, den wir bereits kennen, und der ihr zur Seite war, ließ ſich den Anlaß nicht entgehen, dem Briefſteller Gluͤck zu wuͤnſchen, daß er zu ihrer Erheiterung habe etwas ſuppedi⸗ tiren können. Nur war er ungewiß, ob er den Brief mit der Sonne vergleichen ſollte, deren Blick der Natur ein Lächeln abnoͤthigte, oder nicht vielmehr die ſtrahlenden Augen der Leſerin, wie ſie von dem Waſſerſpiegel des epiſtolariſchen Blattes, mit Vergnügen geſaͤttigt, wiederſchie⸗ nen? d Die Graͤfin machte dem witzigen unſinn ein Ende, indem ſie ihm den Brief reichte, und ihn bat, der Geſellſchaft durch deſſen laute Vorleſung vielleicht ein Vergnügen zu machen. Begierig draͤngte er ſich vor, um in ſeinem Talente, als Vorleſer, von einer neuen Seite zu glaͤnzen. Nachdem er ſich darauf das Ohr der Verſamm⸗ lung erbeten, hub er— nicht ohne einiges Stot⸗ tern, wegen der unleſerlichen Hand— an, wie 8 Gnaͤdigſte Gräfin! „Vor wenig Minuten in Pyrmont ange⸗ langt, erfahr⸗ ich mit einer beſondern Zufrie⸗ denheit, daß in eben dieſem Augenblick die Auswahl der diesjahrigen hohen Anweſenden in Ihrem Hotel um Sie verſammlet iſt. Ich wuͤrde mich beeilen, mich und mein kleines Talent zur unterhaltung Ihrer und Ihrer Freunde zu erbieten, wenn meine Beſcheiden⸗ heit mir erlaubte, mich gleich einem armſeli⸗ gen Taſchenſpieler Ihnen aufzudringen. Auch iſt dies Letztere um ſo minder nöthig, da ich vorausſetzen darf, daß der Name Philadel⸗ phia's, des Merlin's unſers Jahrhunderts, Perſonen Ihres Ranges nicht fremde ſeyn könne; und wenn ich hinzuſetze, daß er in den Buſen ſeines Lieblings, ſeines Schuͤlers und ſeines Erben die Fuͤlle ſeiner ſeltnen Geheimniſſe niedergelegt hat, und daß ich dieſen Glücklichen mich nennen darf. Wenn es erwieſen iſt, daß die Wunder der Natur mehr, als Alles, die Liehe und die Bewun⸗ derung großer Seelen verdienen, ſo darf ich hoffen, daß mein Wunſch, dieſe Wunder in den mannichfachſten und uͤberraſchendſten For⸗ men vor Ihren Augen noch heute entfalten zu vürfen, keine Fehlbitte zu furchten haben werde,“ „Ritter P.„„i.“ „Trefflich!— Erwuͤnſcht!“ riefen mehrere Stimmen zugleich mit einem unverſtellten Enthu⸗ ſiasmus. Dem Vorleſer, ſo ſehr ſein Talent einer Nachhuͤlfe bedurft haͤtte, war es gelungen, die ganze Geſellſchaft zu elektriſiren, und ihm ſelbſt zuckten die Funken der Freude in jeder Fin⸗ gerſpitze.„Man erkennt den Meiſter der Kunſt“ bemerkte er,„ſchon in dem erhabnen Styl ſeiner Epiſtel. Wahres Pathos; auf Ehre!“ „Ach, ſchon der Name Philadelphia ver⸗ ſpricht alles Moͤgliche!“ unterbrach ihn ein alter Hofmarſchall, welcher der Vorleſung mit halb⸗ tauben Ohren angeſtrengt zugehoͤrt hatte.„Ich bin ehemals auf meinen Reiſen im Haag Zeuge ſeiner Thaten geweſen.“ 5 „Ein wahrer Hexenmeiſter, dieſer Allerwelts⸗ jude!“ bekraͤftigte ſeinen Ausſpruch ein kontrakter Huſarenoberſt, dem wir noch den Fluch erlaſſen, den er als eine goldne Bulle an ſeine Verſicherung hing. „Spricht der Ritter wahr, und iſt er in einem wirklich eminenten Grade ein Schuͤler des großen Mannes, ſo verdient ſein Talent die Ach⸗ tung und die Aufmunterung jedes gebildeten Publi⸗ kums. Die Auszeichnung, womit er uns die erſten Yroben deſſelben erbietet, und die ſchoͤne Fuͤrſprecherin, welche er zu waͤhlen gewußt, for⸗ ——— dern uns ja wohl dringend genug auf, dies Ta⸗ lent gehdrig ans Licht zu ziehen.“— Dies Vo⸗ tum gab ein Mann ab, der dafuͤr bekannt war, ſich auf Geſchmack und Verdienſt gleich gut zu verſtehen; daher es denn auch ſofort zum einſtim⸗ migen Reſultat der eifrig gepflogenen Berathſchla⸗ gung erhoben ward. Und nun wandte ſich der tongebende Worthalter des Beſchmacks an vie Graͤfin mit der Bitte, den Ritter zur Erfuͤllung ſeines Verſprechens lieber ſogleich einzuladen. „Mit Vergnuͤgen!“ erwiederte die Wirthin, die in dieſem Augenblick die kleine Rache gelun⸗ gen ſah, welche ſie ſich an der Geſellſchaft neh⸗ men wollte.„und ich hoffe,“ ſetzte ſie hinzu, „daß es auch dem Ritter nicht fehlſchlagen ſoll uns einiges Vergnuͤgen zu machen.“ Während ſie die Befehle dazu gab, wandte ſich der Stimmenſammler zur Geſellſchaft mit der Bemerkung: ihn beduͤnke, die Delikateſſe wolle erfodern, daß, da der Ritter ein Mann von ſo viel Verdienſt und von Stande ſey, man ihm auch das angemeſſene Aequivalentfuͤr ſeine aufgeopferte Zeit und Muͤhe auf eine Art behaͤndige, die ihm jedes Gefühl von Demüthigung, das mit der An⸗ nahme verbunden ſeyn koͤnnte, erſpare.„Laſſen Sie uns die Augenblicke vor ſeiner Erſcheinung dazu benutzen, daß wir dieſe Angelegenheit im —̃̃—— soraus berichtigen.“— Der Worthalter war der Gräfin in dieſem Vorſchlage nur um drei Athem⸗ zuge zuvorgekommen. Raſch wandte ſie ſich nun zum Schoͤngeiſt:„Ihren Hut, mein Lieber!— Sie ſehn, daß ich Ihnen das Verdienſt, unſer wandelnder Almoſenſtock zu ſeyn, nur um etwas ſpaͤter aufſparte.“— Zugleich zog ſie einen Ring von Werth vom Finger, um ihn in den darge⸗ haltenen Hut zu werfen. „Mit Vergnuͤgen bezeig' ich der Kunſt und dem Verdienſt meine Achtung in dieſem Tribut;“ begann der beſternte Mann, und ließ einige Gold⸗ ſtuͤcke vornehm aus den Fingern fallen. Alle folg⸗ ten ſeinem Vorgang. Die Beiträge fielen reich⸗ lich. Auch war fuͤr Jeden die Gelegenheit zu einzig, ſeinen Geſchmack und ſeine Freigebigkeit zu zeigen. Nur verwahrten ſich die Damen in einer ausdruͤcklichen Klauſel, daß nicht geſchoſ⸗ ſen werden ſollte. „Seyn Sie vollkommen ruhig, meine Freun⸗ dinnen!“ entgegnete die Wirthin.„Eher duͤrfte hier heute fehlgeſchoſſen werden;“ ſetzte ſie mit einem bedeutenden Lächeln hinzu, das der Schoͤn⸗ geiſt auf der Stelle reizende Hieroglyphe nannte. Der Hut kam voll und ſchwer ven ſeiner Wanderung um die Spieltiſche zurück.—„Soll es mir nunmehr erlaubt ſeyn,“ fragte die Grä⸗ fin,„hiervon die Verwendung nach meiner eige⸗ nen beſten Einſicht zu machen?“ Es verſteht ſich, daß die Geſellſchaft nur Eine Stimme daruͤber hatte. Welchen beſſern Häͤnden konnte die Anwendung wehl uͤbertragen werden? Der Ritter ward dadurch allein ſchon vollſtäͤndiger, als durch alle Schätze Indiens be⸗ lohnt.. „So reichen Sie mir auf einige Augenblicke, die ich hier ja wohl nicht vermißt werde, Ihren Arm,“ fuhr die Graͤfin, ohne das Getraͤtſch wei⸗ ter zu beachten, gegen den Schoͤngeiſt fort.— „Sie moͤchten mir noͤthig ſeyn zu meinem Arran⸗ gement.“ Sie gingen; und ein Wagen, der ihrer be⸗ reits wartete, rollte mit ihnen davon. Vor einem kleinen Haͤuschen in einer abgelegenen Straße ſtie⸗ gen ſie aus. Ein Mann bei Jahren im Reiſe⸗ kleide trat ihnen entgegen. „Ach!“ rief der Großſchatzmeiſter der Geſell⸗ ſchaft mit dem inhaltſchweren Chapeau⸗bas unterm Arm.„Sicher der Herr Ritter?“ „Das wird ſich ausweiſen,“ war ſeiner Be⸗ gleiterin lakoniſche Antwort.„Jetzt nur Ihr Fortunatus Wuͤnſchhuͤtchen her!“ „Sie ſind puͤnktlich,“ ſagte ſie zum Alten, Rte — indem ſie auf ſeinen Reiſerock deutete.„Allein ich halte Sie auch nicht länger auf, wenn ich Ihnen erſt eine gluckliche Reiſe gewuͤnſcht und dieſen Raͤnzel aufgehängt haben werde. Sie fin⸗ den darin ein Anbenken an eine Freundin, und ſonſt noch Allerlei, um das ich ſo eben Leute, die es durchaus wegwerfen wollten, kurz und gut be⸗ trogen habe. Jetzt flugs in Ihren Wagen, wie ich in den meinigen— und gebe der Himmel auch immer mit eben ſo leichtem Herzen!“ Der arme ungluͤckliche war ſo erſtaunt uͤber dieſen Vorgang, daß er noch immer ſtand und ſeine Hanb zum Abſchiede warm gedruͤckt fuhlte, als die Graͤfin mit ihrem Gefaͤhrten ſchon laͤngſt wieder verſchwunden war. Zu bieſem, der nicht minder erſtaunt, in einen Strom von Fragen überlaufen wollte, fagte ſie:„Das Pathos, von dem Sie ſo viel Schönes ruͤhmten, war von mei⸗ ner eigenen Fabrik. Jetzt aber ein Schloß an Ihren Mund uͤber Alles, was Sie und nicht Bei ihrer ncteht fanben ſe5 die Geſellſchaft an die Spieltiſche geheftet, und noch immer die Namen Philadelphia's und ſeines Schooßjüngers auf Aller Lippen ſchweben. Man fragte den Schoͤngeiſt um den Erfolg ſeiner Ambaſſade. Er legte den Finger an ſeinen Mund und ſchwieg be⸗ veutend. Die Erwartung ſtieg; und jeden Au⸗ genblick wurde die Erſcheinung des Pſeudo⸗Thau⸗ maturgen mit hoͤherer Begierde erſehnt. Man ſetzte ſich zur Tafel;— das Deſſert wurde aufgetragen; und noch immer kein Ritter! Das Harren verwandelte ſich in ſtille Ungedulbd. Man nahm den Groß⸗Almoſenier bei Seite, um ſich Licht zu verſchaffen. Dieſer zuckte die Ach⸗ ſeln; bedauerte, daß ihm die Zunge gebunden ſey, und begnuͤgte ſich, zu verſichern: Er ſelbſt habe bereits wahre Wunderdinge geſehen. Es habe ſeine urſachen, warum der Ritter etwas lange auf ſich warten laſſe. Gefliſſentlich hatte die Graͤfin bis jetzt die allgemeine Unruhe nicht zu bemerken geſchienen. „Nun glaub' ich beinahe ſelbſt,“ hub ſie endlich an,„daß unſer Philadelphia der Juͤngere uns im Stiche laſſen moͤchte. Es wuaͤre denn, daß das luſtige Taſchenſpielerſtuͤckchen, das er uns zum Beſten geben koͤnnte, ihm bereits vollſtän⸗ dig gelungen wäre. Unſer Freund hier,“ ſie wies auf ihren Begleiter,„hat ihm dabei auf die Finger geſehen, und um ein gutes Wort nimmt er ſich wohl die Muͤhe, uns das Kunſiſtüͤck zu erkläͤren.— Ihre Mundſperre, mein Freund, hat ein Ende. Ehe Sie mir aber noch dafuͤr danken, rufen Sie zur Steuer der Wahrheit aus: „Welch ein Stoff fuͤr die komiſche Muſe!“ 8 Stin und käht ruhte die Racht auf der Gegend; heiter und blau ſpannte ſich der weite Himmel uͤber ihr aus und ſpiegelte ſich in der ruhigen Flaͤche des Rheins, der durch die ſchlummernden Fluren zog. Der Mond war aufgegangen und vergoldete die leiſe fluͤſternden Wogen. In den Huͤtten am ufer waren laͤngſt die matten Lampen erloſchen, und eine tiefe Ruhe umfing das bluͤhende Thal. Nur oben in dem Felſenſchloſſe, das Graf Reimund, der Herr dieſes Kreiſes, bewohnte, ſchimmerten noch Lichter durch die hohen Bogen⸗ fenſter, und dumpfe, halb verlorne Töne einer froͤhlichen Muſik hallten aus der Ferne heruͤber und verkuͤndeten, daß dort ein Feſt der rauſchen⸗ den Freude gefeiert werde. Ambroſius, ein jun⸗ ger Fiſcher, ſaß allein noch wachend im tiefen Thale, und benutzte das helle Leuchten des Mon⸗ des vor der Thuͤre ſeines Hauſes, die Netze aus⸗ zubeſſern, die ein ſchwerer Fang ihm zerriſſen hatte. Wunderlieblich war die Nacht, linde Luͤfte ſpielten mit den braunen Locken, die ſich um ſeine Stirne kraͤuſelten, und ſuͤße Wohlgeruͤche ſtiegen belohnend neben ihm aus dem kleinen Gärtchen empor, das er in muͤſſigen Stunden mit duften⸗ den Blumen bepflanzt hatte. Seine Gedanken ſchwebten gleich Schmetterlingen auf den Bluͤthen der Vergangenheit umher, und Sehnſucht hob ſeine klopfende Bruſt bei der Erinnerung an ſeine Geliebte, die in der väterlichen Hutte laͤngſt den Schlummer der unſchuld ſchlief. Goldene Träu⸗ me der Hoffnung webten ſich vor ſeinem Sinn, und er hauchte in einigen Melodien liebeathmen⸗ der Lieder die Gluth ſeines zaͤrtlichen Verlangens aus.—— Plotzlich duͤnkte ihn, als ob das Fluͤ⸗ ſtern der Wellen in harmoniſchen Toͤnen ſeinen Geſang begleite. Er blickte auf— kein Sturm hatte ſich erhoben, und doch rauſchte der Rhein heftiger als vorher, und ſchlug ſeine ufer, und hohe Wogen, die in ſeiner Mitte aufſtiegen, tru⸗ gen wie auß einer ſchwankenden Gondel eine Jung⸗ frau zu ihm her. Der Mond ſchien ſeinen Schein zu verbop⸗ peln, um ihre Geſtalt in vollem Slanze der An⸗ muth darzuſtellen. Ein blendendes Gewand um⸗ ſchloß ihren ſchlanken Wuchs, und ein Guͤrtel von Perlen hielt es unter dem Buſen zuſammen. Ihre Augen funkelten wie die Sterne des Himmels, und in ihren langen Haaren, die in reichen Lok⸗ ken um ſie her ſchwammen, fluͤſterte ein Kranz von Schilf. Ambroſius erſtaunte. Sein erſter Gedanke war, daß die ſchoͤne Jungfrau vielleicht am jen⸗ ſeitigen ufer verungluͤckt ſeyn koͤnne, und er eilte herbei, den Nachen loszubinden, um ſte zu retten. Als er aber ſah, daß ſie in ſtolzer Ruhe, wie ein Schwan, von der truͤgeriſchen Fluth ge⸗ tragen wurde— ja— daß ſie dem Elemente ge⸗ bot, wie einem untergeordneten Diener, da rie⸗ ſelte ein kalter Schauer durch ſeine Glieder, und er ſchlug ein Kreuz und betete leiſe: Alle guten Geiſter loben Gott den Herrn! „In Ewigkeit, Amen!“ verſetzte eine Stim⸗ me, die hold wie Sphaͤrengeſang vor ſeinen Dhren tonte.„Ich bin kein Geiſt der Finſterniß,“ fuhr die Stimme fort, und eine weiße, aber kalte Hand richtete den Juͤngling auf, der behend auf die Knie geſunken war.„Ich bin die Nym⸗ phe dieſes Fluſſes, und nur ſelten verlaſſe ich meine feuchte Heimath, um dem Menſchenge⸗ ſchlecht, unter dem ich einſt gluͤchlich war, Be⸗ weiſe meiner Liebe und meines Mitleibs zu geben. Dein Geſang iſt oft zu mir in die Tiefe gedrun⸗ gen, und mit Antheil habe ich dem ſuͤßen Wohl⸗ laut Deiner Lieder gelauſcht. Du liebſt, holder Juͤngling! denn welches andere Feuer koͤnnte Deine Toͤne wohl ſo erwaͤrmen, daß ſie gleich gluͤhen⸗ den Pfeilen in das Innerſte der Seele zu drin⸗ gen vermoͤchten? Auch ich habe geliebt—— und ich vernehme in den Klagen Deiner Sehn⸗ ſucht nur den Wiederhall meiner eignen Schmer⸗ zen, und in dem Jubel Deiner Hoffnung die Er⸗ innerung an den kurzen Traum meines vergange⸗ nen Gluͤcks. Daher bin ich der Fluth entſtiegen, Dich zu fragen, welche Hinderniſſe noch zwiſchen Dir und der Gewaͤhrung Deiner Wuͤnſche ſich aufthuͤrmen? Kann ich ſie hinwegraäumen, ſo ſieh mich dazu bereit; denn laͤngſt fand ich den einzi⸗ gen Balſam fur die tiefe Wunde meines Herzens in dem Beſtreben, Andere glůckticher zu Woen, als ich ſelbſt bin.“ Ihre Worte linderten die vleiche Furcht, die ſich noch in Ambroſius regte.„O, Nymphe!“ rief er aus,„Du, deren Daſeyn ich bisher im⸗ mer wie ein Mährchen bezweifelte, wenn Andere mir davon erzaͤhlten— wie ſoll ich mein Erſtau⸗ nen Dir ausdruͤcken? So biſt Du denn wirklich kein Hirngeſpinnſt, und mich unwuͤrdigen haſt Du erſehen, mir zu erſcheinen und meine Wohlthaͤte⸗ rin zu werden? Aber ach, Du wirſt in Deiner Erhabenheit uͤber irdiſche Beduͤrfniſſe wohl nicht ahnen, was meinem Gluͤck im Wege ſteht. Denn in der wallenden Fluth, in der Du lebſt, hat das elende Metall, das hienieden ſo oft die Schick⸗ ſale der Menſchen beſtimmt, gewiß keinen hohern Werth, als der Sand des Flußbettes, uͤber den Dein leichter Fuß dahin ſchwebt. Doch hier auf Erden entſcheidet es leider nur allzu mächtig das Wohl und Wehe ſelbſt des genuͤgſamſten Sinnes. So bin auch ich noch weit entfernt von der Schwelle der bräutlichen Kammer, weil meine Armuth der Stein des Anſtoßes iſt, der den Va⸗ ter meiner Geliebten abhaͤlt, mir ihre Hand zu geben.“ „Gluͤcklicher Juͤngling!“ verſetzte die Jung⸗ frau,„wie beneide ich Dich um dieſe ſo leicht zu hebenden Sorgen. Faſſe Muth! Ehe ſich der Mond zum drittenmal in den Wellen meiner Hei⸗ math ſpiegelt, ſollſt Du der reichſte Fiſcher des Rheingaus ſeyn. Gedenke dann zuweilen ſegnend der huͤlfreichen Hand, die das Paradies Deiner Wuͤnſche Dir aufſchloß, und laß oft, zum Dank, in frohlichen Melodien das Echo Deines begluͤck⸗ ten Herzens hinahhallen zu mir, damit ich mich L. 7 Deiner Zufriedenheit erfreue und mich ſelbſt ver⸗ geſſe.“ „Huͤlfreiche, wohlthätige Nymphe!“ rief Am⸗ broſius entzückt.„O koͤnnt' ich uͤberzeugender, als durch Worte Dir beweiſen, wie dankbar, wie ergeben ich Dir bin!“— „Du kannſt es,“ unterbrach die Nymphe ihn, „Du kannſt es, wenn Du willſt. Es ſteht in Deiner Macht, mir einen Dienſt zu leiſten, der mich Dir inniger verpflichtet, als jede noch ſo reiche Gabe.“ „So fodere,“ erwiederte Ambroſius.„Was menſchliche Kräfte und menſchlicher Wille vermoͤ⸗ gen, das, ich ſchwoͤre es Dir, will ich fuͤr Dich thun.“ „Ich nehme Deinen Schwur an,“ ſagte die Nymphez„doch verlang ich nicht, daß Du blind und unbedingt mir gehorchen ſollſt. Du ſcheinſt meines Vertrauens werth.—— So blicke denn in dies Herz, das eigner Gram und fremder Wan⸗ kelmuth zerriſſen hat, und dann halte Wort und lindre meine Qualen.“ „Dort, wo der Rhein, unfern ſeiner Entſte⸗ hung, durch die Thaͤler der Alpen ſich windet, lauſcht ich einſt in ſuͤßer Ruhe dem irdiſchen Glanze, mit dem der Frühling jene reiche Natur verſchoͤnerte. Da ward ich einen Juͤngling ge⸗ wahr, der einſam an den Ufern meiner Wohnung wandelte. Lange ſchaute er in das Gekräuſel gruͤner Wellen, die dort noch in jugendlicher Reinheit ſchimmern, und mir war, als koönnten ſeine Blicke mich Lauſchende in der wogenden Liefe erreichen. Das dunkle Feuer des Verlan⸗ gens, das in ſeinem Auge brannte, entzuͤndete auch in mir die heiße Gluth einer Sehnſucht, wie ich ſie nimmer noch geahnet hatte, und ſeine Zuͤge, durch den Stempel einer himmliſchen Schoͤn⸗ heit bezeichnet, gruben ſich ſchnell und unausloͤſch⸗ lich in mein Herz.“ „Die Sonne ſchien heiß; einſam war die Gegend und einladend das linde Fluͤſtern der WVellen zum Bade. Da warf er ſein Gewand zur Erde und ſprang kuͤhn in den Fluß, und ſpielte ſchwimmend mit den lispelnden Wogen, die, ſtolz auf ihre ſchoͤne Laſt, ihn umſingen, unb auf blinkendem Saume ihn einher trugen, als waͤre er Neptun in der Fuͤlle des Meeres.“ „Doch ploͤtzlich hemmte ein Krampf die an⸗ muthsvolle uebung ſeiner Kraͤfte. Todesblaͤſſe verdraͤngte die Roſen ſeines Angeſichts, und in graͤßlicher Willkuͤhr riſſen ihn die Fluthen mit ſich fort. Da erhob ich mich vom Grunde und faßte den Sinkenden in meine Arme.“ „Ich ſtieg bei der Stelle ans Land, wo er ſich entkleidet hatte. Sorgſam huͤllte ich ihn in ſeinen Mantel und lehnte ſein lockigtes Haupt an meine Bruſt, die von wunderbaren Regungen be⸗ ſtuͤrmt ward.“ „Allein er gab kein Zeichen des Bewußtſeyns von ſich, und trunken von dem Anblick ſeiner Schoͤnheit, und muthig gemacht durch den Schlum⸗ mer der Ohnmacht, der ſeine Augen verſchloß, wagt ich es, mit meinen Lippen ſeinen bleichen Mund zu beruͤhren.“* „Lange verweilte ich im erſten Kuß meines Lebens, bis ich die warmen Pulsſchläͤge ſeiner wiederkehrenden Empfindung fuͤhlte, und er, wie aus einem Traum erwachend, den Himmel ſeiner Blicke vor mir aufthat.“ „Er hatte ſeine Beſinnung in dem Moment verloren, als der Strom ihn hinabziehen wollte in ein naſſes Grab. Erſtaunt ſah er ſich dem Daſeyn erhalten und von den Armen ſeiner Ret⸗ terin umſchlungen. Seine Verwunderung erhohte ſich ſchnell bis zur Freude; inniger Dank lohnte mir fuͤr das Geſchenk des Lebens, das er aus meiner ſchuͤtzenden Hand wieder empfing, und bald knuͤpften ihn noch zaͤrtlichere Bande an mich, und erwiedert fand ich jede zarte Empfindung meines Buſens.“ „Selige Zeit:— warum konnteſt du nicht — LOI— ewig dauern?— und wenn du fliehen mußteſt, warum nahmſt du denn nicht den dden Traum meines Daſeyns mit dir, da es mir in Verzweif⸗ lung erſtarrte, als die Liebe aufhoͤrte, es zu be⸗ ſeelen!— Ich ſchwelgte indeſſen ſorglos in dem Genuſſe meines Gluͤcks. Lange ließ ich Geliebten in dem Wahn, als ſey ich ein Weſen ſeines Gleichen. Eine ſchuͤchterne Ahnung hielt; mich ab, ihm zu bekennen, daß ich zu dem maͤch⸗ tigen Geſchlecht der Ondinen gehörte. Denn ich, die ich ſo gern mein ganzes beſſeres Selbſt lie⸗ bend ihm unterworfen hätte, fuͤrchtete leiſe, daß die mir über die Beſchrankung der Menſchen ver⸗ liehene ueberlegenheit ihn weit eher von mir ent⸗ fernen, als ihn mir naͤhern werde.“ „Uunerwartet, wie aus hellem blauen Aether ein toͤdtender Blitzſtrahl niederfaͤhrt, ſo uͤberraſchte mich mitten in den Freuden meiner Liebe das Ende derſelben.“ „Denn als ich einſt— lange den Abgott meiner Seele in der Felſenkluft erwartet hatte, eilte er endlich in meine Arme, doch nicht mit dem Entzuͤcken, das jedes neue Wiederſehn uͤber uns ausgoß, ſondern truͤbe, gedankenvoll und ſeine Stirn in Wolken der Trauer gehuͤllt.“ „„Wir muſſen uns trennen, Libelle!“ ſeufzte er leiſe an meinem Buſen„Ein Eilbote — 102— uberbringt mir vom Sterbebette meiner Mutter den Befehl, vor ihr zu erſcheinen, um ihren letz⸗ ten Segen zu empfangen.““ „Schon hatte der Schrecken mit ſeiner blei⸗ ernen Schwere bei den Worten:„Wir muſſen uns trennen!“ die freudigen Wallungen erſtickt, mit denen ich ihn begruͤßte, aber bald geſellte ſich noch ein ungeheurer Schmerz zu der qualvollen Beklemmung, die mich aͤngſtigte.“ „Denn er fuhr fort im dumpfen Ton der Schwermuth:„Wohl weiß ich, daß der Gang der Natur das Alter fruͤher zum Grabe leitet, als die Jugend, die erſt in den Stuͤrmen der Welt ihre Kräfte uͤben und brauchen, und ihre Sinne läutern muß zum wuͤrdigen Uebergang in ein beſ⸗ ſeres Seyn. Auch wollte ich mit Hoffnung, wie⸗ wohl nicht ohne kindlichen Schmerz vor ihr Lager treten, wenn ich nicht Kämpfe vorausſehen muͤßte, die mein Innerſtes zerreißen werden. Denn ich kann Dir nicht verhehlen, daß ſie ſchon laͤngſt eine Braut mir gewaͤhlt hat, von deren Reiz und Guͤte ſie das Gluͤck meiner Zukunft erwartet, und deren Hand ſie wuͤnſcht, noch vor Tode in die meinige zu fügen.““ S „So werde ich Dich verlieren,“ rief ich au⸗ ßer mir,„und zwiefach verlieren!“ „Der ungeſtüm meiner Gefühls raubte mir N — — 103— die Sprache, und ich konnte nur mit einem Strom von Thraͤnen, ſchweichend und halb vernichtet, an ſeinen Buſen ſinken.“. „„Was iſt Dir, Libelle?“ fragte er ſanft. „Wie kann ein Zweifel an der Heiligkeit meiner Treue in Deinem Herzen Raum finden, das meine Schwuͤre aufgenommen und erwiedert hat? Rein, in der Stunde des Abſchieds, die mich vald, doch nicht auf lange aus Deiner begluͤckenden Nähe draͤngt, erneuere ich Dir meine Eide und gelobe Dir bei der Wonne unſerer Vergangenheit, nur fuͤr Dich allein zu leben und Dich ewig zu lieben. Nimm,“ ſetzte er hinzu, indem er meine Thränen trocknete,„nimm dieſen Ring zum Pfande der Verlobung und der Beſtändigkeit. Er wird mich ewig an Dich binden, und nur dann⸗ wenn Deine Empfindungen ſich jemals ändern ſoll⸗ ten, und Du freiwillig ihn mir zuruͤckgiebſt, nur dann, und eher nicht, werde ich mich fuͤr frei halten. Doch dieſe Freiheit wuͤrde ein trauriges Geſchenk fuͤr mich ſeyn; denn erſt ſeit ich ſie an Dich verloren habe, lächelt mir das Leben para⸗ dieſiſch, das mir hoffnungslos und dde waͤre Dich! 1 „Ich nahm din Ring, der als ein Sinnbilb der Ewigkeit in der Geſtalt einer Schlange mir die ſtete Dauer ſeiner Treue in ſtummer Bered⸗ 6 3 famkeit verbuͤrgte. Immer trage ich ihn ſeitdem an einer goldenen Kette auf meinem Herzen, aber ach, ſeine Bebeutung hat ſich geaͤndert; denn nur eine Ewigkeit des Leidens, nicht der Liebe, ward mir vom Schickſal vergönnt.“ „„„Laß nun,“ fuhr mein Geliebter fort,„in dieſen letzten Augenblicken den Schleier des Ge⸗ heimniſſes ſinken. Entdecke mir mit jenem edlen Vertrauen, das Hand in Hand mit reiner Liebe geht, wer Du biſt, und welchen Namen ich aus⸗ ſprechen muß, wenn ich meiner ſterbenden Mut⸗ ter bekenne, daß ich die Gefaͤhrtin meines kuͤnf⸗ tigen Lebens ſchon bereits gewaͤhlt habe. Sey die Tochter eines der Edlen hier im Lande, oder eines dürftigen Hirten dieſer Fluren— es gilt mir gleich; denn Liebe hebt den Unterſchied der Staͤnde auf. Verbirg Dich mir nicht laͤnger, und nenne mir Deinen Namen, den ich bloß zu er⸗ fahren wuͤnſche, um ihn ſo bald wie moͤglich mit dem meinigen zu vertauſchen.““ „Das Feuer ſeiner Rede, und die Innigkeit, mit der er bat, loͤſete endlich das Siegel des Schweigens von meinen Lippen. Ich geſtand ihm, wer ich ſey, und bemerkte wohl, daß ein leiſes Beben ihn durchſchauerte; doch hielt ich es nur fuͤr das Befremden der ueberraſchung, was viel⸗ leicht ſchon der Widerwille war, mit dem ſich — 108— gemeine Naturen einer hoheren anſchließen. Wie⸗ hernd mahnte ſeitwaͤrts ſein ſtampfendes Roß ihn an die Trennung, die ich in zärtlicher Wehmuth noch zu verzögern ſuchte. Da loſete ich eine Per⸗ lenſchnur von meinem Halſe, und gab ſie ihm zum Denkmal dieſer Stunde und meiner Liebe.“ „So oft Du mich zu ſprechen begehrſt, ſagte ich, ſo gehe hin zu den Ufern des Rheins, wo er auch walle, und wirf eine der Perlen hinab, daß ſie als Botin der Sehnſucht mir Dein Verlangen verkuͤnde. Unaufhaltſam werde ich dann in Deine Arme eilen, und, o moͤchteſt Du mich oft rufen! Moͤcht ich vald die ganze Reihe wieder verſam⸗ melt an meinem Halſe tragen, und dann nicht mehr ihrer beduͤrfen, um Dich wieder zu ſehn!“ „Stumm und in finſteres Schweigen verlo⸗ ren, nahm er mein Geſchenk, druͤckte mich noch einmal mit Heftigkeit an ſich, ſchwang ſich dann auf ſein Roß und entfloh ſchnell wie ein Gedanke des Augenblicks. Starr ſah ich ihm noch lange nach in truͤber, ſchmerzlicher Betäubung, dann Lehrte ich zuruͤck in die Grenzen meines Reichs und harrte hoffend auf die Erſcheinung meiner Perlem nn „Doch Monden vergingen, und keine rief mich empor zum Wiederſehn des Geliebten. Noch hatte indeſſen nur Kummer meine Seele gebeugt, — 106— kein Argwohn ſie verletzt, und als enblich nach eines Jahres Verlauf eine derſelben hell wie eine Thräne vor mir niederſank, jubelte ich laut auf, von ſeligen Ahnungen des nahenden Gluͤcks er⸗ griffen, und rauſchte empor, daß weit umher die Wogen ſchäumten. Da ſah ich ihn wieder, doch ach! wie veraͤndert. Nicht mehr, wie ſonſt, flog er an mein ſchlagendes Herz; ſcheu und beſchämt gruͤßte er mich nur aus der Ferne,“ „„Libelle,“ ſprach er mit geſenkten Blicken, „Libelle, Du haſt mir das Leben gerettet; thue noch mehr, und rette auch mein Gluͤck. Lange und ſchmerzlich habe ich mich gepruͤft, um mir ſelbſt klar zu werden, und ich glaube, ich verſtehe jetzt, Wahn von Wahrheit zu unterſcheiden. Da⸗ her kann ich weder Dir noch mir läugnen, daß ich Gleichheit fuͤr die erſte, nothwendige Bedin⸗ gung einer unauflöslichen Verbindung halte, und ſo tief ich Dich auch verehre, ſo ſchauert mir doch vor dem Gedanken Deiner uͤberirdiſchen Macht, die alle warmen Gefuͤhle des Herzens ausloͤſcht, indem ſie den Geiſt unwiderſtehlich zu einer hul⸗ digenden unterwerfung zwingt. Ich habe, als ich Dich verließ, die Braut kennen lernen, die der letzte Wille meiner Mutter mir beſtimmte. Der ſanfte, menſchliche Reiz ihres umgangs hät mein blutendes Gemuͤth geheilt, das damals nur — 107— von Deinem Bilde erfuͤllt war, und nur an ihrer Seite kann mir das Morgenroth eines heiteren Lebenstages aufgehn. Sey daher großmuͤthig, meine Retterin, meine Freundin! tritt die Rechte, die ich, ohne Dich zu kennen, Dir in einer trun⸗ kenen Verblendung meiner Sinne eingeraumt habe, an meine Bertha ab, die ohne mich nicht leben kann, und gieb mir den Ring zuruͤck, den ich ſo übereilt als ein Pfand der Treue Dir hinter⸗ tieß „Wie, Treuloſer! rief ich aus, uͤbermannt vom gluͤhendſten Zorn, Du wagſt es, mir den Ring abzufordern, der Dich mir auf ewig zum Eigenthum weiht? Ha, Du haſt bis jetzt nur meine Liebe erfahren, nicht die eherne Kraft mei⸗ nes Willens. Du ſelbſt knuͤpfteſt unaufgefordert Deine Freiheit an dieſen Ring, und nichts in der Welt ſoll mich bewegen, ihn Dir zuruͤckzugeben.“ „„Nun wohl,“ verſetzte er kalt,„ſo behalte ihn denn, aber ſchmeichle Dir nicht, daß er mich binden werde. Ich glaubte ihn einem ſterblichen Maͤdchen zu geben, keinem Elementargeiſte, und dies loſet meine Schwuͤre. Gern waͤre ich, um der ehemaligen Irrthuͤmer meines Herzens willen, in einem guten Vernehmen mit Dir geblieben; doch Du willſt es nicht— Du begehrſt Liebe, die ſich nicht erzwingen läßt. So lebe denn wohl auf — 108— immer,— ich kehre zuruͤck in mein Schloß; denn jeder Augenblick ſcheint mir verloren, den W fern von meiner Bertha verlebe.““ „Hier verließ mich der Grauſame, und ſeit⸗ dem ſah ich ihn nicht wieder. Reue, Wehmuth und Mitleid verdrängten bald in mir die Wuth, die betrogene Hoffnung und gekränkte Liebe in mir entflammt hatten. Ich gab mich einem un⸗ maͤßigen Schmerze hin, und hoffte, er ſollte ſelbſt die Bande der Geiſterwelt ſprengen und mich toͤdten. Durch meine Seufzer hoben ſich die Wel⸗ len in hohlem Brauſen— durch meine Thränen traten ſie aus ihren ufern— aber umſonſt— ich blieb verlaſſen, und keine neue Botſchaft rief mich zu einer ſanfteren Aufloͤſung dieſes unglch⸗ ſeligen Verhaͤltniſſes empor.“ Bei dieſen Worten drangen heller als voryer die Toͤne geſelliger Freude vom pelſenſchloß herab durch die ſchweigende Luft. Wie der Nachtwind den bleichen Kelch der Lilie bewegt, ſo erſchuͤt⸗ terte ein leiſes BVeben die zarten Glieder der On⸗ dine.„Hoͤrſt Du,“ ſprach ſie mit wilden Blik⸗ ken,„hörſt Du dieſe Toͤne, S Kannſt Du mir ſie deuten?“ „Es iſt Graf Raimunds xerlobungsfeſ⸗ va ſie verkuͤnden,“ antwortete der Fiſcher.„In— Tagen wird ſeine Hochzeit ſeyn““ — 109— „Ha!“ rief ſie aus,„ſo muß ich eilen, wenn meine Gabe noch Werth haven ſoll in ſeinen Au⸗ gen. Denn wiſſe, Juͤngling, Raimund war mein Geliebter, und den Ring, den ich auf meinem Herzen trage, empfing ich von ihMm. Wohl hat er Recht: Liebe laͤßt ſich nicht erzwingen. Ich entſage der ſeinigen, allein zu feſt, zu wahr, zu innig iſt meine Reigung fuͤr ihn, als daß ich nicht, frei von Rachſucht, jeden Dorn aus dem Kranz ſeiner Freuden nehmen und ſeine Seele vor den Qualen des Meineids bewahren ſollte.“ „Geh zu ihm, wenn der Morgen graut, ſag ihm, daß Dich Libelle ſendet, die getauſchte, ge⸗ mißhandelte, doch nein, nur die liebende Libelle. Sage, ſie wuͤnſchte nichts mehr hienieden, als ihn nur noch einmal zu ſehen, ihn um Verzeihung zu bitten wegen ihrer oft ſchon bereuten Heftigkeit, und ihm das theure unterpfand ſeiner gebrock?« nen Treue zuruͤckzugeben. Leite ihn zu den ufern des Rheins und laß ihn in Deinen Nachen ſtei⸗ gen; ſteuere dann muthig mit ihm in die Mitte des Fluſſes, und bitte ihn, daß er die Perlen⸗ ſchnur, die er noch von mir beſitzt, hinab wirft, mich zu rufen aus der Nacht meines Kummers, und zu gleicher Zeit mit ihr das letzte Andenken an mich zu verſenken. Ich werde dann erſchei⸗ nen, ihm den Ring darreichen, ſein Lebewohl — 0— empfangen und zuruͤckkehren in den Schooß der Fluthen, um ſie nicht mehr zu verlaſſen. Du aber wirſt, wenn Du mir dieſe letzte Beruhigung ver⸗ ſchafft haſt, einen glaͤnzendern Lohn von mir em⸗ pfangen, als ein langes, muͤhevolles Leben Dir erwerben koͤnnte.“ Wie gern verſprach der Fiſcher, dieſen Wunſch zu erfuͤllen.„O, unſer Herr iſt gut!“ rief er aus.„Boͤſe Sterne muͤſſen ſeinen Sinn Dir ent⸗ fremdet haben. Wie wird ihn Deine Milde ruͤh⸗ ren!— Rechne feſt darauf, ihn zu ſehen, denn ich bin uͤberzeugt, er wird Dir— letzte Bitte nicht verſagen.“ „Ich glaube es ſelbſt,“ antwortete Libella mit einem bittern Laͤcheln.„und nun,“ fuhr ſie fort,„ehe ich ſcheide— gieb mir von Deinen Blumen welche mit hinab in mein kuͤhles Reich, wo keine ſproſſen.“— Freudig oͤffnete Ambroſius die Pforte ſeines Gärtchens, und wollte die ſchon⸗ ſten Erſtlinge des Sommers ihr brechen. „Keine Roſen,“ ſprach ſie mit ſchwermuͤthi⸗ gem Ton;„Roſen hat die Natur nur der gluͤck⸗ lichen Liebe geweiht. Gieb mir Nachtviolen, punkle Cipreſſen und die blaſſe Narciſſe, und — 111— willſt Du Symbole meiner Stimmung mir waͤh⸗ len, ſo reiche mir des Sinnkrauts falbe, traurige Blätter und die den Graͤbern geheiligte Bluͤthe des Rosmarins.“— Ambroſius that, wie ſie ver⸗ angte und reichte ihr bald den melancholiſchen Strauß. Sie betrachtete ihn finſter, und in die Thautropfen, die auf ihm glaͤnzten, miſchten ſich leiſe ihre Thräͤnen. Dann ging ſie, und ſo wie ihr erſtes Erſcheinen Ambroſius mit Grauſen er⸗ fuͤut hatte, ſo ſah er auch jetzt nicht ohne Schau⸗ der ihr Verſchwinden, als die fluͤſternden Wellen von einander wichen, um ſie in ſich aufzunehmen. Bald goß indeſſen der Schlaf den linden Bal⸗ ſam auf ſeine muͤden Augen, und als er ſie wie⸗ der aufſchlug, daͤmmerte der Morgen und erin⸗ nerte ihn an ſein Verſprechen. Er erſtieg den Felſengipfel, auf welchem Raimunds Schloß thronte, und ward in das Gemach des gluͤcklichen Braͤutigams gefuͤhrt, der eben aus holden Traͤu⸗ men erwachte. „Was bringſt Du mir?“ rief der Graf ihm heiter entgegen.— Einfach, aber genau richtete Ambroſius ſeinen Auftrag aus, und nicht ohne Zeichen innerer Zufriedenheit lauſchte Rnimund ſeinen Worten. — „So will der Himmel denn alle meine Wuͤn⸗ ſche kronen!“ rief er aus.„Sey mir willkom⸗ men, Du Geſandter des Friedens; denn ich muß Dir geſtehen, daß mancher ſchmerzliche Stich der Erinnerung mich ſelbſt in den Armen meiner Vertha an mein gebrochenes Geluͤbde mahnte. Auf, laß uns keinen Augenblick verſäumen, um Libella's Edelmuth zu venutzen. Noch flammet das Morgenroth, noch ſchlummert meine holde Verlobte. Ehe ſie erwacht, koͤnnen wir zuruͤck ſeyn, und ich darf dann den unglückſeligen Ring zu ihren Füßen niederlegen, und ſagen: Nun bin ich ganz Dein, meine Bertha, und ſelbſt die Schatten der Vergangenheit duͤrfen nicht mehr wagen, zwiſchen uns zu treten.“ Er nahm die Perlenſchnur, die Libella ihm gegeben hatte, und folgte dem Fiſcher, der vor⸗ auseilte, ſeinen Nachen bereit zu halten. Eben ging die Sonne auf und webte Streifen fluͤſſigen Goldes in die gruͤnlichen Wogen des Rheins, die Voͤgel ſangen ihre Morgenhymnen, und Wieſen und Wälder hauchten balſamiſche Wohlgeruͤche aus, die auf den Fluͤgeln lauer Lüfte umher⸗ ſchwebten. Da beſtieg Raimund muthig den klei⸗ nen Kahn, den Ambroſius mit ſicherer Hand re⸗ * ——— — 3 gierte, und langſam entfernte ihn das Ruder von dem feſten, zuverläſſigen Boden der Erde. Da ließ Raimund die Perlenſchnur fallen, und plötzlich lispelten die Wellen leiſer und ſchie⸗ nen ſtill zu ſtehen. Klar und ſpiegelhell ebnete ſich die wallende Bewegung des Stroms zu einer ruhigen Fläche, die freundlich das Bild des Him⸗ mels zuruͤckſtrahlte, und aus dem reinen Waſſer ſtieg Libella empor, auf einem Throne von Sma⸗ ragd ſitzend und in ein ſilbernes Gewand geklei⸗ det, das in langen Falten ſchimmernd in die Flu⸗ then ſich tauchte. Nachtviolen, Sinnkraut, Rosmarin und Cy⸗ preſſen wanden ſich als Kranz um ihre ſchwim⸗ menden Locken, und die bleiche Narciſſe ſchmuͤckte mit geſenktem Haupte ihren Buſen. Strah⸗ lende Diamanten reihten ſich zuſammen, ſie zu umguͤrten, und in ihren Haͤnden hielt ſie, gleich einem Scepter, einen ſilbernen Stab. Bewegt warf ſich Raimund auf ſeine Knie vor ihr nieder.„Habe Dank, Libella, fuͤr die Bothſchaft Deiner milderen Geſinnungen,“ ſprach er,„und ſieh mich hier noch einmal, N innig durchdrungen von Deiner Guͤte, die Gabe II. 8 zurͤck erbitten, die Dir nichts mehr nutzen kann, und die mir den ganzen ungetruͤbten Frie⸗ den meiner Seele wieder ſchenkt.“ „Raimund!“ verſetzte Libella,„ſo glaub⸗ teſt Du wirklich, ich hätte Dich hierher beſchie⸗ den, um einer begluͤckteren Nebenbuhlerin auch das Einzige, Letzte aufzuopfern, was mir noch von Dir uͤbrig blieb? O, verzeih meiner Liebe, daß ich Dich hinterging, und daß ich Hich un⸗ ter einem Vorwand, der Deiner Grauſamkeit willkommen war, auf mein Gebiet lockte, um Dich nimmer wieder zu laſſen. Denn entweder mußt Du meine Zärtlichkeit erwiedern, und mein Reich mit mir beherrſchen, oder— in ſeinen Tiefen Dein Grab finden.“ Entruͤſtet ſprang Raimund auf.„Unſin⸗ nige!“ ſchrie er,„erwarte keinen Vortheil von Deiner eiſt; denn frei oder in Feſſeln, todt oder lebendig gehoͤre ich nur meiner Bertha an⸗ und verabſcheue Dich, ungethuͤm! wie eine Ge⸗ burt der Holle.“ Libella's Augen funkelten wie Blitze am finſteren Gewitterhimmel. Schweigend beruͤhrte ſie mit ihrem Stabe das Waſſer, da fing es an zu brauſen und emporzuſchwellen, als wollte es ſeine Grenzen uͤberſteigen. Der Kahn ſchwankte; vergebens bot Ambroſius ſeine Kraͤfte auf, ihn durch das ungeſtuͤme Toben der Wel⸗ len hindurch zu leiten. Aber wie von einem unſichtbaren Wirbel ergriffen, ſchlug das ſchwache Fahrzeug um, und Raimund ging unter im wu⸗ thenden Strom. Lange ſuchte Ambroſius ſich durch Schwim⸗ men zu erhalten, aber endlich verließ ihn die Stärke ſeiner Arme, ſo wie ſein Bewußtſeyn, und als es zuruckkehrte, ſchimmerte bereits das Abendroth am Himmel, und er fand ſich er⸗ ſchopft, nicht weit von ſeiner Wohnung, am ufer des nun wieder beruhigten Fluſſes. Neben ihm lag ein ſilbernes Netz, und ein Schilfblatt, mit den Worten beſchrieben:„Sey beſtändiger wie Raimund, ſo wirſt Du gluͤckli⸗ cher ſeyn.“ Ambroſius rieb ſich die Augen. Sein Aben⸗ theuer erſchien ihm wie das verworrene Traum⸗ vild einer erhitzten Phantaſie, und nur das — 116— zlinkende Gold in dem Netze uͤberzeugte ihn von der Wirklichkeit des Geſchehenen, indem es das Verſprechen der Nymphe erfuͤllte, und ihn zum reichſten Fiſcher des Rheingaus machte. * In das ſchleſiſche Staͤdtchen Neiſſe, am Fluſſe gleiches Namens gelegen, wanderte— ſo erzählt die alte Chronik— vor langen Jahren ein alter Muſikant mit ſeiner Sackpfeife ein. Er lebte ſchlecht und recht, blies anfangs ſein Stuͤckchen einſam fuͤr ſich, aber weil die Nachbarn ihm gern zuhoͤrten und ſich in ſtillen Nächten unter ſeinem Fenſter verſammelten, wenn er oben ſchalmeite, ſo machte er bald Bekanntſchaft, war wohl ge⸗ litten und beliebt bei Jung und Alt, und ging mit ſeiner Kunß mehr zu Weine als nach Brod. Die jungen Stutzer, die erſt unter ſeinem Fenſter gehorcht hatten, fährten ihn jetzt unter die Fen⸗ ſter ihrer Herzgeliebien, ließen ihn zärtliche Wei⸗ ſen aufſpielen und kemmentirten ſeine Serenaten mit Seufzern und Geberden; die Hausväter riefen ihn zu ihren Gaſtreien, und es haͤtte keine — 120— Hochzeit im Städtlein können gefeiert werden, ohne daß Meiſter Wilibald den Brautreichen da⸗ zu geblaſen haͤtte. Zu dieſem vornehmlich hatte er eins recht innige Weiſe erfunden, in der Ernſt und Scherz, Liebliches und Muͤhſeliges, als in einem Vorſpiele des ehelichen Lebens, wechſelten und ſich abloͤſeten) und es hat ſich davon eine, wiewohl nur ſchwache Spur in dem alten deut⸗ ſchen Großvatertanz erhalten, ohne welchen noch zu unſerer Väter Zeiten keine Hochzeit begangen wurde. Wenn er dieſe Weiſe anhub, ſo ſchlug die ſproͤdeſte Schoͤne den Tanz nicht ab, bie ge⸗ boͤckteſte Matrone regte noch einmal di⸗ Fuͤße, und die ſilberhaarigen Großvaͤter dreheten ſich mit den bluͤhenden Enkelinnen im Kreiſe umherz daher denn auch dieſer Tanz, weil er die alten Vaͤter verjuͤngte, erſt ſcherzweiſe und dann allge⸗ mein der Großvatertanz genannt wurde. Meiſter Wilibald hatte aber woch einen jun⸗ gen Menſchen bei ſich, der ein Maler war und fuͤr des alten Sackpfeifers Sohn oder Pflegeſohn galt. An dieſem wollte die frohe Kunſt des Alten nicht anſchlagen. Er blieb ſoweres Muthes bei den luſtigſten Weiſen, welcher dieſer ihm vor⸗ blies, tanzte auch bei den Gelagen, wozu er oft geladen wurde, nur ſelter, trat vielmehr ſtumm in einen Winkel und ſtante die holdſeligſte Tän⸗ * —— zerin an, traute ſich aber gleichwohl nicht, ſie an⸗ zureden oder ihr die Hand zum Tanze zu bieten; denn der Stadtvost⸗ ihr Vater, war ein harter, ſtörriger Mann, der ſeine Wuͤrde im Städtchen verletzt glaubte, wenn ein ungraduirter Maler nach ſeiner Tochter ein Auge gerichtet hätte. Die ſchdne junge Emma hingegen dachte hierin nicht ihrem Vater gleich, ſie war dem jun⸗ gen Maler hold und hielt ihm zu Gefallen ihr bewegliches Kopihen oft eine Zeit lang ſtill, wenn ſie merkte, doſ Wido im Verborgenen lauſchte, um ihre Geſichtszuͤge heimlich aufzufaſſen. Dann errothete ſie wohl, wenn ſie in ſeinen Blicken den ſtummen Dank las, und wendete ſich weg, aber die Gluth auf ihren Wangen entzundete nur ein neues Feuer der giebe und des Verlangens in Wido's, des Maolers Herzen. Pfeifer Wilibald hatte dem liebekranken Jüngling lange ſeine Huͤlfe verſprochen. Bald wollte er dem Stadtvogt als ein zweiter Oberon und Papageno ſo lange mit ſeiner Tanzmuſik zuſeten, bis er vor Erſchopfung das Beſte verſpraͤch', nämlich die Tochter zu Wido's Braut. Bald wollte er⸗ wie ein neuer Orpheus⸗ mit ſeiner Muſik die Braut aus der Holle des väterlichen Verſchluſſes entfuͤhren, aber Wido hatte immer Einwendungen; wollte dem Vater — 122— ſeiner Schonen kein Herzleid anthun, und meinte vielmehr ihn durch Ausdauer und Gefälligkeit für ſich zu gewinnen.„Du biſt ein Geck,“ ſagte dann Wilibald,„wenn Du hoffſt, einen reichen, ſtolzen Narren für ein ehrliches, menſchliches Ge⸗ fühl, wie Deine Liebe iſt, zu gewinnen, der fuͤgt ſich nicht, Du wirſt es ſehen, ohne ein paar von den Plagen Egypti. Haſt Du nur erſt die Braut, und kann er das Geſchehene nicht ändern, ſo wirſt Du ſehn, daß er freundlich wird. Ich bin ein Thor geweſen, daß ich Dir verſprochen habe, nichts ohne Deinen Willen zu thun, aber der Tod macht quit, und ich helfe Dir doch noch auf meine rt MWaler Wido war indeſſen nicht der Einzige in dem Städtchen, welchem der Stadtvogt Steine und Dornen in den Lebensweg warf. Die ganze Buͤrgerſchaft war ihrem Oberhaupte wenig gewo⸗ gen, und hatte ſchon mehrmals verſucht, in Ernſt und Schimpf ihm mancherlei Tort anzuthun; denn er ſtrafte die Buͤrger oft um geringen Muthwil⸗ len mit hartem Gehorſam, wenn ſie nicht durch reichliche Bußen ſich zu loſen vermochten, und nach dem jaͤhrlichen Weinmarkt im Jenner mußten ſie gewohnlich fuͤr die gehabte Kurzweil den gan⸗ zen Jahrmarktsgewinn zu Rathhaus und in die Stadtvogtei tragen. Einsmals, als der Neiſſiſche — 123— Despot ihre Geduld zu hart pruͤfte, riß auch der letzte Faden. Die Bürger rotteten ſich zuſammen, und ängſtigten ihren Peiniger bis zum Todez denn ſie drohten nichts Geringeres, als ſein Haus anzuzuͤnden und den Stadtvogt mit allem Ge⸗ winn ſeiner Bedruͤckung darin zu verbrennen. Da trat Wido zu Meiſter Wilibald und ſprach: „Alter Freund, jetzt iſt es an der Stunde, wo Eure Kunſt mir helfen kann, wie Ihr es mir oft angeboten habt. Sind Eure Tone ſo wirkſam, als Ihr behauptet, ſo geht und vefreiet den Stadt⸗ vogt, indem Ihr die zornigen Gemuͤther beſchwich⸗ tiget. Er wird Euch zum Lohn gewiß Alles bie⸗ ten, was Ihr begehret, dann ſprecht ein Wort zu ſeiner Zeit fur mich und meine Liebe, und ver⸗ langt meine Emme zum Lohn fuͤr Eure Huͤlfe.“ — Der Pfeifer lachte uͤber die Rede, und ſagte? „Man muß ſchon den Kindern den Willen thun, daß ſie nicht ſchreien.“ Damit nahm er ſeine Sackpfeife und ging langſam auf den Markt, wo das Volk mit Spießen und Stangen, Fackeln und Pechkränzen vor dem Hauſe des Stadtvogts lärmte und auf die Thuͤre Sturm lief. Hier ſtellte ſich Meiſter Wilibald an eine Säule und fing gar lieblich ſeinen Großvatertanz zu blaſen an; und kaum erklang dieſe Lieblings⸗ weiſe der geſammten Buͤrgerſchaft, da heiterten 8 ſich die erbitterten Geſichter auf, die Augenbrau⸗ nen entwoͤlkten ſich, Spieße und Pechkränze ent⸗ ſanken den grimmig aufgehobenen Faͤuſten, und die wilden Sturmläufer marſchirten im gemeſſe⸗ nen Menuetſchritt nach dem Takte. Endlich tanzte der ganze Haufen, und der Markt mit ſei⸗ nem Tumult war in einen frohen Tanzplatz ver⸗ wandelt. Der Pfeifer zog nun mit ſeiner Zau⸗ berſackpfeife vorwaͤrts durch alle Straßen, der ganze Zug folgte ihm nach, und jeder Buͤrger ging tanzend in ſein Haus zuruͤck, das er noch vor kurzem mit ganz andern Abſichten verlaſſen hatte. Der gerettete Stadtvogt wußte nun ſeines Dankes gegen Meiſter Wilibald kein Ende und verſprach ihm zum Lohn, was er nur bitten würde, und wenn es die Haͤlfte ſeiner Habe wärd. Der Pfeifer lachte dazu, meinte, ſo hoch wolle er gar nicht hinaus, brauche auch fuͤr ſeine Perſon nichts von zeitlichem Gut, weil aber der geſtrenge Herr ſein Wort gegeben und ihm ge⸗ heißen, er ſolle etwas bitten, ſo wolle er gezie⸗ mend um die Hand der ſchoͤnen Emma fuͤr ſeinen Wido anſuchen. Das gefiel nun dem Stadtvogt ſehr uͤbel. Er machte Winkelzuͤge und Flauſen allerlei Art, und weil ihm Meiſter Sockpfeifer ſein Verſpre⸗ —— — S — 5 chen vorrückte, ſo machte er es, wie es die Macht⸗ haber in jenen finſtern Zeiten zu machen pfleg⸗ ten; er fand ſeine Wuͤrde beleidigt, erklärte den Meiſter Sackpfeifer fuͤr einen Storenfried und Feind buͤrgerlicher Ordnung, und gab ihm in dem 8 Stockhauſe Zeit, die Verſprechungen des Buͤrger⸗ oberhauptes zu vergeſſen. Dabei beſchuldigte er ihn der Zauberei und machte ihm einen peinlichen Proceß, als ſey er niemand anders, als der be⸗ ruͤchtigte Hameliſche Pfeifer und Rattenfaͤnger, der dort die Kinder und hier die Erwachſenen nach ſeiner Pfeife habe tanzen laſſen. Durch dieſe Vorſpiegelungen wendete der Stadtvogt alle mitleidigen Herzen von dem Ge⸗ fangenen ab. Die Furcht vor der Zauberei und das Beiſpiel der Kinder zu Hameln wirkte ſo mächtig, daß Schoppen und Schreiber Tag und Nacht nicht vom Arbeiten abließen; der Kam⸗ merer uͤberſchlug ſchon die Koſten des Scheiter⸗ haufens, der Glockner bat um ein neues Seil an das Armeſuͤnder⸗Gloͤcklein, die Zimmerleute rich⸗ teten Bretter zu Erhoͤhungen fuͤr die Zuſchauer der kuͤnftigen Exekution zu, und die Gerichtsper⸗ ſonen probirten den Akt des Hochnothpeinlichen Halsgerichts. Meiſter Wilibald kam aber den ſchnellen Schritten der Juſtiz zuvor, denn als er ſich einmal uͤber die PVichtigkeiten der Vorberei⸗ — 196— tungen zu ſeinem Ende recht fatt gelacht hatte, legte er ſich auf ſein Strohtager und ſtarb. Kurz vor ſeinem Tode redete er ſeinen Wido an.„Junger Menſch,“ ſprach er,„Du ſiehſt, daß ich Dir, nach Deiner Art die Dinge und Menſchen zu betrachten, nichts helfen kann. Ich yabe die Poſſen ſatt, die ich Deiner Thorheit wegen habe treiben mͤſſen. Du haſt genug er⸗ fahren, um endlich zu begreifen, daß man auf die Guͤte der menſchlichen Natur wenigſtens keine Plane bauen muß, wenn man auch ſelbſt zu gut iſt, um überhaupt den Glauben an fremde Guͤte aufzugeben. Ich mochte nicht einmal auf die Er⸗ fuͤlung meiner letzten Bitte an Dich rechnen, muͤßte nicht Dein eigener Vortheil Dich dazu an⸗ treiben. Wenn ich todt bin, ſo ſorge, daß meine alte Sackpfeife mit mir begraben wird. Dir wuͤrde ſie nichts helfen, wenn Du ſie behielteſt, ſie kann aber Dein Gluͤck machen, wenn ſie mit mir unter die Erde kommt. Wido verſprach, ſei⸗ nes alten Freundes letztem Willen nachzukommen, und druͤckte ihm die Augen zu. Das Geruͤcht von dieſem plötzlichen Todes⸗ falle hatte ſich in der Stadt kaum verbreitet, als Alt und Jung gelaufen kam, ſich von der Wahr⸗ heit zu uͤberzeugen. Am meiſten war der Stadt⸗ vegt über dieſen Ausgang erfreut; denn die „ — 127— Kaltblutigkeit, mit welcher der Delinquent die eroffnete Ausſicht auf den Scheiterhaufen ange⸗ nommen hatte, ließ ihn vermuthen, der Sack⸗ pfeifer werde ſich einmal durch Zauberkunſt im Gefaͤngniß unſichtbar machen, oder auf dem Schei⸗ terhaufen ſtatt ſeiner Perſon einen Strohwiſch auflodern laſſen und die Juſtiz der Stadt verla⸗ chen. Man beſchloß daher, weil es zum Verbren⸗ nen des Koͤrpers noch am Endurtel fehlte, mit dem Leichnam moͤglichſt geſchwind unter die Erde zu eilen, und ihn auf einem Winkel des Gottes⸗ ackers nahe an der Mauer zu verſcharren. Der Stockmeiſter, als obſervanzmäßiger Erbe des Verſtorbenen, fragte, indem er deſſen Nachlaß inventirte, was mit der Sackpfeife, als einem Corpus delicti, vorgenommen werden ſollte, und Wido wollte ſchon ſeine Vorbitte anbringen, als der Stadtvogt voll Eifers die Reſolution gab: das ſchlechte, werthloſe Werkzeug moͤge billig, um allem Mißbrauch damit zu ſteuern, zuſammt dem Leichnam begraben werden. Man ſchob ſie alſo zu dem Todten in den Sarg, und fruͤh in aller Stille wurden Pfeifer und Pfeife hinausge⸗ tragen und begraben. Aber in der folgenden Nacht trugen ſich gar ſeltſame Dinge zu. Die Thurmwächter ſchauten nach Gewohnheit umher, ob etwa ein Feuer in 1 — 128— der Gegend aufging. Da ſahen ſie gegen Mitter⸗ nacht bei dem Scheine des Mondes, wie Meiſter Wilibald aus ſeinem Grabe an der Kirchhofs⸗ mauer emporſtieg. Er hielt ſeine Sackpfeife im Arm, lehnte ſich an einen hohen Leichenſtein, daß ihn der Mond hell anleuchtete, und ſing an zu blaſen, fingerte auch dazu auf der Pfeife, wie man es bei ſeinem Leben an ihm gewohnt war. Indem ſich nun die Wächter, über dies Geſicht befremdet, anſahen, thaten ſich mehrere Gräber auf dem Kirchhofe auf, die beinernen Bewohner ſteckten ihre kahlen Schädel heraus, ſchauten ſich um, nickten nach dem Takte, ſtiegen dann ganz heraus und regten die klappernden Glieder in flinkem JTanz. Aus den Grüften und Schwibbö⸗ gen guckten ebenfalls leere Augenhoͤhlen nach dem yuͤglichen Tanzplatz, die duͤrren Arme raſſelten an den eiſernen Gittérthoren, bis Schloſſer und Rie⸗ gel aufſprangen und den tanzluſtigen Gerippen den Weg zum Todtenball öffneten. Nun ſtelzten die leichten Tänzer uͤber Grabhuͤgel und Leichen⸗ ſteine und wirbelten im luſtigen Schleifer umher⸗ daß die weißen Sterbegewander im Winde um die duͤrren Glieder flatterten, bis die Glocke auf dem Kirchthurm Mitternacht ſchlug. Da kehrten Taͤnzer und Tänzerinnen in ihre engen Behau⸗ fungen zuruck, der Spielmann nahm ſeine Sack⸗ — 129— pfeife unter den Arm und vegab ſich gleichfalls zur Ruhe. ipnh Die Thurmwächter pochten noch vor Tage den Stadtvogt aus den Federn und hinter⸗ prachten ihm mit zitternden Lippen die Kunde von dem geſpenſtigen Todtentanz. Er legte ihnen zwar ſtrenge Verſchwiegenheit auf und verhieß, in der nächſten Nacht die Thurmwache ſelbſt mit ihnen zu theilen; aber die Sage verbreitete ſich vald durch die Stadt, und vom Abend an waren Thuren und Dächer in der Gegend des Kirchhofs mit Kandidaten der Geiſterſeherei beſetzt, die alle vorläufig über die Moglichkeit oder unmoglichkeit der Dinge ſtritten, welchen ſie in der Mitternacht entgegen ſahen. Der Spielmann ließ nicht lange auf ſich war⸗ ten. Mit dem erſten Glockenſchlage der elften Stunde ſtieg er gemaͤchlich empor⸗ lehnte ſich an einen Leichenſtein und ſpielte auf. Die Vallgäſte ſchienen auf die Muſik ſchon gewartet zu habenz denn bei dem erſten Ton drängten ſich aus Grä⸗ bern und Gruͤften, aus Grashügeln und unter ſchweren Grabſteinen Leichen und Gerippe, beklei⸗ det und bloß, Groß und Klein hervor, liefen durch einander und tanzten und wirbelten und walzten luſtig um den Spielmann her, ſchnell und lang⸗ ſam nach der Weiſe, die er ihnen aufſpielte, bis II. 9 — 130— die Thurmglocke Vitternacht ſchlug und Tänzer und Pfeifer zur Ruhe gingen. Die lebendigen Zuſchauer auf Thuͤrmen und Daͤchern geſtanden ſich nun, daß es Dinge gebe, von welchen der geſunde Menſchenverſtand nichts begreife, der Stadtvogt aber ließ noch in derſelben Nacht den Maler Wido gefangen ſetzen und hoffte von ihm, nothigenfalls peinlich, zu erfragen, wie man dem Unweſen ſeines todten pflegvaters ſteu⸗ ern moge. Wido unterließ nicht, den Stadtvogt an ſeinen Undank gegen Wilibald zu erinnern, und vehauptete, der Todte beunruhige die Stadt und raube ihren Todten die Ruhe und ihren Lebendi⸗ gen den Schlaf nur darum, weil er, ſtatt des verheißenen Lohnes fuͤr die Errettung des Vogtes eine abſchlägliche Antwort und überdies unver⸗ dientes Gefaͤngniß und ein ſchnodes Begräbniß erhalten habe. Dieſe Rede hatte auch ſo viel Gewicht, daß der Magiſtrat beſchloß, den Koͤr⸗ per des Sackpfeifers an einen anſtändigern Ort des Kirchhofs zur Ruhe beſtatten zu laſſen. Der Todtengraͤber wollte dabei ein Uuebriges thun, nahm die Sackpfeife aus dem Sarge, und haͤngte ſie hinter ſeinem Ofen auf, damit der geſpenſtige Muſikant, wenn er ja nicht unterlaſſen koͤnnte, noch aus dem Grabe ſeiner Profeſſion nachzuge⸗ „ hen, wenigſtens ohne Inſtrument nicht zum Tanz ſpielen koͤnnte. Allein, als es elf uhr auf dem Thurme geſchlagen hatte, pocht' es vernehmlich vei ihm an die Thüre, und als der Todtenbett⸗ meiſter, der eine eintraͤgliche Beſtellung vermu⸗ thetete, dffnete, da ſtand der begrabene Sackpfei⸗ fer leibhaftig draußen.„Meine Sackpfeife,“ ſagte er ganz gelaſſen, ging vor dem bebenden Tobtengräber vorbei und nahm ſeine Pfeife von der Wand hinter dem Ofen weg. Dann ſtellte er ſich an einen Leichenſtein und blies. Die Ball⸗ gäſte kamen, wie in den vorigen Naͤchten und gruppirten ſich zum mitternaͤchtlichen Kirchhofs⸗ tanz, aber dieſes Mal ſetzte ſich der Muſikant in Marſch, zog mit dem ganzen langen Zuge durch das Gottesackerthor in die Stadt, und fuͤhrte ſeine nächtliche Wachtparade durch alle Straßen bis die Glocke Zwölf ſchlug, wo ſie Alle wiederum zu ihrer Ruheſtätte zogen. 1 Die Einwohner fuͤrchteten nun bald in ihren eigenen Häuſern dieſen nachtlichen Beſuch zu ſehn, und einige der Aelteſten im Rathe drangen ſchon in den Stadtvogt, er ſolle dem unweſen ſteuern und ſein Wort gegen den Pfeifer loſen. Aber yierzu hatte der Vogt weder Ohren noch Sinn, meinte auch, dem Wido, der an den Zau⸗ berkunſten des alten Sackpfeifers vermüthlich Theil habe, gezieme wohl eher die Anwartſchaft auf deſſen Scheiterhaufen, denn auf eine ſchoͤne, reiche Braut. Aber in der naͤchſten Nacht kam der geſpenſtiſche Todtenreihen wieder in die Stadt, und, wiewohl man die Muſik nicht ver⸗ nahm, ſo ſah man doch an der Bewegung, daß die Tänzer nach der Weiſe des Großvaters tanz⸗ ten. Dieſesmal trieben ſie es auch noch ſchlimmer als in der vorigen Nacht. Denn vor Haͤuſern, wo eine mannbare Jungfrau oder eine Braut war, hielten ſie ſtill, dreheten ſich im Wirbel⸗ tanz und man ſah deutlich ein Schattenbild unter ihnen, das der Jungfrau glich, welcher ſie den nächtlichen Brautreihen tanzten. Am andern Morgen war die Stadt wie ein großes Leichen⸗ haus; denn alle Jungfrauen, die man im Schat⸗ tenbilde hatte drehen ſehen, waren ploͤtzlich hin⸗ geſtorben. So ging es die folgende Nacht. Die tanzenden Gerippe drehten ſich vor den Häuſern, und wo ſie getanzt hatten, da lag am Morgen eine todte Braut oder Jungfrau. MWehr Rächte wollten die Buͤrger nicht ihre gcter und Braͤute ſolcher Gefahr ausſetzen. Sie droheten dem Stadtvogt, ihm die Tochter mit Gewalt zu nehmen und ſie dem Wido als Braut zuzufuͤhren, wenn er nicht ſelbſt augen⸗ hlicklich die Verlobung, und noch vor Einbruch 1 der Nacht die Hochzeit vollziehen laſſen wollte. Beides wurde dem Stadtvogt ſchwer zuzugeſtehen, und da er ſich alſo in dem ſeltenen Falle befand, wo der Menſch mit vollkommener Freiheit wäͤhlen kann, ſo zeigte er ſich als freies Weſen, und gab dem Maler Wido ſelbſt ſeine Emma zur Braut. Noch vor der Geſpenſterſtunde ſaß man bei der Hochzeittafel. Der erſte Glockenſchlag tonte dumpf, und ſogleich horte man die bekannten Tone des beliebten Brautreihen. Voll Schrecken, daß der naͤchtliche Spuk noch nicht zu Ende ſey⸗ eilten die Gaͤſte an das Fenſter, und ſahen den Sackpfeifer mit einer langen Reihe von Geſtalten in weißen Sterbekleidern nach dem Hochzeithauſe ziehn. Er ſelbſt blieb unten an der Pforte ſtehen und blies; der Zug aber ging langſam hinauf bis in den Hochzeitſaal. Hier rieben ſich die fremden, blaſſen Gaͤſte die Augen und ſahen ſich, wie er⸗ wachte Nachtwandler, verwundert um. Die Hoch⸗ zeitleute flohen hinter Stuͤhle und Tiſche, bald aber rotheten ſich die Wangen der Angekommenen, ihre Lippen blühten auf wie junge Roſenknospen und Granatbluthen und begruͤßten ſich mit bekann⸗ ten Toͤnen und Namen. Man erkannte ſich nun gegenſeitig; denn die todtenbleichen und jetzt neu⸗ aufbluͤhenden Geſtalten in Sterbekleidern waren die ſchnell entſchlafenen Reiſſiſchen Jungfrauen, *8 — 134— die von ihrem Zauberſchlaf erwacht und von Mei⸗ ſter Wilibald mit der Zauberpfeife in den Hochzeitſaal gefuͤhrt worden waren. Der Magus blies ihnen noch ein luſtiges Stuͤckchen zum Ab⸗ ſchied vor und verſchwand. „Ich muß faſt glauben,“ ſagte Wido,„daß 6e Sackpfeifer Niemand anders geweſen iſt, als der Gebirgsgeiſt des ſchleſiſchen Landes. Ich machte ſeine Bekanntſchaft mitten im Gebirge und erwarb mir, ich weiß nicht, wodurch, ſeine Gunſt. Er ver⸗ ſprach mir Veiſtand in meiner Liebe, und hat red⸗ lich Wort gehalten, wiewohl auf ſeine eigenthuͤmlich neckende Art, die man ihm ſchon zu gut halten muß.“ Wido blieb Zeitlebens in der Gunſt des Berg⸗ geiſtes. Sein Wohlſtand wuchs täglich, ſeine Gattin brachte ihm jöhrlich friſche Kinder, ſeine Bilder wurden weit und breit nach Welſchland und England verſchrieben, und die Todtentaͤnze, mit welchen nicht allein Baſel, Dresden und Lü⸗. beck, ſondern eine große Anzahl deutſcher Städte prunkten, ſind nichts als Copien und Variationen von Wido's Hriginal, das er dem Neiſſiſchen wirk⸗ lichen Todtentanz zum Andenken malte, das aber leider noch kein gruͤbelnder Gemaͤldeſammler zur 7 Bereicherung der Kunſtgeſchichte hat auffinden 6 bekannt machen koͤnnen. — — e ſchoͤne Mel i D ——————— E⸗ war der heilige cpriſabend im Jahr 18 u. ſ. w., der auf einen Freitag, den Anfang des judiſchen Sabbaths, ſiel. In der Reſidenz eines großen Landes zuͤndete jetzt die allgemeine heilige Freude der Chriſten hellſtrahlende Lichter an, das glorreiche Feſt der Menſchwerdung des Erloͤſers zu feiern, und die ganze Stadt in ihrem bunten, frohlockenden Gewuͤhl ſchien ein einziger hell in die Ferne hinaus—— geworden zu ſeyn. Aber auch in der gigoht der ifraelitiſchen Gemeine waren bereits Lichter angeflammt und der Hoheprieſter bei der Bundeslade erſchienenz* denn der Sabbath war angegangen, wo jede ſchaffende Hand ſich zum Gebet, jeder ſpekulirende Kopf zur Betrachtung ſammelte, ſo daß ein wun⸗ derſamer Geiſt der Einheit das Ganze der gro ßen Stadt diesmal zu beleben ſchien.* Da verließ auch Jonathan Iſaſchar, einer der angeſehenſten Ifraeliten, ein reicher Juwelen⸗ haͤndler, mit Dina, ſeinem zweiten Weibe, das bereits zur Sabbathsfeier eingerichtete Haus, um ſich zu dem Gottesdienſte ſeiner Glaubensgenoſſen zu geſellen; und allein blieb Salome, insgemein die ſchoͤne Meli genannt, ſeine Tochter erſter Ehe, ein ſo wunderliebliches, ſechzehnjähriges Mädchen, daß ſie faſt nie ohne Schleier uber die Straße zu gehen wagte, weil ſonſt jedes Auge an ihren feſſelnden Zuͤgen haftete. Traurig und in truͤbes Nachdenken verſunken ſaß jetzt die Einſame, welche der Gebrauch von dem Beſuch des Gottesdienſtes ausſchloß, ſo lange ſie Jungfrau war, und heiligte mit in einander geſchlungenen Armen den Sabbath, dem zu Ehren auf dem mit weißem damaſtnen Tuche bedeckten Tiſche zwei truͤbe, ungeputzte Kerzen flackerten, und das Feuer des Kamins verloſchen war. Das tobende Heer ihrer Stiefbruͤder, die elterliche Abweſenheit benutzend, trieb ſich indeß im weiten gimmer herum, waͤhrend Gertrud, das Chriſten⸗ mädchen, bemuͤht war, die Forderung des Jüng⸗ ſten der Knaben, Benjamins, zu ſtillen, dem die loſe Speiſe des ungeſaͤuerten Brodes nicht mun⸗ den wollte, und der ſeine Abneigung gegen dieſes Feſtmahl heulend an den Tag legte. —— „So heule Du bis übermorgen!“ rief end⸗ lich die ungeduldige, und trug den Wehklagenden in den Kreis der ſpottenden Bruͤder; ſie ſelbſt aber kehrte ſich zu Weli, und ſagte im Tone des hoͤchſten Verdruſſes:„Ein Elend iſt's heute, hier zu dienen; und daß Sie es nur wiſſen, Mamſell, unſer liebes, heiliges Chriſtfeſt erreicht mich nicht mehr in dieſem Dienſte, und ſollte ich noch ein⸗ mal ſo viel Lohn erhalten! Ach(fuhr ſie fort), praußen iſt Alles Licht und Leben, und Glanz und Freude. In unſern heiligen Kapellen ſchallen tauſend Klaͤnge und Geſaͤnge der gebenedeiten Mutter und dem neugebornen Kinde, an das Sie nicht glauben, und zu den bunten Lichtflammen der geweihten Kerzen, geſellt ſich der blaͤuliche Weihrauchduft. Da darf Alles hineinſtrömen und das Bethlehem anbeten, Jung und Alt, Arm und Reich, denn das Kindlein iſt Allen gegeben; ich aber bin wie eine Ausgeſtoßene, denn ich ſitze hier pei Ihnen, die an nichts, an gar nichts glauben, und Sie ſelbſt, ſo ein gutes, liebes Kind, duͤr⸗ fen nicht einmal mit Vater und Mutter beten gehen!“ 15 Eine gluͤhend heiße Thrane fiel aus Meli's dunkelm Auge— die ehrliche Einfalt hatte ihr wundes Herz beruͤhrt; ſie hatte Alles, was Ser⸗ trud ſagte, längſt tief empfunden, und unerklär⸗ — 6 licher, als je, neigte ſich in dieſer ſchauerlichen Ab⸗ geſchiedenheit ihr Sehnen zu den heiligen Gebräu⸗ chen der Chriſten hin, die ihr warmes Herz freundlicher anſprachen, als der kalte Gottesdienſt ihrer Vater, in dem man ſie fremd bleiben ließ. „Gertrud,“ ſagte ſie mit leiſer, zagender Stimme,„ich möchte wohl einmal in Deinen Tem⸗ pel— ach! nur hineinſehen; zum Beiſpiel heute, wo es ſo beſonders ſchon dort ſeyn ſoll; aber der Vater hat es ſtreng verboten, und ich haͤtte das Herz nicht.. R „und warum denn nicht, liebe Meli?“ rief die erfreute Gertrude.„Nichts leichter, als das. Wenn Herr Iſaſchar nach Hauſe kommt, bitte ich mir's bei ihm aus, in die heilige Neſſe der Ehriſtnacht gehen zu duͤrfen; ich ſchlafe ja in Ihrem Zimmer, und Sie gehen mit mir, wenn Sie wollen, in Mantel und Schleier ſo tief ver⸗ huͤllt, daß kein Menſch Sie erkennen kann; und da Alles um dieſe Zeit ſchläft, und wir vor Ta⸗ gesanbruch wieder kommen, ſo weiß kein Menſch⸗ daß Sie mit mir gegangen ſind, und Niemand ſucht Sie anderswo, als in Ihrem Bette.“ Meli zitterte vor Freuden, einen längſt ge⸗ nährten Wunſch ihres unſchuldigen Herzens erfuͤl⸗ len zu können, und nahm Gertruds Vorſchlag an⸗ die ihrerſeits mit frommen Eifer Alles zu der — 141— Ausfuͤhrung deſſelben beitrug. Der einfach ange⸗ legte Plan gluͤckte; um Mitternacht ſchluͤpfte die zitternde Meli⸗ unkenntlich verhuͤllt, mit Gertrud auf die lebenvolle, hellerleuchtete Straße. Glok⸗ kenklang hallte feierlich ernſt, das Hoͤchſte ver⸗ Luͤndend, was je geſchah, vom hohen Dom herab, und erſchuͤtterte tief die reine, gefuͤhlvolle Bruſt des ſchdnen Judenkindesz ein Meer von Licht⸗ ſtrahlen goß ſich ihm entgegen, als es eintrat in die heiligen Tempelhallen, in denen die Engel⸗ zungen der Muſik und des Geſanges wie Choͤre himmliſcher Heerſchaaren wiederhallten, und die balſamiſchen Opferduͤfte in Saͤulen emporſtiegen. „Heute iſt euch der Heiland geboren!“ ſang der geweihte Prieſter im heiligen Schmuck am Altar dienend, und— aufgeloͤſt in unnennbares Ent⸗ zucken ſank Meli neben die betende Gertrud hin⸗ ſie hatte ſich, die Welt, ihre umgebung und Alles vergeſſen; ihre gefalteten Hände hielten den Schleier nicht mehr; zuruͤckgeſunken war er, wie der Schleier, der ihre Seele verhuͤllte, und das, von Entzuͤcken und Begeiſterung verklaͤrte Antlit zog alle Blicke an, die jetzt bewundernd und ſtau⸗ nend nach ihr hinflogen. unter den Schauenden befanb ſich der junge Graf Eſchenberg, der, auf Reiſen begriffen, von der heiligen Feier dieſer Nacht hieher gezogen worden war. Wie den morgenläͤndiſchen Weiſen der Stern, ſo erſchien jetzt Meli ſeinen trunkenen Blicken; denn wie ſich das holde Engelsgeſicht immer mehr und mehr aus dem Schleier hervor⸗ hov, da fuͤhlte er wohl ſein Schickſal unwider⸗ ruflich entſchieden. Dennoch verließ ihn die maͤnn⸗ uiche Beſonnenheit nicht; er pruͤfte ihre ganze umgebung genau und hielt ſie fuͤr eine vornehme katholiſche Jungfrau, welche Anbetung an den Fuß des Altars gefuͤhrt habe, um dieſe weihevolle Wundernacht zu feiern. Ein koſtbarer Perlen⸗ ſchmuck umwand den zarten, weißen Nacken, und in dem dunkeln Schatten des Lockenhaars glaͤnzte ein goldenes Diadem, von einem aus Rubinen beſtehenden Roſenſtrauß gehalten,— Abzeichen, die ſie einem faſt fuͤrſtlichen Stand zugeſellten. Endlich hatte Gertrud ihr Gebet geendet, ſah nach ihrer Gebieterin, und warf ihr mit ſichtba⸗ rem Schrecken den verhuͤllenden Schleier uͤber. Beide ſtanden auf und verließen den Dom. Graf Eſchenberg folgte ihnen leiſe und ſchweigend, bis er Gertrud das Haus auf- und hinter ſich ver⸗ ſchließen, Beibe aber darin verſchwinden ſah. Er merkte es ſich genau, und kaum verſtattete der andere Tag eine naͤhere Erkundigung, ſo eilte er, ſie einzuziehen; aber wie wenig befriedigend fiel ſie aus! Hier ſollte Niemand wohnen, als ein ———— reicher jüdiſcher Juwelenhändler, und dennoch war die ſchone unbekannte hier verſchwunden! Er kam auf tauſend Vermuthungen, nur nicht auf die rechte; jeden Feiertag eilte er in den Dom, immer ihre endliche Erſcheinung hoffend, aber ſie kehrte nie wieder. Sollte es eine Fremde ge⸗ weſen, ſollte ſie abgereiſet ſeyn?— Doch dieſe Zuge waren nur einmal fuͤr ihn in dieſer Welt, und unter Tauſenden haͤtte er die wieder erkannt, die ſie ſchmuͤckten. Endlich glaubte er, Niemand konnte ihm beſſer Auskunft geben, als Iſaſchar ſelbſt, und beſchloß augenblicklich zu ihm zu gehen, jedoch die möglichſte Vorſicht bei ſeinen Nachfor⸗ ſchungen anzuwenden. Ruhig trat er daher in das ſchon geſchmuͤckte, mit Koſtbarkeiten angefuͤllte Gewoͤlbe; ehrerbietig ward er empfangen, als er ſeinen Namen nannte, und eine Menge Koſtbarkeiten zu ſeiner Auswahl gebracht. Er beſah und bewunderte ſie.„In Wahrheit ſehr ſchoͤn!“ ſagte er;„aber was ich wuͤnſche, kann nur durch Kunſt und Geſchmack allein zuſammengeſtellt werden, und ich glaube mich am zweckmäßigſten an Sie zu wenden: ſuche einen Roſenſtrauß von Rubinen.“ „Ein Herz von Brillanten verbergend, durch den Druck einer geheimen Feder ſichtvar?“ fragte Iſaſchar ebhaft, und des Mannes lebendiges Ge⸗ — 144— ſicht erblich bei dieſer Frage.—„Wenn es Ihnen moöglich iſt, ſo viel Kunſt zu vereinen!“ antwortete der Graf, uͤber des Mannes Befremdung faſt ſelbſt befremdet. 2 6 „Warum nicht, Herr Graf?“ erwiederte Iſaſchar gefaßter.„Wenn es Ihnen belieben ſollte, das Kleinod auf dieſe Weiſe zu beſtellen.“ „Dann freilich muͤßte ich erſt dasjenige noch einmal ſehen, das meine Aufmerkſamkeit an ſich zog, und dies dürfte ſchwer ſeyn. Dieſe Rubin⸗ roſe, die ich meine, ſah ich bloß in dem Haar einer jungen Dame, und zu entfernt, um ſie ge⸗ nauer ſchildern zu koͤnnen.“ Iſaſchar ſchien ſich zu erholen.„Herr Graf,“ rief er,„das muß meine Tochter geweſen ſeynz denn ich kann Ihnen verſichern, daß nur dieſe einen aͤhnlichen Schmuck beſizt. Erlauben Sie mir, daß ich Sie ſogleich davon uͤberzeuge. Meli! Meli! komm doch herein!“ Ein gruͤnſeidener Vorhang bewegte ſich, und mit dem himmliſchen Zauber der unſchuld, der⸗ Meli ſo eigen war, trat ſie ein, und der Graf wankte und erblaßte— denn vor ihm ſtand die angebetete, geſuchte Unbekannte. Auch Meli's Wangen färbten ſich hoͤher, als ihre Blicke auf den ſie ſo ſonderbar betrachtenden Frembling ſie⸗ len. Sie vernahm des Vaters Befehl, kehrte 2 zurück, die Rubinroſe zu holen, und uͤberreichte ſie rother glähend, als dieſe. Wenig vernahm der verwirrte Eſchenberg von der Erklärung, die ihm Iſaſchar machte, als er ihm den Mechaniémus der Feder zeigte; nur Meli feſſelte ſeine Blicke, und abſichtlich zögerte er ſo lange als moͤglich, um ſich länger des hol⸗ den Anblicks zu freuen, und beſtellte endlich ein Kleinod, daß dieſem vollig gleich komme. Iſaſchar allein ſchien, gegen die Gewohnheit der Geſchäftsmänner ſeines Schlages, nichts we⸗ niger als erfreut uͤber dieſe ihm ſo vortheilhafte Beſtellung, nahm ſie aber dennoch an, und Eſchenberg verließ ihn unruhiger, als er gekom⸗ men war, jedoch nicht ohne ſich die Erlaubniß baldiger Wieberkehr bedungen zu haben. Aber auch in Meli's unbewachtes Herz war der zun⸗ dende Funke gefallen, der es nur allzu geſchwind in helllodernde Flammen ſetzte. Doch ein furcht⸗ parer Streit erhob ſich in des Juͤnglings Seele, der nicht zu den Verdorbenen ſeines Geſchlechts gehoͤrte. Er war der einzige Sohn vornehmer Eltern und der Gegenſtand ihrer zuaͤrtlichſten Liebe und ſchoͤnſten Hoffnungen. unvereinbar mit dieſen zeigte ſich jetzt die lebhafte, die entſchiedene Neigung zu der ſchoͤnen Juͤdin, und gleichwohl die unmoglichkeit, dieſe Liebe aufzugeben; zu II. 10 edel zur Verführung, zu gewiſſenhaft zum Betrug, ſchien ihm kein Mittel beſſer, das alles auszu⸗ gleichen, als Meli's Abkunft ſeinen Eltern zu verbergen, und die Geliebte in den Schooß der chriſtlichen Kirche zu fuͤhren. Schon der Ort, wo er ſie fand, die himmliſche Begeiſterung, die an ihr ſichtbar war, deuteten ja darauf hin, daß Meli dem Glauben der Wahrheit gewonnen warz mußte es nicht der Liebe nur vorbehalten ſeyn⸗ ihr Werk an dasjenige des Glaubens zu ſchlie⸗ ßen?— Er ſelbſt hatte Anlage, das ganze Leben aus einem myſtiſch⸗ſchwaͤrmeriſchen Geſichtspunkte zu betrachten, und der ſeltſame Verein ſo ſonder⸗ barer Verhältniſſe ſchienen ihm eine Aufforderung zu ſeyn, dieſe Seele zu retten. In wie viel Geſtalten weiß ſich nicht die Liebe zu kleiden! Wie kunſtlich ſchmuͤckt nicht Leidenſchaft die Ent⸗ ſchuldigungen aus, die ihr die Eigenliebe ſtets zu Gebote ſtehen läßt? So war es auch hier. Der gute, wahrhaft edle Eſchenberg glaubte ein Apoſtel der Wahrheit zu werden, da er nur der⸗ jenige ſeiner verſchönerten Begehrlichkeit war. Der beſtellte Schmuck, die Bekanntſchaft, die er mit Gertrud anzuknuͤpfen verſtand, Meli's Un⸗ ſchulb, ihre Liebe zu dem ſchonen Jungling, die mit allen Flammen der erſten Leidenſchaft brannte, die Sorgloſigkeit der Eltern und die Weihe des ———————— e —————— — ueberirdiſchen, die er dem bald geſchloſſenen Her⸗ zensbunde aus voller Ueverzeugung gab, brachte bald den edelſten und ſittlichſten jungen Mann, ohne daß er es ahnete, auf eine ſo gewaͤhlte und ſichere Bahn der Verfuͤhrung, daß ihn der ſchlech⸗ teſte unter den Verfuͤhrern der unſchuld darum beneidet hatte. Gewiß hatte er die wohlgemeinte und ehrliche Abſicht, Meli ſeiner Kirche zuzufuͤh⸗ ren, zu der ſie ſich ſchon längſt im Stillen hin⸗ neigte; Gertrud, die in allen dem ein gelunge⸗ nes Bekehrungsgeſchäft ſah, und die von ihr zärt⸗ lich geliebte Meli längſt gern der Verdammniß entriſſen hätte, von der ſie dieſelbe bedroht fuͤrch⸗ tete, bot zu den geheimſten Zuſammenkuͤnften wil⸗ lig die Hände. Eſchenberg meinte es redlich; die Geliebte ſollte nach einiger Zeit in den Schutz eines Klo⸗ ſters uͤbergehen, und dann als Chriſtin ſeine Ge⸗ mahlin werden. So wiegte er ſich mit der Arg⸗ loſen, die an keinem ſeiner Worte zweifelte, in ſuͤße, gefährliche Träume, und als bei Iſaſchar der Schmuck, nach deſſen Vearbeitung der Graf fleißig ſah, fertig war— hatte Meli den weit unſchätzbarern Schmuck der Unſchuld verloren.— Zu gleicher Zeit rief den Grafen ein Befehl ſei⸗ des Vaters in die Heimath zuruͤck, wo die gluͤ⸗ hendſte Vaterlandsliebe jeden edeln Sohn deſſel⸗ ben zu den Waffen rief, und es blieb auch ihm nichts uͤbrig, als der ſo maͤchtigen Aufforderung Genuge zu leiſten; alles Andere mußte dieſer Hauptangelegenheit weichen. Bei dem ſo ſchmers⸗ lichen Abſchiede gelobten ſich beide Liebenden ewig unverbruͤchliche Treue, und Eſchenberg ließ ſeiner zärtlich geliebten Meli als Unterpfand derſelben das koſtbare Diadem mit der Rubinroſe, die ihr Vater ihm verfertigt hatte, zuruͤck. Meli gab dem Geliebten ihr Bildniß, und hing es ſelbſt an einer Schnur von ihren dunkeln Locken auf ſeine Bruſt. Graf Eſchenberg verſprach, ſobald als nur moglich zuruͤckzukehren und Meli in ein Kloſter zu geleiten, um ſie dann oͤffentlich zu ſeiner Gemahlin zu nehmen. Eitle Plane des Menſchen, die vergebens es wagen, uͤber die nachtverhuͤllte Zukunft gebieten zu wollen! Wie ganz anders, als ſie dieſelbe berechnen und ihre aufgeregte Einbildung ſie ihnen vorzuſpiegeln ge⸗ ſchäftig iſt, tritt ſie ihnen als Gegenwart unter die Augen! Nur kurze Zeit war der Graf abgereiſet, als Iſaſchar, wegen neuer Geſchaͤftsverbindungen, eine Veraͤnderung ſeines Wohnorts noͤthig fand, und ſich nach London begab, wohin ihn einſtweilen nur Meli begleiten und ſeine uͤbrige Familie nachkom⸗ men ſollte. Vergebens wünſchte Meli dieſer wei⸗ ten Entfernung von dem Geliebten ausweichen zu konnen, die ihre ohnedies verzagende Seele ganz daniederſchlug!— eine Entdeckung, die ſie mit Entſetzen erfuͤllte, zwang ſie, dem ſcharfen Auge der ihr ohnedies abgeneigten Stiefmutter in Zei⸗ ten zu entgehen, und durch Bitten und Geſchenke bewog ſie Gertrud, ihre Vertraute, ſie zu beglei⸗ ten. Beide hofften die Folge von Meli's Verir⸗ rung in dem fremden Lande beſſer verbergen zu Lonnen; denn Iſaſchar, immer mit Geſchaͤften be⸗ laden, gab wenig oder gar nicht auf ſeine häus⸗ lichen umgebungen Acht. So blieb Meli nichts übrig, als ihrem Geliebten von allen dem Nach⸗ richt zu geben. In London fand ſie erwuͤnſchte Gelegenheit, und dem Vorwand, daß ihr die Seereiſe anhaltendes Uebelbefinden zugesogen habe, ſich den Blicken ihres Vaters und der Welt zu entziehen; und da ihr Gertrud mit wahrhaft muͤtterlicher Fuͤrſorge ergeven blieb, ſah ſie min⸗ der beſorgt, als ſie es zu ſeyn berechtiget war, der entſcheibenden Stunde entgegen. Gertrud hatte Anſtalt getroffen, das Kind, ſobald es heimlich geboren ſeyn wuͤrde, bei einer Amme unterzubringen, und ſich dazu, da ſie der engli⸗ ſchen Sprache noch zu unkundig war, der Huͤlfe der Wehmutter bedient, mit welcher ſich Meli, die volkommen engliſch ſprach, ſchon verſtaͤndigt hatte⸗ * 6 . Alles ging insgeheim und gluͤcklich von ſtat⸗ tenz aber ſtatt des einen erwarteten Kindes— foͤrderte Davidſons Kunſt zwei Schweſtern— Doppelroſen wie bei den Rubinen— zu Tage. Jetzt drohte dieſe unerwartete Begebenheit Alles zu verrathen, und Gertrud, um die Erhaltung von Meli's Leben und Ehre aͤngſtlich beſorgt, wußte kein anderes Mittel, da dieſe im Nichtbe⸗ wußtſeyn lag⸗ als der Frau Davidſon beide Kinder aufzudringen, die denn auch, von reichen Geſchenken bewogen, heilg gelobte, ſie unterzu⸗ bringen und taufen zu laſſen. Gluͤcklich genas Meli, und erfuhr jetzt, daß nur das juͤngſte ihrer Kinder, Malvina, bei der erwaͤhlten Ernaͤhrerin, das aͤlteſte aber geſtorben ſey. Zugleich geſtand Gertrud, daß ſie in der damaligen Verlegenheit der Frau Davidſon die Roſe von Rubinen, welche Meli von dem Grafen erhalten, in Ermangelung einer Geldſumme mit⸗ gegeben habe, um ſie nur zur Aufnahme des zwei⸗ ten Kindleins zu bewegen, und daß ſie endlich dieſes Kleinod, ſorgſam eingewickelt, in das Bettchen des einen Kindes geſteckt und mit ſich fortgenommen hätte. Meli war von dem Tode ihres Kindes und dem Schweigen des Grafen ſo ſchmerzlich verwundet, daß ſie den Verluſt dieſes Kleinods wenig achtete, zumal da ihr Vater nichts von dieſem Geſchenke des Grafen wußte, und ſie das Original, wie gewoͤhnlich, trug. Ein halbes Jahr war vereits vergangen, und vald ſollten nun ihre Stiefmutter und ihre Bru⸗ der nach England kommen. Sie aber fuͤrchtete noch immer Dina's Scharfblick; denn ihre friſche Jugendbluͤthe und Munterkeit war von dem ge⸗ heimen Kummer, den ſie wegen Eſchenbergs Schweigen im Herzen trug, vernichtet. Sogar Iſaſchar fing an, ſie mit ſorgſamen Blicken zu vetrachten, und glaubte, daß ſie ſich in dem frem⸗ den Lande nicht gefalle. Eſchenberg war unterdeſſen in dem Wirbel der kriegeriſchen Zeitbegebenheiten umhergetrieben worden, und hatte der Belagerung Riga's beige⸗ wohnt. Verſchloſſen in den Ringmauern, deren reiche Vorſtädte brennen mußten, tief hinein ge⸗ ſandt in die Eisfluren Rußlands, ward es zur unmoglichkeit fuͤr ihn, Nachrichten in ein fernes Land zu ertheilen und welche zu empfangen. We⸗ gen Meli's Schickſal ſchwebte er in ſchmerzlicher ungewißheit, die nur das Geräuſch der Waffen allein auf Minuten zu betäuben vermochte; wohl ahnete er nicht das Mindeſte von Allem, was ge⸗ ſchehen war! Aber uber Meli ging um dieſe Zeit ein neuer Stern der Freude empor. Sie ſaß eines Tages —— in dem Gewolbe ihres Vaters, ſtill und bleich, von leuchtenden Koſtbarkeiten umſtrahlt, ſie ſelbſt in einfach ſchwarzer Tracht, die Roſe von Rubi⸗ nen im Haar. Da ſtand ein bejahrter Mann von edelm Anſehen und Ehrfurcht einfloͤßender Geſtalt vor ihr, ohne daß ſie, in ihr träumeri⸗ ſches Rachdenken tief verſunken, ſein Eintreten gewahr worden war. „Miß!“ ſprach er mit ſchwankender, geruͤhr⸗ ter Stimme:„ich habe eine einzige Frage an Sie, und ich bitte Sie, mir ſolche nach Pflicht und Gewiſſen zu beantworten: ſeit wie lange ſind Sie im Beſitz dieſer Roſe von Rubinen, die Sie in den Haaren tragen?“ „Mylord, ſeit meiner Kindheit! Sie iſt ein Geſchenk meiner laͤngſt verſtorbenen Mutter!“ antwortete Meli mit einiger Befremdung. „Wer war Ihre Mutter?“ „Thamar Iſaſchar, Jonathan Iſaſchars erſte Gattin. Noch lebt mein Vater, und vielleicht konnte er Mylord genuͤgendere Auskunft geben.“ „Genuͤgend! Wollte Gott!— Sehen Sie, Miß, ſeit ſechszehn Jahren iſt dies mein Fruͤh⸗ und Abendgebet!— Liebe Miß, wie alt ſind Sie?“ „Achtzehn Jahre, Mylord! Des Lebens Mat iſt voruͤber, bluͤht einmal und nicht wieder!“ . „Sie ſind geruͤhrt, Miß?— O, warum hatk ſchon der rauhe Nord des Lebens dieſe zarte Roſe beruͤhrt?— Warum— kam ich zu ſpät?— Denn— ja, Miß, wenn Sie auch die nicht wä⸗ ren, die ich ſuche, ſeit ſo langer Zeit mit Schmer⸗ zen ſuche— dennoch ſollten Sie gluͤcklich werden, weil ſie Beſiserin dieſer Rubinen ſind. Wie hei⸗ ßen Sie, liebes Kind?“ „Salome, Mylordz man nennt mich Meli.“ „Meli! Meli! Ein ſüßer Name! Aber ich kenne einen, der mir doch noch ſchoͤner und ſuͤßer töͤnt— Eugenia! Mein Kind hieß ſo, mein ver⸗ lornes Kind, meine einzige Tochter!“ Meli ſtieg jetzt ein warmes, wehmuͤthiges Gefuͤhl zum Herzen, als ſie den Ausdruck väter⸗ lichen Grames ſah, der dieſe ehrwuͤrdigen Züge beſchattete. „Wie ging ſie Ihnen verloren, Mylord?“ fragte ſie mit ſchoͤner Theilnahme. „Ich war mit meiner Gemahlin, Lady Ru⸗ biroſe, in Plymouth gelandet; wir kamen von Liſſabon und hatten eine lange, beſchwerliche Seereiſe gehabt, die ihrer Geſundheit geſchadet hatte. Unſere Tochter, ein liebliches Kind von zwei Jahren, blieb daher beim Ausſchiffen ihrer Wärterin uͤberlaſſen. Dieſe, ein falſches, treu⸗ loſes Weib, nutzte den Augenblick, die einbre⸗ chende Dunkelheit, den Tumult im Hafen, und verſchwand mit dem reichhaltigen Schmuckkäſtchen meiner Gemahlin, und, was weit ſchrecklicher war, mit unſerm einzigen geliebten Kinde!“ „Kamen Sie der Betrůgerin nicht auf die Spur?“ „Bis dieſen Augenblick noch nicht! Vergeb⸗ lich war alle Nachforſchung, alle Ankuͤndigung in den Zeitungen; vergebens ſogar das Verſprechen, ihr den Schmuck zu laſſen und noch eine anſehn⸗ liche Belohnung hinzuzufügen. Nur die Vermu⸗ thung blieb uns, daß ſie noch in derſelben Stunde mit einem der im Hafen gelegenen Schiffe wieder unter Segel gegangen ſeyn muͤſſe, um ihren Naub in Sicherheit zu bringen.“ „Und Ihre Gemahlin, Mylord?“ „Uueberlebte den Verluſt nicht lange, den auch ich noch nicht verſchmerzt, wiewohl uͤberlebt habe. Mit raſtloſer Muͤhe ſuchte ich ſeitdem mein Kind; vielleicht, ach! habe ich nur einem Schatten nach⸗ geſpuͤrt! Kein Strahl der Hoffnung erquickte mein Herz, bis ich endlich— o Miß, vergeben Sie mir— in Ihrem Haar dieſe Roſe— ſie oder eine ihr durchaus gleiche, Gott enthuͤlle es! war in dem Schmuckkäſtchen. Eine ſolche Roſe iſt das Wappen der Rubyroſes; als ich mich mit Lady Eugenia Falconbridge verlobte, gab ich ihr — 135— ein Diadem mit der Roſe meines Namens, die gerade ſo ausſah, wie dieſe. Was ſoll ich denken, Miß? 2 Melt war todtenbleich gewordenz ſie nahm das Diadem mit zitternder Hand aus den Locken und reichte ihm ſchweigend das Kleinod, das er mit ſteigender Aufmerkſamkeit betrachtete. Iſa⸗ ſchar trat eben ein. Als er die Roſe in den Haͤnden des Fremden erblickte, ſtand auch er bleich und erbebend; dieſer aber hatte ihn gar nicht bemerkt, ſchien das Kleinod erkannt zu haben, und nahte ſich Meli mit ſteigender Empfindung. „Gott!“ rief er:„wer gibt mir Licht in dieſer Nacht der ungewißheit!— Dieſe Roſe iſt ohne allen Zweifel die mir entwendete; aber wo iſt meine Tochter, mein verlornes Kind?“— Seine Blicke weilten jetzt aͤngſtlich forſchend auf Meli.—„Biſt Du es, ſchoner blaſſer Engel? Dein Alter, Deine Zuͤge, mein Herz, dieſe Roſe —— o Gott! ſage, daß Du mein verlorner En⸗ gel biſt, meine geraubte Eugenia— oder entziehe mir auf immer dieſen ſinnbethorenden Anblick!“ Meli war auf ein Knie niedergeſunken, und hob die Haͤnde flehend empor, als wollte ſie Er⸗ leuchtung vom Himmel erbitten. Ilaſchar trat todtenbleich dazwiſchen. — 136— „Mylord,“ ſtammelte er,„Meli iſt meine Fochter!“ „So ſagt ſie ſelbſt! aber es iſt ja nicht mög⸗ lich! Es iſt Eugenia Rubiroſe, es iſt meine Eugenia, mein geraubtes Kind!— Menſch, wenn Du wirklich Vatergefuͤhte kennſt, ſo gib, ach! der Wahrheit die Ehre— hoͤre endlich auf, mich zu martern; ich habe ja Jahre lang um ſie ge⸗ weint, trockne doch endlich an des Grabes Schwelle meine Thraͤnen!— Sieh, ich erlaſſe Dir alle Strafe, ich will Dich fürſtlich belohnen, nur brich das Siegel Deiner Unthat, und enthuͤlle das Ge⸗ heimniß, das auf Deiner Stirne ſteht!“ „Mylord, wenn das Weib, das einſt bei Ihnen diente, Vetty Stander hieß„ „So hieß ſie, die Treuloſe! O ende! ende!“ „und wenn Sie glauben wollen,— ich ta⸗ nen Theil hatte an dieſer That. „O rede, ich beſchwoͤre Dich!“ „So geſtehe ich Ihnen, daß Meli nicht meine Tochter iſt.“ „Gott! meine Eugenia!“ „Horen Sie erſt, was ich zu ſagen habez ſo wahr mir der Gott meiner Vaͤter hiülft, ich ſage die reine lautere Wahrheit!— In London rraf ich Betty vor ſechzehn Jahren mit dieſem — 4— ſchönen Kinde. Sie war von meinem Volke, nannte ſich Thamar, und gab ſich fuͤr die Wittwe eines reichen Pflanzers der Inſeln aus. Unter ihrem Schmucke fand ſich dieſe ſeltne Roſe, von der ſie ſagte, daß ſie Meli gehoͤre, und daher dem Kinde blieb, als ich ſie zum Weibe nahm. Auf dem Todtenbette entdeckte ſie mir erſt ihr Verbrechenz aber ſie ſtarb mit unvollendetem Ge⸗ ſtändniſſe, denn ihre ſterbende Lippe vermochte nicht mehr Ihren Namen, Mylord, zu nennen. Ich bin ein ehrlicher Mannz aber ich frage Sie, Mylord, was ſollte ich thun? Zudem waren wir in Deutſchland, als dies geſchah. Nun, ich erzog Meli beſſer, als mein eigenes Kind, und habe ſie ſelbſt dafuͤr ausgegeben, als ich zum zweiten⸗ mal ein Weib nahm, und es mir vier Söhne ge⸗ var. Ich gebot Meli ausdruͤcklich, ſtets das Kleinod zu tragen, damit es vielleicht dem rechten Manne ſichtbar wuͤrde. Es iſt geſchehen! My⸗ rord, ich üͤbergebe Ihnen Ihre Tochter, und hoffe, Sie werden mir verzeihen!“ Da ſchrie Meli laut auf und warf ſich won⸗ netrunken an Lord Rubiroſe's Bruſt, und ſie heiß umfangend oͤffneten ſich die Vaterarme. Iſaſchar aber ſtand von ferne und vergoß Thränen des Schmerzes und der Freude. WMeli war nun Lady Eugenia, die einzige Erbin eines unendlich reichen, angeſehenen Hau⸗ ſes, und ihr Schickſal nahm eine andere Wen⸗ dung. Der Lord hielt ſein Verſprechen, vergab dem, der ſo lange des theuren Kindes Verſorger war, belohnte ihn mit edler Großmuth, und ließ ſeine Tochter mit den Lehren des Chriſtenthums bekannt machen, ſo daß Schwärmerei und Aber⸗ glauven keinen Theil mehr an ihrer Bekehrung hatten. Aber noch lag ein großes Geheimniß auf Eugenia's gefoltertem Herzen— die Geſchichte ihrer unglucktichen Liebe. Jedoch faßte ſie var ein wahrhaft kindliches Vertrauen zu dem, wenn gleich ſtolzen, doch ſehr edlen Vaterz ermuthigte ſich, ihm Alles zu geſtehenz legte Malvina zu ſeinen Fuͤßen und verkuͤndigte ihm das räthſelhafte Dunkel, das uͤber dem Geſchick ihres älteſten Kindes ſchwebe, deſſen Tob ihr nicht recht glaub⸗ lich vorkam. Sie beſchwor ihn, ihr Nachricht von dem Vater ihrer Kinder zu verſchaffen, den ſie als ihren Gemahl betrachtete und beweinte. Lord Rubiroſe war zu edelmuͤthig, zu ſehr gluͤcklicher Vater, um dem verlaſſenen, in die Welt hinausgeſtoßenen, unerfahrenen Kinbe zu fluchen; vielmehr bemuͤhte er ſich, der leidenden Tochter Gerechtigkeit und Schonung zu beweiſenz er erkannte die kleine Malvina als ſeine Enkelin und begab ſich ſelbſt zu Frau Davidſon, das Schickſal des zweiten Kindes zu erforſchen. An⸗ fangs beharrte dieſe auf der Behauptung ſeines Todes; da ſie aber endlich ſah⸗ wen ſie vor ſich hatte, geſtand ſie, das Kind in ihrer B u noch denſelben Abend einer jungen Fremd Deutſchland, die es aͤngſtlich von ihr erbeten habe, uͤberlaſſen zu haben, deren Stand und Aufenthalt ſe ober nicht kenne, und daher eben ſo wenig was weiter aus dem Kinde geworden ſey. ens,“ fuͤgte ſie hinzu,„bin ich ſelbſt be⸗ ft genug; denn von der Fremden uͤbereilt, hatte ich eine Roſe von Rubinen vergeſſen, die mir zum Geſchenk gemacht ward, und die ich in dem Bettchen des Kindes aufbewahrt hatte; diefe habe ich leider der Fremden damit uͤberlaſſen, und es wird vielleicht in Zukunft das Kind an dieſem Kleinod zu erkennen ſeyn.“ Leider war dies Alles, was der Lord von dem Schickſal ſeiner aͤlteſten Enkelin erfuhr; jede andere Nachforſchung blieb unbefriedigt. Er faßte daher den Entſchluß, mit ſeiner Tochter nach Deutſchland abzureiſen und den Vater ihrer Kinder aufzuſuchen; jedoch war die kleine Mal⸗ vina zu ſchwach und zu zart, um ſite den Gefah⸗ ren der Seereiſe preis zu geben. Winfried Daffbodil war fruͤher Lord Rubi⸗ roſe's Lehrer geweſen, und ſein treuer Freund — 160— geblieben/ der jedes Ereigniß des Lebens und jede Empfindung ſeines edlen Herzens in das ſeine niederlegte. Sehr oft hatte er ſeinen jahrelan⸗ ge merz getheilt und durch die heiligen Trd⸗ er Religion, die er lehrte, zu entkräften geſucht; darum theilte er auch jetzt eben ſo herz⸗ lich ſeine Vaterfreuden, als er ihm die ſchöne, wiedergefundene Eugenia vorſtellte, und gern ward er ihr Führer zur Wahrheit und Glückſelige keit. Der Verſtellung unfähig, zeigte ſich ihm hr ſelbſt in den Stuͤrmen der Lebensverhältniſſe und Leidenſchaft rein gebliebenes Hers; er erkannte die Lauterkeit und Treue ihrer Neigung zu dem Grafen Eſchenberg, und haͤtte gern den Segen der Gottheit uͤber ein Buͤndniß ausgeſprochen, welches die Natur ſo heilig, als feſt geſchloſſen patte. Er erbot ſich, die kleine Malvina in Schutz zu nehmen, und ſeine brave Gattin verſprach, fuͤr ihre verlaſſene Kindheit mit muͤrterlicher Treue zu ſorgen, vis der Lord und Lady Eugenia von der Reiſe nach Deutſchland zuruͤck kommen wuͤr⸗ den. Sie warbd in ſein Haus gebracht, und Lorb Rubiroſe übergab dem treuen Freunde eine be⸗ deutende, fuͤr Eugenia's Kinder beſtimmte Sum⸗ me, ſo wie auch die zum Beweiſe ihrer Abſtam⸗ mung noͤthigen Dokumente; Eugenia ſelbſt fugte den groͤßten Theil ihres Schmuckes und die Roſe . — 161— von Rubinen hinzu; das Ganze ward in einem Käſtchen aufbewahrt, in welchem auch dieſe Er⸗ drterungen gefunden worden. Mit zärtlicher Wehmuth und Betruͤbniß trenn⸗ ten ſich Eugenia und der Lord von dem Kinde, und traten ihre Reiſe an. Gluͤcklich ge⸗ langten ſie ans Ziel ihrer Wuͤnſche, und erfreu⸗ ten Daffdodil ſehr bald mit dieſer Nachricht, die er mit derjenigen von dem Wohlbefinden und dem Wachsthum des theuren anvertrauten Pfandes erwiedern konnte. Auch erhielten ſie Nachricht von dem Grafen von Eſchenburg; denn da der Friede ſein goldnes Panier wieder uͤber ſein Vaterland breitete, war er nach Warſchau zuruͤckgekehrt, um ängſtlich Erkundigungen von ſeiner angebeteten Meli einzuziehen. Mit Ruhm gekroͤnt und als Sieger beglüͤckt, riß er ſich von der Heimath los, nahm ſeinen Abſchied von den Schaaren, in denen er ſich ſo ehrenvoll ausgezeichnet hatte, und er⸗ hielt endlich Meli's Briefe, die ihm ihre Bege⸗ benheiten enthuͤllten, und ein ruͤhrender Beweis treuer Liebe waren. Auf den Flugeln der Sehn⸗ fucht flog er nach Wien, wo ſie ſeiner mit ihrem Pater wartete, und dieſes Wiederſehen, dieſe Vereinigung verguͤtete Veiden die Schmerzen der Trennung und Zweifel mit nie gefuhlter Seligkeit. Auch dem Lord geſiel der Gemahl, den das Schick⸗ II. 11 — 152— ſal ſeiner geliebten Tochter zugefuͤhrt, und er zö⸗ gerte nicht, den Segen der Kirche uber die längſt Verbundenen ausſprechen zu laſſen, und zugleich die Legitimation ſeiner beiden Enkelinnen zu be⸗ und auch dieſe Dokumente nach Eng⸗ ℳ zu ſenden, weil er noch nicht ſogleich an die Zuruͤckkunft denken wollte, und Malvina keinen Augenblick länger die Rechte der Geburt entbeh⸗ ren ſollte, zumal da er immer noch an der ſuͤßen Hoffnung hing, auch noch ihre Schweſter zu fin⸗ den. Er ſelbſt begab ſich mit ſeinen Kindern nach Dorpat, und Graf Eſchenberg ermangelte nicht, ſeine junge Gemahlin ſeiner Familie vorzuſtellen, in welcher ſie mit herzlicher Freude und elter⸗ licher Liebe aufgenommen wurde. 1 8 — 1— — — Die neue Hochperehrte Herren! Da mir bekannt iſt, baß Sie vorlaufige Reden und Einleitungen nicht be⸗ ſonders lieben, ſo will ich ohne weiteres verſichern, daß ich diesmal vorzuͤglich gut zu beſtehen hoffe. Von mir ſind zwar ſchon gar manche wahrhafte Geſchichten zu hoher und allſeitiger Sufriedenheit ausgegangen, heute aber darf ich ſagen, daß ich eine zu erzählen habe, welche die bisherigen weit ubertrifft, und die, wiewohl ſie mir ſchon vor einigen Jahren begegnet, mich noch immer in der Erinnerung unruhig macht, ja ſogar eine endliche Entwickelung hoffen laßt. Sie moͤchte ſchwerlich ihres Gleichen finden. Vorerſt ſey géſtanden, daß ich meinen Lebens⸗ wandel nicht immer ſo eingerichtet, um der naͤch⸗ ſten Zeit, ja des naͤchſten Tages ganz ſicher zu ſeyn, Ich war in meiner Jugend kein guter Wirth und fand mich oft in mancherlei Verlegen⸗ heit. Einſt nahm ich mir eine Reiſe vor, die mir guten Gewinn verſchaffen ſollte; aber ich machte meinen Zuſchnitt ein wenig zu groß, und nachdem ich ſie mit Ertrapoſt angefangen und ſo⸗ dann auf der ordinairen eine Zeit lang fortgeſetzt hatte, fand ich mich zuletzt genothigt, dem Ende derſelben zu Fuße entgegen zu gehen. Als ein lebhafter Burſche hatte ich von jeher die Gewohnheit, ſobald ich in ein Wirthshaus ram, mich nach der Wirthin oder auch nach der Koͤchin umzuſehen und mich ſchmeichleriſch gegen ſie zu bezeigen, wodurch denn meine Zeche mei⸗ ſtens vermindert wurde. Eines Abends, als ich in das poſthaus eines kleinen Staͤdtchens trat und eben nach meiner hergebrachten Weiſe verfahren wollte, raſſelte gleich hinter mir ein ſchoner, zweiſitziger Wagen, mit vier Pferden beſpannt, an der Thuͤre vor. Ich wendete mich um und ſah ein Frauenzimmer allein, ohne Kammerfrau, ohne Bedienten. Ich eilte ſogleich, ihr den Schlag zu eröffnen und zu fragen, ob ſie etwas zu befehlen habe. Beim Ausſteigen zeigte ſich eine ſchone Geſtalt, und ihr 1 —— „ *— 167— liebenswuͤrdiges Geſicht war, wenn man es näher betrachtete, mit einem kleinen Zug von Traurig⸗ keit geſchmuͤckt. Ich fragte nochmals, ob ich ihr in etwas dienen konne.—„O ja!“ ſagte ſie⸗ „wenn Sie mir mit Sorgfalt das Käſtchen, das auf dem Sitze ſteht, herausheben und hinauftra⸗ gen wollen; aber ich bitte gar ſehr, es recht ſtät zu tragen und im mindeſten nicht zu bewegen oder zu rutteln.“— Ich nahm das Kaͤſtchen mit Sorgfalt, ſie verſchloß den Kutſchenſchlag, wir ſtiegen zuſammen die Treppe hinauf, und ſie ſagte dem Geſinde, daß ſie dieſe Nacht hier hlei⸗ ben wuͤrde. Nun waren wir allein in dem Zimmer, ſie hieß mich das Kaͤſtchen auf den Tiſch ſetzen, der an der Wand ſtand, und als ich an einigen ihrer Bewegungen merkte, daß ſie allein zu ſeyn wuͤnſchte, empfahl ich mich, indem ich ihr ehrer⸗ bietig, aber feurig die Hand kußte. „Beſtellen Sie das Abendeſſen fur uns Beide,“ ſagte ſie daraufz und es laßt ſich denken, mit welchem Vergnügen ich dieſen Auftrag auspichtete, wobei ich denn zugleich in meinem uebermuth Wirthin und Geſinde kaum über die Achſel anſah. Mit Ungeduld erwartete ich den Augenblick, der mich endlich wieder zu ihr fuͤhren ſollte. Es war aufgetragen, wir ſetzten uns gegen einanber uͤber, . . 5 ich labte mich zum erſtenmal ſeit geraumer Zeit an einem guten Eſſen und zugleich an einem ſo erwuͤnſchten Anblick; ja mir kam es vor, als wenn ſie mit jeder Minute ſchoͤner wuͤrde. Ihre unterhaltung war angenehm, doch ſuchte ſie alles abzulehnen, was ſich auf Neigung und Liebe be⸗ zog. Es ward abgeraͤumt; ich zauderte, ich ſuchte allerlei Kunſtgriffe, mich ihr zu naͤhern, aber vergebens; ſie hielt mich durch eine gewiſſe Wuͤrde zuruͤck, der ich nicht widerſtehon konnte, ja ich mußte wider meinen Willen zeitig genug von ihr ſcheiden. Nach einer meiſt durchwachten und unruhig durchtraͤumten Nacht war ich fruͤh auf, erkundigte mich, ob ſie Pferde beſtellt habe; ich hoͤrte nein, und ging in den Garten, ſah ſie angekleidet am Fenſter ſtehen und eilte zu ibr hinauf. Als ſie mir ſo ſchon entgegen kam, regte ſich auf einmal in mir Neigung, Schalkheic und Verwegenheitz ich ſtuͤrzte auf ſie zu und faßte ſie in meine Arme. „Engliſches Weſen!“ rief ich aus,„verzeih', aber es iſt unmoͤglich!“ Mit urglaublicher Gewandtheit entzog ſie ſich meinen Armen, und ich hatte ihr nicht einmal einen Kuß auf die Wange druͤk⸗ ken koͤnnen.—„Halten Sie ſolche Ausbruͤche einer plötzlichen leidenſchaftlichen Reigung zuruͤck, wenn Sie ein Gluͤck nicht verſcherzen wollen, das — — 169 Ihnen ſehr nahe liegt, das aber erſt nach einigen Pruͤfungen ergriffen werden kann.“ „Fordere was Du willſt, engliſchet Geiſt!“ rief ich aus,„aber bringe mich nicht zur Verzweif⸗ lung. Sie verſetzte laͤchelnd:„Wollen Sie ſich meinem Dienſte widmen, ſo hoͤren Sie die Be⸗ dingungen! Ich komme hierher, eine Freundin zu beſuchen, bei der ich einige Tage zu verweilen gedenke; indeſſen wuͤnſche ich, daß mein Wagen und dies Käſtchen weiter gebracht werden. Wol⸗ len Sie es uͤbernehmen? Sie haben dabei nichts zu thun, als das Käſtchen mit Behutſamkeit in und aus dem Wagen zu heben, ſich daneben zu ſetzen und jede Sorge dafuͤr zu tragen. Kommen Sie in ein Wirthshaus, ſo wird es auf einen Tiſch geſtellt, in eine beſondere Stube, in der Sie weder wohnen noch ſchlafen duͤrfen. Sie ver⸗ ſchließen die Zimmer jedesmal mit dieſem Schluͤſ⸗ ſel, der alle Schloſſer auf- und zuſchließt und dem Schloſſe die beſondere Eigenſchaft giebt, daß es Riemand in der Zwiſchenzeit zu eroͤffnen im Stande iſt.“ Ich ſah ſie an, mir ward ſonderbar zu Mu⸗ the; ich verſprach Alles zu thun, wenn ich hof⸗ fen konnte, ſie bald wieder zu ſehen, und wenn ſie mir dieſe Hoffnung mit einem Kuß beſiegelte. Sie that es, und von dem Augenblicke an war — 6— ich ihr ganz leibeigen geworden. Ich ſollte nun die Pferde beſtellen, ſagte ſie. Wir beſprachen den Weg, den ich nehmen, die Orte, wo ich mich aufhalten und ſie erwarten ſollte. Sie druͤckte mir zuletzt einen Beutel mit Gold in die Hand, und ich meine Lippen auf ihre Haͤnde. Sie ſchien geruͤhrt beim Abſchied, und ich wußte ſchon nicht mehr, was ich that oder thun ſollte. Als ich von meiner Beſtellung zurckkam, fand ich die Stubenthuͤr verſchloſſen. Ich ver⸗ ſuchte gleich meinen Hauptſchlͤſſel und er machte ſein Probeſtuͤck vollkommen. Die Thuͤr ſprang auf, ich fand das Zimmer leer, nur das Kaͤſtchen ſtand auf dem Tiſche, wo ich es hingeſtellt hatte. Der Wagen war vorgefahren, ich trug das Käͤſtchen ſorgfältig hinunter und ſetzte es neben mich. Die Wirthin fragte:„wo iſt denn die Dame?“ Ein Kind antwortete:„ſie iſt in die Stadt gegangen.“ Ich begruͤßte die Leute und fuhr wie im Triumph von hinnen, der ich geſtern. Abend mit beſtaubten Gamaſchen hier angekom⸗ men war. Daß ich nun bei guter Muße dieſe Geſchichte hin und her ͤberlegte, das Geld zählte, mancherlei Entwuͤrfe machte und immer gelegent⸗ lich nach dem Käaͤſtchen ſchielte, können ſie leicht denken. Ich fuhr nun ſtracks vor mich hin, ſtieg mehrere Stationen nicht aus und raſtete nicht, — 171— bis ich zu einer anſehnlichen Stadt gelangt war, wohin ſie mich beſchieden hatte. Ihre Befehle wurden ſorgfaͤltig beobachtet, das Käͤſtchen in ein beſonderes Zimmer geſtellt und ein paar Wachs⸗ lichter daneben angezuͤndet, wie ſie auch verordnet hatte. Ich verſchloß das Zimmer, richtete mich in dem meinigen ein und that mir etwas zu Gute. Eine Weile konnte ich mich mit dem Anden⸗ ken an ſie beſchäftigen, aber gar bald wurde mir die Zeit lang. Ich war nicht gewohnt, ohne Ge⸗ ſellſchaft zu leben; dieſe fand ich bald an Wirths⸗ tafeln und an oͤffentlichen Orten nach meinem Sinne. Mein Geld fing bei dieſer Gelegenheit an zu ſchmelzen, und verlor ſich eines Abends vollig aus meinem Beutel, als ich mich unvorſich⸗ tig einem leidenſchaftlichen Spiel uberlaſſen hatte. Auf meinem Zimmer angekommen, war ich außer mir. Von Gelde entbloßt, mit dem Anſehn eines reichen Mannes eine tüchtige Zeche erwartend, ungewiß, ob und wenn meine Schoͤne ſich wieder zeigen würde, war ich in der groͤßten Verlegen⸗ heit. Doppelt ſehnte ich mich nach ihr, und glaubte nun gar nicht mehr ohne ſie und ohne ihr Geld leben zu konnen. Nach dem Abendeſſen, das mir gar nicht ge⸗ ſchmeckt hatte, weil ich es diesmal einſam zu ge⸗ 3 — 172— nießen genöthigt worden, ging ich in dem Zimmer lebhaft auf und ab, ſprach mit mir ſelbſt, ver⸗ wuͤnſchte mich, warf mich auf den Boden, zer⸗ raufte mir die Haare und erzeigte mich ganz un⸗ geberdig. Auf einmal hoͤre ich in dem verſchloſ⸗ ſenen Zimmer nebenan eine leiſe Bewegung, und kurz nachher an der wohl verwahrten Thur pochen. Ich raffte mich zuſammen, greife nach dem Hauptſchluͤſſel, aber die Fluͤgelthuͤren ſprin⸗ gen von ſelbſt auf, und im Schein jener brennen⸗ den Wachslichter kommt mir meine Schoͤnheit ent⸗ gegen. Ich werfe mich ihr zu Fuͤßen, kuͤſſe ihr Kleid, ihre Haͤnde, ſie hebt mich auf, ich wage nicht, ſie zu umarmen, kaum ſie anzuſehn; doch geſtehe ich ihr aufrichtig und reuig meinen Feh⸗ ler.—„Er iſt zu verzeihen,“ ſagte ſie,„nur verſpaͤtet Ihr leider Euer Gluͤck und meines. Ihr muͤßt nun abermals eine Strecke in die Welt hineinfahren, ehe wir uns wiederſehn. Hier iſt noch mehr Gold,“ ſagte ſie,„und hinreichend, wenn Ihr einigermaßen haushalten wollt. Hat Euch aber diesmal Wein und Spiel in Verlegen⸗ heit geſetzt, ſo huͤtet Euch nun vor Wein und Weibern, und laßt mich auf ein froͤhliches Wieder⸗ ſehn hoffen.“— Sie trat uͤber ihre Schwelle zu⸗ ruͤck, die Fluͤgel ſchlugen zuſammen, ich pochte, ich bat, aber nichts ließ ſich weiter hoͤren. Als —— ich den andern Morgen die Zeche verlangte, lächelte der Kellner und ſagte:„So wiſſen wir och, warum Ihr Eure Thuͤren auf eine ſo kuͤnſt⸗ liche und unbegreifliche Weiſe verſchließt, daß kein Hauptſchlüſſel ſie dffnen kann. Wir vermu⸗ theten bei Euch viel Geld und Koſtbarkeiten; nun aber haben wir den Schatz die Treppe hinunter⸗ gehen ſehen, und auf alle Weiſe ſchien er woyl verwahrt zu werden.“ Ich erwiederte nichts dagegen, zahlte meine Rechnung und ſtieg mit meinem Käſtchen in den Wagen. Ich fuhr nun wieder in die Welt hinein mit dem feſteſten Vorſatz, auf die Warnung mei⸗ ner geheimnißvollen Freundin kuͤnftig zu achten. Doch war ich kaum abermals in einer großen Stabt angelangt, ſo ward ich bald mit liebens⸗ wurdigen Frauenzimmern bekannt, von denen ich mich durchaus nicht losreißen konnte. Sie ſchie⸗ nen mir ihre Gunſt theuer anrechnen zu wollenz denn indem ſie mich immer in einiger Entfernung hielten, verleiteten ſie mich zu einer Ausgabe nach der andern, und da ich nur ſuchte, ihr Vergnuͤ⸗ gen zu hefoͤrdern, dachte ich abermals nicht an meinen Beutel, ſondern zahlte und ſpendete im⸗ mer fort, ſo wie es eben vorkam. Wie groß war daher meine Verwunderung und mein Ver⸗ gnugen, als ich nach einigen Wochen bemerkte, daß die Fulle des Beutels noch nicht abgenommen hatte, ſondern daß er noch ſo rund und ſtrotzend war wie anfangs. Ich wollte mich dieſer ſchoͤnen Eigenſchaft naͤher verſichern, ſetzte mich hin zu zählen, merkte mir die Summe genau und fing nun an mit meiner Geſellſchaft luſtig zu leben, wie vorher. Da fehlte es nicht an Land⸗ und Waſſerfahrten, an Tanz, Geſang und andern Vergnuͤgungen. Nun bedurfte es aber keiner gro⸗ ßen Aufmerkſamkeit, um gewahr zu werden, daß der Beutel wirklich abnahm, eben als wenn ich ihm durch mein verwuͤnſchtes Zaͤhlen die Tugend, unzaͤhlbar zu ſeyn, entwendet hätte. Indeſſen war das Freudenleben einmal im Gange, ich konnte nicht zuruͤck, und doch war ich mit meiner Baar⸗ ſchaft vald am Ende. Ich verwuͤnſchte meine Lage, ſchalt auf meine Freundin, die mich ſo in Verſuchung gefuͤhrt hatte, nahm es ihr uͤbel auf, daß ſie ſich nicht wieder ſehen laſſen, ſagte mich im Aerger von allen Pflichten gegen ſie los und nahm wir vor, das Käſtchen zu oͤffnen, ob viel⸗ leicht in demſelben einige Huͤlfe zu finden ſey⸗ Denn war es gleich nicht ſchwer genug, um Geld zu enthalten, ſo konnten doch Juwelen darin ſeyn⸗ und auch dieſe wären mir ſehr willkommen gewe⸗ ſen. Ich war im Begriff, den Vorſatz auszufüͤh⸗ ren, doch verſchob ich ihn auf die Nacht, um die Operation recht ruhig vorzunehmen, und eilte zu einem Bankett, das eben angeſagt war. Da ging es denn wieder hoch her, und wir waren durch Wein und Trompetenſchall maͤchtig aufgeregt, als mir der unangenehme Streich paſſirte, daß beim Nachtiſche ein älterer Freund meiner liebſten Schoͤnheit, von Reiſen kommend, unvermuthet hereintrat, ſich zu ihr ſetzte und ohne große um⸗ ſtände ſeine alten Rechte geltend zu machen ſuchte. Daraus entſtand denn nun bald Unwille, Hader und Streit; wir zogen vom Leder, und ich ward mit mehreren Wunden halbtodt nach Hauſe ge⸗ tragen. Der Chirurgus hatte mich verbunden und ver⸗ laſſen, es war ſchon tief in der Nacht, mein Waͤrter eingeſchlafen, die Thuͤr des Seitenzim⸗ mers ging auf, meine geheimnißvolle Freundin trat herein und ſetzte ſich zu mir ans Bette. Sie fragte nach meinem Befinden; ich antwortete nicht, denn ich war matt und verdrießlich. Sie fuhr fort, mit vielem Antheil zu ſprechen, rieb mir die Schläfe mit einem Balſam, ſo daß ich mich geſchwind geſtäͤrkt fuͤhlte, ſo geſtaͤrkt, daß ich mich erzuͤrnen und ſie ausſchelten konnte. In einer heftigen Rede warf ich alle Schuld meines ungluͤcks auf ſie, auf die Leidenſchaft, die ſte mir eingefloßt, auf ihr Erſcheinen, ihr Verſchwinden, — 170—— auf die Langeweile, auf die Sehnſucht, die ich empfinden mußte. Ich ward immer heftiger und heftiger, als wenn mich ein Fieber anſiele, und ich ſchwur ihr zuletzt, daß wenn ſie nicht die Meinige ſeyn, mir diesmal nicht angehoͤren und ſich mit mir verbinden wolle, ſo verlange ich nicht laͤnger zu leben, worauf ich entſchiedene Antwort forderte. Als ſie zaudernd mit einer Erklärung zuruͤckhielt, gerieth ich ganz außer mir, riß den doppelten und dreifachen Verband von den Wun⸗ den, mit der entſchiedenen Abſicht, mich zu ver⸗ vluten. Aber wie erſtaunte ich, als ich meine Wunden alle geheilt, meinen Koͤrper ſchmuck und glänzend, und ſie in meinen Vrmen fand. Nun waren wir bas glöcktichſte Paar von der Velt. Wir baten einander wechſelſeitig um Verzeihung und wußten ſelbſt nicht recht warum⸗ Sie verſprach nun, mit mir weiter zu reiſen, und vpald ſaßen wir neben einander im Wagen, das Käſtchen gegen uns uͤber am platze der dritten Perſon. Ich hatte deſſelben niemals gegen ſie er⸗ waͤhnt; auch jetzt ſiel mirs nicht ein, davon z reden, ob es uns gleich vor den Augen ſtand und wir durch eine ſtillſchweigende nebereinkunft Beide dafuͤr ſorgten, wie es etwa die Gelegenheit geben mochte; nur daß ich es immer in und aus dem Wagen hob und mich wie vormals mit dem Ver⸗ * ſchluß der Thüren beſchäftigte.— So lange noch etwas im Beutel war, hatte ich immerfort be⸗ zahlt; als es mit meiner Baarſchaft zu Ende ging, ließ ich ſie es merken.—„Dafuͤr iſt leicht Rath geſchafft,“ ſagte ſie, und bedeutete auf ein Paar kleine Taſchen, oben an der Seite des Wa⸗ gens angebracht, die ich fruͤher wohl bemerkt, aber nicht gebraucht hatte. Sie griff in die eine und zog einige Goldſtuͤcke heraus, ſo wie aus der andern einige Silbermuͤnzen, und zeigte mir da⸗ durch die Moͤglichkeit, jeden Aufwand, wie es uns beliebte, fortzuſetzen. So reiſten wir von Stadt zu Stadt, von Land zu Land, waren un⸗ ter uns und mit Andern froh, und ich dachte nicht daran, daß ſie mich wieder verlaſſen konnte, um ſo weniger, als ſie ſich ſeit einiger Zeit entſchie⸗ den guter Hoffnung befand, wodurch unſere Hei⸗ terkeit und unſere Liebe nur noch vermehrt wurde. Aber eines Morgens fand ich ſie leider nicht mehr, und weil mir der Aufenthalt ohne ſie ver⸗ drießlich war, machte ich mich mit meinem Käſt⸗ chen wieder auf den Weg, verſuchte die Kraft der beiden Taſchen und fand ſie noch immer bewaͤhrt, Die Reiſe ging gluͤcklich von Statten, und wenn ich bisher über mein Abentheuer weiter nicht nachdenken mogen, weil ich eine ganz natuͤr⸗ liche Entwickelung der wunderſamen Begebenhei⸗ I. 12 ten erwartete; ſo ereignete ſich doch gegenwärtig etwas, wodurch ich in Erſtaunen, in Sorgen, ja in Furcht geſetzt wurde. Weil ich, um von der Stelle zu kommen, Tag und Nacht zu reiſen ge⸗ wohnt war, ſo geſchah es, daß ich oft im Fin⸗ ſtern fuhr und es in meinem Wagen, wenn die Laternen zufällig ausgingen, gans dunkel war. Einmal, bei ſo finſterer Nacht, war ich einge⸗ ſchlafen, und als ich exwachte, ſah ich den Schein eines Lichts an der Decke meines Wagens. Ich beobachtete denſelben und fand, daß er aus dem Kaͤſtchen hervorbrach, das einen Riß zu haben ſchien, eben als wäre es durch die heiße und trok⸗ kene Witterung der eingetretenen Sommerzeit geſprungen. Meine Gedanken an die Juwelen wurden wieder regez ich vermuthete, daß ein Kar⸗ funkel im Käſtchen liege, und wuͤnſchte daruͤber Gewißheit zu haben. Ich ruͤckte mich, ſo gut ich ronnte, zurecht, ſo daß ich mit dem Auge unmit⸗ telbar den Riß berührte. Aber wie groß war mein Erſtaunen, als ich in ein von Lichtern wohl⸗ erhelltes, mit viel Geſchmack, ja Koſtbarkeit meublirtes Zimmer hineinſah, gerade ſo, als hätte ich durch die Oeffnung eines Gewoͤlbes in einen königlichen Saal hinabgeſehen. Zwar konnte ich nur einen Theil des Raums beobachten, der mich auf das nebrige ſchließen ließ. Ein Camin⸗ feuer ſchien zu brennen, welchem ein Lehn⸗ ſeſſel ſtand. Ich hielt den Athem an mich und fuhr fort zu beobachten. Indem kam von der andern Seite des Saals ein Frauenzimmer mit einem Buch in den Haͤnden, die ich ſogleich fuͤr meine Frau erkannte, obſchon ihr Bild nach dem allerkleinſten Maaßſtabe zuſammengezogen war. Die Schoͤne ſetzte ſich in den Seſſel ans Camin, um zu leſen, legte die Brände mit der niedlichſten Feuer⸗ zange zurecht, wobei ich deutlich bemerken konnte, das allerliebſte kleine Weſen ſey ebenfalls guter Hoffnung. Nun fand ich mich aber genothigt, meine unbequeme Stellung einigermaßen zu verruͤcken, und bald darauf, als ich wieder hineinſehen und mich uͤberzeugen wollte, daß es kein Traum ge⸗ weſen, war das Licht verſchwunden und ich Sicb in eine leere Finſterniß. Wie erſtaunt, ja erſchrocken ich war, tůßt ſich begreifen. Ich machte mir tauſend Gedanken uͤber dieſe Entdeckung und konnte doch eigentlich nichts denken. Daruͤber ſchlief ich ein, und als ich erwachte, glaubte ich eben nur geträumt zu haben; doch fuhlte ich mich von meiner Schoͤnen einigermaßen entfremdet, und indem ich das Käſt⸗ chen nur deſto ſorgfaltiger trug, wußte ich nicht, ob ich ihre Wiedererſcheinung in voͤlliger Men⸗ ſchengroͤße wuͤnſchen oder furchten ſollte, — 180— Nach einiger Zeit trat denn wirklich meine Schöne gegen Abend in weißem Kleide herein, und da es eben im Zimmer dämmerte, ſo kam ſie mir länger vor, als ich ſie ſonſt zu ſehen gewohnt war, und ich erinnerte mich, gehort zu haben, daß alle vom Geſchlecht der Niren und Gnomen vei einbrechender Nacht an Länge gar merklich zu⸗ nähmen. Sie flog wie gewohnlich in meine Ar⸗ me, aber ich konnte ſie nicht recht frohmuͤthig an meine beklemmte Bruſt druͤcken. „Mein Liebſter,“ ſagte ſie,„ich füͤhle nun wohl an Deinem Empfang, was ich leider ſchon weiß. Du haſt mich in der Zwiſchenzeit geſehnz Du biſt von dem Zuſtand unterrichtet, in dem ich mich zu gewiſſen Zeiten befinde; Dein Gluͤck und das meinige iſt hierdurch unterbrochen, ja es ſteht auf dem Punkte, ganz vernichtet zu werden. Ich muß Dich verlaſſen und weiß nicht, ob ich Dich jemals wiederſehen werde.“ Ihre Gegenwart, die Anmuth, mit der ſie ſprach, entfernte ſogleich faſt jede Erinnerung jenes Geſichtes, das mir ſchon bisher nur als ein Traum vorgeſchwebt hatte. Ich empfing ſie mit Lebhaftigkeit, uͤber⸗ zeugte ſie von meiner Leidenſchaft, verſicherte ihr meine unſchuld, erzaͤhlte ihr das gufaͤllige der Entdeckung, genug, ich that ſo viel, daß ſie ſelbſt veruyigt ſchien und mich zu beruhigen ſuchte. —— — 181— „Pruͤfe Dich genau,“ ſaste ſie:„ob dieſe Entdeckung Deiner Liebe nicht geſchadet habe, ob Du vergeſſen kannſt, daß ich in zweierlei Geſtal⸗ ten mich neben Dir befinde, ob die Verringerung meines Weſens nicht auch Deine Neigung ver⸗ mindern werde.“ Ich ſah ſie anz ſchoͤner war ſie als jemals, und ich dachte bei mir ſelbſt: iſt es denn ein ſo großes ungluͤck, eine Frau zu beſitzen, die von Zeit zu Zeit eine Zwergin wirb, ſo daß man ſie im Koſtchen herumtragen kann? Wäre es nicht viel ſchlimmer, wenn ſie zur Rieſin wuͤrde und ihren Mann in den Kaſten ſteckte? Meine Hei⸗ terkeit war zuruͤckgekehrt. Ich hätte ſie um alles in der Welt nicht fahren laſſen.—„Beſtes Herz,“ verſetzte ich,„laß uns bleiben und ſeyn, wie wir geweſen ſind. Koͤnnten wir's Beide denn herr⸗ licher finden! Bediene Dich Deiner Bequemlich⸗ Leit, und ich verſpreche Dir das Käſtchen nur deſto ſorgfaͤltiger zu tragen. Wie ſollte das Riedlichſte, was ich in meinem Leben geſehn, einen ſchlimmen Eindruck auf mich machen? Wie glůcklich wuͤrden die Liebhaber ſeyn, wenn ſie ſolche Miniaturbilder beſitzen könnten! Und am Ende war es auch nur ein ſolches Bild, eine kteine Taſchenſpielerei. Du pruͤfſt und neckſt michz Du ſollſt aber ſehn, wie ich mich halten werde.“ . 1 5 1 — 182— „Die Sache iſt ernſthafter, als Du denkſt,“ fagte die Schone;„indeſſen bin ich recht wohl zufrieden, daß Du ſie leicht nimmſt; denn fuͤr uns Beide kann noch immer die heiterſte Folge werden. Ich will Dir vertrauen und von meiner Seite das Mögliche thun, nur verſprich mir, die⸗ ſer Entdeckung niemals vorwurfsweiſe zu geden⸗ ken. Dazu fuͤg' ich noch eine Bitte recht inſtän⸗ dig, nimm Dich vor Wein und Zorn mehr als jemals in Acht.“ Ich verſprach, was ſie begehrte, ich ue zu und immer zu verſprochen; doch ſie wendete ſelbſt das Geſpräch und Alles war im vorigen Gleiſe. Wir hatten nicht urſache, den Ort unſers Auf⸗ enthalts zu veraͤndern; die Stadt war groß, die Geſellſchaft vielfach, die Jahrszeit veranlaßte . manches Land⸗ und Gartenfeſt. Bei allen ſolchen Freuden war meine Frau ſehr gern geſehn, ja von Männern und Frauen lebhaft verlangt. Ein gutes, einſchmeichelndes Betragen, mit einer gewiſſen Hoheit verknuͤpft, machte ſie Jedermann lob- und ehrenwerth. ueberdies ſpielte ſie herrlich die Laute und ſang dazu, und alle geſellige Nächte mußten durch ihr Talent gekroͤnt werden. Ich will nur geſtehn, daß ich mir aus der Muſik niemals viel habe machen koͤnnen, ja ſie hatte vielmehr auf mich eine unangenehme Wir⸗ kung. Meine Schdne, die mir das bald abge⸗ merkt hatte, ſuchte mich daher niemals, wenn wir allein waren, auf dieſe Weiſe zu unterhal⸗ ten; dagegen ſchien ſie ſich in Geſellſchaft zu ent⸗ ſchäͤdigen, wo ſie denn gewoͤhnlich eine Menge Bewunderer fand. und nun, warum ſollte ich es läugnen, un⸗ ſere letzte Unterredung, ungeachtet meines beſten Willens, war doch nicht vermoͤgend geweſen, die Sache ganz bei mir abzuthun; vielmehr hatte ſich meine Empfindungsweiſe gar ſeltſam geſtimmt, ohne daß ich es mir vollkommen bewußt geweſen wäre. Da brach eines Abends in großer Geſell⸗ ſchaft der verhaltene Unmuth los, und mir ent⸗ ſprang daraus der allergroßte Nachtheil. Wenn ich es jetzt recht bedenke, ſo liebte ich nach jener ungluͤcklichen Entdeckung meine Schoͤn⸗ heit viel weniger, und nun ward ich eiferſuͤchtig auf ſie, was mir vorher gar nicht eingefallen war. Abends bei Tafel, wo wir ſchräg gegen einander uͤber in ziemlicher Entfernung ſaßen, be⸗ fand ich mich ſehr wohl mit meinen beiden Nach⸗ barinnen, ein Paar Frauenzimmern, die mir ſeit einiger Zeit reizend geſchienen hatten. unter Scherz und Liebesreden ſparte man des Weines nicht, indeſſen von der andern Seite ein Paar Muſikfreunde ſich meiner Frau bemächtigt hatten und die Geſellſchaft zu Geſängen, einzelnen und chormaͤßigen, aufzumuntern und anzufuͤhren wuß⸗ ten. Daruͤber fiel ich in voͤſe Laune. Die beiden Kunſtliebhaber ſchienen zudringlich; der Geſang machte mich aͤrgerlich, und als man gar von mir auch eine Solo⸗Strophe begehrte, ſo wurde ich wirklich aufgebracht, leerte den Becher und ſetzte ihn ſehr unſanft nieder. Durch die Anmuth meiner Nachbarinnen fuhlte ich mich ſogleich zwar wieder gemildert, aber es iſt eine boͤſe Sache um den Aerger, wenn er einmal auf dem Wege iſt. Er kochte heimlich fort, obgleich Alles mich haͤtte ſollen zur Freude, zur Nachgiebigkeit ſtimmen. Im Gegentheil wurde ich nur noch tuͤckiſcher, als man eine Laute brachte und meine Schoͤne ihren Geſang zur Bewunde⸗ rung aller uebrigen begleitete. ungluͤcklicher Weiſe erbat man ſich eine allgemeine Stille. Alſo auch ſchwatzen ſollte ich nicht mehr und die Töne tha⸗ ten mir in den Zähnen weh. War es nun ein Wunder, daß endlich der kleinſte Funke die Mine zuͤndete? Eben hatte die Saͤngerin ein Lied un⸗ ter dem groͤßten Beifall geendigt, als ſie nach mir, und wahrlich recht liebevoll heruͤberſah. Leider drangen die Blicke nicht bei mir ein. Sie bemerkte, daß ich einen Becher Wein hinunter⸗ ſchlang und einen neu anfuͤllte. Mit dem rechten Zeigefinger winkte ſie mir lieblich drohend.„Be⸗ denken Sie, daß es Wein iſt!“ ſagte ſie, nicht lauter, als daß ich es hoͤren konnte.—„Waſſer iſt fuͤr die Nixen!“ rief ich aus.—„Meine Da⸗ men,“ ſagte ſie zu meinen Nochbarinnen,„krän⸗ zen ſie den Becher mit aller Anmuth, daß er nicht zu oft leer werde.“—„Sie werden ſich doch nicht meiſtern laſſen,“ ziſchelte mir die eine ins Ohr.—„Was will der Zwerg?“ rief ich aus, mich heftiger geberdend, wodurch ich den Becher umſtieß.—„Hier iſt viel verſchuttet!“ rief die Wunderſchoͤne, that einen Griff in die Saiten, als wolle ſie die Aufmerkſamkeit der Ge⸗ ſellſchaft aus dieſer Stoͤrung wieder auf ſich her⸗ anziehen. Es gelang ihr wirklich, um ſo mehr, als ſie aufſtand, aber nur als wenn ſie ſich das Spiel bequemer machen wollte, und zu präludiren fortfuhr. Als ich den rothen Wein uͤber das Tiſchtuch fließen ſah, kam ich wieder zu mir ſelbſt. Ich erkannte den großen Fehler, den ich begangen hatte, und war recht innerlich zerknirſcht. Zum erſtenmal ſprach die Muſik mich anz die erſte Strophe, die ſie ſang, war ein freundlicher Ab⸗ ſchied an die Geſellſchaft, wie ſie ſich noch zuſam⸗ men fuͤhlen konnte. Bei der folgenden Strophe — 186— floß die Societaͤt gleichſam aus einander; Jeder fuͤhlte ſich einzeln, abgeſondert, Niemand glaubte ſich mehr gegenwärtig. Aber was ſoll ich denn von der letzten Strophe ſagen? Sie war allein an mich gerichtet, die Stimme der gekränkten Liebe, die von Unmuth und Uebermuth Abſchied nimmt. Stumm fuͤhrte ich ſie nach Hauſe und erwar⸗ tete mir nichts Gutes. Doch kaum waren wir in unſerm Zimmer angelangt, als ſie ſich höchſt freundlich und anmuthig, ja ſogar ſchalkhaft er⸗ wies und mich zum gluͤcklichſten aller Menſchen machte. Des andern Morgens ſagte ich ganz getroſt und liebevoll:„Du haſt ſo manchmal, durch gute Geſellſchaft aufgefodert, geſungen, ſo zum Bei⸗ ſpiel geſtern Abend das ruͤhrende Abſchiedslied. Singe nun auch einmal mir zu Liebe ein huͤbſches, froͤhliches Willkommen in dieſer Morgenſtunde, damit es uns werde, als wenn wir uns zum er⸗ ſtenmale kennen lernten.“ „Das vermag ich nicht, mein Freund,“ ver⸗ ſetzte ſie mit Ernſt.„Das Lied von geſtern Abend bezog ſich auf unſere Scheidung, die nun ſogleich vor ſich gehen muß; denn ich kann Dir nur ſagen, die Beleidigungen gegen Verſprechen und Schwur hat fuͤr uns Beide die ſchlimmſten Folgen; Du verſcherzeſt ein großes Gluͤck und auch ich muß meinen liebſten Wuͤnſchen entſagen.“ Als ich nun hierauf in ſie drang und bat, ſie mochte ſich naͤher erklären, verſetzte ſie:„Das Lann ich leider wohl; denn es iſt doch um mein Bleiben bei Dir gethan. Vernimm alſo, was ich Dir lieber bis in die ſpäteſten Zeiten verborgen yotte. Die Geſtalt, in der Du mich im Käͤſtchen erblickteſt, iſt mir wirklich angeboren und natür⸗ lich; denn ich bin aus dem Stamm des Konigs Eckwald, des mäͤchtigen Fuͤrſten der Zwerge, von dem die wahrhafte Geſchichte ſo vieles meldet. unſer Volk iſt noch immer, wie vor Alters, thaͤ⸗ tig und geſchäftig, und daher auch leicht zu regie⸗ ren. Du mußt Dir aber nicht vorſtellen, daß die Zwerge in ihren Arbeiten zuruͤckgeblieben ſind. Sonſt waren Schwerdte, die den Feind verfolg⸗ ten, wenn man ſie ihm nachwarf, unſichtbar und geheimnißvoll bindende Ketten, undurchdringliche Schilder und dergleichen ihre beruͤhmteſten Arbei⸗ ten. Jetzt aber beſchaͤftigen ſie ſich hauptſaͤchlich mit Sachen der Bequemlichkeit und des Putzes, und uͤbertreffen darin alle andern Volker der Erde. Du wuͤrdeſt erſtaunen, wenn Du unſere Werk⸗ ſtätten und Waarenlager hindurchgehen ſollteſt. Dies ware nun alles gut, wenn nicht bei der ganzen Nation überhaupt, vorzuͤglich aber bei der königlichen Familie, ein beſonderer Umſtand einträte.“. Da ſie einen Augenblick inne hielt, erſuchte ich ſie um fernere Erdoffnung dieſer wunderſamen Geheimniſſe, worin ſie mir denn auch ſogleich willfahrte. ₰ „Es iſt bekannt,“ ſagte ſie,„daß Gott, ſo⸗ vald er die Welt erſchaffen hatte, ſo daß alles Erdreich trocken war und das Gebirg mächtig und herrlich daſtand, daß Gott, ſage ich, ſogleich vor allen Dingen die Zwerglein erſchuf, damit auch vernuͤnft'ge Weſen wären, welche ſeine Wunder im Innern der Erde auf Gaͤngen und Kluͤften anſtaunen und verehren könnten. Ferner iſt be⸗ kannt, daß dieſes kleine Geſchlecht ſich nachmals erhoben und ſich die Herrſchaft der Erde anzu⸗ maßen gedacht, weßhalb denn Gott die Drachen erſchaffen, um das Gezwerge ins Gebirge zuruͤck⸗ zudraͤngen. Weil aber die Drachen ſich in den großen Hohlen und Spalten ſelbſt einzuniſten und dort zu wohnen pflegten, auch viele derſelben Feuer ſpien und manch anderes Wuͤſte begingenz ſo wurde vadurch den Zwerglein gar große Roth und Kummer bereitet, dergeſtalt, daß ſie nicht mehr wußten wo aus noch ein, und ſich daher zu Gott dem Herrn gar demuͤthiglich und flehentlich wendeten, auch ihn im Gebet anriefen, er mochte ———— 7 doch dieſes unſaubere Drachenvolk wieder vertil⸗ gen. Ob er nun aber gleich nach ſeiner Weis⸗ heit ſein Geſchoͤpf zu zerſtoren nicht beſchließen mochte, ſo ging ihm doch der armen Zwerglein große Noth dermaßen zu Herzen, daß er alsbald die Rieſen erſchuf, welche die Drachen bekampfen und wo nicht ausrotten, doch wenigſtens vermin⸗ dern ſollten.“ „Als nun aber die Rieſen ſo ziemlich mit den Drachen fertig geworden, ſtieg ihnen gleich⸗ falls der Muth und Duͤnkel, weßwegen ſie gar manches Frevele, beſonders auch gegen die guten Zwerglein veruͤbten, welche denn abermals in ihrer Noth ſich zu dem Herrn wandten, der ſo⸗ dann aus ſeiner Machtgewalt die Ritter ſchuf, welche die Rieſen und Drachen bekaämpfen und mit den Zwerglein in guter Eintracht leben ſoll⸗ ten. Damit war denn das Schoͤpfungswerk von dieſer Seite beſchloſſen, und es findet ſich, daß nachher Rieſen und Drachen, ſo wie die Ritter und Zwerge immer zuſammen gehalten haben. Daraus kannſt Du nun erſehen, mein Freund, daß wir von dem äaͤlteſten Geſchlecht der Welt ſind, welches uns zwar zu Ehren gereicht, doch aber auch großen Rachtheil mit ſich fuͤhrt.“ „Da naͤmlich auf der Welt nichts ewig beſte⸗ hen kann, ſondern Alles, was einmal groß gewe⸗ ſen, klein werden und abnehmen muß, ſo ſind auch wir in dem Falle, daß wir ſeit Erſchaffung der Welt immer abnehmen und kleiner werden, vor allen andern aber die königliche Familie, welche wegen ihres reinen Bſutes dieſem Schick⸗ ſal am erſten unterworfen iſt. Deshalb haben unſere weiſen Meiſter ſchon vor vielen Jahren den Ausweg erdacht, daß von Zeit zu Zeit eine Prinzeſſin aus dem koniglichen Hauſe heraus ins Land geſendet werde, um ſich mit einem ehrſa⸗ men Ritter zu vermaͤhlen, damit das Zwergen⸗ geſchlecht wieder angefriſcht und vom gänzlichen Verfall gerettet ſey.“ Indeſſen meine Schdone dieſe Worte gans treuherzig vorbrachte, ſah ich ſie bedenklich an, weil es ſchien, als ob ſie Luſt habe, mir etwas aufzubinden. Was ihre niedliche Herkunft betraf, daran hatte ich weiter keinen Zweifel; aber daß ſie mich anſtatt eines Ritters ergriffen hatte, das machte mir einiges Mißtrauen, indem ich mich denn doch zu wohl kannte, als daß ich hätte glau⸗ ben ſollen, meine Vorfahren ſeyen von Gott un⸗ mittelbar erſchaffen worden. Ich verbarg Verwunderung und Zweifel, und fragte ſie freundlich: aber ſage mir, mein liebes Kind, wie kommſt Du zu dieſer großen und an⸗ ſehnlichen Geſtalt? denn ich kenne wenig Frauen, die ſich Dir an praͤchtiger Bildung vergleichen konnen.“—„Das ſollſt Du erfahren,“ verſetzte meine Schodͤne.„Es iſt von jeher im Rath der Zwergenkoͤnige hergebracht, daß man ſich ſo lange als moͤglich vor jedem außerordentlichen Schritt in Acht nehme, welches ich denn auch ganz natur⸗ lich und billig finde. Man haͤtte vielleicht noch lange gezaudert, eine Prinzeſſin wieder einmal in das Land zu ſenden, wenn nicht mein nachgebore⸗ ner Bruder ſo klein ausgefallen wäre, daß ihn die Wärterinnen ſogar aus den Windeln verloren haben und man nicht weiß, wohin er gekommen iſt. Bei dieſem in den Jahrbuͤchern des Zwergen⸗ reichs ganz unerhoͤrten Falle verſammelte man die Weiſen, und kurz und gut, der Entſchluß ward gefaßt, mich auf die Freite zu ſchicken.“ „Der Entſchluß!“ rief ich aus,„das iſt wohl alles ſchoͤn und gut. Man kann ſich ent⸗ ſchließen, man kann etwas beſchließenz aber einem Zwerglein dieſe Goͤttergeſtalt zu geben, wie haben Eure Weiſen dies zu Stande gebracht?“ „Es war ſchon,“ ſagte ſie,„von unſern Ahnherrn vorgeſehn. In dem koͤniglichen Schatze lag ein ungeheurer goldner Fingerring. Ich ſpreche jetzt von ihm, wie er mir vorkam, da er mir, als einem Kinde, ehemals an ſeinem Orte gezeigt wurde; denn es iſt derſelbe, den ich hier — 192— am Finger habe; und nun ging man folgender Geſtalt zu Werke. Man unterrichtete mich von allem, was bevorſtehe, und belehrte mich, was ich zu thun und zu laſſen habe.“ „Ein koſtlicher Pallaſt, nach dem Muſter des liebſten Sommeraufenthaltes meiner Eltern, wurde verfertigt: ein Hauptgebäude, Seitenfluͤgel und was man nur wuͤnſchen kann. Er ſtand am Ein⸗ gange einer großen Felskluft und verzierte ſie aufs veſte. An dem beſtimmten Tage zo8 ber Hof dorthin und meine Eltern mit mir. Die Armee paradirte und vier und zwanzig Prieſter trugen auf einer köſtlichen Bahre, nicht ohne Beſchwer⸗ lichkeit, den wundervollen Ring. Er ward an die Schwelle des Gebaͤudes gelegt, gleich inner⸗ halb, wo man über ſie hinuͤber tritt. Manche Geremonien wurden begangen, und nach einem herzlichen Abſchiede ſchritt ich zum Werke. Ich trat hinzu, legte die Hand an den Ring und fing ſogleich merklich zu wachſen an. In wenig Aue genblicken war ich zu meiner gegenwaͤrtigen Groͤße gelangt⸗ worauf ich den Ring ſogleich an den Finger ſteckte. Nun im Nu verſchloſſen ſich Fen⸗ ſter, Thuͤr und Thore, die Seitenfluͤgel zogen ſich ins Hauptgebaͤude zuruͤck, ſtatt des Pallaſtes ſtand ein Kaͤſtchen neben mir, das ich ſogleich aufhob und mit mir forttrug⸗ nicht ohne ein an⸗ genehmes Gefuͤhl, ſo groß und ſo ſtark zu ſehn, zwar immer noch ein Zwerg gegen Baͤume und Berge, gegen Stroͤme wie gegen Landſtrecken, aber doch immer ſchon eine Rieſin gegen Gras und Kraͤuter, beſonders aber gegen die Ameiſen, mit denen wir Zwerge nicht immer in gutem Ver⸗ yaͤltniß ſtehen und deßwegen oft von ihnen ge⸗ plagt werden.“ „Wie es mir auf meiner Wallfahrt erging, ehe ich Dich fand, davon haͤtte ich viel zu erzäh⸗ ten. Genug, ich prüfte Manchen, aber Niemand als Du, ſchien mir werth, den Stamm des herr⸗ lichen Eckwald zu erneuern und zu verewigen.“ Bei allen dieſen Erzählungen wackelte mir mitunter der Kopf, ohne daß ich ihn gerade ge⸗ ſchuͤttelt haͤtte. Ich that verſchiedene Fragen, wor⸗ auf ich aber keine ſonderlichen Antworten erhielt, vielmehr zu meiner großten Betruͤbniß erfuhr, daß ſie nach dem, was ihr begegnet, nothwendig zu ihren Eltern zuruͤck müſſe. Sie hoffe zwar wie⸗ der zu mir zu kommen, doch jetzt habe ſie ſich unvermeidlich zu ſtellen, weil ſonſt fuͤr ſie, ſo wie fur mich Alles verloren wäre. Die Beutel wuͤr⸗ den bald aufhoͤren zu zahlen und was ſonſt noch alles daraus entſtehen koͤnnte. Da ich hoͤrte, daß uns das Geld ausgehn duͤrfte, fragte ich nicht weiter, was ſonſt noch M. 13 — 194— geſchehen möchte. Ich zuckte die Achſeln, ich ſchwieg und ſie ſchien mich zu verſtehn. Wir packten zuſammen und ſetzten uns in den Wagen, das Kaͤſtchen gegen uns uͤber, dem ich aber noch nichts von einem Pallaſt anſehen konnte. So ging es mehrere Stationen fort. Poſtgeld und Trinkgeld wurden aus den Täſchchen rechts und links bequem und reichlich bezahlt, bis wir endlich in eine gebirgige Gegend gelangten und kaum abgeſtiegen waren, als meine Schoͤne vorausging und ich auf ihr Geheiß mit dem Käſt⸗ chen folgte. Sie fuͤhrte mich auf ziemlich ſteilen Pfaden zu einem engen Wieſengrund, durch wel⸗ chen ſich eine klare Quelle bald ſtürzte, bald lau⸗ fend ſchlaͤngelte. Da zeigte ſie mir eine erhohte Flaͤche, hieß mich das Kaͤſtchen niederſetzen und ſagte:„Lebe wohl! Du findeſt den Weg gar leicht zuruͤck; gedenke mein, ich hoffe Dich wieder zu ſehn.“ In dieſem Augenblic war mir's, als wenn ich ſie nicht verlaſſen könnte. Sie hatte gerade wieder ihren ſchoͤnen Tag, oder wenn Ihr wollt, ihre ſchoͤne Stunde. Mit einem ſo lieblichen We⸗ ſen allein, auf gruͤner Matte, zwiſchen Gras und Blumen, von Felſen beſchränkt, von Waſſer um⸗ rauſcht, welches Herz waͤre da wohl fühllos ge⸗ blieben! 80 wollte ſie bei der Hand faſſen, ſie umarmen, aber ſie ſtieß mich zuruͤck und bedrohte mich, obwohl noch immer liebreich genug, mit großer Gefahr, wenn ich mich nicht ſogleich ent⸗ fernte. mñ „Iſt denn gar keine Moͤglichkeit,“ rief ich aus,„daß ich bei Dir bleibe, daß Du mich bei Dir behalten koͤnnteſt? Ich begleitete dieſe Worte mit ſo jämmerlichen Geberden und Tonen, daß ſie gerührt ſchien und nach einigem Bedenken mir geſtand, eine Fortdauer ünſerer Verbindung ſey nicht ganz unmoͤglich. Wer war gluͤcklicher als ich. Meine Zudringlichkeit, die immer lebhafter ward, noͤthigte ſie endlich, mit der Sprache her⸗ auszuruͤcken und mir zu entdecken, daß wenn ich mich entſchloͤſſe, mit ihr ſo klein zu werden, als ich ſie ſchon geſehen, ſo koͤnnte ich auch jetzt bei ihr bleiben; in ihre Wohnung, in ihr Reich, zu ihrer Familie mit uͤberzutreten. Dieſer Vorſchlag gefiel mir nicht ganz, doch konnte ich mich einmal in dieſem Augenblick nicht von ihr losreißen und ans Wunderbare ſeit geraumer Zeit ſchon ge⸗ woͤhnt, zu raſchen Entſchluͤſſen aufgelegt, ſchlug ich ein und ſagte, ſie moͤchte mit mir machen, was ſie wollte. Sogleich mußte ich den kleinen Finger meiner rechten Hand ausſtrecken, ſie ſtutzte den ihrigen „ dee vog mit der linken Hand den goldnen Ring ganz leiſe ſich ab und ließ ihn herüber an meinen Finger laufen. Kaum war dieſes ge⸗ ſchehn, ſo fuhlte ich einen gewaltigen Schmerz am Finger, der Ring zog ſich zuſammen und fol⸗ terte mich entſetzlich. Ich that einen gewaltigen Schrei und griff unwillkührlich um mich her nach meiner Schoͤnen, die aber verſchwunden war. Wie mir inbeſſen zu Muthe geweſen, dafuͤr wuͤßte ich keinen Ausdruck zu finden, auch bleibt mir nichts uͤbrig zu ſagen, als daß ich mich ſehr bald in kleiner Perſon neben meiner Schoͤnen in einem Walbde von Grashalmen befand. Die Freude des Wiederſehns, nach einer kurzen und doch ſo ſelt⸗ ſamen Trennung, uͤberſteigt alle Begriffe. Ich fiel ihr um den Hals, ſie erwiederte meine Lieb⸗ koſungen, und das kleine Paar fuhlte ſich ſo glůcklich, als das große. Mit einiger unbequemlichkeit ſtiegen wir nun⸗ mehr an einem Hügel hinauf; denn die Matte war fuͤr uns beinah ein undurchdringlicher Wald geworden. Doch gelangten wir endlich auf eine Bloͤße, und wie erſtaunt war ich, dort eine große geregelte Maſſe zu ſehen, die ich doch bald fuͤr das Käſtchen, in dem Zuſtand, wie ich es hinge⸗ ſetzt hatte, wieder erkennen mußte. „Gehe hin, mein Freund, und klopfe mit dem Ringe nur an, Du wirſt Wunder ſehn,“ ſagte meine Geliebte. Ich trat hinzu und hatte kaum angepocht, ſo erlebte ich wirklich das groͤßte Wunder. Zwei Seitenfluͤgel bewegten ſich her⸗ vor und zugleich fielen, wie Schuppen und Spähne, verſchiedene Theile herunter, da mir denn Thuͤ⸗ ren, Fenſter, Säͤulengaͤnge und alles, was zu einem vollſtändigen Pallaſte gehoͤrt, auf einmal zu Geſichte kamen. Wer einen kuͤnſtlichen Schreibtiſch von Roͤnt⸗ chen geſehn hat, wo mit einem Zug viele Federn und Reſſorts in Bewegung kommen, Pult znd Schreibzeug, Brief⸗ und Geldfaͤcher ſich auf ein⸗ mal, oder kurz nach einander entwickeln, der wird ſich eine Vorſtellung machen koͤnnen, wie ſich jener Pallaſt entfaltete, in welchen mich meine ſuͤße Begleiterin nunmehr hineinzog. In dem Hauptſaal erkannte ich gleich das Camin, das ich ehemals von oben geſehn, und den Seſſel, wor⸗ auf ſie geſeſſen. und als ich uͤber mich blickte, glaubte ich wirklich noch etwas von dem Sprunge in der Kuppel zu bemerken, durch den ich herein⸗ geſchaut hatte. Ich verſchone Euch mit Beſchrei⸗ vung des uebrigen; genug, Alles war geräumig, koͤſtlich und geſchmackvoll. Kaum hatte ich mich von meiner Verwunderung erholt, als ich von fern eine militairiſche Muſik vernahm. Meine ſchoͤne Haͤlfte ſprang vor Freuden auf, und ver⸗ Lündigte mir mit Entzuͤcken die Ankunft ihres Herrn Vaters. Hier traten wir unter die Thuͤr und ſchauten, wie aus einer anſehnlichen Felskluft ein glänzender Zug ſich bewegte. Soldaten, Be⸗ diente, Hausofficianten und ein glänzender Hof⸗ ſtaat folgten hinter einander. Endlich erblickte man ein goldenes Gebränge und in demſelben den König ſelbſt. Als der ganze Zug vor dem Pal⸗ raſte aufgeſtellt war, trat der Konig mit ſeiner nächſten umgebung heran. Seine zärtliche Toch⸗ ter eilte ihm entgegen, ſie riß mich mit ſich fort, wir warfen uns ihm zu Füßen, er hob mich ſehr gnädig auf, und als ich vor ihn zu ſtehen kam, vemerkte ich erſt, daß ich freilich in dieſer kleinen Welt die anſehnlichſte Statur hatte. Wir gingen zuſammen nach dem Pallaſte, da mich der Koͤnig in Gegenwart ſeines ganzen Hofs mit einer wohl⸗ ſtudirten Rede, worin er ſeine neberraſchung, uns hier zu finden, ausdruͤckte, zu bewillkommen ge⸗ ruhte, mich als ſeinen Schwiegerſohn erkannte und die Trauungszeremonie auf morgen anſetzte. Wie ſchrecklich ward mir auf einmal zu Mu⸗ the, als ich von Heirath reden hoͤrte; denn ich fuͤrchtete mich bisher davor faſt mehr, als vor der Muſik ſelbſt, die mir doch ſonſt das Verhaß⸗ teſte auf Erden ſchien. Diejenigen, die Muſik machen, pflegte ich zu ſagen, ſtehen doch wenig⸗ ſtens in der Einbildung, unter einander einig zu ſeyn und in Uebereinſtimmung zu wirken; denn wenn ſie lange genug geſtimmt und uns die Ohren mit allerlei Mißtoͤnen zerriſſen haben, ſo glauben ſie ſteif und feſt, die Sache ſey nunmehr aufs Reine und ein Inſtrument paſſe genau zum andern. Der Capellmeiſter ſelbſt iſt in dieſem gluͤcklichen Wahne, und nun geht es freudig los, unterdeß uns Andern immerfort die Ohren gellen. Bei dem Eheſtand hingegen iſt dies nicht einmal der Fall; denn ob er gleich nur ein Duett iſt, und man doch denken ſollte, zwei Stimmen, ja zwei Inſtrumente muͤßten einigermaßen uͤberein geſtimmt werden koͤnnen, ſo trifft es doch ſelten zu, denn wenn der Mann einen Ton angiebt, ſo nimmt ihn die Frau gleich hoͤher und der Mann wieder hoͤher; da geht es denn aus dem Kammer⸗ in den Chorton und immer ſo weiter hinauf, daß zuletzt die blaſenden Inſtrumente ſelbſt nicht fol⸗ gen koͤnnen. Und alſo, da mir die harmoniſche Muſik zuwider bleibt, ſo iſt mir noch weniger zu verdenken, daß ich die gar n leiden kann. Von allen Feſtlichkeiten, worunter der Tag hinging, mag und kann ich nicht erzahlen; denn ich achtete gar wenig darauf. Das koſtbare Eſſen, der koſtliche Wein, nichts wollte mir ſchmecken. — Ich ſann und überlegte, was ich zu thun haͤtte. Doch da war nicht viel auszuſinnen. Ich ent⸗ ſchloß mich, als es Nacht wurde, kurz und gut, auf und davon zu gehn und mich irgend wo zu verbergen. Auch gelangte ich glůcktich zu einer Steinritze, in die ich mich hinein zwaͤngte und ſo gut als moglich verbarg. Mein erſtes Bemuͤhen darauf war, den ungluͤcklichen Ring vom Finger zu ſchaffen, welches jedoch mir keineswegs gelin⸗ gen wollte, vielmehr mußte ich fuͤhlen, daß er immer enger ward, ſobald ich ihn abzuziehn ge⸗ vachte, woruͤber ich heftige Schmerzen litt, die aber ſogleich nachließen, ſobald ich von meinem Vorhaben abſtand. Fruͤhmorgens wach' ich auf— denn meine kleine Perſon hatte ſehr gut geſchlafen— und wollte mich eben weiter umſehen, als es uͤber mir wie zu regnen anfing. Es fiel nämlich durch Gras, Blaͤtter und Blumen wie Sand und Grus in Menge herunter; allein wie entſetzte ich mich, als Alles um mich her lebendig ward und ein unend⸗ liches Ameiſenheer uͤber mich niederſtüͤrzte. Kaum wurden ſie mich gewahr, als ſie mich von allen Seiten angriffen, und ob ich mich gleich wacker und muthig vertheidigte, doch zuletzt auf ſolche Weiſe zudeckten, kneipten und peinigten, daß ich froh war, als ich mir zurufen hoͤrte, ich ſolle — 201— „ mich ergeben. Ich ergab mich wirklich und gleich, worauf denn eine Ameiſe von anſehnlicher Natur ſich mit Höflichkeit, ja mit Ehrfurcht näherte und ſich ſogar meiner Gunſt empfahl. Ich ver⸗ nahm, daß die Ameiſen Alliirte meines Schwie⸗ gervaters geworden, und daß er ſie im gegen⸗ waͤrtigen Fall aufgerufen und verpflichtet, mich herbeizuſchaffen. Run war ich Kleiner in den Haͤnden von noch Kleinern. Ich ſah der Trau⸗ ung entgegen und mußte noch Gott danken, wenn mein Schwiegervater nicht zürnte, wenn meine Schoͤne nicht verdruͤßlich geworden. Laßt mich nun von allen Ceremonien ſchwei⸗ genz genug, wir waren verheirathet. So luſtig und munter es jedoch bei uns herging, ſo fanden ſich demungeachtet einſame Stunden, in denen man zum Nachdenken verleitet wird, und mir be⸗ gegnete, was mir noch niemals begegnet war; was aber und wie, das ſollt Ihr vernehmen. Alles um mich her war meiner gegenwärtigen Geſtalt und meinen Bedurfniſſen völlig gemaͤß, die Flaſchen und Becher einem kleinen Trinker wohl proportionirt, ja wenn man will, verhaͤlt⸗ nißmaͤßig veſſeres Maß als bei uns. Meinem kleinen Gaumen ſchmeckten die zarten Biſſen vor⸗ — 202— trefflich, ein Kuß von dem Muͤndchen meiner Gattin war gar zu reizend, und ich leugne nicht, die Neuheit machte mir alle dieſe Verhältniſſe äußerſt angenehm. Dabei hotte ich jedoch meinen vorigen Zuſtand nicht vergeſſen. Ich empfand in mir einen Maßſtab voriger Groͤße, welches mich unruhig und ungluͤcklich machte. Nun begriff ich zum erſtenmal, was die Philoſophen unter ihren Idealen verſtehen mochten, woburch die Menſchen ſo gequalt ſeyn ſollen. Ich hatte ein Ideal von mir jelbſt und erſchien mir manchmal im Traum wie ein Rieſe. Genug, die Frau, der Ring, die Zwergſigur, ſo viele andere Vande machten mich ganz und gar ungluͤcklich, daß ich auf meine Be⸗ freiung in Ernſt zu denken begann. Weil ich uͤberzeugt war, daß der ganze Zau⸗ ver in dem Ring verborgen liege, ſo beſchloß ich, ihn abzufeilen. Ich entwendete deßhalb dem Hof⸗ juwelier einige Feilen. Glucklicher Weiſe war ich links, und ich hatte in meinem Leben niemals etwas rechts gemacht: ich hielt mich tapfer an die Arbeit; ſie war nicht gering: denn das goldne Reifchen, ſo duͤnn es ausſah, war in dem Ver⸗ hältniß dichter geworden, als es ſich aus ſeiner erſten Groͤße zuſammengezogen hatte. Alle freie Stunden wendete ich unbeobachtet an dieſes Ge⸗ „ * „ * — 203— ſchäft und war klug genug, als das Metall bald durchgefeilt war, vor die Thuͤr zu treten. Das war mir gerathen; denn auf einmal ſprang der goldne Reif mit Gewalt vom Finger und meine Figur ſchoß mit ſolcher Heftigkeit in die Hoͤhe, daß ich wirklich an den Himmel zu ſtoßen glaubte, und auf alle Faͤlle die Kuppel unſeres Sommer⸗ pallaſtes durchgeſtoßen, ja das ganze Sommerge⸗ baͤude durch meine friſche zerſtoͤrt haben wuͤrde. Da ſtand ich nun wieder, freilich um ſo vie⸗ les groͤßer, allein, wie mir vorkam, auch um vieles duͤnner und unbehuͤlflicher. und als ich mich aus meiner Betaͤubung erholt, ſah ich die Schatulle neben mir ſtehen, die ich ziemlich ſchwer fand, als ich ſie aufhob und den Fußpfad hin⸗ unter nach der Station trug, wo ich denn gleich anſpannen und fortfahren ließ. Unterwegs machte ich ſogleich den Verſuch mit den Taͤſchchen an bei⸗ den Seiten. An der Stelle des Geldes, welches ausgegangen ſchien, fand ich ein Schlüſſelchen; es gehoͤrte zur Schatulle, in welcher ich einen ziemlichen Erſatz fand. So lange das anhielt, bediente ich mich des Wagens; nachher wurde dieſer verkauft, um mich auf dem Poſtwagen fortzubringen. Die Schatulle ſchlug ich zuletzt — 204— los, weil ich immer dachte, ſie ſollte ſich noch einmal fullen. und ſo kam ich denn endlich, ob⸗ gleich durch einen ziemlichen umweg, wieder an den Heerd zur Kochin, wo Ihr mich zuerſt habt kennen lernen. E & Soon hatte der Tag ſich geneigt; nur die fer⸗ nen Gebirgsgipfel ſtanden noch von der unterge⸗ henden Sonne geroͤthet, als Robert, nach einer fuͤnfjäprigen Wanderung, ſich wieder an den hei⸗ miſchen Grenzen befand. Der Trieb nach Welt⸗ und Menſchenkenntniß war geſtillt; die Meinung, daß der lauterſte Genuß des Gluͤcks nur im Schooße der Natur zu ſuchen ſey, in ſeiner Bruſt zur Ueberzeugung geworden, und der Erwerb⸗ zweig des Vaters gab, da er ihn auch zu dem ſeinigen gemacht hatte, ihm von ſelbſt die Mittel an die Hund, ſich ſeinen Lieblingsneigungen hin⸗ fort ungeſtoͤrt zu uͤberlaſſen. Mit bewegtem Herzen warf er an dem pů. gel ſich nieder, zu welchem ſein Vater am Tren⸗ nungstage ihn begleitet hatte. Jahre waren ſeit⸗ dem verflogen, aber neu und unvergeßlich war — 908— ihm die fromme Ruͤhrung geblieben, welche die Stunde des Abſchieds heiligte. Schon war die Nacht eingebrochen, als er die erſten Huͤtten des Dovfs erreichte. Aber wel⸗ ches Erſtaunen vemäͤchtigte ſich ſeiner, als ihm an der Stelle, wo ehedem das väterliche Jäger⸗ haus ſtand, ein neu aufgefuͤhrtes, groͤßeres Ge⸗ vaude in die Augen ſiel. Keine Täuſchung konnte hier obwalten; denn er befand ſich ja unter den nämlichen Linden, in deren Schatten ſein Vater ſonſt von den Geſchaͤften des Tages auszuruhen pflegte. Er ſtand wie eingewurzelt und ſeine „Blicke hingen ſtarr an dem vor ihm ſtehenden Gebaͤude. Ein kleines Mädchen ging jetzt an ihm voruͤber. Mit wilder Geberde faßt er es bei der Bruſt und ſtammelte den Namen ſeines Va⸗ ters. Das erſchrockene Kind riß, auf eine nahe Huͤtte zeigend, ſich von ihm los, und Robert eilte nach dem bezeichneten Orte. Er offnete die Thuͤr und trat in eine matt erhellte, ärmliche Stube. Eine bleiche, abge⸗ yärmte Geſtalt wankte ihm entgegen— es war ſeine Mutter! Seine Sinne vergingen ihm; betäubt vor Schreck und Entſetzen ſank er auf den hoͤlzer⸗ nen Seſſel nieder, von welchem die leichenaͤhnliche Geſtalt ſich ſo eben erhoben hatte.„So ſehen wir uns wieder!“ ſeufzte ſie, und Robert, wie — 209— aus einem ſchweren Traume erwachend, fing an, ſich ſelbſt wieder zu erkennen. In kurzen Worten erfuhr er den ganzen Zu⸗ ſammenhang der waͤhrend ſeiner Abweſenheit Statt gefundenen ſchrecklichen Ereigniſſe. Eine in ſtuͤr⸗ miſcher Nacht ausgebrochene Feuersbrunſt ver⸗ zehrte die ganze Habe ſeiner Eltern. Verarmt und huͤlflos ſtanden ſie bei aufgehendem Tage am glimmenden Aſchenhaufen. Ein mitleidiger Nach⸗ bar nahm ſie einſtweilen in ſeine Wohnung auf, und verſorgte ſie mit den nothigſten Lebensbeduͤrf⸗ niſſen. Aber das Schickſal wollte noch haͤrter ſchlagen. Zu gewaltſam hatten der Schreck und die Todesangſt, worin die Ungluͤcklichen bei jenem furchterlichen Erwachen, welches erſt erfolgte, als ihr Haus ſchon in vollen Flammen ſtand, auf den Koͤrper des alten Foͤrſters gewirkt. Er verfiel in eine todtliche Krankheit. In heißen Gebeten flehte er um die Erhaltung ſeines Lebens; aber ſchon nach einigen Tagen verſchied er in den Ar⸗ men der Elenden, die troſtlos und an der Gnade des Himmels verzweifelnd, an ſeinem Lager kniete. Auch der Poſten des Alten war bei Roberts Ruͤckkehr bereits durch einen Andern beſetzt. Alles hatte der neue Foͤrſter angewandt, um die guͤn⸗ ſtige Gelegenheit nicht ungenutzt vorvergehen zu II. 14 laſſen. Was Bitten und Beſtuͤrmungen nicht ver⸗ mochten, bewirkte eine Hochzeit mit der alten Gouvernante, die bei dem gnaͤdigen Herrn, gleich im Anfange durch ein gefaͤlliges Betragen ſich den Gnadengehalt auf Zeitlebens auszuwirken gewußt hatte. Zu ploͤtzlich ſah Robert ſich vom Sonnen⸗ gipfel frohlicher Erwartungen in den Abgrund der Verzweifelung hinabgeſtuͤrzt; nur allmaͤhlig konnte der Muth, zu handeln, in ſeine Seele zuruͤckkeh⸗ ren. Lange bemuͤhte er umſonſt ſich um einen Poſten beim Forſtweſen in umliegender Gegend; lange blieb ſein Anerbieten, in irgend einem an⸗ dern Fache zu dienen, vergeblich. Das Elend war indeſſen aufs hoͤchſte geſtiegen; die Zeit dräͤngte! Er kam den Aufwallungen des ſtolzen Geiſtes mit dem Biülde der huͤlfloſen Mutter ent⸗ gegen und ward— Tagelohner an dem noch un⸗ vollendeten Gebaͤude des Foͤrſters. In welchem unendlichen Kontraſte mit der Vergangenheit erſchien ihm jetzt die Gegenwart! Ohne Widerrede mußte er in die Launen der nämlichen Menſchen ſich fuͤgen, deren Vorgeſetzter er ſonſt geweſen war, ach! und ſie ließen es ihm oft auf das empfindlichſte fuͤhlen, daß die Zeiten ſich äͤndern! Dennoch verrichtete er die ihm an⸗ gewieſenen niedern Geſchäfte ſo ruhig, ſo beſon⸗ N nen, als habe er ſich ihnen von je her gewidmet. Nur dann erroͤthete ſein von Gram und Kummer gebleichtes Geſicht, wenn der von der Jagd zu⸗ ruͤckkehrende Foͤrſter ihm auftrug, den Jagdhund an die Kette zu legen, oder einem erbeuteten Fuchs den Balg abzuſtreifen. Anderthalb Monate waren verfloſſen, als mit dem nun vollendeten Gebaͤude ſein kuͤmmer⸗ licher Erwerb zu Ende ging. Der druͤckende Mangel, den er bisher muͤhſam abgewehrt hatte, drohte mit allen ſeinen Schrecken wieder herein⸗ zubrechen. Unter dieſen umſtaͤnden von ſeiner alten Mutter ſich zu trennen, um anderswo ſein Heil zu verſuchen, war ihm unmoͤglich; gleich⸗ wohl durfte er in dieſer Gegend auf einen neuen Erwerbzweig ſich nicht die entfernteſte Hoffnung machen. Es blieb ihm alſo nichts uͤbrig, als ge⸗ meinſchaftlich mit ſeiner Mutter den Ort zu ver⸗ laſſen, wo ſie von ſo ſtrengen Pruͤfungen waren heimgeſucht worden. Er nahm die eruͤbrigte karge Baarſchaft zuſammen, lud die verroſtete Flinte und den Mantelſack, in welchem ihre letzten Hab⸗ ſeligkeiten ſich befanden, auf Ruͤcken und Schul⸗ tern, und in kurzem hatten ſie das Dorf aus dem Geſicht verloren. So waren ſie nach einer achttägigen, lang⸗ ſamen Wanderung in einem, an der boͤhmiſchen *„ Grenze liegenden, armſeligen Dorfchen angelangt, als die Kraͤfte der Alten zur weitern Fortſetzung des Weges erſchoͤpft waren. Mit Muͤhe fanden ſie ein einſtweiliges Unterkommen. Aber auch hieher war ihnen die Ruthe des Schickſals ge⸗ folgt. Die Arme ward von einer ſchweren Krank⸗ heit befallen. Schon am Tage nach der Ankunft lag Robert vor ihrem Lager auf den Knien, um ſie in ihrer brennenden Fieberhitze mit kuͤhlem Waſſer zu erquicken. Flehend bat ſie den Him⸗ mel um ihr Lebensende; doch die Stimme der Erhorung ſchwieg; aber Linderung der Schmerzen wähnte ihre glaͤubige Seele nach dieſem Gebete zu finden. Gleich einem unſtaät irrenden Geiſte ſchweifte Robert, nachdem ihre Geneſung erfolgt war, auf den Gebirgen umher, die das Dorf umſchloſſen; ſo daß er oft erſt mit anbrechendem Morgen nach Hauſe zuruͤckkehrte. Durch dieſe nächtlichen Wan⸗ derungen ſuchte er ſeinem gepreßten Hexzen Luft zu machen, aber ſie begruͤndeten bald ihren Ein⸗ fluß auf ſein ganzes kuͤnftiges Leben. In ernſte Betrachtungen vertieft, ſaß er eines Abends auf einer Felſenklippe;z duͤſter uͤberſchaute ſein Auge die Gegend, die im blaſſen Lichte des Mondes vor ihm lag. Ploͤtzlich vernahm er ein Geräuſch im nahen Gebuͤſch. Er wurde aufmerk⸗ , — 213— ſam und gewahrte in einiger Entfernung zwei Hirſche, die ſorglos ſicher im hohen Graſe wei⸗ deten. Pfeilgeſchwind entflohen ſie, als ſie ihn bemerkten, aber ein unwandelbarer Entſchluß hatte ſich augenblicklich in ſeiner Seele befeſtigt. Am andern Morgen fing er an, ſeine von Roſt zerfreſſene Jagdflinte zu reinigen und in Stand zu ſetzen. Die ſtille Emſigkeit, mit wel⸗ cher er dies Geſchäft betrieb, erregte bald die Aufmerkſamkeit der Mutter. Sie mochte nichts Gutes ahnen und bat ihn dringend, ihr uber ſein geheimnißvolles Benehmen Aufſchluß zu geben. Es war jedoch nicht ſein Wille, ſie ſchon jetzt zur Vertrauten ſeines Vorſatzes zu machen; ſeine Antworten blieben daher einſylbig. Allmählig neigte ſich der Tag, und ſein Herz fing gewaltig an zu klopfen, als die niedergehende Sonne hin⸗ ter den Bergen verſchwunden war. Die Zeit des Aufbruchs war gekommen. Haſtig druckte er der Mutter die Hand zum Abſchiede. Sie wollte ſprechen, aber ſchon war er davon geeilt. Ein wenig betretner Fußſteig durch die Hinterthuͤr des Gartens fuͤhrte ihn den waldigten Hoͤhen der Verge zu. Hier ſtand er, und ode Stille herrſchte um ihn her. Er ſuchte alle Vernunftgruͤnde her⸗ vor, den innern Aufruhr der Seele zu beſchwich⸗ tigen; aber jedes vom Baume fallende Blatt er⸗ * fullte ihn mit Zagen. Kaum war er noch einige Schritte gegangen, als er ein Reh erblickte, das auf einem, vom Mond erhellten, freien Platze weidete. Mit martervoller Behutſamkeit wankte er naäher, druͤckte die Flinte ab und roͤchelnd ver⸗ blutete ſich die Beute. Es bedurfte keiner großen Muͤhe, um fuͤr den erjagten Raub verſchwiegene Käufer zu finden. Es waren einige Bauern aus den umliegenden Doͤrfern, denen er durch ſein Handwerk einen doppelten Gefallen erzeigte. Er war der Schutz⸗ gott ihrer Felder, und lieferte ihnen unter den billigſten Bedingungen den Sonntagsbraten in die Kuͤche. Eines Abends war Robert bei Verfolgung eines Wildes in eine ihm bisher unbekannte Ge⸗ gend gerathen, er verlor ſich und kam an die Huͤtten eines Doͤrfchens, die ſich bis an den jaͤhen Abhang eines Berges erſtreckten, welcher, abge⸗ riſſen von der Kette der uͤbrigen, ſich majeſtätiſch aus der Mitte eines anmuthigen Thales erhob. Es war der Oybin, ein Wunderwerk der Na⸗ tur, das er bereits aus fruͤhern Schilderungen kennen gelernt und zu ſehen oft gewuͤnſcht hatte. Ein ſchmaler Fußſteig fuͤhrte ihn hinauf, und hingeriſſen zu freudiger Bewunderung erklimmte — 2156— er den Gipfel, den die erſten Strahlen der Mor⸗ genſonne roͤtheten. Der Berg war nur eine Stunde Weges von Roberts Wohnung entfernt. Bald hatte er auf demſelben ſich ein Lieblingsplaätzchen erſehen, das er faſt jeden Abend beſuchte. Es war eine, von wild uͤber einander hängenden Felſenſtuͤcken gebil⸗ dete Grotte. Der Weg dahin fuͤhrte an tiefen Abgruͤnden vorbei und war mit Moos und Ge⸗ ſträuch bewachſen. Ein erwuͤnſchtes und koſtbares Er trat wieder hinaus ins Freie und befand ſich unter Graͤbern. Es war der Todtenacker des Doͤrfchens, der, auf der Mitte des Berges gele⸗ gen, jedem Fremdlinge einen eben ſo uͤberra⸗ ſchenden, als herzerhebenden Anblick gewährt. Eines der Graͤber unterſchied ſich von den uͤbrigen durch ein friſcheres Gruͤn und war mit Blumenſtauden umpflanzt, die einer fortwähren⸗ den Pflege zu genießen ſchienen. Dieſe Muth⸗ maßung ward bald gerechtfertiget. Denn als Robert einſt in ſpäter Nacht aus ſeiner Grotte zuruͤckkehrte und an dem Grabe vorbeiging, er⸗ blickte er eine Zither, die an einen Roſenſtock ge⸗ lehnt war. Er nahm ſie auf und trug ſie nach der Grotte, um ſie dem Eigenthuͤmer gelegentlich wieder in die Hände zu liefern. Es vertichen — 216— jeboch zwei Tage, ohne daß er eine Spur von demſelben haͤtte entdecken koͤnnen. Mit melancholiſchen Gedanken uͤber ſein Schickſal ſaß er am dritten Abend auf einer, hart an ſeiner Grotte beſindlichen Felſenbank, wo er waͤhrend des untergangs der Sonne ſich aufzuhal⸗ ten gewohnt war. Die Zither lag neben ihm; er nahm ſte— da er ſchon als Knabe ſie ſpielen gelernt hatte,— und ſang in ihre Doͤne: Freundliches Sonnenlicht Willſt du entrinnen? Schwindet der Jammer nicht, Der mir das Herz zerbricht, Endlich von hinnen? Raſch wie die Welle treibt Fliehet die ird'ſche Luſtz Ach! nur der Kummer bleibt Feſt in der Menſchenbruſt! Duͤrft ich an deiner Pracht Fröhlich mich weiden, Erſt wenn kein Auge wacht, Einſam in truͤber Nacht Klagen und leiden! — — Aber die tiefe Qual Endet im Sternenlicht Fliehet im Sonnenſtrahl, Schlummert im Dunkel nicht! Kuͤhlere Bergesluft Hat ſich ergoſſen; Schwärmender Nachtflug ruft Seine Genoſſen. Fliehe dahin, dahin, Lieblicher Purpurſcheinz Denn mit bewolktem Sinn Harrt die Verlaßne mein! Steht mir das lichte Thor Droben noch offen? Darf ich empor, empor Zu der Geſtirne Chor Schauen und hoffen? Pfadlos im Erdgefild Irret der ſcheue Lauf; Nur wenn mich Nacht umhuͤllt, Thut ſich die Heimath auf: Robert war diesmal nicht ſo einſam, als er glaubte. Denn als er von ſeinem Sitze ſich er⸗ „ hob, erblickte er ein reizendes Maͤdchen, bas ſei⸗ nen Geſang belauſcht hatte. Er fuͤhlte ſich pein⸗ lich uͤberraſcht, und eine gluͤhende Rothe uͤberflog ſein Geſicht. Langſam naͤherte er ſich der holden Geſtalt, und uͤberreichte ihr die Zither, indem er des begangenen Raubes wegen ſich entſchuldigte. Sie erwiederte kein Wort; ihre Augen ſchwam⸗ men in Thraͤnen und mit gepreßter Seele eilte Robert den Berg hinunter. Ihn nie wieder zu betreten, war ſein Ent⸗ ſchluß. Drei Tage blieb er dieſem getreu; aber ſein ganzes Weſen verzehrte ſich unter dem Drucke dieſer Gewiſſenhaftigkeit. Gleich einem argliſti⸗ gen Spion ſchlich er, ſobald der Abend gekom⸗ men war, um den Berg herum, und das leiſeſte Geraͤuſch ſchreckte ihn zuruͤck; da er indeſſen in zwei Abenden keine Spur eines weiblichen We⸗ ſens entdeckte, fing er an dreiſter zu werden. WMit dem Vorſatz, die Grotte zu beſuchen, erſtieg er den Berg. Der Weg fuͤhrte ihn an dem Got⸗ tesacker vorbei; wie groß aber war ſeine Ueber⸗ raſchung, als er die reizende Freundin auf einem Grabhuͤgel ſitzen ſah. Robert ſtand wie in den Boden gewurzelt, ſie aber nahete mit ſchnellen Schritten, faßte ihn bei der Hand und bat ihn, ihr zum Grabe zu folgen. Er konnte nicht wi⸗ 4 — 219— derſtreben, ſein Entſchluß erlag der Gewalt des Augenblicks. — Emma war die Tochter eines benachbar⸗ ten Landpredigers. Seit ihrer Kindheit war das Grab ihrer Mutter, die ſie nicht mehr gekannt hatte, das einzige Ziel der abendlichen Spazier⸗ gänge, die ſie an der Seite ihres Vaters und einer Freundin, mit der ſie bis zum zwolften Jahre erzogen wurde, anzuſtellen gewohnt war. Nachdem ihre Freundin Mathilde nach einer ent⸗ fernten Stadt gezogen wär, waͤhlte ſie die Blu⸗ men auf ihrer Mutter Grabe zu ihren einzigen Geſellſchaftern. Denn der Vater, dem bei heran⸗ nahendem Alter das Erſteigen des Berges zu be⸗ ſchwerlich wurde, pflegte ſeine Tochter nur bis zur Haͤlfte des Weges zu begleiten. Emma wähnte von dem Geiſte der Mutter ſich umweht, ſobald ſie am Grabe ſaß, und den Klang der Abendglocke von der unten gelegenen Dorfkirche ſich mit den Toͤnen ihrer Zither vermiſchte.— Robert ward durch Emma's heitre Vertrau⸗ lichkeit in ein ſuͤßes Vergeſſen ſeines Kummers eingewiegt.— Die Nocht brach herein und ſie mußten ſich trennen. Erſt in dem Augenblicke, da ſie ihre Zither ergriff und ihm die Hand zum Abſchiede reichte, verflogen die ſchonen Traͤume, in die er ſich verloren hatte. Emma hat ihn⸗ 2— morgen wieder zu kommen. Robert druͤckte ihre Hand an ſeine Bruſt und ſagte ihr zu, was ſie. verlangte. Lange noch verweilte er an dem Grabe und ſeine Blicke waren unbeweglich apf den Platz geheftet, wo ſie verſchwand. Ein furchtbarer Kampf hatte in ſeinem In⸗ nern ſich entſponnen. Dreimal hatte er am Grab⸗ yuͤgel von Emma mit dem Vorſatze, ihre beſeli⸗ gende Nähe auf immer zu meiden, Abſchied ge⸗ nommen. Aber vergebens! Kaum neigte ſich die Sonne zum Niedergange, ſo war der Muth, ſei⸗ nem Entſchluſſe treu zu bleiben, dahin. Er eilte dann nach dem geliebten Orte und betrat in ängſt⸗ licher Verwirrung die Flur der Todten. Es war an einem heitern Abend. Vergebens bemuͤhte ſich Robert, das mächtig erwachende Gefuͤhl der Wehmuth zu unterdruͤcken. Wit er⸗ 5 zwungener Käͤlte heftete er den Blick an den Bo⸗ den, um ihn nicht zum Verraͤther des Herzens werden zu laſſen. Emma erbot ſich, ihm etwas auf der Zither vorzuſpielen, wenn er es anhoͤren wollte, und Robert erklärte in ſtockenden Wor⸗ ten, daß er dieſen Dienſt längſt gehegt habe. Sie begann, und in eine andre Welt glaubte der Staunende ſich verſetzt. So hatte er ſie noch nie geſehen. Sie lebte ganz in dem Liede. Ihre Augen flammten, ihre Wangen gluͤhten. Sein £ — 221— Herz war uͤberwaͤltigt und er vermochte nicht län⸗ ger ſich zu faſſen. Noch ehe ſie ihren Geſang geendet hatte, ſtuͤrzte er wie betäubt zu ihren Fuͤßen. Emma erſchrak und beugte ſich nieder, um ihn aufzurichten; Beide geſtanden ihre Liebe zu einander. Die Stunde des Aufbruchs war gekommen. Robert machte ſie darauf aufmerkſamz denn er dachte mit Schaudern an eine moͤgliche Ueberra⸗ ſchung ihres Vaters. Emma lehnte weinend ihr Geſicht an ſeine Bruſt; dann hob ſie zögernd ihre Zither vom Boden und ging. Noch einmal wandte ſie ſich nach ihm um, dann verſchwand ſie hinter dem Geſträͤuch. Robert ſank auf ſeine Knie, er fuͤhlte ſich frei von jeder irdiſchen Verkettung. Seliger Rauſch des Herzens! O daß der Menſch doch immer und ewig, ſelbſt in den erhe⸗ benſten Momenten des Lebens, an irdiſche Geſetze gefeſſelt bleibt! daß er aus der lieblichſten Traum⸗ welt ſo ſchnell in ſein froſtiges Daſeyn zuruͤckkeh⸗ ren muß. Mehrere Tage verſtrichen, ohne daß die Lie⸗ benden ſich wieder ſahen. Stuͤrmiſches Regenwet⸗ ter verhinderte Emma, den Berg zu erſteigen⸗ Robert hingegen konnte durch kein Hinderniß ab⸗ gehalten werden, den Zweck zu erreichen, ſeine huͤlfloſe Mutter vor Mangel zu ſchuͤtzen. Kaum — 222— erbleichten die Sterne im dämmernden Morgen⸗ licht, ſo eilte er mit raſchen Schritten wieder dem Gebirge zu. Er fuͤhlté ſich erleichtert, wenn er die Nebel, die uͤber die Fluren ſich verbreite⸗ ten, unter ſeinen Fuͤßen dampfen ſah und die freie Bergluft athmete. Dann verlor er ſich im⸗ mer weiter und weiter in die Gegend, ſo daß oft der Tag darüber verſtrich und er erſt mit einbrechender Nacht den Oybin wieder erreichte. Auf einem dieſer Streifzuge kam er an einem Mittage in ein anmuthiges Dorfchen. Er frug einen vorubergehenden Knaben nach dem Namen deſſelben, und ein freudiges Erſtaunen bemaͤch⸗ tigte ſeiner, als dieſer ihm Emma's Wohnort nannte. Gern haͤtte er mit dem Knaben, der ein gutes, offenes Geſicht hatte, ſich weiter ein⸗ gelaſſen, dieſem mochte aber hieran weniger ge⸗ legen ſeyn; denn auf die Frage, wo das Pfarr⸗ haus ſtehe, lief er ſchnell davon, indem er nach der Gegend hinzeigte. Einem Menſchen, wie ihm, war es aber unter Menſchen niemals ſo ganz geheuer. Hin und wieder guckten auch ſchon neugterige Geſichter aus den gebffneten Fenſtern. Robert, der nicht Luſt hatte, dieſe Neugierde zu befriedigen, ſuchte das Freie, und erblickte ſeit⸗ wärts einen Garten, der an ein ziemlich anſehn⸗ tches Gebaͤude ſtieß. Er ſchlich näher, mit der — 223— ängſtlichen Beſorgniß, daß vielleicht ein argliſtiger Spaͤher ſeine Schritte belauſche. Aber die Flur war rings umher dode und verlaſſen. Jetzt war die Gartenmauer erreicht und eine, nur ange⸗ lehnte Thuͤr fiel ihm in die Augen. Er oͤffnete ſie und trat in einen, von Haſelgeſträuch dicht bewachſenen Gang. Niemand war im Garten; er faßte Muth, weiter zu gehen und ein Seiten⸗ gang der Allee fuhrte ihn in ein Gartenhäuschen. Seltſame Schauer durchdrangen ihn in dieſem ſtillen Heiligthume. Auf dem Tiſche lag ein auf⸗ geſchlagenes Buch, mit folgender roth unterſtriche⸗ nen Stelle: ⸗ Drum laſſet uns mit ſuͤßem Frieden Der letzten Ruh entgegen gehn! Der Weg iſt rauh, das Ziel iſt ſchoͤnz Beſchließt ſich unſer Lauf hienieden, Wird uns der Himmel offen ſtehn! Auf der vordern Seite des Buchs ſtand Em⸗ ma's Name; er durfte alſo nicht zweifeln, daß er in ihrer Nähe ſich befinde. Lange verweilte er an dieſem Orte und ſeine Bruſt fuͤhlte wie durch lindernden Balſam ſich erquickt; er eilte nach dem Berge zuruͤck.„Morgen,“ rief er mit einem Seufzer,„morgen werde ich ſie ſehen und vielleicht— ja gewiß zum letztenmale!“— Im erſten Taumel der Liebe hatte Robert an die unmöglichkeit, ihren Beſitz zu erringen, nicht gedacht. Erſt als er ruhiger wurde, trat der Gedanke an dieſelbe in ſeiner ganzen fuͤrch⸗ terlichen Groͤße vor ſeine Seele. Er ſah den Abgrund, an deſſen Rande er ſich befand. Mit ihm mußte auch Emma hinab, wenn er nicht fruͤh genug das Band zerriß, welches ihr Geſchick mit dem ſeinigen aufs innigſte zu verflechten drohte. Er fuͤhlte ſich jetzt von der Pruͤfung des Himmels heimgeſucht; aber er beſchloß, ſie zu beſtehen und das Opfer ſeiner eigenen Gefuͤhle zu werden. Der Abend, an welchem der Entſchluß aus⸗ gefuͤhret werden ſollte, erſchien, und mit ihm Emma, innig erfreut, den Langentbehrten wieder zu finden. Sie merkte aber ſogleich, als er ihr am Grabe entgegen kam, daß während der Zeit, da ſie einander nicht geſehen, eine große Veraͤn⸗ derung in ſeinem Innern vorgegangen ſey. In ſeinem Geſichte lag eine ſo ſeltſame Freundlich⸗ keit, daß ſie ſchauderte; doch ſuchte ſie ſich, ſo gut ſie konnte, zu faſſen. Er aͤußerte, daß der herbeieilende Winter ihre Zuſammenkuͤnfte nun bald ganz unterbrechen werde, und ſprach viel von der Trennung in dieſem und vom Wieder⸗ — 225— ſehen im andern Leben. Er druͤckte dabei ef ihre Hand, aber in ſeinen Worten herrſchte eine toͤdtliche Ruhe. Er entging ihr, bedeckte mit beiden Häͤnden die hervordringenden Thränen ſei⸗ ner Augen und war verſchwunden, ehe ſie von ihrer toͤdtlichen Betaͤubung ſich erholen konnte. Sie ſah ihn nicht wieder und mußte in der furch⸗ terlichſten Betäubung nach Hauſe gehen. Kaum war ſie Tages darauf am Grabe an⸗ gekommen, als ihr ein verſiegeltes Papier in die Augen fiel. Ihr Geſicht erbleichte und ihr Hers klopfte gewaltig; denn ſie ahnte den Inhalt deſ⸗ ſelben. Mit zitternden Haͤnden erbrach ſie es, und las folgende Worte: „Nichts vermag ich jetzt dem unerbittlichen Schickſale mehr entgegen zu ſtellen. Trennung heißt ſein unwiderrufliches Gebot; ich gehorche mit blutendem Herzen und ſcheide, eh Verzweif⸗ lung meine Sinne zerruͤttet. O meine Emma! — noch einmal ſey es mir vergoͤnnt, bei dieſem theuren Namen Dich zu nennen— Emma, lerne den Fremdling kennen, der an Deinem Buſen ruyte, und Du wrirſt ſeine Nähe fliehen. Die Freuden des Lebens und den Frieden Deiner Seele habe ich Dir geraubt. Weine nicht, Em⸗ ma! Thraͤnen ſind heilig! AIch, ich muß mich ſelbſt anklagen als einen Frechen, der Dich arg⸗ M. 15 — 226— tiſtig vinterging. Reiße Dich mit Verachtung von dem Betruͤger los. Meide den Ort, wo Du ihn fandeſt, die Stelle, wo er zu Deinen Füßen nie⸗ verſank; meide das Grab, wo der Geiſt Deiner Mutter zuͤrnend weilt.— Auch ich will die Thraͤ⸗ nen zuruͤck halten, bie fuͤr mein zerriſſenes Herz ein linbernder Balſam ſeyn wuͤrden. Der Gefuͤhle ſtiler, heiliger Verein loͤſe ſich auf in meiner Bruſt und vergehe.— Die ganze Schwere mei⸗ nes Schickfals hängt ſich an das Lebewohl, das ich Dir ſage. Die Mitternacht iſt die Zeugin meines Kummers; aber ſie verſtummt, wie der ſcheidende Engel meines Gluͤcks und meiner Ruhez ich hebe mein Auge zum nächtlichen Himmel em⸗ por, aber von keinem ſeiner Sterne faͤllt ein Hoffnungsſtrahl in meine Seele.— Schon rollen neue Thränen aus meinen Augen, welche die Schriftzuge wieder verwiſchen. Bewahre ſie als ein trauriges Andenken an den unglucklichen, der den Entſchluß, ſeiner heiligſten Pflicht Genuge zu leiſten, mit gebrochenem Herzen vollfuhrte. Robert der Wildſchuͤtz.“ Starr vor Schrecken hing Emma's Blick an dem toͤdtlichen Papiere; alle Lebensgeiſter waren von ihren Wangen geflohen. Lungſam legte ſie den Brief zuſammen und eine ſtumme Kälte uͤber⸗ zog ihr Geſicht. Sie verbarg es knieend im hohen Grafe des mätterlichen Grabhügels. Noch röthete der Strahl der untergehenden Sonne den Gipfel des Berges, als ſie dem abwaͤrts leitenden Pfade zuſchwankte. Die Zither ſchleuderte ſie mit bit⸗ term Lächeln den Abgrund hinunter. Seufzende Toͤne ſchollen aus den Tiefen herauf. In abgebrochenen Worten erfuhr der ſtau⸗ nende Vater das Geheimniß, das Emma bis jetzt tief in ihre Bruſt verſchloſſen hatte. Er las Ro⸗ berts Brief, und kein finſterer Vorwurf verſtieß das ungluͤckliche Maͤdchen, das an ſeiner Bruſt Troſt und Beruhigung ſuchte. Aber Emma hatte mehr als dies von nothen; denn ein heftiges Fie⸗ ber fing noch dieſen Abend an, in ihren Gliedern zu toben. Man brachte ſie ins Vette, und der bekuͤmmerte Vater wachte ſelbſt die ganze Nacht hindurch an ihrer Seite. Er ſchauderte bei den ſinnloſen Phantaſien der Ungluͤcklichen, die einan⸗ der jetzt verfolgten. Erſt gegen Morgen verſank ſie in einen tiefen Schlaf, der mehrere Stunden dauerte. Der Vater war hoch erfreut, als ſie bei ihrem Erwachen mit leiſer Stimme ihm ver⸗ ſicherte, daß ſie ſich zwar ſehr matt, aber beſſer fuhte. Mit ruͤhrender Freundlichkeit beſchwor er ſie, ruhig zu ſeyn und nicht durch ungeduld ihre Leiden zu verſchlimmern. Mit heißen Thränen — 228— benetzte Emma ſeine Hand; denn ſolche Schonung und Guͤte hatte ſie nicht erwartet. Wirklich hatte der alte Gruͤnfeld in der ver⸗ gangenen Racht, wo er Zeit genug hatte, den ganzen Vorfall reiflich zu uͤberlegen, beſchloſſen, den Juͤngling aus der Gefahr zu retten, in der er ſchwebte, und deren verderblicher Pfeil fruͤher oder ſpäter ihn treffen mußte. Aus dem Briefe erkannte er deutlich, daß Robert ein edler Menſch ſey, den nur die hoͤchſte Noth zu dem Gewerbe gezwungen habe, das er trieb. Zwar erwachte anfangs in ſeinem Innern ein bitterer Unwille uber Emma's kalte Verſchloſſenheit gegen einen Vater, der ſonſt ihr ganzes Vertrauen beſeſſen hatte; aber er beruhigte ſich, denn er wußte aus eigener Erfahrung, wie gern und ſorgfaͤltig das Herz in ſich ſelbſt verſchließt, wenn die erſten Keime der Liebe ſich in ihm entwickeln. Mit wil⸗ liger Seele verzieh er ſeiner Tochter die abend⸗ lichen Zuſammenkuͤnfte auf dem Bergez denn eine Gattin, die er Jahre lang beweinte, hatte dabet als himmliſcher Schutzgeiſt ſie umſchwebt. Noch einige Tage mußte Emma das Vette puͤten, doch war ſie jetzt, nach der Verſicherung des Arztes, außer Gefahr. Ach, ihre Liebe war durch das traurige Geſtaͤndniß, das jener Brief enthielt, nicht erloſchenz; vielmehr weckte der —— — 229— Edelmuth ihres Vaters einen neuen Hoffnungs⸗ ſtrahl in ihrer Seele auf, der ihre Geneſung be⸗ ſchleunigte. Alle Wanderungen aber, die ſie hier⸗ auf ſowohl allein, als in Geſellſchaft ihres Va⸗ ters nach dem Berge unternahm, waren vergeb⸗ lich. Sie forſchten unten bei den Dorfbewohnern nach Robert, aber Niemand wollte ihn geſehen haben. Denn Robert vermied, nachdem er den Brief an Emma geſchrieben hatte, auf ſeinen Streifereien mit aͤngſtlicher Gewiſſenhaftigkeit die Nähe des geliebten Berges, und wandte ſich nach andern entgegengeſetzten Gebirgsgegenden. Aber mit dem Gefuͤhl, den hochſten Lebensverluſt erlit⸗ ten zu haben, trat auch eine kalte Gleichgültig⸗ keit gegen alles, was noch uͤber ihn beſchloſſen ſeyn konne, in ſeine Seele. Kein Wunder alſo, daß er ſein heimliches, gefaͤhrliches Gewerbe jetzt mit nachlaͤſſiger unvorſichtigkeit zu betreiben an⸗ fing. Man war ihm auf der Spur, und die er⸗ bitterten Jäger beſchloſſen, den ungebetenen Gaſt gelegentlich in aller Stille aus dem Wege zu rau⸗ men. Wenige Muͤhe wuͤrde es ihnen gekoſtet haben, ihr Vorhaben auszufuͤhren: waͤre nicht Robert jetzt zuweilen Wochen tang an das Bette ſeiner Mutter gefeſſelt geweſen, die in der immer mehr zunehmenden Alterſchwaͤche die Annäherung ihres letzten Stuͤndleins zu fuͤhten glaubte. Der — 230— gufall wolkte es, daß er gerade in denjenigen Naͤchten die Waͤlder durchſtreifte, wo die feind⸗ lichen Spaͤher, der vergeblichen Nachtwachen muͤde, einer behaglichern Ruhe pflegten, als ihnen der rauhe, beſchneite Forſt gewährtez und ſo entging er ohne eigenes Verdienſt dem Netz ihrer Rachſtellungen. Schon war der Winter zur Haͤlfte verſtrichen und Robert, ſeinem Beluͤbte treu, war nicht auf den Verg gekommen. Allmählig aber erwachte die Sehnſucht in ihm, ſeine Lieblingsgrotte, in welcher er ſo ungeſtoͤrt und ruhig ſeinen Gedan⸗ ken nachhängen konnte, einmal wieder zu ſehen. Er beſchloß, dieſem Wunſch ſeines Herzens, der ſo unſchuldig und ſo— herzlich war, einmal nach⸗ zugeben, und wanderte eines Nachmittags getroſt den Berg hinauf. Durch tiefen Schnee mußte er ſich den Weg bahnen. Kein lebendiges Geſchopf ſah er auf demſelbenz aber in jedem duͤrren, be⸗ ſchneiten Geſtraͤuch vernahm ſeine Phantaſie Stim⸗ men der Liebe. Oft glitt ſein Fuß auf dem glat⸗ ten, gefaͤhrlichen Boden aus, doch er kannte ja den Weg, den er verfoſgte, mit allen ſeinen Ge⸗ fahren aufs eie ging weiter. Jetzt kam er an ſeine Grotte, und wie ein frommer Schwar⸗ mer die lang entbehrten Hallen des Temyels be⸗ tritt, ſo begrußte Robert das ſtille Heiligthum — 231— ſeiner Empfindungen und Thränen. Der ſitrenge Winterfroſt trieb ihn bald wieder nach Hauſe zu⸗ ruͤck; aber er beſchloß, von nun an jeden Tag wenigſtens eine Stunde auf dem Verge zuzubrin⸗ gen. Niemals fand er eine Spur, daß Jemand hier geweſen ſey, und immer gewiſſer ward es ihm, daß Emma ihn von hier auf immer entfernt gauve, und daß ihr Herz mit der Zeit ſich wie⸗ der beruhigen und eines beſſern Gluͤcks genießen werde. Aber bei dem Gedanken an dieſes„beſſere Giuch“ ergriff ihn immer ein eigenes, banges Gefuͤhl, welches ihn erſt dann wieder verließ⸗ wenn er einen Blick in den fuͤrchterlichen Abgrund geworfen hatte, an welchem ſeine Grotte lag⸗ Das Lerz hoͤrt nie auf zu wuͤnſchen und zu begehren. Kobert fuͤhlte eine unuͤberwindliche Begierde, zu wiſſen, wie ſein letzter Abſchieds⸗ brief auf Emma gewirkt habe, und was ſeit dem Tage der Trennung aus ihr geworden ſey. Ein inneres, leiſes Grfuͤhl verwies ihn auf die Ge⸗ fahren, mit welchen jeder Verſuch, ſie zu ſehen, verknäpft ſeys doch die Stimme der Vernunft verſtummte zuletzt vor der wärmern Ueberredungs⸗ kunſt des Herzens. Der Entſchluß, ſie ganz von fern und im Geheimen zu belauſchen, wurde ge⸗ faßt, und in dieſer Abſicht auf den nächſten Dag eine Wanderung nach ihrem Doͤrfchen feſtgeſetzt. X Am folgenden Tage nahm er Hut und Stock und wanderte mit heiterm Geſichte uͤber die beſchneiten Felder dem Dorfe zu. Nach anderthalb Stunden war es erreicht. Er ſah von fern den wohl be⸗ kannten Garten, und eilte mit hochglühenden Wangen nach der Thuͤr deſſelben. Sie war ver⸗ ſchloſſen. Jetzt bemerkte er ſeitwärts eine Oeff⸗ nung in der Mauer. Er naͤherte ſich derſelben und— prallte mit ſtarrem Entſetzen zuruͤck, als er den erſten Blick in den Garten geworfen hacte. An der Seite eines jungen bluͤhenden Mannes kam Emma den Gang herauf. Sie ſchienen Beide in heiterm Geſpraͤch begriffen und Emma hatte vertraulich ihren Arm um den ſeinigen geſchlun⸗ gen.„Großer Gott! ich bin verloren!“ ſchrie er, ſeiner Sinne beraubt, und flog, von Ver⸗ zweiflung gejagt, den Weg zuruck, den er gekom⸗ men war. In ihrer ganzen Stärke war die Liebe jetzt in dem ungluͤcklichen wieder erwacht und die hoͤlliſchen Qualen der Eiferſucht zerriſſen ſeine Seele. Immer bedenklicher var Emma's Zuſtand geworden, ſeit die letzten Verſuche, Roberts Auf⸗ enthalt auszuſpaͤhen, fehlſchlugen. Der Vater ſah ihre hinwelkende Jugend und beſchloß, fuͤr die Rettung ſeines Lieblings den letzten, noch uͤbrigen Verſuch zu machen. Er ſchrieb an Ma⸗ — 233— thilden, meldete dieſer die traurige Lage ſeiner Tochter und bat ſie mit allem Eifer väterlicher Zärtlichkeit, ſeines troſtloſen Alters zu gedenken und auf einige Zeit zu ihm zu kommen. Er wußte, daß ſie von jeher Emma's Vertrauen be⸗ ſaß, und hoffte von dem naͤhern, ſchweſterlichen umgange der Jugendfreundin, was den ſtumpfen Ermahnungsworten des Greiſes nicht gelingen wollte. Mathilde machte ſich ſogleich, nachbem ſie der Tante den Brief gezeigt und ihre herzliche Ein⸗ willigung erhalten hatte, zur Reiſe geſchickt. Barneck, ihr verlobter Braͤutigam, begleitete ſie einige Stunden weit, und verſprach, ſie naͤchſtens einmal zu beſuchen. Er hatte von Mathilden den Zweck dieſer Reiſe erfahren; kannte nach fruͤhern Schilderungen die gutmuͤthige Redlichkeit des Pfarrers und das ſchweſterliche Verhaͤltniß, in welchem Emma mit Mathilden ſtand, und nahm warmen Antheil an Allem. Am Mittag des an⸗ dern Tages hatte Mathilde das Dorf erreicht. Sie ſtieg vom Wagen und wollte ſich ganz ſtill durch den Garten in das Haus ſchleichen. Aber kaum hatte ſie die Gartenthuͤr geoͤffnet, als Em⸗ ma ſie gewahrte und mit freudiger Beſtuͤrzung ihr entgegen flog. Mathilde erſchvak uͤber die abge⸗ haͤrmte Geſtalt, in welcher ſie die theure Jugend⸗ —— geſpielin erblickte; doch dieſe ſchien in dieſem Au⸗ genblicke allen Kummer zu vergeſſen und fuͤhrte die Angekommene im Triumph zu dem Vater. Er druͤckte ſie an ſein Herz, aber ein Blick voll Liebe, den Mathilde verſtand, dankte ihr mehr noch fur die ſo unerwartet ſchnelle Befriedigung ſeiner Bitte. Wirklich erheiterte ſich Emma's Weſen am Buſen der vertrauensvollen Freundſchaft immer mehr und mehr. Mit gefälliger, theilnehmender Freundlichkeit hörte Mathilde die Erzählungen und Beſchreibungen an, in welchen Emma's Bered⸗ ſamkeit ſo unerſchöpflich war. und wie wohl⸗ thaͤtig war es fuͤr ihr Herz, daß dieſe Beredſam⸗ Leit ſich jetzt bis auf alles dasjenige erſtrecken konnte, was ſie ſorgfältig in die jungfrauliche Bruſt verſchließen mußte, ſo lange ſie des Um⸗ gangs mit einem gleichfuͤhlenden, weiblichen We⸗ ſen entbehrte. Schon nach wenigen Tagen ſchien ſie mit vieler Faſſung an das Vergangene zu den⸗ ken; ja ſie erinnerte ſogar, in Gegenwart des Vaters, Mathilden, wiewohl mit einem tiefen Seufzer, zuweilen an einen luſtigen Auftritt aus ihren Kinderzeiten, und der redliche Greis ſing an dem Himmel zu danken, daß er ihm einen ſo — Einfall zugefuͤhrt habe. Nach einigen Wochen erſchien auch Barnech der die Sehnſucht nach ſeiner Mathilde und den Wunſch nach der perſoͤnlichen Bekanntſchaft ihrer Freunde nicht länger bezwingen konnte. Er war ein junger, angenehmer Mann von gebildetem Geiſte und liebenswuͤrdigem Charakter. Stets war es ſein Wunſch geweſen, einſt im Schooße ge⸗ räuſchloſer Haͤuslichkeit das ſtille Gluͤck zu finden, welches er im Gewirre der Welt vergebens ſuchte. Sein gutes Geſchick fuͤhrte ihm Mathilden zu. Barneck hoffte, in ihrem Beſitz das erſehnte Gluͤck rein und in vollem Maße zu finden und entdeckte ihr ſeine Neigung, und Mathilde, die ſchon langſt den umgang mit dem edlen Manne liebgewonnen hatte, noch ehe ſie uͤberzeugt ward, daß ſein Herz ihr angehöre, erwiederte ſeine Zaͤrtlichkeit mit aller Waͤrme der erſten Liebe. Barneck wandte ſich bald darauf an die Tante und hielt foͤrmlich um Mathildens Hand an. Dieſe hatte nichts da⸗ gegen; ſie kannte ihn als einen Mann von unbe⸗ ſcholtenem Charakter und Lebenswandel, und glaubte mit ihm ihre Nichte gar wohl verſorgt. zu ſehen. Die Hochzeit der beiden Verlobten wurde auf das naͤchſte Fruͤhjahr feſtgeſetzt. Bald hatte der Pfarrer den jungen Mann, deſſen Geſicht mit dem Stempel einer offenen, ungeheuchelten Redlichkeit bezeichnet war, kennen gelernt und liebgewonnen. Auch Emma fand die Schilberung, die ihr Mathilde von ihm gemacht hatte, genau beſtaͤtigt; obgleich die Liebe immer mit den lebendigſten Farben zu zeichnen pflegt. Oft ward ſie jetzt die Zeugin von der wechſelſei⸗ tigen Zaͤrtlichkeit der beiden Gluͤcklichen. Die Liebe, dieſe vielgeſtaltige Himmelstochter, offen⸗ varte ſich hier in ihrer geläutertſten Milde. Wohl Lonnte Emma, bei dem Anblicke eines Gluͤckes, das fur ſte auf immer dahin zu ſeyn ſchien, ſich zuweilen eines finſtern unmuths nicht erwehrenz wohl fuͤllten ihre Augen ſich oft mit Thränen der Wehmuth, wenn ihr die Freudenthraͤnen der gluͤck⸗ lichen Liebe entgegen glanztenz doch kein Bedanke des Neides befleckte ihre reine Seele. Es war um die Mitte des Februars. Faſt drei Monate hatte ſie jetzt in Mathildens Geſell⸗ ſchaft verlebt; doch mit dem Anfange des kuͤnfti⸗ gen ſollte dieſe nach ihrem Wohnorte zuruͤckkeh⸗ ren. Barneck, deſſen Geſchaͤfte dort nicht eben ſo dringend waren, hatte ſeine Beſuche ein paar Nal wiederholt, und beſaß die Freundſchaft des Alten ſowohl als Emma's im hoͤchſten Grade. Er ſelbſt war zuweilen, wenn es das Wetter zu⸗ ließ, nach dem Berge hinausgegangen, um Kunde von dem Entſchwundenen einzuziehen.— Jedes Wort, das Barneck uͤber den Entfernten ſprach, bezeugte ſeine Achtung fuͤr denſelben. Emma glaubte ihm die Freundſchaft erwiedern zu muͤſ⸗ ſen, die er fuͤr den Unbekannten hegte und begeg⸗ nete ihm mit der unbefangenſten Vertraulichkeit. Und ein ſolcher Augenblick war 6 n welchem Robert ſie erblickt hatte. Allmaͤhlig war die Zeit, wo Mathildens Ruͤckkehr nach der Stadt feſtgeſetzt war, heran⸗ geruͤckt. Barneck kam eines Tages, um fie abzu⸗ holen. Mit ſchwerem Herzen trennte ſich Emma von Mathilden, deren umgang ihr wieder zur freundlichen Gewohnheit geworden war. Aber zur Begleitung der beiden Liebenden, die jetzt dem ſchoͤnen Augenblick ihrer Vereinigung entgegen ſahen, konnten keine Bitten und Vorſtellungen ſie bewegen, denn angelegentlichere Gedanken fuͤhrte der wiederkehrende Fruͤhling in ihre Seele zuruͤck. Dankbar geruͤhrt nahm ſie Abſchied von den gu⸗ ten, theuren Menſchen, die unter allen Beſchwer⸗ den des rauhen Winters ſo unermuͤdet im Dienſte der Freundſchaft ſich bewäͤhrten. Auch der alte Gruͤnfeld ſegnete mit väterlicher Waͤrme ihren Vund. Er begleitete ſie am Tage ihrer Abreiſe mit Emma bis zum nahen Walde, und ein from⸗ mes Gebet erflehte hier noch einmal das Gluͤck des Himmels uͤber die Redlichen. Die Tage fingen an freundlicher zu werdenz der Schnee war zerronnen und mit jugendlichem Grun ſchmuckte ſich der erwaäͤrmte Boden. Emma hatte einige Tage nach einander den Verg wieder beſucht, obgleich der Vater den Wunſch hegte, daß ſie zum Ziel ihrer Spaziergänge einen andern Ort wählen moͤchte. Eines Morgens, als ſie ungefähr die Hälfte des Weges dahin zuruͤckgelegt hatte, bemerkte ſie zwei Landleute hinter ſich, welche die nämliche Straße gingen. Sie kamen näher, und Emma hoͤrte, daß ſie in eifrigem Geſpräch begriffen waren. „Aber ich verſichere Euch,“ ſagte der eine, „bei der Frau iſt an kein Aufkommen zu denken! der Gang zu dem Doctor war umſonſtz denn fuͤr den Tod kein Kraut gewachſen iſt. Der junge Menſch ſollte Gott danken, daß dieſer ſie aus dem Kreuze ausſpannen will, ſtatt daß er ſich wie ein Unſinniger gebehrdet und alle Heiligen anruft. unter uns geſagt, Niklas, er treibt ein gefährlich Handwerk, ſag' ich. Aber ich habe die beiden Leute nun einmal in meine Huͤtte aufgenommen und will ſie nicht unbarmherzig wieder hinaus⸗ ſtoßen, noch viel weniger ſie verrathen und ins unglück bringen.“ Emma horchte hoch auf.—„Der Burſche,“ fuhr er fort,„iſt mir ordentlicher Weiſe lieb ge⸗ worden, weil er ſeiner alten Mutter immer mit ſoichem Reſpest begegnet und mit ſeinem blaſſen Geſichte ſo ſtill und ruhig ſeinen Weg bahin wan⸗ delt. Freilich wuͤrde man ja wohl ein Einſehen in die Sache haben, aber der gute Wille allein thuts nicht und hier——“ Er klopfte bei dieſen Worten an die leeren Rocktaſchen und ſchwieg. Emma naͤherte ſich mit ſichtbarer Verwirrung, um naͤhern Aufſchluß zu erhalten.„Lteber Freund,“ ſagte ſie mit ſtockender Stimme,„Ihr ſprecht von einer unglucklichen Frau, welche Huͤlfe bedarfz ſagt mir geſchwind, wer ſie iſt und wo ſie wohnt, vielleicht kann mein Vater etwas für ſie thun.“ —„Dann wuͤrde Ihr Vater,“ erwiederte der Alte,„gewiß einen Gotteslohn verdienen! Ich ſeh's an Ihrem Geſicht, Jungfer, daß Sie nicht aus bloßer Neugierde die Frage thut; aber die Huͤlfe muß bald kommen, wenn ſie nicht vielleicht ſchon jetzt zu ſpät kommt.“ Er nannte ihr, nachdem ſie erklärt yatte, wer ihr Vater ſey, das Dorfz„aber mit dem Namen,“ ſetzte er hinzu,„kann ich ihr nicht aus⸗ helfen, weil ich ihn ſelber nicht weiß. Meine Kinder zu Hauſe nennen den jungen Menſchen ſo aus Gewohnheit den Nachtmann, weil er immer erſt am ſpäten Abend auszugehen pflegt und dann gewoͤhnlich die Naͤchte ausbleibt. Sie muß ſich hieraus weiter nichts Arges nehmen. Da druͤben tiegt ein Berg⸗“ fuhr er fort, indem er nach der Gegend des Oybins hinzeigtez„auf welchem er ſich, wie er mir ſelbſt verſichert hat, ſonſt zu ganzen Naͤchten aufzuhalten pflegtez jetzt aber ſcheint dieſe wunderliche Grille bei ihm auch nache gelaſſen zu haben.“ Keiner von Beiden bemerkte, was bei dieſen Worten auf Emma's Geſichte ſich verrieth; denn ſie erzählten ſich bei dieſer Gelegenheit von einem Geiſte, der auf dem Berge bei nächtlicher Weile ſein Weſen treiben ſollte, ſo fuͤrchterliche Ge⸗ ſchichten, daß ihnen wechſelſeitig die Haut ſchau⸗ derte. Der Alte erinnerte ſich, als ſie noch eine Weile mit einander gegangen waren, eines Ge⸗ ſchäfts, welches er, wenn die Zeit es erlaubte, in einem nahgelegenen Dorfe zu verrichten habe. Emma erbot ſich, ſeine Auftraͤge in Ruͤckſicht der zranken Frau zu beſtellen, da ſie geſonnen ſey⸗ dieſelbe geraden Weges zu beſuchen. Ihm kam dies Anerbieten ſehr gelegen. Er beſchrieb ihr aufs umſtändlichſte den Weg⸗ den ſie zu verfol⸗ gen habe, und die Wohnung der Huͤlfsbeduͤrftigen⸗ gab ihr die Arzenei, die er aus der Stadt fuͤr ſie mitgebracht, und ging mit gelaſſenen Schritten an der Seite ſeines Gefaͤhrten dem erwähnten Geſchaͤfte nach. Emma vegriff nicht, wie die Menſchen ſo vuhig ſeyn konnten. 15 Voll von Gedanken an den ihr bevorſtehenden Augenblick, eilte Emma dem Dorfe zu. Sie hatte es bald erreicht und fand auch darin eine Huͤtte, die der Beſchreibung des Alten gleich kam. Mit leiſer Hand oͤffnete ſie die Thuͤr. Der rechte Ort war nicht verfehlt; denn mit todtenbleichem, verſtoͤrten Geſicht kam ihr Robert entgegen. Hef⸗ tig, wie vor einer Geiſtererſcheinung, erſchrak er, als er ſie erkannte. Emma wankte und wollte ſich auf einen Stuhl niederſetzen, da faßte Robert ſie bei der Hand und fuͤhrte ſie an das Sterbe⸗ bette ſeiner Mutter, welches an der entgegenge⸗ ſetzten Seite der Stube ſtand. Sie war verſchie⸗ den; aber noch ſchienen die letzten Segensworte fuͤr den huͤlflos zuruͤckgelaſſenen Juͤngling auf ihren Lippen zu ſchweben. Schweigend druͤckte er einen Kuß auf die Wangen des erſchrockenen Mädchens und ſtuͤrzte dann mit lautem, herzzer⸗ malmenden Jammer uͤber den entſeelten Leichnam hin.„Zu ſpäͤt!“ ſchluchzte Emma und trat mit blutendem Herzen an das Fenſter. Nach einer langen Pauſe richtete er ſich auf heftete einen ſtarren Blick auf die Zitternde. „Und wodurch,“ frug er endlich, wie aus einem ſchweren Traume erwachend,„konnte Emma ſich bewogen fuͤhlen, dieſe Wohnung des Elends zu betreten?“— In der Verwirrung, in welche dieſe I. 16 — 2 ½— Worte ſie verſetzten, brachte ſie die Arznei her⸗ vor und erzaͤhlte ſtammelnd, wo und von wem ſie dieſelbe erhalten habe.„Wie wohl thut es mei⸗ nem Herzen,“ rief Robert aus,„daß Emma auch im Gluck des Elenden nicht vergaß!“ Aber mit einem lauten Schrei ſank Emma bei dieſen Worten ihm in die Arme:„ungluͤcklicher! mein Gluͤck wohnt bei Dir, oder dort, wo der Geiſt Deiner Mutter es ſucht.“— Robert erſtauntes denn er dachte an die Scene im Garten; er forſchte dem Zuſammenhange der Sache weiter nach und in wenigen Augenblicken war ihm das Raͤthſel geloſt.— Aber nur eine ſchwache Spur von Freude zeigte ſich bei dieſem heitern Geſtänd⸗ niß auf ſeinem Geſicht; denn zu tief hatte jene fuͤrchterliche Täuſchung ihn darnieder gebengt. Sein ganzee Weſen war zerrüttet; wie eine mark⸗ loſe Geſtalt ſchlich er umher. Emma ſchlug, um ihn aufzuheitern, einen Spaziergang ins Freie vor. Robert führte ſie in den Garten an ein ein⸗ ſames Oertchen, wo er im vergangenen Jahre für ſeine Mutter eine Raſenbank angelegt hatte. Hier erzählte er ihr in ruhigen Worten ſeine ganze Levensgeſchichte, ohne darin den geringſten Umſtand zu üpergehen. Emma, während der Er⸗ zählung wechſelsweiſe erſtaunt und geruͤhrt, be⸗ theuerte ihm, als er geendigt hatte, daß das Ende ihrer Leiden da waͤre, daß ſie jetzt Beide durch ihre Liebe gluͤcklich ſeyn wuͤrden; aber ein mattes, ungläubiges Lächeln war alles, was en erwiederte. Sie erzählte ihm, was ihr Vater, was ihre Freunde gethan und beſchloſſen hättenz aber umſonſt! Seine Seele hatte keine Hoffnung mehr. Robert begleitete die Hoffendez denn ſie hatte den Wunſch geaäußert, heute wieder einmal den Verg zu beſuchen. Noch ſtand die Sonne hoch am Himmel, als ſie oben waren. Das Grab war mit friſchem Gruͤn bedeckt. Emma zog hier und dort die Blumenſtoͤcke aus dem Boden, die vom vorigen Jahre her in demſelben nurbelten und unterm Winterfroſt abgeſtorben waren. Robert ſah mit ernſter Miene bieſem Geſchäfte zuz denn auch der Roſenſtock, von welchem ſie an dem Tage, wo ſie Beide zum erſtenmale auf dem Grabe ſaßen, die letzte Knospe fuͤr ihn gebrochen hatte, war eingegangen⸗„Auch dieſer, der mir der liebſte war, blieb nicht verſchont,“ ſeufste ſis und helle Thränen ſtuͤrzten aus ihren Augen.— „Laß ihn welken,“ verſetzte Robert mit leiſer Stimme,„Blumen haben keine Bedeutung!“ Die Sonne war tiefer geſunken. Eine feier⸗ liche Stille herrſchte auf dem Berge, doch uͤber⸗ all verkuͤndigte ſich das junge, neu erwachte Leben — 244 der Schopfung. Robert war mit Emma zur Kai⸗ ſersruhe*) hinaufgeſtiegen, wo ſich ihnen eine freiere Ausſicht darbot. Nit ſtillem Wohlgefallen hing ſein Auge an dem guten, treuen Maäͤdchen, das auf dem ſteinernen Sis ſich niedergelaſſen hatte.— Ein Schwan erhob ſich jetzt aus der Tiefe. Nah an ihnen ging das Gerauſch ſeines Fluges vorbei und rein wie der Aether, zu dem er ſich aufſchwang, waren ſeine Flügel und ſeine Bruſt. Er ſtieg hoher und hoher; die Abendſonne warf einen goldnen Glanz um ſeinen Koͤrper, und bald hatte er in der blauen Woͤlbung des Himmels ſich verloren. unbeweglich ſpaͤhte Ro⸗ vert ihm nach und ſein Auge verklarte ſich im An⸗ ſchaun des grenzenloſen Raumes. Er ſah in dem aufſteigenden Schwane das ſchoͤne Sinnbild einer gleich freudigen Erhebung, und rief, indem er ſeine Hand emporſtreckte, mit feierlich bewegter Stimme:„Blicke hinauf, meine Emma, und laß uns nicht verzagen: *) Ein ſteinerner Sit auf dem Gipfel des Berges, mit einem eiſernen Geländer und der Ausſicht nach 5 Zittau, auf welchem nach der Chronik des Ber⸗ ges, Kaiſer Siegismund M. eine Nacht zubrachte. — 245— Beſchließt ſich unſer Lauf hienieden, Wird uns der Himmel offen ſtehen!“ Kaum waren dieſe Worte uͤber ſeine Lippen, als ein Schuß im nahen Geſtraͤuche ſiel. Sieben⸗ fach rollte das Echo durch die Gebirge und Ro⸗ bert ſank taumelnd zu Voden. Die Kugel war ihm durch die Bruſt gegangen und das helle Blut quoll hervor.— Gleich darauf kam der alte Gruͤnfeld, den die Beſorgniß um ſeine Tochter, die den ganzen Tag ausgeblieben war, nach dem Berge getrieben hatte. Sie war leblos uͤber den unglucklichen hingeſtuͤrzt und hatte krampfhaft ihre Hand auf die Wunde gepreßt. Der Alte war vor Schreck und Entſetzen wie an den Boden gewurzelt; der ganze fuͤrchterliche Zuſammenhang dieſes Auftritts ſtand ihm vor der Seele. Er hatte unten am Berge den Schuß fallen hoͤren. Bald darauf war ihm ein Jägerburſche begegnet, welcher mit wilder Haſt den Berg hinunter, einer ſeitwaͤrts gelegenen, waldigten Anhoͤhe zueilte. Der ungluͤcktiche roͤchelte laut; auf ſeinem Geſichte ſtanden große Schweißtropfen, und ſeine Kleider waren mit Blut benetzt. Emma gab kein Zeichen des Lebens von ſich. Das Herz des Va⸗ ters war zerriſſen; er ſtrengte alle ſeine Kraͤfte an und wankte den Berg hinunter; denn jeder Augenblick der Verſäumung ſchien ihm ein neuer Mond: Einige mitleidige Bekannte aus dem Dorfe kamen herbei. Er beſchrieb ihnen den Ort, wo die blutigen Schlachtopfer lagen; denn er ſelbſt war nicht vermoͤgend, den Berg noch ein⸗ mal zu erſteigen. Die unzluͤcklichen wurden in eine nahe Huͤtte gebracht. Robert ward verbun⸗ den, und das heftige Röcheln ſchien etwas nach⸗ zulaſſen. um Mitternacht hoͤrte es ganz auf. Gegen Morgen verſchied er. Emma kam ins Leben zuruͤck, aber nicht wie⸗ der zum Vewußtſeyn deſſelben. Doch ihr Engel war nicht fern. Nur wenige Tage wäͤhrte die dumpfe Zerruͤttung ihrer Sinnez dann„ſchlug die Stunde der Aufloͤſung. Mitleidig, ehe ſie langſam vertrocknete, hatte der Sturm die Blume gebrochen, deren Keime der Wurm zernagte.— Der Vater, unfaͤhig fuͤr alle buͤrgerliche Wirk⸗ ſamkeit, legte ſein Amt nieder und zog nach Oybin, um in der Näͤhe der beiden Graͤber zu leben, in welche ſeines Herzens koſtlich⸗ theure Schaͤtze verſunken waren. Lange noch erzaͤhlten die Bewohner des Dorfs dem Fremdlinge das Schickſal des ungluͤcklichen, den ein hinterliſtiger Meuchelmord, uͤber den es nie zur ernſtlichen Sprache kam, dahin raffte. Ohne auf den Widerſprnch einzelner Stimmen zu achten, hatten ſie mit willigem Herzen ſeinen Ge⸗ veinen eine Ruheſtaͤtte unter den Gräbern ihrer Freunde gegönnt; um ihm wenigſtens im Tode die Gerechtigkeit nicht zu verſagen, die er lebend nur in einem treuen Herzen gefunden hatte. 1.„ Hbre, Mutter— ſagte der alte Foͤrſter Bertram in Lindenhayn— Du weißt, ich thue Dir gern Alles zu Liebe, aber den Gedanken ſchlage Dir aus dem Kopf, und beſtärke mir auch das Mäd⸗ chen weiter nicht darin. Schlag's ihr rund ab, ſo weint ſie ihr Thränchen und ergiebt ſich dreinz mit dem langen Troͤdeln und Hinhalten wird nichts gut gemacht. Aber, Vaterchen— wandte die Forſterin vor⸗ vittend ein— kann denn unſer Käthchen mit dem Amtsſchreiber nicht eben ſo gluͤcklich leben, als mit dem Jäger Robert? Du kennſt den Wilhelm noch gar nicht, er iſt ſo ein braver Menſch, ſo herzensgut Aber kein Jaͤger— fiel der Forſter ein.— Reine Förſterei iſt nun ſeit länger als zweihun⸗ dert Jahren immer vom Vater zum Sohn ver⸗ erbt. Haͤtteſt Du mir einen Jungen gebracht, ſtatt des Maͤdchens, da moͤcht' es ſeyn, dem hin⸗ terließ ich meine Stelle, und das Mädel, wenn eins dazu gekommen waͤre, moͤchte freyen, wenn es wollte; aber ſo nein! Erſt haͤtt' ich Muͤhe, Angſt und Wege gehabt, daß der Herzog meinen Schwiegerſohn zum Probeſchuß laſſen will, wenn er nur ſonſt ein braver Jäger iſt, und nun ſollt' ich das Mädel verſchleudern? Nein, Mut⸗ ter Anne, auf den Robert beſteh⸗ ich juſt nichtz wenn er Dir nicht gefällt, ſuch' dem Mädel einen andern flinken Jägerburſchen aus, dem ich meine Stelle bei Lebzeiten uͤbergeben kann, da wollen wir in Ruhe bei den Kindern unſre alten Tage verleben, aber mit dem Federſchuͤtzen bleib mir vom Halſe. Mutter Anne hätte gern noch ein gut Wort fuͤr den Amtsſchreiber geſprochen, aber der Fdr⸗ ſter, der die Kraft der weiblichen Ueberredungs⸗ Lunſt kannte, wollte ſeinen Entſchluß nicht einem wiederholten Angriffe ausſetzen; er nahm ſeine Flinte von der Wand und ging in den Wald. Kaum war er um die Ecke des Hauſes, da ſeckte Käthchen ihr blondes Lockenkoͤpfchen freund⸗ lich zur Thuͤre herein. Iſt's gut gegangen, Mut⸗ —————.—— ——* terchen? Ja?— rief ſie, und ſprang nun mun⸗“ ter in das Zimmer und an den Hals der Foͤr⸗ ſterin. Ach, Käthchen, freue Dich nicht zu ſehr— ſagte dieſe— der Vater iſt gut, herzensgut, aber er giebt Dich keinem Andern, als einem Jäger, und davon geht er nicht ab, da kenne ich ihn ſchon. Kaͤthchen weinte und wollte lieber ſterben, als von ihrem Wilhelm laſſen. Die Mutter troſtete und ſchmälte abwechſelnd, endlich weinte ſie mit der Tochter. Sie verſprach eben noch einen Haupt⸗ ſturm auf das Herz des Foͤrſters zu verſuchen, da klopfte es an der Thuͤre, und Pih trat herein. Ach Wilhelm— rief z Käthchen mit ver⸗ weinten Augen entgegen— wir muͤſſen ſcheiden! Suche Dir ein ander Maͤdchen, mich ſollſt Du nicht freyn und ich Dich nicht; der Vater will mich dem Robert geben, weil er ein Jäger iſt, und die Mutter kann uns nicht helfen. Aber, muß ich auch von Dir laſſen, ſo will ich doch ₰ keines Andern ſeyn, und bleibe Dein, und Dir n vis zum Tode. Mutter Anne ſuchte den Amtsſchreiber, der it wußte, was er aus Käͤthchens Reden machen ſollte, zu beſaͤnftigen, und erzählte ihm, wie Va⸗ — 234— ter Bertram gegen ſeine Perſon gar nichts einzu⸗ wenden haͤtte, aber nur ſeiner Förſterei wegen durchaus darauf beſtänd, einen Jäger zum Eidam zu haben. Iſt es weiter nichts— ſagte Wilhelm beru⸗ higt, und druͤckte das weinende Maäͤdchen an ſeine Bruſt— ſo ſey gutes Muthes, liebes Kaͤthchen. Ich bin der Jägerei nicht unkundig, denn ich habe bei meinem Ohm, dem Oberfoͤrſter Finſterbuſch⸗ in Lehre geſtanden, und mußte nur meinem Pa⸗ then, dem Amtmann zu Liebe die Jagdtaſche mit dem Schreibpulte vertauſchen. Was hilft mir die verſprochene Amtmannsſtelle, ſoll ich mein Käth⸗ chen nicht als Frau Amtmannin in das Amthaus einfuͤhren? Willſt Du nicht hoher hinaus, als Deine Mutter, und iſt Dir der Forſter Wilhelm ſo lieb, wie der Amtmann, ſo tauſch' ich gleich, denn mir 1 das luſtige Jägerleben immer viel geweſen,6 als das ſteife Leben in der Stadt. Du lieber, goldner Wilhelm— rief und alle waren von ihrer Stirn verſchwunden, und nur ein glänzend' nen⸗ Du das, ſo ſprich recht batd mit meinem Vater, eh' er vielleicht gar bem Robert ſein Wort giebt. Wart, Kaͤthchen— ſagte Wilhelm— ich geh ihm gleich nach in den Walb. Er 8 gewiß nach dem Hirſch, der morgen in das Amt gelie⸗ fert werden ſoll. Gieb mir Flinte und Taſche, ich ſuch' ihn auf, ſtelle mich ihm mit einem Jä⸗ gergruß vor, und biete ihm gleich meine Dienſte als Jaͤgerburſche an. Mutter und Tochter ſielen ihm um den Hals, halfen den neuen Jäger, ſo gut ſie konnten, auf⸗ putzen, und ſahen ihm mit Hoffnung und Ban⸗ gigkeit in den Wald nach. 2. Ein wackerer Burſche, der Wilherm!— rief der Forſter freudig, als die Jäger nach Haus kamen— wer hätt' in dem Feberhelben ſolch einen Schützen geſucht? Run, morgen ſprech⸗ ich ſelbſt mit dem Amtmann, das wär doch Jammer⸗ ſchade, wenn der nicht bei der edlen Jaͤgerei blieb! Aus dem wird ein andrer Kuno. Du weiſt doch, wer der Kuno war? Wilhelm verneinte. der Forſter fort.— Sieh, das war mein Urälter⸗ vater, der dieſe Forſterei zuerſt befeſſen und er⸗ baut hat. Erſt war er armer Reitersbub⸗ und viente bei dem Junker von Wippach, der konnt Hab' ich Dir das noch t erzihtt?— fuhr ihn wohl leiden, und nahm ihn überall mit ſich — 236— in Fehden und zu Turnieren und Jagden. Ein⸗ mal war dieſer Junker von Wippach auch bei einer großen Jagd, die der Herzog hier hielt mit vielen Rittern und Edeln. Da jagten die Hunde einen Hirſch heran, auf dem ſaß ein Menſch, der kläglich die Hände rang und jammerlich ſchriez denn das war damals eine tyranniſche Weiſe un⸗ ter den Jagdherren, daß ſie die armen Menſchen, oft wegen geringerer Jagdfrevel, auf Hirſche ſchmiedeten, daß ſie elendiglich zerſtoßen und zer⸗ riſſen wurden, oder vor Hunger und Durſt um⸗ Lommen mußten. Wie der Herzog das anſichtig wurde, ward er uͤber die Maße zornig, ſtellte gleich das Jagen ein, und verhieß einen großen Lohn, wenn ſich Jemand getraute, den Hirſch zu treffen, dabei aber drohte er mit ungnade und Bann, wenn der Schütze den Menſchen verletztez denn er wollte dieſen lebendig haben, damit er wuͤßte, wer ſich gegen ſein Verbot ſolcher grau⸗ ſammen That erkühnt hätte. Da wollte ſich nun Niemand unter den Edeln finden, der den Schuß auf des Herrn Ungnade und Bann wagte. End⸗ lich trat der Kuno vor, mein Uraͤltervater, eben der, den Du dort auf dem Bilde gemalt ſiehſt, der ſprach zum Herzog:„Gnädigſter Herr, wollt Ihr mir's geſtatten, ſo wag' ich's mit Gott, fehl⸗ ich, ſo mocht Ihr, wenn Ihr wollt, mein Leben ⸗„ — 237— darum zur Buße nehmen; denn Reichthum und Güter hab' ich nicht, aber mich jammert des ar⸗ men Menſchen, wuͤrd' ich doch auch mein Leben dran ſetzen, waͤr er unter Feinde oder Raͤuber gefallen.“ Das geſiel dem Herzog; er hieß den Kuno ſein Gluͤck verſuchen, wiederholte ihm auch die Verheißung, doch ohne der Drohung zu ge⸗ vellken, daß er ihn nicht furchtſam machte. Da nahm Kuno ſeine Buͤchſe, ſpannte ſie in Gottes Namen und vefahl die Kugel den heiligen En⸗ geln mit einem glaͤubigen frommen Gebet. So S ſchoß er wohlgemuth, ohne lange zu zielen, in den Wald, und in dem Augenblicke floh der Hirſch heraus, ſtuͤrzte und endete, aber der Menſch war unverletzt, ohne daß ihm Hände und Geſicht etwas vom Geſträuch zerritzt waren. Der Herzog hielt Wort und gab dem Kuno zum Lohn dieſe Foͤrſterei fuͤr ſich und ſeine Nachkommen erblich. Aber von Gluͤck und Geſchick iſt der Neid nie⸗ mals weit, das erfuhr auch Kuno. Da waren Viele, die ſeine Forſterei auch gern fuͤr ſich oder einen Vetter von der linken Seite gehabt hätten, die beſchwatzten den Herzog, der Schuß waͤr mit Zauberei und Teufelskuͤnſten geſchehn, weil Kuno gar nicht gezielt, ſondern einen Freiſchuß, der allemal treffen muß, ins Blaue hinein gethan hätte; da wurde denn beſchloſſen, daß von Ku⸗ II. 17 no's Nachkommen jeder einen Probeſchuß thun ſterſchuß gefehlt, und wer einmal als mein Eidam ſeyn. muß, eh' er die Forſterei bekommtz den kann nun freilich der Landjägermeiſter, der die Probe ab⸗ nimmt, ſchwer und leicht aufgeben. Ich mußte damals einem hoͤlzernen Vogel, der an der Stange den Ring aus dem Schnabel geſchaukelt wurd ſ jett hat noch Keiner im Mei⸗ ſchießen. Witheim hatte zu des Förſters Freude mit ſichtbarer Theilnahme der Erzählung zugehoͤrt. Zetzt faßte er lebhaft des Alten Hand, und ver⸗ ſprach, unter ſeiner Anleitung ein Jaͤger zu wer⸗ den, deſſen ſich Urvater Kyno nicht ſchaͤmen ſollte. 3‧ Noch nicht volle vierzehn Tage war Wilhelm als Jägerburſche in dem Forſterhauſe, als Vater Bertram, der ihn mit jedem Tag lieber gewann, die Einwilligung zu ſeiner Verbindung mit Kaͤth⸗ chen foͤrmlich ertheilte. Nur ſolkte die Verlobung geheim gehalten werden bis zum Tage des Probe⸗ ſchuſſes, wo der Förſter durch die Gegenwart des fürſtlichen ſeinem Familienfeſte noch mehr Feierlichkeit zu geben hoffte. Der Braͤutigam ſchwebte in Entzuͤcken und vergaß ſich und die ganze Welt in dem offenen Himmel ſei⸗ ner Liebe, ſo daß ihn Vater Bertram mehrmals neckte, wie er kein Ziel mehr treffe, ſeit er Käth⸗ chen ſich erzielt habe. Wirklich aber hatte Wil⸗ helm von ſeinem ſtillen Verlobungstage an ein enes Mißgeſchick auf der Jagd. Bald das Gewehr, bald traf er ſtatt des nen Baumſtamm. Kam er nach Hauſe und leerte ſeine Jagdtaſche, ſo fanden ſich ſtatt der Rebhuͤhner Dohlen und Kraͤhen, und ſtatt des Paſens eine todte Katze. Der Förſter machte ihm endlich ernſthafte Vorwuͤrfe wegen ſeiner un⸗ achtſamkeit, und Käthchen ſelbſt fing an fuͤr den Probeſchuß bange zu werden. Wilhelm verdoppelte ſeine Aufmerkſamkeit und ſeinen Fleiß; allein je naäher der Tag ruckte, an welchem er ſein Probeſtuͤck ablegen ſollte, deſto mehr verfolgte ihn das ungluͤck. Faſt jeder Schuß mißrieth; endlich fuͤrchtete er ſich beinah ein Gewehr loszudruͤcken, um nicht Schaden an⸗ zuſtiften; denn er hatte ſchon eine Kuh auf der Weide angeſchoſſen und den Hirten beinahe ver⸗ wundet. Ich bleibe dabei,— ſagte Rubolph, der Jägerburſch, eines Abends— es hat Jemand dem Wilhelm einen Weidmann geſett denn mit na⸗ tuͤrlichen Dingen geht nicht zu, und den muß er erſt loͤſen. Rede nicht ſo albern— verſetzte der Forſter verweiſend— das iſt abergläubiſches Zeug, davon muß ein frommer Jäger gar nicht ſprechen. Weißt Du nicht mehr, lieber Weidmann mei welches Re drei Stuͤcke ſeyn, die e Weidmann haben ſoll und kan ho! ſag' an!. Rudolph Stent ſich zum Weibſp ſprach ſchnell: Je, ho, ho, mein lieber Weid⸗ mann, das will ich Dir wohl ſagen an: Gute Wiſſenſchaft, Gewehr und Hund, der Weidmann braucht zu ſeinem Grund, wenn er was tuͤchtiges will verrichten, und ſich nicht laſſen gar vernich⸗ ten, drum wird das gar wohl treffen ein Schon genug— ſiel ihm der alte Bertram ins Wort— mit den drei Dingen iſt jeder Weid⸗ mann zu löſen, denn der heißt allemal entwe⸗ der Faſelhans oder Peter ungeſchick. Mit Gunſt, Vater Bertram— entgegnete Wilhelm etwas verdrießlich— hier iſt mein Ge⸗ den will ich ſehn, der mir etwas daran ausſetzen ſoll, und meine Wiſſenſchaft— ich will mich nicht ruhmen, aber jagdgerecht denk' ich zu ſeyn, ſo gut wie ein Anderer, gleichwohl iſt's, als gingen meine Kugeln krumm, und als blies ſie der Wind mir vor dem Lauf weg. Sagt mir nur, was ich machen ſoll, ich will ja gern Alles thun! Es iſt wunderlich— murmelte der Ztrſter, der nicht wußte, was er ſagen ſollte. Glaub mir nur, Wilhelm— wiederholte Rudolph— es iſt nichts anders, als was ich geſagt habt. Geh einmal Freitags um Mitternacht auf einen Kreuz⸗ weg und mache mit dem Ladeſtock oder mit einem blutigen Degen einen Kreis um Dich, den ſegneſt Du dreimal, wie es der Prieſter macht, aber im Namen Sammiel. Schweig!— unterbrach ihn der Forſter un⸗ willig.— Weißt Du, was das fuͤr ein Name iſt? Das iſt einer von des Teufels Heerſchaaren. Gott bewahre Dich und jeden Chriſten davor! Wilhelm kreuzte ſich ebenfalls und wollte nichts weiter davon hören, wiewohl Rudolph auf ſeiner Meinung blieb. Er putzte die ganze Racht an ſeinem Gewehr, unterſuchte jede Schraube und 3 jede Feder, und mit anbrechendem Morgen ging er aus, ſein Gluͤck von neuem zu verſuchen. 3 4. er alle Nuͤhe war verloren, das Wild — 265— draͤngte ſich um ihn und ſchien faſt ihn zu necken. Zehn Schritt weit ſchoß er auf einen Rehbock, zweimal verſagte ihm das Gewehr, das dritte⸗ mal gerieth zwar der Schuß, aber das Wild floh unverletzt durch die Buͤſche. unmuthig warf ſich der ungluͤckliche Jaͤger unter einen Baum, und verwuͤnſchte ſein Schickſal, da rauſchte es im Ge⸗ buͤſch, und ein alter Soldat mit einem Stelzfuße hinkte heraus. Holla, lieber Weidmann— vbe er Pil⸗ helm an— warum ſo verdrießlich? Haſt Du Liebespein, fehlt's im Beutel, oder hat Dir Je⸗ mand das Gewehr beſprochen? Gieb mir eine Pfeife Taback, wir wollen eins zuſammen plau⸗ dern. Wilhelm reichte ihm verbrießlich das Gebe⸗ tene und der Stelzfuß warf ſich zu ihm ins Gras. Nach einigem Hin⸗ und Herreden kam das Ge⸗ ſpraͤch auf die Jägerei, und Wilhelm erzaͤhlte ſein ungluͤck. Der Invalid ließ ſich ſein Gewehr zeigen. Das iſt verzaubert— ſagte er, als er es kaum in die Hand genommen hatte— damit wirſt Du keinen rechtſchaffenen Schuß mehr thun⸗ und iſt Dir der Weidmann recht nach der Kunſt geſtellt; ſo geht Dir's mit jedem Gewehr, das Du in die Hand nimmſt. Withelm erſchrak etwas; und wollte Einwen⸗ dungen gegen den Hexenglauben des Fremden machen, allein dieſer erbot ſich zu einer Probe. uns Kriegsleuten— ſagte er— iſt das nichts ſeltenes, und ich wollte Dir bis auf den Abend und tief in die Nacht hinein Wunderdinge erzah⸗ len. Wie wollten die Scharfſchuͤtzen zurecht kom⸗ men, die ſich uͤberall hinwagen und ihren Mann aus dem Pulverdampf herausſchießen, wo ihn kein Menſch ſehen kann, wenn ſie nicht andre Kuͤnſte koͤnnten, als zielen und losdruͤcken. Da, zum Exempel, haſt Du eine Kugel, mit der Du ſicher treffen ſollſt, weil ſie beſondere Tugend hat und allem Hexenwerk widerſteht. Verſuch' ein⸗ mal gleich, es wird Dir nicht fehlen. Wilhelm lud ſein Gewehr und ſah ſich nach einem Ziel um. Ein großer Raubvogel ſchwebte yoch uͤber dem Wald, wie ein beweglicher Punkt. Schieß den Stoͤßer da oben— ſagte der Stelz⸗ fuß. Wilhelm lachte, denn der Vogel ſchwebte in einer, kaum dem Aug' erreichbaren Höhe. Ei, ſo ſchieß— wiederholte Jener— ich ver⸗ wette meinen Stelzfuß, er faͤllt. Wilhelm ſchoß, der ſchwarze Punkt ſenkte ſich und ein Geier ſfiel blutend zu Boden. Das ſollte Dich nicht wundern— ſagte ie Invalid zu dem vor Verwunderung ſprachloſen Jäger— wenn Du ein rechter Weidmann waͤrſt. „.. Solche Kugeln zu gießen, iſt noch lange kein Hauptſtuͤck in der Kunſt und will bloß etwas Ge⸗ ſchick und Herzhaftigkeit, weil es in der Nacht geſchehen muß. Ich will Dich's umſonſt lehren, wenn wir wieder zuſammen kommen, heute muß ich weiter, denn es ſchlug eben Sieben. Verſuch indeſſen noch ein Paar von meinen Kugeln und hinkte weiter. Voll Verwunderung ſuchte Wil⸗ helm eine zweite von ſeinen Kugeln und traf wie⸗ der ein faſt unerreichbares Ziel; er nahm die gewöhnliche Ladung und fehlte das Leichteſte. Jetzt wollte er dem Invaliden nach, aber dieſer war im Walde nicht mehr zu finden, und Wil⸗ helm mußte ſich mit dem verſprochenen Wieder⸗ ſehn troͤſten. 5. Im Foͤrſterhauſe war große Freude, als Wilhelm wieder, wie ſonſt, mit einem Vorrath Wildpret ankam, und den Vater Bertram durch die That uͤberzeugte, daß er noch der vorige brave Schuͤtz ſey. Er ſollte nun die urſache er⸗ zählen, warum ihn das ungluͤck bisher ſo wun⸗ derbar verfolgt habe, und was er gethan, um ſie zu heben; allein er ſcheute ſich, ohne ſich eines beſtimmten Grundes bewußt zu werden, von den — 265— unfehlbaren Kugeln zu ſprechen, und ſchob die Schuld auf einen Fehler am Gewehr, den er erſt in voriger Nacht beim Putzen deſſelben entdeckt haben wollte. Siehſt Du, Mutter Anne— ſagte nun der Forſter lachend— wie ich's geſagt habe: der Weidmann hat im Laufe geſteckt, und Dein Ko⸗ bold, der den Vater Kuno heut fruͤh herunter⸗ geworfen hat, ſteckt in dem verroſteten Nagel. Was iſt das mit dem Kobold?— frogte Wilhelm. Nichts— erwieberte der Alte— das Bild fallt heute Morgen, wie eben die Uhr Sieben ſchlug, von ſelbſt herunter, und da meint denn Mutter Anne gleich, es ſpukt. um Sieben!— wiederholte Wilhelm und der Stelzfuß fiel ihm ein, der um eben dieſe Stunde von ihm geſchieden war. Freilich iſt das keine rechte Zeit zum Epu⸗ ken— fuhr der Foͤrſter fort, und klopfte Mutter Annen freundlich die Backen. Aber dieſe ſchůt⸗ telte bedenklich den Kopf: Gott gebe, daß Alles natuͤrlich zugegangen iſt— ſagte ſie bedenklich, und Wilhelm entfärbte ſich etwas. Er beſchloß, ſeine Kugeln bei Seite zu legen, und nur zu ſei⸗ nem Probeſchuß eine zu gebrauchen, um ſein Gluͤck nicht durch die Bosheit eines Feindes zu — 266— verſcherzen. Allein der Förſter nöthigte ihn mit ſich auf die Jagd, und wollte er nicht von neuem Mißtrauen gegen ſeine Geſchicklichkeit erregen und den Alten erzuͤrnen, ſo mußte er ſchon einige von ſeinen Zauberkugeln dran wagen. 6. In wenig Tagen hatte ſich Wilhelm an ſeine Glückskugeln ſo gewöhnt, daß er in ihrem Ge⸗ brauch nichts Bedenkliches mehr ahndete. Er ging taäglich durch den Wald, in der Hoffnung, dem Stelzfuß wieder zu begegnen; denn ſein Kugeln⸗ vorrath hatte ſich bis auf zwei vermindert, und wollte er ſeinen Probeſchuß mit Sicherheit be⸗ ſtehn, ſo war die aͤußerſte Sparſamkeit nothig. Er ſchlug ſogar dem alten Forſter heut ſeine Be⸗ gleitung auf die Jagd aus; denn morgen wurde der Landjägermeiſter erwartet, und es konnte moglich ſeyn, daß dieſer noch außer dem eigent⸗ lichen Probeſchuß einen Beweis ſeiner Geſchicklich⸗ keit zu ſehen verlangte. Allein am Abend kam ſtatt des Jägermeiſters ein Vote, der eine ſtarke Wildpretlieferung fuͤr den Hof beſtellte, und die Ankunft ſeines Herrn auf acht Tage ſpäter an⸗ ſagte. Wilhelm glaubte zu Boden ſinken zu muſſen, — 267— und ſein Erſchrecken hätte Verdacht erregt, wa⸗ ren nicht Alle geneiat geweſen, es der getäuſchten Hoffnung des Braͤutigams zuzuſchreiben. Er mußte nun auf die Jagd und wenigſtens Eine ſei⸗ ner Kugeln aufopfern. Von der andern, ſchwur er, ſolle ihn nichts trennen, als der entſcheidende Schuß am Verlobungstage. Der Vater ſchmaͤlts, als Wilhelm mit einem einzigen Hirſch von der Jagd zuruͤck kam; denn die verlangte Lieferung war betraͤchtlich. Er zuͤrnte am andern Mittag noch mehr, als Rudolph mit reiner Beute, und Wilhelm ganz leer nach Haus kam. Am Abend drohte er ihn fortzuſchicken und die Einwilligung zu ſeiner Verbindung mit Kaͤth⸗ chen zuruͤckzunehmen, wenn er nicht den folgenden Morgen wenigſtens noch zwei Rehboͤcke bringen wuͤrde. Käthchen war in der groͤßten Angſt und bat ihn bei aller ihrer Liebe, doch ja allen Fleiß anzuwenden, und lieber auf der Jagd gar nicht an ſie zu denken. So ging Wilhelm verzweiflungsvoll in den Wald. Kaͤthchen ſah er fuͤr ſich in jedem Fall verloren, es blieb ihm nichts uͤbrig, als die trau⸗ rige Wahl, auf welche Art er ſein Gluͤck zerſtö⸗ ren wollte. Indem er, unfaͤhig zu waͤhlen, ſich in Betrachtung ſeines Schickſals verlor, zeigte ſich ihm ganz in der Raͤhe ein Rudel Rehe. Maſchinenmäßig griff er nach ſeiner letzten Ku⸗ gel; ſie laſtete ihm zentnerſchwer in der Hand. Schon wollte er ſie zuruͤckfallen laſſen, entſchloſ⸗ ſen, den Schatz zu bewahren, es koſte, was es wolle. Da ſah er in der Ferne den Stelzfuß auf ſich zukommen; freudig ließ er die Kugel in den Lauf rollen, druͤckte los und zwei Rehboͤcke ſan⸗ ken zu Boden. Wilhelm ließ ſie ſtͤrzen und eilte nach dem Invaliden, aber dieſer mußte einen an⸗ dern Weg eingeſchlagen ſeynz er war nicht zu finden. 7. Vater Vertram war mit Wilhelm zufrieden, aber dieſer ging den ganzen Tag in ſtiller Ver⸗ zweiflung umher, und ſelbſt Käthchens Liebkoſun⸗ gen vermochten nicht ihn aufzuheitern. Auch am Abend ſaß er noch ganz ſtumm und bemerkte kaum, daß der Förſter mit Rudolphen in ein ziemlich lebhaftes Geſpräch gerathen war, bis ihm endlich jener aus ſeiner Betaäubung weckte. Das darfſt Du nun ſo wenig dulden als ich, Wilhelm— rief er dem Traͤumenden zu— daß Jemand unſrem Altvater Kuno ſolche Dinge nach⸗ ſagt, wie der Rudolph eben. Haben die Engel damals ihm und dem armen unſchuldigen Men⸗ ———— ——— ſchen beigeſtanden, wie wir von ihrem engliſchen Schutz im alten Teſtamente mehr Exempel leſen, ſo wollen wir Gottes wunderbare Guͤte preiſen, aber Teufelskuͤnſte laſſ⸗ ich meinem Urvater nicht nachſagen. Er ſtarb ſanft und ſelig auf ſeinem Bette unter Kindern und Enkeln, aber wer Teu⸗ felekuͤnſte treibt, mit dem nimmts niemals ein gutes Ende, wie ich ſelbſt angeſehn habe, als ich noch bei Prag, im Boͤhmiſchen, lernte. O„ erzaͤhlt doch, wie das war, rief Rudolph, und die Andern ſtimmten bei. Schlimm genug war es— fuhr der Förſter fort— es graut mir noch, wenn ich daran denke. Da war damals in Prag ein junger Menſch, Georg Schmidt hieß er, ein verwegener, wilder Burſch, ſonſt aber brav und flink, der war ein ſtarker Liebhaber von der Jagd, und ſo oft er konnte, kam er zu uns. Er waͤr auch ein tüch⸗ tiger Jäger geworden, aber er war zu fluͤchtig und ſchoß daher oft neben weg. Einmal, wie wir ihn damit aufgezogen, vermaß er ſich hoch, er wolle bald beſſer ſchießen als alle Jaͤger, und es ſolle ihm kein Wild entgehen, weder in der Luft noch im Gebuͤſch. Aber er yielt ſchlecht Wort. Ein Paar Tage darauf pocht uns fruͤh ein unbekannter Jaͤger heraus und ſagt' an, draußen auf der Straße liege ein Menſch halb — 270— todt und ohne Huͤlfe. Wir Burſche machen uns gleich auf und hinaus, da liegt der Georg und ͤberall zerkratzt, als wär er unter wilden Katzen geweſen, ſprechen konnte er nicht, denn er war ganz beſinnungslos und gab kaum ein Lebenszei⸗ chen von ſich. Wir trugen ihn gleich ins Haus, und einer meldet' es in Prag, wo er auch bald abgeholt wurde. Da hat er denn vor ſeinem Ende ausgeſagt, daß er mit einem alten Berg⸗ jäger habe Freikugeln gießen wollen, die allezeit treffen, und weil er etwas dabei verſehen, habe ihn der Teufel ſo zugerichtet, daß er's mit ſeinem Leben bezahlen muͤſſe. Was hatte er denn verſehn?— fragte Wil⸗ helm bebend— iſt denn der Teufel bei ſolchen Kuͤnſten allemal im Spiel? Wer ſonſt?— erwiederte der Foͤrſter.— Ich weiß wohl, manche ſchwatzen von verborgenen Na⸗ turkraͤften und vom Einfluß der Sternez; nun, ich will Niemand ſeinen Glauben nehmen, aber ich bleibe dabei, es iſt Teufelsſpiel. Wilhelm ſchoͤpfte etwas freier Athem. Hat denn der Georg nicht erzählt, was ihn ſo uͤbel zugerichtet?— fragte er den Foͤrſter. Freilich— antwortete dieſer— vor Gericht hat er's ausgeſagt. Er war gegen Mitternacht mit dem Vergjaͤger auf einen Kreuzweg gegangenz —— da hatten ſie mit einem blutigen Degen einen Kreis gemacht, und den mit Todtenſchädeln und Knochen kreuzweis belegt. Drauf hatte der Berg⸗ jäger Schmidten unterrichtet, was er zu thun habe. Er ſolle nämlich mit dem Schlag eilf uhr anfangen, die Kugeln zu gießen, nicht mehr und nicht weniger als drei und ſechzig, eine uͤber oder unter dieſe Zahl, wenn die Glocke Mitternacht ſchluge, ſo waͤr er verloren, auch duͤrfe er wäh⸗ rend der Arbeit weder ein Wort ſprechen, noch aus dem Kreiſe treten, es geſchehe um ihn, was nur immer wolle. Dafuͤr muͤßten aber auch ſech⸗ zig von ſeinen Kugeln unfehlbar treffen, und nicht mehr als drei wuͤrden fehlen. Schmid hatte nun wirklich das Gießen angefangen, aber, wie er ſagte, ſo grauſame und ſchreckliche Erſcheinun⸗ gen gefehen, daß er endlich laut aufgeſchrien und aus dem Kreiſe geſprungen, worauf er denn be⸗ wußtlos zu Boden gefallen, und ſich nicht eher beſonnen, bis er in Prag unter den Händen der Aerzte und dem Zuſpruch der Geiſtlichen„wie aus einem Traum erwacht ſey. Gott bewahre jeden Chriſten vor ſolchen Schlingen des Satans— ſagte die Förſterin und hekreuzte ſich.. Der Georg hatte alſo wohl ordentſich ein — 272— Pakt mit dem Satan gemacht?— fragte Rudolph weiter. Das will ich nicht gerade behaupten— ver⸗ ſetzte der Foͤrſter— denn es heißt: richtet nicht. Aber das bleibt doch immer ein ſchwerer Frevel, wenn der Menſch ſich in Dinge einlaͤßt, wo ber Bdſe leicht an ihn kommen und ihm an Leib und Seel verderblich werden kann. Der Feind kommt wohl ſelbſt, ohne daß der Menſch ihn ruft, oder ein Pakt mit ihm ſchließt. Ein frommer Jäger praucht das auch nicht; Du haſt es nur erſt er⸗ probt, Wilhelm, gut Gewehr und gute Wiſſen⸗ ſchaft, da braucht der Jäger keine Freikugel, und trifft doch, wohin er ſoll. Ich moͤcht' auch um xeinen Preis eine ſolche Kugel abſchießen; denn der Feind iſt ein arger Schalk, und koͤnnte mir einmal die Kugel nach ſeinem Ziel fuͤhren, ſtatt nach dem meinen. 8. Der Forſter ging ſchlafen und ließ Wilhelmen in der peinlichſten unruhe. Er warf ſich verge⸗ vens auf ſein Lager, der Schlaf floh ſeine Au⸗ gen. Der Stelzfuß, Georg, Käthchen, der fuͤrſt⸗ liche Kommiſſar, der den Probeſchuß verlangte, ſchwebten abwechſelnd ſeinen Augen vor, und eine fieberhafte Phantaſie verwirrte ihre Geſtalten zu furchtbaren Gruppen. Vald drohte ihm der un⸗ gluͤchliche Geiſterbeſchworer warnend als ein blu⸗. tiges Schreckbild, bald verwandelte ſich ſeine drohende Miene in Kaͤthchens hinſterbendes, tod⸗ tenbleiches Geſicht, und der Stelzfuß ſtand mit hoͤlliſchem Hohngelaͤchter daneben. Vald ſtand er ſebſt zum Probeſchuß fertig vor dem fuͤrſtlichen Kommiſſar, er zielte, ſchoß und— fehlte. Kaͤth⸗ chen ſank in Ohnmacht, der Vater verſtieß ihn, da kam der Stelzfuß und brachte ihm neue Ku⸗ geln— zu ſpaͤt, kein zweiter Schuß war ihm verſtattet. So verſtrich ihm die Nacht. Mit dem frů⸗ heſten Morgen ging er in den Wald und nicht ganz abſichtlos nach der Stelle, wo der Invalid ihm begegnet war. Die friſche, klare Morgenluft hatte die duͤſtern Bilder der Nacht in ihm ver⸗ weht. Thor, ſprach er zu ſich ſelbſt, weil du das Geheimnißvolle nicht begreifſt, muß es darum ein feindliches Geheimniß ſeyn? Und iſt es ſo unnatuͤrlich, was ich ſuche, daß Geiſterhuͤtfe dazu noͤthig waͤr? Der Menſch baͤndigt den maͤchtigen Trieb des Thieres, daß es nach des Herrn Wil⸗ len ſich bewegt, warum ſollt' er nicht durch na⸗ tuͤrliche Kunſt den Lauf des todten Metalls len⸗ ken koͤnnen, das erſt durch ihn Bewegung und II. 18 —— Kraft erhätt? Die Ratut iſt ſo reich an Wir⸗ kungen, die wir nicht begreifen, ſollt' ich mein Gluͤck um eines Vorurtheils willen verſcherzea? Geiſter werd' ich nicht rufen, aber die Natur und ihre verborgenen Kräfte will ich auffordern und gebrauchen, auch wenn ich ihre Geheimniſſe zu entziffern nicht vermoͤgend bin. Ja ich ſuckſe den alten Stelzfuß auf, und find' ich ihn nid)t,— nun, ich werde beherzter ſeyn, als jener Georg, ihn ſtachette uebermuth, mich ruft Liel und Ehre. Allein der Stelzfuß war nicht zu ſinden, ſo angelegentlich auch Wilhelm ſuchte. Riemand von allen, die er fragte, wollte einen Menſchen, wie er ihn beſchrieb, geſehen haben. Der folgende Tag verging unter eben ſo frucht⸗ loſen Nachforſchungen. So ſey es benn!— beſchloß Wilhelun— die Tage ſind mir zugezählt. In bieſer Nocht noch geh' ich auf den Kreuzweg im Walde. Dort iſt es einſam, Niemand ſieht meine naͤchtliche Arbeit und den Kreis verlaß ich nicht, bis mein Werk vollendet iſt, 9 Der Abend dämmerte, und Withelm hatte 275— ſich mit Blei, Kugelform, Kohlen und allem Noͤ⸗ thigen verſehn, um nach dem Abendeſſen unver⸗ merkt das Haus verlaſſen zu koͤnnen. Er wollte ſich eben entfernen und wuͤnſchte dem alten Foͤr⸗ ſter eine ruhige Nacht, als dieſer ſeine Hand faßte. Wilhelm— ſprach er— ich weiß nicht, wie mir ſo ſonderbar zu Muth iſt, ich fuͤhle mich be⸗ klommen, daß ich mich vor dieſer Nacht fuͤrchte, wer weiß, was mir bevorſteht. Willſt Du mir einen Gefallen thun, ſo bleib dieſe Nacht bei mir; Du mußt Dir darum nicht bange ſeyn laſſen, es iſt nur fuͤr moͤgliche Fälle. Kaͤthchen erbot ſich ſogleich, bei ihrem Vater zu wachen, und wollte ſeine Pflege Niemand an⸗ ders, ſelbſt ihrem Wilhelm nicht anvertrauen, aber Vater Bertram wies ſte zuruͤck. Ein ander⸗ mal kannſt Du bleiben— ſagt' er— heut'⸗ iſt mir's als waͤr ich ruhiger, wenn ich den Wilhelm bei mir habe. Wilhelm haͤtte gern Einwendungen gemacht, aber Kaͤthchen empfahl ihm die Pflege ihres Va⸗ ters ſo dringend und mit ſo unwiderſtehlichen Bitten, daß er gern blieb und ſeinen Vorſatz bis zur folgenden Nacht aufſchob. Nach Mitternacht ward Vater Bertram ruhig und ſchlief feſt, ſo daß er am Morgen ſelbſt uͤber ſeine Angſt lächelte. Er wollte mit Bilhelm in den Wald, allein dieſer hoffte auf den unſichtbar gewordenen Unbekannten, und hielt den Foͤrſter mit ſcheinbarer Beſorgniß um ſeine Geſundheit ab. Der Invalid zeigte ſich nicht und Wilhelm beſchloß zum zweitenmal den Gang auf den Kreuzweg. Als er am Abend von der Jagd zuruͤck kam, ſprang ihm Kaͤthchen freudig entgegen. Rath“ einmal, Wilhelm— rief ſie— wen Du bei uns findeſt. Du haſt Beſuch bekommen, recht lieben Beſuch; aber ich ſag' es Dir nicht, Du mußt rathen. Wilhelm war nicht aufgelegt zum Rathen und noch weniger Beſuch zu ſehen; denn der liebſte war ihm heut' ein unwillkommner Stoͤrer. Er wies Kaͤthchens Freude mit Unmuth zuruͤck, und ſann auf einen Vorwand umzukehren, da offnete ſich die Thuͤr des Hauſes und der Mond beleuch⸗ tete einen ehrwuͤrdigen Greis in Jägerkleidung, der heraustretend die Arme gegen Wilhelm aus⸗ breitete. „Wilhelm!“ rief ihm eine bekannte freund⸗ liche Stimme zu, und Wilhelm fuͤhlte ſich von den Armen ſeines Oveims umfangen. Die ganze Zaubergewalt ſchoͤner Erinnerungen von kindlicher Liebe, Freude und Dankbarkeit drang mächtig auf Wilhelm ein, und vergeſſen war das nächtliche Vorhaben, als mitten im frohen Geſpräch die Mitternachtsſtunde ſchlug und Wilhelmen ſchauer⸗ lich an das Verſaͤumte erinnerte. Noch eine Nacht nur iſt mir uͤbrig— dacht' er— morgen oder nie!— Die heftige Bewe⸗ gung in ſeinem Innern entging ſelbſt dem Greiſe nicht, aber gutmuͤthig ſuchte er den Grund in Wilhelms Ermuͤdung, und entſchuldigte ſich des langen Geſpraͤchs wegen mit ſeiner Abreiſe, die er nicht länger als bis morgen fruͤh verſchieben koͤnne. Laß Dich das Stuͤndchen heut nicht reuen — ſagte er beim Auseinandergehn zu Wilhelm— Du ſchläfſt vielleicht nun um ſo ſanfter. Fuͤr Wilhelm hatten dieſe Worte einen tie⸗ feren Sinn. Er ahndete dunkel, daß die Aus⸗ fuhrung ſeines Vorhabens die Ruhe des Schlafs von ihm ſcheuchen koͤnnte, 10. Der dritte Abend kam. Was gethan werden ſollte, mußte heut geſchehn, denn auf morgen war die Probe angeſetzt. Den ganzen Tag hatte Mutter Anne mit Käͤthchen im Hauſe herumge⸗ ſchäftert, um den vornehmen Gaſt anſtändig zu empfangen. Am Abend war Alles auf das beſte geſchmuͤckt. Mutter Anne umarmte Wilhelmen, als er von der Jagd zuruͤckkehrte, und begruͤßte ihn zum erſtenmale mit dem liebevollen Sohnes⸗ namen. In Käthchens Augen glühte die zarte Sehnſucht einer jungen, liebegluͤhenden Braut. Der Tiſch war feſtlich mit deutungsvollen Blu⸗ men geſchmuͤckt, und reicher als ſonſt mit Wil⸗ helms Lieblingsſpeiſen von der Mutter, und mit lange geſparten Flaſchen von dem Vater beſetzt. Heute iſt unſer Feſt— ſagte der alte Forſter, indem er in ſeinem Bräutigamsſchlafrock herein⸗ trat— morgen ſind wir nicht allein und können nicht ſo traulich und herzlich bei einander ſitzen, drum laßt uns froh ſeyn, als wollten wir heute fur das ganze Leben uns freuen. Er umarmte Alle, und war bewegt, daß ihm die Stimme verſagte. Nun, Väterchen— ſagte die Foͤrſterin mit bedeutendem Lächeln— ich denke doch, die jungen Leute werden morgen noch froher ſeyn, wie heute, verſtehſt Du mich? Ich verſtehe Dich wohl, Mutter— erwie⸗ derte der Foͤrſter— moͤgen's denn die Kinder auch verſtehn und ſich voraus freuen. Kinder, der Pfarrer iſt auf morgen mit eingeladen, und wenn der Wilhelm gut geſchoſſen hat... Ein Gepraſſel und ein lauter Schrei von Käͤthchen unterbrach hier den Foͤrſter. Kuno's Bilb ſiel wieber von der Wand und die Ecke des Rahmens verwundete Käthchen an der Stirn. Der Nagel ſchien zu locker in der Wand geſtan⸗ den zu habenz denn er ſiel mit der Kalkbekleidung nach. Ich weiß auch nicht— ſagte der Forſter verdrießlich— warum das Bild nicht ordentlich aufgehaͤngt wird, das iſt nun das zweitemal, daß es uns erſchreckt. Haſt Du denn Schmerz, Käthchen? Es iſt unbedeutend— verſetzte ſie freundlich und wiſchte das Blut aus den Locken— ich bin nur ſehr erſchrocken. Wilhelm war fuͤrchterlich bewegt, als er Kaͤthchens todtenblaſſes Geſicht und das Blut an ihrer Stirn ſah. So hatte ſie ſeine Phantaſie in jener entſetzichen Nacht ihm gezeigt, und alle dieſe Bilder wurden jetzt aufgeregt und folterten ihn von neuem. Sein Vorſatz, dieſe Nacht das zweideutige Werk zu beginnen, war heftig er⸗ ſchuͤttert, aber der Wein, den er, um ſeine in⸗ nere Qual zu verbergen, ſchneller und haͤufiger als gewöhnlich trank, erfuͤllte ihn mit einem wil⸗ den Muth, er beſchloß von neuem, kuͤhn das Wageſtuͤck zu unternehmen, und ſah in ſeinem Vorhaben nichts, als den ſchoͤnen Kampf der Liebe und des Muthes mit der Gefahr. Die Glocke ſchlug jett Reun. Wilhelmen pochte das Herz gewaltig. Er ſuchte einen Vor⸗ wand, ſich zu entfernen; vergebens, wie konnte der Bräutigam am Hochzeitvorabend die Braut verlaſſen? Die Zeit flog ihm pfeilſchnell voruͤber, er litt namenloſe Qualen in den Armen der be⸗ lohnenden Liebe. Zehn uhr war nun voruͤber, der entſcheidende Augenblick war gekommen. Ohne Abſchied ſchlich Wilhelm ſich von der Seite der Braut; ſchon war er mit ſeinen Werkzeugen vor dem Hauſe, da kam die Mutter ihm nach. Wo⸗ hin, Wilhelm?— fragte ſie aͤngſtlich. Ich habe ein Wild angeſchoſſen, und es im Taumel ver⸗ geſſen, war die Antwort. Vergebens bat ſie, vergebens ſchmeichelte ihm Kaͤthchen, die in ſeiner verſtorten Eile etwas ahndete, was ihr unerklaͤr⸗ lich ſchien. Wilhelm drängte Beide zuruͤck und eilte in den Wald. Ir. Der Mond war im Abnehmen und ſtieg bun⸗ kelroth am Horizont herauf. Graue Wolken flo⸗ gen voruͤber und verdunkelten zuweilen die Ge⸗ Lend, die bald darauf ſich wieder piötzlich vom Mondſtrahl aufhellte. Die Birken und Aspen ſtanden wie Geſpenſter im Wald und die Silber⸗ pappel ſchien Wilhelmen wie eine weiße Schatten⸗ — 281— geſtalt zuruͤckzuwinken. Er ſchauderte, und bie wunderähnliche Storung ſeines Vorhabens in den letzt vergangenen Naͤchten, das bedeutende, wie⸗ derholte Fallen des Bildes ſchien ihm die letzte Abmahnung ſeines weichenden Schutzgeiſtes von einer boͤſen That zu ſeyn. Noch einmal ſchwankt'er im Vorſatz. Schon wollt' er umkehren, da war es, als fluͤſterte ihm eine Stimme zu:„Thor! haſt Du nicht ſchon den Zauber gebraucht, ſcheuſt Du nur de Muͤhe des Erwerbs?“— Er ſtand, der Mond trat glänzend aus der dunklen Wolke und beleuchtete das friedliche Dach der Foͤrſterwohnung. Wil⸗ helm ſah Kaͤthchens Fenſter im Silberglanz flim⸗ mern, er breitete ſeine Arme aus und ſchritt be⸗ wußtlos nach der Heimath zuruͤck; da fluͤſterte die Stimme von neuem, ein heftiger Windſtoß brachte den Schlag des zweiten Stundenviertels.„Fort, zur That!“ rief es um ihn: Zur That— wie⸗ derholte er laut— feig iſt es und kindiſch, auf halbem Wege umzukehren, thoͤricht, das Große aufzugeben, wenn man um Kleineres ſchon viel⸗ reicht— ſein Heil gewagt hat. Ich will vol⸗ lenden. Er ſchritt mit großen Schritten vorwaͤrts, der Wind jagte die zerriſſenen Wolken wieder — 282— vor den Mond, und Wilhelm trat in die dichte Finſterniß des Waldes. Jetzt ſtand er auf dem Kreuzweg. Der Zau⸗ berkreis war gezogen, die Schädel und Todten⸗ beine rings umher gelegt. Der Mond huͤllte ſich immer dichter in das Gewolk, und ließ die duͤſtern Kohlen, von abwechſelnden Windſtoßen aufgebla⸗ ſer, allein die nächtliche That mit einem trüben, roöthlichen Scheine beleuchten. In der Ferne ſchlug eine Thurmuhr das dritte Stundenviertel anz Wilhelm legte die Gießkelle auf die Kohlen und warf das Blei hinein, nebſt drei Kugeln, die ſchon fruͤher einmal getroffen hatten; denn von dieſem Gebrauch der Freiſchuͤtzen erinnerte er ſich in ſeiner Lehrzeit gehort zu haben. Im Walbe fing es nun an ſich zu regen. Zuweilen flatterten Eulen, Flebermaͤuſe und andres lichtſcheues Nacht⸗ geflügel vom Schein geblendet, auf. Sie fielen von ihren Zweigen und ſetzten ſich um den Zau⸗ verkreis, wo ſie dumpf kraͤchzend mit den Todten⸗ ſchädeln unverſtändliche Geſpräche zu halten ſchie⸗ nen. Ihre Sahl vermehrte ſich, und unter ihnen huſchten neblichte Geſtalten, wie Wolken hin, bald thieraͤhnlich, bald menſchlicher gebildet. Der Windſtoß ſpielte mit ihren truͤben Dunſtkörpern, wie mit abenblichem Thaugewolk, nur Eine ſtand ſchattenähnlich, aber unverändert unfern dem — 283— Kreis und blickte ſtarr und wehmuͤthig auf Wil⸗ helm. Zuweilen hob ſie die blaſſen Haͤnde kla⸗ gend empor, und ſchien zu ſeufzen. Die Kohlen brannten duͤſtrer, wenn ſie die Haͤnde erhob, aber eine graue Eule ſchwang die Flugel und fachte die verlöſchenden an. Wilhelm wandte ſich abz denn das Angeſicht ſeiner todten Mutter ſchien aus der duͤſtern Geſtalt mit klagender Wehmuth ihn anzublicken. Da ſchlug die Glocke Eilf. Die weiße Geſtalt verſchwand ſeufzend. Die Eulen und Nachtraben flatterten kraͤchzend auf, die Schädel und Todtenbeine raſſelten unter ihren Flugeln. Wilhelm kniete an ſeinem Kohlenheerd, er goß, und mit dem letzten Glockenſchlag ſer die erſte Kugel aus der Form. I2. Die Eulen und Tobtenbeine ruhten. Aber auf dem Wege kam ein altes, gebüͤcktes Mutter⸗ chen auf den Zauberkreis los. Sie war ringsum mit yoͤlzernen Loͤffeln, Ruͤhrkellen und anderm Kuͤchengeräth behangen, und machte ein furchter⸗ liches Geklapper, die Eulen krächzten ihr entge⸗ gen und ſtreichelten ſie mit ihren Fluͤgeln. Am Kreiſe buͤckte ſie ſich nach den Knochen und Schä⸗ deln, aber die Kohlen ſpruͤhten nach ihr und ſie zog die dürren Haͤnde zuruͤck. Da ging ſie um den Kreis und hielt Wilhelmen grinſend ihre Waare entgegen. Gieb mir die Knoͤchelchen— gurgelte ſie ihm zu— ich geb Dir ein Loͤffelchen, gieb mir die Schaͤdel, was ſoll Dir der Bettel? Kann Dir nichts frommen, wirſt nicht entkom⸗ men, mußt mit zum Hochzeitreihn, lieb Bräut⸗ gam mein. Wilhelm ſchauderte, doch blieb er ſtille und eilte mit ſeiner Arbeit. Das alte Weib war ihm nicht unbekannt. Eine wahnſinnige Bettlerin war ſonſt oͤfters in dieſem Aufzuge in der Nachbar⸗ ſchaft umhergegangen, bis ſie endrich im Irren⸗ hauſe eine Verſorgung gefunden hatte. Er wußte nicht, war es Wirklichkeit oder ein Trugbild, was ſich ihm darſtellte. Nach einer Weile warf die Alte zornig ihren Vorrath ab, und mit den Worten:„Nimm das zur Polternacht, das Brautbett iſt gemacht, morgen, wenn Abend graut, biſt Du mir angetraut, komm bald, feins Liebchen!“ trippelte ſie langſam in den Wald. Plotzlich raſſelte es, wie Räder und Peit⸗ ſchengeknall. Ein Wagen kam mit einem Sechs⸗ geſpann und Vorreitern. Was ſoll das hier auf der Straße?— rief der vorderſte,— Platz da! Wilhelm blickte auf, dem Hufſchlag der Pferde entſprangen Funken, und um die Wagenräder — 555— leuchtete es wie phosphoriſcher Schein. Wilhelm ahndete ein Zauberwerk und blieb ruhig.„Hin⸗ an, hinan, hinuͤber, daruͤber, im tollen Lauf hinan, hinauf!“ rief der Vorreiter zuruͤck, und im Augenblick ſtuͤrmte die ganze Schaar auf den Kreis los. Wilhelm ſtuͤrzte zu Boden, als die Pferde hoch uͤber ſeinem Kopf baͤumten, aber die luftige Reiterei ſauſte mit dem Wagen in die Luft, drehte ſich einigemal uͤber den Zauberkreis und verſchwand in einem Sturm, der die Wipfel zerriß und die Zweige umherſtreute. Es verging einige Zeit, eh ſich Wilhelm vom Schreck erholte. Er zwang ſeine zitternden Haͤnde, feſt zu halten, goß ungeſtört einige Kugeln. Da ſchlug die ferne, ihm wohlbekannte Thurmglocke. Troͤſtend, wie eine freundliche Stimme, ſchallte ihm der Klang aus der Menſchenwelt in den furchtbaren, abge⸗ ſonderten Kreis heruͤber, aber die Glocke ſchlug zweimal, dreimal. Er ſchauderte uͤber den blitz⸗ ſchnellen Verlauf der Zeit; denn noch war nicht der dritte Theil ſeiner Arbeit vollendet.— Sie ſchlug zum viertenmal. Wilhelms Kraft war ver⸗ nichtet, jedes Glied ſchien gelaͤhmt und die Gieß⸗ form entſank ſeiner bebenden Hand. Er horchte mit verzweifelnder Reſignation auf den Schlag der vollen Stunde, der Klang ſaͤumte, zoͤgerte, bliev aus, Ein Spiel mit dem Schall der ernſten — 286— Mitternachtſtunde ſchien ſelbſt den furchtbaren Mäͤchten der Tiefe zu gewagt. Voll froher Ah⸗ nung ergriff Wilhelm ſeine Uhr, ſie zeigte das zweite Viertel der Stunde. Er blickte dankbar zum Himmel, und eine fromme Empfindung maͤ⸗ ßigte ſeinen Jubel, der gegen die Geſetze der dunkeln Welt eben in einem lauten Ausruf ſich Luft machen wollte. Gefaßt und geſtärkt gegen neue Taͤuſchung ging er muthig an ſein Werk. Tiefe Stille war rings um ihn, nur die Eulen ſchnarchten und ſtießen zu Zeiten die Schädel gegen die Todten⸗ knochen. Auf einmal kniſterten die Buͤſche. Der Ton war dem kundigen Jäger nicht fremd, er blickte hin, und, wie er vermuthete, eine wilde Bache brach durch das Gebuͤſch und rannte auf den Kreis los. Wilhelm ahndete hier keine Täu⸗ ſchung, er ſprang auf, faßte ſein Gewehr und druͤckte es ſchnell auf das wilde Thier los, aber kein Funken ſprang aus dem Stein, er zog den Hirſchfänger, aber das borſtige Unthier fuhr, wie zuvor Wagen und Pferde, uͤber ihn in die Luft und verſchwand. 23. Der geangſtete Wilhelm eilte, die verlorne — Zeit einzubringen. Sechzig Kugeln waren gegoſ⸗ ſen, er blickte froh empor, die Wolken oͤffneten ſich und der Mond warf ſeine hellen Strahlen wieder auf die Gegend. Da rief eine aͤngſtliche Stimme im Walde:„Wilhelm! Wilhelm!“ es war Käthchens Stimme. Wilhelm ſah ſie aus dem Gebuͤſch treten und furchtſam umherblicken. Hinter ihr keuchte das alte Weib und ſtreckte die duͤrren Arme ſpinnenartig nach der Fliehenden, deren flatterndes Gewand ſie zu erhaſchen ſuchte. Käͤthchen ſammelte die letzten ermattenden Kraͤfte zur Flucht, da trat ihr der Stelzfuß in den Weg⸗ ſie ſtockte einen Augenblick im Lauf, und jetzt faßte ſie die Alte mit den entfleiſchten Knochen⸗ haͤnden. Wilhelm hielt ſich nicht laͤnger, er warf die Form mit der letzten Kugel aus der Hand, und eben wollt' er den Zauberkreis uͤberſpringen, da ſchlug die Glocke Mitternacht, das Zauberbild war verſchwunden, die Eulen warfen flatternd Knochen und Schaͤdel unter einander und flogen davon, die Kohlen verloſchen, und Wilhelm ſank erſchoͤpft zu Boden. Jetzt kam auf ſchwarzem Roß langſam ein Reiter heran. Er hielt vor dem zerſtoͤrten Zau⸗ berkreiſe. Du haſt Deine Probe gut beſtanden— ſprach er— was begehrſt Du von mir? — 288— Nichts von Dir— antwortete Wilhelm— was ich brauche, hab' ich mir ſelbſt bereitet. Mit meiner Huͤlfe— fuhr der Fremde fort — darum gehoͤrt mir mein Theil. Mit nichten— rief Wilhelm— ich habe Dich weder gedungen noch Dir gerufen. Der Reiter laͤchelte hoͤhniſch. Du biſt kuͤh⸗ ner— ſprach er— als Deines gleichen ſonſt zu ſeyn pflegen. Nimm die Kugeln, die Du berei⸗ tet haſt. Sechzig fur Dich, drei fuͤr mich; jene treffen, dieſe aͤffen, auf Wiederſehn, dann wirſt Du's verſtehn. Wilhelm wandte ſich ab. Ich will Dich nicht wiederſehn— rief er— verlaß mich! Warum wendeſt Du Dich von mir?— fragte der Fremde mit furchtbarem Lacheln— kennſt Du mich? Nein, nein!— ſchrie Wilhelm ſchaudernd— ich will Dich nicht kennen, ich weiß nichts von Dir! Wer Du ſeyn magſt, verlaß mich! Der ſchwarze Reiter wendete ſein Roß. Dein aufſteigendes Haupthaar— ſagte er mit dumpfem Ernſt— geſteht, daß Du mich kennſt. Ich bin der, den mit Schauder im Geiſt Du ſträubend nennſt. Mit dieſen Worten verſchwand er, und pie Bäume, unter welchen er gehalten hatte, ſenk⸗ ten verdorrte Aeſte zum Boden⸗ 6 —— 289— 14. Barmherziger Gott, Wilhelm) was iſt Dir geſchehen?— riefen Käthchen und Mutter Anne, als Wilhelm nach Mitternacht bleich und verſtoͤrt nach Haus kam— Du ſiehſt, wie aus dem Grabe geſtiegen. Es iſt von der Nachtluft— antwortete Wil⸗ helm— mir iſt in der That etwas ſieberhaft. Wilhelm— ſagte der Foͤrſter, der eben hin⸗ zu trat— Dir iſt etwas im Walde begegnet. Warum ließeſt Du Dich nicht halten? Mir machſt Du keinen blauen Dunſt. Wilhelm war über den Ernſt des Vaters be⸗ troffen. Nun ja— erwiederte er— mir iſt wirk⸗ lich etwas begegnet. Aber geduldet Euch neun Tage. Fruͤher, wißt Ihr ſelbſt Gern, lieber Sohn, gern!— fiel der Alte ein— Gottlob, wenn es etwas iſt, was neun Tage geheim bleiben muß. Laß ihn ruhig, Mut⸗ ter; ſtor⸗ ihn nicht, Kaͤthchen! Ich hätte beinah Dir unrecht gethan, guter Wilhelm! Nun geh', erhole Dich, die Nacht, ſagt das Sprichwort, iſt keines Menſchen Freund, aber faſſe nur Muth⸗ wer in ſeinem Beruf iſt und auf guten Wegen geht, dem ſchadet auch der Nachtſpuk nicht. Vilhelm hatte alle Verſtellungskunſt nothig, 19 — 290— um nicht zu verrathen, wie ſehr des Alten Ah⸗ nung mit der Wahrheit uͤbereinkam. Die ſcho⸗ nenbe Liebe des Vaters, ſein unerſchuttertes Ver⸗ traun, wo Alles auf ſchwere Verſchuldung deutete, zerriß ſein Herz. Er eilte auf ſein Zimmer, ent⸗ ſchloſſen, das Zauberwerk zu vernichten. Nur Eine Kugel— nur Eine will ich brauchen— rief er weinend mit gefalteten Händen zum Himmel. — O, die Abſicht darf doch einmal das zweideu⸗ tige Mittel entſuͤndigen. Mit tauſend Buͤßungen will ich's ja gern verſoͤhnen, wenn etwas Suͤn⸗ diges an meiner That iſt! Kann ich denmn jetzt noch zuruͤck, ohne mein ganzes Gluͤck, meine Ehre, meine Liebe zu zerſtören? Sein Vorſatz ſtillte die Unruh in ſeiner Bruſt, und er ſah am Morgen der Sonne ruhiger ent⸗ gegen, als er gehofft hatte. 15. Der fuͤrſtliche Kommiſſarlus kam, und ver⸗ langte vor der ernſthaften Probe eine kleiné Jagd⸗ parthie mit dem jungen Forſter zu machen. Denn — ſagte er— es iſt ganz gut, daß wir die alte Solennität beibehalten, aber die Kunſt des Jä⸗ gers zeigt ſich draußen im Wald am beſten. Friſch auf, Herr Expektant, in den Wald! . — 291— Wilhelm erblaßte und wollte Entſchuldigun⸗ gen vorbringen, und als dieſe bei dem Landjäger⸗ meiſter nichts fruchteten, vat er, ſeinen Probe⸗ ſchuß wenigſtens zuvor thun zu duͤrfen. Der alte Forſter ſchuͤttelte bedenklich den Kopf. Wilhelm, Wilhelm— ſagte er mit bebender, tiefer Stim⸗ me. Er entfernte ſich ſchnell, und in wenig Au⸗ genblicken war er, zur Jagd fertig, bei dem Va⸗ ter und folgte dem Jaͤgermeiſter in den Wald. Der alte Forſter ſuchte ſeine Ahndungen zu unterdruͤcken, doch bemuͤhte er ſich vergebens um eine frohe Miene. Auch Käthchen war niedergeſchlagen und ging wie träumend im Hauſe umher. Sie fragte den Vater, ob es nicht moͤglich ſey, die Probe auf⸗ zuſchieben? Ich wollt' es auch— ſagte dieſer, und umarmte ſie ſchweigend. Jetzt kam der Vater gluͤckwuͤnſchend, und er⸗ innerte die Braut an den Kranz. Mutter Anne hatte ihn verſchloſſen, und in der Eil' beſchaͤdigte ſie aufſchließend das Schloß. Ein Kind wurde geſchwind zu einer Kreuzhaͤndlerin geſchickt, um einen andern Kranz fuͤr die Braut zu holen. Laß Dir den ſchoͤnſten geben— rief Mutter Anne dem Kinde nach, aber dieſes griff in der unwiſ⸗ ſenheit nach dem glänzenden, und die mißverſte⸗ yende Verkäͤuferin gab ihm einen Todtenkranz für * eine Braut von Myrte und Rosmarin mit Sü⸗ ber durchwunden. Mutter und Braut erkannten das Deutungsvolle des Zufalls; jede ſchauerte, und Beide ſuchten, ſich umarmend, ihr Grauen in ein Läͤcheln uͤber den Mißgriff des Kindes um⸗ zuwandeln. Das Schloß wurde noch einmal ver⸗ ſucht, es oͤffnete ſich leicht, die Kränze wurden gewechſelt, und der Brautkranz in Käthchens Locken gewunden⸗ 8 16. Die Jäger kamen zurüͤck. Der Kommiſſar war unerſchoͤpflich in Wilhelms Lobe. Es duͤnkt mich faſt laͤcherlich— ſprach er— nach ſolchen Proben noch einen Probeſchuß zu verlangen. Doch, dem alten Recht zu Ehren, muͤſſen wir ſchon ein⸗ mal etwas unnoͤthiges thun, und ſo wollen wir denn die Sache ſo kurz als möglich abthun. Dort auf dem Pfeißer ſitzt eine Taube, ſchießen Sie die herunter. um Gottes Willen— ſchrie Käthchen herzu⸗ eilend— Wilhelm, ſchieß nicht danach. Ach, mich traͤumte dieſe Nacht, ich war eine weiße Taube, und die Mutter band mir einen Ring um den Hals, da kamſt Du, und die Mutter ward voll Wilhelm zog das ſchon angelegte Gewehr zu⸗ ruͤck, aber der Jägermeiſter läͤchelte. Ei, ei!— ſagte er— ſo furchtſam? Das ſchickt ſich nicht fuͤr ein Jägermaͤdchen. Muth, Muth, Braͤutchen! oder iſt das Taͤubchen vielleicht ihr Favoritchen? Nein— erwiederte ſie— mir iſt nur ſo bang. Nun dann— rief der Kommiſſar— Courage, Herr Foͤrſter, ſchießen Sie!„ Der Schuß fiel, und in demſelben Augenblick ſtuͤrzte Kaͤthchen mit einem lauten Schrei zu Boden. Wunderliches Maͤdchen!— rief der Laudjä⸗ germeiſter und hob Kaͤthchen auf; aber ein Strom Blut quoll uͤber ihr Geſicht, die Stirn war ihr zerſchmettert, eine Buͤchſenkugel lag in der Wunde. Was iſt?— rief Wilhelm— als lautes Ge⸗ ſchrei hinter ihm ertoͤnte. Beim Zuruͤckbleiben ſah er Kaͤthchen todtenbleich in ihrem Blut. Reben ihr ſtand der Stelzfuß und mit holliſchem Hohnlachen grinſete er:„Sechzig treffen, drei affen. Wilhelm riß wuͤthend ſeinen Hirſchfaͤnger aus der Scheide und hieb nach dem Verhaßten. Verfluchter— ſchrie er verzweifelnd— ſo haſt Du mich getaͤuſcht? Mehr konnte er nicht ſpre⸗ chen; denn er ſank beſinnungslos neben der blu⸗ tenden Braut zu Boden. 294— Der Kommiſſar und der Pfarrer ſuchten ver⸗ gebens den verwaiſten Aeltern Troſt zuzuſprechen. Mutter Anne hatte kaum der braͤutlichen Leiche den prophetiſchen Todtenkranz auf die Bruſt ge⸗ legt, als ſie den tiefen Schmerz in der letzten Thräne ausweinte. Der einſame Vater folgte ihr bald. Wilhelm beſchloß ſein Leben im Irren⸗ hauſe. 1 ————— — — ————————— ——— ——— Seite Der Koͤnig von Ptlantss.„ 3 Begebenheit im Gaſthofe zu B.„ 35 Das Bettelweib von Locarno.„„„ 53 Philadelphia der Zweite. 61 Die Nymphe des Rheins.„ 91 Der Todpentanz.„1117 Die ſchoͤne Meli.„ 335 Die neue Meluſine.. 163 Das Grab auf dem Oybin.„„205 Der Freiſchüt. 209 Gedruckt bei G. Baſſe. ſiſſ 8 9 10 11 12 13 14 15 15 4