Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 6Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit A. Nr. 256. 8 cLeih- und Seſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Ruckgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ſ eines Buches, eine dem Werthe entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zuruckgabe von mir zurückerſtattet wird 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für öcheuttich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 W— 1 W 5 2N 8— F„.,— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene und defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14. feſtgeſetzt und wird — beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Piejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 5 g2 — Die Jacobiner in Ungarn. Hiſtoriſcher Roman von Franz von Pulszky. Erſter Band. Berlin. Allgemeine Deutſche Verlags⸗Anſtalt. 1851. † Die Margarethen-Inſel. Sa einer Reihe von Jahren iſt das Dampf⸗ ſchiff das Hauptverbindungsmittel zwiſchen Wien und Peſth. Eine Waſſerreiſe von vierzehn Stun⸗ den auf dem größten Fluſſe Europas, durch eine an Abwechslungen reiche Gegend, die durch hiſto⸗ riſche Erinnerungen belebt wird, iſt ſo einladend, daß mit dem Geſchäftsmanne auch Tauſende von fremden Touriſten nach Peſth fahren, um wenig⸗ ſtens ſagen zu können ſie ſeien auch in Ungarn geweſen. Doch wenige dieſer Reiſenden ahnen es, wenn ſie in der nächſten Nähe von Peſth bei der grünen Margarethen Inſel vorbeiſchiffen, daß ſie an einem der reizendſten Gärten Europas vorüber⸗ . 1 eilen. Die Schiffswerfte und Maſchienenfabrik in Altofen, kaum eine Viertelſtunde über der Inſel, wird häufig von ihnen beſucht, obgleich ſie hier nichts anderes ſehen, als was ſie im eigenen Va⸗ terlande vollkommener oder doch großartiger ſehen könnten; aber unter Tauſenden geht kaum einer hinüber in den ſchönen Park, den Erzherzog Jv⸗ ſeph geſchaffen hat. Selbſt die meiſten Bewohner von Peſth kennen ihn nicht, und fahren lieber in das„Stadtwäldchen“, wo der undankbare Sand⸗ boden dem Fleiße des Gärtners noch immer trotzt, wo der Raſen im Sommer durch die glühende Sonne ausgebrannt wird, und die Bäume nur krüppelhaft aufwachſen, während die üppige Vege⸗ tation auf der Inſel an die Herrlichkeit des Sü⸗ dens erinnert.— Der verſtorbene Palatin Etz⸗ herzog Joſeph hatte eine Vorliebe für dieſen re⸗ zenden Ort; hier pflegte er ſeine Blumen und Obſtbäume, hieher verpflanzte er die Sträuche America's und Kleinaſiens, hier ſuchte er die alten Kloſterruinen, die noch theilweiſe dem Einfluſſe der zerſtörenden Zeit widerſtanden vor gänzlichem Ruin zu bewahren; aber er wollte es nicht, daß ſein 3 Garten der Sammelplatz aller Müßiggänger der Hauptſtadt werde. Seinem humanen Sinne wider⸗ ſtrebte es übrigens, das Volk ganz auszuſchließen; der Freund der ſchönen Natur, der ernſte Denker, der dem Gewühl der Hauptſtadt für einige Stun⸗ den entgehen wollte, der wiſſenſchaftliche Botaniker ſollte durchaus nicht gehindert ſein, dieſe Anlagen zu beſuchen. Er gab daher den Befehl, daß kein Boot von der Peſther Seite an der Inſel landen dürfe; der Zugang war nur von Altofen aus ge⸗ ſtattet. Da nun die elegante Geſellſchaft ſich nach Peſth gezogen hatte, und ſelten nach Altofen ſich verirrte, ſo blieb der ſchöne Park wenig beſucht und diente hauptſächlich nur zum Erholungsort der Badegäſte, die gerade der Inſel gegenüber an den warmen Quellen von Ofen eine Erleichterung ihrer Leiden ſuchten. Gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts bot dieſer Park einen ganz anderen Anblick dar, als jetzt. Noch waren alle die Platanen und Tul⸗ penbäume nicht gepflanzt, die ihn jetzt zieren. Doch der üppige Graswuchs der Wieſen und des Wal⸗ des Dickicht, der einen Theil der Inſel deckte, lockte 18 eine größere Anzahl Beſucher über die Donau als jetzt der Fall iſt; denn damals wohnte die Ariſtv⸗ cratie noch in Ofen, wo auch die ſämmtlichen Re⸗ gierungsſtellen oben auf dem Feſtungshügel ſich befanden; während das ſchöne Peſth, das mit ſei⸗ nen Paläſten die Ufer der Donau ſo majeſtätiſch krönt, nur ein kleines Städtchen war, an deſſen äußerſtem Nordende ſpeben jenes Haus gebaut wurde, das jetzt als Hotel„Zur Königin von England“ dem Reiſenden wohl bekannt iſt, und ungefähr in der Mitte der jetzigen Stadt liegt. Ueber dieſem Hauſe hinaus erſtreckte ſich ein wüſter Grund, eine halbe Meile hinauf bis zu dem co⸗ loſſalen Gebäude, das Kaiſer Joſeph als Kaſerne und befeſtigten Waffenplatz hatte erbauen laſſen, um von hieraus nöthigenfalls die Stadt im Zaume zu halten, und das ſeitdem noch immer das Neu⸗ gebäude heißt. An manchen Orten, wo das ufer ſich ganz flach hinzog, wuchſen Schilf und Binſen auf der moraſtigen Niederung, in der Wild⸗ enten und Waſſerhühner brüteten, und den Peſther Bürgern zur Jagd dienten. An den Erhöhungen aber, etwas ferner vom Ufer, ſtanden unregelmäßig v — 5 hier und da kleine Wohnhäuſer, von Gärten um⸗ geben. Dieſe Gegend führte ſchon damals den. Namen der Leopolbſtadt, zu Ehren des Monarchen, unter dem der Plan zu dem Stadttheil ausgeſteckt worden war, der hier gebaut werden ſollte; doch von der Stadt ſah man kaum die allererſten An⸗ fänge. Es war ein ſonniger Frühlingsmorgen Ende Aprils 1794, als ein junger Mann ſich über den Donauarm fahren ließ, der die Inſel von Ofen trennt. Laue Lüfte wehten durch die Zweige, deren Knospen ſich ſo eben zu entfalten begannen; einige Mandelbäume ſtanden in voller Blüthe, der Raſen prangte in jener grünen Farbe, in der das warme Gelb vorherrſcht, man fühlte das ſehnſuchterweckende Erwachen des Frühlings. Doch der junge Mann ſchien für die Schönheit der Natur unempfindlich zu ſein, er eilte ſchnellen Schrittes dem Waldes⸗ dickicht zu, wandte ſich hier zu der Kloſterruine, deren Hauptmauer vom Epheu ganz umrankt iſt, und ſchlüpfte durch die niedrige Thieröffnung, denn häufige Ueberſchwemmungen hatten den Boden ſo hoch angeſchwemmt, daß man nur mit Mühe durch das einſtige Thor dringen konnte. Im Innern der Ruine ſetzte er ſich auf das Bruchſtück einer umgeſtürzten gothiſchen Säule, zog aus ſeiner Taſche ein Buch heraus, und begann aufmerkſam zu leſen. Die Vorſicht, mit der er ſich verſteckt hatte, zeigte es hinlänglich, es ſei eine verbotene Schrift, die ihn beſchäftigte. Es waren„Die Rui⸗ nen“ von Volney, eines jener Werke, das die Uebel der Despotie ſchilderte und verdammte, und die Grundſätze der politiſchen Freiheit und der Gleich⸗ heit der Menſchen in ihren Rechten und Pflichten mit glänzender Phantaſie und jener Präciſivn des Styles predigte, die den franzöſiſchen Schriftſtel⸗ lern eigen iſt. Drei Jahre früher hätte jedermann ein ſolches Buch offen auf ſeinem Tiſche laſſen können; die franzöſiſche Philoſophie war ja am Hofe Joſeph's und Leopold's gepflegt und bewundert worden, doch ſeit der mißtrauiſche Franz den Thron beſtiegen, und die franzöſiſche Revolutivn den Fürſten Euro⸗ pas den Krieg erklärt hatte, und durch die Hin⸗ richtung eines Theiles der königlichen Familie gegen das monarchiſche Prinzip ſelbſt mit brutaler Roh⸗ 7 heit aufgetreten war, war es gefährlich geworden, franzöſiſche Bücher politiſchen Inhalts zu beſitzen. Die geheime Polizei überwachte ihren Verkauf; nur auf Schleichwegen wurde der Moniteur und die politiſchen Pamphlete aus Paris in das Land geſchmuggelt, und nur im Verborgenen und mit der größten Vorſicht geleſen. Die inländiſchen Zei⸗ tungen durften ſich kaum mit Politik befaſſen, und enthielten nichts als Declamativnen über die Schrecken der Revolution und Drohungen gegen die Franzoſen. Das war aber um ſo unangeneh⸗ mer für die Ungarn, als ſie unter Kaiſer Joſeph Preßfreiheit genoſſen hatten, und die Cenſur erſt neuerdings durch Franz eingeführt worden war, denn er hatte es ſich zur Aufgabe gemacht alle Grundſätze ſeines Oheims und ſeines Vaters zu verläugnen, und alle freien Juſtitutionen zu unter⸗ graben. Das Mißtrauen, das den Hauptcharacter⸗ zug des Kaiſers bildete, verbreitete ſich vom Throne über das ganze Land, und obgleich die Sache der Freiheit bis jetzt noch keinen Märtyrer in Oeſtreich und Ungarn zählte, ſo fühlte es doch jedermann, die eingetretene Reaction werde ihren Weg rück⸗ ſichtslos gehen, ohne Blut und Verfolgung zu ſcheuen. Der junge Mann glaubte ſich in früher Mor⸗ genſtunde unter den Ruinen vor jeder Ueberraſchung vollkommen ſicher, er war daher nicht wenig erſtaunt, als er plötzlich einen Schrei hörte. Er ſprang auf, ſteckte das Buch raſch zu ſi ich, und bemerkte erſt jetzt, daß gerade über ſeinem Sitze. ein ſchmales Fenſter, vom Epheu beinahe ganz bedeckt, die Kloſterwand durchbrach. Er ſchob die dichten Zweige der Schlingpflanze auseinander, und ſah nun zu ſeiner größten Ueberraſchung, es ſei kein Naderer, der ihn hier belauſchte, ſondern zwei anmuthige jugendliche Frauengeſtalten, die etwas ängſtlich hart am Donauufer ſich an den Aeſten der Erlen feſthielten, um nicht über dem Steingewölbe auszugleiten. Sie waren in der Abſicht die Rückſeite der Ruine zu ſehen auf eine Stelle gekommen, wo die Wellen des Fluſſes das Ufer gelockert hatten. Der Boden wich unter ihren Tritten, inſtinetmäßig ergriffen ſie die Erlen⸗ äſte, die ſich über ſie hinbogen, und klimmten raſch auf das Steingewölbe hart an der Ruine; aber 9 ihr Muth hatte ſie nun plötzlich verlaſſen, und ſie riefen um Hülfe. Der junge Mann eilte raſch zu ihnen, reichte ihnen die Hand und führte ſie über das Gewölbe hinab bis auf den Fußpfad. Beide Damen be⸗ theuerten hier ihre Dankbarkeit für ihre Rettung, und ſo klar der junge Mann es ihnen auch be⸗ wies, daß ſie in gar keiner Gefahr geweſen ſeien, nannten ſie ihn doch ihren Lebensretter, und ließen es ſich nicht abſtreiten, daß ſie ohne ihn in die Donau geſtürzt wären. „Wenn Sie mich denn durchaus für Ihren Retter anſehen,“ ſagte er nun,„ſo werden Sie mir hoffentlich auch eine Belohnung für meine leichte Heldenthat nicht verſagen, und es erlauben, daß ich Sie bei Ihrem Spaziergange hier in der Inſel begleite, und Ihren Cicerone mache.“ „Es wird uns ſehr angenehm ſein“— war die raſche Antwort der Aelteren der beiden Frem⸗ den—„doch werden Sie es wohl natürlich fin⸗ den, daß wir es zu wiſſen wünſchen, wem wir unſere Rettung verdanken?“— „Mein Name iſt Alexander Szolareſek, ich bin 10 Advorat. Doch Sie,— vetzeihen Sie mir die Frage,— Sie ſind doch keine Ungarin?“ „Sie ſind wirklich ſcharfſichtig, Herr Advveat, daß Sie das an meiner fremden Ausſprache er⸗ kannt haben,“ rief die Dame lachend aus,—„ich bin eine Franzöſin,— ober keine Emigrantin,“ ſetzte ſie hinzu, als ſie ſah, daß eine Wolke des Unmuths ſich über die Züge Szolareſek's verbrei⸗ tete,—„ich bin die Tochter eines jener gefan⸗ genen Offiziere der Armee der Republik, die hier im Neugebäude bewacht werden; mein Mann iſt unter den Baſtille-Kämpfern gefallen, und da ich mit mehreren Convents⸗Mitgliedern bekannt bin, die jetzt einigen Einfluß beſitzen, gelang es mir, einen Paß ins Ausland zu erhalten, als die Nach⸗ richt kam, mein Vater ſei gefangen worden.“ Das Erſtaunen Szolareſek's ſteigerte ſich mit jedem Wort, er hatte es zwar gleich im erſten Momente der Begegnung wohl bemerkt, wie aus⸗ drucksvoll die Phyſiognomie der Fremden ſei; aber jetzt wo er hörte, ſie ſei die Wittwe eines Frei⸗ heitshelden, die Tochter eines republikaniſchen Of⸗ fiziers,— ſie kenne jene Männer perſönlich, die 11 von dem Gipfel des Berges mit Titanenmuthe die Götter der Erde befämpften, da kam ſie ihm bei⸗ nahe wie ein höheres Weſen vor; ſeine Augen weilten mit Luſt auf ihrem reichen ſchwarzen Haar, auf den blitzenden dunklen Augen, und den edlen Zügen des blaſſen Geſichtes, das ſich, indem ſie ſprach, leiſe röthete; die elegante Tournüre ihrer Bewegungen, und jene Zierlichkeit des Fußes, die jede Pariſerin mit beinahe unbewußter Coquetterie geltend zu machen verſteht, fielen ihm jetzt noch mehr auf. „Sie kennen alſo jene großen Männer“— rief er aus—„die es zuerſt gewagt haben, den movrigen Grundſätzen der Freiheit eine praktiſche Geltung zu ſchaffen, die an der Wiedergeburt des Menſchengeſchlechtes nie verzweifeln, und ſelbſt vor dem Blute nicht zurückſchrecken, weil ſie es wiſſen, daß der Weg ins gelobte Land nur durch das rothe Meer führt? Sie haben vielleicht jene gro⸗ ßen Redner ſelbſt gehört, vor denen die Männer des claſſiſchen Alterthums zu Zwergen zuſammen⸗ ſchrumpfen, die es wagen, nicht nur ganz Europa den blutigen Kriegshandſchuh hinzuwerfen, ſondern 10 auch in ihrem eigenen Buſen jene Vorurtheile der blinden Achtung vor dem Beſtehenden unterdrückt haben, die uns durch unſere Erziehung und durch die Geſchichte von Jahrtauſenden eingepflanzt wor⸗ den ſind. O, erzählen Sie mir von jenen Män⸗ nern! Sie haben Mirabeau ſicher gekannt. Haben Sie Vergniaud gehört? Was wird das Schickſal der Girondins ſein? Iſt Danton größer oder Ro⸗ bespierre?“ „Sie ſind nicht ſparſam mit ihren Fragen,“ ſagte Madame Raimond,„und es ſcheint die Ent⸗ fernung habe in der moraliſchen Welt gerade die entgegengeſetzten Wirkungen von jenen in der phy⸗ ſiſchen, ſie vergrößert und verklärt ſtatt zu verklei⸗ nern und zu umdüſtern. Darum verzeihe ich es Ihnen auch, daß Sie glauben, ich habe Mirabeau gekannt. Seine Beredtſamkeit kennen Sie wohl, aber nicht ſeinen Ruf, er war nur im politiſchen Leben groß; er liebte und achtete das Volk, aber er verachtete jedes Individuum; er ſprach von Tu⸗ gend; doch er glanbte nicht an ſie, und die Leiden⸗ ſchaften, die er heraufbeſchwor, waren für ihn bloß Zeitvertreib. Aber er war ein glücklicher Mann, 13 er ſah alle ſeine Wünſche erfüllt, und ſtarb gerade zur rechten Zeit für ſeinen Ruhm. Sie wiſſen es wohl, Marie Antvinette hatte ihn beſtochen, mit Geld beſtochen, nicht mit ihrer Anmuth, und er ſtarb, ehe noch ſein Name vom Volke verflucht wurde.“ „Sie rauben mir eine ſchöne Illuſion,“ rief Szolareſek ſchmerzlich aus,„aber Briſſot und Vergniaud und ihre Freunde ſind ſie nicht edle Charactere?“ „Sie haben recht, es ſind edle Charactere, aber auch keine Heroen wie Sie es vielleicht glau⸗ ben. Beredtſamkeit iſt eine gefährliche Gabe der Natur für Männer, die plötzlich aus einer nie⸗ deren Sphäre zum Gipfel der Macht gelangen, — ſie reißt nicht nur den Hörer ſondern auch den Redner mit ſich, ſie berauſcht ihn und trägt ihn fort wohin er ſelbſt nicht wollte. Dieſe Hel⸗ den des Wortes haben mit ihrer halben Politik den armen Ludwig XVI erſt aller Macht beraubt und es ihm dann zum größten Verbrechen ge⸗ macht, daß er ſich aus ſeiner traurigen Lage ber freien wollte. Ich liebe wahrlich das Königthum 14 nicht, und hatte keine Achtung für den König, der, während er ſeine Macht Stück für Stück preisgab, des Königsſtolzes baar, ſich bloß mit der Jagd beluſtigte und mit Schloſſerarbeit be⸗ ſchäftigte. Er verdiente es nicht auf dem ſchön⸗ ſten Throne der Welt zu ſitzen; aber zum Ver⸗ brechen kann man es doch dem Gefangenen nicht machen, daß er ſich ſeinen Kerkermeiſtern zu ent⸗ ziehen ſuchte; daß er die Anträge ſeiner Freunde nicht zurückwies und Fluchtpläne ſchmiedete.— Und jene Girondins, die alle für den Tod des Königs geſtimmt hatten, weil er eine Conſtitution verletzte, die ihm aufgedrungen ward, ſie lehnten ſich doch auch gegen den Convent auf als ſie ihn nicht mehr beherrſchen fonnten, und fachten den Bürgerkrieg in demſelben Momente an, als der Feind ſchon über den Grenzen in dem Herzen Frankreichs ſtand. Briſſot hat oft mit mir ge⸗ ſpielt, als ich noch ein Kind war, er war damals ein Schriftſteller, der die Scandale der Geſellſchaft nicht auf die zarteſte Weiſe ausbeutete, aber in Geſellſchaft war er der freundlichſte und liebens⸗ würdigſte Mann.“ „Es ſcheint alſo, daß Sie die Politik des Berges vertheidigen,“ bemerkte Szolareſek,„Dan⸗ ton und Robespierre ſind wohl ihre Helden?“ „Ich kenne wohl manchen der Männer des Berges,“ antwortete die Franzöſin,„und ich glaube nicht, daß ſie blutdürſtig ſind, trotz dem, daß ſie die Feinde der Republik mit gräßlicher Conſequenz verfolgen. Doch es ſcheint, ein Wahnſinn habe ſich ihrer bemächtigt; angegriffen von allen Mäch⸗ ten Europas, umgeben von Verrath, ſchrecken ſie vor keinem Mittel zurück, von dem ſie glauben, daß es das Vaterland retten könnte, aber auch ſie werden von denſelben Leidenſchaften bewegt, die in der großen Menge leben, Ehrgeiz und Rachgefühl, Geldgier und Vergnügungsſucht ſind bei ihnen häufiger als die Grauſamkeit, die man ihnen vorwirft, obgleich manchen unter ihnen die Furcht grauſam macht, der dann Todesurtheile unterſchreibt oder gutheißen läßt, bloß weil er ſich ſcheut als ſchwach verlacht zu werden!— Danton iſt ein dämoniſcher Character, den das Blut der Gefangenen verfolgt, die er im September mor⸗ den ließ. Ich ſchaudere, wenn ich denke, daß 16 man Gefangene morden kann! Wehrloſe, die ſich nicht vertheidigen können, und die kein anderes Verbrechen begangen haben, als daß ſie anderer Meinung ſind als ihre Richter und Henker!— Nicht war?“— ſetzte ſie bewegt hinzu und eine Thräne trat in ihre Augen—„die Oeſtreicher ſind nicht ſo ſchlecht, daß ſie Kriegsgefangene mor⸗ den ſollten?“ „Beruhigen Sie ſich,— ſagte der junge Mann—„unſere Regierung iſt zwar mißtrauiſch genug und jeder That fähig; hat ſie doch auf neutralem Schweizerboden die Geſandten Ihrer Republik aufgehoben und gefangen genommen. Doch ſo lange das Kriegsglück ſich nicht wendet, wird ſie nie unmenſchlich mit den Gefangenen umgehen. Danton ließ die Royaliſten hinrichten als der Feind im Anzuge war, und gegen Paris eilte; Thugut würde es bloß thun, wenn die ver⸗ bündeten Heere Frankreich unterdrückt und Paris zerſtört hätten.“— „Bin ich nicht kindiſch“— entgegnete die Franzöſin traurig—„daß ich manchmal ſo er⸗ ſchrecke? Es iſt meine Strafe, die ich vollkommen 17 verdiene, ich habe im September Danton für ſeinen Muth und Patriotismus hoch geprieſen, aber ich hatte damals keinen gefangenen Vater!“ „Und Robespierre?“ fragte jetzt Szolarcſef. „Er iſt ein Ehrgeiziger, niemand kennt ſeine Pläne; wäre er ein Feldherr, er würde der Herr Frankreichs, ſo aber werden die ihn ſtürzen, die blutiger ſind als er, und die er verachtet, weil er ihre Mittelmäßigkeit kennt.“— „Sie verzweifeln alſo an der Revolution!“ rief Szolareſek mit einem Seufzer aus—„wenn alle jene Männer, die die Bewegung leiten, ſo klein, ſo voll Fehler und Leidenſchaften ſind, wie Sie ſagen, wenn keiner unter ihnen die große Menge an Geiſt und Charakter überragt, dann iſt doch keine Hoffnung für Frankreich, keine für die Freiheit der Welt!“ „Nur die Menſchen ſind klein in unſerer Re⸗ volutivn“— entgegnete die Dame—„nicht die Ideen, und wenn ihre Träger auch einer nach dem andern zuſammenſinken, ſo ſind doch die Grundſätze unſterblich, die ſie aufgepflanzt haben. Und trauen Sie denn dem Volke nichts zu? 2 18 Glauben Sie, das ſich dies nochmals dem Joche des Adels und des Pfaffenthums beugen werde, daß es zurückkehren wird in die alte Leibeigen⸗ ſchaft? Ein einziger Tag hat die alten Privile⸗ gien und Standesunterſchiede gebrochen und ein Jahrhundert der Unterdrückung kann ſie nicht wie⸗ der aufrichten.— Selbſt wenn das Königthum durch fremde Uebermacht zurückgeführt werden könnte, wird es dennoch gedrungen ſein, alle Grundſätze der Revolution anzuerkennen. Sie kennen die Macht des dritten Standes nicht; denn, wie ich höre, haben Sie hier in Ungarn keine Mittelklaſſen. Doch da die Macht nun ein⸗ mal in unſere Hände gelangt iſt, laſſen wir uns dieſe nicht mehr entreißen, die Zeit der Privile⸗ gien iſt für Frankreich vergangen; der Weg der Macht iſt geöffnet für jedermann, und in Zukunft wird der Unterſchied zwiſchen Hochgeboren und Niedergeboren nur in der Geſchichte eriſtiren, als ein dunkler Fleck in den Annalen des Mittel⸗ alters; und Frankreich, mein ſchönes Frankreich iſt das Land, das das Evangelium der Freiheit verkündet, wenn es gleich alle Qualen des Mär⸗ 19 tyrerthums dabei erdulden muß.— Sehen Sie, ich verlor alles, was mir theuer iſt, in der Revo⸗ lution.— Mein Vater iſt ein Gefangener, ich muß den Gerichtsdiener mit Geld und Freund⸗ lichkeit beſtechen, damit dem Greiſe nicht alle Be⸗ quemlichkeiten des Lebens verſagt werden, und dennoch wünſche ich den Zuſtand nicht zurück, der früher in Frankreich herrſchte. Doch genug der Politik! In dieſem Lande des Adels und der Prieſterherrſchaft iſt ſelbſt der Gedanke der Frei⸗ heit gefährlich; denn was Ihr Freiheit nennt, nannte man bei uns Privilegien, die franzö⸗ ſiſche Freiheit verträgt ſich nicht mit der unga⸗ riſchen. Exzählen Sie mir lieber etwas von die⸗ ſen Ruinen.“ Der junge Advocat hatte wohl manches ein⸗ zelne Blatt des Moniteurs, manches leidenſchaft⸗ liche Pamphlet der Pariſer Preſſe geleſen, doch zum erſtenmal in ſeinem Leben hörte er jetzt die Sprache der Revolution, und er hörte ſie aus einem ſo reizenden Munde, daß die Worte ihm wie Prophetentöne klangen. Er hätte wohl noch gern dies Thema fortgeſetzt; doch er ſah, die 2* 20 Fremde verweile ungern bei dieſem Gegenſtande, und er wagte es nicht, ihrem Willen entgegen zu handeln, er gehorchte daher ihrem Befehl und ſagte: „Das Kloſter, deſſen Ruinen wir hier ſehen, wurde von König Beta dem W. für den Orden der Dominikanerinnen gebaut. Seine Schweſter die Landgräfin Eliſabeth von Thüringen, ſeine Schwägerin Prinzeſſin Salome, und ſeine Tante Hedwig, die Gemahlin eines polniſchen Herzogs, waren alle noch, während er lebte, heilig geſpro— chen worden. Er hatte ſie alle gekannt, zu denen er nun am Altare betete. Ein ſolch unerwartetes Zuſammentreffen konnte nicht ohne Einfluß auf ihn bleiben; er baute daher dies Kloſter, und ließ ſeine Tochter als Nonne darin erziehen. Er wußte zwar, daß ſein Schwager der Landgraf Ludwig, und ſein Bruder Prinz Coloman nicht ſehr glücklich in ihrer Ehe waren, und vielleicht eben deshalb, weil er glaubte, es ſei leichter eine Heilige zu werden, als eine Frau, die ihren Mann beglückt, weihte er die Prinzeſſin Margareth dem Altar. Doch ſie ſtarb mit fünf und zwanzig Jah⸗ 21 ren, und ihr Vater drang nun auf ihre Heilig⸗ ſprechung; er ſelbſt aber ſtarb während des Ca⸗ noniſativns⸗Prozeſſes und bald darauf auch ſein Sohn, der Bruder der zu Canoniſirenden; und ihr Neffe Ladislas betete nun die lebenden Jung⸗ frauen an, nicht die todten; Margarethe kam um den Heiligenſchein, ſie wurde⸗ bloß ſeelig geſpro⸗ chen. Aber die Inſel, auf der ſie gelebt hatte und geſtorben war, heißt ihr zu Ehren die Mar⸗ garethen⸗Inſel. Doch auch die Gemahlin Ladislavs, Königin Iſabella, aus dem franzö⸗ ſiſchen Königsgeſchlecht, hatte einigen Anſpruch auf die Heiligenkrone. Ihre altfranzöſiſche Sittſam⸗ keit vertrug ſich wenig mit dem heitern lebens⸗ luſtigen Sinne des Königs, der ſich für die Langeweile des Hofes, in der Geſellſchaft ſchöner Camaniſcher Mädchen und Frauen entſchädigte. Natürlich verbitterte dies den Hausfrieden noch mehr, und Iſabella wurde endlich vom Könige auf dieſe Inſel verbannt, da ſie ſich ſtets, wie er es jetzt höhniſch ihr erinnerte, nach dem Kloſter⸗ leben geſehnt hatte. Indeß ſchien dieſes ihr nicht zu behagen, denn ſie klagte fortwährend, und 22 kehrte, als ſie frei wurde, nicht mehr ins Kloſter zurück, obgleich der König ein nicht weniger wü⸗ ſtes Leben führte, als Ihr Ludwig der XV. Zuletzt ward er von den Verwandten einer ſeiner Geliebten erſchlagen, die er verlaſſen hatte.“ „Das alte Lied auch hier“— bemerkte Ma⸗ dame Raimond—„Bigotterie und Leichtfertig⸗ keit auf dem Throne, während vom Schickſal der Völker die Chroniken ſchweigen. Wir kennen es aber doch aus Erfahrung hinlänglich, es iſt über⸗ all daſſelbe ſeit Jahrtauſenden! Und wenn das Volk dann ſeine Ketten zerſprengt und ſeine Ker⸗ kermeiſter niederſchlägt, dann wird es verdammt und verketzert! Doch Lenke“— ſetzte ſie hinzu, indem ſie ſich zu ihrer Begleiterin wandte— „Du ſprichſt ja gar kein Wort, Du ſcheinſt Dich eben ſo wenig um Danton und den Berg zu kümmern, wie um die heilige Familie Bela's des IV?“ Szolarcſek war ſo ſehr hingeriſſen durch die für ihn ſo intereſſante Erſcheinung der Franzöſin, daß er erſt jetzt ihre Begleiterin genauer betrach⸗ 23 tete. Es war ein blondes Mädchen mit weichen beinahe kindlichen Zügen, doch die klaren braunen Augen zeigten von tiefem Gemüthe und entſchie⸗ denem Charakter. Sie war jedenfalls ſchöner als ihre Gefährtin, aber Szolareſek fühlte ſich dennoch mehr durch dieſe angezogen; wie wir es denn gewöhnlich im Leben ſehen, daß junge Männer ſich viel leichter an Frauen anſchließen als an ſehr junge Mädchen. In der Schule des Lebens ſind ſie gern Schüler von Frauen, die an Erxfah⸗ rungen reicher ſind als ſie ſelbſt! „Verzeihe liebe Freundin,“— ſagte Lenke mit leichtem Erröthen,—„daß ich Eurem inter⸗ eſſanten Geſpräche nicht zugehört habe. Ich be⸗ wunderte die ſchöne Scene, die ſich dem Blicke hier darbietet, das ſproſſende Gras und die kei⸗ menden Blätter, und die Blüthen dort am Man⸗ delbaume; und ich blickte hinüber nach der Burg dort oben, von wo der ſchlanke gothiſche Thurm ſo ernſt und impoſant auf uns hinabſieht, trotz dem, daß ihm die hohe Spitze fehlt, die ihn einſt zierte, und ſein modernes Dach jetzt den 24 Eindruck macht, als ob er eine Schlafmütze auf⸗ geſetzt hätte. Findeſt Du dieſe Ausſicht nicht herrlich?“ „Ja wohl iſt dieſe Ausſicht prachtvoll“— entgegnete die Franzöſin—„dieſe ſtille Inſel inmitten des ruhigen Wellenſpiegels der Donau; hier die unendliche Ebene, die ſich nach Oſten hin ausdehnt, wüſt und einſam wie das Meer, und dort die Rebenhügel und die Waldparthien, und die freundlichen Häuſer von Ofen! Und noch dazu ſieht man von hier weder das ſchlechte Pflaſter, noch die unſauberen Straßen. Es iſt wirklich, als wenn wir an der Grenze der Civili⸗ ſation ſtünden, hier die Betriebſamkeit Europas, dort die Steppen Aſiens.“— „Und wie wird es erſt herrlich ſein an die⸗ ſer Stelle ſetzte Szolareſek hinzu—„wenn einſt dieſer Fluß nicht mehr ſchweigend die wüſten Ufer beſpühlt; wenn Tauſende von Schiffen ſeine Fläche durchfurchen, und das kleine Peſth der Stapelplatz geworden iſt für den Verkehr des Orients, wenn die Stadt ſich ausdehnt über die — 25 Haide und den Moraſt, und das finſtere Ge⸗ bäude da drüben, dieſe Citadelle der Militär⸗ gewalt, dieſer Kerker der Freunde der Freiheit⸗ zur Lagerungsſtätte für die Waaren wird, die der Oſt und der Weſt hier mit einander austau⸗ ſchen! Dies ſollte die Beſtimmnng unſerer Haupt⸗ ſtadt ſein, doch ich fürchte es kommt nie dazu!“ „Und warum nicht?— fragte Madame Raimond— verzweifeln Sie denn ganz an dem Siege der Freiheit? Glauben Sie denn nicht, daß unter der Herrſchaft derſelben alles dies in wenigen Jahren vollbracht werden könnte? Doch die Zeit drängt, bis wir an's jenſeitige Ufer ge⸗ langen iſt es Mittag. Lenke, ich glaube wir müſ⸗ ſen gehen.“ Die Damen entfernten ſich, ſie gingen zum Kahne, der auf ſie wartete, der junge Mann be⸗ gleitete ſie und fragte ob er wohl hoffen dürfte, ſie nochmals zu treffen? „Ich wohne bei Doctor Koväcs, dem Vater Lenke's“— ſagte die Franzöſin,—„in jenem Landhauſe am Neugebäude. Es wird ihm ſicher 26 angenehm ſein, Ihnen ſeinen Dank für den Rit⸗ terdienſt auszudrücken, den Sie uns erwieſen haben. Auf Wiederſehen!“ Der Kahn ſtieß ab, doch Szolareſek's Blicke folgten ihm bis an das jenſeitige Ufer. Nach⸗ denkend kehrte er nach Ofen zurück. I. Ein Verſucher. Das Abenteuer auf der Margarethen⸗Inſel hatte einen tiefen Eindruck auf Szolareſek ge⸗ macht; ſchon am nächſten Tage ging er nach Peſth hinüber und eilte hinaus zu Dr. Koväcs.— Das Haus des Arztes war nur ein Stock hoch, von einem kleinen Garten umgeben; und die Blu⸗ mentöpfe am Fenſter, blühende Narziſſen und eine dunkle Hyachnthe, ſo wie die Nettigkeit der ſonſt ganz einfachen Einrichtung, zeigte, daß eine weib⸗ liche Hand walte. Szolareſek trat ein und nannte ſeinen Namen; ein ältlicher Herr mit gepudertem Haar und altmodiſcher Kleidung trat ihm freund⸗ lich mit den Worten entgegen:„Meine Tochter 28 und Madame Raimond haben mir ſchon von Ihnen erzählt, es freut mich recht ſehr Sie zu ſehen.“— Stzolareſek war angenehm überraſcht von dieſem gaſtlichen Empfang, denn er hatte Dr. Koväcs oft als einen gelehrten Sonderling ſchil⸗ dern hören, der ſeine große Praris als Arzt auf⸗ gegeben hatte, um ganz zurückgezogen ſeinen Bü⸗ chern zu leben; und man erzählte von ihm, er ſuche den Stein der Weiſen, und glaube an Ge⸗ ſpenſtererſcheinungen. Man wußte, er ſtehe mit Lavater in der Schweiz und mit Dr. Mesmer in Verbindung und er ſei ein Freund des jungen Dr. Hahneman, der in Siebenbürgen bei dem Gouverneur Bruckenthal lebte, und auch für einen Tollkopf und Wunderdoctor galt. Die Armen kamen wohl häufig zu dem entlegenen Hauſe des Dr. Koväes wenn ſie krank waren, doch er gab ihnen ſelten etwas anderes ein, als einige Trop⸗ fen geſchmackloſen Waſſers, das ſie dennoch heilte, und die Aerzte in Peſth verlachten ihren Collegen in der Vorſtadt, der, wie ſie behaupteten, nichts anderes ſei als ein Quackſalber, trotz dem er nie von ſeinen Patienten ein Honorar annahm.— 29 Der junge Advocat fühlte ſich durch den gutmü⸗ thigen Geſichtsausdruck und den geiſtreichen For⸗ ſcherblick des Arztes angezogen, ſie ſetzten ſich beide, und die gewählte Bibliothek, die an den Wänden ringsherum aufgeſtellt war, gab zu einem Geſpräche über die Literatur Anlaß. Szolarcſek bewunderte den Umfang der Kenntniſſe des alten Herrn, doch fiel ihm auf, daß dieſer das Geſpräch ſtets abbrach, wenn daſſelbe eine politiſche Wendung nahm, während doch in dieſer Zeit die Politik der Hauptgegenſtand jeder Unterhaltung war, denn die täglichen Neuigkeiten von Paris und vom Kriegs⸗ ſchauplatze hielten jedermann in geſpannter Er— wartung, und brachten des Furchtbaren und Tra⸗ 8 5 Furch giſchen ſo vieles, daß es alle Gemüther beſchäf⸗ tigte und erregte. Der junge Mann konnte ſich nicht enthalten ſein Erſtaunen darüber auszuſpre⸗ chen, doch der Doctor ſagte:„Mein Freund! die Wiſſenſchaften haben auch ihre Criſen und Revo— lutivnen, und die Früchte derſelben ſind dauer⸗ hafter als jene der politiſchen Welt;— glauben Sie mir altem erfahrenen Manne, der die Zukunft hell vor ſich ſieht,— die Revolution hat ſchon 30 alles hervorgebracht, was ſie für die Menſchheit heilſames hervorbringen fonnte, und alles Blut, das jetzt vergoſſen wird, iſt vergebens vergoſſen; für die Zukunft der Menſchheit arbeiten jetzt haupt⸗ ſüchlich die, die die verborgenen Kräfte der Natur ſtudiren;— die unerforſchten Geſetze der Mecha⸗ nik und der chemiſchen Wahlverwandtſchaften ſind wichtiger für uns, als Ihre abſtracten Menſchen⸗ rechte, die ſeit Jahrtauſenden das Aushängeſchild aller Ehrgeizigen waren, die ihren Weg machen wollten. Ich ſehe in der Geſchichte unſerer Zeit nichts anderes als die Wiederholung der Scenen des Alterthums, mich ekelt ſie ſchon, mit ihren leiden⸗ ſchaftlichen inconſequenten Ausbrüchen, mit ihren Rückſchlägen aus einem Extreme zum andern, während doch die Geſetze der phyſiſchen und mo⸗ raliſchen Welt unwandelbar ſind, ich habe mich darauf beſchränkt, blos die pyſhe Natur zu ſtu⸗ diren.“ Madame Raimond und Lenke waren während deſſen eingetreten, und das Geſpräch nahm na⸗ türlich eine andere Wendung. Die Franzöſin 31 flagte über die ſchlechte Behandlung der kriegs⸗ gefangenen Franzoſen, die man allen Völkerrechten zuwider gleich Verbrechern ganz von der Welt iſolirte; die Gemeinen ſehnten ſich nach Arbeit, die wenigen Officiere nach Geſellſchaft und Lectüre. War es ja doch ſelbſt ihr, der Tochter, nur drei⸗ mal die Woche erlaubt, ihren Vater den Oberſten Descamps zu ſehen, und ſelbſt dann durfte ſie nicht länger als zwei Stunden mit ihm weilen, und blos ſolche Bücher für ihn mitbringen, die der Auditor zuließ. Lenke ſowohl als Szolareſek fanden dies empörend. Was hatte man denn von dieſen Unglücklichen zu fürchten, deren viele noch an ihren Wunden litten? Konnte man ſie denn nicht im Lande vertheilen, und den Ofſicieren ge⸗ gen ihr Ehrenwort, daß ſie keinen Fluchtverſuch machen würden, mehr Freiheit gewähren? Und wenn man, wie Madame Raimond glaubte, die Verbreitung franzöſiſcher Ideen fürchtete, ſo hatte man das Mittel dies zu verhindern in der Hand, man konnte die Gefangenen auswechſeln. In Frankreich waren ja mehr Oeſtreicher, als Fran⸗ zoſen in Oeſtreich. Und dann dieſe Ideen waren 32 überdies nicht ausſchließlich franzöſiſch, ſie ſteckten in der Luft, man fand ſie in den Briefen Katha⸗ rinens, der Kaiſerin von Rußland, in dem Edict Kaiſer Joſephs, in den Werken des preußiſchen Friedrich. Szolareſek war daher feſt überzeugt, die Willkür der untergeordneten Beamten allein ſei die Urſache dieſer Behandlung; in Wien müſſe Miniſter Thugut— dieſer Sohn des Linzer Schiffsmeiſters— trotz ſeiner despotiſchen Lau⸗ nen es einſehen, daß die kleinliche Peinigung der Kriegsgefangenen keinen politiſchen Zweck haben könne; er war überzeugt, daß der Miniſter, wenn er dieſen Zuſtand kennen würde, ihn nicht länger dulden könnte. Doch wie ſollte er davon erfahren? Madame Raimond hatte nur mit Mühe die Erlaubniß er⸗ halten, nach Peſth zu kommen, es war ihr aus⸗ drücklich verboten nach Wien zu gehen; ſie wußte, daß die geheime Polizei ſie beobachte, und mied daher jede Geſellſchaft, um ja keinen Verdacht zu erregen, der ihre Ausweiſung nach ſich ziehen konnte. Sie kannte niemand, der ſich für ſie ver⸗ wenden wollte, und die Gefangenen weigerten ſich 33 eine Bittſchrift an die öſtreichiſche Regierung zu ſenden, ſie wollten nicht um Gnade bei ihren Fein⸗ den betteln. Szolareſek erbot ſich ſogleich unter ſeinen Be⸗ kannten die Sache in Anregung zu bringen, er fönne auf dieſe Weiſe etwas erreichen, und Ma⸗ dame Raimond nahm natürlich dieſen Antrag ſehr dankbar an. Als der junge Advocat ſich empfohlen hatte, ſagte Dr. Kovaes, der an dieſem Geſpräche wenig Theil genommen hatte, zu ſeiner Tochter:„Mich dauert dieſer junge Mann, es iſt eine edle Natur, enthuſiaſtiſch und hingebend, leicht erregbar und leicht hingeriſſen; aber ſeine Züge deuten auf Un⸗ glück, er iſt aus dem Stoffe der Märtyrer.“ Szolareſek ging noch an demſelben Vormit⸗ tage zum Grafen Sigray. Er kannte dieſen ſeit längerer Zeit als einen Lebemann, wie es die meiſten ungriſchen Magnaten waren, der über je⸗ den Gegenſtand eine oberflächliche Kenntniß beſaß, franzöſiſch und deutſch geläufig ſprach, ein bischen malte, ein wenig muſicirte, und muthig genug war, um keinem Duell aus dem Wege zu gehen, . 6 34 mit einem Wort er war eine Zierde der Geſell⸗ ſchaft. Dabei hatte er ein gutes Herz, viel Ehr⸗ geiz und jenes unruhige, ungeregelte Bedürfniß der Thätigkeit, das wir oft bei Menſchen finden, die, einer gründlichen Schulbildung entbehrend, gern eine Rolle in der Welt ſpielen würden, ohne zu wiſſen wie ſie es anfangen ſollten. Eben des⸗ halb nahm er ſich gern der Angelegenheiten ſeiner Freunde an, man konnte ihm keinen größeren Ge⸗ fallen thun, als wenn man ihn um einen Dienſt erſuchte. Er war dann unermüdlich in der erſten Zeit, und glücklich, wenn er etwas durchſetzen konnte;— allein gelang dies nicht bald, ſo ließ er überdrüſſig dieſe Angelegenheit fallen, um ſich kopfüber in eine andere zu ſtürzen. Natürlich hatte er überall im Lande viele Verbindungen, und zum Vergnügen ſowohl, als um die vielen fremden Anliegen zu fördern, reiſte er häufig nach Wien, wo man ihn bei der Regierung als einen unbequemen Sollicitanten ſehr wohl kannte, der ſich nicht leicht durch jene hohlen Verſprechungen abfertigen ließ, die ſeit der Thronbeſteigung des Kaiſers Franz wieder an die Tagesordnung 35 gekommen waren. Es genügte dem Grafen nicht, daß der Kanzler ſagte, er würde die Angelegenheit empfehlen, daß der Miniſter, wenn er ihn ange⸗ hört hatte, ihn verſicherte, ſie werde nächſtens in Verhandlung genommen werden, und ſelbſt Kaiſer Franz bei der Audienz ſein ſtereotypes„Wir werden ſchon machen“ ausſprach, und den Grafen mit einem gnädigen Kopfnicken entließ. Er wich nicht von den Bureaus bis er erforſcht hatte, bei welchem Concipiſten oder Secretair die Schriften lagen, und dann ſchmeichelte er dieſem ſo lange, oder war ihm ſo lange ungelegen, bis jener endlich die Papiere im Wuſte der zurückgeleg⸗ ten Artenſtöße aufſuchte.— Szolareſek zweifelte nicht, daß der Graf ſich der Angelegenheit der Kriegsgefangenen annehmen werde, und trat daher beinahe mit der Gewißheit ins Zimmer, daß ſeine Bitte geneigtes Gehör finden werde.— Der Graf ſtand neben ſeiner Staffelei und malte, auf dem Tiſche lag in maleriſcher Unord⸗ nung ein Blatt des Moniteurs neben Muſicalien, unaufgeſchnittenen Büchern und einer halbgeßöff⸗ neten Rolle von Kupferſtichen; an den Wänden 3* 36. hingen türkiſche Waffen, ungriſche Duellſäbel, Kuchenreiterſche Piſtolen; dem geübten Auge konnte nicht entgehen, daß alles dies auf den Effect be⸗ rechnet war. „Willkommen Freund Szplareſek,“ rief er dem Eintretenden entgegen,„Sie bringen mir wohl die Noten von der Zigeunermuſik, welche wir neu⸗ lich beſprachen. Bihary iſt ſicher ein großes Ta⸗ lent! Iſt es nicht ſonderbar, daß dieſer braune Zigeuner, der nicht im Stande iſt, eine Note zu leſen, ſo viel Melodie in ſeiner Seele hat? Haben Sie ſeinen letzten Marſch geſetzt?“ „Ich hatte wirklich nicht die Zeit es zu thun, Herr Graf“ antwortete der Advocat,„eine zufäl⸗ lige Bekanntſchaft eigenthümlicher Art nahm mich ſeit zwei Tagen in Anſpruch.“ Und er erzählte nun mit kurzen Worten ſein Abenteuer, und bat den Grafen, bei ſeiner nächſten Reiſe die Lage der franzöſiſchen Kriegsgefangenen an dem betreffenden Orte zu ſchildern, und eine Linderung ihrer Ge⸗ fangenſchaft bewerkſtelligen zu wollen. „Ich gratulire zu Ihrem Abenteuer,“ ſagte der Graf,„es ſcheint, die ſchönen Züge der Pa⸗ 37 riſerin haben mehr Antheil an ihrem humanen Anliegen, als das Mitleid für die armen Sans⸗ culots. Ich werde ſehen was ich thun kann.“ „Es ſcheint Herr Graf,“ bemerkte Szolareſek, „Sie haben bei den häufigen Audienzen in Wien den Zauberſpruch auch ſchon erlernt, mit dem man ungelegene Bittſteller abfertigt.“ „Offen geſagt Freund Sändor, ich glaube kaum, daß ich viel in dieſer Sache thun kann. Ich habe das Vertrauen zu der Gerechtigkeit der jetzigen Regierung ganz verloren, die Throne ſind erſchüttert in ganz Europa und die Furcht ver⸗ ſtockt die Herzen der Monarchen. Wer ſeine Hoff⸗ nungen auf die Regierenden ſetzt, der iſt verloren, es iſt nicht mehr die Zeit der Philoſophen auf dem Throne, denen man die Wahrheit noch ſagen durfte.“ „Auf wen ſollen wir denn hoffen?“ erwiederte der junge Mann,„auf das erwachende Volk viel⸗ leicht? oder auf den Adel und den Landtag, oder ſollen wir jede Hoffnung des Fortſchrittes für immer aufgeben?“ „Reden Sie mir nicht von dem Volke,“ fiel 38 der Graf ihm ins Wort,„das in ſeiner Rohheit, in der es die Pfaffen und der Adel künſtlich er⸗ halten, nicht beſſer iſt als das Thier! und wie können Sie noch den Landtag erwähnen? Was hat denn der letzte Landtag gethan? Nicht einmal den Muth hatte er, ſeine Erklärung der Menſchen⸗ rechte zu formuliren. Municipalfreiheit wollen dieſe Thoren, andere ſchwärmen für die Ausbil⸗ dung der ungriſchen Nationalität in einem Zeit⸗ alter, deſſen Loſungswort die Centraliſation iſt, und das Aufhören jedes provinciellen und nativ⸗ nalen Unterſchiedes. Die Menſchheit allein iſt es werth, daß man für ſie kämpfe und leide; und jetzt, wo man die beſtehenden Scheidewände alle niederreißen ſollte, faſeln die Thoren auf dem Landtage von der Errichtung neuer Begränzungen. Die Sprachenverſchiedenheit iſt das größte Hin⸗ derniß der Civiliſation, jetzt wo wir hinarbeiten ſollten, das Franzöſiſche zur Univerſalſprache der Menſchheit zu erheben, wollen ſo viele tüchtige Köpfe die ungriſche Sprache ausbilden! Es iſt zum Verzweifeln! Nein mein Freund, ich bin des Landtags überdrüſſig, und ſeine rohen Ausbrüche 39 gegen die Verordnungen Kaiſer Joſephs, die doch von denſelben großen Grundſätzen ausgingen, die jetzt der Convent in Paris verkündet.“— Und er fuhr fort eifrig an der Stizze zu arbeiten, die auf ſeiner Staffelei ſtand. „Was malen Sie denn ſo eiftig,“ fragte jetzt Szolareſek,„ich glaubte, es ſeien die ſieben ung⸗ riſchen Heerführer, die ſich mit dem Dolch den Arm aufritzen, und das Blut in die Trinkſchale fließen laſſen, um damit den Grundvertrag Un⸗ garns zu bekräftigen. Doch ich ſehe, die Helden ſind mit der römiſchen Toga bekleidet und ihre Skizze verherrlicht wohl kaum den ungriſchen Con⸗ ſtitutivnalismus. Malen Sie vielleicht gar die Verſchwörung Catilina's?“ „Und warum nicht?“ entgegnete der Graf, „Catilina iſt von jeher verläumdet worden, wie jeder Held des Volkes, der unterlag, er wollte die Ariſtokratie Roms ſtürzen, er der ſelbſt ihr an⸗ gehörte; doch Cicero, der Parvenu, der daher na⸗ türlich ariſtokratiſcher war, als der geborne Ariſto⸗ krat, beſiegte ihn durch advveatiſche Kabaliſtik und durch die Uſurpation der Gewalt. Seitdem iſt 40 Catilina's Name ein Schimpfwort geworden, wäh⸗ rend dieſer da,“— er zeigte auf ein geiſtreiches Geſicht im Bilde—„von jedermann vergöttert wird, blos weil er glücklicher war, und die Herr⸗ ſcher der Erde nennen ſich noch jetzt nach ſeinem Namen„Kaiſer“. Und that denn Cäſar etwas anderes als Catilina wollte? Er ſtürzte die Ariſto⸗ kratie und er gründete ſeine Gewalt auf das Volk, darum war er auch der Cäſar!“— „Wo iſt aber der Cäſar unſerer Zeit?, ſagte jetzt Szolareſek mit einem Seufzer,„können wir es hoffen, daß er noch erſcheint? ein Mann des Wortes und zugleich des Schwertes, der die Macht die er beſitzt, nur im Intereſſe des Volkes aus⸗ übt, und dabei im Stande iſt, das Vertrauen deſ⸗ ſelben zu erhalten und den Intriguen des Adels und der Pfaffen zu widerſtehen! Hat doch Kaiſer Joſeph, der Freund des Volkes, untergehen müſ⸗ ſen durch jene Cabale der privilegirten Claſſe, die das Volk künſtlich aufregten!“ „Ich glaube kaum,“ erwiederte Sigray,„daß ein großer Mann unumgänglich nöthig ſei, um die Menſchheit auf der Bahn des Fortſchrittes 41 vorwärts zu führen, wenn alle jene, die die Kraft und den Willen in ſich fühlen, für das Wohl des Volkes zu handeln, feſt aneinander halten! Die kräftige Organiſativn verbündeter Männer erſetzt hinlänglich das Genie eines Cäſar, und der Dolch der Feinde des Fortſchrittes kann ſie nicht alle treffen.— Doch laſſen wir jetzt dies, erzählen Sie mir lieber etwas mehr von Ihrer Franzöſin. Iſt ſie ſchön? daß ſie geiſtreich iſt haben Sie mir ſchon geſagt.“ Die leicht hingeworfenen Worte Sigray's über Politik hatten einen tiefen Eindruck auf Szolareſek gemacht, und es war ihm unangenehm über Ma⸗ dame Raimond mit einem Manne zu ſprechen, der für einen Roué galt. Die leichtfertige Art, mit der dieſer jeden ernſten Gegenſtand behandelte, dieſer charakteriſtiſche Zug der damaligen Zeit, imponirte zwar dem jungen Mann, weil er darin eine Feſtig⸗ keit der Ueberzeugung und eine Sicherheit des Ur⸗ theils zu finden glaubte, die er ſelbſt nicht beſaß, doch berührte es ihn ſchmerzlich, als das Ge⸗ ſpräch in demſelben ſcherzhaften und wegwerfenden Tone auf ſie ſich wenden ſollte, deren hoher Sinn 42 und echte Weiblichkeit ſeine Seele erfüllten. Er ließ daher die Frage fallen und nahm den Faden des Geſpräches mit den Worten wieder auf: „An tüchtigen Männern fehlt es doch ſchwer⸗ lich, und doch geht die Menſchheit überall zurück, die Reaction greift ſtets mehr um ſich, es ſcheint daher es fehle an der Organiſation, die Sie er⸗ wähnten.“ „Glauben Sie dies wirklich?“ erwiederte der Graf;„ſie eriſtirt alſo nicht, weil Sie nichts da⸗ von wiſſen? Weil Sie das Räderwerk nicht ſehen glauben Sie nicht an die Bewegung? Ich ſehe Sie halten die franzöſiſche Revolution auch nur für eine große Naturerſcheinung, wie den Aus⸗ bruch eines Vulcans, weil Sie jenes Netz nicht kennen, das ſich über ganz Europa ausbreitet. Und Sie müſſen doch von der Geſellſchaft der Illuminaten im Ausland gehört haben, und Sie leſen täglich vom Jacobinerelub, und ſelbſt in England beſteht eine Corresponding Soeciety, die den Fortſchritt der Freiheit in der ganzen Welt überwacht. Es giebt auch noch jetzt Pythagoräer 43 wie im Alterthume, und die Freunde der Menſch⸗ heit müſſen ſich wirklich überall in der Welt ver— binden, wenn ſie den verbündeten Königen und privilegirten Claſſen widerſtehen wollen, und ſie thun es auch. Wer weiß, ob unter den franzöſiſchen Kriegsgefangenen nicht auch mancher Afflirte des Jacobiner⸗Clubs ſich befindet? Vielleicht ſind Sie ſelbſt ein Werkzeug jener Mächte, die im Verbor⸗ genen walten und die Geſchicke der Völker regie⸗ ren. Ihre Franzöſin ſieht mir ganz ſo aus, als ob ſie eine Jacobinerin wäre. Und wiſſen Sie es denn auch, ob ich nicht einer von dieſen ſei?“ „Ich bitte Sie, Herr Graf, ſcherzen Sie nicht auf dieſe Weiſe mit mir,“ ſagte etwas unwillig der junge Mann.„Sie kennen mich hinlänglich, daß ich mein Leben gern der Freiheit weihe, daß ich glücklich wäre für die Menſchheit leiden und ſterben zu können, aber als Wertzeug, als willen⸗ loſes Inſtrument möchte ich doch nicht gern die⸗ nen, ſelbſt einer heiligen Sache nicht. Glauben Sie denn, ich könnte je darein willigen, daß ich ein bloßes Kartenblatt ſein ſollte, das ein anderer 44 ausſpielt, einmal zu ſtechen, ein andermal geſtochen zu werden, wie es gerade die Combination des Spieles erfordert?“— „Der Lehrling muß gehorchen und ſchweigen, wenn der Meiſter gebietet, dem er vertraut, Muth und Entſchloſſenheit genügen nicht. Vertrauen allein erſchließt das Heiligthum, in das blos die Eingeweihten treten. Der Weg führt durch eine Reihe von Proben, und Manchen verließ der Muth, ehe er ſie beſtand.“ „Dann hat er keinen gehabt,“ entgegnete Szo⸗ lareſek,„Graf ſtellen Sie mich auf die Probe.“ Sigray ſirirte ihn mit feſtem Blick und ſprach mit Würde:„Wer weiß, ob das Licht, das ſich plötzlich Ihnen erſchlöße, Ihre Augen nicht blen⸗ dete. Bleiben Sie daher lieber in Ihrer jetzigen Sphäre, laſſen Sie die Regierung der Welt ihren Gang gehen, und führen Sie die Proceſſe Ihrer Clienten. Sie werden dann ſich glücklicher fühlen, als wenn Sie ſich auf die Höhen der Menſchheit erheben wollen, um in das Rad des Schickſals einzugreifen. Schüren Sie nicht das Feuer mit dem Schwert.“ 45 „Was meinen Sie damit?“ fragte jetzt der junge Mann,„ſo viel ich weiß, wollte Pythago⸗ ras durch dieſes Gebot uns erinnern, daß man den Zornigen nicht reizen ſolle.“ „O Pythagoräer!“ rief der Graf und lachte, „Wiſſen Sie es denn nicht, daß das Schwert am Feuer ſeine Schärfe verliert, daß der erglühte Stahl zum gemeinen Eiſen wird! Doch kehren wir zurück aus dem Reich der Phantaſie zum proſai⸗ ſchen Leben.— Sie kamen gerade zur rechten Zeit zu mir, ich muß dieſe Tage nach Wien, und will dort die nöthigen Schritte verſuchen, um die Lage der Kriegsgefangenen zu erleichtern. Ich zweifle zwar an dem Erfolge. Thugut kennt ihre Lage beſſer wie Sie, doch zu Ihrer Beruhigung, und der Ihrer ſchönen Franzöſin will ich ihm alles vorſtellen was Sie mir ſagten. Aber ich geſtehe es Ihnen offen, ich glaube das Schickſal Ihrer Schützlinge liegt mehr in den Händen Pi⸗ chegru's und Jourdan's als in den unſrigen. Siegen die Franzoſen, ſo werden die Gefangenen beſſer behandelt, werden ſie geſchlagen, ſo werden ſie nicht als Kriegsgefangene, ſondern als Re⸗ bellen betrachtet werden. Verlaſſen Sie ſich dar⸗ auf.“— „Ich bin Ihnen ſehr dankbar, Herr Graf,“ ſagte Szolareſek, indem er ſeinen Hut nahm, „ſagen Sie mir aber noch, war es Scherz oder war es Ernſt was Sie über die Organiſation der Freiheitsfreunde erwähnten?“ „Was iſt Scherz? was iſt Ernſt? lieber Freund, in unſerer Zeit iſt mancher Scherz zum bittern Ernſt, zur furchtbaren Prophezeihung ge⸗ worden, und die Wahrheit bleibt ſtets Wahrheit, ſelbſt wenn ſie ſich in das Gewand des Scherzes kleidet. Auf Wiederſehen, ſobald ich aus Wien komme, laſſe ich es Ihnen wiſſen, und werde Ihnen erzählen, was ich ausgerichtet habe.“ Szolareſek entfernte ſich nachdenkend. Es war ihm, als ob er ſeit drei Tagen in eine andere Welt verſetzt, als ob er berauſcht ſei. Die eigen⸗ thümliche Begegnung mit Madame Raimond und dem geheimnißvollen Dr. Koväes hatte ſeine Ein⸗ bildungskraft bedeutend erregt, und jetzt fand er den Grafen Sigray nicht weniger ſonderbar! Seine Converſation ſonſt ſo heiter und leichtſinnig, war 47 jetzt plötzlich ſo abgeriſſen, mehr andeutend als ausſprechend, dunkel in ihren Wendungen und doch verrieth ſie augenſcheinlich die Abſicht mehr zu ſagen. Die abmahnenden Worte aber, die er an den jungen Advocaten gerichtet hatte, reizten ſeine Neugierde auf das höchſte. Als Szolareſek nach Hauſe gekommen war, fand er auf ſeinem Tiſche eine Einladung zu einer Abendunterhaltung bei der Baronin Révay, für den nächſten Donnerſtag. Er ging zwar un⸗ gern in Geſellſchaft, denn er kannte nur einige wenige der jüngeren Magnaten, und glaubte ſich von ihnen zurückgeſetzt, weil ſie ſich lieber mit den Damen unterhielten, und mit ihm, den ſie ohnehin auch im Kaffehauſe trafen, nur wenige Worte wechſelten; dennoch verſäumte er ſelten eine Soirée zu der er geladen war, ſo ſehr er auch nach jeder derſelben über den Uebermuth der Ariſtokratie, und die Nothwendigkeit einer Reform zu declamiren pflegte. Am liebſten ging er noch zur Baronin Révay, er kannte ihren Sohn, einen 16jährigen Jüngling, der jetzt auf der Univerſität ſtudirte, und hatte ihn ſehr lieb. Der Vater Szolareſek's 48 war einſt Anwalt der Familie Révay geweſen, und den patriarchaliſchen Sitten Ungarns zufolge galt er einigermaßen für ein Mitglied der Fa⸗ milie, der bei jeder Angelegenheit, ſelbſt wenn es nicht gerade eine juridiſche war, zu Rathe gezv⸗ gen wurde, um ſo mehr, als die Baronin ſeit langer Zeit Wittwe war, und volles Vertrauen zu ihrem Rechtsfreund hegte. Seit drei Jahren war dieſer freilich todt, und Sändor war noch zu jung, als daß er die Stelle des Vaters hätte bekleiden können, doch die Baronin nahm den jun⸗ gen Mann in ihren Schutz, und jetzt, wo er eben ſeit einem Jahr ſein Advocaten-Diplom erhalten hatte, war er als Beiſtand einem Familien⸗Anwalt zugetheilt worden. Natürlich nahm er ſich vor, dieſer Einladung zu folgen, um ſo mehr, als er wußte, es ſei die letzte in dieſem Jahre und die Baronin reiſe in wenigen Tagen auf ihre Güter im Thuroczer Comitate. Dann reizte ihn noch ſeine letzte Unterredung mit Sigray, er wollte um jeden Preis das Geheimniß ergründen, das den Andeutungen des Grafen zum Grunde lag, und er hoffte ihn dort zu treffen. Daß er übrigens 49 auch zu Dr. Koväes eilte, um Madame Rai⸗ mond zu erzählen, wie Graf Sigray ſich der Gefangenen annehmen wolle, brauchen wir kaum zu erwähnen. III. Eine Abendunterhaltung. Von allen Königspaläſten in Europa iſt wohl kaum einer, deſſen Lage maleriſcher wäre als jene der Ofner Burg. An dem ſchmalen Südende jener Fläche, in die der Feſtungshügel ausgeht, erhebt ſich das Gebäude ſenkrecht über dem ſteilen Ab⸗ hange an der Donau, während nach Süden der Hügel mit ſanfteren Linien abfällt und Raum für einen eleganten Garten bietet, in dem eine Terraſſe ſich über die andere erhebt. Der Palaſt ſelbſt iſt zwar kein Muſter des reinſten Styles der Archi⸗ tektur, er iſt ſchwerfällig und geſchnörkelt, doch fehlt es ihm nicht an Würde und Ernſt, er iſt impoſant, wie die meiſten Gebäude aus der Zeit Maria The⸗ — ke 51 reſia's. Freilich war der Palaſt des Königs Ma⸗ thias Corvinus, der einſt an derſelben Stelle prangte, leichter und dennoch großartiger; doch in der Tür⸗ kenzeit war er verfallen, und bei der Belagerung im Jahre 1686 beinahe gänzlich zerſtört worden. Maria Thereſia ließ daher die Ruinen wegräumen und erbaute die gegenwärtige Burg, bei der bloß die mächtigen Grundmauern an die Zeiten des gro⸗ ßen Königs erinnern. Im zweiten Stocke des Palaſtes, in dem Eck⸗ zimmer, deſſen Fenſter einerſeits Peſth überblicken, andererſeits nach Ofen und dem ſo genannten Blocks⸗ berg hin gerichtet ſind, ſaß an ſeinem Schreibpult der Palatin Erzherzog Alerander, der Lieblings⸗ Sohn Kaiſer Leopold's, der Bruder des regieren⸗ den Kaiſers Franz. Er hatte kaum ſein zwei und zwanzigſtes Jahr erreicht, aber er war populär in Ungarn, wie kaum ein anderer Mann. Bei den zwei Landtagen, denen er als Palatin beiwohnte, hatte er, trotz ſeiner Jugend, ſo viel Selbſtbeherr⸗ ſchung und dabei ſo viel Patriotismus und con⸗ ſtitutionellen Sinn gezeigt, er hatte ſeine ſchwierige Stellung ſo klug aufgefaßt, daß er die Liebe der 4* 52 Ungarn ſehr bald für ſich gewann. Nachdem die durchgreifenden Reformen Kaiſer Joſeph's, welche die ungariſche Conſtitutivn umgeſtürzt hatten, an der feſten Organiſation der Comitat'sverfaſſung und an dem wahrhaft conſtitutionellen Sinne des Landes und deſſen paſſiven Widerſtande geſcheitert waren, und der neue König Leopold, der große Großherzug von Toscana, wieder einen Landtag zuſammenrief, gerade als die franzöſiſche Revolu⸗ tion in der Fluthzeit war, da fanden ſich auch in dem Landhauſe in Ofen manche kühne Stimmen, die es offen ausſprachen, der alte Vertrag, der Un⸗ garn an das Haus Oeſtreich knüpfe, ſei durch das eigenmächtige Verfahren Joſeph's für immer erlo⸗ ſchen und die Souveränität ſei an das Volk zu⸗ rückgekehrt. Doch die gemäßigten Anſichten mach⸗ ten ſich bald wieder geltend, und Graf Aloys Bat⸗ thyany, einer der einflußreichſten Magnaten, kämpfte gegen dieſe Anſichten, anfangs mit leiſem Spott und gab dann den Verhandlungen durch die An⸗ regung der Religionsfrage eine practiſche Wen— dung. Als die Stände im Hauſe eben den feind⸗ lichen Beſchluß faſſen ſollten:„Ruptum est filium 53 Successionis, Majestas apud populum est“— fiel gerade ein ſtarker Regen, und die Deputirten der Oppoſitivn gingen nach der Sitzung zu Fuß den Schloßberg hinab in das Hotel, wo ſie ge⸗ wöhnlich zu ſpeiſen pflegten, überzeugt, daß ihre Discuſſion in Wien den größten Eindruck machen müſſe; da begegnete ihnen Batthyany in ſeiner Equipage, er neigte ſich tief vor ihnen, und fragte erſtaunt:„Wie, Eure Majeſtäten gehen zu Fuß?“ Mit ſolchen Scherzen erinnerte er ſie an ihre Macht⸗ loſigkeit, und brachte bald die Religionsangelegen⸗ heiten an die Tagesordnung, indem er auf die ge⸗ ſetzliche Garantie der Freiheiten der Proteſtanten drang. Während deſſen vermittelte er in Ofen und Wien jene Ausgleichung, durch welche die Rechte der Nation wieder einmal geſichert und jene der Krone nicht gefährdet wurden, und als endlich Leo⸗ pold gekrönt und Alerander zum Palatin erwählt worden war, unterſtützte er dieſen mit ſeinem un⸗ eigennützigen Rath. Der Erzherzog nahm gern dieſe Rathſchläge an, und erledigte manche ſchwie⸗ rige Frage bei ſeinem Vater, dem Kaiſer Levpold, deſſen Lieblingsſohn er war. Und es that Noth, 54 daß es geſchahe; denn während einerſeits einige heftigere Oppoſitions⸗Mitglieder ſich in geheime Un⸗ terhandlungen mit dem Hof von Preußen eingelaſ⸗ ſen hatten, waren andererſeits in Temesvar, in Folge der Machinationen des Wiener Miniſteriums, die Serben der untern Gegenden zuſammengetre⸗ ten, und verlangten als eine von Ungarn unab⸗ hängige Provinz conſtituirt zu werden, für dieſen Fall bereit, die Ungarn mit den Waffen zu be⸗ kämpfen; während eine dritte Parthei, die ſoge⸗ nannte franzöſiſche, eigentlich die joſephiniſche, die Bauern in den Comitaten an der Theiß gegen den Adel aufzuwiegeln begann. Dieſer Parthei war es nicht um die Conſtitution, ſondern um die Ab⸗ ſchaffung der Privilegien zu thun. Unter ſolchen Umſtänden war der achtzehnjährige Erzherzog zum Palatin erwählt worden, und es hing viel davon ab, welcher der verſchiedenen Partheien er das Ge⸗ wicht ſeines Anſehens leihen wollte. Zum Glück Ungarns war er ſowohl als ſein Vater Leopold conſtitutionell genug geſinnt, um ſowohl den blin⸗ den Deſpotismus der älteren Habsburger als den erleuchteten des Lothringer Joſeph zu verläugnen, —— 50 und ſo das Uebel eines Bürgerkrieges für den Au⸗ genblick zu vermeiden. Das Land wurde beruhigt, und die conſtitutionelle Parthei wußte es, was ſie dem Erzherzog zu danken hatte. Doch ſeit der Thronbeſteigung des Kaiſers Franz war die Stel⸗ lung des Palatins viel ſchwieriger geworden; ſein mißtrauiſcher Bruder ließ ihn beobachten, denn er fürchtete ſeine Popularität, und er wußte, daß der junge Palatin ſeiner moraliſchen Macht und ſei⸗ ner Stellung wohl bewußt, den reactivnären Ten⸗ denzen des Kaiſers mit Erfolg entgegentreten könnte. Der Erzherzog war überdies zu jung, als daß er nicht manchmal ſich über die Zuſtände des Reichs mit mehr Offenheit ausgeſprochen hätte als er ſollte, und manches unbedacht hingeworfene Wort, durch die geheimen Späher nach Wien berichtet, genügte, damit ſein kaiſerlicher Bruder ihn fürchtete und haßte. Es war Abend geworden, die Kerzen wurden eben angezündet, als der Oberhofmeiſter des Erz⸗ herzogs, Graf Szapany, mit den Worten ins Zim⸗ mer trat:„Kaiſerliche Hoheit, die Poſt bringt uns Depeſchen aus Wien“.— Der Erzherzog nahm raſch die Scheere, ſchnitt die Briefe auf, warf einen Blick hinein und legte ſie auf den Tiſch mit den Worten:„Nichts Wichtiges, laufende Geſchäfte, laſſen Sie den Sekretär kommen, daß er ſie regi⸗ ſtrire und mit den Anteacten verſehe; morgen früh wird er ſie mir referiren, ich liebe es nicht, wenn etwas im Rückſtand bleibt. Doch halt! Dies ge⸗ hört nur für uns zwei:„Clairfait iſt bei Courtrai von Pichegrü angegriffen und geſchlagen worden, der Kaiſer füngt an, des Lagerlebens überdrüſſig zu werden. Trotz des Sieges meines Bruders Carl wollen ſich die Niederlande nicht für uns er⸗ heben, der Kaiſer wird wahrſcheinlich bald zurück⸗ kommen“.— Legen Sie dieſe Briefe in das ge⸗ heime Archiv. „Eine unangenehme Nachricht nach dem glän⸗ zenden Beginn des Feldzugs“— bemerkte der Oberhofmeiſter—„ich hatte etwas Beſſeres er⸗ wartet.“ „Ich nicht“,— ſagte der Erzherzog leichtfer⸗ tig—„unſere pedantiſchen Generale ſind ja zu nichts gut als ſich ſchlagen zu laſſen, und die Nie⸗ derländer ſind auch nicht toll, um in Enthuſiasmus 57 für uns zu gerathen und ſich für uns zu erheben. Die Franzoſen ſind im Stande, ihnen mehr zu ver⸗ ſprechen als wir, ſie ſetzen auf ihre Fahnen: Li- berté und Gloire, und wir? wir verſprechen, daß wir ihre Privilegien von jetzt an ſeltener verletzen werden als bisher. Und dann, ich kann mir nicht helfen, der Kaiſer iſt denn doch nicht ſo liebens⸗ würdig, als daß er perſönlichen Enthuſiasmus er⸗ regen könnte. Was ſagen Sie dazu, Graf Sza⸗ pany?“ „Kaiſerliche Hoheit“— entgegnete dieſer— „verzeihen Sie es dem ältern Manne, der nicht nur dem Erzherzog, ſondern vorzüglich dem edlen Character Erzherzog Aleranders anhänglich iſt, wenn ich wieder daran erinnere, daß ſolche Aeußerungen, ſelbſt unter vier Augen, unbedacht ſind. Kaiſer⸗ liche Hoheit nehmen eine Niederlage der kaiſerlichen Truppen mit einem Scherz auf. Wenn Graf Thu⸗ gut dies erfährt, berichtet er ins Lager, daß in der Ofner Burg Uſurpationspläne geſchmiedet werden.“ „Seien Sie doch nicht ſo ängſtlich, lieber Graf“ — beſchwichtigte jetzt der Erzherzog—„wer ſollte 58 denn meine hingeworfenen Worte hören, um ſie weiter zu berichten? Meine Dienerſchaft liebt mich, und ſollte ſich auch ein Verräther unter ihnen be⸗ finden, ſo weiß es ja der Kaiſer doch, daß ich trotz meines Patriotismus nicht aufhöre Erzherzog von Oeſtreich zu ſein. Er weiß es ja, daß ich auch die Ehre habe, zur regierenden Familie zu gehören. Uſurpationspläne! das iſt ja lächerlich! der Kaiſer hat keinen treuern Diener als mich, aber leider hört er mich nicht an, und die verkehrten Inſtrue⸗ tionen Thugut's predigen den Republicanismus viel mächtiger als Danton und Robespierre. Es wundert mich wirklich, daß ſich noch Jemand fin⸗ det, der unſern Worten traut.“ „Reden wir nicht davon, Kaiſerliche Hoheit“ — ſagte der Graf—„Ihr großer Vater liebte die geheime Polizei, es unterhielt ihn zu wiſſen, was jeder bedeutende Mann im Lande ſprach und that, doch er verfolgte Niemanden wegen ſeiner Meinungen. Doch dieſe gefährliche Organiſation hat bis jetzt nicht aufgehört, und Kaiſerliche Hoheit müſſen es doch auch bemerken, daß die Berichte jetzt ſpärlich an uns einlaufen; die Polizei ſendet — 59 ſie, wie es ſcheint, direct nach Wien; ein Zeichen, daß das Mißtrauen vermehrt iſt.“ „Das iſt alles wahr“— bemerkte der Erzher⸗ zog nach einer Pauſe—„doch ich lebe jetzt auch wirklich wie in einem Glashauſe; jedermann weiß was ich thue. Den ganzen Morgen über erledige ich in Gegenwart der Sekretäre die laufenden Ge⸗ ſchäfte, ich fahre dann zur Sitzung des Statthal⸗ tereiraths oder der Septemwiraltafel, ich höre die Sollieitanten, und vertröſte ſie eben ſo gut wie man es in Wien thut. Iſt dies denn die Art, Popularität zu ſuchen? Ich lade nie Jemanden zu Tiſche; Sie, Oberſt Mertens und mein Sekretär ſind die einzigen, die mir Geſellſchaft leiſten. Nach⸗ mittag mache ich höchſtens ein Feuerwerk im Schloß⸗ garten oder ſpiele Kegel mit Ihnen; und wenn ich manchmal am Abend nach Peſth hinüberfahre zu einer Sviree, ſo wird man das doch in mei⸗ nem Alter natürlich finden. Nein, nein, man kann von Stunde zu Stunde berichten was ich thue, nicht das mißtrauiſcheſte Auge kann da irgend et⸗ was erblicken, was Verdacht erregen könnte. Und wenn man ſelbſt die Liſte aller derer an Thugut ſchickte, mit denen ich tanze, ſo wird man darunter nicht einen einzigen politiſchen Namen finden, wohl aber die anmuthigſten Geſtalten des Landes,— mit einer häßlichen tanze ich nicht.“ „Es ſind aber nicht die Thaten, die Mißtrauen erregen, ſondern die Worte, um ſo mehr als Kai⸗ ſerliche Hoheit ſo oft gegen die Wiener Inſtrurtio⸗ nen remonſtriren und feſt am Wortlaut der Con⸗ ſtitutivn halten.“ „Das iſt ja meine Pflicht“— rief der Erz⸗ herzog—„die ich im Palatinseid beſchworen, und noch außerdem mit meinem Ehrenwort bekräftigt habe*). Thugut kann doch nicht verlangen, daß ich meinen Eid breche und meinem Ehrenwort un⸗ treu werde. Lieber Szapany, Sie ſprechen immer von Mißtrauen in Wien und Sie ſind ſelbſt nicht beſſer. Sie ſind eben ſo mißtrauiſch gegen die Wiener, wie dieſe gegen uns.“ Der Oberhofmeiſter ſchwieg. Er wußte es, es *) Der Palatinseid in Ungarn enthält nach der Eides⸗ formel die Worte:„und ich verpfände mein heiliges Eh⸗ renwort, daß ich dies halten werde“ —„ 61 ſei vergebens mehr über dieſen Punkt zu reden, er kannte zu genau den Character des Erzherzogs, der von den Habsburgern jene unüberwindliche Zähig⸗ keit und Hartnäckigkeit geerbt hatte, die immer wie— der auf die vorgefaßte Meinung zurückkehrt, ſo oft auch äußere Umſtände ein zeitweiſes Nachgeben er⸗ heiſchten, um ſo mehr, als damit jene anſcheinende Gutmüthigkeit verknüpft war, die nicht im Stande iſt irgend eine Bitte direct zu verneinen. Von den Lothringern hatte er, ſtatt jenes Mißtrauens, das bei Kaiſer Franz den Grundzug des Characters bildete, eine anſcheinende Offenheit und franzöſiſche Leichtfertigkeit geerbt, die ihn unendlich liebenswür⸗ dig machte. Tiefes Gefühl und eine wahrhafte Ueberzeugung fehlten ihm; doch wer ſollte dieſe auch bei einem Erzherzog ſuchen, der noch kaum vier und zwanzig Jahre alt war? Die große Uhr auf der Sternwarte ſchlug acht, und man hörte das Rollen eines Wagens.„Kai⸗ ſerliche Hoheit“— ſagte Szapauy—„der Wa⸗ gen wartet.“ „Ich hoffe, wir haben einen angenehmen Abend bei der Baronin Révay“— bemerkte der Erzherzog— 62 „einmal mußte ich doch zu ihr, trotzdem daß ſie ſo wüthend ungriſch geſinnt iſt. Oder iſt es auch ein Hochverrath, wenn ich mit der Nichte der Baronin, der ſchönen Gräfin Marie, häufiger tanze als mit einer andern?“ Der Lakai öffnete die Thür, der Palatin und ſein Oberhofmeiſter gingen die breiten Treppen zum Wagen hinab, und fuhren fort. Die hellerleuchteten Salons der Baronin Ré⸗ vay füllten ſich allmählig. Die Hausfrau, eine Dame von mittleren Jahren, doch noch immer ſchön, ſaß im zweiten Zimmer auf dem Sopha am Kaf⸗ feetiſch, denn zu jener Zeit war der Gebrauch des Thees in Ungarn noch äußerſt ſelten. Sie trug die ſtereotype ſchwarze Kleidung der ungariſchen Wittwen, die ſchwarze Spitzhaube, das hohe Atlas⸗ kleid, vorne gleich einem Mieder verſchnürt, und das Spitzenvortuch. Ihr Coſtume fiel um ſo mehr auf, da alle übrigen Damen nach dem damaligen franzöſiſchen Geſchmack gekleidet waren, mit dem 63 gekräuſelten kurzen Haare à la Titus, und weit ausgeſchnittenen ſich eng an den Körper anſchmie⸗ genden Kleidern, die die Antike nachahmten. Hinter ihrem Sopha ſtand ein ſchöner hoher Mann mit entſchloſſenen Zügen, den kleinen Schnurrbart ſol⸗ datiſch gewichſt. Er bog ſich über die Lehne und ſprach eifrig mit der Baronin während der Pau⸗ ſen, die zwiſchen dem Begrüßen der verſchiedenen eintretenden Perſonen entſtanden. Es war Laczko⸗ vies, Rittmeiſter außer Dienſten, der ſich durch ſeine löwenmuthige Kühnheit im Türkenkriege aus⸗ gezeichnet hatte und 1790 ſeinen Abſchied erhielt, weil er einer jener Offiziere des Regiments Gräven war, der die Petition an den Landtag unterſchrie⸗ ben hatte, daß in Zukunft bei den ungariſchen Re⸗ gimentern keine fremden Offiziere angeſtellt werden ſollten, und das Commando bei denſelben in jener Sprache geführt werde, die ſie verſtünden, nämlich in der ungariſchen, nicht in der deutſchen. Er war bekannt wegen ſeiner franzöſiſchen Ideen, und der Entſchiedenheit, mit der er ſie überall ausſprach. Dabei liebte er die ungariſche Sprache und Lite⸗ ratur und haßte alles was deutſch war. Dies war 64 der einzige Punet, in dem er mit der Baronin übereinſtimmte; denn ſie war durch und durch un⸗ gariſch geſinnt, ſie hielt die Conſtitution des Landes für ganz vollkommen und jede Neuerung für ver⸗ derblich, und fürchtete die Ideen der Revolution. Doch unterhielt ſie ſich gern mit dem Rittmeiſter, der mit ſcharfen Bemerkungen und ſchneidendem Wit jenen Bemühungen einiger jungen Magnaten und Offiziere entgegen trat, die die excluſiven For⸗ men der Wiener Ariſtveratie in Peſt einzuführen ſuchten. Eine ältliche Dame trat ſo eben ein, mit ihr kam Lenke. Die Schönheit des Mädchens war durch die einfache geſchmackvolle Kleidung noch er⸗ höht, die zwar in ihrem Schnitte ſich der Mode des Tages näherte, aber doch beſcheidener den Bu⸗ ſen und die Schulter verhüllte, als man es eben damals gewohnt war. Die Baronin empfing die Eintretenden freundlich und begrüßte Lenke mit den Worten:„Du biſt ja ſchon ein erwachſenes Mäd⸗ chen, liebes Kind, wie biſt du ſeit zwei Jahren groß und hübſch geworden, ich hoffe, du wirſt dich recht gut unterhalten.“ 65 Nur wer es weiß, welch großer Tag es in dem Leben eines jungen Mädchens iſt, zum erſten⸗ mal in die Geſellſchaft eingeführt zu werden, kann ſich vorſtellen, wie Lenke durch dieſe Worte ermu⸗ thigt wurde. An der Seite einer entfernten Ver⸗ wandten, die ſich ihrer annahm, war ſie hieher ge⸗ kommen, und wo ſi ſich auch im Saale umſah, war nicht ein einziges bekanntes Geſicht, das ſie freundlich begrüßt hätte. In einer Ecke bemerkte ſie zwar Szolareſek, doch dieſer ſchien eben ſo ver⸗ laſſen wie ſie ſelbſt. Ihre Verwandte hatte ſich niedergeſetzt und ein Geſpräch mit einer Dame an⸗ geknüpft. Lenke war verlegen, ſie wußte nicht was ſie thun ſollte, um ſo mehr, da ſie bemerkte, daß die Blicke der Herrn auf ſie gerichtet waren,— ſie erröthete. „Wer iſt denn das ſchöne Mädchen?“ fragte Laczkovics—„die Unſchuld und Verlegenheit, die ſich in ihren Zügen malt, zeigt es, daß ſie nicht in unſere Salons gehört. Die fühlt es wirklich noch nicht, daß ſie ſchön iſt; doch ich wette, bis morgen früh weiß ſie es ſicher,— was macht die unter uns?“ 5 66 „So ſchlecht Sie ſich auch machen, lieber Laczko⸗ vics“, ſagte die Baronin,„ſo weiß ich doch, daß Sie es ihr nicht ſagen würden. Es iſt die Tochter des Doctor Koväes, deſſen Sie ſich vielleicht noch erinnern. Er war unſer Hausarzt; doch ſeit zehn Jahren hat er ſich von ſeiner Praris und der Welt zurückgezogen. Sie müſſen von dem Son⸗ derling gehört haben.“ „Mich dauert das Mädchen“— fuhr Laczko⸗ vies fort—„ſie ſcheint ſo ganz verloren in der Menge.“ „Ich ſehe, ich muß ſie mit den andern Mäd⸗ chen bekannt machen“, meinte die Baronin. Sie ſtand auf, nahm Lenke bei der Hand und führte ſie ins andere Zimmer, wo die Mädchen ſich laut miteinander unterhielten, und ſagte zu ihrer Nichte: „Liebe Marie, das iſt Lenke Koväes, mit der Du als Kind ſo vft geſpielt haſt; ich hoffe Ihr wer⸗ det die alte Freundſchaft wieder erneuern, ich laſſe ſie bei Euch“. Die Mädchen wurden alle plötzlich ſtill und grüßten Lenke kalt; doch kaum war die Baronin zu ihrem Sitz zurückgekehrt, als ſie durch die offene Thüre bemerkte, daß alle die Fräulein 67 plötzlich aufſtanden, auf die andere Seite des Zim⸗ mers eilten und dort ihr Geſpräch fortſetzten; nur Marie blieb einen Moment bei Lenke ſitzen, doch auch ſie folgte bald ihren Freundinnen. Als Lenke dies ſah, ſtand ſie auch auf und ging zu ihren neuen Bekannten. Doch in dem Augenblicke als ſie zu ihnen trat, eilten dieſe wieder zurück auf ih⸗ ren alten Platz. Lenke ſah, ſie wollten nicht mit ihr umgehen, ſie wurde leichenblaß und ihre Augen füllten ſich mit Thränen. „Recht brav“— bemerkte Laczkovicz, deſſen Blick dies doppelte Manveuvre im Nebenzimmer nicht entging—„unſere jungen Damen machen Fortſchritte!— Das iſt der Weg, auf dem ſich die Ariſtveratie populär macht! Und dann ſagen Sie mir noch, Baronin, daß der Uebermuth nicht im Blute ſteckt! und daß meine Franzoſen Unrecht haben, wenn ſie die Weiber und Töchter der Ariſtv⸗ craten in den Kerker werfen!“ Die Baronin war entrüſtet über das Beneh⸗ men der Mädchen, doch die Flügelthüre wurde auf⸗ geriſſen, der Erzherzog trat ein, die Hausfrau eilte ihm entgegen. 68 „Baronin beweiſen noch immer den alten un⸗ griſchen Muth, wie ich ſehe“— ſagte er freund⸗ lich—„Sie kämpfen kühn gegen die gewaltigſte aller Großmächte an, gegen die allmächtige Mode. Sie wollen noch immer Ihr ungriſches Kleid nicht mit dem franzöſiſchen vertauſchen.“ „Kaiſerliche Hoheit erinnern ſich noch, daß wir es alle vor vier Jahren trugen“— entgegnete die Baronin—„und ich ſehe nicht ein, warum wir das ernſte Coſtume unſerer Mütter gegen die leicht⸗ fertige Mode unſerer Feinde vertauſchen ſollten. Der ältern Frau verzeiht man ſchon eine Eigen⸗ heit, und ich fürchte, die jüngere Generation hat mit den ungriſchen Kleidern auch die ungriſche Ge⸗ ſinnung ausgezogen“, ſagte die Baronin, indem ſie einen Blick auf die Mädchengruppe im Neben⸗ zimmer warf. „Sie ſcheinen unzufrieden mit der heiteren Ju⸗ gend drüben, was haben denn die ſchönen Kinder verbrochen?“ Die Baronin erzählte dem Erzherzog was vor⸗ gefallen war, ohne dabei die Bemerkung zu unter⸗ drücken, daß es vollkommen deutſch ſei, zwiſchen 69 betitelten und unbetitelten Adel einen Unterſchied zu machen; in Ungarn habe man dies nicht ge⸗ kannt, und der Magnat habe nicht mehr Freiheit und keinen höhern Rang als der einfache Adelige. Der Erzherzog hörte der Baronin aufmerkſam zu und lächelte.„Fürwahr ich ſehe, daß es Ih⸗ nen Ernſt iſt die Rolle der alten Dame zu ſpielen. Das erſte Erforderniß dazu iſt natürlich, daß man die Jugend ſchmählt, und dabei ſteht niemanden die ältliche Rolle ſo gut, wie denen, die es noch nicht ſind.“ Er blickte dabei auf die Mädchen⸗ gruppe, und als er Lenke ſah, mit der kaum un⸗ terdrückten Thräne im Auge, und dem Gefühl, daß ſie verletzt worden ſei, in dem jetzt wieder hochge⸗ rötheten Geſichte, da fand er ſie ſo ſchön, daß er gleich ſeinen Oberhofmeiſter hinſchickte und ſie zu einem Walzer auffordern ließ. Lenke war wie vom Donner gerührt; eine ſolche Auszeichnung war für ſie eben in dieſem Augenblick ſo unerwartet, daß ſie kaum wußte, was ſie dem Oberhofmeiſter ant⸗ worten ſollte. Doch kaum war Graf Szapaüy zum Erzherzog zurückgekehrt, als alle die Mädchen nun ſich freundlich zu Lenke drängten und ſie ſo 70 behandelten, als wenn ſie ſie ſeit ihrer Kindheit gekannt hätten. Und Lenke, die kein Arg im Her⸗ zen hatte, war bald getröſtet und heiter wie ein Kind. Im Empfangzimmer waren im Gedränge alle dieſe Secenen nicht bemerkt worden; man war gewohnt zu ſehen, daß der Erzherzog ſtets mit den hübſcheſten Mädchen tanze; doch zwei Perſonen hatten mit mehr als gewöhnlicher Aufmerkſamkeit Lenke und den Erzherzog beobachtet— Szolareſek und Laczkovies. Szolareſek, der tiefſinnig ſich an die Wand lehnte, rief halblaut:„O Uebermuth, v Kriecherei!“ und er fand, daß Lenke unrecht habe jetzt ſo freund⸗ lich mit den Mädchen zu ſein, die ſie erſt vor einem Augenblick ſo rückſichtslos inſultirt hatten. Schön iſt ſie, dachte er, aber ſie hat keinen höhern Sinn, keinen echten weiblichen Stolz.— Laczkovies aber, der, als der Erzherzog gekommen, zurückgetreten war, ohne ihn aus dem Auge zu verlieren, näherte ſich wieder der Baronin und ſagte:„Wo hat die⸗ ſer Lothringer den Tact her, den er ſo eben ge⸗ zeigt; ich habe ihm dies nicht zugetraut. Es ſcheint beinahe, er iſt wirklich ein Mann!“ 71 „Sprechen Sie keinen Unſin“— ſagte die Baronin—„was ſollte er denn ſein, wenn er kein Mann iſt?“ „Ein Prinz“— war die Antwort—„der Sohn und der Bruder eines Kaiſers.“ „Sie können recht haben“— meinte ſie— „daß er der wahre Sohn ſeines Vaters iſt. Kaiſer Leopold liebte die Schönheit, und ich bin feſt über⸗ zeugt, wäre Fräulein Kovaes nicht ſchön, der Erz⸗ herzog hätte ſie nicht zum Tanz engagirt und wäre ihr noch ein hundertmal größeres Unrecht wider⸗ fahren; aber jedenfalls iſt es recht von ihm, daß er unſern Dämchen dieſe Lehre giebt, und wie Sie ſehen, hat ſolche gefruchtet. Die Mädchen ſuchen jrtt durch ihre Liebenswürdigkeit ihr früheres Be⸗ nehmen gut zu machen.“ „Das iſt die ungriſche Race“, bemerkte der Rittmeiſter.„In Wien hätte dies wenig genützt; der Kaiſer ſelbſt dürfte mit einer Bürgerlichen tan⸗ zen und die Gräfinnen würden ihr doch ſelbſt im Cotillon nie die Hand reichen.“ Muſik ertönte jetzt im Nebenzimmer. Der Erzherzog führte die Haus⸗ frau zur Menuette, das Zimmer leerte ſich beinahe 72 ganz. Der junge Baron Ladislas Révay, kaum dem Knabenalter entwachſen, ging jetzt auf Szv⸗ lareſek zu. „Wo ſteckſt denn Du, Sändor?“ ſagte er— „ich habe Dich durch alle Zimmer geſucht, warum tanzſt Du denn nicht?“ „Ich tanze mit Keiner, die da glaubt, ſie er⸗ weiſe mir eine Ehre, wenn ſie mir ihre hochgebv⸗ rene Hand reicht“, antwortete dieſer. „Sei doch nicht kindiſch, ich ſuche Dir gleich eine Tänzerin“, ſagte Ladislas. „Nicht doch, thue dies nicht, Ladislas“, rief Szolareſek ihm zu, als dieſer hinwegeilen wollte; „es iſt nur ein einziges Mädchen hier, mit der ich unter andern Umſtänden getanzt hätte, denn ſie iſt meines Gleichen. Heute kann ich es nicht thun, der Erzherzog tanzt mit ihr, und es würde aus⸗ ſehen als wenn ich ſie nur deshalb ſuchte. Es wird ihr nicht an Tänzern fehlen.“ Die Thüre ging wieder auf, und mit leiſem Tritte trat Martinovies, der Abt von Szäszvär, in den Saal. Er trug die Kleidung der franzö⸗ ſiſchen Abbe's vor der Revolutiovn. Doch die Schlau⸗ ——————— ————— 73 heit ſeines Blickes und der geſucht⸗freundliche Aus⸗ druck ſeiner feinen Lippen hätten ihn hinlänglich auch dann als Pfaffen characteriſirt, wenn ihn die Kleidung nicht als ſolchen bezeichnet hätte. Seine hohe, ſtark ausgebildete Stirne zeugte von mäch⸗ tigem Verſtande; ſeine Manieren waren ungekün⸗ ſtelt und die eines Mannes von großer Welterfah⸗ rung, ſeine tiefe wohlklingende Stimme hatte etwas Verführeriſches, aber in ſeinem geiſtreichen Geſichte lag ein Ausdruck, der Mißtrauen erregte. Kaum hatte ihn Laczkovies erblickt, der an der Thüre des Tanzſaales ſtand, als er ihn angelegentlich in die Ecke des Zimmers zog und mit ihm leiſe zu reden begann. Doch die Muſik verſtummte jetzt, die Menge ſtrömte zurück in das Empfang⸗Zimmer und Lacz⸗ kovics wandte ſich zu den Damen, mit denen er von jetzt an den ganzen Abend ſich unterhielt, ohne ein Wort weiter an Martinovies zu richten. Doch um dieſen bildete ſich ſehr bald ein dichter Kreis von Neugierigen; denn der Abt hatte ſtets die ge⸗ naueſten Nachrichten von allen Ereigniſſen des Aus⸗ landes, und ſeine geiſtreiche Auffaſſung derſelben lockte unwiderſtehlich ſelbſt Diejenigen in ſein 74 Bereich, die ſeine politiſchen Anſichten nicht theil⸗ ten. Uebrigens war man in Hinſicht dieſer nicht ganz im Klaren, denn Martinovies hatte ſie oft geändert. Er war, als ihn Kaiſer Joſeph auf den Lehrſtuhl der Phyſik nach Lemberg berief, vollkom⸗ men von der Vortrefflichkeit aller Joſephiniſchen Maßregeln überzeugt und vertheidigte das göttliche Recht des Monarchen, der durch keine veraltete Conſtitutivn gebunden werden kann, ſein Volk auf jene Art zu beglücken, die er gerade für die beſte erachtete. Unter Leopold, der ihm die Einkünfte der Abtei Szäszvär zuwandte, ſchien er conſtitutio⸗ nell geſinnt, doch ſonderbarerweiſe war er jetzt plötz⸗ lich aus einem geſchmeidigen Fürſtendiener ein An⸗ hänger der franzöſiſchen Revolution geworden. Er verdammte zwar die Handlungen des Convent's offen, doch er ſprach es oft aus, die Revolution müſſe ihren Weg über die ganze Welt machen, und kein Land könne ihr entgehen. Ueberhaupt liebte er es, ſeine Anſichten in Parabeln und dunkle Worte zu kleiden und den Ton des Propheten an⸗ zunehmen. Als der Erzherzog ihn bemerkte, fragte er ihn: 75 „Was haben Hochwürden für Nachrichten von der Armee. Haben Sie uns etwas Gutes zu ver⸗ künden?“ „Kaiſerliche Hoheit ſcherzen mit mir“— ant⸗ wortete der Abt—„ich bin kein Mann des Schwer⸗ tes und habe keine Verbindungen im Lager; doch ich glaube, wir werden es in zwei Tagen in den Zeitungen leſen, Clairfait habe bei Courtrai Pi⸗ chegrü geſchlagen und habe aus ſtrategiſchen Grün⸗ den eine rückgängige Bewegung gemacht. Der Her— zog von York ſieht mit den Engländern unthätig zu und die Niederländer ſind bereit jedem zu die⸗ nen, der das Schlachtfeld in die Länge behauptet.“ Der Erzherzog lachte ungläubig, die Muſik er⸗ tönte wieder und er kehrte in den Tanzſaal zurück; doch Jedermann, der ihn ſah, bemerkte es, daß die Mittheilung Martinovies ihn überraſcht habe und Niemand zweifelte mehr daran, daß ſie wahr ſei. „Wo doch der Pfaffe ſeine Neuigkeiten her hat?“ fragte der Obernotär des Comitat's den Vi⸗ eegeſpan, einen ältlichen Herrn mit grauem Schnur⸗ bart,„wir ſollten doch, als die Behörden des Cen⸗ tral⸗Comitat's, Alles eher wiſſen, und wir leſen 76 es in den Zeitungen, was er uns mehrere Tage früher erzählte.“ „Er gehört zur geheimen Polizei, hüten Sie ſich vor ihm“, antwortete ihm dieſer und kräuſelte ſeinen Schnurbart. „Die Polizei referirt über das, was hier ge⸗ ſchieht, Herr Vicegeſpan, aber man wird ihr doch nichts von oben herab referiren“, fuhr der Ober⸗ notär fort. „Dann hat er ſelbſt eine geheime Polizei. Dieſe Pfaffen halten aneinander wie die Kletten, und die franzöſiſchen Emigranten können die Nachrichten eben ſo ſchnell haben, wie der Erzherzog.“ „Aber der Abt iſt kein Freund der Emigran⸗ ten, er verfolgt ſie überall“, bemerkte der Ober⸗ notär. „Grübeln Sie nicht“— rief ihm der Vice⸗ geſpan zu—„das geſchieht alles nur zum Schein. Glauben Sie mir, alles nur zum Schein. Ich kenne die Pfaffen und ich kenne den Abt; es iſt ein alter Fuchs, doch auch er wird noch einmal geprellt.“ Im Tanzſaale wurde der Cotillon getanzt, und 77 Laczkovics verfolgte von fern den Erzherzog mit aufmerkſamem Blick. Es war eben eine Tanz⸗ figur, die damit endete, daß die Tänzer auf ein gegebenes Zeichen ſich eine andere Tänzerin wähl⸗ ten. Der Erzherzog war im Kreiſe, das Zeichen wurde gegeben, er blickte umher, und überall ſah er der Schönen ſo viele, daß ihm die Wahl ſchwer wurde, und ehe er ſich zu dieſer entſchließen konnte, waren die meiſten durch andere Tänzer entführt worden und wirbelten durch den Saal; nur eine einzige war im Kreiſe geblieben, es war die reiz⸗ loſeſte; der Erzherzog war genöthigt mit ihr zu walzen. Als Laczkovies dies ſah, lächelte er höh⸗ niſch und murmelte halblaut:„Alſo doch energie⸗ los! doch nur ein Prinz, kein Mann! Wer ſich nicht raſch entſchließen kann, der iſt kein Kron⸗ prätendent, Franz kann ruhig ſchlafen auf ſeinem Throne.“ Als um Mitternacht der Erzherzog fortging, löſte ſich die Geſellſchaft bald auf und die Gäſte verließen nach und nach den Saal. Die Haus⸗ frau ſuchte jetzt mit ihren Blicken Szolareſek auf, 78 winkte ihm zu bleiben und ſagte ihm, als ſich Al⸗ les empfohlen hatte: „Ich halte viel auf Ihren Character. So jung Sie ſind, ſind Sie doch geſetzter als viele andere die älter ſind. Ich reiſe übermorgen nach Thuröez zurück und bleibe drei Monate lang aus. Laszlö bleibt wegen ſeiner Studien hier in Peſth Er hängt Ihnen mit inniger Freundſchaft an, ſeien Sie, ich bitte Sie, ſein ſchützender Genius, fol⸗ gen Sie ihm mit wachſamem Auge, denn eine trübe Ahnung ſagt mir, daß uns Gefahr drohe. War⸗ nen Sie ihn vorzüglich vor den Abt von Szäszvär; thäte ich das ſelbſt, ſo könnte ihn gerade meine Mahnung reizen ſeine Bekanntſchaft zu ſuchen; Jünglinge ſtürzen ſich gerne in Gefahr, um ihren Muth zu beweiſen. Verſprechen Sie mir dies.“ „Recht gern, Frau Baronin“, erwiederte Szo⸗ larcſekt.„Baron Ladislas iſt ja das reinſte kind⸗ lichſte Gemüth, und es freut mich ſelbſt, wenn ich ihn leiten kann. Doch darf ich wohl fragen, warum Sie gerade Martinovics dem Baron Ladislas für ſo gefährlich halten?“ „Nicht nur für ihn, für Euch Alle“, rief die Baronin.„Er gehörte unter Leopold zur gehei⸗ men Polizei und der Kaiſer ſetzte großes Ver⸗ trauen in ihn. Er ſandte ihn mit vertrauten Auf⸗ trägen vor zwei Jahren nach Paris an den un⸗ glücklichen König, und ſeit der Zeit iſt der Abt ſelbſt ein verkappter Jacobiner. Ich traue ihm nicht; ſeine Eitelkeit⸗ iſt unbegränzt, und er ver⸗ ſteht es noch aus der Zeit, wo er Polizei⸗Spion und Agent⸗Provocateur war, jedem Wort, jeder That eine ſolche Wichtigkeit beizulegen, daß Sie ihm nicht mehr entgehen können, wenn Sie ſich ihm einmal genähert haben. Er umſpinnt Sie mit den Fäden ſeiner Intrigue und Niemand kennt ſeinen Endzweck. Haben Sie es nicht bemerkt, daß er ſeit einiger Zeit die Geſellſchaft ganz jun⸗ ger Männer ſucht? Kann dies abſichtslos ſein? Haben Sie ihm heute nicht zugehört? Spricht er nicht oft davon, unſere Conſtitution laſſe ſich nicht länger halten. Und doch iſt dieſe das einzige, was uns vor Revolution und vor der Despotie ſchützt.— Noch einmal, hüten Sie ſich und Latzlé vor ihm; er iſt ein politiſcher Charlatan, er hat keine Achtung vor Menſchen, in ſeinen Augen 80 ſind ſie bloße Werkzeuge; und denken Sie daran, nie iſt dieſem Manne ein Schritt mißlungen, den er unternahm!“ Szolareſek erneuerte ſein Verſprechen und ging. W. Die Einweihung. Graf Sigray war Anfangs Mai von Wien zurückgekehrt, er hatte ſich dort zwei Wochen lang aufgehalten und ließ nach ſeiner Ankunft Szo⸗ lareſek gleich wiſſen, er ſei wieder in Ofen. Der junge Advvcat eilte zu ihm und der Graf erzählte ihm, alle ſeine Beſtrebungen ſeien fruchtlos geblie⸗ ben. Er hatte zuerſt bei Thugut eine Audienz ge⸗ habt; der alte Diplomat empfing ihn zuvorkom⸗ mend, hörte ihn geduldig an und dankte ihm in den verbindlichſten Ausdrücken, daß er ihm in Hin⸗ ſicht der Behandlung der Gefangenen die Wahr⸗ heit nicht verſchwiegen habe.„Es iſt dies“, ſagte der Miniſter,„eine Ehrenſache für uns. Oeſter⸗ . 6 82 reich bekämpft ſeine Feinde, die Feinde der Ord⸗ nung und der Geſellſchaft nur auf dem Schlacht⸗ felde, nicht in der Gefangenſchaft; und dieſe ver⸗ blendeten Menſchen ſollen es ſehen, daß wir und nicht der blutdürſtige Convent, die Vertreter der wahren, der gemäßigten Freiheit ſind, und die Welt, die ohnehin es ſeit jeher weiß, daß die Regierung des Kaiſers die mildeſte iſt, obgleich wir es ver⸗ ſchmähen unſere Thaten auszupoſaunen, wie es die Preußen thun, muß auch jetzt einen neuen Beweis der Großmuth und Gerechtigkeitsliebe des Kaiſers erhalten. Seien Sie überzeugt“, ſchloß er,„daß Alles geſchehen wird zur Erleichterung des Looſes der Kriegsgefangenen, was nur mit der Sicherheit des Staates vereinbar iſt. Die Befehle ſind in dieſer Hinſicht längſt ſchon an den Hofkriegsrath ergangen, und in wenigen Tagen iſt die Sache entſchieden.“— Sigray war nun zum Hofkriegs⸗ raths⸗Präſidenten gegangen, deſſen Adjutant ihn nur auf wiederholtes Bitten bei dem Präſidenten vorließ, und es ihm gleich ſagte, Seine Exrcellenz ſei mit den Schlachtplänen fortwährend beſchäftigt, die der Armee zugeſchickt werden ſollten. Die Audienz könne 83 daher höchſtens zehn Minuten dauern. Der Graf wurde endlich vorgelaſſen. „Was wünſchen Sie?“ fragte der Präſident, ſeinen Blick auf eine Karte Frankreichs heftend, die auf dem Tiſche lag und auf der farbige Steck⸗ nadeln die Stellung bezeichneten, welche die Ar⸗ meen den letzten Berichten zufolge, d. h. vor zwölf Tagen beſetzt hielten.„Sie ſehen, ich bin be⸗ ſchäftigt.“ Graf Sigray ſagte ihm bündig: Miniſter Thu⸗ gut intereſſire ſich für das Wohl der franzöſiſchen Kriegsgefangenen, und eine Note ſolle ſchon an den Hofkriegsrath ergangen ſein, daß ihnen jede Erleichterung zu Theil werde, er empfehle dieſe An⸗ gelegenheit auf's Wärmſte und bitte um baldige Erledigung derſelben. „Dieſe Angelegenheit bedarf keiner weitern Em⸗ pfehlung“, war die Antwort,„die Behandlung der franzöſiſchen Kriegsgefangenen wirkt natürlich auf die der unſrigen zurück, und Herr Graf wiſſen es, daß wir für dieſe ſorgen müſſen, wie für unſere Kinder. Die Details kenne ich nicht, gehen Sie aber zu dem Referenten, dem Oberſten Jvanovies, 62 84 er wird Ihnen darüber genauere Auskünfte geben.“ Er verbeugte ſich und der Graf ging nun zum Oberſten. Dieſer empfing ihn auffallend freund⸗ lich, bot ihm einen Stuhl und eine Cigarre, ſagte aber: von Seite des Militairs könne durchaus nichts mehr gethan werden, da der Gegenſtand ge⸗ miſchter Natur ſei und die Verordnungen des Hof⸗ kriegsrathes nur im Einverſtändniſſe mit dem Po⸗ lizeiminiſter zur Ausführung kommen könnten, ſie lägen jetzt dieſem vor. Sigray ließ ſich die Sache noch immer nicht verdrießen und ging zum Polizei⸗ miniſter. Doch dieſer empfing ihn mit merklicher Kälte, indem er äußerte, er wundere ſich, daß ein Ungar in einer ſolchen Angelegenheit zu ihm komme; Ungarn gehöre im Sinne der neubekräftigten Con⸗ ſtitution ſeit den letzten Jahren nicht zum Reſſort des Polizeiminiſters, die Polizei des Landes ſei in den Händen der ungriſchen Hofkanzlei.„Sind Sie mit dem Zuſtand der öffentlichen Ordnung im Lande nicht zufrieden, befolgen die Beamten die allerhöchſten Befehle nicht, ſo können Sie es den Herren Ungarn ſelbſt zuſchreiben“, ſagte er,„ſeit dem Landtag 1790 haben wir nichts mehr in Un⸗ 85 garn zu thun.“ Vergebens erwiederte der Graf, es handle ſich nicht um Ungarn, ſondern um die franzöſiſchen Kriegsgefangenen im Neugebäude, der Miniſter verſicherte, er halte jedes Geſetz heilig, ſelbſt wenn er es für mangelhaft erachte, er könne ſich daher in gar nichts einmiſchen, was in Un⸗ garn geſchehe, dies ſei ausſchließlich die Sache des ungriſchen Hofkanzlers.„Ich liebe die Conſtitu⸗ tion nicht“, dies war ſein letztes Wort,„aber Sie ſehen es jetzt ſelbſt, daß ich ſie achte, wo ſie be⸗ ſteht.“ Der Graf fuhr nun zur ungriſchen Hofkanzlei; kaum hatte ihn der Kanzler erblickt, als er ihm freundlich die Hand reichte und mit Fragen über die Zuſtände von Ofen und Peſth, über die öffent⸗ liche Meinung, über die Comitatsverhältniſſe, über die Gerichtspflege und ähnliche Gegenſtände mehr, überhäufte. Endlich fragte er den Grafen, was ihn denn eigentlich nach Wien geführt habe?„Wer iſt denn der jetzige Klient?“ ſagte er,„vielleicht können wir Sie bei dieſer Gelegenheit doch einmal zufrieden ſtellen!“ Sigray erzählte nun ſeine Un⸗ terredungen im komiſchen Tone, und fragte, ob dem 86 Kanzler etwas Näheres über den Gegenſtand be⸗ kannt ſei.„Sehen Sie“, antwortete dieſer,„ſo iſt nun einmal unſere Stellung. Ihr, meine Herren in Peſth, glaubt, wir ſeien hier die unumſchränk⸗ ten Gebieter und verlangt ſtets das Unmögliche von uns, während wir genug zu kämpfen haben, daß die Miniſter ſich nicht mehr in die ungriſchen Angelegenheiten einmiſchen, als es jetzt ohnedies noch geſchieht. Verhindern können wir dies nie⸗ mals vollkommen, denn der König, unſer Herr, kann ſich Rathes erholen bei wem er will, Sie wiſſen, ihm ſteht dem Geſetze zufolge imperium et regimen zu, und es iſt natürlich, daß er jede wich⸗ tige Angelegenheit ſeinem Reichsminiſter und dem deutſchen Präſidenten mittheilt. Doch dieſe geben ihre Anſichten nur als Privatperſonen ab, nicht als Miniſter, als ſolche miſchen ſie ſich nicht in ungriſche Angelegenheiten, vergeſſen Sie dies nicht; ſo lange ich Kanzler bin, werde ich eine vfficielle fremde Einmiſchung nie dulden, denn ſie iſt geſetz⸗ widrig.— Sagen Sie das unſeren Landsleuten, die deutſchen Miniſter werden ſich als ſolche nie einmiſchen in die ſpecifiſch ungriſchen Angelegen⸗ 87 heiten, ſie geben nur als Privatperſonen dem Kö⸗ nig ihren Rath. Was aber die Behandlung der franzöſiſchen Kriegsgefangenen betrifft, das iſt eine militäriſche Frage, die mich nichts angeht, in die ich mich nicht miſchen darf, noch will. Sie wiſſen, die Einheit der Armee iſt unantaſtbar, von dieſer hängt die Sicherheit der Monarchie ab. „Ich ſollte meinen“, entgegnete Graf Sigray, „unſer Corpus Juris enthalte auch in dieſer Hin⸗ ſicht einige ſehr präziſe Geſetze.“ „Lieber Freund, Sie irren ſich“, fiel der Kanz⸗ ler ihm ins Wort,„alle dieſe Geſetze ſind längſt veraltet, ſie beziehen ſich auf ein Syſtem der Wehr⸗ verfaſſung, das nicht mehr eriſtirt. Das adelige Aufgebot, die Inſurrection, ſteht freilich unter dem Befehle des Palatins, und unſere Geſetze verfügen über dies häuſig, doch dies eriſtirt jetzt gar nicht mehr, ſeit 1711 haben wir eine ſtehende Armee und alle Geſetze des Corpus Juris in Hinſicht des Militärs gehören früheren Zeiten und Verhältniſſen an, ſie können, ſie dürfen nicht auf den gegenwär⸗ tigen Zuſtand bezogen werden. Sie wiſſen es ja, daß dies der Landtag ſelbſt anerkannt hat, als 88 die Officiere des Regiments Greven eine Aende⸗ rung des beſtehenden Syſtems petitionirten, und verlangten, in ungriſchen Regimentern ſollten keine deutſchen Officiere angeſtellt werden. Die Petition fand Anklang bei dem Landtag, aber ſie wurde endlich doch verworfen, denn eine ſolche Aenderung hätte dem Esprit de Corps der Armee geſchadet und würde Spaltungen und Rivalität im Officier⸗ Corps hervorgerufen haben. Sie wiſſen, Graf, die pragmatiſche Sanction bindet Ungarn an die Erbſtaaten indiviſibiliter und inſeparabiliter, und das Symbol dieſer Einigung iſt die Einheit der Armee. Meine Pflicht verbietet mir daher in ir⸗ gend einer Hinſicht mich in Angelegenheiten einzu⸗ miſchen, die dieſe Einheit gefährden könnte. Es thut mir leid, daß ich Ihrem Anliegen nicht ein⸗ mal indirert Vorſchub leiſten kann, ſo ſehr ich es auch einſehe, wie vernünftig und wie human Ihre Wünſche ſind.“ Dies war das Reſultat der Bemühungen des Grafen. Szolareſek war ganz verſtimmt darüber. —„Das iſt alſo die Weisheit“, rief er aus,„die uns regiert! eine complicirte Adminiſtration, ſchöne 89 Worte, Vertröſtungen, perſönliche Entſchuldigungen überall und dabei doch, wie überall, der ganze Druck des Abſolutismus! Wann werden wir wohl eine Conſtitutivn erringen, die eine Wahrheit iſt?“ „Nie“, war die Antwort Sigray's,„Repräſentativ⸗ Verfaſſungen ſind in Monarchien nichts anderes als Syſteme der Falſchheit, entweder wird das Volk unterdrückt und unter den Formen der Freiheit ab⸗ ſolut regiert, oder es wird der Thron nullificirt, trotz aller ceremoniellen Verehrung, die man ihm zollt wie dem Dalai Lama. Jedenfalls aber iſt das conſtitutionelle Syſtem dasjenige, durch wel⸗ ches nichts als hohle Mittelmäßigkeiten an das Ruder kommen. Die ſocialen Verhältniſſe der Ge⸗ genwart müſſen umgeſtürzt werden, ehe es zu einer vernünftigen Regierung kommen kann,— das iſt klar, und fehlt es an der nöthigen Organiſation, ſo wird die Gewalt der Ereigniſſe dieſe Verhält⸗ niſſe zertrümmern und die Ruinen ſtürzen über uns zuſammen, ehe wir über einen neuen Bauplan im Reinen ſind.“ Das Geſpräch war wieder auf denſelben Punkt angelangt, wohin es der Graf bei der früheren 90 Zuſammenkunft gelenkt hatte; Szolareſek drang auf eine genauere Aufklärung jener anſcheinend ab⸗ ſichtsloſen Andeutungen, doch der Graf hüllte ſich in myſtiſche Worte, und wurde um ſo zurückhal⸗ tender, je mehr der junge Mann in ſeine Neen einging, indeß ließ er immer wieder einige Worte fallen die die Aufmerkſamkeit ſeines Freundes von neuem reizten. Endlich ſagte dieſer mit ſcharfer Betonung: Aus allen Ihren Reden Herr Graf geht es klar hervor, daß eine geheime Geſellſchaft hier in Ungarn beſteht und Sie ſind ein Mitglied derſelben. Iſt Ihr Zweck wirklich derjenige, den Sie ausſprachen, und ſind die Mittel, die Sie anwenden wollen, keine unmoraliſchen, dann glaube ich, wird es für Sie kein Verluſt ſein, wenn Sie mich auch in Ihren Kreis aufnehmen, ohnehin haben Sie mir ſchon bis jetzt zu viel anvertraut, als daß Sie mir die ganze Wahrheit vorenthalten dürften. Der Graf ging ſchweigend im Zimmer auf und ab, und ſagte endlich mit trübem Ernſt: „Junger Mann, Sie haben mich geſucht, nicht ich Sie, Sie drängen ſich in den verhängnißvollen Kreis, ich habe Sie gewarnt es zu thun. Doch 91 Ihr Wille geſchehe, Sie können verfügen über Ihre Zukunft. Noch ſteht es Ihnen frei zu thun was Sie wollen, doch vergeſſen Sie es nicht, daß wenn man in eine Brüderſchaft eintritt, deren Zweck die Regenerativn des Menſchengeſchlechtes iſt, daß man dann ſeine individuelle Freiheit aufgiebt, und ſie den Beſtimmungen der Geſellſchaft unterordnen muß. Sind Sie entſchloſſen dies zu thun? „Ich bin es,“ rief Szolareſek feſt. Dann erwarte ich Sie morgen Abends wenn es finſter wird, am Eingange des Stadtwäldchens am dritten Baume der Pappelallee, ſagte der Graf. Waffnen Sie ſich mit Muth, damit Sie vor den Proben nicht zurückſchrecken, die Ihrer harren. Wer ein Kämpfer der Freiheit werden will, der muß es zuerſt beweiſen, daß er im Stande ſei, ſeinen Lei⸗ denſchaften zu gebieten; wer das Schwert zieht im Streit gegen die Mächtigen der Erde, der muß die Scheide für immer wegwerfen, er ſiegt oder er ſtirbt durch das Schwerdt!— Auf Wiederſehen! Fehlt es Ihnen an Muth, ſo bleiben Sie ganz einfach zu Hauſe, und was wir jetzt geſprochen ha⸗ ben, das tauchen Sie in die Fluthen des Lethe. 92 Ihr Wort darauf!— Er bot ſeine Hand, Szo⸗ lareſek ſchlug ein, und ſagte:„Auf Wiederſehen, am dritten Baum der Pappelallee am Eingange des Stadtwäldchens, ſobald die Dämmerung mor⸗ gen Abend eintritt.“— Sein nächſter Gang war zu Dr. Koväes. Seit der erſten Begegnung auf der Margarethen-Inſel hatte er ſeinen Beſuch im Hauſe des Arztes öfters erneuert, jetzt mußte er aber natürlich Madame Raimond erzählen, was in der Angelegenheit geſchehen ſei, die ihr am Her⸗ zen lag. „Sie bringen ſchlechte Nachrichten,“ rief ſie ihm zu, als ſie ihn erblickte.„Sie ſind wirklich noch ein Kind, Sie haben es noch nicht gelernt, ſich zu ver⸗ ſtellen, doch beruhigen Sie ſich, denn ich habe Beſſe⸗ res mitzutheilen; der Profos hat eine Tochter, ſie nimmt ſeit geſtern Stunden bei mir im Clavierſpie⸗ len, und da mein Vater ſtets bei dieſen zugegen ſein wird, ſo habe ich dann täglich das Vergnü⸗ gen mit ihm zu ſein, und ihm durch meine Schü⸗ lerin etwas zukommen zu laſſen, während ich ihn ſonſt nur dreimal in der Woche ſehen konnte.“ Szolareſek war erfreut, daß die weibliche Diplo⸗ 93 matie mehr ausgerichtet hatte, als jene ſeines Freun⸗ des, und erzählte ihr nun ausführlich wie alle ſeine Bemühungen an der Zähigkeit des Syſtemes ge⸗ ſcheitert ſeien, bei dem jeder fernere Schritt nutzlos wurde.— So ſehr er aber ſich bemühte, ſeiner Mittheilung eine heitere Färbung zu geben, mußte es Madame Raimond doch gleich bemerken, daß er ſehr befangen ſei, allein er ſchrieb dies einer ganz anderen Urſache zu, ſie glaubte es kränke ihn, daß er nichts für ſie habe ausrichten können, und trö⸗ ſtete ihn daher über das Mißlingen, indem ſie ihn verſicherte, ſie nehme es eben ſo hoch auf und ſei ihm eben ſo dankbar, als wenn die Bemühungen des Grafen erfolgreicher geweſen wären, ſah ſie doch einen Theil ihrer Wünſche auf andere Art erfüllt. Doch Szolareſek blieb den ganzen Abend zerſtreut, was der Franzöſin um ſo mehr auffiel, als ſie ver⸗ gebens alle ihre Liebenswürdigkeit daran wandte, ihn in ſeine gewöhnliche unbefangene Stimmung zu verſetzen. Sie ſah, er verſchließe ein Geheim⸗ niß in ſeinem Buſen, und es piquirte ſie, daß er— es ihr nicht anvertraute. Dr. Koväcs war ja in ſeinem Laboratorium, Lenke hatte mit den Geſchäf⸗ 94 ten des Haushaltes zu thun, und ließ den Gaſt häufig mit ihrer Freundin allein, und wenn dieſe ihn wiederholt fragte, was denn ſeine Stirne um⸗ düſterte, ſuchte er Ausreden, und empfahl ſich end⸗ lich früher als er es ſonſt zu thun pflegte. „Was hat unſer Ritter heute?“ ſagte Madame Raimond zu Lenke, als er gegangen war,„er war ſo befangen.“ „Er liebt Dich,“ entgegnete Lenke,„und hat nicht den Muth, es Dir zu geſtehen.“ „Unſinn,“ fiel ihr die Franzöſin ins Wort, indem ſie erröthete,„denn erſtens iſt dies nicht möglich, er müßte ja wahnſinnig ſein, mich zu lie⸗ ben, die beinahe um zehn Jahre älter iſt als er, und dann, wäre dies auch der Fall,— ſo wäre er verlegen, nicht zerſtreut,— glaube mir das, ich kenne das ganz genau.“ Am nächſten Tage war Szolareſek gegen Abend in das Stadtwäldchen gegangen, das damals noch weit außerhalb der Stadt lag, und durch deſſen Acazienbäume noch keine Pfade gehauen waren, es war ein ſandiger Grund, hier und dort durch ſte⸗ hendes Waſſer unterbrochen, in dem Schilf und 95 Rohr üppig aufſchoſſen, und trotzdem daß der Früh⸗ ling die Bäume ſo eben mit ſeinem ſchönſten Grün bekleidet hatte, bot es doch einen traurigen Anblick dar. Als es zu dämmern begann, ging er unge⸗ duldig die lange Pappelallee hinab, die zur Königs⸗ gaſſe führte, wo damals, wie noch jetzt, die Mehr⸗ zahl der Peſther Juden wohnte, dann ſchritt er wieder zurück dem Stadtwäldchen zu, und lehnte ſich dort an den dritten Baum der Allee, der Er⸗ eigniſſe wartend. Kaum war es finſter geworden, als ein leichter Wagen mit vier Pferden in einer Reihe beſpannt heranrollte, es war Graf Sigray. Ein Pfiff ertönte, Szolareſek ſprang in den Wa⸗ gen, der Graf führte ſelbſt die Pferde, er war ganz allein, er hatte Kutſcher und Diener zu Hauſe ge⸗ laſſen. Ohne ein Wort zu ſagen fuhr er ſeitab von der Straße, die voll Löcher war, denn die Wege waren ſelbſt in der unmittelbaren Nachbar⸗ ſchaft der Haußtſtadt beſonders im Frühling grund⸗ los. Szolareſek bemerkte bald, daß er abſichtlich querfeldein fahre, denn er wechſelte oft die Rich⸗ tung, der Himmel war noch dazu von Wolken um⸗ hüllt, kein Mondſchein erhellte die Haide, und ſo 96 hatte der junge Advocat, deſſen Ortsſinn ohnehin nicht beſonders ſtark war, die Orientirung bald verloren. Nach einer ſcharfen Fahrt von zwei Stun⸗ den hielt der Wagen an einem kleinen Häuschen. Ein Diener nahm dem Grafen die Zügel aus der Hand und führte die dampfenden Pferde fort, die zwei Gäſte ſtiegen aus und traten in ein dunkles Zimmer ein, wo Sigray ſeinem jungen Freund die Augen mit einem Tuche zuband, und ſagte, warten Sie ſchweigend bis der Meiſter Sie rufen läßt. Szolareſek wartete nun geduldig, er hörte mehrere⸗ male die Thür aufgehen, dann wieder leiſe Schritte, einmal ſchien es ihm, als trüge man Kerzen durchs Zimmer, dann verſtummte alles wieder. Nachdem auf dieſe Weiſe mehr als eine Stunde vergangen war, hörte er wieder einen leiſen Tritt, und eine tiefe Stimme rief ihm zu:„folgen Sie mir.“ Man nahm ihn bei der Hand und führte ihn Treppen auf und Treppen ab hin und her, bis endlich der Wiederhall ſeiner Schritte es ihm bewies, er müſſe ſich in einem großen Saale befinden. Sein Füh⸗ rer ließ ihn jetzt ſtehen, und eine Stimme erſcholl: 97 „Junger Mann, wer biſt Du, und was willſt Du hier?“ Ich heiße Alerander Szolareſek, ich ſuche Freunde des Fortſchrittes der Menſchheit, doch vorerſt wün⸗ ſche ich klar zu ſehen. Bruder Catilina löſe ſeine Binde! tönte es wieder. Die Binde ſiel von den Augen des Ein⸗ zuweihenden. Er ſah ſich in einer großen Felſenhalle vor einem Tiſche, auf dem ein Dolch lag, und an dem drei verlarvte Männer in ſchwarze Mäntel gehüllt ſaßen; eine kleine Hehllampe, die von der Decke der Halle herabhing, warf ein ungewiſſes flackern⸗ des Licht auf die Gruppe. „Die Binde an Deinen Augen ſoll Dich daran erinnern, daß der Pfad dunkel iſt, den der Freund der Freiheit geht, und daß er nur dann ſein Ziel erreicht, wenn er ſchweigend ſeinen Führern folgt, — ſi führen ihn auf keinen Abweg!“— ſagte jetzt der Verlarvte links, Szolareſek glaubte die Stimme des Grafen zu erkennen. „Biſt Du entſchloſſen,“ fragte jetzt der Mittelſt der Drei,„Dein Leben dem Dienſte des Menſchen⸗ geſchlechtes zu weihen?“ „Ich bin es!“ „Schwörſt Du, daß Du den Weg nie verlaſſen willſt, den Du jetzt betreten haſt? daß Du treu ausharren willſt im Kampfe, ſelbſt wenn er hoff⸗ nungslos erſcheint? daß Du jede irdiſche Rückſicht dem hohen Zweck der Veredlung des Menſchenge⸗ ſchlechtes aufopfern willſt?“ „Ich ſchwöre es.“ „Schwörſt Du, daß Du das Licht ſuchen wirſt mit Ausdauer und Unermüdlichkeit, daß Du nicht zurückſchreckſt was immer Dir entgegen tritt.“ „Ich ſchwöre es.“ „Junger Mann wende Dich zurück.“ Szolareſek wandte ſich zurück, da erhellte ſich plötzlich das weite Gewölbe vor ihm, und in der Mitte eines trüben Lichtringes ſah er ein körper⸗ loſes Phantom vor ſich ſchweben, er blickte es er⸗ ſtaunt an und erkannte ſeine eigenen Züge, es ſchien ihm, das Phantom ſtarre ihn blaß und beſorgt an, ein unwillkürlicher Schauer durchzuckte ihn. In der Ferne erſcholl feierliche Muſik.“ 99 „Was ſiehſt Du,“ fragte der Verlarvte. „Mich ſelbſt.“ „Nimm den Dolch der auf den Tiſch liegt,“ rief der Verlarvte wieder,„und ſtich Deinen Dop⸗ pelgänger nieder.“ Szolareſek ergriff keck den Dolch, doch wie er den Arm erhob, erhob das Phantom ihn auch, und verſchwand, das Licht im Hintergrunde erloſch. Die Muſik verſtummte. „Vor dem Muth und der Entſchloſſenheit ver⸗ ſchwinden jene Gebilde unſerer Phantaſie, die uns hemmen wollen. Vor dem feſten Willen des Man⸗ nes hält kein Phantom der Einbildungskraft ſtich,“ ſagte jetzt wieder der Verlarvte links, den der Mitt⸗ lere früher als Bruder Catilina angeſprochen hatte. Der Verlarvte rechts ſtützte ſein Geſicht auf ſeinen Arm und ſchien zu gähnen. „Schwöre jetzt auf dieſen Dolch,“ ſagte wieder der Mittlere,„daß Du alle Privilegien haſſen wirſt, ſo lange Du lebſt.“ „Ich ſchwöre.“ „Daß Du die Freiheit, Gleichheit und die Brü⸗ derlichkeit predigen wirſt bis an Deinen Tod.“ 7* „Ich ſchwöre.“ „Daß Du keinen Unwürdigen einführſt in un⸗ ſern Verein, daß Du bürgſt für die Treue eines Jeden, den Du uns als Mitglied vorſchlägſt.“ „Ich ſchwöre.“ „Schwöre daß Du unſere Verbindung geheim halteſt, und nur dem erwähneſt, den die Brüder für würdig erkannten, daß er in den Bund ein⸗ trete. Schwöre, daß Du das Geheimniß Nieman⸗ dem anvertraueſt, nicht der Geliebten Deines Her⸗ zens, nicht der Mutter die Dich in ihrem Schvoße getragen, nicht dem Prieſter auf Deinem Sterbe⸗ bette.“ „Ich ſchwöre.“ „Wähle Dir jetzt einen Namen, unter dem Du in unſere Brüderſchaft trittſt.“ Der Einzuweihende dachte einen Augenblick nach, und ſagte:„Pätus!“ „Bruder Pätus,“ rief jetzt der Verlarvte links, „wiſſe, den Verräther erwartet der Tod!“ Der Verlarvte rechts gähnte wieder. „Bruder Curtius,“ hub der Mittlere wieder an,„Dir übergebe ich Bruder Pätus, weihe ihn 101 ein in ſeine neuen Pflichten, ſage ihm ſo viel als er verträgt! Und nun iſt es Zeit daß die Larven fallen, der Lehrling darf ſeine Meiſter ſehen!“ Die Felshalle erhellte ſich wieder wie durch ei⸗ nen Zauber, die Larven fielen und Bruder Pätus erkannte drei wohlbekannte Geſichter; der Mittlere war der Abt von Szäßvär, Bruder Curtius war Niemand anders, als der Rittmeiſter Laczkovies, und Bruder Catilina war Graf Sigray. Szolareſek war überraſcht, und dachte der War⸗ nung der Baronin Revay;— es war zu ſpät! Der Abt und der Graf entfernten ſich, der Ritt⸗ meiſter wandte ſich aber zu ſeinem Gaſt, mit dem er allein geblieben war, und ſagte:„Nun junger Freund, war das Schauſpiel nicht geſchickt in Scene geſetzt? Unſer Freund Sigray hat ſich wirklich ausgezeichnet; auf einen ſo jungen Menſchen wie Sie ſind, mußte das Enſemble ganz beſonders wir⸗ ken; dieſe Felſenhalle— mein Weinkeller, iſt jetzt leer, da wir im vorigen Jahr keine gute Weinleſe hatten, und wie Sie ſehen eignet er ſich ganz be⸗ ſonders zu der Einweihung, und die Geſtalt im Hohlſpiegel des Grafen hat Sie, wie ich glaube, 102 wirklich erſchreckt!— Wenn aber auch dieſer Kel⸗ ler leer iſt, ſo habe ich hier noch einen Anderen, der mir lieber iſt, denn er iſt gefüllt, und an einem guten Nachtmahle wird es uns auch nicht fehlen. — Kommen Sie hinauf mit mir, Freund Pätus, bei einem Glaſe guten Tokayer und einem guten Braten werden Ihnen Ihre Pflichten weniger ſchwie⸗ rig erſcheinen, als hier im feuchten Keller. Sie gingen hinauf in das Zimmer, wo die Tafel ſchon gedeckt ſtand und ſetzten ſich zum Eſſen. Szolareſek ſah jetzt, er ſei in einem der Peſther Landhäuſer an den Weinbergen, in jenen Stein⸗ brüchen, aus denen das ſämmtliche Baumaterial für Peſth gehauen wird. Die Einweihungsſcene hatte ihn wirklich ergriffen, und hatte ſo tief auf ſeine Phantaſie gewirkt, daß es ihm jetzt unange⸗ nehm war, als der Rittmeiſter plötzlich alle ſeine Illuſionen zerſtörte, und die ganze Feierlichkeit wie ein Faſtnachtsſpiel behandelte.— Laczkovies aber brach das Schweigen, er füllte Gläſer und ſagte:„es ſcheint beinahe, Sie haben alle Ihre Entſchloſſenheit unten im Keller gelaſſen, und Sie ſpielten doch Ihre Rolle dort mit ſo viel 103 Präciſion daß ich ſchon applaudiren wollte; warum denn jetzt ſo einſolbig?“ „Herr Rittmeiſter,“ antwortete Szolareſek,„es kommt mir Alles wie ein Traum vor, ich kann doch nicht glauben, daß Alles, was ich ſah und hörte, nur ein Scherz ſei, ich bitte, ſagen Sie mir aufrichtig, was iſt denn an der Sache?“ „Die Mummerei, an der wir ſo eben Theil nahmen, iſt gut für Sigray, und ſelbſt der Abt liebt ſolche Scenen; er hat ſie bei den deutſchen Illuminaten gelernt, ich bin aber ein nüchterner Kopf, und liebe all' dies phantaſtiſche Zeug nicht, mathematiſche Formeln, die dem Soldaten geläufig ſind, gehen nicht gut zuſammen mit den Erfindun⸗ gen der Phantaſie.“ „Warum nehmen Sie aber dann Theil an dem, was Sie doch nur für Mummerei halten?“ „Weil ich als Mitglied der Bruderſchaft, de⸗ ren Zweck mir heilig iſt, mich gerne dem Willen der Uebrigen unterordne. Subordination habe ich mein ganzes Leben lang gelernt, ohne ſie iſt kein Heil zu hoffen. Ich gehorche dem Befehle unſe⸗ res Meiſters und ſoll Sie nun in ihre neuen 104 Pflichten einweihen, vorher aber leeren wir noch ein Glas;— Bruder Pätus auf die Geſundheit Ihrer Arria!“ Szolareſek ward verlegen und leerte das Glas bis auf die Nagelprobe.— „Ich werde Ihnen jetzt die leitenden Grund⸗ ſätze unſerer Geſellſchaft auseinanderſetzen,“ hub der Rittmeiſter an,„Sie ſehen wie die Herrſchaft des Adels und der Pfaffen in Frankreich zu einer Revolution geführt hat, und wie dieſe blutig wurde, hauptſächlich weil das Volk roh und ungebildet war. Dieſelben Urſachen werden auch in Ungarn zu denſelben Reſultaten führen, denn die Geſell⸗ ſchaft beruht wie die Wiſſenſchaft auf den unwan⸗ delbaren Geſetzen der Natur. Die politiſchen Zu⸗ ſtände Ungarns haben keine ſolide Baſis, denn ſie ſtützen ſich blos auf Privilegien, während die ein⸗ zige feſte Baſis der Geſellſchaft die Freiheit und Gleichheit vor dem Geſetze ſein kann. Ein Uebel nagt hauptſächlich an den Grundrechten Ungarns, die Macht des Clerus und jene des Adels, und dieſe Macht ſtützt ſich blos auf die Ignoranz und den Fanatismus der niederen Claſſen. Bei dieſem —————, 105 traurigen Zuſtand der Dinge kümmern ſich nur wenige Individuen um die Rechte der Menſchheit; bigotte Prälaten und verſchwenderiſche Magnaten hören nicht auf die Stimme ihres Gewiſſens, der Bauer iſt unwiſſend und wird es kaum gewahr, daß er ein Menſch iſt; wie ſollte ein ſolcher Zu⸗ ſtand beſtehen können, außer daß die Freiheit überall in der Welt ausgerottet wird, daß alle Geſchichts⸗ bücher verbrannt werden, und daß man Ungarn mit einer chineſiſchen Mauer umgiebt. Man muß daher dem Volke früher oder ſpäter die Rechte zu⸗ rückgeben, die ihm gebühren, und die man ihm ge⸗ raubt hat, ſonſt nimmt es dieſelben ſelbſt zurück. Die Revolution iſt unaufhaltbar; die Unterdrückung bringt ſie ſtets hervor, und unſere Pfaffen und Magnaten laſſen es an dieſer nicht fehlen;— ſtatt ihre Privilegien zu modificiren, mißbrauchen ſie ſolche. Die ſo provveirte Revolution iſt aber nicht nur nothwendig, ſie iſt auch heilig, denn ſie löſcht die ungerechten Geſetze mit einem Zug aus dem Geſetzbuche und zerſtört die Privilegien unwider⸗ ſtehlich. Doch die Revolution in Ungarn wird in demſelben Verhältniſſe blutiger und zerſtörender als 106 in Frankreich, in welchem die Maſſe der Bevölke⸗ rung ungebildeter und roher iſt als dort. Sie artete unter den geiſtreichſten Völkern der Welt aus, weil die Volkskraft ohne hinlängliche Vorbereitung in Bewegung geſetzt wurde, um das Joch des Despotismus und der Unterthänigkeit zu ſprengen. Um dieſer Entartung zu entgehen, wollen wir nun in Ungarn den neuen Zuſtand der Dinge umſich⸗ tig und gründlich vorbereiten, und mit beſonnenen Schritten beginnen. Aufklärung und Belehrung des gemeinen Volkes iſt unſer Zweck, es muß wiſſen was ſeine Menſchenrechte ſind, es muß die Urſache ſeines gegenwärtigen Leidens erkennen lernen, da⸗ mit es ſich zu jener Freiheit erheben könne, die es erringen ſoll.— Dies ſind unſere leitenden Grund⸗ ſätze; junger Freund, halten Sie dieſelben für hei⸗ lig, oder ſehen Sie ein Unrecht darin?“ „Ihre Worte ſind mir aus der Seele geſpro⸗ chen,“ erwiederte Szolareſek.„Wir bahnen den Weg für die Freiheit, der Zweck iſt edel.“— „Die Mittel ſind für jetzt zunächſt die Verbrei⸗ tung dieſes Buches,“ ſagte der Rittmeiſter und zog ein Manuſtkript aus der Taſche,„Der Ka⸗ 107 techismus für die Bürger und Menſchen,“ „vielleicht kennen Sie es ſchon, es iſt die Ueber⸗ ſetzung von Gerard's Gatechisme de la Revolu- tion die Volney's Ruinen beigebunden zu ſein pflegt, doch haben wir ihn den ungariſchen Ver⸗ hältniſſen angepaßt. Sie müſſen die Grundſätze, die er enthält, rückſichtslos predigen. Anderſeits iſt es Ihre Pflicht, wenigſtens ein Mitglied der Verbindung zuzuführen, von dem Sie völlig über⸗ zeugt ſind, daß dieſes treu und ehrlich unſere Zwecke fördert. Kennen Sie ein ſolches, für das Sie mit Ihrer Ehre bürgen können, ſo nennen Sie es mir, der Sie einweiht, oder Sigray, der Sie ein⸗ geführt hat, wir werden es dann mit den Häup⸗ tern der Geſellſchaft entſcheiden, ob Sie ermächti⸗ get werden, ihrem Freunde Eröffnung zu machen.“ Der Rittmeiſter erklärte ihm noch die geheimen Zeichen, durch die die Mitglieder der Geſellſchaft ſich einander zu erkennen geben, dann füllte er nochmals die Gläſer, und hob das ſeinige mit den Worten:„Auf eine reiche Ernte der Freiheit, ſoll— ten wir auch die Saat die wir ſäen mit unſerem Blute nähren müſſen!“ 108 Szolareſek ſtieß freudig an, die klar formulirten Sätze des Rittmeiſters befriedigten ihn mehr, als die phantaſtiſchen und verworrenen Andeutungen des Grafen, der mit ihm nur in Parabeln geſpro— chen hatte. Beruhigt legte er ſich zu Bette, und er wunderte ſich blos, daß eine Geſellſchaft, deren Zweck ſo einfach und tadellos iſt, ſich in das Ge⸗ wand des Geheimniſſes kleidet, und nicht offen an das Tageslicht tritt.— Ateicen— V Magnetismus. Am nächſten Morgen weckte Pferdegewieher den jungen Advocaten, er ſprang raſch auf und ſah zwei Reitpferde geſattelt im Hofe, und Laczkovics klopfte auch ſchon an ſeine Thür, und mahnte ihn zu eilen. In wenigen Minuten war Szolar⸗ eſek angezogen, der Rittmeiſter reichte ihm die Li⸗ queurflaſche und Speck und Brod, das Frühſtück wurde ſtehend im Hofe eingenommen, ſie ſetzten ſich zu Pferde, und ritten über die Haide gegen Peſth zu. Als ſie den Steinbruch aus den Augen verloren hatten, fragte Szolareſek den Rittmeiſter, warum ihre Geſellſchaft ſich in ſo tiefes Geheim⸗ niß hülle, da ſie doch auf vollkommen legalem 110 Boden ſtänden, und meinte, ob denn nicht gerade dieſe Scheu vor der Oeffentlichkeit im Falle einer Entdeckung dem Ganzen eine viel gefährlichere Fär⸗ bung geben würde. Und auf eine Entdeckung muß⸗ ten Sie doch gefaßt ſein, denn entweder wird der Katechismus nicht verbreitet, und dann hat die Geſellſchaft ihren Zweck verfehlt, oder die Grund⸗ ſätze die ſie predigt werden allgemein, und dann wird man doch leicht nachweiſen können, woher ſie ausgehen; wo die Finſterniß ſich zu erhellen be⸗ ginnt, dort iſt es nicht ſchwer den leuchtenden Kör⸗ per zu entdecken, der das Licht verbreitet.— Laczkovies ſtimmte Szolareſek zum Theil bei, er für ſeine Perſon verläugne ſeine Grundſätze nicht für einen Augenblick, er hülle ſie nicht ein⸗ mal in verworrene Bilder wie Sigray oder in die Form von Prophezeihungen wie Martinvvics. Es ſei aber dennoch nicht rathſam, die Aufmerkſamkeit des Pfaffenthums und des Adels vor der Zeit auf ſich zu ziehen, denn dieſe Kaſten ſind noch eifer⸗ ſüchtiger auf ihre Macht, als das Königthum. Im Jahre 1790 und 91 habe man ja die heftig⸗ ſten Pamphlete gegen die Dynaſtie in Ofen unge⸗ — 111 ſtraft gedruckt, während anderſeits in Schottland einige Männer gerade jetzt vors Gericht geſtellt worden ſind, und wahrſcheinlich verurtheilt werden, blos weil ſie Thomas Paines Menſchenrechte ge⸗ leſen haben, ohne eine Anzeige gegen das Buch zu machen, und dies geſchieht in einem Lande, wo die Vertreter der Ariſtocratie im Parlamente das Kö⸗ nigthum längſt jeder Macht entkleidet haben. Szolareſek ſchüttelte ungläubig das Haupt und fragte:„Wenn aber unſere Grundſätze nach und nach ſich verbreitet haben, und das Volk über ſeine Pflichten und Rechte nachzudenken gelernt hat, auf welche Art ſoll denn die große Reform vor ſich gehen, die wir vorbereiten?“ „Lieber Freund,“ ſagte Laczkovies,„die Rechts⸗ grundſätze ſind freilich unwandelbar, aber die Welt⸗ ereigniſſe ſind unberechenbar. Aus der Geſellſchaft des Bürgers und Menſchen, erhebt ſich eine zweite, die der Reformatoren; erſt dieſe wird den Augen⸗ blick und die Art des Handelns beſtimmen, ſie ent⸗ wirft die Details der künftigen Organiſation des Landes. Doch täuſchen wir uns in dieſer Hinſicht nicht, noch iſt jenes zweite Stadium fern, und 112 darum auch übereilen wir uns nicht mit den Plä⸗ nen für die Zukunft. Sollten übrigens die Heere Frankreichs ſiegreich ſich über Deutſchland und Ita⸗ lien ergießen, ſollte Deutſchland und Italien ſich kräftig und einig erheben, dann iſt es nicht ſchwer für Ungarn einen Operationsplan zu entwerfen; noch iſt Koſciusko in Polen nicht erdrückt, und ſeine Senſenmänner geben uns ein Beiſpiel, was die Vaterlandsliebe vermag. Und dann haben wir gleich in Peſth einen Kern, um den ſich bald eine Armee ſchaaren könnte; die franzöſiſchen Kriegsge⸗ fangenen. Finden wir es nothwendig loszubrechen, ſo ſind dieſe bald befreit und bewaffnet, und bil⸗ den das erſte Bataillon der europäiſchen Freiheit im Oſten. Doch ich liebe es nicht in die Luft hinein Pläne zu entwerfen, iſt das Volk einmal reif, dann macht es auch ohne uns eine Revolu— tion, während aus einer Verſchwörung höchſtens eine Emeute entſtehen kann, und dieſe fällt gewöhn⸗ lich zum Nachtheile des Volkes aus. Der Abt iſt aber zu ſehr Theoretiker um dies einzuſehen, und legt ſeinen Verbindungen mit dem Auslande zu große Wichtigkeit bei, und Sigray hat den 113 Prophetenton des Abtes ſo gut abgelernt, daß er jetzt fortwährend phantaſtiſche Entwürfe macht, um des Vergnügens halber, ſie uns vorzuleſen und ſich ſelbſt Wichtigkeit beizulegen. Kommt es einſt wirklich zur Handlung dann werden es nicht dieſe Beiden ſein, die die Angelegenheit leiten.“ „Sagen Sie mir doch, Herr Rittmeiſter,“ fragte jetzt Szolareſek,„wie kömmt es denn daß der Graf, dieſer dienſtfertige Lebemann, ſich jetzt plötzlich ſo kopfüber in die Politik geſtürzt hat?“ „Aus bloßer Gefälligkeit,“ war die Antwort. „Der Abt war in Wien, er brauchte jemanden der viele Verbindungen im Lande hat, und begegnete während eines Morgenſpazierganges dem Grafen auf der Baſtei, den er nur vom Sehen kannte. Martinovies hat nun eine Menſchenkenntniß wie kein anderer, er trat zu Sigray und eröffnete ihm ohne irgend eine Vorrede alles. Der Graf war überraſcht, und der Abt verließ ihn mit den Worten:„Verrathen Sie mich, wenn Sie wollen, oder nehmen Sie Theil an meinem Beginnen, mein Schickſal liegt jetzt in ihrer Hand.“— Sigray geſellte ſich augenblicklich der Geſellſchaft bei, blos 8 114 weil er zufällig darum angeſprochen worden war, und es für Feigheit hielt nicht einzutreten; er nahm den Antrag an, ſo wie man ein Duell annimmt; man thut es, weil das Annehmen weniger unan⸗ genehm iſt als das Ablehnen, doch ſeit wir ihm die Verfertigung des Einweihungs⸗Rituales über⸗ tragen haben, und er der Ceremonienmeiſter der Geſellſchaft iſt, gibt es niemand Eifrigern unter uns, wie ihn;— mein Keller iſt geräumig genug für ſeine optiſchen Machinerien, und nun unterhält er ſich zum Wohle der Menſchheit ſtundenlang mit Erperimenten. Sie müſſen es bemerkt haben, daß er neulich nicht bei der Baronin Révay war, wo er doch ſonſt nie eine Svirée ausläßt; er ſaß im Steinbruch und arrangirte ſeinen Hohlſpiegel. Unter ſolchen Geſprächen hatten ſich die Reiter langſam der Stadt genähert, ſie waren an den erſten Häuſern der Vorſtadt.„Noch eins,“ ſagte jetzt Laczkovies und hielt ſein Pferd an—„wenn wir uns in der Welt begegnen, ſo kennen wir uns ſeit geſtern weder mehr noch weniger. Ich ver⸗ laſſe Sie jetzt, reiten Sie im Schritte in die Stadt, und geben Sie das Pferd im Wirthshauſe zu den 115 ſieben Kurfürſten an den Hausknecht ab, ich werde es von dort ſchon abholen laſſen. Auf Wieder⸗ ſehen.“ Der Rittmeiſter gab ſeinem Pferde die Sporen und ſprengte davon. Alle dieſe Ereigniſſe hatten eine Kriſe in dem Gemüthe Szolareſeks herbeigeführt, das Leben war ihm bisher ſo verworren und abſtoßend vorgekom⸗ men, der Trieb zur Thätigkeit den er in ſich fühlte konnte die kleinlichen Beſchäftigungen des angehen⸗ den Advveaten nicht befriedigen, das Leſen ermü⸗ dete ihn in die Länge, er hatte das Bedürfniß activ in der Welt aufzutreten, und da er dazu nirgends die Bahn offen fand war er unzufrieden mit den Einrichtungen der Geſellſchaft. Er war lebensmüde weil er das Leben noch nicht kannte. Der Zufall hatte ihn nun plötzlich in eine Stel⸗ lung verſetzt in der er glaubte der Menſchheit un⸗ mittelbar nützlich ſein zu können, und in die Räder des Schickſals einzugreifen, er war in die Geſell⸗ ſchaft von ausgezeichneten Männern gerathen, und war durch ſie ins Vertrauen gezogen worden. Er wurde nun ruhiger und geſetzter, ſeine Anſichten 8* 116 klärten ſich, denn er hatte den Mittelpunkt endlich gefunden, den er ſo lange vergeblich geſucht hatte, er wußte nun daß er nicht nur darum lebe, um kleinliche Schuldproceſſe für ſeine Clienten zu füh⸗ ren, und die täglichen Streitigkeiten zwiſchen den Bauern und Beamten der Révay'ſchen Güter aus⸗ zugleichen, oder der richterlichen Entſcheidung zu unterbreiten; er hatte nun einen höhern Zweck, und dies Bewußtſein lieh ihm jene Kraft und Energie die ihm bisher gefehlt hatte,— In dieſer Epoche kam die Nachricht von der Hinrichtung der Giron— dins nach Ungarn, das tragiſche Schickſal dieſer Männer erſchütterte zwar das Gemüth Szolar⸗ eſek's aber nicht ſeine Grundſätze. Wenn er nun täglich ſeine Berufsgeſchäfte ge⸗ endet hatte, unterzog er die Grundſätze die er in dem Katechismus in Fragen und Antworten aus⸗ gedrückt fand, einer genauen Unterſuchung, und wenn er auch die Form in der ſie ausgedrückt waren, manchmal zu derb und ſcharf, an andern Orten etwas unklar und ungenügend fand,— er erkannte gleich die Hand des Rittmeiſters und jene des Grafen— ſo ſah er doch, daß nichts Weſent⸗ liches in dem Buche enthalten war, was nicht mit ſeiner Ueberzeugung durchaus übereinſtimmte. Seine Abende brachte er abwechſelnd bei Dr. Koväcs und bei Révay zu. Natürlich ſprach er mit Ladislas häufig über jene politiſchen Grund⸗ ſätze, deren Studium ihn jetzt ſo ſehr beſchäftigte, er ließ ihn auch den Katechismus leſen, doch er erinnerte ſich des Verſprechens, das er der Baro⸗ nin gegeben hatte, und ſagte ihrem Sohne nie ein Wort über die geheime Geſellſchaft und den eigent⸗ lichen Zweck des Buches. Auch bei Dr. Koväcs fing er oft an über Politik zu ſprechen, doch der alte Mann ging ſelten in das Geſpräch ein, ihn beſchäftigten jetzt beinahe ausſchließlich die Erſchei⸗ nungen des Magnetismus, und jener krankhafte Zuſtand des Schlafwachens, in den Dr. Mesmer nervöſe Perſonen durch bloßes Streichen mit den Fingerſpitzen und durch concentrirte Willenskraft verſetzte. Er erzählte oft von den wunderbaren Enthüllungen die magnetiſche Perſonen gemacht hatten, und obgleich er ſelbſt nicht behauptete, daß alles geſchehen ſei und geſchehen werde, was die Schlafwachenden ſehen und vorausſagen, ſo konnte 118 er doch an dem Factum des Schlafwachens nicht zweifeln; ſagte doch ein Bauernknabe, den er eben behandelte, regelmäßig und auf die Minute vor⸗ aus, wann er einen neuen Anfall erleiden werde, und bezeichnete ſehr genau die Arzneien die ihm helfen würden. Madame Raimond hörte dieſen Erzählungen ſehr aufmerkſam zu, und je nachdem die franzöſiſche Leichtgläubigkeit oder der franzöſiſche Seepticismus gerade bei ihr vorherrſchten, graute ihr vor dieſen Erſcheinungen, oder ſie machte ſich darüber luſtig. Manchmal überfiel ſie eine un⸗ nennbare Sehnſucht, einen Blick in die Zukunft thun zu dürfen, und ſie fand es ſo pvetiſch, daß zwei Menſchen ſelbſt getrennt im magnetiſchen Rap⸗ porte bleiben können, dann wieder ſcherzte ſie dar⸗ über, und fragte, als ſie plötzlich heiſer geworden war, ob Dr. Koväes nicht glaube, jemand mit dem ſie vielleicht in Paris in magnetiſchem Rapport ſtehe, müſſe ſich erkältet haben. Hatte ſie aber Kopf⸗ weh ſo ließ ſie ſich oft durch den Arzt magnetiſch behandeln und fand Erleichterung. Szolareſek war immer ungläubig, er ſuchte es dem Arzt zu bewei⸗ ſen, daß dieſe Erſcheinungen unmöglich ſeien, und 119 daß daher ſtets eine Täuſchung dabei obwalten müſſe. Der Doctor antwortete ihm dann gewöhn⸗ lich:„konſtruiren Sie die Welt nicht a priori und ſagen Sie nicht dies oder jenes ſei unmöglich; manches erſcheint als Täuſchung oder Betrug blos weil wir die Geſetze der Natur noch nicht kennen, durch die dieſe Erſcheinungen erklärt werden. Wer hätte es denn geglaubt, daß der Menſch fliegen lernen werde, ehe es Mongolfier that? Der For⸗ ſcher darf keine vorgefaßte Meinung haben, er muß unpartheiiſch und gewiſſenhaft die Erſcheinungen beobachten und conſtatiren, hat er ſie conſtatirt, dann muß er die Geſetze erforſchen denen ſie un⸗ terliegen.“ „Nun wohl,“ ſagte Szolareſek,„conſtatiren wir einmal die Erſcheinungen des Magnetismus; ſo lange ich aber nicht ſelbſt hellſehend werde, oder einen Andern im ſchlafwachen Zuſtande ſehe, wer⸗ den Sie mir erlauben zu zweifeln. Magnetiſiren Sie mich! „Ich glaube kaum, daß ich Kraft genug dazu beſitze, um Sie zu magnetiſiren,“ bemerkte der Arzt. Madame Raimond erbot ſich aber jetzt dazu, ſie 120 Streichen thue ihr wohl. „Wenn Sie durchaus wollen, ſo habe ich nichts dagegen,“ meinte Dr. Koväes,„doch ich thue es blos wenn ſie dazu feſt entſchloſſen ſind, denn wi⸗ der Ihren Willen würde ich es um keinen Preis thun. Vergeſſen Sie nicht, daß Sie im Zuſtande der Clairvoyance Ihre Individualität ganz aufge⸗ ben, daß Sie vielleicht Geheimniſſe entdecken, die wir dann unwillkürlich hören, und die Sie uns freiwillig nicht mittheilen würden.“ „Nicht doch,“ ſagte Madame Raimond,„ich habe keine Geheimniſſe vor meinen Freunden, und ich weiß, daß dieſe keine indisereten Fragen an mich richten, darum verlange ich auch, daß Lenke hier bleibe, ſetzte ſie hinzu als ſie bemerkte ihre Freun⸗ din, die ſonſt gewöhnlich ſchweigend dem Geſpräche zuhörte, ſtehe auf und gehe zur Thür.— Lenke entſchuldigte ſich, daß das Eſſen nicht zur rechten Zeit fertig werden könne, wenn ſie jetzt nicht nachſehe, ob alles in Ordnung ſei, doch alle proteſtirten einſtimmig gegen ihre Entfernung, und ſagte, ſie habe ohnehin enormes Kopfweh, und das ————— „— 121 wollten gerne eine halbe Stunde länger auf das Eſſen warten; ſie mußte im Zimmer bleiben. Madame Raimond ſetzte ſich in einen Arm⸗ ſtuhl, Dr. Koväcs ſtellte ſich vor ſie, faßte ihre beiden Daumen mit der Hand und ſah ſie eine Zeitlang ſtarr an, dann beſchrieb er mit ausge⸗ ſtreckten Händen Kreiſe um ſie, ſo daß ſeine Fin⸗ gerſpitzen ohngefähr anderthalb Zoll von ihr ent⸗ fernt blieben, indem er ihr von der Gegend der Stirne bis an die Spitze ihrer Hände langſam herabfuhr, und dann ſchnell im Halbkreiſe wieder zur Stirne zurückkehrte. Es waren noch keine zehn Minuten vergangen, und Madame Raimond war frſt eingeſchlafen, bald darauf verklärten ſich ihre Züge, eine majeſtätiſche Ruhe ſchien ſich über ihr Antlitz zu verbreiten, ein überirdiſcher Ausdruck der Befriedigung wie nach einem ſchweren Kampfe, trotzdem daß ihre Augen geſchloſſen waren. Koväes gab jetzt Lenke einen Wink, ſie faßte ihn bei der Hand. „Das biſt Du, meine gute Lenke,“ ſagte jetzt Madame Raimond mit voller metallreicher Bruſt⸗ 122 ſtimme, die von ihrem ſonſt etwas ſchrillen fran— zöſiſchen Organ eben ſo abſtach, wie die Ruhe ihres Geſichtes von der gewöhnlichen geiſtreichen Beweglichkeit ihrer Phyſiognomie.„Du biſt ein ſtarkes Mädchen, und Du haſt es noth, doch Du wirſt noch glücklich werden, glücklicher als ich!“ „Szolareſek kam jetzt näher und legte ſeine Hand auf die Schulter des Arztes. Madame Rai⸗ mond erſchrak, ſie ſprang von ihrem Sitze auf und rief mit ängſtlicher Stimme:„Haltet ein, haltet ein, ermordet ihn nicht! er iſt unſchuldig! fliehe, denn der Henker tödtet Dich, ſei nicht eigenſinnig, die Kerkerthür iſt offen, Deine Freunde ſind ſchon todt und es iſt thöricht ſein Leben nutzlos weg⸗ zuwerfen!“ Sie ſank erſchöpft in den Lehnſtuhl. Lenke war erſchüttert, Kovaes wurde ernſt und ſagte:„Madame Raimond iſt doch zu ſehr auf⸗ geregt, wir müſſen ſie wecken. Er begann nun dieſelben Kreiſe, durch welche die Franzöſin in Schlaf erſetzt worden war, in entgegengeſetzter Richtung zu beſchreiben, ſie wurde wieder ruhig und ſchien in geſunden Schlaf verſunken. Dr. Koväes hielt jetzt ein, er wollte ſie nicht künſtlich wecken, denn 123 er meinte ihre Natur bedürfe der Erholung nach ſo heftiger Erſchütterung. „Sie iſt doch ſehr ſchön,“ ſagte Lenke mit einem halbunterdrückten Seufzer zu Szolareſek, der die Schlafende mit Entzücken betrachtete. Doch Madame Raimond erwachte bald und fragte lachend: „Nun, was habe ich prophezeiht? wahrſcheinlich viel Unſinn,“ ſetzte ſie hinzu als ſie die ernſte Miene des Arztes bemerkte. „Nicht doch,“ ſagte Szolareſek,„alles war ganz ſo, wie ich es erwartete, als Lenke ſich nahte verkündeten Sie eine glückliche Zukunft für ſie, denn Sie lieben ſie, und als Sie mich ſahen, da ſprachen Sie von Kerker, von Blut und von Hen⸗ kern. Es iſt dies ganz natürlich, ich habe Ihnen heute die letzten Blutſcenen in Paris aus dem Moniteur vorgeleſen, im ſchlafwachen Zuſtande verknüpfte ſich der tiefe Eindruck, den die Nach⸗ richten auf Sie gemacht hatten, mit meiner Perſon, durch die Sie dieſelben erhielten; es kann gar nichts Natürlicheres geben als dieſe Verkettung.“ „Gebe es Gott,“ ſeufzte Lenke. Madame Raimond fand jetzt, es ſei doch thö⸗ 124 richt geweſen, darauf zu dringen, daß ſie magneti⸗ ſirt werde.„Dr. Koväes iſt ernſt geworden, Lenke iſt angegriffen, Szolareſek bleibt ein Ungläubiger wie zuvor,“ ſagte ſie,„ich fühle mich etwas matt und weiß erſt nicht was ich prophezeiht habe. Sie verſuchte wiederholt die gedrückte Stimmung der Geſellſchaft durch ihre Heiterkeit zu heben, doch vergebens, Szolareſek war einſilbig, er konnte es nicht vergeſſen, wie ſchön ſie im magnetiſchen Schlafe geweſen war, Lenke klagte über Kopfweh, die Mißſtimmung war nicht zu bannen, man trennte ſich unbefriedigt. Am nächſten Morgen ging Szolareſek ſchon gegen zehn Uhr wieder zu Dr. Koväcs, er wollte ſich erkundigen, wie ſich Madame Raimond befinde. Der Arzt war eben mit einigen armen Kranken beſchäftigt, die ihn um dieſe Zeit aufzuſuchen pfleg⸗ ten. Lenke war in die Stadt gegangen, um einige Einkäufe zu beſorgen, Madame Raimond war allein zu Hauſe. Sie ſah etwas angegriffen aus, und als ſie Alerander erblickte, begrüßte ſie ihn mit den Worten:„Lieber Freund, geſtehen Sie mir es jetzt offen, was ich geſtern im magnetiſchen Schlafe 125 geſprochen habe, ich finde nicht den Muth, Lenke darum zu fragen, denn was es immer war, es hat auf ihr Gemüth einen tiefern Eindruck gemacht, als ich geſtern Abends gedacht hatte; ſie ſchloß die ganze Nacht kein Auge.— Sagen Sie es offen, was waren meine Worte?“ „Sie verhießen Lenke ein ſpätes Glück, nach manchem ſchweren Kampf, denn Sie ſagten, es ſei gut, daß ſie ſo viel Seelenſtärke beſize. Mir aber prophezeihten Sie einen blutigen Tod, darauf weckte Sie Dr. Koväes, denn Sie ſchienen zu ſehr aufgeregt.“ „Das alſo iſt es was Lenke ſchmerzt!“ rief die Franzöſin und verſank in tiefes Nachdenken, „ſie kann es nicht begreifen, wie ſie glücklich wer⸗ den kann, während Sie ſterben! ſie hatte es ſich wahrſcheinlich anders vorgeſtellt. Daß aber ſolche Kindereien ſo tief auf ſie wirken konnten! Die Träume einer Schlafenden! Sie haben es doch ſelbſt erklärt, wie dieſe eine ſolche Wendung nehmen mußten.“ „Es war mehr als ein Traum,“ ſagte Szo⸗ lareſek,„es war eine Weiſſagung! ich wollte Lenke 126 nicht noch mehr erſchrecken, darum gab ich Ihrer Viſion, an die ich glaube, eine plauſible Erklärung. Doch es erſchreckt mich nicht, daß ich es nun weiß meine Tage ſeien gezählt, und daß mein Leben gewaltſam enden ſoll; iſt doch der Werth deſſelben nicht von ſeiner Dauer abhängig, ſondern davon, welchem Zwecke es geweiht war, und eben darum, weil ich es glaube, daß es eine Prophezeihung war, was ſie geſtern ſagten, eben darum habe ich den Muth jetzt auszuſprechen, was ich ſonſt vielleicht noch lange verſchwiegen hätte,“— er ergriff ihre Hand—„ich liebe Sie.“ Madame Raimond hüllte ihr Geſicht in ihre Hände und weinte. „Sie weinen!“ rief Szolareſek beſtürzt,„und was ich Ihnen jetzt ſagte, kann Sie doch nicht überraſchen, Sie haben es ſicher längſt bemerkt, denn ich bin zu ungeſchickt und kann mich nicht verſtellen, ſeit ich Ihnen zum erſtenmale auf der Inſel begegnete, ſchwebt mir ſtets Ihr Bild vor Augen, und der Ton Ihrer Stimme erfüllt meine Seele!— Weinen Sie nur über mich, weil Sie meine Liebe nicht erwiedern können? Sprechen Sie 127 es offen aus, ich werde ſuchen, es ſchweigend zu tragen, Ihre geſtrige Viſion bürgt mir ja dafür, daß mich mein Schmerz nicht zu lange foltern wird.“ Madame Raimond erhob ſich jetzt, der Aus⸗ druck Ihres Geſichtes war wieder derſelbe, wie er es Tags zuvor im magnetiſchen Schlafe geweſen, ruhig und erhaben, und ſie ſagte ernſt, ich habe über mich ſelbſt geweint, nicht über Sie, lieber Freund, über mich, an der das Unglück haftet, über mich, die ich Unheil überall mit mir bringe, und gerade jene zu Grunde richte, die meinem Her⸗ zen die nächſten ſind. Hätte das Schickſal mich nicht hergeführt, Sie hätten Lenke geſehen und ge⸗ liebt, Ihr wäret glücklich geworden mit einander, denn das Mädchen liebt Sie,— jetzt iſt dies vorbei!— Sie lieben mich alſo wirklich?“ ſetzte ſie zärtlich hinzu. Szolareſek ergriff entzückt ihre Hand und bedeckte ſie mit Küſſen.„Wie ſoll ich es Dir beweiſen?“ rief er aus. „Ich kenne das Herz der Männer zu gut, als daß ich dem erſten Ausbruch der Leidenſchaft zu hohen Werth beilegen ſollte, und mein eignes Herz 128 hat in früheren Zeiten zu viel gelitten von dem eiſigen Hauch der Enttäuſchung, als daß es auch zum zweitenmal ſich der Stimme des Mitgefühles gleich hingebe! Warum wollten Sie aber nicht länger auf jenem Fuße traulicher Freundſchaft mit mir bleiben, auf dem wir uns bisher ſo wohl be⸗ funden hatten! warum erhitzten Sie Ihre Phan⸗ taſie? warum legen ſie Ihrer Empfindung nicht noch jetzt Zügel an! Ich achte Ihren Character, ich ziehe Ihre Geſellſchaft jeder andern vor, ich fühle, ich könnte Sie vielleicht lieben, aber wün⸗ ſchen Sie dies nicht!“— „Dank Dir, Engel des Himmels,“ unterbrach ſie jetzt Szolareſek leidenſchaftlich,„das iſt ja alles was ich verlange, Du machſt mich glücklich, wie ich nie geglaubt habe, daß ich je werden könnte! Du könnteſt mich alſo lieben? Du wirſt mich lie⸗ ben! Du mußt mich lieben!“— „Wünſchen Sie dies nicht Alerander,“ ſagte ſie ſanft und traurig,„wecken Sie die Leiden⸗ ſchaft nicht, die in mir ſchlummert. Mit der⸗ ſelben Heftigkeit, mit der ich liebe, verlange ich auch den Beſitz des Geliebten ausſchließlich für 129 mich. Meine Eiferſucht würde Sie zu Grunde richten; wen ich liebe, der hört auf ſein eigen zu ſein, ich muß jeden ſeiner Gedanken, jedes ſeiner Gefühle kennen, ſein Herz muß offen ſein vor mei⸗ nen Blicken, und nicht die geringſte Falte darf ſich meinem Auge entziehen!“ Szolareſek wurde plötzlich blaß, doch er ſagte: „Deine Seele iſt edel und groß, kein kleinlicher Gedanke kann darin aufkommen!“ Sie hörten Tritte, Lenke trat ins Zimmer, ſie warf einen einzigen Blick auf ihre Freunde und errieth gleich an dem Ausdruck der Phyſiognomien, daß eine Erklärung ſtattgefunden habe; Thränen traten ihr ins Auge, ſie verweilte kaum eine Mi⸗ nute im Zimmer und eilte wieder fort. „Schreckt es Sie nicht, was ich geſagt habe?“ frug jetzt Madame Raimond,„Haben Sie den Muth mir unbedingte Offenheit zu geloben?“ „Ja,“ antwortete Szolareſek. „Ich will Sie nun auf die Probe ſetzen,“ rief jetzt die Franzöſin ſchalkhaft. Sie ſtand auf ſtellte ſich vor ihn, ſah ihm ſcharf in die Augen und ſagte:„Warum waren Sie ſo zerſtreut an jenem 130 Abend, als Sie mir erzählten Graf Sigray habe in Wien nichts erwirken können für meinen Vater und ſeine Gefährten?“ Szolareſek wurde verlegen.„Um Gottes Wil⸗ len fragen Sie mich alles was Sie wollen,“ rief er flehend,„nur dies nicht, es iſt eine Kinderei, aber mein Ehrenwort verbietet mir es zu ſagen.“ „Nun denn, was thaten Sie Tags darauf im Stadtwäldchen? Wen erwarteten Sie dort? in der Pappelallee? Szolareſek war wie vom Donner gerührt, er ſchlug die Augen zu Boden und ſchwieg, endlich begann er:„Sie wiſſen alſp.“— „Nichts weiß ich, aber ich will es wiſſen,“ ſagte ſie lächelnd, denn es that ihr wirklich leid um den jungen Mann, der ſich geberdete wie ein Verzweifelter,„oder iſt das die Liebe des Jünglings, die jeder Verſuchung trotzen ſollte! Ich war mit Dr. Koväes ins Stadtwäldchen ſpazieren gegangen und ſah Sie in der Ferne, kurzſichtig wie Sie ſind, erkannten Sie uns nicht, ich aber bemerkte es ſehr wohl, daß Sie aufgeregt waren; finden Sie es nun ſo unnatürlich, daß ich die Urſache davon 131 wiſſen will? Doch ich will durchaus nicht in Ihre Berufsgeheimniſſe eindringen, war es ein Advo⸗ eatengeſchäft, dann ſagen Sie es mir, und ich frage nicht weiter.“— Szolareſek ſank in ſeinen Seſſel zurück mit den Worten:„Sie machen mich namenlos unglücklich!“ „Das iſt durchaus nicht meine Abſicht,“ fuhr ſie lachend fort,„aber Sie wiſſen gar nicht, wie Sie lächerlich ausſehen in Ihrer Verzweiflung! ſo laſſen Sie doch Ihren Kopf nicht ſo hängen. Muth gefaßt Freund! Die kleine Lehre, die ich Ihnen ſo eben gege⸗ ben habe, dürfte Ihnen nicht ſchaden; in Zukunft werden Sie nicht ſo leicht verſprechen, wie Sie es ſo eben thaten, um gleich im nächſten Momente Ihr Wort zu brechen! Und weil Sie mir nicht hübſch aufrichtig mittheilen, wie es Ihre Pflicht war, was Sie in dieſen zwei Tagen gethan haben, ſo werde ich es doch erfahren, merken Sie ſich das, vor mir iſt es vergebens Geheimniſſe zu machen; ich er⸗ gründe ſie zuletzt doch. Daß ich Ihnen verbiete Ihrer Liebe zu erwähnen, ſo lange als ſie keine chrliche Beichte abgelegt haben, verſtht ſich von ſelbſt, auch ſoll es Ihnen nicht einfallen mir zu 9* 132 ſchreiben, ich laſſe mich in keine Correspondenz mit jungen Herren ein, die ihr Verſprechen ſo leicht verletzen. Jetzt aber beruhigen Sie ſich, ſein Sie. nicht zu ſehr Kind, und ſein Sie überzeugt, daß es verlorne Mühe ſei, mir etwas verſchweigen zu wollen. Auf Wiederſehen!“— Sie drohte ihm mit aufgehobenem Finger und hüpfte lachend aus dem Zimmer. VI. Ein Serbe. Als Szolareſek das Haus des Dr. Koväcs verließ, begegnete er wenige Schritte vor dem Thore einem jungen Manne mit dunklen Zügen und wirrem Geſichtsausdruck. Er erinnerte ſich dieſen Menſchen ſchon früher irgendwo geſehen zu haben, und war daher nicht erſtaunt, als der Fremde ſich tief vor ihm verbeugte und den Hut abzog. Madame Raimond aber, die mit ihien Blicken den Advocaten begleitete, hatte nicht ſo bald die ehrerbietige Verbeugung des Fremden bemerkt, die auf eine Bekanntſchaft deutete, als ſchon ein Plan in ihrem Kopfe reifte. Sie wußte übrigens der Mann komme täglich um dieſelbe Stunde her⸗ 134 aus, und ſie erkundigte ſich daher bei Dr. Koväes wer er ſei; der Doetor ſagte ihr nun, es ſei der Schreiber des Abtes von Szäszvar Ilia Spinto⸗ vich, der Sohn eines Serben aus St. Andre bei Peſth, der katholiſch wurde als der Knabe ſchon zwölf Jahre alt war. Dem Geſetze zufolge wurde nun Ilia in der katholiſchen Religion erzogen, denn er mußte der Religivn des Vaters folgen, trotz dem, daß dieſer bald darauf in Folge ſeiner ausſchweifenden Lebensart geſtorben war, und die Mutter Jlia's an den griechiſchen Glauben mit dem wildeſten Fanatismus hing. Kaum war ihr Mann geſtorben, als ſie nun mit dem Knaben in das Banat floh, um ihn dort in der orthodoxen Kirche, in dem„alten Glauben“ zu erziehen. Doch es wurde dem Biſchof von Csanad gemeldet, der Vater deſſelben ſei als Katholik geſtorben; er ließ ihn daher mit Gewalt der Mutter entreißen, und weil er fürchtete, ihr blinder Glaubenseifer ſei dem Knaben auch ſchon eingeimpft, ſandte er ihn in das Mennonitenkloſter nach Szeged zur Erziehung. Jlia's träger ſchwermüthiger Character ſtimmte mit dem Kloſterleben ſehr gut überein; er entſchloß ſich 135 daher bald dazu Mönch zu werden; denn er glaubte auf dieſe Art am leichteſten ein ſorgenfreies Aus⸗ kommen für ſein ganzes Leben zu finden, ohne viel lernen oder arbeiten zu müſſen; denn beides, das Lernen und das Arbeiten, war ihm nicht beſonders angenehm. Doch eben in der Zeit als er das Mönchgelübde ablegen ſollte, hob Kaiſer Joſeph das Kloſter auf, in dem Ilia Proben ablegen ſollte, die Väter wurden aus dem Gebäude ver⸗ jagt und erhielten eine kleine Penſion. Den Brü⸗ dern wurde bedeutet die Welt ſtehe ihnen offen, die Beſtimmung des Menſchen ſei Arbeit nicht Contemplation. Ilia war ſehr unzufrieden über dieſe Entſcheidung; das Mönchsleben hatte ſeinen Ideen ſo ganz entſprochen; eine gute Küche, eine Kartenparthie im warmen Zimmer am Abend, ein ſorgloſes Leben im Kloſter ohne andere Verpflich⸗ tung als den Roſenkranz zu beten, die Meſſe von Zeit zu Zeit zu leſen, und wenn die Reihe gerade an ihn kam, die Gegend zu durchreiſen, um das Volk um Gaben für das Kloſter anzubetteln; wie konnte man ſich ein angenehmeres Leben wünſchen? Der angehende Mönch fand daher die Maßregel 136 des Kaiſers tyranniſch; er läugnete es, daß die Regierung das Recht habe, ihn zur Arbeit zu zwingen, wenn er auch im Müßiggange leben konnte, und er tröſtete ſich bloß damit, daß Joſeph, dieſer Feind des Papſtes und der Religion, ſicher einſt in der Hölle ſchmoren werde. Mit dieſem Gefühle kehrte jetzt Ilia zu ſeiner Mutter ins Banat zurück. Doch dieſe dankte dem Himmel, daß er ihr noch die Gnade zu Theil hatte werden laſſen, ihren Ilia zu ſehen und ihn, ehe es zu ſpät ſei, zu dem Glauben ſeiner Väter zurückzu⸗ führen. Sie wußte zwar nicht, was der eigentliche Unterſchied zwiſchen der griechiſchen und römiſchen Kirche ſei; aber eben weil ſie den Unterſchied nicht kannte, war die römiſche Kirche für ſie nichts als blindes Heidenthum, während die griechiſche ihrer Meinung nach die einzige war, die dem ſündigen Menſchen Troſt und Vergebung ſchaffte Jlia hatte wohl im Kloſter Theologie ſtudirt, doch der Unter⸗ ſchied der zwei Kirchen war ihm immer unklar geweſen, und er ging daher gern, um ſeiner Mut⸗ ter Freude zu gewähren, zum ſerbiſchen Biſchof, um über ſeine Glaubensſerupeln ſich aufklären zu 137 laſſen. Zufällig war dies ein bigotter Mann von engen Anſichten, der, als er erfuhr, JIlia gehörte urſprünglich zu ſeiner Heerde, es für ſeine Pflicht hielt, ihn jetzt wieder zurückzubekehren. Statt mit ihm aber über dieſen Gegenſtand ruhig zu verhan⸗ deln, drang der Prieſter mit Drohungen in den armen Burſchen. Er wiederholte es ihm häufig und ernſt, daß jeder verflucht ſei, der die Religion ſeiner Väter verlaſſe, und drohte mit den Höllen⸗ ſtrafen ſo lange, bis ihm der Er⸗Mennoniten⸗ Novize endlich verſprach, zur griechiſchen Kirche zurückzukehren. Seine Mutter weinte Freuden⸗ thränen, obgleich ſie wußte, wie ſchwer es ſei die katholiſche Religion zu verlaſſen, und ſie konnte es nicht verhindern, daß Ilia noch zum katholiſchen Biſchofe ging, um ihm ſeinen Entſchluß auch mit⸗ zutheilen. Doch dieſer ſagte es dem Neophiten offen, daß er dieſes Vorhaben mit allen Kräften bekämpfen werde, denn er könne es auf keinen Fall verantworten, daß eine Seele, die ſeiner Obhut durch die Vorſehung vertraut worden ſei, den Weg des Verderbens einſchlage, und aus der allein⸗ ſeligmachenden Kirche ausſcheide. Der arme Jlia 138 war nun ganz verwirrt; ſeine Mutter, die er un⸗ ausſprechlich liebte, und ihr Biſchof drohten mit der Hölle, wenn er nicht griechiſch werden, und ſein eigener, den er noch aus jener Zeit wie er noch im Kloſter war, als einen Heiligen zu ver⸗ ehren gelernt hatte, dem er nie ohne Kniebeugung und Handkuß genaht war, dieſer drohte ihm nun ebenfalls mit dem ewigen Gerichte, wenn er die Kirche verließe, in der er erzogen war. Sein Kopf war nie von einer beſonders feſten Organiſation geweſen, das Nachdenken war ihm eben ſo läſtig wie das Arbeiten, er hatte ſich im Kloſter an den paſſiven Gehorſam gewöhnt, der ſo bequem für indolente Charactere iſt, weil er jede moraliſche Verantwortlichkeit, jede Selbſtthätigkeit des Geiſtes ausſchließt, und nun war er in einer Stellung, wo ihm von beiden Seiten der ewige Abgrund der Hölle entgegen gähnte! Wer ſollte in dieſer furcht⸗ baren Lage ihn leiten? Er war in dieſer böſen Gemüthsſtimmung, die ſeinen Geiſt und ſeine Ge⸗ ſundheit beinahe ganz zerrüttete, als ſich im Früh⸗ ling 1790 plötzlich die Nachricht unter den Serben in Unterungarn verbreitete, der Kaiſer ſei in Wien 139 geſtorben, und die Ungarn wollten ſeinen Nach⸗ folger nicht anerkennen. Kaufleute und Reiſende, die aus Wien und Peſth kamen, erzählten in Neu⸗ ſalz und Temesvär, die ungriſche Krone des hei⸗ ligen Stephan, die der Kaiſer Joſeph nach Wien hatte führen laſſen, ſei mit großem Pomp nach Ofen zurückgeführt worden, und der Adel ſende aus den Comitaten Reiterabtheilungen dahin, um die Krone zu bewachen, bis daß der Landtag zwei Kronhüter erwählt haben werde. Doch alles dies ſei nur ein Vorwand, die Ungarn wollten ſich mit Freuden mit den Türken verbinden, und ſich los⸗ machen vom Kaiſer. Dann hieß es wieder, der Landtag ſei zuſammengetreten, und die Huſaren⸗ regimenter hätten derlarirt, ſie hielten es mit dem Landtag, und der König ſei noch immer nicht ge⸗ krönt, die Serben ſollen aber jetzt zeigen, daß ſie dem Kaiſer anhängen, und der Kaiſer würde ſie dafür zu den Herren der unterungriſchen Ebene machen, ihr Metropolit werde den Patriarchentitel erhalten, ſie würden ſich einen Wojwoden erwählen dürfen, alle ihre Beamte würden vom ſerbiſchen Namen ſein, und die ſtolzen Ungarn müßten dann 140 vor ihnen den Hut abziehen. Andere ſagten, ſie hätten den Befehl des Kaiſers mit eigenen Augen geſehen, in dem er ausſprach, die Serben ſeien ſeine liebſten Unterthanen, und er wolle ſelber ihr Wojwode werden, aber er fürchte ſich vor den Un⸗ garn, und wenn ſich die Serben jetzt nur alle gegen die Ungarn erhöben, ſo erlaube er ihnen zu plündern und zu rauben im Lande, ſo wie ihre Väter es in Baiern und Preußen gethan. Dies wurde um ſo mehr geglaubt, als die griechiſchen Biſchöfe ſelbſt Briefe an ihre Geiſtlichen ſandten, die von der Kanzel vorgeleſen wurden, in denen ſie ausſprachen, daß die ſerbiſche Nation bereit ſei für den Kaiſer zu leben und zu ſterben, und daß ſie um die Erlaubniß bäten, in Temesvär zu einer Illiriſchen Nationalverſammlung zuſammen⸗ treten zu dürfen, um ihre Wünſche und ihre Er⸗ gebenheit ausdrücken zu können. Die Erlaubniß kam, und im Auguſt ſtrömten die Serben alle nach Temesvär, wo ihre Biſchöfe und bedeutenderen Männer ſich verſammelt hatten. Auch Ilia ging hin und hörte dort einige der Reden. Er faßte es bald auf, daß die anweſenden 141¹ Notablen Freiheit verlangten für das ganze Volk, und daß die Serben die Herren ſein ſollten in ganz Ungarn, denn die Ungarn ſeien ja Barbaren, die ſich des Landes mit Gewalt bemächtigt hätten, ſie ſeien die Unterdrücker, ſie ſeien Rebellen, und die Serben liebten den Kaiſer, und ſie hätten ja darum nur unter Kaiſer Leopold I. ſo ſchöne Privi⸗ legien erhalten, damit ſie ſtets gegen die Ungarn kämpfen ſollten. Ilia war entzückt über dieſe Reden, er ſchrie Zſivio bis er heiſer wurde, trotz⸗ dem daß er die ganze Sache nicht begriff, denn er ſah ja täglich, daß der ſerbiſche Bauer auch nicht mehr arbeiten müſſe als der ungriſche, und daß der ſerbiſche Edelmann eben ſo viel Freiheit habe, wie ſein ungriſcher Nachbar. Aber es klang ſo ſchön, wenn die Redner über den Uebermuth der Ungarn klagten, und von der Unterdrückung er⸗ zählten, die die ſlaviſche Race erdulden müſſe, der doch das Land urſprünglich gehörte, in das die Ungarn vor achthundert Jahren ſich mit roher Gewalt eingedrängt hätten. Dieſe Declamationen in Temesvär übten einen berauſchenden Einfluß auf Ilia, ſeine Gewiſſens⸗ 142 ſerupel verſtummten, denn ſein Kopf vertrug nie mehr wie einen Gedanken auf einmal. Er hatte nun gelernt die Ungarn zu haſſen und jedes Uebel ihnen zuzuſchreiben, und dachte wenig mehr an den Biſchof von Csanäd, der auch ein Ungar war. Er war daher auf die Bitten ſeiner Mutter, wäh⸗ rend dieſer Verſammlung in die griechiſche Kirche gegangen und hatte auf griechiſche Art communi⸗ eirt, und wenn ihn manchmal noch Glaubensſeru⸗ pel peinigten, ſo beſchwichtigte er ſie mit dem Ge⸗ danken:„Fahre ich zur Hölle, ſo ſind auch daran nur die Ungarn ſchuld, warum haben ſie mich ins Kloſter genommen, und wenn ſie mich hin⸗ nahmen, warum ließen ſie mich nicht dort.“ Doch ſein Aufenthalt in Temesvär wurde noch in einer andern Hinſicht wichtig für ſein ganzes Leben. Der Abt Martinovics war während der ganzen Zeit der Verſtändigung dort geweſen, er hatte mit den griechiſchen Biſchöfen und den be⸗ deutendſten Mitgliedern der Verſammlung häufige Unterredungen, und man bezeichnete ihn offen als den Mann, der die Abſichten des Kabinets bei den 143 Serben förderte. Ilia war ihm in einer der Sitzun⸗ gen unter den Zuhörern durch den wilden Fanatismus aufgefallen, die ſich in deſſen Zügen malte, er erkun⸗ digte ſich zuerſt, dann intereſſirte er ſich um ihn, und nahm ihn endlich in ſeine Dienſte, als er nach Ofen zurückkehrte. Ilia hatte hier die Stellung halb des Kammerdieners, halb des Schreibers; er ſchrieb eine leſerliche runde Handſchrift, und da er nie wußte was ihm dictirt wurde, ſo eignete er ſich ganz beſonders zum Schreiber des Abtes, der durch ihn die wichtigſten Sachen eopiren ließ ohne fürch⸗ ten zu dürfen compromittirt zu werden. Anderer⸗ ſeits gab er ſeinem Schreiber ſtets die Abſolution, wenn dieſem von Zeit zu Zeit römiſch⸗katholiſche Gewiſſensſerupel aufſtiegen, denn er ſchwankte noch immer zwiſchen den beiden Kirchen. Er beſuchte regelmäßig die griechiſche, dann kam er aber wie⸗ der manchmal zum Abt und beichtete ihm dieſen Beſuch als eine Sünde. Martinovics hatte es ihm mehrmal geſagt, das andächtige Gebet des Chriſten und die wahre Reue des Sünders ſei Gott überall gefüllig, und werde erhört, wo immer 14⁴ es auch ausgeſprochen werde, und ein rechtlicher Lebenswandel verleihe ſtets eine ruhige Todesſtunde. Doch Jlia verachtete den Abt wegen dieſer Rede und hielt ihn für einen Verräther an der Religion; aber trotz dem kam er doch immer wieder zu ihm zur Beichte, und wurde nur dann ruhig, wenn er die Abſolution erhalten hatte. Uebrigens hatte er nicht viel zu thun, und der Abt war ein guter Herr, der ihn nicht viel plagte und ihm oft er⸗ laubte ſeine Mutter zu beſuchen, denn dieſe war, als Jlia mit ſeinem Herrn nach Ofen ging, auch aus dem Banat in die Rätzenſtadt gezogen, ſie konnte ohne ihren Ilia nicht leben. Doch ihre Kräfte ſanken, er bemerkte mit Schrecken, daß ſie ſeit einiger Zeit fortwährend fränkle, und er ging nun täglich zu Doctor Koväcs um Arzneien. Er hatte ein ganz beſonderes Zutrauen zu dieſem, weil er, wie Ilia meinte, nicht aus Büchern und aus der Apotheke kurire, ſondern ein Zauberer und Herenmeiſter ſei; den Doctor hingegen inter⸗ eſſirte der eigenthümliche Character ſowohl ſeiner Patientin als ihres Sohnes. Als Ilia am nächſten Tage wieder zu Doctor 145 Koväcs kam, fand er Madame Raimond vor dem Hauſe ſpazierend, er zog den Hut tief vor ihr ab und wollte ſeines Weges gehen, ſie fing aber ein Geſpräch mit ihm an, und fragte ihn, wie ſich ſeine Mutter befinde.— „Sie wiſſen alſo, daß ich eine Mutter habe?“ rief dieſer erſtaunt.„Es geht ihr ein wenig beſ⸗ ſer, Gott und die heilige Jungfrau werden ſie hoffentlich noch erhalten. Der Doctor hat ihr jetzt keine Arznei mehr verſchrieben, ſondern meint, ein gutes Glas alten Tokayers würde ihr helfen, in Peſth ſei es aber ſo ſchwer ihn echt zu bekommen.“ Madame Raimond ſagte ihm nun, es freue ſie ſehr, daß ſie ſeiner Mutter einen Dienſt erwei⸗ ſen könne; ſie habe gerade geſtern eine Bouteille echten Tokayer zum Geſchenk erhalten, und ſie gab ſie Ilia, der ihr nun ſeine ewige Dankbarkeit ver⸗ ſprach. „Kennſt Du den jungen Herrn,“ fragte nun die Franzöſin, den Du hier geſtern begegneteſt und tief grüßteſt?“ „Wie ſollte ich nicht,“ ſagte Ilia,„das iſt ja Herr von Szolareſek, der in Ofen in der zweiten 146 Gaſſe von uns wohnt, und wenn ich am Fenſter ſtehe und rauche, und auf die Gaſſe ſchaue, dann ſehe ich gerade ſeine Thüre, und bemerke jedermann der dort aus und ein gehet.“ „Willſt Du mir einen Gefallen thun?“ fuhr ſie fort. „Freilich, will ich,“ antwortete der Serbe. „Dann bitte ich Dich, paſſe auf, wer zu Herrn von Szolareſek kommt, und erfahre es für mich, wohin er zu gehen pflegt, mache die geheime Polizei für mich, nur für vierzehn Tage, ich will wiſſen, was dieſer Herr thut.“ Der Serbe gelobte dies gern, und Madame Raimond ging ganz zufrieden mit dem Reſultate ihrer Diplomatie ins Zimmer zurück. Sie com⸗ binirte, nach der geſtrigen Scene werde Szolareſek ſie erſt zu erweichen ſuchen, dann aber ſicher ſich mit der Perſon in Verbindung ſetzen, der er das Ehrenwort gegeben hatte, zu ſchweigen über die Ereigniſſe jenes Tages, und wußte ſie erſt wer dies ſei, ſo erfuhr ſie das Uebrige leicht. Trotz ihrer Menſchenkenntniß hatte ſie ſich aber doch in dieſem Falle geirrt; Szolareſek nahm 147 die Sache viel ernſter als ſie, er verſuchte es gar nicht mehr, ſich mit ihr weiter zu verſtändigen. Er kam zwar täglich in's Haus von Dr. Koväcs, doch er ſchien es gar nicht zu bemerken, daß Madame Raimond es jetzt ſtets ſo zu veranſtalten wußte, daß er ſie nie allein fand. Was ſie ihm geſagt hatte, war für ihn ein um ſo wichtigeres Gebot, als er gleich ihren allererſten Wunſch nicht hatte befriedigen können. Er wagte es daher nicht auch nur ein Wort laut werden zu laſſen, welches ſie an jenen Tag erinnern könnte, wo er für einen Augenblick ſo glücklich geweſen, bloß um dann um ſo unglücklicher zu werden. Aber er gab ſich au⸗ genſcheinlich jede Mühe, ihre Wünſche zu errathen, ihren Launen zuvor zu kommen, und blickte dann zu ihr mit einem Ausdruck, in dem ſich Liebe und Schuldbewußtſein der Art miſchten, daß es der Franzöſin wirklich leid that um den jungen Mann. Lenke ſchien befremdet über das unerklärliche Be⸗ nehmen ihrer Freundin, doch ſie ſchwieg dazuz nur Dr. Koväes bemerkte gar nichts. So ſcharf⸗ ſichtig er auch, nach den Grundſätzen ſeines Freun⸗ des Lavater den Character der Perſonen aus ihren 10* Geſichtszügen herauslas, entgingen ihm jene feinen Nuancen gänzlich, die durch die verſchiedenen Ge⸗ müthsbewegungen verurſacht werden, er ſah nur das Bleibende in der Phyſionomie, nicht das Wech⸗ ſelnde und Wandelbare. Szolareſek's Gemüth war nicht allein durch jene Colliſion gedrückt, in die ſeine Pflicht mit ſei⸗ ner Liebe gerathen war, er hatte auch vor einigen Tagen ein Zettelchen in ſeinem Hut gefunden mit den Worten:„Paetus Du ſchläſſt, ſtatt zu han⸗ deln.“— Er hatte gleich die Hand Sigray's er⸗ kannt, und er konnte nicht daran zweifeln, daß dies ein Vorwurf ſei, weil er noch immer ſeiner Pflicht, der Geſellſchaft ein anderes Mitglied zuzuführen, nicht genüge geleiſtet habe. Als er dies Verſpre⸗ chen gethan, glaubte er, es ſei nichts leichter als dies zu erfüllen, und jetzt kam es ihm täglich ſchwieriger vor. Von allen ſeinen Bekannten waren es nur vier, von denen er überzeugt war, ſie würden die Angelegenheit eben ſo ernſt auf⸗ nehmen wie er ſelbſt, und die Zwecke der Verbin⸗ dung unter jeder Bedingung zu unterſtützen bereit 149 ſein. Doch den jungen Ladislas Révay durfte er keinenfalls in eine Geſellſchaft einführen, die auf ſeine Zukunft von den wichtigſten Folgen werden konnte, ſelbſt wenn er der Baronin kein ſpezielles Verſprechen in dieſer Hinſicht gegeben hätte, und Dr. Koväes ließ ſich aus dem Kreiſe, in dem er ſich bewegte, nicht herausreißen. Er discutirte nicht einmal gerne über die allgemeinen Prin⸗ zipien der Freiheit, und trotz dem er Montesquieu und Rouſſeau geleſen hatte, war es ihm zuwider über Conſtitutivnalismus oder den Contrat So- cial zu ſprechen.„Mit theoretiſchen Syſtemen,“ ſagte er, ſo oft Szolareſet auf dieſen Punkt zu⸗ rückkam,„hat man noch nie die Welt reformirt. Wer die Freiheit des Volkes herbeiführen will, der ſehe zu, daß die Flüſſe regulirt, daß Straßen gebaut werden, daß der Handel und die Agrieul⸗ tur ſich heben, hauptſächlich aber, daß die Natur⸗ wiſſenſchaften weniger vernachläſſigt bleiben wie bisher. Jene Schriftſteller, die jetzt den Vorſchlag zu der Errichtung einer ungriſchen Gelehrten⸗Ge⸗ ſellſchaft gemacht haben, thuen mehr für Ungarn, 150 wenn ſie ihren Plan durchführen können, als wenn der ganze Moniteur ins ungriſche überſetzt und in jedes Dorf verſendet würde. Hirgeiſt, ein junger Mann, der einen Com⸗ mentar zu Montesquieu's„Geiſt der Geſetze“ geſchrieben hatte, mit der Abſicht, das ganze Werk ins Ungriſche zu überſetzen, war der nächſte, an den Szolareſek dachte. Doch als er ihn aufſuchte, um die ſeit mehreren Monaten aufgegebene Be⸗ kanntſchaft zu erneuern,— denn ſeit April hatte ſich Szolareſek von jeder Geſellſchaft zurückgezogen — erkannte er gleich an einem geheimen Zeichen, daß dieſer ſchon in den Bund eingeweiht ſei. Der einzige Mann, den er nun mit Erfolg in dieſer Hinſicht glaubte ſuchen zu können, war Paul Oz, ein Advocat, deſſen Rechtsgelehrſamkeit eben ſo bekannt war, wie ſeine unbeſtechliche Rechtlichkeit. Sz war nicht um vieles älter als Szolareſek, doch ſein Ruf war längſt begründet durch ſeine Land⸗ tagsberichte im Jahre 1790. Mit bewunderungs⸗ würdiger Auffaſſungsgabe hatte er den Gehalt der wichtigſten Reden in den Sitzungen notirt und in 15¹ einen mäßigen Umfang zuſammengedrängt, ſeinen Freunden mitgetheilt, die dann dieſe Nachrichten in Abſchriften über das ganze Land verbreiteten. Denn obgleich die Sitzungen ſtets öffentlich ge⸗ halten wurden, fand in den Zeitungen keine Mit⸗ theilung der Reichstagsverhandlungen ſtatt, die nur durch die Richter der Königlichen Tafel redi⸗ girt und bloß in offizieller Form erſt dann ge⸗ druckt erſchienen, wenn ſich das Tagesintereſſe nicht mehr daran knüpfte. Der Patriotismus von Oz war übrigens unzweifelhaft. Er ſprach ſeine Ueberzeugung und ſein Mißtrauen gegen das Syſtem, das ſeit einiger Zeit in Wien überhand nahm, vffen und bitter aus; aber er war auch kein Freund der franzöſiſchen Parthei; er bekämpfte die Revolution, weil dieſe ſyſtematiſch den Krieg gegen alle hiſtoriſche Rechte machte, und ohne auf die beſtehenden Inſtitutionen Rückſicht zu nehmen, den Staat a priori conſtituiren wollte. Doch auch die conſtitutionelle Parthei in Ungarn zählte ihn nicht zu ihren Anhängern. Er ſprach eben ſo laut wie Laczkowies gegen die Abſurdität, daß 152 der Adel allein bei dem Landtag repräſentirt ſei und dennoch keine Koſten trage. Die Reform der Conſtitution auf geſetzlichem Wege, war ſein Wahl⸗ ſpruch.— Für Anſichten dieſer Art war freilich die damalige Zeit nicht die günſtigſte. Nachdem Kaiſer Joſeph die Conſtitution ganz abgeſchafft hatte, und man die Uebel ſelbſt des aufgeklärteſten Despotismus, in jener Ertödtung und Verſum⸗ pfung des öffentlichen Geiſtes, erſehen lernte, die die Beamten ganz zu Maſchinen macht, die ſich nicht um das Reſultat ihres Wirkens bekümmern — war es natürlich, daß die conſtitutionelle Par⸗ thei jetzt, wo eine Reſtauration des früheren Zu⸗ ſtandes mühſam wieder errungen worden war, jeden Angriff auf die Verfaſſung mit dem höchſten Mißtrauen betrachtete, und in jedem Verſuch der Reform eine neue Gefahr für das Land erblickte. Die Männer des Fortſchrittes dagegen fanden es geradezu thöricht, von den privilegirten Kaſten ir⸗ gend eine Reform zu erwarten. Wie ſollte der Adel ſeine Rechte freiwillig mit den Unadeligen theilen! Ihrer Anſicht nach war auf dem Wege parlamentariſcher Discuſſivn nichts zu hoffen,— —— 153 nur eine Revolution konnte da helfen. Zwiſchen dieſen Partheien fühlte ſich Sz natürlich mit ſei⸗ nen Grundſätzen ganz vereinzelt, doch er war über⸗ zeugt von ihrer Richtigkeit und hielt daher mit Zähigkeit an ihnen foſt. Als Szolareſek zu ihm eintrat, fand er ihn inmitten großer Folianten, in alte Manuſeripte ſo ſehr vertieft, daß er es gar nicht bemerkte, als die Thüre aufging. „Was ſtudirſt Du denn ſo eifrig, lieber Paul?“ fragte der Eintretende. „Die parlamentariſche Geſchichte von Ungarn,“ antwortete dieſer und legte ein Zeichen in das Manuſcript.„Was bringt Dich denn zu mir, lieber Freund, ſeit zwei Monaten ſieht man Dich ja nirgends mehr.“ „Grund genug dazu, daß ich heute komme,“ meinte dieſer,„ich war in der letzten Zeit ſehr be⸗ ſchäftigt.— Doch was ſtierſt Du denn in den verſtaubten Folianten des Mittelalters herum, was kann denn Gutes aus den Zeiten der Finſterniß kommen?“ „Scherze nicht über meine Sammlung,“ ſagte 154 Oz,„glaube mir in dieſen vergelbten Handſchrif⸗ ten ruht mehr politiſche Weisheit als Ihr glaubt. Ihr würdet alle erſtaunen, könnte ich meinen Plan ausführen.“ „Und was iſt denn dieſer?“ fragte Szolareſel. „Ach es iſt vergebens darüber zu ſprechen, ich weiß, es geht nicht!“ fuhr Oz fort.„In unſerer Zeit findet man keine Männer, die Geld und Energie einem edlen Zwecke widmen wollten, ſelbſt wenn dieſer Zweck die Aufklärung des Volkes über ſeine wichtigſten Verhältniſſe wäre. Und fände ſich auch einer oder der andere, ſo wird es doch nie zu einem herzlichen Zuſammenwirken kommen, und ohne dies iſt alles vergebens.“ Szolareſek wurde aufmerkſam, er glaubte, ſein Freund ſei gerade in der Stimmung, in der er ihm mehr mittheilen könnte, er faßte daher die Hand Oz's und ſagte:„Sei doch nicht ſo klein⸗ müthig. Du weißt es giebt noch Männer genug in Ungarn, die das Volk lieben, und die bereit ſind, für deſſen Wohl jedes Opfer zu bringen! Und die Organiſativn, die Du vermiſſeſt,— wer weiß, ob ſie nicht ſchon eriſtirt! Ob was Dir im 155 Sinne vorſchwebt, nicht ſchon durch kühne Cha⸗ ractere, die keine Gefahr ſcheuen, ins Leben getre⸗ ten iſt?“ Oz ſah Szvlareſek groß an und ſagte:„Das iſt ganz unmöglich, ich ſtehe mit allen Sammlern im Lande in Correspondenz, ich habe mich an die Univerſität und an das Landesarchiv gewandt, doch die Antwort iſt überall dieſelbe. Im Inland erlaubt es die Cenſur nicht, daß die Documente der parlamentariſchen Geſchichte Ungarns gedruckt werden, im Auslande findet die Sache zu geringen Antheil, als daß irgend ein Buchhändler eine grö⸗ ßere Summe daran wagen ſollte. Nicht einmal ein Diplomatorium von Ungarn können wir her⸗ ausgeben, trotz dem, daß ſo manche Frage der Gegenwart ihre Löſung darin finden würde! Nein, mein lieber Alerander, machen wir uns keine Il⸗ luſionen darüber. Dieſe Publication iſt für un⸗ ſere Generation unmöglich, und die Schätze, die in dieſen Manuſeripten liegen, bleiben noch lange Zeit todt.“ Szolareſek ſah nun, daß er ſeinen Freund nicht verſtanden hatte, und gab jeden Verſuch auf, ihn 156 für den Bund zu gewinnen. Die Richtung von Oz ſchien ihm geradezu lächerlich, er konnte nicht begreifen, wie ein Mann von Kopf und Herz ſich in ein ſo trockenes Studium vertiefen mochte, wie er zum Ausgangspunkt einer ſchönern Zukunft eine Conſtitution machen könne, die voll von innern Widerſprüchen, nur den geringeren Theil der Na⸗ tion beſchützt, und die Freiheit zu einem Privile⸗ gium der Minderheit macht. Er wollte ſich daher in keine weitere politiſche Diseuſſion einlaſſen, und verließ ſeinen Freund unbefriedigt und verſtimmt. So große Mühe er ſich auch gab, er konnte kei⸗ nen neuen Bundesgenoſſen anwerben. VII. Die Entdeckung. Ilia behielt im Auftrage der Franzöſin die Hausthüre Szolareſek's ſtets im Auge; mit der brennenden Pfeife im Munde lehnte er oft ſtunden⸗ lang gedankenlos am offenen Fenſter und ſah zu, was auf der Gaſſe geſchehe. Natürlich fiel dies niemand auf, denn in allen großen Häuſern ſah man rings herum daſſelbe. Ein bedeutendes Gefolge, zahlreiche Dienerſchaft, die man natürlich nur bei außergewöhnlichen Gelegenheiten beſchäftigen kann, iſt in allen orientaliſchen Ländern noch bis jetzt ein Abzeichen höherer geſellſchaftlicher Stellung. Doch all das Spioniren Ilia's war vergebens, Szolareſek ging wenig aus, und wenn er es that, 158 war es ein Geſchäftsgang zum Révay'ſchen Haus⸗ Fiscal, deſſen Adjunct er war, oder ein Beſuch und Spaziergang mit Baron Ladislas, oder aber ging er hinüber zu Dr. Koväes. Er ſchien in letzter Zeit menſchenfeindlich geworden zu ſein und wich der Geſellſchaft noch mehr aus als ſonſt. Wochen vergingen auf dieſe Art. Madame Raimond konnte durchaus nichts Näheres erfahren, und ſie begann Szolareſek zu bemitleiden, der lie⸗ ber mit ſchweigender Hingebung alle ihre Launen ertrug, als daß er ſein Geheimniß ihr entdeckt hätte, das doch, ihrer Meinung nach, nicht von Wichtigkeit ſein konnte. Sie hätte jetzt gern mit ihm wieder vollkommen Frieden gemacht, hätte er ſie darum nur mit einem einzigen Worte ange⸗ ſprochen, er that dies aber nicht. So beredtſam auch manchmal ſeine flehenden Blicke waren, ſchwieg er jetzt über ſeine Liebe; er fühlte es, wie lächerlich es erſchien, wenn er nach den heiligſten Verſiche⸗ rungen ſeiner innigen Gefühle der erſten Bitte ſeiner Geliebten, die doch ſo unſchuldig ſchien, nicht genüge leiſten könnte. Er war unendlich unglücklich, doch er hätte lieber das Schrecklichſte 159 erduldet, als daß er ſeinen feierlichen Worten un⸗ treu geworden wäre. Madame Raimond dagegen hatte es ſchon längſt im Innern verwünſcht, daß ſie ihn mit ihrer Frage gepeinigt hatte, es war ihr ja nicht um eine Antwort zu thun, ſondern bloß darum, daß ſie ihn in Verlegenheit ſetze und dem Geſpräche eine andere Wendung gebe, denn ſo angenehm es ihr auch war, daß Szolareſek ſie liebte, ſo war ſie doch zu ſehr Franzöſin, als daß ihr das Pathos einer förmlichen Liebeserklärung nicht läſtig geweſen wäre. Sie liebte wohl Emo⸗ tionen und ſuchte ſie, aber ihr graute vor jeder wahren tiefen Leidenſchaft, ſie wußte es ſehr gut, daß dieſe ſtets auf das ganze Leben einen durch⸗ greifenden Einfluß habe. Aber warum nahm auch Szolareſek alles ſo ernſt? dachte ſie oft, iſt doch das Leben an und für ſich tragiſch genug, warum ſollte man es noch tragiſcher machen durch eine künſtliche Steigerung der Empfindungen,— die große Kunſt des Lebens beſteht ja darin, daß man mit Gefühlen ſpielt, aber die Leidenſchaft nicht weckt aus ihrem Schlummer. Sie hätte gern dem jungen Manne ein Wort des Troſtes und der 160 Ermuthigung zugeſprochen, wenn ſie ihn ſo trau⸗ rig ſah, aber ihr weiblicher Stolz ſträubte ſich da⸗ gegen, ſie war ja die Beleidigte, da er gleich die erſte Bitte abgeſchlagen hatte. Und dann war ſie auch viel zu gutmüthig, als daß ſie die Leiden⸗ ſchaft Szolareſek's noch hätte nähren wollen, da ſie klug genug war, einzuſehen, daß eine dauernde Verbindung zwiſchen ihr, der älteren Frau, und ihm, dem kaum dem Jünglingsalter entwachſenen Manne, unmöglich für die Dauer beglückend ſein könnte, aber von Tag zu Tag machte er trotz dem einen tiefern Eindruck auf ihr Gemüth. Sie ſchämte ſich ſchon, daß ſie Ilia den Auftrag ge⸗ geben hatte, ihn zu überwachen, und ſagte nun dem Serben wiederholt, es ſei durchaus unnöthig Szolareſek länger zu beobachten, doch Ilia glaubte darin nur einen Vorwurf ſeiner Ungeſchicklichkeit zu hören, daß er bis jetzt nichts erſpäht hatte, ſeine Eitelkeit war gekränkt und ſeine Neugierde erregt, er glaubte es müſſe irgend ein Geheimniß mit dem jungen Manne verknüpft ſein, und er brannte vor Begierde es zu ergründen. Der Abt diectirte ihm häufig Briefe, phyſica⸗ 161 liſche Unterſuchungen, politiſche Abhandlungen und dergleichen mehr, doch Jlia hatte keine Ahnung von dem was er ſchrieb; wie eine Maſchiene be⸗ wegte ſich ſeine Hand, und ſeine ganze Aufmerk⸗ ſamkeit war nicht auf den Inhalt der Worte ge⸗ richtet, den er wohl hörte, aber durchaus nicht verſtand, ſondern nur darauf, daß die Buchſtaben rein und rund ſeien, und keine orthographiſchen Fehler ſich einſchleichen, weshalb auch der Abt, ſo oft ein ſchwierigeres Wort vorkam, ihm die ein⸗ zelnen Buchſtaben deſſelben vorſagte. Er hatte ſchon lange geſchrieben, als plötzlich ein Eigenname ſeine Aufmerkſamkeit erregte, es war der Szolar⸗ eſeks. Er hätte jetzt ſo gern gewußt, was er eigent⸗ lich ſchreibe, doch trotz aller Anſtrengungen war es ihm unmöglich den Sinn zu faſſen, bald ſchien es ihm, er höre ſeinen alten Profeſſor der Philoſophie im Kloſter über das Jus naturae vorleſen, denn dieſer hatte auf ſolche Art geſprochen, und dann wieder ſchien es ihm, der Abt dictire eine Ge⸗ ſchichte. Es kam ihm ſehr geheimnißvoll vor, daß ſein Herr, der weder Student noch Profeſſor war, ſich mit ſo ſchwierigen Dingen befaſſen ſollte. Doch 2 11 162 ſeine Aufmerkſamkeit wurde noch genährt, als Mar⸗ tinovies, nachdem das Dietiren zu Ende war, Hut und Stock nahm, um auszugehen, und ihn dabei frug, ob er heute nicht in die Kirche gehen wolle, denn er brauche ihn für jetzt nicht mehr. Der Abt kümmerte ſich ſonſt nicht darum, ob ſein Schreiber in die Kirche gehe oder nicht, warum wollte er ihn nun gerade heute dahin ſchicken? JIlia hatte ſich vorgenommen alles zu erforſchen, er ging daher fort als der Abt ausging, doch kaum bog dieſer um die Ecke, als er wieder nach Hauſe eilte, und ſeine Pfrife rauchte, bis er wieder Schritte hörte, und als nun die Thüre des Vorzimmers aufging, verſteckte er ſich im Kleiderſchranke des Abtes in dem Schreibezimmer. Kaum hatte er die Thüre des Schrankes zugemacht, als Martinovies eintrat, wenige Minuten ſpäter kamen noch vier andere Herren, der Rittmeiſter Laszkowies, der Graf Si⸗ gray, der Kammerſerretair Hajnöeczy und Herr von Szent⸗Mariay. Hajnöczy, ein ältlicher Mann, war unter Kai⸗ ſer Joſeph von Wien aus zum Vicegeſpann in Peſth ernannt worden, er hatte das Comitat mit 163 Mäßigung und Rechtlichkeit adminiſtrirt, und die Verordnungen Joſephs mit Conſequenz durchge⸗ führt. Als aber der Kaiſer kurze Zeit vor ſeinem Tode alle ſeine inconſtitutivnellen Verfügungen zurücknahm, um der ößffentlichen Meinung Genug⸗ thuung zu geben, wurde Hajnöezy abgeſetzt und ſein Poſten auf die althergebrachte Weiſe durch freie Wahl des Comitatsadels beſetzt. Doch Lev⸗ pold achtete den tüchtigen Beamten und ernannte ihn zum Secretair der ungriſchen Hofkammer in Ofen, mit der Abſicht, wenn die erſte Aufregung gegen die joſephiniſchen Beamten ſich gelegt haben werde, ihm einen bedeutenden Wirkungskreis zuzu⸗ weiſen. Unter Franz wurde aber der Secretair trotz ſeiner Geſchäftskenntniß gleich allen jenen, die Leopold ausgezeichnet hatte, mit Mißtrauen und Zurückſetzung behandelt. Er ging ſelten in Geſell⸗ ſchaft, war aber als ein tiefer Denker und per⸗ ſönlicher Freund des Abtes bekannt. Szent⸗Mariay war ein junger Menſch, Secretair bei dem hoch⸗ gebildeten Grafen Michael Staray im Ungvärer Comitate, in deſſen Hauſe und Geſellſchaft er ſich viel mit franzöſſſcher Literatur beſchäftigt hatte, 1 „ 164 und durch dieſe ein Freund der franzöſiſchen Ideen geworden war. Alle fünf ſetzten ſich, und Martinowies ſagte er habe es nöthig gefunden, ſie jetzt alle wieder einmal zuſammen zu berufen, da Szent⸗Mariay eben aus ſeinem Diſtricte komme, und über den Zuſtand der Geſellſchaft im Kreiſe diesſeits der Theiß referiren wolle.— Szent⸗Mariay erzählte nun, er habe ſeinen Inſtructionen zufolge den Catechismus mit Vor⸗ ſicht verbreitet, die früheren Beamten aus der Zeit Kaiſer Joſephs ſeien vollkommen einverſtanden mit den Grundſätzen der Geſellſchaft, doch laſte leider noch immer allgemeine Mißachtung auf ihnen.. Die conſtitutionelle Parthei ſei wie von einem Rauſche befangen, und fürchte, mit den Grund⸗ ſätzen der joſephiniſchen Regierung kämen auch die inconſtitutionellen Formen derſelben zurück, ſelbſt aufgeklärte Männer ſchließen ſich der Reaction gern an, ſo lange ſie die Autonomie der Comitate nicht angreift und der Landtag regelmäßig zuſam⸗ menberufen wird, ſie erwarten die Reformen von der Zeit und bloß von der geſetzgebenden Gewalt. 165 Die Magnaten gehörten zwar der Mehrzahl nach nicht zu der conſtitutionellen Parthei, und ſie lie⸗ ben die franzöſiſche Literatur, aber nicht die poli⸗ tiſche, ſie leſen gern franzöſiſche Romane, doch nicht um daraus zu lernen, ſondern um ſich zu unter⸗ halten, man könne ſich auf ſie nicht verlaſſen, ſie fallen am Ende doch immer der abſolutiſtiſchen Hofparthei zu;— das Volk ſei zu ungebildet, es arbeite und zahle die Steuern, und da dieſe mäßig ſind, und es nie an Arbeit mangelt, und der Bauer nur in außerordentlichen Fällen Hunger leidet, kümmert er ſich nicht um die Grundſätze der Frei⸗ heit, ſein einziger Wunſch ſei, bei weniger Arbeit beſſer leben zu können. Die Bürger tragen zwar ihren Adelhaß zur Schau, ſo lange ſie arm ſind, doch wie ſie reich werden, kaufen ſie ſich ſelbſt den Adel.— Die einzige Klaſſe, auf die man daher zählen könne, ſeien die unadeligen Advvcaten, die Ehrgeiz beſitzen und durch ihre Geburt von dem Comitats⸗ und Staatsdienſt ausgeſchloſſen ſind, und die daher den Adel und die Conſtitution haſ⸗ ſen; ferner die jungen Leute, die die gegenwärtigen Verhältniſſe ihren Jealen nicht entſprechend finden; 166 beſonders jene von ihnen, die Schriftſteller ſind. Dieſe habe er immer ſo viel als möglich in das Intereſſe der Geſellſchaft zu ziehen geſucht, die jün⸗ gere Generation könne gewonnen werden, die ältere nicht mehr. Seine Bemühungen ſeien aber auch nicht ohne Reſultat geblieben, und mehrere bedeu⸗ tende Männer haben ſich ihnen angeſchloſſen. Die wichtigſten ſeien jedenfalls Szuliovsky und Kazinczy; der erſtere ſchon in reifen Jahren, von bedeutendem Vermögen, und trotz ſeines großen Leichtsſinnes von unermüdlicher Thätigkeit, ſeine Verbindungen erſtreckten ſich durch die ganze obere Gegend, durch ihn könnte man leicht alle geweſenen Freimaurer Oberungarns gewinnen, wo noch immer in Giralt eine geheime Loge beſtehe. Franz Kazinczy der Dichter ſei allgemein bekannt, pedantiſch, unprak⸗ tiſch und oft kleinlich aber rechtlich, kein Mann der That, jedoch wichtig als Schriftſteller, dann habe ſich Daneſies ihnen angeſchloſſen, der Erzieher im Hauſe des Grafen Sztäray, ferner der Bruder Kazinczy's. „Wie alt iſt dieſer?“ unterbrach jetzt Laczko⸗ wies den Redner. 167 „Neunzehn Jahre,“— ſagte Szent⸗Mariay, „dann Uraij, Szlavy, Erdélyi.“— „Sind es Knaben oder Männer? fragte der Rittmeiſter wieder. Szent⸗Mariay antwortete etwas gereizt:„Kei⸗ ner von ihnen hat ſein zwanzigſtes Jahr erreicht, aber an Reife und Energie ſind ſie alle Männer, es ſind Römerſeelen. Mit Baeſänyi dem Dichter habe ich nicht ſprechen können, doch er der Vyriker, der die franzöſiſche Revolution beſingt, gehört ſicher zu uns, auch ohne unſern Catechismus zu leſen, die andern haben ihn geleſen und abgeſchrieben.“ „Ich bin zufrieden mit ihrem Wirken,“ ſagte der Abt,— in drei Monaten konnten Sie kaum mehr thun, ich halte es beſonders für wichtig, daß Sie mit den Freimaurern jener Gegend in Ver⸗ bindung getreten ſind.“ „Treten wollen,“ corrigirte Laszkowies. „Auch in Oeſtreich,“ fuhr Martinovics fort, ohne die Worte des Rittmeiſters zu beachten,„ſind es beſonders die Freimaurer, durch die die Ideen der Neuzeit verbreitet werden.— Dem ſo eben gehörten Berichte zufolge, beläuft ſich alſo jetzt die Anzahl unſerer Mitglieder auf fünfundvierzig, und dies iſt jedenfalls für den Beginn genügend, drei Männer waren ja in der Schweiz hinreichend, um die Freiheit zu begründen, und ſie beſaßen nicht die Mittel und Verbindungen, die uns zu Gebote ſtehen.— Graf Sigray,“ frug er jetzt, indem er ſich zu dieſem wandte, wie weit ſind Sie gekommen?“ Meine Aufgabe war, eine Verbindung mit den franzöſiſchen Kriegsgefangenen einzuleiten und mich ihrer zu verſichern,“ ſagte der Graf,„ſo ſchwierig dies auch iſt, bei der eiferſüchtigen Auf⸗ ſicht, der ſie unterworfen ſind, glaube ich doch, daß der Weg uns dazu offen ſteht, ich wollte nur nicht zu früh ernſte Schritte in dieſer Hinſicht thun, da⸗ mit ich nicht Hoffnungen in ihnen anrege, die ohnehin noch nicht ſobald erfüllt werden können, und die, getäuſcht, leicht bei der Aufgeregtheit der Gefangenen zu einer Entdeckung und Compromiſ⸗ ſion führen könnten. Ich habe aber nicht ohne Grund darauf gedrungen, daß Szolareſek in un⸗ ſern Bund aufgenommen werde, denn durch ihn können wir mit den Franzoſen in Verbindung tre⸗ ten. Er liebt Madame Raimond, die ihren Vater 169 den Oberſten Descamps täglich ſieht; ſobald wir ſehen, die Zeit ſei gekommen, wo unſere Geſell⸗ ſchaft in das Stadium der That treten ſoll, be⸗ darf es nur eines Wortes, und tauſendfünfhundert republicaniſche Soldaten ſtehen uns zu Gebote.“ „Ohne Zweifel,“ ſagte Laszkowies,„ſobald wir nämlich die Thore des Neugebäudes forcirt haben, denn freiwillig öffnen ſie ſich nicht.“ „Nichts leichter als dies,“ fuhr der Graf fort, „man braucht nur das Holz, das auf der Holzſtätte ober dem Neugebäude an dem Donauufer auf⸗ geſchichtet iſt, in Brand zu ſtecken, ſo eilt das Militair zum Löſchen, die Aufmerkſamkeit wird vom Neugebäude abgelenkt, und eine Handvoll ent⸗ ſchloſſener Leute reicht hin, um die Gefangenen zu befreien.“ „Vortrefflich ausgedacht,“ bemerkte Laszkowies ironiſch,„doch laſſen wir dies jetzt;wir haben den Entſchluß gefaßt, mit den Plänen rückſichtlich der That ſo lange zu warten, bis unſere Ideen all⸗ gemein werden im Lande, und die Franzoſen Italien vder Deutſchland revolutioniren; hüten wir uns eine Emeute hervorzurufen, ſie könnte nur zum 170 größten Unglück Ungarns gereichen, und zur Un⸗ terdrückung jeder Freiheit führen. Eine Revolution kann aber Ungarn nie allein machen, eine ſolche kann nur dann gelingen, wenn ganz Europa in Flammen ſteht, und auch dann iſt es nicht unſere Aufgabe, ſie zu machen, ſondern ſie zu leiten.“ „Wer kann den Lauf der Ereigniſſe berechnen?“ ſagte jetzt Martinovies,„es iſt wahr, die Zeit zum Handeln iſt noch nicht da, doch wer weiß, ob nicht in kurzer Zeit die Franzoſen ſich wie ein mächtiger Strom über Deutſchland und Italien ergießen, wir müſſen daher vorarbeiten, daß dieſe Fluth uns nicht unerwartet überraſcht, ſondern befruchtend auf Ungarn wirkt, ſonſt reißt die Ueberſchwemmung jeden dann nieder, und zerſtört alles, nicht nur das Schadhafte. Wir müſſen unſere Verbindun⸗ gen nach allen Seiten ausdehnen und mit allen geheimen Verbrüderungen in Europa uns eng vereinigen, um zu erfahren, was vorbereitet wird. Doch dies thun wir natürlich als Individuen, nicht als Geſellſchaft. Hajnöczy haſt Du keine Nach⸗ richten aus Paris?“— Hajnöczy antwortete ernſt:„Ich beginne be⸗ 171 ſorgt zu werden; als ich erfuhr, daß Thugut den Plan gefaßt habe, durch Robespierre eine Reſtau⸗ ration des Königthums anzubahnen, ſchrieb ich gleich an Thiebaudeau, er möge ſeine Freunde da⸗ von benachrichtigen und Robespierre mit wachſa⸗ mem Auge verfolgen. Der Brief ging über Con⸗ ſtantinopel nach Paris, und ich habe ſeitdem keine Nachricht erhalten, vb er angekommen ſei. Robes⸗ pierre iſt, wie es ſcheint, ehrgeizig, und gelingt es ihm in ſeinem Intereſſe oder in jenem der Bour⸗ bons die Monarchie zurückzuführen, ſo ſind alle unſere Hoffnungen gebrochen, und wir können einer Sklaverei entgegenſehen, wie jene war, in der die Geſellſchaft unter byzantiniſcher Zwangherrſchaft verknöcherte. Und doch kann der Brief nicht auf⸗ gefangen worden ſein, denn ſonſt wäre ſchon eine Unterſuchung gegen mich begonnen worden.“ „Das ſehe ich nicht ein,“ ſagte Graf Sigray, „wir leſen ja ſolche Nachrichten zu hunderten in den Zeitungen, was dieſe thun dürfen, dürfen wir doch auch.“ „Das hängt ganz von der Willkühr ab,“ fuhr Hainöczy fort,„iſt es Herrn von Németh, dem 172 Kronfiscal, gerade genehm, und glaubt er dadurch Geld erpreſſen zu können, ſo wird die Mittheilung einer ſolchen Notiz eine hochverrätheriſche Corres⸗ pondenz mit dem Feinde betitelt und als Verbre⸗ chen beſtraft, während der Cenſor dieſelbe Notiz in der Zeitung ſtehen läßt.“ Martinovics trug nun vor, ſeinen neueſten Nachrichten zufolge hätten Tags zuvor in Wien Verhaftungen ſtattgefunden. Hauptmann Heben⸗ ſtreit, der Aufſeher des Zeughauſes, der Dichter Brandſtedter, Gemeinderath von Wien, und Pro⸗ feſſor Riedl, der früher den Erzherzogen Stunden gegeben, ſeien in feſtem Gewahrſam; die Polizei ſpreche von einer weitverzweigten Verſchwörung; dieſe ſei aber unmöglich, er, der Abt, kenne ja Brandſtedter, und hätte dieſer eine Verſchwörung in Wien gebildet, ſo hätte er ihn wahrſcheinlich in dieſe eingeweiht. Es ſcheint aber, die öſtreichiſchen Miniſter wollten auch ein Schreckensſyſtem einfüh⸗ ren und ſuchten überall Opfer, um die Könige einzuſchüchtern, für den Fall, daß dieſe noch irgend eine liberale Neigung hätten. Die Regierungen befördern partielle Inſurrectivnen, um überall die 173 letzten Reſte der Volksfreiheit zu unterdrücken. Es ſei ja von jeher die habsburgiſche Politik geweſen, die Völker zur Inſurrection zu verleiten, um ſie unterdrücken und das Volk knechten zu können. Graf Sigray erblaßte, als der Abt mit dem größten Gleichmuth dies ſagte, und Hajnöczy be⸗ merkte, es ſei nothwendig, daß irgend jemand von ihnen jetzt nach Wien ginge, um genau zu erfah⸗ ren, was dort geſchehe. Martinovies verſicherte nun ſeine Freunde, es ſei ſeine Abſicht, er reiſe noch heute nach der Haupt⸗ ſtadt, doch ſeinem Auge war das Erblaſſen des Grafen nicht entgangen, er wandte ſich daher zu ihm und ſagte:„Ich gehe vollkommen in Ihre Anſichten in Hinſicht der Gefangenen ein, ich glaube die Zeit iſt gekommen, wo Sie vorläufig mit ihrem Freunde Szolareſek ſich beſprechen und ihm den Auftrag geben können, die Verbindung anzuknüpfen, ohne in die Details der Ausführung vorerſt ein⸗ zugehen. Es iſt genug, wenn die Franzoſen es wiſſen, daß ſie hier Freunde haben, die, wenn der Augenblick günſtig iſt, ihnen zu ihrer Befreiung hülfreiche Hand leiſten könnten.“ 174 Sigray entfernte ſich gleich, Szent⸗Mariay und Hajnöczy folgten ihm bald, der Rittmeiſter allein blieb mit dem Abte im Zimmer. „Du biſt wirklich grauſam,“ ſagte er zu Mar⸗ tinovics,„den Verhaftungen in Wien werden an⸗ dere in Peſth folgen, und wenn die Wiener Politik Opfer braucht, ſo ſind wir ſicher die erſten. Ich bin, wie Du es weißt, ſtets darauf gefaßt geweſen, warum haſt Du aber gerade dem Grafen in die⸗ ſem Augenblicke einen Auftrag gegeben, wo er zu fürchten beginnt?“ „Weil ich ſeinen Gedanken eine andere Rich⸗ tung geben muß, er iſt im Stande, uns durch ſeine Aengſtlichkeit zu compromittiren, und die Si⸗ cherheit unſeres Benehmens allein kann jetzt den Verdacht von uns ablenken,“ antwortete der Abt. „Uns ſchützt überdies noch eins: den Plänen Thu⸗ guts ſteht nicht nur unſere Idee im Wege, die conſtitutionelle Parthei die der Erzherzog Alexander repräſentirt iſt ihm eben ſo gefährlich, und noch mehr als wir. Das Werk der Reaction iſt nur halb gethan, wenn ſie ihn nicht auch ſtürzt, und an ein Mitglied des Kaiſerhauſes wagt ſie ſich doch nicht.“ „Du kannſt Recht haben,“ erwiederte Laszko⸗ wies mit nachdenkender Miene,„der Pfaff ſieht jetzt weiter als der Soldat, doch der Soldat hat einen ſchärfern Blick! Denke an mich, ſie wagen in Wien alles und ſchrecken vor nichts zurück, denn die Reaction iſt ſtets rückſichtslos. Doch wir werden als Männer ſterben und dem Volke ein Beiſpiel geben, und der Jüngling dort in der Königsburg wird ſpurlos untergehen und vergeſſen werden.“— „Wie kannſt Du Dich ſo trüben Gedanken hingeben?“ frug der Abt lächelnd. „Findeſt Du ſie trüb? ich nicht; ich habe ſtets gewünſcht auf dem Schlachtfelde oder auf dem Schaffot zu ſterben. In voller Kraft auf freiem Felde unter der blauen Decke des Himmels für meine Ueberzeugung und für die heilige Sache der Menſchheit den Tod zu finden,— iſt dies nicht beneidenswerther, als mit gebrochener Geſundheit ſich und den Seinigen eine Laſt, langſam dem 176 Grabe entgegen zu ſinken? Doch darum ſage ich ja nicht, daß dies geſchehen müſſe,— aber wenn es geſchieht, kommt es weder unerwartet noch un⸗ erwünſcht für mich.“— Er drückte dem Abte die Hand und beide ent⸗ fernten ſich. Sobald ihre Tritte in der Entfernung ver⸗ ſchwanden, trat Ilia aus dem Kleiderſchranke her⸗ vor. Er hatte zwar alles gehört, doch nur weniges verſtanden, und dies wenige wahrſcheinlich mißver⸗ ſtanden, der Kopf ſchwindelte ihm, er wußte nicht was er thun ſollte. Er beſchloß endlich, ſich an ſeine Mutter zu wenden und ſie um Rath zu fra⸗ gen, und ging daher die lange Treppe hinab, die vom Feſtungsberge in die Waſſerſtadt führt. In einem kleinen Hauſe an der Donau ſaß hier in niederem Zimmer die alte Frau; an der Wand hing ein dunkles Marienbild auf Goldgrund ge⸗ malt; ein Lämpchen glimmte über dem Bilde und der abgewetzte Betſchemel an der Wand zeigte es auf den erſten Blick, daß die Mutter Jlia's ſich häufig im Gebete an die Panhagia wende. Sie war glücklich, daß ſie in der Nähe des Sohnes 177 lebte, aber doch immer wieder von Gewiſſensſeru⸗ pel gepeinigt, daß Ilia nicht von Herzen dem griechiſchen orthodoren Glauben anhänge, und von Zeit zu Zeit immer wieder in die päbſtliche Häreſie verfalle. Als er in das Zimmer eintrat mit finſterem ſorgenvollen Geſichte, ſtand ſie vom Stuhle auf, ging ihm entgegen und ſtrich ihm die Haare aus der Stirn mit den Worten:„Warum ſo traurig Ilia? Du ſollteſt ja freudig ſein, daß Gott mich erhalten hat und gerettet aus der ſchweren Krank⸗ heit!“ „Laß das Mutter,“ ſagte er, und ſetzte ſich in den Armſtuhl, der neben dem Ofen ſtand.„Dr. Kovücs iſt zwar auch ein Ungar, aber er iſt ein Zauberer, und das Waſſer, über das er ſeine Sprüche ſagt, hat Dich erhalten.“ „Frevle nicht Jlia,“ rief die Alte entſetzt,„was. iſt denn vorgefallen, daß Du plötzlich ſo ſündhafte Gedanken hegſt! Gott und der heilige Elias hat mich erhalten, nicht der ungriſche Arzt, und er hat es nur gethan, damit ich meine Pflicht gegen Dich erfüllen könne und Dich in ſein Haus führe, auf 1. 2 178 daß Du es nicht mehr verachteſt und verläßt. Die Sünde Deines Vaters laſtet noch auf Dir! wehe mir, wenn ich ſterbe ohne die Beruhigung, daß ich in jenem Leben Dich wiederſehe! und wie ſoll ich dieſe Ueberzeugung gewinnen, wenn Du mir nicht verſprichſt, die römiſche Kirche für immer zu meiden.“ „Laß mich in Ruhe Mutter,“ ſagte Ilia rauh, „ich verſpreche es Dir, ich gehe nicht mehr hin.“ „Du haſt es ſchon ſo oft verſprochen, und dann doch immer wieder Dein Wort gebrochen!“ rief ſie mit liebreichem Vorwurf. „Ich verſpreche es Dir jetzt heilig,“ ſagte er ſanfter,„aber quäle mich nicht länger, ich bin ge⸗ kommen, Dich um Rath zu fragen.“ „Frage mein Sohn! Gott wird mich erleuch⸗ ten, daß ich das Rechte finde und Dir den Weg des Heils weiſe.“ „Was ſoll ich thun? ich habe ein Geheimniß erkundſchaftet,— verrathe ich es, ſo verderbe ich viele Leute und darunter einen Mann, der viel Gutes an mir gethan hat, verrathe ich es nicht, ſo kann ein großes Unglück viele Leute treffen, und darunter ſolche, die ich zu ehren verpflichtet bin.“ „Sind Landsleute von Dir darunter?“ fragte die Alte,„Du darfſt keinen Serben verrathen.“ „Nein Mutter, es ſind bloß Ungarn und Schwaben.“ „Dann, mein Sohn, denke darüber nach, wem Du mehr verpflichtet biſt, und ob die, die Du für Deine Freunde hältſt, wirklich Deine Freunde ſind. Gehe in die Kirche und bete bis Du erleuchtet wirſt.“ „Du haſt Recht Mutter,“ ſagte jetzt Ilia plötzlich gefaßt,„ich gehe hin.“ Es war Abend geworden als er nach Hauſe kam, er ſah den Reiſewagen des Abtes angeſpannt vor der Thüre und erſchrak. Er eilte die Treppe hinauf und fand den Abt ſchon in Reiſekleidung eben im Begriff, das Zimmer zu verlaſſen. „Hochwürdiger Herr,“ rief er ihm zu,„erbar⸗ men Sie ſich eines armen Sünders, hören Sie meine Beichte an.“ „Ilia ſei doch nicht verrückt,“ ſagte der Abt, „Du ſiehſt ich bin ſchon reiſefertig, halte mich jetzt nicht auf.“ 12 — „Hochwürdiger Abt, es handelt ſich um mein Seelenheil,“ rief Ilia, und ſank vor ihm auf die Knie,„hören Sie meine Beichte an!“ „Warſt Du vielleicht wieder in der griechiſchen Kirche?“ frug der Abt,„und haſt Du Gewiſſens⸗ biſſe darüber?“ „Ich war dort, und mein Glaube wankt, ich weiß nicht mehr was Recht und was Unrecht iſt. Der Teufel verſucht mich.“ „Hältſt Du es für eine Sünde hinzugehen,“ rief ihm der Abt mit ernſter Stimme zu,„ſo thue es nicht wieder, ſondern gehe in Dein Kämmer⸗ lein und ſchließe die Thüre zu, und bete zu Dei⸗ nem Vater im Verborgenen, und Dein Gebet wird die Anfechtungen des Teufels verſcheuchen; jetzt aber ſei ruhig und halte mich nicht länger auf.“ „Sie wollen alſo meine Beichte nicht anhören?“ fragte der Bube ängſtlich. „Jetzt nicht, ich habe Dir es ſchon geſagt, es iſt weder die Zeit noch der Ort dazu.“ Ilia ſtand ruhig auf, der Kampf in ſeinem Innern war entſchieden, er hatte einen Entſchluß gefaßt.— Er trat zum Fenſter, und als er ſah, 181 der Abt ſei weggefahren, murmelte er halblaut: „Er iſt nicht mein Wohlthäter, denn er hat ſich geweigert, mir ſeine Abſolution zu geben, er hat meine Beichte nicht angehört, er kümmert ſich nicht um das Heil meiner Seele. Er iſt ein falſcher Prieſter! er möge zu Grunde gehen!“— VIII. Staatsdienerphiloſophie. Herr von Németh, der Kron⸗Fiscal von Un— garn, oder Gausarum Regalium Magister, wie ſein offizieller Titel heißt, ging in ſeinem Zimmer, im Geſpräch mit einem jungen Mann, langſam auf und ab. Der Kronanwalt war ein ältlicher WMann, mit ſpärlichem ins Graue ſpielendem Haar, das hinten in einen Zopf gebunden war, mit ſchar⸗ fen dunklen Augen, eingefallenen Wangen, ſpitzer Naſe und dünnen Lippen, über denen kein Schnur⸗ bart zu ſehen war. Er trug einen weiten vivletten Rock, der bis zum halben Schenkel reichte, auf ungriſche Weiſe verſchnürt und oben mit einem Fuchskragen verbrämt war, unter demſelben erblickte ——————— —— 183 man eine ſchmutzig gelbe Weſte, an der die Spu⸗ ren des Schnupftabaks bemerkbar waren, kurze Beinkleider, hohe Stiefel mit kleinen ſilbernen Spo⸗ ren vollendeten das Coſtume, das im Ganzen etwas abgetragen ſchien. Der junge Mann, der ihm Geſellſchaft leiſtete, war augenſcheinlich ſein Untergebener, denn er maß ſeine Schritte genau nach denen des Kron⸗ fiscals, blieb ſtehen, wenn dieſer anhielt, und hörte mit devoter Aufmerkſamkeit den Worten ſeines Vorgeſetzten zu, ohne es je zu wagen ihn zu unter⸗ brechen. Er war übrigens viel eleganter gekleidet als der Kronanwalt, ſein reiches gepudertes Haar war mit eigenthümlicher Coquetterie mit einem breiten Bande in einen dicken Zopf gebunden, ſein großes Halstuch war mit künſtlicher Nachläſſigkeit geknüpft. Die breiten Revers der weißen Weſte, der blaue Frack mit den gelben Knöpfen, die licht⸗ gelben Beinkleider und die umgeſchlagenen Kappen⸗ ſtiefel waren augenſcheinlich der letzten Mode nach⸗ gebildet, die Peſth ſowohl als der ganze Continent ſelbſt jetzt von Paris empfing, wo die Ideen der Revolution überall verfolgt wurden, und die ver⸗ 184 bündeten Heere Europas Frankreich bekämpften. So ſehr auch die Staatsmänner der verſchiedenen Cabinete Paris verabſcheuten, und trotzdem daß ſie in ihren Proclamationen die Beſtrafung und Zer⸗ ſtörung dieſer Stadt als den Zweck ihres Kreuz⸗ zuges gegen Frankreich bezeichneten, erkannten ſie doch im täglichen Leben die Superivrität des fran⸗ zöſiſchen Geiſtes an, ſie konnten ſich nicht von der Suprematie losmachen, die die franzöſiſchen Schnei⸗ der über ſie ausübten. Freilich hieß es jetzt, dies geſchehe pur aus Sympathie für den emigrirten franzöſiſchen Adel; doch dieſer begann jetzt ſchon das Elend des Erils zu empfinden, und nachdem er in den Hauptſtädten Deutſchlands die Gaſt⸗ freundſchaft der Ariſtveratie auf manche harte Probe geſetzt hatte, wanderte er jetzt immer weiter, und war ſelbſt in den Provinzialſtädten Ungarns und auf dem Lande häufig zu finden, wo er in den Häuſern der reicheren Gutsherren ein Aſyl fand, die Barbaren bemitleidend, die ihn unterſtützten, und von nichts anderem träumend, als von der baldigen Rückkehr in das ſchöne Frankreich. „Ja, ja, Domine Frater Fekete,“ ſagte der — 185 Kronanwalt,„Sie würden auch beſſer thun, wenn Sie Ihre elegante Kleidung gegen eine ſolidere vertauſchten. Sie ſind jetzt zum Honorar-Fisral ernannt worden, und es iſt Zeit, daß Sie daran denken ein ordentlicher Geſchäftsmann zu werden.“ „Domine Magnifice,“ entgegnete der junge Mann mit einſchmeichelndem Tone,„ich weiß daß ich meine Ernennung der Protection zuzuſchreiben habe, die Sie, Herr Hofrath, mir zu Theil werden ließen, und ich werde nicht ermangeln, alle Ihre Rathſchläge in Hinſicht meiner Zukunft gewiſſen⸗ haft anzunehmen. Doch ich habe geglaubt, die Welt verlange es von einem jungen Manne, daß er ſich der Mode füge und nicht als Sonderling in der Geſellſchaft erſcheine.“ „Domine Frater, laſſen Sie ſich durch die Windbeutel nicht verführen, durch die jungen Mag⸗ naten und alle jene, die es dieſen nachmachen. Was heißen Sie Welt? Was nennen Sie Ge⸗ ſellſchaft? Doch nicht die Diners und Abendunter⸗ haltungen, in denen Sie mit jungen Gräfinnen tanzen und mit jungen Offizieren franzöſiſch par⸗ liren. Das müſſen Sie jetzt alles aufgeben; Sie 186 finden dort nicht einen einzigen Menſchen, der Ihnen in Ihrer Carriere forthelfen könnte. Sie ſind dem Directorat beigegeben, Sie ſind ein öf⸗ fentlicher Beamter, und müſſen daher eine andere Geſellſchaft ſuchen und in einer andern Welt leben. Sehen Sie mich an, dieſen Rock habe ich mir vor zehn Jahren machen laſſen, und ich hoffe ihn noch andere zehn Jahre zu tragen. Betrachten Sie alle die Richter der Königlichen Tafel und des Sep⸗ temvirats, ſagen Sie mir, finden Sie auch nur einen unter ihnen, mit Ausnahme der Mitglieder aus dem Magnatenſtande, der das Ausſehen hat, als hätte er in ſeinem Leben je getanzt? Fühlen Sie es nicht, daß das Anſehen des Richterſtandes von dem Ernſte abhängt, den er ſelbſt zu den Be⸗ ſchäftigungen des täglichen Lebens mitbringt? Seit⸗ dem ich Causarum Regalium Magister geworden bin, hat mich gewiß niemand je lachen ſehen. Ein großer Herr, ein höherer Beamter muß ſtets verdrießlich ausſehen, damit das Volk ſich nie ver⸗ ſucht fühlt, vertraulich mit ihm zu werden.“ „Fekete wurde nachdenkend und ſagte:„Herr Hofrath, iſt es denn unumgänglich nothwendig, 187 daß wir uns abſchließen von der Welt, um unſere Würde aufrecht zu erhalten? Erwirbt denn, um ein Beiſpiel anzuführen, die Stellung eines Mit⸗ gliedes des oberſten Gerichtshofes, und der Ruf uneigennütziger Gerechtigkeitsliebe und genauer Kenntniß des Geſetzes nicht hinlänglich die Achtung der Welt?“ „Domine Frater, Sie haben noch viel zu lernen,“ ſagte der Kronanwalt, indem er ſeine gol⸗ dene Tabaksdoſe öffnete und eine Prieſe nahm. Man ſieht, daß Ihr Vater geſtorben iſt, als Sie noch ein Kind waren, und meine Couſine, Ihre Mutter, war natürlich nicht im Stande ſolch tolle Ideen von Ihnen fern zu halten! Wie können Sie nur ſo ſprechen? Kenntniß des Geſetzes und un⸗ eigennützige Gerechtigkeitsliebe? Wo haben Sie denn das geleſen? Gewiß in einem franzöſiſchen Buche und nicht im Kittonich, ſonſt würden Sie ſich des Rechtsadagiums erinnern: Plus valet fa- vor in judice, quam lex in codice. Ja die Jugend iſt durch und durch erfüllt von den ver⸗ derblichen Ideen der NReuheit, ſelbſt Sie, der ſolide Mann, ſprechen ſo! Es wird ſchwer ſein ſolche 188 Ideen auszurotten; doch wir werden es doch thun; wir müſſen es thun, ſoll der Staat nicht zu Grunde gehen. Wiſſen Sie es denn nicht, daß in Wien bei den Ernennungen der Richter ſtets vorzüglich darauf Rückſicht genommen wird, daß nicht zu viele Rechtsgelehrte bei den Gerichtstafeln ſein ſollen? Es iſt vollkommen hinlänglich, wenn der Präſident und noch ein, zwei Mitglieder im Corpus juris ſtark bewandert ſind. Einige Rich⸗ ter werden ſtets bloß darum zu ihrem Amte er⸗ nannt, um ihre politiſchen Dienſte zu belohnen, die ſie der Regierung geleiſtet haben. In einem conſtitutionellen Lande iſt dies nothwendig, um die einflußreichſten Familien in den Comitaten für ſich zu gewinnen. Die Magnaten haben keinen Ein⸗ fluß auf die Wahlen trotz ihres Reichthums; doch eine höhere Stelle in Ausſicht, macht daß die ade⸗ ligen Familien alles anwenden, um die Abſichten der Regierung zu fördern. Dann müſſen einige Richterſtellen nothwendigerweiſe mit ruhigen un⸗ wiſſenden Menſchen beſetzt werden, um das Votum des Präſidenten zu unterſtützen. Ein unwiſſender Richter kann nicht gegen dieſen ſtimmen, ſonſt 189 müßte er auch die Gründe anführen, warum ſeine Meinung von der des Präſidenten abweicht. Po- mine Frater, wenn man zu einer einflußreichen Familie gehört und dienen will, giebt es keine beſ⸗ ſere Empfehlung, als daß man ſehr mittelmäßige Verſtandesgaben hat, oder geradezu dumm iſt. In Wien mißtraut man ſolchen Leuten nie, und iſt dann bei irgend einem Dieaſterium eine Stelle offen, bei dem noch kein unwiſſender Beamte an⸗ geſtellt iſt, ſo ſagt man, einer kann bei dieſer Stelle nicht ſchaden. Sind mehrere dieſer Art im Colle⸗ gium, ſo heißt es, Hofrath N. N. iſt auch nicht talentvoller und die Geſchäfte gehen doch.“ „Das iſt doch traurig,“ meinte Fekete. „Das iſt nicht traurig!“ rief der Kronanwalt, das iſt weiſe. Zum Regieren braucht man keine genialen Leute, keine Gelehrten, ſondern etwas ge⸗ meinen Menſchenverſtand und viel Energie. Sie haben es ja geſehen, wohin es führte, als Kaiſer Joſeph überall nur die geſchickteſten Köpfe anſtellte. Jeder wollte da ſeine eigene Thevrie durchführen, und ſie brachten das ganze Land in Verwirrung. Wenn Sie Pomine Frater alles, was Sie in 190 den Schulen gelernt haben, nicht bald vergeſſen; wenn Sie vielleicht gar Bücher und Zeitungen leſen, wenn Sie in Geſellſchaft gehen, dann wer⸗ den Sie ſicher nicht fortkommen. Fleißig müſſen Sie ſein und Ihre Aufmerkſamkeit auf Ihre Be⸗ rufsarbeiten concentriren. Sie dürfen kein anderes Buch beſitzen als das Corpus juris und die Cu⸗ rrialdeciſionen, und nichts anderes ſtudiren als die Prozeſſe. Thun Sie das, ſo können Sie Ihr Glück machen.“ „Domine Magnifice, iſt aber eine ſo abge⸗ ſchloſſene Eriſtens nicht eine troſtloſe?“ „Warum ſoll ſie denn abgeſchloſſen ſein? Glauben Sie denn, daß wir alle jene Herren und Damen nie ſehen, deren Geſellſchaft Sie ſo ſehr zu ſuchen ſcheinen? Freilich begegnen wir ihnen nicht auf Bällen und bei Soiréen, wo ſie im erborgten Flitter glänzen, und die Schmeicheleien und Hul⸗ digungen der Welt empfangen, ſie kommen aber alle zu uns als unterthänige Bittſteller. Wo iſt denn eine bedeutende Familie in Ungarn, die kei⸗ nen Prozeß hier an der Königlichen Tafel hätte? Und ſoll dieſer nun referirt werden, ſo kommt der 194 Fürſt wie der kleinſte Edelmann perſönlich zu uns, um uns den Gegenſtand des Streites und die Punkte, um die es ſich beſonders handelt, münd⸗ lich vorzutragen. Wir ſehen dann die ſtolzeſten Magnaten demüthig vor uns ſollicitiren, und die Informationen tragen uns, wie Sie wiſſen, nicht wenig Geld ein.“ Der junge Mann wußte wohl, daß dies der Fall ſei, aber er war erſtaunt, daß der Kronan⸗ walt ſo ruhig von Beſtechung ſprach, als ſei dies die gerechteſte Sache von der Welt; er konnte ſich nicht enthalten zu bemerken, daß Beſtechungen ge⸗ ſetzlich verboten ſeien. „Domine Frater, wägen Sie Ihre Worte beſſer ab,“ entgegnete Németh.„Wer ſpricht von Beſtechungen? Ich höre ſtets beide Partheien an, die zu mir kommen; ich empfange die Geſchenke, die ſie mir bringen, ohne ſie anzuſehen. Ich ſtecke ſie ruhig in die Taſche, und ich weiß am Abend nicht, welches ich von A(Actor, der Klägerh, welches von I(ncattus, der Beklagte) erhalten habe. In Wien weiß man dies ſehr gut, unſere Bezahlung iſt eben deshalb ſo gering, wir fallen 192 der Kaiſerlichen Schatzkammer nicht zur Laſt, und in unſerer Beſtallung heißt es ausdrücklich, wir werden ernannt zu dem Amte„eum omnibus sportulis et accidentiis.“ Der Uſus eines hal⸗ ben Jahrhunderts hat es aber ſeit König Carl IM, dem Vater der glorreichen Maria Thereſia, längſt feſtgeſetzt, daß unter dieſen Sporteln die Geſchenke der prozeſſrenden Partheien verſtanden werden. Und iſt es nicht auch unſere Pflicht, für unſere Familien zu ſorgen? Die finanzielle Seite des Beamtenlebens iſt keine glänzende. Vor dreißig Jahren war ich ein junger Menſch wie Sie; ich hatte den Schulkurs geendet und war ſtets der erſte in der Claſſe geweſen. Der nächſte nach mir war ein junger Mann Carl Schmidt, ein Akatho⸗ lik, ich glaube ein Lutheraner aus Zigſen. Als er in die Schule kam nannte er ſich Faber; als er ſich entſchloß Advocat zu werden, änderte er nochmals den Namen, damit er in ein ausgehe, und nannte ſich Fäbrys). Er war arm und *) Da die Majorität der Familiennamen des unga⸗ riſchen Adels mit y endet, ſo hatte dieſe Endung einen vornehmen Klang. 193 konnte als Akatholik natürlich nicht die Ausſicht haben ein Regierungsamt zu erhalten. Er wurde daher Patvariſt bei einem damaligen Advocaten, ſpäter wurde er deſſen Adjunct, endlich Advocat auf eigene Fauſt. Jetzt iſt er ein reicher Mann, der zwei Häuſer in Peſth beſitzt, und ein Gut von der Kammer kaufen will, um den Adel zu erhal⸗ ten. Wie oft hat er mich in jenen Zeiten beneidet, als er kümmerlich ſich als Adjunet forthalf, weil ich ein kleines Capital beſaß, und daher mich dem ehrenvollern Staatsdienſt zuwenden konnte. Ich war zweiundzwanzig Jahre alt als ich zum Hono⸗ rär Kronfiscal ernannt wurde, ſo wie Sie jetzt dazu ernannt worden ſind. Zehn Jahre lang ar⸗ beitete ich nun unermüdet fort, ohne irgend eine Beſoldung zu erhalten, und verzehrte dabei mein ganzes kleines Vermögen, das ich von meinem Vater geerbt hatte. Als ich dann endlich eine kleine Zahlung erhielt, heirathete ich, und die Be⸗ dürfniſſe meiner Familie verſchlangen meine Beſol⸗ dung vollſtändig, ich mußte ſogar Schulden machen; ich ſtieg aber von Stufe zu Stufe. Jetzt bin ich Gausarum Regalium Magister, und was iſt meine * 13 Beſoldung— 1500 fl.! Kann ich davon leben? Bin ich nicht auf die Sporteln und Accidentien meines Amtes angewieſen? Kann es mir jemand verargen, wenn ich dieſe offen annehme, und meine Einnahmen zu verbeſſern ſuche? Die Welt iſt nun einmal nicht anders. Freilich bin ich Hofrath und ein Mann von Bedeutung und Einfluß; aber wenn ich ſterbe, erben meine Kinder nichts, ich muß mich bemühen ſie ſo lange ich noch lebe als Beamte verſorgt zu ſehen. Fäbry dagegen iſt nur ein ein⸗ facher Advocat, doch wenn er ſtirbt, hinterläßt er ſeinen Söhnen liegende Güter und ein feſtes Ein⸗ kommen.“ Es war während dieſes Geſpräches finſter ge⸗ worden, und ein junger Menſch in einfachem un⸗ gariſchen Kleide, der Jurat des Kronfiscals, öffnete jetzt die Thür, brachte zwei brennende Kerzen ins Zimmer und ſagte: Pomine Magnifice, draußen ſteht der Schreiber des Abtes von Szaszvär, und wünſcht mit Ihnen zu ſprechen.“ „Führen Sie ihn herein.“ „Der Jurat ging und Jlia trat mit verlegener Miene ins Zimmer. 195 „Habe ich die Ehre mit dem Fiscal des Kai⸗ ſers zu ſprechen?“ frug er. „Der bin ich,“ ſagte Németh. „Dann erſuche ich Sie in einer höchſt wichti⸗ gen Angelegenheit um eine Unterredung unter vier Augen.“ „Herr von Fekete iſt auch Kameralſiscal, Sie können offen vor ihm reden.“ „Iſt er aber auch ein wahrer Freund des Kai⸗ ſers?“ frug Jlia leiſe. Németh wurde aufmerkſam und ſagte mit Nach⸗ druck:„Ich bin der Kronanwalt, und wen ich in meinem Zimmer behalte, wenn von Geſchäften die Rede iſt, dem muß jederman trauen, der mir etwas eröffnen will. Was iſt Ihr Anliegen?“ „Ich habe eine Verſchwörung gegen den Kai⸗ ſer entdeckt,“ ſagte nun nach einigem der Serbe. „Eine Verſchwörung!“ rief der Knant Pomine Frater Fekete ſetzen Sie ſich an den Tiſch, nehmen Sie Feder und Papier zur Hand, ſeien Sie aufmerkſam auf alles was dieſer Herr ſpricht, und ſchreiben Sie was ich Ihnen dictire.“ Er 18 196 wandte ſich nun mit der Frage zu Ilia:„Was iſt Ihr Name, Alter, Religion, Beſchäftigung?“ „Ilia Spirtovich, ſechsundzwanzig Jahre alt, ich bin Schreiber bei dem Abt von S 6 „Ihre Religion?“ „Können wir dies nicht auslaſſen?“ frug Ilia. „Nein.“ „Alſo, katholiſcher Religivn.“ „Domine Frater ſchreiben Sie!“ rief Németh dem jungen Fiscal zu, es iſt Ihre erſte offizielle Beſchäftigung.„Am 14. Auguſt 1794 um acht Uhr Abends kam Herr Ilia Spirtovich, ſechsund⸗ zwanzig Jahre alt, römiſch-katholiſcher Reli⸗ gion, Schreiber bei ſeiner Hochwürden Ignätz Mar⸗ tinovies, Abt von Szäszvär, in die Amtswohnung des Unterzeichneten und machte folgende Anzeige über eine durch ihn entdeckte furchtbare verpeſtende Verſchwörung gegen die Perſon Seiner geheiligten Majeſtät und die öffentliche Ordnung und Sicher⸗ heit.“ Fekete blickte den Kronanwalt erſtaunt an: „Dies waren nicht ganz genau die Worte des Denuncianten.“ 197 „Sie haben meine Worte zu ſchreiben,“ ſagte der Kronanwalt trocken.„Ich dictire, nicht die⸗ ſer Herr, der es nicht weiß, in welche Form ein ſo wichtiges Actenſtück zu kleiden ſei.— Iſt die Verſchwörung nicht gegen das Leben Seiner ge⸗ heiligten Majeſtät gerichtet?“ frug er jetzt den Serben. „Ja freilich,“ antwortete dieſer,„es iſt eine furchtbare Verſchwörung, und ſccher gegen den Kai⸗ ſer. Die Herren achten ihn nicht, ſie ſind gegen den Kaiſer, ſie nennen ihn nicht einmal Kaiſer.“ „Schreiben Sie,“ dietirte Németh,„der Zweck der Verſchwörung iſt: Seine Majeſtät des Thro⸗ nes zu berauben.“ „Sie wollen den Kaiſer nicht anerkennen,“ fuhr Ilia fort,„und ſie heißen ihn immer nur den König. Und dann haben ſie davon geſpro⸗ chen, daß der Adel und die Geiſtlichkeit ausgerottet werden ſollen, weil es keine Freiheit geben kann, ſo lange der Adel und die Geiſtlichkeit nicht anders werden als ſie ſind.“ „Die Verſchwörer,“ dietirte Németh weiter, „greifen die Baſen der Conſtitutivn und der Ge⸗ 198 ſelſchaft u an, und wollen die Grundgeſetze des Lan⸗ des gewaltſam abändern.“ „Das hat Herr Spirtovich nicht be⸗ merkte jetzt Fekete. „Der Kronanwalt warf ihm einen verächtlichen Blick zu und wandte ſich zu Ilia mit den Worten: „Iſt es nicht ſo wie ich es zu Papier ſetzen laſſe?“ Wort für Wort ſo,“ antwortete Ilia,„es iſt eine furchtbare Verſchwörung, und ich hoffe, daß ich meine Belohnung dafür erhalten werde, daß ich aus treuer Anhänglichkeit für den Kaiſer ſie entdeckt habe, denn ich bin ein treuer Unterthan des Kaiſers, ein ehrlicher Serbe. Und die Herren haben dann geſagt, daß ſie ſich vor niemand fürch⸗ ten, denn ſie werden die Franzoſen aus dem Neu⸗ gebäude auslaſſen und das Holz auf dem Holzplatz anzünden.“ „Die Herren ſtehen alſo mit den Franzoſen in Verbindung?“ „Freilich müſſen ſie mit ihnen in Verbindung ſtehen, denn ſonſt würden ſie ſie ja nicht befreien wollen?“— „Die Abſicht der Verſchwörer iſt,“ dictirte —— 199 Németh wieder,„die Stadt Peſth in Brand zu ſtecken und bei dieſer Gelegenheit die franzöſiſchen Kriegsgefangenen zu befreien und zu bewaffnen und mit ihnen die Hauptſtadt zu plündern und die ruhigen Bürger zu morden, um auf den Trüm⸗ mern des Vaterlandes ihre verruchten Pläne aus⸗ führen zu können. Sie ſtehen in hochverrätheriſcher Verbindung mit jenen Scheuſalen, die jetzt in Frankreich die Regierung uſurpiren, und werden von denſelben mit Geld verſehen. Habe ich recht dictirt?“ fragte der Anwalt, indem er ſich wieder zu Ilia wandte. „Vollkommen recht,“ ſagte Ilia, denn um ſo was durchzuführen, muß man Geld haben, und woher ſollten Sie denn Geld erhalten, wenn nicht aus Frankreich. Mein Herr ſagt ja immer, daß er keines habe. Es iſt ſo, wie Sie es geſagt haben, Gnädiger Herr, ich kann es nur nicht ſo ſchön ausdrücken.“ „Sie ſehen Fekete,“ rief der Kronanwalt,„wie unpartheiiſch ich verfahre. Ehe ich über den Zweck der Verſchwörung unterrichtet wurde, wollte ich nicht einmal um die Namen der Verbrecher fragen. 200 Wer ſind denn die Herren, die zu dieſer Verſchwö⸗ rung gehören?“ frug er jetzt wieder den Schreiber. „Zuerſt,“ antwortete dieſer,„mein Herr“. „Schreiben Sie den Namen, Herr Fiscal,“ rief Németh Fekete zu. „Dann der Rittmeiſter Laszkowicz und Herr von Hajnöczy und der Graf Sigray.“ „Lauter arme Schlucker,“ bemerkte Németh, „da ſchaut nichts dabei heraus. Die joſephiniſche Parthei! ich habe nichts anderes erwartet von die⸗ ſen gewiſſenloſen Leuten.“ „Es war noch ein fünfter Herr dabei, doch ich habe ſeinen Namen vergeſſen, er kommt aus dem Ungvärer Comitat, er hat einen heiligen Namen.“ „Wer kann das ſein,“ ſagte der Kronanwalt und dachte eine Weile nach,„iſt es nicht Herr von Szent⸗Mariay?“ ſprach er dann. „Ja der iſt es,“ antwortete Ilia erfreut,„Jjetzt erinnere ich mich des Namens.“ „Es iſt der Fiscal des Grafen Sztüray. Der Graf iſt reich, ich hoffe er wird auch in die Sache verwickelt ſein. Der iſt ſchon mehr werth,“ meinte Németh und frug weiter:„Wer ſind die Uebrigen?“ 201 „Herr von Szent⸗Mariay hat noch viele ge⸗ nannt, doch ich erinnere mich der Namen nicht.“ „Schreiben Sie, die Verſchwörung hat ſich be⸗ ſonders im Ungvärer, Zempliner und Szabolcver Comitate ausgebreitet.“ Er ſetzte nun das Verhör fort. „Wie haben Sie dieſe wichtige Entdeckung ge⸗ macht?“ „Ich hatte einen Verdacht gegen meinen Herrn, daß er kein guter Menſch ſei, und ich habe mich in den Kaſten in ſeinem Schreibzimmer verſteckt, während die Herren mit einander ſprachen.“ „Schreibt der Abt oft Briefe?“ „An wen?“ „Das weiß ich auch nicht, aber heute früh hat er einen diectirt, in dem der Name des Herrn von Szolareſek vorkam.“ „Setzen Sie,“ rief Németh Fekete zu,„den Namen Szolareſeks zu jenen der Verſchwörer, er iſt mit ihnen in Correſpondenz. Das iſt ja der Freund vom jungen Baron Révay. Die Baronin iſt reich. Der kann uns nützen. Sie ſieht über⸗ 4 202 haupt in ihrem Hauſe die Verſchwörer alle.— Was wiſſen Sie weiter zu ſagen?“ frug er wie⸗ der den Schreiber. Ilia erwiederte:„Die Herren haben noch viel geredet, aber ich habe ſie nicht verſtanden; ich weiß nur, daß ſie eine Verſchwörung gemacht haben gegen den Kaiſer, und daß ſie das Holz anzünden wollen, und daß ſie die Kriegsgefangenen auslaſ⸗ ſen wollen, und daß ſie ſich vor niemand fürchten.“ Németh ſuchte noch mehr aus JIlia heraus⸗ zubringen, doch es war vergebens, er wußte nichts mehr. Der Kronanwalt las ihm nun vor, was Fekete geſchrieben hatte, und frug abermals, ob die Ausſage richtig aufgefaßt ſei. Der Serbe antwortete:„Ganz richtig.“ Ob er erbötig ſei, den Eid darauf zu leiſten. „Freilich leiſte ich den Eid darauf, es iſt ganz ſo wie ich es meinte, aber ich kann es nicht ſo gut erzählen.“ Németh forderte ihn nun auf, die Ausſage zu unterzeichnen. Der Serbe that es, und entfernte ſich, nachdem er die größte Verſchwiegenheit gelobt und die Verſicherung erhalten hatte, daß eine an⸗ deebe ———— nihtieetecneec 203 gemeſſene Belohnung nicht ausbleiben werde. Né⸗ meth gebot ihm noch, er ſolle im Vorzimmer warten. Als er fortgegangen war bemerkte Fekete be⸗ ſcheiden:„Domine Magnifice, mir ſcheint, die ganze Sache ſei nichts anders, als ein einfaches Geſpräch, das der unwiſſende Schreiber belauſcht hat. Es mag wohl unbedacht und leichtfertig ge⸗ weſen ſein, aber verbrecheriſch iſt es nicht. Eine ſolche Verſchwörung wäre ja geradezu unſinnig.“ „Domine Frater hüten Sie ſich, Hochverräther in Schutz zu nehmen,“ war die Antwort.„Ich habe ſchon längſt auf dieſe Herren ein wachſames Auge, es iſt mehr daran als Sie glauben. Die Juſtiz wird ſchon das Weitere ausfindig machen. Jedenfalls iſt die Parthei, der die Verſchwörer an⸗ gehören, der Conſtitution und der Dynaſtie feind⸗ lich, und wir bedürfen eines großen Beiſpieles, um das Unſichgreifen der franzöſiſchen Ideen zu verhindern. Es müſſen Opfer fallen, damit die ganze europäiſche Geſellſchaft ſich wieder beruhige nach den furchtbaren Exeigniſſen, die in den letzten Jahren ſie in ihren Grundveſten erſchüttert haben. Lieber ſollen einige Unſchuldige leiden, als daß 204 der ganze Staat zerrüttet werde. Und dieſe Män⸗ ner ſind nicht unſchuldig; denn wenn ſie auch nicht vielleicht die Brandfackel ergreifen, um die Haupt⸗ ſtadt anzuzünden, ſo ſind ihre Grundſätze gefähr⸗ licher als eine Brandfackel, und der Schaden, den ſie anrichten, indem ſie das Vertrauen in das Be⸗ ſtehende erſchüttern, iſt viel größer als wenn die Stadt abbrennen würde. Pomine Frater, dieſe Entdeckung kommt gerade zur rechten Stunde. Doch wir haben keine Zeit zu verlieren. Sie werden jetzt mit dem Schreiber ſich in die Wohnung des Abtes begeben, und dort die Käſten mit Haupt⸗ ſchlüſſeln eröffnen und alle Schriften unterſuchen 3 die verdächtigen bringen Sie her, und notiren die Namen aller jener, mit denen der Abt in Cor⸗ reſpondenz ſteht, ſelbſt wenn die Briefe ganz un⸗ bedeutend ſind. Sie gehen allein mit Herrn Spir⸗ tovich hin, damit die Verſchworenen nicht zu früh aufmerkſam gemacht werden und entfliehen. Sie werden keine Siegel anlegen, ſie dürfen kein Auf⸗ ſchen machen, ſondern alles in größter Stille durchſtöbern.“ „Wie ein Dieb,“ ſagte Fekete,„ſollte ich mich ——— in ein fremdes Haus einſchleichen? Ohne Autori⸗ ſation ſollte ich eine Hausſuchung halten? Erlau⸗ ben dies unſere Geſetze?“ „Domine Frater, ich befehle es als Causa- rum Regalium Magister. Ein Hochverrath iſt ein außergewöhnlicher Fall, bei dem die größte Vorſicht anzuwenden iſt, und für den unſere Ge⸗ ſetze nicht ausreichen. Die Sicherheit des Staates iſt das höchſte Geſetz, und in dem gegenwärtigen Falle darf kein Verdacht zu frühzeitig erweckt wer⸗ den. Wir müſſen ſie einſchläfern ehe wir offen auftreten können. Denken Sie daran, daß von der Discretion und Umſicht des Fiscals, dem dieſe Angelegenheit anvertraut iſt, Vieles abhängt, und daß, wenn er ſich geſchickt benimmt, ihm eine bal⸗ dige Beförderung bevorſteht. Ihr künftiges Glück hängt von ihrem heutigen Benehmen ab.“ Fekete ſah dies ein, und machte ſich wenngleich mit ſchwerem Herzen mit Ilia auf den Weg. Er unterſuchte alle Schriften des Abtes, doch er fand nichts als Abhandlungen über Phyſik und unbe⸗ deutende Briefe. Nachdem er drei Stunden lang vergebens geſucht hatte, fand er in dem Schreib— 206 tiſche ein Manuſeript politiſchen Inhalts,— es was der Catechismus des Bürgers und Menſchen. Er legte nun die andern Papiere wieder in dieſelbe Ordnung, in der er ſie gefunden, nahm bloß den Catechismus mit und kehrte in die Wohnung des Kronfiscals zurück. Nemeth erwartete ihn und frug den Eintreten⸗ den:„Domine Frater haben Sie etwas gefunden?“ „Nichts,“ ſagte Fekete,„was im geringſten compromittirend wäre, nichts als eine ungariſche Ueberſetzung von Gerard's Catechisme de la ré- volution. Die Briefe ſind alle unbedeutend, ſeine Correſpondenten habe ich hier verzeichnet, es koſtete mich nicht viel Mühe, es waren der Briefe nicht viele.“ Nömeth nahm das Manuſeript, las aufmerk⸗ ſam einige Minuten darin und ſagte:„Ich gra⸗ tulire Ihnen, Domine Frater, in kurzer Zeit werden Sie wirklicher Fiscal. Jede Seite dieſes Manuſeripts liefert uns Material zu einem Hoch⸗ verrathsprozeß. Dieſe Grundſätze ſind republika⸗ niſch ſie greifen die ungriſche Conſtitutivn in ihren Grundlagen an, und einzelne Ausfälle ſind perſön⸗ 207 lich gegen die regierende Dynaſtie gerichtet. Wir brauchen nichts mehr, ſelbſt die Ausſage des dum⸗ men Schreibers wird überflüſſig, unſerem Zwecke genügt dies Buch. Jedermann der es geleſen hat, ohne eine Anzeige davon zu machen, iſt ein Hoch⸗ verräther.“ „Aber das franzöſiſche Original hat ſelbſt hier eine große Circulation gehabt, die nicht gehindert wurde,“ bemerkte der junge Mann. „Das thut nichts zur Sache,“ ſagte Németh, „franzöſiſch iſt das Buch ein Capitel der Ge⸗ ſchichte unſerer Zeit; daß es überſetzt wurde, iſt ein Beweis, daß es Leute giebt, die dieſe Grund⸗ ſätze guthießen und in Ungarn zu verbreiten ſuch⸗ ten. Das Verbrechen iſt nicht nur vorbereitet, es iſt vollendet, denn der Verſuch des Hochverraths iſt eben ſo ſtrafbar, als wenn er zur Ausführung gekommen wäre. Wir werden ihn zu vereiteln und zu beſtrafen wiſſen. IX. Eine Unterredung. So flach und einförmig die Sandebene von Peſth ſich bis zum Horizont erſtreckt, eben ſo man⸗ nigfaltig iſt die Gegend um Ofen herum. Der majeſtätiſche Spiegel der Donau trennt die Step⸗ pen vom Waldgebirge. Das Thal, das den iſo⸗ lirten Feſtungshügel im Halbkreis umgiebt, iſt nicht breit, in ſanften Wellenlinien erheben ſich rings Weingeländer, und gegen Norden zu werden die Formen der Hügel impoſanter, ſie gehen in ein Rittelgebirge über, mit üppigen Buchenwäldern geſchmückt, aus denen hie und da ſteile Kalkfelſen zackig in die Luft ragen. Das Thal verengt ſich hier immer mehr und mehr, und geht endlich in 209 einen ſchmalen ſteinigen Pfad aus, der ſich durch die Felſen windet. Trotzdem, daß der Weg in der Nähe der Stadt wegen ſeiner Steilheit beinahe unfahrbar wird, iſt dieſe Gegend dennoch der ge⸗ wöhnliche Sonntagsſpaziergang der Bewohner Peſths und Ofens. Ihre Mühe wird auch reichlich be⸗ lohnt durch die wunderſchöne Ausſicht, die von der Höhe ſich darbietet. Unter dem Schatten hundert⸗ jähriger Buchen ſieht man zunächſt das ſchöne Thal vor ſich; weiter in der Ferne die Ofner Feſtung mit ihren Paläſten, unter denen ſich die Donau wie ein breites Silberband am Fuße des Gebirges hinzieht. Wie ein langer ſchmaler Saum ſchließt ſich an den Fluß die Stadt Peſth, und im Hin⸗ tergrunde erſtreckt ſich unabſehbar die Ebene wie ein grünes Meer. Es war Mitte Auguſt, ein ſchöner Sommer⸗ ſonntag. Aus den kleinen Speiſehäuſern, die auf den Gebirgen zerſtreut liegen, erſcholl überall Tanz und Muſik. Im Thal ſah man ſpielende Kinder, Gruppen von Spaziergängern belebten die Anhö⸗ hen. Auch Dr. Koväes war mit Lenke und Louiſe hinausgekommen, um der drückenden Schwüle L. 14 210 Peſths wenigſtens für einige Stunden zu entgehen. Auf dem Wege hatte ſich Szolareſek ihnen an⸗ geſchloſſen, und freute ſich, der Franzöſin die ſchöne Gegend zu zeigen. Doch Madame Raimond hatte, wie die meiſten ihrer Landsleute, kein beſonders ausgebildetes Naturgefühl, und während Lenke in der ihr wohlbekannten Gegend immer neue Schön⸗ heiten entdeckte, fühlte ſich ihre Freundin bald er⸗ müdet. Szolareſek führte ſie daher zu jenem Berg⸗ einſchnitt, wo ein kleines Brunnenhaus ſteht, in dem eine eiskalte klare Quelle aus einem marmor⸗ nen Eberkopfe hervorſprudelt. Die Damen ſetzten ſich hier auf die ſteinerne Bank. Doctor Koväcs entfernte ſich auf einige hundert Schritte, wo eine eigenthümliche Stalactitenformation im Kalkfelſen unter der Quelle ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich ge⸗ zogen hatte, und Louiſe frug, was denn der Eber⸗ kopf bedeute. Szpolareſek erzählte ihr, dies ſei in der Vorzeit der königliche Jagdſtand geweſen, wo König Matthias Corvinus einſt einem gewaltigen Eber eigenhändig den Fang gegeben habe, als die⸗ ſer eben einen Jäger mit ſeinen Hauern bedrohte. Dieſem Eber zu Ehren heiße noch jetzt die Quelle 211 „der Saukopf“ und jene Eiche auf der Höhe die Matthias⸗Eiche.—„Sie müſſen übrigens nicht glauben,“ ſetzte er hinzu,„daß Matthias ſich bloß durch ſeinen Muth und Stärke ausgezeichnet habe. Er war ein Beſchützer der Künſte und Wiſſen⸗ ſchaften, zu ſeiner Zeit war der Hof in Ofen der glänzendſte in Europa, und überſtrahlte bedeutend jenen Ludwig Xl in Pleſſis de Tours. Seine Bibliothek war eine der koſtbarſten, er umgab ſich mit Dichtern und Helden, er pflegte die claſſiſche Gelehrſamkeit während er zu gleicher Zeit die Türken und Böhmen bekämpfte und Wien er⸗ oberte. Und dabei blühte der Handel in ſeinem Reich, ſeine Schatzkammer war ſtets gefüllt, und ſein Volk war glücklich. Unter ſeiner Regierung zahlte der Adel Steuer eben ſo wie der Unade⸗ lige, und er that es ohne Widerſtreben, weil der König nie die Formen der Verfaſſung verletzte, und weil er jene Tugend beſaß, die eigentlich. die einzige Königliche Tugend genannt werden kann, er hatte den Muth unter allen Um⸗ ſtänden gerecht zu ſein! Das Volk verzeiht einem Fürſten jeden Fehler, wenn er nur gerecht 212 iſt, und darum lebt auch noch jetzt das Andenken des Königs Matthias im Volke; noch jetzt finden Sie den Ausdruck im Munde jedes Bauern, wenn er ſich unterdrückt glaubt:„König Matthias iſt todt und mit ihm die Gerechtigkeit!“ Es iſt dies ein unzerſtörbares Monument für ihn, es iſt rin ewiger Vorwurf für alle ſeine Nachfolger; und die Fürſten könnten daraus lernen, daß kein Glanz und kein Ruhm im Stande iſt, die Liebe des Vol⸗ kes zu gewinnen, es ſucht bei ſeinem Könige nichts ſo ſehr als Gerechtigkeit.“ „Sie predigen mit einer ſolchen Salbung,“ bemerkte Lenke lächelnd,„daß ich wirklich wünſchte, die Fürſten würden Sie anhören.“ „Ihr Wunſch iſt erfüllt,“ unterbrach ſie jetzt eine klangvolle Stimme,„ein Fürſt wenigſtens hat zufüllig die Predigt gehört und er wird die⸗ Lection nicht vergeſſen.“ Die Damen ſowohl als Szolareſek ſahen ſich überraſcht um und erkannten zu ihrem größten Erſtaunen den Erzherzog, der von ſeinem Adjutan⸗ ten begleitet, unbemerkt in ihre Nähe gekommen war. „Das iſt ja meine ſchöne Tänzerin von der 213 Soiree bei Baronin Révay,“ rief jetzt der Erz⸗ herzog als er Lenke erblickte.„Sie ſcheinen nicht die beſte Meinung von Fürſten zu haben, vielleicht irren Sie ſich aber doch.“ Lenke war verlegen, ſie ſtammelte eine Ent⸗ ſchuldigung, verbeugte ſich und eilte mit Louiſen und Szolarcſek ſchnell zu ihrem Vater, den ſie in der Ferne erblickten, und der Erzherzog ſagte zu ſeinem Adjutanten, der ihm ein Glas Waſſer von der Quelle brachte:„Unſere Zeit iſt wirklich zu proſaiſch; ich glaubte ſchon ein romantiſches Aben⸗ theuer begegne mir, und da fliehen dieſe hübſchen zwei Geſtalten vor mir, ſobald ſie mich erkennen.“ „Kaiſerliche Hoheit, das iſt ganz natürlich. Nach einer ſo unziemlichen Bemerkung über die Fürſten, wie ſie der junge Mann gemacht hatte,“ bemerkte der Offizier,„dieſe Leute bilden ſich ein, daß der Fürſt ein Beamter des Staates ſei und nicht ihr geborner Herrſcher, deſſen Wille Geſetz iſt.“ „Oberſt Mertens,“ entgegnete ſcherzend der Erzherzog,„Sie vergeſſen, daß Ungarn ein con⸗ ſtitutioneller Staat iſt; dieſe Sprache gehört nach Wien nicht nach Ofen.“ 21¹4 „Warum nicht? unſer Schwert iſt ſcharf genug, um das Corpus Juris zu zerhauen.“ „Ich glaube, es würde dabei ſtumpf werden. Doch es iſt Zeit nach Hauſe zu gehen; laſſen Sie unſere Pferde kommen.“ Der Offizier winkte, ein Reitknecht führte zwei Pferde auf die Anhöhe, und im nächſten Momente galoppirten die Reiter der Stadt zu. Der Erzherzog konnte kaum ſeit einer Stunde zurückgekehrt ſein, als der Kronanwalt durch die Gaſſen Ofens dem Schloſſe zuging. Er trug ſeine gewöhnliche Kleidung; doch der kurze ſilberne Sä⸗ bel, der an dem breiten roth⸗ und goldenen Gür⸗ tel hing, zeigte es, daß ſein Gang ein offizieller ſei. Hinter ihm folgte mit Papieren unter dem Arme, ſein Jurat. Am Thore, wo die Grenadier⸗ wache auf und ab ſpazierte, frug er, ob Seine Kaiſerliche Hoheit der Palatin zu Hauſe ſei, und als die Wache ſeine Frage bejahte, nahm er die Schriften dem Juraten ab und ließ ihn auf dem Hofe warten. Er ſelbſt ging hinauf, trat ins Vor⸗ zimmer, wo der Adjutant des Erzherzogs an einem Stickrahmen am Fenſter ſaß und mühſam ein Deſſin 215 zu einem Fußpolſter ſtickte; eine Beſchäftigung, die bei öſtreichiſchen Offizieren nicht ungewöhnlich war. Nemeth ſagte, er wünſche den Erzherzog in einer wichtigen Angelegenheit zu ſprechen, und der Ad⸗ jutant ging ins Zimmer, wo der Palatin mit Graf Szapauy Schach ſpielte, denn Németh hörte die Worte vornehmlich:„Schach dem König.“— Der Kronanwalt wutde augenblicklich vorgelaſſen. Der Oberſthofmeiſter ſowohl als der Adjutant entfern⸗ ten ſich auf den Wink des Erzherzogs, der auf⸗ geſtanden war und mit freundlicher Herablaſſung frug, was ihm eigentlich zu einer ſo ungewöhn⸗ lichen Zeit den Beſuch des Kronanwaltes verſchaffe. „Kaiſerliche Hoheit,“ ſagte dieſer,„meine Pflicht führt mich hirher, die Pflicht, die Rechte und Si⸗ cherheit des Staates und des Monarchen, unſeres Herrn und Königs zu überwachen und zu ſchützen. Während Kaiſerliche Hoheit ſich mit einem. Spiele unterhalten, in dem man ungeſtraft ausrufen darf: „Schach dem König,“ giebt es Verbrecher im Lande, die nicht im Spiele, ſondern im Ernſt die Majeſtät des Königs angreifen, und hätte dieſer nicht treue Unterthanen, die das ſchändliche Verbrechen durch 216 ihre Wachſamkeit zu vereiteln wiſſen, ſo würde die Sicherheit des Staates gefährdet.“ Der Erzherzog ſah ihn erſtaunt an, doch Né⸗ meth fuhr fort:„Eine furchtbare Verſchwörung hat ſich hier in der Hauptſtadt organiſirt und brei⸗ tet ihre Netze über das ganze Land. Ich war ſo glücklich, ſie zu entdecken, und komme jetzt zu Euer Kaiſerlichen Hoheit, als dem Palatin des Landes, um genaue Anzeige darüber zu machen und darauf anzutragen, daß unverzüglich die nöthigen Maß⸗ regeln zur Ergreifung der Hochverräther genommen werden.“ Der Etzherzog wurde ſehr ernſthaft und frug wieder:„Wer ſind die Verſchwörer?“ „Wer anders,“ war die Antwort,„als jene Theoretiker, die ſtets das Wohl der Menſchheit auf ihren Lippen führen, und dabei ſelbſt vor Mord und Brand nicht zurückſchrecken, wenn ſie auf dieſe Art ihre Abſichten durchführen zu können glauben. Es iſt die franzöſiſche, die joſephiniſche Parthei.“ „Herr Hofrath,“ ſagte der Erzherzog mit Würde, „ich liebe es nicht, wenn das Verbrechen einzelner Individuen, vorausgeſetzt, daß ein ſolches wirklich 2¹7 vorliegt, einer ganzen Parthei zugeſchrieben wird. Sie ſelbſt haben unter Kaiſer Joſeph mit Aus⸗ zeichnung gedient und ſeine Befehle ſtets ausge⸗ führt. Verdächtigen Sie nicht Ihre Collegen von ehemals. Die große Mehrzahl der Beamten Kai⸗ ſer Joſephs waren Männer von Talent und Recht⸗ lichkeit.“ „Kaiſerliche Hoheit ſcheinen meiner Anzeige keine große Wichtigkeit beizulegen, und Ihr edles menſchenfreundliches Herz, von jener Milde durch⸗ drungen, die ſtets dem erlauchten Kaiſerhauſe eigen war, iſt natürlich bereit zu zweifeln an einer Ver⸗ ſchwörung.“ Ja,“ unterbrach ihn der Erzherzog,„ich zweifle daran. Verſchwörungen liegen nicht im Charaeter der Ungarn, deren Treue ſprichwörtlich iſt in Eu⸗ ropa. Sie hängen an den König und an die Conſtitution, und deshalb bringen ſie gern die größten Opfer für den Thron. Doch wenn ihre Rechte verletzt ſind, ſind ſie ſtets bereit ſich offen zu empören, aber nicht zu conſpiriren. Vielleicht liegt auch jetzt ihrer Anzeige einige Uebertreibung zu Grunde. Sie wiſſen es, daß geheime Geſell⸗ 218 ſchaften ein characteriſtiſches Zeichen unſerer Zeit ſind, und daß ſehr oft Männer, die zu erlaubten Zwecken zuſammentreten, ſich aus bloßer Wichtig⸗ thuerei in den Schleier des Geheimniſſes hüllen. Ich hoffe es wird ſich zeigen, daß auch dem jetz⸗ gen Falle nichts Ernſthafteres zu Grunde liegt. Laſſen Sie die Anzeige ſehen.“ „Die Verbrecher,“ ſagte der Kronanwalt, indem er einige Schriften dem Erzherzog überreichte, „haben an Eurer Kaiſerlichen Hoheit einen war— men Advocaten und wahrſcheinlich auch einen mil⸗ den Richter gefunden. Doch in Wien dürfte man die Angelegenheit ernſthafter auffaſſen. Ich habe ein zweites Exemplar dieſer Papiere ſchon heute Nacht an Seine Excellenz den Hofkanzler und an Seine Ercellenz den Grafen Thugut geſandt.“ „Wie, ohne es mir früher mitzutheilen?“ rief der Erzherzog erſtaunt. „Es war keine Zeit zu verlieren, denn das Haupt der Verſchwörung, der Abt Martinovies, iſt in Wien, er muß dort verhaftet werden, ehe er das Schickſal ſeiner Mitſchuldigen hier erfährt.“ Der Erzherzog las raſch die Denunciation Jlia's 219 durch und ſagte:„Iſt dies Alles?— Dieſer Spirtovich ſcheint wahnſinnig zu ſein; denn obgleich ich Martinovies durchaus nicht liebe, und jedes Wagniſſes fähig halte, ſo halte ich ihn doch keines Unſinnes fähig. Peſth zu verbrennen und zu plün⸗ dern! Eine gewaltſame Empörung im Lande zu organiſiren, zu gleicher Zeit gegen den Adel und gegen den Thron! Das iſt ja ſelbſt für die phan⸗ taſtiſche Einbildungskraft Sigray's zu viel! Und der kecke, aber doch ſo ſcharfſichtige Laszkovics, und der biedere Geſchäftsmann Hajnöezy ſollen Theil daran nehmen! Unmöglich. Wenn Sie nichts mehr haben Pomine Magnifice als dieſe einfache Ausſage, ſo dürfte eine Anklage nicht leicht moti⸗ virt werden können.“ „Kaiſerliche Hoheit, wir haben andere Doeu⸗ mente, durch die dieſe Ausſage gerechtfertigt wird. In dem Schreibtiſche des Abtes fand ſich ein ver⸗ ruchtes verderbliches Buch vor, dem er gottesläſter⸗ lich den Namen eines Catechismus zu geben wagte. Es enthält die Grundſätze der Verſchwörer, und niemand wird es je behaupten, daß dieſe dem Cor- pus Juris und dem Pripartitum entlehnt ſind.“ 220 Der Erzherzog blickte in das Manuſeript und ſeine Züge wurden düſter.„Unbeſonnene Toll— köpfe,“ rief er aus,„die es nicht ſehen, daß es vergeblich ſei, die Grundſätze der franzöſiſchen Re⸗ volution durch Bücher einem Volke einzuimpfen, das nicht leſen kann. Sie thun gerade genug, um Verdacht zu erregen und zu erbittern, und ſie arbeiten nicht der Freiheit, ſondern dem Despotis⸗ mus in die Hände.— Sie haben recht,“ fuhr er zum Kronanwalt gewandt fort,„die Ueberſetzung dieſes Buches muß geahndet und deſſen Verbrei⸗ tung unterdrückt werden.“ „Ich habe ſchon die Verhaftsbefehle zur Unter⸗ fertigung mitgebracht,“ ſagte der Kronanwalt.“ „Wie, Verhaftsbefehle? Sollen ſich denn die Angeſchuldigten nicht auf freiem Fuße vertheidigen? Sie wiſſen der 27. Artikel 1723 verordnet, daß ſelbſt im Falle der Nota Infidelitatis der Beſchul⸗ digte nicht vor der Sentenz verhaftet werden dürfe.“ „Kaiſerliche Hoheit, die Klage lautet nicht auf die Nota Infidelitatis, es iſt eine Verſchwörung, alſo ein Majeſtätsverbrechen.“ 221 „Die Strafe, die Sie gegen die Angeſchuldig⸗ ten verlangen, iſt alſo der Tod?“. „Unſere Geſetze kennen keine andere.“ „Nun im ſchlimmſten Falle hat ja die Sep⸗ temviral⸗Tafel das Recht, vom Wort des Geſetzes abzuweichen, und nicht bloß die Gerechtigkeit, ſon⸗ dern auch die Billigkeit zu berückſichtigen,“ ſagte mit einem Seufzer der Erzherzog.„Die Unbeſon⸗ nenheit dieſer Leute iſt groß, aber wahrlich ſie wird ſtreng beſtraft, wenn ſie ihrem Urtheil im Kerker entgegenſehen müſſen, und ſich nicht auf fteiem Fuße vertheidigen können. Geben Sie die Ver⸗ haftsbefehle her, damit ich ſie unterzeichne.“ Nemeth überreichte ihm einen Stoß Papiere. Der Erzherzog ſetzte ſich an den Tiſch, um ſie zu leſen; der Kronanwalt bemerkte aber, ſie ſeien alle gleichlautend. Der Palatin ſetzte nun ſeinen Na⸗ menszug unter das erſte Document und ſagte, in⸗ dem er es Németh zurückgab:„Martinovics, er konnte dieſem Schickſal nicht entgehen, ihn wird es nicht überraſchen; doch er iſt ja in Wien, wie Sie ſagen.“ 222 „Kaiſerliche Hoheit, er kann zurückkommen.“ „Laszkowies,“ ſetzte der Erzherzog fort, indem er wieder unterſchrieb,„er iſt eines beſſern Loſes würdig. Schade, daß er nicht vorſichtiger war.— Graf Sigray,— den Schwachkopf reißt ſeine Phantaſie mit ſich, ich bedaure ſeine Familie;— Hajnoczy, der hat meinem Vater treu gedient. Ich hoffe, ſeine Haft dauert nicht lange, und er wird ſeine Unſchuld beweiſen können.— Szent⸗Mariay! mir unbekannt. Ich höre er iſt ein geſchickter Menſch.— Doch was iſt denn das?“ rief er nun erſtaunt aus,„Sie haben ja noch mehr Verhafts⸗ befehle.“ „Kaiſerliche Hoheit, alle Mitſchuldige.“ „Woher wiſſen Sie es, daß es Mitſchuldige ſind? Ilia Spirtovich, der die traurige Rolle des Denuncianten ſpielt, ſagt ausdrücklich, er erinnere ſich der Namen nicht, die genannt wurden.“ „Alle dieſe ſtehen in Correſpondenz mit dem Abte,“ ſagte Németh,„und wer mit einem Hoch⸗ verräther in Correſpondenz ſteht, iſt ſtets ſo ver⸗ dächtig, daß ſeine zeitweilige Verhaftung gerecht⸗ fertigt erſcheint. Aus dem Unterſuchungsverhöre — — 223 werden wir ſchon ſehen, gegen wen der Prozeß gemacht werden muß und wer als Unſchuldiger entlaſſen werden ſoll.“ Der Erzherzog muſterte die Papiere durch. „Kazinczy!“ rief er aus,„Baeſänyi! Verſeghy! das ſind ja die drei beſten Dichter und Philologen Ungarns. Wollen Sie denn den Kerker zum Sitzungs⸗ ſale der ungriſchen Gelehrten⸗Geſellſchaft machen, von der jetzt ſo oft die Rede iſt? Und hier gar Baron Ladislas Révay! das iſt ja ein Kind und kein Hochverräther. Nein, ich unterſchreibe die Verhaftsbefehle nicht. Ich kann es nicht zugeben, daß die Regierung durch ſolche Maßregeln ſich den Haß der Nation zuziehe und ſich dabei noch lächerlich mache. Eine Regierung, die ſelbſt bart⸗ loſe Jünglinge für gefährlich hält, kann keinen Anſpruch auf die Achtung der Welt machen.“ „Kaiſerliche Hoheit wiſſen was ihre Pflicht iſt, ſo wie ich es weiß, was mir die meinige gebietet,“ entgegnete Németh,„ich muß darauf antragen, daß jedes Attentat gegen die geheiligte Perſon des Monarchen und gegen die Grundgeſetze des Landes mit der Strenge des Geſetzes geahndet werde. 224 Die Exfüllung dieſer Pflicht mag uns manchmal ſchwer fallen; doch ich thue was meines Amtes iſt ohne Rückſicht darauf, ob dies populär ſei oder nicht. Ich darf mich von keinen politiſchen, ſon⸗ dern nur von juridiſchen Gründen leiten laſſen. Die Stellung Eurer Kaiſerlichen Hoheit iſt erha⸗ bener, und ich wage es nicht, in die Frage ein⸗ zugehen, wie weit die Pflicht des Palatins gehe; doch kann ich mein Erſtaunen nicht unterdrücken, daß in einem Falle des Hochverraths Eure Kaiſer⸗ liche Hoheit ſich von Ihrer angebornen Milde ſo weit beherrſchen laſſen, daß ſelbſt eine Unterſchrift von Verhaftsbefehlen verweigert wird, die ich, der Kronanwalt, für die Sicherheit des Staates als unumgänglich nothwendig erachte. Es iſt kein Zweifel mehr, daß die Gefahr größer ſei, als ſie im erſten Augenblick ſchien. Die Verſchwörung iſt wahrſcheinlich ſehr weit verzweigt nach allen Sei⸗ ten, vielleicht nach oben ſo weit, wie nach unten hin. Doch ich überlaſſe es natürlich dem Gut⸗ achten Eurer Kaiſerlichen Hoheit, was in dieſem Augenblick zu thun ſei. In einigen Tagen erhalten wir ohnehin die directen Befehle Sr. Majeſtät.“ 225 Der Erzherzog fühlte die ganze Schärfe der Worte des Kronanwalts, der dieſe im demüthigen Tone geſprochen hatte;— jetzt fil ihm ſein Ge⸗ ſpräch mit Graf Szapany ein— doch in ſeinen Zügen war nicht die geringſte Bewegung bemerk⸗ bar, und er ſagte lächelnd: „Sie ſagen ganz richtig, Herr Hofrath, daß wir in kürzeſter Zeit directe Befehle von Sr. Ma⸗ jeſtät erhalten. In einer ſo wichtigen Angelegen⸗ heit genügt es meiner Anſicht nach, die Anſtifter zu verhaften. Aus ihren Ausſagen wird es ſich ſchon herausſtellen, ob und welche Mitſchuldige ſie hatten. Ich werde meine Gründe Seiner Majeſtät unterbreiten, warum ich mich weigerte die übrigen Verhaftsbefehle zu unterſchreiben. Sie wiſſen, ich liebe das Syſtem der Sporteln und Accidenzien nicht, und bei einer Anklage auf Hochverrath, wo die Verhaftung jedem gerichtlichen Verfahren vor⸗ angeht, werden dieſe ſich leicht auf große Summen belaufen. Ihre Wachſamkeit, Herr Hofrath, kann Ihrem Privatintereſſe eben ſo förderlich ſein wie jenem des Staates!“ Nömeth hätte gern noch geantwortet, er fühle . 15 226 ſich glücklich, daß ſein Intereſſe nie mit jenem des Staates in Widerſpruch gerathe. Doch der Erz⸗ herzog nickte trocken mit dem Kopfe und trat einen Schritt zurück, zum Zeichen, daß die Audienz zu Ende ſei. Der Kronanwalt ſchwieg daher, ver⸗ beugte ſich tief und entfernte ſich. Als er gegan⸗ gen war, trat Graf Szapany wieder ins Zimmer. Der Erzherzog ging ihm entgegen und drückte ihm die Hand. „Sie hatten recht mein lieber Graf, daß die Miniſter in Wien und ihre Wohldiener hier in Ofen mich verdächtigen. Ich hatte ſo eben den Beweis davon. Das unbeſonnene Benehmen des Abtes von Szäszvär und ſeiner Freunde haben dem Kronanwalt Gelegenheit gegeben, mit einer Hochverraths⸗Klage aufzutreten, und er hat jetzt die Abſicht alle bedeutenden Leute des Landes hinein zu verwickeln, um ein Löſegeld von ihnen zu er⸗ preſſen. Sie kennen ja den ſelbſtſüchtigen habgie⸗ rigen Character Némeths. Ich ſah dies gleich ein, als er mir die Verhaftsbefehle vorlegte. Ich unterſchrieb daher nur fünf derſelben, obgleich ich auch dieſe nicht für hinlänglich gerechtfertigt hielt. 227 Doch was ſollte ich thun? Man wird es mir in Wien übel genug nehmen, daß ich nicht alle fünf⸗ undzwanzig unterſchrieb. Und als ich mich wei⸗ gerte, mich zum Werkzeug der Habſucht Némeths herzugeben, hatte er die Keckheit zu ſagen, die Ver⸗ ſchwörung ſcheine ihre Verzweigungen auch nach oben zu haben. Natürlich antwortete ich in einer Art, daß er ſehen mußte, ich kenne ſeinen Plan. Der Elende wagte keine Erwiederung und ging.“ „Und Kaiſerliche Hoheit haben nun einen Feind mehr, der in Wien gegen uns intriguirt und Miß⸗ trauen ſäet. Es iſt nichts gefährlicher als einen Böſewicht zu entlarven, wenn man nicht die Macht hat, ihn zu verderben. Ich bin um die Zukunft beſorgt,“ ſagte der Graf. „Auch ich,“ bemerkte der Erzherzog.„Dieſer kalte glatte Thugut wird die Gelegenheit ergreifen, den Kaiſer auf der Bahn der Reaction noch wei⸗ ter mit ſich zu reißen. Das Gemüth meines Bru⸗ ders iſt ja ſtets dem Mißtrauen offen. Thugut wird ihn jetzt mit Verſchwörungen ſchrecken, er wird den Umſtand ausbeuten, daß in Wien der Dichter Prandſtedter und der Profeſſor Riedl, und 1 228 hier auch einige Schriftſteller mehr oder minder compromittirt ſind. Er wird es dem Kaiſer be⸗ weiſen, die Aufklärung, die Wiſſenſchaft, der öffent⸗ liche Unterricht ſeien die Urſachen der Revolution, und alles was mein Oheim und Vater gethan haben für die intellectuelle Bildung ihrer Völker, alles dies wird jetzt ſoſtematiſch zerſtört werden. Man wird ſagen, der Staat brauche keine Gelehr⸗ ten, ſondern gute Bürger, man wird den Landtag und die Comitatsverſammlungen unterdrücken und Schritt vor Schritt auf die Verdummung des Vol⸗ kes hinarbeiten. Was ſoll das Ende davon wer⸗ den!“ „Wir können uns dem Strome nicht entgegen⸗ ſtemmen,“ erwiederte Szapany,„und müſſen ge⸗ ſchehen laſſen was nicht zu ändern iſt. Aber ich fürchte für die Perſon, oder wenigſtens für die Stellung Eurer Kaiſerlichen Hoheit. Thugut kennt den Gegenſatz zwiſchen dem Conſtitutionalismus Ungarns und dem Abſolutismus Oeſtreichs. Beide Syſteme können nicht neben einander beſtehen. Ent⸗ weder muß Ungarn die unumſchränkte Gewalt des Kaiſers anerkennen, oder Oeſtreich muß conſtitu⸗ 229 tionell werden. Das letztere will man in Wien nicht, und ſucht nun ſeit dreihundert Jahren das erſtere durchzuführen. Der Palatin aber iſt ſeiner Stellung zufolge der Repräſentant der Conſtitution, wie der Haus⸗ Hof⸗ und Staatskanzler in Wien jener des Abſolutismus iſt. Wir können Thugut nicht ſtürzen, und ſo wird er uns verderben, wenn ſich Eure Kaiſerliche Hoheit offen für Ungarn und den Fortſchritt ausſprechen. Nur ein fortwähren⸗ des Laviren, ein anſcheinendes Eingehen in die unconſtitutionellen Anſichten der Wiener, das aber der Ausführung ſtets praetiſche Schwierigkeiten in den Weg legt, nur das Syſtem des Verſchiebens und Vertagens iſt in der Palatinsſtelle anwendbar, nicht jenes des voffenen prinzipiellen Widerſtandes, — die Zeit thut dann das ihrige. Kaiſerliche Hoheit lieben keine Rückſtände, und arbeiten fleißig jeden Gegenſtand auf. Dies iſt ein ſeltener Vor⸗ zug eines untergeordneten Beamten, während es in ſo hoher Stellung vielleicht ein Fehler iſt. Né⸗ meth iſt in Folge der heutigen Unterredung unſer offener Feind geworden. Hätten Kaiſerliche Hoheit ihn angehört, ohne ein Wort der Billigung oder 230 Mißbilligung zu äußern; hätten Sie ihm geſagt, daß Sie die Papiere noch ſorgfältig und aufmerk⸗ ſam durchſtudiren wollen, und hätten Sie Ihre allerhöchſte Zufriedenheit über ſeine Wachſamkeit ausgedrückt, ſo wäre zunächſt Zeit gewonnen, und Kaiſerliche Hoheit hätten keine Gehäſſigkeit durch die Unterzeichnung der Verhaftsbefehle auf ſich ge⸗ laden. Morgen werden ohnehin die Inſtructionen aus Wien angelangt ſein, und die Verantwort⸗ lichkeit nach oben ſowohl als nach unten fiele von ſelbſt weg.“ „Sie haben recht, wie Sie es immer haben,“ rief der Erzherzog gerührt, Sie ſind mein wahrer Freund. Doch was kann ich denn dafür, daß ich ſtets offen bin, daß ich nicht falſch ſein kann. Die Aufrichtigkeit und Geradheit wird mich freilich noch zu Grunde richten.“ Der Graf kannte zwar den Erzherzog, und wußte, daß die Aufrichtigkeit nicht gerade eine ſei⸗ ner Haupteigenſchaften war. Doch er war dem liebenswürdigen Prinzen wirklich zugethan, und er nahm dieſe Aufwallung jugendlicher Gefühle für 1 231 völlige Wahrheit; er antwortete daher aus vollem Herzen: „Kaiſerliche Hoheit können unter jeglichen Ver⸗ hältniſſen unbedingt auf mich zählen.“ Der Erzherzog zog jetzt ſeine Uhr heraus. „Acht Uhr,“ ſagte er,„die Nacht bricht ein, und wir vergeſſen beinahe, daß das Feuerwerk im Gar⸗ ten fertig iſt, ich habe eine ganze Woche daran gearbeitet. Gehen wir Graf, es wird ſich wie ich glaube, ſehr gut ausnehmen. Thugut mag es ſe⸗ hen, daß ich die„Entdeckung einer Verſchwörung“ und„die Rettung der Geſellſchaft“ würdig zu fei⸗ ern verſtehe.“ Als die erſte Rakete aus den Gebüſchen des erzherzoglichen Gartens am Nachthimmel ziſchend emporflog, verſammelte ſich das Volk an beiden Seiten der Donau. Jedermann kannte die Lieb⸗ haberei des Erzherzogs und den Geſchmack, mit dem er das Farbenſpiel der Flammenbüſchel der Art zu benutzen verſtand, daß bald eine Parthie des Gartens, bald die alten Gemäuer des corvi⸗ niſchen Königspalaſtes und dann wieder die neue 232 Burg, wie durch einen Zauberſchlag beleuchtet aus der Finſterniß heraustraten, und den maleriſchen Effect des Feuerwerks erhöhten. So vft daher die Raketen aus dem Garten aufflogen, kamen die Bewohner Ofens und Peſths ans Donauufer, um das Schauſpiel zu bewundern. Sigray fehlte bei ſolchen Gelegenheiten nie. Er war ein um ſo competenterer Richter, als er bei ſeinem Talente als Maler ſelbſt auch gern Feuerwerk machte. Mitten unter der ſchauluſtigen Menge ſaß er zu Pferde neben einem offenen Wagen, in dem einige Damen von dem Sitze aufgeſtanden waren, um die letzte Fronte zu bewundern, und erplicirte ihnen die Schönheiten des Schauſpiels, das die Feſtung Ofen im Kleinen vorſtellte, in dem Momente, wo ſie von den Kaiſerlichen Truppen eingenommen, und der große Pulverthurm von den Türken in die Luft geſprengt wird. Doch plötzlich drängte ſich ein junger Menſch an ihn und rief halblaut: „Catilina“. Sigray beugte ſich vom Pferde hinab und erkannte trotz des Dunkels den jungen Hir⸗ geiſt, der ihm die Worte zuflüſterte:„So eben wird Laczkovies und Szent⸗Mariay verhaftet.“— S iti 233 Der Graf erſchrak augenſcheinlich, doch ehe er den jungen Mann um weitere Details fragen konnte, war dieſer verſchwunden. Ohne ein Wort des Abſchiedes den Damen zu ſagen, gab er ſeinem Pferde die Sporen, das ſich mit einem Satze eine Bahn durch die Zuſchauer brach, und eilte im Car⸗ riere längs der Donau auf der Wiener Straße fort, ohne daß es ihm ſelbſt klar geworden wäre, warum. Wollte er flüchten, ſo hätte er den Weg nach der Türkei nehmen müſſen; in der Ebene von Unterungarn konnte er leichter den Nachſuchungen der Juſtiz entgehen, und über der Donau war er ſicher. Doch inſtinctmäßig ging er hin, wo er Mar⸗ tinovies wußte. Er hatte ein ſolches Vertrauen in den Abt geſetzt, daß er ſich ſicher glaubte in deſſen Nähe. Doch als er gegen Morgen die Sta⸗ tion Neudorf erreichte, wo ſein Pferd vor Müdig⸗ keit nicht mehr fort konnte, nahm er erſt wahr, daß er in ſeinem erſten Schrecken vergeſſen hatte, ſich mit Geld zu verſehen. Er hatte nicht ſo viel in der Taſche, daß er damit die Poſt nach Wien hätte bezahlen können. Sein Pferd wollte er nicht verkaufen, denn das hätte gleich Verdacht erregt. 234 Er ſchloß ſich daher im Wirtshaus in einem Zim⸗ mer ein und grübelte darüber, was zu thun ſei. Um Mittag klopfte der Wirth an die Thüre und meldete, das Eſſen ſei bereit. Sigray kam ins Gaſtzimmer und hatte ſich kaum zu Tiſche ge⸗ ſetzt, als ein neuer Gaſt in das Zimmer trat, ein Kaufmann, der Geſchäfte halber nach Peſth reiſte. „Herr Wirth,“ rief dieſer,„kann ich ſchnell ein Mittagmal bekommen? Ich eile und kann nicht länger warten, als bis die Bauernpoſt umgeſpannt hat.“ „Euer Gnaden, Suppe und Rindfleiſch mit Paradiesſauce und kleinen Gurken iſt fertig, ein Huhn iſt gleich gebraten, und wir haben gutes Kraut mit Würſte.“ „Nur ſchnell,“ ſagte der Kaufmann,„ich nehme alles, aber ich muß eilen.“ „Was giebts denn neues in Wien?“ frug Sigray, der an der Ausſprache und dem Appetite des Fremden es gleich erkannte, es ſei ein Wiener. „Gar nichts,“ antwortete dieſer. Die ganze Welt iſt jetzt auf dem Lande und das Burgtheater iſt leer. Es giebt jetzt kein Concert, keine Unter⸗ 235 haltung in der Stadt; man iſt froh, wenn man ſie im Rücken hat.“ „Hat es denn kein Aufſehen gemacht,“ fuhr der Graf fort,„daß Prandſtedter und ſeine Genoſ⸗ ſen verhaftet worden?“ „Ja man ſieht es gleich,“ ſagte der Kaufmann, „daß die Herren Ungarn freier ſind als die Wie⸗ ner; man zahlt hier keine Verzehrungsſteuer, der Wein und Tabak iſt wohlfeil und man kann ſpre⸗ chen wie einem der Schnabel gewachſen iſt. Bei uns hat niemand den Muth, den Namen irgend Jemandes zu nennen, der verhaftet worden iſt.“ „Aber Prandſtedter war ja Magiſtratsrath, er iſt doch eine wichtigere Perſon in der Stadt geweſen.“ „Larifari,“ ſagte der Kaufmann,„ich habs gar nicht gewußt, daß er Magiſtratsrath war. So ein Magiſtratsrath hat übrigens nichts zu bedeuten, uns geht nur der Bürgermeiſter und der Stadt⸗ hauptmann an, denn dieſe ſtehen unmittelbar unter dem Polizeiminiſter.— Schauts, ſchauts, alſo der Prandſtedter war Magiſtratsrath! Wie hat der ſo dumm ſein können, ſich in Politik zu miſchen, wenn er eine gute Stelle hatte! Geſchieht ihm recht, warum 236 miſcht er ſich in Sachen, die ihn nichts angehen? Er war aber auch ſo ein Schriftſteller; dieſe Tin⸗ tenklekſer geben halt keine Ruh.“ „Hat man denn außer ihm viele Andere verhaftet?“ „Wer kann das wiſſen? Wir Wiener kümmern uns um ſo etwas wenig. Wir machen keinen Lärm, wenn jemand ins Loch geſperrt wird, wir ſind keine ſolche Schreier wie die Herren Ungarn. Sie werden jetzt auch wieder einen Lärm machen, wenn ſie erfahren, daß man geſtern um Mittag einen vornehmen ungriſchen Herrn eingeſperrt hat, der beim wilden Mann abgeſtiegen war.“ „Wie heißt er?“ frug der Graf und wurde blaß. „Ich weiß nicht,“ war die Antwort,„ſie haben ja alle ſolche Namen, die man nicht ausſprechen kann, aber es war ein geiſtlicher Herr.“ Sigray ſtand jetzt auf, zahlte ſeine Rechnung, ließ ſein Pferd ſatteln und ritt langſam und ge⸗ dankenvoll nach Ofen zurück. Martinovics war alſo auch verhaftet! Es war beinahe Mitternacht, als er nach Hauſe gekommen war. Sein Diener 237 ſagte ihm, der Königliche Fiscal Herr von Fekete hätte ihn geſucht, und habe ſeine ſämmtlichen Pa⸗ piere verſiegelt. Der Graf gab den Befehl ſchnell anzuſpannen, raſirte ſeinen Bart, verkleidete ſich als Frau und fuhr fort gegen Raab zu, wo ſeine Familie ſich befand. Auf dem Wege änderte er aber nochmals ſeinen Plan. Er fuhr nach Wesz⸗ prim in das Franziskanerkloſter und verlangte vom Guardian ein Aſhl, doch die Vorſichtsmaßregeln, die er genommen hatte, waren ſo ſchlecht combinirt, daß man es gleich erfuhr, wo er verborgen ſei. Kaum war er zwei Tage lang in Weszprim ge⸗ weſen, als er im Kloſter verhaftet wurde. X. Eine Vorleſung über Mädchenerziehung. . Die Nachricht von den Verhaftungen verbrei⸗ tete ſich mit Blitzesſchnelle und erfüllte die Haupt⸗ ſtadt mit Schrecken. Man fühlte es allgemein, daß die Reaction ſich mit wenigen Opfern nicht begnügen werde, und man konnte nicht wiſſen, wie weit ſie gehen wollte, denn man ahnte es, daß gegen die Willkühr kein Geſetz Schranken biete. Die Aufhebung der Conſtitution unter Joſeph war noch in der Erinnerung von jedermann lebendig, und wenn das Grundgeſetz ſelbſt ungeſtraft verletzt werden konnte, boten auch alle privatrechtlichen Geſetze des Corpus Juris keine Garantie mehr. Doch während die ganze Bevölkerung Peſths und 239 Ofens mit Angſt und Unruhe neuen Verhaftun⸗ gen entgegenſah, wußten die Bewohner des Koväes'⸗ ſchen Hauſes nichts von jener Agitation, die in der Stadt herrſchte; der Doctor ging nie in Ge⸗ d hatte wenig Verbindungen in der ine Patienten waren Arme, die ſich nicht öffentlichen Dinge kümmerten, ückte ſie natürlich politiſchen An⸗ un das Verbrechen des Hochver⸗ raths it ſene Ratur nach nicht das Verbrechen der Armen und Unwiſſenden, ſondern der Mittel⸗ klaſſen und der Ariſtocratie. Ohne zu ahnen, welches Schickſal denjenigen bedrohe, der ihrem Herzen am nächſten ſtand, ſaßen Louiſe und Lenke am Arbeitstiſche in dem Land⸗ hauſe, Lenke beſchäftigt mit bunter Wolle eine Decke * für Herrn Décamps zu ſticken, während Madame Raimond mit künſtleriſchem Geſchmack einen rei⸗ zenden Blumenkranz aus künſtlichen Blumen wand, um Lenke damit zu ſchmücken. Es war ein lieblicher Anblick, die zwei Frauen⸗ geſtalten nebeneinander zu ſehen; Lenke mit dem blonden Haare und dem zarten Teint, der ſo leicht 240 erröthete, und die ſchärfer ausgeprägten blaſſen Züge der Franzöſin, von dunklen reichen Haaren umſchattet. Und wie in ihren Zügen ſprachen ſich ihre beiderſeitigen Charactere auch in ihrem Ge⸗ ſpräche aus; Lenke war wie gewöhnlich zurückhal⸗ tend und ſtill, doch wenn ſie ſprach, erfüllte ihre klangvolle Bruſiſtimme ſtets mit der Ueberzeugung, daß jedes Wort, das ſie ſagte, der Ausdruck ihres Gefühles ſei, während Louiſe gern und viel plau⸗ derte. Das Sprechen war ihr eben ſo ſehr Be⸗ dürfniß, wie ihrer Freundin das Denken.„Es iſt wirklich ſonderbar,“ ſagte ſie,„wie viel Freiheit die Sitte Euch ungriſchen Mädchen gönnt. Du beſuchſt ſo oft Du willſt Deine Freundinnen, das Haus Deines Vaters iſt offen für jeden jungen Mann, der zu derſelben Geſellſchaft gehört, in der Du Dich bewegſt, ich glaube, Dein Vater kümmert ſich nicht darum, ob und mit wem Du in Brief⸗ wechſel ſtehſt, er öffnet nicht einmal die Briefe, die unter Deiner Adreſſe einlaufen, er fragt höchſtens wer Dir geſchrieben.“ „Aber würdeſt denn Du es nicht ſehr unrecht finden,“ erwiederte Lenke, wenn ein Brief, der unter 241 meiner Adreſſe kommt, der alſo mein Eigenthum iſt, durch irgend jemand geöffnet würde, und wäre es ſelbſt mein Vater,— könnte er denn Mißtrauen in mich ſetzen? Ich ſage es ihm ſtets, wer mir ſchreibt und was man mir ſchreibt, ich habe keine Geheimniſſe vor ihm. Wie könnte ich aber Ver⸗ trauen zu ihm haben, wenn er mir nicht mit dem⸗ ſelben begegnete. Seit meiner Kindheit war ich gewohnt, ihm alles ſtets zu ſagen, was mein Herz drückte, oder was ich wünſchte, meine Mutter habe ich leider nicht gekannt, ſie ſtarb als ich noch in der Wiege lag, und Vater iſt ſo gut, daß er trotz ſeiner ernſten Beſchäftigungen doch gern meinem kindiſchen Geſchwätz ein freundliches Ohr lich. Er war mein Lehrer und unterrichtete mich in den Wiſſenſchaften, während ich von einer alten Er⸗ zieherin Sprachen, Muſik und weibliche Arbeiten lernte. Ich liebe ihn als meinen Vater und Leh⸗ rer, er iſt mein treuer Freund, dem ich gern jeden Gedanken mittheile.“ „Jeden?“ frug Louiſe ſchalkhaft. Lenke erröthete und ſagte:„Jeden ſobald er mich darum fragt; und hätte ich einen, den ich . 16 242 nicht wagte ihm mitzutheilen, ſo wüßte ich, es ſei ein ſündhafter Gedanke, und ich würde ihn aus mei⸗ nem Kopfe und meinem Herzen verbannen.“ „Lenke, Du biſt wirklich ein gutes Mädchen,“ rief jetzt Louiſe und reichte ihr die Hand über den Arbeitstiſch,„ich muß geſtehen, ein ſolches Ver⸗ hältniß zwiſchen Eltern und Kindern muß beglük⸗ kend ſein, obgleich ich kaum begreife, wie es be⸗ ſtehen kann.“ „Findet denn bei Euch in Frankreich ein an⸗ deres Verhältniß ſtatt?“ „Deine Frage iſt wirklich naiv,“ antwortete Madame Raimond und lachte,„die Geſellſchaft in Paris iſt eine künſtliche, unſere Civiliſation, unſere Art zu leben iſt eine andere als die hieſige. Ich ſehe Jean Jacque Rouſſeau hatte recht, daß die höhere Cultur die Summe des Glückes ſtets ver⸗ mindert.— Bei uns giebt es kein häusliches Leben, die Berufsgeſchäfte füllen jede Stunde des Tages bei unſern Männern, und am Abend muß man ſich amuſiren. Man geht ins Theater, ins Concert oder in eine Soirée, wo man geiſtreich * ſein muß, wer hätte da die Zeit, ſich mit der Er⸗ 243 ziehung der Kinder zu beſchäftigen. Und dann paſſen unſere Soiréen nicht beſonders für junge Mädchen. Es giebt keine Seite des Lebens und der Wiſſenſchaften, über die nicht mit der größten Freiheit geſprochen würde. Religion und geſell⸗ ſchaftliche Inſtitutionen werden bei uns nicht wie bei Euch mit jenem Gefühle ehrfurchtsvoller Scheu betrachtet, durch welches ſie aufhören Gegenſtände der Converſation zu ſein; mit Geiſt und Freiheit darf man über alles reden; ein geiſtreicher Fran⸗ zoſe kennt nur eine Schranke, die er nie über⸗ ſchreiten darf, die, langweilig zu werden, darum berühren wir auch nur die Oberfläche der Dinge, wir dringen nicht leicht in ſie ein. Doch dieſe Leichtigkeit iſt nur den Franzoſen gegeben, ſie macht die Kreiſe unſerer Geſellſchaft zum unnachahmlichen Modell für die ganze Welt, ſie ſichert dem fran⸗ zöſiſchen Geiſt ſeine Suprematie. Und doch fühle ich es, daß Verhältniſſe, wie wir ſie in Ländern finden, die in der Bildung nicht ſo weit vorge⸗ ſchritten ſind, wie Frankreich, weit mehr indivi⸗ duelles Glück mit ſich führen. Doch der Größe und dem Ruhme unſerer Nation bringt gern jeder 16 244 Einzelne ein Opfer. Daher ahnt es auch kein Fremder, wie viele gebrochene Herzen noch vor der Revolution in der heitern franzöſiſchen Geſellſchaft verbluteten. Eure Unterhaltungen ſind langweili⸗ ger, aber Ihr ſeid glücklicher,“ und Madame Rai⸗ mond ſeufzte bei dieſen Worten. „Das iſt mir wirklich unbegreiflich,“ meinte Lenke.„Du liebſt ja Deinen Vater eben ſo ſehr wie ich den meinigen, Du haſt Dein Vaterland verlaſſen und lebſt unter Fremden, bloß um ſeine traurige Lage zu erleichtern, ſollte denn nicht das⸗ ſelbe Verhältniß zwiſchen Euch herrſchen, wie zwi⸗ ſchen mir und meinem Vater?“ „Ich habe es Dir ſchon geſagt, liebe Lenke, bei uns ruht die Geſellſchaft auf anderen Baſen, wie bei Euch. Ich glaube, bei Euch findet man es noch häufig, daß Damen ihre Kinder gleich den wilden Rothhäuten oder Mohren ſelbſt nähren. Bei uns übergiebt man das Kind gleich nach der Geburt einer ſtarken Amme, die es aus der ſchlech⸗ ten Athmosphäre der Hauptſtadt aufs Land nimmt, und uns das unangenehme Kindergeſchrei im Hauſe erſpart, man läßt es dort bis es entwöhnt iſt, 245 und holt es erſt ab, wenn es ſprechen und gehen gelernt hat.“ „Aber da kennt ja das Kind ſeine eigenen El⸗ tern nicht,“ rief Lenke erſtaunt. „Freilich weint es ein bischen, wenn es ſeine Amme verläßt, doch man giebt ihm einige Bon⸗ bons und es gewöhnt ſich ſehr bald an ſeine neue Lage. Bis zum ſiebenten oder achten Jahre blei⸗ ben die Kinder im Hauſe der Eltern unter der Obhut einer guten Bonne, die mit ihnen ſpielt und ausgeht. Zum Deſert werden ſie ins Speiſe⸗ zimmer gebracht, nett gekleidet und die Haare in ſchöne Locken geordnet, und die Eltern ſind ſtolz auf die Schönheit ihrer Kinder, die wirklich aus⸗ ſehen, wie kleine lebendige Puppen. Ich war immer lebhaft und weinte ſtets, wenn man mich um fünf Uhr anzog und die Haare brannte, um zu Papa und Mama zu gehen;— in den ſchönen Kleidern durfte ich nicht auf der Erde und unter dem Tiſche herumkriechen, aber dafür erhielt ich auch regel⸗ mäßig Mandeln und Roſinen oder Obſt von den Eltern, und tröſtete mich bald über meine langen Locken, mit denen ich an jedem Stuhl hängen blieb, 246 wenn ich im Zimmer herumſprang.— Später kommen die Knaben ins College und die Mädchen werden zur Erziehung ins Kloſter gegeben.“ „Das muß ja eine furchtbare Exiſtenz ſein, hohe Mauern, vergitterte Fenſter und der ewige Anblick von Geſchöpfen, die mit ihrem Schickſal unzufrie⸗ den ſind, wie muß das das weiche Herz des Kin⸗ des froſtig zuſammenziehen und ſeine Gefühle ver⸗ letzen.“ „Da ſieht man gleich die kleine Hugenottin!“ rief Louiſe aus,„ihr Proteſtanten glaubt wirklich, daß ein Kloſter nichts anderes ſei als ein Kerker, und jede Nonne ein unglückliches Opfer der Pfaf⸗ fenintriguen, das ſich nach Befreiung ſehnt. Ich muß geſtehen, ich habe im Kloſter viele angenehme Stunden verlebt, und noch jetzt überfällt mich manchmal eine Sehnſucht darnach. Wir waren dort an fünfundzwanzig bis dreißig muntere Mäd⸗ chen von jedem Alter von acht bis zu ſechzehn Jahren, wir unterhielten uns und ſchäkerten den ganzen Tag, und kümmerten uns nicht viel um die hohe Mauer, die das Kloſter umſchloß, denn der Garten war groß genug, um darin zu ſpielen. 247 Jede von uns hatte ein kleines Blumenbeet, das ſie ſelbſt bearbeitete, in dem ſie Blumen pflegte und ſie begoß, und wenn ſie aufgeblüht waren, banden wir Kränze und hingen ſie in der Kloſter⸗ kirche um die Altäre und die Heiligenbilder, und welche die Blumen am geſchmackvollſten ordnete, der wurde die Auszeichnung gewährt, daß ſie die Statue der heiligen Jungfrau bekränzen durfte. Nit dem Lernen wurden wir nicht viel geplagt; den Catechismus wußten wir natürlich auswendig, wir lernten heilige Melodien ſingen, und freuten uns, wenn am Gründonnerſtage die Kloſterkirche bei dem Miſerere ganz voll wurde, und ſich geßen den Chor wandte, wo wir ſangen⸗ Im Rechnen, in der Geographie und franzöſiſchen Sprache un⸗ terrichteten uns die Nonnen und unſer Beichtvater, ein freundlicher alter Mönch, der uns ſtets Bon⸗ bons unter der Kutte mitbrachte und ſie verſtohlen unter uns austheilte, kam wöchentlich zweimal zum Religionsunterricht; er trug auch die Weltgeſchichte vor, natürlich behandelte er die bibliſche Geſchichte ſehr ausführlich, ich kannte die Reihenfolge der Könige von Juda und Samaria weit beſſer, als 248 die franzöſiſchen, und während wir nie von Agnes Sorel oder Madame Maintenon etwas gehört hatten, kannten wir die Geſchichte des Athalis und Jeſabel auf das genaueſte, obgleich dies auch nicht erbaulich iſt. Er erzählte uns ohne Scheu, daß der weiſe König Salomo dreihundert Weiber ge⸗ habt habe, es ſtand ja in dem Handbuch, aus dem wir lernten, und als eine von uns, vorwitziger als wir andere, frug, wie denn das möglich ſei, ſagte er ohne verlegen zu werden: es waren ſeine Hof⸗ damen.— Von Ludwig XIV aber und XV lern⸗ ten wir, daß es die größten, tugendhafteſten und gütigſten Monarchen geweſen geweſen ſeien, die je geherrſcht haben. Die Hauptſache aber, die uns die Nonnen lehrten, war, daß die Welt durch und durch verderbt ſei, daß außerhalb des Kloſters das Laſter und die Sünde herrſchen, und daß es Jenen, die in der Welt leben, ſelten gelinge, der ewigen Verdammung zu entgehen. Die Gelegenheit zu ſündigen, ſagten ſie, ſei ſo häufig, daß ſelbſt die Beſten den Verſuchungen des Teufels kaum wider⸗ ſtehen könnten, und die Gebote der Kirche verletz⸗ ten. Kaum ein Mädchen könne z. B. im Hauſe 249 ihrer Eltern das Faſtgebot ſtreng halten, oder dem Beſuche von Bällen und Theatern ausweichen. Sie lehrten uns aber, ſelbſt dieſe Sünde würde uns vergeben, wenn wir ſie nur ſtets dem Beicht⸗ vater beichteten, und unbedingtes Vertrauen in ihn ſetzten, er allein könne uns ſtets Rath erthei⸗ len, wie wir unſere Pflichten gegen unſere Eltern oder ſpäter, wenn wir heirathen ſollten, gegen un⸗ ſere Männer mit jenen, die uns unſer Seelenheil auferlegt, vereinigen können. Doch jene, die in ruhiger Abgeſchiedenheit ihre Laufbahn, entfernt von den Verſuchungen und den Sorgen der Welt im Kloſter fortſetzen können, die ſeien freilich glück⸗ licher; ihre Seele ſei gerettet und ihr Daſein gleiche dem ruhigen Laufe des Bächleins, das kryſtallrein durch den Garten floß. Es war keine unter uns, die ſich nicht durch das Kloſterleben angezogen fühlte, und jede verſprach es, daß ſie ſicher alles bei ihrer Familie anwenden würde, damit man ihr erlaube, das Nonnengelübde abzulegen. Mehrere von uns erhielten auch dieſe Erlaubniß, meiſtens die, die viele Geſchwiſter hatten und nicht ſchön waren. Ihre Familien waren zufrieden, ſie verſorgt * 250 zu haben, und zahlten gern jenes Capital, das jede Braut des Himmels ins Kloſter mitbringen mußte, und das doch ſelten größer war, als ihre Ausſteuer im Falle einer Heirath geweſen wäre.“ „Im Kloſter erzogen, ohne je in der Welt ge⸗ weſen zu ſein, wurden ſie nun ſelbſt Erzieherin, und wir bemerkten es, daß gerade jene Nonnen, die ſeit ihrer Kindheit das Kloſter nicht verlaſſen hatten, am heftigſten gegen die Verderbtheit der Welt ſprachen, während andere, die nach bitteren Erfahrungen erſt ſpät Ruhe und Einſamkeit in der Kloſterzelle ſuchten, bei weitem weniger darüber ſagten, und ihren Ermahnungen über das Glück des Nonnenlebens oft die Bemerkung beifügten: Ihr könnt übrigens auch in der Geſellſchaft glück⸗ lich werden und doch gut bleiben, wachet und betet, damit ihr nicht in Anfechtung fallet.“ „Liebe Louiſe,“ ſagte jetzt Lenke,„trotz alledem muß es doch recht langweilig im geweſen ſein.“ „Nicht doch,“ erwiederte die Franzöſin,„wir hatten manche Unterhaltung. Die jährlichen Prü⸗ fungen waren Feſte für uns. In weißen Kleidern 251 ſaßen wir da, unſere Eltern und Vormünder hör⸗ ten zu, ſich an unſeren Antworten erfreuend, Preiſe wurden ausgetheilt, diejenigen, die ſich durch ihre Folgſamkeit und Frömmigkeit ausgezeichnet hatten, wurden zu Blles de Marie ernannt, und wir glaubten dann unter der ſpeziellen Protection der heiligen Jungfran zu ſtehen; dann erhielten wir noch andere Decorationen, ich ſelbſt war grand cordon de sagesse und trug ein hellblaues brei⸗ tes Band en bandoulière über dem Kleide, mit einem emaillirten Marienbilde daran. Unſere El⸗ tern hatten eine unendliche Freude darüber, und überhäuften uns mit Geſchenken, und am Abend war ein großer Ball.“ „Im Kloſter.“ „Ja freilich, doch tanzten wir S mit Her⸗ ren, ſondern unter einander. Dann hatten wir noch mehrere andere Unterhaltungen. Von Zeit zu Zeit kamen frühere Geſpielinnen von uns, die bei ihrem Austritt aus dem Kloſter geheirathet hatten, zum Beſuch, doch ſie blieben gewöhnlich mit den Nonnen, und die Aebtiſſin ließ ſie nie allein mit uns, wir hatten daher nicht die Gele⸗ genheit zu fragen, wie es denn eigentlich in der Welt ausſehe, obgleich dies unſere Neugier unauf⸗ hörlich beſchäftigte. Aber ein ſolcher Beſuch freute uns doch ſtets, man ſah wenigſtens einen Anzug nach der neueſten Mode, denn eitel waren wir alle, und ich glaube, die Bräute des Himmels würden ſich ſehr vermehren, wenn es eine Ordens⸗ rregel gäbe, die es vorſchriebe, ſtets nach der neueſten Mode gekleidet zu ſein. Dann war auch die Fir⸗ mung und die erſte Beichte natürlich ein großer Act in unſerem Leben. Der Biſchof, der uns firmte, in ſeinem goldgeſtickten Ornate vor uns, die Kränze auf unſerem Haupte, das Band mit dem ſchwarzen Kreuze auf unſerer Stirn, alles dies machte einen gewaltigen Eindruck auf die Phantaſie, und dann die vorangegangene Vorberei⸗ tung, der Unterricht, das Faſten, dies alles er⸗ weckte in uns eine hehre Empfindung, durch die aber doch auch manchmal die Freude durchſchim⸗ merte, daß wir jetzt nicht mehr für Kinder, ſon⸗ dern für junge Mädchen gehalten werden würden. Später war es aber ſtets ein großes Studium für uns, was wir eigentlich beichten ſollten, die 253 Nonnen ließen uns dann allein im Schulzimmer, damit wir uns ſammeln und zur Beichte vorberei⸗ ten konnten, und dann ſtudirten wir Stunden lang was für Sünden wir beichten ſollten, und es war ein Triumph für jene, die die meiſten Sünden zu⸗ ſammenbrachte! Wie oft machte es mich unglück⸗ lich, wenn meine Geſpielinnen ſchon acht Sünden auf dem Papiere hatten, während ich es noch nicht weiter als bis zur vierten gebracht hatte, und es freute mich, wenn ich endlich mein Sündenregiſter fertig gemacht hatte, und nun einer Freundin bei dem ihrigen helfen konnte. Im Grunde war dies nicht ſchwer, wir beichteten ſo ziemlich daſſelbe, daß wir zornig oder unfolgſam öder unachtſam geweſen, daß wir uns gezankt, daß wir einander beneidet hätten, oder daß der Schlaf uns während des Betens überfallen habe; wir hatten ja nichts anderes zu beichten, aber der alte Beichtvater hörte uns ſo ernſthaft zu, als ob wir ihm die größten Verbrechen anvertrauten, und gab uns als Pöni⸗ tenz den Roſenkranz zu beten auf. Lenke, es war eine glückliche Zeit! ich kannte noch keine Leiden⸗ ſchaften, ich war gern im Kloſter und als ich es 254 verließ, weinte ich bitterlich. Ich nahm Abſchied von meinen Geſpielinnen und meinen lieben Non⸗ nen, die mir noch ihren Segen mit auf den Weg gaben und mir verſprachen, ſtets für mich zu beten, und die Aebtiſſin ſchenkte mir einen Roſenkranz von Amethiſten und ſagte mir, wenn ich einſt mich in der Welt unglücklich fühlen ſollte, ſtehe ihr Klo⸗ ſter mir immer als geiſtliches Aſol offen. Die Gute! ſie wurde, als die Klöſter aufgehoben wur⸗ den, auch vertrieben, und lebt jetzt irgendwo in Deutſchland!“ „Ich kann mir nicht helfen,“ bemerkte jetzt Lenke,„aber Du haſt mich nicht bekehrt, trotz der liebenswürdigen Schilderung Deiner Kloſtererzie⸗ hung gefällt ſie mir doch nicht im geringſten, man hat Euch dort Euren Eltern entfremdet, Euer Ge⸗ müth mit einem falſchen Bilde der Geſellſchaft er— füllt, Ihr konntet ja nach allem dem, was Du erzählſt, keine Ahnung davon haben, was einſt Eure Stellung in der Welt ſein würde, was Eure Pflich⸗ ten und Eure Beſtimmung ſei. Ihr wurdet wirk⸗ lich wie Puppen behandelt, und alles ward ange⸗ wandt, damit Ihr nichts in der Welt als willige 255 Werkzeuge Eures Beichtvaters werdet. Ich finde unſere Erziehung viel vernünftiger, wo wir nicht von unſern Eltern getrennt werden, wo wir ſchon als Kinder im Haushalt helfen müſſen, und wenn mehrere Geſchwiſter in der Familie ſind, die jün⸗ geren durch die älteren gepflegt werden. Und dann muß ja der Uebergang aus dem Kloſter in die Welt eine ganze Revolution in Deinem Gemüthe verurſacht haben.“ „Das hat ſie auch,“ fuhr Madame Raimond fort.„Ich hatte eben mein ſiebzehntes Jahr voll⸗ endet, als mein Vater mich aus dem Kloſter ab⸗ holte. In den erſten Tagen konnte er meine Thrä⸗ nen nicht ſtillen, trotz dem, daß mein Zimmer auf das eleganteſte eingerichtet mir nicht wenig Freude machte, und die geſchmackvollen Anzüge, die mein Kammermädchen, eine hübſche, geſchickte Pariſerin, vor mir etalirte, meiner Eitelkeit nicht wenig ſchmei⸗ chelte, dann konnte ich auch zum erſtenmale in meinem Leben befehlen. Meine Mutter war ge⸗ ſtorben als ich noch im Kloſter war, und mein Vater ſtellte mich jetzt ſeiner Dienerſchaft vor und ſagte ihnen, was Mademviſelle Louiſe beſiehlt, iſt, 256 als ob ich es ſelbſt beföhle, ſie iſt Frau im Hauſe. Es war an einem Dienſtag als ich das väterliche Haus zuerſt wieder betrat, und ich hatte mich ſchon ein Bischen getröſtet, als der Freitag kam, und ich beim Eſſen plötzlich bemerkte, mein Vater faſte nicht, wir hatten Fleiſchſpeiſen. Ich ſchützte Kopf⸗ weh vor und aß keinen Biſſen, aber es machte mich grenzenlos unglücklich, daß mein Vater, der ſo liebevoll mit mir war, die Gebote der Kirche verachte, ich kannte ja keine größere Sünde, als das Faſtengebot zu brechen! doch am nächſten Tage ſollte es noch ärger werden. Er kam des Mor⸗ gens in mein Zimmer, küßte mich auf die Stirn und ſagte: Ich hoffe Louiſe, Du wirſt Dich in Deine neue Stellung zu finden wiſſen, ich habe die erſten Tage Deiner Trauer um Deine Freun⸗ dinnen im Kloſter nicht ſtören wollen, doch jetzt mußt Du Deine Thränen trocknen und Deine klö⸗ ſterlichen Gewohnheiten ablegen. Mache heute eine elegante Toilette, Du haſt natürlichen Geſchmack, und Frangoiſe wird Dir ſchon helfen, ſie verſteht das, wir gehen dieſen Abend ins Theater. Ich küßte ihm die Hand, aber ich konnte die Thränen 257 kaum unterdrücken. Die gute Aebtiſſin fiel mir ein, die mir ſo oft geſagt hatte, es ſei ſo ſchwer den Verſuchungen der Welt zu widerſtehen. Ich kannte meine Pflicht, dem Vater zu gehorchen, aber ich hatte ſtets im Kloſter gehört, es ſei eine Sünde, ins Theater zu gehen. Was ſollte ich thun! Ich weinte den ganzen Vormittag, und nahm mir vor, im Theater mich auf keinen Fall zu unterhalten, ſondern meinen Amethyſt⸗Roſenkranz, den mir die Aebtiſſin geſchenkt hatte, verſtohlen mitzunehmen, mich durch gar nichts in meinem andächtigen Ge⸗ bete ſtören zu laſſen. Der Abend kam, ich zog mich an und ſetzte mich mit meinem Vater in den Wagen. Wir hatten eine Loge im erſten Rang, die glänzende Beleuchtung, die gefällige Muſik über⸗ raſchten mich, doch als der Vorhang aufging, ſchlug ich mein Auge nieder, ich wollte die Bühne nicht ſehen, ich zog leiſe meinen Roſenkranz hervor, ver⸗ barg ihn unter meinem Schnupftuch, damit ihn mein Vater nicht bemerke, und ließ eine Perle nach der andern im andächtigen Gebete durch die Fin⸗ ger gleiten. Man gab die Phädra von Racine; 17 258 ſo ſehr ich mir auch Mühe gab, taub zu ſein, drangen doch die melodiſchen Verſe in mein Ohr, wider meinen Willen hörte ich ſie, ich hätte weinen können, daß ſie mir Vergnügen machten, meine Andacht war geſtört, ich hörte auf zu beten und begann mit athemloſer Aufmerkſamkeit dem Spiele der Schauſpieler zu folgen, das mein Intereſſe immer mehr erregte; ich hatte keine Augen für irgend etwas anderes rings um mich, als für die Bühne, und ſo hatte ich nicht bemerkt, daß die Thüre der Loge geöffnet wurde und ein junger Mann hereingetreten war und mit meinem Vater in ein eifriges Geſpräch ſich eingelaſſen hatte, doch in meinem Entzücken über die Tragödie glitt der Roſenkranz aus meinen Händen auf den Boden, in demſelben Augenblicke als der Vorhang gefallen war; der junge Mann, den ich früher gar nicht bemerkt hatte, bückte ſich, hob ihn auf und reichte ihn mir mit einer Verbeugung. Mein Vater ſeellte mir den Herrn als Monſieur Charles Raimond vor. Aber was machſt Du denn Louiſe mit einem Roſenkranz hier im Theater? ſagte mein Vater 259 lächelnd, ich erröthete und behauptete, es ſei mein Bracelet, das mir vom Arm gefallen ſei, und gab mir alle erdenkliche Mühe, es wieder dort zu be⸗ feſtigen. Mein Vater wandte ſich zu dem jungen Manne und ſagte, Monſieur Raimond ſie ſehen, unſere Kleine macht Fortſchritte, erſt ſeit vier Ta⸗ gen aus dem Kloſter, und zum erſtenmal in ihrem Leben im Theater, hat ſie es ſchon gelernt, daß ein Roſenkranz ein Lurusartikel ſei, der zur Da⸗ mentvilette gehört. Die Thränen traten mir ins Auge und Mr. Raimond, der es ſah, wie ſehr mich die Bemerkung meines Vaters ſchmerze, fing ein unbedeutendes Geſpräch mit mir über das Theater an, um mir Zeit zu geben, inich zu faſſen. Ich war ihm unendlich dankbar dafür. Wie aber der Vorhang wieder aufgezogen wurde, erwachte mein Intereſſe für das Schauſpiel von Neuem, es war als ob eine energiſche Gewalt mich um⸗ finge, und ſo ſündhaft mir auch die Handlung des Stückes erſchien, gefiel es mir doch unendlich.— Sobald ich aber nach Hauſe gekommen war und mich zu Bette gelegt hatte, war der Rauſch ver⸗ 260 flogen, meine Aebtiſſin mit ihren Warnungen ſtand lebendig vor meinen Augen, ſo oft ich ſie auch ſchloß, ich weinte, und glaubte ich ſei eine große Sünderin. Ich wollte Buße thun;— am näch⸗ ſten Morgen ſtreute ich in vollem Ernſte Aſche auf mein Brod und verzehrte es mit reuigem Herzen, dann ging ich zu meinem Vater und flehte ihn an, er möge es mir erlauben, ins Kloſter zurück⸗ zugehen und das Nonnengelübde abzulegen, denn ich ſei nicht im Stande, den Verſuchungen der Welt zu widerſtehen. Mein Vater lachte mich aber aus, und ſagte, meine Beſtimmung ſei durch⸗ aus nicht die, eine Himmelsbraut, ſondern eine irdiſche zu werden, und eröffnete mir, ich würde Mr. Raimond, den ich geſtern im Theater geſehen, den jungen, reichen, hübſchen Mann heirathen. Die beiderſeitigen Familien hätten dies ſchon längſt beſchloſſen, und er hoffe, ich ſei ein gutes Kind, und werde keine thörichten Einwendungen dagegen machen.“ „Aber, mein Gott, das iſt ja doch trotz Eurer hochgerühmtem Civiliſation höchſt unmvraliſch,“ 261 ſagte Lenke,„verheirathet zu werden mit einem Unbekannten, den man nicht kennt, den man nicht liebt.“ „Liebes Kind, wir finden es wieder ganz na⸗ türlich, daß die Eltern die Verſorgung ihrer Kin⸗ der ſelbſt in die Hand nehmen, und die wichtige Wahl eines Gatten nicht der blinden Leidenſchaft derſelben überlaſſen, die ſie ſo leicht irre führen könnte. Wir finden es höchſt unrecht, wenn ein Mädchen gegen den Willen Ihrer Eltern heirathet.“ „Dies finden wir auch ſehr unrecht,“ ſagte Lenke,„gegen den Willen der Eltern thut es kein Mädchen, die ihre Eltern liebt, aber wie eine Waare verhandelt zu werden, iſt denn doch zu arg. Für mich ſoll niemand wählen, nicht einmal mein Vater. Und Ihr duldet eine ſolche Behandlung, man ſieht, daß die Kloſtererzichung Euren Willen gebrochen hat.“ „Nicht ſo ganz, wie Du meinſt; wenn wir verheirathet ſind, können wir in Frankreich unſern freien Willen vielleicht noch mehr ausüben, wie Ihr hier,“ bemerkte Louiſe lächelnd. 262 „Was ſagteſt Du denn, als der Vater Dich auf dieſe Art überraſchte.“ „Gar nichts, ich fügte mich gern in mein Schickſal, denn Mr. Raimond war jung, geiſt⸗ reich, liebenswürdig, unſere Vermählung fand in wenigen Monaten ſtatt, und ich fühlte mich voll⸗ kommen glücklich.— Wir gaben glänzende Soi⸗ reen, die geiſtreichſten Schriftſteller von. Paris be⸗ ſuchten uns, und manche jener Männer, die in den jetzigen Tagen eine Berühmtheit erlangten, waren häufige Gäſte unſeres Hauſes. Mr. Rai⸗ mond umgab mich mit allen jenen kleinen Annehm⸗ lichkeiten des Lebens, die der Reichthum ſchafft, er hatte jede Aufmerkſamkeit für mich, aber ich ver⸗ mißte eines ſchmerzlich an ihm, ein liebendes Herz. Ich machte ihm oft Vorwürfe darüber, da wurde er aber ungeduldig, ihn langweilte meine Liebe, er ſagte mir oft, ich habe nur einen einzigen Feh⸗ ler, daß ich mich meinen Gefühlen zu ſehr über⸗ laſſe, wollteſt Du Dich begnügen, in mir Deinen beſten Freund zu ſehen, ſo wären wir beide glück⸗ licher, Du wäreſt weniger erigeante und ich we⸗ — 263 niger geplagt. Er nahm das Leben leicht, nach⸗ dem er in früher Jugend durch manche bittere Erfahrung enttäuſcht worden war; er unterhielt ſich gern und erfreute ſich jeder Roſe, die er auf ſeinem Lebenswege fand. Ich klagte mein Schick⸗ ſal erſt meinem Vater, dann meinen Freundinnen, doch alle fanden es lächerlich, daß ich mich bloß darum unglücklich fühle, weil ein Mann, der jede Rückſicht für mich hatte, und mit liebenswürdiger Aufmerkſamkeit meinen Wünſchen zuvorkam, mich nicht ausſchließlich liebe; ſie ſagten, ich ſei ja glücklicher als die große Mehrzahl der Frauen, und manche meiner Freundinnen fand mein Lvos beneidenswerth. So gewöhnte ich mich denn auch nach und nach in dies Verhältniß, und ich war zufrieden, bis der Ausbruch der Revolution Alles änderte. Mr. Raimond warf ſich als Liberaler in den Strudel der Ereigniſſe, trotz dem daß ſeine geſellſchaftliche Stellung ihm im entgegengeſetzten Lager einen Platz anwies. Doch edel und un⸗ eigennützig, wie er war, folgte er der Stimme ſeiner Ueberzeugung. Am 14. Juni war er zu⸗ 264 fällig auf dem Baſtillenplatze, und als der An⸗ griff auf das Fort begann, ſtellte er ſich an die Spitze des Volkes. Er fiel im Kampfe. Als ſeine Leiche ins Haus gebracht wurde, blutig und kalt mit der Todeswunde auf der Bruſt, da fühlte ich erſt den ganzen Verluſt, den ich erlitten hatte, und ich bereute tief, daß ich ihn manchmal aus über⸗ triebener Liebe gequält hatte, es war zu ſpät. Es war ein ſchrecklicher Tag für mich.“ Sie ſeußzte tief, Lenke trocknete ſich die Thränen und ſagte: „Nennt uns nur immer Barbaren, wir beneiden Euch nicht um Eure Civiliſativn! Wie iſt Euer Leben doch elend und liebeleer, trotz alles Glanzes!“ „Als ich ſpäter in Folge der Revolution den größten Theil meines Vermögens einbüßte,“ ſetzte Louiſe fort,„ertrug ich dieſen Schlag leicht. Die Liebe für die Freiheit war das werthvollſte Ver⸗ mächtniß, das von Raimond auf mich überging. Doch als die Nachricht kam, mein Vater ſei ge⸗ fangen, da konnte mich nichts mehr in Frankreich feſſeln, ich eilte zu ihm, und fand hier wärmere Herzen als in meinem Vaterlande.“ Sie reichte Lenke die Hand; das Mädchen drückte ſie freund⸗ lich und ſagte:„Warme Herzen, die für Dich ſchlagen! liebe Louiſe, und vielleicht findeſt Du noch das Glück hier, das Du vergebens in Paris ſuchteſt!“ Bei dieſen Worten ging die Thüre auf und Szolareſek trat ein.— XI. Verhaktung. „Willkommen Freund,“ ſo begrüßte Lenke den Eintretenden.„Wir dachten eben an Sie,— doch was fehlt Ihnen?“ rief ſie aus, als ſie die ernſte Miene Szolareſek's bemerkte, deſſen Wangen tod⸗ tenbleich waren. „Ich komme Abſchied zu nehmen,“ ſagte dieſer. „Nun wenn es nichts mehr iſt als dies,“ meinte Louiſe,„ſo iſt es nicht der Rede werth. Sie neh⸗ men auch wirklich jede Kleinigkeit hochtragiſch. Ih⸗ rem Ausſehen zufolge glaubte ich, ein großes Un⸗ glück habe Sie befallen, und jetzt iſt es nicht mehr als eine zeitweilige Abweſenheit. Wohin gehen Sie?“ ſetzte ſie fragend hinzu,„und wie lang wird wohl „ 267 Ihre Abweſenheit dauern, wie viel. Tage? denn für länger können Sie ſich doch Ihrer Geſchäfte halber nicht entfernen, wie Sie es mir immer ſagten.“ „Ich nehme wahrſcheinlich Abſchied für lange, lange Zeit,— vielleicht für immer,“ ſagte er ton⸗ los.„Doch es ſcheint, Sie wiſſen noch nicht, was in der Stadt vorgeht. Schrecken herrſcht überall, Verhaftungen ſind vorgenommen worden, und nie⸗ mand weiß, welches Schickſal ihn erwarte.“ „Um Gotteswillen,“ rief Lenke,„ſollten ſie es wagen, meinen Vater zu verhaften?“ „Beruhigen Sie ſich, Fräulein,“ ſagte Szolar⸗ eſek,„Ihr Vater ſteht zu wenig in Verbindung mit der Welt, als daß der Verdacht auf ihn fal⸗ len ſollte. Für jetzt ſind es meine Freunde, die man verfolgt. Rittmeiſter Laczkovies und der Abt Martinovies ſind im Gefängniß, man fahndet jetzt auf den Grafen Sigray, morgen vielleicht auf mich.“ „Sie glauben dies, und ſind noch hier?“ rief Louiſe leidenſchaftlich,„flichen Sie, fliehen Sie augenblicklich!“ 268 Szolareſek ſchüttelte das Haupt. „Wenn Sie nur einen Funken von Freund⸗ ſchaft haben für uns, ſo fliehen Sie. Noch ſind Sie frei; wer ſollte Sie in der großen Ebene an der Theiß auffinden; die türkiſche Grenze iſt bald erreicht, ich gebe Ihnen einige Zeilen an meine Freunde in Frankreich. Retten Sie ſich!“ „Est-ce qu'on emporte la patrie à la se- melle de ses souliers?— Gilt dies große Wort Danton's, das Sie entzückte, nicht auch für mich?“ antwortete ruhig Szolareſek. „Seien Sie nicht kindiſch!“ rief Madame Rai⸗ mond mit einem Blicke, in dem Angſt und Liebe ſich miſchten.„Wollen Sie es nicht für ſich thun, ſo thun Sie es uns zu liebe, um uns zu beru⸗ higen. Ich ſterbe vor Angſt, wenn ich Sie in Ge⸗ fahr weiß!“ „Iſt denn die Gefahr wirklich ſo drohend?“ fragte etwas ruhiger Lenke, obgleich auch ſie augen⸗ ſcheinlich von Angſt erfüllt war. „Wäre es nicht ein Verbrechen,“ antwortete der Advocat,„wenn ich Sie ohne Urſache erſchreckt hätte. Man forſcht nach einer angeblichen Ver— * — 269 ſchwörung, und man verhaftet ja den, der in Ver⸗ dacht ſteht, den gegenwärtigen Zuſtand der Dinge nicht für den beſten zu halten. Man hält Haus⸗ ſuchungen und legt Schriften in Beſchlag ſelbſt bei jenen, auf die kaum ein Schatten des Verdachts fallen kann.“ „Um Himmelswillen, da muß ich Vater war⸗ nen, daß er alles vernichtet, was von ſeinen Pa⸗ pieren ihn compromittiren könnte!“ rief Lenke und eilte zur Thüre. „Seien Sie ruhig,“ ſagte Szolareſek,„Dr. Koväcs gab ſich nie mit Politik ab, und die Re⸗ volutionen der Wiſſenſchaft gehören nicht zur Sphäre des Causarum Regalium Magister.“— Doch das Mädchen ließ ſich nicht abhalten, ſie eilte zu ihrem Vater ins Laboratorium. Als Lenke das Zimmer verlaſſen hatte, trat Madame Raimond zu Szolareſek, blickte ihm feſt in's Auge und ſagte: „Habe ich Sie recht verſtanden? Sie haben ſich in eine Verſchwörung eingelaſſen, die verrathen wurde, und Ihr Leben iſt in Gefahr. Läugnen Sie nichts;— wenn es wahr iſt, was Sie mir ſagten, wenn Sie mich wirklich lieben. Es iſt noch nicht zu ſpät; Sie ſind noch frei, und wenn Sie Muth haben und den Kopf nicht verlieren, ſo ſind Sie leicht gerettet. Habe ich recht oder nicht? Antworten Sie raſch und beſtimmt, denn es iſt keine Zeit zu verlieren.“ „Ich bin zwar ein Mitglied einer geheimen politiſchen Geſellſchaft, aber keiner Verſchwörung. Man kann uns keiner Handlung zeihen, die unge⸗ ſetzlich iſt; doch es ſcheint, daß böswillige Denun⸗ ciationen gegen uns Gehör gefunden haben. Die Häupter der Geſellſchaft ſind verhaftet, und im Verhaftsbefehl werden ſie Hochverräther genannt. Sollte ich ihr Loos theilen müſſen, ſo ſehe ich mit Ruhe meinem Prozeſſe entgegen. Ich werde mich zu rechtfertigen wiſſen. Wird es Ihnen jetzt klar, warum ich auf Ihre Fragen keine Antwort geben konnte an jenem Tage, an dem ich in dem Au⸗ genblicke, wo ich glaubte dem höchſten Ziel meiner Wünſche zu nahen, plötzlich ſo unendlich unglück⸗ lich wurde, und jeden Anſpruch auf Ihre Achtung verlor, in demſelben Moment, als ich um Ihre Liebe flehte.“— 271 „Sie ſind thöricht, lieber Freund,“ erwiederte die Franzöſin,„Sie legen ein ſolches Gewicht auf einige hingeworfene Worte von mir, und keines auf Ihre bedrohte Sicherheit. Mag nun Ihre geheime Geſellſchaft gefährlich ſein oder nicht, ſie iſt entdeckt, und Sie ſind verdächtig. Dies iſt hin⸗ reichend, damit Sie ſuchen Ihren Feinden zu ent— gehen. Kennen Sie denn die Geſchichte der Ge⸗ genwart ſo wenig, daß Sie nicht wiſſen, es ge⸗ nüge jetzt verdächtig zu ſein, um auch ſchuldig be⸗ funden zu werden? Glauben Sie denn nicht, daß ſich die Monarchien eben ſo des Schreckens bedie⸗ nen können, wie es die Republik gethan? Sie ſte⸗ hen erſt am Eingang Ihres Lebens, werfen Sie es nicht leichtſinnig von ſich. Kämpfen Sie die Eitelkeit nieder in Ihrem Buſen, die Ihnen zuflü⸗ ſtert, es ſei ſchön ein Märtyrer zu werden. Sie ſind zu etwas Beſſerm beſtimmt, als ein Opfer der Reactivn zu werden. Sie müſſen ſich retten, jetzt gleich; in einem Augenblick iſt alles vorbereitet.“ Madame Raimond ſetzte ſich an den Tiſch und ſchrieb in größter Eile einige Zeilen. Sie faltete das Papier als Brief zuſammen und ſegelte es. 272 Sie drückte dann eine Feder an dem Schreibtiſche, und zog aus einem verborgenen Fache ein Dveu⸗ ment hervor. Es war ein Paß. Die Aufregung hatte ihre Wangen geröthet, und die innere Be⸗ wegung ertheilte ihren anmuthigen Zügen einen neuen Reiz. Szolareſek ſtand ſchweigend vor ihr, ganz verſunken in Bewunderung. „Hier,“ ſagte ſie,„iſt ein öſtreichiſcher Paß für die Türkei viſirt; er iſt in beſter Ordnung, ich habe keine Mühe geſpart, um ihn mir zu ſchaffen; ich hatte die Hoffnung daran geknüpft, daß ihn vielleicht mein Vater einſt gebrauchen könnte. Sie weiſen ihn erſt in Serbien vor; ein Trinkgeld an den Corporal, der ihn übernimmt, reicht hin, um durchzukommen. Sind Sie einmal in der Türkei, dann ſind Sie in Sicherheit. Die Mittel, nach Conſtantinopel zu gelangen, ſind bald gefunden, und von dort iſt der Weg nach Frankreich offen. Dieſer Brief an Tallier, deſſen Einfluß jetzt über⸗ wiegend iſt, öffnet Ihnen jede Thür in Paris. Gehen Sie! Ich flehe Sie an, eilen Sie. Keh⸗ ren Sie gar nicht mehr zurück in Ihre Wohnung, vielleicht ſucht man Sie ſchon dort. Sollten Sie 273 kein Geld bei ſich haben, ſo nehmen Sie dieſe Rolle mit Gold, ſie genügt bis Conſtantinopel, und Ihre Freunde ſorgen ſchon für Sie, ſobald Sie über die Grenzen ſind. Fort! fort!“ „Ich muß Ihnen wirklich dankbar ſein!“ rief Szolareſek lächelnd aus,„daß Sie ſich ſo viel Mühe geben, mich von ſich zu entfernen. Doch es iſt vergebens; ich bleibe! Was ſollte mir die Flucht auch nützen? Meine Freunde im Gefüng⸗ niß, mein Vaterland unterdrückt, und ich in die Welt hinausgeſtoßen, herumwandernd unter Frem⸗ den, ohne Glauben an die Gegenwart, ohne Hoff⸗ nung an die Zukunft! Nein, mein Leben iſt es nicht werth, daß ich dafür ſorge! Was thut es auch, wenn ich ſterbe? Sie werden mir eine Thräne des Mitleids ſchenken, wie Ihren übrigen Freun⸗ den und Bekannten, die Sie auf dem Schaffote verloren. So ſchreckliche Zeiten, wie die unſrigen, ſtumpfen die Nerven ab; wir gewöhnen uns an den Gedanken eines gewaltſamen Todes, und un⸗ ſere Freunde vergeſſen uns bald. Wozu ſollte ich fliehen?“ „OQuälen Sie mich nicht, Alerander,“ ſagte 18 I. 274 jetzt ſanft Louiſe.„Sie wiſſen nicht, wie Sie mir wehe thun! Muß ich es Ihnen denn aus⸗ drücklich ſagen, daß Sie meinem Herzen theuer ſind,— daß ich Sie liebe,“ ſetzte ſie hocherröthend hinzu.„Haben Sie es denn nicht längſt errathen, daß ich es bereute, mit meiner unzeitigen Neugier Ihnen Schmerz verurſacht zu haben?“ Szolareſek ſtürzte vor ihr auf die Knie und rrief entzückt aus:„Jetzt ſterbe ich gern, ich habe nicht vergebens gelebt! Ich kann keinen ſchönern Augenblick mehr erleben,— ich bin glücklich! Was kümmert es mich, wenn es ſelbſt der letzte ſein ſollte. Louiſe, theure Louiſe, ſage es mir noch einmal, daß Du mich liebſt!“— „Ich liebe Dich,“ lispelte ſie,„jetzt aber fliehe. — Ich beſchwöre Dich um unſerer Liebe willen, fliehe nach Frankreich. Das Geſchick der Gefan⸗ genen muß ja doch endlich entſchieden werden. Mein Vater wird entweder gegen Oeſtreichiſche Offiziere ausgetauſcht, oder Liſt und Beſtechung befreien ihn. Dann aber folge ich Dir nach mei— nem ſchönen Vaterlande, und wir leben dort ver⸗ eint ein Leben des Glückes und der Liebe. Rette 5 Dich, ich gebiete es Dir; rette Dich, ich flehe Dich darum an,“ rief ſie in ihrer Seelenangſt. Szolareſek drückte einen glühenden Kuß auf ihre Lippen und ſagte dann ernſt aber gefaßt: „Es iſt vergebens! Uns iſt es nicht gewährt, das gelobte Land zu betreten, wir können es höchſtens im Traume ſehen. Male mir nicht das Glück, mit Dir vereint leben zu können, es iſt zu groß für mich. Ich kann nicht fliehen; es wäre Ver⸗ rath an meinen Freunden.“ „Wie ſo?“ fragte Louiſe,„Deine Freunde ſind verhaftet und Du kannſt ihnen durchaus nichts nützen, wenn Du Dich Euren Feinden überlieferſt. Rette Dich, Dein Zögern tödtet mich.“ „Meine Ehre verbietet es mir; ich kann meine Freunde nicht compromittiren. Man kann ihnen kein Verbrechen nachweiſen; wenn ich aber fliehe, ſo heißt es, das Schuldbewußtſein habe mich fort⸗ getrieben, und meine Flucht wird eine neue An⸗ klage gegen ſie. Bleibe ich hier, ſo kann meine Ausſage vielleicht von einigem Nutzen für ſie ſein; fliehe ich, ſo verdächtige ich ſie noch mehr! Wenn immer Glück mir im Ausland winkte, meine Pflicht 276 iſt es hier zu bleiben, ich würde zum Verräther, wenn ich es nicht thäte.“ „Unglückliche Verblendung!“ ſeufzte Madame Raimond, und ihre Thränen floſſen.„Du ſtürzeſt Dich und mich ins Verderben wegen eines falſchen Begriffes der Ehre! Es iſt ja nicht ein Act der Juſtiz, ſondern der Politik, daß man Euch ver⸗ folgt. Man will ja keinen Prozeß machen, ſon⸗ dern man ſucht Opfer für den Terrorismus. Euer Schickſal hängt nicht von Euren Ausſagen ab,— es iſt im voraus entſchieden. Ihr könnt Euch gar nicht vertheidigen; man wird es gar nicht erlauben, daß Ihr Euch vertheidigt.“ „Nicht doch, das iſt nicht möglich, das iſt ja dem Geſetze zuwider,“ ſagte der Advocat. „Thor, der da glaubt, man kümmere ſich um geſetzliche Formen, wenn man Politik macht. Willſt Du die Ehre Deiner Freunde retten, ſo fliehe. Nur im Ausland kannſt Du die Schlechtigkeit Eurer Feinde entlarven und brandmarken, und die Unſchuld Deiner Freunde beweiſen! Die Zeit ver⸗ ſtreicht und jede Minute bringt die Gefahr näher! — Verſprich mir, daß Du fliehſt.“ — — p7 Szolareſek war ſchon beinahe wankend, das letzte Argument Louiſen's hatte Eindruck auf ihn gemacht; doch plötzlich ſagte er wieder feſt: „Ich kann nicht! Es wäre feige, dem Gerichte ſich zu entziehen. Der Hochverrathsprozeß wird ja nicht mehr durch geheime Cabinets⸗Commiſſionen abgeurtheilt; der Landtag 1790 gab die Juris⸗ diction in dieſer Hinſicht den Landesgerichten zurück, es iſt kein Ausnahmsgerichtshof, der uns richtet, es iſt die Königliche Tafel, es iſt das Septem⸗ virat. Ich erwarte ihr Urtheil. Wer könnte im Auslande einem Manne Glauben ſchenken, der vor ſeinen geſetzlichen Richtern flieht, und nicht den Muth hat, ſich vor ihnen zu vertheidigen.“ „Gott! warum beſitze ich jetzt nicht die Be⸗ redtſamfeit und die kalte Verſtandesſchärfe, die Dich überzeugen könnten! Wie kannſt Du es nicht ein⸗ ſechen, daß Dein Vertrauen thöricht iſt, daß die Richter alle, ſelbſt wenn ihr Charakter ehrenwerth wäre, hier zur Parthei werden, daß ſie den Ideen der Neuzeit, den Tendenzen Eurer Geſellſchaft den Prozeß machen, nicht Euch! es fällt mir nichts mehr ein, um Deinen raſenden Entſchluß wankend 278 zu machen, aber traue doch der Stimme meines Herzens, ſie täuſcht mich nicht; höre mich und folge meinem Gebot!“ Auf der Treppe wurden Schritte hörbar.„Es iſt zu ſpät,“ rief ſie aus,„ſie kommen! ſie reißen Dich aus meinen Armen, hab Erbarmen mit mir! Fliehe hier durch die Hintertreppe!“ „Ruhe!“ ſagte Szolareſek,„das ſind ja die Tritte Dr. Koväcs und Lenkes.“ „Helft mir,“ rief Louiſe dieſen entgegen, als ſie eingetreten waren,„helft mir dieſen jungen Tollfopf zu bekehren, der ſein Leben nicht achtet, weil er deſſen Werth noch nicht kennt!“ „Ich kenne ihn nur zu gut,“ ſagte Szolareſek. „Nehmen Sie doch den Rath eines alten Freun⸗ des an, der die Verhältniſſe ruhiger abwägt, als unſere Freundin hier, die Sie jetzt ſchon auf dem Blutgerüſte ſieht!“ bemerkte jetzt der Arzt. Ihr Loos iſt wahrſcheinlich eine lange Unterſuchungs⸗ haft, und dann eine mehrjährige Kerkerſtrafe. Das iſt jedenfalls hart, und ein Thor, der nicht jedes Mittel anwendet, um dieſem Lvos zu entgehen. Ich weiß wohl, verbannt zu ſein, iſt traurig, doch 279 jedenfalls iſt es angenehmer, drei, vier Jahre in London, Paris oder ſelbſt in Conſtantinopel zu verleben, als hier im Neugebäude oder in Kufſtein. In einiger Zeit ändern ſich dann doch die Ver⸗ hältniſſe, jene politiſchen Conjuncturen, die jetzt zu der Verfolgung Ihrer ſelbſt und Ihrer Meinungs⸗ genoſſen führen, hören dann auf, und ohne daß ſie gezwungen ſind Ihre politiſche Ueberzeugung aufzuopfern oder Ihr früheres Leben Lüge zu ſtra⸗ fen, können Sie dann ruhig in ihr Vaterland zurückkehren, keiner weiteren Beläſtigung unterwor⸗ fen. Denken Sie an Ihre Sicherheit! Sie geben deshalb weder Ihre Grundſätze auf, noch leidet Ihre Ehre dadurch, ſeien Sie überzeugt, ich werde nie meinen Rath zu irgend etwas geben, was un⸗ ehrenhaft erſcheinen könnte. Uebrigens rathe ich Ihnen, vorerſt nur Ofen und Peſth zu verlaſſen, gehen Sie in die Gebirge von Thurocz, oder in die Fiſcherhütten an der Theiß, warten Sie ab bis der erſte Sturm ſich legt, vielleicht iſt es gar nicht nöthig, das Land zu verlaſſen, und es ge⸗ nügt, einige Zeit Ihren Feinden aus dem Wege gegangen zu ſein, ich gebe Ihnen jedenfalls Nach⸗ 280 richt über die Verhältniſſe in der Hauptſtadt, und laſſe Ihnen wiſſen, ob Sie zurückkommen oder der türkiſchen Grenze zueilen ſollen. Ich glaube es iſt das Sicherſte, was Sie thun können.“ „Wenn ein Wort von mir irgend Werth für Sie hat,“ fügte Lenke etwas verlegen hinzu,„ſo befolgen Sie den Rath meines Vaters, Sie glau⸗ ben nicht, wie viel Unheil Sie durch Ihren jetzigen Entſchluß veranlaſſen,— wie Sie Ihre Freunde unglücklich machen!“ ſagte Sie, indem Sie einen Blick auf Louiſe warf, die weinend und erſchöpft auf das Sopha geſunken war, doch in dieſem Augenblick ſprang die Franzöſin in fieberiſcher Auf⸗ regung mit den Worten auf:„Es iſt zu ſpät, ich höre von Ferne ſchon die Tritte der Soldaten.“ Lenke und Koväes eilten ans Fenſter, Louiſe hatte Recht gehabt, die röthlichen Strahlen der untergehenden Sonne blitzten auf die Bajonette einer Compagnie Soldaten, die ſich dem Hauſe näherte. „Verbergen Sie ſich ſchnell in den Keller,“ rief Lenke Szolareſek zu,„niemand findet Sie dort.“ Madame Raimond rang weinend die Hände. R * 281 Szolareſek und Dr. Koväcs ſuchten Louiſe zu beruhigen, und verſicherten ſie, es ſei doch nicht ſo gefährlich als es ſcheine, wer könne es wiſſen, ob die Haft nicht von kurzer Dauer ſein werde. Doch es war vergebens, die Franzöſin hatte die Schrek⸗ kensſcenen ihres Vaterlandes vor Augen. In wenigen Minuten war das Haus von Sol⸗ daten umſtellt, man hörte ſie auf der Treppe, die Thüre ging auf und vier Grenadiere traten mit gefülltem Bajonett ins Zimmer, hinter ihnen ein Hauptmann in Uniform und ein junger Mann in ungriſchem Kleide, es war der Honorarfiscal Fekete. „Herr Alerander Szolareſek,“ rief er dem jun⸗ gen Adyveaten zu,„im Namen des Königs und des Geſetzes ſind Sie mein Gefangener.“ „Haben Sie doch Rückſicht für die Damen,“ ſagte dieſer,„und laſſen Sie die Soldaten abtre⸗ ten, Sie glauben doch nicht, daß ich mich widerſetze.“ Der Offizier warf einen forſchenden Blick rings herum im Zimmer, und als er die weinenden Frauen erblickte, eommandirte er ohne erſt die Ant⸗ wort des Fiscals abzuwarten, die Soldaten zum Abmarſch und ſtellte ſie auf der Treppe auf.“ „Darf ich wohl, Herr Honorarfiscal, Sie darum erſuchen, mir den Befehl vorzuweiſen, der Sie zu dieſem Schritte autoriſirt? Sie wiſſen, ich habe das Recht dies zu verlangen,“ ſetzte Szolareſek ruhig fort. „Wie können Sie denken,“ erwiederte Fekete, „ich handle willkührlich, mir iſt es nie ſchwerer gefallen, meine Pflicht zu erfüllen, als eben in dieſem Augenblicke, Sie wiſſen, daß mir ohne einen legalen Verhaftsbefehl das Militair nicht zu Gebot geſtellt worden wäre, übrigens will ich Ihnen den Befehl mittheilen.“ Er zog ein großes Papier aus der Taſche, Szolareſek ſah nach der Unterſchrift und rief: „Alſo nicht vom Erzherzog unterzeichnet, ſondern vom Hofkanzler in Wien! ich bedaure Sie, Herr von Fekete, Sie ſind jetzt ein Werkzeug der Wie⸗ ner Polizei, nicht ein Beamter der ungriſchen Juſtiz. Darf ich Sie noch um eines fragen: wer hat die De⸗ nunciativn gemacht, der zufolge ich verhaftet werde?“ „Es iſt kein Geheimniß,“ ſagte Fekete,„es iſt Herr Ilia Spirtovich, der Schreiber des Abtes von Szäszvär.“ 283 Als Madame Raimond dieſen Namen hörte, ſank Sie mit einem Schrei des Entſetzens zu Bo⸗ den, ſie war in Ohnmacht gefallen, Lenke und Ko⸗ väcs hoben ſie auf das Sopha, Szolareſek trat zu ihr, ſah ſie ſchmerzhaft an, küßte ihr die kalte Hand und ſagte:„Lebe wohl,“ dann wandte er ſich zu Fekete,„ich ſtehe zu Ihren Dienſten.“ Der Hauptmann begleitete ihn die Treppe hinab, ſetzte ſich zu ihm in einen geſchloſſenen Wagen, der vor der Thüre ſtand, ein Unteroffizier folgte ihm in den Wagen, ein Grenadier ſetzte ſich neben den Kutſcher, der andere ſtieg hinten auf, der Wagen rollte fort, und die Soldaten marſchirten unter dem Commando des Lieutenants zurück. Fekete war im Zimmer geblieben und wollte Dr. Koväes und Lenke Hülfe leiſten, die um Ma⸗ dame Raimond beſchäftigt waren, doch als er ſich näherte, wies ihn Lenke mit den Worten zurück: „Entfernen Sie ſich augenblicklich, keine feile Häſcher⸗ hand ſoll ſie berühren, ſchämen Sie ſich deſſen, was Sie thaten.“ Fekete ſeufzte und ſagte:„Es war leider meine Beamtenpflicht!“ 284 „Ein Ehrenmann nimmt kein Amt an, das ihm ſolche Pflichten auferlegt,“ rief das Mädchen entrüſtet, und warf ihm einen Blick der tiefſten Verachtung zu. Fekete zog ſich in einen Winkel des Zimmers zurück, bis es Dr. Koväes und Lenke gelang, Madame Raimond aus der Ohnmacht zu wecken, ſie führten ſie ins Nebenszimmer, ſie redete irre. In wenigen Augenblicken war der Arzt zurück⸗ gekommen und ſagte ruhig: „Ich weiß, daß Sie nicht ohne Urſache hier⸗ geblieben ſind, Ich ſtehe Ihnen zu Dienſten, thun Sie was Ihres Amtes iſt.“ „Sie haben es errathen,“ erwiederte Fekete, „ich habe den Befehl Ihre Papiere zu unterſuchen.“ Dr. Koväcs zog zwei Schlüſſel aus der Taſche und übergab ſie dem Fiscal,„dies iſt der Schlüſſel zu meinem Laboratorium und dieſer zu meinem Schreibtiſch.“ „Nicht doch,“ ſagte Fekete,„mir genügt es, wenn Sie mir auf meine Fragen offen antworten: haben Sie Briefe oder irgend andere Papiere von dem Abte von Szäszvär, dem Rittmeiſter Laczko⸗ vies, dem Kammerſeeretair Hajnöczy, den Herren von Szent⸗Mariay oder Szolareſek in Ihren Händen?“ „Nein!“ antwortete Dr. Koväcs;„doch ich erinnere mich, ein Brief von Hajnöczy muß ir⸗ gendwo unter meinen Papieren ſein, er war vor ſechs Jahren krank und ſchrieb mir ſeinen Dank, als ich ihn eurirt hatte; er war damals Vice⸗ geſpan von Peſth.“ „Nun ein ſolcher Brief iſt doch unſchuldig,“ meinte Fekete lächelnd, den brauche ich nicht. Be⸗ ſitzen Sie etwa den Catechismus des Bürgers und Menſchen, oder haben Sie ihn geleſen?“ „Ich beſitze ihn nicht und habe ihn nicht ge⸗ leſen, Gerard's Gatéchisme de la révolution kenne ich aber.“ „Das habe ich nicht gefragt, und ſollten Sie noch einmal verhört werden, ſo bitte ich Sie, dies ungefragt nicht zu ſagen. Können Sie mir alſo Ihr Ehrenwort geben, daß Sie in keiner Corres⸗ pondenz mit den Hochverräthern ſtehen und den Catechismus nicht kennen?“ „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort.“ 286 „Dies genügt mir vollkommen,“ ſagte nun der Fiscal,„es thut mir ſehr leid, daß meine Pflicht mich zwang, die Ruhe Ihres Hauſes auf ſo unangenehme Art zu ſtören. Ich hoffe, Ihr Fräulein Tochter wird noch eine beſſere Meinung von mir faſſen, als ſie ſie jetzt hat, und daß ſie dann die harten Worte zurücknehmen wird, die mich tief ſchmerzen. Seien Sie überzeugt, daß ich alles anwenden werde, die Wunden zu heilen, die ich unwillkührlich geſchlagen habe.“ Er empfahl ſich. Ende des erſten Bandes. Gedruckt bei A. W. Schade in Berlin, Grünſtr. 18. e .* 5 3. i 8 9 10 11 12 13 1 16 7 18 19 1 . v 2 1 **§ . 3 4 5