Leihbibliothek ſ deutſcher, engliſcher und franzöfiſcher Literatur vo CEduard Ottmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Teſebedingungen. oensein der Bibliothek. Die Vibliothet ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 5 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ieen Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 1 68(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe beſeen entſprechende Summe ee welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet * wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 für wöcheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat:— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 1 Mk.— Pf. 5 e— 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückfendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. 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Fekete war erſchüttert durch die Scenen, deren Zeuge er geweſen;— aus den Geſprächen mit dem Kronfiscal und den Denunciationen Ilias wußte er es beſſer als irgend jemand, daß Szolareſek, den er ſo eben verhaftet hatte, kein Verbrecher ſei;— daß es ſich bei dem Hochverrathsprozeſſe, der jetzt inſtruirt wurde, bloß um einen politiſchen Zweck handle, und daß die Richter wahrſcheinlich nicht ſowohl die Schuld oder Unſchuld des Angeklagten, als den Eindruck des Urtheils auf das Volk be⸗ rückſichtigen würden; allein er entſchuldigte ſich bei ſich ſelbſt damit, daß er nicht verantwortlich ſei für die Handlungen ſeiner Vorgeſetzten, und daß er I. 1 2 nichts gethan habe, als was ſeine Amtspflicht ihm gebot. Doch eine innere Stimme rief ihm dann wieder zu, das junge Mädchen habe trotz der Auf⸗ regung, in der ſie war, ihm eine Lehre gegeben, die ihm ſelbſt hätte einfallen ſollen,— ſie habe nicht Unrecht gehabt, als ſie ihm ſagte, ein Ehren⸗ mann nehme kein Amt an, in dem er gezwungen werden kann, ſeiner Ueberzeugung zuwider zu han⸗ deln. Freilich war er ſeit ſeiner Jugend mit dem Gedanken auferzogen worden, ſeine Beſtimmung ſei Regierungsbeamter zu werden. Seine Mutter, die Wittwe eines Kammerrathes, die Couſine des Causarum Regalium Magister, hatte es ihm häufig erzählt, ſie kenne keine anſtändigere Stellung, als die eines Beamten, man erfülle ſeine Pflicht gegen das Vaterland und ſichere ſich ſelbſt eine Stellung in der Welt. Wer anders als ein Be⸗ amter könne auf ein regelmäßiges Einkommen mit Sicherheit zählen? Es hängt dies ja weder von politiſchen Conjuncturen, noch von der Fruchtbar⸗ keit des Jahres ab; kaufmänniſche Criſen berühren den Beamten nicht, und wenn er fleißig ſeine Pflichten erfüllt und lange lebt, ſo kann es ihm 3 bei dem Syſteme der Anciennetät nicht entgehen, auch im Range zu ſteigen. Hat er endlich vierzig Jahre lang ſeine Bureau⸗Stunden täglich richtig gehalten, dann behält er als Penſion ſeine ganze Beſoldung, und iſt vor Sorgen und Mangel für den Reſt ſeines Lebens geſichert, abgeſehen davon, daß er ſtets die Gelegenheit hat, ſeine Kinder und Verwandten in derſelben Art zu placiren, wie er es ſelbſt war. Und dann hat er nie eine Verant⸗ wortlichkeit; ſo lange er in untergeordneter Stel⸗ lung iſt, erfüllt er die Befehle ſeiner Vorgeſetzten, iſt er endlich Regierungsrath geworden, ſo giebt er ſein Votum in der Sitzung ab, aber die Ma⸗ jorität entſcheidet, und er vollzieht ihren Beſchluß, ſelbſt wenn er dawider geſtimmt hat. Eine Beam⸗ tenſtelle iſt die beſte Verſorgung, ſagte die Mutter oft, und es wird für mich die glücklichſte Stunde meines Lebens ſein, wenn ich Dich im Amte ſehe. Solche Reden hatten großen Eindruck auf Fe⸗ kete gemacht als er noch ein Knabe war, obgleich es ihm langweilig und einförmig vorkam, ſein ganzes Leben lang regelmäßig von 10 Uhr bis 3 Uhr im Bureau zu ſitzen und Acten zu ſtudiren; 4 ihm gefiel die Stellung eines Comitats⸗Beamten viel beſſer, deſſen Beſchäftigungen vielſeitiger waren, der ſeinem Amte zufolge im Comitate herumreiſen mußte, und mit dem Volke in unmittelbarer leben⸗ diger Verbindung ſtand, und dabei ſowohl in ad⸗ miniſtrativer als richterlicher Stellung unabhängiger war, als die Regierungsbeamten, die maſchinen⸗ artig die Verordnungen ihrer Vorgeſetzten zu be⸗ folgen hatten. Doch wenn er dies ſeiner Mutter ſagte und ſeine Wünſche äußerte, beim Comitate zu dienen, da erhielt er ſtets zur Antwort: Mein Kind, das iſt kein ſicheres Brod, dieſe Beamten unterliegen in jedem dritten Jahre der Wahl, ſie müſſen ſich daher einer politiſchen Parthei anſchlie⸗ ßen, mit der ſie ſtehen oder fallen, und dann wird jeder ihrer Schritte in den Comitatsverſammlungen zur Sprache gebracht, die Partheileidenſchaft ſtellt alles in falſchem Lichte dar. Ihre Exiſtenz ſcheint freilich glänzender, als die der Regierungsbeamten, doch ſie iſt ſo precair, daß es ſelten einen unter ihnen giebt, der, wenn er die Gelegenheit hat, eine Stelle bei der Regierung zu erhalten, ſie nicht annähme. 5 Unter Kaiſer Joſeph hörten zuerſt die Wahlen dann auch die Comitatsverſammlungen auf, und der junge Mann hatte ſich gewöhnt an den Ge⸗ danken, eine Anſtellung zu ſuchen; er bewarb ſich daher um die Protection des Kronfiscals, um ein Amt zu erlangen, denn er hielt dies für viel ehren⸗ hafter, als ſich durch ſeine eigene Anſtrengungen eine Exiſtenz zu gründen. Er war auch nicht wenig erfreut, als er zum Honvrarfiscal ernannt wurde, doch gleich die erſte Unterredung mit Németh ent⸗ täuſchte ihn in mancher Hinſicht über die Herrlich⸗ keit des Beamtenſtandes. Der Cynismus, mit dem ein ſo hochgeſtellter Mann über Beſtechung ſprach, die Art, mit der er die Worte Jlias ab⸗ ſichtlich verdrehte, alles dies widerte den angehenden Beamten an, obgleich er nicht den Muth hatte, ſich in offenen Widerſpruch mit dem Kronſiscal zu ſetzen. Seinem Character mangelte die Energie und Selbſiſtändigkeit, er hatte es nie gelernt Nein zu ſagen, trotz der Bildung ſeines Verſtandes war er ſtets paſſiv; er war geſchaffen zum Staatsdienſt. Németh hatte ihn vollkommen durchſchaut, und da er als Verwandter Wohlwollen für ihn hegte, 6 wollte er ihm die Gelegenheit geben, ſich auszu⸗ zeichnen, damit er bald avancire, darum auch ver⸗ wendete er ihn jetzt bei den Verhaftungen. Doch die in ihren Grundzügen edle Natur Fekete's em⸗ pörte ſich gegen eine ſolche Verwendung; nur mit Widerwillen hatte er den Auftrag angenommen, bloß weil er es nicht über's Herz bringen konnte, ihn geradezu abzulehnen, und weil er wußte, daß dies Ablehnen doch keine andere Folge haben könnte, als den Kronfiscal unnütz zu erzürnen, denn jeder ſeiner Collegen würde ja den Auftrag gern ſtatt ſeiner übernommen und ihn vielleicht mit weniger Rückſicht vollführt haben, als er. Die Behandlung jedoch, die ihm von der ſchönen Lenke zu Theil geworden war,— denn daß ſie ſchön war, hatte er gleich bemerkt, befeſtigte den Entſchluß in ihm, ſich nicht länger als Werkzeug gebrauchen zu laſ⸗ ſen, und alles aufzubieten, um die Gefangenen wo möglich zu retten. Von ſolchen Gedanken erfüllt ging er zu dem Kronfiscal nach Ofen hinüber und referirte ihm, daß er ſeinen Auftrag erfüllt, die Schriften Szo⸗ lareſek's geſiegelt, ihn ſelbſt im Hauſe des Dr. Ko⸗ 7 vaes verhaftet und bei dem Arzt Hausſuchung ge⸗ halten habe, daß aber dieſer durchaus in keiner Verbindung mit dem Verhafteten ſtehe und den Catechismus nicht beſitz. „Sie werden es dort auch nicht viel beſſer gemacht haben, Domine Frater, wie bei dem Hoch⸗ verräther Martinovies, wo Sie den Catechismus zwar entdeckt,— denn dies Verdienſt kann ich durchaus nicht in Abrede ſtellen,— aber dieſes Stück Papier da,“ Németh wies auf ein loſes Blatt, das auf dem Tiſche lag,„das haben Sie richtig überſehen, ich fand es heute, als ich die Schriften durchſuchte; es iſt ein Namensverzeich⸗ niß,“ ſetzte er mit Nachdruck hinzu,„und dieſe Sterne können keine anderen ſein, als jene der Verſchworenen oder wenigſtens eines Theils der⸗ ſelben, denn eine ſo mächtige Verſchwörung muß jedenfalls weiter verzweigt ſein, ſo weit und ſo hoch, daß wir es nicht wagen dürfen, darüber un⸗ ſeren Verdacht auszuſprechen.“ „Sie können recht haben, Pomine Magnifice,“ erwiederte der junge Mann,„aber dies beweiſt nur, daß ich für die polizeilichen Funktivnen meines 8 Amtes nicht paſſe. Und ich bitte es mir jetzt eben deshalb als einen Beweis jener Güte aus, mit der Sie, Herr Hofrath, ſich ſtets meiner annehmen, daß ich nicht mehr bei den Gefangennehmungen und Hausunterſuchungen gebraucht werde, eine ſolche Amtsthätigkeit erfordert mehr Erfahrung, als ich ſie habe, und ich fürchte, ich würde dabei nie im Stande ſein, mir Ihre Zufriedenheit zu erwerben.“ „Domine Frater, Sie haben augenſcheinlich einen Raptus,“ ſagte der Kronanwalt,„weiſen Sie doch das Glück nicht muthwillig von Ihrer Thüre; denn eine Gelegenheit, ſo augenſcheinliche Dienſte zu leiſten, wie ſie ſich jetzt bietet, finden Sie ja gar nicht mehr. Freilich hatten die Verſchworenen dadurch einen ganzen Tag gewonnen, daß der Erz⸗ herzog nicht mehr als fünf Verhaftsbefehle unter⸗ zeichnen wollte. Die Gefangennehmung der Anſtif⸗ ter hat die Mitſchuldigen gewarnt, und bis die Befehle von Wien ankamen, konnten ſie leicht ihre Papiere vernichten. Aber trotz dem läßt ſich man⸗ ches Verdächtige ſelbſt aus unſcheinbaren Brief⸗ ſchaften herausleſen, und der Honvrarfiscal, der die 9 Beweismittel ausfindig macht, auf die die Verur⸗ theilung ſich baſiren kann, wird bald befördert werden und mag auf eine beneidenswerthe Stel⸗ lung rechnen, er iſt verſorgt, und macht ſicher eine glänzende Carriere; darum habe ich Sie zu dieſer Unterſuchung auserſehen.“ „Entſchuldigen Sie,“ entgegnete Fekete ernſt, ich kann mein Fortkommen nicht auf das Unglück anderer baſiren, ich bitte Sie nochmals, welchen immer meiner Collegen mit dieſem Auftrage zu betrauen, ich bin nicht im Stande ihn zu voll⸗ führen.“ „Németh ſah ihn ſcharf an und bemerkte mit mitleidigem Lächeln:„Man ſieht, Sie ſind noch in der Tugendperiode; nun das wird ſich ſchon mit der Zeit geben, und dann werden Sie den Schritt bereuen, den Sie jetzt thun, freilich wird es zu ſpät ſein,— doch ich zwinge niemand zu ſeinem Glücke, thun Sie, was Sie für Recht hal— ten. Ich möchte nicht gern eine ſo wichtige Miſ⸗ ſion einem Fremden geben, doch es iſt keine Zeit zu verlieren. Im Laufe des morgenden Tages ſende ich einen der Honorarfiscale mit den Ver⸗ 10 haftsbefehlen in die oberen Comitate, wollen Sie nicht hin, ſo geht ein anderer. Wären Sie ein vernünftiger Menſch, Sie wüßten ſchon wie man ſich bei einer ſolchen Gelegenheit auch noch einiges Geld verdient, doch wenn Sie es vorziehen, ein Phantaſt zu bleiben, dann kann ich Ihnen freilich nicht helfen. Den Auftrag, den Sie verſchmähen, wird Völghi recht gern übernehmen. Hier ſind aber noch drei Verhaftsbefehle, gegen den jungen Baron Ladislas Révay und Herrn Landerer und Hirgeiſt; ſie müſſen noch dieſe Nacht verhaftet wer⸗ den, bei Tag macht dies zu großes Aufſehen, das Militair iſt ſchon davon unterrichtet, und Sie er⸗ halten gleich die nöthige Aſſiſtenz.“ „Darf ich meine Bitte nochmals erneuern, Domine Magnifice,“ unterbrach jetzt Fekete den Kronanwalt,„ich kann es nicht mehr thun, es iſt gegen meine Ueberzeugung.“ „Sonderbar,“ rief dieſer in gereiztem Tone aus,„es war nicht gegen Ihre Ueberzeugung, fünf Verbrecher zu verhaften, aber Sie können es nicht mehr thun, wenn von achten die Rede iſt. Die jungen Leute haben wirklich eine Logik, die von 11 der unſrigen verſchieden iſt! auch der Erzherzog wollte nicht mehr als fünf Verhaftsbefehle unter⸗ ſchreiben, es ſcheint, die Zahl fünf ſei für Euch eine heilige.— Nun Sie werden es ſelbſt geſte⸗ hen, daß ich alles gethan habe für Sie, was man von einem Verwandten verlangen kann, Sie dür⸗ fen ſich nicht beklagen über mich. Jetzt aber ſtören Sie mich nicht länger; bringen Sie mir morgen die ſchriftliche Relation, wie Sie Ihren Auftrag vollführt haben, und ſchicken Sie gleich Ihren Col— legen Völgyy zu mir.“ Fekete ging, er wußte es, daß er die Gnade Németh's, ſeines Vorgeſetzten, verſcherzt habe, daß ſein baldiges Avancement, das ſchon ſo nahe in Ausſicht ſtand, durch ſeine Erklärung in weite Ferne gerückt ſei, aber er fühlte ſich zum erſten⸗ male wieder ruhiger, ſeit jenem Abend, wo ihm die Denunciation Jlia's durch den Kronanwalt dictirt wurde; er hatte jene Weichheit ſeines Gemüthes überwunden, die ihn bisher nie ſelbſtſtändig werden ließ, er fühlte es, daß er die Kraft beſitze, jene Bande zu zerreißen, die ihn umſtrickten. Der Schrecken, den die erſten Verhaftungen in 12 der Hauptſtadt verbreitet hatten, wurde noch er⸗ höht, als am nächſten Morgen erzählt wurde, daß jede Nacht neue Opfer verlange. Die Gefangen⸗ nehmung des jungen Baron Révay betäubte je⸗ dermann; wer konnte ſich ſicher dünken, wenn ſelbſt Knaben dem Verdacht ausgeſetzt waren? Ladislas Révay hatte ſich übrigens wie ein Mann benommen, er war nicht im Geringſten er— ſchreckt, als Völgyy und drei Soldaten in ſein Zimmer traten und ihn aus dem Schlafe weckten. Er zog ſich raſch an, und freute ſich ſogar, daß man ihm eine ſo große Bedeutung beilege, et bat blos den Fiskal, er möge es ihm erlauben, daß er ſeiner Mutter einige Zeilen ſchreiben dürfe, um ſie über ſein Schickſal zu beruhigen. Es wurde ihm abgeſchlagen.„Nein“, ſagte er,„es thut nichts zur Sache, ſie erfährt es ſchon auch ohne mich, und ſie weiß es, daß ich nichts thue, was meinem Namen Schande machen könnte.“— Sein Diener war übrigens augenblicklich zum Familien⸗ Fiskal gelaufen, wie ſein junger Herr in den Ker⸗ ker abgeführt wurde, und erzählte dieſem erſchreckt, was geſchehen war. Der Advocat verlor keine 13 * Zeit, er ließ augenblicklich anſpannen und eilte mit der Trauerbotſchaft noch vor Tages Anbruch nach der Thuroczer Geſpannſchaft auf das Gut der Barvnin, damit das Gerücht ihm nicht zuvor⸗ komme. In der Dämmerung hatte er den Waizner Berg erreicht, der die Peſther Ebene abgränzt, und mit ſeinen Waldgipfeln die Rieſenkrümmungen der Do⸗ nau überblickt, die an ſeinem Fuße wie durch ein Thor in die große unterungriſche Fläche tritt. Sein Weg führte durch das hügelige Neograder und Honter Comitat; in der Nacht erreichte er die Berg⸗ ſtadt Schemnitz und am nächſten Morgen war er an der Gränze von Thurocz. Umgeben von dem Gebirgszuge der Fatra, deren Höhen von dunkelm Nadelholz bedeckt ſind, während coloſſale Buchen und niedrige Birken die Abhänge verſchönern, bietet dies kleine Comitat den Anblick eines Gartens dar; es iſt eine liebliche Fläche, in der die Vegetation, trotz der nördlichen Lage, viel üppiger iſt als in der Nachbarſchaft, weil die hohen Gebirgswände die Gewalt des Nordwindes brechen. Gegen Mit⸗ tag war der Fiskal in dem Stamnſitze der Révay's 14 angelangt, und eilte raſch in das Schloß, einem alterthümlichen Gebäude zu, das ſich auf einer An⸗ höhe erhebt. Im Hofe fand er ein lebendiges Ge⸗ wimmel; die Ernte war ſo eben beendet worden, und die Schnitter und Schnitterinnen brachten ei⸗ nen vollen Aehrenkranz mit bunten Bändern ge⸗ ſchmückt in's Schloß. Die Murner in ihrer eng⸗ anliegenden Kleidung von weißem Tuche mit dem kegelförmigen kleinen Filzhut mit ſchmaler Krempe auf dem Haupte, und Bundſchuhen an den Füßen, ſahen nicht ſo reizend, jedoch nicht weniger male⸗ riſch aus, als die Mädchen und Weiber mit den rothen und gelben Kopftüchern, dem ſcharlachfar⸗ bigen, mit Gold und Silberborten verzierten Mie⸗ der, dem dunklen Baumwollrocke und dem blau⸗ linnenem Vortuche, die weißen Hemdärmel herauf⸗ geſchlagen, ſo daß der Vorderarm frei blieb. Sin⸗ gend und tanzend kamen ſie in den Hof und über⸗ gaben den Kranz, als Zeichen des Ernteſegens, der Baronin, die, als ſie die muntre Menge nahen ſah, herabgekommen war. Eine Zigeunerbande war hier ſchon aufgeſtellt und fiedelte die luſtigſten Wei⸗ ſen; jubelnd drehten ſich die Paare um einander, 15 und die Dienerſchaft des Schloſſes ſchenkte für jeden der Schnitter und Schnitterinnen ein Glas Wein ein, und ſchnitt jedem ein Viertelbrod zu. Die Baronin blieb übrigens heute nicht, ſo wie ſie es ſonſt zu thun pflegte, auf dem Hofe unter ihren Leuten; ſorgenvoll war ſie in ihr Zim⸗ mer zurückgekehrt, denn ſie wußte es ſchon, daß ihr Freund Laczkovics nebſt manchem andern ihrer Be⸗ kannten verhaftet ſei. Als ſie nun plötzlich ihren Peſther Fiscal ins Zimmer treten ſah, der doch ſo ſelten die Stadt verließ, ahnte ihr nichts Gu⸗ tes.„Sie bringen eine Trauerbotſchaft!“ rief ſie ihm entgegen. „Leider“, ſagte er,„haben Frau Baronin es errathen, Baron Ladislas—“ „Um Gotteswillen was iſt mit ihm geſchehen?“ „Er iſt in der Nacht von vorgeſtern auf ge⸗ ſtern verhaftet worden.“ Die Baronin ſchellte, der Bediente trat ein. „Einſpannen“, rief ſie,„wir fahren augenblicklich nach Peſth. Das Stubenmädchen ſoll packen, wir gehen nur für kurze Zeit. Ruhen Sie ein Bis⸗ chen aus“, ſagte ſie zum Fiskal,„wir reiſen gleich 16 ab, ich mache nur noch die nöthigſten Anſtalten; im Wagen erzählen Sie mir das Weitere.“ In einer Stunde war alles vorbereitet und die Baro⸗ nin ſaß mit ihrem Fiskal im Reiſewagen. Die fröhliche Schaar der Schnitter war noch im Hofe, als die Baronin, vom Fiscal begleitet, einſtieg, und als ſie von den Dienern hörten die Reiſe gehe nach Peſth, riefen ſie drei Mal Hurrah ihrer Her⸗ rin und drei Mal für Baron Ladislas, und der Dorfrichter, ein Greis von 80 Jahren, kam heran und bat die Dame, ſie möge doch ihren jungen Herrn mit zurückbringen, damit er ſehe, wie ſeine Unterthanen ihn liebten und er ſich gewöhne unter ihnen zu leben und nicht in der Hauptſtadt. Die Baronin war gerührt, ſie trocknete eine Thräne und winkte dem Kutſcher fortzufahren. Während der Reiſe ließ ſie ſich alles erzählen, was in Peſth geſchehen war und was über die Ver⸗ hafteten erzählt wurde. Sicheres wußte man na⸗ türlich nicht, die abentheuerlichſten Gerüchte wur⸗ den verbreitet, alle Tage tauchten neue Vermuthun⸗ gen auf, aber jedermann war ftſt davon überzeugt, es ſei eine politiſche Maßregel, ſie gehe von der Sicichhhe— 17 Regierung, nicht von der Juſtiz aus. Dies war auch der Grund, warum der Advvcat die Baronin zu überreden ſuchte, nach Wien zu reiſen, ſich dem Kaiſer zu Füßen zu werfen und Gnade für ihren Sohn zu erflehen, doch die Baronin ſagte entſchloſ⸗ ſen: ich flehe nicht um Gnade, denn mein Sohn iſt unſchuldig, laſſen Sie mich nur machen; ich folge unbedingt Ihrem Rathe, wenn es ſich um eine Rechtsfrage handelt, wie man aber mit Men⸗ ſchen umgeht, das verſtehe ich beſſer.“ Der Fiscal verſicherte, in Peſth und Ofen könne niemand etwas thun, ſelbſt dem Erzherzog— meinte er— ſind die Hände gebunden, die Verhaftsbe⸗ fehle ſind vom Kanzler unterzeichnet, nicht vom Palatin. Die Baronin hörte aufmerkſam zu, frug um jedes Detail, aber ſie verſchwieg ihre Pläne ſelbſt ihrem Rechtsfreunde. In Peſth angekommen, ſtieg ſie nicht im eignen Hauſe, ſondern bei dem Fiscal ab, um kein Auf⸗ ſehen zu erregen, und befahl ihrer Dienerſchaft ſich abermals in Bereitſchaft zu halten, da ſie ſich nicht lange aufhalten werde. Sie nahm vhne Verzug einen Fiaker und fuhr nach Ofen zum Kronan⸗ n. 2 — 18 walt, der, wie gewöhnlich, in ſeinem Arbeitszimmer ſaß, während Fekete mit einen Bündel Arten vor ihm ſtand und ihm über einen Civilprozeß der Krone referirte, der ihm anvertraut worden war. Der Jurat meldete die Baronin Révay. „Domine Frater“, ſagte Németh,„gehen Sie ins Nebenzimmer und ſtudiren Sie noch das Do⸗ rument sub NV ſorgfältig durch, der Anſpruch des Fiscus auf das fragliche Gut gründet ſich haupt⸗ ſächlich darauf, ich will ſehen, ob Sie vielleicht in ſolchen Angelegenheiten beſſer zu gebrauchen ſind, wie in politiſchen Prozeſſen. Fekete verließ das Zimmer und Baronin Révay trat ein. Der Kronanwalt ſtand von ſeinem Sitze auf und ging der Dame mit den Worten entgegen: „Gnädige Baronin, ich kann keinen Zweifel hegen über die Abſicht, in der Sie ſich hierher be⸗ müht haben. Es iſt eine der traurigen Pflichten meines Amtes, die ich in dieſen Tagen zu erfüllen hatte, doch Baronin können verſichert ſein, daß ich alles anwenden werde, um das Schickſal Ihres Herrn Sohnes zu erleichtern. Wollen Sie gefäl⸗ — ligſt Platz nehmen. Die eilige Reiſe muß Sie er⸗ ſchöpft haben.“. Die Baronin ſetzte ſich aufs Sopha, der Kron⸗ anwalt rückte einen Seſſel in ihre Nähe und nahm ebenfalls Platz. „Ich wußte zwar, daß Ihre Mutterſorge Sie gleich zu uns führen würde, doch ich hielt es kaum für möglich, daß dies ſchon heute geſchehe.“ „Herr Kronanwalt“, frug die Baronin,„darf ich es als Mutter wiſſen, warum mein Sohn ver⸗ haftet wurde?“ „Die Anklage lautete auf Hochverrath“, war die Antwort,„auf die Theilnahme an einer Ver⸗ ſchwörung.“ „Hochverrath bei einem ſechzehnjährigen Kna⸗ bi „Unſere Geſetze enthalten nur Beſtimmungen über die Strafe der Verbrechen, nicht über das Alter, in dem ſie verübt werden können.“ „Man braucht dazu keine Beſtimmung der Ge⸗ ſetze, der klare Verſtand reicht hin, um zu ſehen, daß eine Verſchwörung, zu der Kinder gehören, ein F 20 Spiel iſt und nicht gefährlich ſein kann für den Staat.“ Nemeth zuckte die Achſeln. „Welche Beweiſe haben Sie gegen Ladislas? Was fällt ihm zur Laſt?“ „Sie werden erlauben, Frau Baronin, daß ich nur mit jener Zurückhaltung antworte, die mir mein Amt auferlegt. Sein täglicher Umgang mit Hochverräthern iſt bekannt, und dieſer ſelbſt würde genügen, ſeine Haft zu motiviren. Uebrigens iſt es ja möglich, daß ſich während der Unterſuchung die Unſchuld des jungen Barons herausſtellt, es hängt dies viel von der Art ab, in der die ganze Angelegenheit verhandelt wird. Die Unterſuchung wird ausſchließlich von mir und meinen Unter⸗ gebenen geführt, und dürfte daher lange währen, denn wir haben nur wenige Individuen, die dazu verwendet werden können, und die große Anzahl der Theilnehmer an dieſer Verſchwörung macht es uns unmöglich, ſie zu beſchleunigen. Dazu kommt noch, daß wir die Angelegenheit der Rädelsführer beenden müſſen, ehe die Reihe an die minder Gra⸗ virten kommt.“ 21 „Und mein Sohn bleibt bis dahin im Ker⸗ ker?“ „Ich ſehe, Baronin kennen den Lauf der Ge⸗ ſchäfte, und werden daher auch wiſſen, welche Koſten es verurſachen müßte, wenn wir aus be⸗ ſonderer Rückſicht die Unterſuchung gleich von An⸗ fang auf Baron Ladislas ausdehnen ſollten. Ein eigener Fiscal müßte dazu von mir delegirt wer⸗ den, er müßte vielleicht auch mehrere Reiſen machen, um die Sache ſchneller ins Reine zu bringen; er müßte, um die Angelegenheit früher zu erledigen, nicht nur ſeine Amtsſtunden, in denen er ohnehin vollauf beſchäftigt iſt, ſondern auch ſeine übrige Zeit darauf verwenden. Wie geſagt, eine ſolche Angelegenheit iſt nicht ohne große Koſten durch⸗ zuführen, doch ich zweifle nicht, daß, wo es ſich um Ihren Sohn handelt, dieſer Punkt für Baro⸗ nin nicht von großem Belang ſein wird.“ „Wie hoch dürften ſich dieſe Koſten belaufen?“ frug jetzt die Baronin. „Das kann ich nicht genau berechnen,“ erwie⸗ derte der Kronfiscal,„ich glaube 300 Ducaten würden für den erſten Moment hinlänglich ſein, in einigen Wochen wird es ſich dann ſchon zeigen, was noch zu thun übrig bleibt.“ Die Baronin hatte bis jetzt ruhig zugehört, kein Zug Ihres Geſichtes verrieth ihre innere Aufregung. Doch jetzt blitzte ihr Auge mit zorn⸗ erglühtem Blicke, ſie erhob ſich von ihrem Sitze und rief mit lauter Stimme: „Sie wollen mir alſo die Freiheit meines Sohnes verkaufen! Sie wollen ehrloſen Handel treiben mit der Gewalt, die Ihnen Ihr Amt ein⸗ räumt? Ich erkläre Ihnen nun feierlich, daß ich für meinen Sohn kein Löſegeld zahle.“ „Darf ich bitten ſich zu mäßigen,“ unterbrach ſie Nemeth,„man könnte Sie im Nebenzimmer hören; laſſen Sie ſich durch Ihre Leidenſchaft nicht verblenden. So einflußreich Sie ſich auch hier und bei Hofe in Wien glauben, ſo dürfte doch ein Krieg mit mir bloß zu Ihrem Nachtheil aus⸗ fallen, laſſen Sie uns die Angelegenheit mit Ruhe verhandeln.“ „Ich nehme den Krieg an!“ rief die Baronin erzürnt,„und ich kümmere mich nicht darum, wenn die ganze Welt es erfährt;— doch ich klage nicht 23 bei Hofe gegen Sie. Sie werden augenblicklich den Befehl geben, meinen Sohn freizulaſſen, oder ich bin in drei Tagen wieder hier an dieſer Stelle, an der Spitze aller meiner Bauern, die mit be⸗ waffneter Hand die Freiheit ihres Herrn von Ihnen erzwingen werden Wenn Männer nicht den Muth mehr haben, der Corruption ſich mit Gewalt ent⸗ gegen zu ſtemmen, ſo wird es das Weib thun! Und wenn ich ausziehe aus meinen Bergen, ſo wird meine Schaar wachſen wie eine Lavine; Sie können nicht wiſſen, wohin eine ſolche Empörung führt. Vielleicht wird ſie durch das Militair unterdrückt, aber ſicher iſt es, daß Sie, Herr Kronanwalt, als erſtes Opfer fallen! Was ſehen Sie mich ſo erſtaunt an? zweifeln Sie an den Worten oder an der Entſchloſſenheit einer Baronin Révay? Sie haben die Wahl: Mein Sohn wird augenblicklich entlaſſen, oder Sie müſſen mich hier gleich verhaften laſſen, und ſelbſt dies dürfte für Sie gefährlich werden.“ Sie zog eine Piſtole hervor. Der Kronanwalt dachte einen Moment nach und ſagte vor ſich hin:„Sie iſt wirklich im Stande, es zu thun. Frau Baronin,“ ſetzte er laut fort, glauben Sie nicht, daß Sie mich erſchrecken, doch ich fühle mit Ihnen den Schmerz des Mutter⸗ herzens auf das Tiefſte, ich bin ja auch Vater, aus Rückſicht für Ihre Familie und wegen der Jugend des Angeſchuldigten will ich jetzt von der Strenge abgehen, die mein Amt mir zur Pflicht macht.“ Er ſchrieb ſchnell einige Zeilen und rief ins Nebenzimmer: „Domine Frater Fekete! Sie werden die Frau Barvnin in das Franziskaner-Kloſter begleiten, wo Baron Ladislas iſt, hier nehmen Sie den Be⸗ fehl, daß er gleich in Freiheit geſetzt werde, dies iſt doch einmal ein Auftrag nach Ihrem Herzen, nicht wahr?“ Er wandte ſich dann zur Baronin und ſagte:„Ich hoffe, Sie ſind zufrieden mit mir, und werden nicht klagen über die Herzloſigkeit der Beamten.“ „Herr von Németh,“ rief die Baronin ſtolz, „zwiſchen uns iſt keine weitere Erklärung nöthig, wir kennen uns hinlänglich, daher iſt es überflüſſig, Sie zu verſichern, daß niemand es erfährt, was wir verhandelt haben.“ Sie reichte ihm die Hand zum Kuſſe. . „Domine Magnifice,“ ſagte jetzt Fekete,„ich bin Ihnen für dieſen Auftrag, dieſen Beweis Ihres Wohlwollens, unendlich dankbar, doch ich erkläre es jetzt in Gegenwart der Frau Baronin, daß es mein letzter offizieller Gang ſei, ich reiche noch heute mein Entlaſſungsgeſuch ein.“ „Stulte!“ rief ihm Németh zu,„Sie verſcher⸗ zen Ihre Zukunft! doch es iſt Ihr Wille, ich nehme die Reſignation an, und erinnere Sie bloß an den Eid der Verſchwiegenheit, den Sie als Honvrar⸗ ſisegl geleiſtet haben.“ Die Baronin wandte ſich zu dem jungen Mann mit den Worten:„Sie ſind ein Ehrenmann, und Sie ſollen es nie bereuen, daß Sie Ihre Stellung aufgaben, noch heute ernenne ich Sie zu meinem Fiscal, und der Dienſt bei der Baronin Révay wird nicht minder vortheilhaft ſein, als jener des Königs. Jetzt aber eilen wir in den Kerker.“ Der Wagen der Baronin wartete an der Thüre, in wenigen Augenblicken waren ſie im Kloſter, das jetzt zum Gefängniß diente, Fekete hatte kaum Zeit, ſeinen Dank und ſeine Bewunderung der Baronin auszudrücken; er hatte ihre Unterredung mit Né⸗ meth unwillkührlich gehört. Im Kloſter angelangt, zeigte er den Befehl des Kronanwalts vor, Ladislas wurde gleich in Freiheit geſetzt und ſtürzte in die Arme ſeiner Mutter, die vor Freude weinte. Er erkundigte ſich gleich, wie ſeine Befreiung bewerkſtelligt worden ſei, und als er hörte, der Kronanwalt habe ſie aus Rückſicht ſeiner Jugend angeordnet, rief er traurig aus:„Bin ich denn ſeit vier Tagen jünger ge⸗ worden?“ XIII. Ein reniger Sünder. Der Advveat der Baronin Révay war nicht wenig erſtaunt, als er ſie mit Ladislas und Fekete bei ſich eintreten ſah, nachdem ſie erſt kaum vor zwei Stunden nach Ofen gefahren war.„Gnädige Baronin!“ rief er aus,„welche freudige Ueber⸗ raſchung. Wie hat es Ihnen gelingen können, Baron Ladislas ſo ſchnell zu befreien? Die Nach⸗ richt, daß er entlaſſen wurde, wird viele Familien beruhigen; ſie iſt ja eine Bürgſchaft, daß keiner der Verhafteten lange feſtgehalten werden wird.“ „Lieber Freund,“ erwiederte die Baronin,„fra⸗ gen Sie nicht, auf welche Art dies gelang; dies muß für lange Zeit ein Geheimniß bleiben; es iſt nicht einmal nöthig, daß man es wiſſe, ich ſei hier geweſen. Knüpfen Sie auch keine Hoffnungen an die Befreiung von unſerm Ladislas, er allein konnte auf dieſe Art gerettet werden, kein anderer. Hätte ich eine Möglichkeit geſehen, auch meine Freunde zu befreien, ſo würden ſie gewiß nicht im Kerker ſchmachten. Es genüge Ihnen jetzt zu wiſſen, daß Herr Fekete nicht mehr Kameralfiscal iſt, ſon⸗ dern Ihr Adjunct mit doppeltem Gehalt. Führen Sie ihn in meine Geſchäfte ein, ich will ihm ſo⸗ bald als möglich einen größeren Wirkungskreis auf meinen Gütern in Thurocz geben, er verdient mein Vertrauen im vollen Maße.— Thun Sie mir noch den Gefallen, alle Anſtalten zu treffen, daß ich vor Tagesanbruch abreiſen kann; ſo lange La⸗ dislas nicht in Moſocz iſt, halte ich ihn noch immer nicht für ſicher, jedoch nach der Aufregung der letzten Tage bedarf ich jetzt wenigſtens einige Stun⸗ den Ruhe. Dir lieber Laszlö wird ſie wohl auch wohl thun.“ Fekete drückte jetzt der Baronin ſeinen innigſten Dank aus für das Vertrauen, mit dem ſie ihn, den Unbekannten beehrte, und verſicherte ſie, es 29 werde ſtets ſein Beſtreben ſein, dies Vertrauen nicht zu verſcherzen. Doch die Baronin rief ihm zu: „Laſſen wir die Worte, ich zweifle nicht, daß ſie aufrichtig gemeint ſind, ich erinnere Sie bloß daran daß Sie mir keinen größeren Gefallen thun kön⸗ nen, als wenn Sie durch Ihre früheren Verbin⸗ dungen vielleicht in den Stand geſetzt werden, irgend etwas für die Befreiung des armen Szolareſek's zu thun. Läßt ſich in dieſer Hinſicht durch Geld etwas ausrichten, ſo vergeſſen Sie nicht, daß meine Caſſe zu Ihren Dienſten ſteht, und nun leben Sie wohl.“ Ladislas rief:„Mutter, Du haſt meinen hei⸗ ßeſten Wunſch errathen, ich kann nicht wieder heiter ſein, bis ich Alerander nicht in Freiheit weiß. Nicht wahr, lieber Fekete,“ frug er nun dieſen, „das wird nicht ſo ſchwer gehen?“ Doch Fekete zuckte die Achſel und ſagte:„Ich kann nichts an⸗ deres verſprechen, als daß ich nichts unverſucht laſſen werde, um Ihren Wunſch zu erfüllen, der auch der meinige iſt.“ Am nächſten Morgen eilte die Baronin mit Ladislas eben ſo ſchnell nach Thurvez zurück, als 30 ſie gekommen war, und da Fekete das Geheimniß nicht verrieth, wie die Baronin die Freiheit ihres Sohnes erkämpft hatte, ſo glaubte man ſchon in Peſth, die Regierung wolle nicht weiter gehen auf dem Pfade des Terrorismus, und man fing ſchon an, ſich zu beruhigen, als plötzlich die Nachrichten aus den Comitaten kamen, die Verhaftungen, die in der Hauptſtadt aufgehört hatten, begännen jetzt dort. Unterdeſſen machte der Fiscal ſeinen neuen Adjuncten Fekete mit den Geſchäften der Familie Revay bekannt; doch ſo ſehr auch dieſer mit ſeiner Stellung zuftieden war, in der er nicht nur in materieller Hinſicht bald eine völlige Unabhängig⸗ keit ſich zu erringen die Ausſicht hatte, ſondern in der er auch ſicher war, nie mit ſeinen Grundſätzen in Conflict zu gerathen, ſo war er dennoch unzu⸗ frieden mit ſich ſelbſt, ſo lange er ſich mit der Fa⸗ milie Koväcs nicht auf einen beſſern Fuß geſtellt hatte. Er war mehrere Male gegen das Neugebäude ſpazieren gegangen, immer mit der Abſicht, einen Beſuch in dem Hauſe des Doctors zu machen; ————— 31 doch wenn er in die Nähe kam, ſchämte er ſich immer wieder der Rolle, die er dort geſpielt hatte. Er erkundigte ſich daher bloß an der Thüre um die Geſundheit von Madame Raimond, er wollte nicht einmal ſeine Karte abgeben, um ja kein unangenehmes Gefühl bei den Damen zu er⸗ regen. Als er endlich nach einigen Tagen hörte, ſie ſei wohler, obgleich noch immer leidend, ließ er ſich anmelden, und trat nicht ohne Verlegenheit in das Zimmer. Madame Raimond lehnte am So⸗ pha, bleich und regungslos wie eine Marmorſtatue; ihre Züge trugen die Spuren der Aufregung der letzten Tage, ſie ſchienen jene haſtige Beweglichkeit verloren zu haben, die ſie ſonſt chararteriſirte, und die Ruhe des Leidens veredelte ſie. Lenke, blühend wie immer, ſaß mit einem Buche neben ihrer Freun⸗ din, ſie hatte ihr vorgeleſen; als ſie aber Fekete eintreten ſah, konnte ſie ihren Unmuth kaum ver⸗ bergen. Dr. Koväcs war im Zimmer ruhig auf und ab gegangen, und blieb erſtaunt ſtehen, als er den Gaſt ſah. Der ſchweigende Empfang vermehrte die Verlegenheit Fekete's. „Meine Gegenwart erweckt peinliche Erinne⸗ rungen,“ ſagte er zu Dr. Koväes,„ich finde dies natürlich, und dennoch hielt ich es für meine Pflicht zu erſcheinen.“ „Ich glaube es ſehr gern,“ entgegnete der Arzt mit Milde,„daß es Ihnen oft ſchwer fällt, Ihre Pflichten zu erfüllen; doch ich muß geſtehen, Sie thaten es in der ſchonendſten Weiſe. Sie haben. nun wahrſcheinlich den Auftrag, meine Schriften nochmals zu unterſuchen und zu ſiegeln, ich bin bereit, ſie Ihnen auszuliefern.“ „Nicht doch,“ ſagte Fekete,„Sie irren ſich jetzt, ich bin nicht mehr Kameralfiscal, ich habe einem Ante entſagt, das mir Pflichten auferlegte, die ich mit meinen Grundſätzen für unverträglich hielt.“ Lenke ſah ihn überraſcht an, und Dr. Koväcs rief erſtaunt:„Ein ſeltenes Beiſpiel in unſerer Zeit, ein Beamter, der ſeine Zukunft ſeiner Ueberzeugung opfert! Seien Sie mir freundlich willkommen. Wie kamen Sie denn zu dieſem Entſchluß? Sie ſind ja der Neffe des Kronanwalts, der Sie ſtets pro⸗ tegirte. Lenke,“ rief er ſeiner Tochter zu,„mache jetzt Frieden mit Herrn von Fekete, Du haſt ihm ein hartes Wort geſagt.“ Das Mädchen ſtand unbefangen auf und reichte dem jungen Mann die Hand mit den Worten: „Es freut mich, daß ich mich in Ihnen getäuſcht habe; verzeihen Sie mir meine raſchen Worte, ich hoffe, Sie haben ſie nicht beachtet.“ „Im Gegentheil, ſagte Fekete,„ich muß Ihnen dankbar ſein, daß Sie es raſch und rückſichtslos ausgeſprochen, was Sie dachten. Hätten es meine Freunde längſt gethan, die meine Abſichten kann⸗ ten, in Staatsdienſte zu treten, ſo hätte ich viel Zeit gewonnen und mir manchen Schmerz erſpart. Erſt als Sie mir zuriefen, ich ſolle mich ſchämen, ein Amt angenommen zu haben, das mich zu einem feilen Häſcher erniedrige, war es mir plötzlich klar, daß mein ſogenanntes Pflichtgefühl nichts anderes ſei, als Feigheit. Ich ermannte mich und riß mich los aus jenen Verhältniſſen, die mich zur Maſchine machten.“ „Die Achtung aller jener, die die Menſchen⸗ würde ehren, wird Sie ſicher reichlich entſchädigen I. 3 dafür, daß Sie für immer Ihre Ausſichten auf einen Hofrathstitel aufgegeben haben,“ bemerkte Koväcs.„Nehmen Sie Platz,“ fuhr er fort,„und laſſen wir nun die Vergangenheit ruhen; unſere kranke Freundin greift jede Erinnerung an die letz⸗ ten Ereigniſſe ſchmerzlich an.“ „Und doch iſt die Zukunft noch trüber als die Gegenwart,“ lispelte Lvuiſe kummervoll. „Ich hoffe, daß Sie ſich irren,“ ſagte Fekete, „und vielleicht bin ich im Stande, Ihnen an die Hand zu gehen. Disponiren Sie über mich, ich habe manche Verbindungen, die Sie benutzen könnten.“ „Nein, nein,“ rief Louiſe mit ſcharfem Tone aus,„der Opfer ſind genug gefallen; wer immer ſich meiner annimmt, ſtürzt ins Verderben.“ „Regen Sie ſich nicht auf, theure Freundin,“ beſchwichtigte ſie jetzt der Arzt.„Geben Sie ſich keinem Vorurtheile hin. Ihr ſcharfes Urtheil, ihr heller Blick zeigt Ihnen ja hinlänglich, wie hohl die fataliſtiſchen Theorien ſind.“ „Ja, wer jetzt helfen könnte!“ ſagte Lenke zu Fekete.„Sie haben keine Verbindungen mit den 35 Militair⸗Behörden, und ſelbſt wenn dies der Fall wäre, ſo hülfe es uns nicht. Sie werden ja ſchon wiſſen, daß die Kriegsgefangenen nächſte Woche Peſth verlaſſen und in die verſchiedenen Feſtungen Ungarns vertheilt werden ſollen. Oberſt Decamps, der Vater unſerer Freundin, ſoll nach Temesvar! Kaum hatte ſich Louiſe von dem furchtbaren Auf⸗ tritt hier im Hauſe etwas erholt, als dieſe Schrek⸗ kensnachricht ihre Kräfte brach. In dieſem Zuſtand können wir ſie nicht reiſen laſſen. Sie hat keine Bekannten in Temesvar, die ſich ihrer annähmen, und die Sümpfe um die Feſtung machen dieſen Ort gerade zu dem ungeſündeſten in ganz Ungarn. Die Fieberluft und die Angſt um ihren Vater töd⸗ tet ſie dort.“ „Laßt mich mit meinem Vater ziehen;“ ſeufzte Madame Raimond,„und ſollte ich dort auch unter Fremden mein Grab finden, ſo iſt dies ja kein Unglück für mich; ich finde in dieſer Welt doch keine Ruhe mehr!“ Thränen traten in die Augen Lenke's, ſie beugte ſich über ihre Freundin und küßte ſie auf die Stirn. „Die ganze Aufgabe iſt alſo nichts weiter,“ 36 fragte nun Fekete,„als auszuwirken, daß Oberſt Decamps nicht nach Temesvar geführt werde?“ „Es ſcheint beinahe,“ bemerkte Koväcs,„daß Sie dies durchaus nicht für ſchwierig halten. Ich fürchte, Sie ſind zu ſanguiniſch.“ „Wir wollen es ſehen,“ rief Fekete, und er wandte ſich zu Lenke.„Fräulein,“ ſagte er,„ich bin es Ihnen ſchuldig gut zu machen, was ich verbrochen habe. Ich habe Ihnen allen unwill⸗ kührlich ſehr wehe gethan. Sie ſollen nun ſehen, daß wenigſtens ich den Willen habe, Ihnen zu dienen. Hier, meine Hand darauf, Oberſt Decamps wird nicht nach Temesvar geführt, wenn Ihre Freundin meinen Rath annimmt.“ Madame Raimond, die bisher vermieden hatte, den jungen Mann anzublicken, warf jetzt mißtrauiſch einen Blick auf ihn. Sie konnte nicht begreifen, daß Dr. Koväes und ſelbſt Lenke in ſo kurzer Zeit einem Manne Vertrauen zeigen konnten, der ſelbſt von der günſtigſten Seite beurtheilt, bis jetzt nur Schwäche des Characters bewieſen hat. Zu⸗ erſt wird er zum Häſcher, weil er nicht den Muth hat, dem Kronanwalt gegenüber ſeine Ueberzeugung 37 auszuſprechen, und dann wirft er ſein Amt von ſich, weil ein hübſches Mädchen, das er zum erſten⸗ male in ſeinem Leben ſicht, ihm in höchſter Auf⸗ regung Vorwürfe macht. Doch als ſie die offene Miene Fekete's und ſeine ehrlichen Augen ſah, fiel es ihr gleich ein, es zeige doch von Tact und Zartgefühl, daß er ſie bisher nicht direct angeredet habe, um ſie zu ſchonen, ſondern nur durch die Vermittelung Lenke's ſich ihr nahte. Sie fragte ihn daher freundlich:„Worin beſteht Ihr Rath?“ Die Franzöſin hatte Fefete nicht falſch beur⸗ theilt. Er war nicht der muthig entſchloſſene, ju⸗ gendlich friſche Character Szolareſek's. Der ein⸗ zige Sohn einer Wittwe, die ihn ſtets mit ängſtlicher Liebe umgab, war Fekete's Gemüth weich geblieben; den Eindrücken offen, ſich ſelten zu einem feſten Widerſtand ermannend. Dagegen hatte er ein fei⸗ neres Gefühl als manche ausgeprägte Charactere. Inſtinetmäßig erkannte er bei Anderen jene Wunden des Gemüthes, die man nicht einmal mit ſchonender Freundeshand berühren darf, und ging ſtets in die Stimmung jener ein, die ihn umgaben. Wenn er daher auch im erſten Augenblicke ſelten gefiel, ſo 38 wirkte doch ſeine Gegenwart in die Länge nie un⸗ angenehm, und wie er fühlte, daß er Vertrauen erwecke, gewann er immer mehr Sicherheit und Feſtigkeit. Er hatte auch die ganze Bedeutung jenes Blickes erkannt, mit dem ihn Madame Raimond gemeſſen hatte, und war vollkommen beruhigt in ſeinem Innern, als er den Ton ihrer Frage ver⸗ nahm; er ſah, auch ſie habe Frieden mit ihm ge⸗ ſchloſſen. „Sie müſſen es,“ antwortete er,„dem Oberſten zu wiſſen thun, daß er ſich augenblicklich krank melde und das Bett hüte.“ „Ach,“ ſagte Lvuiſe,„das iſt bald geſchehen, doch der Arzt weiß es wohl, daß er geſund iſt, und in die Länge läßt ſich eine ſolche Täuſchung doch nicht durchführen.“ „Sie kennen unſer Syſtem nicht,“ entgegnete Fekete.„Die Hauptſache bleibt, daß er jetzt nicht weggeführt werde, wenn ſeine Leidensgefährten fort⸗ gehen, iſt er einmal hier geblieben, dann kümmert ſich niemand mehr darum, wo er iſt, und es macht viel zu viel Ungelegenheit, einen einzigen Gefan⸗ genen nach Temesvar zu escortiren. Ohne ſpeziellen 39 Befehl des Hofkriegsrathes könnte dies ohnehin nicht geſchehen, und wir wiſſen, wie lange es dauert, bis welche Angelegenheit immer erledigt wird. Sorgen Sie ſich daher gar nicht. Die Ge⸗ fangenen werden jetzt fortgeführt, damit die große Menge die Fabel glaube, man habe ſie gewaltſam befreien und eine Revolution machen wollen. Der Zweck wird erreicht, wenn man ſie mit den größten Vorſichtsmaßregeln durch die Straßen von Peſth, unter der Escorte von einem ganzen Bataillon und von zwei Escadronen Cuiraſſieren nach Temes⸗ var, Arad und Petervardein abſchickt. Ob dann der Oberſt Decamps zurückgeblieben iſt oder nicht, das macht den Zug nicht mehr und nicht weniger impoſant, und es würde den Effect nicht im Ge⸗ ringſten erhöhen, wenn dann einige Wochen ſpäter ein einzelner Gefangener ihnen nachgeſchickt würde. Ich gebe Ihnen mein Wort, ſie laſſen ihn dann hier.“ „Sie haben vollkommen recht,“ bemerkte lächelnd Dr. Koväcs,„es bleibt nur eins zu thun übrig, ein ärztliches Zeugniß zu verſchaffen, daß der Oberſt wirklich krank iſt. Können Sie dies?“ 40 „Ich hoffe, ich kann es,“ antwortete Fekete, „doch es iſt unnöthig, darüber viele Worte zu machen, ich eile jetzt gleich zum Militairarzt, um die Damen nicht lange in Ungewißheit zu laſſen.“ Lenke reichte ihm zutraulich die Hand, er ging und Madame Raimond rief ihm freundlich nach: „Sie ſind ein guter Menſch!“ Nit leichtem Herzen ging Fekete in das Neu⸗ gebäude zu dem Regimentsarzt, der im erſten Pentagon wohnte. Gleich beim Eintreten nahm der Advocat wahr, daß ſeine Aufgabe ſehr leicht zu löſen ſei, denn er ſah im Nebenzimmer einen Tiſch für drei Perſonen gedeckt, und vor jedem Gedecke ſtand eine Bouteille Champagner und eine Bouteille Tokayer. Doctor Obermüller, der Regimentsarzt, war ein jovialer Oeſtreicher, und er machte kein Ge⸗ heimniß daraus, daß er die Freuden der Tafel jedem andern Lebensgenuſſe vorziehe. Fekete ſagte ihm, er komme in einer wichtigen Angelegenheit; doch Doctor Obermüller unterbrach ihn:„Ich bitte Sie, keine Vorreden; ich erwarte ein Paar Freunde zum Eſſen; die ſind pünktlich und kommen in drei 41 Minuten, die Köchin iſt fertig, und Sie wiſſen, es iſt nichts unangenehmer, als wenn die Mehl⸗ ſpeiſe zuſammenfällt, oder der Braten verbrennt. Was fehlt Ihnen?“ „Gar nichts,“ antwortete Fekete,„aber Sie müſſen mir einen Gefallen thun; ich werde mich kurz faſſen.“ „Welchen?“ fragte der Regimentsarzt. „Ich intereſſire mich,“ ſagte der Advocat„für einen der franzöſiſchen Kriegsgefangenen; ich wünſche, daß er hier bleibe, und nicht in das ungeſunde Neſt Temesvar geführt werde— er ſtirbt dort. Geben Sie ihm das Zeugniß, daß er krank iſt und nicht transportirt werden kann.“ „Das heiße ich offen geſprochen! rief Dr. Ober⸗ müller.„Sie gefallen mir; alſo ich ſoll ein fal— ſches Zeugniß geben? Das iſt ja verboten.“ „Was fällt Ihnen ein, Herr Doctor! Sie ſol— len es ja nicht wider ihren Nächſten, ſondern für ihn geben.“ „Ha, ha, ha!“ lachte der Oberöſtreicher,„Sie haben Recht. Was ſoll ich aber dafür bekommen?“ „Einen fetten Hirſch, der mir ſo eben aus dem — Révay'ſchen Thiergarten zugeſchickt worden iſt, eine Straßburger Gansleber Paſtete und einen Korb Champagner.“ „Abgemacht,“ ſagte der Arzt.„Wer iſt aber der Gefangene, der krank ſein ſoll?“ „Oberſt Decamps.“ „Aha, der alte Herr, der die hübſche Tochter hat, die ihn ſo liebevoll pflegt! für den thue ich es doppelt gerne.— Vergeſſen Sie aber Ihr Wort nicht, und thun Sie mir den Gefallen über⸗ morgen bei mir zu ſpeiſen. Sie ſcheinen ein luſti⸗ ger Patron zu ſein, und das liebe ich ganz be⸗ ſonders.“ Hocherfreut kehrte jetzt Fekete zu Dr. Koväcs zurück und rief, wie er die Thüre aufmachte, „Triumph! die erſten Operationen ſind geglückt. Dr. Obermüller giebt das Zeugniß, der Oberſt bleibt hier. Ich hoffe, meine Damen, Sie werden mir in Zukunft mehr Vertrauen ſchenken. Ihr erſter Auftrag war freilich nicht ſchwer auszuführen, viel⸗ leicht bin ich ſo glücklich, auch ſchwierigeres durch⸗ zuführen. Befehlen Sie.“ Dr. Koväcs war nicht im Zimmer, und Lenke 43 ſah Louiſe bedeutend an, doch dieſe dankte zwar herzlich dem Advvcaten für den Dienſt, den er ihr erwieſen hatte, und ließ ſich von ihm ſeine Unter⸗ redung mit dem Regimentsarzte erzählen; allein ſie erwähnte mit keinem Worte Szolareſek's. Zum erſtenmale ſeit zwei Wochen war ſie aber wieder heiter, ſie ſcherzte und lachte, wie ſie es früher ſo vft zu thun pflegte, ihr ſehnlichſter Wunſch war erfüllt, ſie konnte in der Nähe ihres Vaters bleiben, vhne ſich von ihrem unglücklichen Freunde zu entfernen. Der erſte Erfolg gab ihr Muth und doch wagte ſie es nicht, Fekete um den zweiten Dienſt anzu⸗ ſprechen, für ſie nicht weniger wichtig als der erſte. Lenke war ſehr erfreut über die ungewöhnliche Heiterkeit ihrer Freundin, obgleich das Feuer, das in ihren Augen brannte, ihr noch ſehr krankhaft erſchien; ſie wunderte ſich, daß Louiſe den Antrag Fekete's ganz unbemerkt hatte fallen laſſen, aber ſie fühlte es zu gleicher Zeit, daß ein Auftrag an Szolareſek im Munde ihrer Freundin einem Ge⸗ ſtändniß gleich käme, daß ſie ihn liebe. Es fiel zwar auch Lenke ſchwer, den Namen des Freundes auszuſprechen, ohne unwillkührlich zu erröthen; 44 doch endlich brachte ſie es über's Herz, zu fragen: „Glauben Sie, daß es möglich ſe, ſich mit den Gefangenen im Franciscaner-Kloſter in Ver⸗ bindung zu ſetzen?“ Fekete hatte ſchon lange dieſe Frage erwartet, wenn auch nicht von Lenke.„Ich hoffe,“ ſagte er zu ihr,„ich kann es durchſetzen, obgleich dies mit vielen Schwierigkeiten verbunden iſt. Haben Sie eine Mittheilung zu machen, ſo geben Sie mir nur den Brief, ich will ihn beſtellen, ohne daß er durch die Hände des Kronanwalts geht.“ Madame Raimond zog ein kleines Brieſchen aus dem Buſen und gab es Fekete; es war ohne Adreſſe; doch dieſe wäre auch überflüſſig geweſen, er wußte, für wen es beſtimmt ſei. Lenke war erſtaunt, daß ihre Freundin, die doch fortwährend von ihrer Abreiſe nach Temesvar ge⸗ ſprochen hatte, und ganz hoffnungslos ſchien, doch auch noch andere Hoffnungspläne nicht aufgegeben hatte. Fekete nahm lächelnd den Brief und ſagte: „In einer Woche hoffe ich Ihnen die Antwort über⸗ bringen zu können. Sie ſehen mich nicht ohne dieſe.“ „ 45 „Ich glaube, daß Sie reuſſiren,“ entgegnete Madame Raimond,„es wird uns aber auch freuen, wenn Sie uns noch vor der Ausführung ihres freundlichen Vorhabens beſuchen. Erzählen Sie uns Ihre Verſuche, ſelbſt die, die nicht gelingen. Es wird uns beruhigen, wenn wir wiſſen, daß etwas im Werke iſt. Verſprechen Sie dies.“ „Mit dem größten Vergnügen!“ rief Fekete. „Ich will ganz Ihr Wertzeug werden, wie ich das Werkzeug des Kronanwalts war. Es iſt jedenfalls angenehmer und leichter, Gutes zu thun, und Ihren Befehlen zu gehorchen, als jenen meines Herrn Oheims.“ XIV. Im Gekängniß. An der Nordſeite der Ofner Feſtung ſteht ein großes Gebäude, finſter und ſchmucklos, mit zwei langen Reihen von Gitterfenſtern übereinander. Man erkennt es auf den erſten Blick, daß es ein Kloſter ſei, ſelbſt wenn es nicht an eine Kirche angebaut wäre. Die geſchmackloſe Fagade dieſer letztern, mit den vielfältigen Schnörkeln, bietet ein Beiſpiel jenes verderbten Styles der Architectur, der gegen das Ende der Regierung Ludwig XIV in ganz Europa herrſchte, und den einige Kunſt⸗ forſcher nicht mit Unrecht den Perückenſtyhl nennen. Das Kloſter war früher im Beſitze des Ordens des heiligen Franciscus geweſen; da aber keine 47 Schule damit in Verbindung ſtand, wie es ſonſt häufig der Fall war, und die Mönche durch ihre Ordnungsregel für ihren Unterhalt auf den Bettel, die ſogenannte Quäſta, angewieſen, ein durchaus contemplatives Leben führten, war es vom Kaiſer Joſeph, der die Bettelorden nicht länger dulden wollte, denen keine activen Pflichten auferlegt wa⸗ ren, ohne alle Rückſicht aufgehoben worden. Das Gebäude wurde Staatseigenthum, und da man dafür noch keine feſte Beſtimmung hatte, diente ein Theil davon zu einem Proviantmagazin; der andere ſtand leer. Als nun die Verhaftungen der ſogenannten Hochverräther an der Tagesordnung waren, wollte man ſie nicht in die Kerker des Comitat'shauſes ſperren, weil dieſe, wie es hieß, ohnehin mit Ver⸗ brecher gefüllt waren; im Grunde aber, weil man es wohl wußte, daß die Comitats⸗Beamten die Flucht politiſcher Gefangenen wahrſcheinlich begün⸗ ſtigen würden. Das Neugebäude, das Joſeph zur Baſtille Peſth's beſtimmt hatte, bot 1794 noch kei⸗ nen Raum, denn dort waren die franzöſiſchen Kriegs⸗ gefangenen und ſo wurde denn das aufgehobene Franziskaner⸗Kloſter als Kerker für die Verhafte⸗ ten benutzt. Nach dem Thore zu waren die Gitter an den Fenſtern zwar ſchwach, doch ſchien die Höhe derſelben ein hinlängliches Hinderniß des Entwei⸗ chens, um ſo mehr als eine Wache längs der Mauer auf dem Schloßberge ſtets auf⸗ und ab⸗ ſpazierte, und natürlich jeden Verſuch, ſich von oben mittelſt Stricken herab zu laſſen, gleich bemerkt hätte. Die Zellen der Mönche waren wie geſchaf⸗ fen für einen Kerker. In einem langen Corridor, nach dem die Thüren ſich öffneten, ſtand an jeder Ecke ein Grenadier, und wäre es auch einem Ge⸗ fangenen geglückt, ſeine Wachſamkeit ſo zu täu⸗ ſchen, daß er unbemerkt ſich über die Treppen hinab hätte ſchleichen können, ſo war er doch erſt im Kloſterhofe, aus dem nur ein einziges Thor hin⸗ ausführte, und dieſes war wieder von zwei Gre⸗ nadieren bewacht. Die Sorgfalt, mit der die Si⸗ cherheitsmaßregeln getroffen waren, zeigte von der Wichtigkeit, die man den Gefangenen beilegte. Ihre Zahl mehrte ſich täglich. Sie wurden übrigens nicht hart behandelt; ſie ſahen ſich von Zeit zu Zeit alle, denn jeden zweiten Tag wurden ſie in 49 den Hof hinunter geführt, um dort zwei Stunden lang ſpazieren zu gehen, und bei dieſer Gelegen⸗ heit konnten ſie ſich ungeſtört miteinander unter⸗ halten, denn der Profos ſetzte ſich ganz ruhig auf die Bank an die Mauer und rauchte gemüthlich ſeine Pfeife. Der Inſpectionsoffizier aber blieb ſelten länger als einige Augenblicke bei ihnen. Bei dieſen Spaziergängen im Hofe ſahen die Gefan⸗ genen ſtets, wie viel Leidensgefährte angelangt wa⸗ ren, und erfuhren, was ſeit der Zeit ihrer Verhaf⸗ tung ſich in der Welt ereignet hatte, denn die Ver⸗ bindung nach Außen war ihnen ſehr erſchwert. Tinte, Feder und Papier gewährte man ihnen zwar, doch jeder Brief, den ſie ſchrieben, mußte durch die Hände des Kameralfiskals, Herrn Völgyy, gehen, eines arroganten jungen Mannes, dem die Auf⸗ ſicht über die Gefangenen übergeben war, und der ihnen die Wichtigkeit wollte fühlen laſſen, die er in ſeinen eigenen Augen beſaß. Kein Brief, keine Zeitung, kein Buch durfte in das Franziskaner⸗ Kloſter, ohne erſt ſeine Genehmigung erhalten zu haben, und launenhaft wie er war, hielt er oft die II. 4 * unſchuldigſten Mittheilungen willkührlich zurück, bloß um die Gefangenen zu ärgern. Mit dem Profoſen hatten ſie es beſſer. Es war ihnen er⸗ laubt, ſich bei dieſem für ihr eigenes Geld zu ver⸗ köſtigen, und wenn er ihnen täglich das Frühſtück und Mittagseſſen brachte, wurde oft ein Zeitungs⸗ blatt mit in die Zelle geſchmuggelt, das der Fiskal zurückbehalten hatte. Freilich erwartete er regel⸗ mäßig von Zeit zu Zeit ein Geſchenk. Erhielt er dies nicht, ſo wurde die Koſt ſchlecht, die Cigarren blieben aus, die Zimmer wurden nicht gereinigt, bis einige Ducaten alles wieder in Ordnung brach⸗ ten. Laszkovics hatte übrigens ſeinen Witz und ſeine Heiterkeit auch im Kerker nicht eingebüßt und wenn jemand ihm und ſeinen Gefährten im Hofe bei ihren Spaziergängen hätte begegnen können, wäre er verſucht geweſen es für eine Luſtparthie zu halten, ſo ſorglos ſcherzten und politiſirten ſie alle. Nur Szolareſek war ſchwermüthig und in ſich gekehrt. Anfangs hatte er ſich Vorwürfe ge⸗ macht, daß er die Urſache der Verhaftung ſeines Freundes Ladislas geweſen ſeie, doch auch die Frei⸗ laſſung des Knaben ſtimmte ihn nicht fröhlicher, 5⁴ denn er hatte noch immer keine Nachricht von Ma⸗ dame Raimond erhalten. Anfangs September wurden der Abt und der Graf von Wien nach Ofen gebracht. Jubel be⸗ grüßte ſie, als ſie zum erſtenmal unter ihren Freun⸗ den erſchienen, und Laczkovies eilte zu Martino⸗ vies, ſchüttelte ihm die Hand und ſagte:„Ich hatte Deine Ueberredungsgabe ſtets bewundert; aber nie hätte ich geglaubt, daß ſie mich bis in die Mönchs⸗ zelle des Franziskaner⸗hloſters bringen werde. Du kümmerſt Dich freilich nicht darum, Du warſt ſchon in Deiner Jugend Franziskaner; aber ich, der ich ein Mann des Schwertes war, gehe hier durch Langeweile zu Grunde.“ Martinovies lächelte und bemerkte, es ſei doch noch leichter ſich an das Kloſter zu gewöhnen, als an das Schwert, mit dem ſie der Königliche Fis⸗ cal bedrohe. Sigray fuht bei dieſen Worten ſichtbar zuſam⸗ men und rief bittend:„Macht nicht ſo ſchlechte Späße; mich ſchaudert, wenn ich Euren Leichtſinn ſehe.“ 52 „Ich glaube gar,“ ſagte Hajnöezy,„Catilina fürchtet ſich.“ „Und warum nicht?“ erwiederte der Graf.„Ich habe in meinem Leben oft genug Muth bewieſen, um das Recht zu haben, einmal furchtſam zu ſein ohne ausgelacht zu werden. Ich habe meine Frau und meine Kinder in den letzten Jahren genug vernachläſſigt, und es fällt mir jetzt ſchwer aufs Gewiſſen, daß ich vielleicht nicht mehr im Stande ſein werde, mein Unrecht an ihnen gut zu machen.“ „Es iſt wirklich ſchade, daß Dir dies nicht frü⸗ her eingefallen iſt,“ ſagte Laczkovies,„Deine Stim⸗ mung paßt aber ganz zu unſerer Umgebung; Du thuſt ja Buße und beſtellſt Dein Haus. Ich fürchte nur, daß wenn Du wieder frei wirſt, Du dieſe gu⸗ ten Vorſätze auch wieder vergißt.“ Der Rittmeiſter wußte es zwar ſehr gut, wie ungewiß ihrer Aller Lage ſich geſtaltete, aber er hatte Mitleid mit Sigray, der ganz niedergeſchla⸗ gen war, und wollte ihn nicht der letzten Hoffnung berauben, die ihn aufrecht halten konnte. Der Graf, deſſen eingefallene Wangen und tonloſe Stimme ſeine Gemüthsſtimmung zur Schau 53 trugen, entgegnete traurig:„Lacht mich nur aus wie Ihr wollt; ich bin jetzt abergläubiſch, und eine Erinnerung aus meiner Jugend verfolgt mich un⸗ abläſſig. In meinen erſten Schuljahren in Raab gingen wir Studenten ſehr vft auf den Kirchhof außer der Stadt an der Peſther Straße, um dort Ball zu ſpielen, und der alte Todtengräber freute ſich ſtets über den Lärm, den wir machten, wenn er dort gerade mit ſeinem Spaten ein Grab grub. Er erzählte uns oft ſchauerliche Geſchichten, und wir ſtellten uns während ſeiner Arbeit im Kreiſe um ihn herum und hörten ihm zu. Dann nahm er auch unſere Hände, beguckte die Linien darin und wahrſagte uns aus dieſen; ſo oft ich aber meine kleine Hand ihm reichte, ſtieß er ſie zurück und ſagte:„Ihnen, junger Herr, kann ich nicht prophezeien.“ Das ärgerte mich denn oft und ich klagte es meinem Hofmeiſter. Als aber dieſer den alten Todtengräber frug, warum er mich anders behandle wie meine Schulkameraden, antwortete der Todtengräber:„weil der junge Herr keines ehr⸗ lichen Todes ſterben wird.“ Der alte Mann ſtarb bald darauf und ich hatte dieſe Kinderei ſeit Jah⸗ 54 ren vergeſſen; ſie fiel mir nicht einmal vor mei⸗ nem erſten Piſtolen⸗Duelle ein; als wir aber ge⸗ ſtern in der Dämmerung neben dem Kirchhof vor⸗ beifuhren, da ſchien es mir, der alte Todten⸗ gräber ſtehe wieder da, und die längſtvergeſſenen Worte tönen mir ſeit der Zeit immer in den Ohren. Martinovies hatte während der Erzählung des Grafen einen forſchenden Blick auf ſeine Gefähr⸗ ten geworfen, und wandte ſich plötzlich erſtaunt zu Hajnöczy. „Wer iſt denn der dort, der mit Szolareſek ſo angelegentlich ſpricht? doch nicht Hez?“ „Freilich iſt er's,“ antwortete dieſer,„man ſieht gleich, daß er nicht zu uns gehört, er hält ſich ſelbſt hier entfernt von uns und geht blos mit Szolareſek um, den er ſeit jeher kannte. Mit uns iſt er kalt und einſilbig.“ „Der Schlag gilt alſo nicht nur uns, ſondern auch den Conſtitutionellen; die Sache wird täglich ernſter,“ bemerkte der Abt halblaut zu Laczkovies. Doch die Thurmuhr ſchlug ſechs, und der Profoß bedeutete den Gefangenen, die Zeit des Spazieren⸗ gehens ſei um, ſie müßten in ihre Zellen zurück. 55 Das nächſtemal, daß ſie ſich wieder im Klo⸗ ſterhofe trafen, fanden ſie die Geſellſchaft bedeutend vermehrt. Kaum eine Stunde früher war ein fri⸗ ſcher Transport Gefangener aus Oberungarn an⸗ gekommen. Als Szent⸗Mariay ſie erblickte, rief er laut aus:„Daneſies, Du auch hier!“ und fiel einem Mann von etwa vierzig Jahren um den Hals. „Freilich bin ich hier,“ ſagte dieſer,„und bei⸗ nahe hätteſt Du die Ueberraſchung gehabt, auch den Grafen Sztäray zu ſehen. Das Haus wurde in der Nacht von Soldaten umringt, während wir alle ſchliefen; der Graf hatte kaum Zeit ſeinen Schlafrock anzuziehen, als der Königliche Fiscal bei ihm eintrat und ihn aufforderte, mich augen⸗ blicklich auszuliefern. Der Graf weigerte ſich dies zu thun, und der Fiscal zog nun einen andern Verhaftsbefehl aus der Taſche, er galt dem Gra⸗ fen. Während deſſen hatte ich mich angezogen und überlieferte mich ſelbſt den Häſchern. Die Sol⸗ daten ſetzten mich in den Wagen und wir warte⸗ ten noch eine halbe Stunde auf den Königlichen Fiscal; er kam enblich, doch ohne den Grafen. 56 Es ſcheint mir übrigens, dieſer habe ſich loskaufen müſſen.“ „Armer Erdélyi!“ rief jetzt Szent⸗Mariay, als er einen ganz jungen Mann erkannte, dem nur erſt ein leichter Flaum die Wangen beſchattete, „wie bedaure ich Dich; aber ſei getroſt, Du kannſt doch keinenfalls verurtheilt werden.“ „Da kannſt Du wirklich etwas Beſſeres thun als mich zu bedauern;“ erwiederte dieſer mit hei⸗ terer Miene,„ſtelle mich lieber jenen Männern vor, deren Namen ich ſtets nur mit Verehrung nannte.“ Franz Kazinezy der Dichter, auch einer der Neuangekommenen, wandte ſich jetzt zu ſeinem Freunde Szulopſzth, der ſich durchaus nicht beru⸗ higen konnte und ſeinen Schmerz in lauten Kla⸗ gen äußerte, und ſagte ihm:„Freund lerne doch von dieſem Knaben, wie ein Mann dulden ſoll.“ „Er kann leicht getroſt ſein,“ antwortete dieſer, „denn er hat keine Kinder wie ich.“ Sigray hatte dieſe Worte gehört und näherte ſich gleich Szulovſzky; ihre Gemüthsſtimmung war ja eine gleiche, beide leichtſinnig und unbeſonnen, 57 ſo lange die Gefahr entfernt war, beide im Un⸗ glück niedergeſchlagen und verzweifelnd; doch Szu⸗ lovſßky war durch die Angſt vollkommen zum Feig⸗ ling geworden, er wich ſchon vor ſeiner Gefangen⸗ nehmung jeder näheren Berührung mit Bewohnern der Hauptſtadt aus, er fürchtete jetzt noch im Ker⸗ ker ſich mehr zu compromittiren, und ſchloß ſich krampfhaft an Kazinczy an. Der Dichter Johann Baeſängi war der Dritte in dieſem Bunde. Er hielt ſich auch fern von Martinovics und den Peſthern, die er ſelbſt für Verſchwörer und geführliche Leute hielt. Er wußte nichts von ihrer Verbindung und dem Catechis⸗ mus, aber ein patrivtiſches Lied, das im Magyar Merkur, einer in Kaſchau publizirten Zeitſchrift erſchienen war, hatte die Aufmerkſamkeit Németh's auf ihn geleitet, den die geheime Polizei ſchon längſt als einen ſehr gefährlichen Mann denuneirt hatte, weil er auszuſprechen wagte, die franzöſiſche Revv⸗ lution ſei eine heilſame Lehre für die Könige. Mit Kazinczy ſtand er ſeit Jahren in literariſcher Ver— bindung, obgleich die Richtung ſeines Geiſtes und ſein Geſchmack eine verſchiedene war. Er ahmte 58 die franzöſiſchen Formen nach, während ſein jün⸗ gerer Freund in Form und Inhalt ſich den alten Klaſſikern und den engliſchen und deutſchen Dich⸗ tern näherte. Baeſangi war übrigens nicht mit ſeinem Freunde zugleich verhaftet worden, er hatte es geahnt, daß man Verdacht gegen ihn hege und er eilte daher freiwillig nach Ofen, um ſich bei dem Palatin wegen ſeines Gedichtes zu entſchuldi⸗ gen. Er wurde im Schloſſe freundlich empfangen, der Erzherzog beruhigte ihn mit der Verſicherung, er habe keinen Verhaftsbefehl gegen ihn unterzeich⸗ net, und er wiſſe es, daß ein Dichter für ein Lied wohl der Kritik, aber nicht der Criminal⸗Juſtiz verantwortlich ſei. Doch kaum hatte Baeſängi den Pallaſt verlaſſen, als er auf dem Wege nach Peſth verhaftet und in's Franziskaner⸗Kloſter abgeführt wurde. Der Befehl war vom ungriſchen Hofkanz⸗ ler in Wien unterzeichnet. Manchmal geſellte ſich auch der Schriftſteller Franz Verſeghy zu ihnen und dann entſpann ſich regelmäßig eine tiefe Discuſſion, die oft zum lei⸗ denſchaftlichen Streit wurde. Der Gegenſtand war ungriſche Grammatik und Orthographie; denn Ver⸗ 59 ſeghy war das Haupt der Schule, der in Hinſicht der Schrift und Sprache keinen andern Richter gelten laſſen wollte als das Gehör und die Aus⸗ ſprache des Volkes; ein neues Wort war ihm ein Gräuel, und die große Mehrzahl der Ungarn ſchaarte ſich um ihn. Doch die jüngere Genera⸗ tion der Schrifiſteller hatte die Lehre des Philo⸗ logen Révay angenommen, der der Orthographie die Etymologie zu Grunde legte, und die Bildung neuer Worte aus alten Wurzeln nach Maßregeln der Analogie für vollkommen gerechtfertigt hielt. Kazinczy war übrigens von allen Schülern Révay's der radikalſte Neologe, und er formte, häufig mit dem glücklichſten Taete, ſogar neue Wurzeln, zum größten Verdruſſe der alten Schule, die ihn den Sprachverderber nannte, und behauptete, er wolle eine neue Sprache erfinden und ſtückweiſe der alt⸗ ungriſchen ſubſtituiren. Hajnöczy, Daneſies, Szent⸗Mariay und Pru⸗ ſinezky bildeten eine neue Gruppe. Der letztere, ein Mann von klarem Verſtande und großen Kennt⸗ niſſen, ehemals ebenfalls Joſephiniſcher Beamter und jetzt bei der Kammer angeſtellt. Die jungen Leute umgaben gewöhnlich alle den Rittmeiſter Lacz⸗ kovics, der ihr Ideal wurde. Martinovies be⸗ wahrte eine Art Würde, die, mit Ausnahme des Rittmeiſters, alle andern in einiger Entfernung hielt. Wenig Tage nach der Ankunft der oberungri⸗ ſchen Gefangenen brachte man wieder andere aus verſchiedenen Theilen des Landes. Sie erzählten, der Schrecken, den dieſe ſucceſſiven Verhaftungen verurſachen, ſei unbeſchreiblich. In Gomör hatte ſich Joſeph Fodor, ein geiſtreicher Mann, früher Gardiſt bei der ungriſchen Leibgarde, in dem Mo⸗ mente erſchoſſen, als er in der Nacht durch das Geräuſch der Soldaten, die ſich in ſeinem Haus aufſtellten, aufgeweckt wurde. In Selavonien hatte Joſeph Kräly daſſelbe gethan, um ſich der Gefan⸗ genſchaft zu entziehen, nachdem er noch ſeine bei⸗ den Kinder, die durch ſeinen Tod verwaiſt wur⸗ den, den Behörden in einem rührenden Briefe em⸗ pfahl. Dieſe Nachricht wirkte ſehr niederſchlagend auf die jetzigen Bewohner des Franziskaner-Kloſters. Laczkovies ſagte zwar, es ſei wirklich ein überflüſ⸗ 61 ſiger Lurus geweſen, daß ſich dieſe Narren erſchoſ⸗ ſen haben, ſelbſt im ſchlimmſten Falle konnte ſie ja nichts Aergeres erwarten. Doch alle fühlten es, daß dieſer doppelte Selbſtmord von ihren An⸗ klägern dem Schuldbewußtſein zugeſchrieben und als Beweis des Hochverraths in dem Prozeſſe werde angeführt werden. Im halben September wurde Abaffy in's Klo⸗ ſter gebracht, nach Martinovies und Laczkovies jedenfalls die wichtigſte Perſönlichkeit unter den Gefangenen. Er war Viece⸗Geſpann und bei den Landtagen 1790 und 1792 Deputirter des Arvaer Comitat's geweſen und gehörte dort zu der ent⸗ ſchiedenen Oppoſitivn. Er galt für einen ange⸗ nehmen Geſellſchafter; die Frauen liebten, die Män⸗ ner fürchteten ihn; die leichtſinnigen Streiche, die er machte, waren unzählig, und doch behauptete man, ſelbſt ſein Leichtſinn ſei Berechnung und Schlauheit ſei der Grundtypus ſeines Characters. Von allen den Gefangenen kannte Abaffy nie⸗ manden anders als den Rittmeiſter Laczkovies und den Grafen Sigray; er hatte beide während der Landtage häufig geſehen. Als er daher zum erſten⸗ 62 male in den Kloſterhof hinabgeführt wurde, eilte er gleich zu dieſen mit den Worten: „Freunde ſagt mir, warum ich denn eigentlich hier eingeſperrt bin. Ich habe, trotz aller meiner Diplomatie, auf dem ganzen Wege von Arva bis hieher vom Fiscal, der mich verhaftet hat, nur ſo viel erfahren, daß er es ſelbſt nicht wiſſe, und ich mußte es ihm glauben, denn ſeine Dummheit war die ächte wahre natürliche Dummheit, keine aner⸗ zogene, keine angenommene. Hätte er etwas ge⸗ wußt, er hätte es geſagt.“ „Woher ſoll ich es denn wiſſen, warum Du hier biſt,“ antwortete Laczkovies,„wiſſen wir doch auch nicht, warum wir gefangen wurden.“ „Das iſt ganz was anders,“ meinte Abaffy, „Ihr ſeid Hochverräther, das weiß ja die ganze Welt, Ihr hattet immer den Ehrgeiz die Welt zu reformiren, Ihr ſpieltet ein hohes Spiel, bei dem Ihr aber doch nur gewinnen konntet; Reformato⸗ ren oder Märtyrer, ſeid Ihr natürlich ſtets ge⸗ ſchichtliche Perſonen. Aber ich, der ich nie einen andern Wunſch hatte, als zurückgezogen in meinen Bergen zu leben und höchſtens das Herz einer ſla⸗ 63 vakiſchen Schönheit zu rühren, wie komme ich zu der Ehre, gefangen und Euch, den großen Verſchwo⸗ renen, beigeſellt zu werden?“ „Eure Scherze bringen mich noch um,“ ſeufzte Sigray. „Ich ſcherze nicht,“ ſitzte Abaffy fort,„ich weiß ja, daß Ihr Hochverräther ſeid und einen ſo furcht⸗ baren Catechismus geſchrieben habt, daß ſelbſt der, der ihn geleſen hat, zum Verbrecher wird. Aber ich ſehne mich durchaus nicht nach dieſer Auszeich⸗ nung;— ſagt mir daher, was kann die Urſache ſein, daß auch ich gefangen wurde?“ Laczkovies wies mit dem Finger auf Baeſängi, der mit Kazinczy im eifrigen Geſpräche begriffen war und fragte:„Warum iſt denn der da ver⸗ haftet?“ „Warum? weil er ein revolutionaires Gedicht geſchrieben hat. Es würde mich wundern, ihn nicht hier zu ſehen. Ich aber habe in meinem ganzen Leben keine andern Reime gemacht, als: Liebe Triebe, Herz Schmerz, Sehnen Thränen, er⸗ höre und ich ſchwöre——.“ „Du haſt aber vor vier Jahren ein gewiſſes 64 Buch geſchrieben und drucken laſſen,“ ſagte jetzt Laczkovics, dem die Unſchuldsmiene verdroß, die Abaffy angenommen hatte,„das von der Dynaſtie in einem Tone ſpricht, der in unſerem furchtbaren Catechismus auch nicht ſtärker iſt. Vielleicht mußt Du das jetzt büßen.“ „O!“ rief Abaffy und machte eine einfältige Miene,„Du meinſt das„Ad amicam aurim,“ vom Grafen Aloys Batthyäny, das viele Leute mir zugeſchrieben haben; Du weißt, ich habe immer dagegen proteſtirt.“ „Wirklich?“ erwiederte Laczkovies,„ich habe nie etwas davon gehört, daß es Dir zugeſchrieben worden wäre; doch ich meine das andere Pam⸗ phlet:„Ad amicissimam aurim,“ das Du ſehr pfiffig ſtets dem Grafen Batthyany zugeſchrieben haſt.“ „Unſinn,“ unterbrach ihn Abaffy,„wie ſollte ein ſo dummer Slovak, wie ich bin, ſo ein gutes Pamphlet publiziren? Es iſt vom Grafen Bat⸗ thyany und von niemand andern. Jetzt ſage mir aber, fuhr er ſchnell fort, da er wünſchte dem Ge⸗ ſpräch eine andere Wendung zu geben, wie konnte 65 ein ſo geſcheiter Menſch, wie Du biſt, der das Pfaffenthum ſo gründlich kennt und haßt, dem Rath eines Pfaffen folgen, wie konnteſt Du Dich einem Abt anſchließen?“ „Es war das erſtemal in meinem Leben,“ ſagte Laczkovies,„und der Erfolg war darnach, er führte mich in den Kerker.“ „Geſchieht Dir Recht; für mich wird dies ſtets eine Warnung bleiben, denn ich habe keine Luſt Euer Schickſal zu theilen. Wie weit iſt es denn ſchon mit Eurem Prozeß gekommen?“ „Wir ſind bei dem erſten Verhöre,“ ſagte Si⸗ gray.„Der Causarum Regalium Magister hat uns vor einer Woche einige Fragen ſchriftlich mit⸗ getheilt, mit dem gewöhnlichen Bemerken, daß wir als Edelleute nicht verbunden ſeien, darauf zu ant⸗ worten.“ „Und was thut Ihr?“ frug Abaffy. „Sigray geſteht alles, was er ſeit zwei Jah⸗ ren gethan, geſagt und gedacht hat,“ ſagte Laczko⸗ vies,„und ſucht nachzuweiſen, daß er vollkommen unſchuldig ſei, ein Opfer der Verführung. Hajnöczy entwickelt treffend, daß alle Grundſätze des Cate⸗ n. 5 chismus in den verſchiedenen Verfügungen Kaiſer Joſeph's und in den Parlamentsreden 1790 vor⸗ fommen. Martinovies giebt eine geiſtreiche Ab⸗ handlung, in der er zeigt, daß trotz unſerer Ver⸗ haftung unſere Prinzipien doch triumphiren müſ⸗ ſen, und ſo tödtet jeder die Zeit durch ſchriftliche Ausſagen und hofft auf ein günſtiges Urtheil.“ „Und Du?“ frug Abaffh wieder. „Ich?“ ſagte Laczkovics,„ich bin träge, ich antworte nichts, ich warte erſt, daß man etwas gegen mich beweiſe, ehe ich mich entſchuldige.“ „Dann biſt Du auch der einzige Kluge unter allen Deinen Gefährten.“ „Was wirſt Du aber thun?“ frug nun der gittneiſer den Erdeputirten,„wie wirſt Du Dich vertheidigen?“ „Vorerſt muß ich beichten,“ ſagte dieſer,„und zwar einem hohen geiſtlichen Würdenträger.“ „Biſt Du toll? Kennſt Du denn die Pfaffen nicht?“ „Freilich kenne ich ſie, aber darum bin ich doch nicht irreligiös; ich muß mit meinem Gewiſſen in Ordnung kommen, ich muß beichten.“ 67 Niemand konnte die Abſicht Abaffy's begreifen, doch er blieb feſt dabei und erklärte gleich am nächſten Tage in einem Brief an den Kronanwalt, er wünſche einen Beichtvater; doch müſſe dieſer, da er wichtige Sachen zu ſagen habe, jedenfalls ein Prieſter höhern Ranges ſein, wo möglich der Primas ſelbſt. Er erhielt den Beſcheid, dies könne ihm zwar nicht gewährt werden, doch der Primas delegire den Großprobſt von Gran, den Titular⸗ biſchof von Tininia dazu, er werde in einer Woche im Kloſter erſcheinen, um die Beichte zu hören. Abaffy hatte dies erwartet. Der Biſchof war ein Erjeſuit, der Buſenfreund Nemeth's, der jetzt die Geheimniſſe der Verſchwörung alle in ſeinen Händen zu halten wähnte. Unter dem Vorwande, ſich auf ſeine Beichte vorzubereiten, vermied Abaffh während der ganzen Woche ſelbſt den gewöhnlichen Spaziergang in den Hof; er ſchien mit Ungeduld dem Tag entgegen zu ſehen, an dem der Biſchof ihn beſuchen ſollte. Endlich kam dieſer in die Zelle des Grfangenen und dieſer ſagte mit unterthäniger Miene: 5 „Euer Hochwürden beglücken mit Ihrer Gegen⸗ wart einen reuigen Sünder.“ „Sie wiſſen es,“ entgegnete dieſer,„daß ein reuiger Sünder Gott angenehmer iſt, als neun und neunzig Gerechte.“ „Der Troſt, den mir Euer Hochwürden ſpen⸗ den, erfüllt mich mit um ſo größerer Dankbarkeit, als ich bisher ſtets die katholiſche Kirche verach⸗ tete und für eine Inſtitutivn hielt, die mit dem Zwecke des Staates nicht vereinbar ſei, weil ſie ſich demſelben nie unterordnen kann.“ Sie können dies Ihr Unrecht leicht gut ma⸗ chen,“ erwiederte der Biſchof,„wenn Sie von nun an hinarbeiten, daß der Staat, damit er nie in Colliſivn mit der Kirche gerathe, ſich dieſer unter⸗ ordne. Das Wechſelnde muß naturgemäß dem Unwandelbaren dienen, die ſchwankende und täglich ſich modifieirende Staatskunſt weltlicher Miniſter dem unfehlbaren Nachfolger Petri und ſeiner Hie⸗ rarchie, die der Felſen iſt, auf den unſer Heiland ſein Reich gegründet hat.“ „Hochwürdiger Herr,“ ſetzte jetzt Abaffy fort, 69 „es war dies nicht die ſchwerſte meiner Sünden, unter deren Laſt ich beinahe erliege.“ „Eine offene Beichte wird Ihr Herz er⸗ leichtern.“ „Das hoffe ich mit Zuverſicht, obgleich ich ein großer Sünder bin. Doch ich will Euer Hoch⸗ würden nicht ermüden mit Angelegenheiten von geringerem Belang, für die mir jeder Capuziner ohne Anſtand Abſolution ertheilt; ich ſchweige dar⸗ über, daß ich als Comitatsbeamter manchen Miß⸗ brauch geduldet habe, der zu meiner Kenntniß kam, wenn ihn einer meiner Partheigenoſſen verübte; daß ich bei den Wahlen nicht nur Beſtechung er⸗ laubte, ſondern ſelbſt beſtach; daß ich die Wahr⸗ heit unterdrückte, die meiner Parthei gefährlich ſein konnte, und Verleumdungen verbreiten ließ gegen meine politiſche Gegner z daß ich ferner als Pri⸗ vatmann den Hausfrieden manches Ehepaars ge⸗ ſtört und manche weibliche Tugend in Verſuchung geführt habe. Drückte nicht Gewichtigeres mein Gewiſſen, ich hätte nie Euer Hochwürden hieher bemüht. Und doch fällt es mir ſchwer mich aus⸗ 70 zuſprechen unter den Umſtänden, in die ich jetzt verſetzt bin, wo jedes meiner Worte als ein Zeuge gegen mich auftreten könnte.“ „Seien Sie ruhig,“ entgegnete der Biſchof. „niemand hört uns hier, und Sie wiſſen, daß was immer Sie mir anvertrauen, in meinem Bu⸗ ſen erſtirbt, daß mein hohes Amt mich ſelbſt der Beſtimmung des Geſetzes überhebt, derzufolge jeder Mitwiſſer des Hochverrathes ſelbſt zum Hochver⸗ räther wird, wenn er keine Anzeige darüber macht.“ „Ich erinnere mich dieſer Ausnahme nicht,“ bemerkte Abaffy, der es ſehr wohl wußte, daß der Biſchof alles was er hörte, Németh referiren würde. „Wir müſſen aber Gott mehr gehorchen als den Menſchen,“ ſagte dieſer,„Sie wiſſen es doch, wir ſetzen uns über jedes Geſetz hinaus, das den Verordnungen der Kirche widerſtrebt.“ „Ihr Wort beruhigt mich vollkommen in die⸗ ſer Hinſicht,“ fuhr der Beichtende fort.„Meine große Sünde iſt alſo, daß ich die großen Eigen⸗ ſchaften des glorreich regierenden Hauſes nicht hin⸗ länglich gewürdigt habe und in blinder Vermeſſen⸗ 71 heit oft mit der Oppoſitivn ſtimmte. Ich bereue es nun tief.“ Der Biſchof blickte ihn einen Moment ſcharf an, doch Abaffy lag ſo zerknirſcht auf ſeinen Knien und ſchlug ſich mit ſolcher Inbrunſt auf die Bruſt, indem er ausrief:„Mea culpa, mea maxima culpal“ daß der Exjeſuit ſeine Reue für unge⸗ heuchelt hielt und ſie der Angſt zuſchrieb. Er ſagte daher: „Es iſt dies jedenfalls eine große Verirrung des Verſtandes, aber doch kein Verbrechen. Fahren Sie fort.“ „Dann muß ich geſtehen,“ ſagte Abaffy in immer leiſern Tönen, daß ich“— er ſtockte. „Muth, Muth!“ rief der Biſchof. „Daß ich jenen verbrecheriſchen Brief geſchrie⸗ ben habe— den Catechismus des Menſchen und Bürgers.“ Der Erjeſuit war erſtaunt und ſagte:„Sie meinen, Sie haben ihn aus dem Franzöſiſchen überſetzt?“ „Nicht doch,“ fuhr Abaffy fort,„ich habe ihn 72 geſchrieben und bereue es jetzt von ganzem Her⸗ zen, daß ich es gethan; es iſt ein ſchändliches, gefährliches Buch, und die Regierung iſt in ihrem vollen Recht, daß ſie uns den Prozeß macht.“ Der Biſchof ſah ihn mit ſcharfem Blicke an und ſagte nach einer kurzen Pauſe:„Nachdem Sie dieſes Verbrechen mir gebeichtet haben, wer⸗ den Sie wohl auch alles übrige mir anvertrauen, was Ihr Gewiſſen beſchwert.“ Abaffy blickte ihm ruhig in die Augen und entgegnete:„Ich habe nichts mehr was mich drückt.“ „Sie erinnern ſich alſo ſonſt keiner verbreche⸗ riſchen Handlung?“ „Nein, Euer Hochwürden, keiner politiſchen.“ „Standen Sie denn nicht in Verbindung mit dem Index Guriae, mit dem Perſonal und ſon⸗ ſtigen hohen Perſonen?“ „Hochwürden haben Recht, mich daran zu er⸗ innern. Ich hatte einen wichtigen Prozeß vor einem Jahre vor der Guria, und ich bin nicht vollkommen in meinem Gewiſſen überzeugt, ob ich Recht hatte. Ich ſuchte den Grafen Zichy und —.— 73 Herrn von Uermeényi, die Präſidenten, auf jede Art von der Gerechtigkeit meiner Forderung zu überzeugen; doch vergebens, und ich hätte den Prozeß ſicher verloren, hätte mir nicht eine weit mächtigere Perſon ihren Schutz angedeihen laſſen. Durch ihre Protection gewann ich meine Angele⸗ genheit.“ „Und das war?“ „Der Gausarum Regalium Magister, den ich mit tauſend Dukaten beſtochen hatte. Ich glaube, das iſt auch ein politiſches Verbrechen; jedenfalls war es eine ſchlechte Handlung. Mea culpa, ſagte er wieder, mea maxima culpa!“ Der Biſchof konnte jetzt nicht einen Augen⸗ blick zweifeln, daß Abaffy ihn und den Kronan⸗ walt zum Beſten hielt, er ſtand daher auf und ſagte: „Wenn Deine Beichte aufrichtig war und Deine Reue ungeheuchelt, ſo ſind Deine Sünden verge⸗ ben. Suche im Gebete die Beruhigung Deines Gemüthes und im Urtheile des weltlichen Richters eine Sühne für Deine Sünden. Gehe hin und ſündige nicht mehr.“ 74 Abaffy küßte dem Biſchof mit Unterthänigkeit die Hand und verſicherte ihn ſeiner ewigen Dank⸗ barkeit. Der Biſchof ging aus dem Gefängniſſe zu dem Kronanwalt, der ihn ſchon ungeduldig er⸗ wartete. „Hat der Slovak über ſeine Verbindungen mit dem Perſonal, dem Inden Curiae und mit dem Erzherzog geſprochen?“ fragte er gleich. „Der iſt zu ſchlau, um irgend etwas zu ver⸗ rathen; wären die Uebrigen ſo wie er, ſo würde Deine Aufgabe ſchwer durchzuführen ſein. Vor Allen iſt er der Einzige, der wirklich gefährlich iſt. Doch dieſer entgeht Dir ſicher.“ „Hat er denn gar nichts geſagt, was ihn ſelbſt compromittirte?“ „Er will Euch auf eine falſche Fährte locken, er beichtete, daß er der Verfaſſer des Catechismus ſei; aber er leugnete ſeine Verbindung mit Zichy und Uerményi. Du kommſt dieſen und dem Erz⸗ herzog durch Abaffy nicht bei.“ Eine Pauſe trat ein. Németh ging ſchweigend einige Mal im Zimmer auf und ab, endlich rief— 75 er:„Trotz ſeiner Schlauheit entgeht er mir nicht. Freilich gehört er nicht zu den Genoſſen des Mar⸗ tinovies; doch wenn er, um die Pläne der Gro⸗ ßen zu verheimlichen, es vorzieht zu der Categorie der politiſchen Schwärmer gezählt zu werden, ſo wird ihn die Strafe doch auch erreichen. XV. Comitatspolitik. Als Fekete das Brieſchen für Szolareſek em⸗ pfangen hatte, hatte er noch keinen klaren Plan, auf welche Art er es ins Franziskaner-Kloſter hineinſchmuggeln könne, doch er verließ ſich ein we⸗ nig auf ſein gutes Glück. Bei der Beſtechlichkeit der Profoße wußte er zwar, daß es nicht beſon⸗ ders ſchwer ſein dürfte, eine regelmäßige Verbin⸗ dung mit dem Gefangenen anzuknüpfen, doch es ſchien gefährlich, das Geheimniß Händen anzuver⸗ trauen, die ſtets bereit ſind, es auch nach der an⸗ dern Seite zu verkaufen. Er mußte etwas anderes verſuchen, und richtete daher ſeine Spaziergänge ſo ein, daß er ſtets in die Nähe des Franziskaner⸗ 5 Kloſters kam. Er ſtudirte die Lage des Gebäudes, und hatte gleich bemerkt, daß an der Nordſeite ein niederes Haus daranſtoße. Freilich ging auf dieſer Seite kein Fenſter aus dem Kloſter, allein kaum zwei Fuß unter dem Eckfenſter an der Weſtſeite zog ſich ein kleiner Vorſprung als Verzierung rings um das ganze Gebäude, der Fußſpitze hinlänglichen Halt gewährend, und das Dach des Nachbarhauſes lag nicht tiefer als höchſtens ſechs Fuß unter die⸗ ſem Vorſprung. Fekete ſah gleich, jeder Flucht⸗ plan könne nur auf dieſer Baſis entworfen werden. Doch alles dies konnte noch zu keinem Zwecke füh⸗ ren, ſo lange die Verbindung mit dem Gefangenen nicht bewerkſtelligt war. Fekete ging eben in Ge⸗ danken verſunken am Thore des Kloſters vorbei, als das Geſpräch zweier Grenadiere, eines Wacht⸗ meiſters und eines Gemeinen, die aus dem Wirths⸗ hauſe zurückkehrten, ſeine Aufmerkſamkeit erregte. „Dummer Dienſt,“ ſagte der Wachtmeiſter, deſſen ſonnverbranntes Geſicht und etwas ins Graue ſpielender Schnurrbart den Veteranen bezeichneten, ſelbſt wenn die ſilberne Tapferkeitsmedaille nicht auf ſeiner Bruſt geſchimmert hätte,„dummer 78 Dienſt,“ wiederholte er, indem er einen Blick auf das Franziskaner⸗Kloſter warf. „Warum dummer Dienſt?“ frug ſein Kamerad, dem jugendlichen Ausſehen zufolge ein Recrut,„iſt es denn nicht beſſer hier Wache zu ſtehen, als gegen die Franzoſen in die Schlacht geführt zu werden?“ „Dummer Kerl?“ erwiederte der Alte,„im Kriege da iſt das Leben luſtig; hat man Glück, ſo gewinnt man die Medaille, hat man keines, ſo iſt die Komödie auf einmal zu Ende, jedenfalls iſt Ehre dort zu gewinnen, und hier,— was thuſt Du? Du hältſt Wache in einem Kloſter, und wen bewachſt Du? Kinder! ich glaube wirklich, man betrachtet uns als Kindsweiber!“ „Was kümmert mich das, wozu man mich ver⸗ wendet,“ ſagte der andere,„wenn ich nur meine Löhnung bekomme und nicht ins Feuer muß. Sagen Sie mir aber, Herr Wachtmeiſter, iſt das wirklich wahr, daß die Löhnung im Kriege ebenſo ſechs Kreutzer bleibt, wenn man avancirt, wie wenn man retirirt?“ „Freilich.“— 79 „Dann wundert es mich doch, daß die Sol⸗ daten ſo dumm ſind und gegen die Kanonen an⸗ ſtürmen; wenn es heißt avanciren ſechs Kreutzer, retiriren ſechs Kreutzer, ſo retirire ich ſicher.“ „Halts Maul, verfluchter Gelbſchnabel,“ don⸗ nerte jetzt der Wachtmeiſter,„avanciren wir, ſo haben wir freilich nur ſechs Kreutzer, aber unſere Offiziere erhalten Orden und wir die Medaille, und retirirſt Du, ſo gebe ich Dir zu Deinen ſechs Kreutzern noch fünfundzwanzig dazu, ungezählte mit dem Haſelrohr! Verſtehſt Du?“ damit ſchwang er ſeinen Stock, den er in der Hand hatte, und ſchlug damit ein Moulinet in der Luft. „Ich verſtehe,“ ſagte der jüngere demüthig. „Tapferer Herr Wachtmeiſter,“ redete Fekete den Veteran an,„ich hätte ein Wort mit Ihnen zu ſprechen.“ „Was ſteht zu Dienſten?“ frug dieſer und ſtellte ſich in Poſitur, indem er dem Gemeinen einen Blick zuwarf, daß er gehen könne. „Bedauern Sie die armen jungen Leute nicht, die hier im Gefängniß ſitzen?“ ſagte der Adyvcat, 80 und ging mit dem Wachtmeiſter in eine enge Seiten⸗ gaſſe, die gegen die Baſtei führte. „Weinen möchte ich über ſie,“ antwortete die⸗ ſer,„lauter Kinder! dieſe armen jungen Herren! ich ſchäme mich, wenn ich auf die Wache comman⸗ dirt werde.“ „Haben Sie dort einen jungen blonden Mann mit hoher Stirn, ſchwarzen Augen, gebogener Naſe und lichtem kleinen Schnurbart bemerkt?“ „Freilich,“ ſagte der Grenadier,„das iſt der junge ſchmucke Advocat, der ſo ernſthaft iſt, und ſo wenig ſpricht, wenn er auf dem Hofe ſpazieren geht.“ „Geben Sie jetzt acht, was ich ſage, dieſer Brief iſt von der Schweſter des armen jungen Mannes, er wird ſich ſehr freuen, wenn er ihn erhält, ſpielen Sie ihm denſelben in die Hände, und hier,“ ſetzte er hinzu,„nehmen Sie dieſen Ducaten für Ihre Mühe und erwarten Sie für jeden Brief hin und her denſelben Preis.“ „Pfui!“ rief der Wachtmeiſter unwillig, indem er auf die Medaille wies, die auf ſeiner Bruſt prangte. Sehen Sie nicht mit wem Sie ſprechen? 81 ich brauche kein Geld, ich habe genug für mich, und ich hoffe noch Offizier zu werden, geben Sie aber den Brief nur her, ich gebe ihn ſicher ab, in dem Gewehrlauf wird ihn Niemand ſuchen, und der arme junge Mann wird nicht mehr ſo traurig ausſehen, daß einem das Herz beinahe bricht. Morgen hat er den Brief.“ „Und ich komme um dieſelbe Stunde um die Antwort hier auf die Baſtei,“ ſagte Fekete, und bot ihm die Hand,„und dann verzeihen Sie, daß ich Ihnen Geld geboten habe, Ihr Benehmen iſt ſchon jetzt das eines Offiziers.“— Die Correſpondenz war auf dieſe Art eröffnet und ging nun lange Zeit ungeſtört vor ſich. Fekete erfand täglich eine neue Art, Szolareſek Mitthei⸗ lungen zu machen, ſobald dieſer es wußte, daß ſeine Freunde für ihn wachten. Ein Orgelmann ſpielte auf ſeinem Kaſten unter dem Fenſter des Kloſters den Räköczymarſch, ein Faden wurde hinabgelaſſen, der Orgelmann band einen Federkiel daran, in den ein Papierſtreifen hineingeſteckt war, und der Faden ging beſchwert in die Höhe. Der Profoß erhielt ein kleines Geſchenk mit der Bitte, I. 6 einen mitgeſchickten Kuchen dem Gefangenen zu überſenden, der Kuchen barg ein Billet. Cigarren wurden in's Gefängniß geſchickt, die durch die Hände Völgyy's ſelbſt gingen, ohne daß dieſer ahnte, es könnten auch hohle darunter ſein; mit einem Worte, es verging kein Tag, der nicht eine NMittheilung brachte. Aber die Beſorgniſſe im Hauſe des Dr. Koväes ſchwanden doch nicht, denn ſo ſehr auch Szvlareſek gerührt war von den Worten ſeiner Freundin, die ihm die Gefangenſchaft erträg⸗ lich machten, ſo ſehr auch ſeine Antworten Liebe und Dankbarkeit athmeten, ſo wollte er doch auf Feinen Fall in die Fluchtpläne eingehen, die ihm vorgeſchlagen wurden. Es war ja ſeiner Anſcht nach unmöglich, daß der Prozeß der Gefangenen ſich ungünſtig geſtalte; ſeiner Unſchuld vertrauend, wollte er den Urtheilsſpruch der Richter geduldig abwarten, und nur für den ſchlimmſten Fall das Entweichen verſuchen. Madame Raimond konnte dies durchaus nicht begreifen, obgleich ihr Dr. Ko⸗ värs es täglich erklärte, dies ſei einer jener Cha⸗ racterzüge des Ungarn, den Fremde ſchwer auf⸗ faſſen können.„Sehen Sie,“ ſagte er ihr,„das 83 ungriſche Geſetz erlaubt es nur im Falle des Hoch⸗ verraths, oder wenn der Verbrecher auf der That ertappt wird, oder aber wenn er zu entweichen verſucht hat, daß er vor dem Urtheil verhaftet werde; ſelbſt der Unadelige wird gegen Bürgſchaft entlaſſen, und ich kenne hundert Fälle, in denen der Angeklagte ſah, er könne dem härteſten Urtheil, langjährigem Gefängniß, vielleicht ſelbſt dem Tode nicht entgehen, ohne daß er daran gedacht hätte, ſich durch die Flucht zu retten. Er erwartete das Ende ſeines Prozeſſes, und ſtellte ſich vor dem Gerichte, wenn er verurtheilt worden war. Die öffentliche Meinung würde es als die ſchändlichſte Feigheit brandmarken, wenn er es nicht thäte. Szolareſek iſt in dieſer Hinſicht ganz Ungar, er flieht nicht, ehe er überzeugt iſt, daß er ungerecht verurtheilt wurde.“ „Das iſt ja ganz unnatürlich!“ rief die Fran⸗ zöſin,„es iſt unmöglich;— ich glaube gern, daß es einzelne Enthuſiaſten giebt, die ſolche Anſichten haben, aber ſie werden es mir doch nicht zumuthen, lieber Doctor, ich ſollte Ihnen glauben, daß die Mehrheit der Angeklagten dieſe Anſichten theile; 84 daß der Trieb der Selbſterhaltung in ihnen ganz erloſchen ſei. Das iſt unmöglich!“ „Iſt es denn unglaublicher,“ erwiederte der Arzt,„als daß der Soldat auf den Befehl des Offiziers eine Batterie ſtürmt und ſich in den Ku⸗ gelregen in den ſichern Tod hineinſtürzt, ohne daß er weiß, warum er eigentlich kämpft.“ „Er kämpft für ſeine Fahne,“ bemerkte Louiſe⸗ „Das thut der Ungar auch, wenn er ſein Ur⸗ theil ruhig erwartet,“ meinte Koväes,„ſelbſt nach großen politiſchen Bewegungen wanderte die be⸗ ſiegte Parthei nicht aus. Während der langen Bürgerkriege war trotz der blutigen Executionen, die das Land mit Schrecken erfüllten, die Zahl der ungriſchen Emigranten ſtets eine ſehr geringe, trotz dem, daß ſie in Frankreich und der Türkei gaſtlich aufgenommen wurden.“ „Sonderbar! unbegreiflich!“ entgegnete Ma⸗ dame Raimond. „Die Vorurtheile, die wir von unſerer Kind⸗ heit an in uns aufnehmen, ſind mächtiger als die Triebe der Natur,“ ſetzte Koväes fort,„die höhere Beſtimmung des Menſchen vffenbart ſich haupt⸗ ſächlich darin, daß ſeine Bildungsfähigkeit keine Grenzen kennt, daß die Erziehung ſelbſt den Inſtinet in der Bruſt ertödten kann. Finden Sie wohl in ganz Frankreich einen einzigen Mann, der vor einem Duell zurückbebte, ſelbſt wenn die Heraus⸗ forderung eine muthwillige iſt; iſt es wohl natür⸗ lich, daß er ſein Leben aufs Spiel ſetzt, bloß weil jemand in der Geſellſchaft ſich vielleicht eine Be⸗ merkung darüber erlauben würde, daß er ſich nicht ſchlagen wolle? Und doch ſetzt ſich derſelbe Mann darüber hinaus und findet ſich nicht beleidigt, wenn ihn die ganze Geſellſchaft für einen Wüſtling, für einen Spieler oder Geizhals hält?“ Mit ſolchen Argumenten ſuchte der Arzt Ma⸗ dame Raimond zu beruhigen, und ſie konnte auch nichts darauf entgegnen, doch ſie war nicht über⸗ zeugt, und kam daher immer wieder auf daſſelbe Thema zurück. Indeß Lenke ſowohl wie Fekete, der durch ſeine eben ſo gutmüthige als erfolgreiche Thätigkeit täglich mehr in der Achtung des Ko⸗ väcs'ſchen Hauſes ſtieg, bewieſen es ihr endlich doch, daß der Hauptpunkt gewonnen ſei, nachdem Szolareſek ſich mit der Idee der Flucht wenigſtens 86 in ſo fern vertraut gemacht habe, daß er ſie für den ſchlimmſten Fall nicht zurückwies. Uebrigens konnte Fekete es ſich ſelbſt nicht verhehlen, daß die Angelegenheit der Gefangenen eine viel ernſtere Wendung nahm, als er anfangs glauben konnte. Der Kronanwalt hatte, wie wir es wiſſen, die Gefangenen aufgefordert, ſich ſchriftlich über die Punkte zu äußern, die den Grund der Anklage bildeten, nämlich über ihre Sympathie für die Grundſätze der franzöſiſchen Revolution, gegen die ſo eben der Krieg des geſammten monarchiſchen Europa's entbrannt war, ihr Anfeinden der Pri⸗ vilegien der Geiſtlichkeit und des Adels; ihre Theil⸗ nahme an der Ueberſetzung und Ausbreitung des Catechismus, und an der Verſchwörung zum Um⸗ ſturze der Conſtitutivn und des Thrones. Einige der Gefangenen geſtanden in ihren Declarationen ihre Ueberzeugung offen ein, und verſuchten ſie zu rechtfertigen; andere entſchuldigten ſich; Laszkovies verweigerte jede Erklärung, alle aber wieſen die Anklage der Verſchwörung von ſich, und ver⸗ langten den Beiſtand eines Advocaten, um ihre Vertheidigung zu führen. Ihre Wahl fiel auf 87 Herrn Horväth, einen Mann, deſſen Rechtlichkeit niemand in Zweifel zu ziehen wagte, und der ſich ſtets den politiſchen Diſſenſionen entziehend, bloß ſeinem Wirkungskreiſe als Rechtsgelehrter lebte. Doch der Kronanwalt widerſetzte ſich dieſer Wahl, und ſtellte den in Ungarn bis zu jener Zeit un⸗ befannten Rechtsgrundſatz auf, den er der deutſchen Rechtspflege entlehnte, daß der Kronanwalt und ſeine Gehülfen, als Beamte des Staates, nicht öffentliche Ankläger ſeien, deren Pflicht es iſt bloß die Schuld der Angeklagten nachzuweiſen, ſondern daß ſie die Repräſentanten der Gerechtigkeit ſind, verpflichtet die Wahrheit zu erforſchen, nichts mehr und nichts weniger. Ihnen gebühre es daher nicht nur die Klage, ſondern auch die Vertheidigung zu führen, und der Kronanwalt könne es nicht erlau⸗ ben, daß die Angeklagten einen eigenen Advocaten als Vertheidiger aufſtellten, um ſo mehr, als bei dem Verbrechen des Hochverrathes dadurch die Ge⸗ fahr für den Staat entſtehe, daß die Verſchwörung ſich durch die Vertheidiger ſelbſt weiter verbreite. témeth drang nun darauf, daß vier Fiscale der Kammer durch das Gericht zu Vertheidigern der Angeklagten ernannt werden, und daß Horväth, zu dem die Gefangenen das größte Zutrauen heg⸗ ten, dieſen Vieren als Fünfter beigeſellt werde, unter der Bedingung, daß er einen Eid leiſte, nie etwas zu veröffentlichen, was auf dieſen Prozeß Bezug habe, und einwillige, die Gefangenen nie anders als in Gegenwart eines der vier vfficiellen Vertheidiger zu ſehen. Die Vertheidigung ſelbſt müßte er natürlich dem Gutachten dieſer ſeiner Collegen unterbreiten, ehe ſie vor das Gericht kömmt, doch bleibe es den Angeklagten unbenom⸗ men ſich ſelbſt zu vertheidigen. „Horväth ſowohl als die Angeklagten wieſen dieſen Vorſchlag mit Unwillen zurück, ſie erklärten, ſie wollten lieber ungehört verurtheilt werden, als eine ſolche Vertheidigung annehmen, die mit den Grundſätzen der Conſtitution in ſo directem Wider⸗ ſpruche ſtehe. Das Gericht hatte ſich in dieſer höchſt wichtigen Angelegenheit noch nicht ausge⸗ ſprochen, denn es fühlte, es handle ſich hier ge⸗ radezu um eine Frage der Geſetzgebung, nicht der Gerichtspflege. Und doch mußte die Frage ent⸗ ſchieden werden, weil das Geſetz in Hinſicht des ——— 89 Hochverraths nicht klar war. In früheren Perio⸗ den wurde dies in Ungarn ſeltene Verbrechen durch die regelmäßigen Gerichte in derſelben Form ge⸗ richtet, wie jedes andere, die freie Vertheidigung war nie gehemmt worden, doch unter den Königen des Hauſes Habsburg entbrannten häufige Bürger⸗ kriege, Religionskämpfe und Empörungen, bloß ein Theil Ungarns gehorchte dem König, den andern beherrſchten die Türken, der dritte war im Beſitze der Groffürſten von Siebenbürgen. In dieſer Zeit war der Hochverrath an der Tagesordnung, die Anhänger des Königs und des Großfürſten bezeichneten ihre Gegner mit dieſem Namen, ein gerechtes Urtheil war von Feinden nicht zu erwar⸗ ten, es gab hier nicht Kläger, Angeſchuldigte und Richter, ſondern nur Sieger und Beſiegte. Jeder Theil berief Landtage, erließ Geſetze und Pro⸗ ſeriptionsliſten, und das Recht des Stärkern ent⸗ ſchied.— In dieſer Zeit hatten nun die Anhänger des Königs das Geſetz gebracht,— um der Willkühr der deutſchen Generale doch eine Schranke zu ſetzen, die nach ihrem Gutdünken durch Commiſſaire und Kriegsgerichte das Leben und das Vermögen ſelbſt 90 der Partheigenoſſen in ewige Gefahr ſetzten,— daß jeder Fall des Hochverraths durch eine vom Kö⸗ nige ſelbſt ernannte Commiſſion, an der übrigens niemand als geborne Ungarn theilnehmen dürfte, gerichtet werde. Nachdem aber unter Carl III die letzte Rakötzyſche Empörung auch gedämpft und die Reihe der Bürgerkriege durch eine allgemeine Amneſtie geſchloſſen wurde, hörten die Hochverraths⸗ prozeſſe auf, und als nach dem Tode Joſeph II Leopold im Jahre 1790 die Conſtitution wieder herſtellte, wurde die Gerichtsbarkeit über alle Fälle des Hochverraths dem oberſten Gerichte wieder zuerkannt, und im Geſetze ausgeſprochen, daß in Zukunft niemand mehr unter welchem Vorwande immer ſeinen natürlichen Richtern entzogen, und durch Commiſſionen gerichtet werden dürfe. Aber das Geſetz verſäumte die Art der Procedur zu be⸗ ſtimmen.— Der erſte Fall, in dem es angewandt werden ſollte, hatte ſich jetzt ergeben, und der Kron⸗ anwalt ſtützte ſich nun darauf, daß dieſelbe Pro⸗ cedur, die bei den Commiſſivnen ſtattgefunden hatte, auch jetzt die Norm bilden müſſe, da in dieſer Hin⸗ ſicht keine ſpecielle geſetzliche Verordnung beſtehe. 91 Die Gefangenen beriefen ſich dagegen darauf, daß auch jenes frühere Geſetz, durch welches die Com⸗ miſſionen eingeſetzt worden waren, keine Beſtim⸗ mung über die Procedur enthalte, und wo keine Ausnahme ausdrücklich angeführt ſei, die allgemei⸗ nen Rechtsgrundſätze der freien Vertheidigung jeden⸗ falls gelten müßten.— Haben die Commiſſionen dieſe nicht geachtet, ſo haben ſie nur eine Unge⸗ rechtigkeit mehr verübt, und eben dadurch den Haß des Landes ſich derart zugezogen, daß das Geſetz von 1790 es ausdrücklich ausſprechen mußte, ſie ſeien für alle Zeiten und Fälle aufgehoben. Paul Oz, Abaffy und Szylareſek hatten mit geiſtreicher Feder und unwiderleglicher Logik dieſe Grundſätze weitläufig ausgeführt, denn die Gefangenen hatten ſie beauſtragt, in dieſer Frage für Alle zu ſprechen, ſie fühlten, daß von deren Entſcheidung ihr Schick⸗ ſal abhänge. Gaben die höchſten Gerichtshöfe dem Kronanwalt nach, ſo war an keine Vertheidigung und an keine Losſprechung zu denfen. Aller Augen waren übrigens auf die Peſther Comitats⸗Congregation gewendet, die Anfangs No⸗ vember gehalten werden ſollte, man fühlte es, daß 6 jetzt, wo kein Landtag beiſammen war, alles davon abhinge, wie die Verſammlungen ſich über dieſe Angelegenheit ausſprechen würden. Der Adel des Comitats verſammelt ſich bekanntlich viermal des Jahres in Peſth, ſtets zu der Zeit des Jahrmark⸗ tes, und die Stadt, die den ganzen Sommer über leer war, begann ſich im November zu füllen. Mit dem Monat Mai hören die Bälle und Abend⸗ unterhaltungen auf, den ganzen Sommer über fegt der Wind in den breiten Straßen der Stadt die Staubwolken vor ſich, auf dem Platze ſtehen die Fiaker unbeſchäftigt, vor den offenen Thüren der Kaffeehäuſer ſitzen Studenten, Juraten und Offi⸗ ziere mit großen Meerſchaumpfeifen im Munde auf grünen Holzbänken, man ſieht niemand in der Stadt als Advocaten, Richter, Regierungsbeamte und Kaufleute, mit einem Worte die officielle Be— völkerung, für die die Stadt viel zu groß erſcheint. Doch der Markt im November füllte jetzt plötzlich wieder die Gaſſen, im Süden der Stadt wogte eine geſchäftige Menge und drängte ſich in den Gewölben und Magazinen; lange Reihen von Laſt⸗ wagen kamen von allen Seiten an, überall wurden 93 Waaren abgeladen, während auf leichten Wagen, mit ſchönen Pferden beſpannt, die Gutsbeſitzer mit ihren Frauen in die Hauptſtadt fuhren. Sie müſ⸗ ſen jetzt ihre Producte verwerthen; ſie wollen dabei ſein, wenn die Herbſtwolle ihrer Schafe verhandelt wird; der Unterungar verkauft ſeinen Tabak, der Oberungar macht die Contracte für den Brant⸗ wein, den er im Winter abliefern ſoll, der Sla⸗ vonier ſucht ſeine Knoppern, der Gömörer ſein Eiſen anzubringen, und Frauen und Töchter machen in den Gewölben und bei den Marchandes de Modes die Einkäufe für den nächſten Winter. Peſth ſieht daher zur Marktzeit aus wie eine Muſter⸗ karte aller Nationalitäten Ungarns. Hier begegnen wir dem unanſehnlichen Saroſer Slovaken mit ſeinem ärmlichen weißen Tuchgewande; dort dem unterungriſchen Bauern mit dem ſchweren Schaf⸗ pelz und dem breitkrämpigen Hut. Der Bürger der kleinen ungriſchen Städte mit ſeiner blauen Tuchjacke, an der runde Silberknöpfe glänzen, blickt verächtlich auf den oberungriſchen Fuhrmann mit dem kurzen Linnenhemde, das nicht einmal bis zu ſeinem ſchwarzen Ledergürtel reicht, aber deſſen vier 94 Pferde mehr werth ſind, als zwölf Mähren vor dem Wagen des Wallachen. Bärtige Gutsbeſitzer mit verſchnürten Röcken drängen ſich durch die Menge, die Speiſezimmer in den Gaſthöfen ſind gefüllt, und in allen Kellerhäuſern wird von Po⸗ litik geſprochen und über Comitatswahlen diseutirt. Selbſt am Sonntag hört dies Gewühl nicht ganz auf, die Gewölbe und Magazine ſind zwar ge⸗ ſchloſſen, aber aus allen Wirthshäuſern hört man Geſang und Geſchrei ertönen, das Volk unterhält ſich, und die Kaffeehäuſer ſind noch gedrängter als ſonſt.— Am nächſten Tage ſollte die Comitats⸗ verſammlung abgehalten werden, und die bedeu⸗ tendern Männer des Comitats verſammelten ſich am Abend bei den beiderſeitigen Partheiführern, um ſich über die Art und Weiſe zu beſprechen, wie am nächſten Morgen die Verhandlung geführt werden ſolle. Die Conſervativen gingen zum Vice⸗ geſpan in das Comitatshaus, die Oppoſition war zum Grafen Keglevich geladen. In der vofficiellen Wohnung des Vieegeſpans ging es ſehr ruhig zu, die Conferenz beſtand meiſtens aus Comitats⸗ und Regierungsbeamten, einigen 95 ältlichen Magnaten, einigen Geiſtlichen und meh⸗ reren wohlgenährten Gutsbeſitzern; jeder von ihnen hatte eine brennende Pfeife im Munde, ſo daß man in den Tabakswolken die Gäſte kaum ſehen konnte, die rings umher im Zimmer auf und ab gingen, in eifrigem Geſpräche vertieft. Nach einer Weile rief der Vicegeſpan, indem er vom Sopha auf⸗ ſtand, auf dem er mit einigen Magnaten geſeſſen hatte. „Meine Herren!“ „Hört, hört!“ ſchallte es von allen Seiten, die Geſpräche verſtummten, die Gäſte ſetzten ſich alle und bildeten einen weiten Kreis. „Meine Herren!“ wiederholte der Vicegeſpan. „Es freut mich ſehr, daß ich das Vergnügen habe, Sie ſo zahlreich bei mir verſammelt zu ſehen, es zeigt von dem Eifer, mit dem Sie ſich der Ange⸗ legenheiten des Landes annehmen.— Unſer Freund, Herr Kameralfiscal Völgyy, wird Ihnen ausein⸗ anderſetzen, warum wir uns verſammelten.“ Mit dieſen Worten ſetzte er ſich. Die jüngeren Mitglieder der Verſammlung lachten leiſe, denn ſeitdem der Vicegeſpan ſein Amt 96 verwaltete, hatte er nie ſeine Gäſte anders begrüßt, und die nichtsſagende ſterevtype Formel bildete mit der wichtigen Miene des Redners einen lächerlichen Gegenſatz, doch in der Geſellſchaft ſo angeſehener Conſervativen lachte man nicht laut.— Völgyy trat nun vor und ſagte, es ſei zu er⸗ warten, daß die Oppoſition ihrer Gewohnheit zu⸗ folge die Regierungsmaßregeln wieder angreifen wolle, und ſich vielleicht ſogar anmaßen würde, in die Sphäre der oberſten Gerichtshöfe eingreifen zu wollen. Es ſei wohl jedermann bekannt, daß eine furchtbare Verſchwörung entdeckt wurde, die nicht nur gegen die Sicherheit des Thrones, ſondern auch gegen die Privilegien des Adels und der Geiſtlichkeit gerichtet war, und dieſe Verſchwörer wolle jetzt die Oppoſition vertheidigen, und ſich vielleicht auf alte Geſetze aus dem Corpus Juris berufen, die augenſcheinlich zum Schutze unſchuldig Angeklagter, nicht aber ſo gräßlicher Verbrecher gemacht worden ſeine. Er beſchwor daher alle An⸗ weſenden, ja am nächſten Tage nicht von der Ver⸗ ſammlung auszubleiben, damit die Oppoſition nicht den Sieg davon trage, da es bekannt ſei, daß ſie 97 immer beſſer organiſirt ſei, und immer geduldig bis zum Ende ausharre, während die Conſervativen gewöhnlich um die Mittagszeit ſich verlören. Unter lautem Eljenruf ſetzte ſich Völgyy und Herr Majos, ein junger kathvliſcher Geiſtlicher, ſprang auf und begann eine wüthende Diatribe gegen die Oppoſitivn und gegen die franzöſiſchen Grundſätze. „Geiſtlicher Herr,“ unterbrach ihn der Vice⸗ geſpan,„Sie irren ſich, wir ſind noch nicht in der Congregation, dies iſt bloß eine freundſchaftliche Beſprechung. Ihre Rede iſt ſehr ſchön, aber ſie gehört nicht hieher, morgen werden wir ſie ſchon beſſer anhören.“ Herr von Tahy machte jetzt die Bemerkung, es ſei durchaus unnöthig, ſich länger mit dieſem Gegenſtand zu befaſſen, die Sache ſei ja klar. Verſchwörer, die die Privilegien des Adels und der Geiſtlichkeit angreifen, müßten auf jede Art verfolgt werden, er kümmere ſich daher durchaus nicht darum, was mit ihnen geſchehe, aber er bitte den Herrn Viregeſpan die Sache ſo anzuordnen, daß dieſe Angelegenheit bis zwei Uhr geendet werde, I. 5 98 denn ſollte die Discuſſivn länger dauern, ſo könnte er ihr nicht beiwohnen, denn er ſei gewohnt um ein Uhr ſein Mittagsmahl zu nehmen, und nach drei Uhr erhalte man ſelbſt in den Wirthshäuſern kein gutes Eſſen mehr.“ „Meine Herren,“ rief der Vieegeſpan feierlich, „ich habe dieſe wichtige Einwendung wohl erwo⸗ gen, und dafür geſorgt, daß uns die Oppoſition nicht aushungere; Sie werden hier in dieſen Räu⸗ men gegen ein Uhr Suppe und kaltes Fleiſch bereit finden, und wenn die Congregation vorbei iſt, hoffe ich Sie alle bei mir zu Tiſche zu ſehen, mein Can⸗ relliſt wird Ihnen ſchon die Einladungsliſte prä⸗ ſentiren.“ Dieſe Erklärung beruhigte die Gäſte, die Dis⸗ ruſſivn wurde nicht weiter fortgeſetzt, die meiſten entfernten ſich, die Bleibenden ſetzten ſich an die Spieltiſche und begannen Whiſt zu ſpielen. Bei dem Grafen Keglevich war die Verſamm— lung bewegter, der Graf erzählte ſeinen Freunden alle Thatſachen, ſo weit ſie ihm bekannt waren, er machte aufmerkſam auf die Pläne der Reaction, auf die Habgier Nemeths, auf die Schwäche des 99 Erzherzogs, der es nicht wagte offen aufzutreten, und frug, was bei dieſer Lage der Dinge zu thun ſei. Er fühle ſich übrigens verpflichtet, die An⸗ gelegenheit zur Oeffentlichkeit zu bringen, was immer die Conferenz beſchließen würde, denn ihn binde ſeit Jahren die innigſte Freundſchaft an den Ritt⸗ meiſter Laszkovics, und er dürfe jetzt nichts unver⸗ ſucht laſſen, um ihn zu retten. Herr von Földväry, ein ältlicher Mann, einer der Coryphäen der Peſther Oppoſition während der Joſephiniſchen Periode, ſagte nun als der Graf geendet hatte, er ehre zwar die Motive des Gra⸗ fen, und er ſehe auch die Wichtigkeit des Momen⸗ tes ſehr wohl ein; es leide keinen Zweifel, be⸗ merkte er, daß wenn das Peſther Comitat ſich vffen gegen jene neue Theorie ausſpräche, die der könig⸗ liche Fiscal in Hinſicht der Proeedur im Hoch⸗ verrathsprozeſſe aufſtellt, und wenn es ſämmtliche Comitate aufforderte, ſich dieſer Agitation anzu⸗ ſchließen, daß die Gerichte nicht den Muth haben würden, dieſe Thevrie feſtzuſtellen;„doch anderer⸗ ſeits werfen wir,“ ſagte er,„dadurch den Hand⸗ ſchuh den deutſchen Miniſtern in Wien vor die 100 Füße, ſie gewinnen eine Gelegenheit ihre alten Doctrinen, daß man mit Comitatscongregationen nicht regieren könne, neuerdings vor dem König zu entwickeln, der ohnehin die Verfaſſung nicht be⸗ ſonders liebt, man wird uns als Vertheidiger des Hochverraths darſtellen, und ſo ſehr wir auch auf unſerem formellen Rechte fußen, fehlt uns doch die Unterſtützung der Maſſen, die dem jpoſephiniſchen Syſtem überall feindlich ſind, in der Praris des verſtorbenen Kaiſers eben ſo ſehr, wie in der Thevrie des Abtes Martinovich; der niedere Adel wird die Sachlage nicht verſtehen, und wir bringen uns in eine falſche Stellung; auf dieſem Terrain können wir den Kampf mit der Regierung nicht aufnehmen, denn die Mehrzahl der Comitate ver⸗ läßt uns. Ohnehin ſoll ſchon im nächſten Jahre, dem Geſetze zufolge, der Landtag verſammelt wer⸗ den, dort haben wir Gelegenheit, über die Geſetz⸗ verletzung zu klagen, und jeden Fehler, den die Gerichtshöfe machen, auf dem geſetzlichen Wege zu verbeſſern; verſparen wir daher unſere Kräfte für einen populären Kampf, und reizen die Wiener 101 Miniſter nicht noch mehr, die ohnedies die ver⸗ ſteckten Feinde der Conſtitution ſind.“ „Alſo ſollen wir unſere Prinzipien ruhig auf⸗ geben?“ frug der Graf. Herr von Haläsz, ein Mann von mittleren Jahren, mit ſtarken Zügen, einer der Führer des kleineren Adels, auf den er großen Einfluß hatte, antwortete jetzt raſch:„Erlauben Sie, Herr Graf, eine praktiſche Bemerkung, denn ich bin ein prak⸗ tiſcher Menſch. Warum kommen wir denn eigent⸗ lich zuſammen? doch nicht um Prinzipien aufzu⸗ ſtellen! Ich kümmere mich nicht viel um Prinzi⸗ pien. Wir müſſen ſuchen bei der nächſten Wahl — ſie ſteht uns in drei Monaten bevor— die Majorität zu erhalten, um uns und unſere Freunde in die Comitatsadminiſtration zu bringen. Sind wir einmal dort, dann können wir unſere Prin⸗ zipien keck prorlamiren, ohne uns darum zu küm⸗ mern, ob ſie der Regierung angenehm ſind oder nicht. Doch eben deshalb müſſen wir gerade jetzt äußerſt behutſam ſein, daß wir unſerer Parthei nicht ſchaden, und den Gegnern nicht eine Waffe 102 in die Hand geben, mit der ſie gegen uns bei der Wahl agitiren können. Nehmen wir uns der Ge⸗ fangenen an, die bekanntlich die Privilegien des Adels augreifen, und ſelbſt die Municipalverfaſſung verſpotteten, ſo heißt es gleich, wir theilen ihre Anſichten, wir wollen die joſephiniſche Zeit in an⸗ derer Form zurückführen, und wir verlieren wenig⸗ ſtens 4— 500 Stimmen. Meiner Anſicht nach müſſen wir zuwarten, bis die Comitatswahl vor ſich gegangen iſt, dann können wir handeln, nicht früher.“ Als er geendet hatte, nahm niemand das Wort, Graf Keglevich ſah, daß Földväry und Haläsz die Meinungen der ganzen Oppoſition repräſentir⸗ ten, und daß er daher auf keine ſtarke Unterſtützung rechnen könne, er war verſtimmt, obgleich er es geſtehen mußte, die Einwendungen, die er gehört habe, ſeinen praktiſcher Art. Aber auch ſeine Freunde fühlten es, daß ſie ſich nicht durch ihre Grundſätze, ſondern von politiſchen Motiven leiten laſſen, und ſchämten ſich im Grunde ihrer Taktik; die ganze Geſellſchaft hatte ihre gewöhnliche Un⸗ befangenheit verloren, einer nach dem andern em⸗ 103 pfahl ſich,— nur einer der Herren blieb zurück, Herr von Oläh, deſſen politiſche Anſichten oft wechſelten, und der gerade jetzt ſich wieder der Oppoſition angeſchloſſen hatte. Er reichte ſeine Hand dem Grafen und ſagte: „Freund, wenn Sie alles verläßt, können Sie auf mich zählen; ich unterſtütze ihre Propoſition.“ Am nächſten Morgen füllte ſich der große Saal im Comitatshauſe ſchon um eine frühe Stunde, die Gallerie war mit Damen beſetzt, unter ihnen ſaßen Lenke und Madame Raimond. Um den langen grünen Tiſch drängten ſich Hunderte von Zuhörern, alle in ſchwarzen ungriſchen Kleidern mit dem Stahlſäbel an der Seite. Graf Kegle⸗ ich und die Oppoſition hatten ſich an der einen Seite der Tafel ihre Sitze gewählt, und ihr Ernſt contraſtirte bedeutend mit dem geſchäftigen Kommen und Gehen der übrigen, bis endlich die Flügelthüren geöffnet wurden und der Vicegeſpan in reichen goldgeſtickten Kleidern eintrat. Ihm folgten die Beamten des Comitats, mehrere Mitglieder der hohen Geiſtlichkeit und die ganze conſervative Par⸗ thei. Sobald alles Platz genommen hatte, eröff⸗ 104 nete der Vicegeſpan mit ſeiner ſtereotypen Formel die Sitzung und der Notar begann die Verord⸗ nungen der Hofkanzlei und des Statthaltereirathes vorzuleſen, die während des letzten Vierteljahres eingelaufen waren. Sie waren nicht von Belang, der Vicegeſpan gab Rechenſchaft darüber, was er in Hinſicht jeder derſelben gethan hatte, und die Verſammlung ſchenkte ihm nicht viel Aufmerkſam⸗ keit, bis endlich Graf Keglevich ſich erhob, und ein donnerndes Halljuk(Hört) erſcholl im Saale. Tiefe Stille herrſchte nun, und der Graf begann mit volltönender Stimme. „Meine Herren! Sie wiſſen ich beſitze nicht die Gabe der Rede, und ich würde ſchweigen, wenn ich nicht ſähe, daß unſerer Verfaſſung, daß unſerer Freiheit Gefahr droht, und dieſe Gefahr gebeut mir jetzt meine Stimme zu erheben. Seit längerer Zeit verbreiten die Beamten der Regierung finſtere Gerüchte über eine Verſchwörung, die hier im Lande entdeckt worden ſei; angeſehene Perſonen jedes Standes und jedes Alters wurden verhaftet, ſeit drei Monaten ſind ſie im Kerker, und noch immer 105 iſt das Land in Ungewißheit, ob wirklich ein Ver⸗ brechen begangen wurde, das beſtraft werden muß.“ Doch während der Graf ſo ſprach, begann das Geräuſch im Saale von neuem; die Conſervativen ſprachen leiſe mit einander, vhne den Redner an⸗ zuhören, die jungen Leute auf der Gallerie knüpf⸗ ten Geſpräche mit den Damen an, der Graf wandte ſich um und ſuchte mit ſeinem Blicke Herrn von Hläh, auf deſſen Unterſtützung er rechnete, doch zu ſeinem größten Erſtaunen ſah er ihn an der Thüre, im Begriffe, ſich leiſe zu entfernen. Der Eindruck, den alles dies auf den Redner machte, war drückend, er vergaß die Argumente, die er entwickeln wollte. Er wollte beweiſen, daß die Ver⸗ haftung des jungen Barons Révay und des Ad⸗ voraten Paul Oz es hinlänglich zeigten, die Regie⸗ rung greife nicht eine Verſchwörung und Revolu⸗ tivnen, ſondern alle Freunde der Freiheit an; er hatte die Abſicht gehabt, die edlen Eigenſchaften Laczkovies, die er ſo gut kannte, geltend zu machen und ſo den Vorurtheilen der Verſammlung zu be⸗ gegnen, doch ſtatt alles dieſes wiederholte er mehrere 106 Mal mit künſtlicher Emphaſe:„Es iſt ja unſere Sache, es iſt die Sache unſerer Freiheit, der Pro⸗ zeß iſt erſt im Beginnen, und wenn man den Nach⸗ richten trauen darf, die jedermann kennt, obgleich er ihre Quelle nicht nachweiſen kann, ſo iſt noch nicht einmal die Procedur feſtgeſtellt, welche gegen die Verhafteten angewendet werden ſoll! Es heißt, das höchſte Gericht maße ſich an, bei dieſer Frage in die Sphäre der Legislation einzugreifen, und eine neue Norm feſtzuſetzen, die nicht nur für dieſen Fall, ſondern für jeden andern in Zukunft als Geſetz gelten ſoll. Und dies Geſetz beſtünde dann ganz einfach darin, daß den Beklagten die Mittel der Vertheidigung gerade bei der Anſchuldigung jenes Verbrechens entzogen werde, in dem ſelbſt der gewiſſenhafteſte Richter ſich leicht durch ſeine politiſche Ueberzeugung irre führen läßt. Der An⸗ kläger ſoll zugleich der Vertheidiger ſein. Nein, meine Herren, dies iſt eine neue Theorie, die nicht den ungriſchen Rechten entnommen iſt, ſie kommt aus jenem Lande, aus dem wir erſt vor ſo kurzer Zeit unter dem Namen der Gleichheit vor dem Geſetz, die Centraliſativn und die Aufhebung der 107 Municipalinſtitutionen erhielten.“ Er ließ hier eine kurze Pauſe eintreten, in der Erwartung ſtürmiſchen Beifalls, den ſonſt jede Anſpielung auf den er— folgreichen Widerſtand gegen die joſephiniſchen Ver⸗ ordnungen zu erwecken pflegte, doch jetzt blieb die Verſammlung ſtumm. Der Graf fuhr fort:„Unſer paſſiver Widerſtand hat jene Gefahr abgewendet, und unſer glorreicher König Leopold hat unſere Conſtitution wieder hergeſtellt, aber die Gefahr, die uns jetzt bedroht, iſt nicht geringer, als die erſtere, ſie bedroht die perſönliche Sicherheit jedes einzelnen Bürgers. Ich weiß es, meine Herren, daß Sie die Grundſätze jener Unglücklichen, die jetzt im Fran⸗ ziskanerkloſter ſchmachten, nicht theilen, ja daß ſie dieſen oft entgegen getreten ſind, und daß es manche in dieſem Saale giebt, die ſchon im vvraus davon überzeugt ſind, der Abt Martinovics und ſeine Freunde ſeien Verbrecher;— aber darum haben die Gefangenen doch nicht aufgehört conſtitutionelle Bürger des Landes zu ſein. Selbſt wenn es wahr wäre, daß ſie die Conſtitution des Landes umſtür⸗ zen wollten, ſtehen ſie doch unter dem Schutze der Geſetze, ſo gut wie jeder von uns. In ihrer Perſon 108 iſt die Freiheit der Vertheidigung jedes Einzelnen von uns angegriffen; die Reaction in Wien, die jetzt die Maske abgeworfen hat, und offen gegen uns auftritt, hat ſie nur zum erſten Opfer aus⸗ erſehen, verſäumen wir es jetzt, unſere Stimme geltend zu machen, erheben wir uns nicht wie ein einziger Mann, um uns dem erſten Eingriffe in die conſtitutionellen Rechte entgegenzuſtemmen, ſo fallen alle, eines nach dem andern, unter dem Schlage des Abſolutismus. Glauben Sie es nicht, daß es ſich hier um den Abt Martinovies und ſeine Genvoſſen handelt, es handelt ſich um die Frei⸗ heit der Ungarn, die der Willkühr des Kronanwal⸗ tes preisgegeben wird, wenn wir ihr jetzt keine Schranken ſetzten.“ „Meine Herren, ich ſchlage vor, Seiner Ma⸗ jeſtät in einer unterthänigen Repräſentation zu er⸗ klären, daß wir in der vorläufigen Verhaftung ſo vieler unſerer Mitbürger unter dem Vorwand des Hochverraths, ehe noch das Gericht dieſelben in Anklageſtand verſetzt hat, eine Verletzung der Con⸗ ſtitutivn ſehen, da unſer Geſetz es offen ausſpricht, daß niemand ohne geſetzliche Citation, ehe er ſeine 109 Vertheidigung vorbrachte und gerichtlich verurtheilt wurde, in ſeiner Perſon oder ſeinem Vermögen beunruhigt werden dürfe, daß wir ferner in der Verweigerung der geſetzlichen Vertheidigung jede Garantie der individuellen Freiheit vernichtet ſehen, und daher Sr. Majeſtät erſuchen, dieſem Uebel Abhülfe zu ſchaffen. Dieſe Repräſentation aber ſoll meinem Vorſchlage zufolge allen übrigen Co⸗ mitaten zugeſendet werden, damit ſie die Gefahr erkennen, und ihre Stimmen mit der unſrigen vereinen, bis der Landtag die Sache ſelbſt in die Hand nimmt.“— Spärlicher Beifall von der Gallerie folgte die⸗ ſen Worten, aber dennoch fühlte es der Graf ſehr wohl, daß ſein Verſuch mißlungen war; ſelbſt während ſeiner Rede ſank ſeine Stimme allmälig, die im Geräuſch der Verſammlung beinahe unhör⸗ bar geworden war. Er ſetzte ſich betrübt nieder. Herr von Tahy erhob ſich und ſagte, er wun⸗ dere ſich, wie der edle Graf den Schutz jener Conſtitution für Männer anrufe, die eben dieſe Conſtitutivn durch ihre Lehren untergruben; er kümmere ſich nicht, wie man mit Hochverräthern 110 umgehe, denn er ſelbſt werde wohl nie dieſes Ver⸗ brechens angeklagt werden können,— vofficielle Doecumente lägen dem Comitate ohnehin nicht vor, und eine Comitatsverſammlung dürfe ſich durchaus fein Urtheil darüber anmaßen, was die Gerichte thäten; die richterliche Gewalt ſei unabhängig nach allen Seiten, dem Volke wie dem Könige gegen⸗ über, er ſtimme daher wider den Antrag des Gra⸗ fen, den er als einen Eingriff in das Gerichts⸗ weſen bezeichnete. Auch Tahy's Rede fand wenig Anklang, es ſchien ein Alp drücke die ganze Verſammlung, denn die Ungarn waren noch müde vom Kampfe, den ſie unter Joſeph gekämpft, ſie wollten ihn nicht wieder erneuern, ſie wollten lieber jetzt nach⸗ geben, als von neuem mit dem Abſolutismus in offenen Streit gerathen. Majos, der Geiſtliche, gab nun ſeine heftige Rede gegen die Oppoſition zum Beſten, die er ſchon geſtern in der Conferenz begonnen hatte, doch ſie erweckte nur allgemeine Heiterkeit. Graf Joſeph Teleky erhob ſich endlich und ſchilderte mit beredten Worten, wie nöthig die Ein⸗ „ 111 tracht zwiſchen der Regierung und dem Lande ſei, beſonders jetzt, wo einerſeits die alten Inſtitutivnen des Landes für eine zeitlang erſchüttert, noch immer nicht ganz geſichert ſeien, wo andererſeits der Staat im Kriege verwickelt ſei gegen die franzöſiſche Re⸗ volution, die mit den Mißbräuchen der abſoluten Regierung auch die Grundveſten des Conſtitutio⸗ nalismus erſchüttert habe, und mit dem Muthe der Verzweiflung alle Nachbarſtaaten bekämpfe und bedrohe. Er ſprach ſeine Ueberzeugung aus, die Gerechtigkeit und Güte des Monarchen ſichere das Volk jedenfalls vor jedem Mißbrauche willkühr⸗ licher Gewalt, und ſchlug daher vor, eine Reprä⸗ ſentation nach Wien zu ſenden, in der das Co⸗ mitat es dankbar anerkenne, daß die Regierung das Geſetz geachtet, und die des Hochverraths Angeklagten ihren natürlichen Richtern nicht ent⸗ zogen habe, und die zugleich das Vertrauen aus⸗ ſpräche, daß die Regierung auch in Zukunft ſtreng an dem Geſetze halten werde. Die Mehrheit ſtimmte dem Antrage des Gra⸗ fen Teleky bei, ſo nichtsſagend er auch war, und brach die Discuſſivn ab. Eine Thräne perlte im 112 Auge Lenke's und rollte langſam über ihre Wange, ſie fühlte es jetzt, Szolareſek ſei verloren; Madame Raimond blieb kalt und bleich, wie ſie es zuvor geweſen, in ihrem Buſen war ſchon längſt jede Hoffnung erſtorben.— . XVI. Der Prozeß. Der Erzherzog ſaß hingeſtreckt in einem Lehn⸗ ſtuhle vor dem Fenſter in ſeinem Zimmer, er war bleich, ſein Blick war matt, und in ſeinen Zügen lag Abſpannung. „Graf Szapany,“ rief er ohne ſich umzuwen⸗ den, als er die Thüre aufgehen hörte,„ich habe Sie rufen laſſen. Halten Sie mir wieder eine Predigt, ich bin in der Stimmung Sie anzuhören, ich bin erſchöpft.“— „Wie ſollten Kaiſerliche Hoheit es nicht ſein? Sie ſchreiben bis vier Uhr nach Mitternacht Briefe, ſchon um acht Uhr in der Früh laſſen Sie den . 8 8 114 Secretair rufen, der Ihnen Acten referirt, während Sie frühſtücken, um zehn fahren Sie in die Sitzung des Statthaltereiraths, und wenn die Sitzung end⸗ lich zu Ende iſt, gehen Sie hinab in die Kegel⸗ bahn und ſchieben Kegel, bis Ihnen der Schweiß von der Stirne trieft, und nach dem Speiſen be⸗ ginnt die Arbeit vom Neuem. Dies thun Kaiſerliche Hoheit täglich ſeit mehr als drei Wochen, die kräf⸗ tigſte Geſundheit wird in die Länge durch ſolche Lebensart zerſtört, ſechzehn Stunden geiſtiger Ar⸗ beit des Tages, vier Stunden für körperliche Ue⸗ bungen und Unterhaltung und Speiſen, und nur vier Stunden Ruhe, es iſt zu viel, Sie ſind nicht daran gewöhnt.“ „Lieber Graf,“ unterbrach ihn der Erzherzog, „ich habe während des Landtags oft mich mehr angeſtrengt, und ich fühlte mich wohl, und jetzt iſt meine Kraft gebrochen.“ „Weil Kaiſerliche Hoheit es wußten, daß Ihre Nachtwache nicht ohne Reſultat für das Land bleibe; die moraliſche Befriedigung erneuert die Kräfte wie das Schlafen.“ Der Erzherzog ſeufzte und ſchwieg, doch plötz⸗ 115 lich ſtand er mit den Worten auf:„Setzen wir uns zum Schachbrett, ſpielen wir eine Parthie!“ „Wie Euer Kaiſerliche Hoheit befehlen! doch ich glaube nicht, daß dies ernſte Spiel eine Erho⸗ lung ſei, wenn Geiſt und Körper ermüdet ſind.“ „Ach ich ſuche ja keine Erholung, bemerkte der Prinz,„ſondern Zerſtreuung, irgend etwas, was meine Aufmerkſamkeit vollkommen abſorbirt und die böſen Gedanken verſcheucht, die meinen Sinn verdüſtern. Ich ſitze ſchon ſeit einer halben Stunde hier am Fenſter und ſchaue hinab auf die Stadt, die ſich vor meinen Augen erhebt, und ſelbſt die⸗ ſer Anblick macht mir keine Freude mehr. Und doch liebe ich Peſth, wie nur ein Vater ſein Kind lieben kann, ehe es noch ſprechen gelernt hat, er⸗ kennt er ſchon in ſeinem Lallen den Geiſt, den es einſt entwickeln ſoll, er ſieht mit geiſtigem Auge die Zukunft in den Zügen des Kindes und freut ſich derſelben. Mit ſolchen Augen ſehe ich ſchon jetzt mein Peſth als eine Stadt der Palläſte, als Mittelpunkt des Handels, wo der Oſten und der Weſten ſich in freundlichem Verkehr die Hände reichen, hier, wo ſie ſich ſeit Jahrhunderten nur in 8* 116 Waffen und im Todeskampfe getroffen hatten.— Wie oft habe ich es mir gewünſcht, daß, wenn ich einſt auf meinem Sterbebette liege, mein letzter Blick noch einmal auf dieſer Stadt weile und daß ich ausrufen könne wie Auguſt: in Ziegel habe ich ſie gefunden, in Marmor laſſe ich ſie zurück!“ „Und warum ſollte denn dieſe ſchöne Viſion nicht verwirklicht werden?“ frug Szapany. „Meine Hoffnungen welken wie jene Blätter im Garten, die uns noch vor einem Monat durch ihr ſaftiges Grün entzückten,“ ſprach der Palatin, „jetzt ſind ſie gelb und fallen vertrocknet und raſ⸗ ſelnd auf den Weg unter unſere Füße. Kommen Sie, lieber Graf, hinab in den Garten, gehen wir ſpazieren;— philoſophiren wir oder erzählen Sie mir Geſchichten, aber laſſen wir heute die Politik ruhen, ſie macht mich krank.“ Der Prinz war fieberiſch aufgeregt, und der Graf wußte, in ſolchen Momenten müſſe man ſei⸗ nen Launen nachgeben, er folgte ihm daher die Treppe hinab in den Garten. Als ſie an der Ke⸗ gelbahn vorbeikamen, bemerkte der Erzherzog, es ſei doch ſonderbar, daß in allen Spielen, in denen 117 ein König vorkäme, dieſer ſtets ein wahrhaft con⸗ ſtitutivneller ſei, kein abſoluter, und daß die Auf⸗ gabe des Spieles gewöhnlich die ſei, ſeine Macht zu brechen. Im Kegelſpiel hat er keine andere Prärogative vor ſeinen Unterthanen, als daß ſein Fall mehr zählt, wie der der übrigen Kegel, im Schach iſt ſein Wirkungskreis der geringſte, er ſteht jedem ſeiner Beamten nach und iſt beſtimmt zuletzt gefangen zu werden, und wenn wir Whiſt in Fünfer ſpielen, dann heißt gerade jener Spieler der König, der für den Augenblick nicht mitſpielt, er iſt der wahre Froſchkönig aus der Fabel. „Da ſind wir ja ſchon wieder bei der Politik,“ ſagte Graf Szapauh,„ich wußte es, wir entgehen ihr auf keinen Fall. Aber ſo geiſtreich auch die Bemerkung Euer Kaiſerliche Hoheit iſt, ſo glaube ich doch, es ſei beſſer ſie zu verſchweigen als zu verbreiten. In Wien liebt man dieſe Art des Geiſtes nicht.“ „Sie haben immer Recht,“ antwortete der Erz⸗ herzog und nahm den Grafen bei der Hand,„hof⸗ meiſtern Sie mich nur ohne Scheu, ich bedarf deſ⸗ ſen wirklich, ich bin nun einmal offen und unbe⸗ 118 ſonnen. Doch ich will Ihnen auch offen geſtehen, was mich drückt. Sie werden ſich wohl Abaffy's erinnern, ich habe ihn während des letzten Land⸗ tags einigemal geſehen, denn die komiſche Pfiffig⸗ keit dieſes Slovaken unterhielt mich und er zeigte ſtets eine große Anhänglichkeit an mich. Jetzt iſt er gefangen und ich weiß es doch, daß er nie mit Martinovics und ſeinen Gefährten in Verbindung ſtand. Sein einziges Verbrechen iſt, daß ich ihn bevorzugte, Németh rächt ſich jetzt durch dieſe Ver⸗ haftung an mir, dafür, daß ich es ihm offen er⸗ klärte, ich kenne und verachte ſeine Habſucht. In der letzten Zeit hörte ich ſogar, Abaffy habe ſich ſelbſt angeklagt, daß er den Catechismus geſchrie⸗ ben habe, der doch aus dem Franzöſiſchen über⸗ ſetzt iſt. Es iſt ein ſolcher Unſinn, daß ich es nicht glauben kann, er müßte denn wahnſinnig geworden ſein! Könnte ich nur dieſen Einen retten!“ „Kaiſerliche Hoheit ſcheinen ſich in der letzten Zeit nicht viel um die Prozeſſe gekümmert zu ha⸗ ben und ſind vielleicht über die verſchiedenen Pha⸗ ſen nicht unterrichtet, in die er getreten iſt.“ „Sie wiſſen, lieber Graf, ich wollte es ableh⸗ 19 nen bei einem Hochverrathsprozeſſe zu präſidiren, doch ich erhielt den directen Befehl vom Kaiſer, meine Stelle bei dem Septemvirat einzunehmen. Noch iſt die Sache nicht vor uns gekommen und ich will die Königliche Tafel in keiner Hinſicht weder für noch wider die Gefangenen influenziren, ich habe beſchloſſen, mich vollkommen paſſiv zu verhalten, die Verantwortlichkeit möge auf Uermenyi und den Grafen Zichy fallen, denn ſie ſind die eigentlichen Präſidenten; ſie ſind Rechtsgelehrte, mein Vorſitz iſt nur eine Formalität. Ich will mich nicht einmal um die Verhandlungen erkundi⸗ gen, ehe ſie zum Richterſpruche reif ſind, damit niemand es wiſſe, wie ſehr ich mich um den Pro⸗ zeß intereſſire. Sie erweiſen mir daher einen Ge⸗ fallen, wenn Sie mir erzählen, was in letzter Zeit geſchehen iſt.“ Der Erzherzog ließ ſich auf eine Raſenbank nieder und ſpielte mit ſeinem Spazier⸗ ſtocke, den er in der Hand hielt, im trocknen Laube. „Der Eindruck, den die Rede des Grafen Ke⸗ glevich bei der letzten Congregativn gemacht hat,“ ſagte Graf Szapany, indem er ſich ſetzte,„hat es 120 deutlich bewieſen, daß das Loos des Abtes und ſeiner Freunde keinen beſonders großen Eindruck auf die öffentliche Meinung gemacht habe, und die Königliche Tafel konnte nun ohne allen Rückhalt die Vertheidigungsthevrien Nemeths ſanctioniren und ſo die Prärogative der Krone ſtärken. Seit die⸗ ſer Zeit nimmt der Prozeß, der ſich bisher lang⸗ ſam hingeſchleppt hatte, einen raſchern Gang, und da Németh von Wien aus tauſend Ducaten zur Beſtreitung der Koſten und geheimen Ausgaben erhalten hat und ſeine Habſucht für den Moment geſättigt iſt, ſcheint es, daß die Verhaftungen jetzt endlich einmal aufhören. Die Angeklagten prote⸗ ſtiren gegen die Entſcheidung der Königlichen Ta⸗ fel, Horväth weigert ſich den Eid der Verſchwie⸗ genheit abzulegen und mit den vier offiziellen Ver⸗ theidigern will keiner der Gefangenen ſich in irgend einen Verkehr einlaſſen, Graf Sigray und Herr von Szulovſzky ſcheinen zwar Luſt zu haben, dieſe Art der Vertheidigung doch nicht zurückzuweiſen, doch ſie ſchämen ſich vor ihren Freunden. Die meiſten vertheidigen ſich übrigens ſelbſt, nur Lacz⸗ kovies bleibt hartnäckig und erwartet lautlos ſein 12 Urtheil, er ſagt, er ſei im letzten Türkenkriege oft ſtundenlang den Batterien gegenüber im Kartät⸗ ſchenfeuer geſtanden, er könne auch jetzt ohne Ver⸗ theidigung zuwarten, was die nächſte Zukunft bringe.“ „Er iſt doch ein großer Character,“ rief der Erzherzog aus,„ich wollte ich wäre wie er!“ „Kaiſerliche Hoheit, in kleine Zeiten und Ver⸗ hältniſſe paſſen große Charactere nicht, und der thieriſche Muth iſt gerade nicht diejenige Eigen⸗ ſchaft, die dem Staatsmanne am meiſten Noth thut. Ich muß geſtehen, ich finde, der Adovcat Oz und der junge Szolareſek benehmen ſich eben ſo edel wie Laczkovics, indem ſie ſich würdevoll mit Berufung auf die Conſtitution vertheidigen, und Abaffy iſt der Klügſte von allen.“ „Wie ſo?“ frug der Erzherzog und ſeine Züge belebten ſich ſichtlich,„ ſpricht er von den Bezie⸗ hungen, in denen er zu mir, zum Perſonal und udex curiae geſtanden?“ „Das wäre eben nicht das Klügſte,“ meinte der Graf,„gerade dann, wenn er ſich auf die vorangegangene Freundſchaft mit den bedeutendſten 122 Perſonen unter ſeinen Richtern beriefe, würde er es dieſen unmöglich machen für ihn zu handeln. Er ſucht es daher thatſächlich zu beweiſen, daß die ganze Hochverrathsklage lächerlich und nur als ein ſchlechter Spaß zu behandeln ſei, nicht als Ernſt. Martinovics und deſſen Freunde geſtehen es ſelbſt und machen keinen Hehl daraus, daß ſie eine geheime Geſellſchaft gebildet hatten, um de⸗ mokratiſche Grundſätze zu verbreiten, und daß das Mittel dazu der unglückſelige Catechismus geweſen ſei; mehr kann aber auch der Kronanwalt, bis jetzt wenigſtens, gegen ſie nicht beweiſen. Die ganze Hochverrathsanklage beruht auf der Ausſage eines unwiſſenden fanatiſchen Serben, dem Schrei⸗ ber des Abtes und auf einigen Zeugniſſen von profeſſionellen Denuncianten, von denen ſeit jeher bekannt iſt, daß ſie Werkzeuge der geheimen Poli⸗ zei waren, die ganze Vertheidigung muß daher darauf gerichtet ſein, dieſe Ausſagen und Zeug⸗ niſſe zu entkräften und nachzuweiſen, daß der Kron⸗ anwalt leichtgläubig jeder Denunciation das Ohr leiht, möge ſie noch ſo widerſinnig ſein. Abaffy hat nun dem Großprobſt von Gran die unglaublich⸗ 123 ſten Dinge gebeichtet, der Großprobſt theilte ſie ſeinem Freunde Németh mit und da gegen dieſen Exdeputirten kein anderer Beweis vorhanden war, ließ ſich der Kronanwalt durch ſeine Leidenſchaft⸗ lichkeit ſo weit hinreißen, daß er in der letzten Re⸗ plik Anſpielungen auf Aeußerungen machte, die Abaffy gegenüber dem Probſte gemacht hatte. Dies war aber der Punkt, auf den der ſchlaue Slovak gerechnet. Er geſteht es offen, er habe alles dies ſeinem Beichtvater anvertraut und fordert den Kron⸗ anwalt auf, eine andere Quelle zu nennen, aus der er dieſe Daten habe, er weiſet es nach, daß lle dieſe Beſchuldigungen unmöglich begründet ſein können. Er giebt die Beichte in ihrer ganzen Aus⸗ dehnung, es kömmt darin vor, er habe in früherer Zeit Németh beſtochen und dringt darauf, der Groß⸗ probſt ſolle ihm als Zeuge gegenübergeſtellt wer⸗ den, damit die Gerichte ſehen, welche unmoraliſche Mittel der Kronanwalt anwende, um Zeugniſſe gegen die Augeſchuldigten zu erpreſſen. Und wie ſollten abhängige Leute ohne Bildung ſolchen Mit⸗ teln zu widerſtehen im Stande ſein, wenn es Né⸗ meth gelang, ſelbſt einen ſo hochgeſtellten Mann, 124 wie der Großprobſt iſt, zur Verletzung des Beicht⸗ geheimniſſes zu verleiten. Er ſchließt ſeine Ver⸗ theidigung ganz pathetiſch mit den Worten: ex uno disce omnes, und der Kronanwalt weiß jetzt wirklich nicht, ob er lachen oder ſich ärgern ſolle. Es heißt, die Replik ſei mit ſo viel Witz und Schärfe geſchrieben, daß ſie ſicher den günſtigſten Eindruck machen wird, und man glaubt, Abaffy müſſe nach dieſer freigeſprochen werden.“ „Daran erkenne ich meinen Slovaken,“ rief der Erzherzog lächend,„an Schlauheit kommt ihm freilich keiner gleich! Ich kann mir denken, wie Németh es jetzt bereut, ihn in die Klage einge⸗ ſchloſſen zu haben; und dabei iſt auch noch der Großprobſt durch die Indiscretivn des Kronan⸗ waltes compromittirt! Der Einfall iſt wirklich ein köſtlicher.“ Die leicht erregbare Natur des Erzherzogs war durch die Erzählung des Grafen vollkommen be⸗ ruhigt, ſeine Abſpannung ſchwand, er wurde hei⸗ ter, ließ den Adjutanten in den Garten rufen und hielt ganz ernſthaft Rath darüber, ob er im Car⸗ 125 neval, der in kurzer Zeit bevorſtand, Bälle geben ſolle oder nicht. Doch nicht nur der Erzherzog, das ganze Land ſchien plötzlich wieder beruhigt, denn es iſt ein characteriſtiſcher Zug des Volkes, daß es nicht leicht der Regierung in die Länge böſe Abſichten zumuthet. So wie irgend eine Maßregel oder Verordnung im Augenblicke die größte Aufregung hervorzubringen im Stande iſt, ſo legt ſich dieſe Aufregung doch bald wieder, wenn die drohende Gefahr nicht augenblicklich eintritt und den Lauf der alltäglichen Geſchäfte nicht ſtört. Man ge⸗ wöhnt ſich nach und nach die Angelegenheiten käl— ter anzuſehen, und geht eine Regierung mit abſo⸗ lutiſtiſchen Tendenzen nur langſam vorwärts, gönnt ſie dem Volke nur die Zeit, ſeinen Unwillen Luft zu machen, ehe ſie vorſichtig wieder einen Schritt weiter thut, ſo iſt ſie ſicher alle Schranken, die ihr eine Conſtitution ſetzt, nach und nach durchzu⸗ brechen, wenn ſie anders das Volk nicht durch Abgaben oder ſchreiende Ungerechtigkeiten erbittert. Nur die Uebereilung oder die Schwäche führt Re⸗ volutionen herbei, die große Mehrzahl iſt ſtets 126 etwas optimiſtiſch, ſo ſehr ſie auch die einzelnen Maßregeln der Regierung zu bewachen ſcheint. Dies war auch jetzt der Fall, niemand glaubte, Thugut ſei kleinlich genug um Männer zu verfol⸗ gen, von denen er wußte, daß ſie keinen Einfluß haben. Der Ausgang der Peſther Congregation hatte es ja klar bewieſen, daß die Perſonen der Gefangenen keine große Sympathie erregten, und ſo glaubte man, der Zweck der Regierung ſei ſchon dadurch erreicht, daß die Prärogative der Krone im Hochverrathsprozeſſe ausgedehnt wurde und jedermann hoffte auf eine baldige Losſprechung aller Angeſchuldigten. Aus England war über⸗ dies die Nachricht gekommen, Hardy, Horne Tooke und die andern Mitglieder der Correſponding⸗So⸗ eiety ſeien, trotz der Bemühungen des Miniſte⸗ riums, durch die Jury freigeſprochen worden, und dies wurde als gutes Omen betrachtet. Auch im Hauſe des Dr. Koväcs lebten ſolche Hoffnungen neuerdings auf; Lenke wurde wieder heiter, wie ſie es gewöhnlich geweſen, und Fekete, deſſen Sinn fröhlich war, brachte mit ſeinen mun⸗ tern Einfällen ſelbſt den ernſten alten Mann häufig 127 zum Lächeln, der ihm ganz beſonders gewogen war. Er ſah es auch nicht ungern, daß Fekete ſich um die Gunſt Lenkes bewarb, die Gutmüthigkeit des Characters und die Weichheit, ſo vorherrſchend bei dem jungen Rechtsgelehrten, war nach der Anſicht des Arztes eine Bürgſchaft, daß er ein guter Ehe⸗ mann werden würde. Seine Zukunft ſchien über⸗ dies geſichert, der Fiscal der Baronin Révay war überaus zufrieden mit ihm, denn ſein Fleiß und ſeine Gewiſſenhaftigkeit, mit der er auch das klein⸗ lichſte Geſchäft behandelte, erſetzte gerade in dem Wirkungskreis eines Advocaten mehr als hinläng— lich die viel glänzenderen Eigenſchaften Szolareſeks, der die kleineren Berufsgeſchäfte ſtets mit Unluſt betrieb, weil ſie ſeinem Geiſte nicht genügten. Auch Lenke ſah den gemüthlichen Fekete gern, ſie errs⸗ thete zwar nicht, wenn er eintrat, ſein Bild erfüllte ihre Phantaſie nicht, ſie fühlte ſich aber behaglich in ſeiner Nähe. Er glich durchaus nicht dem Ideal, das ſie ſich von einem Manne gemacht hatte, doch war es ihr nicht recht, wenn er einige Tage ausblieb, und wenn er gekommen war, neckte ſie ihn oder machte ſich luſtig über ihn, daß er 128 immer zu ſpät komme. Louiſe betrachtete dieſe kindiſchen Spiele mit Vergnügen und dachte vft, daß für den männlich entſchloſſenen Geiſt Lenke's niemand beſſer paſſen könnte, als der junge Mann, der immer nachzugeben ſchien, obgleich er oft ge⸗ rade durch dies Nachgeben zu ſeinem Ziel ge⸗ langte. Doch wenn bei Dr. Koväcs und Lenke die frühere friedliche Ruhe wieder eingezogen war, ſo war die Franzöſin ſeit der Cataſtrophe, an die der Anblick Feketes ſie ſtets unwillkürlich erinnerte, völlig verändert. Ihre Lebhaftigkeit hatte einem anhaltenden Trübſinn Raum gegeben, ihre liebens⸗ würdige Geſchwätzigkeit war verſtummt und an die Stelle der Elaſtizität ihres Geiſtes war ner⸗ vöſe Gereiztheit getreten. Sie gab ſich zwar alle Mühe, dies vor ihren Freunden zu verbergen, doch ihre Kraft war gebrochen und ihre Geſundheit litt augenſcheinlich. Sie war zwar nicht weniger ſchön als chedem, denn die krankhafte Bläſſe ihrer Wan⸗ gen ließ ſie nur noch reizender erſcheinen und nur ſelten zeigte ein dunkler Ring um die Augen Spu⸗ ren der Nachtwachen und der Seelenkämpfe, die ſie niemandem mitzutheilen wagte. Ihre Freunde 129 gingen zwar mit ihr um wie mit einem kranken Kinde, aber ſie konnten ihr Vertrauen nicht ge⸗ winnen, und ſo freundlich auch Lenke jedem ihrer Wünſche zuvorzukommen ſuchte, konnte ſie ſie den⸗ noch nie dazu bringen, daß ſie ihr Herz erleichtert hätte durch das Bekenntniß ihrer unglücklichen Be⸗ gegnung mit Jlia; ſie vermied vft ſogar den Na⸗ men Szolareſeks zu erwähnen. Nur wenn ſie ganz allein war, ließ ſie ihren Thränen freien Lauf; ſie konnte es ſich nie vergeben, daß ſie Ilia aufge⸗ fordert hatte, ihren Freund zu beobachten und daß ſie auf dieſe Art die Aufmerkſamkeit des Serben weckte und dadurch unwillkürlich die erſte Urſache des Unglücks geworden war Sie ließ ſich wie⸗ derholt von Fekete die Scene erzählen, wie Jlia die Denunciation bei Németh gemacht habe, und dann ergriff ſie krampfhaft die Hand des jungen Mannes und frug ihn ängſtlich: „Glauben Sie, daß wir den Unglücklichen ret⸗ ten können? Um Gotteswillen ſagen Sie i4 „Warum ſollte er denn nicht entfliehen kön⸗ nen?“ war die Antwort,„bringen Sie ihn nur n. 9 130 dazu, daß er es wolle, die nothwendigen Mittel ſchaffe ich ihm ſchon.“ „Sie ſagen mir dies bloß, um mich zu beru⸗ higen, ich glaube an keine Flucht. Denken Sie daran, daß Tauſende in den Kerkern von Paris ſchmachteten, und es war vielleicht keiner unter ihnen, der nicht aufopfernde Freunde hatte und doch weiß ich von keinem, der der Haft entkom⸗ men wäre. Täuſchen wir uns nicht, alles iſt ver⸗ loren!“ „Aengſtige Dich nicht ſo ſehr,“ ſagte nun Lenke, „haben wir denn nicht Fekete zu unſerer Dispo⸗ ſitivn? Du weißt es, er iſt gewöhnt zu gehorchen; und Gott ſei Dank, jetzt hat ihm Németh nichts mehr zu befehlen, ſondern nur wir, und er hat nicht den Muth ungehorſam zu ſein, er kann ja nicht nein ſagen.“ „Sei nicht ungerecht, mein Kind,“ unterbrach ſie Dr. Koväcs,„er hat es ja gezeigt, daß er nein ſagen kann und er hat dabei die Ausſicht auf eine glänzende Carrière aufgegeben. Wenn irgend jemand, ſo hat Fekete männlichen Muth und Chararter bewieſen.“ 131 „Ihnen, Fräulein Lenke,“ rief dieſer,„werde ich ſicher ſtets gehorchen.“ „Ei ei, wie galant!“ bemerkte Lenke,„Sie irren ſich aber dennoch, denn ich werde Ihnen nie etwas beftehlen, ich verlange, daß Sie ſtets erra⸗ then, was ich wünſche und daß Sie meinen Wün⸗ ſchen zuvorkommen. Und überdies iſt die Befreiung Szolartſek's ihre Pflicht. Sie haben ihn verhaf⸗ tet, Sie müſſen ihn retten, wer die Wunde ge⸗ ſchlagen hat, der muß ſie heilen.“ Bei dieſen Worten fuhr Louiſe zuſammen und verhüllte ihr Geſicht mit ihren Händen. „Um Gottes Willen, fehlt Dir etwas?“ frug Lenke. „Nichts,“ ſagte die Franzöſin leiſe,„ich bin leidend, Doetor thun Sie mir den Gefallen und fühlen Sie meinen Puls.“ Der Arzt legte ſeinen Zeigefinger prüfend auf ihre Pulsader und bemerfte, ſie ſei wirklich etwas fieberiſch erregt und er rathe ihr, ſich zur Ruhe zu begeben;— ſie wollte anfangs nicht, doch Lenke bat ſie ſo inſtändig, daß ſie endlich nachgab und auf ihr Zimmer ging, wohin ſie Lenke begleitete. 132 „Madame Raimond iſt ernſtlicher krank, als ich es ſelbſt glaubte,“ bemerkte jett Koväes,„doch ihrem Leiden nützt keine meiner Arzneien, es iſt eine Gemüthsfrankheit und ich fürchte, ſie reibt ihre Geſundheit auf.“ Während aber Madame Raimond langſam hin⸗ welkte, war Szolareſek drüben im Franziskaner⸗ kloſter guten Muthes. Er erhielt häufig Nachrich⸗ ten von ſeiner Geliebten, die ihm nicht die geringſte Ahnung von dem Zuſtande werden ließen, in dem ſie ſich befand. Ihre Briefe waren heiter, geiſt⸗ reich, hoffnungathmend und von Liebe durchdrun⸗ gen, ſie hatte ja keine andere Abſicht als ihn zu beglücken. Er war daher vollkommen über ſie be⸗ ruhigt, er wußte, daß ſie ihn liebe, dies gewährte ihm Troſt und Zuverſicht. Seit ein paar Mona⸗ ten war ihm auch die Nähe eines Freundes ver⸗ gönnt und ſo fand er ſelbſt das Gefängniß er⸗ träglich. Da die Anzahl der Verhaftungen bedeu⸗ tend zugenommen hatte, ſo mußte man endlich zwei in einer Zelle unterbringen, und bei dieſer neuen Anordnung fügte es ſich, daß Alerander mit Oʒ zuſammengeſperrt wurde, deſſen Karer Verſtand und hiſtoriſche Anſchauung nicht nur ihm ſelbſt, ſondern auch ſeinem Gefährten jetzt jenen Halt gaben, der ihm bisher gemangelt hatte. Sz be⸗ ſchäftigte ſich auch jetzt mit ſeinem Lieblingsſtu⸗ dium, der Geſchichte der Geſetzgebung. Der Kron⸗ anwalt gönnte zwar den Gefangenen keine Bücher, doch zu ihrer Vertheidigung mußte er es doch er⸗ lauben, daß das Corpus juris ihnen gegeben wurde, und Oz ſaß nun ſtundenlang dabei und wies es ſeinem Freunde nach, wie jene Grund⸗ ſütze, die die franzöſiſche Revolution aufgeſtelt hat, durchaus nichts Neues, kein Ergebniß moderner Philoſophie ſeien, ſondern daß ſie in jenen Zeiten, die Szolareſek mit dem Ausdruck der finſtern Jahr⸗ hunderte zu bezeichnen pflegte, nicht nur in der Theorie beſtanden, ſondern im Leben durchgeführt waren.„Die Freiheit iſt älter als die Sklaverei,“ ſagte er häufig,„und wir müßten verzweifeln an dem Menſchengeſchlecht, wenn dies nicht der Fall und die Wahrheit ſo verborgen wäre, daß es vol⸗ ler ſechstauſend Jahre bedurft hätte, bis daß die Prinzipien entdeckt worden wären, die die einzige geſunde Grundlage jedes Staates bilden; die Ge⸗ 134 ſchichte iſt eine ſicherere Lehrerin des Staatsman⸗ nes als die Philoſophie.“ Szolareſek war ein gelehriger Schüler; die Briefe, die er von Louiſe erhielt, beruhigten ſein Gemüth, während die Geſpräche mit Sz ſeinen Verſtand beſchäftigten, die Spaziergänge im Hofe, wo er mit ſeinen übrigen Freunden zuſammentraf, und wo der unverwüſtliche Humor Abaffy's und der ſcharfe Witz Laczkovies den ganzen Kreis er⸗ heiterten, gaben jene Abwechslung, ohne der ihre Lage unerträglich geworden wäre, und ſo fühlte es Szolareſek kaum, daß er im Kerker ſei. Seit⸗ dem er überdies die ungriſchen Geſetze wieder auf⸗ merkſam durchſtudirte, glaubte er nicht mehr, daß es möglich wäre, ihn und ſeine Gefährten zu ver⸗ urtheilen, und ſo ſah er die Haft als ein vorüber⸗ gehendes Uebel an und war bemüht, ſie zu ſeiner Ausbildung zu benutzen. Er konnte Sigray und Szulovſzky nicht begreifen, die trotz ihres Leicht⸗ ſinnes beinahe ſtets lamentirten, um dann wieder von Zeit zu Zeit ohne alle Urſache ſich den ſan⸗ guiniſcheſten Hoffnungen zu überlaſſen. Einen gro⸗ ßen Genuß gewährte es den Gefangenen noch, daß 135 der Kronanwalt nach langem Bitten ihnen den Tacitus und den Horaz hatte zukommen laſſen, „der Eine,“ ſagte Martinovies,„lehrt wie man leben, der Andere wie man ſterben ſoll.“ „Du bleibſt ein Pedant ſo lange Du lebſt,“ rief ihm Laczkovies zu,„wie man leben ſoll, das habe ich nicht erſt von dem Höfling Horaz zu ler⸗ nen, der bei Philippi ſein Schild wegwarf, um leichter fliehen zu können, und ein monarchiſcher Epikuräer wurde, weil er nicht den Muth hatte, ein ſtviſcher Republikaner zu bleiben. Horaz lehrt uns, wie man als Höfling, nicht wie man als Mann leben ſoll. Und was das Sterben anbe⸗ langt, da brauche ich auch keinen Tacitus zum Lehrmeiſter, bis jetzt hat es noch jedermann getrof⸗ fen und zwar ohne vorhergehende Probe.“ XVII. Ein Fluchtverſuch. Monate verſtrichen; der Carneval kam mit ſei⸗ nen gewöhnlichen Unterhaltungen; Bälle und Abend⸗ unterhaltungen wechſelten in Ofen und Peſth ab; man ſchien die Gefangenen ganz vergeſſen zu ha⸗ ben, man bedauerte höchſtens, daß Baronin Ré⸗ vay dieſes Jahr nicht in die Hauptſtadt gekommen, und ihr Haus nicht mehr der Schauplatz der geiſt⸗ reichſten Geſellſchaft in Peſth ſei. Von Zeit zu Zeit ſah man zwar die tiefbekümmerten Verwand⸗ ten der Angeklagten, die mit Bitten und Klagen die Runde bei den Richtern der oberſten Gerichte machten, und um ein gnädiges Urtheil flehten, doch auf die Geſellſchaft machte dies keinen Eindruck; ſie glich in Peſth wie überall in der Welt einem Strome, der ſich immer gleich bleibt heute wie ge⸗ ſtern, obgleich Welle nach Welle zerrinnt und flieht, um nimmer zurückzukehren,— die kommenden er⸗ ſetzen die gehenden. Der Erzherzog ſelbſt munterte die allgemeine Fröhlichkeit auf; er gab Feſte im Palaſte, und beſuchte häufig die Bälle der Haupt⸗ ſtadt. Es war Mode geworden, wenn bei Tanz und Muſik wirklich jemand des Rittmeiſters Lacz⸗ kovies oder des Grafen Sigray erwähnte, die ſonſt jede Soirée beſucht hatten, das Geſpräch mit der Bemerkung abzubrechen,„es wird ihnen doch nicht viel geſchehen, eine Haft von einem Jahre ſchadet ihnen nicht, ein härteres Urtheil wird ja nicht ge⸗ füllt werden, und ſollte die Königliche Tafel dies auch thun, ſo wird das Septemvirat und die Gnade des Königs es ſicher mildern.“ Die An⸗ hänger der Regierung verbreiteten dieſe Gerüchte am meiſten. Sie thaten jetzt, wie ſie es ſeit Jahr⸗ hunderten ſtets gethan hatten; ſie ſprachen ſo lange von der Güte und Väterlichkeit des regierenden Hauſes, daß man endlich in ganz Europa die Schaffotte von Böhmen, Oeſtreich und Ungarn 138 vergaß, und trotz der Rudolph's, Ferdinand's und Leopold's die Regierung der Habsburger als ein Muſter der Milde anführte, und trotz der langen Reihe von Bürgerkriegen und Empörungen galt Oeſtreich bis in unſere Zeit für einen patriarcha⸗ liſch regierten Staat. Es gibt nichts Leichtgläu⸗ bigeres als die öffentliche Meinung, ſelbſt das Un⸗ glaublichſte wird geglaubt, wenn es immer von neuem wiederholt wird; denn die große Mehrheit liebt es nicht, ſich ſelbſt aus der Betrachtung der Ereigniſſe ein unabhängiges Urtheil zu bilden; es iſt ihnen lieber, das Urtheil fertig aus der Hand anderer anzunehmen, und bei einem Widerſpruch auf eine Autorität ſtatt auf ein Argument ſich zu berufen. Dies iſt das große Geheimniß der Di⸗ plomatie, durch das ſie die Staaten lenkt; ihre Hauptaufgabe iſt, die öffentliche Meinung irre zu leiten, und die Geſchichte zu verfälſchen. Für ſie iſt, wie es jener geiſtreiche Franzoſe ſelbſt geſtand, die Geſchichte nichts anderes als eine angenommene Fabel. Während aber die Geſellſchaft im Strudel der Unterhaltungen ſich gar nicht um den Hochverraths⸗ 139 Prozeß bekümmerte, und ſelbſt die Frage, ob der Landtag zur beſtimmten Zeit zuſammenberufen wer⸗ den würde, weniger Intereſſe als ſonſt erregte, verfolgte Fekete mit ängſtlicher Wachſamkeit den Fortgang des Prozeſſes; er wußte es ſehr wohl, die Geſundheit, ja das Leben Louiſens hänge von dem Schickſal Szolareſek's ab. Ihr zarter Kör— per konnte der anhaltenden Aufregung nicht wider⸗ ſtehen, ein ſchleichendes Fieber zehrte an ihren Kräf⸗ ten, ſie machte ſich fortwährend Vorwürfe, ſie ſei Schuld an der Verhaftung Alerander's, und ſie konnte ſich nicht überreden laſſen, daß ein günſtiger Ausgang möglich ſei. Sie ſelbſt erwähnte des Unglücklichen nicht; ſchweigend empfing ſie die Briefchen, die Fekete ihr brachte, und ſchweigend gab ſie ihm die ihrigen. Doch Lenke ſowohl als Fekete wußten es wohl, ſie könnten ihr nichts an⸗ genehmeres erweiſen, als wenn ſie über den Pro⸗ zeß und die Lage der Gefangenen ſprachen, und über die Möglichkeit der Flucht verhandelten. Louiſe miſchte ſich ſelten in dieſes Geſpräch, doch die Auf⸗ merkſamkeit mit der ſie jedem Worte Fekete's lauſchte, ſo oft er davon ſprach, und die Abſpannung in 140 der ſie jedes andere Geſpräch verſetzte, bewieſen es hinlänglich, daß ihr Denken und Fühlen in dieſem einen Gegenſtand concentrirt ſeien. Für Lenke war das Benehmen ihrer Freundin räthſelhaft; denn manchmal wenn Louiſe freundlich in ſie drang ihr mitzutheilen, was ſie beunruhige, war die Antwort, eine ſchwere Schuld laſte auf ihr, aber jeder an⸗ dern Frage ſetzte ſie hartnäckiges Stillſchweigen entgegen, auch Fekete hatte bemerkt, daß ſie ſtets krampfhaft zuſammenfuhr, ſo oft er im Geſpräch den Namen Jlia's, des Denuncianten, erwähnte, doch er liebte es nicht ſich in Explicationen einzu⸗ laſſen, und Geheimniſſe ergründen zu wollen, die ihm nicht freiwillig anvertraut wurden; er wich daher, als er ſah wie tief dieſer Name auf das Gemüth Louiſen's wirke, jeder Erwähnung deſſel⸗ ben aus. Szolareſek hatte ſie gleich anfangs in ihren erſten Zeilen ein volles Geſtändniß abgelegt, und ihre unbeſonnene Neugierde als die erſte Quelle des Unglücks angeklagt, aber trotzdem daß er dar⸗ über ſcherzte, ſie beruhigte und nachwies, daß der ganze Prozeß bloß eine politiſche Maßregel ſei, er und ſeine Freunde auch ohne Jlia den Netzen —— ,— 141¹ Thugut's und Neémeths nicht hätten entgehen kön⸗ nen,— konnte ſie ſich dennoch nicht beruhigen. Dr. Koväes beobachtete ſie Monate lang, er war der einzige der ſie errathen hatte, denn er erinnerte ſich ſehr wohl jenes Tages, wo ſie ſich um Jlia erkundigte, und er hatte ſie durch das Fenſter im Geſpräche mit ihn geſehen. Doch er wußte es, daß bei einem ſo hoch ausgebildeten Geiſte wie der Louiſen's, alle Troſtgründe vollkommen vergeblich ſind, und die Wunde nur reizen nicht heilen, er ſprach daher nie mit ihr über dieſen Gegenſtand. Als aber Fekete einſt mit beſorgter Miene ihm mittheilte, die Königliche Tafel werde am nächſten Tage das Urtheil ſprechen, und er befürchte das Schlimmſte, Dr. Koväes müſſe Louiſe vorbereiten; da entgegnete ihm dieſer ruhig:„eine Kriſe mußte eintreten, je früher ſie kömmt um ſo beſſer, weil die Kräfte unſerer Freundin mit jedem Tage mehr aufgezehrt werden. Iſt übrigens das Urtheil un⸗ günſtig, dann iſt es Zeit, daß Sie handeln, ich habe Sie bis jetzt nicht um Ihre Fluchtpläne ge⸗ fragt, ich glaubte es ſei voreilig darüber zu ſpre⸗ chen. Nun aber iſt die Zeit gekommen, wo ich 142 Sie um dieſe Mittheilung bitte, mein ruhiger un⸗ befangener Blick kann vielleicht Mängel entdecken, die Sie in ihrem Eifer überſehen haben.“ Fekete ſchloß ſich nun mit Dr. Koväes in das Laboratorium ein. Nach einer Stunde traten ſie beide in das Zimmer zu den Damen, und Koväcs rief Louiſen zu:„Faſſen Sie Muth, ich habe die Pläne unſeres Freundes Fekete geprüft, und mich überzeugt, daß, ſo weit menſchliche Vorſicht die Chancen berechnen kann, der Erfolg geſichert iſt.“ Lenke rief aus:„Lieber Fekete, Sie glauben es nicht, wie ſehr ich Ihnen dankbar bin!“ der junge Mann betheuerte, in ihren Worten läge ſeine ſchönſte Belohnung. Louiſe aber begann zu wei⸗ nen und ſagte leiſe zu Koväcs, damit Lenke es nicht höre:„Für mich iſt alles verloren,— ich habe keine Hoffnung mehr! Erinnern Sie Sich noch, wie Sie mich vor eilf Monaten an dieſer Stelle magnetiſirten? Iſt denn nicht alles ſo ge⸗ kommen, wie ich es vorausgeſagt? Lenke wird glücklich, und ihn erwartet der Tod. Mein Troſt iſt nur, daß ich ihn nicht überlebe, und daß ich 143 die Ueberzeugung ins Grab nehme, daß das Glück Lenke's ein ungetrübtes ſein werde.“ Am nächſten Tage, es war am 27. April, be⸗ merkte die Schildwache, die auf der Baſtei unten am Kloſter auf und abging, einen Schwarm mun⸗ terer Knaben Ball ſpielen. Sobald der Schnee ſchmilzt und die erſten Blätter an den Bäumen ſproſſen, beginnt das Spiel. Wo nur ein offener Platz zu finden iſt, ſieht man um dieſe Zeit überall die lärmende Schuljugend der Hauptſtadt ſchreiend und rennend den Ball ſchlagen. Dieſe Unterhal⸗ tung iſt ſo gewöhnlich, daß es der Schildwache gar nicht einfiel, die Knaben zu verjagen, trotzdem daß der Ball manchmal bis an das Schilderhäus⸗ chen flog. In der frohen Gruppe machte ſich be⸗ ſonders ein Junge von etwa fünfzehn Jahren be⸗ merkbar, der ſeine jüngeren Kameraden augenſchein⸗ lich dirigirte. Sie ſpielten in der einfachſten Weiſe, indem ſie einen Halbkreis bildeten, das Geſicht ge⸗ gen die Kloſterwand gerichtet. Einer von ihnen warf den Ball gegen die Mauer ſo hoch als er konnte, und fing ihn im Herabfallen, hatte er ihn 144⁴ dreimal nach einander gefangen, ſo flohen die übri⸗ gen, er zielte nach ihnen, und wen er mit dem Wurfe traf, der trat an ſeine Stelle in die Mitte. Nachdem ſie beinahe eine halbe Stunde ſo geſpielt hatten, kam der Junge an die Reihe, den die Schildwache als den größten Schreier bemerkt hatte, dieſer warf den Ball ſo hoch an die Mauer, daß ſeine Kameraden vor Freuden aufſchrien, doch wie er den Wurf zum drittenmale erneuerte, klirrte ein Glas, der Ball kam nicht herab, er war in das Eckfenſter des zweiten Stockes gefallen, und hatte die Scheibe zerſchlagen, die jetzt in Scher⸗ ben herabfiel. Die Knaben erſchraken und liefen davon. Szolareſek und Oz hatten natürlich den Lärm gehört, den die Knaben gemacht hatten, und ge⸗ wöhnt daran, auf die verſchiedenſte Art Mitthei⸗ lungen zu erhalten, hoben ſie gleich den Ball auf, der durch das Fenſter geflogen war. Sie unter⸗ ſuchten ihn von allen Seiten, doch konnten ſie von außen nichts beſonderes entdecken. Endlich riß ihn Szolareſek auf, und unter den Roßhaaren verbor⸗ gen fand er eine Feile und ein Stückchen Papier, —,. 145 auf dem die Worte geſchrieben waren:„Die Kö⸗ nigliche Tafel hat heute das Urtheil geſprochen, Tod für den Abt, den Rittmeiſter, den Grafen, für Hajnöczy, Szent⸗Mariay und Szolareſek, für Verſeghy, Kazinczy, und Szulovſky, Tod für fünf mehr, deren Namen ich nicht erfahren konnte. Für die Uebrigen, unter ihnen Oz, Gefangenſchaft bis zu zehn Jahren. Morgen wird die Sentenz pu⸗ blizirt!— Deine Freunde wachen; die Zeit der Flucht iſt gekommen, die Mittel dazu folgen.“ „Tod!“— murmelte Szolareſek erſchüttert,— „Nun ich war auf jede Feigheit und Schlech⸗ tigkeit der Richter gefaßt, von dem Moment an, als ſie keine freie Vertheidigung erlaubten, aber ich muß geſtehen, daß es für mich ein unangeneh⸗ mes Gefühl iſt zu wiſſen, daß ich hingerichtet wer⸗ den ſoll. Sie ſind doch zu ſchlecht!— Was iſt jetzt zu thun?“ „Zuerſt müſſen wir dieſe Nachricht unſern Ge⸗ führten mittheilen, damit keiner morgen die Faſſung verliere; wir können dieſen Triumph dem Kron⸗ anwalt nicht gönnen, und Sigray und Szulovſzky müſſen jedenfalls dazu vorbereitet werden“— be⸗ m. 10 146 merkte Sz.„Dann aber verbirg die Feile wohl, ſchleudere den Ball aus dem Fenſter, damit der Profoß ihn hier nicht bemerke, und fliehe, wenn Deine Freunde Dir dazu hülfreiche Hand bieten.“ „Nicht ohne Dich,“ rief Szolareſek. „Glaube mir, die Sentimentalität iſt hier nicht an ihrem Platze,“ entgegnete Oz.„Erſtens bin ich nicht zum Tode verurtheilt, und dann will ich nicht fliehen.“ „Warum?“ „Ich will es nicht, weil ich ganz ſchuldlos bin, während Du wenigſtens unbeſonnen warſt. Eure Verurtheilung iſt zu hart, die meinige entbehrt jeglichen Grundes, und dann biſt Du von jeher ein Cosmopolit geweſen; ich bin Ungar, und ſo lange ich in meinem Vaterlande ſterben kann, will ich nicht im Auslande leben. Laſſen wir übrigens dies jetzt, ich höre die Tritte des Profoſen, der uns in den Hof zum Spaziergang hinabführen ſoll, verberge ſchnell den Ball und ſeinen In⸗ halt.“— Im Hofe angelangt, theilte Szolareſek die Nach⸗ richt, die er eben erhalten hatte, dem Abte mit, 147 der ohne die Miene zu verziehen, laut ausrief: „Freunde, ſo eben erhalte ich die Nachricht, daß vierzehn von uns durch die Königliche Tafel heute zum Tode verurtheilt worden ſind; morgen er— ſcheint der Protonotär bei uns, um die Sentenz zu publiziren. Wir müſſen ihn empfangen, wie es Männern ziemt, die mit Würde zu ſterben ge⸗ lernt haben. Wer von Euch glaubt, daß ihn das Todeslvos getroffen?“ Tiefe Stille folgte den Worten des Abtes, doch nur für einen Augenblick, Sigray unter⸗ brach ſie. „Vierzehn!“— rief er aus,„dann bin ich unter ihnen, der Tod ſchreckt mich nicht, nur die Ungewißheit ängſtigte mich; ich ſterbe gern für meine Ueberzeugung.“ Und er ſellte ſich zu Mar⸗ tinvvies. Der Graf hatte den Muth und die Seelen⸗ ruhe wiedergewonnen, die ihn ſeit ſeiner Verhaf⸗ tung verlaſſen hatten, und ſein Beiſpiel wirkte elektriſch auf alle andere. Martinovies hatte kei⸗ nen Namen genannt, aber in einem Momente ſah er ſich von zwanzig ſeiner Freunde umgeben, die 148 alle glaubten, ſie ſeien die Verurtheilten. Der Abt muſterte ſie mit ſeinen Blicken und ſagte:„Es ſind nur vierzehn der Verurtheilten, nicht mehr, und doch fehlt einer hier in der Schaar, den unſere Richter mir beigeſellt haben. Szulovſſty, Sie gehören zu uns!“ „Wehe mir!“ rief dieſer aus—„Wehe mei⸗ nen armen Kindern!“ Laczkovies ſah ihn mit Verachtung an, und rief Abaffy zu, der dieſer Gruppe gegenüber ſtand. „Ich habe Achtung vor den Richtern der König⸗ lichen Tafel, ich hätte nie geglaubt, ſie hätten mehr Muth als ich, und doch thaten ſi jett, was ich zu thun nie im Stande geweſen wäre, ſie ſprachen vierzehn Todesurtheile in einer Sitzung aus.“ „Dein Wahlſpruch war von jeher,“ entgegnete Abaffy,„es ſei ſchön für's Vaterland zu ſterben. Ich finde aber, es ſei noch ſchöner dafür zu leben, ich gehöre daher nicht zu den Schauſpielern in der Tragödie, ſondern zu den Zuſchauern. Laßt nun hören, wie ihr das morgige Stück in Scene ſetzt? Wir andern, denen nur das Gefüngniß 149 bevorſteht, haben ſchon das Recht, Euer Spiel zu kritiſiren.“ „Ich finde Deine Späße ſehr übel angebracht,“ antwortete ihm ernſt und ruhig Sigray.„Es handelt ſich hier nicht um einen theatraliſchen Ef⸗ fekt, ſondern um unſere Ehre. Tödten können ſie uns, aber ſie werden uns nicht entehren.“ „Mein armes Weib, meine armen Kinder!“ — jammerte jetzt Szulovſzky wieder. „Ermannen Sie ſich doch, Herr von Szu⸗ lovßzky, ich habe ja auch Frau und Kinder,“ rief ihm der Graf zu,—„und ich hänge nicht min⸗ der am Leben als Sie. Ihr Jammern hilft jetzt nichts mehr; ſagen Sie uns lieber Ihre Meinung, wie wir morgen dem Protonotar begegnen ſollen.“ „Der Abt hat uns ins Unglück geſtürzt,“ ſagte nun Szulovſzky mit etwas mehr Faſſung,„der Abt ſoll nun für uns reden.“ „Szulovſzky hat nicht Unrecht,“ bemerkte jetzt Laczkovies—„ich unterſtütze ſeinen Antrag. Mar⸗ tinovies Du ſprichſt für uns! Seid ihr alle damit einverſtanden?“ 15⁰ „Wir ſind es!“ tönte es von allen Seiten, doch der Profoß näherte ſich und ſagte:„Meine Herren, ich habe Sie nie geſtört, wenn Sie mit einander discurirten; ich kann aber nicht erlauben, daß Sie einen gar ſo großen Lärm machen, man hört Sie bis auf die Straße hinaus; ich ermahne Sie daher zur Ruhe, oder Sie müſſen gleich wie⸗ der in ihre Zellen zurück!“ Die Gefangenen ver⸗ theilten ſich nun in kleinere Gruppen und unter⸗ hielten ſich unter einander als wenn nichts vorge— fallen wäre, der fallende Regen nöthigte ſie aber bald, den Hof zu verlaſſen. So lange ſie beiſam⸗ men waren, hatten ſie alle Muth gezeigt, jeder ſcheute ſich, ſchwach zu erſcheinen, das Beiſpiel der Führer ſtärkte ſie alle. Aber als ſie in ihre ein⸗ ſamen Zellen zurückgekehrt waren, da mögen wohl düſtere Gedanken ſich ihrer bemächtigt haben in den langen finſtern Abendſtunden, während der Re⸗ gen monoton an ihre Fenſter ſchlug und der Sturm in den Lüften brauſte. Doch während die meiſten der Gefangenen in finſteres Brüten verſunken wa⸗ ren, hatte Oz ſchon begonnen mit der Feile, die mit dem Ball in das Zimmer geſchleudert worden 151 war, die Gitter des Fenſters durchzufeilen, und dabei bat er Szolareſek, daß er jetzt die Fluchtan⸗ träge ſeiner Freunde nicht von ſich weiſe, für ihn ſei ja die Welt offen, er werde überall ſein Va⸗ terland finden, wo die Freiheit herrſcht. Die jetzige Nacht eignet ſich vorzüglich zu dem Werk, das ſie vorhatten. Kein Stern war am Himmel ſichtbar, und im Sturmgeheule verhallte das ſchrille Geräuſch der Feile. Nach einer Weile erſcholl ein langer Pfiff unter dem Fenſter, Szolareſek erkannte gleich, dies gelte ihm, und wie er es gewohnt war, warf er einen ſtarken Faden hinunter. Ein zwei⸗ ter Pfiff erſcholl, und er zog den Faden wieder hinauf; doch heute war er ſchwerer als ſonſt, es war nicht ein kleiner Zettel, ſondern eine ſeidene Stric leiter, die daran hing. Vorſichtig zog er ſie in die Zelle, und fand einen Zettel von Fekete daran geheftet, in dem er ihn ermahnte, mit dem Durchfeilen der Eiſenſtöcke zu eilen, denn in der nächſten Nacht müſſe die Flucht bewerkſtelligt wer⸗ den. Oz verbarg die Strickleiter in ſeinem Bette, und beide arbeiteten abwechſelnd am Feilen die ganze Nacht hindurch, ſo daß gegen Morgen die 152 Stücke beinahe ganz loſe waren. Sie füllten nun die weggefeilten Stellen mit weichem Brote aus, das ſie mit den Feilſpähnen vermiſchten, damit es genau die Farbe des Gitters habe, und blieben im Bette als der Profoß des Morgens kam die Bet⸗ ten zu machen; ſie klagten über Kopfweh und ba⸗ ten ihn, ſie in Ruhe zu laſſen. Gegen Mittag wurden alle Kerkerthüren mit Geräuſch geöffnet, und die Gefangenen unter Mi⸗ litair⸗Escorte in den großen Saal im erſten Stocke geführt, der einſt das Prefectorium der Franziska⸗ ner geweſen war. Der Protonotar*) der König⸗ lichen Tafel ſtand hier am Fenſter, neben ihm der Kronanwalt und die vier offiziellen Vertheidiger, alle in ſchwarzer ungriſcher Kleidung. Die Ge⸗ fangenen bildeten einen großen Halbkreis um dieſe Herren, längſt der Wand waren ſechs Grenadiere aufgeſtellt. *) Einige der referirenden Aſſeſſoren waren Protono⸗ tare, ſie waren Richtet und Secretäre der Königlichen Tafel, und deshalb beſſer bezahlt und höher im Range als die übrigen. 453 Der Protonotar nahm ein voluminöſes Akten⸗ ſtück in die Hand, und begann:„Meine Herren, die Königliche Tafel hat den Prozeß des Kronan⸗ walts gegen Sie in Sachen des Hochverraths ver⸗ handelt, und hat nach reiflicher Ueberlegung, mit Berückſichtigung der Klage und Vertheidigung, im Sinne des Geſetzes ihre Sentenzen gefällt, und mich ausgeſandt ſie Ihnen zu publiziren. Sie wiſ⸗ ſen es meine Herren, daß das Geſetz keine Rück⸗ ſicht der Perſonen kennt, und wir ſind nichts an⸗ ders als die Vollſtrecker des Geſetzes. Die Vorleſung der Sentenzen dauerte beinahe eine Stunde. Sie lauteten alle auf Tod oder Ge⸗ fangenſchaft. Martinovics war verurtheilt als Haupt der Verſchwörung; Hajnöczy weil er den Catechismus aus dem Franzöſiſchen ins Deutſche, Laczkovics, weil er ihn ins Ungriſche überſetzt, Szent⸗Mariay, weil er ihn verbreitet hatte, die übrigen, weil ſie ihn geleſen, ohne ihn zu denun⸗ eiren. Bei Sz, der zu zehnjähriger Kerkerſtrafe verurtheilt wurde, war es ausdrücklich erwähnt, daß er nicht Theil hatte an der Verſchwörung, daß er aber in ſeiner Vertheidigung ſelbſt Prin⸗ zipien aufgeſtellt habe, die hochverrätheriſch ſind. Als endlich dieſe ermüdende Verleſung geendet hatte, nahm Martinovies das Wort und ſagte: „Herr Protonotar, wir proteſtiren gegen dieſe Sentenz, weil uns die Mittel der Vertheidigung genommen wurden. Der Herr Kronanwalt muß ſeine Sache ſelbſt für eine ſchlechte halten, weil er die freie Vertheidigung ſcheut. Wir proteſtiren gegen die Sentenzen, weil ſie ungerecht ſind; weil ſie nicht Handlungen ſtrafen, ſondern Meinungen, und weil ſie Tendenzen zu Verbrechen ſtempeln. Wir appelliren daher an die Gerechtigkeit der Sep⸗ temviral-Tafel, an die geſunde Vernunft der öffent⸗ lichen Meinung, an den Richterſtuhl der Nachwelt, und an das ewige Gericht Gottes, vor dem wir alle erſcheinen werden, die Verurtheilten wie die Richter.“— „Ihre Vertheidiger werden Ihre Appellation in den Prozeß zeichnen; Sie wiſſen es übrigens, daß dieſer Prozeß ſeiner Natur nach der Appella⸗ tion unterliegt,“ ſagte der Protonotar. „Wir haben keine Vertheidiger,“ rief der Abt, „dieſe Herren da“— er wies auf die vier Kam⸗ meralfiscale—„ſind Werkzeuge und Helfershel⸗ fer des Klägers, ſie handeln gegen uns, nicht für uns.“— „Ich fürchte meine Herren, Sie handeln ſelbſt gegen ſich, Sie ſind ihre eigenen Feinde,“ bemerkte der Protonotar und verbeugte ſich. Die Gefan⸗ genen wurden nun abgeführt, und Németh ſagte zum Protonotar:„Sie ſehen, dieſe Leute ſind un⸗ verbeſſerlich, ſelbſt das Todesurtheil bricht ihren Stolz und ihre Verſtocktheit nicht; ich wollte, jene Herren die nicht für die Verurtheilung ſtimmten, hätten ſie geſehen.“— Mit Ungeduld erwarteten Oz und Szolareſek die Nacht, ſie war finſter, wenn auch weniger ſtür⸗ miſch wie die frühere. Als die Lichter in der Stadt nach und nach erloſchen,— die Straßenbeleuchtung war zu dieſer Zeit nur erſt in den Hauptſtraßen eingeführt— erſcholl unter dem Kloſter auf der Baſtei wieder ein Pfiff, das Signal zur Flucht. Mit einem einzigen ſtarken Ruck hatte Sz die durchfeilten Gitter gebrochen, er gab Szolareſek einen herzlichen Händedruck und ſagte:„Lebe wohl, Gott ſchütze Dich.“ Die Strickleiter wurde herab⸗ 156. geworfen, Szolareſek ließ ſich an ihr vorſichtig bis zu dem Vorſprung hinab, der ſich unter dem Fen⸗ ſter hinzog, dann kletterte er leiſe, immer ſich an den Strick haltend bis an die Ecke, und ließ ſich hier auf das niedere Dach des Nachbarhauſes hinab, um der Aufmerkſamkeit der Schildwache zu ent⸗ gehen. Fekete bewachte jede ſeiner Bewegungen mit der größten Spannung und gab ihm jetzt ei⸗ nen Wink. Szolareſek blieb ſtill auf dem Dache ſtehen, er zog die Strickleiter aus dem Fenſter an ſich, und befeſtigte ſie nun an dem Schornſtein des Hauſes, dann ging er längs des Daches an der Kloſtermauer bis zur Rückſeite des Hauſes, die in eine enge Gaſſe ging, und wartete bis ein leiſes Zeichen ihn wieder benachrichtigte, daß ſeine Freunde ihn unten erwarteten. Er kletterte nun auf der Leiter hinab auf die Gaſſe, wo ihn Fekete ſchwei⸗ gend umarmte. Doch in demſelben Momente er⸗ ſcholl ein gellender Pfiff, die Hausthür ging auf, zwei ſtädtiſche Haiducken mit Blendlaternen ſpran⸗ gen aus dem Vorhaus und bemächtigten ſich der Freunde. „Diesmal ſoll Euch die Luſt zum Stehlen ſchon 157 vergehen,“ rief der eine,—„ſaubere Vögel Ihr! Der Stadthauptmann wird Euch ſchon lehren was das heißt, ehrliche Bürger zu beſtehlen.“ Fekete verlor die Geiſtesgegenwart nicht, er ſah daß man nicht ahne, wer ſie ſeien, und ſie für Diebe halte. Er ſagte daher:„Führt uns gleich zum Herrn Stadthauptmann, es iſt ein Mißver⸗ ſtändniß, das wir gleich aufklären werden. Nehmt Euch übrigens in Acht, wir ſind Edelleute, Ihr dürft uns nicht in das ſtädtiſche Gefängniß füh⸗ ren; der Herr Stadthauptmann wird Euch ſchon die Weiſung geben, was Ihr zu thun habt.“ „Was?“ ſchrie der Haiduck,—„wegen eines ſolchen Galgenvogels ſollen wir den Herrn Stadt⸗ hauptmann aufwecken! Das wäre eine ſchöne Sache. Jedermann kann ſagen, daß er ein Edel⸗ mann iſt, Edelleute ſteigen aber nicht des Rachts mit Strickleitern auf den Dächern herum. Wir führen Euch zum Haiducken-Lieutenant, der wird ſchon wiſſen, wohin er Euch ſperrt.“— Fekete und Szolareſek ſahen, daß jeder Wider⸗ ſtand vergebens ſei, und ergaben ſich in ihr Schick⸗ ſal. Sie wurden in das Stadthaus geführt und 158 dort der Wache übergeben bis der Lieutenant ge⸗ weckt wurde. In wenigen Minuten wurden ſie in ſein Zimmer geführt, wo der Polizeibeamte gäh⸗ nend und ſich die Augen reibend, verdrießlich frug: „Was giebt es denn?“ „Herr Lieutenant,“ ſagte der Haiduck,„Sie erinnern Sich noch an den Einbruch bei Herrn Farkas, den alten Geizhals an dem Franzikaner⸗ kloſter. Nun, wir haben die Diebe gefangen, ſie ſind hier, ſie verſuchten eben einen zweiten Ein⸗ bruch. Herr Farkas hatte ſchon ſeit einiger Zeit Verdacht geſchöpft; Leute mit Galgengeſichter ſchli⸗ chen ſich um das Haus, in der Nacht hörte man Pfiffe, er erſuchte uns daher aufzupaſſen. Wir verſteckten uns im Hauſe, und bemerkten plötzlich, daß ſich eine Perſon am Stricke vom Dache her⸗ ablaſſe, es iſt ſicher ein Dieb; wir haben daher ihn und ſeinen Helfershelfer, der auf der Gaſſe ſtand, augenblicklich gefangen genommen, und ob⸗ gleich wir ihre Taſchen viſitirten und nichts darin fanden, ſo iſt es doch ſicher, daß ſie einen Einbruch verſuchten.“ „Herr Lieutenant!“ n Fekete dem Poli⸗ 159 zeibeamten lateiniſch zu,„es iſt ein Irrthum, wie ſie ſich gleich überzeugen können. Sie kennen mich wenigſtens dem Namen nach, ich heiße Fekete, und bin der Neffe des Kronanwalts. Es war kein Einbruch, der verſucht wurde, es iſt eine Geſchichte ganz anderer Art; ich will mich in keine längere Erklärung einlaſſen, ich nenne keine Namen, um Niemanden zu compromittiren,— es iſt eine Lie⸗ besgeſchichte,— Verſtehen Sie jetzt die Sache?“ Der Lieutenant ließ den Haiducken abtreten, nahm das Licht vom Tiſche, und leuchtete dem jungen Advocaten ins Geſicht. „Richtig,“ ſagte er,„ich erkenne Sie, es ge⸗ ſchieht Ihnen aber ſchon recht, Herr von Fekete, die Lection kann Ihnen nicht ſchaden, ſo geht es, wenn man in des Nachbars Gärten naſchen will. Ich bin vollkommen befriedigt durch Ihre Erklä⸗ rung, ſie können gehen,— doch halt, wiſſen muß ich doch, wer denn der andere Herr iſt?“ „Es iſt mein Couſin, der ſo eben vom Lande gekommen iſt, er iſt zum erſtenmal hier in der Hauptſtadt.“ 160. „Der Lieutenant näherte ſich ihm, und rief plötz⸗ lich erſchreckt:„Szolareſek!“ „Meine Herren,“— ſetzte er nach einer Pauſe fort,„ich verſtehe jetzt alles, ich möchte Ihnen gerne helfen, aber ich kann nicht. Morgen in der Früh weiß es jedermann, daß Sie aus dem Ge⸗ füngniß entwichen ſind; Farkas und die Haiducken werden erzählen, daß Sie gefangen und vor mir gebracht wurden. Wenn ich Sie jetzt fliehen laſſe, werde ich meines Amtes entſetzt, und ich habe eine kranke Frau und fünf kleine Kinder.“ „Verlangen Sie welche Summe Sie wollen,“ ſagte Fekete,„und laſſen Sie uns fort.“ „Ich kann nicht,“ war die Antwort des Lieu⸗ tenants,„meine Frau überlebt es nicht, wenn ſie hört, daß ich wegen Amtsmißbrauch caſſirt worden bin;— ich kann jetzt nichts mehr thun, als ver⸗ hüten, daß nicht noch mehr Leute ins Unglück ge⸗ ſtürzt werden. Was geſchehen iſt, darf niemand wiſſen; ich kenne den Profoßen, er würde auch um ſein Amt kommen, wenn man erfährt, daß ein Ge⸗ fangener aus Mangel an Vorſicht entkommen ſei. — Sie, Herr von Szolareſek, werden mit mir jetzt * 161 gleich ins Kloſter zurückkehren, und morgen wird der Profoß die Anzeige machen, daß er in dem Momente, wo Sie einen Fluchtverſuch machen wollten, ihn entdeckt habe.— Sie, Herr von Fe⸗ kete, gehen ruhig nach Hauſe, ihr Name wird bei der ganzen Verhandlung nicht genannt. Wir ha⸗ ben keine Zeit zu verlieren,— fort von hier.“— „Muth,“ rief Fekete leiſe zu Szolareſek,„Jjetzt iſt es freilich nicht geglückt, doch wir verſuchen es noch einmal.“ „Nicht mehr!“ antwortete dieſer,„das Leben iſt es nicht werth, daß man ſich ſo ſehr darum bemühe. Mein Geſchick möge ſich erfüllen!— Ich danke Dir für Deine Aufopferung, lebe wohl, und bringe dieſen Ring als letztes Andenken meiner Louiſe!“ Der Lieutenant ging mit Szolareſek dem Klo⸗ ſter zu, ein Haiduck folgte ihnen, Fekete begleitete ſie bis an das Thor, nahm dort nochmals Abſchied von Szolareſek, dankte dem Lieutenant freundlich für ſeine Rückſicht, und ging mit zerſtörter Hoff⸗ nung nach Hauſe. I. 11 XVIII. Pie Entweihung. Fekete ging am frühen Morgen zu Dr. Ko⸗ vacs und erzählte ihm die Ereigniſſe der vergan⸗ genen Nacht, er hatte nicht den Muth, ſie Madame Raimond ſelbſt mitzutheilen, der Arzt trat daher allein in das Zimmer zu den Damen, die vor Angſt und Erwartung die ganze Nacht hindurch nicht geſchlafen hatten. Als ihn nun Louiſe mit ſeinem ruhig ernſten Geſichte erblickte, rief ſie laut aus:„Reden Sie nichts, ich weiß genug, meine Ahnung hat mich nicht getäuſcht, der Verſuch iſt mißlungen!“ Lenke ſah ihren Vater fragend an, und dieſer ſagte:„Wir haben ihn aus wichtigen Gründen 163 noch verſchoben, Geduld, noch iſt nichts ver⸗ loren.“ Doch Lyuiſens Kräfte waren ſchon ſeit länge⸗ rer Zeit erſchöpft, ſie konnte ſo vielfachen Erſchüt⸗ terungen nicht widerſtehen, eine vollkommene Ab⸗ ſpannung bemächtigte ſich ihrer, ſie mußte ſich zu Bette legen. Gegen Abend ſtellte ſich ein heftiges Fieber ein, ſie wurde bewußtlos, und ſprach irre. Schreckliche Phantaſiegebilde verfolgten ſie, bald ſprach ſie vom Blutgerüſte und glaubte man ver— folge ſie, dann klagte ſie ſich an, daß ſie Ilia ge⸗ dungen habe Szolareſek zu morden; Lenke verließ ſie keinen Augenblick, doch ſie erkannte niemand, ſie glaubte ſich von Feinden umgeben, und wollte fliehen, nur die ununterbrochene Wachſamkeit von Dr. Koväcs und Lenke konnten es verhüten, daß ſie in der Fieberhitze nicht aus dem Bette auf⸗ ſprang. Als die Krankheit auch am nächſten Tage nicht nachließ, ſchüttelte der Arzt das Haupt, und ſagte zu Fekete:„Ich fürchte, ihr geſchwächter Körper kann das Fieber nicht mehr bewältigen. und die Mittel der Arzneikunde führen in dieſe Falle nicht zum Zwecke, denn es iſt das Seelen⸗ 164 leiden, das hier den Körper zerſtört.“ Dr. Koväes hatte ſich nicht geirrt, die Krankheit konnte durch teine Mittel gebrochen werden, die Aufregung dauerte fort, ohne Unterbrechung, Tage lang, kein Schlaf ſchloß ihre Augen, keine Nahrung kam über ihre Lippen, und ihre Reden wurden ſtets wirrer. Ihre Freunde wachten abwechſelnd an ih⸗ rem Lager, doch die Hoffnung der Beſſerung ſchwand von Stunde zu Stunde. In der ſiebenten Nocht ſchien endlich eine Criſe einzutreten, die krampfhaf⸗ ten Bewegungen hörten auf, ſie fiel in tiefe Be⸗ täubung, die bald in einen geſunden Schlaf über⸗ zugehen ſchien, und Lenke, die an ihrem Bette ge⸗ wacht hatte, eilte am morgen freudig ihrem Vater mit der Nachricht entgegen, ſie ſei beſſer. Doch als der alte Mann die Züge der Schlafenden be⸗ trachtete, und ihren Puls gefühlt hatte, rief er traurig,„es iſt das hipoeratiſche Geſicht, in eini⸗ gen Stunden iſt alles vorbei!“ Weinend nahte ſich Lenke der Kranken, die jetzt plötzlich erwachte und ſtaunend um ſich blickte. „Lenke, theure Lenke!“ ſprach ſie mit matter Stimme, weine nicht, Du gutes Kind! weine nicht 165 um mich! mein Leben iſt freudenleer und öde, ich verlaſſe es ohne Schmerz. Ich habe geſucht meine Pflichten ſtets zu erfüllen, und Gutes zu thun, und blicke darum ruhig auf meine Vergangenheit zurück. Auf dieſer Welt winkt mir keine Freude mehr! Freund Koväes tröſten Sie meinen Vater! Lenke ſei Du ſeine Tochter, bis er ſeine Freiheit erhält, und in ſein Vaterland zurückkehren kann, wo er meinen Verluſt weniger ſchmerzlich empfin⸗ den wird. Freund Fekete, ich danke Ihnen für die Freundſchaft und Aufopferung, die ſie bewieſen haben, und wenn Sie einſt noch das volle Maaß irdiſchen Glückes genießen, vergeſſen Sie der Opfer nicht, die gefallen ſind. Lenke lebe wohl, Du warſt der Fremden mehr als eine Schweſter. Gott er⸗ halte Deinen klaren ungetrübten Sinn, der Dich durch jedes Lebensverhältniß ſicher leiten wird! ich gehe Dir in eine beſſere Welt voran, wir fin⸗ den einander bald wieder! Mein Segen Dir— Alexander. Sie hatte kaum dieſe Worte mit Anſtrengung geſprochen, als ihr Blick ſich wieder verwirrte, ſie ergriff die Hand Lenke's und hielt ſie krampfhaſt 166 feſt, ſie redete wieder irre, ihr Athem wurde ſchwä⸗ cher,„der Vorhang fällt!“ rief ſie noch aus, und ihr Auge brach.— Lenke ſank lautſchluchzend am Bette auf ihre Kniee, Dr. Koväcs und Fekete konnten ſie nur mit Mühe von der Leiche wegrei⸗ ßen.— Der Arzt ſchrieb an Baronin Révay und bat ſie, die arme Lenke für einige Zeit zu ſich nach WMoſotz nehmen zu wollen, und die Baronin, die es wohl wußte, wie ſchrecklich der Aufenthalt in Peſth in dieſer Zeit für jedes fühlende Herz ſein mußte, ließ ſie gleich abholen von dem Orte, wo jeder Schritt die traurigſten Erinnerungen er⸗ weckte.— In derſelben Zeit gerieth die ganze Geſellſchaft der Hauptſtadt in gewaltige Aufregung, es war als ob ein böſer Geiſt ſie verfolge. Selbſt nach⸗ dem es bekannt geworden, daß die Königliche Ta⸗ fel die Gefangenen zum Tode verurtheilt habe, glaubte noch immer niemand, daß für ſie etwas Ernſtliches zu befürchten ſei. Jedermann war über⸗ zeugt, die Septemviraltafel werde die furchtbar ſtrengen Urtheile der Königlichen Tafel mildern, ſie hatte ja doch nicht vergebens das ſchöne Vor⸗ 167 recht erhalten, nicht nach dem ſtarren Buchſtaben des Geſetzes, ſondern nach der Billigkeit zu urthei⸗ len, und für ihr Urtheil war ſie ja niemanden ver-, antwortlich, als dem eigenen Gewiſſen. Dazu kam noch, daß die meiſten der Richter alle Erforderniſſe beſaßen, die der öffentlichen Meinung zufolge Un⸗ partheilichkeit begründen, vorzüglich jene hohe Stel⸗ lung, die dem Ehrgeiz kaum mehr Raum geſtattet, umſomehr als die Mitglieder der Tafel meiſtens in einem Alter waren, in dem die Leidenſchaften erſchlaffen. Man war von jeher gewohnt Milde von dieſem Gerichte zu erwarten, Männer, die ſchon am Rande des Grabes ſtehen, ſprechen ſchwer eine Verurtheilung aus!— Man wußte überdies daß der Prozeß auf ſpeziellen Befehl aus Wien, unter dem Vorſitze des Erzherzogs, entſchieden werde, und es war kein Geheimniß, daß er ſich für die An⸗ geklagten intereſſire, die er größtentheils perſönlich gekannt hatte, der Iudes curiae, Graf Karl Zichy, war ebenfalls als ein Gegner der blutdürſtigen Anträge Némeths bekannt. Doch als der Prozeß bei der Septemviraltafel referirt wurde, verbreitete ſich plötzlich die Nachricht, dies Gericht habe nicht 168 nur alle Todesurtheile der Königlichen Tafel be⸗ ſtätigt, ſondern auch Oz, Szaop, Uza, Smetanv⸗ vies und Landerer, die von dem untern Gerichts⸗ hofe nur zu Kerkerſtrafe verurtheilt waren, zum Tode verurtheilt, ja die Sentenz des Abtes mit dem Beiſatze verſchärft, daß er als Stifter der Verbindung der Enthauptung ſeiner Gefährten zu⸗ ſehen, und erſt der Letzte den Todesſtreich empfan⸗ gen ſolle! Ganz Peſth war überraſcht durch dieſe unerklärliche Härte; der Erzherzog hatte den Pro⸗ zeß ſchweigend angehört, er hatte nicht einmal ſeine Stimme abgegeben, er hatte bloß die Mehrheit ausgeſprochen, und der Judes curiae, der mit der Minderheit ſtimmte, hatte ſeine Anſicht nicht mo⸗ tivirt. Man erſchöpfte ſich in Vermuthungen, was die Urſache dieſer eigenthümlichen Handlungsweiſe ſei, und da ohnehin die Verhandlungen des Pro⸗ zeſſes geheim gehalten wurden, und nur die Sen⸗ tenz zur Oeffentlichkeit gelangte, hatte die Phantaſie der Kaffehauspolitiker den ausgedehnteſten Spiel⸗ raum. In wenigen Tagen hatte ſich die Ueber⸗ zeugung feſtgeſtellt, die demoeratiſche Verſchwörung des Abtes Martinovicz ſei nur ein Vorwand, um 169 eine weit wichtigere und ernſtere in den Hinter⸗ grund zu ſtellen. Man erzählte, die einflußreichſten Männer des Landes, der Juden curiae und der Perſonal an ihrer Spitze, hätten mit Vorwiſſen des Palatins eine Verbindung eingegangen, um Ungarn von Oeſtreich loszureißen, und den Erz⸗ herzog zum König zu proclamiren; in Wien habe man dies erfahren, und es zur Bedingung der Strafloſigkeit geſetzt, daß Martinovies und ſeine Geführten dem Henkerſchwerte verfallen.— So abſurd auch dieſe Gerüchte klangen, ſo war es auffallend, daß es gerade die Anhänger der Wie⸗ ner Regierung waren, die ſolche Reden verbreiteten oder ihnen doch nicht widerſprachen, man arbeitete augenſcheinlich dahin, daß die conſervative Fraction der conſtitutionellen Parthei vor der öffentlichen Meinung in Mißeredit komme, während man an⸗ dererſeits die Liberalen ganz mit Martinovies zu identificiren ſuchte, und ihnen die nivellirenden Grundſütze der franzöſiſchen Revolution zuſchrieb; nur ſo ließ ſich die Sentenz gegen Oz und Abaffh erklären, denn auch der Er-Deputirte war zu mehr⸗ jährigem Gefängniß verurtheilt.— 170 Die Sentenzen wurden den Gefangenen wieder publicirt, mit dem Beiſatze, daß ſie zur Unterſchrift nach Wien zum König geſchickt worden ſeien. Still⸗ ſchweigend hörten die Gefangenen auch jetzt zu, doch waren ſie tiefer ergriffen als bei der erſten Publicativn; ſie hatten alle einige Hoffnung auf die Septemviraltafel geſetzt. Hajnöczy ſagte blos, „die Regierung mißbraucht das Recht des Stär⸗ fern zu ſehr, doch ich bin nicht ungehalten darü⸗ ber, wer ſollte denn gerne leben in einer ſo elen⸗ den Zeit wie die unſrige iſ.“ Von Wien erwar⸗ teten nur Sigray und Szulovſzky Gnade, ſie konnten es nicht glauben, daß der junge Monarch neunzehn Todesurtheile unterſchreiben könnte, in einem Prozeſſe, in dem nicht einmal die Thatſache einer Verſchwörung bewieſen worden war. Doch auch dieſe bereiteten ſich zum Tode vor, obgleich ſie die Gegenwart der Wachen ſehr beläſtigte, denn ſeit der Publication der Sentenz waren bei jedem der neunzehn Verurtheilten die Grenadiere inner⸗ halb der Zellen aufgeſtellt. Der Profoß brachte ihnen allen, der alther⸗ fömmlichen Gewohnheit zufolge, ausgeſuchtere Spei⸗ 171 ſen, und wunderte ſich als er bemerkte, daß Szu⸗ lovſzky dieſe verſchmähte.„Eſſen Sie, trinken Sie,“ rief er ihm zu,„alles Beten hilft Ihnen nichts mehr, in einer Woche werden Sie doch ge⸗ köpft,“ dieſe Gefühlloſigkeit ſchmerzte den Gefan⸗ genen tief, er wollte ſich in kein Geſpräch mehr mit dem unmenſchlichen Kerkermeiſter einlaſſen, und ging den ganzen Tag in ſeinem Zimmer auf und ab, und ſang jene ſlaviſchen Kirchenlieder, die er in ſeiner Kindheit von ſeiner Mutter gelernt hatte. Dies tröſtete ihn in ſeiner Einſamkeit, denn es wurde weder ihm noch den übrigen Gefangenen gewährt, ihre Freunde und Verwandten zu ſehen, und dieſe unnütze Grauſamkeit verbitterte ihnen noch die letzten Stunden. Um ſo freudiger über⸗ raſchte es daher Szulovſzky, als eines Tages eine bekannte Stimme ſeinen Geſang unterbrach,„Gnä⸗ diger Herr, haben Sie nichts in der Stadt aus⸗ zurichten?“ Es war die des jungen Grenadiers, der eben auf der Wache ſtand. „Kennſt Du mich denn?“ fragte Szulovſzky. „Wie ſollte ich nicht, ich bin ja Kovalj Janko, der Sohn von Ihrem Müller in Zemplin, der 172 Wilddieb, den Sie vor drei Jahren zum Soldaten ſtellen ließen.“ Szulovſzky war ſo überraſcht, daß er in der erſten Aufregung dem Soldaten die Hand küßte. „Was fällt denn Euer Gnaden ein?“ frug ihn dieſer erſtaunt, und zog die Hand zurück. Szulovſzky ſchämte ſich ſeiner Schwäche und ſagte:„Gehe ſobald Du kannſt zu meiner Frau und zu meiner Tochter, und ſage ihnen, daß ich mit ruhigem Gewiſſen ſterbe, wie ein guter Chriſt es ſoll!— Küſſe der gnädigen Frau die Hand, und ſage ihr, dieſer Kuß komme von mir.“— Laczkovies blieb auch jetzt ruhig, wie er es ſtets geweſen, er ſtudirte den Horaz: den jetzt nie⸗ mand anderer las, und fand, der Pfaffe habe doch recht gehabt, als er ihn verlangte, vom Epikuraeer fönne man am beſten lernen, wie man ſtviſch ſter⸗ ben ſolle. Szent⸗Mariay war bekümmert um das Schick⸗ ſal ſeiner Schweſter, einer jungen Waiſe von 18 Jahren, die bloß durch ihn unterſtützt wurde, er bat daher ſeinen Freund Pruſinszky, der zu zehnjähri⸗ —— ꝛ 173 gem Kerker verurtheilt war, wenn er einſt ſeine Freiheit erlange, für ſie zu ſorgen wie ein Bruder. Szolarcſek war beſorgt, weil er ſeit ſeinem ver⸗ unglückten Fluchtverſuche wohl einige Mittheilun⸗ gen von ſeinen Freunden, aber keine Zeile mehr von Louiſen erhalten hatte, er ahnte ſie ſei krank, und als er von Fekete keine directe Antwort auf ſeine Anfrage erhalten konnte, ſagte er der Wache die in ſeinem Zimmer ſtand. „Tapfrer Landsmann, willſt Du die letzte Bitte eines Mannes, der bald ſterben ſoll, er⸗ füllen?“ „Gerne,“ erwiederte dieſer. „Gehe alſo hinüber nach Peſth, in das Haus des Dr. Koväes, gegenüber dem Neugebäude, und erkundige Dich dort wie es der franzöſiſchen Dame geht, die in dem Hauſe wohnt. Wenn es Dir möglich iſt gehe hin zu ihr, und ſage, Du kömmſt von dem Gefangenen im Kloſter, und Du wolleſt alles ausrichten was ſie Dir aufträgt. Dann aber ſage es Deinem Kameraden der morgen hierher kömmt, damit ich es erfahre wie es der Dame geht.“— Am nächſten Abend, als die Wache wieder ab⸗ gelöſt worden war, ſagte der Soldat, der in die Zelle eintrat:„Gnädiger Herr, ich habe gehorſamſt zu melden, daß mein Kamerad heute früh bei dem Doctor in Peſth war, die Dame wohnt aber nicht mehr dort.“ „Das iſt nicht möglich,“ rief Szolareſek. „Ja wohl ſie wohnt nicht dort, denn ſie iſt geſtorben, geſtern Abends iſt ſie begraben worden,“ ſagte der Soldat ruhig. Szolareſek warf ſich verzweifelnd auf ſein Bett, und weinte bitterlich. Zehn Tage waren ſeit der Publication der Sentenz verſtrichen, ehe eine Antwort von Wien fam, und die Ungewißheit, in der die Verurtheilten gehalten wurden, wirkte drückend auf ihr Gemüth. Ihre Spaziergänge im Hofe waren weniger laut, und ihre Geſpräche waren ernſter, ſelbſt Abaffy ehrte dieſe Stimmung, er fühlte es, daß die Zeit des Scherzes vvrüber ſei. Am 17. Mai hielten endlich geſchloſſene Fiaker in dem Kloſterhofe, vier Kammeral⸗-Fiscale gingen die Treppe hinauf, und wenige Minuten darauf ſah man ſie mit Marti⸗ 175 novics, Sigray, Laczkovies, Hajnöczy und Szent⸗ Mariay zurückkehren, und unter Militair-Escorte zur Königlichen Curie fahren. Die Gefangenen wußten nun daß die Urtheile aus Wien zurückge⸗ kommen ſeien,— waren ſie beſtätigt? waren ſie gemildert? dieſe Fragen beſchäftigten ſie alle. Nach einer Stunde wurde der Abt und ſeine vier Ge⸗ fährten in das Gefängniß zurückgeführt, und ihre Unglücksgenoſſen erfuhren jetzt durch den Profoßen, das Urtheil dieſer fünfe ſei beſtätigt worden, ſie ſollen nach drei Tagen am 20. Mai auf der Ge⸗ neralwieſe unter der Feſtung hingerichtet werden. Die Fenſter des Kloſters waren alle nach dieſer Seite gerichtet, und die Gefangenen konnten es ſehen, wie das Gerüſte durch ungeſchickte Zimmer⸗ leute langſam errichtet wurde, auf dem ſie verblu— ten ſollten. Dem alten Gebrauche zufolge wurde nun die Thüre des Kerkers geöffnet, und jedermann der freie Zutritt zu den fünf Verurtheilten geſtattet. Ihre alten Bekannten ſtrömten jetzt alle zum Klo⸗ ſter, wo die Verurtheilten in einer in der Eile dazu eingerichteten Zelle dem Blicke der Neugieri⸗ 176 gen blosgeſtellt waren. Ein Eiſengitter trennte ſie von der gaffenden Menge und von den Wachen, die den Andrang abhielten, doch jenen es erlaub⸗ ten ſich zu nähern, mit denen die Gefangenen ſpre⸗ chen wollten. Laczkovies ſcherzte mit ſeinen Freun⸗ den und Bekannten, die er ſeit neun Monate nicht mehr geſehen hatte, mit derſelben Unbefangenheit, als ob er ſie im Salon begegnete, aber dem Abte und dem Grafen Sigray war die zudringliche Neu⸗ gier der Menge augenſcheinlich läſtig, ſie zogen ſich in die enifernteſte Ecke des Zimmers zurück, wäh⸗ rend Szent⸗Mariay, der in Peſth wenige Bekannte hatte, und Hajnöczy, der ſtets menſchenſcheu war, eifrig die Bibel laſen. „Es iſt doch ſchade um dieſe Männer, die ihr Schickſal mit ſo viel Ruhe zu tragen wiſſen,“ dies war jetzt plötzlich die Meinung durch alle Klaſſen geworden, die Aufregung ſtieg von Stunde zu Stunde in der Hauptſtadt, die Menge die zum Franziskanerkloſter ſtrömte wurde immer dichter, man mußte die Wachen verdoppeln, und endlich den Eingang dem Volke ganz verbieten; die Be⸗ hörden begannen unruhig zu werden, man befürch⸗ 177 tete einen Handſtreich zur Befreiung der Gefange⸗ nen, um die im November ſich niemand zu be⸗ kümmern ſchien, und die nun erſt die öffentliche Sympathie wirklich gewannen. Selbſt die Gegner ihrer Grundſätze nahmen den größten Antheil an ihnen, in allen Kaffeehäuſern wurde über die Un⸗ gerechtigkeit der Sentenz geſchimpft, erſt jetzt er⸗ klärte ſich jedermann gegen die willkürliche Entzie⸗ hung der Vertheidigungsmittel. Maueranſchläge ermahnten das Volk zur Ruhe, das Militair wurde in den Kaſernen conſignirt, ſcharfe Patronen wur— den an die Soldaten ausgetheilt, und die Artilleriſten ſtanden mit brennenden Lunten an den Kanonen, um nöthigenfalls auf das Volk feuern zu können. Aber trotz aller dieſer Vorkehrungen, trotzdem daß das Schaffot auf der Generalwieſe ſchon aufge⸗ richtet ſtund, zweifelten noch immer viele an der Vollſtreckung des Urtheils. Wie ſollte ein Abt, ein Würdenträger der Kirche, den Händen des Hen⸗ kers überliefert werden? Die Geſchichte Ungarns bot ſeit Jahrhunderten kein ſolches Beiſpiel!— Doch dieſe Hoffnungen dauerten nicht lange, die Enttäuſchung folgte bald. Am 19. Abends H.. 12 178 bemerkte man, daß die Fenſter der Franziskaner⸗ kirche neben dem Kloſter, in dem nur ſelten Got⸗ tesdienſt gefeiert wurde, erleuchtet waren, und eine ſtarke Wache vor der Thüre ſich aufgeſtellt hatte. Was ſollte das bedeuten? Es war gerade die Stunde wo die Arbeiter aus den Weingärten rings um Ofen von ihrem Tagewerke zurückkehrten, — das Volk verſammelte ſich und drängte ſich in die Kirche, und ſah mit Erſtaunen, daß die grün⸗ ſeidenen Vorhänge und Blumen, die in dieſer Jah⸗ reszeit die Kirche zu ſchmücken pflegten, verſchwun⸗ den waren, und daß man die Kanzel und den Altar mit ſchwarzem Tuch überzogen hatte, als ob es Charfreitag wäre. Doppelte Reihen von Wachskerzen waren angezündet wie zu einem Re⸗ quiem, und zahlreiche Wachen hatten das Haupt⸗ ſchiff der Kirche von den Seiten abgeſchloſſen, und verwehrten dem Volke den Zugang. Todtenſtille herrſchte im ganzen Gebäude, nur durch das Ge⸗ murmel einiger Betenden unterbrochen, jedermann erwartete etwas Außerordentliches. Die feierliche Stille wurde jetzt plötzlich durch ſchwere regelmäßige Schritte geſtört, eine Seiten⸗ — — 179 thüre öffnete ſich, der Comitatsſtuhlrichter von ei⸗ nigen Haiducken begleitet trat ein, und ſetzte ſich in die Bank neben dem Altare, dann ſah man Bajonette blinken, die Gefangenen wurden in die Kirche escortirt, in die Nähe des Altars ge⸗ führt, und mit den Grenadieren, die ſie bewach⸗ ten, in dreifacher Reihe aufgeſtellt, ſo daß je zwiſchen zweien von ihnen ein Soldat ſtand, es waren fünf und vierzig dieſer Unglücklichen, und man bemerkte daß der Abt fehle, Abaffo war krant, und daher in ſeiner Zelle geblieben. Orgeltöne erſchollen jetzt, und brauſten durch die weiten Räume, die ſich nach und nach gänzlich gefüllt hatten, während aus der Sakriſtey der Prie⸗ ſter in vollem Ornate heraustrat, und feierlichen Schrittes ſich dem Altare näherte. Er trug die weiße goldverzierte Inful und das weiße goldver⸗ brämte Gewand eines Abtes, und als er zum Altare kam, wo das volle Licht der Kerzen uuf ſein Geſicht fiel, erkannte man den Abt Mar⸗ tinovies. Ein unwillkürliches Beifallsgemurmel ging durch die ganze Verſammlung, deren Erwar⸗ tung jetzt auf das Höchſte geſpannt war, da außer 3¹ 180 dem Sacriſtun und den Chorknaben die den Abt begleiteten auch ein zweiter Prieſter im ſchwarzen Gewande, in das das ſilberne Kreuz gewirkt war, ihm folgte. Der Abt kniete jetzt auf die Stufen des Altars nieder, faltete die Hände, ſenkte ſein Haupt, und intonirte mit lauter und feſterer Stimme wie es ſonſt der Prieſter thut, wenn er die Meſſe lieſt, die Worte: „Introibo ad Altare Dei, ad Deum qui laetificat juventutem meam“*). Der ſchwarze Prieſter ſtellte ſich neben ihn, uud rief mit bewegter und zitternder Stimme: „Non introibis!“**). Ein Schrei des Entſetzens erſcholl aus dem Hintergrunde; alles wandte ſich um, es war Ilia Spirtovich, der nie fehlte wo das Volk ſich ver⸗ ſammelte, und den jetzt die Neugierde mit in die Kirche gebracht hatte, wo er ein unwillkürlicher Zeuge der Entweihung ſeines frühern Herrn wurde. ²) Ich gehe ein zum Altare Gottes, zu Gott, der meine Jugend erfreut. **) Du wirſt nicht eingehen. 181 Er ſuchte ſich durch die Menge durchzudrängen, und dem Altare zu nähern. „Judica me Pomine, et discerne causam meam de gente non sancta et homine iniquo et doloso erue me“*), intonirte wieder der Abt, und ſtieg die Stufen des Altars hinauf. Der ſchwarze Prieſter zitterte und ſagte kein Wort, Martinovies flüſterte ihm daher zu:„Wie kannſt Du den Muth verlieren, wenn ich ihn be⸗ halte!“ Der Prieſter rief nun mit donnernder Stimme: „Dominus judicavit et te inventus es levis Mit dieſen Worten ergriff er den Abt, ſtieß ihn die Stufen hinab, und ſtellte ſich an deſſen Stelle, um die Meſſe weiter zu leſen; zwei Dia⸗ cone, die an der Sakriſteythür geſtanden hatten, traten hervor, und riſſen dem Abte die Inful vom Haupte und das Prieſtergewand von den Schultern. *) Richte mich Herr und ſcheide mich von dem unhei⸗ ligen Volke, und vom Ungerechten und Verbrechen halte mich fern.. **) Er hat Dich gerichtet, und Du biſt zu leicht befun⸗ den worden. 182 Doch in demſelben Momente bewegte ſich die Maſſe des verſammelten Volkes vorwärts, und drückte an die Soldatenreihe, die ſie von den Ge⸗ fangenen trennte, die Grenadiere konnten nur mit . Mühe ſie zurückhalten, und es gelang einem jun⸗ gen Manne durchzubrechen, es war Jlia. Er eilte dem Altare zu, und warf ſich laut⸗ ſchluchzend dem Abte zu Füßen, der ſo eben ſeines 3¹ prieſterlichen Gewandes entkleidet wurde. 2„Habe Erbarmen mit mir— ſchrie er— und 1 gebe mir die Abſolution!“ „Sei ruhig, antwortete Martinovies,„ich bin 3 kein Prieſter mehr, wenn Dein Gewiſſen Dich drückt, ſo wende Dich an den Prieſter.“ „Ja wohl laſtet ſchwere Schuld auf mir,“ rief Jlia noch immer knieend,„ich habe Dich verrathen, ich habe falſch geſchworen, der Fiscal des Kaiſers hat meine Worte verdreht, und ich habe geſchwie⸗ gen dazu. Verzeih mir, ich bekenne und bereue meine Sünde!“ „Wenn ich Dir auch nicht mehr als Prieſter verzeihen kann, ſo verzeihe ich Dir als Sterben⸗ 183 der,“ ſagte Martinovies, und legte ſeine Hand ſegnend dem Knieenden auf das Haupt. Als das Volk dieſe Worte hörte erhob ſich ein furchtbarer Tumult in der Kirche, von allen Sei⸗ ten tönte Geſchrei—„Sie ſind unſchuldig.“— „Der Ankläger ſelbſt hat es geſtanden,“—„wir müſſen ſie retten,— hörte man wiederholen, die Weiber eilten ängſtlich gegen die Thüre, die Ar⸗ beiter drängten ſich vorwärts gegen den Altar, der Prieſter verließ ihn erſchreckt, der Stuhlrichter rief „es iſt ein Wahnſinniger,“ und führte Jlia fort, der Offizier aber befahl den Grenadieren das Ba⸗ jonet zu fällen und langſam gegen die Thüre vor⸗ zumarſchieren, damit das Volk Zeit habe, ſich zu entfernen. Schrecken bemächtigte ſich jetzt der Ver⸗ ſammlung, an der Thüre wurde das Gedränge immer größer, Kinder ſchrieen, Frauen wurden ohnmächtig, es war eine Verwirrung der ſchreck⸗ lichſten Art, in der allgemeinen Aufregung blieb niemand ruhig als die Gefangenen. Doch das Militair befürchtete, daß das Volk aus der Kirche hinausgedrängt, ſich auf der Straße 184 ſammeln und verſtärkt die Kirche ſtürmen könnte, es nahm daher die Gefangenen in die Mitte und führte ſie wieder in das Kloſter zurück. Verſtärkte Wachen ſperrten die Gaſſen rings um die Kirche ab; und der letzte Act der Entweihung, wo dem Abte die Fingerſpitzen und die Tonſur mit Ziegeln abgerieben wurden, damit jede Spur des heiligen Salb⸗Oels, mit dem er einſt geweiht worden war, auf ewig verwiſcht werde, ging beinahe ohne alle Zeugen vor ſich. Es war Mitternacht geworden, ehe dieſe Operation vollendet war, die Prieſter führten nun Martinvvies mit den Worten dem Stuhlrichter zu,„Ignatz Martinovies, einſt Abt von Szäszvär, iſt als unwürdiger Sohn der Kirche ſeiner heiligen Orden entkleidet, wir übergeben ihn der weltlichen Gerechtigkeit.“— Die Haiducken führten ihn nun in ſeine Zelle zurück, wo er einen betenden Franziskanermönch fand, der ihn zum Tode vorbereiten ſollte. XIX. Die Hinrichtung. Unmittelbar unter der langen ſteilen Weſtſeite des Feſtungshügels, die von Weingärten beſetzt iſt, zieht ſich eine doppelte Häuſerreihe längs der Thal⸗ wand hin. Eine breite grüne Wieſe erſtreckt ſich unter ihren Fenſtern, bis wo gegenüber das Ter⸗ rain wieder ſanft emporſteigt und die friedlichen Häuſer der Chriſtinenſtadt ſich erheben. Man wollte oft dieſe Wieſe in einen Park umwandeln, doch da ſie zum Feſtungsrayon gehört und das Gras und Heu, das hier wächſt, eine der Accidenzen des Platz⸗Kommandanten bildet, ſo konnte dieſer Plan nie ausgeführt werden; ſie wird als Exercierplatz für die Garniſon von Ofen benutzt und iſt unter 186 dem Namen der Generalwieſe bekannt. Am 20ten Mai 1795 war ſchon vor Tagesanbruch beinahe die ganze Bevölkerung der Hauptſtadt hieher geeilt, wo in der Mitte der Wieſe ſich ein aus Balken und Brettern ſchlecht zuſammengeſchlagenes vier⸗ eckiges Gerüſt erhob, bei dem die Knechte des Hen⸗ kers ſich noch immer etwas zu thun machten. Eine Escadron Lanciers umgaben das Schaffot in eini⸗ ger Entfernung, um die ſchauluſtige Menge auf⸗ zuhalten und jede Unordnung zu verhindern, doch hinter ihr wogte das Volk und drängte ſich bald vorwärts bald zurück; auf allen Dächern der Häu⸗ ſer, die die Wieſe umgaben, ſaßen Neugierige, die weſtlichen Wälle der Feſtung und die Weinberge am Hügel waren mit Zuſchauern beſetzt. Hier und da waren Sitze und kleine Gerüſte errichtet für Jene, die dem blutigen Schauſpiel mit mehr Bequemlichkeit beiwohnen wollten; hier und da ſah man Bäckerjungen in der Menge, die Brot und Käſe verkauften, an anderen Orten waren wieder Buden aufgeſchlagen, wo man Branntwein und Wein ausſchenkte. Hauſirende Juden ſchrieen ihre Waaren aus, Taſchendiebe ſtahlen ſich hin, wo 187 das Gedränge am ſtärkſten war, die Induſtrie beu⸗ tete die Neugierde der Bewohner in jeder Hinſicht aus, und während das Volk ſchaarenweiſe zur Ge⸗ neralwieſe zog, waren die Straßen in Peſth und Ofen todtenſtille, man hörte nichts als den ſchwe⸗ ren Tritt der herumziehenden Patrouillen. Die Stadt war verlaſſen, alle Bewohner waren nach Ofen geſtrömt. Die verſammelte Menge, unter der man nicht nur die niedrigſte Klaſſe des Vol⸗ kes ſah, ſondern auch anſtändig gekleidete Männer und auf der Baſtei nicht wenig Frauen, die zum Theil ſelbſt ihre Kinder mitgebracht hatten, wurde bald ungeduldig und ſuchte ſich zu unterhal⸗ ten, man hörte überall Geſchrei und Gelächter, die allgemeine Stimmung war keine andere, wie die in einem vollgefüllten Theater, ehe der Vorhang aufgezogen wird.— Es giebt viele Rechtsphilo⸗ ſophen, die die Todesſtrafe hauptſächlich deshalb vertheidigen, weil ſie ein nützliches Beiſpiel für das Volk iſt und daſſelbe vor Verbrechen warnt, wir würden wünſchen, daß ſie nur einmal einer öffentlichen Hinrichtung beiwohnten, damit ſie ſä⸗ hen, wie wenig der Tod durch Henkershand vom 188 Volke als Warnung betrachtet wird; für die Menge iſt er nichts als ein ſeltnes Schauſpiel, dem ſie mit demſelben Gefühle zuſieht, mit der die Römer ſich an ihren Gladiatorenkämpfen ergötzten, und zeigt der Verbrecher Muth im Tode, ſo iſt ge⸗ wöhnlich die Sympathie des Volkes nicht mit dem Geſetze, ſondern mit dem Sterbenden, und bei po⸗ litiſchen Verbrechern beinahe ſtets. Nach langem Warten ertönte die Uhr auf den verſchiedenen Thürmen Ofens, es war ſieben Uhr. Das Geſchrei und Geläute verſtummte plötzlich und aller Augen wandten ſich gegen das Stuhl⸗ weißenburger-Thor der Feſtung. Nach einigen Au⸗ genblicken ſah man, daß die Prozeſſivn durch den niederen Bogen ſich nähere. Voran ritt auf ſchwar⸗ zem Pferde in vollem ungriſchen Coſtüme, den Sä⸗ bel an der Seite, der Stuhlrichter, neben ihm der Stuhlgeſchworne, gefolgt von einer Abtheilung be⸗ rittener Comitatshuſaren, eine halbe Compagnie Grenadiere folgte hinter den fünf ärmlichen Bauern⸗ wagen, die in langer Reihe fuhren. Es waren vierräderige Karren, von ſchlechten Pferden lang⸗ ſam gezogen, wo zwiſchen zwei Leitern auf einem 189 Strohſitze je einer der Verurtheilten ſaß, neben ihm der Geiſtliche ſeiner Religion. Längs der Wagen⸗ reihe gingen mit gezogenen Säbeln die Comitats⸗ haiducken, zwölf auf jeder Seite, Grenadiere und Lanciers ſchloſſen den Zug, der ſich den Feſtungs⸗ hügel hinab zur Generalwieſe bewegte. Martino⸗ vies war blaß und angegriffen; die Seene der letzten Nacht hatte ihn offenbar erſchöpft, er ſchien gar nicht zu hören, was der Mönch neben ihm ſprach. Graf Sigray, der auf dem nächſten Wa⸗ gen ſaß, betete mit dem Prieſter, der ihn beglei⸗ tete und übergab ihm einen Brief an die Gräfin, die in Wien war, wo ſie ſich vergebens dem Kai⸗ ſer zu Füßen geſtürzt hatte, um die Begnadigung ihres Mannes zu erflehen. Szent⸗Mariay war der nächſte in der Reihe, er ſah ſich ruhig um und betrachtete die unüberſehbare Menge, die um ihn wogte.„Ich hätte nicht geglaubt,“ ſagte er, „daß wir die öffentliche Aufmerkſamkeit in dieſem Maaße erregen könnten; bei dem Krönungszuge des Königs vor drei Jahren war das Gedränge nicht ſo groß.“ Laczkovies unterhielt ſich mit ſeinem Prieſter über die verſchiedenartigſten Gegenſtände, 190 und wichſte ſich ungeduldig den Schnurrbart in die Höhe:„Le jeu ne vaut pas la chandelle,“ meinte er,„welche Vorbereitungen! Welches Ge⸗ dränge! und dies alles bloß, weil wir in einer halben Stunde ſterben ſollen!“ „Laſſen Sie ſich doch durch dieſe Vorbereitun⸗ gen nicht von wichtigen Betrachtungen abziehen,“ ſagte der Prieſter,„denken Sie an Ihr Seelen⸗ heil.“ „Freund,“ antwortete der Rittmeiſter,„ich war ſeit meiner Jugend Soldat und habe manche Schlacht geſehen, es iſt nicht zum erſtenmale, daß ich dem Tode entgegengehe, mein Gewiſſen iſt ruhig, ich bin zum Sterben bereit.“ Der Prieſter faltete die Hände und rief leiſe: „Selig ſind, die reinen Herzens ſind, denn ſie wer⸗ den Gott ſchauen!“ Hajnöczy bemerkte unter den Haiducken, die neben dem Wagen marſchirten, einen Graubart, der Thränen vergoß. Er erkannte ihn, es war ſein Diener geweſen zu der Zeit, als er unter Kaiſer Joſeph Vicegeſpan von Peſth war, ein adeliger Bauer aus Dabas, er winkte ihm und 191 rief ihm zu:„Jänos, erzähle allen jenen, die ſich meiner erinnern, daß ich ruhig dem Tode entge⸗ genging. Ich weiß, daß viele mich haſſen, weil ich dem Kaiſer Joſeph diente, ſage ihnen, daß meine Abſichten ſtets gut und rein waren und daß ich als Märtyrer der Wahrheit ſtarb.“ Es war halb acht Uhr geworden, bis der Zug ſich durch die Menge Bahn brach und bei dem Gerichte ankam. Der Stuhlrichter und Geſchworne ſprangen hier vom Pferde und ſtiegen die Stufen zum Schaffote hinauf, wo die Henkersfnechte einen Stuhl in der Mitte des Gerüſtes feſtgemacht hat⸗ ten, hinter dem der Scharfrichter ſtand, ſich auf ſein breites Schwert ſtützend. Jetzt wurde Mar⸗ tinovies durch zwei Haiducken hinaufgeführt, an dem Arm des Mönchs, der ihn begleitete, konnte er ſich nur mit Mühe aufrecht erhalten. Der Stuhlrichter las mit lauter Stimme das Urtheil vor, das den Er⸗Abt dem Tode weihte, mit dem Beiſatze, daß er, als der Urheber der Verſchwö⸗ rung, der Hinrichtung ſeiner Mitſchuldigen zuſehen müſſe. Martinvvies raffte alle ſeine Kräfte zuſammen 192 und rief laut aus:„ich werde verurtheilt nicht meiner Handlungen, ſondern meiner Grundſätze wegen! Dieſe Grundſätze aber ſind keine andern, als die unſeres einſtigen Herrn und Königs, des glorreichen Levpolds. Wer mich verdammt, ver⸗ dammt das Andenken dieſes Königs. Doch die Gerechtigkeit Gottes ſtraft jene unausweichlich, die hier auf Erden ſeine Stelle vertreten. Dieſelben Intriguen, die uns aufs Schaffot führten, werden auch ihn verderben, deſſen Pflicht es war uns zu ſchützen!“ Die phyſiſchen Kräfte des Abtes waren erſchöpft, er ſank zuſammen, die Haiducken nahmen ihn in ihre Mitte und ſtellten ſich an die Ecke des Schaffotes gegenüber dem Stuhle. Der Stuhlrichter publieirte die übrigen vier Urtheile und verließ das Gerüſt, auf das nun Graf Sigray geführt wurde; er ſagte kein Wort, ſondern hörte aufmerkſam den Worten des Geiſt⸗ lichen zu, der ihm Troſt zuſprach. Die Henkers⸗ knechte löſten raſch ſein Halstuch, zogen ihm das Oberkleid aus, ſchnitten an ſeinem Hinterhaupt die Haare ab, ſetzten ihn auf den Stuhl, verban⸗ den ihm die Augen mit einem ſchwarzen Tuche 193 und befeſtigten ſeine Hände an die Füße des Stuh⸗ les. Er ließ alles ruhig mit ſich geſchehen, er betete. Das Schwert des Henkers blinkte jetzt in der Luft, ein Schrei des Unwillens und Entſetzens erſcholl ringsherum, er hatte den Grafen nur ver⸗ wundet. Am Fuße des Schaffotes ſtanden die übrigen Verurtheilten und warteten bis die Reihe an ſie kommen ſollte. Der Prieſter, der Laczkovies bei⸗ gegeben war, erſchrak als er bemerkte, daß das Volk plötzlich in Bewegung gerieth. Er fürchtete einen Aufſtand, einen Verſuch, die Verurtheilten zu befreien, bei dem er ſelbſt Let in Gefahr kommen könnte. „Um Gotteswillen!“ rief er erſchreckt,„was giebt es?“ „Fürchten Sie nichts, ſeien Sie ruhig,“ ant⸗ wortete Laczkovies,„das Volk iſt unwillig über die Ungeſchicklichkeit des Scharfrichters. Jetzt ſt alles wieder in Ordnung, Sigray's Haupt iſt ge⸗ fallen. Glückliche Reiſe Szent⸗Mariay!“ rief er dieſem zu, der ſo eben die Stufen des Schaffotes hinaufgeführt wurde,„unſere Trennung dauert H. 13 194 nicht lang.“ In einigen Augenblicken kam die Reihe an ihn. Mit feſtem Schritte betrat er das Gerüſt, auf dem ſchon zwei Leichen lagen. Er ſah ſich nach Martinovics um, doch dieſer war bei dem Anblick des Blutes in Ohnmacht gefallen, er war beſinnungslos und glich ſchon jetzt einer Leiche. Die Henkersknechte näherten ſich dem Rittmei⸗ ſter, er ſtieß ſie zurück,—„das Schwert des Scharf⸗ richters darf mich berühren,“ rief er,„aber nicht ſeine Hand!“ Er entkleidete ſich ſelbſt, verband ſich die Augen, ſetzte ſich ruhig auf den Stuhl und rief: „Justum ac tenacem propositi virum Non vultus instantis tyranni Mente quatit solida!“ Hajnöczy folgte ihm im Tode. Martinovies kam nicht mehr zur Beſinnung, er wurde bewußt⸗ los hingerichtet, die Natur ſelbſt hatte ihn jener grauſamen Verſchärfung des Urtheils entzogen, die der oberſte Gerichtshof für nöthig erachtete. Der erſte Aufzug des Trauerſpiels war zu Ende, die Menge verlief ſich und die Verwandten 195 der Hingerichteten kauften die Leichen dem Scharf⸗ richter um hohe Summen ab und ließen ſie ſtill beſtatten. Für die Gefangenen im Kloſter war dieſer Morgen ein furchtbarer. Sie konnten es von ih⸗ rem Fenſter ſehen, wie ihre Freunde ſtarben und ihr eigenes Schickſal war auch unentſchieden, ſie wußten nicht, ob und wie bald ſie auch zum Richt⸗ platz geführt werden würden. Doch auch die See⸗ lenleiden haben ein beſtimmtes Maaß wie die kör⸗ perlichen. Der Schmerz ſtumpft die Nerven ab, ſelbſt der Feigling gewöhnt ſich endlich an die Idee des Todes, wenn er ſieht, daß er dieſem auf kei⸗ nen Fall ausweichen kann und er wünſcht ihn end⸗ lich ſelbſt herbei, damit er der langſamen Folter der Ungewißheit entgehe. Ihrer Freunde beraubt, deren Beiſpiel und Characterfeſtigkeit ſie bisher ge⸗ ſtärkt hatte, fielen die Verurtheilten in dumpfe Apathie, aus der ſie nicht einmal die Nachricht des Profoßen erweckte, daß Herr Töth und Herr Török, zwei der K Kammeral⸗Fiscale, die die Verthei⸗ digung geführt hatten, im Refectorium ſeien, um ihnen eine Mittheilung zu machen. Sie folgten 138 6 ihm lautlos hinab in den Saal, wo Töéth ihnen eröffnete: der Strenge des Geſetzes ſei durch die Hinrichtung der Häupter der Verſchwörung Ge⸗ nüge geleiſtet, der König habe nur mit Widerwil⸗ leu ihre Sentenz unterſchrieben, er wolle gernGnade für Recht ergehen laſſen, denn für ihn ſei es ja am peinlichſten, jener Milde, die den Grundzug ſeines Characters bilde, nicht nachgeben zu kön⸗ nen. Töth forderte daher die Verurtheilten auf, ein unterthäniges Bittgeſuch nach Wien zu ſenden und unter dem Verſprechen, nie etwas zu veröf⸗ fentlichen, was auf ihr Verbrechen und ihren Pro⸗ zeß Bezug haben könnte, um Gnade zu flehen. Die Fiscale hatten gleich die Formulare des Bittgeſuches mitgebracht und erſuchten ihre Schütz⸗ linge, wenigſtens jetzt, ihre Hülfe und ihren Rath nicht zu verſchmähen.„Hätten Sie uns vertraut,“ ſagte Török,„wären Sie in unſere Art der Ver— theidigung eingegangen, ſo ſtände Ihre Lage viel⸗ leicht jetzt nicht ſo verzweifelt.“ Es bedurfte keiner großen Beredtſamkeit, um die Unterſchriften der Verurtheilten zu erhalten,— unter dem Eindruck der Scenen, die ſie ſo eben 197 erlebt hatten, ſetzten ſie, einer nach dem andern, ohne eine Anmerkung zu machen, ihre Namen un⸗ ter das Geſuch. Szulovſzko war der erſte, der es unterſchrieb, Kazinezy und Verſephy folgten, ſie waren jetzt jedenfalls die Bedeutendſten unter den Uebriggebliebenen und ihr Beiſpiel wirkte natürlich auf die Jüngern. Als die Bittſchrift unterzeichnet war, ſah Téth ſie durch und zählte die Unterſchriften, es waren ihrer zwölf.„Meine Herren,“ rief er jetzt er⸗ ſtaunt aus,„zwei von Ihnen haben das Geſuch nicht unterſchrieben, bei der Aufregung, in der Sie ſich befinden, iſt dies durchaus nicht befremdend, er unterſuchte das Document noch einmal und wandte ſich dann zu Sz und Szolareſek mit den den Worten:„Wollen Sie doch Ihre Namen nicht von denen Ihrer Freunde trennen,“ und reichte Oʒ die Feder. Doch dieſer lehnte ſie ab und ſagte ruhig:„Ich habe meine Gründe; ich werde nicht unterſchreiben.“ Der Fiscal näherte ſich jetzt mit freundlicher Miene Szolarcſek. Doch dieſer ſchüttelte das Haupt und machte mit der Hand eine abwehrende Bewe⸗ 198 * gung. Die Aufmerkſamkeit Aller wandte ſich ih⸗ nen zu. Die beiden Fiscale wußten es ſehr wohl, wie anſteckend der Enthuſiasmus und das Mär⸗ tyrerthum ſei, ſie fürchteten den Einfluß, den die Beweisgründe Szolareſeks beſonders auf jene ha⸗ ben könnte, die dem Jünglingsalter noch nicht ent⸗ wachſen waren; Török begleitete daher die zwölf in ihre Zellen zurück und ſprach ihnen Muth zu, indem er ſie verſicherte, ihr Gnadengeſuch werde jedenfalls günſtig aufgenommen werden, während Töth mit Oz und Szolareſek im Refectvrium blieb. „Betrachten Sie mich als Ihren wahren Freund,“ rief er den Beiden zu, indem er ſich auf das Sopha warf, das in der Ecke ſtand,„ſetzen Sie ſich her zu mir, wir ſind hier ohne Zeugen, laſſen Sie mich doch Ihre Gründe analiſiren, warum Sie kein Bittgeſuch eingeben wollen. Iſt Ihnen denn das Leben eine Laſt?“ „Ja,“ ſagte Szolareſek. „Und doch waren Sie der einzige unter ihren Freunden, der einen Fluchtverſuch vor vier Wochen 199 wagte, hat denn das Leben ſo plötzlich jeden Reiz für Sie verloren?“ „Es hat ihn verloren,“ war die Antwort. Der Ausdruck des Schmerzes, der in den Zügen Szo⸗ lareſeks ſich ausſprach, ließ keinen Zweifel übrig, daß es ſein innigſter Ernſt war. Doch Töth ſchrieb dieſen Schmerz bloß dem momentanen Effect der Hinrichtungen zu und fuhr fort:„Es thut mir leid, daß ich gerade in dieſer Stunde mit meinem Rathe komme, doch es iſt keine Zeit zu verlieren, beſinnen Sie ſich raſch. So warm auch die Freund⸗ ſchaft geweſen ſein mag, die Sie an jene Unglück⸗ lichen kettete, die heute ſtarben, ſie kann auf keinen Fall ein hinreichender Grund dafür ſein, daß Sie auch Ihr Leben muthwillig hinopfern. Ihren Freunden helfen Sie dadurch nicht mehr; und Sie werden doch dem Volke nicht eine Lection geben wollen, das heute gedankenlos mit müſſiger Neu⸗ gierde dem blutigen Schauſpiele zuſah? Was kann denn Ihr Tod für eine practiſche Folge haben? Denken Sie doch daran, daß Sie erſt an der Schwelle Ihres Lebens ſtehen, trotz aller bittern Erfahrung, die Sie gemacht haben, winkt es Ihnen 200 mit tauſendfachen Genüſſen. Es liegt in Ihrer Hand, werfen Sie es nicht leichtſinnig weg.“ „Ich zweifle nicht, daß Sie es wohl meinen mit mir,“ entgegnete Szolareſek, doch ihre Beredt⸗ ſamkeit iſt vollkommen erfolglos, ich will nicht länger leben! Und damit Sie keine Zeit und Mühe vergebens verlieren, ſo gebe ich Ihnen gleich den Beweis davon. Sehen Sie,“ ſagte er und zog eine Feile aus der Taſche,„trotz der verſchärften Wachſamkeit iſt durch meine Freunde dies Inſtru⸗ ment dennoch in meine Hände gelangt, das zu meiner Befreiung dienen kann und alle Vorkeh⸗ rungen zu einer Flucht ſind von neuem getroffen. Wollte ich es, ich könnte heute Nacht frei ſein. Doch ich wies die hülfreiche Freundeshand zurück, für mich blüht kein Glück mehr in der Welt, ich werde den Augenblick ſegnen, der mich vom Leben erlöſt,“ rief er ſchmerzvoll aus und überreichte Töth die Feile. Der Fiscal ſeufzte, er hatte inniges Mitleid mit dem jungen Mann. Doch er ſah, daß für dieſen Augenblick wenigſtens alle Vorſtellungen er⸗ 201 folglos ſein würden und er wandte ſich daher zu⸗ Sz, der ſchweigend zugehört hatte, und frug ihn: „Theilen Sie vielleicht auch die Anſichten Ihres Freundes? Nein,“ ſagte dieſer,„ich kenne das Leben und ſeinen Werth, ich kenne auch meine Kräfte, und weiß, daß mein ferneres Wirken nicht vergeblich bleiben würde.— Ich verzweifle nicht an der Menſchheit und nicht an meinem Vaterlande, ja nicht einmal an der Juſtiz in Ungarn, trotz des ungerechten Urtheils, deſſen Opfer ich werden ſoll. Vielleicht war es nothwendig, daß alles ſo komme wie es kam, damit jedermann die Augen geöffnet, und für die nöthigen Reformen der Weg gebahnt werde.— O, ich liebe das Leben, und möchte gerne das Aufblühen meines Vaterlandes ſehen!— „Wie,“ rief jetzt Töth,„Sie hegen ſolche Ge⸗ ſinnungen, und wollen doch nicht den geringſten Schritt thun, um Ihr Leben zu retten?“ „So ſchmerzlich auch manchmal die Erfüllung der Pflicht iſt, ſo darf doch kein Sophism uns davon abhalten, ich geſtehe es Ihnen offen, das 202 Schaffot iſt mir ein peinlicher Gedanke, und den⸗ noch kann ich Ihren Rath nicht annehmen. Ich kann mein Leben keiner Lüge verdanken.“ „Welche Lüge iſt denn in dem Bittgeſuche ent⸗ halten? fragte jetzt der Fiscal. Ich habe es ſelbſt mit der äußerſten Vorſicht abgefaßt, und mir alle Mühe gegeben, es ſo zu ſtyliſtren, daß es ſeinem Zwecke in Wien entſpreche, und dabei Ihre Ge⸗ fühle und Ueberzeugungen nicht verletze. Finden Sie noch etwas darin, was Ihrer Meinung nach geändert werden ſollte, ſo will ich gern jede Mo⸗ dificativn eintreten laſſen, die Ihren Ideen zuſagt. — Bezeichnen Sie mir doch die Stelle, die Sie eine Lüge nennen.“ „Es handelte ſich hier nicht um den Styl,“ ſagte Oz,„ſondern um das Princip, ich will Ih⸗ nen gerne das Zeugniß geben, daß Ihr Aufſatz ganz ſo geſchrieben iſt, wie ich ihn geſchrieben hätte, wenn ich mich entſchließen könnte ein Bittgeſuch einzugeben. Doch ich will lieber den Tod erleiden, als daß ich je um Gnade flehen ſollte. Um Gnade kann ſich nur der Schuldige bemühen, ich fordere nur Gerechtigkeit, denn ich bin unſchuldig. Ich 203 war aber nicht im Stande meine geſetzlichen Rich⸗ ter von meiner Unſchuld zu überzeugen, ſie ſind Menſchen und konnten irren; ſie haben ſich geirrt, und ich muß jetzt die Folgen davon tragen, doch ich thue es lieber, als daß ich um Gnade flehen ſollte, und dadurch mich ſchuldig erklärte. Um kei⸗ nen Preis der Welt kann ich dies thun.“ „Ihr Argument iſt ſo ſcharf, daß ſeine Spitze bricht,“ antwortete jetzt Töth,„Sie geſtehen es ſelbſt, daß Sie glauben Ihre Richter hätten ſich geirrt, und ich bin ganz Ihrer Meinung, Sie ſind verurtheilt worden, bloß wegen der Principien, die Sie in ihrer unglücklichen Vertheidigung entwickelt haben. Ich habe daher den Umſtand in der letz⸗ ten Vertheidigungsſchrift, die ich ovhne Ihr Wiſ⸗ ſen für Sie eingab, auch hinlänglich hervorgeho⸗ ben, daß man auf keinen Fall annehmen könne, Sie wollen Sich ſelbſt anklagen, und drang auf Ihre Losſprechung, weil ſie nicht Theilnchmer an der geheimen Geſellſchaft des Abtes geweſen ſind. — Doch das Gericht hat geurtheilt, und kann ſeine Sentenz nicht mehr ändern. Aber der Kö⸗ nig heißt nicht vergebens Summus Justitiarius 204 in unſerem Geſetz, er allein hat noch das Recht, das Urtheil zu ändern, und er hat die Abſicht es zu thun, machen Sie es ihm durch Ihren Eigen⸗ ſinn nicht unmöglich, daß er dem Zuge ſeines Her⸗ zens folge, Ihr Stolz kann doch keine Erniedri⸗ gung darin finden, wenn Sie von Ihrem Könige Gnade bitten!“ „Sie haben Recht Herr von Töth, der König iſt der Conſtitution zufolge der oberſte Richter, doch er hat dieſe ſeine Gewalt den Gerichten delegirt, und ſich bloß das Recht vorbehalten, durch Man⸗ date Urtheile zu caſſiren, und die Angelegenheit einer neuen Procedur zu unterwerfen, nicht aber ſie zu ändern. Daß kein Todesurtheil vollzogen werden darf ohne ſeine Unterſchrift, und daß er den Verurtheilten begnadigen darf, iſt eines der Majeſtätsrechte, die nichts damit zu thun haben, daß er der Summus Justitiarius iſt.“— „Laſſen wir doch dieſe Spitzfindigkeiten,“ un⸗ terbrach ihn jetzt Töth,„jedermann kennt Sie als eine Autorität in Hinſicht conſtitutioneller Fragen, und es iſt jetzt nicht die Zeit, ſich in eine gelehrte Discuſſion darüber einzulaſſen, was denn die 205 Attribute des Königs ſind. Die Frage iſt viel einfacher, es handelt ſich bloß darum, ob Sie Ih⸗ rem Herrn und König die Gelegenheit geben wol⸗ len ſein Recht der Gnade ausüben zu können?“ „Dies hat er immer,„ſagte jetzt Oz,„glaubt er, daß das Urtheil des Septemvirats ungerecht iſt, ſo iſt es nicht nur ſeine Königspflicht, ſondern auch ſeine Menſchenpflicht, daſſelbe nicht zu beſtä⸗ tigen. Es bedarf dazu keines weiteren Geſuches von mir, noch weniger des Verſprechens, daß ich verſchweigen will, was geſchehen iſt. In allen dieſen Schritten iſt indirect ſchon das Bekenntniß der Schuld enthalten, ich aber werde es nie erklä⸗ ren, daß ich ſchuldig bin. Dieſe Erklärung ſelbſt würde in Verbindung mit dem Urtheil ein neues Verbrechen unſerem Strafcoder beifügen. Werde ich in Folge meines Geſuches begnadigt, ſo geräth dieſe Frage bald in Vergeſſenheit und beſtätigt für die Zukunft die gefährlichſte Auslegung des Ge⸗ ſetzes.— Ich will daher lieber unſchuldig ſterben, der Landtag wird dann meinen Fall nicht mit Stillſchweigen übergehen, und er wird das Ver⸗ brechen des Hochverraths genauer beſtimmen, denn 206 ich muß ſelbſt geſtehen, daß das jetzige Geſetz ganz unbeſtimmt iſt.“ „Machen Sie Sich doch keine Illuſionen,“ un⸗ terbrach ihn Töth wieder, der Landtag hat wichti⸗ gere Verhältniſſe zu ordnen, als das Hochverraths⸗ geſetz zu modificiren, Sie werden ſterben, und nie⸗ mand daran denken, daß auch in dieſer Hinſicht ein Geſetz zu ändern ſei.“ „Ich ſpreche auch nicht vom nächſten Landtage,“ ſetzte Oz ruhig fort,„die Verbeſſerung der Ge⸗ ſetze iſt nicht das Werk weniger Jahre, doch wenn ſie auch nur nach einer Generation vorgenommen wird, ſo wird mein Fall als Warnungszeichen vor den Geſetzgebern ſtehen, und ſie daran erinnern, was ſie zu thun haben. „Es iſt ſchwer, Ihre Argumente zu entkräf⸗ ten, und doch fühle ich es, daß Sie Unrecht ha⸗ ben;— doch nehmen wir an, daß Sie Recht hät⸗ ten,— iſt denn Ihr Leben, Ihr Wirken nicht ſo viel werth, daß Sie ſeiner Erhaltung wegen ſich zu einem Schritte herbeilaſſen könnten, den Sie im Princip für einen moraliſchen und juridiſchen Fehl⸗ tritt halten?“ 207 „Nein,“ war die Antwort des Advocaten, „ich lebte für die Wahrheit und nicht für die Lüge.“— Töth ſtand jetzt von dem Sopha auf, er hatte eine Thräne im Auge,„Sie richten ſich ſelbſt durch ihre Hartnäckigkeit zu Grunde,“ ſagte er, und nä⸗ herte ſich dem Tiſche, Szolareſek ſaß an demſelben, die Feder in der Hand und zeichnete eifrig auf dem weichen Tiſchblatte. Er hatte einen abgehauenen Eichenbaum hinſkizzirt, der die Namen der Hinge⸗ richteten, den ſeines Freundes Sz und den ſeini⸗ gen auf den Aeſten trug, und die Deviſe darunter geſchrieben:„Laetius ex trunco virebit.“ „Noch einmal meine Herren,“ rief der Fiscal aus,„trage ich Ihnen die Rettung Ihres Lebens an. Vergeſſen Sie nicht daß die Herrſchaft der Idee in der Welt auch wechſelt, und ihre Grund⸗ ſätze, die jetzt als ein todeswürdiges Verbrechen behandelt werden, noch einſt für harmlos gehalten werden können, Sie ſelbſt können noch für dieſel⸗ ben wirken. Entſcheiden Sie raſch.“ „Hier iſt meine Antwort, ſagte Szolareſek, und wies auf ſeine Zeichnung. 208 „Ich bleibe feſt bei der meinigen,“ rief Sz.— „Sie haben die freie Wahl,“ ſagte jetzt Töth. Ich kann Sie nicht zwingen zum Leben. Ich achte Ihre Characterſtärke, aber ich begreife Ihre Hart⸗ näckigkeit nicht. Leben Sie wohl.“ Er ſchüttelte ihnen freundlich die Hände, rief dann den Profo⸗ ßen ins Zimmer, trug ihm auf die beiden Herren in ihre Zellen zurückzuführen, und mit jeder mög⸗ lichen Rückſicht zu behandeln. Szolareſek erſuchte ihn nun er möge es aus⸗ wirken, daß er mit Oz wieder in dieſelbe Zelle geſperrt würde, denn ſeit ſeinem Fluchtverſuche waren ſie getrennt worden,„ich glaube,“ ſagte er, „Sie ſind ja jetzt hinlänglich überzeugt davon, daß ich nicht mehr an eine Entweichung denke.“ Töth machte gleich die Anſtalt, daß dieſer Bitte willfahrt werde, und entfernte ſich gerührt. Es dauerte zehn Tage bis aus Wien die Ant⸗ wort auf das Bittgeſuch kam, denn auch jene, die bloß zur Kerkerſtrafe verurtheilt waren, hatten ein ähnliches Geſuch eingegeben. Dieſe Tage erſchie⸗ nen den Bittſtellern wie eben ſo viele Jahre, ſie konnten die Königliche Reſolutivn kaum mehr er⸗ 209 warten, der ungeduldigſte war natürlich wieder Szulovſzky. Oz dagegen und Szolareſek ver⸗ floſſen die Tage in reißender Schnelligkeit; ſie be⸗ ſprachen mit Ruhe und Gleichmuth die Verhältniſſe des Lebens und des Todes, ſie lebten in der Er⸗ innerung noch einmal ihr ganzes Leben durch, und malten die Zukunft Ungarns mit glänzenden Far⸗ ben aus. Die Fluchtanerbietungen des unermüd⸗ lichen Fekete wies Szolareſek ſtandhaft zurück. Am 1. Juni wurden die Urtheile nun zum drittenmale den Gefangenen publicirt, der König hatte jene Szolareſek's und Oz's beſtätigt, und die anderen zwölf zu zehnjähriger Kerkerſtrafe begna⸗ digt. Auch die übrigen Urtheile wurden gemildert, und zehn der am mindeſten Gravirten ganz einfach in Freiheit geſetzt, unter ihnen Abaffy. Szolareſek und Oz lächelten, als ihnen ihr Urtheil verkündet wurde, daß ſie am 3. auf der⸗ ſelben Stätte enthauptet werden ſollten, wo ihre Freunde geſtorben waren. Szulovſzky dagegen klagte jetzt über ſeine Begnadigung und fand plötz⸗ lich eine Kerkerſtrafe von zehn Jahren fürchterlicher als den Tod. H. 14 210 Die Zimmerleute waren ſchon wieder mit dem Aufſchlagen des Gerüſtes auf der Generalwieſe beſchäftigt, als am Abend eine Reihe geſchloſſener Wagen im Hofe des Kloſters hielt, in denen die Gefangenen nach den verſchiedenen Feſtungen be⸗ fürdert werden ſollten, um dort ihre Straßzeit aus⸗ zuhalten. Abaffy mit ſeinen neun Gefthrten, de⸗ nen ſelbſt das Gefängniß erlaſſen worden war, wurden einzeln nach Peſth hinübergeführt, damit ihr vereintes Erſcheinen nicht zu einer Volksde⸗ monſtrativn Anlaß gebe. Alle wurden neben jenen Zellen vorbeigeführt, in denen Oz und Szylareſek ihr Schickſal erwarteten; ſchweigend reichten die Gehenden den Bleibenden die Hand durch das Gitter, und ſchieden für immer. XX. Das Feuerwerk. Im Schloſſe von Moſotz herrſchte die Stille eines Trauerhauſes. Die Baronin führte mit ih⸗ rer gewöhnlichen Pünktlichkeit den Haushalt, und Lenke half ihr dabei. Gegen Mittag fuhren ſie dann auf das Feld hinaus, wo die Arbeiter eben mit der Heuernte beſchäftigt waren, oder dem Fluſſe zu, wo man die Schafe wuſch und ſchor. Ladis⸗ las ritt gewöhnlich am Wagenſchlage, denn ſeine Mutter liebte es, wenn er in ihrer Nähe ſich be⸗ fand. Alle drei aber waren traurig und nieder⸗ geſchlagen, und doch ſprachen ſie ſtets nur von gleichgültigen, alltäglichen Dingen. Trotzdem, daß ſich ihre Gedanken begegneten, und daß ſie es wuß⸗ 212 ten, wie ſehr ihre Gefühle übereinſtimmten, ſcheute ſich doch jedes von ihnen auch nur die geringſte Anſpielung auf die blutigen Exeigniſſe in Peſth und das Schickſal ihrer Freunde zu machen. Sie drängten den Schmerz, der ſie folterte, in ihr In⸗ neres zurück; denn für zartfühlende Perſonen iſt der Schmerz eine heilige Empfindung, die ſie nicht nur vor dem Blicke der gedankenloſen Menge, ſon⸗ dern ſelbſt vor ihren Freunden verhüllen. Daher ſehen wir es auch ſo häufig, daß in Familien, die durch einen Todesfall einen herben Verluſt erlitten haben, der Name der geliebteſten Hingeſchiedenen am ſeltenſten erwähnt wird, und deshalb bald der Vergeſſenheit überliefert zu ſein ſcheint, weil jeder⸗ mann ſich ſcheut die trübe Erinnerung zu wecken, während wir jene, die uns gleichgültiger waren, oder entfernter ſtanden, häufig nennen, weil der Gedanke an ihren Verluſt uns weniger peinlich iſt. Man kannte und ehrte dieſe gedrückte Stim⸗ mung in Moſotz, und die Nachbarn, die ſonſt häufig das Schloß zu beſuchen pflegten, blieben jetzt aus theilnehmender Rückſicht aus; das Haus war ſeit der Ankunft Lenke's ſtill und einſam ge⸗ 213 worden. Es war daher etwas ganz ungewöhnli⸗ ches, als in den erſten Tagen des Juni ein Wa⸗ gen wieder im Hofe hielt. Ein junger Mann ſtieg aus und eilte raſch über die Treppen, es war Fe⸗ kete. Wie ihn Ladislas erblickte, ſtürzte er ſich weinend in ſeine Arme. Die Baronin ſtand vom Sopha auf und reichte ihm ſchweigend die Hand, und Lenke beugte ſich über ihren Stickrahmen, um die Thränen zu verbergen, die über ihre Wangen ſtrömten. 35 „Es war alles vergebens,“ ſagte endlich Fe⸗ kete;„er wollte ſterben! Noch am Abend vor ſeinem Tode war ich in ſeiner Zelle, und hatte eine Unterredung mit ihm. Ich gab ihm alle Mittel zur Flucht in die Hände; im ſchlimmſten Falle hätte ich ihn noch auf dem Richtplatze durch das Volk befreien können; denn ſeine Jugend hatte das Mitleid in dem Maaße erregt, daß der ge⸗ ringſte Anſtoß genügt hätte, einen Tumult zu er⸗ regen um ihn zu retten. Doch er ſehnte ſich nach dem Grabe, und wies meine Anträge entſchieden zurück. Er ſprach nur den Wunſch aus, neben Madame Raimond begraben zu werden, und ich 214 erfüllte dieſe ſeine letzte Bitte. Er trug mir noch auf, daß ich Ihnen, Baronin, ſeine Verehrung ausdrücke, die er noch im Augenblicke des Todes für Sie hegte. Ihnen Baron Ladislas, ſendet er ſeine Uhr als Andenken, ſie möge Sie an manche heitere Stunden erinnern, die er mit Ihnen ver⸗ lebte, und für Fräulein Lenke gab er mir dieſen einfachen Goldring, mit der Bitte, ſie möge die⸗ ſes Vermächtniß eines Sterbenden freundlich an⸗ nehmen.“ Sie weinten alle, und der Schmerz des jun⸗ gen Ladislas kannte keine Gränzen. Nach einer Pauſe ſagte die Baronin, um den Gedanken ihres Sohnes eine andere Richtung zu geben:„Lieber Fekete, Sie haben gethan was Sie konnten, ich bin Ihnen dankbar für Ihre Bemühungen. Hät⸗ ten ſich viele Männer gleich Ihnen gefunden und ihre Pflicht vhne Furcht gethan, ſo ſäßen wir jetzt nicht in Thränen hier. Aber trotz dem gränzen⸗ loſen Egvismus, der die große Mehrheit der Men⸗ ſchen beherrſcht, bleiben mir doch manche Dinge unerklärlich. Sagen Sie mir, Sie waren ja ſtets 215 in Peſth, was ſagt man denn über das Benehmen des Erzherzogs?“ „Die öffentliche Meinung iſt oft ungerecht, meinte Fekete, denn die Menge iſt ſtets mehr be⸗ reit zu verdammen als zu entſchuldigen. Man wirft es ihm allgemein vor, daß er ſchwach gewe⸗ ſen ſei, weil er ſich während des Prozeſſes voll⸗ kommen neutral verhielt; ſeine ganze Popularität iſt dahin. Wenn er jetzt ausfährt weicht man ihm aus, und ſtatt der freundlichen Begrüßung, die ihm ſonſt zu Theil wurde, ſieht er überall trotzige Geſichter, kein Menſch zieht den Hut vor ihm ab. Und doch hat er, wie ich es aus ſiche⸗ rer Quelle weiß, alles mögliche angewandt, um die Begnadigung der Verurtheilten in Wien auszu⸗ wirken. Doch ſeine Verwendung blieb fruchtlos; es ſcheint ſogar, daß Thugut es planmäßig darauf angelegt hat, die Popularität des Palatins zu Grunde zu richten. War dies wirklich die Abſicht des Wiener Miniſters, ſo iſt dieſe vollkommen ge⸗ lungen.“ „Sieht aber der Erzherzog dies nicht ein?“ frug die Baronin wieder. 216 „Er ſieht es wohl ein, aber er iſt zu ſchwach um einen ernſten Entſchluß zu faſſen. Und jetzt, wo ſeine Popularität bei der Nation einen ſo gro⸗ ßen Schlag erlitten hat, fürchtet man ihn in Wien auch nicht mehr, und behandelt ihn, als wenn er ſelbſt ein Schuldiger wäre. Es iſt mir erzählt worden, daß mein Herr Oheim, und alle jene, die ihre Inſtructionen unmittelbar von Wien erhalten, ihn mit einer ſolchen Mißachtung behandeln, daß die Geduld des Erzherzogs ſchon erſchöpft iſt. Sein Anſehen beim Volke war ſein einziger Halt; jetzt wo er dies aus Rückſicht für die Befehle aus Wien durch ſein ſchwaches Betragen ſelbſt hinge⸗ opfert hat, werfen ſie ihn weg. Ich bedauere ihn „Es iſt die gerechte Strafe für ſeine Feigheit,“ rief Ladislas. „Vielleicht nur die natürliche Folge ſeiner fal⸗ ſchen Stellung,“ bemerkte die Barvnin.„Darum hüte Dich mein Sohn, je in eine ſolche zu gera⸗ then. Der wer es über ſich vermag bloß im Fa⸗ milienkreiſe ſein Glück zu ſuchen, der entgeht am leichteſten ſolchen Cataſtrophen, die nur jene tref⸗ 217 fen, die auf der Höhe der Menſchheit ſtehen, und eingreifen wollen in das Rad des Schickſals. Auch im beſcheidenen Kreiſe der Häuslichkeit lebt man ja nicht vergebens; wohl dem, der ſich mit dieſem Wirkungskreis begnügt.“ „Sprich nicht ſo, liebe Mutter,“ entgegnete Ladislas.„Das iſt ja die Philoſophie des Ho⸗ raz, der ſtets die goldene Mittelmäßigkeit predigte, und dem Kaiſer Auguſtus Weihrauch ſtreute, dem er doch ſelbſt früher auf dem Schlachtfelde gegen⸗ über geſtanden hatte. Ich haſſe ihn und ſeine Phi⸗ loſophie.“ „Und doch tröſtete dieſe einen ſo eiſernen Cha⸗ racter wie Laczkovics war, in ſeinen letzten Augen⸗ blicken, und das Vermächtniß unſeres Freundes Szolareſek an mich, war das Exemplar der Oden, die er in ſeinem Kerker geleſen hatte,“ bemerkte Fekete.„Der kleine Nachen verläßt die Küſte nicht, denn er kann dem Sturme nicht trotzen, während für den ſtolzen Dreidecker gerade die Küſte gefährlich iſt, und er ſich nur auf dem großen Ocean frei und gefahrlos bewegen kann. Starke Charactere mögen ſich wohl fühlen in dem ent⸗ 218 feſſelten Sturme der Volksleidenſchaften; wir, lie⸗ ber Baron Ladislas, wir müſſen ſuchen bald in den Hafen zu kommen.“ „Ladislas lächelte trüb und ſchüttelte das Haupt. Lenke ſtickte eifrig fort, und ſagte ohne aufzublicken, damit ihre Thränen nicht ſichtbar würden:„Jeder muß thun, was ſeine Pflicht ihm gebietet; nur der geräth in falſche Stellungen, der ſeiner Ueberzeugung nicht folgen will, und ſich durch Rückſichten abhalten läßt das zu thun, was er für recht hält. Führt ihn dann ſeine redliche Handlungsweiſe auch zum Tode, ſo fühlt er es doch, daß er nicht vergebens gelebt und gewirkt habe; ſein Andenken iſt ein Talisman für ſeine Freunde, das ſie ſtärkt und kräftigt, während der Muthloſe, der ſeine Ueberzeugung verläugnet, der Vergeſſenheit anheim fällt. Müßte ich wählen, ich wollte lieber Alerander Szolareſek ſein, als Alerander der Palatin.“ Doch nicht nur in Moſotz, überall im ganzen Lande wurde daſſelbe Urtheil über den Erzherzog gefällt, und er fühlte dieſen Ausſpruch der öffent⸗ lichen Meinung, den er in jedem Geſi ichte las, tie⸗ 219 fer als man glaubte. Gewöhnt an die Ovatio⸗ nen des Volkes fiel es ihm ſchmerzlich dieſe plötz⸗ lich entbehren zu müſſen, und von der andern Seite konnte er nicht zweifeln, daß ihn der Hof in Wien mißtrauiſch bewachen ließ, daß er ver⸗ dächtig geworden war. Er konnte dieſe Lage nicht länger ertragen. Er hatte wenige Tage ehe der Prozeß zur Verhandlung gekommen war, eine Denk⸗ ſchrift nach Wien geſandt, in der er mit den gewich⸗ tigſten Gründen darauf drang, daß noch im Laufe des Jahres ein Landtag gehalten werde, wie es das organiſche Geſetz Leopold's verordnete; denn ſeit der Krönung von Franz waren ja volle drei Jahre ſchon verfloſſen, und er hatte gehofft, daß ſeine Vorſtellungen den gewünſchten Erfolg haben würden. Jetzt wo er plötzlich ſeine frühere Popu⸗ larität verloren hatte, war der Landtag der ſehn⸗ lichſte ſeiner Wünſche. Es war das einzige Feld, auf dem er wieder der Nation beweiſen konnte, wie wohl er es mit ihr meine. Eine Reviſivn der Geſetze war ſchon 1791 beſchloſſen worden, und er glaubte, die Zeit ſei gekommen, wo dieſe mit Erfolg unternommen werden könnte. Da gab 220 ihm plötzlich der Kanzler es trocken zu wiſſen, Seine Majeſtät habe durchaus nicht die Abſicht, im Laufe des Jahres die Stände des Königreichs Ungarn zu verſammeln; der Krieg gegen die fran⸗ zöſiſche Republik ſei ein hinreichender Grund für das Hinausſchieben des Landtags, da die Aufmerk⸗ ſamkeit der Regierung durch dieſen im vollen Maaße in Anſpruch genommen werde. Der Erzherzog wollte eben mit Graf Sza⸗ pahy und Oberſt Mertens ausreiten, als die Eſta⸗ fette mit dieſer Depeſche ankam, die Pferde ſtan⸗ den ſchon geſattelt im Hofe; doch als er einen Blick in das Papier geworfen hatte, wurde er blaß und ſchellte. Der Kammerdiener trat ein.„Ich reite heute nicht aus,“ rief ihm der Erzherzog zu. Der Kam⸗ merdiener ging. „Nein,“ ſagte der Erzherzog,„das iſt denn doch zu viel. Auf alle meine Remonſtrationen, die ich nach Wien ſandte, in denen ich nachwies, wie wir nur durch die ſtrengſte Geſetzlichkeit und durch zeitgemäße Reformen im Stande ſeien, in Ungarn das Vertrauen zu erhalten, und die ſchla⸗ 221 fenden Reſſourcen dieſes Landes zu erwecken, er⸗ halte ich eine ſo trockene Antwort vom Kanzler! Er würdigt mich nicht einmal einer ausführlichen Widerlegung; meine Anſicht wurde gar, nicht in Betracht genommen, und doch war ſie durch die Autorität der Judes curiae und des Perſonals unterſtützt, die die Verhältniſſe des Landes jeden⸗ falls beſſer kennen, als die Wiener Büreaueraten. O, ich ſehe es klar: es geſchieht dies alles bloß um mich in den Augen der Nation herabzuſetzen! Meiner Stellung nach ſoll ich der Hüter der Ge⸗ ſetze ſein, und daher wird man mir, und nicht den Wienern es zuſchreiben, wenn die Conſtitution ver⸗ letzt und der Landtag in der geſetzlichen Zeit nicht zuſammenberufen wird. Es iſt zu viel, ich kann es länger nicht ertragen.“ „Und doch können Ew. Kaiſerliche Hoheit nichts anders thun,“— bemerkte Szapauy,— „als ruhig die Zeit abwarten, wo die Bedürfniſſe des Heeres ſelbſt es nothwendig machen werden, daß der Landtag zuſammenberufen werde, um neue Subſidien zu votiren. Geduld, Ihre Zeit kommt auch!“ 222 „Geduld! immer nur Geduld!“ rief jetzt ge⸗ reizt der Erzherzog.—„Ich habe keine Geduld mehr, ich will eine offene klare Antwort! Die Stellung, in der ich bin, iſt mir läſtig; ich will nach Wien und will den Kaiſer fragen, ob er mit mir zufrieden iſt oder nicht. Iſt er's, dann ver⸗ lange ich, daß meine Anſichten mehr berückſichtigt werden; iſt er es nicht, dann möge er mich mei⸗ nes Amtes entheben, und mich zur Armee ſchik⸗ ken, ich fühle auch etwas von dem Geiſte meines Bruders Carl in mir. Was ſagen Sie dazu Oberſt Mertens?“ „Euer Kaiſerliche Hoheit haben vollkommen Recht,“ war die Antwort.„Seine Majeſtät der Kaiſer möge offen ſeine Meinung ausſprechen, ohne ſich viel um alle ſogenannten Conſtitutivnen zu kümmern; er befehle und wir alle gehorchen. Ich habe es ſtets ausgeſprochen, daß Euer Kaiſerliche Hoheit der getreueſte Unterthan Seiner Majeſtät ſind, und daß alle Mißverſtändniſſe nur von dort herrühren, daß der Kaiſer ſeinen Willen nicht offen ausſpricht, und die alten Formen viel zu ſehr be⸗ 223 rückſichtigt, als ob ſein ſouverainer Willen nicht das einzige Geſetz wäre.“ Der Erzherzog ſchwieg einen Augenblick. Die Worte des Oberſten erinnerten ihn plötzlich wie⸗ der an die Stimmung, die in der nächſten Umge⸗ bung des Kaiſers herrſchte, und der jede conſtitu⸗ tionelle Beſchränkung des Kaiſers ein Gräuel war. Wie ſollte er ſolchen Menſchen gegenüber nicht verdächtig erſcheinen, da er doch ſtets das Feſthal⸗ ten an der Conſtitutivn als das einzige Mittel anrieth, um der Revolution zu entgehen. Endlich wandte er ſich zu Graf Szapauy und ſagte: „Und Sie Graf? Sie ſchweigen?“ Der Graf warf einen Blick auf Mertens und ſagte dann:„Ich bin verſchiedener Meinung. Hegt man wirklich Mißtrauen gegen Euer Kaiſer⸗ liche Hoheit in Wien, dann iſt es vergeblich hin⸗ zueilen; die nicht geforderte Entſchuldigung wird den Verdacht nur vermehren, der Palatin iſt über⸗ dies unabſetzbar. Ihre Stellung iſt daher dau⸗ ernder, als der Einfluß der Wiener Höflinge. Verſuchen Sie es nur feſt zu bleiben, und die kleinlichen Verfolgungen nicht zu beachten, und Sie werden in Kurzem ſehen, daß die Wiener den Kampf gegen Sie bald aufgeben. Als Palatin ſind Sie ein Fels an dem die Wogen des Mee⸗ res ſich machtlos brechen, trotz all ihrem Getöſe. Kaiſerliche Hoheit, bleiben Sie hier!“— rief er bittend. „Graf Szapaüy iſt kein Soldat,“ entgegnete jetzt Mertens.—„Sein Rath iſt der eines Di⸗ plomaten. Nun, auf Diplomatie verſtehe ich mich nicht; ich bin Soldat, und mein Prinzip iſt zu attackiren, ohne ſich um die Hinderniſſe zu küm⸗ mern, die uns im Wege ſtehen. Eine kühne At⸗ tacke iſt immer beſſer, als die künſtlichſte Verthei⸗ digung. Ich ſuche lieber den Feind auf, als daß er mich aufſuchen ſollte.“ „Sie haben Recht, Herr Oberſt,“ ſagte nun der Erzherzog,—„ich gehe morgen nach Wien, und ſpreche mich klar aus über meine Stellung. Ihr Rath, Graf Szapaßy, mag wohl klüger ſein, doch meinem Character ſagt er nicht zu, ich kann nicht falſch ſein. Wollen Sie mitkommen?“ Der Graf lächelte und meinte, der Erzherzog habe zu befehlen, doch er bleibe lieber in Ofen, da er durchaus nicht einſehen könne, wie dieſe plötzliche Reiſe nach Wien einen günſtigen Erfolg haben könnte. Am nächſten Tage war der Erzherzog mit ſei⸗ nem Adjutanten auf dem Wege; bei Anbruch der Nacht trafen ſie in der Wiener Burg ein. Der Kaiſer war nicht dort, er befand ſich in Perſen⸗ beug auf ſeinem Schloſſe, wo er ganz als Pri⸗ vatmann lebte. So eiferſüchtig er auch auf ſeine Kaiſerliche Würde war, ſo liebte er andererſeits doch, ſich von Zeit zu Zeit den Geſchäften zu ent⸗ ziehen, und ganz zurückgezogen im Kreiſe ſeiner Familie zu leben. Dem Anſchein nach kümmerte er ſich durchaus nicht um die Regierung, er un⸗ terhielt ſich mit ſeinen Affen und Papageien, er ſtudirte ſein Herbarium, er beſuchte ſeine Ge— wächshäuſer, denn er war ein gelehrter Botaniker, und wenn er bei den Audienzen Klagen hörte über die Regierung, ſo ſtimmte er oft in dieſelben ein. Und doch geſchah nichts ohne ſein Wiſſen, Thugut theilte ihm jede ſeiner Masßregeln mit, und wagte es nicht ſie auszuführen, ohne daß der II. 15 —— 226 Kaiſer ſie poſitiv gutgeheißen hätte. Doch dies Verhältniß zwiſchen dem Kaiſer und ſeinem Mi⸗ niſter blieb ein Geheimniß vor der Welt; Franz entzog ſich lieber dem Danke ſeines Volkes für populäre Maßregeln, als daß er ſich der Gehäſſig⸗ keit ausgeſetzt hätte, die die häufigen Mißgriffe der Regierung erregten. Nur durch ſeinen Pri⸗ vatcharacter wollte er ſich die Liebe des Volkes erwerben; man ſah ihn daher häufig im einfachen Rocke, ohne Begleitung ſpazieren gehen; er ſprach leutſelig mit jedermann wie einſt ſein Oheim Jo⸗ ſeph; die öffentliche Straße führte mitten durch den Schloßhof von Schönbrunn, der Garten war zu jeder Stunde für das Publikum geöffnet, und es freute ihn, wenn am Abend die Menge ſich vor ſeinem Fenſter verſammelte, während er auf ſeiner Violine ſehr mittelmäßig fiedelte. Auf dieſe Art war er unendlich populär geworden; das Volk erträgt ja gern ſelbſt den Druck, wenn es ſieht, daß der Herrſcher ſeine Klagen gütig an⸗ hört, und die Abhilfe, die er nicht gewähren kann oder will, wenigſtens in freundlichen Worten ver⸗ ſpricht. Die Finanznoth Oeſtreichs begann übri⸗ 920 brigens ſchon um dieſe Zeit als natürliche Folge des Krieges; doch Franz, der ſeinem Tempera⸗ mente nach eher zum Geize ſich neigte, lebte ſo einfach, daß niemand über die Verſchwendung bei Hofe klagen konnte. Nach dem Tode ſeiner erſten Gemahlin, der liebenswürdigen Erzherzogin Eliſa⸗ beth, hatte er ſich mit ſeiner Cvuſine, einer Nea⸗ politaniſchen Prinzeſſin vermählt, und weilte gern im Sommer auf dem Landgute Perſenbeug, wo er mit ſeinen Kindern ſpielte, und ſich im Garten zwiſchen ſeinen Blumen von den Anſtrengungen erholte, die ihm die Audienzen und Regierungsge⸗ ſchäfte, und ſein beſtändiges conſequentes Haſchen nach Popularität in der Hauptſtadt auferlegten. Er liebte es nicht, wenn er in Perſenbeug geſtört wurde, und der Erzherzog beſchloß daher, ſeinen Kaiſerlichen Bruder abzuwarten, doch Wien war ihm zuwider geworden; ſein fünfjähriger Aufent⸗ halt in Ofen hatte ihn ganz zum Ungar gemacht; er hatte dort conſtitutionelle Prinzipien eingeſogen, die er nicht verläugnen wollte, und in Wien wa⸗ ren dieſe nicht an ihrem Platze. Er hatte mit Thugut über Geſchäfte geſprochen, und ihm ſowohl, 228 als dem ungriſchen Hofkanzler die Nothwendigkeit auseinandergeſetzt, einen Landtag zu halten. Doch er ſah bald ein, daß ſeine Anſichten verſchieden waren, von jenen der Wiener Staatsmänner, und die ſteife Förmlichkeit, mit der ihn der kalte Thu⸗ gut behandelte, bewies ihm klar, daß er keinen Einfluß mehr am Hofe beſitze. Er hatte nun keine andere Hoffnung, als die, durch eine treue Dar⸗ ſtellung der ungriſchen Verhältniſſe dem Kaiſer darzuthun, wie es das Wohl des Landes ſelbſt erheiſche, ſtreng auf der Bahn der Conſtitution zu verharren. Dieſe Offenheit würde, ſo glaubte er, ihren Eindruck auf ſeinen Bruder nicht verfehlen, und jenes Mißtrauen entwaffnen, das gegen ihn erwacht, und durch gewiſſenloſe Höflinge genährt worden war. Doch eben dieſes Mißtrauen machte es ihm unmöglich in Wien zu verweilen. Zöge er ſich ganz zurück, ſo würde man ja nach Per⸗ ſenbeug referiren, daß er ſich ſchuldbewußt fühle; und ging er aus und ſuchte er Geſellſchaft, ſo würde dies wieder dahin gedeutet werden, daß er ſich in Wien Popularität zu gewinnen ſuche. Er begab ſich daher nach Laxenburg in das Kaiſeyliche 229 Luſtſchloß, bloß wenige Stunden von Wien ent⸗ fernt, aber doch zu weit, als daß die Wiener hau⸗ fenweiſe den Park beſucht hätten, wie ſie es in Schönbrunn zu thun pflegten. Er überließ ſich hier ganz ſeinen Rückerinne— rungen. Es war hier in Laxenburg, wo er vor fünf Jahren ſeinen Bruder, den jetzigen Kaiſer, nach einer Trennung von mehreren Jahren, zum erſtenmale wieder geſehen hatte. Erzherzog Franz war nach Wien an den Hof ſeines Oheims Joſeph gezogen, während ſeine jüngern Brüder alle in Florenz bei ihrem Vater, dem Großherzog Leopold weilten, der ſeinen Kindern die Freuden der Kind⸗ heit durch keine Regeln der Etikette verbittern ließ. Sie wurden ſtreng zum Lernen angehalten. Ge⸗ ſchichte und Naturwiſſenſchaften bildeten die Baſis ihrer Erziehung, die bedeutenden Gelehrten anver⸗ traut war. Doch wie ihre Lehrſtunden vorbei wa⸗ ren, tummelte ſich die kleine Schaar luſtig auf den Terraſſen des Gartens Boboli herum, der dem Volke zu jeder Stunde offen ſtand. Der Groß⸗ herzog wünſchte, daß ſie gewöhnt würden, ſich als zum Volke gehörig zu betrachten. Da kam plötz⸗ 230 lich die Nachricht vom Tode des Kaiſers Joſeph. Leopold verließ Toscana, das unter ſeiner Regie⸗ rung aufgeblüht war wie ein Garten, und in dem er eine Adminiſtration eingeführt hatte, die ein Muſter war für alle Staaten Europas. Er ſchied, und die Segnungen ſeines Volkes begleiteten ihn. Die jungen Erzherzoge, die an ein ſo rührendes Verhältniß zwiſchen Volk und Fürſten gewohnt waren, erſtaunten daher nicht wenig, als ſie in Oeſtreich Erfahrungen anderer Art machten. Hier empfing ſie zwar überall großer Jubel, aber man fühlte es dennoch, daß Unzufriedenheit im Volke wurzle. Während ſie hier in Laxenburg weilten, kamen unerfreuliche Nachrichten aus den Provin⸗ zen. Belgien beruhigte ſich noch immer nicht; Un⸗ garn ſtand am Rande der Empörung; der preu⸗ ßiſche Hof hatte eine drohende Stellung angenom⸗ men; der Türkenkrieg war noch nicht beendet, und in Frankreich gährte es wie in einem Vulkan, ehe er ausbricht, und niemand konnte wiſſen, wohin ſich der Lavaſtrom flammend ergießen werde. Solche Erfahrungen hatten den Erzherzog Franz früh gereift, er hatte die Jugendlichkeit ſeines Gei⸗ 231 ſtes ganz verloren, er war ernſt und mißtrauiſch geworden. Alerander war erſt achtzehn Jahre alt, als ſein Vater, der Kaiſer Leopold, es ihm eröff⸗ nete, ſeine Beſtimmung ſei Palatin von Ungarn zu werden, und als ſolcher die Intereſſen der Dy⸗ naſtie zu wahren. Er erinnerte ſich jetzt, wie er im November zum Landtag gekommen war; wie noch vor der Krönung die Stände ihn einſtimmig zum Palatin erwählten; und wie er in Gegenwart des Kaiſers den geſetzlichen Eid ablegte. Es war, als ob noch jetzt die Worte ſeines Kaiſerlichen Vaters in ſeinen Ohren klängen, die er ihm vom Throne zurief: „Das Band, welches den Sohn mit dem Va⸗ ter verbindet, ſoll Euer Liebden nie hindern zu thun, was Geſetz und Pflicht heiſchen; denn feier⸗ lich erkläre ich hier vor unſerem getreuen Volke, daß ich Eure kindliche Ehrerbietigkeit immer nur nach Eurem Eifer und Eurer Strenge in der Ver⸗ waltung des Palatinamtes abmeſſen werde. Gleich⸗ wie ich nicht zweifle, daß Euer Liebden über die Aufrechthaltung der Königlichen Würde und unſe⸗ res Rechtes pflichtmäßig wachen werden, eben ſo 232 will ich, daß Ihr für die Erhaltung der geſetzmä⸗ ßigen Rechte der Stände, und der allgemeinen Freiheiten des Landes mit gleicher Aufmerkſamkeit Sorge tragen möget.“ Dies war eine echt Königliche Aeußerung, und der Erzherzog dachte häufig an ſie, jetzt, wo ſeine Beſtrebungen ihr nachzukommen, nur Mißtrauen erregten, und im Lande nicht anerkannt wurden. Für hochgeſtellte Perſonen iſt nichts leichter, als Popularität zu erwerben, nichts ſchwerer, als ſie zu erhalten. War man einmal im Stande eine Maßregel ins Leben treten zu laſſen, die die öffent⸗ liche Meinung befriedigte, dann glaubt dieſe ſtets, es mangle bloß am guten Willen, wenn nicht jede andere auf gleiche Weiſe durchgeführt wird. Dies fühlte jetzt der Erzherzog ſchwer, und doch konnte er die Schwierigkeiten, die ſich ſeinem Wir⸗ ken entgegenſtellten, nicht veröffentlichen. Statt des klugen gütigen Leopold's ſaß der engherzige Franz auf dem Throne, der durch die franzöſiſche Revo⸗ lution geſchreckt in jeder Reform den Keim von Unruhen erblickte, der in jedem ſeiner Brüder einen Rivalen fürchtete, und daher jeden ihrer Freunde 233 und Anhänger ſyſtematiſch aus ihrer Nähe zu ent⸗ fernen ſuchte. Die Zeit war freilich vorbei, wo Kaiſer Leopold dem Palatin öffentlich ſeinen vä⸗ terlichen Dank bezeugte, weil dieſer die der Nation angelobte Treue heilig gehalten. Doch der Erz⸗ herzog konnte es dennoch nicht glauben, die brü⸗ derlichen Gefühle ſeien in Kaiſer Franz gänzlich erſtorben. Wie ſollte er, der ſein Glück haupt⸗ ſächlich im Familienleben ſuchte, kalt ſein gegen den Bruder, der ihm mit Offenheit entgegen kam. Dieſe Gedanken beſchäftigten den Erzherzog unaufhörlich; er war überzeugt, es müſſe ihm ge⸗ lingen jene Wolken zu verſcheuchen, die das Ge⸗ müth des Kaiſers umdüſterten. Hatte er doch alles gethan, was man von ihm verlangt hatte. Er fühlte es, daß wenn irgend jemand das Recht habe mit ſeinem Benehmen in der letzten Zeit unzufrie⸗ den zu ſein, daß dies nicht der Hof ſei, ſondern eher das Land. Hatte er ſeinen ſchwierigen Pflich⸗ ten nicht vollkommen Genüge geleiſtet, ſo war ſein Fehler, daß er die Freiheiten des Reiches nicht im vollen Maaße gewahrt hatte; die Vorrechte der Krone hatte er geſchützt.— Sollte denn ſein Bru⸗ 234 der, der Kaiſer, der einzige ſein, der dies nicht einſehe?— In ſolcher Stimmung erhielt der Erzherzog jetzt die Nachricht, daß der Kaiſer in drei Ta⸗ gen von Perſenbeug zurückkehren, und ſich dann gleich nach Laxenburg verfügen wolle.— Für den Palatin war dies eine angenehme Botſchaft, und er dachte gleich daran, die Ankunft des Kaiſers durch ein Feſt zu verherrlichen. Während ſeines Aufenthaltes in Larenburg hatte er ohnehin ſeine Lieblingsbeſchäftigung, Feuerwerke zu machen, nicht aufgegeben; ein alter Böhmiſcher Artilleriſt war ſein ausſchließlicher Geſellſchafter, der ihm bei die⸗ ſer Beſchäftigung half. „Prokop!“ rief er ihm zu, als er aus dem Schloſſe auf die Wieſe neben den Teich hinab⸗ kam, wo der alte Soldat Raketen verfertigte. „Wir müſſen etwas ganz Außerordentliches ma⸗ chen, ein Feuerwerk, über das die ganze Welt er⸗ ſtaunen ſoll.“ „Euer Kaiſerliche Hoheit, ich bin dazu ſchon ſeit mehreren Tagen bereit,“ antwortete dieſer. „Der Kaiſer kommt in drei Tagen hieher, wir 235 müſſen ihn überraſchen. Der Platz iſt überaus günſtig. Das alte Ritterſchloß hinter dem Teiche iſt ganz beſonders dazu geeignet, durch ein Feuer⸗ werk künſtlich erleuchtet zu werden. Der Spiegel des Waſſers wiederſtrahlt jeden Funken. Glaubſt Du nicht, es würde ſich auch gut ausnehmen ei⸗ nen Theil des Feuerwerks auf dem Kahn abzu⸗ brennen, der hier ſchwimmt?“ „Jedenfalls, Kaiſerliche Hoheit,“ ſagte der Ar⸗ tilleriſt. „Sei nur recht fleißig, ich verfertige gleich die Zeichnung zu den verſchiedenen Fronten. Das Schlußſtück ſoll die Girandola ſein. Wir machen ſie eben ſo brillant wie in Rom. Ich freue mich ganz beſonders auf den Effekt, den ſie machen wird.“ Damit ſetzte ſich der Erzherzog neben Prokop und füllte die langen Papierröhren mit Pulver. „Prokop,“ ſagte er plötzlich,„ich war nie in einer Schlacht; Du haſt ſchon manche geſehen, er⸗ zähle mir doch, was Deine Empfindungen waren, als Du zum erſtenmale dem Feinde gegenüber ſtandeſt.“ 236 „Euer Kaiſerliche Hoheit, ich habe mich mit fünfzehn Jahren freiwillig angeworben; zwei Jahre ſpäter brach der Krieg aus, und die Batterie, bei der ich diente, ſtand in der Schlacht von Loboſitz den Preußen gegenüber. Als ich die erſte feind⸗ liche Kanone aufblitzen ſah, die uns demontiren ſollte,— ich ſah, daß ſie gut ſchoſſen, da fiel mir gar nichts ein, ich war ganz dumm vor Angſt, und ich rief meinem Kameraden zu:„Hab ich das gebraucht hierher zu kommen?“ doch dieſer ſagte mir:„Fürchte Dich nicht, die Kugel iſt noch nicht gegoſſen, die uns trifft; doch ſie war gegoſſen, ſie war auch abgeſchoſſen, denn in demſelben Momente fiel er todt zu Boden; die Kanonenkugel hatte ihn mitten in die Bruſt getroffen.“ „Und da erſchrackſt Du?“ „Freilich erſchrack ich, aber man gewöhnt ſich bald an Blut, und ich habe ſpäter viele Kamera⸗ den ſterben ſehen, ohne daß mich das erſchüttert hätte; ich befolgte das Commando und kümmerte mich ſonſt um nichts anders. Das aber habe ich gewöhnlich geſehen, daß ſelten einer von denen, die 237 ſtarben, eine Ahnung hatten von dem Schickſale, dem ſie entgegengingen.“— „Wie lange haſt Du denn gedient?“ fragte der Erzherzog. „Ich habe den ganzen ſiebenjährigen Krieg mitgemacht, antwortete Prokop,„und den Türken⸗ krieg auch. Im Ganzen habe ich vierzig Dienſt⸗ jahre.“ „Und haſt Du Dich nie um den Abſchied ge⸗ ſehnt, um in Deine Heimath zu gehen?“ „Nein, Euer Kaiſerliche Hoheit, ich bin Sol⸗ dat, ich eſſe das Brot des Kaiſers, und trage den Rock des Kaiſers; ich habe genug, um mir am Sonntag eine Halbe Wein geben zu laſſen, und mit einem Mädel auf den Tanzboden zu gehen. Die Kaſerne iſt meine Heimath, ich tauge für keine andere Arbeit, als für die, bei der ich ſeit vierzig Jahren bin.“ „Hat es Dir denn nie um jene leid gethan, die Du im Kriege tödteteſt?“ „Was gehen die mich an,“ ſagte Prokop,„es ſind arme Kerle wie ich, ſie dienen ihrem König, 238 wie ich meinem Kaiſer für das tägliche Brot. Das Blut, das vergoſſen wird, das verantworten wir nicht, das ſollen die Könige und Miniſter verant⸗ worten; wir gehorchen blind dem Befehle, den wir erhalten. Doch mir ſcheint, es beginnt zu regnen, ich fürchte, das Feuerwerk wird uns naß,“ ſagte er nach einer Pauſe. „Du haſt Recht,“ ſagte der Erzherzog,„doch es iſt nur ein vorübergehender Schauer, in einer halben Stunde iſt es wieder ſchönes Wetter. Nimm ſchnell alles zuſammen, das Pulver, die Raketen, und alle unſere Werkzeuge, und ſtecke ſie hier im Gartenhaus unter das Sopha. Ich bleibe dort im Zimmer und werde ein wenig ausruhen, ich bin müde. Wenn der Regen vorbei iſt, poche an meine Thür.“ Prokop befolgte den Befehl des Erzherzogs, er legte das Feuerwerk unter das Sopha im Garten⸗ hauſe; doch als der Erzherzog auch in das Zim⸗ trat, rief er ihm zu: „Kaiſerliche Hoheit, gehen Sie doch in das Schloß hinauf! Die Luft iſt ſo dumpf hier im 239 Gartenhaus, es iſt nicht geſund hier zu ſein, die Wände ſind feucht, es könnte Ihnen ſchaden.“ „Was fällt Dir ein,“ ſagte der Erzherzog, und warf ſich auf das Sopha,„es iſt ein ſchönes luf⸗ tiges Zimmer, und ſeine Kühle iſt angenehm in dieſer Sommerhitze.“ „Kaiſerliche Hoheit, bleiben Sie nicht hier!“ bat der Artilleriſt nochmals,„es wird Ihnen ge⸗ wiß ſchaden, wenn Sie bleiben.“ „Sei nicht kindiſch Prokop!“ rief ihm der Erz⸗ herzog zu,„ſtöre mich jetzt nicht, und komme mich zu wecken, wenn es aufgehört hat zu regnen.“ Prokop zuckte die Achſeln und eilte fort, er war kaum zweihundert Schritte vom Gartenhauſe ent⸗ fernt, als ein plötzlicher Knall die Luft erzittern machte. Eine Exploſion hatte ſtattgefunden, das Gartenhaus war zerſtört der Erzherzog todt.— XXI. Epilog. Achtzehn Monate waren vergangen, ſeitdem die Gefangenen von Ofen abgeführt und in die ver⸗ ſchiedenen Feſtungen Oeſtreichs vertheilt worden waren. Einige von ihnen wurden in die finſtern Caſematten von Ollmütz geſperrt, andere kamen auf den Spielberg bei Brünn, Kazinczy und Szu⸗ lovſky nach Kufſtein, in das ſteile Tyroler Fels⸗ ſchloß. Die ungriſchen Gefangenen ſahen bald, daß ſie hier nicht ungewöhnliche Gäſte ſeien, wie ſie es in Ofen geweſen. Der Feſtungscommandant und der Profoß waren gewöhnt an die Klagen der Eingekerkerten, und abgehärtet gegen jedes Mitleid; feine Beſtechung konnte eine Erleichterung der Be⸗ 241 handlung herbeiführen, die harten Züge des Ker⸗ kermeiſters ließen ſich durch keine Bitte erweichen. Kazinczy und Szulovſty wurden in Ketten geſchla⸗ gen, das Rauchen wurde ihnen nicht geſtattet; ſie mußten die grobe Gefangenkleidung tragen, und ihre elende Koſt war nur gerade hinreichend, um das Leben zu friſten. Doch von allen Entbehrun⸗ gen fiel ihnen keine ſo hart, als die, daß ſie voll⸗ kommen von der Welt abgeſchloſſen waren; kein Brief von ihrer Familie gelangte zu ihnen; kein Buch, keine Zeitung wurde je in ihre Zellen ge⸗ bracht; niemand durfte ſie beſuchen; der mürriſche Profoß ſprach ſelten ein Wort mit ihnen, ſie waren begraben für die Welt. Ihre einzige Beſchäftigung war, Wolldecken und Strümpfe zu ſtricken, man betrachtete und behandelte ſie ganz wie Strick⸗ maſchinen. Kazinezy mit ſeinem philoſophiſchen Geiſte fand ſich auch bald in dieſe Lage; an ein contemplatives Leben gewöhnt, dachte er wenig an die Außenwelt, ſeine Gedanken beſchäftigten ihn hinlänglich. Doch der ungeduldige, leichtſinnige Szulovſky, der mit ihm in demſelben Kerker ein⸗ geſperrt war, konnte ſich nicht ruhig verhalten, und H. 16 242 quälte ſich und ſeinen Freund mit unaufhörlichen Vorwürfen und Klagen über ihr unverſchuldetes Leiden; an ein thätiges Leben gewöhnt, langweilte er ſich grenzenlos. Hauptſächlich plagte ihn die Neugierde. Seit dem Momente, daß ſie aus dem Franziskaner⸗Kloſter abgeführt worden waren, hatte jede Gemeinſchaft mit der Außenwelt für ſie auf⸗ gehört, ſie wußten nicht, was in der Welt geſche⸗ hen war. Der Name Bonaparte, der jetzt die Welt erfüllte, war nicht durch die Kerkermauern gedrungen, ſie ahnten den Flug des franzöſiſchen Adlers nicht; der Profoß hatte ihnen, als Szu⸗ lovſty ihn um Nachrichten beſtürmte, nichts mehr mitgetheilt, als daß Jvurdan in Deutſchland ge⸗ ſchlagen worden ſei, Marceau ſei gefallen, und Moreau über den Rhein zurückgedrängt worden. Als aber Bonaparte im Januar 1797 die fünfte Armee ſchlug, die ihm Oeſtreich entgegen ſandte, und mit dem Beginn des Frühlings mitten durch die Alpen gegen Wien vorzudringen begann, das keine neuen Heere mehr dem großen General ent⸗ gegen zu ſtellen hatte; als der Hof in Wien ſchon in Angſt gerieth, und Vorbereitungen zur Flucht —5— 243 machte, da kam plötzlich der Befehl nach Kußſtein, die Staatsgefangenen ſollten eiligſt weggeführt wer⸗ den, damit ſie nicht in die Hände der Franzoſen fielen. Es war Ende März, der Schnee lag noch hoch im Gebirge, als der Profoß gegen zehn Uhr des Morgens in die Zelle eintrat, ſie mit größerer Sorgfalt als ſonſt reinigte, und ſogar in dem Ka⸗ mine, in dem während des ſtrengen Winters nur ſelten einige Tannenſcheite geglimmt hatten, ein luſtiges Feuer anfachte. Kazinezy bemerkte dies alles kaum, doch für Szulovſty genügte dieſe Klei⸗ nigkeit, um ihn in die heiterſte Stimmung zu ver⸗ ſetzen.„Du wirſt ſehen,“ ſagte er zu Kazinczy, „von jetzt an werden wir beſſer behandelt, es müſ⸗ ſen in dieſer Hinſicht Befehle von Wien angelangt ſein, ohne Urſache hätte der alte brummige Profoß ſich für uns keine ſolche Mühe gegeben.“ Eine Stunde ſpäter kam der Feſtungscomman⸗ dant in den Kerker, viſitirte alles, und ſagte dann zu den Gefangenen:„Meine Herren, ich habe den Befehl erhalten, Sie noch heute von hier weg zu ſchicken; in einer Stunde reiſen Sie ab. Profoß 244 nehmt den Gefangenen die Ketten ab Leben Sie wohl.“ „Dürften wir es wohl wiſſen, Herr Major, wohin wir geführt werden ſollen?“ fragte Szu⸗ lovſty, während die Ketten von ſeiner Hand ab⸗ genommen wurden. „Nein,“ ſagte der Commandant barſch,„Sie werden es ſchon erfahren, wenn Sie am Orte Ihrer Beſtimmung angelangt ſind.“ Mit dieſen Worten entfernte er ſich. In wenigen Minuten ſaßen die beiden Gefan⸗ genen in einem geſchloſſenen Wagen zwiſchen zwei Soldaten. Eine Kavallerie⸗Abtheilung escortirte ſie von Station zu Stativn. Es wurde ihnen nicht geſtattet, die Wagen zu verlaſſen, ſie wußten es nicht einmal, in welcher Richtung die Reiſe ſich bewegte. Szulovſty grübelte fortwährend über die Urſache und den Zweck dieſer ihrer Reiſe. Doch vergebens; die Soldaten, die auf jeder Station wechſelten, hatten den Befehl, keine Antwort auf welche Frage immer zu geben, und ſo fuhren ſie ſtumm fort Tag und Nacht ohne Unterbrechung. Am achten Tage fuhr der Wagen gegen Abend — 245 eine ſteile Höhe hinan und hielt. Der Schlag wurde geöffnet und die beiden Gefangenen ſtiegen ab, ein Offizier führte ſie durch den Hof eines ausgedehnten Schloſſes in ein geräumiges Zimmer, und als ſie in der mondhellen Nacht aus dem Fenſter einen Blick auf die Gegend warfen, rief Kazinczy erfreut:„Wir ſind in Preßburg!“ Doch die lange Reiſe hatte ihn ſo ermüdet, daß er ſich gleich darauf auf das Bett warf das im Zimmer ſtand, froh, ſeine Glieder endlich ein⸗ mal wieder bequem ausſtrecken zu können. Der Offizier, der ſie in das Zimmer geführt hatte, ſetzte ſich am Tiſche in einen Lehnſtuhl und ließ das Haupt auf den Arm ſinken, er ſchien zu ſchlafen. Szulovſzky lief im Zimmer ungeduldig herum wie ein kleines Kind. „Wir ſind alſo endlich wieder im Vaterlande!“ ſagte er zu Kazinezy.„Was mag wohl jetzt die nächſte Wendung unſeres Schickſals werden? Ohne Urſache hat man uns doch nicht aus Kufſtein weg⸗ geführt,— und warum bringt man uns gerade her nach Preßburg?“ „Um uns morgen weiter zu führen,“ ſagte 246 Kazinczy.„Begnadigt ſind wir nicht, ſonſt hätte man uns dies ſchon in Kufſtein angezeigt; und welcher Laune immer wir es verdanken, daß man uns von dort weggeſandt hat, ſo bleibt der Kerker immer nur ein Kerker. Aber lieb iſt mir's doch, daß ich wieder heimathliche Luft einathme, ſie hat mich erfriſcht und geſtärkt.“ „Wahnſinniger Poet!“ jammerte Szulovſzly. „Was geht mich denn die ungriſche Luft an? Man kann ja von Luft nicht leben. In Kufſtein war ſie ja auch rein genug; es war ein wahres Abler⸗ neſt, wo wir eingeſperrt waren. Mir iſt es um andere Sachen zu thun; die Gefangenſchaft hat ja meinen Geiſt beinahe ganz getödtet, ich ſehne mich nach geiſtiger Nahrung. Ich möchte doch wiſſen, was in der Welt geſchehen iſt ſeit andert⸗ halb Jahren; ſie hat doch nicht ſtill geſtanden ſeit der Zeit, und ein großes Ereigniß muß vorgefal⸗ len ſein, ſonſt ſüßen wir noch in Kufſtein. O könnte ich nur ein einziges Zeitungsblatt für einige Minuten ſehen, ich wäre glücklich!“ „Du haſt nicht Unrecht,“ ſagte der Dichter, „es iſt furchtbar, ausgeſchloſſen zu ſein von dem 247 geiſtigen Leben der Menſchheit, zurück zu bleiben hinter ſeiner Zeit, und, ohne geiſtige Anregung von außen, bloß körperlich zu vegetiren. Doch die Vergangenheit kann man uns doch nicht entziehen, wenn man uns auch die Gegenwart geraubt hat, und an den Gefühlen der Vorzeit labt ſich der Geiſt doch, wenn er nicht nach jenen der Gegen⸗ wart lechzt, und gönnte man mir die Claſſiker in meinem Kerker, ich verlangte nichts anders mehr. Doch was hilft das Klagen, was hilft das Wünſchen, es verbittert unſer Unglück nur noch mehr! füge Dich daher endlich in Deine Lage, lie⸗ ber Freund, und lerne geduldig ertragen, was Du nicht ändern kannſt.“ „Predige doch nicht immer,“ il ihm jetzt Szu⸗ lovſzty ungeduldig ins Wort.„Jetzt habe ich es auch genug, für Dich iſt ja das Gefängniß keine Strafe, Du machteſt ja von jeher Deine Studier⸗ ſtube zum Gefängniß; Du ſaßeſt Tage lang un⸗ ter Deinen Claſſikern, beſchäftigt die Wurzeln der Wörter zu vergleichen oder lyriſche Herzensergüſſe in metriſche Formen zu zwängen. Wäreſt Du nicht ein Proteſtant, Du wäreſt längſt ins Kloſter 248 gegangen. Ich dagegen habe mich ſtets in der Welt geſchäftig herumgetrieben, ich liebte die Ge⸗ ſellſchaft und die Bewegung; für mich iſt der Ker⸗ ker eine doppelte Pein. Ich vertauſchte einen glück⸗ lichen Augenblick der Gegenwart nicht für ein gan⸗ zes Jahrhundert der Vergangenheit;— und was die Zukunft anbetrifft,— nun, ich wollte gern ein ganzes Jahr meines Lebens opfern, ja ich würde ein halbes Jahr länger im Kerker bleiben, wenn ich jetzt nur für vier kurze Stunden hinabgehen könnte in die Stadt, um in einem Kaffeehauſe die Zeitungen leſen zu können.“ Der Dichter ſtand jetzt von ſeinem Bette auf, trat ans Fenſter und meinte, ſo ſehr er auch in der Zukunft lebe,— denn an der Gegenwart könne ſich doch kein Freund der Freiheit erfreuen— ſo ſtimme er doch in dieſem Falle Szulovßzky bei, „und doch ſind dies geradezu Tantalusqualen,“ ſetzte er trübe fort,„wir ſehen wohl unten an der Donau die erleuchteten Fenſter der Stadt, doch ſehnen uns vergebens nach einem Genuſſe, den alle Bewohner der Stadt ſo leicht haben können und den die meiſten gar nicht vermiſſen, denn das Be⸗ 249 dürfniß des Leſens iſt doch nur ein Bedürfniß der Minderzahl. Lege Dich ſchlafen!“ rief er Szu⸗ lovſzky nach einer Pauſe zu,„es iſt klüger, ſo thörichte Wünſche zu vergeſſen als ſie zu unſerer Qual zu nähren.“ „Ja wer heute ſchlafen könnte,“ ſagte Szu⸗ lovſzty,„ſo müde ich auch bin, ſchließe ich meine Augen vergebens, ſo thöricht auch mein Wunſch iſt, verfolgt er mich doch unaufhörlich.“ Der Offizier, der die Gefangenen bis jetzt gar nicht beachtet hatte, ſtand nun plötzlich vom Tiſche auf, an dem er gelehnt hatte, und die ſtarren blei⸗ chen Züge ſeines Geſichtes machten einen tiefen Eindruck auf Kazinczy. Er näherte ſich Szulovſky und ſagte: „Ich ſehe, Sie wünſchen mit ihrem Freunde in die Stadt hinab zu gehen, um dort Zeitungen zu leſen. Sie ſetzen, wie es ſcheint, einen außer⸗ ordentlichen Werth darauf, Sie betrachten einige Stunden der Freiheit als ein Glück! Ich beneide Sie in dieſem Augenblick um Ihre Empfindungen und es freut mich, daß ich Ihrem Wunſch will⸗ fahren kann. Sie ſind frei für dieſe Nacht!— 250 Nehmen Sie meinen Ueberrock, Ihr Freund püllt ſich in meinen Mantel, ich führe Sie ſelbſt durch die Wachen bis an den Fuß des Hügels. Doch Sie geben mir Ihr Ehrenwort, daß Sie Schlag drei Uhr nach Mitternacht wieder an derſelben Stelle ſind, damit ich Sie auf dieſelbe Art zurück⸗ führen kann. Es iſt jetzt eben zehn Uhr vorbei, Sie haben volle fünf Stunden Zeit; vergeſſen Sie aber nicht, daß ich mit meiner Ehre für Sie hafte, und wenn Sie fliehen, vor ein Kriegsgericht ge⸗ ſtellt werde. Um ſechs Uhr in der Frühe werden Sie weiter geführt, um von nun an in den Ker⸗ kern von Munkaes zu ſchmachten.“ Szulovſzky war einen Augenblick erſtarrt vor Ueberraſchung, doch, gegen ſeine Gewohnheit, gab er, ohne viel Worte über ſeine Dankbarkeit zu machen, raſch das Verſprechen, zur beſtimmten Stunde zurückzukehren. Er zog den Ueberrock des Offiziers an, Kazinczy warf deſſen Mantel um die Schultern und drückte dem Offizier dankbar die Hand, der die beiden Gefangenen durch den Schloß⸗ hof neben den Wachen vorbeiführte und ihnen die Straße wies, auf der ſie am nächſten in das Kaf⸗ 251 fehaus neben dem Ständehaus kommen konnten, wo die Thüren nie geſchloſſen wurden; denn zu der Zeit, wo die Spieler den Spieltiſch am Mor⸗ gen zu verlaſſen pflegten, erſchienen ſchon die or⸗ dentlichen Bürger in denſelben Sälen, ihr Früh⸗ ſtück zu nehmen. Kazinczy und Szulovſzky hatten in den erſten Momenten keine Zeit, ſich mit der Löſung des pſy⸗ chologiſchen Räthſels zu befaſſen, warum eigentlich der Offizier ihnen, den Unbekannten, eine Gunſt gewährt hatte, die ſie kaum von einem Freunde hätten anſprechen können; ſie dachten nur daran, die Stunden der kurzen Freiheit zu genießen, die ihnen der Züfall ſo unerwartet gegönnt hatte. Sie eilten hinab in die Stadt, ſie verlangten im Kaf⸗ feehauſe die Zeitungen und ſtillten endlich wieder ihre Neugierde. Aus Furcht erkannt zu werden und den Offizier zu compromittiren, enthielten ſie ſich jedes Geſpräches; doch es war ein langent⸗ behrter Genuß für ſie, andere Geſichter zu ſehen als die des Gefangenwärters. Die Stunden, die ihnen oft im Kerker endlos ſchienen, verfloſſen wie Minuten; doch die Uhr an der Cathedrale ſchlug 252 zwei und erinnerte ſie an ihr gegebenes Wort. Sie ſtanden vom Tiſche auf, an dem ſie in ihre Zeitungen vertieft geſeſſen hatten und verließen das Kaffeehaus, um einen kurzen Spaziergang am Do⸗ nauufer zu machen. Sie erfreuten ſich der ſchö⸗ nen lauen Märznacht, und obgleich die Bäume noch in winterlicher Kahlheit daſtanden, waren ſie Beide doch entzückt von dem belebenden Hauch der Frühlingsluft. Sprachlos gingen ſie hinauf längs der Donau, Kazinczy war ganz verſunken in dem langentbehrten Genuß der Natur, und ſelbſt der unruhige Szulovſzky war ernſt und weich gewor⸗ den; eine feierliche religiöſe Stimmung hatte ſich ihrer bemächtigt. Doch eine Viertelſtunde verging nach der an⸗ dern, ſie ermannten ſich endlich, und ehe noch die dritte Stunde ſchlug, waren ſie wieder am Schloß⸗ berge, wo ſie die Geſtalt des Offiziers ſchon von ferne erkannten, der ſie erwartete. Sie eilten auf ihn zu, er ſchien erſtaunt zu ſein als er ſie kom⸗ men ſah und führte ſie ſchweigend in den Saal zurück, aus dem er ſie wenige Stunden früher ent⸗ laſſen hatte. Als ſie eingetreten waren und die 253 Thüre ſich hinter ihnen ſchloß, ſagte Kazinczy zum Offizier: „Nehmen Sie unſern herzlichſten Dank für Ihre Freundlichkeit, für das Vertrauen, das Sie in uns geſetzt haben,— die wenigen Stunden der Freiheit, die wir genoſſen haben, waren unſchätz⸗ bar für uns, und ſelbſt in der Erinnerung wer⸗ den ſie uns die Leiden des Kerkers verſüßen.“ „Ach daß ſie ſo kurz dauerten!“ rief Szu⸗ lovſzly aus.„Jetzt ſind ſie vorbei und wir ſind wieder Gefangene wie zuvor! Doch das iſt nicht Ihre Schuld, Herr Hauptmann, Sie haben mehr gethan als wir je hätten erwarten können, zählen Sie ſtets auf unſern Dank. Nun, unſere Gefan⸗ genſchaft wird ja auch nicht ewig währen, und iſt ſie einſt zu Ende, dann beſuchen Sie mich auf meinem Gute. Sie werden empfangen werden wie ein Bruder.“ „Sie haben mir nichts zu danken,“ erwiederte der Offizier,„denn ich bin Ihr Schuldner, nicht Sie die meinigen. Ich verdanke Ihnen viel mehr als Sie mir, ich verdanke Ihnen mein Leben.“ „Sie ſcherzen,“ ſagte Szulovſzky,„wir ſehen 254 uns heute zum erſtenmale, wir haben uns nie in der Welt begegnet, wie können Sie uns das Le⸗ ben verdanken?“ „Ich ſcherze nicht,“ bemerkte der Offizier ernſt und ſetzte ſich;— die Gefangenen ſahen einander erſtaunt an. „Dürfen wir Sie wohl darum bitten, uns dies Räthſel zu löſen,“ ſagte jetzt Kazinczy,„denn Ihre Worte ſind uns ganz unerklärlich.“ „Es iſt jetzt halb vier Uhr,“ ſagte der Offi⸗ zier,„wenn Sie nicht müde ſind und es Sie in⸗ tereſſirt, ſo kann ich Ihnen ſehr leicht das Räthſel löſen; doch Sie bedürfen der Ruhe und um ſechs Uhr fahren Sie fort.“ Die Gefangenen ſetzten ſich zu ihm an den Tiſch und verſicherten, daß ſeine Erzählung jedenfalls angenehmer für ſie ſei als der Schlaf, und der Offizier begann: „Mein Leben war bis zu dieſer Stunde nichts als eine Reihe von Täuſchungen. Seit meiner Kindheit habe ich nichts ſo gehaßt wie die Lüge und Falſchheit. Ich habe nie etwas anderes von der Welt verlangt als Wahrheit,— ſie ward mir nie. Meine Mutter pflegte dies Gefühl in mir; denn ſie glaubte, es werde, wie die Magnetnadel dem Schiffer, mir ſtets den rechten Weg weiſen, es wurde mein Fluch. Sie ſtarb als ich noch in der Schule war, mein Vater war ihr lange voran⸗ gegangen. Die Lehren, die ſie mir eingeprägt hatte, vergaß ich nie, ich verachtete jede Schmeichelei und meine Aufrichtigkeit und Offenheit wurde für Stolz und Verſtocktheit gehalten. Ich konnte mir nicht die Liebe meiner Schulkameraden erwerben; ich war ſtets einſilbig und verlaſſen inmitten ihrer luſtigen Scherze. Doch ich tröſtete mich darüber. Ein mütterlicher Verwandter war mein Vormund. Ich hatte die ganze Liebe, die ich für meine Mutter hegte, auf ihn übertragen. Sein Sohn, im glei⸗ chen Alter mit mir, war mein Spielkamerad. Ich hing an ihm mit ſchwärmeriſcher Freundſchaft. Ich galt für reich, meine Lehrer in der Schule waren zufrieden mit meinem Fleiße, und als ich meine Studien geendet hatte und vollährig ge⸗ worden war, winkte mir die glänzendſte Zukunft. Ein liebenswürdiges Mädchen war meine Braut; ich wähnte mich geliebt von ihr, ich war glücklich. Nichts hinderte unſere Verbindung, ihre Eltern fanden ſie ſehr annehmbar und in wenigen Mo⸗ naten, ſo hoffte ich, ſollte unſere Vermählung ge⸗ feiert werden, als mich plötzlich ein Geſchäftsbrief in die Hauptſtadt rief. Ein Prozeß in Hinſicht des Teſtaments meines Großvaters ſollte entſchie⸗ den werden; mein früherer Vormund hatte ver⸗ ſchiedene Anſprüche ſchon gegen meinen Vater gel— tend gemacht; doch ich kümmerte mich nicht viel um den Ausſpruch des Gerichtes, mein Sinn war nicht auf Vermögen gerichtet. Meine Braut weinte als ich ſchied und ich bat meinen Vetter, meinen beſten Freund, wie ich glaubte, ſie oft zu ſehen, um mir fleißig Nachricht über ſie zu geben. Meine Abweſenheit verzögerte ſich, der Prozeß hielt mich lange in der Hauptſtadt zurück; die Briefe des Mädchens athmeten die innigſte Liebe,— endlich wurde die Streitſache entſchieden; ein bedeutender Theil meines Vermögens wurde meinen Verwand⸗ ten zugeſprochen. So ungerecht auch dieſes Ur⸗ theil war, ſo freute ich mich doch, daß mein lan⸗ ger Aufenthalt in Wien dadurch nun endlich ein Ende nahm. Ich eilte zurück zu meiner Braut, 257 ich fand ſie verändert, ſie war weniger innig als ſonſt, ihre Eltern verſchoben die Vermählung, und wichen augenſcheinlich jeder Erklärung aus, ich forderte ſie endlich, und erhielt— einen Abſage⸗ brief. Getäuſcht in meiner Liebe ſchloß ich mich in meinem Schmerze noch mehr meinem Freunde an; doch auch ſein Benehmen war verändert, in einigen Tagen erfuhr ich, er ſei der Bräutigam des Mädchens, das ich geliebt hatte! Ich war in Verzweiflung, der Verwandte, der Freund, die Geliebte hatten mich betrogen, ich ſah überall um mich herum nichts als Eigennutz, Lüge, Heuchelei und Verrath. Da brach der Krieg mit Frank⸗ reich aus, für mich war dies eine erwünſchte Ge⸗ legenheit, ich ward Soldat. Im Angeſichte des Todes, ſo glaubte ich damals, müßten doch die niedrigen Leidenſchaften der Menſchen aufhören; ich war überzeugt, ich würde auf dem Schlacht⸗ felde entweder den Tod oder aufrichtige Freunde finden. Vor dem Ernſte des Todes, der uns ſtets bedrohte, muß ja, ſo glaubte ich, die Kleinlichkeit und der Egoismus der Menſchen verſchwinden und jede Maske der Verſtellung fallen. Und dennoch n. 17 258 täuſchte ich mich wieder. Ich ſah, daß das Schlach⸗ tenfeuer, dem meine Kameraden ſo oft unerſchrok⸗ ken trotzten, doch die Schlacken ihres Gemüthes nicht reinigte, Neid und Selbſtſucht herrſchten hier nicht minder als in der Geſellſchaft; ſelbſt im Tode des Vordermannes ſah der Hintermann nichts an⸗ deres, als ein offenes Avancement, und wenn am Abend nach der Schlacht wir unſern Verluſt zähl⸗ ten, wurde in demſelben Augenblicke, wo unſerer Kameraden erwähnt wurde, deren Leichen noch nicht erkaltet waren, nur auf die Aenderung Rückſicht genommen, die ihr Tod in der Armeeliſte hervor⸗ bringen werde; die tägliche Gefahr vermehrte nur den Leichtſinn und die Genußſucht. Eine tiefe Menſchenverachtung ergriff nun meine Seele, mich eckelte die ewige Lüge, die mich umgab, ich hatte den Glauben an die Menſchheit verloren, ich ſah nicht ein, daß es der Mühe werth ſein könne, zu leben, ich war müde und überdrüſſig meines Le⸗ bens, ich wünſchte mir den Tod; doch vergebens ſuchte ich ihn im Schlachtgetümmel, die Kugeln ſchienen mir auszuweichen, ich avancirte raſch, mein Name ward in den Bulletin's erwähnt, Orden 259 belohnten meine Tapferkeit und Todesverachtung, wie man es nannte, meine Kameraden beneideten mich, ſie wußten es nicht, daß es bloß Lebens⸗ überdruß war, der mich erfüllte, daß, während ich mit Auszeichnungen überſchüttet wurde, ich an Selbſtmord dachte. Ich war entſchloſſen meinem Leben, das für mich eine Laſt geworden war, ein Ende zu machen. In dieſer Gemüthsſtimmung war ich geſtern, als ich zufällig Ihr Geſpräch mit anhörte. Düſtere Gedanken drängten ſich in wü⸗ ſter Verwirrung in meinem Kopfe, als plötzlich mir der Einfall kam, ich ſollte doch noch einen letzten Verſuch machen, ob denn die Menſchheit ganz der Selbſtſucht und der Lüge verfallen ſei. Ich führte Sie daher hinab in die Stadt, ich gab Ihnen die Freiheit für einige Stunden zurück. Sie waren wieder unter Ihren Landsleuten, in Ihrem Vaterlande, Sie konnten fliehen, Ihre Freunde, Ihre Familien winkten Ihnen in der Ferne, nichts hielt Sie zurück, als Ihr Wort, das Sie einem Unbekannten gegeben hatten! Ich war überzeugt, Sie würden nicht zurückkehren in Ihren Kerker, die Gelegenheit war ja ſo verführeriſch, die ich Ihnen 7 260 gewährt hatte. Wären Sie um drei Uhr nicht gekommen, ſo war mein Schickſal entſchieden. Dieſe Piſtole iſt geladen, ſie war für mich beſtimmt. Doch Sie hielten Ihr Wort, das Sie einem Schergen jener Regierung gegeben hatten, die Sie, wie man erzählt, ungerecht zu langwierigem Kerker verur— theilt hatte. Sie hielten ſich durch Ihr Wort ge⸗ bunden;— dies giebt mir neues Vertrauen zur Menſchheit, ich kann an ihr dennoch nicht verzwei⸗ feln,— ich habe mich entſchloſſen zu leben.— Sie ſehen, Ihr Benehmen hat mich gerettet, es hat mich moraliſch aufgerichtet.“ Er ſchwieg und Kazinczy ſagte nach einer Pauſe:„Es giebt alſo noch Unglücklichere, als wir ſind!— Wir haben ſelbſt im Kerker nie an der Menſchheit verzweifelt. Hab' ich nicht Recht, Szulovſzky?“ Doch Szulovſzky antwortete nicht, er war auf ſeinem Stuhle feſt eingeſchlafen, und erwachte erſt, als ihn Kazinczy aufrüttelte, denn es begann zu tagen. Der Hauptmann übergab das Commando des Transportes einem andern Offizier, die Ge⸗ fangenen wurden hinabgeführt zum Schloßthore, 261 und ſetzten ſich lautlos in den verſchloſſenen Wa⸗ gen, der raſch fortrollte.—— Jahre vergingen, nach und nach wurden die Gefangenen aus den Kerkern entlaſſen. Kazinczy, Szulovſzky und ihre Gefüährten, die zum Tode ver⸗ urtheilt geweſen waren, erſt im Jahre 1803, ſie hatten neun Jahre ihres Lebens im Geftngniß verlebt. Als ſie endlich frei geworden waren, ſa⸗ hen ſie ſich um im Lande, und erkannten es nicht mehr. Eine neue Generation war ſeitdem auf⸗ gewachſen. Leichtſinn und Genußſucht hatten ſich der Gemüther bemächtigt; der conſtitutionelle Sinn der Nation begann zu erſchlaffen, niemand dachte mehr an die Hingerichteten, niemand an den un⸗ glücklichen Erzherzog. Die Gefangenen ſelbſt wa⸗ ren fremd geworden im eigenen Vaterlande, man ſcheute ſich, ihnen zu nahen, obgleich niemand wußte, was ihr Verbrechen geweſen ſei. Kazinczy und Szulovſzky erkundigten ſich gleich um den Offizier, mit dem ſie auf ſo eigenthümliche Weiſe bekannt geworden waren; aber ſein Name ſtand nicht mehr im Militairſchematismus, er war einige Jahre frü⸗ her in der Schlacht bei Marengo gefallen. 262 Abaffy war in die Türkei geflohen, man wußte die Motive ſeiner Flucht ſich nicht zu erklären. Er hatte ein junges Mädchen entführt, doch dieſe Entführung geſchah merkwürdiger Weiſe zu der⸗ ſelben Zeit, als die Nachricht von dem Tode des Erzherzogs ſich verbreitete, und der Iuder curiae, Graf Zichy, und der Präſident der Königlichen Tafel, Joſeph Urményi, ihrer Aemter plötzlich ent⸗ hoben worden waren. Abaffy kam erſt dann zu⸗ rück, als die Gefangenen auch aus ihren Kerkern entlaſſen worden waren. Doch weder er noch ir⸗ gend ein anderer ſeiner Leidensgefährten nahmen je wieder activen Theil an der Politik, ſie ſpra⸗ chen nie über Martinovies vder den Prozeß. Szu⸗ lovſzky zog ſich auf ſein Gut zurück, und war leicht⸗ ſinnig wie zuvor. Kazinczy warf ſich mit voller Energie auf das Studium der Philologie, und hatte noch manchen harten Kampf mit den An⸗ hängern der alten Schule zu kämpfen, doch er er⸗ lebte noch die Genugthuung, daß, als die ungri⸗ ſche Academie im Jahre 1830 gegründet wurde, er der erſte war, den man als den größten Meiſter des ungriſchen Styles zum Academiker ernannte. ——— 263 Batſänyi hatte 1809, als Kaiſer Napoleon an der Spitze ſeiner ſiegreichen Armee nach Wien gekommen war, den Franzoſen einige Dienſte ge⸗ leiſtet, und wurde durch die Oeſtreicher nach Linz verwieſen, und unter polizeilicher Aufſicht gehalten. Es war ein freundlicher, redſeliger Alter, den es nicht wenig erfreute, als er erſt vor wenigen Jah⸗ ren zum Mitglied der ungriſchen Academie erwählt wurde, denn er glaubte er ſei ſchon vollkommen vergeſſen in ſeinem Vaterlande. Doch wenn ſeine jüngeren Collegen die Zeiten Martinovic's er⸗ wähnten, dann wurde er ernſt und brach das Ge⸗ ſpräch ab. Nur wenige der Mitglieder der geheimen Ge⸗ ſellſchaft erlebten die Zeit, wo der öffentliche Geiſt in Ungarn wieder erwachte, und wo auf jene lange Periode der Abſpannung und Apathie, die 1796 eintrat und bis 1825 dauerte, von neuem ein re⸗ ges conſtitutivnelles Leben folgte. Doch es geſtal⸗ tete ſich anders, als ſie es einſt erwartet hatten; es waren nicht die Anſichten des Abtes, die ſich Bahn gebrochen hatten; ſondern jene von Oz. Während des Landtags 1839 erregte in Preßburg ein Greis die 264 öffentliche Aufmerkſamkeit, der jeder Sitzung regel⸗ mäßig beiwohnte, und den Discuſfionen aufmerkſam zuhörte. Es war Szlävy, der letzte von jenen, die beinahe ein halbes Jahrhundert früher zum Tode verurtheilt worden waren; und als bei der Revi⸗ ſion des Strafeoder die Modification des Hoch⸗ verrathsprozeſſes an die Tagesordnung kam, da mochte er wohl oft der Worte ſeines Freundes Oz ſich erinnert haben. Die Tage von Ungarns Ruhm und Ungarns Unglück erlebte auch er nicht. Daß Fekete der glückliche Gatte Lenke's wurde, und daß ſich beide oft in Moſotz bei der Baronin Révay und Ladislas, ihres Freundes Szolareſek. mit Wehmuth erinnerten,— brauchen wir dem Leſer wohl kaum zu erwähnen. Graf Szapanh ging auf ſeine Güter und kam nie mehr nach Hofe.— Ende. Gedruckt bei A. W. Schade in Berlin, Grünſtr. 18. — 2 ——— ſin 8 9 10 11 12 13 14 16 ſſſſſſſimm 17 18 1 20