F ee, S Leihbibliothek᷑ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und Seſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 offen. 2. Lesepreis. Bei ückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(äution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe veſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. beträ für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mt 50 Pf. 2 Mt.— Pf. „ 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und igt 6 Answürtige Wonnenten haben für Hin und Zurückſendung der Bücher auf ihre ei enen Koſten und Gefahr ſeibſt zu ſorgen. atz. 1 beſchmutzte, zerriſſene, verlorene unv bt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ oder Buch der Leſer zum 6 rſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Dieſelbe 9 6. Schadeners defecte Bücher(Gamentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß ver Ladenpreis erſe ve ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt 1 lbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam Lemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch vafür zu ſtehen haben. 1 — ( Der Musikantenthurm. Roman in fünf Büchern von Robert Prutz. „In doloribus pinxit.“ Friedrich Wilhelm I. von Preussen. Dritter Theil. Leipzig: F Brochhaus. 1855. Irhalt des dritten Theils. Diertes Zuch. Der Amerikaner. Seite Erſtes Capitel. Herr und Diener........ 3 Zweites Capitel. Ein Beſuch am Krankenbett.. 15 Drittes Capitel. Der geheime Botſchafter..... 26 Viertes Capitel. Nachwirkungen............. 35 Fünftes Capitel. Ein würdiges Ehepaar...... 58 Sechstes Capitel. Vor dem Gewitter........ 82 Siebentes Capitel. Das peinliche Verhör..... 96 Achtes Capitel. Kämpfe und Zweifel..... 08 Neuntes Capitel. Der Präſident............- 118 Zehntes Capitel. Rechtliche Bedenken........ 32 Elftes Capitel. Friedensſchluß............. 154 Zwölftes Capitel. Das Vermächtniß des Predigers 163 Dreizehntes Capitel. Die Entdeckung......... 174 Vierzehntes Capitel. Vorbereitungen......... 206 Funfzehntes Capitel. Der Menſchenfreund.... 220 VI Fünftes Zuch. Der Doppelgänger. Erſtes Capitel. Werkthätige Liebe.......... Zweites Capitel. Verſtändigungen........... Drittes Capitel. Wachſendes Vertrauen....... Viertes Capitel. Der verhängnißvolle Zettel.. Fünftes Capitel. Der Ueberfall..... Sechstes Capitel. Der Vogel iſt ausgeflogen.. Siebentes Capitel. Herr Kroppenberg taucht Achtes Capitel. Ein Sterbebett.......... Neuntes Capitel. Das Gewitter ſchlägt ein Zehntes Capitel. Mutter und Sohn......... Elftes Capitel. Die Schreckensnacht... Zwölftes Capitel. Zwei Flüchtlinge... Dreizehntes Capitel. Schluß..... Viertes Buch. Der Amerikaner. Der Muſikantenthurm. III. Erstes Capitel. Herr und Diener. Im Muſikantenthurm war am nächſten Morgen große Bewegung; Frau Schmähling, die Ma⸗ gere, Dünne, ließ den emporgerichteten Finger noch einmal ſoviel telegraphiren als ſonſt, und Frau Meier und Frau Melzer und wie die übri⸗ gen Damen des Thurms weiter hießen, ſtanden ihr im Fragen, Ziſcheln und Bewundern redlich bei. Nur Frau Lux, die Hausmutter, klapperte heute weniger mit den Schüſſeln, und ſelbſt ihre harte, rauhe Stimme klang etwas gemä⸗ ßigter. Sehr natürlich: ihr Mann, Herr Lux, der 1* 4 Weiſeſte aller Sterblichen, der Abgott aller Frauenzimmer, war über Nacht plötzlich zurück⸗ gekehrt. Er ſah noch ebenſo weiſe und ebenſo ehrfurchtgebietend aus wie ſonſt; nur ſeine Naſe ſchien noch etwas ſpitzer geworden zu ſein, und die eigenthümliche Bewegung, mit der er den Rücken der Hand gegen die Naſenſpitze rieb, gelang ihm heute noch beſſer und wurde noch häufiger in Anwendung gebracht. Das deutete alle mal auf große innere Bewegung bei dem Herrn Lux, und mit ſtummer Ehrfurcht betrach⸗ teten ihn die alten Frauen, wie er ſtelzbeinig, mit emporgerichtetem Kopfe, gleich einem Hahn, der ſeine Hennen inſpicirt, über den Hof ſchritt, die ſcharfen, klugen Augen bald hier, bald dort ſchweifen ließ und bald in dieſes, bald in jenes Fenſter einen kurzen, gnädigen Morgengruß hin⸗ einrief. Allein darauf beſchränkten ſich auch alle ſeine Aeußerungen. Wie bedeutungsvoll, wie inhalt⸗ — 5 reich ſah der Mann aus! Indem er ſich jetzt mit dieſer nachläſſigen Miene die Aermel in die Höhe ſtreifte, daß die dicken, knochigen Hand⸗ gelenke noch deutlicher hervortraten, welch ein Sie⸗ gel des Geheimniſſes lag auf ſeiner Stirn! Und wie gern hätte man ein wenig daran herum⸗ geknuspert! Nur ein ganz klein wenig! Er war ſo plötzlich abgereiſt— wohin? in weſſen⸗ Auftrag? in welchen Geſchäften? und war nun ebenſo plötzlich wiedergekehrt, Niemand wußte woher, noch mit welchem Erfolg. Stand die geheimnißvolle Reiſe vielleicht im Zuſammen⸗ hang mit der Zukunft des Muſikantenthurms ſelbſt, die, wie wir wiſſen, ziemlich ungewiß und ſchwankend war? Man wußte, daß Herr Lux die rechte Hand des Regierungsraths, und auch bei dem alten Präſidenten, dem vor⸗ nehmſten Manne der Stadt, ſtand er in nicht geringem Anſehen— wußten ſie um den Zweck der Reiſe? hatten ſie ihn vielleicht ſelbſt ver⸗ 6 ſchickt? Und wer wird der Glückliche ſein, dem er ſeinen erſten Beſuch heute macht? Aber das Meer iſt unergründlich, und Herr Lux war noch viel unergründlicher; ſelbſt die kleine, hitzköpfige Frau Meier, in der langſchö⸗ ßigen Jacke, hätte ſich wol eher die Zunge abgebiſ⸗ ſen, ehe ſie es gewagt hätte, Herrn Lur mit einer vorwitzigen Frage beſchwerlich zu fallen. Auch Frau Lux wußte entweder nicht mehr wie die Uebrigen, oder wenn ſie wirklich etwas wußte, ſo war ſie doch ebenfalls von ſo verſchwiegenem Charakter, daß jeder Verſuch, ſie zum Plaudern zu bringen, eine reine Thorheit geweſen wäre. Selbſt als Herr Lux, mit einem friſchgewaſche⸗ nen weißen Tuch um den Hals, in das ſein Kinn ſich behaglich eingrub, wie ein Bär in den Schnee, den Muſikantenthurm endlich ver— ließ, um ſeine Geſchäfte in der Stadt zu be⸗ ſorgen, wußte er ſich ſo künſtlich zu drehen und zu wenden und ſo viele Kreuz⸗ und Quer⸗ ʒi ge ſi em e iſ⸗ ner uch die te, nen dern ärt. che⸗ ein 7 gänge einzuſchlagen, daß ſelbſt die kluge Frau Melzer, die ihm heimlich ein Stück nachgegan⸗ gen war, nicht herausbringen konnte, wohin er ſich eigentlich gewendet. Wir aber, denen der Zaubermantel der Dich⸗ tung zugebote ſteht, dürfen das Geheimniß verrathen. Es war ſehr unſchuldiger Natur: ſein erſter Gang war zum Regierungsrath, als ſeinem Vorgeſetzten, bei dem er ſich nach abge⸗ laufenem Urlaub pflichtſchuldigſt wieder meldete. Er traf den Regierungsrath in ſehr ſchlechter Laune; die durchſchwelgte Nacht äußerte ihre gewöhnlichen Folgen, und war es alſo unter dieſen Umſtänden doppelt anzuerkennen, daß Rudolf, der ſich bekanntlich nicht zu überarbei⸗ ten pflegte, ſich heute ſchon ſo frühzeitig an die Acten gemacht hatte. Er ſtand, die Feder hin⸗ ter dem Ohr, hinter einem Haufen von Papie⸗ ren und Rechnungen, ſchien jedoch mit dem Reſultat ſeiner Nachforſchungen nicht im min⸗ 8 deſten zufrieden zu ſein. Bei Lux' Eintritt fiel ihm ſichtlich ein Stein vom Herzen. „Gut“, rief er,„daß Sie endlich wieder⸗ kommen, Lux! Das iſt eine ſchöne Geſchichte hier, die man uns einrühren will; haben Sie auch ſchon davon gehört? Da iſt wieder ſo eine verwünſchte Geſellſchaft unterwegs, ſo eine Commiſſion aus der Hauptſtadt— Herr Gott, ſo wollte ich doch, daß der ganze alte Thurm in Trümmer fiele und ſchlüge das ganze Bettel⸗ pack auf einmal todt, meinetwegen mitſammt der Commiſſion! Es iſt nichts als unnöthige Schererei und Plage, die wir davon haben; mein Onkel, der Präſident, drängt und mahnt, wir ſollen nur ja hübſch Alles in Ordnung bringen, damit die Commiſſion keine Veranlaſ⸗ ſung zur Beſchwerde findet— man weiß ja ſchon, wie dieſe Herren aus der Hauptſtadt ſind und daß es ihnen alle mal das größte Ver⸗ gnügen macht, uns arme Beamte in der Pro⸗ em tel⸗ umt hige en; nt, ng 9 vinz, die wir drei mal mehr zu thun haben als ſie, zu ärgern und zu knechten.“ „Das iſt eine böſe Geſchichte“, pflichtete Herr Lux bei, indem er ſich eifrig die Naſe rieb. „Eine ſehr böſe“, wiederholte der Regierungs⸗ rath,„und ich bin, wie geſagt, nur froh, daß Sie wenigſtens wieder da ſind, guter Lux— ich kann mich aus dieſen Papieren nicht zurecht⸗ finden, weiß der Himmel woran es liegt! Ich finde da Ausgaben, über die nicht quittirt iſt, Quittungen, zu denen keine Ausgaben vermerkt ſind, Rechnungen, die nicht ſtimmen, Kaſſen⸗ abſchlüſſe ohne Belege— da, guter Lur, Sie wiſſen ja mit Allem Beſcheid und haben Alles unter ſich gehabt, nehmen Sie mir den Wuſt vom Halſe und bringen Sie ihn in Ordnung!“ Der Regierungsrath hatte, während er dieſe Worte ſprach, den Kopf tief zwiſchen den Acten gehabt; jetzt ſchob er ſie ſeinem Vertrauten mit einer Handbewegung zu, als ob er nicht blos 1** 10 froh ſei, ihrer los zu ſein, ſondern auch den feſten Entſchluß habe, ſie niemals wieder zu be⸗ rühren. Aber Herr Lux trat zwei Schritte zurück; er verneigte ſich ſo tief, daß nicht blos das Kinn, ſondern gleichſam das ganze Eeſicht in dem weißen Halstuch untertauchte.„Zu viel Ehre“, ſagte er dann,„Herr Regierungsrath; ich bin immer nur ausführendes Werkzeug ge⸗ weſen, die Befehle und Anordnungen ſind im— mer von dem Herrn Regierungsrath ausgegan⸗ gen oder doch ſtreng in ſeinem Namen; ſtimmt jetzt etwas nicht, ſo waſche ich meine Hände in Unſchuld. Der Regierungsrath biß ſich auf die Lip⸗ pen:„So helfen Sie mir wenigſtens, guter Lux, damit es ſtimmt; dieſes Kaſſen⸗ und Rech⸗ nungsweſen iſt mir in den Tod verhaßt und ich habe mich niemals damit zurechtfinden kön⸗ nen. Da ſehen Sie her: dies ſind die Summen, den Lip guter Rech⸗ und fön⸗ men, 11 welche in den beiden letzten Jahren für den Muſikantenthurm vereinnahmt ſind, und dies ſind die Ausgaben, über die ein Beleg vorhan⸗ den iſt; es ergibt ſich da ein Deficit von— von—“ Der Regierungsrath rechnete, daß ihm der Schweiß vor die Stirn trat; Herr Lux ſteckte die lange Naſe ebenfalls in die Zahlen, aber ſichtlich nur aus Gefälligkeit. Auch zog er ſie gleich darauf wieder zurück, und das mehrer⸗ wähnte Manöver wiederholend, ſagte er mit vorſichtig flüſternder Stimme:„Der Herr Re⸗ gierungsrath werden die paar Capitälchen ver⸗ geſſen haben, welche ich Ihnen für Rechnung des Thurms ablieferte und die Sie, wenn ich nicht irre, damals in Ihre Privatkaſſe übernah⸗ men— natürlich nur um ſie zinsbar anzulegen und damit der Muſikantenthurm keinen Scha⸗ den hätte; der Herr Regierungsrath ſind ja ſo ein ſicherer Mann....“ Rudolf zitterte vor Scham und Wuth. „Alſo“, ſagte er vom Seſſel aufſpringend und — ſich mit gekreuzten Armen dicht vor Herrn Lur hinſtellend, der jedoch bei alledem ſehr ruhig und unbekümmert blieb:„Alſo waren die Ca⸗ pitälchen, die du mir zu verſchiedenen malen gegen Wucherzinſen vorgeſtreckt haſt, du alter drei mal geſottener Spitzbube, Eigenthum des Thurms, und du haſt deine ſchmuzigen Spe⸗ culationen mit Geldern betrieben, die dir gar nicht einmal gehörten?“ Aber auch jetzt noch blieb Herr Lux ſehr ruhig.„Als ob Sie das nicht gewußt hätten, Herr Regierungsrath“, ſagte er.„Ich habe Ihnen ja jedesmal, wenn Sie in Verlegenheit waren, ausdrücklich geſagt, daß ich kein Mann bin, der uber Capitalien zu verfügen hat, daß Sie ja aber das Geld, das vom Muſikanten⸗ thurm unterzubringen iſt, ausleihen können, an wen Sie wollen, alſo auch an ſich ſelbſt, und ———— er he A it A nd ur ig daß ich wenigſtens kein Gerede davon machen wollte. Das Geld habe ich immer redlich und richtig auf den Tiſch gezählt und habe Ihre Quittungen darüber ſorgfältig aufgehoben; ob Sie mir bei dieſer Gelegenheit ein freiwilliges Geſchenk gemacht haben, weiß ich natürlich nicht mehr, würde aber auch gar nichts Anſtößiges dabei finden, da der Herr Regierungsrath wie das ganze hochadelige Haus jederzeit gegen mich ſehr gütig und herablaſſend geweſen ſind...“ Der Regierungsrath ſchwieg erſchöpft; er erkannte nun wol, mit wem er es zu thun hatte. Endlich ſagte er, indem er den ganzen Actenhaufen zum zweiten male von ſich ſtieß: „Wenn zwei vernünftige Leute vernünftig mit⸗ einander verhandeln, ſo findet ſich zuletzt Alles. Auch wir werden uns aus dieſer Geſchichte ſchon noch herausfinden, kommen Sie nur näch⸗ ſtens einmal her und ſehen die verwünſchten Papiere mit mir durch; es wird ſich, denke ich, —— 14 wol Alles in Ordnung bringen laſſen. Und für den ſchlimmſten Fall, wiſſen Sie ja, bin ich der Mann, der Alles gutmacht.“ Herr Lux war ganz derſelben Meinung und empfahl ſich mit vielen Bücklingen. Draußen im Vorzimmer aber blieb er ſtehen, ſah ſich liſtig um und rieb ſich nicht blos die Naſe— nein, zog ſie mit Daumen und Zeigefinger der⸗ maßen, als ob ſie ein Tubus wäre, den er nur beliebig weit herauszuſtecken brauchte, um jedes Geheimniß zu erſpähen und jede noch ſo ver⸗ borgene Spur aufzudecken. Dann zupfte er ſich das Halstuch zurecht und ging mit ſeiner ge⸗ wöhnlichen tiefſinnigen Miene hinüber in die Wohnung der alten Baronin. nd für ich der g und taußen h ſch aſe— er der⸗ er mur jedes 0 ver⸗ er ſich er gl⸗ die Zweites Capitel. Ein Beſuch am Krankenbett. Auch Rudolf's Mutter hatte eine ſchlechte Nacht gehabt; wir wiſſen zum Theil warum. Als ſie ſpät am Morgen nach wiederholtem Pochen der Kammerjungfer endlich die Thür öffnete, fand dieſelbe ſie ſo krank und angegriffen, daß ſie um Erlaubniß bat, den Arzt herbeizurufen. Die alte Baronin war ſonſt im Punkte der Geſund⸗ heit gegen ſich ſelbſt ſehr hart und rauh; auch konnte ſie es, da ihr Körper wirklich von eherner Beſchaffenheit war und dem harten, ſtrengen Geiſte entſprach, der ihn bewohnte. Heute je⸗ doch ließ ſie ſich wider Erwarten den Vorſchlag ————— —————— 16 des Kammermädchens nicht nur gefallen, ſon⸗ dern ſie ſetzte ſogar hinzu, man möge nicht den jungen Doctor Brunner rufen, ſondern den Medicinalrath, ſeinen Vater. Wir haben ſchon gehört, daß dieſer nur noch wenig Kranken⸗ beſuche machte, am wenigſten bei vornehmen Damen. Allein das Kammermädchen, über dieſe plötzliche Weichmüthigkeit ihrer Herrin er⸗ ſchrocken, wußte die Sache ſo dringend darzu⸗ ſtellen, daß er nachgab und ſich bereiterklärte, bei der Baronin vorzuſprechen. Wirklich kam er ſchon nach Verlauf einer Stunde. Er fand die Baronin auf dem So⸗ pha, in Betten verpackt, mit verbundenem Kopfe, über heftiges Fieber klagend. Der Me⸗ dicinalrath war ein alter ſeltſamer Herr; war es angeborene natürliche Skepſis oder hatte er während ſeiner vieljährigen Praxis wirklich ſolche zweideutigen Erfahrungen gemacht, genug, wenn er an das Bett einer vornehmen Dame gerufen war aus wen ſich der wir ſon noh abe gen in br N er in der de gen ber ſot⸗ nicht dern aben ken⸗ men 1 17 ward, ſo ging er alle mal zuerſt von der Vor⸗ ausſetzung aus, die Krankheit ſei mehr oder weniger Verſtellung oder doch wenigſtens lange nicht ſo arg wie die Patientin that. Auch bei der Baronin befolgte er daſſelbe Syſtem. Und wirklich ſchien ſie, trotz ihres Alters und ihres ſonſtigen gemeſſenen Benehmens, keine Aus⸗ nahme zu machen. Der Puls ging aufgeregt, aber ohne Fieber, der Kopf war heiß, die Au⸗ gen trocken, aber Alles nicht mehr, als es nach einer durchwachten oder ſonſt in Aufregung ver⸗ brächten Nacht wol zu ſein pflegt. Bei einem ſo erfahrenen Praktiker wie der Medicinalrath verſtand es ſich von ſelbſt, daß er ſich von ſeiner Wahrnehmung nicht das Ge⸗ ringſte merken ließ; er faßte den Puls zu wie⸗ derholten malen, zog das Geſicht in höchſt be⸗ denkliche Falten und erkundigte ſich auf das genaueſte nach Urſprung und Veranlaſſung der vermeintlichen Krankheit. Das war eine alte 18 Kriegsliſt von ihm: er machte die Patienten erſt ſicher, um dann deſto ärger mit Schelten und Wettern hinterdrein zu fahren. Die Baronin, obwol ſie ihn hätte beſſer kennen ſollen, ging in die Falle; ſie klagte mit ſchmachtender Stimme über die unaufhörliche Unruhe und Kümmerniß, in der ſie leben müſſe, ſpielte dabei ziemlich deutlich auf ihren Sohn, den Regierungsrath an, und erwähnte endlich auch den wunderlichen Zufall, der ſie in dieſe Nervenaufregung verſetzt hatte.„Sehen Sie da, Medicinalrath“, ſagte ſie,„was Treue der Wei⸗ ber heißt, an die Sie böſer Mann immer nicht glauben wollen, und was ein verblaßtes Stück⸗ chen Leder und eine altmodiſche Stickerei bei einem gefühlvollen Herzen noch nach vierzig Jahren ausrichten können....“ Mit dieſen Worten holte ſie die uns be⸗ kannte Brieftaſche, die ſie neben ſich im Bette verborgen hatte, hervor, und indem ſie dieſelbe en erſt nund heſſer te nit örliche wüſſe, Sohn, endlich dieſe ie do, ierzig s be⸗ Bette 2 mit zitternder Hand dem Medicinalrath herüber⸗ reichte, fuhr ſie fort:„Sehen Sie dieſe alte Brieftaſche! Da krame ich geſtern Abend, wie ich nicht einſchlafen kann, aus Langeweile in alten Papieren und längſtvergeſſenen Andenken — und finde dieſe Brieftaſche! Erkennen Sie ſie wol wieder? Beſinnen Sie ſich nur recht: es war volle zwei Jahre vor meiner Vermäh⸗ lung mit Hugo, wir liebten uns damals ſchon, aber heimlich; ſein Geburtstag nahte heran und ich bat Sie, der Sie von unſerm Geheimniß wol etwas ahnen mochten und der Sie damals noch ein junger galanter Cavalier waren, um eine Zeichnung zu dieſer Stickerei; die Namen habe ich hernach ſelbſt hineingeſetzt, ſie ſind ſchlecht genug ausgefallen....“ Der Medicinalrath nahm die Brieftaſche gleichgültig hin.„Das iſt ein altes Stück Le⸗ der“, ſagte er,„und dieſe Stickerei ſcheint mir ſehr ausgeblaßt— Aber wahrhaftig“, rief er, 20 „jetzt erkenne ich ſie, da iſt ja das Schwarzen⸗ feld'ſche Wappen! Ganz recht, jetzt erinnere ich mich: Sie wollten dem armen Hugo eine kleine Geburtstagsfreude machen und baten mich um die Zeichnung— ja, ja, mit ſolchen ſchief⸗ ſtengeligen Roſen und verkrüppelten Myrten, die aber eher wie Buchsbaum ausſehen, machte ich mich damals bei den jungen Damen beliebt und gründete meine Praxis.— Es unterliegt keinem Zweifel, es iſt dieſelbe Brieftaſche, die einſt Hugo gehört; nur begreife ich nicht, gnä⸗ dige Frau, was Sie daran hat ſo erſchüttern und in Aufregung verſetzen können? Daß Sie, Hugo's Gattin und die alleinige Erbin ſeines Nachlaſſes, unter Ihren Sachen eine alte Brief⸗ taſche finden, die Ihrem Manne einmal gehört hat, daran finde ich denn doch wirklich nicht das Mindeſte zu verwundern. Macht die alte Scharteke Ihnen Unruhe— geben Sie her, wir wollen ſie zum Fenſter hinauswerfen!“ . urzen⸗ innere eine mich ſchif hrten, machte beliebt erliegt , die gnů⸗ ittern Sie, eines rief⸗ ehört nicht alte wir Mit einem lauten Ausruf der Angſt fiel die Baronin ihm in die Hand.„Wenn Sie dieſe Brieftaſche vernichten“, rief ſie,„vernichten Sie mein Leben!“ Der Medicinalrath ſah ſie über die goldene Brille weg lange an. Dieſe goldene Brille ſpielte in ſeiner Praxis überhaupt eine große Rolle; man wollte wiſſen, daß er eigentlich ſehen könne wie ein junger Falke und die Brille nur trage, um gewiſſe lauernde Blicke dahinter zu verſtecken.„Seien Sie doch kein Kind“, ſagte er dann,„mit Ihren ſechzig Jahren; ich habe Ihnen ſchon oft geſagt, ſchon gleich nach Hugo's Tode, daß Sie beſſer thun würden, alle Andenken an Hugo zu vernichten und ſich ſelbſt die Gedanken an ihn aus dem Kopf zu ſchla⸗ gen. Ihre ſo glücklich begonnene Ehe hätte doch nur ein unglückliches Ende genommen, Sie paßten nicht zueinander, trotz aller Zärtlichkei⸗ ten, und noch heute nach ſechsunddreißig Jahren wiederhole ich: es war ein Glück, ein Glück für Hugo und für Sie, daß er damals ſtarb. — Was nun aber“, fuhr er in gemäßigterm Tone fort,„dieſe alte Brieftaſche betrifft, ſo kann ich, wie geſagt, den gewaltigen Eindruck, den ſie auf Sie macht, nicht begreifen. Nur zwei Fälle ſind möglich; entweder iſt Hugo's Andenken wirklich noch ſo lebendig in Ihnen, und dann werden Sie auch dieſe Reliquie ſchon zur Genüge geherzt und geküßt haben, und es iſt kein Grund vorhanden, warum dieſelbe Sie gerade heute ſo in Aufregung ſetzt. Oder aber Sie haben ſie wirklich ſeit langen Jahren nicht geſehen und ſie iſt Ihnen erſt geſtern durch Zufall wieder in die Hände gekommen: nun und dann kann es ja mit der Zärtlichkeit——“ „Vollenden Sie nicht“, rief die Baronin, „und mäßigen Sie überhaupt Ihren Humor, er iſt heute gar zu ſtachelig. Ich habe dieſe Brieftaſche, das Andenken unſerer glücklichſten gl ibe vo 6i Glück Stunden, gleich nach Hugo's Tode mit der ſtarb. größten Sorgfalt geſucht, vermochte aber da⸗ gterm mals keine Spur davon zu entdecken und fand t, ſo ſie erſt geſtern, wie ich Ihnen ſchon ſagte, ganz druck, unerwartet unter einem Haufen von Papieren Nur und Sachen, die ich wol hundert mal durchſucht 3 ugo's hatte, ohne die Brieftaſche jemals zu finden.“ hnen, Aber auch dem Medicinalrath ſchienen bei ſchon dem Anblick der alten verblaßten Brieftaſche des allerhand Erinnerungen aufzuſteigen. Er legte Sie ſie leiſe auf das Bett zurück.„Sie reden da“, aber ſagte er,„von glücklichen Stunden, an welche nicht dieſe Brieftaſche Sie erinnert; wiſſen Sie auch ganz gewiß, meine Gnädige, daß das wirklich nun glückliche Stunden geweſen ſind? Ja iſt Ihnen „ überhaupt noch niemals der Gedanke gekommen in all den vielen Jahren, ob nicht die Stunden von den mit dem ſeligen Hugo verlebten, die mor, piſ Sie gerade für die glücklichſten halten, in der That die unglücklichſten und verhängnißvollſten 24 für Sie geweſen ſind? für Sie alle Beide? Der Menſch täuſcht ſich oft wunderlich, am meiſten über ſich ſelbſt....“ Die Baronin ſtarrte ihn mit weitaufgeriſ⸗ ſenen Augen an.„Wie meinen Sie das?“ ſtöhnte ſie,„und was wollen Sie damit ſagen?“ „Damit will ich ſagen“, erwiderte der Me⸗ dicinalrath, indem er aufſtand und Hut und Stock ergriff,„daß ich ein Arzt des Leibes bin, aber nicht der Seele. Haben Sie ein ordent⸗ ſiches Fieber, ergebener Diener, Sie dürfen nur befehlen; aber die Schäden der Seele auszu⸗ heilen und Pflaſter zu legen auf wundgewor⸗ dene Gewiſſen, darauf verſtehe ich mich nicht. Macht das Ding da, die Brieftaſche, Ihnen Schmerzen, ſo werfen Sie ſie ins Feuer; wol⸗ len Sie das nicht, ſo leiden Sie die Schmer⸗ zen, es hat vielleicht auch ſein Gutes. Im Uebrigen halten Sie Diät und trinken Sie brav Zuckerwaſſer. Sollten Sie ſich ſchlimmer Beide? ich, am aufgeriſ⸗ das?“ ſegen?“ der Me⸗ ut und bes bin, ordent⸗ fen nur auszl⸗ dgewbt⸗ nicht. Ihnen wol⸗ Schmer⸗ Im n Sit limmet 25 ner Diener!“ Der ſi r Muſikantenthurm. III — Drittes Capitel. Der geheime Botſchafter Kaum daß der Medicinalrath das Zimmer ver⸗ laſſen hatte, als die Baronin vom Sopha ſprang, das Tuch vom Kopfe riß und plötzlich ganz geſund im Zimmer auf- und abſchritt; die Brieftaſche hielt ſie dabei feſt in den Händen. „Alſo doch richtig!“ murmelte ſie,„alſo keine Täuſchung! Auch der alte nüchterne Barbar hat die Brieftaſche anerkannt: ſie iſt es— und er iſt es auch!“ Dann trat ſie an ihr Bureau und verwahrte die Brieftaſche in dem verborgenſten Käſtchen deſſelben. Indem ſie ſo herumſtöberte, fiel ihr — in auf geſt Die V a de Au ein ro in er ver⸗ Sopha litzich ttz die änden. keine zarbar und wahrte äſichen fil ihr ein mehrfach verſiegeltes Papier in die Hände; auf dem Umſchlag ſtand von ihrer eigenen Hand geſchrieben:„Nur nach meinem Tode zu öffnen.“ Die Baronin ſchob es verächtlich beiſeite: „Dich brauche ich nun auch nicht mehr“, ſagte ſie leiſe. Ja ſie ſchien ſogar einige Augen⸗ blicke in Zweifel, ob ſie das Papier nicht am Ofenfeuer verbrennen ſollte, das ſie des kühlen Tages wegen, der auf das geſtrige Gewitter ge⸗ folgt war, hatte anmachen laſſen. Nach ge⸗ nauerer Ueberlegung ſchien ſie ſich jedoch eines Andern zu beſinnen; ſie legte das Papier wieder an ſeinen Ort, neben der Brieftaſche, verſchloß das Bureau ſorgfältig und ließ endlich Herrn Lux, der ihr ſchon vor einiger Zeit gemeldet war, eintreten. Herr Lux näherte ſich ſeiner Gönnerin mit großer Devotion; die Naſenſpitze, die er ſonſt ſo keck trug, hatte ſich ordentlich geſenkt, wie eine Fahne beim Trauerzuge. Er hatte ſichtlich 2* . 28 etwas auf dem Herzen, wovon er fürchtete, daß es der Baronin unangenehm ſein und ihm wol gar ihre Unzufriedenheit zuziehen könnte. Doch empfing ſie ihn mild und gütig, und da⸗ durch ermuthigt, hob er nach einigen Compli⸗ menten und Redensarten über ihr Befinden, das kühle Wetter u. ſ. w., folgendermaßen an: „Sie wiſſen, gnädige Frau, mit welchem Eifer und welcher Ergebenheit ich Ihnen diene; auch hoffe ich, Ihnen ſchon einige Proben da⸗ von gegeben zu haben, daß dieſer Eifer in ſei⸗ nen Erfolgen nicht immer unglücklich iſt, wenn auch nur freilich in untergeordneten Dingen, wo es mir leicht war, Ihren gütigen Befehlen zu genügen Um ſo troſtloſer ſehen Sie mich heute, daß gerade in dieſem Fall, wo Sie mich mit einem bedeutendern Auftrage beehrten, an dem Ihnen ſelbſt, wenn ich nicht irre, etwas gelegen war, alle meine Bemühungen fruchtlos geblieben ſind. Ich habe die Spuren, die Sie de gel we htete, ihm nnte. d da⸗ myli⸗ inden, nan: chem dienej nda⸗ n ſei⸗ wenn ngen, ehlen mich mich 1, on etwas chtlos Sie 29 mir gütigſt angaben, getreulich verfolgt, ich habe die ganze Gegend durchſtreift, keine Stadt, kein Dorf iſt ununterſucht geblieben. Aber nir⸗ gends habe ich etwas auffinden können, das mit dem Herkommen des gewiſſen Mannes im geringſten Zuſammenhange zu ſtehen ſchien. Seine Angehörigen müſſen in den langen Kriegsjahren wirklich ganz und gar verſchollen ſein; nur in der Stadt, wo er ſich verheirathet und zuletzt gelebt hat, hörte ich etwas von ihm. Aber das war, mit der gnädigen Frau Baronin Erlaub⸗ niß, von ſo wenig erbaulicher Beſchaffenheit, daß ich, bei dem Intereſſe, welches Sie an dem gewiſſen Manne zu nehmen belieben, nicht weiß, ob ich es vor Ihren Ohren wiederholen darf.“ Die Frau Baronin ſchien den Bericht, der dem Berichterſtatter ſelbſt ſoviel Bedauern er⸗ regte, mit großer Eleichgültigkeit anzuhören; nicht einmal die lauernden Blicke bemerkte ſie, —.—— welche Herr Lux dabei verſtohlenerweiſe auf ſie ſchleuderte.„Ich danke Ihnen“, ſagte ſie, „für die viele Mühe, die Sie ſich gegeben ha⸗ ben. Es war ein flüchtiger Einfall, an den ich ſchon nicht mehr denke; haben Sie die Güte, mir Ihre Berechnung zu machen, und nehmen Sie einſtweilen“(indem ſie ein Röllchen in ſeine Hand gleiten ließ)„dies auf Abſchlag.“ Flüchtiger Einfall? Und nicht mehr daran denken? Herr Lux wußte nicht, ob er ſeinen Ohren trauen ſollte. Was hatte ſich während ſeiner Abweſenheit ereignet? Und welch ande⸗ rer Wind blies jetzt in die Segel? Hatte Ul⸗ rich Schwarz(denn daß es ſich um dieſen handle und keinen Andern, hat der geneigte Le⸗ ſer natürlich ſchon längſt errathen) die Gunſt der Baronin, die er bisher in ſo überſchwäng⸗ lichem, faſt anſtößigem Maße beſeſſen hatte, verloren? Aber er war ja noch im Muſikanten⸗ thurm ſammt Weib und Kind! Und wie wäre auch ſo no Ge ſc be der u zu auf ſie, ha⸗ den Güte, hmen ſine ran einen Nend ande⸗ lll⸗ eſen unſt äng⸗ atte, ten⸗ är 31 auch der umſichtigen, wohlgezogenen Frau Lur ſo etwas unbemerkt geblieben? Herr Lux hoffte der Sache vielleicht doch noch auf den Grund zu kommen, wenn er das Geſpräch nur einige Zeit im Gang erhielt. Er ſchilderte daher noch einmal mit lebendigen Far⸗ ben die viele Mühe, die er ſich gegeben, um den Auftrag der Baronin, die eigentliche Her⸗ kunft des Ulrich Schwarz und ſeinen Familien zuſammenhang auszumitteln, nach Kräften zu erfüllen; er zählte die Meilen auf, die er zurück⸗ gelegt, die Perſonen, mit denen er geſprochen, ſammt den ungünſtigen Antworten welche er ** erhalten. Aber die Baronin blieb unbeweglich, ſodaß er endlich beſchloß, etwas näher auf den Buſch zu klopfen.„Es iſt auch ganz natürlich“, meinte er, die Hand gegen die Naſe reibend,„daß die Frau Baronin, da Sie in Ihrer überſchwäng— lichen Güte einmal beſchloſſen haben, das Glück 32 des Ulrich Schwarz zu machen, ſich doch vor⸗ her erſt zu überzeugen wünſchen, was eigentlich an dem Menſchen iſt und ob er die viele Güte, die Sie für ihn haben und die Sie vielleicht in Zukunft noch ſteigern wollen, auch wirklich ver⸗ dient. Was hat er denn ſo Großes gethan, der Ulrich Schwarz? Er hat die Pferde auf⸗ gehalten, die mit Ihnen in den Graben ſetzen wollten; er hat ſein Leben dabei riskirt— das iſt ganz hübſch von ihm: aber eine Frau Ba— ronin von Schwarzenfeld, die laſſen ſich nicht von Jedem das Leben retten, da muß man hübſch wiſſen, wer man iſt, und ob das nicht ein Menſch, an den Dank und Güte nur weggewor⸗ fen ſind. Wenn die Frau Baronin des Ulrich Schwarz etwa überdrüſſig ſind, ich meine, wenn Ihre Güte ſich erſchöpft fühlt, wie Sie denn in der That ſchon weit mehr für den Herum⸗ ſtreicher gethan haben als er verdient da höre ich eben, daß dem Muſikantenthurm einmal ———— wiede köſti ben fönn kom an, Sch ger ihn ron gul Fi we e Me en ſig lun in wieder eine Commiſſion bevorſteht, das gibt die 4 köſtlichſte Gelegenheit von der Welt! Wir ha⸗ üte, ben ihn aufgenommen, ohne zu fragen, wir t in können ihn auch wegjagen, ohne zu fragen; es 6 kommt nur auf einen Wink der Frau Baronin hen, an, und in zwei mal zwölf Stunden ſoll Urich, uf⸗ Schwarz ſammt Frau und Kind und Schwa⸗ chen ger die Stadt ſo weit im Rücken haben, daß das ihn kein Reiter mehr einholt....“ e⸗ Die zornige Geberde, mit welcher die Ba⸗ iht ronin ſich bei dieſen Worten erhob, bewies dem 6 aMn Herrn Lux zur Genüge, auf welche falſche in Fährte er ſich hier begeben hatte; er machte or⸗ noch eine letzte verzweifelte Anſtrengung, den ich Fehler möglichſt zu verbeſſern und die gute Meinung von ſeiner Klugheit und Welterfah enn renheit wiederherzuſtellen.„Frau Baro nin“ ſagte er mit ſchleppender Stimme,„können ſich 6. kaum vorſtellen, was in der Welt für Geſchich⸗ 5 ten paſſiren; der Ulrich Schwarz hat doch, bei 2** 34 Lichte beſehen, immer etwas ſehr Nobles, und ſollte es mich gar nicht wundern, wenn er am Ende doch noch ein Prinzenſohn oder ſo etwas Aehn⸗ liches wäre. Dergleichen paſſirt wol öfter als die gnädige Frau glauben; ich ſelbſt habe erſt auf dieſer Reiſe wieder von einem Frauenzim⸗ mer gehört—“ „Ein andermal, Herr Lux“, unterbrach ihn die Baronin, die offenbar gar nicht mehr auf ihn gehört hatte, und zwar mit ſolcher Be— ſtimmtheit, daß ihm nichts übrigblieb, als ſich zu verabſchieden, was er denn auch mit ſchwerem Herzen und unter großer Unzufrieden⸗ heit mit ſich ſelber that. —— —— — ſollte Ende lehn a iertes Capitel. eſt Nachwirkungen. nzim⸗ ihn u Deſto zufriedener ſchien die alte Baronin zu ge ſein. Von ihrer Krankheit war keine Rede 6 mehr; ſie war heiter und mild wie ſeit lange . nicht, und ſelbſt Klara, die ſich ihr im Laufe . des Vormittags durch die Regierungsräthin vor— eden⸗ ſtellen ließ, wurde ein Empfang zutheil, viel nachſichtiger und freundlicher, als das junge Mädchen, in Erinnerung an die langjährige Feindſchaft, die zwiſchen den beiden Schweſtern beſtanden, ſich verſprochen hatte. Der Brief der verſtorbenen Schweſter verſetzte die Baronin in lebhafte Bewegung. Es waren wenige einfache ————————ů·Z Worte, von der halbblinden, ſterbenden Frau mit zitternder Feder hingekritzelt. Sie erinnerte Ulriken, für den Fall nämlich, daß dieſelbe noch am Leben, an die gemeinſam verlebte Jugend, ging mit ſchonenden Worten über das geheim⸗ nißvolle Zerwürfniß hinweg und beſchwor ſie am Schluß bei Allem, was ihr jemals heilig, bei dem Andenken Hugos, bei der Geburt ih⸗ res Sohnes(die Worte„ihres Sohnes“ waren unterſtrichen), ſich der verlaſſenen Großnichte, die ſonſt auf der weiten Welt keinen Schutz und keinen Beiſtand mehr habe, anzunehmen. Dieſelbe Bitte richtete ſie für den Fall, daß Ulrike bereits geſtorben ſein ſollte, an deren nachgelaſſene Erben und Anverwandte; auch war ihr eigener Tauf⸗ und Trauſchein, der Tauf⸗ und Trauſchein ihrer verſtorbenen Tochter Luiſe, ſowie der Taufſchein Klara's beigeſchloſſen, alſo nichts verſäumt, um die Identität der Perſon und die Richtigkeit der Verwandtſchaft feſtzuſtellen. 8 mtürl tner ſchloſ dß ſ ſchen Grß ſchien ſuhe ſonde Frau nerte noch end, eim⸗ ilig, tih⸗ ren var uf⸗ iſe, alſo ſon len. — 37 Bei alledem hatte es dem jungen Mädchen natürlich viel Mühe gemacht und war ein ſel⸗ tener Beweis von Umſicht und männlicher Ent⸗ ſchloſſenheit, beſonders bei ſo jungen Jahren, daß ſie ſich den weiten Weg von der holländi⸗ ſchen Grenze glücklich zurechtgefragt und ihre Großtante wirklich aufgefunden hatte. Auch ſchien Letztere nicht abgeneigt, dieſe Entſchloſ⸗ ſenheit, die ihrem eigenen männlichen Geiſt be⸗ ſonders zuſagen mußte, anzuerkennen und zu belohnen. Zwar äußerte ſie über Klara's Zu⸗ kunft nichts Entſchiedenes; doch war der Em⸗ pfang wenigſtens nicht ablehnend und weit min⸗ der ſchroff, als es ſonſt in der Natur der alten Dame lag. Sie lobte Eugenien wegen der Zu⸗ vorkommenheit, mit der ſie die junge Verwandte bei ſich aufgenommen, und bat ſie, dieſelbe auch noch einige Zeit bei ſich zu behalten; bei ihr, der alten düſtern Frau, ſei für ein junges, fri⸗ ſches Mädchen kein Aufenthalt. Auch ſtänden ————— in ihrem Hauſe für die nächſte Zeit allerhand Veränderungen bevor, die es ihr für den Au⸗ genblick nicht wol möglich machten, Klara bei ſich aufzunehmen; ſeien dieſe erſt einmal über⸗ ſtanden, ſo wolle ſie ſich gewiß auch mit Kla⸗ ra's Schickſal beſchäftigen. Einſtweilen möge Eugenie ſie unter ihre Obhut nehmen; was ihrem Hausſtand dadurch an Ausgaben er⸗ wachſe, ſei ſie natürlich bereit ihr zu vergüten. Eugenie, welche die bevorſtehenden Aende⸗ rungen nur auf eine veränderte Einrichtung der Zimmer und Aehnliches bezog, wovon ihre Schwiegermutter ſchon früher geſprochen, fühlte ſich durch dieſe unerwartete Freundlichkeit ſo er⸗ muthigt, daß ſie, nachdem ihre junge Schutz⸗ befohlene das Zimmer verlaſſen hatte, eingedenk des Wunſches, den Rudolf ihr geſtern ſo drin⸗ gend ans Herz gelegt hatte, das Geſpräch auf ihren Mann und ſeine ökonomiſche Verwirrung zu bringen wagte und die Baronin mit beſchei⸗ Nenen Drar wid mal anft cher wor Us ic zw die ethand n Au⸗ ra bei über⸗ möge was en et⸗ rgüten Aende⸗ ich uf virrung denen und herzlichen Worten erſuchte, dieſem Drangſal, bei dem Rudolf immer mehr ver⸗ wildere, durch ihre Dazwiſchenkunft noch ein⸗ mal ein Ende zu machen. Ja ſie wagte es, anknüpfend an den nachſichtigen Empfang, wel⸗ cher der jungen Fremden ſoeben zutheil ge⸗ worden, auf die Möglichkeit einer gänzlichen Ausſöhnung zwiſchen Rudolf und ſeiner Mut⸗ ter hinzudeuten und für dieſen Fall, namens ihres Mannes ſowie in ihrem eigenen Namen, die innigſte Dankbarkeit und den kindlichſten Gehorſam zu verſprechen. Und ſiehe da, auch in dieſem ſonſt ſo mis⸗ lichen Punkt bewies die alte Dame ſich heute höchſt nachſichtig und mildgeſtimmt. Sie ſagte nichts zu, lehnte aber auch nichts ab. Daß es zwiſchen ihr und Rudolf nicht länger ſo bleiben könne, ſehe ſie ſelbſt ſehr wohl ein; ſie wolle die Sache mit dem Präſidenten beſprechen; ſei es wirklich Rudolf's Wille, ein beſſeres Ver⸗ 40 hältniß mit ihr herzuſtellen, ſo würden ſich ja auch dazu Mittel und Wege finden laſſen. Höchſt befriedigt über den Erfolg ihrer Ver⸗ handlungen, begab Eugenie ſich auf Rudolf's Zimmer. Allein der war noch in derſelben wil⸗ den Stimmung, in der er ſie geſtern Abend verlaſſen. Statt Eugenie zu danken, wollte er ſich vor Lachen ausſchütten, daß ſie ſeinen tol⸗ len Worten wirklich Glauben geſchenkt. Es ſei in der That nichts weiter geweſen als ein keckes Komödienſpiel, zu dem ihn ſeine aufgeregte Stimmung hingeriſſen; ſeine Verhältniſſe ſeien ganz wohl arrangirt, wenigſtens nicht ſchlim⸗ mer wie ſeit jeher, und brauche Eugenie ſich nicht die mindeſte Sorge deshalb zu machen. Seine Verſicherungen klangen ſo natürlich, daß ſie Eugenie's Beſorgniſſe zwar nicht ganz be⸗ ſeitigten, aber doch in den Hintergrund dräng⸗ ten.— Auch gab es für den Augenblick noch andere Dinge, die ſie noch lebhafter beſchäftigten als i derſan uf i gegm vli glück pit übtig und ſhor beit nic unt dien ſch ja Ver dolfs wil⸗ Abend te er ntol⸗ Es ſei keckes eregte ſeien hlim⸗ ſich chen. daß he⸗ räng⸗ noch 41 als ihr eigenes Schickſal: das war die wun⸗ derſame Nachwirkung, welche der geſtrige Abend auf ihren Bruder Alfred gehabt hatte. Die Be⸗ gegnung mit Flora ſchien den jungen Mann völlig verwandelt zu haben, und zwar auf die glücklichſte Weiſe. Während er ſonſt gern bis ſpät in den Tag hineinſchlief und auch die übrige Zeit meiſtentheils mit allerhand Launen und Nichtsnutzigkeiten vertrödelte, war er heute ſchon mit dem Früheſten wach und bei der Ar⸗ beit. Das heißt, er ging am Flügel auf und nieder, ſchlug bald dieſen, bald jenen Ton an und ſummte mit halblauter Stimme die Melo⸗ dien vor ſich hin, die ſeinem innern Ohr vor⸗ ſchwebten. „Wie gut, daß du endlich kommſt, theure Schweſter“, rief er Eugenien entgegen, da ſie kam, ihm ihren Morgengruß zu bringen; ſeine Stimme war hell und klar und das ganze Antlitz trug ein Gepräge von Heiterkeit und Kraft, 42 das Eugenie lange, ja vielleicht noch niemals darauf wahrgenommen.„Wie gut“, rief er, „daß du endlich kommſt! Und wieviel Dank habe ich dir noch zu ſagen für den geſtrigen Abend! Ich habe die ganze Nacht nicht ſchla⸗ fen können und dieſe Unruhe war mir lieber und hat mich mehr geſtärkt als der ſüßeſte Schlummer. Ich habe immer an das Geſpräch denken müſſen, das wir geſtern Nachmittag führ⸗ ten; wie verblendet war ich doch und wie Recht hatteſt du, das Glück der Arbeit und die Wonne des Schaffens zu preiſen! Weißt du auch, daß dein Sieg im Theater meine Eiferfucht entzün⸗ det hat? Seit dem früheſten Morgen habe ich meine Symphonie wieder vorgenommen, ich habe das Allegro ſchon ganz fertig, und höre nur dies Maeſtoſo, wie erhaben, wie feierlich! Ich habe das Motiv benutzt aus der Ballade, welche die Kleine geſtern ſang— aber höre nur, wie herr⸗ lich es ſich ausnimmt!“ D — gerier ſine ſine Sch Per heute Sti Bei hitt niemals rief et, Dank ſtrigen t ſchla⸗ t liebet ſüßeſt eſprich g fihr e Recht Vonne ch, daß entzün⸗ abe ich ch habe ur dies ch hbe ſche di ie herr⸗ * Damit eilte er zum Flügel und ſpielte Eu⸗ genien mit kunſtfertiger Hand, ungehindert durch ſeine Blindheit, einige Melodien vor, die ſich ſeinem Geiſt ſoeben erſchloſſen hatten. Die Schweſter, überglücklich, den Bruder, deſſen Verſunkenheit ſie ſo oft ſchon gequält hatte, heute in einer ſo aufgeweckten und thätigen Stimmung zu finden, drückte ihm ihren vollen Beifall aus.„Wenn wir nur gleich Jemand hätten“, ſagte ſie,„der deine Melodien auf⸗ ſchreiben könnte! Meine muſikaliſchen Kennt⸗ niſſe, weißt du, ſind ein wenig verwahrloſt; aber wenn du Geduld mit mir haben willſt—“ „Nein, nein!“ rief der Bruder,„dich darf ich deinen Dichtungen nicht entziehen, du ſtrebſt ſelbſt einem Kranze nach, deſſen erſte knospende Zweige dir ſchon entgegenwinken, während er für mich noch in weiter Ferne ſchwebt; es wäre abſcheulich von mir, wollte ich dich darin ſtö⸗ ren. Aber höre, welch ein Einfall mir über 44 Nacht gekommen iſt. Das junge Mädchen von geſtern Abend, die Sängerin mit der wunder⸗ vollen Stimme, die ſie mit ſoviel Meiſterſchaft zu gebrauchen weiß, hat gewiß ein ganz feines und geübtes Ohr; ſie wird die Melodien, die ich ihr vorſpiele oder dictire, gewiß mit Leich⸗ tigkeit auf Noten bringen können und mir auch außerdem alle jene Dienſte erweiſen, das Vor⸗ leſen, das Herumführen, das Plaudern, zu denen der abſcheuliche kleine Tiger ſich ſo unge⸗ ſchickt anſtellte. Auch iſt ſie arm, ich habe mich ſchon bei der Dienerſchaft nach ihr erkundigt, und von unbeſcholtenem Ruf. Deſto verrufener iſt ihr Vater, der alte Trunkenbold, und wäre es ſchon deshalb ein verdienſtliches Werk, ſie aus ſeinem Umgang zu nehmen, damit das köſt⸗ liche Organ nicht länger dazu misbraucht wird, durch Wind und Regen in Kneipen und Wirths⸗ häuſern vor den Bierphiliſtern zu ſingen. Denke nur um Gottes Willen, theure Schweſter, eine ſulche und ſ faunſ gewi Dien dieſe will Unte öſti gwis biö di ich hör ihre die ba Uht en von under⸗ rſchaft feines n, die Leich⸗ ir auch 3 Vor⸗ n, zu unge⸗ e mich undigt, rufenet wäre k, ſi s köſt wird, ſirths⸗ Dene . eine 45 ſolche Perle, ſo jung, ſo ſchön, ſo reichbegabt, und ſo in den Koth getreten! Nein, nein, das kannſt du nicht übers Herz bringen, du bieteſt gewiß die Hand, ſie zu retten und mir einen Dienſt zu erweiſen, zu dem die Gelegenheit in dieſer Art niemals wiederkommt. Wie fleißig will ich ſein! Wie will ich das junge Mädchen unterrichten und ausbilden! Und wie ſoll ihre köſtliche Stimme mich ſelbſt begeiſtern und er⸗ quicken! Das iſt es, theure Eugenie, was mir bisher gefehlt hat: ich dürſte nach Muſik, ich dürſte nach Schönheit— und hier iſt Beides; ich kann ihre Schönheit nicht ſehen, aber ich höre, ich ahne ſie und fühle mich begeiſtert in ihrer Nähe!“— Eugenie, halb erfreut, halb erſchreckt über die ungewohnte Lebhaftigkeit ihres Bruders, wagte einige beſcheidene Einwendungen. Aber Alfred wies ſie alle zurück.„Welche Schwie⸗ rigkeiten ſind da zu erheben?“ ſagte er unwillig. 46 „Der Geigenfritz wohnt, wie ich höre, im Mu⸗ ſikantenthurm; es muß deinem Manne, bei ſei⸗ ner amtlichen Eigenſchaft, eine Kleinigkeit ſein, meinen Wunſch ſo vorzubringen, daß der Alte gar nicht den Muth hat, ihn abzuſchlagen. Auch kann man ihn ja für den Verluſt ſei⸗ ner Abendeinnahmen entſchädigen; er wird ſich, glaube ich, nicht ſehr grämen, wenn er ſeinen Branntwein in Zukunft ohne weiteres trinken darf, ohne ihn erſt durch Geigenſpielen verdienen zu müſſen. Und was den Einwand anbetrifft, daß es ſich für einen jungen Mann nicht ſchicke, ein junges Mädchen zur Geſellſchafterin zu haben— nämlich wenn Jemand ſo läppiſch ſein ſollte, dieſen zu erheben— ſo ſtehen wir erſtlich unter deiner Obhut, theure Schweſter, und dann zweitens— was hat das holde Kind von einem armen Blinden zu befürchten?!“ Es war nicht Eugenie's Sache, Wünſche abzuſchlagen, die ihr Bruder mit ſoviel Be⸗ harrli nächſt Auch nehm lich i Herm hatte eine ander rathe übe Nan eich mat onp fil hen iche Vi er ere elen and icht erin iſch wir ſter, 47 harrlichkeit äußerte und die er auch in den nächſten Tagen nicht müde ward zu wiederholen. Auch konnte ſie es im Grunde umſoweniger, als ſie ſelbſt im Begriff ſtand, etwas zu unter⸗ nehmen, das dem Wunſch ihres Bruders ziem⸗ lich ähnlich ſah. In dem Heft nämlich, welches Hermann ihr den Tag zuvor zurückgebracht, hatte ſie, indem ſie es genauer durchblätterte, eine Zeichnung gefunden, die vermuthlich aus andern Papieren aus Verſehen dazwiſchenge⸗ rathen war. Von wem dieſelbe herrührte, dar⸗ über konnte kein Zweifel ſein, da Hermann's Name mit kleinen feinen Lettern darunter ver⸗ zeichnet ſtand. Die Zeichnung ſelbſt aber— es war eine Landſchaft, in freiem großartigem Stil componirt und mit ungewöhnlicher Sorgfalt aus⸗ geführt— entzückte die kunſtſinnige Eugenie dermaßen und zeugte von ſolchem außerordent⸗ lichen Talent, daß ſie nach ihrer gutmüthigen Weiſe ſofort beſchloß, zur weitern Ausbildung 48 deſſelben behülflich zu ſein. Auch hatte Hermann, da ſie im Laufe des Tags wie zufällig danach fragte, ſeine Künſtlerſchaft nicht abgeleugnet; ihren Vorſchlag, zuweilen mit ihr zu zeichnen und dabei ihre Vorlegeblätter und Abgüſſe zu benutzen, nahm er mit dankbarem Erröthen ar⸗ Und wie hätte er es auch nicht ſollen, da er ja auf dieſe Weiſe Gelegenheit erhielt, ſeiner theuern Klara um ſo näher zu ſein und ſie deſto häufiger zu ſehen?! Etwas ſchwieriger zeigte er ſich, da Eugenie ihn nun auch erſuchte, die Verhandlung wegen Flora's zu übernehmen. Denn dem einfachen Sinne des jungen Mannes, dem auch die kleinſte Unwahrheit, wie unſchuldig ſie war, beſchwerlich fiel, war es unmöglich geweſen, die Bekannt⸗ ſchaft mit Flora, als die Regierungsräthin ihn direct danach fragte, abzuleugnen. Auch konnte er ſich ſelbſt keine Rechenſchaft ertheilen, wes⸗ halb der Vorſchlag ihm eigentlich ſo unange⸗ tmann, danach ugnet; tichnen üſſe zu en a a et ja ſeiner e deſto ugenie wegen fuchen leinſt verlich kannt⸗ in ihn konnte wei ange⸗ 49 nehm war; zuletzt kam er auf die Vermuthung, es möchte doch wol ſo eine Art unbewußter Eiferſucht oder Misgunſt ſein, und das be⸗ ſtimmte ihn denn ſofort, den Auftrag trotz ſei⸗ nes innern Widerſtrebens nun erſt recht aus⸗ zuführen. Was mittlerweile Flora betraf, ſo hatte ſie den nächſten Morgen kaum erwarten können, um ſich mit ihrem Freunde über die Abenteuer der vergangenen Nacht zu beluſtigen. Sie wußte ſich außerordentlich viel mit ihrem Triumph, und auch das Bewußtſein, endlich einmal einer vornehmen Geſellſchaft beigewohnt zu haben, hatte etwas höchſt Befriedigendes für ſie. Am meiſten rühmte ſie die Schicklichkeit, mit der ſie ſelbſt ſich benommen.„Siehſt du“, ſagte ſie,„du ſchiltſt mich immer ein ungezogenes Mädchen und meinſt, ich wäre zu nichts in der Weilt nütze als dumme Streiche zu ma⸗ chen. Nun, jetzt haſt du es erfahren; ſang ich Der Muſikantenthurm. III. 3 nicht wie eine Nachtigall? und benahm ich mich nicht mit Anſtand und Würde, wie eine Prin⸗ zeſſin? Selbſt als der Blinde ſeine dummen Poſſen mit mir trieb, hielt ich nicht mäuschen⸗ ſtill und ſah ſo ernſthaft aus, daß Niemand zu lachen wagte? Wiewol es im Grunde ein ganz hübſcher junger Mann war, dem ich, wä⸗ ren wir allein geweſen, ſchon ein paar jener Küſſe hätte geben mögen, gegen die du dich immer ſo ſpröde bezeigſt. Mein mürriſcher Alter wollte auch, ich ſollte ihnen etwas Luſtiges ſingen, ſo einen Gaſſenhauer wie in den Kneipen; als wären ſie nicht Alle ſchon halb betrunken ge⸗ weſen! Halt, dachte ich, hier heißt es vorge⸗ ſehen; ſingſt du Denen noch etwas Luſtiges, ſo ſteigt ihnen der Wein gar zu Kopfe und es wird eine wüſte Geſchichte, von der ihr nichts als Schimpf und Schande habt. Darum ſang ich die ernſthaften Lieder, es ſind eigentlich recht dumme Melodien, die ich gar nicht leiden h mich Prin⸗ mmen zchen⸗ emand de ein , wi- tKiſe immer wollte en, ſo als en ge⸗ vorge⸗ es, ſo nd es ſang entlich leiden 51 mag: aber das Ernſthafte iſt nun einmal nobler als das Luſtige, und hier, wie geſagt, ſchien es mir ganz beſonders am Platze. Nun? was ſagſt du? war das nicht ſchlau? Aber das Aller⸗ ſchlaueſte war doch, daß ich nichts aß noch trank, ſo ſehr mich auch hungerte; ich hatte den ganzen Abend noch nichts bekommen als ein Rindchen Brot, ſo trocken, daß ich es vor Aerger wegwarf, und die ſchönen duftigen Speiſen ſtachen mir recht in die Naſe. Aber wenn ich aß und trank, nicht wahr? das war lange nicht ſo vornehm, als wenn ich blos ſang und im Uebrigen that, als ob die ganze Beſcherung mich nicht küm⸗ merte? Ach Gott, ich hätte ſo gern ein bis⸗ chen genaſcht, und der ſüße Wein, den mein Alter hinunterſchüttete, als wäre es Waſſer, lockte mich auch nicht wenig; er hat mich eben noch wieder verſichert, daß er ſo etwas Köſt⸗ liches in ſeinem Leben nicht getrunken, er hat ordentlich mal wieder von meiner ſeligen Mutter 24 5 52 geträumt. Aber beſſer iſt beſſer; auch ſah der große wüſte Herr, der Regierungsrath oder was für ein Thier es war, mich ganz verwundert an, ſozuſagen mit einer Art von Reſpect, da ich alle ſeine Einladungen ablehnte und zuletzt nur ein kleines Schlückchen Waſſer annahm. Aber deine Regierungsräthin, das muß wahr ſein, das iſt eine feine Frau, die gefällt mir, und kann ich dir wirklich nicht böſe ſein, wenn du um derenwillen deine arme kleine dumme Flora vernachläſſigſt. Aber was war denn da noch weiter für eine junge Prinzeß? die kleine Meerkatze, meine ich, mit den großen braunen Augen und dem hübſchen Geſichtchen, die dir immer den Rücken kehrte und gar nicht mit dir ſprechen wollte? Ich hätte es ihr auch nicht rathen mögen, wenn die hätte auch noch wollen ſchönthun mit dir; es iſt an deiner Regie⸗ rungsräthin gerade genug, mit den Nägeln hätte ich ihr das Geſichtchen zerkratzt!“ 6 I ſodaß überh ſilben was über vomne ſeit ah det rwas undert ct, da zulczt nahm. wahr t nir, wenn umme nn de kleine aunen ie dir it dir nicht vollen Regie⸗ hatte 53 In dieſem Tone plauderte die Kleine weiter, ſodaß Hermann Mühe hatte, ſeinen Auftrag überhaupt nur auszurichten. Daß Flora den⸗ ſelben begierig annahm, kann uns nach Dem, was wir bereits von ihr gehört haben, nicht überraſchen. Der Gedanke, nun auch in dem vornehmen Hauſe verkehren zu dürfen, in das ſie ihren Freund bisher mit ſoviel Neid und Eiferſucht hatte gehen ſehen, hatte für ſie etwas Unwiderſtehliches; auch freute ſie ſich im Stillen über die gute Gelegenheit, ihm nun ſo recht ſcharf auf den Dienſt paſſen und ſeinen Umgang mit der Regierungsräthin aufs allergenaueſte con⸗ troliren zu können. Daß ſie ihre Dienſte einem Blinden widmen ſollte, kam ihr nur ſpaßhaft vor.„Da ſiehſt du nun wieder“, ſagte ſie, „welch gutes frommes Kind ich bin; ja wenn deine Regierungsräthin auch blind wäre....“ Die Unterhandlungen mit dem Geigenfritz boten keine Schwierigkeit; Herr Lux, der ſich 54 mit gewohnter Dienſtfertigkeit der Sache an⸗ nahm, brachte ſie raſch in Ordnung. Gegen eine mäßige Summe, welche Eugenie darbot— ſie hatte ſie ſoeben durch Theobald als Honorar für ihr Theaterſtück erhalten— erklärte er ſich gern bereit, Flora den größten Theil des Tages im Schwarzenfeld'ſchen Hauſe zu laſſen, und auch ſeine muſikaliſchen Wanderungen wollte er in Zukunft allein anſtellen. Nur darauf beſtand er, daß ſie Nachts zu ihm nach Hauſe käme, und da ſich Eugenie gleichfalls damit einver⸗ ſtanden erklärte, ſo war dieſer Punkt raſch ge⸗ ordnet. Eine andere Frage war es freilich, ob das wilde, nur dürftig unterrichtete Kind wirk⸗ lich geeignet war zu den Dienſten, welche ſie bei Alfred verrichten ſollte. Doch war dies zu⸗ letzt nur deſſen Sache, und da er ſich mit ſeiner neuen Pflegerin vollkommen zufrieden erklärte, ſo konnten die Andern es auch ſein. Als der Regierungsrath, deſſen Stimmung überh (weni befan Niem geme ward „Da iß genie Sch det ale l ißt ſolc und in Be an⸗ egen 55 überhaupt wieder ungewöhnlich roſenfarbig war (wenigſtens in Geſellſchaft: ſowie er ſich allein befand, war ſie deſto düſterer; doch das wußte Niemand), von dieſen verſchiedenartigen Arran⸗ gements und Einrichtungen in Kenntniß geſetzt ward, konnte er ſich vor Luſtigkeit kaum faſſen. „Da haben wir“, rief er,„ja eine ganze ſchön⸗ geiſtige Akademie beiſammen; Sie, theure Eu⸗ genie, dichten, Alfred und Flora muſiciren, der Schreiber malt, Theobald bewundert, ich bin der rohe Pöbel, der nichts verſteht und von allen Seiten verachtet wird— und Sie, ſchöne Klara, welche Rolle übernehmen Sie in dieſem äſthetiſchen Familiendrama?“ Aber Klara war wenig geneigt, ſich auf ſolche Fragen einzulaſſen. Sie war ſehr ernſt und ſtill und fand an dem ganzen Aufenthalt in dieſem Hauſe ſichtlich nur ein ſehr geringes Behagen. Ohne ſich gerade aufzudrängen und noch mehr ohne ihre Thätigkeit bemerkbar zu p * machen, wußte ſie es doch ſo einzurichten, daß Eugenie ihr den größten Theil ihrer häuslichen Geſchäfte übertrug, beſonders auch diejenigen, die ſie ſelbſt bisher, von ihrer literariſchen Nei⸗ gung abgezogen, mehr ausführen gewollt als wirklich ausgeführt hatte. Im Uebrigen hielt ſie ſich ſehr zurückgezogen. Theobald, der ihr nach ſeiner zudringlichen Art ſogleich den Hof machen wollte, wurde ziemlich ernſthaft zurück⸗ gewieſen, und auch Hermann ſuchte vergeblich nach einem Augenblick, wo er ſich vertraulich mit ihr ausſprechen und die Nebel, die ſich zwi⸗ ſchen ihnen gebildet zu haben ſchienen, zerſtreuen könnte. Dies war ein großer Schmerz für den ar⸗ men Jungen; ſein ganzes Leben ſchien ihm ver⸗ fehlt und öde, da jetzt Klara, die geliebte Flara, die einzige Freundin ſeiner Jugend, die Hoff⸗ nung und Sehnſucht ſo vieler langer Jahre, durch eine wunderſame Fügung in ſeine Nähe gefih war mehr ſeine ttate bald daß hen n ähe S — geführt, zum Theil unter einem Dache mit ihm war— und ſie ſah ihn und kannte ihn nicht mehr! Selbſt die Beſorgniſſe, die er wegen ſeines Schwagers und des Zundelheinrich hegte, traten für einige Zeit zurück. Doch ſollte er bald genug daran erinnert werden. 3** Fünſtes Capitel. Ein würdiges Ehepaar. Doch müſſen wir zunächſt noch wieder zurück⸗ kehren zu dem Abend, der auf Herrn Lur' plötz: liche Zurückkunft folgte. Den würdigen Mann hatte die kühle Aufnahme, die er bei ſeiner Gön⸗ nerin gefunden, ſowie der geringe Dank, den er mit ſeinen Bemühungen um Ulrich Schwarz eingeerntet hatte, tief erſchüttert; den ganzen Tag war er hin- und hergerannt, hatte hier und dort gehorcht, ſogar den ſchönen Ulrich ſelbſt hatte er ins Gebet genommen, um etwas Ge⸗ naueres über ſein Verhältniß zur Baronin zu erfahren. Doch war Alles fruchtlos geweſen; * derſ wie gebe Tag und ſtre da der w bi w vie A du l de -— 59 der ſchöne Ulrich hatte ſo keck und frech gethan wie immer, und ganz deutlich zu verſtehen ge⸗ geben, daß die Gnädige ihn nun wol nächſter Tage heirathen würde. Dadurch immer unſicherer geworden, müde und abgehetzt von ſo vielen vergeblichen An⸗ ſtrengungen, ſaß Herr Lux am ſpäten Abend, da die übrigen Bewohner des Thurms ſchon längſt zur Ruhe waren, bei ſeiner Gattin; er ließ ſich von ihr die Füße, die ihn noch von der Reiſe ſchmerzten, mit warmem Branntwein waſchen und erzählte ihr dabei Einiges von den beſtandenen Abenteuern ſowie von den trüben Gedanken, die ihm durch den Kopf gingen, wie⸗ wol es nicht eigentlich Erzählung zu nennen war, vielmehr nur laute Selbſtbetrachtung. Herr Lux war von ſeiner eigenen Weisheit viel zu ſehr durchdrungen, als daß er, der zehnfach Ueber⸗ legene, ſeiner Frau hätte wirklich etwas erzählen oder ſie gar um ihren Rath fragen ſollen; wenn 60 es dennoch zuweilen den Anſchein gewann, als ob das Letztere wirklich geſchähe, ſo war das offenbar nur Herablaſſung von Seiten des Herrn Lux und weil es ihm bequemer war, ſich ſeine Gedanken und Plane von ihr vorerzählen zu laſſen, als ſie ſelbſt auszuſprechen. Auch war es eine gute Uebung für den Verſtand der Frau Lux, und ſo überzeugt er war, daß kein Sterb⸗ licher ihn jemals an Weisheit und Schlauigkeit erreichen werde, ſo viel Mühe gab er ſich doch als guter Ehemann, ſich in ſeiner Frau eine würdige Schülerin heranzubilden. Sie mußten zwar, wegen der Enge des Raums, daſſelbe Zimmer mit der Frau Schernberg, ſeiner Schwie⸗ germutter, theilen; doch brauchten ſie ſich des⸗ halb in der Offenheit ihrer Herzensergießungen nicht im mindeſten ſtören zu laſſen, da Frau Schernberg, wie wir uns erinnern, ſchon ſeit langem ſchwachſinnig und für alle Angelegen⸗ heiten dieſer Welt abgeſtorben war. Auch war als das errn ſeine nzu war Frau terb⸗ gkeit doch eine ßten ſcbe wie⸗ des⸗ ngen Fral ſeit egen war ſie des Abends, wenn das würdige Ehepaar ſich dieſen vertraulichen Unterhaltungen zu überlaſſen pflegte, regelmäßig ſchon in ihr Bett gebracht, das in einer Art Vertiefung ſtand und überdies durch buntgeſtreifte Vorhänge von dem übrigen Zimmer geſchieden war. Frau Lux hatte die Waſchungen dermaßen zur Zufriedenheit ihres Ehegemahls vollbracht, daß Letzterer auf den Einfall kam, ob daſſelbe Mittel, nämlich warmer Branntwein mit Waſſer und einer kleinen Zuthat von Zucker, nicht auch innerlich angewandt von Vortheil ſein dürfte, beſonders in Anbetracht des plötzlich eingetrete⸗ nen kühlen Wetters. Frau Lux war, wie immer, der Anſicht ihres Mannes, und bald dampfte ein behaglicher Grog vor ihnen auf dem Tiſche. Herr Lur koſtete vorſichtig, ſchüttelte ſich, koſtete noch einmal und ſagte dann, die wohlfrottirten Beine behaglich von ſich ſtreckend: „Bis ſo weit, Schatz, wäre nun Alles gut, 62 und ich bin mit der Art, wie du inzwiſchen ge⸗ wirthſchaftet haſt, ſo leidlich zufrieden; es iſt doch immerhin ein gutes Geſchäftchen hier und nährt ſeinen Mann. Auch müſſen wir uns dazu⸗ halten, ſolange es geht; wer weiß, wie bald die ganze alte Bude zuſammenbricht; es iſt ſchon wieder eine Commiſſion im Anzuge, dem Regie⸗ rungsrath wackeln ſchon die Manſchetten, und dann, wer weiß, wie bald es heißt: Adiev, Hrrr Lup Seine Ehehälfte blickte nachdenkend in die qualmige Lampe, die das Zimmer mehr dunkel ließ als erhellte.„Du verſtehſt Alles beſſer“, meinte ſie,„als andere Leute, ich weiß es, und finde Alles gut, was du thuſt oder unterläßt. Aber das kann ich dir ſagen: wenn es wirklich einmal dahin käme, daß ich den Thurm ver⸗ laſſen müßte, es wäre mein Letztes. Hier hat meine Mutter gewirthſchaftet, hier bin ich geboren, hier bin ich deine Frau geworden, hier 63 ſollen ſie mich auch, die Füße nach vorn, hin— austragen. Ja, ehe ich anders hinausgehe, lieber werfe ich Feuer in das ganze Neſt....“ „Sachte, ſachte“, erwiderte der Mann,„das ſind thörichte Aeußerungen; angenommen, der rothe Hahn käme nun wirklich einmal auf dieſes Dach geflogen und es hätte Jemand deine leicht⸗ fertigen Redensarten gehört, würde nicht alle Welt denken, du hätteſt ihn daraufgeſetzt? Es iſt ſchon gut im Thurm, ich gebe es dir zu. Aber zum Pelzärmel iſt die Welt auch noch nicht geworden; wenn ſie undankbar ſein wollen gegen einen Mann wie mich und wollen mich wirklich einmal von dem ſchönen Aemtchen wegtreiben, immerhin; Unſereins, dem Gott Verſtand ge⸗ geben hat und die Fähigkeit, ihn zu gebrauchen, der geht darum noch lange nicht zugrunde.“ „Das ſagſt du ſchon ſo“, murrte die Frau; „aber ſo klug du biſt, Geld aus der Erde ſcharren kannſt du doch auch nicht...“ „Geld aus der Erde ſcharren“, belehrte Herr Lux ſie mit Würde,„kann man allerdings; es muß nur vorher etwas darin ſein, als zum Bei⸗ ſpiel in Bergwerken, bei eingegrabenen Töpfen und ſo weiter. Aber ſoviel Mühe braucht ein Mann wie ich ſich gar nicht erſt zu geben, für den wächſt das Gold noch anderwärts wie in der Erde und ein gut Stück bequemer: in alten Scripturen, in Worten und Reden, ja in der Luft, in den böſen Gedanken und Geheimniſſen dritter Perſonen. Ich will dir etwas ſagen“, fuhr er fort, nachdem er ſich ein neues Glas Grog gemiſcht und die Miſchung für gut be⸗ funden hatte;„aber es iſt ein großes Wort und du mußt es als einen vorzüglichen Beweis mei⸗ ner Herablaſſung betrachten, daß ich dir, einem Weibe, alſo doch immer einer mehr oder minder unvernünftigen Perſon, ein ſolches faſt ſträf⸗ liches Vertrauen ſchenke. Nicht wahr? Du haſt mich doch wol bisher immer für den klügſten aller nieme inen wite 2 Beiſ Hert ſprac Hau U war Uu zu Hert sz es Bei⸗ öpfen ein n, fir vie in alten in der niſen gen“ Glas ut be⸗ tund mei⸗ einem nindet ſttäf⸗ nhiſ 65 aller Menſchen gehalten? Es iſt dir doch wol niemals im Traume eingefallen, daß es irgend⸗ einen Sterblichen geben könne, der verſchlagener wäre und geriebener wie ich?“ Die Frau gab durch heftiges Kopfnicken ihre Beiſtimmung zu erkennen.„Nun gut“, ſprach Herr Lux weiter— wiewol er jetzt gar nicht mehr ſprach, ſondern er flüſterte nur noch wie ein Hauch, der durch die Blätter ſtreicht:„Nun gut, ich ſelbſt habe es bisher auch gedacht; aber dir als meinem Weibe kann ich es anvertrauen: ich halte mich nicht mehr für den klügſten aller Menſchen, ich habe meinen Meiſter gefunden....“ Frau Lux ſtarrte ihren Mann ſprachlos an;“ Alles in der Welt hätte ſie von ihm eher er— wartet als dieſes Geſtändniß, beſonders in dieſem Augenblick und mit dieſer ruhigen Würde. Aber Herr Lur fuhr, ohne auf ihr Erſtaunen zu achten, fort:„Darin zeigt ſich eben der höhere Menſch, daß er auch ſeine Schranke an⸗ „ — 66 erkennt; das iſt das Kennzeichen des wahren Genie, daß es vom Genie lernt und ſelbſt be⸗ ſiegt auch noch die Niederlage in Sieg zu ver⸗ wandeln weiß. Dieſe Amerikaner! Es muß eine große Nation ſein, bei Gott, dieſe Ame⸗ rikaner!“ Frau Lux fand keinen Grund, dieſer Be⸗ wunderung zu widerſprechen(nämlich wenn ein Widerſpruch wider ihren Mann überhaupt denk⸗ bar geweſen wäre), vermochte aber auch nicht ganz abzuſehen, was dieſe Nation, deren Be⸗ kanntſchaft ſie niemals zu machen hoffte, wenig⸗ ſtens mit ihrem Willen nicht, mit dieſem Ge⸗ ſpräch zu ſchaffen hätte. Herr Lux belehrte ſie mit der ihm eigenen Herablaſſung.„Ein Ame⸗ rikaner“, ſagte er,„iſt der Mann, in dem ich meinen Meiſter gefunden habe; ein Amerikaner hat einen Gedanken gehabt, von dem ich, Jo⸗ hann Adam Lux, der ich keinen Grund habe, mich beim Schickſal wegen unzureichenden Ver⸗ ſtand ihne würd brech ausf ützl oder ber Lut vor un ſch in i 67 vahren ſtandes zu beſchweren, bekennen muß, daß ich ſt be⸗ ihn aus eigenem Antrieb niemals gehabt haben u ver⸗ würde!“ 3 muß Und nun erzählte er, unter vielfachen Unter⸗ Ame⸗ brechungen und Ausrufen der Bewunderung, ausführlich, wie in derſelben Gegend, die er r Be⸗ kürzlich durchreiſt, ein Amerikaner geweſen— un ein oder eigentlich vielmehr ein Deutſcher, den ſie 1 den⸗ aber in Amerika klug gemacht—, der hätte den 1 nicht Leuten, namentlich ſolchen, deren Angehörige Be vor Jahren einmal nach Amerika ausgewandert nnnig⸗ und dort verſchollen waren, ihre etwaigen Erb⸗ nGe ſchaftsrechte und ſonſtigen Anſprüche abgekauft, te ſe in gerichtlich bindender Form, ſodaß in Zukunft Au⸗ kein Menſch dagegen etwas einwenden könnte. n ih— Der Frau wollte dieſer Gedanke anfangs gar ren nicht ſo genial, noch das Geſchäft ſo vortheil⸗ haft erſcheinen. Allein Herr Lux zündete ihr zebe, ein Licht an; er ſetzte ihr auseinander, daß der Ve⸗ Schlaukopf von Amerikaner natürlich nur immer 68 ſolche Erbrechte ankaufte, von denen er insge⸗ heim ſchon wußte, daß wirklich etwas dabei zu gewinnen. Und daß dieſes Letztere in der That der Fall, das bewies auch ſchon der glänzende Aufzug, in welchem der Amerikaner aufgetreten war, völlig wie ein vornehmer Mann, der das Geſchäft rein zum Vergnügen treibt, ſodaß noch zu der Zeit, als Herr Lux dahinkam, die ganze Gegend davon angefüllt war. „Er hat mir den Markt garſtig verdorben, der amerikaniſche Spitzkopf“, klagte er;„nicht blos Erbſchaften und Teſtamente hat er aufge⸗ kauft, ſondern überhaupt, wo irgendein altes zweifelhaftes Recht war oder eine halbverſchol⸗ lene, ſchmuzige Geſchichte, da iſt er hinterdrein gefahren wie der Teufel auf die Seele, und hat nicht eher geruht noch geraſtet mit Geld⸗ bieten, mit Schmeicheln und Bitten, ſogar mit Drohungen, bis er Alles herausgehabt, was er gewollt hat. Beſonders hitzig iſt er auf die insge⸗ bei zu That nzende etreten er das ß noch ganze orben, „nicht aufgl⸗ altes tdrein und Geld⸗ t nit vas e uf dir 69 unehelichen Kinder geweſen, ſo was von vor⸗ nehmen Aeltern ſtammt, wo man Vater oder Mutter den Daumen gehörig aufs Auge ſetzen und Geld herausſchrauben kann. Herr Gott, was ſind da für Geſchichten herausgekommen, über die Möglichkeit! Stadt und Land waren voll davon; auch ſoll er in einigen Fällen ein Geſchäft gemacht haben, im Handumdrehen, wie es kein ehrlicher Mann macht, wenn er ſich ein ganzes Jahr lang abquält. Ueberhaupt, was das für Procente abwerfen muß, das kannſt du ſchon aus Folgendem ſehen, Schatz. In einem der Neſter, vierzig Meilen von hier, fand ich eine alte Wochenblattsnummer; es iſt auch eine Klugheitsregel von mir, wie du weißt, die ich auch Jedermann empfehle, der in der Welt vor⸗ wärts will, daß ich kein Blatt Papier, alt oder neu, bedruckt oder beſchrieben, ungeleſen laſſe. Nun gut, ich werde das alte Wochenblatt leſen, und was werde ich darin finden? Eine Anzeige 70 von einem Amerikaner, der hier kürzlich durch⸗ gereiſt iſt, wegen einer alten Brieftaſche, die er verloren, ganz leer, ein bloßes Familienan⸗ denken, ſagt er— und was meinſt du, was er für das Familienandenken bietet? Baare zwei⸗ hundert Thaler, ſage zweihundert Thaler, zu er⸗ heben in Hamburg bei dem und dem Hauſe!— Nun, was meinſt du dazu? und was für Ge⸗ ſchäfte müſſen das ſein, wobei man ſolche Pro⸗ cente abgeben kann? Familienandenken— hä, hä! wird ein ſchönes Familienandenken geweſen ſein! Gewiß ſo eins, wodurch ein reicher Bankert legitimirt oder irgendein wichtiger Proceß ent⸗ ſchieden wird. Ich erkannte meinen Fuchs gleich an der Spur: der Amerikaner, der die Erb⸗ ſchaften aufkauft, hatte ganz einfach Herr Jo⸗ hann geheißen, oder, wie ſie es in Amerika nennen, Herr John. Bei dieſer Anzeige ſtand nun zwar kein Name, aber es iſt mir nicht der geringſte Zweifel, daß es derſelbe Herr John iſt; wer Brief Einer 5 lich Beda icht ditſe wun 1 wer Kukuk ſollte auch ſonſt für eine alte leere Brieftaſche ſolche Trinkgelder bieten, als ſo Einer?“ Frau Lux ſtimmte dieſer Anſicht wie gewöhn⸗ lich bei und nahm ſich nur die Freiheit, ihr Bedauern darüber auszudrücken, daß Herr Lur nicht ebenfalls ſolche gute Geſchäfte gemacht habe. „Pah, was wollte ich machen?“ entgegnete dieſer.„Ueberall, wohin ich kam, war der ver⸗ wünſchte Kerl, der Amertkaner, ſchon geweſen, die Jagd war abgeklappert und ich hatte das Nachſehen. Man wollte mich gar nicht hören mit meinen Nachfragen nach dem Ulrich Schwarz, und ich ſelbſt fürchte jetzt, ich habe blos meine Zeit damit verloren. Wird ſie ihn wirklich noch heirathen? oder iſt die Geſchichte ernſtlich zu Ende? Denn darüber, daß ſie ihn hat hei⸗ rathen wollen, darüber bin ich völlig gewiß. Oder ſage ſelbſt, Schatz: warum ſollte ſie wol, noch dazu bei ihrem Geiz, das ſchöne Geld daranwagen und ſollte mich reiſen laſſen kreuz und quer, um einen Taufſchein aufzutreiben von ihrem geliebten Ulrich Schwarz, wenn es nicht deshalb geweſen wäre, weil ſie ihn heirathen will? Am Ende will ſie ihn noch gar in den Adelſtand erheben laſſen....“ Auch Frau Lux fand dieſe Zweifel ſehr beun⸗ ruhigend; ihr Gemahl aber, mit der Miene eines Mannes, der ſeinen Entſchluß gefaßt hat und aufs Schlimmſte vorbereitet iſt, tröpfelte den Zuckerſatz aus dem Glaſe vorſichtig in den untergehaltenen Löffel, verzehrte die ſüße Neige und hob dann von neuem an: „Aber ganz ohne Frucht iſt meine Reiſe darum noch lange nicht geweſen: ich habe da ein Fädchen angeknüpft, wenn ſich das fort⸗ ſpinnt, wie es ſoll, gib Acht, da können wir noch mal fragen, wie theuer der Muſikanten⸗ thurm, und von Herauswerfen iſt die Rede nun gar nicht mehr....“ — —— F anz wünſ ſchtic den wirkl Stin nan hatn und Sch man fall richt habe Ihr Ban iine 73 Frau Lux blickte ihn mit verzehrenden Augen an; dies war die Melodie, die ſie zu hören nicht wünſchte. Aber der Mann ſah ſich erſt vor⸗ c ſichtig nach allen Seiten um, horchte ſogar an den Bettvorhängen, ob die alte Mutter auch wirklich ſchlief, und fuhr dann mit flüſternder Stimme fort:„Von Ulrich Schwarz konnte 1 ſint man mir nichts ſagen, aber von Jemand anders* hat man mir geſagt, der für uns noch wichtiger z und einträglicher werden kann als zehn Ulrich 4. Schwarz. Du biſt kein Kind mehr, Schatz, 1 1 man kann mit dir von ſolchen Dingen allen⸗ Nih falls reden— entſinnſt du dich noch eines Ge⸗ rüchts, das du noch in deiner Jugend gehört haben mußt und das erſt in den letzten zwanzig . Jahren allmälig verſchollen iſt? Von der alten lo. Baronin und dem Muſikantenthurm, he? Von 5 einem gewiſſen Teſtament und einem betrunke⸗ nen Nachtwächter, der Dinge geſehen haben Rde wollte, die er ſpäterhin nicht beweiſen konnte Der Muſikantenthurm. III. 4 74 und die deshalb vielleicht doch nicht ungeſchehen waren?“ Frau Lux ſtand in großer Erregung auf; ihr haarſcharfes Gedächtniß führte ihr ſofort den kleinſten Umſtand wieder vor die Seele. „Das war“, ſagte ſie,„das Teſtament von dem alten Kammerdirector— ein tolles Teſta⸗ ment! Kam ein Kind und war es ein Junge, ſo ſollte das Vermögen an die Mutter fallen; kam kein Kind oder war es ein Mädchen, ſo ſollte der Muſikantenthurm erben.“ „Richtig“, beſtätigte Jener,„und es kam ein Junge, unſer jetziger Herr Regierungsrath—“ Ja fiel die Frau ihm ins Wort, mit furchtbarem Grinſen,„und es wurde damals viel gemunkelt von dem Knaben, wo er wol ſo eigentlich hergekommen wäre—“ „Und der Vater, Baron Hugo von Schwar⸗ zenfeld, wurde bald darauf tiefſinnig und nahm ſich ſelbſt das Leben—“ vehei auf e . 7 hitte bei Sünd Ftau Beit ſagr der gew „Und mit der Schweſter, die nach Holland verheirathet war, verfeindete die Baronin ſich uf; auf ewige Zeiten—“ ſort„Und die fünftauſend Thaler, die ihm gehört ele. hätten für den Jungen, hatte der Baron noch von bei Lebzeiten an den Muſikantenthurm geſchenkt, ſta⸗ gleichſam als wolle er kein Theil haben an dem ge, Sündengeld—“ 8 len;„Wenn Die da ſprechen wollte“, grinſte ſo Frau Lux, indem ſie mit dem Finger auf das Bett deutete,„ich glaube, ſie könnte Vieles ſagen; ſie war damals die vertrauteſte Dienerin kam 6 der Baronin und hat um alle ihre Geheimniſſe mit gewußt—“ als„Sie kann nicht ſprechen“, erwiderte Herr ſo Lux mit Dictatormiene,„weil ſie das bischen Verſtand eingebüßt hat, das Gott ihr gegeben und das wol niemals ſehr bedeutend war. Aber ich habe meinen Verſtand und ich werde ſprechen. Nämlich ſobald ich wirklich etwas weiß; für jetzt 4 wal⸗ ahm 76 beſchränkt meine ganze Kenntniß ſich noch dar⸗ auf, daß vor ungefähr ſechsunddreißig Jahren, genau zu derſelben Zeit, wo hier Rudolf von Schwarzenfeld geboren wurde, ein Kind weib⸗ lichen Geſchlechts, ein neugeborenes Töchterchen, von hier auf heimliche Weiſe und unter höchſt verdächtigenden Umſtänden in eine kleine Stadt am Rhein geſchafft worden, wo es bald darauf verſchollen iſt. Ich weiß auch, daß der Vetter der gnädigen Frau, unſer jetziger Herr Präſident von Steinfurt, die Hand dabei im Spiele gehabt hat— begreifſt du nun? Dämmert es deinem ſchwachen Verſtand? Frau von Schwar⸗ zenfeld mußte nach dem Teſtament einen Knaben zur Welt bringen, oder das ganze Vermögen fiel an den Muſikantenthurm; darum mußte das Töchterchen, das ſie wirklich gebar, beiſeite geſchafft und ein Knabe dafür untergeſchoben werden; wer ſieht es unſerm Herrn Regierungs⸗ rath jetzt an, aus welchem Blut er iſt? Darum 77 hat der Präſident auch ſeine Hand im Spiele gehabt; er iſt ein ſchlauer Herr und wollte das ſchöne Vermögen nicht aus der Familie laſſen. Darum nahm der Baron ſich das Leben: er hatte als ehemaliger Offizier zu viel Ehre im Leibe, um den Betrug zu begünſtigen, und wollte doch auch nicht die eigene Frau an den Pranger bringen. Darum gerieth dieſe in Zwiſt und verfeindete ſich mit der ganzen Verwandt⸗ ſchaft: ſie ſchämten ſich der ungerathenen Perſon und ärgerten ſich, daß dieſe den Vortheil allein haben ſollte. Darum hielt Frau von Schwar⸗ zenfeld ſich jahrelang ſo ſtill zu Hauſe und vermied Alles, was böſes Blut erzeugen konnte: ſie wollte die übeln Gerüchte todtmachen und ſich im Beſitz der Erbſchaft befeſtigen. Darum war ſie ſpäterhin ſo viele Jahre auf Reiſen und ſchleppte deine Mutter in alle mögliche Neſter; ich weiß genau, daß ſie um jene Zeit auch am Rhein geweſen und viele Nachfrage nach einem 78 Kinde gethan hat, das auf geheimnißvolle Weiſe verſchwunden ſein ſollte— ſie ſuchte die unſchuldig verſtoßene Tochter, um ſie unter irgendeinem Vorwande in ihr Haus zurückzuführen und ihr Unrecht wieder gutzumachen. Darum iſt ſie ſo finſter und menſchenſcheu und hat ſolchen Haß auf ihren Sohn: das Gewiſſen quält ſie, ſie weiß, daß er nicht ihr Blut, und denkt, wieviel ſanfter die Hand einer Tochter ihre Wangen ſtreicheln würde....“ Dieſe Schlußfolge war überwältigend; Frau Lux fühlte ordentlich, wie die Glieder derſelben ſich dichter und dichter an ſie ſchmiegten, gleich den Gliedern einer Kette, und ihr keinen Aus⸗ weg verſtatteten.„Lux, Lux“, rief ſie, ihren Gemahl mit Heftigkeit umarmend, wobei die kleine Figur dem hochgewachſenen Manne kaum an den Hals reichte,„du biſt doch der klügſte aller Sterblichen!“ Herr Lux nahm auch dieſe Huldigung mit 79 gebührendem Selbſtgefühl hin. Als die Frau aber weiter fragte, welche nähern Spuren er denn habe und wie er die verſchollene Tochter der Baronin wiederauffinden wolle, mußte er bekennen, daß er dies ſelbſt noch nicht wiſſe. Doch habe er ſeine Verbindungen angeknüpft und hoffe in den nächſten Tagen einen Brief vom Rhein zu erhalten mit dem Namen, unter welchem das geheimnißvolle Mädchen dort ge⸗ tauft und erzogen worden. Das ſei denn für jeden Fall ein Anfang, auf dem ſich weiterbauen laſſe. Aber auch den ſchlimmſten Fall ange⸗ nommen, daß keine Spur von dem Mädchen aufzufinden oder daß es vielleicht wirklich ge⸗ ſtorben, ſo gäbe ſchon die bloße Kenntniß ihres Geheimniſſes ihm über die alte Baronin eine Macht in die Hand, die er gewiß nicht unbe⸗ nutzt laſſen wolle.„Ich liebe keine Klatſche⸗ reien“, ſagte er mit Würde;„meine Verſchwie⸗ genheit iſt ſtadtbekannt; reiner Mund iſt aller⸗ 80 wege willkommen. Allein wenn ich in dieſem Falle ſchweigen ſoll, ſo muß man mir mein Schwei⸗ gen bezahlen. Wenn mir dagegen das Reden mehr einbringt als das Schweigen— gut, Gott hat dem Menſchen den Mund nicht umſonſt ge⸗ geben, ſo rede ich.“ Frau Lux war auch jetzt wieder ganz ein⸗ verſtanden; ſie umarmte den Ausbund von Mann zum zweiten male, und mit dem er⸗ quickenden Bewußtſein eines wohlvollbrachten Tagewerks ging das würdige Ehepaar zur Ruhe, um einige Minuten ſpäter den Schlaf der Ge⸗ rechten zu ſchlafen. Nur Frau Lux fuhr mitten in der Nacht plötzlich mit lautem Aufſchrei in die Höhe: es hatte ihr geträumt, ſie müßten den Muſikantenthurm doch verlaſſen, und vor Wuth und Aerger hätte ſie Feuer in den Thurm geworfen. Sie war ſehr aufgeregt über den Traum und erklärte ihn für eine böſe Vorbe⸗ deutung. Ihr Gemahl indeſſen belehrte ſie, daß 81 Träume nur aus zu vollem Magen kämen; ſie hätte nicht ſollen von ſeinem Grog nippen, ſo würde ſie auch nicht ſo aberwitzige Träume ge⸗ habt haben.... . Sechstes Capitel. Vor dem Gewitter So war denn die Ruhe im Schwarzenfeld'ſchen Hauſe wiederhergeſtellt, gerade in einem Augen⸗ blick, da Eugenie infolge des nächtlichen Ge⸗ ſprächs mit Rudolf ſchon die ſchlimmſten Stö⸗ rungen befürchtet hatte. Doch war es nur eine Ruhe vor dem Gewitter. Der Wechſel in Rudolf's Stimmung war ſo grell und überkam ihn, trotz aller Anſtrengung, recht fröhlich und wohlgelaunt zu erſcheinen, zuweilen ſo plötzlich, daß es Euge⸗ nien auf die Dauer unmöglich verborgen bleiben konnte. Er ſteckte viel mit Herrn Lux zuſammen und entſchuldigte ſich mit den überhäuften eine rotz nt ben nen Arbeiten, welche die bevorſtehende Commiſſion ihm mache. Die Regierungsräthin glaubte ſeinen Worten nur halb und hätte ſich gern, Rudolf's Wink befolgend, an den treuen Hausfreund, den wackern, theilnehmenden Theobald, gewendet. Allein dieſer hatte mit der Einrichtung ſeines neuen Geſchäfts ſo viel zu thun, daß er im Schwarzenfeld'ſchen Hauſe nur wenig geſehen wurde; auch mochte ihn wol die kurze, herbe Art verdroſſen haben, mit welcher die ſchöne Klara ſeine Huldigungen zurückgewieſen. Dieſe ſelbſt lebte ebenſo ſtill und unbemerkt fort wie am erſten Tage; ſie nahm ſich der Wirthſchaft mit Eifer an, hatte für Jeden ein freundlich ruhiges Wort, vermied jedoch im Uebrigen jede nähere Erörterung, ſei es über die Vergangenheit, ſei es über die. Zukunft, die ihr bevorſtand, oder auch über die Verhältniſſe und Perſonen, unter denen ſie augenblicklich 84 lebte. Zur Regierungsräthin hatte ſie ſich nicht unfreundlich, aber doch ſehr vorſichtig geſtellt; ſie betrachtete ſie nicht gerade mit Argwohn, aber doch mit einer Art von Zurückhaltung, die keinen Zweifel darüber ließ, daß ſie ſich von ihr nicht beſonders angezogen fühlte, und auch die große Güte, mit welcher Eugenie ſie be— handelte, vermochte keine Umſtimmung zu bewir⸗ ken. Geradewegs zuwider aber war ihr Flora; der Reiz, den ihr herrlicher Geſang im erſten Augenblick auch auf ſie ausgeübt hatte, war ſehr bald wieder verſchwunden, und weder die Sorgfalt, mit der Flora ſich ihrem neuen Berufe widmete, noch die unverwüſtliche Heiterkeit, die ſie dabei zeigte, fand Gnade vor den Augen des ſtrengen, ſpröden Mädchens, dem dieſes Verhältniß, wie ſo Manches hier im Hauſe, nun einmal ſchlecht⸗ hin unziemlich und anſtößig erſchien. Auch Hermann war nicht glücklich; die Eis⸗ rinde, die ſich um das Herz der Jugendfreundin 85 ht gelagert hatte, war auf keine Weiſe zu durch⸗ tz dringen und hielt ihn in einer Entfernung, die er ihn ſelbſt, wenn er an frühere, vertraulichere die Tage dachte, unerhört und märchenhaft bedünken on mußte. Tauſend mal hatte er angeſetzt, ſie zu ch einer Erklärung zu drängen oder ihm doch we⸗ e⸗ nigſtens den Brief herauszugeben, den ſie, nach ihrem eigenen Geſtändniß, von dem alten Pre⸗. ; diger für ihn in Händen hatte. Doch wußte en ſie jedem Geſpräch ohne Zeugen mit großer Ge⸗ 6 hr ſchicklichkeit auszuweichen; ja zuletzt vermied ſie„ , es ganz, den jungen Mann zu ſehen, und ſelbſt te ſeine Zeichnungen und Entwürfe, die ſie in frühern Jahren mit ſoviel Theilnahme betrachtet ei hatte und die jetzt, unter der umſichtigen Leitung ie der Regierungsräthin, immer beſſer ausfielen, „ würdigte ſie keines Blicks.. Die Letztere hatte an ihrem jungen Zögling große Freude. Beſonders triumphirte ſie im 4 Stillen darüber, daß es ihr, trotz der herben 86 Erklärung, die er ihr an jenem Abend gegeben hatte, dennoch gelungen war, ihn ſeinem niedri⸗ gen Kreiſe wenigſtens theilweiſe zu entziehen und ihn auf ein höheres und würdigeres Ziel hinzulenken. Was freilich für die Zukunft daraus werden ſollte und ob ſie, beim beſten Willen, jemals im Stande ſein würde, den jungen Mann in jener höhern Laufbahn, die ſie ihm ſo vor⸗ witzig erſchloß, nun auch wirklich zu erhalten und aus dem verdorbenen Schreiber einen ferti⸗ gen Künſtler zu machen, das war eine Frage, die ſie ſelbſt ſich ſehr häufig vorlegte, ohne eine genügende Antwort darauf finden zu können. Sie tröſtete ſich endlich mit der Unſicherheit ihrer eigenen Zukunft, ja des ganzen menſch⸗ lichen Lebens; wo ſo Vieles im Dunkeln war, über ſo Vieles und noch viel Wichtigeres die Ent⸗ ſcheidung noch ſchwebte, wäre es da nicht Ver— meſſenheit geweſen, für die Zukunft dieſes jungen Mannes erſt gleichſam eine ganz beſondere e⸗ gen 87 Sicherheit vom Schickſal zu verlangen, bevor ſie ihm ihren Beiſtand leiſtete? Sie beſchloß zu helfen und zu rathen, ſoweit ſie konnte; wo ihre Kraft nicht mehr ausreichte, da, trö⸗ ſtete ſie ſich, würde der Himmel ſchon weiter⸗ ſorgen. Auch zeigte Hermann ſelbſt wegen der Zu⸗ kunft nicht die geringſte Beſorgniß: aus dem einfachen Grunde, weil die Sorgen und Küm— merniſſe der Gegenwart ihn an die Zukunft gar nicht denken ließen. Außer dem Schmerz über Klara's verändertes Betragen drückte ihn auch die Sorge um ſeine Schweſter Gertrud mit ver⸗ doppelter Gewalt. Ulrich Schwarz trieb ſeinen Umgang mit dem Zundelheinrich jetzt ganz offen und unverhüllt. Wegen der Brieftaſche hatte er von der Baronin, ſo gütig dieſelbe jetzt auch übrigens gegen ihn war, trotz vielfacher An— fragen noch immer keine beſtimmte Antwort er⸗ halten können, und ſo war ihm denn nichts übriggeblieben, als für den Zundelheinrich, deſſen Ungeduld mit jedem Tage wuchs, bei dem Wirth des Grünen Ochſen, einem ſehr traitabeln Manne, gutzuſagen, was derſelbe auch in An⸗ betracht der Verbindung, in welcher Ulrich mit der alten Baronin ſtand, ſich gern gefallen ließ. Doch hatte Zundelheinrich bei alledem häufig Langeweile in der fremden Stadt, und Ulrich nicht minder. Da war es denn ganz natürlich, daß Ulrich ſeinen Freund erſt heimlich beſuchte, dann, da Alles ruhig blieb und Niemand auf Zundelheinrich achtete, ſich wol auch auf der Straße Arm in Arm mit ihm zeigte und end⸗ lich auch ſeine Beſuche im Muſikantenthurm annahm— zum großen Entſetzen Hermann's und ſeiner Schweſter, welche den Unhold Beide zur Genüge kannten und auch den verderblichen Einfluß, den er auf Ulrich ausübte. Aber wie würde ihr Entſetzen ſich erſt ge⸗ ſteigert haben, hätten ſie nur einen Augenblick m ide en jene Geſpräche belauſchen können, welche die beiden Männer bei ihren heimlichen Zuſammen⸗ künften führten! Zundelheinrich war eine un⸗ geduldige Natur; er begriff nicht, wie Ulrich eine Angelegenheit, die ihm ſo leicht und ein⸗ fach erſchien, ſo lange hinſchleppen konnte. Ihm war es eine ausgemachte Sache, daß die Brief⸗ taſche ſich in der That in den Händen der Ba⸗ ronin befand; die rothe Hanne, meinte er, würde wol ganz Recht gehabt haben, es be⸗ fänden ſich ganz gewiß irgendwelche höchſt werthvolle Papiere darin, welche die Baronin blos nicht Luſt habe herauszugeben. Ulrich ſolle ihn ſolche alte Damen nicht kennen lehren, je mehr ſie hätten, deſto mehr wollten ſie, und was nun gar das Lügen und Streiten anbe⸗ treffe, ſo ſei der Teufel ſelbſt ein unſchuldiges Kind gegen ein altes Weib. Wenn ſie aber, ulrich und Zundelheinrich, ein paar ordentliche Männer wären, ſo warteten ſie gar nicht erſt 90 5— ab, ob und bis der gnädigen Frau gefällig wäre, ihnen ihr Eigenthum herauszugeben, ſon⸗ dern ſie holten es ſich ſelber. Sich in das alte weitläufige Haus einzuſchleichen, müſſe ja eine Kleinigkeit ſein, beſonders bei dem freien Zu⸗ tritt, der Ulrich zu jeder Zeit des Tages offen⸗ ſtehe—„Und auch wol bei Nacht“, meinte er grinſend. Wären ſie erſt einmal darin, ſo woll⸗ ten ſie auch die Brieftaſche ſchon finden— und vielleicht auch noch einige andere hübſche Sa— chen, die ſie noch beſſer gebrauchen könnten als die alte Frau. Ulrich that zwar jedesmal, wenn ſein Ge⸗ fährte Dergleichen äußerte, als ob er in tiefſter Seele darüber entrüſtet wäre. In der Stille jedoch mußte er ſich bekennen, daß ihm ſelbſt ſchon zuweilen ähnliche Gedanken gekommen waren. Die gute alte Dame machte bei aller Verliebtheit doch ein wenig gar zu lange, be⸗ vor ſie ſich entſchloß; auch hatte ihr Verlangen, lig on⸗ lte ine nd en, 91 ulrich ſolle ſich einen beſtimmten Stand wäh⸗ len, und nun gar erſt der abgeſchmackte Ein⸗ fall, er ſolle in ſeinen alten Tagen noch etwas lernen, für den alten eingefleiſchten Herumtrei⸗ ber wenig Verlockendes. Einſtweilen beſchloß er noch zu warten und ermahnte auch ſeinen Freund zur Geduld; kam es wirklich zum Schlimmſten, ſo konnten ſie den Vorſchlag ja noch immer in Ueberlegung ziehen.— Von ſo widerſprechenden Empfindungen hin⸗ und her⸗ geworfen, bald auf dem Gipfel ſeiner Hoffnun⸗ gen, bald wieder über den perzweifeltſten Planen brütend, war auch Ulrich's Stimmung ſehr un⸗ gleich, und die arme Gertrud hatte viel von ihm auszuſtehen; ſelbſt der„alte Mann“ wurde et⸗ was weniger beachtet als gewöhnlich. Allein die Erſtere war an Unterwürfigkeit und Mis⸗ handlungen ſchon zu ſehr gewöhnt, und was den Knaben anbetraf, ſo war er in der Stille auch recht froh(nämlich wenn dieſes ————— — 92 Kind jemals hätte froh ſein können), wenn ſein Vater ihm ein wenig Ruhe ließ und ihn mit Lieb⸗ koſungen verſchonte, die er meiſt nur als das Gegentheil empfand. Die Sorgen, welche Herr und Frau Lur quälten, kennen wir bereits ebenfalls, und ſo waren denn die beiden einzigen wirklich heitern und unbefangenen Perſonen in dem ganzen Kreiſe unſerer Bekannten der blinde Alfred und ſeine Pflegerin Flora. Zwar ob Flora wirklich ſo unbefangen war wie ſie that, darüber hätte man bei näherer Nachforſchung vielleicht in Zweifel gerathen können; ſie beobachtete ihre Umgebung außerordentlich genau und verfolgte jeden Blick und jede Miene mit geſpannteſter Aufmerkſamkeit. Aber heiter wenigſtens war ſie, das ließ ſich nicht leugnen; ſie unterhielt das ganze Haus mit ihren poſſirlichen Einfällen und ſang dann wieder dazwiſchen ihre Lieder mit ſolcher herrlichen Stimme und anſcheinend ſo 93 tiefgefühltem Ausdruck, daß, mit einziger Aus⸗ nahme Klara's, Jeder, der ſie hörte, davon hingeriſſen war. Am meiſten Alfred. Er war wirklich ein ganz anderer Menſch geworden, thätig, mittheilſam und für alles Gute em⸗ pfänglich, ſeit der Bekanntſchaft mit Flora. Seine Symphonie war längſt vollendet, und mit Eifer arbeitete er an einigen größern Ge⸗ ſangſtücken, die er ausdrücklich für Flora's Stimme berechnete. Auch hatte er in die Haupt⸗ ſtadt ſchreiben laſſen und ſich mit verſchiedenen muſikaliſchen Autoritäten derſelben in Verbindung geſetzt; was er ihnen von ſeinen Compoſitionen mitgetheilt, hatte ihren lebhaften Beifall erhalten, und mit mehr, als gewöhnlicher Wärme gab man ihm die beſten Zuſicherungen, für den Fall, daß er einmal perſönlich herüberkommen und etwas von ſeinen Sachen zur Aufführung brin⸗ gen wolle.— Flora nahm an allen dieſen Din⸗ gen ſcheinbar den größten Antheil. Oder viel⸗ leicht that ſie es nicht blos ſcheinbar, ſondern wirklich, und es war nur eine üble Angewöh⸗ nung des muthwilligen Kindes, daß ſie ſich hinter Alfred's Rücken zuweilen recht luſtig über ihn machte und ſeine Eigenheiten verſpottete. Sie that das zwar ſtets nur gegen eine einzige Per⸗ ſon, nämlich gegen ihren Freund Hermann. Allein gerade dieſem war dieſe Art des Muth⸗ willens höchſt verhaßt, ſodaß ſie manches ernſt⸗ hafte Wort darüber von ihm hören mußte. Aber Flora und Ernſt! Mit der ſpaßhafteſten Geberde von der Welt ahmte ſie Alfred's Rede und Bewegung nach, ging auf und ab, wie er beim Componiren zu thun pflegte, rieb ſich auf dieſelbe Weiſe die Stirn, ſchlug in die Hände, als ob ihr eben ein glücklicher Einfall gekom⸗ men wäre, und ſprach mit komiſcher Wichtigkeit von der Reiſe, die ſie nächſtens zuſammen in die Hauptſtadt machen, und den großen Con⸗ certen, die ſie daſelbſt geben wollten. Es war 95 —— m gewiß viel Grauſamkeit in dieſem Spiele, aber h⸗ doch noch weit mehr Kinderei. Auf alle Vor⸗ ich ſtellungen Hermann's antwortete ſie ſtets nur er mit Lachen. Oder wenn er gar zu lebhaft in ſie ie drang, rief ſie auch wol:„Nun, was willſt 1 cr⸗ du? Ich ſoll mich in den blinden Prinzen wol m gar noch verlieben? Als wenn es nicht genug 3 . wäre, daß er in mich verliebt iſt bis über die ſt⸗ Ohren!“ Und ein andermal ſetzte ſie gar hinzu: te.„Es mag zuletzt doch gar nicht ſo übel ſein, einen blinden Mann zu haben, er ſieht doch wenigſtens nicht, wenn man alt und häßlich wird Siebentes Capitel. Das peinliche Verhör Eines Tages, da Ulrich wieder bei der Baro⸗ nin war, ſprach er ſo viel von ſeiner Brieftaſche und geberdete ſich über den Verluſt derſelben ſo erbärmlich, daß die alte Dame, ihn plötzlich ſtarr anſehend und ſich in ihren Lehnſtuhl zurück⸗ lehnend, mit untergeſchlagenen Armen, was bei ihr alle mal ein Zeichen war, daß ein Gewitter im Anzuge, ihn fragte: „Mit Eurer ewigen Brieftaſche! Angenom⸗ men nun, ſie wäre da oder hätte ſich gefunden — welchen großen Werth hat ſie denn für Euch? Und was enthält ſie, daß Euch ſo ſehr um ih⸗ ren Wiederbeſitz zu thun iſt?“ Wir haben es früher einmal aus Ulrich's eige⸗ nem Munde vernommen: Lügen iſt ein gutes Handwerk, aber nur ſolange es gelingt. So einfach die Frage der Baronin war und ſoviel Zeit Ulrich gehabt hatte, ſich darauf vorzube⸗ 3 reiten, ſo unerwartet traf ſie ihn doch. Er ſtammelte einige ungewiſſe Redensarten und zeigte ro⸗ in ſeinem ganzen Benehmen ſolche Verlegenheit, ſche daß die Frage, die möglicherweiſe im erſten nſ Augenblick nur ein Scherz, ein flüchtiger Einfall ic geweſen war, mit verdoppeltem Nachdruck wieder⸗ ick holt ward. bei Ulrich ſchwitzte und ſtöhnte wie auf der tt Folterbank. Den wahren Urſprung der Brief⸗ taſche durfte er unmöglich bekennen; aber was 3 ſollte er ſagen? Sollte er zugeſtehen, daß ſie den völlig leer und ohne Inhalt? Allein woher dann dieſer ungemeine Werth, den er auf ſie legte? Der Muſikantenthurm. III. 5 Und war ſie denn ſo gänzlich ohne Inhalt? Konnte die rothe Hanne nicht in der That Recht haben, und konnte nicht in einem geheimen Fach, das ihrer Aufmerkſamkeit an jenem Abend wirk⸗ lich entgangen war, eine Banknote enthalten ſein, oder ein Wechſel, oder ein anderes werth⸗ volles Papier? Indem er ſo mit ſeinen Gedanken umher⸗ irrte, fiel ihm zu allem Glück wieder ein, was Zundelheinrich ihm von der Anzeige im Wochen⸗ blatt erzählt hatte; war das„Familienandenken“ dem urſprünglichen Beſitzer zweihundert Thaler werth, ſo konnte es ja wol auch ihm werthvoll ge⸗ nug ſein, um wenigſtens einige Nachfragen danach zu halten. Auch war damit ja noch gar nicht geſagt, daß es außer dem Werth als Familien⸗ andenken nicht noch andere reellere Werthe ent⸗ halten könne. Und endlich, was ihm ſelbſt die Hauptſache war, er gewann Zeit und konnte ſich auf weitere Ausreden vorbereiten. alt? echt ach, virk⸗ lten erth⸗ her⸗ was hen⸗ ſen“ haler l ge noch nicht lien⸗ ent⸗ t dit onntt Er rückte ſich demnach zurecht, zog das Ge⸗ ſicht in die allerehrbarſten Falten, ſtrich ſich die Haare glatt und ſagte:„Gnädige, dieſe Frage greift tief in mein Innerſtes; ich bin ein armer Mann, allein ich habe auch meine Scham und Schande. Wenn Sie mich fragen, wie die Brieftaſche beſchaffen iſt, ſo will ich ſie Ihnen ſogleich beſchreiben, und wenn nur ein Titelchen daran falſch iſt, will ich der Gnädigen nie wie⸗ der vor Augen kommen. Die Brieftaſche“, fuhr er fort, indem er mit Wohlbehagen den gün⸗ ſtigen Eindruck bemerkte, welchen dieſer Ein⸗ gang auf die Baronin machte—„die Brief⸗ taſche iſt ein altes abgenutztes Ding, nicht eben groß, aus rothem Saffian, der aber ſehr ſtark ausgeblaßt iſt; auf dem Deckel befindet ſich ein Wappen in Gold gedruckt, aber ebenfalls durch die Länge der Zeit halb verwiſcht....“ Die Baronin hatte Mühe, eine triumphi⸗ rende Bewegung zu unterdrücken. Doch durfte 5* 100 ſie jetzt noch nicht verrathen, daß die Brief⸗ taſche wirklich in ihrem Beſitz, und fragte daher mit anſcheinender Neugier weiter:„Aber was iſt darin? Und wie iſt dieſe Brieftaſche mit vergoldetem Wappen in Euern Beſitz gekommen?“ Der ſchöne Ulrich hatte ſeine Gründe, die letztere Frage früher zu beantworten als die er⸗ ſtere.„Dieſe Brieftaſche“, ſagte er ſtockend— und gerade dieſes Stocken kleidete ihn höchſt na⸗ türlich—„iſt ein altes Familienandenken; mehr zu ſagen, iſt mir nicht erlaubt.“— „Aber wie oft habt Ihr mir nicht geſagt“, fiel ihm die Baronin hitzig ins Wort,„daß Ihr von Eurer Familie nicht die geringſte Kenntniß habt und nicht das kleinſte Andenken von ihr beſitzt? Wie kommt Ihr nun ſo plötzlich zu dieſer Brieftaſche?“ Ulrich fühlte das Eis unter ſich kniſtern und wanken.„Das iſt ja eben“, ſtammelte er endlich,„das Familienandenken— es darf rief⸗ aher was mit en?“ Niemand davon wiſſen, auch ſelbſt die Gnädige nicht— es wäre denn“, ſetzte er mit einem verzweifelten Entſchluß hinzu, die Sache doch noch auf ein anderes Gebiet zu ſpielen—„es wäre denn, daß wir Beide, als die Gnädige und ich, noch einmal ſehr vertraut miteinander würden, da wollte ich der Gnädigen ſchon Alles ſagen Aber die alte Dame war bereits viel zu ſehr in JZorn und auch vielleicht noch von andern, noch quälendern Empfindungen ergriffen, als daß ſie den frechen Sinn dieſer letztern Worte verſtan⸗ den hätte. Sie war aufgeſtanden und hatte ſich, den Rücken gegen Ulrich, ans Fenſter geſtellt; das war immer das zweite Stadium in ihren kleinen Kämpfen mit Ulrich.„So? Alſo wirk⸗ lich?“ ſagte ſie höhniſch;„in Zukunft wolit Ihr es mir ſagen? Und warum nicht jetzt? Warum nicht auf der Stelle? Weil Ihr nichts wißt, Armſeliger...!“ „Scham und Schande“, betheuerte Ulrich. „Auch gemeine Menſchen können ja wol ihre Geheimniſſe haben, und die Gnädige thut dem armen Ulrich Schwarz ſehr Unrecht, ihn ſo hart anzulaſſen; der arme Ulrich Schwarz iſt das gar nicht gewohnt von der Gnädigen. Ich wiederhole: es iſt ein Familiengeheimniß, das ich nicht verrathen darf, ohne— ohne mich der größten Gefahr auszuſetzen, ja der Kopf auf den Schultern ſteht mir nicht mehr ſicher, wenn ich nur das geringſte Wörtchen davon verrathe—“ „Familiengeheimniß!“ höhnte die Baronin. „Eure Familie hat die Brieftaſche wol geſtoh⸗ len und Ihr fürchtet wol noch nachträglich da⸗ für angefaßt zu werden?“ „Kann ſchon ſein“, erwiderte Ulrich achſel⸗ zuckend,„wer kann für ſeine Familie. Doch will ich damit weder Ja noch Nein geſagt ha⸗ ben und erſuche die Gnädigſte inſtändigſt, hre em art 30 das ſich opf het, von 103 mich mit weitern Fragen zu verſchonen, ich habe einen Eid geſchworen und darf kein Ster⸗ benswörtchen verrathen, bei Gefahr meines Le⸗ bens.“ „Einen Eid?“ ſagte die Baronin etwas be⸗ ſänftigter, indem ſie ſich wieder ihm gegenüber niederließ.„Es iſt gut oder mag doch gut ſein für heute. Nur das Eine werdet Ihr mir doch we⸗ nigſtens ſagen können, was die Brieftaſche, von der Ihr ſoviel Weſens macht, enthält? Oder habt Ihr auch darauf einen Eid geſchworen, es nicht weiterzuſagen?“ Der bedrängte Ulrich fühlte wol, daß er eine und dieſelbe Ausrede nicht zwei mal gebrau⸗ chen durfte; er ſuchte ſich daher auf andere Weiſe zu helfen.„Nun ja“, wiederholte er mit ſelbſtgefälligem Lächeln,„was wird darin ſein? Einen Eid habe ich freilich nicht geſchworen, es zu verſchweigen; aber die Gnädige ſagt ſich ge⸗ wiß ſelbſt, daß man von dergleichen— der⸗ gleichen Schriften nicht gern ſpricht— ich meine“, fügte er hinzu, in der Beſorgniß ſchon zu viel geſagt zu haben,„was ſo Leute von meinem Stande ſind, die gerathen gleich in Verdacht, wenn ſie ſolche Papiere haben, bei der Gnädigen wäre das freilich etwas An⸗ deres „Es ſind alſo wol ſehr werthvolle Papiere?“ fragte die Baronin lauernd. „Sehr werthvolle: ich wäre ein geſchlagener Mann für Lebenszeit, wenn ich die Brieftaſche nicht wiederbekäme.“ „Wol Geld? Oder Geldeswerth?“ forſchte die alte Dame, die in ſolchen peinlichen Fra⸗ gen ganz auf ihrem Gebiete ſchien, weiter. „Geld, verſteht ſich— oder nein, wie man es nehmen will“— ſtotterte Ulrich;„je⸗ denfalls Geldeswerth, bedeutender Geldeswerth — und wenn die Gnädige weiß, wo meine Brieftaſche geblieben iſt, ſo bitte ich ſie fuß⸗ 2/ net 105 fällig, mir wieder zu meinem Eigenthum zu verhelfen.“ Die Baronin machte eine lange Pauſe; dann ſagte ſie:„Was weiß ich von Eurer Brieftaſche! Fragt doch einmal den Herrn Lur, der hat Eure ganze Bagage damals in Empfang genommen, vielleicht hat der ſo etwas gefunden oder kann Euch doch ſagen, wo es hingekommen iſt.“ Mit dieſem plötzlichen Einfall, den um ſeine Brieftaſche beſorgten Ulrich an Herrn Lux, den Allwiſſenden, zu verweiſen, verfolgte die Ba⸗ ronin eine doppelte Abſicht. Erſtlich nöthigte ſie Ulrich damit, ſich wenigſtens für jetzt zu be⸗ ruhigen, und zweitens hatte ſie noch immer von der Klugheit des Herrn Lux die beſte Mei⸗ nung; war hier wirklich ein Geheimniß, und zwar ein Geheimniß, das Ulrich Grund hatte zu verbergen, ſo durfte ſie von der langen Naſe des Herrn Lux überzeugt ſein, daß ſie es auf⸗ 5** ſpüren und herausbringen werde.— Damit alſo brach ſie das Geſpräch für heute ab und entließ den gepeinigten Ulrich, der ſich ſchüttelte und puhſtete wie ein Gefolterter, der friſchweg von der Marterbank kommt. Auch lief er ſchnurſtracks in den„Grünen Ochſen“ zu Freund JZundelheinrich und theilte ihm ſeinen Argwohn mit, daß die Baronin die Brieftaſche wol aller⸗ dings in Händen habe und nur keine Luſt ver⸗ ſpüre damit herauszurücken. Er ſehe nun ſchon ein, daß Zundelheinrich die Welt beſſer kenne als er, und ſogar auch die Weiber; in ſeinem ganzen Leben habe er es nicht für möglich ge⸗ halten, daß ſolche alte reiche Dame dergleichen Streiche machen und ein paar arme Teufel wie ſie auf ſolche ſchnöde Weiſe um ihr Eigenthum prellen könne.— Zundelheinrich lachte, daß die zinnernen Deckel auf den Bierkrügen klirrten; dann äußerte er ſeine Freude, und wie er zuverſicht⸗ lich hoffe, daß ſein Freund zur Vernunft kommen und ſich dem bewußten Vorſchlag nicht länger widerſetzen werde. Doch konnte Ulrich ſich dazu noch immer nicht entſchließen, trotz des Vor⸗ wurfs der Feigheit, mit welchem ſein Freund ihn anzuſtacheln ſuchte; er hoffte noch immer, die alte Dame ſolle Ernſt machen und ihn hei⸗ rathen, oder es werde ſich ein anderer gütlicher Ausweg finden. Nur darüber wurden ſie einig, wenn Herr Lux nichts von der Brieftaſche wiſſe und die Baronin binnen einer beſtimmten Friſt nicht Anſtalt machen ſollte, ihr Verſprechen ein⸗ zulöſen, daß dann geſchehen möge, was Zundel⸗ heinrich verlange. Achtes Capitel. Kämpfe und Zweifel. Doch hatte dieſes letzte Geſpräch mit Ulrich in der Seele der Baronin einen Stachel zurückge⸗ laſſen, den ſie vergebens wieder abzuſchütteln ſuchte. Die Angelegenheit mit der Brieftaſche war ihr von äußerſter Wichtigkeit; die unver⸗ muthete Auffindung derſelben hatte ihr tauſend ängſtliche Zweifel und Kämpfe gelöſt; war ur- rich wirklich der rechtmäßige Beſitzer derſelben, ſo wurde auf einmal der dunkelſte Fleck ihres Lebens ausgelöſcht und ſie konnte mit Frieden in die Grube fahren. Aber andererſeits war die Baronin auch eine viel zu ſcharfſinnige, viel zu nüchterne Frau, um ſich über die Menge der Möglichkeiten zu täuſchen, durch welche Ulrich in den Beſitz der Brieftaſche gekommen ſein konnte, ohne ihr rechtmäßiger Eigenthümer zu ſein. Es war dieſelbe Brieftaſche, die ſie vor vierzig Jahren, in der Blütezeit ihrer Liebe, Hugo zum Geſchenk gemacht, darüber konnte kein Zweifel ſein; das Wappen ſtimmte, die Stickerei ſtimmte, auch waren die Namen von ihrer eigenen Hand geſchrieben, und zu allem Ueberfluß hatte auch der alte eingefleiſchte Zweifler, der Medicinalrath, ſie anerkannt. Bis dahin war Alles klar und richtig; aber nun begannen die Möglichkeiten und führten in ein Labyrinth von Zweifeln, aus denen die alte Dame ſich vergebens zu retten ſuchte. Die Perſon, in deren rechtlichem Beſitz die Brieftaſche ſich befand, für die ſie, noch deut⸗ licher geſagt, ein wirkliches Familienandenken war— dieſe Perſon hatte ein unbeſtreitbares 110 und unverjährbares Recht auf Ulrike's innigſte Zärtlichkeit. Aber war Ulrich Schwarz auch wirklich dieſe Perſon? Der Name, dieſer bedeutungsvolle Name, der die Namen Ulrike und Schwarzenfeld wie in einer durchſichtigen Hülſe in ſich trug, ſtimmte allerdings; er ſtimmte ſogar ſo voll⸗ ſtändig, daß ſie ſich eben deshalb von der erſten Begegnung ſo erſchüttert gefühlt und den Trä⸗ ger deſſelben, allen Verleumdungen und An⸗ feindungen zum Trotz, ſo nahe an ſich heran⸗ gezogen hatte. Aber dann wieder kamen die Zweifel, und die ungewiſſe und verlegene Art, mit der Ulrich ſich über die Brieftaſche geäußert, war vollkommen dazu geeignet, ſie immer mehr zu verſtärken. Dieſer ehemalige Seiltänzer nannte ſich zwar Ulrich Schwarz; aber welchen Beweis hatte er, mit welchen Papieren konnte er dar⸗ thun, daß dieſer Name ihm wirklich gebührte? Und wenn er ihm auch wirklich gebührte, war es denn ein ſo ganz ungewöhnlicher, ſo uner⸗ hörter Name, daß er nicht von verſchiedenen Perſonen mit demſelben Recht geführt werden konnte? Gern hätte ſie das unvermuthete Aben⸗ teuer, wie Ulrich Schwarz zum Retter der Ba⸗ ronin ward, für einen Fingerzeig Gottes gehal⸗ ten; auch hatte ſie anfangs nicht im mindeſten gezweifelt, daß es ſich wirklich ſo verhalte, und hatte Gott in mancher einſamen bitterſüßen Stunde auf den Knien gedankt, daß er es ſo gnädig mit ihr hinausgeführt. Aber am Ende war ſie doch wol zu vorſchnell geweſen; wie⸗ viel Zufälle waren nicht möglich, und wie durfte ſie es wagen, den unverſtändigen, unberechen⸗ baren Zufall als Fügung Gottes auszudeuten? Es konnte viele Ulrich Schwarz geben; durch keine Conſequenz der Logik, durch keine Noth⸗ wendigkeit der Thatſachen ließ ſich beweiſen, daß der Ulrich Schwarz, der ſie aus dem um⸗ ſtürzenden Wagen gerettet hatte, nun auch gerade derjenige Ulrich Schwarz ſein mußte, nach wel⸗ chem ihre Seele ſich ſehnte. Er konnte es ſein; aber mußte—2! Auch der Umſtand, daß dieſer Ulrich Schwarz, der jetzt in ihrem Hauſe ver⸗ kehrte, aus der Gegend des Rhein gebürtig ſein wollte, konnte vielleicht einer ſonſt ſchon geſicherten Annahme als Beſtätigung dienen, für ſich allein aber bewies er nichts. Die Rhein⸗ gegend iſt gar groß, es gibt viele Dörfer und Städte darin, und in den Dörfern und Städten viele Menſchen; auch viele Ulrich Schwarz kann es darunter geben, auch ſolche, die in ihrer früheſten Kindheit von ihren Aeltern verlaſſen wurden, ohne daß die Träume und Hoffnungen, denen ſie ſich ſeit einigen Monaten ſo leicht⸗ fertig hingegeben, deswegen auch nur im min⸗ deſten begründet waren. Und dann noch einmal auf die vielerwähnte Brieftaſche zurückzukommen: wenn Ulrich ſie wirklich und mit Recht beſaß, wie ging es als⸗ 113 wel· dann zu, wie war es erklärlich, daß er ſo wenig da⸗ ſeinz von wußte? Wie ſie ausſah, wußte er; aber er irſer wußte offenbar nicht, was ſie enthielt. Ließ es ſich ver⸗ nun, ohne aller Wahrſcheinlichkeit ins Angeſicht zu ürtig ſchlagen, als denkbar annehmen, daß er ſie Jahre, ſchon viele Jahre lang beſeſſen, als Familienandenken fir beſeſſen haben ſollte, und ſollte niemals das ge⸗ ein⸗ heime Fach entdeckt und das darin verborgene und Blättchen aufgefunden haben? Freilich ſprach dten er von einer Schrift, die in der Brieftaſche fann enthalten ſein ſollte; aber gerade was er von ihre dieſer Schrift ſagte oder eigentlich nicht ſagte, aſen ſondern blos ſtotterte und ſtammelte, gerade gen, das machte ihr die Sache nur um ſo verdäch⸗ icht tiger. nin Allerdings waren auch noch einige andere Fälle möglich, bei denen Alles in Richtigkeit hnt ſein konnte. Er konnte in der That die Perſon ſe ſein, die ſie ſuchte, er konnte die Brieftaſche mit vollem Recht in Anſpruch nehmen; die 114 Brieftaſche brauchte ja nur früher, während ulrich ſich ihrer bediente, ein anderes werth⸗ volles Papier enthalten zu haben, das inzwiſchen verloren gegangen und auf das, wenn es noch vorhanden geweſen wäre, Ulrich's abgebrochene und unverſtändliche Reden vollkommen gepaßt hätten. Zu verwundern blieb dann nur, erſtlich daß er von dem Stammbuchblatt mit der Stickerei offenbar nichts wußte, und dann zweitens, daß er erſt ſo ſpät nach ſeinem Beſitzthum fragte; hatte die Brieftaſche wirklich ein ſeitdem(viel⸗ leicht ſchon unterwegs) verloren gegangenes werth⸗ volles Papier enthalten, ſo wäre es doch ganz in der Ordnung geweſen, daß Ulrich gleich bei zurückgekehrtem Bewußtſein danach gefragt und für beſſere Aufbewahrung deſſelben Sorge ge⸗ tragen hätte. Sollte ſie auch dies ſeiner Krank⸗ heit zuſchreiben oder jenem Leichtſinn, von dem er leider ſchon ſo viele Proben gegeben? Und wie war er, der Heimatloſe, der Bettler, über⸗ haupt jemals zum Beſitz werthvoller Papiere gekommen? Der zweite Fall war der, daß es Urlrich wirklich von irgend Jemand unterſagt ſein konnte, von dem Beſitz der Brieftaſche und ihrem In⸗ halt zu ſprechen. Es konnte dies möglicher⸗ weiſe noch in ſeiner Kindheit geſchehen ſein, von denſelben pflichtvergeſſenen Leuten, die ſeine Pflege übernommen hatten, vielleicht mit Dro⸗ hungen, die ſich dem Gemüth des Kindes ſo tief eingeprägt, daß er den Eindruck noch jetzt nicht loswerden konnte. Doch ſtanden auch dieſer Annahme, wie die Baronin ſelbſt ſehr wohl fühlte, große Unwahr⸗ ſcheinlichkeiten und Schwierigkeiten gegenüber. Sie ſuchte zu wiederholten malen in dem alten Schrank zwiſchen den blutigen Lumpen nach, ohne das Mindeſte weiter zu finden. Und ſo⸗ viel ſie auch nachſann und ſoviel ſie auch alle Möglichkeiten bedachte, konnte ſie doch zu keinem 116 entſcheidenden Reſultate gelangen. Denn allen Möglichkeiten, die ſie zu Ulrich's Rechtfertigung erſann, ſtand eine andere gegenüber, der ſie ſich ebenfalls nicht verſchließen konnte und die mit Einem Schlage alle ihre Hoffnungen zu Boden warf— Ulrich Schwarz konnte ein Betrüger, die Brieſtaſche geſtohlen, alle ihre Zärtlichkeit und Liebe an einem Nichtswürdigen verſchwendet ſein. Die Baronin litt furchtbar unter dieſen un⸗ aufhörlichen Widerſprüchen und Kämpfen, ihre gute Laune war wieder ganz verloren gegangen; Eugenie, deren Mann inzwiſchen immer finſterer und reizbarer geworden war, fand den Muth nicht, ſie an ihr Verſprechen zu erinnern.— Endlich, um der qualvollen Ungewißheit zu ent⸗ gehen und weil, wenn ihre Hoffnungen ge⸗ gründet, gewiſſe entſcheidende Schritte doch nicht länger zu vermeiden waren, beſchloß die alte Baronin endlich ihren Vetter, den Präſidenten, ihren vielfachen Vertrauten und Rathgeber, auch len ung ſich mit oden ger, 117 in dieſes Geheimniß einzuweihen. Es koſtete ſie einen harten Kampf, bis ſie zu dieſem Entſchluß gelangte; ganze Nächte ſaß ſie einſam, mit brennender Stirn und thränenden Augen, bald die verhängnißvolle Brieftaſche, bald jenes ver⸗ ſiegelte Packet anſtarrend, auf das ſie einſt, in kaum minder qualvollen Stunden, die Aufſchrift geſchrieben hatte:„Nur nach meinem Tode zu öffnen.“ Die Aufſchrift kam ihr jetzt wie der bitterſte Sarkasmus vor; wie gut, dachte ſie, daß ſie das Packet neulich nicht in den Ofen geworfen; ſo erſparte es ihr doch wenigſtens die Qual eines mündlichen Geſtändniſſes; das todte Papier durfte ſprechen, wo ihre eigene Lippe vor Scham und Schmerz verſtummte.... Ueuntes Capitel. Der Präſident. Der Präſident war nicht mehr das dünne, ſchmächtige Männchen von ehedem; er hatte ſich im Verlauf der Jahre ein ganz gemüthliches Bäuchlein zugelegt, eins von der ſpitzen Sorte, das er mit vieler Würde zu tragen wußte und zu dem die zahlreichen Kreuzchen und Ordens⸗ ſterne, welche ſeine Bruſt bedeckten, ſich gar nicht übel ausnahmen. Doch wiſſen wir bereits aus Rudolf's Geſchichte, daß er trotz Spitzbauch und Orden noch immer derſelbe dienſtfertige und hülfreiche Mann war, der allgemeine Vermittler jeden Unfriedens und Ausgleicher aller Schwie⸗ nne, ſich iches orte, und ens⸗ gar eits uch und ttler wir⸗ —— 119 rigkeiten wie früher. Auch die feinen ſchmieg⸗ ſamen Manieren ſeiner Jugendjahre hatte er nicht abgelegt; er küßte der alten Baronin beim Eintreten die Hand, mit einer Devotion und einer Begeiſterung, als ob ſie noch die ſchöne Ulrike von vor vierzig Jahren wäre, und wandte ſich dann ſogleich zu dem Geſchäft, unter deſſen Vorwand Ulrike ihn zu ſich eingeladen. Nämlich ſchon vor einiger Zeit, unmittelbar nach jenem letzten Geſpräch über Rudolf und die Möglichkeit einer Ausſöhnung mit ihm, das ſie mit ihrer Schwiegertochter geführt, hatte ſie den Präſidenten, als den vieljährigen Verwalter ihrer Angelegenheiten, erſucht, ihr doch einmal eine deutliche und vollſtändige Ueberſicht über Urſprung, Wachsthum und gegenwärtigen Zu⸗ ſtand ihres Vermögens zu geben. Der Präſi⸗ dent, deſſen Steckenpferd eben dieſes Vermögen, an dem er die vielen Jahre her weidlich geſpart und zuſammengeſcharrt hatte, war ihrem Wunſche 120 mit aufrichtigem Vergnügen nachgekommen. Erſt als er vor einigen Tagen in Erfahrung gebracht hatte, daß Ulrike ſich mit der verſtorbenen Schwe⸗ ſter ausgeſöhnt und ihre verwaiſte Großnichte zu ſich ins Haus genommen, hatte der Auftrag angefangen ihm verdächtig zu werden. Der Präſident, ſo ſtill und geſchmeidig er auch ſchien, war doch in Wahrheit der Mann der vollbrachten That; es kam ihm thöricht, wenn nicht gar verbrecheriſch vor, über Dinge, die einmal geſchehen waren, noch lange nachzugrü⸗ beln und die mislichen Folgen, welche ſie mög⸗ licherweiſe für dritte Perſonen gehabt hatten, nachträglich verbeſſern zu wollen. Er hatte ſich damals redliche Mühe gegeben, Ulrike's Bruch mit der Frau von Froideville zu verhindern; da es ihm aber einmal nicht gelungen war und die Feindſchaft über ein Menſchenalter gedauert hatte, ſo war er nun auch der unvorgreiflichen Meinung, daß es dabei ſein Bewenden haben Erſt racht chwe⸗ nichte ſftrag Der auch der wenn „die ugrit mög⸗ atten, t ſich gruch da d die alert lichen haben müſſe und daß jeder Verſuch, dieſe uralte Wunde zu verkleiſtern, nur eine ebenſo zweckloſe wie fruchtloſe Sentimentalität ſei. Er hatte das junge Mädchen, die Enkelin und Namensſchweſter ſeiner verſtorbenen Couſine Klara, noch ga⸗ nicht einmal geſehen, trug aber auch nicht dar mindeſte Verlangen danach; auf ſo leidlichem Fuß er ſich mit dem Regierungsrath übrigens hielt, ſo vermied er es doch grundſätzlich, die Geſellſchaften deſſelben zu beſuchen, und ſo hatte er, da Klara niemals zu ihrer Großtante her⸗ überkam, auch gar nicht einmal die Gelegen⸗ heit gehabt, ihre Bekanntſchaft zu machen. Jetzt aber hielt er den Augenblick gekommen, die Angelegenheit bei Ulriken zur Sprache zu bringen, um dadurch wennmöglich größeres Unheil zu verhüten. Bei einem Meiſter der Diplomatie, gleich dem Präſidenten, verſtand es ſich ganz von ſelbſt, daß er nicht direct auf ſein Ziel losging; er war ſchon ſicher, den geeigneten Der Muſikantenthurm. III. 6 Uebergang im paſſenden Augenblick doch zu fin⸗ den, und hob daher, indem er der Baronin den Vermögensauszug überreichte und noch einmal wie mit verliebten Augen an den ſchönen run— den Zahlen hing, in ſcheinbar ganz unverfäng⸗ lichem Tone alſo an: „Hier, meine gnädige Couſine, die Ueber— ſicht, welche Sie befohlen. Es iſt, wie Sie ſehen, ein ganz hübſches Vermögen geworden. Das Capital unſers Oheims, des alten Kam⸗ merdirectors, hat wacker arbeiten müſſen, der alte Herr ſelbſt müßte ſeine Freude daran haben, wenn er wiederkommen könnte und könnte dieſe ſchöne ſtattliche Ziffer mit der hübſchen Reihe Nullen zur Rechten ſehen. Nun ſage mir noch Einer, daß der Segen des Himmels nicht mit den Gerechten iſt“, ſetzte er hinzu, indem er ein Geſicht ſchnitt wie ein alter Faun, und dazu eifrigſt an der Buſennadel polirte. Die Baronin warf einen gleichgültigen Blick Ueber⸗ Sie rden. Kam⸗ der aben, dieſe Reihe noch t nit em er dozu Blck auf die ſtattliche Zahlenreihe.„Wenn Geld allein glücklich machte“, ſagte ſie mit einem halben Seufzer... „Aber es iſt doch eine ſehr weſentliche Be⸗ dingung zum Glück“, verſetzte der Präſident kichernd,„und ich ſegne noch heute die Stunde, wo dieſes ſchöne Capital in Ihre Hände gelangte. Denken Sie nur, wenn die alten Weiber da drüben es bekommen hätten und Ulrike von Schwarzenfeld wäre gerade ſolche arme Edelfrau geworden, wie ſie ein armes Edelfräulein war! Nein, nein, wir bedurften das Geld, uns war es nöthig, um den Glanz der Familie herzuſtellen, und wovon ein verſtändiger Menſch einſieht, daß es ihm wirklich nöthig iſt, das geſchieht auch alle mal und hat ein Recht zu geſchehen. Nur keine trüben Nachgedanken! keine Reue und wie die Pinſe⸗ leien weiter heißen! Ich liebe die Tugend wie Einer und weiß, daß Chriſtus unſer Aller Er⸗ löſer iſt“(der Präſident war nämlich infolge 6* 124 der veränderten Hofluft ein klein wenig fromm geworden, aber wirklich nur ein klein wenig): „aber wo ich einmal von dem geraden Wege habe abweichen müſſen, da weiß ich auch alle mal, daß es nöthig und unvermeidlich geweſen, und tröſte mich der Hoffnung, daß wir allzu⸗ mal Sünder und daß das Blut des Lämmleins auch für mich vergoſſen iſt....“ Der Baronin, die zu ihren mannichfachen Fehlern wenigſtens dieſen nicht beſaß, waren derlei frömmelnde Redensarten ein Gräuel, und fand ſie alſo umſoweniger Veranlaſſung, etwas darauf zu erwidern. Der Präſident, der ihr niedergeſchlagenes Weſen wol bemerkte, es aber falſch verſtand oder das Misverſtändniß für vortheilhaft hielt zur Erreichung ſeiner geheimen Zwecke, fuhr fort: „Aber die gnädige Couſine iſt heute ſo nie⸗ dergeſchlagen und ernſthaft; wer Sie da ſo ſitzen ſahe, die Augen auf das Papier gerichtet, romm enig): Wege h alle weſen, fachen waren und etwus er ihr aber fir eimen o nie⸗ da ſo ichtet, müßte wirklich glauben, Sie hätten Sterbe⸗ gedanken und wollten Ihr Teſtament machen. Iſt es ſo, theure Couſine? Nun, nun, wir wollen uns darum nicht ängſtigen; wer ſein Teſtament macht, ſetzt ſeinem Leben zehn Jahre zu, das haben wir vor Zeiten an dem alten Kammerdirector, der Herr tröſte ihn, erfahren und erleben es noch alle Tage. Doch worüber wollen Sie teſtiren, theure Couſine? Das Ver⸗ mögen hat ſich unter Ihrem Beſitz verdoppelt und verdreifacht, und auch das hat ſeine Rich⸗ tigkeit, daß, nach dem Wortlaut des Teſta⸗ ments, Rudolf nur Beſitzer des Capitals iſt, während Ihnen der freie und vollſtändige Ge⸗ nuß der Zinſen ſowie auch die beliebige Anlage dieſer Zinſen Zeit ihres Lebens zugebote ſteht. Aber es würde doch eine ſehr ſchwierige Aus⸗ einanderſetzung geben, wenn nachgewieſen wer⸗ den ſollte, welche von den vielerlei Specula— tionen, die wir im Laufe der ſechsunddreißig 126 Jahre unternommen und durch die wir das 1 Vermögen hauptſächlich in dieſen blühenden 1 Stand gebracht haben— es würde, ſage ich, eine ſehr ſchwierige Auseinanderſetzung geben, nachzuweiſen, was von dieſen Speculationen mit dem Capital und was mit den Zinſen un⸗ ternommen worden. Denn nur der Gewinn dieſer letztern Speculationen gehört wirklich Ih⸗ nen, während Alles, was mit der Maſſe er⸗ . worben iſt, auch ſelbſtverſtändlich an die Maſſe zurückfällt: und kann ich, der abgeſagte Feind aller Proceſſe und Streitigkeiten, zu dieſer ſchwierigen Auseinanderſetzung umſoweniger ra⸗ then, als dieſelbe in dieſem Fall vollkommen überflüſſig wäre. Sie haben, theure Couſine, nur einen einzigen Erben, unſern guten Ru⸗ dolf, und dieſem wird es natürlich ganz gleich⸗ gültig ſein, von wem er erbt, vom ſeligen Kammerdirector oder von Ihnen, wenn er nur überhaupt einmal erbt und der Stand des ur⸗ ir das henden ge ich geben, tionen en un⸗ ewinn h Ih⸗ ſſe er⸗ Naſſe Feind dieſer et r⸗ mmen uſine, Ru⸗ glich⸗ ſcligen er nut es Ur⸗ 127 ſprünglichen Vermögens ungeſchmälert iſt. Sie haben ja ſonſt, wenn dieſer profane Ausdruck erlaubt wäre, nicht Kind noch Kegel— denn an mich werden Sie doch nicht denken wollen?! Ich bin ein alter Mann, theure Couſine, der ſeine Rechnung mit der Erde abgeſchloſſen hat und nur noch auf die Gnade des Himmels ver⸗ traut. Auch überleben Sie, mit Ihrer eiſernen Geſundheit und Ihrem friſchen, feſten Geiſte, mich alten Krüppel gewiß; mein Huſten, theure Couſine— Sie glauben gar nicht, mein Hu⸗ ſten— des Nachts—“ Die Couſine ſah ihn durchdringend an; ſie hatte von dieſem Huſten noch niemals gehört. Doch kannte ſie ſeine kleinen Künſte und ahnte dunkel, wohin er zielte. Auch hatte ſie ihn ja eben rufen laſſen, um endlich einmal Alles von der Seele zu wälzen. Darum ſagte ſie: „Aber ich dächte doch, Vetter, wir hätten alle Urſache, an unſern Tod zu denken, Sie ſowol 128 wie ich; es gibt, dächte ich, in unſerm Leben noch ſo manche dunkle Spur vergangener Jahre, die wir uns Mühe geben ſollten zu verwiſchen—“ „Sind ſchon verwiſcht!“ rief der Präſident, indem er hüſtelte, aber diesmal blos vor Ver⸗ gnügen:„Sind ſchon verwiſcht und ſo ver⸗ wiſcht, daß kein Engel vom Himmel und kein Teufel aus der Hölle ſie mehr aus der Erde ſcharren ſoll! Die Todten reden nicht, Cou⸗ ſine, und die Verrückten auch nicht. Oder wenn die Letztern auch reden wollen, ſo glaubt man ihnen doch nicht. Wahrlich“, rief er, ſich immer tiefer in Erinnerungen verſenkend, die ihm offenbar das größte Vergnügen machten, während ſie Ulriken höchſt peinlich und unan⸗ genehm zu ſein ſchienen,„je öfter ich über dieſe Geſchichte nachdenke, je mehr überzeuge ich mich, daß es wirklich ſo Gottes Wille geweſen und daß der Herr ſelbſt ſeine Engel vor uns ge⸗ ſendet, unſere Widerſacher zu verwirren! Es glaubt t ſich d die ichten, unan⸗ dieſe nich, und 6 ge⸗ 6 iſt eine der großartigſten Geſchichten, die jemals paſſirt ſind; mich grauſt noch, wenn ich daran denke, nicht aus Furcht, ſondern lediglich aus Vergnügen. Solch ein verrücktes, boshaftes Teſtament! die allgemeine Aufmerkſamkeit der Stadt ſo auf uns gewendet! ſoviel Neugier! ſoviel Verdacht! und doch ſolche ungeheure Naſe gedreht, eine Naſe für ewige Zeiten, eine voll⸗ kommen hiſtoriſch gewordene Naſe, an die noch die fernſten Generationen mit Ehrfurcht denken werden! Couſine“, ſagte er behaglich, indem er die kleinen zierlichen Füße von ſich ſtreckte und ſeine Brillanten ſpielen ließ,„es liegt doch etwas Erhabenes in dem Gedanken, ſo eine recht unverſchämte, handgreifliche Lüge in die Weltgeſchichte eingeſchwärzt zu haben, ohne daß irgendein Menſch eine Ahnung davon hat; ich beneide die Politiker, die das im Großen trei⸗ ben, während wir mit unſerm bischen Schel⸗ merei doch nur kleine, hausbackene Stümper 13⁰ ſind. Aber fein war es doch“, fuhr er, zu der frühern Gedankenreihe zurückkehrend, fort,„ich zweifle, ob jemals ein ſo verwegenes Manöver, das ſoviel Mitwiſſer nöthig machte, mit ſolcher Eractitüde ausgeführt und ſo glücklich zum Ziele gebracht iſt. Herr du mein Heiland, was paß⸗ ten ſie uns auf den Dienſt! Beſonders der alte dicke Advocat, der Rechtsfreund des Kam⸗ merdirectors, der mit den blauen Randern um die Lippen, der immer das garſtige Zeug, den ſogenannten rothen Dicken trank. Wie ein Hüh⸗ nerhund auf der Jagd paßte er aufz aber was half es ihm? das Pülverchen, das ich ihm in der Paſtete gab, wirkte, er bekam die Kolik, der vortreffliche Mann— und die unſchuldige Seele, der Referendarius, der Jüngſte von zwölf lebenden Geſchwiſtern, der bis dahin noch gar nicht gewußt hatte, wo die Kinder eigentlich herkämen, nun freilich, der that uns keinen Schaden. Er hat nachher ſelbſt in zwölfjähriger det ich över, lcher Ziele poß⸗ det am⸗ 131 Ehe zwölf Kinder in die Welt geſetzt und iſt ſodann an der Auszehrung geſtorben, Gott er⸗ barme ſich ſeiner Seele....“ Die Baronin gab zu wiederholten malen zu erkennen, wie peinlich ihr dieſe Erinnerungen. Doch der Präſident war nun einmal in der Laune, oder vielleicht lag es auch ſo in ſeiner Abſicht, ſich nicht ſtören zu laſſen. Er fuhr alſo fort. Behntes Capitel. Rechtliche Bedenken. .„Das aber müſſen wir bei alledem einräumen, theure Couſine“, ſagte er,„daß, wenn wir un⸗ verſchämt betrogen haben, ſo haben wir auch unverſchämtes Glück dabei gehabt. Daß der gute Hugo ſtarb— nun, Sie wollten es nicht für ein Glück anerkennen und thun es vermuth⸗ lich noch heute nicht. Aber ich muß doch bei Dem bleiben, was ich Ihnen gleich damals ſagte: Hugo war zu weich, zu unmännlich; er hatte die rohe Offiziersehre im Leibe, die wie ein Stier gegen die Wand rennt, ohne den Verhältniſſen Rechnung zu tragen. Das Ge⸗ umen, r un⸗ auch ß det nicht muth⸗ h bei amols ch; er ie wie e den s Ge — heimniß hätte ihn erdrückt, er war nicht der Mann dazu; wohl ihm und wohl uns, daß er davon erlöſt ward, wennſchon wir allerdings wünſchen durften, daß die Erlöſung etwas weni⸗ ger Eclat gemacht hätte. Doch das iſt nun auch längſt überwunden— und nun, Couſine, ſehen Sie ſich um im Kreiſe, was aus den ehemaligen Mitwiſſern unſers Geheimniſſes ge⸗ worden iſt! Alle geſtorben, verdorben, verweht wie die Spur im Sande! Wir Beiden ſind die Einzigen, die noch übrig— aber wir ſind auch nicht Mitwiſſer, wir ſind die Wiſſenden ſelbſt und halten die Fäden, und wenn wir todt ſind, werden wir ſie noch immer halten; denn ſie ſind feſt wie Erz, und der Beſtand der ganzen ge⸗ ſellſchaftlichen Ordnung iſt mit unſerer— Lüge verſtrickt. Aber wo ſind die Andern hin?“ wiederholte er behaglich;„der Medicinalrath, den ich früher zuweilen im Verdacht hatte, etwas gemerkt zu haben, hat offenbar nie etwas ge⸗ 134 wußt; er mag alſo immerhin leben, ſo lange die Gnade des Herrn es ihm beſtimmt hat. Aber— die Mutter des Kindes todt, Frau Schernberg verrückt, ihre Schweſter, die das Kind auffüttern ſollte, todt, das Kind ſelbſt ebenfalls todt— das gute Mäuschen, es ſtarb ſchon im zweiten Monat; ich habe Ihnen den Todtenſchein damals richtig überliefert“, ſetzte er hinzu, mit einem Seitenblick auf die Baronin, ſo glatt und gleißend wie eine Schlange, und dabei ſo ſcharf und ſpitz wie der Jahn der Schlange. Die Baronin nickte ſchwermüthig.„Das arme Kind!“ ſagte ſie.„Ich habe damals viel darum geweint und mir ſeinen Tod ſchwer zu Herzen genommen. Doch war es wol am beſten ſo; es würde doch nur ein freudloſes Daſein geführt haben, und auch die unglückſelige Ver⸗ wirrung, in der wir ohnedies ſchon leben, hätte ſich dadurch vermuthlich nur vermehrt.“ lange hat. Frau das ſelbſt ſturb den te er nin, und der Dos viel rzu eſten aſein Ver⸗ htte „So höre ich Sie gern“, beſtätigte der Prä⸗ ſident;„das heißt geſprochen, wie eine vernünf⸗ tige Frau ſprechen muß, welche die Vergangen⸗ heit hinter ſich und keine Entdeckung mehr zu befürchten hat, ſich alſo auch das Komödien⸗ geſicht der Reue erſparen kann. Aber darum wiederhole ich Ihnen auch und rathe Ihnen, theure Couſine: laſſen Sie Alles gehen wie es geht, rühren Sie weder an dem Teſtament noch an dem Vermögen. Sie können den guten Rudolf nicht leiden— nun ja doch, in meinen Augen ſind Sie entſchuldigt; es mag freilich ſeine Schwierigkeiten haben, Mutterliebe zu em⸗ pfinden, wo man nicht Mutter iſt. Auch hätten wir wol wünſchen können, ich gebe es Ihnen zu, eine beſſere Nummer zu greifen als dieſen unangenehmen, widerwärtigen Burſchen; wenn die Gicht, die ihn jetzt an den Füßen zwickt, gelegentlich einmal ein bischen höher hinauf ihm ans Herz treten wollte, ſo würden wir uns 136. nicht allzu ſehr um ihn grämen, es würde uns im Gegentheil eine große Erleichterung ſein, darin gebe ich Ihnen wiederum Recht, und wollte ich für dieſen Fall nichts dagegen haben, Sie möchten dann das Vermögen vererben an wen Sie wollten. Aber vorläufig iſt er noch da, wir müſſen ihn ertragen; man kann auch den kleinen Kindern nicht anſehen, wenn ſie eben geboren ſind, was dereinſt aus ihnen wird. Seine Mutter war eine leichtfertige Dirne; aber mit allem Reſpect, theure Couſine, Sie hätten mit einem eigenen Sohne noch Schlimmeres erleben können. Und darum habe ich von jeher zum Frieden gerathen und thue es jetzt wieder. Solange Sie leben, gehört das Ver⸗ mögen Ihnen, laſſen Sie ihn zappeln, es iſt ihm ganz recht: aber machen Sie keinen Ver⸗ ſuch, den Haß über das Grab fortzuſetzen, Sie könnten eine Verwirrung anrichten, die das ganze mühſame Gebäude wieder einreißen und de uns ſtin, wollte Sie n wen ch da, ch den eben wird. abet hitten neres h von s jeht es iſ n Ver⸗ n, Sie ie das nund — Sie und mich unter den Trümmern begraben könnte.“ Die Baronin fuhr ungeſtüm in die Höhe. „Ja, ich haſſe Rudolf“, rief ſie,„und habe ein Recht ihn zu haſſen; er iſt überſchüttet worden, der Fremdling, mit einem Meer un⸗ verdienter Güte, während— während mein eigenes Kind Noth und Elend litt, und was iſt aus ihm geworden? Die gemeine Natur bricht an allen Ecken aus ihm hervor.— Doch iſt jetzt nicht von ihm die Rede, ſondern davon, daß es Andere gibt, denen im Gegentheil we⸗ niger geſchehen iſt, als ihnen gebührte, und daß ich nicht aus der Welt gehen will, ohne mein Unrecht ſoviel als möglich vergütet zu haben. Ich kann mich keines ſo guten Chriſtenthums rühmen“, ſetzte ſie mit Bitterkeit hinzu, indem ſie die großen ſtarren Augen auf den Präſi⸗ denten richtete,„wie Sie, lieber Vetter, ſich neuerdings zugelegt haben. Aber wir werden 138 alt— und es iſt mir ein furchtbarer Gedanke, Unrecht zu hinterlaſſen, das nicht geſühnt iſt....“ Der Präſident hielt ihren Blick nicht nur ruhig aus, ſondern erwiderte ihn ſogar mit ſolcher Feſtigkeit, daß Ulrike ihr Auge zuletzt abwenden mußte.„Es iſt mir nichts davon bekannt“, ſagte er mit feſter, gleichgültiger Stimme,„daß ſolch ein Unrecht exiſtirte, oder daß es irgendwo einen Menſchen gebe, der ein gegründetes Anrecht hätte, Entſchädigung von Ihnen zu verlangen. Sie werden doch nicht etwa die alten Weiber und Vagabonden im Thurme meinen? Begehen wir keine Schwach⸗ heiten, Couſine! Mit dem Legat, welches Hugo ihnen damals ſo thörichter Weiſe überließ, ſind die entſchädigt genug; wollen Sie aber mit Gewalt ein Uebriges thun, gut, ſetzen Sie ihnen ebenfalls eins aus, oder noch beſſer, machen Sie ihnen eine Schenkung unter Lebenden, eine Form dafür wird ſich ſchon finden, und man edanke, ſte ht nur rmit zuletzt davon ültiger oder et ein gvon icht en im hwach⸗ Hugo , ſind r nit ihnen en Sie eine d man wird Ihren Namen preiſen vom Aufgang bis zum Niedergang.“ Ulrike ging in wachſender Bewegung auf und nieder; das Wort ſchwebte ihr auf der Zunge und doch hatte ſie den Muth nicht es auszuſprechen.„Nein, nein“, rief ſie,„es iſt noch Jemand anders— beſinnen Sie ſich doch, Vetter! Sollten Sie wirklich nichts ahnen? Es geſchah ja doch hauptſächlich durch Ihre Ver⸗ mittelung, daß es damals ſo weit kam...“ Der Vetter rieb und putzte an ſeiner Bril⸗ lantnadel, als ob dies das Wichtigſte wäre, was es in der Welt für ihn zu thun gäbe.„Da ich“, ſagte er endlich zögernd,„ſeit ſo vielen Jahren die Ehre habe, Ihren Geſchäften vor⸗ zuſtehen, theure Couſine, und mich auch in allen übrigen Stücken Ihres Vertrauens erfreut habe, ſo müſſen Sie mir ſchon erlauben, daß ich an die Anſprüche, die da ſo plötzlich aufgetaucht ſein ſollen, nicht glaube. Sie können nicht richtig 140 ſein, dieſe Anſprüche; denn um richtig zu ſein, müßten ſie durch meine Hände gegangen ſein. Sollten Sie' jedoch, wie ich aus Ihren gegen⸗ wärtigen Aeußerungen faſt vermuthen muß, das Zerwürfniß mit Ihrer ſeligen Schweſter, unſerer guten Couſine Klara, verehelichten von Froide⸗ ville, meinen, ſo geſtatten Sie mir darauf Fol⸗ gendes zu erwidern. Erſtlich habe ich allerdings nicht geahnt noch für möglich gehalten, daß Sie ſich jemals wieder mit ihr oder ihren Nachkom⸗ men verſöhnen würden; ich habe Sie allerdings, Couſine, für eine Frau von Einſicht und Cha⸗ rakter gehalten, die, was ſie einmal begonnen, auch durchzuführen weiß. Auch waren die Be⸗ ſchuldigungen, welche meine ſelige Couſine(ich habe wirklich erſt vor acht Tagen durch ein zu⸗ fälliges Stadtgeſpräch erfahren, daß ſie todt iſt; Sie werden das natürlich jetzt beſſer wiſſen)— es waren, ſage ich, dieſe Beſchuldigungen ſo plumper Natur und trafen ſo gefährlich nahe u ſein, n ſein. gegen⸗ , das unſerer ride⸗ f Fol⸗ dings hkom⸗ dingẽ, Che⸗ onnen, ie Be⸗ (ich in zl⸗ dt iſt; en)— en ſo nhe an die Wahrheit, daß es mir darum ſchon eine Pflicht der Klugheit ſchien, nachdem das Zer⸗ würfniß einmal entſtanden, es nun auch mit un⸗ erſchütterlicher Conſequenz durchzuführen. Wenn Sie nun jetzt, wie es den Anſchein gewinnt, Luſt verſpüren, mir die Schuld deſſelben beizu⸗ meſſen und zu behaupten, als wäre der Zwiſt zwiſchen Ihnen und Ihrer Schweſter durch mein Dazuthun entſtanden, ſo muß ich Ihnen, theure Couſine, ins Gedächtniß rufen, wie ich mich im Gegentheil mit Hand und Fuß dagegenge⸗ ſtemmt und wieviel Mühe ich mir gegeben habe, den Bruch zu verhüten. Darin gebe ich Ihnen allerdings Recht, daß, nachdem er einmal ein⸗ getreten, ich für meine Perſon nun auch dabei beharre; es gibt für mich keine Klara von Froideville mehr, noch gibt es für mich Froideville'ſche Nachkommen und Erben. Doch habe ich mich darüber ſoeben erſt geäußert und darf ich mir daher wol die Freiheit nehmen, — 142 zum dritten und hauptſächlichſten Punkte über⸗ zugehen. Sie ſprechen von Entſchädigungen, welche Sie Klara's Enkelin ſchuldig ſind, der jungen Klara oder wie ſie ſonſt heißt, die Sie — verzeihen Sie mir dieſe Aeußerung— mehr liebenswürdiger- als überlegterweiſe in Ihr Haus aufgenommen. Aber woher ſtammen dieſe Anſprüche? wo ſind und was bedeuten ſie? Ihre Schweſter hatte damals ſchon jede Mög⸗ lichkeit, aus dem Teſtament des Oheims zu erben, verloren, ihr Mann war todt und das einzige Kind eine Tochter. Sind Sie nun glücklicher geweſen und hat der Himmel— ich ſage der Himmel— Ihnen einen Sohn be⸗ ſchieden, welches Unrecht war damit Ihrer Schwe⸗ ſter widerfahren? Welche thörichte, welche unaus⸗ führbare Gutmüthigkeit wäre das, in dem Glück, das uns trifft, eine Beeinträchtigung unſers Nächſten zu ſehen und ihn ſchleunigſt dafür ent⸗ ſchädigen zu wollen, daß er nicht auch ſo glücklich ge die üc, ſerb ent⸗ lich geweſen iſt? Wir können nicht Alle Söhne in die Welt ſetzen“, fügte er mit furchtbarem Hohn hinzu,„in der Familie Ihrer ſeligen Schweſter ſcheinen die Mädchen heimiſcher zu ſein als die Knaben, das Enkelkind iſt ja, wie ich höre, auch wieder ein Mädchen— geben Sie ihr eine kleine Summe ein für alle mal und bringen Sie ſie als Gouvernante unter oder ſonſt Der⸗ gleichen, aber hübſch weit weg von hier, in Ungarn oder Polen...“ Frau von Schwarzenfeld war während der langen Rede ſprachlos auf- und abgegangen; die Ohren ſchwirrten ihr, ſie hatte Mühe, nur den Klang der Worte zu verſtehen, die der Vetter ſprach. Zwanzig mal blieb ſie vor dem Bureau ſtehen und überlegte bei ſich ſelbſt, ob ſie nicht das verſiegelte Papier herausnehmen, es dem Vetter einhändigen und damit der gan⸗ zen Verwirrung mit Einem Streich ein Ende machen ſollte. Denn hier hatte ſie für den Fall 144 ihres Todes aufgezeichnet, was außer ihr kein 5 Menſch mehr wußte; was die zögernde Lippe 5 ſich zu geſtehen weigerte, hier ſtand es lesbar, u mit nackten Worten, verſtändlich für Jeder⸗ ſa mann... i Aber nein, noch lebte ſie und fühlte, wie it die Scham ihr das Blut in die Wangen trieb; n die Todten waren glücklich, ſie konnten Alles geſtehen, weil ſie ſich nicht mehr zu ſchämen brauchten. Doch mußte ſie wenigſtens das Mis⸗ 1 verſtändniß zu beendigen ſuchen.„Aber wer ut ſpricht denn von Klara?“ rief ſie geringſchätzig, 5 „was die bedarf, die kann ich noch von meinem S Nadelgeld glücklich machen...“ Aber gleich darauf, als hätte ſie ſchon jetzt d zu viel geſagt und weil ſie doch die Unmöglich⸗ keit fühlte, dem Vetter Auge in Auge zu ge⸗ ſtehen, was ſie geſtehen wollte und mußte, brach 5 ſie raſch ab und verſuchte einen andern, minder zu directen Weg, der ſie doch vielleicht noch ſicherer P 1 kein Lippe öbar, eder⸗ wie rieb men Ris⸗ wer tig, inem jett lich⸗ ge rach nder Nerer 145 zum Ziele führte.„Laſſen wir“, ſagte ſie,„die⸗ ſen Gegenſtand für heute ruhen, ich bin zu aufgeregt, und es kann leicht ſein, daß ich Dinge ſage oder gar ſchon geſagt habe, in denen aller⸗ dings nur wenig Menſchenverſtand iſt und die ich bei ruhiger Stimmung ſelbſt widerrufen müßte. Sprechen wir von etwas Anderm, was mir in der That auch das Wichtigſte iſt und weshalb ich Sie, lieber Vetter, eigentlich zu mir bitten ließ. Sie erkennen die Pflicht, altes Unrecht zu vergüten, nicht an, gut, wir wollen uns nicht darüber ſtreiten; ſo werden Sie doch wenigſtens, Sie mit Ihrem chriſtlichen Herzen, die Pflicht der Dankbarkeit anerkennen. Da iſt der Ulrich Schwarz—“ Jetzt war die Reihe, verlegen zu werden, an dem Präſidenten. Und zwar gab die Ba⸗ ronin ihm in dieſem Augenblick ſehr reichlich zurück, was er ſoeben ausgetheilt hatte. Der Welt Einſturz würde er eher erwartet haben, Der Muſikantenthurm. III. 7 als daß Ulrike aus freien Stücken dieſen odiö⸗ ſen Namen vor ihm nennen würde. Er wußte ſich in ſeiner Verlegenheit nicht anders zu hel⸗ fen, als daß er ſich ſtellte, wie wenn er die Couſine gar nicht verſtanden hätte; er lehnte den Kopf auf die Seite, hielt die Hand vors Ohr und ſah ſie mit lächelnden Blicken fra⸗ gend an. Allein die Baronin kannte, wie geſagt, dieſe Künſte und war feſt entſchloſſen, ihren Weg weiterzugehen. Darum fuhr ſie ruhig fort: „Sie kennen ohne Zweifel den Ulrich Schwarz, lieber Vetter, und haben von dem großen und unſchätzbaren Dienſt gehört, den er mir ge⸗ leiſtet hat....“ Der Präſident rückte unruhig hin und her. „Ich war damals“, unterbrach er ſie,„wie Sie ſich gütigſt entſinnen wollen, theure Couſine, gerade noch im Bade; auch iſt es meine Art nicht, mich um Stadtgeklätſch zu bekümmern.“ 0h) ſein der gele lehnte d vors dieſe Veg ſort hwalz, n und ir ge d her. ie Sie ouſn, ne Art mern⸗ „Aber das iſt auch kein Stadtgeklätſch“, verſetzte die Baronin mit Ruhe,„ſondern eine Thatſache, für die ich gültige Zeugen habe und die ich nicht vergeſſen werde, ſolange ein Athem in mir: Ulrich Schwarz hat mir das Leben ge⸗ rettet, er hat es gethan, ohne mich zu kennen, ohne Ausſicht auf Belohnung und mit Gefahr ſeines eigenen Lebens; wie er denn auch infolge der Verwundung wochenlang ſehr bedeutend krank gelegen—“ „Und ſehr bedeutend von Ihnen gepflegt worden iſt, in Ihrem eigenen Hauſe, ich glaube beinahe in Ihrem eigenen Zimmer“, warf der Präſident hämiſch dazwiſchen. „Richtig“, entgegnete die Baronin,„und Sie als milder, chriſtlicher Mann werden das gewiß vollkommen anerkennen; der Samariter that noch viel mehr und that es an ſeinem Feinde. Sie ſehen ein, milder, chriſtlicher Mann, daß meine Dankbarkeit damit nicht zu Ende ſein 76 148 darf; es wäre doch zu wenig für ein gerettetes Leben, ein bischen Charpie und Himbeerwaſſer und ein Bett in einem Hauſe, wo für gewöhn⸗ lich zwanzig Zimmer leerſtehen. Geben Sie mir denn einen Rath, alter treuer Rathgeber: was meinen Sie, wie ſoll ich dem wackern Ulrich meinen Dank bezeigen? Welches Geſchenk iſt reichlich, welche Erkenntlichkeit herzlich genug, ſeine aufopfernde That zu belohnen?“ Der Präſident, verzweifelnd, dieſes Geſpräch auf gewöhnlichem Wege zu Ende zu führen, ſtand auf, machte einen feierlichen Diener:„Da Sie doch ſchon von Herzlichkeit ſprechen“, ſagte er,„— heirathen Sie ihn, gnädige Couſine.“ Die Baronin ſchrie leiſe auf; ſie mußte ſich auf das Cylinderbureau ſtützen, ſo bebten ihr die Füße. Doch hatte ſie ja ſchon Schlimmeres ertragen: Ulrich ſelbſt hatte ſie ja mit dieſen frechen Anſpielungen verfolgt, und ſie hatte ihm nicht einmal zürnen dürfen. Darum bezwang ſe Ru ettetes waſſer wöhn⸗ n Sie geber: Ulrich nk iſt genug, ſpräch führen, „Do ſagte in.“ te ſich ihr die meret dieſen te ihn wan ſie ſich auch jetzt und antwortete mit möglichſter Ruhe: „Nein, heirathen werde ich ihn nicht, dazu bin ich zu alt, auch hat er vorläufig noch eine Frau— aber adoptiren werde ich ihn....“ „Adoptiren?!“ kreiſchte der Präſident, der jetzt wirklich zum erſten male ſeine Haltung ver⸗ lor.„Adoptiren?! Aber, theure Couſine, welch ein Gedanke! Die Lehre von der Adoption iſt eine der ſchwierigſten im ganzen Corpus juris— ich bitte Sie um Himmelswillen, nur nichts von Adoptiren! Es brächte mich unter die Erde, und Sie ſelbſt, theure Couſine, wären längſt bleich und kalt, bevor dieſe Adoption zu⸗ ſtande gebracht wäre!“ „Oh“, entgegnete die Baronin,„ich gedenke noch ein gut Stück zu leben; auch kann ich die Adoption ja wol teſtamentariſch feſtſetzen. Dar⸗ über und über Alles, was ſonſt dazu gehört, wünſchte ich Ihren Rath, guter Vetter—“ 150 Aber dieſe Kaltblütigkeit brachte den Vetter erſt recht in Harniſch; der feine kleine Mann war vielleicht noch niemals ſo aufgeregt gewe⸗ ſen, ſeit er über die Erde trippelte.„Es iſt ja rein unmöglich“, rief er,„aus rechtlichen Be⸗ denken rein unmöglich! Zwar iſt der Fall im Teſtament nicht vorgeſechen— Herr Gott, wer kann auch auf Alles denken, worauf ein müßi⸗ ger Weiberkopf geräth?! Doch hat Rudolf das vollkommenſte Recht Einſpruch zu thun; auch verſtände es ſich ganz von ſelbſt, daß Ihr Adoptivſohn nicht das Mindeſte von dem Ver⸗ mögen erben könnte, und auch, was die Ver⸗ waltung und Nutznießung anbetrifft, ſo wäre unter dieſen Umſtänden eine Curatel auf Ru⸗ dolf's Antrag vollkommen gerechtfertigt—“ Die Baronin horchte ſcharf auf.„Ich dürfte meinem Adoptivſohn nichts vererben?“ fragte ſie.„Auch nichts von Dem, was ich mir erweislich erſpart und mit meinen Erſpar⸗ niſſen erworben habe? Das kann unmöglich Rechtens ſein, Vetter; ich werde mich genöthigt ſehen, noch einen zweiten Juriſten zu be⸗ fragen....“ „Fragen Sie“, rief der kleine Mann,„wen Sie wollen, nur laſſen Sie mich gefälligſt aus dem Spiele. Zu ſolchen Dienſten paſſe ich nicht, ich kann große Vermögen erwerben helfen, aber nicht zerſtören. Ja ich ſage es Ihnen ganz offen: wie ich hier bin, gehe ich ſtehenden Fußes zu Rudolf und verrathe ihm den ganzen An⸗ ſchlag, damit er ſeine Maßregeln danach treffen kann.“ Die Baronin lächelte verächtlich.„Und wenn Rudolf nun mit Allem einverſtanden iſt?“ ſagte ſie.„Wenn dies nun der Preis iſt, um den ich mich mit ihm ausſöhne, und nehme das Ge⸗ heimniß, das für ihn zum mindeſten ebenſo ge⸗ fährlich iſt wie für mich, mit ins Grab? Und 152 er nimmt den Preis an, wie dann, mein klu⸗ ger Vetter?“ Der Vetter ſchüttelte den Kopf.„Dies ſind keine Geſpräche“, meinte er,„für zwei Leute in unſern Jahren; erlauben Sie mir, gnädige Cou⸗ ſine, daß ich mich beurlaube. Vorläufig ſchweige ich; wünſchen Sie das Geſpräch ein andermal wiederaufzunehmen, ſo ſtehe ich zu Dienſten. Doch hoffe ich, daß Sie inzwiſchen mit ſich zu⸗ rathe gehen und das Unausführbare Ihres Vor⸗ ſchlags ſelbſt einſehen werden. Ulrich Schwarz, den ehemaligen Seiltänzer, adoptiren! Es iſt beinahe noch ſchlimmer als ihn heirathen; der Skandal iſt derſelbe, beim Heirathen aber ſieht man doch wenigſtens warum und wozu.“ Die Baronin, welche unter dieſen Umſtän⸗ den freilich nicht daran denken durfte, den Vet⸗ ter in den innerſten Kern ihres Geheimniſſes einzuweihen, fand keine Veranlaſſung, ihn zu⸗ rückzuhalten. Und ſo ſchieden die beiden Ver⸗ wo tu ſt zu wandten in einer Verſtimmung und Erkäl⸗ tung, wie ſie noch niemals zwiſchen ihnen be⸗ ſind ſtanden hatte oder ihnen doch noch niemals ſo zum Bewußtſein gekommen war. weige etmal ſten. ze⸗ Vor⸗ warz, Elftes Capitel. Friedensſchluß. Ungefähr zu derſelben Zeit fand auch die von Hermann ſo ſehnſüchtig gewünſchte Erklärung zwiſchen ihm und Klara ſtatt. Er begegnete ihr eines Tags, da ſie von einem häuslichen Einkauf zurückkam, auf der Straße. Mit ra⸗ ſchem Entſchluß drängte er ſich ihr zur Seite, und ohne auf ihre kalten Blicke und ablehnen⸗ den Geberden zu achten, ſchüttete er ihr ſein ganzes Herz aus. Er ſtellte ihr vor, wie un⸗ ſaglich tief ihre Kälte ihn ſchmerze und daß ihr Beiſammenſein, das unter andern Umſtänden das Glück ſeines Lebens ſein würde, ihm auf von rung gnete lichen it ra⸗ Seite, hnen⸗ ſein e um ſ ihr inden dieſe Weiſe zur unerträglichſten Pein werde. „Habe Mitleid mit mir, Klara“, flehte er, „biſt du wirklich überzeugt, daß ich deiner un⸗ würdig geworden, ſo ſage mir doch wenigſtens wodurch; mein Gewiſſen iſt rein, rein und klar wie dein Auge, und ich brauche vor keinem deiner Blicke zu erröthen. Aber nein, du weichſt mir aus, du fliehſt mich, ja in dieſem Augen⸗ blick, wo ich an deiner Seite gehe, ziehſt du dich vor meiner Berührung ſcheu zurück, als könnte ich dich verpeſten. Ich darf wol auch gar nicht mehr Du zu dir ſagen? Es iſt wol Alles nicht wahr, was einſt zwiſchen uns ge⸗ weſen, und daß wir uns wie ſelige Kinder Herz am Herzen gelegen? Ach Klara, du warſt mein Stern in mancher einſamen, finſtern Nacht, du warſt nicht da, ich ſah dich nicht, aber mein Herz ſah dich— nun biſt du da, aber dein Blick ſtreift kalt über mich hinweg, als ob mein Anblick ihn beſudelte!“ 156 Klara erröthete bis über die Augen. Doch war es vielleicht auch nur von der Anſtrengung, mit der ſie ihren Schritt beflügelte, um bald⸗ möglichſt von der peinlichen Begleitung befreit zu werden. Endlich ſagte ſie: „Ob man Du oder Sie zueinander ſagt, iſt im Grunde eine bloße Gewöhnung, man kann bei dem Einen ſoviel oder auch ſowenig den⸗ ken wie bei dem Andern. Von Verpeſten und Beſudeln mußt du nun aber gar nicht ſprechen, das ſind Ausdrücke, die ich früher niemals von dir vernommen und die du ganz gewiß bei un⸗ ſerm guten ſeligen Herrn Prediger nicht gelernt haſt. Aber freilich, die neue Geſellſchaft, in der du lebſt, und die guten Beiſpiele, die du vor Augen haſt...“ Und nun erzählte ſie ihm mit wachſendem Eifer, wie ſie ſchon unterwegs auf der Reiſe hierher von dem ſchmählichen Verhältniß erfah⸗ ren, das ſich zwiſchen Hermann's Schwager, den den agt, ann en⸗ nd en, bon un⸗ rnt in em iiſe ger 157 dem ſchönen Ulrich, den ſie bis dahin kaum dem Namen nach gekannt, und ihrer eigenen Großtante angeknüpft hatte.„Du kannſt dir leicht vorſtellen, welch eine Qual es unter die⸗ ſen Umſtänden für mich war, in das Haus zu gehen. Auch habe ich es nur gethan, um dem Befehl meiner ſeligen Großmutter zu gehorchen und damit ich inzwiſchen Zeit gewinne, mich nach einer andern, vielleicht minder gemächlichen, aber ehrenvollern Stellung umzuthun. Doch hat mich das Alles nicht halb ſo geſchmerzt, als zu hören, daß du mitſammt deiner gan⸗ zen Familie von den frevelhaften Almoſen dieſer alten Dame lebſt. Für die Thorheiten deines Schwagers mache ich dich ſo wenig verant⸗ wortlich, als du mir hoffentlich die Niedrig⸗ keiten meiner Großtante und das ganze wüſte Treiben zuſchreiben wirſt, das in dem Schwar⸗ zenfeld'ſchen Hauſe herrſcht. Auch deine Schwe⸗ ſter mag thun oder laſſen, was ſie vor Gott und ſich ſelbſt glaubt verantworten zu können; ich habe ſie früher gekannt und verehrt und hätte es niemals für möglich gehalten, daß ſie ſich ſo verirren könnte. Aber daß du, der Freund meiner Jugend, mein liebſter Mitſchüler, der geliebteſte Zögling unſers alten würdigen Predigers— daß du dich ſo vergeſſen und ſo von dir ſelbſt abfallen kannſt, dieſe unſaubern Abenteuer mit durchzumachen; daß du dich nicht zu ſtolz hältſt, nicht zu viel Vertrauen auf dein Erlerntes haſt, dieſes Brot der Schande zu eſſen; daß du nicht deinen Weg zwiſchen die Füße nimmſt und läufſt ſo weit ſie dich tragen wol⸗ len— ſiehſt du, Hermann, das iſt es, was ich nicht verſtehe und was ich dir auch nicht verzeihen kann. Komm du im Kittel des Bett⸗ lers zu mir, komm als Vagabond, wie dein nichtsnutziger Schwager— ich will dich Du nennen, will deine Wunden waſchen und will mich nicht von dir verpeſtet fühlen, da du doch in ſe nnenz und ß ſie der hiler, digen nd ſo bern nicht dein ſſen; ʒiße wol⸗ was nicht Bett dein Du nil doch 159 einmal ſo zu ſagen beliebſt. Aber dich in die⸗ ſem Schwarzenfeld'ſchen Hauſe ſehen, kokettirend mit dieſer Frau, die ganz gute Theaterſtücke ſchreiben mag, aber doch kein richtiges Weib, keine wahrhaftige Frau ihres Mannes und Schutzgeiſt ihres Hauſes iſt— ſehen müſſen, wie das unglücklich verwahrloſte Geſchöpf, die Flora, ſeitwärts nach dir ſchielt, während ſie auf der andern Seite den armen blinden Tho⸗ ren kirremacht— und mir bei alledem ſagen, was das eigentlich für einen Zuſammenhang hat und auf welchem Wege, dem Wege der Schande und Niedrigkeit, du, der Sohn der Armuth— das iſt kein Vorwurf: denn ich bin ihre Tochter— dazu gekommen biſt, der Tiſch⸗ genoſſe der Vornehmen zu werden— ſiehſt du, Hermann, das iſt ein Gedanke, der mir das Herz zuſammenſchnürt, und lieber als daß ich ihn denken muß, möchte ich dich im Grabe ſehen.“ Hermann fühlte ſich aufs tiefſte erſchüttert; 160 wie er jedoch ſeine Faſſung wiedergewonnen, fiel es ihm nicht ſchwer, Klara von der Grund⸗ loſigkeit ihres Argwohns zu überzeugen. Er ſchilderte ihr ausführlich, wie das Alles gekom⸗ men und welch ein Sklave ſeines Schwagers er ſei, daß er willenlos folgen müſſe, wohin jener ihn treibe. Von dieſem Letztern wollte Klara nun zwar nichts wiſſen; ſie behauptete, es ſei eben Sache des Mannes, ſich ſelbſtändig zu machen, und ein junger Menſch mit zwei ge⸗ ſunden Armen, wie Hermann, dürfe nie über Abhängigkeit klagen.„Ich achte und liebe dein Talent gewiß ſehr“, ſagte ſie,„du weißt es von früherher, und auch unſer guter alter ſe— liger Vater hatte oft ſeine Freude daran und ſetzte große Hoffnungen darauf. Und doch ſage ich dir, male lieber keine Bilder, wenn ſie dich zum Sklaven machen, aber hacke Holz und ſei ein freier Mann dazu.“ Als Hermann ihr jedoch die unglückliche nnen, tund⸗ Er kom⸗ agers pohin ſlara über dein Lage ſeiner Schweſter ſchilderte, zu deren Schutz und Schirm der alte Prediger ſelbſt ihn beſtellt hatte, ſowie die Beſorgniſſe, die das heimliche Treiben ſeines Schwagers ihm erregten und die ſeine Anweſenheit nothwendig machten, um noch Schlimmeres zu verhüten— ſo gab Klara end⸗ lich zu, daß es im menſchlichen Leben wol La⸗ gen gebe, in denen der Menſch nicht immer ſo könne wie er wolle, und daß auch das ſtrengſte Sittengeſetz gewiſſe unvermeidliche Einſchränkun⸗ gen und Ausnahmen anerkennen müſſe. Voll⸗ ſtändige Abſolution ertheilte ſie ihrem Freunde jedoch erſt, nachdem ſich derſelbe wegen der Umarmung gerechtfertigt, in der ſie ihn bei ih⸗ rem Eintritt in die Schwarzenfeld'ſche Wohnung mit der Regierungsräthin betroffen. Und auch dies that Hermann, dem die Schwingen all⸗ mälig wieder wuchſen, mit ſo viel Humor und mit ſolchem unverkennbaren Ausdruck von Wahr⸗ haftigkeit, daß Klara ſich endlich zufriedengeben 162 mußte. Sie lachte ſogar zuletzt ſelbſt über die kritiſche Lage, in der ihr Freund ſich befunden, meinte aber doch, die Angſt, die er inzwiſchen ausgeſtanden, ſei ſehr wohl angebracht geweſen und möge ihm für künftige Fälle zur Warnung dienen. Zwölftes Capitel. Das Vermächtniß des Predigers. Nachdem der Friede ſo wiederhergeſtellt war— und ſie hatten den Weg zum Schwarzenfeld'ſchen Hauſe zwei mal machen müſſen, um die nöthige Zeit zu ihren Auseinanderſetzungen zu gewin⸗ nen— ſagte Klara, die ſeitdem auf einmal ein ganz anderes Geſicht bekommen hatte und nun wirklich blühte wie eine Roſe:„Da du nun alſo ſo ſchön um Verzeihung gebeten haſt und dich ernſtlich beſſern willſt, ſo will ich dir auch deinen Lohn austheilen, den Brief von unſerm theuern-—“ Sie veemochte den Satz nicht zu vollenden; 164 während ſie noch zu lächeln verſuchte, perlten“ ihr ſchon die Thränen, Thränen der Sehnſucht und des Andenkens, über die Wangen. Mit zitternder Hand und das erröthende Geſicht halb wegwendend griff ſie in ihr Buſentuch und reichte ihm den heißerſehnten Brief.„Da“, ſagte ſie,„ich habe ihn immer bei mir ge⸗ tragen: denn ich hoffte ja noch immer, du würdeſt gut und des Vermächtniſſes würdig ſein.“ Hermann war ſo glücklich und zugleich ſo betrübt, daß er kaum wußte, was er antworten ſollte; um ſeiner geſpannten Stimmung Luft zu machen, verſuchte er einen Scherz und ſagte: „Wenn ich Alles ſo ſcharfnehmen wollte wie du, liebe Klara, und auch ſoviel Argwohn hätte, wie dir im Köpfchen ſteckt, ſo hätte ich jetzt die ſchönſte Gelegenheit, dir ebenfalls eine Epiſtel zu halten; was iſt das für ein Medaillon, das du da um den Hals trägſt? Ich habe es vohn eich eine lon, 165 *wol geſehen, es iſt ein feiner, ſtattlicher junger Herr—“ „Ja“, verſetzte Klara gleichmüthig,„mit Puf⸗ fenärmeln und einem hohen Kragen, wie die Männer vor zwanzig Jahren trugen. Sei doch kein Tropf, Hermann, es iſt ja das Bild mei⸗ nes Vaters, das Einzige, was ich von ihm be⸗ ſitze, außer meinem Namen, und auch den hat mir meine Großmutter erſt kurz vor ihrem Tode anvertraut. Herr Kroppenberg“— indem ſie zu lächeln verſuchte—„iſt ein wildes Blut ge⸗ weſen, wie ihr Männer alle; er hat meine arme Mutter verlaſſen, wenige Wochen nachdem ich das Licht der Welt erblickt, und hat ſeitdem nichts von ſich hören laſſen. Gott weiß, wo ſeine Aſche ruht, aber wo es auch ſei: ſie ruhe in Frieden....“ Die Erinnerungen, die in dem jungen Mäd⸗ chen aufſtiegen, verbunden mit dem Eindruck des langen, lebhaften Geſprächs, waren ſo hef⸗ tiger und zum Theil auch ſo düſterer Natur, — ———- kämen ſie friſch vom geliebten, ach nun auf 166 daß Hermann ſie nicht länger aufzuhalten wagte. Er verließ ſie daher, den Brief des Predigers gleich einem Kleinod auf der Bruſt verbergend— er war noch warm von ihrem Herzſchlag— und ſuchte ſich einen ſtillen Winkel auf, wo er ihn ungeſtört erbrechen und leſen konnte. Doch war der Inhalt nicht ganz ſo wichtig, wie der geneigte Leſer vielleicht erwartet hat. Für Hermann war er gleichwol vom größten Intereſſe; der alte würdige Herr hatte die Her⸗ annäherung des Todes gefühlt, er hatte die Fe⸗ der ergriffen und hatte, auf Gott vertrauend, der ſeinen Worten den richtigen Weg wol zeigen würde, ſeinem theuern, nun ſchon ſo lange verſchollenen Zögling noch einmal jene Rath⸗ ſchläge und Warnungen der treueſten Vaterliebe wiederholt, die er ihm ſo oftmals mündlich er⸗ theilt hatte. Und der brave, unverdorbene Jüng⸗ ling nahm ſie mit einer Rührung auf, als agt. igers d— und ihn hiig, ßten Her⸗ end, igen nge ath⸗ icbe er⸗ ing⸗ als ewig verſtummten Munde. Der Prediger legte ihm die Ungewißheit ſeines Schickſals ans Herz und wieviel Demüthigungen und Entſagungen die Verwandtſchaft mit dem wüſten Manne ihm zuziehen würde, der ſich ſeinen Schwager nannte, beſonders auf der künſtleriſchen Laufbahn, der Hermann ſich zu widmen wünſche und die dem rohen Sinne jenes ungebildeten Menſchen nur abgeſchmackt und abenteuerlich erſcheinen könne. Er empfahl Hermann dem Schutz guter Men⸗ ſchen, vor allem aber beſchwor er ihn auch hier wieder, ſeine Schweſter, Ulrich's Frau, nicht zu verlaſſen und ihr in allen Lagen des Lebens mit Rath und That kräftig beizuſtehen.„Du weißt nicht“, ſchrieb er,„theurer Sohn, und kannſt nicht wiſſen, was dieſe Frau dir eigent⸗ lich iſt und welch ein Herz voll Duldung und Entſagung in ihrem Buſen ſchlägt. Hat ſie eine Schuld begangen, ſo iſt ſie ihr längſt ver⸗ ziehen, und Gott verzeihe Dem, der ſie ſo weit 168 gebracht hat—“ eine Stelle, die Hermann an— fangs viel Kopfbrechen machte, bis er ſie end⸗ lich ganz einfach und nach ſeiner Ueberzeugung ganz richtig dahin deutete, daß der Prediger ihre unverſtändige Ehe mit Ulrich Schwarz als eine Schuld betrachtete, die ſie gegen ſich, gegen Hermann, gegen die ganze Welt begangen, die wol noch ein beſſeres Schickſal für ſie in Vor⸗ rath gehabt hätte.— Dann las er weiter: „Doch dies, mein Sohn, ſind die Geheim⸗ niſſe deiner Schweſter, von denen es mir nicht zuſteht zu ſprechen, noch dir, danach zu forſchen, ſondern die ſie ſelbſt dir enthüllen wird, wenn ſie die Zeit dafür gekommen hält. Dagegen bin ich auf wunderbare Weiſe, vor wenigen Monaten erſt, in den Beſitz eines andern Ge⸗ heimniſſes gekommen, welches ebenfalls deine Schweſter betrifft und von dem ſie ſelbſt nichts zu wiſſen ſcheint. Einem meiner Amtsbrüder in dem Städtchen, wo deine Schweſter früher lebt n an⸗ end⸗ gung diger 7ʒ ol gegen die Vor⸗ eim⸗ nicht ſhen, wenn ſgen igen Ge deine ichts üder lebte, lange vor ihrer Verheirathung, zu einer Zeit, deren du dich nicht mehr entſinnen kannſt, iſt vor einer Reihe von Jahren aus ferner Ge⸗ gend das einliegende verſiegelte Zettelchen zuge⸗ ſchickt gekommen nebſt einem Briefe, der den Inhalt des Zettelchen wenigſtens vermuthen läßt. Deine Schweſter hatte den Ort damals bereits verlaſſen, und mein Amtsbruder war nicht im Stande ſeinen Auftrag auszuführen, bis er end⸗ lich vor kurzem zufällig den Mädchennamen deiner Schweſter, Gertrud Miller, von mir hörte, hörte, daß ich in früherer Zeit in innigem Ver⸗ kehr mit euch geſtanden und auch jetzt die Hoff⸗ nung noch nicht aufgegeben, eure Spur wieder⸗ aufzufinden. Deshalb und weil er ſelbſt im Begriff ſtand, in eine weitentfernte Gegend verſetzt zu werden, erſuchte er mich, das ver⸗ hängnißvolle Papier an mich zu nehmen. Ich habe mich ſeinem Erſuchen gefügt, weil ich die Ueberzeugung hege, daß ſolche Bande der Liebe Der Muſikantenthurm. III. 8 17⁰ und des Vertrauens, wie ſie zwiſchen euch und mir beſtanden haben, nicht vergeblich geknüpft ſein können, und daß daher auch dieſes Blatt, früher oder ſpäter, doch noch in deine Hände gelangen wird. Die gute Klara übernimmt ſeine Aufbewahrung, ich kenne keine reinern und edlern Hände, denen ich es anvertrauen könnte, noch weiß ich ein zweites Haupt, über welchem der Stern der Liebe, der Alles vollbringenden, ſo deutlich leuchtete. Ich brauche ſie dir nicht erſt zu empfehlen für den Fall, daß eure Lebens⸗ wege ſich noch einmal kreuzen— und mein Herz ſagt mir, daß es geſchehen wird. So ſorge denn du dafür, mein Sohn, daß ſie dich ihrer und meiner würdig finde und daß die alte Liebe neue Sproſſen treibe. Was den Zettel mit dem Geheimniß deiner Schweſter angeht, ſo haben ich und mein Amtsbruder uns wohl gehütet ihn zu öffnen; es taugt nicht, ſich ohne Noth mit fremden Geheimniſſen zu beladen. „ 1 ch und Doch hat der begleitende Brief uns auf die krüpft Spur gebracht, und können wir dir nach reif⸗ Blat, licher Ueberlegung Folgendes melden und rathen. Hände Wir ſagen nicht: übergib den Zettel deiner t ſtine Schweſter— es iſt ein furchtbares und weit⸗ edlern greifendes Geheimniß darin, das für viele Men⸗ noch ſchen verhängnißvoll werden kann; wir ſagen nder aber auch nicht: vernichte ihn oder verheimliche n, ſo ihn deiner Schweſter für ewig— denn das t erſ Geheimniß kann, richtig geleitet und benutzt, ebens⸗ zum Segen werden für deine Schweſter, für mein dich und auch noch für andere Leute. Und darum So alſo rathen wir dies: kommt er jemals in e dich deine Hände, ſo laß ihn bis auf Weiteres un⸗ alte eröffnet, verbirg ihn ſorgfältig vor Jedermanns ete Augen, ſelbſt auch vor deiner Schweſter, und ngchn bewahre ihn, bis deine Schweſter oder du ſelbſt vehl einmal in ſolche Noth gerathen und in ſolche chn Verlaſſenheit von der Welt, daß ihr denkt, den nun kann das Elend nicht höherſteigen. Be⸗ 8* —— ——— achte dabei aber wohl, mein Sohn, daß es eine ſolche Noth im Grunde gar nicht gibt und daß der wahre richtige Menſch weder das Ver⸗ trauen auf Gott noch auf ſich ſelbſt jemals ver⸗ lieren kann. Möge das verſiegelte Blatt denn eine Mahnung zu Muth und Geduld ſein, möge es lange, lange uneröffnet bleiben und möge es dich in glücklichern Zeiten an ſchwere Stunden erinnern, die du mannhaft überſtanden! Das wird der rechte Segen dieſes Vermächtniſſes ſein und wirkſamer als wenn du darin eine Anweiſung fändeſt auf Reichthum und Wohl⸗ leben. Doch will ich deinen Entſchluß nicht binden und auch nicht den deiner Schweſter, falls du ihr nämlich dennoch von dieſem Blatte ſagen willſt. Der Herr lenke Alles zum Beſten; ich preſſe tauſend Küſſe und Segnungen hinein und empfehle dich dem Gott über uns, der zugleich der Gott in uns iſt; er möge dich wohl leiten, und möge dir mein Andenken niemals läſtig wi Er werden! Ganz ausdrücklich warne ich dich noch, t und deinen Schwager jemals von dieſem Blatte wiſ⸗ Ver⸗ ſen zu laſſen, der Segen, der möglicherweiſe s ver⸗ darin enthalten iſt, würde ſich dann ganz ge⸗ wiß in Fluch verwandeln und alle Leiden und Erniedrigungen, die ihr von dem rohen Men⸗ ſchen zu ertragen habt, würden ſich verdoppeln.“ denn müge ge e nden Das niſſes eine Pohl nicht fll* ſagen ich und gleic liten, lifiz Dreizehntes Capitel. Die Entdeckung. Hermann war durch die Mittheilung des alten Predigers in hohem Grade beſtürzt geworden. Schon der Gedanke, ſeiner geliebten Schweſter etwas verheimlichen zu ſollen und noch dazu eine Nachricht von ſolcher anſcheinenden Wich⸗ tigkeit, hatte etwas höchſt Peinliches für ihn. Und was waren dies für geheimnißvolle Mächte, die ihre finſtern Arme jetzt auch in ſein und ſeiner Schweſter Leben ſtreckten? Eben erſt hatte er ſich mit Klara verſtändigt und ſein Herz von einer drückenden Laſt befreit: und ſchon wälzte ſich eine neue Wolke über ihn, drohend und räthſelhaft, die ihren Schatten weit in die Zukunft warf und ihm die natür⸗ liche und unbefangene Anſicht des Lebens ver⸗ düſterte? Andererſeits quälte ihn auch der Gedanke, ob und wann jener äußerſte Moment eintreten werde, von dem ſein verklärter Lehrer ſchrieb und in welchem es ihm verſtattet ſein ſollte, den verhängnißvollen Zettel zu öffnen, und ob er denſelben alsdann auch richtig erkennen würde. Daß dieſer Moment jetzt noch nicht gekommen, darüber war ihm kein Zweifel; ſo erniedrigend die Abhängigkeit auch war, in welcher der Mann ſeiner Schweſter ihn erhielt, und für ſo gefähr⸗ lich er den Umgang deſſelben mit dem Zundel⸗ heinrich erkannte, ſo fühlte er doch noch Kraft und Muth in ſich, alle Gefahren abzuwenden, oder diejenigen, die dennoch hereinbrechen ſollten, wenigſtens mannhaft zu bekämpfen. Freilich mußte er ſich auch ſagen, daß jede Ausſicht auf — künftige Selbſtändigkeit ihm dadurch auf lange, vielleicht auf immer genommen war. Die Vor⸗ würfe, welche Klara ihm gemacht und die im Grunde auf Daſſelbe hinausliefen, wenn auch in edlerer Form und aus reinern Motiven, was Flora ihm ſo oft vorgeſtellt, hatten ſein Herz tiefer getroffen und brannten ſchmerzlicher darin, als irgend Jemand ahnte. Der junge Mann fühlte den böſen Anſchein, dem er ſich ausſetzte, ſelbſt ſehr lebendig, und fühlte doch auch, daß er ihm nicht ausweichen, die unwürdigen Ket⸗ ten, die ihn feſſelten, nicht zerbrechen durfte, um ſeiner Schweſter willen.„Ihr guten Mädchen“, dachte er, indem er den Brief des Predigers mit dem Zettel träumeriſch zuſammenwickelte und das Ganze in ſein ärmliches Bettſtroh ver⸗ barg, wo er es am ſicherſten wähnte und das in jener abgelegenen Kammer aufgeſchüttet lag, in der wir unſern Freund zuerſt kennen gelernt haben—„Ihr guten Mädchen habt leicht ſpre⸗ lange, Vor⸗ ie im uch in was Herz darin, Nann ſetze, daß um hen“, igers ckelte ver⸗ das lg, lernt ſpr chen von Ketten brechen und von Muth und Willenskraft, die der Mann dem Schickſal ent⸗ gegenzuſtellen habe! Dieſe Kette iſt die Kette meiner Pflicht— meiner Pflicht gegen Diejenige, der ich den edlern Theil meines Daſeins ſchul⸗ dig bin und die mir von Jugend auf Vater und Mutter erſetzt hat; es liegt, meine ich, mehr Muth und Willenskraft darin, dieſer un⸗ ſcheinbaren, ja demüthigenden Pflicht zu genü⸗ gen, als, wie ihr mir rathet, den Weg zwiſchen meine Füße zu nehmen und meine Schweſter ſchutzlos zurückzulaſſen. Ja wenn ich ſik mit mir nehmen könnte! Ich fühle Kraft und Muth in mir, uns Beide durch die Welt zu bringen— aber wie würde mein Schwager ſie jemals freigeben? Und würde ſie ſelbſt mir fol⸗ gen? Er kann ſeine Sklavin nicht entbehren, den ohnmächtigen Gegenſtand ſeiner Launen, und ſie— o Himmel, wie ſelbſtſüchtig die Noth uns macht! Sie hat ja ihr Kind, ihren Bern⸗ 8** hard, meinen kleinen thörichten Neffen, von dem der Vater ſich niemals trennen würde; wie würde es ſich denn ſchicken, daß ſie, die Mutter, ihn verließe!“ Er beſchloß alſo, das Verhängniß walten zu laſſen und inzwiſchen mannhaft auf ſeinem Poſten, dem Poſten der Dankbarkeit und Bru⸗ derliebe, zu beharren, demſelben Poſten, den ihm auch ſein alter ſeliger Lehrer noch mit ſeinem letzten Wort, ſeinem letzten Gruß ſo dringend anempfohlen. Das Zettelchen mochte warten; er hoffte ſogar, es niemals öffnen zu müſſen. Doch iſt das Schickſal gewöhnlich mächtiger als unſere beſten Entſchließungen. Auch über Hermann's Haupte ſchwebte eine Kataſtrophe, welche, plötzlich hereinbrechend, Alles mit Einem Schlage veränderte. Der ſchöne Ulrich war in dieſen Wochen außerordentlich verſtimmt, und wie gewöhnlich mußten Frau und Schwager es entgelten. Frei⸗ ihm nem gend ten en. tiget übet phe, nem chen nlich rli⸗ lich hatte er auch Urſache dazu. Die Baronin verweigerte hartnäckig jede Auskunft wegen der Brieftaſche, und von dem Vorſchlag, Herrn Lur darum zu befragen, wollte Zundelheinrich, dem er denſelben natürlich mitgetheilt hatte, nichts wiſſen. Das wäre, behauptete er, erſt die rechte Art, um die ganze Sache zu verderben und hinzutrödeln; er habe im„Grünen Ochſen“ ſchon genug gehört von dem Herrn Lux, was das für ein entſetzlich kluger Menſch ſei, mit ſol⸗ chem entſetzlich klugen Menſchen wolle er nichts zu thun haben, die ſchabten ehrlichen Leuten wie ſie nur alle mal die Butter vom Brote. Und das habe er ihm geſagt und wiederhole es hiermit nochmals: auf dieſe Sache habe er ſei⸗ nen Kopf geſtellt, bei der wolle und müſſe er ſein Glück machen, ſo oder anders, und wenn die Baronin die Brieftaſche nicht freiwillig heraus⸗ geben wolle, gut, ſo wüßten ſie ja den Weg, ſie ſich zu nehmen. 180 Zu dem Letztern fehlte Ulrich noch immer die Courage. Doch ſchämte er ſich, dieſen Man⸗ gel vor dem Zundelheinrich einzugeſtehen, vor deſſen Muth und Stärke er überhaupt großen Reſpect hatte. Auch ſagte er ſich ſelbſt, je län⸗ ger je mehr, daß es zuletzt doch wol nicht anders werden würde; die Sache konnte ja ſo heimlich angelegt und ſo ſchlau ausgeführt wer⸗ den, daß auf ihn nicht der mindeſte Verdacht fiel und ſein übriges Verhältniß zur Baronin ganz unverändert blieb; zu ſo etwas war der Zundelheinrich gerade der rechte Mann, und konnte er ihm in allen Stücken blindlings ver⸗ trauen. Das Einzige daher, um was er ihn noch bat und was er wirklich nach einigem Sträuben von ihm erlangte, war nur, daß ſie das Unternehmen aufſchoben bis zur Ankunft der Commiſſion, von der jetzt in der ganzen Stadt, am meiſten aber im Muſikantenthurm die Rede war. Ulrich berechnete ganz richtig, daß — 181 die allgemeine Aufmerkſamkeit während dieſer Zeit von ſo ganz andern Dingen in Anſpruch genommen ſein würde, daß es ihnen leicht ſein müßte, die That unvermerkt und unentdeckt zu vollführen. Auch würde, wenn die Geſchichte ja unglücklich ablaufen und er zur Flucht ge⸗ nöthigt ſein ſollte, ſeine Abweſenheit aus dem Thurm während dieſer Zeit wol am ſpäteſten bemerkt und ſeine Flucht dadurch weſentlich be⸗ günſtigt. Freilich ſtand ihm für dieſen Fall noch ein anderes Hinderniß im Wege, von dem er ſelbſt noch nicht wußte, wie er es beſeitigen ſollte. Seine Frau zu verlaſſen, machte ihm nicht das geringſte Bedenken; war er doch be⸗ reit und willig ſich von ihr ſcheiden zu laſſen, ſobald die Baronin es wünſchte. Aber ſein Kind zu verlaſſen, ſeinen„alten Mann“, das war ein Gedanke, den er nicht übers Herz brin⸗ gen konnte. Er liebte das Kind wirklich und aufrichtig, wenn auch freilich nach ſeiner Art. In dieſem ſchwarzen, von unlautern Wünſchen und Begierden aller Art durchfurchten Herzen war die Liebe zu ſeinem Kinde der einzige lichte Fleck; Dieb und Räuber konnte er werden, wenn es denn durchaus nicht anders ging— aber auch der Dieb und Räuber wollte ſich nicht von ſeinem„alten Manne“ trennen. Hätte er Jemand gehabt, dem er ſeine Ge⸗ danken und Sorgen hätte mittheilen können, er hätte ſie leichter ertragen oder wäre auch wol ganz davon zurückgekommen. Aber Zundelhein⸗ rich, ſein einziger Vertrauter, hetzte und ſchürte nur immer ſeine Beſorgniß wegen der Baronin, ob ſie ihn zuletzt doch nicht an der Naſe führte; ſowie er aber von ſeinem Kinde zu ſprechen anfing, lachte der gewaltige Mann ihn aus und ſchwur und fluchte: er hätte ſchon drei Kinder gehabt mit der rothen Hanne, aber er wiſſe kaum ob ſie lebendig oder todt; ein verſtändiger Kerl ſetze wol ſo etwas in die nſchen erzen lichte erden, ng— nicht en, er wol wonin, führte rechen aus ndni bet et ein in die Welt, aber nachher kümmere er ſich nicht mehr darum.... Auf dieſe Weiſe genöthigt, Alles in ſein Inneres zu verſchließen, und dabei noch durch das ungleiche Betragen ſeiner Gönnerin gepei⸗ nigt, wurde Ulrich immer finſterer und unleid⸗ licher. Der Jähzorn, mit dem er bei der ge⸗ ringſten Veranlaſſung über ſeine unglückliche Frau herfiel, war fürchterlich und bereitete dieſer die traurigſten Stunden. Hermann ſetzte ſich zur Wehr ſoviel er konnte. Doch war dies eben nicht viel; war Ulrich ihm auch an Körperkraft wol ſchwerlich überlegen und an Muth ganz gewiß nicht, ſo warf ſich doch jedesmal, wenn es zum Aeußerſten zu kommen drohte, die Schweſter ſelbſt mit ſolchen Bitten und ſolchem Wehgeſchrei zwiſchen die Streitenden, ſie nahm dann alle Schuld ſo vollſtändig auf ſich ganz allein und mahnte den Bruder ſo dringend ab, daß er ihren Bitten nachgeben und Ulrich unge⸗ ſtraft laſſen mußte. Zuletzt wagte er ſich kaum mehr vom Hauſe zu entfernen; die Zeichnen⸗ ſtunden bei der Regierungsräthin geriethen in Unordnung, ſogar die Abſchriften, die er auf ſein eigenes Verlangen noch fortſetzte, ſtockten; ſelbſt Klara bekam er wenig mehr zu ſehen, Alles weil er nicht mehr wagte, den Muſikan⸗ tenthurm zu verlaſſen und ſeine Schweſter mit dem wüthenden Schwager alleinzulaſſen. Und richtig, als er an einem der nächſten Abende bei hereinbrechender Dämmerung von einem kur⸗ zen Spaziergang mit Klara zurückkehrte(denn dieſe war jetzt wieder außerordentlich gütig und freundlich gegen ihn und ſcheute nicht, dies auch öffentlich zu erkennen zu geben, wiewol bei der Ver⸗ wirrung und Unruhe, die ſeit einiger Zeit im Hauſe des Regierungsraths herrſchte, Niemand ſo recht auf ſie achtete)— als Hermann, ſagen wir, eines Abends von einem ſolchen vertraulichen Spaziergang, der ihm jedesmal für viele Tage faum chnen⸗ ſen in t auf ocktenz ſchen, uſifan⸗ r mit bende nkur⸗ (denn ig und s ouch er Ver⸗ it in and ſo en wir ulichen Fhe Muth und Kraft gab, in den Muſikantenthurm zurückkehrte, ſo hörte er ſchon im Hofe die wil⸗ den Scheltworte und Wuthausbrüche, in denen Ulrich ſich wieder einmal gegen die unglückliche Gertrud erging. Die Veranlaſſung war ſo nich⸗ tig wie immer. Ulrich war, halb angetrunken, von einem Beſuch beim Zundelheinrich zurück⸗ gekommen, hatte nach ſeiner gewohnten Art mit dem„alten Manne“ ſpielen und Narrenspoſſen treiben wollen, hatte aber das Kind, das ſeine Abneigung gegen den Vater überhaupt täglich mehr zu erkennen gab, nicht recht aufgelegt dazu gefunden, und nach ſeiner brutalen Art hatte er das natürlich ſogleich wieder der armen Frau in die Schuhe geſchoben.„Freilich, freilich“, ſchrie er,„es iſt ja nur mein Kind, ich bin ja nur ſein Vater— da wird gehetzt und geflü⸗ ſtert, gewarnt und vorgepredigt und mit dem charmanten Brüderchen conſpirirt, bis das Herz des Kindes auch ſo verdorben iſt wie eure 186 eigenen ſind, und ich unglücklicher Mann Nie⸗ mand mehr habe, der mich liebt. Aber meine Geduld iſt zu Ende, bald zehn Jahre lang habe ich dieſe Wirthſchaft ertragen und habe zu Allem Ja geſagt wie ein Narr— nun iſt es zu Ende, und wenn der Lump, der Haſenfuß, ich meine deinen Musje Bruder, mir noch ein einziges mal über die Schwelle kommt, ſo ſoll er er— fahren——“ „Du wirſt das nicht thun“, ſtöhnte das un⸗ glückliche Weib zitternd,„du wirſt das nicht thun, Ulrich; du haſt mir geſchworen, es nicht zu thun! Denke an die Zeit, da ich dich blu⸗ tend auf der Landſtraße fand; denke, wie du mich bateſt und flehteſt, dein Weib zu werden, und dann denke auch an alle die elenden Jahre, die ich an deiner Seite verlebt habe....“ „Pah“, höhnte der wüthende Mann,„da⸗ mals wußte ich auch noch nicht, was für ein Früchtchen du wärſt, ich wußte noch nichts von 187 Nie⸗ dem ſaubern Herrn Bruder und daß du das meine Geld mir aus dem Hauſe ſchleppteſt, um ihn habe großzufüttern. Was thuſt du für mein Kind? Alem was thuſt du für den(alten Mann“? Wird Ende, der zum Prediger gebracht? Werden für den* meine gelehrte Bücher angeſchafft? Richt einmal or⸗ niges dentlich zur Welt gebracht haſt du ihn, er hat keine ſchönen Wängelchen und keine braunen er⸗ Augenſterne wie der Herr Bruder. Aber frei⸗ s un⸗ lich, freilich, es iſt ja nur mein Sohn, und 3 icht ich bin nicht ſo ſchön wie gewiſſe Lieb⸗ niht hberdn. l⸗ Das arme Weib war auf die Knie geſun⸗ ie du ken, ihr Kopf lag auf dem harten Stein. erden,„Tödte mich, tödte mich“, wimmerte ſie,„ich zcht will ganz ſtillhalten, keinen Muck will ich thun, du ſollſt mir das Meſſer in die Hand d preſſen und ſollſt ſagen, ich wäre es ſelbſt geweſen — Tödte mich! Aber nur dies thue mir nicht an!“ von Der ſchöne Ulrich hob zähneknirſchend den Fuß in die Höhe und ſchien zu überlegen, ob er ihn auf das zuckende Haupt ſollte fallen laſ⸗ ſen oder nicht. Endlich drehte er ſich verächt⸗ lich um:„Studentendirne“, knirſchte er— In demſelben Augenblick trat Hermann ein. Er hatte von den einzelnen Worten nichts ver⸗ ſtanden; aber was er ſah und hörte war mehr als hinlänglich, ihn erkennen zu laſſen, was hier wieder vorging.„Steh' auf, Schweſter“, rief er, indem er ſie mit ſtarkem Arm in die Höhe riß.„Entweihe dich nicht ſelbſt, indem du dein Knie beugſt vor dieſem Nichtswür⸗ digen!“ „Entweihen!“ hohnlachte Ulrich,„an der hat es ſich auch noch was zu entweihen! Frage ſie doch ſelbſt, naſeweiſer Bube, ob ſie ſich wol noch werth hält, daß mein Fuß ſie berührt?“ Gertrud ſchüttelte matt mit dem Kopfe. „Er thut ganz recht“, ſagte ſie,„mit Allem, den ob laſ⸗ tächt⸗ nein. vet⸗ mehr ſtet“, n die indem zwür⸗ der Frage wol tt“ opf Men, was er thut; miſche dich nicht darein, Her⸗ mann, geh' hinaus, mein Bruder, laß mich al⸗ lein— ich habe dies verdient und Schlim⸗ meres.“ „Ja“, verſetzte Hermann empört,„ich will hinausgehen— aber nicht ohne dich, meine Schweſter! Komm, laß uns fliehen, die Welt iſt weit, ich habe zwei geſunde Arme— und wenn wir betteln müſſen, es iſt immer noch beſſer als bei dieſem Ehrloſen!“ „Ehrloſen!“ kreiſchte der Vagabond, deſſen Augen ſeit Hermann's Eintritt ordentlich leuch⸗ teten vor Bosheit und Schadenfreude.„Aber dieſer Ehrloſe iſt doch gut genug geweſen, die Dirne da wieder ehrlich zu machen, und Er, Musje, ſollte das Wort Ehre am allerwenigſten in den Mund nehmen!“ Hermann ſah verwundert bald ſeine Schwe⸗ ſter, bald den wüthenden Schwager an. Aber dieſer erwiderte ſeine Blicke mit frechem Hohn⸗ 190 lachen; er hatte ſich auf die Bettſtatt geſetzt und ſchaukelte behaglich mit den Beinen. Ger⸗ trud hatte ſich zum zweiten male auf die Erde geworfen, kniend, auf Händen und Füßen, das Haupt in den Staub geſenkt, rutſchte ſie vor den Unerbittlichen hin und wiederholte nur immer mit wimmernder Stimme: „Thu' es nicht, Ulrich! denk' an deinen Schwur, Ulrich! Thu' es nicht!“ Der wüſte Lärm und Streit hatte den„al⸗ ten Mann“ aufgeweckt, der in ſeinem Wägel⸗ chen lag und vor kurzem erſt eingeſchlummert war. Er richtete ſich furchtſam in die Höhe; ſeine matte, heiſere Stimme vereinigte ſich mit dem Wimmern der Mutter. Dieſe aber, in ihrem Schmerz, hörte ihn nicht ſogleich, und das goß neues Oel in die Wuth des Mannes. „Da ſieht man ja“, ſchrie er,„was für eine Mutter ſie iſt! Ja, ja, weil es mein Kind iſt! Der ſchöne Herr Bruder, freilich, freilich, der geſctt Ger⸗ Erde üßen, ſe ſi e nr einen al⸗ ügel⸗ nmert höhe h nit in und nnes eine d iſt det 191 konnte gepflegt und gewartet werden, für den wurden Süppchen gekocht—!“ Und wieder hob er den Fuß, um die Un⸗ glückliche zu treffen. Aber Hermann ſprang da⸗ zwiſchen.„Unſinniger“, rief er, indem er die ſtarke Hand auf Ulrich's Schulter legte, daß dieſer faſt zwiſchen den Betten verſank.„Wel⸗ cher Rauſch hält deine Sinne umnebelt, daß du dieſer Frau zum Vorwurf machſt, was ihr Ruhm und ihre Tugend iſt und wofür andere Männer ſie auf den Händen tragen würden?! Denn eine gute Schweſter iſt auch alle mal eine gute Frau; was kann ſie dafür, Ungeheuer, daß dieſes unglückliche Kind ſo zur Welt gekommen? Und iſt eine Schuld dabei, wen trifft ſie? Sind es nicht die Male deiner Ausſchweifungen, iſt es nicht dein verlorenes, verlottertes Leben, was das arme Kind an ſeinem kranken Leibe, in ſeinem verwirrten Geiſte trägt? Und wie kannſt du behaupten, Trunkenbold, daß ſie ihr Kind 192 weniger pflegt, als ſie es mit mir, ihrem Bru⸗ der, gethan hat?!“ „Ihrem Bruder!“ kreiſchte der wüthende Mann, indem er ſich mühſam aus der Bett⸗ ſtatt emporwand.„Ihrem Bruder! Nun denn, ſo wiſſe, weibiſcher Feigling, der du chrliche Männer hinterrücks im Bette überfällſt— wiſſe, daß du ihr Bruder gar nicht biſt, ſondern ihr Sohn! Dieſes Weib iſt eine Studentendirne— und du biſt ihr Baſtard!“ Gertrud ſchrie laut auf— ein Schrei, der, ſcharf wie ein Meſſer, durch die fernſten Räume des Thurms ſchrillte, daß die alten Weiber er⸗ ſchrocken in die Höhe fuhren und ſich zitternd fragten, welch Geſpenſt mit dieſer Wehklage durch die Lüfte zöge. Dann lag ſie ganz ſtill“ gleich einer Todten. Hermann taumelte entſetzt zurück.„Wie war das?“ fragte er mit tonloſer Stimme. „Nicht meine Schweſter wäre ſie, ſondern meine Bru⸗ Mutter?!“ Und dann auf ſeine Knie nieder⸗ fallend und die Ohnmächtige mit heißen Küſſen thende und Thränen ins Leben zurückrufend:„Oh meine Bett Geliebte“, rief er,„höre mich, komm zu dir! denn, Sage mir, ob dieſer Elende Recht hat und ob chriht heute zum erſten male ein wahres Wort über niſt, ſeine ſchmuzige Lippe gegangen iſt! Schweſter mn ihr oder Mutter— biſt du nicht immer meine Mut⸗ mn ter geweſen? Haſt du mich nicht von früh an im innerſten Herzen deiner Liebe getragen— warum nicht auch unter dem Herzen deines Lei⸗ — bes? Antworte mir, theure Mutter, ſage, daß ber e⸗ du auch wirklich die Mutter meines Blutes biſt! itumn Und wenn dieſes arme kindiſche Herz noch mehr hleg der Liebe fähig iſt, als mit der ich dich bisher fil*geliebt habe— o, meine Mutter, wie will ich dich lieben!!“ Pie Dieſer unerwartete Erfolg ſeiner Entdeckung verdroß den ehemaligen Seiltänzer nicht wenig; mein er hatte darauf gerechnet, Hermann dadurch Der Muſikantenthurm. III. 9 194 niederzuſchmettern und das unglückliche Weib der Verachtung und dem Spotte des eigenen Kindes preiszugeben. Und nun lief die Ge⸗ ſchichte wol gar aufs Gegentheil hinaus? Und aus dem zärtlichen Bruder wurde ein noch viel zärtlicherer Sohn? Das durfte er nicht leiden, und alſo fing er von friſchem an zu hetzen und zu ſchüren. „Ja wol“, ſpottete er,„frage ſie doch, bitte ſie doch, dir den Namen deines Vaters zu ſa⸗ gen— die Elende weiß ihn ſelber nicht, von einem durchreiſenden Studenten hat ſie ſich ver⸗ führen laſſen, in ihrem ſechzehnten Jahre, es iſt Sünd' und Schande zu ſagen. Auch hat er ihr nur ein einzig mal Geld geſchickt, aber un⸗ ter falſchem Namen, der ſchlaue Herr. Arm⸗ ſelige paar Hundert Thaler— das war das an⸗ gebliche Erbtheil eurer Aeltern, du blindgebo⸗ borener Maulwurf, was du verſtudirt haſt und wovon ſie dich zum vornehmen Manne gemacht h viel eiden, hetzen bitte u ſo⸗ von h ver⸗ s it at er r un⸗ Arn⸗ as an⸗ dgebo⸗ ſt und macht hat. Merkſt du nun? Darum nahm ich dich von dem alten Schwätzer, dem Prediger, weg, nachdem ich einmal durch gute Freunde und Nachbarn dahintergekommen, was das eigentlich für ein Prinzeßchen war. O, ſie war ſchlau, ſie war in eine andere Stadt gezogen, hatte dich für ihren Bruder ausgegeben und dachte ihre Schande damit todtgemacht zu haben. Aber nein, die Schande ſchläft nicht— auch dieſe iſt zutage gekommen, und ich ſelbſt muß mich nur anklagen, daß es nicht ſchon früher geſche⸗ hen und daß ich ſo lange den Deckmantel für dieſe verlorene Dirne abgegeben. Begreifſt du nun, du vorlauter Geſelle, warum ſie ſich Alles ſo ruhig gefallen laſſen mußte von mir und mußte die Hand noch küſſen, die ſie ſchlug? Begreifſt du auch, warum dein verwünſchtes glattes Angeſicht mir verhaßter iſt als Tod und Peſt, und warum ich den Teufel lieber neben mir ſehe als dich? Studentenbaſtard!! Und 9* — ————————— 196 dieſen Baſtard ſollte ich zum großen Manne machen helfen? der ſollte gelehrt und klug wer⸗ den und ſollte den armen ehrlichen Stiefvater, den Joſeph, der ſich der Jungfrau erbarmte, über die Schulter anſehen? Der ſollte in Glanz und Ehre leben, während mein armer Lalter Mann verkümmert?! Ich habe mir redliche Mühe gegeben, deinen Vater ausfindig zu ma⸗ chen; hätte ich ihn gefunden, ich hätte ihm wollen das ſaubere Söhnchen ſchön vor die Füße werfen und ihm eine Koſtenrechnung ma⸗ chen für alle die Jahre, daß ihm hätten ſollen die Augen übergehen. Aber die Närrin hat ſich ja nicht einmal den Namen ſagen laſſen, ſie hat ja nichts gewußt, ſie hat das Kind in aller Unſchuld gekriegt und hat ſich damit geſchleppt und hat es aufgepäppelt, als müßte es ſo ſein. Aber Art läßt nicht von Art; ſie ſelber iſt ja nur ein Findelkind, ich habe es auch erſt erfahren, da ich ſchon lange Zeit mit ihr verheirathet war anne wer ater, mte, lanz alter liche ma⸗ ihm die ma⸗ ſolen tſch ehat aller tund Aber nt hren, wal 97 da, als dieſe verwünſchten Geldſäcke, die Se⸗ natoren und Rathsherren, mich gern aus dem Städtchen forthaben wollten, weil ſie mich an⸗ fingen zu fürchten, da wurde mir auch das vor⸗ gerückt, daß wir Beide doch gar keine Heimat im Orte hätten, und auch von meiner Frau wüßte Niemand ſo eigentlich, wohin ſie gehörte....“ Der thörichte Mann dachte in dieſem Au⸗ genblick freilich nicht daran, daß er ſelbſt ganz in demſelben Falle war und ſich über ſeine Her⸗ kunft ebenfalls in Dunkelheit befand. Doch hatte Hermann auch ſchon an dem Vorher⸗ gehenden genug gehört, um auf den letztern Zuſatz noch beſonders zu achten. Er erhob ſich, küßte die Stirn ſeiner Mutter, die erſt jett wieder allmälig ins Bewußtſein zurückkam, und ſagte dann zu Ulrich, mit feſter Stimme, ohne Haß und Leidenſchaft, aber auch ohne Unter⸗ würfigkeit: „Ich danke Euch, Stiefvater; Ihr habt viele — 198 Geduld mit mir gehabt, und ich begreife jetzt, daß ich Euch oft ſehr zur Laſt geweſen ſein muß. Aber am meiſten danke ich Euch für den heutigen Abend, ſo furchtbar er iſt; Ihr habt mich zu einem ſehr glücklichen Manne gemacht. Dieſe hier“, indem er auf Gertrud deutete, die ſich langſam von den Knien erhob und mit verwilderten Blicken bald den Sohn, bald den Mann anſtarrte—„dieſe hier iſt meine Mutter; iſt es ſo, Mutter?“ Gertrud nickte heftig mit dem Kopf; ihre zitternden Hände ſuchten die Hand ihres Soh⸗ nes, auf die ſie leiſe, wimmernde Küſſe drückte. Hermann umſchlang ſie zärtlich und zog ſie neben ſich in die Höhe.„Alſo wirklich meine Mutter“, wiederholte er.„Ihr müßt einſehen, Stiefvater, daß das etwas Anderes iſt und ein anderes Verhältniß gibt, als wenn ich nur noch ihr Bruder wäre. Ueber meine Schweſter hatte mein Schwager Gewalt, gegen die Mishand⸗ habt macht. e, die mit den utter ihre Eoh⸗ rickte og ſe meine ſchen, d ein rnoch hetit hund⸗ 6 199 lungen ihres Mannes iſt meine Mutter ge⸗ ſchützt durch ihren Sohn. Behaltet das im Gedächtniß, Stiefvater, damit wir in Frieden miteinander leben: nämlich ſolange wir über⸗ haupt noch miteinander leben müſſen. An dem Beſitz einer Frau, der Ihr eine Jugendſünde, welche ſie, nach Euern eigenen Worten zu ur⸗ theilen, weniger ſelbſt beging als ſie an ihr be⸗ gangen ward, ſo lange nachtragt und mit ſol— cher Unverſöhnlichkeit, an der kann Euch ſelbſt unmöglich viel gelegen ſein; es iſt beſſer, glaube ich, für alle Theile, wenn ihr voneinandergeht. Und darum erlaubt mir, daß ich gleich heute damit den Anfang mache....“ Damit ergriff er die Hand ſeiner Mutter, die ſich widerſtandlos wie ein Kind von ihm leiten und führen ließ, und führte ſie zur Thür hinaus. Als ſie auf der Schwelle waren, kehrte die unglückliche Frau noch einmal um; ſie ſtürzte ſich über das Bettchen des Kindes, hob es 200 empor und bedeckte es mit heißen Thränen und Küſſen.„O du“, ſagte ſie,„der du den Fluch meiner Sünde an deinem armen Leibe trägſt, durch den ich ſo ſehr dafür geſtraft bin, daß ich mich überreden ließ und wurde doch noch eines Mannes Weib, muß ich dich auch noch verlaſſen?!“ Es war ein herzzerreißender Anblick; ſelbſt Ulrich fühlte ſich erſchüttert. Er hatte keinen Muth mehr, ſeinem Pflegeſohn zu widerſprechen; auch war er in der Stille vielleicht froh, die verhaßte Frau loszuwerden und ſich von dem drückenden Verhältniß zu Hermann zu befreien. „Und wohin?“ fragte er mürriſch. „Für dieſe Nacht und vielleicht noch für die nächſten Tage, bis es mir möglich geworden iſt, einen Plan zu faſſen“, erwiderte Hermann,„nur bis in den Schuppen, wo ich zu arbeiten pflege und wo auch meine Streu bereitet iſt. Es iſt ein ſchlechtes, kaltes Lager; allein ich denke, es und Fluch ügſt, 201 wird meiner Mutter lieber ſein und auch ange⸗ nehmer für Euch, Stiefoater, als wenn ihr Beide noch beieinander wäret. Um den Bern⸗ hard ſorgt nicht, ich habe meinen lieben Neffen — ach nein, mein Brüderchen— ja immer her⸗ zenslieb gehabt und die Mutter auch; wir wol⸗ len, ſolange wir noch im Thurm ſind, ihn pflegen und warten nach wie vor— das heißt, wenn Ihr es ſo erlauben wollt. Und nun gute Nacht, Stiefvater, es iſt noch Manches zwiſchen uns zu beſprechen; doch findet ſich dazu wol eine gelegenere Zeit....“ Wie Hermann mit dieſen Worten das bleiche, zitternde Weib wirklich zur Thür hinausführte, über den dunkeln Hof, in jenen Winkel beim Birnbaum, den wir von früherher kennen, zuckte Ulrich unwillkürlich zuſammen; es war ihm, als müſſe er ihr wenigſtens die Hand nachſtrecken. Doch bezwang er ſich, rieb dem„alten Mann“ noch einmal den ſtacheligen Schnauzbart ins 9** — Geſicht, daß er laut aufſchrie, und warf ſich dann neben ihn aufs Bett, um im Schlaf alle Sorgen und Aufregungen zu vergeſſen.— Das ſchweigende Paar, indem es über den dunkeln Hof dahinſchritt, wäre faſt an Herrn Lux angerannt. Dieſer vortreffliche Mann hatte, unter uns geſagt, in der Nähe von Ulrich's Wohnung ein wenig umherſpionirt; der Lärm in der genannten Wohnung hatte ihn aufmerk⸗ ſam gemacht, und wie er nichts Geſchriebenes oder Gedrucktes ungeleſen ließ, ſo liebte er es auch, kein Wort, das in ſeiner Nähe geſprochen ward, ungehört an ſeinen Ohren vorübergehen zu laſſen. Diesmal jedoch hatte die Dicke der Mauern den Schall gebrochen; nur einzelne ab⸗ geriſſene Worte hatte er aus dem wüſten Hin⸗ und Widerreden vernommen, und dieſe verwirr⸗ ten ihn mehr als ſie ihm Aufklärung brachten. Zuletzt war es wol blos ein gewöhnlicher ehe⸗ licher Zwiſt, und auch darin, daß Frau Gertrud rf ſih af alle et den Hetrn hatte, Urich Lärm fmerk⸗ ebenes e es rochen ergehen cke der ne ab⸗ Hin⸗ mirt⸗ achten⸗ er ehe zerind ſich von ihrem Manne fortbettete, in den kalten Schuppen zum Bruder, konnte er nichts Be⸗ ſonderes finden, das kam bei der Art Leuten wol öfters vor. Doch beſchloß er, ſie mit ver⸗ doppelter Aufmerkſamkeit im Auge zu behalten; vielleicht gab es hier einen Weg, der ihn hinter die eigentlichen Abſichten der Baronin führte. Hermann und ſeine Mutter ſaßen noch lange auf, ohne Licht, in der öden Kammer; wie das harte Stroh unter ihnen kniſterte, gedachte Her⸗ mann des Briefs, der hier verſteckt lag, und der Räthſel, die er in ſich trug. Einiges da⸗ von hatte ſich ſchon heute gelöſt; Hermann ver⸗ ſtand jetzt, was der Prediger mit der Schuld der Mutter, die ſchon längſt vergeben ſei, meinte. War auch den übrigen Räthſeln viel⸗ leicht die Löſung ebenſo nahe? Als er heute Abend in den Muſikantenthurm getreten war, hatte er noch eine Schweſter gehabt, keine Mut⸗ ter— und wie anders war es jetzt?! Schritt 204 das Schickſal vielleicht mit derſelben Schnelligkeit weiter? und hob ſich, während er noch im Dun⸗ u keln irrte, ſchon jenſeit des Horizonts die Sonne, die auch die letzten Nebel zerſtreuen t ſollte? Die Mutter ſchüttete ihm ihr ganzes Herz aus; ſie benutzte den Schleier der Nacht, der ihr Erröthen verbarg, und beſtätigte in über⸗ ſtrömenden Worten Alles, was Ulrich über den Urſprung des jungen Mannes geſagt hatte. Nur den Namen des Vaters, wo er ſich aufhalte, was aus ihm geworden, verſicherte ſie auch ihm nicht zu wiſſen.„Er kam“, ſagte ſie,„wie ein Komet, ſein finſteres, drohendes, ach ſo ſchönes Angeſicht verſengte mich. Ich war ſechzehn Jahre, ein Kind, ohne Vater noch Mutter, wußte nicht, was Liebe, was Sünde ſei— da war das Unglück geſchehen, bevor ich es ahnte....“ Hermann benetzte die Hände der Mutter mit ſtrömenden Thränen. „Du warſt von jeher eit n⸗ die en meine Mutter“, ſagte er,„und ich bin ſtolz und glücklich, daß ich mich jetzt in Wahrheit deinen Sohn nennen darf. Nach meinem Vater trage ich wenig Verlangen, er kann doch kein guter Menſch geweſen ſein, daß er dich in die⸗ ſes Elend gebracht und dann darin verlaſſen hat. Ja, hätte er dich nur ganz verlaſſen, ich könnte es ihm noch verzeihen; aber mit ein paar Hundert Thalern ein zertretenes Leben abkaufen zu wollen...!“ „Er wird ſich gebeſſert haben“, ſlüſterte Gertrud kaum hörbar. „Ich hoffe es, theure Mutter“, beſtätigte der Sohn, und der Engel des Schlafs breitete ſeine kühlen Schwingen über dieſe beiden tief⸗ verwundeten und doch ſo glücklichen Herzen. Pierzehntes Capitel. Vorbereitungen. Wäre auch ein Zank zwiſchen dem Ulrich'ſchen Ehepaar im Muſikantenthum nicht gar ſo etwas Gewöhnliches geweſen, ſo hätte man doch unter den jetzigen Umſtänden keine Zeit gehabt darauf zu achten. Die Ankunft der Commiſſion rückte immer näher, und wie ſie ſich näherte, ſtiegen auch Ungeduld und Spannung immer höher. Es gab im Thurme noch gar Mancherlei zu ſchaffen und einzurichten, damit er mit Ehren vor der Commiſſion beſtehen könnte. Frau Lux ließ ſcheuern und fegen, daß der Staub die Sonne zu verfinſtern drohte; die kleine dicke hen ntet uf ickte egen her. hren Lur ie dice Frau Meier nähte ſich ein paar neue Schöße an ihre Jacke; Frau Schmähling bohrte den Finger in alle Ritzen, ob auch noch irgendein Körnchen Staub darin verborgen wäre; Frau Melzer orakelte die Stiegen auf und nieder— und in dieſem Stil weiter durch die ganze Ge⸗ ſellſchaft. Selbſt der Geigenfritz, der jetzt äu⸗ ßerſt bequeme Tage hatte, da Flora im Schwar⸗ zenfeld'ſchen Hauſe ein ſchönes Geld verdiente, ſchaffte einige leere Branntweinflaſchen beiſeite und ſprach davon, daß er doch mit nächſtem einmal wieder in die Kirche gehen müſſe, es ſei ihm ſchon ganz andächtig zumuthe; ob viel⸗ leicht Oſtern im Anzuge wäre, wo er mit ſeiner ſeligen Gemahlin, die trotz ihres Standes doch eine ſehr fromme Frau geweſen, regelmäßig zur Com⸗ munion gegangen wäre. Kurzum, mit Aus⸗ nahme der alten kranken Frau Schernberg und der Ulrich'ſchen Familie war der ganze Thurm in krampfhafter Bewegung. Die in frühern Jahren ſo vielfach erörterte Frage wegen der Zukunft des Thurms und ob die Regierung es wirklich wagen würde, Hand an die alten Vermächtniſſe zu legen, trat mit erneuter Leb⸗ haftigkeit in den Vordergrund und wurde, je nach dem verſchiedenen Standpunkt, verſchieden beur⸗ theilt. Man wollte mit Beſtimmtheit wiſſen, daß der regierende Herr feſt entſchloſſen ſei, den Thurm nicht in ſeiner alten Einrichtung fort⸗ beſtehen zu laſſen, ſondern ein frommes, chriſt⸗ liches Haus daraus zu machen; die Stiftungen ſollten in Anbetracht des höhern Zwecks für er⸗ loſchen erklärt, und falls die Stadt ihre Zu⸗ ſtimmung verweigerte, die ganze Anſtalt in eine andere Provinz verlegt werden. Am meiſten natürlich hatte der gute Herr Lur dabei zu thun; auf ihn, das Factotum des Thurms, kam doch zuletzt die ganze Laſt und Arbeit, er mußte Alles einrichten, überlegen, anordnen, vorausſehen. Schon die Rechnungen der rung alten Lb⸗ nach beur⸗ iſſen, den fort⸗ riſ⸗ ngen t er⸗ eine Herr des und egen ngen mit dem Regierungsrath durchzugehen, war eine höchſt beſchwerliche Arbeit geweſen; manche Fe⸗ der war dabei zerkaut worden, und doch blieb immer noch, ſelbſt nach Abrechnung der Schuld⸗ ſcheine, welche der Regierungsrath ihm ausge⸗ ſtellt hatte und die er der Commiſſion natürlich nicht produciren durſte, ein Deficit, das er auf keine Weiſe zu decken wußte. Gehörte nicht zu einem richtigen Gedächtniß außer der Kunſt des Behaltens auch die Gabe des Vergeſſens, und hätte Herr Lux, der in Allem ausgezeichnet war, nicht auch die letztere in vorzüglichem Grade beſeſſen, ſo hätte er ſich über das Deſicit aller⸗ dings nicht ſo ſehr zu verwundern gebraucht; es hätte ihm dann beifallen müſſen, welche Vor⸗ theile er ſelbſt ſeit Jahren vom Muſikanten⸗ thurm gezogen, Vortheile, von denen im Etat nichts verzeichnet ſtand und die denn freilich ſchon ein ziemliches Loch in den Beutel hatten freſſen können. Das aber war dem Gedächtniß 210 des guten Herrn Lux vollkommen entſchwunden, Alles, was fehlte, oder wo es ſonſt nicht ganz richtig war, packte er dem Regierungsrath auf, der bei der jahrelangen unordentlichen Führung ſeines Amts auch gar nicht im Stande war, Herrn Lux zu widerlegen. Zum Glück verſtan⸗ den Herr und Diener ſich zu gut, um eine Scene, wie jene nach der Zurückkunft des Herrn Lux, zu wiederholen; Herr Lux verſprach eine feine Rechnung aufzuſtellen, die ſtimmen ſollte trotz Adam Rieſe, und der Regierungsrath ge⸗ lobte mit tauſend Eiden, die fehlenden Sum⸗ men bis zum Tage der Kaſſenreviſion herbeizu⸗ ſchaffen. Zwar woher ſie alsdann kommen ſollten, das war für den Augenblick dem Regierungs⸗ rath ſelbſt noch ein Geheimniß. Er hatte Herrn Theobald an ſeine Zuſage wegen des Wechſels erinnert, hatte aber auch nur eine ausweichende Antwort erhalten. Jetzt war der Wechſel längſt i unden, t ganz th auf ührung e war, berſtan⸗ neine Herrn h eine ſollte h ge⸗ Sun⸗ etbeizu⸗ ſollten, rung Herrn ichſe chendt lingſ fällig; wurde Theobald ungeduldig und drang auf Zahlung, ſo wußte der Regierung vollends nicht aus noch ein. Auch ſeine Mutter ließ nichts von ſich hören. Sie hatte ihm durch Eugenie Hoffnung machen laſſen zu einer Aus⸗ ſöhnung und gütlichen Beilegung ſeiner verwor⸗ renen Verhältniſſe. Doch waren auch darüber Wochen vergangen, und ſo oft ſich Rudolf bei dem Präſidenten erkundigte, ob die Baronin ihm keinen Auftrag für ihn gegeben, ſo wußte der Präſident jedesmal nichts davon und ſuchte ihn mit leeren Tröſtungen hinzuhalten. Aber die konnten Rudolf jetzt nichts mehr nützen; ſeine Lage war verzweifelt, Ehre und Anſehen ſtanden auf dem Spiele; ließ ſeine Mutter ihn jetzt fallen, ſo war er verloren für ewig. Er ſuchte ſeiner innern Angſt durch muntere Geſell⸗ ſchaften Herr zu werden, bei denen er viel ſprach und noch mehr trank. Aber deſto fürch⸗ terlicher waren die Nächte; gelang es ihm auch, 212 durch Wein und Nachtwachen ermüdet, einzu⸗ ſchlafen, ſo fuhr er doch regelmäßig ſchon nach der erſten halben Stunde wieder in die Höhe, um dann den Reſt der Nacht, in der qualvoll⸗ ſten Angſt, ſchlaflos, wie ein Geſpenſt, umher⸗ zuirren. In ſeinem Hauſe ging inzwiſchen Alles ſcheinbar den gewohnten Gang. Doch war auch die Regierungsräthin abgeſpannt und zerſtreut; das Benehmen ihres Mannes ängſtete ſie, und Herr Theobald, auf den ſie ſoviel Hoffnungen geſetzt hatte, wich allen Anſpielungen und Win⸗ ken vorſichtig aus. Wie es mit Hermann und Klara ſtand, wiſſen wir bereits. Alfred und Flora lebten ebenfalls nach der alten Weiſe. Der Erſtere war ſehr fleißig; ſeine Freunde in der Hauptſtadt hatten einige ſeiner Compoſitio⸗ nen aufführen laſſen und großen Beifall damit geerntet. An Flora zeigte ſich ſeit einiger Zeit ein größerer Ernſt wie ſonſt; ſie hatte ihre einzu⸗ nach Höhe, vol⸗ nher⸗ Alls auch reut; und ungen Vin⸗ nund d und Weiſe de in oſitio⸗ damit Zeit ihre Stunden, wo ſie ſtill und nachdenkend daſaß und die Augen ſtarr auf einen Fleck geheftet hielt. Auch war ihr die Muſik jetzt wirklich liebgeworden; ſie ſang mit Begeiſterung und tiefem Gefühl und bereitete Alfred dadurch große Freude. Hermann hatte eigentlich für Alles, was in dem Schwarzenfeld'ſchen Hauſe vorging, nur noch wenig Sinn. Die wunderbare Umände⸗ rung ſeiner häuslichen Schickſale hielt ſeine Seele gefangen; er wünſchte ſehnlichſt, ſeine Mutter aus dem Muſikantenthurm zu befreien und ſah doch fürs erſte keine Möglichkeit, wie er ſich mit dem habgierigen Schwager auseinanderſetzen ſollte. Dieſer nämlich hatte inzwiſchen erfahren, wie Hermann im Hauſe des Regierungsraths ſtand und wie freundlich man ſich daſelbſt ſeiner angenommen hatte. Mit dem Raffinement, das ihn in dergleichen ſchmu⸗ zigen Geſchichten nie verließ, hatte er ſich ſogleich eine Geſchichte zuſammengereimt, wonach ſein neu⸗ licher Auftritt mit Hermann ganz ohne Zweifel von dieſem ſelbſt beabſichtigt geweſen warz es war eine Intrigue, hinter der Niemand Geringeres ſteckte als ſeine Gönnerin, die Baronin: ſie wollte ihm die Scheidung erleichtern und hatte den Jähzorn des jungen Mannes benutzt, den längſtgewünſchten Bruch zwiſchen Ulrich und Gertrud herbeizufüh⸗ ren. Wie er mit ſeinen Combinationen einmal bis an dieſen Punkt gelangt war, ſo beſchloß g er auch weiter, ſich als richtiger kluger Mann zu zeigen und zwei Fliegen mit Einer Klappe zu ſchlagen: er wollte ſich ſtellen, als hätte er zur Scheidung keine Luſt, und dadurch ſeine Gönnerin, in deren Hand er, wie geſagt, die Fäden des Ganzen vermeinte, erſt recht an⸗ feuern. Auch ließ ſich dabei vielleicht noch et⸗ was Baares herauspreſſen, was ihm jetzt, wo Zundelheinrich ihn täglich mehr bedrängte, dop⸗ pelt angenehm ſein mußte. Und ſelbſt für den „ — nneu el von weine ſteckte hn die n des ſchten ufüh⸗ inmal ſchloß Nann klappe ite er ſeine t, die t an⸗ ch e „W „doy⸗ r den — Fall, daß er mit ſeinen Vorausſetzungen in der Irre ging und daß es hier wirklich nichts zu lucriren gab, ſo hatte er doch wenigſtens immer das Vergnügen, Mutter und Sohn ein wenig zappeln zu laſſen. Er wrilligte daher zwar in den abgeſonderten Aufenthalt; davon aber, daß Gertrud den Thurm verließ und die Scheidung beantragte oder ſich ohne Scheidung von ihm entfernte, wollte er nichts wiſſen. Hermann ſchlug ſeiner Mutter eine heimliche Flucht vor; allein ſo groß war die Furcht, die das unglückliche Weib vor ihrem vieljährigen Quäler hatte, und ſo war ihre Thatkraft gebro⸗ chen, daß ſie auch jetzt nichts zu unternehmen wagte, was gegen ſeinen Willen geweſen wäre. Gern hätte Hermann ſich in der ſchwierigen Angelegenheit bei irgendeinem theilnehmenden Herzen Rath erholt. Doch hätte dabei nur von Einem Herzen die Rede ſein können, und gerade dieſes— wir brauchen es nicht erſt zu nennen — trug er eine gerechte Scheu mit ſeinen Sor⸗ gen und Kümmerniſſen zu verfinſtern, ſelbſt wenn er die Erlaubniß ſeiner Mutter dazu ge⸗ habt hätte. So ſorgenbelaſtet inzwiſchen der Geiſt des jungen Mannes war, ſo konnte er doch nicht um⸗ hin, auch ſeinerſeits die Fortſchritte zu bemerken, welche die Tochter des Geigenfritz entwickelte. Beſonders erfteulich war ihm das verſtändige, ge⸗ ſetzte Weſen, das ſie ſeit einiger Zeit angenommen hatte. Aber wie war er erſtaunt, als er ihr dies eines Tags äußerte— und ſiehe da, das junge Mädchen warf ſich ihm weinend an den Hals und ſchluchzte unter heißen Thränen:„Alſo jetzt gefalle ich dir, ſeit ich aufgehört habe dich zu lieben?! Es iſt die Aſche meines Glücks, unter der ich mein wildes Feuer verberge, und dieſe kalte, todte Aſche gefällt dir?“ Und gleich darauf, in ihren alten Ton zu⸗ rückfallend:„Ich glaube doch beinahe, die blin⸗ —— — Sor⸗ ſelbſt zu ge⸗ iſt de ht um⸗ nerken, ickelte. ge, ge⸗ mmen h dies junge nHals lſo jebt dich ju „untn d dieſt on zl ie bin⸗ den Männer ſind die beſten zum Heirathen, wenigſtens die treueſten; ſie haben keine Augen, fremde Schönheiten zu ſehen, und von ihrem Glanz beſtrickt, die arme, ungezogene Flora zu vergeſſen. Was räthſt du, lieber Freund? Soll ich wirklich Frau Alfred Lammerz werden?— Lammerz— es klingt nur gar ſo abſcheulich, ich würde wenigſtens meinen Namen Flora bei⸗ behalten, auf dem Theater, auf das ich dann doch gehen würde, klingt er ohnedies viel beſſer.. Und ſo ſchwatzte ſie noch eine Weile fort, ohne daß Hermann, von andern Sorgen in Anſpruch genommen, darauf achtete oder ſich die Mühe gab, zu unterſuchen, was davon Ernſt und was ſcherzhafte Uebertreibung.— Wenden wir uns inzwiſchen noch einmal zu Herrn Lurz er hatte alle Hände voll zu thun, und ſoviel er auch arbeitete, ſo fand ſich doch am Abend faſt noch immer etwas, was vergeſſen Der Muſikantenthurm. IMI. 10 war oder doch noch für den folgenden Tag zu thun übrigblieb. Beinahe wäre es ihm ſo mit dem ſogenannten Nationale ergangen, dem Ver⸗ zeichniß über Namen, Alter, Herkunft und ſon⸗ ſtige perſönliche Verhältniſſe der Thurmbewoh⸗ ner. Es war dies das erſte und nothwendigſte Document, das er der Commiſſion vorlegen mußte, und war es darum wirklich ein rechtes Verdienſt von der Frau Lux, als ſie ſich eines Abends erlaubte, ihn ganz beſcheidentlich daran zu erinnern. Auch machte er ſich gleich am nächſten Mor⸗ gen an die Arbeit. Es gab manchen ſpaßhaf⸗ ten Auftritt dabei; weder Frau Meier noch Frau Schmähling wollten mit ihrem eigentlichen Alter herausrücken, der Geigenfritz aber, der jetzt ſelten mehr nüchtern ward, verlangte, es ſollte der ganze Lebenslauf ſeiner verſtorbenen Gemahlin, der weiland berühmten Sängerin, darin mitaufgenommen werden, da dies doch N Lu ag zu ſo mit orlegen re chtes eines daran nNor⸗ vehe r noch nlichen er, der gte, e orbenen ingerin doch 219 der einzige Glanzpunkt ſeines Lebens und jeden⸗ falls das Wichtigſte ſei, was ihm paſſirt.— Mit Ulrich Schwarz, auf deſſen Ausſagen Herr Lup in der Stille ſehr geſpannt geweſen, war die Sache raſch abgemacht; es waren dürftige No— tizen über Alter, Namen, Zeit der Verheira⸗ thung, aus denen ſelbſt der Scharfſinn eines Herrn Lux nichts weiter herauszugrübeln ver⸗ mochte. Ebenſo raſch erledigte ſich das Geſchäft mit Gertrud und ihrem Bruder Hermann; denn als ſolcher galt er im Thurm noch immer. Die Frau ſagte einfach, ſie heiße Gertrud Miller, verehelichte Schwarz, gebürtig vom Rhein. Herr Lux notirte gleichgültig den Namen: Gertrud Miller—„Auch ein recht ordinärer Name“, dachte er bei ſich; er ahnte nicht, wie bedeu⸗ tungsvoll derſelbe ihm in kurzem werden ſollte. 10* Funßehntes Capitel. Der Menſchenfreund. Inzwiſchen verzögerte die Ankunft der Com⸗ miſſion ſich von Woche zu Woche; der ur⸗ ſprünglich feſtgeſetzte Tag war längſt verſtrichen, und Rudolf athmete ſchon auf, in der Hoff⸗ nung, das Gewitter möchte noch einmal gänz⸗ lich vorüberziehen. Dergleichen war unter die⸗ ſer Regierung nichts Seltenes; Tauſende von Verfügungen wurden erlaſſen, um gleich darauf widerrufen, zu werden, Tauſende von Projecten entworfen, und wenn ſie dicht an der Ausfüh⸗ rung ſtanden, ließ man ſie wieder fallen. So verbreitete ſich auch jetzt wieder das Gerücht, Com⸗ et ur richen, Hof⸗ lgin ter die⸗ de von daruf rjecten luzfiß 6 zericht es ſei gar keine eigentliche Commiſſion, was man zu erwarten habe, ſondern nur ein Men⸗ ſchenfreund, der aus dem Beſuch der Gefäng⸗ niſſe und Armenhäuſer ein ſpecielles Studium mache und ſich bemühe, eine ſtrengere Zucht, oder, was Daſſelbe ſei, einen chriſtlichern Geiſt darin einzuführen. Er ſtammte aus Amerika, dieſer Menſchenfreund, alſo aus dem Lande, wo man die meiſte Freiheit und die beſten Gefäng⸗ niſſe, die meiſten Millionäre und die beſten Armenhäuſer hat, wo von Fulton die Dampf⸗ maſchine und von Auburn das pennſylvaniſche Syſtem erfunden ward.— Dieſer Amerikaner betrieb, wie das Gerücht ſagte, ſein Studium blos aus Liebhaberei; wie ein anderer Howard und Appert reiſte er umher, ſtieg in alle Höh⸗ len der Armuth, in alle Schlupfwinkel des La⸗ ſters, verkehrte mit Dieben und Mördern, mit Bankrottirern und Fälſchern, und zog dann zur Theeſtunde den ſchwarzen Frack nebſt Glact⸗ handſchuhen an, legte die weiße Halsbinde um und predigte den Reichen und Vornehmen, bei Thee und Backwerk und Auſternſalat und Cham⸗ pagner, das Evangelium der werkthätigen Liebe, die ſich auch der Armen und Verlaſſenen er⸗ barme, und ſchloß damit, eine Sammlung zu veranſtalten für die Wilden am Senegal, denen dafür Bibeln und Luther'ſche Katechismen nebſt flanellenen Leibbinden gekauft werden ſollten. Heutzutage drängen ſich ſolche Erſcheinun⸗ gen auf allen Gaſſen; dazumal waren ſie noch etwas Neues, und ſo machte auch dieſer Ame⸗ rikaner, von deſſen Geiſt und Kenntniſſen, in⸗ gleichen von ſeiner Gewandtheit und der wun⸗ derbaren Gabe, allen Menſchen ſofort ins In⸗ nerſte zu ſchauen, man ſich tauſend fabelhafte Anekdoten erzählte, in der Hauptſtadt, wo er ſich ſeit einigen Wochen aufhielt, kein geringes Glück. Auch dem regierenden Fürſten, für deſ⸗ ſen Neigungen er eigens geſchaffen ſchien, war nde um n, bei Cham⸗ niche, nen er⸗ ung zu denen nnebſt lten. heinun⸗ ſie noch r Ame⸗ en, in⸗ et wun⸗ ins In⸗ elhaft woe gringt fit di n, w 223 er vorgeſtellt und mit großer Zuvorkommenheit von ihm empfangen worden. Der Fürſt ließ ſich verſchiedene Vorträge von ihm halten, be⸗ ſuchte ſogar in ſeiner Geſellſchaft das Haupt⸗ gefängniß der Stadt und beehrte ihn endlich mit dem Auftrag, den Stand des Muſikanten⸗ thurms zu unterſuchen und geeignete Vorſchläge zu machen, wie dieſe Anſtalt zu einer barmherzi⸗ gen Stiftung, unter Leitung von Predigern und Barmherzigen Schweſtern, könnte umgewandelt werden. Erſt wenn der Amerikaner das Ter⸗ rain auf dieſe Weiſe ſondirt, ſollte die eigent⸗ liche Commiſſion nachfolgen; man hoffte, daß ſie dann nicht mehr viel zu thun finden und das ganze mühſame Werk raſch zum Abſchluß gelangen ſollte. Doch fand der Menſchenfreund in der Haupt⸗ ſtadt einſtweilen noch ſo viel zu thun, er mußte ſo viel Reden halten, Geld einſammeln und Au⸗ ſternſalat mit Champagner verzehren, daß ſeine — 224 Abreiſe ſich von Tag zu Tag verzögerte. Böſe Zungen, an denen es ja auch dem edelſten Streben nicht fehlt, ja ihm am wenigſten, flü⸗ ſterten freilich, der amerikaniſche Menſchenfreund würde auch noch durch andere Dinge in der Hauptſtadt zurückgehalten; ſie wollten wiſſen, daß er unter der Hand einen vortheilhaften Handel mit Actien, Verſchreibungen, Teſtamen⸗ ten und allerhand werthvollen Papieren betreibe, und daß überhaupt ſeine ganze fromme Thätig⸗ keit nur ein Deckmantel ſei für die höchſt welt⸗ lichen und ſelbſtſüchtigen Beſtrebungen, die er eigentlich verfolge. Doch blieben dieſe boshaften Verleumdun⸗ gen, die ſich aus dem politiſch⸗religiöſen Partei⸗ haß zur Genüge erklärten, nur in den inner⸗ ſten Kreiſen der hauptſtädtiſchen Geſellſchaftz in die Provinz und in die Stadt, in welcher wir uns befinden, drang davon nichts. Im Gegentheil, hier wurde der intereſſante Fremd⸗ Böſe delſten n fli⸗ freund in det wiſſen, lhaften amen⸗ treibe, hätig⸗ welt⸗ die er mdun⸗ partei⸗ inner⸗ ſcheft velcher In rend⸗ ling mit der größten Spannung erwartet. Die Entfernung hatte die wunderſamen Gerüchte, die über ſeinen Scharfſinn, ſeine Frömmigkeit, ſeinen Wohlthätigkeitsſinn umliefen, noch bedeu⸗ tend geſteigert; eine Curioſität in der Hauptſtadt, war er in der Provinz völlig zur mythiſchen Perſon geworden. Nicht einmal ſeinen Namen konnte man in dem entlegenen Neſt mit Be⸗ ſtimmtheit erfahren; die Einen nannten ihn ſo, die Andern anders, und da die Zeitungen ſich damals mit dergleichen innern Angelegenheiten noch nicht beſchäftigen durften, ſo hielt es ſchwer, darüber ins Klare zu kommen. Dem Präſi⸗ denten mochte dies infolge ſeiner frommen Ver⸗ bindungen wol gelungen ſein; doch hielt er es aus demſelben Grunde nicht für angemeſſen, weiter davon zu ſprechen. Als Herr Lux zum erſten male hörte, der erwartete Seelenreviſor— denn ſo ungefähr ſtellte er ihn ſich vor— ſei ein Amerikaner, 10** 226 gerieth er in die lebhafteſte Bewegung. Er hatte ſeit ſeiner letzten Reiſe vor Allem, was Amerika hieß, eine außerordentliche Ehrfurcht; ſollte es gar am Ende derſelbe wunderbare Ame⸗ rikaner ſein, auf deſſen Spur er neulich in den Rheingegenden getroffen und der ebenfalls in aller⸗ hand Spelunken und Herbergen umhergekrochen war? Doch verwarf er den Gedanken im näch⸗ ſten Augenblick ſelbſt, als ſeines Scharfſinns unwürdig, und richtete nur ein leiſes Stoßgebet zum Himmel, daß dieſer Amerikaner nur we⸗ nigſtens nicht ſo verdammt ſchlau ſein möge wie jener; ſonſt ſah es mit ſeinen und des Re⸗ gierungsraths Rechnungen übel aus. Die ganze Stadt nahm an dem bevorſtehen⸗ den Ereigniß theil; ſelbſt in Kreiſen wurde davon geſprochen, die ſich ſonſt grundſätzlich um dergleichen Dinge wenig oder gar nicht beküm⸗ merten. So auch im Hauſe des alten Medi⸗ cmalraths. Als ſein Sohn, der Doctor Brunner, . Er n, wos rfurcht te Ame⸗ in den in allet⸗ efrochen m näch⸗ rfſinns oßgebet wur we⸗ n möge e⸗ des Re⸗ rſthen wurde ich um belin⸗ Mädi grunnen 227 der unter Anderm auch die Prapis im Muſikanten⸗ thurm hatte, ihm eines Tags von der Auf⸗ regung erzählte, in welche derſelbe durch die bevorſtehende Ankunft des Amerikaners verſetzt ſei, erwiderte der alte Herr: „Nun ſage Einer, was jetzt nur mit dieſen Amerikanern los iſt; überall tauchen Amerikaner auf. Ich warte auch ſchon ſeit vier Monaten auf einen Amerikaner, der ſich erſt in zehn dringenden Briefen angemeldet hat, und nun vergeht Woche auf Woche, und Bruder Jona⸗ than kommt nicht und kommt nicht. Ver⸗ wünſchte Kerle, dieſe Amerikaner!“ Das waren nun ſehr geheimnißvolle und unverſtändliche Worte. Doch war Doctor Brun⸗ ner viel zu ſehr nach der alten Mode erzogen, als daß er gewagt hätte, ſeinem Vater, der auch im eigenen Hauſe für gewöhnlich ſehr kurz angebunden war, durch eine Frage beſchwerlich⸗ zufallen. Er beruhigte ſich alſo dabei, daß es vermuthlich irgendein Patient, der ſich bei dem Vater von fernher angemeldet, wie das bei dem ausgezeichneten Ruf des alten Arztes wol ſchon öfters geſchehen war, und daß der alte grillige Herr nun ungehalten ſei über die Verzögerung. Er erlaubte ſich daher auch nur im Allgemeinen zu bemerken, daß Amerika doch noch immer ein recht entlegenes Land, daß Briefe verloren gehen, Schiffe ſcheitern könnten, und daß über⸗ haupt Niemand im Stande ſei, bei einer ſo weiten und mühſamen Reiſe den Tag ſeiner An⸗ kunft mit einiger Genauigkeit vorherzubeſtimmen. Worauf der alte Medicinalrath ſeinem Sohn zu eröffnen beliebte, daß er, der Sohn, ein Gänſekopf ſei, der ſeine Naſe lieber in das Receptbuch ſtecken ſollte, ſtatt ſich um fremder Leute Angelegenheiten zu bekümmern.— Aber endlich war der verhängnißvolle Tag doch gekommen. Es war noch am frühen Mor⸗ gen, und Rudolf lag noch, in ängſtlichem Halb⸗ 4 229 dem ſchlummer, in den Federn, als heftig an d Klingel des Vorſaals geriſſen ward, und ſn ſtürzte, kreideweiß, mit geſträubtem rilige Herr Lux und meldete mit zitternder daß ſoeben der! i ß ſoeben der Amerikaner angekommen.. etung. neinen immet rloren über⸗ et ſo rAn⸗ mmen. ſeinem —— Schr, in das ender — * — — — — — 1 Der Doppelgänger. Erſtes Capitel. Werkthätige Liebe. Auch an dem Amerikaner zeigte ſich wieder einmal recht deutlich, daß man über keinen Menſchen urtheilen und ſich namentlich auch vor Niemand fürchten ſoll, bevor man ihn per⸗ ſönlich kennen gelernt hat. Welche Beſorgniſſe hatte er erregt, ſolange er, gleich einem drohen⸗ den Kometen, am Himmel des Muſikanten⸗ thurms geſtanden! Mit welcher Ungewißheit, ja mit welcher Angſt hatte man ihm entgegen⸗ geſehen, welche myſtiſchen Gerüchte hatten ſich über ihn verbreitet! Und was war das nun für ein milder, leutſeliger Mann! Das ſollte Das ein Betbruder und Kopfhänger? Dieſer kleine raſche Mann, mit ein Frömmler ſein? der hohen kahlen Stirn, auf der er das dünne Haar ſo künſtlich zurechtſcheitelte, mit den klei⸗ nen vergnügten Augen, den kurzen abgebroche⸗ nen Sätzen und den Bewegungen, raſch und flink wie ein Wieſel? Und bei Hofe ſollte der geweſen ſein, mit Miniſtern und Geheim⸗ räthen ſollte er auf Du und Du ſtehen und mit Sereniſſimus ſelbſt geheime Briefe wechſeln, dieſer einfache, ſchlichte Mann, mit der nach⸗ läſſigen Haltung, dem treuherzigen Ausdruck und der ausgezeichnet reinen und fließenden Ausſprache, der man kaum eine leiſe Spur von Dialekt anmerkte?— Es war ein Mann un⸗ gefähr in der Mitte der vierziger Jahre, viel⸗ leicht etwas älter, vielleicht etwas jünger, aber jedenfalls bewundernswerth conſervirt; ſeine Wangen waren friſch und rund, ſeine Zähne vollſtändig, und wenn er nicht die kahle Platte r und t, mit dünne n klei brocht⸗ ch und ſollte cheim⸗ id mit chſeln, nach⸗ usdruc ßenden ur von in un⸗ , vicl r, ober ſint Zihn Mtte gehabt hätte, hätte man ihn dreiſt für einen jungen Mann halten können. Und ebenſo friſch und jugendlich war auch ſein ganzes Benehmen. Da war nichts von deutſcher Pedanterie, nichts von bureaukratiſcher Vornehmheit; er griff alle Dinge glatt und rund an, mit den ſchwierigſten Problemen war er ſozuſagen im Umſehen fertig; wo die An⸗ dern erſt überlegten und nachdachten, um was es ſich eigentlich handle, da hatte er ſchon den Nagel auf den Kopf getroffen: eins, zwei, drei, die Sache iſt abgemacht, und nun friſch zu et⸗ was Neuem.... Freilich etwas gewaltthätig war er dabei mitunter auch. Gleich am erſten Tage, beim erſten Gang in den Muſikantenthurm, noch bei grauendem Morgen, im Reiſehabit, friſch wie er aus der Extrapoſt geſtiegen war, und ohne ſich vorher bei Jemand anzumelden oder auch nur den Kaffee im Gaſthof zu nehmen— wie war er in dem alten weitläufigen Gebäude um⸗ hergeſtiegen, als ob er zwanzig Jahre darin ge⸗ lebt hätte! Wie hatte er Alles gleich verſtan⸗ den, begriffen und durchſchaut! Aber wie war er auch gleich mit ſeinen verwegenen Projecten, ſeinen geheimnißvollen Neuigkeiten herausgerückt! „Die Baracken da müſſen weg, das verſteht ſich, der Flügel da muß umgebaut, jener ein⸗ geriſſen werden; auf den einen kommen die Weiber, auf den andern die Männer; von dem Thurm iſt weiter nichts zu gebrauchen als das Fundament, darauf kann ein kreisrunder Saal erbaut werden, der dient zur Kapelle; die Ka⸗ pelle iſt die Hauptſache.— Und dann ein gutes Badehaus, das iſt noch nöthiger als die Ka⸗ pelle; das Waſſer kann mit einem Schöpfrad gleich aus dem Graben gehoben werden, und daſſelbe Rad kann auch in der Brotbäckerei be⸗ nutzt werden. Alles mit Dampf, verſteht ſich, und im großartigſten Stil— Geld iſt da, Geld N un⸗ in gl⸗ erſtan⸗ ie war jecten, etüct erſteht r ein⸗ n die dem [s das Stal ie Ka⸗ gutes e Ka⸗ zyftad „und tei be⸗ ſih Geld 237 muß ſich finden, Geld iſt eine Kleinigkeit, die ſich alle mal findet, wo der Menſch das Wich⸗ tigſte hat, und das iſt die werkthätige Liebe! Beten und Singen, o ja, ganz charmant— gebetet und geſungen muß auch werden, viel gebetet und viel geſungen: ein Prediger, zwei Gehülfen, ein Küſter, zwei Schullehrer, acht Diakoniſſinnen— Alles im größten Stil, es darf nichts geſpart werden, das iſt werkthätige Liebe! Aber ſatt müſſen die Menſchen auch werden und reingehalten, zwei mal wöchentlich gebadet, Mann und Weib, Greiſe und Kinder, Hund und Katze— Kinder müſſen ſehr viele in der Anſtalt untergebracht werden, auf Kinder kommt das Meiſte an, in Kinder läßt ſich der Keim der werkthätigen Liebe am erſten pflanzen; wird ein Kind mit Brot, Seife, Gebet und tüchti⸗ gen Prügeln gezogen und es will dann noch nicht gerathen, ſo ſoll man es an das große Schöpf⸗ rad binden und ſoll es drei mal durchs Waſſer ziehen, bis ihm der Athem ſtillſteht....“ Das war ein wunderbares Evangelium, und Herr Lux, der den Fremden bei ſeinem erſten Beſuch im Thurm begleitete und an den daher die Offenbarungen deſſelben zunächſt gerichtet wurden, war vor Bewunderung und Schreck rein außer ſich; er hielt die umgekehrte Hand blos noch ſtill an der Naſe und vermochte ſie nicht mehr in die gewohnte kreisförmige Bewe⸗ gung zu verſetzen, ſo zerknirſcht und hingeriſſen war er.„Der Blick“, dachte er,„das Feuer, der Scharfſinn! Ja da ſieht man, was ein Amerikaner iſt!“ Aber wie ward ihm erſt, als er ſich in aller Demuth erlaubte, nach dem Namen des Herrn Geheimraths zu fragen, und unter welchem Titel er Seine Excellenz beim Herrn Regie⸗ rungsrath von Schwarzenfeld, ſeinem nächſten Vorgeſetzten, melden dürfe— und der wunder⸗ Woſſr n und erſten ndaher erichte Schrec Hand hte ſie Bewe⸗ guiſen Feuer, at ein in ale Herr velchen Nji⸗ ichſten vunder bare Mannraſſelte ihn an in ſeiner kurzen, derben Manier:„Ah bah, Geheimrath und Excellenz, es hat ſich was! Nichts von Geheimrath und Excellenz— werkthätige Liebe, das iſt die Sache, und ich heiße John, ſchlechtweg Herr John— ein ſehr gewöhnlicher Name in Amerika“, ſetzte er hinzu, da er das Erſtaunen ſeines Beglei⸗ ns ſah Ein ſehr gewöhnlicher Name in Amerika, ganz richtig; es konnte der Herren John da viele geben, das ließ ſich einſehen, ohne Herrn Lur' Scharfſinn. Aber was Herrn Lux' Scharfſinn ſofort einſah, das war, daß es dieſen Herrn John nur einmal gab und daß es eine und die⸗ ſelbe Perſon war mit dem räthſelhaften Specu⸗ lanten, deſſen Spuren er unlängſt am Rhein getroffen. Und warum ſollte er auch nicht? Was für ein großer Unterſchied war zwiſchen dem Handel mit ſchmuzigen Geſchichten, mit dem er dort, und der ſchmuzigen Wäſche der Leiber und 240 Seelen, mit der er ſich hier befaßte? Dieſem Manne war offenbar Alles möglich; wenn er ſich jetzt vor Herrn Lux'ſichtlichen Augen in einen Lö⸗ wen, Tiger oder irgendein anderes reißendes Thier verwandelt hätte— oder er hätte einen Luftballon aus der Taſche geholt und wäre mit gutem Winde ihm vor der Naſe über die Zinnen des Thurms geſegelt— oder er hätte Herrn Lur mit einem kleinen ſanften Ruck den Kopf vom Rumpfe genommen und hätte ihn mit derſelben Behendigkeit ihm wiederaufgeſetzt, aber ver⸗ kehrt, die Haare nach vorn und die Naſe im Rücken, die ſchöne lange Naſe, die immer län— ger ward und ihm völlig zwiſchen den Fingern erſtarrte— Herr Lux würde von ſolchem Manne Alles völlig begreiflich und in der Ordnung ge⸗ funden haben. Um aber die letzte Spur von Zweifel zu be⸗ ſeitigen, unterſtand Herr Lux ſich und richtete mit einer jener zierlichen Wendungen, die in dieſer Dieſem net ſich nen Lö⸗ es Thier ſtballon gutem nen des rn Lur f vom erſelben et ver⸗ Raſe in ner lin⸗ Fingern Mann ung 9e zu br richte n diſt 241 Weiſe nur ihm zugebote ſtanden, an den wunder⸗ thätigen Herrn John die ergebenſte Frage, ob er vielleicht derſelbe Herr John ſei, der vor ſo und ſo viel Monaten, in der und der Stadt, vierzig Meilen von hier, eine gewiſſe Brieftaſche verloren habe? Herr John ſtand ſtill(denn für gewöhnlich war er in fortwährender Bewegung), warf den Kopf hintenüber, ſah ſich ſeinen Mann mit den kleinen verſchmitzten Augen genau an und meinte dann: Ja, allerdings, es wäre ſo, eine Brief⸗ taſche hätte er verloren; was Herr Lux davon wiſſe? und was die Brieftaſche, die er meine, für eine Beſchaffenheit habe? Worauf Herr Lux in Demuth, wiewol nicht wenig geſchmeichelt, daß ſo ein entſetzlich ſcharf⸗ ſinniger Mann wie dieſer Amerikaner ſich herab⸗ ließ, ein wirkliches Geſpräch mit ihm anzu⸗ knüpfen, unter Stammeln und Stottern erwi⸗ derte: die Brieftaſche ſei roth, aus Saffian, Der Muſikantenthurm. III. 11 ziemlich abgegriffen, mit einem vergoldeten Wap⸗ pen auf dem Deckel, im Uebrigen leer und ohne Inhalt und nur als Familienandenken von Werth. Er ſelbſt ſei zwar nicht ſo glücklich geweſen, ſie zu finden, doch habe er die Anzeige davon da und da im Wochenblatt geleſen, und der hohe Preis von zweihundert Thalern, zahlbar bei dem und dem bekannten Handlungs⸗ hauſe in Hamburg, habe ſeine Aufmerkſamkeit erregt. Worauf hinwiederum Herr John ihn gnädig mit der Hand auf die Schulter klopfte(was bei ſeiner kleinen Statur nur dadurch möglich ward, daß der lange dünne Herr Lux, ſowie er die Abſicht des Amerikaners merkte, völlig in die Knie ſank, wie ein Kameel, das belaſtet werden ſoll)— und, mit den raſchen freundli⸗ chen Augen blinzelnd, ihn ermahnte, auf die Brieftaſche hübſch aufzupaſſen und ihm ja Alles zu melden, was er davon in Erfahrung brächte; ten Woy⸗ und ohn ken von glicklich e Wzlige glleſen, Thaletn, ndlungs⸗ riſamkeit n gnädig fte we hmöhlic uy, ſoni te, völih s bloſt ſmunl af d je A gnihl⸗ 243 es ſei auch werkthätige Liebe, die Sachen zu finden, die unſer Nächſter verloren, und wer einmal Glück haben ſolle, der gewinne in der Lotterie, auch ohne darin geſetzt zu haben. Zweites Capitel. Verſtändigungen. Denſelben vortheilhaften Eindruck wie auf Herrn Lur machte der Amerikaner auch an allen an⸗ dern Orten der Stadt, wo er ſich ſehen ließ, und bei allen übrigen Perſonen, mit denen er in Verkehr trat. Und er ließ ſich an ſehr vie⸗ len Orten der Stadt ſehen und verkehrte mit ſehr vielen Perſonen; es war wie Queckſilber, das Männchen, und zerrann Einem ſozuſagen unter den Händen, wenn man es greifen wollte. — Gleich in den erſten Morgenſtunden hatte er nicht nur den Muſikantenthurm von innen und außen beſehen, ſondern auch die halbe Stadt f Hertn llen al⸗ hen ließ, denen e ſchr vir hrtr mit ucſlbe ſzuſcge n wolle en het n innn be Stid durchſtrichen; ſogar in den„Grünen Ochſen“ in der Vorſtadt hatte er einen Blick geworfen und dabei von Zundelheinrich, der trotz der frühen Stunde ſchon hinter dem Branntweinglaſe lun⸗ gerte, die anerkennende Bemerkung davongetragen, daß er ein„fixes Kerlchen“ zu ſein ſcheine. Daß die⸗ ſes„fixe Kerlchen“ der lange erwartete Menſchen⸗ freund aus Amerika war, wußte man hier freilich nicht, würde ſich auch ſchwerlich, wenn man es ge⸗ wußt hätte, beſonders dafür intereſſirt haben. Es war nur die raſche, kecke Art des Mannes und dieſe blitzähnliche Geſchwindigkeit, mit der er in allen Ecken umherfuhr, Alles ſah, Alles hörte, Alles befühlte, welche die Aufmerkſamkeit von Groß und Klein erregte und ihm jenen beloben⸗ den Ausſpruch aus dem Munde des Zundel⸗ heinrich zuzog. ſitenzeit, wohlbefrackt und behandſchuht, machte er dann ſeine Aufwartung, erſt bei dem Präſi⸗ — .„ Einige Stunden ſpäter, zur ſchicklichen Vi⸗ — 2 denten, dann bei dem Regierungsrath, dann auch bei dem Medicinalrath, als der erſten Medicinalperſon der Stadt und weil er die Oberaufſicht über die Geſundheitszuſtände des Muſikantenthurms führte. Alle Drei waren ſehr überraſcht, in dem vielbeſprochenen Ameri⸗ kaner einen ſo zuthulichen und liebenswürdigen Mann kennen zu lernen, ſo ganz ohne Präten⸗ ſionen, und namentlich auch ſo ganz ohne An⸗ flug von Pietismus und Kopfhängerei. Letz⸗ terer Umſtand war dem Präſidenten im Grunde gar nicht recht, er wußte ſich den Mann und die Briefe, die ihm über den Mann aus der Hauptſtadt geſchrieben worden, nicht zu reimen und betrachtete ihn mit ſtillem Misbehagen, un⸗ gefähr wie man es in der Geſellſchaft eines ge⸗ zähmten Wolfs oder Bären empfindet, der war ganz ſanft und gehorſam iſt, aber doch jeden Augenblick die grimmigen Tatzen heraus⸗ kehren kann. Mit Herrn John war es um⸗ 6 3 , dann r erſten er die nde des i warn Ameri⸗ vürdigen Praten⸗ e An⸗ Let⸗ Grunde un und aus det neimen gen, uI ines ge et, de ber do herus e un 247 gekehrt; bei ihm lauerte der Präſident jeden Augenblick darauf, daß der Wolf den Schafpelz herauskehren und ſich als Bruder vom Lämm⸗ lein zu erkennen geben ſollte. Auch ſtimmte er ſelbſt zuerſt dieſen Ton an; der Amerikaner aber lachte ihm ins Geſicht und erklärte ihm, unge⸗ fähr mit denſelben Worten wie Herrn Lur: Singen und Beten ſeien zwar recht gut, aber ſie allein thäten es nicht, ſondern werkthätige Liebe, darauf käme es an. Der Präſident ſtimmte vollkommen bei und verſicherte, daß dies von jeher auch ſein Augenmerk geweſen; im Ganzen aber fühlte er ſich doch, wie geſagt, ſehr un⸗ behaglich in Herrn John's Geſellſchaft und konnte kein rechtes Zutrauen zu ihm faſſen. Deſto größeres Behagen fand der alte Me⸗ dicinalrath an dem raſchen, thätigen Manne. Nur als ſie näher auf die künftige Einrichtung des Muſikantenthurms zu ſprechen kamen, gefiel es dem Medicinalrath nicht ganz, wie Herr John die Abſicht durchblicken ließ, mit dem chriſtlichen Armen- und Rettungshauſe gleich auch unterſchiedliche Fabrikunternehmungen zu verbinden, eine Wollkratzerei, Teppichweberei, Strohflechterei und Aehnliches, wovon die Ko⸗ ſten der Anſtalt wenigſtens zur Hälfte gedeckt werden könnten. Auch ſchienen ihm ſeine An⸗ ſichten von der nöthigen Hausdisciplin denn doch etwas zu ſtreng— und der Medicinalrath ſelbſt war bekanntlich kein Zärtling; neben der Seife ſpielten die Prügel eine ſehr bedeutende Rolle bei Herrn John, und wenn er den Leuten gutes Brot backen wollte, ſo wollte er ſie doch auch wieder zur Strafe tüchtig hungern und in der dunkeln Zelle alleinſitzen laſſen. Aber davon abgeſehen — und welcher Menſch hat nicht ſeine Fehler? fand er in Herrn John einen höchſt intereſſan⸗ ten und vielſeitigen Mann; worauf der alte Herr, der ſelbſt eine Art von Vielwiſſer war und ſich für alles Menſchliche lebhaft intereſſirte, — mit den ſe gleich ngen zu chweberi, die Ko⸗ te gedect ſeine Au⸗ enn doch th ſelbſt er Seift ole bei utts Br ch wiede t dunkel abgiſchn zchlu nterſn der ll iſit w terſſt das Geſpräch auch brachte, auf Politik und Li⸗ teratur, auf Handel und Induſtrie, auf Me⸗ chanik und Naturwiſſenſchaften, überall wußte Herr John trefflich Beſcheid, ſogar auch in der Medicin. Wobei er ihm mit vielem Humor erzählte, wie er ſelbſt jahrelang, kurz nach ſei⸗ ner Einwanderung in Amerika— er war näm⸗ lich ein geborener Deutſcher und nur durch wi⸗ drige Schickſale nach Amerika verſchlagen— die amerikaniſchen Steppen als Arzt durchzogen und dabei mehr Latwergen ausgetheilt und mehr verſüßtes Queckſilber, als ein ſtarker Mann auf einem mäßigen Handwagen fortſchaffen könne. Indem ſie ſo immer tiefer ins Plaudern ge⸗ riethen und Herr John beſonders auch von ſei⸗ nem neuen Heimatlande die ausgedehnteſte Kenntniß verrieth, fragte der Medicinalrath ſei⸗ nen neuen Bekannten plötzlich, ob er wol auch einen gewiſſen Herrn Blackfield kenne, einen Mann in ſeinen, des Medicinalraths, Jahren, 11** einen großen Landbeſitzer in Kentucky, an der Grenze von Ohio, der ebenfalls urſprünglich aus Deutſchland eingewandert, aber ſchon ſeit mehr als einem Menſchenalter jenſeit des großen Waſ⸗ ſers heimiſch ſei. Herr John warf die kleinen klu⸗ gen Augen gegen die Decke, ließ in der Geſchwin⸗ digkeit ein halbes Hundert Namen von Menſchen und Städten durch die Zähne rollen und erklärte ſchließlich: nein, den Herrn Blackfield kenne er nicht, er müſſe wol ſehr einſam leben, da er zwar häuſig ſowol in Ohio wie in Kentucky ge⸗ weſen, aber niemals von ihm vernommen habe. . Der Medicinalrath beſtätigte dies; ſein Freund lebe allerdings ſehr einſam. Als er dann aber hörte, daß Herr John möglicherweiſe einige Wochen im Orte zu bleiben gedenke, ſo drückte er ſeine Freude darüber auch um deshalb aus, weil er Tag für Tag einen Beſuch aus Ame⸗ rika erwarte, von dem jüngern Herrn Blackfield, dem Sohn ſeines amerikaniſchen Freundes; der⸗ an det glich aus ſeit mehr ſen Waſ⸗ einen kl eſchwin Menſchen erklärte kenne er u da er tuü ge un hibt Fremn ann aber alb u us Un⸗ laüfil des; de⸗ ſelbe habe ihm ſeine Ankunft ſchon vor Mo⸗ naten in Ausſicht geſtellt, müſſe aber wol durch irgendeinen ungünſtigen Zufall zurückgehalten werden. Er freute ſich, die beiden Männer bei dieſer Gelegenheit bekannt zu machen, und ent⸗ ließ den Fremden mit der Auffoderung, ihn bald wieder zu beſuchen, er wolle ihn auch da⸗ für einmal im Muſikantenthurm herumführen. — Den letztern Theil dieſes Geſprächs hatte zufällig auch der Sohn, Doctor Brunner, mit⸗ angehört; er verwunderte ſich in der Stille aufs äußerſte über dieſe unerwarteten amerikaniſchen Bekanntſchaften ſeines Vaters, von denen er bis dahin noch nie gehört. Doch gedachte er des„Gänſekopfs“, der ihm neulich bei derſelben Gelegenheit an den Hals geflogen, und enthielt ſich daher jeder vorwitzigen Frage. Am geſpannteſten natürlich auf die neue Bekanntſchaft war Rudolf; konnte ſie doch auch für ihn möglicherweiſe am verhängnißvollſten werden. Herr John war der Vorläufer der eigentlichen Commiſſion, von ſeinen vorläufigen Berichten hing die Stimmung derſelben ab; gelang es Rudolf ihn zu gewinnen, ſo durfte er noch immer hoffen, frei durchzuſchlüpfen. Deshalb war es ihm denn ganz beſonders an⸗ genehm, in Herrn John einen ſo unbefangenen, liebenswürdigen Mann kennen zu lernen, mit dem der Umgang ſo bequem, die Verſtändigung ſo leicht war. Dieſer Amerikaner hatte auch darin einen wunderbaren Takt, daß er ſofort mit Jedem den Ton anzuſchlagen wußte, der ihm der liebſte war. Nur mit Frömmelei durfte man ihm nicht kommen, das ging gegen ſeine Principien, und auch nicht an der Wunderkraft der werkthätiaen Liebe zweifeln. In Rudolf hatte er ſofort den Weltmann, und zwar den verlebten, überſatten Weltmann, den erſchöpften Wüſtling, erkannt; er machte Späße über Ru⸗ dolf's Zipperlein, das ihn eben heute beſonders fer der läufigen en ab o durfte hlüpfen. ders an⸗ ngenen⸗ n, mit digung te auch r ſofort fte, der ei durfte en ſtine derktaft Fudoff var den höpftn er Ru ſonder peinigte, erzählte von den öffentlichen Häuſern in Neuyork und andern größern Städten der Union, von dem Feuer der Creolinnen, der ſam⸗ metnen Haut der Negermädchen, und lud den erſtaunten Zuhörer halb ſcherzweiſe, halb ernſt⸗ haft ein, einmal die Fahrt übers Meer zu ris⸗ kiren und ſich in der Neuen Welt neue Kräfte und neue Freuden zu holen. Einen ſolchen Mann, das ſah Rudolf ein, brauchte er nicht ſehr zu fürchten, den mußte es ja im äußerſten Falle gar nicht ſchwerfallen zu beſtechen oder ſonſt auf eine Art zu gewin⸗ nen. Denn daß Herr John für Geld und Geldesſachen ſehr empfänglich, das gab ſich gleich in der Fortſetzung des Geſprächs zu er⸗ kennen. Zufällig lag die Zeitung mit dem Curs⸗ zettel auf dem Tiſch. Das gab dem Fremden erſt Veranlaſſung, weitläufig und mit vieler Sachkenntniß über Staatspapiere, Actien und Actienhandel zu ſprechen; dann erzählte er von einigen Speculationen, bald glücklichen, bald unglücklichen, die er während ſeines wechſelvol⸗ len Lebens unternommen, von Proceſſen, die er geführt, von fremden Erbſchaften, die er ge⸗ kauft, von Teſtamenten, die er angegriffen und zum Theil über den Haufen geſtoßen habe. Bei dieſem Thema angelangt, konnte Rudolf, der jede Gelegenheit ergriff, der Misſtimmung gegen ſeine Mutter Luft zu machen, der Verſuchung nicht widerſtehen, Herrn John von dem ſelt⸗ ſamen Teſtament des alten Kammerdirettors zu erzählen und von der unangenehmen Abhängig⸗ keit, in die er ſelbſt dadurch gerathen— aber freilich auch von den Hunderttauſenden, die ihn nach dem Tode ſeiner Mutter erwarteten. Er vermied dabei zwar ins Detail zu gehen, nannte auch keinen Namen noch Jahreszahlen; doch war die Erzählung auch ſo intereſſant genug und konnte ihm nebenher dazu dienen, eine et⸗ waige Kataſtrophe, wenn ſie ja eintreten ſollte, * 1, bald hſelvol⸗ die e ggegen ſuchung m ſilt⸗ ctors zu bhngig — ober die ihn en. Gr nannte nz doh t gen eine e n ſolle im voraus einzuleiten und zu entſchuldigen. Ja wer weiß, ob ſich bei dem Amerikaner, der in allen Stücken als reicher Mann auftrat, nicht am Ende gar eine kleine Anleihe auf die künftige Erbſchaft zuſtande bringen ließ?— Herr John horchte mit der geſpannteſten Auf— merkſamkeit, warf einzelne Bemerkungen dazwi⸗ ſchen, die ſeine juriſtiſchen Kenntniſſe außer Zweifel ſtellten, und erſuchte endlich Rudolf mit der Miene des vollkommenen Biedermanns, jedes Vorurtheil ſchwinden zu laſſen und ſich ihm in allen Stücken rückhaltlos zu vertrauen. Er könne ſich wol denken, daß er dem Herrn Regierungsrath im Grunde ein unwillkommener Gaſt; die Verwaltung einer Anſtalt wie der Muſikantenthurm ſei unter allen Umſtänden ein ſchwieriges Unternehmen, und laſſe ſich dabei Niemand gern von einem Dritten in die Karten ſehen. Doch möge Rudolf auch in dieſer Hin⸗ ſicht jede Beſorgniß ſchwinden laſſen, es ſei mit 256 ihm, dem Herrn John, nicht ſo gefährlich wie die Leute thäten; Se. Durchlaucht hätten einige Regards für ihn, nun ja, er habe ein paar mal Mittag bei ihm gegeſſen— aber was das für einen Republikaner ſagen wolle, einen Mann, der unter dem Sternenbanner zwar nicht ge⸗ boren, aber doch zu Jahren und hoffentlich auch zu Verſtand gekommen ſei? Von dem Muſi⸗ kantenthurm, wie er jetzt wäre, könne natürlich kein Stein auf dem andern bleiben, das ver⸗ ſtände ſich. Aber darum die Vergangenheit durchklauben und brave Männer, die vielleicht nur nicht für dieſes Geſchäft paßten, in Ver⸗ legenheit bringen— es mußte alſo doch von Ru⸗ dolf ein ziemlich ſchlechter Ruf bis in die Haupt⸗ ſtadt gedrungen ſein— das ſei ſeine Art auch nicht. Er halte es mit dem alten deutſchen Spruch„Luſtig gelebt und ſelig geſtorben“: was er mit andern Worten auch wol die werkthätige Liebe nenne, auf die Alles ankomme und die lich wie neinige aar mal da für Man, icht ge⸗ ich auch Muſi⸗ atürlich as ver⸗ nguhüt virllicht in Ver⸗ von Ru⸗ Haupt lrt auh deutſchn n w kthiti d der Regierungsrath gewiß auch geübt habe, das ſähe er ihm ſchon an den Augen an. Die Re⸗ viſion des Thurms wollten ſie in aller Gemüth⸗ lichkeit zuſammen vornehmen, er habe ja Zeit, es ſei reine Liebhaberei von ihm, dergleichen Anſtalten zu bereiſen, und könne es ihm dabei auf ein paar Wochen mehr oder weniger nicht ankommen. So ſchieden alſo auch dieſe Beiden im beſten Einvernehmen. Rudolf erſuchte den Fremden, für die Zeit ſeiner Anweſenheit ſein Haus doch ja wie ſein eigenes zu betrachten, und führte ihn, um der Einladung deſto beſſern Nachdruck zu geben, gleich zu ſeiner Gemahlin hinüber, die von Rudolf's Verlegenheiten in Betreff des Thurms zwar eigentlich nichts wußte, aber doch gerade genug davon ahnte, um dem verhäng⸗ nißvollen Fremden auch ihrerſeits mit ängſt⸗ licher Spannung entgegenzuſehen. Er fand ſie mitten in ihrem häuslichen Kreiſe, an der Staf⸗ felei mit Hermann, Alfred und Flora im Ne⸗ benzimmer muſicirend, während Klara mit wirth⸗ ſchaftlichen Beſorgungen ab⸗ und zuging. Auch hier benahm Herr John ſich als vollendeter Weltmann; er küßte den Damen die Hand, be⸗ wunderte die Zeichnungen, war entzückt über Flora's Geſang, lobte Klara's Wirthſchaftlichkeit und theilte ihr gleich in der Geſchwindigkeit ein Recept zu einem Stachelbeerpudding mit, den man in Nordamerika ſehr gern eſſe und der auch wirklich eine recht empfehlenswerthe Schüſſel ſei, angenehm für die Zunge, nahrhaft für den Magen und kühlend für das Blut.— Wie Herrn John Alles gefiel, ſo gefiel er auch Al⸗ len; als er ſich endlich entfernt hatte, leider ohne Rudolfs Einladung zum Mittageſſen an⸗ zunehmen, waren Alle ſeines Lobes voll, mit einziger Ausnahme Klara's, für die er, wie ſie verſicherte, etwas Unheimliches beſaß und die ihn auch wirklich während der ganzen Zeit mit im Ne⸗ t wirth⸗ g Auch Uendetet and, be ickt übe ſtlichkeit eit ein it, den der auch üſſel ſi, für den — Vit auch Ab beid ſſen an oll, ni „nie ſi und di get nit ungewöhnlicher Aufmerkſamkeit beobachtet hatte. Indeſſen war man von Klara dergleichen abfäl⸗ lige Urtheile ſchon gewohnt, weshalb auch NRie⸗ mand darauf achtete; vielmehr ſetzte Rudolf ſich zum Eſſen nieder, mit den beſten Hoffnungen für die Zukunft und einem viel leichtern Herzen, als er es ſeit Wochen gehabt. Drittes Capitel. Wachſendes Verttauen. Denſelben günſtigen Eindruck wie in dieſen vor⸗ d nehmen Kreiſen machte Herr John aber auch, wie ſchon angedeutet, bei den Armen und Nie⸗ drigen. Trat er auch nicht mit dem Glanz und der Ueberfülle auf, wie Herr Lux auf Grund früherer Gerüchte geglaubt hatte, und erwies er ſich namentlich mit dem Almoſengeben und überhaupt mit dem Geldausgeben etwas zäh, ſo hatte er doch auch für den ärmſten Mann ſtets ein paſſendes Wort. Jedes Handwerk ver⸗— ſtand er, in jeder Lebenslage war er einmal ge⸗ weſen; Frau Lux rühmte er wegen ihrer Rein⸗ ieſen vor⸗ ber auch und Rie Flanz un uf Grund nd eni eben un we zi en Mom erk inmal 9 rer Rein 61 lichkeit, koſtete die Bohnenſuppe mit Klößen, die ſie eben wieder gekocht hatte und verdeut⸗ lichte ihr, mit einem Stückchen Kreide auf dem Küchentiſch, eine neue Art von Sparherd, die jetzt in Nordamerika ſehr verbreitet ſei. Mit dem Geigenfritz ſprach er über Fis und Cis und gab ihm ein zweckmäßiges Verfahren an, ſich Wachholderbranntwein in der Sonne zu deſtilliren. Der Frau Meier verſicherte er, ſolche Jacken mit Schößen trügen die Farmersfrauen all⸗ gemein, und wenn er eine Tochter hätte, ſollte ſie nie ein anderes Kleidungsſtück auf den Leib bekom⸗ men. Als die kleine dicke Frau Meier ihn darauf ſchalkhaft fragte, ob ſolch ein hübſcher Herr denn nicht verheirathet ſei, entgegnete er mit einem kur⸗ zen Seufzer: nein, aber er ſei es einmal geweſen und denke noch oft daran. Aehnliche verbindliche Redensarten hatte er für Frau Schmähling und Frau Melzer, für Gertrud und Ulrich, kurzum für Jedermann im ganzen Thurm; für den 262 „alten Mann“ empfahl er Salepabkochungen in f Fleiſchbrühe, und ſelbſt der ſchwachſinnigen alten Frau Schernberg wollte er mit friſchgeſchabtem Rettig beiſtehen, Morgens und Abends in einem 5 leinenen Tuch um den Kopf geſchlagen; er habe 2 davon merkwürdig glückliche Heilungen bei Starr⸗ krampf und Schwachſinnigkeit geſehen und könne das Mittel mit gutem Gewiſſen empfehlen. ji So war es denn kein Wunder, daß ſelbſt Herrn Lux' Anſehen, das bisher in und außerhalb des Thurms ſo unbeſtritten geweſen, durch dieſen Amerikaner in den Schatten gerückt zu werden drohte. Wol aber war es ein Wunder und gewiß der glänzendſte Beweis für die unwider⸗ ſtehliche Liebenswürdigkeit des fremden Mannes, daß Herr Lux dieſer Gefahr mit Gleichmuth 6 entgegenſah, ja ſich ſelbſt vor Herrn John's über⸗ legenem Geiſte beugte und nur auf Mittel und Wege ſann, ſeine Theilnahme, ſeinen Schutz, ſeine Freundſchaft zu erwerben. ungen in igen alten ſchabten in einen er hl bei Stor und könn ehlen. ußerhalb ich dirſen u werden nder und unwide Mann leichnu hn über ſittel u n Schut 263 Und er hatte Grund dazu, der wackere Herr Lurz es waren ihm da in dieſen letzten Tagen einige Geſchichten paſſirt, welche die ganze Kraft ſeines Verſtandes in Anſpruch nahmen und in Betreff deren der Rath eines ſo ſchlauen Mannes wie der Amerikaner ihm von höchſtem Werth ſein mußte. Zuerſt nämlich, wenige Stunden nach des Amerikaners Ankunft, hatte Ulrich Schwarz, für den, wie wir wiſſen, die Ankunft der Commiſ— ſion ein verhängnißvolles Signal war, ſeiner Angſt und Ungeduld keinen andern Ausweg mehr gewußt, als daß er, trotz Zundelheinrich's Abmahnung, den Rath der alten Baronin wirk⸗ lich befolgt und Herrn Lux um den Verbleib der Brieftaſche befragt hatte. Herr Lux hatte damals, bei Ulrich's erſtem Eintritt in das ehe⸗ malige Haus des Kammerdirectors, Alles ge⸗ ordnet und eingerichtet, er hatte geholfen Ulrich entkleiden und den erſten Verband anlegen; hatte 264 dieſer die Brieftaſche bis dahin wirklich noch gehabt, ſo war es gar nicht unwahrſcheinlich, daß ſie Herrn Lur in die Hände gefallen, oder daß dieſer doch wußte, wohin ſie gekommen. Man kann ſich leicht vorſtellen, wie Herr Lux die Ohren ſpitzte, als Ulrich nach einer langen verlegenen Einleitung von der Brief⸗ taſche zu ſprechen anhob; nach der Beſchreibung, die Jener davon gab, war es ganz unzweifel⸗ haft dieſelbe, welche der Amerikaner verloren hatte. Wenn nun auch noch lange nicht ſo weit wie ſein Ideal, war Herr Lux doch ſchon immer viel zu ſchlau, um ſich im geringſten merken zu laſſen, daß und was er von der Brieftaſche bereits wußte; er zuckte die Achſeln, zog die Stirn in Falten und machte Ulrich be⸗ merklich, daß ein Mann in ſeiner Stellung viel zu viel zu thun habe, um auf jede alte Brieſ⸗ taſche zu achten, die ihm in den Wurf käme. Im Augenblick könne er ſich auf nichts beſinnen: ich noch doch wolle er gelegentlich nachforſchen, und wenn ſcheinlich er eine Spur finde, ſo wolle er Ulrich davon len, ode Mittheilung machen. mmen. Das war nun eigentlich nicht, was Ulrich wie Hon beabſichtigt hatte; er wollte Herrn Lux als Keil ach eine gebrauchen, um die Baronin zu treiben, von Briſ⸗ der er— und wie wir wiſſen ganz mit Recht— hreibung feſt überzeugt war, daß ſie die Brieftaſche in nʒweiftt Händen habe und ſie nur aus Grille vor ihm verloren verleugne. Er ging deshalb nach einigem Zö⸗ 3 nicht ſo gern mit der Sprache noch weiter heraus und. 4 oh ſtn bekannte Herrn Lux ſeinen Argwohn in Betreff gnnſu der Baronin. Es ſei gewiß eine ganz unſchul— von d dige Grille von der alten Dame, die ihm ſonſt, Ahſin wie Herrn Lux wol bekannt ſein werde, viel rich b⸗ und Gutes erweiſe. Allein die Brief⸗ ung i taſche gehöre einem Freunde, für den ſie von i höchſter Wichtigkeit ſei und der ihn deshalb 1 lte 3 unabläſſig darum dränge. Herr Lux forſchte „ mun zwar weiter, wer dieſer Freund ſei. Aber eſt Der Muſikantenthurm. III. 12 — den Zundelheinrich zu verrathen, hielt Ulrich doch nicht paſſend; er brach deshalb das Geſpräch ab und bat Herrn Lux nur noch zu wiederhol⸗ ten malen, ſeinen Einfluß auf die Baronin doch ja dahin zu benutzen, daß ſie die Brief⸗ taſche endlich herausgebe, es ſolle auch gewiß ſein Schade nicht ſein. „Nein gewiß ſoll es mein Schade nicht ſein“, dachte Herr Lux und eilte, ſeines Ver⸗ ſprechens eingedenk, ſofort zu dem Amerikaner, ihm das Vernommene mitzutheilen. Der Ameri⸗ kaner war über die Klugheit und den Dienſt⸗ eifer ſeines neuen Untergebenen— denn als 1 ſolchen betrachtete Herr Lux ſich— höchlich er⸗ freut. Auf dieſe Art, meinte er, wollten ſie kommen, und die zweihundert Thaler könne Herr Lur nur immer ſchon ſogut als in ſeiner Ta⸗ ſche betrachten. Es käme jetzt blos noch darauf an, erſtlich den Freund des Ulrich Schwarz der verlorenen Brieftaſche ſchon auf die Spur lrich doch Geſprich wiedechol Beronin die Briſ uch genij ade nicht ines Ve⸗ werikanen u Unei en Diaſ denn cb öchlih e wollten ſi künn h ſeiner 3 och duu Sihnn 267 herauszubekommen, der in dieſe Sache angeb⸗ lich verflochten ſei, und zweitens ſich zu über⸗ zeugen, ob die Baronin wirklich im Beſitz der Brieftaſche.— Im erſtern Punkt blieben alle Bemühungen des gelehrigen Schülers erfolglos. Urich hätte gern geplaudert und machte Zundel— heinrich auch wirklich noch einmal den Vorſchlag, mit ihm zu Herrn Lux zu gehen. Allein Zun⸗ delheinrich hatte bereits Wind davon bekommen, daß ein Amerikaner in der Stadt; in allen Amerikanern ſah er jetzt nur denjenigen, dem er den Reiſeſack mit der Brieftaſche geſtohlen, und hütte man ihn daher nicht mit zehn Pferden duzu bringen können, jetzt noch, wo ſchon dus Aeußerſte auf dem Spiele ſtand und der Lohn des Finders ſich leicht in die Strafe des Diebes verwandeln konnte, irgendwelche dritte Rerſonen in die Angelegenheit hineinzuziehen. ſelbſt den Finderlohn hätte er gern im Stich Jlaſſen und ſich ſpurlos ins Weite gemacht, 12* 268 ſelbſt auf den Einbruch bei der Baronin ver⸗ zichtend, hätten ihm dazu nicht die Mittel ge⸗ fehlt.— Deſto glücklicher war Herr Lur in Be⸗ treff der Baronin. Gleich am nächſten Mor⸗ gen, da er ihr eine Geldzahlung vom Präſidenten zu überbringen hatte, traf er ſie am offenen Bureau, zwiſchen Papieren und Koſtbarkeiten kramend; der gierige Blick, den Herr Lur auf die aufgehäuften Schätze warf, fiel unter An⸗ derm auf eine kleine rothe, ſtarkgebrauchte Brief⸗ taſche, mit einem ausgeblaßten goldenen Wap⸗ pen auf dem obern Deckel, die der vielgeſuchten glich wie ein Ei dem andern. Die Baronin ſelbſt beſtärkte den Verdacht: ſie hatte ſeinen Blick bemerkt, warf ſchnell ihr Tuch über die Brieftaſche und beeilte ſich das Bureau zu ſchließen.. Selbſtändige Charaktere, wenn ſie einmal eine Zuneigung faſſen, pflegen ſich derſelben alsdann auch mit einer Innigkeit und Einſeitigkeit hin⸗ ronin vn Nittel 9 Ay in B hſen Mr Priſdent an offn oſtbarkil tr Lu a unter W uchte Bri denen Vo vigeſuhi ie Barl hutte ſin uch übe! Bure e iml“ lben ledu ſiigt zugeben, die ſie gegen alles Andere blind macht. So erging es Herrn Lux; er befand ſich im Fauberbanne des Amerikaners. Spornſtreichs eilte er zu ihm und theilte ihm dieſe ſeine neueſte Wahrnehmung mit. Herr John ſchmunzelte über das ganze Geſicht; dieſe Brieftaſche, die ihm da wit aller Gewalt wie vom Himmel zugeſchneit kam, ſchien wirklich einige Bedeutung zu géwin⸗ nen. Welche, das wußte er ſelbſt noch nicht; doch war es nicht ſeine Art, irgendeinen Faden abzureißen oder fallen zu laſſen, der ſich ſo von ſelbſt anknüpfte. Alſo warten wir ab! Er er⸗ mahnte Herrn Lux nachdrücklich, gegen keinen Menſchen ein Wort von der ganzen Geſchichte zu erwähnen, wol aber auf Alles, was mit ihr im Zuſammenhang ſtände, gut aufzupaſſen, der Lohn werde gewiß nicht ausbleiben. Piertes Capitel. Der verhängnißvolle Zettel. Während Herr Lux ſo einem Geheimniß auf der Spur war, das mit dem Schickſal der Schwarzenfeld'ſchen Familie nothwendig in einem ſehr nahen und wichtigen Zuſammenhang ſtand— oder woher ſonſt die Angſt, mit welcher die Baronin die Brieftaſche ableugnete und zu ver⸗ bergen ſuchte?— gab ihm der Zufall den Schlüſſel noch zu einem andern Geheimniß in die Hand, das geradewegs in das Herz der Baronin zu treffen und ſie ihm auf Gnade und Un⸗ gnade zu überantworten ſchien. Oder vielmehr nicht der Zufall gab ihm dieſen Schlüſſel in die . — zi eimniß a ig in ein ang ſind welcher! und zub zufol inniß in de Bunn de und! du viln liſſl ub Hand, ſondern ſeine eigene Klugheit, ſeine Alles überlegende, vorſorgende Klugheit, und jene neue Art von Speculation, die er dem Amerikaner auf ſeiner jüngſten Reiſe abgelernt hatte. Ueber den vielen Geſchäften und Nöthen dieſer letzten Wochen hatte Herr Lux beinahe ganz jenen Brief aus dem Gedächtniß verloren, den er aus der Rheingegend erwartete, in Betreff jenes ge⸗ heimnißvollen Töchterchen, das vor dreißig und etlichen Jahren, unter Vermittelung des jetzigen Präſidenten von Steinfurt, von hier aus nach dem Rhein beiſeite gebracht ſein ſollte. Er hatte die Nachricht, was er nicht einmal ſeiner Frau mitgetheilt, von einer weitläufigen Verwandten der Letztern, einem abgeſtorbenen, verdorbenen Zweige der Schernberg'ſchen Fa⸗ milie, die in jener Gegend als Gelegenheits⸗ macherin und von ähnlichen ſchlechten Händeln lebte. Dieſe hatte ihm verſprochen, den Namen ausfindig zu machen, auf den jenes Kind ge⸗ — tauft worden; auch konnte ſie das um ſo eher, als bei dem ganzen geheimnißvollen Vorgang die Schernberg'ſche Familie und namentlich ſeine alte ſchwachſinnige Schwiegermutter offenbar ſehr nahe betheiligt geweſen war. Und ſiehe da, jetzt endlich kam dieſer halb⸗ vergeſſene Brief. Herr Lux erkannte ihn ſo⸗ gleich am Poſtzeichen, öffnete ihn mit zittern⸗ dem Ungeſtüm und ließ ihn vor Ueberraſchung und Freude fallen, da er den Namen las: „Gertrud Miller.“ Gertrud Miller! Die Frau des Urrich Schwarz! Hermann's Schweſter! Dieſelbe Ger⸗ trud Miller, deren Namen Herr Lux kürzlich in ſeine Liſten eingetragen hatte und die noch jetzt den Muſikantenthurm, ſeinen Muſikantenthurm bewohnte! Das war ein koloſſales Geheimniß; Herrn Lux ſchwindelte, wenn er ſich überlegte, wie er die Baronin jetzt in Händen habe und was das Geheimniß, nur ganz glimpflich benutzt, n ſo cher ihm einbringen könne und müſſe. Doch fühlte Vorgan er ſich allein, ſo gut er von ſich dachte, dem⸗ lich ſein ſelben nicht gewachſen; dazu brauchte er den offenbar Rath eines erfahrenern Mannes, der derglei⸗ chen dunkle Geſchichten ſchon durchgemacht iſer heb hatte und damit umzugehen wußte. eihn ſ Seiner Frau daher nichts von dem Briefe it zitten ſagend— denn dies war keine Weiberſache rraſchun mehr— eilte er zu dem Amerikaner und weihte nen las ihn in den ganzen Sachverhalt ein. Der Zu⸗ ſammenhang war leicht klargemacht, beſonders es Uit nach Dem, was Herr John bereits durch Ru⸗ dolf von dem Teſtament des Kammerdirectors ſelbe Ge zinſ wußte. Die Sache verhielt ſich ohne Zweifel, n jt wie er vermuthete: um aus dem Teſtament ntenthun ihres Oheims erben zu können, hatte Ulrike in von Schwarzenfeld ſtatt der Tochter, welche ſie tel in Wahrheit geboren, einen Sohn untergeſcho⸗ m ben; dieſer Sohn war als Rudolf von Schwar⸗. habe 1 zenfeld erzogen worden und war der jetzige Re⸗ ich bnu 12** —— gierungsrath, der nächſte Vorgeſetzte des Herrn Lux. Dieſer alſo hatte jetzt mit Einem Zuge das ganze Schwarzenfeld'ſche Haus im Netze; auf ihn kam es an, ob die Baronin ins Zucht⸗ haus wandern, ob Rudolf als entlarvter Bett⸗ ler daſtehen, ob der Muſikantenthurm von des Kammerdirectors Gelde neu erbaut werden, oder ob Alles beim Alten bleiben ſollte. Seinet⸗ wegen mochte Alles beim Alten bleiben, ihm war der alte Thurm gut genug— vorausgeſetzt, daß ſie tüchtig bezahlt wurden, ſehr tüchtig, er und ſein Freund, der Amerikaner, auch.. In dieſer zurückhaltenden Benutzung des Ge⸗ heimniſſes waren die beiden Männer vollkom⸗ men einverſtanden. Von Herrn John hatte dies im Grunde etwas Auffälliges, da er ja durch ſeine Sendung und das Vertrauen des Fürſten ganz ausdrücklich berufen ſchien, das Beſte des Muſikantenthurms in jeder Weiſe wahrzunehmen. Auch erkannte er dieſe Pflicht des Hem inem Zug im Nehe in Zucht roter Beit m von de erden, ode Seint ben, ih tausgeſebt tühig, ch. ng dei b r vollkon ohn hin da nj trauen d chien, der Pil iſt i 2 im Geſpräch mit Herrn Lux an, meinte jedoch, eine noch dringendere Pflicht der werkthätigen Liebe ſei es, ſeinen Mitmenſchen nicht zur Ver⸗ zweiflung zu treiben; wenn die Schwarzenfeld gut bezahlten, ſo könnte man die Sache noch in Ueberlegung ziehen. Aufs dringendſte da⸗ gegen erſuchte er ſeinen neugewonnenen Freund, nichts in dieſer Sache ohne ſein Wiſſen und ohne ſeinen Rath zu thun; er habe ſchöne Ta⸗ lente, der Herr Lux, und werde ſich gewiß mit der Zeit zu einem bedeutenden Kopfe ausbilden. Aber noch ſei er ein wenig zu raſch, und dieſe Art Sachen wollten mit großer Delicateſſe be⸗ handelt ſein; man könne darin leicht zu raſch, aber ſelten oder nie zu langſam vorgehen. Doch nur wenige Stunden ſpäter ſah Herr John ſich genöthigt, ſeinen weiſen Rath⸗ ſchlag zurückzunehmen und ſelbſt auf Beſchleu⸗ nigung der Sache zu beſtehen. Der Menſch hat ſeine glücklichen Tage ſogut wie ſeine unglück⸗ 276 lichen, und heute war für Herrn Lux ein glück⸗ licher. Die bisher ſo wenig beachtete Frau des ſchönen Ulrich war natürlich ſeit Empfang jenes Briefs für ihn ein ſehr intereſſanter Gegen⸗ ſtand geworden; er ſchlich ihr auf Schritt und Tritt nach, ſuchte verſchiedene Geſpräche mit ihr anzuknüpfen(bei denen ſich jedoch deutlich her⸗ ausſtellte, daß ſie von ihrem eigentlichen Ur⸗ ſprung keine Ahnung hatte) und ſtahl ſich end⸗ lich, als Hermann gerade bei der Regierungs⸗ räthin, Gertrud aber bei dem kleinen Bernhard war, in jenen wüſten Schuppen zunächſt dem alten Birnbaum, welcher dem vermeintlichen Geſchwiſterpaar ſeit einiger Zeit als Wohnung diente. Mit dem Inſtinct des Spürhundes fuhr er ſogleich auf die Bettſtelle los, durchwühlte das kümmerliche Stroh und entdeckte richtig den Brief, den der allzu argloſe Hermann hier ver⸗ borgen hatte. Er öffnete ihn, durchlas ihn, prägte ſich jedes Wort genau ein und legte ihn ein glc⸗ Frau des fing jen er Gegen chritt un he mit ih utlich her ichen Ur ſich end⸗ gierungs⸗ Bernhard chſt dem neintlichn Vohnun ndes füht rhihlt tichtig den hier ver⸗ hle ihr, ugt ih dann wieder auf ſeine Stelle; nur den verſie⸗ gelten Zettel, der das Wort des Räthſels ent⸗ hielt, nahm er mit ſich, um ihn in Gegenwart des Amerikaners zu öffnen. Und richtig, alle ihre Vermuthungen wurden durch den Zettel auf unwiderlegbare Weiſe be⸗ ſtätigt. Nach dem Inhalt zu urtheilen, war derſelbe vor einer Reihe von Jahren von einer Perſon geſchrieben worden, welche in dieſen Handel ſelbſt tief verflochten geweſen. Dem Tode nahe, von Reue gefoltert, geſtand ſie darin, bei der Vertauſchung der Kinder behülflich geweſen zu ſein. Rudolf von Schwarzenfeld ſei der Sohn einer bald darauf geſtorbenen leichtfertigen Dirne, die zu derſelben Zeit niedergekommen und die der Präſident zu dieſem Dienſt beſtochen; das echte Kind der Baronin, ein Töchterchen, ſei weit weg in Pflege gegeben und auf den Namen„Gertrud Miller“ getauft worden. Nach einiger Zeit habe der Präſident, um jeder Ent⸗ — deckung zuvorzukommen, für zweckmäßig erachtet, das Töchterchen ganz verſchwinden zu laſſen; er habe zu dem Ende einen falſchen Todtenſchein ausſtellen laſſen, zu dem ſie ebenfalls mitgehol⸗ fen und durch den auch die Mutter getäuſcht worden ſei. Die Schreiberin klagte ſich an, noch mehr ſolcher Unthaten auf dem Gewiſſen zu haben, dieſe jedoch könne ſie vielleicht noch wiedergutmachen. Der Mutter ein Geſtänd⸗ niß abzulegen wage ſie nicht, man werde ihr nicht glauben; auch lebe der Präſident noch, deſſen Klugheit ſie fürchte, und von ihr ſelbſt behaupteten die Leute, ſie hätte ihren richtigen Verſtand nicht mehr. Doch habe ſie in Erfah⸗ rung gebracht, daß Gertrud Miller in der That noch lebe, und ſo halte ſie für ihre Pflicht, die⸗ ſer das Geheimniß ihres Urſprungs mitzuthei⸗ len; möge ſie ſelbſt dann entſcheiden, wie ſie daſſelbe benutzen wolle. Mit flehendem Wort beſchwor ſie den Prediger— wir entſinnen uns, erachtet, 3 aſſen; e— urſprünglich an d uſe— 366 Geiſtlichen n glückliche unverſucht zu ſe wü Schreiberin ie das un⸗ ſch un,. könne nicht cher in 3 S die Geyiſen Mutter ſelbſt fah⸗ icht noch—— Sohne ſehr n dem Beſtüm⸗— Troſt ſein, ſich v ich ſei, müſſe erde ihr ie Augen zudrücken on der Hand t noch,—, ihr ſilbſ richtigen n Erfth⸗ P der Thot icht dir itzuh „nie ſi en VPrr nen un Fünftes Capitel. Der Ueberfall. ſt Der Schluß des Zettelchens war ſehr abgeriſſen und zuſammenhanglos; der Amerikaner meinte mit Kopfſchütteln, die gute Frau habe wol nur 3 allzu Recht gehabt und mit ihrem Verſtand ſei es wirklich nicht weit her geweſen. Auch Herr Lux konnte einige ähnliche Vermuthungen nicht ganz unterdrücken. Es ſtieg ein Verdacht in ihm auf, ob er die Schreiberin des Briefs nicht in ſeiner alten Schwiegermutter, der Frau Schern⸗ berg, zu ſuchen habe; Zeit und Verhältniſſe paßten vollkommen, und ſelbſt die Handſchrift erinnerte ihn an jene ſteifen, eckigen Züge, welche te ur ſei er cht cht rn⸗ iſe rift die alte Frau früher zu malen pflegte. Doch hielt er ſeine Vermuthung vorſichtig zurück, um den Freund nicht irrezumachen, deſſen Schlach⸗ tenmuth bei dieſer unerwarteten Entdeckung auf einmal hoch in die Höhe loderte.„Das iſt ſo ein Fall“, rief er,„ein ſeltener Fall, Freund Lux, wo man wirklich einmal ſo mit der Hu⸗ ſarenplempe dazwiſchenfahren und eins, zwei, drei die ganze Geſellſchaft in die Pfanne hauen kann! Hier wäre Zaudern Thorheit! Hier heißt es: Los und drauf! Die Sache iſt klarer als die Sonne, und damit Ihr's nur wißt, ich habe ſie lange ſo kommen ſehen— die Brief⸗ taſche, verſteht Ihr, die von mir verlorene Brief⸗ taſche, ſteht in genaueſtem Zuſammenhang mit der Geſchichte; darum will die Baronin ſie nicht her⸗ ausgeben, darum iſt der Ulrich Schwarz ſo hitzig dahinter— natürlich, er iſt der Mann der Gertrud Miller, er denkt den beſten Vortheil zu ziehen. Aber er ſoll ſich irren! Die werkthätige Liebe des 282 Menſchen muß ſich nach Umſtänden auch darin zeigen, daß ſie auch für ſich ſelbſt zu ſorgen weiß; wir ſollen, lautet das Gebot des Herrn, nicht blos unſern Nächſten, ſondern auch uns ſelber lieben, und zwar Einen ſo ſehr wie den Andern. Gut, jetzt iſt die Reihe an uns; mag Ulrich Schwarz ſehen, was ihm übrigbleibt....“ „Dies iſt eine furchtbare Geſchichte“, wim⸗ merte Herr Lux, ſich die Naſe reibend,„da hätte Ulrich Schwarz ſich ja beinahe von der Tochter ſcheiden laſſen, um die Mutter zu heirathen? Herr des Himmels, die Niederträchtigkeiten der Menſchen ſind doch größer und zahlreicher, als der feinſte Kopf ausdenken kann!“ „Laſſen wir jetzt die Niederträchtigkeiten der Menſchen“, mahnte Herr John,„und beſchäf⸗ tigen wir uns mit unſern eigenen Angelegen⸗ heiten. Ich habe, wie Ihr ſeht, mein lieber Lux, die Fäden dieſer Sache von Anfang an in Händen gehabt, ich werde ſie auch zu Ende auch darin zu ſorgen des Hern auch uns hr wie den unsj mah leibt.. te“, wim⸗ „da hätt et Tochtet hetuthen gkeiten der reicher, ls geiten du d beſchiß ungign nein libn unfung n b 283 führen; Ihr habt mir wacker beigeſtanden, bra⸗ ver Lux, und dafür ſoll Euch auch Euer Lohn nicht entgehen.“ Natürlich war Alles, was Herr John von ſeiner frühern Kenntniß der Sache rühmte, vollkommen erſchwindelt; er hatte nur den raſchern Ueberblick und wußte die Umſtände beſſer zu combiniren und zu benutzen. Aber Herr Lux war von ſol⸗ cher Bewunderung für ſeinen Freund und Mei⸗ ſter durchdrungen, daß er ihm Alles blind aufs Wort glaubte und ihm auch ohne Neid nach⸗ ſah, wie er kurz darauf, wiederum in beſtge⸗ wähltem Anzug, ſich aufmachte, zunächſt den Präſidenten zu beſuchen. Denn dies war der Kriegsplan, den ſie entworfen hatten. Sie wollten zuvörderſt dem Präſidenten, als dem Hauptcomplicen, auf den Leib rücken; mit dieſem Zettel in der Hand, dem leibhaftigen Frauenzimmer im Hinterhalt, waren ſie unbeſieglich und konnten ihre Foderung ſo hoch ſtellen wie ſie wollten. Sollte aber der Prä⸗ ſident wider Erwarten Ausflüchte machen, ganz wohl, ſo hatte Herr John beſchloſſen, ſich ſte⸗ henden Fußes zur Baronin ſelbſt zu begeben; der Schreck des überraſchten Frauenzimmers würde dann wol geſprächiger ſein als der alte geriebene Sünder. Doch war der Anfang der Expedition nicht ganz glücklich. Der Herr Präſident ließ her⸗ ausſagen, er wäre krank. In der That liebte er, wie wir ſchon gehört haben, den Amerikaner nicht und verſpürte keine beſondere Sehnſucht nach ſeinem Beſuche. Dieſer aber ließ ſich dadurch nicht abſchrecken: war der Präſident krank, um ſo beſſer, ſo brauchte er es nicht erſt vor Schreck zu werden— Herr John aber ging alsbald zur Baronin. Auch die Baronin fand er ein wenig kränk⸗ lich und angegriffen, die unglücklichen Zweifel wegen des Ulrich Schwarz lagen ihr noch immer rPri⸗ ganz ich ſte⸗ geben immers et alte nicht her⸗ liebte rikmner ht nch dadurch nk, um Scht alsbald rint zweifl imne — im Kopfe. Doch hatte ſie von dem Amerikaner ſo viel Günſtiges gehört, der Reichthum ſeiner Kennt⸗ niſſe, die Lebhaftigkeit ſeiner Unterhaltung waren ihr ſo gerühmt worden, und ſie ſelbſt fühlte ſich einer ableitenden Unterhaltung ſo bedürftig, daß ſie den Beſuch trotz ihrer Unpäßlichkeit annahm. Auch war die Unterhaltung wirklich recht belebt und mannichfaltig, wenigſtens von Sei⸗ ten des Herrn John; er erzählte von ſeinen Reiſen und Wanderungen, von ſeinen Specu⸗ lationen, von Teſtamenten und Proceſſen, kurzum Daſſelbe, womit er den Morgen nach ſeiner An⸗ kunft den Regierungsrath zum Plaudern ge⸗ bracht hatte. Aber die Baronin war von här⸗ term Stoff, ſie hörte die Erzählungen des Herrn John mit höflicher Neugier an, fand aber keine Veranlaſſung, ihm zur Wiedervergeltung ihre eigenen Familiengeſchichten vorzuſetzen. Herr John mufßte ſich alſo entſchließen, einen unmit⸗ telbaren Ausfall zu wagen.„Da wir eben von 286 Teſtamenten ſprechen“, ſagte er,„meine Gnä⸗ digſte, es iſt eine Liebhaberei von mir, ich ſammle dergleichen merkwürdige Fälle— Sie haben ja auch wol, gnädigſte Frau, in Ihrer Familie ſolch ein merkwürdiges Teſtament ge⸗ habt?“ Und damit wiederholte er ihr, was er ſelbſt theils durch Rudolf, theils auch durch Herrn Lux in Erfahrung gebracht hatte. Die Baronin zuckte unmerklich die Achſeln und unterdrückte ein leiſes Gähnen: ſie hatte ſich in dem Manne doch wol geirrt, es war doch wol nur ein ganz gewöhnlicher neugieriger Schwätzer. Darum fiel ſie ihm mit der Frage in die Rede, welches wol jetzt nach ſeiner Meinung die beſte Schiffsgelegenheit zwiſchen Deutſchland und Amerika ſei, und wann er ſeine Rückreiſe in die Heimat anzutreten gedenke.— Herr John fühlte den Stich ſehr gut; allein er hatte ſich einmal feſtgebiſſen und beſchloß auch nicht eher Gni⸗ ich Sie Ihrer ſelbſt Herrn ronin rückte dem ol nur wätzer. Rede, e beft und eiſe in John t ſ t cher wieder loszulaſſen, als bis er Blut, ſoll heißen Geld, ſähe. Er richtete daher die kleinen mun⸗ tern Augen feſt auf die Baronin und ſagte: „Wenn ich mich wirklich nur ſo aus Neu⸗ gier in Ihre Familienangelegenheiten miſchte, gnädigſte Frau, ſo verdiente ich die Zurechtwei⸗ ſung, die Sie mir ſoeben zutheil werden lie⸗ ßen, allerdings recht ſehr. Doch ſollten Sie wol beſſer von meiner geſelligen Bildung den⸗ ken; ich bin ein freier Amerikaner, aber ich habe mit Fürſten und Königen geſpeiſt und weiß, was ſich ſchickt. Nein, gnädige Frau, nicht aus Neugier frage ich— aber wohlan“, unterbrach er ſich ſelbſt,„da die Erwähnung des Teſtaments Ihnen unangenehm zu ſein ſcheint, ſo erlauben Sie mir vielleicht, meine Gnädigſte, die Frage, wie ſich eine gewiſſe Brieftaſche befindet, welche Sie ſo gütig gewe⸗ ſen ſind in Verwahrung zu nehmen?“ Frau von Schwarzenfeld fuhr in die Höhe, ——— wie von einer Natter gebiſſen.„Was wiſſen Sie von der Brieftaſche?“ ſtammelte ſie. „Und wer ſollte ſonſt davon wiſſen?“ ent⸗ gegnete der kleine Amerikaner gleichmüthig,„als der rechtmäßige Beſitzer, und der bin ich näm⸗ lich.“ Er wiederholte ihr die oftgehörte Be⸗ ſchreibung der Brieftaſche und ſetzte dann hinzu: „Es iſt ein altes Familienandenken, das ich ſeit vielen Jahren ſorgfältig bewahre, Sie können ſchon denken, gnädige Frau, weshalb, und das mir erſt ganz kürzlich durch— durch Diebſtahl abhandengekommen iſt.“ Die ſtolze, ſtarre Geſtalt der Baronin brach ohnmächtig zuſammen. War etwa dies der richtige Ulrich Schwarz? Und war Jener nichts als ein feiger Dieb und Betrüger? Aufs neue ſtürmte ein Meer von Zweifeln auf ſie ein, in dem ſie ſich umhergeſchleudert fühlte gleich einer Ertrinkenden. Herr John fuhr fort:„Machen wir die wiſſen t. ent⸗ ig,„ol ich nin⸗ rte Be⸗ n hinzu ich ſit können und das dichſtehl rin bruch dies du er nicht ufs nele e ein, tich int vit di 289 Sache kurz ab, gnädigſte Frau, und ohne Al⸗ teration; ich bin kein Tugendſchwärmer und kein Denunciant, ich bin blos ein Apoſtel der werk⸗ thätigen Liebe, und die werkthätige Liebe weiß zu verzeihen und zu entſchuldigen; ich komme nicht zu rächen und zu ſtrafen, ich komme zu tröſten und zu verſöhnen. Sehen Sie, wie die Sache ſteht, meine Gnädige: Rudolf von Schwarzenfeld iſt ein untergeſchobenes Kind, es gibt noch ein anderes Kind, das Sie beiſeite gebracht haben—“ „Und das ſind Sie?!“ kreiſchte die Baronin, aufſpringend und beide Hände wie zur Abwehr von ſich ſtreckend... Es wäre eines Malers werth geweſen, das verdutzte Geſicht zu ſehen, mit dem Herr John die verzweifelnde Frau anſtarrtez ihn für ein Frauenzimmer, für die ausgeſetzte Gertrud Miller anzuſehen, das war denn doch ein bischen zu ſtark.„Was doch ein böſes Gewiſſen für Ver⸗ Der Muſikantenthurm. III. 13 wirrung anrichtet“, dachte er bei ſich und fuhr dann mit lauter Stimme und überlegenem Lä⸗ cheln fort: „Die gnädige Frau belieben zu ſcherzen, das Kind, von dem die Rede, iſt ein Mädchen oder vielmehr jetzt eine Frau— da Sie mit der Brieftaſche ſo genau bekannt ſind, ſo kennen Sie vielleicht auch den Namen Gertrud Miller?“ Jetzt war es an der Baronin, Betrachtun⸗ gen über den geſtörten Verſtand des Herrn John anzuſtellen. Denn ſie kannte den Namen wirklich nicht; jenes Töchterchen, welches der Amerikaner meinte, war ungetauft beiſeite geſchafft worden, und der Präſident hatte den gefälſchten Todten⸗ ſchein auf einen beliebigen Namen ausſtellen laſſen.— Von dem letztern Umſtand wußte die Dame nichts; deſto raſcher hielt ſie die übrigen ihr bekannten Umſtände zuſammen und kam zu dem unvermeidlichen Schluß, daß ſie es hier entweder mit einem Verrückten zu thun habe 290 nd fuhr em L⸗ zen, das hen oder mit der kennen Miler?“ tachtun⸗ n John wilich merikanet worden, Todten⸗ usſcle wßte di e ibtin dkam e hiet in hi oder mit einem Betrüger. Ja gewiß mit einem Betrüger! Was ſtöberte der fremde Mann in ihren Angelegenheiten umher? Was hatte dieſer Apoſtel der werkthätigen Liebe mit gefälſchten Teſtamenten und untergeſchobenen Kindern zu ſchaffen? Mit eiſigem Lächeln ſtand ſie auf und griff nach der Klingel.„Mein Herr John oder wie Sie ſonſt heißen, Sie mögen ein guter Specu⸗ lant ſein“, ſagte ſie,„aber diesmal ſchlägt Ihre Speculation fehl; ich weiß von keiner ausge⸗ ſetzten Tochter und weiß von keiner Gertrud Miller. Haben Sie die Güte mich zu verlaſſen, und überheben Sie mich dadurch der Nothwen⸗ digkeit, meine Dienerſchaft herbeizurufen; wäre von einer Tochter überall die Rede— ich mache Ihnen keine Zugeſtändniſſe, mein Herr, ich ſetze blos die Möglichkeit— ſo habe ich ſeit ſechsunddreißig Jahren den Todtenſchein in Händen....“ 13* — „Aber der Schein iſt falſch!“ rief der Ame⸗ rikaner, indem er jetzt ebenfalls aufſprang,„und wenn Sie ihn von Methuſalem ſelber hätten— der Präſident, Ihr Vetter, hat ihn gefälſcht, das Frauenzimmer lebt, lebt hier in der Stadt, und ich werde ſogleich die Ehre haben, es Ih⸗ nen vorzuſtellen!“ Nein, das war doch wol kein Betrug, er wäre zu plump geweſen, es war doch wol die pure Verrücktheit. Die Baronin faßte zum zweiten male nach der Klingel.„Stellen Sie mir“, ſagte ſie mit verächtlicher Stimme,„vor, wer Ihnen beliebt, es ſind entweder Kranke wie Sie oder Betrüger, die aber diesmal an die unrichtige Stelle gekommen ſind. Und nun, mein Herr, bitte ich Sie nochmals, überheben Sie mich Ihrer Gegenwart....“ „Gut, gut“, ſchnaubte der Amerikaner, „ich werde gehen, meine Gnädige! Aber ich werde wiederkommen und werde wiederkommen et Ane⸗ g„und ätten— gefilſcht, t Stadt, es Ih⸗ rug, et wol die zum len Sie ne,„ot, Kunt smal on ind nun, becheben erikan Aber i rbomm — mit der leibhaftigen Gertrud Miller; da wollen wir ſchon ſehen, ob Sie ſich auch noch ſo aufs hohe Pferd ſetzen werden, wir haben unſere Documente, wir haben unſere Zeugen, wir ha⸗ ben unſere Gertrud Miller, jetzt verehelichte Frau Urrich Schwarz——“ Der Amerikaner ſtürzte hinaus, er ſah und hörte nicht mehr, wie die Baronin mit gellen⸗ dem Aufſchrei hinter ihm zuſammenſank— Ger⸗ trud Miller, verehelichte Ulrich Schwarz?! Sprach der Mann vielleicht doch die Wahrheit? Hatte der Präſident ſie in der That getäuſcht? War der Todtenſchein wirklich falſch, und hatte ſich das Ungeheuerſte, das Unſagbarſte wirklich zu⸗ getragen, wogegen die ganze Natur ſich auf⸗ lehnte— hatte der Bruder die Schweſter ge⸗ heirathet?! In rieſengroßem Umriß, gleich einem Geſpenſt, tauchte die Geſtalt des kleinen kran⸗ ken Bernhard, der Frucht dieſes unſeligen Bünd⸗ niſſes, vor ihren entſetzten Sinnen auf— 294 war er wirklich der Sohn ihrer Kinder? Und hatte die Hand des Himmels ihn darum ſo furchtbar gezeichnet, weil er aus unſeligſter Um⸗ armung entſproſſen war? r? Und arum ſo gſet Um⸗ Sechstes Capitel. Der Vogel iſt ausgeflogen. Aber der Amerikaner kam nicht wieder, und auch keine Gertrud Miller, verehelichte Ul— rich Schwarz, ſtellte er der Baronin vor. Aus einem ſehr einfachen und ausreichenden Grunde: weil er ſie ſelbſt nicht mehr finden konnte. Ger⸗ trud war aus dem Muſikantenthurm plötzlich verſchwunden, und Niemand wußte oder wollte wenigſtens wiſſen, wo ſie geblieben. Und das hing ſo zuſammen. An demſelben Nachmittag, da Herr Lux und der Amerikaner den Entſchluß faßten, die Mine ſpringen zu laſſen, hatte auch Hermann die Laſt der Sorgen, 296 die er heimlich mit ſich herumſchleppte, nicht länger ertragen können; der Verkehr zwi⸗ ſchen Ulrich und Zundelheinrich wurde immer inniger und auffallender, jedes Wort, das Her⸗ mann erlauſchte, deutete immer unverkennbarer auf eine beabſichtigte Schandthat, und der junge Mann fühlte dringender als je die Nothwendig⸗ keit, wenigſtens Gertrud, ſeine theure Mutter, davor zu ſchützen. Er überwand daher alle Bedenken und entdeckte den ganzen Zuſammen⸗ hang der Dinge ſeiner theuern Klara, die ja in allen andern Stücken ſchon längſt die Ver⸗ traute ſeiner Seele war. Klara's heller, ruhiger Sinn traf auch hier ſogleich das Richtige; ſie bewies Hermann, daß der Moment zur Eröff⸗ nung des verhängnißvollen Zettelchens jetzt aller⸗ dings gekommen ſei; nicht mehr um ſeine Schweſter handle es ſich, ſondern um ſeine Mutter, und er würde ſeine Pflicht als Sohn verletzen, wenn er derſelben die Exiſtenz des e, nicht hr zwi⸗ e immer das Her⸗ kennbaret der junge wendig⸗ Mutter, het alle ſammen⸗ „die ja die Ver⸗ mhiger tigej ſt r Eröf tt ler m ſine m ſin 6 Sohn enz du 297 Zettelchens noch länger verheimlichen oder über⸗ haupt irgendetwas verabſäumen wollte, was möglicherweiſe zur Verbeſſerung ihrer Lage und ganz beſonders zu ihrer Befreiung aus dieſem unerträglichen Ehejoch beitragen könne. Durch ihre Gründe überzeugt, eilte Hermann in ſein armſeliges Aſyl und ſuchte im Bettſtroh nach dem Briefe, den er darin verborgen hatte. Im erſten Augenblick erſchrak er heftig; denn es ſchien ihm, als wäre das Bettſtroh von frem⸗ der Hand durchwühlt und durcheinandergewor⸗ fen. Doch Gottlob, ſeine Furcht war unbe⸗ gründet geweſen, da lag der Brief ja noch; me⸗ chaniſch öffnete er ihn— und, o Entſetzen! ge⸗ rade das Wichtigſte daraus, der Zettel mit dem eigentlichen Kern des Geheimniſſes, fehlte! Jammernd rang Hermann die Hände; welch ein Unheil hatte ſeine Unvorſichtigkeit angeſtiftet! Wo der Zettel geblieben, darüber war ihm kein Zweifel: es war ganz gewiß Niemand anders 298 als Ulrich, Gertrud's Mann, ſein Stiefvater, der hier umhergeſtöbert, den Zettel gefunden und mit ſich genommen hatte. Und das war gerade der Fall, vor dem ſein guter ſeliger Lehrer ihn am allerdringendſten gewarnt hatte. Wie lautete es doch, was hatte der Selige doch über dieſen Fall geſchrieben? Daß wenn Ulrich jemals von dem Ereigniß erführe, der mögliche Segen ſich in Fluch verwandeln und das äu⸗ ßerſte Elend über Gertrud und ihn hereinbrechen würde. Und nun war der Fall eingetreten! Und war eingetreten durch Hermann's Schuld!! Voller Beſtürzung eilte der unglückliche junge Mann zu ſeiner Vertrauten zurück und beichtete ihr ſeinen ganzen verhängnißvollen Leichtſinn. Klara nahm die Nachricht ruhiger auf, als Her⸗ mann erwartet hatte; ſie ſchalt ihn freilich ein wenig wegen ſeiner Unvorſichtigkeit, meinte dann aber, die Hauptſache ſei doch, ſeiner armen Mutter beizuſtehen und ſie vor den Ränken und ptiefvater, gefunden das war tet ſcliger nt hette. ilige doc nn Ulrich mögliche das ab⸗ inbrechen ten Und uld! iche juge d beichtet Liichtim als Her riich in inte don er amn inken uno Gewaltthätigkeiten ſeines Pflegevaters zu ſchützen. Und auch dazu wußte das verſtändige Mädchen Rath. Ihr Zimmerchen im Schwarzenfeld'ſchen Hauſe war geräumig genug, um Hermann's Mutter bei ſich aufzunehmen; auch ſei es ſo abgelegen, daß Niemand ſo leicht dahin komme, ſelbſt nicht von der Dienerſchaft. Sie wolle die werthe Gefangene ſchon gut bewachen und ſie nach Möglichkeit pflegen:„Es iſt ja für dich, Hermann“, ſagte ſie zärtlich und ſetzte gleich darauf erröthend hinzu:„Und weil der gute alte Prediger die Gertrud ſo lieb hatte.“ Zu gele⸗ gener Stunde dann wollte ſie den Regierungs⸗ rath davon in Kenntniß ſetzen, er war Rechts⸗ verſtändiger, er mußte Mittel und Wege wiſſen, Gertrud vor den Nachſtellungen und Anfode⸗ rungen ihres Mannes zu ſichern und ihn zur Herausgabe des Zettels zu nöthigen. Ja viel⸗ leicht, wenn der Regierungsrath die Sache in die Hand nahm, gelang es ſeiner Geſchäfts⸗ 300 erfahrung und den vielfachen Verbindungen, in denen er ſtand, Hermann's Vater— denn auch in dieſes Geheimniß hatte er ſeine Freundin mit⸗ einweihen müſſen, wenn er auch, aus natürli⸗ chem Schamgefühl ſowie aus Ehrfurcht gegen ſeine Mutter, ſo raſch wie möglich darüber wegging— zu entdecken und die ganze ver⸗ wickelte Sache doch noch zum glücklichen Schluß zu bringen. Hermann folgte in allen Punkten den Rath⸗ ſchlägen des beſonnenen Mädchens. Mit Hülfe der Dämmerſtunde glückte es ihm, Gertrud aus dem Muſikantenthum herauszuſchaffen und von Allen unbemerkt auf Klara's Zimmerchen zu bringen. Klara war unermüdlich, das tiefge⸗ beugte, von Scham und Angſt zerknirſchte Weib zu tröſten und aufzurichten, ſodaß Hermann, über ihr augenblickliches Schickſal beruhigt, ſie verlaſſen und ſich in den Muſikantenthurm zu⸗ rückbegeben konnte. gen, in nn auch din mit natürli t gegen darüber ze ver⸗ Schluß Rath⸗ t Hilſ rud aus ind vbu hen zu tiffge⸗ ermann, igt, ſt um l 301 Hier war der Lärmen groß, ſolch ein Fall war nicht vorgekommen, ſolange der Muſikan⸗ tenthurm ſtand; bei dem unausgeſetzten häus⸗ lichen Unfrieden, in dem das Ehepaar gelebt hatte, lag nichts näher, als daß die unglück⸗ liche Frau, der ewigen Mishandlungen müde, einen Schritt der Verzweiflung gethan und Hand an ſich ſelbſt gelegt hatte. Wie damals, als ſie den kleinen Bernhard vermißten, nur noch ein gut Theil ſorgfältiger, wurde der alte Stadt⸗ graben durchſucht, in allen Ecken und Winkeln wurde nachgeforſcht: aber nirgends fand ſich eine Spur. Frau Schmähling, den Finger in die Höhe haltend, gleich einem leibhaftigen Galgen, erklärte, der ſtillen blaſſen Frau längſt ſo etwas angemerkt zu haben; die kluge Frau Melzer wollte ſogar etwas ins Waſſer plumpſen gehört haben, und obwol man, wie geſagt, deine Spur von dem Leichnam entdeckte, ſo nahm man doch feſt an, daß das unglückliche 302 Weib wirklich ihrem Leben gewaltſam ein Ende gemacht habe.— Ulrich zeigte ſich ziemlich theil⸗ nahmlos dabei; er hatte jetzt zu viel mit dem Zundelheinrich zuſammenzuſtecken und konnte ſich um Tod oder Leben ſeiner Frau nicht kümmern. Dagegen gelang es Hermann, von Klara dazu angewieſen, vortrefflich, den betrübten Bruder zu ſpielen; Niemand zweifelte an der Aufrichtig⸗ keit ſeiner Klagen, und man ſah darin nur einen neuen Beweis, daß die Frau Schwarz nicht mehr unter den Lebenden. Zwiſchen den beiden neuverbundenen Freun⸗ den dagegen, Herrn Lux und dem Amerikaner, entſtand durch dieſen ungeahnten Vorfall ein heftiges Zerwürfniß; das entſchiedene Ableugnen der Baronin und nun gar das Verſchwinden des Frauenzimmers verrückte ihnen völlig die Karten. Ihre ſonſtigen Beweisſtücke hatten nicht die halbe Kraft, und auch der gehoffte Vortheil drohte merklich zuſammenzuſchwinden, & m ein Erhe iemlich theil iel mit den d konnte ſic ht künmen Klara dohl ten Brid Aufrichti n nur einn hwarz nich enen Fran Anrilan Porful in eWblugn grrſchninde vilig ſ ſict hun der ghft ſhwin ſeit ſie nicht mehr im Stande waren, das le⸗ bendige Corpus delicti herbeizuſchaffen. Einer ſchob dem Andern die Schuld der fehlgeſchlage⸗ nen Hoffnung in die Schuhe, ſie ſchieden mit ſichtbarer Erbitterung, und Herr Lur beſchloß, ſich fortan wieder ganz auf ſeine eigene Kraft zu ver⸗ laſſen und die Sache ſelbſtändig in die Hand zu nehmenz vielleicht konnte er doch noch etwas retten. Das nächſte und geeignetſte Mittel dazu ſchien ihm, den Verſuch zu machen, ob ſeine Schwiegermutter, die alte Frau Schernberg, denn wirklich ſo total ſinnesſchwach, und ob es nicht möglich, ihr irgendetwas auf die Ange⸗ legenheit Bezügliches abzulocken. Er entfernte zu dem Ende ſogar ſeine Frau, ſchloß ſich mit der Kranken ein und beſtürmte ſie mit Fragen und Drohungen wegen ihres ehemaligen Ver⸗ kehrs mit der Frau von Schwarzenfeld und was ſie von dem Teſtament und den vertauſch⸗ ten Kindern wiſſe. Aber der Verſuch fiel ſehr ſchlecht aus, die alte irrſinnige Frau verſtand von ſeinen Fragen und Drohungen nur ſo viel, daß ihr irgendetwas Böſes geſchehen ſolle; ſie ſchwatzte wirr durch⸗ einander von heimlichen Heirathen und zweierlei Trauungen, von ausgeſetzten Knaben und Mäd⸗ chen, von Ulrich Schwarz und dem Regierungs⸗ rath von Schwarzenfeld— daß ſelbſt Herr Lur mit all ſeinem ungeheuern Scharfſinn nicht daraus klugwerden konnte und ſich endlich wohl überzeugte, daß dies nur die Phantaſien einer Fieberkranken waren. Auch brach das Fieber in der That gleich darauf mit furchtbarer Hef⸗ tigkeit aus, die Alte ſchien in den letzten Zügen zu liegen, und unter Fluchen und Schimpfen lief Herr Lux nach ſeiner Frau, daß ſie den letzten Athem ihrer Mutter abwarte. ₰ 6, die Fragen detwas . Siebentes Capitel. weierlei Pi⸗ Herr Kroppenberg taucht wieder auf. rung⸗ rt Lur niht Wenn der Amerikaner aber auch diesmal in wohl ſeiner Unternehmung nicht ganz glücklich gewe⸗ einet ſen war, ſo war er übrigens doch ein Mann zihe von bewundernswerther Vielſeitigkeit und Fri⸗ nhi ſche des Geiſtes. Gleich am nächſten Morgen gign nach dieſem ereignißreichen Tage hielt er im impfen Muſikantenthurm einen öffentlichen Vortrag über ſ w Armenpflege, Gefängnißkunde, Pflicht der Rei⸗ chen und Vornehmen, ſich der Armen und Kran⸗ ken anzunehmen, über die Wilden am Senegal, für die er Bibeln, Luther'ſche Katechismen und flanellene Leibbinden ſammelte, mit Einem Wort: * ——— — über die ganze ſeltſame Miſchung, die er werk⸗ thätige Liebe nannte. Dergleichen Vorträge waren ein Hauptmittel, wodurch er ſich in der Hauptſtadt ſeinen Ruf verſchafft und ſein An⸗ ſehen gegründet hatte; der trockene, praktiſche Mann konnte dann eine Beredtſamkeit entwickeln und eine Ueberfülle von Bildern, Ermahnungen und Beſchwörungen, daß ſein Publicum(be⸗ ſonders das vornehme) jedesmal ganz entzückt darüber war. Den heutigen Vortrag aber konnte er umſoweniger aufſchieben, als er ihn ſchon ſeit längerer Zeit angekündigt und die ſchöne und geiſtreiche Welt der Stadt förmlich dazu eingeladen hatte. Auch der Medicinalrath hatte ihm ſeine Anweſenheit zugeſagt. Daß die Schwarzenfeld'ſche Familie nicht fehlen würde, verſtand ſich von ſelbſt; ſogar Klara, weil ſie nämlich durch ihre Weigerung Aufſehen zu er⸗ regen und das Geheimniß ihres Schützlings zu gefährden fürchtete, ſchloß ſich der Geſellſchaft wert⸗ orträge in der ein An⸗ taktiſhe wicth hnungen m(be⸗ entzick konntt ſcho e ſchin ich dahl h hat deß di würdo weil ſ nſu lin eſlſchin an. Nur der Präſident ließ ſich auch diesmal entſchuldigen; er hatte wichtige Depeſchen aus der Hauptſtadt bekommen und bedauerte, dem geiſtreichen Vortrag des berühmten Mannes und Menſchenfreundes nicht beiwohnen zu können. Dagegen erregte es nicht geringes Aufſehen, als unter den zahlreichen Equipagen, welche ſich infolge dieſer Veranlaſſung vor dem düſtern Eingang des Muſikantenthurms drängten, auch der Wagen der alten Baronin vorfuhr. Dieſe Dame nahm ſonſt an dergleichen Unterhaltun⸗ gen wenig theil; Herrn John aber, der, aufs ſchönſte geputzt, am Eingang ſtand und die vor⸗ nehmen Zuhörer becomplimentirte, war es vol— lends unbegreiflich, wie die Baronin nach dem geſtrigen Auftritt ſich ſozuſagen in die Höhle des Löwen wagen konnte; wußte er doch viel⸗ leicht mehr als ihm ſelbſt bekannt, und wollte die Baronin durch dieſes Zeichen ihrer Zuvorkom⸗ menheit und Theilnahme dem gefährlichen Mit⸗ 308 wiſſer die Hand zur Verſöhnung bieten? Oder war es Furcht, was ſie die Vorſicht aus den Augen ſetzen ließ? Doch löſte die allgemeine Verwunderung ſich bald in beifälliges Gemurmel auf, als man er⸗ fuhr, die ehemalige Dienerin der Baronin, die alte Frau Schernberg, liege im Sterben; es war doch recht hübſch von der als ſtolz verſchrienen Dame, daß ſie ihrer alten Dienerin ſoviel An⸗ hänglichkeit bewies und noch bei ihrem letzten Augenblick zugegen ſein wollte. Die Geſchichte mit dem Ulrich Schwarz hatte die Baronin doppelt intereſſant gemacht; wie ſie ausſtieg, bildete ſich eine lange Reihe zwiſchen den drän⸗ genden Gäſten, und unter neugierigem Ziſcheln und Fragen, Bedauern und Kopfſchütteln ſchritt ſie in das Innere des Thurms. Auch bog ſie nicht, gleich den Uebrigen, rechts in den Speiſe⸗ ſaal, den Frau Lux heute vermittels eines alten wurmſtichigen Katheders, auf dem ein Crucifir pr (E m l ſell Oder aus den rerung ſch man et⸗ onin, die es wer rſchrienen oviel An⸗ en letzten Glſhicht Batrin ausſtieg, den drin n Ziſchehn uln ſchit beg ſt n Epit ints alten n buff 309 prangte, und einiger halbvertrockneten Kränze (es hatte ſchon einige ſehr kalte Nächte gegeben und faſt alles Laub an den Bäumen war er⸗ froren) zum Auditorium umgewandelt hatte, ſondern ſie ging mittenhindurch, die Haupt⸗ ſtiege hinauf, in das Zimmer der Kranken. Frau Lux, durch einen Wink ihres Mannes verſtändigt, zeigte ihr den Weg und blieb auch unter Heulen und Schluchzen bei der Unter⸗ redung zugegen. Wiewol es zu einer wirklichen Unterredung gar nicht kam. Auf die wilden Phantaſien von geſtern Nacht war heute eine tiefe, tödtliche Ab⸗ ſpannung gefolgt. Frau Schernberg lag im lei⸗ ſen Halbſchlummer, aus dem ſie kaum zu er⸗ wecken war. Auch die Baronin erkannte ſie nicht mehr; ſie ſtarrte ſie an mit weitaufgeriſſenen gläſernen Augen, machte auch einige ſchwache Bewegungen mit den Händen, als ob ſie die⸗ ſelben ineinanderlegen wollte, und damit war 310 es zu Ende. Die Baronin, das Tuch vor die Augen gedrückt, ſchied mit der ſchmerzlichen ueberzeugung, daß ihre alte treue Dienerin in wenig Stunden, ja vielleicht Minuten ausge⸗ rungen haben würde. Frau Lur begleitete ſie pflichtſchuldigſt bis an den Wagen und ſah der gnädigen, herablaſſenden Frau mit Bewunde⸗ rung nach. Wos ſie äber nicht ſah, das war der ſchadenfrohe Blick, der aus den Augen der Baronin ſchoß, als der Bediente den Wagen zuſchlug und die Pferde davontrabten.„Gute Nacht, Frau Schernberg: wenn dein Verſtand auch wiederkäme und wenn du auch reden woll⸗ teſt— der Tod führt ein mächtiges Siegel, vor dir ſind wir ſicher.—“ Inzwiſchen hatte der Menſchenfreund aus Amerika ſeinen Vortrag gehalten. Den Inhalt kann der geneigte Leſer ſich ſo ziemlich vorſtel⸗ len, und erwähnen wir daher nur, daß der Beifall allgemein und die Rührung groß war, len rü vor die etzlichen nein in auöge⸗ leitet ſe ſch dn zewunde das war gen der Wagen „Gutt Perſtn den wol iegel, vn und au n Jhe mſt deß ß vn auch die Sammlung für die Wilden am Sene⸗ gal recht reichlich ausfiel. Der Medicinalrath war der einzige Unzufriedene, es kam ihm Alles ſo gemacht und erkünſtelt vor, er fing ſich herz⸗ lich an zu langweilen und war recht froh, als gegen den Schluß der Rede Frau Lux herein⸗ getrippelt kam und ihm leiſe ins Ohr flüſterte, es gehe mit ihrer Mutter jetzt ganz gewiß zu Ende, der gnädige Beſuch der Baronin habe ſie ganz wild und toll gemacht, ob der Herr Medicinalrath, da er doch gerade im Hauſe ſei, nicht die Güte haben möchte, einmal per⸗ ſönlich nachzuſehen. Der Medicinalrath nickte, preßte den goldenen Stockknopf gegen die Lip⸗ pen, warf dem Redner, der eben in größter Ekſtaſe war, noch einen Blick quer über die Brille zu und ſchlich ſich dann auf leiſen Soh⸗ len hinaus. Die Verſammlung war ſo ge⸗ rührt, daß Niemand auf ſeine Entfernung achtete. Nur der Regierungsrath bemerkte ſie und be⸗ 312 neidete im Stillen den Glücklichen: er fand die Rede ebenfalls überaus langweilig und vertrieb ſich die Zeit lediglich damit, ſich über ſich ſelbſt luſtig zu machen, wie er ſich vor dieſem hohlen, ſentimentalen Schwätzer nur jemals habe fürch . ten können. Doch mußte er freilich Amtshalber aushalten; ſo biß er denn in den ſauern Apfel und ließ es auch am Schluß der Rede, in wel chem Herr John auch der unglücklichen Frau, der Selbſtmörderin von geſtern, gebachte und durch den ſich namentlich die Damen lebhaft ge⸗ rührt fanden, an den üblichen Complimenten und Dankſagungen nicht fehlen. Der gefeierte Redner ſtrich Beides, Complimente für ſich und Geld für die Wilden am Senegal, mit gleichem 3 Behagen ein, machte Bücklinge nach allen Sei⸗ ten und verſprach dem Regierungsrath, der für dieſen Fall ſchon eine kleine Geſellſchaft geladen hatte, heute ganz gewiß zum Diner bei ihm zu erſcheinen. — fand die d vertrieb ſih ſelbſt n hhlen, mihalber en Ayfil in wel en Fru, chte und ehhaft ge plinentu r gefitt ſich und t glichen lin i h de fi ſt gln Die Verſammlung ging, nur Klara blieb zurück. Das junge Mädchen war durch den Vortrag ganz beſonders ergriffen, kein Auge hatte ſie während der ganzen Zeit von dem Redner abgewendet und nur zuweilen Geſicht und Bruſt hinter dem Tuche verborgen, ver⸗ muthlich aus Rührung, um ihre fließenden Thrä⸗ nen nicht ſehen zu laſſen. Wer ſie genauer be⸗ obachtet, hätte jedoch ſehen können, wie ſie keineswegs weinte, ſondern das Tuch nur vor⸗ hielt, um deſto unbemerkter das kleine Medaillon zu betrachten, das ſie am Halſe trug und von dem ſchon einige male die Rede geweſen. Aber das ſah eben Niemand, und ſo fand man es ganz in der Ordnung, als dieſes gerührte junge Mädchen noch einen Augenblick zurückblieb; wahrſcheinlich wollte ſie dem gotterleuchteten Manne noch irgendein Anliegen vortragen, oder ihm eine außerordentliche Gabe für ſeine Samm⸗ lung zuſtellen. Der Muſikantenthurm. 1I. 14 — 314 Wie der Saal leer und die Thür geſchloſſen war, ging Klara auf den Amerikaner zu. Von Thränen war ihr nichts anzuſpüren, ſie hatte das kleine Medaillon vom Halſe genommen, und es hoch in der einen Hand tragend, reichte ſie die andere dem Fremden vertraulich entgegen und ſagte: „Guten Tag, Papa Kroppenberg, ich bin deine Tochter Klara: wo haſt du ſo lange ge⸗ ſteckt? und warum haſt du meine arme Mutter Luiſe Froideville ſo ſchmählich verlaſſen?“ Herr John, oder wie wir ihn nun auch nennen müſſen, Herr Kroppenberg, machte einen kleinen Sprung in die Luft; er ſah bald das Bild, bald das Mädchen an, dann fiel er ſeiner ſo plötzlich wiedergefundenen Tochter um den Hals und ſagte:„Guten Tag, Tochter Klara— ei wahrhaftig, das iſt meine Tochter Klara, ich erkenne mein ganzes Geſicht, zwei mal, auñ dem Medaillon und in ihren Zügen! Warum ich chloſſen Von e hatte en, und ichte ſe ntgegen ich bin nge gl⸗ Mutter un auch te einen ald da ſtine um den lara S laro, auf dn rum* euch verlaſſen habe, Kind? Weil ich den Stoff in mir fühlte, ein großer Mann zu werden, und weil die Fabrik deiner guten Großmutter ein zu kleiner Schauplatz für mein Genie war; ich bin nach Amerika gegangen, habe mir den Wind tüchtig um die Naſe wehen laſſen und bin nun geworden was du ſiehſt: ein freier Amerikaner und Apoſtel der werkthätigen Liebe. Aber wie iſt's? Daß deine gute Mutter, meine brave Frau, bald darauf geſtorben, habe ich in Erfah⸗ rung gebracht— lebt die Alte noch? Wie hat ſie ſich aus dem Bankrott zurechtgefunden? Dieſe Fabrik war ein verlorenes Unternehmen— lebt meine Schwiegermutter noch? oder iſt ſie todt? Und hat ſie dir etwas Leidliches hinter⸗ laſſen?“ „Es iſt ſchon gut, Papa Kroppenberg“, er⸗ widerte das junge Mädchen, das ſeine Beſon⸗ nenheit auch jetzt nicht verlor,„die Großmutter iſt todt, Alles iſt todt, Vermögen habe ich nicht, 14* 316 habe aber etwas gelernt, und brauchſt du daher nicht zu fürchten, daß ich eine Laſt für dich ſein werde. Geh' du deinen Weg, Papa Kroppen⸗ berg, weiter und laß mich den meinen gehen; ein Mann, der Frau und Tochter ſo ſchmählich verlaſſen und nun auf einmal nach zwanzig Jah⸗ ren den zärtlichen Vater ſpielen wollte, das könnte doch nur ein Komödienvater ſein. Wahr⸗ heit über Alles: auch ich kann mein Herz zu keinem beſondern Aufſchwung der Kindesliebe zwingen gegen einen ſolchen Vater— wenn du meiner einmal bedarfſt, ſo rufe mich: aber im Uebrigen ſcheint es mir beſſer, wir ver⸗ geſſen einander, wie wir uns bisher vergeſſen haben—“ Herr Kroppenberg nickte mit dem Kopf. „Ganz meine Meinung“, erwiderte er unbefan⸗ gen,„daran erkenne ich dich ganz ſicher als meine Tochter; nur keine Leidenſchaft, keine Ueberſtürzung! Ich bin der Apoſtel der werk⸗ u dahet dich ſein iroppen⸗ n gehen; hmihlich ig oh⸗ lte, das Vahr⸗ derz zu desliebe wenn du : aber wir vel⸗ vergeſn n ſ unbefn ſche al t, en ni thätigen Liebe, ich habe für die Menſchheit zu ſorgen und kann mich mit einer einzelnen Toch⸗ ter nicht befaſſen.“ „Beſonders wenn ſie kein Vermögen hat“, wollte Klara hinzuſetzen. Doch beſann ſie ſich, daß es immerhin ihr Vater warz; ſie unterdrückte die bittere Bemerkung und fragte:„Und alſo trennen wir uns? Und Niemand erfährt, wie es eigentlich mit uns ſteht?“ „Keine Uebereilung“, ermahnte Herr Krop⸗ penberg väterlich.„Ueber eine ſo wichtige Sache läßt ſich ſo im Augenblick kein verſtändiger Ent⸗ ſchluß faſſen. Wir ſprechen uns weiter— wo hältſt du dich gegenwärtig auf, mein Kind? Und wo finde ich dich? Es iſt mir doch, als hätte ich dich neulich ſchon geſehen——“ „Für den Augenblick bin ich noch im Hauſe des Regierungsraths von Schwarzenfeld“, erwi⸗ derte das junge Mädchen. „Das trifft ſich ja prächtig“, rief der falſche 318 Amerikaner,„da eſſe ich heute Mittag— ja, ja“, rief er vergnügt,„Fjetzt beſinne ich mich, es iſt die kleine wirthſchaftliche Mamſell von neulich. Ei wie ſich das Alles ſo hübſch zurechtlegt! Und was für ein friedlicher Schluß noch daraus entſtehen wird!“— Seine Gedanken waren offenbar ſchon mit ganz neuen Speculationen beſchäftigt. Er reichte Klara nur ganz flüchtig die Hand und lief in den Gaſthof, ſich zum Mittageſſen um⸗ zukleiden. Auch Klara ging ihren Weg nach Hauſe:„Guter Hermann“, flüſterte ſie vor ſich hin,„du haſt an deiner Mutter, glaube ich, einen beſſern Fund gethan als ich an meinem ja, ja“, es iſt die lich Ei Und was entſtchen bar ſchon igt. 6r and und ſſen um⸗ eg nach vot ſic ſaube ich n menen Achtes Capitel. Ein Sterbebett. Der Medicinalrath hatte die alte Frau wirklich ſehr krank gefunden; wie es bei Leidenden die⸗ ſer Art in den letzten Augenblicken der Fall zu ſein pflegt, war ihr das Bewußtſein plötzlich wiedergekehrt, und der Arzt ſchloß daraus ganz richtig, daß es mit ihr ſtark auf die Neige gehe. Körperliche Schmerzen empfand ſie wenig mehr, deſto heftiger ſchienen geiſtige Martern ſie zu quälen. Als ſie den Medicinalrath an ihrem Bette ſah, ſtöhnte ſie laut auf, verbarg das alte runzelige Angeſicht zwiſchen den knö⸗ chernen Händen und hieß ihre Tochter dann mit . 320 heftiger, heiſerer Stimme das Zimmer verlaſſen. Dieſe folgte ſcheinbar: in der That aber, neu⸗ gierig und mistrauiſch wie ſie war, blieb ſie hinter der Thür ſtehen und belauſchte ſo die Geſtändniſſe der Sterbenden. Denn Geſtändniſſe waren es, Seelengeſtänd⸗ niſſe der furchtbarſten Art, welche die Alte dem Arzt mitzutheilen hatte, nicht Klagen über ihren körperlichen Zuſtand. Als ſie ſich wirklich allein mit ihm glaubte, ſah ſie ſich noch einmal ſcheu nach allen Seiten um und flüſterte dann: „Das iſt eine große Gnade von Gott, und ich betrachte es als ein Zeichen, daß mir doch noch vergeben werden ſoll, daß gerade Sie, Herr Medicinalrath, in meiner letzten Stunde an meinem Bette ſtehen. Sie waren von jeher ein Freund der Schwarzenfeld'ſchen Familie, auch den ſeligen Herrn haben Sie noch gekannt—“ Der Medicinalrath rückte an der Brille. „Mache Sie ſich nur keine Sorge“, ſagte er, erlaſſen. et, neu⸗ blib ſi e ſo die ngeftnd⸗ Alte dem er ihren ch allein ul ſcheu un: zott, und mit doch ade Eie Stund von jihr ie, u ant t Prill ſagt(l, 321 „um den ſeligen Herrn, Frau Schernberg: dem ſeligen Herrn iſt wohl genug, ſehe Sie nur zu, daß Sie ſelber in Frieden abfährt....“ Man ſieht, der alte barſche Herr blieb ſich gleich, ſelbſt an einem Sterbebette. Auch hatte er die Frau Schernberg niemals recht leiden können. Dieſe aber fuhr wimmernd fort:„O, o, das iſt es ja eben, daß ich nicht in Frieden ſterben kann! Meine Sünden! Meine furcht⸗ baren Sünden! Ich habe geholfen, die Bande des Bluts zu zerreißen und Aeltern um ihre Kinder, Kinder um ihre Aeltern zu bringen! Hören Sie die Worte einer Sterbenden, ſie ſind wahr und echt wie Gold; ich habe viel gelogen in meinem Leben und lügen geholfen— aber es iſt mir leid in dem Grunde meiner Seele, und hätte Gott mir nicht zur Strafe für meine Unthaten das bischen Verſtand verwirrt, ich hätte längſt gebeichtet und Buße gethan. Aber der Herr will meine Beſſerung nicht, meine ⸗ —— 322 Briefe ſind nutzlos geblieben— ach, ach, was der Tod ſo bitter iſt!“ Der Medicinalrath ſtand ungeduldig auf: „Und ich will Ihre Beichte auch nicht, Frau Schernberg“, brummte er,„ich bin ein Arzt des Leibes, nicht der Seele, und wenn Sie den Paſtor braucht, muß Sie nicht nach dem Doctor ſchicken.“ Damit wandte er ſich zum Abgang. „Nein, nein“, jammerte die Sterbende,„Sie dürfen mich nicht verlaſſen, bis Sie mich ge⸗ hört haben. O meine Sünden! Es iſt Alles Lug und Trug im Schwarzenfeld'ſchen Hauſe, und ich habe die Hand dazu geboten—“ „Das wußte ich längſt“, erwiderte der alte Herr gleichmüthig:„Spare Sie Ihren Athem, was an den Tag kommen ſoll, wird ſchon ohne Ihr Zuthun darankommen....“ Aber das zitternde Weib fuhr fort.„Rudolf von Schwarzenfeld“, ſtöhnte ſie,„iſt das unter⸗ geſchobene Kind einer Dirne—“ 1 ch, was ig auf: , Frau Sie den Doctor Abgang. e,„Sie mich ge⸗ iſt Ales Hanſe, der alt Athen, on ohne ſ „Fudl unte „Alles bekannt“, murrte der Medicinalrath, „man merkt es dem Früchtchen auch an....“ „Aber ſie hat doch einen echten Sohn ge⸗ habt, ſchon vorher; ſchon drei Jahre zuvor, da man ſie blos für Liebesleute hielt, war der ſchöne ſchlanke Herr von Schwarzenfeld mit mei⸗ nem gnädigen Fräulein heimlich verheirathet—“ „Alles bekannt, wenigſtens mir“, replicirte der Alte. „Sie wurde heimlich von einem Sohn ent⸗ bunden, der Sohn wurde zu meiner Schweſter an den Rhein gebracht, ihn in der Verborgen⸗ heit aufzuziehen—“ „Alles bekannt!“ „Ah, ah“, ſchrie das verzweifelnde Weib, „Alles ſchon bekannt?! Und die Häſcher kom⸗ men ſchon und ſchleppen mich unter den Gal⸗ gen?! Alles bekannt!! Und auch bekannt, daß das Kind auf den Namen Ulrich Schwarz ge⸗ tauft ward?! Und auch bekannt, daß die gnädige Frau hinterdrein in der Ehe noch ein Kind be⸗ kam, aber ein Töchterchen, und weil es ein Töch⸗ terchen war, wurde es gegen Rudolf von Schwar⸗ zenfeld vertauſcht und wurde ebenfalls meinen Anverwandten am Rhein zur Pflege übergeben? O die böſen Anverwandten! O die gottver⸗ geſſene Schweſter! Wie iſt ſie mit dem Würm⸗ chen umgegangen! Meine ganze Familie iſt ver⸗ ſchollen in Krieg und Elend, und die Kinder mit ihnen!“ „Tröſte Sie ſich, Frau Schernberg“, ſagte der Medicinalrath mit ſtarker Stimme:„der Sohn wenigſtens iſt gerettet und lebt, der eigene Vater, von Abſcheu erfüllt gegen die unnatür⸗ liche Mutter, hat ihn abgeholt und mit ſich ge⸗ nommen in eine neue Welt.“ Die Sterbende ſtierte ihn mit großen Blicken an:„Ulrich Schwarz lebt?“ ſtammelte ſie:„Ja, ja, es iſt mir auch, als hätte ich in dieſen Tagen etwas gehört von einem Ulrich Schwarz...“ ind be⸗„Ah was“ entgegnete der Arzt verdrießlich, Töch⸗„Sie mit Ihrem Ulrich Schwarz! So hat er öchwar⸗ einmal geheißen—“ meinen„Nein, nein“, betheuerte Jene:„wie würde rgeben ich mit einer Lüge in die Grube fahren? utrich gutte Schwarz, das iſt ganz gewiß der rechte Name Vim⸗ des echten, erſtgeborenen Sohns, und das zweite ſ ver Kind, das arme Töchterchen, hieß Gertrud inder Miller....“ Der Medicinalrath horchte auf; es war ihm, ſigt als hätte er den Namen Gertrud Miller erſt kürzlich in den Liſten des Muſikantenthurms ge⸗ vu leſen.„Wie war das?“ fragte er,„Gertrud ei 2 Miller?“ nnatil Aber er bekam keine Antwort mehr: Frau 65 ſc Schernberg war todt.... Blin 5 e:„Jn Tagl Ueuntes Capitel. Das Gewitter ſchlägt ein. Nachdem der Arzt hinweggepoltert, ſchlich Frau Lux ſich aus ihrem Verſteck, alle Glieder am Leibe zitterten ihr über die merkwürdigen und unſchätzbaren Nachrichten, welche ſie erlauſcht. „Nun wird mein Mann doch einmal ſehen“ murmelte ſie,„daß ich auch nicht auf den Kopf gefallen bin, und von Herauswerfen aus dem i Thurm iſt nun gar keine Rede mehr.“ ſ Sie drückte der Alten die Augen zu und ſ eilte fort, Herrn Lux aufzuſuchen und ihm das 4 Vernommene mitzutheilen. ſchich Fro Glicder ol irdigen ie eluſt nal ſth gen jul nd ihn Pr Allein über Herrn Lux war inzwiſchen ein furchtbares Gewitter hereingebrochen. Als er eben noch, den Hut auf dem Kopfe, die kno⸗ chigen Hände in den Taſchen, den letzten Wa⸗ gen nachſah, welche die Zuhörer des Amerika⸗ ners davonführten, fühlte er ſich leiſe auf die Schulter gepocht; er ſah ſich um, und zwei Män⸗ ner ſtanden neben ihm, mit guten braven Unter⸗ offiziersgeſichtern, einer runden Dienſtmütze auf den kurzgeſchorenen Haaren und einem Denk⸗ zeichen im Knopfloch. Die handfeſten Männer erſuchten Herrn Lur ganz höflich, doch einmal gleich mit ihnen zu kommen, unmittelbar wie er gehe und ſtehe; es wären auf dem Rath⸗ hauſe ein paar fremde Herren angekommen, die ihn zu ſprechen wünſchten. Herr Lux kehrke ſein ganzes Amtsanſehen heraus und weigerte ſich in hochfahrendem Tone; die beiden Männer aber wußten ihren Worten ſolchen Nachdruck zu geben, daß er endlich einwilligte, ihnen zu 326 folgen.„Aber laßt mich doch erſt wenigſtens mit meiner Frau ſprechen“, bat er,„meine Schwiegermutter liegt im Sterben, meine Frau iſt bei ihr, wer ſoll denn unterdeſſen den Muſi⸗ kantenthurm hüten?“ „O nun“, meinte der eine der Männer ganz höflich,„bemühen Sie ſich nicht, Herr Lux, den trägt unterdeſſen Niemand weg.“ Und der Andere ſetzte etwas derber hinzu:„Nein, gewiß nicht: denn wenn das möglich wäre, hätte Herr Lux es längſt ſchon gethan.. Auf dem Rathhauſe wurde Herr Lur zu⸗ nächſt in eine Wachtſtube geführt, wo man ihn entkleidete und ſeine Kleidungsſtücke ſorg⸗ fältig durchſuchte. Herr Lux verſuchte zu lachen. Das ſicht ja gar aus“, grinſte er,„als ob ich ein Gefangener wäre und man wollte ein gro⸗ ßes Verbrechen bei mir ausfindig machen?“— „Wird wol ſo etwas ſein“, entgegnete mürriſch der Schließer:„Spitzbuben, die jahrelang die wenigſtens „meine gein Frau den Muſ⸗ inner gan Herr Aur Und der in, geniſ hitte Her 1 o nn tiu ſn 3u lch „ls obit te ein i chen ete ninit hrelung. Armuth beſtehlen und falſche Bücher und Rech⸗ nungen führen, denen geht es nicht beſſer....“ Nach zweiſtündigem Warten, das Herrn Lux eine Ewigkeit dünkte, wurde er endlich in die große Rathsſtube geführt; es war eine Stube, die nur bei beſonders feierlichen Gelegenheiten geöffnet ward, und Herrn Lux, indem er die Schwelle überſchritt, war es, als ſchritte er in ſein Grab.— Um den runden grünen Tiſch in der Mitte ſaßen drei gravitätiſche, mit Orden geſchmückte Männer, ein naſeweiſer Referendarius am Nebentiſch behohnlächelte den Eintretenden durch ein Augenglas und rückte Papier und Federn zurecht. Herrn Lux fiel das Herz in die Schuhe: es war die Commiſſion, die echte, wahrhafte Commiſſion aus der Hauptſtadt, der Amerikaner war nur der ſpielende Nautilus ge⸗ weſen, der dieſem Leviathan vorangeſchwommen, und das Gericht brach fürchterlich, zerſchmetternd über die ſchuldigen Häupter herein. 330 Und was das für ein vielfarbiger, buntſchillern⸗ der Nautilus geweſen war! Der Amerikaner hatte ein verwegenes Doppelſpiel getrieben; während er die den Thurm betreffenden Papiere und Schriften nur ſo obenhin anzuſehen ſchien und dem Regie⸗ rungsrath und ſeinem Vertrauten aufs beſte zu Munde ſprach, hatte er in der Stille alle Bücher ſorgfältig verglichen und als guter Rechner die viel⸗ fachen und bedeutenden Fälſchungen, welche darin enthalten waren, leicht herausgebracht. Er hatte dem Miniſterium getreulich Anzeige davon er⸗ ſtattet— ſeine geheime Hoffnung war, ſelbſt Director der neuen Anſtalt zu werden und ſich endlich einmal von dem mühſamen Schwindler⸗ leben, das er führte, zur Ruhe zu ſetzen. Doch war das Unwetter nicht blos früher losgebro⸗ chen als er beabſichtigt hatte: ſondern indem er den verrathenen Freunden eine Grube grub, öff⸗ nete ſich auch unter ſeinen eigenen Füßen eine zweite, die ihn ſelbſt verſchlang. Kaum hatte tſchillern⸗ aner hatte vährend er Schriften em Regie ö beſte zu lle Büchn er die vie che darin Er hatte dovon e var, ſch n und ſch chwindl zn Dr legth inden gul, if iin aum h — der angebliche Herr John die Hauptſtadt ver⸗ laſſen, als von allen Seiten eine ſolche Maſſe böſer Gerüchte über ihn verlautete, daß ſelbſt der regierende Fürſt nicht umhinkonnte, Notiz davon zu nehmen. Ueberzeugt, daß Alles blos ſchändliche Verleumdung, befahl er insgeheim die ſorgfältigſten Nachforſchungen anzuſtellen. Sein Befehl ward befolgt, das Miniſterium ſchrieb hierhin und dorthin, und ach, über die menſchliche Verderbtheit: es ergab ſich, daß der angebliche Amerikaner Herr John, alias Krop⸗ venberg, ein deutſcher Schwindler war, der in Nordamerika nur ſeine hohe Schule durchge⸗ macht, ein Projectenmacher, Gelderpreſſer, Auf⸗ käufer von verdächtigen Papieren, kurzum ein Menſch vom übelſten Charakter, dem es un⸗ möglich verſtattet ſein durfte, den Apoſtel der werkthätigen Liebe zu machen und Fürſten und Geheimräthe zur Tugend zu ermahnen.— Die Commiſſion kam jetzt, mit allen Notizen wohl verſehen, das ganze Neſt aufzuheben. Doch mußte Herr Kroppenberg wol Wind bekommen haben, er hatte ſich mit Hinterlaſſung ſeiner Effecten im Gaſthof, die ſich jedoch als ziemlich werthlos ergaben, ſalvirt, und da der elektriſche Telegraph dazumal in dieſer Gegend unſers Vaterlandes noch nicht arbeitete, ſo erreichte er auch glücklich die Küſte und rettete ſich übers Meer— nur ſein europäiſcher Ruf war begra⸗ ben, in Amerika konnte er die werkthätige Liebe noch immer forttreiben. Daß das Feſtmahl beim Regierungsrath unter dieſen Umſtänden nicht ſtattfand, liegt auf der Hand; die Hauptperſon fehlte ja, die mei⸗ ſten Gäſte blieben von ſelbſt aus, und bei den wenigen, welche dennoch erſchienen und zu denen ſeltſamerweiſe auch Herr Theobald gehörte, ließ Rudolf ſich entſchuldigen: er ſei von einem plötz⸗ lichen Unwohlſein befallen.... Auch war es ihm unwohl genug, in der n. Doch bekommen ung ſtine ls zienic elekriſti nd unſen rreichte ſich übe ur begr erungörot lugt alf die ni nd bii do dzu d chört i inem plöt „ de g, in* That Wenn man ſo ſchon mit Herrn Lux umſprang, der doch nur ſein Inſtrument gewe⸗ ſen, wie mußte es erſt ihm ſelbſt ergehen? Die Commiſſion war offenbar von Allem aufs ge⸗ naueſte unterrichtet; daß ſie den Regierungsrath noch nicht vorgefodert und ſich blos begnügt hatte, ihm alle Papiere und Schlüſſel in Be⸗ treff des Thurms abverlangen zu laſſen, war offenbar eine bloße Rückſicht, welche ſie gegen ſeinen Oheim, den Präſidenten, und das Anſehen ſeiner Familie nahm. Vielleicht, wenn es ihm möglich war, die fehlenden Gelder raſch und augenblicklich zu decken, ſo ließ dieſe Rückſicht⸗ nahme ſich dahin ausdehnen, daß die Sache in Betreff Rudolf's vertuſcht und er nur in aller Stille von ſeinem Amt entfernt ward: eine Strafe, die er ſich gern gefallen ließ, da er ſein Amt haßte und ſich überhaupt weg, weit weg in ferne Länder ſehnte, wo Niemand ihn kannte, Niemand von ſeinen Schickſalen, 334 ſeinen Verirrungen wußte. Aber woher dieſe Gelder nehmen? wie ſie auftreiben? Und noch dazu im Augenblick, im Zeitraum weniger Stun⸗ den, bis vor Sonnenuntergang ſpäteſtens, da die Commiſſion mit dem nächſten Morgen jeden⸗ falls näher einſchritt? Der Stolz des ehemals ſo hochfahrenden, heftigen Mannes war jetzt ſo gebrochen, daß er weinte wie ein Kiud. Als nun Theobald ihm gemeldet ward mit dem Zuſatz, daß er ſich durchaus nicht abweiſen laſſen wolle, wenn auch das Diner abbeſtellt ſei, ſo habe er mit dem Herrn Regierungsrath doch über andere, wich⸗ tigere Dinge zu ſprechen, ſo ſchien dem gepei⸗ nigten Manne das ein Fingerzeig des Himmels. Zwar fühlte er ſich unfähig, den Freund per⸗ ſönlich zu empfangen; doch ging er hinüber zu ſeiner Frau, ſagte ihr in kurzen Worten— und ſein verwildertes Ausſehen ſprach allerdings deutlicher als alle Worte— daß jetzt die Stunde 9 ſi oher dieſe Und noch get Stun⸗ eſtens, da rgen jeden fahrenden chen, doß Theobald i er ſih wenn aub t mit den ere, vich den gel Hinn rund hinibe n— allrdin die Eun gekommen, auf die er ſchon früher hingedeutet, ſie möge nicht lange fragen, aber genug, er ſei im Ertrinken, und wenn ſie Theobald, der ſchon an der Thür ſei, nicht ſofort beſtimmen könne, fünftauſend Thaler vorzuſtrecken, gleichviel auf ſeinen oder auf ihren Namen, ſo ſei er ein verlorener Mann, und alle Prophezeiungen jenes nächtlichen Geſprächs würden ſich nur allzu raſch und aufs furchtbarſte erfüllen. Eugenie, oft von ihrem Manne gekränkt, oft ihn ſelbſt misverſtehend, war doch im Grunde ihres Herzens ein treues, hingebendes Weib; ſie erklärte ſich augenblicklich bereit, die peinliche Unterhand⸗ lung zu übernehmen. Ja ſie tröſtete ihren Mann: Theobald ſei ja ſtets ſo gut und edel geweſen, es ſei ein Mann von den trefflichſten Grund⸗ ſätzen; wolle und möge er Rudolf nicht bei⸗ ſpringen, ſo werde er doch ihr, der Freundin, der Dichterin, deren Talent er ja ſo oft ge⸗ rühmt und die ihm ja zur Noth dieſes Talent . ſelbſt als Pfund einſetzen konnte, die erbetene Hülfe ganz gewiß nicht verweigern. Mit dieſem getroſten Muthe ausgerüſtet, empfing ſie den ungeduldigen Theobald. Sie trug ihm die Sache ohne vielen Umſchweif vor; ihr Mann ſei in plötzliche Verlegenheit gerathen, Theobald kenne ja ſeine Verhältniſſe, wiſſe, welch Vermögen Rudolf eigentlich gehöre — und bat ihn mit kurzen, herzlichen Worten, ihm ſofort fünftauſend Thaler vorzuſtrecken. Ein Mann wie er, ſetzte ſie ſchmeichleriſch hinzu, habe das Geld ja immer nur ſo liegen, an den dürfe man ſolche Bitte ſchon richten. Herr Theobald machte ein ſaures Geſicht und wühlte im Backenbart, daß er ganz ſtrup⸗ pig wurde.„Das trifft ſich ſehr unglücklich, meine Gnädige“, ſagte er dann;„gerade heute habe ich ſelbſt ſehr ſtarke Zahlungen zu machen — und morgen auch und übermorgen wieder und ſo die nächſten Wochen immer fort— „ ie erbetene usgeriſte ald. Sit Unſchweij erlegerhei ethültniſe ich gehir Worten, eden. Ein iſch hnzu en an den es Geſih erade hel u mocho ju m gen nid⸗ fo 337 Sie können denken, Frau Baronin, wiewol Sie kein Geſchäftsmann ſind, daß ſolch neues Un⸗ ternehmen, Ankauf eines Hauſes, Einrichtung der Druckerei und dann das viele Geld an die Herren Schriftſteller, Einem wirklich rechte Sorge macht. Ja ich muß geſtehen, daß ich eben ſelbſt ein wenig in der Klemme bin und gerade des⸗ halb hierherkam, um Ihren lieben Mann“(frü⸗ her ſprach Herr Theobald ſtets nur vom Herrn Gemahl)„an ein kleines Geſchäft zu erinnern, das noch zwiſchen uns ſchwebt und das er ge⸗ wiß nur über ſeinen vielen Arbeiten vergeſſen hat. Er ſchuldet mir noch ein paar Wech⸗ ſelchen— zweitauſendfünfhundert Thaler, ſeit ſechs Wochen fällig— es ſind Solawechſel und brauchten alſo nicht proteſtirt zu werden. Um Ihrem lieben Manne die Sache zu erleichtern, habe ich die Wechſelchen meinem Rechtsanwalt ubergeben— eine bloße Form, meine Gnädigſte, bloße geſchäftliche Form; wenn Ihr lieber Der Muſikantenthurm. III. 15 Mann zahlt, wie er zahlen wird und muß, ſo bekommt er die Wechſel vom Anwalt ſo richtig zurück wie von mir.“ „Und wenn er nun nicht zahlt? nicht zahlen kann?“ fragte Eugenie mit unſicherer Stimme; ſie war, obwol aus einer großen Handelsſtadt und Kaufmannstochter, doch in dieſen Dingen wirklich vollkommen unerfahren. „Ah ich bitte um Entſchuldigung“, verſetzte Herr Theobald, indem er eifrigſt bemüht war, den Schaden, den er vorhin in ſeinem Backen⸗ bart angerichtet, wiederauszugleichen:„die gnä⸗ dige Frau belieben zu ſcherzen, bei Wechſeln kommt es gar nicht darauf an, ob man zahlen will oder kann, ſondern bei Wechſeln heißt es ganz einfach: man muß. Es ſind Solawechſel“, wiederholte er ſelbſtzufrieden,„und brauchten alſo nicht proteſtirt zu werden, ſie ſind heute ſo gültig wie vor ſechs Wochen....“ „Aber wenn Rudolf nun doch nicht zahlen mß, verſet nüht we E it g Vic nan ſo n heiſt lunc bru dhi iht i 339 kann?!“ rief Eugenie noch einmal mit wachſen⸗ der Angſt— „Ja“, verſetzte der Hausfreund mit großer Ernſthaftigkeit, indem er ſich den Halskragen zurechtzupfte,„wenn Ihr lieber Mann nicht zahlen kann— was man ſo wirklich nennt, nicht kann— nun ja freilich, dann iſt es eine andere Sache, dann wird mein Anwalt wol eine Wechſelklage anſtellen müſſen— ſehr prompte Sache das, ſo eine Wechſelklage: heute geklagt, morgen Termin und Urtheil, übermorgen Exe⸗ cution und Arreſt....“ „Execution und Arreſt?!“ rief die junge Ba⸗ ronin außer ſich.„Und das wagen Sie mir zu ſagen? mir, der Frau Ihres Freundes, an deſſen Tiſch Sie unzählige male geſeſſen, der Sie unzählige male geſagt haben, wie Sie ſie vewundern und verehren?! Und nun Execution und Arreſt?!“ „Geſchäftsſachen“, verſetzte der ſchöne Geiſt 15 340 mit einer zierlichen Verbeugung,„haben mit Herzensſachen nichts zu thun; mein Herz ge⸗ un hört in ſchuldiger Ehrfurcht ſtets der gnädigen ſic Frau Baronin: aber mein Geld, mit gnädiger Erlaubniß, gehört mir....“ ei „Sie ſollen es ja auch nicht verlieren“, ſagte ai Eugenie dumpfz es war ihr wie ein Traum, E daß ſie mit dieſem Menſchen ſolche Geſpräche ſt führen mußte. Aber ſie malte ſich das Bild ihres Mannes aus, wie er jetzt in ſtummer ſe Verzweiflung im Nebenzimmer brütete, und das v Bild gab ihrem Herzen Kraft und Stärke. „Sie ſollen ja auch nichts von Ihrem Gelde S verlieren“, ſagte ſie,„wir wollen es Ihnen d ſicherſtellen auf alle Weiſe, Rudolf ſoll Ihnen e ſein Erbtheil, ich ſelbſt will Ihnen meinen ih Schmuck, meine Einrichtung, ja mein bischen n Talent will ich Ihnen verſchreiben, von dem S Sie ja doch bisher ſo günſtig dachten; ich will w Bücher für Sie ſchreiben, Stücke ſchreiben...“ Traun jeſpräc 6 Bil ſtumme und de Stiti m Bil 6 Ihn l Ihue min ſit von d ich w n Herr Theobald war ans Fenſter getreten und ſtudirte eifrigſt den Zug der Wolken; dann ſich raſch umdrehend, ſagte er: „Das Reich der Poeſie, meine Gnädige, iſt eine ſchöne Gegend, aber Hypotheken darauf aufnehmen, das hat doch ſeine ſehr bedenklichen Seiten; die Kraft des Schriftſtellers erlahmt, ſowie er um Summen arbeiten ſoll, die er ſchon empfangen hat, wie unſer Altmeiſter Goethe das ſo ſchön ausdrückt:«Und auf den Tiſch kommt vorgegeſſen Brot.““ Eugenie bat, beſchwor, ſie faßte Theobald's Hand und war in ihrer Verzweiflung nahe daran, ſie an die Lippen zu führen; Theobald entzog ſie ihr mit zierlicher Verbeugung, küßte ihr die Hand und ſagte:„Wenn Sie ein Ma⸗ nuſcript fertig haben, meine Gnädigſte, ſo geben Sie es mir zur Anſicht; wenn es mir dann paßt, wie ich nicht zweifle, ſo ſtehe ich Ihnen gern zu Dienſten. Und auch über meine Liberalität 342 ſollen Sie alsdann nicht zu klagen haben, ich will die Literatur heben, nicht die Schriftſteller drücken. Aber Vorſchüſſe zahle ich nicht, das iſt nichts Perſönliches gegen Sie, Frau Baronin, nur ein Princip meines Geſchäfts, und gerade ein junges Geſchäft darf von ſeinen Principien am wenigſten abweichen. Ueberhaupt begreife ich nicht recht, meine Gnädigſte“, fuhr er in etwas kühlerm Tone fort,„warum Sie gerade mir die Ehre erweiſen, ſich mit Ihren Verlegenhei⸗ ten an mich zu wenden, Sie haben ja die reiche Schwiegermutter, den angeſehenen Mann, den Präſidenten, zum Onkel— was bin ich gegen dieſe Leute? Und wenn die dem Herrn Regie⸗ rungsrath nicht mehr helfen wollen, wie komme ich dazu?— Haben Sie alſo die Gewogenheit, dem Herrn Regierungsrath meine Empfehlung zu vermelden, und wenn die Wechſel bis mor⸗ gen früh um acht nicht bezahlt ſind, ſo wird um neun Uhr die Klage eingereicht. Beſtellen Si au wi M un ich wil drücken. t nichts in, mr tade ein pien an rife ich netwat de mi cghei ie reich n, de h g i fomm gh ſchlun is mo ni geſtl Sie es ja wörtlich, meine Gnädige, es iſt mit Wechſeln nicht zu ſcherzen, und ſagen Sie ihm auch gefälligſt, ich verreiſte auf einige Tage und wäre nicht zu ſprechen. Alles, was Ihr lieber Mann in dieſer Sache zu verhandeln hat— und es iſt in der That ſehr einfach: er braucht blos zu zahlen— ſoll er mit meinem Rechts⸗ anwalt verhandeln, der hat die vollſtändigſten Inſtructionen und Vollmachten.“ Herr Theobald ging— und mit ihm ging auch ein Stück von Eugenie's innerſtem Leben. Wie hatte ſie an dieſen Menſchen geglaubt! mit welcher Nachſicht hatte ſie ſeine Schwächen ertragen! Und wie zeigte er ſich jetzt! mit wel⸗ cher furchtbaren Klarheit hatte der blinde Alfred ihn durchſchaut! Doch ſtand ihr noch das Härteſte bevor: ſie mußte ihren Mann mit dem unglücklichen Erfolg ihrer Unterhandlungen bekannt machen. Sie fand ihn im Nebenzimmer, in lebhafter 344 Bewegung. Doch galt dieſelbe, wie der Menſch ja mitunter gerade in den peinlichſten Momenten den dämoniſchen Trieb verſpürt, ſich mit fremden Din⸗ gen zu beſchäftigen, nicht ſeiner eigenen Lage, ſon⸗ dern einem ſeltſamen Auftritt, der ſich ſoeben vor ſeinen Augen zugetragen. Klara, nichts ahnend von ſeiner Lage, hatte den Augenblick benutzen wol⸗ len, wo er müßig im Zimmer ſaß, und hatte ihm den armen Flüchtling, die Gertrud, Hermann'“s Mutter, zugeführt; ſie hatte ihm ihre Schickſale oberflächlich erzählen und ihn um ſeinen Schutz für das arme verlaſſene Weſen bitten wollen. Aber kaum daß Gertrud den Regierungsrath anſichtig geworden, als ſie ohnmächtig zuſam⸗ menbrach; Klara und der raſch herbeigerufene Hermann hatten Mühe gehabt, ſie auf Klara's Zimmer zurückzuſchaffen.— Der Regierungs⸗ rath, dem das Geſicht ganz fremd war und der überhaupt von dem Zuſammenhang der Sache nichts ahnte, konnte Eugenien nur erzählen, doß Menſhji enten do nden Din age ſin ſoeben vo ts ahnend utzen wo hatte ihl ermann Schickſal en Sch n woll rungin zuſu cignſn f Klar gieru und er Si hlen, d eine unbekannte Frau ihn habe ſprechen wollen, aber von einem plötzlichen Schwindel erfaßt, in Klara's Zimmer geſchafft ſei; Eugenie möge doch einmal zuſehen, was dem armen Weibe eigentlich fehle. Die Regierungsräthin war im Stillen der Meinung, daß das wol Zeit habe, bis ſie mit ihren eigenen Angelegenheiten im Klaren. Doch äußerte ſie nichts, um Rudolf nicht noch mehr zu reizen, und erzählte ihm mit möglichſt ſanf⸗ ten, milden Worten, indem ſie ihren eigenen Schmerz gewaltſam zurückpreßte, den unglück⸗ lichen Ausgang ihres Geſprächs mit dem Haus⸗ freund. Rudolf ſtarrte eine Weile in das Leere; dann ſagte er kurz abgebrochen:„Er hat ganz Recht, ganz Recht— haben Sie tauſend Dank, Eugenie, ich werde nun ſelbſt mit meiner Mutter ſprechen.“ Damit ging er fort und ahnte nicht, daß inzwiſchen die fremde Frau, die ihn durch ihre 15** Dhnmacht erſchreckt hatte, Gertrud, Hermann's Mutter, ihrem Sohne in die Arme ſank und mit erſterbender Stimme, die Augen feſt einge⸗ drückt, ſtammelte:„Er iſt es! er iſt es, der flammende Komet— es iſt dein Vater, Her⸗ mann!!“ emens ſank und eſt eing 16,b Zehntes Capitel. ter, Hn S Mutter und Sohn. Doch dauerte es noch einige Zeit, und der Abend war längſt eingebrochen, bevor Rudolf ſich entſchloß, den letzten verzweifelten Schritt wirklich zu wagen. Allein er mußte gewagt werden; ſo gering die Hoffnung war, das eiſerne Herz der Mutter gerade jetzt zu erweichen, ſo fühlte er doch eine Art von Verpflichtung, ſelbſt gegen Eugenien, ſelbſt gegen ſeine Mutter, das Aeußerſte nicht über ſich hereinbrechen zu laſſen, ohne wenigſtens auch dieſen Schritt noch ver⸗ ſucht zu haben. Er wollte ihr den Abgrund zeigen, an dem er taumelte, wollte ihr das Zuchthaus zeigen, dem er entgegenging, und ſie ſelbſt mochte dann entſcheiden, ob er noch län⸗ ger ihr Sohn ſein oder die graue Jacke des Züchtlings tragen ſollte. Er wollte ihr zeigen, wie das Alles gekommen, welchen Antheil ſie ſelbſt durch ihren Haß, ihre Gleichgültigkeit an ſeinem Schickſal trage, wie ſie gewiſſermaßen ſeine Mitſchuldige ſei und ihm ſchon um des⸗ halb helfen müſſe— vorausgeſetzt nämlich, daß ſie dem Sohne, dem Träger ihres Namens, nicht helfen wollte. Aber bei alledem war es ein ſchwerer Gang, und er zauderte lange, bevor er ſich dazu ent⸗ ſchloß. Und als er endlich ſo weit war, da fand er noch die größten Schwierigkeiten, Zulaß zu ſeiner Mutter zu finden; ein Beſuch Rudolfs bei der Baronin war etwas ſo ſchlechthin Uner⸗ hörtes, daß die Dienerſchaft gar nicht wußte, wie ſie ſich dabei benehmen ſollte, und Rudolf ſich den Eintritt faſt mit Gewalt eröffnen mußte⸗ Ach und wieviel ſchwerer ward es ihm noch, Zutritt zu ihrem Herzen zu finden! Sie hatte eben wieder über Ulrich Schwarz, die Brieftaſche und den frechen Verſuch des Amerikaners nach⸗ gebrütet, der nun freilich als Betrüger entlarvt war und den ſie nicht mehr zu fürchten brauchte. Aber ſolcher Betrüger konnten noch mehr, noch ſehr viele kommen, wer weiß, wer ſchon ge⸗ kommen warz; ſie fühlte die Nothwendigkcit, mit dieſen Zweifeln zum Schluß zu gelangen. Und inſofern war ihr der Beſuch des Regierungs⸗ raths gar nicht ſo unangenehm; war ſie nicht recht thöricht, ſich immer nur mit dem Präſi⸗ denten, dem alten ſüßlichen Schleicher, herum⸗ zuzerren? Warum hatte ſie noch nie mit Ru⸗ dolf unmittelbar verhandelt? Rudolf war in ewiger Geldnoth, er war ſeines Amts, ſeiner ganzen Stellung überdrüſſig, Kinder hatte er nicht— wenn ihm ein gutes Stück Geld geboten ward, ſollte er ſich nicht bereitfinden laſſen, in die X 350 Adoption des Ulrich Schwarz zu willigen und ihm Namen, Stand, Erbſchaft, oder doch we⸗ nigſtens einen Theil der Erbſchaft, die ſich unter ihrer Leitung verdreifacht hatte, abzutreten? Mit dieſem Plan war die alte Baronin eben beſchäftigt, als Rudolf eintrat. Sie be⸗ ſchloß, den Augenblick feſtzuhalten, den verhaß⸗ ten Fremdling aber vorher noch recht zu demü⸗ thigen und in Furcht zu verſetzen, damit er deſto geneigter werde, auf ihre Vorſchläge einzugehen. Mit kaltem Spott hörte ſie ſeine Bitten und Geſtändniſſe, mitleidiges Achſelzucken war die Antwort auf ſeine Klagen, verächtliches Lä⸗ cheln ſetzte ſie ſeinen Vorwürfen und Anklagen entgegen. Rudolf mußte ſich furchtbare Gewalt an⸗ thun, um nicht loszubrechen; er preßte das trotzige Herz mit bebender Fauſt nieder und blieb in Wort und Geberden der reuige, unter⸗ würfige, Vergebung heiſchende Sohn.„Ver⸗ —„— igen und doch we⸗ ſch unte eten? Barorin Sie be vecht zu demi nogehen. tten w war di iches* Anllog walt nte eder uno ge, un N „ gleichen wir uns“, ſagte er endlich,„theure Mutter: geben Sie mir etwas nach, und ich will Ihnen freies Spiel laſſen. Da iſt der Ulrich Schwarz— Sie wünſchten ihn ins Haus zu nehmen, ich widerſprach— gut, nehmen Sie ihn ins Haus....“ Er näherte ſich alſo dem Punkte, auf den die Baronin ihn haben wollte.„Was weißt du von Ulrich Schwarz?“ ſagte ſie verächtlich, „und wer hat dir erlaubt, dieſen Namen in meiner Gegenwart ungefragt in den Mund zu nehmen?“ Dem Regierungsrath ſtieg das Blut zu Kopfe.„Nun nun“, ſagte er mit ausbrechen⸗ dem Hohn,„warum ſoll mir ein Name ver⸗ boten ſein, den das Publicum der Stadt ſeit Monaten im Munde führt? Warum ſoll ich einen Namen nicht nennen dürfen, deſſen Trä⸗ ger Sie tagtäglich bei ſich ſehen? Ich weiß, die ganze Stadt weiß, wie werth der Ulrich —— 35 Schwarz Ihnen iſt— laſſen Sie uns einen Tauſch machen, Mutter: bezahlen Sie meine Schulden, decken Sie meine Defecte und— hei⸗ rathen Sie Ihren Ulrich Schwarz!!“ Heirathen?! Ulrich Schwarz heirathen?! Alſo auch hier dieſer nichtswürdige Verdacht?! Vielleicht hier, im Herzen dieſes Mannes, der ſich für ihren Sohn hielt, zuerſt ausgebrütet und von da wie ein Giftpulver weitergeſtreut, daß nun die Knaben auf der Gaſſe davon ſpra⸗ chen?! Ihr Zorn und Haß durchbrach alle Dämme, ſie vergaß die Klugheit, vergaß die Scham, die ſie ſo lange, ſo ängſtlich bewahrt hatte:„Erbärmlicher!“ rief ſie,„dieſer ſelbe Mann, von dem du mit dieſem höhniſchen Schmunzeln ſprichſt, den du wagſt, deiner alten greiſen Mutter zum Manne anzubieten— er iſt mehr als du, er iſt mein echter Sohn und Erbe, mein Erſtgeborener— du aber biſt der Sohn einer Dirne, und wenn ich nun 7—) — tathen adacht 2 det neb, zgebrüt geſtreut on ſprä⸗ rach alle rgal beweht öhm 6 net el hi 6 353 ins Zuchthaus muß, ſo mußt du wenigſtens mit!!—“ Die Wirkung auf Rudolf war entſetzlich. Der ſtarke, große Mann taumelte zuſammen wie ein Stier, der den tödtlichen Schlag empfängt. Es brauſte ihm in den Ohren wie einem Er⸗ trinkenden; tauſend alte längſtvergeſſene Ge⸗ rüchte tauchten aufs neue vor ihm auf, es war ihm, wie es den Selbſtmördern im Augenblick des Todes ſein ſoll: alle Erinnerungen ſeines Lebens, die ganze Vergangenheit drängte ſich noch einmal in einem einzigen chaotiſchen Bilde vor ihm zuſammen. Er warf ſich auf den Teppich zu Füßen ſeiner Mutter— oder vielmehr dieſer fremden Frau, die er ſo lange für ſeine Mut⸗ ter gehalten und die ihm auf einmal fern und geheimnißvoll, eine räthſelhafte, unergründliche Erſcheinung, gegenüberſtand.„Sagen Sie das noch einmal, Mutter“, bat er—„ach nicht doch, Mutter!! Was der Menſch doch kindiſch iſt ———— und wie ſchwer es hält, ſich von alten thörich⸗ ten Gewohnheiten loszumachen....“ Denn daß es ſich wirklich ſo verhielt, wie die Baronin ſagte, daran durfte er nicht zweifeln; er hatte geſehen, wie ſie gerungen und gekämpft, wie ſie gezittert und ſich gewun⸗ den, bis das verhängnißvolle Wort ihrem Munde entfuhr: hatte ſie es einmal ausgeſprochen, ſo war es auch wahr.— Die Baronin, die ſich eine ganz andere Wirkung von ihrem Geſtänd⸗ niß verſprochen hatte, fühlte ſich von dem wei— chen, ſtillen Schmerz, mit dem Rudolf daſſelbe aufnahm, tief ergriffen. Auch ging es ihr wie allen Menſchen, die im Begriff ſtehen, eine lange getragene Laſt abzuſchütteln. Der Menſch iſt ein Gewohnheitsthier, ſelbſt an ſeine Sorgen ge⸗ wöhnt er ſich, und wenn er ihrer endlich ent⸗ hoben wird, kann er bei aller Freude doch auch eine gewiſſe Wehmuth nicht unterdrücken, daß er die alten gewohnten Laſten nun nicht mehr lre 0 nthörich⸗ ielt, wi er nicht getungen h gewn n Munde hen, die ſic Geſtänd dem we f daſil iht eint lun Nenſch orgen dlich eht doh on, icht n tragen ſoll. Auch die Baronin verfiel unwill⸗ kürlich in denſelben weichen, wehmüthigen Ton, ſie rückte ſich abſeits von der Lampe, daß der Schatten auf ihr Angeſicht fiel, und erzählte dem Manne, der ſo lange für ihren Sohn ge⸗ golten, die unſelig geheimnißvolle Geſchichte, wie er in ihr Haus gekommen, wie es ſich mit ihrem echten Sohn verhalte, und auch den Tod des armen kleinen Töchterchen(denn an dieſen Hlaubte ſie noch immer) verſchwieg ſie ihm nicht. Wir brauchen die Erzählung nicht zu wie⸗ derholen, der Leſer hat ſie theils noch im Ge⸗ dächtniß, theils hat ſein Scharfſinn ſich die dücken längſt ergänzt.— Hugo und ulrike waren als Liebesleute vertrauter geworden als ich ziemte; die guten Gelegenheiten, welche der Better arglos bot, trugen ihre Früchte. Eine beimliche Heirath, zu welcher der Feldprediger les Regiments ſich auf Bitten des ſchönen jungen Haars entſchloß, beſchwichtigte Ulrike's Thränen 356 und das erſte Pfand ihrer Liebe wurde zwar heimm lich, aber doch in einer heimlichen Ehe geboren. Damit wäre im Grunde allen Anſprüchen des Teſtaments genügt geweſen; der Knabe war, wie der Wortlaut deſſelben erfoderte, in der Ehe zwiſchen Ulrike von Steinfurt und Hugo von Schwarzenfeld geboren und war daher voll⸗ kommen erbberechtigt. Aber ein unglückſeliger Stolz hielt Ulriken zurück, das Geheimniß vor der Welt zu enthüllen, ſelbſt nach des Kam⸗ merdirecturs Tode; ſie hoffte noch mehr Söhne zu bekommen, und dann im Verlauf der Jahre, nach weiten Reiſen und langjähriger Entfer⸗ nung, ſollte der Erſtgeborene ſcheinbar als ein angenommenes Kind in das älterliche Haus zu⸗ rückgeführt werden. Der Vetter, der von die⸗ ſem Erſtgeborenen nichts wußte und auch nichts erfahren ſollte, drängte ſie, beſonders nachdem die Schweſter den Gatten verloren und gleich darauf eine Tochter geboren hatte, mithin die u ke war hin⸗ geboren nſprüche nabe wu in d nd Hh ahet vol lückſtliz der Ih r Enit dlb Hals r von M uch niit ni und 9 nithn 357 größte Gefahr obſchwebte, das Teſtament ganz für die Familie verloren zu ſehen— der Vet⸗ ter, ſagen wir, drängte ſie, Anſtalten zu treffen für jede Möglichkeit, damit die Bedingung des Teſtaments unter allen Umſtänden erfüllt werde, oder doch wenigſtens in den Augen der Welt erfüllt ſcheine. Wie nöthig dieſe Anſtalten ge⸗ weſen und mit welchem glücklichen Erfolg ſie gekrönt worden, wiſſen wir: die Tochter ward in die Ferne geſchickt, Rudolf, der Sohn der Fremden, wurde als Sohn des Hauſes aufge⸗ nommen und erzogen. Aber das Herz der Mut— ter gewann er mit dem Allen nicht, ſie war gleichgültig gegen den Eindringling, und ihre Gleichgültigkeit verwandelte ſich in Haß, als ſie nach einer Reihe kummervoller Jahre die troſt⸗ loſe Entdeckung machte, daß ihr Erſtgeborener unter der leichtſinnigen Pflege habgieriger Men⸗ ſchen verſchollen und verloren und auch durch beine Nachforſchungen mehr aufzufinden war. — Welchen Erſatz konnte Rudolf ihr bieten, ſelbſt wenn er liebenswürdiger, talentvoller, fügſamer geweſen wäre? Ihren Mann, der die Vertau⸗ ſchung der Kinder erſt erfuhr, als ſie geſchehen war, hatten Scham, Furcht, Abneigung in eine Melancholie verſetzt, in welcher er ſich das Le⸗ ben nahm; ihre Schweſter hatte ebenfalls Ver⸗ dacht gefaßt und infolge deſſen alle Verbin⸗ dung mit ihr abgebrochen. Welche entſetzlichen Jahre verlebte ſie unter dem peinlichen Verdacht der Menſchen, in vergeblicher Sehnſucht. nach ihrem Kinde, in Haß und Abneigung gegen Rudolf, der ihr täglich widerwärtiger, täglich läſtiger ward! Und als nun ein märchenhafte Zufall, ein ſichtbares Wunder des Himmels ihr den echten Sohn entgegenführte, jenen Ulrich Schwarz, der eben deshalb ſo genannt worden war, um in den verſchränkten Namen— Ulrike von Steinfurt, Hugo von Schwarzenfeld— dah ſüße Geheimniß ſeines Urſprungs anzudeuten, — —— ten, ſibſ ſügſam ie Vut ng in el h des tſetzlich Padac ſucht ung 900 er, tig chuhi nm nen U nt wond — U ib— nzdu 359 als ſie in ſeinem Beſitz die Brieftaſche fand, die Hugo's liebſtes Andenken gebildet hatte— ſie hatte ſie ihm geſchenkt den Tag zuvor, ehe ſie ſich heimlich trauen ließen— und die Hugo vermuthlich auf einer jener häuſigen geheimniß⸗ vollen Reiſen, die er zu dem verſtoßenen Kinde machte, in der Wiege deſſelben zurückgelaſſen hatte— wie konnte ſie da zögern, den echten Sohn anzuerkennen! welche Rückſichten ſollte ſie noch länger auf die Welt nehmen, ſie, die leider der Rückſichten ſchon zu viele genommen und ſich und ihn dadurch ins Elend geſtürzt hatte! Was ſollte ſie für Schonung haben gegen ihren Ruf, da ſie ſo lange Jahre, um ihren Ruf zu erhalten, das höchſte Glück des Lebens, das Mutterglück, entbehrt und den armen verſtoßenen, hülfloſen Sohn zum wüſten Land⸗ ſtreicher hatte werden laſſen?! Rudolf hörte der Erzählung ſchweigend mit geſpannter Aufmerkſamkeit und ohne das ge⸗ —— 360 ringſte Zeichen des Erſtaunens oder Unwillens zu.„Arme Mutter“, ſagte er endlich, mit tie⸗ fer, zitternder Stimme:„arme Mutter— denn noch einmal, zum letzten male müſſen Sie mir geſtatten, Sie ſo zu nennen, und dann nicht wieder. Was müſſen Sie gelitten haben, und wie vollſtändig verſtehe ich nun den räthſelhaf⸗ ten Haß, mit dem Sie mich verfolgten. Wie unerträglich müſſen Ihnen meine Fehler und Thorheiten, meine Ausſchweifungen und Ver⸗ ſchwendungen geweſen ſein! Ja ſelbſt meine Liebkoſungen, wie muß es Ihnen davor geſchau⸗ dert haben! Ein fremdes Kind im Hauſe, überſchüttet mit allen Segnungen des Reich⸗ thums und der Bildung, und doch misrathen— und dabei das eigene ſchuldloſe Kind unter Bettlern und Böſewichtern, auf der Landſtraße, — o das iſt ja ein Gedanke um den Verſtand zu verlieren! Aber auch ich bin nicht glücklich geweſen, Mutter, ich kann Ihnen den Reichthum un Ei ſell ein wel let un d Ve ſt wei giſch hu rothn nd un anſnb Luſ giiu ſeitth 361 und das Wohlleben, in deſſen verführeriſche Nähe Sie mich brachten, nicht danken. Dieſe Nähe hat mein Herz verdorben, und ich wollte, Mut⸗ ter, o bei Gott! ich wollte, Sie hätten mich den Bettler bleiben laſſen, als der ich geboren bin...!“ Er hielt den ſtarken knochigen Kopf lange in die Hände gepreßt; dann ſtand er auf. Er reichte der Baronin halbwegs die Hand:„Le⸗ ben Sie wohl, Mutter— ich finde nun einmal keinen andern Namen für Sie, obwol wir wenig wie Mutter und Kind zuſammengelebt haben; auch ſoll meine Stimme Sie nicht oft mehr ſtören.“ „Um Gott!“ ſchrie die Baronin,„was willſt du thun? Biſt du auch nicht mein Sohn, ſo at die Welt dich doch ſo lange dafür gehalten: vollen wir thöricht genug ſein, unſere Schande elbſt auf dem Markte auszurufen? Wir haben änander ſo lange ertragen, warum jetzt nicht nehr, da wir doch wenigſtens wiſſen, wie wir Der Muſikantenthurm. III. 16 zueinander ſtehen? Du bleibſt bei uns im Hauſe, Ulrich Schwarz wird dein Bruder ſein, es wird ſich nichts verändern—“ Der Regierungsrath ſchüttelte ſchmerzlich lä⸗ chelnd mit dem Haupte.„Und meine Schul⸗ den?“ fragte er,„und die unterſchlagenen Gelder?“ „Wie du davon nur noch ſprechen kannſt!“ rief die alte Dame:„Es verſteht ſich von ſelbſt, daß ich Alles tilge, im Augenblick. Nun mein Herz frei iſt, daß ich nicht mehr zu heucheln brauche, als wärſt du mein Sohn, und mein echter Sohn kehrt ins Haus zurück, nun ſollſt du unſer lieber, gerngeſehener, gerngetragener Freund ſein. Hier, hier“, fuhr ſie fort, indem ſie an das Bureau trat und mit zitternden Händen einen Schatz von Gold, Papieren und Juwelen um ſich herſtreute:„hier iſt Geld, ich habe noch mehr, der Präſident hat mir neulich erſt ein beträchtliches Capital zugeſchickt, mein 363 Bankier zahlt jede Summe, die ich verlange. Nimm, Rudolf! Bezahle deine Schulden, decke 1 un ruder ſüh 8 deine unglücklichen Verirrungen, es ſoll in Zu⸗ uni kunft zwiſchen dir und Urich Alles gleich ſein— i Bh und beginne ein neues Leben!“ aſiun„Ein neues Leben?“ murmelte Rudolf:„Nein, nein, im Gegentheil, Mutter: laſſen Sie mich zurückkehren in das alte, für das ich geboren ⸗ 6 war. Jetzt verſtehe ich mich ſelber erſt: es war „ der dunkle Zug meines Herzens, der mich in Schmuz und Niedrigkeit zog— laſſen Sie mich zu hut zurückkehren und verſchwinden in meine Nie mm drigkeit!“ nnſ Er wollte noch etwas hinzuſetzen: doch ngett verſchluckte er es. Mit ſanfter Handbewe⸗ ſort, i gung ſchob er die Schätze zurück, welche die. „ do.. 8 5„ itun Baronin ihm aufdrängte, nur wenige Goldſtücke piemn behielt er.„Laſſen wir das“, ſagte er mit bit⸗ ſt Geh term Lächeln,„die letzte Gemeinheit ſein von nir n vielen. Bezahlen Sie meine Schulden, auch hict* 16* 364 Theobald erhält einige Tauſende; erſetzen Sie dem Muſikantenthurm das Geld, das ich unter⸗ ſchlagen, und ſorgen Sie für Eugenien, hören Sie? für Eugenien....“ Seine Stimme zitterte; die große ſchwere Geſtalt ſchwankte wie ein Rohr, indem er ſich zur Thür wandte.„Und du? und du?“ dräxgte die Baronin⸗ Rudolf winkte mit der Hand:„Wir ſehen uns noch wieder“, verſetzte er dumpf und verließ gleich einem Traumwandelnden das Zimmer. b ſetzen Ei ich unn en, him e ſchwn m er ſi drig⸗ Lir ſehe nd verließ immet. ßern; aber er küßte ſie auf den Mund und Elſtes Capitel. Die Schreckensnacht. Die Unterredung hatte lange gedauert. Es war tiefe Nacht, und Eugenie hatte ſich ſchon in ihr Bett begeben, wo ſie in qualvollen Ge⸗ danken lag, als Rudolf mit ſchwerem, ſchlep⸗ pendem Tritt an ihr Lager trat.„Wie iſt's?“ fragte ſie ihn bebend. „Alles gut, die Mutter iſt eine vortreffliche Frau, ich habe ſie ſehr verkannt und bin, wie ich jetzt wohl einſehe, ſelbſt ſchuld an allem Unheil, das zwiſchen uns entſtanden“, erwiderte er dumpf. Eugenie wollte ihm ihre Freude äu⸗ 366 hielt ſie in einer Umarmung, ſo innig und ſo ſtürmiſch, wie er ſein Weib noch niemals umarmt hatte. In dem heftigen Gemüthskampf, den das Geſpräch mit der Baronin ihm erregt, hatte der unglückliche Mann ſich auf die Lippe gebiſſen, und Eugenie bemerkte mit Schreck, wie das warme Blut auf ihre weiße Nacht⸗ wäſche und ihre noch weißere Schulter rieſelte. „Du bluteſt“, ſagte ſie ängſtlich— Aber er hörte ſie ſchon nicht mehr, er war zur Thür hinausgeſchritten, hinüber in ſein Zimmer. Dort ſaß er noch lange am Schreib⸗ tiſch, ſchrieb, rechnete, ordnete Papiere und zerriß andere. Gegen Mitternacht erhob er ſich, nahm ſelbſt den Mantel aus dem Schrank, drückte die Reiſemütze tief ins Geſicht, ſteckte ſeinen Paß, ein paar Piſtolen und jene Gold⸗ ſtücke zu ſich, welche er vorher von der Baro⸗ nin angenommen. Als er ſchon an der Treppe ſtand, kehrte er noch einmal wieder um; leiſe mig ud niemal hokanpf m ertgt die Ly Schre e Nah rieſelt et wal in ſi E piere un ob erſt Schtu e ſ ene Gil er Bel 367 durch die Finſterniß tappend, ſchlich er bis vor das Zimmer der Frau, die er ſo lange als ſeine Mutter nicht geliebt, aber doch gefürchtet. Er wollte ſein Verſprechen halten und ihr noch einen letzten Abſchiedsgruß ſagen. Als er jedoch an die Thür kam und durch das Schlüſſelloch lauſchte, ob ſie allein ſei, und er ſie daſitzen ſah am Bureau mit den aufgelöſten ergrauten Haaren, Scham und Reue in dem ehedem ſo ſtolzen Auge— da überkam ihn ein ſolcher Jammer, daß er ſich ſchweigend umwendete und die Treppe hinuntereilte, wie ein von Furien Verfolgter. Rechts und links neben ihm huſchte und wisperte es; aber er achtete auf nichts und athmete erſt wieder auf, als die ſchwere Hausthür hinter ihm leiſe ins Schloß fiel. Der Nachtwäch⸗ ter, der eben die Stunde abrief, grüßte ihn verwundert. An der nächſten Straßenecke ſtieß er gegen zwei unheimliche Geſtalten, die hier im Schatten lauerten und die ihm bei anderer 368 Stimmung wol einen gelinden Schauer einge⸗ flößt haben würden. Jetzt aber bemerkte er ſie kaum; mit eiligen Schritten ging er das Gewirr der Straßen entlang, bis er an das Thor kam, das auf die große Landſtraße führt. Wohin er eigentlich wollte? Ja wer das gewußt hätte! Nur ganz dumpf wie im Traum ſagte er ſich, daß er ſuchen wolle zu Fuß die nächſte Station zu erreichen und dann mit Extrapoſt weiterfah⸗ ren, in den nächſten Hafen und von dort nach Amerika— er mußte lachen, ſo grimmig er war, wie ihm der Gedanke kam, daß er da vielleicht auch den Herrn John, den Apoſtel der werkthätigen Liebe, wiederträfe... Die beiden Männer in der dunkeln Ecke, an denen der Regierungsrath vorübergeſchritten war, ohne ſie zu bemerken, warteten noch ein Weil⸗ chen, bis ſeine Tritte verhallt waren. Dann vorſichtig um ſich blickend, ſtahlen ſie ſich her⸗ vor und ſchritten auf das Haus der Frau von 60 — m uer einge rkte erſ as Gerin khot kan Pohin ußt hit te et ſh Statin veiterfah dort nach imnig aß et d Wyſt Ecke ttun nin in B Dun ſih hel zrn v . 369 Schwarzenfeld zu, das in dieſer mitternächtigen Stunde noch einmal ſo geſpenſtiſch ausſah wie ſonſt. Der größere der beiden Männer trug eine Strickleiter; an der Umfaſſungsmauer des Gartenhauſes angekommen, befeſtigte er dieſelbe mit geſchicktem Wurf oberhalb der Mauer. Dann ſtiegen Beide hinüber; die Strickleiter zogen ſie nach ſich. Es war der Zundelheinrich mit Ulrich Schwarz, und dieſe Nacht war beſtimmt, den lange gehegten Plan zur Ausführung zu brin⸗ gen. Die Ankunft der Commiſſion, die ſich wie ein Lauffeuer durch die Stadt verbreitet hatte, die Verhaftung des Herrn Lux und die ſtrengen Maßregeln, die jetzt gewiß in kurzem bevorſtanden, hatten den Ausſchlag gegeben. Auch war ja Gertrud todt, der Knabe, der al⸗ lein in ſeinem Bettchen lag, leicht mitgenom⸗ men; Ulrich wollte mit dem Zundelheinrich flie⸗ hen, er wollte nichts mehr von der Baronin wiſſen, die ihn ja doch nur immer mit Redens⸗ arten abſpeiſte und ihn ſogar die letzten Tage her nicht einmal vorgelaſſen hatte. Im Innern des Hauſes angelangt, zog Zundelheinrich eine Diebslaterne aus der Taſche; auch mit Dietrichen war er wohlverſehen. Ul⸗ rich fand ſich in den wohlbekannten Räumen leicht zurecht. Freilich überkam ihn zuweilen ein Schauer, es war ihm, als ſähe ihm heim⸗ lich Jemand über die Schulter, ſodaß er un⸗ willkürlich zuſammenfuhr; doch bezwang er ſich und führte den Freund vorſichtig und geſchickt. Durch die Reihe der leeren Staats gemächer, deren prächtige Ausſtattung Zundelheinrich's Hoffnungen gar ſehr belebte, gelangten ſie un⸗ hörbar und unbemerkt bis in das Zimmer zu⸗ nächſt der Wohnung der Baronin. Aber hier weigerte Ulrich ſich weiter mitzugehen.„Es iſt ja Licht in dem Zimmer“, ſtammelte er.... „Narr“, flüſterte Zundelheinrich,„das iſt die die Nachtlampe, und die Gnädige ſelbſt liegt im Fedens⸗ Bette— Da, ſchau hin“, indem er durch die Thür ſpähte,„das Bureau ſteht offen— welche g 3 Pracht! welche Fülle! Und da liegt auch die xiſe Brieftaſche!! die Brieftaſche, die ſie ſo ſtand⸗ n U haft abgeleugnet! Nun? hat die Gnädige un⸗ zi ſern Beſuch verdient oder nicht?“ anin Ulrich nickte ſchadenfroh, hielt ſich aber doch hein im Hintergrunde, während Zundelheinrich die z Thür unhörbar öffnete und in das Zimmer der Baronin trat. Er hatte einen günſtigen Mo⸗ 9 ment getroffen, das Zimmer war leerz die Ba⸗ ronin hatte ſich eben in ihr Schlafcloſet bege⸗ 4 ben, nicht um ſich niederzulegen, nur um die hein Haare neu zu ordnen und dann den Reſt der nſt Nacht am Schreibtiſch mit Ordnung ihrer Pa⸗ mnn piere und Gelder wachzubleiben. Haſtig griff Zundelheinrich zuerſt nach der Brieftaſche, das Gn verhängnißvolle Stammbuchblatt fiel heraus, er trat es achtlos mit Füßen. Dann ſcharrte er von Geld und Koſtbarkeiten zuſammen, was ſeine Taſchen halten wollten. Und ſie hielten viel; ſo ſehr er ſich beeilte, ſo fing doch Ulrich im dunkeln Nebenzimmer an die Zeit lang zu werden; auch fürchtete er ſich vor Entdeckung. Um daher den zögernden Genoſſen anzutreiben, öffnete Ulrich ebenfalls die Thür. In demſelben Augenblick trat die Baronin aus der gegenüber⸗ liegenden Thür des Schlafcloſets; ihr erſter Blick fiel geradeaus auf Ulrich Schwarz; mit einem lauten Schrei ließ ſie den kleinen ſilber⸗ nen Nachtleuchter auf die Erde fallen.... Was weiter geſchah, davon hatte Ulrich nur eine ganz dumpfe, unklare Empfin⸗ dung; er hörte ein Poltern, ein Ringen, ein Aechzen, gleich darauf war es, als ob ein ſchwerer Körper zu Boden ſiel, die Lampe ſtürzte klirrend darüber hin, daß es ganz dunkel im Zimmer ward und nur die Diebslaterne noch einen ſchmalen, grellen Lichtſtreif warf. 6 Nlhei bing giſchl der a ßühr Spyr wan denn hen“ woh Ur ſche En Ga falt du hier alte wis hieten llrich ng zu ckung. reiben nſelben nüber⸗ erſter mit Eine Secunde ſpäter fühlte er ſich von Zun⸗ delheinrich ergriffen und über Treppen und Gänge, durch raſchgeöffnete Thüren hinunter⸗ geſchleppt in den Hof; die Strickleiter ward wie⸗ der angelegt, auf der Höhe der Mauer zog ſein Führer ſie nach ſich, und dann ging es mit keckem Sprung hinunter auf die Straße. Erſt hier ge⸗ wann Ulrich Athem, ſeinen Freund zu fragen, was denn nur eigentlich geſchehen:„Nichts iſt geſche⸗ hen“ verſetzte Zundelheinrich mit ſtarker Stimme, während er ſo raſch lief, daß der ſchmächtige Ulrich ihm kaum folgen konnte:„Nichts iſt ge⸗ ſchehen, als daß wir Geld haben bis an das Ende unſerer Tage; ich gehe nur noch einen Gang in den Grünen Ochſen', beſorge du eben⸗ falls, was du noch zu beſorgen haſt, und wenn du dann mit mir willſt, ſo triff mich binnen hier und einer halben Stunde unterhalb der alten Brücke, wo die Weiden ſtehen. Aber in 374 einer halben Stunde und keine Minute mehr; haſt du verſtanden?“ „So gib mir wenigſtens die Brieftaſche“, keuchte Ulrich.„Das wäre doch nicht halb recht von dir, wenn du Alles allein behalten wollteſt.“ „Die Brieftaſche!“ hohnlachte Zundelhein⸗ rich; er hatte wirklich noch Zeit gefunden, ſie beim Schein der Diebslaterne zu durchſuchen, und ſich dabei zu ſeinem Bedauern überzeugt, daß ſie in der That vollſtändig leer.„Willſt du dir etwa das Trinkgeld für die Brieſtaſche jetzt auch noch holen und damit dem hellen Teufel erſt recht in den Rachen laufen? Sie werden unſere Spur ſo ſchon zeitig genug ha⸗ ben, wenn du ſo forttrödelſt....“ An der zweiten oder dritten Straßenecke trennten ſie ſich; Zundelheinrich ging in den „Grünen Ochſen“, wo er mit dem Wirth noch Einiges abzumachen hatte, Ulrich aber in den Thurm, um ſeinen Knaben abzuholen; inner⸗ ro ſa e whr ſtaſche“ alb rcht wolltſt“ ndelhei den, ſt chſuchen berzeugi Vilſ tieſtaſche m helen n Eit enug mßnt n ith i r in do nz inn 1 halb einer halben Stunde wollten ſie ſich unter der Brücke treffen. Es war Ulrich höchſt verdrießlich, daß er nicht in den Thurm gelangen konnte, ohne zu ſchellen. Doch öffnete Frau Lux auf den erſten leiſen Klingelzug; ſie war noch völlig angeklei⸗ det, aber mit einem Ausdruck von Verwirrung, um nicht zu ſagen Wahnſinn im Blick, der ſelbſt von Ulrich nicht unbemerkt bleiben konnte. „Nun? Sohn einer Baronin?“ ſchnarrte ſie ihn an; ihre Stimme war hohl und raſſelnd, wie wenn Steine in einen Topf geſchüttet werden. „Kommſt du noch ſo ſpät, den gnädigen Junker abzuholen? Ein hübſcher Enkel für eine Ba⸗ ronin, ſolch ein blödſinniger Burſche!“ „Ah was, Baronin hin, Baronin her“, ſagte Ulrich, ſie unwirſch beiſeite drängend;„hier iſt jetzt keine Zeit von Baroninnen zu ſprechen—“ „Das iſt köſtlich“, keuchte die Nachtgeſtalt; „nun weiß der auch wieder nicht, daß er der 376 Sohn der alten Baronin iſt! Ja ja, ſeit mein Lur gefangen, iſt der Verſtand auf Erden alle⸗ geworden. Und mich wollen ſie nun morgen auch aus dem Thurm werfen, mit dem Frü⸗ heſten, es iſt mir ſchon angekündigt. O das geht ja nicht, das hält der Thurm ja nicht aus — und ich auch nicht! Aber da weißt du wol auch nicht, Sohn einer Baronin“, unterbrach ſie ſich plötzlich ſelbſt, indem ſie ſich immer dicht an Ulrich's Seite hielt und ruhig zuſah, wie er das ſchlafende Kind aus ſeinem Bettchen nahm, es in ein Tuch wickelte, das hier noch von Gertrud zurückgelaſſen war, und ſich mit dem Kinde nach der Ausgangspforte zurückbegab— „So weißt du wol auch nicht, Sohn einer Ba⸗ ronin, wer eigentlich deine Frau geweſen? Nun, ſtandesgemäß: Gertrud Miller oder vielmehr Gertrud von Schwarzenfeld, die Tochter dei⸗ ner Mutter, deine Schweſter! O das arme Kind——!“ —— . denn nich welc nch hen lich blo abe fen zen das mu nen wir chr ſchr ſi Ulrich hörte nur mit halben Ohren hin; dennoch grauſte es ihn.„Biſt du denn nur n wirklich wahnſinnig, Weib?“ fragte er:„oder em Fr welch teufliſches Ergötzen iſt das, Einen bei ddo nachtſchlafender Zeit mit ſolchen grauſigen Mär⸗ icht u chen zu erſchrecken?“ du ml„Ach nein“, erwiderte die Frau in weiner⸗ ſterbtut lich ſingendem Tone,„ich bin nicht wahnſinnig, ner diht blos meine Mutter war wahnſinnig— mich „wie er aber wollen ſie morgen aus dem Thurm wer⸗ n wahn, fen, mein Mann ſitzt gefangen, und du und och von Gertrud ſeid die Kinder der Frau von Schwar⸗ nit den zenfeld und habt euch geheirathet— hihihi, was ega— das lächerlich iſt!“ iner Be⸗ Sie ſchlurfte in den Thurm zurück; Ulrich 17 Nun, mußte ſich gegen die ſchwere eichene Pforte leh⸗ vielmeh nen, ſo hatten die tollen Reden auch ihn ver⸗ tet di Aber der Knabe drohte zu erwachen, er ſchrie vielleicht und vermehrte dadurch die Ge⸗ fahren der Flucht. Er raffte ſich alſo gewaltſam 16 arn 376 auf, drückte das Kind feſt an ſich und eilte zu dem bezeichneten Platze.—— Ungefähr eine Stunde ſpäter ſchlug die Feuerglocke der Stadt an; es brannte, und zwar im Muſikantenthurm. Der Traum der Frau Lux hatte ſich erfüllt; vor Wuth und Verzweiflung ihrer Sinne nicht mehr mächtig, hatte ſie das brennende Licht unter das Dach des Torfſtalls geworfen; raſch wirbelte die Flamme empor, die lange andauernde ungewöhnliche Hitze des letzten Sommers hatte alles Holzwerk trocken gemacht wie Zunder, und bald ſtand das ganze weitläu⸗ ſige Gebäude von der Sohle bis zum Dach in einem einzigen Flammenmeer. Es war eine fürchterliche Nacht; ein ſchneidender Nordwind blies die Glut immer gewaltiger an und er⸗ ſchwerte der Löſchmannſchaft, deren Eimer ſich mit Reif bedeckten, ihre Arbeit ungemein. Die aus der Hauptſtadt anweſenden Commiſſare waren gleich bei dem erſten Feuerlärm auf der eilt u Brondſtätte erſchienen und leiteten das Rettungs⸗ werk. Daß der Regierungsrath ſich nicht ſehen hug de ließ, fiel zwar auf; doch war man dergleichen und m Nachläſſigkeiten von ihm ſchon gewohnt. Deſto der Fu angeſtrengter, mit verzweifelnder Kraft, arbeitete weiſug Hermann. Dicht ihm zur Seite, mitten im ſie d ſpruhenden Feuerregen, hielt ſich Gertrud; ſie korfſul achtete nichts, auch nicht die verwunderten por di Blicke, das Ziſcheln und Fragen, das ihre Er⸗ es letten ſcheinung begleitete: ihr Herz war von der Ver⸗ gnaht zweiflung der Mutterliebe geſchwellt, ihre Kraft witl verzehnfacht— ſie ſuchte Bernhard, ihren Sohn, Dach i und konnte nirgends eine Spur von ihm ent⸗ wor i decken! Nordwi Endlich, nach mehrſtündigem Kampfe, wurde nd nan des verzehrenden Elements Herr; nur die gim ſt nackten Mauern waren gerettet, und auch die un d ſürzten zum Theil dumpf polternd zuſammen. onniſun Auch zwei Menſchenleben waren zu beklagen: 5 naf Frau Lux, die auf der äußerſten Spitze des 1 3 brennenden Thurms erſchienen war und ſich, wie es ſchien, abſichtlich in die toſenden Glu⸗ ten geſtürzt hatte, und— Gertrud. In der Bemühung, zu Bernhard's Wiege zu dringen, war ſie von einem herabſtürzenden Balken er⸗ ſchlagen worden; ihr ſchönes Haupt lag mit Blut bedeckt, um die Lippen ſchien noch ein letzter Wehruf der Mutterliebe zu ſchweben.... Aber kaum daß die Stadt ſich von dieſer Schreckensnachricht einigermaßen erholt hatte, ſo wurde ſie durch eine andere, noch furchtbarere, in neuen Schrecken verſetzt. Die alte Baronin von Schwarzenfeld war eine unerſchrockene Frau, das wußte Jedermann: hart gegen ſich wie ge⸗ gen Andere und wenig achtend auf Dinge, welche gewöhnliche Frauen in Angſt und Schrecken ſetzen. Auch den Lärmen des Feuers hatte ſie unbeachtet gelaſſen; die Dienerſchaft war Dergleichen von ihr gewohnt und hatte nichts Befremdliches darin gefunden. Den Re⸗ jun de B Nucht n di udt wegte bieh undſt ungs iher A in ſe man Pir imend wen 2 Nute 1 Bich ſit meſen und ſih nden Gl In de u dringen Balken e t lag ni noch i weben. on dieſt alt hatte chtberer eBatn kene Fr h wie 9 uf Dinh ngt e Fiu ienetſtin und hi Re⸗ Del gierungsrath vermutheten die Hausgenoſſen auf der Brandſtätte, weshalb auch nach ihm keine Nachfrage geſchah. Erſt als am nächſten Mor⸗ gen die gewohnte Stunde längſt verſtrichen war und die Baronin noch immer nicht öffnete, wagte die Kammerfrau zu pochen. Das Pochen blieb unbeantwortet. Jetzt wurde man ängſtlich und ſchickte nach dem Regierungsrath. Der Regie⸗ rungsrath war nirgends zu finden und war, wie der Augenſchein bewies, die Nacht auch gar nicht in ſein Bett gekommen. Jetzt endlich erbrach nan die Thür— und fand die Baronin, von Nörderhand erſchlagen, in ihrem Blute ſchwim⸗ nend; ſie hatte gerade nur noch Kraft genug den Mund zu öffnen, und nach der Stubenthür Rutend, röchelte ſie:„Mein Sohn Und ihr Sohn, der Regierungsrath, war die Jacht nicht in ſein Bett gekommen, war, wie man ietzt erfuhr, auch nicht auf der Brandſtätte ge⸗ veſen und war überhaupt nirgends zu finden. tim unt i Geſt das Zwölftes Capitel. ⸗ Zwei Flüchtlinge. von Es war eine große Beruhigung für Ulrich 6u Schwarz, als er, keuchend unter der Laſt ſeines 41 Knaben, noch vor Ablauf der halben Stunde it bei der alten Brücke an der Weidenallee an⸗ langte— und richtig, unter dem mittelſten di Pfeiler ſaß Zundelheinrich mit ſchweren Taſchen wu und erwartete ihn.„Es iſt doch eine ehrliche i Haut“, dachte er bei ſich„ich an ſeiner Stelle wäre längſt über alle Berge und hätte meinem we Kameraden das Nachſehen gelaſſen.“ Aber gleich darauf fielen ihm die wirren i Reden der Frau Lur ein, und mit drohender 383 Stimme fragte er:„Was haſt du nur mit der alten Frau gemacht? Ich hörte ſo einen dumpfen Fall— weißt du auch, daß ſie eigent⸗ lich meine Mutter iſt? und daß, wenn dieſe Geſchichte herauskommt, ich mir um deinetwillen das ſchönſte Glück verſchlage?“ Er hoffte nämlich in der Stille noch immer von Verdacht freizubleiben; wenn ſich die fir Ui Geſchichte dann wieder beruhigt hätte, dachte uſ ſin er heimzukehren und ſich erſt recht im Hauſe en n der Baronin einzuniſten. enalle o Zundelheinrich lachte wild.„Wenn das it deine Mutter geweſen“, ſagte er,„dann biſt ten Leſ du jetzt ein armes Waiſenkind: die alte Frau ine ch verräth Keinen mehr....“ eint i„Verräth Keinen mehr? Was? Du haſt te n doch nicht Hand an ſie gelegt?“ ſchrie Ulrich. „Nein“ erwiderte der unerſchütterliche Böſe⸗ pie wi wicht,„die Hand nicht, ſondern blos ein blankes„1 tnh Meſſerchen; ich glaube gar, das verwünſchte 1 *. 384 Ding iſt mir beim Ringen entfallen. Aber es kommt auf Eins heraus: vor Tagesanbruch müſſen wir aus dem Bezirk hier heraus ſein, ſonſt ſind wir verloren, ſo wie ſo. Heb' die Beine, es iſt ſchlechter Weg hier in dem Torf⸗ moor, und wenn dir der Junge zur Laſt wird, wirf ihn ins Waſſer.“ „Lieber ſtoße ich dich ſelbſt hinein, Beſtie“, murmelte Ulrich. Doch hatten ſie jetzt Nöthi⸗ geres zu thun als zu ſtreiten. Der Weg durch den Torfmvor, da ſie ſich auf der Landſtraße nicht zu halten wagten, war allerdings außer⸗ ordentlich ſchlecht. Ueberall waren kleine Pfützen, mit dem erſten dünnen Eis bedeckt, das bei der leiſeſten Berührung zuſammenbrach; alle Augenblicke war ein knietiefer Graben zu über⸗ ſpringen, was Ulrich mit ſeiner Laſt ſehr ſchwer ward, während Zundelheinrich mit ſeinen langen Beinen darüber hinſchoß wie ein Pfeil. Auch trieb er unabläſſig, und der leicht ermüdete Aber ei öanbruch aus ſein Heb di em Tor aſt win, Beſti“ t öthi eg durch anfnſ 6 außer Ffitn des bi h; zu ibn hr ſhn en lung“ mid 385 Ulrich vermochte bald nicht mehr zu folgen. „Nur einen Augenblick halt an!“ ſtöhnte er; ſeine Kleider waren triefend naß, Haar und Bart mit Reif bedeckt; der Arm, mit dem er den Knaben trug, war ihm ganz ſtarr und leblos. Aber in demſelben Augenblick ſchlug hinter ihnen die Lohe der Feuersbrunſt empor, und gleich darauf fingen auch die Sturmglocken an zu heulen.„Das iſt der Thurm!“ rief der Zundelheinrich.„Ein gut Stück Arbeit; haſt du das noch in der Geſchwindigkeit angerich⸗ tet? So war es ein guter Einfall; wir können nun doch wenigſtens unſere Füße ſehen.... Damit verſchwand er in der Dämmerung. Alle Anſtrengungen Ulrich's, ihn einzuholen, alle Bitten, ihn zurückzuhalten, waren vergeblich; ſchon zwei mal war der ſtolpernde Mann bis an die Bruſt in den Schlamm geſunken, ſeine Füße Der Muſikantenthurm. III. 17 386 verſagten den Dienſt. Auch wachte das Kind jetzt auf und verlangte ängſtlich nach ſeiner Mutter. Und wenn es das Leben koſtete, und wenn die Hä⸗ ſcher ihn in dieſem Moment ergriffen und fort⸗ ſchleppten— er mußte Athem ſchöpfen, mußte ein paar Augenblicke ausruhen! Die Flamme des Thurms leuchtete weithin; auf der Landſtraße wurde es lebendig, Stimmen riefen, Pferde ſtampf⸗ ten, Spritzen raſſelten: es waren die Bewohner der benachbarten Gehöfte, die in die Stadt eilten, bei der Löſcharbeit zu helfen. Ulrich bedrohte das Kind, daß es ſchwieg; dann ſchlug er ſich noch mehr ſeitwärts, zwiſchen den Gräben und Torf⸗ mauern hindurch, recht in die Mitte des uner⸗ gründlichen Sumpfs. Hier endlich, rings von Torfſchichten eingeſchloſſen und dadurch vor jedem ſpähenden Auge verborgen, raſtete er; er hüllte das Kind wohl ein und ſetzte es neben ſich auf den Boden. Der Knabe, ſonſt ſo ſtill, weinte und wimmerte; er hatte Hunger, auch ſchlt Geg der die ſche ſun Find jett rMutter ndie Hi⸗ und fort⸗ mußte ein mnt de andſtraßt eſtamp ewohnet eilten, rohte das ſich nc nd Tunf des un ings vl u ſtet ez ube tſt ſil , ut 387 fehlte ihm die Mutter, und die Nacht und die Gegenwart des wilden Vaters ängſtigten ihn. Der Himmel ſtand noch immer in Glut, und die Sturmglocken erhoben unausgeſetzt ihre krei⸗ ſchenden Stimmen. Aber noch weit lauter gellten die Stimmen, die in Ulrich's Kopfe ſummten; war Frau Lux nicht wahnſinnig? War er wirklich der Sohn der Baronin? Hatte der Sohn die Mutter erſchlagen, der Bruder die Schweſter geheirathet, und war dies arme, wimmirnde Kind hier, auf dem kalten Nacht⸗ boden vor ihm— war es wirklich das Kind einer Ehe, vor der Erde und Himmel ſich ver⸗ hüllen mußten?! Ulrich konnte die Angſt nicht aushalten; er lief im Kreiſe umher, wie ein Thier im Käfig. Dabei trat er auf eine weiche Stelle, ſein Fuß ſank ein; er wollte zur Seite ſpringen und ge⸗ rieth in eine andere, die noch tiefer war; lang⸗ ſam, bis an die Hüften, ſank er ein; noch konnte 388 er ſich mit den Händen ſtützen, krampfhaft wühlte er die Nägel in das lockere Erdreich. Aber je mehr er wühlte und um ſich ſchlug, je tiefer ſank er; ſchon reichte der Sumpf ihm bis an die Elnbogen, ſchon bis an die Bruſt, und noch füͤhlten ſeine Füße keinen Grund. Dezu wimmerte das Kind, heulten die Sturmglocken, raſſelten die Wagen auf der entfernten Straße. Ulrich heulte wie ein angeſchoſſener Tiger; es kam ihm jetzt nichts mehr darauf an, ſich vor den Verfolgern zu retten, wenn nur ein Menſch ihn hörte und er nicht elendiglich im Schlamm erſticken mußte. Immer tiefer glitt er hinunter, immer kleiner wurde der Feuerſchein am Him⸗ mel, den er mit den Augen erreichen konnte, immer höher ragten die braunen finſtern Torf. wände, immer ängſtlicher, aber auch immer leiſer und ſchwächer ſtöhnte das Kind. Hätte er nur wenigſtens das Kind noch erreichen können— lin Ja wit krampfhaſt Erdteich ſchug,ſ f ihm bi ruſt, und d. Dal rmgloem n Straßt tiger;( ſch vor in Menſch Schnn hinunt an hin n konne en Zor met liſt te er M önen 389 er wollte ja gern untergehen mit ſeinem Kinde im Arm!! Aber auch dieſer Troſt blieb ihm verſagt; als die Sonne bleich und kalt über die bereifte Ebene emporſtieg, war Ulrich Schwarz im Moor verſunken, und ſein kleiner„alter Mann“ war vor Froſt und Hunger und Angſt vier Schritte vom Vater geſtorben.——— Sehen wir uns nach dem zweiten Flücht⸗ ling um, der in dieſer Nacht die Straße des Jammers zog. Nicht den Zundelheinrich meinen wir, ihn wird ſein Schickſal erreichen: ſondern den flüchtigen Regierungsrath. Rudolf war des Fußwanderns ungewohnt; auch war ſeine Auf⸗ regung ſo groß, daß er nicht einmal die Feuers⸗ brunſt bemerkte, die einige Zeit darauf hinter ihm emporleuchtete. Er hatte ſich ebenfalls von der Landſtraße entfernt: aber glücklicher als die beiden Räuber, war er in die tiefe gelbe Sand⸗ ebene gerathen, wo ſeine Füße zwar mühſam, aber doch ſicher vorwärtsſchritten. So ging er denn wacker zu; bei Tagesanbruch mochte er wol ſchon zwei Meilen zurückgelegt haben. Die Poſt⸗ ſtation mußte alſo bald erreicht ſein; darum wandte er ſich jetzt wieder der Landſtraße zu. Aber damit waren auch ſeine Kräfte erſchöpft; kaum hatte er die Straße erreicht, als er zuſammenbrach, mitten im Wege, und ohn⸗ mächtig liegen blieb. Da er wieder zu ſich kam, ſah er ſich in einen weichen ſchönen Reiſewagen gehoben, die Pferde, lange Rauchſäulen aus den bereiften Nüſtern blaſend, ſtampften ungeduldig, und der Poſtillon ſprach mit einem ernſten, ſtattlichen Manne, der ſich mit ruhiger Freundlichkeit um den Ohnmächtigen bemühte. Rudolf's Sinne tobten noch durcheinander; er hielt den ernſten ſchlanken Mann mit den regelmäßigen kalten Zügen für einen Beauftragten der Commiſſion und glaubte ſich wegen ſeiner Veruntreuungen ng et dern e er wel Die Poſ⸗ darum ſtraße zu erſcöpft els er und ohn e ſich in oben, di heriftn und d ſtettihe ichkeit un E nenſn en liln omniſſin treuuny verfolgt und aufgegriffen.„Ich bin der Regie⸗ rungsrath von Schwarzenfeld“, ſtammelte er, „ich hoffe allen Schaden erſetzen zu können; man ſchone die Ehre meiner Mutter und mei⸗ er Frau „Regierungsrath von Schwarzenfeld? der ſogenannte Rudolf von Schwarzenfeld?!“ rief der ernſte Mann mit einem, wie Rudolf jetzt erſt bemerkte, fremdartigen, doch nicht unange⸗ nehmen Accent:„Nun“(mit einem kräftigen engliſchen Fluch)„für ſo etwas verlohnt es ſich allerdings ſchon, den Ocean zwei mal zu kreu⸗ zen. Sind Sie, mein Herr, Rudolf von Schwar⸗ zenfeld, ſo bin ich wenigſtens Ihr Doppelgänger, und zwar bin ich der echte Schwarzenfeld: ich bin Ulrich Blackfield, zu deutſch Schwarzenfeld, als Kind einmal genannt Ulrich Schwarz, und komme ſoeben zum zweiten male aus Amerika, wo ich meinen alten wackern Vater, Hugo von Schwarzenfeld, genannt Hugh Blackfield, 392 die ehrlichſte Pflanzerſeele auf funfzig Mei⸗ len in der Runde, auf deſſen Befehl ich die Reiſe ſchon einmal angetreten, leider ſoeben in die kühle Erde haben ſenken müſſen. Aber ich habe noch ein wackeres Weib, ein friſches Mäd⸗ chen aus Kentucky, die mir ſechs Kinder gebo⸗ ren hat, Knaben und Töchter; wenn Ihr hier die Suppe verſalzen habt, Doppelgänger, ſo kommt zu uns herüber, ein Platz an unſerm Herde ſoll Euch immer gegönnt ſein.— Aber erſt“, fuhr er fort, indem er dem Poſtillon winkte aufzuſteigen,„will ich meine Frau Mut⸗ ter kennen lernen und ihr die Verzeihung mei⸗ nes Vaters bringen; zugefahren, Schwager, es iſt verdammt kalt hier auf der zugigen Land⸗ ſtraße!“ So vielen Räthſeln waren Rudolf's ſchwache Sinne nicht gewachſen; er verſank aufs neue in einen wohlthätigen Schlummer und erwachte auch nicht einmal, als der Wagen über das ig Mei⸗ ich die eben in Aber ich es Mid⸗ er gebo⸗ Ihr hiet ger, ſo unſerm Aber hofilon u Mut⸗ ng mi ger 1 Lund⸗ chwache s nu micht er das 393 holprige Pflaſter der Stadt rumpelte, um end⸗ lich vor dem Hauſe des Medicinalraths ſtillzu⸗ halten, der in Herrn Blackfield den lange erwarte⸗ ten Gaſtfreund aus Amerika begrüßte, den Sohn ſeines alten Freundes Hugo von Schwarzen⸗ feld, der ſich nicht das Leben genommen hatte, ſondern mit Wiſſen und unter Beihülfe des Freundes, um dem furchtbaren, ach und noch immer geliebten Weibe zu entfliehen, unter frem⸗ dem Namen nach Amerika gegangen und dort durch Fleiß und Anſtrengung ein reicher und angeſehener Grundbeſitzer geworden war. Dreizehntes Capitel. Schluß. Aber woher dieſer doppelte Ulrich Schwarz? fragt der geneigte Leſer. Es gab von jeher nur Einen wahren Ulrich Schwarz, und das iſt die⸗ ſer Ulrich Schwarzenfeld aus Amerika, den wir ſoeben kennen gelernt haben. Der damalige Doctor Brunner, der jetzige Medicinalrath, war in alle Geheimniſſe ſeines Freundes eingeweiht, wenn auch erſt geraume Zeit nach der zweiten öf⸗ fentlichen Vermählung des ebenſo ſchönen wie unglücklichen Paars, als Hugo's verzweifelte Stimmung in eine wirkliche Gemüthskrankheit auszuarten drohte. Damals erfuhr er die Ge⸗ chwar;! cher nur iſ di⸗ den wir damalige ath, wot ngwi eiten if nen vi tzwifl runht 395 burt des erſten Kindes, deſſen Anerkennung durch die falſche Scham der Baronin verhindert ward, bis es zu ſpät dazu war, und auch die ſchmäh⸗ liche Umtauſchung der Kinder, zum Zweck des Teſtaments, theilte Hugo dem Freunde mit, ſo⸗ bald er ſelbſt zu ſeiner furchtbarſten Zerknir⸗ ſchung dahintergekommen war. Der junge Doc⸗ tor war ſchon gerade ſolch ein närriſcher Kauz wie der alte Medicinalrath; er konnte Hugo nicht gerade verdammen, daß er nicht zum Ver⸗ räther und Ankläger ſeiner eigenen Frau wer⸗ den wollte, wol aber rieth er ihm, der ganzen wüſten Geſchichte den Rücken zu wenden; weder dieſes Vermögen, bei dem einmal kein Segen war und das ſeine Ehre ihm anzunehmen oder zu benutzen ohnedies nicht erlaubte, noch dieſe Frau, die ſich ſo leichtfertig von ihren Kindern trennte und den flüchtigen Weltruf der wahren Ehre vorſetzte, konnten ihn nach der Anſicht des Arztes zurückhalten. Hugo überzeugte ſich von 396 der Richtigkeit ſeines Raths; er ließ die Ko⸗ mödie mit ſeinem Tode ſpielen und flüchtete ſich nach Amerika. Aber natürlich nicht ohne ſeinen Sohn mit fortgenommen zu haben; nach der Tochter forſchte er nicht weil auch er an das Märchen von ihrem Tode glaubte. Die Pfle⸗ gerin des Knaben, eine Schweſter der Frau Schernberg, eine habgierige, hinterliſtige Frau, dieſelbe, deren der ehemalige Seiltänzer ſich nur noch erinnerte, wie ſie Geld in einen Topf ge⸗ zählt und dabei mit den harten Thalern geklap⸗ pert, fand es ihrem Vortheil höchſt angemeſſen, die Wegnahme des Knaben zu verheimlichen und ſtatt ſeiner ihren eigenen gleichalterigen Kna⸗ ben zu erziehen. Dies war der Ulrich Schwarz, der die Baronin gerettet hatte und in dem dieſe ihren Sohn zu erkennen glaubte. Als dann die böſen Kriegsjahre kamen, ging der treuloſen Pflegemutter der gehoffte Vortheil raſch verloren; das Städtchen wurde verbrannt und ber den ſchl lche nac ein Pr die Ko⸗ ſete ſih e ſinen ach der an das e Pe t Frul eFral, ſch nut oyf ge gelly⸗ emeſſn imlichn n K⸗ chwen, m itſt n, zi Borhil rbunn und geplündert, ſie ſelbſt vom anſteckenden Fie⸗ ber hinweggerafft, ihr Sohn, noch immer unter dem Namen Ulrich Schwarz, in die Welt ge⸗ ſchleudert. Wir haben geſehen, welche unglück⸗ liche Laufbahn er darin machte. um ſo glücklicher gedieh der echte Sohn, der nach Amerika Entführte; er wuchs heran zu einem tüchtigen braven Menſchen, der ſeinem Vater Freude machte und ihm zu allem Guten kräftig beiſtand. Als der Vater nahe an die Siebziger kam und fühlte, wie ſein Lebensende ſich neigte, wurde er von heftiger Sehnſucht nach dem Vaterlande und nach jener Frau ergrif⸗ fen, die er einſt die Seine genannt. Den Brief⸗ wechſel mit ſeinem Freunde Brunner hatte er zwar unterhalten: aber deſſen Nachrichten waren kärglich und wenig erfreulich. Selbſt noch die weite Reiſe zu unternehmen, fehlte dem hoch⸗ bejahrten Manne die Kraft; ſo beſchloß er denn den Sohn zu ſchicken. Bei dem klaren, ruhigen 398 Sinne deſſelben durfte er ihn dreiſt in alle Ge⸗ heimniſſe einweihen, ohne darum die Achtung vor ſeiner Mutter allzu ſehr zu untergraben. Auch gab er ihm die Brieſtaſche mit dem Stamm⸗ buchblatt mit, die Ulrike ihm am Vorabend ihrer heimlichen Vermählung geſchenkt und die er als liebſtes Andenken mit ſich genommen hatte; ſie ſollte dem Sohn weniger als Erken⸗ nungszeichen dienen— für den Zweck war er mit gültigern Papieren hinlänglich verſehen— denn als Symbol, daß er als Bote des Frie⸗ dens käme, nicht um alte Wunden wiederauf⸗ zureißen, ſondern im Gegentheil um zu hei⸗ len und zu verſöhnen. Schon in Deutſchland angekommen und auf dem Wege zu ſeiner Mut⸗ ter, erlitt der junge Mann den Verluſt der Brieftaſche; wir wiſſen durch wen und auf welche Weiſe. Dem Sohn war derſelbe nur inſoweit ſchmerzlich, als er wußte, welchen Werth der Vater auf das Andenken legte. Noch mit den Pa ſiht wo me alle Ge⸗ Ahtun etgraben Stam Borabend und di nommn s Erkin⸗ war e ſchen— es hrit iederuf zu hei utſchlud nur Nu rluſt de un a elbe t en Pun ſoch ni den Nachforſchungen deshalb beſchäftigt, erhielt er die Trauerkunde von dem Ableben ſeines Vaters; während der Sohn als Bote der Ver⸗ ſöhnung zu der lange verlorenen Mutter eilte, war der Vater ſanft und friedlich in den Ar⸗ men ſeiner Schwiegertochter, im Kreiſe ſeiner Enkel, entſchlummert. Die vereinſamte Lage ſeiner Familie, ſowie der weite Umfang ſeiner Beſitzungen, die das Auge des Herrn nicht ent⸗ behren konnten, nöthigten den jungen Herrn Blackfield— man ſieht beim erſten Blick, daß dies nur eine Ueberſetzung des Namens Schwar⸗ zenfeld iſt— zur ſchleunigen Heimkehr; auch war es begreiflich, wenn er kein ſehr ſtürmiſches Verlangen trug, eine Mutter kennen zu lernen, die ſich ſeiner ſo ſchnöde entäußert; mit welcher Qual der Verzweiflung ſie ihn jahrelang ge⸗ ſucht, davon wußte er freilich nichts. Erſt nach⸗ dem er in der Heimat das Nöthigſte geordnet, eilte er zum zweiten male nach Europa, um jetzt endlich den Befehl des verſtorbenen Vaters zu er⸗ erfüllen; an den Medicinalrath hatte er nicht wie⸗ der geſchrieben, theils weil er vom Schreiben über⸗ haupt kein Freund war, theils weil er der Erſte zu ſein wünſchte, der ſeiner Mutter die Nach⸗ richt vom Tode ihres Mannes hinterbrächte, und zwar zugleich mit ſeinem Segen.— Kehren wir denn noch einmal, zum letzten male, in das alte düſtere Haus der Baronin zurück. Der entſetzliche Verdacht, den man im erſten Schreck gegen Rudolf gefaßt hatte, war bei der Maſſe von Anzeigen, die gegen denſel⸗ ben vorlagen, ſehr natürlich. Rudolf lebte mit der Baronin ſeit Jahren in erklärter Feindſchaft, war Geld benöthigt, hatte denſelben Abend eine heftige Unterredung von ungewöhnlicher Dauer mit ihr gehabt. Dazu kamen die Blutſpuren auf Eugenie's Gewand, ſeine Flucht, die Be⸗ gegnung mit dem Nachtwächter. Auch dürfen wir jetzt ja wol verrathen, was das geheimniß⸗ ſhri niſch tntt geſch ſchw daß von ine Un bend Me mali Vn le tor n terli etzten ronin nim wat enſil⸗ e nit ſchaft dein Doue pur Be irfen miß⸗ volle Wispern und Flüſtern zu bedeuten hatte, das ihn umgab, da er die Treppe hinunter⸗ ſchritt: es war Flora, die ſich, auf Alfred's ſtür⸗ miſches Begehren, heimlich aus dem Muſikan⸗ tenthurm zum Stelldichein mit dem Geliebten geſchlichen hatte. Auch von ihr war Rudolf's ſchwerer Tritt erkannt worden; ihre Erklärung, daß ſie Zeuge geweſen, wie er um Mitternacht von der Thür ſeiner Mutter gekommen, war eine ſchwere Bezichtigung für den Unglücklichen. Am härteſten aber traf ihn der Ausruf der ſter⸗ benden Baronin:„Mein Sohn!“ den natürlich Alle auf Rudolf bezogen, Niemand auf den ehe⸗ maligen Seiltänzer. Dieſes Zeugniß der eigenen Mutter ſchien ſo furchtbar entſcheidend, daß alle Zweifel davor verſtummten und ſelbſt Doc⸗ tor Brunner die Sache ſeines Freundes, dem er Manches zutraute, aber doch keine ſo fürch⸗ terliche That, verloren geben mußte. Dennoch war bei Rudolf's Rückkunft der — ſchmähliche Argwohn bereits beſeitigt. Der Wirth im„Grünen Ochſen“ hatte Verdacht geſchöpft; Raub und Mord, das ging denn doch über die Freiheiten hinaus, zu denen er allenfalls die Augen zudrückte. Er machte Anzeige, Ulrich's Leiche, von der nur noch das wohlfriſirte Haupt⸗ haar herausragte, wurde nebſt der Kinderleiche gefunden; Zundelheinrich, der ſich zwiſchen den Gräben und Sümpfen ebenfalls verirrt hatte, ward ergriffen. Die Koſtbarkeiten, welche er bei ſich trug, überführten ihn, ebenſo das auf⸗ gefundene Meſſer; auch geſtand er im erſten Schreck Alles, hing ſich aber ſchon in der näch⸗ ſten Nacht im Gefängniß auf. Die Baronin, deren Verwundung tödtlich war, lebte gleichwol noch lange genug, um den wunderbaren Zuſammenhang aller dieſer Dinge zu erfahren; ſie freute ſich der nahen Vereini⸗ gung mit Hugo, umarmte ihren Sohn, verzieh Rudolf, beklagte das unglückliche Schickſal der arn al ma En Na vet Virth hpft et die ls die lrichs Haupt⸗ erleiche n den hatte, che er auf⸗ erſten nich⸗ tödtlich m den dingt zerein etjih ſcl der armen Gertrud, ihrer Tochter, erkannte Hermann als ihren Enkel an und legte Klara's und Her⸗ mann's Hände ineinander. Nur das furchtbare Ende des Seiltänzers verſchwieg man ihr, ſein Name wurde nicht genannt; ſie ſtarb ruhig und verſöhnt. Das Vermögen, das ſie nachließ und das außerordentlich beträchtlich war, wurde auf Herrn Blackfield's Vorſchlag, der ſelbſt reich genug war und nichts davon begehrte, in drei gleiche Theile getheilt. Den erſten bekam der Muſikantenthurm: er war reichlich ſo groß wie das urſprüngliche Vermãchtniß des alten Kammer⸗ directors; den zweiten erhielt Hermann, der Sohn Gertrud's, der Baronin echter Enkel, der dadurch zu einem ſehr vermögenden Manne ward, der ſeiner Kunſt mit aller Bequemlichkeit obliegen konnte. Doch blieb er beſcheiden und liebenswürdig wie immer, und weit und breit kennt man kein glücklicheres Paar als Klara 404 und Hermann. Das letzte Drittel fiel an Ru⸗ dolf ſelbſt. Doch theilte er es ſofort, ohne einen Heller davon für ſich ſelbſt zurückzubehalten; er gab die eine Hälfte an ſeinen Schwager Al⸗ fred, die andere wurde ſichergeſtellt als Wit⸗ thum Eugenie's. Auch bot er ihr an, ob ſie ſich wollte von ihm ſcheiden laſſen. Aber Eu⸗ genie fiel ihm weinend um den Hals und be⸗ gleitete ihn freudig nach Amerika, wo er jetzt unter Herrn Blackfield's Anleitung ſich zum wackern Landwirth ausbildet. Eugenie ſchreibt keine Bücher mehr, auch braucht ſie es nicht, weil ſie jetzt Kinder hat. Alfred hat die Prophe⸗ zeiungen ſeiner Freunde wahr gemacht; er iſt in der That ein berühmter Componiſt, Flora ſeine treue und liebevolle Gattin geworden; ſie verſteht die ſeltene Kunſt, den Ruhm einer gro⸗ ßen Sängerin mit dem Verdienſt einer braven Hausfrau zu vereinigen, und der Geigenfritz, der nur noch Wein trinkt, feiert als glücklicher ſeit Vater und Großvater eine zweite Glanzepoche ſeines Lebens.— Der Präſident ſtarb bald nach der Schreckensnacht, in der That vor Schreck; ſolche horriblen Abenteuer in ſeiner anſtändigen Familie vermochte er nicht auszuhalten und em⸗ pfahl ſich. Von Herrn Kroppenberg hat man nie wieder etwas vernommen; auch hatte Nie⸗ mand Luſt ihm nachzuſpüren. Herr Lux ſitzt zur Zeit noch im Zuchthaus; doch hofft er mit nächſtem herauszukommen und als Colporteur bei einem Tractätchenverein angeſtellt zu werden. Der Muſikantenthurm iſt im Neubau begriffen das von den Schwarzenfeld'ſchen Erben dazu aus⸗ geſetzte Capital iſt mehr als ausreichend geweſen, und der alte Streit zwiſchen Regierung und Bür⸗ gerſchaft dadurch beigelegt. Auch von der chriſt⸗ lichen Werkthätigkeit iſt, theils infolge der Schlappe, die ſie durch Herrn John erlitten, theils wegen der inzwiſchen erfolgten politiſchen Umwälzung, keine Rede mehr. Der Bau ſoll nächſtens gerichtet werden, Frau Meier hat ſich ſchon ein paar neue Schöße dazu gemacht, und auch die übrigen Thurmbewohner freuen ſich lebhaft darauf. Hoffen wir denn, daß in das neue Haus auch ein neuer Geiſt einzieht. Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. Soſour& Grey Corntrol Shart Gyan Sreen Nellox Red Magenta Sie Srey 1 Srey 2 Srey 3 GSrey 4