7 ———————— Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und frauzöſiſcher Literatur vun 3 Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliother ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.„ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Cdution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegeñ, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Büchen: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 W f 1 W f Wt.— Pf. „„ 2 2„„. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Surückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeibſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene unv defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſpnders darauf aufmerkſam gemacht,* 6 das Abeererdteie det Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ————— —— —,— — — — r Der Musikantenthurm. Zweiter Theil. 7 Der Musikantenthurm. Roman in fünf Büchern von Robert Prutz. „In doloribus pinxit.“ Friedrich Wilhelm I. von Preussen. Zweiter Theil. —————— Leipzig: 1855. — Inhalt des zweiten Theils. Bweites Zuch. Familiengeſchichten. (Fortſetzung.) Seite Achtes Capitel. Das Teſtament............. 3 Neuntes Capitel. Die Entſcheidung.......... 20 Zehntes Capitel. Gerüchte............... 35 Elftes Capitel. Verſchiedene Wege........... 44 Zwölftes Capitel. Ein zweites Geſchlecht..... 58 Dreizehntes Capitel. Witwentrauer......... 71 Vierzehntes Capitel. Rudolf............... 87 Funfzehntes Capitel. Erziehungsreſultate..... 110 Sechzehntes Capitel. Die Schwiegertochter... 140 Siebzehntes Capitel. Ein Leben aufvornehmemFuß. 165 Drittes Zuch. Das Wiederſehen. Erſtes Capitel. Kleine Leiden............... 179 Zweites Capitel. Selbſtbekenntniſſe..... 94 Drittes Capitel. Die Verſuchung........... 208 VI Seite Viertes Capitel. Der Hausfreund........ 221 Fünftes Capitel. Beim Frühſtück........... 236 Sechstes Capitel. Die Geſchwiſter.......... 250 Siebentes Capitel. Der Schreiber.......... 261 Achtes Capitel. Ein téte-à-téle.. 274 Neuntes Capitel. Fortſetzung........ 283 Zehntes Capitel. Die Begegnung........... 295 Elftes Capitel. Eine arme Verwandte........ 308 Zwölftes Capitel. Ein vergnügter Abend.... 318 Dreizehntes Capitel. Der Geigenfritz.......— 331 Vierzehntes Capitel. Nachtgeſpräche......... 350 Funfzehntes Capitel. Die Brieftaſche....... 363 —— M 236 250 261 274 283 295 308 Zweites Buch. 331 350 35 Failiengeſchichten. (Fortſetzung.) Der Muſikantentburm. II. 1 Achtes Capitel. Das Teſtament Der erſte Weg, den der Vetter machte, nach⸗ dem er ſich überzeugt hatte, daß der Alte diesmal wirklich und unzweifelhaft geſtorben, war wiederum zu dem alten ſchmeerbauchigen Advocaten. Doch kehrte er ziemlich abgekühlt von ihm zurück; nach einer ſchriftlichen Verfügung, welche der Verſtorbene in die Hände des Rechtsfreundes niedergelegt, ſollte das gerichtlich deponirte Te⸗ ſtament erſt volle ſechs Monate nach ſeinem Tode eröffnet werden. Die Verwaltung des Vermögens ſollte mittlerweile durch den Vetter geſchehen. Doch ſollte er den Erben, die das 1* 3 Teſtament beſtimmen würde, genaue Rechnung ablegen. Das Hausweſen ſollte mittlerweile in dem Stande erhalten werden, wie es ſich in dem Augenblick des Todes befunden; auch könnte Ulrike mit ihrem Manne einſtweilen in dem Hauſe wohnen bleiben. Dem Vetter ſelbſt wurde für ſeine Mühwaltung eine kleine Ver⸗ gütung ausgeſetzt. An den Pachtſchilling, den Hugo von dem Gute, ſowie an die Zin⸗ ſen, die Hippolyt von dem dargeliehenen Capi⸗ tal zu entrichten hatte, wurde ausdrücklich er— innert; ſie ſollten regelmäßig eingetrieben und mit den übrigen Einnahmen, die inzwiſchen ein⸗ laufen mußten, gerichtlich niedergelegt werden. Sechs Monate! Es war eine harte Prüfung, wo es ſich darum handelte, zu wiſſen, ob man ſo und ſo viel Hunderttauſend Thaler ſein nen⸗ nen oder ein armſeliger Pachter bleiben ſollte, oder ein kleiner Fabrikant, der mit fremdem Gelde ſpeculirte. Der Vetter beſonders zeigte ſimm ſichere getuſ lich Ged Ver Huge ſchien große weil ng 5 eine faſt fieberhafte Ungeduld, was gewiß ein großes Zeichen ſeiner Anhänglichkeit an die bei⸗ den ſchönen Couſinen war, da für ihn jeden⸗ falls weit weniger auf dem Spiele ſtand als für ſie. Auch Hippolyt, dem man die ſeltſame Verfügung ſogleich gemeldet, war ſehr unge⸗ halten darüber; er wollte nur die Niederkunft ſeiner Frau abwarten, um ſich dann zur Eröff⸗ nung des Teſtaments perſönlich einzufinden. ulrike dagegen hatte den beſten Muth; die Be⸗ ſtimmung wegen des Hauſes ſchien ihr ein ſicheres Unterpfand, daß ihre Hoffnungen nicht getäuſcht werden ſollten; alles Uebrige, nament⸗ lich auch die peinliche Anordnung wegen der Gelder, ſchob ſie auf die Sonderlingsnatur des Verſtorbenen, die ja hinlänglich bekannt ſei. Hugo verhielt ſich am gleichgültigſten; freilich ſchien auch ihm mit dem Tode des Alten ein großer Stein vom Herzen gefallen, aber nur weil er jetzt doch endlich hoffen durfte, ſeine 6 Frau wirklich und dauernd zu beſitzen. Vor⸗ läufig blieb ſie allerdings noch in der Stadt, wie ſie ſagte, aus Rückſicht für ihren Zuſtand. In der That aber rechnete ſie wol darauf, das kleine ſchlechtgelegene Gut überhaupt nicht zu beziehen; ihr Sinn ſtand in die Ferne gerichtet, und mit wahrer Ungeduld harrte ſie ihrer Nie⸗ derkunft, die nur wenige Wochen ſpäter fiel als die Eröffnung des Teſtaments, welche letztere ſie, wie geſagt, mit großer Gemüthsruhe er— wartete. Sechs Monate, wenn ſie Einem bevorſtehen, ſind eine lange Zeit: aber endlich vergehen ſie doch. Auch dieſe thaten es, wenn auch freilich nicht ohne in einem Theil der Familie, mit de⸗ ren Schickſalen wir uns hier beſchäftigen, eben ſo unerwartete wie traurige Veränderungen her⸗ vorzubringen. Hippolyt, der ſich wol in ſei⸗ nem neuen Beruf zu ſehr angeſtrengt haben mochte, verfiel in ein hitziges Fieber, das ihn in we wor h benfe war wiig ich ein n Mid ungb zicke derf Og Oef den m im un da no 7 in wenigen Tagen hinwegraffte. Klara's Schmerz war herzzerreißend; man fürchtete längere Zeit ebenfalls für ihr Leben; ein halbes Wunder war es, daß wenigſtens das Kind, von dem ſie wenige Wochen ſpäter entbunden wurde, glück⸗ lich und unverſehrt zur Welt kam. Es war ein wohlgebildetes, munteres Kind, ein kleines Mädchen, in deſſen zarten, feinen Zügen die unglückliche Mutter mit Verzweiflung und Ent⸗ zücken das Bild ihres verlorenen Gatten wie⸗ derfand.— Natürlich hatte die bevorſtehende Oeffnung des Teſtaments unter dieſen Umſtän⸗ den für Klara ſehr an Intereſſe verloren; auf empfindliche Weiſe wurde ſie wieder daran er⸗ innert, als ſie, nach Ueberwindung des erſten Schmerzes, die Lage ihrer Verhältniſſe prüfte und ſich da mit Schrecken überzeugte, wie ſehr das Unternehmen durch den plötzlichen Tod des Gebieters gelitten und welche bedeutenden Opfer noch nöthig ſein würden, um es nur in Gang 8 zu erhalten. Nun, das Teſtament des Onkels mußte das ja Alles ordnen; hatte ſie auch den Geliebten ſelbſt nicht erhalten können, ſein Werk mindeſtens, an dem er mit ſolchem Eifer ge— hangen und von dem er ſich ſoviel ſchöne Früchte verſprochen hatte, ſollte nicht verloren gehen. Die junge Witwe fühlte auf einmal einen Unternehmungsgeiſt in ſich, von dem ſie ſelbſt früher nichts geahnt; galt es doch dem Andenken ihres Mannes. Gern hätte ſie der Eröffnung des Teſtaments in Perſon beige⸗ wohnt, beſonders auch um ſich bei dieſer Ge⸗ legenheit in den Armen der Schweſter, deren Briefe ihr ſchon ſeit längerm gar nicht mehr recht gefielen, ausweinen zu können. Allein die Pflichten gegen das neugeborene Kind nö⸗ thigten ſie, von dieſem Wunſche abzuſtehen. Auch ſteht die Zeit ja nie ſtill, ob wir lachen oder weinen. Auch der verhängnißvolle Termin rückte näher und näher. Und jetzt endlich war nkels den Werk hen nun ar 9 er da. Das Teſtament wurde eröffnet; es war ein ſeltſames Stück Arbeit, dergleichen die älte⸗ ſten Juriſten ſich nicht erinnerten und wie es nur eben in dem Kopf eines ſo ganz ſeltſamen, abſonderlichen Mannes hatte entſtehen können. In einem langen und wohlſtiliſirten Eingang beklagte der Teſtator die Härte des Schickſals, das ihm Erben ſeines Namens und ſeines Bluts verweigert haben. Freilich könne er ſich nicht ſolcher hohen Abſtammung rühmen wie ſeine in Gott ruhende Gemahlin, Eleonore Friederike geborene Freiin von Steinkopf, Toch⸗ ter des weiland frühern Herrn von, zu und auf Steinkopf, der aber leider ſehr weit von Steinkopf, nämlich im Spital zu Paris, wo hin er als Spieler gegangen, geſtorben ſei und dem er hiermit ebenfalls eine fröhliche Urſtänd wünſchen wolle. Was ihn, Teſtator, betreffe, ſo ſei er allerdings nur eines Viehhirten Sohn, die Leute hätten mit ihren Vermuthungen ganz 1** Recht gehabt und ſei es recht freundlich von ihnen dieſr geweſen und wolle er ſich noch hiermit bei Allen venn d beſtens dafür bedankt haben, daß ſie trotz ſeiner ge⸗ Sünde ringen Herkunft jederzeit ſo vertraulich mit ihm dannd umgegangen und ſich ſeinen Wein und Braten ſo und G ungenirt ſchmecken laſſen. Was er hinterlaſſen, wendu ſei die Frucht ſeines Schweißes und ſeiner Mühen; rechte er habe Glück gehabt im Leben, allerdings: aber riget er ſei dem Glück auch redlich nachgelaufen und Dirft habe manchen Fußtritt in Deniuth hingenom⸗ es lei men. Er habe viel und lange darüber nach— ter, gedacht, wem er ſein Vermögen nach ſeinem„ Tode zuwenden ſolle. Geld und Gut ſei ein Lehe gar ſchönes Ding, aber die Wenigſten wüßten An damit umzugehen; bald knauſerten, bald ver⸗ wi ſchwendeten ſie, und wenn er ſelbſt früher an ho der erſtern Schwäche gelitten, ſo habe er ſich we doch in der letztern und glücklichern Hälfte ſei— m nes Lebens überzeugt, daß ein weiſer Lebens⸗ ſut genuß(ſelbſt der vorleſende Actuar mußte bei n en L 11 dieſer Stelle ein gelindes Lächeln unterdrücken: wenn das weiſer Lebensgenuß war, was der alte Sünder getrieben, gerechter Gott, was mußte dann der unweiſe ſein?!) den Beſitz von Geld und Gut erſt wahrhaft adle. Eine andere Ver⸗ wendung von Geld und Gut, die ebenfalls recht empfehlenswerth, aber vielleicht noch ſchwie⸗ riger ſei, beſtehe darin, daß man Arme und. Dürftige damit unterſtütze und nähre. Doch gebe es leider viele Betrüger und Unwürdige darun⸗ ter, die durch Unterſtützung nur ſchlechter wür⸗ den, und habe er ſich deshalb auch Zeit ſeines Lebens, um ja nicht durch falſch angebrachte Almoſen zu ſündigen, dieſen Genuß der Wohl⸗ thätigkeit verſagt. Je älter er geworden, je mehr habe auch ſeine Ungewißheit zugenommen; viele weiſe und fromme Männer habe er um ihre Mei⸗ nung befragt, was beſſer ſei, Almoſen geben oder ſelbſt genießen: aber Keiner habe ihm rechte Antwort gegeben, ſelbſt auch der Hauptpaſtor 12 nicht, der doch übrigens ein gelehrter und er⸗ leuchteter Herr ſei und ſich namentlich auf die Zubereitung von gefüllten Gänſelebern verſtehe, wie kein Zweiter im Ort. Jetzt, in ſeinem hohen Alter und da der Tod ihn mög⸗ licherweiſe jeden Augenblick ereilen könne, ſtelle er die Entſcheidung Gott(mit Fracturbuchſtaben geſchrieben) anheim; er habe bei Lebzeiten man⸗ ches vergnügte Glücksſpiel getrieben und im Gan⸗ zen ſeine Rechnung dabei gefunden, ſo halte er es denn auch jetzt für das Geeignetſte, ſich des frucht⸗ loſen Nachgrübelns zu entſchlagen und aus ſei⸗ nem Teſtament ebenfalls eine Art Glücks ſpiel zu machen, das der Herr der Heerſcharen(wie oben) denn ſchon nach ſeiner Weisheit entſchei⸗ den werde. Sei es Gott wohlgefälliger, Gold und Gut zu genießen und ſich und Andern einen luſtigen Tag davon zu machen, ganz wohl, er habe es ſelbſt ſo gehalten und wolle es auch Denen, die nach ihm kämen, nicht misgönnen; m al et de 13 ſei es aber beſſer gethan, ſein Geld an Arme und Kranke zu verwenden— auch gut, er ſchlage die Karten wie ein unparteiiſcher Croupier nach beiden Seiten und Gott möge nun entſcheiden, wie ſie fallen ſollten. Nach dieſer ſeltſamen und unerhörten Ein⸗ leitung begann denn das eigentliche Teſtament. Zuerſt kam eine Reihe von Legaten; ſie waren nicht beträchtlich und boten auch ſonſt nichts Bemerkenswerthes dar. Die meiſten betrafen ſeine ehemalige Dienerſchaft; beſonders ſein alter Kammerdiener, der ihn vor dreißig Jah⸗ ren auf ſeiner großen Reiſe begleitet hatte und ſeitdem das Gnadenbrot in ſeinem Hauſe aß, war reichlich bedacht. Auch des Vetters hatte er nicht vergeſſen; doch war die Summe nur mäßig, knapp die Hälfte von Dem, was der alte Kammerdiener erhielt. Der Vetter, ſchrieb er dazu, ſei ein kluger und beſcheidener Mann, der werde es ſchon zu etwas bringen. Auch 14 vermachte er ihm außer dem baaren Gelde noch P die große altmodiſche Brillantnadel, die er als be Geſchenk ſeines verſtorbenen Fürſten in täglichem m Gebrauch gehabt hatte. zuſ Dann erſt folgten die Beſtimmungen über Pf den Hauptſtock des Vermögens, der nicht ganz nit ſo beträchtlich war, wie man ſich im Publicum ir vorgeſtellt hatte, aber doch noch immer ein ſchönes m Beſitzthum bildete. Zum Univerſalerben deſſel⸗ h ben wurde der erſte Knabe ernannt, der aus ne einer der beiden am Tage der Teſtamentserrich⸗ ſp tung geſchloſſenen Ehen zwiſchen Hugo und Ul— S riken auf der einen und Hippolyt und Klara w auf der andern Seite erwachſen würde. Die n Mutter dieſes Knaben ſollte den vollen Nieß⸗ t brauch des Vermögens haben bis an ihren ſt Tod; dem glücklichen Vater aber wurde ein— Capital von fünftauſend Thalern ausgeſetzt, über die er ſofort nach der Geburt des Kindes die freie Verfügung haben ſollte, gleichſam als. ———————— 15 Prämie für die glückliche Vaterſchaft. Auch bemerkte der Teſtator ausdrücklich, daß, ſeitdem man in neuerer Zeit angefangen, Prämien aus⸗ zuſetzen auf die Erzeugung beſonders guter Pferde, Rinder und Schafe, er in der That nicht einzuſehen vermöge, warum auf Erzielung eines tüchtigen Jungen nicht ebenfalls eine Prä⸗ mie geſetzt werden ſolle, und hoffe er im Gegen⸗ theil von dem bekannten Nacheiferungstrieb ſei⸗ ner würdigen Mitbürger, daß ſie ſeinem Bei⸗ ſpiel recht bald nachfolgen würden; ja ſelbſt Sereniſſimus den regierenden Herrn(derſelbe war nämlich kinderlos) erlaube er ſich auf ſei⸗ nen für die Nationalökonomie nicht unwich⸗ tigen Vorſchlag, von dem ſich in kurzer Zeit große Erfolge erhoffen ließen, aufmerkſam zu machen. Ebenſo erging das Teſtament ſich weit⸗ läufig darüber, weshalb der Teſtator nur auf Knaben Bedacht nehme und etwaige Töchter für gar nichts rechne. Doch war dieſer Paſſus 16 ſo ſaftig, daß der vorleſende Actuar um Er⸗ d laubniß bitten mußte, einige Stellen zu über⸗ 6 ſchlagen: was denn auch, nachdem ſämmtliche ch Räthe und ſogar der mitanweſende jüngſte ſol Referendarius die Naſen in das Concept geſteckt we und die anſtößigen Stellen beäugelt hatten, in bil Gnaden zugeſtanden ward. 6 Sollten, fuhr das Teſtament hiernach fort,. wider alles Erwarten und wider alle Regeln ſe der Wahrſcheinlichkeitsrechnung, beide Schwe⸗ ſi ſtern an demſelben Tage, in derſelben Stunde, i zu derſelben Minute entbunden werden und zwar 4 beide von Knaben, ſo ſollte das Vermögen zu gleichen Hälften unter ſie vertheilt werden. Für einen noch complicirtern Fall, wenn nämlich. eine der beiden Schweſtern, bei übrigens glei⸗ chen Verhältniſſen, Zwillingsknaben zur Welt bringen ſollte, war in der Art Vorſorge ge tragen worden, daß dieſe dann zwei Drittel n erben, die andere aber ſich mit dem letzten —— —— 17 Drittel begnügen ſolle. Würden dagegen beide Ehen in einem beſtimmten angegebenen Zeitraum ohne männliche Nachkommenſchaft bleiben, ſo ſollten beide Couſinen nichts weiter erben, als was ihre Männer ſchon jetzt, theils durch die billige Pachtung, theils durch das dargeliehene Geld, empfangen hätten. Mittlerweile aber und bis dahin, daß dieſer Termin verſtrichen ſein würde, ſollten die Zinſen und Gefälle pünkt⸗ lich und regelmäßig entrichtet und gleich allen übrigen Einnahmen zum Capital geſchlagen werden, mit Ausnahme einer mäßigen Rente, welche die Schweſtern ſo lange beziehen ſollten, bis die Bedingung des Teſtaments entweder von der einen oder andern gelöſt, oder aber die feſtgeſtellte Friſt überhaupt verſtrichen wäre. Wäre dies Letz⸗ tere eingetreten, das heißt alſo: wären die erſten Kinder Töchter geweſen oder wären die Ehen während einer beſtimmten Reihe von Jahren (es waren mit anerkennenswerther Tiberalität vierzehn Jahre feſtgeſetzt und daran eine artige An ſpielung an die bekannte Geſchichte von dem Jakob und der Rahel angeſchloſſen) überhaupt ohne Nach⸗ kommenſchaft geblieben, ſo ſollte alsdann der Mu⸗ ſikantenthurm definitiver und unwiderruflicher Erbe ſein: wobei der Erblaſſer den alten Wei⸗ bern, die alsdann darin ſein würden, vieles Ver⸗ gnügen wünſchte und die Hoffnung ausſprach, daß ſie ſich zu ihrer Zeit beſſer aufgeführt und ihren Männern mehr Ehre gemacht haben wür⸗ den, als es bei Eintritt dieſer Eventualität mit den beiden ſchönen Schweſtern der Fall geweſen ſein müßte.— Mit der Aufrechterhal⸗ tung und Durchführung dieſes Teſtaments wur⸗ den der alte dicke Rechtsgelehrte, der Freund des rothen Dicken, und der jedesmalige Com⸗ miſſarius des Muſikantenthurms betraut, wo⸗ für ſie jährlich ein Faß Wein aus dem Keller des Kammerdirectors beziehen ſollten, ſo lange, bis die Sache auf die eine oder die andere Weiſe — 19 entſchieden ſein würde. Sollte einer der beiden Beauftragten vorher mit Tode abgehen, oder durch Krankheit behindert werden, ſo ſollte der andere das Recht haben, ſich einen neuen Col⸗ legen nach Gutdünken zu wählen. Doch mußte derſelbe aus der Zahl der am Orte angeſtellten Juriſten entnommen ſein. Uenntes Capitel. Die Entſcheidung. Das war nun ein Teſtament, ſo ſeltſam und abgeſchmackt, wie es nur je eins gegeben hatte. Doch ließ ſich nichts dagegen einwenden; alle juriſtiſchen Formen waren mit größter Vorſicht beachtet, Stempel, Siegel, Unterſchriften, Alles war in beſter Ordnung. Nähere Verwandte, die ein gegründeteres Erbrecht gehabt und ſich über Beeinträchtigung hätten beklagen können, waren nicht vorhanden, und auch der Einfall, den ein pietiſtiſcher Prediger der Stadt äußerte, nämlich das Teſtament müſſe als contra bponos mores laufend von Staatswegen aufgehoben —— u E ſi nö lei ſei — 21 und der Muſikantenthurm ohne weiters zum Erben eingeſetzt werden, konnte den Rechtsver⸗ ſtändigen nur ein mitleidiges Achſelzucken ab⸗ nöthigen. Pſychologiſch war das Document höchſt intereſſant; der ganze alte Faun, wie er leibte und lebte, mit ſeinen plumpen Späßen, ſeiner Schalkheit und Hinterliſt ſowie mit ſei⸗ ner tiefen Verachtung alles Deſſen, was die Menſchen ſonſt für heilig und ſchicklich erachten, lag darin ausgedrückt. Auch die Grauſamkeit, mit der er die jungen Leute einem ungewiſſen Schickſale preisgab und die ſüßeſte Luſt des Lebens, die Aelternluſt, mit den peinlichſten Erwartungen trübte, war ganz im Charakter des alten ehernen Böſewichts. Nun begriff man freilich, warum er ſich ſo oft und ſo an⸗ gelegentlich nach den Hoffnungen der jungen Eheleute erkundigt und ebenſo auch, warum er den Riß des Muſikantenthurms zuweilen ſo ernſt⸗ haft betrachtet hatte. Selbſt das Gelächter, an — 22 dem er geſtorben, begriff ſich jetzt: er war vor Vergnügen geſtorben über die Verwickelung, die entſtehen mußte, ſeitdem die beiden jungen Frauen gleichzeitig der heiligen Mutterhoffnung entgegengingen. Freilich, was die arme Klara anbetraf, ſo war die Verwickelung bereits gelöſt und zwar auf eine für ſie höchſt nachtheilige Weiſe. Sie hatte, wie wir wiſſen, eine Tochter geboren; damit hatte ſie alle Anſprüche an das Ver⸗ mögen des Oheims eingebüßt. Ulrike's Stunde ſtand noch bevor; es war höchſt peinlich für eine junge Frau, ihr erſtes Wochenbett auf eine ſolche Art zum Gegenſtand der öffentlichen Neugier gemacht zu ſehen. Auch verlangte der entrüſtete Hugo allen Ernſtes, daß ſie dem thörichten Teſtament freiwillig entſage; Ehre ſei ja doch nicht dabei zu holen, und wo keine Ehre, da ſei auch kein Segen. Allein dem widerſetzte Ulrike ſich heftig, und auch der Vet⸗ ——— — 23 ter, den das unerwartete Ereigniß im erſten Augenblick ganz niedergeſchmettert hatte, machte darauf aufmerkſam, daß dies eine Angelegen⸗ heit ſei, an der die ganze Familie betheiligt, und daß es Hugo ſchon im Intereſſe des zu erwartenden Kindes nicht zuſtehe, das mögliche Glück deſſelben von ſich zu ſtoßen. Es ſei ja doch noch immer möglich, daß Ulrike ihn mit einem Söhnchen erfreue, die Wahrſcheinlichkeit dafür ſei gerade ſo groß wie die Wahrſchein⸗ lichkeit dagegen; ſchenke der Himmel wirklich einen Knaben, ſo falle das ganze große Ver⸗ mögen an Ulriken und verſchaffe ihr unter An⸗ derm auch die Möglichkeit, die arme getäuſchte Schweſter— denn von ſich ſelbſt wolle er gar nicht reden— zu entſchädigen.— Hugo gab wie gewöhnlich nach. Doch ſah man deutlich, wie ſchwer es ihm ward; er hatte eine lange heftige Unterredung mit Ulriken, bei der er ſo⸗ gar, wie es dem Vetter ſchien, viel zu wenig e 24 Ruckſicht auf ihren Juſtand nahm. Danach begab er ſich auf das Gut und erklärte, nicht eher wieder zur Stadt kommen zu wollen, als bis die verhängnißvolle Stunde vorüber. Ein glücklicher Zufall, der der armen geäng⸗ ſteten Frau zu einer rechten Erleichterung diente, war es bei alledem noch, daß der Vetter kurz zuvor zum Commiſſarius beim Muſikanten⸗ thurm ernannt worden war; ſo war von den beiden Aufpaſſern, die ihr durch das Teſtament geſetzt waren, doch wenigſtens der eine ein naheſtehender und befreundeter Mann, von dem ſie alle die Schonung erwarten durfte, die ihrem weiblichen Gefühl gebührte. Denn der dicke Rechtsgelehrte nahm die Sache außerordentlich ceremoniös und ſtreng; die Teſtamentsexecuto⸗ ren, behauptete er, müßten bei der Entbindung zugegen ſein, um die Rechte des Muſikanten⸗ thurms wahrzunehmen und jede mögliche Täu⸗ ſchung zu verhindern. Frau von Schwarzenfeld 25 ſah ihm zwar bei dieſer Aeußerung ſtarr ins Ge⸗ ſicht und erklärte mit der vornehmſten Miene, die ihr zugebote ſtand, ſie verſtehe gar nicht, was der Herr Advocat meine. Allein an vor⸗ nehme Mienen kehrte der Mann ſich nicht, und es bedurfte des Vetters ganze Beredtſamkeit, bis ſein College wenigſtens ſo viel einräumte, daß die Teſtamentsexecutoren nur im Neben⸗ zimmer zu ſein und nur gleich nach erfolgter Geburt ein von der Wehmutter eidlich zu er⸗ härtendes Protokoll aufzunehmen brauchten. Dabei beruhigte er ſich endlich, beſonders da der Vetter ihn erinnerte und mit verſchiedenen illuſtren Beiſpielen belegte, daß es ja bei fürſt⸗ lichen Entbindungen genau ebenſo gehalten werde, und auch bei verſchiedenen berühmten Erb⸗ ſchaftsproceſſen der neuern Zeit, wo ähnliche Intereſſen auf dem Spiel geſtanden, habe man daſſelbe Verfahren innegehalten. Die böſe Welt freilich behauptete, daß dem Der Muſikantenthurm. II. 2 —————— ——— 26 dicken Advocaten gar nicht ſoviel daran ge— legen ſei, nach dem Rechten zu ſehen, als daran, der Erſte zu ſein, der die große Neuigkeit er⸗ fahren würde. Er war ſehr neugierig, der dicke Advocat— gerade ſo neugierig wie verſchwie⸗ gen. Doch war er Erſteres nicht allein, ſon⸗ dern die ganze Stadt theilte ſeine Erwartung. Die Aufregung war allgemein; überall, wohin man hörte, bei Hohen und Niedrigen, bildete das Teſtament des alten Kammerdirectors und die bevorſtehende Entbindung der Frau von Schwar— zenfeld das allgemeine Geſpräch. Hohe Wetten auf Knaben oder Mädchen wurden eingegangen; von den alten Frauen des Muſikantenthurms erzählte man ſich ſogar, daß ſie eigene Bitt⸗ gänge anſtellten und Gelübde errichteten, da⸗ mit der Himmel die Sache nach ihrem Wunſche lenke. Kein fürſtliches Wochenbett, das über den Beſtand ganzer Dynaſtien entſcheidet, kann jemals mit größerer Spannung erwartet wor⸗ we die V ran, t er⸗ dicke wie⸗ ſon⸗ ohin ildete d die wolr⸗ nauf gen urm Bitt de⸗ nſche über kann wol⸗ 27 den ſein als das Wochenbett der Frau von Schwarzenfeld; war es die Abſicht des alten Cynikers geweſen, noch zuguterletzt einen rech⸗ ten tüchtigen Skandal zuwege zu bringen, ſo war dieſelbe ihm vollſtändig gelungen. Die Spannung zu ſteigern, mußte auch noch wenige Tage vor dem erwarteten Zeitpunkt der dicke Rechtsgelehrte erkranken, ſodaß es aller Wahrſcheinlichkeit nach zu der im Teſtament vorgeſehenen Nachwahl kommen mußte. Er hatte Abends zuvor noch einmal mit ſeinem Collegen, dem Aſſeſſor, alle Formalitäten des bevorſtehenden wichtigen Acts durchgeſprochen; vermuthlich hatte er dabei dem rothen Dicken ein wenig gar zu ſtark zugeſprochen oder war ihm auch die ſtrasburger Paſtete nicht bekom⸗ men, die ſie dabei verzehrten, genug, er hatte einen heftigen Kolikanfall bekommen, und wenn es auch nichts Lebensgefährliches war, ſo ließ ſich doch mit Sicherheit vorausſehen, daß der 2* Würfel gefallen und über das Vermögen des Kammerdirectors entſchieden ſein würde, bevor er das Bett verlaſſen konnte.— War Alles begründet, was die Fama der Stadt damals erzählt, ſo hatten die ſoliden Kenntniſſe und der liebenswürdige Charakter des kleinen be⸗ ſcheidenen Vetters noch niemals ſo viel Aner⸗ kennung gefunden, beſonders bei ſeinen Colle⸗ gen am Gericht, als in jenen Tagen, da der⸗ ſelbe in der Lage war, aus ihrer Mitte einen zweiten Teſtamentsvollſtrecker an Stelle des er⸗ krankten Advocaten zu erwählen. Sogar von einem Beſtechungsverſuch wurde geſprochen, halb Scherz, halb Ernſt, den eine Geheime Juſtiz⸗ räthin, eine leidlich conſervirte runde Frau, zu Gunſten ihres Mannes bei ihm gemacht haben ſollte. Allein wohin hatte die gute Frau dabei gedacht?! Ein ſo reiner, edler Charakter wie der Vetter war für Schmeicheleien wie Be— ſtechungen gleich unzugänglich. Es wäre ihm lnet⸗ olle⸗ der⸗ einen et⸗ von halb uiz⸗ u, zu haben dabei wie ihm 29 weit lieber, verſicherte er, mit der ganzen Ge⸗ ſchichte nichts zu thun zu haben; er ſelbſt ſei in Verlegenheit und wiſſe nicht, welchen Aus⸗ gang er der Sache wünſchen ſolle. Seine Cou⸗ ſine und ihre zukünftige Familie liege ihm am Herzen, allerdings; allein Herr von Schwarzen⸗ feld ſei ein guter Landwirth, der ſich auch ohne⸗ dies wol durchbringen würde, und die Armen der Stadt brauchten es am Ende doch noch nöthiger. Er ſelbſt habe früher gar nicht ge⸗ wußt, welch Elend das ſei, erſt ſeit er das Commiſſariat bei dem Muſikantenthurm führe, komme er ein wenig dahinter. Das Beſte bei der Sache, fuhr er fort, ſei nur dies, daß menſchliche Einwirkung nichts dabei vermöge; was kommen ſolle, werde kommen; ein Juriſt dürfe kein Herz haben, und auch in dieſem Falle werde er ſeine ganze Thätigkeit darauf beſchrän⸗ ken, die vorgeſchriebenen Formeln und Clauſeln genau zu erfüllen. 30 Man kann ſich denken, wie ſehr dieſe und ähnliche Aeußerungen dazu beitrugen, die Ach⸗ tung, die man dem Charakter des kleinen ſtil⸗ len Vetters zollte, zu erhöhen. Doch ſchlug die gute Meinung auf einmal beträchtlich um, als man erfuhr, welche Wahl er getroffen. Er hatte ſich nämlich zum Collegen den allerjüng⸗ ſten Referendarius vom Gericht genommen, einen blöden linkiſchen Menſchen, der noch einen Kopf kleiner war als er und trotz der Brille, die er trug, ſozuſagen über ſeine eigenen Beine ſtolperte. Der Vetter hatte wegen die⸗ ſer Wahl viele Anfechtungen zu erdulden. Na⸗ mentlich die Frauen erklärten, eine ſolche Takt⸗ loſigkeit hätten ſie ihm wirklich nicht zugetraut, es ſei ſchon ſchlimm genug, daß der Aſſeſſor ſelbſt unverheirathet ſei, nun müſſe noch ein ſolcher bartloſer junger Menſch zu ſolch einem eigenthümlichen Geſchäft verwendet werden, das ſoviel Zartheit und feinen Takt erfodere; — und Ach⸗ ſtil ug um, Er üng⸗ men, einen zrille, genen die⸗ Na⸗ Tokt⸗ traut, ſeſor ein inem rden, detei Frau von Schwarzenfeld werde nur vollkommen in ihrem Rechte handeln, wenn ſie dieſe Wahl beanſtande und einen andern, ältern und ge⸗ ſetztern Teſtamentsvollſtrecker verlange. Die Allereifrigſten liefen ſogar zu dem dicken Advo⸗ caten, ob es denn nicht möglich ſei, ihn auf die Beine zu bringen. Allein der hatte eben wieder einen neuen Anfall und ſchrie und fluchte wie beſeſſen: ſie ſollten ihn in Ruhe laſſen mit der ganzen verwünſchten Hiſtorie, ſeinetwegen könne der Teufel ſelbſt das Protokoll aufneh⸗ men, er wolle froh ſein, wenn er nicht nur am Ende ſelbſt ein Kind kriegte, zumuthe wäre ihm gerade ſo.. Vielleicht hätte Frau von Schwarzenfeld auch wirklich Einſpruch gethan. Doch blieb der jun⸗ gen armen Frau keine Zeit dazu übrig; ſchon den zweiten Tag danach ſah man plötzlich über Hals und Kopf den Vetter mit dem jüngſten Referendarius in das Haus des verſtorbenen Kammerdirectors eilen; die Wehmutter war ſchon eine Stunde zuvor hineingeſchlüpft. Es war gerade um die Stunde, wo die Honora⸗ tioren der Stadt in ihr Abendcaſino gingen, von dem Hauſe des Kammerdirectors bis zum Caſino war eine Poſtenkette von Bedienten, Kammermädchen und Hausknechten aufgeſtellt, auch einige Straßenjungen hatten ſich als Frei⸗ willige angeſchloſſen, durch welche die intereſſante Nachricht ſofort mit Blitzesſchnelle nach dem Caſino und von dort durch die heimkehrenden Männer in alle anſtändigen Häuſer der Stadt befördert werden ſollte. Allein wenn die Veranſtaltungen des Publi⸗ cums gut waren, ſo waren diejenigen, welche der Vetter getroffen, noch beſſer. Das alte dü⸗ ſtere Haus war und blieb hermetiſch verſchloſſen; die wenigen Diener, welche aus- und eingin⸗ gen, zuckten die Achſeln und verſicherten von nichts zu wiſſen; ſelbſt dem jungen Arzt wurde —— 33 der Eintritt mit dem Bedeuten verweigert, daß man, ſobald ſeine Anweſenheit erfoderlich ſcheine, ſich die Ehre ſeines Beſuchs ausbitten würde. Niemals, ſeit das Caſino exiſtirte, wa⸗ ren ſo viel Pfeifen geraucht, ſo viel Achtelchen Franzwein getrunken und ſo viel Fehler beim Whiſt gemacht worden als an dieſem verhäng⸗ nißvollen Abend; auch hatten die Hausfrauen noch niemals ſo lange mit der Suppe warten müſſen. Aber Alles vergeblich: keine Botſchaft kam und mit unbefriedigter Neugier mußte man zu Bette gehen. Erſt nach Mitternacht öff⸗ nete ſich der Thorweg des alten Hauſes und ein Reitknecht jagte in geſtrecktem Galopp den Weg nach dem Gute, wo Herr von Schwar⸗ zenfeld verweilte. Zwei Stunden ſpäter kam dieſer ſelbſt mit ſchaumbedeckten Roſſen daher⸗ gefahren— und erſt am nächſten Morgen beim Kaffee erhielt man zugleich mit den war— 2** men Semmeln auch die intereſſante Neuigkeit, daß Frau von Schwarzenfeld die Nacht zuvor von einem geſunden Knaben glücklich entbun⸗ den worden. rigkett, zuvor ntbun⸗ Zehntes Capitel. Gerüchte. An jenem Morgen ſoll in dem Muſikantenthurm ſehr viel Milch übergekocht und ſehr viel Kaffee⸗ geſchirr zerſchlagen worden ſein. Doch halfen dieſe Zornausbrüche der alten Spitalfrauen ebenſo wenig wie das Murren des dicken Rechts⸗ gelehrten, der ſich jetzt auf einmal erinnerte, daß mit dieſer raſchen Löſung des Teſtaments auch das Faß Wein, das er für ſeine Müh⸗ waltung jährlich beziehen ſollte, zu Waſſer ge⸗ worden war. Was das Publicum im Allgemeinen anbetraf, ſo betrachtete es den Vorfall mit einer Empfindung, die aus Aerger und Befriedigung . 36 gemiſcht war. Man ärgerte ſich, daß die Span⸗ nung nicht länger gedauert und daß nun gewiß die nächſten dreißig Jahre nichts ſo Intereſſantes in der Stadt wieder paſſiren würde. Auch fing man an, nach der Natur des menſchlichen Her⸗ zens, die Frau von Schwarzenfeld jetzt ebenſo zu beneiden, wie man ſie anfangs bemitleidet hatte. Andererſeits aber freute man ſich auch wieder, daß das viele ſchöne Geld doch wenigſtens nicht an die Armen gekommen. Schwarzenfeld's woll⸗ ten zwar, wie man hörte, ſobald die Frau wieder⸗ hergeſtellt, auf Reiſen gehen: doch hatten ſie ja das große Haus und das hübſche Gut bei der Stadt, ſie mußten doch einmal wiederkom⸗ men, und bei dem bekannten lebensluſtigen Cha⸗ rakter der Frau ließ ſich erwarten, daß ſie dann gewiß ein recht angenehmes und gaſtfreies Haus machen würden. Und das war, wenn auch die fetten Zeiten des alten Kammerdirectors nicht wiederkehrten, für die vergnügungsluſtige und — Span⸗ geniß ſſantes ch fing nHer⸗ nſo zu hatte. wiedet, s nicht ö wol⸗ wieder⸗ ten ſi ut bei erkom⸗ n Che⸗ ie dan Haus ch die nicht eund 37 dabei dürftige Beamtenwelt der Stadt eine höchſt erwünſchte Ausſicht. Aber noch während man ſo hin- und her⸗ plauderte und bevor Frau von Schwarzenfeld noch wieder ganz hergeſtellt war, tauchten auf einmal höchſt abenteuerliche Gerüchte auf; Nie⸗ mand wußte woher ſie kamen, auch nicht was ſie eigentlich bezweckten, aber genug, ſie gingen gleichſam in der Luft umher und deuteten alle darauf hin, daß bei dem entſcheidenden Act doch am Ende nicht Alles ſo ganz ſtreng und richtig zugegangen, wie es eigentlich geſollt hätte. Man ſprach von einer Kutſche, die den Tag vor der Entbindung der Frau von Schwarzenfeld in einen der hintern Höfe des alten weitläufigen Hauſes eingefahren ſei, ein Frauenzimmer ſollte daraus geſtiegen ſein, mit einem verdeckten Korbe, und in dem Korbe ſollte ſich etwas gerührt und gewimmert haben gleich einem neugeborenen Kinde. Man behauptete ferner, daß ſeit einigen ix Tagen ein junges Frauenzimmer vermißt würde, ein leichtfertiges Mädchen aus einem übelberu⸗ fenen Theileder Stadt, das kurz zuvor von einem Knaben entbunden worden; jetzt ſollte plötzlich mit der Mutter auch das Kind verſchwunden ſein. Und endlich wollte der Nachtwächter, der an der gegenüberliegenden Ecke ſeine Station hatte, eine halbe Stunde vor Ankunft des Herrn von Schwarzenfeld geſehen haben, wie zwei verhüllte Figuren ſich mit großer Vorſicht aus dem jetzt Schwarzenfeld'ſchen Hauſe geſchlichen und bei dem gegenüberliegenden Stadtgraben verſchwunden wären; die eine derſelben habe ein Packet getragen, das beinahe wie ein eingewickel⸗ tes Kind ausgeſehen, die aͤndere habe mit Geld geklappert und jener mit leiſer, aber dringender Stimme eifrig zugeſprochen. Forſchte man indeſſen genauer nach, ſo löſten ſämmtliche Gerüchte ſich in Dunſt und Nebel auf. Um bei dem letzten und wichtigſten anzu⸗ — — — 39 fangen, ſo hatte die Polizei, die durch das Gerede aufmerkſam gemacht worden war, in aller Stille Nachforſchungen im Stadtgraben anſtellen laſſen. Doch hatte ſich dabei auch nicht das geringſte Merkmal gefunden, daß hier ein Verbrechen oder auch nur eine Heimlichkeit begangen worden; der Fleck wurde ſelten oder nie begangen, und auch jetzt zeigte ſich von Fuß⸗ tritten, die bei dem weichen moraſtigen Boden ſich doch nothwendig hätten abdrücken müſſen, nicht die geringſte Spur. Der Nachtwächter war per⸗ ſönlich vernommen worden; es war ein berüch⸗ tigter Trunkenbold, der, wenn er im Sturme war, nicht Tag von Nacht unterſcheiden konnte und die Stunden ſo quer anſagte, daß ſich das Stadtviertel ſchon mehrmals über ihn beſchwert hatte. Polizeilich befragt, verſicherte er von der ganzen Geſchichte nichts zu wiſſen, das habe gewiß ein böſer Menſch erfunden, der ihn gern vom Brote bringen wolle; er leide ſehr am 40 Schwindel und müſſe dagegen zuweilen ſtarke Tropfen nehmen, da glaubten die Leute denn, er ſei betrunken, und redeten ihm allerhand al⸗ bernes und boshaftes Zeug nach. Mit den übrigen Gerüchten ging es gerade ebenſo. Die geheimnißvolle Kutſche war zwar von Allen gehört worden: nämlich in den Er⸗ zählungen, die darüber umgingen, aber von Niemand geſehen. Die Dirne, die man eben⸗ falls hatte in die Geſchichte verwickeln wollen, war nach polizeilichem Ausweis volle acht Tage zuvor mitſammt ihrem Kinde in ihre Heimat zurückdirigirt worden und daſelbſt auch, eben⸗ falls nach polizeilichem Ausweis, mitſammt dem Kinde wohlbehalten angekommen— und zwar war das Kind ein Mädchen, womit denn aller weitere Argwohn oder vielmehr die Mög⸗ lichkeit eines Argwohns(denn mehr war es noch nicht) von ſelbſt zuſammenfiel.— Der kleine beſcheidene Vetter ſtellte ſich, als ob er von ——— dem ganzen Gerede nicht das Mindeſte wüßte, und da natürlich Jedermann ſich hütete, es in ſeiner Gegenwart zu erwähnen, ſo konnte es auch immer ſein, daß er in der That nichts davon wußte. Den blöden Referendarius mit der Brille hatten einige weiſe Frauen zu ver⸗ ſchiedenen malen ernſtlich ins Gebet genommen: ſie wüßten ſchon Alles, er ſolle nur beichten, was für Zaubereien ſie da getrieben hätten. Der junge Mann ſtolperte dann regelmäßig von einer Ecke der Stube zur andern und verſicherte unter Stammeln und Stottern, daß Alles in beſter Ordnung zugegangen; er ſei zwar im erſten Augenblick, wie die Wehmutter mit dem quäken⸗ den Kinde ins Zimmer getreten, ſo beſtürzt ge⸗ weſen— was ihm auch Niemand verdenken würde, wenn man erwäge, daß ſeine Mutter zwar zwölf Kinder gehabt hätte, er aber das jüngſte davon ſei und bis auf dieſe Stunde noch gar keinen Begriff von ſo etwas beſeſſen— 42 ſo beſtürzt, ſagte er, daß er im erſten Augen⸗ blick nicht gewußt, was Kind ſei und was Kiſſen, woran jedoch auch vielleicht der Umſtand Schuld trage, daß es ſehr warm im Zimmer und ſeine Brille von der Hitze ganz undurch⸗ ſichtig geweſen. Späterhin hätte er ſich zurecht⸗ gefunden, hätte Alles beſtens inſpicirt, proto⸗ kollirt und atteſtirt; es gäbe, behaupte er dreiſt, auf dem ganzen Gericht kein genaueres, gründ⸗ licheres und wohlſtiliſirteres Protokoll als das⸗ jenige, welches der Herr Aſſeſſor und er in jener Nacht aufgenommen, und womit denn allerdings das Teſtament ein für alle mal und für ewige Zeiten erledigt ſei. Damit waren die Gerüchte alſo beſeitigt und abgethan— bis auf eins, das tollſte von allen und das ſich gerade am längſten erhielt, wenn auch nur in ſehr untergeordneten Kreiſen. Nämlich die beiden Teſtamentsvollſtrecker ſeien mitſammt der Wehmutter beſtochen geweſen, ſei ſi li ſi * das Zeugniß, das ſie abgelegt, ſei falſch; zwar ſei das Kind der Frau von Schwarzenfeld wirk⸗ lich ihr Kind; allein es ſei ein Mädchen, das nur als Junge getauft und erzogen wäre. So läppiſch dieſes Gerücht auch war, ſo erhielt es ſich doch, wie geſagt, lange Jahre; ſeine letzte Spur verſchwand erſt, als Rudolf— ſo war das Kind getauft worden— auf die Univerſität zog, mit einem ſproſſenden Schnurrbart, wie ihn freilich kein junges Mädchen präſtiren konnte. Elftes Capitel. Verſchiedene Wege. Und welche Jahre waren das für die Familie der Frau von Schwarzenfeld und für ſie ſelbſt geweſen! Es war ein ſchönes Vermögen, das der Kammerdirector ihr hinterlaſſen hatte: aber Glück und Segen waren nicht dabei. Im Ge⸗ gentheil, es ſchien wie ein Fluch an dem Gelde zu haften, ein Fluch, den man begreiflich fand, da man ſich erſt jetzt wieder erinnerte, auf welche Weiſe und mit welchen Mitteln der Sohn des Viehhirten es zuſammengeſcharrt hatte. Was war aus den ſchönen Reiſen geworden, welche das junge Paar beabſichtigt, was aus den Feſten 45 und Luſtbarkeiten, die man ſich in deſſen Hauſe verſprochen hatte! Die ſchönen Schweſtern, die ehemals ſoviel Bewunderer um ſich verſammelt, wie waren ſie ſo früh vereinſamt, ſo ſtill, ſo ernſt, ſo alt geworden! Es war doch nicht gut geweſen, daß der Alte das Teſtament am Mor⸗ gen der Hochzeit gemacht, er hatte damit die Freuden des Hochzeittags entweiht und jene ſchwarzen Geiſter heraufgelockt, die ſeitdem ſo raſtlos, ſo unaufhörlich durch das Haus der beiden Schweſtern wanderten. Noch lange nachher, wenn in der Stadt vom Heirathen aus Liebe die Rede war, pflegten die Mütter ihre Töchter mit dem Beiſpiel der ſchönen Fräulein von Steinfurt zu warnen. Wo waren zwei zärtlichere Paare geweſen als ſie und ihre jungen ſchmucken, ſchlanken Offiziere? Und wo hatten zwei Ehen ſo raſch ein ſo dü⸗ ſteres, furchtbares Ende genommen? Von Klara's traurigem Schickſal haben wir bereits geſprochen. So traurig es war, war es doch noch das glück⸗ lichere; ihr Glück, ihre Liebe war doch nur mit dem Leben des Geliebten zu Ende gegangen, und auch dieſes hatte nur ein unabwendbarer Schick⸗ ſalsſchluß, eine Krankheit, wie ſie Jeden treffen kann, dahingerafft. Der ältern Schweſter ſollte es nicht einmal ſo gut werden, ſie ſollte ganz Daſſelbe verlieren und nicht einmal den Troſt behalten, daß erſt der Tod das Herz des Ge⸗ liebten erkaltet und daß dieſer Tod ſelbſt nur ein Schickſalsſchluß, ein Verhängniß höherer Mächte, denen wir uns unterwerfen müſſen, auch wo wir ſie nicht verſtehen. Hugo von Schwarzenfeld war über die Ge⸗ burt des Knaben anfangs ſehr glücklich geweſen. Nur die fünftauſend Thaler, die ihm durch das Teſtament zuerkannt waren, hatte er aufs ent⸗ ſchiedenſte abgelehnt; er überwies ſie dem Mu⸗ ſikantenthurm, mußte dabei jedoch die trübe Erfahrung machen, daß ſeine Güte ihm nicht 47 einmal gedankt wurde; nachdem ſoviel Größeres verloren gegangen, meinten die Leute im Thurm, könnte es auf die paar Tauſend auch nicht ankom⸗ men.— Hugo lächelte über den Undank der alten misvergnügten Weiber, und auch die verſchiedenen, zum Theil höchſt langweiligen und läſtigen Ge⸗ ſchäfte, welche die nunmehr erfolgte Uebernahme des großen Vermögens mit ſich führte, überſtand er ſämmtlich mit größter Heiterkeit und ſprach nur den Wunſch aus, daß ſeine Frau doch recht bald wiederhergeſtellt ſein möchte, damit ſie die beabſichtigten großen Reiſen antreten könnten. Allein auch mit dieſem Plan ſollte es gehe wie mit ſo vielen. Ulrike blieb längere Zeit kränklich; auch war es gleich mislich, ein ſo junges Kind zu verlaſſen oder auf ſo weite Reiſen mitzunehmen. Die Reiſen unterblieben alſo; nur Hugo verſchwand mitunter auf Tage und Wochen, Niemand wußte wohin. Zurück⸗ gekehrt, lebte er meiſtentheils wieder auf dem 48 kleinen Landgute, wo er allerhand hübſche An⸗ lagen gemacht hatte und das ihm immer mehr ans Herz zu wachſen ſchien. Frau von Schwar⸗ zenfeld zog es vor in der Stadt zu bleiben, wo ſie ſich in dem alten weitläufigen Hauſe des verſtorbenen Oheims nun vollkommen eingerich— tet hatte; theils erfoderte das Kind, das übri⸗ gens prächtig gedieh, ihre Anweſenheit, theils mochte ſie wol auch von den Gerüchten gehört haben, die ſich über ſie verbreitet hatten; als eine kluge Frau hielt ſie es für angemeſſen, den⸗ ſelben Stand zu halten und gerade jetzt die Stadt, wo ſie gleichſam unter öffentlicher Con⸗ trole lebte, nicht zu verlaſſen. Das war nun wol ganz klug: aber für die Dauer ihres häuslichen Glücks hätte ſie doch beſſer gethan, die häufigen Trennungen, die daraus zwiſchen den beiden Gatten entſtanden und die mit der Zeit immer länger und bedenk— licher wurden, zu vermeiden. Der Trübſinn, 8 m ei — k an dem Hugo ſchon vor einiger Zeit gelitten, kehrte immer häufiger und immer gewaltſamer wieder. Selbſt ſeine Zärtlichkeit für Ulrike litt darunter; der ſonſt ſo weichherzige, milde Mann wurde ſchroff und rauh gegen ſie, was dann von ihrer Seite mit wachſender Heftigkeit er⸗ widert ward. Allerdings kamen noch mitunter Stunden, wo ſie ſich gegenſeitig voll Ungeſtüm aufſuchten; wenn ſie in der Stadt, er auf dem Gute einſam und grollend ſaßen, war es ihnen mitunter, als hörten ſie eine Stimme rufen; ſie eilten einander in die Arme und ſchwuren unter Thränen und Küſſen, alles Vergangene ſolle vergeben und vergeſſen ſein und nie, nie wie⸗ der ſollten ſich ihre Herzen ſo voneinander verlieren. Allein— das übelſte Symptom in einer Ehe, wobei ſich die Diagnoſe gewöhnlich auf„incu⸗ rabel“ ſtellt— auch dieſe wiederholten Verſöh⸗ nungen führten kein neues inniges Beiſammen⸗ Der Muſikantenthurm. II.& 3 50 leben herbei; es waren ſtürmiſche Augenblicke, ein⸗ zelne zärtliche Anwandlungen, die mit derſelben Eile gingen wie ſie gekommen waren und das Herz noch finſterer und kälter zurückließen als es zuvor geweſen. Sie fingen ſogar an höchſt gefährlich zu werden, dieſe Verſöhnungen. Denn regelmäßig, indem ſie ſich verſöhnen wollten, geriethen die armen thörichten Leute in neue und noch viel heftigere Erörterungen; aller alte Groll wurde wieder wach; was er oder ſie da oder dort geſprochen oder nicht geſprochen, gethan oder unterlaſſen, wurde einander mit Heftigkeit vorgerückt und die Wunde dadurch immer tiefer und brennender gemacht. Um was es ſich dabei eigentlich handelte und woher dieſe Zerrüttung des häuslichen Friedens eigentlich ſtammte, wußte Niemand ſo recht zu ſagen. Der Vetter hätte es vielleicht thun können, er war jetzt viel, faſt unausgeſetzt im Hauſe ſeiner ſchönen Couſine, und wenn er nicht ſo allgemein als Tugend⸗ 51 ſpiegel bekannt und auch nicht ſo gar kümmer— lich von Ausſehen geweſen wäre, ſo hätte man wol gar auf den Gedanken kommen können, Herr von Schwarzenfeld ſei eiferſüchtig auf ihn. Aber daran war bei dieſem ſtillen, beſcheidenen Männchen kein Gedanke, und auch die ſtolze ſchöne Ulrike, wenn ſie einmal ſündigen wollte, hätte ſich wenigſtens einen hübſchern Sünder aus⸗ geſucht. Die Sache wurde zuletzt ſo ſtadtkundig, daß der Vetter ſelbſt ſie nicht mehr in Abrede ſtellen oder ignoriren konnte. Er zuckte die Achſeln und meinte, es werde wol die gewöhn⸗ liche Reaction der Liebe ſein, die beiden Leutchen hätten ſich anfangs zu liebgehabt, nun müßten ſie ſich erſt ein bischen haſſen, und wenn das durchgemacht ſei, werde die wahre, richtig temperirte Liebe, ſozuſagen die Dauerliebe, die einen Puff vertragen kann, wol auch an die Reihe kommen. Nach einiger Zeit aber gab er zu nein, die Sache wäre doch anders, ernſt⸗ 52 hafter oder leichter, wie man es nehmen wolle— der arme Hugo ſei krank, gemüthskrank, er wiſſe nicht mehr was er thue, ſein Herz ſei für alle Freuden des Lebens abgeſtorben, ſelbſt ſeinen Rudolf, den prächtigen Jungen, der nun wirk⸗ lich ſchon ganz niedlich zu laufen anfange, ſehe er kaum von der Seite an. Der junge Arzt, der mittlerweile eine große Praxis in der Stadt bekommen und ſich trotz ſeiner Klugheit und trotz ſeiner Biederkeit zum Modearzt emporgeſchwungen hatte, beſtätigte die Ausſagen des Vetters. Es war wirklich ſo, Herr von Schwarzenfeld war in der That ge⸗ müthskrank, die Unruhe, in der er die letzten Jahre verlebt oder vielleicht auch umgekehrt, die ungewohnte Ruhe und Einſamkeit des Land⸗ lebens, die er ſo plötzlich mit dem heitern Kriegs⸗ dienſt vertauſcht, hatte ſeinen Nerven eine Reiz⸗ barkeit gegeben, welche die größte Vorſicht und Schonung nöthig machte. Den meiſten Erfolg 53 hoffte der Arzt von einer Veränderung des Auf⸗ enthalts. Hugo ſollte reiſen; vielleicht war es auch rathſam, die Gegend ganz zu verlaſſen und ſich in einem mildern Klima und einer freund⸗ lichern Umgebung anzuſiedeln. Natürlich konnte ſo etwas nicht ohne entſprechende Vorbereitungen vor ſich gehen; man wollte die beſſere Jahreszeit erwarten, Frau und Kind ſollten mitgenommen werden; auch mußte für Verwaltung und Beauf⸗ ſichtigung des ausgedehnten Beſitzthums Sorge getragen werden. Ach, hätten die armen Leute doch lieber Alles ſtehen und liegen laſſen wie es lag und hätten ſich eiligſt auf die Reiſe begeben; vielleicht wäre es noch möglich geweſen, den Unglücklichen zu retten. Jetzt kamen alle Zurüſtungen zu ſpät— Hugo hatte ſich ſelbſt entleibt; nach einer ſtür⸗ miſchen Regennacht, die er einſam im Freien zugebracht, fand man des Morgens früh ſeine Kleider nebſt einem halbverwiſchten Zettel, der ————— —— 54 einige Abſchiedsworte enthielt, am Geſtade des angeſchwollenen Stroms. Die Leiche wurde lange vergeblich geſucht; endlich kam aus einer entfernten Ortſchaft die Nachricht, daß die Flut ſie ans Land getrieben, wo man ſie in aller Stille ohne Sang und Klang eingeſcharrt hatte. Das alſo war der Ausgang dieſer beiden ſo hoffnungsvollen Ehen geweſen, ſo hatten dieſe beiden, ehedem ſo muntern Kameraden geendet: der Eine am Nervenfieber, der Andere als Selbſt⸗ mörder, Beide nachdem ſie ihr Glück nur wenige Jahre genoſſen, und der Eine doch ſchon als ein überſättigter, müder Mann. Ulrike trug ihr furchtbares Schickſal, gegen das ſelbſt das Unglück der Schweſter in Schat⸗ ten trat, mit einer faſt abſchreckenden Faſſung. Sie weinte nicht, ſie klagte nicht, aber Niemand ſah ſie auch jemals wieder lächeln; ihr Geſicht war ganz ernſt, ganz ſtarr geworden, als ob der plötzliche Schmerz es verſteint hätte; man ſah ſie S 55 zuweilen in tiefes Nachdenken verloren, und wenn ſie emporfuhr, ſchüttelte ſie ſich wie von innerm Grauſen gepackt. Waren es viel⸗ leicht die Schatten der Vergangenheit, die in ihr emporſtiegen? Mußte ſie ſich ſelbſt anklagen, gegen den todten Gemahl nicht immer ſo ſanft und duldſam geweſen zu ſein, wie ſein unglück⸗ licher Zuſtand es ihr wol zur Pflicht gemacht hätte? Oder wer weiß— ihre Blicke waren gar ſo ſtier und ſeltſam— erbte die Krankheit des unglücklichen Mannes vielleicht fort? und waren Wahnſinn und Geiſteszerrüttung der Fluch, den der alte Oheim in ſein Geld hineingebannt hatte?— Der gute arme Vetter, der in ſeiner Verwandtſchaft ſoviel Trauriges erleben mußte, ging ganz betrübt und kläglich umher; ſeinem ſtillen mäßigen Gemüth waren alle dieſe großen, ungeheuern Schickſale ganz beſonders drückend und widerwärtig. Doch hielt er bei der armen Couſine treulich aus, er machte es nicht wie 56 Ulrike's Schweſter, die Witwe des ſchönen jungen Hippolyt, die ſich bald nach des Letztern Tode, aus Gründen, die Niemand kannte, der⸗ maßen mit Frau von Schwarzenfeld überworfen und verfeindet hatte, daß aller Verkehr zwiſchen den beiden Schweſtern abgebrochen war. Ver⸗ muthlich hatten die beiderſeitigen Vermogens⸗ verhältniſſe die Veranlaſſung dazu gegeben; Ul⸗ rike war ſehr reich geworden und Klara ſehr arm. Selbſt das kleine Capital, das ſie noch von dem verſtorbenen Oheim im Geſchäft hatte, gehörte nun eigentlich der Schweſter oder doch dem Sohn derſelben, was für den Augenblick auf Eins hinauskam. Wie tief die Erbitterung zwiſchen den beiden einſt ſo nah verbundenen Weſen geworden war, das konnte man beſon⸗ ders daraus ſchließen, daß Klara, ungeachtet ihrer bedrängten Verhältniſſe und wiewol ſie das erwähnte Capital nach dem Wortlaut des Teſtaments noch eine Reihe von Jahren hätte önen tern der⸗ fen hen 57 behalten können, daſſelbe doch unmittelbar nach Hugo's Tode an die Schweſter zurückzahlte, und daß dieſe, an der man von Geiz oder Habſucht bisher keine Spur bemerkt hatte, daſſelbe auch wirklich zurücknahm. Damit war denn aus⸗ geſprochen, daß die beiden Schweſtern keinerlei Art von Beziehung mehr miteinander haben wollten, und auch die Ermahnungen des Vetters, der ſich viele Mühe gab, die Hadernden zu ver⸗ ſöhnen, konnte unter dieſen Umſtänden den ge⸗ wünſchten Erfolg nicht haben. 3** Zwälſtes Capitel. Ein zweites Geſchlecht. Wir wollen hier noch gleich anſchließen, was über das fernere Schickſal Klara's und ihrer Tochter bekannt ward; es war nicht viel und das Wenige war nichts Freundliches. Mit der Hartnäckigkeit, deren wir ſchon früher gedacht haben und die ihrer tiefen und aufrichtigen Liebe zu dem verſtorbenen Gemahl entſprach, ſuchte ſie die von ihm angelegte Fabrik, trotz der ver⸗ minderten Mittel und trotz der drückenden Zei⸗ ten, immer noch im Gang zu erhalten. Sie hatte ſich ganz in das Geſchäft eingelebt, und zehn mal bankrott, oder doch wenigſtens auf 59 dem Punkt es zu werden, hatte ſie ſich durch Fleiß, Sparſamkeit, Ausdauer immer wieder in die Höhe gerafft. Viel Seide wurde dabei frei⸗ lich nicht geſponnen; es war eins von den Ge— ſchäften, die nicht leben und nicht ſterben kön⸗ nen, bei denen man wol alt und grau, aber nicht ſatt und froh, geſchweige denn reich wird. Endlich gingen die ſchweren Kriegsjahre vorüber, und ſie hoffte ſich zu erholen. Allein gerade das Gegentheil geſchah; der Friede machte die lange verhaltenen Capitalien wieder flüſſig, fremde Speculanten kamen ins Land, neue großartige Unternehmungen wurden errichtet, gegen die das kleine Geſchäft der armen Witwe zuſammen⸗ ſchrumpfte wie ein Zwerg vor dem Rieſen, und die wenigen Abſatzquellen, die ſie ſich noch offen⸗ erhalten hatte, verſchloſſen ſich eine nach der andern. Da zeigte das Glück noch einmal ſein glei⸗ ßendes Antlitz, aber nur um auf Nimmerwieder⸗ 60 ſehen zu verſchwinden und noch größeres Unglück zurückzulaſſen wie zuvor. Die noch immer friſche, blühende Witwe, deren Fleiß und Ausdauer ſelbſt von Denen geachtet ward, denen die ge⸗ ringen Früchte deſſelben kein Geheimniß, hatte im Lauf der Jahre manchen vortheilhaften Hei⸗ rathsantrag gehabt. Doch hatte ſie alle zurück⸗ gewieſen, theils weil das Bild des verſtorbenen Gemahls noch immer unverlöſchlich in ihrem Herzen lebte, theils auch aus Rückſicht auf die Tochter, ein friſches blühendes Kind, der ſie keinen Stiefvater geben mochte. Jetzt war aus dem Kinde eine ſtattliche Jungfrau geworden, und die Freier, die ſich bis dahin bei der Mutter eingeſtellt hatten, wurden nachgerade gewahr, daß auch eine recht hübſche mannbare Tochter im Hauſe ſei. Und wie das Mutterherz ſo ſeltſam iſt: die⸗ ſelben Freier, denen ſie die eigene Hand ſo„ ſtandhaft verweigert hatte, waren ihr als Be⸗ werber um die Hand der Tochter höchlich will⸗ kommen. Die gute Frau war wol zu entſchul⸗ digen; die Heirath der Tochter war die einzige Ausſicht, die ſie noch hatte; wenn dieſe einen Mann wählte, der ſich auf das Geſchäft ver⸗ ſtand und ein bischen Mittel hineinbrachte, ſo war es immerhin noch möglich, daß es zuletzt doch noch in Flor gerieth, Mutter und Kind ernährte, ja vielleicht noch reich machte. Die Tochter, Luiſe mit Namen, war ein leidenſchaft⸗ loſes, ruhiges Gemüth, die Nähe der hollän⸗ diſchen Grenze ſchien ihr etwas wie holländiſches Phlegma angeweht zu haben; ſie konnte die ſanguiniſchen Hoffnungen der Mutter nicht ge⸗ rade theilen, aber da ihr Herz frei war und ſie auch ſonſt keine hervortretende Neigung oder Abneigung hatte, ſo wollte ſie es auf den Ver⸗ ſuch ankommen laſſen. Und der Verſucher kam. Ein junger Frem⸗ der, der ſeit einiger Zeit in der Gegend lebte, 2 machte die Bekanntſchaft von Mutter und Toch⸗ ter; er reiſte im Lande umher, um gewiſſe Er⸗ findungen und Fabrikgeheimniſſe zu kaufen und zu verkaufen, welche, wie der redſelige Mann mit großer Emphaſe verſicherte, den Ertrag in kür⸗ zeſter Zeit auf das Doppelte und Dreifache ſtei⸗ gern mußten. Nun war zwar die Fabrik der Witwe viel zu klein, um ſich auf ſolche koſt⸗ ſpielige Experimente einzulaſſen. Doch war die Bekanntſchaft eingefädelt und wurde von dem jungen Manne mit Eifer fortgeſetzt. Auch den Frauen gefiel er, beſonders der Mutter; er war, was man ſo ſagt, mit allen Winden geſegelt, in allen Waſſern hatte er geſchwommen, es gab kein Land, wo er nicht geweſen, kein Geſchäft, das er nicht erlernt, keine Erfindung zwiſchen Himmel und Erde, die er nicht gemacht oder wenigſtens verbeſſert und nach ihrer wahren Bedeutung erkannt hatte. Die Witwe war in den engen kleinen Verhältniſſen wol auch ein — 6 wenig zurückgekommen, mit der bürgerlichen Hanthierung hatte ſie bürgerliche Neigungen und Schwächen angenommen. Der junge ge⸗ ſchwätzige Windbeutel imponirte ihr; das, dachte ſie, wäre der rechte Mann für ihr Geſchäft, wenn der da hineinheirathete, da käme es gewiß noch in die Höhe. Ja, ſie ſtand ordentlich be⸗ ſchämt neben dem Großſprecher und ſchalt in ihrem Herzen auf die kleinen beſcheidenen Tu⸗ genden, auf die Sparſamkeit, den Fleiß, die Mäßigkeit, die ſie ſo lange Jahre geübt; was hatten ſie ihr genützt? Nichts aber dieſer junge Mann hier, der hatte ſich etwas verſucht, der war ein Genie, und das Genie faßt das Glück im Fluge, das dem guten aber ſchwachen Willen der Witwe immer aufs neue entflattert war. Ihr Wunſch ſollte erfüllt werden, noch bevor ſie ihn ſich ſelbſt recht klar gemacht. Der junge Fremde, der in dem kleinen aber wohlgelegenen Geſchäft, deſſen Mittel gering, aber ſicher waren, 64* wol gerade den richtigen Stoff für ſeinen refor⸗ matoriſchen Genius erkennen mochte, hielt um die Hand der Tochter an. Daß er das Ge⸗ ſchäft dabei mitheirathen würde, verſtand ſich von ſelbſt; auch redete er viel von gewiſſen aus⸗ wärtigen Gönnern, äuf deren Unterſtützung er zählen dürfe, ſowie von einem kleinen erſparten Vermögen, das er in Bergwerksantheilen und ähnlichen Unternehmungen mit einem Vortheil angelegt habe, der ſeine eigenen kühnſten Er⸗ wartungen übertreffe. Luiſe's Herz war, wie wir wiſſen, noch unberührt; ſie ſah keinen Grund, warum ſie nicht die Frau eines Mannes werden ſolle, der ſo hübſche Bergwerksantheile beſaß und zu dem ihre Mutter ſolch gutes Vertrauen hatte. Die Ehe wurde alſo geſchloſſen, ohne Be— geiſterung, aber auch ohne Abneigung. Nach einer alten Erfahrung ſoll das die beſten Ehen geben; hier jedoch bewährte der Satz ſich nicht. 65 or Zwar war Herr Kroppenberg— ſo nannte ſich 6 der Schwiegerſohn der Witwe— gegen Frau Ge und Schwiegermutter ein ganz hoöflicher und ſich artiger Mann; er wirthſchaftete viel in der us⸗ Fabrik, ließ neue Arbeiter nebſt neuen Maſchinen er kommen, machte große Geſchäftsreiſen, ſprach tten viel von der ungeheuern Maſſe von Beſtellungen, und die er zu effectuiren hätte, ließ die Schwieger⸗ heil mutter brav Hypotheken aufnehmen und Wechſel Er⸗ unterſchreiben— aber eines guten Tages, kurz wie nachdem Luiſe ihn zum Vater eines Töchter⸗ nd, chens gemacht hatte, das nach der Großmutter den Klara getauft ward, verreiſte er und vergaß ſaß leider das Wiederkommen, was einem Manne men von ſo vielen und dringenden Geſchäften wol paſſiren konnte. Statt ſeiner kamen zahlloſe Be⸗ Gläubiger und Andere, die über Betrug und ach Spitzbübereien ſchrien; von den Bergwerks⸗ hen antheilen und ſonſtigen werthvollen Papieren, hi. die Herr Kroppenberg beſeſſen, wollte ſich nichts — finden, er hatte ſie vielleicht in Gedanken ein⸗ geſteckt und mitgenommen, oder vielleicht hatte er ſie auch niemals beſeſſen. Aber die Schwie⸗ germutter, die beſaß noch etwas, und obwol es bei weitem nicht hinreichte, alle Verbindlich⸗ keiten, welche Herr Kroppenberg darauf einge⸗ gangen war, zu löſen, ſo hinderte dies doch, wie man ſich denken kann, die Gläubiger nicht im mindeſten, ihr zu nehmen ſoviel eben da war und ſie mit Tochter und Enkelin, nackt und bloß, von der Scholle, auf der ſie ſo lange gewohnt hatte und wo auch die Leiche ihres Hippolyt lag, herunterzujagen. Das war ein Schmerz, beinahe ſo groß wie damals, als ſie dem Theuern die Augen zu⸗ drückte. Im erſten Augenblick, voll Entſetzen über dieſe abſolute Hülfloſigkeit, die ihr von allen Seiten entgegenſtarrte, dachte ſie daran, ſich an die Schweſter zu wenden und deren Hülfe in Anſpruch zu nehmen. Aber es waren un nit 67 in⸗ mehr als zwanzig Jahre, ſeit ſie einander zum atte letzten male geſehen; ſie wußte nicht einmal, wo wie⸗ ulrike war, ob ſie ſich nicht vielleicht zum zwei⸗ wol ten male verheirathet hatte, ja ob ſie überhaupt lich⸗ noch lebte. Auch trat Alles, was die Schweſtern nge⸗ damals getrennt, mit erneuter Lebhaftigkeit vor och, ihre Seele; es war nichts Großes, nur ein nicht Hauch, ein Schatten— aber dieſer Schatten da hatte hingereicht, ihr das Bild der Schweſter nackt auf ewig zu verdüſtern und eine Kluſt zwiſchen ſo ihnen aufzuwerfen, die durch nichts wiederaus⸗ iche gefüllt werden konnte. Wie hatte ſie aufgeath⸗ ⁰ met damals, als der letzte Thaler von dem Ca⸗ wie pital, das noch der alte Kammerdirector an Hip⸗ zr polyt geliehen hatte, zum Hauſe hinausgeſchafft ehen und an ſeine neue Eigenthümerin zurückgezahlt von war! Sie war nicht abergläubiſch oder doch nicht mehr als ſich für eine Frau von ihren Verhältniſſen paßte: und doch hatte ſie ſich nie⸗ mals des Gedankens entſchlagen können, ob ran, eren gren ——— 68 nicht am Ende dieſe Ueberfülle des Unglücks, die ſie ſo ſichtlich verfolgte, eine Frucht dieſes Geldes ſei und der Flüche, welche daran klebten. Und um daſſelbe Geld, das ſie ehedem verſchmäht, ſollte ſie nun betteln? betteln bei der ſtolzen, hochfahrenden Schweſter, die ſich ſo leicht, ſo ſpöttiſch von ihrem Herzen gelöſt? Als demüthige Fremde ſollte ſie ſich an den Tiſch ſetzen, der in ihren Gedanken von Blut und Verwünſchun⸗ gen troff, weil nichts als ungerechtes Gut dar⸗ aufkam? Nein, nein, lieber verhungern als Theil haben an dieſem Gelde! Auch verhungern zwei Frauenzimmer nicht ſo leicht, die mäßig ſind und arbeiten wollen. Einige alte Freunde des Hauſes, durch ihr nicht endendes Unglück gerührt, verſchafften ihr eine Stelle in einer kleinen rheiniſchen Stadt als Vorſteherin einer Klöppelſchule; es war ein dürftiges Leben, aber man lebte doch.... Das heißt, ſolange man es aushielt. Luiſe wur Kle St vo ſei giſ inn wir 69 i, hielt es nicht lange aus; die ungewohnten Ge⸗ pits müthöerſchütterungen und Aufregungen, welche ih die letzten Jahre für ſie gebracht, hatten ihre niht Kraft gebrochen. Sie ſtarb, wie ſie gelebt, ſtill und geräuſchlos; die Mutter, das wußte ſie, mußte ihr bald nachfolgen, und nur der Hin⸗ blick auf ihre arme kleine Tochter machte ihr das Sterben ſchwer. Von ihrem weggelaufenen Manne hatte ſie nie wieder etwas gehört; auch wurde ſelten oder nie von ihm geſprochen. Die Kleine wußte kaum, wer ihr Vater warz ein Medaillon von ihm, das er ihrer Mutter einſt als Bräutigam geſchenkt hatte, diente ihr als niht Spielzeug, ohne daß ſie recht wußte, wen es olen vorſtellte. Das Kind war ſo ſanft und ſtill wie nit ſeine Mutter, aber zugleich ſo thätig und ener⸗ eine giſch wie die Großmutter. Die Letztere, welche immer hinfälliger ward, beſonders an den Augen, die der feinen Arbeit nicht mehr gewachſen waren, würde mit der Erzichung ihrer Enkelin und ein Luiſe 70 Namensſchweſter große Noth gehabt haben, hätte nicht ein guter alter Prediger in der Nachbar⸗ ſchaft, der die alte Frau Froideville(das„von“ hatte ſie längſt abgelegt) ſeit Jahren kannte und achtete, ihr dieſe Laſt ab⸗ und das Kind zu ſich genommen Da war denn für die kleine Klara trefflich geſorgt; die Großmutter aber wickelte ſich feſter in ihr altes abgetragenes Tuch und dachte, nun könne der Tod kommen, ſie wäre gerüſtet.... hätte chbar⸗ „von“ annte Kind kleine ehet genes umeh, Dreizehntes Capitel. Witwentrader. Minder wechſelvoll, aber darum nicht weniger freudlos und finſter geſtaltete ſich der Lebens⸗ weg der ältern Schweſter. Der ſo frühzeitige, von ſo erſchütternden Umſtänden begleitete Tod ihres Gemahls hatte die junge Frau im Inner⸗ ſten getroffen und zerſchmettert; jetzt zeigte ſich erſt, wie ſie ihn geliebt, und daß alle jene Störungen und Misverſtändniſſe, welche ihre kurze Ehe getrübt, doch nur wie Wolken vor der Sonne geweſen waren. Aus der über⸗ müthigen, glanzliebenden Schönen war eine ernſte, düſtere Matrone geworden; ſtill und —* 72 ſchweigſam, einen unerſchütterlichen Ernſt in den noch immer ſchönen Zügen, ſchritt ſie durch die weitläufigen Räume des alten finſtern Hau⸗ ſes, oder wandelte durch die Alleen und An⸗ lagen des Landguts, dem Hugo ſich mit ſoviel Eifer gewidmet hatte, das ihr früher ſo gleich⸗ gültig, ja beinahe widerwärtig geweſen war und wo ſie jetzt regelmäßig den größten Theil der guten Jahreszeit in tiefſter Einſamkeit ver⸗ brachte, theils ihren Erinnerungen hingegeben, theils mit Ausführung der Plane und Arbeiten beſchäftigt, welche ihr Gemahl hier begonnen und denen ſein furchtbares Schickſal ihn vor der Zeit entrückt hatte. Selbſt das Publicum, das vor kurzem noch ſo eifrig geweſen war, ſie mit böſen Gerüchten und Misdeutungen zu verfolgen, mußte ſich nachgerade eingeſtehen, daß es der armen jungen Frau doch wol Un⸗ recht gethan habe; war ſie jemals kokett und leichtfertig geweſen, ſo hatten wenigſtens die 73 furchtbaren Schickſale, die ſie ſeitdem erfahren, jede Spur davon aus ihrem Herzen gebrannt. Gegenüber dieſem ernſten bleichen Geſicht und dieſem ſtrengen, faſt klöſterlichen Lebenswandel, der dabei doch vor Aller Augen offen dalag, verſtummte der Argwohn, die böſen Gerüchte ſchliefen ein, und dieſelben Stimmen, die ſich vor kurzem noch ein ordentliches Geſchäft daraus gemacht hatten, den Ruf der jungen Frau zu zerpflücken, rühmten ſie jetzt als eine Seltenheit unſerer Tage: nämlich als eine Witwe, die mit den Trauerkleidern nicht auch die Trauer ſelbſt abgelegt. Zu dieſer für Ulriken ſo vortheilhaften Um⸗ ſtimmung des Publicums trug noch ein anderer Umſtand nicht wenig bei, der die Neugier deſ⸗ ſelben ſeit Hugo's Tode vielfach beſchäftigt hatte, bis er endlich auf eine Weiſe gelöſt ward, die der jungen Witwe in der Meinung der Stadt wiederum zum höchſten Vortheil ge⸗ Der Muſikantenthurm. II. 4 74 reichte. Das war ihr Verhältniß zu dem ſtil— len beſcheidenen Vetter. Der Leſer erinnert ſich per Gerüchte, die auch über dieſen Punkt verbreitet waren; Hugo's plötzlicher Tod hatte denſelben natürlich neue Nahrung gegeben, und mit ſchadenfroher Spannung lauerte man, ob Herr von Steinfurt, der inzwiſchen in eine Rathsſtelle eingerückt war und auch übrigens die beſten Ausſichten in ſeiner amtlichen Lauf⸗ bahn hatte, die ſchöne Couſine und mit ihr das ſchöne Vermögen nicht am Ende doch noch heimführen werde Bei dieſer Gelegenheit zeigte ſich wieder einmal recht deutlich, wie veränder⸗ lich Dasjenige, was man die öffentliche Mei⸗ nung nennt, mag es nun die Schickſale und Einrichtungen der Staaten, die Lorbern der Helden und Dichter oder die kleinen Klatſch geſchichten und Abenteuer des geſelligen Lebens betreffen. Wer war beliebter geweſen in den geſelligen Kreiſen der Stadt als das ſtille, an— ſil ett nkt — 75 ſpruchloſe Männchen, das gegen Federmann ſo zuvorkommend war und ſich ſo dienſtwillig placiren ließ, wohin man es haben nglte Ueber wen war man ſo einſtimmig geweſen, daß er die Beſcheidenheit ſelbſt und daß es doch ein wahres Glück für die Geſellſchaft ſei, ſol— chen ewig heitern, ewig fügſamen jungen Mann in ihrer Mitte zu haben, als über ihn? Nun aber auf einmal, ſei es der allgemeine Wankel— muth des Publicums, oder ſei es Neid wegen des Glücks, dem er vermeintlicherweiſe ent⸗ gegenging— genug, die Meinung der Stadt ſchlug auf einmal in demſelben Maße zu ſeinem Nachtheil um, wie ſie ſich zu Gunſten der Frau von Schwarzenfeld geändert hatte. Der Vetter ſollte auf einmal ein heimtückiſcher hinterliſtiger Schleicher ſein; mit der großen Brillantnadel des alten Kammerdirectors, behauptete man, ſei auch die Argliſt und Schadenfreude des alten wunderlichen Mannes auf ihn übergegan⸗ 4* gen; aller Unfriede, der die kurze Ehe des jungen Paares geſtört, ſei von ihm ausgeſtreut worden; ſelbſt die verdächtigen Manipulationen, die er bei Geburt des Schwarzenfeld'ſchen Er ben getrieben haben ſollte, wurden wiederauf gewärmt, aber jetzt in dem Sinne, als ob es ſeine Abſicht geweſen, den Erben überhaupt zu beſeitigen— wobei es freilich ſchwerſiel zu ſagen, welcher Vortheil ihm daraus hätte er⸗ wachſen ſollen, da ſich das Teſtament ja für dieſen Fall deutlich genug ausſprach und jede Möglichkeit, daſſelbe zum Vortheil des Vet— ters auszubeuten, von vornherein abgeſchnit⸗ ten war. Indeſſen an ſolche Widerſprüche kehrt das Publicum, wenn es einmal ins Vermuthen und Auslegen gekommen iſt, ſich bekanntlich nicht, und ſo ſah man denn auch mit großer Be⸗ friedigung, wie das Trauerjahr verſtrich und ein zweites und drittes Jahr ebenfalls, ohne ——— — — 6 daß in dem Verhältniß der Witwe und des Vetters irgendeine Aenderung eingetreten wäre, welche die Vermuthung des Publicums gerecht⸗ fertigt hätte. Herr von Steinfurt ging bei ſei⸗ ner Couſine aus und ein wie früher, er beſorgte ihre Rechts⸗ und Geldverhältniſſe, lieh ihr, wo ſie es ja nicht vermeiden konnte öffentlich zu erſcheinen, ſeinen Schutz und that überhaupt Alles, was das nahe verwandtſchaftliche Verhält⸗ niß und die verlaſſene Lage der Witwe, be⸗ ſonders ſeit dem Zerwürfniß mit der Schweſter, zu erfodern ſchien. Aber auch kein Haarbreit mehr; wie genau man aufpaßte, wie thätig die Lorgnetten auch waren, wo Frau von Schwar⸗ zenfeld ſich in der Begleitung ihres Vetters zeigte, und welche verfängliche Fragen man, mit dem ſüßeſten Lächeln natürlich und unter Verſicherungen innigſter Theilnahme, an ſie richtete, ſo war und blieb doch nicht die leiſeſte Spur eines zärtlichen Verhältniſſes zu entdecken, 78 oder auch nur eines Verhältniſſes, das mit der Zeit einmal ein zärtliches hätte werden können. Ulrike war von ſo gleichmäßigem Ernſt, ſo kalt und ſtreng, um nicht zu ſagen ſo finſter in Wort und Miene, alle ihre Aeußerungen zeig⸗ ten eine ſo tiefe Gleichgültigkeit gegen die Zu— kunft, eine ſolche Ausſicht- und Hoffnung⸗ loſigkeit, daß auch ein minder ſchüchterner Be⸗ werber, als der⸗ Vetter für jeden Fall war, nothwendig den Muth darüber verloren hätte. So wurde man denn endlich des Aufpaſſens müde und entſchloß ſich, ein natürliches und einfaches Verhältniß auch natürlich und einfach auszulegen: von allen Entſchlüſſen bekanntlich derjenige, der der guten Geſellſchaft am ſchwer⸗ ſten fällt. Am meiſten trug es zu dieſem Entſchluſſe bei, als Ulrike endlich nach Verlauf von drei, vier Jahren die traurige Einförmigkeit ihres Witwenlebens unterbrach und jene Reiſen an⸗ ———— t der nen. kalt eig⸗ u⸗ ung⸗ ar, tte. ſens und — trat, von denen ſie früher, zu Lebzeiten ihres Gemahls, ſo gern und ſo viel geſprochen— und zwar allein antrat, ohne Begleitung des Vetters, auf die derſelbe doch, wenn hier wirk⸗ lich ein zärtliches Verhältniß zugrunde gelegen oder auch nur im Entſtehen geweſen wäre, ganz gewiß nicht verzichtet hätte, zumal bei den unruhigen Kriegszeiten, die eine männliche Begleitung faſt zur Nothwendigkeit machten. Nichtsdeſtoweniger reiſte Urike, wie geſagt, allein, nur von einer einzigen Kammerfrau begleitet, auf deren Geſchicklichkeit und Treue ſie ſich aller⸗ dings verlaſſen konnte⸗ Auch beſaß die Kam⸗ merfrau außer ihrer Treue und Geſchicklich⸗ keit noch die ſchätzenswerthe Eigenthümlichkeit, ſehr verſchwiegen zu ſein. Frau von Schwar⸗ zenfeld wiederholte ihre Reiſen alljährlich, ſie kam und ging oft ſo plötzlich, daß kaum ihre nächſten Nachbarn etwas davon merkten, und ſtets in derſelben Begleitung. Aber dieſe 80 Begleitung war ſtumm wie ein Stein; kein noch ſo eifriges Geſpräch, keine noch ſo ver⸗ bindliche Schmeichelei konnten aus ihr heraus⸗ locken, wohin dieſe häufigen Reiſen gerichtet waren oder welchen Zweck ſie hatten.— Was dieſen letztern Punkt anbetraf, ſo war er im Grunde ſehr einfach: eine junge Frau in Ul⸗ rike's Lage, nach ſo erſchütternden Erfahrungen und nachdem ſie eine Reihe von Jahren in ſo tiefer Zurückgezogenheit gelebt hatte, mußte in den Zerſtreuungen der Reiſe eine ſo naheliegende wie nöthige Aufheiterung finden. Daß ſie ihre Reiſen in ſo geringer Begleitung machte, wurde ihr als Sparſamkeit ausgelegt, von der— be⸗ haupteten die Vergnüglinge der Stadt, die ſich mit Wehmuth erinnerten, welche Hoffnungen ſie ehedem auf das junge Schwarzenfeld'ſche Haus geſetzt hatten— ſie auch übrigens einige nicht wohl zu verkennende Merkmale zeigte. Daß ſie ſich dabei aber auch ſelbſt durch die kein aus⸗ htet bas im gen unruhigen Zeiten und die mögliche Kriegsgefahr nicht zurückhalten ließ, das fand man ganz in der Ordnung bei einer Frau, die ja auch übri⸗ gens von jeher ſoviel Proben ihres Muths und ihrer Selbſtändigkeit gegeben hatte und die überdies die Witwe eines ehemaligen Huſa⸗ renoffiziers war. Nichtsdeſtoweniger hatte das Publicum an⸗ fangs nicht übel Luſt, auch in dieſen Reiſen etwas Verfängliches zu ſehen. Die Baronin ſelbſt ſprach mit großer Unbefangenheit davon, aber freilich auch mit der Einſylbigkeit und der kalten, ablehnenden Weiſe, die ſie ſich ſeit dem unglücklichen Ende ihres Mannes zu eigen ge⸗ macht hatte. Und gerade dieſe Einſylbigkeit fand man verdächtig. In der Zeit, in der die hier erzählten Ereigniſſe ſich zutrugen, alſo zu An⸗ fang des Jahrhunderts, war man in Deutſch⸗ land überhaupt noch nicht ſo reiſeluſtig wie heut⸗ zutage, am wenigſten aber in der Stadt, in 4** 82 der wir uns befinden und von der wir ſchon früher gehört haben, wie kleinſtädtiſch ſie war und wie fern ſie dem Weltverkehr lag. Wer von hier aus eine Reiſe machte, und wenn ſie auch nur bis in die Hauptſtadt ging, der hatte ſo viel zu kämpfen mit ſchlechten Wegen und zerbrochenen Achſen und wußte bei ſeiner Rück⸗ kehr ſo viel Neues und Seltſames zu erzählen von der Welt jenſeit der Haiden und Sümpfe, daß er damit reichlich vier Wochen das Orakel der Stadt war. Warum verſchmähte Frau von Schwarzenfeld dieſen Ruhm? Warum ſprach ſie, die ſo häufige und große Reiſen machte, nur ſo ganz im Allgemeinen davon und mit ſolchen ſichtbaren Auslaſſungen und Lücken? Hier mußte ein Geheimniß im Spiele ſein, natürlich ein verbotenes— und was lag da näher als eine heimliche Liebſchaft? Auch die räthſelhafte Krankheit und das entſetzliche Ende des armen Hugo gewann auf dieſe Art 83 t ſchon mit einem male vollſtändige Aufklärung: der ſie war arme brave Mann hatte das Geheimniß ent⸗ WVer deckt, Jorn und Scham hatten ſeine Sinne enn ſe verwirrt, bis er in unſeliger Zerrüttung Hand et hatte an ſich ſelbſt gelegt. Mit derſelben ſchaden⸗ en und frohen Neugier, mit der man vor kurzem noch Rüch⸗ auf die Entwickelung ihres Verhältniſſes zu Herrn ihlen von Steinfurt gelauert, durchlief man jetzt den ümpfe, Kreis ihrer ehemaligen Anbeter, um den in⸗ Orckel tereſſanten Liebhaber in der Fremde aufzuſpü⸗ n ren. Er war freilich bunt genug, dieſer Kreis Warun der Anbeter; die jetzt ſo ernſte, ſtille Frau hatte, Reiſen wie wir wiſſen, ehedem einen ſehr zahlreichen on Hof gehabt; die Vermuthungen hatten freies * ud Spiel und konnten eine Maſſe von Fäden an⸗ ti knüpfen, denen ſich wenigſtens eine gewiſſe Mög⸗ n leg lichkeit nicht abſtreiten ließ. Wch Da indeſſen Jahr auf Jahr verging, ohne ich daß auch nur eine von den vielen Möglichkei⸗ uſe Wn ten ſich verwirklichen wollte, ſo wurde das 84 Publicum der Vermuthungen endlich überdrüſſig und begnügte ſich damit, Frau von Schwarzen⸗ feld für eine zurückgekommene Frau zu erklären, die den Ton der großen Welt verlernt habe und ſelbſt von ihren Vergnügungsreiſen nichts Intereſſantes mehr zu erzählen wiſſe. Und allerdings, wenn dies wirklich Vergnü⸗ gungsreiſen ſein ſollten, ſo waren ſie von eigen⸗ thümlichem Erfolg. Von jeder ihrer Reiſen kehrte die Baronin ernſthafter und tiefſinniger zurück; ſie verſchloß ſich dann regelmäßig auf Wochen und ließ außer der ſchon erwähnten Kammerfrau Niemand vor ſich, ſelbſt nicht den treuen Vetter. Und wenn ſie dann endlich nach längerer Pauſe wieder in der Geſellſchaft er⸗ ſchien, an der ſie überhaupt nur ſo viel theil⸗ nahm, wie die nöthigſten Rückſichten ihres Standes erfoderten, ſo merkte man an ihrer gereizten Stimmung und den gramentſtellten Zügen noch ſehr deutlich, welche ſchmerzliche iſ tzen⸗ ären, habe ichts gnit gen⸗ iſen iger auf ten den ach et⸗ heil⸗ ſes rer ten che 85 Kämpfe ſie beſtanden hatte. Woher ſtammten dieſelben? War es die Erinnerung an das fin⸗ ſtere Schickſal ihres Hauſes, die ſie bei ihrer Rückkehr in daſſelbe mit verdoppelter Heftigkeit befiel? War es Reue darüber, daß ſie ſich auf einige Zeit wieder einmal in das Gewühl der Welt geſtürzt und jenen Dienſt der Erinnerung und der Trauer verabſäumt hatte, dem ſie ihr übriges Leben mit ſoviel Ausdauer und Innig⸗ keit widmete? Oder war es vielleicht Wider⸗ wille gegen die Stadt, die ſie ſchon früher nicht eben geliebt hatte und zu der ſie auch jetzt wol nur deshalb immer wieder zurückkehrte, weil hier und in der Nachbarſchaft der Haupt⸗ theil jener Beſitzungen lag, deren Genuß ihr durch das Teſtament des Oheims geſichert war? Dieſe und viele ähnliche Fragen wurden an⸗ fangs mit großer Lebhaftigkeit aufgeworfen; mit der Zeit jedoch, wie erwähnt, gewöhnte man ſich daran, und als endlich nach acht oder 86 zehn Jahren die Reiſen der Frau von Schwar⸗ zenfeld gänzlich aufhörten, ſo hatte die Geſell⸗ ſchaft ſich inzwiſchen ſo verändert und ſo viel andere Intereſſen waren in den Vordergrund getreten, daß auch dieſes Aufhören der Reiſen kaum bemerkt ward. Oder höchſtens zuckte man die Achſeln: der guten Frau von Schwarzenfeld möge das Reiſen wol allmälig unbequem wer⸗ den, ſie käme nachgerade auch in die Jahre, die gute Frau..... — vierzehntes Capitel. Rudolf. Frau von Schwarzenfeld reiſte alſo nicht mehr, ſie blieb zu Hauſe— aber das Haus war dü⸗ ſter und ſchweigſam, und immer düſterer und ſchweigſamer wurde auch ſeine ehedem ſo le⸗ bensluſtige, ſo heitere Herrin. Wenn man jetzt die weiten ſtillen Räume durchſchritt, von denen Frau von Schwarzenfeld nur einen ſehr geringen Theil bewohnte und die daher größtentheils verſchloſſen ſtanden— wahrhaf⸗ tig, man konnte ſich zurückſehnen nach den ſchlechten Späßen und den frivolen Redens⸗ arten, die vor Jahren, zu des alten Kammer⸗ 88 directors Zeiten, hier erklungen waren, blos um h dieſem dumpfen, drückenden Schweigen zu ent⸗ e gehen. Wo war ſie hin, jene leichtfertige und doch ſo glückliche Zeit? Gleich einem abge⸗ ſ ſchiedenen Geiſt wandelte die ernſte ſtille Frau auf dem Schauplatz ihrer Jugendthorheit und ihrer Jugendfreuden; der Geliebte todt, die Schweſter verfeindet und verſchollen— und noch ein Anderer, ein Dritter, der ihrem ver⸗ waiſten Herzen jetzt hätte der Erſte und Nächſte ſein ſollen, wie ſtand ſie mit ihm? Und was trug er dazu bei, den hereinbrechenden Abend ihres Lebens zu verſchönern und die kümmer— lichen Reſte zu ſammeln, die ihr von Glück und Hoffnung noch übrig waren? Wir meinen natürlich Niemand anders als ihren Sohn, den eigentlichen Erben und Be⸗ ſitzer des Vermögens, Rudolf von Schwarzen⸗ feld, der inzwiſchen zu einem kräftigen Jüng⸗ ling mit breiter Bruſt und mächtigen Schultern 4.2 6 89 herangewachſen war. Wieviel Anſprüche ver⸗ einigten ſich nicht in ſeiner Perſon, die ihm die zärtlichſte Liebe der Mutter unfehlbar zu ſichern ſchienen! Rudolf war das Einzige, was ihr von dem geliebten Manne übriggeblieben; er war auch das Einzige, was ſie, die All— verwaiſte, Zukunſtloſe, noch an das Leben zu feſſeln vermochte. Ihm verdankte ſie ferner den Wohlſtand, deſſen ſie ſich erfreute und der un⸗ ter ihren ſparſamen Händen und den umſichti⸗ gen Rathſchlägen des Vetters ſich von Jahr zu Jahr ſteigerte; ohne dieſen Knaben, der ſich in verhängnißvoller Stunde aus ihrem Schooſe entwand, was wäre aus ihr geworden? Und welche äußerlichen Leiden und Kämpfe wären, aller menſchlichen Berechnung nach, noch zu ihren Seelenleiden hinzugetreten? Doch trifft es ſich ja wol öfter im Leben, daß gerade diejenigen Herzen, die am nächſten und ausſchließlichſten aufeinander angewieſen 90. ſind, ſich am wenigſten verſtehen und am wei— teſten voneinandergerathen. Auch zwiſchen Ru⸗ dolf und ſeiner Mutter war dies der Fall. Wie das gekommen und wer die erſte Schuld des Misverhältniſſes trug, das Sohn und Mutter immer mehr entfremdete, das war jetzt, nach dem Verlauf ſo vieler Jahre und nachdem ſo viele kleine Mishelligkeiten und Widerſprüche ſich zwiſchen ihren Herzen feſtgeſetzt hatten, unmerklich wie der Staub zwiſchen den Rädern eines Uhrwerks, das er endlich doch zum Still⸗ ſtand bringt— freilich nicht mehr zu entſchei⸗ den. Die beiden Naturen paßten eben nicht zueinander; wiewol Sohn und Mutter, hatten ſie doch nichts miteinander gemeinſam, alle ihre Empfindungen, ihre Wünſche und Neigun⸗ gen, ihre Gedanken und Anſichten gingen aus— einander— wie hätten die Herzen können zu⸗ ſammenbleiben? Auch hatte Ulrike gerade in derjenigen Zeit, wo das Herz des Kindes am —— —— wei bildſamſten iſt und wo die Eindrücke am tief⸗ u⸗ ſten haften, alſo im erſten Knabenalter, es eini⸗ Fill germaßen verſäumt, ſich um die Neigung ihres 3 chuld Sohnes zu bewerben und ſein, wie die Folge⸗ und zeit ergab, von Haus aus ſprödes und wider⸗ jetzt, ſpänſtiges Herz mit weiblicher Milde an ſich hdem heranzuziehen. Die erſten Jahre nach Hugo's rüche Tode war ſie ſo in ihren Schmerz verſunken tten, geweſen, daß nichts ſie daraus emporrütteln dern konnte, ſelbſt auch nicht das Lächeln ihres Kin⸗ Still⸗ des. Dann kam jene Reihe von Jahren, die ſchei ſie größtentheils auf Reiſen verbrachte; daß der nicht Knabe ſie dabei nicht begleitete, war ganz in utun der Ordnung, und auch das war ſehr natür— le lich, daß ſie in jenen Wochen der Verſtimmung ign⸗ und der peinlichſten Seelenqual, von denen ihre alt⸗ jedesmalige Rückkehr begleitet war, nur wenig zr Neigung verſpürte und vielleicht noch weniger Ge⸗ in ſchick beſaß, ſich mit dem heranwachſenden Kna⸗ am ben zu beſchäftigen. ———————ĩ— So blieb Rudolf's Erziehung alſo fremden Händen anvertraut. Niemand konnte ſagen, daß dabei etwas verſäumt oder verſehen wor⸗ den; Lehrer und Erzieher wurden von dem Vetter, der die Baronin auch in dieſer Hinſicht treulich unterſtützte, mit großer Sorgfalt aus⸗ gewählt. Auch waren es durchweg gewiſſen⸗ hafte und tüchtige Menſchen, die ihrer Pflicht mit redlichem Eifer nachkamen. Aber das eigen⸗ thümliche Naturell des Knaben ſetzte ihren Be⸗ mühungen mancherlei Schwierigkeiten entgegen. Es war in dem Kinde ein wunderſames Ge⸗ miſch von Eigenſchaften und Neigungen, die mit ſich ſelbſt im Widerſpruch ſtanden und die ſeinem ganzen Weſen von früh auf etwas in hohem Grade Abſtoßendes gaben. Hartnäckig in ſeinen Entſchließungen, von unbezwingbarem Eigenſinn, war er andererſeits wieder von einer Trägheit, die durch keine Drohungen erſchüttert, durch keine Verſprechungen angereizt werden 93 emden konnte. Schon als ſechsjähriger Knabe ſtolz ſagen, auf den Rang und den Reichthum, der ihn wor⸗ dereinſt erwartete und den ihm die Schmeichelei dem der Dienſtboten und Wärterinnen natürlich gar nſicht nicht groß genug ſchildern konnte, hielt er ſich aus⸗ andererſeits wieder am liebſten zu Gaſſenbuben iſen und ähnlichem Umgang, deſſen rohe Sitten ſei⸗ licht ner eigenen Neigung zuſagten. Denn auch die⸗ igen⸗ ſes charakteriſirte den wunderlichen Knaben: Be⸗ ſo ſtolz er war und ſolch frühzeitiges Bewußt⸗ egen. ſein von der geſellſchaftlichen Stellung ſeines Ge Hauſes er in ſich trug, ſo wenig war er doch die zu bewegen, ſich in ſeinen Sitten und Manie⸗ ⸗ die ren, ſeinen Worten und Geberden denjenigen es in Rückſichten zu unterwerfen, welche dieſe Stel⸗ ni lung erfoderte. Seine Stimme war rauh und polternd, ſeine Worte kurz und herriſch. Er liebte zierliche Kleider und ſchöne Geräthſchaf⸗ arem einer ten und foderte ſie ſogar mit Ungeſtüm, falls n ſie ihm verweigert oder nach ſeiner Meinung o. nicht zeitig genug entgegengebracht wurden: aber nur um ſie ſofort zu zerreißen und zu ver⸗ derben, und zwar nicht aus Wildheit oder Un⸗ geſchick, ſondern meiſtentheils ganz abſichtlich, aus bloßer Luſt am Zerſtören. Ebenſo foderte er auch von ſeinen Geſpielen und ſelbſt auch von ſeiner häuslichen Umgebung eine gewiſſe cere⸗ moniöſe Umſtändlichkeit der Behandlung, faſt könnte man ſagen einen gewiſſen Reſpect, wie er nach ſeinen Gedanken dem einſtigen Erben und Gebieter ſo außergewöhnlicher Reichthümer zukam: aber nur um ihn in demſelben Augen⸗ blick ſelbſt wieder mit Füßen zu treten. Er foderte höfliche Anreden, um möglichſt brutal darauf zu antworten, oder begann ein Geſpräch wol auch ſelbſt recht zart und rückſichtvoll, um gleich darauf in die gröbſte Ungezogenheit zu verfallen. Ganz beſondere Noth machte ihm das Lernen; er hatte einen offenen Kopf, aber nicht die mindeſte Luſt ihn zu gebrauchen; uden: u vet⸗ r Un⸗ „aus te er n cerr füſt wie rben ümer ugen⸗ Er brutal ſprich oll enheit achte opf, chen; ————— 95 was er lernen wollte, lernte er ſpielend, aber er wollte nichts lernen. Selten hat ein Kind vor den Büchern ſolche Furcht, um nicht zu ſagen ſolchen Haß gehabt wie dieſer Knabe; es war nicht blos ſein Hang zur Trägheit, dem er dabei folgte, nein, es war ein wirklicher Trotz, eine wirkliche Schadenfreude, mit der er den Büchern entfloh, wo und wie er irgend vermochte. Mit Einem Wort, Rudolf zeigte in ſeiner moraliſchen Welt dieſelben Widerſprüche wie in ſeinem Aeußern: von hohem Wuchs und ungewöhnlich kräftigem Körperbau, war er in ſeiner Haltung ſo ſchlaff und nachläſſig, daß er alle Vortheile der Natur dadurch wieder zu⸗ ſchanden machte; ſeine Glieder waren wohl⸗ gebildet, aber eckig in allen Bewegungen; ſeine Züge nicht ungefällig, aber ohne Adel; auch machte es ihm ein beſonderes Vergnügen, durch allerhand ſeltſame Geberden und Verrenkungen ſich ſelbſt zu entſtellen.— Die Lehrer, denen — 96 ein ſolcher ungeberdiger Zögling nicht wenig zu ſchaffen machte, klagten Herrn von Steinfurt, der inzwiſchen zum Geheimrath vorgeſchritten war, zum öftern ihre Noth. Allein in ſo grellem Widerſpruch das trotzige, ungeberdige Weſen ſeines Neffen(ſo nannte Herr von Steinfurt den Knaben) mit der Zartheit und Milde ſeines eigenen Benehmens auch ſtand, ſo konnte er ſich doch eben wegen dieſer ange⸗ borenen Milde und Zartheit nicht entſchließen, daſſelbe ernſtlich zu rügen oder den jungen Menſchen mit Strenge zur Beſſerung anzuhal— ten; er ſchlichtete und vertuſchte nach Mög⸗ lichkeit und hatte auf alle Klagen der Lehrer immer nur die Eine Verſicherung: er kenne den Rudolf von Kindesbeinen an, er ſei blos noch ein bischen wild, das Herz ſei gut, und da dies doch die Hauptſache beim Menſchen, ſo werde ſich das Uebrige mit der Zeit ſchon noch zu⸗ rechtfinden. ig zu furt, itten n ſo dige von und and, nge ßen, ngen hal⸗ Nög⸗ ehret den noch dies erde zu⸗ 97 Ein gutes Herz— nun ja, es iſt ein weit⸗ läufiger Begriff. Aber immerhin, wir Men— ſchen werden ja alle gut geboren; wer wollte die Stirn haben, einem heranwachſenden Kna⸗ ben, einem Kinde, ſein Anrecht auf dieſe allge⸗ meinſte und nächſte Mitgift der Natur abzu⸗ ſprechen? Auch ließ Rudolf es in der That nicht an Zügen fehlen, welche darauf hindeute⸗ ten, daß ſeiner widerſpruchsvollen Natur auch edlere und hoffnungsreichere Elemente beigemiſcht waren. Es machte ihm Vergnügen, unterge⸗ ordnete Perſonen, oder die er dafür hielt, zu knechten und zu plagen, allerdings: aber hat⸗ ten ſie ſich einmal in ſeine Vaſallenſchaft be⸗ geben, ſo ſchützte er ſie auch mannhaft gegen alle Anfechtungen, welche Andere gegen ſie rich⸗ teten. Er war verſchwenderiſch, aber ebenſo ſehr oder vielleicht noch mehr für Andere als für ſich ſelbſt; ſeine Hand war zum Geben ſtets geöffnet, wennſchon es ſchwer zu unterſcheiden — Der Muſikantenthurm. II. 5 —— 98 war, was an ſeiner Freigebigkeit den meiſten Antheil hatte, ob Hang zur Verſchwendung, oder Gutmüthigkeit, oder vielleicht gar Hoch— muth, der dem Beſchenkten auf dieſe Weiſe erſt recht fühlbar machen wolle, wie weit er ihm überlegen ſei. Eine entſchieden gute Seite an dem Knaben dagegen war die Unverbrüchlichkeit, mit welcher er ſein gegebenes Wort hielt, einer⸗ lei, ob gegen Hohe oder Niedere. Selbſt gegen ſeine Lehrer, die ſonſt ſo gründlich Verhaßten, die er übrigens auf alle Weiſe zu ärgern und zu hintergehen wußte, machte er von dieſer Ritterlichkeit ſeines Charakters keine Ausnahme; war es einem der Lehrer einmal gelungen, ihm auf Anfertigung einer Lection, Ablegung einer übeln Gewohnheit oder Dergleichen ſein Wort abzunehmen, ſo konnte man ſich auch darauf verlaſſen, daß die Lection wirklich gemacht, der Fehler wirklich nicht wiederholt wurde.— Ru⸗ dolf ſelbſt kannte ſeine Schwäche, wie er es in teiſten dung, Hoch⸗ ſe erſt ihm te an chkeit, einer⸗ gegen ßten, und dieſer hme ihm einer Wort crauf der Ru⸗ s in 99 knabenhaftem Uebermuthe nannte, ſo genau, daß er bei allem ſonſtigen Leichtſinn ſich doch ſehr in Acht nahm, auf irgendetwas, das ihm unbequem oder bedenklich war, ſein Wort zu geben; dem Oheim namentlich verweigerte er es regelmäßig, und alle Bemühungen, die Herr von Steinfurt machte, dem übermüthigen Nef— fen dieſe Feſſel anzulegen, führten jedesmal nur zu den tollſten Foppereien von Seiten des Knaben, die der Oheim jedoch— auch hierin ein Muſter chriſtlicher Ergebenheit und Demuth — ſich ſtets mit der größten Heiterkeit gefal⸗ len ließ. S Aber daß Rudolf's ſogenanntes gutes Herz wenigſtens nicht auf der Oberfläche lag und daß es nicht leicht war, daſſelbe zum Sprechen zu bringen, das zeigte ſich niemals deutlicher als da Frau von Schwarzenfeld auf die Dauer in ihr Haus zurückkehrte und ſich nun auch mehr mit ihrem Sohne zu beſchäftigen anfing. S 5 100 Es war ein wunderliches Verhältniß bis dahin zwiſchen Mutter und Sohn geweſen, aber kein glückliches; ohne ſich eigentlich zu kennen, hat⸗ ten Beide ſchon gewiſſe Vorurtheile gegenein— ander eingeſogen; bevor die natürliche Zärt⸗ lichkeit ſich noch hatte zwiſchen ihnen entwickeln können, war ſie ſchon durch allerhand vorge⸗ faßte Meinungen und Zwiſchenträgereien erkäl— tet und erſchüttert worden. Und zwar hatte ſich dies auf die allernatür— lichſte Weiſe gemacht und ohne daß der eine oder der andere Theil daran Schuld gehabt hätte. Rudolf ſah die Mutter wenig, faſt nie; wenn er ſie aber ſah, ſo ſcheuchte ihre ernſte bekümmerte Miene, das Feierliche ihres We⸗ ſens, der gemeſſene ernſte Klang ihrer Rede ſeinen jugendlichen Sinn dermaßen zurück, daß er ſie weit mehr fürchtete als liebte. Und die Art, wie man in ihrer Abweſenheit ſich ihres Namens gegen ihn bediente, trug nur dazu bei, hin kein hat⸗ in⸗ dieſe peinliche Stimmung zu vermehren.„Die Mutter“ war der allgemeine Drohruf, mit dem Lehrer und Erzieher das Gewiſſen des jungen Sünders zu rühren ſuchten, wenn nichts An⸗ deres mehr verfangen wolltez ſelbſt der Oheim, der gute ſtille Mann mit der leiſen dünnen Stimme, berief ſich auf den Unwillen„der Mutter“ und die Briefe, die er ihr über den ungerathenen Sohn ſchreiben würde, als auf die letzte Inſtanz, wenn alle übrigen Ermah⸗ nungen fruchtlos geblieben waren. Und war Rudolf denn der Einzige, der ſich vor ihr fürch⸗ tete? Sah er nicht, wie das ganze Haus zu⸗ ſammenfuhr und Köchin und Kammermädchen und Kutſcher und Hausknecht ein ganz anderes Geſicht aufſetzten, ein Geſicht voll Feierlichkeit und Würde, das dem Knaben jedoch blos un⸗ geheuer langweilig vorkam, ſowie es hieß:„Die gnädige Frau kommt morgen zurück?“ Und umgekehrt, wenn es hieß:„Heute früh ſind 102 die gnädige Frau wieder abgereiſt“— wie klang das ſo leicht und wie ſahen alle Geſichter ſo zufrieden und ruhig dabei aus! Ganz gegen die Natur und doch auf die natürlichſte Weiſe gewöhnte der Knabe ſich, die Zeit, welche ſeine Mutter außer dem Hauſe zubrachte, als die eigentliche Erholungszeit zu betrachten, wäh⸗ rend von dem Augenblick an, wo ihre ernſte, ablehnende Geſtalt die Stiegen wieder hinauf⸗ ſchritt, das düſtere, öde Haus ihm noch ein⸗ mal ſo düſter und öde vorkam wie gewöhnlich. Auch Frau von Schwarzenfeld vernahm über den Sohn im Ganzen ſur wenig Gutes. Doch mußte ihr nachgerühmt werden, daß ſie alle ungünſtigen Berichte ſtets mit größter Nach⸗ ſicht aufnahm und ſich nie zu unmütterlicher Heftigkeit fortreißen ließ. Freilich auch nie zu mütterlicher Zärtlichkeit. Dieſe ſchien überhaupt nicht in dem Charakter der ſonſt ſo reichbe⸗ gabten Frau zu liegen. So weit Rudolf zu⸗ — 3 rückſann— und es kam eine Epoche, in der That, wo er darauf zurückſann— ſo vermochte er ſich doch keiner Zeit zu erinnern, ſelbſt nicht aus den früheſten Kinderjahren, wo ſeine Mut⸗ ter ihm jene Zärtlichkeiten und Liebkoſungen erwieſen, die dem mütterlichen Herzen ſonſt ſo natürlich und erquickend ſind. Er hatte eine Mutter, ja: aber wie das Streicheln einer Mutterhand auf den Locken des Kindes thut, wie es thut, von der Mutter ins Bett⸗ chen gebracht zu werden, ſich die Händchen falten zu laſſen und zwiſchen Schlaf und Wachen die Gebete nachzulallen, die ſie ihm vorſpricht, die liebe, treue Muttergeſtalt an der Wiege ſitzen zu ſehen, ihre Stimme zu hö⸗ ren, wie ſie das geliebte Kind in Schlaf ſingt, bis die kleinen müden Augen endlich ganz zu⸗ fallen— das wußte der arme Schelm bei alle⸗ dem nicht. Ob er es ſehr vermißte? Wir wiſ⸗ ſen es nicht: aber das wiſſen wir, daß das menſchliche Herz unergründlich iſt und daß auch das Kinderherz mitten zwiſchen Thorheiten und Unarten viel tiefere Schmerzen empfinden und von viel heftigerer Sehnſucht ergriffen werden kann, als man ihm für gewöhnlich zutraut. Jedenfalls war es zu der Zeit, als Frau von Schwarzenfeld ſich endlich entſchloß, ihrem Hauſe wieder dauernd anzugehören und perſön⸗ lichen Antheil an der Erziehung ihres Sohnes zu nehmen, bereits zu ſpät, den Funken kind⸗ licher Zärtlichkeit, wenn er überhaupt jemals in Rudolf's Bruſt geſchlummert hatte, zu heller, wärmender Flamme czufachen. Sie hatte ihn ſo lange den Händen der Fremden überlaſſen; was kam ihr denn jetzt in den Sinn, ſich ſeiner auf einmal ſo mütterlich anzunehmen? Sie war ſo lange kalt und gleichgültig geweſen; was bedeutete dieſe Zärtlichkeit, die ſie ihm jetzt auf einmal faſt aufzudringen ſchien? Auch kündigte die Baronin ihren Entſchluß, auch und und erden 3 von hrem ſön⸗ hnes ind⸗ 6 in llet, ihn ſſenz ſeinet Sie eſenz ihm luß, ſich von jetzt an ausſchließlich der Erziehung ihres Sohnes zu widmen, dieſem ſelbſt mit einer ſolchen ſeltſamen Feierlichkeit an, der ganze Entſchluß ſchien ihr ſelbſt ſo ſchwer geworden zu ſein und ſo ſehr das Reſultat eines bloßen kühlen Nachdenkens, daß auch ein minder ver⸗ ſchloſſenes und minder argwöhniſches Herz, als das ihres Kindes inzwiſchen geworden war, darüber hätte ſtutzig werden müſſen. In dem⸗ ſelben hohen düſtern Zimmer, wo die Tritte ſo unhörbar verhallten und die Ahnenbilder ſo ſchauerlich ehrbar von der Wand herniederſtarr⸗ ten, das ihm ſonſt immer ein unnahbares Hei⸗ ligthum geweſen war und in das er nur wäh⸗ rend ihrer Abweſenheit einen flüchtigen Blick, halb voll Neugier und halb voll Furcht, geworfen hatte, hielt ſie ihm jetzt nach einer feierlichen Ladung eine förmliche Standrede, die auf eine gründliche Vorbereitung ſchließen ließ. Nach einem weitläufigen Eingang, den der beſtürzte 5** Knabe nur zur Hälfte verſtand, von Schickſals Fügungen, denen der Menſch nicht widerſtreben könne, von Naturen, die nun einmal aneinan⸗ dergekettet wären und die ſich daher auch in⸗ einanderzufinden ſuchen müßten und ſo wei⸗ ter— erklärte ſie ihm ſchließlich, daß die Scheidewand, die bisher zwiſchen ihnen beſtan⸗ den, nunmehr hinweggeräumt ſei und daß ſie ihm von jetzt an wirklich ſein wolle, wozu ſie ſich verpflichtet fühle, nämlich eine treue, liebe— volle, ſorgſame Mutter. Sie erwarte aber dafür auch von ihm, fuhr ſie fort, daß er ihre mütterliche Liebe durch den unweigerlichſten kind⸗ lichen Gehorſam erwider würde; die vergan⸗ genen Jahre wären eine Prüfungszeit geweſen, für ſie ſowol als für ihn; wie ſie aus den Klagen ſeiner Lehrer höre, habe er dieſelbe nicht ganz ſo beſtanden, wie ſie wol eigentlich von ihm hätte erwarten ſollen; doch möge das Ver— gangene nun vergangen ſein. Für beide Theile beginne mit dem heutigen Tage ein neues Le⸗ ben mit neuen Rechten und neuen Pflichten; an ſeinem Recht, dem Recht der mütterlichen Liebe und Sorge, ſolle ihm fortan nichts mehr verkürzt werden. Doch möge er ſich wohl vor⸗ ſehen, daß er auch an ſeinen Pflichten, vor allem an der Pflicht des vollſtändigſten und unbedingteſten Gehorſams gegen ſie und ihre Beſtimmungen, nichts verabſäume. Das war nun gewiß recht mütterlich gemeint und klang auch recht beſorgt und eindringlich. Aber gutgewählt war dieſe Art, die mütter⸗ liche Herrſchaft über das Herz eines lange ver⸗ nachläſſigten, lange entfremdeten Sohnes zu er⸗ greifen, bei alledem nicht. Selbſt der Vetter, der bei dieſer Scene, wie bei jedem wichtigern Ereigniß des Hauſes, zugegen war, rieb wäh⸗ rend Ulrike's Rede die Hände vor Verlegenheit und ſtrich ein um das andere mal das dünne, glatte Haar, das er(unter uns geſagt) ſchon 108 ſeit Jahren durch eine dünne, glatte Perücke erſetzt hatte—; wie mußte ſie denn erſt auf das Herz des angehenden Jünglings wirken! Es iſt bereits geſagt worden, daß es Rudolf keineswegs an Verſtand und Gewandtheit des Geiſtes mangelte; mit jener Schnelligkeit der Auffaſſung, die Kindern ſo eigenthümlich iſt, beſonders im Umgang mit Erwachſenen, die ſich viel zu hochgeſtellt glauben und viel zu überlegen, um von ihnen beobachtet, geſchweige erforſcht zu werden, fühlte er augenblicklich die ſchwache Seite des Auftritts heraus. Was war da vorgegangen, welche Räthſel lagen hier verborgen, daß eine Mutter die einfachſte und natürlichſte Regung ihres Herzens, die Zärtlichkeit zu ihrem Sohne, mit dieſer Feier⸗ lichkeit verkündigte? Und welche Zärtlichkeit konnte das ſein, die ſo gleichſam mit Glocken⸗ geläut einherzog und ſich zum voraus anmel⸗ den ließ, wie der Beſuch eines Königs? Ge⸗ horchte Zärtlichkeit einem bloßen Entſchluß? Ließ ſie ſich befehlen, wie der Unteroffizier die Parole austheilt? Die Mutter ſprach von Zärt⸗ lichkeit— aber ihre Stimme war dabei herb und gleichgültig wie immer; ſie umarmte und küßte den Knaben— aber ihde Umarmungen waren langſam und bedächtig und ihre Lippe war kalt.... Funßehntes Capitel. Erziehungsreſultate. S un . Unglücklich, wie das Erziehungserperiment be⸗ jed gonnen, wurde es auch fortgeſetzt. Es war die in gewöhnliche Geſchichte aller Aeltern, die ſich zu lic ſpät um ihre Kinder bekümmern. Solange ſo Frau von Schwarzenfeld die Unarten und Fehler g 3 ihres Sohnes nur aus Erzählungen dritter Per⸗ b ſonen kennen gelernt, hatte ſie dieſelben mit( Gleichmuth ertragen oder doch höchſtens den ſ Kopf dazu geſchüttelt; jetzt, da ſie ihr gleich⸗ i ſam perſönlich auf den Leib rückten, da ſie mit li Augen ſah, mit Ohren hörte, wie verwildert ſo der Knabe war und wie ſchwer zu bändigen, jetzt wollte ſie aus der Haut fahren! Sie ver⸗ warf das ganze bisherige Erzichungsſyſtem, wechſelte alle Lehrer und machte den jungen Menſchen mit alledem nur immer trotziger und unlenkſamer. Alles, was er that oder ſagte, misfiel ihr; ſeine Manieren waren plump, ſeine Sprache bäueriſch, ſeine Haltung ohne Anſtand und Würde, ſeine Kenntniſſe mangelhaft über jede Vorſtellung; in allen Stücken ſollte er ſich ändern, in allen Punkten, innerlich und äußer⸗ lich, ein neuer Menſch werden, ſeine Haare ſollte er anders ſcheiteln und ſeine Tageszeit anders eintheilen, ſeinen Umgang ſollte er ſich beſſer wählen und ſein Glas nicht mehr mit Einem Zuge austrinken— und zwar das Alles ſofort im Augenblick und ohne jemals wieder in den alten Fehler zurückzuverfallen. Natür⸗ lich hätte kein Kind, auch nicht das beſtgeartete, ſo vielfachen Anordnungen auf einmal Stand halten können; es hätte verwirrt werden müſſen —— „ — 112 und würde wider Willen zu den alten Fehlern immer neue hinzubegangen haben. Rudolf jedoch hatte nicht einmal den Willen, er wurde auch nicht verwirrt, o nein, im Gegentheil: es wurde ihm in kürzeſter Zeit ganz klar und deutlich, daß ſeine Mutter es nur darauf abgeſehen, ihn zu quälen, und daß ihre angebliche Zärtlichkeit und Mutterliebe nur den Zweck hatte, ihn zum Spielball ihrer Launen zu machen. Und das war ein Zweck, dem er ſich mit der ganzen Zähigkeit ſeiner Natur, dem ganzen wilden Trotz ſeines ungeſtümen und hochfah⸗ renden Charakters entgegenſtemmte. Hatte er doch während der vieljährigen Abweſenheit der Mutter von Dienſtboten und Geſpielen ſo Man⸗ ches über ihre Vergangenheit munkeln hören; kannte er doch aus derſelben Quelle das Teſta⸗ ment des alten Kammerdirectors und wußte, wer eigentlich der Beſitzer dieſes Vermögens und durch wen ſeine Mutter in den Genuß deſſelben 113 gekommen. Waren der ſchroffe ſpöttiſche Ton, mit dem Frau von Schwarzenſeld den Knaben zurechtzuweiſen pflegte, ſowie der Ungeſtüm, mit dem ſie auf eine plötzliche, völlige Aenderung ſeines Charakters drang, nur wenig paſſend zu den Pflichten ihrer mütterlichen Stellung, ſo fehlte Rudolf doch noch weit mehr durch den völlig unkindlichen Trotz, mit dem er ſich ihren Wei⸗ ſungen entgegenſtellte. Vergeblich ſuchte Herr von Steinfurt ſich auch hier in der gewohnten Rolle des Vermittlers und Beſchwichtigers nütz⸗ lich zu machen. Mutter und Sohn waren Beide gleich unzugänglich für ſeinen Rath wie für ſeine Warnung; in allen übrigen Stücken ſo verſchieden wie zwei Menſchen nur ſein können, die Mutter zurückhaltend, kühl, von äußerſter Gemeſſenheit des Betragens, der Sohn unge⸗ ſtum, jeder Leidenſchaft hingegeben, mit Vor⸗ liebe ſich ſelbſt wegwerfend— waren ſie ſich doch nur allzu ähnlich in der verhängnißvollen Schroffheit, mit der jeder von ihnen ſeine Eigen⸗ thümlichkeit behauptete. Frau von Schwarzenfeld ermüdete zuerſt. Sie gab ihrem Sohne nicht nach, ſie ſuchte nicht ſeinen Trotz durch Sanftmuth und müt— terliche Verzeihung zu brechen, behüte der Him⸗ mel: ſie gab ihn blos auf wie einen Menſchen, der nun einmal nicht mehr zu ändern iſt und den man daher muß gewähren laſſen, wie man einem wilden Thiere oder einem Unwetter oder irgendeiner andern natürlichen Schickung ge⸗ währt. Ja ſo furchtbar es klingt auf das Ver⸗ hältniß von Mutter und Sohn angewendet: ſie haßte ihn, haßte ihn in ſolchem Grade, daß es ihr vollkommen gleichgültig war, was er that und was aus ihm wurde, vorausgeſetzt, daß es nur nichts Gutes war und nichts, was ihm zur Ehre gereichte.— Rudolf fühlte das, man hätte ſagen können er wußte es, obſchon der Haß der Mutter bereits viel zu tief war und viel kun das den dur wie iu üb t. te n, — 11⁵ zu ingrimmig, als daß ſie ihn noch durch Worte kundgegeben hätte. Er erwiderte ihren Haß— das heißt nach ſeiner Weiſe. Schon als wer⸗ dender Mann hatte er einen gewiſſen Humor, durch den er der Leidenſchaftlichkeit der Mutter, wie tief ſie dieſelbe auch unter der Hülle der äußerſten Gleichgültigkeit maskirte, nothwendig überlegen war. Er that genau Alles, wovon er wußte, daß es der Mutter unangenehm und widerwärtig: aber er that es mit ſo lachendem Geſichte und mit einer ſolchen ſcheinbaren Unbe— fangenheit, als ob es in der Welt nichts Angeneh⸗ meres für ſie gäbe. Das war nicht Heuchelei: Heuchelei lag in dieſem wilden ungebändigten Charakter nicht, es war nur ingrimmiger Trotz, der keine andere Weiſe wußte ſich an einem Herzen zu rächen, von dem er ſich ſelbſt ſo mishandelt fühlte. Es läßt ſich denken, daß Mutter und Sohn unter dieſen unglücklichen Umſtänden den gegen⸗ ſeitigen Verkehr ſoviel wie möglich beſchränkten und vermieden. Jeder ging ſeinen Weg für ſich und hielt ſich nur heimlich gerüſtet, falls der Andere ihm unerwartet begegnen ſollte. Das war der eigentliche Fluch, der auf Ulriken laſtete, das war es, was ihr Leben einſam und elend machte, noch viel elender bei allem Reichthum als das Leben ihrer armen, verſchollenen Schwe⸗ ſter: ſie hatte ein Kind und hatte es auch nicht, der Arm, der ſie ſtützen und ſchirmen ſollte, war der erſte, ſich wider ſie aufzulehnen, die Hand, die ihr dereinſt die Augen ſchließen ſollte, war gegen ſie gekehrt wie die Hand eines Feindes. Was konnte ſie über dieſes Schickſal tröſten? Und wo war ein anderes Herz ihr nahe und vertraut genug, um ihr das Herz des Sohnes zu erſetzen? Der Vetter, nunmehriger Präſident von Steinfurt, war ein guter Mann, o joa, aber ſolchen Verwickelungen und ihrer erdrücken⸗ den Schwere war er nicht gewachſen; ſie war ihn ab ihm dankbar für manchen guten Rath und man⸗ chen nützlichen Einfall in praktiſchen Dingen, aber in das Heiligthum ihres Herzens, ihres armen, von tauſend Schwertern zerwühlten Mutterherzens, verſtattete ſie dem alternden Junggeſellen keinen Blick— wie hätte er ſie verſtehen ſollen?! Selbſt die gewohnte Umge⸗ bung ihrer Kammerfrau mufßte ſie entbehren; es iſt dieſelbe, die wir als Frau Schernberg, die Mutter der Frau Lur und Schwiegermutter des unübertrefflich weiſen und ſcharfſinnigen Herrn Lur, kennen gelernt haben. Auf Andringen des Frauenzimmers, welche der einträgliche Poſten verlockte und die ſich durch ihre langjährigen treuen Dienſte auch wol gerechte Anſprüche auf eine gute Verſorgung fürs Alter erworben, hatte ſie ihr durch Vermittelung des Präſidenten die Stelle als Hausmutter im Muſikantenthurme verſchafft. Doch ſollte das Alter der guten Frau bei alledem, wie wir bereits wiſſen, kein ———— 118 tröſtliches ſein; nach langem Siechthum verfiel ſie in jene Verwirrung des Geiſtes, in der ſie uns bereits geſchildert worden iſt und in⸗ folge deren ihre ehemalige Gebieterin ſich ge⸗ nöthigt ſah, ſie zu den Todten zu werfen.— Damals ging der Fluch, der auf den Schätzen des alten Kammerdirectors ruhte, zum zweiten male an Ulriken in Erfüllung und noch ſchreck⸗ licher als das erſte mal, nach dem Tode ihres Gemahls. Das war ein einziger, furchtbarer Schmerz geweſen, ein Schmerz, wie wenn das Beil den Nacken des Verurtheilten durchſchnei⸗ det— er ſtirbt, aber der Schmerz ſtirbt mit ihm! Dieſer Schmerz dagegen, den ihr Sohn Rudolf ihr verurſachte und von dem ſie(dies war das Schrecklichſte von Allem) bei ruhiger Ueberlegung ſich ſelbſt nicht einmal ganz ſchuld⸗ los ſprechen konnte— dieſer Schmerz wurde mit jedem Morgen neu, der ging mit ihr zu Bette und ſaß mit ihr beim einſamen, freuden— 119 loſen Mahle, während Rudolf mit ſeinen wüſten Gefährten draußen umherſchwärmte oder er⸗ mattet vom Uebermaß ſeiner Ausſchweifungen krank daniederlag. Sie hatte nun Alles, wonach ihr Herz in der Jugend ſo heiß begehrt, der Himmel ſelbſt hatte ſich für ſie entſchieden, das Teſtament des Oheims hatte ſie, ſolange ſie lebte, zur reichen, ſehr reichen Frau gemacht, das karge Brot der Armuth, das ihr als junges Mädchen ſo bitter geſchmeckt, war ihr nun auf ewig ferngerückt— aber war ſie nun darum glücklich? Ohne Mann, ohne Kind, ohne Schwe ſter, ohne Vertrauten— war ſie glücklich?! Im Uebrigen war es bei aller gefliſſentlichen Entfremdung doch nicht wohl möglich, jede Be⸗ rührung zwiſchen Mutter und Sohn und damit auch jeden Widerſpruch der Anſichten zwiſchen ihnen zu vermeiden. Namentlich an zwei Stellen trat derſelbe ſehr grell und auf eine für beide Theile höchſt empfindliche Weiſe hervor. Das 120 erſte mal, da es ſich um die Wahl eines Be⸗ rufs für Rudolf handelte. Der junge Mann hatte, wie wir wiſſen, eine erſtaunliche, faſt krankhafte Abneigung gegen alles gelehrte Stu⸗ dium; er wollte Soldat werden oder am lieb— ſten Schiffer; ſeine ſchlaffe, zuſammengeſunkene Geſtalt hob ſich ordentlich, die Schultern wuch⸗ ſen ihm und die kleinen verſchmitzten Augen leuchteten, wenn er mit geflügelter Zunge aus⸗ malte, was das für eine Luſt ſein müſſe, mit ſeinem Tauende in der Hand die Matroſen gegen Sturm und Wetter commandiren, daß hier einer über Bord fällt und da einer—„Aber zu⸗ letzt“, ſetzte er mit einem Gelächter hinzu, das für ſeine Jahre wahrhaft abſchreckend war,„kom⸗ men wir doch glücklich ans Land und amüſiren uns göttlich auf dem Hamburger Berge....“ Dieſer letztere Vorſatz, Schiffer zu werden, war nun zu damaliger Zeit in Familien von dem Range und dem Reichthum ſeiner Mutter Be⸗ mn iſt ſtu⸗ ene ch⸗ en nit en net m⸗ ten 121 etwas ſo Unerhörtes und Undenkbares, daß Ru⸗ dolf's Einfall gar keiner ernſten Ueberlegung gewürdigt ward. Aber auch ſeinem Wunſche, in die Armee zu treten, trat die Baronin mit unerſchütterlicher Hartnäckigkeit entgegen; ſcheute ſie vielleicht die Erinnerung an ihren Gemahl, und war ihr der Gedanke unerträglich, den un⸗ geliebten, den gehaßten Sohn in demſelben Schmuck der Waffen zu ſehen, in dem ihr der über Alles geliebte Mann einſt ſo ſtrahlend, ſo wahrhaft herzbewältigend erſchienen war? Ge⸗ nug, Rudolf's Bitten waren ebenſo vergeblich wie ſeine Einreden und Drohungen, und da auch der Präſident ſich mit Nachdruck auf die Seite der Mutter ſtellte, ſo mußte er endlich nach⸗ geben. Am liebſten hätten ſeine Angehörigen ihn der diplomatiſchen Laufbahn gewidmet, die ſeinem dereinſtigen Reichthum und dem alten Adel ſeiner Familie am nächſten zu liegen ſchien. Da ihm jedoch andererſeits nicht nur alle Neigung, Der Muſikantenthurm. II. 6 122 ſondern auch alle perſönlichen Eigenſchaften zu dieſer Laufbahn mangelten, ſo vereinigte man ſich endlich dahin, ihn für das Studium der Rechte zu beſtimmen, wobei die amtliche Stel⸗ lung des Oheims ihm die meiſte Förderung verſprach. ₰ Doch kann man ſich leicht vorſtellen, was für eine Art die Rechte zu ſtudiren der junge Mann betrieb. Jauchzend vor Freude, endlich der mütterlichen Tyrannei, wie er ſich ausdrückte, und der Langeweile des öden, finſtern Hauſes entronnen zu ſein, ſtürzte er ſich auf der Uni⸗ verſität kopfüber in alle wildeſten Genüſſe. Sein ganzes Weſen war hier im Taumel rauſchender Vergnügungen zu einer bis dahin nicht gekann⸗ ten Energie erwacht; die Univerſität hatte lange keinen ſchlechtern Collegiengänger, aber dafür auch lange keinen fidelern Burſchen, keinen un⸗ verwüſtlichern Trinker, keinen waghalſigern Spie⸗ ler, keinen muthigern und glücklichern Fechter m (7) nzu man der Stel⸗ rung was gehabt. Im Kreiſe der Freunde rühmte man ihm noch einen andern Vorzug nach: er ſollte auch ein ausnehmend eifriger und glücklicher Mädchenjäger ſein. Seinem Aeußern hätte man dieſe verliebte Neigung kaum zugetraut; er trug ſich nachläſſig wie immer, war derb und wüſt von Manieren und floh die Geſellſchaft gebil⸗ deter und anſtändiger Damen noch ängſtlicher als die Nähe der Pedelle oder das Pochen un⸗ verſchämter Manichäer. Allein um ſo beſſer, behaupteten ſeine Freunde, hatte er dafür den Gvethe'ſchen Spruch im Sinne von der„Hand, die Samſtags ihren Beſen führt und Sonntags am beſten careſſirt“. Nicht poſ⸗ ſirlich genug wußten ſie es zu ſchildern, wie ſanft und ſchmelzend der wilde Geſell ſich bei ſolchen Gelegenheiten ſtellen könne oder wol gar wie ſanft und ſchmelzend er wirklich dabei wäre; man kenne, behaupteten ſie, den grimmigen Schlagetodt gar nicht wieder, ſo geſchickt wiſſe er die Mädchen zu kirren und ſolche ſüßen Worte ſtänden ſeiner ſchweren Zunge dabei zugebote. Rudolf hörte dieſe Neckereien eine Weile mit Schmunzeln an, ohne Ja noch Nein; als ihm des Dinges aber einmal zu viel ward, ſchimpfte er den lauteſten der Wortführer einen dummen Jungen und hieb ihm demnächſt eine Quarte durchs Geſicht, die mit vierundzwanzig Nadeln genäht werden mußte und von der noch in dieſem Augenblick auf der Univerſität erzählt wird, ſo oft von famoſen Quarten die Rede iſt.— So ge⸗ bührte Rudolf denn in zweifacher Hinſicht die An⸗ erkennung, ſich mit ſeinen verliebten Abenteuern in beſcheidener Stille zu halten: er ſprach nicht davon(und das war wieder ein guter Zug ſeines Charakters) und auch mit der Wahl ſeiner Ge⸗ genſtände, für die ſeine Flamme loderte, hielt er ſich ausſchließlich in Regionen, die von der ſogenannten guten Geſellſchaft ſehr weit ab⸗ lagen. Ru übe Ey rüc jn Vb in cꝰ orte otr. mit ihm pfte men arte deln ſem ſo Re An⸗ ern icht ines hilt der 125 Natürlich kann es nicht unſere Abſicht ſein, Rudolf's akademiſche Jahre hier ins Einzelne zu verfolgen, und bemerken wir daher nur, daß er nach Verlauf von vier Jahren, die er auf den renommirteſten deutſchen Univerſitäten zu⸗ gebracht, ohne ſich jedoch mit Kenntniſſen zu überlaſten, ſowie nach zweijährigen Reiſen durch England und Frankreich in die Vaterſtadt zu⸗ rückkehrte— gerade ſo wie die Mehrzahl unſerer jungen reichen Leute von ihren jugendlichen Abenteuern zurückzukommen pflegt: nämlich als ein vierundzwanzigjähriger Greis, der Alles ge⸗ ſehen, Alles genoſſen und an nichts mehr Freude hat. Auch noch in anderer Hinſicht glich er der Mehrzahl unſerer heimkehrenden Junker: er brachte ſehr geringe Schätze von Erlerntem, aber deſto mehr Schulden mit. Die Summe, welche Frau von Schwarzenfeld ihm zu ſeinem jähr⸗ lichen Bedarf ausgeſetzt hatte, war nicht gerade beſonders reichlich und ſtrafte das Gerücht von ihrer Sparſamkeit nicht eben Lügen; doch war ſie bei einiger Ordnung immerhin genügend, ſei⸗ nem Stande gemäß zu leben und ſich keine er⸗ laubte Freude der Jugend zu verſagen. Für das Leben freilich, das Rudolf auf der Univer⸗ ſität führte, reichte ſie nicht aus; aber dafür hätte auch das Fünf- und Zehnfache nicht aus⸗ gereicht. Durch gute Freunde, an denen er bei ſeiner Freigebigkeit keinen Mangel hatte, waren ſeine häuslichen Verhältniſſe in der Univerſitäts⸗ ſtadt bald bekannt geworden, und ſo fanden denn ſich auch ebenſo bald mitleidige Seelen, die ihm auf Rechnung der künftigen Erbſchaft Vorſchüſſe machten ſoviel er begehrte— gegen gute Zinſen, verſteht ſich, und zwar gegen ſo gute Zinſen, daß dieſelben nach einigen Jahren noch beſſer waren als das Capital. Der junge Verſchwender, der das Teſtament des alten Kammerdirectors nur vom Hörenſagen und daher 6 von war e er⸗ Für iver⸗ dafir au⸗ bei aren tits⸗ nden elen, tt gegen en ſo hren unge aten weder genau noch vollſtändig kannte, war dabei von der Meinung ausgegangen, daß er nach erlangter Volljährigkeit, das hieß alſo in weni⸗ gen Jahren, wenn nicht das ganze Vermögen, doch jedenfalls einen entſprechenden Theil deſ⸗ ſelben antreten würde. Es war dies mit ein Grund, ſogar der Hauptgrund, weshalb er bald nach vollendetem vierundzwanzigſten Jahre in die Vaterſtadt zurückkehrte, die im Uebrigen wol wenig Anlockendes für ihn gehabt hätte. Allein wie groß war ſeine Beſtürzung, als der Prä⸗ ſident— denn an die Mutter wagte er ſich damit doch nicht— ihm auf ſeine etwas drin⸗ gende Anfrage den wahren Sachverhalt des Te⸗ ſtaments eröffnete und daß er, ſolange ſeine Mutter am Leben, keine andern Hülfsquellen hätte, als welche ihre Güte ihm offenhalte. Vergebens ereiferte Rudolf, in dieſem Falle zum erſten male den Juriſten herauskehrend, ſich über die Ungerechtigkeit eines ſolchen Teſtaments; das ganze Teſtament, rief er, müſſe als ungültig umgeſtoßen werden, es könne unmöglich erlaubt ſein, einen Mann in ſeinen Jahren, den recht⸗ lichen Beſitzer eines ſo anſehnlichen Vermögens, auf ein beliebiges Taſchengeld zu ſetzen, das man ihm geben oder auch nicht geben könne, wie einen Scholaren.... Der Präſident rieb während dieſer Ausein⸗ anderſetzung die alte große Brillantnadel, die er vor Rudolf's Geburt vom Kammerdirector geerbt hatte und die er noch täglich in Gebrauch nahm, vorſichtig mit dem Rockärmel blank, daß die Steine noch einmal ſo prächtig leuchteten; dann, als Rudolf endlich geendet hatte, ſtrich er ſich die Perücke rechts und links und erlaubte ſich danach, mit derſelben dünnen feinen Stimme wie ehemals, und mit jener Leutſeligkeit und Milde, die ihn auch als Präſidenten nicht ver⸗ laſſen hatte, die unvorgreifliche Bemerkung, wie er zwar vollkommen überzeugt ſei, daß ſein liel wo ſti Er 129 iti lieber Neffe Rudolf ſeine Zeit auf hohen Schulen lubt wohl angewendet und einen guten Grund juri⸗ ſtiſcher Bildung gelegt habe, wie jedoch das gu Erbrecht— indem er wieder eifrig an der Nadel drs putzte— eine ſehr verwickelte Materie ſei, ohne önne, Zweifel die ſchwierigſte im ganzen Jus, wes⸗ halb ſein lieber Neffe auch wohlthun werde, ſich B die Sache erſt noch etwas genauer zu überlegen; ne Teſtamente umzuſtoßen, die ſeit bald fünfund— zwanzig Jahren in Kraft und an deren Ver⸗ kündigung er, der Präſident, ſelbſt theilge⸗ zß nommen, ohne daß jemals von irgendeiner Seite der geringſte Einſpruch dagegen erhoben worden, ſei ein gar ſchwieriges Unternehmen, ichu mit dem der gute Neffe ſich ja nicht übereilen ubt wolle. Als Rudolf ihm darauf die moraliſchen imne Gefahren der unerwarteten Clauſel vorſtellte, und daß bei einer derartigen Abhängigkeit des Sohnes von der Mutter, von welcher derſelbe allein durch v den Tod der Letztern befreit würde, die ärger— ſein lichſten häuslichen Scenen und die häßlichſte Zwietracht zwiſchen Mutter und Sohn ſich kaum vermeiden ließen— ſo ſah ihn der Präſident mit ſeinem freundlichſten Lächeln an, tippte ihn leiſe auf die Schulter und ſagte dann mit der ſüßeſten Stimme, deten er Herr war:„Aber, mein guter Neffe, wer ſagt dir denn auch, daß der ſelige Teſtator dies hat vermeiden wollen? Es war ein ſehr ſeltſamer Mann, der ſelige Teſtator....“ So mußte Rudolf, dem die Mahnungen der Gläubiger allmälig unbequem fſielen, ſich alſo wohl oder übel entſchließen, der Mutter ſeine Lage zu geſtehen. Es ſiel ihm ſehr ſchwer, nicht blos wegen der heftigen Auftritte, die ihm als unausbleibliche Folge bevorſtanden: hatte er von ſeinem akademiſchen Leben auch ſonſt nicht viel gewonnen, ſo hatte es doch wenigſtens ein gewiſſes Gefühl perſönlicher Ehre und männlichen Stolzes in ihm ausgebildet, das er früher gar nicht — in ne m 131 ſte oder wenigſtens nicht in dem Grade beſeſſen. um Wir behaupten nicht, daß dieſes Ehrgefühl ent immer das richtige geweſen und daß dieſer ihn neue, ſozuſagen akademiſche Stolz ihn nicht der mitunter ebenſo falſch geleitet, wie der Stolz ber, auf Rang und Reichthum) der ihm in den frü⸗ daß hern Jahren eigenthümlich geweſen und der erſt en jetzt, in der Epoche des jugendlichen Genuſſes, igt mehr zurückgetreten und endlich ganz erloſchen war. Allein inſoweit leitete ſein Gefühl ihn un allerdings richtig, als er es unſchicklich fand ſch und unvereinbar mit ſeiner männlichen Würde, die Bezahlung ſeiner höchſt beträchtlichen Schul⸗ . den von derſelben Frau, derſelben Mutter zu in erbetteln, mit welcher er übrigens ſeit Jahren 5 in ſo ganz unfreundlichem, ſo ganz unkindlichem il Verhältniß lebte. 5 Indeſſen was half es? Die Mahnbriefe und pn Drohungen häuften ſich, und es mußte in den icht ſauern Apfel gebiſſen werden. Die Aufnahme 132 N war, wie er vorausgeſehen hatte. Den meiſten Müttern, und darunter gerade den beſten und liebevollſten, iſt die Erfahrung, daß ihre Söhne Schulden gemacht haben, unerträglich; ſie ver⸗ zeihen eher, wenn es ſein muß, einen Riß in die Tugend des Sohnts als in den Geldbeutel. Nicht aus Geiz, auch nicht aus kleinlicher Rück⸗ ſicht, wenigſtens nicht immer: wir haben ſoeben erſt ausdrücklich geſagt, daß auch die beſten Mütter es ſelten anders machen, und zwar thun ſie es aus einem Gefühl der Ordnung und der Regelmäßigkeit, welches dem unverdorbenen Weibe natürlich iſt und wahrlich nicht die letzte im Schmuck ihrer Tugenden bildet; der Mann hat ſeine bürgerliche und perſönliche Ehre, die Frau außer der letztern auch noch ihre wirth⸗ ſchaftliche Ehre, und dieſe fühlt ſich beim Anblick einer ökonomiſchen Unregelmäßigkeit gerade ſo verletzt wie der Mann von Ehre beim Anblick einer Feigheit oder Unredlichkeit. —— 133 Es mag ununterſucht bleiben, wie viel oder wenig Rudolf's Mutter von dieſer ökonomiſchen Empfindlichkeit der Frauen beſaß; ſehr viel, glauben wir, war es in der That nicht, da ſie bekanntlich ihre eigene Jugend in Schulden und Verlegenheiten aller Art hingebracht und den Wermuthbecher der Armuth, namentlich der Ar⸗ muth, die ſich ihrer ſelber ſchämt und die bei weitem die ſchlimmſte von allen iſt, zur Genüge gekoſtet hatte. Allein was ihr in dieſer Hin⸗ ſicht vielleicht abging, das erſetzte mehr als reich⸗ lich der Fanatismus des ſo lange und ſo tief gekränkten Mutterherzens. Rudolf war nicht arm geweſen wie ſie in ihrer Jugend, er hatte keine Noth gelitten, mit freigebiger Hand und ohne jemals ein Wort darüber zu verlieren, hatte ſie ihm nach ihrer Meinung Alles ausgeſetzt und mehr als Alles, was ein junger Menſch zu Bildung und Lebensgenuß bedarf; hatte er damit doch nicht haushalten können, was bewies es weiter, als 134 den rohen Charakter und jene Gemeinheit und Maßloſigkeit der Leidenſchaften, die ſie ja ſchon von früherher an ihm kannte? Aber wenn ſie ihm auch die Schulden verziehen hätte, Eins konnte ſie ihm nicht verzeihen: nämlich daß er den Muth oder, wie ſie es nannte, die Frechheit hatte, ſie, die Schwerbeleidigte, Lang⸗ vernachläſſigte, zur Mitwiſſerin ſeiner Verlegen— heiten zu machen und das Geſchenk ſeiner Ret⸗ tung von derſelben Hand anzunehmen, die er ſo oft in undankbarem Trotze von ſich geſtoßen. Konnte es einen deutlichern Beweis ſeiner durch⸗ weg gemeinen Geſinnung geben? Wäre in ſei⸗ nem ganzen großen Leibe ein Fünkchen Ehre geweſen, hätte er nicht das Aeußerſte verſuchen, ja ſich lieber eine Kugel durch den Kopf jagen müſſen, als dieſe Erniedrigung? Es war in einem vertraulichen Geſpräch mit dem Vetter, dem immer bereiten Vermittler und Rathgeber, wo die Baronin ſich dieſe letztere Ae P d ßen. ch Ehre chen, jagen mit und ztere Aeußerung entſchlüpfen ließ. Was that der Präſident dabei? Er ſchrie nicht Zeter über das verirrte Mutterherz, das ſich ſo weit ver— geſſen konnte, dem eigenen Kinde den Tod zu wünſchen, führte ihr auch nicht zu Gemüthe, wie die Erfüllung ihres frevelhaften Wunſches ſie ſelbſt, die alsdann Kinderloſe, am härteſten beſtrafen würde— o nein: er ſah ſie nur mit ganz verſchmitzten Aeuglein von der Seite an, putzte an der Brillantnadel und ſprach dann mit der gewohnten leiſen, ſüßen Stimme die denkwürdigen Worte: „Der Junge hat eine zu feſte Geſundheit, theure Couſine, der ſtirbt nicht, geben Sie Acht, der überlebt uns alle Beide....“ Worauf die Baronin eine Secunde leichen⸗ blaß ward, dann aber mit der ihr eigenthüm⸗ lichen Ruhe und Selbſtbeherrſchung fortfuhr. Das Reſultat der Verhandlung war, daß die Baronin, wiewol nicht ohne lebhaftes Wi⸗ derſtreben, ſich herbeiließ, einen Theil der Schul⸗ denmaſſe auszuzahlen; doch ſollte derſelbe dem jungen Mann bei dem Jahrgeld, das ſie ihm ein für alle mal ausgeworfen hatte und das ſie auch in Zukunft nicht erhöhen zu wollen erklärte, allmälig in Abzug gebracht werden. Wegen des Reſtes überließ ſie Rudolf, ſich mit ſeinen Gläu⸗ bigern zu einigen, ſo gut er könne; wollten die Leute ſo leichtſinnig ſein, Verſchreibungen auf den Fall ihres Todes von ihm anzunehmen, ſehr wohl. Daß ſie ſterblich ſei, wiſſe ſie und habe dagegen nichts einzuwenden; allein ſolange ſie am Leben, werde keiner von ihnen einen Heller von ihr empfangen, und auch dafür wolle ſie ſorgen, daß Rudolf's Erſparniſſe wenigſtens für die nächſten Jahre und ſolange er kein Amt habe, das ihn nähre, nicht ſehr bedeutend ſein ſollten. Der junge Mann war über dieſe Erklärung anfangs außer ſich und ſetzte Himmel und Hölle uf en, nd nge nen olle ens kein end ng öle 137 in Bewegung, um ſie rückgängig zu machen. Er drohte jetzt wirklich mit dem Aeußerſten, er drohte nach Amerika zu gehen, ſich das Leben zu nehmen. Allein die froſtige Ruhe, mit der ſeine Mutter dieſe Erklärungen entgegennahm, zeigten ihm zur Genüge, daß er mit der Aus⸗ führung derſelben ihr gerade den größten Ge⸗ fallen thun würde, und das war denn wieder für ihn ein hinreichender Grund, alle derartigen tollen Projecte fallen zu laſſen. Auch arrangirte der Präſident ſeine Verhältniſſe mit den Gläu⸗ bigern mit einer Geſchicklichkeit, die dem diplo⸗ matiſchen Talent des alten Herrn alle Ehre machte. Einigen wurden ihre Foderungen durch dritte Hand gegen mäßige Baarzahlung abge⸗ kauft, Andern wurden jährliche Abzahlungen verſprochen, die Hartnäckigſten endlich wurden mit Verſchreibungen zufriedengeſtellt, zahlbar nach dem Tode der Frau von Schwarzenfeld, wobei der Präſident ſich perſönlich dafür ver⸗ 138 bürgte, daß, im Fall Rudolf vor ſeiner Mutter ſterben ſollte, die Familie die Schulden nach⸗ träglich anerkennen und berichtigen würde. Doch war das auch die einzige perſönliche Leiſtung, zu welcher der Präſident ſich herbeiließ. Als Rudolf den Eifer ſah, mit welchem der alte Herr ſich ſeiner Verlegenheiten annahm, hatte er ſich anfangs mit der Hoffnung geſchmei⸗ chelt, der Onkel, der ja keine leiblichen Erben hatte und überdies durch das Vermögen, das er größtentheils verwaltete, mehr als gedeckt war, werde ihm mit einer hübſchen runden Summe unter die Arme greifen. Aber davon ließ er nichts verlauten, und als Rudolf ſich eines Tags die Freiheit nahm, ſo von weitem darauf anzuſpielen, lachte der Präſident erſt über die Maßen und verſicherte dann, indem er ſich die Perücke zurechtſtrich, mit großer Ernſt— haftigkeit, er ſei in ſeiner Jugend gerade in derſelben Lage geweſen wie Rudolf, er habe als nei⸗ ben das eckt den von ſch ten erf er ſt⸗ 139 Student und ſpäterhin ebenfalls Schulden ge— macht, die er nicht habe bezahlen können; erſt in reifern Jahren, da er zu Amt und Einnah— men gekommen, ſei es ihm möglich geworden, die alten Bären abzubinden, und ſo hätten die Freuden der Jugend die Erſparniſſe des Alters aufgezehrt.— Zwar vermochte Rudolf ſich dieſe Verſicherung nicht recht mit Dem in Einklang zu bringen, was er früher, zum Theil aus des Onkels eigenem Munde, über das außerordentlich nüchterne, ſparſame Leben gehört hatte, das derſelbe von jeher geführt, auch ſchon als junger Mann. Doch ſtand ihm natürlich kein Widerſpruch zu und mußte er ſich daher dareinfinden, eine Kette hinter ſich herzuſchleppen, die mit jedem Tage ſchwerer und drückender ward: die Kettenlaſt der Schulden, aus der ſich ſelten ein Menſch befreit, der einmal erſt in ſie hineingerathen iſt, und zwar auf ſolche Weiſe wie Rudolf. Sechzehntes Capitel. Die Schwiegertochter. Und das war denn der zweite Punkt, den wir vorhin im Sinne hatten, da wir von den un⸗ vermeidlichen Anläſſen ſprachen, welche immer neue Verwickelungen zwiſchen Mutter und Sohn herbeiführten: die finanziellen Verlegenheiten, in welche Rudolf, der reiche Erbe, deſſen Erb⸗ theil aber erſt mit dem Tode der Mutter flüſſig ward, gerathen war und die ihn nun immer näher und drohender umgaben, wie die Wellen den Ertrinkenden. Vielleicht war es nicht blos Fanatismus des Haſſes geweſen, der Frau von Schwarzenfeld beſtimmt hatte, ihrem Sohne ihre — Hülfe ſo zu verweigern, wie ſie gethan. Auch war es vielleicht nicht blos derſelbe Haß, der ſie veranlaßte, allen Vorſchlägen des Soh⸗ nes, ein beſtimmtes, verhältnißmäßig geringes Capital gegen eine erhöhte Rente ſchon bei Leb⸗ zeiten an ihn abzutreten, ſich mit größter Hef⸗ tigkeit und mit den bitterſten Bemerkungen über dieſen unkindlichen Sohn, der ihren Tod gar nicht erwarten könne, zu widerſetzen. Vielleicht, es iſt möglich, hatte ſie noch eine andere und ſehr löbliche Abſicht dabei: vielleicht wollte ſie ihn gerade durch die Abhängigkeit, in der ſie ihn in finanzieller Hinſicht erhielt und die aller⸗ dings bei vorgerückten Jahren etwas ſehr Pein⸗ liches und Drückendes für ihn bekam, beſonders bei dem ſchlechten Verhältniß, das übrigens zwiſchen ihnen herrſchte— vielleicht, ſage ich, wollte ſie ihn eben dadurch von ſeinen übeln Neigungen entwöhnen und ihn durch den Zwang der Nothwendigkeit zu einer Ordnung und 42 Sparſamkeit bekehren, an der er aus freien Stücken wenig Geſchmack zu finden ſchien. Allein wenn dies wirklich ihre Abſicht gewe⸗ ſen, ſo ſchlug dieſelbe gründlichſt fehl. Gerade der Zwang, in welchem ſie ihn zu erhalten ſuchte, mußte eine ſo trotzige und unfügſame Natur zu immer größerer Widerſetzlichkeit an⸗ ſpornen. Stak er auch im Augenblick in Schul⸗ den, wie man zu ſagen pflegt bis über die Ohren, ſo konnte ihn doch jeder nächſte Augenblick zum reichen Manne machen, ſogar zum reich⸗ ſten Manne der Stadt; in einem ſo altfrän⸗ kiſchen und ſpießbürgerlichen Orte wie derjenige, wo wir uns befinden, war das genügend, ihm einen umfangreichen und dauernden Credit zu eröffnen. Und Rudolf benutzte denſelben nach Kräften. Er war müde und überſättigt nach Hauſe zurückgekehrt; hätte ſeine Mutter ſich ihm gefälliger erwieſen, vielleicht hätte er an⸗ gefangen ein ordentlicher Menſch zu werden. Al tien den 143 Allein der Widerſtand, den er bei ihr fand, ſtachelte ſeine Leidenſchaft zum äußerſten Grade. Er wollte ihr zeigen, der harten, geizigen Frau, daß er ihr Geld entbehren und doch leben könnte nach Herzensgelüſten; lauerte er einmal auf ihren Tod, wie ſie behauptete, gut, ſo ſollte es wenigſtens unter Lachen und Jubeln ge⸗ ſchehen. Keine Stadt iſt ſo klein und keine Geſellſchaft ſo ſittſam, daß ein ausſchweifender Menſch, wenn er nur übrigens jung und von guter Herkunft iſt, ein wenig Geiſt und viel Geld oder, was für den Moment Daſſelbe iſt, viel Credit hat, nicht Gefährten ſeines tollen Treibens finden ſollte. Auch Rudolf fand ſie; die ſtille öde Stadt hallte wider von Strei⸗ chen und Geſchichten, gegen welche die Aben⸗ teuer der weiland Huſarenzeit ſich wie Intri⸗ guen einer Mädchenpenſion ausnahmen. Bei allen tollen Streichen ſtand Rudolf an der Spitze, ſein Name wurde das Schibboleth einer 144 jungen übermüthigen Jugend, die bis dahin ganz ſtill über den Acten geſeſſen hatte und nun auf einmal, durch Rudolf's Beiſpiel an⸗ geſtachelt, das dringende Bedürfniß empfand, das Fleiſch zu emancipiren und das Evange⸗ lium von der freien Sinnlichkeit praktiſch zu machen. Es war eben die Zeit in Deutſchland, wo dieſe Gedanken zuerſt bei uns auftauchten und in ihrer ganzen erſten Friſche, aber auch in ihrer ganzen grünen Unreife verbreitet wurden. Die wilden Streiche, welche die jeunesse dorée der Stadt betrieb, hätte man können paſſiren laſſen, da größtentheils nur ſie ſelbſt davon betroffen wurde, oder aber Perſonen, an de⸗ nen längſt nichts mehr zu verderben war. Die Art von Philoſophie aber, womit ſie ihre Toll⸗ heiten zu rechtfertigen ſuchte, war unerträg⸗ lich: denn ſie war nicht nur kindiſch, ſondern auch ekelhaft. Fur Rudolf, der, wie wir ihn kennen, ein ſie chin und an fand, nge⸗ E land, chten ch in den. orée ſiren avon nde⸗ Die Lol⸗ trig⸗ dern ein abgeſagter Feind alles Philoſophirens und Sy⸗ ſtematiſirens war, hatte dies die gute Folge, daß er der abgeſchmackten Genoſſenſchaft eher müde ward und ſie durch ſeinen Rücktritt ihrem Ende früher entgegenführte, als es ohne dies vermuthlich der Fall geweſen wäre. Er war jetzt wirklich ſatt und müde; auch hatte ſeine Geſundheit ernſtlich gelitten, und nur der her⸗ culiſche Körperbau, deſſen er ſich erfreute, brachte ihn immer wieder auf die Beine. Außerdem drängten ihn auch die Erfoderniſſe ſeiner ju⸗ riſtiſchen Carriere; Probearbeiten mußten ge⸗ macht, Prüfungen beſtanden werden, und ſo wenig wirkliches Intereſſe ſein Beruf ihm auch zu erwecken vermochte, ſo war er doch immer⸗ hin zu ſtolz, um ſich der Schande einer nicht⸗ beſtandenen Prüfung auszuſetzen. Der Onkel Präſident half nach, und ſo finden wir ihn ſechs oder acht Jahre nach ſeiner Rückkehr in die Vaterſtadt als wohlbeſtallten, wenn auch Der Muſikantenthurm. II. 5 unbeſoldeten Aſſeſſor wieder, dem kurz darauf die Ernennung zum Rath und fürſtlichen Com⸗ miſſarius beim Muſikantenthurm folgte: dieſelbe Stellung alſo, die, wie der geneigte Leſer ſich entſinnt, der jetzige Präſident von Steinfurt vor Jahren bekleidet hatte. Mit der letztern Stelle waren einige Hundert Thaler Diäten und Speſen verbunden, und das war in Ru⸗ dolf's Augen jedenfalls die beſte Seite, welche ſie hatte. Denn übrigens bekümmerte er ſich um die Angelegenheiten des Thurms blutwenig; beim Beginn unſerer Erzählung war er ſchon ſeit vielen Monaten mit keinem Fuß hinein⸗ gekommen, der getreue Lux, der durch die Hei⸗ rath mit der Tochter der Frau Schernberg eine Art Familienmöbel des Schwarzenfeld'ſchen Hau⸗ ſes geworden war, beſorgte Alles, und was Herr Lux einmal eingerichtet hatte, hieß der Herr Regierungsrath gut, auch ohne es ange⸗ ſehen oder geprüft zu haben.— Mit ſeiner ſic ig; hon ein⸗ He⸗ eine al 147 Mutter lebte Rudolf in dem alten Verhältniß; wiewol in demſelben Hauſe wohnend, gingen ſich doch Beide möglichſt aus dem Wege; kam es dennoch einmal zu einem außergewöhnlichen Zwiſt, ſo waren regelmäßig Rudolf's Finanzen daran ſchuld, die mit jedem Tage zerrütteter und unhaltbarer wurden. Konnte man es dem neugebackenen Herrn Rath unter dieſen Umſtänden wol verargen, daß er ſeine Augen unter den Töchtern des Landes umhergehen ließ und mit ſich ſelbſt in Ueberlegung trat, ob nicht eine gute Heirath das richtige Mittel ſei, ſeine Lage zu ver⸗ beſſern und der übertriebenen Sparſamkeit der alten Baronin das Gegengewicht zu halten? Er hatte wohlgezählt zweiunddreißig Jahre hin⸗ ter ſich; daß er ſatt und müde war, haben wir bereits erwähnt; auch ſtellte ſich ſeit letztem Frühijahr ein leiſes Gichtreißen ein— o gewiß, er war der richtige Heirathscandidat. 7* 148 In der Stadt ſelbſt freilich durfte er nicht darauf rechnen, eine entſprechende Partie zu finden; dazu waren ſeine Verhältniſſe hier zu bekannt; man wußte nicht blos von ſeinen Schulden und Ausſchweifungen, ſondern man kannte auch das ſchlechte Verhältniß, in dem er zu ſeiner Mutter ſtand: einer würdigen Dame ganz gewiß, und wegen ihres Reich⸗ thums höchſt reſpectabel, aber doch als Schwie⸗ germutter ein wenig unbequem. Der alte Prä⸗ ſident, dem er ſein Vorhaben anvertraute, ſetzte ihm dieſe Umſtände mit großer Kaltblütig⸗ keit auseinander und ſchloß damit, daß er ihm rieth, eine Reiſe in die benachbarten Seebäder zu machen, wo ſich um dieſe Zeit immer viele heirathsluſtige Mädchen zuſammenfänden, darun⸗ ter auch Mädchen mit ſchönem Vermögen und gleich baar ausgezahlt, wie Rudolf ſie eben brauchen konnte. Ja er wußte es durch ſeine kluge Vermittelung ſogar dahin zu bringen, daß 3 — Rudolf's Mutter, angeblich aus Rückſicht auf den erſchütterten Geſundheitszuſtand des Soh⸗ nes, demſelben einen außerordentlichen Zuſchuß gewährte, durch welchen Rudolf ſich in den Stand geſetzt ſah, die Reiſe mit größter Be⸗ quemlichkeit und jenem Aufwande zu machen, den er ſo ſehr liebte und der ihm gewiſſermaßen zur andern Natur geworden war. Und ſiehe da, das Recept ſchlug an. Gleich in dem erſten Badeorte, den er beſuchte, machte er die Bekanntſchaft einer jungen Hamburgerin, einer Kaufmannstochter, die allen Anſprüchen, welche Rudolf an ſeine künftige Gattin richtete, im vollſten Maße zu entſprechen ſchien. Der Adel nämlich, auf den Rudolf früher ſo ſtolz geweſen war, nahm unter dieſen Anſprüchen keine Stelle mehr ein; in dieſer Hinſicht hatte er, theils durch Erfahrungen gewitzigt, theils auch her⸗ abgeſtimmt durch ſein ausſchweifendes und zügel⸗ loſes Temperament, ſich zu der Philoſophie be⸗ kehrt, die Hippolyt von Froideville einſt auf⸗ ſtellte: ein reiches Bürgermädchen war ihm lie⸗ ber als eine arme Adelige— eine Anſicht, bei⸗ läufig, die unter dem modernen Adel ziemlich verbreitet ſein ſoll und mit der Rudolf ſich daher nur als echtes Kind ſeiner Zeit erwies. Dafür war aber Eugenie— dieſen Namen führte die Dame— jung, ſchön und die Toch⸗ ter eines Mannes, deſſen Vermögen auf Mil⸗ lionen geſchätzt ward und der außer ihr nur noch einen Erben hatte. Er war mit im Bade, dieſer Erbe, Alfred, der Bruder Eugenie's, eine etwas überflüſſige Perſon; erſtens weil er ein Erbe war, zweitens weil er infolge einer unglücklichen Jugendkrankheit blind war oder doch von ſo ſchwachem Geſicht, daß er gleich einem Blinden gewartet und umhergeführt wer⸗ den mußte, was Eugenien, die ihn zärtlich liebte, viel Zeit koſtete, welche der angehende Liebhaber gern anders benutzt hätte— und —— endlich drittens, weil er eine Art von Genie war, ein Muſikgenie, das den ganzen Tag am Flügel ſaß und von dem die Leute, entzückt durch ſeine köſtlichen Phantaſien, behaupteten, er würde mit der Zeit noch einmal ein berühm— ter Componiſt werden. Zwar von dieſem letztern Fehler der Genia⸗ lität war auch Eugenie nicht ganz frei. Sie hatte, wie das in reichen Kaufmannshäuſern nicht ſelten geſchieht, gleichſam als Gegengewicht gegen die materielle Grundlage derſelben und weil jeder Menſch den Trieb hat, über ſeinen Stand hinauszuſchreiten, eine ſehr feine, faſt überfeine Bildung erhalten; ſie ſprach verſchie⸗ dene Sprachen, hatte unzählige Bücher geleſen, von denen Rudolf die meiſten nicht einmal dem Na⸗ men nach kannte, zeichnete und malte und machte, wie er zufällig aus drittem Munde erfuhr, ſogar Verſe. Rudolf, dem alle literariſche Bildung ſehr unbequem war, beſonders bei Frauenzimmern, 152 hätte ihr den größten Theil dieſes geiſtigen Lurus gern erlaſſen; er überlegte allen Ernſtes bei ſich, ob es mit ſeiner männlichen Ehre und ſeinem künftigen häuslichen Glück wol ver⸗ träglich ſei, eine Frau zu heirathen, die nicht blos gebildeter ſei als er ſelbſt, ſondern ſogar auch Verſe mache. Indeſſen wo viel Licht iſt, darf auch einiger Schatten ſein; Rudolf reiſte ſelbſt nach Hamburg hinüber, erkundigte ſich bei Advocaten und Mäklern, und Alles, was er auf dieſe Weiſe über die Vermögensumſtände ſeines eventuellen Schwiegervaters erfuhr, war mehr als hinreichend, das kleine Muttermal einer zu raffinirten Bildung, das Eugenien nach ſeiner Meinung anhaftete, wettzumachen. Mit dieſer Gewißheit verſehen, kehrte er zu Eugenien zurück, um ſeine Bewerbungen mit erhöhtem Eifer fortzuſetzen. Auch war er nicht unglücklich damit. Eugenie war vierundzwan⸗ zig Jahre alt und hatte trotz ihres zu erwartenden gen ſtes und vert⸗ icht gar iſ, iſte ich de ar al ien zu — Reichthums zwar viele Bewunderer, aber noch kei⸗ nen Bewerber gefunden. Vielleicht gerade deshalb, weil die Meiſten den Ruf ihrer Geiſtreichigkeit ſcheuten. Rudolf, der Geiſt und Bildung nicht achtete, fürchtete ſich auch nicht davor, oder hatte ſeine Furcht doch, wie eben erzählt, über⸗ wunden. Auch war er trotz ſeiner Gichtanfälle noch immer eine ſtattliche Erſcheinung, während ſein Adel ſowie der Reichthum der Mutter, der weit und breit bekannt war und von dem auch ſein eigenes glänzendes Auftreten ein erwünſchtes Zeugniß lieferte, wol ebenfalls nicht danach angethan war, ſeine Sache zu verſchlimmern. Kurzum, er geſtand Eugenien ſeine Liebe, Eugenie lächelte, der Vater, den das glückliche Paar ſofort benachrichtigte, hatte nichts einzuwenden, und genau vier Wochen nach ſeiner Abreiſe von Hauſe hatte Rudolf die Genugthuung, ſeiner Mutter ſeine Ver⸗ lobung mit Fräulein Eugenie Lammerz, ein⸗ 7** 1 1 15⁵⁴ zigen Tochter des bekannten reichen Handels⸗ herrn Johann Gottlieb Lammerz, Firma Lam⸗ merz' Erben in Hamburg, anzuzeigen. Was ſeine Mutter dazu ſagte? Sie ſagte gar nichts; nur durch Herrn Lux, den ſie, wie wir wiſſen, gelegentlich als Geheimſecretär be⸗ nutzte, ließ ſie ihm in einem kurzen Schreiben zu erkennen geben, daß ſie nicht das Mindeſte gegen ſeine Heirath habe. Aber freilich auch nicht das Mindeſte dafür; habe er ſich auf eigene Hand verlobt, ſo werde er jedenfalls auch auf eigene Hand die Mittel beſitzen, eine Frau ſtan⸗ desmäßig zu erhalten Ob dieſe Mittel von ihm kämen oder von ſeiner Braut, ſei ihr, der Mutter, vollkommen gleichgültig: wenn ſie ſelbſt nur nichts dazuzugeben brauche Das war denn inſofern eine etwas nieder⸗ ſchlagende Antwort, als Rudolf, wie man ſich denken kann, ſorgfältig vermieden hatte, Braut und Schwiegervater gleich anfangs in das trau⸗ am⸗ gte wie be ben eſte uch ene auf n on der — 155 rige Geheimniß ſeines Familienzwiſtes einzu⸗ weihen Auch machte die Hochzeit nebſt der erſten Einrichtung Ausgaben nöthig, denen er ſich Ehrenhalber nicht entziechen konnte; waren ſie nur erſt überſtanden, mit andern Worten, war Eugenie Lammerz erſt die junge Baronin von Schwarzenfeld und befand die Mitgift, welche der Vater mit rühmlicher Freigebigkeit auf eine namhafte Summe feſtgeſetzt hatte, ſich nur erſt baar in Rudolf's Händen, ſo war er der weitern Sorge für ſeinen Hausſtand überhoben und konnte mit Gemüthsruhe abwarter nun ja doch, bis ſeine Mutter den Platz räumen und ihn vollends als reichen Mann hinterlaſſen würde. Inzwiſchen bewährte der Präſident auch in dieſem Falle wieder ſein vermittelndes Talent Auf ſein Zureden entſchloß die alte Baronin ſich, Rudolf nicht nur eine ſtandesgemäße Hoch⸗ zeit ausrichten(denn auf das ausdrückliche Verlangen des Bräutigams ſollte dieſelbe in ſeiner Vaterſtadt ſtattfinden: vermuthlich wollte er dem Neid der Nachbarn, die ſo vielfach er⸗ klärt hatten, Rudolf von Schwarzenfeld be⸗ komme nun und nimmer eine Frau mehr, ein beſonderes Feſt bereiten)— ſondern ſie fand ſich auch willig, dem jungen Paare den un⸗ bewohnten Flügel ihres Hauſes einzuräumen, der denn, ausgeſtattet mit dem prächtigen Hausrath, der mit Eugenie's Ausſteuer von Hamburg kam, ſich ſchon nach kurzer Zeit ganz wohnlich und behaglich ausnahm. Bald darauf kam auch die Braut ſelbſt, begleitet von Vater und Bruder; die Mutter war ſchon ſeit lan⸗ gem todt. Die Begrüßung mit der alten Ba⸗ ronin war kühl und förmlich, doch nicht kühler als eine adelige Schwiegermutter die bürgerliche Schwiegertochter und deren Familie zu empfan⸗ gen das Recht hat. Der Präſident blühte ordentlich auf, man hatte ihn lange nicht ſo vergnügt geſehen; Rudolf's Heirath ſchien ihm einen wahren Stein vom Herzen zu nehmen und ihm das Beſte für die Zukunft zu ver⸗ ſprechen, ſelbſt auch in Betreff der Mutter, die einer ſo liebenswürdigen und feingebildeten Schwiegertochter unmöglich auf die Dauer widerſtehen konnte.— Nicht minder glücklich fühlte ſich Rudolf. Der allgemeine Beifall, welchen ſeine ſchöne, blühende Braut fand, ſchmeichelte nicht blos ſeiner Eitelkeit, ſondern that auch ſeinem Herzen wohl; es überkam ihn etwas wie Scham vor ſich ſelbſt, wenn er an die elenden Motive dachte, die ihn dazu ge⸗ bracht hatten, ſich um Eugenie's Hand zu be⸗ werben; er fühlte Mitleid mit dem jungen ſchuldloſen Geſchöpf und gelobte ſich ſelbſt, ihr ein braver, treuer, liebevoller Mann zu wer⸗ dii So kam der Hochzeitmorgen heran—— Aber nein, dieſe Familie ſollte mit Heirathen kein Glück haben. Am Morgen der Hochzeit, unmittelbar vor der Trauung, erbat Herr Jo⸗ det hann Gottlieb Lammerz, Firma Lammerz' Er⸗ ben aus Hamburg, ſich eine geheime Unter⸗ c redung mit Rudolf und ſeiner Mutter. Mit* Rückſicht auf den feierlichen Moment konnte ſi ihm dieſelbe auch von der Letztern nicht wohl ſe abgeſchlagen werden. Der würdige Kaufmann, ſ ſchon im vollen Hochzeitſtaat, mit einem Ge⸗ ſicht, ſo wohlraſirt und ſo ſchmunzelnd wie ein Schwiegervater am Hochzeitmorgen ſeines Kin⸗ des nur jemals gehabt hat, zog ein dickes, etwas ſchmieriges Portefeuille aus der Taſche; er brei⸗ tete eine Menge Papiere und Rechnungen um ſich her, ſprach viel von ſchlechten Zeiten, vom wandelbaren Glück des Kaufmanns, von pro⸗ teſtirten Wechſeln, von alten Freunden, die nicht zuverläſſig, von untergegangenen Schiffen, die nicht verſichert geweſen— und ſchloß die lange und wohlgeſetzte Rede damit, daß er für ——— —————- —————— chzeit, tr Ib⸗ Er⸗ Unter⸗ Nit konnte vwohl mann, nGe⸗ vie ein Fin⸗ etwas brei n um „vom pro die hiffen, n fir den Augenblick nicht nur nicht im Stande ſei, dem werthen Herrn Schwiegerſohn die verſprochene baare Mitgift auszuzahlen, ſondern er müſſe auch die Frau Baronin, von deren wohlarran⸗ girten Verhältniſſen er hinreichend unterrichtet ſei, inſtändigſt erſuchen, ihm gegen gute Wech⸗ ſel und Zinſen mit einem Capital von ſo und ſo viel Tauſenden unter die Arme zu greifen — nur auf wenig Wochen, verſicherte er, da es nur eine vorübergehende Stockung ſei, die ihn in dieſe Verlegenheit gebracht habe: aber wenn ihm nicht ſofort geholfen werde, ſo könne er freilich für nichts ſtehen, der Credit eines Kaufmanns ſei gar eine kitzliche Sache... Wieviel Jahre waren es wol, ſeit Ulrike von Schwarzenfeld nicht mehr gelacht hatte? Aber diesmal lachte ſie doch, lachte hell auf, daß der Paradiesvogel, den ſie auf ihrem Aufſatz trug, zitterte(ſie hatte ſich heute abſichtlich ſo geputzt, vermuthlich um der Pracht der neuen 1 * ———— — 160 hamburger Verwandtſchaft die Spitze zu bie⸗ ten)— und rauſchte dann majeſtätiſch davon. Rudolf lachte, wie man ſich denken kann, nicht: aber den Rücken kehrte er ſeinem Schwie⸗ gervater ebenfalls. Im erſten Augenblick war ihm der Gedanke durch die Seele geſchoſſen, ob er unter dieſen Umſtänden wol noch an ſein Wort gebunden und ob es nicht beſſer ſei, das Verlöbniß, wenn auch an der Schwelle des Altars, noch raſch wiederaufzulöſen. Aber das Lachen der Mutter hatte ihm das Herz ſofort wieder auf den rechten Fleck gerückt; er ſah im Geiſt Eugenien im bräutlichen Schmuck, nichts ahnend von dem Verhängniß, das ſich hier ſo furchtbar über ſie zuſammenzog— ſah ſie, wie ſie im Begriff ſtand, ſich ihm zu eigen zu geben auf ewig, in dem ganzen Glanz ihrer Unſchuld, der ganzen Fülle ihrer jugend⸗ lichen Schönheit, ihm, dem rohen, abgelebten Manne.... gen rer nd⸗ ten 161 Und wandte dem verdutzten Johann Gottlieb Lammerz, Firma Lammerz' Erben aus Ham⸗ burg, den Rücken, eilte zu ſeiner Braut, ſetzte ſich zu ihr in den Wagen, fuhr in die Kirche, ließ ſich trauen und führte unter den Glückwünſchen der Gäſte, die in dem großen Gewühl die Ab⸗ weſenheit der Schwiegermutter und des Schwie⸗ gervaters nicht bemerkt hatten, die Holderrö⸗ thende in das Haus zurück, das ihr nun Herd und Heimat werden ſollte. Bei der reichbeſetzten Tafel, bei welcher der Präſident nicht umhinkonnte, in aller Stille an die Doppelhochzeit zurückzudenken, die hier vor bald ſechsunddreißig Jahren gefeiert wor⸗ den war, und zu der der Muſikantenthurm noch ebenſo finſter und drohend ins Fenſter ſchaute wie damals— fand auch Eugenie's Vater ſich wieder ein. Er war noch ebenſo glattraſirt und ſah noch ebenſo behaglich aus wie vor einer Stunde. Er nahm den Schwie⸗ 162 gerſohn beiſeite(Rudolf's Mutter hatte ſich durch Unwohlſein entſchuldigen laſſen), herzte und küßte ihn und kniff ihn dazu ins Ohr⸗ läppchen, daß Rudolf beinahe laut aufgeſchrien hätte: das wäre noch ein Menſch, der Rudolf, meinte er, ſo Einem hätte er ſich zum Schwie⸗ gerſohn gewünſcht, und darum hätte er die Probe von vorhin angeſtellt; ob Rudolf denn nicht gleich gemerkt, daß es blos eine Probe hätte ſein ſollen? Und ob er es wirklich für möglich gehalten, daß er, Johann Gottlieb Lammerz, Firma Lammerz' Erben in Hamburg, um eine ſolche Bagatelle jemals in Verlegenheit ſein könnte? Hier habe er ſie bei ſich, in demſelben ſchmierigen Portefeuille, das Rudolf vorhin ſo ſcheel angeſehen, bei Heller und Pfennig, in guten Papieren, die ganze Ausſteuer, die er dem Schwiegerſohn zugeſagt. Allein weil der ſich ſo honnet benommen und das Herz ſo auf dem rechten Fleck gezeigt, ſo wolle er nun aut nun 163 auch ſehen laſſen, was für ein Mann er ſei, und wolle ihm auf der Stelle noch ein paar Tau⸗ ſend zulegen, aus freien Stücken und ohne Präjudiz. Er müſſe noch heute Abend nach Hamburg zurückreiſen, eines wichtigen Geſchäfts halber, bei dem er drei mal ſoviel verdiene als die ganze Mitgift; doch komme er in drei, höch⸗ ſtens vier Tagen wieder, da wolle er Rudolf gleich das Ganze mitbringen, und zwar in blan⸗ ken Goldſtücken; es ſei zwar Daſſelbe wie Pa⸗ pier, ſehe aber beſſer aus und paſſe ſich beſſer für ſolche hübſchen jungen Leutchen.... Rudolf konnte nicht klug daraus werden, was an dieſer Rede Scherz, was Ernſt war, hatte aber auch für den Augenblick weder Zeit noch Stimmung, die Sache näher zu unterſuchen. Er machte ſich daher mit einigen nichtsſagenden Redensarten von dem Schwiegervater los, und dieſer reiſte in der That noch denſelben Abend mit Extrapoſt nach Hamburg zurück; in drei bis vier Tagen, wie geſagt, wollte er zurück ſein, Eugenie's Bruder, den blinden Alfred, ließ er ſolange, wie er ſcherzweiſe ſagte, als Unterpfand zurück.. Aber der dritte, der vierte Tag verging, und kein Schwiegervater kam und keine Geldſendung. Endlich am fünften Tage kam die hamburger Zeitung, und darin ſtand zu leſen, daß ein acht⸗ bares Mitglied Ehrbarer Kaufmannſchaft, der bekannte Johann Gottlieb Lammerz, Firma Lammerz' Erben in Hamburg, in einem Anfall von Melancholie, veranlaßt durch den plötzlichen Verluſt ſeines ganzen großen Vermögens, ſich eine Kugel durch den Kopf geſchoſſen habe.... als Siebzehntes Capitel. dung. Ein Leben auf vornehmem Fuß. urget u cht⸗ der Welche Ehe ſich aus dieſen Anfängen ent⸗ irma wickeln mußte, ſagt ſich der Leſer ohne Zweifel nfal ſelbſt; auch werden wir Rudolf's Häuslichkeit ichen im folgenden Buch noch näher kennen lernen, ſich und dürfen uns daher an dieſer Stelle einige flüch⸗ tige Andeutungen genügen.— Hatte die alte Baronin von Schwarzenfeld, unmütterlich, wie ſie geworden war, ſich wirklich nach einem Triumph über ihren Sohn geſehnt, jetzt genoß ſie ihn in reichlichem Maße. Eine reiche Erbin hatte Rudolf heimzuführen gedacht, unabhängig hatte er ſich machen wollen von der Gnade der 166 Mutter— und was hatte er jetzt? Eine Bett⸗ lerin hatte er auf dem Halſe, an Reichthum gewöhnt, mit großen Anſprüchen und unfähig, ſich in die untergeordnete Stellung zu finden, die ihr unter allen Umſtänden in dem Hauſe ihrer Schwiegermutter gewiß geweſen wäre, jetzt aber nach dieſer unglücklichen Kataſtrophe ſich doppelt drückend geſtaltete. Ulrike hatte in ihrer Jugend nicht umſonſt an fremder Leute Tiſch geſeſſen, nicht umſonſt die harte Kette der Dienſtbarkeit getragen; ſie wußte wie das that, und gedachte ihrer Schwiegertochter nichts von Dem nachzulaſſen, was ſie ſelbſt einſt gelitten. Um ein öffentliches Aergerniß zu vermeiden und weil der Präſident ſie wiederholt darauf aufmerkſam machte, daß ſie ſelbſt in juriſtiſchem Sinne ver⸗ pflichtet ſei, für den ſtandesgemäßen Unterhalt ihres Sohnes Sorge zu tragen, hatte ſie frei⸗ lich nicht umhingekonnt, dem jungen Paare, das ſich nach dem plötzlichen Tode des Schwie⸗ ge de A Bett⸗ hthum fihig, inden, Hauſe wäre, rophe te in Lute te der that, von uUm weil rſam ver⸗ chalt frei⸗ are, wie⸗ 167 gervaters ausſchließlich auf ſie angewieſen ſah, das Nothdürftigſte zum Unterhalt zu gewähren. Aber auch dies gewährte ſie mit ſolcher Unluſt und knüpfte ſo viel höhniſche und beißende Bemerkungen daran, beſonders in Gegenwart der Schwiegertochter, daß Letztere oft meinte, das Herz müßte ihr vor Scham und Aerger vor die Füße ſinken. Aber auch davon abgeſehen hätten die beiden Charaktere niemals zuſammengepaßt. Eugenie war ebenſo ſanft und empfindungsreich, wie Rudolf's Mutter hart und verſchloſſen war. Auch ihre literariſchen und künſtleriſchen Neigungen ga⸗ ben der alten Baronin eine erwünſchte Gelegenheit zu vielfachen Spöttereien und boshaften Anſpie⸗ lungen; ſie verachtete Wiſſenſchaft und Bildung nicht wie Rudolf, aber ſie fand dieſe Beſchäf⸗ tigung mit Büchern und Kunſtſachen nicht paſ⸗ ſend für eine Emporkömmlingin, für die Tochter eines Bankrottirers, die nach ihrer Meinung 168 beſſer gethan hätte Strümpfe zu ſtopfen und die liederliche Wirthſchaft ihres Mannes zuſam⸗ menzuhalten, als Romane zu leſen und ſenti⸗ mentale Tagebücher zu führen. Einen beſondern Anſtoß nahm ſie ferner an der Zärtlichkeit, welche Eugenie ihrem armen blinden Bruder Alfred widmete und die aller⸗ dings ein faſt leidenſchaftliches Gepräge trug; ſei der junge Mann wirklich ſo augenſchwach wie man behaupte, nun gut, wozu denn die Blindenhäuſer wären? Es werde viel Rüh⸗ mens gemacht von Alfred's muſikaliſchem Ta⸗ lent und daß er gewiß dereinſt noch ein be⸗ rühmter Componiſt werden würde. Ganz wohl: aber ob er mit all ſeinem Talent wol ſchon je eine Waſſerſuppe zuſammenmuſicirt habe? Und ob es wirklich nothwendig ſei, ſeinen künftigen Ruhm auf Koſten einer fremden Familie zwi⸗ ſchen ſeidenen Fußkiſſen und Rückenwärmern großzufüttern? mund uſan⸗ ſenti⸗ er an armen aller⸗ trug; wach n die Rüh⸗ Ta⸗ n be⸗ wohl: on je Und ſtigen zwi⸗ mern 169 Es lag in dieſen Vorwürfen etwas Wahres. Alfred war wirklich eine etwas weichliche Natur; vielleicht aus nervöſer Reizbarkeit, vielleicht weil er es im Hauſe des Vaters ſo gewöhnt geweſen war, hatte er tauſend kleine Bedürfniſſe und Eigenheiten, deren Befriedigung der Regierungsräthin bei der Beſchränktheit ihrer eigenen Verhältniſſe zum Theil recht ſchwerfiel. Allein gerade dieſes Weiche, Unmännliche in Alfred, dieſe Abhängigkeit von der Weichheit des Kiſſens, auf dem er ruhte, der mehr oder minder feinen Beſchaffenheit des Stoffs, in den er gekleidet ging— gerade das hielt Eugenie fütr das ſichere Kennzeichen einer künſtleriſchen Natur und wurde nicht müde, ſich ſeinen kleinen Launen und Seltſam⸗ keiten zu fügen. Mit größter Vorſicht hatte ſie Sorge getragen, daß Alfred nicht das Mindeſte davon bemerkte, wie eigentlich die Verhältniſſe beſchaffen waren, in denen ſie lebte, und daß ſie ſtatt in ein Haus des Reichthums und der Der Muſikantenthurm. II. 8 ————— — —— — ———-—— * — — 170 Fülle, in ein Haus übertünchten Elends ge⸗ kommen war, wo zwiſchen geſtickten Tapeten und prächtigen Geräthſchaften nicht blos Haß und Unfriede, ſondern auch Mangel und Ver⸗ legenheit wohnten. Selbſt den unglücklichen Sturz ihres väterlichen Hauſes hatte ſie Alfred ſo glimpflich vorzutragen gewußt, daß derſelbe den Schaden nicht für halb ſo gefährlich hielt, als er wirklich war; der junge Mann glaubte noch immer aus ſeiner eigenen Taſche zu leben und ahnte nicht, daß der Luxus, in dem er ſich bewegte, zuſammengebracht war auf Koſten der Schweſter und ihres häuslichen Glücks. Denn zur Steuer der Wahrheit müſſen wir leider bekennen, daß die edelmüthige Anwand⸗ lung, welche Rudolf am Hochzeittage über⸗ kommen, nicht lange Stand gehalten hatte. Er konnte den Gedanken nicht loswerden, ob Eugenie nicht am Ende von den zerrütteten Verhältniſſen ihres Vaters gewußt und ob ſie ge⸗ apeten Heß Ver⸗ klichen Alfted erſilbe hielt, aubte leben m er toſten ke. n wir wand⸗ über⸗ hutte. ob tteten ob ſi 171 ihn nicht blos darum ſo raſch erhört hatte, um wenigſtens unter die Haube zu kommen. Es war eine ſchreckliche Nemeſis, die für ihn in dieſem Gedanken lag: hatte er ſelbſt nicht blos um des Geldes willen geheirathet? Und nun ſollte Eugenie mit ihm ganz dieſelbe Specula⸗ tion gemacht haben? Einen eigenthümlichen Troſt, wenn auch nur einen Troſt der Despe⸗ ration, gewährte es ihm dabei, daß, wenn ihm ſeine Speculation misglückt, doch auch Eugenien die ihre nur halb gelungen war; mit boshaftem Behagen malte er ſich die Reue aus, welche die junge Frau innerlich empfinden mochte und zu der er ſelbſt ihr, abgeſehen von ſeinen ökonomiſchen Bedrängniſſen, allerdings auch reichliche Veranlaſſung gab. Mochte Ru⸗ dolf ſich in ſeinen beſſern Stunden auch zehn mal ſelbſt ſagen, daß Eugenie durch den Ver⸗ luſt ihres väterlichen Vermögens nichts an ihrer Schönheit, nichts an ihrer Tugend, nichts an der Feinheit ihres Benehmens verloren und daß es ſchändlich von ihm ſei und unmännlich, das arme Weib für ein Unglück büßen zu laſ⸗ ſen, das ſie ohnedies ſchon ſchwer genug em— pfand— der Dämon in ihm war mächtiger als das gute Herz, von dem der Präſident ehe⸗ dem ſoviel Rühmens gemacht hatte, und mit teufliſcher Schadenfreude pflegte er jeden che⸗ lichen Zwiſt, deren ſich leider im Lauf der Jahre ſehr viele einfanden, ſofort auf das Ge⸗ biet der Finanzen hinüberzuſpielen und Euge— nien die Armuth vorzurücken, die ſie ihm mit— gebracht, ja die ſie ihm wol abſichtlich ver⸗ heimlicht hatte, um ihn deſto ſicherer in ihr Netz zu ziehen.— Solche Vorwuͤrfe, einmal ausgeſprochen, ſind wie ein Gift, gegen das es kein Heilmittel gibt. Die arme junge Frau, im Innerſten verletzt, zog ſich in ſich ſelbſt zu— rück; die Schätze, die Rudolf bei ihr erwartet, hatte er nicht gefunden; aber war das Gold ver⸗ nihr inmal das e Frau, tin⸗ artel, Gold 173 der Liebe, das ſie bei ihm zu finden gehofft hatte, nicht noch weit unſchätzbarer? Und auf welche häßliche, ſchmuzige Schlacke traf ſie bei ihm?— Daß die Ehe ohne Kinder blieb, war unter dieſen Umſtänden ein wahres Glück. Schon Alfred's Anweſenheit erzeugte viel Unfrieden zwiſchen den beiden Ehegatten. Rudolf fand es abſurd, daß er, der ſelbſt ſchon nicht wußte, wie ſein Haus auf ſtandesgemäßem Fuß erhal⸗ ten, nun gar noch einen blinden Schwager mit durchbringen ſollte. Doch fehlte es ihm anderer⸗ ſeits auch wieder an der nöthigen Energie, der Sache wirklich und mit Einem Schlage ein Ende zu machen, und auch Eugenie that mit weib⸗ licher Sorgfalt alles Erdenkliche, um die An⸗ weſenheit ihres Bruders für ihren Mann ſo wenig merkbar zu machen wie möglich. Im Uebrigen wird Niemand, der den Welt⸗ lauf kennt, wenn er hier von Entbehrungen 174 und Verlegenheiten hört, mit denen das junge Paar zu kämpfen hatte, darum auch ſchon glau⸗ ben, daß ſie wirklich trockenes Brot gegeſſen und gewendete Kleider getragen. Ganz im Gegentheil, es ging hier wie in ſo unzäh⸗ ligen Verhältniſſen deſſelben Schlags: der Re⸗ gierungsrath lebte herrlich und in Freuden, ſein Haus war vortrefflich eingerichtet, er ſah oft und gern einen kleinen Kreis vertrauter Freunde bei ſich, wo denn der Champagner nicht ge⸗ ſchoͤnt ward, hielt ſich Pferde, Bediente und überhaupt Alles, was zu einem reichen und vornehmen Haushalt gehört. Auch Eugenie lebte durchaus ihrem Range gemäß; ſie hatte ihre Loge im Theater, las die neueſten Bücher und ſah es ebenfalls nicht ungern, wenn Freunde und Bekannte ihren kleinen Salon füllten, wäre es auch nur deshalb geweſen, um dem armen Alfred eine Zerſtreuung zu gewähren. Hinterdrein freilich kam der hinkende Bote nach; t ge⸗ und und geie hatte zichn reunde ilten, dem ihren⸗ nach; 175 die unbezahlten Rechnungen, die Mahnbriefe und laufenden Wechſel häuften ſich, und Rudolf ſelbſt mußte oft in der Stille bei ſich lachen, wenn er bedachte, auf welchen ſchwachen Füßen dieſe Herrlichkeit ſtand und wie raſch ſie einmal zuſammenſtürzen könne. Zu Eugenie's Ent⸗ ſchuldigung müſſen wir ſagen, daß ſie die öko⸗ nomiſchen Verhältniſſe ihres Mannes nur ſehr oberflächlich kannte; ſie hörte ihn zwar oft kla⸗ gen und Bankrott und Elend als dicht vor der Thür ſtehend ankündigen, ſah aber dabei doch, daß es an nichts fehlte, ausgenommen mitunter an baarem Gelde. Aber deſſen be⸗ kamen ſie ja dereinſt, wenn die Schwiegermut⸗ ter ihre Augen zuthat, genug, und Eugenie war eine zu gute Kaufmannstochter, um nicht zu wiſſen, daß Credit auch Geld iſt und ſogar unter Umſtänden noch beſſer als Geld. Ueber dieſen letztern Punkt hätte Rudolf ihre Anſicht allerdings gründlich berichtigen können; trotz des Aufwands, den er machte und durch den er das Publicum zu täuſchen hoffte, wurde ſein Credit von Monat zu Mo⸗ nat ſchwächer; ſo ſcharfſinnig er war, immer neue Geldquellen aufzufinden, ſo mußte er ſich doch nachgerade geſtehen, daß eine Zeit nahe ſei, wo dieſer Scharfſinn erſchöpft ſein würde. Allein auch für dieſen ſchlimmſten Fall tröſtete er ſich immer noch damit, daß ſeine Mutter es doch unmöglich zum öffentlichen Skandal könne kom⸗ men laſſen, und auch des Präſidenten glaubte er, ſchon aus amtlicher Rückſicht, ſicher zu ſein.— Doch brauchen wir dieſe Miſere wol nicht weiter auszumalen, da ſie ja, wie ge⸗ ſagt, heutigentags in den ſogenannten höhern Ständen ſo häufig iſt, und nehmen wir daher den Faden unſerer Erzählung da wieder auf, wo wir ihn in unſerm erſten Buche haben fal— len laſſen. nachte uſchen immer doch i, wo Alein rſch doch kom⸗ aubte Drittes Buch. Das Viederſehen. Erſtes Capitel. Kleine Leiden. Es iſt an demſelben Morgen, den wir zu An⸗ fang unſerer Erzählung im Muſikantenthurm zugebracht haben. Im Arbeitszimmer des Re⸗ gierungsraths von Schwarzenfeld ſieht es noch ziemlich wüſt und unordentlich aus; trotz der vorgerückten Stunde hat derſelbe ſich erſt vor kurzem aus den Kiſſen erhoben. Nicht im beſten Humor; ſeine Stimmung iſt trübe und unheimlich, gleich dem Gewitterhimmel, den er, ſich die Cigarre anzündend, mit verdroſſenen Augen anſtarrt. Aber woher ſoll der Humor auch kommen? Rudolf hat geſtern bis nach 180 Mitternacht mit einigen guten Freunden gezecht; das iſt gut für den Augenblick, aber wie die Dünſte des Weins verſchwinden, ſteigen andere auf, die nicht ſo raſch verfliegen: Nebel der Sorgen und des Ueberdruſſes, die ihm die Ausſichten in den beginnenden Tag ver⸗ kümmern. Und er hat ſchlecht begonnen, dieſer Tag. Welch ein Haufe von Briefen, der neben dem zierlich geränderten Kaffeeſervice liegt! Rudolf braucht die meiſten gar nicht erſt zu öffnen, er kennt ſie ſchon von außen: es ſind Rechnungen, Mahnbriefe, bald höflicher, bald dringender, aber die einen ſo vergeblich wie die andern. Rudolf reißt ſie, mit ſchläfrigem Blick die Adreſſen muſternd, einen nach dem andern in dünne Streifen; wenn er Fidibus aus den Briefen dreht, ſind ſie doch zu etwas gut ge⸗ weſen. Und indem er dann die bläulichen Wolken des Tabacks verfolgt, wie ſie ſich weiter ezecht; ie die andere el der m die ver⸗ Tag. dem tudolf en, et ngen, ender, ndern. c die ern in den t ge⸗ lichen veiter und weiter ringeln, um endlich ſpurlos in der Luft zu verflattern, denkt er bei ſich, daß alles menſchliche Leben im Grunde doch auch nur Rauch und Dunſt und daß die ſchlechte Komödie der vielen Zurüſtungen, die wir für ſie treffen und die uns alle ſo unentbehrlich ſcheinen, doch im Grunde gar nicht werth. Rudolf ſtellte ſolche Betrachtungen oft an, aber eben darum hatten ſie ihren Stachel für ihn verloren; der Menſch gewöhnt ſich an Vieles, warum nicht auch daran, die Welt und ſich ſelbſt zu verachten? Aber hier waren zwei Briefe, die durfte er doch nicht ſo ganz beiſeite ſchieben. Der erſte war von dem Director der Abtheilung, in der er arbeitete; in kurzem geſchäftmäßigem Stil beſchwerte derſelbe ſich über die vielen Verſäum⸗ niſſe, welche der Regierungsrath ſich in ſeiner amtlichen Stellung zuſchulden kommen laſſe; die Reſte wären wieder ſchon zu einer unerträg⸗ lichen Höhe angewachſen; da Ermahnungen und 182 Ordnungsſtrafen bei Rudolf nichts mehr auszu⸗ richten ſchienen, ſo werde der Director bei der nächſten Veranlaſſung zu ſeinem Bedauern ſich genöthigt ſehen, pflichtgemäße Anzeige bei der vorgeſetzten Behörde zu machen.— Im genauen Zuſammenhang damit ſtand der zweite Brief, der von Rudolf's Oheim, dem Präſidenten, kam. Die Handſchrift, welche der gute Mann ſchrieb, war trotz ſeines Alters gerade ſo fein und zier⸗ lich wie er ſelbſt, und auch an dem Stil ließ ſich, wenigſtens im Punkt der Höflichkeit und Delica⸗ teſſe, nichts ausſetzen Aber mit aller Höflichkeit und Delicateſſe war es doch ebenfalls ein Mahn⸗ und Klagebrief, und zwar ein recht dringender. In den beweglichſten Ausdrücken, unter denen die nahe Verwandtſchaft, der gute Name der Familie, die vortrefflichen Ausſichten, welche Rudolf ſich unmöglich ſo leichtſinnig zerſtören dürfe, nicht die letzte Stelle einnahmen, er⸗ mahnte er den unverbeſſerlichen Neffen, doch . —— — auszu⸗ bei det etn ſich hei der genauen Brief, n kam. ſchricb, d ziet⸗ Delic⸗ füchkeit Mahn⸗ igender denen me det welche rftören Rÿst⸗ doch endlich in ſich zu gehen, um nur wenigſtens das Nothdürftigſte von Dem, was ſein Amt von ihm fodere, zu verrichten. Daß Rudolf ſich im Dienſt des Staats nicht krankarbeiten möge, verdenke er ihm unter den bekannten Verhält⸗ niſſen keinen Augenblick; doch gebe es auch im Nichtsthun ein Maß des Schicklichen und Her⸗ gebrachten, das er nicht wünſche von ſeinem Neffen überſchritten zu ſehen. Auch waren die Namen verſchiedener Lieferanten und Kaufleute beigefügt, welche mit den Foderungen, die ſie an Rudolf hatten und von dieſem nicht ein⸗ treiben konnten, ſich an den Präſidenten ge⸗ wendet und ihn zur Vermeidung härterer Maß⸗ regeln um ſeine Vermittelung angeſprochen hatten. Auch hier gab der Präſident wieder zu, daß ein Mann in Rudolf's Lage Schulden haben könne und vielleicht ſogar haben müſſe: doch ſei auch dafür ein Maß geſetzt, und bitte er den Neffen daher dringend, ſich mit den Leuten wenigſtens 184 zu verſtändigen.— Dergleichen Briefe hatte Rudolf von ſeinem Oheim ſchon ſo viele be⸗ kommen, daß auch dieſer ſchwerlich einen beſon⸗ dern Eindruck auf ihn gemacht haben würde, wäre nicht ein Poſtſcript hinzugefügt geweſen, ein ganz kleines, unſcheinbares Poſtſcript, das ihn allerdings in hohem Grade intereſſirte. Ganz am Rande nämlich, als wäre es eine bloße Bagatelle, erwähnte der Präſident eines Gerüchts, das ihm ſoeben aus der Hauptſtadt gemeldet würde; danach ſtehe in den nächſten Wochen eine eigene Commiſſion aus der Haupt⸗ ſtadt zu erwarten, zur Reviſion des Muſikanten⸗ thurms und aller dahin einſchlagenden Angele⸗ genheiten; Rudolf ſei doch mit Allem, was dieſe Anſtalt betreffe, hübſch auf dem Laufenden und jeden Augenblick gerüſtet, die Commiſſion zu empfangen? Rudolf las die Stelle zwei, drei mal durch; eine hohe Röthe hatte ſein Angeſicht übergoſſen. hatte iele be beſon⸗ würde, eweſen, t, das reſſite. es eine eines ptſtadt ächſten Haupt⸗ kanten⸗ Angele⸗ , was ufenden miſſon durch; goſſen. 185 Dann riß er ſich mit einem kräftigen Ruck aus dem weichen Lehnſtuhl in die Höhe, ging ein paar mal langſam, die Hände auf dem Rücken, das Zimmer auf und nieder; vor dem Spiegel blieb er ſtehen und betrachtete lange die wüſten, verlebten Züge; dann, als erſchräke er über ſich ſelbſt, drehte er ſich raſch um, ſchüttelte ſich herzhaft am ganzen Leibe und zündete die Ci⸗ garre, die ihm während des Leſens ausgegangen war, von friſchem an. Einen mächtigen Stoß Acten, der ihm dabei im Wege lag und den ſein Director ihm gleichſam als Commentar ſeines Briefes gleich mitgeſchickt hatte, ſtieß er verächtlich mit dem Fuße beiſeite:„Habt ihr mich“, brummte er vor ſich hin,„einmal an dieſe Galeere geſchmiedet, ſo ſeht nun auch zu, wie ihr mit mir fertig werdet!“ Auch hatte er in dieſem Augenblick wirklich noch nicht Zeit ſich mit ernſthaftern Arbeiten zu beſchäftigen, da noch gllerhand kleine häusliche 186 Leiden ſeine Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahmen. Der Kammerdiener, der zugleich die Stelle eines Tafeldeckers und Kellermeiſters verſah, meldete, daß der Champagner auf die Neige gehe und daß die Lieferanten der Stadt ſo unverſchämt wären, keinen neuen ſchicken zu wollen, bis die alten Rechnungen getilgt wären. Mit einer ähnlichen Klage fand ſich der Reitknecht ein. Rudolf hatte geſtern im Magazin ein prächtiges neues Reitzeug ausgeſucht; er freute ſich ſchon darauf, wie er heute auf der Promenade damit paradiren wollte. Allein der Verkäufer, der wol ſchon ſeine Erfahrungen gemacht haben mochte, hatte ſich unter einem nichtigen Grunde geweigert, das Reitzeug, das zwar gekauft, aber noch lange nicht bezahlt war, auszuliefern. Am ärgerlichſten jedoch war dem bedrängten Hausvater ein Vorfall, den ſein Schwager Al⸗ fred ihm zugezogen. Seiner Erblindung wegen bedurfte der junge Mann eines Begleiters, der nahmen. Me eines meldete, che und etſchimt bis die it einer cht ein. chtiges h ſchon e danit er, der t haben Grunde uft abet fern⸗ dränglen ger Al⸗ wegen rs, det 3 ⸗ 187 ihn auf Straßen und Treppen zurechtwies, ſeine geringfügige Correſpondenz beſorgte und ihm namentlich auch die langen düſtern Stunden durch Vorleſen kürzte. Dieſes Bedürfniß war ſo unvermeidlich und ſo einleuchtend, daß ſelbſt Rudolf nichts dagegen gehabt hatte, als Eugenie einen Lakaien des Hauſes dazu angelernt, Ru⸗ dolf's ſogenannten„Tiger“, einen jungen Bur⸗ ſchen von raſcher Faſſungskraft und leidlichem Geſchick, aber wie dergleichen Geſchöpfe zu ſein pflegen, unerträglich naſeweis und vorlaut. Auch war er für Alfred's empfindliche Nerven bei alledem noch viel zu plump und ungeſchickt, und andererſeits hatte auch der Burſche ſelbſt, dem die Verhältniſſe des Hauſes natürlich nicht ver⸗ borgen waren, vor dem armen Blinden, der ja doch nur das Gnadenbrot am Tiſche ſeines Schwagers aß, keinen rechten Reſpect. Auch langweilte ihn die Beſchäftigung, ja ſein Be⸗ dientenſtolz fühlte ſich gekränkt, daß er nur dem 188 Schwager dienen ſollte, nicht wie früher dem eigentlichen Herrn vom Hauſe. Daraus waren ſchon ſeit längerm allerhand Misverhältniſſe her⸗ vorgegangen, die denn geſtern Abend in Ru⸗ dolf's Abweſenheit zu einem heftigen Auftritt geführt hatten, infolge deſſen der junge„Tiger“ erklärte, nicht länger in dieſem Hauſe, wo ihm ſo übel mitgeſpielt werde, bleiben zu können. Als die Sache heute früh zur Erörterung kam, benahm er ſich ſelbſt Rudolf gegenüber ſo naſe⸗ weis und ungeberdig, daß dieſer ſeinem Schwager in der Stille wol Recht geben mußte: es war wirklich ein unerträglicher kleiner Affe, an dem Rudolf's Hausweſen nichts verlor. Aber deſſen⸗ ungeachtet war ihm der Auftritt hochſt verdrieß⸗ lich. Rudolf änderte nicht gern mit ſeinen Leu⸗ ten, theils aus Trägheit, theils und haupt⸗ ſächlich, weil es in dieſem äußerlich ſo glän⸗ zenden Hausſtande der geheimen Schäden zu viele gab, daß eine böswillige Zunge nicht einen ſel lh en her dem s waren iſſe her⸗ in Ru⸗ Auftritt „Tiger“ wo ihm können. ig kam, ſo naſe⸗ chwaget es wat an dem t deſſu⸗ verdrieß⸗ nen Lel halpt⸗ glan den zu einen 189 ſehr gefährlichen Stoff darin gefunden hätte. Und wo gibt es böswilligere Zungen als bei entlaſſenen Dienſtboten? Mit all ſeiner Hef⸗ tigkeit und ſeinem herriſchen Weſen ließ Rudolf ſich doch zuweilen von ſeinen Leuten Dinge ge⸗ fallen, die eine weit gutmüthigere Herrſchaft nicht ertragen hätte— wie er ſagte, aus Träg⸗ heit und weil es ihm weniger Mühe mache, ſich über einen alten Diener zu ärgern als an einen neuen zu gewöhnen, in der That aber, weil dieſer Hausſtand mit ſeinem ganzen glänzenden Elend, mit ſeinem Unfrieden und ſeinen häus⸗ lichen Scenen, ſeinen Schulden und Borgereien eine Art von Verſchwörung bildete, an der un— willkürlich auch die Dienſtboten theilnahmen, und deſſen Geheimniß daher durch häufigen Wechſel der Letztern nicht aufs Spiel geſetzt werden durfte. Und nun ſah er ſich gleichwol genöthigt, von ſeiner alten Hausregel abzuweichen und den kleinen „Tiger“, gerade den Naſeweiſeſten und Klatſch⸗ 190 haſteſten von Allen, Knall und Fall aus dem Hauſe zu jagen— weshalb? Weil ſein Schwager ſich nicht hatte mit ihm vertragen können! Wäre es ihm wenigſtens noch ſelbſt paſſirt, dachte Rudolf, oder ſeiner Frau, ſo hätte die Sache doch noch eine Art gehabt: aber daß eine Stö⸗ rung ſeines Hausweſens von einem Menſchen ausging, der darin blos geduldet ward und der ihm tauſend anderer Gründe wegen blos zur Laſt, das ſchien ihm der Gipfel des Sinn⸗ loſen und Unerträglichen. Er beſchloß, die Ge⸗ legenheit zu benutzen, um mit dieſem ganzen Ver⸗ hältniß endlich einmal gründlich aufzuräumen; Alfred ſollte ſich der Hausordnung fügen, es ſollten ihm keine eigenen Bedienten mehr ge⸗ halten und überhaupt nichts um ſeinetwillen in der Wirthſchaft verändert werden. Und da Ru⸗ dolf mit Gewißheit vorausſah, daß weder Alfred noch Eugenie ſich darin fügen würden, wie es zum Theil auch wirklich unausführbar war, ſo us dem chwager Wire „dachte eSache ne Sti⸗ Nenſchen d und n blos Sinn⸗ en Vet⸗ täumen; igen, k nehr g rillen in da Ru⸗ rAlfted wie e var, ſo 191 hieß das mit andern Worten, Alfred ſolle das Haus verlaſſen. Voll von dieſem Gedanken ſetzte er ſich hin, ein paar Zeilen darüber an Eugenie zu ſchreiben. Denn dermaßen hatten die Gatten ſich bereits einander entfremdet, daß ſie alles Wichtigere, was ſie miteinander zu beſprechen hatten, Alles, was gemüthliche Zuſtände betraf oder ſich in irgendeiner Weiſe über das Niveau eines Sa⸗ longeſprächs erhob, nicht mündlich, ſondern ſchriftlich erörterten. Die Zimmer der beiden Gatten— wir erinnern uns, daß das junge Paar den halb wüſten Flügel des Hauſes be— wohnte— lagen durch Gänge und Vorſäle ge⸗ trennt, und⸗da war es denn oft ſpaßhaft anzu⸗ ſehen, wie bei kritiſchen Gelegenheiten die bei⸗ derſeitige Dienerſchaft mit Briefen und Brief⸗ chen, Zetteln und Zettelchen hin⸗ und herrannte, gleichſam ein diplomatiſcher Notenwechſel im Kleinen. Der erſte Schritt zu dieſer ſeltſamen 4 1 Gewöhnung war von Eugenien ausgegangen; durch Rudolf's herriſches Weſen eingeſchüchtert, hatte ſie es leichtergefunden, ihm ihre kleinen Zweifel und Bedenken, ihre Bitten und Vor⸗ ſtellungen, Klagen und Beſchwerden ſchriftlich als mündlich vorzutragen. Auch hatte ſie in der erſten Zeit ihrer Ehe noch gehofft, das Verhältniß, deſſen ganze Troſtloſigkeit ſie bald durchſchaute, wenigſtens durch geiſtigen Inhalt zu adeln und zu erheben, wenn ſie auch auf gemüthliche Freu⸗ den verzichten mußte, und da ſchien ein Brief⸗ wechſel mit dem eigenen Manne der etwas ſen⸗ timentalen Frau gerade das geeignete Mittel. Rudolf war bereitwillig darauf eingegangen, wenn auch in ganz anderm Sinne, als Eugenie es beabſichtigt hatte: theils paßte dieſer vermit⸗ telnde Weg, bei dem das tägliche Leben noch ganz glatt und ungeſtört blieb, zu ſeinem Man⸗ gel an Energie und ſeiner Neigung, alle Dinge auf die lange Bank zu ſchieben, theils fürchtete gangenj ichtert, kleinen d Vor⸗ hriftlich ie in der hältniß, ſchaute, in und e Freu⸗ Brief⸗ 5 ſen⸗ Nittel. gangen⸗ Eugenie vetnit n nch ⁰ Man⸗ Dinge irchtete er ſi i vor ſeiner eigenen Leidenſchaftlich⸗ * ie ihn mündlichen Auseinanderſetzungen 3 weit führte und zu Aeußerungen hin riß, die ihm dann hi int i — hinterdrein wol ſelbſt leid⸗ Der Muſikantenthurm. I. 9 Zweites Capitel. Selbſtbekenntniſſe Doch ſollte er den Brief jetzt nicht vollenden; ein Beſuch ſtörte ihn, den er eigentlich ſchon mit Ungeduld erwartet hatte und der ihm nur über die Verdrießlichkeiten und Abenteuer dieſes ſorgenvollen Morgens wieder aus dem Gedächt⸗ niß gekommen war. Das war ſein Hausarzt, der Doctor Brunner. Wir haben es hier überall mit der zweiten Generation zu thun, und ſo finden wir auch in dem jungen Doctor Brunner einen Sohn jenes Arztes wieder, dem wir zuerſt auf Ulrike's Hochzeit begegnet ſind und den wir dann am Krankenbett des alten Kammerdirectors llenden; h ſchon ihm nut edächt⸗ ausatzt, r überel und ſo Brunner i zuerſt den wir irectors ſowie bei Hugo's unglücklicher Krankheit wieder⸗ trafen. Auch dieſer lebte noch in Ehren und Würden, als Medicinalrath, Ordensritter und vieler gelehrten Geſellſchaften Mitglied. Doch hatte all der Firlefanz, wie er ſelbſt dieſe Aus⸗ zeichnungen ſchalt, ſein Herz nicht erkälten können; es war mit den weißen Haaren noch derſelbe joviale, hülfreiche Mann wie früher. Von der Praxis hatte er ſich größtentheils zurückgezogen, beſonders von der vornehmen; er hatte die ewi⸗ gen verdorbenen Magen der Männer, die ewigen Vapeurs und Krämpfe der Damen ſatt und wünſchte, wie er ſagte, nachdem er ſich zeitlebens wie ein Hund kaſteit, wenigſtens als Menſch zu ſterben. Auch war es eine erlaubte Diplomatie, daß er den einzigen Sohn und Erben, der ja auch zugleich der Erbe ſeiner Kunſt war, noch bei Lebzeiten in ſeine ausgedehnte Praxis ein⸗ zuführen und ihm die Vortheile derſelben da⸗ durch zu ſichern ſuchte. Nur in ganz außer⸗ 9* 196 ordentlichen Fällen, beſonders bei ſolchen Kran⸗ ken, die ihrer Armuth halber keinen Arzt be⸗ zahlen konnten und die deshalb auch ſo leicht von keinem Andern beſucht wurden, erſchien er perſönlich; für gewöhnlich ſchickte er den Sohn, der durch ſeine gediegenen Kenntniſſe ſowie durch ſein ſolides, zuverläſſiges Weſen das Zutrauen des Vaters auch vollkommen recht⸗ fertigte. Der junge Brunner war, wiewol jünger als Rudolf, doch noch ein Studien⸗ gefährte deſſelben; dies und die langjährige 8 Verbindung, in welcher ſein Vater, der Medi⸗ cinalrath, mit dem Schwarzenfeld'ſchen Hauſe ſtand, hatte zwiſchen den beiden Männern ein Verhältniß hervorgebracht, das ungeachtet der ſehr abweichenden Charaktere doch beinahe ein freundſchaftliches zu nennen war. Gleich ſei⸗ nem Vater, beſaß der junge Arzt eine ge⸗ wiſſe ſarkaſtiſche Derbheit, die den Patienten zwar in den meiſten Fällen nicht gerade ange⸗ Kran⸗ tzt be⸗ leicht erſchien er den mtniſe Weſen nrecht⸗ wiewol tudien⸗ jihrige Medi⸗ Hauſe en in tet der he ein c ſi— e ge⸗ tienten ange“ den Verdrießlichkeiten des Morgens ſelbſt wieder 197 nehm, aber dafür um ſo nützlicher war. Auch Rudolf mußte ſich von ſeinem jungen Freunde manchen derben Scherz über ſeine ungeregelte Lebensweiſe und die ganze thörichte Art, wie er ſich in immer tiefere Verlegenheiten ſtürzte, gefallen laſſen; brachte es ihn auch auf keinen andern Weg, ſo veranlaßte es doch zuweilen ein momentanes Innehalten, eine Pauſe der Beſinnung, die zwar nicht zur Beſonnenheit führte, aber ihm doch wenigſtens für Augen⸗ blicke den Abgrund zeigte, an dem er hintau⸗ melte.— Auch war Rudolf nicht unempfindlich gegen die Dienſte, welche der Freund ihm auf dieſe Art leiſtete; er hatte ſo viel Vertrauen zu ihm, wie ihm nach ſeiner Natur überhaupt mög⸗ lich war, und hörte auf ſeine Stimme mehr als auf jede andere. Nach dieſem Doctor Brunner alſo hatte er geſtern geſchickt, hatte es aber, wie erwähnt, unter 198 vergeſſen. Doctor Brunner, deſſen ärztlichem Scharfblick das übernächtige Weſen des Freun⸗ des nicht entging, drohte lächelnd mit dem Finger. „Nun?“ ſagte er,„wieder einmal des Guten zu viel gethan? und dafür wieder einmal ein bischen Reißen im Bein? Wenn es nach mir ginge, wahrhaftig, ihr Schwelger von Profeſſion, die ihr euch durch kein Warnen und Ermahnen beſſern laßt, ihr müßtet mir einmal nach der Reihe ſo ein Monater ſechs auf dem Rücken liegen, ſo an einer tüchtigen Neu⸗ ralgie oder Dergleichen, wobei es hübſch Asa foetida und ähnliche gute Dinge zu ſchlucken gibt. Oder haſt du dich etwa gar krankgear⸗ beitet?“ ſetzte er mit einem ironiſchen Seiten⸗ blick auf die umhergeſtreuten Acten und Brief⸗ ſchaften hinzu. .„Nichts von Krankheit heute“, erwiderte Rudolf, nachdem er dem Doctor eine Cigarre aufgenöthigt und auch trotz ſeines Widerſtrebens tlichem Freun⸗ Finger al des einmal s nuch er von Barnen et mir chs auf nNeu⸗ h Wa hlucken nkgear⸗ Stiten⸗ Britf widerte ßigarre treben nach Wein geklingelt hatte, den Jener jedoch unberührt ließ,„ſondern einen guten Dienſt will ich von dir.“ „Einen guten Dienſt?“ wiederholte der Doctor in etwas gedehntem Tone, indem er vorſichtig die Aſche von der Cigarre abſtreifte: „wenn es nicht von Geldſachen iſt, laß hören! Aber in Geldſachen laſſe ich mich, wie du weißt, mit dir nicht ein: erſtens weil ich wenig übrig habe, und zweitens weil das Wenige, was ich erwerbe, für andere Leute bleiben muß, denen es beſſer nütze iſt und die vernünftiger damit umzugehen wiſſen als du.“ Man ſieht, der Ton zwiſchen den Freunden war ungenirt und deutlich. Auch war der Re⸗ gierungsrath weit davon entfernt, die Aeußerung des jungen Arztes übelzunehmen; vielleicht, weil er in Gedanken verloren, nur einen Theil ſeiner Rede gehört hatte, vielleicht auch weil das Anliegen, mit dem er umging 200 ihm ſelber ſchwerfiel, ſodaß er es abſichtlich zu verzögern wünſchte, ſagte er, ein ein⸗ zelnes Wort aus der Rede des Freundes heraus⸗ greifend: „Erwerben! Wie das nur ſein muß, ſein Brot erwerben! Ich meine wirklich erwerben, durch ſeiner Hände Arbeit, wie der Handwerker thut, oder durch Laufen und Sorgen wie ihr Aerzte. Wovon wir Beamten leben, das iſt gar kein rechtes Erwerben, das iſt nur immer ein Bekommen und zwar ein ganz unterſchied⸗ loſes Bekommen, die fleißigen Stunden wer⸗ den ſogut bezahlt wie die faulen, der ſchla⸗ fende Regierungsrath iſt dem Staate ebenſo theuer oder meinetwegen auch ſo billig als der wache, der ſchreibende wie der ſpazieren⸗ gehende—“ „Richtig“, verſetzte der Doctor,„und der faullenzende und weintrinkende und die Nächte verſchwärmende auch— ich fürchte ſehr, ein ſichtlch nein⸗ heraus⸗ ß, ſein werben, dwerker as iſt immer rſchied⸗ n wet⸗ ſchl⸗ chenſo lig dls zieten⸗ nd der Nächte r, ein gewiſſer Regierungsrath von Schwarzenfeld wird für ſeine letztern Eigenſchaften beſſer bezahlt als für ſeine Arbeit.“ „Gewiß: aber weſſen Schuld iſt es?“ fragte Jener. Der Doctor ſah ihn verwundert an:„Es iſt mit deiner Geſundheit doch wol nicht ſo ganz richtig: wenn alte Weltkinder wie du erſt me⸗ lancholiſch werden, ſo iſt es gewöhnlich nicht weit von ihrem Ende.“ Rudolf war in dumpfes Hinbrüten verſunken. „Ich wollte es wäre ſo“, ſagte er endlich,„du glaubſt nicht, Bruder, was mir das Leben ver⸗ haßt iſt, das ich führe! Da nennen ſie mich nun Alle einen glücklichen Menſchen, oder Einige nennen mich auch einen Schuldenmacher und wüſten Verſchwender— und Keiner weiß, wie es in mir ausſieht. Ich auch nicht— mag es auch nicht wiſſen....“ Damit fuhr er ſich über die Stirn und 9** — 202 ſtürzte das Glas Wein hinunter, das er für den Doctor eingeſchenkt hatte. Dieſer, dem die ungewohnte Aufgeregtheit des Freundes bedenk⸗ lich vorgekommen war, nahm einen ernſtern Ton an. Er ſagte: „Wenn du dich wirklich nach Arbeit ſehnſt, rechtſchaffener, ſolider Arbeit, die einen guten Schlaf gibt und ein gutes Gewiſſen, und biſt wirklich ſo ſehr lüſtern, das Glück des Erwer⸗ bens zu koſten— was hindert dich, mein Freund? Wirf allen dieſen Plunder von dir“— indem er nicht blos auf die Acten und Bücher, ſondern auch auf die zwar unordentlich und ſchlecht gehaltene, aber doch urſprünglich elegante und ſelbſt prächtige Ausſtattung des Zimmers deutete:„du haſt eine breite Bruſt und ein paar kräftige Arme, das bischen Reißen im Bein wird ſich ſchon verlieren, wenn du nur erſt den Boden, auf dem du ſtehſt, tüchtig tränkſt mit deinem Schweiße— und die thö⸗ nach wol wei de ſe für die enk⸗ tern nſt, uten biſt ver⸗ gein her, und ante met ein im nur htig thö⸗ 203 richten Gedanken auch“, ſetzte er halb lächelnd, halb unwillig hinzu. „Ich habe es ja gewollt“, erwiderte Rudolf nachſinnend,„ſchon als Kind habe ich es ge⸗ wollt, ich wollte Soldat oder Schiffer werden, mein Inſtinct hat mich ganz richtig geleitet, ich ſuchte nach etwas, nach einer äußerlichen Ge⸗ fahr, einem Widerſtand, an dem dieſe faulen Knochen ſich abarbeiten, dieſer trotzige Sinn ſich brechen könnte. Aber ich durfte ja nicht, ſie mußten mich ja einfangen in ihre Tretmühle, Beamtendienſt genannt— was iſt nun aus mir geworden? Es iſt ſchade darum, ich wäre vielleicht ein tüchtiger Oberbootsmann geworden, und nun— nun bin ich ein nichtsnutziger Regierungsrath, der ſich und Andern zur Laſt ſillt⸗ m „Wenn du das einſiehſt“, verſetzte der An⸗ dere trocken,„wohlan denn, ändere es. Ich ſage nicht mehr: wirf dieſe Acten und Schriften —— .——. ——— 204 von dir— nein, ich ſage: gib dich ihnen mit wirklichem Fleiß und Eifer hin, bleibe immerhin Beamter, aber ſei ein tüchtiger Beamter, der wirk⸗ lich für das Volk arbeitet, nicht blos ſich von ihm bezahlen läßt. Sieh Rudolf, gerade du in dei⸗ ner Stellung, wenn du wollteſt, du könnteſt deinen Mitbürgern viel nützen; die Stelle beim Muſikantenthurm— ich weiß, ſie iſt dir un⸗ angenehm...“ Rudolf war in die Höhe geſprungen und durchmaß mit eiligen Schritten das Zimmer. „Ich bitte dich“, rief er,„nur nichts von dieſer unglücklichen Geſchichte, nichts von Acten und Büchern, Terminen und Commiſſorien! Gerade dieſe Acten haben es mir angethan— du kannſt dir nicht denken, Bruder, wie das am Menſchen zehrt, ich bin faul, ja, die Arbeit widert mich an: aber wer hat mich ſo gemacht? Die Acten, und nichts als die unglückſeligen Acten!“ Doctor Brunner prüfte mit großer Kalt⸗ mit 205 blütigkeit ſeine Cigarre, ob ſie noch gut im Brand; dann ſagte er: „So, mein Freund, ſagen Alle, die zwar das Unbequeme oder Unwürdige ihrer Lage wol fühlen, aber keine wirkliche Luſt haben ſie zu ändern; ſie möchten wol anders werden, aber nicht durch ſich ſelbſt; der Faullenzer möchte fleißig, der Trunkenbold nüchtern werden, aber beileibe nicht durch eigene Anſtrengung: ſon⸗ dern wenn ſie den Fleiß oder die Nüchternheit ſo gekauft kriegen könnten, fir und fertig, wie die Semmel beim Bäcker, oder noch lieber, es ſchenkte ſie ihnen Jemand, ei ja, da wollten ſie ſich beſſern. Da das nun aber nicht ſein kann, ſo bleiben ſie wie ſie ſind, und auch du, mein guter Rudolf, wirſt bleiben wie du biſt, und deine melancholiſchen Redensarten werden nichts daran ändern. Es gibt einen Spruch in der Bibel— wir ſind alle Beide keine großen Bibel⸗ helden, du weißt es, aber dieſen Spruch erlaube S mir doch zu citiren:„Die Faulen gehen unter, weil ihre Hände nicht arbeiten mögen?— da haſt du's!“ „Ja“, grollte Rudolf,„das kannſt du wol ſagen, du haſt von früh auf arbeiten müſſen, dein Vater, der alte wunderliche Herr, hat trotz ſeiner ſchönen Einnahme nie Schätze geſammelt, er hat das Meiſte immer wieder weggegeben an Arme und Kranke und ſich ſelbſt nur mit dem Nöthigen beholfen. Aber wer im Reichthum geboren iſt „Nun, nun“, unterbrach ihn der Doctor, halb begütigend, halb ſpottend,„laß gut ſein, der Reichthum, dächte ich, drückt dich bisjetzt auch noch nicht—“ „Das iſt es ja eben!“ ſchrie Jener und ſchlug dabei ſo heftig auf den Tiſch, daß die Weinflaſche umſtürzte und ihren Inhalt weit über den geſtickten Teppich verbreitete:„das iſt es ja eben, was mich unglücklich macht und * wWo arl un wi A et fe er, 207 woran ich zugrunde gehe! Arm ſein und arbeiten müſſen, es iſt etwas— und reich ſein und genießen können, es iſt auch etwas: aber wie ich, reich ſein und nichts davon haben, alle Anſprüche und Rechte des Reichthums beſitzen, aber keinen von ſeinen Vortheilen— das iſt etwas, worüber auch der Stärkſte verzwei⸗ feln muß!“ ee—— Drittes Capitel. Die Verſuchung. „Ich dächte“, verſetzte der Doctor in ſeiner trockenen Weiſe, indem er ſich langſam im Zim⸗ mer umſah und das Auge zuletzt auf dem Wein haften ließ, der noch immer langſam von dem geſtickten Teppich tropfte—„ich dächte, Bru⸗ derherz, du hätteſt auch ohne die Rechte des Reich⸗ thums von ſeinen Vortheilen ſchon jetzt ſo einige, die mancher arme Teufel Urſache hätte dir zu be⸗ neiden. Doch iſt das ein Gegenſtand, mit dem wir wol heute nicht fertig werden; auch ſind wir ja von unſerm eigentlichen Thema ganz ab⸗ geke mir mi du in ſpr ſih gekommen: du wünſchteſt einen Dienſt von mir— worin beſteht er?“ Rudolf rieb ſich die Stirn.„Meine Fa⸗ milie“, ſagte er,„hatte mich urſprünglich zum Diplomaten beſtimmt. Doch habe ich von jeher gewußt, daß ich dazu nicht tauge; auch jetzt, alter Freund, mußt du mir ſchon erlauben, daß ich mit der Thür ins Haus falle....“ „So falle zu“, brummte der Doctor, der dieſe Art von Bedenklichkeit an ſeinem Freunde gar nicht gewohnt war und ſie höchſt abge⸗ ſchmackt fand. Rudolf fuhr fort: „Die Bitte, welche ich habe, betrifft nicht ſowol dich als eigentlich den Medicinalrath, deinen Vater—“ „Höre, Schatz“ ſagte der Doctor,„haſt du dir die Sache auch recht überlegt? Was ich und mein Vater über unſere Patienten zuſammen ſprechen, geht über Schröpfen und Klyſtieren nicht leicht hinaus; haſt du wirklich ein Anliegen 210 an meinen Vater, ſo dächte ich, es wäre das Einfachſte, du trügſt es ihm ſelber vor.“ „Aber du ſollſt ihn vorbereiten!“ rief Rudolf. Der Doctor ſchüttelte den Kopf; er hatte offenbar noch viel einzuwenden, wollte aber jetzt nicht die Zeit damit verlieren und erſuchte daher den Regierungsrath mit einer ſtummen Hand⸗ bewegung fortzufahren. Dieſer folgte ſeinem Wink. „Du kennſt meine Mutter“, ſagte er ſtockend. Der junge Brunner nickte, wiewol mit keinem beſonders vergnügten Geſicht. Rudolf fuhr fort: „Und auch das Verhältniß, in dem ich zu ihr ſtehe—“ „Leider“, erwiderte Jener,„es macht, ſoviel ich weiß, Keinem von Beiden Ehre, aber dir am wenigſten, weil du eben ihr Sohn biſt—“ Rudolf lächelte verächtlich.„Da ſehe ich freilich“, ſagte er,„daß du von dem Verhältniß in der That nicht viel weißt. Dein Vater, der Um do 211 — 1 2 das Medicinalrath, weiß mehr; wenigſtens kennt er meine Mutter länger und vermuthlich auch beſſer olf als wir Alle. Der Medicinalrath und mein ſeli⸗ atte ger Vater, den ich leider, wie du weißt, nie⸗ jetzt mals gekannt habe, waren die vertrauteſten cher Freunde. Auch meine Mutker hat er gekannt nd⸗ als ſie noch Mädchen war; er hat auf ihrer nem Hochzeit getanzt, wahrhaftig....“ Der junge Arzt ſah nach der Uhr.„Aber nd. um des Himmelswillen, lieber Freund“, ſagte nem er,„was ſollen uns dieſe alten Geſchichten? t: das iſt ja an die vierzig Jahre her—“ zn„Richtig“, fiel der Regierungsrath ihm ins Wort,„an die vierzig Jahre. Und alle die vierzig Jahre hat dein Vater meine Mutter ge⸗ kannt; es mögen mitunter Zeiten gekommen ſein, wo ſie verreiſt oder der Umgang ſonſt unter— c brochen geweſen iſt— aber ſo eigentlich aus den Augen verloren hat er ſie, glaube ich, nie....“ „Ich glaube es auch“, meinte der Doctor —— 212 mit ſarkaſtiſchem Lächeln,„ihr habt von euch ſprechen gemacht—“ Rudolf beachtete dieſe Unterbrechung nicht; mit leiſerer Stimme, aber mit wachſendem Eifer fuhr er fort: „Du würdeſt mir einen großen Gefallen er⸗ zeigen, Bruder, wenn du einmal bei deinem Vater nachfragen und mich ernſtlich vergewiſſern wollteſt, daß er ſie in der That nicht aus den Augen verloren hat; es liegt mir daran, das Zeugniß eines ſichern Mannes zu haben, der meine Mutter ſozuſagen von Kindesbeinen auf gekannt hat und im Stande iſt ein Urtheil über ſie zu fällen— ich meine nicht über ihr Be⸗ tragen gegen mich, ſondern ganz im Allgemeinen über ihren Charakter und ihre geiſtige Beſchaf⸗ fenheit. Dem Doctor wurde ernſtlich bange um die Geſundheit ſeines Freundes:„Aber was ſoll dir das Urtheil? was willſt du mit dieſem Zeugniß?“ 1 dem mäc men Nu nig jn im 213 u„Weil ich“, ſagte der Regierungsrath, in⸗ dem er langſam aufſtand und mit großer Ge⸗ 6 mächlichkeit die Hände über dem Rücken zuſam⸗ ifer menfaltete,„weil ich im Sinne habe meine Mutter für verrückt erklären zu laſſen, oder we⸗ net⸗ nigſtens, was wir Juriſten ſagen mente capta Der Doctor ſprang mit gleichen Füßen in ſm die Höhe; er dachte nicht anders als ſein Freund t wäre ſelbſt mente captus. Doch der ließ ſich B dadurch nicht ſtörenz er trat dicht vor ihn hin, 6 legte ihm beide Hände auf die Schultern, ſah ihn feſt an mit den kleinen ſtechenden Augen und fragte dann mit ſo leiſer Stimme, daß der Andere ihn kaum verſtehen konnte, wiewol ihre 8. Geſichter ſich faſt berührten: in„Kennſt du die Geſchichte mit dem Ulrich tuß Schwarz?!“ Der Doctor trat zwei Schritte zurück; dieſe * Frage hatte er nicht erwartet; auch wußte er . im Augenblick nicht, was darauf antworten. 214 Doch überhob Rudolf ihn der Verlegenheit, indem er ohne eine Antwort abzuwarten fortfuhr. Und zwar ſagte er das Folgende mit ſolcher nachdrücklichen Ruhe und ſo punktweiſe, als ob es ſich um eine völlig fremde oder gleichgültige Sache handle: „Wenn eine Frau ſechzig Jahre lang noto⸗ riſch einen ehrbaren und unanſtößigen Lebens⸗ wandel geführt, wenn ſie namentlich während eines faſt vierzigjährigen Witwenſtandes der Verleumdung nicht die kleinſte Handhabe ge⸗ reicht hat, und wenn dann dieſelbe Frau in ihrem ſechzigſten Lebensjahre ſich mit einem Handumdrehen in einen hergelaufenen Vaga⸗ bonden, einen ehemaligen Seiltänztt verliebt, ſo verliebt, daß ſie darüber alle Scham und Schande aus den Augen ſetzt, dermaßen, daß ſie das eigene Haus, das ihr Sohn und ihre Schwiegertochter mit ihr bewohnen, zum Schau⸗ platz ihrer verliebten Abenteuer macht— ſo enheit rtfuhr. ſolcher als ob iltige notb⸗ ebens⸗ ihrend s der be gl au in einem Vohe erliebt m und daß d ihre Schau⸗ 215 folgere ich daraus und behaupte, daß dieſe Frau durch einen unglücklichen Zufall ihres Verſtandes beraubt und als mente eapta unter den Schutz der Geſetze zu ſtellen iſt.“ Eine peinliche Pauſe folgte.„Das iſt eine böſe Geſchichte“, ſagte der Doctor endlich,„und da ich ſo discret gegen dich geweſen bin, ihrer niemals zu erwähnen, ſo hätte ich von dir wol dieſelbe Rückſicht erwarten dürfen. Den Ulrich Schwarz habe ich bei meinen Beſuchen im Mu— ſikantenthurm geſehen, es iſt ein Wicht, der ſeine Frau mishandelt und den ich jeder Nichts⸗ würdigkeit fähig halte; deine Mutter ſoll ſich mit ihm in Acht nehmen. Im Uebrigen ſind wir Beide nicht zum Wächter deiner Mutter geſetzt; auch mußt du nicht vergeſſen, welchen Dienſt der Ulrich Schwarz ihr erwieſen hat und daß die Dankbarkeit mitunter ſeltſame Formen wählt ſich zu äußern, beſonders bei Frauen, welche, wie es doch eigentlich bei deiner Mutter 216 der Fall iſt, ſeit langem von der Welt ent⸗ fernt leben und ihre Art und Weiſe— und hoffentlich auch ihre Schlechtigkeiten nicht kennen.“ Allein der Regierungsrath war noch nicht in der Stimmung auf ſolche Einwendungen zu hören.„Halt“, ſagte er,„ich war noch nicht zu Ende, die Hauptſache kommt noch erſt. Nämlich, wenn nun eine ſolche Frau, wie die eben geſchilderte, die ihre Geiſteszerrüttung auf ſo ganz unverkennbare Weiſe dargethan hat— wenn die nun, infolge eines lückenhaften und thö⸗ richten Teſtaments, auf Lebenszeit den ausſchließ⸗ lichen Nießbrauch eines Vermögens hat, deſſen wahrer und eigentlicher Beſitzer ihr Sohn iſt— und wenn ferner dieſer Sohn, der ſelbſt ſchon dem Schwabenalter ſehr nahe und alſo ganz gewiß im Stande iſt, ſeinen Angelegenheiten perſönlich vorzuſtehen— wenn dieſer Sohn, ſage ich, von dieſer als geiſteskrank documen⸗ — lt ent⸗ und nicht nicht gen zu nicht erſt. vie die — 9 auf t dthi⸗ chließ⸗ deſſen iſt ſchon — ganz heiten Zohn, umen⸗ 217 tirten Frau auf das gröblichſte mishandelt und von jedem ihm billigerweiſe zuſtehenden Genuß ſeines Vermögens ausgeſchloſſen wird—: ſo folgere und behaupte ich zweitens, daß dieſer Sohn das Recht hat, auf Enthebung der Mutter von Verwaltung ſeines Vermögens ſowie auf Aushändigung des letztern zu ſeiner eigenen, freien Verfügung anzutragen und dieſen Antrag mit allen geſetzlich zuſtehenden Mitteln zu un⸗ terſtützen.“ Der Doctor hatte den Hut ergriffen.„Und da meinſt du nun“, ſagte er mit einem Aus⸗ druck von Verachtung, den er ſich auch nicht die geringſte Mühe gab zu verſchleiern,„mein Vater ſoll dir durch ein ärztliches Gutachten helfen, deine Mutter für mente capta zu er⸗ klären? Nimm dich in Acht, Schatz, wenn du ihm mit dieſer Frage kommſt, daß er dich nicht zuerſt in den Narrenthurm ſchickt, er hat ſo ſeine groben Manieren, du kennſt ihn, und Der Muſikantenthurm. II. 10 218 weißt, daß ich mit all meiner Geradheit doch erſt ſeine ſchwache Copie bin....“ Damit hatte er die Thür ergriffen und wollte ſich verabſchieden. Aber Rudolf ließ ihn ſo nicht fort. „Nein, nein“, rief er,„halte deine ſpötti⸗ ſchen Redensarten zurück, mit denen iſt es heute nicht gethan. Dies muß anders werden, weder die Abhängigkeit noch die Schande kann ich länger ertragen— ich kann es nicht länger ertragen, als verheiratheter Mann geſchulmei⸗ ſtert und abgekanzelt zu werden wie ein Bube von ſechs Jahren, um jeden Heller, den ich ausgebe oder nicht ausgebe. Ich kann es auch nicht länger mehr ertragen mit dieſer Schuldenlaſt und dieſen ewigen Verwickelungen, die mich ruiniren; reiner Tiſch und ob er noch ſo ſchmal ſei! Ich verlange nichts Unbilliges, ich habe meiner Mutter vorgeſchlagen, mir die Hälfte, ja ein Drittel des Capitals abzutreten, t doch 219 das Andere ſoll ſie behalten, wenn ſie will, für ewig, als freies Eigenthum. Umſonſt, ſie hat mir nicht einmal geantwortet auf meine Anträge; ſie läßt ihren Sohn darben oder zum Spectakel der Stadt werden und füttert dafür— Genug: dies muß anders werden, und wenn es nicht in Güte gehen will, ſo——“ Es war gewiß recht gut, daß Rudolf gerade in dieſem Augenblick unterbrochen ward, wo er im Begriff ſtand, etwas recht Rohes, Unkind⸗ liches zu äußern; der Bediente meldete den Beſuch des Herrn Theobald, eines reichen jun⸗ gen Capitaliſten der Stadt. Der Beſuch ſchien dem Regierungsrath nicht ganz angenehm. Doch faßte er ſich raſch und hieß Herrn Theobald einſtweilen zu ſeiner Frau hinüberführen, er ſelbſt werde ſogleich nachfolgen. Den Doctor lud er„ aufs dringendſte ein, mit hin⸗ überzukommen, ſie wollten zuſammen früh⸗ ſtücken, er habe Rebhühner mit Trüffeln, und 102 220 auch die Kiſte Ungar⸗Ausbruch, die kürzlich angekommen, müſſe endlich probirt werden. Allein der Doctor ſchien über ihrem Geſpräch allen Appetit verloren zu haben, er blieb ſtand⸗ haft bei ſeiner Weigerung, und Rudolf mußte ſich endlich entſchließen, allein zu ſeiner Frau hinüberzugehen. itzlich erden. ſprich ſtand⸗ mußte Frau Piertes Capitel. Der Hausfreund. Der Herr Theobald war eine der ergötzlich⸗ ſten Erſcheinungen der Stadt. Etwa zehn Jahre jünger als Rudolf, war er der einzige Sohn eines kleinen, unbekannten Krämers, der ſein unſcheinbares Geſchäft nichtsdeſtoweniger mit ſolchem Erfolg betrieben hatte, daß Herr Theobald bei ſeinem plötzlichen Tode ſich im Beſitz eines ebenſo unerwarteten wie anſehn—⸗ lichen Vermögens ſah. Gewiſſermaßen zu Theo⸗ bald's eigener Verlegenheit; der Beſitz des Gel⸗ des war ihm ganz angenehm, nur wußte er nicht recht, was er damit anfangen ſollte. Es ganz 222 müßig liegen zu laſſen und als Rentier von den Zinſen zu leben, erlaubte ihm weder das Krämerblut, das in ihm ſteckte, noch die ſtrenge Gewöhnung des väterlichen Hauſes. Aber auch das Geſchäft des Vaters fortzuſetzen oder über⸗ haupt irgendein kaufmänniſches Geſchäft zu treiben, konnte er ſich, wiewol er dazu erzogen war, nicht entſchließen. Er war nämlich Schön⸗ geiſt, der Herr Theobald, mit ſeinem friſchen weißrothen Geſicht und dem wohlgepflegten blonden Backenbart; er las alle Journale, wußte die neueſten Gedichte beliebter Autoren auswen⸗ dig und war der erklärte Beſchützer des Thea⸗ ters, das, wie wir früher gehört haben, die Langeweile der Stadt verkürzen oder nach Ge⸗ legenheit wol auch vermehren half. Als Sohn ſeines Vaters wollte Herr Theobald gern Geld verdienen; als ſchöner Geiſt entſetzte er ſich bei dem Gedanken, ſein Leben dem ſchnöden Mam⸗ mon zu weihen. Herr Theobald traf einen trenge t auch über⸗ ft zu tzogen Schün⸗ iſchen legten wußte öwen⸗ Thea , die 6e⸗ Sohn Geld bei Nam⸗ einen 223 Mittelweg er ſpielte öffentlich den Kunſtenthu⸗ ſiaſten, den Veranſtalter literariſcher Zweckeſſen und Subſcriptionen— und unter der Hand betrieb er kleine angenehme Wuchergeſchäfte, die obenein noch den Vortheil für ihn hatten, ihm allerhand vornehme Bekanntſchaften zu eröffnen, nach denen er faſt ebenſo lüſtern war wie nach dem Umgang der Dichter und Schauſpieler. Dem Hauſe des Regierungsraths war er durch beide Beziehungen verbunden. Rudolf ſchoß er Geld vor, anſcheinend immer nur aus Freundſchaft und weil er ſich geſchmeichelt fühlte durch den Umgang des vornehmen Mannes, in der That aber unter Bedingungen, bei denen er ſelbſt ſich beſſer ſtand als Rudolf. Dies war auch der Grund geweſen, weshalb Letzterer vorhin ſo zuſammenfuhr, als ihm Theobald's Beſuch gemeldet ward: er ſtand bei dem ſchön⸗ geiſtigen Freunde, der ohne Geld gewiß nicht nach ſeinem Geſchmack geweſen wäre, eben wie⸗ 224 der ſtark in Vorſchuß und fürchtete eine unbe⸗ gueme Mahnung. Auch geſchah es mit Abſicht, daß er den Beſuch zu ſeiner Frau hinüber⸗ ſchickte: Eugenie, die, wie wir wiſſen, ſelbſt ein ſchöner Geiſt war und ſich viel mit Litera⸗ tur beſchäftigte, hatte an Theobald einen ebenſo ehrerbietigen wie dienſtfertigen Bewunderer. Er beſorgte ihr die neueſte Lectüre, fragte ſie um ihr Urtheil und erzählte ihr von den äſthe⸗ tiſchen Bekanntſchaften, die er in Bädern und auf Reiſen anknüpfte. Eugenie ließ ſich dieſen Um⸗ gang gefallen; hatte Theobald'sEnthuſiasmus auch zuweilen etwas ſehr Grünes und war der ganze Mann überhaupt nichts weniger als geiſtreich, ſo intereſſirte er ſich doch wenigſtens für die⸗ ſelben Gegenſtände wie. Eugenie, und in der geiſtigen Vereinſamung, in der ſie für gewöhn⸗ lich lebte, war das ſchon immer etwas. Von den Beziehungen, in denen Theobald zu ihrem Manne ſtand, hatte ſie keine Ahnung. Da⸗ Reg de bin 6G unbe⸗ bſicht, nübet⸗ ſelbſt Litera⸗ ebenſo nderer. ſte ſe äſthe⸗ mund Um⸗ s auch ganze ſtreich r die⸗ in der wihn⸗ Von hrem 9r 225 gegen hatte ſie ſelbſt einige kleine Geſchäfte, bei denen ſie ſich ſeines Raths und ſeiner Ver⸗ bindung bediente. Es war dies eigentlich ein Geheimniß, von dem außer Theobald Niemand wußte, am wenigſten der Regierungsrath. Doch dürfen wir es dem geneigten Leſer ja wol ver⸗ rathen: Eugenie hatte angefangen zu ſchrift⸗ ſtellern. Gleich den meiſten gebildeten Frauen, die das Unglück haben, in einer unbefriedigten Ehe zu leben— und bei dem traurigen Zuſtande unſerer Männerwelt begegnet dies gerade den gebildeten Frauen am meiſten— hatte ſie einen Troſt darin gefunden, den Gefühlen, welche Rudolf nicht verſtand oder verſtehen wollte, den Leiden, die ſie ſchweigend ertrug und auch Niemand verrathen durfte, in größern und klei⸗ nern poetiſchen Bildern, in Gedichten, Erzäh⸗ lungen und ſelbſt in kleinen dramatiſchen Ver⸗ ſuchen einen mehr oder minder gelungenen Aus⸗ druck zu verſchaffen. Nun begreifen wir auch, 10** 226 wozu Eugenie einen Abſchreiber nöthig hatte; Herr Lux, das allgemeine Factotum des Schwar⸗ zenfeld'ſchen Hauſes, hatte auch bei ihr keinen kleinen Stein im Brete gewonnen, als er ihr den jungen Mann aus dem Muſikantenthurm, mit der hübſchen Handſchrift und den für ſei⸗ nen Stand ungewöhnlichen Kenntniſſen, für dieſen Dienſt nachwies. Daß es der Schwager jenes Ulrich Schwarz, der übrigens im Schwar⸗ zenfeld'ſchen Hauſe ſoviel Unheil anrichtete, wußte ſie entweder nicht oder legte wenigſtens 3 keinen Werth darauf, wie ſie überhaupt den ganzen peinlichen Vorgang ſoviel wie möglich ignorirte und jede Aeußerung darüber, ſelbſt zu Rudolf, ängſtlich vermied. Andererſeits aber mußte ſie ſich auch att in Acht nehmen, daß Rudolf nichts von ihrer Schriftſtellerei erfuhr; er ſowol wie ſeine Mut⸗ ter würden darin eine ſchreiende Verletzung ihrer häuslichen Pflichten und ſogar auch eine — Sh— — hitte; Schwar⸗ keinen er ihr nthurm, fir ſi⸗ en, fit chwaget öchwar⸗ richtete, rigſtens t den nöglich ſilbſt zu wieder on ihrr Mut⸗ rletung uch ein — Verletzung des Anſtands erblickt haben. Und auch übrigens ſtand ſie bei der Geſellſchaft der Stadt, beſonders bei den Damen, ſchon ſo ſehr im Ruf einer überſpannten, excentriſchen Frau, daß ſie denſelben durch Bekanntgeben ihrer Autorſchaft unmöglich noch vermehren durfte. Da war ihr nun der Beiſtand des Herrn Theobald höchſt willkommen. Erfahrener Ge⸗ ſchäftsmann wie er war und dabei von der Eitelkeit geplagt, ſich der vornehmen, geiſtreichen Dame ſo angenehm zu machen wie möglich, hatte er bald Mittel und Wege aufgefunden, Eugenie's ſchriftſtelleriſche Verſuche vor die Oeffentlichkeit zu bringen, ohne ihr Incognito zu compromittiren. Wie er denn die Neigung hatte, ſich an alle Celebritäten der Literatur und Kunſt, nah und fern, heranzudrängen, ſo ſtand er auch im Verkehr mit einigen auswär⸗ tigen Zeitſchriften, welche die fein und geiſtreich 228 geſchriebenen Artikel der anonymen Verfaſſerin gern zum Abdruck brachten. Eugenie hatte mit ihrer Schriftſtellerei anfangs nur ein Bedürfniß ihres Herzens befriedigen wollen; erſt durch Theobald, in dem ſich der Sohn des Krämers nun einmal auf keine Weiſe verleugnete, war ſie darauf aufmerkſam gemacht worden, daß ſich auch ein finanzieller Vortheil damit verbinden laſſe. Anfangs hatte ſie ſich lebhaft geweigert, von dieſen Vortheilen Gebrauch zu machen; es ſchien ihr unter allen Umſtänden entwürdigend, das köſtliche Geſchenk der Muſe gegen ſchnödes Geld zu vertauſchen, am entwürdigendſten aber für eine Frau, die alle mal mehr mit dem Her⸗ zen als mit dem Kopfe ſchreibt und deren Bü⸗ cher in der Regel nur der Erſatz eines verun⸗ glückten Lebens ſind— und dieſes Unglück ſollte ſie ſich nun noch bezahlen laſſen? Theobald wußte dieſe allzu große Empfind⸗ lichkeit, in der er nur eine völlig unpraktiſche lle ha al aſſein te mit ürfniß durch imers „war ſch binden eigert, n es igend, nides naber Her⸗ Bi⸗ verun⸗ nglůt find⸗ tiſche 44 229 Ueberſpanntheit ſah, zu beſeitigen; ohne die häufigen Verlegenheiten ihres Mannes gerade ausdrücklich zur Sprache zu bringen, wußte er es doch recht geſchickt auszumalen, welch Ver⸗ dienſt eine Frau von dem Talent Eugenie's ſich dadurch erwerben könne, daß ſie auch ihrer⸗ ſeits ein Weniges zu den Koſten des Haus⸗ halts beiſteuere; und wenn es nur die Putz⸗ macherrechnung wäre, die ſie davon beſtritte, oder irgendein ähnlicher Gegenſtand des Luxus, ſo komme es doch immerhin dem Ganzen zu⸗ gute und ſei eine Erleichterung für den Mann, der bei jetzigen theuern Zeiten wol mitunter auch ſein bischen Noth habe. Dieſe und ähnliche Reden überwanden end⸗ lich den Widerwillen, den Eugenie bisher gegen die ökonomiſche Benutzung ihres Talents ge⸗ hegt hatte. Zwar ihre Putzmacherrechnung wollte ſie davon nicht bezahlen und überhaupt keine Lurusausgabe damit beſtreiten— ſie trieb Luxus, 230 die gute Frau, ohne zu wiſſen, daß ſie es that: wol aber ſchien ihr es ein entzückender Ge⸗ danke, durch dieſe kleinen Einnahmen, von de⸗ nen außer Theobald Niemand wußte und über die ſie daher auch Niemand Rechenſchaft ſchul⸗ dig war, Alfred's Umgebung zu verſchönern und die vielfachen Bedürfniſſe des verwöhnten Bruders zu befriedigen. Dieſer ſelbſt durfte natürlich ebenfalls nicht das Mindeſte davon er⸗ fahren; er wußte nur, daß Eugenie ſchriftſtel⸗ lerte, und auch das betrachtete er, in einſeitiger Bewunderung der Muſik, mehr als eine müßige Spielerei; daß ein reeller Vortheil damit zu verbinden möglich, fiel dem unpraktiſchen, mit der Welt unbekannten Sinne des jungen Blin⸗ den nicht ein. Deſto fleißiger aber wurde jetzt Eugenie; ihr Abſchreiber hatte viel zu thun. Es war nicht blos die Luſt am Erwerb, aber der Er— werb kam hinzu, um ihr die ſchriftſtelleriſche es that: det Ge⸗ von de⸗ ind über ft ſchul⸗ ſchönern wöhnten durfte avon et⸗ hriftſte⸗ nſeitiget müßige amit zu hen, mit lin⸗ en 8 Eigeniej Es war der Er dleriſcht 231 Thätigkeit lieb und angenehm zu machen. Das Unglück ihrer Ehe war ihr kaum mehr fühlbar; ganze Tage ſaß ſie am Schreibtiſch eingeſchloſ⸗ ſen, nur für Alfred zugänglich, und der konnte ja nichts verrathen, ſelbſt wenn er gewollt hätte. Denn begreiflicherweiſe mußte das Geheimniß jetzt noch viel ſorgfältiger bewahrt werden als bisher; daß ſie ſchrieb, war ſchon ſchlimm genug, hätte man nun gar noch gewußt, daß ſie für Geld ſchrieb— in dieſer Stadt und dieſem Hauſe wäre ſie eine verlorene Frau geweſen! Deſto einverſtandener war Theobald damit; er hatte wahrhaft ſeine Freude an der jungen ſchönen Frau, die trotz Jugend und Schönheit ſoviel vortreffliche Sachen ſchrieb und ſoviel allerliebſtes Geld damit verdiente. Ja es kam ihm der Gedanke, ob er nicht auch etwas Aehn⸗ liches verſuchen könnte; auf den Kopf gefallen war er nicht, das wußte er, und daß das Schriftſtellern keine Hexerei ſein könne, das ſah 232 er ja an ſeiner intereſſanten Freundin, die doch im Grunde noch gar nichts Beſonderes erlebt, alſo— in Theobald's Ausdrücken zu ſprechen — nicht halb das Betriebscapital ins Geſchäft zu ſtecken hatte wie er: nämlich wenn er ein⸗ mal anfing. Einſtweilen begnügte er ſich damit, ſeine geiſtreiche Freundin zu immer neuen und küh⸗ nern Verſuchen anzuſpornen. Der neueſte und kühnſte war, daß er ſie überredete, ihm eins ihrer dramatiſchen Erſtlingsproducte anzuver⸗ trauen, mit der Abſicht, es auf dem Theater der Stadt zur Aufführung bringen zu laſſen. Anfangs war Eugenie bei dem Gedanken, ein Kind ihres Geiſtes ſo unmittelbar, in Fleiſch und Blut, vor die Oeffentlichkeit treten zu laſ⸗ ſen, ſehr erſchrocken; die natürliche Eitelkeit des Dichters aber, verbunden mit der Vor⸗ ſtellung des Freundes, daß gerade auf drama⸗ tiſchem Gebiete der meiſte Ruhm und auch der „ —. ————————————— —— Meiſt verat türli dieſe größ Sch ſcho behn „die doch res erlebt, ſprechen Geſchiſt neer ein⸗ mit, ſine urſte und hm eins anzuvet⸗ Theater z laſſen. anken, in in Fliiſch ten zu laſ Eitltit 8 Vr⸗ uf dromo uch der 233 meiſte Vortheil zu erringen, hatte ſie endlich veranlaßt, ihre Zuſtimmung zu ertheilen. Na⸗ türlich wurde die Anonymität der Dichterin bei dieſem Unternehmen, wennmöglich, mit noch größerer Vorſicht bewahrt als bisher; ſelbſt die Schauſpieler, die einem Manne wie Theobald ſchon den Gefallen thaten, ein neues, noch un⸗ bekanntes Stück einzuſtudiren, wußten nicht, aus welcher Feder„Die böſe Frau“— dies war der Name des kleinen zweiactigen Dramas— herſtamme. Theobald war unermüdlich in Ueberwachung der Proben und Beſprechung aller Arrangements, und da er ſich namentlich im Fach des Theaters für einen großen Kunſt⸗ kenner hielt, ſo hatte er von ſeiner Mühe ne⸗ benher viel Freude und Genugthuung. Auch hatte er für den Fall, daß das Stück gefiel, noch ſein eigenes Plänchen dabei; wir werden bald Näheres davon hören. Und gerade heute nun war der Tag, wo 234 über die Frucht ſo vieler Vorbereitungen und Anſtrengungen entſchieden werden ſollte; ſeit dem früheſten Morgen verkündeten die Anſchlag⸗ zettel an den Ecken der Straßen, daß heute zum erſten male„Die böſe Frau, Drama in zwei Acten, Manuſcript“, über die hieſige Bühne gehen werde. Das Localblättchen der Stadt, von Theobald influirt, hatte ſeine Dienſte ge⸗ than; ſeit vierzehn Tagen hatte es von nichts geſprochen als von dem neuen Drama, das nächſtens am hieſigen Theater ſeine erſte Auf⸗ führung erleben werde und das, wie es aus beſter Quelle wiſſe, eine ſehr intereſſante und hochgeſtellte Perſon zum Verfaſſer habe. Das Publicum war alſo vorbereitet, und auch der Himmel zeigte ſich günſtig: er ſchickte im Lauf des Vormittags jenes Gewitter, das wir im Muſikantenthurm miterlebt haben und das den Spaziergängern Weg und Steg ſo gründlich verdarb, daß der Theaterunternehmer allen 235 itungen und Ernſtes auf ein gefülltes Haus hoffen durfte: 3 ſollte; ſit eine Freude, die ihm auch nicht oft paſſirte.... die Anſchlag⸗ In welcher aufgeregten Stimmung, gemiſcht „deß heute aus Furcht und Freude, Eugenie dieſen Vor⸗ z Dremn in mittag verlebte, können ihr eigentlich nur Die⸗ 3 ieige Bihn jenigen nachfühlen, die ſich einmal in ähnlicher der Stodt, Situation befunden haben. Daß ſie gerade dinſe ge heute Abend das Theater nicht beſuchte, ver— von nichts ſtand ſich von ſelbſt; ihre Furcht und Auf⸗ tams, des regung würden ſie verrathen haben. Aber mit ſie Auf⸗ feuchten Blicken ſtarrte ſie den Theaterzettel vit ts us an, der vor ihr auf dem Tiſchchen lag; ſie ſſente und gedachte der halb ſüßen, halb wehmuthvollen reſo t Do⸗ Stunden, in denen das Stückchen entſtanden abl.*. war— wo waren ſie hin? Und wie wird uch de n das Kind ihrer Schmerzen und Entſagungen ckte im* ſich ausnehmen, mit geſchminkten Wangen, in wir in du n dem blendenden Lichte der Theaterlampen, vor nd da i6 einem fremden, zerſtreuungsſüchtigen Publicum? v gründlic 8 n hmet al Fünftes Capitel. Beim Frühſtück. Als der Regierungsrath endlich eintrat, hatte Theobald längſt Zeit gehabt, Eugenien nicht nur einige nachträgliche Notizen wegen des be⸗ vorſtehenden Abends zu geben, ſondern er hatte ihr auch eine Neuigkeit offenbart, die beide Theile im hohen Grade intereſſirte und welche die junge Frau ſich beeilte, beim Eintritt ihres Mannes demſelben ſofort mitzutheilen. „Gratuliren Sie unſerm Freunde, lieber Rudolf“, ſagte ſie, ihm mit Lebhaftigkeit ent⸗ gegengehend(denn auch dieſe förmliche Anrede gehörte zu den Gewohnheiten dieſes ſeltſamen geht der etſſ zu H ang „Ee ntrat, hotte genien nicht be⸗ S des gen dern er hatte die bede und wilhe zintitt ihri len. unde, ihn figlet ent ſte Aede 3 ſeltſamen 237 Ehepaars und war von Rudolf aus demſelben Grunde zugelaſſen und befördert worden wie die ehelichen Correſpondenzen)... „Gratuliren Sie unſerm Freunde“, ſagte die junge Frau:„er hat endlich eine Wahl getrof⸗ fen, bei der er ſeinen Fleiß und ſeine Kennt⸗ niſſe und auch ſein hübſches Vermögen nicht länger unbenutzt laſſen wird. Denken Sie, was aus unſerer Stadt wird! Herr Theobald wird ein großes Verlagsgeſchäft etabliren—“ Rudolf zuckte wiederum zuſammen; wer einen geheimen Schaden hat, den ſchmerzt er bei je⸗ der Bewegung, und ſo war auch Rudolf's erſter Gedanke bei den Worten ſeiner Frau: „Verwünſcht! nun wird der Theobald ſein Geld zu andern Dingen brauchen, und nun iſt dieſe Quelle auch wieder abgeſchnitten!“ Er ſah den angehenden Verleger forſchend an. Theobald war einigermaßen in Verlegenheit. „Es iſt in der That ſo“, ſagte er nach einer —————— 238 kleinen Pauſe,„wie die gnädige Frau zu ſagen belieben; ich hoffe, der Herr Regierungsrath werden mein Vorhaben nicht unpaſſend finden. Du lieber Gott, man will doch nicht ſo ganz müßig leben, und dem gemeinen Handel und Wandel, einerlei ob mit Schwefelfaden oder mit Actien, widerſtrebt meine Seele. Wir ſind nicht Alle gleichgemacht, es gibt einige Men⸗ ſchen, die ſich im Gewöhnlichen zufriedenfühlen, und andere—“ indem er Eugenien verſtohlen anblickte—„deren Seele auf Höheres gerichtet iſt. Ich bilde mir ein, zu den Letztern zu ge⸗ hören, und doch ſage ich mir auch wieder, daß ein Mann in meinen Jahren“(wobei er ſich den Backenbart behaglich ſtrich)„ſich der Muße nicht ganz ergeben darf, ſondern darauf Bedacht nehmen muß, ſeinen Mitmenſchen nützlich zu werden. Ich hoffe nun einen Ausweg getroffen 5 zu haben, auf dem Neigung und Pflicht ſich vereinigen....“ in ſe ſchör ſetzr mit Spe Aus hätte Her war. ſtug ing bal tau zu ſigen gierungötuth ſſend finden. nicht ſo ganz Handel und filfaden oder e. Vit ſind einige Men⸗ riedenfühlen, n verſtohlen res gerichtet ziern ju ge wieder, daß wobei et ſih ſich der Muße nauf Bedocht n ntzlich weg gunfin Pitt ſich „Jawol“, erwiderte der Regierungsrath in ſeiner bekannten plumpen Manier,„und Ihr ſchönes Geld zum Teufel gehen wird. Aber ſetzen wir uns.“ Der Frühſtücktiſch war inzwiſchen ſervirt, mit großer Reichlichkeit; wer dieſe Fülle von Speiſen und Getränken, dieſe geſchmackvolle Auswahl von Geſchirr und Silberzeug geſehen, hätte gewiß nicht geahnt, wie es mit der Herrlichkeit dieſes Hauſes eigentlich beſchaffen war. Nachdem man den erſten Appetit geſtilkt, fragte Rudolf. „Und wie ſind Sie denn eigentlich auf den ingeniöſen Einfall gekommen, mein guter Theo⸗ bald, Ihr Geld auf dieſe Art wegzuwerfen?“ Theobald rückte unruhig auf ſeinem Sitz hin und her; waren ihm Rudolf's wiederholte Anſpielungen auf den vermuthlichen ſchlechten Ausgang ſeines Geſchäfts unangenehm, oder hatte er ſonſt Gründe die Entſtehung ſeines —ů ůmůũ˖·ů——— 240 Vorhabens zu verheimlichen, genug es dauerte einige Zeit, bevor er Antwort gab. Endlich erwiderte er: „Es war ſchon längſt meine Abſicht gewe⸗ ſen, unſerer Stadt ein Inſtitut zu verſchaffen, das, wie ich mir ſchmeichle, ihr zur Ehre ge⸗ reichen und auf die Förderung der allgemeinen Bildung nicht unweſentlich einwirken ſoll. Wir hatten bisjetzt, wie Sie wiſſen, nur die ein⸗ zige Buchhandlung im Orte, ein altes weit⸗ läufiges Geſchäft mit Verlagsrecht, Druckerei und allerlei Vorräthen, aber Alles ohne Ge⸗ ſchmack und hinter dem Geiſt der Zeit zurück⸗ geblieben—“ „Und ſehr verſchuldet“, warf der Regierungs⸗ rath ein, indem er mit dem Meſſer gegen den Teller trommelte. Ihm war der Zuſammen⸗ hang des Ganzen auf einmal mehr als klar? das in Rede ſtehende Geſchäft, nachläſſig und ſchlecht betrieben, war ſchon ſeit langem Vuc ohne ſtoß thun Rud halb verf nen 1g es dauette ab. Endlich Pbſicht gewe⸗ u verſchafen, zur Ehr ge r allgemeinen en ſol. Vir nut die ein⸗ altes weit⸗ t, Druckerti es ohne Ge⸗ Zit zurüc⸗ Regierungi ſin ggen du zuſommen nehr als klar: ucläſis un langen ſelt 241 Wucherern und Juden in die Hände gefallen, ohne Zweifel hatte Theobald ihm den Gnaden⸗ ſtoß gegeben und ſich ſelbſt dabei, wie er zu thun pflegte, am beſten placirt. Doch hatte Rudolf Urſache, den Freund zu ſchonen, wes⸗ halb er dieſen Gegenſtand auch nicht weiter⸗ verfolgte, ſondern das Geſpräch im Allgemei⸗ nen auf Literatur und Buchhandel brachte. „Es iſt mir unbegreiflich“, ſagte er, ſich in den Zähnen ſtochernd,„wie ein geſcheidter Mann, gleich Ihnen, mein lieber Theobald, ſich auf ſolche Unternehmungen einlaſſen kann. Es iſt ſchon traurig genug, daß überhaupt Bücher geſchrieben werden; geben Sie Acht, was wir für ein anderes Geſchlecht hätten, wenn die Welt von Büchern und Schreibereien gar nichts wüßte und unſere Kinder, ſtatt über den todten Buchſtaben zu verkümmern, im friſchen, vollen Leben aufwüchſen. Doch mögen ſie, wie die Welt nun einmal iſt, unentbehrlich ſein. Aber Der Muſikantenthurm. II. 11 —ů ů mů—————— 242 ſich mit ihrer Verbreitung befaſſen und dabei dehtu ſeine Zeit und ſeinen Humor, ja wol auch ſein Rudo Hab und Gut aufs Spiel ſetzen, das ſcheint mir denn doch der Gipfel der Verkehrtheit. Es gewe gibt zwei Thorheiten“, rief er, ſich ſelbſt immer ſtelle mehr in die Hitze redend,„von denen ich nicht be⸗ Hehl greife, wie ein verſtändiger Menſch ſie begehen Eine kann: die erſte iſt Bücher zu ſchreiben, die an⸗ itel dere aber und noch viel größere iſt Bücher zu Man drucken.“ mß Theobald warf ſich in die Bruſt.„Das den belieben der Herr Regierungsrath“, meinte er, biſch „nur ſo zu ſagen, weil Sie die Paradoxen lieben. deb Schriftſteller zu ſein iſt heutzutage eine ſehr n ausgezeichnete Stellung; denken Sie nur Schil⸗ auc ler und Goethe, in Frankreich werden ſie ſogar zu Miniſtern gemacht, ſogar Könige ſchriftſtel⸗ ein lern— und nun gar erſt die ſchriftſtellernden liche Damen!“ ſetzte er hinzu, indem er wiederum her aus den großen waſſerblauen Augen einen be⸗ nich ſen und dbei wol auch ſin n, das ſcheint tkehrtheit. Es ich ſelbſt imner un ich icht be ſch ſe begehen riben, dit an iſt Bicher zu Bruſt.„Doi , meinte et, nadrren ichen tage eine ſcht Sie nur Schil eeden ſi ſogn zige ſchifſſtl ſhrttlandtn mer vicderun ugen einen b 243 deutungsvollen Blick auf Eugenien ſchleuderte. Rudolf erwiderte: „Schiller und Goethe mögen gute Männer geweſen ſein, ſie ſind todt; was aber die ſchrift⸗ ſtellernden Frauen anbetrifft, ſo habe ich kein Hehl: ſie ſind mir verhaßter als die Sünde. Eine ſchriftſtellernde Frau muß entweder ſehr eitel ſein oder ſehr unglücklich, ſie muß keinen Mann, kein Kind, ja keinen Hund, keine Katze muß ſie haben und keinen Topf am Feuer: denn ſonſt würde ſie beſſer thun, ſich damit zu veſchäftigen, als das geduldige Papier zu ver⸗ derben. Ich wäre nicht im Stande, einer Frau, von der ich wüßte, daß ſie Bücher ſchreibt, auch nur einen Kuß zu geben....“ Wir laſſen unentſchieden, ob dieſe Worte ein zufälliger Ausdruck von Rudolf's gewöhn⸗ licher Brutalität waren, oder ob und mit wel⸗ cher Beziehung ſie geſagt wurden. Jedenfalls trieben ſie Eugenien das Blut in die Wangen, 11* 244 und auch Theobald hatte Mühe, ſeine Verlegen⸗ heit zu verbergen. Vielleicht aus letzterm Grunde, vielleicht aber auch um ſeiner Eitelkeit zu ge⸗ nügen, ließ er ſich in eine lange Auseinander⸗ ſetzung ein, wie und in welchem Sinne er ſein neues Geſchäft zu führen gedächte. „Ich werde“, ſagte er mit großem Pathos, „es nicht machen wie ſo viele meiner Collegen, ich werde nicht der Vampyr ſein, der den ar⸗ men Schriftſtellern das Herzblut ausſaugt und ſich ihre Verlegenheiten und Bedürfniſſe mit ſchadenfroher Berechnung zunutze macht; ich werde immer eingedenk ſein, daß der Dichter ein Gefäß des Göttlichen und daß, wenn er leider auch aus irdiſchem Thon gebildet und der allgemeinen menſchlichen Bedürftigkeit unter⸗ worfen iſt, uns dies doch kein Recht gibt, ihn als unſers Gleichen zu behandeln. Ich werde auch niemals den Launen des Publicums ſchmei⸗ cheln, oder Bücher drucken, die zwar meinen Geldt Gewi händt mode etken und neue Der ſin, wit ſi heben nes werd dige e ier tnn umu zu be ſeine Verlegen⸗ tztern Grunde, Eitelkeit zu ge⸗ eAuseinander⸗ Sinne er ſein te. roßem Pathos, einer Collgen, der den al⸗ usſuugt und zedürfniſſe mit e macht; ich z der Dichter daß, wenn 6 ebildet und du rftigleit unter Recht güt ihn n 8 v M bluns ſhne meinen wa 245 Geldbeutel füllen, aber vor meinem äſthetiſchen Gewiſſen nicht beſtehen können. Der Buch⸗ händler iſt eine viel größere Macht in unſerm modernen Leben, als man für gewöhnlich anzu⸗ erkennen Luſt hat; von ihm hängt es ab, ob und wie die jungen Geiſter ſich entwickeln und neue Ideen die alte Welt verjüngen ſollen. Der glänzendſte Gedanke, das tiefſinnigſte Sy⸗ ſtem, es iſt todt, ſolange es ungedruckt iſt; wir ſind die wahren Prieſter, welche die Schlüſſel haben zu binden und zu löſen. Ich werde mei⸗ nes hohen Berufs ſtets eingedenk ſein, ich werde immer nur nach dem Großen und Wür⸗ digen trachten— Geld habe ich, und wenn ich es nun einmal verlieren ſoll, wie der Herr Re⸗ gierungsrath meinen, auf welche edlere Art könnte ich es? Das junge Talent werde ich ermuthigen, das vorgeſchrittene zu ſtützen und zu belohnen ſuchen; das Publicum ſoll an mir 246 einen Rathgeber, die Literatur einen Wächter und Pfleger haben....“ Eugenie hing mit leuchtenden Blicken an Theobald's Mund; ſie vergaß ganz, wie fade und oberflächlich dieſer Menſch ihr zu andern ma⸗ len erſchienen war, und ſah und bewunderte nur den edeln Kunſtfreund, durch den ſich auch ihrer eigenen Thätigkeit die erfreulichſten Ausſichten eröffneten. Ihre Aufregung und Freude war ſo groß, daß ſie ſich nicht enthalten konnte, in das Nebenzimmer zu eilen, wo Alfred hinter verdunkelten Vorhängen auf dem Ruhebette lag und ſich in Melodien einſpann, die kein Ohr vernahm, außer dem ſeinigen. Sie umarmte den geliebten Bruder mit Heftigkeit, es war ihr, als ſähe ſie bereits um das einſame, dunkle Lager die Blumen einer ſchönern Zukunft ſproſ⸗ ſen, Blumen, geſäet von ihrer Hand Der Bruder fuhr verwundert in die Höhe: doch be⸗ ruhigte ſie ihn unter einem ſchnellerſonnenen 2 6 3 Vor gleit Als Geg ſpra Gn ihre ſih ſie ge wi ne ic balt inen Pichter n Blicken an ʒ/wi fide und u andern me— bewunderte nut ſih ach ihnt en Ausſichten Frede wer ten kont in Afted hintet Rhebette leg die kein Ohr gie umurmi rit e war ihr inſame, dunlli ʒuluft proſ⸗ Hand Der Föhe doch be lerſonnn 247 Vorwand und verweilte noch einige Zeit unter gleichgültigem Geſpräch an ſeinem Lager.— Als ſie zu den Männern zurückkehrte, hatte der Gegenſtand ihres Geſprächs ſich geändert; ſie ſprachen jetzt vom Theater.„Wie iſt es, meine Gnädige?“ fragte Theobald, mit den Augen zwinkernd,„Sie werden doch heute Abend auch das neue Stück ſehen wollen?“ Eugenie erröthete. Allein ihr Gemahl kam ihrer Antwort zuvor; mit breiten Elnbogen ſich hintenüberlehnend, ſagte er: „Wenn es eine Poſſe iſt, gehe ich hinein, ſonſt nicht.“ Und dann den Theaterzettel mu⸗ ſternd:„„Die böſe Frau, Drama'— was das gewiß wieder für ein dummes Ding iſt! und wie die Menſchen nur ſo etwas ſchreiben kön⸗ nen! Böſe Frau?— als ob man Dergleichen nicht ſchon zu Hauſe genug hätte!“ Er belachte wohlgefällig ſeinen Witz; Theo⸗ bald aber wußte von dem neuen Stück ſo viel 248 Intereſſantes zu ſagen, daß die beiden Männer endlich einig wurden, zunächſt Theobald's neu⸗ erkauftes Beſitzthum anzuſehen, dann gemein⸗ ſchaftlich auf dem Kaffeehauſe zu ſpeiſen und zuletzt das Theater miteinander zu beſuchen. Indem ſie die Treppe hinunterſtiegen, fragte Rudolf wie zufällig: „Apropos, wie iſt es? Da Sie nun ein Ge⸗ ſchäft einrichten, ſo brauchen Sie wol auch Ihr Geld? Wir haben ja wol, wenn ich nicht irre, auch noch ſo ein kleines Wechſelchen mitein⸗ ander?“ Theobald, der ſich vorhin weidlich geärgert hatte über das ſchlechte Prognoſtikon, das Ru⸗ dolf ſeiner neuen Unternehmung ſtellte, ſchwoll der Kamm.„Zweitauſendfünfhundert“, ſagte er patzig,„und in acht Tagen fällig. Aber wenn der Herr Regierungsrath belieben, ſo prolongiren wir noch auf zwei Monate und machen unterdeſſen die Dreitauſend voll. Gott⸗ ger hat noh blo Ju ein „ eb Ar den en Männer balds neu⸗ nn gemein⸗ ſpeiſen und eſuchen. egen, ftate nun ein Ge⸗ ol auch Iht nicht irre, en nitein⸗ ch geütger n, das Ru⸗ lte, ſchnol ert“ ſuht lieben, ſo pnnt und lob, ſo ſind wir noch nicht geſtellt, daß ſolche Lumperei uns genirt, ich kann noch einige Buchhandlungen kaufen und brauche darum in meinen übrigen Einrichtungen noch nichts zu ändern....“ Wie das Wort heraus war, hätte er es gern wieder zurückgenommen; ſeine Eitelkeit hatte ihn weiter geführt als er wollte. Auch nahm er ſich auf der Stelle feſt vor, es bei dem bloßen Anerbieten bewenden zu laſſen, und wenn Rudolf darauf zurückkommen ſollte, ſich mit einer beliebigen Ausrede zu entſchuldigen. Dieſer inzwiſchen, dem das Anerbieten eben ſo unerwartet wie angenehm kam, griff begie⸗ rig mit beiden Händen zu.„Topp“, rief er, „ein Wort ein Mann! Ich kann die Bagatelle eben noch brauchen!“ Und mit untergefaßten Armen, lachend und plaudernd, ſchritten die bei⸗ den Freunde über die Straße. 11** Sechstes Capitel. Die Geſchwiſter. Einige Zeit, nachdem die beiden Männer das Zimmer verlaſſen hatten, tappte Alfred ſich herein. Er war heute in beſonders aufgeregter Stimmung; der Vorfall mit dem kleinen„Tiger“ zitterte noch in ſeinen Nerven nach und machte ihn noch unzufriedener und mürriſcher als ge⸗ wöhnlich. „Wie iſt es dir nur möglich“, ſagte er, nachdem die Schweſter ihm einen bequemen Sitz neben ſich zurechtgerückt hatte,„dich in dieſer langweiligen Geſellſchaft zu amüſiren? Von deinem Manne will ich nicht ſprechen, es iſt —— ebe Ab 4 fe inner das fred ſich ufgeregte nd machte er al ge ſogte el, emen Eit in biſ n Von ſ, eben dein Mann, und damit iſt Alles geſagt. Aber dieſer Theobald! Ich kann mir keinen fadern und aufdringlichern Gecken denken, über Alles ſpricht er mit und fällt Urtheile, ſelbſt über Muſik, ohne auch nur eine Note zu kennen. Ich bewundere die Geduld, mit der du ſein Geſchwätz erträgſt: aber ich beneide ſie dir nicht. Der Menſch muß etwas auf ſich halten, liebe Schweſter, auch in geiſtiger Hinſicht. Dein Mann mag recht gut ſein, aber das Pulver hat er nicht erfunden; wenn du ihn erträgſt, thuſt du deine Pflicht. Aber im Uebrigen— könnteſt du in deiner Geſellſchaft nicht eine etwas beſſere Auswahl treffen? es iſt mitunter ein wenig lang⸗ weilig hier im Hauſe....“ Dabei gähnte der junge Mann ſo herzlich, als ob er ſich ſchon ganz müdegearbeitet hätte; auch hatte er die Naſe gerümpft und um die feinen Mundwinkel ſpielte ein geringſchätziges Lächeln, als ob eigentlich Alles viel zu ſchlecht . 5 „——————— —22 für ihn wäre.— Eugenie, der die Stimmung ich ihres Bruders außerordentlich peinlich war, ſuchte abet ihn durch freundlichen Widerſpruch zu zerſtreuen; The ſie vertheidigte Theobald lebhafter, als ſie es der vielleicht bei ſich ſelbſt billigen konnte, und net erzählte namentlich von dem Ankauf der Buch⸗ Mi handlung und den ebenſo großartigen wie bat edelſinnigen Projecten, welche Theobald damit ein verband. vie Allein diesmal zeigte der Blinde eine Scharf⸗ rech ſichtigkeit, die manchen Sehenden hätte beſchä⸗ her men können.„Glaubſt du wirklich“, ſagte er, „daß der Großſprecher das Mindeſte halten wird von Allem, was er ſagt? Jetzt iſt es die Eitel⸗ en keit, die ihn treibt; der erſte Verluſt, der ihn ſo betreffen, ja nur die erſte ernſtliche Anfoderung, ga die an ihn gemacht werden wird, wird ſeinen gu Geiz erwecken, und dann Adieu, deutſche Lite⸗ im ratur, Adieu, Ehre der Wiſſenſchaft und Wohl⸗ che fahrt der Poeten! Glaube mir, gute Eugenie, ent timmung ar, ſuchte rſtteuenz s ſie e te, und r Bch⸗ en wie d damit Schurf⸗ beſchi⸗ agte el, ten wird ie kitcl der ihn odetung, d ſeinen che Lit⸗ Vohl⸗ ugenit, 253 ich kenne dieſe Leute, ich kann ſie nicht ſehen, aber ich kenne ſie an der Stimme. Dieſer Theobald hat eine breite, quäkende Stimme, in der ich Prahlerei und Geldſtolz erkenne; ich wette darauf, der Burſche hat ein Geſicht wie MWilch und Blut, einen wohlgepflegten Backen⸗ bart und über der Sammetweſte eine Goldkette, einen Daumen breit— ich höre ihn ja immer, wie er mit den Berloquen klappert, wenn er ſo recht etwas Unverſchämtes und Breitmäuliges herausgebracht hat....“ Eugenie mußte lachen über dieſe Charakte⸗ riſtik, welche ihr Bruder von einem Manne entwarf, den er niemals geſehen und auch nur ſelten gehört hatte, und die dabei doch nicht ganz unrichtig war. Sie fuhr fort, Theobald's gute Seiten herauszuſtreichen, und kam dabei immer wieder auf die edeln Grundſätze zu ſpre⸗ chen, die er in Betreff ſeines neuen Geſchäfts entwickelt hatte. Alfred unterbrach ſie mit ungeduld.„An⸗ genommen“, ſagte er,„daß ſich auch Alles wirklich ſo verhalte, ſo vermag ich doch nicht einzuſehen, liebe Schweſter, was die Sache dich gerade ſo intereſſirt und welchen Werth du dar⸗ auf zu legen vermagſt. Etwa deiner Schrei⸗ bereien wegen? Du weißt, gutes Kind, was ich davon halte: ſie ſind recht gut fürs Haus, und auch die kleine Eitelkeit, dich hier und da gedruckt zu ſehen, will ich dir gern zugute halten. Aber um wirklich ein Kunſtwerk zu ſchaffen— nimm mir meine Freimüthigkeit nicht übel, liebe Schweſter— dazu reichen deine Fähig⸗ keiten denn doch wol nicht aus. Am wenigſten aber mag ich fürchten, du könnteſt dich jemals ſo weit vergeſſen, dich mit dieſem neugebackenen Buchhändler in irgendeine Art geſchäftlicher Verbindung einzulaſſen; unſer ſeliger Vater hat Unglück gehabt, ich weiß es: aber ſo weit wer⸗ den ſie Bl bo üb A ur ha „) di ni d ld.„An⸗ uch Ales doch nicht Sache dich th du dar⸗ et Schri⸗ ind, wos ürs Haus, er und da ute halten chaffen— icht übel, ne Fihig wrrigſin ich jenub geboctenn ſiſtn Vottr hal weit wer⸗ den ſeine Kinder hoffentlich niemals ſinken, daß ſie für Geld arbeiten....“ Es hatte etwas Abſchreckendes, wie dieſer Blinde, nur in ſeinen Phantaſien ſchwelgend, von fremder Milde lebend, ohne es zu ahnen, über' Recht und Glück der Arbeit aburtheilte. Auch ſchnürte es Eugenien die Kehle zu.„Du urtheilſt“, ſagte ſie,„denn doch wol etwas zu hart; wenn man nun in Noth iſt—“ „Biſt du es vielleicht?“ fragte der Bruder mit jenem raſchauflodernden Argwohn, der den Unglücklichen ſeines Schlags eigenthümlich iſt:„Es kommt mir ſchon ſeit einiger Zeit vor, als ob hier im Hauſe nicht Alles in Ordnung wt. „Es iſt Alles in Ordnung“, verſicherte die Schweſter, indem ihr leiſe, ungeſehene Thränen die Wangen herniedertropften:„Ich fürchte doch nicht, daß es dir an irgendetwas gefehlt hat? Der Vorfall mit dem Diener iſt unangenehm, 256 aber du mußt ihn zu vergeſſen ſuchen; auch will ich mir Mühe geben, daß wir recht bald Jemand Anderes und Beſſeres in ſeine Stelle bekommen. Aber um wieder auf Das zurückzukommen, wo⸗ von wir eigentlich ſprachen: es braucht ja nicht immer eigenes Bedürfniß zu ſein, weshalb man mit ſeiner Arbeit etwas zu erwerben wünſcht, man kann es ja wol auch wünſchen, um Andern eine Freude damit zu bereiten, und gerade dir, dem Manne, meine ich, müßte dieſer Gedanke wol ziemlich naheliegen.“ Alfred neigte den Kopf verächtlich auf die Seite.„Den man liebt!“ wiederholte er bitter: „Ich habe Niemand, den ich liebe....“ Eugenie ſank erſchrocken vor ihm ins Knie. „Niemand, den du liebſt?!“ rief ſie, ihr ſchö⸗ nes Haupt in ſeinen Schoos verbergend:„Nie⸗ mand, und auch mich nicht?!“ Der Blinde ließ behaglich die ſeidene Locken⸗ fülle der Schweſter durch ſeine Finger gleiten. „D chel Pre Dr mir ſie erſ ach will dJemund ekommen. men, wo⸗ t ja nicht zholb man nſcht, man ndern eine dit, den danke wol h auf die en bitter irs Kni ihr ſch d„Jir ne Loken r gleiten „Du biſt meine liebe Schweſter“, ſagte er lä⸗ chelnd:„aber wiewol ich blind bin und die Pracht der Natur und das Schwellen und Drängen der Keime nicht ſehen kann, ſo ſagt mir doch ein Etwas, das ich nicht ſehe, das ich nicht fühle, das mich umhaucht wie ein Duft, daß es noch eine andere Liebe gibt, eine andere, heiß ere....“ Die junge Frau, der das Geſpräch peinlich zu werden begann, ſuchte es auf einen andern Gegenſtand zu leiten.„Wie iſt es mit der Symphonie, an der du arbeiteſt?“ fragte ſie: „nach Dem, was du mir darüber erzählteſt, ſchien es mir ein intereſſantes Werk zu werden, voll neuer und tiefer Gedanken.“ „Die iſt fertig“, erwiderte der Blinde gleich⸗ müthig. „Fertig?!“ rief Eugenie verwundert: denn ſie wußte, daß er erſt vor wenigen Tagen die erſte Note dazu dictirt hatte. 258 „Fertig“, beſtätigte Alfred:„das heißt na⸗ türlich, in meinem Kopfe, und was ich da fertig habe, das iſt es für alle Zeiten. Für wen ſoll ich denn meine Arbeiten noch auf⸗ ſchreiben laſſen? Setzen wir ſelbſt den Fall, ich überwände die tauſend Schwierigkeiten, welche einem jungen Muſiker im Wege ſtehen, bevor er eine Compoſition von ſich zur öffentlichen Aufführung bringt, und nun gar erſt ich blin⸗ der Menſch, der ich nicht ſehen und alſo auch nicht antichambriren, nicht bei Kapellmeiſtern und Intendanten umherfahren, nicht lobhudelnde Briefe an Journaliſten und Kritiker ſchreiben kann— ober ſetzen wir ſelbſt den Fall, es ge⸗ länge mir: was wäre damit gewonnen? daß ein dickohriges Publicum mein Meiſterwerk mis⸗ verſtände, elende, hinterliſtige Buben aus dem Verſteck feiger Namenloſigkeit darüber herfielen und mein edles Streben in denſelben Koth zerr⸗ ten, in welchem ſie ſelbſt ſich ſo wohlfühlen? heißt na⸗ vas ich da iten Fit noch auf⸗ den Fall, iten, welcht hen, bevor öffentlichen ſt ich blin⸗ alſo auch ellmeiſtern bhudelnde ſchniben inen? daß werk mis aus den herfelen ſth zerr hlfihlent 259 Nein, nein, gute Schweſter: wer wirklich ein Künſtler iſt, der behalte ſein Kunſtwerk für ſich und laſſe es niemals hinaus auf den Markt der Oeffentlichkeit; wer es aber dem Publicum preis⸗ gibt, um Geld oder Ehre damit zu erlangen, der mag wol ein recht guter Speculant ſein, aber auf den Namen eines Künſtlers hat er keinen Anſpruch.“ Eugenie mußte ſich geſtehen, daß in dem Ausſpruch ihres Bruders, ſo hart er ſie ge⸗ rade in dieſem Augenblick traf, manches Wahre enthalten war. Doch ſagte ihr eine innere Stimme zugleich, daß das Wahre mit vielem Irrthum gemiſcht und dieſer Irrthum von höchſt gefährlicher Beſchaffenheit ſei. Wie es indeſſen bei ſolchen Geſprächen gewöhnlich der Fall iſt, wo ſich nicht ſowol Principien als Charaktere entgegenſtehen, ſo führte auch dieſes zu keinem Reſultat. Alfred zog ſich, durch die lebhafte Unterhaltung ermüdet, in ſein Zimmer zurück, 260— Eugenie aber, von innerer Unruhe getrieben und den verhängnißvollen Abend ebenſo herbeiſehnend wie fürchtend, griff bald dieſes, bald jenes häus⸗ liche Geſchäft an, ohne eins zu Ende zu führen oder überhaupt die Faſſung zu finden, nach der ſie ſo ängſtlich ſuchte. tieben und beiſehnend nes häus⸗ zu führen nach der Siebentes Capitel. Der Schreiber. Um dieſe Zeit war es, daß Hermann ſich mit den Abſchriften, welche er für die Regierungs⸗ räthin gefertigt hatte, einſtellte. Eugenie war zufällig auf dem Gange und öffnete ihm ſelbſt die Thür. Das jugendliche Geſicht, noch ge⸗ röthet von der Aufregung, mit dem er das Geſpräch ſeines Schwagers mit der Zundel⸗ heinrich belauſcht hatte, ſah in der halben Be⸗ leuchtung, die durch die geöffnete Thür auf den dunkeln Gang hereinfiel, ſo ſtrahlend aus, daß Eugenie ihn mit unwillkürlichem Wohlgefallen betrachtete. —— 5 262 Und mit eben ſolchem Wohlgefallen betrach⸗ tete ſie auch die Abſchrift, welche er ihr über⸗ reichte; dieſelbe war ſo correct geſchrieben und mit ſolcher Sauberkeit, die Handſchrift athmete ſolchen Adel und war bei aller Regelmäßigkeit doch ſo frei und kühn geſchwungen, daß ihr das eigene Werk in dieſer einladenden Geſtalt noch einmal ſo gelungen vorkam. Um ſich die bangen Stunden der Erwartung zu kürzen, lud ſie den jungen Mann in ihr Zimmer, wo ſich denn ein Geſpräch entwickelte, das von ihrer Seite mit Antheil und Milde, von Seiten des jungen Mannes mit Beſcheidenheit und ſicherm Anſtand geführt ward. Eugenie fragte ihn nach ſeinem Herkommen, nach der Art ſeiner Erzie⸗ hung und wie es gekommen, daß er mit ſo hübſchen Kenntniſſen und Fähigkeiten es doch zu nichts Beſſerm gebracht. Hermann ant⸗ wortete auf alle dieſe Fragen beſtimmt und ſicher, doch mit Vorſicht; der Umſtand, daß er den Nm zwo dot noe Lel mi Fr H in n betrach⸗ iht über⸗ ieben und ſt athmete mißigkt daß iht en Geſtal m ſich die irzen, lud wo ſih von ihrer eiten des d ſichem eihn noh ner Erjt et mit ſo es doch ann ont⸗ und ſche, et den 263 Namen ſeiner Schweſter führte, ſicherte ihn zwar vor jeder unwillkommenen Entdeckung, doch war es überhaupt weder ſein Wunſch noch ſeine Art, die kleinen Geheimniſſe ſeines Lebens oder die finſtern Schickſale ſeiner Fa⸗ milie dem Erſten Beſten preiszugeben, der danach fragte. „Meine Geſchichte“, ſagte er,„gnädige Frau, iſt ſehr einfach; es iſt die Geſchichte von Hunderten und Tauſenden, denen es noch nicht. einmal ſo gut gegangen wie mir, und die darum wol gerechten Grund hätten, mich zu beneiden. Wiewol arm geboren und auch ohne Ausſicht, mich der Armuth jemals zu entreißen, habe ich doch das unverdiente Glück gehabt, infolge ver⸗ ſchiedener mich begünſtigender Umſtände eine Erziehung zu erhalten, wie ſie den Kindern der Armuth ſonſt gewöhnlich nicht zutheil wird—“ „Und die Ihnen jetzt entſetzlich drückend ſein —— 264 muß“, warf Eugenie dazwiſchen:„Ich denke es mir furchtbar, mit eigenen Gedanken im Kopf und mit einer Bildung wie die Ihre zum bloßen mechaniſchen Abſchreiber benutzt zu werden; ja ich könnte mir ſelbſt zürnen, daß ich Sie dazu benutze....“ „Thun Sie es nicht, gnädige Frau“, er⸗ widerte Hermann gutmüthig,„Sie haben kei⸗ nen Grund dazu, die Arbeit iſt meine Freude, und wenn es nur deshalb wäre, weil ſie mich von dem ſchlimmſten Feinde errettet, den ich kenne, dem Müßiggang. Auch habe ich in die⸗ ſen Schriften ſo manche ſchöne und erhebende Stelle gefunden—“ Eugenie wünſchte nicht, daß er den Satz vollende; darum fiel ſie ihm zum zweiten male ins Wort.„Aber ein junger Menſch von Ihrer Bildung“, ſagte ſie mit etwas erhobener Stimme, „ſollte eigentlich gar nicht wiſſen, was Müßig⸗ gang iſt; das iſt ja eben der Vorzug des ge⸗ bilt wei Ich denke danken im die Ihre bentzt zu en, daß ich Frau“ et⸗ haben ke⸗ ne Freude il ſe nit „den ich ich in di⸗ chebende den Su iten mil von Ihler r Stimme⸗ 6 Viig 6 des 9e 265 bildeten Menſchen, daß er ſich nie alleinfühlt, weil er in Kunſt und Wiſſenſchaft zwei Be⸗ gleiter beſitzt, die ihn nie verlaſſen, oder die doch jeder leiſeſte Wink, jeder flüchtigſte Gedanke zu ihm zurückruft. Aber freilich“, verbeſſerte ſie ſich ſelbſt,„mag das in Ihrer Lage wol anders ſein; ich kann mir denken, daß gerade der ge⸗ bildete Menſch, in eine ſeiner unwürdige Lage verſetzt oder zu Arbeiten genöthigt, die ſeiner Bildung widerſtreben, ſich doppelt unglücklich fühlen muß. Es iſt damit wie mit den Ge⸗ ſchenken der Genien, wovon die Märchen er⸗ zählen: in die unrechten Hände gerathen, ver⸗ wandelt ſich das Gold zur Kohle und der Segen wird zum Fluch....“ „Geſtatten Sie mir, gnädige Frau“, erwi— derte Hermann ruhig,„daß ich Ihnen in die⸗ ſem letztern Punkt widerſpreche Was ein rechter Segen iſt, bleibt immer ein Segen; wird er etwas Anderes, ſo liegt die Schuld nur an Dem, Der Muſikantenthurm II. 12 266 der ihn empfangen hat, ohne deſſelben würdig zu ſein. Bildung iſt ein ſolcher unverlierbarer Segen, ſelbſt auch für den Aermſten; ich ſelbſt fühle das täglich, weil ich ohne die bildende Schule, welche mein günſtiger Stern in meiner Jugend mir eröffnet hat, mich mit den kleinen Unbilde ndes Schickſals vielleicht nicht ſo zurecht⸗ finden würde, wie es mir jetzt noch immer ge⸗ lingt. Und ein eben ſolcher Segen iſt auch die Arbeit. Wer dieſen Segen recht erkannt hat, für den gibt es, ſolange Gott ihm Kraft und Geſundheit läßt, wol noch Unglücksfälle, aber keine ſolchen mehr, die ihn niederdrücken und zerſchmettern könnten. Auch ehrt jede Arbeit ihren Arbeiter; ſie ehrt ihn, vielleicht nicht in der Meinung der Welt oder in dem Lohn, den er dafür erhält, aber ſie ehrt und belohnt ihn durch die Freudigkeit und das heitere Bewußt⸗ ſein, mit dem ſie ihn erfüllt. Die vornehmen Herrſchaften“, ſetzte er erröthend hinzu, gleich⸗ ſam bed ſch mi un 0h pf ſt ben würdig verlierbner zich ſelbſt ie bildende in meinet den kleinen ſo zurcht immer g ſt auch die kannt hat, Kraft und file, aber rucken und ſde Abit t niht i Lohn, de tcohn in Benußt ehmen vorn zu, glich ſam als ob das Geſagte einer Entſchuldigung bedürfe,„meinen immer, wir gemeinen Men⸗ ſchen, die wir von unſerer Hände Arbeit leben müſſen, wären nur ſo eine Art Laſtthier und machten unſere Arbeit wie das Thier, ohne etwas dabei zu denken oder zu em⸗ pfinden. Aber mitunter ſtellen die Gedanken ſich doch ein, und ich bitte um Verzeihung, wenn ich ſie etwas ungeſchickt ausgedrückt habe.“ „Ich für meinen Theil habe das nie ge⸗ meint, daß die Arbeiter Laſtthiere wären“, ver⸗ ſetzte die Regierungsräthin ein wenig beleidigt: „das ſollten Sie ſchon aus der Thatſache ſchlie⸗ ßen, daß ich dieſe Unterhaltung mit Ihnen führe.“ Aber gleich darauf von einer wahr⸗ haften Theilnahme ergriffen, ſetzte ſie hinzu: „Aber haben Sie nicht wenigſtens den Wunſch, Ihre jetzige Stellung zu verlaſſen und ſich zu etwas Höherm hinaufzuarbeiten? Bin 12½ 268 ich auch nur eine Frau, ſo habe ich doch Freunde und Bekannte, bei denen ſich durch eine freundliche Fürſprache Manches ausrich⸗ ten läßt.“ Hermann war während dieſer Worte leichen⸗ blaß geworden; doch ſchon nach einigen Se⸗ cunden hatte er ſich wieder gefaßt.„Nein, gnädige Frau“, erwiderte er ruhig:„ich danke Ihnen für Ihre Güte, ich bin mit meiner Lage vollkommen zufrieden....“ Eugenie ſtand in Bewegung auf, ſie fühlte ſich unzufrieden und wußte doch ſelbſt nicht worüber: ob über Hermann's halb ſtolze, halb ſtumpfſinnige Erklärung, daß er mit ſeinem Schickſal zufrieden und nach nichts Höherm ver⸗ lange, oder ob vielleicht über den ſeltſamen Gegen⸗ ſatz, in welchem dieſes Geſpräch mit demjenigen ſtand, das ſie vorhin mit ihrem Bruder Alfred geführt hatte. Plötzlich fiel ihr ein, daß jetzt die Stunde ſei, wo das Theater geöffnet wurde, ————— 0—3 — e do ich doch ſich durch s ausrich⸗ te leichen⸗ nigen St⸗ „Nein, „ich danke neiner Lage ſie fühlte bſt nicht ichz, hulb nit ſinen öhem ver nen Gegel demjenigen der Ufied d jch net wurdo * 269 und in demſelben Augenblick fuhr ihr auch ein zweiter Gedanke durch den Kopf, ſo naheliegend und von ſo verlockender Beſchaffenheit, daß ſie ihm nicht widerſtehen konnte. Sie ſelbſt durfte das Theater nicht beſuchen: aber um ſo leb⸗ hafter wünſchte ſie einen getreuen, weder von Gunſt noch Ungunſt gefärbten Bericht über Aufnahme und Wirkung ihres Stückchens zu erhalten. Wer ſollte ihr den geben? Was Theaterkritik heißt, wußte ſie als fleißige Jour⸗ nalleſerin längſt, und auch auf Theobald's Aus⸗ ſagen durfte ſie ſich nicht ganz verlaſſen, da derſelbe theils aus Gutmüthigkeit, theils auch aus Eitelkeit, wegen der Mühe, die er ſelbſt ſich um ihr Stück gegeben, ihr gewiß bedeutend ſchmeicheln würde. Aber wie wäre es, wenn ſie dieſen jungen Mann, als einen völlig un⸗ bekannten und unbeſtochenen Zeugen, ins Thea⸗ ter ſchickte? Daran, daß Hermann erſt ſelbſt vor ganz kurzem eine Abſchrift von ihrem Stück 270 gefertigt, dachte ſie in ihrer Aufregung nicht, ſie dachte und fühlte nur, daß er gebildet ge⸗ nug, um den Sinn ihres Stücks zu verſtehen, und auch gerade unverbildet genug, um dem Eindruck nichts von ſeinem Eigenen hinzuzuſetzen und ihr einen ganz ſachgemäßen und wahrheits⸗ getreuen Bericht zu erſtatten. Die Vorſtellung wurde mit ihrem Drama eröffnet; da daſſelbe zu kurz war, den Abend zu füllen, ſo folgte noch ein komiſches Liederſpiel, von dem ſie gewiß war, daß Rudolf es nicht verſäumen würde. Verließ Hermann das Schauſpielhaus unmittel⸗ bar nach dem Schluß des erſten Stücks, ſo konnte er zeitig genug bei ihr ſein, um ihr den erſten ungeſchminkten Bericht zu erſtatten; wenn dann ſpäterhin ihr Mann kam und, wie ſie halb vorausſetzen mußte, Theobald mitbrachte, ſo hatte ſie das Peinlichſte überſtanden und konnte den Beſuch mit Ruhe und Gleichmuth em⸗ pfangen. zung niht, gebildet ge⸗ n verſtehen, „un den inzuzuſehen wehtheitz⸗ Vorſtellun daſſelbe ju ſolgte noch ſi gwi en würde⸗ unmittel Stücs, ſo m ihr du ten; wenn vi ſi hul trht, ſ und tonnte m muth 2 Sie nahm alſo eine der Eintrittskarten, welche Theobald ihr heute früh im Auftrag des Theaterunternehmers überreicht hatte und die nach Belieben auf alle Plätze des Hauſes lau⸗ teten.„Sie könnten mir“, ſagte ſie mit etwas zögernder Stimme,„einen rechten Gefallen er⸗ zeigen, Herr Miller, wenn Sie mir den Reſt Ihres heutigen Tags ebenfalls noch zur Ver⸗ fügung ſtellen wollten. In unſerm Schauſpiel⸗ hauſe— ich weiß nicht, ob Sie ſchon darin geweſen? Bedienen Sie ſich nur dieſer Karte und fragen Sie nach dem Parterre, ſo wird man Sie ſchon zurechtweiſen— wird heute Abend ein Stück gegeben, es iſt das erſte der Vor⸗ ſtellung— ein Stück, für welches ich mich lebhaft intereſſire— es betrifft eine Wette“, ſetzte ſie herzhaft hinzu:„Wenn Sie nun das Haus gleich nach dem Schluß dieſes erſten Stücks verlaſſen und mir mit wenig Worten melden wollten, wie es Ihnen— ich meine, 272 wie es dem Publicum gefallen hat— o ganz gewiß, Sie verſtehen mich ſchon— es iſt, wie geſagt, eine Wette.— Aber ich müßte mich freilich darauf verlaſſen können, daß Sie nichts zu⸗ noch abthun wollten, ſondern mir Alles getreulich erzählen, wie es ſich zu⸗ Setragen Hermann nahm hocherröthend die Karte; es war das erſte mal, daß er ein Schauſpiel⸗ haus von innen ſehen ſollte, und wie ruhig die Phantaſie des jungen Mannes auch für ge⸗ wöhnlich war, ſo loderte ſie doch hell auf bei dem Gedanken an die Wunder, die ihm bevor⸗ ſtanden.„Ich will Ihren Auftrag ausrichten, gnädige Frau“, ſagte er,„ſo gut ich es ver⸗ mag. Doch darf ich Ihnen nicht verſchweigen, daß es heute das erſte mal iſt, daß ich die Wunderwelt des Theaters ſehen werde; ich fürchte ſehr, der Eindruck wird ſo überwälti⸗ gend für mich ſein, daß ich Ihnen beim beſten 273 — o ganz Wi unvollſtän illen nur ein ſt — e unklare und ² Schilderung werde machen können Damit u —. empfahl er ſich und ei Stunde des A S nfangs nicht zu eſ zu verſäun nen. n, ſondern es ſich zu⸗ die Kartei Schauſpiel⸗ für ge⸗ auf bei ihm bevor⸗ urichten ich es vet⸗ nſchnige ih i werde; ich imili in beſte Achtes Capitel. Ein téte— à—téte. Während Eugenie ſomit in ihrer Dichterqual, voll Angſt und Aufregung, allein zurückblieb, fand in dem entgegengeſetzten Flügel des Hauſes eine Unterredung ſtatt, bei der es ebenfalls an Beängſtigung und Aufregung nicht fehlte. Wir haben Ulrich Schwarz vorhin begleitet, wie er in das Haus ſeiner Gönnerin trat. Der Em⸗ pfang bei ihr war kühler als gewöhnlich, und Ulrich, dem außerdem noch das Verlangen des Zundelheinrich wegen der Brieftaſche auf dem Gewiſſen lag, fühlte ſich die Kehle dermaßen zugeſchnürt, daß die leckere Mahlzeit, welche die Oichterunl zrickblich des Hauſei benfalls an ſchlte. Vi itrt, wie Der Em hnlich, mn rangn d e auf dem edmnßſ ² welche Baronin wie gewöhnlich für ihn hatte zu⸗ bereiten laſſen und die ihn trotz der ſpäten Stunde noch unberührt erwartete, ihm nicht halb ſo gut ſchmeckte als ſonſt. Doch half er ſich nach Kräften und aß in der Angſt ſeines Herzens zwei mal ſoviel wie ſonſt. Die Ba⸗ ronin ſelbſt nahm an der Mahlzeit keinen Theil und hatte überhaupt etwas ungewöhnlich Ernſt⸗ haftes und Feierliches in ihrem Weſen.„Das wird eine ſchöne Geſchichte geben“, dachte Ulrich bei ſich,„die Gnädige hat wieder einmal ihre Marotten, wenn ich da nun noch von der ver⸗ wünſchten Brieftaſche anfange, ſo geht der Spectakel erſt recht los.“— Um ſich Courage zu verſchaffen, ſtürzte er raſch ein paar Gläſer Wein hinter und ſagte dann, den Mund mit den Fingern wiſchend, in ſeiner aus Devotion und Zudringlichkeit gemiſchten Manier: „Gnädige haben gewiß ſchlecht geſchlafen“— Es war dies die Anrede, deren er ſich gewöhnlich 276 gegen ſeine Gönnerin bediente und die ihm gerade die richtige Mitte zwiſchen Reſpect und Vertraulichkeit zu halten ſchien— „Gnädige“, ſagte er,„haben gewiß ſchlecht geſchlafen? Sie ſcheinen mir gar nicht die gnädige Stimmung zu haben wie ſonſt. Oder kommt es vielleicht von der verd— bitte um Verzeihung, wollte ſagen von der Gewitterluft? Sie liegt mir auch in allen Knochen, ſodaß ich mich heute Vormittag ordentlich ſchwach und krank gefühlt habe.“ Er ſetzte, vermuthlich der eben erwähnten Schwäche halber, noch raſch ein Glas Wein darauf und ſah die Matrone mit ſeinen ver⸗ ſchmitzteſten Blicken von der Seite an. Dieſe aber ſchien heute keine Luſt zu haben, auf ſeine Scherzreden einzugehen; ſie nahm die Flaſche vom Tiſche, ſchellte, daß abgetragen werde, und ſagte dann in trockenſtem Tone: „Eſſen und Trinken ſind nur dazu da, un⸗ unt 277 die ihn ſerm Körper die nöthige Kraft zu geben und„ ſpert und uns zu neuer Arbeit vorzubereiten; wer im Eſſen und Trinken kein Maß hält, oder es gar iß ſchlcht zum Zweck macht, der wird auch übrigens im nicht de Leben wenig Löbliches vollbringen“ ſt Odn Ulrich ſaß wie angedonnert; ſo direct hatte bitte um die Gnädige ihm ihre Unzufriedenheit noch nie itteruft! zu erkennen gegeben; er wünſchte ſich in Ge⸗ ſode ih danken weit weg und verzweifelte gänzlich daran, ach und heute noch ſein Anliegen vorzubringen. Eine drückende Pauſe folgte. Endlich hob die Ba⸗ wähnten ronin wieder anz; ſie hatte beide Arme unter⸗ wo 3 Wein geſchlagen und ſtand in ihrer ernſten, vornehmen as Haltung vor Ulrich, wie der Inquirent vor dem inen ver⸗ giſt armen Sünder. n. D ſin„Ueberhaupt“, ſagte ſie,„Ulrich Schwarz, e . iſt es wol endlich Zeit, daß ein Entſchluß ge⸗ e aſch faßt wird wegen Eurer Zukunft. Daß Ihr nicht immer ſo herumlungern könnt und fremder Leute Brot eſſen, das müßt Ihr ſelbſt einſehen; ade, und da Un⸗ ich bin Euch einen großen Dienſt ſchuldig und habe gewiß nicht im Sinne“— hier ſtockte ihre Stimme—„mich meinen Verpflichtungen zu entziehen, Ihr ſollt ſtets und unter allen Um⸗ ſtänden eine gütige und fürſorgende Freundin an mir finden. Aber in der bisherigen Weiſe geht das nun nicht mehr, Ihr müßt einen be— ſtimmten Stand, eine beſtimmte Beſchäftigung ergreifen; wenn es Euch an Kenntniſſen fehlt— Ihr ſeid noch nicht zu alt, um nicht noch ler⸗ nen zu können, und was an mir liegt, ſo will ich es, wie geſagt, an nichts fehlen laſſen, Euch zu einem ordentlichen und geſchickten Manne zu machen. So ſagt denn ſelbſt: wozu habt Ihr die meiſte Luſt? und wofür haltet Ihr Euch befähigt?“ Ulrich glaubte in die Erde ſinken zu müſſen vor Schreck und Scham; alle ſeine goldenen Träume zerflatterten auf einmal. Arbeiten? Ja wenn er arbeiten wollte, wozu wäre er chuldig und ſtockte ihr chtungen ju nallen Un⸗ e Frendin tigen Peſ ſt einen bi eſchiftigun ſin ſcht ht noch le gt, ſo wil aſſn, Euc Manne u habt h tIyr bu n niſſ ne geldenmn Nbeiten u wäre“ 279 denn ein Vagabond geweſen Zeit ſeines Lebens? Und warum hatte die Gnädige ſich von ihm retten laſſen und hatte ihn an das behagliche Leben gewöhnt, wenn ſie ihn hinterdrein doch nur wieder in das alte Elend zurückſtoßen wollte? In größter Verwirrung würgte er an einem Bisquit, den er in der Hand zurückbehalten hatte, und ſagte dann, auf beiden Backen kauend: „Gnädige müſſen entſchuldigen, ich bin eine vater- und mutterloſe Waiſe und habe niemals eine rechte Erziehung genoſſen; etwas Tüchtiges lernen möchte ich ſchon, denn Wiſſen ziert den Mann, das haben ſie mir ſchon in der Schule geſagt; aber es müßte nur nicht ſo etwas Schweres ſein; wenn man ſo bald ſeine vierzig Jahre auf dem Nacken hat, wiſſen Sie, Gnä⸗ dige, da wird der Kopf ein wenig hart....“ „Ihr ſollt zu nichts gezwungen werden“, entgegnete die Baronin,„ich will nur wiſſen, 280 was Euer eigener Wunſch iſt und wie Ihr ſelbſt Euer Leben einzurichten gedenkt. Sprecht alſo frei heraus— ſo frei“, ſetzte ſie hinzu,„als ob ich Eure Mutter wäre und Ihr wäret der verlorene Sohn, der nach langer mühſeliger Irrfahrt in das älterliche Haus zurückkehrt.“ Der gütige Ton, mit dem ſie dieſe letztern Worte ſagte, richtete Ulrich's Muth wieder auf; er hoffte noch immer, dem peinlichen Geſpräch durch irgendeinen ſcherzhaften Einfall eine beſ— ſere Wendung zu geben.„Verlorener Sohn“, ſagte er ſchmunzelnd:„da haben Gnädige wie⸗ der einmal einen vortrefflichen Einfall; war das nicht der Dings da, der ſeines Vaters Schweine hütete und von den Trebern eſſen mußte? Danke ſchön“— indem er mit der Hand über den Mund fuhr—„das muß ein ſchlechtes Eſſen ſein, der Gnädigen ihr Braten iſt mir lieber. Aber wenn ich denn wirklich frei herausreden ſoll“, lenkte er ein, da er ſah, wie ſeine Scherz⸗ nat Irſilſ recht alſt zu,„al wäret der mihſeliger ckehrt“ eſe lebtern ieder auf Geſptich eine beſ Sohn“ dige wie⸗ war da Schwein 2 Danke iber den hus Eſſn nir liber nuureden Schetzʒ 281 reden ihre Wirkung verfehlten und die Stirn der gnädigen Frau ſich von neuem verdunkelte— „wirklich ſo ganz frei, wie mir ums Herz iſt...“ „Ganz frei“, bekräftigte die Baronin:„ich bin von Euch überzeugt, daß Ihr nichts Un⸗ verſtändiges wünſchen werdet—“ Ulrich hatte ſich in den bequemen Armſeſſel weit zurückgelehnt; mit ſchmunzelnden Blicken ſah er auf ſeine Fußſpitzen hernieder, mit denen er allerhand künſtliche Pirouetten vollführte. „Wenn ich denn doch einmal einen Stand wäh⸗ len ſoll“, ſagte er endlich—„Seiltänzer iſt ein ſchönes Gewerbe, und niemals habe ich mich ſo wohlbefunden, als wie ich bei dieſer Kunſt war. Jetzt bin ich zwar ein wenig zu ſteif ge⸗ worden, um noch ſelbſt auf dem Seil zu arbeiten: aber Director einer Seiltänzerbande, das wäre ſo das Schönſte und Höchſte, was ich mir auf meine alten Tage wünſchen könnte. Es dürfte natürlich nichts Gewöhnliches ſein“, ſetzte er 282 eiftig hinzu,„keine kleine Schmiere, ſondern ein ordentliches honnetes Unternehmen, mit hüb⸗ ſchen Frauenzimmern und ſchönen Coſtümen, und für einen Bajazzo wollte ich ſorgen, der ſollte ſich gewaſchen haben....“ Er hielt grinſend inne, indem er an ſeinen „alten Mann“ dachte. lan nie re, ſondern n, nit hüb Coſtümen der* ſwn Ueuntes Capitel. ſtr Fortſetzung. er an ſein Während Ulrich ſo ſprach, war die hohe Ge⸗ ſtalt der alten Baronin noch immer höher und mächtiger geworden, ſie wuchs gleichſam vor ihm aus dem Boden; dazu ſchoſſen ihre Augen Blitze, und der ernſte, ſtrenge Mund zitterte vor innerlicher Bewegung. Da Ulrich zu Ende, drehte ſie ſich ſchweigend um; ein Gefäß mit Blumen, das neben ihr auf der Conſole ſtand, warf ſie mit einer Heftigkeit zur Erde, daß die Splitter weit umherflogen. Dann ging ſie lange Zeit mit verſchränkten Armen auf und nieder. Ulrich, der ſie noch niemals ſo heftig 284 geſehen, wagte kaum zu athmen. Endlich ſetzte„ ſie ſich ihm wieder gegenüber, und mit der gleich⸗ Hi gültigſten Stimme von der Welt, als ob gar ſch nichts paſſirt wäre, ſagte ſie: N „Ihr ſeid verheirathet, Ulrich Schwarz?“ Ulrich war es nicht anders als ob ein Blitz be vom Himmel vor ihm niederführe, die Ohren ſ ſummten ihm ordentlich. Es war das erſte mal, daß die gnädige Frau von ſeinen Angehörigen irgendwelche Notiz nahm— und nun nach dieſer Scene und in dieſem Zuſammenhange, l was konnte es ihm bedeuten? In ſeiner Be⸗ er ſtürzung nicht ein noch aus wiſſend und weil ihm das Ja ſo gefährlich ſchien wie das Rein, 4 begnügte er ſich, ſeine Gönnerin mit blödem Lä⸗ 2 cheln anzuſtieren, als ob er ſie nicht recht ver⸗ ſtanden hätte. di 3 Allein ſo leichten Kaufs wollte dieſe ihn nicht entlaſſen; mit herriſcher Stimme wieder⸗ holte ſie ihre Frage. Ulrich, der nun wol ant⸗ gut — — Endlich ſetzt it der glich als ob gor Schwatz!“ ob ein Bli „ die Ohrn as erſte m ungirg nun noch nnenhange ſünet Be d und wil i dus Nin tblůdem vel t ucht n n diſ in mn viedt n wol u worten mußte, zuckte die Achſeln.„Du lieber Himmel“, ſagte er:„ein bischen; es ſteht ja ſchon in der Bibel, daß es nicht gut, daß der Menſch allein ſei....“ Aber Frau von Schwarzenfeld hielt ihn feſt bei der Stange; ſie fragte weiter:„Woher ſtammt Eure Frau? Wie ſeid Ihr zu ihr ge⸗ kommen? Habt Ihr Kinder?“ Der ehemalige Seiltänzer hielt es ſeinem Vortheil gemäß, dieſe verſchiedenen Fragen mög⸗ lichſt einzeln und ausführlich zu beantworten; er gewann damit wenigſtens an Zeit und konnte vielleicht ſeine Antworten ſo einrichten, wie die Baronin ſie zu hören wünſchte. Er zuckte die Achſeln, blies beide Backen auf und ſagte dann in einem halb geringſchätzigen, halb mitlei⸗ digen Ton: „Jugendthorheit, Gnädige, reine Jugend⸗ chorheit! Ein armes Nähtermädchen— das gute Kind hatte ſich in mich verliebt— ich 286 war ein ſchöner Junge zu meiner Zeit, Gnädige können es mir glauben, und dazu mein weiches Herz—. Mein weiches Herz iſt eigentlich an all meinem Unglück ſchuld; hätte ich freilich ahnen können“, ſetzte er mit frechem Lächeln hinzu,„daß ich jemals die Ehre haben würde, ſolche vornehme Bekanntſchaft zu machen...“ Aber die Gedanken der Baronin waren hin⸗ ter ſeinen Worten zurückgeblieben.„Habt Ihr Kinder?“ fragte ſie nochmals. „Einen einzigen allerliebſten Jungen“, ver⸗ ſicherte Ulrich mit wohlgefälligem Ausdruck. „Armen Leuten ſind viele Kinder nichts nutz, da⸗ für iſt dies aber auch ein wahrer Prachtkerl, ein bischen zurück mit der Geſundheit, weil meine Frau ſich auf Kinder nicht verſteht und das arme Wurm wegen unſerer großen Armuth auch wol nicht immer die richtige Pflege gehabt hat. Aber was den Geiſt anbetrifft, da ſucht er ſeines Gleichen; auch beſchäftige ich mich kur Zei 287 it, Guidige nur mit ihm und widme ihm meine ganze mein weiches Zeit.“ igentlih u Die Baronin ſchauderte zuſammen; ſie ge⸗ ih ſult dachte der abgezehrten, faſt blödſinnigen Kinder⸗ hem Licheln geſtalt, die einige Monate zuvor auf der Land⸗ aben witde ſtraße, bei dem Abenteuer mit dem Wagen, ſie un mit den großen, glanzloſen Augen angeſtarrt waren hin hatte Nur mit Mühe unterdrückte ſie ihre Be— gaht Ih wegung.„Und ſeid Ihr glücklich in Eurer Ehe, Ulrich Schwarz?“ fragte ſie. gn“ n Der Gefragte ließ beide Daumen umein⸗ dut anderſpielen, während er die Augenbrauen faſt über die Stirn zog.„Gnädige wiſſen wol“ erwiderte er endlich,„wie das ſo geht: Ehe⸗ ſtand Weheſtand, es iſt ein altes Sprüch⸗ ht nut de rchtlerl, in eil min. und de*— ie Augen der Baronin leuchteten; ein Lä⸗ en umb cheln der Befriedigung flog über ihre ernſten flege. Züge.„Und es würde Euch alſo wol nicht .„ allzu ſchwer fallen, Euch von Eurer ſogenannten —————— 288 Frau zu trennen? Seid Ihr denn wirklich ordentlich getraut miteinander?“ „Ordentlich getraut“, verſicherte Ulrich mit Nachdruck:„ins Kirchenbuch geſchrieben, unter⸗ ſiegelt und Alles. Aber was das Trennen be⸗ trifft— je nun, die Länge hat die Laſt, die Jüngſte iſt meine Alte auch nicht mehr, und mit der Zärtlichkeit, glaube ich, läßt es ſich bei ihr ebenfalls halten. Wenn ſich alſo eine paſſende Veränderung für mich fände— ich glaube, ſie würde nicht allzu ſehr wider⸗ ſtreben Die Baronin trat ans Fenſter und ſchaute der Sonne nach, die ſich zum Untergang neigte. „und wie würde es dann mit dem Kinde?“ fragte ſie, ohne ſich umzuſehen. Ulrich ſprang geräuſchvoll empor.„Nein“, rief er,„Gnädige, das Kind müßte ich behalten, unter allen Um⸗ ſtänden, es iſt das Einzige, woran mein Herz noch hängt und woran ich Freude habe auf der ——— di ſi enn witklich e Ulrich nit ieben, unter Trennen be t die Lſ, nicht meht ich, lßt m ſih alſ ch finde— ſehr wider und ſchall gung nigt n Kinde! ltih ſrun „Gnidi olln lm mein Hu abe uf 289 Welt. Bieten Sie mir Reichthum, Rang, Alles— meinen calten Mann gebe ich nicht heraus! Ein Vater, der ſein Kind verlaſſen könnte— ſolch ein kluges, gutes, krankes Kind— es wäre ja auch gar zu nichts⸗ würdig. 3 Frau von Schwarzenfeld drehte ſich raſch um, ſie ſah Ulrich lange und durchdringend an aber ihr Blick war mild und gütig.„Ihr ſeid doch wol zuletzt ein guter Menſch, Ulrich Schwarz“, ſagte ſie mit bewegter Stimme, in⸗ dem ſie ihm mit der Hand leiſe über die wohl⸗ friſirten Locken fuhr:„Ihr habt ganz Recht, ſeine Kinder ſoll kein Menſch verlaſſen, mögen ſie hübſch oder häßlich, klug oder dumm, gut oder böſe ſein, es ſind eben unſere Kinder, welche zu lieben und zu pflegen menſchliches und göttliches Gebot uns befiehlt, und wer dieſes Gebot verletzt, der kann keinen Frieden finden auf Erden.“ Der Muſikantenthurm. II 13 290 Das war gewiß ſehr wahr und chriſtlich geſprochen: aber warum fiel der guten Dame nicht ihr Sohn Rudolf dabei ein? Warum war ſie nur gegen ihn unverſöhnlich und hatte keine Nachſicht mit ſeinen Thorheiten und Fehlern? Doch lag ihr der Gedanke an ihren Sohn Rudolf jetzt wol ſehr fern; ſie ſetzte ſich ver⸗ traulich neben Ulrich und ſagte:„Ueberlegt Euch denn noch einmal in Ruhe, was ich Euch vorher geſagt habe, es iſt nöthig, daß Ihr einen beſtimmten Stand ergreift und über⸗ haupt ein anderes Leben anfangt; Eure Haare fangen ſich an zu färben und meine haben es bereits gethan, wenn wir einander noch glücklich ſehen wollen, müſſen wir uns dazu⸗ halten.“ Einander glücklich ſehen?! Ulrich ſchwin⸗ delte vor Freude, wie vorhin vor Schreck: ein⸗ ander glücklich ſehen! und Scheidung von ſeiner d chriſlich uten Dane 2 Warm hund hatte heiten und ihren Sohn zte ſich ver „Ueberleg wes it chig, deß und über Eurt Ham neine hobl under not uns dezl tich ſchwin zchrut in rn ſein 291 Frau! Deutlicher konnte die Baronin ihm doch nicht zu verſtehen geben, daß ſie in ihn verliebt bis über die Ohren und ihn mit näch⸗ ſtem heirathen werde; er hielt mäuschenſtill, mit eingedrückten Augen, wie ein Vogel, dem die Federn gekraut werden. Die Baronin aber fuhr fort: „Ich fahre heute Abend auf das Gut hinaus, es iſt möglich, daß ich einen oder zwei Tage draußenbleibe; benutzt dieſe Zeit, Ulrich Schwarz, mit Euch ſelbſt zurathe zu gehen, und haltet Euch überzeugt, daß ich meine Hand unter kei⸗ nen Umſtänden von Euch ziehen werde und daß Ihr ſtets eine treue Freundin an mir haben ſollt— ich danke Euch vielleicht das Le⸗ ben“ fügte ſie halblaut hinzu,„aber jedenfalls noch mehr als das Leben....“ Das klang nun, den nur halb verſtandenen Nachſatz abgerechnet, ſchon wieder etwas kühler; auch war es Ulrich gar nicht recht, daß die 13* 292 Baronin allein aufs Land fuhr, ohne ihn, wie wol früher geſchehen, zur Begleitung einzuladen. Doch mußte er ſich darein fügen, indem der Wagen bereits vorgefahren war und er ſich doch nicht ſo geradezu aufdringen konnte. Erſt in⸗ dem er ſie die Treppe hinabbegleitete, fiel ihm das Verſprechen wieder ein, das er dem Zundel⸗ heinrich gegeben. Die Baronin hatte den Fuß bereits auf dem Wagentritt, als er mit ſtot⸗ ternden Worten der Brieftaſche erwähnte und die Bitte ausſprach, falls ſeine alten Sachen noch vorhanden wären, doch gelegentlich darin nachſuchen zu laſſen. Seine Gönnerin nahm die Bitte ſcheinbar mit großer Gleichgültig⸗ keit auf; ſie werde der Dienerſchaft befehlen nachzuſehen, was ſich finde, ſolle er natürlich haben. Unter dieſen Worten zogen die Pferde an, und der Wagen entſchwand ſeinen Blicken. Ulrich blieb einigermaßen misvergnügt zurück; itn ö es waren doch am Ende wieder nur lauter un⸗, te ihn, w inzulade gewiſſe Reden und Verſprechungen, was die Ba⸗ ronin ihm ertheilt hatte, und der Zundelheinrich indem der hatte am Ende doch Recht, daß es beſſer ſei, er ſich do S giß i einmal tüchtig zuzugreifen, als ſich mit dieſer i langen und doch vielleicht unfruchtbaren Erwar⸗ e, fiel ihn zu tung hinzuziehen. Unwillkürlich drehte ſich ſein em Zunde 3 Blick in die Höhe nach den Fenſtern der Ba⸗ te den Fu:; 3 ſſ B ronin, wo die Vorhänge bereits herabgelaſſen mit ſtot und alle Zeichen des Lebens verſchwunden waren. „Das iſt ein altes wüſtes Haus“, dachte er, „und trotz der vielen Dienerſchaft, die ſie hal⸗ ähnte und en Sachen ſich darin utlich de ten, müßte es eben keine Hexerei ſein, ſich da nerin nohn als ungebetener Gaſt hineinzuſchleichen.. 1 Fleichgült War es die Fortſetzung dieſes Gedankens, eft behl oder kam ihm die Langeweile, die im Muſikan⸗ er natirit tenthurm ſeiner wartete, zu abſchreckend vor, genug, er änderte den vorhin geäußerten Vor⸗ pfnde un ſatz und beſchloß, die inzwiſchen völlig ein⸗ un Blice gebrochene Dunkelheit benutzend, ſeinen Freund ſigt zuru „ 294 Zundelheinrich dennoch im„Grünen Ochſen“ aufzuſuchen und dabei die Bekanntſchaft des Wirths, als eines vielverſprechenden Mannes, zu machen. chſen“ aſt des Rannes, Zehntes Capitel. Die Begegnung. Mittlerweile war„Die böſe Frau“ glücklich über die Breter gegangen. Es war ein kleines, anſpruchloſes Stück, zu dem Eugenie die Mo⸗ tive aus ihrem eigenen häuslichen Leben ent⸗ nommen hatte. Und eben deshalb vielleicht hatte es eine Naturwahrheit und Lebendigkeit, welche die Zuſchauer erfreute und rührte. Eine junge Frau aus einer fremden Gegend, mit eigenthümlichen Sitten und Gewohnheiten, wird in eine patriarchaliſch abgeſchloſſene Familie ver⸗ heirathet, die mit eiſerner Zähigkeit an der Art ihres Landes feſthält und alles Fremde für böſe und verdorben erklärt. Auch die junge Frau vwot hat unter dieſem Vorurtheil zu leiden, und der ud wohlmeinende, aber ſchwache Mann thut nichts, demſelben entgegenzutreten. Häusliche Unfälle ſn kommen dazu, die Verwirrung zu ſteigern, und uſ an allem Unheil, welches das Haus betrifft, ſoll w immer die böſe fremde Frau die einzige Schuld In haben. Dieſe aber hat im Gegentheil in aller Stille für Abhülfe der Bedrängniß Sorge ge— vin tragen, der Erfolg begünſtigt ſie, ſie ſteht als Schirm und Retterin der Familie da, und das u Ganze endet mit Verſöhnung und Frieden. iſ Das war, wie man ſieht, eine ziemlich ein⸗ ih fache Fabel, und auch an der Ausführung hätte„ eine ſtrengere Kritik gewiß manche erhebliche un und wohlbegründete Ausſtellung zu machen ge⸗ hn habt. Allein das Publicum, das dergleichen ſil Zuſtände und Verwickelungen, mehr oder minder im ₰ ähnlich, wol ſchon ſelbſt erlebt hatte, fühlte leſ ſich von dem kleinen Gemälde freundlich ange⸗ ſche ge Ftan und der nichte Unfill rn, und ift, ſol Schuld in alle rge ge⸗ eht als lich ein hätte theblich chen g tgleiche minde fühlte ange ſprochen und gab ſeinen Beifall durch laute und häufige Acclamationen zu erkennen. Und da nun auch die Schauſpieler ihren Rollen gewach⸗ ſen waren und, von Theobald angeregt, mit Luſt und Eifer ſpielten, ſo konnte es immerhin geſchehen, daß, als der Vorhang fiel, ein all⸗ gemeines Bravorufen erſcholl und man mit Un⸗ geſtüm den Namen des Verfaſſers zu erfahren wünſchte. Theobald war über dieſen Erfolg vor Freu⸗ den ganz außer ſich; wenn er ſelbſt der Ver⸗ faſſer des Stücks geweſen, hätte ſein Triumph nicht größer ſein können. Auch paßte derſelbe ganz in ſeinen Kram: er war jetzt Verleger und brauchte einen Modeſchriftſteller, der für ihn ſchrieb, oder noch beſſer, eine Modeſchrift⸗ ſtellerin, da dieſe bekanntlich, wenn ſie es erſt einmal ſo weit gebracht haben, noch viel eifriger geleſen werden und viel enthuſiaſtiſchere Leſer zählen als die männlichen Autoren. Was konnte 138* ——— ihm unter dieſen Umſtänden erwünſchter kom⸗ men als dieſer öffentliche Succeß ſeiner geiſt⸗ reichen Freundin? Er hielt es deshalb auch gar nicht mehr für nöthig, das Geheimniß ihrer Autorſchaft zu verbergen; an einem glücklichen Theaterabend vergibt ein Dichter viel, und eine Dichterin gewiß nicht weniger. Darum lief er denn eifrigſt von Loge zu Loge und flüſterte Jedem, der ihn irgend hören wollte, den Na⸗ men der Verfaſſerin ins Ohr: natürlich immer unter den dringendſten Beſchwörungen, keinem Menſchen ein Wort davon zu ſagen, was denn ebenſo natürlich zur Folge hatte, daß in kurzer Zeit das ganze Haus wußte, die Verfaſſerin der„Böſen Frau“ ſei Niemand anders als Frau Regierungsräthin von Schwarzenfeld. Die mei⸗ ſten Geſichter, wenigſtens auf den erſten Rän⸗ gen, wurden bei dieſer Enthüllung ziemlich lang; ja Viele fanden jetzt auf einmal, daß das Stück doch eigentlich recht unbedeutend, und es ſei nur tet ken⸗ das vortreffliche Spiel geweſen, was ſie im net giſ Augenblick ſo hingeriſſen. Theobald, in der alb auch Freude ſeines Herzens, merkte von dieſer ver⸗ miß ihre änderten Stimmung nichts; er wäre am liebſten lickichen gleich in Perſon zur Regierungsräthin hingeeilt, um ihr die frohe Nachricht zu verkünden. Doch nlif e beſtand Rudolf mit Heftigkeit darauf, das komi⸗ ſliſn ſche Liederſpiel noch abzuwarten, und da Theo⸗ und eine bald nicht wußte, wieviel von dem allgemein verbreiteten Gerücht auch Rudolf zu Ohren ge⸗ kommen und welche Aufnahme daſſelbe bei ihm gefunden, ſo that er ihm den Willen. In der That war der Name ſeiner Frau ſo dicht vor Rudolf's Ohren geflüſtert worden, daß er ihn unmöglich hatte überhören können. Die Neuig⸗ den No⸗ ch immer keinem as denn in iurzet zfſtuin ls ʒ keit traf ihn ſo unerwartet, daß er für den Die mii Augenblick zu keinem Entſchluß gelangen konnte. Auch war Einiges in dem Stück, was ihn, eben weil es ſo nahe an ſein eigenes Eheleben ſtreifte, eigenthümlich betroffen und das beſſere Theil ſen Rin⸗ lich lung de Stüc ſü mn — 300 in ihm wieder einmal angeregt hatte, ſodaß er der einſamen, verkannten Frau mit Wehmuth gedachte und ihr den kleinen Triumph nicht misgönnte. Es war noch Einet im Schauſpielhauſe, dem hatte Niemand den Namen der Regierungsräthin zugeflüſtert, und doch hatte er ſie bei den erſten Worten des Stücks ſofort erkannt. Das war Hermann. Im hinterſten Winkel des Parterre ſaß er in wunderbarer Aufregung und ließ die Macht der Muſik, den Glanz der Lampen, den ungewohnten Zauber der Decorationen, das freudige Summen der zahlreichen, zum Theil feſtlich geputzten Verſammlung, kurzum alle jene unnachahmlichen und unbeſchreiblichen Eindrücke, welche der erſte Abend im Theater hervorbringt, auf ſich einwirken. Aber dieſe Einwirkung ver⸗ ſchwand, ſowie die erſten Reden und Gegen⸗ reden des Stücks vorüber waren und er nicht mehr zweifeln konnte, daß dies ein Werk der ſodaß er Wehmuth ph nicht uſe, dem görithin en erſten Das war Parterre ließ die ven, den n, das m Theil glle jent indrüct, orbring ung ber Gegel er nicht n„k der ßerk ot jungen Baronin, das er ſelbſt vor kurzem aus ihrer Handſchrift abgeſchrieben. Die ungewohnte Aufregung wich nun einem ſtillen, freudigen Behagen; er fühlte ſich ganz vertraut mit dem Stück, und obſchon der Inhalt, wegen der ganz andern, nur auf die höhere Geſelligkeit berech⸗ neten Beziehungen, ihn nur in mäßigem Grade intereſſirte, ſo verfolgte er den Gang der Scenen doch mit lebhafter Theilnahme und freute ſich an jedem gutgeſagten Wort und jedem Bei⸗ fallruf, der daſſelbe belohnte. Als am Schluß des Stücks ein donnernder Bravoruf erſcholl, die hervorgerufenen Schauſpieler ſich dankend verneigten und wieder von allen Seiten lauter Beifall und Zuruf erfolgte, erſchrak er anfangs und fühlte, wie er in Eugenie's Seele roth und verlegen ward. Gleich darauf aber erin⸗ nerte er ſich an das Verſprechen, das er der jungen Frau gegeben, und eilte durch die dun⸗ keln Straßen— es ſtand Mondſchein im Ka⸗ 302 lender, und da wurden in dieſer löblichen Stadt, wie in mancher andern noch, die Laternen nicht angezündet— rraſch dem Schwarzenfeld'ſchen Hauſe zu. Auch dieſes lag dunkel und ſchweigend; wenn, wie heute, die alte Baronin nicht zu Hauſe und der Abend hereingebrochen war, pflegte das große Hauptthor verſchloſſen zu werden und nur eine kleinere Seitenthür offen⸗ zubleiben, die erſt durch ein Gewirr von Trep— pen und Gängen in das Innere der Wohnung führte. Wie es zu geſchehen pflegt, wenn die Herr⸗ ſchaft nicht zu Hauſe iſt— Eugenie und der blinde Alfred wurden nicht für voll gerechnet— ſo auch diesmal: die Dienerſchaft war ausge⸗ flogen, und ſogar die Beleuchtung auf den weit⸗ läufigen Corridoren war vergeſſen worden. Her⸗ mann, der von ſeinen öftern Geſchäftsgängen in dem Hauſe ſo ziemlich Beſcheid wußte, fand en Stadt, nen niht feldſchen weigend; nicht zu hen wa, loſſen ür offn⸗ on Trey⸗ Bohnung die Herr und der echnet— ar ausgt den wi en. Ho igingn fand ſich leidlich zurecht. Dennoch fuhr er nicht wenig zuſammen, als plötzlich ſein Fuß an einen har⸗ ten Gegenſtand, wie eine Kiſte oder Dergleichen, ſtieß, und gleich darauf eine Stimme ihn durch die Dunkelheit anredete. „Kommt hier Jemand“, ſagte die Stimme, „der in dieſem Hauſe bekannt iſt? So bitte ich Licht zu bringen und mich zu der Frau Ba⸗ ronin von Schwarzenfeld zu führen.“ Hermann gerann das Blut zu Eis; welch eine Stimme war das?! Aus welchem Grabe tönte ſie?! Nicht als ob ſie grabeshohl und dumpf geklungen hätte, im Gegentheil, ſie klang ſanft und lieblich und mußte von einem jungen, ſchönen Munde kommen. Aber indem Hermann ſie hörte, ging ein ungeheurer Schmerz durch ſeine Seele; es ergriff ihn eine wüthende Sehn⸗ ſucht, daß er hätte mögen hinausrennen in alle Welt und ſeine Angſt und Qual und Jubel und Wonne in alle Winde rufen. Er hatte dieſe Stimme ſchon einmal gehört, kein Zweifel: aber wo? wann? von wem? Die Stimme wehte ihn an wie der Hauch von Blumen, die an einem lange vergeſſenen Ort gelegen und ihren Duft zurückgelaſſen haben, während ſie ſelbſt längſt verwelkt und in Staub zerfallen ſind. Seine eigene Stimme zitterte, indem er die unbekannte Erſcheinung erſuchte ihm die Hand zu reichen, er ſei mit dem Wege bekannt und wolle ſie zur Frau Baronin(wobei er nur an die junge Frau Baronin, die Regierungsräthin, dachte) führen. „Das geht nicht an“, ſagte die Stimme ruhig,„ich habe hier mein Kofferchen bei mir, das kann ich nicht verlaſſen; der grobe Kutſcher hat mich an der Straßenecke ausgeſetzt und meinte, ich würde den übrigen Weg wol finden; da habe ich mich im Dunkeln bis hierher ge⸗ tappt und warte nun, bis ein Menſch kommt. Bitte, wenn Sie hier wirklich bekannt ſind, ſo dann ihm ſicde Zweifel Stinme men di nd ihrn ſie ſelbſt en ſind. ie Hand nnt und nur an 6rithin Stimme bei mir utſche ſetzt und l finden erher g konmt ſind, o 305 rufen Sie nach Licht, das Uebrige wird ſich dann ſchon finden.“ Hermann gehorchte der Auffoderung; indem er ſich den dunkeln Gang entlangfühlte, war ihm wie einem Trunkenen zumuthe. Das Blut ſiedete ihm in den Adern; erſt die Aufregung im Schauſpielhauſe und nun dieſe geheimniß⸗ volle Begegnung ſchmolzen vor ſeiner Phantaſie zu einem wunderbaren Ganzen zuſammen, das ihn in die ungeheuerſte Aufregung verſetzte. Endlich war der Vorſaal erreicht, und mit zitternder Hand ſuchte er nach der Klingel. Aber die Regierungsräthin hatte bereits auf ſeinen Tritt gelauert und öffnete ihm wiederum ſelbſt die Thür. Er war ſo aufgeregt, daß er nur ſtammeln konnte; die Regierungsräthin deu⸗ tete dies auf ſeinen Antheil an dem Stück und hing mit fragenden Blicken an ſeinem Munde. Hermann verſtand ihre Blicke.„Es iſt Alles vortrefflich gegangen“, rief er,„die Leute haben 306 geweint, gelacht und Bravo geſchrien, die Schauſpieler ſind herausgerufen— aber ich glaube, gnädige Frau“(indem er auf den dun⸗ keln Gang zurückdeutete, wo die Unbekannte auf ihrem Kofferchen ſaß),„Sie bekommen hier einen Beſuch....“ Eugenie's Spannung war ſo groß geweſen, und die Freude über den Erfolg ihres Stücks war ſo lebhaft und natürlich, daß ſie alles An⸗ dere überhörte; mit einem lauten Schrei des Entzückens, von ihrer Autorfreude hingeriſſen, fiel ſie dem jungen Manne um den Hals, um gleich darauf beſchämt und erröthend zurück⸗ zutreten. Aber Hermann war noch viel beſchämter. Eine Umarmung unter dieſen Umſtänden hätte, glaube ich, einen Joſeph nicht verletzen können: er aber fühlte ſich in der That verletzt und beunruhigt.„Sie bekommen einen Beſuch, gnä⸗ dige Frau“, wiederholte er dringend.... — A Vach in de lang icht lang whi man tde verri den Sy Kla Fre dem ien, die abet ich den dun annte uf men hier geweſen s Stüc alles An hrei des geriſſen, als, um ʒurü⸗ ſchimter en hitt können lett un uch, gi 30 Auch Eugenie's Verlegenheit war nun im Wachſen, der volle Schein der Lampe, die ſie in der Hand trug, fiel den dunkeln Gang ent⸗ lang auf die Fremde, die inzwiſchen, von dem Lichtſchein zurechtgewieſen, mit ihrem Kofferchen langſam herankam und die ſeltſame Gruppe mit ruhig prüfendem Blick betrachtete. Auch Her⸗ mann betrachtete die Fremde—— O all ihr Mächte des Himmels und der Erde, wachte er oder träumte er?! War er verrückt geworden, und die Erſcheinung, die da den Gang heraufgewandelt kam, war nur ein Spiegelbild ſeiner zerrütteten Sinne?! Es war Klara, Klara, wie ſie leibte und lebte, die holde Freundin ſeiner Jugend, ſeine Genoſſin aus dem ſtillen, kleinen Pfarrhauſe.... Elftes Capitel. Eine arme Verwandte. Vor Ueberraſchung mehr todt als lebendig, hatte Hermann ſich abſichtlich in den tiefſten Schatten zurückgezogen. Die Erſcheinung war 4 inzwiſchen dicht herangetreten. Mit klarer, ſicherer Stimme ſagte ſie, ſich an die Baronin wendend— und es war Hermann jetzt un⸗ begreiflich, wie er dieſe ſo holde, ſo heißgeliebte Stimme nur jemals hatte verkennen können: „Ich bin die Enkelin von Klara von Froide⸗ ville, der Schweſter der Baronin von Schwar⸗ zenfeld. Vor einigen Monaten iſt auch ſie ge⸗ ſtorben, nachdem ich ſchon lange vorher Vater lebendig, n tiefſten wung wa: it klarer Baron jeht un iſgeitb fönnen: on w E ic ſi 9 her Vol und Mutter verloren hatte; ihr letzter Blick be⸗ ſchwor mich, ihre Schweſter aufzuſuchen, nämlich falls dieſelbe noch lebt, und durch kindliche Erge— benheit und Demuth den langjährigen Hader zu verſöhnen, der die beiden Schweſtern getrennt hatte und an den meine gute Großmutter in der letzten Zeit ihres Lebens nie ohne das tiefſte Bedauern zurückdenken konnte. Sind Sie viel⸗ leicht“, fuhr ſie fort, indem ſie die großen kla⸗ ren Augen über Eugenien gleiten ließ,„die Tochter der Frau Baronin? So haben Sie die Güte, mich Ihrer Frau Mutter zu melden, ich will mich Niemand aufdringen, ich erfülle nur den Willen einer Todten, und wenn ich in dieſem Hauſe unwillkommen bin, ſo werde⸗ ich meinen Weg trotz Nacht und Dunkelheit zu finden wiſſen.“ „Sie meinen ohne Zweifel meine Schwieger⸗ mutter“, entgegnete Eugenie, einigermaßen be⸗ treten durch das feſte Auftreten des jungen Mädchens und doch auch wieder gewonnen durch das Anmuthsvolle ihrer Erſcheinung: „Ich bin die Regierungsräthin von Schwar⸗ zenfeld, ihr einziger Sohn Rudolf iſt mein Mann.“ „Ich bin mit der Familiengeſchichte des Schwarzenfeld'ſchen Hauſes nicht bekannt“, ver⸗ ſetzte Klara— denn ſie war es in der That— mit gleichmithigem, aber beſcheidenem Tone, „und bitte daher um Entſchuldigung, wenn ich mich an die unrechte Stelle gewendet habe. Der Kutſcher, der mich im Stellwagen bis hierher brachte, ſagte mir, dies ſei das Schwar⸗ zenfeld'ſche Haus; kann ich vielleicht die Ehre haben, der Frau Baronin vorgeſtellt zu werden? oder befehlen Sie, daß ich morgen wieder vor⸗ ſpreche?“ Nach kurzem Beſinnen erwiderte die Regie⸗ rungsräthin:„Sie treffen es inſoweit nicht glücklich heute, als meine Schwiegermutter ſoeben uf i Dien gen; ohne wie des Obet bon gewonen rſcheinung n Schwar⸗ f iſt min ſchichte des annt“ vll er That— nm Ton wenn ic ndet habe wogen bi 4ehn t die Eh u werden wieder vo die Rehl utet ſocb 311 auf ihr Landgut gefahren iſt und, wie ich von der Dienerſchaft hörte, vermuthlich erſt in einigen Ta⸗ gen zurückkommen wird. Mir ſelbſt“, fuhr ſie nicht ohne leiſe Bitterkeit fort,„geht es einigermaßen wie Ihnen: ich kenne die Familienbeziehungen des Schwarzenfeld'ſchen Hauſes ebenfalls nur ſehr oberflächlich und habenamentlich niemals von Klara von Froideville, Ihrer Großmutter, gehört....“ „Das iſt“, entgegnete das junge Mädchen mit unerſchütterlicher Ruhe,„ſehr natürlich, da, wie ich ſchon die Ehre hatte Ihnen zu ſagen, die beiden Familien ſeit langen Jahren in be⸗ klagenswerther Zwietracht gelebt haben. Aber vielleicht zweifeln Sie an meiner Perſon und halten mich für eine verſchmitzte Abenteurerin? Hier“, ſagte ſie, indem ſie ein ſaubergefaltetes Papier aus der Taſche zog,„iſt mein Paß, und hier iſt auch ein Brief meiner Großmutter, den ich aber nur ihrer Schweſter, der ältern Frau von Schwarzenfeld, der Schwiegermutter der Frau Regierungsräthin, geben kann— das heißt, wenn ſie ihn annehmen will.“ Die Baronin fühlte etwas wie eine leiſe Beſchämung. Mit beiden Händen die Papiere abwehrend, ſagte ſie:„Ich glaube Ihrem Ge⸗ ſicht und Ihrer Stimme; auch iſt es, wenn ich mich auch Schwarzenfeld'ſchen Blutes nicht rüh⸗ men darf, doch meine Art nicht, einem jungen Mädchen bei Nacht und Dunkelheit in einem fremden Orte meinen Schutz zu verſagen. Blei⸗ ben Sie über Nacht hier und beſprechen Sie morgen früh oder auch noch heute Abend mit meinem Mann, Ihrem Vetter, das Nähere.“ Damit faßte ſie die Fremde bei der Hand und wollte ſie zutraulich ins Zimmer führen. Aber dieſe machte ſich, wenn auch ohne Un⸗ freundlichkeit, los und ſagte: „Machen Sie ſich, Frau Regierungsräthin, nur um meinetwillen ja nicht die mindeſten Um⸗ ſtände, ich weiß wer ich bin und was mir zu⸗ komn ſcht ſuche — eine liſ ie Papier hrem Ge wenn ich nicht rüh em jungel in einem n Bler chen Sit bend mi Nher. der Hond e fihr ohne Un ngii eften Un mit 3 313 kommt: eine arme Anverwandte, die im Begriff ſteht, ihr Brot vor fremder Leute Thür zu ſuchen, und für die es ſich daher ſchlecht ſchicken würde, wollte ſie irgendwelche Anſprüche er⸗ heben. Ihre Einladung nehme ich an, weil ich hier wirklich ganz fremd bin: aber nur für die nächſten Tage, bis Ihre Frau Schwiegermutter den Brief meiner guten alten Großmama ge— leſen und über mein Schickſal entſchieden hatz Sie brauchen nicht zu fürchten, ſich an mir eine Laſt ins Haus zu ziehen, ſo viel, um mein Brot zu verdienen, habe ich gelernt, und für das Uebrige wird Gott ſorgen.“ Mit dieſen Worten nahm ſie ihr Kofferchen unter den Arm und wollte es, trotz des Wider⸗ ſtrebens der Regierungsräthin, ſelbſt ins Zim⸗ mer tragen. Da konnte es Hermann nicht län⸗ ger in ſeinem Verſteck ertragen; er ſprang her⸗ vor, ihr den Dienſt abzunehmen— ja gewiß, es war Klara! es war ſeine Mairoſe, nur noch Der Muſikantenthurm. II. 14 314 voller aufgeſchoſſen und noch prächtiger als ehe⸗ dem!— Und doch ließ Klara es ruhig geſchehen, daß er ihr den Koffer abnahm, ohne ihm nur ein Wort, einen Gruß zu ſagen? Und doch ſtreifte ihr Auge ihn ſo feſt und kalt, als ob ſie ihn gar nicht kannte und ihn höchſtens für einen Bedienten des Hauſes hielt? Hatte er ſich in den wenigen Jahren dermaßen ver⸗ ändert? Oder was Anderes war zwiſchen ſie getreten? Im Zimmer angekommen, erſuchte die Re⸗ gierungsräthin die Fremde, ſich einen Augenblick niederzulaſſen, während ſie die nöthigſten Be⸗ fehle wegen ihrer Unterkunft ertheilte; es machte ſich ganz natürlich, daß Hermann inzwiſchen bei ihr im Zimmer blieb. Als Frau von Schwar⸗ zenfeld hinausgegangen war und Klara noch immer unbeweglich in ihrem kalten Schweigen verharrte, vermochte der arme Jüngling es nicht mehr auszuhalten; er trat dicht vor ſie hin, ſrich ſe ih er als ehe geſchcen eihm mu Und doch ſt, als b hſtens ſür Hatte e aßen ver viſchen ſe e die Re Augenblit igſten Be es mahhi inziſce E ara nob Schwig“ 1(s nich ſe hin ſtrich ſich die Haare frei aus der Stirn, daß ſie ihn deutlich erkennen konnte, und ſagte: „Aber um des Himmelswillen, Klara, kennſt du mich denn wirklich nicht mehr? Haſt du den Hermann Miller, deinen treuen Spiel⸗ und Schulkameraden, ganz vergeſſen?“ Klara blickte ihn ruhig, ohne das geringſte Zeichen der Ueberraſchung, an.„Vergeſſen wol nicht“, ſagte ſie endlich mit klarer Stimme, „ich erkannte dich ſogar gleich, ſowie das Licht auf den Gang fiel. Aber da du eben dabei warſt, dich mit einer fremden Frau zu küſſen, ſo wollte ich dich nicht ſtören. Ueberhaupt ſind wir wol Beide ernſter und älter geworden, und die Kindergeſchichten paſſen nicht mehr für uns.“ Hermann wußte nicht, ob er lachen oder weinen ſollte.„Dieſe Umarmung“, erwiderte r endlich,„die du mir ſo hoch anzurechnen cheinſt, war das Unſchuldigſte von der Welt; ich werde dir ſpäter Alles erzählen. Aber erſt 14* 316 ſage mir Eins: was weißt du von unſerm theuern Prediger? wie lebt er? und wie geht es ihm?“ Klara ſenkte einen Augenblick die hellen Augen.„Todt“, entgegnete ſie,„Alles todt....“ „Todt?!“ wiederholte Hermann in ſchmerz⸗ lichſter Ueberraſchung:„Und ohne Abſchied, ohne einen letzten Gruß für mich?“ „Er hat mir noch kurz vor ſeinem Tode einen verſiegelten Brief für dich gegeben“, ver⸗ ſetzte das junge Mädchen,„für den Fall, daß ich dich noch einmal in der Welt träfe, oder von deinem Aufenthalt hörte. Denn du hatteſt nicht einmal für gut befunden, an uns— an ihn“, verbeſſerte ſie ſich raſch,„zu ſchreiben.“ „Und wo iſt der Brief?“ bat Hermann dringend. „Ich habe ihn in meinem Kofferchen; doch weiß ich nicht, ob jetzt die richtige Zeit und ob ich dir ihn überhaupt geben darf. Der Selige von unſ 2 unſrm befahl mi d ich— ihn dir nur dan ght ich ſein er und ſeiner Lehren wü ürdig fi inde.. i die hellen den n ni es todt.. nur die Baronin t genblick wieder herein, ſond ſ bieſen eräuſch in ſchmer auf den 8„ und das Durchei * nanderſprechen der Regi men zeigt zahlreicher Geſell egierungsrath, fp — ellſchaft, aus dem Theat hlich in ater zurück⸗ ſeinen Tod eben“, ver Fall, da träfe, ool ndu hattiſ uns— ſchriben at Hermn erchenz do eit und Zwölftes Capitel. Ein vergnügter Abend. Rudolf hatte noch im Theater von allen Sei⸗ ten ſo viel Gratulationen wegen der Verfaſſer⸗ ſchaft ſeiner Frau bekommen, auch war man unterwegs in einen Conditorladen eingetreten, um die Freude mit einigen Gläſern heißen Punſch zu beſiegeln, daß er in der roſenfarbigſten Laune nach Hauſe kam. Außer Theobald brachte er noch einen ganzen Schwarm von Bekannten mit ſich, lauter jüngere Männer, welche der Regierungsräthin den Hof machten und ſich zu ihren geiſtreichen Geſprächen herzudrängten; auch der junge Doctor Brunner befand ſich untet ber bez 6u Af ſon Sei allen Se Verfaſſer war mal ingetreten ßen Punſt gſten Laun bracht Bekannté welche d und ſch i in ut ſch unt 319 ihnen. Alle ſtürmten auf Eugenien los und beglückwünſchten ſie wegen des eben errungenen Sieges mit einem Ungeſtüm, gegen den kein Ableugnen Stand hielt. Sie war anfangs ſehr ungehalten auf Theobald, daß er ihr Geheimniß ſo verrathen. Der aber flüſterte ihr zu:„Be⸗ lieben die gnädige Frau doch zu bedenken, daß ich jetzt Verleger bin und Sie im Begriff ſind, eine berühmte Frau zu werden; dieſer Abend wird ſich bezahlt machen, auch für Sie, meine Gnädige.“— Eugenie erwiderte nichts: doch mußte ſie an Alfred und ſeine Prophezeiungen denken. Der Uebermüthigſte von Allen aber war Ru⸗ dolf ſelbſt; es war ein Gemiſch in ihm von Hohn und Freude, das ſich ſchwer unterſcheiden ließ, zu ſeiner rieſigen Geſtalt und ſeinen der⸗ ben Manieren aber nicht übel paßte. Mit theatraliſchem Anſtand führte er die verlegene Frau mitten in den Kreis, ließ ſich mit vieler Umſtändlichkeit auf ein Knie vor ihr nieder(was Doctor Brunner zu einigen beißenden Bemer⸗ kungen über herannahendes Zipperlein veran⸗ laßte) und ſagte mit lauter Stimme: „Hier, meine theure Gemahlin, thue ich feierliche Buße für ein verwegenes Wort, das ich heute Mittag meinen Lippen entfliehen ließ und das nun mit rächender Schwere auf mein eigenes Haupt zurückfällt. Ich ſagte heute Mittag, wie unſer Freund Theobald gehört hat, daß die ſchriftſtellernden Frauen mir verhaßt wären wie Gift und Tod, und daß ich niemals die Hand einer Dame küſſen könnte, von der ich wüßte, daß ſie die Feder des Dichters führe. Und es iſt wirklich ſo, meine Herren: ich haſſe die ſchöngeiſtigen Geſchöpfe, welche Bücher ſchrei⸗ ben, ſtatt den Koch zu controliren, und ſich mit Recenſenten herumzanken, ſtatt höchſtens die guten Namen ihrer Mitſchweſtern zu zer⸗ rupfen— ich haſſe und fürchte ſie, weil ich überzeugt bin, daß eine Frau, die hinter dem en Bener⸗ lein veran thue ic Wort, dos ſlichen liß e auf mein ugte helt gehört hat, ir verhoft ch niemal von de hters führ : ich haſ icher ſhu „und ſi t höchfin n zu ze wil it hintet be Rücken ihres Mannes Bücher ſchreibt, ihn auch übrigens hintergeht und täuſcht, wo ſie den Mund aufthut, und jeder wahrhaften Empfin⸗ dung unfähig iſt— nämlich das habe ich Alles angethan und habe es Alles geglaubt, bis zu dieſem Augenblick, wo der Umſtand, daß dieſes Muſterbild von Gattin, deſſen ich mich erfreue, ebenfalls ſchriftſtellert und ſogar Stücke auf dem Theater aufführen läßt, mich von mei⸗ nem ſchnöden Wahn zurückbringt. Ich erkenne nunmehr, daß eine Frau weit mehr Vorzüge haben kann und viel größerer Tugenden fähig iſt, als ich blöder Thor bisher für möglich ge⸗ halten; ich er- und bekenne, daß es etwas Erhabenes iſt, wenn Einem die Sprößlinge des Leibes verſagt ſind, wenigſtens Sprößlinge des Geiſtes zu ziehen, und er- und bekenne drittens, daß Eugenie von Schwarzenfeld, geborene Lam⸗ merz, Firma Lammerz' Erben aus Hamburg (welche Firma leider, wie den Herren bekannt 322 ſein wird, vor einigen Jahren zum Teufel ge⸗ gangen), die Krone aller Frauen iſt, küſſe ihr feierlichſt die Hand und erſuche alle Diejenigen aus der geehrten Verſammlung, die mit mir in dieſer Anſicht übereinſtimmen, ihre Stimmen mit der meinigen zu vermiſchen und zu rufen: Es lebe(Die böſe Frau?— keine Misverſtänd⸗ niſſe, meine Herren: ich meine das Stück— und die gute Frau daneben, welche(Die böſe Frau geſchrieben hat!“ Der tolle Humor dieſer Rede hätte eine noch peinlichere Wirkung hervorgebracht, wäre die Verſammlung nicht ſo zahlreich geweſen und hätte nicht das Durcheinanderbrauſen ſo vieler Stimmen, das allgemeine Lachen und Schäkern Rudolf's Worte halb verſchlungen, ſodaß die We⸗ nigſten recht verſtanden, was er ſagte. Eugenie ſelbſt hatte kein Wort davon verloren; ſie war abwechſelnd blaß und roth geworden, und einmal hatten ihre Knie ſo ſtark gezittert, daß Doctor Bru Aug rück lich Teuftl g küſſe it Diejenige mit mir in Stimmen zu mufen isverſtind⸗ Stück— D ie höſe atte ein cht, wir weſen un ſo viele 6 nd einm „ Hoctol Drct 323 Brunner, der den ganzen Vorgang mit ſcharfem Auge beobachtete, ihr leiſe einen Stuhl nahe⸗ rückte. Doch hatte ſie viel zu viel geſellſchaft⸗ lichen Takt, um ſich etwas anmerken zu laſſen; ſie erwiderte den gldeuß und das Vivatrufen mit einer graziöſen Verbeugung und ging ſo⸗ dann auf Klara zu, die in einem entfernten Winkel theilnahmlos daſaß, um ſie zunächſt ihrem Manne und dann der übrigen Verſamm⸗ lung vorzuſtellen.„Eine Verwandte Ihres Hau⸗ ſes, lieber Rudolf“, ſagte ſie:„Klara von Froi⸗ deville, eine Großnichte Ihrer Mutter—“ „Nicht Klara von Froideville“, fiel ihr das tunge Mädchen mit ſtarker Stimme in die Rede, indem ſie ſich gleichmüthig im Kreiſe umſchaute: „ſchon meine Großmutter hatte den Adel ab⸗ gelegt, ich aber heiße Klara Kroppenberg, ſchlechtweg Kroppenberg, nach meinem Vater— der Name iſt nicht wohlklingend, ich weiß es ſehr Zut, bin aber doch einmal darauf getauft....“ 324 Das energiſche Auftreten des jungen Mäd⸗ chens, das dabei der Anmuth keineswegs entbehrte, machte Aufſehen, und von allen Seiten drängte man ſich herzu, die ſchöne Fremde, die in ihrem einfachen Reiſekleidchen ganz mbefangen mitten in der geputzten Verſammlung ſtand, zu bewundern. Rudolf, wiewol er nur höchſt Oberflächliches von der Verwandtſchaft wußte, ergriff doch mit Begier dieſe Gelegenheit, dem alten Haß gegen ſeine Mutter Luft zu machen.„Ich freue mich ſehr“, ſagte er mit ſeinem verbindlichſten Tone, „eine Enkelin meiner theuern Tante Klara ken⸗ nen zu lernen, deren Freundſchaft ich leider durch ein unglückliches Zerwürfniß beraubt wurde, bevor ich geboren war. Doch haben die Dienſt⸗ boten meiner Mutter“(er hob das Wort„Dienſt⸗ boten“ abſichtlich hervor),„welche die beiden Schweſtern noch als Mädchen gekannthatten, mir in meinen Kinderjahren ſo viel von der Schönheit und Liebenswürdigkeit Ihrer ſeligen Großmutter ngen Md s entbehr ten drängt ie in ihen n mittenin bewundern erſlichlches f doch mi Haß gehen freue mih ſten Ton Klara ken ich leide aubt wurd die Dien rt Dinf die bed hatten, ni Sthinhi roßmutt 325 erzählt, daß ich ſie aus aufrichtigem Herzen verehre und liebe und mich des glücklichen Zu⸗ falls freue, der es mir möglich macht, dieſe Empfindungen gegen ihre Enkelin zu bethätigen. Sein Sie meiner ungetheilteſten Anhänglichkeit und meines vollſten Schutzes verſichert; ſollte meine Mutter, von der allerdings, wie ich höre, behauptet wird, daß ſie ihr eigenes Blut zu⸗ weilen weniger lieb hat als Fremde, Ihnen, meine theure Couſine, nicht das Herz entgegen⸗ tragen, das Sie zu erwarten berechtigt ſind, ſo bitte ich Sie, mein Haus als das Ihrige zu betrachten und in allen Stücken über mich zu verfügen.“— Und dann, indem er jetzt erſt den fremden jungen Mann gewahr ward, auf Her⸗ mann deutend:„Und wer iſt nun dieſer Vor⸗ treffliche? Vielleicht auch ein lieber Vetter?“ Eugenie konnte ſich bei dieſer Frage ihres Mannes einer raſchaufſteigenden Befangenheit nicht erwehren, beſonders da ſie fühlte, wie in 6 ————— demſelben Augenblick die junge Fremde die großen, ruhigen Augen auf ſie richtete.„Nein“, ſagte ſie zögernd,„es iſt nur mein Abſchreiber, Herr Miller, mir zuerſt durch Herrn Lux und dann durch ſeine eigene Tüchtigkeit empfohlen; er hat die Gefälligkeit gehabt, mir die erſte Nachricht aus dem Theater zu überbringen—“ „Ihr Abſchreiber?!“ rief Rudolf mit ſchein⸗ barer Verwunderung:„Nun das muß ich ſagen, ſo iſt er ja wenigſtens die zweite Perſon des heutigen Abends, dicht nach Ihnen, ſchöne Dich⸗ terin! Ein Abſchreiber, den eine Frau ſich hält, iſt doch wenigſtens halb ſo merkwürdig wie eine Frau, die ſich einen Abſchreiber hält— hierher, würdiger Schreibkünſtler! Fräulein Klara, mit dem wohllautenden Zunamen Krop⸗ penberg, Enkelin meiner würdigen Tante Klara Froideville mit abgelegtem„Vond, wird die Güte haben, ſich an meine Seite zu ſetzen, und Sie, liebenswürdigſter(Seriba, Nauta, Adriav, neh⸗ nen n ſi run bat Ho die großen in“ ſugt iber, Hen und dan en er hat Nachtiht nit ſchün ich ſagen, erſon des öne Dich⸗ Frau ſic wwirdi ber hilt ʒrüulin nen Kroh ntt Kln und i neh⸗ juv, men den Ehrenplatz an ihrer andern Seite ein— in dieſen aufgeklärten Zeiten, meine Herren, wird ja hoffentlich Niemand an dieſer Vermi⸗ ſchung der Stände, mit der wir nur im Kleinen nachahmen, was tagtäglich im Großen auf der Bühne der Politik geſchieht, einen An⸗ ſtoß nehmen. Und nun raſch, meine Herren: die Rührung über„Das böſe Weib⸗ und das gute Weib und die ganze Weibergeſchichte miteinander hat mir Appetit gemacht, ſodaß ich ein unwider⸗ ſtehliches Verlangen empfinde, dieſes Ragout zu koſten, das der Kunſt unſers Kochs hoffent⸗ lich Ehre machen wird.“ Während er ſo ſprach, hatte er mit eigener Hand den ſilbernen Deckel von der Schüſſel ge⸗ nommen, und ein einladender Duft verbreitete ſich durch das Zimmer. Raſch war die Tafel⸗ runde geordnet, Theobald und Doctor Brunner baten ſich die Ehre aus, neben der Frau vom Hauſe zu ſitzen, und bald hatten unbefangenes — 328 Plaudern und Gelächter den peinigenden Ein⸗ druck verſcheucht, welchen Rudolf's ſtachelige Reden hervorgerufen. An Klara wurden von den Gäſten mancherlei Fragen und Anreden gerichtet, die ſie ſämmtlich mit Geſchick, wenn auch mit kluger Zurückhaltung, beantwortete; nur mit ihrem Tiſchnachbar, dem Schreiber, ſprach ſie kein Wort. Im Verlauf der Tafel war auch Alfred dazugekommen; er war eben⸗ falls ſehr einſylbig und ſchien ſelbſt an dem Triumph der Schweſter nur geringen Antheil zu nehmen. Deſto ungezügelter war Rudolf's Laune. Er hatte Champagner befohlen:„Es iſt der letzte im Keller, meine Herren“, rief er,„aber es ſchadet nichts, für heute mache ich mich noch anheiſchig, jeden Durſt zu ſtillen, und morgen wird ſich ſchon neuer finden!“ Vom Cham⸗ pagner ſprang er wieder zum Punſch über, und bald trug die Verſammlung jenen lauten, faſt he fü ma wol enden Ei s ſtachtige vurden w d Anreden chick, wenn antwortett Schreber der Li war ebeh ſt an dem en Anthe fs Laun 6 iſt de f er,„abl nich und moih zom Chon übet, 1 fo auten/ 329 ausgelaſſenen Charakter, den die Gelage der Männer ſo leicht annehmen, wo es entweder an Frauen fehlt, oder wo die anweſenden Frauen keine Luſt haben, das Scepter, das ihnen ge⸗ bührt, zu führen. Und an dieſer Luſt fehlte es heute Eugenien allerdings; ihre Gedanken waren durch die Er⸗ eigniſſe des Abends ſo in Anſpruch genommen, daß ſie nur wenig auf die Geſellſchaft achtete und ſelbſt ihren Tiſchnachbarn nur einſylbige und zum Theil confuſe Antworten gab.„Laſſen wir ſie“, ſagte Theobald heimlich zum Doctor, „es iſt die Freude, die ihr noch im Herzen nachzittert; in dieſer Frau ſteckt ein ungeheures Genie, ſie wird ſich an die Triumphe gewöh⸗ nen und wird die Welt mit ihrem Ruhm er⸗ fülem Es ging ſchon ſtark auf Mitternacht, als man ſich endlich von der Tafel erhob. Dennoch wollte Rudolf noch nichts von Abſchiednehmen — ————— 330 wiſſen; er nöthigte immer von neuem zum Trinken, brachte wunderliche Toaſte aus, auf den Ruhm ſeiner Frau, auf die neue Couſine, auf das„Veilchen, das im Thale blüht“, wo⸗ mit er den ſchweigſamen Schreiber meinte, ſelbſt auf Theobald und ſeine neue Unternehmung: worauf dieſer für nöthig hielt, unter vielmaligem Streicheln des Backenbarts, mit einer wohl⸗ ſtiliſirten Rede zu antworten, in der er ſo un⸗ gefähr Daſſelbe wiederholte, was wir heute ſchon einmal über die Stellung der Literatur und die Aufgabe des echten Buchhändlers aus ſeinem Munde vernommen haben. neuem e aus, u ue Couſn lüht“ wo rinte, ſell ernehmun vielmaligen einer wohl rer ſo un heute ſchon ur und di us ſeinen Yreizehntes Capitel. Der Geigenfritz. Vielleicht um dieſe etwas lange Rede zu en⸗ digen, vielleicht auch weil ihm wirklich ſo zu⸗ muthe war, äußerte Rudolf plötzlich den Wunſch, Muſik zu hören. Er war ſonſt kein beſonderer Verehrer der edeln Kunſt, im Gegentheil, ſie war ihm zuwider, wie alles Ideale, und der blinde Alfred hatte manche Stachelrede von ihm zu ertragen wegen der Begeiſterung, mit welcher er ſich der Muſik widmete und die bei ihm allerdings etwas Einſeitiges hatte. Nur in gewiſſen, durch Wein und Geſellſchaft er⸗ höhten Stimmungen, wenn er das Bedürfniß 332 empfand, dem bacchiſchen Taumel, in den er ſich verſetzt hatte, irgendeinen ganz ungewöhn⸗ lichen Ausdruck zu geben, verlangte Rudolf nach Muſik: und auch dann war ſein Kunſt⸗ geſchmack ſehr beſcheidener Natur, indem die trivialſten Melodien, Gaſſenhauer, Drehorgel⸗ tänze und Dergleichen, ihm eben die liebſten waren. Dieſes Stadium hatte er nun auch heute er— reicht; er überſchrie den perorirenden Theobald mit zweideutigen Scherzen und Witzen, ſtimmte alte halbvergeſſene Studentenlieder an und fo⸗ derte Alfred, der an Allem, was vorging, nur ſehr geringen Antheil nahm, endlich in einem gewiſſen herriſchen Tone auf, ſich an den Flü⸗ gel zu ſetzen und die Geſellſchaft durch einige „fidele Stückchen“ zu unterhalten. Alfred wei⸗ gerte ſich, ebenfalls in etwas ſchroffem Tone; er ſei nicht darauf vorbereitet, und ſeine Kunſt ſei überhaupt viel zu gering, ſich vor einer ſo un pl Re o in ſt ſill Ge in dae ungenöhn te Ridul ſin Kuſ indem de Drehotgl die liebſen h heute et Theobald n ſtimmt n und fo ging, n in einen ndin ii unh i Afted v fen Zon ſin Kun r or eine 333 ausgezeichneten Verſammlung hören zu laſſen. „Aber du mein Gott!“ rief Rudolf verächtlich, indem er den Stuhl zurückwarf,„was ſoll man von dieſem berühmteſten Componiſten der Zu⸗ kunft denn denken, wenn er nicht einmal im Stande iſt, ein„Was kommt da von der Höh' zu ſpielen?“ Alfred antwortete mit gleicher Heftigkeit, und eine peinliche Scene ſtand bevor, als ſich plötzlich— man hatte eins der Fenſter geöff⸗ net, um die milde Nachtluft hereinzulaſſen— von der Straße her, dicht unter den Fenſtern des Hauſes, ein munteres Geigenſpiel verneh⸗ men ließ. Es war der Geigenftitz, der, in Flo⸗ ra's Begleitung von ſeiner gewöhnlichen Abend⸗ wanderung heimkehrend, der jovialen Stimmung, in die eine beſonders reichliche Ernte ihn ver⸗ ſetzt hatte, dadurch Luft machte, daß er ſich ſelbſt im Gehen ein Schelmenſtückchen auf der Geige vorſpielte. Die hellen, ſcharfen Töne . klangen weit durch die ſtille Nacht; es war eine bekannte, damals gerngehörte Melodie, die er ſpielte, und zwar ſo rein und mit ſolcher Fer⸗ tigkeit, daß ſelbſt der Nachtwächter, an dem er in einiger Entfernung vorüberſchritt, ſeine Freude daran hatte und ihn trotz der ſchwer⸗ verpönten„nächtlichen Ruheſtörung“ ungefährdet paſſiren ließ. Stimmungen, gleich derjenigen, zu welcher Rudolf ſich emporgeſchwungen hatte, ſind un⸗ berechenbar; die abenteuerlichſten Einfälle ſehen ſich darin ganz natürlich an, und man ſagt und thut Dinge, von denen man hinterdrein ſelbſt nicht begreift, wie man darauf gekommen.— Kaum daß die Töne der Geige Rudolf's Ohr berühr⸗ ten, als er an das geöffnete Fenſter ſtürzte: „Der kommt gerade recht!“ rief er,„und wenn es Paganini ſelber wäre, er muß heraufkommen und uns Eins aufſpielen!“ Es war offenbar weniger das Verlangen nu dieſ ee es war n die, die ſolcher hu r, an den hritt, ſin der ſchwe ungefihtde zu welche ſind un nfälle ſchn n ſagt und ſilbſt nich — Kuun hr buih ſer ſtünt „und wen r auftomm Verlangel nach Muſik als der Wunſch, ſeinen Willen nun doch noch gegen Alfred's Weigerung durchzu⸗ ſetzen, was den barocken Einfall erzeugte. Die Geſellſchaft, die ſich mehr oder minder in ähn⸗ licher Aufregung befand, ſtimmte jubelnd bei; Eugenie's leiſe Gegenvorſtellungen wurden über⸗ hört, und auch Doctor Brunner, der mit ra— ſchem Blick den Geigenfritz erkannt hatte und es für Rudolf's amtliche Stellung nicht paſſend erachtete, daß der alte übelberufene Mann hier ſeine Künſte producire, drang nicht durch. Ru⸗ dolf rief zum Fenſter hinaus, ein Bedienter mit Licht wurde abgeſchickt, und wenige Minu⸗ ten ſpäter ſtand der Geigenfritz, von ſeiner ſchönen Tochter begleitet, inmitten der lärmen⸗ den Geſellſchaft. An allzu großer Beſcheidenheit litt der alte muſikaliſche Vagabond ſonſt nicht, der Anblick dieſes glänzenden Kreiſes aber machte ihn im erſten Augenblick doch etwas betreten; er war — —— 336 in Zweifel, ob man ſich hier wirklich ſeiner Kunſt bedienen wollte, oder ob es nur auf eine Verhöhnung abgeſehen war. Erſt der Anblick des Regierungsraths, den er ſich erinnerte vor langer Zeit einmal im Muſikantenthurm ge⸗ ſehen zu haben und deſſen amtliche Stellung ihm nicht unbekannt war, gab ihm ſeinen alten dreiſten Muth zurück; er wußte ſo ungefähr, wie es im Hauſe des Regierungsraths zuging, und machte ſich ſchnell ſeinen Ueberſchlag, was dieſe muſikaliſche Laune des reichen, übermüthi⸗ gen Verſchwenders ihm wol eintragen könne. Daß Flora's Mitwirkung dabei von entſchei⸗ dendem Einfluſſe ſein würde, ſah der alte Spe⸗ culant mit Einem Blick; während er ſelbſt den abgeſchabten Rock übereinanderknöpfte und die aufgebauſchten, unendlichen Taſchen glattſtrich, flüſterte er ihr zu, den Kopf hübſch geradezu⸗ halten, die Füße hübſch auswärtszuſetzen und ſn Con gen ur auf in der Anbli innerte vo thurm e Stellun ſeinen alter ungefihr hs zugin hlag, wo ibermüthi gen köm n entſche r alte Sy ſu und* gltnt gend n und uſeten ein paar(wie er ſich ausdrückte) recht amou— reuſe Augen zu machen. In der That jedoch hätte es bei Flora gar nicht erſt dieſer Auffoderung bedurft; der An⸗ blick der glänzenden Geſellſchaft, die vielen auf ſie gerichteten Männeraugen hatten die natür⸗ liche Koketterie des jungen Mädchens in helle Flainmen geſetzt. Ja doch, ſolch Muſiciren⸗ gehen ließ ſie ſich gefallen, das war noch etwas Anderes als die dumpfen, niedrigen Kneipen voll Tabacksdampf und Oelgeruch, in die ſie dem Vater für gewöhnlich folgen mußte. Auch hatte ſie das Haus ſogleich erkannt: es war daſſelbe, das der ſchwarze Ulrich und ihr Freund Hermann ſo häufig beſuchten, wenn auch freilich aus ſehr verſchiedenen Gründen, und das ihrer Neugier deshalb ſchon lange ein höchſt intereſ⸗ ſanter Gegenſtand geweſen war. Mit raſcher Combinationsgabe ſagte ſie ſich, daß dieſe ju⸗ gendlich ſchöne, wenn auch jetzt etwas verlegene Der Muſikantenthurm. I. 15 338 und misgelaunte Dame höchſt vermuthlich die⸗ ſelbe Frau Regierungsräthin ſei, für die Her⸗ mann arbeitete und die ihr ſelbſt dadurch ſchon ſo manches ſtille Kopfbrechen verurſacht hatte; ſie mußte ſich auf die Lippen beißen, die fri⸗ ſchen rothen Lippen, um nicht laut loszulachen bei dem Gedanken, was Hermann wol morgen dazu ſagen würde, wenn er hörte, welch wun⸗ derſamer Zufall ſie in daſſelbe Haus geführt, über das er immer ſo geheimnißvoll und zu⸗ rückhaltend that und um deſſen Zutritt ſie ihn ſchon öfters beneidet hatte. Und nun war ſie doch darin, die kleine Katze, wie er ſie erſt heute früh wieder geſcholten, und konnte auch einmal mit Augen ſehen und mit Ohren hören, wie die vornehmen Leute ſo eigentlich leben. Ei nun ganz gut, ſchien es; dieſe ſei⸗ denen Vorhänge, dieſe ſchwellenden Divans hatten ihren Beifall, und auch die Tafel mit dem ſchimmernden Silberzeug und den duftigen Spei Poll Bli zudri anger thlich di urch ſche cht hatt 1, die f oszulach ol motgel elch wun s gefüht und tt ſie it nwar ſ er ſi in nd kom mit Ohr eigentit dieſe ſ n Din Zufl 339 Speiſereſten kam ihr gar nicht ſo übel vor. Voll neugierigen Behagens ließ ſie die hellen Blicke über die Verſammlung ſchweifen—— O Himmel, wen ſah ſie da?! Hermann! den leibhaftigen Hermann!! Jedes andere junge Mädchen würde durch eine Begegnung unter ſo eigenthümlichen Umſtänden vermuthlich in Ver⸗ legenheit geſetzt worden ſein; dieſe kleine Schau⸗ ſpielerin aber hatte ſich ſchnell gefaßt, und Her⸗ mann einen unmerklichen, halb lächelnden, halb drohenden Blick zuwerfend, gab ſie ihm zu ver⸗ ſtehen, daß ſie hier von ihm nicht gekannt zu ſein wünſche und es mit ihm ebenſo machen wolle. Hermann, dem der ganze Abend höchſt peinlich war, folgte dem Wink, er wußte ſelbſt nicht warum: aber genug, er folgte ihm und zog ſich abſichtlich in die dunkelſte Ecke zurück, wo er auch ſicher war, vom Geigenfritz, deſſen zudringliche Vertraulichkeit ihm hier doppelt un⸗ angenehm ſein mußte, nicht erkannt zu werden. 340 Dieſer hatte inzwiſchen einige ſeiner beſten Stückchen vorgetragen und ſchlürfte die Lobes⸗ erhebungen, mit denen man ihn dafür über⸗ ſchüttete, halb im Ernſt, halb in ſpaßhafter Uebertreibung, faſt ebenſo behaglich hinunter als die großen Gläſer Wein und Punſch, die der Regierungsrath ihm aufnöthigte.„Und wozu habt Ihr das junge Mädchen bei Euch?“ fragte der Letztere endlich:„Spielt ſie gar nichts?“ „Spielen weniger“, erwiderte der alte Trun⸗ kenbold, der ſchon längſt auf eine Gelegenheit gewartet hatte, ſeine Tochter vorzuſtellen, indem er ſich tief verneigte und mit der Hand von rückwärts über den Kahlkopf ſtrich:„Aber ſin⸗ gen, ſingen, mein gnädigſter Herr— nun ich ſage nichts: aber ſtimme mal an, Flora, mein Kind, das ſchöne Lied von den drei Reitern, du weißt ſchon...“ Flora ſchüttelte mit dem Kopf und flüſterte mac och ner beſ ie Lobe für übe ſpaßhoft hinunt nſch, di e„Und ei Eucht te Trun dlegenhi en, inden Hand vo „Aber ſu nnit ora, mei Reiteln ſlüſter 341 ihrem Vater haſtig etwas ins Ohr. Dann trat ſie keck vor und begann mit mächtig anſchwel⸗ lender Stimme eine jener einfachen, ſüß klagen⸗ den Weiſen, die ſich von altersher im Munde des Volks erhalten haben und die ihrer Wirkung noch heute unter allen Umſtänden gewiß ſind. Geigenfritz, den Kopf zurückgeworfen, die Augen eingedrückt, mit der kleinen branntweinrothen Naſe in die Höhe ſchnopernd, als ob er ſich vor Entzücken gar nicht mehr halten könne, begleitete nichtsdeſtoweniger in discreter und geſchickter Manier, ſodaß es ein hübſches En⸗ ſemble gab. Die helle, glockenreine Stimme des jungen Mädchens, von den klagenden Tö⸗ nen der Geige begleitet, erhob ſich wie auf Fittichen; noch niemals hatte Flora ſo ſchön geſungen, ſie erſchrak ordentlich vor ſich ſelbſt, als die hellen, ſtarken Töne in dem hohen Ge⸗ mach ſo mächtig widerhallten— aber auch noch niemals war ihr ſelbſt ſo daran gelegen 113 geweſen, ihr Publicum zu entzücken; die alten, abgeſungenen Melodien kamen ihr ſelbſt ordent⸗ lich intereſſant vor, und wie ein Vogel im Aether wiegte ſie ſich mit Wohlbehagen auf ihren rei⸗ nen Wellen. Als ſie geendigt, ſtürmte von allen Seiten der lebhafteſte und aufrichtigſte Beifall auf ſie ein; Eugenie, mit thränenden Augen, ging auf ſie zu, ihr die Hand zu reichen, und auch die kalte, ernſte Klara betrachtete die junge Sän⸗ gerin mit ſichtlichem Antheil. Hermann wußte nicht, ob er ſich über den Triumph, den ſeine kleine Freundin feierte, freuen oder betrüben ſollte; es ahnte ihm nichts Gutes, er wäre gern hundert Meilen davon geweſen und ver⸗ wünſchte bei ſich die thörichte Gutmüthigkeit, mit der er den Auftrag der Baronin ange⸗ nommen und die ihn in alle dieſe Verwirrung geſtürzt hatte. Während Flora auf den allgemeinen Wunſch ſer C Atno Löne hafte Por die altn ſt orden im Aethe ihren ri en Seiten l auf ſi ging uf auch die ge Sän⸗ nn wußte den ſein betrübu et win und vel nithig nin ange erwirrun Vunſch der Geſellſchaft ein zweites Lied anſtimmte, eine altnordiſche Ballade, in deren ernſten, feierlichen Tönen ihr herrliches Organ ſich noch vortheil⸗ hafter entwickelte, trug ſich ein überraſchender Vorgang zu. Alfred, der ſich gleich nach dem Zwiſt mit Rudolf in das anſtoßende Cabinet zurückgezogen hatte, war ſchon während des erſten Geſanges wieder nähergekommen; er lehnte unter der Thür und richtete mit weit⸗ vorgebeugtem Kopfe die ſtarren, lichtloſen Augen nach der Gegend, woher die Töne erklangen. Als Flora jetzt zum zweiten male ſang, ſo mächtig und mit ſo erſchütterndem Ausdruck, daß die ganze Geſellſchaft ſich davon ergriffen fühlte und ſelbſt Rudolf ſich einer gewiſſen Be⸗ wegung nicht erwehren konnte— ſchritt Alfred plötzlich, ſich mit vorgehaltenen Händen zu⸗ rechttaſtend, auf unhörbaren Sohlen durch das Zimmer, bis nahe an den Platz, wo die Sän⸗ gerin ſtand. Hier blieb auch er ſtehen; mit 344 geöffneten Lippen ſchien er die ſüßen Töne ein⸗ chm zuſaugen, ein verklärtes Lächeln lagerte auf ſei⸗ f in nem feinen, blaſſen Antlitz, während zwei große, ſchwere Thränen ihm über die Wangen rollten. w „Das iſt Muſik!“ rief er endlich, da Flora chen geendet:„das iſt Muſik! und dieſes junge Mäd⸗ den chen, wer es auch ſei, wird einſt die größte um Sängerin von Europa werden!“ in „Richtig“, ſagte der Regierungsrath halb⸗ ſyr laut,„gerade wie er ſelbſt einſt der größte„ Componiſt von Europa, meine Frau die größte N Schriftſtellerin....“ hu Doctor Brunner warf ihm einen unwilligen Blick zu, und auch von den Uebrigen hatte Niemand h Luſt, auf ſeine Scherzreden einzugehen. Denn n ſchon bereitete ſich ein neuer Auftritt vor, noch ſeltſamer und ergreifender als alle vorherigen. ach Der blinde junge Mann war dicht an Flora kn herangetreten, mit einer leiſen Verbeugung, als ob er um Entſchuldigung bitte, hatte er die Tön tte auf ſi zwei grßt gen rolte da Flor unge Ni die grßte rath holb et größte die größt unwillg tteNienen en Denn t vor, noh vrhuig an Flon ugung, a atte et di 345 ſchmalen weißen Hände' erhoben und ließ die Fingerſpitzen leiſe über ihr Antlitz gleiten. Der Anblick war ſo eigenthümlicher Natur und hatte etwas ſo Erſchütterndes: dort das junge Mäd⸗ chen, ſprühend von Leben und Geſundheit, mit den leuchtenden Augen feſt und keck im Kreiſe umherſchauend, hier der arme Blinde, mit zit⸗ terndem Finger die Spuren einer Schönheit er⸗ forſchend, die er nie mit Augen ſehen ſollte— daß Niemand zu lächeln wagte, nicht einmal Rudolf. Alfred ſtrich über das krauſe, weiche Haar, fuhr flüchtig über die ſchwellende Wange— „Ja, ſo muß ſie ausſehen!“ rief en,„ſo hab' ich ſie mir gedacht! Solche Stimme kann nicht lügen! Sehet hin, wie ſchön ſie iſt! welche Locken, welche Stirn, welche Wangen! Und ach, ihr Glücklichen, daß ihr die Augen ſehen könnt, dieſe tiefen, brennenden Augen!“ Dieſe Auffoderung eines Blinden an die Sehenden, ſich an einer Schönheit zu erquicken, 15** —————-—————— 346 deren Strahl ihm ſelbſt ewig verborgen blieb, hatte etwas Bewältigendes; Eugenie ſchluchzte heftig, und Theobald bemerkte mit Pathos:„Das reine Bild» von Houwald....“ Am gerührteſten von Allen zeigte ſich der Geigenfritz; doch wußte er ſeine Rührung durch häufiges Leeren des Glaſes mannhaft zu unter⸗ drücken. Er ſchwelgte gleichmäßig in Künſtler⸗ ſtolz und Vaterfreude; mit einer Behendigkeit, wie ein Brummkreiſel, drehte er ſich nach allen Seiten und gab Jedem, den er abreichen konnte, die rührende Geſchichte zu hören von Flora's Mutter, der großen, berühmten Sängerin, die ſeine Frau geweſen und ſo kläglich geſtorben; dann von den wunderbaren Talenten, die ſich auf das Kind vererbt, und nicht minder von den vielfachen Opfern, die er der Aus⸗ bildung deſſelben gebracht.„Ich lebe nur für meine Tochter!“ rief er mit Pathos,„ich zit⸗ tere bei dem Gedanken, daß über lang oder — üurz zufü ein ſi ſup ſan rgen bi ie ſchluch thos:„Do ſe ſich de hrung durch t zu unter in Künſtl chendigkei nach alln hen konnte on Flora nguin, n geſorbin lenten, di icht ninde 3 der Au be nur f z„ih zt del lan 347 kurz ein Liebhaber kommen wird, ſie mir weg⸗ zuführen— aber es iſt der Welt Lauf, ſie iſt ein hübſches Kind, meine Flora, Sie ſollten ſie in ihrem ſeidenen Sonntagsjäckchen ſehen, ſuperb“(indem er die Fingerſpitzen küßte): „Wie lange wird es dauern, da holt ſie mir Einer vor der Naſe weg, und ich armer alter Vater bleibe mit meinen Sorgen und Kümmer⸗ niſſen allein zurück?!“ Dem alten armen Vater war dieſer Gedanke ſo herzbrechend, daß er das Antlitz wieder ſchleu⸗ nigſt in einen großen Becher begrub, vermuth⸗ lich um ſeine Thränen zu verbergen. Dann foderte er Flora auf, den Herren noch„hübſch etwas Luſtiges“ zu ſingen:„Im Luſtigen iſt mein Kind noch größer, den„Bauer im Oden⸗ wald» kann ſie ſingen, daß Einem das Herz im Leibe lacht....“ Aber Flora weigerte ſich mit Heftigkeit und ſang überhaupt nur noch ein einziges, ernſt⸗ 348 haftes Lied. Dann verlangte ſie mit Ungeſtüm nach Hauſe geführt zu werden, und der Vater, überreichlich beſchenkt, mußte ihr den Willen thun. Dies gab das Signal zum Aufbruch der ganzen Geſellſchaft; Hermann entfernte ſich unbemerkt, Theobald dagegen hielt noch unter der Thür eine lange Rede, in der er ſich für die gehabten Genüſſe bedankte und mit tauſend Eiden betheuerte, daß man doch nirgends ſolche herrlichen Abende verlebe als im Hauſe der Re⸗ gierungsräthin von Schwarzenfeld, der ruhm⸗ gekrönten Dichterin und überhaupt einer der ausgezeichnetſten Frauen unſerer Tage. Klara hatte ſich ſchon früher auf das ihr angewieſene Zimmerchen zurückgezogen. Alfred, der auch während des letzten Muſikſtücks ſich dicht neben der Sängerin gehalten hatte, befand ſich in der größten Aufregung; er ſiel Eugenien, die ihn bis an die Thür ſeines Schlafzimmers begleitete, zu wiederholten malen um den Hals u t Ungeſin und der W. verſicherte ihr mit Ausdrück 8 err The en a. n B geweſer daß er lange nicht Auftt ie en Abend. Auch glücklich nſnſt n von Euge⸗ mft ſ ter She vlötzlic heilnahme und wünſchte ihr erhach mit herzlichen noch unt Worten Glück Glück zu dem ſchönen E als er 2r ſich auf ſein Lager legte o. Noch e, wiederholte e n nit tauſen immer: ter:„Das iſt Muſik! und wie ſchö hön ſie iſt!...“ ends ſlch ſe der R der ruhn einer de e. uf des ih n. Afn ks ſch dih befand ſi Eugein lafßimn den Hol Pierzehntes Capitel. Nachtgeſpräche. Als Eugenie von der Begleitung ihres Bru⸗ ders zurückkam, fand ſie den Regierungsrath noch in ihrem Zimmer; die Kerzen waren her⸗ abgebrannt und das ganze Gemach trug jenes unheimliche, faſt traurige Gepräge, welches ſich faſt überall einzuſtellen pflegt, wo eine laute, luſtige Geſellſchaft plötzlich aufgebrochen iſt. Auch bei dem Regierungsrath ſchien ein plötz⸗ licher Umſchlag der Stimmung eingetreten; auf ein Canapee hingeworfen, ſtarrte er mit düſtern Blicken in den rothen Schein der Kerzen. Solche gewaltſame Uebergänge kamen bei ihm ſicht tenz Nrau glaſſ darg zu wit Ein ſcho in ſin anin eine tete ine ihres Bn ierungin waren he trug jen welchts ſ eine laul hrochen i n ein plit tretenz nit difm er Ker en bei ih nicht ſelten, beſonders in den letzten Jah⸗ ren; ja faſt mit Gewißheit konnte Eugenie darauf rechnen, wenn ihr Gemahl recht aus⸗ gelaſſen und übermüthig geweſen war, ihn gleich darauf einmal um ſo düſterer und abgeſpannter zu ſehen. Auch heute achtete ſie daher nicht weiter darauf; erſchöpft durch ſo mancherlei Eindrücke, ſehnte ſie ſich nach Ruhe und ſtand ſchon im Begriff, nach ihrer Kammerfrau zu klingeln, als Rudolf, ſtatt ſich ebenfalls auf ſein Zimmer zu begeben, noch ein Geſpräch anknüpfte. „Das war doch noch“, ſagte er, aber in einem Tone, der zu ſeinen Worten in grellſtem Widerſpruch ſtand,„ein vergnügter Abend; ich hoffe, Sie ſind zufrieden, Eugenie?“ Eugenie, die keine Luſt hatte, ſich noch in eine lange Unterhaltung zu vertiefen, antwor⸗ tete etwas Gleichgültiges; dabei löſchte ſie, in einer jener wirthſchaftlichen Anwandlungen, die 352 ihr zuweilen kamen, eine der Kerzen nach der andern aus, bis zuletzt nur noch eine einzige brannte. Rudolf verfolgte jede ihrer Bewegungen mit ſeltſamer Aufmerkſamkeit.„So recht“, ſagte er, als das Zimmer faſt dämmerig geworden war:„Alles finſter— iſt nicht das ganze menſch⸗ liche Leben zuletzt wie eine Kerze, die ſich ſelbſt verzehrt, und ehe ſie noch zu Ende, kommt der Tod und bläſt ſie aus? Sie müſſen das wiſſen, Eugenie, Sie ſind ja Dichterin, und die Dichter, ſagt man, verſtehen und wiſſen, wovon wir übrigen Erdenmenſchen höchſtens eine dunkle Ahnung haben....“ Und dann, ſie plötzlich bei der Hand faſ⸗ ſend,„Geſtehen Sie mir, Eugenie: Sie ſind wol recht unglücklich, nicht wahr?“ Dieſe Wendung war ſo unvermuthet und der Ton, in welchem Rudolf ſie vorbrachte, von ſo ungewöhnlicher Weichheit, daß Eugenie darüber zen noh de eine einjge egungen m cht“, ſih 9 geworde unze munſch ie ſih ſcll kommt de das wiſſ die Dichtu wovon wi ine dunl Hund ſi Sit ſn nuthet un rachte, nie daril 353 faſt in Beſtürzung gerieth; um eine unfrucht⸗ bare Erörterung zu vermeiden, zu der ſie ſich in dieſem Augenblick am wenigſten geſtimmt fühlte, wollte ſie mit einem leichten Scherz ant⸗ worten. Aber Rudolf ließ ſie nicht los.„Nein“, ſagte er,„fürchten Sie ſich nicht vor mir, es ſoll keine Scene geben, ganz gewiß nicht. Ich war heute früh etwas ungehalten auf Sie, ich kann es nicht leugnen, wegen der thörichten Geſchichte mit dem Tigers. Doch das iſt nun vorbei— es muß doch zuletzt etwas recht Furcht⸗ bares ſein, immer ſo im Dunkeln zu leben, ohne Sonnenſtrahl, ja ſelbſt ohne den Glanz einer Kerze. Sehen Sie nur“(indem er auf das Licht hindeutete)„wie trübe das iſt, wie kümmerlich! Hätten Sie wol den Muth, Euge⸗ nie, Ihr ganzes Leben bei einer ſolchen Kerze hinzubringen, in einem öden kleinen Stübchen, am ungeheizten Ofen, verſchollen und vergeſſen von den Menſchen...?“ 354 „Sie ſind heute in ſeltſamer Laune, lieber Rudolf“, antwortete Eugenie. Rudolf lachte wild.„Pah, Laune! Wenn es nichts weiter wäre als Laune! Aber ich ſagte Ihnen ſchon: Sie ſind eine unglückliche Frau, Eugenie; ich habe es Ihrem Stück angemerkt — und wiſſen noch nicht einmal, wie unglück⸗ lich Sie werden können.“ „Ich hoffe“, erwiderte die junge Frau mit ſtockender Stimme,„daß Gott mir Kraft geben wird, jedes Schickſal, das er über mich ver⸗ hängt, zu tragen.“ „Ja wol“, höhnte Rudolf,„ſo ſagen ſie Alle, ſolange ſie dem Glücke im Schoos ſitzen. Sie dachten ja auch wol einen recht reichen Mann zu heirathen, Eugenie, nicht wahr? Einen Mil⸗ lionär, mit deſſen Schätzen es niemals zu Ende gehen könnte?“ Die junge Frau erhob ſich in beleidigter Würde.„Ich habe auf nichts gehofft“, ſagte — mein u, Ton ſenug Uns, une, lie ne Wen er ih ſg liche Fra⸗ angemut ie unglüc Frau nit raft geb mich vel en ſie A hen Nan Cinen N s zu 6r beleidi — ſ ſt“ ſuh 355 ſie,„als einen Mann zu heirathen, der mich liebte und ehrte als ſeine Frau und Naochſicht hätte mit meinen Schwächen und Fehlern.“ „Und finden ſich nun getäuſcht?“ fiel Ru⸗ dolf ihr haſtig ins Wort; doch lag kein Hohn mehr in ſeiner Stimme, eher ein tiefes, ſchmerz⸗ liches Bedauern:„Und fühlen ſich nun auf wig gekettet an einen Mann, den Sie nicht lieben noch achten können? Einen Wüſtling und Verſchwender, einen rohen, widerſpänſtigen Menſchen, der Ihr Herz nicht verſteht und Ihre Talente und Kenntniſſe nicht zu ſchätzen weiß.2 „Sie entwerfen ein ſehr trübes Gemälde“, meinte Eugenie mit befangenem Lächeln. „Sehr trübe“, beſtätigte der Regierungs⸗ tath, indem er wieder in den frühern bittern Ton verfiel:„Und doch noch lange nicht trübe zenug, es kann noch ſchlimmer kommen mit uns, Eugenie; ja mir ſelbſt iſt ſchon zuweilen, 1 356 als ſähe ich den Tod, ich meine das Ende des Endes, ins Fenſter hineinlugen. Sie ſind noch reich, Eugenie, oder halten ſich wenigſtens da⸗ für; Sie leben auf der Höhe der guten Ge ſellſchaft und werden bewundert als eine ſchöne, geiſtvolle, mildherzige Frau. Aber denken Sie ſich einen Augenblick, dieſe Hüllen des Reich⸗ thums und der vornehmen Sitte fielen von uns— denken Sie ſich, es käme ein Tag, wo Gerichtsdiener und ähnliches Geſindel ihre ſchmu⸗ zigen Fäuſte an dieſe ſammetnen Sophas, dieſe goldenen Spiegel legten— ein Tag, wo Sie dieſe Wohnung, die Sie mit allem Luxus Ihres feinen, reichen Geſchmacks ausgeſchmückt haben, mit dem Rücken anſehen müßten, gefolgt von dem Hohnlachen Ihrer Schwiegermutter, dem Achſelzucken des Publicums und dem Schlimm⸗ ſten von Allem: dem Andenken Ihres Man⸗ nes——“ „Um Gotteswillen!“ ſchrie das geängſtete und s Erde des zie ſind weh nigſten d guten e eine ſchön denken E ſilen u in Tag, ihre ſchn phas, di g wo 6 Luxus Ihn nickt habl gefolgt autter, n Schlin hres Vu geingſ —1 Weib„was ſoll das? was bedeuten dieſe Reden?!“ Rudolf war langſam aufgeſtanden und an die halbabgeräumte Tafel getreten.„Das be⸗ deutet“, ſagte er, indem er die Finger gegen die immer tieferbrennende Kerze hielt, ſodaß das Licht hell durchſchien—„das bedeutet, daß nicht Alles Gold iſt, was glänzt, theure Euge⸗ nie. Eine ſehr proſaiſche Wahrheit und gewiß ſehr langweilig für einen Dichtergeiſt wie der Ihre, aber doch zuweilen ſehr nöthig und ſehr mpfindlich. Ich habe Sie nicht täuſchen wol— len, Eugenie, wahrhaftig nicht; ich dachte in Ihnen eine reiche Erbin zu finden, es iſt wahr, und ich durfte dieſen Anſpruch machen, weil ich ſelbſt die Ausſicht hatte, dereinſt ein reicher Erbe zu werden. Wie mein Geiz geſtraft wor⸗ den iſt, wiſſen Sie— nein, nein, reden Sie nichts, ich will Ihnen ja glauben, daß Sie nichts davon gewußt haben, wie es eigentlich — 358 mit Ihrem Vater ſtand— es war eine Neme⸗ ſis, und ſie ſchreitet weiter, dieſe Nemeſis. Der Haß meiner Mutter iſt unbezwinglich, gerade ſo unbezwinglich wie unſere vornehmen Gewöh nungen— ich mache Ihnen keinen Vorwurf, Eugenie, ganz gewiß nicht; auch würde ja je⸗ der Vorwurf, den ich gegen Sie erheben wollte, mich ſelbſt mit verdoppelter Schwere treffen Es iſt ein Schickſal, nichts weiter— warum lebt dieſe alte Frau ſo lange? Warum iſt ihr Wille ſo ehern? Warum laſſen alle Verſuche, ihn zu beugen, ja wenn es ſein muß, ihn zu brechen, mich im Stich? Dieſe Geſchichte mit dem Seiltänzer, iſt ſie nicht ein Skandal? Und doch muß ich es mir Alles gefallen laſſen und muß mir gefallen laſſen——“ K Eugenie war vor Schreck und Aufregun ganz betäubt; endlich gewann ſie die Sprache wieder.„Aber in welchem Zuſammenhang“, fragte ſie bebend— = — den ſie, ſtwe t eine Mne„In welchem Zuſammenhang das mit der eneſs d Gefahr ſteht, die über unſern Häuptern ſchwebt?“ gich, gun wiederholte Rudolf haſtig.„Das ſteht in dem men Geni Zuſammenhang, daß, während meine Mutter n Vem Schätze zu Schätzen ſammelt und ſich Liebhaber würde j hält, ich, ihr einziger Sohn, der rechtmäßige hehnno Beſitzer ihres Vermögens, am Untergange tau⸗ tefu mele! In dem Zuſammenhang ſteht es, daß nn wir ſeit Jahren drei mal ſoviel ausgegeben nni haben als wir einnahmen, daß die ganze Pracht ur Lenſt dieſes Haushalts erlogen und erheuchelt iſt, daß mein Credit zuſammenbricht, die Ausſicht auf die große Erbſchaft erblaßt und ungeberdige, täppiſche Fäuſte mir ihre unbezahlten Wechſel und Rechnungen auf die Bruſt ſetzen, wie der Räuber die Piſtole auf die Bruſt des Reiſen⸗ en Das ſteht in dem Zuſammenhang, Euge⸗ E iie, daß Ihr Mann——“ Hier unterbrach er ſich ſelbſt und ging mit ſchweren, dröhnenden Schritten im Zimmer uß, ihn kandal? l nlſſen die Spyn mmenhal ————————————— b 360 einige male auf und nieder. Dann dicht vor Eugenien ſtehen bleibend, mit kaum hörbarer Stimme und indem er ſich ſcheu rechts und links umſah:+ „Es ſtehen mir“, flüſterte er,„in den näch⸗ ſten Wochen einige unangenehme Geſchäfte be⸗ vor— Geſchäfte, nichts weiter— aber ſie ſind unangenehmer Natur. Nun ja, unange⸗ nehme Geſchäfte, wer hat ſie nicht? Sie wer⸗ den vorübergehen, und brauchen Sie ſich alſo nicht weiter darum zu ängſtigen. Inzwiſchen aber, Eugenie, wenn Sie einigen Einfluß auf meine Mutter hätten, oder vielmehr, wenn Sie Ihre gerechte Empfindlichkeit ſo weit überwinden könnten, daß Sie den Verſuch machten, meine Mutter umzuſtimmen— es iſt eine Kleinig⸗ keit, um die es ſich handelt, ein fünf⸗, ſch tauſend Thaler, Bagatelle bei einem Vermögen, wie meine Mutter ſeit ſo vielen Jahren ſchon be⸗ ſitzt, und zwar beſitzt auf meine Koſten....“ —— = S — in dicht vo m höre rechts un in den nac eſchäfte b aber ſ je, unang Sie we ie ſich alſ Inzwiſcht Einfluß a penn übernind hten, wn ne Klin ht ünf⸗, ſi Vernh en ſchont jen 361 Er ſchien noch etwas auf dem Herzen zu haben; endlich bezwang er ſich und ſagte:„Da iſt der Theobald, ein guter Menſch, nur ein bischen langweilig und Ihr ſehr beſonderer Ver ehrer, wie ich merke. Er hält Sie ſchon für eine berühmte Frau und wird gewiß mit Ver gnügen Alles thun, was er Ihnen an den Augen abſehen kann; ſein Sie freundlich mit ihm, in allen Ehren verſteht ſich, aber ſein Sie freund— lich! So widerwärtig der Menſch mir im Grunde iſt, ſo ſcheint es mir doch billig, daß ein Freund dem andern in der Noth beiſteht....“ Die junge Frau war ſelbſt viel zu verwirrt, um das Zuſammenhangloſe dieſer letztern Worte zu bemerken.„Aber mein Gott“, ſagte ſie, die Hände ringend und mit ſtarren Blicken den Boden betrachtend,„wenn das ſo mit uns ſteht, warum haben Sie mir das nicht längſt geſagt? Ich habe ja keine Ahnung da⸗ von gehabt....“ Der Muſikantenthurm. 1I. 16 362 Rudolf brach in ein ſchallendes Gelächter aus:„Weil es ja Alles auch gar nicht wahr iſt“, rief er,„und weil ich Ihnen nur habe zeigen wollen, daß, wenn es darauf ankommt, ich auch ein Poet ſein kann! Nun ſchlafen Sie wohl, ſchöne Dichterin“, indem er ihr die Hand küßte und eigenhändig nach ihrer Kam⸗ merfrau ſchellte: Schlafen Sie wohl und träu⸗ men Sie von dem Wachsthum der Lorbern, A die Sie heute erſtritten haben....“ de Eugenie ſah ihn ſtarr anz ſein Lachen i ſchnitt ihr durch die Seele, ſie wußte nicht, wo was ſie von ihm halten ſollte. Auch ſchien L Rudolf zu keiner weitern Aeußerung aufgelegtz N er bat wiederholt um Entſchuldigung, daß er ft ſie ſo lange aufgehalten, zündete ſich ſelber das ei Licht an und ging in ſein Zimmer. un i blie Gelihh ſicht wihr nur hi ankomnt, n ſchlfn er iht di hrer Kam und tral r Lorbern n Lachen ßue nicht uch ſchin aufgeltgt g, daß e ſilber da Funßehntes Capitel. Die Brieftaſche. Ware Rudolf, indem er in den Theil des Hauſes hinüberſchritt, wo ſeine Zimmer lagen, nicht ſo in Gedanken vertieft geweſen, er hätte nothwendig bemerken müſſen, daß ſich in der Wohnung ſeiner Mutter, trotzdem, daß ſie heute Nachmittag aufs Land gefahren war, Licht be⸗ fand. Und zwar bewegte das Licht ſich durch eine Reihe von Zimmern, die für gewöhnlich unbewohnt ſtanden; es erſchien wie ein Irr⸗ licht bald an dieſem, bald an jenem Fenſter, bis es endlich in einer entlegenen Kammer blieb, die ſelten oder nie betreten ward und 16* ————————— —. ——— 364 zur Aufbewahrung von allerhand altem Ge⸗ rümpel diente. Aber wie würde er erſt erſtaunt ſein, hätte er in die Fenſter ſelbſt blicken können und hätte geſehen, daß die nächtliche Wandlerin Niemand anders war als— ſeine Mutter! Kaum auf dem Gute angelangt, hatte ſie ihren Entſchluß plötz⸗ lich geändert und war noch denſelben Abend in die Stadt zurückgefahren. Es war ſchon Nacht und das Freudenfeſt bei dem Regierungs⸗ rath im vollen Gange, als ihr Wagen an dem hintern Thorweg anhielt; geräuſchlos ſtieg ſie die Treppen hinauf, ſchützte ein Kopfweh vor und ſchickte die Dienerſchaft zeitig zur Ruhe. Was denn iſt es, das ſie noch ſo ſpät nach Mitternacht einſam durch die öden Zimmer treibt? Was hat ſie zu ſuchen in der ent⸗ legenen Kammer, die ſonſt nicht einmal die Dienerſchaft betritt? Warum ſieht ſie ſich ſo orſ han ſich ltem Ge ſein, hitt und hitt Niemad mauf den chluß pt en Abend war ſchon egierungs nan dem s ſiieg ſi gopfweh zeitig zut n Zinn n der en⸗ inmnl d ſie ſich vorſichtig nach allen Seiten um und hält die Hand vor das Licht, damit ſein Schein ſie nicht verrathe? Und jetzt, in dem hinterſten Winkel der Kammer, an dem alten wurmſtichigen Schrank, was ſucht ſie hier? Warum probirt ſie die Schlüſſel ſo ängſtlich und dreht mit dieſer zit⸗ ternden Haſt an dem altmodiſchen Schloſſe? Endlich hat ſie den rechten Schlüſſel gefunden, die Thür öffnet ſich— warum bebt ſie zurück? warum ſetzt ſie das Licht taumelnd auf die Erde und muß ſich an der knarrenden Thür anhalten, um nicht völlig niederzuſinken? Freilich, der Anblick war unſchön genug: ein Haufen alter, unſauberer Kleider, zerriſſen und mit Blut befleckt; es mußte ſich ein eigen⸗ thümliches Andenken daran knüpfen, daß man dieſe alten Lumpen ſo ſorgfältig aufgehoben. Aber wie unſauber ſie auch ſind, die ſonſt ſo feine, züchtige Matrone ſcheut ſich nicht, ſie 366 um und um zu kehren, alle Taſchen umzuwen⸗ tt den und jedes Fältchen zu unterſuchen. Aber 7 lnt vergebens, von Dem, was ſie ſucht, trifft ſie ine keine Spur. Es muß etwas ſehr Werthvolles bar ſein, wenigſtens nach der Haſt und Sorgfalt die zu ſchließen, mit der ſie ſucht; ſie iſt auf beide taſe Knie geſunken, hat die Kleider vor ſich Ro auf die Erde gebreitet und tappt mit fieberhaft un zuckenden Händen nach dem heißgeſuchten Gegenſtand. Wie alle Bemühungen fruchtlos Sti bleiben, ſchlägt ſie mit der geballten Fauſt vor it die Stirn; dann verfällt ſie in tiefes, ſchmerz⸗ nnd liches Sinnen. Sie wird daraus aufgeſchreckt do durch einen Funken, der von der Kerze ab⸗ we ſpringt und kniſternd auf die leichtentzünd⸗ Ab lichen Lumpen fällt; mit raſcherhobener Hand in ſchlägt ſie zu, um den Funken zu erſticken— n und ſiche da, ihre Hand ſchlägt auf etwas und Hartes, das ſich in dem Unterfutter des Klei⸗ gehl des verborgen hat. Mit wahnſinniger Gier ſn 367 umzwen fällt ſie über das Gewand her, zerreißt das en. e Unterfutter mit den Nägeln und findet— . trft ſe eine alte, unſcheinbare Brieftaſche; ſie hat offen⸗ gethln bar früher in der Taſche des Rocks geſteckt, Strf die Taſche iſt durchgeſcheuert, und ſo iſt die Brief⸗ tauf beide taſche, vermuthlich ohne daß der Beſitzer des vor ſih Rocks etwas davon gewußt hat, zwiſchen Zeug ſihrhen und Unterfutter hinuntergerutſcht. geſchtn Es war, wie geſagt, ein ſehr unſcheinbares fuchtu Stück; der rothe Safſian, aus dem es gefer⸗ Fauſt vr tigt war, hatte faſt ſchon ſeine Farbe verloren, ſhnen und auch von dem goldenen Wappen, das auf uſin dem obern Deckel eingepreßt ſtand, waren nur zuf noch wenige undeutliche Linien zu erkennen. nn Aber die alte Dame ſtarrte dieſe Linien mit einer Beharrlichkeit an und ſtieß dazu einen 3 5 dumpfen Schrei, einen Schrei der Ueberraſchung und des Entzückens aus, als ob dieſes alte ab⸗ uf 3 geblaßte Wappen ihr zum wenigſten den An⸗ . ſpruch auf eine Krone ſicherte. Mit derſelben iger 3* 368 Haſt öffnete ſie die Brieftaſche auch und durch⸗ blätterte ſie auf das genaueſte. Allein ſie war leer; nur in einem geheimen Fach lag ein ver⸗ gilbtes, mürbes Blättchen Papier, mit einem Kranz von Roſen und Myrten in Seide ge⸗ ſtickt, wie es früher einmal Mode war, und in dem Kranze ſtanden mit zierlicher Schrift die beiden Namen:„Hugo. Ulrike.“ Ein ſehr unerheblicher Fund, nicht wahr? Und Keiner von uns Allen, geneigter Leſer, hätte ſich darum die Nachtruhe verdorben und mit eigenen Händen einen Haufen alter blu⸗ tiger Lumpen durchſucht. Aber für die Baro⸗ nin mußte er doch von unſchätzbarem Werthe ſein; ſie wurde nicht müde, die altmodiſche, verblichene Stickerei zu küſſen, während heiße Thränen aus ihren ſonſt ſo ſtarren Augen rieſelten. So ſaß ſie lange, lange; erſt als die Kerze zu verlöſchen drohte, ſprang ſie auf, warf die 1 2 1 und duch⸗ alten Lumpen in den Schrank zurück, den ſie in ſe um ſorgfältig verſchloß, und eilte dann, die Brief⸗ ginetaſche an die Bruſt gedrückt, durch die lange, mit ien öde Zimmerreihe zurück in ihr Gemach. Auch Seide ge dort ſaß ſie noch lange, einſam und ſchwei⸗ war, un gend; der Tag leuchtete ſchon über die Dächer, er Schit und noch hatte kein Schlaf ihr Auge berührt; ſie ſaß nur immer und ſtarrte die alte Brief⸗ btwh taſche an und das Stammbuchblatt mit den te Leſt eingeſtickten Roſen und Myrten und den bei⸗ ben ud den Namen:„Hugo. Ulrike.“ ilter blu de Bw n Wertht tmdiſh⸗ end hiſ en Agen — S. „ 8 — 8 3 S 8 „ 62 3 — 8 — S * rey Control Chart T —— Green Vellow Red Magenta