deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und Feſebedingungen. Hensein der Bibliothel. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ en Tag von Morgens ne und Rückgabe der Bücher jed — Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Sunime hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 4 Monat: 2 N 1N 2W— en Hi i enten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeibſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei olchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeten Wertes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Die elbe iſt a rf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — uf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders varauf aufmerkfam gemacht, daß das 4 der Bücher nicht ſtattfinden da i ———— — 6duard Oltmunn in Gieſen,. * „. Der Musikantenthurm. Erſter Theil. Der Musikantenthurm. Roman in fünf Büchern von Robert Prutz. In doloribus pinxit.“ Friedrich Wilhelm l. von Preussen. Erſter Theil. Leipzig: c 1855. — Der Frau Charlotte Wellmann in Stettin. Schon längſt, meine theure Freundin, war es mein Wunſch, einer meiner Schriften Ihren Namen vorzuſetzen und dadurch der mehr als dreißigjährigen Freundſchaft, die mich mit Ihnen und Ihrem Hauſe verbindet und die für mein ganzes inneres Leben ſo einflußreich geworden iſt, ein öffentliches Denkmal zu ſtiften. Vor drei Jahren, als ich den„Felir“ ſchrieb, ſollte dieſer Ihnen meinen Gruß bringen; das leichte luſtige Buch, das ſich wie eine bunte Arabeske um die Leiden und Thorheiten unſerer letzten Jahre zu ſchlingen ſucht, ſchien dem heitern, gefaßten Sinne zu entſprechen, mit' welchem Sie das Leben tragen und ſeine Schmerzen und Täuſchungen zwar nicht vergeſſen, aber doch verklären. Allein gerade wie die letzten Bogen des„Felir“ die Preſſe verließen, ſtarb Ihr Mann, der treffliche Albert Wellmann, gekannt und geſchätzt von den Freunden der Wiſſenſchaft wegen ſeiner gründlichen und geſchmackvollen literargeſchichtlichen und äſthe tiſchen Unterſuchungen, mir ſelbſt aber noch weit mehr— nämlich der nächſte und theuerſte meiner Freunde und Lehrer, der mich von Jugend an ge leitet hat und dem ich Alles ſchuldig bin, was mir jemals gelungen oder mir wenigſtens den Antheil, die Nachſicht der Guten erweckt hat: ein Charakter, ſo rein, ſo mild, dabei ſo feſt und ſo genährt und erfüllt mit dem Beſten aller Völker und Zeiten, die er ſorgſam mit ſtets neuem Genuß durchforſchte, daß keine noch ſo langwierige Krankheit, kein noch ſo ſchmerzliches körperliches Leiden ihm die Klarheit des Geiſtes trüben oder ſeinen Muth erſchüttern konnte unvergeßlich allen Denen, die jemals des Glücksge noſſen, an ſein vieljähriges Leidensbett heranzutre⸗ ten, ein erhabenes Zeugniß von der Macht geiſtiger und ſittlicher Hoheit, ein tröſtendes Beiſpiel, daß es für den wahrhaft gebildeten, den in ſich vollendeten — n . N Menſchen kein noch ſo ſchweres Schickſal gibt, das er nicht zu überwinden und zu verſöhnen wüßte. Im Angeſicht dieſes Verluſtes, mit dem auch für mich eins der edelſten Bänder zerriſſen war, die mich an meine Vaterſtadt knüpften, mußte das ſchalkhafte Buch ſich denn freilich zurückziehen. Jetzt komme ich mit einem neuen; ich hätte gewünſcht, daß es etwas weniger düſter ausgefallen wäre. Aber Sie wiſſen auch wol, liebe Freundin, daß die Poeten ſich ihre Stoffe nur ſcheinbar wählen und daß das Leben ihnen gibt, was die Phantaſie verarbeitet. Auch haben Sie vielleicht einmal im berliner Schloſſe oder in Charlottenburg etwas von den Gemälden geſehen(wenn ſie dieſen Namen verdienten), mit denen Friedrich Wilhelm l., der Vater des gro⸗ ßen Fritz, ſich in den Schmerzen der Gicht unter⸗ hielt; von ihnen iſt das Motto entlehnt, das ich dieſem Buche vorgeſetzt:„In doloribus pinxit— unter Schmerzen gemalt.“ Der größte Theil meines Romans, liebe Freundin, iſt im Krankenzimmer zwar nicht entſtanden, aber doch ausgeführt worden, Luſt und Sonne und Alles, was das Herz des Dichters erfreut und anregt, hat nur von weitem auf dieſe Blätter geſchienen. Möge ihnen das zur Entſchul digung gereichen für einige Fehler, die ich bei glück licherer Muße vielleicht hätte vermeiden können;— es werden andere und ſchlimmere darin ſein, denen ich beim beſten Willen doch nicht gewachſen war. Vielleicht aber fragen Sie mich, warum ich es unter dieſen Umſtänden nicht vorgezogen habe, das Buch beiſeite zu legen für beſſere Zeiten. Darüber ließe ſich Manches ſagen, liebe Freundin; ich führe nur Eins an: wenn der Keim einmal in der Knospe ſchwillt, ſo will er auch heraus, gleichviel ob bei Sonnenſchein oder Regen. Auch iſt gerade für mich, unter ermüdenden und aufreibenden Berufsarbeiten, die Beſchäftigung mit der Poeſie ein Troſt, dem ich in trüben Tagen am wenigſten entſagen mag. Und ſo gehe das Buch denn hin unter dem Schirm Ihres Namens und treffe auf Herzen, die ſeine Fehler verzeihen und ſeinen tiefern Sinn ver— ſtehen. Mit Ihnen aber, theure Freundin, und Ihrem Hauſe ſei das Glück;— um die Fortdauer Ihrer Freundſchaft bitte ich nicht erſt, da ich weiß, daß ſie unverlierbar und unerſchütterlich iſt. Halle, im Januar 1855. 3 ü. P. Irhalt des erſten Theils. Erstes Juch. Im Thurm. Seite Erſtes Capitel. Eine gefallene Größe......... 3 Zweites Capitel. Der Thurm............... 18 Drittes Capitel. Stillleben............... 42 Viertes Capitel. Die zerbrochene Fenſterſcheibe. 59 ſtes Capitel. F 80 † Sechstes Capitel. Ein zärtlicher Vater....... 94 Siebentes Capitel. Jugenderinnerungen....... 117 Achtes Capitel. Die fremden Bettler........ 143 Neuntes Capitel. Die Rettung............. 163 Zehntes Capitel. Der Kampf an den Schiffen. 185 Elftes Capitel. Ein alter Freund............ 196 Zweites Puch. Familiengeſchichten. Erſtes Capitel. Das alte Haus............. 221 Zweites Capitel. Wie man ein vornehmer Mann wird und bleibt — 2———— XII Seite Drittes Capitel. Die ſchönen Schweſtern..... 240 Viertes Capitel. Liebesgeſchichten............ 256 Fünftes Capitel. Schwere Stunden........ 275 Sechstes Capitel. Die Hochzeit.......... Siebentes Capitel. Was darauf folgte...... 296 31 2 Erſtes Buch. Im Thurm. —— Der Muſikantenthurm. I. ———— —— —= — ter nes „ Erstes Capitel. Eine gefallene Größe. Ein guter Titel, der Muſikantenthurm, nicht wahr? Das muß eine luſtige Geſchichte geben, denkt ihr, und ſeht ihn im Geiſte ſchon vor euch, den Patriarchen des Städtchens, voller Runzeln und Narben, aber bei alledem noch immer eine ſtattliche, wohlgerundete Figur. Das Fußgeſtell, vermuthlich weil es ſeine ſchwächſte Partie iſt, hat er vorſichtig in zwei große, grüne Pelzſtiefel von Epheu und wildem Wein geſteckt; auf dem Haupt, das Sturm und Wet⸗ ter zerzauſt haben, trägt er ein kleines, breter⸗ nes Nothdach, ein wenig ſchief, wie alte Herren 4 ſich die Mütze zu rücken pflegen, wenn ſie luſtig werden. Und luſtig iſt dieſer alte Herr über die Maßen, man ſollte es gar nicht für möglich halten, daß in einem alten, verrotteten Thurm, einem Ding aus Steinen und Balken, ſoviel Leben und Heiterkeit ſtecken könnte; den ganzen Tag, ohne Aufhören, hallt er wider von den lieblichſten Melodien, von allen Erkern und Söllern, aus allen Fenſtern und Thüren girren und ſeufzen Flöten und Geigen, ſchmettern die Hörner, raſſeln die Pauken, untermiſcht mit Gläſerklang und luſtigen Liedern. Das kommt Alles, meint ihr, von dem alten Muſikmeiſter, der den Thurm bewohnt und der beinahe ſo alt iſt, wie er ſelbſt: eine geheimnißvolle Figur, auch ein bischen übergeſchnappt zu Zeiten, ſo à la Hoffmann, aber übrigens der prächtigſte Kerl von der Welt, mit einem Heiligenſchein von krauſen, weißen Haaren, kleinen blinzeln⸗ den Aeuglein und einer Raſe, gegen die Rubin und Ka lich leb — — 5 und Karfunkel ordentlich blaß ausſehen. Natür⸗ lich lebt der alte, geheimnißvolle Patron nicht allein in dem Thurm, er hat eine, zwei, drei ſchöne Töchter bei ſich, alle mit Stimmen wie die Nachtigallen; die eine ſpielt die Harfe, die andere ſchlägt die Zither, und die dritte und jüngſte, die alſo auch am meiſten modernes Blut in ſich hat, excellirt auf dem Klavier. Ebenſo natürlich iſt es, daß auch die drei ſchönen Töch⸗ ter nicht allein ſein wollen, ſie haben ſich einen, zwei, drei Liebhaber zugelegt, ebenfalls lauter Virtuoſen verſteht ſich, die ihre Liebe mehr durch Läufer und Triller, als durch geſprochene Worte ge kundgeben. Das böſe Princip, das bekanntlich in keinem Romane fehlen darf, kann etwa durch eine ehemalige Primadonna vertreten ſein, eine blutdürſtige Italienerin mit gelber Haut und dicken, falſchen, ſchwarzen Locken— oder durch einen kleinen, buckligen Kapellmeiſter, der das Unglück hat immer falſche Quinten zu greifen 6 und eine große grüne Brille trägt, was mehr nützlich als kleidſam iſt. Wenn die nun Alle in dem alten Thurme zuſammenkommen und ihre verſchiedentlichen Leidenſchaften und Empfindun gen muſikaliſch auslaſſen, ſo gibt das ein Con⸗ cert, als ob die ganze Welt Kirmes hätte. Die Nachbarn aber ſind daran ſchon gewöhntz ſie wandeln in der Kühle des Abends auf und nieder, Männer und Frauen, oder ſchwimmen in zierlich bewimpelten Booten den Strom ent⸗ lang, der die Mauern des alten Thurms be ſpült, und horchen den muntern Klängen, die Waſſer ſchweben. weithin über das vom Abendgold verklärte Vortrefflich phantaſirt, geneigter Leſer: der Uebelſtand iſt nur, daß es Phantaſien ſind und weiter nichts. Es iſt eine ernſte und düſtere Geſchichte, die auf dieſen Blättern erzählt wer⸗ den ſoll; das Gebäude, von dem ſie den Namen führt, verhält ſich zu dem freundlichen Bilde, doö di zun Furch und gen weil verr das dir vor der Seele ſchwebt, wie die Nacht zum Tage; ſtatt Luſt und Freude haben hier Furcht und Sorge, Haß und Neid, Armuth und Elend ihre Wohnung aufgeſchlagen; Kla⸗ gen und Seufzer, Drohungen und Flüche, zu⸗ weilen auch, um dir gleich das Schlimmſte zu verrathen, der näſelnde Geſang eines alten Müt⸗ terchens, das ſeinen dünnen Kaffee durch ein geiſt⸗ liches Lied verbeſſern zu können glaubt, ſind ſo ziemlich die einzige Muſik, die hier für gewöhn⸗ lich vernommen wird. Es iſt nämlich die⸗ ſer Muſikantenthurm nicht mehr noch weniger als— Aber nein, dieſer Gegenſtand iſt doch wol zu wichtig und greift zu tief in unſere Ge⸗ ſchichte ein, um ihn ſo nebenher abzumachen; ich will euch die Sache hübſch ordentlich und der Reihe nach erzählen. Wir befinden uns in einer Gegend des nord⸗ weſtlichen Deutſchland, die wegen ihrer Un⸗ 8 fruchtbarkeit und Unfreundlichkeit verrufen iſt; eine weite, öde Fläche, aus der nur einzelne Anſiedelungen hervorragen, wie Daſen aus der Wüſte, dehnt ſich in troſtloſer Einförmigkeit, ſo weit das Auge reicht. Vor Zeiten war ſie mit dichten Kieferwaldungen bedeckt; unſer öko⸗ nomiſches Jahrhundert jedoch hat dieſelben her⸗ untergeſchlagen, und der unfruchtbare gelbe Sand in dem nicht einmal ein Grashalm wurzelt, ſtarrt jetzt frei und nackt zutage. Wo er aufhört, nehmen große, weite Torfſtrecken ihren Anfang; zwiſchen dem kurzen, braunen Graſe, das ſie bedeckt, ſickert das Waſſer hervor. Ein Labyrinth von Gräben und Kanälen, eingefaßt von hohen braunen Torfwänden, die ſich end los hindehnen wie die Mauern einer verlaſſe nen Stadt, durchſchneidet ſie; einzelne verkrüp pelte Weiden, die aus dem ſchwarzen Waſſer der Kanäle eine ſpärliche Nahrung ſaugen, voll⸗ enden das Gepräge von Armſeligkeit und Ver⸗ 9 . laſſenheit, das der ganzen Gegend aufgedrückt iſt. Selbſt die Landſtraße, die ſich bald müh⸗ ſam durch den tiefen Sand hindurcharbeitet, bald auf ſchlechten Brücken und Knüppeldämmen über Sümpfe und Gräben dahinſetzt, macht einen weiten Bogen, gleich als wollte ſie der Lange— weile dieſer Landſchaft ſo weit wie möglich aus dem Wege gehen. Auch die Stadt, die ſich im Mittelpunkt derſelben erhebt, trägt nur wenig zu ihrer Ver⸗ ſchönerung bei. Es iſt eine Provinzialſtadt zweiten Ranges, in jenem charakterloſen, kaſer⸗ nenhaften Stil erbaut, wie er zu Anfang des vorigen Jahrhunderts Mode wurde. Ehedem war das anders geweſen. Die Lage der Stadt, mitten in Sand und Moor, auf Meilen in der Runde der einzige größere Ort, hatte ihr in alten Zeiten, da man von Kunſtſtraßen und Eiſenbahnen noch nichts wußte, ſogar zum Vor⸗ theil gereicht; die Frachtfuhrleute, die den Ver⸗ 10 kehr der nicht allzu entfernten Küſte mit dem Innern des Landes vermittelten und die bei den ſchlechten Wegen froh ſein mußten, wenig⸗ ſtens einen Fleck zu erreichen, wo es Stell⸗ macher und Schmiede und Pferde zum Vor⸗ ſpann gab, hatten hier von altersher eine Hauptſtation gemacht, wodurch der Stadt Man⸗ ches an Nahrung und Wohlſtand zugeführt ward. Damals lag ſie mit feſten Mauern und Thürmen wie eine Inſel im Meere; die Schlag bäume und Gatterthore, mit denen ſie ſich nach damaliger Sitte nach allen Seiten hin abſperrte, ſelbſt mitten im Frieden, öffneten ſich nicht um— ſonſt, und auch von Pflaſtergeld und Stätte⸗ geld und den übrigen Abgaben, mit denen die Barbarei vergangener Jahrhunderte Handel und Verkehr in Feſſeln ſchlug, hatte die Stadt keine unbeträchtlichen Einnahmen. Als dann, theils in Folge von Gebietsveränderungen, die in der Nachbarſchaft vor ſich gingen, theils auch wegen der gebot ande Sta dert ſelb ver jett drt regi der A Ku beſ wh ten n — 11 der größern Vortheile, die ihnen anderwärts geboten wurden, Handel und Wandel eine andere Richtung einſchlugen, ſank der Flor der Stadt raſch zuſammen. In frühern Jahrhun⸗ derten hatte mancher raubgierige Ritter und ſelbſt wol auch der Landesherr ſich den Kopf vergeblich an den feſten Mauern wundgerannt; jetzt ſchätzte ſie es für ein großes Glück, als ſie durch Erbſchaft an die Seitenlinie eines größern regierenden Hauſes fiel und von dieſer, wegen der Mishelligkeit, in der die fürſtlichen Vettern miteinander lebten, für einige Zeit zur Reſidenz erwählt ward. Damals begannen jene Veränderungen im Aeußern der Stadt, von der ſie noch heute Kunde gab und in der nur Diejenigen eine Ver⸗ beſſerung ſehen konnten, die in Lineal und Richt⸗ maß die einzigen Regeln der Schönheit erblick⸗ ten. Die krummen Straßen wurden gerade⸗ gelegt, die Gräben verſchüttet, Mauern und 12 Thürme abgebrochen. Sogar die Heiligkeit der Kirchen wurde nicht verſchont; die alten ſchiefer⸗ gedeckten Thürme, die gleich Nadeln in die Höhe ragten und in der flachen Gegend die Nähe der Stadt auf Meilen verkündigten, wur⸗ den abgetragen und ſtatt ihrer niedrige Kuppeln erbaut, mit prächtigen Portalen und Heiligen⸗ bildern aus Sandſtein mit vergoldeten Kreuzen und Heiligenſcheinen. Auf ähnliche Weiſe ver— fuhr man mit den Wohnungen der Bürger; die alten ehrwürdigen Giebelhäuſer wurden ein⸗ geriſſen und an ihrer Stelle wuchſen neue aus dem Boden, regimenterweis, eins gleich dem andern, wie Soldaten in der Linie, zwar nur von Holz, aber ſo künſtlich zurechtgetüncht und mit ſolchen römiſchen Pilaſtern und Blumen— gehängen und poſaunenblaſenden Engeln aus Gyps bekleidet, daß es wirklich ausſah als wäre es etwas, beſonders von weitem, und die guten Bürger ſich gar nicht faſſen konnten über — 1 0 = das ucher hatte. Verſut wächs lindli anzule gehau nenen ſch ve iige neuen daon, Sün werke triben A bevor iien Vut 13 das Verſailles oder Manheim, zu dem ihre alte räucherige Stadt ſich auf einmal entpuppt hatte. Selbſt in der Umgegend wurden ſchwache Verſuche gemacht, franzöſiſche Gärten mit Ge⸗ wächs⸗ und Luſthäuſern und was ſonſt zum ländlichen Schmuck einer Hofhaltung gehört, anzulegen: ſtundenweit wurde der Wald weg⸗ gehauen, um einen winzigen Theil der gewon⸗ nenen Sandfläche mit Taxuswänden und künſt⸗ lich verſchnittenen Linden zu bepflanzen. Ja einige verwegene Geiſter, die der Bauluſt des neuen Gebieters ſchmeichelten, ſprachen ſchon davon, das ſchwarze Waſſer der Gräben und Sümpfe zu ſammeln und durch künſtliche Druck⸗ werke als Springbrunnen in die Höhe zu treiben. Aber auch dieſe Herrlichkeit brach zuſammen, bevor ſie ſich noch recht entfaltet hatte. Die regierende Linie ſtarb aus, und die ſchmollenden Vettern hatten nichts Eiligeres zu thun, als 14 das halbfertige Verſailles der Sümpfe und Ein⸗ öden zu verlaſſen und ſich in die Hauptſtadt zu begeben, wo man ſie als Herrſcher des Lan⸗ des erwartete. Die angefangenen Bauten wur⸗ den noch ehrenhalber einige Zeit fortgeführt, dann kamen ſie ins Stocken und wurden end lich zu andern Zwecken verkauft, oder auch auf den Abbruch verſchenkt. Die Gartenanlagen in der Nähe brauchte man nicht erſt zu zerſtören: die waren ſchon von ſelbſt wieder eingegangen. Kurzum, in wenigen Jahren war die ganze ehemalige Reſidenz herabgeſunken zu einer dürf tigen Landſtadt, und den verdutzten Bürgern blieb nichts von dem Traum ihrer Größe als die gekappten Kirchthürme und die langweiligen geraden Straßen, in denen nun das Gras wuchs und zahme Taubenſchwärme ſich gaſtlich nieder— ließen. Nicht einmal die Poſaunenengel hielten Stich; ſie fielen ſtückweiſe ab mitſammt den Pilaſtern und Blumenkränzen, und da die ver— gunten tl hat ſch mi dt Y liches, oder 3 Wigl hhere ahin Bean Um, doch 1 ſi de der E undß Dngn Goh i de St 15 armten Hauseigenthümer weder Luſt noch Mit⸗ tel hatten ſie wiederherſtellen zu laſſen, ſondern ſich mit allerlei Flickwerk behalfen, ſo gab das der Mehrzahl der Häuſer ein ſehr verwunder⸗ liches, aber nichts weniger als geſchmackvolles oder wohnliches Anſehen. Zwar ſuchte die Regierung die Stadt nach Möglichkeit zu entſchädigen, indem man einige höhere Behörden daſelbſt beließ und andere dahinverlegte. Aber ſo fleißig auch die Herren Beamten umherliefen mit den Acten unter dem Arm, das Gras in den Straßen konnten ſie doch nicht niedertreten, und auch das konnten ſie den Bürgern nicht abgewöhnen, daß ſie in der Stille auf ſie ſchalten als auf Hungerleider und Habenichtſe, die ſich in Gottes Namen den Magen an der Sonne wärmten, wenn nur das Gold auf dem Rock hübſch blank ſchien. Auch bei den Beamten und ihren Familien war die Stadt nicht beliebt, obwol das Leben billig 16 und die Geſelligkeit lebhaft war; ſogar ein Theater wurde, mit einem Zuſchuß der Regie⸗ rung, unterhalten. Allein nichtsdeſtoweniger hieß ſie das Sibirien des Staats; unter allen Beamten, die hierherverſetzt wurden, hoch und niedrig, war kaum Einer, der nicht im Augen⸗ blick ſeines Anzugs ſchon wieder an die Zeit gedacht hätte, wo er in andere, minder entlegene und einſame Gegenden zurückverſetzt würde. Mit Einem Wort: es war ein verdrießliches, langweiliges Neſt; der Sommer war hier noch einmal ſo ſchwül, der Winter noch einmal ſo kalt als anderwärts; ein ordentliches geſundes Lachen war eine Seltenheit in der ganzen Stadt; die Bürger, wenn ſie Abends beim Biere ſaßen, das gerade ſo ſchaal war und ſo abgeſtanden wie das ganze hieſige Leben, blie— ſen Einer dem Andern die Tabackswolken ſchwei⸗ gend ins Geſicht oder flüſterten mit halber Stimme— denn ſie fürchteten die Polizei von de viel be wire niemal Maue 17 von den guten alten Zeiten und daß es doch viel beſſer geweſen wäre für die Stadt, ſie wäre niemals eine Reſidenz geworden und hätte niemals einen apanagirten Prinzen in ihren Mauern geſehen. 5 Zweites Capitel. Der Thurm. N ur ein einziger Ueberreſt des Mittelalters war dieſer allgemeinen und nun doch ſo unfrucht⸗ baren Verwüſtung entgangen: das war eben der Thurm, nach dem unſere Geſchichte ſich be⸗ titelt. Er hatte früher ein Stück der Befeſti⸗ gung gebildet: halb auf dem äußern Stadt⸗ wall, halb in dem Feſtungsgraben wurzelnd, der an dieſer Stelle offengeblieben war und mit ſeinen grünen Binſen und einigen zahmen Enten, die darauf umherplätſcherten, eine un⸗ erwartete Abwechſelung hervorbrachte, ragte er ſchwarz und finſter in die Höhe. Er mochte ſ ſell, n wiſch rium benf ten gefli nohe ber ſich wol ziemlich einſam fühlen, der arme Ge⸗ ſell, mitten in ſeiner modernen Umgebung; ſelbſt zwiſchen das Mauerwerk, das einen zwar ge— räumigen, aber düſtern Hof umſchloß und das ebenfalls noch aus der alten Zeit ſtammte, hat⸗ ten ſich neue Wände und Giebelchen hinein⸗ geflickt, gleich Schwalbenneſtern und auch bei⸗ nahe ebenſo klein und vollſtändig ſo unſau⸗ ber wie ſie. Von der Stadt war der Thurm nebſt Zubehör durch eine hohe Mauer abgeſon⸗ dert; halbverfallene Schießſcharten und andere Spuren zeigten deutlich, daß ſie früher eben⸗ falls zur Befeſtigung der Stadt gehört hatte. Auch auf dieſer innern Seite war ein Stück Wall ſtehen geblieben; ein ſchmaler, gewölbter Gang, der ſich ſchräg hindurchzog, diente jetzt als Eingang in den Hof. Für die Jugend des Orts war es ein eigenes Vergnügen, durch die alte, knarrende Gitterthür, die denſelben für ge⸗ wöhnlich verſchloſſen hielt, hineinzulauſchen in ———— 20 das Innere der Ruine, wo Alles ſo ſtill, ſo geheimnißvoll und vor allem ſo ganz anders war wie in der übrigen Stadt. Der Gipfel aller kindlichen Luſtbarkeit aber war es, mit bebenden Fingern die alte Haſenpfote zu er⸗ faſſen, die neben dem Eingang herabhing und als Glockenzug diente, zu hören, wie die alte Glocke durch die Wölbung brummte, die klap⸗ pernden Schlüſſel und die ſchlurrenden Tritte zu hören, mit denen die Schließerin gegangen. kam, und bei alledem jeden Augenblick gewärtie 7* ſein zu müſſen, ergriffen und wegen des kindi⸗ ſchen Frevels abgeſtraft zu werden— es war ein Entzücken, dem kein anderes gleichkam, und ſchon manche Schulſtunde war verſäumt worden und manche künftige Zierde der Gelehrſamkeit hatte auf Erbſen knien müſſen, weil ſie dieſer Lockung nicht hatte widerſtehen können. Selbſt bei vorgerücktern Jahren blieb dieſer Eindruck; war es doch das einzige Stückchen Romantik, ihnli ſchich 21 das einzige Stückchen Mittelalter weit und breit. Der Lehrer auf dem Katheder, wenn er an das Mittelalter und ſeine finſtern Schrecken kam, und wie die Menſchen damals doch ſo dumm und elend geweſen, citirte als Beiſpiel re⸗ gelmäßig den Muſikantenthurm dahinten am Stadtgraben, und auch die jungen Schönen, die heimlich unter der Schürze, damit die Mutter es nicht ſehen ſollte,„Udo den Schrecklichen“ oder„Die Teufelsruine im Böhmerwald“ oder ähnliche ebenſo wahre als ſchauderhafte Ge⸗ ſchichten laſen, hatten in ihrer Phantaſie nur einen einzigen Schauplatz, der ſich für ſo ſchreck⸗ liche Begebenheiten eignete, und das war wie⸗ derum der alte Muſikantenthurm dahinten am Stadtgraben. Glaube indeſſen Niemand, daß es Reſpect vor dieſer Romantik geweſen, weshalb man den Thurm hatte ſtehen laſſen. Das Jahrhundert, in welches die kurze Glanzepoche des Städt⸗ 22 chens fiel, kannte die Romantik noch nicht ein⸗ mal dem Namen nach, und auch der Muſikanten⸗ thurm hätte ganz gewiß das Schickſal ſeiner Brüder getheilt, hätte ihn nicht die Beſtim⸗ mung geſchützt, der er ſeit alten Zeiten diente. Er war nämlich das Stifts⸗ und Armenhaus der Stadt; auch Obdach- und Heimatloſe, an denen die ältere Zeit ſo reich war, wurden hier untergebracht. Man findet dergleichen Ge⸗ bäude ziemlich regelmäßig faſt in jeder Stadt 2 ( jenes Landſtrichs, und zwar ſind es gewöhnlich j alte, halbverfallene Thürme oder andere wüſte Plätze, die dazu benutzt werden. Auch der Name iſt in verſchiedenen Städten verſchieden; ſie heißen Elendshöfe— wobei aber weniger an das Elend zu denken iſt, das darinnen niſtet, als daran, daß unſern Altvordern über⸗ haupt jeder fremde heimatloſe Mann ein Elen⸗ der war—, Gottesthürme, Bettelthürme und dergleichen. Wie unſer Thurm zu ſeinem luſti⸗ gen N Gewiſſ alten Einzu nien, die hi A den 2 wenn gekon Aſte Sheil ausdr Regrü gen Namen gekommen, darüber ließ ſich nichts Gewiſſes mehr ermitteln. Vielleicht hatten in alten Zeiten die Stadtpfeifer von hier aus den Einzug vornehmer Fremden und ähnliche feſt— liche Ereigniſſe begrüßt; vielleicht ſtammte er aus jener Zeit, da Bettler, Studenten und Muſikanten in dieſelbe Kategorie geſetzt wur⸗ den, oder vielleicht war es auch eine jener Iro⸗ nien, an denen der Volkswitz ſo reich iſt und die häufig ſo bitter ausfallen. Allein ſelbſt dieſe fromme Beſtimmung würde den Thurm vermuthlich nicht geſchützt haben, wenn nicht noch einige andere Umſtände dazu— gekommen wären. Der Fonds, aus dem die Anſtalt verwaltet wurde, gehörte zum größten Theil verſchiedenen alten Stiftungen an, die ausdrücklich auf dieſen Namen und dieſen Ort gegründet waren und deren Verbindlichkeit zwei⸗ felhaft wurde, ſobald jene ſich änderten. Dazu kam, daß Stadt und Regierung gleiche Scheu 24 vor einem Neubau trugen, oder eigentlich nicht ein un ſowol vor dem Neubau, den namentlich die letz⸗ Nittel tere aus Verwaltungsgründen dringend wünſchte, priſen als vor den Koſten, welche derſelbe nothwendig eine e verurſachte und die keiner von beiden zu tragen auf t Luſt hatte. Wäre es möglich geweſen, die übet Actenſtöße, die im Lauf der Jahre ſchon dar⸗ und über zuſammengeſchrieben waren, in haltbare wie Mauerſteine zu verwandeln, es hätte ſich ſchon hinei ein ganz niedliches Gebäude davon errichten ſolch laſſen. Da dies aber nicht wohl ausführbar ſchie war, ſo blieb es einſtweilen beim Schreiben; dß immer neue Commiſſionen wurden ernannt, im— verm mer neue Vorſchläge gemacht und verworfen, Spit die Acten wuchſen, der Thurm aber blieb ſtehen ſalt wie er war. leben Oder nein, er blieb nicht ſtehen wie er war, tirl der unerſättliche Zahn der Zeit bewährte ſeine ale Macht auch an ihm, er nagte hier ein Stück— gür chen weg und da ein Stückchen, Mauern fielen obe ein und Dächer ſanken zuſammen; wenn das Mittelalter wirklich ſo ausgeſehen, wie ſein Re⸗ präſentant, der Thurm, ſo war es allerdings eine etwas ſchäbige Zeit geweſen, und der Mann auf dem Katheder hatte ganz Recht ſich dar⸗ über luſtig zu machen. Man hatte wol hier und da nachgeflickt, ganze neue Partien waren, wie ſchon erwähnt, zwiſchen die alten Mauern hineingebaut worden: aber auch das war mit ſolcher Unluſt geſchehen und mit ſolcher aus⸗ ſchließlichen Rückſicht auf möglichſte Billigkeit, daß die Haltbarkeit des Ganzen dadurch eher vermindert war als vermehrt. Einige alte Spitalfrauen, die ſich, den Statuten der An⸗ ſtalt gemäß, durch ein kleines Capital auf Zeit⸗ lebens in den Thurm eingekauft und damit na⸗ türlich ein unbeſtreitbares Recht erlangt hatten, alle Dinge in, auf, vor und unter demſelben gründlichſt zu bekritteln, von der Windfahne oben auf dem Thurme angefangen, deren Krei⸗ Der Muſikantenthurm. I. 2 26 ſchen ſie Nachts im Schlafe ſtörte, bis zu den ſehen, Kellern in der Erde, die allerdings zuweilen voll thum Waſſer ſtanden und in denen, behaupteten ſie, die nicht, „. Erbſen dumpfig wurden, die ſie hinterdrein als Knoc 1 Spitalſuppe eſſen mußten— eben dieſe ſcharf⸗ Horr ſinnigen und wohlerfahrenen Frauen, ſage ich, die die alle Ziegel auf dem Dache gezählt hatten 6 und auch ganz genau wußten, wie viel Butter nicht und Schmalz und Fleiſch und Eier die Haus⸗ iber mutter beiſeite brachte und welche ſteinreiche uch Frau ſie dabei werden mußte— eben dieſelben bede behaupteten auch, in ihren Stuben und Kam⸗ Stu mern zuweilen ein Schwanken und Beben zu unp 3 verſpüren, als ob ſie draußen über die Torf⸗ Di wieſen gingen; wenn einmal über Nacht ein Lir tüchtiger Sturm käme, behaupteten ſie, ſo einer, hut wie Anno damals, als die alten guten Kirch⸗ un thürme abgebrochen wurden, von denen ihre ſr Großmütter zu erzählen pflegten, ſo möchte V man, ſagten ſie, am andern Morgen nur zu⸗ 2 ſehen, man würde, ſagten ſie, vom Muſikanten⸗ thurm nichts mehr finden und von ihnen auch nicht, als blos noch ein bischen zerſchlagene Knochen, ſagten ſie, und rückten dabei an der Hornbrille und griffen noch einmal ſo tief in die Doſe als gewöhnlich... Wäre der Fall wirklich eingetreten, ich glaube nicht, daß die Regierung ſehr untröſtlich dar— über geweſen wäre, und die Väter der Stadt auch nicht. Der Thurm, wie er da war, war beiden Theilen zur Laſt, am meiſten aber der Stadt, die nichts davon hatte als Aerger und Unkoſten und tauſend andere Unannehmlichkeiten. Die Stellen für heruntergekommene E Bürger und Bürgersfrauen, die urſprünglich dabei beſtanden, hatten ſich mit der Zeit ſo vermindert und wa⸗ ren auch an Vortheilen und Annehmlichkeiten ſo beſchnitten worden, daß ſie keinen großen Werth mehr hatten, beſonders wenn man da⸗ gegen das Geſindel in Anſchlag brachte, das 28 ſich infolge der Leichtigkeit, mit der es im Muſikantenthurm ein Unterkommen fand, in die Stadt zog, ſowie die Trägheit und Verwil⸗ derung, die infolge deſſen unter die Einwoh⸗ ner im Allgemeinen kam. Ja wenn die Bür⸗ ger recht ehrlich gegen ſich ſelbſt ſein wollten, ſo mußten ſie ſich bekennen, daß es, abgeſehen von den juriſtiſchen Bedenken, die ſich an die Uebertragung ſo vieler großen und kleinen Stif— tungen, Vermächtniſſe und Legate knüpften, im Grunde nur die liebe Eitelkeit war, weshalb ſie ſo eifrig auf Conſervirung des alten Muſikanten⸗ thurms beſtanden. Es gingen freilich noch aller⸗ hand Gerüchte von Heimfällen und möglichen Erbſchaften, die der Thurm oder richtiger geſagt die Stadt dereinſt für ihn zu erwarten hätte. Doch waren das nur Alteweibergeſchichten, von denen Niemand zu ſagen wußte, wie es ſich ei— gentlich damit verhielt, und gerade Die am we⸗ nigſten, die am lauteſten davon ſprachen. Das ————— war ihre ihre ten vern ben dieſc noch man daß Luſ wir ſtan 29 war der eigentliche Grund: die Stadt hatte ihre ſchönen ſpitzen Kirchthürme opfern, hatte ihre Mauern und Thürme einreißen und ihre alten feſten Giebelhäuſer in luftige Baracken verwandeln müſſen, ohne etwas davon zu ha⸗ ben— ſo wollte ſie ſich nun doch wenigſtens dieſen Thurm erhalten, das Einzige, was ſie noch an ihre beſſern Zeiten erinnerte und woran man aus der Entfernung doch wenigſtens merkte, daß hier eine Stadt lag. Die Regierung ließ der Sache ſcheinbar ihren Lauf. Aber auch nur ſcheinbar; in der Stille wirkte ſie mit allen Mitteln, die ihr zugebote ſtanden, darauf hin, ihren Zweck doch noch zu erreichen, ſollte es allenfalls auch auf einem umwege ſein. Man ſpottet ſonſt viel über die Bureaukratie, wie unfruchtbar ſie ſei und wie wenig ſie auszurichten wiſſe. Wo es ſich darum handelt, etwas zu ſchaffen und ins Werk zu ſetzen, da mag das ſchon ſeine Richtigkeit ha⸗ 30 ben; wo die Aufgabe ſich aber nur darauf be⸗ ſchränkt, etwas zu verhindern und ins Stocken zu bringen, da beſitzt ſie eine wunderbare Be⸗ hendigkeit. Sie hielt es mit dem Affen in der Fabel: wenn der Käſe aufgegeſſen, iſt der Proceß von ſelbſt zu Ende. Die Wirthſchaft im Muſikantenthum war zum Theil gräulich; man ließ ſie abſichtlich immer gräulicher wer⸗ den, bis endlich ein Punkt erreicht ſein würde, wo der Karren ſich feſtgefahren und wo die Ein⸗ miſchung der Regierung, welche die Stadt bis da⸗ hin ſo eiferſüchtig abgelehnt hatte, als eine wahre Wohlthat erſcheinen mußte. Schon jetzt hatte die Regierung es erlangt, daß die Aufſicht der Anſtalt, die eigentlich der Stadt gebührt hätte, in ihre Hände gegeben ward; einige gering⸗ fügige Vorſchüſſe, die ſie während der Kriegs⸗ jahre geleiſtet hatte und die nun auf einmal mit aller Strenge eingetrieben werden ſollten, gaben ihr einen erwünſchten Vorwand, ihr Aufſi imme inzu 2 wen gen, lich blo dern ſ 4 31 Aufſichtsrecht immer weiter auszudehnen und immer tiefer in die Verwaltung der Anſtalt einzugreifen. Zum Theil war dies auch wirklich noth⸗ wendig; unter den mittelalterlichen Beſtimmun— gen, nach denen der Muſikantenthurm urſprüng⸗ lich errichtet war, befanden ſich einige, die nicht blos mit einer verſtändigen Armenpflege, ſon— dern auch mit dem Staatszweck im Allgemeinen geradezu unverträglich waren. Schon die Ver⸗ einigung von Bürgerſpital, Armenhaus und Zufluchtsort für Vagabonden und Heimatloſe unter einem und demſelben Dach hatte Schwie— rigkeiten, die ſich vernünftigerweiſe gar nicht überwinden ließen; wer einem Zweck wirklich genugthun wollte, mußte dem andern unver⸗ meidlich zunahe treten. Die Wahl der Re⸗ gierung war bald getroffen; nachdem ſie ihre Hände einmal in der Verwaltung hatte, wußte ſie dieſelbe auch in kurzer Zeit ſo koſtſpielig zu 32 machen und ſo verwickelt, daß man mit ziem⸗ licher Sicherheit den Augenblick berechnen konnte, wo die Stadt ſelbſt in Unterthänigkeit bitten würde, ihr die ganze unbequeme Geſchichte vom Halſe zu nehmen. Namentlich ſeitdem der re⸗ gierende Fürſt zur Herrſchaft gekommen war, wurde dieſe Politik mit großem Geſchick und dabei mit ſolcher Heimlichkeit betrieben, daß ſelbſt Diejenigen, die ihr als Werkzeug dienten, nichts davon merkten, um was es ſich eigentlich handelte und wozu ſie benutzt wurden. Der re⸗ gierende Herr neigte ſich nämlich zu den From⸗ men im Lande; er wünſchte aus dem alten Muſikantenthurm ein Rettungshaus in neu⸗ chriſtlichem Stil zu machen, wo nicht blos die Hungrigen geſpeiſt und die Nackten gekleidet, ſondern auch die ſchadhaft gewordenen Seelen durch fleißiges Beten und Kaſteien ausgebeſſert und für das göttliche Strafgericht vorbereitet würden. Dabei ſollte dieſe Frömmigkeit aber, wie d ſtenz Ver wögh für e Oyer dera echt arm fihn um liche ihm 33 wie das ſo zu gehen pflegt, auch nicht viel ko⸗ ſten; man wollte den Himmel gern durch gute Werke erwerben, aber die guten Werke ſollten möglichſt billig ſein, und die übrigen Ausgaben für Soldaten und Maitreſſen und Ballet und Oper und Jagden und Reiſen möglichſt wenig derangiren. Und dazu war der Muſikantenthurm gerade recht. Schon ſeine abgeſchiedene Lage, in dem ärmſten Winkel des Landes, fern von den Ver⸗ führungen der Welt und auch gerade weit genug, um das fürſtliche Auge nicht durch den perſön⸗ lichen Anblick des Elends zu beläſtigen, diente ihm zur Empfehlung. Und auch darüber waren die Herren am grünen Tiſch in der Stille längſt einverſtanden, daß auch die Fonds der Stiftung bei beſſerer Verwaltung und wenn das richtige Finanzgenie dahinterkäme, gar nicht ſo unbe⸗ trächtlich wären, wie es jetzt den Anſchein hatte.. Für jeden Fall war es ein hübſcher Zuſchuß; 34 wer aber ein Ding, das nicht einmal unmittel⸗ bar für ihn ſelbſt iſt, durch bloßes Warten für die Hälfte des Preiſes haben kann, der müßte ja ein ausgemachter Thor ſein, wenn er den ganzen dafür zahlen wollte. Einſtweilen alſo wirthſchaftete man luſtig weiter; wenn Unachtſamkeit nach innen und außen, falſche Wahl der Beamten und unge— ſchickte, wol auch unredliche Verwendnng der Gelder die Anſtalt ruiniren konnten, ſo ſtand mit nächſtem kein Stein mehr auf dem andern. Ein beſonders beliebtes Manöver war es da⸗ bei, daß man allerhand Perſonen in den Thurm aufnahm und an den Vortheilen der Stiftung theilnehmen ließ, die rechtlicherweiſe gar nicht dahingehört hätten; allen Herumtreibern und mehr oder weniger verdächtigen Perſonen aus der Umgegend, die zur eigentlichen Unterſuchung noch keine Veranlaſſung boten und die man doch mittlerweile gern im Auge behalten wollte, wur non Auf nen ſche die beſ wit ſiei tert ſchr vor Be nich kh wurden hier mit einer Gaſtfreundſchaft aufge⸗ nommen, die mancher armen, aber ehrlichen Witfrau, die ſchon ſeit Jahren vergeblich um Aufnahme in das Stift petitionirte, die Thrä⸗ nen in die Augen trieb. Die wenigen unbe— ſcholtenen Bewohner des Thurms waren über dieſe Genoſſenſchaft natürlich höchſt unzufrieden; beſonders jene alten würdigen Frauen, deren wir ſchon einmal erwähnt haben, mit den ge⸗ ſteiften Ringelhauben und den großen gefüt⸗ terten Taſchen unter dem blauen Kattunrock, ſchrien Zeter und verſicherten, wenn ſie das vor Jahren gewußt hätten, daß ſie hier mit Bettlern und Spitzbuben zuſammen ſein ſollten, nicht mit zehn Pferden hätte man ſie in den* Thurm gekriegt. Aber Das war es gerade, was die heim⸗ lichen Leiter der Angelegenheit wünſchten; je mehr Denen, welche ein Recht hatten hier zu ſein, der Aufenthalt verleidet ward, je freiern . ——— . . 36 Spielraum gewann man für die Veränderungen und Neuerungen, welche man beabſichtigte. Auch hielt es bei dem bekannten Charakter des Pu⸗ blicums, das alle mal Das am liebſten glaubt, was ihm am häufigſten wiederholt wird, nicht ſchwer, die Sache ſo zu drehen, daß die ganze Schuld auf den Magiſtrat und die Aelteſten der Bürgerſchaft fiel. Die Regierung hatte ja den beſten Willen, ſie wollte der Stadt die ganze Laſt abnehmen, eine ganz neue Anſtalt ſollte herkommen, die größte des Landes, mit Directoren und Inſpectoren und Paſtoren, an denen Allen ein ſchöner Groſchen zu verdienen war, von Bäckern und Schneidern und Schuh— machern und allen übrigen Gewerken; Se. Ho⸗ heit ſelbſt intereſſirten ſich lebhaft für die An⸗ gelegenheit, man munkelte ſogar von einem höchſt eigenhändigen Riß, den höchſtdieſelben entworfen haben ſollten, Alles im gothiſchen Stil und ſo, daß der Muſikantenthurm dabei N ſeine 6, derẽ der Re tun tio Au lie ſeine Stelle behalten konnte— aber woran lag es, daß nichts daraus wurde? An Niemand an⸗ ders als an dem Magiſtrat und den Vorſtehern 8 der Bürgerſchaft. Ratürlich, ſie waren ja im 3 Recht, ſie hatten ja ihre Pergamente und Stif⸗ tungsbriefe; auch waren ſie bekannt als Ra⸗ tionaliſten und Ungläubige, die fromme Abſicht Sr. Hoheit mußte ihnen natürlich ein Dorn im Auge ſein, Thurm und Stadt und Bürgerſchaft ließen ſie in ihrem ketzeriſchen Dünkel ja cher zugrunde gehen, als daß ſie ſich beugten vor dem Herrn und duldeten, daß die Stätte des Unglaubens und der Unlauterkeit gemacht würde zu einer Stätte der Zerknirſchung und der Buße, ohne die kein Friede zu finden iſt, weder im Himmel noch auf Erden.— Schon aus dieſem Umſtande erkennt der geneigte Leſer, in welcher Zeit ungefähr unſere Geſchichte ſpielt: nämlich zu Anfang der vierziger Jahre. Hätte ſie ſich nach dem Jahre Achtundvierzig zugetragen, ſo ———— —— — 38 würde man die armen Rathsherren natürlich auch als Demokraten und rothe Republikaner verſchrien haben. Allein dieſe Kategorien wa⸗ ren damals noch nicht erfunden oder doch noch nicht ſo im Schwange wie jetzt, und mußte man ſich alſo mit dem Vorwurf des Unglau⸗ bens und der Gottloſigkeit begnügen. Wo aber auch dieſe Argumente nicht ver⸗ fingen(und die Wahrheit zu ſagen, verfingen ſie bei ſehr Wenigen: in dieſem flachen Lande hat der Myſticismus nie recht Wurzel faſſen wollen; auch ſtanden die armen Schelme ſchon bei Lebzeiten zu viel aus, um ſich vor Dem, was nach dem Tode kommt, noch beſonders zu fürchten), da hatte man noch andere praktiſchere in Bereitſchaft. Es war nicht Alles mit dem Thurm wie es ſein ſollte, ganz gewiß nicht: aber wer trug die Schuld als Diejenigen, die ihn ſeit Jahrhunderten verwaltet hatten? Die ſchönen Aecker draußen in der fetten Niederung ware abge ſcon ren wer ff ſtel N da dat 39 waren verkauft und verpfändet, die Waldungen abgeholzt, die Capitalien und Zinſen, welche fromme Seelen vor Alters hierhergeſtiftet, wa⸗ ren zuſammengeſchmolzen, zerſplittert, verloren; wenn die Regierung nicht ihre milde Hand öffnete, konnte der Thurm gar nicht mehr be⸗ ſtehen— aber auch daran, wer trug die Schuld? Natürlich nur Diejenigen, in deren Händen ſich das Alles von uraltersher befunden hatte: und das war bekanntlich Niemand anders als die Stadt ſelbſt. Auch an der Verpflegung und Wartung im Innern der Anſtalt gab es viele gerechte Ausſtellungen zu machen, allerdings; die Erbſen waren zuweilen dumpfig, es ließ ſich nicht leugnen, und auch dafür, daß der Thurm ſeinen Bewohnern nicht mit nächſtem über den Kopf zuſammenſtürzte, konnte die Regierung verſtändigerweiſe keine Garantie übernehmen. Aber was wollte ſie machen? Die Flügel wa⸗ ren ihr beſchnitten, ihre Mittel reichten nicht . 5 1 . 1 40 weiter; ja wenn ſie freie Hand hätte und könnte Alles einrichten wie ſie wollte, da ſollte es frei⸗ lich anders werden, da müßte es einen Tag um den andern Fleiſchbrühe geben und des Sonn⸗ tags Reis mit Pflaumen und an Sr. Durch⸗ laucht Geburtstag ein Pfund Schweinebraten und ein Achtel Rothwein für Jeden, auch fri⸗ ſchen Schnupftaback in die Doſen, damit ſie doch auch wüßten, daß ſie Menſchen wären, und ſich des Glücks bewußt würden, unter einem ſo milden und erhabenen Scepter zu leben. Was dieſe und ähnliche Redensarten für Wirkung thaten, brauchen wir natürlich nicht erſt zu ſagen. Und da nun auch die Gegen⸗ partei es an Erwiderungen und Aufhetzungen nicht fehlen ließ, ſo gab das in dem Städtchen und noch mehr in dem Thurme ſelbſt zuweilen eine ganz wunderbare Stimmung; wenn es ſich um Entdeckung eines neuen Welttheils oder um Gründung einer neuen Dynaſtie gehandelt hätte, ich g gegeb pltz dies ſch ally 41 ich glaube, es hätte nicht halb ſoviel Geſchrei gegeben, noch hätte die Stimmung raſcher und plötzlicher wechſeln können als in dieſem Fall. Dies alſo die Lage der Dinge, unter der, dies der Schauplatz, auf dem unſere Geſchichte ſich eröffnet; lernen wir nun auch die Acteurs allmälig kennen. Drittes Capitel. Stillleben. Es iſt ein Tag in der erſten Hälfte des Sep⸗ tember, aber heiß und drückend wie ein Julitag; obwol die Sonne ſich ſchon ſeit geraumer Zeit hinter die Wolken verkrochen hat, die dumpf und ſchwer mit gelblichem Schein hernieder⸗ hängen, brütet doch eine wahrhaft ſengende Hitze über den öden, ſtillen Straßen. Wir machen von dem Recht des Dichters Gebrauch und betreten den uns bereits bekannten Gang, der von der Straße aus in das Innere des Thurms führt, ohne die verhängnißvolle Ha⸗ ſenpfote berührt zu haben. Eine erquickliche * Kühl gegen uns an, einge klei m — 43 Kühle weht uns aus der hohen Wölbung ent⸗ gegen; aber um ſo empfindlicher, als wollte ſie uns den Athem verſengen, fällt uns die Hitze an, die auf dem wüſten, von hohen Mauern eingeſchloſſenen Hofe herrſcht. Auch hat ſie alles Leben verſcheucht; die kleinen niedrigen Fenſter ſind zum Schutz gegen die Hitze mit Bretern verſetzt oder mit Bett⸗ tüchern verhangen, da Gardinen hier ein Luxus ſind, den ſich höchſtens die Hausmutter ver⸗ ſtattet, und auch dieſe nicht ohne allgemeines Kopfſchütteln der übrigen Bevölkerung. Kein Laut wird gehört weit und breit. Eine alte rothhaarige Katze ſchleicht verdroſſen mit ge⸗ ſenktem Schwanz über den Platz; unter einem alten Birnbaum, der einen Winkel des Ge⸗ mäuers beſchattet, bleibt ſie einige Augenblicke ſtehen; ſie ſieht hinauf und ſtößt einen leiſen, gleichſam fragenden Schrei aus, während ſie mit dem Schweif kaum merklich in dem Sande wühlt. Die Katze iſt offenbar in Zweifel, ob der angenehme Schatten im Innern des Laub⸗ dachs die Anſtrengung verlohnt, welche dazu gehört, den Baum zu erklettern, noch dazu bei einer Hitze wie die heutige. Endlich hat ſie ſich entſchieden, ſie macht den Buckel krumm, zieht die Füße ein, und mit emporgehobenem Schwanze, als ob eine Meute Hunde hinter ihr wäre, ſchießt ſie den knorrigen Stamm hin⸗ auf. Aber keine halbe Minute, und pruſtend und mauzend kommt ſie wieder heruntergeflo⸗ gen und ſchießt durch ein Loch in der Mauer, mit ſolcher Haſt, als ob die Erde ſie verſchlun⸗ gen hätte. Machen wir die Runde durch den Hof. Die meiſten Fenſter, wie geſagt, ſind verhangen und verſetzt: aber hier iſt eins, das iſt ſo blank polirt, und der kleine Scherben mit Hauslaub, der da in der Fenſterecke ſteht, ſieht uns ſo vertraulich an, daß wir der Einladung nicht wide — 45 widerſtehen können; wir rücken das bunte Tuch, das als Vorhang dient, ein wenig beiſeite und werfen einen Blick in das Innere. Auf einem alten gebrechlichen Schemel, zunächſt dem Fenſter, ſitzt eine Frau in ärmlicher, aber rein— licher Kleidung. Auch das Gemach ſelbſt, in das wir blicken, wiewol nur aus vier nackten weißgetünchten Wänden beſtehend, zwiſchen de⸗ nen der rothe Ziegelboden grell hervorſticht, trägt gewiſſe unſagbare und doch ſchwer zu verkennende Spuren einer ordnenden weiblichen Hand. Der dürftige Hausrath, der in ein paar alten Kiſten, einem Tiſch mit drei Bei⸗ nen und einigen halbzerbrochenen Stühlen be⸗ ſteht, iſt mit einem gewiſſen Sinn für Sym— metrie und Schicklichkeit geordnet. Im Hinter⸗ grunde der Kammer, neben einem kleinen Handkarren, der nach den Kiſſen zu urtheilen, mit denen er bepackt iſt, zugleich als Kinder— wiege dient, ſteht eine ärmliche Bettſtatt; tief — 46 in die vielfach geflickten, aber reinlichen Kiſſen gewühlt, ſchläft ein Mann darauf. Sein Ge⸗ ſicht können wir nicht ſehen, weil er es mit einem buntgewürfelten Tuche zugedeckt hat. Aber das geſunde Schnarchen, das er hören läßt, ſowie die Behend— mit der er ſich von Zeit zu Zeit auf die andere Seite wirft, als könne er noch immer die Stelle nicht fin⸗ den, die ihm bequem genug iſt, beweiſen hin⸗ länglich, daß es kein Kranker iſt, ſondern nur Einer, der ſeinen Vormittag nicht beſſer anzu⸗ wenden weiß, als daß er ihn verſchläft. Jedes mal wenn der Mann ſich rührt, fährt die Frau ängſtlich zuſammen; alles Blut weicht dann aus dem Antlitz, das ohnedies ſchon bleich genug iſt und auch von keinem Glanz der Ju⸗ gend mehr verklärt wird, und mit ängſtlich ſuchenden Blicken lauſcht ſie, ob der Schläfer erwachen wird. Aber nein, er hat nur das rechte Bein, das ihm im Schlafe herabgerutſcht —— 1 47 war und ſich auf der harten Bettkante drückte, in die richtige Lage gebracht und ſchnarcht nun behaglich weiter. Sowie die Frau darüber be⸗ ruhigt iſt, kehrt ſie zu ihrem Nähzeug zurück; nur einen einzigen prüfenden Blick wirft ſie auf den leeren Wagen, und wieder fliegt die Nadel in der flinken Hand, als gelte es heute noch ein unabſehbares Tagewerk zu vollenden. Der Schweiß perlt ihr auf der Stirn und rinnt in leiſen Tropfen in den Furchen ab⸗ wärts, welche Kummer und Zeit, und zwar jener noch mehr als dieſe, in das bleiche Ant⸗ litz eingezeichnet haben, ohne daß es ihnen ge⸗ lungen wäre, die Spuren ehemaliger großer Schönheit ganz daraus zu verwiſchen. Die Augen, wiewol jetzt von tiefen Rändern ein— gefaßt, haben noch immer einen eigenthümlichen ſüßen Schmelz; die ganze Geſtalt, wie ſie da vorn übergeneigt über ihrem Nähzeug ſitzt, zeigt uns ſo edle Umriſſe und einen ſolchen Adel der 48 Bewegung, daß wir uns verwundert fra⸗ gen, wie ſie zwiſchen dieſe niedrige Umgebung kommt. Aber laſſen wir den Mann ſchnarchen und die Frau bei ihrer Arbeit und wenden wir unſere Schritte ein wenig weiter, bis unter den alten Birnbaum, von dem die Katze vorhin ſo ſchleunig die Flucht ergriff. Wir brauchen hier nicht erſt durch das Fenſter zu ſehen, das auch überdies von den Zweigen des Baums verdeckt iſt: die Thür iſt hier nur halb an⸗ gelehnt, wir öffnen ſie und treffen auf ein zweites Stillleben, das noch unerwarteter iſt und noch maleriſcher als dasjenige, welches wir ſoeben betrachteten. Es iſt ein altes niedriges Gewölbe, in wel⸗ ches wir eintreten, vielleicht eine ehemalige Wacht⸗ ſtube oder ſonſt zu einem ähnlichen Zweck be⸗ ſtimmt; der hintere Theil iſt zuſammengeſtürzt und läßt nicht nur den grauen Himmel und den ſond ner wer 49 den alten grünen Birnbaum frei hineinſchauen, ſondern geſtattet auch über Schutt und Trüm⸗ mer hinweg einen Blick in die Landſchaft zu werfen. Nämlich wenn man das Landſchaft nennen will, dieſes Stückchen von dem ehemaligen Fe⸗ ſtungsgraben, wo die Waſſerlinſen ſo dicht ſte⸗ hen, daß die Enten kaum hindurchfinden kön— nen. Darüber hinaus ſieht man in das Innere der Stadt; doch trägt der Blick nicht weit, da hinter einem wüſten verwilderten Garten — wenn dieſer Name nicht zu ſtolz iſt für einige halb zugewachſene Fliedergänge, ein halbes Dutzend zertretener Rabatten und einen Apollo aus Sandſtein, der ſchon ſeit funfzig Jahren mit dem Stumpf des rechten Arms auf eine Lyra weiſt, die aber ebenfalls nicht mehr da iſt— ein großes palaſtähnliches, aber ebenfalls vom Zahn der Zeit hart mitgenommenes Ge⸗ bäude die Ausſicht verſchließt. Der Muſikantenthurm. I. 3 „ 50 Für einen Liebhaber von ſchönen Perſpecti⸗ ven iſt das nun freilich blutwenig. Und doch muß der junge Mann, der ſich in dieſen ein⸗ ſamſten Winkel des Thurms geflüchtet hat, ſo ein Stück Maler ſein oder wenigſtens Ei— ner, der gern einmal ein Maler werden möchte. Eine alte Steinplatte, auf ein paar rohen Blöcken zurechtgerückt, dient ihm als Tiſch; ein altes Arzneiglas mit Tinte, einige geſchnittene Federn und verſchiedene ſauber ge⸗ ſchriebene Papiere zeigen deutlich, womit der junge Mann ſich ſoeben noch beſchäftigt hat. Aber es hat ihn nicht lange dabei gelaſſen, der kleine Geſellſchafter, der da neben ihm auf der Erde huckt, war auf keine andere Art zur Ruhe zu bringen, der junge Mann mußte ein Stück⸗ chen Kohle nehmen und ſieche da, mit freien ſichern Zügen zeichnet er allerhand Figuren und Bilder vor ihm auf den Boden. Betrachten wir uns das Paar noch etwas zunn ing heit Kuhe tück⸗ reien und twas — genauer. Der junge Mann ſteht im erſten Jünglingsalter; die Wange, die von Geſund⸗ heit ſchwillt, iſt noch vom erſten jugendlichen Flaum umſäumt. Dichte braune Locken faſſen ein offenes, freundliches Angeſicht ein, aus dem zwei große braune Augen uns treuherzig an⸗ ſehen. Es iſt kein Geſicht, das die Herzen im Fluge erobert, aber es wird ihm auch Niemand gram ſein können, beſonders wenn es ſich ihm mit ſo viel Zärtlichkeit zuneigt und ſolchem treuen, herzlichen Behagen, wie in dieſem Au⸗ genblick zu dem kleinen Gefährten neben ihm. Welch ein Widerſpruch! Und wie war es mög⸗ lich, daß die Natur, die ewig gerechte, die Jenen ſo freigebig ausſtattete, mit ſo viel Glanz und Geſundheit der Jugend, dieſes arme Kind ſo gänzlich vernachläſſigen konnte? Es war ein armes kleines verhuzeltes Weſen, nicht eigent⸗ lich lahm, auch nicht verwachſen: und doch 3 3* — 52 hätte Jeder, der es zum erſten male ſah, dar⸗ auf ſchwören mögen, es müßte zum wenigſten einen Höcker vorn und zwei im Rücken haben. So winzig der Körper war, kaum von der Größe eines dreijährigen Kindes, ſo vermochten die kleinen ſchwachen Beinchen ihn doch kaum zu tragen; die fleiſchloſen Aermchen hingen matt am Leibe herunter, die Händchen, ſo klein ſie waren, hatten ordentliche Runzeln und vermochten nur ſelten zu halten, was ſie faſſen wollten. Und auf dieſem armen verſchrumpß ten Leibe denkt euch nun ein Geſicht, ein Kin⸗ dergeſicht, und doch ſo alt, ſo lebensmüde— ein Mann von ſiebzig Jahren hätte ſo aus⸗ ſehen können und Niemand würde ihn wegen ſeines guten Ausſehens becomplimentirt haben. Es mochte wol eine ſchwere Aufgabe ſein, dieſes arme kranke Kind zu pflegen und ihm die Zeit, ach die ewig lange Zeit zu vertreiben. Denn obwol es das achte Jahr bereits über⸗ hin ſchritten hatte, ſprach es doch wenig oder nichts, man konnte nicht recht dahinterkommen, ob deshalb, weil es nicht konnte oder weil es nicht wollte, und auch zu den gewöhnlichen Spielen ſeines Alters fehlte es ihm gleich ſehr an Kraft wie an Neigung. Aber der junge Mann verſtand ſich darauf, das arme trübſinnige Kind zu hätſcheln und ein flüchtiges Lächeln auf ſeine bleichen Wan⸗ gen hervorzurufen— keine Frau, ſelbſt die eigene Mutter nicht, hätte es beſſer gekonnt. „Siehſt du da“, ſagte er, indem er mit dem Stückchen Kohle zwiſchen den Fingern auf dem Boden dahinfuhr,„das iſt nun der kleine Bernhard, mein lieber kleiner Neffe Bernhard, das iſt nun nicht mehr ſolch krankes Hühnchen wie früher, das iſt nun ein ganz ſtarker großer Mann geworden, mit einem Bart“— indem er raſch zwei dicke Klekſe in die kleine Fratze hineinwarf, die ſeine kunſtfertige Hand entſtehen 54 ließ—„wie ein Grenadier, und einem Bauche, ſo dick, und einem Geldſack, der iſt noch dicker als der Bauch. Und mit dem Geldſack, he klei— ner Bernhard? was thun wir mit dem Geld— ſack, he?“ Das Kind ſah ihm mit den ernſten ſtarren Augen ganz altklug ins Geſicht; es ſchien allen Ernſtes zu überlegen, was mit dem Geldſack, der ſich in der That ſehr ſtattlich ausnahm und beinahe ſo groß war wie der Kopf des Kindes, wol anzufangen wäre. Der Andere fuhr fort:„Richtig“, ſagte er, als ob er die ſtumme Sprache des Kindes verſtanden hätte, „du rufſt Onkel Hermann! Onkel Hermann, indem er wo biſt du? Aha, da kommt er raſch eine zweite Figur hinzufügte, welche, wenn auch in ſpoßhaft entſtellten Umriſſen, ſein eigenes Bild darſtellte—„da iſt er Aber, o weh, Onkel Hermann, wie ſiehſt du aus? ſchon. Wie ein Bettler ſieht der Onkel Hermann aus, hiy wei ſih ſche, icker eld rren jann, er hat wollen nach dem ſchönen, ſchönen Lande Italien reiſen, wo die vielen großen Bilder zu ſehen ſind, und da iſt er unter die Räuber ge⸗ fallen und die haben ihm wollen den Kopf ab⸗ ſchneiden.“ Das Kind, das mit größter Aufmerkſam— keit, aber auch mit unerſchütterlicher Ernſthaf⸗ tigkeit dem Spiele folgte, verrieth bei dem Gedanken, Onkel Hermann könne irgendeinen Schaden genommen haben, eine ſichtliche Un— ruhe; es ließ das Köpfchen auf die Bruſt hän⸗ gen, ſchloß die Augen und machte mit den kleinen welken Fingern eine abwehrende Bewe gung, als möge es nun nichts mehr ſehen noch hören. Der junge Mann beeilte ſich es zu beru⸗ higen.„Es hat nichts zu ſagen“, rief er, „Hermann hat ſich ſeiner Haut gewehrt, er weiß, daß du den großen Geldſack haſt, und ſiehſt du, da bringt er dir ſchon dein Pferd 56 — ha, welch ein Pferd! wie das hinten aus⸗ ſchlägt und wie Schwanz und Mähne ihm fliegen! Aber Bernhard iſt jetzt ein ſtarker Mann, er ſitzt auf— und wohin reitet der gute Bernhard nun? und wem bringt er ſein Geld? Wie? Du weißt es nicht? O ganz ge⸗ wiß weißt d Und damit warf er einige Striche hin, in denen ſelbſt ein verwöhnteres Auge als das des kleinen Bernhard eine gewiſſe Aehnlichkeit mit dem Profil jener Frau nicht verkennen konnte, die wir vorhin am Fenſter über ihrem Nähzeug belauſcht haben. Der Kleine, für den es vermuthlicherweiſe nicht das erſte mal war, daß dieſes Spiel mit ihm vorgenommen ward, und der in der Stille wol ziemlich genau wußte, was nun eben an der Reihe war, erkannte die flüchtigen Striche ſofort; er machte einen Ver⸗ ſuch, die Hände ineinanderzuſchlagen, und — rief mit leiſer, faſt tonloſer Stimme:„der alb⸗ Mutter!“ rker„Richtig, der Mutter“, bekräftigte Her⸗ mann— und dann, wie wenn ihm plötzlich ſ ein Gedanke durch den Kopf geſchoſſen wäre, g⸗ nach einer kleinen Pauſe fortfahrend:„Und dem Vater geben wir nichts?“ in Das Kind blickte ſcheu nach der Thür; s des dann ſah es mit unerſchütterlicher Miene kerzen⸗ nit gerade vor ſich nieder. nte, Der junge Mann fuhr mit der Hand durch 6 die Locken; ein Seufzer entrang ſich ſeiner Bruſt.„Das Kind“, ſagte er leiſe,„ſoll nun dumm ſein und hat doch mehr Verſtand wie zti mancher Große.“ Und dann wieder mit lauter 6 Stimme:„Verſteht ſich“, ſagte er,„ſeinem u Vater gibt der gute Bernhard auch etwas— damit der gute Vater Wein trinken kann“, 8. rief er mit bitterm Lachen und warf das Stück⸗ 3** und 58 chen Kohle weit hinter ſich,„und Braten eſſen und ſchlafen am hellen Mittag, während die arme Mutter ſich die Augen aus dem Kopfe näht und Onkel Hermann mit Gewalt zum Lump und Tagedieb gemacht wird!“ wi vot wei zn Viertes Capitel. Die zerbrochene Fenſterſcheibe. Bis zu dieſer bedenklichen Wendung war das anfangs ſo harmloſe Kinderſpiel gediehen, als es plötzlich auch von außen eine unerwartete Störung erfahren ſollte. In dem alten Birn⸗ baum am Fenſter begann es zu raſcheln, gleich darauf klirrte es in den Scheiben und mit den ſprühenden Glasſplittern flog eine ſaftige Birne zwiſchen die Gruppe, dicht an Hermann's Kopf vorbei, ſodaß ihm die Stirn faſt von der weichen Schale geſtreift ward. Man hätte im erſten Augenblick vielleicht glauben können, der Wind, der ſich ſeit einigen Minuten erhoben 60 hatte und den Staub in wirbelnden Wolken hoch über die Mauer führte, habe die überreife Frucht heruntergeſchüttelt. Aber dazu war der Wurf zu richtig gezielt; in ſchlauer Berechnung war er erſt auf den Tiſch aufgeſchlagen, hart am Tintenfaß vorbei, ſodaß die Federn weit umher zerſtreut waren, und war dann weiter gegen Hermann's Kopf ricochetirt. Der Kleine blieb bei dieſer unerwarteten Störung ſo ehrbar wie vorher; an dieſem Kin⸗ derherzen, ſei es aus angeborener Stumpfheit, ſei es aus andern noch unerforſchten Gründen, ſchienen Schmerz wie Freude ihre Kraft ver⸗ loren zu haben. Onkel Hermann dagegen war voll Unwillen in die Höhe geſprungen; mit ra⸗ ſchem Blick überſah er nicht nur die Gefahr, in der ſeine Schriften geſchwebt hatten, ſondern — wir müſſen es geſtehen, auf die Gefahr hin, geneigter Leſer, daß du der kaum gemachten Bekanntſchaft deine Gunſt ſofort wieder ent⸗ ſichſ nutt mein Ble Gla irg gof gen das den aus in hart n weit weiter arteten n Kin⸗ fheit, ziehſt— auch die Scheibe ärgerte ihn, die muthwillig zerſplitterte. Es war eine ganz ge⸗ meine Scheibe, von blindem grünem Glaſe, in Blei gekittet, ſo klein und ärmlich, wie ſie ein Glaſer nur jemals eingeſpannt hat— und doch ärgerte ſie ihn und brennende Schamröthe über⸗ goß ihn von der Stirn bis zum Kinn. Wir, geneigter Leſer, die wir, wenn wir luſtig ſind, das holbgeleerte Champagnerglas hinter uns in den Spiegel werfen, oder die wir einen Preis ausſetzen auf das erſte Geſchirr, das unſer Jüngſtes, die liebe kleine Maus, die in dem Sammetjäckchen und dem Atlashütchen mit der Feder ſo allerliebſt ausſieht, reinweg wie ein Zuckerpüppchen, mit ihren kleinen runden Sammetfäuſtchen höchſt eigenhändig zerbrechen wird— wir verſtehen das freilich nicht, wie ein zwanzigjähriger Burſche ſich grämen kann und kann roth werden wie eine Jungfer wegen einer zerbrochenen Fenſterſcheibe. Aber in einem 62 Armenhauſe, noch dazu wo man blos geduldet iſt als Fremder und wo Aller Augen ohnedies ſchon mit Unwillen auf den unwillkommenen Eindringling gerichtet ſind, da iſt eine zer⸗ brochene Fenſterſcheibe möglicherweiſe ein ſehr wichtiges und ſehr unangenehmes Ding.... Und. daß es diesmal wirklich ſo war, davon ſollte der junge Mann ſogleich die ausreichendſte Erfahrung machen. In Wien und Berlin geht man an einem brennenden Hauſe vorüber und ſchlägt kaum die Augen danach auf; auf dem ſtillen Hofe des Muſikantenthurms war eine zerbrochene Scheibe ſchon ein ſehr bemerkens⸗ werthes Ereigniß. Kein Stein, in einen Amei⸗ ſenhaufen geworfen, kann eine größere Wirkung hervorbringen als das Klirren dieſer Scheibe; von allen Fenſtern wurden Läden und Tücher weggeriſſen und zehn lange Hälſe auf einmal fuhren heraus und drehten die Köpfe und nick⸗ ten einander zu und horchten, in welchem Winkel — duldet das Unglück geſchehen ſei. Dann gab es ein Rufen und Fragen, die alten knöchernen Hände nenen fochten in der Luft wie Telegraphen; gleich darauf ſchlugen Thüren auf und zu, Schlap⸗ pantoffeln, Holzpantoffeln, alle erdenklichen Ar— „ ten von Pantoffeln, an großen ſchweren Füßen, davon kamen geſchlurft, geſchleift, geklappert, von ichendſt Treppen und Gängen, bis endlich eine Schar lin geht alter Weiber auf dem Hofe zuſammen war, er und ein wahrer Chor der Eumeniden, zwar nicht f dem ganz ſo feierlich, aber ein gut Stück furchtbarer. ar eine Hätte Hermann die Flucht ergreifen wol nerkens⸗ len, er hätte es ſchon nicht mehr gekonnt, auch Am⸗ wenn er das Kind hätte allein laſſen wollen. itkung Mit einem Inſtinct, der Einen freilich nicht gcile Wunder nehmen konnte, wenn man die vielen üche langen ſpitzen Naſen ſah, die alle erwartungs— innl voll umherſpürten, war die rächende Schar ed ni⸗ ſofort auf die halbgeöffnete Thür losgeſegelt, Winkel die Tapferſten drangen hinein— aber war es — 64 der junge blühende Mann, oder war es das arme bleiche Kind zu ſeinen Füßen, genug, ſie kehrten, nachdem ſie den Schaden mit prü⸗ fendem Auge gemuſtert, Eine nach der Andern wieder um und begnügten ſich, vor der Thür ein Spalier zu bilden, das kein Winkelried durchbrochen hätte. Es war ein eigenthümlicher Anblick, die alten runzeligen Geſichter draußen in der grellen Beleuchtung des heranziehen⸗ den Gewitters und das blühende Jünglings⸗ geſicht drinnen, übergoſſen von Scham und 3i Hermann war in der größten Verlegenheit; auch hätte ich Den ſehen mögen, der es einem ſolchen Tribunal gegenüber nicht geweſen wäre. Er brauchte einige Augenblicke ſich zu ſammeln; noch als er zu ſprechen anhub, bebte ihm die Stimme; es wäre ihm in dieſem Augenblick offenbar lieber geweſen auf eine Batterie los⸗ zumarſchiren, als ſich vor dieſer Heerſchar alter enſte bitte: wen gen d ſand glau in ( tadel inne wnde ſch büm Schi ue hun und ihl dlſo genug, Andern Thür inehied imlicher raußen ziehen⸗ lings⸗ und nheit; einem wäre. nmelni hm die erſchar 65 alter Spittelfrauen wegen einer zerbrochenen Fenſterſcheibe rechtfertigen zu müſſen.„Ich bitte tauſend mal um Entſchuldigung“, ſagte er, „wenn ich irgendetwas gethan habe, was ge⸗ gen die Hausordnung verſtößt; ſoviel ich weiß, ſtand dieſer Winkel bisher unbenutzt, und ſo glaubte ich, hier mit meiner Arbeit Niemand im Wege zu ſein.“ Ein dumpfes Gemurmel, halb beifällig, halb tadelnd, lief durch die Reihen ſeiner Gegne⸗ rinnen. Endlich ſagte die Vorderſte, eine kleine runde Frau, die lange nicht ſo grimmig aus⸗ ſah wie ſie that; ſie trug eine Jacke aus ge⸗ blümtem Camelot mit eigenthümlich geformten Schößen, weshalb ihre Nachbarinnen ſie ſchlecht⸗ weg„die Nachtjacke“ zu nennen pflegten; mit ihrem eigentlichen Namen hieß ſie Frau Meier und golt für eine gute Frau, die nur den Fehler hatte, etwas hitzköpfig zu ſein. Dieſe alſo ſagte: 66 „Hier zu arbeiten, Musje, wird Ihm Nie⸗ mand verwehren; aber arbeiten und Fenſter entzweiſchlagen war wenigſtens zu meiner Zeit zweierlei.“ Nach dieſen mit großem Nachdruck geſpro⸗ chenen Worten warf ſie den Kopf hintenüber und ſah die Frau Gevatterinnen der Reihe nach an; die Frau Gevatterinnen, obwol Stimmen⸗ einigkeit ſonſt ein ſeltenes Ding unter ihnen war, nickten ihr ſämmtlich zu und warfen eben⸗ falls die Köpfe hintenüber. „Die zerbrochene Scheibe“, erwiderte Her⸗ mann, dem inzwiſchen der Humor wiedergekom⸗ men war— und ich glaube, ſelbſt der kleine verdroſſene Bernhard hätte lachen müſſen, wenn er dieſe Reihe von hintenübergeworfenen Köpfen geſehen hätte; das that er aber nicht, ſondern ſowie die Thür aufgegangen war, hatte er ſich mit dem Geſicht zur Wand gekehrt und be⸗ trachtete dieſelbe mit ſolcher Genauigkeit, als nüßte asfin 2 8 mann ls r nit t neue in; pfe inm muthe S zuch den if unge ſtite Gwß Fenſter ner Zeit gepro⸗ intenüber ihe nach timmen⸗ r ihnen en eben⸗ rte Her⸗ ergekom⸗ et kline en, wenn n Kiyfin ſondern te er ſich und be⸗ 67 müßte er irgendeine verborgene Inſchrift darin ausfindig machen—.. „Die zerbrochene Fenſterſcheibe“, ſagte Her⸗ mann,„kann Sie nicht mehr erſchreckt haben als mich ſelbſt; ich ſaß ruhig und plauderte mit dem Kinde hier, das“, ſetzte er mit einem neuen Erröthen hinzu,„wie Sie wol wiſſen, ein wenig ſchwächlich iſt und daher mehr ge⸗ pflegt werden muß wie ein Anderer, als auf einmal die Scheibe zuſammenbrach; ich ver⸗ muthe, daß der Wind ſie zerſchlagen hat.“ Soviel Wahrſcheinliches dieſe Vermuthung auch hatte, ſowenig Anklang fand ſie bei dem Tribunal. Eine lange dürre Geſtalt er⸗ griff das Wort; hätte ſie einen rothen Mantel umgehabt und einen Cardinalshut auf dem ſpitzen Scheitel, ſie hätte einen vortrefflichen Großinquiſitor abgegeben. Es war die Frau Schmähling, die gefürchtetſte Zunge im ganzen Stift; während ſie ſprach, hielt ſie den Zeige⸗ — 68 finger ſpitz vor ſich hin, als wollte ſie dem In⸗ quiſiten das Herz damit gleich durch und durch rennen. Doch war ihre Naſe noch viel ſpitzer. „Der Wind“, ſagte ſie mit einer Stimme, die das Allerſpitzeſte an ihr war,„ſchlägt die Fen⸗ ſter nicht ſo ohne weiteres entzwei; was wird es ſein? Der junge Herr wird Ball geſpielt haben mit dem kleinen Wurm— eine ſchöne Beſchäftigung für einen großen ſtarken Men⸗ ſchen von zwanzig Jahren, Ball zu ſpielen mit einem kranken Kinde!“ „Er wird ſich haben eine Birne langen wollen“, ſagte eine Dritte,„da liegt ſie noch, und dabei iſt er heruntergepurzelt und hat die Scheibe zerbrochen; ach Gott, wir kennen das Alks Es war die Frau Melzer, die ſo ſprach, die weiſeſte Frau im ganzen Thurm, nämlich nach ihrer Meinung, mit der ſie jedoch in dieſem Betracht ſehr vereinzelt ſtand. In Hermann 1 ſun Po Bun ſtunt s die ke die Fen⸗ was wird geſpielt e ſchöne 69 ſtieg der Zorn auf:„Wenn der Wind keine Scheiben zerſchlägt“, ſagte er,„ſo hat es doch der Birnbaum gethan, den der Wind in Be⸗ wegung geſetzt hat; ich habe dieſe Birne nicht gepflückt und mache noch jetzt keine Anſprüche darauf.“ Damit ergriff er die Frucht, die hier ſo offenbar zum Apfel der Eris zu werden drohte, und warf ſie mit verächtlicher Handbewe⸗ gung weit hinter ſich in den Teich, wo ſie laut aufplumpſend verſank. Aber hatte ſeine Sache ſchon vorher ſchlecht geſtanden, ſo war ſie nun völlig verloren. Wo war dieſe Birne gewachſen? An einem Baum, der auf Grund und Boden des Mu⸗ ſikantenthurms ſtand, der ſelbſt ein Eigenthum des Muſikantenthurms bildete und an dem alſo die reſpectabeln Bürgerinnen, die den Muſikan⸗ tenthurm mit ihrer Anweſenheit beehrten, ein unzweifelhaftes Anrecht hatten. Auch die ab⸗ gefallene Birne war ein Bruchtheil dieſes Ei⸗ 70 2 genthums; wie durfte denn dieſer junge Menſch, inme dieſer Herumtreiber, der gar nicht in den nan Muſikantenthurm gehörte, ſondern demſelben Pas nur auf widerrechtliche Weiſe aufgenöthigt war bleibt — wie durfte er es wagen, ſich an einem Ei⸗ noch genthum des Muſikantenthurms zu vergreifen und daſſelbe vor den Augen der rechtmäßigen mng Beſitzerinnen muthwillig zu vernichten? Ein ſt unwilliges Gemurmel durchlief die ganze Ver⸗ ght ſammlung; ſelbſt„die Nachtjacke“, die doch in hye Wahrheit noch die Gutmüthigſte war, drehte ſich n entrüſtet um und ballte die runden Fäuſte ge⸗ diſen gen den alten Birnbaum, als wollte ſie ihm ſ Vorwürfe darüber machen, daß er ſo ſtill und bh ſtumm daſtehen könne, während die Frucht ſei⸗ nes Leibes, ſozuſagen ſein Fleiſch und Blut, u ja das Fleiſch und Blut des geſammten Mu⸗ L ſikantenthurms auf ſolche Weiſe beleidigt wurde. zun Die lange dürre Frau Schmähling aber rief Ate ttiumphirend, indem ſie den ſpitzen Finger noch uzt Menſch, in den emſelben higt war etgreifen tmäßigen 17 Ein ze Ver⸗ doch in ehte ſich uſte ge⸗ ſie ihm ſtill und ucht ſei⸗ d Blut, en Mu⸗ wurde. per rief be er noch 71 einmal ſo weit vor ſich hinſtreckte:„Was kann man von ſolcher Sorte auch anders erwarten! Was einmal hinter dem Zaun geboren iſt, bleibt ein Lump, und wenn das Geſicht auch noch ſo glatt iſt.“ „Wir müſſen uns bei dem Herrn Regie⸗ rungsrath beſchweren“, ſagte eine Andere,„es iſt nicht mehr auszuhalten, wie es jetzt hier zu⸗ geht; da werden Fenſter eingeſchlagen, Birnen abgerupft, Fußböden beſchmiert, das Oberſte wird zu unterſt gekehrt, und das Alles von dieſen verwünſchten fremden Herumtreibern, die ſich blos hierherbringen laſſen, um uns das bischen liebe Gut vor dem Munde wegzufreſſen.“ „Richtig“, ſagte eine Dritte,„und unterdeſſen hecken ſie doch nur neue Spitzbubenſtreiche aus. Wozu iſt der Thurm da? Alten ehrſamen Frauen und verdienten Bürgern ein geſegnetes Alter zu bereiten— und wozu wird er be⸗ nutzt? Man kann es nicht ſagen, weil man ſich ſchämt, das Wort in den Mund zu neh⸗ Aſtult men.“ obwol „Geh du mit deinem Herrn Regierungs⸗ jwe b rath“, rief eine Vierte dazwiſchen,„der kümmert n ſich um uns gerade ſo viel wie der Teufel ums YPoſte Beten. Nein, nein, das ganze Unglück iſt, Jahre daß der Herr Lux verreiſt iſt; ſolange der Vie Herr Lux verreiſt iſt, iſt auch keine Ordnung ging im Hauſe.“ ſolge Die Sprecherin konnte nicht vollenden; eine ſezih derbe knochige Hand klopfte ſie zwiſchen die undde Schultern, während eine ebenſo derbe rauhe dß di Stimme dazu ſprach:„Nur ruhig, Schätzchen, dsbei er kommt morgen wieder, der Herr Lux, wenn bechil du es denn doch ſo gar nöthig haſt mit ihm nar a zu ſprechen; einſtweilen aber bin ich da, die mhr Frau Lux— was gibt es hier? und wer hat 4 Frue hier etwas zu klagen?“ undz Alle hatten ſich beſtürzt umgeſehen— rich⸗ 6ihr tig, es war die Frau Lux, die Hausmutter der 6 Derg 73 ₰ zu neh⸗ Anſtalt, die Herrin und Königin des Thurms, obwol ſie ihre Herrſchaft mehr de facto als de jure beſaß. Sie war nämlich eine Tochter der Frnit Frau Schernberg, welche eigentlich zu dieſem Poſten ernannt war und ihn auch in frühern Jahren mit Fleiß und Eifer verſehen hatte. Wie aber bekanntlich Alles in der Welt ver⸗ gänglich iſt, ſo war auch Frau Schernberg in⸗ folge der ſiebzig oder fünfundſiebzig Jahre, die ſie zählte, allmälig ein wenig hinfällig geworden, und da hatte es ſich denn ganz von ſelbſt gemacht, daß die Frau Lux, die überdies beinahe von Kin⸗ desbeinen an im Thurm gelebt hatte und in alle vn Verhältniſſe deſſelben aufs genaueſte eingeweiht war, als ihre Anverwandte, ſich des Regiments . u mehr und mehr bemeiſtert hatte, ſodaß, als die Frau Schernberg endlich geradezu ſchwachſinnig und zu jedem Geſchäft untauglich geworden war, 8. es ihr Niemand mehr ſtreitig zu machen wagte. 66 Es war alſo, ſozuſagen, ein Mitregent tter Der Muſſtantenthurm. I. 4 74 geweſen, der den urſprünglichen Herrſcher ver⸗ drängt hatte; das kommt, wie man weiß, öfters vor und geht nicht einmal immer ſo glücklich aus wie hier. Denn was man auch gegen die Berechtigung der Frau Lur einwenden konnte, ihre Fähigkeit für den Poſten wagten ſelbſt ihre Gegner nicht in Zweifel zu ziehen. Es war eine kleine raſche Frau, mit kleinen grün⸗ lichen Augen, die wie Pfeile in allen Winkeln umherſchoſſen; ihre Stimme, hart und rauh, ſtand in ſeltſamem Widerſpruch mit ihrer übri⸗ gen Erſcheinung und hätte eher für einen Cor- poral der Garde gepaßt als für die kleine winzige Frau. Und doch lag gerade in dieſer Stimme der ganze Charakter der Frau Lux. Es war eine harte, ſtrenge Frau, die ihrem Nächſten gerade kein Leid zufügte, aber mit unerbittlicher Strenge darauf hielt, daß Alles nach den Rechten“ zuginge, wie ſie es nannte. Und da nun zu der Zeit, da unſere Geſchichte ſih er wir w lißt ſ dieſer ihten hatte Ly. et w die inte gemach gn. lur, ber i du nit ſt uf, ſin inS „öfters glicklich egen die konnte, en. Es en grün⸗ Winkeln d rauh, er übri⸗ en Cor⸗ ie kleine in dieſer rau Lur. ie ihrem aber nit aß Alls s nannt 75 ſich eröffnet, der Rechtsboden des Thurms, wie iſſen, bereits ſtark durchlöchert war, ſo läßt ſich leicht abnehmen, welche Ausdehnung dieſer Rechtsbegriff je nach der Gelegenheit unter ihren Händen gewann. Eine vortreffliche Stütze hatte ſie dabei an ihrem Manne, dem Herrn Lux. Derſelbe machte ſeinem Namen Ehre; er war Schreiber beim Gericht und hatte ſich die kleinen Kniffe der juriſtiſchen Praxis, ihre Finten und Schleichwege gerade ſo zu eigen gemacht, wie dergleichen Leute es zu thun pfle⸗ gen. Es war ein anſehnlicher Mann, der Herr Lur, von feinen Manieren bei wenig Worten. Aber gerade dies Letztere erhöhte den Reſpect, in dem er bei ſeinem Publicum ſtand; wenn er mit dem Wenigen, was er ſprach, den Na⸗ gel ſchon jedesmal ſo richtig auf den Kopf traf, was mußte der Mann erſt ſein, wenn ſeine ſchweigſame Zunge ſich einmal löſte! Bei den Schönen des Thurms galt er allgemein für 4* 76 ein wahres Orakel; es gab nichts, was Herr Lux nicht wußte, und zwar beſſer als alle übri⸗ gen Sterblichen; in Allem, was er that und nicht that, lag eine ſo übermenſchliche Schlauig⸗ keit, daß ein Anderer drei Tage zu denken hatte, um und um, blos bis er dahinterkam, wie ſchlau der Herr Lur wieder geweſen. Auch daß er in den Thurm geheirathet hatte, war gewiß nicht ohne Abſicht geſchehen; das kleine magere Frauenzimmer hatte ihn nicht locken können, dazu war der Herr Lur viel zu ſchlauz o nein, der hatte gewußt, wie das mit der alten Frau Schernberg werden mußte und daß er ſich über kurz oder lang warm und weich in den ſchönen fetten Poſten hineinſetzen würde.— Der Frau Lux fiel die Bewunderung ihres Mannes bis⸗ weilen ſehr unbequem; war es Eiferſucht oder was ſonſt, genug, ſie konnte nicht leiden, daß man ihren Mann zu ſehr lobte oder gar ſeine Autorität über ihre eigene ſtellte. 6 Da ſhent Lon, „Was zu kla durch wire. ſchede ſnch Und B Man t huer g Gigen wart wirkli hun häter uen Hert lle übri⸗ hat und chlauig⸗ n hatte, m, wie Auch daß geniß magete können, o nein, en Frau ſich über nſchönen et Frol mes bit⸗ ucht oder den, doß ne gar ſei 7 Daher auch der freundſchaftliche Schlag zwi⸗ ſchen die Schultern und dieſer herbe, drohende Ton, mit dem ſie die Frau Schmähling fragte: „Was gibt es hier? Und wer hat hier etwas zu klagen?“ Der Fall wurde vorgetragen, nicht gerade in der Kürze, was auch, wo zehn alte Weiber durcheinanderſprechen, ein unbilliges Verlangen wäre. Aber endlich gelang es doch, und mit ſchadenfroher Neugier erwartete man den Aus— ſpruch, der den zweifachen Verbrecher, Fenſter⸗ und Birnenverwüſter, zerſchmettern ſollte. Allein man täuſchte ſich; ſei es, daß Frau Lux es ihrer Autorität für zuträglicher hielt, gerade das Gegentheil von Dem zu thun, was die Andern erwarteten, oder ſei es, daß der Gegenſtand ihr wirklich zu unerheblich war: ſie beſchränkte ſich darauf, einen flüchtigen Blick auf den Miſſe⸗ thäter zu werfen, und ſagte dann, die Achſeln zuckend, im Weggehen:„Es iſt noch der Beſte ⸗ 78 von der Geſellſchaft, und ihr, wenn ihr ver⸗ nünftige Frauen wäret, ſolltet um ein altes Stück Glas gar nicht ſolch ein Aufheben machenz mit oder ohne Scheibe, in den alten Winkel ſchneit und regnet es ja doch, ohne daß ein Hahn danach kräht. Ihr ſolltet lieber“, ſetzte ſie hinzu, indem ſie auf den ſchwarzen Gewit⸗ terhimmel deutete,„nach euern eigenen Fen⸗ ſtern ſehen, wir kriegen ein Unwetter, glaube ich, und wenn es da einen Schaden gibt, ſo müßt ihr ihn bezahlen.“ Damit ging ſie und ließ ein ſehr unzufrie⸗ denes Auditorium zurück.„Richtig“, ſagte die weiſe Frau Melzer,„wir ſollen bezahlen und das fremde Bettelpack trägt den Thurm ſtück⸗ weiſe davon.“ Frau Schmähling aber richtete den ſpitzen Finger gen Himmel wie einen Blitz⸗ ableiter:„Das ſollte die Regierung wiſſen“, eiferte ſie,„bei der Regierung muß Jeder die Fenſterſcheiben bezahlen, die er zerſchlägt, Und 1 than.“ verlie Kay ſchwe wied en Blt⸗ „ wiſſen ſ Zeder 76. und nur was Gott thut, das iſt wohlge⸗ than.“ Unter dieſen und ähnlichen Aeußerungen verlief ſich der Haufen, das Schurren und Klappen der Pantoffeln wurde ſchwächer und ſchwächer, und bald herrſchte auf dem Hofe wiederum daſſelbe düſtere Schweigen wie zuvor. 2 ſhnack hingen Giſchtc 6 itemit Fünftes Capitel. g Flora. junge vor P Locken Unſer junger Freund indeſſen ſollte noch nicht an zur Ruhe kommen; eine neue Ueberraſchung if ſe, ſtand ihm bevor, wenn auch diesmal von lieb⸗ h n licherer Beſchaffenheit. Während er ſich nach Sinih dem Kleinen umwendete, der noch immer ſtill dDb und verdroſſen in ſeiner Ecke ſaß, rauſchte und ò˙ dn Ha kniſterte es über ihm in den Zweigen, welche ſurten, der alte Birnbaum über das offene Dach des zn Kämmerchens ſtreckte. Zwei zierliche Füßchen ſch nit 4 in weißen Zwickelſtrümpfen tauchten aus dem mung grünen Blättermeer hervor, ein zierliches Figür⸗ us n chen, etwas phantaſtiſch, aber nicht ohne Ge⸗„Da h nicht ſchung üßchen t dem Figür⸗ ne Ge⸗ 81 ſchmack gekleidet, folgte nach, zwei weiße Arme hingen ſich um Hermann's Schultern und ein Geſichtchen lachte ihn an, ſo ſchelmiſch und ſo übermüthig, wie das Geſicht eines funfzehn⸗ jährigen Mädchens nur immer ſein kann. Das junge Mädchen lachte und ſchüttelte den Kopf vor Vergnügen, daß die langen, ſchwarzen Locken ſie wie Schlangen umtanzten; endlich gewann ſie Athem zum Sprechen.„O, o“, tief ſie,„das war prächtig! Wie er daſtand, der arme Sünder! Und die lange dürre Frau Schmähling mit ihrem Blitzableiter!“ Dabei ſtellte ſie ſich auf die Zehen, reckte den Hals in die Höhe und bohrte mit dem zarten, weißen Finger in die Luft, genau wie die Frau Schmähling. Hermann ſelbſt, der ſich mit ziemlich ernſter Geberde aus der Um⸗ armung losgemacht hatte, konnte ſich eines Lä⸗ chelns nicht erwehren; dann aber ſagte er: „Dachte ich es mir doch gleich, daß du 82 wieder dahinterſteckteſt, du wilde Katze! Wann wirſt du denn endlich einmal aufhören, deine wilden Streiche zu treiben und dich und An⸗ dere in Verlegenheit zu ſetzen?“ Das junge Mädchen brach aufs neue in lautes Gelächter aus.„Ich bitte dich“, rief ſie,„ſprich mir nicht von Katzen! Die alte rothhaarige Mietze, die hier im Hofe herum⸗ läuft, wollte vorhin zu mir auf den Baum ſteigen, da habe ich ihr ein Geſicht gemacht, daß ſie vor Schrecken herunterpurzelte, ich muß noch darüber lachen, wenn ich daran denke.“ „Und was haſt du auf dem Baume ge⸗ than?“ fragte Hermann noch immer mit Prä⸗ ceptormiene,„wenn du nicht ſelbſt eine kleine Katze wärſt?“ „Geſchlafen habe ich“, erwiderte die Kleine. „Es war mir drinnen zu heiß in der Kammer, und der Alte iſt auch nicht zu Hauſe, da lang⸗ weiite ich mich und ſtieg in den Baum, weil e de Blitt tanze wiede „wi nach lung daß duh beg ire 36 geſſn hoge chen l wird with Wann deine nd An⸗ nee in h, rief Die alte herum⸗ Baum gemacht, ich muß ume ge⸗ ne kleine e Kleine⸗ Kammet, da lang eil um, es da hübſch kühl iſt, und ſah die grünen Blätterſchatten auf meinem weißen Röckchen tanzen, bis ich darüber einſchlief. Und wie ich wieder aufwachte—“ „O, ich weiß“, fiel Hermann ihr ins Wort, „wie du aufwachteſt, da warfſt du die Birne nachit „Mitten durchs Fenſter“, bekräftigte das junge Mädchen treuherzig,„es war ein Schuß, daß mir das Herz im Leibe lachte, und hätteſt du den Kopf nicht gerade ein bischen ſeitwärts gebogen, hätteſt du gleich merken ſollen, was für ein Saft dieſes Jahr in den Dingern ſteckt. Ich habe mich aber auch recht ſatt daran ge⸗ geſſen“, ſetzte ſie hinzu und ſtrich ſich voll Be⸗ hagen die Schürze, während ſie mit den Füß⸗ chen einen Tänzerpas machte;„wenn der Herr Lux wiederkommt und will die Birnen abnehmen, wird er ſich wundern, wo ſie geblieben ſind; er wird dann denken, die Katze hat ſie geholt....“ 84 Und wieder kam dieſer Gedanke der Kleinen ſo komiſch vor, daß ſie ſich in ein herzliches Gelächter ergoß. Aber Hermann war mit ſei⸗ ner Predigt noch nicht zu Ende.„Und fiel dir denn nicht ein, du böſes Kind“, ſagte er, „was für einen Verdruß du mir damit be⸗ reiten konnteſt? Sieh her, ein Haarbreit wei⸗ ter und du hätteſt die Tintenflaſche zerſchmet⸗ tert, daß meine ganze Arbeit verloren geweſen wäre.“ „Es wäre wol auch ein rechter Schade ge⸗ weſen“, ſagte das Mädchen trotzig;„ſeit du mir keinen Liebesbrief ſchreiben willſt, frage ich nach deiner ganzen Schreiberei nicht mehr. Es iſt wol wieder für die Frau Räthin drüben in dem alten Palais? Da will ich es nur lieber noch nachträglich zerreißen“, fuhr ſie fort, da Hermann ihre Frage mit einem gleichgültigen Kopfnicken bejahte;„wenn du mir keine Liebes⸗ briefe mehr ſchreiben willſt, brauchſt du auch nicht f poſſen „A ſigte liches nicht „du wahr ih ſ ih el igenen thre ie hner Bng hn we „l ſugte ſit „S twei⸗ chmet⸗ eweſen nicht für Andere Verſe und ſonſtige Narrens⸗ poſſen abzuſchreiben.“ „Aber ich mache dieſe Abſchriften für Geld“, ſagte Hermann lächelnd,„um doch etwas Nütz⸗ liches zu thun, und weil ich den Müßiggang nicht ertragen kann, in dem ich hier lebe.“ „Male die alten Weiber ab“, rief das Kind, „du willſt ja doch wol ein Maler ſein, nicht wahr? Herrgott, was für Geſichter! Junge, ich ſage dir, wenn mal eine Zeit kommt, wo ich ebenſo ausſehe, ich hänge mich an meinen eigenen Haaren auf, ganz gewiß“, rief ſie,„das thue ich“, indem ſie wie zur Probe die breiten ſchwarzen Flechten, die ſich durch die raſche Bewegung vom Hinterkopfe gelöſt hatten, um den weißen Nacken ſchlang. „Und du haſt dies Alles mit angehört?“ fragte Hermann,„und das Gewiſſen hat dir nicht geſchlagen?“ „Sehr“, rief das Mädchen, und machte ihr — ſpaßhaſteſtes Geſicht dazu,„ſo ſehr, daß ich beinahe darüber vom Baume gefallen wäre! Ich wollte nur, ich könnte ſolche Fratzen malen wie du, es ſollte ein Bild werden zum Ent⸗ zücken. Du ſtandeſt da, ſage ich dir, wie Jo⸗ ſeph vor der Potiphar; das kleine Ungeheuer, der Bernhard, ſah ordentlich geſcheidt gegen dich aus.“ Und dann mit raſchem Schwung ſich auf die Steintafel ſetzend und ihrem Freunde feſt in die Augen ſehend:„Wie lange“, ſagte ſie mit einer Stimme, die auf einmal ganz ernſthaft geworden war,„denkſt du denn über⸗ haupt hier noch die Kindermagd zu machen und dich aushunzen zu laſſen von jedem alten Weibe, dem etwa der Kaffeetopf übergelaufen iſt? Ich ſage dir, Junge, ich kenne das Leben hier im Thurme: Steine klopfen iſt nichts da⸗ gegen, und wenn es nicht um den Alten wäre, der ohne mein bischen Singen nicht leben kann, ich wäre ſchon längſt auf⸗ und davongegangen, wien ohn Dur din epot ine ber ließ Ehe nachen alten laufen Leben wiewol ich nur ein Mädchen bin und kein Mannsbild wie du.“ Aber um dieſe und ähnliche Aeußerungen zu verſtehen, welche die redſelige Kleine uns noch zum beſten geben wird, iſt es wol an der Zeit, daß wir den Leſer näher mit ihr bekannt machen. Es war Flora, die Toch⸗ ter des Geigenfritz, eines alten heruntergekom⸗ menen Muſikanten, der ſich jahrelang bei gro— ßen und kleinen Bühnen umhergetrieben hatte, ohne irgendwo eine dauernde Exiſtenz zu finden. Durch ſeine Schuld höchſt wahrſcheinlich, da er dem Wein und andern Spirituoſen aller— dings mehr ergeben war als billig. Die Glanz⸗ epoche ſeines bewegten Lebens war geweſen, als eine zu ihrer Zeit berühmte Sängerin, vermuth⸗ lich in einer jener bizarren Launen, an denen berühmte Frauen zuweilen leiden, ſich herab⸗ ließ, ihn zum Manne zu nehmen. Aus dieſer Ehe ſtammte Flora, und auch den wilden Hu⸗ 88 mor und das theatraliſch-phantaſtiſche Weſen hatte ſie von ihrer Mutter geerbt. Inzwiſchen war der kurzen Glanzepoche eine deſto tiefere Nacht gefolgt. Flora's Geburt hatte ihrer Mutter die Stimme gekoſtet; auf Ueber⸗ fluß und Wohlleben folgten lange, bange Mo⸗ nate der Einſchränkung und Sorge, bis endlich der nackte Mangel an die Thür pochte. Es pochte auch noch Jemand anders daran, näm⸗ lich der Tod, der Flora's Mutter von allen Sorgen um die Zukunft erlöſte. Der Witwer fiel nun in ſeine frühere leichtfertige Lebensart zurück. Er zog mit dem Kinde von Stadt zu Stadt, von Land zu Land; die Geige, auf der er es bei etwas mehr Fleiß und Nüchternheit wol zu etwas Bedeutendem hätte bringen kön⸗ nen, mußte auf Jahrmärkten und Dorfkirmſen das Brot für Vater und Kind herbeiſchaffen. Die Kleine war ihm dabei mitunter ſehr zur Laſt; doch wußte er ſich zu helfen, indem er 89 ſie allerhand Tänze und Lieder lehrte und früh— zeitig eine kleine Schauſpielerin aus ihr machte. Auch mußte ſie mit dem Teller im Kreiſe um⸗ hergehen, und das kleine, feine Geſichtchen mit den prächtigen Locken und den ſchelmiſchen Augen ſchmolz Manchem das Herz, daß er tie⸗ fer in die Taſche griff als er eigentlich gewollt hatte.— Mit den Jahren nahm die Unter⸗ ſtützung, welche Flora auf dieſe Weiſe ihrem Vater gewährte, noch bedeutend zu, beſonders ſeitdem ihr Organ ſich zum prächtigſten ſeelen— vollſten Soz ran entwickelte; es waren wahre Glockentöne, von einer Fülle und Tiefe, die zu dem übrigen kindiſchen Weſen des Mädchens gar nicht recht paſſen wollten. Sie pflegte ſich deshalb auch wol ſelbſt ſcherzhafterweiſe mit der Frau Lux zu vergleichen, die auch nur ſo ein kleines Perſönchen ſei und eine Stimme dazu habe wie ein Löwe: wobei ſie freilich recht gut wußte, daß und welch ein Unterſchied in ——— 3 90 den Stimmen war. Leider war der Alte dazu⸗ mal durch Trunk und unregelmäßiges Leben bereits ſo weit heruntergekommen, daß er wenig oder nichts für die Ausbildung ihres Talents that; es war ein Glück für ihn und die Kleine, als er gelegentlich als Vagabond aufgegriffen und nach der uns bekannten Praxis in den Muſikantenthurm geſteckt ward. So hatten die Beiden doch wenigſtens Dach und Fach und brauchten ſich nicht länger auf den Landſtraßen umherzutreiben. Im Uebrigen ſetzte der Alte ſeine gewohnte Lebensweiſe nach Möglichkeit fort; er wußte tauſend Liſten, ſich mit Brannt⸗ wein zu verſehen, weit über das Deputat, und da er im Ganzen ein harmloſer und gutmüthi⸗ ger Burſche war, der für Jeden ein Scherzwort und einen Schluck in Bereitſchaft hatte, ſo wurde ihm gern durch die Finger geſehen. Da⸗ für fügte er ſich auch ſeinerſeits in die Wünſche ſeiner Nachbarinnen, indem er die feierliche Stille ſines herein beſaiti ſchoo itite ſlaſch Bwt befan und; ſn auch ine, zur dazu⸗ eben venig lents leine, iffen n den en die annt⸗ „und nüthi⸗ zwort e, ſo ünſche erliche 91 Stille des Muſikantenthurms durch kein pro⸗ fanes Geigenſpiel ſtörte. Nur Abends, nach hereingebrochener Dunkelheit, ſchob er das ſchlecht⸗ beſaitete Inſtrument in den unergründlichen Rock⸗ ſchoos, wo ſich außerdem noch ein ganzes Ra⸗ ritätencabinet von leeren und halbleeren Schnaps⸗ flaſchen, Kolophoniumſtücken, abgeknuſperten Brotrinden, zerbrochenen Schlüſſeln u. dergl. m. befand, nahm ſeine Tochter Flora an den Arm und zog mit ihr in den armſeligen Gaſthäu⸗ ſern und Kneipen des Städtchens umher; war auch kein Gaſt darin, nun gut, ſo war er ſelbſt einer, und der Durſt, den er mitbrachte, konnte zur Noth für zwei gelten. Flora waren trotz ihres ſonſtigen muthwilli⸗ gen Temperaments dieſe abendlichen Gänge ſehr zur Laſt. Gegen etwaige Zudringlichkeiten zwar war ſie durch ihre Keckheit geſchützt; aber der Tabacksdampf in den kleinen, niedrigen Knei— pen, das Geſchrei der Gäſte, das Klappern der 92 Gläſer und dieſer nichtswürdige, ſchale, ſaure Trank, mit dem man ſie wol noch gar zu trac— tiren meinte, waren ihr zuwider. Auch hatte ſie die wenigen Lieder, die ſie dabei vorzutragen pflegte und die der Alte gar zierlich mit der Geige begleitete, alle ſchon ſo oft geſungen, daß ſie ſelbſt die Freude daran verloren hatte. Ueberhaupt langweilte das arme Kind ſich ſehr, draußen wie zu Hauſe; die alten, ernſten Frauen waren eine ſchlechte Geſellſchaft für den überſprudelnden Geiſt der muntern Kleinen, die niemals an Ordnung und Häuslichkeit gewöhnt war und daher auch gegen die Hausordnung des Thurms Tag für Tag tauſend Verſtöße beging, für die ſie dann jedesmal mit großem Schelten und Poltern abgeſtraft wurde. Unter dieſen Umſtänden war es ein ganz unverhofftes Glück für ſie, als infolge von Er⸗ eigniſſen, die wir ſogleich noch werden kennen lernen, der junge Hermann ihr Hausgenoſſe 93 ſaure ward. War er auch viel ernſthafter und ge⸗ Sut ſetzter als Flora, ſo war er doch wenigſtens totte jung und ſah auch nicht ſo runzelig und ver⸗ knöchert aus und roch auch nicht ſo nach ſ Branntwein, wie die alten Hexen und ihr Va⸗ n ter. Er zankte mitunter auch, allerdings, aber tett ſein Zanken war ſanft und freundlich und die guten, braunen Augen ſahen ſie dabei ſo väter— n lich an, daß ſie zuletzt doch immer nachgeben und verſtändig werden mußte. Nur einen ein— — zigen Punkt gab es zwiſchen den Freunden, 2 über den ſie ſich niemals vereinigen konnten: ihut das war die Gutmüthigkeit oder, wie ſie es nannte, die Thorheit, mit der Hermann ſich mit i ſeinem kleinen kranken Neffen trug und plackte, when und auch ſonſt gegen Jedermann dienſtwillig und hülfreich war. Wir haben bereits gehört, wie ſie ihn auch heute wieder darüber zur Rede n Er ſtellte; das Geſpräch ſetzte ſich noch eine Weile nnen en in dem angeſchlagenen Tone fort. enoſt Sechstes Capitel. Ein zärtlicher Vater. „Du mußt nicht immer wieder nach denſelben Dingen fragen“, ſagte Hermann,„die man dir ſchon hundert mal geſagt hat: ich bleibe nicht hier, ich bleibe blos bei meiner Schweſter; wo meine Schweſter iſt, will ich auch ſein“ „Warum?“ fragte Flora gebieteriſch und ſtützte den kleinen zierlichen Kopf ins Händ⸗ chen.„Ich weiß nicht, wie das iſt, Bruder oder Schweſter zu haben, ich bin immer allein ge⸗ weſen bei meinem Alten und habe mich mit⸗ unter herzlich gelangweilt. Aber das weiß ich doch, hätte meine Schweſter einen ſolchen gar⸗ und Händ⸗ rodet in ge⸗ nit⸗ iß ich n gar⸗ 95 ſtigen Mann und ſolch einen kleinen Zwiebel⸗ könig von Kind, ich höbe die Füße auf und liefe davon, ſo weit ſie mich tragen wollten!“ Hermann überhörte abſichtlich, was die Kleine über ſeinen armen Neffen äußerte; nur um dem Geſpräch eine andere Wendung zu geben, ſagte er:„Du findeſt meinen Schwager garſtig, und doch nennen ihn alle Leute einen ſchönen Mann. Auch war er ja ehemals ein Stück Künſtler, wie du“, ſetzte er mit Lächeln hinzu. „Dein Schwager“, erwiderte Flora,„iſt ein garſtiger Mann, weil er ſeine Frau ſchlecht be⸗ handelt; geſtern Mittag wieder, als du vor dem Thorwege warſt— o, ich habe es wol gehört, ſo leiſe deine Schweſter auch in ihre Schürze weinte!“ „Still! ſtill!“ rief Hermann, während die Adern ihm vor Lorn anſchwollen und die Hand ſich ihm unwillkürlich ballte,„kein Wort wei⸗ ter! Es iſt ſchon entſetzlich genug, wenn Der⸗ 96 gleichen geſchieht; wenn das nun auch noch gar unter die Leute kommt und die alten Weiber weiſen mit Fingern auf meine arme Schweſter, nicht blos wegen ihrer Armuth, ſon⸗ dern auch weil——“ Der junge Mann ver⸗ ſtummte; erſt nach einer Pauſe fuhr er mit ge⸗ preßter Stimme fort:„So müßte ich ja weiß Gott wahr machen, was du ſagſt, und müßte in die weite Welt gehen— aber vorher....“ Er knirſchte mit den Zähnen aneinander; ſein ſonſt ſo friedliches Auge ſprühte Funken des Zorns und ſchien Jemand zu ſuchen, den es durchbohren könnte. Flora, die nur den erſten Theil des Satzes gehört hatte, fiel ihm eifrig ins Wort:„Das ſollſt du ja eben, du ſollſt fortlaufen— und mich mitnehmen“, ſetzte ſie leiſe, zwiſchen Weinen und Lachen, hinzu. Mittlerweile hatten die Wolken, die den Himmel bezogen, angefangen ſich zu entladen; ein heftiger Donnerſchlag, dem raſch ein zwei⸗ h noch e alten e arme th, ſon⸗ mn ver⸗ mit ge⸗ jn weiß d mite nander; Funken en, den ur den fel ihn ben, du , ſctte hinzu die den ntladeni in zw⸗ 95 ter und dritter folgten, machte den alten Thurm in ſeinen Grundveſten erbeben, und gleich dar⸗ auf ſchlug der Regen praſſelnd durch die Lücken des Dachs.„Komm hier in die Ecke, daß du nicht naß wirſt“, ſagte Hermann,„ich will dir den Bernhard auf den Schoos geben, das Wetter iſt zu heftig, wir müſſen es hier ab⸗ warten Während dieſer Worte hatte er ſich nach dem Kleinen umgeſehen, den er in ſeinem Win⸗ kel eingeſchlafen wähnte. Aber nein, er war nicht mehr auf dem Fleck— und hier nicht — und da auch nicht— In demſelben Augenblick ſtürzte auch be⸗ reits eine angſtbleiche, athemloſe Frau zur offe⸗ nen Thür herein. Wir haben ſie ſchon zwei mal geſehen, einmal in der Wirklichkeit und einmal im Bilde; aber in dieſem Augenblick iſt ſie von Angſt ſo entſtellt, daß man ſie kaum wiedererkennt. Ihr Kleid troff vom Regen Der Muſikantenthurm. I. 5 98 die dünnen, braunen Haare, die vor kurzem noch ſo ſauber geſcheitelt waren, hingen wirr um die Schläfe.„Wo iſt der Bernhard?“ rief ſie,„wo haſt du den Bernhard, Bruder? Sein Vater iſt aufgewacht, und du kennſt ihn, wie zornig er jedesmal iſt, wenn er den Klei⸗ nen nicht an ſeinem Bette findet....“ Hermann ließ die Augen von einem Winkel zum andern ſchweifen.„Er war im Augen⸗ blick noch da“, ſagte er mit unſicherer Stimme, „ich habe ihm Figuren gemalt, um ihn ruhig zu halten, und begreife nicht—“ „Ah“, ſagte die Frau mit ſchmerzlichem Tone,„gibſt du ſo Acht auf deinen armen kleinen Neffen? Du haſt wol freilich nicht Zeit gehabt“, ſetzte ſie mit einem Seitenblick auf Flora hinzu, welche dieſe Gelegenheit benutzte, ſich ſacht aus der Thür zu drücken; draußen angekommen nahm ſie das Röckchen vorſichtig über den Kopf und trippelte mit den weißen zi wel ine au ha bta ſn kurzem en wirr hard?“ Bruder? unſt ihn, en Klei⸗ Vinkel Augen Stimme, n ruhig tlichem armen icht ʒit blit uf henutztt, draußen orſchtig weißen 99 Zwickelſtrümpfchen ſo zierlich durch das aufge⸗ weichte Erdreich, als ob ſie auf dem Parquet eines Ballſaals dahinhüpfte. „So hilf mir jetzt wenigſtens ihn ſuchen“, fuhr die geängſtete Frau fort.„Das arme Kind! in dem ſtrömenden Regen! Ach, und du kennſt den Zorn ſeines Vaters!“ „Er ſoll dir kein Haar krümmen“, ſagte Hermann mit feſter Stimme, indem er dicht auf ſeine Schweſter zutrat,„hörſt du? kein Haar! Was aber den Kleinen anbetrifft, ſo brauchen wir uns nicht um ihn zu ängſtigen, er kann nicht weit kommen, der arme Schelm....“ „Es iſt auch nur, weil ſein Vater gleich ſo böſe wird“, erwiderte die Frau.„Gott, der das arme Kind ſo hinfällig geſchaffen, wird ſeine Hände ausbreiten, daß ihm kein Schade geſchieht.“ Sie waren während dieſes Geſprächs in den Hof getreten, ohne auf den Regen zu achten, 5* 100 der wie aus Mulden niederſtürzte. Aber auch hier war von dem Kinde keine Spur.„Herr⸗ gott im Himmel“, rief die Frau plötzlich, in⸗ dem ihr Blick durch die geöffnete Thür über das alte Gemäuer weg auf das Schilf des Stadtgrabens fiel,„Hermann, wenn du das Kind haſt ins Waſſer fallen laſſen...!“ Sie ſtürzten Beide zurück und beugten ſich weit über das trübe, grüne Gewäſſer. Aber auch hier war nichts von dem Vermißten zu ſpüren; die großen, ſchweren Regentropfen fie⸗ len auf das Waſſer, daß es klatſchte, die Meer⸗ linſen lagen feſt und ſtill, wie der Raſen über einem Grabe. Eine barſche, polternde Stimme ſcheuchte ſie empor. Es war der Vater des kleinen Bern⸗ hard. Auch ihn haben wir bereits geſehen, da⸗ mals, als er ſchnarchend auf dem Bette lag. Jetzt, da er aufgerichtet vor uns ſteht, bemer⸗ ken wir die ſtraffe, kräftige Figur des zierlich bal er auch „Herr⸗ ich, in⸗ ür übet hilf des gten ſch r. Pber ißten zu pſen ſie⸗ ie Meet⸗ ſen übtt ſcheuchte en Bern⸗ chen, do⸗ ette log⸗ bemer⸗ 101 gebauten Mannes; in dem bärtigen Geſicht lie⸗ gen Trotz und Wildheit ausgeprägt, während die kleinen, ſchwarzen Augen von Liſt und Muthwillen leuchten. Das dichte, ſchwarze Haar iſt ſchon leicht ergraut, obſchon der Mann, nach dem übrigen Anſehen zu urtheilen, die Grenze der Dreißiger noch nicht überſchritten haben kann. Der linke Arm hing ſchlaff herunter; über die Stirn zog ſich eine breite, rothe Narbe. Auf der ganzen Erſcheinung lag ein Ausdruck von Hohn und Uebermuth, verbunden mit läſſiger Behag⸗ lichkeit, der den vortheilhaften Eindruck, wel⸗ chen das ſcharfgeſchnittene, kecke Geſicht erregte, bald wieder zerſtörte. „Nun?“ rief er,„ihr wollt ihn wol ſchon gar aus dem Teiche herausfiſchen? Verwünſch— tes Geſindel Alle miteinander! Ah, wenn ich meine beiden Arme hätte!“ Mit dieſem frommen Wunſche, der nach der Geberde, die ihn begleitete, nicht ſchwer zu deuten war, wandte der Mann ſich wieder nach dem Hofe zu, und vorſichtig unter der Thür ſtehen bleibend, damit der Regen ihm ja nicht die Friſur verdürbe, die mit auffallender Sorg⸗ falt gemacht war und an die kokette Art er⸗ innerte, wie Schauſpieler außerhalb des Thea⸗ ters, oder Offiziere in Civil ſich zu tragen pflegen, pfiff er durch die Zähne, daß es gellte, und rief dazu mit dröhnender Stimme: „Heda, alter Mann, wo ſteckſt du? Auf der Stelle kommſt du hervor, alter Mann, oder ich breche dir die Knochen zuſammen, ſo— viel du ihrer in deinem armſeligen Leibe haſt!“ „Alter Mann“ war nämlich der Lieblings⸗ name, mit dem dieſer zärtliche Vater ſeinen Sohn zu rufen pflegte. Und es ließ ſich nicht leugnen, er paßte vortrefflich zu dem armen kleinen verhuzelten Weſen, mit dem welken verkümmerten Angeſicht. Aus dem Munde des eigenen Vaters freilich hatte dieſer Ausdruck lt lich Me ig N ſc de de li M N ha der nach er Thür ja nicht Sorg⸗ Art er⸗ Thea⸗ tragen 6 gellt, Auf Mann, ſen, ſo⸗ e haſt!“ ubling r ſeinen ich nicht armen vrellen nde des ludrut etwas Befremdendes, gerade weil er ſo entſetz⸗ lich paſſend war. Aber du lieber Himmel, wir Menſchen ſind ſo verſchieden, Jeder hat ſeine eigene Art zu lieben und zu haſſen— warum ſoll er auch nicht ſeine eigenen Wörter zum Liebkoſen haben? „Sprich nicht ſo ſündhaft, Mann“, ſagte die Frau, indem ſie die Hände rang,„das arme Kind iſt ſchon elend genug, wenn du das auch noch ſchlagen wollteſt—“ „Und wer iſt daran ſchuld?“ erwiderte der Mann mit ſolchem Hohn, daß die Oberlippe ſich ordentlich zurückzog und die kleinen blen⸗ dend weißen Zähne ſichtbar wurden.„Wer hat das Kind ſo elend zur Welt gebracht? Frei⸗ lich, freilich, es iſt ja nur mein Sohn, der Musje Hermann, der ſchöne Herr Bruder, das iſt ein Kerlchen, der iſt zuſammengerührt aus MWilch und Blut, die Weiberſeele die— was hat Er hier herumzuſtehen und zu horchen?“ 104 fuhr er den jungen Menſchen an, der dieſe Wendung des Geſprächs wol ſchon längſt er⸗ wartet hatte. Die beiden Schwäger lebten, ſeit ſie ſich kannten, in dem böſeſten Verhältniß; faſt kein Tag verging, ohne daß Hermann mit Schmähworten und Drohungen überſchüttet wurde, denen er ſchon ſeit langem nur noch ein geringſchätziges Stillſchweigen entgegenſetzte. Auch diesmal hielt er es nicht für ange⸗ meſſen, ſich in lange Erörterungen einzulaſſen; mit kurzen kalten Worten wiederholte er dem Schwager, was er ſoeben erſt der Schweſter mitgetheilt: nämlich, daß das Kind bis vor we⸗ nigen Augenblicken unter ſeiner Obhut geweſen und daß ihm unmöglich etwas Schlimmes zu⸗ geſtoßen ſein könne. Allein der beſorgte Vater, der bei alledem nicht die geringſten Anſtalten machte, ſeinen „alten Mann“ zu ſuchen, ſondern im Gegen⸗ theil durch ſein wüſtes Zanken und Toben auch ni gen in r dieſe gſt er⸗ ten, ſeit hältniß; mann rſchüttet ur noch enſttte. t ange⸗ ulaſſen er dem chweſter vor we⸗ geweſen mes zu⸗ glleden ſeinen Gegen en auch 105 noch die Andern davon abhielt, ſchien für jeden Troſt unzugänglich.„Was hat Er mit meinem Herzblatt zu ſchaffen?“ rief er,„wir brauchen keine Kindermagd, am wenigſten eine ſolche vor⸗ nehme, die ſich in Büchern überſtudirt hat und nun vor Hochmuth nicht weiß wohin! Das Kind ſoll an meinem Bette ſein, wenn ich ſchlafe; wieviel Tauſend mal habe ich das be⸗ fohlen? Bei euch Andern bin ich ja doch nur verrathen und verkauft, es iſt das einzige We⸗ ſet das mich lieb hat und das werth iſt, daß ich es wieder lieb habe....“ dieſen letztern Punkt wird der ge⸗ neigte Leſer ſich ſeine Gedanken vielleicht ſchon gemacht haben; was dagegen den erſtern an⸗ ſo müſſen wir zugeſtehen, daß er auf Iz Selbſttäuſchung beruhte, dergleichen ſich bei Aeltern und Erziehern gar nicht ſo ſelten findet und jedenfals häufiger als man denkt. D i Der kleine arme Bernhard hatte nur Furcht 5** 106 vor dem Vater, keine Liebe; ſein großer buſchi⸗ ger Bart, die blitzenden Augen, die polternde Stimme, die rauhe Art ſeiner Scherze— das Alles erfüllte ſein kleines Herz mit Furcht; das Kind war nie ſtiller und hinfälliger, als wenn es bei ſeinem Vater war. Der aber hielt das für Ergebenheit und Liebe und prahlte laut mit ſeiner vortrefflichen Kinderzucht, und es wäre gar nicht wahr, daß der Bernhard, der kleine alte Mann, ſo zurückgeblieben ſei für ſeine Jahre, die Sache wäre nur, daß die An⸗ dern nicht mit ihm umzugehen wüßten und keine Art hätten, mit ihm zu ſprechen. Auch dies⸗ mal wieder ergoß er ſich in Vorwürfen wider ſeine Mutter.„Das Kind iſt ſchwach“, höhnte er,„es iſt ein erbärmliches Kind, man glaubt nicht, daß man es groß kriegt— o freilich, freilich, darum läßt man es auch im Gewitter⸗ regen herumlaufen, vielleicht iſt ja ein Blitz vom Himmel ſo gefällig und ſchlägt es auf den buſchi⸗ kleinen dummen Kopf, und dann ſind wir die lternde Laſt und die Scham auf einmal los.— Ja die — das Scham“, wiederholte er triumphirend, da die tz das Frau eine leiſe abwehrende Bewegung machte, wenn„ich weiß recht gut, daß du dich des Kindes elt das ſchämſt, weil es mein Kind iſt und nicht ſo te laut glatt und roth wie der Musje— Bruder; und es darum haßt du es und wünſcheſt ihm den Tod, d, der ich weiß es ſei fir„Ich wünſche Niemandem den Tod“ ſagte die ie An⸗ Frau, die während des ganzen Vorgangs mit dkeine geſenktem Haupte daſtand,„als mir ſelbſt. Aber diee⸗ erlaubſt du mir jetzt vielleicht, daß ich das wider Kind ſuchen gehe?“ hihnt Der Mann, den die Unterwürfigkeit der gubt Frau nur noch immer mehr erbitterte, erhob freilich mit einem ſchreckichen Fluche die Fauſt. Her⸗ nite⸗ mann ſprang dazwiſchen; die beiden Männer Bit ſahen ſich eine Weile drohend an. Endlich uf dn ſagte Hermann mit halblauter Stimme, als 108 ob die Schweſter nichts davon hören ſollte, und einem Ausdruck von Hohn und Groll, den man dem offenen Geſicht kaum zugetraut hätte: „Geberdet Euch doch nicht ſo närriſch, Schwager; wo wird er denn weiter ſein? Er wird zu der ſchönen Dame gegangen ſein, bei der ſein Vater Tage und Nächte zubringt; er wird auch wiſſen wollen, wie das Wildpret ſchmeckt und der ſüße Wein— Alte Damen ſind ja wol zuweilen ſehr mitleidig, Schwager? Nun ich hoffe, er wird eine gute Aufnahme ge⸗ funden haben, ſchon um ſeines Vaters* ſeine Großmutter wenigſtens könnte ſie ja wol ſin— Vihrend er ſo ſprach, hielt henb feſt auf des Mannes Schulter gelegt; die an⸗ dere hatte er trotzig in die Seite geſtent Es mußte ein ſchrecklicher Sinn in ſeinen Worten liegen; die Frau ſchrie laut auf, der Mann 109 n ſollt, aber brach in eine gellende Lache aus:„Und d Groll, wenn es ſo wäre“, rief er ſchadenfroh,„bin ich ugetraut Ihm Rechenſchaft ſchuldig? Da“, indem er auf die Frau wies,„da ſteht die Einzige, die ſich näriſch, beklagen könnte, wenn es ſo wäre— frage Er in? Et ſie doch, ob ſie Rechenſchaft von mir verlangt ſein, bei oder nicht? Ihr ſteckt ja ſonſt immer zuſam⸗ ringtz et men und ſinnt, wie ihr mir eine Naſe drehen Vildprt wollt. Aber ich weiß im voraus, ſie iſt eine Damen gute Frau, ſie verlangt keine— keine, nicht pwager! wahr? Und wenn ich mir zehn Geliebte halte, hme ge⸗ alte und junge, ſie hat nichts dagegen einzu⸗ wilen; wenden, wie?“ j nol„Nichts“, erwiderte die Frau kaum hörbar. Der Mann ſchien befriedigt, aber nur zum * Hond Theil.„Es iſt gut ſoweit“, ſagte er zu der ſ e Frau,„du wirſt nie vergeſſen, wer du biſt 5. 6 und wer ich bin— nie! Damit aber dieſer Porn kluge Herr“, fuhr er gegen Hermann gewne mn fort,„ſich für ein andermal hütet, ſeine Naſe 3 110 in Dinge zu ſtecken, die ihn nichts angehen, ſo will ich doch—“ „Rühre mich nicht an“, ſchrie Hermann, „oder es geht nicht gut mit uns! Es iſt ge⸗ nug, du grober, fauler Wicht, daß du deine unreine Hand gegen meine unglückliche Schwe⸗ ſter aufzuheben wagſt— rühre mich nicht an! oder du ſollſt merken, daß ich kein Knabe mehr bin!“ „Seine arme Schweſter!“ hohnlachte der Mann.„Aber warte nur, Bürſchchen, du denkſt, weil mir der Arm noch ein wenig ſteif iſt— einem ſolchen Wiedehopf, wie du biſt, den Hals umzudrehen, habe ich noch gerade an einer Hand genug....“ ⸗ Natürlich hatte dieſer ganze Vorgang ſich nicht ſo leiſe zutragen können, um nicht in dem übrigen Gebäude gehört zu werden; es war ein ereignißreicher Tag heute für die alten Weiber, und er wird gewiß dereinſt roth angeſtrichen m ſi zu hen, ann, deine chwe⸗ an! Knabe der enkſt, den e an 111 ſtehen in der Chronik des Muſikantenthurms: erſt die zerbrochene Fenſterſcheibe, dann das Gewitter und nun noch das Familiendrama, es war Alles, was der Menſch zu ſeiner Unter⸗ haltung verlangen konnte. Aus allen Fenſtern ſteckten ſie die Köpfe und horchten mit geſpitz⸗ ten Ohren; in den Hof hinunterzugehen und ſich in den Streit zu miſchen, hatte jedoch Nie⸗ mand Luſt, weil Jeder die Wildheit des frem⸗ den Mannes fürchtete. Selbſt Frau Lux blieb vorſichtig unter der Thür ſtehen:„Das Pack iſt nicht werth“, murmelte ſie,„daß man um ſeinetwillen die Schuhe naß macht; ſie ſollten Gott danken, wenn der Bernhard wirklich ins Waſſer gefallen wäre. Denn im Grunde iſt es ja doch nur eine Misgeburt, und eine anſtän⸗ dige Frau muß ſich ſchämen, ſo was mitan⸗ zuſche In dieſem Augenblick kam Flora eine der vielen Stiegen herunter, die den Muſikanten⸗ ——— u2 thurm für den Uneingeweihten zu einem wah⸗ ren Labyrinth machten; das vermißte Kind friſch und wohlbehalten in den Armen tragend, ſprang ſie behend durch den Regen und ſtand gleich darauf zwiſchen den Streitenden.„Was das für Menſchen ſind!“ rief ſie,„reißen einander die Köpfe ab und denken darüber nicht an Das, was das Nöthigſte iſt! Da“, fuhr ſie fort, in⸗ dem ſie den Kleinen, der beim Anblick des Va⸗ ters gleich noch einmal ſo alt ausſah wie ge⸗ wöhnlich, vorſichtig auf den Boden ſetzte,„da habt Ihr Euern alten Mann, ſchöner Herr Ulrich; ein andermal aber thut mir den Ge⸗ fallen und reißt den Mund nicht ſo aufz es ſieht abſcheulich aus, und außerdem wißt Ihr auch, ich bin dem Geigenfritz ſeine Tochter, meine muſikaliſchen Ohren können das nicht vertragen....“ Alle Drei ſtürmten mit Fragen auf ſie ein, wo ſie den Kleinen gefunden.„O“, ſagte ſie, la nit Ge „das iſt die ſpaßhafteſte Geſchichte von der Welt. Ich hatte mit dem Hermann ein wenig geplaudert, der alte Mann(ſie wußte, daß die häufige Wiederholung dieſes Ausdrucks dem thörichten Vater ſchmeichelte) hat ſich dabei ge⸗ langweilt, er iſt ſachtchen hinausgekrochen; wie er an die Stiege gekommen, wird er wol ge⸗ dacht haben: na wartet, ihr ſagt immer, ich habe ſchwache Beine und kann nicht ordentlich laufen; nun will ich euch es mal zeigen. Da⸗ mit iſt er die Treppe hinaufgekrochen, den Gang entlang, bis er eine Thür offen gefun⸗ den— war es nicht ſo, alter Mann?“ ſagte ſie, indem ſie ſich niederhockte, das verdutzte Kind zu ſtreicheln; gleich darauf aber machte ſie ihm eine Fratze hinter dem Rücken und ſchlug in die Hände und wollte ſich todtlachen. „Aber wo haben Sie das Kind nur endlich gefunden?“ fragte die Mutter;„wir ſind Ihnen ſehr vielen Dank ſchuldig....“ „O, das iſt es ja eben, worüber ich lache“, erwiderte Flora.„Es ſah auch gar zu poſſirlich aus: zu der alten Frau Schernberg war er hineingekrochen, der Frau Lur ihrer Mutter, wiſſen Sie, mit der es nicht ſo ganz richtig im Kopfe iſt. Die alte Frau ſaß in ihrem Lehnſtuhl, ſie iſt ſchon ganz eisgrau im Ge⸗ ſicht— o Gott, was iſt das für ein Elend, wenn der Menſch alt wird! Der Kleine aber ſaß auf der Bank zu ihren Füßen; die Alte hatte ihre knöcherne Hand auf ſeinen Kopf ge⸗ legt; ſo ſaßen ſie ganz ſtill und ſahen einander an, der alte Mann und die alte Frau— war das nicht zum Todtlachen, wie? Es iſt ein galantes Kerlchen, der alte Mann, er gibt Da⸗ menviſiten— aber freilich, es liegt im Blut“, ſetzte ſie mit einem leichtfertigen Seitenblick auf Bernhard's Vater hinzu. Aber der hatte jetzt keine Zeit auf ihre Stachelreden zu hören; er herzte und drückte — ſin zuſt den wi ache“, ſirlich ar er utter, ihrem n Ge⸗ Elend, e aber Alte pf ge⸗ ander — war iſt ein t De⸗ Blut“ enblic den Kleinen— nämlich in ſeiner Art, das heißt ſo, daß gerade ſolch ein ernſthaftes und ſtumpf⸗ ſinniges Kind dazu gehörte, um nicht laut auf⸗ zuſchreien. Er zog es bei der Naſe, rieb ihm den Bart ins Geſicht und ließ es Schönmachen wie einen jungen Pudel.„Ich habe es ja im⸗ mer geſagt“, rief er,„mein alter Mann iſt das allerklügſte Kind von der Welt, man hat nur nicht die richtige Liebe zu ihm und darum weiß man nicht mit ihm umzugehen. In dem Kerl ſteckt etwas, wenn ich den ſo vor ein Jahrer funfzehn gehabt hätte, als ich ſelbſt noch ein flinker Kerl war, aus dem hätte ich einen Ba⸗ jazzo gemacht, juſt mit dem alten Geſicht, das er hat, das paßt gerade am beſten dazu— na warte nur“, tröſtete er ſich ſelbſt,„was nicht iſt, kann noch werden, es ſpinnt ſich noch Man⸗ ches an, wovon die Klugwiſſer nichts merken; aber meinen alten Mann verlaſſe ich nicht, wie es auch kommt, im ganzen Leben nicht....“ 116 Mittlerweile hatte der Regen aufgehört, der glückliche Vater befahl ſeiner Frau, das Kind hübſch vorſichtig in die Stube zu tragen; er ſelbſt ging, ein Schelmenlied durch die Zähne brummend und die etwas derangirte Friſur zu⸗ rechtſtreichend, voran. Das Schauſpiel war zu Ende, die Zuſchauer verzogen ſich nur halb be⸗ friedigt, und zum zweiten male kehrte die ge- wohnte Stille wieder. der Kind z er hne n zu⸗ ar zu lb be⸗ ie ge⸗ Siebentes Capitel. Jugenderinnerungen. Hermann und Flora waren allein zurückgeblie⸗ ben. Zwiſchen Beiden herrſchte anfangs ein verlegenes Schweigen. Hermann kramte in ſei⸗ nen Papieren, ſuchte die Glasſplitter zuſammen, die noch von der zerbrochenen Scheibe umher⸗ lagen, und that einige Zeit hindurch, als ob er die Anweſenheit des jungen Mädchens gar nicht bemerkte. Flora begleitete alle ſeine Bewegun⸗ gen mit feſtem Blick; doch ſagte ſie ebenfalls kein Wort. Endlich brach Jener das Schwei⸗ gen.„Du biſt“, ſagte er,„doch im Grunde ein gutes Kind, und ich danke dir, daß du dir — ————— — — — — 118 um den armen kleinen Schelm ſoviel Mühe gegeben haſt. Aber du ſiehſt nun, wie ge⸗ fährlich es iſt, wenn man die Zeit verplaudert, ſtatt zu arbeiten“, ſetzte er zwiſchen Scherz und Ernſt hinzu und fuhr ihr mit der Hand leiſe, gleichſam um ſeine Worte noch freundlicher da⸗ mit zu machen, über den welligen Scheitel. Flora ſtieß ſeine Hand zurück; ſie ſetzte ſich auf einen Stein, mit dem Rücken nach ihrem Freunde, die verſchränkten Arme in die durch⸗ näßte Schürze wickelnd.„Ich ſehe nun“, ſagte ſie trotzig,„daß du nicht beſſer biſt als die Uebrigen; erſt ein Duckmäuſer, der ſich auf der Naſe ſpielen läßt von Jedem, der Luſt hat, und dann auf einmal wieder wie Fett und Feuer. Sie kriegen dich unter, armer Junge, auf mein Wort, mit all deiner Gelehrſamkeit und deinen ſchönen Künſten; du wirſt gerade ſo ein wilder grober Mann werden wie dein Schwager, ſo ſtil du auch thuſt, und wenn du einmal eine e in ten der ine Frau haſt, wirſt du ſie knuffen und puffen wie er. Ich ſehe ſchon“, fuhr ſie mit komiſchem Pathos fort,„die Männer ſind alle gleich ſchlecht, und ich werde wol als alte Jungfer ſterben müſſen.“ Hermann lächelte.„Und was iſt dir denn in die Krone gefahren“, fragte er,„daß du ſo bös mit mir thuſt? Ich habe dir ja nichts zu Leide gethan. Die Kleine blickte trotzig vor ſich hin. End⸗ lich ſprang ſie auf; ihr Geſicht war wieder ganz heiter und klar geworden und nur die Augen funkelten heller als gewöhnlich.„Weil du An⸗ dere lieber haſt als mich, das iſt'! Deine Schweſter haſt du lieber als mich, den armen blaſſen Molch, den Bernhard, haſt du lieber als mich, alle Welt haſt du lieber als mich— ſprich ehrlich“, rief ſie und faßte ihn bei den Schultern, daß ihre Augen feſt in ſeine trafen, „die vornehme Dame, die Frau Räthin, die 2 dir die ſchönen Sachen abzuſchreiben gibt— haſt du ſie nicht auch lieber als mich?“ „Du biſt ein Kind“, ſagte Hermann halb abwehrend, halb begütigend. „Ja, das bin ich“, rief ſie,„und der Bern⸗ hard iſt auch ein Kind und noch dazu ein ſehr garſtiges; aber ich glaube, wenn ich verloren ginge, du wärſt nicht halb ſo in Sorgen um mich wie um das kleine Ungeheuer. O, in der That“, rief ſie,„ich werde mir Jemand anders 1 ſuchen müſſen, an dem ich meine Liebe ver⸗ 7 ſchwende— unſere Freundſchaft hat ein Ende, mein Herr, damit Sie es wiſſen!“ Es war in dieſen Aeußerungen ein ſolches 5 Gemiſch von Wahrheit und theatraliſcher Ueber⸗ treibung, daß es ſchwerfiel zu entſcheiden, 1 welche gerade die Oberhand hatte. Hermann 6 4 hatte ſolche Scenen ſchon öfters mit ihr durch⸗ gemacht und liebte ſie nicht.„Wir wollen ein andermal davon weiter ſprechen“, ſagte er rn⸗ ſchr ren um der ders che ber⸗ den, nann urch⸗ ein 12 21 trocken,„jetzt will ich meine Arbeit da weg⸗ tragen; auf Wiederſehen, meine kleine Feindin.“ Aber das Mädchen ließ ihn nicht fort. „Nein“, rief ſie, indem ſie ihn neben ſich nie⸗ derpreßte,„du biſt mir noch von vorhin eine Antwort ſchuldig, du ſollſt mir noch erſt ſagen, warum du deine Schweſter lieber haſt als mich und was ſie dir angethan hat, daß du ihr die Freiheit deiner Jugend, deine Mannesehre und Alles opferſt. Was? du willſt ein Mann ſein und läufſt deiner Schweſter nach wie ein Kind hinter der Schürze der Mutter?!“ „Weil ſie mir auch wie eine Mutter iſt erwiderte der junge Mann nach einer kleinen Pauſe mit Rührung,„und weil, ſoweit meine Erinnerungen reichen, ihr bleiches Angeſicht die Sonne geweſen iſt, die mir Wohlſein und Kraft und Freude zugeſchienen. Glaube mir, liebe Flora: und wenn ich mir jetzt die Glieder ſtückweiſe vom Leibe reißen ließe für meine Der Muſikantenthurm. I. 6 122 „ Schweſter, es wäre noch immer nicht genug für die Dankbarkeit, die ich für ſie empfinde, noch für die Opfer, die ſie mir gebracht hat. Die Kleine warf das Näschen in die Höhe. „Pah“, meinte ſie,„ſo gefährlich wird die Sache wol auch nicht ſein. Deine Schweſter ſcheint mir mit all ihrem ſtummen Weſen doch auch nur eine ſehr ſchlichte Frau zu ſein; von der haſt du die gelehrten Dinge, die dir im Kopfe ſtecken, denn doch gewiß nicht gelernt.“ „Nein“, erwiderte Hermann,„von ihr ſel— ber nicht, aber von guten Menſchen, deren Theilnahme ſie für mich erweckt, und vermittels der Opfer, die ſie zu dem Zwecke gebrächt hat.“ „Ah, ich beſinne mich“, ſagte Flora,„das war mit dem alten Prediger, von dem du mir früher erzählt haſt! Bitte, erzähle mir das noch einmal, es war eine hübſche Geſchichte, es kam ſo etwas von grünen Wieſen darin vor, auf denen man frei umherhüpfen durfte, und ſchat⸗ — 4 — 123 tigen Büſchen, aus denen die Nachtigall ſang — ob ich wol noch weiß wie eine Nachtigall ſingt?“ fragte ſie ſich ſelbſt und ſchüttelte den Kopf vor Verwunderung. „Wenn du ſo viel behalten haſt“, verſetzte der junge Mann,„ſo hätteſt du auch das Uebrige nicht vergeſſen ſollen, das ich dir zu derſelben Zeit erzählt habe: nämlich daß es das kleine Erbtheil meiner Schweſter war, was ich damals aufſtudirt habe— und nun doch ohne Nutzen“, ſetzte er mit einem tiefen Seufzer hinzu. „Wie ſah der Herr Prediger aus?“ fragte Flora.„Hatte er auch eine Frau Predigerin? Oder war es draußen bei den Katholiſchen, wo die geiſtlichen Herren nicht heirathen dürfen, die armen Tröpfe?“ Schon aber hatte das goldene Netz der Ju⸗ genderinnerungen unſern Freund dermaßen um⸗ ſponnen, daß das Seltſame, um nicht zu ſagen 6* 124 iciche, das in der Frage des jungen Mädchens lag, ihm völlig entging. Er hatte die Hand unter das Kinn geſtützt; die treuher⸗ zigen braunen Augen ſtarrten weit in die Ferne, als ob ſie irgendein liebes Bild heraufbeſchwö⸗ ren wollten.„Ich fürchte ſehr“, ſagte er,„meine arme Flora, bei allen den Kreuz- und Quer⸗ zügen, zu denen dein Schickſal dich ſo früh ver⸗ urtheilte, haſt du doch nie ein Antlitz geſehen, ſo ehrwürdig und von dieſem erhabenen Aus⸗ druck wie das Geſicht meines guten alten Pre⸗ digers. So müſſen die Apoſtel ausgeſehen ha⸗ ben, die das Wort der Liebe zuerſt auf Erden verkündeten, ſo mild und doch ſo ernſt, ſo ſanft und doch ſo feurig, und ſo müſſen ſie geweſen ſein, ſo kindlich bei ſoviel Stärke, ſo geduldig und ſo voll Eifers wie er es war. Er hatte die Laſt des Lebens auch kennen gelernt, er wußte, wie den Armen und Bedrängten, den Hülfloſen und Schwachen zumuthe iſt; darum um 125 wußte er ſie zu tröſten und aufzurichten. Es war eine kleine ſchlechte Stelle, auf der er lebte; aber ſeine Genügſamkeit und die weiſe Vorſicht, mit der er Alles anzuordnen und einzurichten wußte, ließen auch bei den ſchmalen Mitteln noch immer eine Art von ueberfluß. Er hatte viele Kinder gehabt, aber ſie waren ihm alle geſtorben und die Frau anch „Und nun nahm er fremde Kinder zu ſich?“ ſchaltete Flora ein, indem ſie ein leiſes Gähnen unterdrückte. „Er war der berühmteſte Erzieher weit und breit“, erwiderte Hermann,„den verſtockteſten Buben ging das Herz auf, wenn er in ſeiner milden, aber dabei doch ſo feſten Art mit ihnen verkehrte. Auch brachten ihm viele reiche und vornehme Leute ihre Kinder zur Erziehung, er aber zog es vor, ſich mit den Kindern der Ar⸗ men und Riedrigen zu umgeben, die ihm ſeine viele Mühe nur dürftig vergelten konnten; für 126 die Reichen, meinte er, ſei ohnedies geſorgt, aber das Herz der Armen müſſe frühzeitig mit Liebe gepflegt werden, wenn es ſich nicht ganz verſchließen und verhärten ſolle.“ „Hatteſt du denn keine Aeltern mehr, die für dich ſorgten?“ fragte Flora. „Meine Aeltern ſind beide frühzeitig geſtor⸗ ben“, fuhr Hermann fort,„ich habe ſie nie ge⸗ kannt; meine Schweſter, die beinahe achtzehn Jahre älter iſt als ich, iſt mir von jeher Vater und Mutter geweſen. Während ſie ſich ſelbſt in dem benachbarten Städtchen mühſam von ihrer Hände Arbeit ernährte, übergab ſie dem Prediger das kleine Erbtheil, das uns die Ael⸗ tern hinterlaſſen hatten und das wol gering genug ſein mochte, damit er mich zu einem verſtändigen und geſchickten Menſchen heran⸗ bilde. Ich ſah ſie nur ſelten und auch dann immer nur verſtohlenerweiſe; doch kam ſie nie⸗ mals ohne mir irgendeine kleine Gabe mitzu⸗ „ —— nit nz ür em ing em un e⸗ 127 bringen, oder mir ſonſt eine Freude zu bereiten. Das gefiel dem Kinde, und mit Sehnſucht wartete ich, bis ſie wieder einmal gelaufen kam, in der Dämmerung des Abends, oder auch ganz früh des Morgens, und mich ans Herz drückte und mit Liebkoſungen überſchüttete. Sie war damals noch jung und fein, der Gram hatte noch keine Furchen in ihr Antlitz gezogen und auch ihr Auge leuchtete noch, beſonders wenn es mich erblickte. Wie ich allmälig heran⸗ wuchs, lernte ich dieſen Schatz der Liebe immer beſſer verſtehen, und wenn ich mich ſonſt auf die kleinen Leckereien und die Spielſachen ge⸗ freut hatte, die ſie mir mitbrachte, ſo freute ich mich jetzt noch weit mehr auf ihre Umarmun⸗ gen, ihre Geſpräche und den Antheil, den ſie an meinen kleinen Studien nahm. Auch hielt der Herr Prediger, der ſich doch gewiß auf die Herzen der Menſchen verſtand, ſie ſehr hoch; jedesmal, wenn ſie kam, vertiefte er ſich mit ihr —— —————— — 128 in eifrige Geſpräche, von denen Niemand etwas hören durfte, und wenn ſie voneinander ſchie— den, legte der ehrwürdige Greis ihr jedesmal die Hand auf die Stirn, als ob er ſie ſegnen wolle.„Du haſt da eine Schweſter», ſagte er dann wol zu mir, wenn wir Beide, die Hand über die Augen gelegt, ihr nachſahen, wie ſie mit geſchürztem Rock, die Schuhe in der Hand, den ſteinigen Weg in die Stadt zurücklief— du haſt da“, ſagte er, amein Sohn, eine Schwe⸗ ſter, wenn ſie die eigene Mutter wäre, könnte ſie nicht mehr für dich thun; darum mußt du ſie auch ehren Zeit deines Lebens wie eine Mutter und ihr gehorſam ſein in allen Stücken.“ Sie war wol damals ſchon recht arm, ihre Kleidung war dürftig und abgeriſſen, und die andern Knaben neckten mich zuweilen über den ſeltſamen Beſuch, den ich aus der Stadt erhielt.“ „Es mag eine ſchöne Horde geweſen ſein“, warf Flora dazwiſchen.„Aber wart ihr denn lauter Knaben? Wenn ich mich recht beſinne, haſt du mir früher auch von einem Mädchen erzählt, das der Prediger ebenfalls zur Erzie⸗ hung bei ſich hatte— wie hieß ſie doch nur gleich? Es war beinahe wie mein eigener Nanie 4 Hätte Hermann den liſtigen Blick geſehen, mit dem die Kleine dieſe anſcheinend ſo unver⸗ fängliche Frage begleitete, er hätte das Geſpräch vermuthlich abgebrochen. Aber ſein Geiſt weilte noch immer in fernen Zeiten.„Die theure Klara“, rief er,„ſie war der zweite Stern meines Jugendlebens! Sie ſtammte aus einer vornehmen Familie der Nachbarſchaft, die aber durch Unglücksfälle aller Art ſeit Jahren her⸗ untergekommen war. Ihr Schickſal glich dem meinen, ſie hatte ebenfalls beide Aeltern durch den Tod verloren und hatte nur noch eine 6** 130 Großmutter, die wol auch in keinen beſonders glänzenden Verhältniſſen lebte. Vielleicht des⸗ halb und auch wol wegen allerhand Familien⸗ zwiſt und traurigen dunkeln Geſchichten, von denen man flüſterte, hatte der Prediger ſie zu ſich genommen. Er hielt ſie wie ſein eigenes Kind — doch ſo hielt er uns ja Alle. Er nannte ſie ſcherzweiſe unſer kleines Hausmütterchen, und das war ſie auch wirklich, trotz ihrer großen Jugend; von früh bis ſpät auf den Beinen, immer geſchäftig und dabei doch ſo ſtill, daß diemand ihre Anweſenheit merkte, ſorgte ſie für„ uns Alle und wußte Jedem etwas Angenehmes zu erweiſen.“ „War das Hausmütterchen guch hübſch?“ fragte Flora mit halber Stimme. „Ich habe damals wol nicht Acht darauf gegeben“, erwiderte Hermann lächelnd:„aber wenn ich jetzt an ſie denke, ſo ſteht ſie vor mir wie eine Mairoſe im Morgenthau.“ beU, 131 „Was ſolch ein Maler gleich für ſchöne Gleichniſſe hat“, bemerkte Flora ſpitzig.„Und ſteht ſie oft vor dir, die ſchöne Mairoſe?“ „Immer“, ſagte Hermann, mit ſolchem Ernſt in Ton und Blick, daß die Kleine nichts darauf zu erwidern wagte. Erſt nach einer Weile hob ſie wieder an:„Und wo iſt das ſchöne Kind denn geblieben?“ „Sie blieb noch bei dem Prediger zurück, als ich fort mußte“, entgegnete Hermann. „Und warum mußteſt du fort?“ forſchte die kleine Neugier weiter. „Weil mein Schwager es ſo haben wollte.“ Das Mädchen ſchüttelte mit dem Kopfe. „Wenn deine Schweſter wirklich ſolch ein Mu— ſter von Vollkommenheit iſt, wie du ſie ſchil⸗ derſt“, ſagte ſie,„ſo iſt es mir unbegreiflich, wie ſie hat einen ſolchen wüſten Geſellen hei⸗ rathen können wie den ſchönen Ulrich; allzu jung ſcheint ſie mir damals auch nicht mehr geweſen zu ſein, da hätte ſie wol mehr Verſtand haben ſen „Gewiß“, rief Hermann leidenſchaftlich, „hätte ſie ihn haben ſollen; es iſt dies der ein⸗ zige Punkt, in dem ich meine Schweſter nicht verſtehe, und du ſagſt ganz recht, daß es un⸗ begreiflich iſt, wie dieſes reine, edle Weſen ſich an dieſen niedrigen Menſchen verlieren konnte!“ „Und hat ſie dich niemals darüber aufge⸗ klärt? Du biſt denn doch jetzt nachgerade alt genug, um über ſolche Dinge mitzuſprechen“, fragte die Kleine. Hermann blickte finſter vor ſich nieder.„Sie iſt lange verheirathet geweſen, ohne daß ich etwas davon wußte“, ſagte er;„ich vermuthe ſogar, daß ſie ſich kurze Zeit danach verheirathet hat, da ſie mich zum Prediger brachte. Doch wußte und ahnte ich, wie geſagt, nichts davon, und auch der Prediger ließ nie ein Wort darüber fallen. Nun ſtelle dir mein Entſetzen vor, als eines Tags dieſer Unhold, mit dem frechen Geſicht und den widerlichen Geberden, wie du ihn kennſt, in unſere ſtille Pfarrwohnung dringt, ſich als meinen Schwager ausweiſt und kraft deſſen ſowie wegen anderer Gründe, die man nicht für nöthig hielt mir mitzutheilen, mich zurückfodert! Zwar an mir ſelbſt lag ihm we— nig, das hat er hinterdrein reichlich bewieſen, es müßte denn ſein, daß ihm noch Jemand ge⸗ fehlt hätte, den er quälen und martern konnte. Die Hauptſache war wol, daß er auf irgend⸗ eine Weiſe Kenntniß von dem Gelde erhalten, das meine Schweſter für mich an den Prediger übergeben und das er vermuthlich für weit be⸗ deutender hielt, als es jemals geweſen. Genug, nach einem heftigen Zwiegeſpräch mit dem alten Prediger, wobei ich die rauhe grobe Stimme meines Schwagers weit durch die verſchloſſenen Thüren hörte, wurde ich in das Zimmer ge⸗ rufen. Mein ehrwürdiger Erzieher ſtand vor 134 einem Tiſch, bedeckt mit Papieren und Rech⸗ nungen; er ſah ganz blaß aus und die Hand, in der er ein kleines Beutelchen mit Geld hielt, zitterte; nur ſeine Stimme war feſt und klar wie immer.„Wir müſſen uns trennen, mein Sohn', ſagte er zu mir, adieſer Mann, der Mann deiner Schweſter, der nächſte und einzige An⸗ verwandte, den du haſt, fodert dich zurück; deine Schweſter ſelbſt hat ihre Einwilligung gegeben. Hier», fuhr er fort, indem er auf die Papiere deutete, ſind die Rechnungen, die ich ſeit Jah⸗ ren für dich geführt; ich glaube, ſie werden. ſtimmen. Und hier“, indem er den Inhalt des Beutelchens meinem Schwager in die darge⸗ ſtreckte Hand ſchüttete, ahier iſt das Geld, das Ihre Frau vor zehn Jahren für den jungen Menſchen eingezahlt hat, mitſammt den Spar⸗ pfennigen, die ſie ſich ſeitdem vom Munde ab⸗ gedarbt und die ich alle ſorgfältig aufbewahrt habe; ſehen Sie nur nach, mein Herr, es muß 135 Alles ſtimmen bei Hellern und Pfennigen.“ Mein Schwager, der die Rede des Geiſtlichen mit höhniſchem Lächeln begleitet hatte, ließ das Geld in der hohlen Hand klirren:„Bemühen Sie ſich nicht, geiſtlicher Herr», ſagte er höhniſch, cich verſtehe mich auf den Krimskrams nicht be⸗ ſonders, und wenn ich nur Moſes und die Propheten habe, ſo iſt mir alles Uebrige ei⸗ nerlei. Mein Erzieher fuhr fort:„Es ſtände mir natürlich zu, die Summen in Abrechnung zu bringen, die ich alle die Jahre her auf den Hermann verwendet habe. Auch ich bin nur ein ſchlechter Rechner(wobei ein feines Lächeln über ſeine ehrwürdigen Züge flog), doch ſo viel, mein Herr, ſehen wir wol Beide ein, daß die kleine Summe, die Sie da in der Hand haben, durch zehnjährige Pflege und Erziehungskoſten dreis, vier⸗, ja zehnfach aufgezehrt ſein müßte. Deine gute Schweſter?— indem er ſich wieder zu mir wandte, der ich bei alledem ſtumm vor Beſtürzung und Trauer ſtand— chatte das Geld zu meiner Entſchädigung beſtimmt; ſie machte ſich oft viel Kopfbrechen, die arme Frau, daß es nicht dazu ausreichen würde. Ich ſelbſt, wie du weißt, bin nur ein armer Mann; aber der Himmel behüte mich, daß ich mich an die⸗ ſem Gelde vergreife. Ich hatte ihm in meinen Gedanken eine andere Beſtimmung gegeben; es ſollte dein Erbtheil ſein, mein Sohn, wenn ich einmal raſch davongerufen würde— du haſt etwas gelernt, und dein Zeichnentalent verdient, daß es ausgebildet wird— Künſtler brauchen Geld, wie ich mir habe ſagen laſſen, und dies ſollte ein kleiner Anfang für dich ſein— gut, es hat nicht ſein ſollen, oder wenigſtens nicht auf die Weiſe wie ich gedacht. Dein Schwager iſt nun dein Vater und Gebieter, er wird auch dein Geld verwalten, er wird eingedenk ſein was da geſchrieben ſteht von dem Schweiß der Witwen und Waiſen.... Bei dieſen Worten — 5 ließ mein Schwager ein langgedehntes Pfeifen hören.„Geiſtlicher Herr“, ſagte er, Sie machen verzweifelt lang; dieſes Geld, indem er auf ſeine Taſche ſchlug, eiſt meiner Frau Geld und alſo mein Geld, und was ich nun künftig mit dem Jungen anfange, iſt ebenfalls meine Sache. Marſch, ſchnüre Er ſein Bündel, Musje, und dann nehmen wir die Beine in die Hände!““ Flora hatte der langen Erzählung mit mehr Aufmerkſamkeit zugehört, als ihrem unruhigen Geiſte ſonſt eigen war.„Wo das Geld ge⸗ blieben iſt“, ſagte ſie,„kann ich mir ſchon den⸗ ken, dein Schwager wird es durch die Gurgel gejagt haben, ich kenne das von meinem en. Hermann nickte beſtätigend.„Aber der Abſchied“, fragte das junge Mädchen,„der war wol herzbrechend? Beſonders von deiner Mairoſe, wie?“ Hermann fuhr mit der Hand über die Stirn. 138 „Es thut nicht gut“, ſagte er,„von ſolchen Dingen zu reden, ſie ſind wie die Sterne bei Tage, ſie ſind wol noch da, aber Niemand ſieht ſie, und nur in der einſamen Nacht, da leuchten ſie und gießen Balſam in das wunde Herz.“ Flora biß ſich in die Lippen— wir wagen nicht zu entſcheiden, ob vor Aerger oder weil die Sentimentalität des Freundes ihr ein we⸗ nig ſpaßhaft vorkam.„Und haſt du niemals wieder von ihr gehört?“ fragte ſie dann. „Und auch nicht von deinem alten Prediger? Du kannſt ja ſo ſchöne Briefe ſchreiben— nicht wahr? Du haſt wol recht oft an ſie ge⸗ ſchrieben?“ „Ein einzig mal wollte ich dem Prediger ſchreiben“, erwiderte Hermann,„damals, als ich mich zuerſt überzeugte, daß mein Schwager mich abſichtlich verderben und verlumpen läßt. Herr Gott, was habe ich für Auftritte mit ihm 139 gehabt! Zu jeder Arbeit war ich bereit, jedes Handwerk wollte ich ergreifen, Maurer, Tiſch⸗ ler, Tagelöhner wollte ich werden: aber nein, mein Schwager litt es nicht und leidet es nicht bis auf dieſe Stunde, ich ſoll gerade eben ſolch ein Tagedieb und Wüſtling werden wie er— es iſt, glaube ich, Dasjenige, wovon er weiß, daß er meiner Schweſter das Herz am ſicherſten damit bricht, darum thut er es. Dies und auch die Mishandlungen, denen meine unglück⸗ liche Schweſter ausgeſetzt war und denen ich vergebens zu wehren ſuchte, wollte ich meinem theuern Erzieher damals melden und ihn um Rath und Beiſtand bitten. Aber meine Schwe⸗ ſter erfuhr von dem Briefe, ſie fiel mir um den Hals und beſchwor mich, ihn zu vernichten und überhaupt nie, nie einem Menſchen von unſerm Elend zu ſagen. Ach, es iſt bekannt genug ſeitdem geworden! Damals“, fuhr er fort,„war es auch, wo ich ihr ſchwur, ſie 140 niemals zu verlaſſen— bis ſie mich einſt ſelbſt von ſich ſchicken würde, und auch dann, bei dem Gott über uns, verlaſſe ich ſie noch nicht!“ „Und da ſeid ihr nun Alle die Zeit ſo im Lande umhergelungert?“ fragte Flora,„gerade ſo wie ich mit meinem alten Geigenfritz! Es iſt mühſam, das Leben, aber doch immer noch beſſer als hier in dem verwünſchten Thurm.“ „Was willſt du mehr?“ entgegnete Her⸗ mann mit bitterm Spott.„Wir haben hier wenigſtens ein Bund Stroh, auf dem wir lie— gen, und die Spitalſuppe, um davon ſatt zu werden, während mein Schwager den vornehmen Mann ſpielt und ſeine faulen Glieder pflegt.“ „Ja“, ſagte Flora, indem ſie aufſtand und ſich das Kleid zurechtſchüttelte,„inſofern muß man doch ſagen, daß dein Schwager euch gut geführt hat; es war ein verwünſcht guter Ein⸗ fall von ihm, der alten reichen Dame die durch⸗ gehenden Pferde aufzuhalten— daß ſie ſich deshalb in ihn verlieben würde, konnte er frei⸗ lich nicht wiſſen, und Ehre macht es ihm auch nicht, aber für euch iſt es nun doch ein Glück....“ Hermann war blutroth geworden, er wollte ihr etwas entgegnen; in demſelben Augenblick aber läutete die Mittagsglocke.„Es iſt Zeit“, ſagte er,„wir müſſen gehen....“ „Das iſt mir die ſchwerſte Stunde vom gan⸗ zen Tage“, verſetzte Flora ſeufzend.„Mit all den alten Weibern eſſen zu müſſen— ich be⸗ greife nicht, wie du, der du ein Maler ſein willſt, nur einen Biſſen hinunterwürgen kannſt 3 vor dieſen Geſichtern.“ „Ach“, meinte Hermann,„das iſt noch nicht das Schlimmſte: aber geſunde Arme haben und das Bettelbrot ſo öffentlich eſſen müſſen, das iſt es.“ Damit traten ſie in den Hof, wo auf den Ruf der Glocke aus allen Thüren und Pforten ſchon die verſchiedenartigſten Geſtalten geſchritten ———— — —— —— — ——— —— — 142 kamen; ſie nahmen ihre Richtung alle nach dem großen wüſten Gewölbe, links vom Eingang, das als Küche und zugleich als Speiſeſaal diente. Hermann und Flora ſchloſſen ſich dem Zuge an, die Eine unter tauſend Narrenspoſſen, der Andere mit nachdenklichen, beinahe zögernden Schritten. m 9, al ſ Achtes Capitel. Die fremden Bettler. Wir laſſen die Bewohner des Thurms bei ihrer ärmlichen Mahlzeit und benutzen die Pauſe, den Leſer über einige Verhältniſſe aufzuklä⸗ ren, die im Vorigen nur erſt andeutungsweiſe erwähnt wurden und deren Kenntniß ihm zum Verſtändniß des Folgenden nöthig iſt. Der Mann, den wir unter dem Namen des ſchönen Ulrich kennen gelernt, hieß mit ſeinem vollſtändigen Namen Ulrich Schwarz; ſeine Ka— meraden nannten ihn den ſchönen Ulrich oder wol auch den ſtarken Ulrich, da er ſich in frü⸗ hern Jahren durch eine rieſige Körperkraft aus⸗ 144 gezeichnet hatte. Doch hörte der eitle Mann den erſtern Namen lieber, beſonders aus Frauen⸗ mund. Er war von niedriger und dunkler Her⸗ kunft; nur in ganz ſchwachen Umriſſen erin⸗ nerte er ſich, als Kind in einem Städtchen am Rhein gelebt zu haben, deſſen Name ihm aber längſt entfallen war, bei einer alten Frau, die wol vermuthlich ſeine Mutter geweſen. Die Frau konnte nicht ſo arm geweſen ſein wie ſie ſich hielt; Ulrich erinnerte ſich, ſie zuwei⸗ len geſehen zu haben, wie ſie in einem Topf mit harten Thalern wühlte, wo dann das Klim⸗ pern und Klappern der Münzen ſeinen kindi⸗ ſchen Ohren eine höchſt angenehme Muſik ge⸗ weſen war, nach der er ſich in ſpätern Jahren noch oft zurückſehnte. Wie er von der alten Frau weggekommen, ob er mit einem der Re⸗ gimenter, die bei den damaligen Kriegszügen häufig durchmarſchirten, davongelaufen war, oder ob irgendeine plündernde Bande— das 145 Städtchen lag dem Kriegsſchauplatz nahe und wurde zu wiederholten malen durch Brand und Plünderung verwüſtet— ihn gegen ſeinen Willen mitgenommen, wufßte er nicht; genug, er zog lange Zeit mit allerhand abenteuerli⸗ chem Volk im Lande umher, bis er endlich im Oeſtreichiſchen ergriffen und unter die Soldaten geſteckt ward. Aber der Soldat in Friedenszeiten— und dieſe waren inzwiſchen eingetreten— iſt ein geplagtes Thier. Der ſtrenge Dienſt, verbun⸗ den mit dem dürftigen knappen Leben, ſagte dem jungen Herumſtreicher wenig zu; nachdem er zu verſchiedenen malen harte Strafen aus⸗ gehalten hatte, deſertirte er und ging aufs neue abenteuernd in die Welt. Im Ungari⸗ ſchen kam er zu einer Seiltänzerbande, und da er einen ſtarken und geſchmeidigen Körper hatte und auch von gefälligem Aeußern war, ſo fand Der Muſikantenthurm. I. 7 46 er ſich mit ſeinem neuen Handwerk bald zurecht. Er zog nun als ſtarker Mann mit Kräftkunſt⸗ ſtücken, Tellerwerfen, Feuereſſen und ähnlichen nichtsnutzigen Künſten im Lande umher, bis ein unglücklicher Sturz, den er einſt dabei that, ihn für dieſe Beſchäftigung untauglich machte. Er quälte ſich noch einige Zeit mit der wunden Bruſt hin, ſeine Kameraden aber, die an ſeiner Wiederherſtellung verzweifelten und ihn nicht, wie ſie ſagten, für den Todtengräber füttern wollten, verließen ihn heimlich, gerade da er, von einem heftigen Blutſturz befallen, auf der Landſtraße zuſammengebrochen war. Es war wiederum in der Nähe des Rhein, wo dieſes Unglück ihn ereilte, und allem Ver⸗ muthen nach hätte er elend zugrunde gehen müſſen, wenn nicht ein Frauenzimmer, das eben des Wegs kam, ſich ſeiner erbarmt hätte. Sie führte den mit Blut übergoſſenen Mann in das armſelige Häuschen, das ihr in der Vorſtadt 147 des benachbarten Städtchens gehörte, brachte ihn auf ein reinliches Lager und wartete und pflegte ihn wie der Samariter in der Bibel. Das Frauenzimmer war nicht mehr jung; ſie ſtand wol ſchon hoch in den Zwanzigern, ſodaß von ihrem Antlitz die erſte Blüte längſt abge⸗ ſtreift war. Auch hatte der ſchöne Ulrich wäh⸗ rend ſeiner Künſtlerlaufbahn, wie er es zu nen⸗ nen pflegte, allerhand Liebſchaften gehabt, ſelbſt auch mit vornehmen Frauen, deren Gunſt ihm denn noch mancherlei andere Vortheile ge⸗ währt hatte. Aber trotz alledem rührte die Sorgſamkeit ſeiner Pflegerin ihn ſo, die Obhut einer weiblichen Hand, der ſtille gleichmäßige Gang eines geordneten häuslichen Lebens that dem verwilderten Manne ſo wohl, daß Gertrud Miller— dies war der Name ſeiner Pflegerin — unvermerkt ſein Herz gewann. Er glaubte ſelbſt anfangs, mit der wiederkehrenden Geſund⸗ 7* heit würde die Leidenſchaft wol verfliegen: aber nein, ſie blieb und wuchs ſogar mit der Zeit dermaßen, daß er Gertrud allen Ernſtes um ihre Hand anſprach. Möglich, daß ihn auch noch andere Rückſichten dabei beſtimmten; Ger⸗ trud Miller war arm, aber fleißig, ſie war die beſte Nähterin in der Stadt, und das kleine ſaubere Zimmer, mit den weißen Gardinen und dem Zeiſig im Bauerchen, lag immer an⸗ gefüllt mit allerhand Stoffen, die ſie vorſchnei⸗ den und zurichten ſollte. Auch war das Häus⸗ chen zwar klein, aber doch immer ein Häuschen; der ſchöne Ulrich hatte das Wanderleben ſatt⸗ bekommen und dachte es ſich ganz behaglich, ſein Leben auf einem ruhigen Fleck als ſolider Hausvater zu beſchließen. Doch hatte er große Noth, bevor er Gertrud ſeinen Wünſchen ge⸗ neigt machte; ſie erklärte ihm ganz offen, daß ſie keine Zärtlichkeit für ihn habe und überhaupt nicht heirathen wolle; ſollte ſie ſich gleichwol überreden laſſen, ſo werde es nur geſchehen, um nicht ſo ganz allein in der Welt zu ſtehen und einen Schirm und Anhalt für ihren jüngern Bruder zu haben, den zwar für jetzt ein Pre⸗ diger in der Nachbarſchaft aus Mitleiden zu ſich genommen: allein der alte Mann ſei ſterb⸗ lich, und was dann? Der ſchöne Ulrich, der ſich inzwiſchen wieder ganz erholt hatte, ſtrich ſich ſtatt aller weitern Antwort den Bart, ſchielte nach dem Spiegel⸗ chen über der Thür und meinte, wenn ſie ſonſt weiter kein Hinderniß habe, das mit der Zärt⸗ lichkeit werde ſich ſchon finden, dafür ſei er gut. Und auch übrigens wußte er ihr Alles höchſt plauſibel und angenehm zu machen; ſie ſollte ihr Schneiderhandwerk fortſetzen, er wollte einen Kramhandel dazu anlegen, und mit der Freude des Milchmädchens malte er ihr aus, wie reich ſie dabei werden müßten. Am meiſten aber wirkte er auf das Herz des mitleidigen Frauen⸗ 8 150 zimmers dadurch, daß er ihr vorſtellte, wie wild und läſterlich er bisjetzt gelebt habe und wie⸗ viel beſſer er durch ſie und in ihrer Nähe ge⸗ worden; wenn ſie ihm jetzt ihre Hand verwei⸗ gere, ſo heiße das, ihn mit Gewalt in den alten Sündenpfuhl zurückſtoßen, und möge ſie dann alles das Böſe verantworten, was er ganz ge⸗ wiß noch verüben würde. Dieſe Logik iſt vielleicht ſehr ſchwach, doch verſichern erfahrene Weiberkenner, daß ihr nur Wenige widerſtehen können— und darunter ſelbſt gebildetere und ſcharfſinnigere Frauen als Gertrud Miller. Auch dieſe vermochte es nicht; bevor vier Wochen ins Land liefen, war aus dem kleinen blaſſen Nähtermädchen eine kleine blaſſe Frau Schwarz geworden. Ulrich's Freude war anfangs grenzenlos; er ſtolzirte mit dem feinen Geſichtchen am Arm auf allen Straßen umher, lobte und rühmte ſein Glück vor den Leuten und knüpfte zahlloſe Bekannt⸗ 151 ſchaften unter den jungen Männern und Bur⸗ ſchen des Orts an, was ihm, wie er ſagte, bei ſeinem Handelsgeſchäft, das er nun näch— ſtens anfangen wollte, von großem Vortheil ſein würde. Damals ſchlug er ſeiner jungen Frau auch noch vor, ihren kleinen Bruder, ſeinen Schwager, doch wenigſtens einmal zum Beſuche in die Stadt kommen zu laſſen. Al⸗ lein Gertrud lehnte das jedesmal mit großer Heftigkeit ab; das Kind habe es beſſer draußen; ſpäter einmal, übers Jahr, wenn der Ernte⸗ kranz wieder eingebracht werde, wollten ſie ihn Beide gemeinſchaftlich beſuchen, jetzt würde es den Knaben nur in ſeinen Arbeiten, ſie ſelbſt in ihren Einrichtungen ſtören. Da das Ge⸗ ſpräch ſeiner Frau nicht angenehm zu ſein ſchien, ſo ließ Ulrich es fallen; auch war es nur ein vorübergehender Einfall von ihm geweſen. Als dann aber der nächſte Erntekranz wirklich geflochten ward, ach, da war aus dem Brautkranz der armen jungen Frau ſchon längſt das letzte Blütchen verweht, und von gemein⸗ ſamen Beſuchen und Luſtpartien war zwiſchen den beiden Gatten längſt keine Rede mehr. So raſch dieſes Ehedrama begonnen, ſo raſch hatte es ſich auch entwickelt. Das bischen Geld, das Gertrud ihrem Manne zur Anlage des vielbeſprochenen Kramhandels eingehändigt hatte, war zwar ausgegeben worden, aber von dem Kramhandel ſelbſt war nichts zu erblicken. Ulrich war eben in ſeine alten Gewohnheiten zurückverfallen; Uebermuth und Langeweile hat⸗ ten ihn in die Kneipen des Orts geführt, gute Kameraden waren raſch gefunden und ebenſo raſch waren Gertrud's ſauer erworbene Spar⸗ pfennige bei Würfelſpiel und vollen Flaſchen zerronnen. Gertrud beging die Unvorſichtigkeit, ihm harte Vorwürfe darüber zu machen. Da⸗ durch wurde das Uebel nur ärger, Scham und Ueberdruß trieben den Mann ganze Tage lang vom Hauſe; bald kam es dahin, daß Gertrud i ihn nur noch ſah, wenn er mit Ungeſtüm Geld von ihr foderte oder ihren kleinen Hausrath 6 abholte, um ihn ſtückweiſe zu verſetzen und zu hr. vertrödeln. . Selbſt die Geburt eines Kindes, des kleinen n Bernhard, konnte der ſchwerzerrütteten Ehe ge keine neue Feſtigkeit mehr verleihen. Auch war igt das Kind ſelbſt ſo ſchwach und elend, daß mehr on Gram als Freude dabei war. Zwar hielt Ulrich en. ſich ſeitdem etwas mehr zu Hauſe; aber zum en Arbeiten war er auch jetzt nicht zu bringen, at⸗ und ſeine höchſte Anſtrengung beſtand darin, ute mit dem Kinde zu ſpielen und ihm allerhand ſo Kunſtſtückchen und Nartenspoſſen vorzumachen. a⸗ Natürlich kam die Wirthſchaft des Ehepaars en unter dieſen Umſtänden aufs äußerſte herunter; it, mit allem ihrem Fleiß und allen ihren Nacht⸗ 7** 154 wachen war Gertrud doch nicht im Stande, das kranke Kind und den verſchwenderiſchen Mann mit durchzubringen, beſonders da ſie ſelbſt ſeit ihrem Wochenbett viel kränkelte und ſich gar nicht ſo recht wieder erholen wollte. Auch ſchadete ihr der ſchlechte Ruf ihres Man⸗ nes, ihre Kunden zogen ſich einer nach dem an⸗ dern von ihr zurück; bald mußte ſie es erleben, daß ihnen das Häuschen über dem Kopf ver⸗ ſteigert ward und ſie ſich dem öffentlichen Elend preisgegeben ſahen. Und doch war der Becher des Elends, den ſie öffentlich trank, noch nicht der bitterſte. Es mußte unter dem finſtern Schleier dieſes Ehe⸗ lebens noch andere und ſchrecklichere Geheim⸗ niſſe geben, die die unglückliche Frau noch ſchmerzlicher brannten und ihr Herz noch tiefer verwundeten als Armuth und Schande; es mußte da irgendein dunkler Fleck in ihrem ſonſt ſo reinen und anſpruchloſen Leben ſein, chen ſie und lte. an⸗ ben, ver⸗ lend den Es Che eim⸗ noch iefet hrem der ſie in die Gewalt dieſes Mannes gab und ſie zur Sklavin ſeiner Leidenſchaften und Lau⸗ nen machte. Denn wie hätte fie dieſelben ſonſt ſo widerſtandlos ertragen? wie würde ſie ſonſt ſo ängſtlich, mit dieſer ſcheuen Unterwürfigkeit an ſeinem Auge gehangen und ihm jedes noch ſo tolle Begehren und jeden noch ſo plumpen Vorwurf gleichſam von den Lippen abgelauſcht haben? Was es eigentlich war, wußte Niemand; doch mußte es in irgendeinem Zuſammenhange mit Gertrud's Bruder ſtehen, der bei dieſer Ge⸗ legenheit zuerſt wieder auftauchte. Vielleicht war es des Geldes wegen, das Gertrud für ihn beiſeite gebracht hatte und das, wie wir ſchon jetzt verrathen dürfen, keineswegs ein Erbtheil von den Aeltern war, von denen über⸗ haupt Niemand wußte, ſondern Heller um Heller von Gertrud erworben. Auch noch nach ihrer Ver⸗ heirathung, da die Ehe ſchon ganz unglücklich geworden, hatte ſie den Bruder noch immer z—— —————— 156 heimlich beſucht und ihm kleine Geſchenke und Gaben mitgebracht. Vermuthlich war Ulrich dahintergekommen, und da war es denn für den verſchwenderiſchen und habgierigen Mann vollkommen natürlich, daß er ſich von ſeiner Frau aufs gröblichſte hintergangen und betrogen glaubte. Was ſich an dieſe Entdeckung weiter knüpfte, den Auftritt im Pfarrhauſe und wie Ulrich ſei⸗ nen Schwager mit ſich nahm, wiſſen wir be⸗ reits. Das kleine Capital, das er dabei er⸗ beutete, diente ihm nur dazu, ſein altes wüſtes Leben fortzuſetzen. Endlich miſchte die Polizei ſich darein. Man fand(was man zwar hätte längſt wiſſen können), daß Ulrich's Papiere nicht in Ordnung waren und ihm kein Heimatsrecht im Orte gewährten. Auch hatte er ſich mit al⸗ lerhand verrufenem Geſindel eingelaſſen und zwar auf eine Art, die ihn ſelbſt verdächtig machte; es ſchien mehr ein Act der Milde als der Strenge, als man ihm den Rath ertheilte, ſich anderswo umzuſehen, da man ihn hier nicht länger brauchen könne. So ſah ſich denn Ulrich nach Verlauf von ungefähr acht Jahren zum zweiten male als Vagabonden: aber diesmal nicht allein, ſondern ihn begleiteten eine kränkliche Frau, ein ver— krüppeltes Kind und ein Schwager, von dem er behauptete, er ſei überſtudirt und zu nichts in der Welt zu gebrauchen. Nun war dies Letztere zwar keineswegs der Fall, und auch an Bereitwilligkeit und gutem Villen ließ Hermann es nicht fehlen. Allein mit einem unerklärlichen Eigenſinn trat Ulrich jedesmal dazwiſchen, wo es ſich darum han⸗ delte, den jungen Mann ein Handwerk oder ſonſt eine ehrliche Nahrung ergreifen zu laſſen; es ſchien wirklich, als ob er dem Widerwillen, den er gegen ſeine Frau hegte, keine beſſere Be⸗ friedigung geben könne, als indem er ihr den wohlgebildeten, talentvollen und kenntnißreichen Bruder zum elenden Müßiggänger herabwür⸗ digte. Beſonders der erſtere Umſtand, das friſche blühende Ausſehen des jungen Mannes, erbitterte ihn aufs äußerſte, da er nicht un⸗ terlaſſen konnte, das kranke, elende Anſehen ſeines eigenen Kindes damit zu vergleichen. Er haßte Hermann, nicht blos weil er tüchtiger und verſtändiger war als er ſelbſt, ſondern am meiſten deshalb, weil er hübſcher und kräftiger war, als ſein„alter Mann“ jemals werden konnte. Während er ihn an jeder geregelten und nützlichen Thätigkeit verhinderte, verwandte er ihn abſichtlich zu den niedrigſten und unwür⸗ digſten Dienſten. Wenn ſie auf der Landſtraße einherzogen, mußte er neben dem Wagen laufen und betteln; auch mußte er den Karren ziehen, auf dem der kleine Bernhard gebettet lag. Unzählige male ſtand Hermann im Begriff, ſich dieſer unwürdigen Knechtſchaft durch die Flucht hen zu entziehen. Allein das Gelübde, das er ſei⸗ ür⸗ ner Schweſter gethan, ſowie der Gedanke, daß a ſie dann völlig verlaſſen wäre, hielten ihn im⸗ es, mer wieder zurück. Vielleicht hätte es ein n⸗ Mittel gegeben ihn mit dem Schwager auszu⸗ en ſöhnen: nämlich wenn er ſich hätte entſchließen Er können, deſſen altes Handwerk zu ergreifen und ger ihm jene Kraft- und Kunſtſtücke abzulernen, am welche Ulrich jetzt bei ſeiner geſchwächten Ge⸗ ge ſundheit nicht mehr ausführen konnte. Allein en gerade dagegen weigerte das Ehrgefühl des nd jungen Mannes ſich aufs allerentſchiedenſte; er wollte lieber betteln, erklärte er, denn als ir⸗ Gaukler ſein Brot verdienen. Der Schwager ge höhnte ihn zwar, ob denn ein Maler, wie er ſu doch gern werden wollte, nicht auch eine Art von Gaukler ſei, der mit ſeinem bischen Farbe und Firniß den Leuten die Augen verblende; ſc ja die ganze Gelehrſamkeit und das Bücherwerk, das Hermann bei dem Prediger betrieben, ſei S-—— 160 doch am Ende auch nur Gaukelei, und wenn der Menſch todt ſei, habe Alles ein Ende. Al⸗ lein in dieſem Punkt blieb Hermann unbeweg⸗ lich, und auch die Schweſter konnte ihm nur beiſtimmen. Im Uebrigen ſchien es mitunter, als ob ulrich bei ſeinen Hin- und Herzügen irgend⸗ einen geheimen Plan verfolge. Er kehrte mit⸗ unter zwei, drei mal an denſelben Ort zurück, wo er dann regelmäßig allerhand geheime Gänge und Beſprechungen hatte. Gertrud war dabei jedesmal in der größten Aufregung; Hermann hörte, wie ſie ihren Mann fußfällig beſchwor, dieſes geheimnißvolle Treiben einzuſtellen. Er kam auf einen furchtbaren Verdacht: war der Genoſſe der Diebe und Landſtreicher vielleicht ſelbſt ſchon ein Dieb geworden? Und brach zu der Schande der Armuth nun auch noch die größere, die Schande des Verbrechens, über ſie herein? —*—— ———— 2 enn end⸗ mit⸗ rück, inge abei ann wor, Er der eicht z die t ſi S Sein Verdacht ſtieg, als in der Geſellſchaft ſeines Schwagers allerhand fremde, wüſte Ge⸗ ſtalten auftauchten, Männer und Frauen, denen man nichts Gutes zutrauen konnte. Hermann und Gertrud wurden gewöhnlich hinausgeſchickt, wenn ein ſolcher Beſuch ſich einſtellte. Auch verſchwand Ulrich ſelbſt zuweilen auf Tage und Wochen, und wenn er wiederkehrte, führte er nicht blos Geld bei ſich, ſondern auch allerhand Sachen, die man früher nicht an ihm geſehen, von größerm und geringerm Werth, und die er dann hier und dort für einen Spottpreis verzettelte. Auch Gertrud konnte dieſes Treiben un⸗ möglich unbemerkt bleiben. Doch war der Ge⸗ genſtand ſo furchtbar und dabei auch wieder ſo dunkel, daß keins von den Geſchwiſtern das Geſpräch darauf zu bringen wagte. Doch fiel Beiden ein ſchwerer Stein vom Herzen, als Ulrich jene Gegenden plötzlich verließ und eine 162 andere Richtung einſchlug, die ihn dann nach mancherlei Fährlichkeiten in jene Ein⸗ öde und die Nähe jener Stadt führte, die wir zu Anfang unſerer Erzählung beſchrieben haben. dann Ein⸗ — — eben Ueuntes Capitel. Die Rettung. Doch ſollte der heimatloſen Familie gerade auf dieſem unfruchtbaren Boden ein unerwartetes Glück erblühen— nämlich wenn es ein Glück war. Die kleine Karavane zog in der bren⸗ nenden Sonnenhitze den ſtaubigen Weg daher; eine zierliche Equipage rollte ihnen von der Stadt her entgegen. Die jungen muthigen, noch nicht ganz eingefahrenen Pferde ſcheu⸗ ten vor dem Leinwanddach des Handkarrens; ſchnaubend und um ſich ſchlagend ſprangen ſie ſeitwärts; der Kutſcher verlor die Zügel, und es war die höchſte Gefahr, daß der Wagen 164 von dem hohen Damm hinunter in den Moraſt geſchleudert wurde. Andern in der Noth beiſpringen war ſonſt nicht die Eigenſchaft, die Ulrich Schwarz aus⸗ zeichnete. Diesmal jedoch riß der Anblick der ſtampfenden Roſſe, des ſinkenden Wagens und vielleicht auch eine Art von Hohn gegen den hülfloſen Kutſcher, einen unerfahrenen Bur⸗ ſchen, der trotz ſeiner Livrée höchſt kümmerlich ausſah und nur jammernd die Hände rang, ihn dermaßen hin, daß das ganze Bewußtſein der alten Kraft und Gelenkigkeit in ihm ex⸗ wachte; er warf ſich zwiſchen die Pferde, riß ſie mit gewaltigem Ruck nieder und rief Her⸗ mann zu, die ſchnaubenden Roſſe zu halten. Er ſelbſt ſprang hinter den Wagen, deſſen eine Seite ſchon im Graben hing, ſtemmte die Schulter gegen das Rad und hielt den ſinken⸗ den mit aller Gewalt zurück. Vergebens! die zitternden Pferde vermochten nicht anzuziehen, der Wagen glitt mit den Hinterrädern vollſtän⸗ 6 dig hinunter und riß Ulrich mit ſich. Doch ſot war die Gewalt des Sturzes gebrochen, das Vordertheil des Wagens ſtand feſt, der Kut⸗ ſcher, der inzwiſchen auch wieder zur Beſinnung § gekommen war, ſprang vom Bock und öffnete den Schlag, um ſeine Herrſchaft herauszuheben. Es war eine ältliche Dame, die in dem 6 Wagen ſaßz während die ſchweren Stoffe, in ui die ſie gekleidet war, ihren vornehmen Stand verriethen, bewies die ernſte gemeſſene Hal⸗ ſſen tung, die ſie bei dem ganzen Vorgang be⸗ 3 obachtet hatte, ihren feſten und beſonnenen „ Charakter. Auch nachdem ſie die ſichere 3 Landſtraße unter ſich fühlte, verzog ſie keine r 4 Miene.„Tölpel“ war das Einzige, was . ſie ſagte, indem der Kutſcher ſie niederſetzte. i Auch der Anblick ihres Retters, der von Blut ir und Schmuz bedeckt zwiſchen den Rädern lag, die erregte ihr keine beſondere Senſation. Sie ichen, 166 befahl dem Kutſcher ihn aufzuheben, ſah nach den Pferden, klopfte ſie mit feſter Hand auf den dampfenden Nacken und zog die Börſe, um der beſtürzten Frau ein Almoſen zu reichen. Doch war dieſe Faſſung wol nur eine er⸗ zwungene. Denn kaum daß Hermann ihre Frage nach dem Namen ihres Retters beant⸗ wortet hatte, als ſie von einem plötzlichen Schwindel ergriffen in Ohnmacht ſank. Der Kutſcher reichte einige Kiſſen aus dem Wagen, von denen Hermann und Gertrud ein Lager bereiteten; die beiden Bewußtloſen wurden ne⸗ beneinandergelegt. Der„alte Mann“, der von dem Lärmen aufgewacht war, ſaß aufrecht unter ſeinem Plandach und betrachtete den ganzen Vorgang mit ſeiner gewohnten Ernſt⸗ haftigkeit. Es dauerte lange, bevor die Ohnmächtigen wieder zu ſich kamen; Hermann, der ſie mit raſch geſchöpftem Waſſer beſprengte, verzwei⸗ nach d auf um n. e er⸗ ihre beant⸗ ichen Det Lager nne⸗ der ftecht e den Ernſ⸗ htigen ſe wit rzwer ) — 167 felte ſchon daran, ſie zum Bewußtſein zurück⸗ zubringen, und der Kutſcher ſtand bereits im Begriff, auf einem der abgeſträngten Pferde in die Stadt zurückzurciten, um ärztliche Hülfe zu holen. Da richtete die Dame ſich empor; ſie hatte den Hut abgeſtreift und blickte mit den ernſten edeln Zügen forſchend um ſich. Ein Blick auf ihre Umgebung brachte ſie zum vollen Bewußtſein ihrer Lage; ſie winkte Hermann zu ſich heran und fragte ihn noch zwei, drei mal mit flüſternder Stimme nach dem Namen des Verwundeten. Nachdem Hermann die Antwort wiederholt hatte, verſank ſie aufs neue in ein minutenlanges Schweigen; mit ſtarren Augen ſah ſie auf den blutbedeckten Körper neben ſich, das Kinn bebte ihr wie von unterdrückten Krämpfen. Dann winkte ſie, daß man ſie in die Höhe richte.„Iſt er todt?“ fragte ſie, in⸗ dem die Zähne hörbar gegeneinanderſchlugen. Gertrud, die ſich inzwiſchen mit dem Ver⸗ 168 wundeten beſchäftigt hatte, verſicherte, daß er laut und deutlich athme; er verſuchte ſogar die Augen außzuſchlagen, woran ihn jedoch das von der Stirn ſtrömende Blut verhinderte. Die alte Dame ſah ſich im Kreiſe um, ganz langſam, mit gläſernen Augen; ihre Gedanken waren offenbar von der Erſchütterung noch ganz benommen. Plötzlich brach ſie in heftiges Wei⸗ nen aus, kniete neben dem Verwundeten nieder und half Gertrud die blutige Schläfe waſchen. Das Alles ging zwar langſam genug, aber doch weit raſcher vor ſich, als es hier erzählt wer⸗ den kann. Der Kutſcher, ein junges Blut, ſetzte vor Verlegenheit den Hut bald auf, bald ab, und gab deutlich zu verſtehen, daß er ſeine Gebieterin noch niemals in einer ſolchen Auf⸗ regung erblickt. Endlich ſchien die Dame ihren Entſchluß gefaßt zu haben. Sie befahl, den Verwun⸗ deten, der noch immer nicht ganz zum Be⸗ 1 er t die von ganz anken ganz Wei⸗ nieder ſchen. 169 wußtſein gekommen war, neben ſich in den Wagen zu ſetzen und langſam in die Stadt zurückzufahren; um ſeine Begleiter ſchien ſie ſich nicht zu kümmern, und erſt auf Hermann's beſcheidene Einſprache erlaubte ſie denſelben, dem Wagen langſam zu folgen; ſie werde für ihre einſtweilige Unterkunft Sorge tragen. Ueber haupt war es merkwürdig, wie die Dame, je mehr ihre Aufregung ſich legte, in die kalte Vornehmheit, die ihren Geſichtszügen aufge⸗ prägt lag, zurückverfiel; die Frau ihres Retters würdigte ſie keines Blicks, und als Hermann im Geſpräch zufällig des kleinen Bernhard er— wähnte, betrachtete ſie denſelben mit unverhehl— tem Abſcheu. So ſetzte der Zug ſich langſam in Be wegung. Doch hatte Hermann noch vorher von dem Kutſcher Stand und Namen der frem— den Dame erfahren: es war eine Baronin von Schwarzenfeld, die reichſte Frau, wie der Burſche Der Muſtkantenthurm. 1. 8 170 halb treuherzig, halb prahleriſch verſicherte, im ganzen Ort. Dorthin alſo lenkte ſich der Zug; bei dem geringen Verkehr, der auf den Stra⸗ ßen der Stadt herrſchte, war kein beſonderes Aufſehen davon zu fürchten. Auch erreichten ſie ohne Störung die Wohnung der Baronin; es war daſſelbe alte finſtere Palais, das wir vorhin vom Muſikantenthurm aus betrachtet haben. Man fuhr durch eine Hinterthür in den Hof; Bediente kamen gelaufen, der Kranke wurde vom Wagen gehoben und die breiten öden Treppen hinaufgeſchafft. Um ſeine Be⸗ gleiter, die mit ihrem Handwagen in größter Verlegenheit in dem alten dunkeln Thorweg ſtanden, bekümmerte ſich Niemand. Erſt nach einiger Zeit erſchien ein Diener, der ſie mit ziemlich hochfahrendem Ton bedeutete, die gnä⸗ dige Frau wolle den Verwundeten bis auf Wei⸗ teres in ihrer Wohnung behalten, da der fer⸗ onin; wir achtet den ranke reiten rößter orweg tnach e nit gni⸗ r frr⸗ 17] nere Transport ihm nach dem Ausſpruch des Arztes gefährlich werden könne. Als Gertrud darauf vorſtellte, daß ſie fremd in dem Orte ſei und ohne alle Mittel, wurde ihr geantwor⸗ tet, daß man auch dafür Sorge tragen würde, nur müßten ſie ſich noch etwas gedulden. „ Gleich darauf kam ein zweiter Diener ge⸗ laufen und foderte Hermann den Paß oder die ſtigen Papiere ab, welche ſie bei ſich führten. ermann konnte nur entgegnen, daß, wenn der⸗ gleichen Papiere überhaupt exiſtirten, der Ver⸗ wundete ſie bei ſich haben müſſe. Doch mußte er den Namen Ulrich Schwarz noch einmal mit großen Buchſtaben auf ein dargereichtes Papier ſchreiben; nach ſeinem Namen vder der Frau Herkunft fragte Niemand. Es war ſchon dämmerig und ſogar der kleine Bernhard fing ſchon an einige Zeichen der Un⸗ geduld von ſich zu geben, als endlich ein neuer Bote der gnädigen Frau erſchien. Es war ein 8* 172 langer hagerer Mann, in einem Rock mit auf⸗ fallend kurzen Aermeln, aus denen die knochi⸗ gen Handgelenke weit hervorſtanden, und einer ſchmuzigen weißen Binde um den Hals, in die er das Kinn mit großer Gravität hineinpreßte; auch hatte er die eigenthümliche Gewohnheit, bei jedem dritten Worte, das er ſprach, mit dem Rücken der linken Hand gegen die Naſen⸗ ſpitze zu reiben, was ihm ein ganz Anſehen von Tiefſinnigkeit und Nachdenken gab — mit Einem Wort: es war Herr Lux. Die Baronin theilte die günſtige Meinung von ſei⸗ ner Klugheit; auch ging er ihrem Sohn, dem Regierungsrath, den wir im nächſten Abſchnitt 3 werden näher kennen lernen, bei verſchiedenen amtlichen Geſchäften zur Hand und war über⸗ haupt das Factotum des Schwarzenfeld ſchen Hauſes. Er fragte die Fremden mit großer Ausführlichkeit nach Namen und Herkommen, überzeugte ſich noch einmal, daß ſie wirklich . 1 6 173 weder Paß noch Geld bei ſich führten, und ge⸗ auf⸗ it leitete ſie dann durch allerhand einſame Gaſſen, itet bis ſie vor einer hohen finſtern Mauer ankamen; eine Glocke wurde gezogen, ein Gitter öffnete nt ſich— und der Muſikantenthurm hatte einige u Gäſte mehr. n Daß dieſelben von dem ältern Theil ſeiner Bewohner nicht beſonders freundlich angeſehen ½ wurden, kann man nach Dem, was wir über 1. den Thurm und ſeine Geſchichte bereits wiſſen, di wol denken. Diesmal aber kamen noch ganz nſ beſondere Gründe hinzu, welche die Erbitterung den ſteigerten. An der Baronin von Schwarzenfeld nt ſollte ſich wieder einmal recht. zeigen, wie mis⸗ lich es iſt, die Leute nach ihrem Aeußern zu beurtheilen. Das Aeußere der Baronin— wir haben es bereits kennen gelernt— war ernſt pn und kalt; auch galt ſie, wol eben deshalb, ziem⸗ gohn lich allgemein für eine kalte herzloſe Frauz ſelbſt 3 im eigenen Hauſe— ſie war ſeit langen Jah⸗ vir — — 5 3 3 . ren verwitwet und hatte den einzigen, bereits verheiratheten Sohn bei ſich— lebte ſie, wie man wiſſen wollte, in Unfrieden. ſiehe da, dieſe kalte, als herzlos verſchriene Frau bewies gegen ihren Lebensretter, den Und nun armen zerlumpten Landſtreicher, eine Dankbar⸗ keit, die weit über das Maß des Ueblichen hin⸗ ausging. Ja wie Einige meinten, ſogar über das WMaß des Schicklichen. Obſchon die Verwun⸗ dung des Fremden, wie ſich bei genauer Prü⸗ fung herausſtellte, gar nicht ſo gefährlich war, ſo duldete die Baronin doch nicht, daß der Kranke zu ſeinen Angehörigen zurückttansportirt wurde; ſie hatte ihm ein Lager zunächſt an ihren Zimmern aufſchlagen laſſen und pflegte ihn mit einer Sorgſamkeit und einer Ausdauer, die gar nicht übertroffen werden konnte. Selbſt als Ulrich ſchon längſt wieder aus dem Bette war, beſtand ſie darauf, ihn noch in ihrer Nähe zu reits wie nun riene den bar⸗ hin⸗ das wun⸗ pri⸗ war, der ortirt ihren mit gar als wat, 175 behalten; es könne ein Rückfall eintreten, der ſein Leben aufs neue in Gefahr ſetze. Der Rückfall trat nicht ein, im Gegentheil wurde Ulrich bei der ungewohnten guten Koſt ganz glatt und rund; auch die Narbe an der Stirn ſtand ihm gar nicht übel, und was den gequetſchten Arm betraf, ſo meinte der Arzt, daß die kleine Schwäche ſich wol bald verlieren würde. So mußte die Baronin denn dem Uebermaß ihrer Dankbarkeit wol endlich ein Ziel ſetzen. Doch that ſie es nur inſoweit, daß ſie darein willigte, ihn ebenfalls im Muſikanten⸗ thurm unterzubringen. Im Uebrigen mußte Ul⸗ rich noch täglich ihr Gaſt ſein; ſie unterhielt ſich ſtundenlang mit ihm, fuhr mit ihm auf ihren nahegelegenen Landſitz und bewies in allen Stücken eine Dankbarkeit, wie ſie ver⸗ muthlich, ſolange Wagen umgeworfen und alte Damen gerettet worden, nicht vorgekom⸗ men war. 176 Doch beſchränkte dieſe Dankbarkeit ſich, wohl⸗ gemerkt, nur auf Ulrich's Perſon; von den Uebri⸗ gen war keine Rede. Selbſt die Geſchenke, mit denen ſie ihren Retter überſchüttete, bewachte ſie mit einer gewiſſen Eiferſucht, daß nichts davon ſeiner Familie zugute kam: eine Furcht, die bei Ulrich's wohlbekanntem Charakter allerdings ziem⸗ lich überflüſſig war. Lag bei dieſem Verfahren wirklich eine Ab⸗ neigung gegen Ulrich's Familie zugrunde, ſo wurde dieſelbe wenigſtens von den Angehörigen der Baronin reichlich erwidert; die Baronin wollte nichts von Ulrich's Familie wiſſen und ihre eigene Familie nichts von Ulrich. Wir werden die Verhältniſſe des Schwarzenfeld'ſchen Hauſes im nächſten Buche genauer kennen lernen; für den Augenblick genügt es zu wiſſen, daß die Baronin mit ihrem Sohn, dem Regierungs⸗ rath, und ſeiner jungen Gemahlin in der That in keinem guten Einvernehmen lebte. Daher Ab⸗ „ſo igen onin und Wit ſte nen daß n⸗ Thot ahet kam es denn auch wol, daß der Sohn für den Retter ſeiner Mutter lange nicht die Theilnahme zeigte, die man hätte erwarten ſollen. Im Gegen⸗ theil, je leidenſchaftlicher der Dank der Mutter, je kühler war die Stimmung des Sohns; das Einzige, was er ihr zugeſtand, war, daß er den fortgeſetzten Aufenthalt im Muſikantenthurm, über den er als Commiſſarius der Regierung die Aufſicht führte(oder vielmehr führen ſollte: denn in Wahrheit war er ſchon ſeit Jahren mit keinem Fuß in den Thurm gekommen), geſtat⸗ tete, und auch dies that er nur, weil die Ba⸗ ronin die Abſicht zu erkennen gab, im Fall der Weigerung den Ulrich Schwarz wieder gänzlich zu ſich ins Haus zu nehmen. Wie unbehaglich für die Fremden unter die⸗ ſen Umſtänden der Aufenthalt im Thurm war, kann man ſich leicht vorſtellen. Ulrich merkte wenig oder nichts davon; den größten Theil des Tags verbrachte er bei ſeiner Gönnerin, 8** 178 und kamen ihm ja einmal einzelne ſpitze Be⸗ merkungen zu Ohren, ſo war er gerade der Mann dazu, ſich mehr darüber zu freuen als zu ärgern. Deſto Härteres hatten Gertrud und Hermann zu erdulden. Es iſt nicht wahr, daß die Armen einander weniger beneiden als die Reichen; vielmehr umgekehrt, je kleiner die Por⸗ tion iſt, die zur Vertheilung kommt, je ängſt⸗ licher wird jeder Biſſen überwacht. Zwar ſuch⸗ ten Beide ſich ſo nützlich zu machen wie möglich; Gertrud half bei der Wäſche, und Hermann, der die Aufſicht des Schwagers jetzt weniger zu fürch⸗ ten brauchte, hatte ſich durch Herrn Lux einige Beſchäftigung als Abſchreiber verſchäfft. Doch reichte das Alles nicht hin, den Zorn ihrer Nei⸗ der zu beſänftigen; der ganze Muſikantenthurm ging ſeinem Ruin entgegen, kein Menſch konnte mehr ſatt und froh darin werden, ſolange der Aufenthalt dieſer Fremden dauerte. Selbſt der arme kleine Knabe entging den allgemeinen Be⸗ der nals und Por⸗ ingſt ſuch⸗ glich; det fürch⸗ einige Doch Nei thurm fonnte e der ſt der neinen Stachelreden und Verdächtigungen nicht; Bet⸗ telbrot, meinten die alten Frauen, auf ſeine Stummheit und ſein verdroſſenes Weſen anſpie⸗ lend, mache die Kinder ſonſt gelehrig zum Spre⸗ chen, an dieſem Wechſelbalg aber ſcheine auch das verloren. Auch noch andere, noch ſchmählichere Ge⸗ rüchte tauchten auf, und zwar nicht blos in dem Muſikantenthurm. Die Stadt hätte ſogar grö⸗ ßer, die Klatſchſucht des Publicums kleiner ſein dürfen, als beide waren, und die excentriſche Art und Weiſe, wie Frau von Schwarzenfeld, ſonſt eine ſo nüchterne, kühle Frau, ihre Dank⸗ barkeit an den Tag legte, wäre doch nicht ohne üble Auslegung geblieben. Alte, längſtbegra⸗ bene Geſchichten, Geſchichten, die dreißig Jahre und länger her waren, tauchten wieder auf, man flüſterte von der lockern Jugend der Dame, von der unglücklichen Ehe, die ſie geführt, nachdem ſie ſich ihrem Manne erſt aus Verliebtheit ſo⸗ 180 zuſagen an den Hals geworfen, und fand es mit ſchadenfrohem Lächeln ganz in der Ordnung, daß ein Feuer dieſer Art auch nach dreißig Jah⸗ ren wieder einmal aus der Aſche ſchlage. Und wer wußte denn, was in der Zwiſchenzeit paſ⸗ ſirt? Wer wußte, was die häufigen Reiſen be⸗ deutet hatten, die ſie in frühern Jahren gemacht, und zwar immer allein, nur von einer einzigen Kammerfrau begleitet? Nun fing man auch an zu begreifen, warum ſie mit ihrer eigenen Fa⸗ milie von jeher ſo wenig harmonirt hatte. Ihre Schweſter, mit der zuſammen ſie vor bald vier⸗ zig Jahren die gefeierte Schönheit der Stadt geweſen war und die ſich an demſelben Tage wie ſie verheirathet, hatte bald darauf jeden Umgang mit ihr abgebrochen; wie ſie mit ihrem Sohn ſtand, haben wir bereits erwähnt; auch mit der Schwiegertochter, einer feinen Frau von Verſtand und ſeltener Bildung, hatte ſich kein Verhältniß anknüpfen wollen. Der Einzige von 181 es der Familie, der jederzeit im beſten Einverneh⸗ en mit der Baronin ſtand, war der Präſi⸗ dent von Steinfurt, ihr Vetter und ungefähr nd im gleichen Alter mit ihr; auch den anſtößigen aſ⸗ Umgang mit Ulrich ignorirte er. Aber obwol be er Präſident und als ſolcher die erſte Per⸗ ht, ſon des Orts war, ſtand er doch in keinem zn beſondern Rufe; er galt für intrigant und hinterliſtig, zu jeder Bosheit geſchickt, ſodaß der vertraute Umgang mit ihm das Vorur— re theil gegen die Baronin eher verſtärkte als ver⸗ * minderte. t Freilich hatten alle dieſe Dinge, wie das in g der Welt ſo zu ſein pflegt, ihre zwei Seiten; 3 kohlſchwarz von der einen, ſahen ſie ſich von 6 der andern ganz weiß und unſchuldig an. Die Schweſter der Baronin hatte ſich in ein ent— ferntes Land verheirathet; ihre ganze Familie 5 war verſchollen und verdorben, ſie ſelbſt ver⸗ muthlich längſt todt; da hatte es denn freilich 0n ſeine Schwierigkeiten, im Verkehr miteinander zu bleiben. Der Regierungsrath von Schwar⸗ zenfeld, ihr Sohn, war in jungen Jahren ein lockerer Patron geweſen, der der allzu nach⸗ ſichtigen Mutter viel Noth gemacht hatte; war er auch jetzt bei vorgerücktem Alter unter das Kreuz der Ehe gekrochen, ſo galt er doch noch immer als ein ſchroffer, gewaltthätiger Mann. Auch von ſeinen Finanzen ſprach man nicht das Beſte; ſein Amt aber verſah er mit ſolcher Nachläſſigkeit, daß der ganze Einfluß des Präſidenten dazu gehörte, um ein öffent⸗ liches Aergerniß zu verhüten. Die Schwieger⸗ tochter war eine gute liebe Frau, nur ein wenig ſentimental und verſchroben; auch hatte ſich ihr Vater wenige Tage nach der Hochzeit als Bank⸗ rottirer das Leben genommen, nun und daß eine ſolche Schwiegertochter auch nicht gerade ein Glück iſt, das mußte man doch bei alledem auch einräumen. Was endlich den alten Präſidenten 183 anbetraf, ſo behauptete man allerdings, daß er das immer bereite Werkzeug der Regierung für jede zweideutige und unrechtmäßige Handlung ſei. Allein das betraf doch zuletzt nur ſein Amt; im geſelligen Verkehr dagegen war er ein ganz harmloſer alter Junggeſelle, der gern gut aß und trank, beſonders wenn er es nicht zu erwidern brauchte. Der genaue Verkehr, den die Baro⸗ nin mit ihm unterhielt, erklärte ſich außer durch die nahe Verwandtſchaft und die gemeinſam verlebte Jugend auch noch dadurch, daß der Präſident ihr in der Verwaltung ihres ſehr an⸗ ſehnlichen Vermögens beiſtand, und zwar, wie man allgemein verſicherte, mit ſolchem Glück, daß daſſelbe ſich im Lauf der Jahre mehr als verdoppelt hatte. So wogten die Meinungen hin und wi⸗ der; das Reſultat aber, in dem ſich alle Thee⸗ und Kaffeeviſiten der Stadt ſchließlich vereinigten, blieb doch immer, daß die Ba⸗ 184 ronin von Schwarzenfeld eine ſittenloſe Per⸗ ſon, die ſich noch in ihren alten Tagen einen ehemaligen Seiltänzer zum Liebhaber genom⸗ men habe. er⸗ nen Zehntes Capitel. Der Kampf an den Schiffen. Die Mahlzeit im Muſikantenthurm war be⸗ endet; für unſere Freunde war ſie ſo einförmig und traurig geweſen wie gewöhnlich. Flora und ihren alten Vater ausgenommen, rückten die Uebrigen regelmäßig ſo weit als möglich von ihnen weg, als könnten ſie durch ihre Nähe an⸗ geſteckt werden. Auch wurden ſie jederzeit am kärglichſten bedacht, und ſelbſt Frau Lux, welche, auf einem erhöhten Platz am Herde ſtehend, mit einer gewaltigen Kelle bewaffnet die Spei⸗ ſen austheilte, hielt es mit ihrer Gerechtig— keitsliebe ganz vereinbar, den armen Verlaſſenen 186 höhniſche Anſpielungen und Vorwürfe als Zu⸗ koſt zu geben. Aber das Bitterſte ſollte der Nachtiſch ſein, der ſie heute erwartete. Auf die Gunſt der Baronin geſtützt und 3 um die Zukunft unbekümmert, fand Ulrich zu⸗ weilen eine wahre Freude daran, den Neid und Zorn der Thurmbewohner ſo recht zum Aus⸗ bruch zu bringen. So auch heute. Er ſelbſt nahm an dieſen dürftigen Mahlzeiten natürlich keinen Theil, für ihn ſtand der Koch der Baro⸗ nin ſchon ſeit dem frühen Morgen und briet und kochte und backte, und mit Ungeduld zählte Ul⸗ rich bereits die Minuten, bis die ſpäte Mittag⸗ ſtunde, welche bei ſeiner Gönnerin eingeführt war, ihn zum ſeltſamſten téte-à-téte mit ihr wieder zuſammenführen würde. War ſie wirk⸗ lich in ihn verliebt? Bei aller Eitelkeit und frühern Jahren in diefer Hinſicht gemacht hatte, 8 „ trotz der frivolen Erfahrungen, welche Ulrich in in, d und in tte, —— 187 konnte er doch ſelbſt nicht recht ins Klare dar⸗ über kommen. Zuweilen, wenn er die langen zärtlichen Blicke ſah, mit denen die Baronin ihn betrachtete, beſonders wenn ſie ſich von ihm unbemerkt glaubte, konnte er nicht umhin es zu glauben. Wenn er aber dann wieder die übrige Haltung der Dame bedachte, die außer ihrer Vornehmheit auch noch etwas ſo Ruhiges, Würdevolles hatte, das gar keinen böſen Ge— danken aufkommen ließ, ſo mußte er ſich ſelbſt wegen ſeines thörichten Einfalls ſchelten. Auch verließ ihn bei ihr ganz ſeine ſonſtige Unver— ſchämtheit; er war verlegen und linkiſch, und erſt wenn er die hohen Flügelthüren hinter ſich hatte, gewann er ſeinen gewöhnlichen dreiſten Humor wieder. Dann wechſelte er wol mit der Dienerſchaft leichtfertige Blicke oder ließ halbe Worte fallen, welche dann, von Mund zu Mund weitergetragen und entſtellt, den Ruf der Baronin aufs äußerſte gefährdeten. Die „ 2 größte Noth machte ihm die Unterhaltung mit der vornehmen fremden Frau. Auch ſaßen ſie zuweilen ſtundenlang, ſie auf dem Canapee, er auf dem Seſſel vor ihr, den kleinen runden Tiſch mit Wein und Leckereien zwiſchen ſich, die aber nur für den Gaſt da waren, ohne daß ein Wort geſprochen wurde. Ulrich ſtand in ſolchen Sthnden große Pein aus; er durchlief dann in Gedanken alle tollen Streiche ſeiner frühern Jahre; er konnte ſich dann ordentlich danach zurückſehnen, ja mitten in Wohlleben und Fülle überkam ihn ein Gefühl, als ob es doch unterhaltender wäre, mit guten Kameraden im Wirthshaus zu ſitzen oder auf der Haide umherzuſchweifen, als hier die alten Tapeten mit den großen grämlichen Ahnenbildern anzu⸗ ſtarren. Oder er ließ das Auge auch in der Stille von einem Geräth des Zimmers zum andern ſchweifen, von dem großen kryſtallenen Kronleuchter, der ſich in ſeiner Verhüllung von mit 189 Silbergaze ganz geſpenſterhaft ausnahm, zu den ſchöngeſchnitzten Lehnſtühlen mit den weichen ſammetnen Kiſſen, hinunter auf den prächtigen großblumigen Teppich, der jeden Fußtritt un⸗ hörbar machte, und von da wieder auf die fun⸗ kelnden Kryſtallflaſchen und das Silberzeug auf dem Tiſchchen zwiſchen ihnen— und taxirte dabei ſo vor ſich hin, was das Alles wol werth ſein möchte, und daß die Baronin doch eine ſchwerreiche Perſon ſein müſſe, die ihm zuletzt doch noch gewiß ein ganz extraordinäres Prä⸗ ſent machen würde zur Belohnung ſeiner edeln That, ſo etwa ein Haus in der Stadt oder ſonſt eine ſichere Rente, für deren Flüſſig⸗ machung er dann ſchon ſorgen wolle. Denn auch das gehörte zu den Abſonder⸗ lichkeiten der alten Dame, daß ſie über die Ab⸗ ſichten, die ſie mit Ulrich hatte, niemals auch nur die kleinſte Andeutung machte. Danach zu fragen wagte er nicht; denn ſo leichtfertig — 190 er zu dritten Perſonen that und ſo gern er mit der Gunſt der Baronin renommirte, ſoviel Re⸗ ſpect hatte er doch, ſolange ſie gegenwärtig war. Insbeſondere fürchtete er ihre wechſelnden Lau⸗ nen; während ſie den einen Tag die Güte und Herablaſſung, ja die Zärtlichkeit ſelbſt war, konnte ſie ihm am nächſten ihre Wohlthaten mit einer ſolchen kalten herriſchen Miene rei⸗ chen, daß ſogar ſeine ziemlich derbe Haut ſich davon durchdrungen fühlte. Ein Glück war es dabei noch, daß ſie dieſe Launen immer nur unter vier Augen an ihm ausließ; ſobald ein Dritter zugegen, war ſie gleich wieder die dank⸗ bare und wohlwollende Gönnerin. Ebenſo ungleichartig war die Baronin auch in der Unterhaltung. Auf die ſtummen, lang⸗ weiligen Stunden, die wir ſoeben geſchildert haben, folgten andere, wo ſie nicht müde ward, ihn über die kleinſten Umſtände ſeiner Ver⸗ gangenheit auszuftagen, beſonders über ſeine * et mit [Re⸗ war. Lau⸗ e und war, thaten e rei⸗ ut ſih var eb r nur ld ein dank⸗ nauch lang⸗ childer ward, Ve⸗ ſüint * Kindheit, für die ſie ein ganz merkwürdiges Intereſſe zeigte. Für Ulrich war dies wieder eine große Verlegenheit; von ſeinem ſpätern Leben war das Wenigſte mittheilbar, von ſei— nen Kinderjahren aber wußte er ſelbſt wenig oder nichts. Doch half er ſich wie es ging; wo er nicht weiter wußte, da ſchwieg er ent⸗ weder oder erfand etwas, wovon er glaubte, daß es ſeiner Gönnerin eben angenehm ſei. Summa: es war eine alte wunderliche Dame, und Ulrich dachte oft bei ſich, daß die Weiber doch alle ihren Sparren hätten, jung oder alt, vornehm oder gering, irgendwo fehlte es ihnen immer. Umſomehr beſchloß er, gute Miene zum böſen Spiel zu machen und das Eiſen zu ſchmieden, ſolange es warm war. Dieſen und ähnlichen Gedanken hing er auch eben jetzt wieder nach, als die alten Mütterchen ſammt den übrigen Gäſten des Thurms nach beendeter Mahlzeit quer über den Hof aus dem — Speiſeſaal zurückkamen. Sie trippelten Alle geſchäftig daher, den reingewaſchenen Löffel in der einen und kleine ärmliche Deckeltöpfe mit den Ueberreſten der Mahlzeit in der andern Hand. Der Geigenfritz, eine dicke, ſchwammige Figur, mit einem rothen Branntweingeſicht, ging mit der langen dürren Frau Schmähling an der Spitze des Zugs; Gertrud mit Hermann und dem Kleinen bildeten den Schluß. Ulrich ſtand, die Hände in den Hoſen, mit geſpreizten Beinen in der Thür ſeiner Wohnung und ließ mit ſpöttiſchem Lächeln Paar um Paar, wie zur Muſterung, an ſich vorbeiziehen; er wog ſich ſelbſtgefällig in den Hüften und ſchnalzte mit der Zunge, als ob er zum voraus die Leckerbiſſen ſpürte, die ihm nächſtens darüber⸗ gleiten ſollten. Trotz dieſes herausfodernden Betragens hät⸗ ten die Uebrigen ihn wol unbemerkt gelaſſen, da ſie ihn Alle mehr oder weniger fürchteten. 193 Ale Der Geigenfritz aber, mit dem es ſchon nicht l in mehr ganz richtig unter der Krone war und nit der überdies den ehemaligen Künſtler, alſo einen 5 Collegen in Ulrich verehrte, mußte nothwendi dern 9 8 ein kleines Geſpräch mit ihm anknüpfen.„Das hieß gegeſſen!“ rief er mit jener Art zudring⸗ gen licher Luſtigkeit, wie der halbe Rauſch ſie zu munn erzeugen pflegt:„Das hieß gegeſſen, Herr Col⸗ unic lege!“ und dabei pätſchte er ſich mit der gro⸗ 665 ßen rothen Hand vor die grüne Mancheſter⸗ i weſte, daß die Branntweinflaſche, die er darin verſteckt trug, beinahe herausgefallen wäre:„Es iſt ein Jammer, Herr College, daß Sie nicht mit⸗ uht gegeſſen haben; ſolche Bohnenſuppe mit Klö⸗ 6 ßen, wie die Frau Lur kocht, gibt es in der * ganzen Stadt nicht mehr!“ urich lächelte höhniſch.„Glaub's ſchon“, ſagte er,„einem Jeden ſchmeckt, was ihm paßt.“ Das war ein Pfeil, den Frau Schmähling aſſen, unmöglich unerwidert laſſen konnte; ſie beſchloß teten Der Muſikantenthurm. 1. 9 194 ſofort einen zweiten abzudrücken und zwar einen mit Widerhaken.„O“, ſagte ſie mit ſo lauter Stimme, daß es über den ganzen Hof gehört werden konnte,„der Herr Schwarz ißt nicht mit uns, dem ſind wir viel zu gering, für den werden andere Vögel gebraten— nur ſchade, daß ſie ein wenig alt ſind....“ Damit blickte ſie triumphirend um ſich und hielt den Finger in die Höhe, ſo hoch und ſo kerzengerade, wie der Tambourmajor den Stock, wenn die übrige Muſik einfallen ſoll. Und ſie fiel ein. Die kleine hitzige Frau Meier brach aus dem Gliede, ſtellte ſich Ulrich gegenüber, ſtemmte beide Arme unter und rief: „Ehrliche Leute werden auch ſatt von einer ehr⸗ lichen Bohnenſuppe, Spitzbuben und Großmäu⸗ lern aber werden die Paſteten, mit denen ſie ſich füttern laſſen, ſchon noch im Halſe ſtecken bleiben.“ Die Bahn war gebrochen, und ſo regnete einen lauter ehört nicht rden ſchade, und nd ſo Stock Frau Ultich rieft rehr⸗ ßnäl en ſie ſtecken egnete 195 es bald von allen Seiten Schimpfworte und Verwünſchungen.„War das Moorwaſſer, in dem ſie den Kerl gefunden haben, etwa beſſer als unſere Suppe?“ ſagte die weiſe Frau Mel⸗ zer.„Man ſieht's ja ſeinem Kinde an“, ſetzte eine Andere hinzu,„wobei das aufgewachſen iſt.“ Gertrud wollte vor Scham in die Erde ſinken; Hermann hatte Noth ſie zu beſchwich⸗ tigen. „Nun, nun“, ſagte Ulrich hämiſch,„ihr braucht euch nicht um eure Suppe zu ängſti⸗ gen, ihr guten Frauen, es nimmt ſie euch Kei⸗ ner, meinen Hund, den Karrenzieher, habe ich ja abgeſchafft....“ Mit dieſem letzten groben Trumpf kehrte er ihnen hohnlachend den Rücken. Die arme Ger⸗ trud hatte den Reſt auszubaden; über ſie fielen Alle her; wären Worte Schwerter, man hätte ihre Stücke von der Erde aufleſen können. 9* Elſtes Capitel. Ein alter Freund. Eine Stunde ſpäter ging Ulrich im ſtattlichen blauen Rock, den die Baronin für ihn hatte machen laſſen, wohlfriſirt und gebürſtet zum Thorweg hinaus. Er befand ſich in der roſen⸗ farbenſten Laune, der Zank mit den Weibern hatte ihm Appetit gemacht.„Es iſt doch ein ander Ding“, dachte er,„bei einer gnädigen Frau am Tiſche eſſen als mit dieſem Geſin del; es hat mir immer geſchwant, daß es noch einmal ſo mit mir kommen müßte.“ Eben wollte er in das Haus der Baronin ₰ einbiegen, als er eine ſchwere Hand auf ſeiner tlichen hotte zum roſen⸗ eibern ch ein ädigen Geſin⸗ noh gronin ſeiner 197 Schulter fühlte. Unwillig, wer ſich hier ſolche Vertraulichkeit mit ihm herausnehme, ſah er ſich um und erblickte einen alten Freund, den er aber, die Wahrheit zu ſagen, in dieſem Augen⸗ blick lieber zehn Klafter unter dem Erdboden ge⸗ wußt hätte als hier neben ſich auf dem Stra⸗ ßenpflaſter. Es war der ſogenannte Zundel⸗ heinrich, eine jener verdächtigen Geſtalten, mit denen Ulrich auf ſeinen Wanderungen verkehrt hatte. Seinen Namen führte er theils von einem kleinen Hauſirkram mit Schwamm und Zündhölzchen, den er betrieb, theils davon, daß er vor Jahren einmal in eine große Unter— ſuchung wegen Brandſtiftung verwickelt geweſen war, jedoch ohne daß man ihn hätte zur Be⸗ ſtrafung bringen können. Auch ſeinen Hauſir⸗ kram betrieb er wol nur, um andere, vielleicht einträglichere, aber minder ehrenhafte Geſchäfte darunter zzu verbergen; Hausfrauen und Köchin⸗ nen, bei denen er mit ſeinen Waaren vorſprach, 198 wollten bemerkt haben, daß hinterdrein immer etwas fehle, bald ein ſilberner Löffel, bald ein Tuch, bald irgendein anderer Gegenſtand, der ſich leicht und ohne Aufſehen beſeitigen ließ. Doch verſchmähte er auch größere Unternehmun⸗ gen nicht; namentlich liebte er es, an den Thüren der Poſthäuſer und Gaſthöfe herumzulungern, wo es dann im Gedränge der ab- und zureiſenden Fremden manche gute Beute für ihn gab. Zun⸗ delheinrich ſtammte aus demſelben Orte, wo Ulrich ſich verheirathet hatte; unter den Be⸗ kanntſchaften, welche der Letztere daſelbſt ange⸗ knüpft, war er eine der erſten und vertrauteſten geweſen. Auch ſpäterhin kreuzten ſich ihre Le⸗ benswege noch häufig; namentlich hatten ſie erſt vor wenigen Monaten, kurz zuvor als Ul⸗ rich ſich in dieſe Gegend wandte, viel miteinan⸗ der zu verhandeln gehakt. Es war eine wilde, wüſte Erſcheinung, von koloſſalem Körperbau; indem er Ulrich von rückwärts her auf die nimmer hald ein and, der gen ließ. rnehmun⸗ n Thiren ngern, wo reiſenden ab. Zun⸗ rte, w den Be⸗ bſt ange⸗ trauteſten ihr be atten ſie ra U miteinon ine wild, zrperbu; auf die 199 Schulter klopfte, ragte er mit dem ſchwarzen buſchigen Haupt faſt um zwei Kopflängen über ihn empor. „Nun?“ ſagte er, nachdem Beide ſich eine Weile ſchweigend angeſehen,„habe ich mich in den zwei Monaten ſo verändert oder du, daß wir uns nicht mehr kennen?“ „Kennen wol“, erwiderte Ulrich,„aber—“ Er verſchluckte den Nachſatz. „Aber es wäre dir lieber“, ergänzte der Andere ſeine Rede,„wir kennten uns nicht, wie? Daß du nur ein Duckmäuſer biſt mit all deinen großen Worten, das habe ich immer ge⸗ wußt: aber für ſo ſchlecht, einen alten Freund zu verleugnen, der manchen Biſſen mit dir ge⸗ theilt und dir manchen Vortheil zugewendet hat, für ſo ſchlecht hätte ich dich doch nicht ge⸗ halten. „Wer ſpricht von Verleugnen“, brummte Ulrich.„Es iſt nur daß— Aber wo kommſt — 200 du her“, unterbrach er ſich ſelbſt,„und welcher Teufel hat dich juſt hierhergeweht?“ „Es iſt dir wol ſehr genirlich“, ſpottete der Große,„ich habe ſchon gehört von dem famo⸗ ſen Coup, den du gemacht haſt— nun Glück zu, wenn du bei den Weibern dein Glück nicht machteſt, bei Männern thuſt du es ſo nimmer— nehn „Laß die abgeſchmackten Reden“, verſetzte Ulrich,„und ſage mir, was du willſt— aber hübſch kurz“, ſetzte er halblaut hinzu,„denn ich habe Eile.“ „Als ob Unſereins auch immer ſo ſeinen beſtimmten Willen hätte“, lachte Zundelheinrich. „Ich dächte, du könnteſt das wiſſen, ſchwarzer Ulrich; man macht es wie die Fiſcher beim ſtillen Waſſer, man läßt ſich treiben und war⸗ tet, bis Einem was ins Netz kommt.“ „Nur nicht hier, wenn ich bitten darf“, ſiel Ulrich ihm haſtig ins Wort.„Es wird ver⸗ ſ ſo welcher ttete der m famo⸗ n Glück ück nicht nimmer⸗ verſetzte — aber denn ich ſeinen heintich chwatzer et beim nd wat⸗ uf“ fil ird vel⸗ flucht ſcharf aufgepaßt in dem Neſt hier; es ſollte mir leidthun, wenn du dich hier in Un⸗ gelegenheiten brächteſt, aber helfen könnte ich dir diesmal nicht.“ „Oho“, ſpottete der Andere,„nur nicht ſo vornehm auf einmal! Ich weiß doch noch recht gut die Zeiten, wo der ſchwarze Ulrich froh war, wenn der Zundelheinrich, der liebe, brave, charmante Zundelheinrich, der Donners⸗ kerl mit den langen Fingern und der hölliſchen Courage, ihm ein Geſchäftchen zuwies. Aber ſei außer Sorge“, fuhr er fort,„es iſt diesmal etwas ganz Unſchuldiges, was ich vorhabe, und da ſollſt du mir helfen.“ ulrich ſchmunzelte.„Nun ſo mach raſch“, ſagte er,„die guten Werke kommen mir nicht ſo häufig, daß ich lange damit warten könnte; leg los!“ „Etwa hier auf der Straße?“ erwiderte Zundelheinrich.„Ich glaube gar, der ſchlechte 9** 202 Kerl hat noch nicht einmal daran gedacht, daß man einem alten Freunde, den man zum erſten male wiederſieht, doch hübſch etwas Naſſes vor⸗ ſetzt; meine Kehle iſt rauh wie eine Bürſte.“ „Ich kann dich hier in keine Kneipe führen“, verſetzte Ulrich verlegen,„und nach Hauſe neh⸗ men kann ich dich gar nicht; wenn du von mir gehört haſt, wirſt du auch wol wiſſen, wo ich—“ „Ja, ja“, fiel Zundelheinrich ihm mit gro⸗ bem Lachen ins Wort,„ich weiß, ſie haben dich auf Penſion geſetzt wegen deiner großen Me⸗ riten. Aber fürchte nichts, ich will dir keine Ungelegenheiten machen; dein Weib, die blaſſe Närrin, ſieht mich ohnedies nicht gern; der Wirth im„Grünen Ochſen?, draußen in der Vorſtadt, iſt ein alter Bekannter von mirz er iſt ein ſicherer Mann, der gern lebt und leben läßt.“ „Komm hier weg“, ſagte Ulrich, der wohl —— 1 t, daß erſten ſes vor⸗ rſte“ ühren“, ſe neh⸗ u on ſen, wo it gro⸗ n dich Me⸗ eine blaſſe nz der in der rir; er d leben wohl — merkte, daß dieſes Geſpräch noch nicht ſobald zu Ende gehen würde, und ſeine Gründe hatte, die Bekanntſchaft mit dem Zundelheinrich mög⸗ lichſt zu verheimlichen,„hier gehen Menſchen aus und ein, die uns nicht zu ſehen brauchen, wir wollen da an der Mauer entlang gehen, da ſind wir wie in der Kirche— da du ja nämlich doch ſo ein gottgefälliges Werk vor⸗ „Schämſt dich wol, dich mit mir ſehen zu laſſen?“ fragte Zundelheinrich ſpitzig.„Und was der Stutzer für einen feinen Rock anhat! Ja, ja, die Weiber, ich hab' es immer geſagt, wer die hat, der kann die Hände in den Schoos legen. Nun ich hoffe“, ſetzte er mit väterlichem Ton hinzu,„du nimmſt die Gelegenheit wahr und das tüchtig; iſt es denn nur wirklich an⸗ dem, daß die Alte ſich in dich verliebt hat?“ „Es ſcheint faſt ſo“, ſagte ulrich, indem er das Tuch am Aermel vorſichtig gegen die Sonne ſtrich, ob ſich auch ja nicht ein Fäſerchen darangeſetzt hatte.„Aber du wollteſt ja erzäh⸗ len.“* „Die Sache iſt dieſe“, ſagte Zundelheinrich. „Du erinnerſt dich noch an die kleine blaue Reiſetaſche, die ich dir damals brachte, es war das letzte mal, als wir uns ſprachen, die dicke rothe Hanne war auch noch dabei—“ Ulrich ſtutzte. Dann ſagte er trocken:„Ich erinnere mich an gar nichts, und überhaupt bitte ich dich, erzähle mir deine Geſchichten und nicht meine Zundelheinrich wollte ſich vor Lachen aus⸗ ſchütten.„Als ob er vor dem Polizeimeiſter ſtände!“ rief er.„Aber es iſt ganz klug von ihm, ſo bleibt er in der Uebung, und zuletzt verſtehen wir Beide uns ja doch. Alſo die Reiſetaſche“, fuhr er fort,„an die du dich nicht erinnerſt und die du vermuthlich auch nie⸗ mals geſehen haſt, war blau mit eingewirkten ſerchen a erzäh⸗ heinrich. ne blaue es war die dicke n„3ch upt bitte nd nicht en aus⸗ eimeiſer lug von dzulett Uſo die du dich uch nie ewirkte n Blumen; das Schloß daran war ſo feſt, daß wir es eigens mit dem Hammer zerſchlagen mußten; die rothe Hanne lachte noch und meinte, das müſſe ein ausländiſches Schloß ſein, in Deutſchland machten ſie ſo was nicht. Und nachher fluchte ſie erbärmlich: denn was war darin? Nun? Was war darin? Ein neu⸗ ſilberner Raſirſpiegel war darin, Kämme, Bür⸗ ſten, Meſſer, ein ſeidenes Nachthalstuch, das die rothe Hanne ſich ſofort um den Kopf band; es verlohnte auch gerade noch, daß man für ſo was das Zuchthaus mit Abſchied und Willkomm riskirt.“ Ulrich hatte die Erzählung mit einem Schmun⸗ zeln begleitet, das immer ſtärker wurde und ſehr deutlich zeigte, daß ihm die Geſchichte doch wol nicht ſo unbekannt war wie er that.„Und war wirklich gar nichts weiter in dem ganzen Dinge?“ fragte er wohlgefällig. „Nun kommen wir an den Punkt“, erwiderte t B Zundelheinrich.„Ja, eine kleine abgegriffene Brieftaſche war darin—“ „Vermuthlich mit Treſorſcheinen“, ſpottete Ulrich. „Nein“, ſchrie der Andere, der jetzt ernſtlich böſe wurde,„mit engliſchem Pflaſter und Nadel und Zwirn u einem kleinern ſtählernen Ding, von dem die rothe Hanne ſagte, daß die vor⸗ nehmen Leute ſich die Nägel damit abpolirten....“ „Das iſt wenig für die Mühe“, meinte Ul⸗ rich gleichgültig. „Sehr wenig“, ſchrie Zundelheinrich erboſt; „von dir aber iſt es der Undankbarkeit ſehr viel, daß du dich jetzt ſtellſt als wüßteſt du von der ganzen Geſchichte nichts und willſt mir die Brieftaſche wol noch ganz und gar ableugnen? Denn du und kein Anderer hat ſie an ſich ge⸗ nommen, beſinne dich nur! Sie hatte eine alte rothe ſaffiane Schale, mit einem in Gold ge⸗ druckten Wappen oder ſo was Aehnlichem dar Dir dich hil auf griffene ſpottete ernſtlch dNadel Ding, ie vor⸗ nte UU erboſti hr viel, von der it die ugnenk ſch ge ne alte old ge nlichen 207 darauf; wir neckten dich noch, als du das Ding einſteckteſt, und meinten, nun hielteſt du dich gewiß für einen Edelmann....“ Ulrich war plötzlich ganz bleich geworden; er faßte den Kameraden haſtig beim Arm. „Was iſt's mit der Brieftaſche?“ fragte er ängſtlich.„Es kann ſein, daß ich einmal ſo ein verwünſchtes Ding in Händen gehabt habe; es iſt doch keine Unterſuchung im Werk oder ſo Dergleichen, was einen ehrlichen Menſchen in Verlegenheit bringen kann?“ „Aha“, ſpottete Zundelheinrich,„nun kann er pfeifen! Aber ſag mir nur erſt, ob du das Ding noch haſt oder wo es geblieben iſt?“ „Keine Spur!“ betheuerte Ulrich, indem er die Hand auf die Bruſt legte.„Ich kann dir zuſchwören, daß ich das verwünſchte Ding längſt nicht mehr beſitze und auch nicht daran gedacht habe, bis auf dieſen Augenblick; was alſo dar⸗ auf ankommt, kannſt du ganz ruhig ſein, da⸗ m— 208 durch wird nichts verrathen, das modert längſt ich weiß nicht an welchem Ort....“ „Aber das iſt ja eben der Teufel!“ ſchrie Jener und ſtieß den Freund von ſich, daß er taumelte:„Du mußt die Brieftaſche wieder⸗ ſchaffen um jeden Preis! Unſer ganzes Glück hängt daran, oder wenigſtens das meine, da du, wie es ſcheint, ſchon weich genug gebettet biſt. Da, ſieh her“, fuhr er fort, indem er ein zer⸗ knülltes Zeitungsblatt aus der Taſche holte, „Unſereins lieſt ſo was nicht, da iſt mir der Wiſch erſt vier Wochen danach in die Hände gefallen, und ſeitdem ſuche ich dich an allen Ecken und Enden. Es iſt ein vornehmer ame⸗ rikaniſcher Herr geweſen, dem ich das Gepäck erleichtert habe, der Kerl iſt quer im Kopf, wie alle das Volk, und Geld muß er haben wie Heu — da ſieh her, zweihundert Thaler Belohnung werden geboten, wer den Reiſeſack oder auch nur die Brieftaſche wiederbringt— es iſt Alles zu ten ſt rt längſt ſchrie daß er e wieder⸗ zes Glick ne, da du, ettet biſt. r ein zer⸗ e holte, mir der e Hände an aln mer ame Grwit ie Heu ſelohnun du uit iſ W 209 ganz genau beſchrieben: Inhalt für jeden Drit⸗ ten werthlos, nur Familienandenken des Be⸗ ſitzers— und hier iſt das hamburger Haus, bei dem man ſich damit melden und das Geld erheben ſoll....“ „Nun, wenn es weiter nichts iſt“, meinte Ulrich beruhigt,„das läßt ſich noch ertragen; denke, ein Anderer hätte es gefunden, und wer weiß auch, ob das Ganze nicht eine Falle iſt, um den Thäter des Diebſtahls herauszube⸗ kommen.“ „Ja“, entgegnete Jener,„das kannſt du ſagen, du haſt dich ins Trockene retirirt, für dich ſind zweihundert Thaler jetzt nichts. Aber für mich und die rothe Hanne wären ſie viel, ſehr viel, beſonders wenn man ſie ſo ehrlich ver⸗ dient. Wir ſind die Art Leben ſatt“, fuhr er in Eifer fort,„wir wollen uns heirathen, die rothe Hanne und ich, und wollen zuſammen nach Amerika gehen; da wäre das mit der 2 Brieftaſche eben ein ſchöner Anfang. Und wenn du nun ſo nichtswürdig wärſt und ſtritteſt ſie uns ab oder ſchnappteſt uns die Belohnung wol gar heimlich vor dem Munde weg——“ Er ſchwieg; auch machte die geballte Fauſt jeden weitern Zuſatz entbehrlich. ulrich drehte noch immer das Zeitungsblatt in der Hand.„Höre“, ſagte er,„die Ameri⸗ kaner mögen närriſche Kerle ſein: aber ſo när⸗ riſch, für eine alte Brieftaſche mit etwas Pflaſter und Zwirn zweihundert Thaler zu bieten, da müßte ja Einer dummer ſein als— es läßt ſich gar nicht ausſprechen, wie dumm da Einer ſein müßte; das Ding hat ſeinen Haken, nimm dich in Acht!“ „Aber dieſe Nation iſt nun ſo“, eiferte Jundelheinrich,„ſie finden das Geld auf den Straßen, und da werfen ſie es ebenſo wieder weg. Und weißt du denn, was in der Brief⸗ taſche doch noch geſteckt haben mag? Die rothe Ho vie be de bl d wenn iteſt ſie lohnung uſt jeden ingsblatt Aneri⸗ ſo när⸗ yflaſter a müßte ſich gar net ſtin imm dich eiferte auf den wieder er Brieß „ rothe Die wh 211 Hanne meint, wir hätten den Abend in der Eile vielleicht nur nicht recht zugeſehen, ſie könnte ja wol ein geheimes Fach gehabt haben mit Wech⸗ ſeln und Papieren.“ „Richtig“, neckte Ulrich,„warum nicht lie⸗ ber gar mit Banknoten? Da gäbſt du die Gottſeligkeit doch wol auf und behielteſt die ganze Geſchichte gleich ſelbſt, he? Aber ſo wahr ich ein ehrlicher Kerl bin, ich meine, ſo wahr ich meine Finger noch nie an fremdes Gut gelegt habe—“ „Ah was“, brummte Zundelheinrich,„das iſt ein dummer Schwur, der Hehler iſt nicht beſſer als der Stehler, damit darfſt du dich bei mir nicht weißbrennen wollen....“ „Es ſoll auf den Schwur nicht ankommen“, begütigte Jener.„Aber das kann ich dir ſagen, daß ich keine Ahnung habe, wo das Ding ge⸗ blieben iſt. Ich will indeſſen nachſehen, wenn es ſich unter meinen paar Lumpen findet— ah verflucht“, unterbrach er ſich ſelbſt auf ein⸗ mal und ſtampfte zornig mit dem Fuß,„jetzt fällt mir erſt kin, daß ja all das bischen Zeug, das ich auf dem Leibe hatte, bei der Baronin geblieben iſt! Du mußt wiſſen, Bruder, es war ein gefährliches Stück Arbeit, ſie haben mich ganz voll Blut und wie einen Todten hereingetragen—“ „So mußt du ſehen, daß du dein Zeug wieder herauskriegſt, ſolche vornehmen Leute wer⸗ den ſich doch an deinen paar Sachen nicht be⸗ reichern wollen?“ erwiderte Zundelheinrich. „Richtig, da kennſt du meine Gnädige“, prahlte Ulrich,„das iſt eine Frau, bei der iſt Alles aufs feinſte, die wird die alten blutigen Lappen auch wol aufgehoben habenz da ſieh her, wie hübſch neu ſie mich gekleidet hat.“ Zundelheinrich rieb ſich verdrießlich die Stirn. „Das iſt eine verwetterte Geſchichte“, murrte er.„Sollen wir da ſolch eine ſchöne Ausſicht —— ha un auf ein⸗ „Vjett n Zeug, Boronin der, es e haben Todten in Zeug ute wer⸗ icht be⸗ ch. dige“ det iſt hlutigen ſich her, e Stirn murt Ausſiht 213 haben, endlich einmal aufs Trockene zu kommen, und ſchwabs, da wird Einem der Biſſen richtig wieder vor dem Munde weggeriſſen. Nun, ver⸗ ſucht muß die Sache jedenfalls werden; frage nur deine Alte, du kannſt ihr ja irgendeinen Schwindel vormachen— oder weißt du was? du ſagſt es ihr gleich auf den Kopf zu, da ver⸗ räth ſie ſich am erſten und rückt heraus....“ Ulrich blies die Backen auf.„Das iſt nur ſo geredet, wie du es verſtehſt“, ſagte er;„wenn ſie das Büchlein in Saffianband hat, wird ſie es mir gewiß nicht verweigern— ſie müßte es denn“, ſetzte er grinſend hinzu,„von Zärtlich⸗ keitswegen behalten wollen, als Andenken oder ſo etwas. Komm übermorgen Abend wieder auf dieſen Fleck, da ſollſt du Beſcheid haben....“ „Warum nicht morgen, warum nicht heute Abend? Du ſcheinſt mir ja eben auf dem Wege?“ forſchte Zundelheinrich argwöhniſch. „Ja, mein Schatz“, antwortete Ulrich,„das geht mit vornehmen Leuten nicht ſo raſch, da will ſo was gedreht und eingefädelt ſein—“ Und wirklich überlief ihn auch ſchon ein kleiner Schauer der Verlegenheit bei dem Gedanken, wie er der ernſten vornehmen Frau mit dieſer intricaten Angelegenheit kommen ſollte.„Der verwünſchte Amerikaner!“ brummte er, ſich den Kopf kratzend,„er hätte ſich wol auch können etwas Anderes ſtehlen laſſen als gerade das dumme Ding....“ „Du mußt deiner Alten nur was Tüchtiges zuſammenlügen“, ermunterte ihn Jener. „Ei ja“, brummte Ulrich,„Lügen iſt ſchon gut, aber es hat auch ſeine Grenzen; zuletzt lügt man ſich doch einmal feſt und dann iſt das Elend da. Nun, wir wollen ſehen, bleib du nur in deinem„Grünen Ochſen“ bis übermor⸗ gen Abend— und daß du mir keine dummen Streiche hier machſt, hörſt du? Und daß wir uns kennen, brauchſt du auch nicht zu ſagen—“ zw li A raſch, da ſein— ein kleiner Gedanken, nit dieſer te.„Der ſich den ch können erade das Lichtiges * viſt ſchon en; zuletzt dann iſt , hleib du übermor⸗ e dummin d daß wir ſagel S 215 Unter dieſen Geſprächen waren ſie wieder bis ans Haus der Baronin gelangt.„Mach nun ſchnell um die Ecke“, ſagte Ulrich,„je we⸗ niger man uns hier zuſammenſieht, deſto beſſer iſt es für uns Beide.“„ Die Freunde trennten ſich. Ulrich blieb noch eine Weile unter dem Thorweg ſtehen, bis der letzte Rockzipfel des Andern verſchwunden war. „Führt mir das Unglück den Kerl über den Hals“, dachte er bei ſich,„gerade jetzt, wo ich alle die alten ſchmierigen Geſchichten hinter mir zu haben glaubte. Wenn mich nur wenigſtens Niemand mit ihm geſehen hat!“ Damit ſtieg er kopfſchüttelnd die Treppe hinauf.—— Seine Befürchtung war nur ollzu gegründet: es hatte ihn allerdings Jemand geſehen und zwar Einer, der auf dieſe Bekanntſchaft ſchon längſt ein ſorgenvolles Auge hatte. Wenige Augenblicke, nachdem Ulrich die Treppe hinauf⸗ gegangen, trat Hetmann hinter den breiten Pfei⸗ —— — 216 lern des Portals hervor. Er hatte die Abſchrif⸗ ten, welche er für die Regierungsräthin gefer⸗ tigt, abliefern wollen; wir erinnern uns, daß ſie in demſelben Hauſe mit der Baronin, ihrer Schwiegermutter, wohnte. Im Begriff, in das Haus zu treten, hatte er ſeinen Schwager mit dem fremden Mann daherkommen ſehen; die breite rieſige Geſtalt des Zundelheinrich war unverkennbar. Um jede Begegnung mit dem Schwager zu vermeiden, beſonders an dieſem Fleck, war Hermann ſchnell hinter eine der grö— ßen Sandſteinſäulen getreten; Ulrich und Zun⸗ delheinrich verweilten noch einige Augenblicke an der Thür, und ſo hatte er volle Muße ge⸗ habt, das wilde, von Narben durchfurchte An⸗ geſicht des fremden Vagabonden zu betrachten. Was ſie miteinander verhandelten, konnte er zwar nicht verſtehen; doch genügte auch die bloße Thatſache, daß der Verkehr mit Zundel⸗ heinrich wiederangeknüpft war, ihn mit der — 2 — ₰ Ubſchti⸗ thin gefer⸗ uns, daß onin ihrer riff in das hwaget mit ſchen; di imich wat mit den an dieſem n der grö⸗ und Zun⸗ Augenblice Muße ge ſrcht Un betrachten konnte et euch bi nit ʒundel n nit der lebhafteſten Beſorgniß zu erfüllen.„Alſo auch hier“, murmelte er, indem er jetzt ebenfalls in das Haus trat— die Baronin und ihr Sohn bewohnten die zwei entgegengeſetzten Seiten des Hauſes, ſodaß er alſo eine Begegnung mit dem Schwager nicht mehr zu fürchten hatte—„Alſo auch hier! Arme Schweſter und armer Her⸗ mann, wenn es endlich zu Dem kommt, was ſich doch vor Gott und Menſchen bald nicht mehr wird vermeiden laſſen!“ Damit bog er in den Corridor ein, der zu den Zimmern der Regierungsräthin führte; er klingelte an der verſchloſſenen Vorthür und die Regierungsräthin ſelbſt öffnete ihm. Der Muſikantenthurm. I. 10 6 ——— —„ — —— S — — — „ 8 — Familiengeſchichten. 10* Erſtes Capitel. Das alte Haus. An dem alten palaſtähnlichen Gebäude, welches die Baronin von Schwarzenfeld bewohnte und das als Erbgut an ſie gekommen war, konnte man die wechſelnden Schickſale, welche die Stadt in den letzten hundert oder hundertund⸗ funfzig Jahren erlitten, wie in einer Chronik verfolgen. Der Anfang dazu war in der Zeit gemacht worden, kurz nachdem die prinzliche Hofhaltung hierherverlegt war; es ſollte als Wohnung des Fürſten dienen, und mit großen Koſten hatte man aus weiter Entfernung die mächtigen Sandſteinquadern kommen laſſen, aus denen es aufgerichtet ward. Auch in der An⸗ lage des Gebäudes war nichts geſpart, an Por⸗ talen und Eingängen, an Höfen und Treppen, Gängen und Verbindungswegen, was den Be⸗ dürfniſſen einer fürſtlichen Haushaltung ange⸗ meſſen und zweckdienlich iſt. Der Hauptein⸗ gang war mit Säulen geſchmückt, vor denen die Weisheit, die Tugend und einige ähnliche Embleme, alle natürlich im Geſchmack der Zeit, mit dicken Locken und koloſſalen Fleiſchpartien, auf hohen, durch Ketten miteinander verbunde⸗ nen Poſtamenten ſtanden. Durch das Portal trat man zunächſt in eine gewölbte Halle, von der aus die breiten ſteinernen Treppen, eben⸗ falls von Säulen getragen und mit muſiciren⸗ den Engeln verziert, zu beiden Seiten empor⸗ liefen. Auch das erſte Stockwerk zeigte, wenn auch nur theilweiſe, noch dieſelbe großartige und reiche Anlage; breite, mit Stein gepfla⸗ ſterte Corridore führten durch mächtige Flügel⸗ „ hi nu der An⸗ an Por⸗ Treppen, den Be⸗ ng ange⸗ auptein⸗ ot denen ähnliche der Zeit hpartien, erbunde⸗ Portal alle, von n, eben⸗ nuſiciren⸗ nempor⸗ u, wenn wßrigt ngepſle⸗ elige 4 223 thüren in die hohen, geräumigen, aber wegen ihrer großen Tiefe und der Dicke der Pfeiler nur ſchlecht erleuchteten Zimmer. Die Decken waren mit Stuck verziert; ebenſo die mächtigen Kamine, die jedoch meiſt vermauert und durch moderne eiſerne Oefen erſetzt waren. Ueberhaupt zeigte das Haus eine ſeltſame Miſchung von alter Pracht und moderner Ele⸗ ganz, und nur an die Bequemlichkeit ſchien weder bei der einen noch bei der andern recht gedacht. Für den Gebrauch einer fürſtlichen Familie berechnet, waren die Räume für jeden Andern viel zu weitläufig; der Verkehr zwiſchen den einzelnen Theilen des Gebäudes war un⸗ bequem und umſtändlich; auch herrſchte auf den weiten Gängen, die ſich vielfach kreuzten, ein ewiger Zugwind, beſonders da das Ganze nur halb fertig war und einzelne Theile noch jetzt unter demſelben Nothdach und hinter derſelben breternen Verſchalung ſtanden, womit man ſie 224 vor langen Jahren geſchützt hatte, als der Bau plötzlich ins Stocken gerathen war. Es war nämlich damit gegangen wie mit dem ganzen Umbau der Stadt; die prinzliche Linie war zur Regierung gekommen und hatte den Ort verlaſſen, bevor das Palais, das bei den mäßigen Mitteln auch nur mäßig gefördert werden konnte, fertig geworden war. So nagte denn derſelbe Verfall, der die übrige Stadt zur modernen Ruine machte, auch an ſeinen mãch⸗ tigen Mauern. Zwar verhütete das ſolidere Material, aus dem dieſelben errichtet waren, daß der Verfall hier ſo raſch vor ſich ging wie an den leichtergebauten Bürgerhäuſern. Doch war er immer ſichtbar genug; der Sandſtein, der für das feuchte Klima ſchlecht geeignet war, hatte nicht nur zahlloſe Riſſe und Narben be⸗ kommen, ſondern er zeigte auch jene tiefgraue, faſt ſchwärzliche Färbung, der man die Feuch⸗ tigkeit und den Moder ſozuſagen ſchon anriecht der Bau wie mit prinzliche nd hatte das bei gefürdert zo nagte tadt zur n mich⸗ 5 ſolidere waren, ing wit Doch andſtein, net war, rben be⸗ fgrau e Fuch⸗ anriecht und die ſelbſt den Glanz des Sonnenlichts ver⸗ ſchluckt, ohne heller oder freundlicher davon zu werden. Die Verzierungen waren größtentheils verwittert; die Tugend hatte keine Naſe, die Gerechtigkeit keine Arme mehr; nur die Ketten zwiſchen den Fußgeſtellen, obſchon mit Roſt be⸗ deckt, waren unverſehrt geblieben und ärgerten mit ihren ſpitzen Stacheln die Gaſſenjungen, die ſich darauf ſchaukeln wollten, noch ganz ebenſo, wie ſie dieſelben vor hundert Jahren geärgert hatten. Allein noch häßlicher als dieſe Verfallenheit war das Halbfertige des Gebäudes. Nur die eine Hälfte des erſten Stockwerks war nach dem urſprünglichen Plan aus- und durchgeführt. Von der andern Hälfte hatten erſt die nackten Außenmauern geſtanden, als der Bau plötzlich eingeſtellt wurde. Da hatte man ſich denn ge⸗ holfen, wie man eben gekonnt hatte; die gro⸗ fen palaſtähnlichen Fenſteröffnungen waren ver⸗ 226 mauert worden bis auf dasjenige Maß, das bei gewöhnlichen Bürgerhäuſern üblich, und auch dies hatte man nicht immer gleichmäßig innegehalten; ein Fenſter war groß, eins klein, eins hoch und ſchmal, eins breit und niedrig; einige waren, um Raum zu Zwiſchenwänden und andern Einrichtungen zu gewinnen, auch wol ganz vermauert, was dieſer Seite des Ge⸗ bäudes ein höchſt triſtes und wunderliches An⸗ ſehen gab. Hier und da ragte auch eine eiſerne Eſſe, die man der Bequemlichkeit halber gleich nach der Straße hinausgeführt hatte, aus dem Gemäuer heraus; breite ſchwarze Streifen zeigten die Richtung, welche der Rauch zu nehmen pflegte. Im Innern des Gebäudes ſah es nicht viel tröſtlicher aus. Die Decken auf Gängen und Treppen waren zum Theil eingeſtürzt; an den Wänden der letztern ſickerte die Feuchtigkeit her⸗ unter und machte die Stufen ſchlüpfrig, ſowein aß, das ch, und ichmäßig ins klein, niedig; nwünden en, auch des Ge⸗ ches An⸗ ne eiſerne er gleich aus dem nzeigten nehmen nicht vil gen und n den gkeit he⸗ g, ſowel 227 ſie nicht mit Teppichen bedeckt waren. Die Vorhalle war urſprünglich mit Frescogemälden verziert geweſen; die Feuchtigkeit in dem dum⸗ pfen Gewölbe hatte den Kalk aber größtentheils abgelöſt, und es war halb grauſig, halb lächer⸗ lich zu ſehen, wie hier ein einzelnes rothes Ge⸗ wand, ein halbes Angeſicht oder ein in der Luft ſchwebender Arm von der zerbröckelnden Wand herniederſtarrte. Wo die zweite Hälfte des Stockwerks begann, hörten die breiten Gänge und Vorſäle plötzlich auf, und an ihre Stelle trat ein Gewirr von ſchmalen dunkeln Kam— mern und Buchten, alle aus Holz leicht zu⸗ ſammengeſchlagen und nur oberflächlich vom Maurer betüncht. Auch die Zimmer waren hier niedriger, und ſtatt der ſchönen hohen Flügel⸗ thüren behalf man ſich mit winzigen Eingän⸗ gen, die bald hier, bald da, wie die Gelegenheit es eben erfoderte, ohne Plan und Regelmäßig⸗ keit angebracht waren. 3 1 228 Das zweite Stockwerk war überhaupt noch nicht angefangen, als die Kataſtrophe eintrat. Man hatte ſich daher begnügt, nur ein leichtes Fachwerk aufzuſetzen, das zu Geſindekammern, Vorrathsböden und ähnlichen häuslichen Zwecken benutzt ward. Das Dach war gegen die Ge⸗ wohnheit der Gegend flach und leicht; man hatte vermuthlich an den Koſten ſparen wollen. — Der Hof war von maſſiven Stallungen und Remiſen eingeſchloſſen. Des verwilderten Gar⸗ tens, der ſich daran anſchloß, mit der Ausſicht auf den Muſikantenthurm, haben wir bereits gedacht. Wir haben noch hinzuzufügen, daß ſich neben dem verſtümmelten Apoll, ohne Zeige⸗ finger und ohne Lyra, ein gemauertes Baſſin befand, in welchem nach dem urſprünglichen Plan des Erbauers ein Waſſerſtrahl ſpielen ſollte. Allein den Regen abgerechnet, der vom Himmel hineinfiel, hatte es nie einen Tropfen Waſſer geſehen, und auch der reichte nur gerade 229 pt noch hin, um einer alten ehrwürdigen Krötenfamilie, einttat. die ſeit Menſchengedenken zwiſchen den Steinen leichtes niſtete, den Aufenthalt eben angenehm und zu⸗ mmern, träglich zu machen. Zwecken die Ge⸗ tz man wollen. en und n Gar⸗ lusſcht bereits n, daß 6 e Zeige Soſin nglichen ſpielen et om ktoyfin gerede Me Zweites Capitel. Wie man ein vornehmer Mann wird und bleibt. ko m Seltſam und ungleich, wie das Anſehen des w Gebäudes, war auch ſeine Geſchichte. Nachdem die prinzliche Hofhaltung die Stadt verlaſſen, w ſtand es lange Jahre völlig vereinſamt und d vergeſſen, bis es endlich einem ehemaligen Günſt⸗ E ling des Prinzen, dem frühern Kammerdirector n von Werther, zum Geſchenk gemacht ward. f Viele meinten damals, ein ſolches Geſchenk ſei mehr Laſt als Gnade: denn ein vornehmer Mann, wie der Kammerdirector, könne doch unmöglich in dem halbfertigen Hauſe wohnen, während die Inſtandſetzung deſſelben große Sum⸗ bleibt ſchen des Nachdem verlaſſen, mt und nGünſ⸗ erdirecthr t ward. ſcherk ſü ornehmet unt doch wohnen ſe Sun⸗ men erfodere, welche der als ſparſam bekannte und überdies kinderloſe Mann ſchwerlich Luſt haben würde aufzuwenden. Ja man wollte wiſſen, daß dies die eigentliche Abſicht bei dem Geſchenk geweſen; es war mehr ein Ge⸗ ſchenk des Haſſes geweſen als der Gnade, der koſtſpielige Ausbau ſollte den Kammerdirector ruiniren, ſodaß er darüber zum armen Manne würde. Indeſſen, wenn ſolche geheimen Abſichten wirklich vorhanden geweſen waren, ſo machte der Kammerdirector ſie gründlich zuſchanden. Er bezog das Haus wie es daſtand, ließ wüſt was wüſt war, und richtete ſich dafür in dem fertigen Theile, der auch für ihn vollkommen ausreichte, mit ſoviel Behaglichkeit ein und ſo⸗ gar mit ſoviel Luxus— Alles nach Maßſtab der damaligen Zeit— daß man wohl merkte, der Mann ſei doch nicht ſo knauſerig wie man gedacht. Und da er, wie zur Beſtätigung dieſer 232 guten Meinung, nicht lange danach auch an⸗ fing, zahlreiche und glänzende Geſellſchaften bei ſich zu ſehen, ſo war der Ruf des Hauſes bald wiederhergeſtellt; man aß vortrefflich, trank noch beſſer, ſcherzte mit den Damen, ſpielte hohe Spiele, lachte über die ſaftigen Scherze des Wirths, und hatte darüber natürlich keine Zeit, die eingefallenen Plafonds der Gänge und Vor⸗ ſäle, die düſtern Treppen und das Rumpelwerk zu bemerken, das den andern Flügel des Hau⸗ ſes entſtellte. Viele verſicherten ſogar, ſie wür⸗ den ſich ohne dieſes nicht halb ſo behaglich bei dem alten Kammerdirector fühlen; gerade der Widerſpruch zwiſchen Wohnlichkeit und Verfall, zwiſchen Pracht und Verwilderung, mache den Aufenthalt in dem alten Hauſe ſo angenehm; habe man den wüſten Eingang einmal hinter ſich, ſo kämen Einem die hohen ſchöndecorirten Zimmer mit den weichen Teppichen und den alten ſchweren Tapeten noch einmal ſo heimlich —————————— 233 uch an⸗ nnd behaglich vor. Und endlich— was die ſten bei Hauptſache ſei— der Kammerdirector habe ſes bald doch ſein ſchönes blankes Geld behalten; für ank noch wen er wol habe bauen ſollen, als höchſtens lte hohe für lachende Erben? etze des Ueberhaupt galt der alte Herr für einen eine Zeit, durchtriebenen Schalk; wer dem eine Naſe dre⸗ nd Vor⸗ hen wollte, der mußte früh aufſtehen. Auch npelwert war ſeine Laufbahn merkwürdig genug und es Hau⸗ zeigte jedenfalls von eigenthümlichen Talenten. ſe 5 Trotz Reichthum und Wappen, war er urſprüng⸗ ich hei lich eines Bauern Sohn; Andere behaupteten de de ſogar, ſein Vater ſei Viehhirt geweſen, und Lufil. zwar auf demſelben, allerdings ſehr verſchuldeten che den Gute, deſſen einzige Tochter und Erbin der guchn Sohn des Viehhirten ſpäter als Gemahlin hinn heimführte. Thatſache war, daß er, ein jun⸗ winn ger hübſcher Burſche von achtzehn Jahren, als ud dn Lakai zu dem Prinzen gekommen war, der da⸗ mals noch ſeine Reſidenz in der Stadt hatte. himi —— ————— 234 Ueber die Dienſte, durch welche er ſich bei ſei⸗ nem Herrn ſo beliebt gemacht hatte, gingen verſchiedene, zum Theil ſehr unſaubere Gerüchte. Genug, als der Prinz an das Regiment kam, wurde der ehemalige Lakai, der inzwiſchen ſchon die Würde eines Oberkammerdieners erlangt hatte, in die Hauptſtadt mitgenommen: und hier ſtieg er nun von Stufe zu Stufe, mit ſolcher Schnelligkeit, daß er bereits als ange⸗ hender Dreißiger nobilitirt, decorirt und zum Director der zahlreichen Chatoullengüter ernannt war. Ueber die Art und Weiſe, wie er dieſen letztern Poſten verwaltete, wurde Manches ge⸗ munkelt; jedenfalls wurde er ſelbſt zum reichen Mann dabei, und das ſchien auch die Abſicht ſeines fürſtlichen Gebieters zu ſein, der beide Augen feſt zudrückte und alle Vorſtellungen und Juflüſterungen, die ihm in Betreff ſeines Kam⸗ merdirectors gemacht wurden, ein für alle mal zurückwies. Mit ſeiner Gemahlin hatte der bei ſei⸗ neue Herr von Werther, wie geſagt, nur ein gingen ſtarkverſchuldetes Gut erheirathet. Doch wußte Grrüchte. ſein praktiſches Genie daſſelbe bald ſo zu ver⸗ nent kam, beſſern und in Stand zu ſetzen, daß er es nach hen ſchon wenigen Jahren mit großem Vortheil verkaufte 3 erlangt und dafür andere größere Güter erſtand, mit nen: und denen er dann in ähnlicher Weiſe verfuhr. tufe, nit Die Ehe ſelbſt war wol nicht beſonders als ange⸗ glücklich, worunter indeſſen Niemand litt, da und zum ſie ohne Kinder blieb und weder Mann noch rernannt Frau das Bedürfniß einer glücklichen Häus⸗ er dieſen lichkeit verſpürten. Die Frau war ſehr ahnen— nches ge ſtolz; nur die äußerſte Noth, verbunden mit n nichen dem ausdrücklichen Wunſch des Fürſten, hatte ie Vſcht ſie veranlaſſen können, dem Sohne des Vieh⸗ der büde hirten ihre Hand zu reichen. Auch rückte ſie ngn und ihrem Gemahl das Opfer, das ſie ihm damit ns hon⸗ gebracht hatte, häufig vor, ſelbſt in Gegenwart de nal dritter Perſonen, die dann alle mal Gelegenheit hunt der hatten, das kalte Blut und den eigenthümlichen 236 Humor des Kammerdirectors zu bewundern. Denn mit jenem ſardoniſchen Lächeln, das ihm überhaupt eigen war und ſein ſonſt wohlgebil⸗ detes Geſicht ſeltſam verunſtaltete, ſtimmte er den Vorwürfen ſeiner Gemahlin jedesmal bei; es ſei unverantwortlich von ihm, allerdings, daß er das arme, verlaſſene Landfräulein zu einer reichen vornehmen Frau gemacht; ob ſie die lieben Vettern denn nicht einmal wieder be⸗ ſuchen wolle auf ihren verfallenen Schlöſſern, wo der Wind mit den Mäuſen um die Wette pfiffe, und ſich am Anblick der großmächtigen Stamm⸗ bäume und der Küchen ohne Feuer erfreuen? Der letztere Vorwurf war nur allzu begrün⸗ det; die Verwandtſchaft der Frau war weit⸗ läufig und vom älteſten Adel, aber blütarm. Der Kammerdirector hatte alle Hände voll zu thun und bedurfte ſeines ganzen ſehr ausge⸗ dehnten Einfluſſes, die hungrigen Vettern in fremden Dienſten, vornehmlich als Oſffiziere, wa de ſei ſo ſiß no hä li nie die in ic wundern. dus ihm wohlgebil⸗ iimmte et zmal bei; ings, daß zu einer b ſie die ieder be⸗ ſſern, wo tte yfift. Stamm⸗ fruen? n berin⸗ war weit⸗ hlitarn. e voll zu hr ausge otern in Offjikrt⸗ 237 unterzubringen und ſich dadurch von der Laſt ihrer Unterſtützung zu befreien. Denn das ge⸗ hörte zu der Politik des ſeltſamen Mannes und war mit ein Hauptgrund des ehelichen Unfrie⸗ dens: er duldete Niemand von der Familie ſeiner Frau in der Nähe; mußte er helfen, gut, ſo half er: aber nur unter der Bedingung, daß ihm die Ehre der perſönlichen Bekanntſchaft er⸗ ſpart blieb. Endlich löſte der Tod das eheliche Zerwürf⸗ niß; die Frau ſtarb, und bald darauf erfolgte noch ein zweiter Todesfall, durch den die Ver⸗ hältniſſe des Kammerdirectors noch weit weſent⸗ licher verändert wurden. Nämlich der Tod des regierenden Fürſten. Der Günſtling des abtretenden Fürſten wird nie der Günſtling des Nachfolgers werden; in dieſem Fall erwartete man im Publicum ſogar eine Kataſtrophe, durch welche, wenn ſie wirk⸗ lich eintrat, das raſchaufgeblühte Glück des kühnen Emporkömmlings zerſchmolzen ſein wurde wie Schnee an der Sonne. Allein Herr von Werther kam allen derartigen Eventualitäten zuvor; er legte ſofort ſeine ſämmtlichen Aemter und Würden nieder, überlieferte eine beträcht⸗ liche Summe, die der Verſtorbene ihm angeblich in Verwahrung gegeben hatte und von der außer ihm Niemand wußte, in die Hände des Nachfolgers, und bat um die Erlaubniß, ſich vom Hofe zurückziehen zu dürfen. Der neue Regent nahm dieſen Entſchluß ſehr gnädig auf; Herr von Werther behielt ſeinen Adel, ſeine Titel und Orden und erhielt ſogar als Zeichen der fürſtlichen Gunſt jenes alte halbfertige Pa⸗ lais zum Geſchenk, das wir vorhin geſchildert haben. Es waren das gleich zwei Fliegen mit Einer Klappe: das alte Schloß hatte einen Herrn, der es wenigſtens vor dem weitern Verfall ſchutzen mußte, und nebenher wußte man den geſtürzten Günſtling an einem ſichern Fleck, wo nwurde err von alitäten nemter heträcht⸗ angeblich von der ände des niß, ſich er neue dig uf l, ſein 6Zrichen rtige Po giſhider icgen nit en Hertn, 1Vorl non den Fle, wo er hübſch weit von der Hauptſtadt war und man von ſeinen Intriguen und Machinationen nichts zu fürchten hatte.— Er ſelbſt war ein viel zu guter Hofmann, um ſich irgendeinen Verdruß anmerken zu laſſen; auch hatte er ſein Schäfchen im Trockenen. So machte er denn noch erſt eine große Reiſe durch Europa, auf der ihn jedoch hauptſächlich nur die Wirths⸗ und Freudenhäuſer intereſſirten, und zog ſich dann, vielleicht ein wenig gerupft, aber in der Hauptſache unbeſchädigt, in die Einſamkeit ſei⸗ nes neuen Beſitzthums zurück. Drittes Capitel. Die ſchönen Schweſtern. Doch ſollte daſſelbe bald aufhören einſam zu ſein. Gleich als ob er zeigen wollte, daß ihm die eigentlichen Schwungfedern doch noch geblie⸗ ben, entfaltete der Kammerdirector, der bisjetzt als knauſerig und ungeſellig verrufen war, in dem alten wüſten Hauſe eine Geſelligkeit, die daſſelbe bald zum erſten der Stadt machte. Sehr ausgewählt freilich war dieſe Geſellig⸗ keit nicht. Trotz ſeines langen Hoflebens und trotz ſeiner Reiſen hatte der Kammerdirector merkwürdig rauhe, grobe Manieren, beſonders gegen ſeine Gäſte. Es war unglaublich, was inſam zu daß ihm ch gebli⸗ r bisjetzt war, in gkiit, di machte Geſellg⸗ bens und uerdirector beſonder ſch, was 241 er ihnen mitunter für Dinge ſagte; Reichthum, Rang und Schlauigkeit konnten ihr Ueberge⸗ wicht auf keine ſchroffere und demüthigendere Weiſe geltend machen als es von dem alten Kammerdirector geſchah. Er war der eigentliche Tyrann der Geſellſchaft; was ihm einfiel, mußte geſchehen, wen er auszeichnete, deſſen Glück war gemacht, wem er den Rücken kehrte, der war auch ſofort von allen Seiten verlaſſen. Selbſt die ſchönſten und feinſten Frauen hatten für ihn jederzeit ein ganz beſonders anmuthiges Lächeln in Bereitſchaft, obwol der alte Faun ſeine groben Manieren gerade im Umgang mit Frauen am deutlichſten herauskehrte; das größte Vergnügen war ihm, junge Mädchen ſchamroth zu machen, und wo ſolch ein unſauberer Witz gezündet hatte, da rieb er alle mal die Hände ſo behaglich und ſtieß ſolch vergnügtes heiſeres Lachen aus, als ob ihm das größte Glück des Lebens paſſirt wäre. Allein was mehr? Der Der Muſikantenthurm. I. 11 — 22 Kammerdirector war reich, ſehr reich, ſein Tiſch gut, ſehr gut, und in dem langweiligen Neſte mußte man ja Gott danken, daß es überhaupt noch ſolch gaſtfreies Haus gab. Auch wußte Niemand, wer ihn beerben würde; das machte ihn noch ein gut Stück intereſſanter. Mit der Zeit indeſſen fing den Kammer⸗ director ſeine eigene Gaſtfreiheit zu langweilen anz es waren immer dieſelben Geſichter, immer dieſelben Geſpräche, und ſogar die Equivoquen und Witze waren allmälig abgebraucht. Der Kammerdirector war, wie wir wiſſen, ein ſchlauer Mann, der jedes Verhältniß leicht und ſicher durchſchaute; er überzeugte ſich, daß in ſeine Geſellſchaft ein neues Blut kommen müſſe. Auch kam er nachgerade in die Jahre, und trotz ſeiner herculiſchen Geſundheit blieben die Be⸗ ſchwerden des Alters doch nicht völlig aus; er brauchte Jemand, der die Honneurs des Hau⸗ ſes für ihn machte und die Geſellſchaft unter⸗ ein Tiſch en Reſte berhaupt h wußte ts machte Kammer angweilen er, immer uivoguen ht. Der ſchlauet nd ſicher in ſine n niſſ und mt die Be⸗ ausj tt des Hal⸗ ſt untr 243 hielt und anregte, wenn er ſelbſt ſich verdroſſen und abgeſpannt fühlte. Nun lebte zwar in derſelben Stadt ein Vet⸗ ter von ihm, ein weitläufiger Verwandter ſeiner verſtorbenen Frau; er ſelbſt hatte keine Ver⸗ wandte. Der junge Mann, der ſich dem Staats⸗ dienſt widmete, arbeitete bei dem dortigen Ge⸗ richt, und da der Kammerdirector ſeinen amt⸗ lichen Einfluß längſt verloren hatte und keine Vettern mehr ſchicken konnte, wie und wohin er wollte, ſo hatte er ſich die Anweſenheit des jungen Mannes ſchon müſſen gefallen laſſen. Auch war es ein anſpruchloſer, ſtiller junger Menſch, der dem alten Herrn mit ſo viel Er— gebenheit entgegengekommen war und ſo viel praktiſches Geſchick bezeigte— das Einzige, wo⸗ vor der Kammerdirector eine gewiſſe Achtung hatte— daß er ihn zu allerhand kleinen Dien⸗ ſten benützte und ihm auch den Zutritt in ſeine Geſellſchaften verſtattete. Und auch hier war 24 ½ der junge Mann ganz an ſeinem Fleck; wo eine Gruppe zuſammentrat, ging er aus dem Wege, und wo Einer alleinſtand, knüpfte er ein Ge⸗ ſpräch mit ihm an; war die Geſellſchaft luſtig, ſo ſchwieg er und lächelte nur ganz beſcheiden, beſonders bei den Späßen des Kammerdirectors; war ſie aber flau und verdroſſen, ſo wußte er mit ſeiner leiſen dünnen Stimme ſolche aller⸗ liebſte Fragen zu ſtellen und Antworten her— vorzulocken, daß bald wieder die heiterſte Unter⸗ haltung im Gange war. Inſoweit wäre der junge Vetter— es iſt derſelbe, den wir als Präſidenten von Steinfurt bercits nennen gehört haben— alſo ſchon ganz geeignet geweſen, den alten Kammerdirector bei der Geſellſchaft zu vertreten und die Pflichten des Wirths wahrzunehmen. Allein der gute junge Menſch hatte bei alledem einen großen Fehler: er war eine Mannsperſon— und der Kammerdirector ein viel zu alter Praktikus, um wo eine m Wege, in Ge⸗ ſt luſtig, eſcheden, dirertors; wußte er ſche alle⸗ rten her⸗ ſte Unter⸗ — iſt Steinfurt chon gan ſectr bi yfichten der gute n gwßen und der titus, un 245 nicht zu wiſſen, daß ein Haus erſt dann wahr⸗ haft angenehm wird, wenn weibliche Anmuth es verwaltet. Zu einer zweiten Ehe zu ſchrei⸗ ten war er nicht blos zu alt, ſondern auch viel zu klug; er wollte ein hübſches Geſicht im Hauſe haben, wie er ſeidene Tapeten, bronzene Uhren und chineſiſche Pagoden hatte: zur beſſern De⸗ corirung ſeiner Zimmer und ohne daß daraus irgendein Anſpruch an ſein Herz oder über⸗ haupt an ſeine Theilnahme abgeleitet werden konnte. Da war es denn eine höchſt vergnügte Stunde, als ihm eines Tags einfiel—(wie⸗ wol er ſich, die Wahrheit zu ſagen, nur ein⸗ bildete, daß es ihm einfiel: der junge ſtille Vet⸗ ter hatte ſo lange gebohrt und gewinkt und nahegelegt und zu verſtehen gegeben, daß es ihm wol einfallen mußte)— es war, ſage ich, eine höchſt vergnügte Stunde für den alten Herrn, als ihm eines Tags einfiel, daß ja noch ein paar Großnichten ſeiner verſtorbenen Frau lebten, ein paar blutjunge, aber, wie er aus ſicherer Quelle wußte, bildhübſche Mädchen, ebenfalls ein paar Fräulein von Steinfurt und gerade ſo arm und abhängig wie die ganze Steinfurt'ſche Familie. Er beſchloß ſie zu ſich kommen zu laſſen, Eine nach der Andern, und welche ihm dann am beſten gefallen würde, die wollte er behalten. In der nächſten ſchlafloſen Nacht aber— er litt gerade am Zipperlein und hätte ſeine Gäſte, durch die er ſich zu dem ver⸗ wünſchten Rheinwein verleiten laſſen, am lieb⸗ ſten einzeln aufgehängt— überlegte er es ſich, welche Eiferſucht und welche Intriguen das zwi⸗ ſchen den beiden jungen Mädchen geben müßte, wenn er ſie beide zugleich kommen ließe; er malte ſich lebhaft aus, welchen Spaß er davon haben müßte und wie die kleinen ſchmucken Aeffinnen ihm um den Bart gehen und ſich niedlich machen würden, Jede in der Hoffnung, — ſtorbenen wie er Nidchen, furt und die genze ſe zu ſch etn, und ürde, die chlafloſen rlein und dem ver⸗ am licb⸗ 5 e ſch, das zwi⸗ nmüßte, ließe; er er davon ſchmucken und ſih offnung, 247 die Auserwählte zu ſein. Auch waren ſie Wai⸗ ſen und hatten, den jungen Vetter ausgenom⸗ men, keinen Anhang weiter; er brauchte nicht zu fürchten, ſich das Haus voll hungriger Ver⸗ wandtſchaft zu ziehen, ſelbſt wenn er die Mäd⸗ chen alle beide behielt. Und ſo kam es denn auch wirklich. Ulrike und Klara von Steinfurt waren Beide ſo ſchön und ſo liebreizend, daß es in der That ſchwerfiel, zwiſchen ihnen zu wählen, und der alte Herr, da er es ja ſo haben konnte, jedenfalls am beſten that, beide Perlen, ſo ſtrahlend von Glanz und Schönheit, in die dunkle Faſſung ſeines alten düſtern Hauſes einzurahmen. Gleichwol war ihre Schönheit“ von ſehr ver⸗ ſchiedener Art. Ulrike, die Aeltere, war groß und ſchlank gebaut; ihre ſchwarzen Augen brannten wie Kohlen, um den feinen gewölbten Mund ſpielten Muthwillen und Heiterkeit; die üppigen Formen leuchteten von Geſundheit und Friſche. 248 Mit Einem Wort: es war eine ſtolze, heraus⸗ fodernde Schönheit, und ſtolz und herausfodernd war auch ihr Benehmen, ſelbſt gegen den alten Oheim, wie ſie den Kammerdirector nannten. Doch war mit dieſem Stolz zugleich ſo viel Liebreiz verbunden und eine ſolche unwiderſteh⸗ liche herzbeſtrickende Anmuth, daß der alte Sün⸗ der ſein größtes Behagen daran hatte und den ſchnippiſchen Reden der jungen ſtolzen Schönen mit einer Geduld und einer Willfährigkeit lauſchte, die ſich zwar nur immer auf höchſt gleichgültige und geringe Gegenſtände, ein neues Kleid, einen Ball oder Dergleichen erſtreckte, aber doch dem ganzen Verkehr einen höchſt heitern und liebens⸗ würdigen Anſtrich gab. Von ganz anderer Gattung war die Schön⸗ heit der jüngern Schweſter, Klara; was Ulrike im Sturm eroberte, das gewann ſie durch ſtille überredende Sanftmuth. Auch waren ihre feuch⸗ ten blauen Augen, zu denen das Gold der lan⸗ eraus⸗ odernd nalten nnten. ſo viel derſtch⸗ e Sün⸗ nd den chönen uſſchte, gültige „einen ch dem iebens⸗ Schön⸗ Ulrike h ſtile fruch⸗ er lun⸗ gen blonden Locken ſo vortrefflich ſtand, nicht minder ſchön und auch nicht minder verführe⸗ riſch als die ſchwarzen Sonnen der Schweſter. Sie ſprach weniger und war überhaupt zurück⸗ haltender als Ulrike; dafür war aber Alles, was Klara that und ſagte, von einem ſtillen, ſehnſüchtigen Zauber umgoſſen, der ſich auch neben Ulrike's glanzvoller Erſcheinung ſiegreich behauptete. Selbſt der alte Oheim, wenn er ſich mit Ulriken müdegeneckt und gelacht hatte, erholte ſich gern an der ſanften Stimme und dem ſchmachtenden, träumeriſchen Weſen der Schweſter. Mit zwei ſolchen jungen Schönheiten an der Spitze wurde das Haus des Kammerdirec⸗ tors denn natürlich bald ein ganz anderes; die Geſellſchaften wurden belebter, man ſaß nicht mehr ſo lange beim Spiel, die Anekdoten waren witziger(ob anſtändiger, verſchweigt die Ge⸗ 11** 250 ſchichte), und ſelbſt der Champagner war als ob er beſſer ſchäumte und brodelte. Die ältern Damen aus der Stadt, die bis dahin den Vor⸗ ſitz in den Salons des Kammerdirectors geführt hatten, machten zwar anfangs eine etwas ſaure Miene, als ſie ſich von den ſchönen Eindring⸗ lingen ſo auf einmal entthront ſahen. Allein theils war der Kammerdirector nicht der Mann, auf ſo etwas zu achten, theils war der Liebreiz der beiden jungen Mädchen wirklich ſo groß und ſo unwiderſtehlich, daß ſelbſt die Neben⸗ buhlerinnen ſich davon ergriffen fühlten.— Die Männerwelt war natürlich ganz weg; war eine Einladung zum Kammerdirector ſchon immer eine Auszeichnung geweſen, ſo riß man ſich jetzt förmlich darum, blos um das Glück zu haben, in der Nähe der ſchönen Schweſtern zu ſein und vielleicht ein Wort, einen Blick, ein Kopfneigen von ihnen zu erhaſchen. Denn ſo⸗ wenig der alte Herr ſelbſt in Geſellſchaften war als ie ältern en Vor⸗ geführt as ſuure indring⸗ Allein Mann, Licbreß ſo groß Neben⸗ Me var eine immer n ſih lück zu ſtern zu ick, ein enn ſo⸗ ſchaften 251 ging, ſondern er verſammelte ſeine Bekannten immer nur bei ſich, ſowenig erlaubte er auch den beiden Nichten andere Häuſer zu beſuchen. Er hatte ſie eben für ſich kommen laſſen, der alte Schlaukopf; ihm zur Augenweide leuchteten dieſe Wangen, ſtrahlten dieſe Augen, rauſchten dieſe ſeidenen Gewänder und glänzte dieſes Ge⸗ ſchmeide, womit er ſie freigebig beſchenkte; wer ſie bewundern wollte, mußte es wenigſtens unter ſeinen Augen thun und dafür ſo unterhaltend ſein und ſo kurzweilig, wie nur irgend in ſei⸗ nen Kräften ſtand. Vielleicht erwartet man, daß der junge Vet⸗ ter ſich dieſe Gelegenheit zunutze gemacht und bei den ſchönen Couſinen Hahn im Korbe ge⸗ ſpielt haben wird. Aber nein, dazu war der viel zu beſcheiden und wußte viel zu ſehr, welche Stellung ihm im Hauſe des Kammerdirectors gebührte. Er ſtand wol hinter ihrem Stuhl, hielt ihnen Tuch und Schleier, aber immer nur, 252 wenn kein Anderer auf dieſe Auszeichnung An⸗ l ſpruch machte, was ſich denn ſelten genug er⸗ un eignete. Auch erlaubte er ſich wol, wenn ſie allein waren, ihnen dieſen oder jenen Wink zu ſi geben, dieſe oder jene geſellſchaftlichen Verhält⸗ ſt niſſe betreffend, am meiſten über den alten a Oheim und ſeine Eigenheiten, die Keiner ſo gründlich ſtudirt hatte und ſo gut zu nehmen ſ wußte wie der kleine unanſehnliche Rechtsprak⸗ tikant.„Wir ſtehen hier“, pflegte er in ſolchen vertraulichen Stunden zu ſagen,„wir ſtehen hier, meine theuern Couſinen, auf einem höchſt e gefährlichen Boden; unſer alter Oheim, der wür⸗ dige Mann, iſt unergründlich wie die See; neh⸗ men wir uns in Acht, daß wir nicht eines ſchö⸗ nen Tags hineinplumpen und uns wie der er⸗. wachte Schläfer im dünnen Kattunröckchen bei Kartoffeln und Buttermilch und Buttermilch und Kartoffeln wiederfinden.“—„Nein, nein, nur nicht das!“ rief dann die lebhafte Ulrike: 7 —— —— alten et ſo hmen zpral⸗ olchen tehen öchſt wür⸗ nh⸗ ſchö⸗ er el⸗ en bei milch nein, lrike „lieber ſterben als wieder in die alte Armuth und Noth verſinken, wo der Menſch nicht aus der Angſt herauskommt und ſich ordentlich be⸗ ſinnen muß, ob er ſeine Rinde Brot heute eſſen ſoll oder morgen!“ Und auch die ſanfte Klara erklärte mit großem Nachdruck, daß ſie ſich allerdings ſehr unglücklich fühlen würde, falls ſie jemals wieder in ihre frühere Dürftigkeit zurückkehren ſollte; die plumpen Späße des Onkels ſeien ihr zwar ſehr verdrießlich, allein um den Preis wolle ſie gern noch Schlimmeres erdulden. Die beiden jungen Mädchen hatten eben frühzeitig kennen gelernt, was das heißt, mit einem alten Namen und vornehmen An— ſprüchen doch nur auf das Mitleid fremder Leute angewieſen zu ſein; hier bezahlten ſie we⸗ nigſtens, was ſie empfingen— bezahlten es durch ihren Liebreiz und den Zauber, den ſie auf den alten Oheim übten und den ſie ſich daher auch unter allen Umſtänden bewahren mußten. 254 Der junge beſcheidene Vetter pflegte dann wol noch hinzuzufügen, in einem Tone, von dem ſich nicht ſagen ließ, ob er Ernſt war oder Scherz:„Sie können denken, meine ſchönen Cou⸗ ſinen, wie mir das Herz blutet, daß unter die⸗ ſer Schar von Anbetern, die Sie an Ihren Triumphwagen ſchmieden, ich allein mit nüch⸗ ternem Kopf und kaltem Herzen daſtehen ſoll. Allein Kälte und Nüchternheit— laſſen Sie es ſich geſagt ſein, ſchöne Couſinen, und beſonders Sie, reizende Ulrike, in Ihrem ſchönen, liebens⸗ würdigen Uebermuth— Kälte und Nüchtern⸗ heit ſind das Hauptſächlichſte, was wir auf die⸗ ſem Boden brauchen, wenn wir nicht unver⸗ muthet fallen wollen, und zwar fallen, ohne wiederaufzuſtehen. Was man hier am heiße⸗ ſten wünſcht, dagegen muß man ſich am gleich⸗ gültigſten ſtellen; der Oheim iſt alt, ſein Ver⸗ mögen groß, Erben hat er nicht— mehr brauche ich ſo ſcharfſinnigen Damen, wie meine ſchönen dann e, von ar oder en Cou⸗ ter dir⸗ Ihren it nüch⸗ en ſol. Sie e ſonders iebens⸗ üchtern⸗ auf die⸗ unet⸗ n, ohne nheiße in Ver braucht ſchönen 255 Couſinen ſind, nicht zu ſagen. Ich ſelbſt“, fuhr er fort, indem er ſich mit der Hand durch die dünnen blonden Haare ſtrich und die Augen auf die Fußſpitzen heftete,„habe jedem Anſpruch auf Glück entſagt, ich will mich nur ſonnen im Glück meiner ſchönen Couſinen; auch dem Glück, um Ihre Gunſt zu ringen, habe ich ent⸗ ſagt und werde reichlich belohnt ſein, wenn Sie mir nur zuweilen die Rolle des Freundes, des Rathgebers verſtatten— eine undankbare, eine klägliche Rolle, ich weiß es, aber doch diejenige, meine ſchönen Couſinen, bei der wir alle Drei am beſten fahren.“ Die ſchönen Couſinen lachten dann zwar ge⸗ wöhnlich und meinten, ſie trügen nach der Zärt⸗ lichkeit des klugen Vetters auch noch gar kein Verlangen; in der Stille aber geſtanden ſie ſich, daß er doch wol Recht habe und daß er über⸗ haupt viel klüger ſei, als man dem kleinen blaſſen Männchen anſehe. ei w Viertes Capitel. Liebesgeſchichten. Und wirklich hatte es ſeine Gefahren, den ſchönen Schweſtern den Hof zu machen; war es ſchon nicht leicht, im Feuer ihrer Blicke zu ſtehen, ſo war es noch viel ſchwerer, den Argus⸗ augen zu entgehen, mit welchen der alte Kam⸗ merdirector ſie bewachte. Daß ſie Anbeter hat⸗ ten und zahlreiche Anbeter, war ihm ſchon ganz recht; es ſchmeichelte ſeiner Eitelkeit und ergötzte zugleich ſeine Schadenfreude. Denn ſowie einer der Anbeter nur von weitem Miene machte, das Verhältniß etwas ernſthafter zu nehmen und wol gar ſogenannte ſolide Abſichten merken zu n, den nz wat Argls⸗ e Kam⸗ ter hat on gol ergöttt vie eintt hte, das nen und erken zu 257 laſſen, ſo trat der alte Herr ſofort wie mit einem zweiſchneidigen Schwerte dazwiſchen. Es war gerade umgekehrt, wie wol ſonſt in der Welt: eine Liebelei, die zu nichts führte, ließ er paſſiren, aber eine ernſte und ehrliche Leiden⸗ ſchaft war ihm ein Gräuel. Die Peſt auf den Ernſt und die Eyrlichkeit! Sollte er die jun⸗ gen Mädchen darum in ſein Haus genommen und herausſtaffirt haben wie die Puppen, daß nun ein Anderer käme und ſie ihm vor der Naſe wegfiſchte? Er mußte ſich mit dem An⸗ blick der ſüßen Frucht begnügen, und ein An⸗ derer ſollte ſie brechen? Nimmermehr! Gegen die Courmacher konnte er Nachſicht haben, die kamen und gingen: aber die Heirathscandidaten, die fanden keine Gnade. Die achtbarſten jun— gen Männer der Stadt, mit den beſten Ab⸗ und Ausſichten, knurrte er an und biß ſie weg mit ſchnöden Redensarten, ſowie er merkte, daß ſich da möglicherweiſe etwas mehr anſpinnen 258 könne als eine vorübergehende Bekanntſchaft. Die beiden jungen Schönen ſollten ihn unter⸗ halten, ihn pflegen und warten, aber nicht hei⸗ rathen und überhaupt für Niemand anders da ſein als für ihn; er hatte ſie aus Armuth und Dunkelheit hervorgehoben, gab ihnen Wohnung und Koſt, ſchöne Kleider und köſtliches Ge⸗ ſchmeide, veranſtaltete Bälle und Féten, wo ſie tanzen konnten und ſich die Cour machen laſſen nach Herzensluſt— aber dafür waren ſie nun auch ſein Eigenthum mit Leib und Seele, und wehe Dem, der es ihm antaſten wollte! Hatte der ſtille beſcheidene Vetter ſchon früher ſein Wohlgefallen erregt, ſo erwarb er ſich jetzt durch die verſtändige Zurückhaltung, die er gegen die jungen Mädchen beobachtete, ſeine ungetheilte Achtung. Das war doch noch ein Menſch, trotz ſeiner Jugend, der verſtand zu leben und wußte, was ſich für jeden Stand und jedes Verhältniß ſchickt; es wäre gut geweſen, die andern jun⸗ ntſchaft. n unter⸗ icht hei⸗ nders da uth und Wohnung ches Ge⸗ wo ſi en laſſen ſie nun le, und Hatte ihet ſin ett durch egen di ngecheilt ſch, tot. d wußte echiltniß dern jun⸗ 259 gen Springinsfelde hätten es ebenſo gemacht, ſo hätte der alte Herr ſeinen Burgunder mit mehr Ruhe trinken können. Die Folgen dieſes wunderlichen Verhältniſſes konnten natürlich nicht lange ausbleiben; wo man immer nur Courmacher haben will, da bleiben die Heirathscandidaten bald von ſelbſt weg. Die beiden Schweſtern waren noch immer die gefeierten Schönheiten der Stadt, aber ſie wurden auch niemals mehr; die Männerwelt tanzte und lachte, neckte und intriguirte mit ihnen, aber damit war es auch zu Ende; ohne Koketten zu ſein oder wenigſtens ohne es ſein zu wollen, kamen ſie doch in den allgemeinen Ruf der Koketterie— und das war es eben, was der alte Egoiſt beabſichtigt hatte.— Die Mädchen ſelbſt waren, wie wir gehört haben, jung und ſchön; ſie genoſſen den Augenblick und machten ſich wegen der Zukunft keine Gedanken. Erſt da ihr Herz anfing mitzuſprechen, fanden ſie die Politik des Oheims ebenſo unbequem wie abſcheulich. Und die Herzen ſprachen ſehr bald und ſehr laut. Wiewol die Stadt ſchon damals in kei⸗ nem beſondern Rufe ſtand, war ſie doch zu jener Zeit noch nicht halb ſo langweilig wie ſpäter. Namentlich hatte ſie damals noch ein Huſarenregiment in Garniſon; die jungen flot⸗ ten Offiziere deſſelben ſpielten, wie man ſich leicht denken kann, die erſte Rolle in der Ge⸗ ſellſchaft. Auch bei dem alten Kammerdirector gingen ſie aus und ein; Huſarenoffiziere machen ſich in der Regel mit ſoliden Abſichten nicht viel zu ſchaffen, und ſo waren ſie denn eben die richtige Geſellſchaft für die Abſichten des alten Herrn. Allein wer kann für Unglück? Gerade zu jener Zeit fügte es das Schickſal, daß ſich unter dem Offiziercorps des Regiments zwei junge Männer befanden, die zu den ſonſtigen Requi⸗ nbequem doch ju eilig wie noch ein gen ſlot⸗ man ſih det Ge⸗ erdirector e machen ten nicht enn cben 6 ſchten des Ferade. ſich unte wei jngt en Renur 261 ſiten eines ordentlichen Huſarenoffiziers, als da ſind: zwei feurige Augen, ein lockiger Schnurr⸗ bart, viel Verwegenheit und noch weit mehr Schulden, auch die ſeltene und unerhörte Eigen⸗ ſchaft hatten, treu und aufrichtig zu lieben. Und zwar fügte das Schickſal es weiter, daß ihre Liebe ſich auf die beiden ſchönen Schweſtern richtete und daß auch dieſe nicht ungerührt da⸗ von blieben. Die Art und Weiſe, wie das ge⸗ ſchah, war höchſt merkwürdig und ein neuer Be— weis dafür, daß die entgegengeſetzteſten Naturen ſich gerade am heftigſten anziehen. Die ſtolze, hochfahrende Ulrike wurde von den ſchmachten⸗ den Blicken gerührt, mit denen Hugo von Schwarzenfeld ſie verfolgte, ein treues deutſches Blut, das für einen Huſaren beinahe zu treu und ehrlich war, während die ſanfte, ſchmach⸗ tende Klara ihr Herz an einen jungen feurigen Franzoſen verlor, Hippolyt von Froideville, der beim Ausbruch der Revolution emigrirt und in 262 fremde Dienſte getreten war. Beide hatten außer ihrem Ueberfluß an Liebe nur noch einen großen Mangel an Geld; an Heirathen war alſo ohne Einwilligung des Oheims nicht zu denken, und daß dieſe nicht zu erlangen ſtand, das wußten die jungen Mädchen zur Genüge. Es half alſo nichts, als auf den Tod des Alten zu warten und auf das Erbtheil, das er den Nichten ver⸗ muthlich hinterlaſſen würde. Denn obſchon er über dieſen Punkt niemals auch nur die leiſeſte Andeutung fallen ließ, ſo ſtand doch nicht anzu⸗ nehmen, daß er die jungen Mädchen, die ſo lange in ſeinem Hauſe gelebt und zu ſeiner Unter⸗ haltung beigetragen hatten, ganz leer ausgehen laſſen und ihnen nicht wenigſtens einen Theil ſeines beträchtlichen Vermögens zuwenden würde. Der gute beſcheidene Vetter, der inzwiſchen zum unbeſoldeten Aſſeſſor emporgerückt war, wurde der Vertraute der beiden Liebespaare. Auch in dieſe höchſt ſchwierige Rolle fand er tten außer un großen alſo ohne enken, und as wußten s half alſo zu warken ichten ver⸗ obſchon er die leiſſſte nicht anzu⸗ ie ſo lange ner Unter⸗ r ougehen inen Theil den würde. nnſte rickt wo iebeöport le fund er 263 ſich ohne Neid und mit gutem Anſtand. Er beſtärkte die Liebenden in ihrem Vorſatz, die Zeit walten zu laſſen, und warnte ſie aufs in⸗ ſtändigſte, den Oheim ja nicht mit Bitten und Vorſtellungen zu bedrängen, die unter den ob⸗ waltenden Umſtänden doch keinen Erfolg haben könnten und ſie nur des heimlichen Glücks berau⸗ ben würden, das ihnen jetzt noch vergönnt ſei. Die Liebenden folgten dem guten Rath; ſie genoſſen das heimliche Glück mit vollen, durſtigen Zügen und ſtellten ſich dabei vor der Welt ſo fremd und kalt, daß Niemand ein ge⸗ naueres Verhältniß ahnte. Bei der Mehrzahl unſerer jungen Offiziere wäre das vermuthlich ein ſehr gewagtes Erperiment geweſen; die offen⸗ bare Kälte würde der heimlichen Zärtlichkeit wol bald verderblich geworden ſein. Dieſe Beiden aber liebten ſo treu und innig, von denen war kein Verrath zu befürchten. Namentlich hielt Urike ihren Hugo wie mit Zauberbanden; ſein 264 weicher, milder Sinn wurde von ihrem ſtarken, faſt männlichen Geiſte vollſtändig beherrſcht, ſie konnte mit ihm machen, was ſie wollte; ſelbſt in die Heimlichkeit des Verhältniſſes, die ſeinem offenen, ehrenhaften Sinne anfangs ſehr wider⸗ ſtanden, hatte er ſich um ihretwillen gefügt. Auch that der treue Vetter Alles, was in ſei⸗ nen Kräften ſtand, das peinliche Verhältniß zu erleichtern; er verſchaffte den Liebenden häufige geheime Zuſammenkünfte, beſchwatzte den Oheim zu kleinen Luſtpartien und Reiſen, während deren ſie ſich ungeſtört ſehen konnten, und wo ja ein Verdacht lautward, wußte er ihn jedes⸗ mal abzulenken. Ja ſeine Ergebenheit gegen Ulriken, die ohne Vergleich die heftigere und leidenſchaftlichere war, ging ſo weit, daß er ſo⸗ gar den Zorn des Oheims riskirte und ſich eine zeitlang ſelbſt als ihr Verehrer geberdete, blos damit ihr Verhältniß zu Hugo von Schwarzen⸗ feld deſto unbemerkter bliebe. em ſtarken, hertſcht, ſie olle; ſelbſt die ſinem ſchr wider⸗ llen gefügt. was in ſi chültriß zu den hüufge den Dhein wihrend und we ihn jede⸗ nheit gegen 3 d ſtigerr und daß er ſor nd ſih in rdete, bi Schwarji 265 Dennoch iſt es ein altes Sprüchwort, daß ſich wol Feuer und Rauch verbergen laſſen, aber Liebe nicht. Im Lauf der Jahre— denn wirk⸗ lich vergingen drei, vier Jahre, ohne daß eine Aenderung in den geſchilderten Verhältniſſen ein⸗ trat— ließen die Liebenden die gewohnte Vor⸗ ſicht allmälig fallen. Selbſt Ulrike, die doch ſonſt bei aller Lebhaftigkeit des Geiſtes eine außerordentliche Scheu vor dem Gerede der Leute trug, weniger vielleicht aus wirklicher mädchenhafter Scham, als weil ihr Stolz es ſo verlangte, ließ die Binde allmälig ein wenig ſinken, ſelbſt auch vor den Argusaugen des Dheims. Und das konnte ſie auch ganz dreiſt thun. Alles in der Welt verliert mit der Länge der Zeit ſeinen Reiz, beſonders wenn man ſelbſt alt iſt. Auch der Kammerdirector legte auf die Geſellſchaft der jungen ſchönen Nichten nicht mehr den Werth, wie er anfangs gethan hatte; Der Muſikantenthurm. I. 12 26 er war nicht blos alt— das war er ſchon lange— ſondern er fing auch an ſich alt zu fühlen. Er war allmälig in das Stadium ge⸗ kommen, wo der Menſch Ruhe haben will und weiter nichts; die Beine wollten nicht mehr fort, das Gehör war ſchwach geworden; er ſaß am liebſten einſam im Lehnſtuhl und dachte nach über den ſeltſamen Gang ſeines Lebens, und wie von Allen, die er ehemals gekannt, er doch der Einzige ſei, der noch übriggeblieben. Auf wie lange? Es war ein ſchauerlicher Gedanke— alſo weg damit, er ſtörte ihm die Ruhe, und die war, wie geſagt, das Einzige, was er noch verlangte. Selbſt die beiden jungen Schönen mit ihren geſellſchaftlichen Anſprüchen und Ge⸗ wöhnungen fielen ihm zur Laſt. Auch war er ihrer Geſichter überdrüſſig, ihre Wangen waren noch ſo friſch, ihre Augen noch ſo leuchtend wie ſonſt: aber ſie langweilten ihn, wie ſeine ſeide⸗ nen Tapeten, ſeine bronzenen Uhren und ſeine und den abe ihre Beſ hatt Ien ine kag kom wür luf. 267 ſchon chineſiſchen Pagoden ihn ebenfalls langweilten. alt zu Er hätte ſie aus dem Hauſe thun können, ohne ium ge⸗ Umſtände, wie er jene abreißen ließ und dieſe wil und in den Plunder warf, ganz gewiß. Aber du ehr pt, lieber Gott, man iſt doch auch ein Menſch, man ſaß an hat ſich gewöhnt; auch iſt man alt gewor⸗ hte nach den, man will Ruhe und ſcheut die Thränen und wie und Klagen, das Kopfſchütteln und Verwun⸗ doch der dern. Er wollte ſie aus dem Hauſe geben, ja; Auf wie aber mit Anſtand; ſie ſollten heirathen, er war anke— ihrer ſatt und beneidete Niemand mehr um ihren he, und Beſitz. noch Ob der alte Herr wirklich mehr geſehen Schönn hatte als er ſich merken ließ, oder ob irgend ud Ge Jemand, vielleicht gar der gute Vetter, ihm mat er einen Wink gegeben— genug, eines guten n nan Tags ließ er die ſchönen Schweſtern vor ſih und ni redete ihnen ganz väterlich zu: er in ſid⸗ würde alt und ſchwach, ſein Haus ſei kein Aufenthalt mehr für junge lebensluſtige Mäd⸗ 12* und ſin chen, auch ſei es billig, daß er, nachdem ſie ihm ſo manches Jahr ihrer Jugend gewidmet, auch auf ihre Zukunft Bedacht nehme— wie es mit ihrem Herzen ſtehe? ob ſie nicht hei⸗ rathen wollten? und ob ſich vielleicht in der Stille ſchon irgend ſo etwas eingefädelt habe? Die ſchönen Schweſtern fielen anfangs aus den Wolken; ſie glaubten nichts anders, als daß ihnen eine Falle gelegt werden ſolle, und leugneten daher in ihrer Beſtürzung Alles und Jedes. So mußte der Alte ſich denn entſchlie⸗ ßen, noch weiter herauszugehen. Es war gewiß wunderlich, daß derſelbe Mann, der ihnen bis dahin ſo ängſtlich jede Gelegenheit zur Heirath abgeſchnitten hatte, ihnen jetzt den Bräutigam ſozuſagen auf dem Präſentirteller entgegen— bringen mußte. Allein das geht nun ſo. Der alte Herr rückte ſich im Stuhl zurecht, ließ ſich das kranke Bein noch etwas weicher legen und ſagte dann geradezu: es wären da unter den als rad ſih zu und ins unt und En ſtü ſüſ me ged Offizieren, die in ſein Haus kämen, ein gewiſſer chdem ſie gewidmet, Hugo von Schwarzenfeld und Hippolyt von n— wie Froideville, ein paar recht wackere gute Männer, nicht he⸗ auch recht nett von Anſehen, zwar vorläufig ht in der noch ohne Vermögen, doch werde ſich das viel⸗ ut heber leicht machen laſſen.... ungs aus Bis hierher war der alte Herr gekommen, ders, al als die jungen Schönen, die ſich wol nachge⸗ plt, un rade überzeugten, daß es wirklich ſein Ernſt ſei, Ales und ſich nicht länger halten konnten; ſie fielen ihm entſchlie zu Füßen, bedeckten ſeine Hände mit Küſſen unn gwi Thränen und geſtanden, Eine der Andern ihnen bi ins Wort fallend und immer wieder weinend n hau und S⸗ das ſüße Geheimniß ihrer Liebe ziuign und ihrer Leiden. Die Freude, die ſie über den unggn S des Oheims äußerten, war ſo unge⸗ 6 5 ſtüm, belegher bei Ulriken, daß es dem Alten t liß ſih faſt wieder leid ward. Daß ſie ſich nicht grä⸗ men würden, ihn zu verlaſſen, hatte er ſich zwar legen un 1 gedacht, dieſes Uebermaß des Entzückens aber, untet 270 namentlich bei der älteſten Schweſter, alſo ge⸗ rade bei Der, die ihm in der Stille immer die Liebſte geweſen, hatte doch gar zu wenig Schmei⸗ chelhaftes für ihn. Inzwiſchen war er ſchon zu weit gegangen, um noch zurückzukönnen; während er die jun⸗ gen Mädchen ins Gebet nahm, hatte der gute Vetter die beiden Liebhaber citiren müſſen; ganz verdutzt traten ſie ein, die Umarmungen und Küſſe ihrer Schönen entdeckten ihnen ſogleich, was vorgefallen, und wenn ja noch ein Zweifel geblieben, ſo mußten die ſaftigen Scherze und Anſpielungen, mit denen der alte Herr den Auftritt begleitete, die letzte Spur deſſelben be⸗ ſeitigen. Demnächſt wurden die nöthigen Aeußerlich⸗ keiten beſprochen und feſtgeſetzt. Die beiden Offiziere ſollten den Abſchied nehmen, was auch den Wünſchen der jungen Mädchen ent⸗ ſprach und in wenig Tagen bewerkſtelligt wurde. alſo ge⸗ immer die gSchmei gegangen, r die jun⸗ der gutt ſſenz ganz ngen und ſogleich, n Zweiftl erze und Herr den ſelben be luußerich it beiden en, w chen ent⸗ gt wurdt Hugo, zu deſſen geſetztem Weſen der Alte viel Zutrauen zeigte, ſollte ein kleines Gut in Pach⸗ tung nehmen, das Herr von Werther in der Nähe der Stadt beſaß; es ſei zwar nicht der beſte Boden, indeſſen ein paar junge kräftige Leute könnten ſich ſchon darauf fortbringen, be⸗ ſonders wenn der Storch nicht zu bald und nicht zu häufig käme— eine Aeußerung, über welche die ſanfte Klara nur lächelte, während die kecke Ulrike ganz ſchamroth und verlegen darüber wurde.— Nachdem nun ſo für Hugo und ſeine Schöne geſorgt war, rückte auch der junge Franzoſe mit ſeinen Anliegen und Wün⸗ ſchen hervor. Durch den Tod eines Oheims war ihm ein kleines Fabrikweſen an der hollän⸗ diſchen Grenze zugefallen. Er hatte bisher Be⸗ denken getragen, die Erbſchaft anzutreten, theils weil es ihm an der nöthigen Sachkenntniß, theils und beſonders weil es ihm an den nö⸗ thigen Capitalien gemangelt hatte. Da jetzt die 272 Möglichkeit gegeben war, den letztern Fehler zu verbeſſern, ſo hoffte der junge Mann, der den ganzen Unternehmungsgeiſt und das ganze leichte Blut ſeines Volks beſaß, auch der erſtern Schwierigkeit Herr zu werden. Nach Frankreich zurückzukehren trug er keine Luſt; die Welt, ſagte er, ſcheine im Augenblick zwar auf den Degen geſtellt, aber mit der Zeit werde es ſchon klar werden, daß Induſtrie und Handel die eigentlichen Mächte, welche die Erde be⸗ herrſchten. Er ſei zwar ein franzöſiſcher Emi⸗ grant, doch wiſſe er ſehr wohl, daß ein fetter Fabrikherr beſſer als ein hungriger Edelmann; er habe die Revolution in ſeinem Vaterlande nicht hindern können, ſo wolle er doch wenig⸗ ſtens von ihr lernen, was des Lernens werth. Mit ſtrömenden Worten wußte er zu ſchildern, welchen Fleiß er entwickeln und welche Schätze er erwerben wolle; und da dies Alles aus der Seele des Kammerdirectors geſprochen war, der in chler zu det den nze leichte r erſtern rankriich ie Wilt, auf den werde e d Handil Erde be⸗ er Emi⸗ in fettet emann aterlande h wenig⸗ s werth. ſchildern, E aus de wal, de ſich ja ebenfalls von klein auf in die Höhe ge⸗ arbeitet hatte, ſo fand derſelbe ſich auch nicht abgeneigt, Hippolyt mit dem mäßigen Capital zu unterſtützen, deſſen dieſer für den Anfang bedurfte. Im Lauf der Wochen, welche zur Ordnung dieſer Verhältniſſe noch nöthig waren und die der Ungeduld der Liebenden viel zu lang däuchten, bekam der Alte freilich noch verſchiedene Rück⸗ fälle. Erſt jetzt, wo er ſich von einem, wenn auch verhältnißmäßig nur ſehr geringen Theile ſeines Beſitzthums trennen ſollte, merkte er ſelbſt, wie feſt ihm daſſelbe ans Herz gewachſen. Auch kamen allerhand Müßiggänger und Neugierige, ihre Gratulationen anzubringen, wobei ſie denn nach Art ſolcher Leute jedesmal aufs lebhaf⸗ teſte verſicherten, längſt gewußt zu haben, daß es ſo und nicht anders kommen müſſe. Die guten lieben Leutchen ſeien auch gar ſo verliebt ineinander geweſen und hätten ihrer Neigung 274 ſo wenig Hehl gehabt, daß man die Verlobung im Grunde ſchon längſt erwartet habe; wenn der vortreffliche alte Herr, dieſer ſcharfſichtige Ken⸗ ner der Menſchen und zugleich der liebenswür⸗ digſte und gütigſte aller Onkel, ſich ſo lange ge⸗ ſtellt habe, als ob er nichts davon merke, ſo ſei das wol eben nur geſchehen, um die Treue der Liebenden zu prüfen und ihre Standhaftigkeit um ſo herrlicher zu belohnen. Einige warnten dann wol noch ſchalkhafterweiſe vor allzu langem Brautſtande und gratulirten, daß Alles ſo glück⸗ lich abgelaufen; vier ſolche junge Herzen, ſo voll Sehnſucht und Ungeſtüm, das ſei ein gewagtes Ding, und der Kammerdirector könne von Glück ſagen, daß Alles noch ſo glücklich abgelaufen.... erlobung wenn der tige Ken benswüt⸗ lange ge rke, ſo ſi Treue det heftigkeit warnten u langen ſo glück⸗ ſo voll gewagtes ufen.. Fünftes Capitel. Schwere Stunden. Der alte Herr hörte dieſe Reden, die ihm alle mit größter Anſtrengung ins Ohr trompetet wurden, damit ihm ja keine Sylbe davon ent— gehe, ſcheinbar mit der tiefſten Ruhe an. In⸗ nerlich aber war er voll Gift und Groll; ſeine ganze alte Leidenſchaftlichkeit, ſeine Lebensluſt, ſein Neid, ſein Argwohn ſchlugen noch einmal in hellen Flammen empor. Sollten die leicht— fertigen Mädchen ihn wirklich an der Naſe ge⸗ führt haben? Steckte der Vetter mit im Com— plot? Und hatte der Kammerdirector, indem er recht ſelbſtändig und recht ſchlau zu handeln 276 gedachte, vielleicht nur die Karten aufge⸗ deckt, welche Jene heimlich gemiſcht und vor— bereitet? Ja ſo häßlich es zu ſagen iſt: auch die Lieb⸗ koſungen, in denen ſich die Brautpaare jetzt frei und öffentlich, auch in ſeiner Gegenwart, ergin⸗ gen, ärgerten den alten Sünder; dieſelben Ge⸗ ſichter, die er vor kurzem noch zu ſeinem alten Porzellan geworfen, kamen ihm auf einmal wie⸗ der ganz begehrungswürdig vor; er ſchalt und zankte mit ſich ſelbſt, daß er ſeine Zeit nicht beſſer benutzt und nun wie ein verſchwen⸗ deriſcher Thor ein Kleinod aus den Händen gebe, auf welches ihm doch der erſte und nächſte Anſpruch gebührt hätte. Wir mögen und dürfen die Bilder und Vorſtellungen nicht enthüllen, mit denen der alte neidiſche Thor ſich marterte: aber ſie waren fürchterlicher Art und verſetzten ihn zuweilen in einen Zuſtand, daß er kaum von ſeinen Sinnen wußte. aufge⸗ ud vor⸗ die Licb⸗ jetzt fri t, ergin⸗ ben Ge⸗ em alten mal wie⸗ alt und it nicht ſchwen⸗ Händen ſte und nögen en nicht Lhot ſch Art und nd, daf Ein andermal wieder, wenn das empörte Blut ſich beſänftigt hatte, gedachte er ſeines Alters und des Todes, der ihm näher und näher rückte. Er fühlte ſich verlaſſen und ein⸗ ſam; ſo ſehr er ſich nach Ruhe ſehnte, ſo grauſte ihm doch auch wieder vor der lautloſen Stille, die ſein altes düſteres Haus nun bald wieder erfüllen würde. Der Gäſte war er über⸗ drüſſig, und wer würde wol auch zu dem alten kränklichen Greiſe kommen, wenn die beiden glatten Geſichter erſt aus dem Hauſe? Be⸗ zahlte Hände ſollten ihm die Augen zudrücken, nichts ſollte von ihm übrigbleiben, als vielleicht ein Stein mit einer erlogenen Inſchrift.... Ja, doch, etwas noch— ſein Geld, ſein vieles ſchönes Geld, ſeine Häuſer und Güter, ſeine Pretioſen und Documente. Es war eine abſcheuliche Einrichtung von der Natur, daß er ſie nicht mitnehmen konnte; am liebſten hätte er Alles in einen großen weiten Sarg gepackt, 278 hätte ſich ſelber dazugelegt und wäre mit Hohn⸗ ſine lachen geſtorben. Aber das ging nun einmal wre nicht an, irgend Einer mußte Erbe ſein— irgend Einer, es ſagt ſich leicht: aber wer ſoll ſum dieſer Eine ſein? Wird er nicht, ſowie er nur den eine Ahnung von ſeinem Glück bekommt, lauern itt und warten auf den Tod des alten müden grů Mannes, der zu nichts mehr nütze iſt, an nichts mehr Freude hat und daher weit beſſer thäte, Ge er packte ſich? Wird er nicht beten um ſeinen fir Tod? Wird er nicht, wenn der Alte krank wur wird und der Tod ihm auf der Zunge ſitzt, an Gr ſein Lager heranſchleichen und ihm unter heuc zut leriſchen Liebkoſungen das Kiſſen unter dem m Kopfe wegziehen, um ſeinen letzten Athemzug zu beſchleunigen? Er hätte ſich vielleicht noch dal wieder erholen können, der alte Mann, er wäre in wieder beſſer geworden— aber nein, der un⸗ un geduldige Erbe zieht ihm das Kiſſen unter dem et Kopfe weg und er muß ſterben, ſterben bevor da it Hohn neinmal ſein— wrr ſoll ie et mr t, labern miden an nichts ſer thät, m ſeinen te krank ſitzt, an er heuch⸗ ter den Athemzu icht noch et wole der Ul nter den en hevol 279 ſeine Zeit abgelaufen, und Alles dahinten laſſen, woran ſein Herz gehangen hat. In frühern Jahren, wenn er darüber nach⸗ ſann, was endlich aus ſeinen Reichthümern wer⸗ den ſolle, hatte er ſich wol mit dem Gedanken getragen, eine wohlthätige Stiftung davon zu gründen. Nicht aus Barmherzigkeit, auch nicht aus Reue: ſo etwas kannte er nicht. Aber der Gedanke kitzelte ihn, was das nach ſeinem Tode für Aufſehen machen und wie die Leute ſich ver⸗ wundern würden und ihm noch Abbitte thun im Grabe, wenn er, der Zeit ſeines Lebens für einen kalten hartherzigen Mann gegolten, nun auf ein⸗ mal als ein großartiger Wohlthäter der Armen daſtehen würde. Namentlich hatte er daran ge⸗ dacht, den Muſikantenthurm zu ſeinem Erben einzuſetzen; er ſah das Gebäude täglich aus ſei⸗ nen Fenſtern und vertrieb ſich manche einſame Stunde damit, daß er ſich das Elend ausmalte, das ſich in dieſen Räumen angeſiedelt. 280 Allein ſeitdem er ſelbſt alt und krank ge⸗ worden, kam ihm der Gedanke, ſein ſchönes blankes Geld an alte kranke Leute zu vermachen, höchſt abgeſchmackt vor. Die alten runzeligen Weiber, über die er ſich ſo oft geärgert und noch öfters gelacht, die Vagabonden und Tage⸗ diebe, die nichts gelernt hatten und ſich nicht in die Höhe gearbeitet wie er— die ſollten erben, denen ſollte es wohlgehen, beſſer als ſie es je gewohnt geweſen— und er, der all dieſes Geld im Schweiß ſeines Angeſichts mit Schinden und Placken und Lügen und Trügen zuſammengebracht, er ſollte im Grabe liegen und faulen?! Ein aberwitziger Gedanke! Der Vetter— es war ein Vorſchlag; da⸗ von durchbringen würde der nichts, dafür war er gut. Aber er würde es auch nicht zu ge⸗ brauchen wiſſen, wie es gebraucht werden mußte; was ſollte dem kleinen ſchüchternen Männchen das viele Geld? Er würde es weder durch fihn unk ge⸗ ſchönes tmachen, unztligen gett ud nd Tage⸗ ſch nicht e ſollten eſſet als der al hts mit Trügen e liegen e! lagz der für war tzu ge mußtei ännchen r durt kühne Speculationen vermehren, noch würde er es gebrauchen, um Andere zu knechten und nie⸗ derzuhalten; er würde es vielleicht auf kleine ſichere Zinſen geben, das Allerweltsmännchen, und die kleinen ſichern Zinſen an die Armen vertheilen und ſelbſt dabei Hunger leiden und Waſſer trinken. Weg mit ihm! Ein kleines ſtilles Legat iſt für dieſen kleinen ſtillen Narren gut genug; er kann nicht mehr brauchen und ſoll auch nicht mehr haben. Und ſo blieb denn Niemand übrig als die ſchönen Schweſtern. Auch dazu entſchloß er ſich nicht gern; ſie waren doch am Ende nur falſche Schlangen und hatten ihr Spiel mit ihm getrieben. Aber die Männer— es ſchienen tüch⸗ tige brauchbare Männer zu ſein, voll Fleiß und Unternehmungsluſt. Und dann kriegten ſie viel⸗ leicht auch Kinder— unſchuldige ſanfte Kinder, die noch von nichts Böſem wiſſen und noch über den alten Großonkel weinen, der immer 282 ſo freundlich zu ihnen war und ſolche ſüßen Zuckerplätzchen hatte, wenn er dann auf dem hohen ſteilen Paradebett liegt mit der weißen ſpitzen Naſe— Kinder, vielleicht Söhne, die ſeinen Namen fortführen können.... Und damit wieder brach die alte Gier her⸗ vor, fürchterlicher denn je. Kinder! Knaben! Kinder! Welch ein Klang in dem Worte lag! Und welche himmliſchen, unſinnigen, ſcheußlichen Bilder es ihm erweckte!! So quälte er ſich bis zu der Hochzeit, die für beide Paare gemeinſchaftlich gefeiert werden ſollte, raſtlos hin. Er war unſaglich reizbar in dieſer Zeit. Die jungen Paare in ihrem Glück merkten wenig davon: aber der Vetter, der die geſchäftlichen Verhandlungen und Aus⸗ einanderſetzungen mit dem Alten übernommen, hatte ſchwere Stunden. Nur ganz von fern wagte er einmal an die Nützlichkeit eines Te⸗ ſtaments zu erinnern: denn wie wir ſoeben ge— he ſüßen auf dem er weißen öhne, die Gier her⸗ Knaben! orte lag! heußlichen zeit, die t werden h räizbat in ihrem er Vetter, und Aus⸗ rnomml von fem ( — eines oeben ge 283 hört haben, hatte der alte, ſonſt ſo geſchäfts⸗ kundige und pünktliche Herr ſich noch immer nicht entſchließen können, ſeinen letzten Willen aufzuſetzen. Aber der Blick, den er dem Vetter darüber zuwarf, war ſo furchtbar, daß derſelbe alle Courage verlor, je wieder auf den Gegen⸗ ſtand zurückzukommen. Wenigſtens ſagte er ſo zu den ſchönen Couſinen, die jedoch in ihrem Liebesglück keine Zeit hatten, ſich um ſolche pro⸗ fanen Dinge zu bekümmern. Aber ſo unfreundlich die Erinnerung auch aufgenommen worden, ſo blieb ſie doch nicht ohne Erfolg: der Hochzeittag kam heran— und noch am Morgen deſſelben machte der Kam⸗ merdirector ſein Teſtament. Sechstes Capitel. Die Hochzeit. Die Hochzeitfeier war glänzend und prächtig. Noch einmal hatte der alte Herr, der damit auf immer von der Geſellſchaft Abſchied neh⸗ men wollte, die gewohnten Gäſte ſeines Hauſes verſammelt; die köſtlichſten Leckerbiſſen dufteten, der Wein floß in Strömen, die Bedienten keuch⸗ ten, die Trompeter des Regiments, die ihren ehemaligen Vorgeſetzten noch eine letzte Ehre erweiſen wollten, blieſen, daß ihnen die Backen zu zerſpringen drohten. Aber bei alledem wollte die feſtliche Stim⸗ mung lange nicht recht in Gang kommen. Schon der große Saal in der Hinterfronte des F. der im daß den an An län 285 Gebäudes, in welchem das Mahl gefeiert ward, hatte etwas Düſteres, das ſelbſt durch die zahl⸗ reich brennenden Kerzen nicht ganz verſcheucht werden konnte. Auch hatte man einen Theil der Vorhänge zu ſchließen vergeſſen, und der Muſikantenthurm mit ſeiner finſtern unheim— itchen Miene ſchaute ernſthaft, faſt drohend, in prichtig die feſtliche Verſammlung. Ulrike war während dant der Trauung, die, nach damaligem Gebrauch, ied neh⸗ im Hauſe ſtattgefunden, ſo ergriffen geweſen, Hauſes daß ſie in Ohnmacht geſunken. Die anweſen⸗ dufteten, den Frauen meinten zwar, das gehöre ſich en keuch ſo, und ſie hätten es zu ihrer Zeit nicht dit ihren anders gemacht. Allein das bleiche entſtellte te Ehu Antlitz der ſonſt ſo reizenden Braut zeigte hin⸗ e Backen länglich, daß dieſes Unwohlſein mehr als eine bloße Ceremonie geweſen. Auch der Bräutigam he Stim ſah ernſt und verdüſtert aus; man wollte ſogar fonnn bemerken, daß er ſehr einſylbig und lange nicht ronte de ſo zärtlich gegen ſeine Braut ſei, wie es ſich 286 für einen Bräutigam am Hochzeittage ſchicke. Hippolyt und Klara ſahen zwar heiterer aus und ſchienen ihres Glücks mit Innigkeit zu ge⸗ nießen; doch war ihre Abreiſe noch auf den⸗ ſelben Abend feſtgeſetzt, was ihnen denn natür⸗ lich auch eine gewiſſe zerſtreute und gedrückte Gemüthsſtimmung gab.— Auch der Vetter machte ein ungewöhnlich ernſtes, nachdenkliches Geſicht. Man hatte gehofft, er werde die Pau⸗ ſen mit Trinkſprüchen und gereimten Reden aus— füllen, wie er ſonſt wol that, wenn Niemand anders ſich dazu hergeben wollte. Statt deſſen hatte er den Ehrenplatz an Ulrike's Seite ver⸗ laſſen und ſich ganz unten zu dem juriſtiſchen Hausfreund des Kammerdirectors geſetzt, einem alten Schmerbauch mit Doppelkinn und kleinen verſchmitzten Augen, der nur ſogenannten rothen Dicken trank, einen jetzt aus der Mode gekom⸗ menen ſchweren ſüßen Wein, der ſtark gefärbt iſt und blaue Ränder um die Lippen macht. Det war Gen chen der gen ſchl loc ſol hat Het ere inn mut ſin zeitt ret aus t zu ge auf den n mtir gedrüct Vetter enkliches die Pal⸗ en as iemand t deſſen ite ver tiſtiſchen t, inem leinen n rothen gelm gfüt mcht 287 Der Vetter, der ſonſt ſtets die Mäßigkeit ſelbſt war, quälte ſich das dicke klebrige Zeug mit Gewalt hinein, er hoffte den Notar zum Spre⸗ chen zu bringen: denn es war derſelbe, mit dem der Kammerdirector heute früh das Teſtament gemacht. Aber da kannte er den alten Schwamm ſchlecht; es war leichter einen Stein zum Spre⸗ chen zu bringen, als dem ein Geheimniß zu ent⸗ locken. Der Vetter hatte gehofft, der Wein ſolle ihm die Zunge löſen: allein auch darin hatte er ſich verrechnet.„Das iſt erſt die vierte, Herr Aſſeſſor“, ſagte der Schmerbauch, indem er eine neue Flaſche entkorkte,„und achte trinke ich ohne aufzuſtehen— das heißt aber blos immer rothen Dicken Und ſo würde das feſtliche Mahl denn ver⸗ muthlich ziemlich eintönig und triſt verlaufen ſein, wäre nicht der Wirth, ſozuſagen der Hoch⸗ zeitvater, in einer ſo roſenfarbenen, ſo über die Maßen luſtigen Stimmung geweſen, daß die 288 Gäſte mit der Zeit nothwendig davon angeſteckt werden mußten. Er war, was er ſonſt ſelten that, in großer Gala, mit all ſeinen Kreuzen und Sternen, mit dem Degen an der Seite; nur die großen grauen Filzſtiefel, die er der Gicht halber tragen mußte, ſahen zu den weißen Unausſprechlichen, in die er ſeine langen dürren Beine geſteckt hatte, ein wenig ſeltſam aus. Aber das vergaß ſich, wenn man den Mann ſprechen hörte. Dieſe Einfälle! dieſe Witze! und dieſes geſunde dröhnende Gelächter! Die Abfaſſung des Teſtaments war natürlich kein Geheimniß geblieben; die Gäſte flüſterten ſich zu, da zeige ſich wieder einmal, was man ſo oft höre, nämlich daß es kein beſſeres Mittel gebe ſein Leben zu verlängern, als ſein Teſta⸗ ment zu machen. Einige alte Hausfreunde, die ſich in beſonderer Gunſt glaubten, erlaubten ſich ſogar auf den etwaigen Inhalt des verhängniß⸗ vollen Documents anzuſpielen; man nickte den 3 289 ungeſett beiden Brautpaaren zu, ſtieß die Gläſer zuſammen ſnſ ſcten und ließ in artigem Doppelſinn„die künftigen n hetzen Erben“ leben. Der Commandeur des Regi⸗ der Si; ments, ein alter fideler Haudegen, der für Zwei aß und für Sechs trank, wollte ſogar dem Pre⸗ diger, der mit ſeinen Päffchen ganz ehrwürdig die er de den weißen danebenſaß und Macronen und überzuckerte tſem as. Mandeln in die Taſche ſchob, mit aller Gewalt eine Wette aufdringen um einen Korb Cham⸗ gen düren en Mann . pagner, wo der Storch zuerſt kommen und was h er bringen würde, Junge oder Mädchen. Der zrlich kein Kammerdirector, der den Wettenden gegenüber⸗ ſun ſich ſaß, wollte ſich vor Lachen ausſchütten:„Das verſteht ſich“, wieherte er, indem er vor Ver⸗ 8 S gnügen das Tellertuch wie einen Strick zuſam⸗ u mendrehte:„entweder die Jungens von Denen ſin 6(wobei er auf die beiden Brautpaare deutete) und⸗. oder die Weiber von drüben!“ Und dabei zeigte ubtn er über die Schulter weg nach dem Fenſter ething Der Muſtkantenthurm. I. 13 niktt du 290 hinter ſich, von wo man gerade die Ausſicht auf den Muſikantenthurm hatte.— Die Um⸗ ſitzenden, die gewohnt waren, jede Aeußerung ihres Wirths zu bewundern, auch wenn ſie die⸗ ſelbe nicht verſtanden, fielen jauchzend ein, und nur der Vetter, der die kleinen ſpitzen Ohren überall hatte, wurde blaß und kritzelte in tiefem Nachſinnen mit dem Meſſer auf dem Teller. Beinahe aber hätte ein an ſich höchſt un⸗ bedeutendes Ereigniß, das die Stimmung des Feſtes erſt recht erhöhen ſollte, dieſelbe auf ein⸗ mal zum Schweigen gebracht. Gegen Ende der Mahlzeit, als der Champagner bereits kreiſte, trat auf einmal eine rieſenhafte Wickelfrau ein, mit Cornette und Mäntelchen, wie ſie in jener Gegend zu gehen pflegten; auf jedem Arme trug ſie ein koloſſales Kind in Wickeln und Windeln, mit einem ungeheuern Breilöffel im Munde; ein nürnberger Pfeifchen, das auf ge⸗ ſchickte Weiſe zwiſchen den Kiſſen verborgen Ausſicht it lm uetung ſi vie⸗ ein, und hren in tifen ellet. chſt un ung des uf ein nde det triſt, frau ein, in jener m Umt ten ud ilfi in s auf g verborgen 291 war, ahmte das Quäken eines neugeborenen Kindes täuſchend nach. Jedermann erkannte ſogleich den jungen Hausarzt, dem ein ſolcher Scherz ſchon geſtattet war, beſonders da er zu den vertrauteſten Freunden des Herrn von Schwarzenfeld zählte. Der Verkleidete legte die Kinder oder vielmehr die Kiſſen, aus denen ſie zurechtgeſtopft waren, zu Füßen der beiden Bräute und wollte eben eine ſpaßhafte Rede in Knittelverſen anheben— als Ulrike mit einem gellenden Schrei zum zweiten male in Ohnmacht ſiel. Der junge Arzt, aufs äußerſte erſchrocken, warf ſogleich ſeine Verhüllung ab und leiſtete den erfoderlichen Beiſtand. Doch mußte ſie fortgeführt werden und erſchien den ganzen Abend nicht wieder bei Tafel. Auch Herr von Schwarzenfeld, nach einem heftigen Wort⸗ wechſel mit dem Freunde, der freilich eine ſolche Wirkung ſeines Scherzes nicht für möglich ge⸗ halten, verließ den Saal.— Klara zeigte auch 13* 292 bei dieſer Gelegenheit wieder, daß ſie trotz ihres zartern Anſehens doch im Grunde weit ſtärkere Nerven hatte als die Schweſter; ſie nahm den Scherz des jungen Arztes ganz anmuthig auf und ruhte nicht eher, als bis er ſeine Knittel⸗ versrede noch nachträglich zum beſten gegeben. Der Kammerdirector konnte ſich über die von ulriken veranlaßte Störung gar nicht zufrieden⸗ geben; er kenne die jetzigen Weiber nicht mehr, rief er laut über den Tiſch, wenn die ſchon in Ohnmacht fallen wollen, wenn ſie ein Wickel⸗ eind ſähen, was da erſt werden ſolle, wenn ſie eins kriegten! Der Regimentscommandeur ſtimmte dieſem Ausrufe bei, die Generation werde mit jedem Jahre ſchlechter; auch an den Pferden ſei es zu merken, die zur Remonte kä⸗ men; ſie wären reichlich eine Fauſt kleiner als vor Dieſem. Der Paſtor aber, der einen harten Kampf mit der zweiten Flaſche Burgunder kampfte und ſchon ein wenig am Schlucken litt, 293 otz ihres meinte, das käme von der Erbſünde; er perorirte t fürkete unter Trinken und Schlucken noch fort, als die ahm den Gäſte ſich ſchon erhoben, um Hippolyt und ſei⸗ uthig uf ner Braut das Geleit zu geben. Knittel Denn der ſchwerbepackte Reiſewagen ſtand geglben. vor der Thür, der Poſtillon blies, die Pferde er die von ſcharrten; noch ein Umarmen, ein Winken, und zuftieden⸗ fort flog das glückliche Paar. Die Gäſte em⸗ cht mehr pfahlen ſich theils, theils kehrten ſie an die ſchon in Tafel zurück; der Paſtor war noch gar nicht Vicke⸗ aufgeſtanden. Die Damen hatten ſich zurück⸗ wun gezogen, und ein wüſtes Bacchanal begann. mundan Der Schlimmſte von Allen war der Kammer⸗ nnlon director, er ſchrie und tobte vor Vergnügen h n dn und ſetzte einen Preis darauf, wer vor Mitter⸗ nnt fi nacht von ſeinem Platz aufſtände, das ſei kein inn ordentlicher Mann, mit dem rede er niemals n hn wieder ein Wort. Dazu hatte ſich ihm die zunzud Perücke verſchoben, daß der kahle, nackte Schä⸗ 6. it del hervorſah; ſeine Augen waren von vielem 294 Trinken ganz entzündet; da er die Beine ſtill⸗ halten mußte, focht er deſto eifriger mit den Armen. Der Prediger verſuchte ihm zu be⸗ weiſen, daß jeder Menſch ſterblich ſei und daß daher auch jedes Ding einmal ein Ende nehmen müſſe. Allein der Kammerdirector wollte nichts davon hören; das ſei auch nur ſo eine nichtswürdige Erfindung von den Pfaffen, ſchrie er, und wenn er das von dem Paſtor voraus⸗ gewußt hätte, daß der auch ſo Einer ſei, würde er ſich wol gehütet haben, ſeinen guten Bur⸗ gunder an ihm zu verſchwenden; Landwein, der ſei gut für Solche.... Endlich ſchlich Einer nach dem Andern fort; der Saal mit den herabgebrannten Kerzen, den halbleeren Flaſchen und übergeſchütteten Glä⸗ ſern bot einen wüſten Anblick. Zuletzt blieb der Kammerdirector ganz allein ſitzen; er trank Champagner aus großen Paßgläſern, und wie er eins geleert hatte, warf er es himter ſich auf 295 ine ſtill⸗ die Erde nit den ſ Dazu ſtieß er Flüch e e nzu be 6 ie Bebiehten ſich aus, vor de⸗ ſi nd ach Mitternacht ſch entſetzten; erſt oſen auf ſein Lage afften ſie den Bewuß „ Bewußt⸗ ein Ende tor wollte ur ſo eine ſen, ſchrie r voraus⸗ ei, würde en Bur⸗ wein, der dern forti etzen, den eten Gli⸗ letzt blib et trn un vi e ſich auf Siebentes Capitel. Was darauf folgte. Herr von Schwarzenfeld verbrachte eine ſchlechte Hochzeitnacht. Ulrike war infolge des un⸗ zeitigen Scherzes ernſtlich erkrankt, ſelbſt den kurzen Weg auf das nahgelegene Landgut, wo das junge Paar ſeine Honigwochen verbringen wollte, hatte ſie nicht zurücklegen können. Hugo campirte die Nacht in einem entlegenen Käm⸗ merchen auf einem alten harten Feldbett; erſt gegen Morgen von unruhigem Schlafe befallen, wurde er nach kurzer Zeit durch ein ängſtliches Pochen wiederaufgeſchreckt. Sein erſter Ge⸗ danke war natürlich an die junge Frau, und e ſchlechte des un⸗ lbſt den gut, wo erbringen n. Hugo en Kin⸗ ut u befalen ngjih ſtet 6e tall, und „ das angſtentſtellte Antlitz des Dieners, das ihm durch die geöffnete Thür entgegenſtarrte, be⸗ ſtärkte ihn in ſeinen finſtern Vermuthungen. Und doch waren ſie unbegründet; nicht Ulrike war die gefährliche Kranke, ſondern der Oheim ſelbſt; ein Schlagfluß hatte ihn über Nacht ge⸗ troffen, der beſtürzte Diener konnte den Zu⸗ ſtand nicht beängſtigend genug ſchildern. Hugo warf raſch die Kleider über und eilte an das Lager des Kranken. Das war denn freilich ein kläglicher Anblick. Die ganze obere Hälfte des Körpers war gelähmt, auch die Zunge ſchien mit davon ergriffen; wenigſtens machte der Kranke vergebliche Anſtrengungen, irgendwelche vernehmliche Töne hervorzubringen, es gab nur ein dumpfes Knurren, Pruhſten, Ziſchen. Mitunter ſogar verſagte ihm die Zunge gänz⸗ lich, und es war ein furchtbarer Anblick, wie die hagern Kinnbacken krampfhaft aneinander⸗ ſchlugen und die ſteifen Lippen ſich anſtreng— 13 F 298 ten, ohne daß ein Laut hervorkam. Die Augen ſtanden ihm dabei weit aus dem Kopfe, es blieb ungewiß, ob infolge der Krankheit oder als Nachwehen der geſtrigen wüſten Schwel⸗ . gerei. Mit den drei letzten Fingern der linken Hand, die ihm allein noch beweglich geblieben waren, kratzte und ſcharrte er in tödtlicher Angſt auf der Bettdecke umher; der übrige Körper war wie todt, ſelbſt vom Puls war nur wenig zu ſpüren. Der herbeigerufene Arzt, der ſich kaum noch über das Unglück beruhigt, das er ſelbſt geſtern angerichtet, gab nur geringe Hoffnung. Er zuckte die Achſeln, verſchrieb etwas, geſtand ſei⸗ nem Freunde aber ganz offen, daß er es kaum für möglich halte, der Kranke werde den näch⸗ ſten Morgen erleben. Die übrigen Aerzte der Stadt, die ebenfalls herbeigerufen wurden, be⸗ ſtätigten den Ausſpruch. Der Vetter, der na⸗ türlich auch nicht ausgeblieben war, ſchickte in — 1 die Augen Koyt, es kheit oder n Schwel⸗ der linkn geblirben cher Angſt ge Förper nur werig aum noch ſt geſtern ung Er eſtand ſi r es kaum den nich Aerzte der urden, b t, der n ſchit in 299 aller Stille zu dem alten Rechtsfreund, mit dem der Dheim geſtern das Teſtament aufgenom⸗ men. Allein der ſchlief noch ſeinen rothen Dicken aus und hatte ſich jede Störung nach⸗ drücklichſt verbeten. Für Hugo, der ſich einen ſolchen Anfang ſeiner Ehe wol freilich nicht gedacht hatte, war es unter dieſen Umſtänden eine große Erleich⸗ terung, daß wenigſtens Ulrike im Laufe des Tags ſich ſo weit hergeſtellt fühlte, daß ſie auf⸗ ſtehen und die Aufſicht über die Pflege des Kranken übernehmen konnte. Viel Pflege ſchien der zwar überhaupt nicht mehr nöthig zu haben; auf die Angſt und Aufregung am Mor⸗ gen war eine tiefe Abſpannung gefolgt, er lag anſcheinend in tiefem Schlaf, und der junge Arzt, der mit Anbruch der Nacht Hugo und Ulrike fortſchickte und die Wache am Bett per⸗ ſönlich übernahm, meinte, der alte Herr würde wol damit ſo ſacht hinüberſchlummern. 300 Allein der Morgen kam und noch einer und noch viele, ſehr viele Morgen kamen, und der Alte lebte noch immer. Es war ein ſehr kläg⸗ liches Leben, ganz gewiß. Die Lähmung der JZunge wurde nur theilweiſe gehoben, ſodaß die Sprache ſehr ſchwer und unverſtändlich blieb; auch die Arme blieben ſteif und ſelbſt den Kopf konnte er nur mit Anſtrengung be⸗ wegen. Aber immerhin, er lebte doch noch, und für einen Mann, dem der Gedanke des Todes ſo furchtbar, war das viel, ſehr viel, ja Alles. Auch war es bewundernswerth, welche Wil⸗ lenskraft der Kranke noch immer beſaß. Mit derſelben Zähigkeit, mit welcher der herculiſche Körper dem Tode widerſtand, raffte auch der Geiſt ſich wieder empor; konnte er die wider⸗ ſtrebenden Glieder nicht zur alten Botmäßigkeit zurückführen, ſo lernte er ſie doch wenigſtens entbehren. Er lag feſt, aber er lag geduldig, keine Klage kam über ſeine Lippen; mit den et und und det hr llig⸗ ung der „ſodeß tändlich d ſilbſt ung be⸗ ch, und — — 301 drei Fingern der linken Hand hatte er gelernt den Löffel zum Munde zu führen, und er aß gut und viel. Sein Bett hatte er ſich mit einer Bequemlichkeit einrichten laſſen wie einen Schlafwagen; alle Morgen mußte der Kammer⸗ diener ihm die wohlfriſirte Perücke aufſetzen, mußte die ſteifen Arme durch einen ſeidenen Schlafrock zwängen, und dann lag er da, be⸗ ſchaute ſich Kupfer und Karten, beſonders auch einen alten Plan des Muſikantenthurms, der vor Jahren einmal erſchienen war, bei einem der vielen Projecte, die zu ſeinem Ausbau ge⸗ macht wurden, und erwartete in aller Gemäch⸗ lichkeit die Viſiten, die an ſeinem Bette erſchei⸗ nen würden und deren er niemals genug be⸗ kommen konnte. Die ganze alte Luſt zur Ge⸗ ſelligkeit war in dem hinſterbenden Greiſe wie⸗ deraufgewacht; von ſeinem Bette aus verfolgte er alle Neuigkeiten und Geheimniſſe der ganzen Stadt; die klatſchhafteſten Beſuche waren ihm 302 jederzeit die liebſten. Sogar die Luſt zu Ob⸗ ſcönitäten und Unarten hatte er noch nicht ver⸗ loren; gewiſſe alte Junggeſellen, mit breiten ſaftigen Lippen und kleinen zugekniffenen Au⸗ gen, die keine Schürze unbetaſtet ließen und als lebendige Chronique scandaleuse der gan⸗ zen Provinz umherwandelten, ließ er ſtunden⸗ lang an ſeinem Bette ſitzen und mit den lecker⸗ ſten Weinen bewirthen, blos damit ſie ihm unſaubere Hiſtörchen erzählten. Auch die junge Frau hatte viel von ſeinen chniſchen Gewohn— heiten zu leiden; mit unausſtehlicher Zudring⸗ lichkeit forſchte er nach den geheimſten Partien ihres Ehelebens und konnte ſich namentlich nicht darüber zufriedengeben, daß noch keine der bei⸗ den Schweſtern, weder Ulrike noch Klara, Hoff⸗ nung auf Nachkommenſchaft gewährte. Der Frau von Schwarzenfeld waren dieſe Ge⸗ ſpräche natürlich im höchſten Grade zuwider, ſie kam jedesmal ganz aufgelöſt und in Thrä⸗ — ſtzu Ob⸗ nicht ver⸗ it breiten fenen Au⸗ ichen und der gan⸗ ſtunden⸗ den lectr⸗ t ſie ihn die junge Gewohn⸗ Zidring⸗ n Partin ntlich nicht n der bü gra, Hof⸗ rte Dir tiſe Ge ni in Thro 303 nen wieder und brauchte längere Zeit ſich zu beruhigen. Was Herrn von Schwarzenfeld anbetraf, ſo lebte derſelbe meiſtentheils draußen auf dem Gute, deſſen Bewirthſchaftung er übernommen hatte und das ſeine Zeit denn freilich ſehr in Anſpruch nahm. Auch bot der Aufenthalt im Hauſe des Kammerdirectors wenig Er⸗ freuliches; es war ein harter Schlag für den jungen Ehemann, ſtatt der glücklichen Häuslich⸗ keit, auf die er gehofft hatte, ein unruhiges Doppelleben führen zu müſſen, bald draußen, bald in der Stadt, und an keinem Ort ſo recht zu Hauſe. Es gab darüber manche ver⸗ drießliche Stunde zwiſchen dem jungen Paar; ein ſo ausſichtloſes und dabei ſo widriges Krankenbett, behauptete Hugo, ſei nicht der paſſende Ort für ſeine Frau, noch habe er darum geheirathet, damit ſeine Frau eine Be⸗ guine werde; ſie habe ihre Pflicht gegen den 304 alten Oheim erfüllt und mehr als erfüllt; ſie möge ihn nun fremden Händen überlaſſen und ſich ganz Dem widmen, der ihr fortan der Einzige und Nächſte auf Erden ſein müſſe. Aber dem widerrieth der Vetter jedesmal mit großer Heftigkeit. Der Oheim, meinte er, habe eine Natur wie ein Elefant, man könne gar nicht wiſſen, wie lange der es noch machen würde; ob Hugo wol bedacht habe, daß er ſich mit ſeiner und ſeiner Frau ganzen Exiſtenz in den Händen des Oheims befinde, ſogar in noch höherm Grade als Hippolyt, der doch we⸗ nigſtens ein kleines baares Capital ausbezahlt bekommen? Hugo ſei des Oheims Pachter, nichts mehr; nicht einmal eine beſtimmte Pacht⸗ zeit ſei zwiſchen ihnen feſtgeſetzt, der Oheim könne ihn fortſchicken wann es ihm beliebe, und was dann? Auch tröſteten ſie ſich wol des Te⸗ ſtaments, das er noch am Morgen des Hoch⸗ zeittags, dem letzten geſunden Morgen, den — ült; ſie ſſen und rtan der ſüſſe. jedesmal teinte er, n könne h machen daß et Eriſtenz ogar in töbezahlt Pachter n Pah⸗ t dhein ebe, und des. en, den 305 er erlebt, aufgeſetzt habe? Allein den alten verſchwiegenen Juriſten ausgenommen, wiſſe ja Niemand, was in dem Teſtament enthalten; einem wunderlichen Manne wie dem Oheim ſei alles Mögliche zuzutrauen. Und geſetzt auch, das Teſtament laute günſtig für die beiden ſchönen Schweſtern— denn er für ſeine Per— ſon mache keine Anſprüche, er habe wenig Be⸗ dürfniſſe und hoffe auch nächſtens in eine Raths⸗ ſtelle einzurücken— ob Hugo denn nicht wiſſe, daß Teſtamente widerruflich wären? Gerade ſolche langwierigen Kranken, die dem Tode jahrelang ins Angeſicht ſehen, kämen mitun⸗ ter auf ſeltſame Launenz er kenne einen alten waſſerſüchtigen Schuſter, der in ſechs Jahren ſchon ſechzehn mal angezapft ſei und dabei ſechzehn verſchiedene Teſtamente gemacht habe, ob⸗ ſchon der ganze Plunder, den er zu vererben laſſe, vielleicht keine ſechzig Thaler werth ſei. Zu dem Onkel kämen jetzt allerhand Leute, er wäre neu⸗ 306 gierig und argwöhniſch, wie leicht ſich da ein Erbſchleicher einniſten und die jungen Paare um ihre ganze Hoffnung bringen könne. Darum, ſchloß er, möchten ſie den Kranken ja nicht aus den Augen laſſen; je mehr ſich Ulrike mit ihm beſchäftige und je unentbehrlicher ſie ſich ihm mache, deſto beſſer ſei es. Hugo ſei durch die Geſchäfte auf dem Gute, er ſelbſt durch ſeine amt⸗ lichen Arbeiten entſchuldigt und weil er auch für ſolchen lebhaften Patienten ein viel zu ſtil⸗ ler, langweiliger Beſuch ſei; Ulrike dagegen habe freie Zeit, ſie habe ja noch nicht einmal für Kinder zu ſorgen; was der Onkel wol den⸗ ken ſolle, wenn ſie ihn verlaſſen und bezahlter Hülfe preisgeben wollte. Ulrike trat dieſen Ausführungen ſtets mit großer Lebhaftigkeit bei.„Wozu“, ſagte ſie, „hätte ich mich wol jahrelang kaſteit und wozu“ (indem ſie ſich zu Hugo wandte)„hätten wir Beide wol unſer Glück jahrelang verborgen und ich da ein Pau um Damm, nicht aus e mit ihn ſich ihn durch die ſeine amt⸗ il er auch el zu ſi dagegen ht einmal lwol den d bezehltr ſtet nit ſagt ſi und w hůtten vi borgen und 307 verſchoben, wollten wir nun, im letzten Augen⸗ blick, die Geduld verlieren und die ſchwerer⸗ rungene Hoffnung leichtſinnig aufs Spiel ſetzen? Uns lieben und arm ſein, das konnten wir ſchon vor Jahren; wäre das meine Abſicht geweſen, warum ließ ich mich nicht von dir entführen, damals als du mich ſo ſehr darum drängteſt? Aber ich haſſe die Armuth und du ſollſt ſie auch haſſen; wir wollen reich ſein und werden es ſein durch das Erbtheil des Oheims, wenn wir nur die Geduld nicht verlieren ihn nicht mit Abſicht beleidigen. Baue du dein Feld in Gottes Namen, ich bleibe hier; der Anblick des Oheims und ſeine frechen Reden ſind mir unerträglich, er iſt ein Scheuſal, ganz gewiß: aber wenn er auch noch lange lebt, ſo kann er doch nicht ewig leben, und endlich ein⸗ mal muß die Stunde der Befreiung ſchlagen. Dann“, rief ſie, indem ſie die Arme heftig um den Nacken des geliebten Mannes ſchlug,„dann 308 wollen wir glücklich ſein! Dann ſoll alles Un⸗ glück, alles Finſtere und Böſe ſoll ausgelöſcht ſein! Dann wollen wir reiſen, weite Reiſen machen und nie wieder zurückkehren nach dieſem unſeligen Neſt....!“ „Und was wird dann aus mir?“ fragte der Vetter mit ſeinem beſcheidenſten Lächeln, indem er die Uhrkette zwiſchen den Fingern drehte. „Sie werden dann der Verwalter unſerer Schätze“, erwiderte Ulrike mit komiſchem Pa⸗ thos:„nicht wahr, Hugo? Es iſt doch eine ehrliche Haut, der Vetter; ich fürchte, wenn wir ihn nicht hätten, würden wir manchen dummen Streich mehr machen....“ „Oder auch manchen weniger gemacht ha⸗ ben“, murmelte Hugo, indem er ein Geſpräch fallen ließ, das doch zu keinem Reſultat führen konnte und das er abbrach, ohne ſich für wi⸗ derlegt zu halten. Ueberhaupt war mit dem ſonſt ſo lebensmuthigen, friſchen Manne ſeit alles Un⸗ usgelöſcht ite Riſen ach dieſen ftagt Lächeln, ern drehte⸗ r unſeret chem No doch eine wenn wit dummen nacht ho Geſpräch u ſn nit den anne ſi einiger Zeit eine unverkennbare Veränderung vorgegangen; er war düſter und zerſtreut, und ſelbſt gegen Ulrike zeigte er eine gewiſſe arg⸗ wöhniſche Spannung. Vielleicht waren es die ungewohnten Geſchäftsſorgen und die Störun⸗ gen der Ehe, die ihm im Kopfe lagen; viel⸗ leicht aber nahm es auch mit Hugo und Ulrike denſelben Gang, den ſchon ſo manches zärtliche Bündniß genommen hatte: aus einem glühenden Liebespaar wurde ein kaltes verdroſſenes Ehepaar. Auch in dieſem Betracht ſchienen Klara und Hippolyt ein glücklicheres Loos gezogen zu ha⸗ ben. Schon die Entfernung und daß ſie nicht nöthig hatten, die Launen des kranken Dheims zu ertragen, war ein großer Vortheil. Auch ſchienen ſie ſich deſſen wohl bewußt; alle ihre Briefe athmeten Freude und Heiterkeit; Hip⸗ polyt's Unternehmungen ſchienen zu gedeihen, und um das Glück vollſtändig zu machen, konnte Klara der Schweſter vor Ablauf des ———————— S. ———————— — 310 zweiten Jahres ein ſüßes Geheimniß anver⸗ trauen, daſſelbe, nach dem der alte Kammer⸗ director ſich bisher mit ſoviel Ungeduld und Schadenfreude erkundigt hatte. Wäre die Nachricht einige Wochen eher ge⸗ kommen, ſo hätte ſie vielleicht den Neid des jungen Paares erregen können. Allein ſeit kur⸗ zem erfreute Ulrike ſich derſelben ſüßen Hoff⸗ nungen, denen ihre Schweſter entgegenging. Der Kammerdirector nahm die Kunde, die man ſeinen neugierigen Fragen nicht wohl verbergen konnte, mit einer Freude auf, die beinahe rüh⸗ rend geweſen wäre, hätte ſie ſich nur nicht, wie faſt Alles bei dieſem wunderlichen Manne, ſo ſehr unangenehm und ungeberdig geäußert; er kreiſchte ordentlich vor Vergnügen und verfiel gleich darauf in ein Gelächter, das ihn zu er⸗ ſticken drohte. Auch fand man ihn wirklich am nächſten Morgen todt im Bette. anver⸗ Kammer⸗ duld und neher ge⸗ Neid de * ſeit kun ßen Hof n Druck ck von F. A. Brockhaus i haus in Leipzi zig⸗ verbergen nehe rih⸗ Nannt, zußert; er ud rerf ihn zu el n nihſu — — Soiour& Srey Gontrol Chart n Cyan Green Nvellow Red Magenta Grey 2