ſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Eduard Oltmann in Gießen, cloßgaſſe Lit A. Nr. 256. Seih- und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ijedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 22 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe veſſelben entſprechende Summe hinterleen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 7 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für entich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———.————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. „—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und ſ veſeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der N Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ ſ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt je der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. sleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird be ers darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen I( der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 2 4—— S—— . Helene. Ein Frauenleben. IM. Helene. 4 Pin Franenleben. Romun in drei Bänden. Von Robert Prutz. Dritter Band. 1856. Prag Leipzig. Expedition des Albums. ———— —— Inhalt. Sechſtes Buch. Florine. 9 Seite Erſtes Capitel. Das Erwachen 1 Zweites W alten Zeiten 7 Drittes— Eine heimliche Ehe 15 Piertes 3 Wuiter unb chier Fünftes 5 Bei der Sechstes„ Künſtlerleben. 34 Siebentes„ Auf der Sonnenſeite des Sens 0 Achtes Alte Freunde 148 Neuntes„ Das Herz einer Frau. 56 Zehntes„ Gefunden und verloren. 64 Siebentes Buch. Die Rebenbuhler. Erſtes Cupitel. Neue Träume. Zweites„ Eine geheimnißvolle vnns 85 Drittes 5 Die Warnung.. 0 Piertes Graf Waldemar 1100 Fünftes Capitel. Der Lauf der Welt Sechstes 5 Siehentes„ Achtes„ Neuntes„ Zehntes„ Eilftes„ Zwölftes„ Dreizehntes, Pierzehntes„ Fünfzehntes„ * Erſtes Capitel. Zweites„ Drittes„ Piertes„ Fünftes Sechstes„ Siebentes„ Achtes Neuntes„ Zehntes„ Eilftes Zwölftes 5 Dreizehntes„ Vierzehntes„ Fünſzehntes„ Eine gefährliche Betanitſchaft g So leben wir Rudolph Der Brief. Unterhandlungen Die Verwirrung ſteigt. Verſchiedene Srade Feſtpläne. Auf der Jagd. Die Schlinge fällt zu Achtes Buch. Schuld und Puße. Neue Gäſte. Der Verrath. Aufklärungen. Die Gräfin. Die Verlobten Ein treuer Freund Ein Vorſchlag für Frzieher 3 Auf der Soii 2 Eheſtand 6 Weheſtand. Begegnungen. Der Verſucher Die Flucht.. Die Unterſchrift. Das Gericht Schlüßwort des Herausgebers 262 Seite 107 11 1¹9 123 132 138 147 155 163 168 179 187 192 199 204 2¹⁰ 217 224 228 233 241 247 252 258 272 276 Sechstes Juch. Florine Erftes Capitel. Das Erwachen. Nichts Furchtbareres als das erſte Erwachen nach einem großen und unerſetzlichen Verluſt, der uns unerwartet betroffen. Erſchöpft von Jammer und Thränen, haben wir endlich im Schlaf eine kurze Erholung gefunden; mit wohlthätiger Hand hat er uns die Erinnerung des Vorgefallenen aus dem Gedächtniß gelöſcht, ja die Phantaſie gaukelt uns vielleicht eben ihre goldenen Bilder vor und im Traume beſitzen wir wieder, was uns doch auf ewig entriſſen iſt. Da weckt der erſte Strahl der Sonne uns aus dem leichten Schlummer und mit dem Licht, das unſer Auge berührt, dringt auch ſofort das ganze jammervolle Bewußtſein unſeres Unglücks auf 1856. X. Helene. III.. 1 uns ein; wie von einem Abgrund verſchlungen, liegt die ſelige Vergeſſenheit des Schlummers hinter uns, ohne nachzudenken, ohne uns zu beſinnen, wiſſen wir auf einmal Alles, was die Nacht mit gnädigem Schleier verbarg, ausgetilgt, verſchwunden, wie vom Blitz ver⸗ zehrt iſt der Friede, deſſen wir ſoeben noch genoſſen, und nur die tiefe, tiefe Sehnſucht bleibt zurück nach einem anderen Schlummer, der noch feſter iſt und aus dem es kein Erwachen giebt. Ach, ſolcher Morgen habe ich in ſpäterer Zeit viele verbracht, unzählig viele— denn es giebt Qualen des Herzens, die mit jedem Morgen neu werden, es giebt Verluſte, die längſt verjährt ſind und doch niemals verſchmerzt. Umgekehrt aber giebt es auch nichts Seligeres und nichts, was die Seele mit ſüßerem Frieden er⸗ füllt, als das erſte Erwachen nach einem großen ungeahnten Glück, das plötzlich, wie aus Götterhän⸗ den, in unſer armes Leben hineingeſchneit iſt. Noch ſind wir nicht ganz erwacht und ſchon ſchwebt den noch halb betäubten Sinnen das Bewußtſein des neuen Glückes vor, mit Behagen wiegen wir uns in dieſem traumhaften Zuſtand und wenn wir uns endlich entſchließen das Auge zu öffnen, o wie der Tag dann ſo golden ſcheint, wie die Welt ſo ganz anders, ſo viel ſchöner, ſo viel liebenswürdiger gewor⸗ 3 den iſt! So muß das Erwachen der Kinder am Morgen nach dem Weihnachtfeſte ſein, wenn ſchon der Tan⸗ nenbaum die vergoldeten Zweige durch die Kammer⸗ thůr ſtreckt— und ſo war auch mein Erwachen an dem Morgen, der jener verhängnißvollen Nacht zu⸗ nächſt folgte. Unter Lachen und Weinen, Fragen und Antworten war ich endlich eingeſchlummert, ohne es ſelbſt zu wiſſen und als ich erwachte, ſiel mein erſter Blick auf das Antlitz meiner Mutter. Meiner Mutter! Welch ein Wort war das! und wie bebten meine Lippen, da ich es jetzt aus⸗ ſprechen durfte, ach in ſo ganz anderem Sinne und mit ſo ganz anderen Empfindungen als ſonſt! Doch iſt es menſchliches Schickſal, daß keine Freude ganz rein und ungetrübt bleibt und auch die junge Roſe meines Glückes, die da ſo plötzlich an meinem Wege aufgeſproßt war, hatte— ich ſollte es bald gewahr werden— ihre Dornen. Iſabella oder wie ich ſie wohl eigentlich nennen müßte, Florine hatte den Reſt der Nacht im Lehn⸗ ſtuhl vor meinem Lager zugebracht. War es dieſe un⸗ gewohnte Anſtrengung oder war es die Aufregung des vorhergehenden Abends oder endlich war es die Schuld des Morgenlichtes, das bleich und fahl durch die dicht geſchloſſenen Vorhänge ſiel— genug, ich erſchrak 1* faſt, als ich ſie vor meinem Bette ſitzen ſah ſo ernſt, ſo bleich, ach und dabei mit einem Zuge von Mü⸗ digkeit in dem edlen ſtolzen Angeſicht— der volle Reſt meines Lebens wäre mir nicht zu theuer gewe⸗ ſen, hätte ich dieſen Zug von Müdigkeit aus dem geliebten Antlitz hinwegwiſchen können. Doch war ſie klar und gefaßt und zeigte die⸗ ſelbe Ueberlegenheit des Geiſtes, die ich bei der erſten Bekanntſchaft an ihr bewundert hatte. Bereits wäh⸗ rend ich noch ſchlief, hatte ſie der Dienerſchaft die nöthigſten Befehle ertheilt, uns ungeſtört zu laſſen. Der alten Gräfin ſollte man melden, die Fremde wäre von einem plötzlichen leichten Unwohlſein be⸗ fallen, weshalb ſie um Erlaubniß bitte die Gaſt⸗ freundſchaft des Hauſes noch einen Tag länger in Anſpruch nehmen zu dürfen. Doch möge die Frau Gräfin ſelbſt ſich dadurch keinen Augenblick beunru⸗ higen laſſen, ſie habe an dem Geſellſchaftsfräulein allen Beiſtand, deſſen ſie bedürfe und werde der Frau Gräfin ſehr dankbar ſein, wenn ſie dem jun⸗ gen Mädchen geſtatten wolle, ſich heut ausſchließlich ihrem Dienſte zu widmen. „Die Frau Gräfin,“ ſagte ſie mit bitterm Lä⸗ cheln, indem ſie mir dieſe von ihr getroffenen An⸗ ordnungen mittheilte,„wird in dieſem angeblichen 4 6 5 2 Unwohlſein eine neue Intrigue von mir wittern: ſie wird denken, ich ſuche nur nach einem Vorwand meinen Aufenthalt in ihrem Hauſe zu verlängern bis——“ Hier ſtockte ſie und eine leichte Röthe flog über ihr marmorbleiches Angeſicht. Dann aber fuhr ſie entſchloſſen fort: „Nun ja doch, bis etwa mein ſchöner Unge⸗ treuer zurückkehrt und mich antrifft in dem Hauſe ſeiner Väter, dem hochadlichen, hochgräflichen Hauſe, in das er mich ſelbſt als Herrin führen wollte. Als ob, wenn ich das wirklich gewollt hätte, irgend eine Macht der Erde im Stande geweſen wäre mich daran zu hindern! Die Elenden, die ſich einbilden, nich durch ihre Drohungen eingeſchüchtert, durch ihre Verſprechungen beſtochen zu haben! Es ſind Elende, wie ſie da ſind, trotz ihres Stammbaums und trotz ihrer Reichthümer, ja trotz dieſes Firniſſes von Bil⸗ dung und geſelliger Sitte, mit dem ſie ihre innere Rohheit zu übertünchen ſuchen; ſie wiſſen nicht, was ein liebendes Weib vermag und daß es nur einen Wink meines Auges bedurft hätte, ſo hätte Waldemar ihnen den ganzen Plunder ihrer Vornehmheit vor die Füße geworfen und wäre als Schauſpieler mit mir durch die Welt gezogen. Allein der gute Junge,“ ſetzte ſie mit einem halben Seufzer hinzu,„hat kein Talent zum Schauſpieler, er iſt zu offen, zu ehrlich, zu ſchwach dazu: gerade wie auch Du—“ indem ſie einen raſchen Blick über mich hingleiten ließ— „kein Talent dazu hätteſt, mein Kind: dazu gehören andere, härtere Herzen, geſtählt in der Flamme der Leidenſchaft und geweiht vom Stempel des Un⸗ glůcks. Sie verſank in ein minutenlanges Schweigen, dann plötzlich in die Höhe fahrend, mit einem Aus⸗ druck von Schadenfreude, der den ſchönen Kopf faſt widerwärtig machte: „Aber das bischen Angſt,“ ſagte ſie,„kann der alten ſtolzen Dame nicht ſchaden, ſie hat es um mich verdient— ſo mag ſie denn ein wenig ſchwitzen an dem Feuer ihrer eigenen Angſt. Weißt Du auch, Kind, was ſie mir angethan hat, dieſe alte böſe Frau? Daß ſie mich bei Waldemar zu verleumden ſuchten, daß ſie Geſchichten erfanden und Lügen ſchmiedeten ſein Herz von mir abzuwenden— pah, das vergeb' ich ihnen; was wäre das für eine Liebe, die ſich durch ſolche Mittel erſchüttern ließe? Selbſt Waldemar, ſo ſchwach, ſo weibiſch ſchwach er im Grunde iſt— dieſen Angriffen, das weiß ich gewiß, hätte er doch widerſtanden. Aber nein, ſie haben mir 7 Geld geboten, denke Dir, mein Kind, Geld! Dieſer ſogenannte Rittmeiſter, dieſe Jammergeſtalt von Mann, ein armer Vetter, der im Hauſe der gnädigen Frau Muhme mit dem Gnadenbrode durchgefüttert wird, dieſe alte penſionirte Sünde hat es gewagt mir Geld zu bieten, wenn ich dafuͤr das Eheverſpre⸗ chen zurücklieferte, das Waldemar mir gegeben hatte. — Geld! mir! einer Künſtlerin, einem Weibe Geld!! Und Waldemar hat es gewußt, hat es wenigſtens nachträglich erfahren und hat dem Schurken nicht den Degen durch den Leib gerannt! Das hat zwiſchen uns entſchieden, das und nichts Anderes: hätte ich ihm nicht ſchon entſagt gehabt— o Gott, jetzt hätte ich es ja müſſen! Aber ſie ſollen mir dafür büßen, die Elenden, die meine reine ſtolze Liebe ſo verunſtaltet haben, büßen ſollen ſie mir und wäre es nur durch die Angſt Eines Pages— wer mißt den Jammer, den ich tragen werde bis an das Ende meiner Tage?!“— Zweites Capitel. Vor alten Zeiten. Man fühlt leicht, wie peinlich es mir ſein mußte, ſolche Reden zu vernehmen aus dem Munde einer Frau, in der ich meine Mutter verehrte und die ſo lange der Gegenſtand meiner kindlichen Sehnſucht geweſen war. Auch das ſchadenfrohe Lächeln, das ihre ſchönen Züge dabei verunzierte, ängſtigte mich mehr als ich mir geſtehen mochte; es war mir, als legte fich damit ein Schleier über das geliebte Antlitz, deſſen Schönheit mich geſtern noch ſo ſehr entzückt hatte und das mir heut, in der blaſſen Beleuchtung des jungen Tages, ſo ermüdet, ſo krank erſchien. Ich ſuchte daher dem Geſpräch eine andere Wendung zu geben indem ich es unvermerkt auf die Geſchichte meiner Kindheit und jene langen trüben Jahre brachte, welche ich von ihr getrennt gelebt hatte. In meinem einfältigen Sinne dachte ich, Florine müſſe an dieſen Erinnerungen daſſelbe Inte⸗ reſſe nehmen wie ich ſelbſt und da eine ſehr natür⸗ liche Scheu mich zurückhielt, ſie nach ihren Schickſa⸗ len zu fragen, ſo überſchüttete ich ſie mit Erzählun⸗ gen aus meinem kleinen Leben; meine Geſchwätzig⸗ keit, hoffte ich dabei in der Stille, ſollte endlich auch ihre Lippe löſen und mir Geheimniſſe aufdecken, die mich ſo nahe angingen und deren Zuſammenhang ich bis jetzt nur dunkel ahnte. 8 Aber auch hier wieder ſtieß ich auf einen Punkt, „ der mich beängſtigte und mein junges Glück zu 9 trüben drohte. Florine lieh meinen Erzählungen ein gütiges Ohr: aber trotz der Zeichen von Theilnahme, mit denen ſie dieſelben begleitete, fühlte ich doch deutlich, daß ihre Aufmerkſamkeit eben nur eine gelie⸗ hene war und daß andere Erinnerungen und andere Intereſſen ihr Herz beherrſchten. War die Geſchichte der Vergangenheit ihr vielleicht eben ſo peinlich wie mir die Schilderung ihrer gegenwärtigen Lei⸗ den und Qualen? Schämte ſie ſich, mir Ge⸗ ſtändniſſe zu thun, die allerdings fuͤr das Ohr einer Tochter am wenigſten geeignet waren und die doch unmöglich länger verſchwiegen bleiben konnten? — Ein tiefer Schmerz, eine plötzliche Angſt, als hätte der Tag die geliebte Erſcheinung der Nacht mir ausgetauſcht und das wäre gar nicht mehr die Frau, die mich wenige Stunden zuvor noch ſo zärt⸗ lich in ihre Arme ſchloß, durchzuckte mich— waren das die Unterhaltungen einer Tochter mit ihrer Mutter? mit einer Mutter, die ſie heut nach jahre⸗ langer Trennung zum erſten Male wieder in die Arme ſchloß? So hatte ich ſie mir wenigſtens anders gedacht Selbſt die Kataſtrophe im Schickſal des Herrn Nonnemann, das Fürchterlichſte in meinen Gedanken, was einem Menſchen begegnen konnte, gewann ihr 3 nur ein flüchtiges Zeichen innerer Befriedigung ah. So ſei ihm Recht geſchehen, meinte ſie, und ſo habe es kommen müſſen; er habe das verdient, um mich, um ſie ſelbſt, um die Unzähligen, die er ſeit Jahren durch ſeine Heuchlermaske getäuſcht und hintergan⸗ gen. Doch möge ich mich wohl vor ihm in Acht nehmen, falls er jemals wieder in Freiheit käme; er ſei ein rachſüchtiger, heimtückiſcher Charakter von un⸗ ergründlicher Argliſt, der mir gewiß niemals den An⸗ theil vergeben würde, den ich an der endlichen Ent⸗ deckung ſeiner vieljährigen Betrügereien hätte. So wohlgemeint dieſer Rathſchlag ohne Zwei⸗ fel war und ſo viel Grund ſie dazu haben mochte, ſo hörte ich doch nur mit halbem Ohr darauf. Denn erſtlich begriff ich nicht recht, wie Florine noch von meiner Zukunft als von etwas Beſonderm ſprechen und mir Rathſchläge deshalb ertheilen konnte; waren wir nicht Mutter und Tochter? Hatte uns nicht der Himmel ſelbſt auf den wunderbarſten Wegen zu⸗ ſammengeführt? Und welcher Vorſicht bedurfte ich noch, da ja von jetzt an das Auge einer Mutter über mir wachen ſollte? Außerdem aber, ich darf es nicht läugnen, pei⸗ nigte mich auch die außerordentlich leichte, faſt ober⸗ flächliche Art, mit welcher Florine meine Erzählung ———— 11— von den Schickſalen meines Oheims, des Herrn Nonne⸗ mann, aufnahm; er war ja boch immer ihr Bruber und wenn es auch richtig genug ſein mochte, daß er ſich niemals ſehr brüberlich gegen ſie benommen, ſo hätten, meinte ich, die Rechte des Blutes doch immer⸗ hin etwas mehr Schonung verdient. Ich wagte es dieſer meiner Empfindung einen Ausdruck zu geben, wenn auch in der mildeſten Form, und dies veranlaßte Florine denn endlich den Schleier von der Vergangenheit zu heben und mir, wenn auch nur in den flüchtigſten Umriſſen, die Geſchichte ihrer Jugend, ihrer Leiden und Verirrungen mitzutheilen — eine Geſchichte, mit der meine eigene Exiſtenz ſo nahe verflochten war.. Und da war es denn eine große Beruhigung für mich, da ich zunächſt erfuhr, daß Herr Nonne⸗ mann und meine Mutter keineswegs leibliche Geſchwi⸗ ſter. Der Vater meines ſogenannten Oheims hatte noch in ſpätern Jahren eine zweite Frau geheirathet, die ihm Florinen, das Kind einer frühern Ehe, ins Haus gebracht. Florine war alſo, was man ein angeheirathetes Kind nennt: ein Verhältniß aller⸗ dings von ſehr lockerer Beſchaffenheit und wenig ge⸗ eignet, geſchwiſterliche Empfindungen zu erwecken, beſonders wo die Charaktere ſich ſo ſchroff gegenüber „ 12 ſtanden, wie es bei Herrn Nonnemann und meiner Mutter der Fall war. Im erſten Augenblick über⸗ raſchte es mich lebhaft, daß Herr Nonnemann ſelbſt, der doch ſonſt nichts zu verſchweigen pflegte, was irgend dazu dienen konnte mich zu kränken und zu beſchämen, dieſes Verhältniſſes gegen mich niemals erwähnt. Aber erwähnte er denn meiner unglück⸗ lichen Mutter überhaupt jemals, es wäre denn mit halben Worten und dunkeln Andeutungen, die irgend etwas Ungeheures, Unſagbares vermuthen ließen? Auch war ja das Martyrium, mit dem er ſich vor den Leuten brüſtete, jedenfalls noch viel drük⸗ kender und bemitleidenswerther, wenn es die leib⸗ liche Schweſter verſchuldet hatte, als wenn es nur ein angeheirathetes Kind war, das dieſes Elend und dieſe Schmach über die Familie gebracht; dieſe Art der Heuchelei lag ganz in dem Charakter des unſeligen Mannes und erklärte ſich die Zurückhaltung, welche er über dieſen Punkt beobachtet hatte, daraus zur Genüge. Im Uebrigen war Alles ziemlich ſo, wie Emil es mir in jener Nacht nach dem Tode des alten Herrn von Eberſtein aus Vorwitz oder Schadenfreude vertathen hatte. Meine Mutter, jung, ſchön, leiden⸗ ſchaftlich, hatte ſich dem ſtrengen Regiment nicht 13 unterwerfen mögen, das Herr Nonnemann, in deſſen Hände nach dem frühen Tode beider Eltern ihr Schickſal gerathen war, über ſie verhängt hatte, ganz in derſelben Art und mit derſelben eiſernen Schwere, unter welcher ich dann in der Folge zu ſeufzen hatte. Aber Florine war kein Kind mehr wie ich, ſie war ein früh gereiftes Mädchen von entſchloſſe⸗ nem und männlichem Geiſte. Dazu kam ein unwi⸗ derſtehlicher Trieb zur Bühne; ſchon von früh an war das Theater der Gegenſtand ihrer heißeſten Sehnſucht geweſen und je ſelbſtändiger ſie ſich ent⸗ wickelte, je mächtiger trat auch dieſe Leidenſchaft zu Tage— und mit der Leidenſchaft wuchs das Talent. Natürlich war dem ſtrengen, aller weltlichen Freude und Luſtbarkeit abgewandten Herrn Nonnemann der Gedanke, ein Weſen, das irgend wie in Bezie⸗ hung zu ihm ſtand und wenn es auch nur ein ange⸗ heirathetes Kind ſeines Vaters war, könne jemals die Bühne betreten, dieſen wahren Schauplatz ſchnöder Weltluſt, unerträglich. Auf alle Weiſe ſuchte er den Plan des jungen Mädchens zu hintertreiben, erreichte damit jedoch weiter nichts, als daß ſie heimlich ſein Haus verließ und ſich auf gut Glück bei einer jener herumziehenden Truppen anwerben ließ, die, eben weil ſie auf der niedrigſten Stufe der Kunſt ſtehen, die 14 gewöhnliche Zuflucht aller jungen Talente ſind— und leider auch Derer, die ſich blos für Talente halten, ohne es zu ſein. Meine Mutter gehörte zu dieſen Letztern nicht, das bewies die Sonnenhöhe des Ruhmes, auf der ſie in dieſem Augenblick ſtand und die darum nicht min⸗ der glänzend war, weil ſie ſelbſt ſich davon erſchöpft und überſättigt fühlte. Aber auch der Anfang ihrer künſtleriſchen Laufbahn mußte ungewöhnlich raſch und glänzend geweſen ſein. Wenigſtens gelang es ihr ſchon wenige Monate, nachdem ſie das Haus meines Oheims verlaſſen, die Aufmerkſamkeit eines jungen Mannes zu feſſeln, der durch Rang und Reichthum zu den erſten Partien des Landes gehörte. Aus leichtbegreiflichen Gründen ging meine Mutter über dieſen Abſchnitt ihres Lebens ſehr raſch hinweg und ſo weiß ich weder zu ſagen, wie viel Antheil an dieſer Aufmerkſamkeit ihre Kunſt als Schauſpiele⸗ rin hatte und wie viel ihre Jugend und Schönheit — noch auch wie es kam, daß der junge reiche Edel⸗ mann ſie unter der herumziehenden Schauſpielerbande auffand. Jedenfalls war die Aufmerkſamkeit, welche der junge Mann ihr widmete, ſehr lebhaft,— ſo lebhaft, daß ſie bald in die glühendſte Leidenſchaft überging. Wie weit dieſelbe von Florinen erwiedert 15 ward, vermag ich wiederum nicht zu ſagen; ich fürchte jedoch ſehr, mein armer Vater hat mehr geliebt als er geliebt worden iſt So jung meine Mutter damals auch noch war, ſo hatte ſie doch ſchon dieſelbe Schärfe des Verſtan⸗ des und denſelben ſtolzen Alles beherrſchenden Geiſt, den ich in dieſem Augenblick an ihr erkannte. Fah⸗ rende Schauſpielerin— ganz wohl, dazu hatte ſie ſich entſchließen können; ſo niedrig die Stellung war, gleichviel, ſo war es doch eine Stufe zum Tempel des Ruhmes und der gewandte Reiter, der nur. erſt einen Fuß im Bügel hat, ſchwingt ſich auch wohl in den Sattel. Aber die fahrende Geliehte eines jungen Cavaliers? Nimmermehr; wenn nicht ihre Tugend, ſo empörte ſich doch jedenfalls ihr Stolz dagegen— ach, hätte er es immer gethan! Drittes Capitel. Eine heimliche Ehe. So blieb dem jungen Manne denn, um zu dbem Ziel ſeiner Wünſche zu gelangen, nichts übrig, eine heimliche Ehe. Nämlich eine heimliche 7. 16 deshalb weil er ſelbſt die Jahre der Mündigkeit noch nicht erreicht hatte und weil außerdem ſein Vater, einer der erſten Würdenträger des Landes, ein Mann war von außerordentlich ſtrenger Denkungsart, der niemals zugegeben haben würde, daß ſein einziger Sohn und Erbe ihm eine fahrende Schauſpielerin, eine Komö⸗ diantin, als Schwiegertochter ins Haus gebracht hätte. Es war alſo eine ganz ähnliche Situation wie die⸗ jenige, welche in dieſem Augenblick wieder zwiſchen Florine und Waldemar beſtand— mit dem Unter⸗ ſchiede freilich, daß Florine damals um zwanzig Jahre jünger war und daß die Blüthe ihrer Schön⸗ heit, deren Ueberreſte noch jetzt ſo gewaltig wirkten, damals eben in ihrer erſten jugendlichen Friſche prangte. Ihr ſelbſt entging dieſe Aehnlichkeit nicht; die Art jedoch, wie ſie derſelben gedachte, hatte für mein Gefuͤhl wiederum etwas ſehr Beunruhigendes. „Siehſt Du,“ ſagte ſie,„das iſt nun einmal mein Schickſal. Da ſtehſt Du große Tochter vor mir, jung und bluͤhend, wie ein Röschen im Mai und die närriſchen Männer überſehen Dich und laufen meiner welkenden Schönheit nach; ich werde alt— o wahrhaftig, es weiß keiner ſo genau wie ich, wie lt ich eigentlich werde— aber die Männer werden 17 niemals klug. Es iſt eben immer daſſelbe Spiel der Leidenſchaft, man wird müde dabei, aber doch niemals befriedigt; heute heißt er Waldemar und vor zwanzig Jahren hieß er Adolph— ach wie dies ganze Leben mir zur Laſt iſt! Aber beruhige Dich,“ ſetzte ſie raſch hinzu, da ſie ſah, wie mir die Thrä⸗ nen in die Augen traten,„der gute Adolph, Dein Vater, war doch beſſer als dieſer Waldemar und ich ſelbſt, mein Kind— ich ſelbſt war damals auch noch beſe Adolph— ſo war der Name alſo heraus. Auch erräth gewiß Jeder ſogleich, wer damit gemeint war Adolph von Eberſtein, der einzige Sohn meines alten väterlichen Freundes, das Urbild zu jenem Gemälde mit den friſchen rothen Wangen und den krauſen blonden Locken, welches, vom Trauerflor verhüllt, in ſeinem Zimmer hing, als ich daſſelbe zum erſten WMal betrat, und das ich dann am Fußende ſeines Sterbebettes wiederfand, gleichſam noch feucht vom Todesſchweiß, noch angeſtrahlt von den letzten ſehn⸗ ſüchtigen Blicken des ſterbenden Greiſes. O wie Alles nun auf einmal ſo wunderbar vor meiner Seele tagte! Jetzt verſtand ich, warum der alte Herr da⸗ mals ſo jählings in die Höhe gefahren war, als ich den Namen meiner Mutter Florine nannte; ich 1856. X. Helene. III. 2 4 haßte. 18 verſtand jetzt, warum er mich vor ſich in die Höhe ge⸗ hoben und mein kleines unſchuldiges Kindergeſicht ſo ſorgfältig, ſo ängſtlich mit dem Gemälde unter dem Trauerflor verglichen hatte— und auch dieſe Miſchung von Zorn und Liebe, von Strenge und Güte, mit der er mich behandelt hatte, verſtand ich jetzt nur allzuwohl: es war die natürliche Zärtlich⸗ keit des Großvaters, kämpfend mit der Abneigung und dem Haſſe, den eine ungeliebte, ihm wider Willen aufgedrängte Schwiegertochter in ihm erweckt hatte — eine Schwiegertochter, in der er nicht blos die Verführerin, nein, auch die Mörderin ſeines Sohnes Denn dies war der unglückliche Verla jungen leidenſchaftlichen Liebe geweſen. Eberſtein, jung, unerfahren, kopflos vor Leidenſchaft, hatte die meiſten jener Vorſichtsmaßregeln verſäumt, welche nöthig geweſen wären, die heimlich geſchloſſene Ehe auch wirklich als Geheimniß vor der Welt zu bewahren. Im Gegentheil: der Uebermuth ſeiner Leidenſchaft, vielleicht auch Eitelkeit auf den Beſitz des ſchönen Weibes, hatten ihn verführt, ſich öffent⸗ lich mit Florinen zu zeigen; er hatte ſie vom Thea⸗ ter hinweggenommen und, unfähig ihre Nähe auf längere Zeit zu entbehren, ihr insgeheim eine „ 19 Wohnung in Florinens Vaterſtadt gemiethet, derſelben Stadt, wo der alte Herr von Eberſtein lebte und wo auch Adolph, der Beſtimmung ſeines Vaters gemäß, ſeinen gewöhnlichen Aufenthalt hatte. Die Be⸗ ſuche in der geheimen Wohnung waren ſo häufig, die Ausflüge, die er am Arm der jungen, über Alles geliebten, durch das Geheimniß in ſeinen Augen nur doppelt bezaubernden Gattin machte, ſo rückſichtslos geworden, daß wenige Wochen genügt hatten, die halbe Stadt in das Geheimniß einzuweihen. Als daſſelbe dem alten Herrn von Eberſtein zu Ohren kam, brach er in den fürchterlichſten Zorn aus. Noch wie ich ihn kennen lernte, einen gebrochenen, lebensmüden Greis, hatte er bei aller Freundlichkeit und Milde doch gewiſſe herbe Seiten, welche man ſich wohl hüten mußte zu berühren; wie mußte die Flamme ſeines Zornes nicht erſt gewüthet haben, da der halberloſchene Vulkan in ſeiner Bruſt noch in voller Kraft und Thätigkeit war!— Adolph, ſtolz auf ſeine Liebe und die Opfer, die er im Begriff ſtand ihr zu bringen, machte nicht den mindeſten Verſuch, dem zürnenden Vater die wahre Beſchaffenheit ſei⸗ nes Verhältniſſes zu der ſchönen Schauſpielerin zu verbergen oder ſeine Vergebung zu erflehen. Adolph war wohl urſprünglich eine harmloſe, nachgiebige 20 Natur; raffen ſich ſolche einmal zu einem Wiber⸗ ſtande auf, der ihrem Charakter eigentlich fremd, ſo begegnet es ihnen leicht, hartnäckiger zu werden und hochfahrender als ſie ſelbſt eigentlich gewollt haben. Auch der junge Herr von Eberſtein beſtätigte die Wahrheit dieſes Satzes. Vielleicht wäre es mög⸗ lich geweſen, durch augenblickliche Nachgiebigkeit den Zorn des Vaters zu beſchwichtigen, oder ſchlimmſten Falles hätte er ſich und die Geliebte durch eine ſchleu⸗ nige Flucht vor den Folgen deſſelben ſchützen können. Aber das Eine ſowenig wie das Andere kam ihm in den Sinn; auf das Recht ſeiner Leidenſchaft pochend, verſicherte er mit tauſend Eiden, niemals und unter keiner Bedingung von der Angebeteten zu laſſen und auch daß ſie ein Kind von ihm unter dem Herzen anerkenne und für deſſen dereinſtige Rechte er keinen Kampf ſcheuen würde, ſelbſt gegen des Kindes eige⸗ nen Gryßvater nicht— auch dieſe für den alten Herrn von Eberſtein ſo erſchütternde Nachricht theilte er ihm mit dem ganzen Uebermuth der Liebe, dem ganzen Stolz der erſten Vaterfreude mit. Es kam nun zu böſen gerichtlichen Händeln zwiſchen Vater und Sohn. Der Erſtere ſuchte die Giltigkeit der heimlich abgeſchloſſenen Ehe anzufechten trage, ein Kind, das er mit Stolz als das jeine 21 und warf dabei ſeine ganze juriſtiſche Gelehrſam⸗ keit, das ganze Gewicht ſeines amtlichen Anſehens und ſeiner zahlreichen geſelligen Verbindungen in die Wagſchale. Er hätte ſich die Mühe ſparen können: noch bevor das Gericht dazu kam die Nichtigkeit des angefochtenen Bündniſſes auszuſprechen, hatte ſchon ein anderer noch mächtigerer Arm das traurige Schei⸗ dungsamt übernommen— der Tod. Mein Vater ſtarb, noch bevor ich das Licht der Welt erblickte— ſtarb in Folge eines hitzigen Fiebers, welches der erbitterte Streit mit ſeinem Vater und die Beſorg⸗ niß, ſich von dem geliebten Weibe getrennt zu ſehen, ihm zugezogen hatte. Wie tief der Schmerz des Alten über dieſen unerwarteten Ausgang geweſen ſein mußte, bas ließ ſich aus der tiefen und unauslöſchlichen Trauer ſchlie⸗ ßen, deren Zeuge ich ſelbſt noch geweſen und die ihn auch nicht wieder verlaſſen hatte, bis auf das Ster⸗ bebett. Aber ebenſo tief wie ſeine Trauer und viel⸗ leicht noch tiefer— nämlich wenn das Herz des um alles Lebensglück und alle Lebenshoffnung getäuſch⸗ ten Greiſes noch einer tiefern Empfindung fähig geweſen wäre— war auch der Haß, mit dem er meine unglückliche Mutter, die unſchuldige Urſache ſo vielen Elends, verfolgte. 22 Denn in ſeinen Augen war ſie nichts weniger als unſchuldig; nicht ihre Schönheit, nein, ihre Argliſt, behauptete er, ſei es geweſen, was den ver⸗ blendeten Jüngling in ihre Netze verlockt; ohne dieſe Leidenſchaft wäre der Friede zwiſchen Vater und Sohn nie geſtört worden, der Fluch, den er im Uebermaß des Zornes auf das Haupt des Sohnes ge⸗ ſchleudert, wäre unausgeſprochen geblieben und auch dies vorzeitige Grab, das ſich ſo plötzlich zu den Füßen des entſetzten Vaters geöffnet hatte und in dem nun auf einmal all ſein Glück und alle ſeine Hoffnungen verſunken waren— auch dies unſelige Grab, dies Grab, das er jetzt gern mit den eigenen Nägeln wieder aufgeriſſen hätte, wäre wohl noch lange nicht gegraben worden, ohne jene verhängniß⸗ volle, jene teufliſche Leidenſchaft! Piertes Capitel. Mutter und Tochter. Wie geſagt: nicht blos die Verführerin, auch die Mörderin ſeines Sohnes haßte der alte Herr in der ſchönen Schauſpielerin und das erklärte denn zur 23 Genüge den unverſöhnlichen Groll, mit welchem er ſie und mich, ihr unglückliches, noch ungeborenes Kind, verfolgte.— Der Tod des jungen Mannes war ſo plötzlich gekommen und ihm ſelbſt ſo uner⸗ wartet, daß er nicht die geringſten Verfügungen zu Gunſten ſeiner Gemahlin hatte treffen können, ſelbſt angenommen, daß ihm ſolche Verfügungen bei der un⸗ glücklichen Lage des Rechtshandels juriſtiſch möglich geweſen wären. Somit ſah Florine mit dem Tode meines Vaters ſich auf einmal der hilfloſeſten Lage preisgegeben und der alte Herr von Eber⸗ ſtein— ich muß mir das ganze Uebermaß ſeines Vaterſchmerzes vor die Seele rufen, um das Gefühl von Bitterkeit zu unterdrücken, das mich bei dieſer Erinnerung beſchleicht— Herr von Eberſtein, ſage ich, war grauſam genug, die unglückliche Lage der jungen Frau noch durch die gehäſſigſten Verfolgun⸗ gen und Anfeindungen zu verſchlimmern. Aller Exi⸗ ſtenzmittel beraubt und von der Behörde auf Betrieb des unverſöhnlichen Herrn von Eberſtein ſelbſt in ihrer perſönlichen Sicherheit bedroht, blieb der un⸗ glücklichen Frau nichts übrig als ihre Zuflucht in dem Hauſe des Herrn Nonnemann zu nehmen— oder vielleicht ward ſie auch von der Behörde dazu genöthigt; in ihrer Erzählung ging ſie, wie ich 24 bereits erwähnte, über dieſe Epoche ihrer Vergangenheit ſehr flüchtig hinweg und ſo kann ich nicht dafür ein⸗ ſtehen, ob mein Gedächtniß mich nicht in dieſen oder jenen untergeordneten Punkten irreführt. Genug, der Raſen grünte ſchon luſtig auf dem Grabe meines Vaters und von den Gerichten war eben die Ungiltigkeit der Ehe ausgeſprochen, der ich mein Daſein verdankte, als ich, ein armes weinen⸗ des Kind, im Hauſe meines Oheims, des Herrn Nonnemann, das Licht der Welt erblickte. Ich ver⸗ muthe, daß mein Erſcheinen Niemand beſonders viel Freude gemacht hat, ſelbſt meiner Mutter nicht. Wenigſtens weiß ich mir es nur ſo zu erklären, wie es der Letztern möglich war, mich bald nach meiner Geburt zu verlaſſen, um aufs Neue als Schauſpie⸗ lerin in die Welt zu gehen. Sie ſelbſt, indem ſie über dieſe dunkelſte Stelle ihres Lebens ſo raſch wie möglich hinwegeilte, verſicherte mich zwar, ſie ſei durch die Macht der Umſtände dazu genöthigt ge⸗ weſen; von dem Vater ihres Gatten, eines Gatten, dem ſie nicht einmal mehr dieſen Namen in die Gruft nachrufen durfte, mit ſchneidender Härte zu⸗ rückgewieſen, habe ſie ſich außer Stande gefühlt, die unaufhörlichen Anſchuldigungen, die Vorwürfe und Stachelreden zu ertragen, mit welchen Herr Nonne⸗ 25 mann ſie verfolgte. Er hatte, wie wir wiſſen, niemals mit ihr harmonirt; er hatte immer in ihr nur das ,an⸗ geheirathete Kind' ſeines Vaters, einen Fremdling in der Familie und eine unnütze Vermehrung ſeiner eigenen Laſten geſehen. Daß ſie gewagt hatte, ſich ſeiner ehernen Zucht zu entziehen und eine Laufbahn zu betreten, die er in tiefſter Seele verabſcheute, hatte ſeinen Widerwillen natürlich nur noch geſtei⸗ gert. Jetzt, da ſie als Verfolgte, als Hilfloſe, ja ſpre⸗ chen wir es nur aus: als Gefallene zu ihm ins Haus zurückkam— denn welche Achtung konnte ſeinem miß⸗ gunſtigen Herzen dieſe Ehe noch abnöthigen, nach⸗ dem das Gericht ſelbſt erklärt hatte, es ſei gar keine Ehe?!— jetzt glaubte er den Zeitpunkt gekommen, wo er das früher Verſäumte nachholen und durch die unerbittlichſte, gewaltthätigſte Strenge den allzu⸗ kecken Geiſt meiner Mutter brechen und bändigen könnte. Die Unglückliche hatte endlich keine Wahl, als ſich über der Wiege ihres Kindes, vor den Augen des uner⸗ bittlichen Bruders, das Meſſer durch die Bruſt zu ſtoßen— oder ein Haus zu verlaſſen, das ihr durch ihn zur Hölle geworden war. So wenigſtens ſtellte Florine das Verhältniß dar und wer die Geſchichte meiner eigenen jammer⸗ vollen Kindheit noch im Gedächtniß hat, der wird es 26 allerdings vollkommen begreifen, wie ein minder fügſa⸗ mes, minder ſchüchternes Gemüth, als Gott es mir be⸗ ſchieden hatte, durch dieſe unaufhörliche, tägliche und ſtündliche Marter, welche mein Oheim im Stande war auf ſeine Umgebung auszuüben, dazu getrieben werden konnte, ſein Haus mit dem Rücken anzuſehen — auch wenn dies Haus die letzte Zuflucht auf Erden war, ja ſelbſt wenn es die Wiege des ein⸗ zigen Kindes, den letzten kümmerlichen Reſt ſo vieler glänzenden Hoffnungen, umſchloß.... Jedermann, ſage ich, wird dies begreiflich fin⸗ den und auch ich ſelbſt thue es jetzt. Dennoch, da ich mir bei dieſen Aufzeichnungen einmal die voll⸗ kommenſte und buchſtäblichſte Wahrheit zur Pflicht gemacht habe, ſo darf ich nicht verſchweigen, daß ich damals, da meine Mutter dies Verhältniß mir zuerſt auseinanderſetzte, keineswegs ſo völlig damit einverſtanden war. Es ſchien mir, als könne es keine Macht auf Erden geben und keine Qual und keine Marter, die eine Mutter dazu bringenkönne, ihr Kind zu verlaſſen; es ſchien mir, als hätte das Haus meines Oheims, in welchem meine Mutter ſo unglückliche Tage verlebte, bewohnt ſein können bis unter das Dach von Schlangen und Drachen und 27 ſie hätte dennoch nicht daraus weichen müſſen, es ſei denn mit ihrem Kinde auf dem Arm! „Gutmüthige Thörin,“ ſagte ich zu mir ſelbſt, „da haſt Du Dich nun geſehnt und gegrämt ein ganzes Leben lang nach Deiner Mutter— und ſie hat ſich von Dir abgewendet, da Du noch in den Win⸗ deln lagſt, wie man ſich von einer Laſt abwendet, die man froh iſt los zu werden, und hat ſich nicht wieder umgeſchaut nach Dir in vollen achtzehn Jah⸗ ren! Wie viel Schmerz, wie viel Elend hätte mir erſpart werden können, hätte ſie damals den Muth gehabt, mich auf ihren Arm zu nehmen und mich mit ſich hinauszuführen in Nacht und Wind, immer dem Elend entgegen!— Ich hätte vielleicht mein frühes Grab dabei gefunden: aber wäre denn das Grab nicht eine Wohlthat geweſen gegen dieſe Ju⸗ gend, die ich im Hauſe meines Oheims verbrachte? Ja gerade weil ſie ihn kannte, dieſen furchtbaren unergrundlichen Mann, weil ſie ſelbſt auf der Fol⸗ terbank ſeines Haſſes geblutet hatte— wie war es ihr möglich, mich, ihr einziges Kind, die letzte Hin⸗ terlaſſenſchaft eines Gatten, der ſie ſo ſehr geliebt und der ihr ſo ganz entriſſen war, ſelbſt bis auf den Namen— wie war es ihr möglich, wie konnte ſie es über ihr Herz bringen, dies Kind in den 28 den eines Mannes zurückzulaſſen, wie dieſer kalte finſtere Böſewicht?!“ Ach, ich wußte damals noch nicht, daß es im Leben jedes Menſchen finſtere Augenblicke giebt— Augenblicke, in denen die Himmliſchen ſich von uns wenden und böſe ſchadenfrohe Geiſter uns zu Thaten hinreißen, die wir ſelbſt noch in der Minute zuvor für unmöglich gehalten hätten; ich wußte und ahnte noch nicht, daß ſelbſt die Liebe der Mutter, dieſe ſtarke und heilige Flamme, nicht ſtark und heilig genug iſt, uns vor jeder Verſuchung zu ſchützen und daß auch für mich noch eine Stunde kommen würde.. Aber nein, ich will den Ereigniſſen nicht vor⸗ greifen, nur das Geſtändniß kann ich ſchon hier nicht zurückhalten, daß es mir unmöglich fällt, meiner Mutter zu zürnen— und zwar deshalb, weil ich ſelbſt in ſpäteren Tagen noch viel verbrecheriſcher ge⸗ handelt und noch viel ſchuldiger bin als ſie. fünftes Capitel. Bei der Toilette. So viel Mühe ich mir auch gab, das Befrem⸗ den, das Florinens Erzählung mir ſtellenweis er⸗ regte, vor mir ſelbſt zu verbergen, geſchweige denn vor 29 Florinen, ſo mochte ihr ſcharfer Blick doch wohl Einiges von dem, was in meinem Innern vorging, auf meiner Stirne leſen. „Du hältſt mich,“ ſagte ſie— Allein ehe ich fortfahre, iſt es wohl nöthig, hier die Bemerkung einzuſchalten, daß das ganze Geſpräch, deſſen Inhalt ich im Vorſtehenden mitge⸗ theilt habe, während Florinens Toilette ſtattfand. Schauſpielerinnen, welche weſentlich darauf ange⸗ wieſen ſind, durch ihre äußerliche Erſcheinung zu wirken, pflegen bekanntlich aus der Kunſt der Toi⸗ lette ein eigenes Studium zu machen und auch Florine bildete in dieſer Hinſicht keine Ausnahme; in kleinen zierlich ausgelegten Käſtchen führte ſie eine Auswahl von Pomaden und Wohlgerüchen und tauſend anderen kleinen Nothwendigkeiten des Lurus mit ſich, von denen ich, Dank meiner Waiſenhaus⸗ Erziehung, die meiſten nicht einmal dem Namen nach kannte. Da ſie ohne Kammermädchen war, hielt ich es für meine Pflicht, ihr meine Dienſte anzubieten, zeigte mich dabei jedoch ſo ungeſchickt, daß ſie meinen Beiſtand lächelnd ablehnte. „Laß nur gut ſein, mein Kind,“ ſagte ſie,„wir Schauſpielerinnen ſind das nicht anders gewöhnt; wie manches Mal habe ich mich mit dieſem Flitter⸗ ſtaat behängen und habe Roſen der Jugend und der Freude auf meine Wangen lügen müſſen, wäh⸗ mir das Herz innerlich krank war zum Zerbrechen. Das iſt nun ſo unſer Loos: die ganze Welt iſt eine Welt der Lüge und wir ſind ihre eigentlichen Prieſter.“ Während ſie ſo ſprach, ordnete ſie ihren Anzug und bediente ſich der verſchiedenen Wäſſer und Wohl⸗ gerüche, der Schminken und Salben mit einer Ge⸗ wandtheit, die meine ganze Bewunderung erregte. Bald war jener Zug von Müdigkeit, der mich einige Stunden zuvor ſo ſehr beängſtigt hatte, aus ihrem Antlitz verſchwunden, das Auge glänzte, die Haut war friſch und duftig und wieder trat ſie einher wie geſtern Abend, umfloſſen vom Faltenwurf ihres ſchweren ſamm⸗ tenen Gewandes, ſtolz und gebietend wie eine Königin. Darf ich meine Schwäche bekennen? So natür⸗ lich dieſe Verwandlung war, ſo machte ſie doch auz mich einen höchſt unheimlichen Eindruck; mit verſtärk⸗ ter Gewalt drängte ſich mir die Empfindung auf, als ſei dies gar die Frau nicht mehr, die in Schmerz aufgelöſte, in Thränen zerflicßende Frau, die mich geſtern Nacht an ihren Buſen gezogen und mir erlaubt hatte, ſie mit dem heiligen Mutternamen anzureden. Die jetzt vor mir ſtand, war eine große Künſtlerin, eine glänzende geiſtreiche Frau, die gefeierte Schönheit 31 der Hauptſtadt war es, die allen Männern den Kopf verrückte und der Flucht der Jahre ſpottete— aber der Gegenſtand meiner Träume, meine Florine, meine Mutter war das nicht! Florine ſelbſt, wie geſagt, mochte von dieſen Gedanken wohl etwas auf meiner Stirn leſen; ſie ließ ſich auf dem Divan nieder, vor dem das ver⸗ hängnißvolle Album noch offen aufgeſchlagen lag, zog mich neben ſich und indem ſie mich mit einem jener Blicke anſah, denen kein menſchliches Herz widerſtehen konnte und die mir den ganzen wun⸗ derſamen Lebensgang dieſes prächtigen und dabei doch ſo tief unglücklichen Weibes, von der erſten Be⸗ kanntſchaft mit meinem Vater an bis zu ihrem jüngſten Abenteuer mit dem Grafen Waldemar, auf einmal verſtändlich machten, ſagte ſie: „Du hältſt mich, mein Kind, wohl für recht leichtfertig und im Grunde bin ich es auch. Oder nein, nicht im Grunde: nur auf der Oberfläche bin ich es, auf dem Grunde meines Herzens ſieht es im Gegentheil ſehr ernſt und finſter aus, altes und neues Weh, getäuſchte Hoffnungen und vergebliche Wünſche, Schuld und Reue und neue Schuld liegen da wüſt durch einander, und daß ich im Stande war, Dich mein Kind, zu verlaſſen und mich ſo viele Jahre 32 hindurch auch nicht wieder um Dich zu bekümmern — dies Unbegreifliche, woran Dein geſunder Sinn mit Recht Anſtoß nimmt, auch wenn Deine Lippe nichts davon zu äußern wagt, iſt nicht die kleinſte von den Laſten, die mich drücken. Und doch bin ich vielleicht nicht ganz ſo ſchuldig, wenigſtens in dieſem Punkte nicht, als ich ſelbſt in manchen Augenblicken mir erſcheine. Erwäge ſelbſt, mein Kind: angenom men, ich hätte um Deinetwillen die täglich neuen Mißhandlungen, denen ich im Hauſe jenes Elenden ausgeſetzt war, ertragen wollen— was hätte aus uns beiden in dieſem Hauſe werden ſollen? Schon die leiſe, von Dir kaum halb verſtandene Anſpielung auf die abweſende, die wie Du glaubteſt, todte Mutter— denn meine Namensveränderung ſchützte mich vor allen Nachforſchungen, auch wenn ſich Jemand die Mühe gegeben hätte, dergleichen nach mir anzu⸗ ſtellen— ſchon dieſe Anſpielungen und Stachelreden, ſage ich, haben Dich zu einem unglücklichen, ruhelo⸗ ſen Kinde gemacht und haben einen Schatten in Dein Leben geworfen, der bis auf die gegenwärtige Stunde reicht— und es iſt,“ ſetzte ſie ſeufzend hinzu,„noch die Frage, ob ſelbſt ihr Einfluß im Stande ſein wird, ihn zu verſcheuchen. Wie hätte das erſt werden ſollen, wenn Du und ich in dieſem 33 Hauſe neben einander gelebt? Wie hätte ich es ertra⸗ gen ſollen, tagtäglich herabgewürdigt zu werden vor den Augen meines eigenen Kindes? Ja Du ſelbſt, wie hätteſt Du den Blick jemals mit Liebe zu mir aufſchlagen, je ein Wort der Achtung, des Vertrau⸗ ens an mich richten können, wenn Du von früh an geſehen hätteſt, wie dieſer Mann, den ich haſſe und verachte mit aller Gluth meines Herzens und haſſen und verachten werde, weit hinaus über Gefäng⸗ niß und Grab— wenn Du, ſage ich, geſehen hätteſt, wie er mich Tag für Tag und Stunde für Stunde, allein und vor Zeugen, zum Gegenſtand ſeiner bos⸗ hafteſten Verdächtigungen, ſeiner Anklagen und Beſchim⸗ pfungen machte? Denke Dich in meine Lage, überlege die Verhältniſſe und Du wirſt einſehen, daß ich am beſten gethan, indem ich handelte, wie ich that. Die Mutter ſelbſt habe ich Dir nicht erhalten können, ſo iſt Dir doch wenigſtens die Liebe zur Mutter ge⸗ blieben; würde dies geſchehen ſein, wäre es möglich gewe⸗ ſen unter jenem unſeligen verpeſteten Dach? O in der That,“ rief ſie, indem ihre Augen leuchteten wie die Augen einer Tiegerin, die im Begriff iſt ſich auf ihr Opfer zu ſtürzen:„hätte ich jenes Haus nicht ver⸗ laſſen, es wäre mir ja nichts übrig geblieben, als erſt mein Kind zu tödten und dann mich ſelbſt!“ 1856. X. Helene. III.— 3 34 Sechstes Capitel. Künſtlerleben⸗ Nach einer Pauſe, während deren ich ſie durch meine Liebkoſungen zu beruhigen ſuchte, fuhr ſie fort: „Oder nehmen wir den zweiten Fall, ich hätte Dich mit mir genommen— glaubſt Du wirklich, daß Dein und mein Loos ſich dadurch glücklicher geſtaltet hätte? Jeder Menſch folgt ſeinem Stern— und mich haben nun einmal von meiner Geburt an Blut, Neigung und Schickſal zur Künſtlerin beſtimmt. Künſtlerin! Es iſt ein ſtolzes Wort und Viele giebt es, die uns in ihrer Einfalt darum beneiden. Ich aber, mein Kind, die ich nun ſeit beinahe zwanzig Jahren das Süße wie das Bittere, den Schaum wie die Hefe des Künſtlerlebens gekoſtet habe— ich ſage Dir, daß es ein elendes Daſein iſt für uns Weiber und daß ich oft, auf dem Gipfel meines ſogenannten Glückes, in der Fülle des Reichthums, umſchwärmt von Liebhabern und Bewunderern, die Magd beneidet habe, die den Staub vor meiner Thür zuſammen⸗ kehrte— warum? Weil Niemand von ihr weiß, weil ſie nicht ausgeſetzt iſt den Augen Aller an dieſem Pranger, den Ihr Ruhm nennt, weil ſie 35 lieben und haſſen kann und kann froh und traurig ſein und kommen und gehen und wachen und ſchla⸗ fen, wie es ihr ums Herz iſt und braucht nicht ewig Poſten zu ſtehen in dieſer Liverei der Lüge und wenn mein allergnädigſter Herr und Gebieter, das Publicum winkt, ſo apportire ich! Es muß ja auch ſolche Schickſale geben, verſteht ſich: aber wem ſie fallen, der weiß was er daran zu tragen hat und daß hier eine Stunde des Glanzes und der Luſt aufgewogen wird durch Jahre des Elends und der Entzweiung mit ſich ſelbſt. Denn das, mein Kind, ſind die ſchlimmſten Feinde, die wir haben, bie innern, die im eigenen Buſen wohnen. Ach und für wen ſind ſie gefährlicher, wer hat mehr von ihnen zu lei⸗ den als wir Aermſten, wir Künſtlerinnen! Was der Menſch iſt, ſoll er ganz ſein; auch wer den Ruf des Genius in ſich fühlt, ſoll ſich ihm ganz und ohne Vorbehalt widmen; was die Leute Vernunft, Sitte und Tngend nennen, ſind dann für ihn nur leere Namen, der Flug des Genius brauſt darüber hin — entweder Du wirſt zerſchmettert auf Deiner allzu⸗ kühnen Fahrt oder ſie trägt Dich auf Höhen, wo alle jene kleinlichen Rückſichten der Geſellſchaft, dieſe Gängelbänder der Thoren und Unmündigen, weit unter 3* 36 Dir liegen, wie die Ameiſenhaufen unter den Blicken des Adlers, der ſich im Sonnenglanz wiegt.“ „Nein, nein,“ fuhr ſie fort, indem ſie ſah, daß ich mir eine Einrede erlauben wollte:„unterbrich mich nicht, ich weiß ſchon, was Du ſagen willſt und komme Deinen Einwendungen zuvor. Ja, Du haſt Recht: wir Weiber ſind nicht dazu beſtimmt dieſen Flug des Genius zu fliegen und wo wir es dennoch verſuchen, da büßen wir die Grundlage unſeres We⸗ ſens ein, unſere uns von Gott angewieſene, ange⸗ borene weibliche Natur. Das Weib trägt die Schranke ſeines Geſchlechtes; Alles, was ſie iſt, was ihrem Leben Werth und Würde giebt, ſie iſt es und hat es Alles nur als Weib. Der Mann kann Ge⸗ ſetz und Sitte mit Füßen treten, er kann die Welt von oberſt zu unterſt kehren— immerhin, er kann dafür auch Thaten thun, welche dieſe Auflehnung gegen Geſetz und Sitte wieder gut machen, die Größe des Helden, die unſterblichen Schöpfungen des Dich— ters und Künſtlers können ſeine ſittlichen Verirrun⸗ gen verdecken und auslöſchen. Wir aber, mein Kind, wie wir den Boden der Sitte nur um ein Haar breit, ja nur in Gedanken verlaſſen, ſind wir auch verloren für immer. Wir ſind wie Pflanzen, die nur am mütterlichen Buſen der Erde gedeihen können: — 37 Du kannſt ſie ausreißen und in Waſſer ſetzen, aber es iſt doch nur ein Scheinleben, das ſie führen und der Tod ereilt ſie nur um ſo ſchneller und in ſo unſchönerer Geſtalt. Auch uns Künſtlerinnen ver⸗ giebt man wohl einige Zeit, daß wir den natürlichen Boden des Weibes, den Boden der Familie und der häuslichen Sitte verlaſſen haben— merke auf meine Worte: man vergiebt es uns wohl, aber man vergißt es uns nicht. Die Künſtlerin braucht Leidenſchaft, ſie braucht Abwechſelung, Veränderung, Aufregung, ihre Sinne müſſen geglüht und ge⸗ tobt, ihr Herz muß vor Wonne gejauchzt und vor Verzweiflung gejammiert haben, wenn ſie wahr⸗ haft im Stande ſein ſoll, den ſpröden Marmor des Kunſtwerks zu beleben und jene Welt der Leiden⸗ ſchaften, die der Dichter in ſeine Schöpfung hinein⸗ gebannt hat wie in einen Zauberberg, der blöhen Menge in leibhafter Geſtalt vor Augen zu führen. Was wird da aus dem Weibe? Wer kann fortwäh⸗ rend mit einer Flamme ſpielen, ohne ſich ſelbſt daran zu verbrennen? und was wäre das für eine Kunſt, die überhaupt nur ſpielen wollte? Zorn, Neid, Eiferſucht, die Gluth des Haſſes und der trunkene Wahnſinn der Liebe, das erſte ſchüchterne Verlangen und der Uebermuth des geſättigten Glücks— woher 38 ſoll ich die Farben dazu nehmen, wie kann ich das darſtellen, wenn ich nicht ſelhſt geglüht habe in Haß und Liebe, in Zorn und Eiferſucht? wenn nicht heiße Lippen auf den meinen gebrannt, nicht verwe⸗ gene Blicke ſich geſpiegelt haben in dem trunkenen Feuer meines Auges? Und dann kommen ſie, die kleinen tugendhaften Seelen, und wollen das Weib verantwortlich machen für die Künſtlerin. Geht mir doch, Ihr Neunmalklugen: ich mache mich nicht beſ⸗ ſer als ich bin, ſelbſt nicht in den Augen meiner Tochter“— indem ſie mir zärtlich die Hand reichte —„aber das weiß ich, daß, ſo lange Ihr Künſtle⸗ rinnen braucht, ſo lange werdet Ihr auch Weiber brauchen wie ich bin! Die Aſche unſerer Tugend ge gen die Flamme Eurer Kunſt— ich weiß nicht, wer ſich bei dem Andern wegen Uebervortheilung zu beklagen hat: aber das weiß ich, daß ich Euch Alle herzlich verachte und daß ich müde bin bis zum Tode und nur einen Wunſch noch habe, einen einzigen auf Erden— und um deſſen Erfüllung habe ich mich ſelbſt gebracht...... Während des letzten Theils ihrer Rede war Flo⸗ rine aufgeſtanden und ging mit lebhaften Schritten, die Arme untergeſchlagen, im Zimmer auf und nie⸗ der; ſie war köſtlich anzuſehen in ihrem Zorn, es 39 war ganz die gereizte Löwin von geſtern Abend und ich ſelbſt, die ich doch ſoeben erſt Zeuge geweſen war, wie dieſe Schönheit zu Stande gekommen, fühlte mich von dem Zauber derſelben unwiderſtehlich angezogen. Bei alledem jedoch und ſoviel Wahres unzwei⸗ felhaft in ihren Worten lag, ſo ſagte doch ein un⸗ beſtimmtes Gefühl mir, daß es nicht die ganze Wahr⸗ heit war. Ganz gewiß liegen für die Mehrzahl der weiblichen Naturen in der Laufbahn der Künſtlerin alle jene Klippen und Untiefen, welche Florine eben mit ſoviel Beredtſamkeit geſchildert hatte— für die Mehrzahl, ganz gewiß: aber unmöglich für alle. Auch die Kunſt ſtammt von Gott; es kann weder die Ab⸗ ſicht Gottes geweſen ſein, die ganze eine Hälfte des menſchlichen Geſchlechtes von dem Dienſte der Kunſt, dieſer reinſten und erhabenſten Offenbarung des Gött⸗ lichen, auszuſchließen, noch kann es in ſeinem Willen lie⸗ gen, daß ein an ſich edler und berechtigter Zweck durch unſittliche Mittel erreicht werde. Es muß hier ein Mittel der Ausgleichung geben, und wenn ich auch einräume, daß daſſelbe ſchwer zu finden, ſo läugne ich doch, daß es ſich überhaupt nicht finden läßt. Ja im Gegentheil, ich bin überzeugt— und das Wenige, was ich von der Geſchichte der Kunſt mir in 40 ſpäteren Jahren angeeignet habe, beſtärkt mich in meinem Glauben— daß nur diejenigen die wahren Künſtlerinnen ſind, die mit der Flamme des Genius auch das Siegel der Sitte unverletzt auf ihrer Stirne tragen und daß umgekehrt jede Schwäche, die das Weib ſich zu ſchulden kommen läßt, auch einen dun⸗ keln Fleck auf dem Strahlenmantel der Künſtlerin zurückläßt, mag dieſer Fleck auch noch ſo unſch ſein und mag auch das ganze Auge des Kenners dazu gehören, nicht etwa des Theater⸗ ſondern des Seelenkenners, um ihn herauszufinden. Siebentes Capitel. Auf der Sonnenſeite des Lebens. Wiewohl ich mich zu jener Zeit, von der ich eben erzähle, über dieſen und einige nahverwandte Punkte noch nicht ſo klar machen konnte, wie ich es jetzt vielleicht im Stande bin, ſo fühlte ich doch, e ſchon erwähnt, das Schiefe, das in den Behauptun⸗ gen meiner Mutter lag. Nicht ſowohl aus Wider⸗ ſpruchsgeiſt— denn in der That fühlte ich mich von der überlegenen Geiſteskraft dieſer wunderbaren Frau 41 faſt erdrückt— oder weil ich hoffte, ihre Anſichten durch meine Einwürfe zu berichtigen, als vielmehr um das Geſpräch auf allgemeinere Gegenſtände zu lenken und ihm dadurch dieſen Charakter der Auf⸗ regung und Leidenſchaftlichkeit zu nehmen, den es bisher trug, wenigſtens von ihrer Seite,— erlaubte ich mir einige Einwendungen gegen die zuletzt von ihr geäußerte Behauptung über die Unverträglichkeit des Künſtlerberufs mit Weiblichkeit und Sitte zu erheben. Auch leitete mich dabei vielleicht, mir unbewußt, der inſtinetimäßige Trieb, Florinen vor ſich ſelbſt zu vertheidigen; war ſie doch meine Mutter und gerann mir doch das Blut in den Adern, wenn ich dieſe unbewegliche, eherne Miene ſah, mit der ſie den Stab über ſich ſelber brach. Allein noch ehe ich meinen Satz vollendet, ſiel ſie mir ſchon e Wort. Es war dies über⸗ haupt, wie ich bereits in den wenigen Stunden un⸗ ſeres Beiſammenſeins bemerkt hatte, eine Eigenthüm⸗ lichkeit der geiſtreichen und leidenſchaftlichen Frau, daß ſie ſelten Jemand vollſtändig zu Ende reden ließ; ihr lebhafter Geiſt eilte dem Gedankengange des Andern zuvor und ſchnitt ihm den Faden der Rede gleichſam von dem Munde ab. Auch mochte die Unterhaltung der Salons, wo man es ja, wie 42 ich höre, liebt, ſich Rede und Gegenrede wie Fang⸗ bälle zuzuwerfen, ſie an dieſe haſtige Weiſe des Ge⸗ ſprächs gewöhnt haben. „Vollende nicht,“ rief ſie,„ich ſehe ſchon deut⸗ lich, wo Du hinauswillſt. Es giebt, meinſt Du, auch Naturen, für welche dieſer Widerſpruch nicht exiſtirt? Künſtlerinnen, meinſt Du, giebt es, die zum Lorbeer⸗ kranz der Kunſt auch die Prieſterbinde der Häus lichkeit rein und unentweiht getragen haben? Nun, es mag ſein; ich für meine Perſon zwar bin bis jetzt noch nicht ſo glücklich geweſen, ſolche Vogel Phönixe kennen zu lernen; wo die Welt dieſe ſel⸗ tene Vereinigung des großen Talentes und der ſitt⸗ lichen Würde bewunderte, da, mein Kind, habe ich, deren Auge die Erfahrung geſchärft hat und die ſelbſt weiß, wie es hinter den Couliſſen zugeht, ge⸗ wöhnlich nur ein hölzernes 4 oder eine über⸗ kleiſterte Tugend oder noch h ger Alles beides gefunden. Aber zugegeben, daß dies nur die Regel und daß es Ausnahmen giebt, gleichſam privilegirte Na⸗ turen, die an der Schwäche der Sterblichkeit keinen Theil haben und die daher auch jenen Widerſpruch nicht zu fürchten brauchen— kann ich dafür, iſt es meine Schuld, daß ich zu dieſen Privilegirten nicht gehöre? Kann ich dafür, daß die Künſtlerin in mir nicht ſchaffen 43 kann, was das Weib nicht zuvor empfunden und gelitten hat? Mein Blut pocht nun einmal ſo feu⸗ rig, mein Herz ſchwankt wie ein Schiff auf der Fluth, ich kann nicht leben ohne zu lieben und zu haſſen, zu erobern und zu beſitzen— iſt es meine Schuld, daß ich mit dieſem heißen Herzen und dieſen unſtäten Sinnen gerade in die Laufbahn der Künſt⸗ lerin getrieben bin, eine Laufbahn, die für Char⸗ aktere meiner Art doppelt gefährlich und auch dop⸗ pelt verführeriſch ſein mußte? Rechte mit dem Schickſal, aber nicht mit mir, mein Kind: es hätte Dir eine beſſere Mutter geben können, ganz gewiß— ich aber habe nichts aus mir gemacht, was nicht in mir war„ Wieder hatte das Geſpräch hier einen Punkt er⸗ reicht, bei dem mein Herz unendlich litt und von dem ich es daher um jeden Preis zurückzulenken ſuchte. „Ich rechte ja auch nicht mit Dir, theure Mutter,“ ſagte ich, mit ſo viel Demuth, aber auch zugleich mit ſo viel Feſtigkeit, als mir möglich war. „Jahrelang, ja ſo lange ich denken kann, in meinen allerkühnſten Träumen, habe ich mich geſehnt nach einem Augenblick wie dieſer und nun, da ein ſicht⸗ bares Wunder des Himmels meine glübendſten Wünſche erfüllt— nein, nicht erfüllt: übertrifft— ——— 44 da ich Dir ins Auge ſehen, den Laut Deines Mun⸗ des hören, den ſanften Druck Deiner Lippe auf meiner Stirne fühlen darf— mit einem Wort, da ich ſagen darf: meine Mutter— nun ſollte ich die erſten Angenblicke eines überſchwenglichen, unglaub⸗ lichen Glücks dazu verwenden mit Dir zu rechten? Nein, theure Mutter, denke beſſer von Deiner Tochter; was Du thuſt und wie Du es thuſt, ſo iſt es gut, Deine Worte ſind mir Befehle— befiehl über mich, Du wirſt ſtets eine ergebene und gehorſame Tochter an mir haben.“ Florine fühlte wohl den leiſen Vorwurf, der für ſie in meinen Worten enthalten war. In der That lag etwas Grauſames darin und nur ihre eigene leidenſchaftliche Aufregung erklärte es, daß ſie im Stande war gleich in den erſten Stunden un⸗ ſers Wiederſehens ſo unheimliche, dem Herzen ihrer Tochter ſo peinigende Gegenſtände zur Sprache zu bringen. Sie ſchloß mich zärtlich in bie Arme und drückte einen langen, innigen Kuß auf meine Stirn; dann mir die Locken von beiden Seiten zurück⸗ ſtreichend: „Du biſt ein gutes Kind,“ ſagte ſie,„und wirſt es hoffentlich jederzeit bleiben. Auch über Deine Mutter wirſt Du vielleicht dereinſt noch beſſer den⸗ 45 ken lernen, als ſie ſich Dir in dieſem Augenblicke darſtellt. Nein, nein, ſuche mich nicht zu täuſchen und verſichere nichts aus falſcher Zärtlichkeit, wovon Dein Hetz nichts empfindet: ich begreife es ganz und mein eigenes Bewußtſein ſagt mir, daß ich Dir eine unheimliche, unbegreifliche Erſcheinung ſein muß— ja es wäre nicht gut, nicht gut, mein Kind, für Dich ſelbſt und Deine Zukunft, wenn es anders wäre. Aber wenn Du nicht heucheln ſollſt, ſo will ich es auch nicht thun. Du haſt Deine Mutter, ich habe mein Kind gefunden; begreifſt Du, daß ein Herz, das ſeit Jahren keine warhaft vertraute, keine wahrhaft mitfühlende Seele gehabt hat, in die es ſeine geheimen Schmerzen ausſchütten durfte— begreiſſt Du, daß es überſchäumt, da es ihm endlich verſtattet iſt ſich in den Buſen einer Tochter zu ergießen? Und überdies,“ ſetzte ſie hinzu und wiederum ſah ich, wie ihre hohe Geſtalt noch höher wurde und gleichſam vor mir emporwuchs; „was nützte es auch, wollte ich Dir Dinge verheim⸗ lichen, die ja die Sperlinge auf den Dächern ſingen? Du haſt von der Schauſpielerin Iſabella gehört— ſo mußt Du auch von Deiner Mutter Florine hören 46 „Aber,“ wagte ich zu erwiedern,„Deine Ge⸗ ſpräche thun mir weh, theure Mutter—“ Sie heftete einen lange prüfenden Blick auf mich; dann fuhr ſie fort: „Um ſo beſſer alsdann, mein Kind, für Dich und mich, daß ich Dich damals auf meiner Flucht aus dem Hauſe des Elenden nicht mitnahm. Du haſt viel gelitten in dieſem Hauſe, aber doch noch lange nicht ſo viel, als wenn ich Dich mit mir ge⸗ nommen hätte. Die Welt, mein Kind, was man ſo die Welt nennt, dieſe große Welt der Lüge und des Scheins, die Welt der Bretter und der Täuſchun⸗ gen, in der ich mich bewege, iſt ſchlimmer, weit ſchlimmer, als Du es ahnſt; mit Deinem weichen Herzen und Deinem unſchuldigen Sinne, was hät⸗ teſt Du da gewollt? Dieſe edle Scham, die kein Stäubchen auf dem Namen der Mutter dulden will, was hätte ſie geſollt in einer Welt, wo ich nur ſo exiſtiren konnte, wie ich nun einmal thue, oder ich hätte müſſen untergehen und Du mit mir?! Nein, mein Kind: Du biſt zur Künſtlerin nicht ge⸗ boren, ich ſehe es Deinem Auge an, dieſem kindlich treuen, unſchuldigen Auge und freue mich, daß es ſo iſt. Der Weg, den Dein Schickſal Dich geführt hat, iſt glanzlos und mühſelig: aber meine Hände 47 erhebe ich zum Himmel und flehe ihn an, daß er Dich darauf erhalte und daß Du niemals jenes glänzende Elend, jene ſogenannte Sonnenſeite des Lebens kennen lernen mögeſt, auf welcher ich ver⸗ ſchmachte— ſie iſt hell, mein Kind, aber auch heiß, ſehr heiß und wer in den Schatten treten will, der findet keinen andern als den Schatten des Unglücks und der Schande. Ich habe viel des Guten und des Glänzenden in meinem Leben genoſſen, wenigſtens was die Welt ſo nennt; ich habe dageſtanden, um⸗ brauſt von dem Beifall der verſammelten Tauſende und habe in ſtillen traulichen Stunden die Liebes⸗ ſchwüre ſchöner und edler und geiſtreicher Männer empfangen; mein Lebenspfad war, ſo weit die Men⸗ ſchen blicken konnten, mit Roſen beſtreut und wo mich dennoch heimlich ein Dorn in die Ferſe ſtach, da hatte mir Gott Muth und Kraft— oder wenn Du willſt, auch Trotz gegeben, den Schmerz zu ver⸗ beißen. Vor allem hat die Kunſt mir große und er⸗ habene Genüſſe gewährt; wo das Leben mich kränkte, hat die Kunſt mich entſchädigt und ſo wird die Rech⸗ nung ſich am Ende wohl aufheben. Aber dürft' ich mein Leben heute von Neuem beginnen und wäre es mir vergönnt, mir ſelbſt mein Lvos zu beſtimmen — ſo wahr ich Deine Mutter bin: ich würfe allen 48 dieſen Glanz und dieſe Pracht, dieſe Genüſſe und Freuden, ja ſelbſt die Wonnen dieſer Kämpfe würfe ich bei Seite und bäte den Himmel, daß er mich ein Kind werden laſſe, unſchuldig und ungekannt, wie Du es biſt!“ Achtes Capitel. Alte Freunde. Solche Momente— und es gab ihrer, wie ich zur Steuer der Wahrheit hinzuſetzen muß, im Laufe des Tages nicht wenige— waren denn mehr als genügend, mich mit Florinen wieder auszuſöh⸗ nen oder richtiger geſagt, jenes Gefühl von Fremd⸗ heit und Befangenheit zu entfernen, das einzelne Aeußerungen der lebhaften, ihre Ausdrücke, wie es ſchien, nicht immer abwägenden Frau in mir erweckten. Dagegen tauchten auch wieder andere Punkte auf, über die eine Verſtändigung zwiſchen uns ſchwe⸗ rer zu ermöglichen ſchien. Und zwar waren dies zu meinem lebhaften Bedauern gerade ſolche Punkte, an denen mein Herz mit ganz beſonderer Zärtlichkeit hing, namentlich Geſchichten aus früherer Zeit, 49 Erinnerungen an Menſchen, die wir Beide gekannt, ja die uns Beide nahe geſtanden und von denen ich daher um ſo eher geglaubt hatte, ſie würden ein Band des Verſtändniſſes und der gemeinſamen Ueber⸗ zeugung zwiſchen uns bilden. Zwar daß Florine das Andenken des alten Herrn von Eberſtein, meines Großvaters, nicht be⸗ ſonders hochſchätzte, konnte ich ihr nach dem, was ſie in früheren Jahren von ihm erfahren hatte, kaum ver⸗ argen. Vergebens vemühte ich mich, ihr in der Ge⸗ ſchichte mit dem weißen Pudel den ſichtbaren Fin⸗ gerzeig des Himmels nachzuweiſen, der nicht gewollt habe, daß der alte Herr von der Erde ſcheide, ohne ſein Enkelkind umarmt und ſo gleichſam den Fluch zurückgenommen zu haben, den er in unſeliger Ver⸗ blendung auf das Haupt des Sohnes geſchleudert. Und ebenſo wenig gelang es mir, ſie zu überzeugen, daß es eigentlich die Abſicht des alten Herrn gewe⸗ ſen, ſich mit den Hinterlaſſenen ſeines Sohnes aus⸗ zuſöhnen und daß, wenn er keinen Verſuch gemacht habe, auch ihr ſeine veränderten Geſinnungen an den Tag zu legen, dies ſeinen Grund lediglich darin gehabt, daß er, wie alle Welt, geglaubt habe, ſie ſei längſt nicht mehr unter den Lebenden. Freilich wich ich mit dieſem letztern Vorgeben ziemlich beträchtlich 1856. X. Helene. III. 4 50 von der Wahrheit ab, da, wie der Leſer ſich erinnert, der Haß des alten Herrn von Eberſtein gegen die Verführerin ſeines Sohnes, unverändert geblieben war und ihr Name in ſeiner Nähe ſo wenig genannt werden durfte, wie in der Nähe mei⸗ nes Oheims. In der That jedoch war dieſe fromme Lüge ſehr überflüſſig, da Florine gegen Alles, was das Eber⸗ ſtein ſche Haus betraf, ſelbſt meinen unglücklichen Vater nicht ausgenommen, eine ziemlich unverhohlene Gleichgiltigkeit bezeigte. Meine Geſchichte von dem weißen Pudel, dieſe Haupt⸗ und Staatsgeſchichte meines jungen Lebens, hörte ſie mit höflichem Lächeln an und meinte nur, ich hätte, wie es ſcheine, viel Glück mit Begegnungen, indem es außer in Romanen wohl nicht leicht vorkomme, daß man erſt mit ſei⸗ nem Großvater und dann gar noch mit der eigenen Mutter ſo zuſammentreffe, wie es mir begegnet ſei. Meinen Schilderungen, mit welcher Güte der alte Herr ſich meiner angenommen habe und wie beſorgt er geweſen ſei, daß ich etwas Ordentliches und Gründ⸗ liches lerne, ſetzte ſie ein ungläubiges Kopfſchütteln entgegen. Als ich aber zuletzt von ſeinem plötzlichen Tode erzählte und wie auch der alte brave Chriſtian Gon dem ſie ebenfalls nicht viel Gutes wiſſen wollte, 51 er ſei, behauptete ſie, während ihrer kurzen Ehe mit meinem Vater einer der ſchlimmſten und zudringli⸗ chen Spione des alten Herrn von Eberſtein geweſen) ihm nach wenigen Tagen nachgefolgt ſei: ſo unter⸗ brach ſie mich mit der Frage, ob der alte Herr denn niemals Anſtalten gemacht habe, mich als rechtmäßi⸗ ges Kind ſeines Sohnes anzuerkennen oder ob er mir nicht wenigſtens in ſeinem Teſtament irgend ein an⸗ ſehnliches Legat hinterlaſſen? Dieſe Frage, ſo natürlich ſie vielleicht auch war, kam mir doch ſo plötzlich und lag derjenigen Region meiner Seele, in welcher der Name des alten Herrn von Eberſtein eingeſchrieben ſtand, ſo fern, daß ich im erſten Augenblick in Verlegenheit gerieth, was ich darauf erwiedern ſollte. Florine jedoch deutete mein Zandern in ihrem Sinne, nämlich als Scham oder Schmerz darüber, daß ich von dem alten Herrn ſo gänzlich vergeſſen worden: er ſei von jeher ein alter Geizhals geweſen, ein Prahler, der gern groß gethan vor den Leutzn und im Stillen habe er es zuſam⸗ mengeſcharrt bei Heller und Pfennig; es ſehe ihm ganz ähnlich, mir erſt Jahre hindurch Hoffnungen erweckt zu haben um mich endlich doch im Stiche zu laſſen; habe er doch dem eigenen Sohn, meinem Vater, kaum die Mittel gegeben, ſtandesge mäß zu 4* 52 leben, geſchweige denn für Weib und Kind— denn mein Vater ſelbſt habe niemals daran gezweifelt, daß wir wahrhaft ſein Weib und Kind— zu ſorgen. Natürlich fiel es mir nach dem, wie ich den alten Herrn perſönlich kennen gelernt hatte, einiger⸗ maßen ſchwer, den ungünſtigen Schilderungen meiner Mutter Glauben zu ſchenken. Doch hätte eine wei— tere Auseinanderſetzung über dieſen Punkt wohl kaum zum Ziele geführt und ſo verſchluckte ich meinen Widerſpruch, theils aus Ehrfurcht gegen meine Mutter und um ihre Reizbarkeit zu ſchonen, von der ich ſchon ſo viele Beweiſe hatte, theils aber auch, weil mir das Andenken des alten Herrn zu lieb war, um es auf dieſe Weiſe zum Gegenſtand des Streites zu machen. Aber beinahe noch ſchmerzlicher war mir die Gleichgiltigkeit, mit der Florine auch der alten Dörte gedachte, oder vielmehr nicht gedachte: dieſer Einzigen, die jederzeit Gutes und nur Gutes von ihr geſprochen, ja der ich es eigentlich allein ver⸗ dankte, daß ich überhaupt etwas von meiner Mutter wußte. „Ah mein Himmel,“ rief ſie mit komiſchem Entſetzen,„dieſes alte Ungeheuer haſt Du auch noch gekannt? Ja nun ſehe ich allerdings, daß Du eine ſehr traurige Jugend verlebt haſt. Es iſt eine der ſchwärzeſten Erinnerungen meiner Kindheit, dieſe alte ewig unſaubere, ewig keifende Creatur, die für nichts Sinn hatte als für ihre rußigen Töpfe und für ihre albernen Kindermärchen, mit denen ſie mich in Schlaf ſingen wollte, auch wie ich ſchon längſt ein erwachſenes Mädchen war und meine verzauberten Prinzen längſt nicht mehr in Märchen ſuchte, ſon⸗ dern in der Wirklichkeit. Und dieſe alte unglückliche Figur haſt Du auch noch gekannt?! Himmel, ſo muß ſie ja ein wahres Methuſalemsalter erreicht haben; ſchon zu meiner Zeit hatte ſie keinen Zahn mehr im Munde. Doch ich hoffe, ſie hat ſeit langem eine fröhliche Urſtänd gefunden und Du haſt ihr die letzten Ehren mit ebenſo viel Anſtand und mit ebenſo viel Rührung erwieſen wie dem alten Herrn von Eberſtein, Deinem ungeſetzlichen und dabei doch höchſt rechtmäßigen Großvater?“ Auf dieſe Frage vermochte ich nun freilich keine Antwort zu geben, da, wie der Leſer weiß, mir die alte Dörte ſeit langem aus den Augen verſchwunden war. Auch machte mir die leichtfertige Art, mit wel⸗ cher Florine von der treuen Alten ſprach, wenig Luſt, das Geſpräch über dieſen Gegenſtand fort⸗ zuſetzen; das iſt nun Dienertreue, dachte ich in der 54 Stille und ſah unwilltürlich im Geiſt das Bild der Alten vor mir, wie ſie in ihrer Ofenecke ſaß und ich hockte auf ihrem Schoße und ließ mir goldene Märchen erzählen von meiner Mutter, der ſchönen unglücklichen Florine. Da war Florine nun, ſchön und ſtrahlend wie immer, ach und gewiß auch ſo unglück— lich, wie ſie nur jemals geweſen— und wo war die alte Dörte? Nicht einmal die Stätte kannten wir, wo ihre müden Glieder, dieſe Glieder, die ſich ſo oft geplagt hatten in unſerm Dienſt, ausruhten im letzten Schlummer. Nahm Florine ſo wenig Antheil an denen, die ſie früher ſelbſt gekannt hatte, ſo konnte ſie natürli cher Weiſe noch weniger Intereſſe empfinden für diejenigen Figuren meines Jugendlebens, mit denen ſie ſelbſt niemals in Berührung gekommen war. Von Tante Fränzchen hatte ſie nur noch eine ganz dunkle Erinnerung; ſie war zur Zeit meiner Geburt als junge Frau Predigerin im Hauſe des Herrn Nonne⸗ mann, ihres Schwagers, aus- und eingegangen und hatte meine arme Mutter mit ihrem Wirthſchafts⸗ fleiß und ihrer predigerhaften Zimperlichkeit nicht wenig gelangweilt und geärgert. Nur als ich von Emil und Hermann zu erzäh⸗ len anfing und dabei auch der nächtlichen Abenteuer 55 gedachte, die ich mit Letzterem im Garten des Oheims unter dem alten Birnbaum beſtanden, ſchien ihr In⸗ tereſſe etwas lebhafter zu werden. Aber auch hier wieder unterbrach ſie mich mit einer Frage, die mir alle Luſt benahm, das Thema weiter zu verfolgen. Während ich nämlich in aller Unbefangenheit unſer kindliches Zuſammenleben ſchilderte und dabei beſon⸗ ders meines Vetters Hermann und ſeiner Bravheit und Rechtlichkeit rühmend gedachte— legte ſie mir plötzlich die Hand auf den Kopf und mein Antlitz ſo wendend, daß ich ihr gerade in die Augen ſehen mußte:* „Was iſt das für ein Vetter?“ ſagte ſie:„Und als ich Dich geſtern Nacht fragte, ob Du ſchon geliebt hätteſt, warum haſt Du mir nichts geſagt von die⸗ ſem Vetter?“ Der Einfall war ſo ſeltſam oder kam mir we⸗ nigſtens in jenem Angenblick ſo ſeltſam vor, daß ich gern in lautes Lachen ausgebrochen wäre. Zugleich aber fühlte ich auch, wie eine tiefe Schamröthe mein Antlitz übergoß und wie das Weinen mir näher war als das Lachen. Meine Mutter fixirte mich lange mit milden lächelnden Blicken, dann mich an ihr Herz drückend, ſagte ſie: 6 56 „Nimm Dich in Acht vor der Liebe, mein Kind, in welchen Geſtalten ſie Dir auch naht; Du wirſt ihr nicht entgehen, ganz gewiß nicht— aber dennoch, nimm Dich in Acht vor ihr, ſo lange Du es vermagſt! Am allermeiſten aber hüte Dich vor den verliebten Vettern, es iſt die ſchlechteſte Rage, die es giebt; wo wir den Vetter meinen, da ſpielen ſie den Geliebten und wo wir den Geliebten erwarten, da kehren ſie den Vetter hervor, und ſo wird aus dem Ganzen nichts als Verwirrung und Täuſchung an allen Ecken.“ Reuntes Capitel. Das Herz einer Frau. Unter dieſen und ähnlichen Geſprächen verlief uns der Tag, faſt ohne daß wir es merkten. Die Dienerſchaft hatte uns auf unſern Wunſch die Spei⸗ ſen auf das Zimmer gebracht und auch die Gräfin hatte ſich mit den Pflichten der Gaſtfreundſchaft ab⸗ zufinden geglaubt, indem ſie den Rittmeiſter her⸗ über geſchickt hatte, ſich nach dem Befinden ihres berühmten Gaſtes zu erkundigen. Begreiflicher Weiſe 57„ war Florine ſo wenig wie ich in der Stimmung geweſen, ihn anzunehmen und ſo trieb er ſich nun zu meinem großen Ergötzen im Park unter unſern Fen⸗ ſtern umher, indem er ſehnſüchtige Blicke in die Höhe ſchoß, ob nichts von der ſchönen Fremden zu erſpähen. Auf Florinens leichten Ton eingehend, neckte ich ſie mit der Eroberung, welche ſie gemacht; ſchon von ſeiner Reiſe in die Reſidenz ſei er ganz bezau⸗ bert von ihr zurückgekehrt und nun habe ihr geſtri⸗ ges Auftreten den Sieg vollſtändig gemacht. Allein mein Scherz, wie gut ich ihn auch ge⸗ meint hatte, war kein glückliche Wie Alles, was in irgend einer Beziehung zum Grafen Waldemar ſtand, erregte der Anblick des alten wunderlichen Mannes ihren heftigſten Unwillen und gewohnt wie ſie war, ihren Empfindungen keinen Zwang anzu⸗ chun, ergoß ſie auch dieſen Unwillen in den hef⸗ tigſten Schmähungen. „Das iſt er,“ rief ſie,„der Wicht, der ſich dazu hergab den Unterhändler zu ſpielen zwiſchen der ſtolzen Frau Gräfin und mir! Das iſt der Schwach⸗ kopf, der ſich einbildete, ein Weib laſſe ſich die Hand des Geliebten abtaufen mit Geld! Du denkſt, es ge⸗ ſchieht, um mir den Hof zu machen, daß er unter 5 58 unſern Fenſtern hin und her promenirt? O welche Taubeneinfalt! Nicht als Liebhaber ſtelzt er umher, ſondern als Spion. Die Frau Gräfin ſitzt drüben in ihren Gemächern und vergießt hochadelichen Schweiß, aus Furcht, ich könne meinen Beſuch wohl gar ausdehnen wollen, bis Graf Waldemar nach Hauſe kommt, und da wäre alle Mühe und Arbeit am Ende doch noch in den Brunnen geworfen?! Darum, mein Kind, blos darum, muß der Rittmei⸗ ſter hier Fenſterpromenade machen: er ſoll ſehen, ob ſich die Verhaßte noch nicht zum Aufbruch rüſtet, belauſchen ſoll er, was ſie den ganzen Tag über mit dem Geſellſchaftsfräulein zu verhandeln hat und ob hier nicht in der Stille Deines Zimmers irgend welche Pläne geſchmiedet werden, welche das edle Geſchlecht der Grafen und Herren von und auf Rei⸗ chenau in ihrer altadelichen Sicherheit bedrohen. Zu ſolcher Commiſſion iſt das der rechte Mann; vor einem alten Weibe, ſagt das Sprichwort, hält der Teufel ſelbſt nicht Stand und dieſer Rittmeiſter mit ſammt ſeinem langen weißen Bart und ſeinen Erin⸗ nerungen von Anno Eins und ſeinem Punſchtrinken mit Bereitern und Jägerburſchen iſt doch nur ein altes Weib und zwar eines von den ſchlimmſten. Auch Waldemar hat ihm nicht Stand gehalten— kennſt 59 Du Waldemar? Haſt Du ihn geſehen? Spricht die Gräfin mit Dir von ihm? Und was ſpricht ſie von ihm?“ Aus der Haſt, mit welcher Florine dieſe Fragen an mich richtete, ohne mir nur Zeit zu laſſen, eine einzige zu heantworten, erkannte ich wohl, was in ihrer Seele vorging und daß die unſelige Leiden⸗ ſchaft, die ſie beherrſchte, zurückgedrängt für einige Stunden durch die Erinnerung alter Zeiten, ihre Rechte mit verdoppelter Heftigkeit wieder geltend machte. Mein ganzes Herz erſchrak bei dem Ge⸗ danken an die Wiederkehr ſolcher Scenen, wie ich ſie in der letzten Nacht mit ihr erlebt hatte und mit aller Anſtrengung ſuchte ich das Geſpräch auf andere, minder verfängliche Gegenſtände zu richten. Aber vergebens: die ſo lang zurückgehaltene Fluth durchbrach alle Dämme, ſelbſt das Ohr der Tochter war ihr nicht zu ehrwürdig, das unglück⸗ ſelige Geheimniß ihrer Leidenſchaft darin niederzu⸗ legen. „Und was ſollte mich auch hindern,“ rief ſie, „Dir zu vertrauen, wie es in meinem Herzen aus⸗ ſieht? Giebt es eine Seele, die mir näher ſteht als Du? Und wozu hätte Gott Dich in meine Arme zurückgeführt, wenn ich die flüchtige Stunde des „ 60 Wiederſehens nicht benutzen wollte, mein Herz an dem Deinen zu entlaſten? Biſt Du nicht ein Weib, wie ich? Wirſt Du Dich nicht einſt winden in Schmer⸗ zen der Liebe wie ich es thue und wirſt ringen mit dem widerſpenſtigen Herzen, das keiner Mahnung der Vernunft mehr gehorcht und keiner Ueberlegung — denn ach, es liebt 21“ „Und was habe ich denn auch,“ fuhr ſie fort, „ſo Furchtbares zu geſtehen, daß es das Ohr meiner Tochter nicht vernehmen dürfte? Ich habe ihm ja entſagt— v meine Tochter,“ rief ſie, indem ſie ſich, in Thränen ausbrechend, in meine Arme warf, „ich habe ihm entſagt, freiwillig habe ich ihm das Herz zuruͤckgegeben, das ich beherrſchte, wie je ein Weib das Herz eines Mannes beherrſcht hat und habe verzichtet auf die Hand, die er ſtolz war, in die meine zu legen! Was will man denn noch mehr von mir? Habe ich nicht Alles gethan, was die „Rückſichten der Welt“ und die„gute Sitte⸗ von mir verlangten? Habe ich mich,“ rief ſie mit jenem bit⸗ tern Lachen, das ſchon einmal ſo furchtbar in mein Ohr geklungen hatte—„habe ich mich nicht be⸗ gnügt, Graf Waldemar zum Liebhaber zu haben und habe ich nicht ſeine Hand zurückgewieſen, da er mich zu ſeinem Weibe machen wollte, ſeinem redlichen, 61 rechtſchaffenen Weibe?! Du haſt viel Glück mit den Begegnungen: aber ich, mein Kind, habe keines mit den Heirathen. Dein armer Vater ward mir ent⸗ riſſen, bevor ich, jung und unerfahren wie ich war, noch den ganzen Schatz ſeiner Liebe erkannt hatte, und da mir jetzt, auf der Mittagshöhe meines Lebens nach unzähligen Täuſchungen und Verirrungen, das Geheimniß einer echten und unvertilgbaren Liebe noch einmal aufgeht— o es iſt ja zum Lachen, da ſchicken ſie mir dieſe Jammergeſtalt, dieſen Ritt⸗ meiſter und bieten mir Geld, daß ich der Hand des Geliebten entſage!“ Ich hörte mit bebendem Ohr und wußte nicht, was ich erwiedern ſollte. Run allerdings begriff ich, warum die Erinnerungen meiner Kindheit Florinen ſo kalt gelaſſen: wo eine ſolche Leidenſchaft in einem Herzen wohnte, was konnte daneben noch aufkommen? Das Gedächtniß meines armen Vaters, ich ſelbſt, meine Vergangenheit und Zukunft, was konnte es ihr Alles noch ſein gegen dieſe eine unermeßliche Empfindung, die ihr ganzes Daſein ausfüllte? Ein tiefes Weh ergriff mich, ein unendliches, untröſtliches Mitleid mit ihr und mit mir ſelbſt— hätte ich mir die Bruſt aufreißen können und mit meinem jungen unſchuldigen Blute Frieden gießen in ihr allzuſtür⸗ 62 miſches Herz, wie gern hätte ich es gethan! Ja hätte ich nur ſterben dürfen zu ihren Füßen, den Fuͤßen meiner Mutter, und hätte mein Tod ſie er⸗ löſen können von dieſer unſeligen dämoniſchen Lei⸗ denſchaft, die mir ihr ganzes ſchönes Bild in un⸗ heilbare Verwirrung zu ſetzen drohte— wie ſüß hätte mir der Tod ſein ſollen! Aber ſo konnte ich nichts, als nur die Hände vor das Angeſicht preſſen und ebenfalls in Thränen ausbrechen; es war mir als hätte ich meine Mutter jetzt erſt, aber jetzt auch für ewig verloren und als wäre mir keine Hoffnung geblieben ſie jemals wieder zu ſehen. Auch diesmal wieder errieth Florine den innerſten Gang meiner Gedanken Meinen Kopf leiſe in die Höhe richtend und mich mit Blicken anſehend, ernſt, aber ohne Vorwurf, ſagte ſie: „Du zürnſt Deiner Mutter, nicht wahr? Dieſe Liebe iſt Dir ein Greuel? Du verſtehſt das Herz nicht, das noch in ſo ſpäten Jahren von ſolchen wilden Flammen erfaßt werden kann?“ „Ach meine Mutter,“ ſtammelte ich,„welches Recht hätte ich Dir zu zürnen? Ich habe Dir ſchon geſagt, daß Alles gut iſt, was und wie Du es thuſt und daß ich mich ſtets nur beeifern werde, Dein 63 gehorſames und folgſames Kind zu ſein. Aber aller⸗ dings, wenn das die Liebe iſt, was Dir dieſe Seufzer auspreßt und den Glanz Deiner ſchönen Augen mit Thränen verdunkelt— dann verzeihe mir, theure Mutter, wenn ich allerdings wünſche, die Liebe nie⸗ mals kennen zu lernen, ſondern immer in meiner jetzigen kindiſchen Einfalt zu bleiben.“ „Und was haſt Du,“ fragte ſie in etwas käl⸗ terem Tone,„an meiner Liebe auszuſetzen?“ „Nichts,“ erwiederte ich, muthiger gemacht ge⸗ rade durch die Kälte ihres Tones:„nichts, theure Mutter, als daß Du nach Deinen eigenen Worten einen Unwürdigen liebſt. Ich habe,“ fuhr ich mit zitternder Stimme fort— denn ich ſah, wie ihre Augen immer größer wurden und immer funkelnder und wie die ſtolze königliche Geſtalt ſich immer mäch⸗ tiger, immer gebieteriſcher vor mir aufrichtete. Aber das Eis war nun einmal gebrochen und ſo mußte ich hindurch, es koſte was es wolle— „Ich habe,“ fuhr ich alſo fort,„nicht die Ehre den Grafen Waldemar perſönlich zu kennen und auf das, was ſeine Mutter mir von ihm erzählt hat, habe ich, die Wahrheit zu ſagen, jederzeit nur ſehr wenig Acht gegeben. Aber Du ſelbſt, theure Mutter, nannteſt ihn geſtern Nacht einen Mann, an deſſen 64 Bekanntſchaft man nicht viel verliere: einen guten Tänzer und guten Reiter, artig gegen die Damen, witzig wo es nicht anders geht und ſentimental, wo er durch Sentimentalität ſein Glück zu machen glaubt — aber ſchwach! ſchwach!! ſchwach wie ein Weib!!“ Sie ſah mich mit durchbohrenden Blicken an; ihre Lippen waren kreideweiß geworden und die Hand, die ſie auf den Sammtbeſchlag des Fauteuils ge⸗ ſtützt hatte, zitterte. „Und woher haſt Du dieſe Nachrichten über Graf Waldemar?“ fragte ſie mit klangloſer Stimme. Ihr Zorn erhöhte meinen Muth; ſo war ihr Herz doch wenigſtens noch einer andern Empfindung fähig als allein dieſer verhängnißvollen Leidenſchaft und ich durfte hoffen, gerade je unſaufter ich ihre Wunde berührte, um ſo eher das Bewußtſein ihrer weiblichen Würde, ihr Bewufßtſein als Mutter gegen über der kaum wiedergefundenen Tochter wieder auf⸗ zuwecken. Zehntes Capitel. Gefunden und verloren. „Aus Deinem eignen Munde, theure Mutter,“ erwiederte ich mit feſter Stimme:„Es ſind dieſelben 65 Ausdrücke, deren Du Dich geſtern Racht gegen mich bedienteſt und ich glaube ſie wörtlich wiederholt zu haben.“ Eine lange Pauſe erfolgte. Endlich ſagte ſie: „So gratulire ich Dir zu Deinem guten Ge⸗ dächtniß, es iſt eine Gabe, die ich als Schauſpielerin ganz beſonders zu ſchätzen weiß. Was aber meine Aeußerungen ſelbſt betrifft, ſo ſollteſt Du wohl nicht außer Acht laſſen, mein Kind, in welcher Aufregung ich mich geſtern Nacht befand und auch das könnteſt Du unbeſchadet Deiner Jugend und Unſchuld wohl wiſſen, daß ein liebendes Herz, das zurnt, wenig ge⸗ eignet iſt ein richtiges und unparteiiſches Urtheil zu fällen. O Gott,“ rief ſie plötzlich wieder in ihre frü⸗ here Leidenſchaftlichkeit zurückverfallend,„ich ihn ge⸗ ſchmäht? ich Böſes geſprochen von meinem Walde⸗ mar?! Habe ich es gethan, o ſo bin nicht ich es geweſen, ſondern die Verzweiflung der Liebe, die aus mir geſprochen hat! Waldemar iſt gut, er iſt das beſte Herz, das ich jemals gekannt, ſelbſt Deinen Vater nicht ausgenommen: ein wahres Kinderherz mitten unter den Fratzen und Zierpuppen der großen Welt— und wenn er ſchwach iſt, woher kommt es, als weil man mir verwehrt hat ihn zu ſtützen? Er liebt mich, ich weiß es— er liebt mich heiß und 1856. X. Helene. III. 5 66 glühend, wie ich ihn, und wenn ich nicht ſelbſt ihm ſeine Freiheit zurückgegeben hätte, ſo läge er noch heut zu meinen Füßen und trüge meine Ketten mit Lächeln!“ „Aber wenn das ſo iſt, theure Mutter,“ erwie⸗ derte ich, nicht ohne einen Anflug von Gereiztheit, „und wenn Eure Herzen wirklich ſo harmoniſch zu⸗ ſammen ſtimmen, warum gabſt Du ihm dann ſeine Freiheit zuruͤck und hielteſt die Hand nicht feſt, die er Dir reichte?“ Ich hatte Mühe die letzten Worte über die Zunge zu bringen, ſo furchtbar hatte ſich Florinens Antlitz verändert, während ich ſprach; alles Blut war ihr aus den Wangen gewichen, die Augen rollten in furchtbarem Feuer und bleich, mit entſetzlichem Ausdruck, ſtarrte ſie mich an, ein Meduſenkopf. Ir⸗ gend ein ungeheures Wort ſchien auf ihrer krampfhaft zuckenden Lippe zu ſchweben— aber ſchon in der nächſten Secunde hatte ſie ſich wieder gefaßt und mit einem Ausdruck von Hoheit und Milde, vor dem mein eben noch ſo rebelliſches Herz wahrhaft in den Staub ſank, ſagte ſie: „Dieſe Frage, meine Tochter, wiederhole, wenn Du dereinſt ſo alt ſein wirſt, wie ich es jetzt bin. Ich werde dann nicht mehr leben, ſie Dir zu beant⸗ * 67 worten: aber richte ſie an Dich ſelbſt und wenn Du auch dann noch keine Antwort darauf findeſt, v dann fint' in Deine Knie und beuge Dich vor Gott, der Dich gnädig vorübergeführt hat an Untiefen, die Du nicht ahnteſt und in denen ſtärkere Herzen zu Grunde gegangen ſind als Du. Für heute aber ſage ich Dir nur ſoviel: die Schauſpielerin Iſabella, wiewohl nur Schauſpielerin und nicht vom beſten Rufe, wird ſich doch niemals da eindrängen, wo auch nur der leiſeſte Verdacht ſie treffen könnte, ſie habe ſich eindrängen wollen. Die Schauſpielerin Iſabella hat viele Thorheiten begangen in ihrem Leben: aber an ihre Großmuth hat noch Niemand vergeblich ap⸗ pellirt und wenn auch ihr eigenes Herz darüber in Stücke gehen ſollte....“ Der Ton, mit welchem ſie dieſe Worte ſprach, war wahrhaft erhaben; unfähig etwas darauf zu er⸗ wiedern, beugte ich mich nieder, ihr die Hand zu küſſen und trat dann, meine Aufregung und vielleicht auch eine gewiſſe Beſchämung zu verbergen, die mich überfallen hatte, ans Fenſter und ſchaute hernieder in den Park, wo ſchon die Schatten des Abends hereinbrachen, während der Rittmeiſter noch immer, ängſtlich nach unſern Fenſtern lugend, auf⸗ und ab⸗ trouillirte. 5* 68 Als ich mich wieder umwandte, ſah ich, wie meine Mutter die zierlichen Käſtchen und andere Kleinigkeiten, welche ſie zu ihrer Toilette benutzt hatte, ſorgſam zuſammenpackte. Eine Zeitlang ſah ich ihr gedankenlos zu, plötzlich fuhr es mir durch den Kopf und mit bebender Stimme fragte ich: „Und was bedeutet dies, theure Mutter?“ „Nun,“ erwiederte ſie lächelnd, mit demſelben milden klaren Ausdruck, mit dem ſie mir zuerſt ent⸗ gegen getreten war:„was ſoll es bedeuten, als daß ich den armen Schelm, den Rittmeiſter, von ſeinem Poſten erlöſen will? Ich reiſe—“ „Du reiſeſt?“ rief ich, indem ich halb beſin⸗ nungslos vor ihr in die Knie ſank. „Ganz gewiß,“ ſagte ſie, ihre Mantille vom Nagel nehmend und mit einer leichten Fingerbewe⸗ gung den Staub von dem feinen Stoffe ſtreifend: „noch heute Abend, die Wege ſind gut und die Nacht iſt hell—“ „Und ohne mich?!“ kreiſchte ich; es war mir, als würde mir ein zweiſchneidiges Schwert mitten durch das Herz geſtoßen; erſt jetzt verſpürte ich, wie lieb ich ſie in den wenigen Stunden gewonnen hatte und daß es doch bei alledem meine Mutter war. Sie zog mich leiſe zu ſich in die Höhe und preßte 8 69 meinen Kopf an ihren Buſen; es war nur ein kurzer Augenblick, aber nie in meinem Leben, däuchte mir, hatte ich ſo weich und ſanft geruht. „Ich reiſe, mein Kind,“ ſagte ſie,„ja: noch heut und ohne Dich—“ „O ſo zürnſt Du mir auch,“ unterbrach ich ſie,„und meine unbedachten kindiſchen Reden haben mich Dein Herz gekoſtet!“ Sie ſchüttelte leiſe mit dem Kopf. „O Thörin,“ ſagte ſie zärtlich,„das will nun Liebe ſein und traut dem Andern ſo wenig Gutes zu; eine Mutter und eine Tochter, die ſich zum er⸗ ſtenmal begegnen im Leben ſeit achtzehn Jahren, haben, meine ich, wohl Beſſeres zu thun als mit einander zu ſchmollen gleich in der erſten Stunde. Ich wiederhole Dir, mein Kind: ich reiſe und laſſe Dich hier zurück, aber nur weil ich überzeugt bin, daß Du für den Angenblick hier beſſer aufgehoben biſt als Du es bei mir wärſt und weil ich mein Herz noch nicht rein, nicht frei genug fühle, um das Glück der Mutter ſo zu genießen und auch ihre Pflichten ſo zu erfüllen, wie ich es mir ſelbſt wünſche. Ich habe noch dieſe und jene laufende Rechnung mit der Welt, die ich noch erſt abſchließen muß. Du wirſt von mir hören, mein Kind. Bis dahin laß das ſüße 70 Band, das zwiſchen uns beſteht, ein Geheimniß ſein für Jedermann— hörſt Du? für Jedermann; Dir würde es zu keiner Empfehlung dienen in Deinen gegenwärtigen Verhältniſſen, die Tochter der Schau⸗ ſpielerin Iſabella zu ſein und ich ſelbſt, wie geſagt, fühle mich noch nicht würdig und bin noch nicht völlig in der Lage, meine Mutterrechte an Dir gel⸗ tend zu machen. Wenige Monate werden genügen, dies und Anderes zu ordnen; wir werden uns ſchrei⸗ ben und werden gemeinſam überlegen, wie unſer künftiges Leben einzurichten iſt. Einſtweilen aber wird Dich der Himmel ſchützen, der Dich bis hieher geleitet— bis in die Arme Deiner Mutter,“ rief ſie zärtlich,„die noch viel an Dir gutzumachen hat, o Du mein theures Kind, aber es auch noch ganz gewiß thun wird— nämlich wenn mir der Himmel die Kraft dazu verleiht... Vergeblich beſtürmte ich ſie mit Bitten, mich gleich jetzt mit ſich zu nehmen; ein Vorwand der Gräfin gegenüber, der unſer Geheimniß ſchützte, war ja leicht gefunden. Allein meine Bitten blieben frucht⸗ los; in allen andern Punkten ſo ſanft und nach⸗ giebig gegen mich, blieb ſie doch in dieſem uner⸗ ſchütterlich. „Noch,“ ſagte ſie, da ich endlich erſchöpft mit 71 Bitten inne hielt,„iſt meine Laufbahn nicht zu Ende, noch habe ich den Hafen nicht erreicht, nach dem ich mich ſehne. Ich hoffe, ihn zu erreichen, ganz gewiß, und dies Wiederſehen ſelbſt iſt mir ein Unterpfand dafür. Aber einſtweilen treibe ich noch auf den Wellen und was ſollteſt Du da bei mir, Du armes ſtilles, unſchuldiges Kind, die Du in Deinem jungen Herzen noch nicht ahnſt, daß es überhaupt ſo etwas giebt wie Wellen und Stürme?! Sie werden auch Dir nicht erſpart bleiben, armes Kind, wie ſie keinem Sterblichen erſpart bleiben: aber ſo ſoll es wenigſtens nicht die Hand der Mutter ſein, die Dich hinausſchleudert in die Fluthen.“ Und dann wieder nach einer kleinen Pauſe: „Ich habe,“ ſagte ſie,„noch nichts Gutes für Dich gethan; wie könnte ich die Verantwortung auf mich nehmen, Dich der Welt und ihren Gefahren auszuſetzen? Du nennſt mich Florine: für die Welt aber bin ich noch immer die Schauſpielerin Iſabella und die tangt nicht, ein junges Mädchen zu erziehen.“ Unter dieſen Worten hatte ſie ſich reiſefertig gemacht; Alles, was ich von ihr erlangen konnte, war, ſie bis an das Wirthshaus des Dorfes zu be⸗ gleiten, wo ſie ihren Wagen und ihre Dienerſchaft zurückgelaſſen hatte. Mit zerriſſenem Herzen mußte ich 0 7 mich fügen; es lag in ihrem Weſen bei aller Milde doch eine Entſchiedenheit, die jeden Widerſpruch un⸗ möglich machte. Endlich waren wir zum Aufbruch bereit. Ich hatte ihr angeboten, Mantel und Tuch und was ſie ſonſt an leichtem Reiſegepäck bei ſich fuͤhrte, durch einen der Bedienten ins Dorf hinüber tragen zu laſſen. Allein ſie hatte es lächelnd abgelehnt, indem ſie meinte, eine Schauſpielerin müſſe ſich auch ohne Bedienten zu behelfen wiſſen. Indem wir ſchon im Begriff waren mein Zimmer zu verlaſſen, drehte ſie ſich unter der Thüre noch einmal um; ihr leuchten⸗ des Auge flog vom Eſtrich bis zur Decke, gleich als wollte ſie trotz der beginnenden Dämmerung noch ein⸗ mal jedes Winkelchen durchſpähen und es ſich feſt ins Gedächtniß einprägen. „Da alſo,“ ſagte ſie— und wenn ich bis da⸗ hin noch nie empfunden hätte, wie die Stimme einer Mutter thut: an dieſen Worten, ſo ganz aus der innerſten Fülle des Herzens geſprochen, hätte ich es empfinden müſſen.. „Da alſo,“ ſagte ſie,„wohnt nun meine Toch⸗ ter und das iſt die geſegnete Stätte, wo der Him⸗ mel ſelbſt mir die Langverlorene in die Arme führte. Behüt' Dich Gott, Du ſtilles freundliches Stübchen, und möge es in dem Herzen Deiner Bewohnerin ſtets ſo rein und friedlich ausſehen, wie in Deinen lieben Räumen. Ich kam mit ſehr bitterm Herzen hieher und habe in Dir einen ſehr glücklichen Tag verlebt— das iſt mehr als ich in den meiſten Paläſten gefunden habe, die mein Fuß bisher noch betreten hat Sie umarmte mich mit Zärtlichkeit; dann nahm ſie meinen Arm unter den ihren, mit derſelben Un⸗ befangenheit, wie geſtern Abend, als wir uns in das Geſellſchaftszimmer der alten Gräfin begaben. Mitten im Corridor blieb ſie plötzlich ſtehen. „Noch Eins,“ ſagte ſie,„bevor ich es vergeſſe. Du wirſt nun vielleicht in Kürze den Grafen Wal⸗ demar ſehen; er iſt, ſo viel ich weiß, im Begriff zu ſeiner Mutter zurückzukehren.— Vergiß, was ich Dir über ihn geſagt habe, ja vergiß, wenigſtens ihm gegenüber, daß es überhaupt ein Weſen auf der Welt giebt wie ich. Haſt Du aber Gelegenheit, die junge Gräfin Conſtanze über ihn zu ſprechen, ſo rede Gutes von ihm, hörſt Du?“ Es war das erſte Mal, daß ſie den Namen der Gräfin Conſtanze gegen mich erwähnte und ich hatte bisher in dem Wahne gelebt, als ſei ihr das Verhältniß zwiſchen Waldemar und der jungen 74 Gräfin völlig unbekannt. Jetzt freilich überzeugte ich mich von meinem Irrthum: allein ich glaubte auch das Motiv zu erkennen, das ihr bisheriges Schwei⸗ gen über dieſen Punkt veranlaßte und fühlte, wie die Hochachtung, die ſie mir trotz ſo mancher Unbegreif⸗ lichkeiten eingeflößt hatte, ſich dadurch nur noch ſteigerte. Am Fuß der Treppe begegnete uns der alte Kammerbiener der Gräfin. Er machte Florinen ein tiefes Compliment und fragte nach ihren Befehlen. Mit der heiterſten Miene trug ſie ihm viele Empfeh⸗ lungen an die Frau Gräfin auf, indem ſie ihm zugleich ein bedeutendes Geldgeſchenk für ſich und die übrige Hausdienerſchaft einhändigte. Der Ausgangspforte des Parks zueilend, wo der Weg ſich in das Dorf hinabſenkt, waren wir außer Stande, die Begegnung des Rittmeiſters zu vermei⸗ den, der noch immer in den ſchattigen Gängen ge⸗ treulich auf⸗ und abwandelte; er hatte dieſen Augen⸗ blick ſichtlich erwartet und ließ es ſich trotz der ziem⸗ lich kühlen Aufnahme, die ihm von uns zu Theil ward, auch nicht nehmen, uns bis an das Wirths⸗ haus des Dorfes zu begleiten. Dieſer Umſtand machte unſern Abſchied noch einſilbiger und förmli⸗ cher als er ohnedies aus nothwendiger Rückſicht auf unſer Geheimniß hätte ſein müſſen. Auch Florinens 75 Dienerſchaft ſchien ihre Ankunft bereits erwartet zu haben; in wenigen Minuten ſtampften die Roſſe vor dem Wagen, Florine ſchwang ſich hinein, noch ein ceremonieller Abſchiedsgruß gegen den Rittmeiſter, ein flüchtiges Kopfnicken für mich— und dahin rollte ſie, der Nacht und der Dunkelheit entgegen— meine Mutter!! £ = S 8 — — — — — — —,— 5 — — — — — = * — — — S — — E Erſtes Capitel. Neue Träume. Seit ich denken konnte, hatte Florine wie ein goldenes Traumbild vor meiner Seele geſtanden und nun war ſie auch wie ein Traum gekommen und verſchwunden. In der That hatte ich, als ich am nächſten Morgen erwachte, Mühe, mich zu überzen⸗ gen, daß es kein Traum geweſen, was ich in den letzten vierundzwanzig Stunden erlebt und daß die hohe königliche Geſtalt Florinens, die Geſtalt mei⸗ ner Mutter, wirklich in dieſen Räumen gewandelt. So kurz und traumhaft unſer Zuſammenſein auch geweſen, einen ſo unverlöſchlichen Eindruck hatte es mir hinterlaſſen. Jetzt erſt, nachdem ich einmal am Herzen einer Mutter geruht, einmal den weichen 80 Ton einer mütterlichen Stimme vernommen, erwachte die Sehnſucht, mit der ich ſo lange an der Traum⸗ geſtalt meiner Mutter gehangen, mit verdoppelter Gewalt; ich begriff jetzt nicht, wie ich hatte ſo lange leben können ohne ſie und noch weniger begriff ich, wie ich die finſtere freudloſe Zeit ertragen ſollte, die zwiſchen Abſchied und Wiederſehen lag. Es ging mir wie ſo oft im Leben, wo Zeit und Entfernung den Ein⸗ druck bedeutender Perſönlichkeiten nur noch bedeutender machen alles Fremdartige, mir Unverſtändliche, das ich in den kurzen Stunden unſeres Beiſammenſeins hier und da an Florinen bemerkt hatte, war ver⸗ ſchwunden und nur ihre Schönheit, ihr Geiſt, ihre tiefe Empfindung, ihre überſtrömende Beredtſamkeit ſtanden in leuchtenden Zügen vor mir. Selbſt mit ihrer Leidenſchaft für den Grafen Waldemar, die mich anfangs ſo ſehr beängſtigt hatte, fing ich bei längerer Ueberlegung an mich auszuſöh⸗ nen. War er denn wirklich etwas ſo Unerhörtes, dieſer Nachſommer der Leidenſchaft in dem Herzen einer Frau, die übrigens ſo ganz Leidenſchaft, ſo ganz Empfindung und Feuer war? Wer konnte ſie ſehen, ohne ſie zu lieben? Und was lag denn alſo Auf⸗ fälliges darin, daß auch Graf Waldemar ſie geliebt und daß ſie, mit dem heißen, ungeſtümen Herzen, 8¹ die Leidenſchaft des ſchönen liebenswürdigen Cava⸗ liers erwiedert hatte? Dies Alles waren ja ganz gewöhnliche und natürliche Schickſale und nur in einem Punkte ſtand meine Mutter ebenſo ungewöhn⸗ lich wie verehrungswürdig da: das war in der groß⸗ artigen Entſagung, mit welcher ſie ihre Leidenſchaft überwand. Ueber die Motive dieſer Entſagung konnte ich mir trotz allen Nachdenkens nicht ganz klar werden. Vielleicht war es Stolz, vielleicht Furcht, das Herz des jungen Mannes könne ſich allzufrüh ernüchtern, vielleicht ſogar Liebe.— Aber gleichviel, welche Mo⸗ tive ſie auch leiteten, immer waren dieſelben vereh⸗ rungswürdig und immer hatte ſie in dieſer Entſa⸗ gung eine Kraft des Geiſtes und eine Größe des Herzens bewieſen, die in meinen Augen mehr als hinlänglich war, die kleinen Schatten, die ihrem cheuren Bilde ſonſt vielleicht anhafteten, hinwegzu⸗ löſchen.— Mit Ungeduld wartete ich auf die ver⸗ ſprochenen Nachrichten von ihr und wurde inzwiſchen nicht mübe, mir das Leben, das ich künftig an ihrer Seite zu fähren hoffte, bis in die kleinſten Einzeln⸗ heiten auszumalen. O wie ich ſie lieben wollte! Wie alle Hingebung und Treue, die bis jetzt noch in meinem Herzen verſchloſſen lag— verſchloſſen; 1856. X. Helene. III. 6 82 weil ſie ja bis jetzt Niemand gewollt hatte— auf⸗ blühen ſollte in ihrer Nähe und ſollte ihre theuren Schläfe ſchmücken mit Kränzen der Freude und des Glücks! Wie ich ſie entſchädigen wollte durch meine innige, kindliche Zärtlichkeit für dieſe Welt des Glan⸗ zes und der Pracht, in der ſie ſo lange gelebt und die ſie jetzt hinter ſich ließ um meinetwillen, ja ganz gewiß nur um meinetwillen! Selbſt die Wunde des Herzens, die noch ſo friſch, ſo ſchmerzlich blutete, hoffte ich zu heilen; das Herz einer Frau kann viel verlieren— aber was könnte nicht ein Kind dem Herzen der Mutter erſetzen?! Auch konnte ich mich dieſen Träumen und Plä⸗ nen um ſo ungeſtörter hingeben, als meine alte Grä⸗ fin ſeit dem Beſuch, der ſie ſo peinlich überraſcht hatte, ein auffallend zurückhaltendes Betragen gegen mich beobachtete und meine Dienſte weit weniger in Anſpruch nahm als bisher. Der Scharfblick Flo⸗ rinens hatte wieder einmal das Richtige getroffen: die Gräfin war durch unſer langes geheimnißvolles Zuſammenſein wirklich argwöhniſch geworden und gab mir dieſen Argwohn durch eine Kälte und Ein⸗ ſilbigkeit des Weſens zu erkennen, die mit ihrer ſon⸗ ſtigen Herablaſſung in ſehr merklichem Widerſpruche ſtand. Mich direct zu fragen, was die Schauſpielerin 83 denn ſo eigentlich zurückgehalten und was wir den ganzen langen Tag mit einander verhandelt, dazu war ſie begreiflicher Weiſe viel zu ſtolz. Ein plumper Verſuch dieſer Art aber, den der Rittmei⸗ ſter— ich wage nicht zu entſcheiden, ob auf ihren Antrieb oder aus freien Stücken— machte, wurde von mir mit der Entſchiedenheit zurückgewieſen, welche ſeine Zudringlichkeit verdiente. Ueberhaupt war von der Schauſpielerin Iſa⸗ bella— denn das war ja meine theuere Mutter für dieſe Menſchen noch immer— zwiſchen der Gräfin und mir gar keine Rede weiter. Selbſt jenes ver⸗ hängnißvollen Abends, da die verlaſſene Geliebte des Sohnes ſich der Mutter des Geliebten plötzlich ſo herausfordernd, ſo drohend unter die Augen geſtellt hatte, wurde von ihr mit keiner Silbe erwähnt und ich ſelbſt wußte nachgerade zu gut, was einem Ge⸗ ſellſchaftsfräulein geziemt, als daß ich mir erlaubt hätte, auch nur mit der leiſeſten Anſpielung darauf zurückzukommen.* Ebenſo zurückhaltend war die Gräfin in Betreff ihres Sohnes. Jene Erzählungen und Schilderun⸗ gen von der Liebenswürdigkeit, dem Glanz und Glück des jungen Majvratsherrn, bis hinunter auf ſeine Pferde und Hunde, ſeine Zechgelage und Spielpar⸗ 6* 84 tien, mit denen ich bisher ſo freigebig beehrt worden, waren auf einmal wie abgeſchnitten. Auch über die Abſichten, die ſie mit dem Grafen hatte, über ſeinen Aufenthalt in der Reſidenz und deſſen Dauer, über ſein Verhältniß zur Gräfin Conſtanze und hundert ähn⸗ liche Dinge, mit denen ſie mir ehedem ſo viel lange Lang⸗ weile gemacht, ließ die alte Dame gegen mich nicht mehr das Mindeſte verlauten. An gewiſſen Bewegungen im Hauſe merkte ich zwar, daß irgend eine größere Ver⸗ änderung bevorſtand; lang verſchloſſene Zimmerreihen wurden geöffnet und neu eingerichtet, neue Wagen wurden angeſchafft, neue Pferde zugeritten und lange Conferenzen mit dem alten Heinrich abgehalten über die Weinſendungen, die man demnächſt aus der Hauptſtadt erwartete. Doch wäre mir dies Alles ſchon unter gewöhn⸗ lichen Umſtänden ziemlich gleichgiltig geweſen, um wie viel mehr erſt jetzt, wo ich von ſoviel andern und näher liegenden Gedanken und Sorgen in Anſpruch genommen war. Schon waren einige Wo⸗ chen ſeit der Abreiſe meiner Mutter vergangen und noch immer war ich ohne Nachricht von ihr. Nur im Allgemeinen wußte ich, daß Paris das Ziel ihrer Reiſe geweſen. Doch wußte ich weder den Weg, den ſie genommen, noch hatte ſie mir eine Adreſſe 85 hinterlaſſen, unter der ich ſie dort oder anderwärts auf⸗ finden konnte. Sie hatte mich eben auf ihre Briefe vertröſtet und nun blieben dieſe Briefe aus und nir⸗ gend auf der weiten Welt wußte ich einen Fleck, wo⸗ hin mich wenden, um Nachricht von ihr zu erhalten. Dieſe Ungewißheit und die täglich neue, täglich getäuſchte Erwartung, mit der ich einer Mittheilung von ihr entgegenſah, verſetzte mich in eine höchſt gereizte, faſt krankhafte Stimmung. Es war ein wah⸗ res Glück für mich, daß die Gräfin gerade jetzt meine Dienſte ſo wenig in Anſpruch nahm: denn beim beſten Willen wäre ich nicht im Stande geweſen, mich ſo um ſie zu beſchäftigen, wie ſie das Recht hatte es von mir zu fordern. Meine Reizbarkeit er⸗ reichte zuletzt einen mir ſelbſt faſt unerträglichen Grad; jeder Bote, der aufs Schloß kam, ja jedes Geräuſch an der Thür erregte mir Herzpochen, weil ich immer dachte, es könne eine Nachricht von Florinen ſein— eine Nachricht, nach der ich mich ebenſo ſehr ſehnte wie ich vor ihr zitterte. Denn was war von den extremen Entſchlüſſen dieſer wunderſamen Frau nicht Alles zu erwarten und welche unberechenbaren Schickſale konnten ſich nicht noch in ihrem ſo ſeltſamen, ſo abenteuerli⸗ chen Lebenspfad aufthürmen, die ſie und mich, die kaum Gefundenen, auf ewig von einander trennten?! 86 Zweites Capitel. Eine geheimnißvolle Meldung. Bemeſſe man danach die halb freudige, halb ängſtliche Beſtürzung, die mich überfiel, als an dem Vormittag eines trüben, nebligen Octobertages, da ich eben dabei war meiner alten Gräfin einen lang⸗ weiligen franzöſiſchen Roman vorzuleſen, der alte Heinrich in das Zimmer trat, und mit geheimnißvoller Miene meldete, es ſei draußen ein Bote für das Fräu⸗ lein(die übliche Bezeichnung, unter der ich im Schloſſe paſſirte) und auf näheres Befragen ſetzte er hinzu: in einem Hauſe des Dorfs, das er näher bezeichnete, ſei eine fremde Frau angekommen, die dringend nach meinem Beſuch Lerlange. Der Kopf ſchwindelte mir, da ich die Meldung vernahm— eine fremde Frau? Und die nach mir ver⸗ langte? O ganz gewiß, es war Florine! Florine in eigener Perſon oder doch ein vertrauter Bote von ihr! Denn wer auf der weiten Welt wußte ſonſt von meiner Eriſtenz? Unb wo gab es ein Weſen, das nach mir verlangen konnte?! Der alte Schalk, der Heinrich, hätte ſeine Mel⸗ dung ganz gewiß auch ohne Zeugen anbringen kön⸗ 87 nen: doch war er ohne Zweifel mit im Complott gegen mich und hatte es abſichtlich ſo eingerichtet, daß die Gräfin ſie hören mußte. Im erſten Augenblick that dieſelbe zwar, als hätte ſie nichts davon vernommen oder wenigſtens nicht darauf gemerkt— es war ja nur etwas, was das Geſellſchaftsfräulein betraf. Als ſie aber mit einem jener halben Blicke, in denen ſie eine wahre Meiſterſchaft beſaß, gewahr ward, wie ich bei der Mittheilung des Alten erbleichte und mich kaum noch auf meinem Stuhl erhalten konnte, richtete ſie ſich plötzlich in ihrer ganzen gräflichen Würde empor und ſagte in jenem hohen Tone, den ein niedrig Gebore⸗ ner niemals ſo ſchneidend, mit ſolcher ätzenden Schärfe und dabei mit ſolcher ſcheinbaren Gleichgiltigkeit her⸗ vorbringen kann: „Aber, Heinrich, Sie ſind nun ſo lange in meinem Hauſe, Sie ſollten doch endlich wiſſen, was ſich ſchickt und was nicht. Das Fräulein macht keine Beſuche im Dorfe, wer ſie zu ſprechen wünſcht, der findet ſich im Schloſſe ein und macht ihr ſeine Aufwartung in ihren Zimmern— die Einrichtung Ihrer Zimmer iſt doch ganz nach Ihrem Wunſch, liebes Fräulein?“ ſetzte ſie zu mir gewendet hinzu, mit 88 einer Höflichkeit, die mir das Blut in den Abern kochen machte. Ich verbeugte mich ſchweigend, Heinrich verließ das Zimmer und auf einen Wink der Gräfin fuhr ich in einer Lectüre fort, an der wir beide, ſie und ich, vermuthlich gleich viel Antheil nahmen— näm⸗ lich gar keinen. Aber nur kurze Zeit war ich zu leſen im Stande;. die Buchſtaben tanzten mir vor den Augen, die Stimme drohte mir zu erſticken, ſo daß ich ge⸗ nöthigt war ein plötzliches Unwohlſein vorzuſchützen und um die Erlaubniß zu bitten, mich auf mein Zimmer zurückziehen zu dürfen. Die Gräfin war menſchlich genug mir meine Bitte nicht zu verſagen; ſie ſchellte ſogar nach der Kammerfrau und empfahl ihr Sorge für mich zu tragen; es ſei, meinte ſie, eine ſchlechte Jahreszeit und ſolche junge ſchwächliche Damen wie ich müßten ſich dabei wohl in Acht nehmen. Es war die erſte Bemerkung über meinen Geſundheitszuſtand, mit der ſie mich beehrte und auch dieſe hätte ich ihr gern erlaſſen. Auf meinem Zimmer angelangt, ſtarrte ich zum Tode betruͤbt in den Octobernebel hinaus, der die Wipfel der halb entlaubten Bäume mit unheimlichem ———— — 89 Schleier umwob. Was war der Gräfin in den Sinn gekommen, daß ſie mich plötzlich ſo behandelte? Hatte ich bisher nicht volle Freiheit gehabt, zu gehen und zu kommen, zu fahren und zu reiten, und nun auf einmal dieſe Knechtſchaft?— Riemals hatte ich das Entwürdigende meiner Stellung ſo tief empfunden, niemals ſo ingrimmig dieſe Sclavenkette gehaßt, die mir nachklirrte und die darum nicht minder drückend war, weil ein wenig Goldſchaum daran haftete. O, dachte ich, wie recht hatteſt Du, theure Mutter, da Du die Gräfin eine alte böſe Frau nannteſt! Alle ihre Herablaſſung, jetzt merke ich es, iſt Heuchelei, unter der Maske der Milde und Freund⸗ lichkeit trägt ſie ein hartes, grauſames, tyranniſches Herz. Und dieſer Tyrannei ſoll ich mich fügen? Einer leeren Grille, einem kindiſchen Argwohn dieſer Frau ſoll ich möglicher Weiſe das ganze Geſchick meines Lebens zum Opfer bringen? Wenn es Florine ſelber wäre, die mich zu ſich entbietet? Ich begreife, daß ſie es um jeden Preis vermeiden will, dieſes Haus zum zweiten Mal zu betreten— wenn ſie es ſelber iſt! Oder wenigſtens ein Bote von ihr, der mich heimwärts führen ſoll in ihre Arme?! 90 Drittes Capitel. Die Warnung. Je länger ich darüber nachdachte, je unerträgli⸗ cher duͤnkte mich der Zwang, den die Gräfin über mich ausübte und je unmöglicher ſchien es mir, mich ihm zu unterwerfen. Es regte ſich etwas in mir von dem Blute meiner Mutter; wäre ſie jetzt bei mir, würde ſie wohl dulden, daß ich mich auf ſolche Weiſe in dem einfachſten und natürlichſten Rechte kränken ließ? O und vielleicht war ſie ja bei mir oder doch dicht in meiner Nähe, nur wenige hundert Schritte von mir getrennt— und dieſe wenigen hundert Schritte wollte die Gräfin mir verwehren? Und wollte dadurch möglicher Weiſe eine Kluft aufwerfen zwiſchen Mutter und Tochter, die ſich durch nichts wieder ausfüllen ließ?! Welches Recht hatte ſie dazu 2 Und was konnte daraus entſtehen, wenn ich mich weigerte ihrer Anordnung zu folgen? Doch wohl im ſchlimmſten Falle nichts weiter, als daß ich meine Stelle verlor— nun und was war das Großes? War ich ja doch nicht mehr angewieſen auf den Bei⸗ ſtand hoher Gönnerinnen, hatte ich ja doch jetzt ein Herz, das mir gewiß war unter allen Umſtänden 91 und zu dem ich mich flüchten konnte aus jeder Verlaſſenheit! Stunde auf Stunde verging, mit tödtlicher Un⸗ geduld verfolgte ich den Zeiger an der Uhr und noch immer wurde die Meldung nicht wiederholt und noch immer ließ ſich nichts von dem geheimnißvollen Beſuche ſehen, deſſen bloße Ankündigung mich ſchon in ſo gewaltige Aufregung verſetzt hatte. Endlich vermochte ich dieſe Marter nicht mehr zu ertragen. Mein Entſchluß war gefaßt: mochte die Gräfin mir auch ſchadenfroh das Meduſenſchild der Etiquette entgegenhalten— was war mir ihre Etiquette, wo die Stimme meines Herzens ſo laut und vernehmlich ſprach, wie in dieſem Falle?! Ich warf meine Kapuze über und ging entſchloſſenen Schrittes die Treppen hinunter; ſollte die Gräfin mir begegnen und mich über meinen eigenmächtigen Schritt zur Rede ſtellen, ſo war ich mit mir ſelbſt darüber einig, mein Verhältniß zu ihr ſtehenden Fußes aufzukündigen und ein Haus zu verlaſſen, wo man mich anfangs mit ſo viel Güte überhäuft hatte, um mich ſchließlich zur Selavin zu machen. Doch war von der Gräfin nichts zu ſehen und unangefochten und unbemerkt erreichte ich den Ein⸗ gang des Dorfs. mir bezeichnet hatte. Es war eines der kleinſten und ſchlechteſten im Dorf und meine ganze Seele erbebte, da ich mir die Möglichkeit dachte, daß meine Mutter, meine ſchöne ſtolze königliche Mutter, mich unter dieſem niedrigen, unſaubern Dache erwarten könne. Allein wer ſchildert mein Erſtaunen, als ich in das kleine dumpfige Zimmer trat und die Erſte, auf die mein Blick fiel, eine armſelige zerlumpte Geſtalt, auf einer elenden Schütte Stroh, war— meine alte Dörte! WMeine Mutter hatte Recht gehabt, ſie war in der That ſehr häßlich, erſt jetzt, da ich ſie nach ſo langer Trennung wieder ſah, merkte ich ſelbſt, wie häßlich. Und doch ſtiegen mir die hellen Freuden⸗ thränen in die Augen, da ich das alte runzliche Ge⸗ ſicht erblickte— freilich nur, um ſich gleich darauf in Thränen des innigſten Mitleids und der aufrichtigſten Trauer zu verwandeln. Denn ein trauervoller Anblick war es, den die alte treue Pflegerin meiner Jugend darbot. Ein abzehrendes Fieber hatte ſie faſt zum Skelett ver⸗ wandelt, das Bewußtſein war ſchon halb erloſchen und es dauerte einige Zeit, bis ihre Umgebung ſie Bald war das Haus gefunden, das Heinrich 93 verſtändigen konnte, wer ich eigentlich ſei und daß ſie ſelbſt es war, die mein Erſcheinen an dieſem Orte Leranlaßt hatte. Ich benutzte dieſe Pauſe, mich von den Bewoh⸗ nern der Hütte, armen gutmüthigen Leuten, über den Zuſammenhang dieſes wunderbaren Abenteuers aufklären zu laſſen. Doch war dieſe Aufklärung ziemlich unvollſtändig. Die Leute hatten die alte fremde Frau Tags zuvor erſchöpft, in tiefer Ohn⸗ macht am Wege gefunden und ſie aus Mitleid, da ſie einer Sterbenden gleich ſchien, in ihre Wohnung genommen. Im Lauf des Tages hatte die Kranke ſich dann nothdürftig wieder erholt und da ſie erfahren, wo ſie eigentlich ſei, hatte ſie den dringen⸗ den Wunſch zu erkennen gegeben, die junge Dame vom Schloß“ zu ſprechen. In ſo einfachen Verhält⸗ niſſen, wie die Verhältniſſe dieſes Dorfs, kennt man die Leute leicht, auch wenn man nicht weiß, wie ſie eigentlich heißen, und ſo waren auch die mitleidigen Wirthe der Kranken ſofort im Klaren darüber, wer unter der jungen Dame gemeint ſei. Sich perſön⸗ lich zu mir aufs Schloß zu begeben, war für die alte Dörte, bei dem hinfälligen Zuſtand ihrer Geſund⸗ heit, eine Unmöglichkeit. Alſo hatte man mich rufen laſſen und nun war ich hier, ein Wiederſehen zu feiern, das ich wenige Minuten zuvor noch für eine Unmöglichkeit gehalten und das trotz den trau⸗ rigen Umſtänden, unter denen es ſtatt fand, doch für mein Herz etwas unſäglich Erfreuliches und Wohlthuendes hatte. Inzwiſchen hatte auch die Alte ſelbſt ſich in ſo⸗ weit ermuntert, daß ſie die Wirthsleute erſuchen konnte, das Zimmer zu räumen und mich mit ihr auf einige Augenblicke allein zu laſſen. Mit ſteigender Unruhe ſah ich dieſe Veranſtaltungen: denn ſie ſchie⸗ nen mir auf irgend ein dunkles Geheimniß zu deu⸗ ten oder aber auf noch etwas Schlimmeres— auf einen Abſchied für ewig. Und dies Letztere war es, jeder Se der ſchwerleidenden Frau verrieth es mir, ſo ſehr ſich auch mein Herz dagegenſträubte, daß ich auch hier nur wiedergefunden haben ſollte, um ſogleich wieder zu verlieren und zwar zu verlieren für immer. Ich kniete an das dürftige Lager der Kranken, ſchloß ſie in meine Arme und ſuchte ihr auf jede Weiſe meine Zärtlichkeit, ſowie meine Freude über dies unver⸗ muthete Wiederſehen an den Tag zu legen. Allein die gute alte Dörte war noch ebenſo mürriſch und wortkarg als ſonſt; iſt es wirklich wahr, daß fuͤr das Leben des Patienten nichts zu fürchten, * 95 ſo lange er noch grollen und zürnen kann, ſo konnte es mit meiner guten Dörte noch lange nicht ſo ſchlimm ſtehen, als es den Anſchein hatte. „Freilich, freilich“ murrte ſie, indem ſie mit ihren magern Händen meine Liebkoſungen von ſich abwehrte:„das iſt nun ſo der Lauf der Welt heut⸗ zutage: die Alten müſſen den Jungen nachlaufen, weil die Jungen ja nicht Zeit haben, ſich um die Alten zu bekümmern... Ich verſtand wohl den Vorwurf, der in dieſen Worten lag und beeilte mich, ſie zu verſichern, daß es nur die Schuld meiner Verhältniſſe geweſen, die mich außer Stand geſetzt, mir Nachricht von ihrem Aufenthalt und ihrem Ergehen zu verſchaffen. Allein ſie wollte von keinen Entſchuldigungen hören. „Es iſt jetzt nicht Zeit dazu,“ ſagte ſie,„ chöne Redensarten zu wechſeln; Du biſt ja jetzt, wie ich höre, ſehr vornehm geworden, mein Püppchen, und wirſt gewiß gelernt haben, wie man die Worte ſetzen muß. Ich habe das nie verſtanden und werde es ietzt gewiß nicht mehr lernen: denn ich fühle, daß es mit mir zu Ende geht und darum will ich das bis⸗ chen Athem, das mir noch übrig iſt, zu anderen und nöthigeren Dingen gebrauchen. Ich habe Dir vor Jahren verſprochen, daß, bevor ich ſterbe, Du 96 von mir die Geſchichte Deiner Mutter Florine unb Deines eigenen unglücklichen Daſeins erfahren ſollſt. Der Zeitpunkt iſt gekommen; ich bin nicht wie die vor⸗ nehmen Leute, die vergeſſen, was ſie verſprochen ha⸗ ben, ich bin nur eine alte treue Magd und die hält, was ſie einmal zugeſagt...“ Trotz ihres Abwehrens, fiel ich ihr hier ins Wort. „Und darum,“ rief ich,„Du theure, theure Pflegerin meiner Jugend, haſt Du Dich in Deinen hohen Jahren auf den Weg gemacht und haſt mich aufgeſucht bis hieher?! O ſo ſei geſegnet für Deine Liebe, jetzt aber ſpare den theueren Athem, ich weiß bereits Alles, was Du mir ſagen willſt, ja ich weiß vermuthlich mehr als Du ſelbſt: Florine lebt, ich habe ſie geſehen, geſprochen, umarmt—!“ Die Alte richtete ſich in die Höhe, ihre Augen ſtarrten aus den Höhlen, als ſähe ſie ein Geſpenſt. „Florine lebt?“ rief ſie:„Du haſt ſie geſehen? O ſprich, wo lebt ſie? Und gedenkt ſie noch ihrer alten treuen Dörte?!“ Und hätte es mich mein Leben gekoſtet, ich wäre nicht im Stande geweſen, ihr die volle Wahr heit zu ſagen und ebenſo wenig hatte ich auch den Muth, die arme Sterbende— denn nur allzudeutlich — 97 ſah ich, daß ſie das war— zu belügen. Ich ſuchte ſie alſo zu beruhigen, indem ich ſie nochmals verſicherte, daß Florine am Leben, daß ich ſie geſehen und daß ſie ſelbſt mich in die Geheimniſſe meiner Kindheit eingeweiht. Erſchöpft ſank die Alte auf ihr ärmliches Lager zurück. „Alſo doch zu ſpät,“ murmelte ſie:„Jahrelang habe ich gedacht und geſorgt für dieſen Augen⸗ blick und bin mit meinen alten müden Füßen den weiten Weg gelaufen aus dem Spital bis hieher, immer die Straße entlang, und habe gefragt bei fremden Leuten— und nun komme ich doch zu ſpät und Alles, was ich ihr ſagen will, weiß ſie ſchon Noch nie hatte ich den Ausdruck verfehlter Hoff⸗ nung auf dem Antlitz eines Menſchen ſo deutlich, mit ſo erſchütternden Zügen ausgeprägt geſehen, wie auf dem Angeſicht dieſer armen Sterbenden; ich mußte mich abwenden, um die Thränen zu verber⸗ gen, die unaufhaltſam über meine Wangen floſſen. Aber gleich darauf richtete ſie ſich empor; ihr Stöhnen wurde immer heftiger und ſchauerlicher. „Und alſo auch,“ murmelte ſie,„wer Dein Vater—“ 1856. X. Helene. III. 7 98 Ich nickte. „Adolph von Eberſtein,“ ſagte ich leiſe: denn es that mir weh, die letzte Freude der Alten ſo zu enttäuſchen.„Und auch den Großvater weiß ich jetzt, den alten Herrn von Eberſtein— o Du böſe böſe Dörte, wie haſt Du doch nur wiſſen können, daß es mein Großvater und haſt geſehen, wie ich aus⸗ und einging in ſeinem Hauſe und haſt mir verſchweigen können, daß es mein Großvater?! Ich hätte ihn ja noch ganz anders lieben und ehren wollen, hätte ich gewußt, wie nahe er meinem Herzen ſtand und daß es mein unglücklicher Vater war, nach deſſen Zügen er in meinem Kinderantlitz ſpähte...“ Wiederum, während ich ſprach, war die Alte in Bewußtloſigkeit verſunken und wiederum, wie meine Stimme verhallte, raffte ſie ſich daraus empor. „Aber das weißt Du doch gewiß noch nicht,“ ſagte ſie mit einem halb irrſinnigen Lächeln,„daß Herr Nonnemann wieder los iſt? Run nun, wenn das nur iſt, mein Püppchen, ſo komme ich noch immer zur rechten Zeit und es iſt nicht umſonſt ge⸗ ſchehen, daß ich meine armen müden Knochen bis hierher geſchleppt habe, wo ſie nun ausruhen wer⸗ den für immer.“ Sie winkte mich ganz nahe an ſich heran und 99 den knöchernen Mund dicht an mein Ohr legend, flüſterte ſie: „Nimm Dich in Acht, Püppchen, vor Herrn Nonnemann, Du weißt gar nicht, welch reiches Püpp⸗ chen Du biſt und was Herr Nonnemann für ein Böſewicht. Ja, die alte Dörte muß man nur fragen, die weiß Alles; Herr Nonnemann iſt ein ſehr kluger Mann, aber die alte Dörte hat ihm doch die Schliche abgelauert. Er wird Dich jetzt aufſuchen, der kluge Herr Nonnemann; er braucht Dich, nimm Dich in Acht vor ihm, thue nichts, was er Dir räth: er will ſich nur rächen an Dir und will Dich unglück⸗ lich machen. Dein Großvater, der alte Herr von Eberſtein— er war beſſer als ich ihn hielt— Dein Großvater, Püppchen——“ Und ſo wiederholte ſie noch einige Mal mecha⸗ niſch das Wort„Großvater, bis plötzlich ein dumpfes Röcheln aus dem krampfhaft verzerrten Munde ſtieg, ihr Haupt glitt von meiner Schulter und als ich ent⸗ ſetzt emporſprang, die Wirthsleute zu Hilfe zu rufen, beſtätigten dieſelben mir achſelzuckend, worüber ſich freilich ſelbſt mein unerfahrenes Auge nicht täuſchen konnte: die alte Dörte war geſtorben, mit dem letzten Reſt ihres langbewahrten Geheimniſſes auf der er⸗ bleichenden Lippe.. 7* 100 6 Viertes Capitel. Graf Waldemar. Als ich mit einbrechendem Abend in das Schloß zurückkam, hörte ich, daß die Gräfin ſich inzwiſchen zweimal nach meinem Befinden erkundigen laſſen und ſich nicht wenig überraſcht gezeigt hatte, da ſie vernymmen, ich ſei gar nicht zu Hauſe. Ich durfte daher, als ich am folgenden Morgen zu ihr ging, eine Art von Scene erwarten. Doch ging ich der⸗ ſelben mit ziemlicher Faſſung entgegen; das erſchüt⸗ ternde Wiederſehen meiner alten treuen Pflegerin, ihr unerwarteter Tod in meinen Armen, dazu die un⸗ aufhörliche fieberhafte Spannung, in welcher mich das Ausbleiben aller Nachrichten von Florinen ver⸗ ſetzte— das Alles hatte mir einen gewiſſen Muth der Verzweiflung gegeben, mit welchem ich, ganz meiner ſonſtigen ſchüchternen Natur entgegen, der Gräfin die Spitze zu bieten gedachte. Allein ich hatte mich vergeblich gerüſtet: die alte Dame erwähnte mit keiner Silbe ſo wenig mei⸗ nes geſtrigen Unwohlſeins als meines Ausgangs, und auch als ich im Lauf dieſes und des nächſten Tages noch verſchiedene Male ins Dorf hinunterging, um 5 101 das Begräbniß meiner theuren alten Freundin zu beſorgen und zwar ſo ſtattlich als es meine kleine Baarſchaft nur irgend erlaubte, ſo hatte die Gräfin auch dafür kein Auge, ſondern ließ mich, wie früher, ſchalten und walten, wie ich für gut fand. Ob dabei irgend eine Abſicht zu Grunde lag oder ob ſie ſich nachgerade überzeugt hatte, daß ich in der That auf tanſend Meilen nicht daran dachte, eine Intrigue gegen ſie zu ſpinnen, vermag ich noch heute nicht zu ſagen. Ganz verborgen hatte ihr der Vorfall mit der alten Dörte allerdings nicht bleiben können, ſchon deshalb nicht, weil ihr als Grundherrin der Tod einer im Orte fremden Perſon nothwendig hatte gemeldet werden müſſen. Doch hatte ſie vermuthlich mit ihren eigenen Angelegen⸗ heiten zu viel zu thun, um ſich um die meinen zu bekümmern; jene Einrichtungen und Zurüſtungen, die ich ſchon früher bemerkt, hatten ſich in den letzten Tagen verdoppelt. Der alte Rittmeiſter, der mich ſeit der Anweſenheit Florinens kaum mehr zu kennen ſchien, humpelte hin und her, als ob ihm der Kopf brannte, und auch unter der Dienerſchaft tauchten allerhand neue Geſichter auf, die ich bis dahin noch nicht bemerkt hatte. Und ſo kehrte ich in der Stille eines trüben, 62 feuchten Octobermorgens eben vom Begräbniß meiner guten Dörte zurück, als ich beim Austritt aus dem Dorfe, vor dem Eingang des Schloſſes ein unge⸗ wöhnliches Getümmel von Wagen und Reitern ge⸗ wahr ward. Eine Reihe offener Jagdkaleſchen, alle dicht beſetzt mit jagdmäßig gekleideten Herren, rollte vor; dazwiſchen kreuzten ſchwer bepackte Reiſewagen, edle Reit⸗ und Rennpferde, bis über die Ohren in wollene Decken eingehüllt, wieherten, Hunde bellten, die Kutſcher ſchrieen und fluchten, Bediente liefen hin und wieder, dazu das Lachen und Necken einer mun⸗ tern Jagdgeſellſchaft— es war ein buntes luſtiges Bild, dem nur eine etwas freundlichere Beleuchtung zu wünſchen geweſen wäre, um den angenehmſten Ein⸗ druck zu machen. Das heißt natürlich immer nur auf Perſonen, die mit minder trüben Gedanken beſchäftigt waren, als ich ſie in dieſem Augenblicke hegte. Im Gegen⸗ theil fühlte ich mich durch den Anblick dieſer luſtigen Scene in lebhafte Verlegenheit verſetzt, es ängſtigte mich, wie ich durch dies laute lärmende Gewühl hin⸗ durch meinen Weg in das Schloß finden ſollte und ſchon ſtand ich im Begriff, eine Seitenpforte am andern Ende des Gartens aufzuſuchen, als Heinrich, 103 der alte Haushofmeiſter der Gräfin, mich erblickte und eilends auf mich zuſtürzte. „Im ganzen Schloſſe,“ rief er, im Ton eines Mannes, der vielleicht das Recht hätte, einen Tadel auszuſprechen, der aber viel zu rückſichtsvoll und wohlmeinend iſt um es wirklich zu thun—„Im ganzen Schloſſe, Fräulein, ſuchen wir Sie, die gnä⸗ dige Frau Gräfin hat ſchon ein halb dutzend Mal nach Ihnen verlangt, wir haben alle Hände voll zu thun.— die Frau Gräfin läßt Sie erſuchen, ſie bei der Frühſtückstafel zu unterſtützen, der Herr Sohn— will ich ſagen, der Herr Graf find zurückgekehrt, das ganze Haus iſt voll Gäſte bis unter das Dach— ah,“ ſetzte er hinzu, ſich behag⸗ lich die weiße Halsbinde zurechtzupfend,„nun wird es eine andere Zeit werden hier im Schloſſe, wir werden luſtige Tage ſehen, der Herr Graf wiſſen zu leben und dieſe rothen Jagdfräcke, denk' ich, werden ihm helfen Fort ſchoß er und ließ mich in einer Aufregung, die ich vergebens zu bekämpfen ſuchte. Graf Wal⸗ demar! Alſo wirklich, Graf Waldemar! Der Geliebte meiner Mutter, der Mann, von dem ich im Guten und Böſen ſchon ſoviel hatte hören müſſen, der meine Gedanken ſeit einigen Wochen ſo lebhaft beſchäftigt hatte und den ich nun endlich von Ange⸗ ſicht zu Angeſicht kennen lernen ſollte! Sie fand unter keinen glücklichen Vorzeichen ſtatt, dieſe Begegnung: ich kam von dem Grabe meiner älteſten und treue⸗ ſten Freundin und düſtere Warnungen und Räthſel⸗ ſprüche, die meine Seele mit unbeſtimmter Beſorgniß erfüllten, waren die ganze Erbſchaft, welche ſie mir hinterlaſſen.. Die Augen feſt auf den Boden geheftet, eilte ich durch das Gedränge, änderte ſchnell meinen An⸗ zug und begab mich dann hinunter in den Speiſe⸗ ſaal, wo die Geſellſchaft bereits verſammelt war und von wo das Gelächter und Lärmen der fremden Gäſte— es waren Waldemar's ehemalige Came⸗ raden, die Officiere aus der Reſidenz und alſo nicht eben die Stillſten— mir ſchon von weitem entge⸗ genſchallte. Die alte Gräfin, im Feſtgewand, ſtrahlend von Mutterfreude, ſtand zu oberſt der Tafel, in eifrigem BGeſpräch mit einem Cavalier, in deſſen jugendlich blühendem Antlitz, mit dem ſchlichten blonden Haar und den großen halb ſchalkhaften, halb treuherzigen Augen, ich ſogleich den vielbeſprochenen Grafen Wal⸗ demar erkannte. So wie die Gräfin mich erblickte, winkte ſie mir näher zu treten; ſo kühl ſie mich —,—— 105 auch in den letzten Wochen behandelt hatte, vor die⸗ ſem Stolz der Mutterfreude hielt die Rinde ihres Herzens doch nicht Stich und ſelbſt das arme Geſell⸗ ſchaftsfräulein war ihr nicht zu gering, ſich von ihr in der Glorie ihres Mutterſtolzes bewundern zu laſſen. „Mein Geſellſchaftsfräulein— Graf Walde⸗ mar,“ ſagte ſie, mich mit kurzer Handbewegung dem jungen Manne vorſtellend:„der künftige Herr und Gebieter dieſes Schloſſes, der den Bitten ſeiner Mut⸗ ter endlich nachgegeben hat und die Freuden der Hauptſtadt mit unſerer ländlichen Einſamkeit vertau⸗ ſchen wird. Wir werden,“ ſetzte ſie mit kalter Höf⸗ lichkeit hinzu,„zunächſt einige unruhige Tage haben und auch fuͤr Sie, liebes Fräulein, wird es wohl etwas mehr zu thun geben als gewöhnlich Graf Waldemar hat, wie Sie ſehen, einige ſeiner Freunde aus der Hauptſtadt mitgebracht und wir werden nun ſehen müſſen, wir beiden armen Damen vom Lande, wie wir mit ſolchen verwöhnten Gäſten fer⸗ tig werden.“ „Du biſt unſere Gebieterin, thenre Mutter,“ ſagte der Graf, der alten Dame zärtlich die Hand küſſend,„und wir Alle haben kein anderes Beſtreben, als Dir zu gefallen; ſowie Dir unſere Anweſenheit N 3 106 läſtig wird, ſo winke nur und wir verſchwinden im Dunkel der Wälder—“ „Ja,“ erwiederte die Gräfin ſcherzend,„um mir meine armen Rehe und Hirſche todt zu ſchießen und nachher, wenn die Herren bei Nacht und Nebel zu⸗ rück kommen, wird ein Spielchen gemacht bis an den hellen Morgen. O ich kenne das,“ ſetzte ſie hinzu, indem ſie den Grafen, der ſich noch immer zärtlich zu ihr niederbeugte, einen ſcherzhaften Streich auf die volle blühende Wange gab:„Ich kenne das noch von dem Grafen, Deinem ſeligen Vater her, da ging es in dieſem Saale auch laut genug zu und ich hoffe, Graf Waldemar und ſeine Freunde werden nicht aus der Art geſchlagen ſein.“ Mit dieſen Worten, die halb an den Grafen, halb an die umherſtehenden Cavaliere gerichtet waren, gab ſie das Zeichen zur Tafel. Graf Waldemar ſaß neben ihr und war unerſchöpflich in Aufmerk⸗ ſamkeiten und kindlicher Zärtlichteit. Ich ſelbſt hatte meinen Platz, wie ſich gehört, tief unten am an⸗ dern Ende der Tafel, neben dem Rittmeiſter, der dem Becher heut ſo lebhaft zuſprach und ſich, vermuthlich aus Freude, ſoviel werthe Herren Cameraden wie⸗ derzuſehen, auch übrigens in ſeiner Unterhaltung ſo ungenirt zeigte, daß mir wahrhaft ein Stein vom 107 Herzen fiel, als die Gräfin ſich endlich zuruͤckzog und es dadurch auch mir möglich machte, die Einſamkeit meines Zimmers aufzuſuchen. Fünftes Capitel. Der Lauf der Welt. Es waren ſeltſame Gedanken, die mich dahin begleiteten. Ich hatte keine beſonders hohen Er⸗ wartungen von dem jungen Grafen gehabt; nun aber, da ich ihn perſönlich kennen gelernt, war ich in Zweifel und konnte mir ſelbſt nicht klar darüber werden, ob der perſönliche Eindruck die Erwartungen übertroffen oder ob er noch hinter ihnen zurückgeblie⸗ ben. Eine Art Don Juan hatte ich mir vorgeſtellt, einen Cäſar der Frauenwelt, der kam, ſah und ſiegte, einen Stutzer, geſchniegelt und gebiegelt von Kopf bis zu Füßen— und ſiehe da, der junge Mann, der da vor mir ſtand, machte viel eher den Eindruck eines gutmüthigen harmloſen Landmanns, eines wak⸗ kern Oekonomen und angehenden Hausvaters, als eines Helden der Reſidenz. Er hatte ein offenes 108 rundes Geſicht, mit mehr kindlichen als männlichen Zügen, und auch in ſeinem Benehmen hatte er etwas Anſpruchloſes und Beſcheidenes; die wenigen Worte zum mindeſten, mit denen er meine Vorſtellung durch die Gräfin erwiederte, waren ſo verbindlich geweſen und dabei ſo nichtsſagend, wie man es bei ſolchen Gelegenheiten nur immer verlangen kann.— Es war mir unbegreiflich, daß dieſer Mann, deſſen Au⸗ ge ſo klar, ſo ruhig in die Welt blickte und der ſo wenig zu wiſſen ſchien von den Qualen einer ſtillen verzehrenden Leidenſchaft— daß gerade dieſer im Stande geweſen ſein ſollte, den Funken einer ſo ge⸗ fährlichen Neigung in das Herz meiner armen Mut⸗ ter zu werfen und hier eine Flamme zu entzünden, welche ſie ſelbſt zu vernichten drohte. War es viel⸗ leicht eben die Macht des Gegenſatzes, welche dieſe beiden Charaktere ſo zu einander hingezogen hatte? Und welch wunderſames Ding war dann dieſe Liebe, von der die Leute ſoviel Weſens machten, wenn ſie im Stande war, ſolche Verſchiedenheiten auszuglei⸗ chen und ein ſo großartiges Herz, wie das Herz meiner Mutter, ſo unter ſeinen eigenen Preis herab⸗ zudrücken? Eine unendliche Bitterkeit üͤberkam mich, indem ich die Verſchiedenheit dieſer Charaktere und Schickſale 109 überdachte. Graf Waldemar zog durchs Land mit einem Gefolge jubelnder Genoſſen und Freunde, ſeine Wangen waren roth und bluͤhend, ſein Auge leuch⸗ tete von Jugend und Wohlſein, mit lauter Stimme ermunterte er die Freunde, ſich die Genüſſe der Tafel ſchmecken zu laſſen, während er in der nächſten Mi⸗ nute zärtliche Worte in das Ohr ſeiner Mutter flü⸗ ſterte, derſelben Mutter, der er das Herz der Gelieb⸗ ten zum Opfer gebracht— wo war inzwiſchen Flo⸗ rine? Wo war dieſe Iſabella, für die er vor kurzem noch in ſo hellen Flammen gelodert? Wo war dieſe berühmte, dieſe allbezaubernde Schöne, der dieſer reich⸗ ſte Erbe des Landes ſpeben noch im Begriffe ſtand, Herz und Hand zu Füßen zu legen? Hatte ſie ſich — der Himmel verzeihe mir den frevelnden Gedanken — vielleicht auch ſo raſch getröſtet? Saß ſie in die⸗ ſem Augenblick vielleicht ebenfalls in luſtiger Tafel⸗ runde und ließ den Nektar ihres Geiſtes ſchäumen, wie Graf Waldemar ſeinen Champagner, und war dies vielleicht der Grund, weshalb ſie mich ſo ganz vergeſſen hatte?2 Aber vielleicht fand auch gerade das Gegentheil ſtatt; vielleicht hatte die unſelige Leidenſchaft, die ſie im Herzen trug, ſie auf das Krankenlager geworfen und während der treuloſe Geliebte lachte und ſchwärmte, lag ſie verlaſſen, einſam, fern von ihrer Tochter und rang mit dem Tode— und Waldemar ahnte nichts und ſein Herz ſagte ihm nichts von der furchtbaren Tragödie, die ſich vielleicht in demſelben Augenblick, wer weiß in welchem Winkel Europa's abſpann! Mich zu befreien von dem Eindruck dieſer und ähnlicher Gedanken, die mich zu erſticken drohten, be⸗ ſchloß ich kurz vor Einbruch der Dämmerung, noch einen einſamen Spaziergang durch den Park zu ma⸗ chen. Im Schloſſe war es allmählig ſtill geworden, die Geſellſchaft hatte ſich vermuthlich auf ihre Zimmer zu⸗ rückgezogen oder war in den Ställen und mit den Jagd⸗ hunden beſchäftigt, und ſo konnte ich, zumal bei der trüben unfreundlichen Witterung, darauf rechnen, meinen Spaziergang ungeſtört zu vollenden. Allein wie erſtaunte ich, als ich in eine jener Tarushecken einbiegend, die mir wegen ihres melan⸗ choliſchen Schattens immer ſo ganz beſonders lieb waren, Graf Waldemar ſelbſt begegnete. Er ging dem Anſcheine nach in tiefe Gedanken verſunkenz ſein vor kurzem noch ſo jugendheiteres, ſtrahlendes Angeſicht erſchien mir ernſt und ſorgenvoll und ſchon glaubte ich unbemerkt an ihm vorüberſchlüpfen zu können, als er mich erblickte und in demſelben t Moment auch auf mich zueilte, mit einem Eifer und einer Unbefangenheit, als träfe er eine alte Bekannt⸗ ſchaft. Sechsſtes Cayitel. Eine gefährliche Bekanntſchaft. „Ah, Fräulein Helene,“ rief er,„die liebens⸗ würdige Dame, welche ſich das Opfer auferlegt hat, die Einſamkeit meiner guten alten Mutter zu ver⸗ ſchönern. Wie dankbar bin ich Ihnen für die Auf⸗ opferung, mit der Sie Ihre ſchweren Pflichten er⸗ füllen! Meine Mutter hat mir viel Gutes von Ihnen geſagt und Sie kennen die Gräfin gewiß ſchon hin⸗ länglich, um zu wiſſen, wie ſchwer ein Wort des Lobes aus ihrem Munde wiegt.“ Ich ſuchte ſeine Schmeicheleien, in denen ich nichts ſah als die gewöhnliche Artigkeit eines jungen Cavaliers und vielleicht auch das keimende Selbſt⸗ gefühl des künftigen Schloßherrn, durch einige all⸗ gemeine Redensarten, wie ſie bei ſolchen Gelegen⸗ heiten üblich ſind, zu erwiedern und wollte dann meinen Weg nach der entgegengeſetzten Richtung fortſetzen. Aber zu meiner großen Beſtürzung drängte der Graf ſich mir zum Begleiter auf. „Sie müſſen mir,“ ſagte er,„ſchon erlauben, Ihre Zeit noch einige Augenblicke in Anſpruch zu nehmen. Da das Wetter heut zur Jagd nicht ge⸗ eignet war, haben meine Freunde ſich auf ihre Zim⸗ mer zurückgezogen und ſuchen ſich von den Strapazen des Frühſtücks für die Anſtrengungen der Mittags⸗ tafel zu erholen. Ich weiß ſchon, wie das nun die nächſten Tage hergehen wird; ich bin kein Freund dieſer rauſchenden Vergnügungen, aber ich muß die Pflichten des Wirthes ehren und üherdies ſcheint es der Wunſch meiner guten Mutter zu ſein, daß dieſes Schloß, das ſo lange einſam und verödet geſtanden, einmal wieder redlich nachhalle vom Jubel der Feſt⸗ genoſſen. So ſind dies vielleicht für längere Zeit die einzigen ruhigen Minuten, die ich das Glück habe in Ihrer Nähe zu verbringen.—“ „Nein,“ fuhr er fort, da er wohl auf meinem Antlitz einen Ausdruck des Erſtaunens bemerkte, den ich allerdings nicht im geringſten für nöthig hielt zu verbergen:„Sehen Sie mich nicht ſo ſtrafend an, Fräulein Helene: ich bin eine ehrliche Haut, ein Stück Landedelmann, dem ſelbſt ſechs Jahre unter der Garde noch immer nicht den gehörigen reſidenz⸗ mäßigen Schliff haben geben können; Sie werden ſich gewöhnen müſſen, viel Nachſicht mit mir zu ha⸗ ben, wenn ich Ihnen nicht gleich von Anfang an unausſtehlich werden ſoll— es iſt ein alter Fehler von mir, immer mit der Thür ins Haus zu fallen und da Sie nun alſo wiſſen, welch ein Gewächs ich bin, ſo entſcheiden Sie, ob ich mich entfernen ſoll oder ob Sie geneigt find, mir Aufſchluß zu geben über einen Gegenſtand, der mir— ja wie ſage ich nur Keich? der mir von ganz ungemeiner Wichtigkeit iſt und in Beziehung auf den Sie die Einzige ſind im ganzen Schloſſe, ja vielleicht auf der ganzen Welt, die mir Aufſchluß und Tröſtung geben kann.“ Wiewohl ich dunkel ahnte, wohin der Graf zielte, ſo hielt ich es doch fuͤr das Zweckmäßigſte, mich zu ſtellen, als ob ich nicht im Mindeſten verſtände, was er meinte. „In der That,“ ſagte ich,„Herr Graf, Sie find außerordentlich gütig gegen Ihre ergebene Dienerin. Doch wüßte ich auf der Weſt nichts, worüber ich ar⸗ mes unwiſſendes Mäbchen im Stande wäre, Ihnen Auskunft zu geben— es müßten denn,“ ſetzte ich, um die Herbigkeit meiner Antwort in etwas zu mil⸗ dern, mit leichtem Scherz hinzu,„die neueſten fran⸗ zöſiſchen Romane ſein, welche ich die Ehre habe, 1856. X. Helene. III. 8 Ihrer Frau Mutter zuweilen vorzuleſen. Doch ſind dieſelben, ſoweit ich ſie kenne, meiſtentheils ſo lang⸗ weilig, daß ich nichts darunter weiß, was ich Ihnen mit gutem Gewiſſen empfehlen könnte.“ Der Graf ſah mich zweifelnd von der Seite an, indem ein Zug tiefer Melancholie ſein ſonſt ſo fröh⸗ liches Antlitz beſchattete. Dann ſagte er: „Man hat mir Ihr gutes Herz gerühmt, Fräu lein Helene, und nun wollen Sie mir gleich bei der erſten Gelegenheit zeigen, daß Sie auch ein wenig boshaft zu ſein verſtehen? Aber ich will Ihnen einen Namen zurufen, der, hoffe ich, die natürliche Güte Ihres Herzens ſogleich wieder aufwecken ſoll: Iſa⸗ bella Obſchon ich bereits ſeit einigen Minuten dieſe Wendung des Geſpräches vorausſah, ſo erſchütterte der Name, mit dieſem Tone und von dieſen Lippen geſprochen, mich doch ſo, daß ich unwillkürlich zuſam⸗ menzuckte Der Graf, der dies für eine Bewegung des Widerwillens halten mochte, beeilte ſich fort⸗ zufahren. „Nein,“ ſagte er,„Fräulein Helene, unmöglich kann dies Zuſammenſchaudern der edlen und vereh⸗ rungswürdigen Frau gelten, deren Namen ich Ihnen ſoeben genannt habe Einer von uns Beiden iſt 115 ſchwer getäuſcht worden, entweder Sie oder ich. Man ſagte mir, Fräulein Helene,“ fuhr er in immer wär⸗ merem Tone fort,„daß die Dame, deren Name Ihnen ſo unangenehme Empfindungen zu erwecken ſcheint und deren Anweſenheit in dieſem Hauſe mir wohl bekannt iſt an Ihnen eine Freundin gefunden habe; man ſagte mir, daß Sie Arm in Arm mit ihr geſehen worden und daß ſie die wenigen Stun⸗ den, die ſie unter dieſem Dache verlebt, einem Dache, unter dem ſie beſtimmt war als Herrſcherin zu gebieten, wenn ſie es nicht ſelbſt verſchmäht hätte, beinahe ausſchließlich in Ihrer Geſellſchaft zugebracht. Ich kenne Iſabella und glaubte daher, dieſe weni⸗ gen Stunden würden genügt haben, auch Sie, mein Fräulein, mit der Achtung und Theilnahme zu erfüllen, die dieſer ausgezeichneten Frau von Allen gezollt wird, die ſie kennen— ſelbſt auch von denen,“ ſetzte er mit bitterm Lächeln hinzu,„die ſich im Uebrigen be⸗ rechtigt glauben, ſie zu haſſen und zu verfolgen. Allein ich ſehe jetzt, daß meine Nachricht falſch geweſen ſein muß: denn unmöglich könnten Sie es ſonſt ſo ängſt. lich vermeiden, mit mir über Iſabella zu ſprechen— es müßte denn ſein, daß man ſie nachträglich bei Ihnen verläumdet oder daß Ihr Zuſammenſchaudern 8* 116 nicht Iſabellen gegolten hätte, ſondern mir— ja ganz gewiß mir, mein Fräulein——“ „Nein, nein,“ rief ich, von der Erinnerung an Florinen übermannt:„mein Zuſammenfahren galt weder Ihnen noch der Dame, welche Sie Iſa⸗ bella nennen und deren Bekanntſchaft ich mir aller⸗ dings zu einem dauernden Gewinn meines Lebens rechne: ſondern wenn ich wirklich zuſammengefahren bin, ſo iſt es wohl lediglich deshalb geſchehen, weil ich dieſen Namen gerade von Ihrem Munde am we⸗ nigſten zu hören erwartete. Wenn Sie glauben, Herr Graf, daß Iſabella mich ihrer Freundſchaft gewür⸗ digt und mir einiges Vertrauen geſchenkt hat, ſo müßten Sie auch wiſſen, daß es Wunden giebt, die man am wenigſten von dem berührt zu ſehen wünſcht, der ſie geſchlagen.. Woher mir der Muth zu dieſer Entgegnung kam, weiß ich noch heute nicht: aber genug, es war heraus, ehe ich noch ſelbſt recht überlegt hatte, was eigentlich damit geſagt war. Auf Graf Waldemar machte meine Entgegnung einen tiefen und ſchmerzlichen Eindruck. „O,“ ſagte er mit tonloſer Stimme, indem er einen dürren Zweig, den er im Vorübergehen von der Erde aufgenommen, in tauſend kleine Stückchen 117 zerknickte,„ich ſehe jetzt, wie es ſteht und daß Iſa⸗ bella mich für ewig aus ihrem Herzen verbannt hat. Sie hat ſich bei Ihnen über mich beklagt, nicht wahr? Sie hat mich einen Treuloſen, einen Ver⸗ räther genannt und hat die Blitze des Himmels auf mein ſchuldiges Haupt herabbeſchworen?“ Verwundert blickte ich in die Höhe; dieſer thea⸗ traliſche Ton, in den der junge Graf hier auf ein⸗ mal verfiel, ſchien mir ſehr wenig zu paſſen zu der Zurückhaltung, die er übrigens beobachtete, ſowie zu der ländlichen Einfachheit, deren er ſich rühmte. „Wenn Sie,“ ſagte ich nach einer kleinen Pauſe,„mit Iſabella wirklich ſo bekannt ſind, wie Sie verſichern, Herr Graf, ſo dürften Sie auch wohl wiſſen, daß es niemals die Art edler Frauen iſt, ſich zu dritten Perſonen über ein Unrecht zu beklagen, ein vermeintliches oder wirkliches, das ihnen von Männern widerfahren, die ihrem Herzen irgendwie näher geſtanden. Ich habe nicht die Ehre gehabt, mit Iſabellen über den Herrn Grafen zu ſprechen und ſo bin ich auch nicht im Stande, dem Herrn Grafen über irgendeinen der von ihm angeregten Punkte Auskunft zu geben.“ Die Lüge war glſo glücklich heraus, aber— vielleicht weil ich noch ſo wenig Uebung in dieſem 118 Fache hatte— mit ſehr geringem Effect. Der Graf blickte mich lächelnd an. „Wenn Sie wieder einmal der Wahrheit aus dem Wege gehen wollen, Fräulein Helene,“ ſagte er gutmüthig,„ſo müſſen Sie Sich erſt ein anderes Geſichtchen anſchaffen; mit ſolchen Augen fällt es allzuſchwer, das Ding zu ſagen, das nicht iſt. Doch will ich jetzt nicht weiter in Sie dringen und nur auf die eine Frage beſchwöre ich Sie, mir Antwort zu geben: haben Sie Nachrichten von Iſabella? Und wiſſen Sie, wo ſie in dieſem Augenblick iſt?“ Das war eine Frage, die ich leider nur mit allzugutem Gewiſſen verneinen konnte. „Gut,“ erwiederte der Graf,„ich glaube Ihnen. Aber Sie werden Nachricht von ihr bekommen, o ganz gewiß Sie werden es— darf ich alsdann hoffen, daß Sie meiner dabei gedenken werden 2 Darf ich hoffen, daß Sie mir wenigſtens den Ort nennen werden, wo Iſabella weilt oder falls ſie Ihnen dies verboten haben ſollte, daß Sie mir wenigſtens ſagen werden, wie es ihr ergeht, wie ſie lebt, ob ſie geſund iſt, ach und ob ſie meiner noch gedenkt?!“ Während dieſer letzten Worte waren wir auf den freien Platz vor dem Schloſſe zurück gelangt und da ich, aus irgend einer Art kindiſcher Befangenheit, 119 nicht wünſchte, von dort aus im Geſpräch mit dem Grafen geſehen zu werden, ſo ſuchte ich die Unter⸗ haltung raſch abzubrechen. Dies Bemühen, verbun⸗ den mit den inſtändigen Bitten des jungen Man⸗ nes, verleitete mich, ihm eine Zuſage zu geben, die ich unter andern Umſtänden wohl verweigert hätte und die, kanm gegeben, mir ſchon wie ein Verrath an Florinen auf dem Gewiſſen brannte.— Der Graf indeß dankte in den lebhafteſten Ausdrücken und empfahl ſich dann, indem er, meine geheime Scheu errathend, einen Seitenweg einſchlug, von dem er ſich erſt ſpäter wieder zur Geſellſchaft zurückfand. Siebentes Capitel. So leben wir. Es kam nun wirklich, wie Graf Waldemar vor⸗ wgeſage hatte: eine Reihe lärmender Tage und Wochen zog an uns vorüber und das Klirren der Becher, das Rollen der Würfel, das Halali der fröhlichen Jagdgeſellſchaft ſtach wunderlich ab gegen die klöſterliche Stille, die ſo lange in dem Schloß und ſeiner Umgebung geherrſcht hatte. Graf Waldemar machte den Wirth auf bewun⸗ dernswerthe Weiſe; für Jeden hatte er eine Artig⸗ keit, einen Scherz, ein aufmunterndes Wort; war er wirklich innerlich ſo unglücklich, wie ich aus ſeinem Geſpräch im Garten ſchließen mußte, ſo verſtand er es wenigſtens meiſterlich ſein Unglück zu verbergen Von früh an bis ſpät in die Nacht folgten ſich Jagdpartien, Wettreiten, Schmauſereien, Zech⸗ und Spielgelage; überall war Graf Waldemar der Erſte und immer ſtrahlten ſeine Augen ſo munter, glühten ſeine Wangen ſo friſch und jugendlich, als wären Ueberdruß und Erſchöpfung Dinge, die er nicht dem Namen nach kannte. Er hatte wirklich in kürzeſter Zeit erreicht, was der alte Haushofmeiſter gleich bei ſeinem erſten Eintritt ins Schloß prophezeit hatte: er hatte wirklich, wie man ſo ſagt, das ganze Haus auf einen andern Fleck gebracht, auf allen Geſichtern, bis hinunter zum letzten Kuͤchenjungen, lag es wie ein ewiges Lächeln und ſelbſt meine geſtrenge Frau Gräfin zeigte einen Humor und eine unbefangene natürliche Heiterkeit, die ich ihr nimmermehr zuge⸗ traut hätte. Freilich darf nicht verſchwiegen werden, daß es dabei zuweilen auch ein wenig bunt zuging, und wenn der Küchenjunge den ganzen Tag über vor Vergnügen —, 121 greinte, daß ihm der Mund bis an die Ohren reichte, ſo mochte er wohl wiſſen, weshalb er das chat: alle Vorrathskammern ſtanden von früh bis ſpät geöffnet, der Weinkeller, ſonſt ſo ſtreng gehütet, war ein wahres Taubenhaus geworden, wo jeder von der Dienerſchaft aus⸗ und einflog nach Belieben; kurzum, es war ein Leben wie es im Hauſe eines übermüthigen und verſchwenderiſchen Cavaliers nur immer geführt werden kann. Da aber der Graf ſelbſt damit einverſtanden war und da auch ſeine Mutter es gar nicht anders zu wünſchen ſchien, ſo durfte natürlich Niemand etwas dagegen einwenden, am wenigſten ich armes junges Ding, die ich es ja im Gegentheil als eine große Ehre betrachten mußte, ſo viel Glanz und Herrlichkeit überhaupt nur einmal mit Augen zu ſehen.— Am beſten in dieſer Zeit hatte es der Rittmei⸗ ſter. Erfüllte Graf Waldemar auch die Pflichten des Wirthes mit einer Vollſtändigkeit und Liebens⸗ würdigkeit, die nicht übertroffen werden konnte, ſo blieben doch noch immer gewiſſe kleine unſcheinbare Geſchäfte übrig, als ein friſches Faß Wein anzuſte⸗ chen, eine neue Sorte Cigarren zu probiren, eine Par⸗ tie Ecarté zu ſpielen mit Einem, dem noch von der geſtrigen Schwelgerei her der Kopf wehthat und 122 der daher keine Luſt hatte mit auf die Jagd zu rei⸗ ten— und alle dieſe kleinen unſcheinbaren und doch ſo höchſt weſentlichen Liebesdienſte verſah der Ritt⸗ meiſter mit einer Aufopferung, die ihm die Herzen aller Gäſte erwarb und ihn zu einer Art enfant chéri dieſes Kreiſes machte, wenn auch allerdings zu einem etwas ältlichen. Nur Eines war mir dabei auffallend und das war, daß unter dieſer Maſſe von Gäſten, welche täglich aus⸗ und einſtrömte, weder Conſtanze noch ihre Eltern oder auch nur ihr Vater, der doch ſonſt eben kein Verächter waidmänniſcher Freuden war, jemals geſehen wurde. Ueberhaupt, einige alte Cou⸗ ſinen abgerechnet, hagere ausgeblaßte Geſichter, mit entſetzlich großen Naſen, die ſie wie Stammbäume vor ſich hertrugen, waren die Gräfin und ich die ein⸗ zige Damengeſellſchaft unter ſo vielen Herren: und auch jene Couſinen verſchwanden ſchon nach weni⸗ gen Tagen wieder ſpurlos, wie ſie gekommen, gleich Nebelflecken, ſo daß alſo unſere Doppel⸗Herrſchaft ungeſtört blieb. Die alte Gräfin trug die Ehren und Laſten derſelben mit großer Würde; ich erſtaunte oft, welche zähe Lebenskraft die alte Dame mitten unter dieſem Tumult und dieſen unaufhörlichen Feſtlichkeiten 123 entwickelte. Sehr natürlich, es war ja ihr angeborenes Element; ich dagegen, die Tochter der flüchtigen Schau⸗ ſpielerin, der Zögling des Waiſenhauſes, fühlte mich ſchon nach den erſten Tagen dermaßen ermattet, daß ich mich am liebſten ganz davon zurückgezogen hätte. Das ging nun aber freilich nicht an; die alte Gräfin war unerbittlich in Allem, was zur Ehre ihres Hauſes gehörte und dazu rechnete ſie nament⸗ lich auch, daß das Geſellſchaftsfräulein für jeden ihrer Gäſte ein artiges Wort und eine zierliche Er⸗ wiederung habe, gleichviel wie dem armen Fräulein ſelbſt dabei zu Muthe war. Achtes Capitel. Rudolph. Zum Glück indeſſen iſt kein Tag ſo geräuſch⸗ voll und keine Geſellſchaft ſo oberflächlich, es findet ſich doch immer hie und da ein ſtiller Augenblick und ein etwas tieferes Gemüth, bei dem es ſich verlohnt ſtille zu ſtehen. Eine ſolche Bekanntſchaft 124 mitten in dieſem lärmenden Treiben machte ich an einem jungen Maler, der, er wußte ſelbſt nicht recht wie, ſich in dieſe glänzende Geſellſchaft verirrt hatte. Rudolph— dies war der Name des jungen Man⸗ nes— hatte kurz zuvor auf der Ausſtellung in der Hauptſtadt durch eines ſeiner Gemälde die allge⸗ meinſte Bewunderung erregt. Graf Waldemar, der, wie wir wiſſen, Dank der wunderlichen Erziehungs⸗ principien ſeiner Mutter, ſich gewöhnt hatte, das Edelſte und Beſte jeder Gattung ſtets nur als für ihn beſtimmt zu betrachten— Graf Waldemar hatte auch den gefeierten Maler in ſeinen Umgang gezogen, und da eine ſolche fröhliche Jagdreiſe mit ihren zahlrei⸗ chen maleriſchen Effeeten gerade für einen Künſtler wie Rudolph eine reiche Ausbeute von Anſchauungen und Studien darbot und da er überdies in der Reſidenz eben nichts zu verſäumen hatte— er war das Kind armer, längſt verſtorbener Eltern, ohne Ver⸗ wandtſchaft und Anhang auf der weiten Welt — ſo hatte der junge Mann ſich von dem Grafen unſchwer überreden laſſen, ihn auf ſein Schloß zu begleiten. Auch lag noch ein beſonderer künſtleriſcher Plan im Hintergrunde: Rudolph ſollte für den Gra⸗ fen ein Bild malen, über deſſen Gegenſtand zwar noch nichts verlautete, das aber den Grafen ſchon 125 jetzt lebhaft zu intereſſiren ſchien und auf deſſen glück⸗ liches Gelingen zum voraus manche Flaſche geleert ward. Bei alledem und obwohl auch der Graf ihn mit der ausgezeichneteſten Aufmerkſamkeit behandelte, fühlte der junge Maler ſich doch nicht ganz heimiſch in dieſem Kreiſe. Er war die einzige Krähe unter ſo vielen Adlern, der einzige Bürgerliche unter ſo vielen Edelleuten und Officieren, und obwohl bisher noch Niemand daran gedacht hatte, ihn dieſen Un⸗ terſchied fühlen zu laſſen, ſo dachte der junge Mann in der Stille wohl ſelbſt daran und das gab denn ſeinem Weſen eine gewiſſe Reizbarkeit und Schroff⸗ heit, die in ihm ſelbſt kein rechtes Behagen aufkom⸗ men ließ. Und gerade dies Gefühl der Verlaſſenheit und Entfremdung war es, was uns einander näherte. Gleich ihm mußte auch ich mir ſagen, daß ich nur ein Fremdling ſei in dieſem Kreiſe; gleich ihm fühlte ich, daß ich hier nur geduldet wurde um gewiſſer Fertigkeiten und Dienſtleiſtungen willen, für die eben kein Anderer da war.— Auch war mir in der ängſt⸗ lichen Aufregung, in welcher ich mich um Florinens willen befand, jede neue Bekanntſchaft willkommen, die mich irgendwie von mir ſelbſt ablenkte und meinem 126 Geiſt eine, wenn auch noch ſo vorübergehende Nah⸗ rung gab. Und an Geiſt fehlte es Rudolph nicht. Er hatte nicht nur große Reiſen gemacht, ſondern auch ſeine wiſſenſchaftliche Ausbildung war eine bei wei⸗ tem umfaſſendere und gründlichere als unſere bilden⸗ den Künſtler ſonſt gewöhnlich für nöthig halten ſich anzueignen. Mit großer Schärfe ſprach er über die Verkehrtheiten des Modegeſchmacks, wobei er jeden Künſtler als ehrlos bezeichnete, der im Stande ſei, gegen beſſeres Wiſſen und Können, blos um eines elenden zeitlichen Vortheils willen, einer ſolchen ver⸗ kehrten Richtung zu folgen. Der Künſtler, behauptete er, müſſe vollkommen frei und ſelbſtändig ſein; nur den Pinſel für Geld in die Hand zu nehmen, ſei ſchon ein Verbrechen. Er ſelbſt thue es auch nicht: ſondern wenn er den ſogenannten Käͤufern ſeiner Bilber erlaube, ihm dafür eine Summe Geldes aus⸗ zuhändigen, ſo ſei dies kein Handel, ſondern nur eine Steuer, ein Tribut, den er kraft ſeines Künſtler⸗ rechts von dem armſeligen Volk der Laien erhebe und auch dieſen Tribut werde er ihnen vor die Füße ſchlendern, ſobald er nur erſt in der Lage ſei, ſeiner nicht mehr zu bedürfen. In dem Kreiſe freilich, in dem er ſich augenblicklich 127 bewegte, durfte Rudolph dieſe Anſichten nicht laut werden laſſen, ohne ſich dem lebhafteſten Widerſpruch und den loſeſten Neckereien auszuſetzen. Aber gerade das ſchien der wunderliche Mann zu wollen: denn nie war er aufgeweckter und nie floß ſeine Rede— er hatte ein etwas ſchwerfälliges Organ und nur in einer gewiſſen Aufregung gelang es ihm, frei von der Zunge weg zu ſprechen— in glänzendern Wo⸗ gen, als wenn er ſich von allen Seiten ſo recht be⸗ ſtürmt und angegriffen ſah. Am meiſten neckte ihn der Graf ſelbſt, aber zum Glück auch am harmloſeſten. „Aber wie können Sie behaupten, lieber Ru⸗ dolph,“ rief er einſt, da der alte Streit ſich aufs neue während der Tafel entzündet hatte und ein wahres Gewitter von Epigrammen und Bonmots auf den armen Maler niederregnete—„Wie kön⸗ nen Sie behaupten, lieber Rudolph, daß ein Maler immer nur ſeinem Genius folgen und nie ein Bild entwerfen ſolle, zu dem nicht der Plan in ſei⸗ ner eigenen Seele entſtanden?! So müßten Sie ja auch die ganze Portraitmalerei aus der Kunſt hin⸗ ausweiſen—“ „Das thue ich auch“ erwiederte Rudolph in ſeiner etwas plumpen Manier:„Portraitmalerei iſt nur gut für Farbenkleckſer und ob die ihre Leinwand mit ſchlechten Geſichtern verderben oder mit etwas Anderem, das kommt auf eins heraus.“ „Nun ich hoffe,“ rief der Graf lachend,„doch mit Ausnahmen. Wenn Sie zum Beiſpiel erſucht würden, Fräulein Helene dort zu portraitiren, wür⸗ den Sie Sich deſſen ebenfalls weigern2“ Es war das erſte Mal, daß der Graf mich ſo unmittelbar in die Unterhaltung zog und unwill⸗ kürlich richteten die Blicke aller Gäſte ſich auf meine arme kleine Perſon, die dabei wie auf Kohlen ſaß. Auch Rudolph blickte mich mit einem langen, prüfenden Blicke an. „Nein,“ ſagte er endlich mit rauher Stimme, „ich würde mich nicht weigern; aber ich würde das Bild des Fräuleins zuvor in meine Seele aufneh⸗ men—“ Er konnte nicht weiter ſprechen, ein ſo allgemeines ſchallendes Gelächter unterbrach ihn bei dieſen Worten, die doch vielleicht wunderlicher klangen als ſie ge— meint waren. Der Graf, der wohl fühlen mochte daß meine Stellung zu der ganzen Sache nicht die angenehmſte, beeilte ſich, den Faden des Geſprächs weiter zu führen. „Ah,“ rief er,„gut aus der Schlinge gezogen! Aber hier finde ich noch einen zweiten Knoten, ſehen 129 wir, ob Sie denſelben ebenſo geſchickt löſen werden, Haben Sie mir nicht verſprochen, theurer Freund, mir ein Bild zu malen, ſchlechthin ein Bild, wie ich es mir wünſche, ohne Clauſel und ohne Bedingung? Wie konnten Sie das, ohne in Widerſpruch zu ge⸗ rathen mit ſich ſelbſt, da Sie doch noch gar nicht wiſſen, für welchen Gegenſtand ich die Kunſtfertigkeit Ihres Pinſels in Anſpruch nehmen werde?“ „Nein,“ erwiederte der Maler nach kurzem Be⸗ ſinnen,„ich weiß das nicht; aber Sie, Herr Graf, wiſſen auch nicht, was ich Ihnen malen würde, wenn Sie etwas Ungehöriges von mir verlangten.“ Das war nun gewiß nicht ſo bös gemeint, wie es, bei den etwas ſchwerfälligen Manieren des jungen Malers, herauskam. Immerhin aber war es für den Frieden der Geſellſchaft doch ſehr zuträglich, daß Graf Waldemar entweder leichtes Blut oder geſelligen Takt genug hatte, das Verfängliche, das in der Aeu⸗ ßerung lag, zu überhören und mit einem Scherz zu antworten, der wiederum ein allgemeines Gelächter der Geſellſchaft hervorrief, womit man denn endlich glückich über die gefährliche Klippe hinüberkam.— Nach ſolchen und ähnlichen Auftritten, die ſich, wenn auch in milderer Form, faſt täglich wiederholten, zog ſich der Maler dann regelmäßig, brummend und 1856. X. Helene. III. 9 130 murrend und mit ſich ſelbſt unzufrieden, zu mir in eine Fenſterecke zurück. Ich mußte mein Album her⸗ beiholen und mit der liebenswürdigſten Geduld und ſo mürriſche, ſtörriſche Mann meine Schnitzer durch und gab mir Anweiſung, wie meine Bäume etwas krummer und meine Naſen etwas gerader würden. „Sie denken gewiß, mein Fräulein,“ ſagte er dann wohl,„welch ein plumper ungeleckter Bär ich bin. Aber glauben Sie mir nur: es iſt mir inner⸗ lich gar nicht ſo bärenhaft zu Muth, im Gegentheil, ich bin ganz ſanft und fromm, wie ein Kind, und nur wenn dieſe Menſchen da von Dingen mitreden wollen, von denen ſie einmal ſchlechthin nichts ver⸗ ſtehen und auch nichts verſtehen ſollen, ſo läuft mir die Galle über und ich ſchwatze Zeug, das ich hinter⸗ drein ſelbſt nicht verantworten kann Kunſt! Kunſt!! Als ob dieſe Leute auch wüßten, was Kunſt iſt! Sie ſollen die Kunſt in Ruhe laſſen; ſie haben ſchöne Schlöſſer, ſchöne Pferde, ſchöne Weiber, das iſt genug für ſie und jedenfalls mehr als ſie verdienen; warum müſſen ſie ihre gierigen Hände auch noch nach der Kunſt ausſtrecken?!“ Zwar verſtand ich nur das Wenigſte von dem, was Rudolph mir bei ſolchen Gelegenheiten über das einer wahrhaft rührenden Ausdauer ſah der eben noch 131 eigentliche Weſen und die wahre Aufgabe der Kunſt auseinanderſetzte und wobei er ſich allerdings zu⸗ weilen in ſehr abſtracte Regionen verſtieg: und auch dies Wenige ſtimmte keineswegs immer mit meinen Anſichten zuſammen. Doch ließ ich ihn gewähren, und da er dabei auch von mir nichts weiter verlangte, als daß ich ihm mit Aufmerkſamkeit zuhörte und von Zeit zu Zeit ein freundliches Geſicht zeigte, auch ſeine gelegentlichen Zornausbruͤche über meine ver⸗ unglückten griechiſchen Tempel und meine Schwäne, die wie Walfiſche ausſahen, in Geduld hinnahm, ſo paßten wir beide trefflich zuſammen und hatten manche vertrauliche und angenehme Stunde mit einander. Dabei kam mir noch ein Umſtand zu ſtatten, der zwar eigentlich von ſehr untergeordneter Bedeu⸗ tung war, mir aber doch den vertraulichen Ton, den der Maler mir gegenüber anſchlug, weſentlich erleichterte: das war Rudolphs Aeußeres. Er war einer der häßlich⸗ ſten Männer, welche ich je geſehen, ſo häßlich, daß jedes junge Mädchen dreiſt mit ihm verkehren durfte, da der Gedanke eines Gefallens im gewöhnlichen trivialen Sinne ihm gegenüber gar nicht aufkommen konnte. Eine eigene Ironie des Schickſals hatte es gewollt, daß gerade der Mann, der ſelbſt eine ſo lebhafte Empfindung für alles Schöne und Anmu⸗ 9* 3 132 thige beſaß, ja deſſen kunſtfertige Hand ſo viel Schö⸗ nes entſtehen ließ, in ſeinem eigenen Aeußern von Anmuth und Schönheit ſo ganz verlaſſen war. Ein ſtarker, faſt viereckiger Kopf, dicht bedeckt von bu⸗ ſchigen ſchwarzen Haaren, ſteckte auf ungewöhnlich breiten, mächtigen Schultern, zu denen der übrige kleine faſt ſchwächliche Körperbau in einem entſchie⸗ den unrichtigen Verhältniß ſtand. Die Züge des Geſichts waren ſcharf, der Ausdruck finſter und un⸗ heimlich; nur das ſchwarze brennende Auge war im Stande, Strahlen zu entſenden, die das Befremdende der übrigen Erſcheinung vergeſſen ließen. Auch war er trotz ſeines ſchwächlichen Körpers kräftig und von großer Gewandtheit in allen körperlichen Uebungen; die wildeſten Pferde wußte er zu bändigen und als die übermüthige Geſellſchaft eines Mittags auf den tollen Einfall kam, unter ſich zu tanzen, wirbelte der kleine närriſche Maler ſich ſo flink hetum, daß es ihm kaum Einer im Saale nachthun konnte. Reuntes Capitel. Der Brief. Aus dieſem glänzenden und dabei doch innerlich ſo leeren Treiben, das ich wider Willen mit durchmachen 133 muſſte, wurde ich eines Tages auf die ange⸗ nehmſte Weiſe aufgeſchreckt: nämlich durch einen Brief von Florinen. Meine Freude war grenzenlos; mit Ent⸗ zücken betrachtete ich den freien großartigen Schwung ihrer Schriftzüge, der ſo ganz ihrem freien kühnen Geiſte entſprach, und drückte den geliebten Namen tauſendmal an meine Lippen. Und auch der Inhalt des Briefes, wiewohl einigermaßen flüchtig, enthielt doch zum wenigſten nichts, was meine Freude geradezu geſtört hätte. Florine ſchrieb aus Paris; ſie kannte die merkwürdige Stadt ſchon aus früherem wiederholtem Aufenthalt und hatte, wie ſie in ihrem Briefe andeutete, manche entſcheidende und bedeutende Epoche ihrer Vergan⸗ genheit hier durchlebt. Vielleicht kam es daher, daß ihr diesmaliger Aufenthalt ſie im Ganzen nur wenig befriedigte; ſie klagte über den Verfall der Geſell⸗ ſchaft, über den Verfall der Bühne, über den Verfall der Muſik, kurz, ganz Paris ſchien ihr in Verfall zu ſein. Doch verſicherte ſie, daß ſie übrigens wohl ſei und mit Freude und Rührung nicht nur an die Stunden zurückdenke, die ſie in meinem kleinen fried⸗ lichen Stübchen mit mir verlebt, ſondern auch der Jahre gedenke ſie, die ſie dereinſt noch mit mir zu verleben hoffe. 134 „Doch, hieß es im Briefe weiter, wird bis dahin wohl noch einige Zeit vergehen müſſen. Zürne mir nicht, mein theures Kind: aber noch immer iſt mein Herz krank und ich kann den Balſam nicht finden, der es heilen ſoll Täglich ſage ich mir, daß ich eine Thörin bin und daß Vernunft und Ehre fordern, dieſe unſelige Leidenſchaft aus meinem Her⸗ zen zu reißen. Aber der Ehre habe ich ja genügt, indem ich einem Beſitz entſagte, der mich in den Augen der Welt als eine berechnende Coquette hätte können erſcheinen laſſen— und die Stimme der Vernunft hat ihre Macht über mich verloren. Iſt es vielleicht zur Vergeltung dafür, daß ich ſelbſt in fruͤhern Jahren in ſo manches ſchlecht bewachte Herz leichtfinnige Flammen geworfen, daß mein ei⸗ genes Herz mir nun ſo bittere Leiden bereiten muß? Habe Mitleid mit mir, ſchreib mir, ob Du ihn ge⸗ ſehen haſt, ihn, den keine Namen nennen und deſſen Bild mich verfolgt im Wachen wie im Träumen— DOder nein, nein, ſchreibe mir nichts von ihm, ver⸗ nichte dieſen Brief und ſtreue ſeine Aſche in alle Winde, damit nie ein ſterbliches Auge das Geſtänd⸗ niß meiner Schmach erblicke! Ich ſelbſt habe es ja ſo gewollt— ſo laß mich den Becher nun auch bis auf die Hefe leeren.. 135 Unter andern Umſtänden würde dieſe Partie des Briefes mich aufs tiefſte erſchüttert haben. Aber darf ich es frei geſtehen? Seit ich Graf Waldemar mehr und mehr perſönlich kennen lernte, je mehr begann meine Theilnahme für dieſe Leidenſchaft— nicht zu erkalten, v nein, das wäre nicht das richtige Wort geweſen: aber ſie veränderte ſich und was anfangs tiefes und ſchmerzliches Mitgefühl, was Angſt, Scham, Verzweiflung geweſen war, das fing an, ſich mehr zu einer ruhigen, nüchternen Ueberle⸗ gung zu geſtalten Wie dieſe Leidenſchaft da vor mir lag, enthielt ſie zu viel Unbegreifliches für meinen einfachen, wenn man will etwas proſaiſchen Sinn; ich mußte ſie mir auslegen und zurechtrücken, bis ſie mir verſtändlich ward. Vor Allem war es mir unbegreiflich, warum meine Mutter ſo hartnäckig darin war, die Hand des Grafen zu verſchmähen. Daß ſie ihn liebte, liebte bis zum Wahnſinn, war ja leider nur allzu gewiß und auch an der Treue und Aufrichtigkeit ſeiner Neigung konnte ich nach dem, was er mir neulich bei dem Spaziergang im Park geſtanden hatte, nicht wohl zweifeln. Aber wenn die beiden Liebenden auf dieſe Weiſe unter ſich einig waren, was in aller Welt konnte ſie noch hin⸗ dern, dem Drange ihres Herzens zu folgen? Etwa ——————————————————— 136 der Widerſpruch der alten Gräfin? Oder das Ur⸗ theil der Welt? Oder vielleicht die Beſorgniß, ihres eigenen Herzens nicht ganz ſicher zu ſein? Von allen dieſen Gründen hätte höchſtens der letzte als ent⸗ ſcheidend gelten können— nun, und ihn hinweg zu räumen, lag ja ebenfalls in ihrer Hand. Woher alſo dieſer ganze Jammer? Wozu die Verzweiflung? Es bedurfte ja nur eines gemeinſamen kräftigen Entſchluſſes und das Uebermaß ihres Kummers ver⸗ wandelte ſich in ein Uebermaß des Entzückens. Florine hatte ihrem Briefe eine Addreſſe beige— fügt, unter welcher ſie meine Antwort empfangen wollte; im erſten Eifer, voll von den Gedanken, welche ihr Brief mir erweckt hatte, ſetzte ich mich hin, ihre Erlaubniß zu benutzen. Was ich ihr in Betreff des Grafen eigentlich ſchreiben und ob ich ihr na⸗ mentlich mittheilen ſollte, daß er im Schloſſe anwe⸗ ſend und daß ich ihn kennen gelernt, darüber war ich mit mir ſelbſt noch in Zweifel. Nur das ſchien mir gewiß, daß die Angelegenheit in ihrer jetzigen Verfaſſung nicht bleiben dürfe und daß von irgend einer Seite her und nach irgend einer Seite hin ein Schritt geſchehen müſſte und zwar ein raſcher entſcheidender Schritt, meine arme Mutter von der Laſt ihres Kummers zu befreien. Wunderliches Spiel 137 des menſchlichen Herzens! Je mehr ich darüber nach⸗ ſann, je unverſtändlicher wurde mir Florine, aber je mehr wünſchte ich auch dieſer überſchwänglichen Lei⸗ denſchaft einen recht hausbacknen proſaiſchen Schluß, den Schluß einer ruhigen, verſtändigen Ehe zu geben. Zum Ehemann mochte der Graf allenfalls paſſen; aber ſich für ihn in fruchtloſen Flammen zu verzeh⸗ ren, nein wahrhaftig, dazu ſchien er mir denn doch zu harmlos, zu unbedeutend, beſonders wenn man ein Weib war wie Florine. Oder ſollte ich vielleicht den entgegengeſetzten Weg einſchlagen? Sollte ich ihr ſchreiben, daß Graf Waldemar ſeinen Einzug ins Schloß mit einem Dutzend Gardeofficiere, zwei Dutzend Pferden und ſechs Dutzend Hunden gehalten? Daß nie eine Mut⸗ ter einen zärtlichern Sohn gehabt, als die Frau Gräfin Reichenau, dieſelbe Frau Gräfin, die Florinen die Hand ihres Sohnes hatte wollen mit Geld abkaufen laſſen? Daß der Rittmeiſter, derſelbe Rittmeiſter, der es gewagt hatte, ihr den ſchmählichen Antrag zu überbringen, Arm in Arm ging mit Graf Waldemar und ſein liebwertheſter Freund und Vetter und lie⸗ ber Bruder war an allen Enden? Sollte ich ihr ſchreiben, daß, ſeit Graf Waldemar im Schloſſe, die Bedienten noch keinen Tag nüchtern ins Bett 138 gekommen, daß der Champagner in Strömen floß und daß bei allen Spielgelagen, allen Wetten und Tollheiten Graf Waldemar obenan ſaß, ſtrahlend in Geſundheit, mit friſchen muntern Angen und nicht im mindeſten einem Liebhaber ähnlich, der zu verzweifeln gedenkt?— Vielleicht wäre es das Heilſamſte von allen Mitteln geweſen, nur fehlte mir der Muth es anzuwenden Zehntes Capitel. Unterhandlungen. Schon hatte ich die Feder eingetaucht und war eben im Begriff, meine unſtät hin und her ſchwär⸗ menden Gedanken aufs Papier zu werfen, als ein leiſes Pochen an der Thür mich in die Höhe ſchreckte; bevor ich noch mein„Herein“ rufen konnte, ging das Schloß leiſe auf und durch die halbgeöffnete Thür ſteckte den Kopf— wer? Graf Waldemar! Beſtürzt ſprang ich in die Höhe; obwohl meine Jungfer, mit einer Näharbeit beſchäftigt, im Neben⸗ zimmer war, ſchien es mir doch im höchſten Grade unpaſſend, den Beſuch des Grafen, meines künftigen Schloßherrn, auf meinem Zimmer zu empfangen. 139 Die Thür weit hinter ſich offen laſſend, trat Graf Waldemar mir haſtig zwei Schritte entgegen; ſein Antlitz war ernſt und feierlich und auch die Stimme, mit der er mich anredete, ſchien mir zu zittern vor innerer Bewegung. „Sie fliehen vor mir, Fräulein?“ ſagte er mit ge⸗ preßtem Tone:„Halten Sie noch einen Angenblick inne und hören Sie mich wenigſtens erſt an, bevor Sie mir die ungeſtörte Viertelſtunde, um die ich Sie bitte, verſagen. Ich weiß, daß es ſehr unziemlich von mir iſt, ohne Erlaubniß in das Zimmer einer Dame zu drin⸗ gen: allein ich weiß auch, daß Fräulein Helene eines Rufes genießt, der ihr verſtattet, jeden Beſuch auf ihrem Zimmer zu empfangen, auch wenn der Beſuch nicht der Sohn Ihrer Gebieterin iſt und nicht Graf Waldemar heißt... Es war ſehr gut für beide Theile, daß das harmloſe, treuherzige Aeußere des Grafen und der ebenſo harmloſe Eindruck, den der mehrwöchentliche Umgang mit ihm mir hinterlaſſen, mir alle jene Don Juan⸗Geſchichten, die noch vor kurzem über ihn im Umlauf waren, vollſtändig aus dem Gedächtniß ver⸗ wiſcht hatten; ſonſt möchte dieſe Berufung auf ſeinen Namen wohl nicht ſo vortheilhaft für ihn, noch ſo beruhigend für mich geweſen ſein, wie ſie es in der 140 * That war. Ich hielt meinen Schritt an und blickte fragend zu ihm in die Höhe; der Graf, dies mit Recht als eine Aufforderung anſehend weiter zu ſprechen, fuhr fort: „Ich erwarte Ihren Befehl, Fräulein Helene, die Thür hinter mir zu ſchließen; ſo lange Sie ihn verweigern, wird ſie geöffnet bleiben, damit alle Welt ſehen kann, was zwiſchen uns vorgeht. Nur um die eine Gnade bitte ich, daß Sie das Zimmer nicht verlaſſen, bevor Sie mich ganz zu Ende Kehört haben.“ „Was hätte ich,“ erwiederte ich, indem ich zu lächeln verſuchte,„denn auch von Ihnen zu fürch⸗ ten, Graf Waldemar? Ich bin im Schutz Ihres Hauſes und außerdem ſteht ja zwiſchen uns ein Name, der Ihnen wie mir gleich theuer iſt und den kein anderes Palladium an Kraft und Sicherheit über— trifft „Und gerade um dieſes Namens willen,“ jiel mir der Graf in die Rede, indem er auf einen Wink von mir die Thüre hinter ſich ſchloß und auf einem Seſſel mir gegenüber Platz nahm—„Gerade um dieſes Namens willen komme ich zu Ihnen. Sie haben einen Brief von Iſabella erhalten— ah, verſuchen Sie es nicht wieder, theures Fräulein, Ihrem ſchönen unſchuldigen Geſicht den Stempel B ——— 141 der Lüge aufzudrücken: Sie haben einen Brief er⸗ halten, ich ſehe ihn, dort liegt er, ich erkenne die geliebte Handſchrift——“ Dieſe Zudringlichkeit verdroß mich. „In der That, Herr Graf,“ ſagte ich, indem ich den Brief raſch zu mir ſteckte,„Sie haben eine eigenthümliche Art, ſich bei Damen einzuführen; ich habe die Ehre, im Dienſt der Frau Gräfin zu ſtehen und bis jetzt hat die Frau Gräfin mir noch nicht die geringſten Beſchränkungen meines Briefwechſels auferlegt.“ Der junge Mann ließ den Kopf auf die Bruſt ſinken; dann hob er ihn mit kummervollem Blick wie⸗ der in die Höhe. „Ach,“ ſagte er,„warum es doch der Mißver⸗ ſtändniſſe ſo viele giebt unter den Menſchen und warum wir ſo gefliſſentlich daran arbeiten, ihrer immer mehr und mehr zwiſchen uns aufzuhäufen! Brauche ich Sie wirklich noch erſt zu verſichern, mein Fräu⸗ lein, daß es mir nicht von weitem in den Sinn kommt, eine unziemliche Controlle über Ihren Brief⸗ wechſel auszuüben—“ „Nun,“ rief ich,„wenn Sie das nicht thun, woher wiſſen Sie denn, ob ich einen Brief von Iſa⸗ bella bekommen oder nicht?“ 142 „Nun ja doch, weil ich meine Aufpaſſer habe,“ ſagte er mit halbem Lächeln. „Ah ſehr hübſch, mein Herr, Ihre Aufpaſſer— in der That,“ erwiederte ich,„mein Herr Graf, Sie führen einen vortrefflichen Ton ein in dem Hauſe Ihrer Frau Mutter „Aber wie kann ein Liebender denn beſtehen ohne Aufpaſſer?!“ rief er mit einer faſt komiſchen Nai⸗ vität:„meine Aufpaſſer waren ja nicht für Sie be⸗ ſtellt, mein Fräulein, ſondern allein wegen des Brie⸗ fes, welchen Sie erhalten haben und in Betreff deſſen Sie vor einigen Wochen ſo gütig waren, mir gewiſſe Hoffnungen zu erwecken—“ Nun wahrhaftig, wenn es je einen zärtlichen Liebhaber gegeben hatte, ſo war es dieſer Graf; kaum wußte er ein Blatt von der Handſchrift ſeiner Schönen im Hauſe, ſo ließ es ihm auch keine Ruhe, bis er wußte was darin ſtand! Faſt hätte dieſer Eifer mich gerührt: doch war ich mir ſelbſt über mein eigentliches Ziel noch nicht hinlänglich klar und ſo beſchloß ich, Stümperin in der Diplomatie wie ich war, einen Cours einzuſchlagen, bei dem ich wo mög⸗ lich mit jedem Winde ſegeln konnte. „Ich habe Ihnen das Verſprechen gegeben, ja,“ ſagte ich,„und ich bin auch bereit es zu halten—“ 143 „Ah,“ unterbrach er mich,„ſo hat Ihnen Iſa⸗ bella nicht verboten, mir von ihr zu ſprechen? So darf ich hoffen, daß Sie mir ihre Verzeihung ver⸗ kündigen? Ja daran erkenne ich das edle, großmüthige Herz meiner Iſabella!“ „Es iſt hier,“ ſagte ich, einigermaßen verſtimmt durch den pathetiſchen Ton, in welchen der Graf ſo plötzlich wieder verfallen war,„nicht die Rede von Iſabella, noch von dem, was Sie von ihrer Großmuth erwarten oder nicht erwarten dürfen; Aufträge für Sie hat Iſabella mir in ihrem Briefe nicht gegeben, darauf mein Wort— und ſo handelt es ſich für mich denn blos darum, ob ich es vor mir ſelbſt verantworten kann, Ihnen, ohne Erlaubniß meiner Freundin, ja ohne ihr Wiſſen, Mittheilungen über ſie zu machen, von denen ich ſelbſt noch nicht weiß, welches Recht Sie darauf haben und wozu ſie füh⸗ ren ſollen 4 „Um alſo über dieſen Punkt mit mir ſelbſt ins Klare zu kommen,“ fuhr ich fort, indem ich dazu ein ſo ehrbares und altverſtänbiges Geſicht machte, wie ich nur irgend auftreiben konnte,„iſt es nothwendig, Herr Graf, daß ich zuvor weiß und zwar weiß aus Ihrem eigenen Munde, wie Sie eigentlich mit Iſabeffa ſte⸗ hen. Glauben Sie ja nicht, daß ich mich damit in 144 Ihr Vertrauen eindrängen will: im Gegentheil, die Stellung, in der ich mich augenblicklich befinde, iſt mir höchſt peinlich und ich werde Ihnen dankbar ſein, wenn Sie mich ſo raſch wie möglich daraus befreien wollen. Aber unmöglich, das werden Sie ſelbſt einſehen, Herr Graf, kann ich, wie Sie zu wünſchen ſcheinen, Ihren Fürſprecher bei meiner Freundin machen, ohne zu wiſſen——“ „Ohne zu wiſſen, was ich eigentlich von ihr will?1“ fiel mir der Graf ins Wort:„O mein Gott, wer kann das beſſer wiſſen als Iſabella ſelbſt! Ich habe ſie geliebt, Monate lang, und liebe ſie noch, mein Herz, meine Hand, meinen Rang, meinen Reich⸗ thum, Alles habe ich ihr ja zu Füßen gelegt— nicht ein⸗, zehn⸗, zwanzig Mal habe ich es gethan und immer wieder hat die Grauſame mich zurückgeſtoßen!“ „Wohlan,“ ſagte ich ſchüchtern— denn dieſe Erfolge gingen mir faſt ſelbſt zu ſchnell—„ſo wiederholen Sie den Antrag, vielleicht hat die Ent⸗ fernung das Herz ihrer Freundin milder geſtimmt und ſie iſt jetzt eher geneigt, Ihnen Gehör zu ſchenken.“ Der Graf ſchüttelte den Kopf, mit einem Aus⸗ druck von Hoffnungsloſigkeit und Ungläubigkeit, der eigentlich zu den vollen friſchen Wangen nicht recht paßte, mich aber doch nicht ungerührt ließ. . . 145 „Ich ſebe ſchon,“ ſagte er,„liebes Fräulein, Ihre Freundſchaft mit Iſabella iſt noch jung, ſehr jung, Sie kennen ſie erſt halb, Sie wiſſen noch nicht, welch ehernes unbezwingliches Herz in dieſer ſchönen zarten Hülle ſchlägt. Ich ſelbſt bin gegen ſie nur ein Kind; was ſie einmal beſchloſſen hat, das bleibt beſchloſſen und wenn alle Engel vom Himmel nie⸗ derſtiegen... Die Freimüthigkeit, mit welcher er ſich ſelbſt im Verhältniß zu Iſabellen nur ein Kind nannte an Muth und Entſchloſſenheit, vermehrte meine Theil⸗ nahme; es war jedenfalls ein Zeichen ſeltener Wahr⸗ haftigkeit und Selbſterkenntniß. Und ſo hörte ich ihm denn geduldig und auf⸗ merkſam zu, da er mir, ein wenig ausführlich aller⸗ dings, aber du lieber Himmel, wen machte die Liebe nicht geſchwätzig?— die Geſchichte ſeiner Liebe zu Iſabella erzählte. Es hatte wohl eigentlich etwas recht Schreckliches und war ein trauriges Symbol der unſeligen Verwirrung, der auch die Be⸗ ſten anheimfallen können: der Geliebte der Mut⸗ ter die Tochter zur Vertrauten ſeiner verliebten Lei⸗ den machend. Doch war ich viel zu unerfahren und unbefangen, um etwas Anſtößiges darin zu finden und auch Florine ſelbſt, in ihrer ſtolzen leuchtenden 1856. X. Helene. III. 146 Schönheit, ſtand mir vielmehr als eine ältere Freun⸗ din vor Gedanken denn als meine Mutter. Die Erzählung war lang und konnte unmög⸗ lich auf einmal beendet werden. Doch ſah ich ſo⸗ viel allerdings ſchon jetzt ein, daß, wenn ſich Alles wirklich ſo verhielt wie Waldemar es darſtellte, das Ganze ein bloßes Mißverſtändniß war, die bloße Frucht einer allzu heftigen Zärtlichkeit, welche, aus lauter Drang der Aufopferung, lauter Furcht, ſie könne vom Andern mißverſtanden werden, endlich richtig dahin gelangt war, ſich ſelbſt und ihr eigenes Glück aufs Spiel zu ſetzen. Beſonders ſchien von Seiten Florinens ein gewiſſer Stolz, faſt muß ich ſagen eine gewiſſe Grille des Edelmuthes mit im Spiele zu ſein; wäre ſie die Gräfin geweſen und Waldemar der Schanſpieler, ich glaube, ſie wären längſt ein Paar geweſen... Natürlich behielt ich meine Gedanken vorläufig für mich und als der Graf, nachdem er mich um die Erlaubniß gebeten, ſeine Erzählung bei Gelegenheit wieder aufnehmen zu dürfen, mich endlich verließ und zwar mit denſelben Zeichen der Ehrerbietung und demſelben ritterlichen Anſtand, mit welchem er gekommen war— ſetzte ich mich allerdings noch hin, Florinens Brief zu beantworten: doch erwähnte ich 147 des Grafen dabei mit keiner Silbe und begnügte mich, ihr nur im Allgemeinen durch die Verſicherung meiner unwandelbaren kindlichen Ergebenheit und Liebe, Troſt und Beruhigung zuzuſprechen. Vielleicht, wer weiß, dachte ich, wie bald ich im Stande bin, ihr durch meine Hand noch ſüßeren, noch wirkſameren Troſt zukommen zu laſſen.— Mit dieſen Gedanken ſtieg ich endlich ins Bett und da ich die Decke über mich zog, hatte ich das Gefühl, heute mal ſo recht mit mir zufrieden zu ſein und mich ſo recht als verſtändiges, praktiſches Frauen⸗ zimmer bewährt zu haben;— ich ahnte nicht, daß ich eben heut die erſten Maſchen zu einem Netze an⸗ gelegt hatte, in welchem ich ſelbſt elend zu Grunde gehen ſollte... Eilftes Capitel. Die Verwirrung ſteigt. Die Gelegenheit für Waldemar, ſeine Erzäh⸗ lung fortzuſetzen, ließ nicht lange auf ſich warten. Mit der vorrückenden Jahreszeit verliefen ſich die Gäſte allmählich und wenn auch noch ein kleiner 10* 148 auserwählter Kreis beſonders eifriger Jagd⸗ und Becher⸗ freunde zurückblieb, ſo kam doch im Ganzen wieder ein wenig mehr Ordnung ins Haus. Die einzelnen Mitglieder deſſelben, die nun den langen öden Win⸗ ter mit einander verleben ſollten, rückten ſich unwill⸗ kürlich näher, der ganze Ton des Umgangs wurde traulicher, häuslicher und ſo fand auch Waldemar, auf Spaziergängen, im Salon der Gräfin, wenn ſie ſelbſt ſich zum Mittagſchlummer zurückgezogen hatte oder während die Andern über den Karten ſaßen, reichliche Gelegenheit, den Faden ſeiner Erzäh⸗ lung wieder aufzunehmen und mir die Hiſtorie ſeiner Liebe und ſeiner Leiden in vollſter Ansführlichkeit mit⸗ zutheilen. Zu einem rechten Schluß freilich gelangte ſeine Erzählung bei aller Ausführlichkeit nicht, es blieb da noch immer jener ſchon erwähnte Punkt, den ich nicht faſſen und nicht begreifen konnte: nämlich wer von Beiden eigentlich die Schuld der Trennung trug und woran es lag, daß eine ſo zärtliche, ſo glü⸗ hende Neigung doch zu keinem glücklicheren Ziele geführt hatte. Graf Waldemar that alles Mögliche, ſich in meinen Augen zu rechtfertigen. „Wollen Sie,“ ſagte er,„noch ſchlagendere ½ 6 149 Beweiſe für die Stärke meiner Leidenſchaft und die Redlichkeit meiner Abſichten? Wohlan: Sie werden ohne Zweifel von dem Plane gehört haben, den meine gute, um mein Wohl nur allzubeſorgte Mutter in Betreff der Gräfin Conſtanze hatte. Es ſind jetzt dald ſechs Wochen ſett ich aus der Hauptſtadt zurück bin, unſere Güter liegen nah bei einander— aber haben Sie ſchon gehört, daß ich einen einzigen Beſuch bei der Gräfin Conſtanze gemacht habe? Haben Sie die Gräfin Conſtanze ſelbſt oder ihre Eltern oder auch uur ihren Vater, den alten würdigen Mann, deſſen belehrende Unterhaltung ich nur ungern entbehre, ſeit ich zurück bin nur ein einziges Mal in dieſem Schloſſe geſehen? Aber ich kann Ihnen noch mehr ſagen: Sie werden ſie hier auch niemals wiederſehen, weder Conſtanzen noch irgend Jemand von ihrer Fa⸗ milie— das ganze Verhältniß iſt abgebrochen, abge⸗ brochen bis auf die Wurzel! Conſtanze iſt mit ihren Eltern in die Reſidenz gezogen— nun ſie ſoll ja ein recht niedliches Larochen haben und ſo wird es ihr ja nicht an Gelegenheit fehlen, ſich recht bald am Arm eines Würdigeren, der ihren Beſitz beſſer zu ſchätzen weiß, über den armen Krautjunker luſtig zu machen, der von ſo viel Ingend und Schönheit 150 ſo ungerührt blieb und die weiſen Abſichten einer zärtlich beſorgten Mutter ſo ſchmählich vereitelte.“ Das ſtimmte nun zwar nicht ganz mit dem, was ich kürzlich, aus einem zufälligen Geſpräch, das meine Tiſchnachbaren mit halber Stimme unter ſich führten, über denſelben Gegenſtand vernommen hatte. Danach ſollte es vielmehr der Graf geweſen ſein, der von Conſtanzen oder richtiger geſagt von ihren Eltern aufgegeben worden und zwar eben infolge jenes unſeligen Abenteners mit der ſchönen Schau⸗ ſpielerin, das ich früher ſo gleichgiltig mit angehört hatte und das nun auf ſo unerwartete Weiſe meinem eigenen Herzen ſo nahe getreten war. Doch verſchlug das im Grunde nicht viel, da ja die Thatſache in beiden Fällen dieſelbe blieb und da überdies beide Auslegungen recht wohl neben einander beſtehen konnten. Es war ein Heirathsplan der Eltern geweſen, nicht der Kinder, die ſich immer fremd geblieben und ſo konnte man ja recht wohl auf beiden Seiten gleichzeitig zu der Einſicht gelangt ſein, wie viel beſſer es ſei einen Plan aufzugeben, der mit den Wünſchen der Letztern ſo wenig harmonirte.— Merk⸗ würdig blieb dann immer nur noch die Gelaſſenheit, mit welcher die alte Gräfin das Scheitern ihres Lieblingswunſches ertrug. Allein auch dies konnte 151 mich nicht wundern, ſeit ich die ungemeine Gewalt ſah, welche der junge Graf auf ſeine Mutter aus⸗ übte und die wahrhaft thörichte Liebe, mit welcher ſie auf jeden ſeiner Wünſche einging. Und nur in Betreff Iſabella's ſollte dies überfließende Mutterherz nnerweichlich ſein? Unmöglich!— Minder gut gelang es Waldemar, ſich in Betreff eines andern Punktes zu rechtfertigen, der mir dop⸗ pelt peinlich war, da mein natürliches weibliches Zartgefühl mir verbot, ihn vollſtändig zu erörtern. Nämlich wenn er Iſabellen wirklich ſo liebte und wenn ſeine Neigung wirklich ſo treu und ernſt ge⸗ meint war, wie er verſicherte, was hinderte ihn denn, der ſchönen Flüchtigen nachzueilen und ſie im Tri⸗ umph auf das Schloß ſeiner Väter zurückzuführen? Angenommen ſelbſt, daß die Schuld der Trennung wirklich auf Iſabella fiel und daß es in der That nur ihr übertriebener Stolz geweſen war, was das Zuſtandekommen eines von beiden Seiten ſo heiß begehrten Bündniſſes hintertrieben hatte— warum verſuchte er denn nicht noch nachträglich, dieſen Stolz zu brechen? Warum unterwarf er ſich ſo ohne Widerſtand einer Entſcheidung, die ihn angeblich ſo unglücklich machte und die doch, wenn er wirklich ein echter rechter Liebhaber war, ſeinen Bitten und 152 Thränen, ſeinen Schwüren und Betheuerungen ge⸗ wiß nicht Stand gehalten hätte?— Seit ihrem erſten Briefe hatte Florine mir bereits verſchiedene Male wieder geſchrieben. Doch wurden die einzelnen Briefe immer kürzer und immer düſterer, ſo daß ich aus jedem deutlicher erſah, wie unüberwindlich dieſe Leidenſchaft war und wie unglücklich ſie durch die⸗ ſelbe gemacht wurde. Ich erklärte mich gegen Wal⸗ demar bereit, ihm den Ort zu entdecken, wo ſeine Geliebte ſich aufhielt, aber nur unter der Bedingung, daß er ſtehenden Fußes ihr nacheilte und nicht eher abließ, bis er ihren unglücklichen Eigenſinn— näm⸗ lich wenn es wirklich nichts weiter war— gebrochen hätte. Und auf dieſe Bedingung— ſollte man es für möglich halten?— weigerte er ſich einzugehen. „Sie ſind ein gutes, liebes, theilnehmendes Kind,“ ſagte er,„und mit innigſter Rührung erkenne ich die Nachſicht, die Sie mit mir haben; ja wer weiß, wenn mein Herz nicht ſo feſt gebunden wäre, wie gefährlich ſie ſelbſt noch für mich werden könnte, dieſe Nachſicht—“ Wo ein junger Mann mit einem jungen Mäd⸗ chen wochenlang über Gegenſtände verhandelt, wie ſie hier zur Sprache kamen, da kann es nicht gut 153 ausbleiben, daß das Geſpräch nicht wenigſtens von Seiten des Mannes, wenn auch nur in einzelnen Worten, einzelnen Wendungen, eine gewiſſe Farbe der Vertraulichkeit annähme, die unter anderen Um⸗ ſtänden vielleicht ſehr tadelnswerth ſein würde. Aeu⸗ ßerungen wie die eben mitgetheilte gehörten dazuz doch darf ich dem Grafen das Zeugniß nicht verwei⸗ gern, daß ſie im Ganzen ſelten waren und daß er durchgängig in ſeinem Benehmen gegen mich, trotz der intticaten Punkte, die wir zuweilen verhandelten, eine Zartheit beobachtete und eine Zurückhaltung, die ſeiner ritterlichen Sitte alle Ehre machte. Vergaß er ſich ja einmal und ſpielte das Geſpräch auf jenes Gebiet der Tändeleien hinüber, welches in der großen Welt ſo beliebt iſt wie in der kleinen und das ſo häufig den einzigen Boden der Unterhaltung darbietet, ſo wußte ich ja, was davon zu halten und hatte ein Mittel dagegen, das unfehlbar war, auch wenn er ſelbſt nichts davon ahnte: der Geliebte der Mutter konnte unmöglich der Courmacher der Tochter ſein. Auch genügte jedesmal ein ernſter Blick von mir oder je nach Umſtänden auch ein Scherz oder ein leichter Spott, ihn in ſeine Schranken zurückzuführen. So auch diesmal. „Wenn Sie wirklich lauben, Graf Waldemar,“ 154 5 ſagte ich trocken,„daß Sie meine Vermittelung bei Ifabella dadurch gewinnen, daß Sie mir Ihre Liebe erklären, ſo ſind Sie ſehr im Irrthum—“ „So bin ich im Irrthum, gewiß,“ wiederholte er, indem er mir lächelnd die Hand küßte:„Aber ich falle Ihnen ja auch mit keiner Liebeserklärung be⸗ ſchwerlich, ſondern ich ſage nur, was alle Welt weiß, die ſo glücklich iſt, Sie zu kennen: nämlich daß Sie das beſte, hilfreichſte und freundſchaftlichſte Herz haben, das jemals geſchlagen. Was nun aber,“ fuhr er fort,„mein Verhältniß zu Iſabella betrifft, ſo würde ich, wie ich ſchon öfters die Ehre hatte Ihnen zu ſagen, es als das größte Glück meines Lebens anſehen, ihr jedes Opfer zu bringen, das ſie irgend von mir verlangen kann. Aber wenn ſie ihren Stolz hat, ſo habe ich auch den meinen, und ich glaube nicht parteiiſch zu ſein, wenn ich behaupte, daß dieſer Stolz des Mannes zum mindeſten ebenſe berechtigt iſt wie—“ „Aber genug,“ unterbrach er ſich ſelbſt,„dies iſt ein Punkt, mein liebes Fräulein, über den es wohl kaum möglich ſein wird uns zu verſtändigen, die Anſich⸗ ten der Männer und die Empfindungen der Frauen gehen darin wohl zu ſehr aus einknder. Vielleicht bin ich ein andermal ſo glückli mich Ihnen darüber 55 verſtändlicher zu machen oder vielleicht gelingt es auch Ihnen, mich zu Ihrer Anſicht herüber zu ziehen. Einſt⸗ weilen bitte ich nur um die Erlaubniß, dieſe Ge⸗ ſpräche ab und zu fortſetzen zu dürfen; reißen ſie auch die Wunde meines Herzens jedesmal vom friſchen auf, ſo ſind ſie doch auch zugleich mein einziger Troſt und Sie wiſſen ja wohl, liebes Fräulein— oder nein,“ verbeſſerte er ſich ſelbſt, indem er mich mit einem Blicke ſtreifte, vor dem ich unwillkürlich erröthete: „Sie wiſſen nicht, Sie haben wohl nur gehört, daß es Wunden giebt, an denen man lieber verblutet als daß man ſie zuheilen läßt.... Zwölftes Capitel. Verſchiedene Wirkungen. Aber wenn die größere Ruhe, die ſeit einiger Zeit im Schloſſe eingekehrt war, den diplomatiſchen Verkehr(denn dazu war es nachgerade geworden) zwiſchen Waldemar und mir begünſtigte, ſo hatte ſie auch auf der andern Seite zur Folge, daß dieſer Verkehr ſelbſt von unſerer Umgebung weit mehr bemerkt ward, als es in den erſten geräuſchvollen Wochen der Fall geweſen war. Die Wirkung davon war, je nach den verſchie⸗ denen Perſönlichkeiten, ſehr verſchieden; die Einen wurden freundlicher gegen mich, die Andern kälter. Zu den Erſtern gehörte wunderbarer Weiſe meine Gebieterin. Die Theilnahme, welche der junge Graf mir erwies und die ſich denn auch in mancherlei klei⸗ nen geſellſchaftlichen Aufmerkſamkeiten äußerte, hatte nich in ihrer Gunſt vollſtändig wiederhergeſtellt. Ein junges Mädchen, mochte ſie wohl denken, für wel⸗ ches ein ſo ausgezeichneter Cavalier wie Graf Wal⸗ demar die Gnade hatte einiges Intereſſe zu zeigen, konnte unmöglich ſo ganz unbedeutend und nichts⸗ ſagend ſein; der Graf war Gebieter über Alles im Hauſe, ihm gehörte alles Schönſte und Beſte, was es auf Erden gab,— wie hätte nicht auch ein armes Geſellſchaftsfräulein es ſich zur höchſten Ehre anrechnen ſollen, das Wohlgefallen des jungen Mag⸗ naten auf ſich zu lenken? Es war mir in der Stille ungemein komiſch, mit welcher Freundlichkeit die alte Dame mich behandelte und welche bis dahin ganz unbekannten Egards ſie gegen mich nahm, ſei ſie einigemal geſehen, wie Graf Waldemar ſich nach der Tafel mit mir in eine Fenſterniſche zurückgezogen, ja 455 wie er ſogar einige Male die übliche Spielpartie ab⸗ gelehnt hatte, um die Unterhaltung mit mir fortzu⸗ ſetzen. Freilich hatte die Sache auch ihre ernſthafte Seite: allein auch dieſe ſchlug, bei Licht betrachtet, zu meinem Vortheil aus. Die Gräfin mußte doch ſehr überzeugt ſein von meinem geſellſchaftlichen Takt und meiner ſittlichen Feſtigkeit, um dieſe An⸗ näherung ihres Sohnes ſo ganz ohne die geringſte Beſorgniß zu ſehen; ſie mußte doch ſehr gut denken von dem Verſtande des armen kleinen Geſellſchafts⸗ fräuleins, daß ſie niemals auf den Gedanken kam, dieſe Aufmerkſamkeiten des jungen Grafen, mir er⸗ wieſen ſelbſt unter den Angen der ahnenſtolzen hochfahrenden Mutter, könnten mir irgendwie den Kopf verdrehen. Oder kam es ihr darauf vielleicht gar nicht an? Betrachtete ſie mich nur als ein Spiel⸗ zeug, eben gut genug, dem gnädigen jungen Herrn die Langeweile zu vertreiben? Ich fürchte ſehr, dieſe letztere Auslegung war die richtigere, ſo wenig ſie mir auch damals in den Sinn kam.— Dagegen zog ich aus dieſer unerwarteten Nach⸗ ſicht der alten Gräfin einen andern Schluß, der mir wiederum höchſt beluſtigend war. Ich ſah daraus, daß ſie jeden Verdacht in Betreff der ſchönen Schau⸗ ſpielerin aufgegeben hatte, mochte dieſer Verdacht nun ihren Sohn treffen oder mich ſelbſt: denn in beiden Fällen würde ſie wohl hinlängliche Mittel gefunden haben, den Verkehr zwiſchen uns zu be⸗ ſchräuken oder ganz zu verhindern. Dieſer letztere Umſtand ergötzte mich ganz beſonders. Es war wirklich eine eigenthümliche Nemeſis, die über dem Haupt der guten Frau ſchwebte und ihr Auge ver⸗ blendete: ſo lange ich nicht daran gedacht hatte, Intriguen gegen ſie zu ſpinnen, hatte ſie mich mit ſchlecht verſtecktem Argwohn betrachtet und jetzt, da die Intrigne im vollen Gange und da ich allen Ernſtes drauf und dran war, eine Verſchwörung gegen ſie zu ſtiften, jetzt bot ſie mir ſelbſt die Hand dazu! Ebenſo zuvorkommend erwies ſich der alte Ritt⸗ meiſter gegen mich; auch bei ihm waren, ſeit Graf Waldemar mich ſo ſichtlich auszeichnete, meine Actien ganz gewaltig geſtiegen. Da war keine Spur mehr von der Kälte und Fremdheit, die er noch vor kurzem gegen mich affectirte und die dem alten wunderlichen Geſellen ſo höchſt poſſierlich ſtand. Im Gegentheil, er ſpielte ganz wieder den dienſter⸗ gebenen Cavalier, wie in der erſten Zeit unſerer Bekanntſchaft; jeder leiſeſte Wunſch, welchen ich 159 äußerte, wurde ſogleich von ihm ins Werk geſetzt, mit altväteriſcher Galanterie umkreiſte er mich wie der Mond die Sonne und nur wenn der Graf ſelbſt ſich mir näherte, zog er ſich ſogleich in ehrerbietige Ferne zurück. Deſto unerfreulicher dagegen war die Wirkung auf meinen Freund, den Maler. Auf Waldemar's dringende Einladung und weil man ſich noch immer nicht wegen des Bildes geeinigt hatte, das er für den Grafen malen wollte oder ſollte, war Rudolph unter den Gäſten, die am längſten verweilten. Ja ſchon verlautete, daß er ſeinen Aufenthalt vermuth⸗ lich über ben ganzen Winter ausdehnen würde: eine Ausſicht, die namentlich mir recht erwünſcht war, indem Rudolph, trotz ſeiner grandioſen Häßlichkeit und trotz ſeiner etwas ſeltſamen Manieren, doch eigentlich der einzige Menſch im ganzen Schloſſe, mit dem ſich ab und zu einmal ein vernünftiges Geſpräch führen ließ. Rudolph ſelbſt zwar wollte von dieſer Ausſicht noch nichts wiſſen. „Sie geben vor,“ ſagte er eines Tages zu mir, während ich am Zeichenbrett ſaß und mich be⸗ mühte, ſeinem Unterricht Ehre zu machen.—„Sie ge⸗ ben vor, die Verlängerung meines Beſuches würde 160 Ihnen nicht ganz unangenehm ſein und doch, mein Fräulein, ſind gerade Sie es, die mich von hier fort⸗ eibt „Ich?!“ rief ich mit komiſchem Pathos:„Sie ſehen mich untröſtlich, Herr Rudolph! Und darf ich wiſſen, wodurch ich Ihren allerdurchlauchtigſten Schönheitsfinn dermaßen verletzt habe, daß Sie die Flucht vor mir ergreifen müſſen? Habe ich etwa verlangt, Sie ſollen mich portraitiren?“ Dieſer neckende Ton war ſeit einiger Zeit zwi⸗ ſchen uns üblich und in der That war es faſt die einzige Manier, ſich vor ſeinen oft höchſt wunderli⸗ chen Einfällen zu retten. „Spotten Sie nur,“ erwiederte er ingrimmig: „Sie wiſſen recht gut, was ich meine— ah Fräulein Helene, Sie ſind doch ſonſt ein leidlich verſtändiges Frauenzimmer, das allenfalls auch im Stande iſt ein ernſtes und gediegenes Wort mit anzuhören, ohne Einem geradezu ins Geſicht zu gäh⸗ nen— wie bringen Sie es nur übers Herz, wie machen Sie es möglich, die faden Schmeicheleien dieſes unausſtehlichen Menſchen, dieſes Waldemar, mit an⸗ zuhören? Ich bin ſein Gaſt und darum ſchickt es ſich nicht für mich, ihm etwas Uebles nachzureden: aber das müſſen Sie mir doch zugeben, Fräulein, daß 161 man im kleinen Finger mehr Geiſt und Verſtand haben kann als Graf Waldemar in ſeinem ganzen wohlgepflegten Leibe und kann doch noch immer ein ſehr mittelmäßiger Kopf ſein—“ „Sie ſprechen,“ ſagte ich halb ſcherzend, halb im Ernſt,„nicht blos von Ihrem Wirthe, Herr Rudolph, ſondern auch von dem Sohne meiner Gebie⸗ terin und dem künftigen Herrn dieſes Schloſſes ſprechen Sie, und alſo muß ich Sie bitten, Ihrer Zunge ein wenig mehr Zwang aufzuerlegen“ Was im Uebrigen,“ fuhr ich, in dem frühern neckenden Tone, fort,„Ihre Beſorgniß angeht, meine beſchei⸗ dene Geiſtesgaben könnten im Umgang mit dem Gra⸗ fen nicht die ihnen nöthige Entwickelung finden, ſo kann ich Sie über dieſen Punkt vollkommen beruhi⸗ gen: wenn Sie wirklich ſchon einmal fade Schmei⸗ cheleien aus dem Munde des Grafen vernommen ha⸗ ben, ſo ſind Sie glücklicher oder vielmehr unglücklicher geweſen als ich: denn meine Unterhaltungen mit ihm ſind im Gegentheil alle ſehr ernſter Natur— bei⸗ nahe ebenſo ernſt und tieffinnig, wie diejenigen, welche Sie mit mir zu führen pflegen, mein ſehr bärbeißiger Freund—“ „Und darf ich fragen, was der Gegenſtand dieſer 1856. X. Helene. III. 11 tiefſinnigen Unterhaltungen iſt?“ erwiederte der Ma⸗ ler, mich mit finſtern Blicken meſſend. „Nein,“ verſetzte ich lächelnd,„das dürfen Sie nicht. Denn erſtlich würde ich es Ihnen nicht ſagen und zweitens ſchickt es ſich überhaupt nicht, daß ein Herr die Unterhaltungen einer Dame mit einem an⸗ dern Herrn zum Gegenſtand ſeiner Nachfragen macht; merken Sie ſich das, mein lieber ungeleckter Bär—“ „Gut, gut,“ murmelte er, indem er langſam ſein Zeichengeräth zuſammenpackte,„es iſt ganz gut ſo, Fräulein Helene. Aber wenn Sie dieſen Grafen ſo kennten wie ich— aber nein, nein,“ unterbrach er ſich ſelbſt,„ich habe Ihnen ja ſchon geſagt: er iſt mein Wirth, ich wohne unter ſeinem Dach, und darum alſo nur noch das eine Wort, mein Fräulein: wenn Ihnen wirklich daran gelegen iſt, daß ich den Winter über hier bleibe— ich meine,“ verbeſſerte er ſich, indem eine dunkle Röthe ſein für gewöhnlich ſo bleiches Angeſicht übergoß;„wenn Ihnen daran gelegen iſt, die Zeichenübungen mit mir fortzuſetzen und das vischen Talent, das Sie haben und das dieſer Aufmerkſamkeit wohl werth wäre, einigermaßen gründlich auszubilden, ſo— „Glückliche Reiſe, mein Freund,“ rief ich la⸗ chend,„und kehren Sie zum Frühjahr in beſſerer 163 Laune wieder, für jetzt iſt mir Ihr Humor zu win⸗ terlich. Damit wandte ich mich zur Geſellſchaft zurück, während der Maler murrend und brummend bei Seite ſchlich. Dreizehntes Capitel. Feſtpläne. Solche Auftritte wiederholten ſich jetzt öfter zwiſchen dem Maler und mir, und ſo arglos mein Herz dabei auch war, ſo hätte ich doch nicht ein Frauen⸗ zimmer und nicht achtzehn Jahre alt ſein müſſen, wenn ich nicht jedesmal meine ſtille Freude da⸗ ran gehabt hätte. Jeder Menſch trägt ſeinen Dä⸗ mon in ſich und der gefährlichſte Dämon für uns Weiber iſt die Eitelkeit. Sie braucht ſich nicht immer in Sammt und Seide zu blähen, dieſe Eitelkeit, im Gegentheil: es giebt auch eine ſehr unſcheinbare, ſehr verborgene Eitelkeit, eine Eitelkeit des Herzens, die mit dem unſchuldigſten, natürlichſten Wohlbehagen veginnt, deren eigentliche Beſchaffenheit wir ſelbſt nicht ahnen— und die uns doch endlich dahin reißt, wohin wir nie hätten kommen ſollen.. 14* t 164 Und überdies war er gar zu drollig, der gute Rubolph, wenn er ſo recht in Aufregung gerieth, und die ſchwere Zunge, beflügelt von Groll und Zorn, ſo recht ſeltſame, unerhörte Einfälle daherſprudelte. Ja ich machte die Entdeckung, daß er ſogar ſchön wurde in ſeinem Zorn, dieſer grundhäßliche Mann: die wirren ſchwarzen Haare ringelten ſich, die dun⸗ keln Augen brannten und die blendend weißen Zähne leuchteten hell wie das Gebiß eines Tigers zwiſchen den ſtark gewölbten Lippen hervor. Es machte mir eine ſtille Freude, ihn in Zorn zu verſetzen; ich kam mir dabei vor wie einer jener Thierbändiger, die mit frevelhafter Kunſt den gefeſſelten Löwen zur Wuth reizen, um ihn gleich darauf mit einem Wink ihrer Hand wieder zur Ruhe zu bringen. Denn auch von mir genügte ein Wink, ein Blick, ein freundliches Wort, um den zürnenden Freund ſofort wieder zu beſänftigen und ihn ſo ſchmiegſam und harmlos zu machen, wie er ſeiner ſchroffen, eckigen Natur nach überhaupt ſein konnte. Ach ja wohl, es war eine frevelhafte Kunſt, die auch ich betrieb, jetzt ſehe ich es nur allzu deutlich: aber damals hatte ich keine Ahnung davon, ich war, wie geſagt, achtzehnjährig, unbekannt mit der Welt, ohne Erziehung— man müßte denn die Erziehung der Tante Fränzchen 165 rechnen wollen und gerade dieſe hatte mich ja ge⸗ lehrt, daß die Männer da ſeien von uns Weibern beherrſcht zu werden. Nun denn, hier war ein Mann: er ſträubte ſich gegen das Joch, er wehrte ſich, ſchüttelte ſich— und doch ſagte ein gewiſſer natür⸗ licher Inſtinet mir, daß das Joch ihm nicht ganz ſo verhaßt war wie er that— und alſo beherrſchte ich ihn. Inzwiſchen ging der Herbſt mit ſtarken Schritten zu Ende, die letzten Gäſte rüſteten ſich zur Heimkehr und auch Rudolph verkündigte mir, daß ſeine Abreiſe für die nächſten Tage beſchloſſen ſei. Es that mir leid, den angenehmen Geſellſchafter zu verlieren; doch be⸗ ruhigte ich mich bei der Hoffnung, ihn zum nächſten Frühjahr, wo er hier einige landſchaftliche Studien machen wollte, wieder zu ſehen. Um die bevorſtehende Abreiſe der Freunde nicht ohne den gehörigen Glanz zu laſſen und gleich⸗ ſam noch ein letztes Siegel zu ſetzen unter die Luſt⸗ barkeiten dieſes an Ergötzungen aller Art ſo reichen Herbſtes, dem nun freilich ein deſto einſamerer Win⸗ ter folgen ſollte, beſchloß der Graf als guter Wirth noch eine letzte beſonders feſtliche Jagdpartie zu ver⸗ anſtalten. Damit es derſelben an keiner Art von Glanz fehle, trug er der alten Gräfin an, auch die 166 Damen der Nachbarſchaft dazu einzuladen; ſie ſollten auf einem eigens dazu hergerichteten Pavillon dem Treibjagen zuſehen, die Preiſe an die beſten Schützen vertheilen und dann ſollte ſchließlich ein Ball die Freuden des Feſtes krönen. Aus mir unbekannten Gründen indeß(vermuthlich wollte ſie den Btuch mit Conſtanze und ihrer Familie nicht gar zu öffentlich machen) weigerte ſich die ſonſt ſo nachgiebige Mutter auf dieſen Wunſch einzugehen. Die tanzfähigen Damen, meinte ſie, wären alle ſchon in der Reſidenz oder ſtänden doch im Begriff dahin aufzubrechen und würden ihr wenig Dank für eine Einladung wiſſen, durch die ihre Abreiſe nur unnöthig verzögert würde. „Damit Du jedoch ſiehſt, mein Sohn,“ ſagte ſie,„wie gern ich Dir zu Willen bin, wohlan: haben wir nicht die ganze Zeit her mit Euch vortrefflich haus⸗ gehalten, wir beiden Damen vom Lande? Und iſt es eigentlich nicht ein ſchlechtes Co pliment, daß Du uns machſt, mir und dem guten Fräulein da, daß Du auf einmal ſolch Verlangen zeigſt, noch andere Da⸗ men zu ſehen? Auf dem Lande, mein guter Sohn, muß man ſich einzurichten wiſſen: ſag' der Kammer⸗ frau, daß ſie meinen großen Pelz aus der Garderobe nimmt und laß die Schimmel vor meinen Wagen 167 ſpannen, ſie ſind ſchon etwas ſteifbeinig, aber dafür ſind ſie auch fromm wie die Lämmer und können das Schießen am beſten vertragen. Ich fahre mit Euch hinaus; Johann ſoll mich fahren, er weiß mit den Pferden am beſten umzugehen. Fräulein Helene kann reiten wie ein Jokei, ſie kann als Amazone mit Euch durch die Wälder fliegen und wenn Euch das noch nicht genügt, gut, mein Sohn: ſoll ich viel⸗ leicht unſere Couſinen einladen laſſen?“ „Um des Himmelswillen nicht, gnädige Fran Mutter,“ rief der Graf lachend, indem er der alten Dame ehrerbietig die Hand küßte:„wenn Sie und Fräulein Helene uns die Ehre Ihrer Gegenwart ſchenken, ſo iſt mein Feſt ſo glänzend, wie ich nie zu hoffen gewagt; Johann ſoll die Schimmel ein⸗ ſpannen und dem Fräulein will ich die beſten Renner ausſuchen aus dem ganzen Stalle.“ Der Plan fand allgemeine Billigung und auch ich freute mich bei det Ausſicht, wieder einmal im geſtreckten Galopp, die Kaffenden Hunde hinter uns, durch die grüne Nacht der Wälder zu jagen. Nur Rudolph machte eins ſeiner gewöhnlichen ſkeptiſchen Geſichter. „Und wann, wenn ich fragen darf,“ ſagte er, „ſoll dies Götterfeſt vor ſich gehen?“ 168 „Nun natürlich,“ erwiederte der Graf unbefan⸗ gen,„ſo lange Sie noch hier ſind, lieber Rudolph.“ „Sagen Sie das nicht, Herr Graf,“ erwiederte der Maler, doch ſo leiſe, daß nur ich es hören konnte, die ich zufällig neben ihm ſaß:„es könnte das ein Grund für mich ſein, noch in dieſer Minute ab⸗ zureiſen ———— Vierzehntes Capitel. Auf der Jagd. Indeſſen, wie es mit dem Meiſten geht, wo⸗ von vorher recht viel geſprochen iſt und wozu man recht viele Voranſtalten getroffen hat, ſo auch mit dem Feſt des Grafen. Nicht blos die Damen der Nachbarſchaft hatten bereits die gewohnte winterliche Reiſe in die Reſidenz angetreten, ſondern auch die Mehrzahl der Herren hatte ſich ebenfalls bereits da⸗ hin begeben. Andere waren durch Geſchäfte, Andere durch frühere Zuſagen, Einige auch durch Unpäß⸗ lichteit verhindert, und ſo fiel die Geſellſchaft bei weitem minder zahlreich aus, als der Graf urſprüng⸗ lich beabſichtigt hatte. Den Meiſten von uns war das 169 in der Stille recht lieb, da Alle mehr oder weniger von Feſtlichkeiten überſättigt waren; ich aber freute mich ganz beſonders darüber, indem ich im kleineren Kreiſe mich weit ungenirter bewegen und mir alſo auch weit mehr Vergnügen verſprechen durfte, als in dem Tumult einer größern, mir meiſtentheils frem⸗ den Geſellſchaft, in der ich ja doch immer nur das Geſellſchaftsfräulein blieb und wenn ich mein Pferd auch noch ſo ſchulgemäß zu pariren verſtand. Endlich brach der lang erwartete Morgen an. Es war ein Tag, ſo ſchön wie man ihn im Spät⸗ herbſt nur immer erwarten kann: ein wenig kalt, aber klar und hell und für die Freuden der Jagd vollkommen geeignet. Die Gäſte fanden ſich ein, die Pferde wurden vorgeführt, die Gräfin, höchſt ſtatt⸗ lich im ſammtenen Leibpelz, beſtieg ihre Schimmelequi⸗ vage; die Hörner ſchmetterten, die Hunde bellten und fort ging es im fröhlichen Zuge. Der Graf hatte Wort gehalten; er hatte mir ein Thier ausgeſucht, von edelſtem Blut, jung und feurig, ja vielleicht zu feurig für eine Reiterin wie ich, ſo fromm es ſich auch Anfangs ſtellte.— Waldemar ſelbſt ritt einen ſtattlichen Goldfuchs, den er mit Meiſterſchaft lenkte; wie er im Schloßhof ſo auf⸗ und abſprengte und noch hier und dorthin ſeine Befehle ertheilte, 170 konnteich den Wunſch nicht unterdrücken, Florine möchte ihn in dieſem Angenblick ſehen können: denn er machte in der That eine vortreffliche Figur.— Mein Freund Rudolph dagegen ritt einen großen kohlſchwar⸗ zen Rappen; es war ein rieſenhaftes Thier und doch keuchte und ſtöhnte es unter der nervigen Fauſt des behenden Mannes. Auch war er der Einzige, der die Zierde des rothen Jagdfraks verſchmäht hatte. „Die Krähe unter den— Faſanen,“ murmelte er mir zu, indem er ſeinem Rappen die Sporen gab und weit dahin ſchoß, dem Zuge voran, wie ein Pfeil vom Bogen. Der Graf hielt ſich in ritterlicher Höflichkeit zur Seite ſeiner Mutter, während ich, der es nun doch ein wenig befremdlich vorkam, die einzige Reiterin unter ſo vielen Cavalieren zu ſein, mich an der andern Seite des Schlages hielt. Auf dem tiefen Sandweg durch den Forſt konnte der Wagen uur langſam fahren und dieſer zögernde Schritt, verbunden mit dem Geräuſch der Räder und dem Gejohle der Treiber, das weithin durch den Wald ertönte, machte mein Pferd denn doch allmählig ein wenig unruhig Der Rittmeiſter jedoch, der dicht hinter mir ritt— der Graf meinte, er führe mich auf, wie ein Tanz⸗ lehrer ſeine Schülerin auf ihrem erſten Balle— 171 wußte es immer wieder durch Locken und Pfeifen zu beſänftigen und auch ich ſelbſt gewann allmählig meine alte Sicherheit und Unbefangenheit wieder, ſo daß ich das Thier mit Ruhe und Gewandtheit lenkte. In der Mitte des Waldes war ein Zelt auf⸗ geſchlagen, wo zunächſt ein Frühſtück eingenommen ward. Die Diener liefen eifrig hin und wieder, die Pfropfen knallten und Alles war in der heiterſten Stimmung. Einem Einfall der Gräfin zu Liebe, die ebenfalls in der röſigſten Laune war und ihre Zufrieden⸗ heit mit dem geſchmackvollen und zierlichen Arrangement nicht lebhaft genug verſichern konnte, hatte ich einen Zweig röthlichen Eichenlaubs gebrochen und daraus einen Kranz geflochten, der dem beſten Schützen zu Theil werden ſollte. Es gab viel Reckerei, wer der Glückliche ſein würde und um dem Gerede ein Ende zu machen, wand ich den Kranz ſchließlich um mei⸗ nen eigenen Reithut und erklärte, es ſolle ihn gar Niemand haben, ich wolle ihn für mich ſelbſt be⸗ halten Wieder klangen die Hörner, die Hunde wurden entkoppelt und die eigentliche Jagd begann. Die Herren vertheilten ſich und da es mir nicht ſchicklich ſchien, an der Jagd ſelbſt Theil zu nehmen, ſo blieb 172 ich bei der Gräfin zurück. Langſamen Schrittes, wie ſie es liebte, ließ dieſelbe ſich zu einem zweiten Sammelplatz fahren, während ich eben ſo langſam hinter ihr drein ritt. Das war nun ein ziemlich lang⸗ weiliges Vergnügen und da mein Pferd derſelben Meinung zu ſein ſchien, und auf allerhand Caprivlen und Thorheiten verfiel, die mir nicht ganz bequem waren, ſo ſchlug ich kurz und gut einen Seitenweg ein und überließ die Gräfin der Führung ihres treuen Johann. ₰ Es war köſtlich, ſo ganz allein mitten durch den Wald zu reiten; nur von fern her knallten ein⸗ zelne Schüſſe und das Echo der Hörner brach ſich an den dichten ſchweigenden Wipfeln. Ich ließ den Zügel auf den Nacken meines Pferdes gleiten und überließ mich jener ſüßen Melancholie, die uns in der Einſamkeit des Waldes ſo gern und ſo häufig beſchleicht. Ich gedachte an Florinen, auch an Her⸗ mann dachte ich, den lang Verſchollenen, und es war mir, als müßten ſeine treuen braunen Augen mir plötzlich irgendwo aus dem Dickicht der Büſche ent⸗ gegenleuchten. Mit einem Male ſtutzte mein Pferd und wie ich in die Höhe ſah, ritt Graf Waldemar neben mir. „Sie vertrauen dem Gaul zu viel,“ rief er mir 173 zu,„es kann hier irgendwo in der Nähe ein Schuß fallen und das iſt eine Probe, die auch das frömmſte Thier nicht immer beſteht.“ Ich dankte ihm für ſeinen guten Rath und im traulichen Geſpräch trabten wir munter dahin. Es hätte mir eigentlich wohl auffallen ſollen, daß der Graf nicht bei der Jagd war: doch war mir das Herz zu voll und zu ſehr in Anſpruch genommen von dem Zauber des Waldes, als daß ich hätte darauf merken ſollen. Auch der Graf war heute beſonders weich und träumeriſch. Zwar kam Iſa⸗ bellens Name nicht über ſeine Lippen; aber dem feuchten Glanz ſeines Anges und ſeiner ganzen be⸗ wegten, zärtlichen Miene glaubte ich es anzuſehen, wie alle ſeine Gedanken bei ihr waren. Ich freute mich des ſtillen Einverſtändniſſes unſerer Seelen und nahm mir nun auch ganz feſt vor, ſein und Flori⸗ nens Glück zu vermitteln, es koſte was es wolle. Plötzlich brach ein prächtiges Reh aus dem Gebüſch, in gewaltigen Sprüngen quer vor uns über den Weg ſetzend; eine Meute Hunde folgte mit grimmigem Gebell. In demſelben Augenblick knallte dicht neben uns ein Schuß und wieder einer und von der andern Seite antwortete ein dritter und vierter, ſo nah und ſo raſch nach einander, daß 174 ich ordentlich zu hören meinte, wie die Kugeln hart an uns vorüberpfiffen. Mein Roß ſchnob und bäumte ſich und immer, wenn ich glaubte die Gefahr wäre vorüber, knallte es hier und drüben, ohne daß wir die Schützen, die Schützen uns erblicken konnten. „Jetzt gilt es,“ rief der Graf, indem eine leichte Bläſſe über ſein Antlitz flog:„Wir ſind den Schützen in den Weg gerathen— ſchnell, ſchnell! Laſſen ſie das Pferd die Gerte fühlen, Fraulein: wir müſſen ſo raſch wie möglich über dieſe Stelle, es wäre doch ein zu ſchlechter Scherz, ſo mir nichts Dir nichts ein Stück Blei gegen die Schläfe zu kriegen.“ In demſelben Augenblick ſah ich Rudolph uns entgegenſprengen. „Eilen Sie, eilen Sie,“ rief er uns ſchon von weitem zu,„daß Sie von dieſer Stelle kommen, die ganze Jagd wälzt ſich hieher—“ Und mit kräftiger Fauſt meinem Pferd in die Zügel fallend, riß er es herum, daß ich von der heftigen Beweguug vorn überſchwankte. Das Pferd, ſchon in Aufregung verſetzt durch die Schüſſe und den ſich immer mehr nähernden Lärm der Jagd, machte völlig Kehrt und ſchoß mit raſender Gewalt dahin, denſelben Weg zurück, den ich ſo eben gekommen. Auch der Graf hatte ſein Pferd gewendet und ſuchte 175 mir zur Seite zu bleiben. Aber mein Renner, beflü⸗ gelt von Angſt und Schrecken, übertraf den ſeinen an Schnelligkeit. „Bleiben Sie zurück, Graf,“ rief Rudolph, „Ihr tolles Jagen macht das Pferd der Dame nur immer wilder—“ „Ah, iſt es ſo gemeint,“— erwiederte der Graf in plötzlichem, mir nnerklärlichem Zorn, warf ſeinem Pferd die Zügel über den Kopf und ſtieß ihm die Sporen in die Seiten, daß es dahin brauſte wie ein entfeſſelter Sturmwind. Es war ein furchtbar ſchöner Ritt, aber gewiß ein furchtbarer und noch jetzt, wenn ich daran denke, ſträuben ſich mir die Haare. Die Herrſchaft über mein Thier hatte ich längſt verloren; willenlos dahin ge⸗ tragen, ſah ich in ſchwindelnder Flucht Baum um Baum an mir vorüberſauſen, während das Geräuſch der Jagd immer ferner, immer leiſer verklang. Ru⸗ dolph, auf ſeinem rieſigen Rappen, blieb mir dicht zur Seite, wie ein großer ſchwarzer Schatten; auch der Graf hatte uns raſch eingeholt und ſo brauſten wir alle drei dahin, in furchtbarem Wettlauf, wie von Geiſtern getrieben. Mir ſelbſt war natürlich längſt die Beſinnung entſchwunden; nur mechaniſch hielt ich mich noch im 176 Sattel. Aber die beiden Männer ſchien bei dieſem tollen Jagen eine furchtbare Trunkenheit zu befallen. „Gilt's?“ rief der Graf zu Rudolph herüber, in dem Tone, mit welchem er ſeine Wetten anzu⸗ bieten pflegte. „Freilich gilt es,“ keuchte dieſer:„nämlich wer von uns beiden zuerſt den Hals bricht— über Fräulein Helene werden hoffentlich die Engel Gottes ihre Flügel breiten: denn mit unſerm Beiſtand möchte es verwünſcht kahl ausſehen.... Es waren die letzten Worte, die ich hörte: denn in demſelben Angenblick that mein Pferd einen ungeheuren Satz, daß mir Hören und Sehen ver⸗ ging und als ich wieder zu mir kam, fand ich mich auf dem Raſen, die beiden Herren ängſtlich um mich bemüht, unſere Pferde, mit Schaum übergoſſen und an allen Gliedern zitternd, in einiger Entfernung neben uns. „In der That,“ rief der Maler, da ich die Augen aufſchlug,„die Engel Gottes haben ihre Sache gut gemacht—“ Und nicht ohne tiefe Bewegung erfuhr ich nun, wie mein zügellos gewordenes Pferd über einen breiten Graben geſetzt, wobei ich denn ziemlich unſanft in den trockenen Grund deſſelben hinabgeglitten war. 177 In demſelben Augenblick hatten die beiden Herren ſich von ihren Pferden geſtürzt und waren mir zu Hülfe geſprungen. Doch bedurfte ich derſelben nicht: der Sturz hatte mir wunderbarer Weiſe nicht das Mindeſte geſchadet und nachdem ich mich von meiner Ohnmacht, die blos eine Folge des Schrecks geweſen, erholt, fühlte ich mich ſo geſund und friſch wie vor⸗ her. Wir ruhten einige Augenblicke alle drei auf dem Raſen und ſuchten das Abenteuer ſo heiter zu betrachten wie möglich. „Aber Sie, Graf Waldemar, tragen doch die Schuld an dem ganzen Unheil,“ ſagte der Maler, „wie konnten Sie ſo unvorſichtig ſein, die Dame in die Linie der Schützen zu führen!“ „Wer giebt auf dergleichen Acht,“ erwiederte der Graf leicht hin,„wenn er mit einer ſchönen Dame im Geſpräch iſt; wir hatten an Wichtigeres zu denken als an den Weg, nicht wahr, Fräulein Helene?“ Die Aeußerung verdroß mich; da ich aber ſchon ſah, wie Rudolph die Zähne aufeinanderbiß, ſo ſtellte ich mich, als hätte ich ſie ganz überhört und ſagte: „Niemand trägt die Schuld, meine Herren, als ich ſelbſt; unſer guter Rittmeiſter wird unglücklich 1856. X. Helene. II. 12 178 ſein über die geringe Ehre, die er mit ſeiner Schü⸗ lerin eingelegt hat. Laſſen wir das Ganze denn un⸗ ter uns bleiben, Sie erſparen mir damit eine Be⸗ ſchämung, meine Herren.“ Der Maler ſing die Roſſe ein, die ihren Ueber⸗ muth vollkommen ausgetobt zu haben ſchienen und ſich gutwillig aufzäumen ließen, als wäre nichts vorgefallen. Schon hatte ich den Fuß im Bügei, als Waldemar ſagte: „Horch, eben wird das Halali geblaſen und wir ſind nicht dabei. Aber was meinen Sie, Ru⸗ dolph, wir ſind doch die glücktichſten Schützen geweſen?“ „Ganz gewiß ſind wir das geweſen,“ entgeg⸗ nete Rudolph, mit Blicken, die den Grafen durch⸗ bohren zu wollen ſchienen,„und es kommt nun nur noch darauf an, wen das Fräulein ſelbſt als den eigentlichen Sieger anerkennt—* „Ah,“ ſagte ich— und zwar ſagte ich es, um nur überhaupt etwas zu ſagen, da das wun⸗ derliche Weſen des Malers mich ängſtigte und ich ihn gern durch irgend etwas verſöhnen wollte— „Sie meinen den Kranz, den ich auf dem Hute trage. Für zwei Lebensretter iſt Ein Kranz offenbar zu we⸗ nig: allein da ich nicht mehr habe“— indem ich 179 ihn vom Hute löſte—„wohlan, ſo gebe ich ihn Ihnen, Rudolph, Sie waren doch der Nächſte an nin. Der Maler, mit flammenden Blicken, ließ ſich auf ein Knie vor mir nieder, während ich den Kranz an ſeinem Hut befeſtigte. Der Graf ſchlug eine leichte Lache auf. „Und alſo ich ſoll leer ausgehen?“ ſagte er: „womit habe ich das verdient, mein Fräulein?“ „Weil ich für Sie etwas Beſſeres habe, mein Graf,“ ſagte ich leiſe, indem ich mich von ihm in den Sattel heben ließ. Ich dachte dabei an Flori⸗ nen; woran der Graf denken mochte, weiß der Him⸗ mel, ich ſah nur, wie er ſich mit ſchadenfrohem Lä⸗ cheln in den ſchwang und querfeldein nach dem Sammelplatz galloppirte, während ich und Ru⸗ dolph ihm in gemeſſenem Tempo folgten. fünfzehntes Capitel. Die Schlinge fällt zu. Als ich am Abend deſſelben Tages, erſchöpft von dem Abenteuer der Jagd, mich frühzeitig auf 12 S 180 mein Zimmer zurückzog, fand ich daſelbſt einen Brief von Florinen. Sie kündigte mir darin ihre nah bevor⸗ ſtehende Abreiſe von Paris an; wohin ſie ſich zunächſt zu begeben gedenke, davon erwähnte ſie nichts und ebenſo wenig äußerte ſie auch irgend etwas, was mich auf eine baldige Wiedervereinigung mit ihr ſchließen ließ. Ueberhäupt trug der ganze Brief ein unſäglich trübes, finſteres Gepräge; Waldemars Na⸗ me kam nicht darin vor, noch überhaupt etwas, was auf ihre unſelige Leidenſchaft deutete. Aber gerade dieſer Umſtand erſchreckte mich: denn es verrieth mir die ganze Hoffnungsloſigkeit, die ſich der Unglückli⸗ chen bemeiſtert hatte. Aufgeregt durch die Ereigniſſe des Tages wie ich war, ſetzte ich mich ſogleich hin und ſchrieb ihr eine Antwort voll herzlichen, freudigen Troſtes; ich offenbarte ihr, daß Waldemar ſeit Monaten im Schloſſe, daß ich beinahe täglich mit ihm von ihr ſpreche, daß ſein Herz noch ganz die alten Empfin⸗ dungen für ſie hege und daß ich feſt überzeugt ſei, es werde ſich noch Alles auf das Glücklichſte löſen. Dann, da ich einmal im Zuge war, entwarf ich raſch noch einen zweiten Brief— einen Brief an den Grafen Unſere bisherigen Unterredungen hatten, wie man ſich erinnert, noch immer zu keinem Ziele ge⸗ 181 führt; eine ſehr natürliche mädchenhafte Schen ver⸗ ſchloß mir jedesmal den Mund und verhinderte mich, das Wort auszuſprechen, worauf doch eigentlich Alles ankam: das einfache und doch ſo inhaltſchwere Wört⸗ chen Heirath. Der Graf ſollte nach Paris eilen, ſich dort mit Florinen verſöhnen, ſie zum Traualtar führen und dann mit ihr zurückkehren und getroſten Muthes abwarten, was ſeine Mutter und die Welt dazu ſagen würden. Zwar hatte der Graf in dieſem Augenblick keine Ahnung davon, wie nahe ich dem Herzen ſeiner Geliebten ſtand. Aber wenn mein Plan gelang— und wie hätte er nicht gelingen ſollen?! ſo mußte er es ja nothwendig erfahren und ſchwerlich würde es ſeinem Zartgefühl dann angenehm geweſen ſein, wenn die Tochter ſo unmittelbar, in eigenſter Perſon, die Frei⸗ werberin der Mutter gemacht hätte. Deshalb zog ich nicht nur die ſchriftliche Erörterung überhaupt vor, ſondern ich richtete meinen Brief auch ſo ein, daß er nur für Waldemar verſtändlich war, nämlich wenn er ihn verſtehen wollte, während der Name meiner Mutter ſowie die Einzelnheiten des Verhältniſſes völlig aus dem Spiele blieben. Ich ſchilderte ihm alſo nur im Allgemeinen die Qualen einer unbefriedigten Lei⸗ denſchaft, erinnerte ihn an die Verſicherungen und Schwüre, die er ſo oft vor meinen Ohren wiederholt 182 und ermahnte ihn zu bedenken, was er ſeiner Pflicht, ſeiner Ehre und vor allem ſeinem eigenem Herzen ſchuldig ſei. Ich verkenne, ſetzte ich hinzu, die Schwierigkeiten nicht, die ſich meinem Verlangen ent⸗ gegenſtellten: doch hätte ich Mittel in Händen ſie zu beſeitigen, von denen er jetzt noch keine Ahnung und die ich ihm mit Freuden zur Verfügung ſtelle, ſo⸗ vald er ſelbſt es nur wolle. Damit ſpielte ich auf mein Verhältniß zu Flo⸗ rine an und in der That zweifelte ich keinen Augen⸗ blick, daß, wie groß der Stolz der wunderbaren Frau auch ſein und welche Gründe ſie bisher auch gehabt haben mochte, die Hand des Grafen auszuſchlagen, ſie doch kein Bedenken tragen würde, dieſelbe anzu⸗ nehmen, wenn es die eigene Tochter war, die ihr den Geliebten zuführte.— Es war meine Abſicht geweſen, Waldemar den Brief perſönlich zu übergeben und mündlich zu er⸗ läutern, was darin etwa noch unklar geblieben ſein ſollte; es iſt immer leichter über etwas zu ſprechen, was der Andere der Hauptſache nach ſchon kennt, als einen mißlichen Gegenſtand ganz von Anfang an mündlich zu verhandeln. Doch hatte das Abenteuer im Walde mich 6 mehr angegriffen als ich ſelbſt geglaubt hatte; ein 183 fleines Unwohlſein, als Folge deſſelben, nöthigte mich am folgenden Tage mein Zimmer zu hüten. Um keine Zeit zu verlieren, übergab ich den für Waldemar beſtimmten Brief meiner Zofe, mit dem Auftrag ihn auf das Zimmer des Grafen zu tragen. Der Blick, mit dem das einfältige Ding mich anſah, da ich ihr den Brief in die Hand gab, hätte mich unter andern Umſtänden gewiß tief empört. Indeſſen meiner guten Abſicht mir bewußt, achtete ich nicht darauf; mochten die Leute mich doch kurze Zeit in einem thörichten Ver⸗ dachte haben, es geſchah ja für meine Mutter. Auch war ich feſt entſchloſſen, falls auch dies letzte Mittel ohne Wirkung bleiben ſollte, das Schloß zu verlaſſen und auf gut Glück zu meiner Mutter zu eilen; Wal⸗ demar war dann wirklich ein Unwürdiger und die Bedauernswerthe bedurfte dänn eines Herzens, ſie zu tröſten und für den Verrath ihrer Liebe zu entſchädigen. Den Brief an meine Mutter gab ich dem Reit⸗ knecht mit, der eben mit Briefen und Aufträgen des Grafen auf die nächſte Poſtſtation ritt. Dann ſetzte ich mich in mein Eckchen und ließ den Blick vergnügt durch das kleine Zimmer ſchweifen, auf welchem das Auge meiner Mutter mit ſoviel Wohlgefallen geruht hatte; ich glaubte meine Sache wieder einmal außerordentlich klug gemacht zu haben..... Achtes Puch. Schuld und Buße. ————— Erſtes Capitel. Neue Gäſte. Mein Unwohlſein war ernſtlicher als ich geglaubt hatte, ich mußte einige Tage das Bett hüten und auch nachdem ich daſſelbe verlaſſen, fühlte ich mich 5 noch zu angegriffen, um in den Geſellſchaftszimmern zu erſcheinen. Ich bedauerte dies einigermaßen, theils weil es mir die mit ſo viel Spannung erwartete Mit⸗ theilung des Grafen verzögerte, theils auch weil ich fürchtete, Rudolph möchte abreiſen, ohne daß ich ihn noch einmal geſehen und ihm noch ein letztes freund⸗ liches Wort zum Abſchied geſagt hätte. Und das hatte er doch gewiß um mich verdient, der wackere Freund, der ſich noch zuletzt, bei dem Abenteuer auf der Jagd, ſo muthig und theilnehmend gezeigt hatte⸗ Doch ſollte ich über dieſen letztern Punkt bald 188 beruhigt werden, indem meine Zofe mir erzählte, daß zwar die übrigen Gäſte am nächſten Morgen das Schloß mit Sack und Pack verlaſſen würden, Herr Rudolph aber habe ſeinen Entſchluß geändert und werde wohl den ganzen Winter übet auf dem Schloſſe bleiben. Ich mußte mir einigen Zwang anthun, um das Mädchen nicht merken zu laſſen, wie angenehm dieſe Nachricht mir war; kam es mit dem Grafen noch zu irgend einer Kataſtrophe, ſo war ich gewiß, an Rudolph einen Freund zu haben, auf deſſen treuen und uneigennützigen Beiſtand ich mich verlaſſen durfte. Als ich am nächſten Morgen in das Geſellſchafts⸗ zimmer herunterkam, fand ich meine alte Gräfin völlig einſam; nicht nur die Gäſte, die bisher ſo viel Leben im Schloß verbreitet, hatten daſſelbe verlaſſen, ſondern auch Graf Waldemar ſelbſt, dieſes Muſter eines Wirthes, hatte es für ſeine Pflicht gehalten, ihnen noch auf einige Tage das Geleit zu geben. Auch der Rittmeiſter, der ſich ſolche Gelegenheiten nicht leicht entgehen ließ, hatte ſich der luſtigen Reiſegeſell⸗ ſchaft angeſchloſſen. Nur der Maler war zurückge⸗ blieben; er werde wohl im Walde ſtecken, meinte die Gräfin, und ſich irgend einen alten ſtattlichen Baum ausſuchen, den er in ſeine Seele aufnehmen“ könnte. Der Gegenſatz zwiſchen dem Lärmen, der ſo viele 189 Wochen in dieſen Räumen geherrſcht hatte, und der Stille, die jetzt wieder in dieſelben eingekehrt, war groß, aber für meine erſchöpften Nerven nicht un⸗ erwünſcht. Rudolph, der ſich eine förmliche Werkſtatt im Schloſſe eingerichtet hatte und ſehr eifrig über allerhand Entwürfen und Plänen war, ließ ſich faſt nur zur Theeſtunde blicken; wenn er aber erſchien, war er ſanft und mittheilſam und ſuchte uns beide vereinſamte Frauen ſo gut zu unterhalten, wie nur ir⸗ gend in ſeinen Kräften ſtand. Dagegen frappirte es mich ſehr, daß Waldemar im Stande geweſen war, das Schloß gerade jetzt zu verlaſſen, wo er doch wiſſen mußte, mit welcher Spannung ich ſeiner Antwort entgegenſah. War es vielleicht gerade dieſe Antwort, der er aus dem Wege gehen wollte? Dachte er vielleicht, es wäre Antwort genug, daß er auf einen ſolchen Brief, in einer ſolchen Angelegenheit, ſtatt jeder andern Erwiederung ein⸗ fach die Flucht ergriff? Ich hätte es begreifen können, wenn die Reiſe irgend einen andern ernſten Zweck gehabt: aber blos um einige lockere Freunde zu be⸗ gleiten, Freunde, deren Geſellſchaft er doch eben lange genug genoſſen, das ſchien mir in der That ein etwas bedenkliches Zeichen. Aber vielleicht hatte die Reiſe doch einen anbern 190 ernſthafteren Zweck; vielleicht benutzte er ſie nur als Vorwand, um alle Zurüſtungen zu treffen zur Aus⸗ führung meines Planes. Ja wer weiß, da er ja ſo ſcharfſichtige Aufpaſſer hatte, war es ihm auch viel⸗ leicht gelungen, den Aufenthalt der Geliebten her⸗ auszubringen und während ich noch zweifelte und zagte, flog er bereits auf Flügeln der Sehnſucht, um zu ihren Füßen ein Glück zu finden, das ſie ihm bisher ſo grauſam verweigert. Jedenfalls war dies eine von den Situationen, wo nichts hilft ais Geduld und ſo ſuchte auch ich mich in Geduld zu faſſen; ich las meiner alten Gräfin franzöſiſche Romane vor, ließ mir von Rudolph ſcharf⸗ ſinnige äſthetiſche Unterſuchungen vortragen, und ſpann den Faden meiner Gedanken übrigens ſtill fort, wie es gehen wollte. Endlich kam der Graf zurück, aber o weh, er kam nicht allein, ſondern wieder brachte er eine ganze Horde fremder Gäſte mit, lauter Nachbarn, echte Junker vom Lande, Alles Leute, die nicht reich genug waren oder auch von zu vierſchrötigen Sitten, um die feinen Zirkel in der Reſidenz mitzumachen und die ſich daher ſehr erfrent zeigten, eine ſo gute Gelegenheit zu finden, wie ſie ihre winterliche Langeweile los werden konnten. Das Leben im Schloß wurde nun noch viel wüſter 191 und lärmender als zuvor; das unfreundliche Wetter duldete keine Excurſionen ins Freie und ſo wurde Rauchen, Trinken und Spielen und noch einmal Rauchen, Trinken und Spielen ſo ziemlich die Tages⸗ ordnung im Schloſſe, wobei nur das Gute, daß we⸗ nigſtens wir Damen davon dispenſirt waren. Anfangs fühlte ich mich ſtark verſucht, auch hierin eine bösliche Abſicht des Grafen zu erkennen; er hatte dieſe Gäſte mitgebracht, um jedem Beiſammenſein mit mir deſto leichter aus dem Wege gehen und ſich der Beantwortung meines Briefes um ſo ſicherer entziehen zu können. Doch hatte ich ihm damit doch wohl Unrecht gethan; denn gleich an einem der erſten Tage nach ſeiner Rückkehr, da er mir zufällig im Vorſaal begegnete, faßte er meine Hand und flüſterte mir zu: „Ich habe Ihren Brief erhalten— aber wie unvorſichtig waren Sie, ſolche Dinge dem Papier an⸗ zuvertrauen! Dennoch haben Sie Dank dafür, tauſend Dank, Helene— und denken Sie nichts Arges von mir, wenn auch noch einige Zeit vergeht, bis Sie meine volle Antwort erhalten. Sie ſehen ja, wie ſchwer die Pflichten der Gaſtlichkeit auf mir liegen und wie wenig ich Herr meiner ſelbſt bin—“ In dieſem Augenblick kam die Gräfin aus ihrem Zimmer und wir mußten ein Geſpräch abbrechen, 192 das allerdings nur wenig Befriedigendes für mich hatte, aber doch wenigſtens dazu diente, meinen Muth aufrecht zu erhalten und meine ſchwärzeſten Befürchtungen zu verſchenchen. Nur der eine Ge⸗ danke peinigte mich noch, daß am Ende Florinen's Antwort noch eher eintreffen könnte, als Graf Wal⸗ demar ſich erklärt hatte. Nach dem Poſtenlauf durfte ich jeden Tag einem Briefe von ihr entgegenſehen; wenn ſie meine Andeutungen verſtanden hatte und hatte meinen Verſicherungen Glauben geſchenkt und Waldemar zeigte ſich nun hinterdrein als ein Elender, wie ſtand ich vor ihr da und was ſollte ich erwiedern?! Ich merkte, daß es doch nicht ſo leicht, die Mittelsperſon zwiſchen zwei Liebenden zu machen, die mit ſich ſelbſt nicht fertig werden können und verwünſchte in der Stille den gutmüthigen Vor⸗ witz, durch den ich in dieſe kritiſche Lage gekom⸗ men war. Zweites Capitel. Der Verrath. So ſaß ich eines Vormittags in meinem Zim⸗ merchen, die Gräfin war zu einem Beſuch in der Nach⸗ 8 barſchaft gefahren, die Herren aber ſaßen bei einem jener Frühſtücke, denen der junge Hausherr ſo mei⸗ ſterlich zu präſidiren verſtand und die ſich jetzt nicht ſelten bis in die Nacht verlängerten. Ich blätterte in den Briefen, die ich von Florinen im Lauf der letzten Monate erhalten und wie die Thüren unten auf⸗ und zugingen und die Diener hin⸗ und wie⸗ der liefen, hörte ich in einzelnen abgeriſſenen Tönen den wüſten Lärm des Zechgelages zu mir heraufdringen und freute mich doppelt meiner ruhigen, behaglichen Umgebung. Plötzlich ward die Thür aufgeriſſen und herein ſtürmte Rudolph. Er ſah noch viel bleicher aus als gewöhnlich, die ſchwarzen Haare hingen ihm wild um die Stirn und die Augen rollten unſtet in ihren Höhlen. 3 „Aber, Herr Rudolph,“ rief ich, da er mitten im Zimmer ſtehen blieb und vergebens nach Wor⸗ ten zu ſuchen ſchien:„um des Himmelswillen, was iſt das 2! Sie dringen unangemeldet in mein Zim- mer— iſt Feuer im Schloß? Oder welch anderes Unglück kommen Sie mir zu melden?“ Statt aller Antwort ergriff er meine Hand, führte mich dicht ans Fenſter, ſtarrte mir lange ins Geſicht; dann meine Hand krampfhaft von ſich ſchlendernd: 1856. X. Helene. III. 13 194 „Nein, nein,“ rief er,„es iſt nicht möglich, nicht dieſes Geſicht kann lügen, ſondern er hat gelogen, er, der Elende, der Verräther!“ Ich glaubte wirklich nicht anders, als der Un⸗ glückliche habe den Verſtand verloren und ſah mich nach der Klingel um, nach der Dienerſchaft zu ſchellen. Aber Rudolph verſtand meine Bewegung. „Sie werden,“ ſagte er, indem er mich mit ſanfter Gewalt, aber doch mit Gewalt auf meinen Sitz zurückführte und in einiger Entfernung eben⸗ falls Platz nahm:„Sie werden jetzt nicht nach Ihrer Dienerſchaft ſchellen, Fränlein Helene, ſondern Sie werden die Gnade haben mich anzuhören— o ja die Gnade,“ wiederholte er mit entſetzlichem Lachen: „denn in der That ſtehe ich vor Ihnen wie ein armer Sünder und an Ihrer Lippe hängt jetzt Tod oder Leben. Helene, Sie wiſſen, ich habe nie viel Worte machen können, meine Zunge iſt ſchwerfällig wie mein Geiſt; ich bin ein häßlicher, abgeſchmackter, widerwärtiger Menſch— aber ſagen Sie mir, daß Sie mich lieben, ſagen Sie, daß Sie die Meine werden wollen und ich räche Ihre Ehre und jage dem elenden Verläumder eine Kugel durch den Kopf!“ 195 „Meine Ehre?!“ ſtammelte ich:„Wer iſt der Flende, von dem Sie ſprechen? Und was iſt meiner Ehre wiederfahren, daß ſie eines Vertheidigers bedarf?“ „Später, ſpäter,“ drängte Rudolph:„Jjetzt be⸗ antworten Sie erſt meine Frage! O freilich, ich bin häßlich wie die Nacht, ich bin ein Scheuſal, die klei⸗ nen Kinder fangen an zu weinen, wenn ſie mich ſehen: aber vielleicht iſt die Kugel ja bärmherzig— barmherzig mit Ihnen und mit mir: vielleicht nimmt ſie ihren Weg durch dies allzuheiße Herz und die nächſte Stunde befreit Sie von einem Gelübde, das mir blos das Recht geben ſoll für Sie zu ſterben. Ich muß ein Recht an Sie haben, Helene, wenn ich für Sie ſterben will, ſehen Sie, da liegt es: man ſoll mir nicht nachſagen können, ich habe mich ge⸗ ſchlagen wie ein Narr für ein Mädchen, das mich nicht kennt und nichts für mich fühlt, ſondern ich will ſterben für die Ehre meiner Braut, für Ihre Ehre, Helene!“ Es war mir unmöglich, in dieſe tollen Aus⸗ rufungen und Verſicherungen irgend einen Zuſam⸗ menhang zu bringen; nur ſoviel ſah ich aller⸗ dings wohl, daß ſich irgend etwas Außerordent⸗ liches zugetragen und daß irgend Jemand gewagt 13* 196 haben mußte, meinen Namen anzutaſten. Inſtinct⸗ mäßig ſiel ich auf den alten Rittmeiſter, dem ich, ſeir dem, was Florine mir über ihn entdeckt hatte, alle möglichen Schlechtigkeiten zutraute. „Hätte der Rittmeiſter—2“ ſtammelte ich. „Ah was der Rittmeiſter,“ erwiederte Rudolph ungeduldig,„der Rittmeiſter iſt nur der ſchmutzige Wiederhall deſſen, was der Graf ihm eingeflüſtert—“ „Der Graf?!“ kreiſchte ich, mein Antlitz mir den Händen bedeckend; eine entſetzliche Ahnung dämmerte in mir auf.... „Gewiß, der Graf,“ wiederholte Rudolph mit furchtbarer Beſtimmtheit:„Sie wollten mir ja nicht glanben, als ich Sie vor ihm warnte, nun haben Sie den Beweis— Oder hätte er doch recht? Hätten Sie ihm wirklich einen Brief geſchrieben, in dem Sie ihm Ihre Liebe geſtanden und ihn um Erhörung angeſteht haben? Haben Sie es gethan? Sprechen Sie, ſprechen Sie, Helene, geſtehen Sie es und wenn es wahr iſt— es ſoll kein Menſch davon erfahren außer mir, und ich will doch hingehen und will ſagen, es ſei eine Lüge und will ſterben für Sie mit der Lüge im Herzen und mit dem Lächeln auf der Lippe!“ 5 Halb bewußtlos war ich in meinen Seſſel zu⸗ rückgeſunken. „Mein Brief! mein Brief!!“ wimmerte ich; es begann mir furchtbar zu tagen. „Ja,“ ſagte Rudolph,„Ihr Brief, Helene. Wir ſaßen beim Wein, Sie wiſſen, wie das ſo unter Männern geht, der Graf und ſeine Freunde, und ſprachen von dieſem und jenem, von Frauen, Pferden, Hunden— Sie kennen ja die Litanei unſerer ſchönen Gei ſter— und auch von Ihnen ſprachen wir, Helene, und daß Sie ſchön ſind wie ein Engel des Him⸗ mels und mein Herz erglühte und ich pries Sie, daß Sie das vollkommenſte und reinſte aller Weiber wären auf Erden— und— und— ja nun und? Wie war es doch weiter? warten Sie mal...“ Es war ein entſetzlicher Anblick, wie der todt⸗ bleiche zitternde Mann die Finger gegen die Stirn preßte und ſich beſann, ſo ſchwer, ſo ſchmerzlich und die Augen rollten dazu aus einem Winkel des Zimmers in den andern mit ſolcher Raſtloſigkeit als hätte wirklich der Wahnſinn ſich über ſeine Sinne gebreitet und ich hörte ſchon das Rauſchen ſeiner mächtigen Flügel. Endlich nach einer Pauſe fuhr er fort: „Ja richtig, ſo war es: der Graf ſagte, ich 198 ſei ein verliebter Geck und Fräulein Helene dächte nicht an mich und er habe einen Brief von Ihnen, in welchem Sie Ihr Herz ihm zu Füßen legten— und als Zeugen rief er den Rittmeiſter auf und der Rittmeiſter lächelte und ſtrich ſich den Bart und nickte—“ „Der Rittmeiſter?!“ ſchrie ich außer mir:„O, ſo ſchießen Sie den Rittmeiſter nieder wie einen Hund und fordern Sie dann als Preis von mir, was Sie begehren!“ „Darf ich? darf ich?!“ jubelte der Maler, in⸗ dem er mich mit wahnſinniger Freude umſchlang: „Und ich darf ſagen, daß Sie mich lieben und daf Sie mir aufgetragen haben, Ihre Ehre zu rächen?!“ „Alles, Alles,“ rief ich, meiner Sinne nicht mächtig:„Alles dürfen Sie, nur ſchaffen Sie mir meinen Brief wieder und rächen Sie mich an den Elenden, die es gewagt haben, mich ſo zu hin⸗ tergehen— mich und meine arme, arme ſchöne Mutter!!“ Aber ſchon hörte Rudolph mich nicht mehr; nur einen leiſen Kuß hauchte er auf meine Stirn, ließ mich dann ſanft in die Ecke meines Divans nieder und gleich darauf hörte ich ſeinen eiligen Tritt die Treppe hinunter poltern. ——— 199 Drittes Eapitel. Aufklärungen. Wie mir zu Muthe war? Ja wer das ſchil⸗ dern könnte! Der Kopf brannte mir und alle Pulſe ſchlugen, während meine Zähne krampfhaft gegen einander ſchlugen. Ich ſelbſt habe den Zuſammen⸗ hang der unſeligen Begebenheit erſt viel ſpäter voll⸗ ſtändig einſehen und verſtehen lernen. Graf Walde⸗ mar, trotz ſeines unſchuldigen kindlichen Anſehens, war in der That ganz der leichtſinnige Wüſtling, als welchen das Gerücht ihn mir früher geſchildert hatte. Auch meine unglückliche Mutter war ſein Opfer geworden; vielleicht, wie ſie ſelbſt ahnte, zur Vergeltung ſo manchen Unheils, das ſie in den Herzen der Männer angerichtet, mußte es ihr begegnen, ihre letzte glühende Leidenſchaft auf einen Gegenſtand zu werfen, der derſelben vollkommen un⸗ würdig war. Seine Liebesklagen, ſeine Schwüre, ſeine Eheverſprechungen, es war Alles dieſelbe unwür⸗ dige Komödie; nachdem er erreicht hatte, was er erreichen wollte, war er der Erſte, ſich von ihr zurück⸗ zuziehen und jenes ſchmähliche Anerbieten, das meiner unglücklichen Mutter durch den alten Rittmeiſter, 200 den würdigen Mentor eines ſolchen Zöglings, über⸗ bracht worden war und das ihren Stolz ſo unheilbar verwundet hatte, war von ihm ausgegangen oder doch wenigſtens mit ſeiner Zuſtimmung gemacht worden.— In welchem Maß auch mir die traurige Ehre zu Theil geworden, ſeine leichtfertigen Flammen zu entzünden, habe ich zu meinem Schmerz in der Folge nur allzu genau erfahren. Ver⸗ muthlich ſchien ihm mein armes glattes Geſicht⸗ chen eben gut genug, ihm die Langeweile dieſes Landaufenthaltes zu verkürzen; vielleicht kam es ihm auch pikant vor und war eine angenehme Abwechſelung auf die ſtuͤrmiſche Leidenſchaft der ſchönen Iſabella, es einmal mit der Sentimentg⸗ lität zu verſuchen und ſich unter dem Schleier der Freundſchaft und des Vertrauens, unter der Maste des Kummers und der Verzweiflung in ein junges achtzehnjähriges weltunerfahrenes Herz einzuſchleichen. Ja vielleicht war es auch bloßer Neid gegen Ru⸗ dolph, bloße rohe Prahlſucht, was ihn veranlaßte meinen Brief ſo ſchändlich mißzudeuten und den Ruf eines jungen wehrloſen Frauenzimmers ſo leicht⸗ fertig mit Füßen zu treten. Erleichtert wurde ſeine ſchändliche Abſicht ihm jedenfalls durch die innigen Beziehungen, in denen ich zu ſeiner verlaſſenen Ge⸗ 201 liebten ſtand; er hatte den Genuß, zwei Frauen zu gleicher Zeit zu hintergehen und rächte ſich zugleich an der unbequemen Mahnerin, deren raſtloſe Erin⸗ nerungen ihm läſtig fielen. Oder vielleicht war es Alles auch blos Leicht⸗ ſinn, gedankenloſer, planloſer Leichtſinn, der mit dem lück und der Ehre ſchuldloſer Weſen ſein Spiel trieb— warum? je nun, weil er Unterhaltung brauchte und weil man ihn ja von früh auf daran gewöhnt hatte in ſeiner Umgebung ſtets nur die dienſt⸗ willigen Werkzeuge ſeiner Laune, die unbedeutenden Opfer ſeiner hochgräflichen Begierden zu ſehen. In dieſem Menſchen war eine ſo furchtbare Miſchung der ſcheinbar entgegengeſetzteſten Elemente, Heuchelei und Offenheit, Leichtſinn und Intrigue. Selbſt der äußerliche Begriff der Ehre war ihm, wie die Foige gezeigt hat, trotz ſeiner ritterlichen Manieren und trotz ſeines vielhundertjährigen Stammbaums, ſo abhanden gekommen, daß, nachdem ich einmal einen Blick in den Abgrund dieſes Charakters ge⸗ than, ich mir ſpäterhin niemals mehr habe die Mühe geben mögen, ſeinen Jergängen nachzugehen und mir ein vollſtändiges und übereinſtimmendes Bild von ihm zu entwerfen; er war im Stand ge⸗ weſen, den Scharffinn meiner armen Mutter zu 202 täuſchen, wie hätte ich mir anmaßen dürfen ihn zu ergründen?! Aber ſelbſt dieſe fragmentariſche Kenntniß ſeines Charakters erlangte ich, wie geſagt, erſt in ſpätern Jahren, durch Rudolph's wiederholte und ausführ⸗ ſiche Schilderungen. In jenem Angenblick dagegen, da ich Rudolph's Tritte über den Gang poltern hörte, fehlte mir jeder Schlüſſel des Verſtänd⸗ niſſes und ich konnte nichts als ſprachlos die Hände gen Himmel heben und den Ewigen anflehen mich hinwegzunehmen aus einer Welt, die meine Einfalt und Unerfahrenheit ſo furchtbar an mir rächte.— Als ich endlich wieder zu mir kam, hörte ich, wie im Schloßhof die Pferde vorgeführt wurden. Ich wagte es, durch den Vorhang zu blicken und ſah, wie zwei offene Jagdwagen vorgefahren waren; in den einen ſtieg der Graf mit dem Rittmeiſter und einem jungen Wundarzt, der ſich ſeit einiger Zeit in dem benachbarten Dorfe niedergelaſſen hatte, in den an⸗ dern Rudolph mit einem von den Gäſten des Grafen. Die Bedienten reichten die Piſtolenkäſtchen hinein— waren das nicht die Anſtalten zu einem Zweikampf? Es war alſo wahr, was ich erlebt hatte und kein Traum? Rudolph wollte wirklich, meine Ehre zu 203 rächen, ſeine Stirn der Kugel eines Mannes bieten, den er in tiefſter Seele verachtete? Und wenn Rudolph nun erlag, der Graf war ein gefürchteter Schütze— wenn er nun auch diesmal triumphirte und man brachte den Rächer meiner Ehre zurückgetragen, kalt und bleich und ſtumm— war ich dann wirklich gerechtfertigt? War ſein Blut im Stande, die Thränen meiner unglücklichen betro⸗ genen Mutter aufzutrocknen? Blieb in Waldemar's Händen nicht noch immer der unſelige Brief und konnte er ihn nicht in jedem nächſten Augenblick be⸗ nutzen, das Netz ſeiner Lügen aufs neue auszu⸗ breiten? Verwirrung und Untergang, wohin ich blickte! Oder— oder— wenn Rudolph zurückkehrte— als was kehrte er zurück, welchen Preis hatte ich ihm gelobt, welche Rechte auf mich ihm gegeben? Ging er nicht in den Tod für mich, weil er glanbte, ich liebe ihn?! O und allgerechter Gott, in dieſer entſetziichen Stunde— ich frage mein Herz und mein Herz bleibt ſtumm für ihn... 204 Piertes Capitel. Die Gräfin. Aus einer langen ſchweren Betäubung, in wel⸗ cher ich Zeit und Ort und mich ſelbſt vergeſſen hatte, wurde ich durch den Schein einer Kerze aufgeweckt; der Tag war längſt hinabgeſunken und die Gräfin, die Gräfin Reichenau in eigener Perſon, ſtand vor mir und leuchtete mir mit feierlich kummervollem Ausdruck ins Angeſicht. Es war das erſte Mal, daß meine Gebieterin mir die Ehre anthat mich in meinen vier Wänden zu beſuchen und gleich wie ich die Augen aufſchlug und ihre feierliche Geſtalt vor mir ſah, wußte ich, deß irgend etwas Außerordentliches und Unerhörtes geſchehen ſein müſſe. In demſelben Angenblick aber durchzuckte mich auch die Erinnerung an Alles, was ich ſoeben erlebt und mit lautem Aufſchrei drückte ich die Hände vor die Augen. „Kommen Sie zu ſich, mein Kind,“ ſagte die Gräfin in ruhigem, aber kaltem Ton, indem ſie ſich mir gegenüber ſetzte und das Licht ſorgfältig ſo rückte, daß es ihr nicht in die Augen ſchien:„Es ſind wunderbare Dinge vorgegangen in der kurzen 205 Zeit, daß ich von Hauſe entfernt war, und wenn der Zweck meiner kleinen Reiſe nicht ſo wichtig geweſen wäre, ſo könnte ich faſt wuͤnſchen, ich hätte das Schloß heut nicht verlaſſen. Ich weiß Alles, mein Kind, und begreife Ihre Aufregung, Sie ſind die Verlobte des Malers? Nehmen Sie meinen Glück⸗ wunſch„ 3 Die Stimme, mit der die alte Dame das ſagte, war ſo hart und trocken, daß auch das unbefangenſte und anſpruchloſeſte Herz an dieſem Glückwunſch wohl ſchwerlich eine Freude gehabt hätte. Mir ſchnürte der kalte trockene Ton die Kehle vollſtändig zu, ſo daß ich nur mit einer abwehrenden Bewegung der Hände und einem heftigen Schütteln des Hauptes zu antworten vermochte. „Sie ſind die Braut des Herrn Rudolph,“ wiederholte die Gräfin mit Nachdruck,„der Graf, mein Sohn, der in ſeiner hausväterlichen Sorge noch auf ſeinem Schmerzenslager Ihrer gedachte, hat es mir geſagt und der Maler ſelbſt hat mir die Nachricht beſtätigt. Mein Sohn,“ fuhr die Dame in unerſchütterlicher Ruhe fort,„hat ſich früher immer ſehr gnädig über Sie geäußert, er lobte Ihre Kenntniſſe und Ihren Witz, Dinge, über die ich alte Frau kein rechtes Urtheil mehr habe. Auch der „ 206 Maler iſt ein recht geiſtvoller, braver Mann, ich hoffe, es ſoll eine recht glückliche Partie werden und wiederhole Ihnen von ganzem Herzen meinen Glück. wunſch.“ „Aber, gnädigſte Gräfin,“ ſtammelte ich— „Unterbrechen Sie mich nicht, mein Kind,“ ſagte ſie,„es wird Ihnen bekannt ſein, daß ich das nicht liebe. Auch weiß ich in der That ſchon Alles, was Sie mir könnten ſagen wollen. Es haben heut früh beim Wein gewiſſe Streitigkeiten zwiſchen dem Grafen und Ihrem Herrn Bräutigam ſtattgefunden. Man ſollte ein Wort beim Wein nicht ſo genau nehmen. Indeſſen ich kenne das und weiß, wie die Männer es machen: man hat ſich geſchlagen— nun, danken wir Gott, daß es ſo abgegangen iſt, mein armer Sohn hat einen Schuß durch die Schul⸗ ter bekommen, der Arzt erklärt, die Wunde habe nichts zu ſagen, ich bedaure nur die Wundſchmerzen, die der Graf ausſtehen muß. Allein ich ſehe auch ein, daß ein junger Graf Reichenau ohne Duelle nicht beſtehen kann, wennſchon— wennſchon—“ Hier verlief ſich ihre Stimme in ein unverſtänd⸗ liches Gemurmel. Ich ſelbſt war natürlich dazumal viel zu beſtürzt und in Verwirrung geſetzt als daß ich mir hätte die Mühe geben mögen, den Sinn ihrer 207 Rede zu ergänzen. In ſpätern Zeiten jedoch, wenn ich mir dieſe verhängnißvolle Scene wieder ins Ge⸗ dächtniß rief, konnte ich nur ſchwer der Verſuchung widerſtehen, ihre Worte dahin zu ergänzen, daß ſie hatte ſagen wollen: wennſchon ich gewünſcht hätte, ſein Gegner wäre zum wenigſten ein Edelmann geweſen. Endlich fand ich die Beſinnung ſoweit wieder, daß ich mich im Stande fühlte, das Wort zu ergreifen. „Aber, gnädige Frau Gräfin,“ ſagte ich,„Ihr Wort in Ehren: ſo ſcheinen Sie mir doch über das, was ſich während Ihrer Abweſenheit zugetragen, keineswegs vollſtändig unterrichtet. Daß ein Zweikampf ſtattge⸗ funden, bei welchem der Herr Graf verwundet worden, höre ich mit Beſtürzung aus Ihrem Munde; über die Veranlaſſung des Zweikampfs und was ſonſt unter den Männern beim Wein vorgefallen,“(ich wiederholte abſichtlich ihr eignen Worte)„ſo erzeigen Sie mir wohl ſpäterhin die Gnade, mich davon zu unterrichten. Was dagegen dies anbetrifft, gnädige Gräfin, daß Sie mich die Verlobte des Herrn Rudolph nennen, ſo erlaube ich mir Sie zu verſichern.“—— „Nun?“ fiel mir die Gräfin mit rauher Stimme rins Wort:„Sie wollen doch nicht etwa Ihren eigenen Bräutigam Lügen ſtrafen? Oder hat das Köpſchen ſich ſchon wieder anders beſonnen? Laſſen Sie ſich 208 etwas ſagen, mein Kind,“ indem ſie ganz dicht zu mir heranrückte:„Sie ſind die Braut des Malers Rudolph und werden es bleiben, heut und morgen und bis zum Tage Ihrer Hochzeit, und werden Gott danken auf Ihren Knieen, daß Sie es ſind und bleiben dürfen. Ich bin,“ fuhr die Gräfin fort, in⸗ dem ſie ſich langſam erhob und die Arme auf dem Rücken kreuzend, mit gemeſſenen Schritten vor mir auf⸗ und abging:„Ich bin eine gutmüthige Frau, die gerne Jedem zukommen läßt, was ihm gebührt, meine Dienerſchaft iſt zum großen Theil ſeit zwanzig Jahren und länger in meinem Hauſe und mit meinem Willen geſchieht keinem Thier in meinen Ställen ein Unrecht. Aber öffentliche Scandale— das laſſen Sie ſich geſagt ſein, mein gutes Fräulein— öffent⸗ liche Scandale dulde ich in meinem Hauſe nicht und ein öffentlicher Scandal iſt vorgefallen, und zwar um Ihretwillen und durch Ihre Schuld, und der Scandal kann nur gut gemacht werden, wenn Sie als Braut des Malers aus meinem Hauſe gehen...“ „Oder,“ ſetzte ſie höhniſch hinzu,„wiſſen Sie vielleicht eine andere Partie? Haben Sie noch einen dritten Liebhaber an der Hand? Denn als Braut, das ſteht feſt, müſſen Sie aus meinem Hauſe— Sie wollen wiſſen warum? Nun ja doch: weil Graf 209 6 Waldemar Bräutigam iſt, weil es mir enblich ge⸗ ungen iſt, heut, in dieſer Stunde, während Sie dieſe unſelige Verwirrung über mein Haus brachten, das von mir ſeit langem ins Auge gefaßte Bündniß mit Gräfin Conſtanze zum Abſchluß zu bringen und weil ich nicht will, daß es zum zweitenmal auseinander gehen ſoll— um Ihretwillen, mein Fräulein, wie es ſchon einmal auseinander gegangen iſt um der Schauſpielerin willen, Ihrer Freundin— o, wir wiſſen ſehr wohl, was dieſe Krankheit zu bedeuten gehabt hat und welche Pläne hier geſchmiedet wor⸗ 5en. „Aber,“ fuhr ſie nach einer drohenden Pauſe mit etwas gemäßigterer Stimme fort,„wir wiſſen auch, wie wir uns gegen die Wiederkunft ſolcher Intrignen ſchützen. Der Graf, Conſtanzens Vater, iſt auf ſeinem Gute, morgen, übermorgen, jeden Tag kann ich ſeinem Beſuch entgegenſehen, es darf nicht heißen, Graf Waldemar hat ſich geſchlagen: die Zeugen haben ihr Wort gegeben und Herr Ru⸗ dolph wird wiſſen, was er den Wünſchen eines Cavaliers ſchuldig iſt, der ihm die Ehre angethan hat, ein paar Kugeln mit ihm zu wechſeln. Dieſe Verwundung wird der Graf ſich auf der Jagd, beim Piſtolenſchießen, was weiß ich, zugezogen haben, 1856. X. Helene. III. 2¹0 man wird auf ſeine Unvorſichtigkeit ſchelten, er wird geloben, ſich ein andermal mehr zu ſchonen und die Sache wird abgethan ſein. Sollte ſie es aber ja nicht ſein und ſollte, jetzt oder ſpäter, doch etwas von dem Vorgefallenen verlauten— nun immer beſſer ſich um die Braut eines Freundes ſchlagen als um mein Geſellſchaftsfräulein. Die Ehre eines Bräutigams iſt ein leicht verletzliches Ding, ein Scherz beim Wein auf die Schönheit, ja auf den Gang, die Haltung einer Braut geworfen, kann ſehr empfindlich wirken und ein kleines freundſchaftliches Duell mit einer unſchäd⸗ lichen Kugel durch die Schulter iſt eben der richtige Schluß zu einem muntern Zechgelage. Und dann, mein Kind,“ ſetzte ſie mit Nachdruck hinzu,„hören Bräute auf gefährlich zu ſein, wenigſtens in den Augen der Frauen; was Sie dereinſt für Ihren Mann wer⸗ den, das iſt eine Sache für ſich und überlaſſe ich das Ihrem eigenen Ermeſſen.“ Fünſtes Cayitel. Die Verlobten. Sie ſchwieg, als ob ſie eine Antwort erwartete. Da ich jedoch, ſprachlos vor Entſetzen, in meinem Schweigen verharrte, ſo fuhr ſie fort: — 21¹1 „Herr Rudolph will morgen früh das Schloß verlaſſen, ich wünſche, Sie der Geſellſchaft noch heute als ſeine Braut vorzuſtellen; ſoll ich Ihnen Jemand ſchicken, der Ihnen bei der Toilette be⸗ hilflich iſt? Und wann wollen Sie Rudolph erlau⸗ ben, Sie abzuholen? Ueber die Dauer Ihres eige⸗ nen Aufenthaltes bei mir und wie ſich Ihr näch⸗ ſtes Schickſal überhaupt geſtalten wird, wollen wir ſpäter reden. Natürlich wird Ihr Bräutigam dabei die erſte Stimme haben, ich kenne ſeine Verhältniſſe nicht. Doch will ich Ihnen gern jede Erleichterung verſchaffen, die in meinen Kräften ſteht.“ Damit wollte ſie ſich entfernen. Ich ſprang auf, ſtürzte ihr zu Füßen: „Aber um Gotteswillen,“ ſchrie ich,„erbarmen Sie ſich doch, gnädigſte Frau! Hier waltet ja ein furchtbarer Irrthum: Rudolph iſt ein vortrefflicher Menſch, ich achte und verehre ihn und wünſche mir nie einen treuern und ergebenern Freund— aber...“ „Aber?“ wiederholte die Gräfin lang gedehnt. „Aber ich liebe ihn nicht,“ ſtammelte ich, in Thränen ausbrechend. Die Gräfin zuckte die Achſeln. „Nun, wenn es weiter nichts iſt,“ ſagte ſie, „das giebt die beſten Ehen; machen Sie ſich darum 14 212 keine Sorgen, Kind, ich werde Ihnen Herrn Rudolph herauf ſchicken, er iſt gerade kein Bild von Schön⸗ heit: indeſſen ich denke, es wird ihm doch wohl ge⸗ lingen, Ihr ſprödes Herzchen zu rühren.“— Und ſie ſchichte Rudolph herauf, ich glaube, er harrte ſchon vor meiner Thur, ſo ſchnell, ſo furcht⸗ bar ſchnell trat er ein, lange bevor ich noch Zeit gehabt hatte mich zu ſammeln und einen Entſchluß zu faſſen. Wie er mich erblickte, ſtürzte er auf mich zu, faßte meine Hände und drückte ſie in ſprachloſem Entzücken an meine Lippen. Dann zog er ein zer⸗ knittertes Blatt aus der Taſche. „Hier, hier,“ rief er,„nehmen Sie, es iſt der Brief, den Sie dem Grafen ſchickten, ich habe ihn ihm abgerungen als Siegespreis, es iſt der Dank fur den Kranz, den Sie mir gaben— o ſeit jenem Kranze wußte ich ja, daß Sie mich lieben, lieben müſſen!“ Und dann das verhängnißvolle Blatt in tau⸗ ſend kleine Stückchen zerreißend: „Aber nichts mehr,“ rief er,„von dieſem Unſeli⸗ gen, er hat genug gebüßt— nicht durch ſeine Wunde: ich wollte nur, meine Kugel hätte ſein fal⸗ ſches Herz durchbohrt— aber durch Ihre Verachtung. 213 Da— wie dieſe Stückchen Papier hinflattern, ſo zerflattere auch ſein Andenken zwiſchen uns; keinen Blick habe ich hineingeworfen, ich will nie wiſſen, nie, nie, was Sie dem Grafen geſchrieben— ich will nur Eines wiſſen und immer und immer wieder wiſſen: daß Sie mich lieben, Helene!!“ Und damit ſank er zu meinen Füßen und lachte und weinte und küßte mein Gewand und zeigte mir die kleine Schramme, die ihm die Kugel des Grafen an der Stirn geriſſen und ſprang empor und überſchüttete mich mit Schmeichelworten und erſtickte mit brennenden Küſſen meine Seufzer und Zweifel. Woher ſollte ich den Muth nehmen, mich ihm zu entwinden? Der Glanz der Liebe verklärte ſein ſonſt ſo bleiches Angeſicht, ſein Auge ſprühte flammend in das meine— was ſollte ich ſagen? wo Worte fin⸗ den, ſeine Flammen zu löſchen und doch dies edle, treue, aufopfernde Herz nicht zu zerreißen? „Aber ich fürchte, Rudolph,“ flüſterte ich, mich ſeinen Armen entwindend,„Sie deuten meine Em⸗ pfindungen falſch und ich liebe Sie nicht ſo, wie Sie es verdienen und wie ich Sie lieben ſollte—“ „Sie lieben mich,“ rief er in ſeliger Trunken⸗ heit,„Sie werden lernen mich zu lieben! Bin ich 214 nicht Ihr Bär? Ihr Ungeheuer? Haben Sie mich nicht zu Ihrem Ritter gemacht uud haben mir er⸗ laubt, mein Leben für Sie in die Schanze zu ſchla⸗ gen?“ O gewiß, Sie werden mich lieben, Helene, die Flamme meines Herzens wird das Ihre eigte ich werde beſſer, anmuthiger, liebenswürdiger rden und— Sie werden mich lieben!!“ Er lag zu meinen Füßen, alle ſeine Pulſe beb⸗ ten, ſein Auge hing an dem meinen mit einer In⸗ nigkeit, als ob der letzte Hauch ſeiner Seele auf ſeinen Lippen ſchwebte. Ich gedachte meiner armen unglücklichen Mutter— war das nun Liebe? War das dieſe verhängnißvolle Leidenſchaft, von der ich ſo viel gehört hatte und unter deren grauſamen Streichen das Herz meiner armen Mutter ſo rettungs⸗ los verblutete? Und wenn es Liebe war, wie durfte ich die Verantwortung auf mich nehmen, ein ſo edles großmüthiges Herz ſo furchtbaren Martern Preis zu geben? Mußte ich nicht die Rache des Himmels fürchten, indem ich dieſen Demant, den er in ſeiner unerforſchlichen Weisheit mir ſo unerwartet darbot, mir, dem armen, hilfloſen, verlaſſenen Kinde, zurück⸗ wies? So geliebt zu ſein, ſo zum Wahnſinn geliebt von einem edlen, großherzigen, geiſtvollen Manne, einem Manne, der meine ganze Achtung und Vereh⸗ rung beſaß und den ich noch nie auf einem unedlen oder unſchönen Gedanken betroffen hatte— welch ein Glück war das und wer war ich, dieſes Glück von mir zu ſtoßen?! „Schenken Sie mir nur wenigſtens einige Ge⸗ duld, theurer Rudolph,“ bat ich,„ich bin keineswegs ſo vollſtändige Herrin meines Willens, wie Sie zu glau⸗ ben ſcheinen; eine Freundin, die fern von hier in Paris weilt und ohne deren Rath und Billigung ich einen ſo entſcheidenden Schritt unmöglich thun darf—“ Mehr nämlich wagte ich in Betreff Florinen's nicht zu ſagen, da ich nicht wußte, ob es in ihrer Abſicht lag, mich jemals öffentlich als ihre Tochter anzuerkennen und da ich um keinen Preis die Pläne der verehrten, vom Schickſal ſo ſchwer betroffenen Frau irgend wie kreuzen wollte. Ich weiß nicht, was in meinem Tone lag, das Rudolph ſo mißverſtehen konnte. Aber plötzlich mit verwirrtem Antlitz und ſchadenfrohem Lachen trat er zurück. „Ah ja, richtig“ ſagte er in völlig verwandeltem Tone,„nun verſtehe ich, ja, ja, Sie haben ganz Recht, Fräulein Helene, ich bin wirklich kein Bräutigam, den eine junge Dame ihren Freundinnen präſentiren kann — Dummkopf, der ich war,“ indem er ſich mit geballter Fauſt vor die Stirne ſchlug:„zu denken, ein ſolches Kleinod wäre für mich! Freilich, freilich, Sie können mich nicht lieben noch werden Sie jemals lernen mich zu lieben; ich bin ja viel zu plump, viel zu Dieſes Wort entſchied. „Ich werbe Sie lieben lernen,“ flüſterte ich, in ſeine Arme ſinkend— und eine Stunde darauf pro⸗ clamirte Gräfin Reichenau vor den verſammelten Land⸗ junkern die Verlobung des Malers Herrn Rudolph mit ihrem Geſellſchaftsfräulein Helene; Graf Waldemar, der ſich aus Unvorſichtigkeit mit ſeinem eigenen Gewehr an der Schulter verletzt hatte und deshalb ſein Zimmer hüten mußte, bedauerte ſehr bei dem feierlichen Act nicht zugegen ſein zu können, ließ jedoch durch den Mund ſeiner Mutter die beſten Glückwünſche ver⸗ melden und die Gäſte ergriffen ihre Gläſer und ſtießen an und riefen: Vivat hoch! es lebe das Brautpaar!! 217 Sechsſtes Capitel. Ein treuer Freund. Seit ſechs Tagen war ich Braut. Rudolph hatte, ſeiner Abſicht gemäß, gleich am nächſten Morgen nach der Verlobung das Schloß verlaſſen. Da er ſelbſt ohne nähere Verwandte war und ich ihm, wie ſchon ge⸗ ſagt, von meiner Mutter nichts zu entdecken wagte, ſo war ihm freilich nichts übrig geblieben, als mich für den Augenblick in dem Schutz der Gräfin zurück⸗ zulaſſen. Doch hatte er verſprochen, ſeine Angelegen⸗ heiten in der Reſidenz baldmöglichſt zu ordnen und für ein ſicheres und ſchickliches Aſyl zu ſorgen, bis wir den Tag unſerer Vermählung feſtſetzen könnten. Ich athmete auf, wenigſtens eine Friſt gewonnen zu haben; ſie mußte mir genügen Florinen's Rath und Anweiſung einzuholen. Zu ihrem ſcharfen Ver⸗ ſtande, ihrem edlen, warmen Herzen hatte ich das unbedingteſte Zutrauen; Alles wollte ich ihr klar dar⸗ legen, was mich und den Grafen und Rudolph be⸗ traf und ſie ſollte dann entſcheiden, ob dies Gefühl der Achtung und Freundſchaft das ich für den Letztern empfand, hinlänglich ſei, ſein und mein Lebensglück zu begründen. Oder doch wenigſtens das ſeine: denn für 218 mich ſelbſt wollte ich ja gern auf Glück und Freude verzichten. Den verhängnißvollen Antheil, den Flo⸗ rine ſelbſt an dieſer ungeahnten Entwickelung hatte, hoffte ich dabei umgehen zu könnenz es widerſtrebte meinem Herzen, mich ihr als Verlobte darzuſtellen in demſelben Augenblick, da ſie ſich für immer einer Leidenſchaft entſchlagen mußte, die ſo ganz zum in⸗ nerſten Mittelpunkt ihres Lebens geworden war. Noch war ich mit dieſem Schreiben beſchäftigt und zwar ſo eifrig, daß ich noch keinen Blick ge⸗ worfen hatte auf verſchiedene Journale und Briefe, welche mittlerweile für mich angekommen waren und die meine Zofe mir auf das Zimmer gelegt hatte. Plötzlich fiel mir ein, daß doch möglicher Weiſe ein Brief von Florinen ſelbſt dabei ſein könne und raſch ſprang ich auf, das kleine Paketchen zu durchſuchen. Und richtig, da war ein Brief mit dem Poſt⸗ ſtempel Paris— aber es war eine fremde Hand und auch das Petſchaft meiner Mutter war es nicht. Zitternd erbrach ich das Blatt und was mir daraus entgegenfiel, war nichts Anderes als— mein ei⸗ gener letzter Brief, uneröffnet, wie ich ihn vor einigen Wochen abgeſchickt hatte. In einigen kurzen höflichen Begleitzeilen meldete das Handelshaus, an welches ich nach der Beſtimmung meiner Mutter 219 meine Briefe adreſſiren mußte, daß dieſelbe bereits ſeit einigen Wochen von Paris abgereiſt ſei und zwar ohne eine Adreſſe oder irgend ſonſtige Beſtimmungen zu hinterlaſſen, ſo daß alſo das Handelshaus ſich zu ſeinem Bedauern genöthigt ſehe, mir meinen Brief als unbeſtellbar zurückzuſenden. Abgereiſt, ohne mir geſchrieben zu haben und ohne Nachricht zu hinterlaſſen— um des Himmels⸗ willen, was konnte das bedeuten?! Gutes ſchwerlich; ich gedachte der trüben, lebensſatten Stimmung, welche ſich in ihren letzten Briefen ausgeſprochen und Vorſtellungen und Bilder kreuzten mein ſieberndes Hirn, die ich vergebens zu verbannen ſuchte. Aber nein, nein, thörichtes Herz: vielleicht war ſie ja auch ſchon auf der Rückreiſe, die große lär⸗ mende Stadt hatte ſie unbefriedigt gelaſſen, es drängte ſie auszuruhen an dem Herzen ihres Kindes— ja gewiß war es ſo und vielleicht ſchon morgen, heut, in dieſer Stunde ſonnte ich mich wieder in dem Glanz der geliebten ſchönen Augen! Gewaltſam an dieſem Troſte feſthaltend, durch⸗ blätterte ich mechaniſch den übrigen Inhalt der Brief⸗ mappe. Es war noch ein zweiter Brief an mich da⸗ rin, ebenfalls von einer mir unbekannten Hand, be⸗ deckt mit zahlreichen ſchwer zu entziffernden Poſtſtempeln; der Brief war offenbar weit umhergegangen und hatte vielerlei Irrfahrten gemacht, bis er mich endlich glücklich aufgefunden Neugierig, wer ſo weit her an mich armes unbekanntes Mädchen ſchreiben könne, erbrach ich ihn, mein erſter Blick fiel auf die Unterſchrift und mit verſchwimmenden Augen las ich: Ewig Dein Hermann. Im erſten Moment glaubte ich, ein Traum halte meine Sinne gefangen; ich beſah das Blatt von oben bis unten, drehte es nach allen Seiten— aber nein, es war wirklich von Hermann, meinem Hermann, meinem treuen geliebten Jugendfreunde. O welch eine wunderbare Macht das doch war um die Freundſchaft; als hätte ſein treues theilnehmen⸗ des Herz gewußt, in welcher Rathloſigkeit ich mich eben befand, traf ſein Brief, der erſte und einzige in ſo vielen Jahren, gerade in dem Augenblick ein, da ich ſeines Troſtes, ſeines Rathes am dringendſten bedurfte.* Vergebliche Hoffnung! Auch dieſer Brief ſollte mir nicht den Troſt bringen, den ich erwartete, im Ge⸗ gentheil: die Götter haßten mich und auch er ſollte die Marter meiner Seele nur noch ſteigern, ja ganz neue, ungeahnte Qualen ſollte er hinzufügen und ſollte mich in den tiefſten Abgrund des Elends ſtoßen Es iſt lange her— ſo ungefähr ſchrieb Hermann,— meine liebe kleine blonde Helene, daß wir nichts von einander gehört haben und Land und Meer, viele hunderte, ja tauſende von Meilen haben ſich zwiſchen uns gelegt. Doch bin ich noch immer Dein alter treuer Hermann und auch Du, hoffe ich, wirſt die Meine geblieben ſein und wirſt nicht vergeſſen haben, was wir einander beim Ab⸗ ſchied gelobten.“ In flüchtigen Umriſſen erzählte er dann, wie er auf ſeiner Flucht aus dem Hauſe des Oheims glücklich bis nach Hamburg gelangt, ſich dort als Matroſe auf einem Schiff verdungen, ſpäterhin nach verſchiedenen Reiſen und Abenteuern, eine Stelle als Gehilfe in einem großen Londoner Bankhauſe gefunden und ſich hier durch Fleiß und Anſtelligkeit im Laufe der Zeit ſo heraufgearbeitet hatte, daß ihm die ſchwierigſten und wichtigſten Aufträge zu Theil geworden. Namentlich hatte ſein Principal ihn zur Beaufſichtigung einer gewiſſen großartigen Speculation, bei der das Schickſal des ganzen Hauſes auf dem Spiele ſtand, nach Indien, nach Madras geſchickt, von wo aus auch dieſer Brief ge⸗ ſchrieben war. „Ich hatte mir ſelbſt gelobt, meine Helene, hieß es in demſelben weiter, nicht früher an Dich zu ſchreiben, als bis der Name, den ich trage, wieder ehrlich geworden und ich im Stande wäre, mein Wort zu löſen und durch die Früchte meiner Arbeit Dein und mein Schickſal ſicher zu ſtellen. Dieſes Ziel iſt jetzt erreicht; aus dieſem gefährlichen Lande, das ſo viel kräftige Leben verſchlingt, kehre ich zu⸗ rück, geſund, friſch, voll freudigen Muthes und Herr eines kleinen, mir eigenthümlich zugehörenden Ver⸗ mögen, welches mir die Mittel darbieten wird, den Bau meines Glückes noch weiter zu führen.“ „Nämlich wenn es überhaupt für mich ein Glück giebt und dies zu entſcheiden, theure Helene, liegt nun in Deinen Händen. Fürchte nicht, daß ich mich Dir aufdrängen und aus kindiſchen Erinnerungen, aus Jugendthorheiten und Hoffnungen ein Band fiechten will, das Du ſelbſt vielleicht längſt zerriſſen haſt und das Dich jetzt nur noch drücken würde wie eine Feſſel. Du biſt frei, völlig frei— aber ſage ſelbſt, meine Helene: wenn Du an unſere Jugendzeit zu⸗ rückgedacht haſt— und gewiß Du haſt es, oft und innig haſt Du es, mein Herz ſagt es mir— und 223 haſt die ſtillen traulichen Stunden an Dir vorüber⸗ gehen laſſen, die wir mit einander verlebt: mein ſchweres Krankenlager, wo Du mir das Leben rette⸗ teſt und wo ich zuerſt den reichen Schatz Deiner Seele erkannte; dann die Abende im Garten des Oheims, die Scenen unter dem alten Birnbaum, die nächtliche Erſcheinung, die Dir ſo viel Grauſen erregte und die ſich dann hinterdrein auf ſo furcht⸗ bare Weiſe enthullte; endlich der Morgen unſeres Abſchieds, da Du in Thränen zerfließend meinen Nacken umklammerteſt und mich beſchworſt, Dich mit mir zu nehmen, bis ans Ende der Welt— o meine Helene, wenn Du das Alles bedacht und überlegt haſt und haſt den tiefen Sinn dieſer kindiſchen Träume erwogen: iſt da nicht eine göttliche Gewiß⸗ heit über Dich gekommen, als müßten wir uns noch einmal wiederſehen und als müßte der herben Knospe dieſer verlaſſenen, öden Jugendzeit noch dereinſt ein unnennbares Glück entſprießen— für uns beide, meine Helene?!“ „Aber vielleicht, ſchrieb er weiter, irre ich, vielleicht iſt Alles nur ein Traum geweſen und Du ſelbſt biſt ſchon ſeit langem daraus erwacht. Ja vielleicht, indem ich dies ſchreibe, biſt Du ſchon längſt die glückliche Geliebte eines braven Mannes und 224 der Name Hermann iſt längſt ausgelöſcht von einem andern Namen, der Deinem Herzen theuer geworden iſt. Nun denn, wenn es ſo iſt— ſo verzeihe mir dieſen Brief und halte Dich überzeugt, daß in den innigen und ehrerbietigen Empfindungen, die ich Dir zolle, auch dadurch nichts geändert wird. Zeige dann, ich bitte Dich, dieſen Brief dem Manne Deiner Wahl, ſag'ihm, wie wir uns einſt als Kinderſgeliebt haben, als unſchuldige Kinder— und verſichere ihn, daß er, auch ohne mich zu kennen, in allen Lagen des Le⸗ bens einen Freund und Bruder an mir haben wird, auf 3 er jederzeit zählen kann.“ Siehentes Capitel. Ein Vorſchlag für Erzieher. Der Brief war, wie ſchon erwähnt, aus Ma⸗ dras geſchrieben und mit demſelben Schiffe nach Europa abgegangen, das Hermann ſelbſt nach Eng⸗ land zurückbringen ſollte, wo er ſich nun dauernd an⸗ zuſiedeln und den Bau ſeines Glücks, wie er es nannte, weiter auszudehnen gedachte. Auch hatte er 225 nicht verſäumt, eine Adreſſe in London hinzuzufügen⸗ unter welcher meine Antwort ihn treffen ſollte. Meine Antwort! Aber was ſollte, was konnte ich ihm denn antworten? Hatte ſeine Ahnung ſich nicht erfüllt und war ich nicht ſeit wenigen Tagen die Braut eines Andern— o Gott, eines braven, ehrenwerthen, vortrefflichen, aber eines ungeliebten Mannes?21 Die Verwirrung, in welche ich durch Hermann's Brief gerieth, war unbeſchreiblich. Aus jeder Zeile, jedem Buchſtaben ſah ſein altes treues geliebtes Auge mich an; es war mir, als wären wir nie getrennt geweſen, als müßte jeden Augenblick die Thur auf⸗ gehen und alle die traurige Zerrüttung dieſer Zeit, die alte Gräfin, Waldemar, Rudolph, ja Florine ſelbſt, es wäre Alles nur ein wüſter, beängſtigender Traum geweſen, aus dem die Nähe des geliebten Freundes mich augenblicklich befreien mußte. Denn er war mein geliebter Freund, er und kein Anderer; deutlich fühlte ich es jetzt und auch das ſeltſame, halb mitleidige, halb tröſtende Lächeln, mit welchem Florine mich angeblickt, da ich ihr von Her⸗ mann geſprochen hatte, wußte ich jetzt zu deuten.— Es war eine Eigenthümlichkeit meines Herzens(und zwar, fürchte ich, eine Eigenthümlichkeit, die ich gleich⸗ 1856. X. Helene. III. 1⁵ 226 wohl mit vielen Menſchen theile, namentlich mit Vielen meines Geſchlechtes), daß mein Herz ſich ſelbſt und ſeine eigenen Wünſche immer erſt verſtand, wenn es zu ſpät war und nachdem ich mit eigener Hand Hinderniſſe aufgethuͤrmt hatte, die mir die Rückkehr verſperrten. Was mir geboten ward, verſchmähte ich, um gleich darauf eben dieſem Verſchmähten als einem unſchätzbaren und unerſetzlichen Verluſte nachzujam⸗ mern. Der Oheim hatte doch wohl Recht gehabt: ich war eine Phantaſtin, mein ungeberdiger Sinn hing ſich nur immer an das, was mir verweigert war, die Gegenwart galt mir nichts, während der Glanz einer ungewiſſen Ferne mein träumeriſches Herz unwiderſtehlich beſtrickte. Aber freilich war es auch zum großen Theil die Schuld der verkehrten Erzie⸗ hung, welche ich eben durch meinen Oheim erhalten, daß ich ſo war; die gewaltſame, unnatürliche Unter⸗ drückung eines an ſich berechtigten Triebes, der richtig gelenkt, das Leben verſchönt und unſer Herz reicher und beſſer macht, rächte ſich, die gefeſſelte Phantaſie zerbrach ihre Ketten— aber führerlos, ohne Weg und Steg, trug ihr ungeübter Flügel mich in Re⸗ gionen, wo der Sturmwind des Schickſals mich er⸗ ſe und mich unerbittlich in den Abgrund ſchleu⸗ erte. Und dann noch ein zweiter böſer, böſer Fehler, ja mehr noch als ein Fehler, ein Verbrechen gegen nich ſelbſt und meine Mitmenſchen: es fehlte mir au richtigen Muth zur richtigen Zeit, ich hatte die Kraft nicht, das Recht meines Willens gegen Ein⸗ lüſſe zu behaupten, die an ſich ſelbſt vollkommen löblich und unſträflich ſein mochten, die aber doch niemals da entſcheiden durften, wo die Entſcheidung allein der freien, wohlgeprüften Wahl des eigenen Herzens gebührte. Auch dieſe Muthloſigkeit, habe ich mich ſpäter überzeugt, iſt weit verbreiteter als die Meiſten ahnen und wiſſen, auch diejenigen nicht aus⸗ genommen, die ſelbſt daran leiden. Man klagt ge⸗ wöhnlich nur über Trotz und Eigenſinn und arbeitet bei der Erziehung in der Regel nur dahin, den Willen der Kinder zu brechen; es käme darauf an, zu verſuchen, ob nicht beſſere Menſchen erzogen und glücklichere Schickſale gegründet würden, wenn man es ſich in Gegentheil ange⸗ legen ſein ließe, die Willenskraft des jugendlichen Gemü ches zu ſtärken und ihm Ehrfurcht einzuflößen vor der Stimme ſeines eigenen Innern. Ausgerottet, das verſteht ſich, würden Irrthum und Schuld und Leidenſchaft und Thorheit auch dadurch nicht werden: denn ſie ſind ein allgemeines menſchliches Erbtheil: aber wenigſtens jene elendeſten aller Verbrechen würden ſne werden, 15 228 die Verbrechen aus Feigheit und Schwäche, jene Ver⸗ brechen, die wir ſelbſt gar nicht begehen wollen und die dann doch aufeinmal daſtehen, rieſengroß, mit ihrem ſchwarzen Schatten jede Freude und jede Hoff⸗ nung unſeres Lebens erdrückend. Achtes Cupitel. Auf der Hochzeitreiſe. Und dies war auch mein Verbrechen. Meine ganze Seele jubelte dem fernen Freunde entgegenz; wie vor Jahren, in der Stunde unſerer Trennung, als weinendes Kind, war ich auch heut als erwach⸗ ſenes Mädchen jeden Angenblick bereit mein Schickſal in ſeine Hand zu legen. Aber mir fehlte der Muth es auszuſprechen, mir fehlte die Kraft des Willens, eine Entſcheidung zu treffen und mit klaren und runden Worten zu ſagen: dies will ich und dies will ich nicht. Was ſollte aus Rudolph werden? Was ſollte die Gräfin von mir denken? Was jene ganze glänzende Verſammlung, der ich vor wenigen Tagen erſt als Rudolph's Verlobte vorgeſtellt worden? Mußten ſie nicht Alle meinen, ich ſei in Wirklichkeit das leicht⸗ * 229 fertige, gefallſüchtige Geſchöpf, zu dem man mich ſo gern hatte machen wollen?— Daß meine Gefühle für Rudolph nicht von der Wärme, die er von ſeiner Braut wohl zu fordern berechtigt war, das hatte ich ihm ſelbſt geſtanden und er ertrug es mit der Ergebenheit eines liebenden und hoffenden Herzens. Aber durfte ich ihm auch ſagen, daß ich einen Andern liebte? Und wer war dieſer Andere, der da ſo fern her aus dem Dämmer der Vergangenheit, aus dem fernen fabelhaften Indien auftauchte? Viele Monate waren vergangen, ſeit Hermann den Brief abgeſandt; welche Schickſale konnten inzwiſchen nicht ihn ſelbſt ereilt, welche Veränderungen ſich mit ſeinem eigenen Herzen zugetragen haben?! Daß dies Letztere ein nichtiger Einwand, fühlte ich ſelbſt in dem Angenblick, da ich es dachte. Aber dem Herzen, das ſich ſelbſt belügen will, iſt jeder Vorwand genehm und ſo beruhigte auch ich mich bei der Möglichkeit, daß Hermann's Brief wohl nur die Frucht einer vorübergehenden Aufwallung, vielleicht gar nur eines ſtrengen, freudloſen Pflichtgefühls und daß die ſchönen Töchter Albions wohl bald im Stande ſein würden, ihn über den Verluſt ſeiner armen, thörichten Jugendliebe zu tröſten. Ich dachte— Oder nein, die Wahrheit zu ſagen, dachte ich 230 gar nichts mehr; ich befand mich in einem dumpfen traumhaften Zuſtande, der mich zu keinem Entſchluſſe kommen, keinen Gedanken faſſen ließ. Es hatte ja noch Zeit, Rudolph war ja noch nicht zuruͤck, es wußte ja noch Niemand von dieſem Briefe als ich.. Aber ſchon zwei Tage ſpäter war Rudolph da und mit ihm alle Papiere und Diſpenſe, und was er ſonſt irgend zu einer augenblicklichen Trauung be⸗ durfte. Er war überhaupt der Mann der raſchen Entſchließungen und in dieſem Fall hatte die Unge— duld des Liebenden ſowie der Wunſch, mich bald⸗ möglichſt von dem peinlichen Aufenthalt im Schloſſe der Gräfin zu befreien, ſeinen Eifer noch beflügelt In der Kirche des Dorfes, derſelben Kirche, in deren Umkreis das Grab meiner guten alten Dörte ſtand, ſollte unſere Trauung ſein und unmittelbar danach wollten wir eine Reiſe nach Paris antreten; ich hoffte dort irgend eine Spur meiner Mutter anzu⸗ treffen, deren plötzliches, unerklärliches Verſchwinden mich mehr und mehr beängſtigte. Rudolph wohnte während der wenigen Tage, welche die Zurüſtungen zu unſerer Trauung noch erforderten, bei dem Prediger des Dorfes. Da er aus ſehr natürlichen Gründen jedes Zuſammentreffen mit dem Grafen Waldemar vermeiden wollte, ſo 231 kam kr nur in ſeltenen, gleichſam verſtohlenen Au⸗ genblicken auf das Schloß und dieſe waren dann ſo ausgefüllt mit den Ausbrüchen ſeiner Zärtlichkeit, daß es mir unmöglich war den verhängnißvollen Gegenſtand, der mir auf dem Herzen lag, zur Sprache zu bringen. Und wie konnte ich es überhaupt noch, nachdem ich ſeine Liebkoſungen angenommen? Wie konnten dieſe Lippen, auf denen noch das Feuer ſeiner Küſſe brannte, ihm ſagen: geh, ich will Dich nicht mehr, mein Herz gehört einem Andern?! Endlich in der letzten Nacht vor dem Tage, an welchem die Trauung feſtgeſetzt, war ich zu einer Art von Entſchluß gekommen. Ich wollte Rudolph Alles geſtehen; ich wollte ihm Hermann's Schreiben zeigen, wollte ihm den Zuſtand meines Herzens offen darlegen und er ſelbſt mochte dann über mein Schickſal entſcheiden. Auch was es mit der geheim⸗ nißvollen Freundin auf ſich hatte, deren ich gegen ihn erwähnt, wollte ich ihm ehrlich bekennen; ich kannte Rudolph als Ehrenmann und wußte daher auch, daß das Geheimniß meiner unglücklichen Mutter bei ihm nicht minder gut verwahrt ſein würde als bei mir ſelbſt. Zu gleicher Zeit wollte ich an Hermann ſchreiben— oder noch beſſer, Rudolph ſelbſt ſollte es ſtatt meiner thun; wie ein Opfer, preisgegeben jedem 232 Streiche, woher er auch kam, ſtand ich in der Mitte zweier Kämpfer, mein Herz war todt gepreßt, es wagte ſich nicht mehr zu rühren— ſo mochten denn die Kämpfer ſelbſt die Würfel über mich werfen. Niemand wird verkennen, daß auch dies nur ein Entſchluß der Feigheit war und ſelbſt zu ſeiner Ausführung fehlte mir der Muth. Rudolph kam, trunken von ſeinem nahen Glücke; er umſchloß mich, bedeckte mich mit ſeinen Küſſen, ich hörte Hermann's Brief, den ich zu mir geſteckt hatte, um ihn Rudolph zu geben, raſcheln und kniſtern in ſeiner Umarmung — und während er voraneilte, den Wagen zu öffnen, nahm ich raſch den Brief heraus und warf ihn ungeſehen in die Flamme des Kamins— Lebe wohl, Freund meiner Jugend, Herz meines Herzens 1! Eine Viertelſtunde ſpäter war ich Rudolph's Frau. Auf einer der erſten Stationen, die wir erreichten, faßte Rudolph, halb gedankenlos, halb um die Schweig⸗ ſamkeit zu unterbrechen, in die ich verfallen war, nach den großen franzöſiſchen Zeitungen, die vor uns auf dem Tiſche der Gaſtſtube lagen. Er ſuchte nach einer Neuigkeit, mit der er mich unterhalten und 233 zerſtreuen könne; plötzlich fuhr er mit einem Ausruf des Erſtaunens in die Höhe. „Sieh hier,“ rief er,„theure Helene, dieſer Artikel aus Genua, welche trauervolle Rachricht und welch ein Verluſt für die deutſche Kunſt! Hier wird geſchrieben: Iſabella, die berühmte Schauſpie⸗ lerin, die Du ja auch kennſt, nachdem ſie ſchon ſeit längerm an Schwermuth gelitten, hat kurz nach ihrer Ankunft in Genua in einem Anfall von Lebensüber⸗ druß ſich ſelbſt durch Kohlendampf erſtickt...“ ———— Reuntes Eapitel. Eheſtand. Ein Schleier über die nächſten Jahre!— Nur wer mit dem Herzen lebt, lebt wahrhaft; mein Herz aber war todt, ein armes Aſchenhäufchen, aus dem nur einzelne verlorene Flämmchen in die Höhe züngelten und auch die galten nicht dem Manne, deſſen Namen ich trug, ſondern einem fernen traumhaften Idol, das ich Hermann nannte und auf das ich alle die Liebe und Zärtlichkeit zuſammenhäufte, die N v. 234 ich meinem Gatten verweigerte, ſelbſt wo ich den Schein annahm, als würde ſie ihm zu Theil. Von allen Verbrechen, die ein Menſch gegen den Andern begehen kann, iſt erheuchelte Liebe gewiß das ſchwerſte und das verderblichſte. Haß iſt ſchlimm, aber lange nicht ſo ſchlimm wie dieſes heimliche Gift, das täglich, ſtündlich an unſerm Herzen nagt und unſere Küſſe, unſere Umarmungen, unſere Träume verpeſtet! Gegen den Haß kann ich mich wehren; aber wer ſchützt mich gegen dieſe lächelnde Lüge, die ein Herz an mir begeht, das nur die Aeußerungen der Liebe erträgt und nichts von ihrem innern heili⸗ gen Feuer empfindet?! Dieſes Unrecht beging ich an Rudolph— be⸗ ging es, von dem erſten Augenblick an, da ich die Seine ward. Ganz gewiß, da ich mich einmal ent⸗ ſchloſſen hatte ihm meine Hand zu reichen oder beſſer geſagt, da mir der Muth gefehlt, ihm die wahre Lage meines Herzens zu entdecken, ſo mußte ich nun auch ſoviel Gewalt über mich haben, dem ein⸗ mal gefaßten Entſchluſſe treu zu bleiben; es war ein Irrthum geweſen, ohne Zweifel, und ſogar noch etwas Schlimmeres als ein Irrthum, da ich glanbte, die Gefüble der Achtung und Freundſchaft, welche ich für Rudolph hegte, würden ſich nicht nur allmahlig in mein Herz gegen meine Pflichten zu verhärten und 235 Liebe verwandeln, ſondern ſie würden auch im Stande ſein, das Traumbild zu zerſtören, das meiner Seele vorgaukelte. Allein nachdem ich dieſen Irrweg ein⸗ mal betreten, ſo wäre es nun auch meine Pflicht geweſen, feſt darauf auszuharren und das mit Zwang und Widerſtreben Begonnene durch Ernſt und Beharr⸗ lichkeit zu einer freien That meines Willens zu erheben. Allein ſo wunderſam iſt das menſchliche Herz organiſirt und ſo unberechenbar ſind die Wege, auf denen wir uns von uns ſelbſt verirren, daß gerade das Gegentheil geſchah. So lange Rudolph mein Freund war, ſchätzte und verehrte ich ihn und freute mich ſeines Umgangs; da er mein Verlobter ward, fing ich an, mich vor ihm zu ängſtigen— und ſeit er mein Mann war, erregte ſeine Nähe mir ein unbezwingliches heimliches Grauſen. Vergebens kämpfte ich dagegen an, vergebens drückte ich gleich⸗ ſam die Augen meines Geiſtes feſt ein und warf mich blindlings in die Arme des ungeliebten Man⸗ nes: das verrätheriſche Herz war ſtärker als ich, es pochte, aber es pochte nicht für ihn, deſſen Arme mich umſchlangen, ſondern zwiſchen ihn und mich drängte ſich ein Traum, ein Schatten, ein weſenlo⸗ ſes Etwas, das bei alledem doch ſtark genug war, 236 mich kalt und lieblos zu machen gegen den Mann, dem ich ſo viel verdankte und der ſich ſo innige und aufrichtige Mühe gab, meine Liebe, aber auch meine volle wahre Liebe zu gewinnen. Freilich dauerte auch dies Bemühen ſeine Zeit. Rudolph war, wie wir ihn kennen: ein ſtolzer ſtarrer Geiſt, ſelbſtändig und eigenwillig bis zum Aeußerſten. Er konnte ſich freiwillig beugen, aber keinen fremden Druck ertragen; er konnte der Groß⸗ müthigſte aller Sterblichen ſein, wenn er es ſo beſchloſſen hatte, aber er konnte auch bis zur Grau⸗ ſamkeit hart und unbeweglich ſein, wenn er einmal entſchloſſen war, die Stimme ſeines urſprünglich ſo guten und edlen Herzens nicht zu hören.— Von den Schwächen, die ſich im Lauf der Jahre in Rudolph's Charakter entwickelten und die mir die Bürde meines Lebens denn noch ſehr viel ſchwerer machten, ſind ohne Zweifel die meiſten durch mich erſt in ihn hineingelegt worden. Nur Hingebung erzeugt und erhält Hingebung; man kann ſelbſt nicht gut und herzlich bleiben, wenn man auf ein Herz angewieſen iſt, das Einem nur halb gehört und das bei jeder innigeren Annäherung ſich kalt und fremd in ſich ſelbſt verſchließt. Aber zu einigen Fehlern— dies auszuſprechen bin ich mir ſelbſt ſchuldig— trug 237 Rudolph den Keim doch wohl in ſich ſelbſt, wenn ich auch dabei wieder einräume, daß die trübe, fro⸗ ſtige Atmoſphäre, in welcher ich ihn erhielt, die Ent⸗ wickelung derſelben weſentlich befördert hat.— Ru⸗ dolph war ſehr reizbar und ſehr rückſichtslos in der Art und Weiſe, wie er ſeine Gereiztheit an den Tag legte. Die angeborene Eckigkeit und Schroffheit ſei⸗ nes Weſens trat in ſolchen Momenten des Zornes und der leidenſchaftlichen Erregung in wahrhaft be⸗ ängſtigender Weiſe hervor; er konnte dann nicht nur ausſehen wie ein Tiger, er war es auch wirklich und ach wie oft und unter wie viel tauſend Thrä⸗ nen verwünſchte ich die jugendliche Eitelkeit, die mich zuerſt verführt hatte, mit dieſem Tiger zu ſpielen! Rudolph war ferner ſehr argwöhniſch und miß⸗ trauiſch oder wurde es doch wenigſtens in meinem Umgang. Schon als ich ihm, in der Faſſungsloſigkeit meines erſten Schmerzes, mein Verhältniß zu Flo⸗ rinen oder unter welchem Namen er ſie kannte, zu der ſchönen Iſabella enthüllte, war eine Umſtimmung mit ihm vorgegangen, welche, ſo flüchtig ſie war, von mir doch nicht völlig unbemerkt blieb. Es ver⸗ ſtimmte und beunruhigte ihn, mich in ſo genauen Beziehungen zu wiſſen zu einer Frau, deren hohe künſtleriſche Eigenſchaften er bewunderte, während er 238 leider, beſtochen durch die Meinung der Welt, von ihren übrigen Eigenſchaften minder günſtig urtheilte. Vergebens ſtellte ich ihm vor, wie flüchtig mein Verkehr mit der Dahingeſchiedenen geweſen und wie ſchwer ſie ſelbſt ihre Verirrungen(wenn doch einmal von dieſen Verirrungen unter uns die Rede ſein ſollte) gebüßt hatte; er widerſprach mir nicht, er leugnete nichts, aber der düſtern Gluth ſeiner Blicke ſah ich an, wie er dachte und daß er es in der Stille des Herzens gar nicht ſo unwahrſcheinlich fand, es möchte von dem lockeren Blut der Schauſpielerin auch etwas auf ihre Tochter übergegangen ſein. Ich habe keine Aus⸗ drücke dafür, wie ſehr ich mich gerade dadurch gekränkt und beleidigt fühlte; was auch auf dem Andenken meiner unglücklichen Mutter laſtete, es war meine Mutter und gerade mein Gatte mußte der Erſte ſein, ſie zu vertheidigen. Oder wenn er dies nicht konnte, gut, ſo mußte er wenigſtens den Schleier der Vergeſſenheit darüber ausbreiten und nicht das Herz ſeines Weibes quälen und martern mit Erin⸗ nerungen und Anſpielungen, die mir Thränen der Scham und des Zornes in die Augen triehen. In ſolchen Momenten haßte ich Rudolph— haßte ihn mit einer Kraft und Innigkeit der Seele, die mir leider zu edleren Empfindungen mangelte. 239 Zu allem Unglück war ich im Lauf unſerer Ehe auch noch ſo thöricht(denn ſo weit war es in der That zwiſchen uns gekommen, daß Vertrauen und Offenheit eine Thorheit war), ihm mein Verhältniß zu Hermann zu offenbaren und der Flamme ſeiner Eifer⸗ ſucht dadurch eine neue und höchſt gefährliche Nah⸗ rung zu geben. Es war bald nach der Geburt un⸗ ſeres erſten und einzigen Kindes, eines Knaben, in deſſen großen braunen Augen ich mit ſchmerzlichem Entzucken das Andenken meines fernen Jugendfreun⸗ des zu leſen meinte Unſchuldigen Herzens, wie ich bei allen meinen Verirrungen war, bat ich Rudolph, dem Knaben den Namen des entfernten verſchollenen Freundes beizulegen. Denn niemals, ſo oft ich es mir in der Stille auch vorgenommen, hatte ich den Muth gewonnen, an Hermann zu ſchreiben, ſelbſt nicht, nachdem ich Rudolph mit meinen Beziehungen zu ihm bekannt gemacht hatte, und da ich auch niemals wieder die geringſte Nachricht von ihm erhalten, ſo war er in der That für mich ſo gut wie verſchollen und ver⸗ loren.— Rudolph bewilligte mir meine Bitte zwar: allein auch dies that er wieder mit einem Ausdruck, dem ich deutlich anſah, wie ſchwer es ihm wurde * 240 und daß es nur ein Opfer war, das er meiner jun⸗ gen Mutterfreude nicht hatte abſchlagen wollen. Auch zeigten ſich die Folgen bald und auf eine für mich tief erſchütternde Weiſe. Unſer Knabe wuchs heran und ohwohl er ohne Geſchwiſter blieb und alſo füglich den ganzen Schatz unſerer Elternliebe auf ſeine eine kleine Perſon hätte vereinigen müſſen, ſo zeigte Rudolph doch nur eine ſehr geringe Theil⸗ nahme für ihn. Das Kind war nicht ſchön, im Gegentheil, es war recht häßlich; auch entwickelte es ſich langſam und machte uns durch ſeine häufigen Krankheiten vielfache Noth und Sorge. Das Alles verſtimmte Rudolph und gab ſeinem Verhältniß zu dem Knaben einen Ausdruck von Herbigkeit und Barſchheit, der ihm mein Herz völlig entfremdete. Freilich überraſchte ich ihn einige Male, wie er ſich heimlich bei Nacht in die Kammer des Knaben ge⸗ ſchlichen hatte und ihn mit Blicken der innigſten Liebe und Zärtlichkeit betrachtete, während ſchwere heiße Thränen aus ſeinen Augen tropften. Aber das war immer nur, wenn er mich entfernt wußte; war ich zugegen oder hatte ich gar den Knaben auf dem Arm, ſo ſuchte er ordentlich etwas darin, ſein Vaterherz zu verſtecken und einen rauhen und kalten Ton gegen Sohn und Mutter anzunehmen. —— 241 Zehntes Capitel. Weheſtand. Natürlich folgten die eben geſchilderten Zu⸗ ſtände ſich nicht ſo Schlag auf Schlag, wie ich ſie hier erzähle. Vielmehr ſloſſen Jahre darüber hin, bevor wir uns der gegenſeitigen Enttäuſchung ſo bewußt wurden, wie es denn zuletzt allerdings der Fall war. Und auch dazwiſchen lagen immer wieder ein⸗ zelne Epochen, wo wir Beide mit aufrichtigem Her⸗ zen eine Verſöhnung anſtrebten, und wo namentlich ich den angeſtrengteſten und eifrigſten Willen hatte, eine wahrhaft hingebende, treue und redliche Gattin zu ſein. Aber leider war das Unkraut des gegenſeiti⸗ gen Mißtrauens bereits zu tief gewurzelt, als daß unſere redlichſten Anſtrengungen eine mehr als vot⸗ übergehende Beſſerung zur Folge gehabt hätten; gebrochene Glieder laſſen ſich heilen, aber gebrochene Herzen nicht. Nun geſchah es, daß zu dieſen innerlichen Kämpfen und Sorgen ſich im Laufe der Zeit auch noch die äußerliche Sorge des täglichen Lebens 1856 X. Helene. III. 16 242 geſellte. Die äußere Exiſtenz eines Künſtlers, der ledig⸗ lich auf ſeine Kunſt angewieſen iſt, hat allemal etwas Prekäres und es gehören eigenthümlich ſtarke und be⸗ ſonnene Charaktere dazu, um nicht früher oder ſpäter in Conflicte mit der Proſa des Lebens zu gerathen, die endlich auch den poetiſchen Gehalt des Künſtlers in Gefahr bringen.— Rudolph's erſte Gemälde hatten, wie der Leſer ſich erinnert, großes Glück gemacht. Allein es iſt auch erzählt worden, welche ſtrengen Grundſätze er in Betreff des Zeitgeſchmacks hatte und wie ſehr ſein Künſtlerſtolz ſich weigerte, demſelben irgend welche Zugeſtändniſſe zu machen. Das war gewiß ſehr brav und edel von ihm, nur hätte er dazu müſſen nicht als armer Künſtler geboren ſein, ſondern als reicher Mann; für einen Künſtler, der ſein Ta⸗ lent in Gold umſetzen und Frau und Kind davon ernähren ſoll, wird es immer ein ſehr gewagtes Unternehmen ſein, gegen den verderbten Geſchmack der Zeit anzukämpfen. Nüchtern und mäßig, wie er war, hatte Ru⸗ dolph als Junggeſelle einige Erſparniſſe gemacht und dieſe halfen uns denn über die erſten Jahre unſeres Eheſtandes glücklich hinweg. Auch kam uns dabei die kleine Erbſchaft zu ſtatten, welche meine unglückliche Mutter hinterlaſſen und die ſie mir in 243 einer letztwilligen Verfügung, unmittelbar vor ihrem Tode aufgeſetzt, ausdrücklich zugeſchrieben hatte. Doch war die Summe weit kleiner, als man nach dem ſonſtigen glänzenden Auftreten der Künſt⸗ lerin hätte erwarten ſollen. Die Reiſe, welche Ru⸗ dolph mir zu Liebe gleich nach der Trauung ange⸗ treten und auf der wir den größten Theil von Ita⸗ lien und Deutſchland beſuchten, mochte auch mehr ge⸗ koſtet haben als er veranſchlagt. Dazu kam nun der koſtſpielige Aufenthalt in der Reſidenz, der für Rudolph doch eine Nothwendigkeit war, indem er nur hier hoffen durfte, ſein Talent zur Geltung zu brin⸗ gen; es kamen dazu die häufigen Krankheiten un⸗ ſeres Knaben und andere häusliche Unfälle, die un⸗ ſere Einnahmen verkürzten und die Ausgaben ver⸗ größerten. Das kleine Capital von meiner Mutter war längſt geſchmolzen wie Schnee in der Sonne, Rudolph's Gemälde, ſo ſehr einzelne Kritiker ſie auch prieſen, fanden keine Käufer und bald genug klopf⸗ ten Noth und Sorge an unſere Thüre. Nun mag es wohl ganz wahr ſein, was man ſo oft in Vers und Proſa hört: nämlich daß eine echte wahre Liebe auch Froſt und Hunger überwin⸗ det. Doch gilt dies dann nur immer von der ech⸗ ten wahren Liebe; wo ein Verhältniß ſo künſtlich 16* 244 . und ſo innerlich krank, wie leider das unſere war, da ſind Mangel und Sorge gerade noch die richti⸗ gen Mittel, das, was an ſich ſchon ſchlimm genug iſt, noch immer mehr zu verſchlimmern und die Herzen immer kühler und verdroſſener zu machen. Und zwar war eine von den allerſchlimmſten Folgen dieſe, daß Rudolph, entmuthigt und erbittert durch die Erfolgloſigkeit ſeiner bisherigen Unterneh⸗ mungen, ſich endlich einem völligen Müſſiggange in die Arme warf. Ich mußte immer an das Bild denken, vas er hatte für Graf Waldemar malen wollen und von dem er ſelbſt noch gar nicht gewußt, was es hatte werden ſollen. Ganze Tage, ja Wochen und Monate konnt er vor der Staffelei ſitzen, die rieſigſte Leinwand wurde aufgeſpannt, Blei und Kohle mit größter Sorgfalt geſpitzt, Farben und Pinſel zurechtgerückt— und endlich, nach monate⸗ langem Brüten und Warten, war es doch Alles wie der nichts, die Leinwand war entweder leer geblieben oder der an ſich ſelbſt verzweifelnde Künſtler zerſtörte in dem raſchen Zornausbruch eines Augenblicks, was er in Wochen und Monaten mühſam zu Stande gebracht. Hätte ich das richtige Auge der Liebe gehabt und wäre ich Rudolph überhaupt geweſen, was ich 245 ihm hätte ſein ſollen, ein treu ausharrendes, dul⸗ dendes, mittragendes Weib, ſo würde ich ohne Zwei⸗ fel auch dieſe Schwäche des beklagenswerthen Man⸗ nes mit andern Blicken betrachtet haben; ich würde ſie angeſehen haben als das, was ſie war, eine Krankheit, und auch nach Mitteln ſie zu heilen würde ich in dem Schatz meiner Liebe nicht vergeblich geſucht haben. So dagegen, bei der unſeligen Ver⸗ ſtimmung, die ſich meiner einmal bemächtigt hatte, ſah ich auch hierin nur eine Schuld, ja ein Verge⸗ hen meines armen Mannes. So beſchränkt meine Verhältniſſe auch von früh auf den größten Theil meines Lebens hindurch geweſen, ſo war von dem fanatiſchen Ordnungsſinn des Herrn Nonnemann doch wenigſtens ſopiel in mich übergegangen, daß ökonomiſche Verlegenheiter und Unklarheiten mich ganz außerordentlich beängſtigten. Hent nicht zu wiſſen, wovon wir morgen leben ſollten, das war ein Gedanke, vollkommen hinreichend, mir auch den heu⸗ tigen Tag, ja überhaupt das ganze Leben zu ver⸗ bittern. Hatte ich doch ſo ſchon der Freuden wenig; wenn die täglichen inneren Martern nun auch noch mit äußerer Noth und Sorge erkauft wer⸗ den ſollten, ſo wurde mir der Preis in der That zu theuer.— Rudolph hatte ganz die entgegengeſetzten 246 1 Eigenſchaften: für ſeine Perſon von ſehr geringen Bedürfniſſen, lebte er nicht leichtfertig, aber ſorglos in den Tag hinein; hatte er kein Geld, ſo borgte er und konnte er das Geborgte nicht wieder erſtatten, auch gut, ſo blieb er ſchuldig. Natürlich mußte bei dieſem Grundſatz ſowie bei ſeiner oft monatelangen Unthätigkeit unſere kleine Wirthſchaft bald in die äußerſte Verwirrung gera⸗ then. Eine Verlegenheit drängte die andere, unſere wenigen Bekannten fingen an ſich von uns zurück⸗ zuziehen und da ich meine Beſorgniſſe wegen der ſich immer mehr verdunkelnden Zukunft nicht ver⸗ heimlichte, ſo ſchalt Rudolph mich eine proſaiſche Seele, die für nichts Sinn habe als für die Erbärm⸗ lichteiten der gemeinen Nythdurft und die daher auch gar nicht werth ſei, die Frau eines Künſtlers zu ſein wie er. Und doch hätten vielleicht auch dieſe äußern Sorgen und Anfechtungen ſich noch überſtehen laſſen; ein Talent, wie Rudolph unzweifelhaft war, mußte früher oder ſpäter zur allgemeinen Anerkennung gelan⸗ gen und auch ſein Tiefſinn und ſeine Erſchlaffung waren hoffentlich nur vorübergehend. Vielmehr, was allen dieſen Sorgen, innern wie äußern, erſt ihren wahren Stachel gab, das war, daß ich dabei fort⸗ 247 während Vergleiche anſtellte, welch ein ganz an⸗ deres Leben ich führen und wie viel glücklicher ich ſein könnte, hätte mir nicht im entſcheidenden Au⸗ genblicke der Muth gefehlt und wäre nicht ein ge⸗ wiſſer Brief in einen gewiſſen Kamin gewandert. Wie ich jedoch dazu kam, dieſe Vergleichungen überhaupt anſtellen zu können, da ich ja eben erſt ſelbſt geſagt, daß Hermann ſeit Jahren für mich verſchollen und verloren, das erfordert wohl erſt noch eine eigene Erklärung. Eilftes Capitel. Begegnungen⸗ Ich erwähnte vorhin der wenigen Bekannten, die wir hatten und daß auch dieſe ſich mehr und mehr von uns zurückzogen. Gleichſam zur Ent⸗ ſchädigung dafür, führte das Schickſal mir eine an⸗ dere Bekanntſchaft entgegen: keine neue ſondern im Gegentheil eine recht alte, die mir jedoch eben deshalb ſeit vielen Jahren faſt aus dem Gedächtniß verſchwunden war. Das war mein Vetter Emil, Hermann's Bruder. 248 Gleich dieſem hatte derſelbe, bald nach der un⸗ ſeligen Kataſtrophe, in welche der Oheim verſtrickt worden, ſich dem Handelsſtande gewidmet und zwar wie es ſchien ebenfalls mit dem glücklichſten Erfolg Wenigſtens war Emil's Auftreten in der Geſellſchaft im Verhältniß zu ſeinem Stande und ſeinen ur⸗ ſprünglichen Mitteln faſt ein glänzendes zu nennen. Er war Agent für gewiſſe londoner Handelshäuſer und auch mit ſeinem Bruder Hermann ſtand er in einer, dem Anſcheine nach ſehr lebhaften Verbindung. Durch ihn erhielt ich die erſte Kunde wieder nach langen Jahren von dem werthen Freunde, deſ⸗ ſen Bild noch immer in ſo glänzenden Farben vor meiner Seele ſtand. Emil, ſeit kurzem ein häufiger Gaſt unſeres Hauſes und bald genug der einzige, konnte ſich unmöglich lange darüber täuſchen, wie es eigentlich mit meinem häuslichen Glücke beſtellt war, beſonders da Rudolph ſich gerade in ſeiner Ge genwart ganz beſonders wenig Mühe gab, die wun⸗ den Stellen unſerer Ehe zu verbergen. Wußte Ru⸗ dolph ja doch, daß Emil Hermann's Bruder, wußte er ja doch, daß ich mich mit ihm von dem unge⸗ kannten, niegeſehenen, aber nur deſto glühender ge⸗ haßten Nebenbuhler unterhalten, daß ich durch ihn Nachrichten von ihm empfangen, ja vielleicht gar 249 das gewaltſam zerriſſene Band mit ihm durch Emil's Vermittelung wieder anknüpfen konnte. In der That zeigte Emil ſich dazu nicht nur bereit, ſondern er ermunterte mich dazu ſogar auf die eindringlichſte Weiſe. Ueberhaupt hatte die Gefliſſenheit, mit welcher Emil ſich um meinen Umgang bewarb, etwas Auf⸗ fallendes und hätte mich, wäre mein Geiſt von Na⸗ tur mehr zum Argwohn geneigt geweſen und hätten mir nicht ſo ganz andere Gedanken und Sorgen auf der Seele gelaſtet, wohl ſtutzig machen können, be⸗ ſonders wenn ich mich dabei erinnerte, wie kühl im Grunde unſer früheres Verhältniß geweſen war und wic wenig wir als junge Leute zuſammen harmonirt hatten. Mit großer Aufmertſamkeit hatte er trotz des vielfachen Wechſels ſeines Aufenthaltes meinen Lebensweg im Auge behalten, und nachdem der Zu⸗ fall uns endlich in dieſelbe Stadt zuſammengeführt, hatte er keine Mühe geſcheut, bis es ihm gelungen war, mich in dem weitläufigen Orte ausfindig zu machen. Seitdem war er nun alſo ein faſt täglicher Beſucher unſeres Hauſes, wiewohl die Aufnahme, die er bei meinem Manne fand, nichts weniger als entgegenkommend oder ſchmeichelhaft war. Außer den 250 ſchon berührten Gründen veranlaßten Rudolph dazu auch wohl gewiſſe Gerüͤchte, die über Emil's per⸗ ſönliche Verhältniſſe im Umlauf waren und von denen ich freilich erſt ſpäterhin erfuhr. Insbeſondere wollte man wiſſen, daß die Agenturen, welche Emil angeblich fuhrte, nur ein Deckmantel ſeien für ganz andere und minder ehrenhafte Geſchäfte; Emil, wollte man wiſſen, mache ſich ein Geſchäft daraus, jungen und alten Verſchwendern, denen eben das Meſſer an der Kehle ſitze, Geld zu verſchaffen, na⸗ türlich zu den härteſten Bedingungen, und ihnen dadurch vollends den Gnadenſtoß zu geben. Unter ſeinen Opfern oder richtiger geſagt unter den Mp⸗ fern detjenigen, denen er als Werkzeug diente(denn er ſelbſt machte immer nur den Vermittler) wurde auch ein Name genannt, den ich am liebſten nie wie⸗ der vernommen hätte: Graf Waldemar. Die von der alten Gräfin ſo eifrig ,ins Auge gefaßte. Ehe deſſelben mit der Gräfin Conſtanze war zwar richtig zu Stande gekommen, hatte jedoch einen höchſt unglücklichen Verlauf genommen. Bald nach Waldemar's Verheirathung war die alte Gräfin geſtorben; Conſtanzens Eltern folgten ihr nach weni⸗ gen Monaten. So war der junge Graf zwar unum⸗ ſchränkter Herr eines faſt fürſtlichen Vermögens: . 251 allein auch ein faſt fürſtliches Vermögen kann durch eine mehr als königliche Verſchwendung endlich er⸗ ſchöpft oder doch wenigſtens zerrüttet werden. Und dies Ende ſtellte ſich bei Graf Waldemar ſehr raſch ein. Er trieb die tollſten Streiche, baute Paläſte und riß ſie ein um ſie wieder neu zu bauen, ging die höchſten Wetten ein, ſpielte unſinni⸗ ges Spiel und da er gleichzeitig ſeine zahlreichen Güter fremden Händen zur Verwaltung überließ, ſo gerieth er bald in ſehr unangenehme Derangements. Um ſie zu decken, wurden Summen über Summen aufgenommen und die Einkünfte ganzer Jahre zu Spottpreiſen an Wucherer und Geldmäkler ver⸗ ſchleudert. Es war die Schule ſeiner Mutter und hätte ſie noch gelebt, ſie hätte ſich nicht beklagen dürfen, wenn ſolche Saat ſolche Früchte trug. Der haͤrteſte Schlag traf den jungen Verſchwen⸗ der, als Gräfin Conſtanze, die auf ſeinen Geſchmack ganz eingegangen war, plötzlich durch ein heftiges Fieber dahingerafft ward. Die Ehe war kinderlos geblieben und ſo fielen die ganzen bedeutenden Gü⸗ ter, welche ſie ihm als Morgengabe mitgebracht, an die Familie der verſtorbenen Frau zurück. Da nun auch Waldemar's eigenes Beſitzthum Majorat war, über das ihm nur eine ſehr beſchränkte Verfügung 252 freiſtand, ſo kam er bald in die ſchlimmſten Verle⸗ genheiten, beſonders da auch ſeine eigenen Seitenver⸗ wandten, bei ſeiner Kinderloſigkeit und ſeiner noto⸗ riſchen Verſchwendung, anfingen, ihm etwas genauer auf die Finger zu ſehen. Freilich ſpielte Graf Waldemar bei alledem noch immer eine höchſt glänzende Figur; er hielt ſich noch immer Hunde, Pferde, Wagen wie früher und auch an Schmarotzern und Maitreſſen fehlte es ihm nicht. Doch wußte Jedermann, daß dieſer Glanz nur ein erborgter war und daß wenn die Schmarotzer zur einen Thür hinausgingen, die Wucherer zur andern hinein⸗ kamen— und unter ihnen, wie man behauptete, auch Emil. Zwölftes Capitel. Der Verſucher Wäre mir dieſe Verbindung Emil's mit dem Gra⸗ fen bekannt geweſen, ich würde vermuthlich den Umgang mit ihm gänzlich abgebrochen oder mich doch wenigſtens vorſichtiger und kälter gegen ihn benommen haben. Allein wer weiß nicht, wie es mit Jugenderinnerungen 253 geht; auch der unſcheinbarſte Menſch und der unbedeutendſte Gegenſtand werden uns lieb und ge⸗ winnen Werth und Bedeutung, wenn ſie uns an eine theure, ach auf ewig verſchwundene Zeit erinnern. So erging es mir mit Emil. Ich hatte ihn früher niemals ſo recht leiden können; jetzt dage⸗ gen, da er der Einzige war, der mir aus einer Zeit geblieben, die mir ehedem ſo höchſt unglücklich erſchien und die mir doch jetzt vorkam wie ein verſchwunde⸗ nes Paradies, jetzt faßte ich eine wahrhaft ſchweſter⸗ liche Neigung zu ihm und freute mich jedesmal, wie ſein feines geiſtreiches Antlitz in die Thüre blickte. Auch kam er nie, ohne mir einen Troſt zu bringen, nach dem mein Herz ſo begierig war. Her⸗ mann war mein Abgott, mein Heiliger, von ihm zu hören, mich über ihn unterhalten zu dürfen, der In⸗ begriff meines Glücks. Und dieſes Glück verſchaffte mir Emil im reich⸗ ſten Maße. Während er über das fernere Schick⸗ ſal unſeres Oheims ein diseretes Schweigen beob⸗ achtete, das ich auch in keiner Weiſe zu ſtören für gut befand, war er in Erzählungen von Hermann unerſchöpflich. Durch ihn erfuhr ich, daß derſelbe in der That glücklich nach England zurückgekehrt, 254 daß mein Schweigen auf ſeinen Brief ihn lange in die tiefſte Schwermuth verſenkt und daß er noch jetzt, nachdem er längſt erfahren, daß ich Rudolph's Frau geworden, mir noch immer die innigſte und zärtlichſte Verehrung bewahrte; die glänzendſten Partien, verſicherte mir Emil, hätte ſein Bruder machen können, wenn nicht mein Andenken ihn daran verhinderte.— Einſchalten muß ich dabei, daß ich ſelbſt es geweſen, die Hermann's Brief zuerſt zur Sprache gebracht; ich bedurfte einer Rechtfertigung, zum wenigſten einer Verzeihung und da ſchien es mir das Allernächſte und Natürlichſte, Emil, den Geſpielen meiner Jugend, Hermann's Bruder, zum Vertrauten zu machen. Und mit welcher Zartheit, welchem feinen ent⸗ gegenkommenden Verſtändniß nahm Emil mein Ver⸗ trauen auf! Wie durchſchaute er ſo ganz das Elend meines verfehlten Lebens und wie beklagte er es, daß ich mich nicht an Hermann's treuen Buſen ge⸗ flüchtet, ſo lange es noch Zeit war! „Und es iſt noch Zeit,“ ſagte er,„Sie ſind noch zu jung, thente Coufine, das Leben hat noch zu viel Rechte an Sie, Sie dürfen Gedanken an beſſere Tage noch nicht ſo ganz aufgeben. Iſt Rudolph unſterblich? Kann das Band, das ſie zuſammenfeſſelt „ 255 und das für ihn ſo wenig aus Roſen geflochten iſt wie für Sie, nicht gelöſt werden? Das Herz meines Bruders gehört Ihnen unwandelbar; nur ein Wort, ein Wink von Ihnen und er liegt Ihnen zu Fü⸗ ßen. Schlagen Sie Rudolph eine gutwillige Tren⸗ nung vor; das Einzige, was Sie bei ihm zurückhalten könnte, iſt das Kind, nun und Sie haben mir ja oft mit Thränen geklagt, in wie geringem Grad der kleine Hermann ſich der Liebe ſeines Vaters zu er⸗ freuen hat. Was das hübſch von Ihnen iſt,“ fuhr er fort„daß Sie den Knaben Hermann genannt! Und welche Freude Sie meinem armen Bruder damit gemacht haben! Soll ich Ihnen vorleſen,“ indem er in ſeinem Taſchenbuch blätterte,„was mein armer Bruder darüber ſchreibt? Soll ich Ihnen überhaupt vorleſen, was er von Ihnen ſchreibt, Coufine? Ich trage ſeine Briefe immer bei mir, ſie ſind gar zu rührend „Nein, nein,“ rief ich, in athemloſer Angſt ihm in den Arm fallend,„ich will nichts hören, leſen Sie nichts, ja brechen Sie dies Geſpräch ab: denn es zermartert meine Seele!“ Aber es giebt auch Martern, die ihre Süßig⸗ keit haben und nach denen wir, ſo weh ſie uns thun, immer wieder aufs neue verlangen. Emil wußte die Unhaltbarkeit meiner Ehe ſo deutlich dar⸗ zuthun, er wußte es mir ſo klar auseinanderzuſetzen, welch Verdienſte ich mir um Rudolph ſelbſt und ſeine künſtleriſche Laufbahn erwürbe, wenn ich ihm ſeine Freiheit wiedergäbe, daß ich den Gedanken einer Trennung, der mich anfangs mit Entſetzen erfüllt hatte, allmählig ruhiger erwägen lernte. Rudolph ſelbſt beförderte dieſe unglückliche Eut⸗ wickelung. Als ich eines Tages bei einer der hefti⸗ gen Scenen, zu denen er ſich leider immer häufiger hinreißen ließ, und die ich mit immer weniger Ge⸗ duld aufnahm, in der Heftigkeit des Streites ein Wort fallen ließ, das auf die Möglichkeit einer Schei⸗ dung hindeutete, verſetzte ihn dies in eine ſo furcht⸗ bare rohe Wuth, daß der halbe, farbloſe Gedanke in meinem Innern nun erſt recht Geſtalt und Leben gewann. Bald hatte er mein ganzes Daſein umſponnen; ich mußte los von Rudolph, auf alle Weiſe und um jeden Preis. An die Möglichkeit einer derein⸗ ſtigen innigeren Vereinigung mit Hermann dachte ich dabei nicht; er war mir zu theuer, ich hatte ihn zu lieb, als daß ich ihm dies gebrochene, müde, ver⸗ bitterte Weib hätte zur Gefährtin wünſchen mögen, das ich jetzt war. Vielmehr beſchränkte meine ganze 257 Sehnſucht ſich darauf und der Gipfel meiner Selig⸗ keit wäre es geweſen, hätte ich als Schweſter neben ihm leben, ihn pflegen und warten und ſo die glück⸗ lichſten Tage meiner Jugend erneuern dürfen. Mochte er ſeine Hand dann immer einer Andern reichen, ich beneidete ſie nicht, im Gegentheil: was ich an Hermann liebte, geliebt hatte, ſeit mein Herz zum erſten Mal raſcher geſchlagen, war mir ja doch un⸗ verlierbar, und ſo malte ich es mir aus als das größte Glück meines Lebens, die erſte Dienerin ſeiner Gattin ſeine ihre Kinder pflegen und warten zu dürfen und einſt, wie ſo eine Art alter Dörte, in ſeinem Hauſe, unter ſeinen Angen ſanft auszulöſchen. O Herr des Himmels, warum mufßte eine ſo reine und unſchuldige Flamme ſo entſetzlich gemißbraucht wer⸗ den?! Den einen Theil meines Wunſches habe ich erreicht: ich bin die Pflegerin ſeines Kindes, meiner kleinen geliebten, goldlockigen Helene, der geliebten Erbin dieſer Blätter wie Alles deſſen, was ich irgend beſitze— aber um die andere Hälfte meines Wun⸗ ſches bin ich ſchmählich betrogen worden. 1856. X. Helene. III. 17 Dreizehntes Cayitel. Die Flucht. Rudolph's Stimmung wurde immer finſterer, der Umgang mit ihm immer ſchwieriger, unſere äußere Noth immer dringender. Und da nun auch Emil nicht aufhörte zu drängen und zu mahnen, o wagte ich es eines Tages, während Rudolph brütend vor der leeren Leinwand ſaß, und ſchrieb einen Brief an Hermann, den Emil zu beſorgen verſprochen hatte. Ohne der Vergangenheit in ihren Einzelheiten weiter zu erwähnen, ſchilderte ich dem theuern Jugendfreunde meine gegenwärtige Lage malte ihm das Elend meiner Ehe, die Unzufriedenheit meines Gatten und die täglich zunehmende Verfinſterung ſeines Geiſtes aus und bat ihn, mir offen und brüderlich zu ſagen, ob er eine ſolche Ehe noch für werth halte fortgeführt zu werden oder ob es ihm rathſamer ſcheine, ſie zu löſen.— Gewiß muß eine Frau ſchon ſehr tief ge⸗ ſunken ſein, um eine ſolche Frage einem Dritten vor⸗ zulegen und mag es auch immerhin ihr beſter Ju⸗ gendfreund ſein; wo ein ſolcher Zweifel einmal ent⸗ ſteht, wo er ſogar laut wird, da iſt die Ehe bereits gelöſt und zwar gelöſt durch die Schuld deſſen, dem 259 dieſer Gedanke zuerſt gekommen. Und darum ruht auch alle Schuld der nachfolgenden furchtbaren Kata⸗ ſtrophe allein auf mir; ich erkenne die Hand, die mich gezüchtigt hat und beuge mich vor ihren Streichen. Hermann's Antwort ließ nicht auf ſich warten; ſie wurde mir durch Emil überbracht und ſprach in den lebhafteſten Worten ſeine vollſte und entſchie⸗ denſte Beiſtimmung zu der beabſichtigten Trennung aus. Der Brief ſetzte mich in namenloſe ſüße Ver⸗ wirrung: es war der Brief des glühendſten, hoff⸗ nungsvollſten Liebhabers und ſo gern ich es vor mir ſelbſt verleugnet hätte, ſo ſtiegen hei ſeiner Leſung doch auch in meinem Herzen Hoffnungen und Wünſche auf, die ich vor kurzem noch weit von mir gewieſen hatte. Dem erſten Briefe folgten bald mehrere; in allen ſprach ſich dieſelbe treue Anhänglichkeit, dieſelbe begei⸗ ſterte Hoffnung auf baldige Wiedervereinigung aus. „Glaube nur, thenre Helene, ſchrieb er(und ich kann nicht ſagen, wie wohl mir dieſes vertrau⸗ liche Dus that, gerade ſo wohl, wie die ceremonielle Anrede, mit der Emil, vielleicht aus Rückſicht für Rudolph, ſich bei mir eingeführt hatte)—„Glaube nur, daß Du mir noch eben ſo theuer biſt und daß mein Herz noch eben ſo feurig für Dich ſchlägt als damals, da ich zuerſt in die Welt ging oder da ich 17* 260 Dir jenen Brief aus Madras ſchrieb, auf den mir leider keine Antwort von Dir zu Theil geworden. Aber nein, keine Vorwürfe, keine Klagen, überhaupt nichts von der Vergangenheit— nur Zukunft, Zu⸗ kunft, theure Helene! Dein Bild iſt der Stern meiner Zukunft; die Leiden, die Du ſeither ertragen, haben eine Glorie um Dich gewoben, durch die Du mir nur um ſo theurer nur um ſo verehrungswürdiger geworden biſt. Ja gleich den Büchern der Sybille— Doch wozu die Geſchichte meines Falles weiter ausmalen? Ein Weib, das ſolche Briefe empfangen kann, iſt immer ſtrafbar und mögen ihre Gründe auch ſein, welche ſie wollen. Endiich ward das Wort Flucht ausgeſprochen Hermann war es, von dem es ausging— oder nein, nur ein Brief von ihm war es, in dem meine Augen es zuerſt laſen— laſen und nicht erblindeten auf ewig.. Ueberzeugt, daß Rudolph's Widerſtand, in dem er nur einen rohen Trotz erblickte, auf keine an⸗ dere Weiſe zu brechen ſei, erklärte Hermann es für das Gerathenſte, daß ich Rudolph's Haus heimlich verlaſſe; vor dieſer vollendeten Thatſache werde der Eigenſinn meines Gatten ſich beugen und Zorn und Beſchämung würden ihm eine Einwilligung abzwingen, 261 welche er mir, gegen ſein eigenes beſſeres Wiſ⸗ ſen, bisher nur ans Grauſamkeit verweigert. Um jeden Schein eines Vergehens abzulenken und mei⸗ nen Ruf möglichſt zu bewahren, ſollte ich meine Flucht allein antreten, ohne Begleiter; ſo konnte wenigſtens Niemand von einer Entführung ſprechen. Im nahen Gebirg dann wollten Emil und Her⸗ mann, der zu dieſem Zweck ausdrücklich nach Deutſch⸗ land herüberkommen wollte, mich erwarten; ſie waren beide meine Vettern, meine nächſten und einzigen Verwandten, und ſo ziemte es ihnen wohl als die Beſchützer und Vertheidiger eines tiefgekränkten Wei⸗ bes aufzutreten.— Freilich mußte ich mich auf dieſe Weiſe entſchließen, meinen theuren Knaben für einige Zeit allein zurückzulaſſen. Doch erklärte auch Hermann es für eine ganz zweifelloſe Sache, daß Rudolph nicht die mindeſten Schwierigkeiten machen würde, mir das Kind zu überlaſſen.— „Und was dann weiter kommt, ſchloß der Brief,„das, meine Helene, lenke Gott, in deſſen Schutz ich Dich befehle. Eine Feſſel zu zerbrechen, die Dich elend macht, ohne Rudolph zu beglücken, kann kein Unrecht ſein; darum wird uns Gott auch beiſtehen.“ 262 Fierzehntes Capitel. Die Unterſchrift. An einem klaren milden Juniabend, einem Abend, geſchaffen zu Werken des Friedens und der Dankbar⸗ keit, nicht aber zu ſolchen finſtern Thaten, wie ich ſie eben zu begehen im Begriffe ſtand, verließ ich das Haus des Mannes, mit dem ich faſt acht Jahre lang des Lebens Laſt und Weh getragen, ohne von ſeinen Freuden viel zu koſten. Rudolph war von einer leichten Unpäßlichkeit befallen und in ſolchen Zeiten war ſeine Stimmung immer unnahbar. Auch heute wieder, recht als ob er mir den Abſchied erleichtern und mir ein Recht geben wollte zu meinem unglücklichen Beginnen, hatte er mich mit den ungemeſſenſten Zornausbrüchen verfolgt. Dennoch zitterte meine Stimme und meine Knie drohten zu brechen, als ich zum letzten Mal durch ſein Zimmer ging. Ich richtete eine theilnehmende Frage nach ſeinem Befinden an ihn und ſo unermeßlich ſind die Abgründe des Herzens, ſo räthſelhaft die Widerſprüche der menſchlichen Natur, daß ich verſichern kann, dieſe Frage war aufrichtig und theilnehmend gemeint. Er antwortete mir mit einem ſeiner gewöhnlichen 263* Sarkasmen, die Thür ſiel hinter mir ins Schloß, nach Luft ringend mußte ich mein Haupt gegen den Pfeiler lehnen; wenn erjetzt nach mir gerufen hätte, nur einen halben Ruf, einen Laut— o allmächtiger Gott, ich wäre ja doch noch umgekehrt und hätte mich ihm zu Füßen geworfen und hätte Alles geſtanden! Aber Alles blieb ſtill... Von dem Abſchied von meinem Kinde laßt mich ſchweigen. Zum Glück ſchlummerte es, oder viel⸗ mehr zu meinem Verderben; denn ſeine Augen, ſo wehmüthig hervorleuchtend aus ſeinem blaſſen kran⸗ ken Geſichtchen, würden mich gehalten haben— Emil hatte Alles auf das Trefflichſte angeord⸗ net. Am Thor, das ich mit wankendem Fuß er⸗ reichte, erwartete mich ein Wägelchen mit einem ver⸗ trauten Fuhrmann. Das Nöthigſte von Wäſche und andern unentbehrlichen Habſeligkeiten hatte ich dem⸗ ſelben ſchon früher durch Emil übergeben laſſen; ich hatte Rudolph nichts mitgebracht und wollte auch nichts von ihm fortnehmen, als— mein Unglück. Der Kutſcher fuhr wacker zu und ſchon gegen Mitternacht hatte ich das Wirthshaus erreicht, hart am Fuß des Gebirges, das zum Ort unſerer Zuſam⸗ menkunft beſtimmt war. Es war ein ödes, düſtres Haus, in einer unſäglich einſamen, traurigen Lage und auch die Geſichter der Wirthsleute hatten wenig Zutrauen Erweckendes. Aber ich ſollte ja Hermann hier finden; wie ſchlug mein Herz, da der Wagen ſich meinem Ziele näherte und da ich jeden Augenblick erwarten durfte, ſein geliebtes Antlitz zu begrüßen! Wie er ſich verändert haben mochte in den langen Jahren! Und welchen Eindruck ich ſelbſt wohl auf ihn machen würde! Ich kam mir in dieſem Augenblick ſo alt, ſo verkommen vor in meinen ſchlichten Reiſeröckchen... Aber meine Erwartung ſollte nur zur Hälfte erfüllt werden und ach, nur zu einer ſehr geringfügigen Hälfte. Denn nur Emil traf ich an, nicht Hermann. Er that ſehr beſtürzt über meine Ankunft; ob ich denn nicht die ſchriftliche Gegenordre erhalten, die er heute früh durch einen Erpreſſen an mich abgeſchickt; Hermann's Abreiſe von England habe ſich durch un⸗ erwartete Hinderniſſe verzögert und dürften wir ſeiner Ankunft erſt zwei oder drei Tage ſpäter entgegen ſehen. Emil ſchlug mir vor, ihm entgegen zu reiſen: aber aus einer mir ſelbſt unerklärlichen Bangigkeit lehnte ich ſeinen Antrag ab. So vergingen zwei, drei Tage in dem öbden, einſamen Wirthshaus und kein Hermann kam. Was ich in dieſer Zeit litt, iſt unbeſchreiblich. Die natürliche Stimme des Herzens war ſtärker als alle Verblendung 265 der Leidenſchaft; nicht ihm, dem Kommenden, eilten meine Gedanken entgegen, ſondern rückwärts eilten ſie in das Haus, das ich verlaſſen, und das nun einſam ſtand, ohne Herrin, ohne Mutter. Von Stunde zu Stunde, von Minute zu Minute begleitete ich jeden Schritt und Tritt der Zurückgelaſſenen mit grauſamer Umſtändlichkeit malte ich mir aus, wie Rudolph ſich jetzt vom Lager erhob, wie er ſich wunderte, daß ich ihm ſeinen Frühtrank nicht in Perſon brachte, wie er murrte und polterte, endlich zu mir herüberſchickte, Niemand mich fand, mein Kind mich ſuchte, mein theures Kind— und mich ebenfalls nicht fand!! Gern, unendlich gern wäre ich zurückgekehrt; aber mir fehlte der Muth, der elende Muth.1 Emil ging ab und zu; ich bekam ihn wenig zu ſehen. Wenn ich nach Hermann fragte, gab er mir halb confuſe, halb verdrießliche Antworten. Endlich, am dritten oder vierten Tage, erklärte er Hermann's Ausbleiben ſelbſt nicht begreifen zu können, daſſelbe fange an ihn zu beunruhigen; da ich es ab⸗ geſchlagen habe, Hermann entgegen zu reiſen, ſo bitte er wenigſtens für ſich um die Erlaubniß, voran rei⸗ ſen zu dürfen— „Wie?!“ fiel ich ihm entrüſtet ins Wort,„ver⸗ 266 laſſen wollen Sie mich, Emil? Und ich ſoll allein zu⸗ rückbleiben an dieſem entſetzlichen Aufenthalt?!“ „Es kommt nur auf Sie an, theure Couſine,“ erwiederte er mit einem Lächeln, das mir durch Mark und Bein ging; denn ja, das war das Lächeln ſeiner Knabenjahre, und ſo hatte er gelächelt, wenn er da⸗ bei war, wie Herr Nonnemann mich Komödianten⸗ dirne nannte— „Es komint nur auf Sie an,“ ſagte er,„theure Couſine, ſich dieſen Aufenthalt angenehmer zu machen; die romantiſche Lage des Ortes zieht nicht ſelten Beſuche aus der Hauptſtadt an, Leute aus der be⸗ ſten Geſellſchaft, und wenn ich den Wirth recht ver⸗ ſtanden habe, ſo erwartet er heute oder morgen den Herrn Grafen Waldemar, den Sie ja wohl kennen, theure Couſine—“ „Graf Waldemar?!“ ſchrie ich:„Fort, fort von hier, wohin es auch ſei! Ich folge Ihnen, nur fort von hier!!“ „Iſt der Graf Waldemar Ihnen ſo verhaßt, liebe Coufine?“ ſagte Emil mit ſcheinbarer Unbefan⸗ genheit:„Er gilt für einen unſerer erſten Cavaliere und ich wollte eben um Erlaubniß bitten, ihn Sn zu⸗ führen zu dürfen—“ 267 Jetzt hatte ich Muth, Abſchenu und Widerwil⸗ len gaben ihn mir. „Ich habe,“ erwiederte ich mit raſch errungener Faſſung,„keinen Grund, den Herrn Grafen zu fürch⸗ ten, eher dürfte es vielleicht umgekehrt ſein. Aber noch weniger Grund haben Sie, Couſin, mir Be⸗ ſuche zuzuführen und zwar zuzuführen in einem Au⸗ genblick wie der gegenwärtige, die ich nicht ſehen will. Bedenken Sie, Emil: Hermann, Ihr Bruder, hat mich Ihrem Schutze, Ihrer Ehre anvertraut— beden⸗ ken Sie das! Und nun gehen Sie und beſorgen Sie ſo ſchleunig wie möglich ein Fuhrwerk, das mich Ihrem Bruder entgegenführt. Oder wenn Sie das nicht können, gut: ſo gehe ich zu Fuß— aber nicht Hermann entgegen, ſondern zurück in das Haus mei⸗ nes Gatten; er wird mich tödten— aber lieber todt als dies„ Murrend und brummend entfernte ſich Emil, angeblich um meinen Willen in Ausführung zu brin⸗ gen. Allein auch dieſer Tag verging in nutzloſem Warten und ſchon dämmerte der Abend, als er end⸗ lich wieder in mein Zimmer trat. „Sie haben mir zwar verboten, theure Couſine,“ ſagte er,„Ihnen Beſuche zuzuführen; hier jedoch iſt ein Fall, wo ich hoffe, Sie werden von Ihrer Strenge 268 abgehen. Geſtehe ich es Ihnen frei: ich bin in einer höchſt verdrießlichen Lage und wenn ich ſonſt zuwei⸗ len etwas eitel war auf meine praktiſche Gewandtheit, ſo droht dieſelbe mich diesmal völlig in Stich zu laſſen. Sie wollen ſich von Ihrem Mann ſcheiden laſſen— gut; Sie wollen zu meinem Bruder Her⸗ mann gehen und mit ihm Ihr idylliſches Jugendleben fortſetzen— noch beſſer. Aber mein Bruder Her⸗ mann bleibt aus und läßt auch nichts von ſich hören und das iſt ſehr ſchlimm. Ihre Flucht muß längſt entdeckt ſein, Ihr beleidigter Gatte iſt uns vielleicht dicht auf der Spur und wenn er mich bei Ihnen trifft, ſo riskire ich, von ihm als— Sie verzeihen, Cou⸗ ſine— als der Ent⸗ und Verführer behandelt zu werden. Rudolph ſoll ein verwünſcht guter Piſtolenſchütze ſein, das convenirt mir nicht und auch Ihre Sache würde dadurch unmöglich verbeſſert. In dieſer ver⸗ wickelten Lage habe ich mich an meinen Rechtsfreund in der Stadt gewendet. Derſelbe erklärt den Fall für ganz einfach: es kommt nur darauf an, daß Sie ſofort die Scheidungsklage gegen Rudolph for⸗ muliren, die Einleitung dazu haben Sie durch Ihre Entfernung aus ſeinem Hauſe bereits gethan, die ganze Sache wird dann rein juriſtiſch, Niemand kann Sie zwingen, während der Dauer des Proceſſes 269 wieder zu Rudolph zurückzukehren, Sie können hier bleiben oder Hermann entgegenreiſen oder ſich in die Stadt zurück begeben, ganz wie Sie wollen—“ „Sie ſcheinen,“ fuhr er fort, da ich noch immer ſchweigend aufhorchte,„meinen Vorſchlag anzunehmen, das freut mich außerordentlich und bleibt dann nur noch ein Einziges, was aber auch im Angenblick erle⸗ digt werden kann. Nämlich eine Vollmacht für meinen Freund zu beſorgen, den Advocaten, einen ſehr ſoliden Mann, den ich Ihnen beſtens empfehlen kann, worin Sie denſelben beauftragen, Ihre Sache zu füh⸗ ren. Da Eile im Verzuge iſt, ſo hat mein juriſtiſcher Freund die Güte gehabt ſich ſelbſt herauszubemühen; er wartet auf dem Vorſaal, das Document iſt fir und fertig, Sie brauchen nur Ihre Unterſchrift dar⸗ unter zu ſetzen und da dieſelbe der Form wegen von zwei Zeugen beſtätigt werden muß, ſo können der Wirth und die Wirthin dem Act gleich beiwohnen. Sind Sie einverſtanden, liebe Couſine?“ Ich nickte ſchweigend; wäre es minder dunkel geweſen im Zimmer, müßte Emil geſehen haben, wie ich bleich war und zitterte. Raſch öffnete er die Thür und hereintrat der Wirth, die Wirthin und ein fremder Herr, den er mir als den Advocaten vorſtellte. Es war eine große, 270 breitſchulterige Figur mit einer hohen ſchwarzen Halsbinde und einem Sammtkäppchen auf dem Kopf, das ihm faſt bis über die Augen ging; wenigſtens hielt ich es für ein Sammtkäppchen, möglicher Weiſe aber war es auch eine ſchlecht friſirte Perücke. Denn in der That war es in dem Zimmer bereits ſo däm⸗ merig, daß ich von den Einzelnheiten der Figuren nichts mehr unterſcheiden konnte. „Unſer Rechtsfreund,“ ſagte Emil mir mit halblauter Stimme ins Ohr,„iſt ein wenig wort⸗ karg und kurz von Manieren, wie die meiſten Advo⸗ caten; nun freilich, ſie haben Grund dazu, ihre Worte ſind baar Geld—“ und dann die Stimme erhebend: „Die Dame hier iſt bereits mit Allem bekannt, wir wollen ſie nicht aufhalten mit Vorleſung des langweiligen Documentes— hier, theure Couſine, die Feder! Unterzeichnen Sie raſch und wiederholen Sie, um der Zeugen willen, Ihre Unterſchrift mit lauter und vernehmlicher Stimme: ich, Helene, Tochter der Schauſpielerin Florentine alias Iſabella, Enkelin des Hochſeligen Baron von Eberſtein, unterzeichne dies Document, nachdem ſein ganzer Inhalt mir bekannt gegeben iſt und ich mich vollſtändig—“ „Ueberzeugt habe,“ rief ich losbrechend,„daß hier ein Schurkenſtreich mit mir getrieben werden ſoll! Dies iſt ein falſches Document, es iſt zu dunkel hier, daß ich eigentlich ſehen kann, was es iſt: aber es iſt falſch und ich unterzeichne es nicht!!“ Eine athemloſe Panſe folgte; die Wirthsleute ſchlichen ſacht nach der Thüre, während der angebliche Advocat ein bedenkliches Räuspern und Pruhſten vernehmen ließ. Endlich ergriff Emil das Wort. „Welch ein Einfall, theure Couſine,“ ſagte er mit verlegenem Lachen.„Welchen Zweck könnten wir haben, Ihnen ein falſches Document vorzulegen? Und was ſollte in dieſem Document ſtehen? Jede Pfennigskerze könnte den Streit ſchlichten: doch iſt es wohl beſſer,“— indem er mit raſchem Griff das verhaͤngnißvolle Blatt wieder an ſich riß—„wir laſſen der Dame Ruhe bis morgen, meinen Sie nicht auch, Herr Advocat? Meine theure Couſine ſcheint erſchöpft, die Sache hat ja auch Zeit bis morgen, vielleicht kommt morgen mein lieber Bru⸗ der Hermann und dann iſt ja das Alles nicht mehr nöthig 4 Der Advocat murmelte etwas in die hohe Hals⸗ binde, was vermuthlich eine Zuſtimmung vorſtellen ſollte. „Ja wohl,“ ſagte auch ich mit ſcheinbarer 2 Ruhe,„vielleicht kommt morgen Hermann und dann iſt dies ja Alles nicht mehr nöthig!“. Fünfzehntes Capitel. Das Gericht. Auch nach Entfernung des unheimlichen Beſuchs verhielt ich mich noch einige Zeit ganz ruhig; ich ließ mir ſogar, um Emil ganz ſicher zu machen, ein Abendeſſen auf die Stube bringen und ſtellte mich, als ob ich es mit dem beſten Appetit verzehrte. Dann legte ich mich ſcheinbar zur Ruhe; kaum aber daß Alles ſtill war im Hauſe und der Schleier der Nacht lag über das ſchweigende Gebirge ausgebreitet, ſo ſtand ich auf und ruſtete mich zu einer zweiten Flucht. Denn ſo wenig ich ſagen konnte, was hier eigentlich mit mir beabſichtigt ward, ſo deutlich ſtand es doch vor mir: Emil war ein Verräther und der Advocat ſein Spießgeſelle; die Schrift, die ich un⸗ terzeichnen ſollte, war untergeſchoben, der in Ausſicht geſtellte Beſuch des Grafen war eine Verabredung und ich ſelbſt das Opfer irgend eines nichtswürdigen Betruges. 273 Leiſe, mit den Schuhen in der Hand, ſchlich ich an die Thür; ich mußte an die Zeit gedenken, wo ich ſo des Nachts durch das alte finſtere Kaſſenge⸗ bäude zu meiner alten Dörte ſchlich.. Aber die Thür war von außen verriegelt; man hatte alſo die Möglichkeit einer Flucht von meiner Seite vorausgeſetzt und hatte mir die Mittel dazu abſchneiden wollen. Indeſſen doch nicht ſo ganz: man hatte über⸗ ſehen, daß mein Zimmer zwar ein Stockwerk hoch lag, aber nach derjenigen Seite des Hauſes, wo daſſelbe an den Fels angebaut war; ein Sprung und ich war in Freiheit... Es war eine rabenſchwarze Nacht, kein Stern zu ſehen weit und breit. Mühſam tappte ich meinen Pfad; die Gießbäche rauſchten hüben und drüben und rechts und links huſchten verſcheuchte Käuzchen aus dem Geſtein und ſtarrten mich an mit glühen Augen und verſchwanden wehklagend in der Dunkelheit. Wohin mein Weg mich eigentlich führte, ob zuruͤck nach der Stadt, ob tiefer ins Gebirge, ich wußte es nicht; ich tappte nur immer raſtlos vorwärts, einerlei wohin ich kam, es genügte mir, daß ich in Freiheit war... Endlich, nachdem ich wohl zwei Stunden oder län⸗ ger ſo umhergeirrt, zeigte ein falber Streifen im Oſten, 1856. X. Helene. III. 18 274 daß Mitternacht vorüber und daß der Tag ſich nä⸗ herte. Ich ſah um mich und konnte jetzt wenigſtens ſoviel erkennen, daß ich dicht an einer Schlucht ſtand, welche der Fels hier bildete; von wilden Brombeeren halb verwachſen, bot ſie eine erwünſchte Zuflucht und da ich mich müde fühlte auf den Tod und meine Füße mir den Dienſt verſagten, ſo beſchloß ich, bis zunt völligen Anbruch des Morgens hier auszuruhen. Ueberdies gewahrte ich eine Landſtraße in der Nähe; alſo ſelbſt wenn Emil mich verfolgen und einholen ſollte, ſo durfte ich hoffen, auf Menſchen zu treffen, deren Beiſtand ich anrufen konnte. Ungefähr eine Stunde mochte ich geſchlummert haben und ſchon vergoldete die Sonne die oberſten Spitzen der Felſen, als ein leiſes heiſeres Singen in meiner Nähe mich weckte; es war die Melodie eines Wiegenliedes, das ich ſelbſt meinem kleinen Hermann zu fingen pflegte und unwillkürlich, wie ich aufwachte, dachte ich, ich wäre zu Hauſe und griff mechaniſch nach ſeinem Bette, das hart vor dem meinen ſtand. Aber die Stacheln der wilden Brombeeren, in die ich gegriffen hatte, weckten mich völlig; ich fuhr auf und ſah keine hundert Schritte von mir, zunächſt an der Landſtraße, einen Mann, auf einem Steine hockend, mit einem Etwas in den Armen, das wohl ein ——————* S — 275 Kind ſein mußte, weil er ihm ein Wiegenlied ſang. Der Mann war phantaſtiſch aufgeputzt; er trug eine alte zerriſſene braune Kutte, wie reiſende Handwerks⸗ burſche oder Maler in der Werkſtatt ſie zu tragen pflegen; um den grauen breitkrämpigen Hut hatte er einen Kranz aus Eichenlaub gewunden. Er ſaß mit dem Rücken nach mir gewendet und ließ ſich auch nicht ſtören, als ich leiſe auf den Zehen näher ſchlich, um das ſchlummernde Kind zu ſehen. Denn ich dachte an meinen kleinen Hermann und wie der wohl jetzt in ſeinem Bettchen läge und die Händchen vergeblich nach mir ausſtreckte.. Plötzlich wandte der Mann ſich um und zeigte mir ein gräßlich zähnefletſchendes Angeſicht. „Ah ſieh da,“ kreiſchte er,„ſchönes Schätzchen, biſt Du doch wieder gekommen? Sie ſagten, Du wärſt fortgelaufen von Deinem tollen Manne— willſt Du mir einen Kranz bringen, ſchönen grünen Kranz, um den Hut? Oder willſt Du nach unſerm Kindchen ſehen? Pſt, pſt, wecke unſer Kindchen nicht, es ſchläft—!“ Und damit fing er ſein Wiegenliedchen von nenem an. Ich ſtand mit dem Fuß in den Boden gewur⸗ zelt— o ihr rächenden Götter, wo ſind Eure Blitze?! Der Mann, aus deſſen Auge der helle Wahnwitz mich anſtierte, war Rudbolph und das Kind auf ſeinem Schooß war unſer Hermann— und das Kind war todt.. Schlußwort des Herausgebers. Hier endet die Handſchrift meiner theuren ver⸗ klärten Freundin; ſo oft ſie auch dazu angeſetzt, ſo vermochte ſie es doch niemals, die Erzählung über dieſen Punkt hinaus zu bringen; die Erinnerung an den entſetzlichen Moment, wo ſie den Gatten, dem ſie ent⸗ flohen, als Wahnwitzigen an der Straße fand, ihr todtes Kind auf dem Schooße, war zu furchtbar, die Feder entſank ihrer Hand. Auch iſt es nur wenig, was ich noch zur Ver⸗ ſtändigung hinzuzufügen brauche. Die Ahnung der unglücklichen Frau war nur allzurichtig geweſen, Emil hatte wirklich einen Schurkenſtreich an ihr beabſichtigt. Undzwar einen zweifachen: von altem Haß und Neid noch von den Kinderjahren her gegen ſie eniflammt, hatte er ſie wollen dem Grafen Waldemar in die Hände liefern, deſſen getreuer Unterhändler er war bei allen unſaubern Geſchäften und der das ſchöne Weib, das 277 ſchon vor Jahren ſeine Begierde entzündet, noch im⸗ mer nicht vergeſſen hatte. Zugleich aber wollte er auch ein vortheilhaftes Geſchäft für ſich ſelber machen— für ſich und ſei⸗ nen Freund und Oheim, Herrn Nonnemann: denn Niemand anders war der verkappte Advocat. Man erinnert ſich der eiligen Reiſe, die Herr Nonnemann mit der kleinen Helene zum Sterbebett des alten Herrn von Eberſtein machte. Er hatte Grund dazu; Herr von Eberſtein, ſeines alten Haſſes gegen Florine vergeſſend und nur die Liebe zu ſeinem En⸗ kelkinde im Herzen, hatte letzterem ein höchſt bedeu⸗ tendes Legat ausgeſetzt. Um jedoch jeden Mißbrauch deſſelben zu verhüten und namentlich um zu verhin⸗ dern, daß daſſelbe in Florinens Hände käme, hatte er das Capital gerichtlich niedergelegt, mit der Beſtim⸗ mung, daß Zins zu Zins geſchlagen würde, bis es die Tochter der Schauſpielerin dereinſt nach zurückgelegtem fünfundzwanzigſten Jahre gegen eine von ihr als⸗ dann vor Zeugen auszufertigende Quittung erheben ſollte. Die Kenntniß dieſes Legats hatte Herr Nonnemann im Einverſtändniß mit dem betrügeriſchen Juſtizrath, in deſſen Sturz er bald darauf ſo ſchmäh⸗ lich verwickelt ward, ſeiner Nichte vorenthalten; er rechnete darauf, das junge Mädchen bis zum entſcheidenden Zeitpunkt in ſeiner Aufſicht zu behalten und wenn das Document dann nur einmal unter⸗ zeichnet war,(wozu ſich ja tauſend Gelegenheiten finden mußten), ſo wollte er ſchon dafür ſorgen, daß das Geld in keine andern Hände kam als in die ſeinen. Die bald darauf erfolgte Entdeckung ſeiner Unterſchlagungen und ſeine Verurtheilung zu mehr⸗ jährigem Gefängniß hatten ſeinen Plan wohl verän⸗ dern, aber nicht zerſtören können. Nachdem er ſeine Freiheit wieder erlangt, war er Helenens Spur gefolgt wie der Geier ſeiner Beute; die alte Dörte hatte wohl gewußt, wovor ſie Helene warnte. Da er inzwiſchen, ohne ſeinen ganzen Plan zu ge⸗ fährden, doch nicht wagen durfte, ſich perſönlich vor Helenen ſehen zu laſſen, ſo hatte er ſeinen Neffen Emil, ſeinen würdigen Zögling und Schüler, ins Geheimniß gezogen. Von Emil, der überdies vor Be⸗ gierde brannte, ſich an der kleinen ſchnippiſchen „Schau ſpielerd irne“ zu rächen, rührte der Plan her, Helene mit ihrem Gemahl dergeſtalt zu entzweien, daß ſie die Flucht ergriffe; vorher wollte man ſich ihrer Unterſchrift verſichern und war ſie dann erſt ein⸗ mal aus dem Lande, und zwar als flüchtige Ehe⸗ frau, mit Schimpf und Schmach bedeckt, ſo hoffte man die Beute in Sicherheit genießen zu können. 279 Die Umſtände begünſtigten die Ausführung des Planes auf eine wahrhaft verhängnißvolle Weiſe; ſowohl Rudolph's ſtörriſcher und unerträglicher Char⸗ akter, als Helenens phantaſtiſche Liebe für den fernen Hermann arbeiteten ihm in die Hände. Denn braucht noch erſt geſagt zu werden, daß die Briefe von Hermann ſämmtlich untergeſchoben waren und daß erkeine Ah⸗ nung hatte von der verliebten Rolle, welche Bruder Emil, mit dem er längſt allen Verkehr aufgehoben, ihn bei Helene ſpielen ließ? Der geneigte Leſer wird hoffent⸗ lich ein zu freundliches Bild von dem Jüngling empfangen haben, um dem Manne ein ſolches mehr als zweideutiges Beginnen zuzutrauen; wäre Her⸗ mann in der That von Helene um Rath gefragt worden, wie ſie ſich zu Rudolph verhalten ſolle, ſein Rath wäre gewiß anders ausgefallen... Da beide, Emil wie Hermann, auf der Kaſſen⸗ ſtube des Herrn Nonnemann ſich faſt ganz dieſelbe Handſchrift angeeignet hatten, ſo war die Täuſchung um ſo leichter; auch war Emil zur Noth ſchon der Mann, der eine fremde Handſchrift nach⸗ ahmen konnte.— Denno ſollten die beiden Böſe⸗ wichte der gehofften Beute nicht froh werden, der Plan war zu fein zugeſchärft, die Spitze brach ab und ſprang gegen die Urheber zurück. Noch bevor die 280 Sache durch Helene zur Sprache kam, hatten die Beſitzer des einſamen Hauſes ſie ſelbſt zur Anzeige gebracht. Emil hatte ihr Zeugniß durch Geld er⸗ kaufen wollen und ſie waren anfangs nicht abgeneigt geweſen, die Karten miſchen zu helfen; hinterdrein aber, bei der unvermutheten Weigerung der jungen Frau, war ihnen das Geſchäft doch zu gefährlich vor⸗ gekommen und noch in derſelben Nacht machten ſie Anzeige beim nächſten Gericht. Emil und ſein Oheim wurden ergriffen; das Document, das ſie Helenen zur Unterſchrift vorgelegt hatten und das eine for⸗ melle Quittung enthielt, auf welche ſie das Eber⸗ ſtein'ſche Legat ohne weitere Umſtände hätten erheben können, ſprach auf unwiderlegbare Weiſe wider ſie. Auch bekannte Emil im erſten Schrecken Alles, was man von ihm verlangte; er ſuchte ſich damit vor Herrn Nonnemann weiß zu brennen, dem er die Hauptſchuld des Verbrechens zuwälzte. Beide wur⸗ den auf eine Reihe von Jahren in den Kerker ge⸗ ſchickt; Herr Nonnemann ſtarb darin, Emil dagegen gelang es zu entſpringen und ſoll er noch ſpäter an der Börſe von Neuyork eine hervorragende Rolle ge⸗ ſpielt haben. Graf Waldemar war keine unmittel⸗ bare Betheiligung an dem Complotte nachzuweiſen. Doch verließ er bald darauf das Land, nachdem er — 281 den Beſitz der Güter gegen eine beträchtliche Leibrente an ſeine Seitenverwandten abgetreten; er iſt in der Ferne verſchollen.— Das Legat ſelbſt, dieſer Gegen⸗ ſtand einer ſo verwegenen Speculation, wurde der recht⸗ mäßigen Beſitzerin ausgezahlt. Aus dem armen Geſell ſchaftsfräulein war nun eine wohlhabende, ja eine reiche Frau geworden; aber konnte ſie mit allen Reichthümern ſich den Frieden ihres Herzens, ihrem wahnwitzigen Manne den Verſtand, ihrem todten Kinde das Leben wieder kaufen?! Ueber den Tod des Letztern ſchwebte ein Dun⸗ kel, das nie völlig gelüftet worden. Man wußte nur, daß Rudolph, ſowie er die Flucht des ſchwer mißhandelten und doch noch immer glühend geliebten Weibes erfuhr, in die entſetzlichſte Tobſucht ausge⸗ brochen war. Den Tag darauf, nachdem erſich dem Anſcheine nach vollkommen geſammelt, begab er ſich auf die Spur der Flüchtigen, die eben nicht ſchwer ſiel auf⸗ zufinden. Sein kleines Söhnchen nahm er mit ſich, man wußte nicht zu ſagen, ob auf eigenen Entſchluß oder auf Bitten des Kindes. Am Fuß des Gebir⸗ ges angelangt, hatte er den Wagen, der ihn bis dahin geführt, zurückgeſchickt und war mit dem Kna⸗ ben in das Dickicht des Waldes gegangen; der Knabe hatte geweint, der Vater aber geſungen und geſprungen und ſich einen Kranz von Eichenlaub um den Hut gewunden.— Das Uebrige weiß der Leſer. Rudolph's Krankheit war unheilbar. Um ſich ſeiner Pflege deſto ungeſtörter widmen zu können, erwarb Helene das Landgut, auf welchem der Leſer ihr zuerſt begegnet iſt. Hier lebte ſie, einſam, von allen Menſchen geſchieden, ſich nur der Pflege ihres irrſinnigen Gemahls hingebend. Und es war ein ſchwerer Dienſt, dieſe Pflege; Rudolph war entſetzlich in ſeinem Wahnſinn; nie auf Erden, glaube ich, hat ein Weib ſo Bitteres geduldet als die Frau dieſes kranken unzu rechnungsfähigen Mannes. Aber ſie ertrug Alles mit himmliſcher Sanftmuth; war ein Weib nie unglück licher, ſo hat auch nie ein Unglück ein Herz mehr veredelt und gereinigt als in dieſem Falle.— Ru dolph lebte noch volle fünfzehn Jahre; er ſtarb in den Armen Helenens, mit zurückgekehrtem Bewußtſein und einem dankbaren Lächeln auf den Lippen. Hermann und Helene haben ſich auf Erden nicht wieder geſehen. Die Nachricht von Helenens Unglück und den ſchimpflichen Verirrungen ſeines Brubers Emil ſchlug ihn tief darnieder; mit der erſtern führte er jetzt wirklich einen Briefwechſel, der beiden Theilen zum innigſten Troſte gereichte, aber freilich ſehr entfernt war 283 von dem leidenſchaftlichen Tone, den Emil in den unterge⸗ ſchobenen Briefen angeſchlagen hatte. Nach Verlauf eini⸗ ger Jahre meldete er der Freundin, daß er im Begriff ſtehe, ſich zu vermählen, und zwar mit der einzigen nach⸗ gelaſſenen Tochter eines Geſchäftsfreundes, dem er ſelbſt in frühern Jahren große Verbindlichkeiten ſchuldig geworden und der kurz vor ſeinem Tode durch Un⸗ gfäle verarmt war; es war eine Heirath, weniger aus Liebe, als aus Dankbarkeit. Auch ſtarb die Frau bald und da Hermann ebenfalls ſein baldiges Ende Heraunahen fühlte, ſo empfahl er in ſeinem Teſtament ſein einziges Kind, ein Töchterchen, dem Sch ſuer fernen Freundin. Das iſt die Helene, für welche dieſe glätter ur⸗ ſprünglich geſchrieben wurden: dieſelbe Helene, die als blühendes, goldlockiges Kind das ganze Glück, die ganze Lebensfreude der alternden Dame war und die ſie dann als lieblich erblühte Jungfrau dem Her⸗ ausgeber dieſer Blätter in die Arme legte, als ſein höch⸗ ſtes Kleinod und Schatz ſeines Lebens. Schon wiegt dieſe Helene eine dritte deſſelben Namens auf dem Schooße und auch auf dieſer hat noch das Auge der Großmutter geruht(denn ſo nannte die mütterliche Freundin ſich mit Recht), bevor es ſich zum ewigen Schlummer ſchloß. Möge ſie heranwachſen und 284 gedeihen, lieblich wie die Mutter, hilfreich und edel wie die Großmutter, aber glücklicher als ſie— und möge Gottes reichſter Segen auf Allen die den lieb⸗ lichen Namen führen „Helene.⸗ . Ende des dritten und letzten Bandes. Prag 1856. Druck von Kath · Gerzabek. ſſ 7. 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18