—— 6 8 1 * 6 * * — „ 1 ——— 60 ² 6— 5 1 Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seiß und Seſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 lihr offen. 5 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ſ iedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wiry 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: rür wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Ver.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 M— Pf. 3 w.„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeibſt zu ſorgen. 7 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der J adenpreis erſetzt werven.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene over vefecte Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt ß der Leſer zum Erſatz ves Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihereit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders varauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. P — —— Helene. Ein Frauenleben. II. helene. Ein Frauenlebhen. Roman in drei Bänden. Von Robert Prutz. Zweiter Band. —— 1856. Prag“ Leipzig. Expedition des Albums. Inh aIt. Viertes Buch. Hermann. Erſtes Capitel. Trübe aa i Verbotene Wünſche Zweites Drittes Piertes Fünftes„ Sechstes 5 Siebentes„ Achtes Neuntes„ Zehntes Eilftes Zwölftes„ Kämpfe und Zweifel Eine nächtliche Erſcheinung. Die Ferienreiſe... Getäuſchte Hoffnung Am Krankenbett. Goldene Stunden Junge Liebe Die Schickſalsfeage Entwürfe und Pläne Das Geſpen ten Mal. ſt zeigt ſich zun n zwei⸗ Dreizehntes Capitel. Eine unerwartete Entdeckung. Herr Nonnemann ii Pierzehntes Jünfzehntes Erſtes Capitel. Zweites Drittes Viertes Fünftes Sechstes Siehentes Achtes Reuntes Zehntes Eilftes Zwölftes Dreizehntes Vierzehntes Fünfzehntes „ „ „ „ „ „ „ 7 77 „ * „ Die Flucht Fünftes Buch. Eine herühmte Frau. Rückblicke Vor Gericht. Im Waiſenhaus Ein Capitel über Goubernanten Verſchiedene Lebensläufe Eine neue Welt. Eine vornehme Dame Das Mutterſöhnchen Die gefährliche Schöne Diplomatiſche Ein Beſuch 5 Erkennungsſtene Bie Roche Ein heißes Herz. Die Entdeckung. 102 Viertes Puch. Hermann. ———— Erſtes Capitel. Trübe Tage. Es waren trübe Wochen, die ich zunächſt nach dieſen beiden plötzlichen Todesfällen verlebte. Der Tod des treuen Chriſtian vollendete meine Niederge⸗ ſchlagenheit. Als mein väterlicher Gönner mir ſo unerwartet entrißen worden, war es mir eine Art von Troſt geweſen, daß wenigſtens ſein treuer Die⸗ ner, der Mann, der ihm im Leben zunächſt geſtan⸗ den, vor dem erſicherlich kein Geheimniß gehabt hatte und der auch mir ein aufrichtiges herzliches Wohlwollen widmete, noch übrig war. Während der ſchweigſa⸗ men, unerfreulichen Rückfahrt mit meinem Oheim, hatte ich es mir ausgemalt, wie der wackere Chri⸗ ſtian nun„ ſobald er wieder hergeſtellt wäre, 1856. IX. Helene. I. 1 4 2 in die Stadt zurückkehren und den Nachlaß ſeines Gebieters hüten und bewahren würde. Mit weh⸗ müthiger Freude hielt ich es mir vor, wie ich ihn ſtatt des Dahingeſchiedenen beſuchen wollte, wie er mir von ihm erzählen, mir alle kleine Züge ſeines täglichen Lebens vervollſtändigen und wie auf dieſe Weiſe der Todte in unſerm treuen, liebevollen Anden⸗ ken fortdauern und lebendig bleiben ſollte. Chriſtian, ſo dachte ich in meinem kindiſchen Sinne, der immer gleich geſtimmte, gleich freundliche, gleich dienſtwillige Mann, ſollte mir erſetzen, was ich an der alten Dörte leider jeden Tag mehr und mehr verlor, meine träumeriſche phantaſtiſche Jugend ſollte ſich gleichſam aufrichten an dem Stamm ſeiner Welt⸗ und Lebenskenntniß, er ſollte mein Rathgeber, mein Führer ſein und ſollte mir durch den reichen Schatz ſeiner Erfahrun⸗ gen hinweghelfen über jenen Mangel an Lebens⸗ kenntniß und praktiſcher Gewandtheit, den ich ſelbſt mit ſtillem Zagen mehr und mehr an mir bemerkte; während das Haus meines Oheims doch— dies ſah ich ebenfalls ein— nicht die mindeſte Gelegen⸗ heit bot, noch jemals bieten würde, den eben erwähn⸗ ten Mangel zu erſetzen. Ja wohl, was träumt und hofft die Jugend nicht, die Jugend, die noch keine Ahnung davon hat, 3 daß unſere Wünſche und Hoffnungen nur Sternſchnup⸗ pen gleich am Himmel unſeres Lebens dahinfahren, während die Sterne des Schickſals ihre ewig gemeſſe⸗ nen Bahnen wandeln! Herr von Eberſtein hatte keine Kinder oder ſonſtige unmittelbare Abkömmlinge hinterlaſſen; weit⸗ läuftige Seitenverwandte bemächtigten ſich des aus⸗ gedehnten Beſitzthums, das ſchöne Palais in der Stadt wurde öffentlich verkauft— ich glaube, es Statuen prangten oder wo der alte Chriſtian auf leiſen Socken unhörbar über die weichen Plüſchdecken geſchlichen war, da klapperten jetzt die Räder, ſchnurr⸗ ten die Spindeln, dampften die ſchwarzberußten Eſſen. Und ſo war es wohl eigentlich als eine rechte Gunſt des Schickſals zu betrachten, daß dem alten treuen Diener wenigſtens der Anblick dieſer Umwäl⸗ zung und Zertrümmerung erſpart blieb. Zwar wer weiß, wäre er leben geblieben, nur noch einige Mo⸗ nate, noch einige Wochen ſeben geblieben, es wäre vielleicht Alles ganz anders gekommen— ja gewiß wäre es anders gekommen. Doch geſchehene Dinge ſind nicht zu ändern und es iſt thöricht, uns mit 1* 4 „Wenn' und„Aber das Herz noch ſchwerer zu chen, als es ohnedies ſchon iſt. Dieſe Hoffnung alſo, an dem alten Chriſtian einen Freund und Rathgeber zu haben und in from⸗ mem Wetteifer mit ihm das Andenken unſeres gemein⸗ ſamen Gönners lebendig zu erhalten— dieſe ſchöne kindiſche Hoffnung war geſcheitert, in demſelben Augen⸗ blick da ſie entſtanden war. In meiner häuslichen Umgebung aber, wie ich das ſchon früher geſchildert habe, fand ich Niemand, der auf meinen Schmerz ſo einging und ihn ſo mit mir theilte oder doch wenig⸗ ſtens meine Klagen ſo geduldig mit anhörte, wie mein junges kindiſches Herz es verlangte. Man erwäge nur, daß es der erſte Todesfall war, der mich betraf, der erſte ſchroffe Riß, mit dem die uner⸗ bittliche Hand des Schickſals in den engen ſtillen Kreis meines Lebens hineingriff. Wem aus ſeiner eigenen Jugendzeit das Gedächtniß ähnlicher Ereig⸗ niſſe noch nicht ganz verſchwunden iſt, der wird auch wiſſen, wie tief wir einen ſolchen erſten Verluſt empfinden und wie unmöglich es uns dünkt, daß die Wunde des Herzens ſich jemals wieder ſchließen könne. Ja wir wünſchen, wir wollen nicht einmal, daß ſie ſich ſchließe, wir würden es nicht dulden, wenn ſie ſich ſchließen wollte. Dem jungen Herzen iſt Alles ſo 5. neu, die Sehnſucht, etwas zu erleben, und ſollte es auch etwas Unſeliges ſein, ſo groß, daß wir ſelbſt unſern Schmerz feſthalten wie ein liebes theures Beſitzthum; wir bewahren ihn eiferſüchtig, wir ſor⸗ gen, daß er friſch bleibe und dünken uns wohl gar in der Stille den Andern überlegen, die noch nichts dem Ahnliches erfahren haben. Thörichte, und ach in ihrer Thorheit doch ſo glückliche Jugend, die mit Gewalt feſtzuhalten ſucht, was das Alter ſo gern vergeſſen möchte, und ſollte es um den Preis des eigenen Lebens ſein. So denn auch ich. Erſt jetzt, nachdem ich ihn auf ewig verloren, glaubte ich zu fühlen, wie ſehr ich den alten würdigen Herrn geliebt hatte; erſt jetzt, nachdem ſeine hohe freundliche Geſtalt, ſein edles gütiges Antlitz meinem Auge auf ewig entrückt war, ſtand ſein Bild unabläſſig vor mir und winkte mir und mahnte mich, als ob es mir zürne, daß ich ihm meine Verehrung im Leben nicht öfter bezeigt, es nicht lieber, nicht höher, nicht heiliger gehalten; jetzt erſt, nachdem ſeine Hand auf ewig erkaltet war, nachdem kein Gruß, kein Lächeln von ſeiner Lippe mich je wieder erfreuen ſollte, jetzt erſt empfand ich, was er eigentlich an mir gethan und daß es doch im Grunde Niemand anders geweſen als er, dem 6 ich die Erleichterung meines häuslichen Schickſals verdankte. Die Begegnung mit ihm— je mehr ich darüber nachdachte, je deutlicher wurde es mir— war das erſte denkwürdige Ereigniß meines Lebens; mit dem ſchwarzen Glasauge meines Pudelchens waren mir die Sterne eines neuen Schickſals aufgegangen. Es war noch immer hart genug, dies Schickſal, ich ſehnte mich noch immer ſehr, ja vielleicht noch mehr denn früher, nach einer mildern, zärtlichern, vertrauli⸗ chern Behandlung als ſie mir im Hauſe meines Oheims zu Theil ward. Aber daß ich wenigſtens eine Ahnung hatte von einem ſolchen milderen Schick⸗ ſal, daß mein Herz unter der kalten Behandlung, die ihm widerfuhr, nicht ſelbſt erkaltet, daß ihm das Bedürfniß der Liebe, der Anſchmiegſamkeit geblieben war, das dankte ich ihm und den ſchönen, friedlichen, nur allzuſeltenen Stunden, die er mir vergönnt hatte. Ach wenn ſie wiedergekehrt wären, wie hätte ich ſie jetzt nützen wollen! wie hätte ich auf jedes ſeiner Worte horchen, wie jedem ſeiner Winke fol⸗ gen, wie ſein alterndes Herz mit dem Thau mei⸗ ner jungen kindlichen Liebe erfriſchen wollen! Aber das war nun zu ſpät und daß es zu ſpät war, das machte mich unglücklicher als ich es aus⸗ ſprechen konnte und durfte. Mein Schmerz machte 7 3 mich verſchloſſen und menſchenſcheu; ich verfiel ganz wieder in meine frühere Verſunkenheit und Reizbar⸗ keit. Tagelang konnte ich damit zubringen, mir aus⸗ zumalen, wie anders wohl Alles gekommen, wenn dieſe vier Augen offen geblieben! So deutlich ich vor kur⸗ zem noch die Gefahr erkannt hatte, die mir aus meinem Hang zur Träumerei erwuchs, ſo willenlos gab ich mich ihm doch jetzt aufs neue hin, die Wirk⸗ lichkeit hörte wieder auf, irgend eine Macht für mich zu ſein und wiederum lebte ich nur in meinen Phan⸗ taſien, meinen Träumen, meinen Bildern. Zweites Capitel. Verbotene Wünſche. Nur daß eines von dieſen Bildern ſich inzwiſchen immer mehr verdunkelte, und zwar gerade dasjenige, das bisher das glänzendſte geweſen war von allen und meine Seele am tiefſten erfüllt hatte: das Bild Florinens. Die halben Worte, welche Emil mir an jenem verhängnißvollen Abend zugeflüſtert, hatten einen furchtbaren Eindruck auf mich gemacht. Auch ſie 8 hatte ich nur halb verſtanden: aber wenn ſchon die Hälfte ſo entſetzlich war, was mußte erſt hinter dem unheimlichen Schleier des Ganzen liegen! Ich zitterte, es zu enthüllen— und doch trieb eine frevelhafte Begier mich an, unabläſſig darüber nachzuſinnen und zu ſpintiſiren, was wohl eigentlich dahinter verſteckt ſein könnte und wie viel Wahres überhaupt an Emil's Andeutungen wäre. Nämlich als ich mir einige Tage ſpäter das Herz faßte, ihn darüber zu Rede zu ſtellen, wollte der muthwillige Burſche nichts mehr davon wiſſen. Es ſei eine bloße Neckerei geweſen, behauptete er, eine bloße ſcherzhafte Vermuthung; weit entfernt, irgend etwas von den Verhältniſſen der Eberſtein'⸗ ſchen Familie oder gar von meiner Mutter, ſeiner ſeligen Tante, zu wiſſen, habe er mit ſeiner leicht⸗ fertigen Aeußerung nur bei mir auf den Buſch klopfen wollen, ob er nicht bei der Gelegenheit durch mich etwas davon erfahren könne. „Du weißt, liebe Couſine,“ ſagte er, indem er ſein ſchelmiſches Geſicht in möglichſt ernſthafte Fal⸗ ten legte,„daß ich die ſchlechten Witze liebe. Gerßch⸗ ter Himmel, in dieſem Trappiſtenkloſter, in dem wir leben, auf dieſer Galeerenbank des Schreiberdienſtes, an die ich geknechtet bin, woher ſollen Einem auch 9 da die guten Witze kommen? Schon bie ſchlechten muß man ja unter dieſen Umſtänden(um mit Onkel Nonnemann zu reden) als eine Gabe des gütigen Gottes betrachten, der ſeine Creatur nicht will gänz lich verſchmachten laſſen. Ah glaube mir, Couſine,“ rief er mit komiſchem Pathos,„ich bin eine arme Creatur! ich ſchmachte ſehr und nach vielerlei Din⸗ gen! Als zum Beiſpiel“— fuhr er fort, indem er ſich ins Gras dehnte: denn auch dieſe Unterhaltung wurde natürlich nirgend anders geführt als unter meinem lieben Birnbaum—„einmal einen ganzen Tag lang— nein, was ſage ich? Einen Tag lang? Eine ganze Woche, ein ganzes Jahr ſo auf dem Rücken zu liegen wie jetzt und mich anwehen zu laſ⸗ ſen von der ſchönen friſchen Luft—“ „Ein ganzes Jahr,“ unterbrach ich ihn lächelnd „das ſcheint mir doch ein wenig lang; denk' nur an den garſtigen Winter— Dich würde frieren, guter Emil„ „Aber ich würde mich zu wärmen wiſſen,“ rief er aus, indem er plötzlich in die Höhe ſprang, mich an beiden Schultern faßte, ſeine Stirn an die meine lehnte und mir ſo unverwandt Auge in Auge blickte: „Ich würde mich wärmen! Denn, ſiehſt Du, ich ſchmachte auch nach allerhand andern Dingen noch: nach einem 10 weichen warmen Ruheſitz, nach Plüſchdecken und ſei⸗ denen Tapeten, wie Duſie bei Deinem ſeligen alten Herrn gehabt haſt— nach heißem Wein,“ fuhr er fort mit einer Luſtigkeit, die mich beängſtigte,„heißen Geſprächen und heißen Lippen wie die Deinen ſind, Du kleiner verwetterter Grasaffe.....“ Es war gut, daß er mich bei dieſen Worten losließ und, mir einen leiſen Streich auf die Wange gebend, drei Schritte zurückttat: denn obwohl ich nicht wußte warum, ſo fing mir bei ſeinem wilden Ausrufen doch wirklich an bange zu werden. „Guter Emil,“ ſagte ich, indem ich meine Hand an ſeine Stirn legte,„ich fürchte, Du biſt ſchon jetzt zu heiß, Deine Stirne brennt; nimm Dich in Acht, daß es kein Fieber wird, Du weißt, was Tante Fränzchen geſagt hat.—“ Er hatte ſich platt auf die Erde geworfen und wühlte das Geſicht tief in das junge friſche Gras. „Pah,“ murrte er halblaut,„wenn es weiter nichts wäre: heiße Stirne und Fieber! In dieſen Dingen, glaube mir, hat meine Mutter keine Erfah⸗ rung, davon verſtehſt Du mehr, mein Kind, als ſie — und vielleicht auch mehr als ich..... 2 Die Wendung, welche Emil unſerem Geſpräch ge⸗ geben, obwohl ich das Wenigſte davon verſtand, oder 11 vielleicht auch eben deshalb, wurde mir immer peinli⸗ cher. Eine Zeitlang herrſchte eine verlegene Pauſe zwiſchen uns, endlich, den urſprünglichen Faden wieder auf⸗ nehmend, ſagte ich: „Aber wir ſind ganz davon abgekommen, wovon wir eigentlich ſprachen—“ „Nämlich?“ fragte er nachläſſig, während die kleinen blinzelnden Augen feſt auf mich gerichtet waren. „Von Deinen ſchlechten Witzen,“ erwiederte ich ſchalkhaft. „Richtig,“ ſagte er,„von meinen ſchlechten ten die Dich ärgern und die ich doch nicht laſſen ann—“ „Ah,“ rief ich, in Eifer gerathend,„das iſt nicht brav von Dir, Emil! Da glaube ich auch nicht, daß Du mir gut biſt, wie Du mich doch ſo oft ver⸗ ſicherſt! Wärſt Du es wirklich, ſo würdeſt Du bedenken, daß Du mir weh thuſt mit Deinen ſchlechten Witzen; wie kann man kränken, was man liebt?“ Wie kann man kränken, was man liebt! O pro⸗ phetiſche Stimme des Kindes! Nur wenige Jahre ſpäter— ach, und ich ſollte an meinem eigenen Bei⸗ ſpiele erfahren, daß man allerdings auch kränken kann, kränken bis auf den Tod, was man liebt!—— Emil inzwiſchen fand meinen Ausruf mehr lä⸗ 12 cherlich als bedeutſam; wenigſtens antwortete er mir ſo⸗ gleich wieder mit einem ſeiner gewöhnlichen Scherze. Sich langſam erhebend, mit affectirter Sorgſamkeit das Gras aus den Haaren ſtreichend, ſeine kleine zierliche Geſtalt in ſich ſelbſt zuſammen ſchmiegend, wie eine Katze, die auf Raub ausgeht, ſchlich er in einem weiten Halbkreis um mich her. „Kleine Dame,“ ſagte er— denn auch dieſe Anrede meines dahin geſchiedenen alten Freundes kannte der Böſewicht und entblödete ſich nicht, ſie gelegentlich nachzuäffen.. „Kleine Dame, ich glaube wirklich, Du biſt die klügſte von uns Allen im Hauſe— gieb mir Unter⸗ richt!“ rief er, plötzlich auf mich zuſpringend.„Hörſt Du? Unterricht, kleine Dame! und jede Lection will ich Dir bezahlen— mit einem Kuſſe!“ ſetzte er flüſternd hinzu, indem er auf einmal wieder ſtillſtand und die Augen auf den Boden heftete. „Flauſenmacher,“ erwiederte ich unbefangen, „das würde ſich auch der Mühe lohnen! Wenn Du wirklich Lectionen nehmen willſt, ſo nimm ſie doch ja bei Hermann, der iſt jetzt weiter im Engliſchen und ſpricht ein beſſeres Franzöſiſch als ich; willſt Du aber einen Kuß von mir haben, den kannſt Du auch ſo bekommen—“ 13 „Kann ich? kann ich?!“ ſchrie er wie wild und zerrte die Lippen von einander, daß die weißen Zähne wie Perlen hervorleuchteten. In dieſem Augenblick trat Hermann dazu; Emil ſtellte ſich, als wäre nichts vorgefallen, und da auch ich keine Veranlaſſung hatte, auf den Gegenſtand zurückzukommen, ſo nahm das Geſpräch, indem wir zu Dreien friedlich neben einander wandelten, bald wieder ſeine gewöhnliche unbefangene Richtung. Drittes Capitel. Kämpfe und Zweifel. Auch war ſchon dieſe einmalige ſtürmiſche Wen⸗ dung genügend geweſen, mich mit einer geheimen Scheu vor dem ſeltſamen kleinen Vetter und ſeinen noch ſeltſameren Redensarten zu erfüllen. So gern ich ſeinen Aeußerungen in Betreff des verſtorbenen Herrn von Eberſtein auf den Grund gekommen wäre, um genau zu wiſſen, was daran Wahrheit und was ſchlechter Witz, ſo wagte ich es doch von da an nicht mehr, das Geſpräch darauf zurückzubringen. 14 Auch hatte er ja eben erſt wieder gezeigt, welch ein Faſelhans er war und von welchen närriſchen Einfällen der kleine unruhige Kopfihm wimmelte; es verhielt ſich wohl wirklich, wie er mich verſicherte und ſein tolles Ge⸗ ſchwätz, das ich mir in keiner Weiſe zuſammenreimen konnte, war in der That nur der tolle Einfall eines müſſigen oder ſchadenfrohen Angenblicks geweſen. Herr von Eberſtein mein Großvater— würde er, der ſo mild, ſo gütig war, mich dann wohl ſo viele Jahre vernachläſſigt und vergeſſen haben? Würde er gewartet haben, bis mich ihm der Zufall auf der Straße in die Arme führte? Und da er mich einmal gefunden, würde er mich nicht bei ſich behalten, würde er mich wohl der eiſernen Zucht meines Oheims zurückgegeben haben, da er ja doch alsdann ein weit näheres Recht an mir gehabt hätte als dieſer? Und wenn es dennoch ſo wäre— würde wohl der treue Chriſtian, würde die alte Dörte, die um mein Schickſal ſo beſorgt iſt und die doch offenbar alle Fäden deſſelben kennt, es mir verſchwiegen ha⸗ ben? Wie oft, wenn Herr Nonnemann mich mißhan⸗ delte, war ſie nicht in Verzweiflung, daß ich ſo ganz ſchutz⸗ und hilflos ſei und keinen Rath und Bei⸗ ſtand hätte in der weiten Welt! Ja drohte ſie ihm 15 nicht mit der Polizei 2 Und würde ſie das Alles wohl ge⸗ than haben, hätte mir wirklich in Herrn von Eberſtein ein Großvater gelebt, ein Blutsverwandter, gegen den Herr Nonnemann ſeine angemaßte Autorität gewiß nicht hätte behaupten können?— Es war ein Labyrinth und ich fand keinen andern Ausweg, als daß ich immer und immer wieder zu dem Schluſſe kam, Emil habe in der That nur einen ſeiner ge⸗ wöhnlichen plumpen Späße mit mir getrieben. Wiewohl dieſer denn doch ein wenig gar zu plump war. Mein Schmerz um den alten Eberſtein, der Schreck über den unmittelbar darauf erfolgten Tod des wackern Chriſtian, verbunden mit meiner eigenen augenblicklichen Aufregung, hatten mir zwar wie eine Art von Nebel über das Geſpräch jenes Abends ge⸗ zogen und ſoviel ich mein Gedächtniß auch zermarterte, ſo konnte ich doch den eigentlichen Gang deſſelben, Emil's einzelne Aeußerungen, ſeine Worte und Wen⸗ dungen nicht mehr ganz zuſammenbringen: beſonders da auch er ſelbſt, mit ſeiner gewöhnlichen Schalkheit, hinterdrein alles Mögliche that, durch Zwiſchenreden und Zuſätze, Umdeuten und Abläugnen die Verwir⸗ rung meines kleinen Gehirns immer größer zu machen. Aber ein Wort blieb doch, das vergaß ich nicht, das konnte er mir nicht abſtreiten, vorausgeſetzt daß 16 ich jemals die Stirn gehabt hätte, ihn daran zu erinnern: ein Wort— o Gott, das brannte auf meinem Gedächtniß wie Feuer, in der Stille der Nacht ſah ich es vor mir in großen feurigen Let⸗ tern, in Lettern, die nie eine Hand geſchrieben, nie ein Auge geſehen, und die ich Unſelige dennoch verſtand Mit glühenden Zangen hätte ich mein Gehirn zerfleiſchen mö⸗ gen, um nur dies eine furchtbare Wort daraus zu entfernen — aber vergebens, es blieb und mit ihm blieb mein Kampf, meine Qual, meine Verzweiflung!— Ver⸗ lotene Schöne“ das war das Wort, das ich nicht wieder los werden konnte. Verlorene Schöne? Was war das? Ich wußte es nicht: aber ein ge⸗ heimes Gefühl ſagte mir, daß es etwas ſehr Furcht⸗ bares ſein müſſe.... Verlorene Schöne—! Ich hatte geſehen, wie Emil ſelber ſtockte und wie eine brennende Scham⸗ röthe ſein Antlitz übergoß, da er das Wort über die Lippe hatte; Emil, der kecke, wilde Emil, der ſich ſo leicht vor nichts ſchämte— und vor dieſem Wort, da es ihm in Neid und Groll entfuhr, hatte er ſich doch geſchämt! O in der That, es mußte etwas ſehr Furcht⸗ bares ſein. Und dann noch ein anderes Wort, das ich 17 leider ſchon kannte, und das ſchon vor Jahren mein Herz durchbohrt hatte, wie ein zweiſchneidiges Schwert —„Komöbiantendirne.“ Auch an dieſem Wort hatte ich mir in frühern Jahren den Kopf zerbrochen und dennoch war mir Weles daran räthſelhaft geblieben. Komödiantendirne— es hörte ſich ſo gemein, ſo widerwärtig an; wie ich das Wort nur dachte— ach und wie vft dachte ich es in der Einſamkeit meiner öden trüben Jahre!— ſah ich auch gleich im Geiſt die breiten plumpen Kinnbacken meines Oheims ſich öffnen und heraus kroch, wie eine träge kalte langgeſtreckte Schlange, das verhaßte Wort: Komödiantendirne.. Auch hatte ich wirklich einmal vor Jahren eine Komödiantenbande geſehen, natürlich nicht auf den Brettern; in ein ſolches Netz des Teufels würde Herr Nonnemann mich niemals haben gerathen laſſen. Nein, es war eine arme verlumpte, zigeunerhafte Bande, die in der Nachbarſchaft beim Vagabundiren und Betteln, wenn nicht bei noch Schlimmerem aufge⸗ griffen worden und nun von den Landreitern an unſerm Hauſe vorüber in das Stadtgefängniß geführt ward. Es war ein wüſter, tumultuariſcher Zug und ich weiß noch deutlich, wie ich beim erſten Anblick erſchrok⸗ ken vom Fenſter zurückfuhr, bis endlich doch die 1856. IX. Helene. I. 2 kindliche Neugier mein Grauſen überwand. Vor Allem hatte ein Kind meine Aufmerkſamkeit erregt, welches mit in dem Zuge geführt ward. Es war nur wenig älter als ich, bleich, mit Schwären bedeckt, und dies bleiche kranke Antlitz war auf grauenhafte Weiſe beſchmiert und übertüncht, mit grellen rothen und weißen Farben. Die Augenbrauen hatte es ſich mit Kohle geſchwärzt und quer über die kleinen auf⸗ geſprungenen Wangen einen Schnurbart gemalt; auf dem Haupte aber trug es eine ſpitze Mütze, faſt wie Herrn Nonnemann's Nachtmütze, nur freilich lange nicht ſo ſauber, während um die dünnen hagern Glieder allerhand Flitterwerk und bunte Fetzen flat⸗ terten. So war es, dem Landreiter zunächſt, an der Spitze des kläglichen Zuges geſchritten und hatte Capriolen geſchnitten und Männchen gemacht hinter dem Rücken ſeines Begleiters, um das Gelächter der Zuſchauer zu erregen. Die aber ſtanden Kopf bei Kopf in allen Fenſtern und Thüren und Jeder, der die arme Fratze ſah, bekreuzte und ſegnete ſich und rief: o pfui, welch ein Kind! ein Komödian⸗ tenkind! Ich entſinne mich noch ſehr lebhaft, wie ich in der nächſten Zeit nach dieſem Vorfall, ſo oft Herr Nonnemann in ſeinem Zorn das garſtige Wort aus⸗ 19 ſtieß, jedesmal heimlich am Spiegel in die Höhe lletterte, aus Angſt, ich möchte wirklich auch ſo aus⸗ ſehen wie das unglückliche Komödiantenkind, und rieb und wuſch mich, daß mir das kleine Geſicht ganz auf⸗ ſchwoll und gab mich nicht eher zufrieden, als bis ich durch meine gute alte Dörte die Gewißheit erlangt hatte, daß ich wirklich noch rein und weiß und kein Komödiantenkind. Und nun war ich es ja doch wohl? mußte es ja doch wohl ein, mußte einen ſichtbaren Makel an mir herumtragen, da ja auch Emil, mein kleiner luſtiger Vetter Emil, mir das verhaßte Wort ins Angeſicht ſchleuderte? Ach, daß mein Geſicht rein und ohne Flecken war, das wußte ich nun wohl: aber um ſo furchtbarer quälte mich der Makel, der uner⸗ Kärliche, geheimnißvolle, der auf meinem Schickſal Unſere Phantaſien und Träume ſind ſtets nur das Spiegelbild deſſen, was unſere Gedanken und Empfindungen im Wachen beſchäftigt hält; der Grund der Seele, heiter ober düſter, ſtrahlt durch die Luftge⸗ ſtalten hindurch, mit denen wir unſere Träume erfüllen. Und der Grund meiner Seele war düſter gewor⸗ den; ich rang in Kämpfen und Zweifeln, die mir 2* 8 20 Niemand löſen konnte, ja um deren Löſung ich Nie⸗ mand anzuſprechen wagte. Und ſo verfinſterte ſich denn auch das Bild, das bis dahin ſo golden in mein Leben hineingeſtrahlt hatte. Florine hörte nicht auf meine Gedanken zu beſchäftigen, aber ſie war nicht mehr die leuchtende Fee, die aus dem Birnbaum trat: ſie war eine graue, finſterblickende Norne, die die Fäden meines Schickſals in Händen hielt und ſie mit grauſamer Schadenfreude immer tiefer verwirrte. . Viertes Capitel. Eine nächtliche Erſcheinung. Eines Nachts, da ich ſchlaflos in meinem Bette lag und die ſeltſamen Lichter und Schatten betrachtete, die der Mond über die Nachbargiebel hinweg in mein Dachkämmerchen warf, wurden dieſe Kämpfe und Zweiſel ſo heftig, daß ich mir Auskunft zu ver⸗ ſchaffen beſchloß, es koſte was es wolle. Daß die alte Dörte den Schlüſſel des Geheimniſſes beſaß, wußte ich längſt. Zwar war ſie ſeit geraumer Zeit ſehr ſtumm und ablehnend gegen mich: aber war ſie es denn nicht blos deshalb, weil ſie ſich von mir ver⸗ nachläſſigt glaubte? War ihr Herz nicht blos des⸗ wegen kälter gegen mich geworden, weil ſie meine Zärtlichkeit minder warm, meine Liebkoſungen min⸗ der häufig und vertraulich fand? Auf denn, ſei muthig, Helene! wage einen letz⸗ ten Sturm auf dies alte verſchloſſene und doch ſo weiche, ſo liebevolle Herz! Die Nacht iſt ſtill, Alles im Hauſe ſchläft— was zauderſt Du? Es iſt der⸗ ſelbe Weg, den Du als kleines nacktbeiniges Kind unzählige Male gegangen, ebenfalls heimlich und ebenfalls bei Nacht; der Mond ſcheint wie damals, wie damals wird die alte Dörte in ihrer Ofenecke ſitzen und nicken und wenn ſie Dich auf der Diele kniſtern hört, wird ſie auffahren und Dir die Thüre öffnen und wird Dich in ihre Arme ſchließen und Alles wird wieder gut ſein—— Und auch der letzte Schleier wird fallen; hat ſie es mir nicht verſprochen? Bin ich jetzt nicht groß, ſo groß, daß Tante Fränzchen alle Tage ſeufzt, weil mir kein Kleid mehr paſſen will? Und iſt es nicht blos noch zum Spott, wenn Emil mich noch„kleine Dame“ nennt? WMan weiß, wie es mit ſolchen Gedanken geht, die, an ſich höchſt abenteuerlich, eben wegen ihrer 22 Abenteuerlichkeit ſich im Kopfe feſtſetzen und nun, ſchabenfrohen Dämonen gleich, nicht wanken und nicht weichen, bis ſie wirklich ausgeführt werden Ohne Zweifel hatte ich es bei Tage viel leichter und beque⸗ mer, die alte Dörte zu ſprechen, als jetzt bei nacht⸗ ſchlafender Zeit. Die Beaufſichtigung war lange nicht mehr ſo ſtreng wie früher, auch wurde ich ja allmählich ein bischen zur Wirthſchaft angelernt und mußte der Magd in dieſem und jenem in der Küche zur Hand gehen, wobei denn nichts leichter war, als ein flüchtiges heimliches Wort mit ihr zu wechſeln⸗ Ich ſagte mir das ſelbſt, aber vergeblich; es ließ mir nun einmal keine Ruhe noch Raſt, ich mußte hinunter, mußte noch heut, in dieſer Stunde, auf der Stelle mußte ich mit der alten Dörte ſpre⸗ chen, mußte mich mit ihr verſöhnen und ihr Geheim⸗ niß mit ihr theilen. War ſie nicht ſteinalt? älter, glaube ich, als der alte Chriſtian? Konnte ſie nicht ebenfalls ſterben über Nacht und was wurde dann aus ihrem Verſprechen?! Das Bett brannte unter mir; wie vom Mond emporgezogen, ſtand ich auf, warf mein Gewand über, ſchlüpfte in die Pantoffeln— es ſchadete nichts, wenn ſie auch ein bischen klappten, Mitternacht war vorüber und bei der pedantiſchen Zeiteintheilung, ———— 23 welche in dem Hauſe meines Oheims herrſchte, lag längſt Alles und ſchlief, höchſtens die alte Dörte ausgenommen, die in ihrem Ofenwinkel das Privile⸗ gium hatte, die Nacht zum Tage zu machen, wenn ſie nur dafür nicht Tag in Nacht verkehrte und die vor⸗ geſchriebene Arbeit pünktlich verrichtete. Selbſt das ewig waltende Gewiſſen dieſes Hauſes— oder wie Vetter Emil ihn boshafter Weiſe nannte, der große ewig wachſame Haushund— ſelbſt Herr Nonnemann ſchlief jetzt den Schlaf des Gerechten, und ſo geſetz⸗ widrig meine nächtliche Unternehmung war, ſo ſicher war ich doch ſie ohne Störung zu vollbringen. Ohne Störung allerdings, aber auch ſehr ohne Frucht. Ich gelangte die Stiege glücklich hinunter, eſchlich den wohlbekannten Gang entlang, öffnete die Küchenthür, fand die alte Dörte aber nicht in ihrer gewohnten Ecke, ſondern vielmehr in der Kammer daneben, auf dem harten Pfühl, der ihr zum Nacht⸗ lager diente; vielleicht hatte die wärmere Jahreszeit ſie aus ihrer Ofenecke verſcheucht oder ſie hatte, ſeit⸗ dem ich nicht mehr zu ihr kam, auch überhaupt eine andere Gewohnheit angenommen. Es iſt wunderbar, an welche kleinen, zufälligen Umſtände unſere Entſchließungen zuweilen geknüpft find. Hätte ich meine alte mürriſche Freundin in der 24 Ecke am Ofen gefunden wie ich erwartete, ſo würde ich auch ganz gewiß ſofort Mittel und Wege gefunden haben, mich mit ihr zu verſtändigen und ihre ſpröde Laune— denn mehr war es ja doch bei Licht beſehen nicht— zu beſiegen. Dagegen brachte der uner⸗ wartete Umſtand, daß ich ſie bereits ſchlafend in ihrer Kammer traf, mich dermaßen aus der Faſſung, daß ich den Muth nicht finden konnte ſie zu wecken. Als hätte die kühle Nachtluft mich ernüchtert, ſtand das Abenteuerliche, ja Abgeſchmackte meines Vorha⸗ bens mit einem Male deutlich vor mir. Mit ange⸗ haltenem Athem ſtand ich und lauſchte; ſie ſchlief ſo ſanft, es war wohl grauſam, um meines kihdiſchen Einfalls willen die Nachtruhe der alten vielgeplagten Frau zu ſtören. Auch fiel der Mond gerade grell auf das alte runzeliche Geſicht mit den ſtruppigen grauen Haaren, die wirr unter dem Kopftuch her⸗ vorſtanden— und ſo lieb die alte Dörte mir übrigens auch war, ſo kann ich doch nicht ſagen, daß dieſer Anblick meinen Muth gerade ſehr erhöhte. Was nützt es Dir, dachte ich in der Stille, wenn Du ſie auch weckſt, ſie iſt doch wohl nur verſchlafen oder läßt Dich hart an; beſſer, Du warteſt bis morgen am Tage oder bis zu einer andern vernünftigen Stunde — und jetzt geh' wieder hinauf in Dein Bett, Helene, 25 und zieh' Dir die Decke über die Ohren und ſchlaf, und ſei Gottes Freund. Gedacht, gethan. Ich ſtieg die Treppe wieder aufwärts; es war mir ordentlich lieb und ich fühlte eine gewiſſe Zufriedenheit mit mir ſelbſt, daß ich den thörichten Einfall noch im letzten Augenblick wie⸗ der aufgegeben. Auf der Mitte der Treppe angekommen, blieb ich einen Augenblick ſtehen; das vorſichtige Schlei⸗ chen mit verhaltenem Athem hatte mir die Luft ver⸗ ſetzt und ich mußte einen Moment ausruhen. In⸗ dem ich nun ſo ganz abſichtlos, an das Treppengeländer gelehnt, meine Augen zum Saalfenſter hinausſchwei⸗ fen laſſe in den vom Mondſchein hell erleuchteten Garten, ßewahre ich— Nein, nein, ich muß die Feder niederlegen und eine Pauſe machen: denn noch jetzt, nach ſo viel Jahren, ſträuben ſich mir die Haare und das Blut erſtarrt in meinen Adern, indem ich mir das Ent⸗ ſetzen zurückrufe, das mich damals durchrieſelte! Alſo denn: ich gewahre, wie in dem un⸗ bewohnten, nur als Kaſſenlokal benutzten Flügelge⸗ bäude, zunächſt dem alten Birnbaum, plötzlich ein Mauerſpalt ſich öffnet und hervor tritt eine weiße rieſige Geſtalt. Geräuſchlos ſchließt ſich die Mauer 26„ hinter ihr, die Geſtalt ſteht einen Augenblick ſtill, wendet den Kopf bedachtſam nach allen Seiten— und jetzt, als hätte ſie mich erblickt, gleitet ſie quer durch den Hof, gerade auf mich zu und verſchwindet ſpurlos im Innern des Hauſes. Noch heutigen Tages weiß ich nicht, wie ich damals eigentlich von der Treppe weg und in mein Bette zurüͤckgekommen bin. Ich war nicht eigentlich abergläubiſch: aber wo wäre das zwölfjährige Mäd⸗ chen, deſſen Nerven einem ſolchen entſetzlichen Schau⸗ ſpiel gewachſen wären? Vergeblich ſuchte ich mich ſelbſt zur Ruhe zu ſprechen, vergeblich überredete ich mich, das Ganze ſei nur ein Schreckbild meiner erreg⸗ ten Phantaſie oder irgend ein Lichtreflex geweſen, der mich auf ſo wunderbare Weiſe getäuſcht hatte: mein Blut war ſelten ruhiger als es gerade in jenem Au⸗ genblick geweſen war, auch brannte weit und breit kein Licht, nur der Mond ſtand klar und hell am Himmel und vergebens ſuchte ich eine Möglichkeit auszufinden, wie ſein milder ſtiller Glanz elnen ſo ſeltſamen Spuk hätte hervorbringen ſollen. O dieſe Nacht war ja wirklich zu einer Folterbank für mich beſtimmt! Bis an den lichten Morgen lag ich und beſtürmte mein armes fieberheißes Gehirn vergeblich um Aufklärung eines ſo unerhörten Abenteners;— 27 hatte am Ende meine Kinderahnung doch Recht gehabt? War es der Schatten der zürnenden Florine geweſen? und ſchritt ſie vom Birnbaum her, die drohende Hand aufwärts gerichtet gegen die treu⸗ loſe Tochter?! P Noch mehrere Tage ging ich wie im Traum; der Aufenthalt im Garten, ſonſt meine liebſte Freude, wurde mir verhaßt. Endlich, da ich einſt am hellen Mittag mit den Vettern unter dem Birnbaum ſaß (denn am Abend hätte mich das innere Grauſen nicht dazu kommen laſſen), faßte ich mir ein Herz und er⸗ zählte ihnen halb im Ernſt, halb im Scherz, was mir begegnet. Die Veranlaſſung, die mich noch ſo ſpät auf den Saal geführt, wagte ich natürlich nicht zu verrathen; ich veränderte alſo die Zeitbeſtimmung etwas und ſagte, ich hätte die Erſcheinung bereits einige Stunden früher gehabt, da ich des hellen Mondſcheins halber ohne Licht mich zum Schlafen⸗ gehen in meine Kammer begeben hätte. Aber waren die jungen Leute zu aufgeklärt, um überhaupt noch an Geſpenſter zu glauben, oder dach⸗ ten ſie, ich führte irgend einen Schalksſtreich gegen ſie im Schilde: genug, ſie ſchenkten beide meiner Er⸗ zählung wenig Aufmerkſamkeit. Emil meinte, es würde wohl irgend ein alter eingemauerter Mönch * 28 geweſen ſein,(das Haus nämlich, das wir bewohnten, war der Ueberreſt eines Kloſters, das früher an der Stelle geſtanden), den ſeine Liebesſehnſucht nicht habe ſchlafen laſſen. Hermann aber ſchalt mich gar aus; das käme von dem ſpäten Aufbleiben und den vielen unnöthigen Gedanken und Sorgen, die ich mir den Tag über machte. Doch bemerkte ich, daß er ſeitdem, wenn ich Abends in mein Kämmerchen hinaufging, jedesmal unten an der Treppe ſtehen blieb und ſich nicht eher zurückzog, als bis er meine Thür ins Schloß fallen gehört hatte. Meinem Oheim und Tante Fränzchen blieb das Ganze natürlich ein tiefes Geheimniß und auch der alten Dörte vertraute ich nichts davon, weil ich ihr ja ſonſt auch hätte erzählen müſſen, daß ich ſchon bis vor ihr Bette geweſen und dann wieder umge⸗ kehrt war, ohne mit ihr zu ſprechen. Fünftes Capitel. Die Ferienreiſe. So vergingen wieder eimge Wochen und die Zeit rückte heran, wo Herr Nonnemann ſeine alljähr⸗ 29 liche Erholungsreiſe zu machen pflegte. Wie man ſich leicht denken kann, war dies ein wahrer Lebens⸗ abſchnitt, nicht blos für Herrn Nonnemann ſelbſt, ſondern auch für Alle, die mit ihm im Hauſe lebten. Er athmete auf und ſchüttelte den Staub der Ar⸗ beit von ſich— aber Gott weiß, wir athmeten auch auf. Was ihm die Erholung der Reiſe und der Ge⸗ brauch des Brunnens, das war uns ſeine Abweſen⸗ heit; auf drei, vier Wochen von ſeinem ewig ſpä⸗ henden Auge befreit zu ſein, drei, vier Wochen lang ſeine ewig zankende Stimme nicht zu hören, nicht ewig die Uhr im Kopf haben zu müſſen, ſondern ſich auch einmal ein bischen frei und ſelbſtändig be⸗ wegen zu können wie andere Menſchen— o wahr⸗ haftig, Herr Nonnemann mußte ſehr weit reiſen, wenn er in irgend einem Bade der Welt die Erquickung finden wollte und das Wohlbehagen, das uns dieſer Gedanke gewährte. Freilich mußte auch dieſer Genuß erſt errungen werden. Als ahnte er, daß die Feſſel der Hausordnung in ſeiner Abweſenheit ſich lockerte und als müßte er uns zum Voraus züchtigen für die Freiheit, die wir im Begriff ſtanden uns zu nehmen, war Herr Nonnemann nie ſtrenger und nie unleidlicher, als gerade in dieſen letzten Wochen vor ſeiner Reiſe. 30 Es ſchien wirklich, als wollte er uns das Glück, das uns bevorſtand, recht empfinden machen; darum ver⸗ muthlich ſetzte er die gewöhnlichen Daumſchrauben zu guterletzt noch einmal mit verdoppelter Heftigkeit an und ſtöberte im Hauſe umher und inquirirte und ſchalt und drohte, und citirte Gott und den Teufel, daß ſelbſt Tante Fränzchen mitunter in Gefahr kam, die Geduld zu verlieren. Auch bei ſeinen Reiſezurüſtungen zeigte er ſich ganz ſo grillig und wunderlich, wie wir ihn kennen. Tagelang vorher durfte Niemand in ſein Zimmer kommen; ſo gern er ſich ſonſt von Tante Fränzchen bedienen ließ, ſo packte er doch ſeine Koffer regel⸗ mäßig allein. Den Schlüſſel ſeines Zimmers ließ er zwar zurück, wegen der möglichen Feuersgefahr: doch dreifach verſiegelt und mit der gemeſſenſten Wei⸗ ſung die Siegel nur im dringendſten Nothfall zu erbrechen. Das Kaſſenlokal blieb in der Zeit gänz⸗ lich geſchloſſen; es waren eben Ferien, auch würde ein ſo gewiſſenhafter Mann wie Herr Nonnemann nie zugegeben haben, daß ein Anderer ſich in ſeine Arbeit miſche. Nur für die unvermeidlichſten Ge⸗ ſchäfte, für den Empfang von Briefen, die Anmel⸗ dung von Capitalien und dergleichen, blieb eine kurze Zeit des Tages eins der Vorzimmer geöffnet. Doch 31 waren dieſe Geſchäfte an ſich höchſt unbedeutender Natur und konnten von den beiden Vettern, die der Schule des Oheims nachgerade alle Ehre machten, ganz wohl beſorgt werden. Ein ſeltſamer Widerſpruch dagegen mit ſeiner ſonſtigen peinlichen Vorſicht und Regelmäßigkeit war es, daß mein Oheim über den Ort, wohin er reiſte, jedesmal das tiefſte Stillſchweigen beobachtete. Er ſelbſt erzählte von ſeinen Reiſen nichts, weder vor⸗ noch nachher; zu fragen wagte Niemand, und ſo blieb denn ſtets Ziel und Richtung derſelben in das tiefſte Dunkel gehüllt. Nur für den unerwünſchten Fall, daß ſich zu Hauſe ganz etwas Beſonderes er⸗ eignen ſollte, hinterließ er Tante Fränzchen eine Adreſſe; dieſelbe lautete jedoch auf einen fremden Namen in einer benachbarten Stadt und ſollte nur dazu dienen, die für ihn beſtimmten Briefe durch dritte und vierte Hand weiter zu befördern, ſo daß der eigentliche Beſtimmungsort uns nichts deſto we⸗ niger vollkommen unbekannt blieb.— Es war dies eine Angewöhnung des Herrn Nonnemann, die unter ſeinen Bekannten(inſofern nämlich dieſer kalte ver⸗ ſchloſſene Mann überhaupt Bekannte hatte) manches heimliche Lächeln erregte; ſie behaupteten, es ſei ein Jungbrunnen, wohin er reiſe und er halte ihn blos 32 darum ſo geheim, weil er anderen Menſchen nicht gönne, auch ſo jung und friſch zurückzukehren, wie er es that. Denn mit dieſem Letzteren hatte es wirklich ſeine Richtigkeit. Es war merkwürdig und ſiel ſelbſt uns Kindern auf, wie ganz anders der Oheim ausſah, wenn er von der Reiſe zurückkehrte. Die hohe kräf⸗ tige Geſtalt ſchien noch höher und kräftiger geworden, die bleichen feiſten Wangen hatten ordentlich eine Art von rothem Schimmer bekommen, die ſonſt ſo matten glanzloſen Augen leuchteten von eigenthüm⸗ lichem Feuer und ſelbſt in ſeiner Stimme lag ein Etwas, ein gewiſſer ſchmelzender zitternder Klang, den wir ſonſt uiemals darin bemerkten. Als Tante Fränzchen ſich eines Tags erlaubte, ihm ihr Com⸗ pliment wegen dieſes verbeſſerten Ausſehens zu machen, ließ er ſie zwar im erſten Augenblick außerordentlich hart an: er gehöre nicht zu den Narren, die wegen ihres angeblichen Wohlausſehens becomplimentirt ſein wollten; ſchlimm genug, daß er auf Geheiß ſeines Arztes reiſen müſſe, ginge es nach ihm, bliebe er gern zu Hauſe, zumal in dieſen theuren Zeiten und mit vier fremden Leuten auf dem Halſe, für die er ſich plagen und ſchinden müſſe. Bald darauf jedoch, mit jenem Gemiſch von Grobheit und Herablaſſung, das er ſo meiſterlich zu handhaben verſtand, räumte 33 er ein: allerdings, das Reiſen thue ihm wunderbar gut, er fühle ſelbſt, wie, dem Himmel ſei Dank, er jedesmal neu geſtärkt, mit erfriſchten und verjüngten Kräften zurückkehre. Doch könne Tante Fränzchen daraus nur ſehen, welche Lebenskraft eigentlich in ihm ſtecke und was für ein Mann er geworden ſein würde, wenn er ſich nicht um unſertwillen ins Selavenjoch des Büreandienſtes abzuarbeiten brauchte: eine Vorhaltung, die Tante Fränzchen dann jedes⸗ mal zu Thränen rührte und ſie zu einer Fluth von Segenswünſchen und Dankſagungen veranlaßte, während Vetter Emil in der Ecke ſtand und hinter⸗ ůcts die Zunge herausreckte. Auch hielt, allen Reſpeet vor dem Zauber des Jungbrunnen, die Wirkung deſſelben bei meinem Oheim doch niemals ſehr lange an; es war ſozuſagen nur eine Plattirung, die ſich ſchon in den erſten Wochen, zugebracht im Drang der häuslichen Ge⸗ ſchäfte, wieber abgriff Das begegnet nun auch wohl anderen Leuten und ſogar den Meiſten von denen, die heut zu Tage ins Bad reiſen. Doch wird nur bei Wenigen der Uebergang ſo ſchnell, der Rückfall in die Werkeltagslaune ſo raſch und gründlich ſein. Aber immerhin, wenn wir Herrn Nonnemanns Reiſe auch zweimal büßen mußten, einmal bevor er 1856. IX. Helene. II. 3 34 reiſte und dann wieder in den erſten Wochen nach ſeiner Rückkehr(denn in dieſen beiden Perioden war er wahrhaft unerträglich), ſo freuten wir uns dennoch königlich auf die Zeit ſeiner Abweſenheit und zählten ſchon Wochen vorher den Tag, wann dieſe finſtere Wolke endlich ihren Abmarſch antreten würde. Jeder von uns hatte für dieſe Zeit ſein Plänchen, Jeder ſeine geheimen Unarten, die er nur dann und zukeiner andern Zeit des Jahres auslaſſen durfte; die alte Dörte wuſch und ſchenerte durchs ganze Haus, daß das Waſſer vom Dachforſt tropfte, Tante Fränzchen beſuchte einige Kaffeviſiten in der Stadt und brachte nebenher ſämmtliche Uhren im Hauſe in Unordnur und wir junges Volk— nun ja doch, wir ſchweigteniſ dem Bewußtſein, einmal recht von Grund aus ver⸗ kehrte Welt ſpielen und Alles thun zu dürfen, was wir ſonſt unterlaſſen, Alles zu unterlaſſen, was wir ſonſt thun mußten. Sechstes Capitel. Getäuſchte Hoffnung. Es iſt eine alte Erfahrung im Leben, daß oft gerade dasjenige, worauf wir uns am meiſten gefreut 35 und was wir mit der größten Sehnſucht erwartet haben, wenn es endlich eintrifft, uns am wenigſten hält, was wir uns davon verſprochen. Dieſe Erfah⸗ rung ſollte auch ich jetzt machen. Wie hatte ich auf die freie Zeit, welche die Abweſenheit meines Oheims uns gönnte, mich diesmal ſo ganz beſonders gefreut! Mit welcher Unruhe hatte ich die Tage, ja die Stunden bis zu ſeiner Abreiſe gezählt! Mit welcher geheimen Schadenfreude ſah ich ihm nach, da er endlich, nach unzähligen guten Ermahnungen und Lehren, gravi⸗ tätiſch in den Poſtwagen ſtieg und über das ſchlechte Steinpflaſter davon rumpelte! Die letzten Wochen u Monate waren für mich ſo ſtürmiſch ge⸗ weſen, ich hatte ſo viel ſtille Kämpfe zu beſtehen ge⸗ habt, daß es mir ein wirkliches Bedürfniß war einige Wochen in Ruhe zu verleben. Junge Leute, die ſo aus dem natürlichen Entwickelungsgange hin⸗ ausgeſchleudert werden, wie es mit mir der Fall war, nehmen leicht auch gewiſſe Schwächen des Alters an und ſo war auch dies Ruhebedurfniß, ſonſt etwas dem jugendlichen Gemüthe ſo Fremdes, bei mir etwas durchaus Natürliches und Nöchiges. Dazu kam eine eigene— wie ſoll ich ſie nen⸗ nen?— optiſche Täuſchung oder Seelentäuſchung, genug: eine ſeltſam barocke t die mir 4 die Nähe meines Oheims in der letzten Zeit wahr⸗ haft unerträglich machte. Nämlich ſo oft ich bei unſern häuslichen Mahlen oder ſonſt ſein bleiches gedunſenes Geſicht, ſeine hohe breitſchultrige Geſtalt mir gegenüber hatte, ſo trat mir unwillkürlich jener nächtliche weiße Schatten vor die Seele, der mich damals ſo fürchterlich erſchreckt, und ich mußte mir Gewalt anthun, um nicht bei hellem Tage die Au⸗ gen vor ihm zu verſchließen. Meine Sinne verwirr⸗ ten ſich immer mehr; war er vielleicht ſelbſt ein ge⸗ ſpenſtiges Weſen? Hatte Emil Recht und er war in der That nur der raſtlos umhergetriebene Schatten irgend eines längſt Verſtorbenen, dem Eiferſucht, Haß, Neid keine Ruhe ließen in ſeiner Gruft? Ja dieſe ganze Welt, die mich umgab, dieſes öde ſchweigſame Haus, mit dieſen kleinen düſtern Zimmern, dieſer trüben Stille den ganzen langen Tag, die nur durch das einförmige Picken der zahlreichen Uhren unterbrochen ward— war es nicht am Ende eine Schattenwelt? War ich nicht ſelbſt vielleicht ſchon eine Geſtorbene?2 Und Alles, was mich umgab, waren nur die blaſſen trüben Schemen einer öden, ſchweigſamen Gra⸗ besnacht? 8 Nein, nein, es war doch noch Leben in meiner Nähe, noch hielt das Grab mich nicht umfangen, 37 noch hatten die Geiſter keinen Theil an mir: die fri⸗ ſchen blühenden Geſichter der beiden Jünglinge, die neben mir heranreiften, Emil's muthwillige Streiche, das immer gleich freundliche, immer offene, klare Antlitz ſeines Bruders dienten mir zum Zeugniß dafür und aus voller Seele beſchloß ich, die trüben Schleier zu zerreißen und abzuſchütteln, die meine Sinne umwölkten, und unbefangenen Herzens den Augenblick zu haſchen, der ſich uns darbot. Ein beſonders tiefes Bedürfniß empfand ich namentlich, mich mit Hermann, dem älteren und geſetzteren der beiden Brüder, zu verſtändigen. Man erinnert ſich, daß in Folge der kühlen, phlegmatiſchen Art, mit welcher er meine Phantaſtereien(wie er ſie nannte) aufgenommen hatte, eine Art von Verſtim⸗ mung zwiſchen uns getreten war, die unſer ſonſt ſo herzliches Verhältniß zu zerſtören drohte. Dieſe Ver⸗ ſtimmung wollte ich entfernen, ich wollte beſonnen, aufmerkſam und verſtändig ſein, wie er mich wünſchte, und mir durch ein heiteres, unbefangenes Weſen ſei⸗ nen Beifall erwerben. Lache man doch nicht über dieſen Apparat moraliſcher Entſchlüſſe und Zurüſtun⸗ gen, mit denen ich einer kurzen Ferienzeit von drei, vier Wochen entgegenging: die Gelegenheit, große Vun der Tugend zu feiern, kommt uns Gottlob 38 Gottlob: denn wir würden oft unterliegen) ſehr ſel⸗ ten, gerade das enge geräuſchloſe Gleis des häusli⸗ chen Lebens iſt es, das uns die meiſte Gelegenheit zum Straucheln bietet und für das wir daher auch am Beſten gerüſtet ſein ſollten. Leider indeß ſollten meine guten Vorſätze diesmal nur halb zur Ausführung kommen, oder doch nur halb den Erfolg haben, den ich mir davon verſprochen hatte. An demſelben Tage, da Herr Nonnemann uns verlaſſen hatte, erkrankte Hermann. Es war ein hitziges Fieber, das bei der üppigen Jugendfülle des ſiebzehnjährigen blühenden Knaben raſch eine gefährliche Wendung nahm. Vielleicht wäre die Gefahr minder drohend geworden, hätte Tante Fränzchen ſich eher entſchließen können den Arzt rufen zu laſſen. Allein aus kleiner hausmütterlicher Aengſtlichkeit und Sparſamkeit, um dem Herrn Schwager nicht noch mehr, unnöthige Koſten“ zu machen, verſäumte ſie den richtigen Zeitpunkt und hielt ſich und den Patienten mit Hausmittelchen hin, ſo lange es irgend gehen wollte. Als endlich am dritten oder vierten Tage der Arzt herbeigerufen ward, machte er ein hoͤchſt bedenkliches Geſicht; der Kranke delirirte, Blut⸗ entziehungen, Eisumſchläge und wu 39 wurden verordnet und die größte Aufmerkſamkeit und Ruhe zur Pflicht gemacht. Und da war es nun wieder merkwürdig zu ſehen, wie neue und unerwartete Ereigniſſe auch neue und unerwartete Seiten des Charakters zu Tage bringen. Tante Fränzchen, im gewöhnlichen Gang der Dinge eine ſolche ſorgſame, pünktliche Hausfrau, hatte jetzt, wo ihr geliebter Sohn mit dem Tode rang, den Kopf völlig verloren. Zehnmal in einer Stunde ſprang ſie auf und erklärte, ſie müſſe dem Schwager ſchreiben, daß er zurücktäme; ein ſolches Schickſal allein zu tragen ſei für ſie zu ſchwer, ſie wiſſe ſich nicht aus noch ein, und jedesmal wieder, wie ſie ſich zum Schreiben hinſetzte, ſchob ſie das Blatt unter Stöhnen und Aechzen zurück und meinte: nein, jetzt ſei es noch zu zeitig, ſie wolle noch warten bis Nachmittag, oder bis zum nächſten Morgen, und wenn es ſich bis dahin nicht gebeſſert mit dem Kranken, dann wolle ſie auch ganz gewiß nicht län⸗ ger zaudern. Endlich, da das Geſicht des Arztes immer bedenklicher ward, befahl ſie Emil, ſtatt ihrer zu ſchreiben. Dieſer jedoch lehnte den Auftrag rund ab, indem er ihr mit einer ſonſt an ihm gar nicht gewohnten Trockenheit bemerklich machte, daß es dazu noch immer Zeit ſein werde, wenn Hermann 3 40 wirklich geſtorben wäre. Onkel Nonnemann, be⸗ merkte er, ſei ein ſehr gütiger und großmüthi⸗ ger Mann, das wüßten wir Alle und zwar am meiſten aus ſeinem eigenen Munde; wenn ſie aber glanbe, daß er, beſagter Onkel Nonnemann, um eines kranken oder ſterbenden Reffen willen auch nur einen einzigen Tag von ſeinen vorgeſetzten Vergnügungen abbrechen werde, ſo ſei das mehr rührend als richtig. „Ich zweifle ſogar,“ ſetzte er mit bitterem Lä⸗ cheln hinzu,„ob, wenn der Oheim wirklich davon wüßte, daß unſer Hermann ſterben will, er ihm ſeine vormundſchaftliche Erlaubniß dazu ertheilen würde, da ja in dem Stundenplan, den der Oheim uns hinterlaſſen, ſich eine Zeit zum Sterben nirgend angeſetzt findet, es mithin ein Act grober Willkür und Widerſetzlichkeit ſein würde, wollte Einer von uns ſich dergleichen auf eigene Hand erlanben.. Es bezog ſich dies auf die pedantiſche Art, mit welcher der Oheim uns für die Zeit ſeiner Abwe⸗ ſenheit bis ins Kleinſte hinein vorſchrieb, wie wir unſere Zeit eintheilen und was wir jeden Tag und jede Stunde thun und treiben ſollten: Vorſchriften, die wir uns nur dadurch erträglich machten, daß wir ſie— einfach unbeachtet ließen.* Inſofern alſo war Emil's Spott nicht ganz —, — unverdient. Dennoch verletzte er mich; ich fand es un⸗ begreiflich und unerträglich, wie man noch ſpotten und ſcherzen könne, während drei Schritte von uns ein geliebtes Weſen mit der Gluth des Fiebers ringt. Trotz der Anweſenheit ſeiner Mutter, die gerade für Emil eine beſondere Vorliebe hatte und ſeine Partei ergriff, wo und wie ſie vermochte, ſagte ich ihm meine Meinung darüber ziemlich offenherzig, erreichte damit jedoch nichts weiter, als daß er mir ein boshaftes Geſicht ſchnitt und pfeifend und polternd zur Thür hinausſtürmte, während ich mich tief gekränkt in das Krankenzimmer zurückzog. Siehentes Capitel. Am Krankenbett. Denn hier brachte ich jetzt die meiſte Zeit mei⸗ nes Tages und ſogar meiner Nächte zu. In dem⸗ ſelben Maße, wie. Fränzchen von dem plötzli⸗ chen Unfall, der ſie etroffen, niedergedrückt und zer⸗ ſchmettert war, in demſelben Maße fühlte ich meine junge Seele davon erhoben und angeſpannt. Freilich empfindet das Herz einer Mutter, die 42 ihren Sohn mit dem Tode kämpfen ſieht, auch noch anders als das Herz eines zwölfjährigen Kindes, das nur die Krankheit eines geliebten Geſpielen, nur vie Störung einer angenehmen Ferienzeit bedauert, und darum will ich die kleinen Verdienſte, die ich mir bei dieſer Gelegenheit erwarb, gewiß nicht zu hoch anſchlagen⸗ Aber ganz unerwünſcht war es für unſern Patienten denn doch nicht, daß ich im Angeſicht der Gefahr, die ihm drohte, in demſelben Maße kaltblütig, beſonnen und thätig wurde, wie Tante Fränzchen, im Uebermaß ihrer mütterlichen Beſorgniß, zuſammenbrach. Die alte Dörte hatte zu dem Reffen ihres Brodherrn ſtets nur ein ſehr kühles Verhältniß gehabt, die ſtille Geringſchätzung, welche ſie gegen Tante Fränzchen empfand, hatte ſich, viel⸗ leicht ihr ſelbſt unbemerkt, auf die Söhne derſelben übertragen und ſo fiel denn die ganze Laſt und Luſt der Krankenpflege(denn es iſt auch eine Luſt dabei, obwohl nicht alle Herzen geſchaffen ſind, ſie zu em⸗ pfinden) mir kleinen zwölfjährigen Träumerin anheim. Aber ich war jetzt keine Träumerin mehr; als hätte der Anblick der wirklichen Gefahr, die uns näher und näher trat, alle die Nachtgeſpenſter ver⸗ ſcheucht, die meine Sinne ſonſt umnebelt hielten, ſo war ich in dieſer Zeit klar, friſch und thätig. Nicht 43 blos mein Körper, auch mein Geiſt ertrug ſpielend die ungewohnteſten Anſtrengungen; klaren Auges, ohne das geringſte Bedürfniß nach Schlummer, ſaß ich ganze Nächte lang am Lager des lieben Kranken, kühlte ſeine heiße Stirn und reichte ihm die vor⸗ geſchriebenen Tränke, mit einer Pünktlichkeit und Gewiſſenhaftigkeit, deren ſelbſt Herr Nonnemann ſich nicht zu ſchämen gehabt hätte. Der Arzt, dem mein Eifer und meine Anſtelligkeit nicht entging, belohnte ihn dadurch, daß er ſich mit ſeinen Vorſchriften und Verordnungen vorzugsweiſe an mich wandte und mich förmlich als Herrin und Meiſterin der Krankenſtube inſtallirte. Mein Stolz und meine Freude darüber war nicht gering, ich kam mir ordentlich vor, als wäre ich größer geworden ſeitdem, und Emil, der an dem ganzen Vorgang nur wenig Antheil nahm und ſich meiſt außer dem Hauſe umhertrieb, konnte die ſpöt⸗ tiſche Bemerkung nicht unterdrücken: was Hermann an Geſundheit fehle, ſcheine ich mir zuzulegen, we⸗ nigſtens hätte ich noch nie ſo klar und blühend ausgeſehen, wie gerade in dieſen angſtvollen traurigen Tagen. Ich indeß ließ ihn ſcherzen und ſpotten und pflegte meinen lieben Kranken mit wahrhaft mütter⸗ licher Zärtlichkeit. Wer einmal ein heranwachſendes 41 junges Mädchen, deſſen Charakter nicht etwa den natürlichen weiblichen Pflichten widerſtrebt, in einer ähnlichen Lage geſehen hat, der wird auch bemerkt haben, welch ein eigenthümlich frauenhaftes Behagen ſich dabei, mitten unter Angſt und Noth, in den jungen Weſen entwickelt und mit welchem Gemiſch von Angſt und Freude ſie ihre peinlichen Pflichten erfüllen. Was Hermann's verſtändiges Zureden bis⸗ her nicht vermocht, das erreichte er jetzt, ohne es ſelbſt zu wiſſen, durch ſeine Leiden: das Geheimniß⸗ volle meines Schickſals, der Tod des alten Eberſtein, mein Zwiſt mit der alten Dörte, ſelbſt der Schatten Florinens— Alles war vergeſſen, ſowie ich über die Schwelle des Krankenzimmers trat und dies um⸗ florte trübe Auge ſah, das mich, durch die Nebel des Fiebers hindurch, um Linderung und Erleichterung anzuflehen ſchien. Ja ſelbſt mitten in der Nacht, wenn irgend eine Beſorgung für den Kranken es nöthig machte, lief ich im Hauſe hin und her und ſprang die Treppen auf und nieder, ohne auch nur ein einzig Mal an das Geſpenſt zu denken, das mich einige Monate zuvor ſo entſetzt hatte— und natür⸗ lich auch ohne das Mindeſte davon wieder zu ſehen. Und als nun endlich nach vier oder fünf qual⸗ vollen Tagen die Stirn des Kranken ſich kühlte, als 45 ſein Schlaf ruhiger, ſein Auge heller ward, als er mir die Hand entgegenſtreckte, wie ich an ſein Bett trat, und der Arzt mit zufriedenem Lächeln die Gefahr für überwunden erklärte— o wie könnte ich die Freude ſchildern, die mich da durchfloß! Jetzt erſt, da die Spannung vorüber, ſtürzte ich am Bett des Kranken nieder und erleichterte das arme junge Herz in Thränen. Selbſt Tante Fränzchen ſchien ergriffen und äußerte einige anerkennende Worte; der Arzt aber, ein kleiner kurzangebundener ſarkaſtiſcher Herr, der ſonſt nicht viel Worte machte, ſchob mit eigen⸗ chümlichem Lächeln eine Priſe in die Naſe und ſagte, den Deckel der großen goldenen Doſe bedäch⸗ tig wieder zuklappend: „Laſſen wir das nur, Frau Paſtorin, die Kleine hat nur ihre Schuldigkeit gethan— und am Ende doch mehr, als Sie und ich ihr danken können und unſer Patient da, der Musie Hermann, dazu... 46 Achtes Capitel. Goldene Stunden. Nun folgte eine Reihe goldener, glücklicher Tage. Nachdem die Wuth der Krankheit einmal gebrochen war, erholte Hermann ſich mit jener Schnelligkeit, welche das köſtliche Vorrecht der Ju⸗ gend iſt. Schon an einem der nächſten Tage durfte er ſein Bett verlaſſen; ich bereitete ihm einen be⸗ haglichen Sitz am Fenſter und obwohl ihm die Aus⸗ ſicht nichts weiter gewährte, als den Anblick des wohlbekannten halbverwilderten Gartens, ſo lag doch für ein Auge, das ſpeben erſt über den vffenen Rand des Grabes geblickt hatte, auch ſchon darin ein Genuß.— Bei Tante Fränzchen kam die Angſt recht eigentlich nach; erſt jetzt, nachdem die Gefahr beſiegt, kam ſie zum Bewußtſein darüber, welche Störung das unerwartete Ereigniß im Haushalt hervorgebracht hatte, wie mancherlei unvorgeſehene Ausgaben dadurch nöthig geworden waren und was der geſtrenge Herr Schwager wohl überhaupt dazu ſagen würde, daß einer ſeiner Hausgenoſſen, ſein Neffe und Schreiber, ja um Alles zu ſagen: ein Waiſenknabe, der von fremder Leute Gnade lebte, 47 ſich während ſeiner Abweſenheit erlaubt hatte, krank zu werden! Die Beſorgniß darüber, die ihrem wirthſchaft⸗ lichen Sinne gewiß alle Ehre machte, mir aber doch ein wenig abgeſchmackt vorkam, verließ Tante Fränzchen keinen Augenblick und verdarb ihr den größten Theil der Freude, welche ſie über die Geneſung des Soh⸗ nes empfand. Ja ſo groß war dieſe Beſorgniß, daß ſie keinen Anſtand nahm, dieſelbe ſogar in Her⸗ mann's eigener Gegenwart zu äußern; ſie bat ihn zwar wiederholentlich, ſich nur ja recht zu ſchonen, fügte aber ebenſo regelmäßig die Erwartung hinzu, daß er doch wohl bis zur Rückkehr des Oheims voll⸗ ſtändig geneſen ſein würde, damit dieſer von ſeiner Krankheit nur ja nicht noch mehr Verdruß und Be⸗ ſchwerde hätte, als es leider ſchon ohnedies der Fall wäre. Hermann war ein viel zu guter Sohn, um auf dieſe Ermahnungen jemals anders als mit ſtum⸗ mem Kopfnicken zu antworten. Doch ſah ich dabei jedesmal ſehr wohl, wie die helle Schamröthe das halb abgewandte Antlitz übergoß und wie die ſonſt ſo braune, derbe Hand, jetzt abgemagert und ange⸗ haucht von der Bläſſe des Krankenzimmers, mit 2 48 krampfhaftem Grimm in die Kiſſen ſeines Lehn⸗ ſtuhls griff. Man wird es unter dieſen Umſtänden natürlich finden, daß ich Tante Fränzchen ſo viel wie möglich aus Hermann's Rähe entfernt zu halten ſuchte und deshalb mit Vorliebe alle jene kleinen Dienſtleiſtun⸗ gen übernahm, welche die Pflege des Geneſenden er⸗ forderte. Vielleicht mag dabei auch ein kleiner Ego⸗ is mus zu Grunde gelegen haben: es ſchien mir billig, daß ich, welche die Gefahren und Laſten des Kran⸗ kenbettes getheilt hatte, nun auch die Erſte und Nächſte ſei, welche die Roſen der Geneſung auf den Wangen unſeres Patienten wieder aufblühen ſähe. Auch zeigte ſich Hermann ſelbſt mit dieſer Ein⸗ richtung vollkommen zufrieden. Für junge Leute in Hermann's Alter ſind ſolche lebensgefährliche Krank⸗ heiten, wie er ſoeben durchgemacht hatte, nicht ſelten von einer Art moraliſcher Kriſis begleitet: der ſieg⸗ reiche Kampf, den der Körper beſtanden hat, giebt auch der Seele einen neuen erhöhten Schwung, es iſt als ob der Geiſt irgend eine Hülſe geſprengt, eine Feſſel zerriſſen hätte, die ihn bisher zurückge⸗ halten, das Hirn arbeitet ſchneller und kräftiger, das Herz empfindet wärmer und tiefer, alle Eindrücke, ſet es der Reiz der Neuheit, ſei es wegen der 49 erhöhten Stimmung, in welcher der Geneſende ſich überhaupt befindet, ſind lebhafter und kräftiger. Und dann noch eine ſehr liebenswürdige Seite, die Einen faſt mit der Krankenſtube ausſöhnen könnte: auch das Bedürfniß, Anderen unſere Liebe zu beweiſen, iſt lebhafter, unſere Hingabe inniger und zärtlicher; die Gefahr des Todes, in der wir ſchwebten, hat den Werth des Lebens erhöht, und wie wir gleichſam mit geſchärften und verfeinerten Sinnen das Blau des Himmels, den goldenen Glanz des Lichtes, die Süßigkeit der Luft, den grünen Schatten der Bäume genießen, ſo genießen wir auch die Liebe der Un⸗ ſern, dieſe Liebe, der wir neu geſchenkt ſind und durch die uns das Leben erſt wahrhaft zum Leben wird, mit erhöhtem Dank und doppelter Innigkeit. So auch Hermann. Nicht nur ſein Geiſt hatte während der Krankheit ſichtlich an Klarheit und Reife gewonnen, ſondern auch ſein ſonſt etwas nüch⸗ ternes, gleichmüthiges Weſen hatte einen Schmelz der Empfindung, eine Innigkeit und Hingebung ge⸗ wonnen, die mich doppelt entzückte, weil ich es ja war, auf welche die erſten Strahlen dieſes Geiſterfrüh⸗ lings fielen. Wenn er mich anſah, ſo lag in ſeinem Auge ein Etwas, das ich früher nicht darin bemerkt hatte— ach, hätte ich es nie bemerkt! Oder nachdem 1856. I. Helene. II. 4 ich es einmal bemerkt hatte, hätte ich es da auch beſſer verſtanden und gewürdigt, mein Leben wäre dann nicht geworden, was es ward und ich brauchte heute nicht, mit zitternder Hand und bebendem Herzen, dieſe Bekenntniſſe eines verfehlten, verkümmerten Daſeins aufzuzeichnen! Selbſt der Ton ſeiner Stimme war, ſo dünkte mich wenigſtens, ein anderer geworden, er war voller, kräftiger, männlicher und dabei doch weicher und zärt⸗ licher. Ich konnte nicht ſatt werden dieſer Stimme zu lauſchen; halbe Stunden lang ſaß ich und ließ den warmen weichen Ton in meine Seele ſtrömen; es war weniger was er ſprach, als daß er überhaupt ſprach, daß dieſe Lippe ſich noch bewegte, die vor kurzem noch ſo ſtumm, ſo ängſtlich in Fieberhitze ge⸗ brannt, daß Leben und Geſundheit auf dieſe Wange zurückgekehrt war, die ich vor wenigen Tagen noch ſo bleich, ſo verfallen geſehen hatte! Ueberhaupt muß man mich nicht fragen, was das Glück dieſer Tage eigentlich ausmachte oder wovon wir uns unterhielten, wir zwei kleinen un⸗ wiſſenden Menſchen, den lieben langen Tag hindurch. Ich ſelbſt, indem ich an jene Zeit zurückdenke, ſtrenge mein Gedächtniß vergeblich an, mir einzelne Scenen, einzelne beſonders denkwürdige Aeußerungen zurück⸗ — — 51 zurufen, es liegt ein Dämmer auf jener Zeit, ähnlich dem goldenen Duft, der zu manchen Jahreszeiten, namentlich beim Eintritt des Fruhlings, bei einer be⸗ ſonders günſtigen Beleuchtung, auf der Landſchaft ruht: es iſt Alles wie in Schleier gehüllt und doch Alles vollkommen erkennbar— und nur das Eine weiß ich und fühle es im tiefſten Herzen, daß ich niemals ſo rein und ſo von Grund aus glücklich ge⸗ weſen bin als damals: auch unſer Frühling nahte ſich und ach, ich erkannte ihn nicht! Reuntes Capitel. Junge Liebe. Eines Tags überraſchte der Arzt unſern Patienten mit der Erlaubniß, nun am nächſten ſonnigen Vor⸗ mittag ins Freie zu dürfen; das Stückchen Garten da vor dem Fenſter, meinte er, ſei zwar kein ſehr an⸗ genehmer Aufenthalt, für die wiederkehrenden Kräfte eines Geneſenden aber ſei er eben groß genug. Hermann zeigte ſich über die Rachricht außer⸗ ordentlich erfreut; ſowie der Arzt das Zimmer 4* 52 verlaſſen hatte, ergriff er meine Hand, und mit der andern mir Stillſchweigen zuwinkend: „Warum erſt warten,“ rief er,„bis morgen? Iſt der Himmel nicht blau? Scheint die Sonne nicht warm und labend? Komm, ſchnell, reiche mir den Oberrock, Du Gute— ich fühle mich heut ſo kräftig wie morgen.“ Hermann war bisher ein ſehr geduldiger und verſtändiger Patient geweſen; deſto mehr überraſchte mich dieſe Ungeduld. Ich ſtellte ihm mit möglichſtem Altverſtand vor, wie thöricht er handle, wolle er noch jetzt, zu guterletzt, da ſein Gefängniß ſchon halb ge⸗ öffnet ſei, durch einen erſten Ungehorſam möglicher Weiſe den ganzen glücklichen Erfolg ſeiner bisherigen Geduld aufs Spiel ſetzen. Er hörte mir einige Augenblicke lächelnd zu, wie ich mit Eifer demonſtrirte. „Gut denn,“ ſagte er,„kleine Lehrmeiſterin, ſo wollen wir warten bis morgen. Aber damit Du mich nicht für thörichter hältſt, als ich bin— weißt Du auch wohl, warum ich ſo ungeduldig, ins Freie zu kommen 2“ Ich meinte, daß es nach einer ſo langen Stu⸗ benhaft allerdings ein ſehr natürlicher Wunſch ſei, endlich wieder die freie Luft zu athmen. „Auch wirſt Du wohl ſehen wollen,“ ſetzte ich 53 neckend hinzu,„wie das Unkraut in die Höhe ge⸗ ſchoſſen iſt“— denn in der That hatte ich über Hermann's Pflege das bischen Sorgfalt, das ich ſonſt wohl auf den Garten verwendete, vollkommen verſäumt, ſo daß die Wildniß noch weit dichter und ſtruppiger geworden war als ſonſt. Hermann hielt meine Hand noch immer feſt und ſah mir, mit einem Gemiſch von Lächeln und Wehmuth, feſt in die Augen. „Nein,“ ſagte er endlich,„darum nicht und auch nicht weil ich mich in das Freie ſehne: ich habe es hier wahrlich gut genug, ja beſſer als ich es jemals verdient habe und wenn es um den Preis geſchehen könnte, ſo wollte ich nie wieder an die freie Luft—“ Hier ſchwieg er wieder und blickte ſinnend vor ſich hin. Ueberhaupt hatte ſeine ganze Art zu ſprechen etwas eigenthümlich Feierliches, Nachdrück⸗ liches, es war in ſeinen Worten ein Zögern und Stocken und doch auch wieder etwas ſtürmiſch Be⸗ wegtes, daß ich erwartungsvoll in die Höhe blickte. „Was macht unſer alter Birnbaum?“ hub er auf einmal an; als guter Praktiker, ſchätzte er den alten unfruchtbaren Baum nicht beſonders hoch und 54 * ſo mußte ich unwillkürlich lächeln über die ſeltſame Frage. „Wenn es Dir beliebt,“ erwiederte ich,„Deine Augen ein wenig ſeitwärts zu wenden, ſo wirſt Du an den grünen Zweigen, die da herüberragen, ſofort merken, daß beſagter Birnbaum, der ſich übrigens durch die unerwartete Nachfrage gewiß in hohem Brade geſchmeichelt fühlt, noch vollkommen wohl⸗ auf iſt— nämlich ſoweit ein ſo alter Herr, über deſſen kahlen Kopf Du ſo manchmal geläſtert haſt, noch wohlauf ſein kann,“ ſetzte ich neckend hinzu Allein Hermann war nicht in der Stimmung auf meine Neckerei einzugehen; er wandte ſich nach dem Fenſter und wie ſein Auge auf den Zweigen des Birnbaums ruhte, war es mir, als ſtiege eine Thräne darin empor; dann ſagte er: „Unter den Birnbaum, Helene, muß morgen unſer erſter Gang ſein; da, wo ich Dich ſo manches Mal gekränkt habe, will ich Dir ſagen, was hier, in der engen Schwüle der Krankenſtube, noch immer nicht auf meine Lippe herauf will, ſo warm und tief ich es auch empfinde, das glaube mir— näm⸗ lich meinen Dank, Helene, für Deine treue auf⸗ opfernde Pflege, mein Geſtändniß, daß ich Dir oft und ſchwer Unrecht gethan habe, meine Bitte——“ 55 „O, o,“ rief ich, indem ich mich zum Lachen zwang, während mir doch ebenfalls die hellen Thrä⸗ nen in die Augen traten, ich wußte nicht warum: „ſchnell den Arzt herbei! Falte Umſchläge auf den Kopf! Unſer Patient bekommt ſeinen Parorysmus wieder!“ Hermann drückte halb unwillig die Hand ge⸗ gen meinen Mund. „Nicht ſo,“ ſagte er,„nicht ſcherzen jetzt, wo es mir ſo ernſt, ſo heilig ums Herz iſt! Glaubſt Du denn, ich habe nicht Alles geſehen und gehört, was um mich her vorging, obwohl ich im Fieber lag? Meinſt Du, ich wüßte nicht, wie Du nicht Tag noch Nacht von meinem Bette gewichen und wenn ich noch lebe, ſo biſt Du es, meine kleine ſorgſame Pflegerin, mein lieber kleiner Hausgeiſt, dem ich mein Leben verdanke2 Ach,“ ſetzte er plötz⸗ lich mit tiefer Traurigkeit hinzu,„es wäre vielleicht doch beſſer, beſſer für mich und für uns Alle, ich lebte nicht mehr... Man weiß, wie Kinder ſind: jede Saite der Empfindung, die in dem einen Herzen berührt wird, klingt auch ſofort in dem andern mit Ungeſtüm nach; ſveben noch ſo muthwillig geſtimmt, fühlte ich mich durch Hermann's Traurigkeit plötzlich zum 56 innigſten Mitgefühl hingeriſſen. Ich ſchlang meine Arme um ſeinen Nacken, lehnte meine Wange an die ſeine und ſo, indem unſere Thränen in einander⸗ floſſen, rief ich: „Nein, nein, Du ſollſt leben, Hermann! Du mißt leben! Ohne Dich, Hermann, will ich auch nicht mehr leben!“ Eine ſtrahlende Freude ging über Hermann's Angeſicht; mit leiſem Sträuben ſich aus meiner Umarmung losmachend, ſchob er mich ſanft zurück und mich betrachtend mit Blicken, ſo tief, ſo innig und v Gott ſo treu, als läge ſeine ganze Seele darin eingeſchloſſen: „Ah,“ ſagte er,„alſo doch! Alſo hat meine innere Stimme mir nicht gelogen! Weißt Du auch, Mäd⸗ chen—“(es war das erſte Mal, oder dünkte mich wenigſtens in dem Augenblick das erſte Mal, daß ich mit, Mädchen angeredet ward, und ſo einfach und natürlich dieſe Anrede auch war, ſo fühlte ich mich doch davon wie mit Blut übergoſſen. Aber auch dieſe Schamröthe hatte nichts Peinliches, im Gegen⸗ theil, ſie hatte etwas unendlich Süßes und glich nicht im Mindeſten dem, was ich etwa bei Emil's wilden Späßen empfand)... „Weißt Du auch, Mädchen,“ rief er,„was Du 57 da ſagſt? Und daß es baſſelbe iſt, um was ich das Schickſal befragt in jener Nacht, da Ihr Alle dach⸗ tet, ich würde ſterben, und ich— ich dachte, ja ich wünſchte es auch?!“ Meine Thränen floſſen unaufhaltſam, ich konnte nichts erwiedern als immer nur das eine klagende, beſchwörende: „Du ſollſt, Du darfſt nicht ſterben, Hermann!“ Hermann, die Augen noch immer feſt auf mich gerichtet und noch immer mit demſelben Ausbruck leuchtender Frende, lehnte ſich in ſeinen Seſſel zu⸗ rück. Erſt einen Augenblick die Arme übereinander kreuzend, dann ſie behaglich dehnend: „Ich werde mich ſchön hüten,“ ſagte er, zu ſterben: jetzt nicht mehr, Helene, jetzt nicht mehr, auf mein Wort! Aber erzählen muß ich Dir doch, wie es war in jener Nacht, und um was ich das Schick⸗ ſal befragte und welche Antwort es mir gegeben. Erinnerſt Du Dich noch? Es war nach jenem Abend, wo der Arzt noch ganz ſpät zum zweiten Male wie⸗ derkehrte und die alte Dörte noch einmal mitten in der Nacht in die Apotheke geſchickt wurde. Ihr hattet wohl alle nicht viel Hoffnung mehr, ich meine,“ ſetzte er hinzu, indem er ſich Mühe gab, leicht über den Gegenſtand hinzuſchlüpfen, aber an dem Zittern 58 ſeiner Stimme merkte ich, wie es ihm eigentlich ums Herz war—„ich meine, die Mutter hätte mit der alten Dörte ſchon vom Begräbniß geflüſtert und hätte ihre Zweifel geäußert, welche Art von Sarg ſie neh⸗ men ſolle, einen polirten gelben oder einen einfa⸗ chen ſchwarzen, ein polirter gelber ſei zwat viel hüb⸗ ſcher und ſtattlicher und der ſelige Vater hätte auch einen ſolchen gehabt, allein er ſei auch viel koſtſpieliger und ſie wiſſe nicht, ob ſie es würde verantworten kön⸗ nen vor dem Oheim—“ „Narrenspoſſen,“ ſagte ich unwillig,„derglei⸗ chen hat Tante Fränzchen gewiß nicht geſagt und hätte ſie es geſagt, ſo hätteſt Du es doch nicht hören können: denn Du lagſt im Fieber bis über die Ohren....“ Hermann ſtarrte nachdenklich vor ſich hin. „Es muß doch etwas Seltſames ſein,“ ſagte er endlich,„um die menſchliche Seele. Ich lag im Fie⸗ ber bis über die Ohren, Du haſt ganz Recht, meine Seele ſpazierte vermuthlich ſchon, ich weiß ſelbſt nicht wo, und doch ſaß ſie auch wieder in meinem Körper drinnen, ich war ohne Bewußtſein, keinen Finger konnte ich regen, und doch hörte ich Alles, was ſich um mich zutrug, ja durch die geſchloſſenen Augenlider ſah ich, was in Euren Mienen vorging, mit einer 59 ſolchen Deutlichkeit, als ſtände ich neben Euch und hätte die Augen weit auf. Alſo in jener Nacht war es, Du hatteſt mir eben die kühlenden Umſchläge auf die Stirn gelegt und ſaßeſt, leicht fröſtelnd von Müdigkeit und von der kalten Näſſe der Um⸗ ſchläge, an meinem Bett; das Haupt war Dir auf die Bruſt geſunken und ich wurde zweifelhaft, ob Du wachteſt oder ſchliefeſt. Gern hätte ich mich nach Dir umgedreht und Dir in die Augen geſehen oder noch lieber ein Kiſſen unter Dein müdes Köpfchen geruͤckt, Du arme kleine Helene, die Du ſo fruͤh ſchon die Krankenfrau machen mußteſt: aber wie geſagt, ich vermochte mich nicht zu rühren, die Glie⸗ der waren mir wie angenagelt, und hätte mein Kopf unter dem Beil gelegen und ich hätte mit einem Kopfneigen eines Fingers Breite mein Leben retten können, ich hätte es doch nicht vermocht—“ Ich ſchauderte bei ſeiner Erzählung und doch lag ein geheimer Reiz darin, ſo daß ich ihn nicht zu unterbrechen wagte. Hermann fuhr fort: 60 Zehntes Capitel. Die Schickſalsfrage. „Ich weiß nicht,“ ſagte er,„wie lange ich ſo gelegen haben mochte und Dich angeſtarrt in Gedan⸗ ten— blos in Gedanken, Helene— Endlich aber fingſt Du an mich zu dauern und ich überlegte mir, wie ſchlecht Du es doch hätteſt hier im Hauſe und wie ſeit dem Tode Deiner beiden alten Freunde alle Luſt und alle Heiterkeit aus Deinem Leben gewichen. und dabei fiel mir ein, wie wenig Theilnahme ich bei Deinem Verluſt gezeigt— ja mir ſiel ein, Helene, was ich früher ſelbſt gar nicht ſo empfunden, und was ich Dir auch niemals geſtehen würde, hätte ich mir nicht gelobt in jener ſelben Nacht, fortan nichts mehr vor Dir zu verbergen und Alles, was meine Seele empſindet, Frohes und Trauriges und Gutes und Böſes, das ſoll vor Dir daliegen, ſo klar, als hätteſt Du es ſelber empfunden— nämlich wenn Du es ſo willſt, Helene,“ ſetzte er leiſe hinzu. Ich drückte ihm ſchweigend die Hand. „Namentlich dies,“ fuhr Hermann in ſeinen Ge⸗ ſtändniſſen fort,„fühlte ich, daß ich bei der Nach⸗ richt von dem Tode des alten Herrn von Eberſtein 61 und ſeines braven treuen Dieners gar nicht ſo be⸗ trübt hatte ſein können, wie ich wohl eigentlich ge⸗ ſollt hätte und wie ich es auch ſelbſt gern geweſen wäre— aber der Himmel weiß,“ ſetzte er mit wunder⸗ licher Treuherzigkeit hinzu,„es ging nicht, beim be⸗ ſten Willen, es ging nicht! Die Augen wurden mir wohl roth, aber es kam keine Thräne heraus und ſo gepreßt mein Herz auch war vor Schreck und Mitleid um Deinetwillen, ſo fühlte ich doch etwas tief innen, das wollte und wollte nicht traurig wer⸗ den, im Gegentheil, das ſang wie eine Haidelerche durch den Schnee: nun iſt ſie nicht mehr die kleine Dame des Herrn von Cberſtein, nun iſt ſie unſere kleine Dame, ganz unſer, die kleine ſüße Helene und es werden auch keine prächtigen Kutſchwagen mehr kommen und keine betreßten Diener, die ſie uns ent⸗ führen. 0 Der gute Junge wußte bei dieſen Geſtändniſſen ſelber nicht, ob er weinen oder lachen ſollte. Doch endlich behielt das Lachen die Oberhand und mit dem glückſtrahlendſten Geſichte rief er mir zu: „Hätteſt Du das gedacht von Deinem Vetter Hermann, Du kleine liebe Helene, daß er ſolch ein Böſewicht ſein kann und ſolche ſchwarzen Gedanken 62 nähren in ſeinem Herzen?! Nun traue noch einem Menſchen!“ „Ich werde Dir immer trauen,“ ſagte ich, mich ihm anſchmiegend:„Aber Du wollteſt mir von der Nacht erzählen, da Du ſo krank lageſt—“ „Richtig,“ erwiederte Hermann,„von der Nacht, da ich ſo krank lag und da mitten in Krankheit und Fieberwahn mich der Gedanke beſchlich, wie ſchlecht Du es hätteſt, arme gute Helene, und wie auch ich lange nicht ſo gut geweſen gegen Dich und ſo nach⸗ giebig und theilnahmsvoll, wie ich doch hätte ſein ſollen. Am meiſten aber ſchmerzte mich dieſe Noth, die ich Dir durch meine Krankheit machte. O Him⸗ mel, dachte ich— nämlich Du mußt mich recht ver⸗ ſtehen, ſo weit in ſolcher Krankheit vom Denken noch die Rede iſt: es iſt aber gar kein Denken, es iſt— es iſt,“ rief er, nach dem Ausdruck ſuchend, indem ſein Auge ſich von ſüßem Feuer verklärte:„es iſt ein Sehen mit dem Herzen, alles Uebrige iſt todt, nur das Herz lebt noch und ſieht und hört und fühlt und denkt— und ſo ſah ich auch Dich, Du arme kleine Blaſſe, und das Herz wollte mir brechen vor Kummer, daß ich es war, der Dir dieſe Noth und Sorge machte. O Gott, ſagte ich zu mir ſelbſt, wozu biſt Du überhaupt auf der Welt?! Waiſenknabe, 63 ohne Hoffnung für die Zukunft, angewieſen auf die Gnade eines Mannes, der tagtäglich Dich und ſeine ganze Umgebung aufs Tiefſte empfinden läßt, wie ſchwer dieſe Gnade ihm ankommt— Sohn einer Mutter, die ſich härmt und grämt und ſorgt und ſchafft von früh bis ſpät und mit Sorgen und Schaffen in die Grube fahren wird, lange bevor Du im Stande geweſen biſt, Deine Sohnespflicht an ihr zu erfüllen— nicht ſchön, nicht geiſtreich, nicht witzig wie Bruder Emil——“ Wore ich älter und umſichtiger geweſen als ich war, ich würde erſchrocken ſein über den furchtbaren Blick in das Herz meines Freundes, den dieſer Ausruf mir eröffnete. So jedoch begnügte ich mich, nur mitleidig mit den Achſeln zu zucken, zum Zeichen, wie unbegründet ich dieſe Selbſtanklage fand. Hermann, ohne meine ſtumme Gegenrede zu beachten, fuhr fort: „Ich habe mir ſelbſt gelobt, liebe Helene, kein Geheimniß mehr vor Dir zu haben und alſo darf ich Dir auch nicht verſchweigen, daß mich in jener Nacht eine tiefe, heiße Todesſehnſucht überkam und daß ich inbrünſtig zum Himmel flehte, er möchte dies die letzte ſein laſſen von allen Nächten, die ich erlebte.“ „Das war ſehr unrecht und ſehr ſündhaft von 64 Dir,“ rief ich lebhaft,„und Du hätteſt uns die Liebe, die wir Dir erzeigten, wenn davon doch die Rede ſein ſoll, wohl beſſer vergelten ſollen, als durch ſolche frevelhafte Wünſche..... 4 „Gewiß, gewiß,“ erwiederte er beſchwichtigend, „es war ſehr frevelhaft— wenn es nicht vielleicht Folge meiner Krankheit war und des traumähnlichen Zuſtandes, in welchem ich mich befand. Aber auch in dieſem Zuſtande behielt ich doch noch Kraft genug über mich ſelbſt, mir daſſelbe vorzuhalten, was Du mir ſoeben vorhältſt, liebe Helene: nämlich daß es ſündhaft von mir und ſehr undankbar gegen Euch, eines Lebens müde zu ſein, daß Ihr mit ſoviel Liebe ſchmückt und das Euch ſo ganz zu eigen gehört— o ganz gewiß,“ rief er,„es war nur Schwäche der Krankheit, ich bin ja doch ſonſt kein Träumer, wie? und auch kein Undankbarer? Ich habe Kraft in den Armen und Muth im Herzen und werde Euch ſo Gott will, gewiß noch dereinſt zeigen, daß Ihr Eure Liebe an keinen Unwürbigen verſchwendet habtl“ „Du biſt unſer lieber, lieber Hermann,“ entge⸗ gnete ich, indem ich ihn ſanft auf ſeinen Seſſel nie⸗ derdrückte: denn die ungewohnte Heftigkeit des ſonſt ſo ſtillen gleichmüthigen Jünglings machte mich be⸗ ſorgt:„Aber wenn Du nicht willſt, daß ich mein 65 Aufſeherrecht gebrauchen und Dich ein für allemal zur Ruhe verweiſen ſoll, ſo ſpute Dich ein wenig und komme mit Deiner Geſchichte einmal zu Ende.“ Hermann lächelte und fuhr in ſeiner Erzählung fort: „Es bleibt nicht mehr viel zu erzählen, kleine Mamſell Ungeduld. Ich ſehnte mich nach dem Tode und ſagte mir ſelber doch, daß es ſündhaft ſei und daß ich dies Leben, das Gott mir geſchenkt, noch zu vielen guten und nützlichen Dingen anwenden ſolle. In dieſen Zweifeln— aber Du hörſt mich doch? Nun gut; in dieſen Zweifeln gerieth ich— es iſt wirklich etwas gar zu Seltſames mit dieſem Krank⸗ ſein, die allereinfachſten Dinge gerathen Einem in Vergeſſenheit und das Ungewöhnlichſte, das Abge⸗ ſchmackteſte dünkt Einen, als müßte es nur ſo ſein. Gut denn, ich gerieth auf den Einfall, eine Probe zu machen mit dem Schickſal: wie Du da vor meinem Bette ſaßeſt, ſo müde, ſo bleich und doch ſo auf⸗ merkſam und thätig, dachte ich, wie es mir wohl jemals möglich ſein ſolle, Dir Deine Liebe und Treue zu vergelten. Und wie der Menſch nun ſo im Fie⸗ ber von einem dummen Gedanken zum andern tau⸗ melt, dachte ich weiter, ob Du mich denn wohl über⸗ haupt lieb hätteſt, mich einfältigen proſaiſchen Men⸗ 1856. IX. Helene. II. 66 ſchen, oder ob das, was Du für mich thäteſt, nicht vielmehr bloßes Pflichtgefühl, bloße natürliche Güte Deines Herzens wäre und ob Du zum Beiſpiel, wenn Dein weißes Pudelchen lebendig wäre und es würde krank, nicht ganz daſſelbe dafür thun würdeſt wie für mich.— Nein, bitte, unterbrich mich nicht, ich bin in der That gleich zu Ende und wenn meine Erzählung Dir nicht gefällt, nun, ſo hab' ich Dir ja zum Voraus geſagt, daß auch meine böſen und thö⸗ richten Gedanken Dir nicht verborgen ſein ſollen.— Wie ich alſo mit dieſen Zweifeln bei mir kämpfte und wie ich dachte, ob es in der That nicht für Euch Alle eine Erleichterung ſei, ich würde nächſten Tags begraben, einerlei ob im gelben oder ſchwar⸗ zen Sarge— fiel ich darauf, das Schickſal heraus⸗ zufordern und ihm eine Frage zu ſtellen. Hat, dachte ich, das arme blaſſe Kind, das da vor Deinem Bette ſitzt, Dich wirklich lieb, thut ſie, was ſie füͤr Dich thut, nicht blos, wie ſie es auch ihrem Hunde thäte, nämlich wenn ſie einen hätte und haben dürfte, — ſondern thut ſie es in Wahrheit für Dich und um Deinetwillen, haſt Du, mit einem Wort, Du armer thörichter Waiſenknabe, Du mit der ſtumpfen Naſe, dem breiten Mund und dem langſamen, ſchwer⸗ fälligen Verſtande, haſt Du ein Herz, das Dich liebt 4 um Dein ſelbſt willen und wirſt Du dereinſt im Stande ſein, dieſem Herzen ſeine Liebe und Auf⸗ opferung zu vergelten— o ſo laß mich leben, gnä⸗ diger Himmel, flehte ich, mache mich geſund, ſtärke meinen Arm, ſchärfe meinen Geiſt— Alles zu Eh⸗ ren des Herzens, das mich liebt! Iſt es aber anders und ſelbſt die kleine Helene ſieht mich nicht mit andern Augen an, als ſie etwa ihr weißes Pudel⸗ chen anſieht— dann gute Nacht, dann iſt es am beſten, ich gehe und mache Platz für Andere, die des Lebens würdiger ſind. Und wie ich das noch ſo dachte, mußte ich wohl eingeſchlummert ſein——“ Ich war während Hermann's Erzählung leiſe in die Knie geſunken, in ſeinem Schvos verbarg ich die Thränen, die mein Antlitz überſtrömten. Jetzt aber ſprang ich in die Höhe. „Und Dein Schlummer war geſegnet,“ rief ich, „und Du biſt aufgewacht und biſt geneſen— o Her⸗ mann, das Schickſal hat Dir nicht gelogen, ich liebe Dich ja über Alles und wo Du biſt, will ich auch ſein und nichts, nichts, nichts ſoll uns trennen!!“ „Sie liebt mich ja über Alles„ wiederholte Hermann, unter Thränen jauchzend,„der arme Wai⸗ ſenknabe hat ein Herz, das ihn liebt, und Gott wird 5* 68 mit mir ſein, daß ich Dir Deine Liebe dereinſt vergel⸗ ten und belohnen kann!“—— Hätte ich damals ſterben dürfen— unwillkür⸗ lich muß ich Hermann's frevelhaften Wunſch wieder⸗ holen— wie rein, wie glücklich wäre mein Leben zu Ende gegangen! Eilftes Capitel. Entwürfe und Pläne. Eben als ich am nächſten Vormittag meinen Freund in den Garten geleiten wollte, wurden wir durch ein Ereigniß überraſcht, das, ſo weit meine Erinnerung reichte, noch niemals vorgekommen war. Nämlich es traf ein Brief meines Oheims, des Herrn Nonnemann, ein, worin derſelbe melbdete, daß unvorgeſehene Umſtände ihn nöthigten, ſeine Abweſenheit um einige Wochen zu verlängern; die nöthigen Papiere, welche wir einreichen ſollten, um ihm von ſeiner vorgeſetzten Behörde einen verlänger⸗ ten Urlaub zu erwirken, waren beigefügt. Datirt war der Brief aus einer kleinen Stadt im Oeſterrei⸗ chiſchen, wo der Oheim ſich jedoch ſeiner Angabe 69 nach nur wenige Stunden aufhielt, behufs der Durch⸗ reiſe nach einem entlegenen Badeorte, den er zur Vollendung ſeiner Kur, da der zuerſt beſuchte Brun⸗ nen ihm diesmal nicht die gehofften Dienſte gelei⸗ ſtet, auf Geheiß der Aerzte noch beſuchen ſolle.— Der Oheim ſchrieb ſonſt niemals während ſei⸗ ner Abweſenheit; ſo wenig er Briefe von uns an⸗ nahm, ſo wenig ließ er von ſich hören. Pünktlich auf Tag und Stunde pflegte er zuruͤckzukommen, unangemeldet, aber darum nicht weniger ſicher; wir wußten das Alle und darum machte der eben erhal⸗ tene Brief unter uns ein ſehr natürliches Aufſehen. Emil, in ſeiner bekannten kauſtiſchen Manier, meinte, der Jungbrunnen, den der Oheim ſonſt zu beſuchen pflege, werde wohl ausgelaufen ſein oder es wären der durſtigen Seelen diesmal zu Liele, ſo daß er keinen Platz mehr habe finden können. Tante Fränzchen dagegen nahm das Ereigniß ſehr ſchwer auf— oder ſtellte ſich doch wenigſtens ſo: denn in der That, glaube ich, machte die unerwartete Verlängerung unſerer häuslichen Freiheit ihr eben ſoviel Freude wie uns Allen. Aeußerlich jedoch ließ ſie ſich nichts davon merken, im Gegentheil, ſie ſchüttelte den Kopf gar bedenklich und meinte, das hätte ihr gleich ge⸗ ahnt, Hermann's Krankheit wäre nur die Einleitung 70 geweſen und gewiß käme jetzt noch größeres Unglück nach, es wäre genau das dreizehnte Jahr, ſeitdem ihr Mann geſtorben und die Zahl dreizehn hätte allemal Elend und Unglück im Gefolge... Dabei unterließ ſie jedoch nicht, einige Kaffebe⸗ ſuche zu machen, die ſie bisher wegen Hermann's Krankheit verſäumt hatte, und auch die allgemeine Regulirung der Uhren im Hauſe(man erinnert ſich, wie Tante Fränzchen dieſelben in Verwirrung zu brin⸗ gen pflegte) wurde bis auf Weiteres verſchoben. Jedenfalls, wenn Hermann und mir zu unſerm ſtillen Glück noch irgend etwas gefehlt hatte, ſo war es jetzt durch dieſes unerwartete Ereigniß vollkom⸗ men geworden. Der gemeinſame Aufenthalt im Krankenzimmer hatte, wie der Leſer aus den vorhin mitgetheilten Geſprächen gemerkt haben wird, ein Band ſüßeſter Vertraulichkeit um uns geſchlungen, und uns dieſer Vertraulichkeit nun auch ohne den Zwang des Krankenzimmers und ungeſtört von den ſpähenden Blicken des Herrn Nonnemann und ſeinem raſtloſen Keifen und Zanken noch einige Zeit er⸗ freuen zu können, verſetzte uns auf den Gipfel des Glückes. Ich verſuche nicht die ſeligen Morgen⸗ und Abendſtunden zu ſchildern, die wir theils in dem klei⸗ nen verwilderten Hausgarten, theils auf kleinen 71 Spaziergängen durch die Stadt, welche Hermann jetzt anf Verordnung des Arztes unternehmen mußte, mit einander zubrachten. Hermann überließ ſich dabei ganz meiner Führung; nur wenn er bemerkte, daß ich unſere Schritte allzuhäufig in jenes Stadtviertel lenkte, wo das ehemalige Eberſtein'ſche Palais mit ſeinen ſtolzen Balkonen und ſeinen ſchattigen Laub⸗ gängen ſtand, ſo wußte er wohl irgend einen ſchein⸗ bar zufälligen Wunſch zu äußern, der unſerm Spaziergang eine andere Richtung gab. Er ver⸗ doppelte alsdann ſeine Geſprächigkeit und wußte mir die einzelnen merkwürdigen oder intereſſanten Gegenſtände, auf welche wir unterwegs ſtießen(und was war uns Einſiedlern, uns Robinſonen mitten in einer volkreichen Stadt, nicht Alles intereſſant und merkwürdig!) in ſo anziehender Weiſe zu erklären und ſoviel unterrichtende und belehrende Bemerkun⸗ gen damit zu verbinden, daß ich mich ſtets aufs Trefflichſte unterhalten fühlte und den größten Re⸗ ſpect vor den ausgedehnten und mannichfachen Kennt⸗ niſſen des anſcheinend ſo ſtillen jungen Mannes bekam. Der liebſte und erwünſchteſte Aufenthalt aber blieb uns doch immer der Garten am Hauſe, ſchon deshalb, weil wir hier ſo ganz allein waten und 72 weil kein Rollen der Wagen und kein Getreibe der Menſchen uns ſtörte. Noch weniger ſtörte uns Emil. Ihm fehlte die Geduld, die ein ſo einförmi⸗ ges und beſcheidenes Leben, wie wir es auch jetzt noch führten, nicht blos erträglich ſondern ſogar ge⸗ nußvoll macht; hatte die lange Unterbrechung der Krankheit ihn uns entfremdet— oder hatte er die ungewöhnlich lange Abweſenheit des Oheims und das gelockerte häusliche Regiment benutzt, Verbin⸗ dungen anzuknüpfen und ſich mit Genüſſen bekannt zu machen, die uns fern blieben— oder war es endlich, daß er ſich gekränkt fühlte durch die größere Vertraulichkeit, die zwiſchen Hermann und mir ent⸗ ſtanden war und die ſich denn freilich, auch gegen unſern Willen, in tauſend kleinen Merkmalen verrieth: genug, er verkehrte ſehr wenig mit uns und wenn er bis vor kurzem noch ſein Vergnügen daran ge⸗ funden hatte, unſere Zuſammenkünfte durch wilde Neckereien und Scherze zu ſtören, ſo ſchien es ihm jetzt eine genügende Befriedigung ſeines Stolzes, eine Zurückhaltung gegen uns zu zeigen, die uns zwar nicht gleichgiltig, aber— ehrlich geſtanden— doch noch immer ſehr viel lieber war als die früher üblichen Neckereien und Störungen. Beſonders fleißig beſuchten wir auch jetzt wieder 73 das Plätzchen unter dem Birnbaum. Hatte es doch durch Hermann's jüngſte Bekenntniſſe einen ganz neuen Werth für mich erhalten: nicht mehr Florinens goldene Traumgeſtalt trat aus dem Innern des alten morſchen Stammes hervor, nein, in ſeinem milden Schatten, verklärt von tauſend goldenen Sonnen⸗ lichterchen, ſtand die lebendige Geſtalt meines Freun⸗ des vor mir und in jeder ſeiner Mienen ſah ich und jedem ſeiner Worte hörte ich es an, wie aufrichtig ſein Dank war und wie lieb, wie herzlich lieb er mich hatte. Hier war es, wo er beim erſten Gang ins Freie mich an beiden Händen ergriff und in kurzen, haſtigen und ach doch ſo ſeelenvollen Worten mir wiederholte, was er ſchon in dem neulichen Ge⸗ ſpräche angedeutet: nämlich daß ich es ſei, der er ſein Leben verdanke; daß er wohl bemerkt habe, wie ich die Einzige geweſen im ganzen Hauſe, die den Kopf auf dem richtigen Fleck behalten; daß er ſich ſelbſt bitterböſe ſei, mir jemals mein träumeriſches verſunkenes Weſen zum Vorwurf gemacht zu haben, er habe ſich jetzt überzeugt, daß ich da, wo es Noth thue, auch vollſtändig Herr meines Geiſtes ſei und mit klarem, ruhigem Verſtand Mittel und Zwecke zu unterſcheiden wiſſe. Kurzum, er ſagte mir, immer in ſeiner treuherzigen, ſchlichten Weiſe, ſo viel An⸗ 74 genehmes, daß ich mich vor Freude kaum zu laſſen wußte und den kleinen närriſchen Kopf wohl noch einmal ſo hoch trug wie ſonſt. Ueberhaupt ſchien es in manchen Stücken, als hätten wir unſere Rollen vertauſcht: ich war jetzt immer heiter und froh, ſang durch das Haus wie eine kleine Lerche— wenn auch freilich nicht ſo me⸗ lodiſch— und ſah auch keine Geiſter mehr, während Hermann im Gegentheil oft nachdenklich war und gern in ſtilles, wenn auch freundliches Hinbrüten verſank. Auch über die Zukunft, deren Erwähnung er bisher ſo ängſtlich vermieden hatte, ſprach er jetzt häufig und in einem Tone, der mir ebenfalls zeigte, wie viel reifer er geworden und wie ſehr ſein Geiſt während ſeiner Krankheit an Beſtimmtheit und Männlichkeit zugenommen hatte. „Das ſehe ich nun wohl ein,“ pflegte er zu ſagen,„daß meines Bleibens hier im Hauſe nicht mehr lange ſein kann; es wird ein Schmerz ſein für uns Beide, liebe Helene, doch muß er ertragen werden. Ich dachte früher, meine Mutter nicht zu verlaſſen, ſo lange ſie lebt; es ſchien mir, als müßte ſie an mir einen Schutz haben gegen die Anmaßun⸗ gen und Roheiten unſeres Oheims. Indeſſen ſehe ich nachgerade wohl ein, daß ſie dieſe Anmaßungen 75 gar nicht ſo empfindet, wie ich bisher glaubte und wie wir, liebe Helene, es in unſern jungen unge⸗ duldigen Herzen thun. Meine arme Mutter iſt von Alter und Unglück mürbe gemacht; was uns in Ver⸗ zweiflung ſetzt, die ſchreckliche Allwiſſenheit unſeres Oheims, ſeine pedantiſche Pünktlichkeit, ſein Grol⸗ len und Murren, erregt im Gegentheil ihre Be⸗ wunderung, und es wäre ein undankbares, ja noch mehr, ein vermeſſenes Unternehmen von mir, wollte ich einen Irrthum zerſtören, bei dem ſie ſo froh iſt und der es ihr allein möglich macht, dies Daſein zu ertragen. Nun, und wird es ihr ſelbſt einmal zu arg, ſo hat ſie ja den Emil. Emil, ich weiß es wohl, iſt viel gewandter, ſein Witz viel behender, ſeine Zunge viel ſchärfer, als dies Alles bei mir der Fall iſt, und auch ſein Groll gegen den Oheim, glaube ich, geht noch tiefer als bei mir, der ich bei alledem nicht vergeſſen kann, daß es der Bruder unſeres ſeligen Vaters und daß es ſein Brod iſt, das wir ſeit Jahren eſſen. Emil, wenn es Noth ſein ſollte, wird ſie beſchützen, er ſteht ihrem Herzen ja überhaupt näher, der Emil und mit vollem Recht verſteht ſich, mit vollem Recht... Seine Stimme nahm hier aufs Neue jenen eigen⸗ thümlich bittern, gepreßten Ton an, den ich ſchon 76 einige Male an ihm bemerkt hatte. Ich ſuchte ihn zu beruhigen; er jedoch, raſch mit der Hand über die Stirn fahrend, als wollte er etwas Unan⸗ genehmes hinwegwiſchen, drückte mir begütigend die Hand und fuhr dann fort: „Du haſt öfters mit mir gezankt, daß ich ſo wenig Phantaſie hätte und ſelbſt an meinem Muth, fürchte ich, haſt Du ab und zu gezweifelt, darum, weil ich von Deinen hochfliegenden Plänen nichts wiſſen wollte und das Wort Zukunft mit Aengſt⸗ lichkeit vermied. Nun denn, Du ſollſt nicht mehr zanken und nicht mehr zweifeln, ich will jetzt ein Träumer werden und ein Phantaſt trotz Einem und will mir eine Zukunft zurechtzimmern, wenn auch vorläufig nur erſt in Gedanken, ſo weich und ſo prächtig,“ ſetzte er neckend hinzu,„als ſäßeſt Du in der Eberſtein'ſchen Stautskutſche und die Schimmel zögen eben an, Dich geraden Wegs ins Paradies zu fahren Und damit vertraute er mir denn, wie er entſchloſ⸗ ſen ſei, das Haus des Oheims bei der erſten Gele⸗ genheit zu verlaſſen und auf gut Glück in die Welt zu gehen. Der Beamtendienſt ekle ihm an, er wolle Kaufmann werden; das ſei der einzige Stand, wo man nicht allein mit Einem plötzlichen glücklichen E5 Schlage ſeinem ganzen Schickſale eine Wendung geben könne, ſondern wo auch der ſtille, beſcheidene Fleiß und Kenntniß und Redlichkeit ſicher wären, endlich ihre Früchte zu ernten. Als ich ihn auf die Schwierigkeiten ſeines Vorhabens aufmerkſam machte, geſtand er mir, daß er ſich während des Aufent⸗ haltes im Waiſenhauſe von kleinen gelegentlichen Geſchenken, Prämien und andern zufälligen Einnah⸗ men einen kleinen Schatz erſpart habe, den er ſorg⸗ fältig hüte und von dem auch nicht einmal ſein Bruder Emil wiſſe. Sei die Summe auch nur gering, ſo werde und müſſe ſie doch hinreichen, ihn nach England zu fördern, nöthigenfalls ſei er entſchloſſen in Hamburg Matroſendienſte zu nehmen— und wenn er nur erſt einmal in Engiand, ſo ſtehe die ganze Welt ihm offen; er habe ſich nach Weg und Steg und allen andern Umſtänden in der Stille ganz ge⸗ nau erkundigt und auch des Franzöſiſchen und Eng⸗ liſchen ſei er ſo weit Herr, daß er damit durchzu⸗ kommen hoffe. Ich hörte dieſen Plänen und Entwürfen mit einem unbeſchreiblichen Gemiſch von Bangigkeit und Freude zu. Der Gedanke, mich von Hermann trennen zu ſollen, war mir unerträglich und doch pochte mein Herz vor Stolz, daß mein Freund ſo kühner, tapferer 78 Entſchlüſſe fähig war. Auch fühlte ich bei alle⸗ dem, daß noch irgend etwas unausgeſprochen im Hintergrunde lag; was es war, davon hatte ich keine Ahnung— nur daß unſere Freundſchaft ſo nicht zu Ende gehen könne, daß am fernen Horizont der Zukunft noch irgend ein Glück für uns verborgen liege, das unſere jungen Herzen jetzt noch nicht faſſen könnten, das ahnte und fühlte ich allerdings. „Aber Du nimmſt mich doch mit?“ ſagte ich nach einer Pauſe, indem ich ſelbſt erſchrak über das ganz Unpaſſende und Thörichte meines Wunſches. Hermann ſchüttelte leiſe mit dem Kopf, indem er ein herabgewehtes dürres Blättchen zwiſchen den Fingern zerzupfte. „Aber ſo kommſt Du doch wenigſtens wieder?“ fragte ich dringender. „Wenn ich lebe— ganz gewiß,“ bekräftigte er, und der Blick aus den treuen klaren Angen, mit dem er dieſes einfache„Ganz gewiß“ begleitete, ſagte mehr, als tauſend Eidſchwüre vermocht hätten. „Und ſchreibſt mir auch in der Zeit?“ rief ich, mich ängſtlich an ihn klammernd; es war mir in die⸗ ſem Augenblick, als wäre er mir ſchon entrückt und eine weite unermeßliche Ferne dehnte ſich zwiſchen mir und ihm. 79 „Wenn ich etwas Gutes zu melden habe,“ erwiederte er,„ganz ohne Zweifel und ich wünſche nur, daß meine Briefe Dir dann ebenſo viel Frende machen mögen, wie neulich das Schreiben von Onkel Nonnemann—“ „Nein, nein,“ rief ich mit Heftigkeit,„Du mußt mir auch ſchreiben, wenn es Dir ſchlecht geht, ja gerade dann am allermeiſten! Herr Gott im Him⸗ mel, wenn Du wieder krank würdeſt! und ich wäre nicht da Dich zu pflegen— was ſollte aus Dir wer⸗ den, wer ſollte Dich ſchützen?“ „Der Gott, den Du anrufſt und deſſen heiliges Auge leuchtet über Dir und mir!“ erwiederte Her⸗ mann, indem er beide Hände ſanft auf meine Stirn legte. Zwölftes Capitel. Das Geſpenſt zeigt ſich zum zweiten Mal. So ſaßen wir auch eines Abends— oder viel⸗ mehr muß ich ſagen, eines Nachts. Hermann war vollkommen wiederhergeſtellt, die Luft war warm und mild, wie die Auguſtnächte in dieſen Gegenden 80 zu ſein pflegen, am Himmel funkelten unzählige Sterne und der Mond ſchritt langſam durch ſie hin⸗ durch wie ein treuer Wächter, der die ihm anver⸗ traute Heerde ſinnend überſchaut. Uns armen We⸗ ſen, in der Gefängnißluft, in der wir aufgewachſen, war dieſes Nachtleben ganz etwas Neues und Ent⸗ zückendes; jene leiſen unbeſchreiblichen Töne, die ſich oft des Nachts vernehmen laſſen, Niemand weiß wo⸗ her, erfüllten unſere Seele mit heiligen Schauern, vor jedem Stern hätten wir anbeten, vor jedem raſchelnden Laub in die Knie ſinken mögen, ſo ge⸗ waltig ſprach die geheimnißvolle Majeſtät der Nacht zu unſern ungewohnten Sinnen. 3 Freilich war es wieder ein großer Frevel gegen die Hausordnung, den wir uns zu Schulden kom⸗ men ließen. Indeſſen— der Oheim war verreiſt und die Uhren im Hauſe befanden ſich glücklich in ſolcher Verwirrung, daß Niemand ſo recht wußte, welche Zeit es war. Zu allem Ueberfluß hatte Emil zeitig ſein Lager geſucht, Tante Fränzchen war über dem Nähzeug eingenickt, ſelbſt die alte Dörte hatte ſich zur Ruhe begeben; kein Licht brannte weder im Hauſe noch in der Nachbarſchaft und nur der Mond goß ſein flüſſiges Silber hell über den kleinen Raum, der für uns eine ganze Welt einſchloß. 8¹ In unwillkürlicher Ehrfurcht vor dem Schweigen der Nacht war unſer Geſpräch endlich verſtummt; wir ſaßen Schulter an Schulter, unſere Hände lagen in einander, unſere Gedanken ſchwammen mit dem Mond durch unermeſſene goldene Fernen. Ein plötzliches leiſes Geräuſch hinter mir in der Nähe des alten Seitengebändes ſchreckte mich in die Höhe, ich wandte mich um— und ein entſetz⸗ licher Schrei wollte ſich aus meiner Bruſt ringen: aber bevor er noch die Lippe verlaſſen hatte, ver⸗ ſtummte er, eine ſo entſetzliche Todesangſt ſchnürte mir die Kehle zuſammen, ich konnte nur mit beiden Händen krampfhaft Hermann's Arm ergreifen und ihn herumzerren nach der Gegend zu, wo ich das leiſe, kaum hörbare Geräuſch vernommen hatte. Da⸗ bei hatte ich die Augen unwillkürlich geſchloſſen und nach einer ſecundenlangen Pauſe erſt wagte ich ſie wieder zu öffnen. Aber richtig, da ſtand ſie noch, wie aus der Wand getreten und ſtarrte zu uns herüber, rieſen⸗ haft, unbeweglich, dieſelbe weiße geſpenſtige Erſchei⸗ nung, die mir einige Monate zuvor von derſelben Stelle aus ſolch furchtbares Entſetzen eingeflößt hatte. Wir ſaßen tief im Schatten des Birnbaums und es war nicht möglich, daß wir von jener Stelle aus 1856. IX. Helene. II. 6 82 geſehen werden konnten. Dennoch war es, als hielte die Schreckgeſtalt die Augen— wenn ſie überhaupt Augen hatte— feſt auf uns gerichtet. Zitternd vor Angſt hielt ich mich dicht an Her⸗ mann angeklammert. Aufmerkſam gemacht durch mein Erſchrecken, war er ebenfalls in die Höhe ge⸗ fahren; kein Laut kam aus ſeinem Munde, er hielt den einen Arm ſchützend um mich geſchlungen, keine Aufregung, kein Zittern verrieth, was in ihm vorging. Aber an dem entſetzten Ausdruck ſeines leichenblaſſen Angeſichts gewahrte ich, daß er daſſelbe ſah, was mir das Blut in den Adern gerinnen machte.. So mochte eine Minute oder mehr vergangen ſein; das Geſpenſt ſtand noch immer regungslos und ſtarrte vor ſich hin. Von tödtlicher Angſt übermannt, dem Wahnſinn nahe, ſchloß ich die Augen zum zwei⸗ ten Mal. Ich fühlte, wie Hermann aufſpringen wollte: aber mit meinem ganzen Gewicht mich an ihn hängend, hielt ich ihn zurück.— Als ich die Augen wiederum aufſchlug, war die Geſtalt verſchwunden. Noch immer waren wir keines Lautes mächtig; mit bleichen entſetzten Geſichtern, die ſich im Mondſchein ſelbſt wie Geſpenſter aus⸗ nahmen, ſtarrten wir uns an. 83 Endlich machte Hermann ſich ſanft aus meiner Umarmung los. „Dies iſt eine ſeltſame Geſchichte,“ ſagte er mit tonloſer, aber feſter Stimme,„und verdient näher unterſucht zu werden; es ſcheint, liebe Helene, ich ſoll Dir in allen Stücken eine Ehrenerklärung ſchuldig werden, ſelbſt auch was das Geiſterſehen anbetrifft.. Damit ging er, trotz meines heftigen Sträu⸗ bens, auf die verhängnißvolle Stelle zu. Zurückblei⸗ ben oder mitgehen war für mich gleich entſetzlich. Doch blieb ich bei dem Letztern wenigſtens in Her⸗ mann's Nähe und ſo folgte ich ihm mit bebendem Schritte. Hermann unterſuchte die Stelle mit großer Sorgfalt. Es war in der Nähe jener alten, ſeit Jahren unbenutzten Pforte, ein wüſter, dicht mit Unkraut bewachſener Fleck. Allein ſo viel Hermann auch umherſpähte, ſo war doch nirgend die Spur eines Fußtrittes zu entdecken und auch die Pforte hing ſo feſt in den roſtigen Angeln wie immer. Sprachlos ſtarrten wir uns an. Endlich ergriff Hermann bas Wort; er war noch immer leichenblaß und ſo viel Mühe er ſich gab, ruhig und gefaßt zu erſcheinen, ſo iühte ich doch, 6 84 wie ſeine Stimme, und zwar jetzt zum erſtenmal, erbebte. 6 „Er wird wieder kommen,“ ſagte er nachdenklich, indem er forſchenden Blicks bald die Pforte, bald die zunächſt liegenden ſtarkvergitterten Fenſter maß. „Er wird wiederkommen, ganz gewiß, dieſer Geiſt, und ich zweifle nicht, daß ich noch einmal Gelegen⸗ heit finden werde, mich mit ihm zu unterhalten—“ „Um Gottes Willen,“ flüſterte ich, noch immer von Fieberfroſt geſchüttelt,„ſprich nicht ſo ruchlos!“ „Ruchlos,“ wiederholte er ſinnend,„o gewiß, das iſt das richtige Wort: ein ruchloſer Geiſt muß das ſein und er mag ſich in Acht nehmen, mir zum zweitenmal ſo nahe zu kommen. Jetzt laß uns zu Bette gehen,“ ſetzte er hinzu, indem er ſich langſam von der Stelle entfernte.„Mitternacht iſt längſt vor⸗ über und es iſt Zeit für uns Beide, daß wir unſer Lager ſuchen. Ich fürchte,“ indem er noch einmal ſtilleſtand und einen letzten prüfenden Blick über die Stätte des wunderbaren Ereigniſſes gleiten ließ, „hier liegen böſe Geheimniſſe verborgen und es thut mir in der Seele leid, daß Du, meine arme kleine Helene, zur Mitwiſſerin derſelben gemacht werden ſollſt. Denke, Du hätteſt einen ängſtlichen Traum gehabt und wunderlicher Weiſe, wie das ja wohl 85 kommt, hätte ich zu derſelben Zeit daſſelbe geträumt; es iſt Sympathie der Seelen,“ ſetzte er mit einem Ton hinzu, der wohl ſcherzhaft ſein ſollte, in der That jedoch ſo furchtbar bitter klang, daß ich mein ganzes Grauſen zurückkehren fühlte. Schweigend gingen wir an einander hin. Nach⸗ dem wir ins Haus getreten und Hermann mit eigener Hand die Riegel vorgeſchoben, auch das große altväteriſche Schloß noch einmal mit Aufmerkſamkeit unterſucht hatte, ſagte er: 8 „Sympathie der Seelen, ſagen die Leute, muß geheim gehalten werden zwiſchen denen, die ſie em⸗ pfinden, wenn ſie nicht ihren Zauber einbüßen ſoll. Laß auch uns von unſern Träumen ſchweigen, hörſt Du? Unverbrüchlich ſchweigen gegen Jedermann, auch wenn Du darnach gefragt werden ſollteſt, bis ich Dir ſagen werde: nun iſt es Zeit, nun ſprich!“ Ich nickte zum Zeichen meiner Zuſtimmung mit dem Kopf; einen Laut aus der Kehle zu bringen, war mir noch immer nicht möglich. „Und nun gute Nacht, kleine Geiſterſeherin,“ ſagte Hermann, da wir am Fuß der Treppe ange⸗ langt waren, wo unſere Wege ſich trennten:„Gute Nacht— und das Beſte iſt: vergiß, vergiß für ewig was Du heute geſehen. 86 „Nicht blos heute,“ flüſterte ich, indem mein Fuß noch immer in dem Boden wurzelte:„es war dieſelbe Erſcheinung wie in jener Nacht, genau die⸗ ſelbe—“ Hermann wiegte nachdenklich mit dem Kopf. „Dieſelbe,“ wiederholte er,„ſehr vermuthlich. Nun wie geſagt, ich hoffe ſie noch kennen zu ler⸗ nen; Du aber ſchlaf', ſchlaf', meine arme kleine Helene—“ Dabei wollte er mir nach ſeiner Gewohnheit einen Gutenachtkuß auf die Stirn geben; plötzlich je⸗ doch beſann er ſich anders und mir heftig die Hand ſchüttelnd, drängte er mich leiſe von ſich, die Treppe hinauf. auf der Treppe warf ich noch einen Blick rückwärts und ſah Hermann, wie er mir ernſt, aber freundlich nachſchaute. Die Gewißheit ſeines Schutzes, ſeiner Liebe floß wie beſänftigendes Oel auf die empörten Fluthen meiner Seele. Haſtig warf ich die Thüre meines Kämmerchens ins Schloß, ſchob den Riegel vor und unausgekleidet mich aufs Lager werfend, zog ich die Decke dicht über mich, noch immer von innerem Grauſen geſchüttelt und doch beruhigt durch den Gedanken, daß Hermann für mich wachte. —— Ich entfloh, wie von Geiſtern gejagt. Oben 87 Dreizehntes Capitel. Eine unerwartete Entdeckung. Aus kurzem unruhigem Schlaf wurde ich am nächſten Morgen frühzeitig durch eine ungewöhnliche Be⸗ wegung im Hauſe erweckt. Thüren wurden auf⸗ und zugeſchlagen, ſchwere fremde Tritte polterten den Gang entlang, heftiges Rufen verſchiedener Stim⸗ men tönte aus Hof und Garten. Langſam richtete ich mich empor: die furchtbare Auftegung der Nacht ſummte mir noch in allen Nerven, ſo daß ich mich nur ſchwer in der Wirklichkeit zurechtfand. Was bebeutete dies ungewohnte Treiben? Sollte der Oheim plötzlich zurückgekehrt ſein? Oder ſollte etwa Hermann wieder— Mit gleichen Füßen wollte ich eben aus dem Bette ſpringen, als ein heftiges Pochen an der Thür meine Aufregung noch vermehrte; ich hörte Tante Fränzchens Stimme und öffnete ſofort. Ja in der That, es war Tante Fränzchen, aber in welchem Zuſtand! Ich ſelbſt, da ich geſtern das Geſpenſt erblickte, konnte nicht entſetzter ausgeſehen haben, als ſie es in dieſem Augenblicke that Zit⸗ ternd an Händen und Füßen, ihrer Sinne kaum 88 mächtig, ſank ſie auf den Stuhl vor meinem Bette; es dauerte geraume Zeit, bevor ſie ſich nur ſo weit erholt hatte, mir auf meine ängſtlichen Fragen Ant⸗ wort zu geben. „Was es giebt?“ ſtöhnte ſie endlich:„Ach Du armes unſchuldiges Kind, daß Du noch fragſt, was es giebt! Elend giebt es, Verzweiflung, Untergang! O meine Ahnung, wie recht hat meine Ahnung ge⸗ habt! Wenn der Rechnungsrath zurückkommt— nein, nein, ich überlebe das nicht, ich muß ins Waſſer ge⸗ hen, ich kann das nicht überleben!!“ Jedes Wort, das ſie ſprach, erhöhte mein Ent⸗ ſetzen. Dennoch beruhigte es mich einigermaßen, daß ſie ſo ſehr um die Rückkehr des Oheims klagte; ich glaubte daraus ſchließen zu dürfen, daß es we⸗ nigſtens kein Unglück war, welches Hermann betroffen. „Aber, liebe Tante,“ bat ich, indem ich mich ſo raſch wie möglich ankleidete,„faſſe Dich doch nur, beruhige Dich! Wir haben ja in allen Stücken unſere Pflicht erfüllt und wenn der Oheim—“ „Unſere Pflicht erfüllt,“ rief ſie,„ja das haben wir, treulich unſere Pflicht erfüllt, ſo gut eine arme ſchwache Witwe es vermag! Wenn ſeine Riegel und Schlöſſer nicht feſt genug waren, weſſen Schuld iſt es? Hat er uns zum Wächter geſetzt? Iſt es ——————— 89 die Sache einer armen Witwe mit zwei halber⸗ wachſenen Knaben, einem Mädchen von zwölf Jah⸗ ren und einer halbblinden Köchin ein Haus zu hü⸗ ten, in welchem ſolche Schätze aufbewahrt werden? Er ſelbſt iſt Schuld daran— Niemand weiter als er ſelbſt, ins Geſicht will ich es ihm ſagen und wenn er mich todtſchlägt vor Zorn und Aerger...“ Eine ſeltſame Ahnung dämmerte mir. „Aber was iſt denn nur?“ fragte ich, indem ich das Fenſterchen öffnete, das in den Garten führte, wo ich mit Erſtaunen einen nie geſehenen Zuſam⸗ menfluß fremder Perſonen bemerkte, die alle ängſt⸗ lich hin⸗ und herliefen, unter alle Büſche kuckten, nach allen Fenſtern in die Höhe ſtarrten. „Was da iſt?!“ rief Tante Fränzchen:„Die ganze Hölle iſt los, Raub, Diebſtahl, Verrätherei! O gerechter Gott, daß das auch gerade begegnen muß, während der Herr Rechnungsrath im Bade iſt! Aber freilich, freilich,“ wies ſie ſich ſelbſt zurecht, „wäre er dageweſen mit ſeinen Falkenaugen, die Diebe hätten es nicht gewagt oder hätten ſie es ge⸗ wagt—“ „Diebe?!“ ſtammelte ich; ſo unerwartet dieſe Aufklärung war, ſo fühlte ich mein Herz doch wie durch eine Felſenlaſt befreit: ich hatte doch nun 90 wenigſtens die Gewißheit, daß es nichts war was Hermann betraf.. „Ja, ja, Diebe,“ wiederholte die Tante ärger⸗ lich,„mein Gott, was fragſt Du denn noch lange, haſt Du denn keine Ohren am Kopfe? Diebe— ſo, haſt Du es nun gehört? Diebe ſind über Nacht in das Kaſſengebände eingebrochen, haben alle Schränke durchwühlt, alle Kaſten ausgeräumt, alle Papiere zertiſſen— wenn ſie nur wenigſtens die Papiere nicht zerriſſen hätten,“ ſtöhnte die unglückliche Frau,„der Schwager war von jeher ſo eigen mit ſeinen Pa⸗ pieren— ja ja, es iſt keine Rettung, ich muß ins Waſſer, noch ehe er zurückkommt.. „Der Geiſt, der Geiſt!!“ kreiſchte ich laut auf, indem ich mit gerungenen Händen im Zimmer auf⸗ und ablief; nun auf einmal verſtand ich, von welcher Be⸗ ſchaffenheit dieſer Geiſt geweſen und was Hermann's nachdenkliche Reden von Wiederſehen und Nocheinmal⸗ treffen bedeutet hatten. In demſelben Augenblick jedoch fiel mir auch Hermann's Verbot ein und um die Aufmerkſamkeit der Tante abzulenken, ſchwatzte ich bunt und wirr das tollſte Zeug durch einander. „O Du mein Himmel,“ ſeufzte die Tante, indem ſie die Treppe wieder hinunterſchlich,„nun verliert das arme Kind auch noch ſein bischen Verſtand. Ein ——— ——— 9⁴ Wunder iſt es nicht, im Gegentheil, es iſt das Beſte, was der Menſch thun kann in ſolchen Zeiten und ich wollte nur, ich wäre erſt ſo weit... Einige Minuten ſpäter folgte ich. Da fand ich denn allerdings ein ganz ungewohntes Treiben in dem ſonſt ſo ruhigen Hauſe. Polizeibeamte, Nach⸗ barn, ſchnell herbeigerufene Mitglieder der Oberbe⸗ hörde drängten ſich durcheinander, Jeder fragte, Je⸗ der antwortete und Keiner wußte, was eigentlich anzufangen. Die Spuren des Verbrechens waren ſo offenbar, daß über die Thatſache ſelbſt kein Zweifel ſein konnte; deſto plötzlicher verſchwanden ſie, ſobald man den Schauplatz des Verbrechens verließ. Die kleine Pforte nach der Gartenſeite des Kaſſenlocals, dieſelbe Pforte, die noch wenige Stunden zuvor ich und Hermann vollkommen feſt und unverſehrt gefun⸗ den hatten, war über Nacht erbrochen worden. Die Gitter an den Fenſtern, die geſtern noch ſo haltbar geſchienen hatten, zeigten ſich bei näherer Unterſu⸗ chung von irgend einer ätzenden Flüſſigkeit angegrif⸗ fen und zermürbelt; ein Theil davon war zurückge⸗ bogen und es ſchien, als ob die Diebe durch die Fenſter in das Innere des Gebäudes eingedrun⸗ gen, dann aber, vielleicht mit einem der zahlrei⸗ chen alten Schlüſſel, die hier aufbewahrt wurden, 2 die Thüre von innen halb geöffnet, halb erbrochen und ſo das Freie erreicht hatten. Einige abgeſto⸗ ßene Stellen an der Mauer, die in den Nachbar⸗ garten und von da weiter in die Straße führten, ſchienen den Weg anzudenten, welchen ſie bei ihrem Rückzug genommen. Doch ſuchte man vergebens nach einer Spur von Fußtritten oder irgend ſonſt etwas, das auf den näheren Hergang des Verbre⸗ chens ſchließen ließ. Wie es bei ſolchen Begebenheiten regelmäßig geſchieht, wollte auch jetzt Jedermann etwas gehört und bemerkt haben, was er nun nachträglich mit dem Vorgefallenen in Verbindung brachte. Der Nachtwächter wollte kurz vor Mitternacht eine ver⸗ mummte Geſtalt bemerkt haben, die ſich dicht an den Häuſern hingedrückt; ja die alte Dörte wollte kurz vor Tagesanbruch durch Tritte geweckt worden ſein, die ſich ſcheinbar über unſere Hausflur bewegten und bei denen ſie anfangs, noch halb im Schlafe wie ſie war, gedacht haben wollte, Herr Nonnemann wäre wohl gar plötzlich zurückgekehrt; ſie habe eine Zeit⸗ lang gehorcht, da jedoch Alles wieder ſtill geworden, habe ſie ſich auf die Seite gelegt und ſei noch ein⸗ mal eingeſchlafen. Auch waren alle dieſe Angaben viel zu unbeſtimmt 93 und widerſprachen ſich großen Theils zu ſehr unter ein⸗ ander, als daß man irgend eine Vermuthung hätte darauf gründen können. Mir ſelbſt ſchwebte mehr als einmal die Geſchichte unſerer nächtlichen Etſchei⸗ nung auf der Zunge und wirklich rief Emil, der nur von meinem erſten Abenteuer wußte, mir nek⸗ kend zu: „Nun ſiehſt Du, kleine Dame? Da hat Dein alter verliebter Mönch ja auf einmal ſeine Erklärung gefunden Doch war die Aufregung der Verſammelten viel zu groß, um auf eine Aeußerung von uns jun⸗ gen Leuten zu achten. Und daß ich ſelbſt nichts weiter verrieth, dafür ſorgten die gemeſſenen Blicke, die Hermann mir zuwarf und die ich nur allzuwohl verſtand. Im Uebrigen zeigte Hermann ſich auch bei dieſer Gelegenheit wieder ſo praktiſch und ſo beſonnen, daß ich ihm mit ſtiller Bewunderung zuſah, beſon⸗ ders wenn ich an das furchtbare Geheimniß dachte, das er gleich mir im Buſen trug und in Bereff deſſen ich ſelbſt, trotz meiner kindlichen Unerfahrenheit, nicht zweifeln konnte, daß es mit dem eben ent⸗ deckten Verbrechen in irgend einer Weiſe in Verbin⸗ dung ſtand. Er ging den Beamten bei ihrer Auf⸗ 94 nahme des Thatbeſtandes zur Hand, gab kurze klare Auskunft über den Ort, wo und die Art, wie die geplunderten Bücher und Gelder für gewöhnlich auf⸗ bewahrt wurden, und auch als einer der Beamten ihn zufällig fragte, ob er ſelbſt denn im Lauf der Nacht nichts Ungewöhnliches vernommen, antwortete er mit ruhiger Stimme: nein, er ſei zur gewohnten Stunde bald nach ſeinem Bruder zu Bett gegangen, habe die ganze Nacht feſt und ruhig geſchlafen und ſei erſt in der Frühe des Morgens durch den Lärmen erweckt worden, welchen die Entdeckung des Dieb⸗ ſtahls von Seiten der Nachbarn, denen die offenſte⸗ hende Pforte und die zerbrochenen Gitter aufgefallen waren, veranlaßt hatte. Auch das war mir wieder eine große Erleichte⸗ rung; es wußte alſo Niemand, daß wir Beide, Her⸗ mann und ich, ſo ſpät noch im Garten geweſen waren und jede Möglichkeit, uns mit dem unange⸗ nehmen Vorfall perſönlich in Verbindung zu ſetzen, war damit beſeitigt. Endlich verlief die Menge ſich; die Spuren an Thüren und Fenſtern wurden genau verzeichnet, der Garten abgeſperrt und— nach dem alten Satz, daß man den Brunnen zudeckt, wenn das Kind hineingefallen iſt— eine Wache in der Nähe auf⸗ tii 6 95 geſtellt, die auf Alles, was ſich in der Umgebung unſeres Hauſes zutrug, genau Acht haben ſollte. Auch wurde ſofort ein reitender Bote(Dampfwagen und Telegraphen eriſtirten damals noch nicht) zu meinem Oheim entſandt; man berechnete, daß bei alledem faſt acht Tage vergehen müßten, bevor der Oheim an Ort und Stelle ſein könnte und bedau⸗ erte zum Voraus den Schreck, den die unerwartete Nach⸗ richt dem eifrigen, um ſein Amt und die Sicherheit der ihm anvertrauten Geſchäfte ängſtlich beſorgten Beamten verurſachen müßte. —— Pierzehntes Capitel. Herr Nonnemann kehrt zurück. Aber nicht acht Tage dauerte es, bevor der Oheim zurückkehrte, ſondern ſchon am zweiten Mor⸗ gen nach dem unglücklichen Vorfall traf er, krank und angegriffen von der durchfahrenen Nacht, aber doch in ziemlicher Faſſung, bei uns ein. Der Bote hatte ihn bereits auf der Rückreiſe getroffen; eine geheime Ahnung hatte ihm keine Ruhe gelaſſen, ſo daß er 96. zeitiger aus dem Badeorte aufgebrochen war, als urſprünglich ſeine Abſicht geweſen. Ja ohne den unglücklichen Zufall, daß, noch eine Tagreiſe vom Hauſe entfernt, ein plötzliches heftiges Unwohl⸗ ſein ihn zwang, eine zweitägige Raſt in einem un⸗ ſcheinbaren Grenzſtädtchen zu machen, würde er viel⸗ leicht noch vor dem Verbrechen eingetroffen ſein, wo das⸗ ſelbe dann, wie Niemand zweifelte, durch ſeine Um⸗ ſicht und Wachſamkeit gewiß verhindert worden ſein würde. Bei der Unterſuchung des Verbrechens und ſeiner Spuren zeigte er, wie man ſich denken kann, den größten Eifer. Nichts entging ſeinen Blicken, die ſich bei dieſer Gelegenheit in der That als Fal⸗ kenblicke bewährten, ſelbſt nicht die leiſe Spur, welche Hermann's und meine Tritte bei dem geſpenſtigen Vorfall jener Nacht im Graſe zurückgelaſſen und bisher noch von Niemand bemerkt worden war. Herr Nonnemann, deſſen Allwiſſenheit ſich bei dieſer Gelegenheit wieder im glänzendſten Lichte zeigte, brachte glücklich heraus, daß dieſelben zu unſerm Wohnhauſe zurückführten. Eine Zeit lang ſtand ich Todespein aus, er möchte auch entbecken, von wem die Tritte herrührten und es bedurfte Hermann's ganzer Kaltblütigkeit, um mich wenigſtens ſo weit zu . ———— 97 ermuthigen, daß ich nicht an uns ſelbſt zum Ver⸗ räther wurde. Indeſſen auch der klügſte Verſtand hat ſeine Schranken und ſo fand auch Herr Nonnemann die ſeine. Wohin die Tritte führten, brachte er glücklich heraus, zog jedoch nur den Schluß daraus, daß die Diebe urſprünglich von der Straße her durch unſer Haus gekommen wären und ſich vermuthlich auch auf dem⸗ ſelben Wege entfernt hätten; was die entgegen⸗ ſtehenden Spuren anbetreffe, wie die Beſchädigung der Nachbarmauer und einige ähnliche Merkmale, ſo meinte er, dieſelben wären von den Dieben künſt⸗ lich angerichtet, um die Nachforſchung auf eine falſche Fährte zu leiten. Gewiegte Diebe— und andere na⸗ türlich würden ſich an einen ſolchen Kaſſendiebſtahl gar nicht gewagt haben— pflegten das ſo zu ma⸗ chen; er habe, von geheimem Inſtinet getrieben, viele derartige Criminalgeſchichten geleſen und ſei dabei faſt jedesmal auf eine ſolche Dieböfinte geſtoßen, die ihn deshalb auch nicht zu täuſchen im Stande ſei. Die Behörden gaben ihm Recht, man ſtellte Nachforſchungen in der von ihm bezeichneten Rich⸗ tung an, war indeſſen auch damit nicht glücklicher wie mit den bisherigen Verſuchen. Im Uebrigen, wie ſchon erzählt, zeigte Oheim 1856. IX. Helene. II. 98 ſich weit ruhiger und gefaßter, als man nach ſeiner ſonſtigen Art hätte vorausſetzen ſollen. Tante Fränz⸗ chen kam wirklich mit dem bloßen Schreck davon. ſelbſt Hermann's Krankheit und die dadurch verur ſachten Mehrausgaben und Störungen ſchwanden gegen dies Ereigniß zu einer Unbedeutendheit zu⸗ ſammen, daß kaum die Rede davon war, und ſo wußte die gute Frau in der Stille oft ſelber nicht, ob ſie das ſo ſehr gefürchtete Ereigniß nicht am Ende noch als ein Glück betrachten ſollte. Jedenfalls ſtand ſo viel feſt, daß Schwager Nonnemann ein Engelherz hatte, ein pures Engelherz, und ſo ſang ſie ſein Lob denn eiftiger als je, vor Jedem, der es hören und nicht hören mochte, obſchon der Letzteren in der That, außer uns verſtockter junger Welt, wohl nur ſehr Wenige waren. Nur über einen Punkt vermochte Herr Nonne⸗ mann ſich bei alledem nicht zufrieden zu geben. Der Diebſtahl an der Kaſſe war höchſt bedeutend, er belief ſich auf mehrere Tauſende, theils in baarem Gelde, theils in Documenten. Auch Herr Nonne⸗ mann's eigene Erſparniſſe hatten ſich dabei befunden und waren denſelben verhängnißvollen Weg gegan⸗ gen. Doch waren ſie zum Glück, wie er mit halbwehmüthigem Lächeln hinzuſetzte, nicht groß 99 geweſen und ſo wolle er den perſönlichen Verluſt gern verſchmerzen, wenn er nur den Schaden erſetzen könne, welchen die Bürgerſchaft dabei erlitten, ſowie die zahlreichen Witwen und Waiſen und überhaupt die armen Leute, die hier ihren Sparpfennig niederzu⸗ legen pflegten. Aber dazu freilich lange ſein bischen Cautivn bei Weitem nicht, ſelbſt angenommen, daß man ihn verantwortlich machen wolle und könne für ein Unglück das ſich zu einer Zeit zugetragen, da er mit Erlaubniß ſeiner vorgeſetzten Behörde vom Hauſe entfernt geweſen. Ihn ſelbſt treffe dabei ſicher keine Schuld, im Gegentheil, er habe, wie die Acten der Oberbehörde ausweiſen müßten, zu wie⸗ derholten Malen auf die Eriſtenz der Gartenpforte aufmerkſam gemacht und gehorſamſt darauf angetra⸗ gen, ſie doch lieber gänzlich zu vermauern. Ja er habe aus reinem Pflichtgefühl, reinem Sinn für Ordnung und Regelmäßigkeit ſich dieſes ihm viel bequemeren Zugangs niemals bedient, ſondern ſei, wie die ganze Nachbarſchaft ihm bezengen könne, jeder⸗ zeit durch den großen Eingang von der Straße her gegan genz ſeines Wiſſens habe er nicht einmal einen Schlüſſel zu der Gartenpforte beſeſſen und ſo dürſe er dreiſt behaupten, daß ihn in dieſer Hinſicht keine Art von Vorwurf treffen könne. 7* 6 100 Seine Vorgeſetzten gaben ihm in allen Punkten vollkommen Recht und nur über Eines vermochten auch ſie ihn nicht zu tröſten: das war die Vernichtung ſeiner Bücher und Papiere. Seit zwanzig Jahren, ſagte er, führe er dieſe Bücher ſelbſtändig, nie wäre eine fremde Hand, kaum je ein fremdes Auge darüber gekommen, da bei dem hohen, und— er dürfe es ſagen— nicht unverdienten Zutrauen, mit welchem ſeine Oberbehörde ihn beehrt, die vorſchriftsmäßige Kaſſen⸗ und Bücherreviſivn ſeit langen Jahren nur der Form wegen vollzogen worden ſei. So wären dieſe Bücher ein Stück ſeiner Exiſtenz geweſen und er ſehe wirklich noch nicht recht ab, wie er, ohne Gottes ganz beſondern Beiſtand, künftighin leben ſolle ohne ſie⸗ Das Allerſchlimmſte aber, fuhr er fort, wäre die gräuliche Verwirrung, die dadurch in das Geſchäft ſelber gekommen und die er auf keine Weiſe zu lö⸗ ſen wiſſe. Alle Nachweiſe wären vernichtet, alle Quittungen zerriſſen und verdorben; er ſelbſt, ſo ein⸗ gearbeitet er in dieſes Geſchäft auch wäre und ſo feſt er ſich in vielen Stücken auf ſein Gedächtniß verlaſſen könne, vermöge doch nicht, ſich in dieſem chaotiſchen Haufen von Papieren und Papierfetzen 6 zurechtzufinden. 101 Aber daraus, ſchloß er, könne man erſt recht ſehen, welch ein verbrecheriſches, abſcheuliches Geſindel dieſe Diebe geweſen ſein muͤßten. Der roheſte Menſch, ſoweit die göttliche Gabe der Schrift ihm überhaupt bekannt ſei, nicht einmal aus eigener Uebung, nur vom Hörenſagen, empfinde unwillkürlich eine gewiſſe Ehrfurcht vor jeder wohlgeſchriebenen, zierlichen Schrift, geſchweige denn vor ſolchen in ihrer Art unübertrefflich geführten Büchern(— bei ſo außerordentlichen Fäl⸗ len müſſe ein wenig Selbſtlob ſchon geſtattet ſein—) wie er dieſelben auf ſeinem Bureau gehabt habe. Und ſelbſt dieſe unübertrefflichen Bücher, alle in der⸗ ſelben Größe, alle geſchrieben wie in Kupferſtich, genau eine Zahl, ein Buchſtabe wie der andere, hätten dieſen Barbaren keinen Reſpect einflößen kön⸗ nen, auch ſie wären von ihnen vernichtet worden und zwar offenbar aus reinem Muthwillen, blos um ihre kannibaliſchen Gelüſte zu befriedigen! Es wun⸗ dere ihn blos, daß ſie nicht auch bei Tante Fränz⸗ chen eingebrochen und ihr und den armen Waiſen⸗ kindern, denen er in ſeinem Hauſe Obdach gebe— Du lieber Gott, es ſei ja doch ſein Blut und dar⸗ um, ſo ſchwer die Laſt ihm zuweilen auch würde, murre er doch nicht und baue auf die Hülfe des Herrn— den Hals abgeſchnitten hätten. Denn 102 zuzutrauen ſei ſolchen Barbaren Alles und er für ſeine Perſon begreife beinahe noch eher, wie man in Haß oder Leidenſchaft einem lebendigen Menſchen ein Meſſer in den Leib ſtoßen, als wie man ein ſolches reinliches, ſchöngeſchriebenes Buch aus bloßem Muth⸗ willen vernichten könne. Fünfzehntes Capitel. Die Flucht. Auch dieſe Auseinanderſetzungen des unglückli⸗ chen, in ſeiner geſchäftlichen Ehre ſo tief verletzten Beamten fanden die vollſte Zuſtimmung der bethei⸗ ligten Behörden— oder ſchienen ſie doch wenigſtens zu finden. Uns mindeſtens wurde vom Gegentheil nichts bekannt. Die Unterſuchung wurde zwar mit Eifer fortgeſetzt und auch ſämmtliche Hausgenoſſen, uns Kinder mit eingeſchloſſen, wurden der Reihe nach vernommen. Doch geſchah dies offenbar nur der Form wegen und auch fuͤr den Gegenſtand der Unterſuchung ergab ſich daraus nicht der mindeſte Auſchu 103 Mir ſelbſt wurde es ungemein ſchwer, das Schweigen aufrecht zu erhalten, welches Hermann mir zur Pflicht gemacht hatte. Zum Glück brauchte ich auf alle mir vorgelegten Fragen nur immer die eine Antwort zu geben, ich hätte geſchlafen und da die Verwirrung welche ich dabei zeigte, für ein jun⸗ ges Mädchen in meiner Lage vollkommen natürlich und angemeſſen war, ſo drang auch Niemand mit weitern Nachforſchungen in mich. Auch die öffentli⸗ chen Bekanntmachungen und Aufrufe, welche die Behörden erließen, blieben ohne Frucht, die Diebe ſammt dem geſtohlenen Gut waren wie von der Erde verſchlungen und ſo ſchlief die ganze Unterſuchung dem Anſcheine nach ein und auch meine Gedanken begannen allmählich ſich wieder auf andere Dinge zu wenden. Mit Hermann hatte ich bisher über den Vor⸗ fall kein Wort gewechſelt; er ſelbſt vermied es ab⸗ ſichtlich und ich meinerſeits empfand bei dem Ge⸗ danken an die nächtliche Erſcheinung noch ein viel zu lebhaftes Grauſen, als daß ich aus freien Stücken das Geſpräch auf irgend etwas hätte bringen mögen, was damit im Zuſammenhange ſtand— noch dazu in einem ſolchen geheimnißvollen peinlichen Zuſam⸗ menhange. 104 Darum fuhr ich auch ordentlich zuſammen, als Hermann mir eines Abends— es mochten unge⸗ fähr zehn oder zwölf Tage ſeit der Rückkehr des Herrn Nonnemann verfloſſen ſein— beim Zubett⸗ gehen zuflüſterte, ich möchte meine Kammerthür die Nacht offen laſſen, er habe etwas höchſt Nothwendi⸗ ges mit mir zu ſprechen und wiſſe keine andere Art mir daſſelbe mitzutheilen, als daß er heimlich, wenn alle Uebrigen ſchliefen, auf mein Zimmerchen käme. Man erinnere ſich, von wem und zu wem dieſe Worte geſprochen wurden: nämlich von einem ſieb⸗ zehnjährigen Knaben zu einem zwölfjährigen Kinde — und man wird hoffentlich keinen Anſtoß daran nehmen, daß ich, wiewohl in den Tod erſchrocken, ihm doch mein Einverſtändniß zuwinkte. Eine Stunde mochte ich, unausgekleidet auf meinem Bettchen ſitzend, gewartet haben; es war eine dunkle Nacht, mein Lämpchen hatte ich aus Furcht vor Entbeckung längſt ausgelöſcht und nur die Sterne warfen einen bleichen Schimmer in das enge Gemach, als ich endlich den Sand auf der Diele kniſtern hörte und gleich darauf ſchlich Her⸗ mann herein. Wir reichten einander durch die Dun⸗ kelheit die Hände; dann ruͤckte Jeder, von einer unwillkürlichen Scheu getrieben, auf die äußerſte Ecke des Bettes. „So müſſen wir zuſammenkommen,“ ſagte Her⸗ mann endlich,„wie die Diebe in der Nacht, weil die wirklichen Diebe uns zu Aufpaſſern geſetzt ſind und nicht dulden, daß wir frei mit einander verkehren. Und weißt Du auch, Helene, ahnſt Du, weshalb ich komme?“ Ich verneinte zaghaft; ſeine Reden erſchienen mir ſo wirr und zuſammenhanglos, daß ich ſchon be⸗ dauerte, ihm dieſe Zuſammenkunft geſtattet zu haben. „Nun denn,“ fuhr er mit einem tiefen Seufzer fort,„es muß heraus und morgen erfährſt Du es ja doch— ich komme um Abſchied zu nehmen, Helene, Abſchied für lange Zeit...“ „Abſchied?7!“ rief ich entſetzt. „Ja, Abſchied,“ bekräftigte er:„was iſt an dem Worte, das Dich ſo ſehr entſetzt? Habe ich Dich nicht erſt neulich darauf vorbereitet und habe Dir geſagt, daß ich dies Leben hier im Hauſe nicht lange mehr ertragen würde, ſondern würde mich auf und davon machen bei der erſten Gelegenheit, weit fort in die Welt, um mein Glück zu ſuchen— meines und ſo Gott will auch Deines, Du liebe, kleine Helene?“ ſetzte er mit zärtlicher Stimme hinzu. 106 „Abet doch nicht jeßt?!“ rief ich,„doch nicht in dieſem Angenblic!? Was treibt Dich fort gerade in dieſem Augenblick?“ Ohne zu wiſſen, was ich that, war ich aus meiner Ecke aufgeſprungen und ſtand jetzt dicht vor dem geliebten Freund; ich hörte durch die Dunkelheit das ſchwere Athmen ſeiner Bruſt und glaubte zu ſehen, wie leiſe dichte Thränen ihm über das Antlitz floſſen. Aber es währte nur wenige Secunden, ſo hatte er ſeine Rührung überwältigt. „Ja, jetzt, eben jetzt“ erwiederte er mit feſter, beinahe harter Stimme,„noch dieſe Nacht; ich habe der alten Dörte den Hausſchlüſſel aus dem Küchen⸗ ſchranke entwendet und da Gott mein Herz kennt und weiß, was mich zu dieſem Schtitte treibt, ſo wird er ihn mir auch verzeihen..... 4 Ich ſtand noch immer wie betäubt; die ganze Kammer drehte ſich um mich her, feurige Ringel tanzten durch die Dunkelheit vor meinen Augen. „Und was treibt Dich denn 2* ſtammelte ich endlich,„warum willſt Du von mir gehen und willſt mich allein laſſen in dieſer entſetzlichen Einſamkeit? O ſo gehe wenigſtens nicht heute, gehe wenigſtens nicht heimlich, nicht bei Nacht, Hermann! Die Nacht 107 iſt keines Menſchen Freund, wir haben es ſelbſt erfah⸗ ren, Hermann—“ Hermann ſchien den letzten Theil meines Angſt⸗ rufes gar nicht gehört zu haben. „Weil ich muß,“ erwiederte er entſchloſſen, „weil man morgen den Dieb ergreifen wird, welcher die Kaſſe geplündert und die Rechnungsbücher ver⸗ nichtet hat und weil ich nicht als Zeuge auftreten will gegen den Dieb—“ „Man wird den Dieb ergreifen?!“ rief ich halb erfreut:„Aber das iſt ja prächtig, das iſt ja, was alle Welt wünſcht, da wird ja auch wieder Ruhe in unſerm Hanſe werden..... „Sehr ruhig wird es in dieſem Hauſe werden, allerdings,“ verſetzte Hermann mit Bitterkeit,„ſo ruhig, fürchte ich, daß bald kein Mäuschen mehr in der Ecke raſcheln wird.— Aber laß uns zur Sache kommen: ich will und muß fort, meine paar erſpar⸗ ten Thaler führe ich bei mir, Du biſt die Einzige, die von meinem Plane weiß; von Dir Abſchied zu nehmen war der Zweck dieſer Zuſammenkunft— er iſt erreicht und nun behüte Dich Gott, Helene...!“ Seine Lippen ſuchten mich durch die Dunkelheit und ein heißer Kuß, von noch heißern Thränen beglei⸗ tet, brannte auf meiner S 108 „Nein, nein,“ ſchrie ich,„das iſt ja wieder nur ſo ein furchtbarer Traum, wie wir ſchon einmal gehabt; was heißt das Alles? Welch ein Wahnſinn hat Dich erfaßt? Was weißt Du von dem Dieb? Und wenn man ihn wirklich ergreift, was kümmert es Dich? und welche Art von Zeugniß haſt Du gegen ihn abzulegen, daß Du die Flucht davor ergreifſt? Iſt denn das ſolch ein Verbrechen, daß wir Nachts über die Zeit im Garten geſeſſen haben? Wenn es Dir an Muth fehlt, wohlan, ich ſelbſt wih die Erſte ſein, es zu bekennen und wenn der Oheim uns dafür ſtrafen will, ſo will ich die Strafe auf mich nehmen ohne Murren—“ „Der Oheim,“ unterbrach Hermann mich mit ſtarker Stimme,„wird Niemand mehr ſtrafen, hörſt Du? Niemand, weder Dich noch mich noch irgend Jemand in der Welt, die Reihe geſtraft zu werden kommt jetzt an ihn ſelbſt—“ Und dann ſich dicht zu mir neigend und ſeine Lippe an mein Ohr legend: „Du fragſt mich,“ flüſterte er,„wer der Dieb iſt und warum mir der Muth fehlt Zeugniß abzule⸗ gen gegen ihn? Hätteſt Du wirklich nichts geahnt? Biſt Du noch ſolch Kind, ſolch armes unſchuldi⸗ ges Kind, daß Dir verborgen iſt, was ſich ſchon ſeit 109 zwei, drei Tagen alle Leute mit den Augen zuwin⸗ ken? Du und der Verbrecher ſelbſt und meine arme unglückliche Mutter, vielleicht ſeid Ihr drei die Ein⸗ zigen in der ganzen Nachbarſchaft, die noch nichts wiſſen und noch nichts ahnen— es iſt ſchrecklich, ſchrecklich,“ ſtöhnte er,„und meine Seele erſchrickt und windet ſich in Verzweiflung, daß ich der Erſte ſein ſoll, der Deine gluckliche Blindheit ſtört. Aber doch beſſer, Du erfährſt es durch mich und ſchon jetzt, als erſt morgen und aus einem fremden Munde. Alſo kurz—“ Und wiederum mit ſeinen Lippen mein Ohr ſuchend: „Es iſt wie im Luſtſpiel,“ ſagte er,„Dieb und Beſtohlener ſind eine Perſon: Onkel Nonnemann, der Mann nach der Uhr, der pflichttreue Beamte, das Muſter der Redlichkeit vor der ganzen Stadt, iſt ein langjähriger gewohnheitsmäßiger Kaſſendieb, er ſelbſt, in der Unmöglichkeit ſeine Veruntreuungen länger zu verdecken, hat ſich auf eine mir noch nicht bekannte Weiſe heimlich in die Stadt geſchlichen und hat den angeblichen Diebſtahl veranſtaltet. Be⸗ greifſt Du nun, wer das Geſpenſt geweſen? Das große rieſenhafte Geſpenſt, das genau ſo breite Schultern hatte wie Onkel Nonnemann und das auch aller⸗ 1¹0 dings ſehr bequem durch Mauern und Riegel ſchlüp⸗ fen konnte, nämlich weil Onkel Nonnemann heim⸗ liche Schlüſſel dazu beſaß?“ „Der Oheim!“ ſtammelte ich entſetzt; die Sinne verließen mich, ich fühlte mich einer Ohnmacht nahe. „Ja der Oheim,“ wiederholte der unerbittliche Jüngling,„und eben weil es der Oheim iſt und, weil daſſelbe Blut in ihm fließt, das mich gezengt hat, weigert mein Herz ſich und erſchrickt vor dem Gedanken, Zeugniß gegen ihn abzulegen. Erwäge ſelbſt, was ſoll ich thun? Alles wird zur Sprache kommen, die Criminalbeamten, ich habe es aus ihren Aeußerungen und Querfragen wohl bemerkt, halten ihn bereits an tauſend heimlichen Fäden, ein einziger Zug und er zappelt im Netz. Es iſt unvermeidlich, daß auch das Ereigniß jener Nacht, unmittelbar vor dem Diebſtahl, zur Sprache kommt; was ſoll ich ſagen, was antworten, wenn etwa die Beamten ſchärfer in mich dringen oder wenn irgend ein ande⸗ rer zufälliger Umſtand zum Verräther an uns wird? Man wird mir einen Eid aufzwingen und ich werde nur die Wahl haben, entweder falſch zu ſchwören oder durch mein Zeugniß den Bruder meines Vaters, den Mann, an deſſen Tiſch ich bisher geſeſſen und deſſen Wohlthaten mich ernährt haben, ins Zuchthaus 111 zu bringen. Alſo Schurke hier oder Schurke da— nein, nein, das iſt eine Wahl, der ich mich nicht gewachſen fühle, davor ergreife ich lieber die Flucht und überlaſſe dem Himmel, dies entſetzliche Räthſel zu entſcheiden.“ „Aber man wird Dich ergreifen,“ wimmerte ich, „man wird Dich zurückführen mit Gewalt.5 „Mit Gewalt,“ erwiederte er,„allerdings, das iſt möglich. Aber ſo geſchieht es eben mit Gewalt und einer Gewalt, die er nicht überwinden kann, muß Jeder weichen.“ „Und ich, ich,“ fuhr ich fort,„was ſoll ich an⸗ fangen? Was wird aus mir? Wenn man nun auch mein Zeugniß verlangt, was ſoll ich erwiedern?“ „Du,“ belehrte Hermann mich,„biſt noch ein Kind, Dein Zeugniß wird Niemand im Ernſt verlangen— und geſchähe es dennoch, nun, ſo gieb es, wie Du es verantworten kannſt vor Gott und Deinem eigenen Gewiſſen; Du biſt kein Mann, Dein Ehrenpunkt liegt nicht darin, daß Du nicht zum Verräther wirſt an Deinem Blutsverwandten und Wohlthäter. Aber mit mir, verſtehſt Du wohl? mit mir iſt das etwas Anderes, ich bin ein Mann und darf nicht den Schimpf auf mich laden, zum 112 Verräther geworden zu ſein, wo meine Flucht mein Schweigen erkaufen konnte.“ Und indem er ſo ſprach, glaubte ich durch die Dunkelheit zu ſehen, wie ſeine Geſtalt ſich gleichſam in die Höhe hob und ſein Auge leuchtete von edlem, männlichem Stolz. Meine Einwürfe waren zu Ende; ich konnte nichts mehr, als mit gefaltenen Händen ſeine Knie umfaſſen und wimmernd bitten: „O verlaß mich nicht! verlaß mich nicht, Her⸗ mann! Bleibe hier, Hermann! Verlaß Deine kleine Helene nicht!“— Allein er blieb unbeweglich. „Es geht nicht,“ ſagte er mit feſter Stimme, „ich habe mir in der Stille Alles wol hundertmal überlegt, das Herz blutet mir ſelbſt, daß ich Dich verlaſſen muß und Mutter und Bruder, obenein in ſolch entſetzlichem Augenblick— aber es geht nicht anders, ich kann die Schande nicht auf mich nehmen, mei⸗ nen Oheim ins Zuchthaus gebracht zu haben„ Seine Beharrlichkeit erbitterte mich; das war nun Einer von jenem Geſchlecht, von dem Tante Fränzchen mich verſichert hatte, ein Wink unſeres Anges könne die beſten, die klügſten von ihnen 113 zähmen— ich rang die Hände vor ihm, fußfällig bat ich ihn— und was nützte es mir? Mein kindiſcher Zorn erwachte. „Gut denn,“ ſagte ich, indem ich mich in die entfernteſte Ecke des Zimmers zurückzog:„ich ſehe jetzt, daß Du mich nie geliebt haſt— o nein, denke nicht, ich wäre ein Kind: Du haſt mich zu Jahren gebracht, ich weiß jetzt, was Deine Schwüre und Verſicherungen ſind— geh! geh!! und opfere uns dem, was Du Deine männliche Ehre nennſt!“ Hermann war mir leiſe gefolgt, er ſuchte meine Hand zu ergreifen; ich aber wandte mich zürnend von ihm und verbarg das Geſicht in den Händen. „Ah,“ ſagte er leiſe,„das thut weh— aber vielleicht iſt es das Beſte ſo...“ Ein flüchtiger Hauch berührte mein Haar. Gleich darauf hörte ich meine Kammerthüre leiſe zuklappen. Ich wandte mich um— aber meine ausgebreiteten Arme griffen nur in das leere Dunkel. Ich wollte hinaus, wollte Lärm im Hauſe machen— aber die Beſinnung verließ mich und ohnmächtig ſank ich am Kopfende meines Bettes nieder.—— Der erſte Strahl der Sonne, der in meine Kammer fiel, erweckte mich. Der Kopf war mir wüſt, 1856. IX. Helene. I. 8 114 alle Glieder wie zerſchlagen. Mühſam raffte ich mich auf, ſchleppte mich aufs Bett und ſuchte durch einen kurzen Morgenſchlaf meine zerrütteten Sinne wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Und mitten im Schlaf durchzuckte mich wieder der Gedanke: o Gott, am Ende iſt doch alles nur ein Traum ge⸗ weſen und wenn Du aufwachſt, iſt Alles wieder wie es ehedem war... Aber es war kein Traum, und wurde nicht wieder wie es ehedem war. Als ich zur ungewöhn⸗ lich ſpäten Stunde, mit heimlichem Zagen nach Her⸗ mann ſpähend, nichts von ihm gewahrend und doch ohne Muth nach ihm zu fragen, in das Wohnzim⸗ mer kam, fand ich Tante Fränzchen in händerin⸗ gender Verzweiflung: der Polizeipräſident in eigener Perſon, mehrere Gensdarmen hinter ſich, hatte ſich eingefunden; ſchon ſeit anderthalb Stunden hatte er ſich mit dem Oheim in deſſen Zimmer einge⸗ ſchloſſen, während die Gensdarmen Garten und Hausthüre beſetzt hielten und Niemand aus⸗ noch einließen. Endlich, nach qualvollem Harren, öffnete ſich die Thüre des Nebenzimmers und hinter dem Polizei⸗ präſidenten, einem hohen ernſten Manne, der kaum 115 Notiz von uns nahm, trat Onkel Nonnemann herein. Seine rieſige Geſtalt war welk und zuſammengebro⸗ chen, das Geſicht noch aſchfarbener als ſonſt. Den⸗ noch verſuchte er zu lächeln. „Ich habe— ich habe,“ ſagte er mit lallender Stimme zu Tante Fränzchen—„es iſt— ein ſeltſames Mißverſtändniß— ein— ein Geſchäft mit dem Herrn Präſidenten, das mich auf einige Tage vom Hauſe entfernt halten wird—“ Ein Wink des Präſidenten endete das Ge⸗ ſpräch, auf einen zweiten, den er den draußen har⸗ renden Gensdarmen ertheilte, fuhr ein Wagen vor; der Polizeipräſident ſtieg hinein, der Oheim, mit verlegenem Lächeln nach allen Seiten grüßend(denn alle Fenſter und Thüren waren dicht mit Menſchen beſetzt und unwillkürlich mußte ich an jene Scene vor ſo viel Jahren denken, da die Zigeunerbande mit dem„Komödiantenkind“ hier vorübergeführt ward —) ſetzte ſich neben ihn, zwei Gensdarmen nahmen den Ruͤckſitz ein und fort rollte der Wagen... Tante Fränzchen ſank mit lautem Schrei von ihrem Sitz, die alte Dörte aber lachte ins Fäuſtchen, während auer über die Straße ein Nachbar dem andern die wunderbare Neuigkeit zurief, daß Herr 8* 116 Rechnungsrath Nonnemann, dieſer Muſterſpiegel der ganzen Stadt, ſein eigener Dieb geweſen und die ihm anvertraute Kaſſe ſeit Jahren aufs Schmählichſte veruntreut habe... Fünſtes Puch. Eine berühmte Frau. Erſtes Capitel. Rückblicke. Sich mit dem düſtern Reiz einer Criminalge⸗ ſchichte zu ſchmücken, kann natürlich nicht in der Ab⸗ ſicht dieſer Aufzeichnungen liegen; ſie ſollen mir das Herz erleichtern, niemand Fremdes anklagen oder be⸗ ſchuldigen und ſchon aus dieſem Grunde alſo muß ich darauf verzichten, die Einzelnheiten des beklagens⸗ werthen Schauſpiels, als deſſen Held mein Oheim nun einige Zeit vor dem Publicum figurirte, hier wiederzugeben. In der That aber iſt mir auch das Meiſte von dieſen Einzelnheiten aus dem Gedächtniß entſchwunden, oder ich habe ſie vielleicht auch niemals vollſtändig gewußt; als das unſelige Ereigniß ſelbſt paſſirte, war ich noch zu jung, um mehr als den 120 allgemeinſten Eindruck davon zu behalten und ſpäter⸗ hin hatte ich wahrlich keine Veranlaſſung, ſo qual⸗ volle Erinnerungen aufzuſuchen Möge es denn auch hier an jenem allgemeinſten Eindruck genügen und auch davon gebe ich nur ſoviel, als zum Verſtänd⸗ niß des Zuſammenhangs unumgänglich nöthig iſt. Herr Nonnemann hieß nicht ohne Grund„der Mann nach der Uhr;“ es waltete bei ihm wirklich eine erſtaunliche Regelmäßigkeit, ſelbſt auch in Din⸗ gen, die an und für ſich ſchon die allergrößte Unregel⸗ mäßigkeit waren. Er hatte auch Grund gehabt, in der That, ſich gegen Tante Fränzchen ſeines heißen Blu⸗ tes zu rühmen und daß er ſeine Leidenſchaften ſo gut habe wie jeder andere Sterbliche; ja es wäre viel⸗ leicht beſſer geweſen, er hätte ihnen freieren Spiel⸗ raum gegönnt, ſo wären ſie vielleicht weniger tief ge⸗ gangen und hätten eine minder verderbliche Richtung genommen. So dagegen, wunderſames Gemiſch von ſtrengſter äußerlicher Zucht und geheimer verzehrender Sinnlich⸗ keit, machte er den frevelhaften Verſuch, Gott und dem Teufel zu gleicher Zeit zu dienen; er ſuchte der Welt, ja vermuthlich ſich ſelbſt durch ſeine Pünktlich⸗ keit, ſein ſtrenges gemeſſenes Weſen zu imponiren, während er innerlich einen Abgrund der allerfurcht⸗ 3 121 barſten und niedrigſten Leibenſchaften verbarg. Pünkt⸗ licher als Andere in ihren Tugenden, war die⸗ ſer räthſelhafte Menſch in ſeinen Laſtern und Verirrungen; den größten Theil des Jahres lebte er in Wahrheit ſtreng und nüchtern, wie wir ihn kannten, und nur während jener wenigen Wochen, die er alljährlich auf der Reiſe zubrachte, überließ er ſich dem Strudel einer Leidenſchaft, die ihn um ſo fürchterlicher erfaßte, je ängſtlicher er übrigens bemüht war, jede leiſeſte Aeußerung derſelben zu be⸗ wachen. Jetzt verſtehe ich jene ſeltſame Unruhe, die ihn alljährlich unmittelbar vor ſeiner Reiſe befiel, ach und auch jene eigenthümliche dämoniſche Frende, jener trügeriſche Glanz der Jugend und des Wohl⸗ ſeins wird mir jetzt verſtändlich, der während der nächſten Wochen nach ſeiner Rückkehr über ſein Ant⸗ litz ausgebreitet lag: es war die Erinnerung der genvſſenen verbotenen Freuden, es war das ſchaden⸗ frohe Jauchzen der rohen, ungebärdigen Ereatur, des Thiers im Menſchen, das er alljährlich auf einige Wo⸗ chen entfeſſelte, damit die übrige Zeit auch der Menſch ſelbſt in ihm um ſo tiefer begraben liege und nichts übrig bleibe als ein hohles leeres Phantom, ein Phantom der Regelmäßigkeit, der Strenge, der übermenſchlichen Tugend, vor dem die Welt ſich 22 um ſo tiefer beugte, je weniger ſie ſeine wahre Be⸗ ſchaffenheit kannte oder ahnte. Wie und wodurch der unglückliche Mann zuerſt zu dieſem furchtbaren Doppelſpiel, das er mit dem Leben trieb, gekommen, weiß ich nicht. Doch vermuthe ich, daß der Dämon der Habſucht es zuerſt geweſen, der ihn auf dieſe Bahn verlockte, die nur mit ſeinem völligen Untergang enden ſollte. Die grünen Tiſche in den Bädern, welche er beſuchte, ver⸗ lockten ihn; gleichviel ob er gewann oder verlor— das Eine fachte nur ſeine gewaltſam unterdrückte Genußſucht an, während das Andere ihn zu neuen und immer verwegenern Eingriffen in das ihm an⸗ vertraute fremde Gut anſtachelte. Man kennt ja die Geſchichte ſo unzähliger Verbrecher, die ganz denſelben Weg gegangen: der erſte Griff in das fremde Eigenthum iſt nur ein Darlehen, das ſie ganz gewiß er⸗ ſetzen wollen; ſie ſpeculiren damit und ſpeculiren unglück⸗ lich; dem erſten folgt ein zweites, drittes, viertes Dar⸗ lehen— bis endlich die ganze Exiſtenz am Abgrund ſteht und der Unglückliche, gleich dem verzweifelten Spieler, Alles oder Nichts auf Eine Karte ſetzen muß. Daß mein Oheim ſeine verhängnißvolle Dop⸗ pelrolle ſehr lange und mit großer Geſchicklichkeit ge⸗ ſpielt, bewieſen die Aufklärungen, welche eine 123 unvermuthete Hausſuchung, unmittelbar am Morgen ſeiner Verhaftung, der Behörde lieferte. In einem geheimen Fach ſeines Kleiderſchranks fand man einen ganzen Apparat von verſchiedenartigen Perücken, fal⸗ ſchen Bärten und andern ähnlichen Mitteln, durch die er ſein Anſehen auf der Reiſe nach Belieben verändert hatte, um jeden Verdacht, der etwa aus der Fremde her laut werden möchte, von ſich abzu⸗ lenken. Sein Schreibtiſch dagegen lieferte eine ganze Auswahl der verſchiedenſten Päſſe und anderer ähn⸗ licher Documente, alle mit großer Kunſt nachgeahmt, ſo daß es eines ſehr genauen Vergleichs bedurfte, um die unechten von den echten zu unterſcheiden. Eben dieſe Päſſe gaben der Behörde aber auch ein ſehr leichtes und ſicheres Mittel an die Hand, den zahlreichen Schwindeleien nachzukommen, die er während ſeiner jährlichen Ferienreiſen bald hier bald da verübt hatte. Er war überall mit dem Anſtand des vornehmen Mannes aufgetreten, hatte das Geld mit vollen Händen ausgeſtreut, überall die thener⸗ ſten Genüſſe, die leichtfertigſten und koſtſpieligſten Bekanntſchaften aufgeſucht. Ganz beſonders leiden⸗ ſchaftlich hatte er dem Spiel geopfert, häuſig mit Glück, noch häufiger mit Unglück, was denn zur Genüge das außerordentliche Deficit erklärte, das 124 enblich, begünſtigt durch das blinde Zutrauen ſeiner Vorgeſetzten, in der von ihm verwalteten Kaſſe ent⸗ ſtanden war. Um daſſelbe zu decken, hatte er, da das Spiel am grünen Tiſche allein dazu nicht ausreichen wollte, auch noch zu andern, minder gewaltſamen und doch vielleicht noch gefahrvolleren Mitteln gegriffen. Na⸗ mentlich hatte er ſich in allerhand zweideutige Geſchäfts⸗ verbindungen und Speculationen eingelaſſen, insbeſon⸗ dere mit jenem kleinen dürren Juſtizrath, den ich an der Leiche des Herrn von Eberſtein geſehen und der, durch irgend eine unglückliche Verbindung von Um⸗ ſtänden, auch der Geſchäftsträger und Teſtaments⸗ vollſtrecker dieſes würdigen Mannes geworden war. Man hatte zuſammen in Staatspapieren und Actien, in Bergwerken und Schiffsantheilen ſpeculirt, hatte zweifelhafte Darlehen gegen wucheriſche Zinſen über⸗ nommen und ſich durch dies Alles im Lauf der Jahre dermaßen feſtgefahren, daß der Juſtizrath, minder kaltblütig als ſein verbrecheriſcher Genoſſe, an der Rettung verzweifelnd, Hand an ſich ſelbſt gelegt und ein Leben von ſich geſchlendert hatte, das ihm keine andere Ausſicht mehr bot als das Zuchthaus. Dieſer unerwartete Zwiſchenfall, wenn ich mich recht erinnere, war es auch geweſen, was meinen 125 Oheim zu ſeiner letzten verzweiflungsvollen That antrieb. Verkleidet, unter falſchem Namen, war er heimlich in die Stadt zurückgekehrt; er hatte es leicht, viermal des Tags den verhältnißmäßig weiten Weg über die Straße in ſein Bureau zu gehen, da er deſto häufiger bei Nachtzeit die heimlich aufbewahrten Schlüſſel der Nebenpforte benutzte, die ihm anver⸗ traute Kaſſe zu plündern. Es war bei der Ruͤck⸗ kehr von einem bieſer heimlichen Gänge geweſen, daß ich das Geſpenſt, das ſich demnach nur allzuna⸗ rürlich aufklärte, erblickt hatte und auch ſein zweites Erſcheinen in jener Nacht vor dem Diebſtahl erklärte ſich auf vollkommen ähnliche Weiſe: er ſelbſt hatte die ſeit lange dazu vorbereiteten Gitter aus den Fu⸗ gen gebrochen, hatte die leeren Kiſten und Schränke geöffnet, die Papiere und Rechnungsbücher zerriſſen und jene ganze Diebſtahlskomödie eingeleitet, die vann geraume Zeit hindurch uns in Schrecken und die Behörden in Athem erhielt. Auf dieſe Weiſe hatte der Unglückliche gehofft, jede Spur ſeiner Vergehungen zu vertilgen und einen Abgrund zu verdecken, den er auf keine Weiſe mehr ausfüllen konnte. Allein der Scharfſinn der Sicher⸗ beitsbehörden hatte ſeinen Anſchlag vereitelt; gewiſſe Spuren, die man in den Papieren des Juſtizrathes — 126 gefunden, gewiſſe Widerſprüche, in die er ſelbſt ſich in allzugroßer Sicherheit verwickelte, hatten ſie auf die Fährte gebracht und bald kam es, wie Hermann vorausgeſagt hatte: das Netz, das ihn ſchon ſeit einigen Tagen heimlich umſponnen hatte, wurde zu⸗ gezogen und der Unglückliche ſaß gefangen. —— Zweites Cayitel. Vor Gericht. Ueber den Gang des Proeeſſes, welcher in Folge ſo vieler Anzeichen gegen meinen Onkel eingeleitet wurde, habe ich nie etwas Genaueres erfahren. Daß es aber ein ſehr langwieriger und verwickelter Proceß war und daß es nicht leicht hielt, einen ſo abgebärteten und verſchmitzten Sünder zum Geſtänd⸗ niß zu bringen, wird Jeder ſich ſelbſt ſagen müſſen, der meiner Schilderung dieſes merkwürdigen und unheilvollen Charakters einige Aufmerkſamkeit ge⸗ ſchenkt hat. Auch ſollte ich ſelbſt davon eine Probe erleben, indem ich, ſehr gegen meinen Wunſch und doch zu⸗ letzt— ſo wunderbar iſt das menſchliche Herz . 127 geſchaffen und ſo plötzlich find oft ſeine Uebergänge— auf meinen eigenen freien Antrieb, mit in die Unter⸗ ſuchung verwickelt ward. Nämlich mein Oheim, der gleich einem Ertrin⸗ kenden nach jedem Strohhalm griff, entblödete ſich nicht, den Umſtand von Hermann's Flucht, die ihm, ich weiß nicht auf welche Weiſe bald nach ſeiner Verhaftung bekannt geworden war, zu ſeinen Gun⸗ ſten auszubeuten. Ja er war verderbt genug, erſt in leiſen Andeutungen, endlich, da er die Gewißheit erlangt hatte, daß Hermann's Flucht geglückt und ſeine Rückkehr nicht mehr zu befürchten ſtand, in offenen beſtimmten Worten mit der Beſchuldigung aufzutre⸗ ten, Hermann ſelbſt und Niemand anders ſei der Dieb. Ob es einen deutlicheren Beweis ſeines Schuldbewußtſeins gebe, als dieſe Flucht? Und wie man ſich dieſelbe erklären wollte, wenn nicht aus Einflüſterungen ſeines böſen Gewiſſens? Ja wo⸗ her ihm, dem völlig armen, hilfloſen Waiſenknaben, nur die Mittel zur Flucht gekommen ſein ſollten, wenn nicht durch ein Verbrechen? Sogar als der Unterſuchungsrichter ihm nachwies, daß Niemand anders der Thäter ſein könne, als er ſelbſt, und daß ein junger Menſch in Hermann's Lage gar die Möglichkeit nicht habe, einen ſo künſtlich 128 angelegten, ſoweit ausgeſponnenen Betrug durchzu⸗ führen, behauptete er— ich wage nicht zu entſchei⸗ den, ob aus irgend einem Haß gegen den unglücklichen Reffen oder ob aus dem natürlichen Bedürfniß jedes Verbrechers, wenigſtens einen Mitſchuldigen ſeiner Thaten zu haben— genug, er behauptete, Hermann habe, um ſeine Veruntreuungen, die er nachgerade auf keine Weiſe mehr ableugnen konnte, zum Wenig⸗ ſten gewußt und auch bei dem letzten verwegenen Poſſenſpiel, dem angeblichen Diebſtahl, habe er die Hand mit unter der Decke gehabt. Tante Fränzchen, welche durch dies neue Un⸗ glück ſo zerſchmettert war, daß ich mitunter an ihrem Verſtande zu zweifeln anfing, war nicht abgeneigt, auch dieſer Beſchuldigung Glauben zu ſchenken, wie⸗ wohl dieſelbe gegen ihr eigenes Fleiſch und Blut gerichtet war; ich vermuthe, die arme Frau, wenn ihr Jemand geſagt hätte, ſie ſelbſt hätte geſtohlen, geraubt oder gemordet, hätte es ebenfalls geglaubt und wäre hingegangen ſich ſelber anzugeben, ſo groß war ihre Betänbung und ſo ſehr hatten dieſe gehäuf⸗ ten Unglücksfälle und dies plötzliche Zuſammenbre⸗ chen ihres Idols, des Herrn Nonnemann, ſie der Urtheilskraft und der ruhigen Ueberlegung beraubt. Emil dagegen, wiewohl er mit Hermann's 429 Entfernung im Uebrigen gerade nicht unzufrieden ſchien, zeigte doch wenigſtens darin eine gewiſſe Spur von Ehrenhaftigkeit und brüderlicher Liebe, daß die freche Beſchuldigung, welche der entlarvte Sünder gegen den Abweſenden auszuſtoßen wagte, ihn in den äußerſten Zorn verſetzte. Zitternd vor Aufregung kam er zu mir; die erſte jener vermeint⸗ lichen Geiſtererſcheinungen, welche ich gehabt hatte, war ihm, wie der Leſer ſich erinnert, nicht unbekannt geblieben und da es eben keines Oedipus bedurfte, um den Zuſammenhang zwiſchen jenem Abenteuer und dieſer neueſten, furchtbarſten Kataſtrophe zu erra⸗ then, ſo drang er mit Heftigkeit in mich, als Zeuge gegen den Abſcheulichen aufzutreten und die Ehre unſeres entfernten Freundes zu retten. Ich verſpürte anfangs wenig Neigung, auf ſeinen Vorſchlag einzugehen. Theils ſcheute ich jede Berührung mit dem Gericht, das ich mir wie ein unheimliches Weſen im Finſtern thronend dachte, theils war ich auch wirklich tief gekränkt von Her⸗ mann's Flucht und dem, wie ich mich überredete, völlig übertriebenen und unwahren Ehrgefühl, wel⸗ ches ihn taub gegen meine Bitten und Vorſtellungen gemacht hatte. Ich, die viel Jüngere, das Kind, hatte ja ihn, den Erwachſenen, den angehenden Mann, 1856. IX. Helene. II. 9 130 gewarnt und hatte ihn aufmerkſam gemacht auf die möglichen Folgen ſeiner Flucht; hatte er ſich bei alledem zu klug gedünkt, auf meinen Rath zu hören oder war er zu ſtolz geweſen, ihm zu folgen, ganz wohl, ſo mochte er nun die Folgen tragen. Ja ſo be⸗ ſchämend es für mich iſt, ſo darf ich doch mir ſelbſt das Geſtändniß nicht erſparen, daß ich Wochenlang, von Tag zu Tag hoffte, ſeine Flucht ſollte mißlun⸗ gen ſein und eines guten Morgens würde er zurück⸗ gebracht werden. Wie wollte ich ihn dann aus⸗ ſchelten! Und wenn ich ihn tüchtig ausgeſcholten hatte, wie wollte ich ihm um den Hals fallen und wollte ihn küſſen und ſtreicheln und keine Mut⸗ ter ſollte ihr wiedergefundenes Kind zärtlicher pfle⸗ gen können, als er von mir gepflegt ſein ſollte! Aber Tag auf Tag verrann und die Gelegen⸗ heit, auf dieſe Art Rache an ihm zu nehmen, trat immer tiefer in den Hintergrund. Die immer er⸗ neute und immer vergebliche Spannung, mit der ich Hermann's Rückkunft entgegen ſah, machte endlich einer dumpfen Verzweiflung Platz; ich beſchloß, den Un⸗ dankbaren ganz und gar zu vergeſſen und jede Spur von Zuneigung, die ich bisher für ihn gehegt, aus dem Herzen zu reißen. In dieſer Stimmung traf mich Emil's Auf⸗ 131 forderung und man wird nun begreifen, weshalb ich anfangs ſo wenig Neigung hatte, derſelben zu entſprechen. Erſt als Emil drohte, ſelbſt eine An⸗ zeige von dem Vorgefallenen zu machen, entſchloß ich mich und ging klopfenden Herzens, als ob ich im Begriffe wäre die äußerſte Miſſethat zu vollbrin⸗ gen, zu dem Unterſuchungsrichter; den Ausſchlag, um auch dies nicht zu verſchweigen, hatte die alte Dörte gegeben, der ich meine Verlegenheit geklagt und die, von einem wahren Fanatismus des Haſſes gegen meinen unglücklichen Oheim beſeelt, mir aufs Aeußerſte zugeredet hatte, den Umſtand, der möglicher Weiſe ſehr ſchwer ins Gewicht fallen und durch deſſen Verheimlichung ich mich wohl am Ende noch ſelber ſtrafbar machen könne, ja nicht zu verſchweigen. Der Unterſuchungsrichter nahm mich zuerſt ein wenig kühl auf und die verlegene, ſtammelnde Art, mit der ich mein Anliegen vorbrachte, war gewiß nicht geeignet, mir ſein Zutranen zu erwerben. Erſt als er, vermuthlich mit einem jener Fech⸗ terkniffe, welche ſogenannte Menſchenkenner ſo gern anwenden, einige Zweifel gegen Hermann's Unſchuld fallen ließ und wenigſtens die Möglichkeit behaup⸗ dete, daß er allerdings mit im Complott geweſen— entbrannte meine alte Zärtlichkeit für eiten 9 Freund dermaßen, daß ich in beflügelter Rede, ohne die mindeſte Zurückhaltung oder Verlegenheit, Alles ausſchüttete, was ich in Betreff dieſer unſeligen Angelegenheit nur irgend auf dem Herzen hatte. Ich erzählte ausführlich die beiden nächtlichen Be⸗ gebenheiten, äußerte meine feſte Ueberzeugung, daß das Geſpenſt Niemand anders geweſen, als Onkel Nonnemann in ſeinem wohlbekannten gelblich weißen Hausrock, den er Sommers zu tragen pflegte, be⸗ richtete auch das letzte nächtliche Geſpräch zwiſchen Hermann und mir, ſetzte die Gründe auseinander, die ihn zur Flucht getrieben und die, wie ich jetzt wohl fühlte, ſeinem Herzen ſo viel Ehre machten— und that dies Alles(wie ich wenigſtens nach dem Erfolg glauben muß) mit ſo viel Nachdruck und ſolcher ungeſchminkten natürlichen Beredſamkeit, daß der Unterſuchungsrichter völlig auf meine Seite trat. In wieweit dagegen und mit welchem Erfolg er ſich meiner Ausſagen gegen den Oheim ſeibſt be⸗ dient, vermag ich wiederum nicht anzugeben. Aller⸗ dings wurde ich, in Folge meiner Mittheilungen, dem Oheim ſelbſt gegenüber geſtellt. Allein die Scene, die ſich dabei zutrug, war ſo über alle Maßen fürchterlich und erfüllte mich mit ſolchem Entſetzen, daß nur noch ein ganz dunkles Bild davon in mei⸗ ner Seele zurückgeblieben iſt. „Wie doch?“ rief mein Oheim, da er mir ge⸗ genüber geſtellt wurde— die verhältnißmäßig kurze Kerkerhaft, in der er ſich befand, hatte ſein Ausſehen furchtbar verändert, die ſonſt ſo hohe kräftige Geſtalt war ganz verfallen und in ſich ſelbſt zuſammengeſunken, das ſonſt ſo glatte, breite Antlitz war mit Runzeln überdeckt; es ſah aus, um mit einem Vergleich zu reden, der ebenſo widerwärtig iſt wie der Ge⸗ genſtand ſelbſt, wie ein Todtenkopf von einer ſchlot⸗ rernden Haut überdeckt, der ganze Mann aber ſchien, als hätte er ſchon Monatelang im Grabe gelegen.... „Wie doch?“ rief er,„dies alſo iſt die Unver⸗ ſchämte, die ſich mir gegenüberzuſtellen wagt 7 Dies iſt das verlogene, verdorbene, undankbare Weſen, das ſich nicht ſcheut, ſeine giftige Zunge gegen den⸗ ſelben Mann zu erheben, der es von Kindesbeinen an ernährt und beſchützt hat und ohne den es längſt ein Raub der Würmer— ja was ſage ich der Wür⸗ mer? der Vögel auf dem Felde geworden wäre?! Das alſo iſt der Dank, den ich von ihm ernte? Und ſo vergilt mein eigenes Fleiſch und Blut mir die Opfer, die ich ihm Jahrelang gebracht habe?!“ „Aber Oheim,“ rief ich, entrüſtet über das 134 nebermaß von Heuchelei,„wer ſpricht denn jetzt von dieſen Dingen? Kommen Sie zu mir, bei Tag, bei Nacht, und ſagen Sie zu mir: Helene, mich hun⸗ gert, arbeite, daß ich zu Eſſen habe— ſo will ich ja ſchaffen und arbeiten, daß mir das Blut unter den Nägeln hervorſpritzen ſoll, um Ihren Hunger zu ſtillen und Ihre Blöße zu decken! Jetzt aber han⸗ delt es ſich darum, daß Sie Vetter Hermann be⸗ ſchuldigt haben, er hätte betrogen und geſtohlen— ja ja,“ wiederholte ich kecklich,„betrogen und ge⸗ ſtohlen, die Worte klingen nicht fein, aber ich bin es auch nicht, die ſie in Umlauf geſetzt hat. Wie oft haben Sie mir nicht geſagt, Oheim, damals, da ich Sie noch Vater nennen mußte und da Ihre Hand auf mir ruhte wie ein eiſerner Stab, der Menſch müſſe immer und in allen Stücken nur die Wahrheit ſagen und weit lieber müſſe man Ehre und Leben laſſen, als nur ein Haarbreit von der Wahrheit weichen?! Nun denn, ich bin jetzt hier, um der Wahr⸗ heit ein Zeugniß zu geben: Sie haben meinen Vet⸗ ter Hermann verleumdet— ich liebe meinen Vetter Hermann. ich kenne ihn und weiß, daß es kein rei⸗ neres, edleres, großmüthigeres Herz auf Erden giebt und ſo ſchleudere ich Ihnen Ihre Lüge ins Angeſicht zurück und rufe Ihnen zu: Oheim, denken Sie an 135 Gott, deſſen Namen Sie uns ſo oft genannt haben und hören Sie auf zu lügen!“ Wundere ſich Niemand über den Muth, mit dem ich auf einmal dem bisher ſo gefurchteten Manne gegenüber zu treten vermochte, noch über den Schwung der Rede, der mir plötzlich zu Gebote ſtand. Solche Ereigniſſe, wie ich ſie in den letzten Monaten erlebt hatte, reifen ſchnell; auch war meine Empörung über die Doppelzungigkeit, mit welcher der Oheim Hermann's Namen anzutaſten wagte, ſo groß, daß jede andere Rückſicht dagegen verſchwand. Dennoch ſollte mein jugendlicher Eifer mir ſchlecht bekommen. „Haben Sie gehört?“ ſagte der Oheim nach einer Pauſe ſprachloſen Erſtaunens, während deren er die Augen bald aufwärts an der Decke ſchweifen ließ, bald durch den Fußboden bis in den Mittel⸗ punkt der Erde zu bohren ſuchte:„Haben Sie ge⸗ hört?“ ſagte er, zu dem Inquirenten gewendet.„Und wer denken Sie nun wohl, daß dieſe kleine zungen⸗ fertige Rednerin iſt? Nun verſteht ſich, man hört es ja: eine Schauſpielerdirne iſt ſie und als Schau⸗ ſpielerdirne tritt ſie auf und verlenmdet ihren armen, von Gott ſchwergeprüften Oheim mit komödianten⸗ haft pathetiſchen Reden!“ 6½ 136 „Ich bin,“ fuhr er fort, indem er beide Hände gegen die Bruſt preßte und den Kopf auf die Schul⸗ ter ſinken ließ, wie ein verwundetes Täubchen,„ein armer Sünder, ich weiß es wohl, und habe viele und ſchwere Miſſethaten auf mein armes Haupt geladen; wer ſich ohne Schuld weiß, ſchleudere den erſten Stein auf mich, ich will ihm ſtill halten. Aber ſoweit ſoll es doch nicht mit mir kommen und das kann und wird ein erleuchteter Herr Unterſuchungsrichter mir nicht zumuthen, daß ich ſoll mich beſchimpfen laſſen von meinem eigenen Fleiſch und Blut, von dem Fleiſch und Blut einer Schweſter, die trotz aller Aufopferung und Liebe, welche ich ihr jederzeit erwieſen, mich ſtets nur gehaßt und verfolgt hat, und auch dieſem ihren Bankert, wie ich ſehe, nur Undank und Haß gegen mich vererbt hat.“ „Ja,“ rief er mit zunehmender Entrüſtung, in⸗ dem er mit Blicken um ſich ſah, die an ſeine beſten Zeiten hätten erinnern können, wenn er nur etwas gläubigere Zuſchauer gefunden hätte:„Ja, Bankert, ich wiederhole das Wort und habe ein Recht, es zu wiederholen! Denn wiſſen Sie, mein erleuchteter Hert Richter, wer dieſe kleine unverſchämte Perſon⸗ nage iſt? Das Herz blutet mir, daß ich ſo meine eigene Schande aufdecken ſoll; allein Sie haben es 137 ja eben erſt gehört: Wahrheit über Alles und ſo vernehmen Sie denn auch meine Wahrheit: dieſes Mädchen hier, ein Kind an Jahren und nur alt an Bosheit und Betrug, iſt das einzige Kind meiner verlorenen Schweſter, erzengt in einem Liebesbünd⸗ niß ℳ Hier unterbrach der Unterſuchungsrichter ihn, indem er ihm bemerklich machte, daß dieſe Familien⸗ geſchichten, wahr oder erſonnen, nicht das Mindeſte zu thun hätten mit der Angelegenheit, über welche hier verhandelt werde; es komme hier nur darauf an, feſtzuſtellen, erſtens ob er an den beſtimmten Tagen, zu der und der Stunde der Racht, unter den und den Umſtänden, von mir in der Nähe des Kaſſenlocals geſehen worden ſei, und zweitens, ob ſeine Beſchuldigungen gegen den ſogenannten Vetter Her⸗ mann in der Wahrheit beruhten und ob er an dem⸗ ſelben wirklich einen Genoſſen und Mitwiſſer ſeiner verbrecheriſchen Unternehmungen gehabt habe. Hier⸗ auf allein beſchränke ſich der Zweck dieſer Gegen⸗ überſtellung und hierauf allein habe er auch zu ant⸗ worten; fahre er indeſſen fort, das junge Mädchen hier, das zwar nicht die volle Glaubwürdigkeit, aber doch gewiß den vollen Anſpruch eines Zeugen auf Schutz und Sicherheit habe, mit Schmähungen und 138 Drohworten zu überſchütten, ſo werde das für ihn ſelbſt die unangenehmſten Folgen haben... Ich weiß nicht, ob der Oheim dieſer Zurecht⸗ weiſung bei alledem gefolgt ſein und wie lange über⸗ haupt der peinliche Auftritt noch gedauert haben würde, hätten mich nicht plötzlich meine Sinne verlaſſen; die Anſtrengung war zu groß geweſen fur mich, kör⸗ perlich wie geiſtig, und mitten im Gerichtszimmer fiel ich um, jählings wie ein Baum, den der Blitz zerſchmettert hat. Drittes Capitel. Im Waiſenhaus. Ein langwieriges hitziges Fieber war die Folge dieſer unnatürlichen Aufregung; da der Hausſtand meines Oheims ſich inzwiſchen aufgelöſt hatte, ſo wurde ich in einem öffentlichen Krankenhauſe von fremden Händen gepflegt und weiß nur noch, daß ich in den wenigen lichten Augenblicken, welche die Wuth des Fiebers mir ließ, mich darüber freute, an 139 derſelben Krankheit zu ſterben, an der Vetter Her⸗ mann ſo ſchwer gelitten hatte. Aber auch meine Jugendkraft war ſtärker als die Gewalt der Krankheit; nach einigen Monaten wurde ich als geneſen aus dem Krankenhauſe ent⸗ laſſen. Aber ach wie groß war die Veränderung, welche mich empfing!— Der Proceß des Oheims war inzwiſchen zu Ende geführt; trotz ſeines Leug⸗ nens und trotz der Liſt, mit welcher er die halben Zuge⸗ ſtändniſſe, die er ja nichtumgehen konnte, wenigſtens aufs Mildeſte auszudenten ſuchte, hatte er doch einer lang⸗ jährigen ſchimpflichen Gefängnißſtrafe nicht entgehen können Sein geringes Beſitzthum war von den Behörden, theils zur Deckung der Proceßkoſten, theils zur Schadlos⸗ haltung der von ihm ſo ſchmählich verwalteten Kaſſe, in Beſchlag genommen worden. Tante Fränzchen war weg⸗ gezogen, Niemand wußte wohin; Emil hatte Dienſte auf einem auswärtigen Büreau genommen, die alte Dörte war ebenfalls verſchollen und ſo blieb denn, da meine Mutter für todt galtund ich weitere Verwandten nicht hatte, den Behörden, deren Aufſicht ich anheimſiel, keine Wahl, als mich noch für einige Zeit in eine jener Zwangsanſtalten zu thun, die für gewöhnlich mit dem Namen Waiſenhäuſer beehrt werden. Glücklicher Weiſe hatte mein wunderbares Schick⸗ 140 ſal, verbunden mit dem Gerücht von meiner angeblichen rvmantiſchen Abſtammung, einige hochgeſtellte Damen der Stadt bewogen, ſich meiner mit beſonderer Aufmerk⸗ ſamkeit anzunehmen. So wurden mir dieſe bittern Jahre nicht ganz ſo ſchwer, als ſie mir vielleicht ohne dies geworden wären. Ueberdies hatte ja Onkel Nonne⸗ mann's Erziehung dafür geſorgt, daß ſelbſt die ſtrenge Zucht des Waiſenhauſes mich noch immer gelind bedünkte— und wäre ſie auch wirklich noch härter geweſen als ſie war, ſo würde mich immerhin der Gedanke getröſtet haben, nachträglich dieſelbe Schule der Entbehrungen und Leiden durchzumachen, welche Vetter Hermann beſchieden geweſen war. Von dieſem ſelbſt erhielt ich während der ganzen Zeit nicht das kleinſte Lebenszeichen. Anfangs machte dieſer Umſtand mich tief unglücklich. Mit der Zeit in⸗ deſſen, wie der Menſch ſich ja in Alles findet, ge⸗ wöhnte ich mich auch daran; ja ich gewöhnte mich, vor mir ſelbſt die Liebe zu verbergen, die ich noch immer zu Hermann hegte, ich beredete mich, er ſei ein ganz ſchlechter undankbarer Menſch, der würdige Neffe ſeines Oheims, und ich thäte ganz Recht daran ihn zu vergeſſen. Ueberhaupt, wo waren die Traumbilder meiner Jugend geblieben?! Und wie nüchtern, wie dürftig 7 141 ſah dies Leben mich an, das mich beim Eintritt ſo phantaſtiſch, in ſolchem bunten pvetiſchen Glanze an⸗ gelächelt hatte! Den Gedanken an Florine floh ich nach dem, was ich ſeither über ſie und mich erfahren, mit einer faſt kindiſchen Aengſtlichkeit; mein kleiner weißer Pudel, den ich ſo ſorgſam aufbewahrt hatte, war während meiner Krankheit mit dem übrigen Hausge⸗ räthe auf den Trödel gekommen; das Bild des alten würdigen Herrn von Eberſtein und ſeines treuen Dieners ſtand nur noch in ganz ſchwachen Umriſſen vor meiner, durch ſoviel traurige und granſenhafte Erlebniſſe beängſtigten und verdüſterten Seele. Der Oheim ſaß im Zuchthaus; von Tante Fränzchen (die, wie ich erſt ſpäter erfuhr, wegen der Ausſagen, welche ich gegen den Oheim gemacht, ſich förmlich von mir losgeſagt hatte) und Emil erfuhr ich nicht mehr als von Hermann, das heißt alſo nichts— und ich ſelbſt war eine arme, vater⸗ und mutter⸗ loſe Waiſe, ein Kind von dunkler und zweideutiget Herkunft, von deſſen Familienverbindungen man nicht gern ſprach und das ſich lediglich auf dis Gnade fremder Leute angewieſen ſah. 142 Viertes Capitel. Ein Capitel über Gonvernanten. Und wie ſie für mich zu ſorgen wußte, dieſe Gnade der Leute! Wie die Eitelkeit meiner Gönner ſo thätig war, mich zur Schau zu ſtellen vor dem Publicum! Ich war allmälig ſechszehn Jahre gewor⸗ den und das Waiſenhaus mußte nach den Geſetzen der Anſtalt ſeine Pforten hinter mir ſchließen. Doch fand man einen Ausweg, der mein Schick⸗ ſal bis auf Weiteres ſicherte und der meinen Gön⸗ nerinnen zugleich Gelegenheit bot, das Capital der Wohlthätigkeit, das ſie an mich verwendet hatten, einigermaßen verzinſt zu erhalten. Schon im Hauſe meines Oheims oder richtiger geſagt in den Lectionen, welche ich dem Einfluß des Herrn von Eberſtein verdankte, hatte ich einen ziemlich guten Grund in allerhand Fertigkeiten und Kenntniſſen gelegt; der mehrjährige Aufenthalt in der Anſtalt hatte mir wenigſtens keine Gelegenheit geboten, das Erlernte zu vergeſſen. Im Gegentheil, die Vereinſamung, in der ich auch dort wieder lebte und die Langeweile, die ich empfand, machte mir die Beſchäftigung mit 143 den Wiſſenſchaften zu einer höchſt angenehmen und wünſchenswerthen Unterhaltung. So mochte ich denn in ber That ein klein wenig mehr oder doch vielleicht ein klein wenig gründlichere Kenntniſſe beſitzen als unſere ſechszehnjährigen Mäd⸗ chen ſonſt durchſchnittlich zu haben pflegen und war es daher von meinen Gönnerinnen, die das Wun⸗ der der Anſtalt in mir erblickten, vielleicht nicht ganz ſo leichtfertig gehandelt als es mir hinterher vorge⸗ kommen iſt, wo ich über die Pflichten meines neuen Berufs beſſer nachdenken lernte— es war, ſage ich, vielleicht nicht ſo ganz leichtfertig von ihnen gehan⸗ delt, da ſie mich zur Lehrerin an der Anſtalt mach⸗ ten, der ich bis dahin als Zögling und Schülerin angehört hatte. Da ich gegen mein eigenes Vermuthen ſo glücklich war, ihre Erwartungen noch zu übertreffen, ſo wurde mir nach einem Jahre ſchon jene Laufbahn erſchloſſen, welche meine Gönnerinnen nicht müde wurden, mir als die wahre Zufluchtsſtätte, das wahre Paradies lich citire wörtlich) mittelloſer junger Mädchen von leidlich gutem Herkommen“ zu ſchildern.. Mit einem Wort: ich ward als Gonbernante in die Welt geſchickt. Meine erſten Verſuche waren, wie das ſo geht, ziemlich untergeordneter Art; Schau⸗ 144 ſpielerinnen und Gouvernanten haben darin eine merkwürdige Aehnlichkeit, daß ihnen zu ihrem erſten Auftreten immer ſehr beſcheidene, um nicht zu ſagen dürftige Rollen zugetheilt werden: Rollen, an denen ſchlimmſten Falls nicht viel zu verderben iſt und die daher auch zur Noth in die Hand eines Stümpers gerathen können. Ueberhaupt, wenn dieſe Blätter für die Oeffent⸗ lichkeit beſtimmt wären und wenn ſie nicht blos die Beichte eines armen ſchmerz⸗ und ſchuldbeladenen Herzens enthielten, ſo wäre hier wohl ein ſchicklicher Ort die Frage zu erörtern, was das eigentlich heißt und welchen Frevel man damit im Grunde begeht— und zwar einen doppelten Frevel, einen gegen das junge Mädchen, das man als Lehrerin, und den zweiten gegen die unglücklichen Kinder, die man als Schülerinnen der unfähigen Lehrerin hinopfert— daß man jetzt ſo viel junge Mädchen zu Gouver⸗ nanten beſtimmt, einerlei ob ſie Beruf und Neigung dazu haben oder nicht. Es wird mir jedesmal ſiedend⸗ heiß und mit tiefer Beſchämung muß ich zurück⸗ denken an meine eigenen kläglichen Verſuche auf dieſem ſo wichtigen, ſo heiligen Gebiete, wenn ich ſolch junges Mädchen ſehe, das ſelbſt noch nicht recht erzogen iſt und das doch ſchon Andere erziehen 145 ſoll. Werdet Erzieherinnen, ja; es iſt, ich wieder⸗ hole es, ein hoher und heiliger Beruf und wenige Lagen laſſen ſich ausdenken, in denen das Weib ſolche Gelegenheit, ſogar ſolche Verpflichtung hat, die wichtigſten, achtungswürdigſten und tiefſten Sei⸗ ten der weiblichen Natur zur Geltung zu bringen wie als Gouvernante. Insbeſondere kann das Weib, dem das Glück des eigenen Herdes, dem Mann und Kinder verſagt ſind, gewiß keine würdigere Art finden, ſich und die Welt mit ſeinem Schickſal zu verſöhnen, als indem es ſich der Erziehung des heranwachſenden Geſchlechtes widmet. Aber wartet, Ihr jungen über⸗ eiftigen Mädchen, die Ihr Euch auf den Dornenpfad der Erzieherin drängt, als wäre es ein Pfad mit Roſen geſchmückt— wartet zum wenigſten erſt, bis Ihr gewiß ſeid oder doch nach menſchlicher Berech⸗ nung ein Recht habt anzunehmen, daß jenes Glück Euch verſogt bleiben wird! Wartet erſt, bis das Schickfal Euch ſelbſt erſt durch Leiden und Freuden, durch Irrthümer und Kämpfe erzogen hat! Wartet, bis Ihr Bitterniſſe und Süßigkeiten des Lebens gekoſtet und dadurch dos Recht und die Fähigkeit erworben habt, Andere in das Leben einzuführen! Glanbt nicht, daß es abgemacht ſei mit dem bischen ſtümperhaften Franzöſiſch oder Engliſch, dem bischen Clavierſpielen 1856 IX. Helene. II. 10 146 und Singen oder in Perlen Sticken, was Ihr allen⸗ falls erlernt habt und womit Ihr Euch nun dünkt, als hättet Ihr alle Weisheit gepachtet! Glaubt nicht, — und wie Viele glauben es von Euch, die es ſich ſelvſt nicht einzugeſtehen wagen— als könne die Laufbahn der Erzieherin noch immer hart an dem alten Jung⸗ ferthum, das Ihr ſo ſehr fürchtet, hinwegführen und es würde ſich ſchon noch ein beſcheidener College Hauslehrer oder ein zierlich geſcheitelter Herr Paſtor oder gar ein Principal, ein Witwer in den ſoge⸗ nannten geſetzten Jahren finden, der Enuch aus Eurer Dienſtbarkeit erlöſt und Euch unter die Haube ver⸗ hilft, nach der Euren Herzchen ſo ſehr, ach ſo beim⸗ lich ſehr verlangt! Lehrerthum iſt Prieſterthum; wer ſich dieſem Berufe einmal hingegeben, der muß auch entſchloſſen ſein, auf alles andere irdiſche Glück zu verzichten, der muß ſein Herz frei gemacht haben von allen eigenſüchtigen Wünſchen und Hoffnungen; er muß bereit ſein, ſein ganzes Leben dem Dienſte Anderer zu weihen, die Entſagung muß für ihn ihre Dornen verloren haben und nichts muß übrig ge⸗ blieben ſein als die leuchtende, flammende Roſe gött⸗ licher Liebe! Euch aber, thörichte Eltern, beſonders Euch verblendete— o ich weiß, in Liebe verblendete, aber 147 dennoch verblendete Mütter und Vormuͤnder, die Ihr glaubt, Euren Töchtern und Pflegebefohlenen die größte Wohlthat zu erweiſen, indem Ihr Erzieherinnen aus ihnen macht— ja wohl macht, wie man ein beſtimm⸗ tes Kleid aus einem beſtimmten Stück Zeug macht— und nicht etwa Nähterinnen oder Köchinnen oder mei⸗ netwegen auch Haus⸗ und Stubenmädchen: Euch ſage ich, daß das Leben des Stubenmädchens benei⸗ denswertb iſt gegen das jammervolle Daſein, welches die Erzieherin führt, die zu ihrem Beruf nur die äußerliche Verpflichtung mit ſich bringt, nicht auch die innere Heiligung. Es werden viel bittere Thrä⸗ nen auf Erden geweint und doch, glaube ich, ſind wenige ſo bitter, als jene ungeſehenen heimlichen Thränen, welche die Erzieherin vergießt, die ſich ihres verfehlten Berufes inne wird und welche der Anblick der ihr anvertrauten Zöglinge nur an ihre eigene verlorene, geſtohlene Jugendzeit erinnert! Und ich ſage Ench ferner, Ihr thörichten Eltern und Ihr verblendeten Mütter und Vormünder, daß jede dieſer Seelen dereinſt von Euch gefordert werden wird. Und zwar nicht blos die Seelen Eurer der Eitel⸗ keit und einem abgeſchmackten Vorurtheil geopferten Töchter, ſondern auch die Seelen aller Derer werden von Euch gefordert werden, welche ſie hätten erziehen 10* 148 ſollen und die ſie kalt und leer gelaſſen haben, gleich ihren eigenen verkümmerten, verdorrten Her⸗ —— Aber was fällt mir ein? und wohin bin ich gerathen? Du wirſt den Kopf ſchütteln, und mit Recht, o Du, vor der ſich einſt das Geheimniß dieſer Blätter enthüllen wird, über den wunderlichen Eifer Deines alten thörichten Pflegemütterchens, das mit halbergrautem Kopf noch immer nicht gelernt hat, ruhig und verſtändig zu ſein. Ja ganz gewiß, es iſt leichter, Anderen Weisheit zu predigen als ſie ſelbſt zu üben, das fühle ich mit jedem Tage mehr. Doch magſt Du aus obiger Apoſtrophe nur entneh⸗ men, wie ſehr der eben berührte Gegenſtand mir am Herzen liegt und wie tief ich die Irrthümer bereue, die ich mir ſelbſt in dieſer Hinſicht, wenn auch auf fremden Befehl und ohne Bewußtſein und Abſicht, habe zu Schulden kommen laſſen.— Und ſo nehme ich den Faden meiner Erzählung wieder auf. 149 Fünftes Capitel. Verſchiedene Lebensläufe. Ich habe ſchon erwähnt, wie ich mich, der Ge⸗ wohnheit gemäß, anfangs ebenfalls in allerlei unter⸗ geordneten„Conbitionen“(wie man es ſo paſſend nennt) umhertreiben mußte. Ich half erſt einem hektiſchen Landprediger, dem die Frau geſtorben war, dann ein Paar reichen Fleiſchersleuten, die ſich zur Ruhe geſetzt hatten, endlich einem ſpeculativen Land⸗ wirth, der ſich zum Amtsrath und Domainenpächter emporgeſchwungen hatte, ihre unterſchiedlichen Kinder verderben, blieb jedoch in jeder dieſer Stellungen ſtets nur wenige Monate— nicht weil meine Prin⸗ cipale unzufrieden mit mir waren, ſondern im Ge⸗ gentheil; weil meine Gönnerinnen von meinen ange⸗ blichen Kenntniſſen und Talenten ſolch Aufhebens gemacht hatten und weil(in der That ſehr ohne mein Zuthun: denn innerlich fühlte ich mich aufs tiefſte niedergedrückt und verſtimmt) meine Jugend, meine ſcheinbare Heiterkeit, vielleicht auch mein leidliches Aeußere den Leuten dermaßen gefiel, daß ſie förmlich Fangball mit mir ſpielten und mich Einer dem An⸗ dern abzujagen ſuchten. Kenner dieſer Verhältniſſe 150 werden leicht die Stufenleiter bemerkt haben, die ich dabei durchlief und die in dem Stande meiner ver⸗ ſchiedenen Principale genau ausgedrückt lag. Auf der unterſten Stufe menſchlicher und daher auch gouvernantlicher Exiſtenz ſtand der hektiſche Land⸗ prediger; bei ihm gab es ſchmale Biſſen, ein einzi⸗ ges ſchlecht geheiztes, ſchlecht erleuchtetes Familien⸗ zimmer und zu Weihnacht(ich war gerade im Win⸗ terhalbjahr bei ihm) ein abgelegtes Kleid von ſein er ſeligen Frau. Bei den reichen Schlächtersleuten ging es ſchon ein gut Stück vornehmer zu; ſie hatten eine Som⸗ merwohnung, aßen mit ſilbernen Meſſern und Ga⸗ beln, hielten ihrem einzigen Töchterchen, zu deſſen Leitung ich eben berufen war, eine prächtige Ziegen⸗ vockequipage und ein eigenes Zimmer unterm Dach, in welchem die Gonvernante die Erlaubniß hatte mit einzuwohnen und wo ſogar ein koſtbarer Wiener Flügel ſtand, den ich jedoch außer den Unterrichts⸗ ſtunden nicht berühren durfte. Hier, bei meinen Fleiſchersleuten, lernte der ſogenannte Amtsrath mich kennen. Die Beiden hatten eben ein gutes Lieferungsgeſchäft auf Schlachtvieh mit einander abgeſchloſſen und da ich das unerwar⸗ tete Glück hatte, dem Herrn Amtsrath zu gefallen, 151 ſo wurde ich von dem gutmüthigen Fleiſcher, wie er ſelbſt mit vielem Behagen erzählte, auf den Handel drauf gegeben. Ich weiß nicht, ob es Hämmel oder Kälber waren, über welche man contrahirt hatte: aber genug, ich wurde dem Amtsrath, der fuͤnf ſehr ungezogene Kinder, Knaben und Mädchen, und weder Lehrer noch Erzieher dazu hatte, abgetreten und ging, natürlich immer erſt nach eingeholtem Conſens meiner gnädigen Gönnerinnen, aus dem behaglichen Gartenhaus des Fleiſchermeiſters in das öde, nur theil⸗ weis bewohnte, theilweiſe zu Vorrathsſpeichern benutzte „Schloß“ des geſtrengen Herrn Amtsrath über. Von jedem dieſer verſchiedenen Schauplätze, die ich ſo raſch nach einander betrat, beſonders auch von dem letzten, der ein ſeltſames Gemiſch von bäne⸗ riſcher Knanſerei und Sparſamkeit und edelmänniſcher Verſchwendung war, haben ſich mir die mannichfachſten und zum Theil ergötzlichſteu Erinnerungen einge⸗ prägt. Doch würde die Erzählung derſelben mich hier zu weit von meinem Ziele ablenken und bemerke ich daher nur, daß ich in dem letztgedachten Hauſe die Bekanntſchaft der verwitweten Generalin von Reichen⸗ au machte, einer Gräfin von reinſtem Blut, deren Vorfahren, glaube ich, ſchon Karl dem Großen beim Eſſen das Tellertuch gereicht hatten, und daß ich —— 152 mir auch deren Beifall wiederum in einem ſolchen Grade erwarb, freilich ohne es zu wiſſen noch zu wollen, daß dieſelbe mich(ſie hatte nur einen einzigen Sohn, der als Officier in der Reſi⸗ denz lebte) als Geſellſchafterin zu ſich zu nehmen wünſchte. Wiederum wurden meine Schickſalsgöttinnen be⸗ fragt und wiederum erklärten ſie einſtimmig, das Haus der Gräfin Reichenau ſei eins der erſten im Lande; bei ihr als Geſellſchafterin zu„dienen,“ ſei eine Auszeichnung, um die manches Edelfräulein mich beneiden könne. Ich ſei jetzt achtzehn Jahre und hätte natürlich meinen freien Willen: aber ſo viel müßten ſie mir allerdings ſagen, daß ſie, ich möchte die Stelle nun annehmen oder nicht, in dem einen wie in dem andern Falle ihre Hand von mir abzö⸗ gen Denn wenn ich die Stelle ablehnte, ſo ſei ich gar nicht werth, daß ſie ſich ferner um mich beküm merten; nähme ich ſie aber an, ſo ſei damit, wenn ich anders nicht ganz ſchlecht und unfähig wäre, für mich geſorgt auf Lebenszeit, ſo daß ſie ſich dann alſo ebenfalls nicht mehr um mich zu kümmern brauchten.* 153 Sechstes Capitel. Eine neue Welt. So hatte ich denn in wenig mehr als Jahres⸗ friſt die ganze Stufenleiter durchlaufen, welche dem Ehrgeiz einer Gouvernante geöffnet iſt; ich hatte beim Landprediger angefangen und ſiehe da, jetzt war ich als Geſellſchaftsfräulein in einem hochade⸗ ligen, in einem gräflichen Hauſe, bei einer Dame, die wegen ihrer feinen Bildung, ihrer echt ariſtokra⸗ tiſchen Manieren und freilich auch wegen des ſehr lebhaften Bewußtſeins, das ſie von ihrem Rang und ihrem Reichthum hatte, berühmt war durch das ganze Land. Ob ich das Glück zu ſchätzen wußte? Wir wer⸗ den ja ſehen... 3 Jedenfalls, was die Aeußerlichkeiten meiner Stel⸗ lung anbetraf, ſo konnte ich mir dieſelben unmöglich bequemer und glänzender wünſchen. Die alte Gräfin bewohnte ein ſtattliches Schloß,— ein wirkliches, nicht blos ein nachgeahmtes, wie das des Bauers, der Amtsrath geworden war— auf einem ihrer zahlreichen Güter. Es war ein alterthümliches, aber 154 in edlem Stil erbautes und mit einer ſeltenen Mi⸗ ſchung von Geſchmack und Luxus, von Pracht und Behaglichkeit eingerichtetes Gebände, gelegen in einer höchſt anmuthigen Gegend und von einem Park umgeben, der des Rufes, den er bei den Gartenfreun⸗ den der Umgegend genoß, vollkommen würdig war. Auch alle übrigen Einrichtungen des Hauſes entſprachen dieſer bequemen, gediegenen Pracht. Zimmer und Möbel waren mit ſchweren koſtbaren Stoffen bedeckt, die mich zum erſten Mal nach langer Zeit wieder an jenes Zimmer im Eberſtein'ſchen Palais erinnerten, das mich als Kind in ſo lebhaftes Ent⸗ zücken verſetzt hatte. Vielleicht war die Ausſtattung nicht immer im neueſten Geſchmacke; doch vermehrte gerade das Alterthümliche, das ihr anhaftete, die Behaglichkeit des Aufenthaltes und entfernte jenes fremde drückende Gefühl, das Einen in ſolchen hohen, prächtig ausgeſtatteten Zimmern ſo leicht überkommt.— Die Dienerſchaft war, wie bei meinem ſeligen Freunde, dem Herrn von Eberſtein, meiſtentheils im Hauſe ſelbſt aufgewachſen, ſie war dienſtwillig, treu, ver⸗ ſchwiegen, alſo ganz ſo, wie die Dienerſchaft eines wahrhaft guten und vornehmen Hanſes ſein muß. Edle Roſſe lieferte ein Geſtüt, das ſich auf einem benachbarten Gute der Gräfin befand und das bei den 455 Pferdekennern ebenſo beliebt und belobt war, wie der Park bei den Gartenfreunden, im Ueberfluß, und auch an allen möglichen und unmöglichen Kutſchen, Phae⸗ chonen, Gigs, Britſchken und ähnlichen Fuhrwerken war kein Mangel. Ebenſo wenig an köſtlichen Blu⸗ menanlagen, Gewächshäuſern, Teichen zum Fiſchen, während die zum Gut gehörigen Waldungen, die ſich weithin in das Land erſtreckten, dem Jagdlieb⸗ haber den erwünſchteſten Tummelplatz boten. Mit einem Wort: es war ein in jeder Hin⸗ ſicht wünſchenswerther Aufenthalt und auch darin zeigte die edle, wahrhaft vornehme Sitte des Hau⸗ ſes ſich, daß auch mir, dem armen namenloſen Ge⸗ ſellſchaftsfräulein, mein beſcheidenes Theil an allen dieſen Herrlichkeiten zugemeſſen war. Ich hatte zu mei⸗ ner Verfügung drei allerliebſte Zimmer neben einan⸗ der, mit einem Luxus und einer Behaglichkeit ausge⸗ ſtattet, die mich, beſonders nach den Leidensſtatio⸗ nen, welche ich bisher durchgemacht hatte, wahrhaft entzückten. Ein eigenes Kammermädchen wartete mei⸗ ner Befehle; wollte ich im Park ſpazieren gehen, trabte einer der zahlreichen Bedienten demüthigſt hinter mir her und trug mir den Shawl oder das Buch nach, in welches ich, verſteckt in einer der rei⸗ zenden Anlagen, welche den Garten ſchmückten, mich 156 zu vertiefen gedachte. Ja ſelbſt ein eigenes Reitpferd ſtand mir zu Gebote und die alte Gräfin vermerkte es ſehr gnädig, da ich das Anerbieten eines alten penſionirten Huſarenrittmeiſters, eines entfernten An⸗ verwandten der Gräfin, der in ihrem Hauſe das Gnadenbrot aß, annahm und mich von ihm in der Kunſt unterrichten ließ, den Zügel zu führen und mit ſchwanker Gerte das ungeduldige Roß bald zum Trab, bald zum Gallop anzutreiben. Es war mir ſelbſt oft traumhaft zu Muthe, wenn ich ſo, meinen alten Rittmeiſter neben mir und ein paar flinke Reit⸗ knechte hinter uns, durch die Felder und Wälder jagte, nicht anders als ob ſie mir gehörten und als ob ich ſelbſt die Gebieterin ſei von all dieſen Herr⸗ lichkeiten, die vor mir ausgebreitet lagen; unwillkür⸗ lich mußte ich dann an Hermann denken, den längſt Verſchollenen, und die ängſtliche Frage, wie es ihm wohl gehen möge und in welchem Elend er vielleicht in eben dieſem Augenblick ſchmachte, trat mir zu⸗ weilen ſo dicht an die Seele, daß ich ganz melan⸗ choliſch und niedergeſchlagen zurückkehrte. Aber im Uebrigen iſt das ein entzückendes Bild, nicht wahr? Ein rechter Seelentroſt und Lockſpeiſe für angehende Gouvernanten, die es auch einmal 157 zur Geſellſchaftsdame einer alten reichen Gräfin zu bringen hoffen? Aber geduldet Euch nur, der hinkende Bote wird ſchon nachkommen..... Siebentes Capitel. Eine vornehme Dame. Die alte Gräfin galt, wie ich bereits erwähnt habe, für ſehr adelſtolz. Und ſie war es wirklich, aur daß ſie auch darin wieder ihre eigene vornehme Art hatte, wie ſie ihren Adelſtolz an den Tag legte. Nämlich nicht, wie Emporkömmlinge und halb⸗ vornehme Leute zu thun pflegen, durch gefliſſent⸗ iches Herabdrücken ihrer Umgebung von minder gutem Blut“ Im Gegentheil, gerade gegen uns Stiefkinder des Schickſals, uns Nullen des Glücks, die wir zwar irgend wie genannt wurden, aber doch keinen„Namen hatten— oder wenn einen Namen, doch keine Familie— oder wenn eine Familie, doch kein Blut“— gerade gegen uns war die alte Fräfin von der größten Herablaſſung und Güte, während ſie gegen niedriger ſtehende Perſonen von Adel, 158 gegen Freiherren, Barone oder bloße ſimple Edelleute, in Ton und Manier leicht eine gewiſſe Herbigkeit oder doch eine gewiſſe berechnete Glätte annehmen konnte. Darein freilich mußte man ſich finden, daß ihr⸗ Güte gegen unſer Einen— und ſie war in der That ſehr gütig und fand namentlich am Geben und Schenken eine faſt kindiſche Freude— ſtets das Gepräge einer gewiſſen Herablaſſung trug. Sie war mild und gütig, aber ſie wußte auch, daß ſie es war; ſie erkannte auch Bürgern und Bauern einen gewiſſen Kreis menſchlicher Rechte zu, aber ſie wußte auch ſehr genau, wie weit dieſe Rechte ſich erſtreckten und keine Macht der Erde noch des Himmels hätte ſie bewegen können, ihnen auch nur ein Titelchen zuzuſetzen. Sie ſprach ſelten oder nie von ihrem Rang oder Reichthum oder überhaupt von ihrer Ueberlegenheit über die Mehr⸗ zahl der Sterblichen: aber wenn ſie es that, ſo that ſie es auch mit einer ſolchen Selbſtgewißheit und einer ſolchen großartigen Unbefangenheit, daß man wohl merkte, eher könne der Himmel über ihr in Stücke fallen, als daß ihr jemals der geringſte Zweifel über die Rechtmäßigkeit ihrer Ueberlegenheit kommen könnte. Am meiſten aber zeigte der eigenthümliche Stolz der alten Dame ſich darin, daß ſie zwar gern und 159 mit einer gewiſſen Vertraulichkeit ihre eigenen Ange⸗ legenbeiten mit uns Niedriggeborenen durchſprach, niemals jedoch fiel ihr anch nur im allerentfernteſten ein, daß wir auch Angelegenheiten haben könnten, die des Nachfragens, des Erkundigens, des Beſpre⸗ chens werth wären. Ganze Stunden, ja halbe Tage lang konnte ſie mir von ihrem ſeligen Mann, dem General, von ihren und ſeinen Eltern, Großeltern, Urgroßeltern bis binauf zu dem famoſen Tafel⸗ decker Carls des Großen erzählen, mit einer Ver⸗ traulichkeit, die ſelbſt die Mittheilung gewiſſer klei⸗ ner anſtößiger oder bedenklicher Geſchichten, wie ſie wohl in keiner größern Familie ganz fehlen, nicht ſchente. Aber daß ich auch jemals Vater und Mutter gehabt hätte, daß ich vielleicht Geſchwiſter batte oder ſonſtige Anverwandte, Freunde, Bekannte, die meiner in Liebe gedächten und nach denen mein Herz ſich ſehnte, das überhaupt ich, ich bürgerlich namenloſes Ding, ich Geſellſchaftsfräulein bei Ihrer Erlaucht der Frau Gräſin Reichenau, irgend eine Art von Anhang oder Verbindung in der Welt haben könnte und daß es auch wohl menſchlich ſei, mir ge⸗ legentlich darüber ein Wort zu gönnen— das ſiel ihr auch im Traume nicht ein. Sie dachte vermuthlich die gute Frau Gräfin wir bürgerliche Crapüle, wir 160 wüchſen nur ſo auf dem Felde, wie Kraut und Rü⸗ ben, ohne Vater und Mutter und Bruder oder Schweſter; und ſo wenig Du den Krautkopf fragſt, den Du zum Futter für Deine Kuh einſtampfen läßt, woher er ſtammt und wie die liebe Mutter und der vortreffliche Papa ſich befinden, eben ſo wenig fra⸗ gen dieſe Hochgeborenen auch uns, die ſie als Futter für ihre Langeweile oder als Ruthe für ihre unar⸗ tige Jugend gebrauchen, woher wir ſtammen oder mit welchen Fäden wir mit der übrigen Welt zu⸗ ſammenhängen. Ja hängen wir denn überhaupt nur zuſammen? und heißt das noch eine Welt, aus der unſere dunkle namenloſe Exiſtenz ſich entwickelt hat? Man zweifelt! So iange ich im Hauſe der Gräfin war, hat ſie mich jederzeit— einer leidenſchaftlichen Störung, die gegen das Ende meines Aufenthalts eintrat, werde ich an ihrem Ort Erwähnung thun— mit größter Güte und Herablaſſung behandelt, ſie hat mich an allen Genüſſen ihres Hauſes Theil nehmen laſſen, als wäre ich ihr eigenes Kind, und hat mir meine Dienſtbarkeit nie, auch nur mit der leiſeſten Silbe vorgerückt. Aber ebenſo wenig hat ſie auch jemals die leiſeſte Frage an mich gerichtet, die irgend eine Beziehung auf meine allgemeine menſchliche Exiſtenz 161 gehabt hätte. Selbſt über den ſo delicaten Punkt der Herkunft war ſie durch die Empfehlungen meiner Gönnerinnen(die ebenfalls der Creme der Geſellſchaft angehörten) vollkommen beruhigt; nie hat ſie mich gefragt, ob meine Eltern noch lebten oder geſtorben wären, in welcher Gegend des Landes ich geboren wäre, wie und wo ich meine Kindheit verlebt, ob ich Geſchwiſter hätte oder irgend etwas dem Aehn⸗ liches; nie hat ſie ſich auch erkundigt, ob und mit wem ich Briefe wechſelte, ob mein Herz noch frei ſei oder nicht und ob und welche Hoffnungen ich für die Zukunft hätte. Wohl aber, da ich ſelbſt einmal— es war noch im Anfang meines Aufenthaltes bei ihr und ich hatte den eigenthümlichen Ton des Hauſes noch nicht ſo kennen gelernt wie ſpäterhin— über irgend eine Scene meiner Jugend zu ihr zu ſprechen anfing, ſo ſah ſie mich mit einem Blicke an, ſo kalt, ſo fremd und ſo durchbohrend, wie ich ihn noch nie an ihr be⸗ merkt hatte und entließ mich gleich darauf mit einer Geberde, die mir deutlich ſagte, welch Verbrechen gegen den guten Ton und die nothwendige Unterord⸗ uung der Stände ich ſo eben begangen hatte. ————— 1856. IX. Helene. II. 11 162 achtes Capitel. Das Mutterſöhnchen. Unter den Gegenſtänden, in Betreff deren die Gräfin mich mit ihrem Vertrauen beehrte(einem Ver⸗ trauen, über deſſen Werth nach dem Obigen wohl Niemand mehr in Zweifel ſein wird), nahm ihr Sohn die erſte Stelle ein. Er war, wie ich ſchon bemerkt habe, ihr einziges Kind und ſo liebte ſie ihn denn mit der ganzen blinden Zärtlichkeit, um nicht zu ſagen mit der Vergötterung, welche das Haupt eines reichen vornehmen Hauſes dem einzigen Nachfolger und Erben, der beſtimmt iſt, den Glanz deſſeiben zu erhalten und zu vermehren, ſo leicht widmet. Waldemar— dies war der Name des jungen Grafen— ließ ſich, ſoviel ich aus den Erzählungen der Mutter ſchloß, dieſe Zärtlichkeit beſtens gefallen. Da die alte Dame keinen Gegenſtand kannte, über den ſie ſich eifriger und lieber unterhielt, und da ſelbſt die Briefe, welche ſie vom Sohn regelmäßig alle acht Tage empfing, mir wenigſtens bruchſtück⸗ weiſe mitgetheilt wurden, verſteht ſich nur, damit ich ſie genügend bewundern und in Rührung und Ehr⸗ furcht erſtarren ſollte vor dem Glück einer Mutter, 163 welche ſolche Briefe von ihrem Sohn erhielt— ſo fiel es mir ſchon nach den erſten Wochen nicht ſchwer, mir ein Bild des jungen Mannes zuſammenzuſetzen, das der Wahrheit ziemlich nahe kam. Waldemar war jung, reich, lebensluſtig, der ein⸗ zige Sohn und Erbe einer Mutter, die nur in ihm lebte und webte und deren Auge leuchtete, ſowie ſein Name nur in ihrer Nähe ausgeſprochen wurde. Dürfen wir uns wundern, daß er ſich dieſe ſeltenen Vorzüge des Glücks zu Nutze machte, wie die Jugend dergleichen zu benutzen pflegt? Das heißt alſo, ohne Maß, ohne Rückſicht und zuweilen wohl ſelbſt ohne allzugroße Gewiſſenhaftigkeit. Die alte Gräfin wußte das; ſie wußte, daß ihr Sohn Waldemar das hergebrachte Leben junger, reicher Thoren führte und daß auch der Dienſt als Gardeofficier für ihn nur ein erwünſchter Vorwand war, ſich dauernd in der Reſidenz aufzuhalten und die Freuden derſelben in vollen Zügen, erhöht durch die Theilnahme gleichgeſinnter Kameraden, zu genießen. Aber das war auch gerade, was ſie wollte. Die Gräfin Reichenau war reich genug, die lockern Streiche und ſelbſt die Verſchwendungen eines jun⸗ gen lebensluſtigen Gardeofficiers zu bezahlen; ihr Sohn und künftiger Erbe ſollte ein luſtiges Leben 164 führen, ſein Rang, ſein Name, ſeine Jugend und Schönheit(von welcher letztern die Mutter ebenfalls mit Entzücken ſprach) gaben ihm das Recht dazu, ja ſie verlangten es und die Mutter ſelbſt würde unwillig geweſen ſein(ſoweit ſie auf einen ſolchen Sohn unwillig ſein konnte) und es für einen Mangel an dem richtigen edelmänniſchen Bewußtſein gehalten haben, hätte er dieſem Verlangen nicht in der ungebundenſten Weiſe nachgeben wollen. Walde⸗ mar Graf Reichenan, dereinſt einer der reichſten Standesherren, wie ſchon jetzt einer der erſten Cava⸗ liere des Landes, ſollte das Leben genießen, er ſollte glänzen und die Hanptſtadt ſelbſt ſollte durch ſeinen Glanz in Verwunderung geſetzt werden. Ihm wur⸗ den die edelſten und koſtbarſten Roſſe zugeſendet, welche auf den Gütern der Gräfin erzogen wurden; ja ſie ließ eigene Reiſen nach England machen, um die ſchönſten Vollblutspferde für ihn anzukaufen. Seine Livree war die glänzendſte und zahlreichſte von gllen Cavalieren der Reſidenz; Niemand gab ſo lucul⸗ liſche Frühſtücke, Niemand wettete ſo hoch und löſte ſeine Wetten mit dieſer noblen Leichtigkeit wie Graf Waldemar. Hatte die Mutter in Betreff ſeiner eine Sorge, ſo war es nur dieſe, daß es ihm doch vielleicht noch an irgend etwas fehlen, daß er 165 ſeinem Range noch nicht genug Ehre machen, noch nicht Geld genug unter die Leute bringen möchte. Dies„Geld unter die Leute bringen“ konnte die alte Dame mit einer unnachahmlichen Würde ſagen; es war darin nichts von der Vornehmthuerei, der aufdringlichen Geſchwätzigkeit, mit welcher unſere Ban⸗ quiers und andere ſchnell reich gewordene Lente ihren Reichthum zur Schau zu ſtellen pflegen und wobei man ſie ordentlich mit ihren Ducaten klimpern hört: ſon⸗ dern ſie ſprach das im Gegentheil ſo ruhig und gelaſſen, ja gewiſſermaßen ſo verbindlich, als ob— um einen närriſchen und doch nicht ganz unpaſſenden Vergleich zu gebrauchen— der liebe Gott in höchſt eigener Perſon gelegentlich bei den Menſchen ſeinen Geſchöpfen, nachfragen wollte, ob er es auch genug regnen laſſe oder ob ſie gleichfalls veränderungshalber lieber einmal Sonnenſchein oder Kälte wünſchten, es käme nur ganz auf ihr Belieben an, bei ihm wäre ja Alles in Vorrath und er gäbe es gerne. Dafür aber hatte die alte Dame dann auch die Genugthuung, daß ihr und ihres Sohnes Lob geſun⸗ gen wurde weit und breit und daß kein hochadeli⸗ ger Beſuch aus der Reſidenz, kein hungriger Vet⸗ ter und Vettersvetter bei ihr einſprach, dem es nicht an Worten gefehlt hätte, den Glanz zu ſchildern, ——— 166 mit welchem Graf Waldemar ſeinen Junggeſellenhaus⸗ halt führte, ſowie das Aufſehen, das er dadurch erregte ſelbſt bis zu den allerhöchſten Herrſchaften hinauf. Man mußte ſie ſehen in ſolchen Angenblicken, meine gute Gräfin, wie ſie das ſüße Gift behaglich einſog, um einen Begriff von der Tiefe ihrer Mutterliebe zu bekommen— aber freilich auch von der etwas abſonderlichen Weiſe, in welcher ſie dieſelbe bethätigte. Merkwürdig dabei und ein neuer Beweis von der ſeltenen Verſtandesklarheit, welche dieſer Frau bei allen ihren Seltſamkeiten und Schwächen inne⸗ wohnte, war, daß ihr niemals der geringſte Wunſch kam, dieſes glänzende Treiben des geliebten Sohnes mit eigenen Augen kennen zu lernen. Sie liebte überhaupt Ruhe und Bequemlichkeit und war daher auch keine Freundin von häufigen Ortsveränderun⸗ gen. Schon dieſer Umſtand würde ſie abgehalten haben, die ziemlich entlegene Reſidenz mit ihrem Beſuch zu beehren. Doch kamen noch allerhand audere Gründe dazu. Zum Beiſpiel— Gräfin Reichenau dachte und fühlte ſich ſelbſt vollkommen wie eine Fürſtin und auf ihren Gütern, in Mitten einer Dienerſchaft, von der ſie angebetet, einer Bevölkerung, von der ſie aufrichtig geliebt ward, war ſie es auch wirklich. Was ſollte ſie denn alſo in der Reſidenz? Was ſollte ſie in der Nähe eines Hofes, den ſie, wenn ſie einmal in der Hauptſtadt war, natürlich nicht ignoriren konnte und der denn doch immer der regie⸗ rende Hof blieb, während ſie nur Gräfin Reichenau war?— Nein, nein, überlaſſen wir das dem jungen Geſchlecht, überlaſſen wir es dem Grafen Waldemar, bei Hofe aufzuwarten und in Entzücken zu gerathen über einen Blick oder wohl gar ein Lächeln, das die allerhöchſten Herrſchaften ihm zuwerfen. Er iſt jung und hat alſo das Recht thöricht zu ſein; wenn er dereinſt älter und zu voller Selbſtändigkeit gelangt ſein wird, wird er auch die Nichtigkeit dieſes Trei⸗ bens einſehen und wird fühlen, was ein Graf Rei⸗ chenau, einer der erſten Standesherren der Monar⸗ chie, ſich ſelbſt dem Hofe gegenüber ſchuldig iſt. Aber der Hanptgrund blieb doch immer, daß ſie ſich ſelbſt im Stillen ſagte, das Treiben ihres Sohnes, wel⸗ ches ſie von der Ferne aus ſo ſehr bewunderte, möchte in der Nähe doch wohl einen etwas andern Eindruck auf ſie machen. Wenigſtens pflegte der alte Rittmei⸗ ſter, der, nach der Weiſe ſolcher alten überzähligen Anverwandten, für die kleinen Schwächen der Grä⸗ fin ſowie des ganzen gräflichen Hauſes ein ſehr ſcharfes Auge hatte und auch ſeinen Bemerkungen darüber, wenn er nur ſonſt ſicher war, von der Grä⸗ fin ſelbſt nicht gehört zu werden, nicht den minde⸗ ſten Zwang anthat— der alte Rittmeiſter pflegte mich in ſeiner trockenen ironiſchen Manier zu verſi⸗ chern, daß die gnädige Frau Muhme auch allerdings ſehr wohl daran thue, das Goldſöhnchen in der Re⸗ ſidenz unaufgeſucht zu laſſen; beſagtes Goldſöhnchen ſei bei Lichte beſehen nicht mehr noch weniger als ein erzliederlicher Verſchwender, ein Wildfang und Tau⸗ genichts, und wenn der Menſch damit in den Ruf eines ausgezeichneten jungen Mannes kommen und das Herz einer Mutter glücklich machen könne, nun, ſo habe es wenigſtens nicht an ſeinem, des Rittmeiſters Willen, ſondern lediglich an der Unzulänglichkeit ſei⸗ ner Mittel gelegen, daß er nicht ebenfalls weit und breit als Genie berufen und ſeine ſelige Frau Mutter nicht die glücklichſte aller Weiber geweſen wäre. Sogar darauf verzichtete die Gräfin, ihren Sohn, bei ſich zu ſehen, theils weil ſie wußte, wie ungern er die glänzende Reſidenz verließ und wie langwei⸗ lig ihm der Aufenthalt auf ihrem ſtillen, einſamen Gute war, theils auch weil ſie es allen Ernſtes für nöthig hielt, ein junger Menſch oder richtiger geſagt, ein junger Graf Reichenau, ja um es ganz genan 169 auszudruͤcken: Graf Waldemar Reichenau, ihr Sohn, müſſe eine gewiſſe Zeit haben ſich auszutoben und je ungeſtörter man ihn dabei laſſe, je beſſer ſei es für die Folgezeit. Auch war dieſer Zeitpunkt, wo Graf Walde⸗ mar zu Ordnung und Rüchternheit zurückkehren ſollte, von ihr ſelbſt ſchon ſehr genau feſtgeſetzt. Daß es mit ſeinem Militairdienſt nicht Ernſt gemeint war, wurde bereits geſagt, und ſo ſollte er mit dem Tage ſeiner Mündigkeit nicht blos den Dienſt, ſondern auch die Hauptſtadt mit ihrem Glanz und ihren Genüßen verlaſſen, um als Erb⸗ und Majoratsherr den Thron ſeiner Väter zu beſteigen, neben dem die Gräfin von da an nur noch den Ehrenplatz als Kö⸗ nigin Mutter behaupten wollte. Selbſt an eine regierende Königin hatte ſie bereits gedacht; es war ein ziemlich offenes Ge⸗ heimniß, daß die einzige Tochter und Erbin eines benachbarten reichen Edelmannes, ebenfalls eines Grafen, verſteht ſich, zu Waldemar's Gemahlin be⸗ ſtimmt war. Wenigſtens waren die beiderſeitigen Eltern und Angehörigen vollkommen einig darüber — und auf die Zuſtimmung der jungen Leute kam es ja nicht an, da dieſe ſich von ſelbſt verſtand. 170 Und doch war dies der Punkt, wo das Glück der Gräfin ſeine wunde Stelle hatte, wie wir ſogleich im nächſten Capitel des Genaueren erfahren werden. Reuntes Capitel. Die gefährliche Schöne. Ein junger Mann, ein junger Graf Reichenau, das ſtand bei meiner alten Dame feſt, mußte Pferde, Wagen, Hunde haben; er mußte wöchentlich ſo und ſoviel Dejeuneurs und Soupers geben, monatlich ſo und ſoviel Wetten entriren, von denen ſo und ſoviel mit Anſtand verloren werden mußten; er mußte auch ſeine kleinen Liaiſons und zärtlichen Neigungen haben, blos ſo zum Zeitvertreib, mit Sängerinnen, Tönzerinnen und anderer leichter Waare, damit das junge Herz doch nicht ganz unbeſchäftigt bleibe und die Manieren den gehörigen Schliff von Galanterie und Ritterlichkeit erhielten. Inſoweit alſo war die Gräfin auch ganz ein⸗ verſtanden damit, daß Graf Waldemar ſich auch im Punkt der Liebe nicht den mindeſten Zwang anthat, in ſolchem Umfange, daß die öffentliche Stimme ihm 171 zuſ einen ſonſtigen Meriten bald auch den Namen des unermüdlichſten und unwiderſtehlichſten Herzens⸗ bezwingers beilegte. Allerdings hatte die alte Dame deshalb man⸗ chen kleinen Strauß mit dem Vater der künftigen Braut, der in dieſem Punkt weit weniger liberale Anſichten hegte, ſowie auch mit der jungen Dame ſelbſt zu beſtehen, die es keineswegs völlig in der Ordnung fand, daß, während ſie auf dem Gute der Eltern in klöſterlicher Stille gehütet ward,(ſie war noch ein halbes Kind und noch zu jung, um bei Hofe aufgeführt zu werden) ihr Verlobter den Don Juan der Hauptſtadt ſpielte und ganz öffentlich jedem ſchönen Geſicht nachlief. Indeſſen die Partie mit Graf Waldemar war eine der beſten im Lande und auch übrigens hatte die Gräfin allerhand Gründe, wirkliche und ſchein⸗ bare, mit denen ſie ihren Sohn zu vertheidigen wußte. „Sie ſind noch ein liebes Kind, Gräſin Con⸗ ſtanze,“ pflegte ſie zu der Verlobten ihres Sohnes zu ſagen,„und wiſſen noch nicht, wie es in der Welt zugeht; werden Sie erſt einige Jahre älter, ſehen Sie erſt am Arme ihres Gemahls, meines Sohnes, das Treiben dieſer Welt und Sie werden ſich über⸗ zeugen, daß dieſe kleinen Plänkeleien, die Sie jetzt 172 ſo ſehr choquiren, das unſchuldigſte und nothwen⸗ digſte Ding von der Welt ſind Woher ſollte ein junger Edelmann, der berufen iſt dereinſt eines der erſten Häuſer der Monarchie zu repräſentiren und,“ ſetzte ſie mit verbindlichem Lächeln hinzu,„einer unſrer liebenswürdigſten jungen Dame das Leben zu verſchönern— woher, ſagen Sie ſelbſt, Gräfin Conſtanze, ſollte er den Aplomb, die Gewandtheit und Sicherheit des Betragens, ja ſelbſt die Kenntniß des weiblichen Herzens lernen, deren er dereinſt be⸗ darf? Das ſind Studien, meine Liebe, zu denen wir zu gut ſind, die müſſen an untergeordneten Perſonen gemacht werden, wie ja auch der Arzt ſeine Studien nicht am lebendigen Leibe macht, ſondern an Leichen. Nein nein, mein gutes Kind, glauben Sie einer erfahrenen Frau: gerade daß Walde⸗ mar, wie Ihr trefflicher Vater zu ſagen beliebt, ein Don Juan iſt, gerade das iſt ein Beweis ſeines reinen, unverdorbenen Herzens; ſo lange er jedem ſchönen Geſicht nachläuft, ſo lange ſind ſeine Leiden⸗ ſchaften ungefährlich; erſt wenn Sie, was Gott ver⸗ hüte, einmal hören ſollten, daß er in den Feſſeln einer Einzigen ſchmachtet, dann allerdings, Conſtanze, dann haben Sie Grund zu zittern!“ Ach und auch dieſer Moment des Zitterns 173 ſollte eher kommen, als die gute Gräfin für mög⸗ lich gehalten hatte. Es lebte damals in der Haupt⸗ ſtadt, wie ich theils aus den Journalen erſah, theils auch aus den Erzählungen der alten Gräfin vernahm, eine der gefeiertſten Künſtlerinnen der Zeit, eine Schau⸗ ſpielerin, gleich groß im Tragiſchen wie in der heitern Muſe. Sie konnte nach dem, was ich über ſie hörte, nicht mehr in der erſten Blüthe der Jahre ſtehen; doch ſtimmten alle Schilderungen darin überein, daß ſie den Namen der ſchönen Iſabella, unter dem ſie weit und breit bekannt war, noch immer mit vollſtem Rechte fuͤhrte. Es ſollte ein bezauberndes Weib ſein: ſchön, geiſtreich, blendend, Meiſterin in allen Künſten der Coquetterie, von raſchem und feurigem Charakter, dem ſelbſt ihre Feinde gewiſſe großartige Seiten nicht abzuſprechen wagten. Ihre Kunſt— ſie war bei der Hofbühne engagirt— liebte ſie leidenſchaftlich und dies war wohl auch der Grund, weshalb ſie von den zahl⸗ reichen und zum Theil höchſt glänzenden Anträgen, die ihr von den verſchiedenſten Seiten her gemacht worden waren, keinen angenommen und ſich ſtets jene Un⸗ gebundenheit bewahrt hatte, die nicht nur ihrer künſt⸗ leriſchen Stellung, ſondern, wie es ſchien, auch ihrer eigenen perſönlichen Neigung und der Heftigkeit ihres Temperamentes am beſten entſprach. 174 Auch entbehrte ſie dabei wahrlich nichts. Im Gegentheil: was hätte dieſer Frau, ſo glänzend, ſo bewundert, von einem ſolchen Schwarm von Anbe⸗ tern umgeben, deren Jeder ſich glücklich ſchätzte, nur einen Wink ihres Auges, nur ein Lächeln ihres Mundes zu erhaſchen— was hätte ihr die Ehe bieten können als etwa jenes unſcheinbare ſtille häus⸗ liche Glück, für das ſie ſelbſt offenbar ſo wenig Sinn hatte und das vielleicht ſogar mit ihrer künſtleri⸗ ſchen Stellung nicht ganz vereinbar geweſen wäre? Ihr Haus war eins der glänzendſten der Reſidenz; die erſten Würdenträger des Staats, Officiere, Di⸗ plomaten, Alles was jung oder reich oder angeſehen war, berühmte Dichter und Schriftſteller, drängten ſich in ihren Salons; ſelbſt die jüngern Prinzen des regierenden Hauſes verſchmähten es nicht, ſich hin und wieder zu einem jener kleinen reizenden Feſte einzufinden, die Niemand ſo herrlich einzurichten verſtand wie die ſchöne Iſabella und denen ſie mit einem Witz und einem Liebreiz präſibirte, der den nüchternſten Ver⸗ ſtand zur Bewunderung hinriß, die kälteſten Herzen in lichte Flammen verſetzte. Freilich koſtete eine ſolche Lebensweiſe Geld, viel Geld ſogar und jedenfalls mehr, als ſelbſt die Gage einer erſten Bühnenkünſtlerin der Reſidenz abwarf. 175 Allein wozu hatte die ſchöne Iſabella denn ihre Be⸗ wunderer? An und für ſich zwar, das wurde ihr wiederum ſelbſt von ihren Gegnern zugeſtanden, hatten Geld und Koſtbarkeiten für ſie keinen Werth; ſie war ein echtes Künſtlerblut, das ebenſo leicht einnahm wie ausgab, ohne recht zu fragen, woher das Eine kam und wohin das Andere ging. Nicht der Reichthum als ſolcher lockte ſie, ſondern nur der Glanz, die Heiterkeit, das Leben, welche Reichthum, gepaart mit Geſchmack und Geiſt, um ſich zu ver⸗ breiten im Stande iſt. Sie ſelbſt war großmüthig und freigebig bis zur Verſchwendung und zwar mit Allem, was ſie beſaß: mit ihrem Gold, ihrem Credit, ihrem Witz, ach und ich fürchte, auch mit ihrer Per⸗ ſon Aber dieſelbe Freigebigkeit und Großmuth er⸗ wartete ſie auch von ihren Liebhabern, ja ſie forderte dieſelbe als ein Recht und äußerte oft ihr naives Erſtaunen darüber, wie ſich Männer ihrem Zauber⸗ kreiſe nähern könnten, die ihre jährlichen Einnahmen nicht wenigſtens nach Zehntauſenden zählten. Die bos⸗ hafte Welt(die doch vielleicht in dieſem Fall gut⸗ müthiger war, als ſie ſelbſt wollte und wußte) behaup⸗ tete ſogar, ſie habe einige junge liebenswürdige und geiſtvolle Männer, aber von ſchmalen Mitteln, die 176 ihre Bekanntſchaft geſucht hatten, ausdrücklich ge⸗ warnt und ihnen vorgeſtellt, wie thöricht ſie handeln würden, wollten ſie das mäßige Vermögen, das ſie beſäßen und das ihnen zu ihrem bürgerlichen Fortkommen ſo treffliche Dienſte leiſten könnte, in einem Wett⸗ kampf zu Grunde richten, dem ihre Kräfte in keiner Weiſe gewachſen wären. Ja man flüſterte ſich in die Ohren von einem jungen, ſpäterhin ſehr berühmt gewordenen, aber armen Küͤnſtler, der im Begriff ge⸗ ſtanden, ſich in ſie zu verlieben und dem ſie ſelbſt durch dritte Hand die Mittel verſchafft hatte, nach Italien zu reiſen und durch dieſe Flucht die Unab⸗ hängigkeit ſeines Herzens, ſein Talent, vielleicht ſein Leben zu retten. Dagegen, wo ſie ihre richtigen Leute fand, da machte ſie ſich auch nicht das geringſte Gewiſſen dar⸗ aus, die Börſe derſelben zu benützen, als wäre es ihre eigene. Es wurde in den vornehmen Kreiſen der Hauptſtadt eine ganze Reihe von Cavalieren namhaft gemacht, welche auf dieſe Weiſe in ihren Finanzen zurückgebracht worden waren und mit mehr⸗ jähriger Zurückgezogenheit und Einſchränkung die Ehre büßen mußten, einige Monate hindurch den Kaſſenführer der ſchönen Iſabella gemacht zu haben. Allein auch unter dieſen, die ſie alſo gewiſſermaßen 177 ruinirt hatte, fand ſich Niemand, der Böſes von ihr ſprach oder auch nur den Rauſch bereuete, den er an ihrer Seite empfunden hatte und deſſen Nach⸗ wehen er jetzt noch ſo deutlich verſpürte: ſondern ſelbſt dieſe„abgelegten“ und zurückgeſetzten. Lieb⸗ haber, wie der Witz der feinen Welt ſie nannte, zählten noch immer zu ihren lebhafteſten Anhängern und widmeten ihr, wenn auch aus beſcheidener Ferne, eine Bewunderung, die nah, an Ehrerbietung grenzte. In die Feſſeln dieſer gefährlichen Schönen war nun auch Graf Waldemar gerathen. Wiederum wäre das der alten Gräfin an und für ſich ganz genehm geweſen, Graf Waldemar ſollte und mußte in allen Stücken das Beſte haben, alſo mußte natürlich auch die berühmteſte Coquette der Hauptſtadt ſeine Ge⸗ liebte ſein. Geraume Zeit hindurch ſonnte ihre müt⸗ terliche Eitelkeit ſich in dem neuen Ruhme, der ihrem Sohne dadurch zuwuchs, daß er der erklärte Lieb⸗ haber der erſten Schönen der Hauptſtadt, einer der erſten Bühnenkünſtlerinnen Deutſchlands und der geiſt⸗ vollſten Frauen ihrer Zeit, war; ſo etwas gehörte ſich für Waldemar Graf Reichenau und wenn das kleine gute Kind, die Conſtanze, nicht noch gar ſo jung und unerfahren geweſen wäre, ſo wtch ſich ja 1856. IX. Helene. II. 2 178 freuen müſſen, nicht betrüben über das Aufſehen, welches die Verbindung ihres künftigen Verlobten mit der berühmten Schauſpielerin machte. Es ſcha⸗ dete gar nichts, wenn die Geldſendungen nach der Hauptſtadt in Folge dieſes Verhältniſſes auch etwas häufiger wurden, man hatte es ja: und du lieber Himmel, ein junger Mann iſt ja nur einmal jung und bis zu Waldemar's Mündigkeit waren nur noch ſechs oder acht Monate. Ja ſoweit ging dieſe Verblendung, daß die alte Dame, ohne das mindeſte Gefühl für das Unſchick⸗ liche, das darin lag, ſogar mir, dem jungen, völlig unerfahrenen Mädchen, dem alle dieſe Herrlichkeiten und— Schlüpfrigkeiten der großen Welt völlige böhmiſche Dörfer waren, von dieſem Verhältniß er⸗ zählte, in der ſichern Vorausſetzung, mir damit eine ganz beſondere Ehre anzuthun und mir etwas höchſt Wichtiges und Intereſſantes mitzutheilen.— Bei der eigenthümlichen Vertraulichkeit, die zwiſchen Graf Waldemar und ſeiner Mutter beſtand, hatte der junge Mann(und dies war ohne Zweifel die beſte Seite dieſes Verhältniſſes) auch keine Art von Geheimniß vor ihr, ſondern theilte ihr Alles, was er erlebte und wovon er irgend vorausſetzen konnte, daß es ſie intereſſirte, mit einer Unbefangenheit mit, wie 179 ſie vielleicht noch niemals zwiſchen Mutter und Sohn beſtanden hatte. Sogar ſein Verkehr mit der ſchö⸗ nen Iſabella machte davon keine Ausnahme; ja ſo verliebt war der junge Mann oder vielleicht auch ſo eitel auf ſeine Eroberung, daß er der Mutter ſogar einige Briefe und Zettelchen überſandte, welche die ſchöne Iſabella ihm bei verſchiedenen Veranlaſſungen geſchrieben und die denn allerdings wahre Muſter eines feinen zierlichen und geiſtreichen Brieſſtils waren. Und ſollte man es für möglich halten: ſelbſt dieſe Briefe und Briefſtellen theilte die alte Gräſin mir mit, und nicht blos mir, ſondern ſie trug die zwanzigmal geleſenen, zerknitterten Blätter mit ſich in der Taſche und las ſie der Reihe nach ihren ſämmt⸗ lichen Bekannten und Beſuchen vor. Ja ſie war höch⸗ lich entrüſtet, als Conſtanzens Vater ſich eines Tags mit dürren Worten verbat, ihm ſolche Briefe ins Haus und ſogar vor die Augen ſeiner Tochter zu bringen; wobei er nicht undeutlich zu verſtehen gab, daß, wenn ſolcher Briefe überhaupt noch mehr gewechſelt werden ſollten, die öffentliche Verlobung ſeiner Tochter Conſtanze mit Waldemar Graf Rei⸗ chenau wohl bis zum Nimmermehrstage aufgeſchoben bleiben könnte. 12* 180 Zehntes Capitel. Diplomatiſche Sendung. So wenig Antheil ich nun auch im Ganzen an dieſen mir theils völlig fremden, theils herzlich gleich⸗ gültigen Perſonen und Zuſtänden nahm, ſo konnte es doch nicht ausbleiben, daß die fortwährenden Er⸗ zählungen und Schilderungen, deren Zeuge ich war, mir nicht endlich ein gewiſſes Intereſſe dafür einge⸗ flößt hätten, wenn daſſelbe zunächſt auch nur ziem⸗ lich äußerlich blieb, ein bloßes Intereſſe der Neu⸗ gier, zum Theil der bloßen Schadenfreude. Wie viel Söhne, dachte ich bei mir, wachſen auf, denen nicht der hundertſte, der tauſendſte Theil dieſer Mut⸗ terliebe zu Theil wird und die mit dem hundertſten, dem tauſendſten Theil derſelben glückliche und zufrie⸗ dene Kinder geweſen wären! Ich mußte unwillkür lich an Hermann gedenken, ſoweit ich auch ſein Bildniß aus meinem Herzen verbannt hatte. Ja meine eigene traurige Jugend ſtellte ſich mir vor Angen: was wäre wohl aus uns beiden geworden und wie anders hätte unſer Leben ſich geſtalter, hätte man uns nur ein Broſamen dieſer Liebe und Nachſicht zugewendet, die mit ſo vollen verſchwende⸗ 181 riſch en Händen über Graf Waldemar, dieſes Kind des Glücks, ausgeſchüttet ward! Neugierig, den Grafen kennen zu lernen, fing ich an, die zahlreichen Portraits zu ſtudiren, die in den Zimmern der Gräfin hingen und die ihn ſämmtlich in den verſchiedenſten Altern und Umgebungen, als Kind, als Knaben, als angehenden Officier, zu Fuß, zu Pferde, im Kahn, an der Spitze ſeiner Reiter, kurzum in den mannichfachſten Sitnationen darſtellten: wobei ſie immer daſſelbe weiß und rothe, gutmüthige, wenn auch nicht beſonders geiſtvolle Angeſicht zeigten. Beſonders begierig aber wurde ich, etwas Genaue⸗ res von der ſchönen Iſabella zu vernehmen; ſo fern die glänzende, großartige Natur dieſes wunderſamen Weibes auch meinem bürgerlich beſcheidenen Weſen lag, ſo lebhaft fühlte ich mich doch von ihr angezo⸗ gen, wenn ſchon ich nicht läugnen darf, daß dieſe An⸗ ziehungskraft zugleich mit einer eigenthümlichen Scheu, faſt muß ich ſagen mit einer Art von Grauſen ge⸗ miſcht war. Auch von Iſabella beſaß die Gräfin ein Bild; Graf Waldemar hatte es ihr zum Geſchenk gemacht. Doch hatte ſie wenigſtens noch ſo viel natürliches Schicklichkeitsgefühl, daß ſie das Bild nicht öffentlich aufſtellte und ſelbſt mir wurde es nur in beſonders 182 vertraulichen Momenten gezeigt. Iſabella war dar⸗ auf in idealem Koſtüm, als eine Art von Muſe dargeſtellt; das frei flatternde Haar, der feurige Blick, die ſtolzen Linien des edlen feingeſchwungenen Profils machten einen tiefen Eindruck auf mich und prägten mir dieſen Kopf ſo unvergeßlich ein, daß er mir bei meinen kleinen Zeichenübungen unwillkürlich in den Griffel kam und ich manches Blatt Papier und manches Stückchen Pergament damit verkritzelte. Indem mein Intereſſe für das wunderliche Paar ſolchergeſtalt immer mehr zunahm, mußte es mich natürlich in die lebhafteſte Bewegung verſetzen, als mich der Rittmeiſter eines Tages bei Seite winkte und mir mit geheimnißvoller Miene vertraute: die Geſchichte mit Waldemar ſtände ſehr ſchlimm, die alte Gräfin wäre außer ſich, der junge Tollkopf habe der ſchönen Iſabella ein Eheverſprechen gegeben und ſei brauf und dran, daſſelbe in Ausführung zu bringen. Schon habe die Gräſin in Begriff geſtanden, ſelbſt nach der Hauptſtadt zu reiſen, um den verirrten Sohn zur Vernunft zurückzubringen und, mit wel⸗ chen Opfern es auch ſein möge, das ſchmäliche Band zu löſen, mit welchem die gefährliche Coquette ihn umſponnen halte. Auf ſeine, des Rittmeiſters, Vor⸗ ſtellung habe ſie jedoch darein gewilligt, dies letzte 1 183 äußerſte Mittel vorläufig noch aufzuſchieben und ihn ſelbſt als Unterhändler voranzuſchicken. So werde er alſo morgen mit dem Früheſten die Reiſe in die Hauptſtadt antreten; es ſolle ihm kein kleiner Genuß ſein, dem verzogenen Mutterſöhnchen, dem Gluckspilz, deſſen Fehler man behandle wie anderer Leute Tugen⸗ den, den Kopf recht gehörig zu waſchen. Und was nun gar erſt das Frauenzimmer, die Iſabella anbe⸗ treffe, ſo werde er mit der erſt recht kein Federle⸗ ſens machen; er kenne noch von ſeiner Garniſons⸗ zeit her den richtigen Ton, mit der Art Heren um⸗ zugehen; auch ſei er alt genug, um ſich von keinem noch ſo ſchönen Geſicht mehr verblüffen zu laſſen(— „das merken Sie ja wohl an ſich ſelbſt, Fräulein,“ ſetzte er mit altväteriſcher Galanterie hinzu,„denn ſonſt würde ich Ihnen dergleichen unmöglich ins Geſicht ſagen können—) und ſo hoffe er denn alſo feſt, die Sache, ſei es auf die eine, ſei es auf die andere Art, wieder in Ordnung zu bringen. „Aber eine verwetterte Geſchichte,“ fügte er hin⸗ zu,„bleibt es bei alledem und die gnädige Frau Muhme ſieht nun, wohin die allzugroße Nachſicht und die Empfindelei mit dem Herzblatt, dem Gold⸗ jüngelchen führt; wenn Conſtanzens Vater von der 184 Affaire Wind kriegt— na, dann iſt es mit der Mariage— ah puh!!“ Wirklich reiſte der Rittmeiſter am nächſten Mor⸗ gen ab und es folgte nun, ganz gegen die ſonſtige Gewohnheit meiner alten Gräfin, eine Reihe trüber, ſchweigſamer Tage. Bald jedoch wurde ihr ſelbſt das Schweigen läſtig und nach ihrer redſeligen Art fing ſie an, mir Stück vor Stück das ganze Abenteuer zu erzählen. Es war wirklich, wie der Rittmeiſter mir anvertraut hatte: Graf Waldemar, hingeriſſen von der Liebens⸗ würdigkeit der ſchönen Schauſpielerin, hatte ihr ſeine Hand angetragen. Vergebens waren ſeine Freunde in ihn gedrungen, das tolle Vorhaben aufzugeben; vergebens hatten ſogar die Officiere ſeines Regiments erklärt, im Fall dieſe Ehe wirklich zu Stande käme, nicht länger mit ihm dienen zu können(— denn natürlich, die ſchöne Iſabella zur Geliebten zu haben und ſich von ihr ruiniren zu laſſen, war eine Ehre, nach der Alle geizten: aber ſie zur Frau zu nehmen, ei ja wohl, das wäre völlig gegen Sitte und An⸗ ſtand geweſen—); vergebens hatte ſogar der Hof ihm einen allerhöchſten ungnädigen Wink zukommen laſſen: der junge Mann blieb unerſchütterlich bei ſeinem Entſchluß und es kam nur auf Iſabella an, 185 ob ſie die dargebotene Hand annehmen, mit andern Worten alſo, ob ſie Gräfin Reichenau werden wollte oder nicht In dieſer Lage befanden die Dinge ſich, als der Rittmeiſter ſeine Miſſion antrat. Die alte Grä⸗ fin hatte ihn mit den weitgehendſten Vollmachten ausgeſtattet; er ſollte kein Geld und überhaupt keine Opfer ſcheuen, um Iſabellen zur Verzichtleiſtung auf die Hand des jungen Grafen zu bewegen. Und wenn es eines ihrer Güter koſten ſolle, hatte die Gräfin ihm noch beim Abſchied geſagt, immerhin beſſer ein Gut verloren, als dieſen Schandfleck in der Familie. Man kann ſich leicht vorſtellen, in welcher Spannung uns unter dieſen Umſtänden die Tage verfloſſen. Der Verkehr mit Conſtanzen und ihrer Familie hatte beinahe völlig aufgehört, da derſelben doch allerhand Gerüchte zu Ohren gekommen waren; aller andere Beſuch, der im Schloſſe erſchien, kam ſichtlich auch nur, um zu horchen, wie es denn ei⸗ gentlich mit Waldemar ſtehe und ſo entwickelte meine alte Dame eine Virtuvſität der üblen Laune, die mir i der That mitunter recht ſchwere Stunden bereitete. Nun, das war in der Ordnung, dafür war ich Ge⸗ ſellſchaftsfräulein..... Endlich, nach beinahe vierzehntägiger Abweſen⸗ — 186 heit, kam der Rittmeiſter zurück. Er that ſehr ge⸗ heimnißvoll, ſah kaum Einen von uns an und ſchloß ſich ſofort mit der Gräfin in dem Cabinet derſelben ein. Mir jedoch, die ich ſein Weſen allmählich ſtu⸗ dirt hatte, war gleich bei ſeinem Eintritt ins Zim⸗ mer ein gewiſſes Schlenkern ſeines linken Zeigefin⸗ gers aufgefallen, welches, in Verbindung mit einem eigenthümlichen Zucken ſeiner dichten buſchigen Augen⸗ brauen, allemal ein ſicheres Zeichen war, daß er ſich durch irgend etwas innerlich ſehr erfreut und befriedigt fühlte— und ſo zog ich daraus denn auch diesmal den Schluß, daß ſeine Miſſion wohl nach Wunſch ausgefallen ſein müſſe. Und ſie war es wirklich. Gleich noch denſelben Abend beim Thee, den ich allein mit ihr einnehmen mußte(der Rittmeiſter hatte ſich den Förſter und den erſten Bereiter auf ſein Zimmer kommen laſſen und erholte ſich hinter einer mächtigen Punſchbowle on den Anſtrengungen ſeiner Reiſe), vertraute die Gräfin mir, daß Alles glücklich beigelegt ſei und ohne die mindeſten Opfer; möge man auch über die ſchöne Iſabella urtheilen, wie man wolle, eine ungewöhnliche Creatur ſcheine ſie doch auf jeden Fall zu ſein— „Was zwar ſchon daraus hervorgeht,“ ſetzte ſie — 187 wohlgefällig hinzu,„daß Waldemar ſich hat von ihr bethören laſſen; einem gewöhnlichen Frauenzimmer wäre das auf keinen Fall gelungen. Im Lauf des folgenden Tages ſprach ich denn auch ben Rittmeiſter. Er mochte wohl ſein beſtes Pulver ſchon in der Unterhaltung mit dem Förſter und dem Bereiter verſchoſſen haben; wenigſtens war er gegen mich, ganz gegen ſeine ſonſtige Gewohnheit, ſehr kurz angebunden, und nur als ich ihm zu ſeinem Erfolg bei der ſchönen Iſabella gratulirte und ihn fragte, wie er es denn angefangen habe, die gefähr⸗ liche Schöne ſo raſch nach ſeinem Wunſche zu ſtim⸗ men— meinte er murrend: eine gefährliche Schöne ſei das allerdings, aber doch ein Weib, für das er noch jeden Augenblick bereit ſei, ein Paar Kugeln zu wechſeln mit Jedem, der ihr etwas Uebles nach⸗ ſagen wolle— „Und jedenfalls,“ ſtieß er halb zwiſchen den Zähnen hervor,„ſteckt ein ganz anderer Kern in ihr und iſt ſie zehnmal mehr werth als der Musje, der Waldemar, trotz ſeines hochgräflichen Blutes —— 188 Cilſtes Capite. Ein Beſuch⸗ Nun verfloſſen die Tage wieder ſtill und ruhig. Der Zeitpunkt, wo Graf Waldemar den Dienſt ver⸗ laſſen und zu ſeiner Mutter zurückkehren ſollte, rückte immer näher und mit ihm wuchs auch meine Neu⸗ gier. Denn welches junge Mädchen wäre wohl nicht neugierig geweſen, den Helden ſo wunderlicher Aben⸗ teuer, den Gegenſtand ſo vieler Unterhaltungen ken⸗ nen zu lernen? Die Gräfin ſah dieſem Zeitpunkt mit großer Genugthuung entgegen; nachdem es ihrem mütterli⸗ chen Einfluß gelungen war, jenen ſchlimmſten Stein des Anſtoßes hinwegzuräumen, zweifelte ſie keinen Augenblick, daß es ihr auch in allen andern Stücken gelingen werde, ſich im beſten Einvernehmen mit dem Sohne zu erhalten. Zwar das Verhältniß zu Conſtanze und ihrer Familie war noch nicht völlig wieder hergeſtellt; man hatte Waldemar's Ver⸗ irrung, wie die alte Gräfin es ſchonend bezeichnete, hier denn doch etwas zu ſtark gefunden für einen fungen Mann, der die Kinderſchuhe nachgerade aus⸗ getreten und dem auch keineswegs unbekannt 189 war, was zwiſchen ihm und Conſtanzen beabſichtigt wurde.— Indeſſen auch in dieſer Beziehung tröſtete meine Gebieterin ſich damit, daß Waldemar's Anwe⸗ ſenheit Alles wieder in das richtige Gleis bringen werde; ſo viel ſtolze, ſpröde Herzen habe er beſiegt, wie laſſe ſich wohl denken, daß eine junge Landſchöne wie die kleine Conſtanze ihm widerſtehen könne?!— Während alſo die Gräfin ſich ſolchen Erwar⸗ tungen und Hoffnungen hingab und dadurch in eine beſſere Laune verſetzt war als ſeit langem, kam eines Abends um die Dämmerſtunde— es war zu An⸗ fang des Herbſtes, wo die Abnahme der Tage ſchon merklich zu werden anfängt— der Haushofmeiſter herein und meldete: ſo eben ſei in der Nähe des Gutes eine fremde Herrſchaft mit dem Wagen ver⸗ unglückt, das Rad ſei gebrochen und der Stellma cher des Dorfes behaupte, den Schaden vor morgen Früh nicht euriren zu können. Nun ſei zwar für die Unterkunft der Dienerſchaft in der Dorfſchenke geſorgt: allein die Herrſchaft ſelbſt— noch dazu eine Dame, ſetzte er mit bedeutungsvoller Geberde hinzu— könne ſich doch unmöglich mit dieſem ſchlechten Aufenthalt begnü⸗ gen und ſo habe ſie ihren Diener aufs Schloß geſchickt, mit der Bitte an die gnädige Gräfin, die 190 Gafffreiheit derſelben füt ein Nachtlager in Anſpruch nehmen zu dürfen. Dergleichen Geſuche, aus dieſen und ähnlichen Veranlaſſungen, kamen häufig vor und wurden von der Gräfin jedesmal mit größter Liberalität bewilligt. Ja ſoweit ging dieſe Liberalität und in ſo echt adeligem Sinne übte ſie ihre Gaſtfreundſchaft, daß ſie nicht einmal nach Namen und Herkunft ihrer Gäſte zu fragen pflegte; ſie verließ ſich darin ganz auf den Takt ihres alten Haushofmeiſters, der die Eigenheiten ſeiner Gebieterin genügend kannte und auch hinlängliche Menſchenkenntniß beſaß, um zu wiſſen, wen er der Gräfin zuführen dürfe und wen nicht. Wen er alſo anmeldete, der mußte vorher ſchon ſeine Inſpeetion paſſirt haben und von ihm gebilligt worden ſein: ſo daß von ihm angemel⸗ det werden, vollkommen eben ſoviel war, als bei der Gräfin eingeführt werden. Auch diesmal— die Gräfin war, was ich bis⸗ her noch vergeſſen habe zu ſagen, etwas kurzſichtig, beſonders bei Licht, wo ſie deshalb auch eine große grüne Brille zu tragen pflegte, die ihrem ernſten regel⸗ mäßigen Angeſicht ein ganz beſonders ehrwürdiges Ausſehen verlieh— Auch diesmal, ſage ich, rückte ſie nur ein klein 191 wenig an der Brille und ſah über der feinen ſchild⸗ pattenen Einfaſſung hinweg den Haushofmeiſter flüchtig an. Derſelbe verſtand ſofort den Blick und als geſchehe es aus eigenem Antrieb, ſetzte er mit gedämpfter Stimme hinzu: „Da ich weiß, wie die Frau Gräfin in ſolchen Fällen zu handeln pflegen und was die Ehre des hochgräflichen Hauſes erfordert, ſo hielt ich es für meine Pflicht, mich ſelbſt an Ort und Stelle zu begeben und der fremden Herrſchaft meinen Reſpect zu bezeigen. Es iſt, wie ich ſchon die Ehre hatte zu bemerken, eine Dame— ſehr feine Dame, muß von Familie ſein— guter Anſtand, noble Manieren, auch Wagen und Gepäck, Alles recht nobel eingerichtet — einfach, tüchtig, ohne Prahlerei— nicht wie die reichgewordenen Juden, die jetzt durchs Land kutſchiren, mit Reſpect zu ſagen— guter Landauer, Kam⸗ mermädchen und Bedienten hintenauf, vier Pferde, Poſtillon vom Sattel gefahren— Alles recht brav, recht nett—“ „Aber, guter Heinrich,“ erwiderte die Gräfin lächelnd, indem ſie die Brille wieder auf ihren Fleck rückte und ſich gemächlich in ihren Fauteuil zurück⸗ finken ließ,„wer fragt denn danach? Sie wiſſen ja doch ein für allemal, daß mein Haus Jedem offen 192 ſteht, der ihm die Ehre anthun will es aufzuſuchen. Melden Sie der Dame, ſie würde mir willkommen ſein und richten Sie das Nöthige für ſie her.“ Heinrich, der ſich mit ſeiner Gebieterin vollkom⸗ men gut verſtand, wußte auch recht wohl, was er von dieſer gelinden Zurechtweiſung zu halten hatte; er empfahl ſich mit tiefer Verneigung und die Gräfin fuhr zu mir gewendet fort: „Das trifft ſich ja wahrhaftig prächtig, daß wir in unſerer Einſamkeit einmal wieder Beſuch bekommen; die Abende werden jetzt ſchon ſo lang und unſere Nachbaren ſchwärmen noch in Bädern und auf Reiſen und vergeſſen die alte Frau, die hier ganz allein ſitzt und nicht mehr ſo mitmachen kann, wie die Jugend es treibt. Nun nun, wenn nur erſt Graf Waldemar im Schloſſe iſt, da wird es hier wohl ein anderes Leben werden, beſonders,“ ſetzte ſie mit feinem Lächeln hinzu,„wenn er erſt eine kleine hübſche junge Frau neben ſich hat; warum ſie ſich wohl ſo lange nicht bei wir hat ſehen laſſen, die gute kleine Conſtanze?!“ Und dann wie ſich ſelbſt unterbrechend: „Sagte der Heinrich nicht, die ftemde Dame käme aus der Hauptſtadt? Run das iſt ja charmant, in der Hauptſtadt paſſirt doch immer etwas Neues, 193 wenigſtens für ſolche Landbewohner wie wir; viel⸗ leicht weiß ſie etwas von meinem Sohn Walde⸗ mar oder ſie kann mir auch etwas von der Perſon erzählen, wie heißt ſie doch? der Schauſpielerin— eine ganz noble Perſon übrigens, das muß ich ſagen, und wenn Waldemar die Komödie nicht ein wenig zu weit getrieben hätte, ſo wüßte ich an ſeinem Geſchmack nichts auszuſetzen.... Zwäölſtes Capitel. Erkennungsſcene. Indem die alte Dame noch ſo plauderte, trat der Bediente herein und fragte an, ob die fremde Dame, die inzwiſchen im Schloſſe angelangt war und die für ſie beſtimmten Zimmer in Beſitz genommen hatte, die Ehre haben könne, der Frau Gräfin ihre Aufwartung zu machen. Die Gräfin nickte gnädig und ich wurde abgeſchickt, die Fremde willkommen zu heißen und ſie in den Salon herüber zu geleiten. Neugier iſt ja ein weibliches Erbtheil und da der Zufall wollte, daß die Zimmer, welche ber Frem⸗ den angewieſen waren, dicht neben den meinen lagen, 1856. IX. Helene. II. 13 194 ſo wird man es ja wohl verzeihlich finden, daß, indem ich in mein Ankleidezimmer trat, um noch raſch etwas an meiner Toilette in Ordnung zu bringen, ich einen heimlichen Blick durch die Thürſpalte warf. Er fiel gerade auf die Fremde, die ſich auf das Ruhebett, der Thür gegenüber, geworfen hatte. Es war eine hohe üppige Geſtalt in einem einfachen ſchwarzſam⸗ metenen Kleide; die weißen Arme und Schultern, die ſie entblößt trug, ſtachen blendend ab gegen das dunkle Gewand. Den Kopf hatte ſie auf die Hand geſtützt, als ob ſie über etwas tief nachdächte. Doch war das Haupt dabei keck hinten über geworfen und das große feurige Auge blickte frei vor ſich hin. Welch ein Auge! welch ein Glanz darin! In dem ganzen Kopf welch ein Adel! Welche Fülle goldener Locken um die hohe ſtolze Stirn! Um den ſchwellen⸗ den Mund ſpielte ein leiſes halb verächtliches Lächeln, während der kleine fein beſchuhte Fuß in unruhigem Takt auf⸗ und niederklappte, als ob irgend etwas ihre Ungeduld rege machte oder ſie irgend einen ſtillen Verdruß niederzukämpfen hätte. Ich ſchaute und ſchaute und konnte nicht ſatt werden zu ſchauen. Wie war mir doch? Hatte ich dies Geſicht nicht ſchon irgendwo geſehen? Ich konnte es nur halb erkennen, auch ſaß die Dame — 195 im Schatten— und dennoch war es mir, als müßte ich ſie ſchon irgend einmal erblickt haben.... In dieſem Augenblick erhob ſie ſich und da ich befürchtete, ſie möchte mir am Ende zuvorkommen, ſo ſprang ich ſchnell aus meinem Verſteck empor, eilte über den Corridor und trat zu ihr ins Zimmer. Wie ich eintrat, ſtand ſie eben vor dem großen ſilbernen Doppelleuchter und las in einem zerknitterten Briefchen, das ſie jedoch bei meiner Annäherung haſtig verbarg; das volle Licht der Kerzen ſchien ge⸗ rade auf ihr Angeſicht und wiederum fiel mir eine Aehnlichkeit auf, die gar nicht größer ſein konnte, obwohl ich, verwirrt wie ich im Augenblick war, nicht wußte, wohin ich ſie bringen ſollte. Inzwiſchen half die fremde Dame mir raſch über meine Verlegenheit hinweg. Des feinſten Welttons vollkommen Herr, wußte ſie das Aben⸗ teuer mit dem Wagen, die Noth in der Dorfſchenke, die etwas altmodiſche Höflichkeit des Haushofmeiſters ſo allerliebſt zu ſchildern, daß ich mich gleich nach den erſten Worten ganz vertraut fühlte Schon in⸗ dem wir über den Corridor gingen, legte ſie ihren weißen vollen Arm in den meinen; faſt um eines ganzen Kopfes Länge ragte ſie über mich empor und wie ſie in dem langen ſammetnen Sembe ſo neber 196 mir dahinrauſchte, fühlte ich lebhafter denn je, daß ich nur ein armes kümmerliches Geſellſchaftsfräulein.... Auch ihre Begrüßung mit der Gräfin trug den⸗ ſelben Stempel feinſter Weltbildung. Sie wußte der alten Dame ſo viel Verbindliches über ihre Gaſt⸗ freundſchaft zu ſagen, rühmte die Lage des Schloſſes und was ſie von ſeiner Einrichtung geſehen, mit ſo viel Einſicht und Geſchmack, wußte auch die Störung, die ſie veranlaſſe, ſo allerliebſt zu entſchuldigen und entwickelte bei dem Allen eine ſolche Sicherheit und Würde des Auftretens, daß auch meine alte Gräfin ſichtlich davon befriedigt war und mir über ihren Brillenrand hinweg verſchiedene Blicke des Einver⸗ ſtändniſſes zuwarf. Bald war die lebhafteſte Unter⸗ haltung im Gang; die Fremde war in der Re⸗ ſidenz vollkommen heimiſch, kannte alle„guten. Häu⸗ ſer, auf welche die Gräfin das Geſpräch leitete und auch über Graf Waldemar und ſeine ſchönen Pferde und Hunde wußte ſie ihr allerhand Ange⸗ nehmes und Verbindliches zu ſagen. Ich inzwiſchen nahm nur wenig Theil an dem Geſpräch; theils war ich niemals in der Reſidenz geweſen und kannte daher die Mehrzahl der Per⸗ ſönlichkeiten nicht, von denen hier die Rede war, theils konnte ich auch die Aehnlichkeit nicht los werden 197 und konnte doch ebenſo wenig herausfinden, worin ſie eigentlich beſtand und wohin ſie zielte. Unver⸗ wandt, ſo viel es irgend ohne den Anſtand zu verletzen geſchehen konnte, ſtarrte ich dieſen prächtigen, wahrhaft königlichen Kopf, dieſe feine ſtolz geſchwungene Naſe, dieſe köſtlichen friſchen Lippen an und immer ge⸗ wiſſer wurde es mir, daß ich ſie ſchon einmal geſehen hatte. Ja es war mir, als müßte ich ſchon ganze lange Zeiten mit ihr verlebt haben und es wäre nur das Wiederſehen einer alten lieben Bekannten, das ich feierte. Bild auf Bild, Gedanke auf Ge⸗ danke jagten ſich in meinem Hirn; endlich, wie man in ſolchen Stimmungen oft zu dem Trivialſten greift, nur um ſich von der innern quälenden Unruhe zu befreien, blieb ich bei der Frage ſtehen, wie alt die Fremde wohl eigentlich ſein möchte. Und ſiehe da, auch das vermochte ich mir nicht zu beantworten. Daß ſie über die erſte Jugend hinaus war, zeigte weniger irgend ein Mangel an Friſche und Jugendlichkeit, als die reiche, üppige Fülle der hohen, wahrhaft junoniſchen Geſtalt; Farbe, Haut, Zähne, Alles war von untadeliger Friſche und doch lag über dem Ganzen ein Etwas gebreitet, ich möchte ſagen, eine gewiſſe ſatte, ſommerliche Be⸗ leuchtung, die es Einem unzweifelhaft machte, daß ———— 198 dieſe bezaubernde Erſcheinung den Mittag ihres Lebens bereits erreicht haben oder ihm doch ſehr nahe ſein müſſe. Das Geſpräch zwiſchen der Fremden und meiner alten Gräfin wurde, wie geſagt, mit großer Lebhaf⸗ tigkeit geführt; eben hatte es ſich auf das Lieblings⸗ thema ſolcher Unterhaltungen, das Theater, gewendet und, meine Gräfin war gerade ſo glücklich geweſen, die längſt beabſichtigte Frage nach der ſchönen Iſa⸗ bella anzubringen, als die Thür aufging und der alte Rittmeiſter, der um dieſe Stunde des Abends mit der gnädigen Frau Couſine eine Partie Dame zu ſpielen pflegte, hereintrat. Ueberraſcht durch den un⸗ erwarteten Beſuch, trat er einen Augenblick zurück; dann mit den lebhafteſten Zeichen des Erſtaunens und der Freude auf die Fremde zueilend, rief er: „Aber um des Himmels willen, meine Gnädigſte, wache oder träume ich?! Wie kommen Sie hieher? Und welche wunderbare Schickſalsfügung führt Sie gerade unter dies Dach?“ Und dann ſich zu der Gräfin wendend: „Und weiß die gnädige Coufine auch,“ ſtammelte er,„wem ſie ihre Gaſtfreundſchaft erzeigt? Es iſt Iſabel⸗ la, die gefeierte Iſabella, der erſte Stern der deutſchen 199 Bühne und eine der edelſten Frauen, die je gelebt haben, die ihr gegenüber ſitzt 1“ Dreizehntes Capitel. Die Rache. Ich muß es einer gewandteren Feder überlaſſen, als die meine iſt, die Verwirrung zu ſchildern, in welche die Gräfin und ich durch dieſe ſo ganz un⸗ erwartete Entdeckung verſetzt wurden. Auch der alte Rittmeiſter war ganz außer ſich; bald eilte er auf Iſabella zu, ihr die ſchöne weiße Hand zu küſſen, bald drängte er ſich wieder an die gnädige Coufine heran, und ſuchte ihr durch Zeichen und Winke zu verſtehen zu geben, daß er fur ſein Theil an dieſem Abenteuer vollkommen unſchuldig und nicht die min⸗ deſte Ahnung davon gehabt habe. Nur Iſabella ſelbſt behauptete ihre Haltung unverändert; mitten in dem Gewirr, während wir Uebrigen ſprachlos vor uns niederſahen, ſtand ſie gleich einer Königin und ließ die ſtolzen leuchtenden Blicke über uns hinfliegen; um ihren Mund ſchwebte daſſelbe ſchadenfrohe Lächeln, das ich ſchon vorhin * 200 von meinem Verſteck aus bemerkt hatte und auch der kleine zarte Fuß pochte und hämmerte unmerkbar, aber unaufhörlich wie damals. Endlich, mit derſelben klangvollen melodiſchen Stimme, die mich gleich bei der erſten Begrüßung in Entzücken verſetzt hatte, ſagte ſie, ſich mit hold⸗ ſeligem Lächeln gegen den alten Rittmeiſter kehrend: „Und habe ich Ihnen denn nicht, als wir Abſchied nahmen, verſprochen, Sie nächſtens einmal aufzu⸗ ſuchen? Sie ſehen, mein Freund, Unſereins, wiewohl wir nur dem leichtfertigen Volk der Bühne angehören, iſt doch gewohnt Wort zu halten.... 3 Ein Blick, leuchtend und zerſchmetternd, wie ein Blitz, flog hinüber zur Gräfin. Doch war er auch von ebenſo kurzer Dauer wie der Blitz und gleich darauf, mit der aumuthigſten Freundlichkeit, fuhr ſie fort: „Da die Frau Gräfin mir ſoeben die Ehre erwies, ſich bei mir ſelbſt nach mir ſelbſt zu erkun⸗ digen, ſo darf ich ja wohl annehmen, daß ſie ein klein wenig Theilnahme für die mehrgenannte Iſa⸗ bella empfindet und ſo wird es alſo auch keiner Ent⸗ ſchuldigung bedürfen, daß eine Schauſpielerin ſich in die Gaſtfreundſchaft der Frau Gräfin eingedrängt hat.“ Und dann, ſich in die Cauſeuſe zurücklehnend, als wäre nicht das Mindeſte paſſirt, in t rruhigſten und artigſten Weiſe, nahm ſie den Faden des frü⸗ beren Geſprächs wieder auf. „Die Frau Gräfin,“ ſagte ſie,„beliebten ſich ſo eben nach dem Theater zu erkundigen. Wie es damit in der Hauptſtadt ſteht? Je nun, wie überall in Deutſchland; es will Abend werden, wir Schauſpieler find müde, ewig die alten elaſſiſchen Rollen zu ſpie⸗ len und unſere Dichter verſtehen doch nicht, neue zu ſchreiben. Im Uebrigen,“ ſetzte ſie nachläſſig hinzu, „habe ich mich in der letzten Zeit wenig mehr um das Theater gekümmert und bin ſogar ohne Abſchieds⸗ rolle aus der Hauptſtadt abgereiſt; es war früher meine Leidenſchaft, das Theaterſpielen, aber du lieber Himmel, wenn man erſt in meine Jahre kommt, da kühlen die Leidenſchaften ſich ab; meinen Sie nicht, Rittmeiſter?“ Der Rittmeiſter ſtammelte und ſtolperte von ſei nem Winkel aus irgend etwas zurecht, was kein Menſch verſtand. Die ſchöne Iſabella jedoch, über deren Aehnlichkeit ich nun allerdings vollſtändig aufgeklärt war, lächelte ihm ſo anmuthig zu, als hätte er das Verbindlichſte und Witzigſte von der Welt geſagt und hob dann, immer in demſelben leichten ſpielen⸗ den Tone, von Neuem an: 202 „Graf Waldemar— Sie wiſſen, Frau Gräfin, daß ich das Vergnügen hatte, mit Graf Waldemar bekannt zu ſein? Nun gut: Graf Waldemar hat mir in früherer Zeit ſo viel— und wie ich jetzt ſehe, nicht zu viel, ja noch nicht einmal genug— von der angenehmen Lage dieſes Schloſſes und der lie⸗ benswürdigen Gaſtfreiheit ſeiner verehrungswürdigen Beſitzerin erzählt, daß ich, da der Zufall mich hier in die Nähe führte, der Verſuchung nicht widerſtehen konnte, die Eine wie die Andere kennen zu lernen. Ja da Wahrheit gewiſſermaßen eine Nothwendig⸗ keit iſt für uns kleine Leute, die wir die Mittel nicht beſitzen, unſere Lügen mit klingenden Gründen zu beſchönigen, ſo muß ich Ihnen, Frau Gräfin, nur geſtehen, daß die Geſchichte mit dem zerbrochenen Rade nur war, was man bei uns einen Theatercoup nennt— ein ſehr natürliches Ding, verſteht ſich, bei uns Leuten vom Theater. Das Rad mußte bre⸗ chen, verſtehen Sie, weil ich nämlich vor Begierde brannte die Frau Gräfin kennen zu lernen und ihr meine ehrerbietigen Grüße zu Füßen zu legen.. Wieder flog einer jener Blitze herüber zu mei⸗ ner alten Dame, welche noch immer da ſaß, vergeb⸗ lich nach Faſſung ringend; ich hätte es nie für möglich gehalten, daß die Gräfin Reichenan, die 4½ 203 ſtolze, weltgewandte, durch und durch ariſtokratiſche Dame die Faſſung jemals ſo gänzlich einbüßen könnte, vermochte mich aber doch einer ſtillen Scha⸗ denfrende nicht zu erwehren, da ich ſie ſo völlig betäubt und niedergeſchmettert ſah. Die Art der Schauſpielerin geſiel mir ungemein, alles Unguͤnſtige, was ich früher über ſie gehört, war vergeſſen, ich hätte ihr an den Hals fliegen mögen und ſie tüch⸗ tig abküſſen fuͤr die gründliche und doch ſo feine, überlegene Rache, die ſie an der alten adelſtolzen Dame nahm. Zuletzt jedoch raffte dieſe ſich zuſammen und ergriff den Ausweg, der unter dieſen Umſtänden in der That wohl der beſte war. „Wenn Ihnen, Madame,“ ſagte ſie mit milber aber feſter Stimme,„von meinem Hauſe irgend ein Unrecht geſchehen iſt oder Sie ſonſt irgend einen Grund haben über mich Klage zu führen—“ Iſabella ſah ſie mit großen verwunderten Blik⸗ ken an. ſie dann, mit vornehmem, faſt hochfahrendem Tone: „Was ich bisher von Ihrem Hauſe geſehen habe, gefällt mir recht wohl und überdies, wenn man auf der Reiſe iſt, ſo beſcheidet man ſich ja in ſeinen „Ich verſtehe Sie nicht, Frau Gräfin,“ ſagte 204 5 Anſprüchen. Ich verlaſſe Deutſchland,“ ſetzte ſie nachläſſig hinzu,„es wird mir zu langweilig hier im Lande, ich muß wieder einmal Paris ſehen, mein geliebtes Paris, den einzigen Ort, wo ein leidlich vernünftiger Menſch noch leben kann— waren Sie in Paris, Rittmeiſter? Ah ja ſo, in den Feldzügen meinen Sie— nun ja, das wird nicht gerechnet⸗ Aber was ich ſagen wollte: ich verlaſſe Deutſchland, verlaſſe die Bühne und werde gewiß erſt nach Jah⸗ ren, vielleicht nie wieder in dieſe Gegend zurück⸗ Unwillkürlich, trotz der abſichtlichen Nachläſſig⸗ keit, mit der ſie zu ſprechen ſich bemühte, war ihre Stimme bei den letzten Worten doch etwas nach⸗ drücklicher geworden. Die Gräfin verſtand den gehei⸗ men Wink, ſie warf der Schauſpielerin einen raſchen fragenden Blick zu und da dieſe denſelben mit eher⸗ ner Ruhe von ſich gleiten ließ, ſo fiel auch meiner alten Dame ſichtlich ein Stein vom Herzen und bald hatte auch ſie ihre gewöhnliche vornehme Ruhe wie⸗ der gewonnen. Das Geſpräch wurde nun von beiden Seiten noch eine Zeitlang ſcheinbar mit großem Intereſſe über allerhand gleichgiltige Dinge geführt, bis end⸗ lich die Theeſtunde vorüber war und die ſchöne 205 Fremde um Erlaubniß bat, ſich in ihr Zimmer zurüͤck⸗ ziehen zu dürfen. Man rreichte ſich zum Abſchied die Hand, wünſchte ſich gegenſeitig angenehme Ruhe und wiederum legte Iſabelfa, nach ihrer raſchen herz⸗ lichen Manier, ihren Arm in den meinen, um ſich von mir in ihr Zimmer zurückführen zu laſſen. Vierzehntes Capitel. Ein heißes Herz. Schweigend ſchritten wir an einander hin; an dem heftigen Wogen ihres ſtolzen königlichen Buſens merkte ich wohl, wie die Fremde, trotz alles ſchein⸗ baren Gleichmuthes, von dem eben Erlebten in Auf⸗ regung verſetzt war. Indem wir an meiner Thür vorüberſchreiten wollten, blieb ſie plötzlich ſtehen. „Habe ich vorhin recht geſehen,“ ſagte ſie in ihrer traulichen herzgewinnenden Weiſe,„ſo liegen unſere Zimmer neben einander; iſt es Ihnen nicht unangenehm, ſo komme ich noch ein wenig zu Ihnen herein— oder noch beſſer: wir öffnen die Zwiſchen⸗ thuͤr und ern nach Herzensluſt.“ 206 Ich konnte nur meine Freude ausdrücken über einen Vorſchlag, der ſo ganz meinen eigenen Wün⸗ ſchen entſprach. Denn in der That fühlte ich mich von dem wunderbaren Weſen aufs Lebhafteſte ange⸗ zogen und betrachtete es als ein wahres Glück, noch eine Zeit in ihrer Nähe verweilen zu dürfen. Wir traten alſo mit einander ein und wähtend ich mich bemühte, es meinem ſchönen Gaſt möglichſt behaglich und wohnlich in meinem Stübchen zu machen, warf ſie ſich auf meinen Divan, drückte das ſchöne Geſicht tief in beide Hände und ſchien ſich irgend welchen ſchmerzlichen oder tief aufregenden Gedanken zu überlaſſen. 3 Um jeden Anſchein zu vermeiden, als wollte ich ſie belauſchen oder mich ſonſt wie in ihre Geheim⸗ niſſe eindrängen, fuhr ich leiſe in meiner wirthſchaft⸗ lichen Beſchäftigung fort, rückte hier einen Stuhl, dort ein Kiſſen zurecht und nahm ſo dem Scheine nach von ihrer Anweſenheit nicht die geringſte Noriz. Aber gerade dieſe Unbekümmertheit ſchien der Fremden zu gefallen. Als ich wieder in die Höhe ſah, hatte ſie ſich aufgerichtet; die Locken, halb auf⸗ gelöſt, fielen um die weiße Stirn, auf der ich jetzt allerdings bei genauerem Hinſehen einige leichte Striche, Ahnungen künftiger Ru kte. Mit 207 mildem gütigem Blick meiner Hantirung zuſchauend, ſagte ſie: „Wie glücklich Sie ſind, gutes Kind, daß Sie Sich in ſolcher kleinen Welt wohl fühlen! Was das traulich und nett iſt hier in Ihrem Stübchen! Und wie viel traulicher das noch in einem Herzen ſein muß, das niemals, mit keinem Wunſche, keinem Ver⸗ langen, über dieſe vier engen Wände hinausge⸗ ſchweift hat!“ Und dann plötzlich wieder abſpringend, als wollte ſie ihre eigene Rührung gewaltſam unterdrücken: „Sie ſind hier,“ fragte ſie,„was man ſo nennt Geſellſchaftsfräulein? Auch eine Stellung, vermuthe ich,“ fuhr ſie fort, da ich mit leiſem Kopfnicken und — ſeltſamer Weiſe— nicht ohne ein leiſes Erröthen bejahte:„Auch eine Stellung, vermuthe ich, in welcher es Ihnen nicht an der Gelegenheit fehlen wird, ſich in der Tugend der Demuth zu üben— einer ſehr chriſt⸗ lichen Tugend, wie man ſagt, aber gewiß keiner ange⸗ nehmen. Und wiſſen Sie,“ fuhr ſie fort, mich mit durchdringendem Blick anſchauend,„von meinem Abenteuer mit dem Grafen?“ Ich nickte wiederum. „Nun,“ rief ſie, mit ſtolzen Schritten das kleine Gemach durchmeſſend,„ſo werden Sie auch verſtan⸗ 208 den haben, was mein Beſuch hier ſoll und woher dieſes Rachegefühl ſtammt, das ich heute befriedigt habe, indem ich ſah, wie die alte ſtolze Gräfin vor mir zitterte. Nehmen Sie Sich in Acht vor der Grä⸗ fin,“ fuhr ſie fort,„es iſt eine alte böſe Frau mit aller ihrer Vornehmheit und ihren ſanften Manieren; ſie hat mir Anträge machen laſſen, Anträge durch dieſes Jammerbild von Menſchen, dieſen ſogenannten Rittmeiſter—!“ Sie ſtampfte mit dem Fuß und vermochte vor Zorn nicht weiter zu reden. Dann ſich vor mich hin⸗ ſtellend, fragte ſie plötzlich: „Kennen Sie Graf Waldemar 24 6 K5 Ich ſchüttelte ſchweigend mit dem Kopf; ich war nicht im Stande ein Wort hervorzubringen, ſo ſehr fühlte ich mich zugleich erhoben und niederge⸗ drückt durch den löwenartigen Grimm dieſer wun⸗ derbar unbegreiflichen Frau. „Nun,“ erwiederte ſie mit einem Tone, der ge⸗ ringſchätzig ſein ſollte und doch nur leichtfertig klang: „Sie verlieren nicht viel daran, es iſt ein Mann, wie unſere Cavaliere ſind: ein Geſichtchen wie Milch und Blut, hübſcher Knebelbart, paſſable Augen, gu⸗ ter Tänzer, guter Reiter, artig gegen die Damen, witzig, wo es nicht anders geht, und ſentimental, wro * 209 er durch Sentimentalität ſein Glückzu machen glaubt — aber ſchwach! ſchwach!! ſchwach wie ein Weib!! — Allein wiſſen Sie,“ fuhr ſie nach einer kleinen Pauſe wieder auf,„was das Entſetzlichſte bei der ganzen einfältigen Geſchichte?! Daß ich noch weit ſchwächer bin als Waldemar— daß ich ihn liebe! liebe— o, zum Wahnſinn liebe!!“ Sie blieb wie eine Säule in der Stube ſtehen, warf den claſſiſch geformten Kopf hinten über und wühlte mit beiden Händen krampfhaft in den weichen goldenen Locken, während ſich der fieberiſch zuckenden Bruſt ein leiſes wimmerndes Stöhnen entwand. Es bedurfte einige Zeit, bevor ſie ihre Faſſung wieder gewann. Dann ihren Arm um mich ſchlin⸗ gend und das ſchöne Antlitz, wie ermüdet, auf meine Schulter neigend, ſagte ſie zärtlich: „Wiſſen Sie, mein Kind, was Liebe iſt? Haben Sie ſchon gekoſtet von dieſem ſüßen, ach ſo ſüßen und verderblichen Gift?!“ Ich erröthete bis unter die Augen, ſie gewahrte es mit Lächeln. „Nein, nein,“ ſagte ſie,„ich ſehe ſchon, das iſt das rechte Erröthen noch nicht, Sie haben noch nicht geliebt— armes Kind! ſo wird alſo Ihre Stunde noch erſt kommen! O ganz gewiß, ſie wird kommen! 1856. M. Helene. I. 14 210 Glauben Sie einer Frau, die viel geliebt und viel dafür gelitten hat, aber nie ſchmerzlicher als jetzt, da das ungehorſame Herz ſich feſthängt an dieſem jungen— Thoren und ihn nicht loslaſſen will, obſchon ich weiß— daß er ein Thor!— Fürchten Sie nichts,“ fuhr ſie fort, da ſie die Befremdung ſah, welche ſich bei dieſen Worten in meinen Mienen ſpiegelte:„ich habe ihm entſagt, die Wunde blutet nur noch ein wenig nach— nur Ruhe! nur ein wenig Zeit! es wird ſich ja ſchon geben.. 4 Fünfzehntes Capitel. Die Entdeckung.. „ Ich war in der größten Verlegenheit, was ich, bei meiner gänzlichen Unbekanntſchaft mit ſolchen lei⸗ denſchaftlichen Gemüthszuſtänden, der Fremden er⸗ wiedern ſollte, fühlte aber doch die Rothwendigkeit, irgend etwas zu erwiedern, wenn ich nicht kalt und theilnahmlos erſcheinen wollte. Nach einigem Zau⸗ dern ſagte ich endlich, indem ich ſie leiſe zu ihrem Sitz zurüͤckführte und dann auf einem kleinen Schemel⸗ chen zu ihren Füßen Platz nahm: „Sie kommen, gnädige Frau, aus einer ſo ganz andern, ſo viel großartigeren Welt und die Blicke, welche Sie mich in das Schickſal der Menſchen & 21¹ thun laſſen, ſind mir großentheils ſo neu, daß Sie mir nicht zürnen und es nicht für Theilnahmloſigkeit halten müſſen, wenn ich beſchämt verſtumme und nicht weiß, was ich Ihnen erwiedern, wie ich Sie tröſten und beruhigen ſoll. Nur glauben Sie meiner Verſicherung, daß ich keineswegs unempfindlich gegen Ihren Kummer bin. Alle Leidenden ſind ſich ver⸗ wandt und auch ich, ſo jung ich noch bin und ſo ereignißlos mein Leben im Vergleich mit Ihrer glänzenden und großartigen Laufbahn auch iſt, habe doch ebenfalls ſchon meine Schmerzen und Leiden gehabt, wenn ſie auch von anderer und jedenfalls gerin⸗ gerer Beſchaffenheit geweſen ſind, als die Ihren. Ich bin ein Waiſenkind, früh ins Leben hinausgeſtoßen—“ „O bitte, erzählen Sie, erzählen Sie!“ ſagte ſie halb theilnahmvoll, halb ermüdet. Auch den letzteren Umſtand fühlte ich ſehr wohl: aber—„erzählen Sie! erzählen Sie!“ wie lange hatte das nicht vor meinen Ohren geklungen, wie lange war es her, daß irgend eine freundliche Stimme mir das zugerufen hatte! Der Menſch iſt ſelbſtſüchtig von Natur— und wie er ſich drehen und wenden mag, das eigene Ich, die eigenen Schmerzen und Freuden bleiben doch der Mittelpunkt, auf den er immer wieder zurückkommt.— Ich ſah, wie ſich 14 242 behaglich zurechtrückte, einige von den Albums und Zeichenmappen ergriff, die auf dem Tiſchchen vor ihr lagen, um darin während meiner Erzählung zu blät⸗ tern und da ſie dabei ihr freundliches„o bitte, erzäh⸗ len Sie!“ mit einer Stimme wiederholte, der auch ein minder vereinſamtes Herz als das meine, wohl ſchwerlich widerſtanden hätte, ſo ließ ich mich nicht zum drittenmal bitten, ſondern fing an, den Kopf vertraulich gegen ihr Knie gelehnt, ihr die Geſchichte meiner einſamen, verlaſſenen Jugend zu erzählen. Anfangs ſchien ſie mir nur mit halbem Ohre zuzuhören; ſie blätterte in den Zeichnungen, beſah hier und dort ein Blatt und ließ dabei ihre Gedanken vermuthlich in ganz andern Regionen ſchweifen. Allmählich indeß ſteigerte ſich ihre Aufmerkſamkeit und als ich einmal halb gegen meinen Willen— denn aus einer Art von Schamgefühl vermied ich übrigens abſichtlich, irgend beſtimmte Namen und Localitäten zu nennen— den Namen des Herrn Nonnemann nannte, fuhr ſie auf: „Nonnemann! Was iſt das für ein Name! und wie kann ein Menſch Nonnemann heißen!“ „Es war auch nur ein halber Menſch und ein ganzer Barbar,“ erwiederte ich mit erzwungenem Scherz und entwarf ihr eine flüchtige Schilderung des 213 unheimlichen Mannes, durch den mir meine Jugendzeit ſo bitter vergällt, ja mein ganzes Leben verdorben war. Von da ab horchte Iſabella meinen Erzählungen mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit, kein Wort ent⸗ ging ihr; mechanuiſch blätterte ſie in den Bildern weiter, aber ich merkte wohl— und merkte es, warum ſoll ich die kleine Eitelkeit nicht eingeſtehen?— mit gehei⸗ mem Stolz, wie die ganze Aufmerkſamkeit der ſchönen, geiſtreichen, berühmten Frau bei meiner einfachen kin⸗ diſchen Erzählung war. Mit einem Male ſprang ſie wie von Entſetzen geſchüttelt in die Höhe; die Arme heftig unter ein⸗ ander ſchlagend, ſtarrte ſie mich an mit weit aufgeriſſenen Augen, ſchritt die Stube zweimal auf und nieder; dann ſich wieder neben mich ſetzend, eines der Bil⸗ derchen aus der Mappe nehmend und es mir dicht vor die Augen haltend, fragte ſie mich mit kurzem herriſchem Tone: „Was ſoll das Bild? Welche Geſichter ſind das? Und weſſen ſoll die Geſtalt ſein, die dort aus dem Baume tritt?“ Es war ein Phantaſiebild, eine Art von Ara⸗ beske, die ich unlängſt in einer müſſigen Stunde ent⸗ worfen und in der ich gleichſam mein ganzes Jugend⸗ leben ſymboliſch niedergelegt hatte. Unten ſah man 214 die Thürme meiner Geburtsſtadt; von dort aus ſchlan⸗ gen ſich zu beiden Seiten allerhand Ranken und Blumengewinde empor, die ſich oben in dem von Eber⸗ ſteiniſchen Wappen vereinigten. In den Blumen⸗ gewinden ſelbſt hatte ich verſchiedene mir beſonders denkwürdige Scenen, Erinnerungen und Träume meiner Kinderzeit angebracht. Auf der einen Seite ſtand Onkel Nonnemann, wie er mir als Geſpenſt erſchienen war; auf der andern war der vielerwähnte Birnbaum zu ſehen und aus ſeinem geöffneten Stamme trat in goldener Glorie Florine, dieſer ſüßeſte Traum meiner Kindheit, hervor. Bei dem tiefen Ein⸗ druck, welchen, wie ich früher erzählt habe, das Bild Iſabellens, das ich bei der Gräfin geſehen, auf mich gemacht tatte, war es eben nicht zu verwundern, daß ich auch dieſer Lichtgeſtalt Florinens die edlen und merkwürdigen Züge dieſes Antlitzes gegeben hatte, eines Antlitzes, von dem ich damals aller⸗ dings noch nicht ahnte, daß es mir jemals ſo nahe kommen würde. Indem Iſabella mir jetzt das Bild vor die Augen hielt, bemerkte ich ſogleich den Mißgriff, welchen ich begangen, indem ich dieſe kleinen Gedanken⸗ ſpiele nicht ſorgfältig vor ihr verborgen hatte. „Ich muß in der That um Entſchuldigung 215 vitten,“ ſagte ich, indem ich mir Mühe gab, das Ganze möglichſt ſcherzhaft zu behandeln,„wegen des Raubes, den ich an Ihrem holden Angeſicht began⸗ gen; ich ſah ein Bildniß von Ihnen bei der Gräfin — Sie werden ſchon errathen, auf welche Weiſe es dahin gekommen— und fühlte mich von der Schön⸗ heit dieſer Züge ſofort ſo ergriffen——“ „Nein, nein,“ unterbrach ſie mich, noch immer mit derſelben Heftigkeit und indem ihre Hände ſo zitterten, daß ſie kaum mehr das Blatt zu halten vermochte:„ich frage nicht, wie mein Geſicht auf dieſes Blatt kommt, wenn es denn doch mein Geſicht ſein ſoll— ich will wiſſen, was das Alles hier bedeutet, Alles, Alles? Der alte abgeſtumpfte Thurm hier unten, dieſer öde Garten mit dem halb verwitterten Birnbaum und das Wappen dort oben, das Wappen—2!“ „Das Wappen da oben,“ ſagte ich verwundert, „iſt das Wappen des ſeligen Herrn von Eberſtein, die Lichtgeſtalt aber, die Sie an dem Baum hier ſehen und der ich unſchicklicher Weiſe Ihre Züge gegeben habe, iſt der Abgott meiner Jugend, meine ſchöne unglückliche Mutter Florine—“ „Ihre Mutter Florine!!“ kreiſchte die Schau⸗ ſpielerin, indem ſie bewußtlos in die Kiſſen zurückſank. Entſetzt lief ich nach Waſſer, netzte ihr 6 216 Schläfe und hatte auch wirklich die Freude, ſie nach wenigen Minuten aus ihrer Betäubung erwachen zu ſehen. Sie ſchlug die Augen auf, ſtarrte mich an, drückte die zarten roſigen Finger gegen die Stirn, faßte ſich an Schulter, Arme, Hände, als wollte ſie prüfen, ob ſie auch wirklich noch dieſelbe ſei; dann fing ſie hell an zu lachen, das lieblichſte Lachen, das ich jemals vernommen habe, und während ſie noch ſo lachte, ſchoſſen ihr die hellen Thränen über die Wangen. ſend, mit einer Stimme, die leichtfertig klingen ſollte und die doch vor Rührung erzitterte: „O,“ ſagte ſie,„was wir Schauſpieler doch für elendes Geſindel find! Da habe ich nun viel hundert Male auf den Brettern die Situation einer Mutter dargeſtellt, welche ihr verlorenes Kind wiederfindet — wie ſoll ich das nnn machen, woher ſoll ich den Ton nehmen, der wahr und ernſt und heilig genug iſt, indem ich Dich an meine Bruſt ſchließe, v Du in Wahrheit mein verlorenes und wiedergefundenes Kind und zu Dir ſage: umarme mich— ich bin Deine unglückliche Mutter Florine!—“ Ende des zweiten Bandes. Dann ſtand ſie auf und mich dicht an ſich preſ⸗ —— nnſſſſſſſſſſ 8 9 1 12 8 14 15 10 1 1 16 17 18