S——— Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 5 Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih- und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bipliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mt.— f. 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Der weiße Pudel... 45⁵ Zweites„ Das Lied vom braven Mnn 51„ Drittes„ Ein Wohlthäter. — Wiertes Fünftes Sechstes Siehentes Kchtes Reuntes Zehntes Eilftes Zwölftes Erſtes Zweites Drittes Diertes Fünſtes Sechstes Siebentes Achtes Reuntes Zehntes Eilftes Zwölftes Capitel. „ „ „ „ „ „ Dreizehntes„ Capitel. 77 Dreizehntes„ Florine Eine Erziehung u&ruivite Tafelfreuden Im Garten.. Das Opfer der Pſlicht Der Mann nach der Uhr. Tante Fränzchen Weiſe Rathſchläge Ein Troſt Alte Geſchichten. Drittes Buch. Der alte Herr. Der weiße Pudel noch einmal Eine neue Bekanntſchaft Das Abenteuer Das Zauberſchloß Wie der Herr ſo der Piener Das Bildniß. Geheime Verhandlungen Ein neues Leben Die Brüder Vor dem Sturm. Die nächtliche Fahrt Ein Abſchied für Die Rückkehr 3 65 71 80 85 93 102 11¹ 117 126 132 143 15² 156 163 168 173 182 187 195 204 210 217 222 Vorwort. — An R. F. in R. Sie haben ſie gekannt, lieber Freund, die ehrwürdige, die vortreffliche Frau, aus deren Nachlaß dieſe Blätter ſtammenz gleich mir, war es Ihnen ver⸗ gönnt, Jahrelang in der Nähe der Vereinſamten zu leben und ſich zu wärmen an den Strahlen, welche dieſer ſchöne bleiche Stern auch noch im Untergange verbreitete. Für Sie alſo bedarf das Buch keiner Empfehlung; Sie wiſſen, was wir an der Theuren beſaßen, was wir an ihr verloren; iſt in dieſem Buche nur ein Hauch, nur ein Schatten ihres Weſens zurückgeblie⸗ ben, ſo wird auch dieſer Hauch, dieſer Schatten genug ſein, es Ihnen lieb und werth zu machen. Freilich werden Sie auch manches Unerwartete darin finden. Mit welcher Deutlichkeit in dieſem 1856. VIII. Helene. I. 1 Augenblick wieder das Bild unſerer geſchiedenen Freun⸗ din vor mich tritt! Ich ſehe die zarte ſchlanke Geſtalt, der ſelbſt das Alter nichts von ihrer Hoheit und Grazie hatte nehmen können; ich ſehe das feine ſtille Lächeln, das die blaſſen Lippen umſchwebte und das ſo wunderbar gut ſtand zu dem ehrwürdi⸗ gen Schnee, mit dem das dichte blonde Haar ſich bedeckt hatte; ich ſehe das tiefe braune Auge voll jugendlichen Glanzes, mit dieſem unbeſchreiblichen Ausdruck von Wohlwollen und Güte, einer Güte, welche, gleich der Sonne Gottes, ſtets dieſelbe war gegen Gerechte und Ungerechte; ich höre den leiſen weichen Tritt, mit dem ſie einherſchritt in unermüdli⸗ cher Thätigkeit, überall ſchaffend, überall Rath, Troſt, Hilfe ſpendend; ich höre, ich höre jene Stimme voll unendlichen Wohllauts, die ſich ſo ſanft, ſo mild an das Herz des Hörers ſchmiegte, daß ſelbſt der Ver⸗ ſtockteſte ihr nicht widerſtehen konnte.. O mein theuerer Freund, wie oft haben wir dies und Anderes an unſerer Freundin bewundert! wie oft haben wir ihr Alter glücklich geprieſen, das ſo friehlich, in ſo ſchönen, ſo harmoniſchen Schwin⸗ gungen dahin floß! Meine Bewunderung, ich geſtehe es, war nicht immer ganz ohne Eigennutz; es gab, wie Sie wiſſen, in der Nähe unſerer Freundin noch ————— 3 ein jüngeres Weſen, das mein Herz ſchon damals gefeſſelt hielt und das ſeitdem, mit ihrem Segen und mit dieſen Geheimniſſen ihres Lebens, als köſt⸗ lichſtes Erbtheil auf mich übergegangen iſt. Aber auch Sie, mein Freund, ſonſt ein ſo nüchterner, ſo ſcharfſichtiger Beobachter, auch Sie fühlten ſich von dem ſtillen Walten unſerer Freundin wunderſam ergriffen und geſtanden mir oftmals mit begeiſterten Worten, daß dies die liebenswürdigſte, die vollkommenſte Matrone, die Sie in dem bunten Lauf Ihres Lebens jemals kennen gelernt... Kamm Ihnen damals wol je der Gedanke, hätten Sie es für möglich gehalten, theurer Freund, daß dieſes anſcheinend ſo friedliche, ſo klare Leben einſt von ſo furchtbaren Stürmen erſchüttert war? Wir wußten nur von äußeren Unglücksfällen, welche unſere Freundin betroffen; wir wußten nur von der furcht⸗ baren Ernte, welche der Tod in ihrer Umgebung gehalten und blickten daher mit doppelt ängſtlicher Rührung auf jenes liebliche, jenes frühlingsgleiche Kind, das ihr als die einzige Freude ihres Lebens, der einzige Stab ihrer Hoffnungen zurückgeblieben war. Und doch ſchlummerten auf dem Grunde die⸗ ſes ſcheinbar ſo gleichmäßigen Daſeins noch andere, noch ſchrecklichere Erinnerungen; die Wunden, welche 1 — 4 der Tod geſchlagen, waren bei Weitem nicht die ſchmerzlichſten, aus denen dies Herz einſtmals geblu⸗ tet. Dies Auge, das jetzt ſo klar, ſo friedlich leuch⸗ tete, ein wahrer Spiegel der Seele— ahnten Sie, daß es einſt überfloß von verzweifelnden Thränen, Thränen der Reue und des Schmerzes über ſich ſelbſt? Dieſe feine weiße Hand, die nur geöffnet war, um Andern Gutes zu thun— hätten Sie es für möglich gehalten, daß ſie einſt krampfhaft nach dem Herzen zuckte und in ſprachloſem Jammer die⸗ ſelben Locken zerraufte, die uns jetzt ſo ehrwürdig, ſo heilig erſchienen?! Das menſchliche Herz iſt unergründlich; wir leben an einander hin, Jahrelang, ja ein ganzes Leben, und erſt wenn es zu Ende iſt und das Grab mit ſeinen Schauern hat ſich auf ewig zwiſchen uns ge⸗ drängt, dann erſt geht uns eine ſchmerzliche Ahnung auf, wie wenig wir einander verſtanden, wie wenig wir gethan haben, die geheimen Schmerzen des Andern aufzuſpüren und zu lindern. Es iſt einer der niederſchlagendſten Ge⸗ danken, die mich zuweilen beſchleichen, daß vft gerade diejenigen, die einander am nächſten ſtehen und ſich am liebſten haben, bei alledem eine ſo ängſtliche Scheu hegen, gewiſſe geheime Tiefen des Herzens vor einander aufzuſchließen; man ruht in dem allge⸗ ——— 5 neinen Bewußtſein gegenſeitiger Zärtlichkeit, man fürchtet die Aufregung, man will dem Andern keinen Schmerz bereiten— und bereitet ihm den allergröß⸗ ten: nämlich daß wir von ihm ſcheiden für ewig und haben uns von ihm nicht ſo lieben und nicht ſo viel Gutes von ihm erweiſen laſſen, wie er gekonnt hätte und ach ſo gern gewollt! Auf unſere Freundin paßt dies nur zum Theil. Sie hatte ihre Schmerzen durchgekämpft, die Wunde hres Herzens hatte ſich geſchloſſen, ſo feſt, daß ſelbſt das Auge der Freundſchaft keine Narbe mehr entdek⸗ ken konnte. Ergebung in den Willen der Vorſe⸗ hung, unermüdliche Thätigkeit, ein durch nichts zu erſchütternde Glaube an die Zukunft, verbunden mit dem Bewußtſein der eigenen ſittlichen Läuterung, gaben ihr eine Stärke, die den Troſt der Freundſchaft entbehrlich machte. Und das eben iſt es, wodurch dieſes Leben mir ſo merkwürdig, fo verehrungswürdig erſcheint. Iſt das menſchliche Herz unergründlich, Gottlob, ſo iſt es auch unerſchöpflich und unverwüſtlich. Wir haben vielleicht nicht die Kraft, oder haben ſie nicht immer, uns vor dem Falle zu bewahren: aber auch dem verirrten Herzen, ſo lange es ſich nicht gewaltſam gegen ſeine eigene beſſere Mahnung verſchließt, wohnt 6 noch eine Kraft bei, die es in den Stand ſetzt ſich von ſeinem Falle wieder aufzurichten und ein neues glücklicheres Daſein zu beginnen. Es iſt kein Leid ſo groß, kein Irrthum ſo peinlich, ja ſelbſt keine Schuld ſo ſchwer, daß ein ernſter feſter Wille ſie nicht dennoch überwinden könnte. Glücklich die rei⸗ nen, kindlichen Seelen, welche die Woge des Lebens ſo leicht dahin trägt, daß kein Stäubchen jemals ihre luftigen Schwingen befleckt! Aber wenn wir jene glück⸗ lich preiſen, ſo wollen wir auch Ehrfurcht haben vor 1 den minder glücklich organiſirten, den leidenſchaftli⸗ cheren Gemüthern, die eben deshalb den Gefahren des Lebens mehr ausgeſetzt ſind und ſich erſt durch Untiefen und Klippen, durch Stürme des Schickſals wie des Herzens, durch eigene wie durch fremde Schuld, hindurcharbeiten müſſen zu einem friedlichen, glücklichen Ende. Jene können wir blos bewundern, dieſe aber, die Vielgeprüften, uns ſo ähnlich in ihrer Schwachheit und dabei doch ſo ſtark in dem Kam⸗ pfe gegen ſich ſelbſt und das eigene widerſpenſtige Herz— dieſe dürfen wir lieben, zu dieſen faſſen wir Vertrauen, unter dieſen ſuchen wir unſere Freunde und Rathgeber. Und in der That liegt in ihrem Leben eine köſtliche Lehre: nämlich dieſe, daß der Menſch in 7 allen Irrgängen des Lebens, bei allen Niederlagen, die wir durch das Schickſal und den noch viel ſchmerz⸗ licheren, die wir durch uns ſelbſt erfahren, niemals den Glauben aufgeben ſoll an die angeborene ſitt⸗ liche Kraft und jenen Funken des Göttlichen, den die Vorſehung in uns gelegt hat und den Niemand erſticken kann— als wir ſelbſt. Das iſt denn auch hauptſächlich der Grund, weshalb ich mich, nicht ohne Zaudern, entſchloſſen habe, die nachfolgenden Blätter zu veröffentlichen. Es ſind keine ſpannenden Abenteuer, keine neuen und überraſchenden Charaktere, keine pikanten und glänzenden Gedanken, welche der Leſer darin findet: es iſt nur der ſchlichte Lebenslauf einer Frau, deren früheſte Kindheit von Verhältniſſen umgeben war, welche die gleichmäßige Ausbildung ihrer geiſtigen und ſittlichen Kräfte verhinderten, und die daher auch ſpäterhin, als der Strom des Lebens die Wi⸗ derſtrebende ergriff, mannichfache Kämpfe beſtehen und vielfach irten und fehlen mußte, zuweilen ge⸗ rade da am bitterſten, wo ſie es am beſten gemeint hatte: bis ſie endlich durch Muth und Entſagung ſich hindurch rang, nicht blos zu jenem äußeren Frie⸗ den, ſondern auch zu jener inneren Klarheit, jener Heiterkeit und Ruhe der Seele, durch die der Abend ₰ 8 ihres Lebens ſo wohlthuend ward und ſo erquicklich für Alle, die ihr jemals nahe kamen. Ich glaube, daß dieſe einfache Geſchichte bei alledem einiges Lehrreiche hat; fehlt ihr die Span⸗ nung des Romanes, ſo ſoll doch, hoffe ich, von den urſprünglichen Aufzeichnungen unſerer Freundin noch immerhin ſo viel übrig geblieben ſein, um den Leſer durch eine gewiſſe Wahrheit des Erlebten, ſowie durch die Tiefe und Treue der Empfindungen zu entſchädigen. In dem täglichen Leben unſerer Frauen, wie es dahin ſchleicht zwiſchen verwegenſter Poeſie und kleinlichſter Proſa, zwiſchen Hoffnung und Ent⸗ ſagung, zwiſchen großen Erwartungen und noch größe⸗ ren Enttäuſchungen, zwiſchen kleinen Leiden und noch weit kleineren Freuden, zwiſchen Irrthum, Lei⸗ denſchaft und ſchmerzlicher Erkältung— in dieſem alltäglichen, unſcheinbaren Leben liegt, wenn ich nicht irre, ein Schatz von Poeſie, der noch lange nicht gehoben iſt. Auch ſind, wie es mir ſcheinen will, nicht diejenigen die wahren Anwalte der Frauen, die da behaupten, daß zwiſchen Mann und Weib kein Unterſchied der Fähigkeiten und daß dem Weibe daher auch alle Rechte und Beſchäftigungen des Man⸗ nes zuſtehen můßten: ſondern diejenigen, glaube ich, ſind es, welche die Eigenthümlichkeit der Frauen, das, 2 9 wodurch ſie ſich von den Männern unterſcheiden, alſo ihre raſchere Empfänglichkeit, die größere Beweglichkeit ihrer Neigung, hervorzuheben und darzuſtellen ſuchen. Ja ſelbſt ihre Schwächen ſollen nicht verſchlei⸗ ert werden; bei weitem der größte Theil derſelben wurzelt in der weichen, hingebenden Natur des Weibes, es ſind Fehler, die bei richtiger Leitung ſich kelt haben und bei deren Anblick daher wir Männer, die wir uns den Frauen an Einſicht und Stärke des Willens ſo unermeßlich überlegen glauben, ſtatt kurzweg den Stab zu brechen, vielmehr an die Bruſt ſchlagen und uns erinnern ſollten, was wir dem „ſchwachen⸗ Geſchlechte ſchuldig und daß man nur da Liebe und Treue ernten kann, wo man Liehe und Treue geſäet hat— Ich kann nicht ſchließen, theurer Freund, ohne Ihnen zuvor noch eine kurze Rechenſchaft abzulegen über das Verhältniß, in welchem ich perſönlich zu den nachfolgenden Blättern ſtehe. Ich bin blos der Herausgeber, nicht der Verfaſſer; doch hat die ei⸗ genthümliche Beſchaffenheit der Handſchrift mich aller⸗ dings ſtellenweiſe genöthigt, den Befugniſſen des 10 Herausgebers eine etwas weite Auslegung zu geben. Daß unfere Freundin keine Schriftſtellerin war, iſt Ihnen zur Genüge bekannt. Im Gegentheil, ſie betrachtete es als kein günſtiges Zeichen für das Glück unſerer Ehen und den Frieden unſeres häuslichen Lebens, daß jetzt ſo viele Frauen zur Feder greifen; ſie ſchloß daraus, ich laſſe dahin geſtellt mit wie viel Recht, auf zahlreiche unglückliche oder doch unbefriedigte Ehen, auf gepreßte Herzen, die endlich verzweifelnd in die ungewiſſe Ferne greifen, weil ſie in der Nähe kein Ohr finden, das ſie verſteht, auf früh geknickte Hoffnungen, auf Ideale und Träume, über die der Froſt des Lebens dahin geſtreift iſt mit unbarmher⸗ ziger Hand und denen nun wenigſtens in der Poe⸗ ſie noch ein dürftiger Nachſommer erblühen ſoll. Einer Frau von der Klarheit, der Einſicht und der Feſtigkeit des Willens wie unſere Freundin, werden Sie nicht die Inconſequenz zutrauen, daß ſie ſelbſt thut, was ſie an Anderen bedenklich findet; wenn ſie alſo den Herbſt ihres Lebens benutzte, die Erin⸗ nerungen ihrer Jugend aufzuzeichnen, ſo that ſie dies nicht aus ſchriftſtelleriſcher Eitelkeit, noch um ein Buch zu ſchreiben, ſondern, wie Sie aus den Tagebuchblättern erſehen, die ich zu dieſem Zwecke vorangeſtellt habe, lediglich ans mütterlicher Zärtlichkeit 3 3 3 11 und um dem geliebten Weſen, das die ganze Freude ihres Alters bildete, ein Pfand des Andenkens, einen Spiegel der Warnung, der Lehre zu hinterlaſſen. Die Handſchrift iſt in großen Zwiſchenräumen, unter vielfachen Unterbrechungen und Störungen abge⸗ faßt; unſere immer thätige Freundin, das Orakel der Umgegend, der allgemeine Troſt und Rath für Alle, die des Beiſtandes bedurften, hatte nur ſelten eine Stunde übrig, die ſie dieſen Blättern widmen konnte.— Auch tragen ihre Aufzeichnungen eine völlig unliterariſche Geſtalt; es ſind einzelne, zum Theil abgeriſſene Blätter, ſelbſt der Faden der ge⸗ ſchichtlichen Erzählung mußte an manchen Stellen erſt aus dem Zuſammenhange des Ganzen herge⸗ ſtellt werden. Mit einem Wort: es war kein Buch, das man der Leſewelt bieten konnte, höchſtens das Material zu einem Buche. Ich habe den Muth gehabt, dies Material zu benutzen; die Anordnung des Ganzen, die Eintheilung in Bücher und Capi⸗ tel, die Ueberſchriften, kurz Alles, was dem Hand⸗ und alleinige Verantwortung übernehme. Und ſo gehe das Buch denn zu Ihnen, lieber * 12 Freund, als eine Erinnerung an ſchöne, glückliche Stunden, die in dieſer Vollſtändigkeit niemals wie⸗ derkehren. Denn das Grab giebt Keinem zurück und ſo wird auch die Stätte, welche unſere Freun⸗ din bei ihrem Heimgang leer gelaſſen, nie wieder beſetzt werden, in unſerem Hauſe ſo wenig wie in unſeren Herzen. Wo das Ihre bei den folgenden Blättern ſchneller ſchlägt, lieber Freund, wo Ihre Wange ſich von Mitempfindung röthet, oder wo ſich Ihrem ſcharfen Blicke eine neue Falte des menſchli⸗ chen Herzens entſchleiert, da ſeien Sie gewiß, daß der Geiſt unſerer Freundin Sie anweht. Alles dagegen, was an dem Buche mißlungen oder fehlerhaft erſcheint, ſchreiben Sie lediglich dem Herausgeber zu und er⸗ tragen es mit der Rachſicht, die Sie mir ja ſchon ſo oft und bei noch wichtigeren Gelegenheiten er⸗ wieſen haben. Erſtes Juch. Aus dem Tagebuche. Erſtes Capitel. Das Gewitter. Das Gewitter, das den Himmel ſeit einer Reihe von Stunden in ein wahres Flammenmeer verwandelt hatte, war endlich vorüber; nur vom Gebirge her zuckten noch einzelne falbe Blitze über das herbſtliche Gefilde. Je ſpäter im Jahre je ſchwerer die Gewitter; das iſt eine alte Bauernregel und auch unſer Martin, der Gärtner, dem ſeine ſiebenzig Jahre freilich ein gewiſſes Recht geben ſich für ein Stück Wetterprophet zu halten, hat ſie von jeher eifrigſt vertheidigt. Nun, heute kann er triumphiren; es war wirklich eins der heftigſten Gewitter, deren ich mich erinnere, und ſo tapfer die kleine Helene ſonſt auch iſt, ſo 16 hatte ich doch unter dieſem Zucken der Blitze, dieſem Krachen des Donners, dieſem Toſen des Sturmwin⸗ des, der das Haus bis in den Grund erſchütterte, einige Mühe ſie guten Muthes zu erhalten. Dem alten braven Martin aber, fürchte ich, wird ſein heutiger Triumph etwas theuer zu ſtehen kommen. Zwar iſt, wie mir zu meiner Freude von allen Seiten beſtätigt wird, der Schaden in der Umgegend nicht ſo groß als ich Anfangs fürchtete; der Segen der Felder befindet ſich längſt unter Dach und Fach, das Obſt iſt von den Bäumen genommen und ſo hat die Wuth der Elemente im Ganzen nur wenig gefunden, was ſie vernichten konnte. Nur mein Garten, dieſe geliebte Zuflucht meiner einſamen Stunden, ſcheint ein wenig gelitten zu haben; lang hingeſtreckt am Abhange des Berges, lag er für Sturm und Regenfluthen völlig offen und hatte den erſten und heftigſten Angriff auszuhal⸗ ten. Dem alten Martin ſtanden die Thränen im Auge, da er mir die Verwüſtung ſchilderte:„So viel Mühe und Koſten,“ murrte er,„ein ſo glückliches Jahr im Uebrigen, und nun in den letzen Herbſta gen, dicht vor Winter, noch dieſes Unglück 4ℳ Ich machte ihn aufmerkſam auf die Undankbar⸗. keit, die in ſeinen Worten enthalten war, und ſuchte ihn damit zu tröſten, daß, was bie Natur vernichtet, auch allemal von der Natur wieber her⸗ geſtellt wird. Doch wollte er von keinem Troſte wiſſen. Na⸗ mentlich konnte er ſich über die Verwüſtung unſerer kleinen Baumpflanzungen nicht zufrieden geben. Gras und Blumen, meinte er, wüchſen ſchon wieber, aber ſo ein Baum, das ſei allemal wie ein Stück Men⸗ ſchenleben. Neue Bäume könne er wohl pflanzen, o ja; aber er zähle ſiebenzig Jahre und was ihm ein Baum nütze, den er nicht mehr in Blüthe ſehen ſolle? Ich kenne dieſe Art der Leute zu gut, um wei⸗ ter mit Vorſtellungen in ihn zu dringen ein ſieben⸗ zigjähriges Leben darf wohl auch für ſeine Irrthümer und Launen ein wenig Nachſicht fordern. Ich ent⸗ ließ ihn alſo mit dem Verſprechen, mich, ſobald das Waſſer ſich ein wenig verlaufen, alsbald ſelber auf die Unglücksſtätte zu begeben und die Verwüſtung in Augenſchein zu nehmen; theils wußte ich, daß dies die beſte Art wat, ihn auf andere Gedanken zu bringen, theils wünſchte ich auch noch über Nacht auf Mittel und Wege zu denken, wie dem Schaden in möglichſter Kürze abzuhelfen. Der Abend dämmerte bereits, als ich kam, mei⸗ nen Vorſatz auszuführen 1856. VIII. Helene. I. 18 Und allerdings, das war ein kläglicher Anblick! Die wilden Waſſer, von der Höhe des Berges nie⸗ derſtürzend, hatten die Umfaſſungsmauer an ver⸗ ſchiedenen Stellen durchbrochen und meine zierlich ein⸗ gefaßten Beete, meine ſchönen wohlgepflegten Raſen⸗ plätze mit Schlamm und Steinen überſchüttet. Meine ſchlanken hochſtämmigen Roſen, die ich mit eigener Hand gepflanzt, waren geknickt, die junge Kirſchpflan⸗ zung, die wir erſt im vorletzten Herbſte angelegt, lag hingeſtreckt, reihenweiſe, wie die Soldaten in der Schlacht. Ach und was war aus meinem geliebten Rebengang geworden, deſſen Schatten mich ſo oft gaſtlich empfangen hatte! Die Gewalt des Windes hatte die Spaliere niedergeſchmettert, die ſchönen dichten Ranken mit den breiten grünen Blättern lagen zerknickt am Boden oder flatterten ängſtlich in der Luft, wie das Nothſegel eines ſcheiternden Schiffes; die röthlichen Trauben, die nur noch weniger ſonni⸗ ger Tage bedurft hätten, uns mit ihrem Saft zu erquik⸗ ken, waren vom Regen zerſchlagen und zerdrückt. Von der Hollunderlaube, dem Lieblingsplatz meiner Helene, wo ich ſo manchen Abend mit ihr verdämmerte, war nichts geblieben als ein wüſtes unanſehnliches Geſtrüppe. Selbſt die Terraſſe in der Mitte des Gartens, wo ſich die Ausſicht auf das gegenüberliegende 5 3 5 — ————— „ 19 Gebirge öffnet, war kaum wieder zu erkennen; die Raſenbekleidung war hinweggeſpült, einzelne Qua⸗ dern hatten dem Druck des feuchten Erdreichs nach⸗ gegeben, der Boden war hie und da geſpalten und gähnte mich an, ſchwarz und finſter, gleich einer offenen Gruft. Es war wie geſagt ein trübſeliger Anblick; eine Stadt vom Feinde geplündert, kann nicht wüſter, nicht ſchauerlicher ausſehen. Soll ich meine Schwäche geſtehen? Den alten ehrlichen Martin hätte ich tröſten wollen und nun fühlte ich von der Größe dieſer Zerſtörung mich ſelbſt aufs ſchmerzlichſte ergriffen. So viel Jahre, dachte ich, haſt Du dieſe Stätte gepflegt und gewartet, ſo viel ernſte und ſchwere Stunden Deines Lebens, ſo viel Seufzer und Träume waren mit dieſen Bäumen, dieſen Blumen verwachſen— und nun haben wenige Stunden genügt, das Alles in Trümmer zu werfen?! Eine unnennbar trübe Stimmung überkam mich, eine jener Stimmungen, unter deren ehernem Druck ich früher gezittert hatte, wo das Leben uns aſchfar⸗ ben erſcheint und aller Muth, alle Hoffnung aus dem gepreßten Herzen entwichen ſind. Dazu hing der Himmel noch dicht voll Wolken, einzelne große Tropfen, die Nachzügler des abſchiednehmenden 2* 20 Gewitters, ſchlugen mir ſchwer und kalt ins Geſicht, während ein eiſiger Hauch mich durchfröſtelte. Iſt dies, mußte ich mir ſelbſt ſagen, nicht vielleicht ein Bild Deines Lebens? Glaubteſt Du nicht auch, Deine ſtillen ſonnigen Herbſttage wären gekommen? Und lauert nicht vielleicht auch an Deinem Horizont ſchon das verſpätete Gewitter, das alle Deine Saaten ver⸗ nichten, Deine Hoffnungen zerſtören wird? Iſt der Frieden der Natur ſolch gebrechlich Ding nnd Du Thö⸗ rin wähnteſt, der mühſam errungene Friede Deines Herzens werde von feſterer Dauer ſein? Wo ſind nun die Blumen, die Du ſäeteſt, die Früchte, die Du pflanzteſt? Hat alle Deine Sorgfalt ſie vor einem ſchmählichen Untergange bewahren können? Und wer bürgt Dir, daß die Sant von Liebe und Wohlthun, die Du auszuſtreuen bemüht biſt, heſſer aufgehen und glücklicher gedeihen wird?— Ich mußte an Dich denken, meine Helene— o Du, zwar nicht das Kind meines Leibes, aber dar⸗ um nicht weniger das Kind meiner Liebe! Zarte Menſchenknospe, in deren jugendlichem Keime Alles zuſammengefaßt liegt, was ich vom Leben, ja über das Leben hinaus noch wünſche, hoffe, fordere! Mein Herz hält Dich umſchlungen mit hunderttauſend Fä den, wie der mütterliche Boden die Pflanze feſthält, 21 die er trägt; wenn ich das Leben noch dulde, wenn ich die Dämonen der Vergangenheit, die ſo oft mit tödtlichem Griff nach meinem Herzen krallten, gebän⸗ digt habe, wenn ich mich ſelbſt zu überreden ſuche, ich könne noch wieder thätig, nützlich und alſo auch glücklich ſein— um wen iſtes Alles geſchehen als um Dich? Und nun ſehe ich es aus dieſen zerknickten Zweigen und ſehe es aus den zerblätterten Blumen und höre es aus dem Pfeifen dieſes Abendwindes, daß auch Du nur eine Knospe biſt wie andere und daß auch Dein Leben nur ein Leben ſein wird wie Menſchen es führen: das heißt ein Leben voll Sturm und Gewitter, voll Widerſpruch und Täuſchung, ein Leben unter dem Beil des Henkers, voll Kampf, Irrthum und Schuld!—— Es muß ziemlich lange geweſen ſein, daß ich ſo geſtanden habe, in ſchmerzliche Gedanken verſunken, als plötzlich ein leuchtender Strahl mein Auge be⸗ rührte und ein leiſer zärtlich girrender Laut an mein Ohr traf. Ich fuhr in die Höhe— der Wolken⸗ ſchleier, der den Himmel verdüſtert hatte, war zerriſ⸗ ſen und hell und klar, ein goldener Feuerball, neigte die Sonne ſich dem Untergange zu, während an der entgegengeſetzten Seite die ſilberne Sichel des Mon⸗ des langſam in die Höhe ſtieg. Ich blickte ſeitwärts 22 zu meinen Füßen— und ſiehe da, ein Hänf⸗ lingsneſt ſchaukelte ſich wohlbehalten zwiſchen den Zweigen eines umgeſtürzten Baumes; es war offen⸗ bar mit der Krone deſſelben heruntergeſchlendert wor⸗ den, aber ſo glücklich war der Sturz geweſen, daß weder der zarte Bau, noch ſeine luftigen Bewohner irgend einen Schaden dabei erlitten hatten. Die Jungen ſtreckten die kleinen nackten Schnäbel piep⸗ ſend über den Rand des Neſtes; die Mutter ſaß daneben und theilte ſorgfältig die Biſſen aus, welche das eifrig hin⸗ und herfliegende Männchen unter lu⸗ ſtigem Gezwitſcher herbeibrachte. Der Anblick des unbeſchädigten Neſtes mitten in der allgemeinen Zerſtörung ergriff mein Herz mit wunderſam tröſtender Gewalt; ich dachte noch ein⸗ mal an Dich, o meine Helene, und fühlte wie der Krampf ſich löſte, der meine Seele umklammert ſel Inzwiſchen war die Sonne tiefer und tiefer ge⸗ ſunken; ein roſiger Schein verklärte Himmel und Erde. Der Regen tropfte nur noch leiſe, langſam von den zerknickten Aeſten, wie ein Auge, das ſich ausgewient hat und nun unter den letzten Thränen friedlich entſchlummert. Die Waſſer hatten ſich ver⸗ laufen, der feſte Grund trat wieder hervor; mein 23 Auge fiel auf ein Aſternbeet, das mitten im Sturm unverſehrt geblieben war und die Verwüſtung kam mir nicht mehr halb ſo arg vor, als wenige Minu⸗ ten vorher. In dieſem Angenblick kam auch der alte Mar⸗ tin; er hatte ſich nach ſeiner Art den Aerger vom Leibe geredet und fand nun auch, daß der Schaden nicht gar ſo groß, wie er Anfangs gedacht hatte. Ich ſuchte ihn in dem guten Glauben zu beſtärken und empfahl ihm, für das Hänflingsneſt Sorge zu tragen. Indem ich durch die Gartenthür ſchritt, blickte ich noch einmal zum Himmel empor; die Sterne traten deutlich aus der Dämmerung und ein wunderſamer Frieden, als müßten nun alle Stür⸗ me auf ewig vorüber ſein, ergoß ſich in meine Seele. ZWweites Capitel. Helene. Schon auf der Treppe kam mir Helene entge⸗ gen; mein langes Ausbleiben hatte ſie ängſtlich ge⸗ macht. Nach ihrer ſchmeichleriſchen Weiſe zog ſie mich in das Zimmer, in die trauliche Ecke zwiſchen „ 24 den Epheuwänden, wo man die doppelte Ausſicht auf das Gebirge und in die Ebene hat; ich konnte von hier aus mit Einem Blicke die ſcheidende Sonne ſehen, die nur noch wie ein rother Stern im Aether ſchwamm, und zugleich den Mond, der immer heller uud ſiegreicher emporſtieg. Sein lieblicher Schein ſtahl ſich ins Fenſter, lief an den Epheuranken in die Höhe und ruhte dann auf jenen Bildern aus, den Erinnerungszeichen vergangener Jahre, mit de⸗ nen ich dieſe meine Lieblingsſtätte geſchmückt habe. Helene hatte ſich zu meinen Füßen gekauert; ihre großen klaren Augenſterne ſchienen im Mond⸗ licht noch einmal ſo hell; ohne ſie anzublicken, mit halb geſchloſſenen Augen, fühlte ich doch deutlich, mit welcher Innigkeit, welcher treuen reinen Kindes⸗ liebe ſie auf meinem Antlitz ruhten. So ſaßen wir lange Zeit, ohne ein Wort zu ſprechen; die Geiſter der Vergangenheit wurden wach und nahmen mich gefangen in ihren magiſchen Netz. Aber ſie zeigten keine drohende Miene mehr, ihr Angeſicht war klar und mild wie der Abendhimmel, ihre Häupter neigten ſich, blaß, aber friedlich, wie der Mond dort oben, der ſo ſtill, ſo lächelnd auf uns hernieder ſchien. Endlich erinnerte ich mich an das Kind zu 25 meinen Füßen; die lange bange Stille mußte ihm unheimlich werden. Ich raffte mich alſo zuſammen und fing an ihm allerhand ſchöne Geſchichten und Märchen zu erzählen, wie es unſere Gewohnheit iſt in der Dämmerſtunde: vom Rothkäppchen, vom Ein⸗ äuglein und Zweiäuglein, vom ſchönen Dornröschen und dem edlen Prinzen, der es erlöſte. Das Kind iſt ſonſt unermüdlich im Anhören ſolcher Geſchichten; nur heute zeigte ſie keine rechte Aufmerkſamkeit dafür, ihr Auge ſchweifte unruhig zu den Bildern, die in der ungewiſſen Beleuchtung faſt aus ihren Rahmen zu ſteigen ſchienen, und dann wieder wandte ſie es zu mir, ſo ernſthaft fragend, ſo andächtig bittend, als wollte ſie auf dem Grunde meiner Seele leſen. „Aber meine Helene iſt müde?“ fragte ich endlich,„meine Geſchichten gefallen ihr nicht mehr?“ * Das Kind ſchüttelte das Köpfchen mit jener wunderlichen Bedächtigkeit, die uns ſchon ſo oft an ihm in Erſtaunen ſetzte. „Müde bin ich nicht,“ ſagte ſie,„ſieh nur her, meine Angen ſind noch ganz klar und wacker und auch Deine Geſchichten ſind ſo gut wie ſie immer geweſen find; Rothlaͤppchen war ein braves Kind und daß es von dem Kuchen nichts aß, den es 26 der Großmutter bringen ſollte und begnügte ſich mit ſeinem trockenen Brödchen, das hat mir immer ſehr gefallen von ihm. Aber....“ Das Kind verſtummte und ſpielte mit S Ernſthaftigkeit an den Fingern, wie ſie alle Mal thut, wenn ſie in eine gelinde Verlegenheit ge⸗ rathen iſt. „Aber?“ fragte ich— Statt aller Antwort ſprang das Kind in die Höhe, ſchlang die kleinen runden Arme feſt um meinen Nacken und das glühende Geſichtchen dicht an meine Bruſt preſſend: „Aber es ſind doch nur Märchen,“ flüſterte ſie, „Geſchichten von Menſchen, die längſt todt ſind oder auch vielleicht niemals gelebt haben. Ich aber bin nicht mehr ſo kindiſch wie Du ſ ich möchte wiſſen“. Sie ſwete aufs neue und wihlle ihr Geſicht⸗ chen immer tiefer in meinen Schvoß. Die ſeltſame Aufregung des Kindes verſetzte mich in Unruhe. Doch ſchien es mir das Gera⸗ thenſte, dem Gange ihrer Empfindungen nachzu⸗ folgen. „Und was möchteſt Du wiſſen?“ wieberholte ich, indem 6 ihr das Köpfchen leiſe in die Höhe richtete und ihr die ſüßen goldenen Löckchen aus der Stirn ſtrich; der Mond fiel voll auf das runde friſche Angeſicht und ich war nun gewiß, daß wenig⸗ ſtens eines jener Gemälde allerdings lebendig ge⸗ worden war. Die Gedanken des Kindes ſchienen ſich mit den meinigen zu begegnen; es entſchlüpfte meiner Umarmung und auf die Bilder uns gegenüber deutend: „Da,“ rief es,„ſind meine Märchen! da find die Geſchichten, die ich hören will! Du biſt mir Vater und Mutter, ich weiß es, und will nie an⸗ dere Eltern haben. Aber ich weiß auch und Du ſelbſt haſt mir geſagt, daß ich einmal andere El⸗ tern gehabt habe— dort, den Mann mit den brau⸗ nen krauſen Locken, und die bleiche Frau daneben mit den ſanften ſtillen Augen— von ihnen erzähle mir! von meinen Aeltern erzähle und von dem fer⸗ nen fremden Lande, wo ich geboren bin und von wo ſie mich zu Dir gebracht haben, ein armes klei⸗ nes Storchkind, das elendiglich hätte verſchmachten müſſen, wenn es nicht in Dir, o Du Gute, einen neuen Vater und eine neue Mutter gefunden hätte! Ich liebe Dich— aber ich liebe auch den alten Vater— ich mag keine Märchen und Geſchichten mehr— von meinem Vater will ich hören, von 28 meinem Vater!!“ rief die Kleine, indem ſie ſich ſchluchzend in meine Arme warf. Und wäre jetzt wirklich eines der Bilder herab⸗ geſtiegen und hätte mich angeweht mit Geiſter es hätte mich nicht ſo erſchüttern können wie di Auftritt. Wie war mir denn? Hatte die Zeit ſtille ge⸗ ſtanden ſeit vierzig Jahren? war alles Leid und Weh die⸗ ſer langen Jahre nur ein Traum geweſen? und war ich das nicht ſelbſt, die da vor mir ſtand, im Kinderröckchen, und drückte die Händchen gegen die Angen und rief: ich will von meinem Vater, von meiner Mutter hören?! Soll denn Alles im Leben ſich nur ewig wiederho⸗ len? Iſt mit meinem Namen und mit meiner Liebe auch mein Schickſal auf dieſe unſchuldigen Scheitel übergegangen? Und ſoll die Gegenwart mir nur ewig das ruheloſe, nimmerſatte Geſpenſt der Ver⸗ gangenheit bleiben? Ja, wie dieſes Kind habe auch ich einſt gerufen, gleich ihm pochte ich, halb aus Zärtlichkeit, halb aus kindiſcher Nengier, an die verſchloſſenen Herzen— welche Antwort ward mir? Und da mir überhaupt eine Antwort ward, was machte ſie aus mir?! Meine Beſtürzung war ſo groß, daß ſie der Kleinen unmöglich entgehen konnte. Den wahren Grund derſelben errieth ſie natüͤrlich nicht: doch 29 ſuchte ſie mich nach ihrer gutmüthigen Weiſe zu be⸗ ruhigen. liebe Dich ja ganz gewiß,“ ſagte ſie, in⸗ dem ſie vor mich hinkniete und die kleinen Arme ſchmeichelnd um meine Füße ſchlang:„Ich liebe Dich ja ganz gewiß und Dich allein; ich habe auch gar keine Sehnſucht mehr nach dem fremden Lande— es muß ein garſtiges Land ſein, weil ſie da meine ſchöne Mutter und meinen guten großmüthigen Va⸗ ter in die dunkle Erde verſcharrt haben— Ich will bei Dir bleiben ewige Zeit, Du ſollſt meine Mutter ſein und mein Alles und ich Deine Helene und Dein Alles und nie ſoll ſich ein Dritter zwiſchen uns ſtellen. Aber eben deshalb, weil ich Dich liebe, ſollſt Du mir nicht immer blos von Rothkäppchen und Dornröschen erzählen, ſondern von Dir ſelbſt ſollſt Du mir erzählen, von vergangenen Tagen, wo Du noch jung und luſtig und dieſe Bilder noch lebendig waren....“ Ich ſuchte das Geſpräch abzubrechen, indem ich die Kleine erinnerte, daß die Stunde gekommen, wo ſie ſich zur Ruhe zu begeben pflegt. Aber vergebens! Haben wir Erwachſenen doch, die wir gehärtet ſind in der Schule des Lebens und deren ganzes Studinm von früh an dahin gerichtet 4 30 iſt, zu ſchweigen, wenn wir ſprechen möchten, und zu lächeln, wenn uns die Thränen in die Augen ſtei⸗ gen— haben wir doch unſere Stunden, wo das Herz ſich nicht länger meiſtern läßt und der lang⸗ verhaltene Strom der Empfindung unwiderſtehlich durch alle Dämme bricht; ſollte ein Kind denn ſtärker ſein? So überraſchend mir der Vorgang war, ſo war er doch offenbar keine bloße Geburt des Au⸗ genblicks; meine kleine Helene hatte dieſe Gedanken offenbar ſchon unzählige Male im Köpfchen hin⸗ und⸗ hergewälzt, unzählige Male waren ſie ihr auf die Lippe getreten; was jetzt losbrach, wie ein Bach, der ſeine Ufer überſteigt, dieſe ſtrömenden Thränen, dieſe Fluth von Fragen und Ausrufen, hatte offen⸗ bar ſchon ſeit Langem auf der Tiefe ihres kleinen Herzens gebrauſt und gegohren. Mit Schaudern erinnerte ich mich an die ſchlafloſen Nächte, die ich einſt in demſelben Alter über denſelben Geheimniſſen zugebracht; ich fühlte den erſtickenden Schmerz, mit dem ich damals gerungen, wenn die verbotene Frage mir auf der Zunge brannte und ich mußte ſie wie⸗ der hinunterſchlucken, ohne Antwort, ohne Troſt. Ein unendliches Mitleid ergriff mich und obwohl ich mir ſagen mußte, daß die kleine Helene ſehr viel glück⸗ licher war als ich es dereinſt geweſen, indem hier nichts * 31 von jenen Geheimniſſen obwaltet, die meine Jugend verdüſterten und ihren finſtern Schatten noch weit, weit bis in die Mitte meines Lebens warfen, ſo konnte ich doch nicht umhin meine Thränen mit den ihren zu vermiſchen. Das Kind reckte ſich in die Höhe, um ſie mir vom Geſichte zu küſſen. „Siehſt Du,“ ſagte ſie,„nun weinſt Du ſchon wieder— denkſt Du denn, ich habe nicht geſehen, wie oft Du vor dieſen Bildern weineſt? Meinſt Du, ich habe Dich nicht belauſcht, wie Du die Arme gegen ſie breiteſt und Seufzer ausſtößſt, ach ſo ſchmerz⸗ liche Seufzer, daß ich weinen muß, ſo wie ich dar⸗ an denke? Du biſt ſo ſanft, ſo gut, alle Leute ſeg⸗ nen Dich— warum weinſt Du denn? Was haſt Du, daß Du zuweilen ſo traurig wirſt und ſchickſt Deine kleine Helene hinaus und ich ſehe nur durch die Thürſpalte, wie Du die Hände ringſt und Dein liebes Geſicht in Thränen badeſt? Der finſtere Mann dort mit dem ſchwarzen buſchigen Haar, rechter Hand vom Vater— Du heaſt mir geſagt, es wäre Dein Mann geweſen und das bleiche blaſſe Kind war Dein Sohn— warum ſieht Dein Mann ſo finſter aus? Was ſoll die ſchwarze Schleife an dem Rahmen? Und warum iſt Dein Sohn ebenfalls 32 müde geworden vor der Zeit und hat ſich zur Ruhe gelegt in die kühle Erde, lange bevor ich gekommen? Es wäre ſo hübſch geweſen, wenn ich einen Bruder gehabt hätte und wir hätten immer mit einander ſpielen wollen.... Herr des Himmels, welche zweiſchneidige Meſſer haſt Du auf die Lippe dieſes Kindes gelegt, daß es mich verwundet, indem es mich liebkoſen will?! Doch bezwang ich meine Aufregung, ſo gut es eben gehen wollte und ſuchte die Kleine aufs Neue damit zu beruhigen, daß ich ſie auf ſpätere Zeiten vertröſtete, bis ſie älter und verſtändiger geworden. Allein meine Worte fanden nur halben Eingang. „Ich will ja gerne warten,“ ſagte ſie, indem ſie ſich dicht an meine Wange ſchmiegte,„theure Mutter: aber verſprich mir nur, daß Du nicht von mir gehen willſt und willſt mich nicht allein laſſen in der weiten Welt, ohne mir Alles geſagt und er⸗ zählt zu haben. O Mutter,“ rief das Kind, wäh⸗ rend ſeine Thränen aufs Neue unaufhaltſam floſſen, „ich habe ja Niemand auf der weiten Welt als Dich, weder Bruder noch Schweſter, noch irgend einen Menſchen, der von der kleinen Helene weiß und ihr Geſchichten erzählen kann und kann ſie ² tröſten, wenn ſie traurig iſt— o denke, denke, theuere 33 Mutter, wenn nun eines Tages die ſchwarzen Män⸗ ner kämen und trügen auch Dich davon— wäre ich nicht auf der Welt wie ein Vöglein, das aus dem Neſt gefallen? Und ſiehſt Du, es iſt nicht blos um meinet⸗ und auch nicht blos um Deinetwillen — auch die armen Todten dauern mich in ihren Gräbern; es muß Jemand ſein, der von ihnen weiß, ſie müſſen Jemand haben, die armen ſtummen Bil⸗ der da oben, der ſich vor ſie ſtellt in den langen ſtillen Abenden, wie Du es zuweilen thuſt, und nickt ihnen zu und ſpricht mit ihnen gleich Dir und erzählt ihnen alte ſchöne Geſchichten von ehe⸗ dem— nicht wahr, da freuen die Bilder ſich? und die guten Todten ſchauen hoch von oben mit ihren Sternenaugen darein und flüſtern uns leiſe Antwort zu? Ach, Mutter, es muß ja ſchrecklich ſein, ſterben und Niemand zuruͤcklaſſen, der uns liebt und von uns weiß; auf ſolchen Gräbern, meine ich, könnte ja keine Blume blühen und kein Vogel könnte zu ihren Häuptern niſten....“ 1856. VIII. Helene. I. 3 34 Drittes Capitel. Der Entſchluß. In dieſem Tone ſprach die Kleine noch lange fort; mit Erſtaunen bemerkte ich— eine Bemerkung, die wir im Umgang mit Kindern freilich ſehr häuſig machen, und die nur immer aufs neue beweiſt, daß jeder Menſch ſich nach eigenen Geſetzen entwickelt und daß, ſo wenig man den Halm kann wachſen ſehen, ebenſo auch kein Ohr fein, kein Auge ſcharf, ja ſelbſt keine Liebe wachſam genug iſt, in die ſtille Pflanzſtatt des menſchlichen Herzens zu dringen, ſon⸗ dern jeder Menſch iſt noch heute ein Wunder: wie es erſcheint, ſo iſt es da. Mit Erſtaunen, ſage ich, bemerkte ich, daß das 3 Kind ſich ſeit einiger Zeit viel raſcher entwickelt und weit mehr an Gedanken und Empfindungen in ſich verarbeitet hatte, als ich ihm zugetraut. Iſt man einmal ſo weit, die beginnende Selbſtändigkeit des Kindes anzuerkennen, ſo iſt auch das richtige Ver⸗ hältniß bald gefunden. Ich zog die Kleine neben mich und erzählte ihm mit einfachen Worten und im Zuſammenhang, nicht mehr nicht weniger, als ihrer 35 Faſſungskraft angemeſſen und als ſie ſchon früher durch einzelne gelegentliche Außerungen erfahren hatte. Nämlich daß ihr ſeliger Vater mein nächſter und liebſter Jugendfreund, der Geſpiele und Lehrer mei⸗ ner Kindheit geweſen; daß er dann ſeiner Berufs⸗ geſchäfte halber weitweg in fremde Länder gegan⸗ gen und ſich endlich in England niedergelaſſen; daß wir im Zeitraum vieler Jahre wenig oder nichts von einander erfahren und daß ich ihn auch nie mit Augen wiedergeſehen; daß er ſich ſpäter in England eine Frau genommen, Helenens WMutter, und daß er nach dem frühzeitigen Tode derſelben, da er ſelbſt ſein Ende herannahen fühlte, das verwaiſte Kind, als ſein ſchönſtes und theuerſtes Beſitzthum, in meinen Schutz, den Schutz der alten treuen Jugendfreundin übergeben.. Es war das, wie geſagt, keine Silbe mehr, als ſie ſchon früher gehört hatte. Aber der Umſtand, daß ich es ihr heute zum erſtenmal im Zuſammen⸗ hange vortrug und daß meine Erzählung ausdrück⸗ lich für ſie beſtimmt war, gab derſelben einen ganz neuen Werth und trug nicht wenig dazu bei, den Ungeſtüm der Kleinen zu beſchwichtigen. Sie lächelte unter Thränen, nannte mich ihr beſtes Mütterchen, warf den Bildern ihrer Eltern ein Kußhändchen zu * 36. und ließ ſich dann ſo ſanft und ruhig in ihr Bett⸗ chen bringen, als wäre überhaupt nichts vorgefallen. Ich aber habe noch lange einſam an ihrem Lager geſeſſen. Sie lag ruhig mit gefaltenen Händchen; kleine warme Schweißtropfen perlten auf der weißen Stirn, die Wangen waren roſig angehaucht und die kleine Bruſt wogte in regelmäßigen Zügen langſam auf und nieder. Und doch konnte ich nicht Ruhe finden und noch immer war es mir, als fühlte ich ihr Aermchen ängſt⸗ lich um meine Kniee geſchlungen und ihr kleines fei⸗ nes Stimmchen wimmerte:„ich will von Vater und Mutter, ich will von Dir, ich will von der Vergan⸗ genheit wiſſen!“ Ich bin nicht abergläubiſch, wenigſtens nicht abergläubiſcher als es Frauen verſtattet iſt, und doch klang es mir unabläſſig vor den Ohren und immer aufs neue mußte ich es mir wiederholen:„wenn die ſchwarzen Männer nun kommen, Dich auch hin⸗ weg zu tragen, v denke, denke, daß ich dann ganz allein bin und Niemand habe, der mir erzählen kann von der alten Zeit!“ Nein, meine theure Helene, Du ſollſt nicht ſein wie das Vögelchen, das aus dem Neſt gefallen; warme Hände ſollen Dich betten, der Athem der 37 Liebe ſoll Dich groß ziehen wie bisher, und kann meine Stimme Dich nicht mehr erreichen, wohlan, ſo ſoll es mein geſchriebenes Wort noch thun und ſoll Dir in der Geſchichte meines Lebens, die ja ſo eng mit dem Deinen verflochten iſt, einen Spiegel vor⸗ halten für Deine reifern Jahre. So Gott will, wirſt Du deſſelben nie bedürfen; ſollte der Himmel jedoch anders über Dich beſchloſſen haben und auch Dir ſollte die Stunde des Irrthums und der Verſuchung kommen, ſo mag ſein Anblick Dir neue Kraft und Stärke geben. Unſere theuren Todten ſollen nicht unbeklagt, nicht unverſtanden bleiben; auch wenn das meine ſich längſt geſchloſſen, ſoll noch ein Auge ſein, das ihnen zärtlich zunickt und ihrem Andenken den heiligen Zoll der Thränen nicht verſagt. Meine Lippen werden in Staub und Aſche zerfallen, viel⸗ leicht ſehr bald; aber die Deinen, Du holde Knospe, gleich zwei blühenden Roſen, ſollen den armen ſtum⸗ men Bildern zuflüſtern und ſollen ihnen ſagen, daß das Schickſal verſöhnt iſt hnd daß keine Nacht ſo dunkel, die Sonne Gottes muß endlich doch die Welt durchleuchten!— Werde ich die Kraft, ja werde ich nur immer den Muth haben, den finſtern Spuren meiner Ver⸗ gangenheit nachzugehen? Wie lange, wie ängſtlich 38 hab' ich ſie geflohen! Wie oft war es mir bei Tag, bei Nacht, als ob ihre Geſpenſter mir über die Schulter grinſten, daß ich nicht um mich zu blicken wagte! Ja wie oft bin ich emporgeſprungen in nächtlicher Stunde vom ruheloſen Lager und habe mich an Dein Bett geflüchtet, o Du mein theures Kind, Du reine zarte Blume, und habe meine Hände über Dein Haupt gebreitet und habe zu Gott gebe⸗ tet, daß er mich ſchütze, ſchütze vor dem Wahnſinn um Deinetwillen! Und nun will ich ſelbſt an dieſen finſtern Geheimniſſen rühren? Wie mit einem:„Se⸗ ſam öffne Dich, will ich an den Zauberberg meiner Erinnerungen treten und weiß doch ſelbſt nicht, ob ich im Stande ſein werde, mich zurückzufinden? Ich will es, ja ganz gewiß, ich will es! Wie ſagte die Kleine? Die Todten können nicht in Frie⸗ den ſchlafen, wenn Niemand iſt, der von ihnen weiß und ſpricht. Wohlan denn, meine Todten! Du mein armer finſtrer Mann, von dem ich viel nnrecht erlitten und an dem ich ſelbſt noch größeres begangen, und Du mein theurer, mein unvergeßlli⸗ cher Freund— ſeht her, ich bringe Euch Euer Tod⸗ tenopfer! Das ſoll meine eigentliche und letzte Buße ſein: ich will dem Labyrinth meiner Schickſale, meiner Irrthümer, meiner Verſchuldungen nachgehen, ich will 39 es aufzeichnen, wie ein Gewebe von kleinen unſchein⸗ baren Zufälligkeiten, von Eitelkeit, Mißverſtändniß, Schwäche ſich zu einem Netz ausſpann, dem wir end⸗ lich Alle erliegen mußten.— Auch ſind die Geiſter noch lange nicht ſo gebannt wie ich dachte, mein Herz iſt noch voll von Furcht und Reue; der heutige Abend nach dem Gewitter hat es mir gezeigt. Gut denn, ich will ihnen Stand halten; ich will noch einmal den trüben Gang meines Lebens an mir vorüber gleiten laſſen und will zu Gerichte ſitzen über meine eigenen Irrthümer. Nicht um Andere anzuklagen, nicht um mich ſelbſt rein zu waſchen, beim Himmel nicht! Was wir Schickſal nennen, iſt immer nur der Widerſchein des eigenen Gemüthes; jeder Boden trägt nur den Samen, der in ihn ge⸗ legt iſt; äußere Umſtände können uns hindern glück⸗ lich zu ſein, aber unglücklich werden wir nur durch uns ſelbſt.— Wird das Schickſal mir Kraft und Zeit ver⸗ leihen, das begonnene Werk zu vollenden? Wird ein Tag kommen, wo ich meine Helene herangeblüht ſehe zur glücklichen Frau und Mutter und ihr— nicht ohne Scham um meinet⸗, aber doch ohne Scham um ihretwillen— dieſe Leidensgeſchichte einer ihrer Mitſchweſtern übergeben kann? 40 Ich weiß es nicht, aber ich hoffe es; ich denke an das Hänflingsneſt im umgeſtürzten Baum und mein Herz fühlt ſich wie von Schwingen getragen. Seit dieſes Kind meiner Obhut übergeben ward, hat mein Leben wieder Werth und Würde, ich be⸗ greife nun, wozu der Himmel mich aufgeſpart und warum ich der Verzweiflung meiner frühern Jahre nicht erlegen bin! Sie zum reinen, tüchtigen Weibe heranzuziehen; die edle Knospe freien reinen Men⸗ ſchenthums, die in ihre Bruſt gelegt ward, zu ent⸗ falten zur friſchen vollen Blüthe; ſie zu hüten vor jenen kleinen unſcheinbaren und doch ſo gefährlichen Wunden, den Wunden der Verbitterung, der Be⸗ ſchämung, der Eitelkeit, die ſo oft ſchon in unſere jugendlichen Herzen geritzt worden, bevor nur ein Menſch daran denkt, daß wir überhaupt ein Herz haben, und die dann ſpäter ſo oft ſo furchtbar verhängniß⸗ voll werden; ſie(mit einem Worte) dem Leben ſo rein zu übergeben, wie ich ſie vom Sterbebett ihres Vaters empfangen habe, und dabei ſo ſtark und in ſich befeſtigt, daß ſie keine Gefahren des Lebens zu ſcheuen braucht— das iſt es, wofür ich noch lebe, das iſt die Aufgabe, die ich zu erfüllen habe und der auch dieſe Blätter dienen ſollen.— und ich werde ſie erfüllen! Habe ich nicht 41 geſehen, wie die Sonne ihren purpurnen Schein über die ſturmgepeitſchten Fluren goß? Wandelt nicht der Mond nach Regen und Wetternacht ſeine ewig gemeſſenen Pfade? Iſt das Leben eines Menſchen weniger denn ein Herbſttag und ſollte nicht auch für meinen Lebensabend noch irgend wo ein letztes mildes Sonnenleuchten aufgeſpart ſein? Ich glaube an die ewige Gerechtigkeit des Schickſals ind daß keine Schuld ohne Strafe bleibt: aber ich glaube auch an die Kraft einer aufrichtigen, werkthätigen Buße und daß Gott Dem ſeinen Frieden nicht wei⸗ gert, der ihn ernſtlich ſucht. Schlaf⸗ denn, theure Helene, ſchlaf' in Frieden! Ich aber wache und ſchreibe mit zitternder Feder die Geſchichte meines Lebens, meiner Liebe und meiner Leiden.. § Zweites Zuch. Eine Kindheit. Erſtes Capitel. Der weiße Pudel. Es iſt etwas Wunderliches mit den Jugend⸗ erinnerungen; die wichtigſten und intereſſanteſten Ereig⸗ niſſe unſerer Kindheit, Züge geliebter Perſonen, Aeuße⸗ rungen und Vorfälle, die für unſer ganzes Leben entſcheidend geworden ſind, vergeſſen wir zuweilen oder können uns doch nur aus den Erzählungen drit⸗ ter Perſonen an ſie zurückerinnern, während andere ganz geringfügige, ja zufällige Umſtände von dem eigenſinnigen Gedächtniß mit einer faſt beängſtigen⸗ den Treue feſt gehalten werden. So ergeht es auch mir. Indem ich die Bilder meiner früheſten Kindheit an mir vorüber ziehen laſſe, ſteht kaum ein zweites ſo lebendig vor mir und mit ſolcher Deutlichkeit als... 46 Aber nein, es iſt zum Lachen und ich ſchäme mich faſt vor mir ſelbſt, es hinzuſchreiben. Doch muß es heraus: die früheſte, deutlichſte, und beinahe muß ich hinzuſetzen, auch die liebſte Erinnerung mei⸗ ner Kindheit knüpft ſich nicht an Vater oder Mutter, ſondern an— einen weißen Pudel. Und zwar war dieſer Pudel gar kein wirklicher Pudel; wie wäre auch ein Hund, ein leibhaftiger wirklicher Hund wohl jemals geduldet worden in dem klöſterlichen Hauſe, in welchem ich meine Kind⸗ heit verlebte? Sein Bellen hätte ja die feierliche Stille unterbrochen, die in dieſen Räumen herrſchte; er hätte ja vielleicht einmal zur Unzeit an die Thür kratzen oder ſpringen können, wo er blos laufen, laufen, wo er ſtill liegen ſollte.. Nein, ſolche Extravacangen wurden in unſerm Hauſe nicht geduldet; da war Alles fein nach der Schnur geordnet, nicht blos Eſſen und Trinken, Schla⸗ fen und Aufſtehen, auch Sprechen und Schweigen, Fragen und Antworten, die Augen Auf⸗ oder Nieder⸗ ſchlagen— es hatte Alles ſeine vorgeſchriebene Stunde oder richtiger geſagt ſeine Minute; Menſchen hatte man allenfalls ſo dreſſiren können, aber der gelehrigſte Hund wäre für dieſe künſtliche Hausord⸗ nung, in der wir lebten und erzogen wurden, noch meiner Erinnerung zurückgeblieben; ſo ſehr der Pudel mit dem krauſen weißen Fell, den langen lappigen Ohren, der kohlſchwarzen Naſe, die ordentlich in die Luft zu ſchnopern ſchien, meine Aufmerkſamkeit gefangen. Woher dieſer gewaltige Eindruck? Und wie es kam, daß von allen Schätzen, welche das Schaufen⸗ ſter eines Spielwaarenladens für die Begehrlichkeit eines Kindes zu enthalten pflegt, nur gerade dieſer Pudel, ſonſt nichts, mich in eine ſolche Begeiſterung verſetzte, daß ich die Spuren davon noch heut im Gedächtniß trage? Ich weiß es ſelbſt nicht mehr zu ſagen. Doch hat man mir in ſpätern Jahren erzählt, daß ich als Kind ſtets eine große Sehnſucht nach einem Hund, einer Katze, einem Lamm oder irgend einem andern Spiel⸗ 5 gefährten dieſer Art, ja ſelbſt nur nach einem Vögel⸗ chen gehabt habe, das ich mir hätte im Käſig hal⸗ ten, mit dem ich mein Morgenbrod hätte mi deſſen Zwitſchern ich hätte belauſchen dürfen. Wie ſchon erwähnt, geſtattete die Ordnung unſeres Hauſes die Erfüllung meines Wunſches nicht, ſelbſt angenommen, daß es in dieſem Hauſe überhaupt Sitte geweſen wäre, auf die Wünſche der Kinder Rückſicht zu nehmen; 49 und ſo bewunderte ich denn vermuthlich im Bilde, was mich in Wirklichkeit niemals beglücken ſollte. Und dann noch ein Grund, der eigentlich Alles erklärt; der ſchöne weiße Pudel, mit den rothen Ringen um die Augen und dem funkelnden Hals⸗ band, war ein Spielzeng. Spielzeug aber gehörte in dem Hauſe, wo ich erzogen ward, ebenfalls zu den verbotenen Dingen; es war, wie man uns ſagte, nur eine Quelle des Müſſiggangs für die Kinder und gab ihrer Phantaſie, dieſer verderblichſten aller Sec⸗ lenkräfte, eine höchſi gefährliche Nahrung. So weit ich zurückdenken kann, ſind bunte Steinchen, die ich heimlich von der Erde las, dürre Blätter, abgefallene Zweige das einzige Spielwerk geweſen, mit welchem ich mich beſchäftigen durfte; jene köſtlich bunten Nußknacker mit den großen Glotzaugen und den ſpitzen Judenbärten, jene Puppen zum Aus⸗ und Ankleiden, jene Bettchen mit Vorhängen, hinter denen die Pup⸗ pen ſo behaglich ſchlummern, jene Häuſer, Wagen, Pferdchen, die anderwärts das Entzücken der Kin⸗ derwelt bilden— über unſere Schwelle durften ſie nicht kommen, das„Syſtem“ des Hauſes geſtattete ihnen keinen Zutritt. Alles mit Ausnahme jenes elaſſiſchen Pudels. Ich ſoll dazumal als Kind ein ſehr drolliges Ding 1856. vIII. Helene I. 4 geweſen ſein. Die peinliche Stille, die in unſerm Hauſe herrſchte, wo nur gerade ſo viel geſprochen ward, wie unumgänglich nöthig, und auch dies nur in herkömmlichen Pauſen, ja ich möchte ſagen, in einem beſtimmten Tonfall und einer vorgeſchriebenen Zahl von Worten, widerſtand meinem unruhigen Geiſte. Da Niemand mit mir ſprach und ich auch iemand hatte, mit dem ich ſprechen durfte, ſo ver⸗ fiel ich auf den Ausweg mit mir allein zu ſprechen. Auch dies mußte natürlich heimlich geſchehen oder doch ſo, daß es Niemand ſtörte. Es ſoll ſich wunderlich ausgenommen haben, wie ich als Kind zuweilen mutterſeelenallein in der Ecke geſtanden habe, das Geſicht gegen die Wand gekehrt, und habe mit leiſer flüſternder Stimme mir ſelbſt lange, lange Geſchichten erzählt, ordentlich in Frag' und Ant⸗ wort, und habe Dienerchen dazu gemacht und mit dem Kopf genickt und habe in die Hände geſchlagen, als ob ich mich gar nicht zu laſſen wüßte vor Ver⸗ wunderung über die ſeltſamen Neuigkeiten, die mir da erzählt würden. Mein Vater freilich— oder vielmehr der Mann, der ſich meinen Vater nennen ließ, durfte nichts da⸗ von hören; jedesmal, daß er es bemerkte, züchtigte er mich heftig und ſchalt mich mit einem Namen, 51 den ich allerdings damals und auch noch lange Zeit ſpäter nicht verſtand, aber der mir ſchon damals das Blut in die Wangen trieb— er nannte mich Schau⸗ ſpielerdirne.. Aber nein, ich ſehe ſchon, daß ich auf dieſem Wege nicht zum Ziele komme; ich muß meine Er⸗ zählung anders anzufangen ſuchen, ſelbſt auf die Ge⸗ fahr hin meine eigenen Erinnerungen mit Dingen zu vermiſchen, die ich erſt viel ſpäter aus den Er⸗ zählungen Anderer erfahren oder auch mir ſelbſt erſt aus ſpäteren Ereigniſſen zuſammengeſetzt ha be. Iſt doch das ganze menſchliche Leben, bewußt und un⸗ bewußt, nur eine einzige große Täuſchung; ſo wird dies jebenfalls noch eine der unſchuldigſten ſein. Zweites Capitel. Das Lied vom braven Mann. Wer vor dreißig Jahren oder auch noch ein Stück länger in derſelben Vorſtadt wohnte, in wel⸗ cher unſere Wohnung lag— und um die Wahrheit zu ſagen, war es eine der entlegenſten und ödeſten Vor⸗ ſtädte, welche jemals einer größeren Provinzialſtabt des 4* 52 nördlichen Deutſchland als Außenwerke gedient haben — der hat auch nothwendig den Herrn Nonnemann gekannt: oder wie er für gewöhnlich hieß, den Herrn Rechnungsrath. Er war zwar eigentlich nur Rendant einer öffentlichen Kaſſe und hat jenen Ti⸗ tel, ſo viel ich weiß, niemals mit officieller Beſtä⸗ tigung gefuͤhrt. Doch waren es höfliche Leute, un⸗ ter denen wir lebten und darum verſäumte auch Niemand, der mit Herrn Nonnemann geſchäftlich oder außergeſchäftlich zu verkehren hatte, ein möglichſt emphatiſches„Herr Rechnungsrath'“ ſo oft nur immer möglich, in ſeine Rede einzuflechten. 5 Der würdige Mann, der, wie in allen andern Stücken, ſo auch im Punkt der Beſcheidenheit ein wahres Muſter war, proteſtirte zwar jedesmal aufs lebhafteſte gegen eine Ehre, die ihm nicht zukomme; er ſei nichts als ſimpler Kaſſenrendant und werde auch wohl leben und ſterben als Kaſſenrenhant. Drückten die Leute dann ein gerechtes Erſtaunen darüber aus, wie ein Mann von ſo glänzenden Ta⸗ lenten und ſo anerkannter Rechtſchaffenheit es noch nicht weiter gebracht habe als zum Kaſſenrendanten, ſo gab Herr Nonnemann zwar mit halber Stimme zu: allerdings, er müſſe es ſelbſt ſagen, Talente — nun, darauf mache er keinen Anſpruch, das ſei 53 freie Gabe des Himmels, ja wenn man ſo manches dieſer berühmten Talente näher ins Auge faſſe und ihren Schickſalen nachdenke, ſo könne man billig in Zweifel gerathen, ob dies ſogenannte Talent nicht vielmehr eine Gabe des Teufels ſei, deſſen Exiſtenz, ſammt Klauen und Hörnern und Pferdeſchweif, ei⸗ nen ſtehenden Artikel in dem Glaubensbekenntniß des Herrn Nonnemann bildete. Wenn das Geſpräch bis dahin gediehen war, pflegte Herr Nonnemann regelmäßig eine Pauſe zu machen, während deren er ſeine großen glaſigen Augen gen Himmel richtete und da eine Weile umher ſchweifen ließ, als ob er erwartete, derſelbe ſolle ſich öffnen, um durch irgend ein Zeichen und Wunder ſofort die Wahrheit ſeiner Bemerkung zu beſtätigen. Da der Himmel indeſſen geſchloſſen blieb, ſo ließ er die Blicke ebenſo regelmäßig wieder zur Erde gleiten, ſuchte auch da, ob nicht irgendwo hölliſches Feuer em⸗ por ſchlüge, und da auch hier Alles in gewohnter Ordnung blieb, ſo entſchloß er ſich endlich fortzufah⸗ ren, indem er die hohe weiße Halsbinde, in welcher ſein breites feiſtes Kinn begraben lag wie(man verzeihe der Hausfrau bas Bild) ein weiß geſchmor⸗ tes Spanferkel in dem Tellertuch, in welchem es ſervirt wird, noch höher zog. Aber was Fleiß anbetreffe, Fleiß und Recht⸗ ſchaffenheit, fuhr Herr Nonnemann fort, darin glaube er ſich allerdings mit Jedem vergleichen zu dürfen. Fleiß und Rechtſchaffenheit aber, nach ſeinen ſchlich⸗ ten Gedanken, wären beſſer als große Talente; vielleicht nicht beſſer, aber jedenfalls ſicherer und auch nützlicher für die Mitmenſchen. Das ſei ihm oft ein erhebender Gedanke und tröſte ihn für ſo Manches, was er übrigens zu leiden habe, daß ſei⸗ ner Rechtſchaffenheit der Schweiß ſeiner Mitbürger (et war nämlich Vorſtand einer Sparkaſſe) anvertraut ſei. Rechtſchaffenheit ſei die Krone des Mannes; und wenn er auf einer wüſten Inſel wäre, allein und verlaſſen, und hätte nichts, ſein verſchmachtendes Leben zu friſten als ein Stück Brod, aber dies Stück Brod ſei mit Unrecht erworben, wenn auch von einem Dritten— ſo werde er, ſofern er darum wiſſe, lieber verſchmachten, als mit der unrechtmä⸗ ßig erworbenen Rinde Brod ſein Leben retten. Gewöhnlich ſchaltete bei dieſer Stelle Derjenige, den Herr Nonnemann die Ehre ſeiner Unterhaltung würdigte(und er führte ſolche Unterhaltungen ſtets nur mit dritten Perſonen, im Kreiſe der Familie war er für gewöhnlich von einer wahrhaft ehernen Schweig⸗ ſamkeit), die Verſicherung ein, wie er vollkommen 55 des Herrn Rechnungsrathes Meinung ſei und wie auch die ganze Stadt ſehr wohl wiſſe, daß ſie kei⸗ nen rechtſchaffeneren und redlicheren Bürger habe als den Herrn Rechnungsrath. Aber eben deshalb werde der Herr Rechnungsrath auch gewiß noch ſeine Carriere machen; ſolcher feiner Köpfe wie der Herr Rechnungsrath, gebe es nicht viele, und was das Rechnen anbetreffe, dieſe wichtige Kunſt, in der ſo leicht ein Irrthum paſſire, und das Kaſſenweſen und die Buchführung, ſo ſei es ja eine ſtadtbekannte Sache, daß Niemand weit und breit, der dem Herrn Rechnungsrath darin auch nur das Waſſer reiche. Auch dieſes Anerkenntniß ſeiner Verdienſte lehnte der beſcheidene Herr Nonnemann regelmäßig ab und nur ſoviel geſtand er zu, daß er allerdings, wenn das Glück ihm ein wenig geneigter geweſen wäre und wenn er ſich nicht ſo frühzeitig mit fremder Leute Schickſal hätte belaſten müſſen— daß er es dann allerdings wohl etwas weiter gebracht haben würde Bei dieſen Worten, die Herr Nonnemann mit einem eigenthümlichen halb verſchämten, halb ſal⸗ bungsvollen Ausdruck ſprach, pflegte regelmäßig(denn es war überhaupt Alles regelmäßig an dieſem Manne, was er that oder ſagte, und wer ihn einmal ge⸗ hört oder geſehen, hatte ihn gehört und geſehen für ewige Zeiten). Herr Nonnemann, ſage ich, pflegte bei dieſen Worten auf ſein ſauber gefältetes Jabot, das in Verbindung mit dem weißen Halstuch das Pracht⸗ ſtück ſeiner übrigens ſehr beſcheidenen Toilette bil⸗ dete, herniederzuſehen und mit leichtem Finger und einem halb unwilligen Kopfſchütteln die Staubkörn⸗ chen wegzuſchnippen, die etwa ſo verwegen geweſen waren ſich darauf niederzulaſſen. Die Kunſtpauſe, welche auf dieſe Weiſe entſtand, wurde dann von dem Partner des Geſprächs in der Regel benutzt, unter den lebhafteſten Verſicherungen der Theil⸗ nahme und indem er Stein und Bein ſchwor, daß nicht ungebührliche Neugier, ſondern allein das wärmſte, herzlichſte Intereſſe ihn ſo zudringlich mache, ſich des Näheren nach den Schickſalsſchlägen zu erkundigen, von denen der Herr Rechnungsrath betroffen worden und die er ſelbſt nur ſo geheimnißvoll andeutete. Es thaten dies, wie ich öfters zu bemerken Gele⸗ genheit hatte, ſogar Perſonen, die Herrn Nonne⸗ mann zwanzig Jahre und länger kannten und die auch ſeine Familiengeſchichten im Lauf dieſer Zeit zwanzigmal und öfter aus ſeinem eigenen Munde 57. vernommen hatten: ein Beweis, ohne Zweifel, wie intereſſant Herr Nonnemann zu erzählen wußte, ſo⸗ bald er ſich einmal entſchloſſen hatte das Still⸗ ſchweigen zu brechen, in das er ſich für gewöhnlich hüllte und das ihm, verbunden mit ſeiner großen mächtigen Geſtalt, den großen blaſſen Augen und der hohen weißen Halsbinde, ſo etwas ungemein Ehrwürdiges, um nicht zu ſagen Geheimnißvolles gab. Drittes Capitel. Ein Wohlthäter. Ich würde dem Gang der Ereigniſſe zu weit vorgreifen, wollte ich hier ſchon erzählen, wie es mit den Familienſchickſalen des Herrn Nonnemann eigentlich zuſammenhing. Nur ſoviel darf ich für den Augenblick verrathen, daß ihm, dem Allteſten von drei Geſchwiſtern, nach dem frühzeitigen Tode der beiden Eltern, die allerdings nicht leichte Pflicht zugefallen war, ſich ihrer Hinterbliebenen anzuneh⸗ men. Ein Bruder von ihm war Prediger auf dem Lande geweſen; damit er ſtudiren könne, hatte Herr Nonnemann(ſo wenigſtens pflegte dieſer ſelbſt die Sache darzuſtellen) dem Studium entſagt und ſich mit der ärmlichen und glanzloſen Laufbahn des niedern Beamten begnügt. Aber kaum daß der Bruder das Ziel ſeiner Wünſche erreicht, kaum daß er die Kanzel als Pfarrer beſtiegen und ein gutes ſtilles Mädchen von braven, aber mittelloſen Eltern, das er ſeit ſeiner Schul⸗ zeit geliebt, als Ehegemahl heimgeführt und an zwei derben tüchtigen Knaben die Süßigkeit des Bater⸗ glücks erprobt hatte— als ein Bruſtleiden, das in der Stille wohl ſchon längſt an ihm genagt hatte, ihn plötzlich dahin raffte. Die Eltern der Frau waren inzwiſchen eben⸗ falls geſtorben, anderweitige Verwandte eriſtirten nicht, Vermögen war natürlich nicht vorhanden und ſo war Herr Nonnemann denn, wohl oder übel, der Einzige, auf deſſen Schutz und Beiſtand die hilfloſe Familie ſich angewieſen ſah⸗ Soll ich nach dem urtheilen, was ich ſpäterhin mit eigenen Augen geſehen und ach, nur zu vft mit eigenen Ohren gehört habe, ſo möchte ich faſt glauben, daß es Herrn Nonnemann doch nicht ſo ganz leicht geworden, den glänzenderen Ausſichten, welche ſeine Talente ihm eröffneten, zu entſagen und ſich 6 859 ein Opfer der Bruderliebe, der Pflege der Witwen und Waiſen zu widmen. Doch war auch dies vielleicht nur ein Zug jener großartigen Beſcheiden⸗ heit, durch welche der vortreffliche Mann ſich aus⸗ zeichnete, daß er auch ſeine Wohlthaten mit einer Miene erwies, daß ſie beinahe aufhörten Wohl⸗ thaten zu ſein. Die beiden Knaben wurden auf ſeine Fürſprache in einem benachbarten Waiſenhauſe untergebracht; die Witwe des Bruders aber nahm er zur Führung ſeiner kleinen Wirthſchaft in ſein Haus, wo wir ſie demnächſt als Tante Fränzchen werden kennen lernen. Ob dies viel oder wenig war und ob ein Bruder für die Nachgelaſſenen des andern mehr oder weniger thun kann oder ſoll, wage ich nicht zu entſcheiden; gerade in dieſem Punkt, der dem na⸗ türlichen Gefühl ſo einfach und ſelbſtverſtändlich erſcheint, herrſchen, Dant der Verwickelung unſerer geſelligen Einrichtungen, ſo viel Rückſichten, die Exi⸗ ſtenz des Menſchen iſt heut zu Tage ſolch ein ſchwie⸗ riges, viel verflochtenes Ding geworden, ſo abhän⸗ gig von tauſend kleinen Nebenumſtänden, daß man ſich in Acht nehmen muß, das natürliche Gefühl, ſo richtig es auch an ſich gewiß iſt, in jedem einzelnen Fall ſofort zum Richter zu machen. Genug, Herr 60 Nonnemann ſelbſt fand, daß es ganz außerordent⸗ lich viel ſei, was er leiſtete— ſo viel, daß er, um uns ſtets im richtigen Bewußtſein ſeines Edel⸗ muths und unſerer Dankbarkeit zu erhalten, ſeinem zartfühlenden Herzen den Zwang anthun mußte, uns täglich, ja ſtündlich daran zu erinnern. Es war dies faſt der einzige Gegenſtand, in Betreff deſſen Herr Nonnemann ſelbſt im Innern ſeines Hauſes eine gewiſſe Beredtſamkeit entwickeln konnte. War das pädagogiſche Thema abgethan (und auch über dies Thema konnte er nach Um⸗ ſtänden, wie wir ſogleich noch hören werden, ſich ziemlich breit auslaſſen) oder gab es nicht hinläng⸗ lichen Stoffzu jener mäßigen Gallenerregung, welche Herr Nonnemann vermuthlich zur Erhaltung ſeiner Geſundheit und namentlich zur beſſern Verdauung für nothwendig hielt, ſo kam regelmäßig dies Ca⸗ pitel ſeiner Wohlthätigkeit an die Reihe und zwar mit einer Ausführlichkeit, die auch ein minber un geduldiges Herz, als leider das meine damals war; in gelinde Verzweiflung hätte verſetzen können. Regel⸗ mäßig bei Tiſch, wie die Suppe auf den Tiſch kam und das Brod geſchnitten war, begann Herr Nonnemann dieſe ſeine Monologe. Denn worten durfte ihm natürlich Niemand, außer wenn 61 er direct gefragt ward. Vielmehr mußten wir Kin⸗ der während dieſer Predigten regungslos daſitzen, die Augen auf dem Teller, die Hände gefaltet, und wehe dem, der ſich durch Hunger oder kindiſche Un⸗ geduld verleiten ließ, den Löffel eher zum Munde zu fuͤhren, bevor Herr Nonnemann ſeine Selbhſtbe⸗ trachtungen geſchloſſen; es würde das ein ganz unzweifelhaftes Merkmal äußerſter Verſtocktheit und Undankbarkeit geweſen ſein, das an dem Be⸗ treffenden natürlich nicht anders geſühnt werden konnte, als durch ſofortige Verweiſung vom Tiſch, in die dunkle Kammer, ohne Waſſer und Brod⸗ Höchſtens daß Tante Fränzchen, die überhaupt in dem Schwager Rechnungsrath das Ideal aller Sterb⸗ lichen bewunderte, durch ein leiſes Kopfwiegen, das allmälig immer ſtärker ward, bis es zuletzt in ein halblautes Schluchzen überging, bei dem ihr die Thränen reichlich in die Suppe tropften, ihre voll⸗ kommenſte Zuſtimmung kundgeben durfte. Um ſo ſchwieriger war die Aufgabe für uns Kinder, die wir Tante Fränzchen's Meinung über die Vortrefflichkeit des Herrn Nonnemann keines⸗ wegs ſo vollſtänbig theilten, wie Herr Nonnemann ſelbſt es ohne Zweifel vorausſetzte. Namentlich was mich ſelbſt betrifft, kann ich nicht läugnen, daß ich 62 von der Zeit an, da ich überhaupt im Stande war, ſelbſtändige Gedanken zu faſſen, mir ganz eigene Gedanken machte über die Großmuth meines Wohlthäters— ganz eigene und höchſt ketzeriſche Gebanken. Dieſelben zu verlautbaren, war ich ſchon viel zu eingeſchüchtert; auch wäre es ein Frevel geweſen, in Folge deſſen vermuthlich ſofort die Erde ſich geöffnet hätte, mich zu verſchlingen. Aber nur um ſo tiefer gingen ſie, um ſo gieriger nagten ſie an meinem armen jungen Herzchen. Die natürliche Luſt der Kinder an Trank und Speiſe war mir unbekannt, kein Biſſen ſchmeckte mir, im Gegentheil, ich zitterte insgeheim, ſo wie es zwölf ſchlug und mit dem Glockenſchlag zwölf, nach guter alt⸗ bürgerlicher Sitte, kam Herr Nonnemann von ſeiner Kaſſenſtube geſchritten, hing mit ſtummem Kopf⸗ nicken den Hut an den Nagel, immer genau in derſelben Höhe, mit derſelben Schwenkung des Ar⸗ mes, nahm Tante Fränzchen, die ſchon unter der Thüre wartete, mit derſelben ſtummen Miene den Hausrock ab, anderthalb Minuten ſpäter, keine Se⸗ cunde mehr noch weniger, dampfte die Suppe auf dem Tiſche und nun ging dieſe Mahlzeit an, dieſe entſetzliche ſtumme Mahlzeit, bei der Einem der Biſſen im Munde guoll, durch nichts unterbrochen 63 als durch das eintönige Zanken und Schmählen unſeres Familienhauptes oder die ſentimentalen Thrä⸗ nen der guten Tante Fränzchen. O mit welchem Neid ſtand ich nach unſern kurzen, trübſeligen Mahl⸗ zeiten am Fenſter und ſchaute quer über die Straße in die Nachbarhäuſer, wo die Eltern mit den Kin⸗ dern in fröhlichem Geſpräch bei Tiſche ſaßen; ich ſah, wie hier und da ein Kind auflachte, ſah, wie der Vater bald dieſen, bald jenen vertraulich zu ſich winkte, ſah, wie die Mutter für Jeden einen Blick der Liebe hatte oder wie das Neſthäckchen, das noch auf dem Arme getragen ward, nach beendeter Mahl⸗ zeit als lieblichſtes Beſſert die Runde um die Tafel machte und von Jedem geküßt und gehätſchelt ward — und ſo klein ich ſelbſt noch war, ſo mußte ich mich bei Seite ſchleichen und mußte weinen, ich wußte ſelbſt nicht warum. Ja noch jetzt zuweilen, nach ſo viel Jahren, und nachdem ſo viel Entſetzlicheres über mein Haupt dahin gegangen, wenn ich mit meiner kleinen Helene am einſamen Tiſche ſitze und meine Freude habe an der geſunden Eßluſt des Kindes— iſt es mir zuweilen, als ſähe ich Herrn Nonnemann's blaſſes feiſtes Angeſicht mir gegenüber, die großen leeren und doch ſo beängſtigenden Augen auf mich gerichtet— 64 und höre, wie er mit ſeiner klangloſen flüſternden Stimme in mich hineinredet und mich fragt, welch' Glück das ſei, die Füße unter fremder Leute Tiſch ſtecken zu dürfen, und was wohl aus mir geworden wäre und wovon ich heut ſatt zu werden gedächte, wenn er ſich nicht meiner erbarmt hätte, und hätte mir dieſe warme kräftige Suppe vorgeſetzt und dies ſchöne weiße Brod, das wohl für einen Prinzen zu gut, geſchweige denn für mich Undankbare, unartige Die Und ich ſehe Tante Fränzchen, wie ſie mit dem Kopfe nickt, erſt langſam, dann immer heftiger, wie ein Klöppel in der Glocke.. Und Herr Nonnemann ſpricht immer lauter in mich hinein und ſeine Angen werden immer größer und gläſerner... Und mich faßt ein Entſetzen, daß ich laut auf⸗ ſchreien muß und muß mein Goldkind, meine Helene, an mich ziehen und muß in ihren klaren, klugen Angen leſen, daß Alles nur ein Traum geweſen und daß ich wenigſtens von dieſem Nachtſtück meines Lebens keine Rückkehr zu fürchten habe. 65 Piertes Capitel. Florine. Erſt jetzt merke ich ſelbſt, daß ich im Obigen fortwährend von mire und von uns Kindern⸗ geſprochen habe, während der Leſer doch nur erſt von den beiden Knaben weiß, welche Herrn Nonne⸗ mann's Bruder, der Landprediger, der Mann der Tante Fränzchen, nachgelaſſen und die ſich füͤr den Augen⸗ blick noch in dem Waiſenhauſe befinden, in welchem die Fürſorge ihres Oheims ſie untergebracht hat. Allein ſo geht es, wenn Frauenzimmer die Feder füh⸗ ren, welche nicht daran gewöhnt ſind; der Kopf ſummt mir, während ich bies ſchreibe, von tauſend längſt verklungenen Gedanken, tauſend längſt begra⸗ bene Empfindungen ſtehen wieder auf und pochen mit ungeduldigen Schlägen gegen das alternde Herz, und die ungewandte Feder weiß nicht, wie ſie es anfangen ſoll, dieſe Fluth von Erinnerungen und ildern vergangener Zeiten zu bewältigen. Doß will ich mir Mühe geben, möglichſt von vorn an und 5 im Zuſammenhang zu erzählen; gelingt es mir bei alledem nicht, ſo verzeihe meiner Ungeſchicktheit, o Du, deren Auge einſt nachſichtsvoll auf dieſen Blättern ruhen wird! verzeihe mir und bedenfe, daß es nicht 1856, VIII. Helene. I. 5 64 S „ ℳ 66 leicht iſt, das verworrene Geſpinnſt eines Lebens, gleich dem meinen, zu glatten hiſtoriſchen Fäden abzuwickeln! Ich habe bisher erſt der peiden Brüder, des Herrn Nonnemann und des verſtorbenen Landpredigers, ge⸗ dacht. Aber dieſe beiden Brüder hatten noch eine Schwe⸗ ſterz ſie war die jüngſte von den Dreien und jedenfalls die Unglücklichſte. Worin ihr Unglück beſtand oder vielmehr beſtan den hatte— denn nach meinen Gedanken war auch ſie längſt nicht mehr unter den Lebenden— das wußte ich freilich nicht. Aber daß ſie unglücklich geweſen ſein mußte, ſehr unglücklich, davon hatte ich ein ſehr deutliches Gefühl, von da an, wo ich zuerſt empfinden und Schmerz und Freude, Glück und Un⸗ glück unterſcheiden lernte. So häufig Herr Nonne⸗ mann des Bruders gedachte, ſo viel er ſich wußte mit der Großherzigkeit, welche ihn bewogen hatte, ſich und ſeine Zukunft der Zukunft des Bruders zum Opfer zu bringen, mit ſo ſchüchternen Lobeserhe⸗ bungen(ſchüchtern: weil natürlich in Gegenwart des Herrn Nonnemann tein anderer Sterblicher werth war gelobt zu werden) Tante Fränzchen des verſtor⸗ venen Gatten gedachte— der Schweſter und Schwä⸗ gerin wurde nie gedacht, von dem Einen ſo wenig wie von der Andern. Auf ihrem Andenken ruhte 67 ein Schweigen, ſchwarz und ſchwer, wie der Schleier des Grabes; ſelbſt ihr Name war verpönt in dieſem Hauſe.— Sehr natürlich, wie ich meinte; hatte ſie doch einen Namen geführt, der allein ſchon hinreichend war, meine ganze kindiſche Phantaſie, dieſe, wie Herr Nonnemann zu bemerken pflegte, gefährlichſte Schlinge, welche der Teufel dem Menſchen lege, zu entzünden— einen Namen, der meinem Ohre wie Muſik ertönte, bei dem eine ungewiſſe Ahnung von Waldesrauſchen und Vogelſang und murmelnden Quellen und tauſend andern ähnlichen Dingen, die ich alle nur vom Hören⸗ ſagen kannte, mein kindiſches Herz beſchlich und in Betreff deſſen es denn allerdings ganz in der Ordnung war, daß er hinter dieſen öden finſtern Mauern nicht ausgeſprochen ward.— Sie hatte Florine geheißen— Florine! welch' entzückender Name! War es nicht, als ob der Früh⸗ ling ſelbſt geſchritten kam, leuchtend und wärmend, mit einer Blüthenkrone ums Haupt, und wo er hin⸗ trat, ſproßten Veilchen und duftige Roſen unter ſei⸗ nem Fuß? Ich konnte nicht müde werden, den Namen 6 nachzuſprechen, er war, glaube ich, das Erſte, woran ich überhaupt ſprechen lernte. Florine nannte ich in der Stille meines Herzens alles Gute und Schöne; 5* 3 68 Florine flüſterte ich, wenn die Abendſonne ihr ſtrah⸗ lendes Haupt in die enge finſtere Straße neigte und mit purpurnem Schein die alten rußigen Nachbargiebel und den wüſten feuchten Fleck, den wir unſern Gar⸗ ten nannten, vergoldete; Florine jauchzte ich, wenn nach langer trauriger Winterhaft das erſte linde Frühlingslüftchen über die einförmige Fläche, in der wir lebten, daher geweht kam; Florine war der Morgengruß, mit dem ich mich ſelbſt zu meinem kindiſchen Tagewerk ermunterte, Florine das Gebet, das mir auf der Lippe ſchwebte, indem ich entſchlum⸗ merte Rämlich dieſe Florine war meine Mutter gewe⸗ ſen; ich ſelbſt war das einzige nachgelaſſene Kind die⸗ ſer Unglücklichen, deren Name allein ſchon hinrei⸗ chend war, mich mit ihrem Andenken zu verſöhnen und eine heiße, ungeſtüme Sehnſucht nach der Ver⸗ lorenen in meiner jugendlichen Bruſt zu erwecken.— Von meinem Vater war niemals die Rede. Herrn Nonnemann mußte ich Vater nennen; daß er es nicht wirklich ſei, wußte ich oder ahnte es doch mit jenem inſtinctartigen Vermögen, das bei den meiſten Kindern ſo ſtark iſt und das doch von den meiſten Er⸗ wachſenen ſo regelmäßig überſehen oder gar braucht wird. 69 Allein die Wahrheit zu geſtehen, hatte ich auch gar keine Sehnſucht nach meinem Vater; vermuth⸗ lich dachte ich mir alle Väter wie Herrn Nonnemann, meinen Oheim, und da war es denn freilich ſehr na⸗ türlich, daß ich kein beſonderes Verlangen trug, noch einen zweiten Vater kennen zu lernen, einen Vater der mir ganz beſonders angehörend, mich alſo wie ich dachte, auch ganz beſonders züchtigen und aus⸗ ſchmählen, bei den Haaren zupfen und mit väterli⸗ chen Rückenpüffen zu Tugend und Gottſeligkeit anhalten würde. Um ſo leidenſchaftlicher war die Verehrung, die ich dem Andenken meiner Mutter, der unglückli⸗ chen Florine, widmete. Ganze Tage und Nächte konnte ich damit zubringen, mir ihre Geſtalt aus⸗ zumalen; wenn plötzlich ein Wagen die lange öde Straße daher gepoltert kam oder es riß zur unge⸗ wohnten Stunde an der Hausklingel— jedesmal dachte ich, es müßte Florine, es müßte meine ſchöne unglückliche Mutter ſein, welche käme, ihr verlaſſenes Töchterchen mit ſich zu nehmen. Im nächſten Augenblick dann ſchalt ich wieder mit mir ſelbſt: ich wußte ja, daß ſie todt war, die ſchöne ſtrahlende Florine, todt und dahin, wie die Roſe, die vor meinen Augen entblätterte, todt wie die Erde, wenn der Winter ſein ſchneeiges Gewand darüber gebreitet hat. Ach und dieſes Gewand zer⸗ riß einmal; ſo jung ich war, ſo wußte ich doch ſchon, daß der Winter nicht ewig anhielt und daß nach dieſen kalten finſtern Tagen andere kommen müßten, wo der Himmel wieder blau, die Wieſe grün, die Luft wieder warm und labend ſein würde. Florine aber kehrte nicht wieder, ſie war fern, fern auf ewig, gleich jenen Sternen, zu denen ich meine kleinen Hände auch vergeblich emporſtreckte und die keine Bitten und keine Thräne herabzogen aus ihren ewig gemeſſenen Bahnen! Hätte es noch irgend eines Sporns bedurft, dieſe Leidenſchaft für meine arme ſchöne, von mir nie gekannte Mutter wach zu erhalten, ſo hatte Herr Nonnemann dafür geſorgt, daß ſie niemals einſchla⸗ fen konnte. Ich habe vorhin geſagt, daß Flori⸗ nens Name in dem Hauſe meiner Kindheit niemals genannt worden. Das iſt nicht ganz richtig. Für gewöhnlich war er allerdings verpönt: mitunter jedoch kamen Momente, wo ſelbſt der höchſt fromme und rechtſchaffene Herr Nonnemann ſich das Laſter des Jähzorns über den Kopf wachſen ließ und dann, im höchſten Ausbruch ſeiner Leidenſchaft, kam auch re⸗ gelmäßig der Name meiner unglücklichen Mutter . —— 71 über ſeine Lippen und zwar in einem Zuſammenhang und verbunden mit Ausdrücken, die mir noch jetzt das Blut in den Adern erſtarren machen, ſo oft ich daran denke. Fünftes Capitel. Eine Erziehung nach Grundſätzen. Solche Momente kamen mitunter ſehr leicht und ſehr plötzlich. So maßvoll und würdig Herr Nonnemann ſich für gewöhnlich hielt, ſo ungleich war doch zuweilen ſeine Stimmung und ſo geringfü⸗ gige Urſachen reichten alsdann hin, ihn in den wil⸗ deſten Jähzorn zu verſetzen. Sein dickes bleiches Antlitz nahm dann eine faſt grünliche Färbung an, die für gewöhnlich ſo ſtarren ausdrucksloſen Au⸗ gen leuchteten von unheimlichem Feuer, der flache feſtgepreßte Mund mit den ſchmalen farbloſen Lippen wölbte ſich, während die ſpärlichen, bereits ſtark mit Grau untermiſchten Haare ſich faſt ſichtbar in die Höhe richteten. Die Veranlaſſung zu dieſen Wuthausbrüchen war, wie geſagt, in der Regel außerordentlich unbe⸗ deutend; ein Buch oder ein Blatt Papier, das nicht auf ſeinem gewohnten Flecke lag, ein Stuhl, der ſchräg ſtatt gerade ſtand, am häufigſten(denn bei aller Demuth und Weltentſagung und ſo lebhaft er die Verdammniß aller finnlichen Lüſte predigte, war Herr Nonnemann doch ein arger Schlecker, wenn auch nur für ſeine Perſon) eine Schüſſel, die ſeinem Geſchmacke nicht entſprach, genügten vollkommen die wilde Flamme ſeines Zorns zum Ausbruch zu bringen. Und da war es denn, wie ich mit meiner kindi⸗ ſchen Pfiffigkeit bald bemerkte, eine Art ſtillſchwei⸗ genden Abkommens zwiſchen Tante Fränzchen und dem Oheim, daß regelmäßig ich als Ableiter ſeines Grim⸗ mes benutzt ward. Tante Fränzchen war übrigens eine herzensgute Seele, ſo gut, wie man bei be⸗ ſchränktem Verſtand und einer natürlichen Abneigung gegen alles Denken, ſowie überhaupt gegen jede geiſtige Anſtrengung nur immer ſein kann. Aber ſich dem Zorn des allverehrten Schwagers, des ge⸗ feierten Herrn Rechnungsraths, ihres Wohlthäters und Beſchützers, bloszuſtellen, ſelbſt wenn ſie ihn verſchuldet hatte, dazu reichte ihre Sutmüthigkeit doch lange nicht aus. Auch mich hatte ſie gewiß recht lieb, die Tante Fränzchen, und that von Herzen —— 73 gern, was ſie wußte und konnte, mir das Leben erträglich zu machen, wenn das freilich auch nicht viel oder ſogar recht wenig war, nämlich nichts. Aber mich zum Blitzableiter zu gebrauchen gegen die Zornausbrüche des Hausherrn, meine arme kleine ſchwächliche Perſon als Wall und Mauer aufzuſtel⸗ len zwiſchen ſich und den Grimm ihres Wohl⸗ thäters, daran verhinderte ſie ihre Liebe zu mir keineswegs... Nun weiß man ja, wie es mit Kindern geht, zumal mit ſolchen, um die ſich eigentlich Niemand kümmert, die keine Bruſt haben, an die ſie ſich flüch⸗ ten, kein Ohr, in das ſie ihre kleinen thörichten Einfälle niederlegen können— Kinder, mit einem Wort, die ſelbſt nicht wiſſen, wohin mit ſich, und die daher ganz folgerecht auch Jedermann im Wege ſind. Solche Kinder, innerlich gelangweilt, ohne Geſpielen, ohne die gerade dem heranwachſenden Kinde ſo unent⸗ behrliche Freiheit, von den Großen gehofmeiſtert ohne Ende und bald in dieſe, bald in jene Ecke geſtoßen — gerathen zuletzt, ſie wiſſen ſelbſt nicht wie, in eine Reizbarkeit, die ſich dem oberflächlichen Blick als eine Kette von Ungezogenheiten, ja wohl gar als ſittliche Verdorbenheit darſtellt. Auch ich theilte ——— das Schickſal ſo vieler Kinder, welche unleidlich wer⸗ den, weniger durch ihre eigenen als durch die Fehler ihrer Umgebung. Ich wurde träumeriſch, empfind⸗ lich, eigenwillig; gewöhnt den ganzen Tag über an Einſamkeit und Schweigen, fuhr ich plötzlich angere⸗ det empor, ſtotterte und wußte vor Scham und Verle⸗ genheit nicht, was antworten. Ja der bloße Gedanke, ich könnte jetzt angeredet werden und könnte wieder nichts zu antworten wiſſen, vermochte mich in ſolche tödtliche Angſt zu verſetzen, daß ich in den entlegen⸗ ſten Winkel des Hauſes kroch und mich taub ſtellte gegen alles Rufen und Suchen, ja ſelbſt das Mit⸗ tageſſen verſäumte ich lieber und riskirte dafür nach⸗ her die allergrauſamſten Züchtigungen, Alles um nur nicht einer Frage Rede ſtehen zu müſſen, deren Inhalt ich noch gar nicht kannte und von der ich noch gar nicht wußte, ob ſie überhaupt würde an mich gerichtet werden. S Mit Tante Fränzchen fand ich mich leichter zurecht; ſie ſelbſt war, wie ſchon erwähnt, nicht beſon⸗ ders ſcharfen Geiſtes und ließ gern fünf gerade ſein. Deſto ſchwieriger fiel es mir, meinem Pflege⸗ vater Herrn Nonnemann Stand zu halten. Unter andern bemerkenswerthen Eigenſchaften beſaß der⸗ ſelbe auch die Gabe der Allwiſſenheit— oder vielmehr er behauptete ſie zu beſitzen und die Sicherheit, mit welcher er dieſe Behauptung aufſtellte und durch⸗ führte, verlieh ihm in der That ein Etwas, das ziemlich nahe an Allwiſſenheit grenzte. Wenigſtens im Umgang mit einem armen klei⸗ nen hilfloſen Weſen, wie ich es war. Zwar für gewöhnlich that er, als ob ich gar nicht vorhanden. Mein demüthiger Gruß, mein regelmäßiger Gute⸗ morgen⸗ und Gutenacht-Kuß— und Herrgott, wie ſchaudert mich noch jetzt, wenn ich an den Kuß denke auf dieſe kalten glatten gedunſenen Wangen! — wurde zwar mit großer Genauigkeit von mir einge⸗ fordert und wehe mir, wenn ich, in meine gewöhn⸗ lichen Tränmereien verſunken, ihn einmal vergaß oder — was, ich muß es bekennen, wohl auch vorkam— ihn aus heimlicher Abneigung abſichtlich unterließ. Aber erwiedert wurden dieſe Liebkoſungen bei alledem ſelten oder nie; höchſtens daß Herr Nonnemann mir mit den plumpen kalten feuchten Fingern über das Geſicht fuhr, mir den Kopf mit derbem Ruck in die Höhe ſchob, mich lange anſtarrte mit ſeinen gro⸗ ßen gläſernen Augen und dann, mit geringſchätzigem ächeln, indem er mit einem leiſen Puff, der aber bei der cvloſſalen Beſchaffenheit ſeiner Gliedmaßen — für mich armes ſchwaches Ding ſchon immer derb genug ausfiel, mich von ſich ſtieß: „Gerade ſolch Lärvchen,“ ſagte er, indem er bedeutungsvoll zu Tante Fränzchen hinüber nickte, „wie—“ Damit verſtummte er; Tante Fränzchen aber, indem ſie die Hände rang und eine Thräne aus den kleinen gutmüthigen Augen hervorpreßte, voll⸗ endete gleichſam den Satz und auch ich lernte allmälig verſtehen, was er meinte— es war eine Anſpielung auf meine arme unglückliche Mutter, die von ihm ſo tief gehaßte und ſelbſt im Grabe noch verfolgte Schweſter. Doch waren das immer nur einzelne zufällige Begeg⸗ nungen. Anders und ſchlimmer geſtaltete es ſich bei den ſchon geſchilderten Mahlzeiten, die eben dadurch für mich zu wahren Höllenmartern wurden. Da ſaß Herr Nonnemann mir alſo gegenüber— und war es nun dieſer Umſtand, oder geſchah es, weil dies im Grunde die einzige Zeit war, wo ich ihm nicht ent⸗ wiſchen konnte und wo er alſo die bequemſte Gele⸗ genheit hatte, ſeine väterlichen Pflichten an mir zu üben, oder endlich bedurfte er dieſer Aufregung, um ſich die Mahlzeit deſto ſchmackhafter zu machen und ſie deſto beſſer zu verdauen— genug, ſowie die ——————————— 77 Löffel klapperten, fing Herr Nonnemann auch an, mit mir armem kleinem Schelm ins Gericht zu gehen. Da gab es nichts, was ich den Morgen über gethan oder gelaſſen, gedacht oder geſprochen, oder auch nicht gedacht und nicht geſprochen, wonach er nicht gefragt hätte— und zwar gefragt mit einem ſolchen Aus⸗ druck geiſtiger Ueberlegenheit und einer ſo entſetzli⸗ chen ſiegesgewiſſen inquiſitoriſchen Manier, daß ſelbſt wohl ein Erwachſener Mühe gehabt hätte, ſeine füͤnf Sinne bei einander zu halten. Meine waren regelmäßig hin, bevor das furcht⸗ bare Examen nur anfing; in Todeshaſt durchlief ich mit meinen kleinen dummen Gedanken die ganze Vergangenheit des Tages, rief mir jedes Wort ins Gedächtniß, das ich geſprochen, jede Miene, die ich gemacht, jeden Schritt, den ich gethan und ſuchte auf dieſe Weiſe im voraus zu ergründen, wohin die Allwiſſenheit meines Oheims ihre nie fehlenden Ge⸗ ſchoſſe richten würde. Vergebens! Je mehr ich meinen kleinen Kopf anſtrengte je mehr verfinſterte er ſich; meine Gedanken, in wilder Angſt von einem Gegen⸗ ſtande zum anbern gejagt, verwirrten ſich, bald wußte ich ſelbſt nicht mehr, was ich dachte, geſchweige denn was ich gedacht oder gethan hatte und nur das Eine ſtand vor mir mit entſetzlicher Deutlichkeit, daß der Vater(wie ich ihn nennen mußte) mich nun gleich wieder fragen würde und ich würde ſtam⸗ meln und würde nicht zu antworten wiſſen und wie⸗ derum würden Schmäh⸗ und Scheltworte und vielleicht gar Züchtigung meine Zukoſt ſein... Im Errathen dieſes Gemüthszuſtandes, das muß ich Herrn Nonnemann und ſeiner vielbelobten Allwiſſen⸗ heit laſſen, hotte er in der That eine wunderſame Fertigkeit. Freilich mochte derſelbe auch deutlich genug auf meinem dummen Geſichtchen ausgeprägt liegen, und ſo war es denn gerade kein großes Kunſtſtück von ihm, daß er jedesmal, wenn meine innere Verle⸗ genheit eben zum höchſten geſtiegen war, den Fang⸗ haken ſeiner Fragen in meine arme zitternde Seele ſchlug— recht wie der Holzfäller ſein Beil in den Baum ſchlägt, den er fällen will. „Du denkſt jetzt etwas,“ ſchrie er mich an, „was denkſt Du jetzt? Kinder ſollen nichts denken, was ſie ihren Eltern verheimlichen; gute Menſchen tragen ihre Gedanken immer klar auf der Stirn, daß Jederman ſie leſen kann, und nur die ſchlechten Menſchen, die verſtockten, die undankbaren, die nicht werth ſind der vielen Güte, die an ihnen geſchieht, S 79 die verbergen ſie ober ſuchen ſie doch zu ver⸗ bergen Man ſieht, mein Pflegevater hatte den ſehr gewöhnlichen Fehler der meiſten Eltern und Erzie⸗ her, nämlich jeden Fall, der ihnen in der Erziehung des Kindes aufſtößt, ſofort zu verallgemeinern und auf das einzelne beſtimmte Factum, den beſondern, ganz perſönlichen Zuſtand mit einer allgemeinen Sentenz zu antworten. So verbreitet dies Ver⸗ fahren aber iſt, ebenſo gefährlich iſt es; Lehre und Warnung verlieren dadurch, je nach der Perſönlich⸗ keit des Kindes, entweder ihre Bedeutung oder aber ſie erhalten auch, bei etwas tiefer angelegten Na⸗ turen, ein Gewicht, welches die junge Seele zu er⸗ drücken broht. Bei mir war das Letztere der Fall; dieſe fortwährende Benutzung meiner kleinen Fehler, Schwächen und Unarten, allgemeine Wahrheiten daran zu knüpfen und mich gleichſam zu einem lebendigen Exempel aller möglichen Schlechtigkeiten zu machen, die jemals in der Welt begangen worden und künf⸗ tighin noch zur Ansführung kommen werden— dies ſehr übliche und doch höchſt verkehrte und un⸗ pädagogiſche Verfahren brachte mich dahin, daß ich endlich wirklich glaubte, ich ſei ſo verworfen, wie man mich darſtellte, und erzeugte auf dieſe Weiſe in mir 2 eine Muthloſigkeit und Niedergeſchlagenheit, die mich auf lange hinaus zu aller ſittlichen Erhebung und alſo auch zu aller Beſſerung unfähig machte. Sechstes Capitel. Tafelfreuden. Kam es nun, wie ich vorausgeſehen, und wußte ich wirklich nichts zu antworten oder doch we⸗ nigſtens nicht das, was mein Oheim eben hören wollte(und dies Letztere war mir jederzeit gewiß), ſo brach das Ungewitter nun vollſtändig über mich herein. Immer feſter bohrten die großen faden Augen ſich in mich hinein, immer heiſerer wurde ſeine Stimme, immer heftiger focht er mit den langen plumpen Armen... „Ja ja,“ rief er,„roth werden, ſtammeln, nicht antworten können— ſo iſt es recht, ſo machen es Alle, die das Gewiſſen drückt und die Grund haben, ſich vor dem Auge des Vaters, des Richters zu verbergen! O freilich, roth werden und Geſich⸗ terchen ziehen, das kann ſie— wie ſollte ſie es 81 auch nicht? Das iſt ja ihr Erbtheil— ihr einzi⸗ ges, meine ich, und wenn ich nicht wäre, der ich mich für fremder Leute Schuld und Thorheit opfere, ich wäre nengierig zu wiſſen, was wohl aus der Bettelprinzeß geworden wäre! Aber es iſt ein altes Sprichwort, daß der Apfel nicht weit vom Stamme fällt; gewiſſe Leute konnten auch die Angen nieder⸗ ſchlagen und roth werden— oh,“ indem er ein häßliches Lachen ausſtieß,„was ſie roth werden konnten! Roth werden iſt die Farbe des Teufels, es iſt die Gluth des hölliſchen Feuers, die aus den Seelen der Verdammten heraufleuchtet und ihr Ange⸗ ſicht mit der Farbe der Schmach und Schande überzieht. Wie? was?“ rief er, indem er ſich weit im Kreiſe umherſchaute und den erſtaunten Blick zu⸗ letzt auf Tante Fränzchen haften ließ, die bei alle⸗ dem da ſaß, lautlos und zitternd wie ein Espen⸗ laub:„Habe ich Recht oder Unrecht? Tante Fränz⸗ chen, Sie ſind eine erfahrene Frau, Sie vertreten Mutterſtelle an dem undankbaren Dinge— ant— worten Sie ſtatt ſeiner: wird ein ordentlicher Menſch, ein Menſch mit reinem, unbeflecktem, ſozuſagen weißem Gewiſſen“(trotz meiner Angſt konnte ich hier nicht umhin, einen verſtohlenen Blick auf die berühmte weiße Halsbinde meines Oheims zu 1856. VIII. Helene. I. 6 werfen: der Gedanke, daß ein Gewiſſen auch weiß ſein könne, ebenſo weiß natürlich und vermuthlich auch ebenſo geſteift und ſo wohl gebügelt, wie die Halsbinden des Herrn Nonnemann, die der guten Tante Fränzchen ſo viele Mühe machten, kam mir auf einmal ſo wunderbar vor, daß ich, nach Kin⸗ derart, Noth hatte, mir das Lachen zu verbei⸗ ßen) „Wird,“ fuhr mein Oheim fort, indem er ſich an Tante Fränzchen wandte,„ein ordentlicher Menſch, ein Menſch mit reinem weißen Gewiſſen, wohl je⸗ mals roth? Und iſt nicht roth werden jedesmal ein ſicheres Zeichen, daß die hölliſchen Geiſter ihren Einzug gehalten haben? Sie ſind eine erfahrene Frau, Tante Fränzchen, die Kleine da könnte den⸗ ken, ich redete in Zorn— ſagen Sie es ihr in meinem Namen! Sagen Sie, daß wer roth wird, auch Grund haben muß zu erröthen, und wer Grund hat zu erröthen, der muß ein ſchlechter Menſch ſein, der ſein Herz zur Mördergrube macht und nicht werth iſt, daß das Auge eines Vaters auf ihm ruht!“ Tante Fränzchen, die während deſſen gewiß zehnmal lieber bis an den Hals in geſchmolzenem Blei geſeſſen hätte als hinter der Suppenterrine, 83 die ſie ſelbſt eben erſt vom Feuer geholt, konnte ſich einer ſo directen Aufforderung natürlich nicht ent⸗ ziehen. Gewiß mußte ſie ſich ſelbſt ebenfalls allen erdenklichen Zwang anthun, nicht zu ſtammeln noch roth zu werden. Indeſſen Uebung macht den Mei⸗ ſter und ſo gelang es ihr, auch einige mehr oder minder zuſammenhangloſe Phraſen herauszuſtoßen, deren Sinn denn gewöhnlich dahin ging, daß ſie mich ermahnte, den gütigen Vater um Verzeihung zu bitten und Beſſerung für ähnliche Fälle zu geloben. Nun war meine Furcht, nicht Ehrfurcht, vor Herrn Nonnemann viel zu aufrichtig, als daß ich ihren Rath nicht ſtehenden Fußes hätte befolgen ſollen— und ſo wäre der Friede vielleicht für diesmal glücklich hergeſtellt geweſen, hätte mich nicht ein ganz gewöhnlicher Kindertrotz verführt, ſchließlich, nachdem Abbitte und Vergebung und Alles zu Ende war und abgeſpielt hatte, in halb bittendem, halb ſchmollendem Tone hinzuzuſetzen: „Aber ich bin auch wirklich gar nicht roth ge⸗ weſen oder wenn ich es geweſen bin, ſo iſt es nur von der Hitze geweſen.. 4 Man ſchelte dieſen Kindertrotz nicht; in jedem menſchlichen Weſen, mag es auch erſt halb erwach⸗ 6* ———————— —— ——— 84 ſen, erſt halb zum Bewufßtſein ſeiner ſelbſt gekom⸗ men ſein, lebt ein gewiſſes inſtinetmäßiges Gefühl der Wahrheit, das ſich nicht ungerächt beugen und niederdrücken läßt. Das Kind, das wegen eines leichten Fehlers über Gebühr geſcholten wird, weiß freilich nicht die Grenze anzugeben, wo die Zurecht⸗ weiſung das ihr zukommende Maß überſchreitet Aber davon, daß dies Maß überſchritten, daß ihm mit Gewalt ein Vergehen aufgeredet wird, welches es doch kaum halb begangen— davon hat es allerdings ein ſehr deutliches Gefühl und dies Ge⸗ fühl iſt es, was das Kind verleitet, nun auch den kleinen Fehler in Abrede zu ſtellen, den es wirklich begangen hat. Mit Milde, nach dem Maß ſeines Irrthums zurechtgewieſen, würde es denſelben ohne Zweifel nicht blos empfinden, ſondern auch zuge⸗ ſtehen; jetzt, da man ſein kleines Unrecht benützt, ihm ein viel größeres anzuthun, von dem es ſich ftei fühlt, ſucht es in ſeinem kindiſchen Verſtande gewißermaßen das Gleichgewicht wieder herzuſtellen, indem es nun auch das leugnet, was es wirklich begangen hat; Uebertreibung gegen Uebertreibung, Unrecht gegen Unrecht. Eltern und Erzieher werden wohl thun auf dieſen Punkt zu achten; er kommt weit häufiger vor und trägt viel bedenklichere Früchte, als man für gewöhnlich ahnt. ——— Siebentes Capitel. Im Garten. Allein ſolchen Erwägungen Raum zu geben, war mein Pflegevater, der ja von ſich ſelbſt feſt überzeugt war, alle Weisheit der Erde allein zu beſitzen, nicht der Mann; hätte man ihm damit kommen wollen, ſo würde er ſie für Spitzfindigkeiten Ein Ausdruck, den er ganz beſonders liebte, obgleich, wie ich ſpäterhin zu bemerken glaubte, Niemand mehr zu Spitzfindigkeiten neigte, als er ſelbſt) er⸗ klärt haben und damit wäre die Sache dann erle⸗ digt geweſen. Sowie ich mich alſo durch meinen kindiſchen Unverſtand verleiten ließ, ihm eine Antwort zu geben, gleich der oben mitgetheilten, ſo war das nicht an⸗ ders, als wenn Schießpulver auf einen verglimmen⸗ den Docht geſchüttet wird— ſo fuhr er in die Pöhe und ſo entbrannte aufs neue die kaum ge⸗ dämpfte Flamme ſeines Zornes. ————— „Ei ja, ei ſo,“ rief er, indem er das Teller⸗ tuch entrüſtet aus dem Knopfloch riß, zunächſt unter dem fetten dicken Halſe, wo es während der Mahlzeit für gewöhnlich befeſtigt war:„Die junge Mamſell iſt ja ſehr gewandt im Unterſcheiden, ſehr ſpitzindig, ich muß es ſagen! Alſo gar nicht roth geweſen oder wenn roth geweſen, doch blos von der Hitze? Und wovon Hitze, wenn ich fragen darf?!“ wobei er mit den breiten großen Naſenlöchern in der Luft ſchnoperte, als ob es ſich darum handelte, die Spur irgend eines Verbrechens zu entdecken: „Ich ſpüre nichts von Hitze, es iſt eine ganz milde behagliche Luft, eine Luft, wie der allgütige Gott ſie ſeiner Creatur eben für zuträglich hält, und das können wieder nur undankbare und ſchlechte Crea⸗ turen ſein, welche die Weisheit Gottes meiſtern und Wind und Wetter anders haben wollen, als er es in ſeiner Allmacht beſtimmt hat.. 4 Natürlich war ich von dieſem und jedem ähn⸗ lichen Frevel ſo weit entfernt, daß ich bis zur Stunde noch gar nicht darüber nachgedacht hatte, woher das Wetter eigentlich ſtamme und ob der liebe Gott oder wer ſonſt daſſelbe mache. Der Eifer des Herrn Nonnemann jedoch nahm keine derartigen Entſchuldigungen an und daher, ſtatt 87 meine Sache zu verbeſſern, verſchlimmerte ich ſie nur noch, indem ich mit mühſam verhaltenen Thrä⸗ nen ſtammelte: 3 „Ich habe im Garten geſpielt.... 2 Hier entfielen dem Würdigen vor Ueberraſchung Meſſer und Gabel; erſt ſtarrte er einige Augen⸗ blicke an die Decke, dann an die Erde, und da die eine nicht wankte und die andere ſich nicht aufthat, mich zu verſchlingen, und da auch Tante Fränzchen den Blick, den er demnächſt auf ſie warf, nicht zu erwiedern wagte, ſo brach er endlich los: „Alſo geſpielt,“ rief er,„ja nun freilich, da iſt mir Alles klar. Wer ſpielt, iſt ein Müſſiggän⸗ ger und Müſſiggang iſt aller Laſter Anfang. Es iſt doch,“ rief er, indem er, wie völlig erſchöpft, den Teller von ſich ſchob und ſich tief in den alten ſchmierigen Großvaterſtuhl zurücklehnte, der ihm für gewöhnlich als Herrſcherſitz diente—„es iſt doch rein zum Verzweifeln, was ich mit dieſem Kinde für Noth habe! Wie ruhig könnte ich leben ohne dieſe Laſt und welch' ein armer thörichter Selave bin ich, daß ich ſie mir aufgeladen habe! Spielen! Spielen im Garten, daß ſie roth und erhitzt zu Tiſche kommt und durch ihr widerwärtiges Antlitz mir das arme bischen Appetit verdirbt! Wer heißt 88 Dich ſpielen? Wo haſt Du je von mir eins jener Fallſtr icke des Teufels bekommen, welche die thö⸗ cht Einfalt ſchwachherziger Menſchen Spielzeug nennt? es liegt im Blut, ganz gewiß, es liegt im lut,“ ſetzte er erſchöpft hinzu und doch zugleich mit einer gewiſſen Beruhigung darüber, daß er nun den Schlüſſel gefunden, woher einem ſechs⸗ oder achtjährigen Kinde, einem Kinde, das er erzog, die verbrecheriſche Neigung kommen konnte zu ſpielen: „Und was hat man geſpielt, wenn ich fragen darf„ „Steinchen geſucht,“ erwiederte ich trotzig. „So? Steinchen geſucht? Nun das wird ja immer hübſcher,“ fuhr der Haustyrann fort, der jetzt im beſten Zuge war und ein wahres diaboliſches Vergnügen daran fand, mich armes zitterndes Kind immer tiefer in die Todesangſt zu hetzen:„Steinchen geſucht, mir die Erde zerwühlt, meine Beete zertre⸗ ten— o ja, das ſind die Früchte des Spiels, das kommt davon, wenn man dem Herrgott den Tag abſtiehlt, ſtatt“ ſich von früh auf an eine nützliche Beſchäftigung zu gewöhnen.... Um die volle Schwere dieſes Vorwurfs zu begrei⸗ fen, muß man ſich ins Gedächtniß zurückrufen, was ich ſchon vorhin andeztete: nämlich daß dieſer ſoge⸗ ——— — 89 nannte Garten, über deſſen Verwüſtung Herr Nonne— mann jammerte, in Wahrheit nicht mehr noch weni ger war als ein ödes wüſtes Stück Land, zunã ſt an unſerem Hauſe gelegen und von ihm und Nachbarhäuſern dermaßen eingeſchloſſen, daß Luft u Sonne Mühe hatten, nur den Weg dahin zu finden. 5 Ich habe mich ſeitdem ſelbſt etwas in der Gartenzucht verſucht und zweifle, ob ſelbſt der beharrlichſte Fleiß und die größte Sorgfalt im Stande geweſe ſein würden, auf dieſem öden, feuchten, ungjund n etwas Anderes zu ziehen als höchſtens Schierling und Reſſeln— nun, und die wuchſen ſchon von ſelbſt. Herrn Nonnemann in ſeiner Allwiſſenheit entging natürlich auch dieſer Umſtand nicht, und ſo machte er auch niemals den geringſten Verſuch, der natürlichen Unfruchtbarkeit und Verwilderung dieſes Fleckchens Erde durch die Kunſt entgegen zu arbeiten. — Ein alter knorriger Birnbaum, der dicht am Seitengebäude unſeres Hauſes ſtand, war noch das Einzige, was ihm einen gewiſſen gartenähnlichen Anſtrich verlieh. Der Baum war uralt, und wenn er ſich auch durch die Frühlingsſonne zuweilen ver⸗ leiten ließ, hier und da ein Blüthchen anzuſetzen, ſo war er doch ſchon viel zu hoch in Jahren, und auch der Platz, 90 wo er ſtand, war viel zu ungünſtig, um je eine die⸗ ſer Blüthen zur wirklichen Frucht zu entwickeln. Genäſchigkeit alſo war es nicht, was mich an den alten Birnbaum feſſelte— und doch war es mir unter ſeinem Schatten ein unendlich lieber Platz, ein Platz, wo ich manchen halben Tag verträumte und zu dem ich regelmäßig von jedem frohen und traurigen Ereigniß meines Kinderlebens(nämlich wenn von den erſteren überhaupt die Rede geweſen wäre) zurückkehrte. Man vergegenwärtige ſich nur die troſtloſe Verlaſſenheit, in der ich lebte, um dieſe ſeltſame Liebhaberei zu einem alten halb verrotteten Birnbaum zu begreifen. Es war doch wenigſtens etwas Anderes, als dieſe ſtarren, feuchten Mauern, von denen ich übrigens auf allen Seiten umgeben war; es war doch etwas Lebendiges, etwas, woran ich eine Veränderung, ein Fortſchreiten, ein Wachs⸗ thum verſpürte, mitten in der entſetzlichen Einförmig⸗ keit und Regelmäßigkeit meiner Jugendtage. Da hing doch im Winter der Schnee auf den Aeſten und bildete zierliche demantfunkelnde Sternchen, an denen meine jugendliche Bewunderung ſich nicht ſatt ſehen konnte; da trat im Frühjahr der Saft in die Zweige und dicke braune Knospen, verwunder⸗ ſam anzufühlen, von eigenthümlich würzigem Geruch, 91 quollen mir entgegen; da brachen die Knospen end⸗ lich auf und kleine zarte grüne Blätter, ſo weich, ſo würzig, daß ich ſie oft im Spiel zwiſchen den Zäh⸗ nen zermalmte, lachten mich an, durchwirkt mit präch⸗ tigen weißen Bluthen, die mir den Schnee des Win⸗ ters noch einmal und in wie viel lieblicherer Geſtalt vor Augen führten; da verirrte ſich, von dem ſüßen Duft der Blüthen angelockt, wohl gar ein Bienchen in dieſen einſamen Winkel und mit Staunen und andachtsvoller Freude ſah ich, wie das kleine emſige Thierchen den goldgeſtreiften haarigen Leib in den Kelch der Blüthe vergrub, um bald darauf mit ſüßem Staub beſchwert, langſamen Flugs, leiſe ſummend mit den kleinen goldenen Flügelchen, davon zu ſchwe⸗ ben— wohin? ich wußte es nicht: aber für mein Leben gern wäre ich mit ihm davon geeilt und wäre ihm gefolgt in andere, wärmere, freundlichere Gegenden. Und wenn nun im Lauf des Sommers der alte knorrige Stamm ſich endlich völlig belaubt hatte, o welche Luſt war das, auf dem feuchten Raſen zu ſeinen Füßen im Schatten zu liegen und die gold⸗ grünen Ringelchen der Blätter ſich auf Hals und Angeſicht ſpielen zu laſſen! Ich lag und ſtarrte in das Blättermeer über mir und je länger ich lag und je tiefer ich ſtarrte, je unergruͤndlicher ward das Meer, — —— 92 je dichter quollen ſeine grünen Wogen, je mächtiger wölbten ſie ſich über mir. Ja gewiß, in ſolchem grünen Blättermeer mußte meine Mutter wohnen, die ſchöne unglückliche Florine; wenn die Blätter ſäuſelten, ſo war es mir, als vernähme ich ihre Stimme; jedes herabgewehte Blättchen las ich begie⸗ rig auf und drückte es an mein Herz und küßte es — es wäre eine Botſchaft, dachte ich, die ſie mir geſendet. Ja zuweilen, beſonders wenn ich durch irgend etwas im Hauſe ſo recht betrübt war(und an Gele⸗ genheit dazu fehlte es mir wahrlich nicht), erwartete ich geradezu, die grüne Blätterhülle müßte ſich thei⸗ len und heraus müßte Florine treten, mit dem Strah⸗ lenkranz auf dem Haupte, juſt wie die Sonne, wenn ſie den Wipfel meines geliebten Baumes vergoldete, und müßte mich an ſich ziehen und mich mit ſich nehmen, zu den kleinen fleißigen Bienen, in ein Land, wo ewig die Sonne ſchien— und wo es ganz beſonders auch keinen Herrn Nonnemann gab mit weißem geſteiften Halstuch und den großen gläſernen Augen, die mich immer bis auf den Grund meiner Seele zu durchforſchen ſchienen. Ach und wenn nun gar, wie es zuweilen geſchah, ein verirrtes Vögelchen ſich auf dem Birnbaum nie⸗ derließ und piepſend und die Federn fräubend und das 93 Schnäbelchen gegen die braunen knorrigen Aeſte wetzend, lief es hin und her und hüpfte von Aſt zu Aſt und ſah mich an mit den klugen goldbraunen Aeugelchen— o in der That, das war ja eine Freude, gegen die alle Trübſal und aller Kummer meines ſonſtigen Lebens in Vergeſſenheit ſank! Selbſt die kleinen flin⸗ ken Käferchen, die zur Sommerzeit den alten morſchen Stamm auf⸗ und niederkrochen, alle ſo eifrig und mit ſolcher Sicherheit des Wegs, als hätten ſie die allerwichtigſten Beſorgungen, waren meine Freunde; Stundenlang konnte ich ihnen zuſehen und konnte eſpräche mit ihnen führen in meiner Art und ihnen Aufträge geben an meine Mutter, von der ich wähnte, ſie wäre eingeſchloſſen im Innern des Baumes und es brauchte nur einmal eines rechten warmen goldi⸗ gen Sonnenſcheins, ſo müßte der Stamm ſich ja auf⸗ thun und meine holde Mutter trete hervor! Achtes Cupitel. Das Opfer der Pflicht. Ganz in Abrede ſtellen alſo konnte ich es dem Herrn Nonnemann nicht: ich verträumte und ver⸗ 94 tändelte allerdings viel Zeit in dem ſogenannten Garten, wennſchon ich an der Verwüſtung deſſelben, deren er mich anklagte, ſehr unſchuldig war— aus dem einfachen Grunde, weil es hier überhaupt nichts zu verwüſten gab. Nun aber, iſt denn das wirklich wohl ſolch ein Verbrechen, wenn ein armes thörich⸗ tes Kind, ein Kind, um das ſich Niemand ſo recht be⸗ kümmerte und das auch(aus Gründen, die ich ſpä⸗ ter noch erörtern werde) noch gar keinen regelmäßi⸗ gen Unterricht genoß— wenn, ſage ich, ein ſolches Kind ſeine Zeit damit verbringt, bunte Steinchen zu ſammeln und den Vögeln und Käferchen zuzuſehen, die durch das Laub ſchlüpfen? Ach die meiſten Kinder ſind in ihrer Einſamkeit viel glücklicher als man es ahnt; nicht die Einſamkeit und auch nicht einmal der ſcheinbare Müſſiggang iſt es, der ſie ver⸗ dirbt, ſondern umgekehrt, die unpaſſende Geſellſchaft, in die man ſie bringt und die noch unpaſſenderen Arbeiten, die man den Aermſten aufnöthigt, lange bevor es Zeit dazu iſt. Allein auch dieſe Betrachtungen waren meinem Pflegevater(— iſt es nicht ſeltſam, daß ich noch jetzt, nach ſo vielen Jahren, mich nicht überwinden kann, ihn Vater zu nennen 2) ein verſchloſſenes Buch; er fuhr fort zu toben und zu zanken und über einen 95 Schaden zu jammern, den ſelbſt ein Elephant, wenn er in unſer Gärtchen gerathen wäre, ihm nicht hätte anrichten fönnen. Eine Weile ertrug ich das mit möglichſter Ge⸗ laſſenheit. Mit der Zeit indeſſen, da er gar nicht aufhörte zu toben und zu zürnen, regte ſich mein Widerſpruchsgeiſt denn doch auch und mit jener Keck⸗ heit, zu der ſelbſt ſchüchterne Kinder ſich auf Augen⸗ blicke emporſchwingen, ſobald ſie den Erwachſenen eine Schwäche abgemerkt zu haben glauben, warf ich ihm im ſchmollenden Tone ein: „Aber lieber Vater, warum ſchelten Sie mich ſo ſehr? Andere Kinder ſpielen ja auch...5 Und wenn jetzt der Leibhaftige, mit Hörnern und Klauen, wie Herr Nonnemann ihn zu ſchildern liebte, in das Zimmer getreten wäre und hätte ſich zu uns an den Tiſch geſetzt— Herr Nonnemann hätte nicht mehr erſtaunen können, als er es über meine Frechheit that. Eine ganze Weile ſchnappte er links und rechts nach Luft, wie ein breitmäuliger Kar⸗ pfen, der auf das Trockene geſchleudert iſt; endlich fand er ſich zurecht und nun fielen die Streiche ſei⸗ ner Rede hageldicht. „Wie doch?“ rief er,„höre ich recht? Andere Kinder? Wer ſind andere Kinder? und wer biſt 96 Du, daß Du Dich unterfängſt, von andern Kindern zu ſprechen? Weißt Du denn, wer Du biſt? Weißt Du es wirklich?“ Wobei er mit gewaltiger Fauſt quer über den Tiſch griff und mich ſchüttelte, daß mir die aufge⸗ löſten Locken wirr in die Augen flogen. Aber das war gerade die richtige Art, mich immer trotziger und verſtockter zu machen. „Ich dächte doch,“ ſagte ich, die kleinen Zähne auf einander beißend:„Ihrer Schweſter Kind, Ihre Nichte, Herr Vater 4 In ſeiner Aufregung hatte Herr Nonnemann natürlich keine Zeit, den komiſchen Widerſpruch zu bemerken, der in dieſer Zuſammenſtellung lag. Wie er denn überhaupt nicht der Mann war, der für das Komiſche Sinn und Verſtändniß hatte oder ſeine Freude daran fand. Im Gegentheil, in ſeiner Um⸗ gebung mußte Alles ernſt und feierlich zugehen, je⸗ des Gelächter war ihm verhaßt, er nannte es das Triumphgeſchrei der böſen Geiſter, welche in der Bruſt des Menſchen verſchloſſen wohnten und nur auf die Gelegenheit lauerten, loszubrechen. Darum vermochte alſo auch mein kindiſcher Widerſpruch ihm kein Lächeln abzugewinnen. Viel⸗ mehr mit dem ernſthafteſten Geſicht von der Welt 97 und einem Augenverdrehen, wie ein Märthrer auf dem Rade, wandte er ſich zu Tante Fränzchen, ſtiette ſie lange an und ſagte dann im Tone völligſter Reſignation: „Alſo dahin ſind wir gekommen— ſehen Sie wohl, Tante Fränzchen, wie Recht ich hatte, wenn ich behauptete, dies Kind ſei eine Schlange, die wir am Buſen nährten? Rückt ſie mir ihre Herkunft ſi ihre Herkunft!!“ Und dabei verfiel er jetzt allerdings in ein Ge⸗ lächter, das aber, der Himmel weiß es, nichts Fröh⸗ liches oder Komiſches an ſich hatte. Und dann mich dicht an ſeinen Stuhl zerrend: „Ich will Dir ſagen,“ fuhr er fort,„wer Du biſt: das Kind einer Verworfenen, von der ich lei⸗ der nicht längnen kann, daß ſie meine Schweſter ge⸗ weſen— aber ſie iſt es geweſen? Hörſt Du? Ge- weſen: und wenn Du fortfährſt auf dem Wege, den Du beſchritten haſt, nur zwei Schritte, einen ein⸗ zigen, einen halben, ja ein einziges Fußaufheben noch,— ſo werde auch ich Dein Vater und Du wirſt mein Kind geweſen ſein. Dann geh' doch zu den andern⸗ Kindern, nach denen Dich ſo ſehr ver⸗ langt, die Du beneideſt in Deinem frechen unver⸗ ſchämten Sinne— geh' zu den Bettelkindern, denen 1856. VIII. Helene. I. 7 98. Du angehörſt! Hungre mit ihnen, friere mit ihnen, denk zurück, wenn Du Nachts auf faulem Stroh liegſt, an das warme Bettchen, das meine Güte Dir verſchafft hat— o, o,“ rief er, indem er mit langen dröhnenden Schritten die kleine niedrige Stube auf⸗ und abſtieg:„welch ein Thor ich bin, welch ein verwerflicher Thor, duß ich mich mit dieſem Pack befaßt habe! Ich mußte es ja vorausſehen, ich mußte ja wiſſen, was für ein Blut das iſt— rückt mir ihre Herkunft vor! ſpricht von ihrer Mutter, ihrer verabſcheuungswürdigen Mutter, deren Name nicht genannt werden ſoll unter meinem armen bür⸗ gerlichen, aber reinen, keuſchen und friedlichen Dache! Ja in der That,“(indem er ganz erſchöpft in ſei⸗ nen Lehnſtuhl zurückſank)„ich bin ein unglücklicher Mann, unglücklich durch fremde Schuld!“ Tante Fränzchen zerfloß in Thränen. „Sie ſind ein edler, großmüthiger Mann,“ ſchluchzte ſie,„und mein ſehr verehrter Herr Schwa⸗ ger, für den ich jeden Augenblick bereit bin, mein armes nutzloſes Leben zu laſſen; Menſchen können Sie nicht belohnen für das, was Sie an uns Aerm⸗ ſten gethan haben und noch jeden Augenblick thun, aber der Himmel wird es. Auf die Kniee, auf die Kniee,“ rief ſie, mit ſo viel Eifer, als ihre phieg⸗ 99 matiſche und gutmüthige Natur erlaubte, indem ſie mich mit ſanfter Gewalt niederzudrücken ſuchte: „Auf die Kniee und bitte Deinem gütigen, Deinem all⸗ zugütigen Herrn Vater ab, was Du an ihm verbrochen! Ach Gott, der arme Wurm iſt ja noch ſo jung, er weiß wohl eigentlich noch gar nicht, was er thut, er hat ja noch keine Ahnung—“ Ein Zornblitz aus den Augen des geſtrengen Herrn Schwagers ſchloß dem gutmüthigen Weibe den Mund; dann, in Nachdenken verſunken, wieder⸗ holte er: „Aber der Himmel wird mich belohnen— nun ja, der Himmel! Er iſt auch der Einzige, der Himmel, der meine Sorgen kennt und weiß, unter welcher Laſt ich keuche. O, ich könnte wohl auch ein anderer Mann ſein als ich bin, ich könnte wohl auch einen wohlklingendern Titel haben und ein reichli⸗ cheres Einkommen und könnte mit vornehmen Leuten Bekanntſchaft pflegen und brauchte nicht in dieſem alten dumpfigen Vorſtadtwinkel zu ſtecken; ja ich könnte auch eine liebe Frau haben und liebe kleine wohlgezogene Kinder, die mich nicht zu Tode ärgern würden, wie dies ungerathene Weſen——“ Der Gedanke, daß Herr Nonnemann noch mehr Kinder haben wollte, das hieß alſo nach meinen 7* 100 Begriffen, noch mehr arme Weſen, die er martern und plagen könnte zu ſeiner Belnſtigung, kam mir in meiner Unſchuld wiederum ſo überaus wunder⸗ bar vor, daß ich eine Bemerkung nicht unterdrücken konnte. „Aber ich bin ja ſchon Ihr Kind,“ ſagte ich — ftreilich im trockenſten Ton und ohne den min⸗ deſten Anflug von Zärtlichkeit. Auch hatte der erzürnte Mann keine Luſt, auf meine kindiſche Einrede zu hören. Mit aufgebla⸗ ſenen Backen, den Kopf tief hinten übergeneigt, fuhr er, zu Tante Fränzchen gewendet, fort: „Denken Sie denn, Frau Schwägerin“(wenn er das gewöhnliche familiäre„Tante Fränzchen⸗ mit dieſem feierlichen Frau Schwägerin“ vertauſchte, ſo war das allemal ein ſicheres Zeichen der gewal⸗ tigſten Aufregung und Erbitterung)..... „Denken Sie denn,“ fuhr er fort,„Frau Schwä⸗ gerin, daß ich nicht auch Blut habe wie andere Menſchen? Denken Sie, daß ich nicht auch weiß, daß ein hoher luftiger Saal angenehmer iſt als die⸗ ſes niedrige dumpfe Zimmer oder daß es ſich auf einem weichen ſchwellenden Canapé weicher ſitzt als uuf dieſem alten zerriſſenen Großvaterſtuhl? Halten Sie mich für ſo blind, daß ich nicht wiſſen ſollte, untreu geſehen? Bin ich ein Trinker? Ein Spieler S 101 meine Geſtalt— und Gottlob, ich habe eine Ge⸗ ſtalt, die ſich kann ſehen laſſen trotz der von Kum⸗ mer und Sorge ergrauten Haare, ich bin ein Mann, der in ſeiner Ingend ſtreng geweſen iſt gegen ſich ſelbſt und darnm, ſo Gott will, einem langen, ge⸗ ſunden und geſegneten Alter entgegengeht— um nicht zu wiſſen, ſage ich, daß meine Geſtalt ſich in einem feinen modiſchen Kleide beſſer ausnehmen würde als in dieſem alten abgetragenen Büreaurock? O ganz gewiß, ich weiß das Alles, der Herr— ſein Name ſei geprieſen!— hat es mir an Ver⸗ ſtand nicht fehlen laſſen, ich kenne die Welt und weiß, wie es darin zugeht. Aber ich kenne auch meine Pflicht und weiß, daß es nichts Gottgefälki⸗ geres giebt und nichts, was uns mehr erhebt in unſerm eigenen Bewußtſein, als wenn wir uns dar⸗ bringen zum Opfer unſerer Pflicht. Ich bin,“ rief er mit Emphaſe,„ein Opfer meiner Pflicht, ich thue nichts, denke nichts, treibe nichts als immer nur, wie ich meine Pflicht erfülle. Sie ſind nun bald zehn Jahre in meinem Hauſe, Frau Schwä⸗ gerin— ſprechen Sie, reden Sie, bekennen Sie die Wahrheit vor Gott und den Menſchen: haben Sie mich in dieſer Zeit jemals meinen Pflichten * Beſuche ich verbotene Häuſer und treibe mich um⸗ her in der Geſellſchaft der Leichtfertigen? Nein,“ beſtätigte er ſich ſelbſt mit unnachahmlicher Würde, „ich trinke nicht, ich ſpiele nicht, die paar Wochen Urlaub abgerechnet, die ich alljährlich auf Geheiß meines Arztes im Bade verbringe, bin ich in meinem Hauſe feſtgewachſen wie die Schildkröte in ihrem Schild— keinen Menſchen, behaupte ich, giebt es in der ganzen Stadt, der pünktlicher iſt in ſeinen Geſchäften und mehr Sorge darauf verwendet, auch ſeine Umgebung an Fleiß und Pünktlichkeit zu ge⸗ wöhnen, ja ganz beſonders an Pünktlichkeit...“ Reuntes Cayitel. Der Mann nach der uhr. Letzteres war ein Stich, der eigentlich vor⸗ nämlich gegen die arme Tante Fränzchen gerichtet war. Herr Nonnemann war nämlich, zu ſeinen übrigen mehr löblichen als angenehmen Eigenſchaf⸗ ten, ganz beſonders auch, was man einen Mann nach der Uhr nennt. Er war überhaupt ein arith⸗ metiſches Genie; wie er ſelbſt dahin gepflanzt war 103 gleich einer runden großen fettbäuchigen Null, ſo waren auch, glaube ich,(oder habe es wenigſtens längere Zeit geglaubt) Zahlen das Einzige, was ſeine trockene duͤrre Seele erfüllte.— Von ſeiner ungewöhnlichen Fertigkeit im Rechnen ſowie über⸗ haupt von ſeiner geſchäftlichen Aceurateſſe haben wir bereits gehört. Im Kaſſenzimmer mochte das recht gut ſein— nämlich wenn es überhaupt ſo war.... Allein Herr Nonnemann übertrug jene Fer⸗ tigkeit und dieſe Accurateſſe auch in den Schoß der Familie, in das gewöhnliche häusliche Leben, wo er denn allerdings einigermaßen unbequem damit wurde. Alles in dieſem Hauſe war geregelt nach dem Schnürchen. Nicht blos, daß jedem Stuhl und jedem Tiſch ſein beſtimmter Platz angewieſen war, von dem er nicht gerückt werden durfte bei Leibes⸗ ſtrafe: auch den Menſchen war vorgeſchrieben, wie und wann und wie lange ſie ſich bewegen ſollten und niederſitzen und wied aufſtehen, kurz, das ganze Haus war oder ſollte döch nach der Abſicht meines Oheims ein Rechenerempel ſein, in welchem jede Ziffer ſtets glatt und rund auf ihrem Platze ſtand und wo daher auch das Facit jeden Augenblick klar dargelegt werden konnte. Dies, wenn ich ihn recht verſtehe, war der Schlüſſel zu dieſem ſeltſamen 104 Charakter, alles Andere war Beiwerk, Manches viel⸗ leicht bloße trotzige Widerſetzlichkeit der gemißhan⸗ delten Natur, hier dagegen lag der eigentliche Kern ſeines Weſens: nämlich in dem Fanatismus der Regelmäßigkeit, in der wahrhaft blinden Wuth, mit der er lebendige Menſchen in bloße todte Ziffern, die unermeßliche Mannichfaltigkeit des Lebens in ein kaltes abſtractes Rechenerempel zu verwandeln ſtrebte. Daher dieſe Nüchternheit der Empfindungen, daher dieſes nie raſtende unheimliche Späherauge — ſehr natürlich; er mußte ja fortwährend auf der Hut ſein, ob bie Maſchine noch hübſch in Gang, ob kein Stiftchen ſich verbogen, kein Rad falſch eingegriffen hatte. Daher aber auch dieſer Haß gegen Alles, was nur irgend wie Freiheit oder Selbſtändigkeit der Entwickelung ausſah; daher dieſer eherne Ernſt, der unwandelbar auf ſeinen Zügen lag— er ſelbſt ein kalter fühlloſer Mecha⸗ nismus, der ſich ewig nur nach hergebrachten Ge⸗ ſetzen bewegte; daher enblich der Ingrimm, mit dem er alle, auch die unſchuldigſten Spiele der Phantaſie verfolgte— wie hätte auch das freie luftige Kind des Himmels, die Schweſter der Poe⸗ ſie, hineingepaßt in dies trübe, proſaiſch abgezirkelte Werkeltagsleben?! 105 Tante Fränzchen, die, wie wir uns erinnern, ſelbſt nur eine leidlich proſaiſche Natur war, ſtimmte in dieſem letztern Punkt mit dem geſtrengen Herrn Schwager vollkommen zuſammen. Deſto ſchwieriger fiel es ihr dagegen, ſich an die Pünktlichkeit und Regelmäßigkeit zu gewöhnen, die Herr Nonnemann in ſeinem kleinen Haushalt verlangte unb die allerdings noch über das Soldatiſche hinausging. Daß regel⸗ mäßig mit dem Glockenſchlag das Eſſen auf dem Tiſche ſtehen mußte, davon will ich gar nicht erſt Prechen; das iſt ein häusliches Staatsgrundgeſetz, das auch in andern, minder militäriſch geregelten Haushaltungen beſteht und bei dem ſie ſich wohlbefinden. Aber auch jede andere häusliche Verrichtung, ſelbſt die kleinſte, die unbedeutendſte nicht ausgenommen, mußte bei uns auf die Minute, ja auf die Secunde vollzogen werden; wie jeder Tiſch und Stuhl, ſo hatte auch jeder Teller, jedes Meſſer, jeder Löffel, jeder Topf in der Küche ſeinen vorgeſchriebenen Platz und mit unerbittlicher Genanigkeit wachte Herr Nonnemann darüber, daß die vorgezeichnete mathe⸗ matiſche Linie nirgend verlett, die vorausbeſtimmte Seeunde nirgend verſäumt ward. Nun war Tante Fränzchen gewiß eine muſter⸗ hafte Hausfrau,— immer in ihrer Art, verſteht ſich— ——————— — 106 die ſich alle erdenkliche Mühe gab, das Hausweſen zuſammen zu halten und Alles zum beſten zu kehren. Allein einen Fehler hatte ſie bei alledem, die gute Tante Fränzchen— einen ſehr verzeihlichen, einen angeborenen Fehler, den ſie mit aller Anſtrengung nicht ganz überwinden konnte und deſſen leiſeſte Aeußerung doch mehr als hinreichend war, ihr die härteſten Vorwürfe von unſerm Haustyrannetz zuzu⸗ ziehen— ſie war ein wenig vergeßlich, die gute Tante; bei dem Eifer, mit dem ſie alle Stücke des Haushaltes umfaßte, hatte ſie ſo Vielerlei in den Kopf zu nehmen, daß ſie regelmäßig die Hälfte davon wieder vergaß. Es war nicht Flüchtigkeit noch Theil⸗ nahmioſigkeit, im Gegentheil: Tante Fränzchen war, wie ich ihr ſchon nachgerühmt habe, eine der flei⸗ ßigſten, ſorgſamſten, gewiſſenhafteſten Hausfrauen, die ſich finden ließen weit und breit. Ja ſie war viel⸗ leicht zu gewiſſenhaft; hätte ſie die Dinge etwas leichter genvmmen, hätte ſie einen Unterſchied gemacht zwiſchen Großem und Kleinem, Weſentlichem und Un⸗ weſentlichem, ſo würde ſie vermuthlich im Stande geweſen ſein, dem Ganzen, das auf dieſe Art einen gewiſſen inerlichen Plan, eine innerliche natürliche Ordnung bekommen hätte, noch weit beſſer vorzuſtehen, als ſie ohnehin ſchon that. Jetzt dagegen, für das — * 107 Chaos von Geſchäften und Vorſätzen und Einrichtun⸗ gen, das ſie jederzeit gleichmäßig im Kopf zu tragen ſuchte, mußten die Kammern ihres Gehirns nothwen⸗ dig zu klein ausfallen, ſo daß die Hälfte davon bei der erſten Gelegenheit wieder herauspurzelte. Aber freilich hätte dann auch der Herr und Gebie⸗ ter unſeres Hauſes ein Anderer ſein müſſen als er war. Herr Nonnemann kannte ebenfalls keinen Un⸗ terſchied zwiſchen wichtigen und unwichtigen, Haupt⸗ und Nebengeſchäften. Vielmehr war es ein Lieb⸗ lingsſatz von ihm, daß der Menſch Alles, was er thue, Großes wie Kleines, Nöthiges wie Ueberflüſſi⸗ ges, ſtets mit demſelben Eifer thun müſſe. Alle ſeine Geſetze waren ſozuſagen in Erz gegraben, Alles waren für ihn Ziffern, deren jede ihren beſtimmten Werth hatte und oon denen daher auch keine über⸗ hüpft oder ſonſt vernachläſſigt werden durfte— die Summe des Tages wäre ja gleich eine andere gewor⸗ den, es hätte ja nicht die vorſchriftsmäßige Anzahl von Thürenauf⸗ und Zumachen, von Stuhlrücken und Fenſteröffnen, von Athemholen und Naſenſchneu⸗ zen ſtattgefunden.. Inzwiſchen erfordert die Gerechtigkeit anzuer⸗ kennen, daß vielbemeldeter Herr Nonnemann ſeine ehermen Geſetze nicht blos für Andere gab, ſondern 108 er ſelbſt war der Erſte, der ſie befolgte. Ja gerade in ſeinen eigenen Geſchäften und Verrichtungen trieb er die Regelmäßigkeit zur alleräußerſten Karrikatur. Es war ganz richtig, weſſen er ſich gegen Tante Fränz⸗ chen berühmte: er kam wirklich, ſeine alljährliche Ferienreiſe abgerechnet, nie aus dem Hauſe und auch im Hauſe ſelbſt konnte kein Uhrwerk regelmäßiger gehen und pünktlicher die Stunde halten, als er es that. Täglich, genau zur ſelben Stunde, war er aus dem Bette; täglich, genau dieſelbe Anzahl von Mi⸗ nuten, den Zipfel der hohen weißen Nachtmütze ſtets nach derſelben Seite gedreht, ſteckte er den Kopf zum Fenſter hinaus, ſtets erſt nach dieſer, dann nach jener Himmelsgegend, um ſich von der Beſchaf⸗ fenheit des Wetters zu überzeugen; täglich brauchte er zu dieſer Beobachtung dieſelbe Zahl von Minu⸗ ten, zog ſich täglich mit demſelben Räuspern aus dem Fenſter zurück, ſchloß den klirrenden Flügel täg⸗ lich mit demſelben eigenthümlichen Kraftaufwand. Den Nachbarn erſetzte er auf dieſe Art wirklich eine Stadtuhr, die wir in unſerer entlegenen Vorſtadt nicht hatten; ſie konnten ſich feſt darauf verlaſſen, ſowie der weiße Nachtmützenzipfel des Herrn Rech⸗ nungsraths zum Fenſter herausſah oder ſowie die Scheibe unter ſeinem mächtigen Fauſiſchlag klirrte, ſo 109 war es um die und die Zeit, und zwar unabänder⸗ lich jeden Tag und bei jeder Witterung. Und wie er ſeinen Tag begonnen, ſo ſetzte er ihn fort; es war, wie ein Faden ſich abſpinnt oder wie eine gut geregelte Maſchine ſich um ihre Walze dreht. Das Merkwürdigſte dabei und was mir als Kind immer das meiſte Kopfbrechen machte, war die ſeltſam pedantiſche Art, mit welcher mein Pflegevater ſein Kaſſenlokal beſuchte. Daſſelbe befand ſich in einem Seitenflügel des von uns bewohnten Gebäu⸗ des, das mein Pflegevater überhaupt als Amtswoh⸗ nung inne hatte. Doch hatte das Kaſſenlokal einen eigenen Eingang von der Straße her, durch welchen auch der Geſchäftsverkehr ſtattfand. Ein zweiter Eingang führte unmittelbar aus unſerer Wohnung quer durch den ſogenannten Garten, ohne daß man dabei nöthig hatte, erſt die Straße zu paſſiren. Al⸗ lein wiewohl nun dieſer Weg weit kürzer und be⸗ quemer war, ſo wurde er von Herrn Nonnemann doch niemals benutzt; er behauptete ſogar, zu der MNebenthür, die im Uebrigen mit Schlöſſern und Rie⸗ geln wohl verwahrt war, gar keinen Schlüſſel zu be⸗ ſitzen und ging Tag für Tag, Vor⸗ wie Nachmittag, vollſtändig angekleidet, den Hut auf dem Kopfe, mit Stock und Handſchuhen, zur Hansthür hinaus, in * 110 einem weiten Bogen quer über die Straße, um zwan⸗ zig Schritte davon im Seitenflügel wieder hinein zu gehen. Auch dieſer Gang wurde täglich auf die Secunde vorgenommen, ſowohl hin wie zurück, und diente den Nachbaren, die niemals unterließen, ihm aus allen Thüren und Fenſtern ihr„Ergebenſter Diener, Herr Rechnungsrath“ zuzurufen, ebenfalls als ein untrüg⸗ licher Chronometer.— Mir als Kind machte dieſe wunderliche Gewiſſenhaftigkeit, den weiteren und un⸗ bequemeren, aber öffentlichen Weg, ſtatt des näheren und bequemeren, aber minder ſichtbaren zu wählen, ein ganz unbeſchreibliches Vergnügen; ich mußte dabei, wie er in ſeiner ganzen großen rieſigen Ge⸗ ſtalt ſo aus einer Hausthür heraus⸗ und gleich dar⸗ auf in die andere hineinhuſchte, immer an die Wet⸗ termännchen denken, die Verſteck mit einander ſpielen und von denen auch wir ein Exemplar, ſorgfältig von Herrn Nonnemann unter Controlle gehalten, am Fenſter unſerer Wohnſtube hängen hatten. Der Ge⸗ danke, daß der große dicke Herr Nonnemann ſolch ein kleines putziges Wettermännchen agiren müſſe, hatte etwas außerordentlich Beluſtigendes für mich und unzählige Male, trotz ſeines Verbotes, ſchlich ich ihm nach, um zu ſehen, wie er hier hinaus und 111 dort hinein ſchlüpfte; ja nicht ſelten ſtachelte mich der Muthwille ſo, daß ich in die Hände ſchlug und ihm halblaut hinterdrein rief: „Nonnemännchen, Wettermännchen! Wettermänn⸗ chen, Nonnemännchen!“ O ihr ſeligen Thorheiten der Kindheit!! Zehntes Capitel. Tante Fränzchen. Mit dieſer Regelmäßigkeit Schritt zu halten, fiel der guten Tante Fränzchen, aus oben gemeldeten Gründen, nun freilich nicht leicht. Unter andern kleinen Schwächen hatte ſie auch dieſe, daß ſie nie⸗ mals eine Uhr im Gang erhalten konnte; ſondern theils aus Geſchäftigkeit, damit die Uhr ja nicht ſtehen bliebe, theils um kleine Sünden im Punk der Zeitverſäumniß wenigſtens ſcheinbar zu verdecken, öffnete ſie das Gehäuſe bald von rechts, bald von links, ſtellte die Zeiger bald vor⸗ bald rückwärts und kurz und gut, baſtelte ſo lange daran herum, bis das Räderwerk glücklich in Unordnung gebracht war. Nach dem bisher Mitgetheilten kann man ſich — mů——— ů m————————— 112 leicht vorſtellen, wie ſchwer mein Pflegevater gerade dieſen Frevel gegen ſeine Hausordnung empfand; ſeine Uhren, äußerte er oft,(und er hatte ihrer in der That in jedem Zimmer zwei oder drei, wenn auch nur lauter altmodiſche, werthloſe Gehäuſe) wä⸗ ren ihm wie ſeine Augen, wer ihm an ſeine Uhren greife, das ſei ihm gerade, als wenn ihm Einer bas Auge im Kopfe verletzte.. Nun hatte Tante Fränzchen, nach einem in der menſchlichen Natur ſehr tief begründeten Widerſpruch, wohl den Muth dieſen Haupt⸗ und Generalfrevel zu begehen, aber nicht, den begangenen einzugeſtehen. Wer weiß ſich von jeder kleinen Unwahrheit rein? Es iſt wahrlich meine Abſicht nicht, Dornen zu häu⸗ fen auf den Grabhügel, unter welchem Tante Fränz⸗ chen ausruht von ihrem mühſeligen, arbeitſamen Le⸗ ben, ich berichte nur eine Thatſache—: ohne daß ſie es eigentlich direct mit Worten ſagte, nur indem ſie ihren eigenen Frevel hartnäckig verläugnete und in Abrede ſtellte, brachte ſie es dahin, daß ich armſe⸗ liger Heiner Narr für den allgemeinen Störenfried aller Uhren im Hauſe und damit auch der ganzen ſo künſtlich geregelten Hausordnung ſelber galt. Nun will ich nicht in den eben gerügten Feh⸗ ler der guten prolligen Tante verfallen und will daher — 113 nicht läugnen, daß das Räderwerk im Uhrkaſten mit ſeiner geheimnißvollen raſtloſen Bewegung aller⸗ dings einen gewiſſen mit Grauſen gemiſchten Reiz für mich hatte; auch wird es ſchwerlich ein Kind ge⸗ ben, das dieſen Reiz nicht empfände. Doch über⸗ wog bei mir das Grauſen das Vergnügen; der grüne lebendige Baum, mit den ſäuſelnden Blättern, den duftigen, bienenumflogenen Blüthen, war mir un⸗ aus ſprechlich lieber als das todte Uhrwerk, und dar⸗ um gerieth ich auch nur höchſt ſelten in die Ver⸗ ſuchung, Herrn Nonnemann die Augen im Kopf zu verletzen.“ Dennoch mußte ich häufig dafür büßen— da⸗ für, ſowie für andere kleine Verſehen, welche Tante Fränzchen ſich zu Schulden kommen ließ. Es be⸗ ſtand, wie ich ſchon einmal ſagte, zwiſchen ihr und meinem Pflegevater eine Art ſtillſchweigenden Ver⸗ trags, wonach bei Allem, was im Hauſe Regelwid⸗ riges oder Verbotenes paſſirte, jederzeit ich als der ſchuldige Theil betrachtet und demgemäß in Anſpruch genommen ward. Daß dieſe Wahrnehmung, die mei⸗ nem jugendlichen Scharfſinn unmöglich entgehen konnte, nicht dazu beitrug, mich artiger und folgſamer zu machen, brauche ich nicht erſt zu verſichern. Erfreu⸗ lich dagegen würde es mir ſein, wenn Andere ſich 1856. vIII. Helene I. 8 114 durch mein Beiſpiel wollten warnen laſſen und ihre Kin⸗ der und Zöglinge, ſowie überhaupt ihre Untergebenen ſtets nur für Das in Anſpruch nehmen, was ſie wirk⸗ lich begangen haben; auch davon iſt das Gegentheil weit häufiger als man denkt und namentlich, als man ſich ſelber zugeſtehen will. Uebrigens hatte Tante Fränzchen tauſenderlei Mittel und Wege, mich für das kleine Unrecht, das mir auf dieſe Weiſe zuweilen widerfuhr, zu entſchä⸗ digen. Sie war mein treuer Verfechter, ſoweit es nämlich ihre natürliche Schüchternheit ſowie der unbedingte Reſpeet zuließ, welchen ſie ihrem Schwa⸗ ger, dem Herrn Rechnungsrath, zollte; wo ſie mich nicht zu vertheidigen wagte, ſuchte ſie das Geſpräch wenigſtens anders zu lenken oder mich ſonſt auf irgend eine Weiſe aus der Schußlinie zu bringen.— So auch bei jener Tafelſcene, von der ich vor⸗ hin berichtete. Herr Nonnemann hatte ſo eben die emphatiſche Frage an ſie gerichtet, ob ſie denn etwa glaube, daß er nicht auch ſeine Wünſche und Leiden⸗ ſchaften habe und ob irgend auf Erden ein Menſch gefunden werden könne, der ſich mit größerem Hervis⸗ mus ſeiner Pflicht zum Opfer bringe als er. Das waren die Momente, in denen Tante Fränzchens Einmiſchung von bewunderswerther Wirkung zu ſein 115 pflegte; da vereinigten ſich bei ihr weibliche Schlauig⸗ keit, mütterliche Sorgfalt und aufrichtige, herzliche Empfindung, um ihr regelmäßig den Sieg zu ver⸗ ſchaffen. Noch bevor Herr Nonnemann ſeine Frage ganz vollendet, hatte ſie ſich, unter fortwährendem heftigen Kopfnicken, langſam von ihrem Stuhl in die Höhe gerichtet; auch ſo reichte die kleine hagere Frau dem großen wohlbeleibten Herrn Schwager kaum bis unter die Schulter. Aber das erhöhte nur das Demüthige ihrer Stellung; mit gefaltenen Hän⸗ den, unter ſtrömenden Thränen, faſt unverſtändlich vor häufigen Schluchzern: „Nie, nie,“ rief ſie,„hat ein Menſch auf Erden gelebt, der edler und gütiger und großmüthiger gewe⸗ ſen, als der Herr Schwager! Kein Fürſt, kein König hätte mehr thun können an den Seinigen, als der Herr Schwager an uns, den unwürdigen Nachge⸗ laſſenen ſeiner Geſchwiſter, gethan hat! Aber dafür wollen wir auch ſein Lob ſingen und unſer Auge ſoll offen ſtehen in ſeinem Dienſte Tag und Nacht; meine Söhne— Gott ſegne die braven Jungen! — ſobald ſie nur erſt etwas gelernt haben und im Stande ſind ihr Brod zu verdienen, ſollen für ihn arbeiten, bis ihnen die Hände blutrünſtig werden. Ich aber und dieſes unglückliche Kind hier“— 8* 16 indem ſie mich mit unwiderſtehlichem Ruck neben ſich niederzog—„dem der erleuchtete und großmü⸗ thige Herr Schwager die Sünde ſeiner Geburt nicht nachtragen wird— ich und dieſes Kind— ach ſehen Sie doch, liebſter Herr Schwager, ſie kniet ja ſchon und weint, daß ihr das kleine unartige Herzchen faſt zum Munde hinaushüpft— Tag und Nacht wollen wir vor dem gütigen Herrn Schwager auf den Knieen liegen und jeder Wink von ihm ſoll uns wie ein Befehl von Gott ſein— von Gott, dem der Herr Schwager gleich an Wohlthun und Erbar⸗ men und Langmüthigkeit!“ Das waren nun ohne Zweifel ſehr dick aufge⸗ tragene Farben. Allein der derbe, hausbackene Ge⸗ ſchmack meines Pflegevaters liebte dieſes etwas grelle Colorit; er ließ uns erſt noch ein Weilchen vor ſich auf den Knieen rutſchen, dann reichte er uns ſeine plumpen feuchten Hände, eine nach der andern, zum Küſſen und endlich mit der Gewißheit, hent an kei⸗ nen Verdauungsbeſchwerden zu leiden, erhob er ſich, um ſeinen alltäglichen Mittagſchlaf zu halten, der regelmäßig jedesmal fünfundzwanzig und eine Vier⸗ telminute dauerte; höchſtens daß mir noch im Abge hen ein halb ernſthafter, halb ſcherzhaft geme nter 117 Klaps auf den Kopf zu Theil ward, nebſt einen halblaut durch die Zähne gemurmelten: „Sie iſt und bleibt doch eine Schauſpieler⸗ dime Eilftes Capitel. Weiſe Rathſchläge. Das Beſte bei dieſen leidenſchaftlichen Auftritten war noch immer dies, daß danach regelmäßig eine längere Pauſe entſtand, während welcher Herr Nonne⸗ mann ſich durch nichts aus ſeiner gewöhnlichen Schweigſamkeit herausbringen ließ; gleichſam als müßte er die Worte wieder einbringen, mit denen er bei ſolchen Gelegenheiten in der That etwas freige⸗ big geweſen, wurde er danach jedesmal doppelt ſtill und in ſich gekehrt und gab ſeine Willensmeinung nur durch einzelne abgebrochene Laute oder gar nur durch Winke und Zeichen kund. Für mich war das immer eine ſehr erbauliche Zeit. Es war zwar, bei Licht beſehen, noch immer ein bedauernswerthes Loos für ein armes ſechs⸗ oder achtjähriges Kind, zwiſchen einem ſo nnerſchütterlich 118 ernſten ſchweigſamen Manne, wie mein Pflegevater, und einer Frau dahin zu leben, die, wie Tante Fränzchen, zwar herzensgut war, aber in Gegenwart des Hausherrn vor unbegrenztem Reſpect ebenfalls kein Wort über die Lippen zu bringen wagte. Aber theils kannte ich es nicht beſſer, theils war auch dieſe drückende ſchwüle Stille noch immer eine Wohlthat gegen die Zornausbrüche des Herrn Nonnemann und die unaufhörlichen Fragen und Quälereien und Zurechtweiſungen, mit denen er mich zu andern Zei⸗ ten heimſuchte.. Auch auf Tante Fränzchen machten jene hefti⸗ gen Scenen lange nicht den Eindruck, wie man nach der Zerknirſchung, die ſie dabei zeigte, hätte erwar⸗ ten ſollen. Im Gegentheil, zu meiner Bewunderung bemerkte ich, daß ſie regelmäßig, ſowie der Oheim das Zimmer verlaſſen hatte, ſich die Thränen aus den Augen wiſchte, vor den Spiegel trat(ſie war trotz ihrer vorgerückten Jahre und trotz ihres wenig gefälligen Aeußern in ihrem Anzug immer noch von großer Sauber⸗ keit und Gefälligkeit,) ſich die in Unordnung gerathene Haube zurechtrückte, vielleicht noch hier und da ein Rindchen Brod zuſammenſuchte und dann der Magd rief und ſie beim Abräumen unterſtützte, ſo heiteren 119 Angeſichts und mit ſolcher Unbefangenheit, als wäre nicht das Mindeſte paſſirt. Anfangs machte dieſe Wahrnehmung einen ganz außerordentlich peinlichen Eindruck auf mich; ich hatte die Tante wirklich aufrichtig lieb und konnte es mir mit der Vorſtellung, die ich von ihrer Treue und Wahrhaftigkeit hegte, nicht zuſammenreimen, daß ſie Weinen und Lachen, wie man es in jener Gegend mit einem etwas plebejen, aber nicht un⸗ richtigen Ausdruck bezeichnet, ſo völlig in einem Sacke führte. Als ich ihr eines Tags meine Ver⸗ wunderung darüber mehr andeutete als eigentlich ausſprach(denn zu Letzterem war ich mir ja ſelbſt noch lange nicht klar genug), ſo ging ſie ſogleich be⸗ reitwillig auf den Gegenſtand ein und ließ ſich, mit jener Redſeligkeit, die ihr wohl eigentlich na⸗ türlich war und in die ſie ſehr leicht verfiel, ſobald ſie Herrn Nonnemann im Weiten wußte, folgender⸗ maßen darüber vernehmen: „Du wunderſt Dich, mein Kind,“ ſagte ſie, „daß ich meine Angſt und meinen Schrecken ſo leicht verwinde und mir den Unwillen Deines theuren Va⸗ ters ſcheinbar ſo wenig zu Herzen nehme. Dies Letztere iſt keineswegs der Fall; ich achte, ehre und fürchte ihn aufrichtig, und will mich ihm dankbar 120 und treu beweiſen, ſolange mir die Augen offen ſtehen; er ſelbſt, wenn ich ſie einmal geſchloſſen habe, wird ſchon noch dahinter kommen, was er ei⸗ gentlich an mir beſeſſen hat.“ „Was aber,“ fuhr ſie fort indem ſie ſich be⸗ haglich auf den kleinen niedrigen Schemel kauerte, der ihr gewöhnlich zum Ruheplatz diente—„was das Andere betrifft, daß ich mir ſeines Spectakelns halber nicht gleich die Haare ausraufe, ſo wirſt Du, mein Kind, mit den Jahren ebenfalls noch erfahren, was das eigentlich zu bedeuten hat, und daß keine verſtändige Frau, mag das nun Gattin oder Schwe⸗ ſter oder Dienerin ſein, es anders macht. Siehſt Du, mein Kind, ich kenne die Männer und weiß, wie ſie es halten. Mein Seliger war ein wahres Lamm von Menſchen, es iſt mir noch immer unbegreiflich, wie zwei Brüder ſo verſchieden ausfallen können— aber ſiehſt Du, ſeinen Spectakel wollte er mitunter auch machen, und jemehr ich ihm darin nachgab und je verzweifelter ich mich geberdete, je wohler war es ihm und je eher hörte er wieder auf. Glaube doch nur nicht, daß die Männer ſelbſt es ſo ernſthaft damit meinen; es iſt ihnen, denk' ich mir, damit, wie uns Frauen mit dem Scheuern und Waſchen: da muß auch ein bischen Spectakel dabei ſein, wenn es uns 121 freuen ſoll, auch wenn es gar nicht nöthig wäre; es iſt dem Menſchen eine Erleichterung, er arbeitet ſich damit, ſozuſagen, aus ſich heraus, er probirt, weſſen er noch fähig iſt, und was er wohl zu thun im Stande wäre, wenn er einmal in die Nothwen⸗ digkeit käme, wirklich und ernſthaft wüthend zu werden.“ „Ueberhaupt, Schatz,“ fuhr ſie in ihren weiſen Rathſchlägen fort,„merke Dir das für die Zukunft, es iſt ein gewichtiges Wort, was ich Dir jetzt ſagen will, und wenn Du es recht beachteſt und Dich dar⸗ nach richteſt in Zukunft, ſo wirſt Du wunderbare Früchte davon verſpüren:— der klügſte Mann iſt noch immer ein Schwachkopf gegen die einfältigſte Frau. Ich din eine von den Einfältigſten, ich weiß das recht gut— woher ſollte ich anch den Ver⸗ ſtand haben? woher und wozu? Ich bin kleiner Leute Kind, mein guter ſeliger Mann, außer wenn er auf der Kanzel ſtand, war auch kein beſonderes Licht, meine Jungen ſind im Waiſenhaus und ich werde es mir als ein großes Glück ſchätzen, wenn ſie einmal ſo etwas werden wie Regiſtrator oder Cal⸗ culator, oder auch nur ein tüchtiger Handwerker. Handwerk, mein Kind, hat goldenen Boden— alſo wozu ſollte mir der Verſtand? Aber ſo einfältig ich bin, einen ſolchen großen Herrn, wie den Herrn 122 Schwager, mit all ſeiner Weisheit, dennoch heimlich am Fädchen zu führen, dazu bin ich noch immer klug genug.“ „Das ganze Geheimniß, mein Kind,“ lehrte ſie weiter, indem ſie mit großer Ernſthaftigkeit die Falten ihrer Schürze zurecht ſtrich—„das ganze Geheimniß beſteht darin, daß wir Frauen zwar wiſ⸗ ſen, was die Männer wollen, aber daß wir niemals die Männer errathen laſſen, was wir ſelbſt ſo eigent⸗ lich im Schilde führen. Und dazu iſt Unterwürfig⸗ keit und Demuth, am rechten Flecke und mit dem richtigen Nachdruck angebracht, das allerſicherſte Mit⸗ tel; das ſchmeichelt den Männern, und Eitelkeit iſt ein Kraut, das glaube mir, dem vielleicht wenig Frauen widerſtehen, aber ganz gewiß kein einziger Mann. Sie wollen die Herren der Schöpfung ſein— nun ja doch, ſeid es: aber ſo ſind wir wenigſtens eure erſten Miniſter, und ein Miniſter, habe ich mir ſagen laſſen, iſt heut zu Tage ein wichtiger Mann im Staate, und hat ſoviel zu entſcheiden als der König ſelbſt. Die Hauptſache bleibt immer, daß ſie an ihre Herrſchaft glauben; Glauben macht ſelig, das iſt ein alter Spruch, über den mein ſeliger Mann gar erbaulich zu predigen wußte....“ Und in dieſer Art ſetzte ſie ihre eigene Predigt 123 noch lange fort. Ich hörte das mit an, wie Kin⸗ der zu hören pflegen: nämlich ſo, daß es in das eine Ohr hinein ging und zum andern wieder her⸗ aus. Will Jemand dagegen erinnern, daß dieſe natürliche Flüchtigkeit des Kindes niemals ſo groß, daß nicht doch hie und da ein Korn im Boden der Seele haften bleibt, das ſich dann mitunter gar wunderlich entwickelt und Früchte bringt, vielleicht nach langen Jahren, an welche weder die Erwachſe⸗ nen noch das Kind gedacht haben, ſo muß ich mir auch das gefallen laſſen. Ja ich thue noch mehr: ich räume ſelbſt ein, daß mein eigenes Leben ein verhängnißvolles Beiſpiel dafür bietet. So unſchul⸗ dig dieſe und ähnliche Rathſchläge meiner guten Tante ohne Zweifel auch gemeint waren— man bedenke nur immer, daß ſie dieſelben einem Kinde ertheilte, für das Mann und Frau und Ehe noch völlig leere, bedeutungsloſe Namen waren— ſo kann ich doch nicht in Abrede ſtellen, daß ſie aller⸗ dings auf mich gewirkt haben, wenn auch in ande⸗ rer Weiſe als meine Tante beabſichtigte. Sie wollte mich unterwürfig und fügſam machen— aber ge⸗ rade dieſe Unterwürfigkeit und Fügſamkeit, dies Schmeicheln und Heucheln, wie ich es in meinem kindiſchen Sinne nannte, widerte mich an, ich prägte 124 mir nur den einen Satz ein, daß die Männer ohne Ausnahme ſchwache Geſchöpfe, und daß eine leidlich geſcheidte Frau mit ihnen machen könnte was ſie wolle. Der Weg dagegen, auf dem ich dies Ziel zu verfolgen beſchloß, war gerade der entgegengeſetzte: immer, wo es vielleicht ganz am richtigen Ort ge⸗ weſen wäre, ſich zu fügen und nachzugeben, ſtand mir das Bild meiner Tante vor Augen, wie ſie vor meinem Oheim auf den Knieen rutſchte und ſchier in Thränen zerfloß— und kaum daß er den Rücken gewandt, ſo ſtand ſie höchſt harmlos auf, rückte ſich die Haube vor dem Spiegel zurecht, und konnte mit der behaglichſten Miene das gleichgiltigſte Geſpräch anknüpfen. Das, wie geſagt, ſchien mir eine Er⸗ niedrigung; mein Stolz, dies verhängnißvolle Erb⸗ cheil meines Blutes, empörte ſich bei dem Gedanken an die unwürdige, heuchleriſche Rolle, welche ich ſpielen ſollte; abſichtlich verhärtete ich mein Herz, ich wurde ſchroff und heftig und ſuchte durch Eigenſinn und falſche Beharrlichkeit zu erreichen, was ich mich ſchämte, durch Sanftmuth zu erliſten— warum auch nicht? die Männer waren ja alle ſo lenkſam und wir Frauen hatten ja ſoviel Gewalt über ſiel Ja, gute Tante Fränzchen, ich kann Dir und Deinem Gedächtniß das Geſtändniß nicht erſparen, 25 daß Du mir mit Deinen wohlgemeinten Rathſchlägen vielen Schaden gethan haſt und daß wohl Manches in meinem unglücklichen Lebensgange anders gekom⸗ men wäre, hätteſt Du mich nicht zu frühzeitig und mit allzugroßer Selbſtgewißheit von der Unwider⸗ ſtehlichkeit der Frauen überreden wollen. Ich glaubte Deinen Worten— glaubte ihnen zu einer Zeit, da ich Alles hatte, was mich mit Recht darin zu be⸗ ſtärken ſchien: Ingend, Leidenſchaft und vielleicht auch ein wenig Schönheit— und habe es ge⸗ büßt mit dem Glück und der Ruhe meines Lebens. Aber darum ſoll mir Dein Andenken doch heilig bleiben, gute Tante Fränzchen; ich weiß ja wie Du es gemeint haſt und daß, indem Du mein Herz mit unbedachten Rathſchlägen vergifteteſt, es Dir weit weniger darum zu thun war, daß ich Dich hörte, als daß Du endlich, endlich einmal in einem unbe⸗ fangenen Geplauder Deine gepreßte Seele ausſchüt⸗ ten konnteſt, und ſollte es auch nur in das Ohr eines Kindes ſein! 126 Zwölftes Cayitel. Ein Troſt. Bei alledem war und blieb ich in einer trau⸗ rigen Verlaſſenheit, und auch die offene und verſteckte Theilnahme der guten Tante vermochte mich nur wenig zu tröſten. Weit mehr des Troſtes dagegen fand ich bei einer dritten Perſon, die ich bisher abſichtlich mit Stillſchweigen übergangen habe und die auch in dem Haushalt meines Oheims in der That nur eine ſehr untergeordnete Rolle ſpielte: eine Perſon, von der ich unliterariſches Franenzimmer nicht einmal weiß, ob es geſtattet iſt, ſie in dieſe Bekenntniſſe mit einzuführen, und die ich doch nicht übergehen darf, weil ſie in meinem Jugendleben eine der wichtig⸗ ſten und— daß ich es nur gleich hinzuſetze— der verhängnißvollſten Rollen geſpielt hat. Das war unſere alte Köchin, die alte Dörte, wie ſie genannt ward: ein altes Erbſtück des Non⸗ nemann'ſchen Hauſes, das in mir ſchon die dritte Generation heranwachſen ſah und das an allen Lei⸗ den und Freuden der Familie treulichen Antheil ge⸗ nommen hatte.— Heutzutage, bei der ſchnellen, ₰ 66 127 unſteten Art, in der das gegenwärtige Geſchlecht lebt, ſind dieſe alten Hausmöbel(wie man ſie zu meiner Zeit ſcherzweiſe nannte) wohl längſt ausgeſtorben; die junge flatterhafte Welt, die heute hier, morgen da iſt, kann dieſen Schatz von Ergebenheit und Treue nicht mehr gebrauchen, die Anhänglichkeit ſol⸗ cher alter Weſen würde ihr zur Laſt ſein— und vielleicht hätte ſie auch Grund, die Erinnerungen zu ſcheuen, die Einen aus ſolchem alten runzlichen Ge⸗ ſicht anblicken, auch ohne daß ſich der Mund öffnet.. An Runzeln fehlte es der alten Dörte nun nicht und auch nicht an Erinnerungen; ſie war ein richtiger Küchendrache“, bärbeißig, launenhaft und nur gegen mich armes Neſthäckchen von unerſchöpf⸗ licher Geduld und Güte. Vater und Mutter hatte ich nicht: aber wenn es irgend etwas gab, was mir die Hand der Eltern erſetzen konnte, ſo war es die harte, ſchwielige Fauſt dieſer alten Köchin. Sie war, wie ſolche Leute zu ſein pflegen, ſchweigſam und mürriſch; um die Gegenwart küm⸗ merte ſie ſich wenig mehr und auch von der Ver⸗ gangenheit ſprach ſie nur ſelten und in beſonders guten Stunden. Aber wie ich es verſtand, dieſe guten Stunden herbei zu führen! Wie ich ſie um⸗ ſchmeichelte und ihr die alten gebräunten Wangen mit meinen kleinen roſigen Händen klopfte, bis ſie anfing zu lächeln und der alte zahnloſe Mund floß über von köſtlichen Geſchichten! Nicht von Märchen und alten Liedern, wie dergleichen Perſonen ſonſt wohl der Jugend mit⸗ zutheilen lieben; dazu war unſere alte Dörte viel zu ernſt und viel zu finſter, vielleicht auch ſchon zr abgeſtumpft. Aber ſie wußte, was beſſer war als Lieder und Märchen— ſie wußte von meiner Mutter! Ich habe bereits geſagt, daß die alte Dörte von Geſchlecht zu Geſchlecht in der Familie fortge⸗ erbt war. Auch die drei Geſchwiſter, als deren ein ziger Ueberreſt Herr Nonnemann in der Fülle ſeines wohlgepflegten Leibes unter den Sterblichen wan⸗ delte, hatte ſie nicht blos gekannt, ſondern ſie hatte ſie auch geboren werden, aufwachſen und ins Leben treten ſehen. Auf den gegenwärtigen Herrn Kaſſenrendanten — oder damit wir die Dehors ebenfalls gehörig inne halten, Herrn Rechnungsrath Nonnemann war ſie am wenigſten gut zu ſprechen. Im Gegen theil, obſchon ſie treulich in ſeinem Dienſt ausharrte hatte ſie doch eine ſtille Abneigung gegen ihn, die 129 dann mitunter nach Umſtänden wohl auch zu ei⸗ ner ſehr lauten wurde. Ja ſie hatte darin eine ge⸗ wiſſe Aehnlichkeit mit ihrem Dienſtherrn ſelbſt, daß ſie für gewöhnlich ſehr ſtill und wortkarg war, in gewiſſen Fällen jedoch, wo irgend etwas ihre Lei⸗ denſchaft erregte, entwickelte ſie plötzlich eine unge⸗ ahnte Beredtſamkeit und der Mund ging ihr dann, nach ihrem eigenen Ausdruck, wie ein Schlachtſchwert.“ Am häufigſten wurde dies„Schlachtſchwert“ ge⸗ ſchwungen, wo ſie es für nöthig hielt, mich gegen die Strenge meines Oheims und Pflegevaters in Schutz zu nehmen. In der That war ſie die Ein⸗ zige, die ſich ihm gewachſen zeigte; nicht etwa durch Demuth und Liſt, wie Tante Fränzchen, ſondern durch kühnes Wort und muthige That. Es war ein einziger Anblick, dies alte kleine knöcherne Weib⸗ chen, mit den hohen Schultern und dem ſpitz vorſte⸗ henden hagern Kinn, wie ſie ſich, die Arme in die Seite geſtemmt, dem baumlangen ſtattlichen Herrn Nonnemann gegenüber ſtellte und ihn mit der Kraft ihrer Zunge und den Geſticulationen ihrer hagern ſpitzigen Ellenbogen regelmäßig aus dem Felde ſchlug⸗ Er ſolle, pflegte ſie zu ſagen, ſeinen großen Mund nur gar nicht ſo weit aufthun, ſie Beide kennten ſich, ſeit er auf der Welt wäre, und wüßten 1856. VIII. Helene. I. 9 130 was ſie von einander zu halten. Er möge ein grundgeſcheidter Mann ſein und möge vortrefflich umgehen können mit den Zahlen oder wie die Kratzfüße genannt würden, die er da in ſeine gro⸗ ßen Bücher einſchreibe— in Gottes Namen, er möge doch ſchreiben was er wolle, es ginge ſie nichts an und wenn der Eine todt wäre, würde ein An⸗ derer geboren. Aber das möge er nur ja nicht den⸗ ken, daß ſie beſondern Reſpect haben ſolle vor ſeiner Weisheit und ſolle ruhig zuſehen, wie er das arme Kind der ſchönen lieben Mamſell Florine mißhandle. Warum er es denn nicht auch lieber ins Waiſen⸗ haus gebe, wenn es ihm denn doch ſo verhaßt ſei? Oder er möge es ihr geben, der alten Dörte; ſie wolle nichts von ihm, nicht einmal mehr den Fleck hinter dem Küchenherd; jeden Augenblick ſei ſie pereit zu gehen, noch habe ſie Mark in den Kno⸗ chen und wolle ſchon dafür ſorgen, daß ſie ſelbſt nicht verhungere und noch weniger das arme zarte Püppchen. Wollte Herr Nonnemann dagegen nun mit ſeiner gewöhnlichen Würde auftreten(denn mit der Hef⸗ tigkeit verſuchte er es gar nicht erſt, in dem Punkt mußte er ſie von vornherein als ſeine Meiſterin anerkennen), ſo pflegte ſie ihm zu entgegnen: das 131 ſei ihre Rechenkunſt, daß ſie nicht fünf gerade ſein laſſe; wolle er das Kind— nämlich mich— be⸗ handeln, wie es dem Blut ſeiner Schweſter zukomme, ſo ſei Alles gut zwiſchen ihnen beiden, ſie werde ihre Arbeit thun nach wie vor und wenn einmal unverſehens ihr letztes Stündlein gekommen ſein ſollte, ſo werde ſie ihm auch damit keine Beſchwerde machen; ſo viel, um ſich ein chriſtliches Begräbniß zu verſchaffen, habe ſie ſich ſchon vor dreißig Jah⸗ ren zuſammengeſpart, ſie werde aber nicht dumm ſein und ſagen wo ſie es liegen habe, wenn der Tod auf der Zungenſpitze ſitze, ſei dazu noch immer Zeit genug.. Und ſeltſam, ſo ingrimmig der Herr Nonne⸗ mann ſonſt auch war und ſo ungern er Jemand das letzte Wort abtrat, ſo trat er nach dieſen Erpectorationen doch regelmäßig ſeinen Rückzug an, indem er nur ſo etwas zwiſchen den Zähnen brummte, was ungefähr wie„verrücktes Weib' und„thörichte alte Hexe“ klang, von der alten Dörte jedoch, ob⸗ wohl ſie trotz ihres hohen Alters noch Ohren hatte wie ein Luchs, ebenſo regelmäßig überhört ward. —— 132 Dreizehntes Capilel. Alte Geſchichten. Auch von dem jüngeren Bruder, dem verſtor⸗ benen Landprediger, ſchien die alte Dörte nur wenig zu halten und ebenſo— ich kann es nicht ver⸗ ſchweigen, obwohl, wie ich ſelbſt fühle, das Bild des„Küchendrachen“ damit vollſtändig wird— auch von Tante Fränzchen. Von dem Einen meinte ſie, es ſei eben auch weiter nichts an ihm geſtorben als ein Landpaſtor, die Andere aber, flüſterte ſie mir in die Ohren, ſei gerade einfältig genug, um ſich von einem ſolchen leeren Großthuer wie der Herr Nonne⸗ mann, ins Mausloch jagen zu laſſen. Das ſtimmte nun freilich mit dem, was Tante Fränzchen ſelbſt in Betreff ihrer Ueberlegenheit behauptete, ſehr we⸗ nig überein. Doch weiß man ſchon, daß ich mit der häuslichen Politik meiner Tante überhaupt nicht recht einverſtanden war und ſo wird es mir Nie⸗ mand verargen, daß ich in der Stille der alten Dörte mehr glaubte als Tante Fränzchen. Dagegen hing ſie an der Schweſter dieſes Bruderpaares, an Florine, oder vielmehr an ihrem Andenken, mit einer Zäntlichkeit, die ſelbſt jeden 133 Dritten hätte rühren und erſchüttern muſſen, ge⸗ ſchweige denn mich, den einzigen Nachlaß der ſchönen, unglücklichen Frau. Ihren Erzählungen und Schilderungen hauptſächlich verdankte ich jene Eindrücke, deren ich vorhin erwähnte und die einen ſo weſentlichen Beſtandtheil meines Ju⸗ gendlebens bildeten; ſowie ſie von Florine zu ſpre⸗ chen anhub, glänzte ihr Auge, die kleine zuſammen⸗ geſchrumpfte Geſtalt wuchs ordentlich in die Höhe und aus dem unfreundlichen zahnloſen Munde kamen Worte und Bilder, ſo ſanft und ſo einſchmeichelnd, ſo glänzend und prächtig, daß es mir war, als hörte ich die Muſik der Engel. Freilich entſchloß ſie ſich zu dieſen Erzählungen nicht oft; ich mußte ſie lange bitten und umſchmei⸗ cheln oder mußte mich auch wohl gerade ſehr un⸗ glücklich fühlen und ſehr hart ausgezankt ſein von dem böſen Oheim(und dies Letztere kam allerdings oft genug vor), bevor ſie das Siegel ihrer Lippen löſte und mir mit leiſer flüſternder Stimme von den glänzenden Tagen der Vergangenheit und meiner unglücklichen Mutter erzählte. Auch mußte es je⸗ desmal ſehr heimlich und mit großer Vorſicht ge⸗ ſchehen; weder der Oheim noch Tante Fränzchen durften davon merken, da beide in dieſem Punkt 134 unerbittlich waren, und wenn ſie nur eine Ahnung gehabt hätten von unſerm ſtillen Verkehr, gewiß Mittel und Wege gefunden haben würden, denſel⸗ ben gänzlich zu verhindern.— Es waren einzige Stunden, die ich in dieſer Art mit der Alten ver⸗ lebte, Stunden, an die ich noch jetzt mit Sehnſucht und Wehmuth zurückdenke, voll der lauterſten Poe⸗ ſie, gemiſcht aus Wonne und Grauſen, aus Schmerz und Entzücken. Spät Abends, wenn die Andern mich längſt in meinem Bettchen glaubten, ſchlich ich mich auf nackten Füßchen, den langen öden Gang hinunter, an den öden rabenſchwarzen Fenſtern vor⸗ bei, aus denen die Nacht mich unheimlich anſtierte, bis wo durch die halb geöffnete Küchenthür der willtommene Schein des Herdes mir entgegenleuch⸗ tete. O wie lange ich mitunter an der Thüre ſtand und ängſtlich hineinlauſchte, ob die Luft auch rein und weder Oheim noch Tante in der Nähe! Wie ich ſie begierig mit den Augen verſchlang, die kleine phantaſtiſche Geſtalt, wie ſie vor der Ofen⸗ glut hockte und der Widerſchein der rothen Flamme warf ihr Bild in grotesker Verzerrung an die ge⸗ genüberſtehende ſchwarz geräucherte Wand! Zuwei⸗ len hörte ich ſie dabei leiſe Worte vor ſich hin⸗ murmeln, Worte, die ich nur halb verſtand und die 135 mir doch einen tief bedeutungsvollen Sinn zu ha⸗ ben ſchienen; dann lauſchte ich weit vornüberge⸗ beugt, bis endlich die Diele unter meinem Fuße kniſterte, oder mir ſchlugen auch die Zähne vor Froſt und Grauſen gegeneinander, und die Alte trippelte herbei und ſchalt mich aus, warum ich nicht ruhig in meinem Bettchen bleibe, und wäh⸗ rend ſie mich ſchalt, hatte ſie mich ſchon ſacht in die Höhe genommen und wickelte mich in ihre Schürze, indeſſen ich mit meinen kleinen nackten Armen ihren knochigen Hals umklammert hielt, und trug mich hinter den Ofen, an den allerwärmſten Fleck, und wickelte mich noch einmal ſorgſam ein und liebkoſte mich, ſo weich, ſo weich— ſo hatte mich noch nie eine Hand geliebkoſt— und dann wieder zankte ſie mit mir— und ſo, zwiſchen Lieb⸗ koſen und Zanken, erzählte ſie mir— alte, wun⸗ derſame Geſchichten! O wie ſich das herrlich zuhörte in der warmen Ofenecke, während das Feuer auf dem Herde kni⸗ ſterte und einzelne neugierige Funken ſprangen bis zu uns herüber, als wollten ſie auch dabei ſein und wollten ſich mitfreuen an unſerer Freude! Der Sturmwind heulte im Schlot oder das Heinchen auf dem Herde zirpte, ich aber, in ſeliger Ruhe, 136 ſchloß die Angen und träumte von meiner Mutter, von der ſchönen ſtrahlenden Florine. Nein, es iſt doch nicht wahr, worüber ich in ſpäterer Zeit ſo oft mit meinem Schickſal gerechtet habe: meine Jugend iſt doch nicht ganz freudlos geweſen— und wenn ich nichts weiter gehabt hätte als dieſe nächtlichen Stunden hinter dem Herd, und Niemand hätte ſich meiner angenommen als die alte treue Dörte, ich wäre doch kein verlaſſenes, ich wäre ein reiches, glückliches Kind geweſen! Freilich hatte auch dieſe Roſe ihren Dorn. Noch hatte ich nicht lange meine nächtlichen Wan⸗ derungen zur alten Dörte angetreten, als ich auch merkte, daß ſie mehr wußte, mehr und Größeres, als ſie mir zu ſagen für gut befand. Vergebens drang ich in ſie, vergebens verſchwendete ich den ganzen Schatz meiner Liebkoſungen, vergebens drohte ich ſogar— eine Drohung, deren Ausführung na⸗ türlich mich ſelbſt am allerbitterſten betroffen hätte — nicht wiederzukommen: in allem Uebrigen gegen mich die Nachgiebigkeit und Güte ſelbſt, blieb ſie doch in dieſem Punkte unerbittlich und das Aeu⸗ ßerſte, was ich von ihr erlangte, war das Zuge⸗ ſtändniß: ja, allerdings, ſie habe noch etwas, etwas ſehr Wichtiges, was ſie mir indeſſen verſchweige, ich 137 ſei jetzt noch zu jung dafür: aber ſpäter ſolle ich es gewiß erfahren und namentlich(darauf gab ſie mir ihre harte ſchwielige Hand) wolle ſie nicht ſter⸗ ben, ohne auch den letzten Schleier von dem Schick⸗ ſal meiner theuren, unglücklichen Mutter gelüftet zu haben. Einſtweilen war auch das, was ſie mir davon enthullte, vollſtändig genügend, meine Phantaſie in die lebhafteſte Thätigkeit zu verſetzens ſtelle ich mir die einzelnen Bruchſtücke zuſammen, ſo war es un⸗ gefähr Folgendes. Meine Mutter war eins der ſchönſten und geiſtvollſten Mädchen der Stadt geweſen. Nach dem frühzeitigen Tode ihrer Eltern war ihre Er⸗ ziehung ihren Brüdern, namentlich dem gegenwärti⸗ gen Rechnungsrath, det um ein Bedeutendes älter war als ſie, anheimgefallen. Doch hatte er ſchon mit dieſer erſten Probe ſeiner Erziehungskunſt keine beſondere Ehre einge⸗ legt. Der ungeſtüme, lebhafte Geiſt des jungen ſchönen Mädchens hatte ſich mit der nüchternen Re⸗ gelmäßigkeit des Bruders ſo wenig vertragen können, wie ich, ihr Kind, es vermochte. Allein zu ihrer Lebhaftigkeit und Heftigkeit beſaß ſie auch, was mir abging: eine große Energie und Entſchiedenheit des 138 Geiſtes, ſowie eine Thatkraft, die aller Hinderniſſe ſpottete; nach wiederholten heftigen Auftritten hatte ſie das Haus des Bruders verlaſſen.— Und da trat nun gleich eine jener Lücken ein, welche ich die alte Dörte vergebens beſchwor mir auszufüllen. Nur ſoviel konnte ich mir allenfalls zuſammenſtellen, daß Florine auf gut Glück in die Welt gegangen war und irgendwie eine glänzende und ungewöhnliche Laufbahn gemacht hatte. Dieſer Lauf⸗ bahn ſchien ſie dann wieder durch eine Ehe entrückt worden zu ſein, die in irgend einer Art etwas An⸗ ſtößiges oder Auffallendes gehabt haben mußte oder doch wenigſtens der Zuſtimmung des Bruders(der zweite Bruder, der Landprediger, war inzwiſchen verſtorben) entbehrt hatte. Das einzige Kind dieſer Ehe war ich. Wie ich in das Haus meines Oheims gekom⸗ men, darüber gab meine vorſichtige Quelle mir nicht die mindeſte Andeutung. Aber vielleicht habe ich auch gar nicht danach gefragt, da ich mich nicht erinnern konnte, jemals wo anders geweſen zu ſein und mich alſo an dieſen Aufenthalt, wie an etwas ganz Natürliches und Selbſtverſtändliches, vollkom⸗ men gewöhnt hatte.— Auch meines Vaters erwähnte die alte Dörte ſo wenig, wie die Tante und der Oheim es thaten. Und ebenſo wenig konnte ich 139 auch etwas Gewiſſes über das endliche Schickſal meiner Mutter erfahren. Sie war wohl todt, we⸗ nigſtens ſagte die alte Dörte mir nie das Gegen⸗ theil— aber wann, wie, wo ſie geſtorben, darüber verweigerte ſie mir jede Auskunft. Das war nun, wie man will, ſehr wenig oder ſehr viel. Für jeden Fall inzwiſchen war es mehr, als der Kopf eines achtjährigen Kindes vertragen konnte und ſo wird man denn nun, beſonders wenn man bie übrigen verſchrobenen Verhältniſſe berückſich⸗ tigt, in denen ich aufwuchs, auch begreifen, warum ich ſolch poſſirliches ſeltſames Ding war und ſo ganz anders wie die übrigen Kinder meines Alters. ——— Prittes Puch. Der alte Herr. Erſtes Capitel. Der weiße Pudel noch einmal. Und auch das wird man nun wohl begreifen, wie ich dazu kam, Geſpräche zu führen mit mir ſelbſt und auf freier Straße in Entzücken zu gerathen über einen hölzernen weißen Pudel, der in dem Schaufenſter eines Spielwaarenlagers ſtand. Damit kehre ich alſo zurück zu dieſem treuen Thiere, das ich bis dahin auf faſt unbillige Weiſe aus dem Auge verloren habe. Vorher aber muß ich erſt noch erklären, wie ich überhaupt ſo weitweg vom Hauſe meines Oheims kam, bis in die Mitte der Stadt, wo die glänzenden Läden und die rollen⸗ den Wagen und die wiehernden Pferde davor mich in ein nie gekanntes Erſtaunen verſetzten. Denn daß *. ich für gewöhnlich ſehr eingezogen lebte und durch⸗ aus keine Art Verkehr mit gleichalterigen Geſpielen oder mit ſonſtigen Leuten in der Stadt unterhielt, das wird der Leſer nach dem, was er übrigens von meiner Jugendgeſchichte erfahren hat, ſchon ſelbſt nicht anders erwarten. Es war wiederum die alte Dörte, der ich dieſe Verbeſſerung meiner Lage(nämlich ſofern es eine war) zu verdanken hatte. Ich war ziemlich acht Jahre alt geworden und der ganze Unterricht, deſſen ich bis dahin genoſſen, hatte ſich auf ein bischen Leſen und Schreiben beſchränkt, das meine Tante, die Predigerswitwe, mir beizubringen ſuchte. Waren es nun die Fortſchritte, die ich in dieſem Unterricht machte und die Tante Fränzchen allerdings immer ſehr rühmte, ich vermuthe jedoch, faſt mehr zur Ehre der Lehrerin als der Schülerin— oder war es die Langeweile, deren bei der Einförmigkeit unſeres Lebens ſich mitunter denn auch wohl ein ſo gelehrter und geiſtreicher Mann wie Herr Nonnemann nicht völlig erwehren konnte: genug, eines guten Tages beſchloß Herr Nonnemann meinen Unterricht in höchſt eigener Perſon zu übernehmen. Eine Menge Hefte, alle genau von derſelben Höhe, Breite, Dicke, wurden ſogleich gefertigt, Lineale, Federn, Bleiſtifte herbei⸗ geſchafft, als ob wenigſtens eine ganze junge Bevöl⸗ kerung in die Vorhallen der Wiſſenſchaft eingeführt werden ſollte, und eine Reihe künſtlicher Tabellen und Lehrpläne entworfen, in denen bis aufs J⸗ Pünktchen vorausbeſtimmt war, was, wie, wann und beſonders auch in wie viel Minuten und Secunden ich Dies oder Jenes erlernen ſollte. Allein ſo glänzend die Zurüſtungen, ſo kläglich war das Reſultat. Herr Nonnemann hatte, wie wir wiſſen, ſchon ſonſt nicht viel Glück als Pädagog gehabt: aber mit dieſem neueſten Experiment, nun gar noch perſönlich als Lehrer, und zwar als Lehrer eines kleinen achtjährigen Mädchens aufzutteten, ſcheiterte er völlig. Weiß der Himmel, wer von uns Beiden den härteſten Kopf hatte: aber nur ſo viel war gewiß, daß wir als Lehrer und Schülerin noch weni⸗ ger zuſammenpaßten, denn als Vater und Kind. Herr Nonnemann begriff nicht, wie ein Menſch, der doch nicht geradezu als Cretin geboren, ſo dumm ſein könne und ich begriff überhaupt gar nichts von Allem, was er ſagte; er behauptete, mir Alles höchſt deutlich und klar gemacht zu haben, nach den regel⸗ rechteſten mathematiſchen Auſchauungen, die bekannt⸗ lich von allen Anſchauungen der Welt die einfachſten und leichteſten wären und ich fand mich, nachdem er 1856. vIII. Helene. I. 10 . ℳ 6 eine halbe Stunde in mich hineingeredet und Him⸗ mel und Hölle zu Zeugen meiner Dummheit beſchwo⸗ ren hatte, nicht einmal ſo klug, ſondern noch ein gut Stück dümmer als zuvor; er behauptete, ich ſei zu einfältig je etwas zu lernen, ich dachte in der Stille, er möchte wohl zu klug ſein, mich armes thörichtes Mädchen etwas zu lehren und ſehnte mich zurück nach dem unſyſtematiſchen, aber bei weitem faß⸗ lichern Unterricht meiner guten Tante. Das Ende dieſer durchgängigen Abweichung unſerer Anſichten aber beſtand dann regelmäßig darin, daß Herr Nonne⸗ mann mit einem der vielen Lineale, die er, wie ich mir denke, wohl vorzugsweiſe zu dieſem Behufe ange⸗ ſchafft hatte, höchſt garſtige Erperimente auf meinen Schultern und Händen anſtellte, was dann wieder meinerſeits eine Fluth von Thränen und Jammertö⸗ nen zum Ausbruch brachte. Da Tante Fränzchen, ihrer früher entwickelten Politik gemäß, den geſtrengen Herrn Schwager auch diesmal nur dadurch zu beſänftigen ſuchte, daß ſie ihn immer mehr in ſeinem Zorn beſtärkte, ſo weiß ich wirklich nicht, wohin es zuletzt mit meinen armen Schultern gekommen ſein möchte, hätte nicht die alte Dörte ſich meiner mit gewohnter Mannhaftigkeit 6 14 ½ angenommen. Sie ſetzte meinem Oheim ſo gründ⸗ lich auseinander, daß er zum Mädchenlehrer nicht berufen ſei, ja ſie drohte zuletzt, wenn dieſe unaus⸗ geſetzten Mißhandlungen nicht aufhörten(und allerdings waren es mehr gymnaſtiſche als wiſſenſchaftliche Uebun⸗ gen, nur Schade, daß ich dabei regelmäßig den leidenden Theil zu ſpielen hatte), ſo würde ſie ihm die Polizei über den Hals ſchicken... Solch ein Mann der Ordnung und Geſetzmäßig⸗ keit mein Pflegevater nun auch übrigens war, ſo gehörte doch die Polizei zu den Dingen, die er grund⸗ ſätzlich möglichſt weit von ſich entfernt hielt. Ueber⸗ haupt, wenn die alte Dörte erſt einmal auf etwas ihren Kopf geſetzt batte— einen eiſernen Kopf, ohne Zweiſel— ſo mußte es auch geſchehen, im Guten oder Böſen: und ſo blieb denn auch meinem Oheim nichts übrig, als ihr den Willen zu thun und mich zum Unterricht außer dem Hauſe zu geben. In eine öffentliche Schule mochte er mich natür⸗ lich nicht thun; er kannte keine, die ihm ſtreng und regelmäßig genng geweſen wäre und auch der Gedanke, daß es da, in Mitten zahlreicher Genoſſen, ohne Spiel und Scherz gar nicht abgehen könne, trieb ihm die Haare zu Berge. So fiel ſeine Wahl denn alſo auf einen alten 10* 148 verhutzelten Magiſter, Denſelben, glaube ich, bei dem er ſelbſt vor vierzig oder mehr Jahren ſeinen erſten Unterricht genoſſen. Es war ein Mann, in vielen Stücken meinem Oheim ähnlich: alſo namentlich ebenſo ernſthaft, ebenſo pedantiſch, eben ſolch erbitterter Feind aller Allotrien und Weitläuftigkeiten, wor⸗ unter er gewiſſe allgemein verbreitete Untugenden der Jugend verſtand, als Ballſchlagen, durch den Reifen ſpringen, den Schmetterlingen nachjagen und derglei⸗ chen mehr— was Alles er, auch hierin das getreue Ebenbild ſeines Gönners, emſig bemüht war, mir gelegentlichen Ohrenzupfen und Handſchmitzchen auszu⸗ treiben. Nur in zwei Punkten unterſchied er ſich doch weſentlich von ihm: das war erſtlich in der Geſtalt, die nämlich ebenſo klein und vertrocknet war, wie Herr Nonnemann groß und breit— und zwei⸗ tens darin, daß er, trotz ſeiner pedantiſchen Strenge, doch wirkliche Liebe zu ſeinen Zöglingen hatte und das Untertichten nicht blos, wie mein Oheim, zur Ausfüllung ſeiner müſſigen Stunden oder gar zur Ableitung der überflüͤſſigen Galle, ſondern aus wirklicher Neigung zur Sache betrieb. Mein Oheim, der, wie wir wiſſen, in allen Stücken einen möglichſt ſyſtematiſchen, am liebſten aber den mathematiſchen Weg einſchlug, geleitete 149 mich das erſte Mal in höchſt eigener Perſon zu mei⸗ nem neuen Lehrer. Unterwegs ſprach er viel und mancherlei von geraden und krummen Linien, von Straßen, die ſich durchſchnitten, und von andern, die parallel mit einander liefen, von Winkeln und Schei⸗ tel⸗ und Nebenwinkeln, und vielen andern ähnlichen guten Dingen, von denen ich ſo viel verſtand und behielt als wenn Einer ebräiſch mit mir geſprochen hätte— und dann verlangte er von mir, ich ſolle dieſen Weg(es war von einem Ende der Stadt bis zum andern) inskünftige allein zurücklegen, ohne zu bedenken, daß ich noch niemals ſo weit vom Hauſe gekommen war und vom Innern der Stadt, in der wir lebten, gerade ſo viel kannte und wußte, wie etwa heutigen Tags vom Innern von Afrika. Das ging denn wie es gehen mußte: ich verlief mich eines guten Tages gründlichſt. Vor jedem Schaufenſter blieb ich ſtehen, jedem Wagen rannte ich nach, jedes Kind, das ebenfalls aus der Schule kam wie ich, glotzte ich an, als wäre es ein blaues Meerwunder, und kam ſo von meinem Wege immer weiter und weiter ab. Doch beunruhigte mich das einſtweilen nicht im mindeſten; an allen Ecken und Enden gab es für mich ſo viel zu ſehen, 150 daß ich gern bis auf den Abend geblieben wäre und nicht die geringſte Sehnſucht nach Hauſe verſpürte. Auf dieſer Irrfahrt alſo war es, meinem erſten Ausfluge in die Welt, daß ich die Bekanntſchaft jenes bezaubernden Pudels machte, von dem früher die Rede geweſen. Ich hatte nie dergleichen geſehen und war alſo ganz hingeriſſen davon; dieſes krauſe weiße Fell ſtreicheln zu dürfen, dieſe roſenrothe Schnauze an meine Lippen zu drücken, ja dieſe langen lappigen Ohren zu zupfen, wenn auch natürlich etwas zierli⸗ cher als Herr Nonnemann und der alte Magiſter mich zu zupfen pflegten— ſchien mir der höchſte Inbegriff menſchlicher Glückſeligkeit. Doch war ich ja ſchon daran gewöhnt, meinen Wünſchen Schranken zu ſetzen, wenigſtens was Spiel und Spielzeug anbetraf, und ſo begnügte ich mich auch diesmal, dem unvergleichlichen Geſchöpf hinter der Glasſcheibe meine ſtumme Liebeserklärung zu machen und ihm meine ganze Zufriedenheit mit ſei⸗ ner ausgeſuchten tanzmeiſterlichen Haltung, dem ſchö⸗ nen goldenen Halsband und den runden ſchwarzen Glasaugen, eingefaßt mit ſcharlachrothen Ringen, zu erkennen zu geben. Aus der ſtummen Bewunderung mochte wohl, meiner ſeltſamen Angewohnheit gemäß, eine laute 151 geworden ſein, ohne daß ich ſelbſt etwas davon ahnte oder wußte; mich in der Mitte fremder Menſchen zu bewegen war mir etwas ſo Neues, daß ich nicht die mindeſte Rückſicht darauf nahm und mich mitten im Lärm der Straße eben ſo unbefangen gehen ließ, als wäre ich zu Hauſe in ſüßer Einſamkeit und plauderte mit meinem alten geliebten Birnbaum. Wie lange ich ſo geſchwatzt und was es eigentlich geweſen, was ich dem geliebten Pudelhund vertraut, weiß ich noch heutigen Tages nicht. Aber genug, während ich noch ſo daſtehe, ganz in das Anſchauen des Wunderthieres verſunken, fühle ich plötzlich eine warme weiche Hand, die ſich ſanft und leiſe auf meine Locken legt, und eine milde, freundliche Stimme fragt mich: „Aber wenn der kleinen Dame der Pudel ſo ſehr gefällt, warum kauft ſie ihn ſich nicht? Er wird ſich gewiß nicht weigern, einer ſo angenehmen Herrin zu folgen...... Zweites Capitel. Eine neue Bekanntſchaft. Erſchrocken wandte ich mich um— da ſtand hinter mir ein alter hoher ſtattlicher Herr, mit ſo ehrwürdigem weißem Haar, ſo ſanften klugen Augen und einer ſo feinen Röthe auf den leiſe gefurchten Wangen, daß ich ſofort unwillkürlich das lebhafteſte Vertrauen zu ihm faßte. Für den Augenblick freilich war ich noch zu beſtürzt über die unerwartete Anrede, um ihm ſogleich etwas Paſſendes erwiedern zu können— nämlich wenn paſſende Erwiederungen überhaupt meine ſtarke Seite geweſen wären, was, wie der Leſer ſich erinnert, kei⸗ neswegs der Fall.— Der alte würdige Herr ſchien ſich einen Angenblick an meiner Verlegenheit zu wei⸗ den; dann, indem er ſich freundlich zu mir hernieder⸗ neigte und meine langen krauſen Locken langſam durch ſeine Finger gleiten ließ, mit einer wo möglich noch ſanftern und mildern Stimme, wiederholte er ſeine Frage. Allmälig fing ich an zu verſtehen, was er meinte. „Ei ja,“ ſagte ich, indem ich die großen verwun⸗ derten Augen bald auf den alten freundlichen Herrn, 153 vald auf den Pudel hinter der Glasſcheibe richtete: „locken wollte ich ihn ſchon— aber er folgt mir ja nicht und nach Hauſe bringen darf ich ihn auch nicht* Der alte Hert, der den letzten Theil meiner Rede wohl überhört hatte, hub von Neuem an: „So mußt Du ihn Dir kaufen—“ „Kaufen?“ entgegnete ich:„iſt das nicht ſo, wo man Geld giebt und nachher geht man fort und der Eine behält das Geld und der Andere den Pudel?“ Der alte Herr lachte über dieſe neue Erklärung von Handel und Wandel hell auf. „Du biſt eine vortreffliche Nationalökonomin,“ ſagte er,„und verſtehſt die Sache aus dem Grunde; der Eine nimmt das Geld, der Andere nimmt den Pudel und dann gehen ſie beide fort. Ah mein Kind, es wäre gut, wenn es niemals verwickeltere Geſchäfte gäbe! Aber da Du ja die Sache ſo gründ⸗ lich verſtehſt, warum wendeſt Du ſie denn nicht an und kaufſt Dir den Pudel, dem Du eben erſt ſo viel Schönes geſagt haſt?„„Liebes Pudelchen,““ wie⸗ derholte er neckend,„ſchönes Thierchen, wenn Du mein wärſt, wollte ich Dir ein Bettchen machen dicht 154 neben dem meinen und wollte Dir die reizende ro⸗ ſenrothe Schnauze küſſen..... „Ah was, garſtiger Mann,“ erwiederte ich ſchmollend— denn es verdroß mich, daß er mich be⸗ lauſcht hatte und mir nun meine eigenen Worte zum Spott wiederholte—:„das iſt doch einfacht„zum Kaufen muß man Geld haben und ich—— „Du haſt kein Geld, kleine S 2“ unterbrach mich der alte Herr, der an meinen kindiſchen Ant⸗ worten offenbar das größte Behagen fand:„Nun ſo will ich Dir eine neue Art einzukaufen zeigen: Du wirſt den Pudel mit Dir nehmen und wirſt das Geld be⸗ halten— nämlich das Geld, das Du nicht haſt... So ſchäkernd, faßte er mich bei der Hand und trat mit mir in das Innere des Spielwaarenladens. Vergebens würde ich ſuchen den Eindruck zu ſchildern, den der Anblick ſo vieler Herrlichkeiten auf mich machte; dieſe Puppen, dieſe Wagen, dieſe Körbchen, dieſe Küchen mit ordentlichen kleinen Herden und einem kleinen traulichen Winkel dahinter, gleich jenem, wo die alte Dörte mir von meiner Mutter erzählte— nicht im Traum hatte ich es fuͤr möglich gehalten, daß überhanpt dergleichen eriſtiren könnte! Meine Verwirrung war ſo groß, daß ich nichts von Allem merkte, was um mich vorging, und erſt wieder zu 155 mir ſelbſt kam, da der alte Herr den köſtlichen wei⸗ ßen Pudel mir ſauft in die Arme legte; ich ſah blos noch, wie der Inhaber des Ladens und ſeine Gehilfen tiefe Bücklinge vor meinem unbekannten alten Freunde machten und fühlte, wie er mich wie⸗ derum mit ſorgſamer Hand die Stufen der Laden⸗ thür hinunterführte. Hier, wie geſagt, kehrte meine Beſinnung erſt zurück: aber es war kein angenehmes Erwachen. Wie ich den Pudel, ſoeben noch den Gegenſtand meiner heißeſten, tollkühnſten Wünſche, nun wirklich in meinen Armen ſah, wiederholte ſich mir auch ſo⸗ gleich mit Blitzesſchnelle der Gedanke, daß ich ihn ja doch nicht mit nach Hauſe bringen durfte, er war ja doch kein mathematiſches Exempel, nur ein Spiel⸗ zeug, und wie hätte jemals ein Spielzeug uͤber die Schwelle meines Oheims ſich wagen dürfen?! Die Thränen ſtürzten mir aus den Augen. „Nein, nein,“ rief ich,„alter Herr,“ indem ich den Pudel zwiſchen uns auf das Straßenpflaſter ſetzte und ihm in aller Eile einen erſten und letzten Kuß auf die roſenrothe Schnauze drückte:„ich danke Ihnen tauſendmal, alter Herr, aber ich darf das rei⸗ zende Thierchen doch nicht mit nach Hauſe bringen..“ 156 „Und wo biſt Du zu Hauſe?“ fragte der alte Herr mit derſelben ruhigen milden Stimme, indem er ſich bückte und das Pudelchen ſorgſam in die Höhe nahm. Drittes Capitel. Das Abentener. Wer meinen Lebenslauf bis dahin mit einiger Aufmerkſamkeit verfolgt hat, wird ſchon darauf ge⸗ faßt ſein, mitunter auf ſeltſame, ja unbegreifliche Scenen zu ſtoßen. So unbefangen ich bisher in den mir fremden Gaſſen umhergeſchlendert war, unbeküm⸗ mert um diejenigen, welche mich zu Hauſe erwarte⸗ ten, eine ſo furchtbare Angſt befiel mich auf einmal, als der alte Herr dieſe ganz einfache, ganz natürliche Frage an mich richtete, wo ich denn eigentlich zu Hauſe; das ganze Verbrechen, das ich begangen, indem ich von meinem Schulweg abgewichen, das ganze entſetzliche Strafgericht, das meiner dafür harrte, ſtand auf einmal mit entſetzlicher Deutlichkeit vor mir, und ſo groß war meine Beſtürzung, daß alle meine Sinne ſich verwirrten und ich keines Gedan⸗ kens mehr mächtig war. 157 „Ich weiß nicht, ich weiß nicht,“ ſchrie ich,„wo ich zu Hauſe bin— o Gott, ich habe mich verirrt, ich ſollte vom Herrn Magiſter nach Hauſe gehen und nun weiß ich nicht, wo ich zu Hauſe bin!“ Ueber das Geſicht meines unbekannten Freun⸗ des flog ein leiſer Schatten. Einen Augenblick ſah er mich prüfend an; dann mit derſelben milden, vä⸗ terlichen Weiſe, wie bisher, fragte er mich: „Aber wo der Herr Magiſter wohnt, das wirſt Du doch wiſſen, kleine Dame?“ Aber nein, auch das wußte ich nicht, ich war in jenem Zuſtand ſieberhafter Aufregung, der mich zuweilen befiel, und wo mir dann im eigentlichſten Wortverſtand die Sinne ſchwanden. Der alte Herr ſuchte eine geraume Zeit mit ruhigem Zuſpruch und klaren, oft wiederholten Fra⸗ gen in mich zu dringen. Aber Alles war vergeblich, mein Parorysmus— ſo muß ich es ſelber nennen— hatte mich erfaßt und wenn nun der Henker mit dem blanken Beil hinter mir geſtanden hätte, ſo war ich nicht mehr im Stande, mich auf irgend etwas zu beſinnen, weder wie ich hieß, noch wo ich wohnte, noch woher ich kam, oder ſonſt irgend eine verſtän⸗ dige Antwort zu geben. Dieſe Wendung des Abenteners war meinem „ 158 unbekannten Gönner offenbar ſehr unerwartet, aber auch ſehr wenig angenehm. Zum zweiten Male flog ein Schatten über ſein edles echt vornehmes An⸗ geſicht: aber auch zum zweiten Male verſchwand er wieder und mit einer Zärtlichkeit und Zuthulichkeit, wie nur eine Mutter hätte zeigen können, zog der alte Herr mich an ſich, ſtreichelte mir die Locken, küßte mir die Stirn und ſuchte mich auf jede Weiſe zu beruhigen. Sogar den weißen Pudel ließ er vor mir tanzen und Männerchen machen und es mochte ſeltſam anzuſehen ſein, wie der bejahrte vornehme Herr ſich ſo auf freier Straße herabließ, mit einem unartigen weinenden Kinde zu ſpielen. Da inzwiſchen alle ſeine Bemühungen fruchtlos blieben, und die Gruppe allmählig anfing, die Auf⸗ merkſamkeit der Vorübergehenden zu erregen, ſo ent— ſchloß er ſich kurz, nahm mich bei der einen, den weißen Pudel in die andere Hand und ſchritt ſo bis zur nächſten Straßenecke, wo ſein Wagen ihn er⸗ wartete. Es war eine prächtige Equipage, der Wagen blau mit Silber beſchlagen und zwei Schimmel da⸗ vor, ſo wild und feurig, daß jedem Kinde das Herz im Leibe hüpfen mußte Auch erinnerte ich mich ſo⸗ gleich, den Wagen ſchon kurz zuvor geſehen zu 159 baben; die ſchnaubenden, ſtampfenden Pferde mit dem prächtigen Geſchirr, der funkelnde Wagen, der maje⸗ ſtätiſch thronende Kutſcher mit dem dreieckigen Treſ⸗ ſenhut und den großen blanken Knöpfen, hinten dar⸗ auf der Bediente in ähnlichem Staat, nicht zu ver⸗ geſſen die ſilbernen Schnüre, die ihm von der Achſel hingen, die breitſchößige rothe Weſte und dazu die kur⸗ zen ſchwarzen Beinkleider mit den weißen Strümpfen und den Schnallenſchuhen, dergleichen ich noch nie im Leben geſehen— das Alles hatte dermaßen meine Augen gefeſſelt, daß ich Pferde, Wagen und Leute ſogleich wieder erkannte. Und nun erſtaune man über die Verſchmitztheit eines achtjährigen Kindes, das doch noch lange nicht zu den chlechteſten gehörte. Gleich wie der Wagen zuerſt an mir vorübergerolit war, hatte ich mit der natürli⸗ chen Begehrlichkeit eines Kindes, dem alle dieſe Dinge ſo ganz neu, ſo ganz traumhaft waren, den Wunſch nicht unterdrücken können, wohl ſelbſt einmal in einem ſolchen prächtigen Gebaͤude, hinter ſolchen großen hellen Spiegelſcheiben, auf ſolchen ſchwellenden ſei⸗ denen Kiſſen zu fahren. Unter anderen Umſtänden würde der Wunſch ebenſo raſch vergeſſen worden ſein, wie er in mir aufgetaucht war. Jetzt aber, in dem Augenblick, da mein unbekannter Beſchützer ſich dem 160 Wagen näherte und ich an der reſpectvollen Miene, mit welcher der Mann in weißen Strümpfen ſo⸗ fort den Kutſchenſchlag aufriß, wohl merkte, wem dieſes Prachtſtück von Wagen gehörte— in dem⸗ ſelben Augenblick, mit einer Raſchheit und Schärfe der Combination, vor der ich noch jetzt halb erſtaune und halb mich entſetze, ſtand es auch klar in mir, daß jetzt oder nie der Moment gekommen ſei, mei nen übermüthigen Wunſch zu erfüllen. Alle meine Angſt war auf einmal wie weggeblaſen; was küm⸗ merte mich noch der Magiſter? was kümmerten mich noch die Leute zu Hauſe? Hier ſtand ein Kutſchwa⸗ gen, wie kein König ihn beſſer haben konnte, und wenn ich es nun richtig anfing, ſo ſaß ich binnen hier und dritthalb Secunden(dieſe genaue Art der Zeitbeſtimmung hatte ich mir von meinem würdigen Oheim angewöhnt) auf denſelben ſeidenen Kiſſen und ließ mich von denſelben ſchnaubenden, ſtampfen⸗ den Schimmeln durch die Straßen rollen, die ich ſo eben noch ſo ſehnſüchtig bewundert hatte. Ich will mich nicht beſſer machen, aber auch nicht ſchlechter als ich bin und darum alſo wäre es eine Unwahrheit, wenn ich behaupten wollte, ich hätte den Gedanken an das Haus meines Pflegevaters abſichtlich zurückgedrängt und mich vorſätzlich in 161 eine Verwirrung und Unwiſſenheit zurückverſetzt, die allerdings das ſicherſte Mittel war, zum Ziel meiner Wünſche zu gelangen. Nein, der Anblick des prãch⸗ tigen Wagens, der Gedanke, ich ſolle da hinein, brachte auf ganz natürlichem Wege eine Verwirrung hervor, wenn auch diesmal eine freudige, die mich wie⸗ derum völlig außer Stand ſetzte, Rechenſchaft über mein Woher und Wohin zu geben. Auch ließ der alte Herr mir gar nicht erſt Zeit, dieſe oder ähnliche Reflexionen anzuſtellen. Auf ſei⸗ nen Wink hob der betreßte Diener mich in den Wagen, der alte Herr ſetzte ſich neben mich, rief noch zwei Worte aus dem Kutſchenſchlag und fort ging es mit Donnergepolter. Die erſte Fahrt im Kutſchwagen— weſſen Herz iſt ſo alt oder weſſen Jugend iſt ſo arm, daß er nicht noch heute die Se⸗ ligkeit fühlte, die ihn einſt bei dieſem Gedanken durch⸗ ſtrömte? Der alte Herr mochte wohl wenig Geiegenheit gehabt haben, mit Kindern meines Alters umzuge⸗ hen. Dennoch verſtand er ſich beſſer darauf, als manche ausgelernte Kindermuhme. Wie er ſah, daß meine Thränen allmählich verſiegten und ein fröhliches Lächeln, hervorgerufen durch die pfeilſchnelle Bewe⸗ gung des Wagens, über meine Züge glitt, war er 1856. VIII. Helene. I. 11 —— 162 herzensfroh und hütete ſich wohl, durch Erneuerung ſeiner früheren Fragen mich möglicher Weiſe in die alte ſchmerzliche Auftegung zurück zu verſetzen; dazu, mochte er meinen, ſei es ſpäterhin noch immer Zeit genug. Ich genoß alſo mit vollen Zügen die unerwar⸗ tete Seligkeit, in einem prächtigen Kutſchwagen, an je der Seite eines alten vornehmen Herrn, den un⸗ zählige Leute im Vorüberfahren mit Ehrerbietung begrüßten, durch die Straßen zu fahren. Und auch das beluſtigte mich ſehr, daß mein Pudel— denn jetzt allerdings wagte ich ihn als den meinen zu be⸗ trachten— ſo höchſt altverſtändig, die Beine aus⸗ wärts, in der mehrerwähnten Tänzerpoſition neben mir auf dem ſeidenen Kiſſen ſaß und gerade ſo mit dem Kopfe ſchlenkerte und die langen lappigen Ohren paumeln ließ wie ich ſelbſt, des Fahrens ungewohnt, mein Köpfchen mit Behagen hin und herſchaukelte. Bald war der Friede vollſtändig bergeſtellt; der alte Herr careſſirte erſt den Pudel, dann mich ſelbſt, lobte meine langen goldenen Locken, machte mich auf die vorüberfabrenden Equipagen aufmerkſam, und ſo, vevor fünf Minuten vergangen, waren wir wiederum die allerbeſten Freunde. 163 Piertes Capitel. Das Zauberſchloß. Aber wie alles irdiſche Glück, ſo nahm auch dies ein Ende. Der Wagen verließ das raſſelnde Steinpflaſter, bog in eine ſtille ſchattige Allee— dann ein plötzlicher Ruck und wir hielten vor einem großen, prächtigen Gebände, deſſen ſänlengeſchmück⸗ ter Porticus, gekrönt von Bilbſäulen und andern Zierrathen, meine höchſte Bewunderung erregte. Gleich darauf ward der Kutſchenſchlag zum zweitenmal aufgeriſſen, der Bediente half erſt ſei⸗ nem Herrn heraus, dann hob er mich ſelbſt an die Erde— mein Pudelchen hielt ich feſt im Arm— und mit großen, neugierigen Augen ſchaute ich die Herrlichkeit an, die ſich da vor mir entfaltete und die mir einen Eindruck machte, als wäre ich zum wenigſten in einem fremden Welttheil. Aus der wie durch Zauberſchlag geöffneten Haus⸗ thür ſtürzten zahlreiche Diener herbei, ihren Gebie⸗ ter zu empfangen, alle in denſelben prächtigen Rök⸗ ken, mit denſelben Schnallenſchuhen und denſelben ſilbernen Schnüren um die Schulter. Hätte ich mich mehr auf die Geſichter der Menſchen verſtanden, 11 164 als es damals noch zu meinem Glücke der Fall wat, ſo würde ich der Dienerſchaft ohne Zweifel eine gewiſſe Verwunderung angemerkt haben über die unvermuthete Geſellſchaft, in welcher ihr Ge⸗ bieter zurückkehrte. Doch war dieſelbe viel zu gut gezogen, der Ton des ganzen Hauſes viel zu vor⸗ nehm, als daß Jemand von ihnen gewagt hätte, ſeinem Erſtaunen in irgend einer Weiſe Luft zu machen. Einer der Bedienten, ein kleiner ſtumpf⸗ naſiger Lakei, der mir in ſeiner langen rothen Weſte unſäglich komiſch vorkam, wollte mir ſogar, mit tie⸗ fem Bückling, meinen weißen Pudel abnehmen, um ihn dienſtergebenſt hinter mir drein zu tragen. Ein Wink meines alten unbekannten Freundes bedeutete ihn jedoch, daß es deſſen nicht bedürfe, und ſo ſchritten wir durch die Reihen der Diener hindurch, über den prächtigen, mit Statuen und Blumen ge⸗ ſchmückten Vorſaal, die breite, mit Teppichen be⸗ legte Treppe hinauf, in eines der zahlreichen Ge⸗ mächer, die ſich auf den ebenfalls mit Teppichen be⸗ deckten, von großen hellen Fenſtern erleuchteten Cor⸗ ridor öffneten. Auch in dem Zimmer herrſchte eine Pracht, von der ich bis dahin keine Ahnung gehabt hatte. Welche Tapeten! Welche Spiegel, welche ſchwel⸗ 165 lende Divans! Und an der Decke dieſer funkelnde Kronleuchter, an den Wänden dieſe Gemälde in breiten golbenen Rahmen! Mir war wie im Traum; mein Pudelchen vorſichtig auf die weiche Plüſchdecke ſez⸗ zend, welche den ganzen Raum des Zimmers einnahm und die ſo dick und weich war, wie mein kleiner kindiſcher Fuß noch nie etwas Aehnliches verſpürt hatte—. „Aber hier,“ ſagte ich,„iſt es prächtig, hier gefällt es mir. „Sehr ſchmeichelhaft für mich, kleine Dame,“ verſetzte der alte Herr mit gutmüchigem Lächeln, indem er aus einem benachbarten Glasſchrank ein ſilbernes Tellerchen mit Naſchwerk und Früchten nahm und es mir vorſetzte.„Aber Du wirſt hungrig ge⸗ worden ſein,“ fuhr er fort,„von dem Schreck und der Fahrt: da, hier, ſchmauſe ein wenig, kleine Dame, und wenn Du ſatt biſt, ſo wollen wir ein Wort vernünftig mit einander ſprechen.“ Der Anblick der Naſchwaaren erinnerte mich auf einmal, daß ich in der That um mein Mittags⸗ brod gekommen und ſo ließ ich mich denn nicht lange nöthigen, ſondern machte mich, mit dem ge⸗ ſunden Appetit der Jugend, über die köſtlichen, meinem Gaumen ganz ungewohnten Näſchereien her 166 — vergaß dabei jedoch nicht, mit meinem Pudel⸗ chen Biſſen um Biſſen zu theilen: wobei es denn ganz in der Ordnung war, daß ich regelmäßig erſt meine und dann noch ſeine Portion hinterdrein aß⸗ Der alte Herr ſah meinem Treiben ein Weil⸗ chen zu, dann kehrte er ſich um, als wollte er zur Thüre gehen— aber nein, er kam noch einmal zurück, zog ſich einen der hohen ſammtenen Lehn⸗ ſtühle heran und ſich langſam in die weichen Kiſſen niederlaſſend, hielt er ſein mildes, klares Auge feſt auf mich gerichtet. Seine Aufmerkſamkeit und die tiefe Stille, die er dabei inhue fingen mich allmählich an ein wenig zu geniren. Um das Schweigen zu brechen und vielleicht auch aus Neugier, ließ ich die Augen noch einmal durch das Zimmer ſchweifen, und ſagte dann, das Tellerchen von mir ſchiebend und die krauſen Locken aus dem Geſicht ſtreichend: „Das muß ich ſagen, das iſt eine ſchöne Art von Stube; wohnſt Du hier, alter Herr?“ Der alte Herr war ſo tief in Gedanken ver⸗ ſunken, daß er meine Frage Anfangs überhörte. Dann, mit einem tiefen Seufzer, die Hand über die Stirn ſtreichend. Ja wohl,“ ſagte er,„hier wohne ich, kleine 167 Dame, und da Du nun wieder ſo weit munter biſt und Deine Gedanken beiſammen haſt, ſo wirſt Du mir ja nun auch ſagen können, wo Du ſelber—* Aber hier, wie von einem plötzlichen Einfall erfaßt, verſtummte er, ſtand auf und zog die Schelle. Gleich darauf trat ein Mann herein, in gewählter ſchwarzer Kleidung, mit reſpectvollen Geberden. Es war, wie ich ſpäter erfuhr, der Kammerdiener meines unbekannten Gönners: ein Mann mit dichtem ſchnee⸗ weißem Haupthaar, vielleicht noch ein paar Jahre älter als mein Freund, aber von demſelben guten, wohlwollenden Ausdruck wie dieſer. Erwartungsvoll blieb er an der Thüre ſtehen, die Augen feſt auf ſeinen Herrn geheftet. „Sieh hiet,“ ſagte dieſer, mit derſelben mil⸗ den gütigen Stimme, die meinem Ohre ſo wohl⸗ that:„Ein kleines Abentener, das jedoch, wie ich hoffe, ſich ebenſo lieblich entwickeln ſoll wie es an⸗ gefangen. Sprich mit dem Kinde, Chriſtian, Du weißt beſſer mit ſolchen kleinen Leuten umzugehen als ich— kinderloſer Mann. Ich habe es auf der Straße getroffen, es hat ſich verirrt und hatte in der Beſtürzung ſeinen Namen und die Wohnung ſeiner Eltern vergeſſen. Ich hoffe, es ſoll jetzt ru⸗ higer geworden ſein; ſprich mit ihm— aber freund⸗ ⸗ 168 lich, hörſt Du, Chriſtian? Und dann laß es ſicher nach Hauſe ſchaffen oder am beſten, Du bringſt es ſelbſt zurück.— Aber vorher, kleine Dame,“ indem er ſich zu mir niederneigte und mich ſanft auf die Stirn küßte:„vorher, nicht wahr? ſagſt Du mir noch Adieu? Und verſprichſt mir auch bald wieder zu kommen? Da es Dir doch ſo ſehr bei mir ge⸗ füllt,“ ſetzte er mit Lächeln hinzu. Und damit ſchritt er langſam durch die Thür des Nebengemachs. Aber ſein Lächeln hatte einen eigenen Ausdruck und war mehr wehmüthig als heiter... Schon unter der Thür blieb er noch einmal ſtehen, und ſah mich mit langen prüfenden Blicken an. Dann, kopfſchüttelnd, die Hände auf dem Rücken, verſchwand ſeine hohe Geſtalt ins Nebengemach. fünftes Capitel. Wie der Herr ſo der Diener. Herr Chriſtian war, wie man es ſeinem breiten redlichen Geſichte auf den erſten Blick anſah, ein ſehr gutmüthiger, behaglicher Mann; es hätte der Mahnung, welche ſein Herr ihm in Betreff meiner z* 169 ertheilt hatte, nicht erſt bedurft. Mit größter Gelaſ⸗ ſenheit und einer wahrhaft großväterlichen Zärtlich⸗ keit rückte er ſich ebenfalls einen Stuhl heran, nahm mich zwiſchen ſeine Knie, küßte und ſtreichelte mich und erweckte mir durch dies Alles ſolch Zutrauen, daß ich, ohne eigentlich gefragt zu ſein, Alles vom Herzchen herunterplauderte, was ihm zu wiſſen nur irgend wünſchenswerth ſein konnte. Alſo daß ich Helene heiße; von dem alten Herrn Magiſter und dem Weg nach Hauſe, den ich nicht hätte wiederfinden können; von dem ſchönen weißen Pudel im Schaufenſter, den der alte gütige Herr für mich gekauft hätte, den ich aber doch nicht würde nach Hauſe mitbringen dürfen,— weil nämlich mein Vater, Herr Nonnemann oder wie die Leute ihn nannten, Herr Rechnungsrath Nonnemann da draußen in der Vorſtadt, kein Spielzeug in dem Hauſe dulde— weil nämlich Spielzeug die Phan⸗ taſie der Kinder verderbe— nämlich Phantaſie, das ſei die verderblichſte aller Seelenkräfte..... Und ſo hätte ich gewiß noch lange fortgeplau⸗ dert, von Tante Fränzchen, von der alten Dörte, vom Birnbaum im Garten und dazwiſchen wieder von dem köſtlichen weißen Pudel mit der roſenro⸗ then Schnauze und den Lappohren— wenn nicht 170 plötzlich Herr Chriſtian mit einem ganz ernſthaften Geſichte aufgeſtanden wäre, die Hände über den Rücken gelegt hätte, gerade wie ſein Herr, und wäre ſo langſam, in tiefes Rachdenken verſunken, vor mir auf⸗ und abgewandelt. Ich plauderte noch immer ruhig fort, knusperte zum Zeitvertreib auch hie und da noch eines von den Makrönchen, die auf ſilbernem Teller vor mir ſtanden, und fühlte mich in meiner Erzählerrolle bald dermaßen einheimiſch, daß ich gar nicht bemerkte, wie Herr Chriſtian ſchon längſt nicht mehr auf meine Geſchichtchen achtete. Aber plötzlich blieb er dicht vor mir ſtehen und mir mit feſter Hand das Köpſchen in die Höhe rückend, ſah er mich an, ſo ſcharf und ſo durchdrin⸗ gend— ich hätte es gar nicht für möglich gehalten, daß dieſe runden gutmüthigen Augen Einen ſo ſcharf und durchdringend anſehen könnten. „Alſo Herr Nonnemann heißt Dein Vater?“ ſagte er:„Rechnungsrath Nonnemann? draußen in der Vorſtadt? Und er iſt auch wirklich Dein Vater?“ Ich hielt ſeinem Blick unbeweglich, wiewohl nicht ohne ſtille Verwunderung, Stand. Dann, nach einer Pauſe, halb ſchmollend, erwiederte ich: „Nun verſteht ſich, mein Vater— wer ſoll es 171 denn ſonſt ſein? Herr Nonnemann, Sparkaſſenren⸗ dant— es iſt ein furchtbar gelehrter Mann,“ ſetzte ich hinzu, mit jener Wichtigthuerei, in der Kinder meines Alters ſich ſo wohlgefallen und die ſie ge⸗ gen dritte Perſonen nicht ſelten auch da anwenden, wo ſie ſelbſt von der Größe ihres Gegenſtandes kei⸗ neswegs ſo ganz überzeugt ſind. Wieder machte Herr Chriſtian eine Wanderung durchs Zimmer— es wurde mir ganz unheimlich, wie ſeine Schritte ſo unhörbar über den weichen Teppich dahinglitten— und wiederum blieb er vor mir ſtehen. „Und Deine Mutter?“ hub er von Neuem an: „Das iſt wohl Eine von den Dörten oder Fränzchen, von denen Du ſprichſt?“ Dieſe Unwiſſenheit kam mir denn doch gar zu ſtark vor, ich hatte wirklich beſſer gedacht von einem ſo ſolid ausſehenden alten Herrn: Tante Fränzchen oder gar die alte Dörte meine Mutter! meine Mutter! Auch kränkte mich die geringe Aufmerkſamkeit, welche Herr Chriſtian nach dieſem Allen meiner Er⸗ zählung gewidmet hatte; um ihn dafür zu beſtrafen, begnügte ich mich, ſtatt jeder weiteren Antwort, das Köpfchen ſchnippiſch hintenüber zu werfen und die kleinen Schultern mitleidig in die Höhe zu ziehen— 172 nicht wahr? das hieß doch deutlich genug: o Du dummer Herr Chriſtian, wie kannſt Du nur denken, die alte Dörte oder Tante Fränzchen wären meine Mutter?! Herr Chriſtian indeſſen zeigte wenig Neigung auf dieſe Art telegraphiſcher Unterhaltung einzugehen; er wiederholte ſeine Frage in dringendem Ton: „Deine Mutter, mein Kind? Ich frage nach Deiner Mutter— oder lebt Deine Mutter nicht mehr?“ Jede noch ſo leiſe Erinnerung an meine ſchöne, unglückliche Mutter war hinlänglich, mir ſofort das Waſſer in die Augen zu treiben. Auch jetzt erging es mir nicht beſſer; mit mühſam unterdrückten Thränen ſchüt⸗ telte ich heftig den Kopf, fand es nun aber erſt recht in der Ordnung, dem zudringlichen Herrn Chri⸗ ſtian nichts weiter zu antworten. „Ah,“ ſagte Herr Chriſtian, der mit geſpann⸗ ter Aufmerkſamkeit jede meiner Bewegungen ver⸗ folgte,„ſie lebt nicht mehr, ſie iſt todt— das arme Kind!“ Und dann mich wieder auf den Schooß neh⸗ mend und mir Zuckerplätzchen in den Mund ſchie⸗ bend, um mich zu beſchwichtigen: 173 „Aber gelt? Du haſt ſie doch gekannt, Deine gute ſelige Mutter?“ Ich ließ das Zuckerplätzchen mit großem Beha⸗ gen im Munde ſchmelzen, begnügte mich im Uebri⸗ gen jedoch immer noch, blos mit dem Kopfe zu ſchütteln; er ſollte mir büßen, der Herr Chriſtian, daß er ſo ſchlecht Acht gegeben auf meine Erzählung. Herr Chriſtian hob mich leiſe von ſeinem Schvoß, ſtand auf, trat in die Fenſterniſche; ich ſah heimlich durch die ſchweren ſeidenen Vorhänge, wie er das Kinn in die Hand ſtützte, während er mit der ande⸗ ren nachdenklich durch die dichten weißen Haare ſtrich. Endlich begann er von Neuem. Sechstes Capitel. Das Bildniß. „Aber den Namen Deiner Mutter wirſt Du doch wiſſen?“ ſagte Herr Chriſtian. Es lag in der Stimme, mit der er es ſagte, ſo viel herzlich Dringendes, daß ſelbſt mein Eigenſinn ſich davon überwunden fühlte. 174 „Florine,“ erwiederte ich halblaut, indem ich die Augen niederſchlug und mit meinem Pudel tän⸗ delte; es war das erſte Mal und hatte wirklich etwas Peinigendes für mich, daß ich den geliebten Namen vor einem fremden Ohre ausſprach. Der alte Mann wurde kreideweiß. „Florine,“ wiederholte er mechaniſch. Dann, als hätte er ſchon mit dieſem Ausruf zuviel geſagt, drückte er die Hand haſtig gegen den Mund, faßte mich mit beiden Händen, trug mich ans Fenſter, daß mir der volle helle Somnenſchein grell ins Geſicht fiel und ſpürte, mit langen, nachdenklichen Blicken, jedem Zuge meines Geſichtchens nach. Die Unterſuchung, die mich natürlich in das lebhafteſte Erſtaunen verſetzte, mußte nicht ganz zu ſeiner Zufriedenheit ausgefallen ſein. Mit einem tie⸗ fen Seufzer ſetzte er mich nieder, und ſchritt dann, wiederum die Arme krenzend und ohne mich im Min⸗ deſten weiter zu beachten, auf dem geheimnißvollen Teppich auf und nieder. In der Mitte der Wand, dem Canape gegenüber, unter zahlreichen andern Gemälden, hing eines, das mir gleich beim Eintritt aufgefallen war. Daſſelbe war nämlich durch einen ſchwarzen Kreppvorhang verdeckt; ein friſcher grüner Epheukranz, der das Bild 175 umgab, ſtach ſeltſam gegen die melancholiſche Farbe dieſes Vorhangs ab, der überdies ſo dicht war, daß man von dem Gemälde ſelbſt nichts entdecken konnte. Vor dieſem Gemälde blieb der alte Chriſtian, nachdem er mich in der Finſterniſche abgeſetzt hatte, ſtehen. Er reckte ſich in die Höhe, rieb ſich die alten, jetzt plötzlich ſo ernſt gewordenen Augen— aber vergeblich, der Trauervorhang war zu dicht, ſeine unheimliche Dämmerung verſchlang das heitere Spiel der Farben. Zwei, dreimal zuckte die Hand des alten Chriſtian nach der Schnur, welche von dem Vorhang herniederhing; zwei, dreimal war er im Begriff, die Schnur anzuziehen und dadurch den Vorhang zu entfer⸗ nen. Aber jedesmal zog eine geheime Schen ſeine Hand wieder zurück und kopfſchüttelnd, ſeufzend, trat er ſeine Wanderung von Neuem an. Mich in meiner Fenſterniſche, wie man denken kann, fing dies Treiben nachgerade an zu langwei⸗ len; leiſe mich auf dem weichen Teppich fortſchiebend, ſteuerte ich zum Divan zurück, wo mein treues Pudelchen hoch aufrecht ſaß und mit den großen gläſernen Angen höchſt ehrbar vor ſich hinblickte. Allein bevor ich mein Kleinod noch erreicht, hatte der alte Chriſtian mich ſchon wieder gefaßt. Noch⸗ mals hob er mich auf den Arm, ſah mich, wie man 176 zu ſagen pflegt, durch und durch; dann mir die Wangen ſtreichelnd und mich auf dem Arme ſchau⸗ telnd, wie ein Wiegenkind: „Du wirſt ein gutes Kind ſein,“ ſagte er,„Du wirſt mir noch einmal ſagen, wie Du heißeſt und wer Dein Vater iſt, und auch von Deiner Mutter wirſt Du mir ſagen—“ Nun war in den Armen Schaukeln und Wiegen von früh an etwas, was ich nicht wohl vertragen konnte. Strampelnd daher und um mich ſchlagend, indem ich dem alten Chriſtian mit den kleinen Händen wacker durch die buſchigen weißen Haare fuhr, rief ich, um nur raſch wieder auf den Boden zu kommen: „Ja, ja, ich will Dir ja Alles ſagen, laß mich doch nur los, Du alter garſtiger Chriſtian. So dünn mein Kinderſtimmchen auch noch war, ſo mußte es doch bis ins Nebenzimmer gedrun⸗ gen ſein. Denn plötzlich ging die Thüre auf und mein unbekannter alter Herr trat herein. „Aber, Chriſtian,“ rief er„welche Scene!“ Sowie ich den alten Herrn erblickte, lief ich gleich auf ihn zu, wie auf einen alten Bekannten. „Sieh nur,“ rief ich, indem ich ihm mein zer⸗ drücktes Kleidchen und die in Unordnung geratheten Löckchen zeigte,„den garſtigen Chriſtian! Er ſchankelt 177 mich auf den Armen und will mir nicht glauben, daß Herr Nonnemann mein Vater iſt und Tante Fränzchen iſt meine Tante und die alte Dörte iſt meine Dörte——“ „Und Deine Mutter? Deine Mutter, mein Kind?“ drängte der getreue Chriſtian, indem er zugleich einen entſchuldigenden Blick auf ſeinen Herrn richtete und beide ausgeſtreckte Hände leis erhob, als wollte er ein herannahendes Unglück abwehren. „Nun ja doch,“ rief ich, jetzt wirklich erboſt, „auch das habe ich Dir ja ſchon geſagt, Du alter neu⸗ gieriger, ſchwerhöriger Chriſtian: Florine heißt meine Mutter, die ſchöne Florine, meine goldene prächtige Florine, die im grünen Birnbaum wohnt— haſt Du es nun verſtanden.2“ Florine— Was bedeutete doch dieſer Name, welch ein geheimer Zauber lag darin, daß dieſe bei⸗ den alten Männer wechſelweis erblaßten und erröthe⸗ ten, und ſahen bald mich, bald einander an und mein alter ſtattlicher Freund taumelte drei Schritte zuruͤck und mußte ſich mit zitterndem Arm auf den Lehnſtuhl ſtützen und die Hand gegen die Augen preſſend, wiederholte er halblaut: „Florine?!“ Ich aber hielt das für ein Spiel 1856. VIII. Helene. I. 178 und fing an deſſelben überdrüſſig zu werden. Mein Oberröckchen ſorgfältig in die Höhe ſtreifend(denn ſo hatte Tante Fränzchen es mich gelehrt), ſetzte ich mich platt auf die Erde und meinen geliebten wei⸗ ßen Pudel an das Herz drückend, ſagte ich: „Nun ſprecht, was Ihr wollt, Ihr närriſchen alten Herren, nun antworte ich Euch gar nicht mehr, und ſpiele blos mit meinem Pudelchen; wenn Ihr aber fertig ſeid mit Fragen, dann ſagt es mir, dann wollen wir die braven Schimmel wieder anſpaunen, nicht wahr? und dann laßt Ihr mich nach Hauſe fahren— ich weiß jetzt wieder Alles: Helene heiße ich, mein Vater iſt Herr Nonnemann der Rechnungs⸗ rath, draußen in der Vorſtadt— Aber es muß,“ ſetzte ich eilig hinzu,„auch Jemand von Euch mit⸗ kommen: denn ſonſt kriege ich Schläge vom Herrn Nonnemann, garſtige Schläge und mein armes Pu⸗ delchen wirft er mir aus dem Hauſe Es würde ermüdend werden für den Leſer, ge⸗ rade ſo ermüdend, wie es in Wirklichkeit für mich ſelbſt war, wollte ich hier alle die einzelnen Fragen, Ausrufe, halben Andeutungen wiederholen, in denen die beiden alten Herren ſich ergingen. Auch achtete ich zuletzt ſelbſt nicht mehr darauf und war höchlich erſtaunt, als ſie, nachdem ſie ſich geraume Zeit in 179 die Fenſterniſche zurückgezogen und dort eifrigſt mit einander geflüſtert hatten, plötzlich wieder auf mich loskamen, mich dicht vor ſich auf eines der vergol⸗ deten Marmortiſchchen ſtellten, die an den Pfeilern umherſtanden, während Herr Chriſtian mit zitternder Hand den Creppvorhang von dem Gemälde weg zog. Unwillkürlich ſah auch ich danach in die Höhe. Aber meine Erwartung wurde nicht befriedigt. Ich hatte mir hinter dem geheimnißvollen Vorhang ir⸗ gend etwas, ich weiß ſelbſt nicht was, aber jedenfalls etwas recht Seltſames und Unerhörtes vorgeſtellt— und nun, ſiehe da, war es nichts weiter, als das Bildniß eines jungen Mannes in ſchwarzer Tracht, mit feinen mädchenhaften Zügen, eingefaßt von blon⸗ den Locken, die ſich luſtig ringelten, ungefähr ſowie die meinigen. Aber für die beiden Alten mußte das Bildniß doch etwas höchſt Merkwürdiges und Feſſelndes ha⸗ ben; ſie wurden nicht müde bald mich, bald das Bildniß anzuſehen, drehten mir das Geſicht bald ſo, bald anders, ſtrichen mir die Haare jetzt ſeitwärts, jetzt in die Höhe, verdeckten mir bald dieſe, bald jene Hälfte des Geſichtes— und immer wieder ſahen ſie dazu das Bildniß an und flüſterten ſich in die Ohren und winkten einander mit den Augen und 12* 180 ſtießen einzelne kurze Laute, Laute der Ueberraſchung, des Staunens aus, daß es mir zuletzt ganz wirblich im Köpf⸗ chen wurde. Endlich ſchien die Unterſuchung beendet. Mit einem ſchweren Seufzer hob mein alter Gönner mich eigenhändig vom Tiſchchen, winkte, während er mit der andern Hand die meine feſthielt, dem alten Chri⸗ ſtian, daß er den Vorhang wieder vor das Bildniß ziehe; dann ließ er mich los und warf ſich, indem heiße Thränen aus ſeinen lieben freundlichen Angen hervorquollen, in den Lehnſtuhl. Herr Chriſtian trat beſcheiden hinter ihn; er ſchien ihm etwas ins Ohr zu flüſtern, erſt zögernd, dann dringender. Anfangs wollte ſein Herr offen⸗ bar nichts von dem wiſſen, was der getrene Diener ihm zuflüſterte. Endlich jedoch gab er nach und ha⸗ ſtig in die Höhe ſpringend, mit einer ſo ſtrengen, barſchen Stimme, wie er nur immer zu Wege brin⸗ gen konnte, fuhr er auf mich los. Wir wiſſen ſchon Alles, mein Kind,“ ſagte er,„Dir geſchieht nichts, ſprich nur frei heraus: wet hat Dich her geſchickt? Nicht wahr? Florine ſelbſt hat Dich her geſchickt? Sie iſt uns nachgegan⸗ gen, ſie ſteht ſchon draußen? O ganz gewiß,“ rief er im Uebermaß des Schmerzes, indem zugleich die 181 Gluth eines hohen Zorns ſein edles Antlitz über⸗ goß:„Sie ſteht draußen und lacht ins Fäuſtchen und wartet nur, bis der betrogene Großpapa die Thüre öffnen wird und wird die ſchöne Sünderin an ſein Herz ziehen?! Aber das geſchieht nie, nie, nie!“ rief er, indem er vor Zorn mit dem Fuße ſtampfte: „Nie ſoll ſie mir über dieſe Schwelle kommen! Sie nicht— ſie hat nie für mich gelebt, ſie iſt todt— todt für mich wie dieſer da,“ ſetzt er mit gebrochener Stimme hinzu, indem er auf das verhüllte Bildniß deutete. Auch der alte Chriſtian drängte mich. „Höre,“ ſagte er,„was der gnädige Herr Dir befiehlt! Sprich, ſprich! Entdecke Alles! Wir kennen ja doch ſchon Florinens Abſicht, wir glauben gern, daß Du ein gutes Kind biſt und daß Du nichts weißt von dem unwürdigen Spiel, welches man mit meinem gnädigen Herrn treiben will und zu dem man Dich als Werkzeug benutzt! Siehſt Du, jetzt nickſt Du ſchon mit dem Kopfe— ſie iſt draußen, wie? Habe ich recht? So geh' hinaus, geh', ſag' ihr, daß mein unglücklicher Herr ſtirbt, wenn er ſie ſieht — ſie möchte ſich mit dem einen Opfer begnügen.“ 3 182 Siehentes Capitel. Geheime Verhandlungen. Großpapa— Florine— vor der Thüre ſtehen — wie geſagt, es wurde mir ganz wirblich davon im Kopfe. Auch mochte wohl der Ausdruck meiner Verwunderung, wie dieſelbe ſich in meinem Geſicht abprägte, ſo natürlich ſein und ſo deutlich, daß der alte Chriſtian ſich plötzlich auf den Mund ſchlug und mit demüthiger Geberde, das weiße Haupt tief verneigend: „Verzeihung,“ ſagte er,„gnädiger Herr: allein ich fürchte wirklich, Sie haben Recht gehabt und mein Eifer für das Wohl meines geliebten Herrn hat mich wieder einmal zu weit getrieben Sehen Sie dieſe Augen: nein, ſie können nicht lügen, dieſe Augen, und meinen Kopf ſetz' ich zum Pfande, das Kind iſt unſchuldig und weiß nichts von Allem, wonach wir es fragen.“ „Es ſind die Augen meines Adolph,“ ſagte der alte Herr mit tonloſer Stimme. Dann preßte er mich noch einmal heftig an ſich, legte die Hand auf mein Haupt, als wollte er mich ſegnen und zog ſich leiſe, den treuen Diener nach ſich winkend, 183 in das Nebenzimmer zurück. Die Thür ließen ſie diesmal hinter ſich geöffnet, vermuthlich um mich beſſer beobachten zu können oder vielleicht auch nur, damit ich mich in meiner Verlaſſenheit nicht anfan⸗ gen ſollte zu ängſtigen. Auch führten ſie ihre Un⸗ terredung zwar ſehr eifrig, doch mit ſo leiſer Stimme, daß, ſelbſt angenommen, ich hätte etwas davon er⸗ lauſchen wollen, meine Anſtrengung doch ganz ver⸗ geblich geweſen ſein würde. In der That jedoch gab ich mir dieſe Mühe gar nicht. Im Gegentheil, ich ſaß in meiner Di⸗ vanecke ſo bequem, die ungewohnte Bewegung des Fahrens, das lange eifrige Geſpräch hatten mich müde gemacht, das leiſe Murmeln der Stimmen im Nebenzimmer kam dazu— genug ich that, was, wie ich glaube, in derartiger Situation von zehn Kindern meines Alters neun gleichfalls gethan hätten: ich ſchlief ein..... Wie lange ich geſchlafen, wüßte ich nicht zu ſagen. Doch muß es ziemlich lange geweſen ſein, da, wie ich einſchlief, die Sonne noch ganz hoch am Himmel ſtand, jetzt aber, da ich erwachte, war das Zimmer bereits von leiſer Dämmerung angefüllt. Und wem gehörte das Geſicht, das mich durch die Dämmerung mit mütterlicher Zärtlichkeit anſchaute? 184 Nicht Florine, wie Du vielleicht erwarten oder wün⸗ ſchen möchteſt, o Du, deren Auge einſt auf dieſen Blättern ruhen wird: es iſt kein Roman mit tief angelegten Verwickelungen und künſtlich herbeigeführ⸗ ten Ueberraſchungen, was ich Dir hier erzähle, ſon⸗ dern nur die Geſchichte eines einfachen ſchmuck⸗ loſen Lebens— nein: das Geſicht meiner alten treuen Dörte war es, das auf mich niederblickte! Die alte ehrliche Seele war, da ich nicht zur vorgeſchriebenen Stunde nach Hauſe kam, in die äußerſte Unruhe gerathen. Dem Zorne des Herrn Nonnemann, der es für unmöglich erklärte, daß ir⸗ gend Jemand ſich verirren könne, den er nach ma⸗ thematiſchen Grundſätzen inſtruirt und zurechtge⸗ wieſen hatte, ſetzte ſie den nicht unbegründeten Vor⸗ wurf entgegen, daß man ſehr leichtſinnig ſein müſſe oder ſehr unerfahren, ein achtjähriges Kind einen ſolchen weiten, ihm völlig fremden Weg allein zu⸗ rücklegen zu laſſen— und kurz und gut, da eine Viertelſtunde nach der andern verging und keine Helene zeigte ſich, ſo machte das alte treue Weſen ſich ſelbſt auf den Weg mich zu ſuchen. Ihr erſter Gang war zu dem Magiſter: allein auch der wußte nichts zu berichten, als daß ich ſeine Wohnung 185 pünktlich zur vorgeſchriebenen Zeit, alſo vor reichlich zwei Stunden, verlaſſen. Nun ſtieg der alten Dörte das Blut zu Kopfe; wie eine angeſchoſſene Löwin, der man ihr Junges geraubt, ſtürzte ſie durch die Straßen, fragte hier und dort, trat in dies und jenes Gewölbe, und war auf dieſe Weiſe wirklich ſo glücklich, wenn auch erſt nach langem mühſeligem Suchen, meine Spur ausfindig zu machen.£ Wie ſie ſich dann weiter in das Zauberſchloß gefunden, wo ich ſeit einigen Stunden verweilte, und welche Verhandlungen da zwiſchen ihr, dem alten Herrn und dem neugierigen Chriſtian ſtattge⸗ funden, davon ſagte ſie mir nichts. Und ich— ich dachte natürlich auch nicht daran, ſie darum zu fragen, ich war, trotz aller Pracht und Ueppigkeit, die mich hier umgab, doch nur froh, das alte treue Geſicht wieder zu ſehen. Ja im erſten Augenblick, da ſie mich weckte, dachte ich nicht anders, als ich wäre auf ihrem Schoß hinter der Ofenecke eingeſchlafen, und ſtreckte die Arme aus, daß ſie mich in mein Bett zurück⸗ tragen ſollte. Und ſo dauerte es einige Zeit, bevor ich mich zurechtfand. Mein ſicherſter Wegweiſer dabei war 186 der weiße Pudel; wie ſeine ſchwarzen Glasaugen mir durch die Dämmerung entgegen funkelten, ſtand gleich die ganze abenteuerliche Geſchichte der jüngſt verlebten Stunden wieder vor mir. Gern hätte ich meiner alten Dörte den Hergang aufs Genaueſte erzählt und mich ihres Schutzes gegen den Zorn meines Oheims verſichert. Aber ſei es Schreck, ſei es aus einem andern Grunde— die alte Dörte war ſo aufgeregt, daß ſie, ganz gegen ihre Gewohn⸗ heit, weder Zeit noch Luſt hatte mich anzuhören; ſie meinte, das würde ſich Alles ſchon finden, vor Herrn Nonnemann brauche ich keine Sorge mehr zu haben, jetzt ſei es Zeit, an andere und wichti⸗ gere Dinge zu denken.... Damit begab ſie ſich ebenfalls in das Neben⸗ zimmer, wo mein alter würdiger Gönner noch immer mit aufgeſtütztem Haupte ſaß und ich ſah durch die Dämmerung, wie ſie die Köpfe zuſammenſteckten und wisperten und flüſterten und meine alte Dörte ſchlug die Hände zuſammen, während der Mund ihr wie ein Schlachtſchwert ging— das heißt diesmal ganz leiſe, und nur an der nickenden Be⸗ wegung des Kopfes und der Heftigkeit, mit welcher ſie die Luft durchfocht, merkte ich, wie eifrig ſie war. Endlich ſchien die geheimnißvolle Verhandlung 187 zum Schluß gekommen. Ein Diener brachte zwei hohe ſilberne Armleuchter mit brennenden Kerzen. Gleich darauf trat mein alter Freund herein, ge⸗ folgt vom treuen Chriſtian und meiner Dörte. Sein Gang war müde und erſchöpft, das Antlitz bleich. Doch lächelte er mich ſchon von weitem freundlich an und ſtreckte mir die Arme entgegen. Ich, ohne ſelbſt recht zu wiſſen wie, flog hinein; es freute mich, den alten Herrn, der mir den ſchönen Pudel geſchenkt hatte, wieder heiter und freundlich zu ſehen. So hingen wir in langer, zärtlicher Umar⸗ mung und ich fühlte, wie ſeine Thränen auf meine Stirne tropften. Auch die alte Dörte drehte eifrig am Schürzenzipfel, Herr Chriſtian aber wiſchte die Augen und machte ſich an den Kerzen zu thun, als ob dieſelben zu trübe brennten.. Achtes Capitel. Ein neues Leben. Geſprochen wurde von uns Allen wenig oder nichts. Nur beim Abſchied, nachdem der kleine ſtumpfnaſige Lakei mit der langen rothen Weſte 188 gemeldet hatte, daß angeſpannt ſei(und wie ſich von ſelbſt verſteht, war es wieder der Wagen mit den Schimmeln), druͤckte der alte Herr mir einen letzten väterlichen Kuß auf die Stirn und ſagte: „Wir haben unſere Bekanntſchaft auf etwas ſelt⸗ ſame Weiſe eingeleitet, kleine Dame. Es hat Dir bei mir gefallen— nun gut, Du gefällſt mir auch und wenn Du hübſch artig ſein willſt und willſt Dich nicht wieder, ſtatt geraden Wegs von der Schule nach Hauſe zu gehen, an den Schaufenſtern umhertreiben und den Deinigen dadurch unnöthige Sorge bereiten, ſo ſoll es Dir erlaubt ſein, mich ab und zu wieder zu beſuchen— und auch Deinen weißen Pudel ſollſt Du mitbringen dürfen,“ ſetzte er mit gütigem Lächeln hinzu. Ich gelobte Alles, was er verlangte— ehrlich zu ſagen: die Ausſicht noch einmal, ja vielleicht noch öfter in der ſchönen Schimmelequipage zu fahren, hatte ſchon wieder meine ganzen Sinne gefangen ge⸗ nommen und auch der Abſchied von dem alten gnä⸗ digen Herrn wurde mir dadurch weſentlich er⸗ leichtert. Doch wollte derſelbe mich nicht ohne ein ganz beſonderes Andenken von ſich laſſen. Zuerſt zog er ſeine große goldene, mit Demanten beſetzte Uhr 189 hervor, an der eine Menge von Ringen, Petſchaften und anderen Kleinodien funkelte; er ſuchte darunter nach, bis er endlich einen ganz kleinen einfachen Ring mit einem kleinen blutrothen Steinchen gefun⸗ den hatte, und ſchon war er im Begriff, mir den⸗ ſelben an den Finger zu ſtecken(es war, wie geſagt, ein ganz kleiner Reif, der auch ſchon früher von einem Kinde getragen ſein mußte),— als er ſich plötzlich wieder eines Anderen beſann. Mit leichtem Kopfnicken winkte er Herrn Chriſtian zu ſich, ſagte ihm leiſe etwas ins Ohr, worauf Herr Chriſtian den Epheukranz von dem umflorten Bilde nahm und ihm denſelben überreichte. Der alte Herr betrachtete den Kranz ſchweigend, brach dann ein Blättchen davon ab und es mir mit ſanftem Finger in den Ausſchnitt meines Kleidchens ſchiebend, daß das kuͤhle grüne Blatt ſich dicht an meine Kinderbruſt ſchmiegte: „Da,“ ſagte er mit eigenthümlichem Ausdruck, „nimm das Blatt, das iſt beſſer als Gold und Sil⸗ ber. Und wenn Du gut und fromm biſt, wie ich es von Dir hoffe, ſo ſoll auch noch das welke Blatt ſich für Dich in Gold und Silber verwandeln.“ Die letzteren Worte waren wohl eigentlich mehr an die alte Dörte gerichtet als an mich. Auch ſchienen ſie derſelben zu einer weſentlichen Befriedi⸗ 190 gung zu gereichen und ſo, mit vielfachen Knixen und Händeſchütteln, empfahlen wir uns. Unten ſtampften bereits die Schimmel; wir ſtie⸗ gen ein, das heißt die alte Dörte undich, und auch der treue Chriſtian, dem ſein Herr noch auf dem Vorſaal allerhand geheime Befehle in das Ohr ge⸗ flüſtert hatte, ſetzte ſich zu uns. In den S brannten bereits die Lichter und wenn ſchon die Fahrt bei Tage mich entzückt hatte, ſo war jetzt meines Staunens und Bewunderns kein Ende Meinen beiden Begleitern war es vermuthlich ganz erwünſcht, daß ſie nicht nöthig hatten, ſich mit mir zu beſchäftigen; ſie flüſterten eifrigſt mit einander und die alte Dörte, die auch wohl noch nie auf ſeide⸗ nem Kiſſen gethront hatte, geſticulirte ſo heftig, daß ſie faſt mit ihrem knöchernem Ellenbogen eine von den ſchönen Spiegelſcheiben eingeſtoßen hätte.— Nur ein⸗ mal kam ich ein wenig zu mir aus meinem wachen Traume; indem ich mein heißes Antlitz gegen die Kiſſen drückte, fragte ich mit jener Altklugheit, in die Kinder meiner Art ſo leicht verfallen: „Und was wird nun aus dem Allen wohl wer den, liebe Dörte?“ Herr Chriſtian aber antwortete ſtatt ihrer mit feierlicher Stimme: 191 „So Gott will— ein neues Leben.“ Und das Wort wurde zur Wahrheit, wenn auch vielleicht nicht ſo vollſtändig, wie man nach dem über⸗ raſchenden und glänzenden Anfang hätte erwarten ſollen.— Noch denſelben Abend, mit denſelben Schim⸗ meln, die mich nach Hauſe brachten, fuhr Herr Nonne⸗ mann zu meinem neu gewonnenen alten Freunde. Er ging nur ſchwer daran und es bedurfte, wie ich wohl merkte, der ganzen einſchmeichelnden Beredtſamkeit des alten Chriſtian, ſowie der ganzen Tapferkeit, mit welcher die alte Dörte„ihr Schlachtſchwert⸗ ſchwang, um ihn zu einem Unternehmen zu beſtim⸗ men, das ſo ganz außerhalb ſeines herkömmlichen Kreiſes lag. Vielleicht waren auch noch andere Um⸗ ſtände dabei im Spiel, die ſeine Hartnäckigkeit noch vermehrten— vielleicht, ſage ich: denn ich ſelbſt erfuhr von Allem, was in dieſer Angelegenheit ver⸗ handelt wurde, nicht das Geringſte, ja ſelbſt den Namen meines Gönners erfuhr ich erſt geraume Zeit ſpäter und bei einer ganz zufälligen Gelegenheit. Es war ein Herr von Eberſtein, einer der reichſten und angeſehenſten Edelleute des Landes, der früher lange Jahre im Staatsdienſt geſtanden und hohe und einflußreiche Aemter bekleidet hatte; ſeit einiger Zeit jedoch, in Folge ſeines hohen Alters ſowie ſchwerer Familienverluſte, die ihn betroffen, hatte er ſeiner Wirk⸗ ſamkeit entſagt und ſich in unſere Stadt, in die Nachbar⸗ ſchaft ſeiner großen und ausgedehnten Güter zurück⸗ gezogen. Die alte Dörte wußte mir ſeinen Reichthum nicht glänzend genug zu ſchildern,— und nur noch ſeine Güte, meinte ſie, ginge über ſeinen Reichthum. Von beiden hatte ich ab und zu Gelegenheit mich zu überzeugen, da nämlich das Unerhörte wirklich geſchah und Herr Nonnemann mir in der That, nach mancherlei Conferenzen und Verhandlungen, geſtattete, meinen Hönner zuweilen in ſeinem Palais zu beſuchen. Das waren denn die Lichtblicke meines jungen Lebens. Der alte Herr war unverändert freundlich und gütig gegen mich, und ich gewann ihn mit der Zeit aufrichtig lieb. Dennoch behielt ſeine Freund⸗ lichkeit ſtets einen gewiſſen ernſten, feierlichen Anſtrich; mit großer Sorgfalt erkundigte er ſich nach meinen kleinen Studien und ohne Zweifel war es auch ſeine Vermittelung, der ich es verdankte, daß mir mit der Zeit beſſere und gewandtere Lehrer gehalten wur⸗ den. Ich lernte, wie dieſelben verſicherten, mit großer Leichtigkeit und das Zeugniß wenigſtens kann ich mir allerdings geben, daß ich mit großer Liebe 193 lernte; wußte ich doch, daß ich meinem alten Herrn eine Freude damit bereitete. Nur Eins war mir bei alledem höchſt ſchmerz⸗ lich: nämlich daß ich in Gegenwart des Herrn von Eberſtein niemals meiner geliebten Florine erwähnen durfte. Der treue Chriſtian hatte mir in ſeinem Auf⸗ trag ausdrücklich unterſagt, den Namen jemals über die Lippe zu bringen, und aus freien Stücken hatte er dabei noch hinzugeſetzt, wenn ich dies Verbot nicht halte, ſo könne es der Tod des alten Herrn ſein.— Auch Dörte war mit dieſer Einſchränkung ſehr unzufrieden; ſie ſuchte mit Herrn Chriſtian darüber zu unterhandeln, fand ihn jedoch ebenfalls uner⸗ bittlich und tröſtete ſich zuletzt, indem ſie mit einem außerordentlich ſchlauen Geſicht meinte: die Zeit bringe Roſen und das ſei kein ordentlicher Baum, der auf den erſten Hieb falle.. Dieſe Beſuche jedoch, die nur für meine Wün⸗ ſche viel zu ſelten waren(in der That nämlich beſuchte ich meinen alten Herrn regelmäßig nur einmal im Monat und auch dieſe Zahl wurde noch dadurch ver⸗ kärzt, daß er einen bedeutenden Theil des Jahres . ſeinen Gütern zubrachte, wohin ich ihm nicht olgen durfte)— dieſe Beſuche abgerechnet, ſage ich, ſowie den verbeſſerten Unterricht, deſſen ich genoß, 1856. VIII. Helene. I. 13 194 verliefen mir die Tage im Hauſe meines Pflegevaters in hergebrachter Weiſe. Er ſelbſt war noch viel ſchweigſamer als ſonſt; auch fing er jetzt an, ſeine jährliche Ferienreiſe etwas länger auszudehnen, worü⸗ ber, ehrlich geſtanden, wohl Niemand im Hauſe böſe war. Auch ſchalt und zankte er jetzt weniger mit mir, ohne darum doch von ſeiner Herbigkeit nachzulaſſen. Dagegen war mit Tante Fränzchen eine Verän⸗ derung vorgegangen, die mich Anfangs recht betrübte. In dem Maße nämlich, wie ich meine neue vornehme Bekanntſchaft cultivirte, wie ich allerhand Sprachen und Wiſſenſchaften erlernte, Muſik, Zeichnen, Malen trieb und was ſonſt zur herkömmlichen Erziehung unſe⸗ rer jungen Mädchen gehört(und das iſt, Gott ſei es geklagt, zwar Vielerlei, aber doch nur wenig Nütz⸗ liches), in demſelben Maße zog ſie ſich von mir zurück und wurde fremder und kühler gegen mich, und ſelbſt meine verdoppelten Anſtrengungen, recht ſauft und folgſam zu ſein, konnten mir ihre frühere Theilnahme nicht wieder gewinnen. Doch kam dazu freilich auch noch ein anderer Umſtand, der wohl wichtig genug iſt, ihm einen eigenen Abſchnitt zu widmen. 195 ℳ 5 Reuntes Capitel. Die Brüder. Es begegnet wohl öfter, daß das Leben eines Men⸗ ſchen lange Zeit einförmig, ereignißlos dahin ſchleicht, ſo daß Einem die Stille, in der man lebt, wahrhaft zur Gewohnheit wird und man es ſelbſt gar nicht mehr anders weiß und wünſcht. Sowie dieſer ruhige Fluß der Tage aber erſt einmal durch irgend eine ungewöhnliche, unerwartete Begebenheit geſtört wor⸗ den, ſo iſt es nicht anders, als wäre ein Stein in den Grund verſenkt, an dem ſich die Wellen nun fuͤr alle Folgezeit brechen und zuſammenwirbeln müſſen; ein Ereigniß jagt dann das andere, was noch vor kurzem etwas ganz Unerhörtes war, ſinkt zur Alltäglichkeit herab und⸗das ganze Leben gewinnt einen neuen fremdartigen Anſtrich.— Der Volks⸗ mund bezeichnet das, indem er von dem Glück und dem Unglück ſpricht, das, wie er behauptet,„ie allein fommt“: und daß daran irklich etwas Wahres, das ſollte auch ich ſchon t⸗ Jugend erfahren. Meine Bekanntſchaft mit dem alten Herrn von Eberſtein war ſolch ein Trieb geweſen, der meinem ganzen Daſein ein neues, friſches S. einflößte. 13 196 Nicht nur, daß mir dadurch eine Menge neuer Erfah⸗ rungen, Anſchauungen und Empfindungen zugeführt ward, ſondern auch äußerlich wurde mein Leben ein anderes; als wäre der Bann der Einſamkeit und Langweiligkeit von mir genommen, drängten ſich, in immer kürzeren Pauſen, Ereigniſſe auf Ereigniſſe. Ja nicht lange währte es und der Sturm des Schickſals hatte mich ſo gefaßt und wirbelte mich dermaßen hin und her, daß ich mich faſt nach der Einförmig⸗ keit meiner fruͤheren Jahre zurückgeſehnt hätte. Aber das nächſte Ereigniß, das mich betraf, war doch in ſeinem Beginn ſehr ſchön und ſehr erfreulich: die beiden Knaben meiner Tante Fränz⸗ † chen, meine Vettern, hatten das Alter erreicht, wo ſie das Waiſenhaus verlaſſen mußten und da, wie wir wiſſen, der höchſte Ehrgeiz ihrer Mutter dahin ging, ſie möchten ein paar„ſolide kleine Beamte“ werden, ſo hatte Herr Nonnemann, den wir ja ein für alle⸗ mal als das Opfer brüderlicher Liebe kennen, die außerordentliche Gnade gehabt, die beiden jungen Leute in ſein Haus und unter ſ nmittelbare Aufſicht zu nehmen. 5 Ich laſſe unerörtert, wie viel an dieſem Ent⸗ ſchluß wirkliche Menſchenliebe war und wie viel Antheil daran das Bedürfniß unſeres Oheims hatte, 197 Perſonen um ſich zu haben, die er knechten und hofmeiſtern konnte. Die Knaben ſelbſt hätten ſich wohl gern einen andern Beruf und auch wohl einen andern Aufenthalt gewählt. Doch hatten ſie eben keine Wahl; die Mutter hatte gewünſcht, der Oheim hatte befohlen, das Waiſenhaus hatte ſie entlaſſen— wohin alſo mit ihnen? Und mußten ſie es nicht noch für ein Glück betrachten, daß das öde, finſtere, langweilige Haus des Herrn Nonnemann ſich den Heimathloſen eröffnete? Zahlreicher wurde unſer häuslicher Kreis dadurch zwar und auch wohl lebhafter; allein bis er wirklich angenehmer ward, das dauerte ſchon einige Zeit. Es waren ein paar muntere, tüchtige Knaben. Der ältere, Hermann, ſtand, wenn ich mich recht beſinne, eben im ſechzehnten Jahr; der andere, Emil, mochte ein oder zwei Jahre jünger ſein. Für jeden Fall war der Unterſchied des Alters zwiſchen ihnen und mir nicht zu groß um unſern Verkehr zu hindern und doch wieder bedeutend genug, um ihm eine gewiſſe feinere Haltung, den Stempel einer gewiſſen Ritter⸗ lichkeit, möchte ich ſagen, aufzudrücken. Namentlich war dies auf Seiten des älteren Bruders der Fall. Es war ein prächtiger Junge, dieſer Hermann. Nicht gerade äußerlich, im Gegentheil, 198 ſein Aeußeres hatte wenig Einſchmeichelndes; ſeine Stirn hätte etwas höher, ſeine Naſe etwas feiner ausgearbeitet, ſein Mund etwas weniger gewölbt ſein können. Doch entſchädigte dafür nicht nur die friſche, geſunde, ächt jugendliche Farbe ſeines Ange⸗ ſichts und der kräftige wohlproportionirte Körperbau, ſondern hauptſächlich das helle, treue, gute Auge, mit dem er in die Welt ſah und deſſen treuherzigem Glanz es ſchwer war zu widerſtehen. Ueberhaupt lag auf der ganzen Erſcheinung ein Ausdruck von Tüchtigkeit und Zuverläſſigkeit, der gar nicht liebens⸗ würdiger gedacht werden konnte; wie er da geſchrit⸗ ten kam mit ſeinem kurzen feſten Gang, der gera⸗ den ſtattlichen Haltung, dem kräftigen Nacken, dem freien, kühnen und dabei doch ſo inni⸗ gen, ſo herzlichen Blick und dieſen friſchen rothen Wangen, um welche das ſanft gewellte braune Haar in lieblichen Ringeln floß— war er die perſonifi⸗ eirte Biederkeit und Treue, ſoweit dieſelbe nur irgend in einer Knabengeſtalt kann zum Ausdruck gebracht werden. Mit Emil verhielt es ſich weſentlich anders. Er war hübſch, beinahe ſchön zu nennen: ein kleines glattes pfiffiges Antlitz, zart wie Milch und Blut, mit Augen wie Kohlen und herrlichen weißen Zähnen, 199 die ſchalkhaft zwiſchen den fein geſchnittenen Lip⸗ pen hervorlachten. Auch in geiſtiger Hinſicht ſchien er Hermann zu übertreffen, wenigſtens was Raſch⸗ heit des Verſtandes, Witz und Schlauigkeit anbetraf. Hermann war mehr ſinniger Natur; Emil's Gei⸗ ſteskräfte waren mehr nach außen gekehrt und hatten ihre Stärke mehr in der Leichtigkeit und Beweg⸗ lichkeit, mit der er ſie wie ſpielend bald hier⸗, bald dorthin lenkte. Jedenfalls indeß waren Beide ein Paar anziehende Geſtalten, welche die zärtliche Liebe ihrer Mutter vollkommen verdienten und die auch gewiß zur größeren Anmuth unſeres häuslichen Kreiſes recht viel würden beigetragen haben, hätten ſie nicht bei dem unerbittlichen Herrn Nonnemann eine ſo gar harte, ja grauſame Schule durchmachen müſſen. Der würdige Mann holte an ihnen nach, was er in den letzten Jahren etwa an mir ver⸗ ſäumt hatte. Da gab es dieſelben endloſen Zänke⸗ reien um nichts, daſſelbe Spionirſyſtem, dieſelben Daumſchrauben von Fragen, Vermuthungen und Zweifeln— kurz, der ganze Folterapparat der Nonne⸗ mann'ſchen Erziehungsmethode mußte durchgemacht wer⸗ den und keine Handſchelle und keine Schraube wurde ihnen erlaſſen. Die Knaben dauerten mich unendlich. So jung 200 ich war, ſo ſagte ich mir doch, daß ſie das Ent⸗ würdigende dieſer Behandlung noch viel tiefer em⸗ pfinden müßten als ich ſelbſt: erſtlich weil ſie ſo viel älter waren als ich, und zweitens weil ſie heran⸗ wachſende Männer waren. Ich hatte zuweilen den lebhaften Wunſch, ſie möchten ſich doch nur einmal ordentlich widerſetzen und auch ſogar an offnen und geheimen Aufforderungen dazu ließ ich es nicht fehlen. Allein immer vergeblich. Hermann lachte mich jedesmal mit ſeinen großen, klaren, treuherzigen Angen an und meinte, das ſei noch gar nichts, er ſei ein Waiſenknabe, die müßten ſich noch auf ganz Anderes gefaßt machen und ſich noch ganz anders durchs Leben ſchlagen.... Entgegnete ich ihm darauf, daß ich doch auch eine Waiſe ſei und doch keine Luſt verſpüre mich noch länger ſo behandeln zu laſſen, wie es ihm ge⸗ ſchehe, ſo lachte er erſt recht; je nun, meinte er, ich ſei auch eine junge Dame und mit iungen Da⸗ men ſei das wieder etwas Anderes. Und dabei drückte er ſich an mich und küßte mir die Stirn mit ſolcher Miſchung von brüderlicher und ritterlicher Zärtlichkeit, daß mancher erwachſene Mann ſich ihn S zum Muſter nehmen können. 201 Emil hörte dieſen Geſprächen gewöhnlich mit ſtillem bedeutungsvollen Lächeln zu. Er hatte nicht die natürliche Fügſamkeit ſeines Bruders, im Ge⸗ gentheil, er war ein heftiger, faſt trotziger Char⸗ akter. Aber er beſaß auch große Klugheit und ſuchte ſich den Umſtänden anzupaſſen, wie es eben gehen wollte. Hermann war nach Kräften flei⸗ ßig, dienſteifrig und beſcheiden und erfuͤllte ſeine Obliegenheiten mit allem Eifer; gelang es ihm aber bei alledem nicht(und wie hätte es ihm ge⸗ lingen können, einem Manne gegenüber gleich un⸗ ſerm Oheim 7) die Zufriedenheit ſeines ſtrengen Aufſehers zu erwerben, je nun, ſo grämte er ſich auch nicht ſehr darum; er nahm dann ſein Unge⸗ witter hin, ſchüttelte ſich ein wenig und ging ſeinen Weg weiter wie zuvor.* Anders Emil. Emil ſuchte die Schwächen unſeres Oheims abzulauern und wenn dies ſchon, wie wir früher gehört haben, einer ſo einfachen, um nicht zu ſagen beſchränkten Frau gelang, wie Tante Fränzchen war, um wie viel mehr mußte es dem ſchlauen, ſcharfſichtigen Knaben gelingen. Wirk⸗ lich brachte er es in kurzer Zeit dahin, daß ihn Herr Nonnemann uns regelmäßig als Muſter aufſtellte: im Grunde zwar tauge er ebenfalls wenig, etwas 202. beſſer aber als wir, an denen Hopfen und Malz vollſtändig verloren, ſei er denn doch. Machte ich Emil darüber, wenn wir Drei niein waren, freundſchaftliche Vorſteilungen(und auf mein Damenrecht geſtützt, nahm ich mir dieſe Freiheit ſehr oft), ſo flog über ſein Antlitz das ſchon vorhin erwähnte bedeutungsvolle Lächeln. „Meinſt Du denn, Du kleiner Grasaffe,“ ſagte er dann,„daß dieſem elenden Plebejer das Alles ſo geſchenkt iſt? Er hat jetzt ſeine Zeit: aber gib Acht, die meine wird auch kommen.... Und dabei konnten ihm die Augen funkeln, daß mir ganz unheimlich dabei wurde.— Eine andere Eigenthümlichkeit Emil's, die mich ebenfalls in häufige Streitigkeiten mit ihm verwik⸗ kelte, lag in der Art und Weiſe, wie er über mei⸗ nen Verkehr mit dem alten Herrn von Eberſtein urtheilte. Anfangs hatte er ſich aufs Lebhafteſte dafür intereſſirt und mir ohne Aufhören in den Ohren gelegen, ich ſolle ihn doch einmal mitneh⸗ men; er wünſche auch einmal zu wiſſen, wie es in einem ſolchen Palais ausſähe, beſonders da er ſtark im Plane habe, ſich dereinſt etwas Aehnliches an⸗ zuſchaffen. Natürlich ſtand dies nicht in meiner Macht; 203 eine leiſe Andeutung darüber, die ich einmal gegen den guten Herrn Chriſtian gewagt, war von dem⸗ ſelben mit großer Entſchiedenheit abgewieſen worden, und ſo hatte Emil, wohl oder übel, auf ſeinen Wunſch verzichten müſſen. Wie ſauer ihm das jedoch geworden, zeigte die ſpöttiſche, beinahe hämiſche Art, mit der er ſeitdem von dieſen Beſuchen ſprach. Vieles, ja das Meiſte davon verſtand ich nicht; meine Frühreife lag, Gottlob, auf einem andern Gebiete, als dasjenige, auf welches Emil durch ſeine Waoiſenhaus⸗Erziehung geführt worden war. Aber auch das Wenige, was ich davon verſtand, kränkte und erbitterte mich; ich ſah darin, und gewiß nicht mit Unrecht, theils einen unbrüderlichen, bösartigen Neid, theils glaubte ich darin die Einwirkungen ſei⸗ ner Mutter, der Tante Fränzchen zu erkennen, und weder das Eine noch das Andere war geeignet, ihm meine Nachſicht zu erwerben. Im Uebrigen mußte Emil ſich ſehr in Acht neh⸗ men, daß ſein Bruder nicht bei ſolchen Geſprächen zugegen war; er hatte ſonſt ſeinen Vorwitz jedesmal ſchwer zu büßen. Emil war gewandter als Hermann, ohne Zweifel: aber dieſer war bei weitem ſtärker. Es dauerte gewöhnlich lange, bevor er von ſeiner Stärke Gebrauch machte, wie er denn überhaupt 204 äußerlich ein etwas ſtiller, ſchwerfälliger Junge war. Doch hatte dieſe Geduld Grenzen und daß jeder Angriff, welchen Emil gegen mich richtete, jenſeit dieſer Grenzen lag, davon mußte er ſich nicht ſelten zu ſeinem ſehr fühlbaren Schaden überzeugen.... Zehntes Capitel. Vor dem Sturm Dies alſo jene Wir Kinder, von denen ich im Eingang meiner Geſchichte ſprach. Die gelegentli⸗ chen kleinen Scharmützel mit Emil abgerechnet, hiel⸗ ten wir treulich zuſammen. Namentlich beſtand zwi⸗ ſchen Hermann und mir eine große Zärtlichkeit; mit unerſchöpflicher Geduld hörte er meine kleinen Erzäh⸗ lungen an und auch die Luftſchlöſſer, die ich nach Kinderweiſe in Betreff meiner Zukunft baute und in denen eine ſeidengepolſterte Kutſche mit Schimmeln allmählich eine höchſt wichtige Rolle ſpielte, ließ er mit gutmüthigem Lächeln an ſich vorüber paſſiren⸗ 8 Er ſelbſt ſprach über ſeine Zukunft nie. Neckte ich ihn darüber und warf ihm ſeinen Kleinmuth vor und ſeinen Mangel an Phantaſie, ſo zuckte er 205 wiederum blos mit den Achſeln und meinte: ein Wai⸗ ſenknabe dürfe auch keine Zukunft haben wollen, der müſſe zufrieden ſein, wenn er nur dem Bedürfniß des Augenblicks genügen könne und darum möge auch er für ſein Theil, wenigſtens ſo lange ſeine Mutter am Leben, gar nicht daran denken, etwas Anderes zu werden als ſeines Oheims Schreiber und Famulus. — Merkwürdig war mir bei dieſer Reſignation nur, daß er bei alledem ſo außerordentlich fleißig war und mit ſolchem brennenden Eifer Alles ſammelte und 3 benutzte, was irgend von Bildungsmitteln in ſeine Nähe kam. Da war kein Buch in meinem Schrank (ich habe ſchon geſagt, daß ſeit der Bekanntſchaft mit dem alten Herrn von Eberſtein weit mehr Fleiß auf meine Erziehung gewendet ward), das er nicht von vorn bis hinten durchlas, und nicht ein⸗- ſondern zwei⸗ und dreimal hintereinander; franzöſiſch und engliſch ſah er mir ſozuſagen am Munde ab und hatte mich bald ſogar darin überholt. Wenn ich ihn dann neckte, warum er ſich ſo plage und was dieſe vielerlei Kenntniſſe ihm, dem Schreiber und Famulus des Herrn Nonnemann, ſollten, ſo ſah er mich wieder treuherzig lächelnd an und ſagte: Jedermann habe ſeine Schwäche, ſeine Schwäche aber ſei, daß er gern recht viel lernen möge, auch wenn er es niemals brauche, 206 blos wie der Hamſter im Bau ſeine Schätze zuſam⸗ menſchleppe.— Emil theilte dieſe Leidenſchaft durch⸗ aus nicht und ſein gutmüthiger, treuherziger Bruder hatte deshalb Manches von ihm auszuſtehen; er nannte ihn einen Pedanten und Plebejer, welches Letztere in Emil's Augen eine ganz ſchmähliche Beleidigung war. Her⸗ mann indeſſen ließ ſich auch dieſe gefallen und ging nach allem Necken und Schelten ſo ruhig an ſeine lang⸗ weilige Bureauarbeit zurück, als wäre nichts vorge⸗ 6 fallen. Nämlich dies iſt auch noch etwas, was ich vor⸗ . hin zu erzählen vergeſſen habe und was hier nachgeholt werden muß: beide Brüder waren von dem geſtren⸗ gen Oheim als„Schreiber“ auf ſeine Kaſſenſtube ge⸗ nommen worden, ſie ſollten hier den„kleinen Dienſt⸗ erlernen, und da Herr Nonnemann bekanntlich eine Autorität war im Fgroßen“ ſowohl wie im hkleinen⸗ Dienſt, ſo ließ ſich gegen die Zweckmäßigkeit dieſer Schule allerdings nichts einwenden. Und ſo lebten wir denn einige Zeit ruhig und glücklich dahin— nicht ſo glücklich, wie wir hätten leben können, wenn das Auge eines Vaters uns geſchienen oder wenn nur Herr Nonnemann ein An⸗ derer geweſen als er war— aber doch immer unendlich glücklicher, als ich früher in meiner Vereinſamung gelebt hatte. Auch blühte ich ganz neu auf; mein Blut wurde ruhiger, mein Geiſt klarer, die krankhafte Reizbarkeit meiner Nerven verlor ſich, meine Stim⸗ mung wurde gleichmäßiger und Vetter Emil, wenn wir Abends zu Zweien unter dem alten Birnbaum ſaßen, flüſterte mir wohl mit heimlichem Lächeln ins Ohr, ich würde allmählich ein ganz erträglicher Backſiſch: eine Aeußerung, deren Sinn mir zwar völlig unklar blieb, die ich aber doch mit der natürlichen Eitelkeit des werdenden Weibes beſtens acceptirte. Selbſt Florinens Bild(wenn ich ein Bild nen⸗ nen darf, was doch in Wahrheit ein bloßer Schatten war, ja ein bloßer Hauch) fing nachgerade an bei mir in den Hintergrund zu treten. Nicht aus Gleich⸗ giltigkeit, wahrhaftig nicht: aber auch die reinſte, edelſte Flamme muß endlich erlöſchen, wenn es ihr an Nahrung fehlt. Und ich hatte ja Niemand, mit dem ich von Florinen ſprechen durfte. Bei meinem Oheim und Tante Fränzchen war der Name ebenſo verpönt wie bei meinem alten ehrwürdigen Gönner; Dörte wurde immer älter und mit dem Alter immer unleidlicher, ſie ſchalt und zankte auf Gott und die Welt, namentlich auch auf Herrn von Eberſtein, gegen deſſen Vortrefflichkeit ihr neuerdings bedeutende Zweifel aufgeſtiegen zu ſein ſchienen; ja ſelbſt gegen „ 208 mich, ihren Augapfel. Ich war freilich kein Kind von acht Jahren mehr, kam nicht mehr Abends auf nackten Füßen zu ihr in die Küche geſchlichen, ließ mich nicht mehr auf ihren Armen in mein Betichen zurücktragen. Dieſe ſo ganz natürliche Veränderung empfand die alte Dörte nach der Art ſolcher gut⸗ müthigen, aber eigenſinnigen und ungebildeten Leute wie ein Unrecht; ſie zürnte mit mir und warf mir vor, ich hätte ſie nicht mehr ſo lieb wie ehemals und auch ihre alten wunderbaren Geſchichten wollte ſie mir nicht mehr erzählen. Für eine junge vornehme Dame, meinte ſie, die engliſch und franzöſiſch lerne, ſei das nichts mehr, die habe andere Intereſſen— und zuletzt ſei es auch wohl beſſer, die Todten blieben Dieſe Verſtocktheit ärgerte mich ganz ungemein, beſonders da das alte wunderliche Weſen mir ja früher ausdrücklich verſprochen hatte, wenn ich nur erſt älter wäre, wolle ſie mir Alles erzählen und auch der letzte Schleier ſolle alsdann zwiſchen uns fallen. Erinnerte ich ſie jetzt daran, ſo erwiederte ſie mir mit dumpfem Lachen: ich ſei zwar älter ge⸗ worden, aber noch lange nicht alt genug zu ſolchen Geſchichten, die könne man erſt anhören, wenn man graue Haare habe wie ſie oder auch gar keine mehr; da — 5 209 ſei man wenigſtens ſicher, daß ſie ſich Einem nicht verfärbten oder ausgingen vor Schrecken. Andere Male wieder machte ſie mir heftige Vorwürfe und verlangte von mir, ich ſollte ſtehenden Fußes zu Herrn von Eberſtein gehen und ihn aufs Gewiſſen fragen, was er denn eigentlich von meiner unglücklichen Mutter wiſſe. Und da ich, eingeſchüch⸗ tert durch die Warnungen des alten Dieners, mich deſſen weigerte, ſo nannte ſie mich feig und undank⸗ bar und ließ mich Monate lang kein gutes Wort mehr hören. Zu Emil, ſo lieb er mir war, hatte ich doch lange nicht Herz genug, um ihn in dies mein ſüße⸗ ſtes, thörichtſtes Geheimniß einzuweihen. Hermann jedoch, dem ich es allerdings vertraute, hörte mich zwar geduldig an, aber er that es doch auch nur mit jenem Lächeln, das er auch meinen ſonſtigen Träumen in Betreff der Zukunft entgegenſetzte. Und wenn ich dann nicht abließ und immer von Neuem Lrete der Gedanke an Florine fülle meine ganze eele aus und ohne die Gewißheit, ſie dereinſt noch in meine Arme zu ſchließen und ſolle es auch nur drüben ſein, wo alle Getrennten ſich vereinigen— ſo führte der böſe phlegmariſche Menſch mich wohl 1856. vIII. Helene I. 14 210 unter den alten Birnbaum, zeigte mir die dürren Aeſte, die ſich immer ſpärlicher belaubten, und ſagte: „Siehſt Du, meine Liebe: Blätter trägt er noch und auch der Stamm hält noch zur Noth zuſammen — aber ſo lange Du denken kannſt, haſt Du ſchon jemals eine Frucht von ihm geerntet?“ Das verſtand ich denn wiederum nur halb oder auch gar nicht. Aber es ärgerte mich bei alle⸗ dem und ich konnte es dann mit Hermann machen, wie die alte Dörte mit mir, und konnte halbe Tage und Wochen neben ihm hin gehen, ohne ein freund⸗ liches Wort mit ihm zu wechſeln. Eilftes Capitel. 3 Die nächtliche Fahrt. Und doch, was waren dieſe kleinen Wolken, die hie und da an unſerm Jugendhimmel aufſtiegen, ge⸗ gen das furchtbare Unwetter, dieſen wahren Schlag aus blauem Himmel, der uns bald darauf treffen und unſer ganzes armes Glück zerſchmettern ſollte! Die Erſte, welche die ſchwere Hand des Schick⸗ ſals empfinden ſollte, war ich ſelbſt. Es war 3 * — 211 Frühjahr, alſo zu einer Jahreszeit, die mein alter Gönner, Herr von Eberſtein, regelmäßig auf ſeinen Gütern zuzubringen pflegte. Auch diesmal that er es und ſo war eine Reihe von Monaten vergangen, ohne daß ich ſein liebes freundliches Antlitz geſehen hatte. Auf ſeinen ausdrücklichen Wunſch ſchrieb ich ihm zwar häufig und erſtattete ihm Bericht über den Gang meiner Lectionen, ſo wie überhaupt über Alles, was ſich in meinem kleinen Leben zutrug. Ich ſelbſt hatte mich an dieſe Briefe ſo gewöhnt und fand ſo viel Unterhaltung darin, daß ſie faſt die liebſte meiner Beſchäftigungen waren. Er dagegen mochte ſie wohl nur als Stylübungen betrachten oder richtiger geſagt als Controlle meiner fortſchreitenden Bildung. Kal. E nigſtens mußte ich das aus dem Umſtande ſchli daß et, trot ſeiner ſonſtigen großen Zärtlichkeit ge⸗ gen mich, mir doch meine Briefe niemals beantwor⸗ tete und mir nur durch den alten Chriſtian gelegent⸗ liche Grüße und Beſtellungen zukommen ließ. Es war, wie geſagt, im Frühjahr; der Tag war für die Jahreszeit ungewöhnlich warm geweſen und ich ſaß noch bei Einbruch der Nacht im Garten unter dem alten Birnbaum, der ſich eben wieder mit neuen ſpärlichen Blüthen bedeckte, und hing meinen ſtillen Träumen nach. Ich rief mir die K ſtillen 14 212 Stunden zuruͤck, die ich hier von meiner früheſten Kind⸗ heit auf einſam und vergeſſen zugebracht; die Vet⸗ tern, von der geiſttödtenden Schreiberarbeit ermüdet, hatten ſich bereits zur Ruhe begeben, die Mondes⸗ ſichel lugte freundlich über die hohen Dächer, kein Lüftchen rührte ſich— und deutlicher und ſtrahlen⸗ der denn ſeit langem trat die Traumgeſtalt Flori⸗ nens, meiner angebeteten unglücklichen Mutter, vor meine Seele. Ich empfand einen tiefen ſtechenden Schmerz, daß ich ſie ſo lange hatte vergeſſen können, ſehnſüchtig breitete ich die Arme, als könnte ich ſie umſchließen... 6 Da plötzlich ſtand mein Oheim vor mir; war es die unheimliche Beleuchtung des Mondes oder was ſonſt, genug, er ſah ganz leichenfarb aus, ſo daß ich Mühe batte, das kreideweiße Antlitz von der hohen weißen Binde zu unterſcheiden, die er auch bis zum ſpäten Abend nicht ablegte. Ich erſchrak heftig, das Gewiſſen ſchlug mir Und mit Grund. Herr Nonnemann, der, wie wir noch nicht vergeſſen haben, in allen Stücken ein richtiger Mann nach der Uhr“ war, hatte ein ſchwe⸗ 3 res Verbot erlaſſen, daß Niemand von uns nach einer beſtimmten Stunde des Abends den Garten mehr betreten ſollte; Ordnung regiere Staat wie Haus ——— * ——— 213 und das müſſige Hindämmern im Garten bei Mond⸗ ſchein und Heimchengezirpe ſei auch nur einer von den Fallſtricken, welche der Teufel den Menſchen lege.. Ich hatte alſo alle Urſache beſtürzt zu ſein, da die verpönte Stunde in der That ſchon längſt herangekommen war. Aber nein, diesmal führte ihn etwas Anderes her, etwas ſo Wichtiges, daß mir darüber ſelbſt die frevelhafte Verletzung der Haus⸗ ordnung in Gnade nachgeſehen ward. Er hhielt einen geöffneten Brief in der Hand und ſagte mit einer Stimme, der ich deutlich eine gewiſſe innere Bewegung anmerkte, ſo viel Mühe er ſich auch gab, dieſelbe zu verbergen: „Auf! auf! Es iſt jetzt nicht Zeit, im Mond⸗ ſchein Maulaffen feil zu bieten: Du mußt ſogleich ein wenig Wäſche zuſammen packen, wir werden eine Reiſe mit einander machen.“ Eine Reiſe? mit meinem Oheim? Und in die⸗ ſer nächtlichen Stunde?! Ich faßte unwillkürlich an meinen Kopf, ob ich nicht träumte... Allein mein Oheim wußte mir dieſe Zweifel zu vertreiben; er hatte in ſo etwas eine ſehr gründ⸗ liche Art. Mit barſcher Stimme wiederholte er ſeine Weiſung und eilte mir voran ins Haus. Im Hauſe fand ich Tante Fränzchen bereits 214 in voller Bewegung; ſie ſchleppte Kiſten und Kaſten herbei, pochte Mäntel und Kleidungsſtücke aus und zeigte ihren gewöhnlichen wirthſchaftlichen Eifer, Alles jedoch ohne ein Wort zu ſprechen und mit einer Miene, die auch zu keinem Geſpräch einlud. Ich half ihr, ſo gut ich mit meinen ſchwachen Kräften ver⸗ mochte, der Oheim trieb und mahnte und durch die verſchloſſenen Fenſterladen war es mir, als hörte ich das ungeduldige Sit der Pferde ſchon vor dem Hauſe. Endlich war Alles gerüſtet. Gern hätte ich von den Vettern und der alten Dörte Abſchied. genommen; doch ließ ſich Niemand von ihnen ſehen und ich hatte den Muth nicht, nach ihnen zu fragen. Der Wächter blies eben die zehnte Stunde und die Nachbarhäuſer ſchloſſen ſich mit Geräuſch, als wir vor die Hausthür traten. Und richtig, da ſtand auch bereits der Wagen, mit vier ſtarken Gäu⸗ len beſpannt. So viel die Dunkelheit erkennen ließ, ſchien es die Livree meines theuren Gönners, des Herrn von Eberſtein zu ſein. Eine furchtbare Ahnung durchzuckte mich; gern hätte ich gefragt, was dies Alles bedeute und wohin dieſe ſo ganz unge⸗ wöhnliche nächtliche Reiſe gehe. Allein die Anwe⸗ —— 215 ſenheit meines Oheims ſchnürte mir die Kehle zu; ich wußte ja doch zum Voraus, daß ich keine Ant⸗ wort bekäme. Tante Fränzchen ſchloß eigenhändig die Wagenthür, wobei ſie, geſtützt auf das Außer⸗ ordentliche des Ereigniſſes, ſich die Freiheit nahm, dem verehrten Herrn Schwager noch einige Rath⸗ ſchläge und Warnungen in Betreff ſeiner koſtbaren Geſundheit zu ertheilen. „Pflicht, Pflicht,“ murrte Herr Nonnemann in jenem Tone, den wir längſt an ihm kennen:„Alles Pflicht! Die Welt iſt nun einmal durch des Teufels Argliſt verkehrt worden von oben bis unten und darum muß auch ein fünfzigjähriger Mann ſeine Nachtruhe und die heilig gehaltene Ordnung ſeines Hauſes einer zwölfjährigen Närrin zum Opfer brin⸗ gen Damit zogen die Pferde an. Einer zwölfjäh⸗ rigen Närrin? Alſo war wirklich ich die Veranlaſſung dieſer Reiſe? So handelte es ſich um mich bei dieſer ſeltſamen nächtlichen Fahrt? Für mein Leben gern hätte ich das Fenſter aufgeriſſen und hätte den Kutſcher gefragt, wohin wir fuhren. Allein Herrn Nonne⸗ mann, im dicken Reiſerock mit, einem zweiten neben ſich (er litt ſehr an Rhenmatismen und ſchwebte daher in fortwährender Furcht ſich zu erkälten), das war ein 216 niederſchlagendes Pulver, bei dem Einem ſolche verwegene Gedanken ſchon vergingen.— Es war meine erſte Reiſe. Die erſte Reiſe! Welch ein Zauber liegt ſonſt in dieſen Worten! Und was iſt die erſte Kutſchwagenfahrt gegen die erſte Reiſe! Unwillkürlich mußte ich an jenes Aben⸗ teuer von vor vier Jahren denken. Ja es that mir ordentlich leid, daß ich nicht wenigſtens meinen kleinen weißen Pudel bei mir hatte, der damals, durch Herrn Chriſtian's Vermittelung, wirklich Zutritt in unſerem Hauſe gefunden und, wiewohl ein we⸗ nig kahl, gelb und unſcheinbar geworden, nebſt dem vertrockneten Epheublatt noch immer die Krone meiner kleinen heimlichen Schätze bildete; ſo hätte ich doch wenigſtens einen bekannten, vertrauten Gegenſtand neben mir gehabt während dieſer unheimlichen nächtlichen Fahrt. Ich ſuchte die Gegend zu er⸗ kennen, durch die wir fuhren; allein da ich das Weichbild der Stadt noch niemals verlaſſen hatte, ſo war das ein höchſt thörichtes und fruchtloſes Beginnen. 5 Herr Nonnemann ſaß regungslos, ich wußte nicht, ob er wachte oder ſchliefe und nur die hohe weiße Halsbinde leuchtete geſpenſtiſch durch die Dun⸗ kelheit. Zwei⸗ dreimal wagte ich ihn anzureden: — ——— ——— 217 aber da ich jedesmal ohne Antwort blieb, ſo ſchloß ich endlich, ermüdet durch das lange Hinausſtarren in die Dunkelheit, meine Augen und verfiel bald, Dank meiner Jugend, in einen tiefen und geſun⸗ den Schlaf. Zwölftes Capitel. Ein Abſchied für ewig Ich mochte vier oder fünf Stunden geſchlafen haben und ſelbſt ber mehrmalige Pferdewechſel war von mir unbemerkt geblieben, als endlich die Kühle des Morgens, die zu den geöffneten Wagenfenſtern hereinſtrömte, mich erweckte. Mein Oheim ſaß noch immer ſteif aufrecht und ſeine weiße Binde ſah noch ſo friſch aus wie geſtern. Er hatte das Fenſter herabgelaſſen und unterhielt ſich mit dem Kutſcher, der mit dem Peitſchenſtiel auf ein mäßig großes Land⸗ haus deutete, welches, kaum einen Buͤchſenſchuß von uns entfernt, aus dichtem Gebüſch gaſtlich hervorleuch⸗ tete. Die Morgenſonne, die eben heraufſtieg und deren ſegnende Strahlen ich hier zum erſtenmale trank, ſpie⸗ gelte ſich auf den hellen Fenſtern. Je näher wir dem Hauſe kamen, je traulicher ſah es aus und eine köſtliche Ahnung beſchlich mich, ob dies vielleicht eins von den Landhäuſern des Herrn von Eberſtein ſei und dieſe ganze nächtliche Reiſe wäre nur eine Ueber⸗ raſchung, die mein gütiger Freund mir bereitete; er hatte die Sehnſucht verſtanden, die ich nach ihm em⸗ pfand, und vergönnte mir einen ſchönen, glücklichen Frühling in ſeiner Nähe zu verleben. Aber freilich wozu dann dieſe Eile? Und was ſollte dann mein Oheim dabei? Und doch, mein Herz täuſchte mich nicht, es war wirklich ein Landhaus des Herrn von Eberſtein und dort, hinter jenen von der Sonne vergoldeten Fenſtern ſtand der alte freundliche Herr und ſah den Wagen heranrollen, der ihm ſeine kleine Freundin, ſeine ,kleine Dame“ brachte! Jener Diener dort am Eingang des Parks, trägt er nicht die Livree meines verehrten Gönners? Sitzt dieſelbe Livree nicht auf dem Wagen⸗ bock, wenn auch halb unkenntlich gemacht durch den langen faltigen Regenmantel? Jetzt ſieht der Diener her— o wahrhaftig, es iſt der ehemalige kleine Lakei mit der ſtumpfen Naſe und den langen Weſten⸗ ſchößen, der mir als Kind ſo viel Spaß machte. Wie er gewachſen iſt ſeitdem und wie ehrbar er ausſieht! Wart', ich will ihm doch gleich mit dem Schnupftuch wehen, damit er merkt, ich kenne ihn noch—— Aber warum wendet er ſich ab? Warum geht er kopfſchüttelnd, geſenkten Hauptes nach dem Schloße zurück? Und hat auch gar nicht mehr das kecke An⸗ ſehen, wie ſonſt, im Gegentheil, er iſt ein alter ver⸗ drießlicher, trübäugiger Mann geworden?! Furcht und Hoffnung, Freude und Grauen käm⸗ pften in meiner Bruſt, ſo jäh abwechſelnd und mit ſolcher Heftigkeit, daß ich kaum im Stande war, mich aufrecht auf meinem Sitze zu erhalten. Jetzt hielt der Wagen, jetzt liefen die Diener durch ein⸗ ander, den fremden Ankömmlingen heraus zu helfen. Aber ihre Mienen ſind ernſt und ſchweigſam und wie ich am Hauſe in die Höhe ſehe, o mein Gott, da ſtehen zwei Fenſter offen, aus den leeren dunklen Oeff⸗ nungen, die keine Sonne vergoldet, wehen die Vor⸗ hänge flatternd im Morgenwinde— und mit Blitzes⸗ ſchnelle wußte ich jetzt, was das zu bedeuten hatte! Es war einmal eine Leiche“ geweſen in unſerer Nach⸗ barſchaft und da hatten die Vorhänge ebenſo zum Fenſter hinausgeflattert und hatten geſchwankt im Winde, wie ein zerriſſenes Segel oder wie der eines untergehenden Schiſſes An der Treppe trat uns der alte hriſtan 220 entgegen. Wäre ihm nicht die ſanfte milde Stimme, das Echo ſeines Herrn, geblieben, ich hätte ihn nicht erkannt, ſo verweint ſah er aus und ſo zuſammenge⸗ fallen. Er machte meinem Oheim eine kurze ehrer⸗ bietige Verbeugung, ſchloß mich in die Arme, bedeckte mich mit ſeinen Thränen und führte mich in das verhängnißvolle Zimmer. h Da lag er, der alte treue Freund, der Mann dem ich ſo gar nichts war und der mich ſo väterlich geliebt— o jetzt erſt erkannte ich, wie geliebt!! Die Leiche lag auf einem weißen Paradebett ausgeſtreckt; bis auf die geſchloſſenen Augen ſah er ſanft und freundlich aus wie immer. Es war der erſte Todte, den ich ſo in der Nähe ſah, aber dennoch empfand ich kein Grauſen. Im es ſchien mir ein beneidenswerthes Loos, ſo da zu liegen und auszuruhen von den Mühen des Lebens— 4 Auf dem Fußende ſeines Bettes ſtand das Bild mit dem Trauerflor; es hatte wohl den letzten Blick des Sterbenden empfangen. Doch war der Flor jetzt davon entfernt; indem ich halb gedankenlos mein Auge darüber hingleiten ließ, fuhr ich erſchrocken zu⸗ rück— mir war, als hätte ich in den Spiegel ge⸗ ſchen „Er hat ſehr auf ſeine ,kleine Dame⸗ gewartet,. —— 221* der gute gnädige Herr,“ ſagte Chriſtian, der leiſe hinter mich getreten war,„und es iſt ihm recht ſchwer geworden, zu ſterben, ohne Dich noch einmal geſehen zu haben, mein armes Kind. Aber glaub' nur: er iſt in Liebe geſtorben und wenn er Dieſem“(auf das Bild deutend)„im Jenſeit begegnet und ſelbſt auch der Florine, o glaube mir, er wird ihnen nicht mehr zürnen.„ Mein Oheim gab durch ein rohes widriges Räuspern zu erkennen, daß er uns ebenfalls gefolgt war und daß er dies Geſpräch beendigt zu ſehen wünſchte. Chriſtian, beſcheiden und dienſtfertig wie immer, verſtand ſogleich den Wink und führte ihn in ein benachbartes Zimmer, wo der Prediger des Gutes, der Arzt des Verſtorbenen und andere ernſthaft aus⸗ ſehende Männer verſammelt waren. Ich ſelbſt wurde in ein entlegeneres Zimmer geführt und dort mit den für mich paſſenden Erquickungen verſehen. Doch reichte der zufällige Blick, den ich meinem Oheim nachſandte, noch gerade hin, um in dem Zimmer, das ſich hinter ihm ſchloß, eine Menge von Papieren und Actenſtößen aufgehäuft zu ſehen, zwiſchen welchen geöffnete Portefeuilles, Geldrollen und andere werth⸗ volle Gegenſtände zerſtreut lagen. G Zwei Tage blieben wir auf dem Gute des 222 Verſtorbenen. Ich brachte die meiſte Zeit bei der Leiche zu oder im Garten, deſſen ſchöne, weit ausgedehnte Partien mir ein bisher ungekanntes Vergnügen dar⸗ 4 boten. Meinen Oheim bekam ich während der ganzen 4 Zeit wenig oder gar nicht zu ſehen, und wenn es ja ge⸗ 3 ſchah, ſo war es in Geſellſchaft eines kleinen, ver⸗ 1 ſchrumpften, aber gewaltig ſchlau ausſehenden Herrn, welcher Herr Juſtizrath genannt und von Allen im Schlo⸗ † ße mit großer Aufmerkſamkeit behandelt ward; auch im Hauſe meines Oheims entſann ich mich ihm ſhon frů⸗ her einige Male begegnet zu ſein. Ich ſah wie ſie. in großer Vertraulichkeit lange Liſten und Rechnungen mit einander durchgingen, Papiere austauſchten, Doeu⸗ 3 mente unterſiegelten und andere geſchäftliche Verrichtun⸗ gen vornahmen, die mich natürlich, als ein junges Mädchen, ſehr wenig intereſſirten. Dreizehntes Capitel. Die Rückkehr. Endlich am dritten Morgen, nachdem in aller Frühe das Begräbniß meines Wohlthäters ſtattge⸗ funden, traten mein Oheim und ich unſere Rückreiſe„ *——— S 223 an. Der alte treue Chriſtian hatte zu ſeinem unſäg⸗ lichen Schmerz beim Begräbniß nicht mit erſcheinen können, und auch ich mußte ohne Abſchied von ihm reiſen: die langen angeſtrengten Nachtwachen, die er am Sterbebett ſeines Herrn gethan, hatten ſeine Kräfte erſchöpft, er lag krank im Bett und mußte ſich begnügen, durch den Juſtizrath ſeine Wünſche und Segnungen an mich gelangen zu laſſen. Die Rückreiſe, wiederum in einem Wagen des verſtorbenen Herrn von Eberſtein, ging ebenſo raſch vor ſich und ebenſo ereignißlos, wie die Hinreiſe; bei guter Zeit waren wir zu Hauſe, wo ich es denn mein Erſtes ſein ließ, die alte Dörte und die beiden Vet⸗ tern aufzuſuchen, um ihnen den Verluſt, den ich er⸗ litten, mitzutheilen. Die alte Dörte geberdete ſich wie eine Wahnſinnige: trotz meines Abmahnens ſtürmte ſie zu meinem Oheim ins Zimmer und hatte da eine Scene mit ihm, über deren näheren Hergang ich zwar nichts erfuhr, bei der ſie jedoch, nach allen Anzeichen zu ſchließen, ihr„Schlachtſchwert' wieder ein⸗ mal mit großer Energie geſchwungen hatte. Hermann nahm an meinem unerwarteten Ver⸗ luſt den innigſten Antheil und nur das ärgerte mich in meinem halbkindiſchen Schmerz, daß er mir vor⸗ hielt, wie gut es Herr von Eberſtein vor Hundert⸗ 224 tauſenden ſeiner Mitmenſchen gehabt, reich, verehrt von Allen, die ihn kannten, und geſund und rüſtig bis zu ſeinem hohen Alter; es gäbe wohl Andere, die meiner Theilnahme näher ſtänden und würde ich daherſehr Unrecht thun, mich um dieſen Mann, der mir doch im Grunde immer fremd geblieben, einer leiden⸗ ſchaftlichen und maßloſen Betrübniß zu ergeben. In der Stille konnte ich ihm allerdings nicht ganz Unrecht geben, nur die kalte klare Ruhe, mit der es ausſprach, ärgerte mich. „Es iſt und bleibt doch,“ dachte ich, indem ich allein auf meinem Lieblingsplätzchen unter dem Birn⸗ baum zurückblieb,„eine nüchterne Seele und bei aller Gutmüthigkeit wird er mich doch nie verſtehen lernen.“ In dieſem Augenblick kam Emil dazu; ich merkte wohl, daß er einige Zeit ſchon von Weitem gelauſcht hatte, wie er das ſeit einiger Zeit zu thun liebte. Doch hatte ich kein Arges dabei, indem ich es für eine ſeiner gewöhnlichen Neckereien hielt, die ſich nie⸗ mals durch beſondere Feinheit auszeichneten. Auch Emil brachte das Geſpräch ſogleich auf den Todesfall, der mich betroffen, aber in einer Weiſe, die mich tief verletzte. Denn anſtatt an meinem Schmerz Antheil zu nehmen, neckte er mich mit meiner Be⸗ trübniß und behauptete, ich ſtellte mich nur ſo und im Grunde wäre ich ganz froh, daß der alte Herr (wie ſein garſtiger Ausdruck lautete)„um die Ecke. Vergebens berief ich mich auf meine Thränen ſowie auf die vieljährige Bekanntſchaft, die mich dem alten Herrn verbunden und die zahlreichen Beweiſe von Theilnahme, Wohlwollen' und Güte, welche er mir im Lauf dieſer Jahre gegeben. Emil blieb dabei, daß das Alles bloße Verſtellung und da ich fortfuhr, mit Heftigkeit zu widerſprechen, ſo beugte er ſich endlich zu mir herüber und mit ſeinem ſchadenfrohe⸗ ſten Lächeln, indem er ſeine Lippen dicht an mein Ohr legte: „Nun denn,“ flüſterte er,„willſt Du mir wirk⸗ lich einbilden, Du kleiner Grasaffe, Du hätteſt Dich nicht ſeit Längerem darauf geſpitzt, Erbin des verſtorbenen Herrn von Eberſtein zu werden?“ So wenig lächerlich mir zu Muthe war, ſo mußte ich bei dieſem tollen Einfall doch laut auflachen. „Nun wahrhaftig,“ ſagte ich,„da weißt Du mehr als ich, guter Emil.“ „Ja, das weiß ich auch,“ verſetzte er mit bos⸗ hafter Gelaſſenheit,„ich weiß zum Beiſpiel auch, wer ein gewiſſer Herr Adolph geweſen iñ und 5 Madame Florine... Ich ſprang entrüſtet empor. 1856 vIII. Helene. I. 15 226 „Was weißt Du,“ rief ich,„von Florine, Du böſer Horcher? Und wie kommt der Name in Dei⸗ nen Mund?“ „Nun, nun,“ entgegnete er hämiſch,„wozu hätte der Menſch denn ſeine Ohren? Und was meinen Mund anbetrifft, ſo glaube mir, Grasaffe, daß es ein ganz hübſcher Mund iſt und daß ſich noch ganz andere Mädchen danach umſehen als Du thörichtes Backfiſchchen—“ „Aber ich will wiſſen,“ rief ich,„was Du von Florinen weißt, und nie wieder ſpreche ich ein Wort mit Dir, wenn Du nicht gleich anf der Stelle Alles bekennſt, was Du in Deinem ſchwarzen Herzen über ſie verſteckt hältſt?“ „Ein furchtbarer Schwur,“ ſagte er ſpöttiſch. „Nun, da muß ich freilich meiner ſchönen Couſine den Willen thun, es könnte ja ſonſt ein Unglück geben. — Was ich von Florinen weiß? Dies weiß ich,“ indem er ſich ſo dicht zu mir beugte, daß ſein Athem mich ſtreifte,„daß Herr Adolph der Sohn des alten Eberſtein, ein junger, ſchöner, verſchwenderiſcher Taugenichts, daß meine Tante Florine, Gott ſegne ihr leichtes Blut! eine abenteurende Schöne war und daß Du des alten Eberſtein Enkelin biſt, Du — kleine Comödiantendirne... Zwei Tage darauf ſtellte ſich der ehemalige kleine Lakei bei uns ein. Er ſah noch trauriger 3 aus und ließ den Kopf noch tiefer hängen als einige Tage zuvor. Und er wußte weshalb: der alte Chriſtian, ſeit dreißig Jahren das Haupt der Eberſtein'ſchen Dienerſchaft, war nach kurzem, ſchmerz⸗ lichem Todeskampf ſeinem Herrn gefolgt... Ende des erſten Bandes. Prag 1856. Druck von Kath. Gerzabek. „ tſſſſſ 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 1