ihbibliuthet 5 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cleih und Ceſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ z pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 8 5 3 3. Czution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wirv. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und„ eträgt: 3 8 für wochentlich 2Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Ft— Vf N „„„*„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbdſt zu ſorgen. 6. Schadenersätz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſ auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafü . —— * afür zu ſtehen haben. Das Engelchen. Dritter Theil. — S———=Mese & Das Engelchen. R n von Nobevt Prutz. Dritter Theil. —— Leipzig: F. Brockhaus. 1851. —————————— ———— Inhalt des dritten Theils. Jünftes Puch. Der Juſtizrath. Erſtes Kapitel. Die Vertrauten......... Zweites Kapitel. Ein Beichtvater........... Drittes Kapitel. Die gute Frau............. Viertes Kapitel. Die ueberraſchung......... Fünftes Kapitel. Unterhandlungen......... Sechstes Kapitel. Die Tiſchnachbarn....... Siebentes Kapitel. Die Verſuchung....... Achtes Kapitel. Neue Pläne............ Neuntes Kapitel. Der Sarg........ Zehntes Kapitel. Das Verhör........... Elftes Kapitel. Herr und Diener............ Zwölftes Kapitel. Zwei Weiber............. Seite VI Sechstes Zuch. Sarg und Wiege. Seite Erſtes Kapitel. Das Rendezvous.... 227 Zweites Kapitel. Das Vermächtniß der Mutter 247 Drittes Kapitel. Die Leichenwacht........ 286 Viertes Kapitel. Der Taufvater....... 306 Fünftes Kapitel. Vorbereitungen.....— 323 Sechstes Kapitel. Feſtmorgen...... 343 Siebentes Kapitel. Zwei Bittſteller..... 354 Achtes Kapitel. Die Bewerber....... 370 Neuntes Kapitel. Die Begegnung.. 382 Zehntes Kapitel. Das Kind.. 388 Elftes Kapitel. Der Leichenkarren..... 392 Zwölftes Kapitel. Das Feſt...... 398 Dreizehntes Kapitel. Der Mörder.. 406 Vierzehntes Kapitel. Gefahr und Rettung... 419 Funfzehntes Kapitel. Das Gericht... 436 Sechszehntes Kapitel. Ein conſequenter Mann 450 Siebzehntes Kapitel. Schluß.... 457 Fünftes Buch. Der Juſtizrath. Das Engelchen. MI. 1 . Erstes Rapitel. Die Vertrauten. So war wieder eine Reihe von Wochen ins Land gegangen und das verhängnißvolle Weih⸗ nachtsfeſt ſtand dicht vor der Thür. Angelica befand ſich in einer Aufregung des Gemüths, die ihr jede Geſellſchaft faſt unerträg⸗ lich machte, nur diejenige ihres Bruders aus⸗ genommen.— Die ungewöhnlich milde Jahres⸗ zeit übte auf Julian's Geſundheit den glücklich⸗ ſten Einfluß. Zwar wurde ſeine Wange mit jedem Tage hohler, ſeine Bläſſe immer abſchrek⸗ kender, ſeine Stimmung dagegen war friſch und muthvoll, wie ſie es ſeit Langem nicht geweſen. 1* Beinahe täglich, bald auf Angelica's Arm ge⸗ ſtützt, bald auch allein, machte er kleine Spa⸗ ziergänge zwiſchen den herbſtlich entblätterten Bäumen des Parks; die feuchte, milde Luft war ſeiner kranken Bruſt eben ſo wohlthätig, als das tiefe Schweigen in der Natur, dieſe feierlich traumhafte Verſunkenheit, welche dieſer Jahreszeit eigenthümlich iſt, ſeinem Gemüth zu⸗ ſagte. Auch hatte er in ſo weit gute Tage, als weder der Commerzienrath noch Herr Waller ſich in dieſer Zeit viel um ihn bekümmerten. Herrn Waller ließ die Baronin, deren fromme Eitelkeit in demſelben Grade zunahm, je näher der Tag kam, der ſie befriedigen ſollte, kaum mehr von ihrer Seite: während der Commer⸗ zienrath ebenfalls alle Hände voll zu thun hatte, das neue Fabrikgebäude zur Eröffnung in Stand zu ſetzen. Daſſelbe ſollte nach Julian's Namen be⸗ 5 nannt, gleichſam unter ſein Patronat geſtellt werden; auch bei den Einweihungsſeierlichkeiten hatte Herr Wolſton ihm eine bevorzugte Rolle zugedacht. Wie wir wiſſen, war Herr Wolſton ſonſt kein Freund von dergleichen Feſtlichkeiten. In dieſem Falle jedoch, wo er es darauf abge⸗ ſehen hatte, der thörichten Pinſelei der Weiber, wie er es nannte, die Spitze zu bieten, und wo es zugleich die Verherrlichung ſeines einzi⸗ gen Sohnes und Erben galt, war ihm nichts prächtig, nichts pomphaft genug. Eine Menge Einladungen waren ausgeſchrieben; ja damit es an nichts fehlte, was bei dergleichen Feſt⸗ lichkeiten herkömmlich iſt und zum guten Ton gehört, vielleicht auch um in keinem Stück hin⸗ ter ſeiner Gemahlin zurückzubleiben, hatte der Commerzienrath dem Herrn Florus ebenfalls keine Ruhe gelaſſen, bis derſelbe ihm zugeſagt, auch dieſe Gelegenheit mit einem Seneihte zu verherrlichen. 6 Käme es auf mich an, mein beſter Herr Florus, hatte der Commerzienrath dabei hinzu⸗ geſetzt, indem er dem Dichter ſo ſtarr über die Brille hinweg in die Augen ſah, daß derſelbe vor Verlegenheit nicht wußte, wohin er die Brille rücken ſollte.... Käme es auf mich an, mein beſter Herr Florus, ich würde Sie gewiß nicht incommo⸗ diren. Denn warum? Ich frage nach der Ppeſie überhaupt nicht viel,— weit weniger, fügte er mit einem Lächeln hinzu, das vermuthlich ver⸗ bindlich ſein und die etwas anſtößige Offenher⸗ zigkeit dieſes Geſtändniſſes begütigen ſollte, in der That aber ſehr malitiös ausfiel: weit we⸗ niger jedenfalls, als nach den Poeten ſelbſt. Indeſſen meine Frau, ſo wie die hochadeligen Gäſte, welche uns beehren werden, ſollen doch ſehen, daß ich, obgleich nur ein ſchlichter Fa⸗ brikant, ein bloßer herzloſer Geldmenſch, doch ebenfalls zu leben verſtehe; was meine Frau +— — ———— 7 für ihre ſchmuzigen Bettelkinder veranſtaltet, daran darf es meinem Julian zum Wenigſten nicht fehlen. Schonen Sie ſich alſo nicht, mein beſter Herr Florus, machen Sie das Verschen recht hübſch, recht nett, recht nach dem neueſten Geſchmack. Mein Prediger wird eine Muſik dazu ſetzen und die Chorknaben werden es ab⸗ ſingen; dies iſt neu und wird meiner Frau im⸗ poniren, weil es an ihr eigenes Genre ſtreift. Wie geſagt, ſchonen Sie ſich nicht und rechnen Sie— indem er mit ſeinem beliebten Manveuvre den Deckel der Doſe gegen den Aermel rieb— auf meine vollſte Dankbarkeit. Kann väterliche Liebe und Fürſorge weiter gehen? Nach den Begriffen des Herrn Wolſton gewiß nicht; er glaubte ſeine ganze Pflicht ge⸗ gen Julian damit erfüllt zu haben und über⸗ ließ ihn deſto ungeſtörter dem Umgang mit Angelica. Allein mit ſo inniger Zärtlichkeit dieſe auch 8 an dem Bruder hing und ſo glücklich es ſie für Augenblicke machte, denſelben jetzt verhält⸗ nißmäßig ſo geſund und wohl zu ſehen, ſo war der Kummer, der auf ihrem Herzen laſtete, doch zu groß, die Angſt, die ihr die Seele zu⸗ ſammenſchnürte, zu mächtig, als daß ſelbſt der Anblick des lächelnden Julian und ſein unbe⸗ fangenes, heiteres Geplauder ſie auf mehr als nur auf Momente hätte davon befreien können. Der Tag, der auf immer über ihre Zukunft entſcheiden, der— denn welch andern Entſchluß hätte ſie noch faſſen können?— ihre Trennung von dem Hauſe, von der Familie und damit alſo auch von dieſem geliebten Bruder ſelbſt auf immer ausſprechen mußte, ſtand dicht be⸗ vor; ſchon wurde er nicht mehr nach Wochen, nur noch nach Tagen gezählt. Der Juſtizrath war ſeit geraumer Zeit völlig verſtummt; An⸗ gelica zweifelte nicht, daß es nur deshalb ge⸗ ſchehen, weil er die Unhaltbarkeit ihrer Sache eingeſehen hatte und ſich ganz davon loszuma⸗ chen wünſchte. Und doch, ſo viel Reſpect ſie auch vor der gelehrten Einſicht des Juſtizraths hatte, ſo konnte ſie doch bei alledem die Stimme ihres Herzens nicht zum Schweigen bringen, die ihr unab⸗ tiſſig, in Schlaf und Wachen, zurief, daß hier ein Spiel mit ihr getrieben werde, ein argliſti⸗ ges, ein verbrecheriſches Spiel, ein Spiel mit dem Heiligſten, was es für ſie auf Erden gab und ſelbſt noch über die Erde hinaus: mit ih⸗ rer Freiheit, ihrer ſchweſterlichen Liebe und dem geheiligten Andenken ihrer Mutter. Sie mußte, ja ganz gewiß, und ob alle Menſchen ſie ver⸗ ließen, mußte dennoch das Geheimniß zerreißen, das hier obwaltete und deſſen Fäden ſich na⸗ mentlich auch zur kranken Lene hin erſtreckten. Das Befinden dieſer Letztern hatte ſich in den jüngſten Wochen wiederum verſchlimmert. Aber in demſelben Grade war auch ihr Beneh⸗ 1** men gegen das Engelchen ſeit einiger Zeit ſanf⸗ ter und gleichmäßiger geworden. Wenn daſſelbe in die niedere Stube hineingeſchritten kam, zwi⸗ ſchen den klappernden Webſtühlen hindurch, an dem wortkargen Meiſter und dem eben ſo ſchweig⸗ ſamen Reinhold vorüber, vor ihr Bette, und der Glanz dieſes lieben Antlitzes ging nun klar und ſtill, wie der Mond, über dem armſeligen Lager der Kranken empor: da ſchien es auch, als ob die junge Dame den gewohnten Einfluß wieder gewonnen hatte, die Fluth ihrer Seele legte ſich und ſanft, freundlich, wie am erſten Tage, nickte ſie ihr lächelnd zu und flüſterte: Bald, nun bald, liebes Engelchen, ich fühl' es, nun iſt die Stunde da, nun ſollſt du bald Alles wiſſen.... Aber weiter durfte Angelica auch nicht in ſie dringen, wenn nicht ſogleich wieder ein hef⸗ tiger Ausbruch der wildeſten und abenteuerlich⸗ ſten Phantaſien erfolgen ſollte. 5 11 In dieſer Lage der Dinge, da jede Minute, die ungenützt verrann, die Entſcheidung eines ganzen Menſchenlebens mit ſich führte, ent⸗ ſchloß Angelica ſich denn endlich zu einem Schritt, von dem ſie, wie wir wiſſen, bisher eine ſo gerechte wie natürliche Scheu zurückge⸗ halten hatte. Was auch hinter dieſen Räthſeln verborgen lag und welche Pläne Herr Wolſton gegen ſie im Schilde führte: Angelica, das ſchien ihr ſelbſt außer Zweifel, mußte denſelben zuvorzukommen ſuchen; ſie mußte gar nicht erſt abwarten, bis das Teſtament von Herrn Wol⸗ ſton gegen ſie geltend gemacht ward, ſondern ſie ſelbſt mußte als Klägerin gegen ihn auftre⸗ ten und vor Allem die Echtheit des mütter⸗ lichen Teſtaments, oder zum wenigſten doch die rechtliche Gültigkeit der darin enthaltenen Be⸗ ſtimmung anfechten. WVon Anfang an war dies ihre Abſicht ge⸗ weſen; ſie hatte für einige Zeit davon zurück⸗ — 12 kommen können, ſo lange ſie die Hoffnung he⸗ gen durfte, ſich auf gütliche Weiſe mit ihrem Stiefvater zu verſtändigen. Jetzt war hierzu jede Ausſicht verſchwunden, und zugleich hatte der Argwohn, mit welchem ſie das väterliche Haus betreten, in der Zwiſchenzeit ſo mannig⸗ fache Nahrung erhalten; jetzt gab es nichts mehr zu überlegen und zu zaudern, das Schwert war ihr gleichſam in die Hand gedrückt, ſie hatte nur die Wahl, ob ſie es gegen ihren An⸗ greifer kehren wollte— oder gegen ſich ſelbſt. Herr Waller konnte ihr in dieſer Angelegen⸗ heit nichts mehr nützen, der Beiſtand, den ſie brauchte, mußte vor Allem ein rechtsverſtändi⸗ ger ſein. Und ſo, trotz alles Widerſtrebens, lenkte ſich ihr Auge denn immer und immer wieder auf Herrn von Lehfeldt. Herr von Lehfeldt war Juriſt; wen ſie noch über ihn geſprochen, hatte ſeine Geſchäftskennt⸗ niß, ſeinen Scharfblick und ſeine Energie ge⸗ — 13 rühmt. Auch hatte er ihr in den Monaten, die ſie jetzt zum größern Theil gemeinſchaftlich verlebt, ſo viel Proben aufrichtiger und ehr⸗ erbietiger Ergebenheit geliefert, daß ſie es in der verzweifelten Lage, in welcher ſie ſich be⸗ fand, nicht nur als ein Recht, ſondern auch als eine Pflicht der Freundſchaft betrachtete, ſich ihm zu entdecken und ſeinen Rath, ſeinen Bei⸗ ſtand in Anſpruch zu nehmen. Auch jetzt noch, ſie konnte es ſich nicht verbergen, regte ſich etwas in ihr— es war nicht Mistrauen, nicht Ab⸗ neigung, o gewiß nicht: dennoch, ſo feſt ihr Entſchluß auch ſtand, Herrn von Lehfeldt in das Geheimniß zu ziehen, ſo wußte ſie doch ſelbſt noch nicht, wie es ihr nur möglich ſein würde, das erſte Wort an ihn von der Lippe zu bringen! Aber eben ſo feſt ſtand auch noch ein zweiter Entſchluß bei ihr: Herr von Lehfeldt ſollte alsdann nicht der Einzige bleiben, dem ſie ihr Vertrauen in dieſer für ſie ſo hochwichtigen Angelegenheit ſchenken wollte. Es gab noch einen andern, ei⸗ nen ältern Freund, der ihrem Herzen noch theu- rer war und dem ſie unmöglich ein Recht ver⸗ weigern durfte, das ſie im Begriffe ſtand, einem Fremden einzuräumen. Und wenn Reinhold auch nie eine Sylbe von Dem erfuhr, was zwi⸗ ſchen ihr und Herrn von Lehfeldt verhandelt werden ſollte, und wenn er ſelbſt auch keine Ahnung davon hatte, welchen Schritt ſie zu thun im Begriff ſtand— ſie hätte es ſich ſelbſt nicht verzeihen können, ihr Gerechtigkeitsgefühl (ſo wenigſtens nannte ſie es bei ſich ſelbſt) ge⸗ ſtattete ihr nicht, daß Reinhold, der Freund und Gefährte ihrer Jugend, ihrem Vertrauen ferner ſtehen ſollte als eine Bekanntſchaft, die von ſo viel jüngerm Datum war! Vielleicht kam auch noch etwas Anderes dazu; vielleicht war es auch ein gewiſſer mädchenhaf⸗ ter Inſtinct, der ſie dabei leitete, da allerdings das Vertrauen einer jungen Dame, das ſich gleichzeitig an zwei Freunde wendet, viel un⸗ verfänglicher erſcheint und viel geſicherter iſt vor jedem Misbrauch, als wo es Einem allein ge⸗ ſchenkt wird. So unmöglich es ihr ſchien, Herrn von Lehfeldt oder gar erſt Reinhold allein die unſelige Geſchichte des mütterlichen Teſtaments und die wunderliche Bedingung, die ſich für ſie daran knüpfte, zu erzählen, ſo leicht fand ſie ſich in den Gedanken, und ein ſo natürliches Verhältniß ſchien es ihr, dieſe Angelegenheit mit beiden Freunden gemeinſam zu berathen. Ver⸗ ſtand Reinhold auch nichts von dem juriſtiſchen Verhältniß, ſo kannte und achtete ſie doch übri⸗ gens ſeinen klaren, natürlichen Verſtand. Auch war er mit allen Verhältniſſen ihres Hauſes ſeit langen Jahren, ja ſo lange beinahe, als ſie ſelber denken konnte, bekannt. Und ſein Herz endlich, das wußte ſie, war rein und treu wie Gold; es gab keins, ſelbſt ihren Bruder nicht 16 ausgenommen, das es treuer und inniger mit ihr meinte... Somit war der Entſchluß der jungen Dame denn gefaßt: durch Reinhold wollte ſie Herrn von Lehfeldt um eine Zuſammenkunft bitten laſ⸗ ſen, welcher Reinhold ſelbſt beiwohnen ſollte, und in der die drei Freunde alsdann gemein⸗ ſchaftlich die Maßregeln beſprechen wollten, die für den Augenblick zu ergreifen wären. Zweites Kapitel. Ein Beichtvater. Es war in den Nachmittagsſtunden eines trüben, regnigten Tages, als das Engelchen ſich mit dieſem Entſchluß aufmachte, das Haus des Meiſters zu beſuchen. Die Witterung war etwas kälter, als ſie bisher geweſen; ein feiner, dichter Sprühregen ſchlug Angelica'n, indem ſie aus dem Portal des Schloſſes trat, ins Geſicht, ſo daß ſie den Schleier dichter zuſammenzog und ſich feſter in den weichen Mantel wickelte. So lange und reiflich Angelica ihren Vorſatz auch erwogen hatte und ſo feſt ſie diesmal auch entſchloſſen war, ſo konnte ſie dennoch, da ſie 18 ſich jetzt ſo dicht an der Ausführung ſah, ein gewiſſes Gefühl von Beklemmung nicht unter⸗ drücken. Unwillkürlich, ſtatt geraden Weges auf das Haus des Meiſters zuzugehen, lenkte ihr Fuß ſeitwärts in eine der vielen Gaſſen, die ſich hier durchkreuzen. Sie mußte, ſo überredete ſie ſich ſelbſt, ihre Gedanken zuvor noch einmal ordnen und Wort und Ausdruck zum voraus abwägen. Der Aufſchub, den ſie damit gewann, war außerordentlich gering; allein bei ſo pein⸗ üichen Unternehmungen, wie diejenige, welche das Engelchen jetzt vor ſich hatte, iſt Einem auch der geringfügigſte Aufſchub ſchon von gro⸗ ßem Werth. So, ohne auf ihren Weg eben viel zu achten, ſchritt ſie gedankenvoll, lautlos zwi⸗ ſchen Hecken und Zäunen, über Brücken und Brückchen dahin; die Erinnerung ihrer Kind⸗ heit diente ihr inſtinctmäßig zum Führer; auch kam es ihr jetzt nicht darauf an, ob der Um⸗ „N 19 weg, den ſie nahm, etwas größer oder kleiner ausfiel. Alles ringsum war ſtill und einſam. Der Abend dämmerte bereits; hier und da in einer der niedrigen Hütten flammte ein trübes Licht auf. Kein Menſch war zu ſehen weit und breit. Aber ja, da gingen doch zwei Geſtalten vor ihr— zwei Geſtalten— ſie hatten ſich des ſchlechten Wetters wegen ebenfalls bis hoch hin⸗ auf vermummt... Aber wenigſtens die eine derſelben erkannte das ſcharfe Auge des Engelchen dennochz es war der Prediger Waller. Die andere, in aben⸗ euerlich bettelhaftem Anzuge, einen ſchmuzigen, vielfach geflickten Mantel über Kopf und Schul⸗ tern gezogen, ſchien eines jener unglücklichen verarmten Weiber zu ſein, wie deren ſo viele in dem Fabrikdorf lebten. An und für ſich be⸗ trachtet, hatte das Beieinanderſein dieſer beiden Perſonen nicht das mindeſte Auffällige; es war 20 bekannt, daß Herr Waller den Schatz ſeiner geiſtlichen Tröſtungen bereitwillig auch an den Aermſten im Dorf vertheilte und auch in an⸗ dern weltlichen Dingen, bei Unglücksfällen und Trübſalen aller Art, vielfach zu Rathe gezogen ward. Und ſo würde auch das Engelchen nicht den geringſten Anſtoß daran genommen, ja vielleicht kaum darauf gemerkt haben, wenn nicht das Geſpräch, das der Prediger mit ſeiner Beglei⸗ Prin⸗ führte und bei dem Angelica, indem ſie in der engen winkligen Gaſſe mit ihrem Schritt hinter dem Paare daherwandelt unfreiwilligen Zuhörerin ward, ihre Au n ſamkeit allerdings aufs Aeußerſte in ch genommen hätte. Das Weib, ohne Zweifel aus cyrfuche vor de Herrn, hielt ſich Wei ganz 3 — 21 ſeine Stimme etwas lauter, als es ſonſt ſeine Ge⸗ wohnheit war. Auch konnte er es ja unbedenk⸗ lich thun, da die Straße, wie ſchon erwähnt, im Uebrigen wie ausgeſtorben war. Hätte Angelica ahnen können, daß es hier ein Geheimniß zu belauſchen gab, ſie würde raſch vorübergegangen ſein. So aber dachte ſie nicht auf tauſend Meilen daran; ganz mecha⸗ niſch indem ſie ihren Weg dahinwandelte, ließ ſie die Töne an ihr Ohr ſchlagen; erſt als ſie gehört hatte, was ſie offenbar nicht hören ſollt, wurde ihr klar, daß es ſich hier um ein 13 heimniß handele. 3 Und alſo hat er Euch Liebe geſchlagen, der 8 unhold? fragte der Prediger in herzlich bedauer⸗ lichem Tone. Die Geſtalt neben ihm, ſtatt aller weitern Antwort, zog die Schultern in die Höhe und ſchüttelte ſich, daß die Fetzen des Mantels wild über ihrem Haupte flatterten. 22 Und warum hat er Euch wieder geſchlagen? fuhr der Prediger fort: weil Ihr ihn gewarnt hattet vor der Rache Gottes, nicht wahr? und ihn aufgefordert, ſein ſchuldbeladenes Gewiſſen vor dem Ohr des Predigers, dem Geweiheten des Herrn, zu erleichtern? Das Weib hielt einen Augenblick den Fuß an, mit weit vorgeſtrecktem Kopfe, als ob ſie 3 über das Gehörte erſt nachſinnen Dann it einer Stimme, ſo hohl, ſo klanglos, daß Angelica davor erſchrak, doppelt erſchra k, weil ihr auf einmal eine dunkle Erinnerung auf ſtieg, als ob ſie dieſelbe in früherer Zeit ſchon einmal 4 vernommen habe—, mit einer ſolchen* klangloſen Stimme erwiderte das Weib: Nein, weil er das Beten nicht leiden kann, ſagt er, und weil ich dem Herrn Prediger ſeine Geheimniſſe verrathe. Das iſt der Lohn der Gerechten vor dem Herrn, ſagte der Prediger mit Salbung, daß 23 ſie von der Welt verfolgt und gemartert wer⸗ den. Halt aus, fromme Dulderin, und fahre fort, dem Herrn zu dienen in ſeinem Prieſter: ſo wirſt du Vergebung deiner Sünden empfan⸗ gen und die Krone des ewigen Lebens, Amen. Den Fleck alſo, fuhr er nach einer kleinen Pauſe fort, wo er neulich die Papiere vergraben hat, kennſt du und biſt gewiß ihn wiederzufinden? Das Weib beſann ſich wieder einige Se⸗ cunden, dann nickte ſie heftig mit dem Kopf und ſtieß ein höhniſches Gelächter aus. Ich werde ihn wiederfinden, ſagte ſie, ſo wie es der Herr Prediger befiehlt! Die Sache, entgegnete Herr Waller, hat noch keine Eile; der Herr iſt langmüthig auch in ſeinem Zorn, und es dauert lange, bevor ſein Arm den Schuldigen ergreift. Aber wenn er ihn ergreift, dann zerſchmettert er ihn auch und ſchleudert ihn inh in ewige 3 hörſt du, Weib? in ewige. Das Weib ſchüttelte ſich wiederum, aber diesmal offenbar vor Froſt; eine hagere dürre Hand fuhr zwiſchen den Lumpen hervor und haſchte nach dem Rockzipfel des Predigers, ihn an die Lippen zu drücken. Mit majeſtätiſcher Ruhe wehrte Herr Waller die Zeichen der Unterwürfigkeit ab. Es iſt gut, Weib, ſagte er: aber es ziemt ſich nicht, wo die Leute es ſechen könntenz Ihr müßt erſt weit frömmer werden und weit kräf⸗ tigere Beweiſe Eurer Buße geben, bevor es Euch geſtattet iſt, dem Geweiheten Gottes öf⸗ fentlich den Rock zu küſſen. Aber wie ſteht es mit dem Uebrigen? Seid Ihr noch nicht da⸗ hinter, ob dieſer ſogenannte Maler Schmidt wirklich— 4 Das Weib ließ den Prediger nicht zu Ende reden; ſie warf die Arme in die Luft mit ge⸗ ballten Fäuſten— Dann wieder ſchüttelte ſie das Haupt: Das iſt der Punkt, ſagte ſie, darüber kann ich nicht hinweg; es iſt zu gräßlich von ihm— zu gräß⸗ lich— Aber ich weiß nichts, Herr Prediger, von dieſer Geſchichte nichts, bei meiner Seelen Seligkeit.. Es wird ſich finden, verſetzte der Prediger in ſtrengem Ton, kommt morgen nach dem Frühgeläute zu mir— nicht aufs Schloß, ins Pfarrhaus mein' ich, durch die Hinter⸗ thür, rechts am Brunnen, wo Euch Niemand gewahr wird. Euer Mann iſt zu Hauſe, wie? Wieder eine Pauſe. Droben, beim gnä⸗ digen Herrn, erwiderte das Weih ſodann: o ſie haben jetzt viel zu thun, ich weiß es, der gnädige Herr und der Alte; es iſt ein Gewitter im Anzug, ſeit Langem, ich weiß es— Ihre Stimme wurde ganz laut, indem ſie dieſe letzten Worte ſagte, und ganz triumphi⸗ Das Engelchen. III. 2 rend. Der Prediger ſtand ſtill, indem er feier⸗ lich ſeine rechte Hand auf die Fi Schul⸗ ter des Weibes legte. Ihr haßt den Alten wohl ſehr? fragte er. Das Weib zauderte einige Augenblicke. Dann mit einem Ausdruck, vor welchem das Engelchen erbebte: Wenn Gott und mein Herr Prediger es mir erlauben, erwiderte ſie,— ſehr. Es war das jedenfalls ein höchſt unchriſt⸗ liches Bekenntniß. Aber ſolch milder Seelen⸗ hirte konnte Herr Waller zuweilen ſein, daß er es dennoch verzieh. Das iſt das Vorrecht, ſagte er, welches Gott den Gerechten verliehen hat, daß ſie den Ungerechten haſſen und verfolgen dürfen, und ihr Haß und ihre Verfolgung iſt keine Sünde, ſondern Gott wohlgefülliger als Duft der Brand⸗ opfer und liebliches Räucherwerk. Du gehſt nun dorthin? indem er auf das Haus des Mei⸗ — 27 ſters deutete, das in der Dämmerung, kaum mehr erkennbar, vor ihnen lag. Seine Begleiterin nickte bejahend. So thu, fuhr der Prediger fort, was der Herr dir aufgetragen hat durch meinen Mund: es ſind verſtockte Herzen in dem Hauſe da, ſuche ſie mürbe zu machen— Gott will uns nicht blos fromm wie Tauben, ſondern auch klug wie Schlangen— Geh! und thu, wie ich dir geheißen! Mit dieſen Worten ſchlug er ſeinen Man⸗ telkragen noch höher hinauf und verlor ſich mit eiligen Schritten in ein Seitengäßchen. Angelica, vor Ueberraſchung über das Ge⸗ hörte und vergebens einem Zuſammenhange darin nachſpürend, war unwillkürlich ſtehen ge⸗ blieben; ihr Auge wurzelte vor ihr auf dem Boden, als ob ſie da die Löſung des Räth⸗ ſels finden könnte. Wem gehörte dieſe Stimme, die ihr ſo widerwärtig klang und dennoch ſo 2* bekannt? Wer war dies Weib? In welcher Verbindung ſtand der Prediger mit ihm? Und welcher neue geheimnißvolle Abgrund that ſich 3 hier vor ihren entſetzten Blicken auf? Drittes Rapitel. Die gute Frau. Als ſie das Auge wieder in die Höhe ſchlug, war das Weib verſchwunden. Nur wenige Schritte noch, und ſie ſah ſich am Hauſe des Meiſters. Hart an der Schwelle trat ihr Margareth entgegen. Dieſelbe war ihrer Entbindung nahe; aber ihr verweintes Auge, ſo wie das ganze gedrückte, abgehärmte Weſen des unglücklichen Weibes verrieth nur allzu deutlich die Bangig⸗ keit, mit welcher ſie dieſer verhängnißvollen und doch ſo heiligen, ſo ſeligen Stunde ent⸗ gegenging. Ah unſer Engelchen, ſagte ſie, mit einer Stimme, in der Freude und Verlegenheit mit einander zu kämpfen ſchienen. Wie gut ſind Sie, gnädiges Fräulein, daß Sie noch ſo ſpät und bei dieſem böſen Wetter nach der armen Tante ſehen wollen— Mein Beſuch, gute Margareth, erwiderte das Engelchen, gilt für diesmal weniger deiner Tante, als deinem Bruder, unſerm Reinhold.. Er iſt nicht zu Hauſe, ſagte die junge Frau raſch und mit einem Ausdruck, als ob ihr et⸗ was das Herz erleichtert hätte: er iſt zu Leon⸗ hard, glaube ich. Das Engelchen war einen Augenblick un⸗ ſchlüſſig, ob ſie den Freund dort aufſuchen ſollte. Doch ſcheute ſie ſich theils vor der ſpäten Stunde, theils auch wäre ihr in dieſem Augenblicke, ſie konnte ſich ſelbſt keine Rechenſchaft geben wes⸗ halb, die Anweſenheit von Leonhard's Schwe⸗ ſter unbequem geweſen. —— 31 Gut, ſagte ſie nach kurzem Bedenken, ſo laß mich bei dir eintreten; ich habe einen Auf⸗ trag für Reinhold, der mir wichtig iſt, und den ich ihm aufſchreiben will. Dem armen Weibe traten die Thränen in die Augen. Konrad liegt in der Stube, er iſt— unpäßlich, ſagte ſie, indem ſie beſchämt vor ſich auf die Erde blickte. Die Wahrheit war, daß Konrad vor einer Stunde fuchswild, im ſchlimmſten Rauſch, nach Hauſe gekommen war. Der alte Sandmoll, von dem(wie unſere Leſer, in Erinnerung an jenen Auftrag, welchen Herr von Lehfeldt dem Alten bei ihrem Zuſammentreffen unter der Gal⸗ genfichte ertheilte, längſt errathen haben) Kon⸗ rad ſeit einiger Zeit ſeinen Unterhalt bezog, hatte ihm auf einmal und ohne weitere Angabe von Gründen erklärt, daß dieſe Quelle aufge⸗ hört habe zu fließen. Konrad„ hatte der Alte geſagt, thue mit dem Vagabonden doch nichts als 32 ſpielen und trinken; der müſſe ja eben ſo när⸗ riſch ſein, wie der tolle Heiner ſelbſt, der Kon⸗ rad dafür noch bezahlen wolle. Und mit dem Wochenlohne in der Fabrik ſei es für die nächſte Zeit auch nur ſo ein Ding; Konrad wiſſe wohl ſelbſt, wie nachläſſig er ſeit Monaten in der Fabrik geweſen, und wie viel Strafgelder ihm angeſchrieben. Es gehe ſtark auf Neujahr zu, wo die Kaſſen revidirt und die Bücher in Ord⸗ nung gebracht würden. Auch für Konrad ſei jetzt die Zeit der Abrechnung gekommen. Hof⸗ fentlich habe er ſeine gute Zeit benutzt und ſich einen hübſchen Pfennig zuſammengeſpart. Sonſt, hatte der Alte hinzugeſetzt, indem er ſein gräu⸗ lichſtes Geſicht dazu geſchnitten und mit den Fingern geknackt hatte, ſo luſtig, ſo gemüthlich, daß Konrad nicht übel Luſt verſpürte, ihm da⸗ für die Kehle zuſammenzudrücken— ſonſt möchte es wohl nicht ganz gut um ihn ſtehen für die nächſte Zeit; wo der Storch überm Hauſe klap⸗ 33 pere, da ſei Geld eine doppelt nützliche Sache, das wiſſe man wohl. Aber eben ſo gut wußte natürlich auch der Alte ſelbſt, daß Konrad in der ganzen Zeit an nichts weniger gedacht hatte, als zu ſparen; es war nur ſeine herkömmliche eingefleiſchte Bos⸗ heit, die ihn das ſagen ließ. Im Gegentheil, Konrad hatte noch Schul⸗ den gemacht obendrein, theils bei der Wirthin, die einem ſolchen flotten Gaſt denn ſchon frei⸗ lich einigen Credit hatte gewähren müſſen, theils auch bei dem langen Karrenſchieber, der in der letzten Zeit, da es mit den Erfindungen und Projecten doch gar nicht mehr gehen wollte, ſich auf die Geldgeſchäfte gelegt hatte und ſeinen Freunden gelegentlich kleine Summen gegen große Zinſen verſchaffte.— Deß der Karren⸗ ſchieber dies Geſchäft nicht aus eigenen Mit⸗ teln betreiben konnte, war freilich klar ge⸗ nug;z auch behauptete die böſe Welt, daß es 2** 34 eigentlich die Wirthin ſei, welche dahinter ſtecke. Konrad hatte in ſeinem Aerger nichts Beſſe⸗ res gewußt, als ſich einen tüchtigen Rauſch dazu zu trinken; dann war er nach Hauſe ge⸗ gangen, um beide, Rauſch wie Aerger, zuerſt an ſeiner armen Frau auszulaſſen und ſie dann, wenn möglich, zu verſchlafen. Selbſt der Ehrfurcht gebietende Zuſtand, in welchem Margareth ſich befand, hatte Konrad nicht davon zurückhalten können. Die Zeit, wo er unter Thränen und Gelübden das Kind, das ſie unter ihrem Herzen trug, zum Zeugen ſeiner Beſſerung anrief, war längſt vorüber; nur in der Schenke vor ſeinen Zechbrüdern rühmte er ſich noch und ſtolzirte mit dieſer Va⸗ terſchaft und dem prächtigen Kindtaufſchmaus, den er geben wollte; zu Hauſe, vor den Ohren ſeines unglücklichen Weibes, hatte er ſchon ſeit Langem wieder blos Seufzer, Klagen, Flüche 35 über den Zuwachs von Noth und Elend, wel⸗ chen das Kind ihnen bringe. Auch heute wieder hatte er ſie iberſchütet mit einer ſolchen Fluth von Vorwürfen und Verwünſchungen und hatte dazu ſolche entſetz⸗ lichen, ſolche abenteuerlichen Drohungen ausgeſto⸗ ßen, gegen Margareth, ihren Vater, den Com⸗ merzienrath, daß Margareth in der Angſt ihres Herzens es vorgezogen hatte, ſich hinaus zu flüchten auf die kalte Hausflur, um nur dieſen furchtbaren Drohworten zu entgehen. Da ſaß ſie nun auf der Thürſchwelle, faſt ſchon ſeit einer Stunde; der dichte Regen ſchlug ihr in das feine Angeſicht, ſie fröſtelte über den ganzen Leib, und Thränen, ſchmerzlich bittere Thränen floſſen ihr über die hagern Wangen und vermiſchten ſich im Herniederfließen mit den kalten Regentropfen— Thränen, mit denen ſie Gott bat um ihren Tod und den Tod ihres armen ungeborenen Kindes! 36 Aber dennoch, als Angelica jetzt in ihre Stube wollte— lieber die rechte Hand hätte ſie ſich abhacken laſſen, als daß ſie ihr die Wahrheit geſagt hätte; ſie blickte beſchämt vor ſich auf die Erde— Konrad liegt in der Stube, ſagte ſie, er iſt unpäßlich.... So muß ich die Tante alſo doch ſtören, er⸗ widerte Angelica, ich werde in der Stube drü⸗ ben ein Schreibzeug finden, nicht wahr? Damit wollte ſie auf die Wohnung des Mei⸗ ſters zuſchreiten. Aber Margareth vertrat ihr haſtig den Weg. Sie können jetzt nicht hinein, gnädiges Fräu⸗ lein, ſagte ſie, indem ſie in wachſender Ver⸗ legenheit Angelica's kleine weiche Hand begüti⸗ gend zwiſchen die ihren nahm: es iſt ein Be⸗ ſuch darin— ach Gott, ein widerwärtiger Be⸗ ſuch, der Sie nur unangenehm berühren würde; 37 Ihr Auge iſt zu gut, zu ſchön für— An⸗ blick.. Sigeh halb vor Verwunderung, halb von der jungen Frau gedrängt, war einige Schritte zurückgetreten ins Freie; ſie ſtand, ohne es ſelbſt zu beachten, gerade ſo, daß ihr Auge auf die Fenſter des Meiſters gerichtet war. In demſelben Augenblick flammte in der Stube deſſelben die Kienfackel auf, die ihm Abends zu ſeiner Arbeit zu leuchten pflegte; ihr ganzes erſtes, grelles Auflodern fiel auf eine Geſtalt, welche hoch aufrecht an Lenens Bett zunächſt dem Fenſter ſtand. Es war dieſelbe Geſtalt, welche Angelica ſo eben erſt im Geſpräch mit Herrn Waller be⸗ lauſcht hatte: und in demſelben Augenblick auch und mit derſelben Blitzeshelle, wie die Fackel aufleuchtete, ſchoß es ihr durch den Sinn— es war die Diebölore, die unheimliche Gefährtin des alten Sandmoll, dieſelbe, die mit ihrem 38 todtenkopfähnlichen Antlitz und der abſchrecken⸗ den Rohheit ihres Betragens ihr ſchon als Kind ſo viel geſpenſtiges Grauen erregt hatte! Unwillkürlich, als hätte etwas Unreines ſie berührt, fuhr das Engelchen zuſammen und richtete dann einen langen, fragenden Blick auf Margareth. Margareth verſtand den Blick wohl; ſie preßte beide Hände gegen das Antlitz, um die gewaltſam hervorbrechenden Thränen zu ver⸗ bergen. O Gott, rief ſie unter Schluchzen, das iſt ja auch, was ich nicht verſtehen kann und was mich beinahe toll macht vor Schmerz und Angſt, daß jetzt ſolche Menſchen wagen dürfen, ihren Fuß über die Schwelle meines Vaters zu ſetzen! O glauben Sie, gnädiges Fräulein, wir ſind ſehr, ſehr unglücklich— hier wie drüben, es ahnt kein Menſch, welchen Jammer dieſes Dach verbirgt! 39 ₰ Es iſt nichts, ſagte Angelica, indem ſie die weinende Frau zu beruhigen ſuchte, das plötz⸗ liche Licht hatte mich geblendet; wer auch in euer Haus kommt, Recht und Unſchuld wohnen darin, und das ſind Schätze, die euch Niemand wegtragen kann. Das ſei dein Troſt, gute Mar⸗ gareth.... Und gleich darauf, mit plötzlichem Einfall, ſetzte ſie hinzu: Aber bin ich nicht eine Thörin, daß ich nach Feder und Papier verlange, da es weit einfacher iſt, ich bitte dich ſelbſt, meinen Auftrag an deinen Bruder zu beſtellen? Wirklich ſchien es dem Engelchen in dieſem Augenblick, als ob der Schritt, den ſie zu thun im Begriff ſtand und der ſie innerlich noch im⸗ mer ein wenig beängſtigte, dadurch, daß ſie Margareth's Vermittelung dabei in Anſpruch nahm, noch unverfänglicher, faſt hätte ſie ſa⸗ gen mögen, noch erlaubter wurde. Sie fuhr alſo fort: 40 Ich wollte deinen Bruder bitten, einen Auf⸗ trag für mich zu übernehmen, an den Herrn Moler Schmidt.... Hier plötzlich verſtummte ſie. Denn in die⸗ ſem Moment erſt fiel ihr ein, daß ſie auf dem beſten Wege war, das Incognito des Herrn von Lehfeldt aufs Spiel zu ſetzen, ein In⸗ cognito, um deſſen Bewahrung er ſie ſo drin⸗ gend gebeten hatte, und das ſie jedenfalls auch einem ſo vertrauten Freunde wie Reinhold nicht ohne Herrn von Lehfeldt's ausdrückliche Be⸗ willigung preisgeben durfte. Aber war vorhin Angelica beim Anblick der Diebslore zuſammengefahren, ſo hatte jetzt der Name des Malers Schmidt aus dem Munde des Engelchen eine ganz ähnliche Wirkung auf Margareth. Sie trat zwei Schritte zurück, maß Angelica mit befremdeten Blicken von oben bis unten; dann in lang gedehntem Ton und mit einem Ausdruck von Spott, ſo zurückhaltend und doch ſo ſcharf, wie man ihn bei einem Weibe dieſes Standes kaum geſucht hätte: Ah freilich, ſagte ſie, alſo haben die Leute doch Recht: an den Herrn Maler Schmidt... Angelica verſtand nicht, was das ſeltſame Benehmen des jungen Weibes meinte; aber auch ohne es zu verſtehen, fühlte ſie ſich ver⸗ letzt davon. Wer hat Recht? fragte ſie haſtig. Verzeihung, gnädiges Fräulein, erwiderte Margareth, noch immer in demſelben befreind⸗ lichen Tone es fuhr mir nur ſo heraus. Mein Bruder iſt ohne Zweifel jeden Augenblick bereit zu jedem Auftrage, mit dem Sie ihn beehren werden. Mit dem Herrn Maler Schmidt jedoch hat er, ſo viel ich weiß, keine Bekanntſchaft, gar keine, gnädiges Fräulein, und hätten Sie das, dächte ich, weit näher, da der Herr Maler Schmidt ja täglich, wie ich höre, im Schloſſe iſt. Der Herr Maler Schmidt iſt überhaupt nur ein oder zwei Mal im Hauſe bei meinem 42 Vater geweſen, um Arbeit zu beſtellen, ſeitdem nicht wieder— Aber wenn Sie doch einmal einen Boten an den Herrn Maler Schmidt gebrauchen, un⸗ terbrach ſie ſich ſelbſt, hier, wenn ich recht höre, kommt einerz es iſt der ſogenannte tolle Heiner, ein Bischen confus im Kopf, wie Sie wohl wiſſen, gnädiges Fräulein, aber ſonſt eine red⸗ liche Seele und der genaueſte Freund, wie ich höre, des Herrn Maler Schmidt. viertes Kapitel. Die Ueberraſchung. In der That war es der Vagabond, der, mit lauter Stimme ein Lied vor ſich hinſingend, auf das Wirthshaus zuſchritt. Wie er die beiden Geſtalten vor dem Hauſe des Meiſters erblickte, eilte er in haſtigen Sprüngen auf ſie zu. Er ſchien in ſeiner tollſten Laune zu ſein: „Weißhändig Kind“, rief er Margareth an: ein ſüßes Wort mit dir... Maskirte Frau'n ſind Roſen unerſchloſſen, Doch ohne Maske gleich Damaskus Röſe Du mußt artig ſein, Heiner, ſagte Mar⸗ gareth: es iſt unſer gnädiges Fräulein, bezeig' ihr deinen Reſpect. Der Vagabond machte einen abenteuerlichen Kratzfuß: Vo iſt die ſchöne Majeſtät von Dänemark? fragte er ſpöttiſch und antwortete ſich ſelbſt ſo⸗ gleich mit einer andern bekannten Stelle:„Sie ſagen, die Eule war eines Bäckers Tochter— Gott ſegne Euch die Mahlzeit, wir wiſſen wohl, was wir ſind, aber nicht, was wir werden können“.. Angelica war von der Nähe des Wahnſin⸗ nigen und noch mehr von der plötzlichen Um⸗ wandlung, welche mit Margareth vorgegangen, von dem Augenblick an, wo die Rede auf den Maler Schmidt gekommen war, ſo in Verwit⸗ rung geſetzt, daß ſie kein Wort über die Lippen zu bringen vermochte. Margareth, die ſonſt ſo beſcheidene, ſo ſchüchterne Margareth, führte das Wort ſtatt ihrer. Das gnädige Fräulein, ſagte ſie, hat einen Auftrag an den Herrn Maler Schmidt.... 45 Der Vagabond grinzte über das ganze Ge⸗ ſicht. Er ſtrich ſich die Haare aus der Stirn, als ob er erſt recht gründlich nachdenken müßte; dann in ſingend plapperndem Tone: „Dieſer Mann, mein Fräulein“, ſagte er, indem er eine Stelle aus Troilus und Creſſida recitirte,„hat ſich die Eigenthümlichkeit von allerlei Thieren angeeignet: er iſt ſo kühn wie der Löwe, ſo täppiſch wie der Bär, ſo lang⸗ ſam wie der Elephant; ein Mann, in dem die Natur ſo viele Launen gehäuft hat, daß ſeine Tüchtigkeit in Thorheit untergeht, ſeine Thorheit durch Verſtändigkeit gewürzt iſt: Rie⸗ mand beſitzt eine Tugend, von der er nicht einen Anflug bekommen hätte, noch irgend Je⸗ mand eine Unart, von der ihm nicht etwas an⸗ klebte.„ Es war ſchwer zu entſcheiden, ob er von ſich ſprach oder von ſeinem Freunde, dem ſo⸗ genannten Maler Schmidt. Und eben ſo un⸗ 46 verſtändlich war auch die Anſpielung, mit der er plötzlich ſeine Rede ſchloß: Nur den ich ehre, Den Klügern, fürcht' ich, nicht den Narren— rief er:„Heda, meine Kutſche! Gute Nacht, Damen! gute Nacht, ſüße Damen! gute Nacht!“ Und dann auf einmal wieder umkehrend: „Da iſt Raute“, ſagte er zu Angelica: „wir können ſie auch Reue, Gnadenkraut nen⸗ nen, bringt ſie Eurer ſchönen Frau Mutter, der lebendigen meine ich, nicht der todten, ſie ſoll ihre Reue mit einem Abzeichen tragen: Sie trugen ihn auf der Bahre blos, Heynon nonny, nonny hey nonny; Und manche Thrän' fiel in des Grabes Schoos— Fahr' wohl, meine Taube!“ Angelica hatte ſich vor Unbehaglichkeit und innerm Grauſen dicht in ihren Mantel gewickelt. Erſt als ſie den Vagabonden hinter der hell⸗ erleuchteten Hausthür der Schenke verſchwinden ſah, athmete ſie wieder auf. Sie wollte ein ſtrenges Wort an Margareth richten, durch de⸗ ren Benehmen ſie ſich tief verletzt fühlte; aber das Herz war ihr zu ſchwer, und die Thränen ſtanden ihr näher als die Worte. Das iſt ein wüſter Abend, ſagte ſie: Gute Nacht, Margareth; geh hurtig in dein Bett, du biſt krank, glaube ich.... Damit, den Schleier noch dichter vor das Antlitz ziehend, wendete ſie ſich um und eilte mit beflügelten Schritten an der lärmenden Schenke vorüber in das Schloß zurück. Hart an der Brücke wartete ihrer noch ein neuer Schrecken. Sie begegnete dem Sandmoll, der hier, die langen Hände auf dem Rücken, auf und nieder wandelte, ſichtlich auf Jemand wartend. Er grüßte ſie reſpectvoll; Angelica'n aber däuchte es, als ob zwiſchen ſeinen Gruß ein hämiſches Kichern klang— ſchnell, ſchnell über die Brücke hin, die Stiegen hinauf— erſt 48 als das Kammermädchen an der Thür ihres Zimmers ihr entgegenleuchtete, fühlte ſie ſich in Sicherheit. Und doch ſtand ihr ſogleich wieder eine neue Ueberraſchung bevor. Das Kammermädchen über⸗ gab ihr ein Billet, das inzwiſchen von Herrn von Lehfeldt für ſie angekommen war. So war das junge Mädchen durch das eben Erlebte in Verwirrung geſetzt, daß ſie im erſten Augen⸗ blick dachte, Herr von Lehfeldt könnte ihre Ein⸗ ladung ſchon erhalten haben, und dies nun wäre die Antwort. Flammende Röthe übergoß ſie, da ſie das Briefchen erbrach. Aber nein, das wäre ja ganz unmöglich ge⸗ weſen; es waren ja wenige Minuten erſt, ſeit ſie mit Margareth und dem tollen Heiner von ihm geſprochen... Gleichwohl mußte ſie das Brieſchen zwei Mal leſen, bevor ſie ſelbſt erſt wußte, was es enthielt. Die Schuld des Briefchens war das 49 nicht: es war ein in klaren, verbindlichen Aus⸗ drücken abgefaßtes Abſchiedsbriefchen, mit wel⸗ chem Herr von Lehfeldt, zu einer unvermutheten Reiſe genöthigt, ſich bei ihr empfahl.— Herr von Lehfeldt war ſo oft in dieſer Zeit verreiſt und wieder gekommen, ohne der Geſellſchaft we⸗ der vorher noch nachher etwas darüber zu ſa⸗ gen oder ſelbſt eine neugierige Frage anders als ausweichend zu beantworten, daß Angelica nicht umhin konnte, ſich über dieſe ungewohnte Auf⸗ merkſamkeit zu verwundern. Jedenfalls war die Reiſe des Herrn von Lehfeldt, gerade in dieſem Augenblick, ein neuer, höchſt empfindlicher Schlag für ſie; die ſeltſame Wendung am Schluß, mit welcher er auf eine nahe und auch für Ange⸗ lica entſcheidende Rückkehr anſpielte, konnte ihr nur wenig Troſt gewähren, ſo dunkel war die⸗ ſelbe gehalten. Auch hatte ſie keine Zeit, jetzt darüber nach⸗ zudenken, da bald darauf der Bediente erſchien, Das Engelchen. III. 3 der ſie zur Abendtafel ins Zimmer der Com⸗ merzienräthin entbot. Die Geſellſchaft war heute ungewöhnlich klein und ſchweigſam. Herr Waller hatte ſich entſchuldigen laſſen, da amtliche Verrichtungen ihn nöthigten, im Pfarrhauſe zu bleiben. Herr Florus war müde vom Verſemachen; auch hatte er Briefe aus der Hauptſtadt bekommen, die über die wachſende politiſche Aufregung im Lande berichteten und einen baldigen gewalt⸗ ſamen Ausbruch in Ausſicht ſtellten. Herr Flo⸗ rus, wiewohl eben im beſten Zuge einen poli⸗ tiſch⸗ſocialen Roman zu ſchreiben, hatte doch vor Allem, was einer politiſchen oder ſocialen Be⸗ wegung ähnlich ſah, einen gründlichen Wider⸗ willen. Vielleicht miſchte ſich auch etwas Furcht darein; die Hauptſache indeß blieb für ihn, daß dergleichen Bewegungen, wie er behauptete, den literariſchen Markt verdürben. Alle Welt, pflegte er zu ſagen, möchte Revolutionen wünſchen, er wolle nichts dagegen einwenden, es ſei das eine Geſchmacksſache, über die ſich nicht ſtreiten laſſe; aber nur wenn ein Ppet es thäte, ſo wäre das der reine Wahnwitz, der reine Selbſtmord wäre das. In Verſen und Romanen nähme ſich der⸗ gleichen allerdings vortrefflich aus; aber das ſei nur eben die Sache, daß in politiſch erregten Zeiten Verſe und Romane von Niemand mehr geleſen würden— und gekauft nun erſt gar nicht. Auch Herrn von Lehfeldt's plötzliche Abreiſe hatte die Geſellſchaft einigermaßen verſtimmt; beſonders die Baronin, die ſchon mit ziemlicher Entſchiedenheit erklärte, falls Herr von Lehſeldt nicht bis dahin zurückkäme, ſo könne weder von der Eröffnung der Warteſchule, noch auch von Einweihung der neuen Fabrik die Rede ſein; ſo unentbehrlich war ihr, von andern geheim⸗ nißvollern Motiven abgeſehen, der feine Anſtand und die vornehme Manier des jungen Fremden 3* 52 bereits geworden, daß ſie es für unmöglich hielt, ohne ihn ihr Haus in gebührendem Glanze zu zeigen. Herr Wolſton weidete ſich einige Zeit lang an der Schweigſamkeit der kleinen Geſellſchaft, am meiſten an der üblen Laune ſeiner Gemah⸗ lin. Dann endlich, einen Brief aus der Taſche ziehend, mit langſamer und nachdrücklicher Stimme: Tröſten Sie ſich, meine Gnädige, ſagte er, Ihr Cavalier wird Ihnen erſetzt werden; ein neuer Beſuch hat ſich ſo eben angemeldet, zwar nicht ganz ſo jung mehr und vielleicht auch nicht ganz ſo liebenswürdig, wie der Herr Ma⸗ ler Schmidt, aber dennoch, trotz ſeiner Jahre, noch immer ein Mann von gutem Aplomb und dem beſten Humor von der Welt— mein alter Geſchäftsfreund, der Juſtizrath... Und indem er das Wort ausſprach, ließ er den Brief nachläſſig vor ſich auf den Tiſch fal⸗ len und ſah Angelica, die ſchweigend ihm ge⸗ genüber ſaß, mit einem langen, vernichtenden Blicke an. Alles Blut war dem jungen Mädchen aus dem Herzen gewichen, ſie ſaß da— ſie wußte ſelbſt nicht, war ſie lebend, war ſie todt.... Die Neuigkeit wurde beſprochen, wie man über dergleichen Dinge zu ſprechen pflegt. Die Baronin drückte ihre Verwunderung aus, daß ein Mann in ſo vorgerücktem Alter ſich noch in ſo ſchlechter Jahreszeit zu einer Reiſe ent⸗ ſchloſſen hätte. Je nun, meine Beſte, erwiderte der Com⸗ merzienrath gleichgiltig: was wird es ſein? Ge⸗ ſchäfte— Dabei hörte er nicht auf, Angelica mit ſei⸗ nen ſtechendſten, höhniſchſten Blicken zu flriren. Wie er mir ſchreibt, fuhr er fort, will er mich um Rath fragen wegen eines Güterankaufs in der Nähe, zu welchem er Auftrag hat. Es 54 ſcheint noch immer viel überflüſſiges Geld in der Welt zu ſein, und bei den kritiſchen Zeit⸗ läufen thun die Leute wohl, es ſicher anzulegen. Der Juſtizrath hat einen ſehr weiten Geſchäfts⸗ kreis, wer weiß, wer ihm den Auſtrag gegeben; ich denke mir, daß vielleicht irgend eine reiche Erbin. Hier brach Herr Wolſton plötzlich ab, als ob er es nicht der Mühe werth fände, den Satz zu vollenden, leerte raſch ſein Glas und hob die Tafel, mit einem flüchtigen Compliment gegen das Engelchen, auf. Dem Engelchen war wie im Traum, die Worte, die ſie ſo eben vernommen hatte, ſumm⸗ ten ihr im Kopf wie Glockenton. Sie würde das Ganze für eine Erfindung des Commerzien⸗ raths gehalten haben; aber nein, die Bosheit, die, für ſie allein verſtändlich, in ſeinen Worten gelegen, und dieſer giftige, durchbohrende Blick, mit dem er ſeine Erzählung begleitet hatte, be⸗ wieſen ihr nur allzu deutlich, daß es ſich in der That ſo verhielt. Daß der Juſtizrath um ihretwillen komme, das war gewiß; ja ſie durfte nicht zweifeln, daß auch Herr Wolſton ſelbſt über Veranlaſſung und Zweck dieſes Beſuchs völlig im Klaren war. Mehr als jemals ſchwankte ſie zwiſchen Hoffnung und Furcht; hatte ſie dem Juſtizrath vielleicht doch Unrecht gethan? war er inzwiſchen gleichwohl für ſie thätig geweſen? und erſchien er jetzt noch im letzten, äußerſten Moment, ihr Troſt und Rettung zu ſpenden? Als ſie gleich darauf auf ihr Zimmer ging, durch die langen, ſtillen Corridore dahin, an der Thür ihres Bruders vorüber, ſchien der Strahl ſeiner Lampe durch die Ritzen der Thür, gerade wie in jener erſten Nacht, die ſie unter dem väterlichen Dache zugebracht. Die Erinne⸗ rung an damals ſtieg bewältigend auf in dem armen, geängſtigten Mädchen; wie damals, beugte ſie ihre Knie vor der verſchloſſenen Thür 56 und ſandte ein flammendes Gebet gen Himmel, 3 um Schutz für ſich und ihren Bruder. Dann ſuchte ſie ihr Lager und entſchlief mit demſelben Spruch wie damals: Gott wird es wohl machen.— Aber ihr Schlummer diesmal war ruhig und ſanft und von keinen ſchreckhaf⸗ ten Träumen geſtört. Fünttes Rapitel. Unterhandlungen. Einige Tage ſpäter traf der Juſtizrath denn auch wirklich ein. Derſelbe war damals bereits ein hoher Sechziger, ſein Kopf eisgrau, das Geſicht von tiefen Runzeln durchfurcht. Aber dieſer Kopf ſelbſt ſtand noch ſo feſt im Nacken, die Augen in dieſem Antlitz funkelten ſo keck, die ganze Geſtalt, trotz ihrer ungewöhnlichen Größe und Hagerkeit, trat noch ſo ſtraff, ſo ſicher daher, daß man ihn kaum für einen Funf⸗ ziger hätte halten mögen. Er glich überhaupt mehr einem Soldaten als einem Rechtsgelehr⸗ ten; nicht nur ſeine Haltung, ſondern auch ſeine 3** 58 barſche Stimme und dieſe kurze polternde Art, mit der er ſeine Sätze hervorzuſtoßen pflegte, hatten etwas Militairiſches. Seine Collegen in der Hauptſtadt nannten ihn auch nicht anders als den alten Huſaren— hinter ſeinem Rücken natürlich; denn dem alten Herrn dergleichen ins Geſicht zu ſagen, hätte Niemand den Muth gehabt. Doch war der Beiname wirklich nicht übel gewählt, nicht nur was ſein Aeußeres betraf, ſondern namentlich auch in Anbetracht ſeines übrigen Verhaltens. Im Gegenſatz zu der Mehr⸗ zahl ſeiner Amtsgenoſſen war der Juſtizrath ein abgeſagter Feind aller Förmlichkeiten und Weit⸗ läufigkeiten; er ging gern gerade auf die Sache los, die herkömmlichen Advocatenkniffe, behaup⸗ tete er, ſeien längſt verbraucht, und der ſei jetzt 4 der Schlaueſte, der der Ehrlichſte ſei. Ob das nun freilich wirklich und vollſtändig. ſeine Meinung war, müſſen wir dahingeſtellt 59 ſein laſſen; Leute, die ihn ſeit Jahren kannten, wollten wiſſen, daß dieſe Geradheit und dies biedermänniſch rauhe Weſen, in welchem der Juſtizrath ſich gefiel, eben auch nur eine andere Art von Schlauheit ſei. Allein auch unter Denen, welche dieſer Mei⸗ nung anhingen, war doch Niemand, der die Güte ſeines Herzens und die Zuverläſſigkeit und Tüchtigkeit ſeines Charakters in Zweifel gezogen hätte. Auch im Hauſe des Commerzienraths be⸗ folgte er die gewohnte huſarenmäßige Taktik. Angelica hatte ſich nicht anders vorſtellen kön⸗ nen, als daß er ſich natürlich zuerſt mit ihr beſprechen werde; wie viel hatte ſie ihm nicht mitzutheilen! wie viel mehr noch von ihm zu erfragen! Ja auch einen ganzen Vorrath freund⸗ ſchaftlicher Vorwürfe und Anklagen hatte ſie ſich für ihn zurechtgelegt, die ſie, trotz ſeines Augen⸗ blitzens und trotz ſeiner polternden Stimme, bei erſter Gelegenheit an den Mann zu bringen gedachte. Aber es kam vollkommen anders. Ein flüch⸗ tiges: Courage, mein Schatz! das er ihr unter den erſten geräuſchvollen Begrüßungen zuraunte, war Alles, was ſie am Abend ſeiner Ankunft in Betreff ihrer Angelegenheiten von ihm zu hören bekam. Auch am folgenden Morgen war⸗ tete ſie vergeblich auf ſeinen Beſuch. Der Ju⸗ ſtizrath wohnte, als Gaſt des Herrn Wolſton, im Schloſſe; es war eine unſäglich peinvolle Lage für das junge Mädchen, den Mann, auf den allein jetzt noch ihre ganze Hoffnung gerich⸗ tet war und der ihr Schickſal gleichſam in Hän⸗ den trug, ſo nahe zu wiſſen, unter demſelben Dach mit ihr, und dabei doch in derſelben Un⸗ gewißheit verharren zu müſſen, die nun ſchon ſeit Monaten mit entſetzlicher Schwere auf ihr laſtete. Endlich, im Lauf des Vormittags, ſchickte ſie zu ihm herüber, ihn um eine Unter⸗ 61 redung zu erſuchen. Allein ihr Kammermädchen kam unverrichteter Sache wieder: der Herr Ju⸗ ſtizrath ſei bei Herrn Wolſton im Cabinet... Die beiden Männer hatten anfangs von gleichgiltigen Dingen geſprochen; Herr Wolſton, als hätte er keine Ahnung von der eigentlichen Abſicht ſeines Gaſtes, war die Zuvorkommen⸗ heit und Aufmerkſamkeit ſelbſt. Aber plötzlich hatte der Juſtizrath den Gegenſtand verändert. Sind wir doch, ſagte er, mit Ihrer Erlaub⸗ niß, Herr Commerzienrath, ein paar Narren, daß wir uns ſtellen, Einer gegen den Andern, als wüßten wir nicht, was wir von einander — wollen, und verbringen die ſchöne Zeit mit un⸗ nützem Geſchwätz. Nun ja doch, Sie ſollen den Triumph haben, Sie ſind der Schlaueſte von uns Beiden und der Zurückhaltendſte, es iſt, wie Sie ſich denken: ich komme wegen der klei⸗ nen Perſon da, wegen des Engelchen.... Auch jetzt noch begnügte der Commerzien⸗ 62 rath ſich, ſeinen Gaſt mit höflicher Verwunde⸗ rung anzuſehen. Hören Sie denn nicht, zum Wetter? We⸗ gen des Engelchen! wiederholte der Juſtizrath, indem er vor Ungeduld vom Seſſel aufſprang. Herr Wolſton erhob ſich ebenfalls. Ich bin ganz Ohr, ſagte er mit verbindlichem Lächeln, wennſchon ich nicht begreife.... Der Juſtizrath hatte mit langen, dröhnen⸗ den Schritten das Cabinet durchmeſſen; dann, dicht vor dem Commerzienrath ſtehen bleibend und ohne viel Umſtände ihm ſeine Hand auf die Schulter legend: Herr Wolſton, ſagte er, Sie ſind ein ge⸗ ſcheiter Mann, ich weiß das, ein verwünſcht ge⸗ ſcheiter Mann.... Herr Wolſton verneigte ſich ein wenig, an⸗ ſcheinend um ſich für das Compliment zu be⸗ danken. In der That jedoch benutzte er dies Manveuvre nur, ſich von der allzu vertraulichen 63 Annäherung frei zu machen; er trat zwei Schritte zurück, dicht ans Fenſter, und die Hände auf dem Rücken, ſich leicht an das Geſims anleh⸗ nend, ſah er dem Juſtizrath mit unerſchütter⸗ licher Ruhe feſt in die funkelnden Augen hinein. Sie ſind ein geſcheiter Mann, Herr Wol⸗ ſton, wiederholte der Juſtizrath, und ich, Dank den funfzig Jahren, die ich im Dienſt der The⸗ mis zugebracht, bin auch nicht gerade auf den Kopf gefallen; es ſchickt ſich nicht für ein paar Männer, wie wir ſind, Verſteckens mit einander zu ſpielen und Einer dem Andern die Schwäche abzulauern. Ohne Umſchweif alſo, ich bin hier, um mich mit Ihnen wegen Ihrer Tochter zu verſtändigen.... Herr Wolſton zuckte leicht mit den Achſeln. Wegen meiner Tochter? ſagte er zweifelnd. Alſo wegen Ihrer Stieftochter, erwiderte der Juſtizrath, wenn Sie das lieber hören: oder eigentlich auch nicht einmal ihretwegen, ſondern 64 blos wegen des dummen Dings da, des Teſta⸗ ments. Iſt das wirklich Ihr Ernſt, beſter Mann, dies Teſtament aufrecht zu erhalten? Das Ding iſt ja ſo dumm, ſo dumm.... Der Juſtizrath konnte ſichtlich keinen Aus⸗ druck finden, der ihm genügt hätte, die Ver⸗ kehrtheit des Teſtaments zu bezeichnen. Herr Wolſton verneigte ſich ſehr artig. Ei⸗ nem Manne gegenüber, wie Sie, Herr Juſtiz⸗ rath, ſagte er, wäre es allerdings Vermeſſenheit von mir, wollte ich mich über das Verſtändige oder Unverſtändige in dem Teſtament meiner verſtorbenen Frau in einen Disput einlaſſen. Auch muß ich geſtehen, daß ich wirklich noch niemals über dieſe Seite des Gegenſtandes nach⸗ gegrübelt habe; ein Teſtament, das Teſtament einer Frau, einer Mutter, ſchien mir in mei⸗ nem unjuriſtiſchen Sinne etwas ſo Ehrwürdi⸗ ges, ſo über jede Kritik Erhabenes, daß ich noch niemals darauf gekommen bin, es nach dem Maßſtabe der Klugheit oder Thorheit zu prü⸗ fen— vorausgeſetzt, fügte er hinzu, daß das Teſtament in juriſtiſcher Hinſicht giltig und zuläſſig iſt, und darüber natürlicherweiſe muß ich denn Ihnen wiederum wenn nicht das allei⸗ nige, doch das erſte Urtheil zugeſtehen. Iſt das Teſtament ungiltig, ich meine, iſt die Clauſel, welche meine verſtorbene Frau geſtellt hat, ge⸗ ſetzlich unzuläſſig— fragen Sie, Herr Juſtiz⸗ rath, die junge Dame, welche Sie meine Toch⸗ ter zu nennen belieben, ſelbſt, ob ich nicht der Erſte geweſen bin, der ihr für dieſen Fall zu⸗ geredet hat, das Teſtament auf dem Wege des Proceſſes anzugreifen. Wie ich zu merken an⸗ fange, iſt Fräulein Angelica meinem Rathe gefolgt; und ich kann, indem ich das Weitere abwarte, ihr vorläufig nur noch Glück wün⸗ ſchen, daß ihre Sache in ſo vortreffliche Hände gekommen iſt, wie diejenigen meines verehrten Freundes ceß! Wem ſagen Sie das, Beſter? vocaten, der ſeit funfzig Jahren proceſſirt? Reh⸗ men Sie ſich in Acht, Mann: dieſe Geſchichte iſt gerade ſo angethan, einen Proceß daraus zu drehen, einen Proceß, Mann, deſſen Ende ich nicht erlebe, das weiß ich, aber Sie auch nicht! ja keiner von Allen, die jetzt eine Feder dazu anſetzen würden! Proceß! ei ſeht doch, Pro⸗ ceß! rief der Juſtizrath und ſtampfte eifrig in der Stube auf und nieder: das käme mir eben recht! für ſo etwas bin ich der Mann, es mir ſagen zu laſſen! Oho, mein Herr Commerzien⸗ rath, denken Sie nur ja nicht, daß unſere Sache ſchlecht ſteht, weil ich Ihnen zuerſt die Hand ſo freundlich darreichte! Wir ſind auch nicht müſſig geweſen die Zeit über, keines⸗ wegs— nehmen Sie ſich in Acht, mein Be⸗ ſter, einen Proceß zu provociren, den Sie jetzt noch vermeiden können! Wir haben un⸗ 67 ſere Zeugen, ſag' ich Ihnen, Zeugen und Do⸗ Der Gommerzienrath hatte ſich, wie des Ge⸗ ſprächs überdrüſſig, halb von dem Juſtizrath abgewendet und trommelte leiſe, mit feſten Fin⸗ gern, an die Fenſterſcheibe; wie das Wort Zeu⸗ gen und Documente ſein Ohr berührte, hielt er plötzlich inne— Ich glaube, ſagte er, das Frühſtück erwartet uns im Salon; Sie haben ſich warm geredet, mein Theuerſter... Ich will mich warm reden, entgegnete der Juſtizrath mit wachſender Heſtigkeit: und Sie ſollen auch warm werden, das ſollen Sie. Richts da jetzt von Frühſtück! und heraus, Mann, aus dieſen Mauslöchern und Fuchsgängen, in denen Sie ſich verbergen! Es iſt kein junger Grün⸗ ſchnabel, der mit Ihnen ſpricht, kein armes Fe⸗ derfuchſerchen, das einen famoſen Proceß braucht, um ſich ſelbſt in Ruf zu bringen; Sie können 68 mich alſo ruhig anhören und ruhig mit mir verhandeln, wie ein verſtändiger Mann, ohne daß Sie ſich gleich beim erſten Wort bis an die Zähne verſchanzen. Wäre es mir oder mei⸗ ner Clientin um den Proceß zu thun, ich wäre doch wahrhaftig nicht in Perſon gekommenz ich hätte Ihnen meine Actenſtückchen geſchickt, Acten⸗ ſtückchen, beſter Mann, ich bin Ihnen gut da⸗ für, im erſten halben Jahr hätten ſie Ihnen ſollen bis an die Decke da oben reichen! Aber glauben Sie einem Manne, der leider alt und grau geworden iſt bei dieſem elenden Hand⸗ werk: das Proceſſiren iſt überhaupt ein miſe⸗ rables Ding; ich thue mir Schaden damit, ich weiß es, aber ein gewonnener Proceß macht mir ſelbſt nicht halb die Freude als ein ver⸗ ſtändiger Vergleich. Sie müſſen ſich vergleichen mit dem jungen Mädchen. Sie ſind ein reicher Mann— nein, machen Sie nicht ſolch zweifel⸗ haftes Geſicht, ein alter Praktikus, wie ich, ver⸗ 69 ſteht das zu tariren— ein ſehr reicher, dem es auf ein paar Tauſende mehr oder weniger nicht ankommt. Verzichten Sie freiwillig auf das Recht, das das Teſtament, giltig oder ungiltig, Ihnen beilegt; laſſen Sie den kleinen Grasaffen heirathen, in acht Tagen oder in acht Jahren, wann und wen ſie will— es iſt überhaupt ein verkehrtes Geſchlecht, die Weiber, und nun gar erſt, wenn ſie heirathen ſollen, oder wollenz ich gratulire Jedem, der ſich mit Heirathsgeſchich⸗ ten junger Mädchen nicht zu befaſſen braucht. Alſo friſch zu, wälzen Sie die Laſt von ſich ab, da Sie es können! Erklären Sie Angelica Ihrer väterlichen Gewalt entlaſſen und ſetzen Sie ihr ein Vermögen aus, das ſie ſelbſtändig macht und im Verhältniß ſteht zu der Mei⸗ nung, die man von Ihrem Reichthum hegt, ſo wie zu den Anſprüchen, zu denen Angelica durch Erziehung und Gewohnheit berechtigt iſt. Ich rathe Ihnen nicht als Advocat, wahrhaftig nicht, 70 ich rathe Ihnen als Freund. Sie taugen über⸗ haupt nicht zuſammen, Sie und das junge Mädchen. Ja und wenn Sie ſich noch zehn Mal von mir kehren, ich ſehe Ihnen doch ins Herz hinein und ſag' es Ihnen dennoch: es wird eine Wohlthat ſein für Sie ſelbſt, wenn Sie meinem Rathe folgen. Das junge Mädchen iſt Ihnen zuwider, Sie haſſen ſie Haſſen? wiederholte der Commerzienrath, in⸗ dem er mehr verächtlich als mitleidig die Achſeln zuckte: weshalb ſollte ich ſie haſſen? Sie hat mir ja nichts gethan bis jetzt.. Der Zuſtizrath ſtand hinter Herr Wolſton in der Fenſterniſche; Beide ſahen vor ſich her⸗ unter in den Garten. Gerade wie der Com⸗ merzienrath dieſe letzten Worte hinwarf, welche ſcheinbar ſo günſtig für Angelica lauteten, in der That aber durch den unſäglich geringſchätz⸗ gen Ton, mit dem ſie ausgeſprochen wurden, die ganze tiefe Abneigung enthüllten, welche der Commerzienrath gegen ſeine Stieftochter em⸗ pfand— kam dieſe ſelbſt, Julian am Arme führend, den Baumgang, gerade auf die Fen⸗ ſter des Commerzienraths zu, herabgeſchritten. Die außerordentlich milde und heitere Witte⸗ rung, welche auf die letzten Regentage gefolgt war, hatte den Kranken ins Freie gelockt: und Angelica, wiewohl von innerer Unruhe gemar⸗ tert, hatte auch heute nicht gewagt, ihm die gewohnte Begleitung zu verſagen. Sie trug das edle Antlitz frei, nur von dem ſchwarzen Schleier umſäumt, den ſie um die Locken ge⸗ knüpft hatte. Die Aufregung des Gemüths, vielleicht auch die Anſtrengung, mit welcher ſie Julian unterſtützte, hatte ihre Wangen noch ro⸗ ſiger gefärbt als ſonſt; ihr Auge ſchwamm in feuchtem Glanz; die verhaltene Wehmuth, die ſich in ihrem Antlitz ſpiegelte, verbunden mit dieſem Ausdrucke von mütterlicher Sorgfalt, 72 womit ſie den kranken Bruder unterſtützte, gab ihrer Schönheit etwas Unwiderſtehliches. Oder war es vielleicht auch der Gegenſatz in der Erſcheinung ihres Bruders, was ihre Schönheit gerade heute ſo ſtrahlend hervorhob? Das bleiche müde Haupt vornüber geſenkt, die großen matten Augen halb beſchattet von den lang herabhängenden dünnen Haaren, wurde er von Angelica mehr getragen als geführt, ſo dicht lehnte er an ihrer Schulter, ſo feſt hielt er ihren Arm umklammert. Wie ſie langſam dahergeſchritten kamen, in leiſem, traulichem Geſpräch, ſo nahe bei einander und ach, den⸗ noch ſchon durch ſolche tiefe, ſchauerliche Kluft getrennt, das friſche blühende Leben Arm in Arm mit dem bleichen düſtern Tod, zwi⸗ ſchen dieſen nackten Bäumen hindurch, auf die⸗ ſem verwelkten, farbloſen Raſen, unter dem bleichen Strahl dieſer Sonne, die wohl leuch⸗ tete, aber nicht wärmte— es war ein An⸗ 73 blick, der jedes Herz aufs Tiefſte erſchüttern mußte! Auch der Blick der beiden Männer blieb un⸗ willkürlich daran haften; zugleich, wie auf Ver⸗ abredung, verſtummte ihr Geſpräch. Nicht ein⸗ mal das Auge zu dem Juſtizrath in die Höhe zu ſchlagen, wagte Herr Wolſton. Dennoch fühlte er, wie der Blick deſſelben ſich langſam, ſchmerzlich auf ihn wendete. Mein Sohn, ſagte er endlich mit gepreßter Stimme und noch immer ohne in die Höhe zu ſehen, indem er mit der Hand nach der Rich⸗ tung deutete, in welcher das Paar ſo eben ver⸗ ſchwunden war. Es lag in dem Ausdruck, mit dem Herr Wolſton dies ſagte, ſo viel Verlegenheit und zugleich ſo viel ſchmerzliche, bebende Angſt, daß der Juſtizrath ſeine Heftigkeit(nämlich wenn er bisher wirklich heftig geweſen war) entwaff⸗ net fühlte. Er drückte dem Commerzienrath Das Engelchen. III. 4 74 die Hand mit mehr Wärme, als man nach ſei⸗ ner ſonſtigen barſchen Art, ſo wie bei der mis⸗ lichen Verhandlung, welche zwiſchen den beiden Männern ſchwebte, hätte erwarten ſollen. Ah, ſagte er nach einer Pauſe, jetzt begreife ich es, warum Sie die Angelica haſſen: ſie hat Ihnen genug gethan, bei Gott! Ein ſo blühen⸗ des Stiefkind, wenn der eigene Sohn— Wie von einem Blitzſtrahl gerührt, fuhr Herr Wolſton aus ſeiner ſchmerzlichen Verſun⸗ kenheit in die Höhe; noch Niemand hatte ſo tief auf den Grund ſeiner Seele geblickt, Niemand das qualvollſte Geheimniß ſeines Herzens ſo ruhig, mit ſo kurzen, nüchternen Worten aus⸗ geſprochen. Er ſtarrte den Juſtizrath lange und forſchend an, ſeine Hand erhob ſich, als wollte er den Händedruck des Andern erwidern, ſeine Lippe zuckte.. Der Juſtizrath, der dieſe Bewegung ent⸗ weder wirklich misverſtand, oder vielleicht auch 75 nur ſeine Gründe hatte, ſich ſo zu ſtellen, als ob er ſie misverſtände, fiel ihm ins Wort. Machen Sie ſich übrigens, ſagte er, um den jungen Menſchen keine Angſt. Wie ich in ſeinem Alter war und noch ein paar Jahre ſpä⸗ ter, habe ich gerade eben ſo ausgeſehen, und nun ſchauen Sie einmal her(indem er ſich ſtraff hinſtellte und mit dem noch immer muskulöſen Arm durch die Luft focht, daß es ſauſte), was für ein alter grauer Sünder ich noch ge⸗ worden bin. Sie müſſen den Jungen an die See bringen, die Gebirgsluft taugt nicht für ihn; ich habe dies Alles, wie geſagt, eben ſo durchgemacht in meiner Jugend. Man konnte Herrn Wolſton ſehr böſe ſein, und hätte ſich doch nicht des Mitleids erwehren können bei dieſem Gemiſch von Furcht und Hoffnung, Leichtgläubigkeit und Zweifel, mit dem er an der Lippe des Juſtizraths hing. Ich danke Ihnen, Herr Juſtizrath, ſagte er 4* 76 nach einer längern Pauſe, ich danke Ihnen ernſt⸗ lich; o wer die Angſt wüßte, die ich um mei⸗ nen Sohn ausſtehe! Und Sie meinen wirklich, daß die Seeluft ihm zuträglich ſein würde? Einer ſo aufrichtigen Beſorgniß gegenüber konnte der Juſtizrath es nicht über ſich gewin⸗ nen, mit den herkömmlichen, nichtsſagenden Re⸗ densarten zu antworten; er that daher, als habe er die letzte Frage überhört und ſagte: Aber der Vergleich, mein Theuerſter, laſſen Sie uns auf den Vergleich zurückkommen... In dem Geſicht des Herrn Wolſton ging eine abſtoßende Umwandlung vor ſich; ſeine Augen, ſo eben noch von tiefem, aufrichtigem Schmerz umſchleiert, funkelten wiederum von dem alten, kalten, verächtlichen Haß— er fuhr mit der Hand über die Stirn: Sie nennen einen Vergleich, ſagte er, was doch in der That für mich nicht ſchlimmer kom⸗ men könnte, wenn ich den Proceß, mit dem 77 Ihre Güte mich verſchonen will, wirklich be⸗ reits verloren hätte. Aber auch noch in ande⸗ rer Beziehung kommt, wenn Sie mir dieſe Be⸗ merkung geſtatten wollen, Ihr Vorſchlag ein wenig zu früh; ich darf ihn noch gar nicht an⸗ nehmen, ſelbſt wenn ich wollte, und zwar nicht um meinetwillen, ſondern in dem eignen Inter⸗ eſſe Ihrer Clientin. Wir haben ja doch noch erſt abzuwarten, ob ſie die Bedingung des müt⸗ terlichen Teſtaments nicht erfüllt; es iſt ja doch immerhin möglich, daß noch bis zum Weih⸗ nachtsabend Bewerber um ihre Hand auftreten, denen ich, als verſtändiger Mann und ohne die geringſte perſönliche Leidenſchaft für oder gegen die junge Dame, wie ich bin, die Hand der⸗ ſelben nicht verweigern könnte, noch würde. Durch einen Vergleich, und wenn er für den Augenblick noch ſo vortheilhaft für ſie wäre, würde meine Stieftochter natürlich jedem An⸗ ſpruch auf die Zukunft entſagen— und nicht wahr? wenn mein Julian(hier bebte die Stimme des ſonſt ſo feſten, ſo gelaſſenen Man⸗ nes, wiewohl es ſchwer zu entſcheiden geweſen wäre, ob vor Schmerz oder vor Groll)— wenn mein Julian etwa vor mir ſtürbe, ſo hätte Fräulein Angelica ja doch wohl den meiſten, ja nach dem Tode meiner Gemahlin den einzigen Anſpruch auf mein Erbe, nicht wahr? Und das ſoll ſie nicht! das ſoll ſie nicht!! rief er in ei⸗ nem plötzlichen Ausbruch wilder Wuth, indem er die Arme wie abwehrend ausbreitete und ein entſetzlicher Fluch ſich zwiſchen ſeinen bebenden Lippen hervorrang... Der Juſtizrath blickte ihn voll Ueberraſchung an. Wos ſoll ſie nicht? fragte er. Herr Wolſton hatte ſich ſogleich wieder ge⸗ faßt. Ich meine, ſagte er, daß Fräulein Ange⸗ lica nicht auf ein Recht verzichten ſoll, das ihr möglicherweiſe zuſteht; die Geſchichte mit die⸗ ſem Teſtament iſt mir ſelbſt verdrießlich genug, Sie können es mir glauben, und ſo ſehr ich auch übrigens das Geſchwätz der Menſchen ver⸗ achte, ſo will ich doch nicht, daß auch nur der geringſte Verdacht auf mir hafte, als ob ich einen perſönlichen Vortheil davon hätte oder ſuchte. Nehmen Sie denn meinen Dank für Ihre freundſchaftliche Bemühung, mein Theuer⸗ ſter! aber laſſen Sie den Dingen den Lauf, den ſie nun einmal nehmen; Sie werden ja, wie ich hoffe, das Weihnachtsfeſt noch mit uns verleben, und werden wir ja alſo im Stande ſein, uns jeden Augenblick, wo es Noth thun ſollte, Ihren Rath und Ihre Vermittelung zu erbitten. Der Juſtizrath war in Nachdenken verſun⸗ ken. Endlich hub er an: Und die junge Dame, meinen Sie, hat alſo wirklich Bewerber? Sie fragen mich zu viel, mein Verehrungs⸗ würdiger, erwiderte der Commerzienrath mit ſeinem kühlſten Lächeln. Meine Frau liebt die 80 Geſelligkeit, ich ſelbſt, ohne Eitelkeit zu vermel⸗ den, bin nicht eiferſüchtig; ſo finden ſich denn wohl von Zeit zu Zeit einige Freunde, die den Damen über die Langeweile dieſes Aufenthalts hinweghelfen. Allein ob darunter Jemand iſt, mit dem Fräulein Angelica in zarter Verbin⸗ dung ſteht— oder auch umgekehrt, wenn Sie wollen, ſetzte er mit rohem Gelächter hinzu— darüber kann ich Ihnen beim beſten Willen keine Auskunft geben; ich habe, Gott Lob! noch im⸗ mer Beſſeres zu thun gehabt, als auf derglei⸗ chen Dinge zu achten. Jetzt brach der Juſtizrath mit einem en Fluch heraus, der nicht minder kräftig war als vorhin der Fluch des Commerzienraths. Aber Sie ſollen darauf achten, rief er, es iſt Ihre teufelsmäßige Schuldigkeit, daß Sie darauf achten! Das Kind iſt in Ihrem Hauſe, Mann, in Ihrer väterlichen Gewalt, durch das Teſtament der verſtorbenen Madame Wolſton 81 der Entſcheidung Ihres Willens unterworfen, wie nur je ein Kind ſeinem leiblichen Vater unterworfen geweſen iſt, und Sie wollen nicht darauf achten? Fünf Tage vor dem Termin, wo das Teſtament zur Anwendung kommt, und nicht darauf achten, was?! Aber es iſt auch gar nicht ſo, wie Sie ſagen, ſetzte er etwas beruhigter hinzu, es iſt ja gar nicht möglich, daß ein Mann mit offenen Augen und von der Menſchenkenntniß wie Sie, nicht wiſſen ſollte, was ſich, wie ich auf der Herreiſe erfahren habe, die ganze Nachbarſchaft erzählt, und was zum Theil ſogar bis zu uns in die Hauptſtadt gedrungen iſt... Und was iſt bis zu Ihnen in die Haupt⸗ ſtadt gedrungen, mein Theuerſter? fragte der Commerzienrath, indem er einen leichten Anflug von Gähnen unterdrückte. Aber gerade dieſe ſo zur Schau getragene Gleichgiltigkeit war für den Juſtizrath, dem bei 4** & aller ſcheinbaren Heftigkeit in der That nicht die leiſeſte Bewegung ſeines Gegners entging, Veranlaſſung genug, die eingeſchlagene Spur noch weiter zu verfolgen. Nun, ſagte er in etwas brüskem Tone, daß Sie ſelbſt in Ihrem Hauſe mehr als einen Be⸗ werber um die Hand Ihrer Stieftochter heran⸗ ziehen, Sie und Ihre Frau Gemahlin— Ich? Bewerber? In meinem Hauſe? lachte der Commerzienrath, und diesmal wirklich aus voller Seele. Ich dächte doch, ich ſpräche deutlich genug, polterte der Alte: Bewerber, ſage ich, um die Hand Ihrer Stieftochter; ſoll ich ſie Ihnen ein⸗ zeln aufzählen? Da iſt erſtlich Ihr Prediger, der Herr Waller, der ſchon als Candidat den Frauenzimmern in der Reſidenz den Kopf zu verdrehen anfing— und dann zweitens ein jun⸗ ger Künſtler, ein Herr Schmidt, dächte ich, ſagte man mir, ein Maler, oder ſo dergleichen... 83 Und der Dritte vermuthlich, ſchaltete Herr Wolſton mit Lachen ein, iſt der dicke Poet, der Herr Florus, nicht wahr? So kann ich mir jetzt auf einmal erklären, warum der mit ſei⸗ nem Roman niemals fertig wird. Aber in Ernſt zu ſprechen, mein theuerſter Juſtizrath, ſo müſ⸗ ſen Sie doch geſtehen, daß ich der galanteſte Stiefvater bin, den es jemals gegeben hat, da ich Fräulein Angelica ſelbſt eine ſolche Aus⸗ wahl von Bewerbern zuführe; nehmen Sie ſich nur in Acht, daß Sie nicht am Ende ſelbſt noch als Vierter auf die Liſte kommen, Ihre Reiſe in dieſer Jahreszeit iſt höchſt verdächtig, höchſt verdächtig, mein Vortrefflichſter, und ich fange jetzt ſelbſt an.... Sie ſagen in Ernſt, brummte der Juſtizrath, und treiben doch Ihre Poſſen mit mir. Laſſen Sie denn einmal mich in Ernſt ſprechen! Wenn nun der Herr Waller oder der fremde Maler, der Herr Schmidt, oder meinetwegen— denn n r 84 gerechter Gott, die Liebe iſt blind, und ich bin's ja nicht, der ihn heirathen ſoll— der Herr Flo⸗ rus käme und um die Hand Ihrer Tochter an⸗ hielte, würden Sie in einem dieſer Herren einen zuläſſigen Bewerber erkennen? Sie ſprechen von Dingen, entgegnete Herr Wolſton, die nach meiner Kenntniß der Ver⸗ hältniſſe unmöglich und undenkbar ſind; ent⸗ ſchuldigen Sie alſo, wenn ich Sie ohne Ant⸗ wort laſſe auf eine Frage, deren Zuläſſigkeit ich überhaupt nicht anerkennen kann. Aber warum nicht anerkennen, rief der Ju⸗ ſtizrath, da es doch, potz Stern und Wetter, alle Drei zum mindeſten Mannsperſonen ſind?! Heraus aus dem Mauſeloch, ſage ich noch ein Mal, und geben Sie auf meine runde Frage eine runde Antwort: würden Sie einem der drei Herren die Hand Ihrer Stieftochter geben, oder wiſſen Sie ſelbſt Jemand zu bezeichnen, der Ihnen als Schwiegerſohn genehm wäre? 85⁵ Der Commerzienrath war auf einmal wie⸗ der völlig ernſthaft geworden. Sie haben da vorhin, ſagte er, den Maler Schmidt genannt. Beſinne ich mich recht, ſo hat ſich allerdings ein Maler dieſes Namens einige Zeit lang hier aufgehalten, und auch im Salon meiner Frau, wenn ich nicht irre, hat er Zutritt ge⸗ habt; kennen Sie den jungen Mann vielleicht näher? Wie ſoll ich dazu kommen, Ihre Gäſte zu kennen, Mann? rief der Juſtizrath. Ich habe mich mit dem Künſtlervolk nie viel befaßt, und Schmidt, wie Sie ſelbſt wiſſen, iſt ja auch gar kein Name mehr.... Der Juſtizrath ſagte dies mit einem ſolchen Ausdrucke von Treuherzigkeit, und auch den prüfenden Blick, den Herr Wolſton während deſſen auf ihn richtete, ertrug er mit ſo viel Unbefangenheit, daß derſelbe nicht umhin konnte, ihm Glauben zu ſchenken. 86 Nehmen wir, ſagte er, indem er ſich mit höflicher Entſchuldigung erhob, das Geſpräch ein andermal wieder auf. Die Frühſtückszeit haben wir verplaudert, und jetzt wird meine Frau uns bald zur Mittagstafel laden laſſenz ich muß zuvor noch einen Augenblick hinüber⸗ ſehen nach der neuen Fabrik, ſie ſoll Julians⸗ hütte heißen, ſetzte er wohlgefällig hinzu, nach meinem Sohne Julian; wir werden ſie am Weihnachtsabend einweihen, und ich freue mich im voraus, Sie, mein wertheſter Herr Juſtiz⸗ rath, dabei als Ehrengaſt zu begrüßen. Wenn Sie inzwiſchen mit Ihrer Clientin über die be⸗ wußte Angelegenheit ſprechen, ſo können Sie — Sie ſehen, mein Theurer, wie bereitwillig ich mich Ihren Rathſchlägen und Wünſchen füge— ihr immerhin die Möglichkeit— Sie wollen meine Worte beachten: die Möglichkeit, ſage ich, nicht mehr— eines Vergleichs, oder wie Sie es ſonſt nennen wollen, in Ausſicht ſtellen. Aber auch dies freilich nur auf einige Bedingungen hin, von denen ich ſelbſt beinahe zweifle, ob ſie dem Fräulein genehm ſein wer⸗ den: nämlich erſtlich, wenn ſie das Teſtament ihrer Mutter ausdrücklich, durch ſchriftliche Er⸗ klärung, als giltig und verbindlich, den ſoge⸗ nannten Vergleich aber als Dasjenige anerkennt, was er in Wahrheit iſt, einen Act meiner väterlichen Güte, ja faſt darf ich ſagen meines Mitleids; wenn ſie ferner allen weitern künfti⸗ gen Anſprüchen, ſowohl für ſich ſelbſt, wie für ihre etwanige künftige Deſcendenz, ohne alle Ausnahme, in rechtsgültiger Form entſagt— und wenn ſie ſich endlich verpflichtet, ſo we⸗ nig mein Haus, wie überhaupt dieſe ganze Ge⸗ gend, jemals wieder zu betreten, und auch na⸗ mentlich jeden Verkehr mit meinem Sohne, ihrem Bruder, abzubrechen. Auf dieſe Bedin⸗ gungen wäre es möglich(möglich, ich wieder⸗ hole es), daß ich von der ſtricten Erfüllung 88 des Teſtaments abſähe und das kleine Capital, das ihr aus dem mütterlichen Nachlaſſe etwa noch zufällt und das, genau genommen, auch jetzt ſchon ein bloßes Geſchenk meines Mitleids iſt, ſogar verdoppelte. Der Juſtizrath, der den Vorſchlägen des Herrn Wolſton mit großer Aufmerkſamkeit ge⸗ lauſcht hatte, ſah ihn ingrimmig an. Ich muß Ihnen noch einmal Ihre eige⸗ nen Worte zurückgeben, verſetzte er ſodann: auch der Vergleich, den Sie proponiren, iſt von der Art, daß meine Clientin nicht ſchlim⸗ mer wegkommen könnte, ſelbſt wenn ſie den Proceß durch alle Inſtanzen verloren hätte.... Charmant denn, erwiderte Herr Wolſton mit dem behaglichſten Lächeln, indem er die Hand des Juſtizraths vertraulich zwiſchen den ſeinen klopfte: charmant denn, mein Theurer, ſo proceſſiren wir... Sechstes Kapitel. Die Tiſchnachbarn. Das war denn nun alſo eine ziemlich gereizte, faſt feindſelige Unterhaltung geweſen. Dennoch, als die beiden Herren bei der Tafel wieder zu⸗ ſammentrafen, war ihnen nichts mehr davon anzumerken. Beſonders der Juſtizrath war in der munterſten Laune. Angelica hatte ſich ent⸗ ſchuldigen laſſen; ſie war unwohl. Der wahre Grund ihres Ausbleibens indeſſen war ein ganz andererz ſie konnte nach Allem, was ſie ſeit dem geſtrigen Abend erlebt und namentlich nach⸗ dem ſie den Juſtizrath vorhin in ſcheinbar ſo traulicher Unterhaltung mit Herrn Wolſton ge⸗ 90 ſehen hatte, nicht mehr zweifeln, daß auch der Juſtizrath auf die Seite ihrer Gegner über⸗ getreten, und fühlte ſie ſich unter dieſen Um⸗ ſtänden nicht ſtark genug, den Anblick des bis⸗ her ſo aufrichtig verehrten Mannes zu ertra⸗ gen. Auch Julian war auf ſeinem Zimmer ge⸗ blieben. Um ſo ungenirter konnte der alte Herr ſei⸗ ner muthwilligen Laune den Zügel ſchießen laſ⸗ ſen; er erging ſich in ſo viel ſpaßhaften Er⸗ innerungen von ehedem, erzählte ſo viel kleine komiſche Geſchichten und trug auch das Derbe und Verfängliche mit ſo viel gutem Humor und ſo viel liebenswürdiger Schalkheit vor, daß jede andere Frau als die Baronin Nachſicht mit ihm gehabt haben würde. Bei dieſer jedoch war es, ſo zu ſagen, ein geſellſchaftliches Prin⸗ cip, ſich bei erſten Bekanntſchaften allemal mög⸗ lichſt ſtreng und ſpröde zu zeigen. Auch ſaß ihr Herr Waller gegenüber, eine doppelte Ver⸗ 91 anlaſſung für ſie, die Hiſtörchen des Juſtizraths recht abgeſchmackt und unſchicklich zu finden und dieſe ihre Meinung ziemlich unverhohlen an den Tag zu legen. Aber auch das erſchütterte die übermüthige Laune des Juſtizraths nicht im mindeſten; je zurückhaltender und einſylbiger die Baronin wurde, je lauter und luſtiger wurde er, je ſtrengere Blicke ſie auf ihn richtete, je munterer hinwieder blitzte er ſie mit ſeinen kla⸗ ren feurigen Augen an. Beſonders viele Noth machte ihm Herr Florus, der mit Gewalt aus ihm herauspreſſen wollte, wie es mit der politiſchen Stimmung der Hauptſtadt ſtände, und ob in der That, wie das Gerücht behaupte, für die nächſte Zeit irgend eine Störung der öffentlichen Ruhe zu fürchten ſei. Woher dies politiſche Intereſſe des Poeten ſtammte, wiſſen wir längſt; er war wirklich in den letzten Wochen mit ſeinem Ro⸗ man einigermaßen vorgerückt und zitterte nun 92 bei dem Gedanken, das Erſcheinen ſeines Buchs könne mit irgend einer politiſchen Kataſtrophe zuſammenfallen und ihm dadurch der gehoffte Effect beeinträchtigt werden. Der Juſtizrath war eben im Begriff, ein Glas alten Rheinwein hinunterzuſchlürfen. Er ſetzte das Glas vom Munde, ließ es gegen das Licht ſcheinen, führte es dann wieder bedächtig an die Naſe, den Duft zu prüfen. Ein vortreffliches Weinchen, nicht wahr? fragte er Herrn Florus. Herr Florus, der in Allem, was Keller und Küche betraf, nicht blos für einen ausgezeich⸗ neten Kenner galt, ſondern es auch wirklich war, beeiferte ſich ſogleich mit großer Ernſthaf⸗ tigkeit, die Geberden des Juſtizraths nachzuah⸗ men. Vortreffliches Weinchen, wiederholte er bekräftigend, indem er das flüſſige Gold lang⸗ ſam hinuntergleiten ließ. Auch der Juſtizrath hatte ſein Glas geleert; 93 er ſetzte es ſo hart auf, daß Teller und Fla⸗ ſchen klirrten und die Frau vom Hauſe aus den peinigenden Gedanken, die ſie mitten unter den Freuden der Tafel beſchlichen hatten, beſtürzt in die Höhe fuhr. Nun ſo ſoll Sie doch das Wetter regieren, brach der Juſtizrath in komiſchem Zorne los, Sie Verwünſchteſter aller Verſemacher, daß Sie mir ſolch ein gottgeſegnetes Weinchen mit Ih⸗ rer vertrackten Politik verderben wollen! Der beſte Wein wird ja zu Eſſig, Geſchmack, Blume, Alles iſt weg, ſo wie nur Einer das leidige Wort Politik in den Mund nimmt. Politik, ei ja doch! unſere heutige Politik! Was fra⸗ gen Sie mich denn danach? Da, den Schwarz⸗ rock da drüben, den fragen Sie(indem er auf Herrn Waller deutete), das ſind die wahren Politiker heutzutage, die rühren den Brei— ich hoffe zu Gott, ſie ſollen ihn auch auseſſen, gelt, mein Herr Paſtor? 94 Herr Waller, wie er ſich ſo unvermuthet in die Unterhaltung gezogen ſah, hatte unwillkür⸗ lich mit einem kurzen, flammenden Blick in die Höhe geſehen. Sogleich indeſſen, wie der Ju⸗ ſtizrath ihn unmittelbar anredete, ſchlug er das Auge wieder nieder und begnügte ſich, mit ei⸗ nem feinen höflichen Lächeln zu erkennen zu geben, wie allerliebſt er den Scherz des alten Herrn finde und wie ſehr er der Mann ſei, auf dergleichen einzugehen. Der Juſtizrath aber, der nun einmal im Zuge war, fuhr fort: Die ganze Politik jetzt iſt Spitzbüberei, und nicht einmal reſolute, ehrliche Spitzbüberei, ſon⸗ dern da behängen ſie ſich noch mit frommen Redensarten, und indem ſie uns die Taſchen leeren und die Rippen zerbrechen, ſtellen ſie ſich noch, als wollten ſie unſer Seelenheil retten. Mein Seelenheil! O ihr Hallunken! In dieſem Glaſe Wein iſt ja mehr Seelenheil und mehr 95 wahres Chriſtenthum als in eurer ganzen from⸗ men Politik oder politiſchen Frömmigkeit, es kommt auf eins heraus. Wenn wir gute Freunde bleiben ſollen, mein beſter Herr Florus, fragen Sie mich nie wieder ein Wort von Politik; von Falſchmünzern, Mordbrennern und Straßen⸗ räubern wollen wir uns erzählen, heilloſe Ge⸗ ſchichten, ſage ich Ihnen, Geſchichten, daß man blaß davon werden kann bei hellem Tage— aber nur nichts von unſerer jetzigen Politik! Es kommen da zu Hauſe auch ſo ab und zu Menſchen zu mir, neundrähtige, gleißneriſche Schelme, die wollen mich aushorchen und ſchwatzen mir allerhand Dinge vor, von einer Partei bei Hofe, die der andern Partei bei Hofe in den Haaren liegt, Sereniſſimus contra Erbprinz, Erbprinz contra Sereniſſimus, Pfaf⸗ fen gegen Bureaukraten, Bureaukraten gegen Pfaffen— ich behandle dieſe Geſellen, den einen wie den andern, jedesmal mit ſolcher unchriſtlichen 96 Grobheit, daß ſie ſich eiligſt davon machen, weil ich nun ein für allemal mit dieſer ganzen miſe⸗ rablen Geſchichte nichts zu thun haben will. Partei! ja freilich! wenn ich Richter zwiſchen dieſen Parteien wäre, auf mein Wort, ich würde ſie nicht nur alle beide abweiſen, ſondern alle beide ließe ich ſie—— Herr Florus, dem, wie uns bekannt iſt, die geſellſchaftlichen Dehors über Alles gingen, ſaß wie auf Nadeln; das Antlitz der Baronin war während der letzten Aeußerungen des Juſtizraths immer ernſter, immer vornehmer geworden. Mit wahrer Verzweiflung blickte der geängſtigte Poet im Kreiſe umher, ob ſich denn Niemand er⸗ barmen und das verhängnißvolle Geſpräch, zu dem er ſo unſchuldigerweiſe Veranlaſſung ge⸗ geben, auf einen minder verfänglichen Gegen⸗ ſtand lenken würde. Aber Herr Waller, den Kopf ſittig vornübergeneigt, ſchien nur mit ſeinem Teller beſchäftigt: während Herr Wolſton, 12 97 breit hintenübergelehnt, die Zähne ſtochernd, ſichtlich das größte Behagen an dem Zorn ſei⸗ ner Gemahlin wie an der Verlegenheit des Poe⸗ ten hatte. Endlich faßte ſich Herr Florus ein Herz. Die Couſine Seiner Excellenz des Herrn Mi⸗ niſters, ſagte er dem Juſtizrath ins Ohr, doch laut genug, daß Alle es hören konnten, indem er voll Ehrfurcht auf die Baronin hinwies. Nun verſteht ſich, die Couſine des Mini⸗ ſters, erwiderte der Juſtizrath unerſchüttert mit ganz lauter, derber Stimme: wem ſagen Sie das, Männchen? Als ob wir uns nicht kenn⸗ ten, gnädige Frau? Ei ja doch, Sie Verſifer, die gnädige Frau und ich haben uns gekannt, noch lange bevor Sie ſich die Finger an Ihren erſten Verſen bekleckſten. Stoßen wir an, gnä⸗ dige Frau: die Vergangenheit ſoll leben! Mit ſüßſaurer Miene erhob Madame Wol⸗ ſton ihr Glas. Der Juſtizrath dagegen, als Das Engelchen. III. 5 98 wäre nicht das mindeſte Anſtößige oder Be⸗ denkliche vorgefallen, fuhr fort, ſie nach ſeiner Weiſe zu unterhalten. Wiſſen Sie, ſagte er, daß ich außer dem Vergnügen, Sie und Ihren Herrn Gemahl zu begrüßen, auch noch einen geſchäftlichen Zweck bei dieſer Reiſe habe? Das heißt nur eine Art von Geſchäft; viel eintragen wird es mir aller⸗ dings nicht. Die Baronin horchte hoch auf, und ſelbſt Herr Wolſton konnte eine gewiſſe Spannung nicht verbergen. Es ſind einige zwanzig Jahre her, vielleicht fünfundzwanzig, erläuterte der Juſtizrath, daß ich eine Vormundſchaft zu führen hatte über einen jungen Mann, den Sohn eines alten Uni⸗ verſitätsfreundes, eines Predigers; der Junge hatte ebenfalls Theologie ſtudirt und war dazu⸗ mal, wenn ich mich recht beſinne, Hauslehrer bei Ihrer ſeligen Frau Tante, meine Gnädigſte, 99 in deren Hauſe Sie damals lebten; iſt's nicht ſo? Es wären viele Hauslehrer bei ihrer Tante geweſen, entgegnete die Commerzienräthin, ſie könne ſich auf die einzelnen Perſönlichkeiten un⸗ möglich mehr beſinnen, zumal da es nicht ihr Lehrer geweſen. Aber auf dieſen beſinnen Sie ſich doch, rief der Juſtizrath, ganz gewiß beſinnen Sie ſich! Es war ein bildſchöner Menſch und auch ge⸗ ſcheidt, nur leider zu geſcheidt für einen Theolo⸗ gen; der arme Tropf konnte das pfäffiſche Le⸗ ben nicht aushalten, wurde liederlich, verlor endlich den Verſtand..... Herr Wolſton ſchien ungemeines Intereſſe an der Erzählung des Juſtizraths zu nehmen; er horchte mit großer Aufmerkſamkeit zu, und ſeine Miene, je länger er zuhörte, wurde je ernſthafter. Bei Madame Wolſton ſchien gerade das 5* 100 Gegentheil der Fall zu ſein; ſie ſpielte mit Brotkrümchen, gab halbe oder verkehrte Ant⸗ worten und fing endlich quer über den Tiſch eine ganz abweichende Unterhaltung mit Herrn Waller an. Aber ſo hören Sie doch, Madame! rief Herr Wolſton mit ſtrenger Miene dazwiſchen. Ich bin ſogleich zu Ende, verſicherte der Juſtizrath. Der arme Teufel wurde, wie ge⸗ ſagt, toll, ſoll auch übrigens allerhand halb dumme, halb ſchlechte Streiche gemacht haben, und iſt mir endlich, wie das in der Welt ſo geht, völlig aus den Augen gekommen. Jetzt nun, einer gewiſſen Angelegenheit halber— Erbſchaftsangelegenheit? ſchaltete Herr Wol⸗ ſton ein, indem er mit ſeltſamen Blicken bald den Juſtizrath, bald ſeine Gemahlin maß. Nichts von Erbſchaftsangelegenheit, erwiderte der Juſtizrath ruhig aber doch immerhin eine Angelegenheit, die mir wichtig genug iſt, um 101 Nachforſchungen nach dem Verſchollenen anzu⸗ ſtellen; ich dachte, die Frau Baronin könnte mir vielleicht dabei behülflich ſein, ſetzte er gutmü⸗ thig hinzu. Oh, rief Herr Florus, indem er vor Freude in die Hände ſchlug, das trift ſich ja prächtig, das kann ja gar kein Anderer ſein als der ſo⸗ genannte tolle Heiner hier im Dorf.... Sie ſind wohl ſelbſt nicht recht bei Sinnen, Herr Florus, ſagte die Baronin, indem ſie raſch die Tafel aufhob: ich kenne den Menſchen nicht, deſſen widerwärtigen Namen Sie in unſere Un⸗ terhaltung miſchen, mit mehr poetiſcher Licenz, als ich von Ihnen erwartet hätte: aber daß das Subject, von dem Sie ſprechen, niemals in dem Hauſe meiner ſeligen Tante geweſen iſt, das weiß ich, und bedaure ich deher auch, dem Herrn Juſtizrath keine Auskunft ge⸗ ben zu können, wie ſchmeichelhaft mir ſein Ver⸗ trauen übrigens auch iſt; die Polizei oder der Irrenvorſtand wird wohl eine geeignetere Stelle ſein Stolz rauſchte ſie von dannen. Herr Wol⸗ ſton, mit finſterm Geſicht, zog ſich ebenfalls zurück. Herr Waller, der wieder von dem Gan⸗ zen nichts bemerkt hatte, ſetzte ſich an den Flü⸗ gel und fing an zu phantaſiren. Herr Florus, in ſchmerzlicher Verlegenheit, rückte die Brille bald rechts, bald links. Aber um des Himmels willen, beſter Ju⸗ ſtizrath, flüſterte er dem Alten zu, was bringen Sie auch für vertrackte Geſpräche aufs Tapet, und was habe ich ſelbſt nur gemacht, daß die Frau Commerzienräthin mich auf einmal vor aller Welt ſo hart anläßt? So was iſt mir ja nicht paſſirt, ſeit ich ſie kenne! Der Juſtizrath ſchlug ein Gelächter auf, daß die Wände hallten. Seit Sie ſie kennen! rief er, das iſt der Punkt, Männchen, da liegt es! Ich, Sie haben es heute ſchon einmal gehört, 103 kenne ſie länger— und ſie ſelbſt weiß, daß ich ſie kenne. Damit ließ er den verdutzten Poeten ſtehen und eilte mit einer Behendigkeit, die man ſei⸗ nen Jahren nicht zugetraut hätte, in den an⸗ dern Flügel des Schloſſes, um jetzt endlich dem Engelchen ſeinen Beſuch zu machen. Siebentes Rapitel. Die Verſuchung. Der Empfang von Seiten der jungen Dame war, wie man ſich leicht vorſtellen kann, höchſt befangen und einſylbig. Der Zuſtiztath, in den jetzt Niemand den übermüthigen, ſchroffen Mann von vorhin wieder erkannt hätte, ſo ſanft und herzlich trat er jetzt auf, und ſo aufrichtige, väterliche Zärtlichkeit leuchtete aus ſeinen Au⸗ gen, faßte ſie leiſe unters Kinn und richtete das holde Köpſfchen mit zarte Höhe. Meine kleine Freundin iſt böſe auf mich, 1 ſagte er; meine kleine Freundin meint, der erſte 105 Gang des alten polternden Advocaten hätte zu ihr ſein müſſen, und bedenkt nicht, daß zwiſchen 6 ihr und mir kein Streit iſt, und daß überdies ein kluger Feldherr allemal zuerſt das Terrain inſpicirt. Kopf in die Höh', Engelchen, und das Herz auch! Unſere Sachen machen ſich beſ⸗ ſer als ich dachte; Ihr Stiefpapa iſt lange der Wenſchenfeſſer nicht, als den Sie ihn mir frü⸗ her geſchildert haben, und was Ihre gnädige Frau Mutter betrifft, ſo hab' ich da ſchon meine Z an denen ich ſie halte. * Wohlwollen und Freundlichkeit waren zu ſehr die Natur des Engelchen, als daß ſie einer herzlichen Ance gegenüber alle Angſt und ränkung, die ſie ausgeſtanden, nicht ſogleich tte vergeſſen ſollen. Die Thränen ſtürzten aus den Augen, wie der alte Herr ſie lieb⸗ aber es waren ſchon mehr Thränen des ſie, ich will es nur geſtehen, ich 1 106 war recht bös auf Sie, Herr Juſtizrath; ich habe mich ſehr geängſtigt, daß Sie alle die Zeit gar nichts von ſich hören ließen, und als Sie nun gar beinahe vierundzwanzig Stunden mit mir unter einem Dache ſein konnten und hat⸗ ten kein Wort, keinen Blick für mich, da dachte ich allerdings, das Herz müßte mir brechen vor Betrübniß; es war nicht blos deshalb, daß 6 nun ganz verlaſſen, ganz rathlos war 1 noch weit mehr, weil ich fürchtete, Ihr Frand ſchaft, Ihre väterliche Liebe verſcherzt 2 h ben. Nun aber ſind Sie ja da, Sie nennen mich Ihr Engelchen und richte in die Höhe, wie ehedem; wieder Ihr verſtändiges, tapferes Kind ſein, u wie es auch komme, Sie ſollen Ehre mit m einlegen. Allein dieſer gute Muth hielt nicht lan vor. Der Juſtizrath, noch ganz Geſpräch, das er heute früh mit H mir den Kopf 107 gehabt, ſo wie noch ganz ſtolz über die Vor⸗ theile, die er nach ſeiner Meinung über denſel⸗ ben gewonnen hatte, beeilte ſich, dem Engelchen den Inhalt der Unterredung ausführlich theilen; er ſetzte ihr die Vortheile des Ver⸗ gleichs auseinander, über den er unterhande hatte, und fügte hinzu, daß es nun von ihrer Seite nur ein klein wenig Klugheit, ein klein wenig Entgegenkommen bedürfen werde, um ihren Stiefvater wirklich zum Abſchluß deſſel⸗ ben zu bewegen. In dem Eifer, mit welchem der alte Herr erzählte, hatte er gar nicht bemerkt, wie Angelica mit jedem Worte, das er ſprach, bleicher und bleicher geworden war: bis ſie endlich, mitten unter ſeiner Erzählung, raſch in die Höhe fuhr und weit von ihm zurücktretend, mit emporge⸗ hobener Rechte— Rie, nie, rief ſie, werd' ich dieſen oder 3 irgend einen andern Vergleich mit Herrn Wol⸗ 108 ſton eingehen! Mein Recht zu vertheidigen habe ich Sie gebeten, Herr Juſtizrath, nicht einen Vergleich für mich zu ſchließen, bei dem mein Recht mit Füßen getreten wird, ja was ſag' dem ich es ſelbſt mit Füßen trete! enſchaftlicher Erregung ging ſie vor dem Juſtizrath auf und nieder; ihr Antlitz war jetzt von Purpurröthe übergoſſen und feſt und ſicher bohrte ihr Auge in das des Juſtizraths. Recht! Recht! polterte der Alte: dieſe jun⸗ gen Weibsbilder gehen mit den Worten um, als wären es Pfeffernüſſe— ſoll ich Ihnen ſa⸗ gen, mein Schatz, was Ihr Recht iſt? Binnen hier und fünf Tagen dem Commerzienrath über den armſeligen Reſt Ihres mütterlichen Ver⸗ mögens zu quittiren und dann aus dem Hauſe zu gehen. Aus dem Hauſe! von der Seite meines Bruders! rief Angelica verächtlich: ſeien Sie unbeſorgt, Herr Juſtizrath, ich bin nur ein 109 Mädchen, aber ſo lange noch ein Athemzug in meinem Bruder iſt, werde ich nicht gehen! Sie werden gehen müſſen, Schatz, erwiderte der Juſtizrath mit unerbittlichem Phlegma. Ja, wenn Sie auch allerdings nur ein Mädchen ſind, ſo hätte ich von Ihrem ſonſt ſo klaren Verſtande dennoch erwartet, daß Sie die Lage der Sache beſſer durchſchauen würden. Ich habe mich mit Ihrer Angelegenheit mehr beſchäftigt und mehr darin gearbeitet, als Sie ahnen. Wenn ich Sie ſo lange ohne beſtimmte Ant⸗ wort gelaſſen, ſo geſchah das nur, weil ich ſelbſt noch ohne die entſcheidende Antwort von an⸗ dern Orten her war. Und ebenſo jetzt, wenn ich ſiebzigiähriger Mann in ſo ſchlechter Jah⸗ reszeit in Perſon hierher komme, ſo geſchieht das ebenfalls nur, weil mit Tinte und Feder, mein gutes Engelchen, in dieſer verlornen Sache nun einmal nichts mehr auszurichten iſt und weil meine ganze Hoffnung für Sie nur noch auf 110 perſönliche Unterhandlungen und Vergleiche ge⸗ ſetzt ſein kann. Es iſt ſehr viel Ungeſundes und Verkehrtes in dieſem Hauſe, und iſt es ge⸗ weſen ſeit alten Zeiten. Das iſt ſchlimm für Sie, und doch auch wieder gut. Denn was keine Advocatenweisheit ausrichten könnte, das kann hier vielleicht der Blick eines alten ehr⸗ lichen Kerls, verſtehen Sie?(indem er ſeine Au⸗ gen noch gewaltiger blitzen ließ als gewöhnlich): ſo ein Blick, der wie ein Blitz auf die einge⸗ ſchlafenen Gewiſſen niederfährt, daß ſie aufflam⸗ men lichterloh. Aber bleiben wir bei der Sache, gutes Kind. Ich habe alle Papiere und Schrif⸗ ten gewiſſenhaft durchforſcht, habe alle Umſtände und Thatſachen genau zuſammengeſtellt; ich ſage Ihnen, daß hier gar kein Proceß zu führen iſt. Das Teſtament iſt ſeltſam, iſt abenteuerlich, aber es iſt juriſtiſch nicht anzugreifen— Das Teſtament iſt falſch! iſt meiner Mut⸗ ter untergeſchoben, abgezwungen! rief Angelica 111 mit einer Sicherheit, die gleichwohl den alten ergrauten Praktikus nicht aus dem Text brin⸗ gen konnte. Möglich, liebes Engelchen, ſagte er, ja, was den letztern Punkt angeht, ſogar höchſt wahr⸗ ſcheinlich. Aber wir haben keine Spur von Be⸗ weisſtücken in der Hand. Ruhmredigkeit, gutes Kind, iſt nicht meine Art, und am Wenigſten gegen Sie möchte ich prunken und groß thun mit Dem, was ich für Sie gethan. Aber Sie nöthigen mich ja dazu, Sie verwetterter kleiner Eigen⸗ ſinn! Kurz denn: ich habe nach England ge⸗ ſchrieben, ich habe Monate lang durch die ge⸗ ſchickteſten und ſchlaueſten Agenten die ſorgfäl⸗ tigſten Nachforſchungen anſtellen laſſen; ich habe auch viel und mancherlei in Erfahrung ge⸗ bracht— davon ein ander mal—, aber nur leider nichts, was uns als Beweisſtück gegen Ihren Stiefvater dienen könnte. Der Vergleich, über welchen ich unterhandle, iſt, ich muß es 142 Ihnen wiederholen, der einzige leidliche Ausweg, den es für Sie gibt; er verhindert wenigſtens den öffentlichen Skandal und ſichert Ihnen für alle Wechſelfälle des Lebens eine ſchickliche und ſorgloſe Exiſtenz. Ich kann arbeiten! warf Angelica trotzig dazwiſchen. Sehr gut, wenn Sie es können, entgeg⸗ nete der Juſtizrath: aber noch weit beſſer, wenn Sie es nicht brauchen. Kein Geld nöthig ha⸗ ben, von ſeiner Arbeit leben— ja freilich, das iſt auch ſo eine Pfeffernuß, mit der ihr jungen Perſonnagen gern euer Spielchen treibt; ich dächte, Sie wären hier eben an dem rechten Ort, um ſich zu überzeugen, daß Arbeit im Gegentheil eine ſehr harte, bittere Nuß iſt, und daß Mancher ſich das Blut unter den Nägeln hervorarbeiten kann, und kann ſein armes Daſein mit alledem doch nicht friſten. Sie haben keine andere Wahl: entweder Sie geben nach— Nimmermehr! rief das Engelchen. Oder Sie gehen ins Elend— Niemals! rief ſie wiederum. Nun zum Teufel, platzte der Juſtizrath her⸗ aus, oder Sie thun dem Teſtament den Willen und heirathen? Wie? pfeift der Wind daher? und iſt es etwa Das, was das gnädige Fräu⸗ lein wollen? Ich habe auch ſchon ſo ein Vö⸗ gelchen davon ſingen hören— der dicke Herr Florus? iſt's richtig? Ein wenig paſſirt, der Mann, ein wenig knickbeinig, was man ſo nennt; aber freilich ein Ppet, ein berühmter Vn Narrenspoſſen, ſagte das Engelchen, indem ſie, trotz Aufregung und Betrübniß, doch nicht umhin konnte, über die komiſchen Geberden des alten Herrn zu lächeln: die ſchneeweißen, aber gleichwohl noch dichten Haare ſtanden ihm in die Höhe, wie eine Wolke, aus der ſein von Wein und Eifer geröthetes Antlitz mit einem 114 unbeſchreiblichen Ausdruck von Verſchmitztheit hervorlauſchte. Nun, oder den Tellergucker, den Paſtor da, fuhr der Juſtizrath fort, indem er ſeine Augen auf das Engelchen geheftet hielt, mit ſolcher Schärfe und ſo durchdringend, als hätte er es hier mit dem verſtockteſten Inculpaten zu thun. Pfui doch, ſagte das Engelchen, die jetzt wieder ernſtlich böſe ward.... Das iſt mir lieb, erwiderte der Juſtizrath, ich habe den Menſchen nur bei Tiſche geſehen; nicht zwei Worte hat er geſprochen die ganze Zeit: aber genug, er gefällt mir nicht und es freut mich, daß wenigſtens dieſer Schwarzrock ſich nicht einbilden darf, das ſpröde Herz des Engelchen gerührt zu haben. Aber wie ſteht es nun mit dem Letzten, dem Dritten..2 Welchem Dritten? fragte Angelica mecha⸗ niſch. Ihre Gedanken waren in der That ſchon weit weg von dieſem unerquicklichen Geſpräch; 115 ſie war feſter als je entſchloſſen, Herrn von Lehfeldt mit der Führung ihrer Angelegenheit zu beauftragen, und ſann nur noch derüber nach, wie ſie in aller Schnelligkeit den Auf⸗ enthalt des unſteten Flüchtlings erforſchen ſollte. Nun, was ſtellen wir uns! rief der Juſtiz⸗ rath: den Maler meine ich, den gewiſſe ſchöne Augen hier ſo lange feſtgehalten haben, den Herrn Müller— oder Schulz— oder nein, jetzt hab' ich's, Schmidt. Er iſt weder ein Maler, noch heißt er Schmidt, ſagte Angelica verdrießlich und nur halb hinhörend; ſie hatte in dieſem Augenblicke nur noch den einen Wunſch, dieſe ganze frucht⸗ loſe Unterredung ſo bald wie möglich zu endi⸗ gen. Aber wie ihr die Worte, halb in Gedan⸗ ken, entſchlüpft waren, mußte ſie erröthen über ſich ſelbſt, theils vor Ueberraſchung, daß ſie das Geheimniß des jungen Mannes zum zwei⸗ ten Male in Gefahr gebracht, theils auch weil 116 der Juſtizrath gerade in dieſem Augenblick von demſelben Manne ſprach, mit dem ihre Gedan⸗ ken ſo eben ſo lebhaft beſchäftigt waren. Dem Falkenblicke des Juſtizraths entging nichts, auch nicht dieſes Erröthen. Kein Ma⸗ ler iſt er? und heißt auch nicht Schmidt? ſagte er mit langgedehntem Tone, indem ein verhal⸗ tenes Gelächter den langen, hagern Körper durchſchütterte: ei, ei, und wer iſt es denn, wenn ich fragen darf? Angelica hatte ſich ſchnell gefaßt. Ein jun⸗ ger Mann, ſagte ſie, den unglückliche Verhält⸗ niſſe genöthigt haben, ſich für einige Zeit unter fremdem Namen hierher zu flüchten; ſein wah⸗ rer Name und Stand iſt nicht nur mir, ſon⸗ dern auch Herrn und Madame Wolſton be⸗ kannt, und auch Sie, glaube ich, würden ihn von Namen wie von Perſon kennen, wenn es mir geſtattet wäre, das Geheimniß zu ent⸗ hüllen. Ah ſo, ein Geheimniß, ſieh mal an, ſpottete der Juſtizrath in immer gedehnterm Tone, und immer deutlicher, wie das Brodeln eines Waſ⸗ ſers, quoll ſein heimliches Gelächter in die Höhe: ein Geheimniß, das iſt ja höchſt romantiſch! Und Herr Wolſton kennt ihn auch, ſagen Sie? Nun, da haben Sie nur Muth, mein Schatz, ſetzte er hinzu und ſtreichelte ihr halb ſchalk⸗ haft, halb gutmüthig die Wangen: Herr Wol⸗ ſton, wie geſagt, iſt kein Unmenſch, und wenn der geheimnißvolle Herr Schmidt nur halbwegs eine honette Perſonnage, will ich auch ſchon mein Wort für ihn einlegen— ſollſt ihn haben, mein Schätzchen, ſollſt ihn haben! Aber hier gingen Geduld und Kräfte des jungen Mädchens zu Ende. Laut weinend ſtürzte ſie in die Knie, das ſchamerglühte Antlitz in die Kiſſen des Sophas zu verbergen. Ach, ach, rief ſie, Herr Juſtizrath, das von Ihnen, den ich allzeit verehrt habe als meinen Vater und 118 der Sie mich doch ſollten wahrhaftig beſſer ken⸗ nen! Haben Sie Dank, Herr Juſtizrath, für Alles, was Sie bisher für mich gethan haben und noch für mich thun wollen: aber ich über⸗ zeuge mich freilich zu deutlich, daß unſere An⸗ ſichten von dieſer Sache nicht zuſammenpaſſen — durch meine Schuld, ganz gewiß: aber ſo will ich lieber untergehen für meine Thorheit als mich Ihrer Weisheit fügen. Der alte Herr war durch die plötzlich aus⸗ brechende Heftigkeit der jungen Dame in die äußerſte Verlegenheit geſetzt. Es begegnete ihm wohl öfter, daß er einen Scherz zu weit trieb, ohne es ſelbſt zu merken; aber niemals hatte ihm das ſo leid gethan wie jetzt. Nun ſo ſchreien Sie doch nicht gleich ſo erbärmlich, ſagte er ärgerlich(dieſe Art von Aergerlichkeit war bei ihm in der That der äußerſte Grad von Selbſtzerknirſchung und Reue, zu dem er es bringen konnte): ich will Sie ja 119 zu Ihrem Glück nicht zwingen, Sie ſollen ja weder heirathen noch ſich vergleichen, wenn Sie nicht wollen. Aber nur das Eine ſagen Sie mir endlich, was Sie denn eigentlich wollen: und wenn nur ein kleiner Gran Menſchenver⸗ nunft darin iſt, ſo will ich Ihnen ja dazu bei⸗ ſtehen, ſelbſt gegen meine eigene beſſere Ueber⸗ zeugung, ſo viel ich nur kann. Das Teſtament als falſch und ungültig an⸗ greifen, ſagte Angelica, ſich ſtolz aufrichtend: mich meinem Bruder erhalten, ſo lange ihn Gott mir erhält, und die Ehre meiner Mutter retten, die noch in ihrem fernen, unbekannten Grabe durch ein abſcheuliches Complot bedroht wird! Der Juſtizrath ſtampfte, die Hände auf dem Rücken, die kleine Stube mehrmals auf und nieder. Endlich blieb er vor dem jungen Mäd⸗ chen ſtehen; ſeine Stimme war jetzt ganz weich geworden und ſein Auge blickte wie feucht. Sie ſind ſehr böſe auf mich, Engelchen, ſagte er, und ich miag es zum Theil verdient haben. Aber lieb habe ich Sie doch, viel lieber als Sie denken und ahnen. Ich habe Ihnen vorhin ſchon geſagt, daß ich Nachforſchung in England an⸗ geſtellt habe. Es war auch die pure, närriſche, väterliche Zärtlichkeit von mir, daß ich nichts weiter über dieſen Punkt hinzugefügt habe; aber Sie abſcheulicher Eigenſinn zwingen mich ja, und ich bin auch ſolch ein alter, grauer Thor, daß ich Ihnen auch in dieſem Stück nachgebe. Die Ehre Ihrer Mutter— Gott ſegne Sie dafür, gutes Engelchen, daß Sie das Andenken Ihrer Mutter noch im Grabe ſo lieb haben; es iſt die Pflicht jedes gutgearteten Kindes, jeder⸗ zeit das Beſte von ſeinen Aeltern zu denken, und verflucht ſoll die Zunge ſein, die einem Kinde aus Vorwitz oder Bosheit den ehrwürdi⸗ gen Glauben an ſeine Aeltern erſchüttert. Aber nun glauben Sie auch mir, gutes Kind, wenn 8 121 ich Ihnen ſage:— gerade wenn Sie die S* Ihrer Mutter lieb haben, dürfen Sie keinen Proceß gegen Herrn Wolſton anfangen, die Ehre Ihrer Mutter verträgt dieſen Proceß nicht — verſtehen Sie? Das junge Mädchen ſtarrte ihn mit lang⸗ ſamem Kopfſchütteln verwundert an, nur die bebenden Lippen und das leiſe, fieberiſche Zucken der kleinen Hand verriethen den Sturm, der in ihrem Innern tobte. Der Juſtizrath drückte ſie ſanft vor ſich nie⸗ der in das Sophe; dann auf die Lehne geſtützt, mit verhaltenem, möglichſt gleichgiltigem Tone, ſagte er: Hier, mein armes Kind, was ich auf die unzweifelhafteſte und zuverläſſigſte Weiſe von dem frühern Schickſal Ihrer Aeltern erfahren habe.— Ihre Mutter, wie Sie wiſſen, war vor der Ehe mit Herrn Wolſton ſchon einmal vermählt, mit dem Manne, dem Sie Ihr Da⸗ Das Engelchen. III. 6 122 . ſeln verdanken und deſſen Namen Sie führen. Ihr Vater war ein reicher und angeſehener Kaufmann in London, dabei jung, ſchön, von liebenswürdigen Sitten und Ihrer Mutter mit blinder, abgöttiſcher Leidenſchaft ergeben. Den⸗ noch muß auch er ſeine geheimen Fehler gehabt haben, ich nehme es ſo an, weil es mir ſonſt unbegreiflich wäre, wie das Herz Ihrer Mut⸗ ter ſich von einem ſo würdigen, ſo liebevollen Manne verirren konnte zu dieſem— Dem Juſtizrath fiel noch zur rechten Zeit ein, daß der Mann, den er im inne hatte, Niemand anders war als der gegenwärtige Stiefvater des Engelchen, und ſo verſchluckte er denn das harte Wort, das ihm ſchon auf der Zunge ſchwebte. Er fuhr fort: Genug, Ihr jetziger Stiefvater, Herr Wol⸗ ſton, kam kurze Zeit nach Ihrer Geburt in das Haus Ihres Vaters. Haben meine Gewährs⸗ männer mich recht berichtet, ſo iſt Herr Wolſton 123 damals ſehr weit entfernt geweſen von dem Glanz und dem Reichthum, den er jetzt um ſich entfaltet. Im Gegentheil, ſein erſtes Auf⸗ treten in London ſoll ſehr armſelig, faſt bettel⸗ haft geweſen ſein. Durch welche Mittel er ſich ſo weit in die Höhe gebracht, um nur als Ge⸗ hülfe in das Comptoir Ihres Vaters zu treten, wußte Niemand mehr anzugeben; es ſteht zu vermuthen, daß es irgend welche kaufmänniſche oder induſtrielle Geheimniſſe geweſen ſind, welche ihn, verbunden mit jenem Fleiße und jenem Scharfſinn, der ihm noch heute ſelbſt von ſei⸗ nen Gegnern muß zugeſtanden werden in kur⸗ zer Friſt auf die erſte Stelle, zunächſt Ihrem Vater, beförderten. Aber Herr Wolſton war auch noch mehr geworden inzwiſchen als nur der erſte Buchhalter und Geſchäftsführer Ihres Vaters— er war auch der Freund Ihrer Mut⸗ ter geworden.... Angelica ſaß lautlos; ſie ſah ſtarr vor ſich 124 nieder, während heiße, dichte Thränen über ihre Wange rieſelten. Ihr Vater, fuhr der Juſtizrath fort, beküm⸗ merte ſich nur wenig um ſein Geſchäft; mit demſelben blinden Vertrauen, mit dem er ſei⸗ nem neuen Freunde die Ehre ſeines Hauſes preisgegeben, überließ er ihm auch die aus⸗ ſchließliche Leitung ſeiner ausgedehnten und ver⸗ wickelten Angelegenheiten. Auf Herrn Wolſton's Betrieb wurden einige ſehr kühne, in ihrem Er⸗ folge jedoch ſehr glückliche Speculationen ge⸗ macht. Das gab die Veranlaſſung zu noch küh⸗ nern, noch ausgedehntern, die aber minder glück⸗ lich ausfielen,— oder doch ausgefallen ſein müſſen, verbeſſerte der Juſtizrath ſich ſelbſt: denn eines Tages kam Herr Wolſton bleich vor Schrecken in das Cabinet Ihres Vaters, legte Briefe und Berechnungen vor und bewies un⸗ widerſpechlich, daß die Firma bankerott ſei. Eine halbe Stunde ſpäter empfing Ihr Vater einen 125 — anonymen Brief, in welchem ihm, und zwar wieder auf die unwiderlegbarſte Weiſe, bewieſen ward, daß auch ſeine häusliche Ehre bankerott, ſchon ſeit langem bankerott— und wiederum nach einer halben Stunde war Ihr Vater todt; er hatte ſich eine Kugel durch den Kopf ge⸗ ſchoſſen.... Achtes Kapitel. Neue Pläne. — Eine lange ſchmerzliche Pauſe!— Angelica ſaß da wie eine Bildſäule; alle Farbe war aus ih⸗ rem Angeſicht, aller Athem aus ihrer Bruſt ge⸗ wichen. Der Juſtizrath fuhr fort: Was ich Ihnen bisher erzählt habe, mein gutes Kind, ſind, wie ich Ihnen gleich anfangs ſagte, Thatſachen, durch übereinſtimmendes und unzweideutiges Zeugniß erhärtet. Allein um dieſe Thatſachen ſelbſt im rechten Lichte zu zei⸗ gen, muß ich auch einiger Gerüchte Erwähnung thun, die zur Zeit jenes unglücklichen Vorfalls 127 umgingen und deren Andenken ſich bei unſern Gewährsmännern erhalten hat. Kurze Zeit näm⸗ lich nach dem beklagenswerthen Ende Ihres Vaters tauchte in wohl unterrichteten kaufmän⸗ niſchen Kreiſen die Meinung auf, als ob es mit dem Geſchäft Ihres Vaters keineswegs ſo verzweifelt geſtanden habe, wie ſein damaliger Buchhalter, Herr Wolſton, es ihm in jener ver⸗ hängnißvollen Stunde dargeſtellt. Ihr Vater, ich wiederhole es Ihnen, hatte ſich um ſein Geſchäft in den letzten Jahren nur wenig ge⸗ kümmert, es war ihm fremd geworden, be⸗ ſonders ſeit die neuen, weitgreifenden Specu⸗ lationen des Herrn Wolſton daſſelbe eben ſo ſehr erweitert als andererſeits auch verwickelt hatten. Auf dieſe Weiſe, wollte man da⸗ mals wiſſen, ſei es Herrn Wolſton leicht ge⸗ worden, Ihren Vater mit ſeinen unglücklichen Nochrichten zu überrumpeln und ihm die un⸗ vermeidliche Nähe eines Bankerotts vorzuſpie⸗ geln, zu derſelben Zeit, da das Geſchäft in der That vollkommen ſicher und blühend geweſen wäre. Ja das Gerücht ging ſelbſt noch weiter; es behauptete ſogar, daß Herr Wolſton auch der zweiten, noch traurigern Entdeckung nicht ganz fremd geweſen, mit andern Worten— daß er ſelbſt der verborgene Urheber jenes Brie⸗ fes, durch welchen Ihrem Vater die verletzte Ehre ſeines Hauſes verrathen ward.... Angelica's Auge flammte hell auf; ſie hatte, gleichſam als müßte ſie irgend etwas haben, ſich daran zu halten, mit beiden Händen den Arm des Juſtizraths umklammert und ſah un⸗ beweglich, ſtarr zu ihm in die Höhe. Wie viel von dieſen Gerüchten wahr, wie viel erfunden iſt, erzählte der alte Herr weiter, habe ich natürlich jetzt nicht mehr ergründen können; ich habe dieſelben überhaupt nur hier erwähnt, weil ich, einmal ſo weit gebracht, es nun auch für meine Pflicht halte, Ihnen Alles zu ſagen, mein 129 gutes armes Kind, was ich ſelber weiß, und zweitens, weil auch dieſe Gerüchte Ihnen zur Kenntniß des Mannes dienen werden, mit dem wir es hier zu thun haben, ſo wie desjenigen, was Sie, bei Fortſetzung Ihres Eigenſinnes, ſich von ihm und der Wahl ſeiner Mittel ver⸗ ſprechen dürfen. Eine fernere Thatſache iſt es wiederum, daß Herr Wolſton ſogleich nach dem Tode Ihres Vaters das Geſchäft deſſelben über⸗ nahm. Ich wage nicht zu entſcheiden, ob er dabei nur die Beſtürzung benutzt hat, in wel⸗ cher Ihre Mutter nach dem plötzlichen Tode des Gemahls und bei der nahen Ausſicht auf Ar⸗ muth und Entehrung ſich befand, oder ob ihm dabei vielleicht noch andere intimere Beziehun⸗ gen behülflich geweſen ſind. So wehe es mir thut, mein gutes Engelchen, Ihr Herz in ei⸗ nem ſo zarten und heiligen Punkte nicht beſſer ſchonen zu können, ſo darf ich Ihnen doch nicht verhehlen, daß die Wahrſcheinlichkeit für die 6** 130 letztere Annahme ſpricht. Denn ſchon wenige Monate nach dem Tode Ihres ſeligen Vaters, noch vor Ablauf der üblichen Trauerfriſt, war die Witwe Ihres Vaters die Gemahlin des Herrn Wolſton.... Eine zweite, noch ſchauerlichere Pauſe!— Es iſt mir, hub der Juſtizrath von Neuem an, der ich Welt und Menſchen leider beſſer kenne als Sie, mein Schatz, nicht unwahrſchein⸗ lich, daß wenigſtens ein Theil jener, Herrn Wolſton ſo ungünſtigen Gerüchte erſt nachträg⸗ lich entſtanden iſt, zu dem Zwecke lediglich, Ereigniſſe und Thatſachen zu erklären, welche dem Publicum, nach ſeiner Kenntniß der Ver⸗ hältniſſe, allerdings unbegreiflich und unerklär⸗ lich ſein mußten. Genug, daſſelbe Geſchäft, welches in der Sterbeſtunde Ihres Vaters nach der Darſtellung ſeines damaligen erſten Buch⸗ halters bankerott geweſen war, zeigte ſich, ſeit⸗ dem dieſer Buchhalter es als Principal und Ei⸗ genthümer leitete, nichts weniger als bankerott; im Gegentheil, alle Verbindlichkeiten wurden prompt und pünktlich erfüllt, und bald ſtand das Geſchäft wieder, in finanzieller Hinſicht wenigſtens, ſo geachtet und anſehnlich da, wie ehemals. Man ſoll, fuhr der Juſtizrath fort, bekannt⸗ lich auch gegen den Teufel ſelbſt gerecht ſein: und ſo iſt es immerhin möglich, daß dies Ergeb⸗ niß in der That nur der ganz unzweifelhaften außerordentlichen Geſchäftskenntniß, dem kauf⸗ männiſchen Genie, kann man ſagen, Ihres Stief⸗ vaters zu verdanken geweſen iſt. Aber wie ſich dies nun auch verhalten mag: den kaufmänni⸗ ſchen Credit der neuen Firma hatte Ihr Stief⸗ vater allerdings ſehr raſch hergeſtellt und be⸗ feſtigt, mit ſeinem eigenen moraliſchen Anſehen dagegen wollte es ihm, wenn ich recht herichtet worden bin, bei alledem nicht ſo gut gelingen.“ Man reſpectirte den Reichthum, reſpectirte die 132 Klugheit des neuen Handelsherrn; ſein morali⸗ ſcher Charakter dagegen konnte ſich kein Zu⸗ trauen erwerben, und trotz ſeines Reichthums und ſeines geſchäftlichen Einfluſſes wurde Herr Wolſton doch in geſellſchaftlicher Hinſicht mehr gemieden als geſucht. Auch der Ruf Ihrer Mutter— es muß nun einmal heut Alles von der Leber herunter, mein gutes Engelchen, und wenn Sie mir böſe darüber werden, ſo denken Sie nur immer, daß Sie mir ſelbſt keine Ruhe eher gelaſſen haben— auch der Ruf Ihrer Mut⸗ ter, ſage ich, hatte durch alle dieſe Vorgänge aufs Aeußerſte gelitten; der offenkundige Zwie⸗ ſpalt und das ganze höchſt unglückliche Ver⸗ hältniß, in welchem ſie in ihrer neuen Ehe lebte, einer Ehe, die, wenigſtens dem allgemei⸗ nen Glauben nach, auf ſo unwürdige, ja ver⸗ brecheriſche Weiſe, über dem faſt noch dampfen⸗ den Blute Ihres unglücklichen Vaters zu Stande gekommen war— konnte natürlich nicht dazu beitragen, ihn wieder herzuſtellen. Vielleicht war es dies, vielleicht aber auch nur eine gewöhn⸗ liche kaufmänniſche Speculation, was Ihren Stiefvater veranlaßte, kurze Zeit nach der mehr⸗ erwähnten Kataſtrophe ſein Geſchäft in Eng⸗ land aufzulöſen und hierher nach Deutſchland überzuſiedeln. Es war wenige Jahre nach dem Kriege, Induſtrie und Handel lagen bei uns in Deutſchland noch aufs Kläglichſte darnieder; einem unternehmenden Kopf, mit Geſchäftskennt⸗ niß und genügenden Capitalien ausgeſtattet, ſtand, vornehmlich in demjenigen Geſchäftskreiſe, welchen Herr Wolſton hier cultivirt, die Sr⸗ zendſte Laufbahn offen. Mit welchem Erfolg, ſchloß der Juſtizrath ſeine Erzählung, Ihr Stiefvater dieſelbe einge⸗ ſchlagen, wiſſen wir Alle. Sie aber, gute An⸗ gelica, wiſſen nunmehr auch, mit welchen un⸗ glücklichen und düſtern Begebenheiten Ihr jun⸗ ges Leben frühzeitig verflochten worden iſt; Sie 134 werden namentlich einſehen, daß wir, zu Ihrem eigenen Beſten, wie zur Ehre Ihrer Familie, nichts mehr zu ſcheuen und nichts ſorgfältiger zu vermeiden haben als einen offenen Proceß mit Herrn Wolſton, einen Proceß, der ganz unvermeidlich dieſe und vielleicht ſogar noch ſchlimmere Dinge zur Sprache bringen müßte. Und mit welchem Erfolg? ja nur mit wel⸗ cher Möglichkeit des Erfolgs? Alles, was ich Ihnen mitgetheilt habe, mein beſter Schatz, ſind theils Thatſachen, theils Gerüchte; die That⸗ ſachen beweiſen nichts gegen Herrn Wolſton und die Gerüchte ſind wir nicht im Stande zu beweiſen. Ich bin perſönlich gar nicht ab⸗ geneigt, den Argwohn, mit welchem Sie das Teſtament Ihrer Mutter betrachten, zu theilen; ich glaube ebenfalls, daß hier nicht Alles völlig mit rechten Dingen zugegangen, und daß das Teſtament, wenigſtens in moraliſcher, in ſitt⸗ licher Beziehung, kein völlig freiwilliges, völlig 135 gültiges iſt. Ich thue noch mehr; ich geſtehe Ihnen zu, daß der Commerzienrath, abgeſehen von der hinlänglich bekannten Abneigung, welche er gegen Sie hegt, noch ſein ſehr ausreichendes praktiſches Intereſſe daran hat, daß das Teſta⸗ ment Sie, wie es thut, auf Gnade oder Un⸗ gnade in ſeine Hände liefert. Iſt nämlich das Gerücht begründet, hat Herr Wolſton Ihrem ſeligen Vater die Zerrüttung ſeines Geſchäfts nur vorgeſpiegelt und iſt vielmehr ſein Ver⸗ mögen die eigentliche Grundlage, das wahre Betriebscapital geweſen, mit welchem der Com⸗ merzienrath ſeinen gegenwärtigen enormen Reich⸗ thum erworben hat: ſo muß ihm, ich geſtehe es Ihnen völlig zu, allerdings recht ſehr daran gelegen ſein, jede Erbtheilung mit Ihnen, die ganz unvermeidlich zu nähern Erörterungen über Urſprung und Herkommen dieſes Reichthums führen müßte, zu vermeiden. Aber das Alles bringt uns nicht vom Fleck. Es ſind Möglich⸗ keiten, zum Proceß aber brauchen wir Wirklich⸗ keiten; nicht das moraliſche Verhältniß unter⸗ liegt dem Spruche des Richters, ſondern ledig⸗ lich das juriſtiſche. Dieſes ungewiſſe, ſeinem Inhalte nach ſo zweideutige, mit der Zärtlich⸗ keit, welche Ihre ſelige Mutter jederzeit für Sie gehegt hat, ſo unvereinbare Teſtament iſt nichts⸗ deſtoweniger juriſtiſch unangreifbar. Ich habe auch in dieſer Hinſicht die ſorgfältigſten und genaueſten Nachforſchungen anſtellen laſſen; aber alle haben nur dazu gedient, die Ausſagen Ih⸗ res Stiefvaters in Betreff des Teſtaments zu beſtätigen. Daß die Unterſchrift echt iſt, von der Hand Ihrer Mutter, lehrt der Augenſchein: und ſelbſt wenn ein Betrug damit vorgefallen, ſo fehlt es uns an allen Beweiſen, nicht nur für den ſtattgefundenen Betrug, ſondern ſelbſt nur für die Möglichkeit deſſelben. Die Zeugen, vor denen es abgefaßt iſt, und durch deren Unterſchrift namentlich erhärtet wird, daß Ihre 137 Mutter zur Zeit der Abfaſſung ihrer Sinne vollkommen mächtig und in jedem Betracht dis⸗ poſitionsfähig geweſen iſt, ſind noch am Leben. Sie gehören allerdings zu den wenigen perſön⸗ lichen Freunden, welche Herr Wolſton ſich in England erhalten hat, und genießen, ſowohl in kaufmänniſcher als in geſelliger Beziehung, allerdings nicht des beſten Rufes. Aber das ſind Privatmeinungen; in rechtlicher Beziehung ſtehen ſie völlig untadelhaft da, Niemand darf ſich unterfangen, ihr Zeugniß zu verwerfen oder auch nur anzuzweifeln, aus keinem andern Grunde und auf keinen andern Beweis geſtützt, als blos weil es ihr Zeugniß iſt. Geben Sie mir einen einzigen Beweis, gutes Kind, rief der Juſtiz⸗ rath, indem er leidenſchaftlich in die Höhe ſprang, nur einen einzigen Zeugen, ein einziges Document— und ich ſetze Ihnen meine Ehre zum Pfand, daß ich Ihnen den Proceß nicht blos führen, ſondern auch gewinnen will! So 138 aber müßte ich ein gewiſſenloſer, elender Rechts⸗ verdreher ſein, wollte ich Ihnen zum Proceſſe rathen. Ihr Stiefvater— Alles, was wir von ſeinem Charakter und ſeinen Schickſalen kennen, muß uns gut dafür ſein— würde denſelben nur benutzen, alte, ſchmuzige Geſchichten aus der Vergangenheit heraufzuwühlen und das Herz einer Tochter zu brechen, die er haßt, indem er das Andenken einer Frau preisgäbe, welche er — ich behaupte es, und die Erinnerungen Ih⸗ rer eigenen Kindheit, gute Angelica, müſſen ja meine Behauptungen beſtätigen— entweder nie⸗ mals geliebt hat, oder doch ſehr früh aufgehört hat zu lieben. Und darum muß ich nach allem dieſem einfach wieder zurückkommen auf den Vorſchlag, den ich Ihnen im Beginn unſeres Geſpräches gemacht, ſo ſehr derſelbe Sie auch gekränkt und erbittert hat: Sie müſſen entweder binnen hier und fünf Tagen heirathen, kleiner Trotzkopf, oder müſſen ſich mit Herrn Wolſton 139 zu vergleichen ſuchen; jedes Dritte könnte nur zu Ihrem Verderben ausſchlagen. Angelica hatte der langen Erzählung des Juſtizraths mit geſpannter Aufmerkſamkeit zu⸗ gehört; ſie war jetzt vollkommen gefaßt und ruhig. Ich danke Ihnen herzlich, ſagte ſie, mein theuerſter Herr und Freund, für dieſe neuen und vielfachen Beweiſe Ihrer Güte, die Sie mir ſo eben wiederum gegeben haben; ich un⸗ dankbares Geſchöpf glaubte mich vergeſſen und verlaſſen von Ihnen, während Sie ſich doch in der That ſo viel Mühe um meinetwillen ge⸗ macht haben. Von dem, was Sie mir ſo eben mitgetheilt, war mir Einiges bereits bekannt, wenn auch nur durch die dunkeln Erinnerungen meiner Kindheit; Anderes findet in dieſen Er⸗ innerungen wenigſtens ſeine Beſtätigung; ich darf Sie verſichern, daß ich mir niemals ein beſſeres Bild von Herrn Wolſton gemacht habe, 140 als wie er jetzt in Ihren Erzählungen daſteht. Nur in zwei Punkten muß ich mir bei alledem erlauben, Ihnen zu widerſprechen. Und wenn die ganze Welt ſich gegen das Andenken meiner Mutter erhöbe, und wenn Herr Wolſton ſelbſt mit eigenem Munde ſie und ſich für ſchuldig bekennte— mein Herz, das Herz der eigenen Tochter, ſtellt ihr ein anderes Zeugniß aus! Ich bin nur noch ein unerfahrenes Kind, ich wage weder, noch ſehne ich mich danach, mich an Er⸗ fahrung und Weltkenntniß mit Ihnen, theuerſter Juſtizrath, zu vergleichen. Auch mag es wahr ſein, was die Leute behaupten, daß die Leiden⸗ ſchaft blind iſt und unwiderſtehlich zugleich, und daß, einmal von ihrer gewaltigen Hand ergrif⸗ fen, Niemand beſtimmen kann, wo er ſtille ſte⸗ hen, wo er einhalten will. Aber Eines ſollen Sie mir mit all Ihrer Weltkenntniß dennoch nicht erſchüttern: daß ein edles Herz auch nur edle Leidenſchaften hegt. Und das Herz meiner 141 Mutter war edel! Es war von Kummer er⸗ drückt, von Sorgen zerfleiſcht, zerrüttet, wenn Sie wollen: aber rein und edel— das fühle ich aufs Neue in jedem Augenblick, da ich mir den Ton ihrer Stimme, den Blick ihres Auges ins Gedächtniß zurückrufe— rein und edel war es dennoch! Meine Mutter kann gefehlt, ſie kann geirrt haben; aber von jenem Verbrechen, von jener gemeinen ekelhaften Schuld, die das Gerücht auf das Andenken meiner armen Mut⸗ ter wälzt, hat niemals auch nur der leiſeſte Schatten auf ihr gehaftet. Ha, rief ſie, indem ſie in die Höhe ſprang, mit einer Geberde, ſo heftig und ſo edel zugleich, als ſtände die Lüge leibhaftig vor ihr, und ſie dürfte nur die Hand erheben, ihr die Maske vom Antlitz zu reißen—: eine Frau, eine Mutter, an der Seite eines Mannes, den ſie ſich auf eine ſolche Art erwor⸗ ben, einem Kinde gegenüber, an deſſen väter⸗ lichen Namen ſich ſolche Erinnerungen für ſie 142 knüpften— und ſie hätte mich ſo lieben kön⸗ nen, wie ſie es that? hätte dieſe unerſchöpf⸗ liche Fülle reiner, mütterlicher Zärtlichkeit für mich gehabt, die ſie hatte? Nein, nein, rief ſie, Juſtizrath, Ihre Rechnung, wie fein auch angelegt, ſtimmt dennoch nicht! Laſſen Sie ſich, Sie weiſer, gelehrter Mann, von einem Frauenzimmer belehren, einem Weibe, welches die Welt nicht kennt, aber das eigene weibliche Herz, das kennt ſie—: meine Mutter hat mich geliebt, hören Sie? in den trübſten, jammer⸗ vollſten Stunden bin ich, ich es geweſen, bei der ſie Troſt und Beruhigung gefunden, mein kindiſches Lallen, meine Liebkoſungen und Schmei⸗ chelworte haben ſie beruhigt und getröſtet in Augenblicken, wo ſich kein Anderer ihr nahen durfte— alter Herr, bei dieſem grauen Haar, das Ihren Scheitel ſo ehrwürdig macht, reden Sie ſelbſt: wäre das möglich geweſen, hätte ſie das vermocht, hätte ſie nur mein Antlitz ſehen, meine Stimme hören können, wenn ſie ſich ſchuldig gewußt?! Das junge Mädchen, indem ſie dieſe Worte ausrief, wuchs gleichſam vor den Augen des Juſtizraths in die Höhe, ſo ſtolz wurde ihre Miene, ſo majeſtätiſch ihre Haltung. Ihre Ge⸗ rüchte, rief ſie triumphirend, ſind falſch, Ihre Zeugen lügen— meine Mutter war unglücklich, aber nicht ſchuldig!! Der Juſtizrath begnügte ſich, ſtatt aller wei⸗ teren Antwort auf dieſe leidenſchaftliche und ſchwungvolle Anrede, etwas in den Bart zu brummen von einfältiger Herzlichkeit, thörichter Schwärmerei und jugendlichen Narrenspoſſen. Doch war Angelica viel zu ſehr erregt, um darauf zu merken; ſie ſtand noch immer ſtolz vor ihm, und preßte die Hand, wie betheuernd, auf das ſtürmiſch klopfende Herz. Nun, und zweitens? brummte der Juſtiz⸗ rath endlich: Sie wollten mich ja in zwei Punk⸗ 144 ten belehren, Sie grüne Weisheit Sie, und ſo viel Logik werden Sie in Ihrem heißen Köpfchen doch hoffentlich noch haben, um zu wiſſen, daß nach der Nummer Eins die Num⸗ mer Zwei kommt? Alſo was geben Sie mir weiter zum Beſten? 5 Ich leugne, erwiderte Angelica ruhig, die Folgerungen, die Sie aus allem Bisherigen zie⸗ hen; ja es iſt gerade das Gegentheil, was ich daraus folgere. Statt mich abſchrecken zu laſ⸗ ſen durch die notoriſche Verworfenheit des Man⸗ nes, den meine Mutter, ich weiß ſelbſt noch nicht, durch welches Verhängniß gezwungen, ſo unglücklich war zu meinem Stiefvater zu ma⸗ chen, finde ich darin vielmehr die nächſte und dringendſte Aufforderung, gegen ihn aufzutreten. Beſtärkt nicht Alles, was Sie mir ſo eben er⸗ zählt haben, die üble Meinung, die ich von Herrn Wolſton hege? Iſt der Argwohn, ein Teſtament verfälſcht zu haben, ſo ungerecht gegen 145 einen Mann, den die öffentliche Stimme ſolcher Abſcheulichkeiten zeiht, wie ſie Herr Wolſton gegen meinen Vater begangen haben ſoll? Und mit welcher Stirn wollen Sie, Mann des Rechts, es über ſich gewinnen, dieſes lang⸗ jährige, dieſes bodenloſe Unrecht ungeſtraft zu laſſen? Ueble Meinung— Argwohn— öffentliche Stimme, murrte der Juſtizrath: ei zum Kuckuk, ſind das auch Argumente, mit denen ſich ein Proceß führen läßt? und nicht blos führen, ſondern auch gewinnen? Sie ſind ein unver⸗ ſtändiges, thörichtes Kind, und ich ſchäme mich bald vor mir ſelbſt, daß ich Ihrem Geſchwätz noch ſo geduldig zuhöre. Ein für alle mal denn: ich führe Ihnen dieſen Proceß nicht; wollen Sie proceſſiren, gut, ſo thun Sie ſich wenigſtens nach einem andern Advocaten um. Damit wollte er, der jetzt ernſtlich böſe ge⸗ worden war, das Zimmer verlaſſen. Das Engelchen. III. 7 . 146 Aber Angelica vertrat ihm den Weg; ſie hob flehend die Hände in die Höhe, ja es fehlte nicht viel, ſo neigte ſie das Knie vor dem alten zürnenden Manne. Nein, ſagte ſie mit einer ſo weichen, ſo in⸗ nigen Stimme, daß der Groll des Juſtizraths unmöglich Stand halten konnte: Sie können das nicht thun! Sie werden mich nicht verlaſ⸗ ſen, nicht jetzt! Sie können nicht ſo viel Sorg⸗ falt und Theilnahme an mich verwendet, kön⸗ nen nicht dieſe Reiſe hierher gemacht haben, um mich nun ſo rathlos, ſo elend zurückzulaſ⸗ ſen! Schelten Sie das Herz nicht thöricht und ſpotten Sie nicht ſeiner geheimnißvollen Weiſſa⸗ gung, Sie, der Sie ſelbſt ſo warmen, ſo edlen Herzens ſind! und in geflügelter Eile, mit kurzen, ein⸗ dringlichen Worten, ſtellte ſie ihm noch einmal die ganze Sachlage dar, wie dieſelbe ihr wenig⸗ ſtens erſchien. Sie hob namentlich den Haß 147 hervor, mit welchem ihr Stiefvater ſie verfolgt hatte von Kindesbeinen an, ſogar noch vor Ju⸗ lian's Geburt, und der ſich ohne ein geheimes verbrecheriſches Motiv überhaupt gar nicht er⸗ klären laſſe; ſie ſchilderte ihm die vielfachen In⸗ triguen und Anſchläge, von denen ſie ſich im väterlichen Hauſe umſponnen fühlte; ſie legte namentlich den größten Nachdruck auf das Ge⸗ ſpräch zwiſchen dem Commerzienrath und dem alten Sandmoll, welches ſie in der Nacht ihrer Ankunft belauſcht hatte, ſo wie auf das räth⸗ ſelhafte Benehmen der kranken Lene, das damit ganz unzweifelhaft in irgend einem unheimlichen, unlautern Zuſammenhange ſtehe. Sie hätte auch noch die abenteuerliche Be⸗ gegnung zwiſchen dem Prediger und der Diebs⸗ lore mit anführen können. Aber ſo ſehr die⸗ ſes Ereigniß auch ihre eigene Meinung von Herrn Waller erſchüttert hatte, ſo hielt ſie in ihrer ſtrengen Gewiſſenhaftigkeit ſich dadurch . gleichwohl noch nicht berechtigt, auch Andern eine ungünſtige Meinung über den Prediger beizubringen, oder, wo eine ſolche Meinung, wie bei dem Juſtizrath, bereits vorhanden war, die⸗ ſelbe ihrerſeits noch zu beſtärken. Der Juſtizrath hatte anfangs nur mit hal⸗ bem Ohre zugehört. Wie Angelica jedoch auf die nächtliche Scene zwiſchen dem Commerzien⸗ rath und dem alten Falſchmünzer zu ſprechen kam, ließ er die Thürklinke, die er bereits in der Hand hatte, wieder los; als ſie mit ihrer Erzählung von der kranken Lene zu Ende war, ſtand er bereits wieder mitten in der Stube. Aber da ſieht man es ja, rief er, ich habe es ja immer geſagt: Geſchäfte mit Frauenzim⸗ mern zu haben, iſt das unglückſeligſte und miſe⸗ rabelſte Ding von der Welt, der beſte Kopf wird zu Schanden, ſo wie er ſich auf die Aus⸗ ſagen und Erzählungen eines Frauenzimmers verlaſſen muß! Ei zum Teufel doch, Sie klei⸗ ———— —— ———— —— 149 ner verruchter Grasaffe, warum haben Sie mir denn das nicht längſt geſagt? Da haben Sie mir Briefe geſchrieben über Briefe, alle acht Tage einen, und ſo lang, daß, wenn Sie nicht ſolch allerliebſtes Pfötchen ſchrieben und wenn ich alter Thor nun nicht einmal in Sie ver⸗ narrt wäre bis über die Ohren, ich hätte ſie mit Fug und Recht gar nicht einmal zu Ende geleſen. Und was ſtand in all den ſchönen Brie⸗ fen darin? Weibergewäſch, Klagen, Seufzer, Vorwürfe, daß ich dem Herrn Wolſton nicht ſchon die Execution ins Haus gelegt— o gehen Sie doch, Sie kleine verwetterte Hexe! Tau⸗ ſend unnützes Zeug haben Sie mir geſchrieben, und das einzige Vernünftige und Wichtige, was Sie mir hätten ſchreiben ſollen— bauz, da iſt ſie ſtill davon, da hat ſie ein Schloß vor dem Munde, da will es aus dem flinken Federchen nicht heraus! Ihr Advocat? Ei ja doch: eher will ich ja zehn Straßenräuber und Spitzbuben 150 vom Galgen loslügen, als die beſte Sache füh⸗ ren für ſolch ein unverſtändiges, vergeßliches, liebes, leichtſinniges, allerliebſtes Kind! Angelica verſtand ſich auf die Manier des alten Herrn zu wohl, um nicht zu wiſſen, daß er, wenn er auf dieſe Art fluchte und wetterte, innerlich eben am allervergnügteſten war und den allerbeſten Muth und Willen hatte. Auch mußte ſie ſich jetzt wohl ſelbſt ſagen, daß ſie einige Schelte verdient hatte; es war allerdings unverzeihlich, ja unbegreiflich von ihr geweſen, daß ſie Umſtände, die für die Beurtheilung dieſer Sache ſo wichtig waren und auf die ſie bei ſich ſelbſt auch wirklich ſo hohen Werth legte, gleichwohl bisher in den Verhandlun⸗ gen mit ihrem Rechtsanwalt ſo völlig außer Acht gelaſſen hatte. Doch war das keineswegs blos, wie der Juſtizrath ihr Schuld gab, aus Leichtſinn oder Vergeßlichkeit geſchehen: ſondern theils hatte ſie einen viel zu hohen Begriff ge⸗ habt von der Gelehrſamkeit und der juriſtiſchen Strenge des Juſtizraths, als daß ſie ihm hätte Dinge mittheilen mögen, die ſie ſelbſt doch nur erſt für Vermuthungen halten durfte, noch dazu ziemlich ungewiſſe und unklare, theils auch wa⸗ ren ihr dieſelben zu unheimlich geweſen, um ſie dem Papier anzuvertrauen. Der Juſtizrath hatte ſich in die Sophaecke geworfen und fuhr ſich eifrigſt mit den zehn ausgeſpreizten Fingern durch die buſchigen wei⸗ ßen Haare; es war dies ſein Lieblingsmanoeuvre, wenn er über etwas recht angeſtrengt nach⸗ dachte oder irgend einer Sache recht tief auf den Grund kommen wollte. Und Sie haben wirklich deutlich gehört, ſagte er, daß das Wort Papiere zwiſchen dem Com⸗ merzienrath und jenem alten Gaudieb, von dem Sie ſagen, gefallen iſt? Papiere, beſtätigte Angelica, die noch irgend wo ſein müßten; er erinnere ſich genau, ſagte 152 Herr Wolſton, daß er ſie noch an etwas An⸗ derm habe ſchreiben ſehen, das er bis jetzt noch nicht gefunden.... Sie! ſie! brummte der Juſtizrath, aber dies⸗ mal bei weitem nicht in dem unzufriedenen Ton wie früher: wer iſt das—„Sie“? Es gibt viele„Sie“, mein Schatz; wer mir das be⸗ weiſt, daß das„Sie“ Ihre ſelige Frau Mut⸗ ter iſt, das ſoll mir ein ganzer Kerl ſein, vor dem will ich die Segel ſtreichen! Doch machte der Juſtizrath dieſen Einwand ſichtlich nur, um Angelica nicht zu allzu raſchen Hoffnungen zu verleiten. Daß er dem eben Gehörten ſelbſt großes Gewicht beimaß, das zeigte ſich am beſten an der ſorgfältigen Art und Weiſe, mit der er ſich nach allen Neben⸗ umſtänden erkundigte und ein völliges Verhör über die betreffenden Vorgänge mit Angelica anſtellte. Und Sie waren in jener Nacht, ſagte er, 153 da Sie den Commerzienrath belauſchten, alſo wirklich noch gar nicht zu Bett geweſen? Wa⸗ ren nicht etwa verſchlafen, oder im Traum, oder vielleicht gar nachtwandelnd, was ſehr roman⸗ tiſch läßt für junge Damen, beſonders bei Pro⸗ ceſſen, und auch an ſich recht intereſſant ſein ſoll? Völlig klar, nüchtern, verſtändig? Sie hatten eine große Alteration vorher gehabt bei Ihrer Einfahrt ins Dorf: ſpukte davon nichts mehr nach im Köpfchen? Kein Fieber? Keine Phantaſien? He? Angelica mußte lächeln über die Ausführ⸗ lichkeit und Ernſthaftigkeit, mit welcher der alte Herr ſie examinirte; er ſaß da, ſo nachdenklich und machte ſolch überlegſames prüfendes Ge⸗ ſicht, nicht anders als ein Arzt, der einem recht gefährlichen Kranken an den Puls fühlt. Doch konnte ſie ſeine ſämmtlichen Fragen mit gutem Gewiſſen beſtätigen. Und Ihre ſelige Frau Mutter, fuhr der Ju⸗ 7 154 ſtizrath fort, war mit der Perſon, dem Frauen⸗ zimmer, Dings da, wie heißt ſie? dem kranken Weibsſtück, wirklich bekannt? vertraut bekannt? ſo daß ſich allenfalls denken läßt, ſie könnte ihr wichtige Briefſchaften oder ſonſtige Geheimniſſe zur Aufbewahrung anvertraut haben? Auch dies konnte die junge Dame, die ihre Mutter ja als Kind ſo unzählige male an das Bett der kranken Lene begleitet hatte, nur der Wahrheit gemäß beſtätigen. Hm, hm, ſo, ſo, ei, ei, murrte der Juſtiz⸗ rath, indem er ſich immer eifriger in den Haa⸗ ren zauſte— Nun gut, rief er endlich, ſprang empor, nahm das überraſchte Mädchen in die Arme und drückte ihr einen herzhaften Kuß auf die weiße Stirn:— Wenn das Frauenzimmer, die Lene, nicht etwa hyſteriſch iſt, oder mit Vi⸗ ſionen behaftet, oder ſonſt nicht recht bei Sin⸗ nen, ſo wollen wir der Sache jetzt ſchon auf den Grund kommen. Machen Sie nur, daß ich —— 155 ſie ſelbſt zu ſprechen bekomme; wo wohnt ſie? wo ſteckt ſie? Alle Wetter, mein Kind, die Sache hat Eile, wir haben nur noch wenige Tage bis zu Ihrem Geburtstag: auf Sie und Ihre Ausſagen, Schatz, verlaſſe ich mich nun nicht mehr, das iſt nun vorbei: aber verſchaffen Sie mir ein ungeſtörtes verſtändiges Geſpräch mit dem Frauenzimmer, Sie können meinetwegen ſelbſt dabei ſein— noch heute wo möglich, dieſe Stunde noch— und wenn der Fuchs wirklich da im Loche ſitzt, geben Sie Acht, Schatz, ob wir ihn heraus kriegen, wir! Ueuntes Kapitel. Der Sarg. So ſchnell ging das nun aber keineswegs. Mit der gefährlichen Reizbarkeit ihrer kranken Freun⸗ din nur allzu wohl bekannt, beſtand Angelica darauf, dieſelbe auf den Beſuch des Juſtizraths wenigſtens einigermaßen vorzubereiten. Auch könne ſie es ohne Mitwiſſen und Erlaubniß des Meiſters nicht unternehmen, einen Fremden an das Krankenbett ſeiner Schweſter zu führen. Der Juſtizrath meinte zwar, das wären un⸗ nütze Weitläufigkeiten. Wer Alles in der Welt immer nur ſo zierlich mit Hondſchuhen anfaſſen wolle, der werde nicht weit damit kommen; auch 157 pflegten bei Leuten dieſes Standes die Nerven nicht eben gar ſo empfindlich zu ſein. Doch beharrte die junge Dame ſo feſt bei ihrer An⸗ ſicht, daß er endlich nachgeben mußte. Ueber der langen Unterredung, die wir in den letzten Abſchnitten mitgetheilt haben, war der Tag beinahe ſchon verſtrichen; Angelica, die es ſeit der letzten peinlichen Begegnung mit dem Tollen nicht mehr wagte, bei Abendzeit durch das Dorf zu gehen, mußte ihren Beſuch daher 5 bis zum nächſten Morgen verſchieben. Schon on Weitem überraſchte es ſie, daß das Haus des Meiſters heut ſo ſtill daſtand, und daß ſie nichts vernahm von jenem Schnurren der Rä⸗ der und jenem klappernden Takt des Webſtuhls, der der Nachbarſchaft ſonſt mit ſo viel Regel⸗ mäßigkeit den raſtloſen Fleiß des und 4 ſeines Sohnes verkündigte. 2 Indem ſie in das Haus trat, fiel ihr Blick durch die geöffnete Hofthür auf den Meiſter. ———— 2 158 Derſelbe war beſchäftigt, einige lange, ſchmale Breter zurecht zu hobeln z andere ähnliche, mit grober, ſchwarzer Farbe angeſtrichen, lehnten zum Trocknen an der Wand. Ein einziger Blick genügte, um Angelica außer Zweifel zu ſetzen, was hier im Entſtehen war— es war ein Sarg, womit der Meiſter ſich beſchäftigte. Dem Meiſter entging die ſchmerzliche Ueber⸗ raſchung nicht, die ſich bei dieſem Anblick in den Zügen des jungen Mädchens malte; mit einem halb tröſtenden, halb bittern Lächeln be⸗ eilte er ſich, ſie zu beruhigen. Sie erſchrecken, ſagte er, gnädiges Fräulein, über die Arbeit, mit der Sie mich beſchäftigt finden? Nicht doch: meine Schweſter iſt wohl, ſo wohl, wie Sie dieſelbe ſeit Monaten ken⸗ nen— das heißt, ſie lebt noch. Ich aber, da ich wieder einmal keine andere Arbeit für mich finde, wie kann ich die Feiertage, die ich habe, beſſer anwenden, als indem ich mir die Hütte 159 baue, die letzte, die uns endlich Allen gewiß iſt? Ich bin, ſetzte er mit einem entſetzlichen Aus⸗ druck von Hoffnungsloſigkeit und innerer Ver⸗ zweiflung hinzu, auf dieſe Art doch wenigſtens ſicher, nicht wieder vergeblich zu arbeiten, und da es vermuthlich nur noch wenige Tage dauern wird, daß dies armſelige Dach über Ihrem Haupte mir gehört, ſo muß ich ja doch wohl bei Zeiten darauf bedacht ſein, mir einen an⸗ dern ſicheren Fleck zu verſchaffen, wo ich mein Haupt hinlegen kann. Und dies— indem er mit ordentlichen Liebesblicken das Bret unter ſeinen Händen betrachtete— dies, gnädiges Fräulein, iſt der ſicherſte, der ruhigſte.... Nämlich mit der plötzlichen Abreiſe des Ma⸗ lers hatten diesmal auch die ſpärlichen Beſtel⸗ lungen aufgehört, durch welche derſelbe bis da⸗ hin das Leben des Meiſters ungg Iner Familie gefriſtet hatte. Es thue ihm ſehrceid, hatte er durch die Wirthin ſagen laſſen: aber die Freunde, 160 in deren Auftrag er bisher beim Meiſter habe arbeiten laſſen, hätten ihren Bedarf nun befrie⸗ digt; nicht einmal die Stücke mehr, die der Meiſter auf dem Stuhl habe, könne er ihm abnehmen. Auch ſei die letzte Arbeit bei weitem nicht ſo ausgefallen, wie man erwartet; es fehle dem Meiſter doch eigentlich an Geſchmack, ſeine Muſter ſeien veraltet, ſeine ganze Arbeit nicht mehr in der Mode; ſeine Zeit ſei vorüber, er werde gut thun, ſich um eine Unterkunft in der Fabrik des Commerzienraths zu bemühen. Doch wolle er ihm dieſen Rath allerdings nicht auf⸗ dringen: denn da er ja ſo lange ohne ſeine, des Malers, Kundſchaft gelebt, ſo werde er ſich ja wohl auch fernerhin ohne ihn behelfen kön⸗ nen, und wünſche er ihm damit wohl zu leben. War es die Abſicht des Malers geweſen, ſich der Vethigdung mit dem Meiſter ſchnell und zu entledigen, ſo hatte er aller⸗ dings keinen ſchnellern und ſicherern Weg ein⸗ 161 ſchlagen können. Der Stolz des, wie wir wiſſen, in ſeiner Kunſt ſo höchſt gewiſſenhaften, aber auch höchſt ehrgeizigen Mannes fühlte ſich durch die letztern Wendungen aufs Aeußerſte verletzt, zu⸗ mal da die dicke Wirthin nicht verfehlte, die⸗ ſelben noch des Breiteſten auszuführen und durch eigene Zuthaten noch zu verſchlimmern. Der Maler hätte ihm jetzt das Product ſeines Kunſt⸗ fleißes mit baarem Gelde aufwiegen können— ſo ſtolz war der Meiſter und bis zu dieſer krank⸗ haften Empfindlichkeit hatte ſich, unter dem Einfluß ſo vieler trüber Erfahrungen, ſeine natürliche Reizbarkeit geſteigert, daß er ſammt den Seinen hätte können am Verhungern ſein (wie er es denn wirklich war), und er hätte doch nichts mehr, weder mittelbar noch unmit⸗ telbar, von dem Maler angenommen! Schon ſeit zwei Tagen befand ſich Reinhold mit den fertigen Stücken auf der Wanderſchaft, um wo möglich einen Käufer dazu zu finden. Aber bei den vielfältigen traurigen Erfahrungen, welche der Meiſter ſelbſt in dieſer Hinſicht bereits gemacht hatte, zweifelte er keinen Augenblick daran, daß auch Reinhold unverrichteter Sache zurückkom⸗ men würde. So ſehr der Meiſter ſich nun auch bemühte, gefaßt, ja gleichgiltig gegen das Engelchen zu erſcheinen, ſo errieth daſſelbe, auch ohne die Einzelheiten des Vorfalls zu wiſſen, dennoch, mit ſeinem natürlichen Scharfſinn und noch mehr mit dem Inſtinct ſeines liebevollen Her⸗ zens, auf der Stelle die Noth, in welcher der Meiſter ſich befand. Wäre es Reinhold gewe⸗ ſen, ſie hätte kein Wort hervorbringen können; aber dem Meiſter gegenüber wagte ſie es ſchon eher. Meiſter, ſagte ſie, indem ſie die kleine Hand vertraulich auf ſeine hagere, gebeugte Schulter legte: Ihr wißt, wie lieb ich Euch habe, nicht meinen eigenen Vater könnte ich mehr verehren 163 als Euch— wenn ein Vater in Noth iſt, an wen muß er ſich da wohl zuerſt wenden als an ſeine Tochter? Und wenn dieſe Tochter auch ſelbſt nur arm iſt und wenig mehr hat als ih⸗ ren treuen, kindlichen Willen. Der Meiſter mußte von ſehr fern liegenden, ſehr trüben Gedanken gepeinigt ſein, um die Worte des Engelchen ſo misverſtehen zu können, wie er that. Ach ja wohl, erwiderte er mit verhaltenem Seufzer, das eben iſt es ja: meine Tochter iſt ſehr arm, noch weit ärmer als ich— es iſt meine einzige Tochter, aber ſo weit hat es dieſer elende Menſch, ihr Mann, gebracht, daß ich ja nicht murren wollte und wollte dem Himmel dankbar ſein, wenn es meine Tochter wäre, für die ich dieſe Breter zimmere... Angelica ſah ein, daß ſie bei dieſer Stim⸗ mung des Meiſters den Gegenſtand, den ſie eben zu berühren im Begriff ſtand, nicht weiter ver⸗ folgen durfte; ſie ging daher ohne Weiteres zu 164 der Angelegenheit über, um deren willen ſie gekommen. Den eigentlichen Zweck ſeines Be⸗ ſuchs zu verrathen, hatte der Juſtizrath ihr aufs Strengſte verboten; es handle ſich, ſollte ſie vorgeben, um den tollen Heiner. Und da der⸗ ſelbe in der That früher unter der Vormund⸗ ſchaft des Juſtizraths geſtanden hatte und über⸗ dies auch, wie uns bekannt iſt, mit dem Hauſe des Meiſters in vertrautem Umgange ſtand, ſo hatte die Sache eben nichts Unwahrſchein⸗ liches. Aber kaum daß Angelica nur angehoben hatte von dem fremden, vornehmen Herrn aus der Hauptſtadt, welcher die kranke Lene zu ſpre⸗ chen wünſchte, als der Meiſter den Hobel hin⸗ warf, ſo heftig, daß das Eiſen klirrend heraus⸗ ſprang; ſeine Zähne knirſchten gegeneinander, und die hohlen matten Augen funkelten in fürch⸗ terlicher Gluth—: Ein vornehmer Herr? knirſchte er, indem —— 165 ein heftiges, fieberiſches Zittern ſeinen ganzen Körper durchſchüttelte: ein vornehmer Herr aus der Hauptſtadt? zu meiner armen Schweſter Aeußerſte überraſcht, beeilte Angelica ſich den Namen des Juſtizraths zu nennen. Es iſt ein Ehrenmann wie wenige, ſetzte ſie mit einiger Empfindlichkeit hinzu, und überall, wohin er ſein ſiebzigjähriges Haupt trägt, wird daſſelbe mit Ehrfurcht und Freude begrüßt. Der Meiſter athmete tief auf. Verzeihung, liebes Fräulein, ſagte er, indem ſein Antlitz ſich zu einem trüben Lächeln erheiterte: das Blut in meinem armen müden Körper rebellirt zu⸗ weilen; ich fürchte, es geht mir am Ende auch noch ſo, wie meinem armen Vater oder dem tollen Heiner— Aber was meine Schweſter, ſetzte er mit bitterm Spotte hinzu, noch kurz vor ihrem Ende für eine große Dame wird! die 166 vornehmen Beſuche drängen ſich ja nur ſo vor ihrem Bette.. Und hier erfuhr Angelica denn zu ihrem Erſtaunen, daß vor einigen Tagen ganz unauf⸗ gefordert und ganz unvermuthet Herr Prediger Waller einen Beſuch bei der kranken Lene ge⸗ macht hatte. Es ſei ihm zu Ohren gekommen, hatte er dem Meiſter geſagt, daß ſeine Schwe⸗ ſter am Sterben: und da ſie zu verſtockt ſeien, das Wort Gottes aufzuſuchen, ſo müſſe daſſelbe, in ſeiner unverſiegbaren Gnadenfülle, ja wohl nur zu ihnen kommen. Was er mit Lenen ſelbſt verhandelt, darüber konnte der Meiſter keine Auskunft geben, da Herr Waller natürlich keine Zeugen bei ſeinem geiſtlichen Beſuch geſtattet und auch Lene ſich ſpäterhin nicht darüber aus⸗ geſprochen hatte. Aber nach einzelnen Andeu⸗ tungen zu ſchließen, war wenigſtens der Meiſter der Meinung, daß es keineswegs blos ein geiſt⸗ licher Beſuch geweſen.... 167 War es nun dies, oder kam dem Meiſter das Vorgeben mit dem tollen Heiner überhaupt nicht recht glaubhaft vor, genug, auch er wie⸗ derum ging auf die Bitte des Engelchen bei weitem nicht mit der Bereitwilligkeit ein, als daſſelbe erwartet hatte. Sie wiſſen, ſagte er, wie eng wir in dem Hauſe hier— oder doch wenigſtens auf dieſer Seite des Hauſes, verbeſſerte er ſich, aneinander hängen, und daß nichts unternommen wird we⸗ der von dem Einen noch von dem Andern, worüber wir uns nicht Alle vorher gemein⸗ ſchaftlich berathen haben; es iſt das vielleicht eine ſehr gemeine, ſehr altmodiſche Sitte, aber bei ſo geringen Leuten, wie wir ſind, iſt das nun nicht anders. Sie müſſen mir daher auch geſtatten, nicht nur vorher mit meiner Schwe⸗ ſter Rath zu pflegen, ſondern namentlich auch mit meinem Sohne, dem Reinhold. Ich bin das, ſetzte er mit einem Ausdruck von väter⸗ lichem Stolz hinzu, der das blaſſe, hagere Ant⸗ litz mit einem ſichtlichen Schein von Freude verklärte, dem Reinhold ſo ſchuldig, der Rein⸗ hold iſt ſo brav, er iſt nicht blos mein Sohn, er iſt auch mein Freund, mein Bruder. Ich erwarte ihn heute Abend, ſpäteſtens morgen mit dem Früheſten. Der Gang, den er macht, iſt ja ſo unnütz, ich weiß es zum voraus— und muß der fremde Herr ſich alſo ſchon bis dahin gedulden. Zehntes Rapitel. Das Verhör. So höchſt unwillkommen Angelica auch die⸗ ſer neue Aufſchub war, ſo war dieſer Grund doch von der Art, daß ſie ihn reſpectiren mußte. Der Juſtizrath freilich murrte und knurrte ent⸗ ſetzlich; da habe ſie es nun, und das ſei nun die Folge, wenn ſolche junge Schneegänſe klü⸗ ger ſein wollten als alte erfahrene Männer. Ueberhaupt, wie es wenigſtens dem Engelchen vorkam, hatte ſich ſein Eifer bereits wieder ziemlich abgekühlt;⸗ er ſchalt und zankte mit ſich ſelbſt, daß er ſich von der jungen Phan⸗ taſtin habe anſtecken laſſen, und noch am folgen⸗ Das Engelchen. III. 8 17⁰ den Nachmittag, als Angelica bereits mit ihm auf dem Wege zum Hauſe des Meiſters war, zeigte er nicht übel Luſt, wieder umzukehren. Was wird es ſein! rief er, der vornehme Prinz, der Weberſohn, wird noch nicht zurück ſein, oder ihre Durchlaucht, die kranke Prin⸗ zeſſin, iſt nicht bei Laune, und ſie ſchicken uns mit langer Naſe wieder heim! Nein, wahr⸗ haftig, mein gutes Engelchen, das iſt die Art nicht, mit ſolchen Leuten umzugehen, die muß man ein bischen ſcharf anfaſſen, kurz und ſcharf— Diesmal jedoch traf die argwöhniſche Vor⸗ ausſetzung des Juſtizraths nicht ein. Sie fan⸗ den im Gegentheil Alles zu ihrem Beſuch ein⸗ gerichtet und vorbereitet. Der Meiſter ſelbſt hatte das Haus verlaſſen; der blödſinnige Groß⸗ vater, der ſie unter der Hausthür erwartete, begnügte ſich, ihnen zum Willkommen Kußhänd⸗ chen zuzuwerfen, wobei beſonders das ſtattliche 171 weiße Haar des Juſtizraths ſeine ganze Be⸗ wunderung zu erregen ſchien, um ſich gleich darauf in das Zimmer der ſchwarzen Margareth zurückzuziehen. Schon ſeit zwei Tagen und Nächten war Konrad gar nicht mehr nach Hauſe gekommen; ſelbſt nur die Geſellſchaft des blöd⸗ ſinnigen alten Mannes war für Margareth eine Erquickung in ihrer Todesangſt, um ſo mehr, als er ja der Einzige war, dem ſie dieſelbe kla⸗ gen durfte— denn er verſtand ſie nicht! Reinhold allein war bei Lenen gegenwärtig. Er trat dem Juſtizrath mit jenem Anſtand und jener feinen, faſt vornehmen Haltung entgegen, welche die Natur, in ſeltſamer Laune, dieſem Sohne des Elends mitgegeben hatte, und um die mancher Hochgeborene ihn hätte beneiden können. Das gnädige Fräulein, ſagte er, hat uns ihren Wunſch mitgetheilt, Ihnen, mein Herr, eine Unter⸗ redung mit meiner Tante zu verſchaffen. Alles, 8* was das gnädige Fräulein will und wünſcht, iſt für uns Befehl; Sie finden meine Tante bereit, Ihnen jede Auskunft zu geben, die ſie vermag— und die Sie ſelbſt, ſetzte er mit fei⸗ ner Beziehung hinzu, mit Ihrem Zuſtande wer⸗ den verträglich finden. Der Juſtizrath, der ſich unter dem Webers⸗ ſohn eine ganz andere Erſcheinung vorgeſtellt hatte, maß denſelben von oben bis unten. So, ſo, nun, nun, hat gar nichts zu ſagen, dank' auch ſchön, brummte er, werden ja ſehen.... Auch Angelica hatte inzwiſchen ihr Auge in der engen Stube umherſchweifen laſſen— ſie wußte wohl weshalb: da lag es richtig, in der Ecke, halb unter dem Webſtuhl verborgen, das ſaubre, künſtliche Geſpinnſt, von welchem der Meiſter ihr geſtern erzählt hatte und das nun alſo in der That unverkauft in ſein Haus zu⸗ rückgekehrt war. Doch blieb ihr jetzt keine Zeit, weitere Re⸗ flexionen darüber anzuſtellen; der Juſtizrath hatte ſich mit raſchen ſtarken Schritten zwiſchen den Webſtühlen hindurchgedrängt und ſtand jetzt dicht vor dem Bett der Kranken. Lene lag gefaßt und ruhig auf ihrem Kiſſen, deſſen blen⸗ dende Weiße dennoch kaum von der Farbe ih⸗ res Antlitzes zu unterſcheiden war; ſie nickte Angelica flüchtig zu und heftete dann das matte, geröthete Auge erwartungsvoll auf den Juſtizrath. Dieſer war, ſo wenig er es ſich auch ſelbſt geſtehen mochte, durch die ganze ſeltſame Si⸗ tuation ein wenig aus dem Concept gebracht; er hatte erwartet, gemeine, rohe Menſchen zu finden, und ſah nun überall auf den Geſichtern wie in der Umgebung ſo ärmlich dieſe letztere auch war, eine gewiſſe Bildung, einen gewiſſen Wohlanſtand, daß er bei ſich ſelbſt in Zweifel gerieth, ob die kurze, barſche Anrede, die ihm ſchon auf der Zunge ſchwebte, hier auch wirklich am Orte wäre. 174 Aber die Kranke ſelbſt kam ihm zuvor. Sie ſind, ſagte ſie, ſich halb aufrichtend, mit leiſer, doch feſter Stimme, der Herr Juſtizrath....2 Habe die Ehre, brummte der Juſtizrath, der es höchſt reſpectwidrig fand, daß dieſe Perſon ſich unterſtand ihn zuerſt anzureden, ſtatt, wie es ſich gehört hätte, ſeine Anrede zu erwarten: und Sie, hör⸗ Sie mal, Frau oder Mamſell, wer iſt denn Sie ſo eigentlich? Denn ſo feſt hatte der Juſtizrath ſich nun einmal in gewiſſe Formen eingelebt, daß er gar nicht mehr daran dachte, ſie könnten für An⸗ dere verletzend ſein; bei aller Humanität, die er wirklich beſaß und übte, würde es ihm doch ſchlechthin unmöglich geweſen ſein, eine Frau dieſes niedern Standes und in dieſer ärmlichen Umgebung anders als mit dieſem geringſchätzi⸗ gen„Hör' Sie mal“ anzureden. Angelica war roth geworden bis über die Augenz ſie fürchtete, die harte Anrede des alten 175 Herrn möchte ihre Freundin verletzt haben, und zugleich ſchämte ſie ſich vor Reinhold, deſſen reizbares Gefühl in Allem, was ſeine Tante be⸗ traf, ihr wohl bekannt war, einen ſo unfreund⸗ lichen Gaſt ins Haus gebracht zu haben. Aber Lene ſchien die Worte des Juſtizraths kaum beachtet, wenigſtens nicht verſtanden zu haben. Ein Juſtizrath, fuhr ſie fort, ihn noch im⸗ mer mit nachdenklichen Blicken prüfend, das iſt ja wohl ſo etwas wie ein Advocat, ein Rechts⸗ gelehrter, nicht wahr, mein Herr? Nun zum Geier, rief der Juſtizrath, hell lachend(denn wirklich kam es ihm hoöchſt poſ— ſierlich vor, daß er, der hierher gekommen war, um zu examiniren, vielmehr eraminirt ward), das wird ja nett, die nimmt mich ins Gebet, ſtatt daß ich ſie ausfragen wollte! Dieſe ver⸗ wünſchten Weiber laſſen doch das Schwatzen nicht und wenn ihnen der leibhaftige Tod ſchon 176 auf der Zunge ſitzt; will Sie etwa Ihr Teſta⸗ ment machen, Sie da, daß Sie ſo ſehr nach einem Advocaten ſchreit? Vielleicht etwas der Art, erwiderte Lene: ich habe mich ſchon lange danach geſehnt, einen Herrn vom Gericht zu ſprechen, ich habe ihm etwas anzuvertrauen, ihn nach etwas zu ſgen Hier hielt ſie inne, indem ihr Auge voll Verlegenheit über Angelica hinſtreifte. Der Juſtizrath horchte hoch auf, das Herz im Leibe hüpfte ihm vor Freude: kein Zweifel, man kommt ihm ſelbſt auf halbem Wege ent⸗ gegen, es wird der Winkelzüge und Vorreden gar nicht erſt bedürfen, in fünf Minuten hat er es heraus, ob hier wirklich ein Geheimniß exiſtirt, welches für Angelica von Wichtigkeit iſt, oder nicht. Den Blick der Kranken hatte er ſogleich verſtanden. Reinhold war gleich zu Anfang des 177 Geſprächs beſcheidentlich in die Kammer getre⸗ ten, dieſelbe, welche wir bereits aus jener nächt⸗ lichen Scene zwiſchen dem Meiſter und ſeinem Sohne kennen. Ohne lange zu überlegen, faßte der alte Herr Angelica beim Arm, ſchob ſie ebenfalls in die Kammer, zog die Thür heran.... Das Ganze war ſo ſchnell vor ſich gegangen und hatte ſo ſehr ſich gleichſam von ſelbſt gemacht, daß Angelica erſt zur Beſinnung kam, als die Thür hinter ihr zuflog. Der plötzliche Licht⸗ wechſel(das Kämmerchen hatte nur hoch oben ein kleines Fenſter, und überdies brach drau⸗ ßen auch bereits der Abend herein) vermehrte noch ihre Beſtürzung; es dauerte einige Zeit, bevor ſie die Gegenſtände um ſich her unter⸗ ſcheiden konnte— und das Erſte, was ſie dann erkannte, war dicht neben ihr Reinhold's treues, ernſtes Angeſicht. Dicht neben ihr, ſagen wir: denn in ſo ehr⸗ erbietiger Entfernung der junge Mann ſich auch 8** 178 zu halten ſuchte, ſo war doch der Raum in der Kammer viel zu eng, als daß ſie nicht bei alle⸗ dem ziemlich nahe bei einander geſtanden hätten. Noch vor wenigen Monaten würde Angelica, bei ihrem kindlichen Sinn und dem wahrhaft ſchweſterlichen Vertrauen, das ſie zu Reinhold hegte, ſich nicht im mindeſten von dieſer Nähe genirt gefühlt haben; wie oft nicht als Kinder hatten ſie in eben dieſer Kammer Verſteckens geſpielt, welche Märchen und Geſchichten hatten ſie ſich hier erzählt, in eben ſolcher Dämmer⸗ ſtunde und eben ſo abgeſperrt wie heute, wäh⸗ rend drinnen Angelica's Mutter ihr Herz gegen die kranke Lene ausſchüttete! Aber heute em⸗ pfand ſie wirklich etwas, es war nicht Ver⸗ legenheit, nicht Angſt, nicht Scham, aber ein Gemiſch war es von allem dieſen, ein ſeltſam ſchauerliches und dabei doch ſüßes Gemiſch.... Die Dämmerung im Kämmerchen geſtattete nicht mehr Reinhold's Geſichtszüge deutlich zu 179 unterſcheiden; nur die großen klaren Augen leuch⸗ teten ihr wie Sterne entgegen, die braunen Locken, die das ſchöne ernſte Geſicht einfaßten, verſchwammen gleichſam mit der Dämmerung, die ſie umſpielte. Es war dem jungen Mäd⸗ chen, indem ſie ſchamhaft vor ſich niederblickte, als ob ſie den Athem des jungen Mannes mit warmem, weichem Hauch auf ihrer Stirne fühlte; auch meinte ſie ein Herzpochen zu hören, ſo haſtig, ſo beklommen, und doch dabei ſo laut, ſo ſtürmiſch— war es ihr Herz? war es ſeines? Sie ſuchte nach einer Anrede, um durch ein Geſpräch das Peinliche dieſer Situation zu er⸗ leichtern. Aber vergebens durcheilte ſie den gan⸗ zen Vorrath ihrer Gedanken, die Gedanken ſelbſt hielten nicht Stand, es kam ihr Alles ſo klein, ſo abgeſchmackt, ſo unpaſſend vor.... Reinhold ſelbſt befreite ſie aus ihrer Ver⸗ legenheit. Sie haben mir, gnädiges Fräulein, 180 ſagte er, vor Kurzem durch meine Schweſter Margareth einen Auftrag zugehen laſſen, an den Maler Schmidt; ich bin erſt geſtern, auf meiner Wanderung, wo ich den Herrn Maler Schmidt zufällig in einem Dorfe, vier Stunden von hier, antraf, ſo glücklich geweſen, denſelben ausrichten zu können... Trotz der Dunkelheit war Angelica purpur⸗ roth geworden— aber jetzt nicht aus Scham, ſondern aus hellem, lichtem Zorn: von allem Andern hätte er anfangen können zu ſprechen, nur daß er gerade dieſen Gegenſtand zur Sprache brachte, das kränkte, das verletzte ſie, und zwar nicht durch den kalten, feierlichen Ton allein, mit welchem er es that.... und was haben Sie ihm ausgerichtet? fragte ſie ſtolz: da ich Ihnen ja noch gar keinen Auf⸗ trag gegeben hatte. Daß das gnädige Fräulein den Herrn Ma⸗ ler Schmidt vor Kurzem gewünſcht hätte zu 181 ſprechen, erwiderte der junge Weber mit ehr⸗ erbietigem, doch gemeſſenem Tone. Ich hatte Mühe, ſetzte er nach einer kurzen Pauſe, da An⸗ gelica ihn ohne Antwort ließ, hinzu, den Herrn Maler zu erkennen, in ſo vornehmer Geſell⸗ ſchaft traf ich ihn, und mit einem ſo ganz an⸗ dern Namen hörte ich ihn anreden; er ging Arm in Arm mit goldbetreßten Offizieren und man nannte ihn Hern von— Und was antwortete er Ihnen? fiel ihm das Engelchen haſtig in die Rede. Sie wußte kaum mehr, was ſie ſprach, ſo aufgeregt und verlegen war ſie; ja hätte ſie den weißen Kopf des Ju⸗ ſtizraths jetzt nur zwiſchen den Händen gehabt, ſie hätte ihn wollen zauſen, dafür, daß er ſie auf ſo unvorſichtige, unſchickliche Weiſe mit die⸗ ſem jungen Manne zuſammengeſperrt! Er würde ganz gewiß heute oder morgen zurückkommen und dem gnädigen Fräulein ſo⸗ gleich ſeine Aufwartung machen. Der Herr— 182 Maler ſchien ſehr erfreut, von dem gnädigen Fräulein zu hören; er bot mir einen Thaler an als Botenlohn.... Nein, dieſes Geſpräch mußte eine andere Wendung bekommen, um jeden Preis! Angelica ſchwindelte, Beſchämung, Zorn, Unwillen ſtrit⸗ ten ſich in ihrem Herzen, ſie wußte ſelbſt nicht in dieſem Augenblick, wem ſie böſer war, dem Juſtizrath, oder Herrn von Lehfeldt, oder Rein⸗ hold— oder auch ſich ſelbſt... Eben in dieſem Moment hörten ſie die Stimme des Juſtizraths gewaltig zu ihnen herübertönen. Wand und Thür waren dünn und ſchlecht; auch ſprach der Juſtizrath nach ſeiner Gewohn⸗ heit außerordentlich laut und vernehmlich. Was er ſprach, ſetzte Angelica in Erſtaunen, indem es zugleich ihre Verlegenheit noch höher ſteigerte. Er hatte ſeine Zeit vortrefflich benutzt, der alte Prakticus, es ließ ſich nicht leugnen; der Him⸗ mel mochte wiſſen, wie er es angefangen— 183 Aerzte und Advocaten haben ihre eigene Kunſt, die Leute zum Sprechen zu bringen— genug, das Geheimniß, welches Angelica ſo lange be⸗ unruhigt hatte, ſchien wenigſtens zur Hälfte enthüllt. Aber Sie unverſtändiges Weib Sie, ſchrie der Juſtizrath, der nur um ſo heftiger eiferte, je vergnügter er innerlich war: das muß Sie ja doch ſelbſt einſehen, daß ſich das ganz gleich bleibt, heut oder in drei Tagen! Heraus mit dem Wiſch! Wenn die ſelige Madame Wolſton Ihr geſagt hat, Sie ſoll ihrer Tochter das Pa⸗ pier nicht früher geben, als bis ſie mündig wird, ſo iſt das zu verſtehen, wie Alles in der Welt, mit Bedingungen! Mündig iſt, wer verſtändig iſt— davon hat Sie nun wieder keinen Be⸗ griff, Sie vertracktes Weib Sie! Fräulein An⸗ gelica iſt verſtändig, alſo iſt ſie mündig, und wenn ſie es nicht wäre, ſo bin ich es— da, bah, ſeh' Sie meinen alten grauen Kopf an, 184 ſeh' ich aus wie ein Narr? ſeh' ich aus wie ein Spitzbube? Ich bin Fräulein Angelica's Advocat, ihr Vormund, ihr Vater; wenn Sie Fräulein Angelica wirklich ſo lieb hat, wie Sie ſich ſtellt, und die gute ſelige Frau dazu, ſo mache Sie jetzt nur ſchnell und gebe Sie die Papiere heraus, ohne Umſtände, auf der Stelle, ich ſag's Ihr im Guten! Aber die ſelige Frau hat ja meinen Eid! ſtöhnte die Kranke mit aller Anſtrengung, deren ſie fähig war. Wer Teufel heißt aber eine Frau, wie Sie, auch Eide ſchwören, als die Ihr vom Gericht abverlangt werden! rief der Juſtizrath. Und wenn Sie nun vorher noch ſtürbe? und wenn Ihr das Papier geſtohlen wird? Hat Sie es denn nur noch wirklich? Zeig' Sie mal her, wo hat Sie es denn? Lene murmelte ſo leiſe, daß ihre Antwort in der Kammer nicht zu verſtehen war. 185 ————,—— Angelica wagte nicht mehr zu athmen; trotz der Dunkelheit um ſie her, fühlte ſie deutlich, wie Reinhold's erſtaunter, vorwurfsvoller Blick auf ſie gerichtet ſein müßte. Sie konnte ſich nicht freuen über die Entdeckung, welche der Juſtizrath gemacht hatte, konnte überhaupt nichts mehr denken, gar nichts— und doch mußte ſie ſprechen! ſprechen zu Reinhold, gleich⸗ viel was, nur damit ſie die Stimme des alten Juſtizraths übertäubte! nur damit Reinhold dieſen barſchen Ton nicht hörte, in welchem der Juſtizrath mit ſeiner Tante verhandelte, nur damit er nicht merkte, daß Angelica ihn ſelbſt hintergangen hatte! In ſolchen Fällen, wo man ein Geſpräch mit Gewalt in Gang bringen will, iſt man in der Wahl des Stoffs bekanntlich in der Regel nicht ſehr glücklich. Angelica ging es nicht beſ⸗ ſer; um nur irgend etwas zu ſprechen, und weil ſie zugleich eine dunkle Empfindung hatte, als 186 —.—— hätte ſie an Reinhold bei alledem etwas gut zu machen, ſagte ſie: Ich habe da vorhin beim Hereintreten ein ſehr ſchönes Gewebe geſehen; wenn es noch unverkauft iſt, möchte ich Sie erſuchen, es mir zu überlaſſen, ich könnte eben Gebrauch davon machen Aber vergeblich, der Juſtizrath mit ſeiner dröhnenden Stimme ſchnitt ihr die Rede vom Munde ab. Ich habe es Ihr ja ſchon geſagt, polterte er: nein, die Sache kann nicht warten, auch nicht bis übermorgen, Fräulein Angelica will heirathen, na nu weiß Sie es, das iſt doch ein Punkt, den die Weibsbilder allemal reſpecti⸗ ren— joa, heirathen— wen? Na das braucht Sie auch wohl zu wiſſen! Einen verkleideten Prinzen— iſt Sie nun zufrieden? Ah, ſagte Reinhold, indem er jetzt erſt die Anrede des Engelchen beantwortete: ich ver⸗ 16 ſtehe— zur Ausſtattung, gnädiges Fräulein; dazu iſt es aber in der That viel zu gering für Sie.... Und wenn draußen der Tod in ſeiner ab⸗ ſchreckendſten Geſtalt geſtanden hätte, ja tau⸗ ſendfacher Tod, ſie hätte es nicht länger aus⸗ gehalten in dieſer Lage! Haſtig riß ſie die Thüre auf, trat in die Stube— Sie kam im richtigen Moment; die arme Lene hatte die gewaltſame Anſtrengung, mit der ſie ſich bis dahin aufrecht erhalten, nicht länger zu ertragen vermocht, ihre Sinne ſchwanden, ſie drohte in eine Ohnmacht zu fallen.... Das iſt ja wörtlich, wie ich geſagt habe, wetterte der Juſtizrath: ein hyſteriſches Weibs⸗ bild, verdreht im Kopf, weiß ſelbſt nicht, was ſie will. Der Henker ſoll in ſolche Wirthſchaft ſchlagen! Mit der ganzen Sippſchaft will ich nichts mehr zu thun haben! Mit Ihnen auch nicht, Engelchen, hören Sie wohl? mit Ihnen auch nicht! Sie ſind ſo unvernünftig wie die 188 Andern, dabei kann man keine Ehre einlegen— ich reiſe noch heute, ja ganz gewiß, noch heute reiſ' ich ab! Fluchend ſtampfte er zur Thür hinaus; es fehlte nicht viel, ſo wäre er über den alten blöd⸗ ſinnigen Großvater geſtolpert, der beſcheiden auf dem Gange vor der Thüre hockte. Aus Mar⸗ gareth's Stube hörte man wüſtes Schimpfen und Fluchen, das hatte den armen Alten ver⸗ muthlich vertrieben; es war Konrad's Stimme, er war alſo doch wenigſtens wieder nach Hauſe gekommen. Unter Angelica's Bemühungen hatte Lene ſich bald wieder erholt; mit lautem Schluchzen drückte das junge Mädchen die Hand der Freun⸗ din an die Lippen, gleichſam als ob ſie um Verzeihung bei ihr bäte, und eilte dann dem Juſtizrath nach. Denn wenn der ſeine Drohung vollführte, wenn er wirklich abreiſte, jetzt, wo die Entſcheidung ſo nahe vor der Thüre ſtand— ſie wagte den Gedanken nicht auszudenken. Außerdem aber mußte ſie auch dem Unwillen Luft machen, den ſie über die Art und Weiſe empfand, wie der alte Herr das Geſpräch mit der kranken Lene geführt, ſowie namentlich über die ſeltſamen Erfindungen, die er ſich dabei auf ihre, des Engelchen, Koſten erlaubt hatte. Aber damit kam ſie ſchlecht bei ihm an. Der alte Herr ſpie wirklich Feuer und Flamme; es half ihr nichts, daß ſie ſich noch ſo ſchmei⸗ chelnd an ſeinen Arm hing— Das iſt Alles eins, ein Narrenhaus, rief er, hier wie drüben! Hat man je ſolchen Einfall gehört! Ihre Mutter war auch verrückt, daß Sie es nur wiſſen, Engelchen; gibt ein Papier, ein Document, welches allem Vermuthen nach höchſt entſcheidende Nachrichten für Sie ent⸗ hält, einem Frauenzimmer in Verwahrung, ei⸗ nem ſchwindſüchtigen Frauenzimmer, das alle Tage ausgehen kann wie ein Licht, und das ebenfalls nicht recht klug iſt im Kopfe! Herr mein Gott, hat man je ſo was Verrücktes aus⸗ geſonnen! Einem honetten Notar mußte Ihre Mutter das geben, bei Gericht mußte ſie es deponiren, da war die Sache in Richtigkeit, und wenn es funfzig Jahre gedauert hätte;— ich habe wohl noch ganz andere Papiere in Ver⸗ wahrung gehabt, von ganz andern Leuten, ich dächt' es! Aber dieſe Frauenzimmer! Sie machen nichts als Confuſionen, geſund oder krank, todt oder lebendig...! Aber nur welch Papier? fragte Angelica, indem ſie vergeblich ſich bemühte, ihn feſtzu⸗ halten. Je nun, gutes Engelchen, polterte der Ju⸗ ſtizrath: Sie ſind doch aber auch wirklich ein bischen gar zu einfältig, daß Sie das noch nicht gemerkt haben! Die Sache war gar nicht ſo ſchwierig, das Frauenzimmer kam mir von ſelbſt damit entgegen; weiß der Henker, ——————— was das bedeuten ſoll, daß ſie ſich zu Ihnen ſo lange geſträubt und ſo wunderlich damit ge⸗ than hat. Sie werden ſie wohl nur nicht ver⸗ ſtanden, wohl nach Ihrer gewöhnlichen Art zu viel Umſtände mit ihr gemacht haben. Das arme Weib ſcheint ſich ſehr vor dem Tode zu fürchten, das wird es ſein, und hat wohl ge⸗ dacht, ſie würde noch hinſterben, bevor ſie das Papier in die rechten Hände gegeben. Sie fragte mich anfangs, ob es kein Geſetz gäbe, welches befiehlt, daß die Leute, wenn ſie todt ſind, auch ordentlich begraben werden. Ver⸗ drehter Einfall! Ein Geſetz zum Begraben! Damit muß ſie ſich an die Polizei wenden, die Gute; ſie ſcheint Angſt zu haben, daß ſie nicht nach ihrem Tode umherſpukt, vielleicht hält ſie ſich für einen Wehrwolf oder der⸗ gleichen.... Aber das Papier? wiederholte Angelica drin⸗ gend, das Papier von meiner Mutter? 192 Ja, das Papier von Ihrer Mutter, ſpottete der Juſtizrath ihr nach; ein Papier, das Ihre Mutter dem Weibsbild zur Aufbewahrung ge⸗ geben hat, und das ſie Ihnen nicht früher aus⸗ liefern ſoll als übermorgen, an dem Tage, wo Sie mündig werden. Ei nun, ſuchte Angelica ihn zu begütigen, das ſind ja nur noch zwei Tage; haben wir uns ſo lange geduldet, ohne alle Ausſicht und Hoffnung, ſo wird ja dieſer kleine Aufſchub ſich wohl auch noch ertragen laſſen.... Wird er es?! rief der Juſtizrath zornſchäu⸗ mend: wirklich? wird er es? Ei ſehen Sie doch, was Sie klug ſind! Kleiner Aufſchub! wird ſich ertragen laſſen! Ich habe das Pa⸗ pier nicht geſehen, aber ich kann mir ſo un⸗ gefähr denken, was es ſein wird: eine Ver⸗ wahrung, ich begreife, Ihre Mutter hat das Teſtament nicht freiwilliger Weiſe ſo geſchrie⸗ ben, eine Nichtigkeitserklärung, ich kann es „——————————— ——————————— 193 mir denken, es kommt Alles darauf an, daß wir das Document zum richtigen Tage präſen⸗ tiren— Aber Sie freilich wiſſen, daß auf zwei Tage mehr oder weniger nichts ankommt! O nun ja, da brauchen Sie mich ja auch gar nicht mehr, da iſt ja Alles in ſchönſter Ord⸗ nung! Warum hab' ich alter Eſel mich denn auch für Sie bemüht? Leben Sie recht wohl, gnädigſtes Fräulein— kleiner Aufſchub! Ja freilich, ein junges grünes Frauenzimmer weiß das jetzt beſſer als ein alter grauer Mann— Leben Sie recht wohl! Und wenn Sie noch einen Advocaten brauchen— ich führe keine Proteſſe mehr für Weiber! Und bevor das Engelchen es noch hatte hindern können, hatte er ihren Arm aus dem ſeinen losgemacht und verſchwand vor ihr in der Dunkelheit. Wieder ſtand ſie allein— ſie hatte in ihrer Aufregung gar nicht Acht ge⸗ geben auf den Weg, den ſie gingen.— Aber Das Engelchen. III. 9 194 ja, da glänzen die hellen Fenſter der Schenke, da vor ihr das Lichtchen im Graben iſt das Haus des alten Sandmoll.... Bei dem Gedanken an den alten Sand⸗ moll ergriff ſie ein Grauſen; ſie fürchtete ſchon wiederum aus irgend einer Ecke ſeine Un⸗ geſtalt hervortauchen zu ſehen, aus irgend einem Winkel ſein abſcheuliches Gurgeln und Kichern zu hören. Sich gewaltſam ermuthi⸗ gend, wollte ſie ſchon über die Schloßbrücke eilen Als plötzlich ein ſanfter Arm ſie hielt und eine leiſe, wohltönende Stimme ſie anredete. — Elttes Kapitel. Herr und Diener. Zur ſelben Stunde, wo der Juſtizrath wegen des Documentes, das ſich in den Händen der kranken Lene befand, in ſo heftigen Zorn ge⸗ rieth, bildete eben dieſes Document noch an ei⸗ nem andern Orte den Gegenſtand einer Unter⸗ haltung, die minder lärmend, aber darum nicht minder leidenſchaftlich geführt ward. Es geſchah nicht eben häufig, daß der Com⸗ merzienrath ſeinen Inſpector, den alten Sand⸗ moll, in deſſen Behauſung aufſuchte. Doch ge⸗ ſchah es zuweilen. Heute, ſo dicht vor der Ein⸗ weihung des neuen Fabrikgebäudes, wo es noch 9* 196 ſo mancherlei zu ordnen und einzurichten gab und wo noch ſo viele Aufträge zu ertheilen waren, konnte dieſer Beſuch am wenigſten auffallen. Wir haben die Dertlichkeit ſchon früher be⸗ ſchrieben. Wie damals, kniſterte ein mächtiges Feuer in dem alten rieſigen Ofen; wie damals, ſaß die Diebslore, das Geſangbuch in der Hand, vor dem Feuer und ſummté mit leiſer Stimme die geiſtlichen Melodien vor ſich hin. Es war das, ſo ſehr der Sandmoll ſich auch darüber ärgerte, ein für allemal ihre herkömmliche Abend⸗ beſchäftigung; ſelbſt die Anweſenheit des Fa⸗ brikherrn konnte ſie derſelben nicht untreu ma⸗ chen. Ihre großen todten Augen ſtarrten dabei halb über das Buch hinweg, gedankenlos in die Flamme, ihre Kinnlade bewegte ſich mechaniſch auf und nieder; ſelbſt wenn ſie nicht ſo taub geweſen wäre, wie ſie war, hätte man doch in ihrer Gegenwart dreiſt jedes Geheimniß berathen können, ſo verſunken war ſie in ihre Andacht. — 2 v 197 Der Commerzienrath, nach ſeinen Geberden zu urtheilen, war ſehr unzufrieden mit dem al⸗ ten, ſonſt ſo erprobten Diener. Er hatte die eine Hand auf dem Rücken zuſammengeballt, in der andern ſchwenkte er, mit ſtarken Schrit⸗ ten auf⸗ und niedergehend, ſeine Reitgerte; es hatte ganz den Anſchein, als ob er nicht ſehr böſe darüber ſein würde, falls die Peitſche, wie er ſo auf⸗ und abwandelte, einmal unverſehens dem Alten zu nahe kommen ſollte. Ich glaube, ſagte er, Schurke, du hintergehſt mich— haſt mich ſchon hintergangen?... Der alte Verbrecher ſtand baumſtill, wie er pflegte, in militairiſcher Haltung, was bei ſei⸗ nem unglücklichen, verſchrobenen Körperbau ſich doppelt wunderſam ausnahm. Und wie ein wohl⸗ abgerichteter Soldat ließ er auch den Commer⸗ zienrath nicht aus den Augen, ſondern verfolgte ihn getreulich mit Blicken, bald rechts, bald links ſehend, wie der Commerzienrath ſich wandte. 198 Selbſt wenn die Spitze der Reitgerte ſich ſei⸗ nem Scheitel näherte, zuckte er nicht; nur ſeine Augen traten dann noch weiter zurück, und es konnte für Augenblicke ſcheinen, indem er ſo daſtand, ſtarr, regungslos, mit verhaltenem Athem, als wäre er eine Leiche. Ich glaube, ſagte der Commerzienrath, Schurke, du hintergehſt mich— haſt mich ſchon hintergangen? O mein beſter Herr Commerzienrath, röchelte der Alte, wie Sie nur ſo etwas ſagen können von Ihrem treueſten Diener! Ein Herr und ein Diener, die einander ſo lieb ſind, die ſo viel Geheimniſſe mit einander theilen, wie könn⸗ ten die wohl Einer den Andern hintergehen! Ich? Geheimniſſe mit dir? Verſuch es, Elender! verſuch es! rief der Commerzienrath: da, da, ich ſelbſt will deine Papiere in alle Welt ſtreuen, damit du ſiehſt, ob ich dich fürchte! —,——— — Mit dieſen Worten ſprang er auf den Tiſch zu, der dem Sandmoll als Schreibtiſch diente, und zerrte mit ſtarker Fauſt an dem alten wurm⸗ ſtichigen Kaſten. Der gnädige Herr ſuchen meine Papiere? erwiderte der Sandmoll gleichmüthig: der gnä⸗ dige Herr wiſſen ja, daß ich meine Papiere verbrannt habe, auf Ihren eigenen Befehl, verbrannt alle zuſammen, bis auf das letzte Blättchen... Lore hatte gewiß keine Ahnung von der lei⸗ denſchaftlichen Wendung, welche das Geſpräch des Commerzienraths mit ihrem Manne zu neh⸗ men im Begriff ſtand; eben, wie der Sandmoll von ſeinen verbrannten Papieren ſprach, hob ſie mit heller, kreiſchender Stimme einen neuen Choral an, indem ſie zu gleicher Zeit die Feuer⸗ zange raſſelnd hinter ſich warf. Der Commerzienrath blickte ſich, unwillig über die Störung, nach ihr um. Sie iſt ſo 200 gar taub, das gute Weib, entſchuldigte der Sandmoll. Herr Wolſton ging wieder einige Zeit ſchwei⸗ gend auf und nieder. Ich frage nichts nach deinen Papieren, ſagte er dann, ich verachte den Verrath, den du an mir üben könnteſt und deſſen erſtes Opfer, du weißt es wohl, du ſelbſt ſein würdeſt; ein ein⸗ ziges Wort von mir, dem reichen, vornehmen, unbeſcholtenen Manne, würde hinreichen, dein ganzes Zeugniß zu nichte zu machen; du biſt in meiner Hand.... Der Sandmoll duckte ſich, aus Unterwür⸗ figkeit offenbar; allein indem der Commerzien⸗ rath ihm den Rücken zuwandte, flammte aus ſeinen kleinen Augenſchlitzen ein ſtechendes grün⸗ liches Feuer, das ſah nicht aus wie Unter⸗ würfigkeit. Wie geſagt, fuhr Herr Wolſton fort, nicht von deinen Papieren iſt die Rede, ſondern von S —————— * —,— 201 denen, welche da drüben ſein müſſen, im Hauſe des Meiſters, ich weiß es, und die ich haben will, noch heute, dieſe Stunde, dieſen Augen⸗ blick! rief er, indem er herriſch auf die Erde ſtampfte: ſeit wie lange, elender Gauner, haſt du verſprochen, ſie mir zu verſchaffen? Und im⸗ mer ſind es nichts als leere Worte geweſen! Der Sandmoll blieb unbeweglich. Der gnä⸗ dige Herr wiſſen, ſagte er, daß ich ſelbſt nicht mehr in das Haus des Meiſters kommen darf, ohne mein armes Leben zu riskiren. Das gute Weib da(indem er auf ſeine Gefährtin deutete) hat nicht ganz das Geſchick, wie ich— es iſt auch nicht zu verlangen, mein Gott, als Frauen⸗ zimmer—, aber ſie hat ſich alle Mühe gegeben, und der gnädige Herr, dächte ich, könnte ſchon immer zufrieden ſein mit dem, was er durch ſie erfahren hat. Nichts hab' ich erfahren, rief der Commer⸗ zienrath, ſchlimmer als nichts! zu wenig, um 202 der Sache auf den Grund zu ſehen, und viel zu viel, um ſie jemals aus den Gedanken zu verlieren! Es exiſtirt drüben eine Schrift mei⸗ ner verſtorbenen Frau.... Bei der kranken Lene, ſchaltete Sandmoll ein; die Lore hat es aus ihr herausgequetſcht— ein Prachtweib, meine Lore! Und warum hat ſie mir das Papier nicht längſt gebracht? fuhr Herr Wolſton auf. Die Lene gibt es nicht, grinzte der Sand⸗ moll: ſeit ſie nicht mehr ſo recht ſicher auf den Beinen iſt, hat ſie es in ihrem Bett liegen, unter dem Kopf, denk' ich mir, und gibt es nicht heraus.. So muß man es ihr nehmen, rief der An⸗ dere heftig, mit Gewalt nehmen! Der Sandmoll reckte einen ſeiner endloſen Arme aus, ſeiner Freundin damit auf den Kopf zu tippen. Sie ſah verwundert in die Höhe. Wollen, fuhr der Commerzienrath barſchen Tons 203 Hörſt du nicht? Du ſollſt es ihr wegneh⸗ men, mit Gewalt, der gnädige Herr will es haben, ſagte er. Lore hatte den Zuruf des Alten verſtanden; ſie ſtarrte Herrn Wolſton an, indem ihr Geſicht ſich zu einem fürchterlichen Grinzen verzerrte, einem Grinzen, das eben ſo gut ihre Zuſtim⸗ mung ausdrücken konnte als ihre Zweifel an 6 der Ausführbarkeit ſeines Befehls. Wollen es ſchon machen, ſagte ſie endlich mit ihrer heiſern, tonloſen Stimme. Und gleich darauf las ſie im Geſangbuch weiter. Es kann hier keine Rede mehr ſein von fort: die Sache muß ausgeführt werden, auf der Stelle, oder ich ziehe meine Hand von euch und überliefere euch dem offnen Verder Und wer weiß nur, ob es nicht jetzt ſ ſpät iſt! Ich habe das Rennen un 204 wohl bemerkt, das ſeit einigen Tagen wieder iſt; ich glaube, der alte Rabuliſt iſt heute Nach⸗ mittag gar ſelbſt mit hinüber gegangen.... Vor einer Stunde, mit dem gnädigen Fräulein Tochter, beſtätigte Sandmoll ſcha⸗ denfroh. Gut denn, wiederholte Herr Wolſton, es bleibt bei dem, was ich geſagt habe: entweder ihr ſchafft mir binnen hier und zwei Tagen das Document— oder am dritten Tage geht eine Anzeige gegen dich in die Hauptſtadt, alter Schurke, aus der du dich diesmal gewiß nicht herauslügen ſollſt. Du weißt, was Alles du von alter Zeit her noch auf dem Kerbholz ſte⸗ hen haſt, und daß das Zuchthaus jeden Augen⸗ blick für dich geöffnet iſt, ſo wie ich oder irgend ein Anderer anklopft. Der alte Falſchmünzer ſchwieg eine Weile, er mit dem eben Vernommenen vollkom⸗ werſtanden wäre. Und von wegen der ————— 205 Soldaten? ſagte er dann, indem er ſah, daß ſein Herr ſich zum Weggehen anſchickte. Geſchwätz! ſagte Herr Wolſton verächtlich. Aber ſo gleichgiltig er dieſen Ausruf auch her⸗ vorbrachte, ſo entging es dem Sandwoll trotz ſeiner verſunkenen Augen doch keineswegs, wie er ſich dabei leicht in die Lippen biß. Kein Geſchwätz, erwiderte der unerſchütter⸗ liche Alte: ich habe Leute geſprochen, die ſie ſelbſt geſehen haben, der ganze jenſeitige Thal⸗ grund iſt voll, ja ſchon bis auf die Höhe ſtehen ſie hinauf, nur noch vier Stunden von hierz es wird Zeit, glaube ich, gnädigſter Herr, daß wir das Jägerhaus räumen. Herr Wolſton zuckte die Brauen. Was weißt du vom Jägerhaus? ſagte er in hohem Ton. Uebrigens wird es geräumt; dieſe ganze Unternehmung ſoll aufhören, ich habe ſie ſatt und bedarf ihrer nicht mehr. Was die Sol⸗ daten anbetrifft, vor denen du dich ſo ſehr zu 18 206 fürchten ſcheinſt, ſo kann es immerhin ſeine Richtigkeit damit haben; aber dann ſind ſie jeden⸗ falls nicht gegen uns beſtimmt, ſondern für uns, verſtanden? Du bildeſt dir ein, armſeliger Schurke, Alles zu wiſſen, und weißt doch nichts, gar nichts— Die Sicherheit, mit welcher der Commer⸗ zienrath dieſe Behauptung ausſprach, mußte jeden weiteren Einwand abſchneiden. Dienſteifrig ergriff Sandmoll die Lampe, dem gnädigen Herrn die Stufen hinabzuleuchten. Draußen auf dem ſchmalen Hausgange blieb Herr Wol⸗ ſton ſtehen; er legte dem Alten feierlich die Hand auf die verkrüppelte Schulter und ſah ihn lange mit forſchenden Blicken an. Du weißt nichts, alter Schurke, ſagte er langſam: aber Einiges doch, nämlich Alles, was es Niederträchtiges und Verworfenes gibt ſeit zwanzig Jahren und auf zwanzig Meilen in der Runde— was iſt das geweſen, ſprich, zwi⸗ ſchen meiner Frau und dem ſogenannten tollen Heiner? Sandmoll blickte zu Boden, mit einem Aus⸗ druck, der vermuthlich Verſchämtheit bedeuten ſollte; er blieb die Antwort ſchuldig, bis der Commerzienrath ſeine Frage zum zweiten Male wiederholte. Du brauchſt nicht zu fürchten, ſetzte er hinzu, daß ich dich an meine Frau verrathe, oder dir wegen der Geſchichte zürne, und wenn du ſelbſt dabei geholfen hätteſt: die ganze Sache iſt mir unausſprechlich gleichgiltig, und ich frage eigentlich gar nicht meinetwegen. Jetzt erſt blickte der Sandmoll wieder in die Höhe— mit einer ſolchen Miene diesmal von Verſchmitztheit und Lüſternheit, daß Herr Wolſton gar keiner weitern Antwort mehr be⸗ durfte. Es iſt gut, ſagte er kalt, ich habe es vor⸗ aus gewußt, nicht gerade dies, aber doch Aehn⸗ liches, das nicht beſſer iſt; ich hatte meine 208 Zwecke, daß ich ſie heirathete, ſie war die Cou⸗ ſine des Miniſters und iſt es noch— ich bin mit meiner Ehe zufrieden. Aber nun noch Eins, Sandmoll, und ſag' mir die Wahrheit, ſo lieb dir deine Kehle iſt— iſt der da, du weißt ſchon, der junge Menſch, den ſie aus der Hauptſtadt geſchickt haben...* Mein Sohn! betheuerte der Alte, indem er die runzliche Hand wie ſchwörend auf die Bruſt legte. Herr Wolſton maß ihn einige Augenblicke mit prüfenden Blicken. Ihr ſeid einander werth, ſagte er dann hohnlachend: Vater und Sohn, der Teufel ſelbſt kann ſie nicht beſſer zuſam⸗ menfinden. Gute Nacht, Schurke, und vergiß mir nicht das Document, ich rath' es dir—! So wie der Sandmoll in das Zimmer zu⸗ rückgekehrt, war die Reihe des Lachens an ihm. Er ſetzte die Lampe auf die Erde, tanzte, ſo gut dies bei ſeinem ſchweren, ſchlurfenden Tritte — —— —, 209 möglich war, vor Vergnügen in der Stube um⸗ her, warf ſich endlich in den alten ſchmierigen Lehnſtuhl, daß er krachte, und ſtieß dazu ein Gelächter aus, ein Gelächter— ſo lachen die Hyänen und der Schakal, wenn ſie den Duft friſcher Leichen wittern! Vater und Sohn! rief er, indem er ſich vor Behagen umherwälzte, es iſt ein prachtvoller Einfall, Vater und Sohn! O warte nur, Söhn⸗ chen, du ſollſt auch noch vor mir zittern, wie dieſer heut vor mir gezittert hat, ich ſah es recht gut, trotz ſeiner vornehmen Miene! Mit der Reitgerte wedelte er mir unter der Naſe herum? Nur zu, nur zu, wir werden ihm auch unter der Naſe wedeln, mit Papierchen, die er gewiß nicht unter den Spiegel ſtecken ſoll! Dazu knackte er mit den Fingern und ſchnitt ſo gräuliche Geſichter, daß ſogar die Diebslore ihn verwundert anſtarrte. Dies brachte ihn denn aus ſeinem Freuden⸗ 210 taumel endlich wieder zu ſich; er ſprang auf, rüttelte ſeine Freundin an der Schulter: Auf, auf, rief er, ans Werk! Der Commer⸗ zienrath hat Recht, du mußt das Papier ha⸗ ben, noch heute— aber nicht für ihn, Lore! nicht für ihn, hörſt du?! Du mußt das Papier nehmen, in Güte oder Gewalt, ſogleich, dieſe Stunde— es iſt die Zeit jetzt, wo der Meiſter mich beſuchen will, es ſoll mir ein Plaiſir ſein, ich bin in der Laune jetzt, mir etwas von ihm vorwimmern zu laſſen— Lene wird allein ſein, Niemand wird dich ſehen— aber ſchwör' es mir, nicht für ihn!! Lore ſah ihn mit ihren matten, faden Blicken gleichgiltig, beinahe mitleidig an. Wie würd' ich denn, für ihn! ſagte ſie: das kann ſich ja ein Kind doch denken, daß das nicht für ihn ſoll. Sandmoll ſchien von einem plötzlichen fin⸗ ſtern Gedanken heimgeſucht. Das Weib wird 211 mir zu klug, murmelte er: wenn auch ſie falſch wäre! auch ſie mich betröge! Es iſt faſt zu viel, was ich in die Hand dieſes Weibes lege, ſie ſteckt ſo viel mit dem Pfaffen zuſammen— ah was, tröſtete er ſich, ſie wagt es nicht! und ſelbſt wenn ſie ein Gelüſt dazu hätte, meine Hand iſt ſchwer und iſt ihr noch von neulich her in friſchem Andenken— ſie wagt es nicht! Lore verſtand von dieſem Selbſtgeſpräch na⸗ türlich nicht das Mindeſte; ſie ſah bald auf den Sandmoll, bald vor ſich nieder, mit einer Ge⸗ laſſenheit, die durch nichts übertroffen werden konnte. Endlich, wie ſie merkte, daß der Sand⸗ moll wohl fertig wäre: Aber wenn ich ſie nun nicht allein treffe? fragte ſie. Ich ſage dir, du triffſt ſie allein, ſtöhnte der Sandmoll: Und wenn du ſie nicht allein triffſt, ſo biſt du ja ein kluges Weib, mein Weib,— du wirſt Mittel finden, die Uebrigen zu entfernen— 212 Ich gehe ſchon, ſagte das Frauenzimmer, in⸗ dem es den ſchmuzigen, zerfetzten Mantel um ſich nahm. Noch unter der Thür lief der Alte ihr nach. So wie du das Papier haſt, flüſterte er, ſo bringſt du es mir— verſtehſt du? keinem An⸗ dern als mir— und ſagſt keinem ſterblichen Men⸗ ſchen ein Wort davon, weder jetzt noch künftig! Du weißt, Lore, wenn du mich böſe machſt.... Lore hatte ihn verſtanden; ſie ſchüttelte die Schultern und nickte bedächtig. So geh, geh, ſagte der Sandmoll, indem er ſie vorſichtig aus der Thür ſchob: und wenn ſie etwa ſchreien will— ein einziger Druck an der Kehle— ſo— mit dieſen drei Fingern— du kennſt ihn... Sorgfältig zog er die Thür hinter ihr zu. Sie aber, noch unten im Graben, blieb ſtehen, wandte ſich um gegen das Haus, ballte die Fauſt, ſpie aus— 213 Nicht für ihn! ſpottete ſie ihm nach: o ganz gewiß nicht für ihn!! Und was die Schläge anbetrifft, mit denen er mir droht, ſo hat mir der Herr Prediger verſprochen, daß die Hand, die mich ſchlägt, verfaulen ſoll lebendig.... Dieſe Worte leiſe in ſich hineinmurmelnd, zog ſie den Mantel dicht über ſich zuſammen, und lief ſpornſtreichs, quer über den Platz, auf das Haus des Meiſters zu. Zwölttes Kapitel. Zwei Weiber. Nachdem Reinhold ſich überzeugt hatte, daß die Schwäche, welche die Tante befallen, vor⸗ über, hatte er die Kienfackel angezündet und ſich alsdann, da er doch noch immer nicht ganz wegen ihres Befindens beruhigt war, aufge⸗ macht, ſeinen Vater aufzuſuchen. Als Wächter hatte er den Großvater bei ihr zurückgelaſſen. Einen vortrefflichen Wächter, wie wir be⸗ reits wiſſen; auch diesmal war Reinhold noch keine hundert Schritte vom Hauſe, ſo hatte die behagliche Wärme des Zimmers den durchfrore⸗ nen Alten auch ſchon richtig in den ſüßeſten Schlummer eingelullt. —— Lene lag ruhig, wiewohl wachend im Bett. Sie hielt die Augen nach ihrer Gewohnheit feſt an die Decke geheftet; nur zuweilen, auf Mo⸗ mente, mit ſcheuem Entſetzen, richtete ſie ſie auf das Fenſter gegenüber, als ob trotz der dicht⸗ verſchloſſenen Laden ein fremdes Antlitz zu ihr hineinſchauen könnte. Er läßt mich doch nicht, murmelte ſie vor ſich hin, er kommt ganz ge⸗ wiß noch, er hat es mir mit einem Eidſchwur angedroht, und alles Bitten, alles Flehen mei⸗ nes Bruders wird ſein ſteinernes Herz nicht erweicht haben. Ach, wenn das nicht wäre, wie gern, wie ruhig wollte ich ſterben! Aber wenn ich denke, daß ich nicht einmal nach dem Tode ſoll in meinem Sarge liegen wie andere Men⸗ ſchen— daß ich kein Grab haben ſoll, auf das mein Reinhold ein Kreuz pflanzen kann und arme, kleine Blumen— ja wenn ich denke.. Sie hatte dieſe letzten Worte, ſich ſelbſt un⸗ bewußt, halblaut vor ſich hingeflüſtert— 216 Du brauchſt es ja nicht zu leiden, du kannſt dich ja loskaufen, Thörin, die du biſt, ſagte plötzlich eine dumpfe, rauhe Stimme neben ihr. Lene fuhr mit einem leiſen Schrei in die Höhe, ſie erkannte die Stimme ſogleich— es war die Stimme der Diebslore. Leiſe hatte die⸗ ſelbe die Thür geöffnet, war mit dem katzen⸗ ähnlichen Tritt, der ihr eigenthümlich war, an dem Schlafenden vorbeigeſchlichen— was hatte ſie auch von dem Blödſinnigen zu fürchten, ſelbſt wenn er erwachte?— und ſtand nun dicht an Lenens Bette. Ich habe es dir ſchon oft geſagt, ſagte ſie, du kennſt den Preis; was nützen dir die Pa⸗ piere? Das junge Mädchen wird dir doch nicht einmal Dank dafür wiſſen, ſie wird dich ver⸗ laſſen, wie du ſchon einmal verlaſſen wurdeſt— Lene ſchüttelte heftig mit dem Kopfe: Wir wollen ihm Geld geben, flüſterte ſie, Alles was wir haben, das ganze Haus ſoll ſein eigen ſein.. ———— —————— 217 Was ſoll ihm die Hütte? ſpottete das fürch⸗ terliche Frauenzimmer: er wird bald ſo ſicher ſitzen, ſag' ich dir, daß er kein Haus mehr braucht, weder ein eigenes noch ein fremdes. Das tröſte dich, arme Närrin; ich will dich rächen, dich und mich! Sie hatte dieſe letzten Worte ſo vor ſich hingemurmelt, daß Lene nichts davon vernom⸗ men. Auch waren ihre Gedanken anderwärts beſchäftigt. Und wenn ich es thäte, ſagte ſie, offenbar mehr vor ſich hin als zu ihrem Be⸗ ſuch— thun könnte, ohne einen Eid zu ver⸗ letzen und mich der ewigen Verdammniß preis⸗ zugeben: ich kenne ihn ja, er hielte ja doch nicht einmal Wort..! Ah, du kennſt ihn wirklich, wie ich merke, ſagte die Alte: ganz gewiß hielte er nicht Wort, und eben darum ſollſt du das Papier mir geben, verſtehſt du, mir? Er ſoll es nie in die Hand bekommen, nie; dem Herrn Prediger will ich es Das Engelchen. III. 10 geben, dem guten Herrn Prediger, der neulich bei dir geweſen iſt— o der Herr Prediger iſt ſehr gütig, ſehr mächtig, der kann Alles, was er will! Auch ein ehrliches Grab kann er dir verſchaffen, wenn du ihm gehorſam biſt und gibſt mir das Papier. Ich habe kein Papier, weiß von keinem Papier, ſtöhnte Lene. Du weißt von einem Papier, du haſt ein Papier, erwiderte Lene mit fürchterlicher Sicher⸗ heit: Hier unter deinem Kopfe haſt du es, hier— ſoll ich hinfühlen? Siehſt du— gerade hier... Entſetzt richtete Lene ſich in die Höhe: Um der Wunden Jeſu willen, ſtammelte ſie, du biſt ein Weib, du kannſt mir das nicht thun..! So laut hatte das geängſtigte Weib dabei ihre Stimme erhoben, daß Lore befürchtete, der alte Großvater möchte erwachen, oder es möchte ſonſt Jemand dazu kommen. Sie horchte hoch auf; es war ihr, als hörte ſie ein Geräuſch an der Hof⸗ wand— Aber nein, es war Alles ſtill; nur der wahn⸗ witzige Alte war es geweſen, der im Schlafe ſprach und vor ſich hinlachte.... Was denkſt du denn, daß ich dir thun werde? ſagte ſie kalt, indem ſie immer näher und immer dichter an die Kranke heranrückte, ihren langen knöchernen Arm immer feſter, immer unwider⸗ ſtehlicher zwiſchen die Kiſſen ſchob:— Freilich bin ich ein Weib, und eben weil ich ein Weib bin und damit du ſiehſt, daß ich dich lieb habe und es gut mit dir meine, will ich dir etwas ſagen, was kein Menſch weiß außer mir und ihm, der es gethan hat. Es iſt zu ſchändlich, zu ſchändlich von ihm, unterbrach ſie leiſe mur⸗ melnd ſich ſelbſt: ich kann die arme Thörin nicht ſo hinſterben laſſen, ohne daß ſie es nicht wenigſtens zuletzt noch erfährt— einer Mutter das! einer Mutter!! Ach, ich habe auch einmal 10* ein Kind geboren, ich kannte ſelbſt nicht den Mann, der ſein Vater wäre, es ſtarb in der Geburt— aber genug, ich weiß doch, wie einer Mutter zu Muthe iſt, und kann es nicht dul⸗ den, daß er ein ſolches Spiel treibt mit einem Weibe, einer Mutter! Heda, ſchrie ſie Lenen ins Ohr, indem ſie ſich dicht über dieſelbe nie⸗ derbeugte und ſie jetzt faſt ſchon wie ein willen⸗ loſes Kind in ihre Arme geſchloſſen hielt—: horch auf, Püppchen, ich will dir was ſagen, von deinem Herzblatt, deinem Reinhold— es iſt ja doch wohl dein Herzblatt, dein Reinhold, gelt? Das elende, gemarterte Weib, in Todesangſt ringend, die ſchwere Wucht dieſer eiſernen Arme immer feſter um Bruſt und Nacken fühlend, ver⸗ mochte nur noch mit einem dumpfen Röcheln zu antworten. Lore legte das Ohr dicht an ihren Mund: Ah ſo, ſagte ſie, das geht ja raſcher, als wir 221 gedacht haben, die Kleine ſtirbt mir ja, glaub' ich, noch unter den Händen... Und raſch zufahrend wie ein Tiger, fuhr ſie mit der Linken jetzt unter die Kiſſen, jetzt unter die Decke, durchwühlte das Stroh des ärmlichen Lagers, während ſie mit der Rechten wie mit einem Bleigewicht Lenens kraftloſe Hände zu⸗ ſammenpreßte— Erbarmen, Hülfe, Rettung! ſtöhnte die Un⸗ glückliche.... Nur ſtille, mein Mäuschen, nur ruhig, du könnteſt deinem Brüſtchen Schaden thun, höhnte das entmenſchte Weib. Der Großvater lachte hell auf im Traum; von draußen her ſchienen ſich Tritte dem Hauſe zu nähern. Nur ſchnell, nur hurtig, mein Mäuschen, fuhr Lore fort, indem ſie, durch die Tritte von draußen beängſtigt, immer heftiger, immer eif⸗ riger das Bett durchwühlte— da, jetzt, indem ſie dem faſt ſchon ſtillſtehenden Herzen der ar⸗ men Kranken zunächſt kam, da fühlte ſie es, das mußte es ſein— ganz deutlich, ein Heft Papiere— das war es!! Warum denn ſo viel Umſtände machen, mein Täubchen? flüſterte ſie hohnlachend: bin ja ſchon gut, iſt ja ſchon Alles vorüber... In demſelben Moment, da Lore das Papier berührte, das ſo lange zunächſt dem Herzen der unglücklichen Lene ſeine Freiſtatt gehabt hatte, war es, als ob Bewußtſein und Leben in die ſchon halb Geſtorbene zurückkehrte; mit einem gellenden Schrei riß ſie ſich in die Höhe, griff mit beiden Händen das Papier, das Lore noch immer mit der Linken feſt und ſicher hielt— einen Augenblick lang zerrten Beide daran— Was vermochte der Widerſtand der Sterben⸗ den gegen die Uebermacht der furchtbaren Die⸗ bin? Ihre Hände ſanken kraftlos zurück— O, nur ruhig, nicht kratzen, höhnte die Die⸗ 223 bin, indem ſie das Papier völlig aus Lenens Händen wand— Dann ſprang ſie raſch in die Mitte der Stube, riß mit einem kräftigen Griff die Kienfackel von ihrer Stelle, zertrat ſie mit dem Fuß, daß ſo⸗ fort tiefe Dunkelheit das ganze Zimmer umhüllte, huſchte zur Thür hinaus über die niedrige Hof⸗ mauer hinweg... So ſtolz war ſie über den gelungenen Streich und ſo viel teufliſche Pläne, Pläne langjähriger, glühender Rache knüpften ſich für ſie daran, daß ſie, indem ſie ſich jetzt im Sichern wußte und raſch den Weg nach dem Pfarrhauſe ein⸗ ſchlug, nicht unterlaſſen konnte, das Papier triumphirend in die Höhe zu ſtrecken und mit leiſem Gelächter—: Ich hab' es! ich hab' es! jauchzte ſie, aber nicht für ihn, nein, ganz ge⸗ wiß nicht für ihn!1 Allein bevor noch dies letzte Wort völlig ihrer Lippe entflohen, fühlte ſie ſich von einer rieſigen 224 Fauſt mit unwiderſtehlicher, übermenſchlicher Ge⸗ walt im Nacken erfaßt und mit einem einzigen furchtbaren Druck gegen die Erde geſchleudert; in demſelben Augenblick war ihr das Papier entrungen— Nacht und Entſetzen lagerte ſich auf die Sinne des entſetzten Weibes, und nur noch wie im Traum hörte ſie ſchwere Tritte, die ſich raſch von ihr entfernten. Vergebens ſuchte ſie ſich in die Höhe zu raffen, alle Glieder wa⸗ ren ihr wie zerſchmettert, mit furchtbarem Wuth⸗ gebrüll ſchlug ſie die Nägel in die Erde..., 8 Sechstes Buch. Sarg und Wiege. 10** Erstes Kapitel. Das Rendezvous. Die Stimme, welche Angelica ſo plötzlich in der Dunkelheit angeredet, hatte Niemanden an⸗ ders gehört als— Herrn von Lehfeldt. Ich bin unglücklich, ſagte er, theure Miß, daß Sie nach mir verlangt haben in einer Zeit, wo ich durch eine höchſt verdrießliche Angelegen⸗ heit verhindert war, Ihren Befehlen zu folgen. Aber die erſte Nachricht, welche mir der Zufall von Ihnen gebracht, hat hingereicht, mich zu Ihren Füßen zurückzuführen; verfügen Sie ganz über mich, ich werde ſtolz, ich werde glück⸗ lich ſein, wozu Sie mich auch machen wer⸗ 228 den, ob zu Ihrem Sklaven, oder zu Ihrem Ritter. Bei aller Anmuth, mit welcher der junge Mann dieſe Anrede hervorbrachte, lag doch in ſeinem Ton etwas Gezwungenes, etwas Lauern⸗ des, das jedem Andern, der ein aufmerkſameres Ohr gehabt hätte, als es in dieſem Augenblicke mit Angelica der Fall war, nothwendig hätte auffallen müſſen. Dieſe dagegen war durch den haſtigen und unfreundlichen Abſchied des Juſtiz⸗ raths zu erſchüttert, die Begegnung ſelbſt kam ihr zu unerwartet, zu willkommen in dieſem Augenblick, als daß ſie auf dergleichen hätte merken ſollen. Ach in der That, rief ſie, indem ſie ihm herzlich die Hand darreichte, Sie ſendet mir der Himmel! Ich habe mich eines Unrechts gegen Sie anzuklagen, Herr von Lehfeldt, eines Un⸗ rechts, das man allemal begeht, wo man blos das Gute, nicht auch das Böſe mit ſeinen ——— 229 Freunden theilen will und zu ſtolz, vielleicht auch nur zu zaghaft, zu ungeſchickt iſt, ſich ih⸗ rem Rath, ihrem Beiſtand anzuvertrauen. Jetzt ſeh' ich, daß der Himmel ſelbſt es ſo haben will; er läßt mich Sie finden, in demſelben Augenblicke, da ich von aller übrigen Welt ver⸗ laſſen bin, und da ſelbſt Diejenigen, die ich bis⸗ her für meine treueſten, meine auftichtigſten Freunde hielt, ſich in Jorn und Verkennung von mir kehren. Die herben, ſpitzigen Worte, welche Rein⸗ hold vorhin an ſie gerichtet, brannten noch in der Seele des jungen Mädchens nach und mach⸗ ten ſie entgegenkommender gegen Herrn von Leh⸗ feldt, als ſie es ohne dies geweſen ſein würde. Ich bin ganz Ohr, erwiderte Herr von Leh⸗ feldt, indem er ihr den Arm bot: aber in das Schloß darf ich Sie nicht begleiten, meine Gnädige, wenigſtens heute nicht, ich bin über⸗ haupt nur Ihretwegen hierher zurückgekommen, 230 ganz allein nur Ihretwegen, und es iſt vielleicht nicht ohne Gefahr für mich, daß ich es gethan habe. Angelica ſah ihn fragend an. Ich weiß, was Sie ſagen wollen, fuhr der junge Mann mit Lächeln fort, und habe Ihren Vorwurf verdient. Ja freilich gehe ich noch immer mit Geheimniſſen um: aber mein Wort darauf, dies ſoll das letzte ſein. Und haben Sie denn, meine ſchöne Freundin, nicht auch Ihre Ge⸗ heimniſſe? Wohlan denn, tauſchen wir Ge⸗ heimniß um Geheimniß— das heißt, wenn Sie mich deſſen würdig halten, gnädiges Fräu⸗ lein Herr von Lehfeldt ſagte dieſe letzten Worte wiederum in einem ſo zurückhaltenden, ſo ehrerbie⸗ tigen Tone, daß jede Beſorgniß über das Ei⸗ genthümliche, vielleicht ſogar Unziemliche dieſes Zuſammentreffens verſchwinden mußte, voraus⸗ geſetzt, daß Angelica in ihrer jetzigen Stimmung 231 überhaupt noch Rückſichten dieſer Art genom⸗ men hätte. Auch ſah ſie ſelbſt ein, daß ein ver⸗ trauliches Geſpräch mit Herrn von Lehfeldt in den Sälen des Schloſſes unmöglich war, we⸗ nigſtens jetzt und zu dieſer Stunde; ſie hielt es noch immer für beſſer, ihm ein Geſpräch auf freier Straße zu verſtatten, als ihn etwa ins⸗ geheim in ihr Zimmer zu laden. Ueberdies ſchien der Mond hell und die Stunde war noch keineswegs ſo ſpät, daß die Straße ſchon völlig vereinſamt geweſen wäre. Sie ließ ihm alſo gutwillig den Arm, den er ergriffen hatte, und ſchritt, wenn auch nicht ohne innere Befangen⸗ heit, an ſeiner Seite dahin, abwärts vom Schloß, in das Dorf hinein. Auch Herr von Lehfeldt ſchien von einer plötzlichen Befangenheit befallen, oder ſagen wir beſſer, Schüchternheit; er führte Angelica ſo vorſichtig und zeigte in ſeinem ganzen Weſen ein ſolches Gemiſch von Aufregung und Er⸗ 232 gebenheit, Beſtürzung und Freude, als könnte er ſich in das Glück, das ihm zu Theil ward, noch gar nicht recht finden. Indem ſie an eine Seitengaſſe gelangt wa⸗ ren, die am Gehöft des Meiſters entlang ins Innere des Dorfes führte, begegnete ihnen eine finſtere, wüſte Geſtalt, den Kopf lauſchend vorn⸗ über gebeugt. Kaum konnte Angelica einen hel⸗ len Aufſchrei unterdrücken— es war wiederum der Tolle! Angelica's Knie bebten und ängſt⸗ licher ſchmiegte ſie ſich an ihren Begleiter an, der den Tollen gar nicht zu bemerken ſchien und ſie fragend anblickte, woher dieſe plötzliche Beſorgniß. Auch war dieſelbe wirklich ohne Grund geweſen; der Tolle ſchritt an ihnen vor⸗ über, ohne ſie nur eines Blickes zu würdigen. Waren die beiden jungen Leute gegenſeitig mit ihren eigenen Gedanken ſo ſehr beſchäftigt, oder wollte Herr von Lehfeldt es Angelica ab⸗ ſichtlich überlaſſen, das erſte Wort zu ergreifen, 233 genug, auf die erſte lebhafte Begrüßung war ein deſto tieferes Stillſchweigen gefolgt; nur einzelne abgebrochene Aeußerungen über ziemlich gleichgiltige Gegenſtände verkürzten die lange, einſame Wanderung. In der That war Angelica unſchlüſſig ge⸗ worden, ob ſie nicht dennoch Unrecht thäte, Herrn von Lehfeldt allein, ohne Reinhold, in ihr Vertrauen zu ziehen, und ob es nicht ge⸗ eigneter wäre, ſie ſuchten das Haus des Mei⸗ ſters auf, um die Angelegenheit daſelbſt ſogleich gründlich zu beſprechen und alle die Misver⸗ ſtändniſſe zu löſen, die ſich zwiſchen Reinhold und ihr zu entſpinnen drohten. Ohne die Be⸗ gegnung des Tollen würde ſie ihren Begleiter auch ganz gewiß erſucht haben, beim Meiſter einzutreten; aber dieſe Nachbarſchaft war ihr zu unheimlich, und willig daher ließ ſie ſich wei⸗ ter führen, ſie wußte ſelbſt nicht wohin. Plötzlich blieb Herr von Lehfeldt ſtehen Der Wind geht ſchärfer als ich dachte, ſagte er, und ich kann es nicht verantworten, theure Miß, Sie dieſer unfreundlichen Witterung noch län⸗ ger auszuſetzen; auch ſcheint dieſer Spaziergang zu ſo ſpäter Stunde Ihnen doch nicht ganz nach Wunſch zu ſein. Hier, wir ſind am Hauſe Ihres Freundes Leonhard; wenn Sie erlauben, ſo poche ich ihn heraus, und bitte um Einlaß für uns Und ſiehe da, bevor das Engelchen noch hatte Ja oder Nein antworten können, ging die Thür auf, und Anna, des Schulmeiſters Schwe⸗ ſter, leuchtete ihnen entgegen. Sie hatte ſich ſorgfältiger gekleidet als gewöhnlich; auch ſchien ſie über die plötzliche Erſcheinung ihrer Freun⸗ din nicht im mindeſten verwundert. Das Zim⸗ mer war leer und von behaglicher Wärme durch⸗ floſſen; zwei Stühle waren an das Kamin gerückt. Es war aus allen dieſen Einrichtungen ganz 235 offenbar, daß ſie keineswegs durch bloßen Zu⸗ fall oder einen bloßen plötzlichen Einfall des Herrn von Lehfeldt hierher kamen: ſondern die⸗ ſer Beſuch war ohne Zweifel vorbereitet und ſogar von Anna ſelbſt erwartet worden. Auch hatte Anna etwas ſo ſeltſam Befangenes, Feier⸗ liches in ihrem Weſen; ſie vermied es Angelica ins Geſicht zu ſehen, und ihre Stimme war leis und ängſtlich. Unſchlüſſig blieb Angelica auf der Schwelle des Zimmers ſtehen: Und dein Bruder Leon⸗ hard? fragte ſie haſtig; wo iſt Leonhard? Ich gehe ſchon, ihn zu holen, ſagte Anna, indem ſie die Lampe auf den Tiſch ſetzte und die Thür hinter ſich zuwarf. Erſchöpft ſank Angelica auf den Stuhl. Herr von Lehfeldt blieb in beſcheidener Entfernung vor ihr ſtehen; ſein halb fragender, halb vorwurfsvoller Blick erinnerte ſie an den Zweck, warum ſie ihm ei⸗ gentlich dieſe Zuſammenkunft gewährt— 236 Ich bin ein ſehr thörichtes Mädchen, ſagte ſie, indem ſie ſich zu lächeln zwang: und es ſcheint in der That mein Schickſal zu ſein, alle meine Freunde durch meinen Unverſtand von mir zu ſcheuchen. Auch Sie, Herr von Leh⸗ feldt, was müſſen Sie von mir denken? da ich Sie erſt ſelbſt um dieſe Unterredung gebeten habe— und nun, da es Zeit zum Sprechen wäre, verſchließt mir, ich kann es nicht leugnen, eine kindiſche Furcht den Mund.... Herr von Lehfeldt hatte ſich ihr zwei Schritte genähert. O, rief er, mit einer Leidenſchaft, die um ſo deutlicher in ſeiner Stimme nachzitterte, je mehr er ſelbſt ſie zu verbergen ſuchte: O, theures Fräulein, wenn Sie wüßten, wie ſchön dieſe Furcht ſie kleidet! Zürnen Sie mir nicht, wenn ich in dieſem Augenblicke, wo ſo ernſte, ſo ſchmerzliche Intereſſen Ihre Bruſt bewegen, mich dem Eindruck Ihrer Schönheit nicht ent⸗ ziehen kann;— wer kann auch das Auge in die ———————— Sonne gerichtet halten und würde nicht blind für alles Uebrige? Er hatte ſich vorn übergebeugt, ihre Hand an die Lippen zu drücken. Aber mit ſo viel Ehrerbietung und ſo viel ritterlichem Anſtand es auch geſchah, ſo zog Angelica ihre Hand doch mit Heftigkeit, wie verletzt, zurück. Erlauben Sie, ſagte ſie, daß ich meine Er⸗ zählung verſchiebe, bis Leonhard kommt. Er iſt. ein verſtändiger Mann, mein alter Freund und Lehrer; auch ſeine Meinung wird mir von Nutzen ſein in der verwickelten und traurigen Ange⸗ legenheit, welche ich Ihnen anzuvertrauen habe. Sie haben mir nichts mehr anzuvertrauen, rief Herr von Lehfeldt, ich weiß bereits Alles, Alles, theure Freundin—! Sie wiſſen? rief Angelica, indem ſie über⸗ raſcht in die Höhe fuhr. Sie haben mich ja ſo oft einen Hexenmei⸗ ſter geſcholten, theure Miß, entgegnete der junge 238 Mann, indem er ſie mit bittender Geberde auf ihren Seſſel zurück nöthigte: was für ein Menſch wäre ich denn, ſechs Monate in Ihrer bezau⸗ bernden Nähe gelebt zu haben, und mein Herz hätte mich nicht längſt gelehrt, was ja ſelbſt für die Neugier des Publicums nur noch ein offenes Geheimniß iſt? Ein offenes Geheimniß? ſtammelte Ange⸗ ica Gewiß, wiederholte der junge Mann: es iſt nur noch ein offenes Geheimniß, daß ein Teſta⸗ ment Ihrer verſtorbenen Mutter exiſtirt, durch welches Sie genöthigt werden, ſich bis zum Ab⸗ lauf Ihres zwanzigſten Jahres, das heißt alſo binnen wenigen Tagen, einen Gemahl unter Zu⸗ ſtimmung Ihres Herrn Stiefpaters zu wählen... Angelica erröthete. Nun wahrlich, ſagte ſie, nicht ohne Empfindlichkeit: Sie ſcheinen ſehr genau unterrichtet von meinen Verhältniſſen, Herr von Lehfeldt. Ganz genau, verſetzte er, ohne ſich durch dieſe Empfindlichkeit irre machen zu laſſen: ge⸗ nauer vielleicht, meine ſchöne Freundin, als Sie ſelbſt. Ich weiß auch, daß im Hauſe des ſo⸗ genannten Meiſters eine Schrift exiſtirt von der Hand Ihrer Frau Mutter, durch welche allem Vermuthen nach das ganze, für Sie ſo ver⸗ hängnißvolle Teſtament entkräftet wird; ich weiß auch, daß Ihr Herr Stiefvater ſich um jeden Preis in den Beſitz dieſes Documentes ſetzen will— weiß, daß auch der Prediger, dieſer gleißneriſche Betrüger, mit ihm im Complote iſt— weiß, daß das Document vielleicht dieſe Nacht noch in ihre Hände fällt.... Angelica ſchrie laut auf: Um des Himmels willen, welche Spione haben Sie?! Nur einen einzigen, erwiderte Herr von Leh⸗ feldt mit trübem Lächeln— mein Herz. Aber allerdings bin ich von dieſem beſſer bedient als Ihr gelehrter Freund, der Juſtizrath, von all 240 — — ſeiner verrotteten Weisheit. Der Juſtizrath hat Ihnen ſeine Dienſte aufgekündigt, er will nichts mehr mit Ihrer Angelegenheit zu thun haben; auch dies, gnädiges Fräulein, hat mein treuer, wachſamer Spion mir berichtet.... Die junge Dame rückte den Stuhl an die Wand zurück, ſo unheimlich ward es ihr. Und doch wieder, wenn ſie Herrn von Lehfeldt an⸗ blickte und ſah dieſe zurückhaltende, demüthige Zärtlichkeit, die aus ſeinem Antlitz leuchtete, und ſah, wie der ſchöne, ſtolze Mann vor ihr ſtand, ſo ergeben, ſo ehrerbietig, ſo hängend an einem Blick ihres Auges, ſo fühlte ſie, wie ihr Ver⸗ trauen zu ihm zurückkehrte. Herr von Lehfeldt fuhr fort: Ich habe Ihnen geſagt, gnädiges Fräulein, Geheimniß um Geheimniß. Sie überzeugen ſich, daß ich die Ihren weiß, wenigſtens ſo viel da⸗ von, wie meine Freundſchaft mich zu wiſſen ver⸗ pflichtet und meine Ehrfurcht mir geſtattet; darf 241 ich Ihnen auch die meinen anvertrauen? Fürch⸗ ten Sie nicht, ſetzte er hinzu, indem er be⸗ merkte, wie Angelica unruhig nach der Thür ſchaute: für das Geheimniß, das hier ruht(die Hand aufs Herz preſſend), iſt die Stunde noch nicht gekommen; das darf ſich erſt ans Licht wagen, wenn ich etwas gethan habe, dieſes Glück zu verdienen, erſt wenn Ihr Lächeln mich ermuthigen, Ihr Mund mir zum Voraus Ver⸗ zeihung gewähren wird!— Sie ſind nicht glück⸗ lich, Angelica, und ich bin es auch nicht; Ihnen fehlt nur der äußere Friede, mir mit dem äußern zugleich der innere. O wenn Sie ahn⸗ ten, Angelica.... Der junge Mann ſagte dies Alles mit ei⸗ nem ſolchen Ausdruck von Wahrhaftigkeit und tiefſter, innerſter Erregung, das ſonſt ſo kalte Avge ſchwamm in ſo weichem, feuchtem Glanz, um den herben Mund ſpielte ſo aufrichtige, in⸗ nige Wehmuth— nein, wie es auch war, ſie Das Engelchen. III. 11 242 hatte ihm Unrecht gethan, er konnte nichts Bö⸗ ſes gegen ſie im Schilde führen! Herr von Lehfeldt, als läge das Herz des jungen Mädchens unter einer Glasſcheibe vor ihm, las deutlich jede Empfindung, die ſie be⸗ wegte, und jeden Gedanken, der ihr durch die Seele flog. Ich bin ſehr unglücklich, wiederholte er: un⸗ glücklich, Angelica, weil ich ſchlecht bin— oder doch nicht ſo gut, nicht ſo rein, wie ich ſein müßte, um dich zu verdienen, reines, himmliſches Weſen, rief er, von plötzlicher unwiderſtehlicher Leidenſchaft bewältigt, indem er vor ihr in die Knie ſank und die Hände, wie anbetend, zu ihr emporſtreckte: Sei du meine Beichtigerin, holde, fromme Heilige! Warum halt' ich es noch zurück? Ja, ja— ich liebe dich! habe dich geliebt mit verzehrender tödtlicher Leiden⸗ ſchaft, von dem erſten Augenblick an, da ich dich erblickte! Was denkſt du, flüſterte er, auf 243 beiden Knien zu ihr heranrutſchend und die Hände immer heftiger, immer ſchmerzlicher zu⸗ ſammenpreſſend— was denkſt du, daß es ge⸗ weſen iſt, was mich hierher geführt hat und mich ſo lange in dieſer Oede gehalten? Nicht Oede für mich— Paradies, Himmel, Seligkeit, weil ich die Luft trinken durfte, die du trankſt, meinen Fuß ſetzen durfte, wo du wandelteſtl Angelica, bei allen Mächten des Himmels und der Hölle, ich will jetzt ganz wahr ſein, ganz wahr— zum erſten Mal in meinem Leben! Ich bin nicht vom Hofe verbannt, ich bin nicht hier⸗ her verwieſen— es iſt eine ungeheuere, ver⸗ brecheriſche Intrigue— eine Intrigue, die von dem Miniſter in der Hauptſtadt ausgeht, mei⸗ nem unwürdigen Pflegevater, und deren Fäden in dieſem Augenblick noch in meiner Hand ruhen! Sie bedroht euch Alle, Alle, rief er in drohendem Ton, indem er mit trotziger Geberde vom Boden ſprang: Sie auch, Angelica! Ihren 11* 244 Vater, Ihren Bruder, Ihre Freunde, Alle, Alle!! Zwei mal vierundzwanzig Stunden noch und dieſe friedliche Gegend iſt verwandelt in ein Schlachtgefild, und die armen, elenden Men⸗ ſchen, für deren Unglück Ihr Herz ſo weich ſchlägt, Angelica, netzen mit ihrem Blute die harte, unfruchtbare Erde! Ein Wort von Ihnen, Angelica, ſchrie er und ſtürzte ſich aufs Neue leidenſchaftlich zu den Füßen des erſtarrten jun⸗ gen Mädchens: ein Wort von Ihnen, und der Pfeil, der ſchon von der Sehne ſchwirrt, kehrt in den Köcher zurück— ſagen Sie, daß Sie mich lieben, mich lieben wollen, mich lieben wer⸗ den— o Angelica, ſchluchzte er unter laut vor⸗ brechenden Thränen, in dem anſpruchsloſen bit⸗ tenden Tone eines Kindes: ich will ja gut wer⸗ den, Angelica! ich werfe alle dieſe Netze und Intriguen hinter mich und will nichts, nichts mehr, Angelica, als dich! dich ganz allein! nur dich! nur dich, Angelica!! 245 War Herr von Lehfeldt wahr in dieſem Au⸗ genblicke? War es vielleicht ein Moment wie jener, da er in der Mondſcheinnacht die einſame Gebirgsgegend, den Schauplatz ſeiner Kinder⸗ jahre, durchſtrich? Oder waren es auch jetzt nur leere Luſtblaſen, und ſein Herz empfand auch jetzt nichts von dem, wovon ſein Mund über⸗ ſtrömte?— Wir wagen nicht, dem Urtheil des Leſers vorzugreifen. Er hatte ſich leiſe wieder erhoben, ſchlang den Arm um das faſt bewußtloſe Mädchen, und zärtlich zu ihr niedergebeugt, indem ſeine Lippen faſt ſchon die ihren berührten: Willſt du das Wort ſagen, Angelica? flüſterte er, willſt du es ſagen? oder ſoll ich dich mit ſtarkem Arm davontragen auch wider deinen Willen, bis du es ſagen lernſt, meine geliebte, meine köſtliche Beute?* Angelica's Sinne waren längſt geſchwun⸗ den; nur noch in ganz ſchwachem Umriß ſah 246 ſie, wie das Angeſicht des jungen leidenſchaft⸗ lichen Mannes ſich immer näher, immer dichter an das ihre drängte, fühlte nur noch die heiße, verzehrende Flamme ſeines Athems— wollte aufſpringen, ſchreien— vermochte es nicht ehr Aufgemacht! aufgemacht!! donnerte es in demſelben Augenblick an die Thür, mit einem gewaltigen Ruck flog der Riegel zurück— der tolle Heiner, mit triumphirendem Gelächter ein Heft Popiere in die Höhe haltend, hinter ihm Reinhold, ſtanden vor dem überraſchten Paare. Zweites Rapitel. Das Vermächtniß der Mutter. Der tolle Heiner hatte nicht Unrecht, wenn er von ſich ſelbſt zu rühmen pflegte, daß in ſeinem Wahnſinn Methode ſei. Weit aufmerkſamer, als es irgend Jemand ahnte, hatte er das ge⸗ heimnißvolle Treiben im Fabrikdorf beobachtet und war weit tiefer eingeweiht in die Geheim⸗ niſſe des Schloſſes ſowohl als des Weberhau⸗ ſes, als man es nach ſeinem übrigen tollen Be⸗ nehmen hätte ſollen für möglich halten. Welche zufälligen Umſtände ihm dabei noch zu gute kamen und ob nicht namentlich ſein Freund, der Maler, indem er ihn für ſich zum Spion 248 benutzen wollte, ihm vielmehr behülflich war, ſich ſelbſt eine deſto genauere Kenntniß der Ver⸗ hältniſſe zu verſchaffen, darüber war er na⸗ türlich der Letzte, Auskunft zu geben. Die in der jüngſten Zeit ſo häufig wiederholten Gänge der Diebslore zum Hauſe des Meiſters hatten ſchon ſeit Längerm ſeine Aufmerkſamkeit erregt; wir haben nicht vergeſſen, welch tief verborgene Neigung ihn an die Tochter des Meiſters, Mar⸗ gareth, das Weib des rothen Konrad, gefeſſelt hielt, und ſo darf es uns auch nicht Wunder nehmen, daß ſeine Beobachtungen ſich vorzugs⸗ weiſe dem Hauſe zuwandten, wo Margareth wohnte. Auch am heutigen Abend hatte er daſſelbe ſeiner Gewohnheit nach umſchlichen; durch einen Spalt im Fenſterladen hatte er den ganzen ent⸗ ſetzlichen Auftritt zwiſchen der kranken Lene und der Diebslore beobachtet. Es war ſeinen zer⸗ rütteten Sinnen vielleicht nicht ganz deutlich 249 geweſen, um was es ſich dabei eigentlich handelte; nur daß es eine Sache von Wichtigkeit war, das hatte er wohl gemerkt. Darum hatte er ihr aufgelauert, als ſie den Weg zum Pfarr⸗ hauſe einſchlug; ſeine rieſige Fauſt war es ge⸗ weſen, die das beſtürzte Weib zu Boden g ſchlagen, ſeine Hand, die ihr das Documen entrungen, mehr aus Schadenfreude eigentlich, weil er den großen Werth ſah, den Lore auf ihre Beute legte, als aus Bosheit oder berech⸗ netem, bewußtem Plan. Seiner Gewohnheit nach, alles Wichtige und Merkwürdige, was ihm begegnete, ſeinem Freunde, dem Schulmei⸗ ſter, anzuvertrauen, hatte er ſich mit der ſelt⸗ ſamen Beute ſogleich nach dem Hirtenhauſe aufgemacht. Auf dieſem Wege war Reinhold, der ſeinen Vater bei Leonhard ſuchen ging, mit ihm zu⸗ ſammen getroffen. Auch gegen Reinhold hatte der Tolle ſo leicht kein Geheimniß. Daß die 250 Schrift aus dem Hauſe des Meiſters, von Rein⸗ hold's eigener Tante ſtamme, das hütete er ſich freilich zu geſtehen; nur im Allgemeinen ſagte er, es wäre ein Schatz, den er einer Hexe abge⸗ nommen, und der Schulmeiſter, als ein gelehr⸗ ter Mann, ſolle ihn heben. Eben ſo wenig Um⸗ ſtände machte er, Reinhold ſeinen Schatz in die Hand zu geben. Bei dem erſten Blick, welchen dieſer auf die Schrift warf, erkannte er ſofort, daß ſie in engliſcher Sprache abgefaßt war. Weiter darin zu leſen, geſtattete ihm ſeine Eh⸗ renhaftigkeit nicht; denn augenblicks, in ſehr natürlicher Gedankenverbindung, ſchloß er daraus, daß dieſelbe irgendwie zu Angelica in Beziehung ſtehen müſſe. Dieſe Schrift, ſagte er, gehört dem Fräu⸗ lein Angelica; wir müſſen ſogleich für einen zu⸗ verläſſigen Boten ſorgen, der ſie ihr überbringt. Oder getrauſt du dich etwa ſelbſt ſie im Schloſſe aufzuſuchen? 251 Der Tolle ſprang vor Vergnügen wie ein junges Reh und ſchwenkte die Beine wie Wind⸗ mühlenflügel. Ahi, ahi, rief er: Mit Schwür' und Beulen Sei ganz Athen beſät und ew'ger Ausſatz Die Ernte: Athem ſtecke Athem an, Daß ihre Näh' gleich ihrer Freundſchaft ſei, ₰ Gift durch und durch! Dein Schatz iſt nicht im Schloß, ſetzte er flüſternd hinzu, ich habe deinen Schatz eben geſehen, wie er mit ſeinem Schatz bei Leonhard in das Haus ſchlich—: Ihr Antlitz weiſſagt Schnee in ihrem Schooße, Sie ſpreizt ſich tugendlich und dreht ſich weg, Hört ſie die Luſt nur nennen... JZum Glück für den Tollen hörte Reinhold 4 das letztere Citat nicht mehr, ſeine Gedanken ſchweiften bereits auf eigener, verhängnißvoller Fährte, ein fürchterlicher Argwohn bemächtigte ſich ſeiner— Argwohn?! wie ſo? welches 252 Recht hatte er zu argwöhnen? ja nur zu fürch⸗ ten, er, der arme, verachtete Weberſohn?! Er lief nach dem Hirtenhauſe mit ſolcher Eile, daß der Bettler Mühe hatte ihm nur zu ſolgen; haſtig pochte er an die Thür, erſt nach längerm Zögern und nicht ohne ſichtbare Ver⸗ legenheit wurde von Anna geöffnet— das Uebrige wiſſen wir bereits. Auch machen wir keinen Verſuch, den wahr⸗ haft tödtlichen Schmerz zu ſchildern, von dem ſich Angelica ergriffen fühlte, da ſie, wie ſchuld⸗ los immer, ſich auf dieſe Weiſe von Reinhold überraſcht ſah. Sie hätte das Ganze gern für einen ſchweren, ſchweren Traum gehalten— aber nein, da ſtand er ja, Reinhold, ihr Ju⸗ gendfreund, deſſen Urtheil ihr theurer war als Alles, mit dem bleichen vorwurfsvollen Antlitz und den zornbebenden Lippen, das war ja der entſetzliche tolle Heiner, und hier hielt ſie ſelbſt ja eine Schrift, die man ihr in die Hand ge⸗ 253 preßt hatte, und hatte ihr Worte dazu geſagt, Worte, die ſie wohl hörte, aber nicht ver⸗ Leonhard, der in dieſem Augenblick erſt von einem ſpäten Ausgang nach Hauſe kam, machte dem peinlichen Auftritt ein Ende. Du wirſt das gnädige Fräulein bis an das Schloßthor begleiten, ſagte er in ſtrengem Ton zu Anna.— Mechaniſch, ohne Wort und Gruß, ließ die junge Dame ſich fortführen. Herr von Lehfeldt hatte eine Cigarre aus der Taſche genommen, ſuchte wohlbedächtig nach einem Zipfelchen Papier, kniffte daſſelbe, rauchte die Cigarre langſam mit behaglichen Zügen an. Dann ruhig zwiſchen den Männern hindurch⸗ ſchreitend: Ah ſo, ſagte er, indem er mit einem ſpöt⸗ tiſchen Blick den jungen Weber firirte: da iſt ja mein Bote von geſtern. Du haſt mehr Glück, Burſch, als du ſelbſt noch weißt: aber wenn 254 du es ſo ſchlecht benutzeſt, wie geſtern den Tha⸗ ler, den ich dir anbot, ſo wirſt du nicht weit damit kommen. Einen Büchſenſchuß vom Dorfe erwartete ihn eine Equipage und Diener mit Handpfer⸗ den; er warf ſich auf ſein Roß, ertheilte den Dienern ſeine Befehle und fort brauſte der Zug durch die nächtliche Stille.— Suchen wir inzwiſchen die Heldin unſerer Erzählung wieder auf. Mehre Stunden hatte ſie ſprachlos, betäubt, auf ihrem Bett gelegen; ihr ganzes Herz war zerriſſen, ſie ſehnte ſich einzuſchlummern, um nie wieder zu erwachen. Endlich erinnerte ſie ſich der Schrift, die ſo lange der Gegenſtand ihrer ungeduldigen Sehn⸗ ſucht, ihrer Hoffnung, ihrer Befürchtung ge⸗ weſen war, und die jetzt ein Chaos von Ereig⸗ niſſen, das ſie ſelbſt noch nicht zu enträthſeln vermochte, ihr ſo unvermuthet in die Hand ge⸗ geben hatte. Sie erhob ſich, nahm das Heſt, 255 küßte es inbrünſtig— ja wohl, das waren die theuren Schriftzüge ihrer Mutter! auf dieſen vergilbten Blättern hatte die geliebte Hand ge⸗ ruht, die jetzt ſo entfernt von ihr in einſamem Grabe moderte! Mit welcher Spannung, wel⸗ chem Herzpochen würde ſie ſonſt dieſe verhäng⸗ nißvollen Seiten umgeſchlagen haben! Aber ſo zerknirſcht und ermattet war ſie jetzt, daß ſie mit demſelben Gleichmuth ihr Todesurtheil aus⸗ einandergefaltet hätte. Die erſten Seiten enthielten wenig, was Angelica nicht bereits wußte, theils aus den Erinnerungen ihrer„ theils aus dem neulichen Bericht des es tſtizraths.— Wenn dieſe Blätter in deine Hände kommen werden, mein theures Kind, hob das Vermächtniß an, werde ich längſt nicht mehr unter den Lebenden ſein. Ich fühle es, der nagende Schmerz in der Bruſt und dieſe entſetzlichen Dämonen, die Dimonen r Reue, der Verzweiflung, welche ½ 256 mein armes Hirn durchwüthen, werden mir nicht geſtatten, die Knospe deiner Jugend, die jetzt ſo ſchön, ſo lieblich duftet, ſich zur Blüthe entfalten zu ſehen. Auch ſpricht der Verhaßte, mit deſſen Namen ich mich zu meinem eigenen Elend beladen habe, mehr als jemals davon, mich nach England zurückzuſchaffen. Er hat mich nie geliebt, ich weiß es, ich bin nur die Sproſſe ſeines Glücks, nur das Werkzeug ſeiner Habſucht, der ohnmächtige Gegenſtand ſeiner Rache geweſen; er ſieht mich ſchon längſt tief unter ſeinen Füßen, er verachtet mich und wirft mich weg. Nicht meines Lebens bin ich bei ihm ſicher, keinen Tag: darum muß ich eilen mit dem, was ich dir zu ſagen habe, mein geliebtes, un⸗ glückliches Kind, bevor es mir unmöglich gemacht wird. Es iſt ein trauriges, ein jammervolles Bekenntniß, das ich vor dir abzulegen habe, die Mutter vor der Tochter. Du biſt jetzt noch ein Kind; indem ich dies ſchreib — 257 Bett, bei ſorgſam verhüllter Lampe— denn ſeine Spione umlauern mich ja überall— ahnſt du, begreifſt du noch nicht, welche Schuld auf meinem Haupte laſtet, du lächelſt mir zu im Schlaf, und breiteſt deine kleinen Arme, dieſe lieben Arme, in denen ich allein noch Troſt und Rettung finde vor dem Bewußtſein meines Un⸗ glücks, nach mir aus, mich zu umfangen. Wirſt du meinem Andenken noch lächeln, wenn du dieſe Blätter geleſen haſt? wirſt du dem An⸗ denken deiner Mutter das Geſtändniß einer Schuld verzeihen, die nicht blos mein eigenes Leben vergiftet hat, nein, die ihre düſtern Schat⸗ ten auch noch in deine unſchuldvolle Jugend hinüberwirft? Ich bin ſehr ſchuldig, mein Kind: aber nicht ſo ſchuldig, nicht in dem Sinne ſchuldig, wie die Welt mich glaubt— glauben muß, weil ja der Mann, der ſich jetzt meinen Gatten nennt, mein erſter, mein furchtbarſter Ankläger 258 geweſen iſt! Was dieſe Blätter auch enthalten werden, und wie viel Unwahrſcheinliches, Un⸗ glaubliches du auch vielleicht in ihnen findeſt: glaube dennoch, mein Kind, dem Schwur, den deine Mutter in dieſem Augenblick auf die Stirn ihrer ſchlummernden Tochter leiſtet, dem Schwur, daß ich keinen Buchſtaben darin nie⸗ derzeichne, der nicht die vollſte und lauterſte Wahrheit enthielte. Ach, wird mein Geſtänd⸗ niß denn nur jemals in deine Hände gelangen? wirſt du den Tag erleben, wo du reif und ver⸗ ſtändig genug biſt, meine Beichte zu verneh⸗ men? Ja werden dieſe Blätter dich überhaupt nur zu finden wiſſen? und wird dann auch dein Herz noch warm und kindlich genug ſein, dei⸗ ner unglücklichen Mutter zu verzeihen? Ich weiß es nicht: und die entſetzliche Strenge, mit der ich bewacht bin, läßt mir ſogar nur wenig Ausſicht, dieſe Blätter vor meinem furcht⸗ baren Zwingherrn zu retten. Dennoch hoffe ich es 259 zu Gott: nicht um meinetwillen— ich habe es nicht verdient, ich habe durch Leichtſinn und Eitelkeit das Leben des Edelſten aller Männer hingeopfert und mich ſelbſt zum Werkzeug des Verruchteſten erniedrigt, der jemals in menſch⸗ licher Geſtalt unter Gottes Himmel gewandelt iſt— aber um deinetwillen hoffe ich es, meine arme, unglückliche Tochter! Deiner Unſchuld wird ſich Gott erbarmen; er wird die Liebe be⸗ lohnen, mit der du ſo früh ſchon der Troſt und die Stütze deiner verlaſſenen Mutter geweſen biſt; ihm empfehle ich dein Schickſal wie das Schickſal dieſer Blätter.— Auf dieſen Eingang folgte eine gedrängte Schilderung des Jugendlebens, welches Madame Wolſton im Hauſe ihrer Aeltern geführt; ſie etzählte, wie ſie Angelica's Vater, ihren erſten Gemahl, kennen gelernt, wie er ſich um ſie be⸗ worben, wie ſie die glückliche Gattin des ſchön⸗ ſten, edelſten, beſten Mannes geworden. Mit 260 den lebhafteſten Farben wurde das Glück ge⸗ ſchildert, deſſen ſie an der Seite ihres Gemahls genoſſen; nie habe ein Mann ſeine Frau mehr geliebt, nie ſei einer Gemahlin eine größere Herrſchaft eingeräumt geweſen, als es von ihm geſchehen. Ach meine Tochter, fuhr das Bekenntniß fort, hätte er mich weniger geliebt, es wäre ihm beſſer geweſen und mir! Ich liebte meinen Mann aufrichtig und innig; aber noch größer als meine Liebe— muß ich es geſtehen?— war meine Eitelkeit auf die Herrſchaft, welche ich über ihn übte. Ich war ſehr ſchön, wenig⸗ ſtens ſagten die Leute es ſo, und dein Vater wurde nicht müde, es mir jeden Tag und jede Stunde zu wiederholen; es gab nichts, was koſtbar, prächtig, begehrenswerth war, nichts, wonach ich nur den leiſeſten, flüchtigſten Wunſch geäußert hätte, er häufte es Alles zu meinen Füßen. Wäre ich ein wahrhaft rechtſchaffenes 261 Weib geweſen, ich hätte die Leidenſchaft deines Vaters zu mäßigen oder doch in den richtigen Schranken zu erhalten geſucht; ich hätte nicht zugegeben, daß er ſeine Freunde vernachläſſigte, ſein Geſchäft verſäumte, ſein Vermögen zerſplit⸗ terte, nur um mir und meinen ewig wechſeln⸗ den Launen zu huldigen. Ich that noch mehr, noch Schlimmeres: ich ſchwelgte in dem Be⸗ wußtſein der Herrſchaft, die ich über deinen Va⸗ ter übte, und ſuchte, in ſinnloſer Verblendung, ihn noch inniger an mich zu feſſeln, indem ich ſeine Eiferſucht erregte. O mein Kind, mein Kind, ich ſtehe hart an der Schwelle des Gra⸗ bes, und es würde ſich ſchlecht für mich ſchicken, wollte ich dich und auch jetzt noch belügen: aber erinnere dich des Schwurs, den ich dir im An⸗ fang dieſer Blätter geleiſtet habe, und glaube mir denn auch dies:— ich habe die Treue ge⸗ gen deinen Vater nie verletzt, nie, mit keinem Wort, keinem Gedanken, keinem noh ſo leiſen 262 Wunſch! Es war ein wahnwitziger Uebermuth des Glücks, der mich auf dieſer verderblichen Bahn fortriß— ich ahnte ja nicht, wohin ſie mich führen und wie bitter ich dieſen Wahn des Glücks durch meinen jetzigen Wahnſinn, die Frucht meines Unglücks, büßen ſollte! Es wurde weiter erzählt, wie gerade um jene Zeit Herr Wolſton bei Angelica's Vater ins Geſchäft getreten. Herr Wolſton(hieß es in der Schrift) war bereits ſeit Monaten in unſerm Hauſe; gewandt, von ſtattlichem Aeu⸗ ßern und einſchmeichelnden Manieren, hatte er ſich mir gleich anfangs zu nähern geſucht, um ſo mehr als es ihm nicht entgehen konnte, wer eigentlich in dieſem Haushalt die Zügel der Herrſchaft führte. Beinahe täglich machte er mir die Aufwartung in meinem Zimmer, bald in dieſem, bald in jenem, wie er ſich aus⸗ drückte, meine Befehle einzuholen oder mein Ur⸗ theil entſcheiden zu laſſen. Dennoch wenn man mich gefragt hätte, wie er nur ausſähe, ich hätte es nicht ſagen können, ſo gleichgiltig war er mir, und als ich auch endlich mit der Zeit ſeine Huldigungen bemerkte, wurde er mir dadurch doch nicht intereſſanter— nur ſpaßhaft. Dein Vater legte außerordentliches Gewicht auf Herrn Wolſton's Thätigkeit und ſeine ge⸗ ſchäftlichen Kenntniſſe. Zuweilen wenn ich mit ihm von Feſt zu Feſt eilte, von der Oper ins Concert, vom Concert auf den Ball, und mit wahrhaft verbrecheriſchem Leichtſinn die Zeit und die Freigebigkeit deines edeln Vaters brand⸗ ſchatzte, überfiel mich wohl eine Art von Reue, und ich fing an das Unwürdige und Strafbare meines Treibens zu empfinden. Aber dann beru⸗ higte dein Vater mich ſelbſt; es wäre kein Opfer, das er mir brächte, er brauche ſich jetzt nicht mehr ſo um das Geſchäft zu kümmern, und auch wegen der vielen Ausgaben dürfte ich mir keine Sorgen mehr machen, ſeitdem Herr Wolſton 264 ſeine Handlung leite. Begreifſt du die Verblen⸗ dung, meine Tochter? Dieſe beruhigenden Ver⸗ ſicherungen deines Vaters kränkten meine Eitel⸗ keit; ich wollte ihm koſten, er ſollte mir Opfer bringen, er ſollte die Zeit, die er mir widmete, die Schätze, die er an mich verſchwendete, mit Gefahr und Sorgen erkaufen, ſo verlangte es die unſinnige Selbſtſucht meiner Liebe. Ich fing an, die Liebe deines Vaters zu bezweifeln; er ſei kühler geworden, fürchtete ich, und beſchloß ſeine Leidenſchaften neu zu entflammen, indem ich ihm zum Schein, o ſo wahr ein Gott lebt, nur zum Schein— denſelben Mann zum Ne⸗ benbuhler gäbe, von dem er mir ja ſelbſt ſo viel Rühmens machte und mit deſſen Namen und Verdienſten er mich ſo häufig langweilte, während ich mit ihm von Tand, Putz, Vergnü⸗ gen plaudern oder mein Ohr zum hunderttau⸗ ſendſten Mal an den Schwüren ſeiner Liebe berauſchen wollte.— Ich habe dir gelobt, nichts 265 zu verſchweigen, meine Tochter; alſo ſei auch das Bitterſte geſagt: es war nicht dies allein, es war noch etwas Anderes, viel Schimpf⸗ licheres, was meine Wahl bei dieſem unſeligen Verſuch gerade auf Herrn Wolſton lenkte. Erſt⸗ lich wollte ich Herrn Wolſton ſelbſt züchtigen für die Anmaßung, mit der er meine Aufmerk⸗ ſamkeit auf ſich zu lenken geſucht; ich wollte ihm Hoffnungen erwecken, eitle, nichtige Hoff⸗ nungen, um ihn dann deſto tiefer, deſto ſchimpf⸗ licher zu enttäuſchen. Und zweitens— brauchte ich Geld, viel Geld, mehr Geld ſogar, als ich ſelbſt von der thörichten Liebe meines Mannes zu fordern wagte. Herr Wolſton aber ſtand der Kaſſe meines Mannes vor; er zeigte ſich auch in dieſem Punkt ſtets ſehr galant gegen mich und ſchlug mir nie eine Summe ab, nach der ich, auch ſelbſt ohne Wiſſen meines Man⸗ nes, ſchickte. Du erräthſt das Uebrige.... Dein Vater ſchien kein Auge zu haben für Das Engelchen. III. 12 266 die Auszeichnungen, mit denen ich ſeinen Ge⸗ ſchäftsführer ſeit einiger Zeit beehrte und die bereits in der Geſellſchaft Aufſehen zu erregen anfingen. Auch dies war nur ein Uebermaß ſeiner Liebe, jetzt ſehe ich es ein: damals aber beſtärkte es mich nur immer mehr in meiner furchtbaren Verblendung und reizte mich, das teufliſche Spiel, das ich trieb und zu dem Herr Wolſton ſich nur allzu willig hergab, im⸗ mer offener, immer ſichtbarer werden zu laſſen. Eiferſucht, dachte ich, gehört zur Liebe, wer nicht eiferſüchtig iſt, liebt nicht— und wollte alſo deinen Vater zur Eiferſucht nöthigen. So kam jener entſetzliche Morgen, o jener Morgen mein Kind— Todesſchauer durch⸗ rieſeln mich, indem ich an das Gericht denke, das mich jenſeit des Grabes erwartet: aber kein Gericht Gottes und keine Höllenqual der Ver⸗ dammten kann ſo entſetzlich ſein, wie die Er⸗ innerung an dieſen Morgen! 267 Ermüdet von Tanz und Spiel, träumte ich noch zwiſchen meinen ſeidenen Betten. Da höre ich plötzlich ein Laufen auf den Gängen, Thü⸗ ren fliegen, Jammergeſchrei wälzt ſich durch die Zimmer— ich ſpringe auf— ſtürze hin⸗ aus— hinunter zum Cabinet meines Man⸗ nes. Da S er, die Piſtole in der H mit zerſchmettertem Schädel. Wie ich wieder zu mir ſtand Herr Wolſton neben mir; er ſah mich an mit einem Lächeln— ach, mein Kind, es war das erſte Mal, daß ich dieſes Lächeln ſah—, aber wie oft ſeit⸗ dem habe ich es wieder geſehen, bei Tag, bei Nacht, bis ich wahnſinnig geworden bin über dieſes Lächeln!— Ihr Haus iſt bankerott, ſagte er, und die böſe Welt— indem er mir einen Brief entgegen⸗ ſtreckte, der mit dem Blute meines Gatten be⸗ ſpritzt war— thut mir, wie ich aus dieſem 12 268„ Schreiben erſehe, die ſehr unverdiente Ehre an, mich für den Gegenſtand Ihrer Gunſt zu hal⸗ ten. Ihr Herr Gemahl war nicht ſtark genug, das Zuſammentreffen zweier ſolcher Nachrichten zu ertragen.... Frage mich nicht, mein Kind, wie ich die nächſten Monate verlebt habe; frage auch nicht, wie es ſich gemacht hat, und auf welche Weiſe es möglich geworden iſt, was doch nur allzu bald Wirklichkeit war, ſchauderhafte, verbreche⸗ riſche Wirklichkeit! Die menſchlichen Handlun⸗ gen und Entſchlüſſe werden von einer ſolchen Maſſe kleiner unſcheinbarer Umſtände beſtimmt, und das Ungeheuerſte, das Unglaublichſte ſelbſt wächſt ſo langſam, ſo allmälig empor, daß wir es nicht eher gewahr werden, als bis es in ſei⸗ ner ganzen furchtbaren Geſtalt vor uns ſteht. Der Gedanke, mein Leben in Zukunft in Ar⸗ muth und Entbehrungen hinbringen zu müſſen, war mir ſo entſetzlich, der Eifer, mit welchem 269 Herr Wolſton ſich der Ordnung meiner Ver⸗ hältniſſe annahm, ſo groß, daß ich ihm den Preis, den er auf ſeine Bemühungen ſetzte, nicht zu verweigern wagte— den Preis meiner Hand. Was hatte ich auch zu verweigern? Als Witwe deines Vaters war ich verarmt, verachtet, mit Schmach bedeckt; die Ehe mit Herrn Wolſton verſprach nicht nur meinen Wohlſtand, ſie ver⸗ ſprach auch meine Ehre, wenigſtens in den Au⸗ gen der Welt, wieder herzuſtellen. Beſonders dieſer letztere Grund entſchied. Herr Wolſton ſetzte ihn mir mit all der furcht⸗ baren Klarheit und Kälte auseinander, unter der ich ſeitdem ſo Unſägliches zu leiden gehabt habe. Es iſt eine Lüge geweſen, ſagte er, durch welche man die Verzweiflung Ihres Mannes auf den Gipfel getrieben hat; wer kann es beſſer wiſſen als wir Beide, Madame? als ich, der ich von dem Glück, welches die Welt mir ſo bereitwillig zuſchreibt, niemals auch nur den leiſeſten Schat⸗ 270 ten genoſſen? Wir ſind unſchuldig, Madame, unſchuldig zum Bemitleiden, und Ihr Mann iſt für eine Lüge geſtorben. Aber gleichviel, dieſe Lüge wird einmal geglaubt, unſere Un⸗ ſchuld nicht; für die Welt ſind Sie einmal die treuloſe Gattin, ich der Verführer. Machen wir gute Miene zum ſchlimmen Spiel. Ich will die Schulden und die geſchäftliche Verwirrung Ihres ſeligen Mannes übernehmen, will es über⸗ nehmen, Ihnen ein neues Vermögen herzuſtel⸗ len und die Zukunft der bedauernswerthen Waiſe da(wobei er guf dich deutete) zu ſichern; ich will es auch auf mich nehmen, Ihre Ehre her⸗ zuſtellen. Werden Sie meine Frau; die Welt, die nun doch einmal ſchon das Böſeſte von uns denkt, wird ſich beruhigen, indem ſie ſieht, daß wir das Unrecht, das ſie uns andichtet, doch we⸗ nigſtens nach Kräften verſöhnen und in Vergeſſen⸗ heit bringen wollen. Und wir ſelbſt, Madame, haben ja den Troſt des guten Gewiſſens.... 271 Ich wurde ſein Weib— nicht aus Liebe, o weiß Gott nicht! und das iſt eben mein zwei⸗ tes unverzeihliches Unrecht. Wie verderbt dieſer Menſch auch war— und noch im Traum da- mals hatte ich keine Ahnung davon, daß und wie ſehr er es war—: ſo hätte ich doch mehr Ehrfurcht haben ſollen vor der Heiligkeit der Ehe und dem unverjährbaren Recht der Liebe, um ihm die Hand zu reichen, mit dieſem kal⸗ ten gleichgiltigen Herzen, aus dieſen elenden, feigen Rückſichten, aus denen ich es that. Herr Wolſton ſelbſt(fuhr die Erzählung fort) wußte das auch recht gut; ſchon in den Flitter⸗ wochen unſerer Ehe ſagte er es mir, daß ich ihn nicht liebe, noch er mich, daß wir Beide nur ein Geſchäft mit dieſer Ehe gemacht hätten, und daß es nun unſere Aufgabe ſei, dieſes Geſchäft mit möglichſt gutem Anſtand und mit dem möglich⸗ ſten Gewinne für uns ſelber durchzuführen. Denke dir, mein Kind, mich, mit dem leidenſchaftlichen, 272 liebeverwöhnten Herzen, an der Seite dieſes kal⸗ ten, ehernen Mannes! Er ſpottete der Thrä⸗ nen, die ich dem Andenken meines unglücklichen Gatten weinte; er verhöhnte die Liebkoſungen, die ich mir von dir erſchmeichelte, dir, meinem Kinde, um doch nicht ganz verarmt von Zärt⸗ lichkeit zu ſein; er ſprach mit Geringſchätzung von dir, er verfolgte, ſchalt, ſchlug dich, blos weil er wußte, daß ich dich liebte und daß er meinem Herzen damit wehe thäte. Ich ſolle mich der Sentimentalität entwöhnen, ſagte er, er habe eine Frau haben wollen, nicht ein Klage⸗ weib; wenn ich nichts könnte als weinen und ſeufzen, würde ich am beſten thun, meinem Manne zu folgen. Und ich mußte es mir Alles gefallen laſſen, dies und noch viel Schlimmeres — mußte mir ſagen laſſen, ich hätte ihm ja nachgeſtellt, noch bei Lebzeiten meines Mannes; meine Gefallſucht, meine Eitelkeit habe denſel⸗ ben ja in den Tod gejagt; er, Gott Lob, habe 273 eine zu feſte Conſtitution und zu geſunde Ner⸗ ven, um eben ſolch ein Tropf zu ſein wie mein Mann— mußte auch täglich, ſtündlich ſehen, wie ungleich mein zweiter Gemahl dem erſten war: verſteckt und argliſtig, wo dieſer offenherzig und großmüthig bis zur Thorheit, habſüchtig und geizig, wo jener freigebig und ſogar ver⸗ ſchwenderiſch, hart und grauſam, ſtatt der Menſch⸗ lichkeit und Güte, welche deinem Vater aus den milden, ſchönen Augen geleuchtet hatte..... Ich wurde ein ſehr elendes Weib, mein Kind; die fürchterliche Allwiſſenheit meines Mannes, mit der er meine leiſeſten Empfindungen durch⸗ ſpähte, meine geheimſten Gedanken belauſchte, drückte mich nieder wie einen Wurm, daß ich mich nicht einmal zu krümmen wagte unter ſei⸗ ner fürchterlichen Herrſchaft. So ſehr gering hielt er, ſo völlig verachtete er mich, und gab mir dies kund bei jeder Gelegenheit, als ein beſchränktes, eitles, gefallſüchtiges Weib, daß ich 12** 274 mich ſelbſt zu verachten begann. Wie oft ſtand ich im Begriff, durch eine ähnliche That der Verzweiflung, wie dein unglücklicher Vater ſie begangen, mich dieſem Elend zu entreißen! Aber auch dieſen Gedanken errieth ja der entſetzliche, Alles durchſchauende, Alles erſpähende Mann. Sie fühlen ſich unglücklich bei mir, Madame, ſagte er höhniſch, Sie wollen ſich tödten; als ob Sie wohl den Muth dazu hät⸗ ten! Tödten Sie ſich doch, erweiſen Sie mir doch den Gefallen! Aber vorher, damit Sie doch wiſſen, weshalb und wofür, erfahren Sie erſt, wie unglücklich Sie eigentlich ſind und an welchen Mann Ihr empfindſames Herzchen ge⸗ rathen iſt. Sie verachten mich, ich bin ein Un⸗ menſch in Ihren Augen, weil ich nicht tändle und ſchmeichle und nicht der Knecht Ihrer Lau⸗ nen bin, wie mein Vorgänger; wohlan denn, Sie ſollen Grund dazu bekommen..... Und nun, meine Tochter, mit der ganzen ehernen Stirn, die allein dieſer Menſch beſitzt, enthüllte er mir alle geheimen Schandthaten und Verbrechen ſeines Lebens; er that ſich groß, er rühmte ſich damit vor mir, weil er ſah, wie mir das Blut dabei in den Adern ſtockte und wie meine Sinne in Verwirrung geriethen vor Scham und ohnmächtigem, ſchmerzlichem Zorn. Sehen Sie her, Madame, ſagte er, ich will Ih⸗ nen zeigen, wozu dieſer kalte Verſtand, den Sie ſo ſehr gering ſchätzen, gut iſt im Leben. Sehen Sie dieſe Maſchinen, dieſe bewundernswerthen, die jetzt ſo luſtig für uns arbeiten und mit ihren armſeligen Baumwollenfäden das ſeidene Kleid erſpinnen, in welchem Sie ſich ſo gerne brüſten— ich habe den Plan dazu einem arm⸗ ſeligen deutſchen Tölpel abgeliſtet, einem dum⸗ men einfältigen Weber, dem auch das ſoge⸗ nannte Herz auf der Zunge ſaß; er kannte das Kleinod nicht, das er bei ſich trug, verſtand es nicht zu würdigen und anzuwenden, und daher 276 iſt ihm Recht geſchehen, daß er es an den Klü⸗ gern verlor.— Sehen Sie ferner den letzten Jahresabſchluß meines Vermögens, ich bin jetzt ſo ziemlich reich, nicht wahr, und der Bankerott Ihres Mannes iſt ſo leidlich gedeckt? Aber dieſer Bankerott, ſage ich Ihnen, hat nie exi⸗ ſtirt! Ihr Mann war ein Verſchwender, ein Unverſtändiger, der ſein eigenes Geſchäft nicht kannte und nichts anzufangen wußte mit den Mitteln, welche das Glück ihm beſchert. Ich war der Klügere, ich mußte an ſeine Stelle, das ſchöne Geld durfte nicht müſſig, die vor⸗ treffliche Conjunctur nicht unbenutzt bleiben—; ich rechnete ihm den Beſtand ſeines Vermö⸗ gens vor und er war bankerott nach meiner Rechnung.. und ſchoß ſich in dieſem Wahn die Kugel durch den Kopf, ſchrie ich in raſender Ver⸗ zweiflung! Nein, noch nicht, erwiderte das Ungeheuet ruhig, indem er den blutbeſpritzten Brief aus dem Pulte holte: erſt bekam er noch dies hier,— ſehen Sie ſich die Schriftzüge recht an, Ma⸗ dame— ſie ſind verſtellt, merken Sie wohl? Gut denn: ich ſelbſt habe dieſen Brief geſchrie⸗ ben! ich ſelbſt war, in einer Perſon, unſer eige⸗ ner Verleumder und Verräther!— Ich wollte das Vermögen, wollte vor Allem das Geſchäft Ihres Mannes haben, das, in ſeinen Händen das Spielwerk eines Knaben, in meinen Hän⸗ den eine unbeſiegbare Waffe werden mußte, Reichthum, Macht, Anſehen zu erwerben. Er ſtand mir im Wege, er mußte fort; er kam fort. Aber ſein Tod hätte mir nichts genützt, wenn ich nicht zugleich in den Beſitz ſeines Nachlaſſes kam; darum mußte ich Sie ſo um⸗ ſtricken und mußte es ſo einrichten, daß Sie es ſich noch zur Ehre ſchätzen mußten, meine Ge⸗ mahlin zu werden. Auch mußte ich Sie be⸗ ſtrafen, Madame, für das Spiel, das Sie ſich unterſtanden hatten mit mir zu treiben, indem Sie mir Gefühle heuchelten, die Sie nicht em⸗ pfanden, und mir Hoffnungen erweckten, die Sie niemals halten wollten. Gut denn, ich habe Sie genöthigt ſie zu halten, ſelbſt gegen Ihren Willen; die Ehe mit mir iſt Ihre Strafe. Entſinnen Sie ſich noch des Vertrags, den ich Sie am Morgen unſerer Hochzeit unterſchreiben ließ? durch den Sie anerkannten, daß das Ver⸗ mögen Ihres Mannes bis auf einen winzigen Reſt in ſeinem Bankerott verloren worden, und daß Alles, was die Handlung in dieſem Au⸗ genblick beſitze, allein mein Eigenthum ſei, da⸗ für, daß ich die Deckung Ihrer Verpflichtun⸗ gen übernommen?— Nein, Sie entſinnen ſich ſchwerlich, Sie haben das ohne Zweifel eben ſo gedankenlos, voll lauter Sentimentalität und Wehmuth, unterſchrieben, wie Sie Alles zu thun pflegen— laſſen Sie ſich doch ſcheiden, Madame, laſſen Sie ſich doch ſche en— 279 ſind eine Bettlerin, und die kleine Miß Ange⸗ lica kann Beſen binden....! Was ich dir hier ſchreibe, meine Tochter, war keineswegs, wie ich es hier darſtelle, das Ergebniß einer einzigen Unterredung: langſam, wie ein ſickerndes Gift, in tauſend kleinen, tödtlichen Tropfen, flößte er mir allmälig ſeine furchtbaren Enthüllungen ein. Ich raſte, tobte, wollte ihn würgen mit dieſen meinen ſchwachen Händen, drohte mit Anzeige und Gericht— hohnlachend ſchleuderte er mich zu⸗ rück— Klagen Sie doch, ja wohl, ſagte er, Ma⸗ dame, eilen Sie doch, klagen Sie doch— ha⸗ ben Sie einen Beweis als meine eigene Aus⸗ 5 ſage? eir gen als mich ſelbſt? Man wird ſagen, toll ſind, Madame, und der Ihnen ein Atteſt ausſtellen, daß Sie müſſen.. Arzt eine Lücke im Manuſcript; mit 280 veränderter Tinte und entſtellter Handſchrift folgte es dann weiter: Seit Monaten habe ich dieſe Schrift unbe⸗ rührt gelaſſen, ich bin krank geweſen— ach, er hat wohl Recht, ich bin ja toll, und wenn er mit dem Irrenhauſe droht, was kann ich ent⸗ gegnen? Ich muß eilen, dieſe Bekenntniſſe zu Ende zu bringen. Sie ſind unvollſtändig: aber du weißt genug jetzt, meine Tochter, um dir dieſe Verzweiflung zu erklären, von der du ſo oft Zeuge geweſen biſt, weißt genug, um den Mann zu kennen und dich gegen ihn zu ſchützen, der Namen und Gewalt eines Vaters über dich in Anſpruch nimmt. Du biſt mein einziges Kind, ich erkenne kein anderes an. habe ich geboren, ja: aber ſch hal aus Umarmungen, bei deren mein Blut zu Eis erſtarrt! mein, er iſt nur ſein Sohn; er uch Julian hn geboren Undenken er dich haßt, du mein armes, ung 281 für Julian iſt geſorgt, er braucht keine Mutter. Aber dich, mein Kind, dich will ich ſchützen, dich retten, ſo weit ich es noch vermag! Ich weiß nicht, was Herr Wolſton über mich entſchieden hat: aber eine Entſcheidung hat er getroffen und die Ausführung ſteht nahe bevor, ich merke es an Allem. Ich ſoll ein Teſtament machen, verlangt er, ich ſoll die Unwahrheit und Schande bbeſtätigen. Was wird er verlangen, daß ich hineinſchreibe? was wird ſein Haß gegen dich meiner willenloſen Feder dictiren? Allein, was es auch ſei: dir, mein Kind, hinterlaſſe ich die Pflicht, die Ehre deiner Mutter und die Ehre der Wahrheit zugleich zu rächen! Es iſt ein ge⸗ waltiger, unbeſtechlicher Gott, der jedes Unrecht züchtigt und kein Verbrechen ungeſtraft läßt, wie geheim es ſei; an meinem eigenen furcht⸗ P. erfahren. Dieſem überantworte ich dich und dieſer Ehe durch ein letztes feierliches Document dein Recht!— Und ſomit, im Bewußtſein des allgegenwärtigen und allmächtigen Gottes, und ſo wahr ich an ein ewiges Leben glaube, das aber für mich nur eine Ewigkeit ſein wird voll Qual und Entſetzen, erkläre ich hiermit und will, daß es öffentliche rechtliche Geltung habe vor aller Welt, von dem Augenblick an, da du, meine Tochter, dies mein einziges und allein giltiges, wahrhaftes Teſtament eröffnet haben wirſt— erkläre und ſchwöre hiermit, daß du Angelica, meine einzige Tochter aus meiner er⸗ ſten Ehe, auch die einzige und alleinige——— Wir überlaſſen es der Phantaſie des Leſers, ſich die athemloſe Spannung und Aufmerkſam⸗ keit auszumalen, mit welcher das junge Mäd⸗ chen, in der einſamen Stille der Nacht, bei 1 herabgebrannten Kerzen, bis hierher geleſen hut Und nun male man ſich auch das Entſetzen aus, welches ſie befiel, an dieſe Stelle ge⸗ kommen war, wollte das Blatt umſchlagen— es war kein Blatt mehr da! gerade das letzte, entſcheidende Blatt fehlte!! Hatte es immer gefehlt? war ihre unglück⸗ liche Mutter vielleicht nie dazu gekommen, die Schrift zu vollenden? Die Blätter waren zer⸗ drückt, zerknittert— war ein Blatt verloren gegangen? lag es vielleicht vor ihr auf der Decke? hier, da, dort, auf dieſem Tiſch, auf jenem Stuhle, auf dem Teppich an der Erde, zwiſchen den Kiſſen ihres Bettes? In lautes jammervolles Wimmern ausbrechend, ſuchte ſie in verzweifelter Haſt die ganze Stube durch; wie eine Wahnſinnige, mit fliegenden Haaren, ergriff ſie das Licht, leut tete hinaus auf Gänge 6 8 und Treppen, ſchell* hrn Kammermädchen, fragte, forſchte. Vergebens! Blatt iſt zu finden!— Als der ſpäte Morgen mit bleichem Schein nmerchen hereindämmerte, ſaß Ange⸗ lica noch immer aufrecht über ihren Papieren; 284 ſie hatte nicht mehr geweint, nicht geſchrien, nichts— ſie war ganz ſtill, ganz ſtill. So, zu ſeinem Entſetzen, das ſtiere Auge noch immer auf die Schrift ihrer Mutter ge⸗ richtet, fand ſie noch am nächſten Vormittag der Juſtizrath. Der alte Herr hatte die ganze Nacht nicht ſchlafen können, er war dahinter gekommen, daß er es am Ende doch wohl zu arg mit dem Engelchen gemacht; er kam, um Buße zu thun. Aber der Scherz erſtarb ihm auf der Lippe, da er das bleiche, verſtörte Mäd⸗ chen ſah; nur mit größter Mühe gelang es ihm, den Zuſammenhang von ihr zu erfragen. Auch 3 3 er ſuchte das ganze Zimmer, das ganze Haus durch, kein Schrittchen Payier das irgendwo auf Flur oder Treppe lag, blieb unbeſehen. Aber auch er fand keine Spur. 3 Doch hatte er noch eine Hoffm Weg wenigſtens, um zu erfahren, Blatt verloren gegangen, oder ob durch irgend einen ein 8 285 einen feindſeligen Zufall das Bekenntniß der Mutter niemals bis zu Ende geſchrieben war:— der tolle Heiner und Reinhold, welche das Do⸗ cument überbracht hatten, mußten darüber Aus⸗ kunft geben, mußten wenigſtens ſagen können, woher ſie es hatten, um daran weitere Nachfor⸗ ſchungen anzuknüpfen. Somit rannte der alte Herr auf der Stelle fort, um zunächſt den Sohn des Meiſters auf⸗ zuſuchen. Drittes Kapitel. Die Leichenwacht. Allein auch im Hauſe des Meiſters war in⸗ zwiſchen eine ſo unerwartete wie ſchmerzliche Kataſtrophe eingetreten. Von dem Hauſe des Schulmeiſters nic⸗ war Reinhold nchlen unter* 287 war, hielt noch alle Gedanken des jungen Mannes gefangen: ſodaß er ſelbſt ſeinen Vater nicht frü⸗ her gewahr ward, als bis er dicht vor ihm ſtand. Als die beiden Männer in das Haus traten, überraſchte ſie zuerſt das offenſtehende Hofthor. Doch konnte dies leicht vom Winde aufgeriſ⸗ ſen ſein. Allein ihr Erſtaunen vermehrte ſich, als ſie jetzt die Thür des Zimmers öffneten und ſchwarze, lebloſe Dunkelheit ihnen entgegenſtarrte. Noch ſtanden ſie zögernd auf der Schwelle, da hörten ſie auch ſchon das Wimmern des Großvaters. Er war erwacht, hatte Alles dun⸗ kel und öde um ſich gefunden und hatte ſich in ſeiner Angſt zum Bett der kranken Tochter hin⸗ getappt; da lag er nun über ſie gebreitet, ſeinen alten grauen Kopf zwiſchen ihre Kiſſen verſteckt, und wimmerte und beſchwerte ſich, daß es ſo mn ihn und die Lene wäre ſo Der Meiſter fühlte ſich von einer furchtbaren Ahnung gepackt, ſeine Haare ſträubten ſich in die Höhe, feurige Räder tanzten durch die Dun⸗ kelheit vor ſeinen Augen.. Endlich brannte die Lampe, mit zitternder Hand leuchtete er über das Bett hin, riß den Alten in die Höhe, daß die Kiſſen zur Erde flogen.... Seine Ahnung hatte ihn nicht getäuſcht— es war eine Leiche geweſen, die der Alte um⸗ klammert hielt!— Reinhold wollte ſich mit lauter Klage über die geliebte Todte werfen. Aber der Meiſter hielt ihn zurück: Zeige jetzt, daß du ein Mann biſt, ſagte er, ich brauche eines Mannes Bei⸗ ſtand. Sie führten den Alten in die Kammer, tz ten ein Licht hinein, die Thür hinter ihm zu. Reinhold konnte keinen Blick von ſei⸗ nem Vater abwen in 289 des Meiſters war ein Ernſt und eine Feierlich⸗ keit, noch weit größer als in jener Nacht, da er ihm die verhängnißvolle Geſchichte ſeiner Fa⸗ milie erzählt. Margareth, ſagte der Meiſter, erfährt dieſe Trauernachricht noch immer zeitig genug. Keine Thräne jetzt, kein Geſchrei! Wir haben andere Pflichten für dieſe Todte zu erfüllen. Ein feines leinenes Tuch, das Lene ſelbſt ehemals zu dieſem Zweck geſponnen, nahm er aus dem Kaſten, breitete es auf die Erde: Hilf mir, ſagte er, die theure Teiche hinein⸗ Ken In allen dieſen Dingen war eine ſo wunder⸗ ſame Haſt, etwas ſo ſeltſam Geheimnißvolles, daß Reinhold ſich von bangen Schauern durch⸗ rieſelt fühlte. Aber der gewohnte kindliche Ge⸗ horſam verſtattete ihm auch jetzt keine Einrede. Der Meiſter ſchlug das Tuch ſorgfältig über der Leiche zuſammen. Hilf mir jetzt, fuhr er fort, Das Engelchen. III. 13 290 dieſes Stroh und dieſe Kiſſen hinausräumen; es iſt ein anderes Bett, das jetzt an dieſen Fleck gehört. Bei der Beſtürzung, welche die Männer ge⸗ fangen hielt, hatte Niemand auf die Unordnung geachtet, in welcher Lene's Bett ſich befand. Oder wenn ſie etwas davon bemerkt, ſo hatten ſie geglaubt, daß es entweder von dem alten Vater oder gar vielleicht durch ſie ſelbſt veranlaßt ſei, in der erſten Angſt, mit der ſie auf das Bette losgeſtürzt waren. Sie ſchafften Stroh und Bettſtatt hinaus auf den Hof, geräuſchlos, auf den Zehen, Einer den Andern mit Geflüſter zur Vorſicht ermah⸗ nend. Reinhold folgte in Allem willenlos; wer die Beiden ſo geſehen hätte, in der Stille der Nacht, bei dem ungewiſſen Flackern der Kien⸗ fackel, wie ſie ſich leiſe um die Leiche bemühten, würde nicht anders geglaubt haben, als daß hier der entlegene Schauplatz eines Verbrechens ſei. 291 In der Ecke des Hofs ſtand der Sarg auf⸗ gerichtet, welchen der Meiſter geſtern zuſammen⸗ geſchlagen. Ich ahnte es ja, flüſterte er mit furchtbarem Lächeln, daß es ſo kommen würde; es iſt gut, daß ich fleißig geweſen bin bei mei⸗ ner Arbeit, der fremde Herr iſt noch zur rech⸗ ten Zeit gekommen.... Sie trugen die leichte Kiſte geräuſchlos in die Stube. Sie faßten die Leiche bei Haupt und Füßen und legten ſie vorſichtig in den Sarg. Noch ein mal enthüllte der Meiſter das Antlitz der geliebten Schweſter; er war am Kopfende des Sargs niedergekniet, keine Mus⸗ kel ſeines ſtarren Antlitzes veränderte ſich, nur zwei langſame, ſchwere Thränen tropften auf die kalte Stirn der Entſchlafenen. Küſſ' ihr noch einmal die Hand, Reinhold, ſagte er; ſie hat dich ſehr geliebt, viel mehr als du weißt. Aber jetzt ſollſt du's wiſſen. Reinhold, der ſeinem Schmerz nicht länger 13* gebieten konnte, hatte ſich ebenfalls vor der Leiche niedergeworfen und bedeckte die theure Hand mit heißen, ſchmerzlichen Küſſen; das Herz war ihm zu voll, er konnte keine Worte finden für ſeinen Jammer. Der Meiſter erhob ſich, zog Reinhold mit leiſer Gewalt in die Höhe, deckte den leicht ge⸗ zimmerten Deckel auf den Sarg; dann ging er hinaus. Schon nach zwei Minuten kehrte er wieder; ſo leis er auftrat, ſo lag doch in jedem Schritt, den er that, jeder Bewegung, die er machte, eine Energie und Sicherheit, die man ſonſt an dem äußerlich ſo ſchüchternen Manne nicht be⸗ merkte. Er trug— und trotz des väterlichen Verbots hätte Reinhold bei dieſem Anblick faſt laut aufgeſchrien vor Beſtürzung— trug die ſchwere blanke Holzart im Arm; als wäre es ein Ehrendegen, ließ er ſie auf den Sargdeckel gleiten, daß das leichte Holz erdröhnte. 293 Jetzt mögen ſie kommen, ſagte er, ich bin gewaffnet.... Zwei Stunden oder länger waren ſo ver⸗ gangen, ohne daß ein Wort zwiſchen den beiden Männern gewechſelt ward. Endlich, wie vom Kirchthurm her die Mitternachtsſtunde ſich an⸗ kündigte, fuhr der Meiſter aus ſeinem langen, ſchmerzlichen Nachſinnen in die Höhe. Mitter⸗ nacht! murmelte er dumpf. Rück' her, mein Sohn, ja wohl nun erſt recht mein Sohn— lege die Hand auf den Sarg und ſchwöre bei der Liebe, welche diejenige, die jetzt darin ſchlummert, zu dir getragen hat, alle Zeit deines Lebens, daß du geheim halten willſt, was ich dir jetzt vertrauen, und willſt erfüllen, was ich von dir verlangen werde. Stammelnd ſprach Reinhold den Eidſchwur nach. Der Meiſter begann: Du erinnerſt dich, mein Reinhold, jener 294 trauervollen Nacht, da ich dir das unſelige Ge⸗ heimniß unſerer Familie enthüllte. Ich ſagte dir damals noch nicht Alles, ich verſchwieg ge⸗ rade, was dich zunächſt angeht;— jetzt iſt es Zeit, jetzt ſoll auch der letzte Schleier zwiſchen uns fallen. Ich erzählte dir, daß, als ich von der unglücklichen Reiſe nach Hamburg zurück⸗ kam, ich meine Frau im Kindbett fand und meine Schweſter Lene auf dem Krankenlager. Ich habe dich nicht belogen, meine Frau lag im Kindbett damals, ſie ſtarb ſogar darin: aber das Kind, das ſie zur Welt gebracht hatte, das warſt nicht du, war ein Knäblein, das ſchon wenige Monate nach der Geburt uns wieder entriſſen wurde.... Nicht ich?! ſchrie Reinhold und ſchlug mit dem Kopf auf den Sarg— Nicht du, wiederholte der Meiſter: Du biſt mein Sohn nicht, Reinhold! der Sohn meiner Liebe wohl, aber nicht meines Leibes. Da, ſieh 1 295 her— indem er den Jüngling in die Höhe riß, den Sargdeckel zurückwarf und zum zweiten mal das Leichentuch lüftete:— dieſe da war deine Mutter!! Sie hat dich ſo treu geliebt, fuhr der Mei⸗ ſter nach einer Pauſe fort, indem ihm die Thrä⸗ nen jetzt dicht von der Wange rieſelten, und hat dir ſo viel Gutes gethan mit ihren ſchwa⸗ 3 chen Kräften, daß du ihr ja wohl nicht böſe ſein wirſt, daß ſie dich um den holden Mutter⸗ namen getäuſcht; es iſt ihr ſchwer genug gewor⸗ den, glaube mir! Und auch die Schuld wirſt du ihr ja wohl verzeihen, die unglückliche Schuld, welche dir das Daſein gab. Das war das Zweite, mein Reinhold, was deinem armen Groß⸗ vater den Verſtand vollends zerrüttete: das Scheitern ſeiner Plane hätte er ertragen, aber die Schande der Tochter, das war's, das gab ihm den Reſt. Und mein Vater? ſtammelte Reinhold kaum hörbar. 1 296 War ein reicher, vornehmer Herr, erwiderte der Meiſter, jung, ſchön, lebensluſtig: er war zum Beſuch in der Gegend geweſen und hatte es eben nur als ein Reiſeplaiſir betrachtet, dieſe arme, unſchuldige Blume zu vernichten.... Reinhold blickte unwillig in die Höhe. Nein, entgegnete der Meiſter, ſieh mich nicht ſo unwillig an, ich habe ein Recht ſo zu ſpre⸗ chen, dein vornehmer Vater hat ſein Vaterrecht verwirkt; er hat ſich nie wieder, nie, um Mut⸗ ter noch Kind bekümmert. Und ſein Name? ſtöhnte der junge Mann, du kennſt ihn? Ich kenne ihn nicht, ſagte der Meiſter kalt, noch weiß ich, ob er lebt oder todt iſt, und was aus ihm geworden. Aber frage nicht nach deinem Vater, ſo lange du noch deiner Mutter ſo ehrwürdige, ſo heilige Pflichten ſchuldig biſt! — Haſt du geſehen, o mein Reinhold, wie dieſe ſonſt ſo fromme, ſo gelaſſene Frau bei 297 dem Gedanken des Todes rang? Haſt du es gemerkt, wie der Wahnſinn ſeine ſengende Hand nach ihr ausſtreckte, wenn ſie ihrer letzten Stunde gedachte? Es war nicht der Tod, was ſie fürchtete, nicht der Tod, mein Reinhold! Denn deine Mutter hat gut und fromm gelebt, und die einzige Schuld, mit welcher ſie in Ein⸗ falt und Unwiſſenheit, von einem Elenden um⸗ ſtrickt, ihr jugendliches Leben befleckte, wird Gott in der Fülle ſeiner Gnade und ſeiner Gerechtigkeit ihr längſt verziehen haben. Aber ſie fürchtete, was nach dem Tode kommt— fürchtete, was dieſe arme, unglückliche Leiche erwartet, wenn du und ich ſie nicht beſchützen... Du verſtehſt meine Rede nicht, fuhr der Meiſter fort, du denkſt, ich raſe— o nein, mein Reinhold, ich raſe nicht: aber du wirſt es thun, wenn dies ganze grauenhafte Räthſel vor dir aufgedeckt liegt!— Deine Mutter hatte ihren Zuſtand nach Möglichkeit verborgen; Nie⸗ 13** 298 mand außer unſerer Familie wußte davon als nur ein Einziger& ein Mann, der deine Mut⸗ ter ehemals ſelbſt mit Liebesanträgen verfolgt, den ſie aber mit Abſcheu von ſich gewieſen hatte, weil Verbrechen und Laſter ſchon damals das göttliche Siegel, das der Herr auf die Stirn des Menſchen gedrückt, verwiſcht hatten und er ſchon damals war, was er noch jetzt iſt, das Entſetzen und die Geißel der unglücklichen, die in ſeiner Nähe zu leben verdammt ſind— Dem jungen Manne dämmerte furchtbare Aufklärung: Du ſprichſt vom Sandmoll, rief er.. Ich ſpreche vom Sandmoll, erwiderte der Meiſter. Wie er ja ſchon damals der allgemeine Spürhund und Mitwiſſer aller böſen Heimlich⸗ keiten war, ſo war er auch der Einzige, der um deine Geburt wußte. Und wie es der Fluch alles Böſen iſt, daß es uns immer weiter an böſe Menſchen kettet, ſo bedienten wir uns auch ſeiner Vermittelung, das neugeborene Kind aus 299 dem Hauſe zu ſchaffen, zu einer Frau im Ge⸗ birg, bei der du die erſte Pflege genoſſeſt. Erſt als einige Monate ſpäter mein armes Söhnchen ſeiner Mutter folgte, ließen wir dich heimlich zurückkommen; wir verbargen den Tod des Kin⸗ des und zogen dich auf, als ob du mein Sohn wäreſt. Kein Menſch weiß es anders bis auf dieſe Stunde, um ſo mehr als wir bald darauf hierher zogen, als nur eben der Sandmoll. Ah, ſagte Reinhold, indem er ſich mit fun⸗ kelnden Augen erhob und die ſchwere Axt in der Hand wog: jetzt begreife ich! Daher alſo dieſe höhniſchen Reden, mit denen der alte Ver⸗ brecher mich und meine arme Mutter heimzu⸗ ſuchen pflegte; daher dieſe Todesangſt, in welche ſein Anblick ſie verſetzte; daher dieſe entwürdi gende Nachſicht, die du ſelber ihm erwieſeſt, o du theurer, theurer Bruder meiner armen Mutter...! Daher, beſtätigte der Meiſter, und noch von 300 etwas Anderm, ich bin noch immer nicht zu Ende mit dem Wermuthbecher, den ich dir reichen muß, die ſchlimmſte, bitterſte Neige iſt noch zurück. Die Geſetze im Staat, mein Reinhold, ſind nur für die Armen und Elenden gemacht, du weißt es längſt; der Reiche und Vornehme ſpringt keck darüber hin. Wenn ein vornehmes Fräulein zu Fall kommt, ſo iſt es ein intereſ⸗ ſantes Abenteuer, das man verheimlicht und vertuſcht; wenn die Tochter des Armen verführt wird, ſo verfällt nach den weiſen Geſetzen des Landes ihr Leib der Anatomie. Und ob ſie hundert Jahr alt würde, und ob ſie nach ihrem Fall ein Leben führte, wie alle Heiligen zuſam⸗ men— ſie iſt einmal in die Liſten eingetragen, der Staat braucht Aerzte, die Aerzte brauchen Leichen und der Leib der Bettlerin, an welchem die Wolluſt des Reichen ſich geſättigt, iſt eben noch gut genug, den Schülern der Wiſſenſchaft zum Studium zu dienen. Nichts kann die ein⸗ 301 mal Verfallene vor dem neugierigen Meſſer des Arztes retten, es ſei denn, daß ſie einen Mann fände, der ſie heirathet. Deine Mutter hat kei⸗ nen Mann gefunden, keinen gewollt— Rein⸗ hold, Sohn meiner todten Schweſter, wirſt du es leiden, daß man die Leiche deiner Mutter auf den Schinderkarren legt— denn was iſt es Beſſeres als ein Schinderkarren?— und ſtatt ihren Leib in den heiligen Schooß der Erde zu beſtatten, ſie in die Stadt fährt, damit neugie⸗ rige Hände ihre keuſchen, ja ganz gewiß ihre keuſchen Glieder betaſten und grauſame Meſſer und Scheeren den Leib zerſtückeln, den wir ſo lange mit Liebe gepflegt und der dich, dich, mein Reinhold, in ſeinem Schooße getragen hat? Wirſt du es dulden?! rief er und preßte die Hand verzweifelnd gegen die Stirn... Und wer ſollte es wagen? fragte Reinhold. Der Alles wagt, der alte, ſchmutzige Ver⸗ brecher, deſſen Seele ſich labt am Ekelhaften 8 302 und Entſetzlichen, und der längſt ſchon nach die⸗ ſer ſüßeſten Rache ſchmachtet. Nun erſt verſtehſt du die geheimnißvolle Bosheit ſeiner Reden ganz, nun erſt weißt du, was ich ſo lange heimlich mit dieſem Manne verhandelt habe, und wohin unſere armen, dürftigen Erſparniſſe geſchmolzen ſind. Ich wollte ihm den Leib meiner Schweſter abkaufen, ich habe ihm Geld geboten über Geld, ſo viel ich konnte, noch heute Abend, vor wenigen Stunden noch— er hat mich mit Hohnlachen zurückgewieſen und hat das Geſetz vorgeſchützt, das ihn verpflichte! O ſei ohne Sorgen, theurer Meiſter, ſagte der junge Mann, der plötzlich ſeine ganze Faſ⸗ ſung und Beſonnenheit wiedergewonnen hatte: ich habe auch mein Geſetz, das Geſetz der Ehr⸗ furcht und der Kindesliebe, das Gott mir in die Bruſt geſchrieben hat. Laß ſie ankommen mit ihrem papierenen Geſetz! Eher ſoll dieſe ganze Hütte in Flammen aufgehen und du und 303 ich dazu, ja Dorf und Schloß ſollen ſich eher zum Scheiterhaufen zuſammenwölben über der Leiche meiner Mutter, ehe ich eine unheilige Hand dieſen Sarg berühren laſſe! Das iſt ein ehrliches Stück Eiſen, rief er, indem er die Axt aufs Neue ergriff und ſie mit Inbrunſt an die Lippen drückte: der Erſte, der eine Hand aus⸗ ſtreckt gegen die Todte, mag ſeinen Schädel in Acht nehmen! Dem Meiſter funkelten die Augen: So iſt es recht, mein Reinhold, da freut ſich der Geiſt deiner Mutter, wenn er das vernimmt; wir haben als ehrliche und friedliche Menſchen ge⸗ lebt Zeit unſers Lebens, und keine Noth und kein Elend hat uns auch nur um eines Haares Breite vom Weg der Rechtſchaffenheit entfernt: aber wenn wir jetzt Mörder und Todtſchläger werden, mein Reinhold, ſo werden wir Mörder um Gottes willen.... Dieſe Leiche, verſetzte der junge Mann nach 304 kurzem Beſinnen, muß ſo raſch wie möglich in die Erde geſchafft werden, bevor der Sandmoll noch Zeit hat, ſeinen abſcheulichen Plan ins Werk zu ſetzen. Ich werde in aller Frühe ſelbſt zum Prediger gehen und ihn bitten, daß das Begräbniß beſchleunigt wird; ruht ſie dann erſt in der geweihten Erde des Friedhofs, ſo ſteht ſie unter dem doppelten Schutz, der Kirche wie der Gemeinde, und weder die eine noch die andere werden zugeben, daß man ſie wieder herausreißt aus ihrer Gruft. Der Meiſter ſchüttelte den Kopf. Der Ge⸗ danke iſt wohl gut, ſagte er: aber haſt du auch bedacht, mein armes Kind, daß Begraben Geld koſtet? Die Kirche will ihre Gebühren.... So muß Geld geſchafft werden, entgegnete Reinhold raſch: wir müſſen Alles zu Geld ma⸗ chen, was wir beſitzen. Hier, hier, rief er, in⸗ dem er ſich haſtig am Leibe herumfuhr und den Ring, den ſo lange, ſo ſorgſam verborgenen, den Angelica ihm in Julian's Namen überreicht hatte, von der Bruſt hervorholte: dieſer Ring — und der Reſt meiner Bücher— und für das fertige Gewebe wird ſich ja auch wohl noch ein Käufer finden oder doch wenigſtens ein Pfandleiher.... Ja wahrlich, du biſt meiner Lene Sohn, ſagte der Meiſter wohlgefällig, indem er die fieberheiße Wange des Jünglings ſtreichelte: ſo wollen wir es machen. Riegle jetzt die Thüre zu und verlöſch die Fackel, damit uns Niemand überraſche; dann laß uns das Haupt auf den Sarg unſerer geliebten Todten lehnen, auf daß der morgende Tag uns bei Kräften finde— und wenn wir nicht ſchlafen können, ſo wollen wir doch wenigſtens träumen.... viertes Kapitel. Der Taufvater. In den caſernenartigen Häuſern unſerer großen Städte geſchieht es wohl häufig, daß der Engel des Todes und der Engel des Lebens ſich zur ſelben Stunde unter demſelben Dache begegnen; unter einem ſo niedrigen Dach, wie das des Meiſters, iſt es ſchon eine Seltenheit, wenn ſie ſich nur ſo nahe kommen, wie es in dieſer Nacht geſchehen war. Während der Meiſter und Rein⸗ hold endlich vor Erſchöpfung über dem Sarge der todten Lene einſchlummerten, war drüben auf der andern Seite des Hauſes Margareth's langerwartete Stunde gekommen. Sie hatte 307 ſchon ſeit Längerm für dieſen Fall mit einer Nach⸗ barin Abrede genommen, welche ebenſo arm war wie ſie, aber auch von ebenſo guter und hilfrei⸗ cher Natur. Um keine Störung im Hauſe zu veranlaſſen und das Befinden der kranken Tante, wie ſie meinte, nicht etwa durch überflüſſige Sorge zu verſchlimmern, hatte ſich dieſelbe ſchon zu Abend bei ihr einfinden müſſen und war die Nacht über bei ihr im Zimmer geblieben. Noch bevor der Tag dämmerte, lag ein geſunder, kräftiger Knabe an der Bruſt der hochbeglückten Mutter. Konrad, der ſich anfangs ſehr ungehalten gezeigt hatte, auf dieſe Art aus dem Schlafe geſtört zu werden, betrachtete das Kind mit großer Verwunderung von allen Seiten, reichte auch der Wöchnerin die Hand und lobte ſie, daß ſie ſolch braves, tapferes Weib wäre. Im Ganzen genommen aber war die Freude doch nur ſehr lau und Margareth konnte ſich der 308 Thränen nicht erwehren, wenn ſie an das Ent⸗ zücken dachte, in welches ihn ihr erſtes ver⸗ ſchämtes Geſtändniß verſetzt hatte, und damit dieſe halb neugierige, halb verdroſſene Miene verglich, mit welcher er das Kind, ſeinen Erſt⸗ geborenen, umkreiſte. Die Nachbarin dagegen tröſtete ſie: die Män⸗ ner machten das allemal nicht anders; weil ſie die Kinder nicht kriegten, wüßten ſie ſie auch gar nicht zu ſchätzen; ihr Gottlieb ſei gerade ſo geweſen und jetzt wolle er die Jungens vor Liebe gleich auffreſſen, wenn ſie es nur litte. Sowie der Tag nur an die Fenſter ſchien, er⸗ mahnte ſie Konrad ins Wirthshaus zu gehen und etwas Warmes zu nehmen auf den Schrecken; hier zu Hauſe ſei er doch nur im Wege. So iſt das Geſchlecht, ſetzte ſie hinzu: erſt machen ſie ſo was und nachher thun ſie, als ob ſie in Ohnmacht fallen müßten über das, was ſie gemacht haben, und wir armen Weiber 309 ſind es doch ganz allein, die die Plage davon haben. Es war Konrad noch nicht leicht begegnet, daß er zu Hauſe ordentlich gebeten ward, doch nur die Güte zu haben und ins Wirthshaus zu gehen. Aber ſo neu es ihm war, ſo unbequem fiel es ihm für diesmal— das Kind kam ihm überhaupt ſehr unbequem in dieſem Augen⸗ blick, es hätte können ein ander mal kommen, in acht, vierzehn Tagen oder auch in vier Wo⸗ chen, wenn er wieder bei Gelde war; es wäre doch wirklich eine recht dumme Einrichtung, dachte er bei ſich, indem er langſam vor ſich hin in die Schenke trollte, daß man das nicht auf Beſtellung haben könne, wie man wolle. Aber das half nun Alles nichts, das Kind war einmal da: und er mußte obenein ein ganz vergnügtes Geſicht machen und ſich ganz fidel ſtellen, als er in die Schenke trat, um ſeinen 310 Zechbrüdern die glückliche Ankunft ſeines Stamm⸗ halters zu verkündigen. Es war der Tag vor Weihnachten, alſo ſchon ein halber Feſttag, wenigſtens für Leute, welche ſo ungern arbeiteten, wie Konrad's gute Freunde. Auch hatten, wie das zu gehen pflegt, die Feſtlichkeiten, welche auf morgen bevorſtan⸗ den und die die Neugier dieſer Bevölkerung in ſo hohem Grade beſchäftigten, eine gewiſſe Zerſtreuung, einen gewiſſen Hang zum Müſſig⸗ gang erzeugt, dem Leute dieſes Schlags nur allzu gern nachgeben. So kam es, daß die Schenke, trotz der frühen Tageszeit, doch bereits ziemlich beſucht war. Man ſprach von Wind und Wetter, von Korn⸗ und Holzpreiſen, am meiſten aber von den Dingen, die man für den morgenden Tag erwartete. Und ich hab's ein mal geſagt, und ich gebe meinen Jungen doch nicht her, ſchrie das uns 311 wohlbekannte dicke Frauenzimmer: und wenn ſie ihn noch ſo ſchön herausputzen wollen.... Unſere Leſer entſinnen ſich„daß die Commer⸗ zienräthin zur Einweihung ihrer Warteſchule unter Anderm einen großen Feſtzug arrangirt hatte, zu welchem die armen Kleinen ſchon ſeit zwei Tagen gewaſchen und geſcheuert wurden, was die junge Haut halten wollte. Bah, du gibſt ihn doch, erwiderte der trockene, ſtoptiſche Wirth: ſie geben ſie Alle! Brot ſchmeckt ſüß und im Ganzen genommen könnt ihr doch noch froh ſein, wenn ihr die Rangen eine Weile los werdet.— Der Wirth, wie wir wiſſen, hatte keine Kinder; darum machte es ihm Vergnügen, geringſchätzig von den Kindern der Andern zu ſprechen, ſo kinder⸗ lieb er im Grunde war. Aber hölliſche Angſt haben ſie doch vor uns, meinte der lange Goliath, der uns aus einem frühern Abſchnitt noch in Erinnerung iſt und 312 der ſich mit ſeiner dicken Liebſten ebenfalls be⸗ reits eingefunden hatte: mein Schwager iſt geſtern über das Gebirg gekommen, der hat mir's erzählt, der ganze Berg liegt voll Sol⸗ daten. Es thut auch Noth um euch, höhnte der Karrenſchieber— derſelbe hatte ſich ſo eben ein köſtliches neumodiſches Getränk aus ſchwarzem Kaffee, Branntwein und Syrup zuſammenge⸗ braut; zum Glück war der Branntwein das Meiſte dabei, ſonſt möchte es ihm ſelbſt wohl kaum geſchmeckt haben— es thut auch wohl Noth um euch! Denkt an damals, wie der Meiſter den Sandmoll zuſammenſchmiß, da rühmtet ihr euch auch Alle und verſchwort euch, der Sandmoll müßte wenigſtens hängen— und was war es hernach? Geht, geht, ihr ſeid auch wohl die Rechten, einen honetten Aufſtand zu machen; ja wenn noch ein Dutzend ſolcher Kerle unter euch wäre, wie hier unſer Toller, der 313 hat noch Courage, der verſteht den Rummel, der muß unſer Hauptmann ſein, wenn's los⸗ geht! Ja, ja, der Tolle ſoll Hauptmann ſein, wenn's losgeht, ſchrien Alle. Der Tolle(denn daß auch der im Wirths⸗ hauſe nicht fehlte, zu keiner Tageszeit, es ſei Tag oder Nacht, Abend oder Morgen, verſtand ſich von ſelbſt) ſchien ſich durch dieſe Anerkennung ſeiner Verdienſte ſehr geſchmeichelt zu fühlen. Auf, ihr, des Volkes Freunde, rief er, mit den Worten eines Helden, den er ſich in dieſem Augenblick vielleicht ernſthaft zum Vorbild nahm, des John Cade aus Shakſpeare's Heinrich VI.: Auf, folgt mir nach, s iſt für t die Freiheit, zeigt euch nun als Männer! Kein Lord, kein Edelmann ſoll übrig bleiben! Schont nur, die in gelappten Schuhen gehn, Denn das ſind wackre, wirthſchaftliche Leute, Die zu uns überträten, wenn ſie dürften! Das Engelchen. III. 14 314 Aber wir erſt, warf einer der Fabrikarbeiter dazwiſchen, wir ſollen morgen auch Parade ſtehen, um die verfluchten Maſchinen einzuwei⸗ hen, die uns nur um ſo ſicherer die Gedärme aus dem Leibe haspeln. Da könnteſt du ein gutes Werk thun, Toller, wenn du die ganze Bude morgen in Brand ſteckteſt. Es ſind an funfzig Wagen angemeldet für morgen, ſagte die Wirthin wichtig, indem ſie mit dem Schlüſſelbund klapperte: der gnädige Herr kann ſie gar nicht alle unterbringen im Schloſſe, er hat ſchon zu uns geſchickt nach Stallraum und Zimmern. Wir wollen die Gäſte an die Krippe binden und uns ſelbſt in die Zimmer legen, ſagte der Karrenſchieber; wir ſind lange genug ihre Knechte geweſen, und es wäre wohl Zeit, den Spieß auch einmal umzukehren. Alles wieherte Beifall. NMitten in dieſen Tumult trat Konrad. Die 315 Wirthin brachte ihn herbeigeſchleppt. Sie hatte es ihm gleich auf den Kopf zugeſagt, ſo wie er in die Thür getreten: Konrad, hatte ſie geſagt, das Kind iſt da, du ſiehſt ſo erſchrocken aus und ſo dämlich... Konrad kratzte ſich hinter den Ohren; es wäre freilich ſo etwas, meinte er, ein Junge, ein ganz anſtändiger. Hat er auch ſchon rothe Wolle auf'm ſchrie der Karrenſchieber. Der Witz fand viel Anklang. Nur der tolle Heiner warf plötzlich ſein Glas an die Erde, ſprang über den Tiſch und zur Thür hinaus; man war dergleichen ſeltſames Benehmen zu ſchr von ihm gewohnt, um weiter darauf zu achten. Aber du biſt auch ein geſcheiter Kerl, fuhr der Karrenſchieber fort, und haſt deine Sache gut eingerichtet, das muß man dir laſſen; macht der das Kind juſt zum heiligen Chriſt, daß wir 14* 316 armen Leute doch auch etwas haben, uns zu freuen, wenn die vornehmen Herrſchaften drüben ſchmauſen und jubeln. Denn du weißt doch noch? den großen Taufſchmaus, zu dem du uns ein⸗ geladen haſt, Alle wie wir hier ſind? Das verſteht ſich, ſchrie Alles durcheinander, das muß morgen ſein, es kann gar keinen beſ⸗ ſern Tag geben! In der That iſt es in der Gegend, in wel⸗ cher unſere Erzählung ſpielt, wie überhaupt wohl in den meiſten ländlichen Gegenden Deutſch⸗ lands, Sitte, die Kinder unmittelbar am näch⸗ ſten Kirchtag nach der Geburt zur Taufe zu tragen. Nun ja doch, verſteht ſich, brummte Kon⸗ rad, Ihr ſeid eingeladen zu morgen, Alle zu⸗ ſammen.... Aber ſo wenig zu Hauſe die Vaterfreude, ſo wenig wollte ihm jetzt die Einladung ſo recht von Herzen; Beides aus einem und demſelben Grunde. 317 Das iſt noch ein Kerl, der zu leben weiß, ſchrie der Karrenſchieber: Heda, Frau Wirthin, marſch in die Küche und die Tiegel nur ſchon immer aufs Feuer geſetzt! Und Er da, Herr Wirth, ans Faß und angezapft, aber das Tau⸗ fen wollen wir ſchon ſelbſt beſorgen, damit braucht Er ſich nicht zu bemühen! Platz, Platz, meine Jungens, rief er, indem er ſich breit über den Tiſch ſtreckte, das iſt eine Sache, die über⸗ legt ſein will, ſo was kommt Einem nicht alle Tage, da muß der Menſch ſeinen Kopf zuſam⸗ mennehmen, damit auch Alles hübſch ſeinen richtigen Schick und Anſtand hat. Eſſen iſt auch eine Kunſt, ihr Tölpel, das heißt, was man eigentlich Eſſen nennt, nicht blos ſich voll⸗ ſtopfen wegen des leidigen Hungers, wie wir es zu thun pflegen.— Womit fangen wir an, rother Konrad? Du biſt Gaſtvater, du haſt zu beſtimmen; ich dächte, ſo etwa ein guter Reis⸗ brei, aber hübſch dick, mit Knödeln.... 318 Ja und Safran daran, ſetzte ein Anderer hinzu. Meinetwegen, ja, brummte Konrad, indem er ſeine Mütze von einem Ohr zum andern ſchob: Reisſuppe mit Knödeln und Safran daran, ich habe ja nichts dagegen.... Und dann zum Zweiten, dächt' ich, fuhr der Karrenſchieber fort, einen guten Schweinebraten; aber nicht zu fett, ich bitt' es mir aus, es iſt von wegen des Trinkens! Schweinebraten, wiederholte Konrad mecha⸗ niſch— Aber das Ding wurde ihm doch bald zu kraus; ſeine ganze Vaterſchaft hätte er darum hingegeben, wäre er nur aus dieſer verwünſch⸗ ten Geſchichte erſt glücklich heraus geweſen. Während die Andern ſtritten und jubelten und die Freigebigkeit des Taufvaters zum voraus leben ließen, ſchlich er verdrießlich an den Wän⸗ den entlang und dachte bei ſich, das Alles wäre recht ſchön, aber wenn er nur erſt wüßte, wo 319 das Geld dazu herkommen ſollte. Seine Ein⸗ ladung zurückzunehmen und ſein Unvermögen zu bekennen, das geſtattete ihm ſeine Eitelkeit nicht; — es iſt wohl ſchon mancher vornehme Herr zum Dieb und Spitzbuben geworden, weil er einen Ball nicht hat aufſchieben wollen, zu dem er eingeladen hatte, oder eine Spielpartie ab⸗ lehnen, die man ihm anbot. Die Wirthin verſtand ſich viel zu genau auf die Geſichter der Menſchen, um Konrad's in⸗ nerſte Gedanken nicht herauszuleſen. Sie nahm ihn beiſeite, hinter ihren Verſchlag. Reisſuppe mit Knödeln, ſagte ſie, und Schweinebraten, aber nicht zu fett, o das iſt ein geſundes Eſſen, und ich will euch das beſorgen, beſſer, als ſie es im Schloſſe haben können. Aber nun ſag' mal erſt, Schatz: aus nichts hat Gott die Welt erſchaffen— wie ſteht es denn damit, putt, putt? indem ſie die Geberde des Geldzählens machte. 320 Eh nu, ſagte Konrad verlegen, wie ſoll es denn damit ſtehen? Allemal gut, Frau Wirthin.. Na da rück mal heraus, mein Sohn, und zwar herzhaft, erwiderte die Wirthin, indem ſie die breiten Arme gemüthlich übereinander⸗ legte. Denn daß ich die ganze Bande ſoll füt⸗ tern und nachher werdet ihr noch betrunken und ſchlagt mir Tiſch und Bänke entzwei und ich kann meinem Gelde nachpfeifen, ne, Kon⸗ rad, für ſo dumm mußt du mich auch nicht halten. Ich dachte nur, fuhr Konrad immer verle⸗ gener fort, weil die Frau Wirthin doch in der letzten Zeit ſo einen hübſchen Dreier Geld an mir verdient hat, und ich doch ſonſt allemal ein prompter Zahler geweſen bin, ſo dacht' ich nur, die Frau Wirthin würde.... Borgen? rief ſie: o je, das iſt neu! ſetzt Kinder in die Welt und ladet ſich das halbe Dorf zu Gevattern ein, und will dann noch 321 borgen! Hört doch, rief ſie über das Gitter zum Saal hinein, was Neues vom Konrad—! Will Sie wohl ſtille ſein, Sie verwünſchte Trulle, raunte Konrad ihr zu und Fniff ſie vor Aerger in den Rücken: ich denke ja nicht daran zu borgen, ich will ja nur erſt Geld einwech⸗ ſem Mach dir keine unnütze Mühe, mein Sohn, erwiderte die Wirthin gleichmüthig: ich nehme was rund iſt; wenn auch ein beſchnittener Du⸗ katen dabei iſt, mit ſo einem alten Freunde nehmen wir es nicht ſo genau. Aber das ſag' ich dir noch ein mal und danach richte dich: haſt du was zu bezahlen, ſo thus gleich und auf der Stelle, das lobt Gott und gefällt den Menſchenz friſche Fiſche, gute Fiſche; kein Geld, kein Schmaus.... Konrad ſchob ſich verdrießlich zur Thür hinaus, noch im Weggehen hörte er, wie ſeine morgenden Gäſte ſich ſchon ſtritten, ob lieber 14** . 322 Reisbrei mit Safran oder Reisbrei mit Ro⸗ ſinen— Hol der Teufel, brummte er vor ſich hin, den verfluchten Einfall, daß ich mir die Sipp⸗ ſchaft auf den Hals geladen! Aber es iſt nun ein mal geſchehen und Wort muß ich halten, und wenn ich mir das Geld dazu ſtehlen ſollte.. Fünttes Rapitel. Vorbereitungen. Der Juſtizrath hatte die Wohnung des Mei⸗ ſters verſchloſſen gefunden; Niemand hatte ihm ſagen können, wo Reinhold ſteckte. Den Vaga⸗ bonden hatte er zwar endlich gegen Abend in der Schenke aufgetrieben, allein in einem ſolchen Zuſtande von Betrunkenheit, daß es ihm un⸗ möglich geweſen, zu ſeinem Zweck zu kommen. Nicht beſſer war es ſchon in aller Frühe Herrn Florus ergangen. Nach ſeiner Gewohn⸗ heit müſſiggängeriſch im Dorfe umherſtreichend, hatte er denn auch ſogleich die Neuigkeit des Tages, die Entbindung nämlich der ſchwarzen Margareth, erfahren. Er hatte ſich früher ſcherz⸗ weis zum Gevatter bei Margareth angeboten und hielt es nun für ſeine Pflicht, ſich bei den Hausgenoſſen nach dem Befinden der jungen Wöchnerin zu erkundigen. Es war keineswegs bloße Galanterie, auch nicht einmal bloße Men⸗ ſchenfreundlichkeit geweſen, daß Herr Florus ſich zum Pathen angetragen: er hatte ſein geheimes plänchen dabei, der gute Herr Florus, wie bei dem Allermeiſten, das er that, nur daß dieſe Plänchen gewöhnlich verunglückten. Er wollte ſeinen Roman gern recht plaſtiſch, recht anſchau⸗ lich machen, recht viel bäueriſche Sitten und Gebräuche(die Dorfgeſchichten florirten ja eben) hinein verflechten, und da konnte ihm nichts gelegener kommen als ſo einer ländlichen Taufe perſönlich beizuwohnen. Ich will meinen Du⸗ katen ſchon wieder heraus bekommen, dachte er bei ſich, es hat nichts zu ſagen.... Allein auch Herr Florus hatte Niemand im 325 Hauſe getroffen als nur den alten irrſinnigen Großvater. Er hockte in einem Winkel des Hofs, zwiſchen allerhand Stroh und Gerüllez aus Strohhalmen und Hölzchen hatte er ſich ein Ding zuſammengebaut, wie ein Grab, und ein zerknittertes weißes Stück Papier darüber breitend, guckte er Herrn Florus ſehr vergnüg⸗ lich von der Seite an, indem er ihm mit der Hand Stillſchweigen zuwinkte. Das iſt nun das Leichentuch, flüſterte er, das nun kommt, aber du mußt es nicht weiter ſagen Herr Florus theilte die Gewohnheit ſehr vie⸗ ler Menſchen(beſonders unter den Schriftſtellern ſoll dieſelbe ſehr verbreitet ſein), daß ſie kein Stück Papier ſehen können, bedruckt oder be⸗ ſchrieben, ſie müſſen es in die Hand nehmen und müſſen ſehen, was darauf ſteht. Auch das Stück Papier, das dem Alten zum Spielwerk diente, erregte ſeine Neugier; er nahm 326 es ihm halb gedankenlos aus der Hand, hielt es dicht unter die Brille— Ein engliſches Exercitium brummte er dann nach flüchtigem Hinblick: das Engliſche war ſeine ſtarke Seite nicht— eine Ueberſetzung vermuthlich aus irgend einem alten vergeſſe⸗ nen deutſchen Roman; ja, ja, das iſt nun ſchriftſtelleriſche Berühmtheit und ſo gehen wir endlich zu Ende. Aber ich will es doch Spaßes halber dem Engelchen zeigen, es wird ihr Ver⸗ gnügen machen, weil es doch ihre Mutter⸗ ſprache iſt. Damit legte er das Blatt bedächtig in ſein Taſchenbuch und wackelte von dannen. Allmälig wurde denn nun auch der Tod der armen Lene im Dorfe ruchbar. Reinhold war früh beim Prediger geweſen und hatte um eine möglichſt ſchleunige Beerdigung gebeten, indem er den engen Raum in der väterlichen Woh⸗ nung vorſchützte. Aber er war zu keiner glück⸗ 327 lichen Stunde zu Herrn Waller gekommen; der ſonſt ſo milde, friedfertige Mann war wie aus⸗ getauſcht geweſen. Mit auffallender Heftigkeit hatte er ſich nach allen, ſelbſt auch den klein⸗ ſten Umſtänden des Todesfalls erkundigt; es ſei eine Sünde und Schande vor Gott und den Menſchen, und noch im ewigen Leben würden ſie dafür zu büßen haben, Reinhold und ſein Va⸗ ter, daß ſie die Lene ohne letzten geiſtlichen Zu⸗ ſpruch hätten hinüberfahren laſſen. Allein er wiſſe ja ſchon lange, welche verwilderte und gottesläſterliche Familie das ſei; jetzt wolle er auch nichts mehr mit ihnen zu ſchaffen haben, und überhaupt ſei das Begraben ſolcher Leute, wie die Lene, nicht ſeine Sache, Reinhold müſſe ſich damit an den Küſter wenden. Der Küſter hatte ein langes ſchwarzes Buch hervorgeholt und hatte ihm, die Hornbrille auf der Naſe, ſehr gründlich vorgerechnet, was ein Begräbniß Nummer eins, Nummer zwei, Num⸗ 328 mer drei koſte. Für die Lene ſei natürlich die ſchlechteſte Nummer, Nummer drei, gut genug; aber auch die koſte noch ſo und ſo viel. Und was übrigens die Beſchleunigung des Begräb⸗ niſſes betreffe, ſo möge er ſich damit an den Todtengräber wenden. Der Todtengräber, ein blaſſer, hagerer Teu⸗ fel, faſt ſo elend und arm wie der Meiſter ſelbſt, war auch ſogleich bereit. Wir haben heuer noch keinen Froſt gehabt, ſagte er, und das Erdreich iſt weich; wenn du mir hilſſt, Reinhold, ſo wollen wir mit der Grube ſchon bald fertig werden, ſehr tief braucht ſie ja für unſereins nicht zu ſein. Zuvor jedoch müſſe er ihm die Beſcheini⸗ gung von der Kirche bringen, daß Gebühren und Abgaben richtig bezahlt worden. Wenn es aber ein Armenbegräbniß ſein ſolle, auf Koſten der Gemeine, ſo müſſe er ſich auf dem Schloß einen Armenzettel unterſchreiben laſſen; die An⸗ 329 meldungen deshalb würden bei dem Herrn In⸗ ſpector gemacht, dem— na, der Herr Inſpector könne die Beinamen zwar nicht leiden, aber unter ſich könnten ſie ihn ja wohl ſo nennen: dem Herrn Sandmoll oder Vater Schlapp⸗ füß Auf dieſe Art hatte es denn natürlich nicht ausbleiben können, daß der Todesfall ſich raſch im Dorfe herum geſprochen. Nun erklärte man ſich auch, warum die Wohnung des Meiſters heute ſo ganz verſchloſſen blieb. Die Wenigſten im Dorfe hatten die Verſtorbene gekannt; Nie⸗ mand nahm an ihrem Tode Antheil. Einige ſeufzten zwar und meinten, wenn ſie nur auch erſt ſo weit wären, die Todten hätten es doch am Beſten: aber im Stillen dachten ſie doch Alle, es würde ſchon noch einmal beſſer werden im Leben, und ſie wollten es alſo immerhin noch eine Weile mit anſehen. Ueberhaupt war die letzte Nacht nicht glück⸗ 330 lich geweſen für Einige; die Dichslor iijj lte man ſich, hätte wollen noch ſpät zum P ſtor gehen, um eine Beſtellung vom Schloſſe auszu⸗ richten, da ſei ſie in der Dunkelheit vom Steg gefallen und habe ſich Kopf und Geſicht grau⸗ ſam zerſchunden. Andere machten ein ſehr ſkep⸗ tiſches Geſicht zu dieſer Erzählung; mit dem zerſchlagenen Kopf, meinten ſie, möchte es ſchon ſeine Richtigkeit haben, aber wer weiß, woher die Diebslore ihn hätte; ſo klein und verkrüp⸗ pelt der Sandmoll wäre, ſo führe er dennoch bekanntlich ein ſehr ſtrenges Hausregiment... Diesmal hatten in der That beide Parteien Recht. Als die Diebslore ſich von ihrer Be⸗ täubung wieder erholt hatte, war ſie zuerſt in das Pfarrhaus geſchlichen. Der Teufel in Per⸗ ſon, behauptete ſie, wäre über ſie hergefallen, es hätte einen Donnerſchlag gegeben, daß ſie nur gleich ſo zu Boden geſunken wäre; wo das Papier geblieben, wiſſe ſie nicht. Es kränkte ſie außerordentlich, daß der Herr Prediger, der ihr doch bei andern Gelegenheiten ſelbſt ſo viel vom Teufel vorerzählt hatte, in dieſem Falle nicht das Mindeſte von der Erſcheinung deſſelben hö⸗ ren wollte; ſie würde geſehen haben, oder treibe am hinterliſtiges Spiel mit ihm. Er hatte einen Knecht mit der Laterne hinausgeſchickt, um auf dem Fleck, wo die Erſcheinung ſtattgefunden haben ſollte, Nachſuchung zu halten. Allein außer der Spur von Tritten, die aber auch leicht von der Lore ſelbſt herrühren konnten, und ei⸗ nigen Fetzen ihres Mantels hatte man nichts gefunden. Noch weit ungemeſſener war der Zorn, mit welchem der Sandmoll die Elende zurückkom⸗ men ſah. Er erklärte ihre ganze Erzählung für Bosheit und Lüge; ſchon ſeit Langem habe er recht wohl gemerkt, daß ſie ihn hintergehe; wenn ſie ihm das Papier nicht wiederſchaffe, 332 möge ſie ſich nur auf ihr letztes Stündlein ge⸗ faßt machen. Vor Allem ſollte ſie ihm erklären, wie ſie auf den Weg zum Pfarrhauſe gekom⸗ das denn allerdings nicht rgwohn des Alten zu be⸗ men: und konnte, ohn ſtärken, ſo hatte ſehr unangenehme Auftritte gegeben.. Die ganze Nacht hatte der Alte in Wuth und Groll durchwacht, ſich mit tauſend Plänen, tauſend Befürchtungen herumſchlagend. Erſt als er ins Freie hinaustrat und die Fenſter des Meiſters, hinter denen ſonſt ſchon immer ganz früh das Licht zur Arbeit leuchtete, noch zu ſo ſpäter Stunde verſchloſſen ſah, ging zum erſten Mal wieder ein gewiſſes Behagen durch ſein denn freilich einige für ſie Herz: er hielt dieſen Umſtand mit dem zuſam⸗ men, was Lore ihm von der nächtlichen Scene am Bett der Kranken der Wahrheit gemäß be⸗ richtet hatte— und ſofort wußte er auch, daß Lene todt ſei. 333 Der Satan verläßt die Seinen doch nicht ganz, murmelte er in ſich hinein und eilte raſch ins Haus zurück, ſeine Anſtalten zu treffen.— Uebrigens, wenn die Schweſter des Meiſters auch viel bekannter im Dorf geweſen wäre, heute hätte man doch keine Zeit gehabt, ſich um ihren Tod zu kümmern, ſo ſehr nahmen die Zurüſtun⸗ gen zu dem morgenden Doppelfeſt die allge⸗ meine Aufmerkſamkeit in Anſpruch. Schon rollten Equipage auf Equipage durchs Dorf; eine Menge vornehmer, geputzter Ge⸗ ſtalten drängte ſich, bewundert und beneidet, zwiſchen den gaffenden Dorfbewohnern auf und ab. Vor dem neuen Maſchinengebäude war eine Triumphpforte aus Tannenreiſern errichtet; Fah⸗ nen und Wimpel wehten luſtig in der Luft. Unweit davon war die neue Warteſchule; ein Kreuz, ebenfalls mit Inſchriften und Kränzen prunkte über dem Eingange. Es war ein ehe⸗ maliger Pferdeſtall des Commerzienraths; aber friſch geweißt und zugerichtet, wie er war, nahm er ſich ganz niedlich aus. Und das bischen Ausdünſtung, meinte die Commerzienräthin, das man bei naſſer Witterung zuweilen noch ſpüre, ſei den Kleinen im Gegentheil ſehr geſund. Am Prächtigſten jedoch entfalteten ſich die Zurüſtungen im Innern des Schloſſes; alle Säle waren geöffnet, die mehr als fürſtliche Pracht der Einrichtung erregte eben ſo viel Staunen als Gloſſen, welche letztern die Gäſte ſich frei⸗ lich nur insgeheim ins Ohr raunten oder ſich gelegentlich durch ſtumme Blicke und Winke mittheilten. Niemand war glücklicher als die Commer⸗ zienräthin. Zwar war ihr Liebling, Herr von Lehfeldt, noch nicht zurückgekehrt. Doch hatte ſie einen Brief von ihm, durch welchen er in den beſtimmteſten Ausdrücken verſicherte, daß er morgen zur gehörigen Stunde nicht fehlen werde. 335 Es hinderte ſie alſo nichts, ihre Eitelkeit in vollen Zügen zu ſättigen; im Anzug einer Nonne, aber mit Blick und Miene einer Königin rauſchte ſie durch die Gemächer. Herr Florus war ihr treuer Begleiter; von allen Seiten wurde ihm ſo viel Schmeichelhaf⸗ tes über ſeine Berühmtheit geſagt, und wie das doch gleich zu merken ſei, wo ein Künſtler, ein Dichter die Einrichtung eines Feſtes übernehme, daß auch er in einem Meer von Wonne ſchwamm und vor Händedrücken und Kratzfüßen und Puh⸗ ſten und Blaſen kaum noch wußte, wo ihm der Kopf ſtand. Herr Waller bereitete ſich zu den Reden vor, die er morgen zu halten hatte. Angelica war unſichtbar, zum großen Bedauern verſchiedener junger Stutzer, die ſich eigens um ihretwillen herausgemacht hatten. Sie ſei von leich⸗ ten Unpäßlichkeit befallen, ſagte Herr Wolſton, wenn man ihn deshalb befragte: und die Com⸗ merzienräthin ſetzte hinzu, es ſei ſo die Art der jungen Dame, ſie fühle ſich vermuthlich in grö⸗ ßern Geſellſchaften nicht an ihrem Platze. Der Juſtizrath ſaß in einer Sophaecke, trank ab und zu ein Glas Rheinwein und brummte und knurrte übrigens Jeden, der ihn anredete, dermaßen an, daß bald Niemand mehr den Muth dazu hatte. Am Unglücklichſten in der ganzen glänzen⸗ den Geſellſchaft fühlte ſich der arme Julianz der Stern, der ihn ſonſt noch aufrecht erhielt, das Auge ſeine Schweſter, fehlte ihm heut. Die Gäſte wußten, daß Julian der Augapfel des Herrn Wolſton; es wurde daher nie leer um ſeinen Lehnſtuhl, Alles drängte ſich, ihn zu be⸗ grüßen, nach ſeinem Befinden zu fragen, ſein Ausſehen zu rühmen, ſein Wachsthum zu be⸗ wundern. Herr Wolſton ſtand dem Lehnſtuhl ſeines Sohnes gegenüber in einer Fenſterniſche. Er 337 ſprach wenig und ließ die Gäſte meiſt nur mit ſeinem bekannten verbindlichen Lächeln die Re⸗ vue vor ſich paſſiren, indem er jeden einzelnen mit artiger Handbewegung zu ſeinem Sohn hinüberwies. Das Geſchwirre und Getreibe er⸗ müdete ihn zuletzt; er ſchloß die Augen, nicht um zu ſchlummern, o nein, nur um gewiſſe fin⸗ ſtere Gedanken deſto ungeſtörter bei ſich zu ver⸗ arbeiten.... Auf einmal fühlte er ſich leis am Arm ge⸗ zupft; es war Julian, ſein Sohn. Ich habe eine Bitte, mein Vater, ſagte er: dieſe Feſtlichkeit ermüdet mich, geſtatten Sie mir, daß ich mich auf mein Zimmer begebe. Ei wohl, ei wohl, mein Söhnchen, rief der Commerzienrath, indem er ſich beeiferte, die blaſſe Wange ſeines Kindes zu ſtreicheln: du haſt ganz Recht, es iſt ſpät genug, die Leute könnten nun überhaupt auseinandergehen, du mußt dich ſchonen zu morgen, mein Söhnchen— Das Engelchen. III. 15 338 Auch für morgen, erwiderte Julian, muß ich Sie bitten, mich von der Gegenwart bei dieſen Feſtlichkeiten zu entbinden; ſie ermüden mich nicht blos, ſie widern mich auch an. Widern Sie an? rief der Commerzienrath gereizt, indem er ſeinen Sohn haſtig hinter die Gardine zog: widern Sie an? Feſtlichkeiten, die Ihnen keine größere Laſt ſein können, als ſie es Ihrem Vater ſind, und denen ich mich gleichwohl unterziehe— um deinetwillen, mein Julian, um dich den Leuten zu zeigen und die Welt wiſſen zu laſſen, daß du mein Alles, mein Einziges biſt, und daß mir nichts zu koſtbar, nichts zu theuer iſt für dich?! Frei⸗ lich wohl, fuhr er in immer heftigerm Tone fort, ich weiß, woher das kommt, und wer Ihnen dieſe Abneigung in den Kopf geſetzt hat: Ihre Stiefſchweſter— es iſt nur Ihre Stiefſchweſter, vergeſſen Sie das niemals, Ju⸗ lian, und bald wird ſie nur noch eine völlig 339 Fremde für Sie ſein— hat allerdings wohl weniger Urſache, ſich auf den morgenden Tag zu freuen. Geſtehen Sie es nur, dieſe Weige⸗ rung iſt ihr Einfall, von ihr ſind Sie aufge⸗ hetzt worden, mir die langgehoffte Freude zu verbittern.... Niemand hat mich aufgehetzt, antwortete Ju⸗ lian kalt, faſt trotzig: aber ich höre, Sie wol⸗ len Ihr neues Fabrikgebäude nach meinem Na⸗ men benennen; ich haſſe die Fabriken und die Maſchinen, und möchte lieber der Sohn eines Bettlers ſein—— Der Knabe hielt inne; er fühlte wohl ſelbſt, daß er zu weit gegangen. Herr Wolſton war leichenblaß geworden. Lieber der Sohn eines Bettlers, flüſterte er kaum hörbar, indem er den Arm des Knaben ſo krampfhaft packte, daß derſelbe faſt auf⸗ zucken mußte vor Ueberraſchung und Schmerz — lieber der Sohn eines Bettlers, als mein 340 Sohn? Sprechen Sie es doch nur aus, Ju⸗ lian, ſprechen Sie nur aus, was man Sie gelehrt hat— o Julian, rief er in raſchem Wechſel der Empfindung, du weißt nicht, du ahnſt nicht, Niemand ahnt es, wie ich dich liebe! Niemand ahnt es, daß du, ja du, die einzige— ſchwache Stelle meines Herzens biſtl— Wer mich hier trifft, tödtet mich; tödte nicht deinen Vater, mein Kind.. Er zog den Knaben ſtürmiſch an ſich und drückte heiße Küſſe auf ſeine blaſſe, kranke Stirn. Julian blieb ſo unbeweglich bei den Liebko⸗ ſungen des Vaters wie bei ſeinen Vorwürfen. Ich darf alſo morgen auf meinem Zimmer bleiben? nahm er das Geſpräch nach einer kur⸗ zen Pauſe wieder auf. Sie werden nicht auf Ihrem Zimmer bleiben, 3 entgegnete der Commerzienrath mit zornbleichen Lippen: Sie werden dem Feſte beiwohnen, Sie werden überhaupt Alles thun, was ich befehle— 341 Aber meine Geſundheit erlaubt mir nicht— wendete der Knabe ein. Ihre Geſundheit, entgegnete ſein Vater in hartem, ſcharfem Ton, erlaubt Ihnen täglich, bei jedem Wind und Wetter, mit Ihrer Schweſter durch den Park zu laufen; Ihre Geſundheit hat Ihnen auch erlaubt, ſich halbe Stunden lang auf einem gewiſſen Fleck im Garten zu verweilen, einer albernen ſentimentalen Ueber⸗ raſchung halber— ich weiß Alles, wie Sie ſehen; Ihre Geſundheit wird Ihnen auch mor⸗ gen erlauben, den Befehlen Ihres Vaters zu gehorſamen. Der Knabe kämpfte mit ſich ſelbſt. Befeh⸗ len Sie das nicht, Vater, ſagte er ſodann: laſ⸗ ſen Sie mich auf meinem Zimmer morgen, ich habe eine Ahnung, es thut nicht gut, Vater, ich fühle es— o, ich habe ſo ſchreckliche Träume gehabt— Sie laſſen mich auf meinem Zimmer, mein Vater?! 342 Der Commerzienrath winkte einem Diener. Mein Sohn, ſagte er, befiehlt auf ſein Zim⸗ mer. Und dann zu Julian ſelbſt gewendet: Sie haben meine Befehle vernommen, Ju⸗ lian; Sie werden morgen zur feſtgeſetzten Stunde erſcheinen; Sie werden Sorgfalt auf Ihren An⸗ zug verwenden und das Geſchmeide anlegen, das ich Ihnen noch kürzlich ſchenkte; Sie wer⸗ den auch— Vater— rief der Knabe, mit einer Bewegung, als wollte er ihm zu Füßen ſinken.... Nun, wird's? wird's? herrſchte der Commer⸗ zienrath den Diener an, der reſpectvoll in einiger Entfernung ſtand— und faßte mit anmuthiger Miene einen alten reichen Geſchäftsfreund aus der Hauptſtadt unter den Arm, der eben vor ihm vor- überſtreifte, um ihn zu dem glänzend beſetzten Buffet zu führen. Sechstes Kapitel. Feſtmorgen. Grüne Weihnachten, weiße Oſtern. Unwillkür⸗ lich mußte Angelica an dieſen alten Volksſpruch denken, als ſie am Morgen ihres Geburtstags das Fenſter öffnete und die Luft ihr entgegen⸗ ſtrömte, ſo warm und mild, wie ſonſt niemals in dieſer Jahreszeit. Die Beziehung lag freilich nahe genug: auch für Angelica war das Glück dieſes Tages nur ein trügeriſches, auch für ſie lag die Zukunft unter weißer, banger Leichen⸗ decke. Die junge Dame hatte nun völlig ab⸗ geſchloſſen mit allen Wünſchen, Hoffnungen, Plänen; der unerklärbare Umſtand mit dem feh⸗ 344 lenden letzten Blatte in der Handſchrift ihrer Mutter, den auch der Juſtizrath durch keine Bemühungen hatte aufhellen können, war in ihren Augen ein deutlicher Beweis, daß Gott ihren Untergang wollte. Und ſo hatte ſie denn beſchloſſen, dem Unvermeidlichen keinen Wider⸗ ſtand mehr, ſondern nur noch eine heitere, ge⸗ faßte Stirn entgegenzutragen. Auch in dem Tode ihrer Freundin Lene, der ihr im Laufe des geſtrigen Abends bekannt ge⸗ worden war, erkannte ſie ein ſolches Zeichen des Himmels; es ſollte ſich eben Alles löſen, woran ſie bisher mit Banden der Freundſchaft, des Zutrauens, der Gewöhnung geknüpft geweſen war. Herrn von Lehfeldt's Namen wagte ſie nicht mehr zu denken, ſo verhaßt war er ihr ſeit dem geſtrigen Auftritt geworden; von Rein⸗ hold wufßte ſie ſich verachtet; der Juſtizrath hatte ſeine Abreiſe auf den nächſten Morgen feſtgeſetzt, da er ja hier ganz unnütz ſei— 345 und von ihrem Bruder ſollte der heutige Tag ſie auf ewig trennen. Von ihrem Bruder!— Leiſe hatte ſich die Thüre hinter ihr geöffnet, und ehe ſie es noch merkte, lauſchte Julian's liebes, blaſſes Antlitz ihr freundlich über die Schulter. Es war eine ganz ähnliche Scene, wie am Morgen nach ih⸗ rer Ankunft; ganz ähnlich und dennoch wie anders! Julian kam, der Schweſter ſeinen Glück⸗ wunſch darzubringen. Ich ſollte dir im Grunde nichts wünſchen, ſagte er, es iſt die reine Selbſt⸗ ſucht, wenn ich es thue: denn Alles, was dir Gu⸗ tes widerfährt, widerfährt ja doch eigentlich nur mir. Du biſt es, von der ich Leben und Wohl⸗ ſem trinke; wenn ich dich einmal wieder von mir laſſen müßte, da ſchlummerte ich gleich hin⸗ über, ich weiß es. Aber wir bleiben nun im⸗ mer zuſammen, meine Angelica? immer, nicht wahr? Bis ich ſterbe, ſetzte er mit gelaſſenem 15** 346 Lächeln hinzu: dann ſollſt du deine Freiheit wie⸗ der haben, du ſchöner, lieber Sommervogel; aber ſo lange biſt du meine kleine Gefangene. Immer! ſchluchzte Angelica; ſie zitterte, in⸗ dem ſie die Unwahrheit bedachte, die ſie aus⸗ ſprach: aber wo hätte ſie den Muth herneh⸗ men ſollen, ihrem Bruder die Wahrheit zu ge⸗ ſtehen? Julian beklagte ſich über die unerträgliche Langeweile, die er bei der geſtrigen Feſtlichkeit empfunden, und die noch viel größere, die ihn für heute erwarte, da Herr Wolſton durch keine Bitten zu bewegen geweſen, ihn davon zu befreien. Sieh nur, ſagte er, mit einem unwilligen Blick auf ſeinen gewählten Anzug, die dumme Pracht, wie ich mich habe putzen müſſen. Sowie Angelica hörte, daß Julian den Feſtlichkeiten beiwohnen werde, beſchloß ſie ſo⸗ gleich, ihrem frühern Vorſatze entgegen, eben⸗ 347 falls dabei zu erſcheinen; es war ja, allem Ver⸗ muthen nach, der letzte Liebesdienſt, den ſie ihrem Bruder erweiſen konnte. Julian klatſchte in die Hände: Und da machen wir vorher noch einen Gang durch den Garten; ſieh, wie mild die Luft iſt, der Him⸗ mel freut ſich, daß heute dein Geburtstag iſt, darum ſchickt er dies Frühlingswetter. Arm in Arm, nach ihrer Gewohnheit, wan⸗ delten ſie die ſtillen, öden Gänge dahin. Im Dorf wurden die Glocken geläutet, zum Zei⸗ chen, daß das Feſt nun bald beginnen würde, während auf Befehl des Commerzienraths ein Muſikcorps vom Balcon des Schloſſes präch⸗ tige Weiſen ſpielte. Aber wir entfernen uns zu weit vom Schloſſe, man könnte uns ſuchen, erinnerte Angelica, als ihr Bruder ſie immer weiter und weiter drängte, faſt bis an die äußerſte Grenze des Gartens, wo eine wild romantiſche Gebirgs⸗ 348 landſchaft mit Felsvorſprüngen und Schluchten ſich anſchloß. Aber Julian gab nicht nach mit Bitten und Treiben: nur ein kleines Stückchen noch, ein ganz kleines Ende, die Luft thue ihm heute ſo ganz beſonders gut, und er müſſe ſich recht ſatt daran trinken, um es nachher in den ſtickigen Sälen aushalten zu können. Guter Bruder! rief Angelica gerührt, als ſie an eine Ecke des Gartens gekommen wa⸗ ren: es war ihr Lieblingsplatz ſeit alten Zei⸗ ten, man genoß von dort aus einer herrlichen Fernſicht auf das Gebirge, und das Engelchen hatte ſich öfters gewünſcht, hier einen Ruheſitz zu haben. Das war das Geburtstagsgeſchenk, das Julian ihr bereitet: er hatte den Platz durch den Gärtner ſorgſam ebnen und mit klei⸗ nen Tannenbüſchchen bepflanzen laſſen, die mit ihrem lichten Hoffnungsgrün zwiſchen dem übri⸗ gen nackten Geſtrüpp anmuthig hervorleuchte⸗ ten. Die Felsecke war zu einer Bank zurecht 349 gehauen, über derſelben, als Symbol, drei in⸗ einander verſchlungene Ringe. Das ſoll nun die Engelsbank heißen, ſagte Julian: ein beſſerer Name als die unſelige Ju⸗ lianshütte, welche mein Vater heute einweihen will. O wie ich mich ängſtige vor dieſen Rä⸗ dern und Maſchinen! Die Geſchwiſter hatten ſich auf der Bank niedergelaſſen— Stör' ich? fragte eine Stimme, indem zugleich eine dicke, keuchende den ſteilen Pfad hinaufarbeitete. Es war Herr Florus, ſchon im ſchönſten Feſtanzuge. Ah, meine charmanten Kinder, rief er, Sie werden ſich erkälten auf dem verdamm⸗ ten Steinſit, das iſt nichts bei ſolcher Witte⸗ rung, und am wenigſten für einen Patienten wie Sie, Herr Julian. Uebrigens ſuche ich Sie ſchon ſeit einer halben Stunde durch den gan⸗ zen Garten; wer Wetter wird auch ſo weit laufen! Ihr Herr Vater ſchickt mich, Julian; 350 die Feſtlichkeit wird gleich beginnen, der Feſtzug der Arbeiter iſt ſchon aufgeſtellt und wälzt ſich hin und her und zappelt wie eine Schlange, die im Verſcheiden liegt, ſo beſoffen iſt die Mehrzahl der Kerle ſchon, und von den neuen weißen Kutten, welche die Frau Commerzien⸗ räthin für die kleinen Verwahrloſten hat machen laſſen, ſind drei Viertel ſchon beklert. Ich weiß nicht, wie das noch werden ſoll und wie wir mit Ehren beſtehen werden. Ja, was ich ſagen wollte: es iſt ja auch Ihr Geburtstag heut, ſchönes Engelchen; Gott ſegne Sie! Ich habe viel Verſe machen müſſen die Zeit, verdammt viel Verſe, Ihre Frau Mutter iſt reineweg nicht ſatt zu kriegen mit Liedchen: Liedchen beim Einmarſch und Liedchen beim Ausmarſch — Liedchen vor der Predigt und Liedchen nach der Predigt— aber ein Sonett für das ſchöne Wiegenkind, das darf doch nicht fehlen, oho, wozu wär' ich denn ſonſt der Florus! Ich 351 will doch nicht gar fürchten(indem er aus einer Taſche in die andere fuhr), daß ich es habe auf meinem Schreibtiſch liegen laſſen— mein Gott, der Menſch hat heute ſo viel zu thun Endlich fand er ſein Portefeuille, blätterte haſtig darin umher— Aha, da finde ich noch etwas für Sie, rief er: Sehen Sie mal her, was das iſt? Was Vaterländiſches, da, rathen Sie mal, wo ich das gefunden habe— Damit reichte er ihr das Blatt, das er ge⸗ ſtern Morgen vom Hofe des Meiſters mitge⸗ nommen. Ein einziger Blick Angelica's— ſie erkannte die Handſchrift ihrer Mutter— es war das Blatt, das ſie ſo verzweiflungsvoll ge⸗ ſucht hatte!! Ich muß fort, ſtammelte ſie, indem ſie das Blatt feſt mit beiden Händen an ihren Bu⸗ ſen drückte: augenblicks fort, zurück ins Schloß, lieber Julian, ich habe etwas vergeſſen, Herr 352 Florus wird die Güte haben, dich zurück zu be⸗ gleiten.. Wie ein n gehehtes Reh ſprang ſie den Weg zum Schloſſe zurück. O mit tauſend Vergnügen, iſt mir eine große Ehre, puhſtete der dicke Poet: aber nur diesmal hab' ich unmöglich Zeit, Sie gehen ein wenig langſam, liebſter Julian, und ich, ſehen Sie, ich bin heute ganz unentbehrlich im Schloſſe— ſo zu ſagen, als Feſtordner— richtig, da ſetzen die Poſaunen ſchon ein, nun geht der Spectakel mit Nächſtem los— Herr⸗ gott und ich bin noch nicht da— auf Wieder⸗ ſehen, liebſter Julian! Ich werde Ihnen einen Bedienten mit dem Rollſtuhl ſchicken.... Es thut nicht Noth, ſagte Julian gutmü⸗ thig, ich fühle mich ganz ſtark und wohl und kann das kleine Stückchen Weg ſchon allein zu⸗ rückgehen.. Nun deſto beſſer, brummte der Poet, in⸗ 353 dem er mit möglichſter Eile fortſtapelte: bei der Wirthſchaft, die heut im Schloſſe iſt— es iſt der gnädigſte Herr Sohn, allerdings: aber ich weiß doch nicht, ob bei dem Rumor gleich ein Bedienter mit dem Rollſtuhl für ihn dageweſen wäre.... Siebentes Rapitel. Zwei Bittſteller. Die Commerzienräthin war noch bei ihrer Toi⸗ lette beſchäftigt. Sie zögerte dieſelbe ſogar ab⸗ ſichtlich hin, einmal, weil es vornehm iſt, auf ſich warten zu laſſen, und zweitens, weil ſie jeden Augenblick dachte, Herr von Lehfeldt ſollte ſich melden laſſen. Sie hatte geſtern Abend noch einmal ein ausführliches und wnngiches Geſpräch mit dem Sandmoll gehabt. Das Reſultat deſſelben war geweſen, daß ſie jetzt mit allen andern Gedanken und Plänen völlig gebrochen und Herrn von Lehfeldt zum Bräu⸗ tigam des Engelchen beſtimmt hatte. Denn 355 daß der junge Mann in Angelica verliebt war, verliebt bis über die Ohren, darüber hatte die Baronin ſich denn freilich nicht länger täuſchen können, ſo verdrießlich es ihr in vielem Betracht auch warz ſie beklagte ſeinen ſchlechten Geſchmack, beſchloß aber doch ſeinem Glücke nicht hinder⸗ lich zu ſein. Die Sache mußte eilig geordnet werden, jedenfalls noch heut, ſo lange die Feſt⸗ ſtimmung bei Herrn Wolſton anhielt und ſo lange die Gegenwart ſo vieler fremder Gäſte ihm Rückſichten auferlegte. Man begreift dem⸗ nach die Ungeduld, mit welcher ſie ihren Schütz⸗ ling erwartete, wennſchon ſeine verzögerte An⸗ kunft ihr andererſeits auch wieder eine Art von Befriedigung gewährte. Denn wenn es ihm wirklich ſo ſehr um das Mädchen zu thun wäre, dachte ſie bei ſich ſelbſt, und nicht vielmehr um das Geld und die reiche Verwandtſchaft, ſo würde er ſchwerlich ſo lange auf ſich warten laſſen. 356 Das Kammermädchen, das heute füglich zehn Füße und zwanzig Hände hätte haben ſollen ſtatt zwei, meldete einen armen Menſchen, der ſchon ſeit einer Stunde im Vorzimmer warte und ſich durchaus nicht wolle abweiſen laſſen. Mein Gott, fuhr die Baronin auf, über die Unverſchämtheit! Nicht einmal an einem Tage wie heut hat man Ruhe vor dem Bettel⸗ völ Gleich darauf aber, ſich jener Rolle der Samariterin erinnernd, welche ſie einmal über⸗ nommen hatte und die ſie gerade an dieſem Tage mit doppelter Sorgfalt ſpielen mußte: Es iſt freilich nicht recht, fuhr ſie mit ſanft kla⸗ gender Stimme fort, daß die guten Leute Einem nicht einmal das Bischen Zeit laſſen, ſich an⸗ zukleiden; ich habe noch ſo viel zu beſorgen. Aber immerhin, Roſaura, damit du dir ein Beiſpiel nimmſt, wie man ſeine eigenen Wünſche aufopfern muß und dem Herrn dienen zu jeder 357 Stunde: laß ihn herein! Es iſt vielleicht ein armer Mann, der noch ſein Kindlein bei uns anmelden will, oder ſonſt ein chriſtliches Anlie⸗ gen an uns hat. Hätte die Baronin während dieſer höchſt ſalbungsvollen Rede die ſtumpfnäſige Roſaura angeſehen, ſie hätte zum wenigſten ſo viel zum voraus gewußt, daß ihre Hoffnung, hier noch einen verſpäteten Zuwachs für ihre Warteſchule zu erhalten, vergeblich war. Da jedoch die Ge⸗ ſichter ihrer Kammerfrauen auch zu den Dingen gehörten, welche für ſie nicht exiſtirten(mit der einzigen Beſchränkung, daß ſie darauf ſah, keine allzu hübſchen zu nehmen), ſo blieb ihr auch das Gemiſch von Spott und Verwunderung unbemerkt, das ſich auf dem Geſicht des jungen Mädchens ſpiegelte. Und das Kammermädchen war lange nicht die einzige, die ſich verwundert hatte: die ganze Dienerſchaft war in Aufruhr gerathen, das ganze 358 Schloß, ſo zu ſagen, war in Bewegung ge⸗ kommen, als Reinhold, der Webersſohn Rein⸗ hold über den Schloßhof geſchritten war und ein Geſpräch mit der gnädigen Frau verlangt hatte! Man wußte, wie viel Jahre vergangen, ſeit Reinhold keinen Fuß unter das Portal ge⸗ ſetzt; ja man konnte ihm ordentlich anſehen, wie ſchwer es ihm auch jetzt noch ward und welchen Kampf es ihn koſtete. Ganz ſcheu, mit geſenkten Augen, hatte er ſich zwiſchen der lär⸗ menden Dienerſchaft hindurchgedrängt, ſeine Stimme war ſo leis, daß man ihn zweimal fragen mußte, was er eigentlich wolle. Es war ein Glück für ihn, daß er an die Roſaura ge⸗ rathen war; eine andere hätte ihn vielleicht un⸗ verrichteter Sache wieder weggeſchickt, Roſaura jedoch war ein gutmüthiges Ding, nicht gerade immer und gegen Jedermann, aber doch gegen hübſche junge Männer, gleichviel was für einen Rock ſie trugen, grob oder fein.... 359 Und wirklich war Reinhold dieſer Gang ſchwerer geworden, als irgend etwas noch im Leben. Aber es war ihm keine Wahl geblieben. Vergebens hatten ſie alle ihre kleinen Habſelig⸗ keiten ausgeboten zum Verkaufen, Verborgen, Verpfänden: Niemand bis jetzt hatte ſie anneh⸗ men wollen. Auch den Sandmoll hatten ſie vergeblich beſtürmt, vergeblich ſeine Habſucht zu reizen geſucht, indem ſie ihm den Beſitz ihrer ganzen Habe, ihres ganzen Grundſtücks anbo⸗ ten: er war unerbittlich geblieben, ſeine Anzeige war gemacht, und ſchon war im Hauſe des Meiſters die Meldung eingelaufen, daß die Leiche noch Vormittag von dem Anatomiewärter der nahen Kreisſtadt werde abgeholt werden. So hatte Reinhold ſich denn zu einem letz⸗ ten, äußerſten Schritte entſchloſſen: er wollte die Commerzienräthin um ihre Vermittelung anſprechen. Sie war eine reiche, eine mächtige Frau, von einflußreichen Verbindungen, ein einziges Wort von ihr mußte genügen, die ent⸗ ſetzliche Vorſchrift des Geſetzes abzuwenden. Auch war ja heute ein Feſttag für ſie, ein lang vorbereiteter; konnte ſie, die im Begriff ſtand, den Lebenden ſo viel Gutes zu erweiſen, konnte ſie es wohl zugeben, daß an der Todten eine ſo furchtbare, ſo unwürdige Rache geübt ward? Die Baronin betrachtete den jungen Mann nicht ohne Intereſſe; ſie hatte bereits viel über ihn gehört, hatte ihn aber bisher von Perſon nicht geſehen, und war nicht wenig überraſcht, einen ſo hübſchen, ſtattlichen jungen Mann in ihm zu finden. Allein dieſer erſte angenehme Eindruck ver⸗ ſchwand ſogleich wieder, bevor Reinhold ſein Anliegen noch völlig zu Ende gebracht hatte. Wie doch? fiel die Baronin ihm ins Wort: und mit einer ſo gemeinen, ekelhaften Geſchichte wagen Sie es, das Ohr einer Dame, das Ohr Ihrer Gebieterin zu beleidigen? Man kann von einem Menſchen Ihrer Herkunft keinen Anſtand verlan⸗ gen: aber ſo viel Schamgefühl und Sittlichkeit ſollten Sie doch wenigſtens haben, um zu wiſ⸗ ſen, daß man ſolche Dinge nicht vor das Ohr einer Frau bringt! Ich dachte gerade, weil Sie eine Frau ſind, ſtammelte Reinhold, weil die Natur Ihr Herz weich geſchaffen hat und weil Sie Mitleid ha⸗ ben werden... Mitleid mit dem Laſter! rief die Baronin, indem ſie ſich in Poſitur warf: Es iſt weit ge⸗ kommen, in der That, wenn junge Leute Ihres Alters ſich ſchon berufen halten, den Advocaten der Ausſchweifung und des Laſters zu machen! Ich habe dieſe Frau nie gekannt; aber hätte ich gewußt, mit welchen ſtrafbaren Ausſchweifungen dieſelbe ihr Leben befleckt— Sie ſprechen von meiner Mutter, gnädige Frau! rief Reinhold ſtolz.... Ich ſpreche von einer Frau, belehrte ihn die Das Engelchen. III. 16 362 Baronin, welche niemals hätte Mutter werden ſollen; Ihr ganzes Daſein, junger Mann, iſt ein Verbrechen und Sie thäten beſſer, mit der Schande, die auf Sie vererbt iſt, in Dunkel und Vergeſſenheit zu flüchten, ſtatt daß Sie Ihre unanſtändigen Geſchichten noch weiter tra⸗ gen und ſittſamen Frauen damit die Scham⸗ röthe ins Antlitz treiben. Das Geſetz iſt ge⸗ recht, und ich freue mich, daß es doch wenigſtens noch eine Strafe gibt für diejenigen, welche frech genug geweſen ſind, die heiligen Gebote der Scham mit Füßen zu treten. Ein chriſt⸗ liches Begräbniß iſt auch eine Gnade des Him⸗ mels, die verdient werden muß; eine Frau, wie Ihre Mutter geweſen iſt, hat keinen Anſpruch darauf.... Reinhold wollte etwas erwidern; aber die Baronin griff nach der Klingel: Ich habe Ihr ſchon oft geſagt, Roſaura, herrſchte ſie das Kammermädchen an, daß Sie 363 nicht alle Art von Geſindel zu mir hereinfüh⸗ ren ſoll; ich bin zu weichherzig, man misbraucht meine Güte, und wenn dieſer Menſch ſich nicht auf der Stelle entfernt, ſo ruft Sie nach der Dienerſchaft, er darf mir nie wieder vor die Augen kommen, verſteht Sie wohl? nie! nie!! Das war nun alſo auf die vollſtändigſte Manier aus der Thüre gewieſen. Und doch hatte Reinhold noch immer von Glück zu ſagen im Vergleich mit einem andern Bittſteller, der kurz zuvor ebenfalls in das Schloß gekommen und den man nicht einmal bis in die Thüre gelaſſen hatte— dem rothen Konrad. Auch Konrad war vergeblich Tag und Nacht auf⸗ und abgelaufen, es war ihm nicht möglich geweſen, Geld aufzutreiben. Die Braten ſchmor⸗ ten, die Teller klapperten ſchon, gleich nach dem Einweihungsfeſt ſollte das Kind in der Kirche getauft werden, die Herren Freßpathen leckten bereits alle zehn Finger— aber Konrad kannte 16* die Wirthin und wußte, daß ſie die Frau da⸗ nach war, nöthigenfalls und trotz aller Vorbe⸗ reitungen ihm und ſeinen Gäſten die Thüre vor der Naſe zuzuwerfen. Er mußte alſo, mußte Rath ſchaffen, wenn er nicht auf die unerträg⸗ lichſte Weiſe zum Geſpött ſeiner Kameraden werden wollte. So vertraute er ſich denn ſeinem Freunde, dem langen Karrenſchieber an. Er that noch mehr: Langer, ſagte er, ich habe ein Geheimniß, das iſt ſeine zehntauſend Thaler unter Brüdern werth; hilf mir es zu Gelde machen.... Und damit erzählte er ihm in Kürze das Geheimniß des Meiſters, das er in jener Nacht erlauſcht hatte. Der Karrenſchieber verhielt ſich ziemlich ungläubig dabei. Die Geſchichte iſt etwas unklar, ſagte er. Indeſſen einen Verſuch damit machen kannſt du ſchon. Geh dem Commerzienrath nur recht zu Leibe und drohe ihm, du wollteſt die Sache 365 bekannt machen vor der ganzen Welt. Es iſt ein glatter, grauſamer Schurke, es kann ihm gar nichts ſchaden, wenn er einmal etwas Blut laſſen muß. Er wird zäh ſein mit Geld, ich kenne die Art ſolcher reichen Leute. Aber da⸗ durch laß du dich nur nicht abſchrecken, nimm, was du kriegen kannſt, Ringe, Uhren, Doſen, ich will es dir ſchon unter der Hand zu Gelde machen. Und dann nach ein paar Tagen mel⸗ deſt du dich wieder und dann immer wieder; iſt's wirklich richtig mit der Geſchichte, ſo biſt du ein Glückskind und brauchſt deine Knochen nicht mehr anzuſtrengen, der Alte ſoll heraus⸗ rücken, daß es eine Art hat. Jetzt geh du nur dreiſt hinein und verlange geradezu zum Commerzienrath; wenn er dich nicht vorlaſſen will, dann laß nur ſo ein verblümtes Wort fallen, er wird dann ſchon merken, was für ein Landsmann draußen iſt. Ich werde ſo lange am Schloßthor warten; geh— und mach deine Sache klug! 366 Aber Konrad machte ſie im Gegentheil ſehr dumm. Weil es ihm an Muth zur Unterneh⸗ mung gebrach, hatte er ſich denſelben in der Branntweinflaſche geſucht; er taumelte ziemlich merklich und auch an ſeiner ſchweren lallenden Zunge hörte man, wo er zum Frühſtück ge⸗ weſen. Du? den gnädigen Herrn ſprechen? heute, in dieſer Beſoffenheit? rief der ſchöne Wilhelm, der in glänzender Livree, mit Hirſchfänger und Federhut, im Schloßhof paradirte und von un⸗ ten herauf mit den fremden Kammerjungfern liebäugelte: nun ſeht mal, das wäre! ſolch ein Branntweinzapf! Ich kenne ihn, ſagte einer der Stallknechte, der noch nicht Zeit gehabt hatte, ſich in den Sonntagsſtaat zu werfen und mit der Strie⸗ gel in der Hand dazutrat: das iſt ein ver⸗ lumpter Kerl, den ſie mit Schimpf und Schande aus der Fabrik gejagt haben, ſeine 367 Frau liegt in Wochen, die Canaille will bet⸗ ten Oder ſtehlen, rief ein Dritter, es iſt eben die Gelegenheit dazu im Hauſe. Mach fort, mach fort, ſchrien Alle, oder du kriegſt die Peitſche zu koſten. Konrad ballte die Fäuſte vor Wuth. Aber ich will den Commerzienrath ſprechen, lallte er. Herrn Commerzienrath heißt es, du Eſel, rief der ſchöne Wilhelm, indem er ihm einen Fauſtſchlag in den Nacken gab: das wäre noch was, wenn ſolch ein Spitzbube ſich erlauben wollte deſpectirlich von unſerer gnädigen Herr⸗ ſchaft zu ſprechen. Der ſchöne Wilhelm hatte nämlich bemerkt, daß der Commerzienrath, aufmerkſam gemacht durch das Geräuſch im Hofe, ans Fenſter getreten war. Der ſchöne Wilhelm gehörte zu den Menſchen, die nicht leicht eine Ge⸗ legenheit vorbeigehen laſſen, ſich beliebt zu 368 machen, ſollte es auch auf anderer Leute Ko⸗ ſten ſein. Herr Spitzbube! brüllte Konrad: ja, ja, da oben ſteht Er, ich ſehe Ihn recht gut— Heda, Herr Spitzbube! geb' Er doch dem Meiſter ſeine Fabrik heraus! Ja, glotz' Er nur her: die ganze Fabrik iſt geſtohlen! geſtohlen!! Denkt Er noch an Hamburg? an die Papiere, die Er geſtohlen hat? Dho, Herr Spitzbube, wir ſind auch nicht auf den Kopf gefallen....! Weiter konnte Konrad nicht reden— Iſt das ein Rauſch ſchon ſo früh um Tage, hatte der ſchöne Wilhelm geſagt: und damit waren Alle vereint über den rothen Konrad herge⸗ fallen und hatten ihn unter Stößen und Prügeln zum Schloßthor hinaus befördert, mit einer Schnelligkeit, die nichts zu wünſchen übrig ließ. Herrn Wolſton war oben an ſeinem Fen⸗ ſter kein Wort entgangen von Allem, was 369 der rothe Konrad ihm zugerufen. Aber er hatte keine Zeit, darüber nachzudenken: denn ſchon wurde ein neuer Beſuch angemeldet— Herr Prediger Waller. 16** Achtes Kapitel. Die Bewerber. Ah ſieh da, mein Prediger, ſagte Herr Wolſton mit der Faſſung, die ihn nie verließ: Sie ſind doch noch ein Mann, das muß ich ſagen, immer der erſte auf dem Fleck.... Ich habe um Verzeihung zu bitten, erwi⸗ derte der Prediger, daß ich Sie zu einer ſo ißif enden Stunde, wo Ihre Zeit bereits ſo ſechr in Anſpruch genommen iſt, noch mit einem Beſuch beläſtige. Aber die Veranlaſſung deſ⸗ ſelben iſt dringend und wird, wie ich hoffe, meine Dreiſtigkeit entſchuldigen. Der Commerzienrath deutete ſchweigend auf — das Seitencabinet, ſie traten ein und nahmen auf dem kleinen Sopha neben der Thüre Platz. Es iſt, fuhr der Prediger fort, heute nicht blos ein Feſttag für das Vaterherz meines ver⸗ ehrten Gönners: auch noch für eine andere, Ihnen minder angenehme Perſon bringt die⸗ ſer Tag eine mächtige, verhängnißvolle Entſchei⸗ dung mit ſich— Der Commerzienrath runzelte die Brauen. Sie ſprechen von meiner Stieftochter, ſagte er; woher wiſſen Sie—* Ich weiß, entgegnete Herr Waller feſt. Kurz denn, kurz denn, ermunterte der Com⸗ merzienrath: und wenn Sie etwa als Fürſpre⸗ cher kommen, ſo erſparen Sie ſich die Mühe, guter Prediger. Ich komme als Fürſprecher, erwiderte der Prediger, aber in meinem eigenen Auftrage und nur für mich ſelbſt— ich bitte um die Hand Ihrer Tochter. Der Commerzienrath lehnte ſich hohnlächelnd zurück. Um die Hand meiner Tochter! wieder⸗ holte er: Und wiſſen Sie auch, guter Prediger, daß dieſe junge Dame gar nicht meine Tochter iſt und nicht das mindeſte Vermögen hat? Ich weiß, verſetzte Herr Waller mit Ruhe, daß Fräulein Angelica die Tochter Ihrer ver⸗ ſtorbenen Frau Gemahlin aus deren erſter Ehe iſt und daß ſie dem mütterlichen Teſtament zu⸗ folge ihre Anſprüche an das Geſumutvermögen ihres Hauſes nur für den Fall einbüßt, daß ſie nicht bis zum heutigen Tage einen Gemahl gewählt hat, der ſich Ihrer Zuſtimmung erfreut. Und nun bilden Sie ſich ein, der Mann zu ſein, der ſich meiner Zuſtimmung erfreut? fragte Herr Wolſton, der jetzt auf einmal die Ent⸗ deckung machte, daß ſein Prediger doch eigentlich nur ein höchſt abgeſchmackter Menſch ſei. Ich wage es zu hoffen, antwortete Herr Waller. Ich fühle ſelbſt ſehr wohl, daß dieſe 373 Anmaßung Sie in Erſtaunen ſetzen muß; aber erlauben Sie mir meiner Bitte einige Erläu⸗ terungen hinzuzufügen, welche dieſelbe vielleicht in günſtigerm Lichte erſcheinen laſſen werden. Ich bin begierig, ſpottete Herr Wolſton. Sie ſind nicht glücklich geweſen in der Wahl Ihrer Vertrauten, Herr Commerzienrath, fuhr der Prediger fort, ſo langſam, ſo nachdrücklich und dabei doch mit ſo viel Gemüthsruhe, daß es Herrn Wolſton war, als höre er ſich ſelbſt: trotz dieſes Scharfſinnes und dieſer Menſchen⸗ kenntniß, die ich ſo oft an Ihnen bewundert, haben einige elende Menſchen Sie zu hinter⸗ gehen gewußt. Dieſer Maler Schmidt, der ſo lange die Gaſtfreundſchaft Ihres Hauſes ge⸗ noſſen— Weiter, rief der Commerzienrath verächtlich, ich kenne ihn, es iſt Herr von Lehfeldt. Und kennen Sie auch die Abſichten, die ihn hierher geführt? fragte der Prediger. 374 Ja, er ſoll die aufſäßigen Fabrikarbeiter beobachten; ſo hat man es am grünen Tiſch ausgeheckt— als ob ich den Beiſtand eines ſolchen Laffen erſt nöthig hätte! Sie ſind nicht vollſtändig berichtet, Herr Commerzienrath, erwiderte Herr Waller: nicht im Zaume halten ſoll er Ihre Fabrikarbeiter, ſondern im Gegentheil zum Aufruhr ſoll er ſie anſtacheln. Dieſer Brief meines ehrwürdigen Gön⸗ ners, des Oberpredigers, wird Ihnen Aufſchluß über die Einzelheiten geben; es iſt eine großartige Intrigue, welche der Miniſter angelegt hat, um Seine Durchlaucht, den regierenden Fürſten, deſto gewiſſer in die alte Abhängigkeit zurückzuführen.. Reſidenzklatſch, ſagte Herr Wolſton achſel⸗ zuckend und ohne den Brief zu öffnen: was geht es mich an? So geht es Sie vielleicht deſto näher an, fuhr der Andere fort, daß jener alte Inſpector, der ſogenannte Sandmoll— Bei dieſem Namen fuhr der Commerzien⸗ rath in die Höhe. Was iſt's mit ihm? rief er: der alte Schurke betrügt mich, ich hab' es längſt bemerkt.... Sie haben richtig bemerkt, verſetzte der Pre⸗ diger: und wenn ich auch ſonſt keinen Anſpruch habe auf die Hand Ihrer Fräulein Tochter, ſo bin ich doch im Stande, Ihnen einen Fleck zu zeigen, Herr Commerzienrath, wo der Sandmoll gewiſſe Papiere vergraben hat, welche Sie längſt verbrannt wähnen und deren Veröffentlichung Ihnen, in Anbetracht der hohen Strafen, welche auf jahrelang fortgeſetztem Schmuggelhandel ſte⸗ hen, vielleicht ſehr unangenehm ſein dürfte.... Was für Papiere? ſtammelte der Commer⸗ zienrath. Dieſe— ſagte eine dritte Stimme die plötz⸗ lich in dem Nebenzimmer laut ward: Ihre Die⸗ ner ſind durch das heutige Feſt ſo in Anſpruch genommen, Herr Commerzienrath, und auch 376 Ihre Thüren gehen ſo leis, Ihre Teppiche ſind ſo weich, daß es nicht an mir gelegen hat, wenn ich ſo ganz unaufgehalten und unbemerkt bis hierher gelangt bin.... Es war Herr von Lehfeldt, der dieſe Worte ſprach; er trug einen kurzen grünen Jagdrock, eine doppelläufige Büchſe über der Schulter, in der Hand hielt er ein Pack Papiere— Du haſt den Fleck gewußt, Pfaff, ſagte er ſpöttiſch zu Herrn Waller: und ich habe ihn gefunden, unter der Galgenfichte— ah, der Platz war nicht übel gewählt, es kommt ſo leicht kein Menſch dahin.... Herr Wolſton, raſend vor Zorn, wollte ſich auf ihn werfen. Der junge Mann ſchob raſch die Papiere in den Buſen zurück. Zurück! don⸗ Und dann die Hand des Commerzienraths ergreifend, führte er ihn an das Fenſter, das eine freie Ausſicht auf die nächſten Berghöhen 4 gewährte. Sehen Sie jene Bayonette dort? fragte er: in dieſem Augenblick iſt das bewußte Forſthaus von Truppen beſetzt.... Ich weiß von nichts, ſtöhnte Herr Wolſton; es war ihm zu Muth wie einem Schlittſchuh⸗ läufer, der plötzlich das Eis unter ſich brechen fühlt—: der Sandmoll hat mich betrogen, mich und den Staat; verhaften Sie den Sandmoll! Der Sandmoll entgeht uns nicht, ſagte Herr von Lehfeldt gleichmüthig: ſeine ſchlechten Füße ſind uns gut dafür, daß er nicht davon⸗ läuft. Eine andere Frage iſt es, wie es ſich mit Ihnen geſtalten wird, mein Herr Commer⸗ zienrath. Der Commerzienrath hatte ſeine alte Faſ⸗ ſung wiedergewonnen. Was iſt es im ſchlimm⸗ ſten Fall? erwiderte er brüsk: die Sache läßt ſich mit Geld abmachen, ich bin reich— Das weiß ich, fiel ihm Herr von Lehfeldt 378 in die Rede, und darum benutze ich auch dieſen Augenblick, um die Hand Ihrer Fräulein Toch⸗ ter anzuhalten— mit oder ohne Teſtament, ſetzte er mit rohem Lachen hinzu, wenn nur mit dem Vermögen. Und dann gegen den Prediger gewendet, der gleich einer Bildſäule am Fenſter lehnte: Es thut mir leid, Pfaff, daß ich dir ins Gehege komme. Allein ich bin ein ſchlechter Chriſt, weißt du, und halte es mit dem alten Spruch, daß Jeder ſich ſelbſt der Nächſte iſt.... Elender! ſchrie der Commerzienrath, ſeiner Wuth nicht mehr mächtig, indem er aufs Neue mit erhobener Fauſt auf den Jüngling losging: jetzt erſt durchſchaue ich deine niederträchtigen Ränke! Es iſt ein Complott von dir und der Metze, deiner Mutter, du— Baſtard meines Weibes!! Die Augen des jungen Mannes blitzten hell auf— Ich danke Ihnen, ſagte er, für dieſe unerwartete Güte, mit der Sie mir meine Mut⸗ ter nachweiſen; ich habe lange danach geſucht und habe immer die Spur nicht finden können. Wollen Sie vielleicht die Gefälligkeit haben, mir auch meinen Vater anzugeben? Denn nun wird es der alte Sandmoll doch hoffentlich nicht mehr ſein...2 Baſtard eines wahnwitzigen Bettlers!! brüllte Herr Wolſton— Herr von Lehfeldt verfärbte ſich; aber nur einen Augenblick. Man kann ſich ſeine Väter nicht ausſuchen, ſagte er: jedenfalls bin ich Ihnen ſehr verbunden für den Nachweis und hoffe, daß meine geringe Herkunft Ihnen kein Hinderniß ſein wird, mich zum Eidam und Erben anzunehmen. Während dieſes ganzen letzten Theils des Geſpräches hatten draußen die Feſtglocken geläu⸗ tet, die Horniſten blieſen, Böller wurden ab⸗ gefeuert.. 380 Herr Wolſton ſchwankte zwei mal die Stube auf und ab. Dann ſtand er vor dem jungen Manne ſtill; er preßte einen Augenblick die Hand gegen die Stirn, darauf mit völlig wie⸗ dergewonnener Ruhe und Klarheit: Sie wollen, ſagte er, die unpaſſenden Aeuße⸗ rungen, zu denen meine Heftigkeit mich ſo eben hingeriſſen, als nicht geſchehen betrachten; auch der ſtärkſte Kopf, wenn er ſo von allen Seiten beſtürmt wird, wie es mir ſeit einigen Tagen begegnet, verliert endlich die Faſſung. Ihr An⸗ trag iſt mir ſo unerwartet gekommen wie Ihre ſonſtigen Mittheilungen; Sie werden unſerm Feſt die Ehre Ihrer Gegenwart ſchenken und nach Tiſche wollen wir das Weitere miteinander erwägen. Ihrem Feſt die Ehre meiner Gegenwart ſchen⸗ ken kann ich nicht, antwortete Herr von Leh⸗ feldt, weil meine Geſchäfte mich anderwärts hinrufen. Aber zu Tiſch will ich wieder da ſein, halten Sie mir einen Platz in Ihrer Nähe frei und auch für unſern Freund da, den Pre⸗ diger, wir ſind alte Univerſitätsfreunde, nicht wahr, Pfaff? und er hat mitunter recht hübſche Einfälle beim Eſſen.... Mit allem Anſtand des vollendeten Welt⸗ mannes empfahl er ſich. Herr Wolſton geleitete ihn ebenſo höflich bis an die Thür. Dann zu⸗ rückkehrend, den Prediger umklammernd: Prieſter, Prieſter, ſchrie er— haſt du kein Gift?! Ueuntes Rapitel. Die Begegnung. Der lange Karrenſchieber hatte, während er draußen auf Konrad wartete, den Lärm im Schloßhof recht gut gehört; da es indeſſen ein für alle mal ſein Grundſatz war, nicht nur für ſeine Perſon jede Prügelei zu vermeiden, ſon⸗ dern namentlich auch ſich in keine fremde zu miſchen, ſo hatte er ſich bedächtig davon ge⸗ macht. Als Konrad, wohl zerprügelt, ins Freie kam, ſuchte er ſeinen Freund vergebens. Die Prügel hatten ſeine Wuth noch vermehrt, zähne⸗ knirſchend ging er um das Schloß herum— hätte er nur gleich Stein und Schwefelfaden bei ſich gehabt und wären nur die alten dicken Mauern aus Holz geweſen, ſtatt aus Stein! Er dachte, wie die Wirthin jetzt mit langem Halſe und höhniſchem Blick nach ihm aus⸗ ſchauen würde, dachte, wie der lange Karren⸗ ſchieber es gewiß ſchon ausgeplaudert hatte, daß er keinen Heller im Sack; auch an ſeine Frau dachte er und an das Kind, das in drei Stun⸗ den getauft werden ſollte, er wußte noch nicht wovon! Alles, was er dachte, trieb ihm das Blut immer mehr zu Kopfe; wie ein gereiztes Thier im Käfig, lief er um das Schloß herum — er mußte dem Commerzienrath einen Streich ſpielen, mußte ſich rächen für die Mishandlun⸗ gen, die er empfangen, mußte ſich Geld ver⸗ ſchaffen, Geld! Geld!! Endlich— hier ging es— hier ſah ihn Niemand, hier war die Gartenmauer niedrig— ein Sprung— er iſt im Park!— Alles um ihn her war ſtill, keine menſchliche 384 Spur weit und breit. Vom Schloß her tönte ſchallende Muſik. Er knickte vor Wuth die jun⸗ gen Büſche, die zu beiden Seiten am Wege ſtanden— Blaſt! blaſt! murmelte er, daß euch der Athem ausgeht, ihr Hallunken! Wenn ich ein reicher Mann wäre, wollte ich auch blaſen laſſen; aber ich bin ein Bettler und habe nicht einmal Geld, mein Kind taufen zu laſſen, mein Kind, das ſo gut iſt, wie die Kinder der Reichen, und von demſelben Fleiſch! Verflucht! ſchrie er, warum kann dieſer Spitz⸗ bube ſeinem ſchwindſüchtigen Balg ein ſolches Feſt geben— und ich ſoll meinem armen klei⸗ nen Rothkopf taufen laſſen, als wäre er hinter dem Zaun geboren?! Da er mit der Einrichtung des Parkes nicht bekannt war und nur ſo auf geradehin den nächſten Gang verfolgt hatte, der ſich ihm dar⸗ bot, ſo war er, ohne es zu wiſſen, immer wei⸗ ter vom Schloß abgekommen. Zu ſpät merkte 385 er ſeinen Irrthum, er ſtand ſtill, um nach dem Schall der Muſik die Richtung zu prüfen, reckte den Kopf in die Höhe, um beſſer zu hören.... Wer war denn das da? auf der Felswand dort über ihm? das junge blaſſe Herrchen, in dem prächtigen Anzug und die blanke goldene Kette prahleriſch über die Weſte gelegt? Ei alletauſend, das war ja der junge Herr, der Sohn des Commerzienraths, mutterſeelen al⸗ lein—! Mit zwei Sprüngen war Konrad in ſeiner Nähe; eine entſetzliche Gier befiel ihn, er mußte aufjauchzen wie ein wildes Thier, wie er ſo auf den Knaben losſprang. Heda, junges Herr⸗ chen, rief er, ein armer Mann! ſchenken Sie einem armen Manne eine Gabe! Ich habe auch ſo einen jungen Herrn zu Hauſe, nur noch ein bischen kleiner; er möchte auch gern ſolche gol⸗ dene Kette tragen, junger Herr! Schenken Sie mir die Kette für meinen jungen Herrn...! Das Engelchen. III. 17 386 Julian zitterte an allen Gliedern; er war derartige Begegnungen ſo wenig gewöhnt, daß er alle Faſſung verloren hatte. Ich habe hier kein Geld bei mir, ſtammelte er, guter Mann: aber kommt nur mit mir ins Schloß, mein Va⸗ ter wird Euch geben.... Ins Schloß? hohnlachte Konrad, zu deinem Vater? damit Eure verfluchten goldbekleckſten Lakaien mich noch einmal durchprügeln? Nein, junger Herr— indem er ſich dichter und dich⸗ ter zu ihm heran arbeitete, und ſchon die Hand nach der ſchimmernden Kette ſtreckte—: hier heißt's, wie unſere Wirthin ſagt: gleich und auf der Stelle! Was nützt Euch das Kettchen? Aber ich kann meinen Sohn davon taufen laſſen— Ihr werdet doch nicht—?! ſchrie Julian entſetzt.... Ganz gewiß werd' ich, ſchöner junger Herr! erwiderte Konrad: ich bin gerade in der Stim⸗ 387 mung, ſolchen vornehmen Herrenſchädel zu un⸗ terſuchen, wie er inwendig ausſieht.... Und dabei bückte er ſich, einen Stein vom Wege aufzuheben. Julian verſuchte zu entfliehen; er rannte, ſo ſchnell ſeine ſchwachen Kräfte erlaubten— glitt — fiel— ſtürzte den ſteilen Abhang hinab, den entſetzlichen fremden Mann immer dicht hinter ſich... 12 Zehntes Rapitel. Das Kind. Das Kind gefällt mir gar nicht recht, hatte die Nachbarin geſagt, als ſie heute früh von Margareth gegangen war. Margareth hatte im Lauf des geſtrigen Tages die Nachricht von dem Tode ihrer Tante erhalten; der heftige Schreck hatte ihr ein„uebelbefinden zugezogen, welches ſie mit der Nilch dem Kinde mitgetheilt hatte. Die Frau hatte das eigentlich nur ſo im Stillen für ſich hingeſagt. Aber das ſcharfe Ohr der Mutter hatte es doch gehört. Warum gefällt Euch das Kind nicht? fragte ſie: er iſt ja doch ſo hübſch, mein ſüßer Junge. Man ſoll kleine Kinder nicht hübſch nennen, 389 ſagte die weiſe Frau verdrießlich: die Kinder ver⸗ tragen es nicht, und deines iſt ſo ſchon ganz weiß am Näschen. Mach', daß es getauft wird; das Taufwaſſer iſt die beſte Arzenei für ſolche Kinder. Margareth hatte zu wenig Erfahrung, um dieſe doppelſinnige Rede zu verſtehen. Es wird ja auch noch heute Mittag getauft, entgegnete ſie, indem ſie matt in ihre Kiſſen zurückſank: Konrad hat den Prediger ſchon beſtellt, er wollte blos noch erſt Geld einfordern. Daß Ihr mir mein Püppchen nur ja gut einwickelt, wenn Ihr's zur Kirche tragt! Ei was, das Wetter iſt ſo ſchön, daß es ordentlich eine Schande iſt für Weihnachten, hatte die Nachbarin erwidert. Aber für ſich ſelbſt hatte ſie im Weggehen wiederholt: Das Kind gefällt mir nicht, das werden wir bald wo an⸗ ders hintragen als in die Kirche... Jetzt erwachte Margareth. Das Glocken⸗ 390 geläute und der Lärm der Feſtlichkeit hatte ſie erweckt; ſie beugte ſich über das Kind, das in einem reinlichen Korbe zu ihren Füßen ſtand.... In dem Augenblick ſtürmte Konrad her⸗ ein. Er war kreideweiß im ganzen Geſicht, die kurzen ſtruppigen Haare ſtanden ihm in die Höhe gleich Borſten. Er hatte die Mütze ver⸗ loren, ſeine Jacke war zerriſſen. Da, da, rief er, indem er Margareth eine Hand voll kleiner Münze aufs Bett ſchleuderte: da haſt du Geld— nun wollen wir unſer Kind taufen— ſchnell, ſchnell— ich muß gleich wie⸗ der weg, mein Freund, der Karrenſchieber, er⸗ wartet mich draußen— warum antworteſt du mir nicht? ſchrie er, da Margareth ſprachlos, mit aufgeriſſenen Augen, noch immer auf das Kind zu ihren Füßen ſtarrte. Jetzt riß ſie es empor— löſte die zerriſſenen kleinen Binden— drückte das Köpfchen in fieberhafter Angſt an ihren Buſen— Unſer Kind iſt todt!!— ſchrie ſie. Todt!? kreiſchte Konrad, indem er, wie vom Blitz zerſchmettert, am Kopfende ihres Bettes niederſank... Als der unglücklichen Mutter das Bewußt⸗ ſein zurückkehrte, hörte ſie draußen ein dumpfes Gemurmel, dicht vor ihrem Fenſter. Ein hohles Poltern, wie von einem leeren ſchweren Karren, ſchlug an ihr Ohr; ſie hörte Stimmen, auch die Stimme ihres Vaters— Konrad— ſagte ſie mit matter Stimme; ſie hielt die kleine Leiche noch immer feſt in Händen, das geknickte welke Köpſchen ruhte auf der Bruſt, die es nur ſo kurze Zeit genährt und die ihm dann ſelbſt den Tod gegeben. Ah, ſie kommen ſchon, mich zu holen!! ſchrie Konrad aufhorchend und ſtürzte wie ein Raſen⸗ der zur Thür hinaus. 5 Elttes Kapitel. Der Leichenkarren. Das kümmert mich Alles nicht, ſagte der Füh⸗ rer des Karrens: ich habe einmal meinen Schein, der Herr Inſpector hat ihn ſelbſt ausgeſchrie⸗ ben. Weibliche Leiche, zweiundvierzig Jahre alt, an der Auszehrung geſtorben, unverehelichte He⸗ lene Werner, hat außer der Ehe geboren, an die Anatomie der Kreisſtadt abzuliefern.... So iſt es und in dem Hauſe da ſteht die Leiche; mach zu, es ſind fünf Stunden und ſchlechter Weg und das Wetter iſt weich— Es war die Stimme des Sandmoll, der dieſe Worte vernehmen ließ. Am Feſtzug ſeines 393 Gebieters hatte er, als eine allzu übel berüch⸗ tigte Perſon, ohnedies nicht Theil nehmen dür⸗ fen, und ſo konnte er es ſich nicht verſagen, den Becher der Rache bis auf den Grund zu leeren, indem er ſelbſt der Abführung der Leiche beiwohnte. Die Erſcheinung des ſeltſamen Fuhr⸗ werks hatte eine Menge Menſchen herbeigelockt: nämlich ſo viel deren für dies Schauſpiel noch Zeit hatten, da auch der Feſtzug im Schloß ſich ſo eben in Bewegung ſetzen ſollte. In dich⸗ tem Kreiſe umſtanden ſie das Fuhrwerk, das armſelig und ſchmuzig war, wie ſein Führerz der Sandmoll hielt ſich vorſichtig in der zwei⸗ ten Reihe. Der Meiſter, in ſeinem langen braunen Rock, die Haare ſorgfältig geſcheitelt, lehnte in der Thür ſeiner Hütte; er ſtützte ſich mit dem rech⸗ ten Arm auf Reinhold, der im Innern der Hausthür ſtand, die blanke Art in der Hand. 1 Dies Haus iſt mein Haus, erwiderte der 17** 394 Meiſter, mit einer Ruhe, welche bange Schauer durch die Herzen aller Hörer goß: dies Haus iſt mein Haus, und die Leiche darinnen iſt die Leiche meiner Schweſter— Meiner Mutter!! rief Reinhold, indem er einen Schritt vorwärts trat und die Axt gegen den Kärrner ſchwang. Seiner Mutter! jauchzte das Volk: brav, brav, Reinhold! der wird es ihnen zeigen! das iſt ein Junge, der Haare auf den Zähnen hat, ſo duckmäuſerig er ſonſt auch thut! Aber was wollen ſie denn mit der Leiche? fragte die ſchwarze Hanne, die mit ihrem Go⸗ liath vornan im Gedränge ſtand; ſie waren Beide zu faul geweſen, auch zu neidiſch, um die Herrlichkeit im Schloß mit anzuſehen. Zerſchneiden, antwortete der Goliath mit ſei⸗ ner rieſigen Stimme. Zerſchneiden! zerſchneiden! brüllte der Chor ihm nach: ah das iſt doch zu niederträchtig von — 395 dieſen Vornehmen, daß ſie uns nun auch ſchon unſere Leichen wegholen, um ſie aufzuſchneiden und ſich danach zu kuriren! Hau zu, Reinhold, ſchrie Einer: wir ſtehen dir bei, Alle zuſammen, wie wir hier ſind! Wenn man wegen ſo eines kleinen Kindes gleich ſollte auf den Schindanger geſchafft wer⸗ den, das wäre was Schönes, meinte eine Dirnez man ſah es ihr an, daß ſie Grund hatte zu dieſer Reflexion. Ja und noch dazu, wenn die Sache ſo lange her iſt, daß kein Menſch mehr davon weiß, rief ein Anderer. Die Lene hat immer ordentlich gelebt, Nie⸗ mand hat etwas Böſes von ihr gewußt, ſagte ein Dritter. Fort, fort mit dem Karren! Hau zu, Rein⸗ hold, wir leiden es nicht! ſchrie der Haufe, in⸗ dem er ſich immer drohender zuſammenſchaarte: Schlagt das Pferd todt! werft den Karren um! 396 wir brauchen keine Menſchenſchinder mehr im Dorf, der Commerzienrath iſt Menſchenſchinder genug!! Der Führer des Karrens, der um ſeine Sicherheit beſorgt ward, ſah ſich verdrießlich nach dem Sandmoll um, als der ihm zunächſt vorgſetzt war. Aber der hatte ſich bereits in den dickſten Haufen verloren. Nun ſchreit doch nur nicht ſo auf mich los, ihr Leute, ſagte er: ich wäre ja auch lieber was Anderes als Leichenkärrner. Ich habe meinen Befehl und muß gehorchen; wenn es euch aber nicht recht iſt, ſo laßt uns aufs Schloß ziehen und weiter hören. Ja, ja, jubelte der Haufe: das iſt ein bra⸗ ver Kerl, der iſt von den Unſern; aufs Schloß! aufs Schloß! Laßt uns den Karren gleich mit⸗ nehmen: es geht hoch her im Schloß, wir wol⸗ len ein Faß Wein darauf laden; wo ſo viel drauf geht, wie heut im Schloſſe, da wird ja 397 für uns armen Leute wohl auch noch ein Fäß⸗ chen übrig ſein— oder zwei.... Der Kärrner lenkte ſein Fuhrwerk um— Gib mir das Beil, ich will ihn todt ſchlagen, an mir iſt nichts mehr gelegen, flüſterte Kon⸗ rad, der kreideweiß hinter Reinhold ſtand: der Kerl kommt doch wieder, ich will ihn lieber gleich todt ſchlagen— Reinhold wandte ſich mit verächtlicher Ge⸗ berde ab; er hielt ſeinen Schwager für be⸗ trunken. Noch hatte der Zug nicht den Platz vor der Schenke erreicht, als ſchon ein zweites, noch viel größeres, viel wüſteres Menſchengedränge mit noch viel entſetzlichern Verwünſchungen ſich ihm vom Schloſſe her entgegendrängte... 3wölktes Rapitel. 4 Das Feſt. Nach der Anordnung, welche Herr Wolſton unter dem Beirath des Poeten getroffen, hatte der Zug der Fabrikarbeiter, die Gäſte an der Spitze, ſich zunächſt über den Schloßhof hin in das neue Fabrikgebäude zu begeben; ſo we⸗ nig es eigentlich auch dazu paßte, ſo hatte es ſich die Baronin dennoch als Begünſtigung ausgebeten, daß auch ihre Schaar friſchgewaſche⸗ ner verwahrloſter Kinder ſich daran anſchließen durfte. Das Maſchinenhaus war auch von in⸗ nen mit Kränzen und Wimpeln decorirt; ein Feſton von Blumen, Julian's Namenszug dar⸗ —„ 399 ſtellend, hing, bis jetzt noch mit einem Schleier bedeckt, in der Mitte. Erſt wenn Alles im In⸗ nern des Gebäudes ſich geordnet, ſollte Julian hereingeführt werden. Dieſe Anordnung ging unmittelbar von dem Commerzienrath aus; er wollte ſeinem Liebling theils über das unange⸗ nehme Gedränge des Feſtzugs hinweghelfen, theils auch den Schein der Ueberraſchung er⸗ halten. Dann, ſo wie Julian eintrat, ſollte das Feſtlied geſungen, die Inſchrift enthüllt werden; Herr Wolſton wollte eine kurze Anrede halten, durch welche Julian feierlich als Beſitzer und Beſchützer dieſes neuen Werks proclamirt ward; Herr Florus(aber das wußte noch Niemand, ſelbſt der Commerzienrath nicht) wollte ein Ge⸗ dicht improviſiren, an dem er in der That ſchon ſeit vierzehn Tagen auswendig lernte; gleich darauf ſollten die Maſchinen ſich in Bewegung ſetzen, Herr Wolſton ſelbſt wollte ſeine Gäſte herumführen, ihnen Alles zu zeigen und zu er⸗ — 400 klären; dann ſollte die Warteſchule durch eine Rede des Predigers eröffnet, dann endlich zu Tiſch gegangen werden. Der erſte Theil dieſes Programms war ge⸗ nau und pünktlich erfüllt; Herr Wolſton, den man ſich kaum jemals erinnerte friſcher und luſtiger geſehen zu haben, hatte ſeine Gäſte in die neue Fabrik eingeführt. Der Dinge gewär⸗ tig, die nun weiter kommen ſollten, unterhielt man ſich in kleinen Gruppen; man bewute das ſchöne, helle, luftige Local, ſtaunte auch wohl die ungeheuren Räder und Kolben an, entſetzte ſich gelegentlich über die Gluth, die in den Oefen kniſterte, und den Dampf, der hier und dort aus einer Röhre ziſchte. Einige be⸗ mitleideten auch die armen Kleinen, die ſo höchſt unberufener und erzwungener Weiſe dieſer Herr⸗ lichkeit beiwohnen mußten, und deren klägliches Anſehen deutlich die Angſt und Langeweile ver⸗ rieth, welche ſie empfanden. Ihr Zahl war nicht 401 groß. Dennoch hatte man ſie ſo eng zuſam⸗ mengedrängt, zunächſt den dampfenden Ma⸗ ſchinen, daß die armen kleinen Weſen ſich kaum rühren konnten; die halbwüchſigen Burſche aus der Fabrik traten ſie insgeheim auf die Füße, zauſten ſie bei den Haaren und prügelten ſie, wenn ſie ſchreien wollten. Das Engelchen war neben den Juſtizrath zu ſtehen gekommen. Oder vielmehr, ſie hatte ſich dieſen Platz mit aller Anſtrengung geſucht. In dem Drängen und Treiben, das in dem Schloſſe herrſchte, war es ihr nicht möglich ge⸗ weſen, ihn⸗eher ausfindig zu machen; jetzt erſt, wie ſie im Zuge neben ihm dahinſchritt: Ich habe das Blatt! ſagte ſie heimlich, und eine leiſe, ſchwache Röthe ſtieg auf ihren ſchnee⸗ weißen Wangen auf. Der Juſtizrath ſah ſie von der Seite an: Das Blatt? knurrte er eben ſo heimlich: Na, wenn das nur nicht wieder eine von Ihren Phantaſien iſt, Schatz! Das wirkliche, leibhaf⸗ tige Blatt aus der Handſchrift Ihrer Mutter? Ich habe es, wiederholte Angelica, indem ſie die Hand feſt gegen die Bruſt drückte. So müſſen wir ſo bald wie möglich ſehen, von dieſer faden Geſchichte loszukommen, raunte der Juſtizrath ihr zu, ich gehe nun nicht wie⸗ der von Ihrer Seite, Engelchen, ſonſt machen Sie mir doch wieder dumme Streiche; ſo bald wir können, drücken wir uns von hier und ge⸗ hen auf Ihr Zimmer. Und haben Sie ſchon geleſen, was darin ſteht? konnte er ſich nicht enthalten hinzuzuſetzen. Das Engelchen nickte. Nun? Verwahrung? Proteſt? Nichtigkeits⸗ erklärung des officiellen Teſtaments, nicht ſo? flüſterte der Alte vergnüglich. Das Engelchen nickte wiederum. Es wird juriſtiſch auch nicht viel helfen, brummte der Andere: aber es iſt doch wenig⸗ 403 ſtens ein Anfang, man ſieht doch nun wenig⸗ ſtens einen Boden, auf den man ſich ſtellen kann. Wenn nur erſt dieſe verwünſchte Ge⸗ ſchichte hier zu Ende wäre! Das war ein Wunſch, der in der Stille von der Mehrzahl der Gäſte getheilt ward; die Pauſe dauerte auch ein wenig gar zu lange. Aber frei⸗ lich, die Hauptperſon fehlte noch.... Mein Sohn wird ſich verſpätet haben, ſagte der Commerzienrath, indem er entſchuldigend von Einem zum Andern ging: Sie wiſſen, er iſt nicht ganz wohl, mein guter Sohn, und da kann Einem dergleichen ſchon begegnen, beſon⸗ ders an einem Tage, der auch für ſein Herz ſo viel Angreifendes und Rührendes hat. Aber ich habe bereits nach ihm geſchickt.... Die Boten kamen wieder: der junge gnä⸗ dige Herr ſei nirgend zu finden. Man hatte in ſeinem Zimmer nachgefragt, hatte durch den Gar⸗ ten geſchickt; nirgend eine Spur. „ 404 Er kann nicht mehr im Garten ſein, rief Angelica, indem ſie erſchrocken hinzutrat(es war kindiſch von ihr, ſie geſtand es ſich ſelbſt, daß ſie ſo erſchrak: denn es war ja kaum eine Stunde, daß ſie ihn geſund und munter verlaſ⸗ ſen, was ſollte ihm in der Zwiſchenzeit begeg⸗ net ſein?): es iſt ſchon eine ganze Zeit her, daß ich mit ihm im Garten geweſen, und er war ſchon auf dem Rückweg, als ich ihn verließ. Herr Florus, Sie wollten ja meinen Bruder begleiten, wo haben Sie ihn verlaſſen? Der Poet entſchuldigte ſich mit den vielen Geſchäften, die er zu beſorgen gehabt hätte. Der Commerzienrath warf Angelica einen furchtbaren Blick zu: Sie ſind mir verantwortlich für mei⸗ nen Sohn, knirſchte er.... Allmälig bemächtigte ſich der Verſammlung eine Unruhe, die mit jeder Minute wuchs. Neue † Boten wurden ausgeſendet, in dieſe und jene Richtung; Viertelſtunde auf Viertelſtunde ver⸗ 405 ging, zuletzt wagte Niemand mehr nur ſeinen Nachbar anzuſehen. Angelica hatte ſich gleich anfangs fortbegeben wollen, ihren Bruder zu ſuchen; aber Herr Wolſton hatte es nicht ge⸗ ſtattet. Er war noch der Einzige, der bald zu Dieſem, bald zu Jenem trat und ein Geſpräch in Gang zu bringen ſuchte. Allein man ſah bei alledem, wie ihm die hellen Angſttropfen auf der Stirn perlten.... Endlich kam von draußen ein dumpfes Ge⸗ ſchrei: Er iſt gefunden, im Garten! ſie bringen ihn! hieß es. Sie brachten ihn: blutig, zerſchmettert, todt Yreizehntes Rapitel. Der Mörder. So wie der Commerzienrath das bleiche, mit Blut befleckte Antlitz ſeines Sohnes erblickt hatte, war er umgeſunken; Niemand zweifelte, daß ihn ein Schlagfluß getroffen. Während ein Theil der Aerzte, die in der Geſellſchaft anwe⸗ ſend waren, dafür ſorgte, daß er auf ſein Zim⸗ mer und ins Bett geſchafft ward, waren die Uebrigen um Julian beſchäftigt. Aber es gab hier nichts mehr für die Kunſt der Aerzte zu thun. Eine breite Wunde klaffte über die Stirn, war ſie von einem Fall, Sturz, Schlag, es ließ ſich für den Augenblick noch nicht er⸗ 407 kennen; nur daß die Wunde tödtlich geweſen, das war leider gewiß genug. Angelica, die ganz im Gegenſatz zu Herrn Wolſton mitten in dieſer entſetzlichen Kriſis eine wunderbare Stärke entwickelte, war die Erſte geweſen, die an der Leiche niedergekniet; mit kalter Entſchloſſenheit ſtand ſie den Aerzten bei, reichte ihnen Tücher, Eſſenzen, Inſtrumente, ſelbſt die verſchiedenen Meinungen und Zweifel über die Art des Todes vermochte ſie mit an⸗ zuhören. Es wurde von Einigen eine Quet⸗ ſchung am Hinterkopf bemerkt, die, in Ver⸗ bindung mit der Stirnwunde, kaum von ei⸗ ner Selbſtverletzung herrühren könne; Andere machten darauf aufmerkſam, daß die Leiche ohne Geld, Uhr oder ſonſtigen Schmuck. Doch wußte ſich Niemand im Augenblick zu beſinnen, ſelbſt Angelica in ihrer Beſtürzung nicht, ob der in ſeiner Kleidung wie in allen übrigen Stücken für gewöhnlich ſo höchſt Einfache heut 408 dergleichen an ſich getragen hatte; es wurde erſt ein Diener entſandt, um in ſeinen Zimmern danach zu ſuchen. Auf einmal ſchrie Angelica auf: Er iſt er⸗ mordet, beraubt!!!.. Sie hatte bemerkt, daß der Ring fehlte, der dritte von jenen, welche Julian für die drei Freunde hatte fertigen laſſen, und der, wie ſie wußte, nie, aber auch nie von ſeinem Fin⸗ ger kam.. Der Juſtizrath, der hier ganz auf ſeinem Terrain war, ließ ſich den Ring ſogleich des Näheren beſchreiben. Die Neuigkeit ſprach ſich weiter. Es waren mit der Leiche und in dem Tumult, der durch das Ereigniß hervorgerufen war, eine Menge Menſchen mit in den Saal geſtrömt, auch ſolche, die eigentlich nicht hinein⸗ gehörten. Unter ihnen der Wirth der Schenke. So wie derſelbe von einem Ringe hörte, drängte er ſich herzu; er war ſonſt ein beſchei⸗ dener, ſchweigſamer, faſt mürriſcher Mann Von was für einem Ring iſt die Rede? fragte er, wie ſah der Ring aus? Wie dieſer! rief Angelica, indem ſie ihre Hand emporſtreckte. Der Wirth beſah den kleinen Reif aufmerk⸗ ſam. Gerade ſolchen Ring, ſagte er ſodann, hat heute Vormittag der Sohn des Meiſters, Reinhold, mit andern Habſeligkeiten bei meiner Frau zum Verkauf oder Verſatz ausgeboten. Er that ſehr dringend damit und war in einer Auf⸗ regung, welche mir ſogleich auffiel; deshalb und weil es mir überhaupt nicht lieb iſt, daß meine Frau dergleichen Geſchäfte treibt, unterſagte ich ihr, die Sachen anzunehmen, und Reinhold iſt, ſo viel ich weiß, wieder damit nach Hauſe zu⸗ rückgegangen. Man weiß, wie es bei dergleichen Gelegen⸗ heiten geht; kaum daß der Wirth zu Ende ge⸗ ſprochen, als ſich ſchon im Saal, wie auch außer⸗ Das Engelchen III. 18 410 halb das Gerücht verbreitete, Reinhold, der Sohn des Meiſters, habe den Sohn des Com⸗ merzienraths erſchlagen. Bei der bekannten Feindſchaft, die zwiſchen den beiderſeitigen Häu⸗ ſern beſtanden und welche die Phantaſie des Volks ſich ſchon längſt nicht grauſig genug hatte ausmalen können, war die Nachricht wohl noch immer entſetzlich, aber kaum mehr unwahr⸗ ſcheinlich. Gewiß, rief die Baronin, die aus einer Ohnmacht in die andere fiel, aber gleichwohl kein Wort verlor von Allem, was um ſie her geſprochen ward: Reinhold iſt der Mörder, und kein Anderer! Der Nichtswürdige war heute früh auch bei mir im Zimmer— er bettelte bei mir— Heute früh und heute Vormittag, das ſind ja aber gar keine juriſtiſchen Zeiten; Stunde, Mi⸗ nute, Viertelſtunde zum wenigſten, murrte der Juſtizrath: wann war der junge Menſch, der 411 den Ring verſetzen wollte, bei Ihm, Herr Wirth? Das konnte der, nach Art der meiſten Men⸗ ſchen, nun im Augenblicke ſo genau nicht an⸗ geben. Doch war der Verdacht immer dringend genug, um ſofort gegen Reinhold einzuſchreiten. Der Juſtizrath verordnete das Nöthige, und mehr als die Hälfte der Verſammlung wälzte ſich unter lautem Geſchrei: Mörder! Mörder! der Sohn des Meiſters hat den Sohn des Com⸗ merzienraths erſchlagen! in das Dorf hinein. Dies war der Zug, welcher mit dem andern, der mit dem Leichenkarren angerückt kam, vor der Schenke zuſammenſtieß. Man ſtelle ſich das Getobe, das Zanken, Kreiſchen, Johlen vor, das bei dieſem Zuſammentreffen entſtand. Hurrah! ſchrie der lange Goliath, heut iſt der Satan an allen Ecken los! Juch, Brüder, heut brocken wir etwas ein! Ob Reinhold ſchuldig oder unſchuldig, wurde 18* 412 unter der Menſchenmaſſe ſehr eifrig beſtritten; die Mehrzahl behauptete ſeine Unſchuld. Wer weiß, wer den erſchlagen hat, riefen Einige: das iſt eine Familie in dem Schloß, ſo vornehm ſie iſt, der kann man Alles zutrauen, und nun ſoll die Schuld blos wieder auf uns arme gemeine Leute kommen. Reinhold begriff lange nicht, um was es ſich handelte. Als er endlich den furchtbaren Verdacht erfuhr, der auf ihm laſtete, erklärte er ſich ſogleich mit vollkommener Ruhe bereit, den Abgeſandten des Juſtizraths zu folgen; er hielt ſogar ſelbſt die Hände hin, daß man ſie mit Stricken zuſammenbände, um ihm einen etwai⸗ gen Fluchtverſuch zu erſchweren. Nur das Eine ſolle man ihm geloben, daß die Leiche ſeiner Mutter inzwiſchen nicht vom Flecke gerührt würde. Man verſprach es ihm, und er ließ ſich, nach einem flüchtigen Händedruck gegen ſeinen Vater, ruhig abführen, von einer ungeheuern Menſchenmenge umtobt, die nun wieder mit ihm in das Fabrikgebäude zurückſtrömte. Der Meiſter hatte während des ganzen Vorganges kein Wort geſprochen. Er hatte die Axt er⸗ griffen, ſo wie Reinhold ſie hingeworfen und hielt ſie noch immer in der Hand.... Konrad war inzwiſchen drinnen bei ſeiner Frau. Mach' unſer Kind wieder lebendig! ſchrie er, ſich in unbändigem Schmerz auf dem Bo⸗ den wälzend, oder ich muß dich dazu tödten und mich und die ganze Welt...! Margarethe verſtand ihn nicht; ſie glaubte, es wäre der Vaterſchmerz, der aus ihm ſpräche. Eben ſo wenig vermochte ſie ſich den Tumult draußen zu erklären. Aber der wurde immer größer, es war ein prächtiger Tag heut für die Tagediebe des Dor⸗ fes, die merkwürdigen und unglaublichen Nach⸗ richten riſſen gar nicht ab—: das alte Jagd⸗ haus, erzählte man ſich, ſei ſo eben von Sol⸗ daten beſetzt, eine ganze Schmugglerwirthſchaft aufgehoben worden, an der Spitze derſelben ſollte Niemand Geringeres ſtehen als der Fa⸗ brikherr. Das ſchlug denn dem Faß vollends den Bo⸗ den aus. Alſo die reichen Herren ſtehlen auch? rief man: und wenn unſereins nur eines Stroh⸗ halms werth nimmt, ſo muß er ins Zuchthaus, und das ſtiehlt und plündert Jahre lang und wird reich und fett dabei?! Das ſchöne Eſſen, riefen Andere, das wird nun wohl unangerührt bleiben, dem gnädigen Herrn wird wohl der Appetit vergangen ſein; laden wir ſelbſt uns zu Tiſche, damit der Schmaus nicht verdirbt! Wirklich rollte auch die Mehrzahl der frem⸗ den Wagen bereits wieder davon; es war na⸗ türlich, daß Jeder den Ort des Schreckens ſo raſch zu verlaſſen ſuchte wie möglich. Allein 415 indem dieſe Wagen ſich gewaltſam einen Weg durch die dichte Volksmaſſe erzwingen wollten, trugen ſie nur noch dazu bei, die Verwirrung zu vergrößern.. Ihr wollt wohl wieder Kinder zu Tode fah⸗ ren? rief das dicke Weib, deſſen Knaben Rein⸗ hold zwiſchen den Pferden hervorgeholt hatte. Damit war ein neues Loſungswort gefallen. Die Kinder, die Kinder! ſchrie man, rettet die Kinder aus dem Schloſſe, aus der Mörder⸗ höhle!! Schon flogen Steine, theils gegen die Schloß⸗ gebäude, theils gegen das Wirthshaus, theils auch gegen die Wagen der fremden Gäſte. An⸗ dere hatten ſich mit Knitteln, Heugabeln, Aex⸗ ten bewaffnet; die Fabrikarbeiter ſchleppten Ei⸗ ſenſtücke und Maſchinentheile herbei: Laßt uns die Maſchinen zerſtören! hinweg mit den Ma⸗ ſchinen! ſie ſind an dem ganzen Elend ſchuld! Nun rührt mich der Schlag, daß ich das 416 erleben muß, ſagte die dicke Wirthin, indem ſie leichenblaß in die Ecke ſank: die vollkommene, leibhaftige Revolution! Es war wirklich etwas der Art, und ſie ſelbſt ſollte den erſten Stoß davon empfinden. Denn die Schenke, wie man ſich leicht den⸗ ken kann, war das Erſte, wogegen Wuth und Plünderungsſucht der aufgeregten Volksmaſſe ſich entluden. In zwei Minuten waren alle Fenſter derſelben zertrümmert, alle Thüren er⸗ brochen. Die Wirthin hatte ſich in den unter⸗ ſten Keller gerettet; ſo hart ſie ſonſt auch war, ſo mußte ſie jetzt doch weinen, wenn ſie an das Schickſal ihrer Zimmer, ihrer Möbel, ihrer Vorräthe dachte.— Ein anderer, noch größerer Haufe hatte ſich gegen das Schloß ſelbſt ge⸗ wendet. An ſeiner Spitze ſtand der tolle Hei⸗ ner. Er hatte einen rothen Fenſtervorhang um einen Stock gewickelt, und declamirte mit ſchreck⸗ licher Stimme und lautem, wieherndem Hohn⸗ 417 gelächter, deutſch, engliſch, lateiniſch, Alles durch⸗ einander; je toller er declamirte, je raſender jauchzten ſeine Gefährten. Die Dienerſchaft des Schloſſes, durch das plötzliche Unglück ihrer Herrſchaft entmuthigt, hatte kaum noch Zeit gehabt, den Commerzienrath, der noch immer nicht ins Bewußtſein zurückgekehrt war, in ei⸗ nen bereitſtehenden Wagen zu packen und durch einen Seitenthorweg mit ihm davonzujagen, tief in Gebirg und Wald hinein. Denn gegen ihn hauptſächlich waren die Drohungen der Angrei⸗ fer gerichtet. Schon klirrten auch die Fenſter des Schloſſes, ſchon war die raſch verrammelte Pforte von einzelnen kühnen Kletterern erſtie⸗ gen— als ſich plötzlich vom Eingang des Dor⸗ fes her Trommelwirbel vernehmen ließ und eine ſtattliche Abtheilung Soldaten, in dichtem, ge⸗ ſchloſſenem Zuge, auf den Platz vorrückte. An der Seite des Befehlshabers ritt ein Mann im grü⸗ nen Jagdkleid, die doppelläufige Büchſe überm 18** 418 Rücken, einen gewaltigen Hund neben ſich; es war Herr von Lehfeldt. Allein bevor wir die Entwickelung dieſer Ka⸗ taſtrophe weiter verfolgen, iſt es nöthig, in das Innere des Maſchinenſaals zurückzukehren, an die Leiche Julian's, wo ſich inzwiſchen nicht min⸗ der furchtbare und gefahrvolle Ereigniſſe zuge⸗ tragen hatten. vierzehntes Rapitel. Gefahr und Rettung. Wir haben erzählt, mit welcher Standhaftig⸗ keit Angelica das ungeheure Schickſal, das über ſie hereingebrochen war, ertrug; erſt als Rein⸗ hold, gefeſſelt, unter den Verwünſchungen der Dienerſchaft, hereingeführt ward, brach ſie laut weinend über dem theuern Leichnam zuſammen. Durch welchen Anblick fühlte ſich ihr Herz mehr zerriſſen, durch den Todten hier, oder dort den Lebenden? Auch Reinhold zeigte ſich durch den Anblick des geliebten, jetzt ſo entſtellten Freundes aufs Tiefſte erſchüttert. Ich ſein Mörder! rief er, indem er die gefeſſelten Hände gen Himmel ſtreckte: ich, der ich ihn geliebt habe, wie einen Bruder, ja der ich ſein Bruder geweſen bin, der ich noch ſeinen Ring auf meinem Herzen trage Wo? fragte der Juſtizrath haſtig. Erſt jetzt erinnerte der junge Mann ſich, daß er den Ring abgelegt und bei den übrigen noch unverkauft gebliebenen Sachen zurückge⸗ laſſen. Ich irre mich, ſtammelte er, ich habe ihn im Augenblick nicht bei mir.... Und Sie zweifeln noch, daß Sie den Mör⸗ der vor ſich haben? ſagte die Baronin trium⸗ phirend zum Juſtizrath: Ich will Ihnen noch mehr ſagen, in dieſem Moment, an den Blicken, die ſie ſo eben wechſelten, habe ich es erkannt—: er iſt der Buhle dieſer Dirne hier(indem ſie auf Angelica deutete), es iſt ein Complot zwi⸗ ſchen dieſen Beiden, Angelica iſt nach ihrem eigenen Eingeſtändniß zuletzt mit Julian im 421 Garten geweſen; ich beſtehe darauf, daß dieſe Dirne verhaftet wird— ſie iſt die Mörderin ihres Bruders! Reinhold fuhr wüthend in die Höhe— ach, ſeine Hände waren ja gefeſſelt! Ob die Baronin ſelbſt an die entſetzliche Beſchuldigung glaubte, die ſie auf das unglück⸗ liche Mädchen ſchleuderte?— Wir zweifeln. Aber Julian war todt, Herrn Wolſton hielt ſie für todt, Angelica war die einzige Nebenbuh⸗ lerin, die noch übrig blieb; wer will ermeſſen, wohin unter dieſen Umſtänden die Phantaſie eines Weibes ſich verirren konnte, gleich der Baronin? Reinhold war vor Angelica auf die Knie geſunken. Hören Sie, rief er, hören Sie, weſ⸗ ſen der Wahnſinn uns beſchuldigt? Erheben Sie Ihre Stimme, ſprechen Sie, gnädiges Fräulein, nicht für mich, nur für Sich ſelbſt! ſagen Sie, daß Sie unſchuldig ſind, ſchmettern 422 Sie mit einem einzigen Blick Ihres treuen Auges die verbrecheriſche Anklage zu Boden— und laſfen Sie Ihr Herz entſcheiden, ob ich ſchuldig bin, ſchuldig ſein kann! Sie ſind unſchuldig, ſagte Angelica kaum hörbar: aber ich bin ſchuldig, ich hätte meinen Bruder nicht verlaſſen ſollen..... Sie geſteht es ſelbſt ein, ſie hat ſich ſelbſt für ſchuldig bekannt! rief die Baronin, auf welche plötzlich der ganze Haß des Herrn Wol⸗ ſton ſich vererbt zu haben ſchien: Ich mache Sie noch einmal verantwortlich, Herr Juſtiz⸗ rath, daß dieſes junge Mädchen verhaftet wird! So laut ſie es ſchrie, ſo hörte der Juſtiz⸗ rath doch nur halb danach hin; ein langer ha⸗ gerer Mann, der ſich ſchon ſeit einiger Zeit in ſeine Nähe gedrängt hatte, flüſterte ihm ins Dhr. Es war der lange Karrenſchieber. Ich bitte tauſendmal um Verzeihung, Herr Juſtiz, ſagte er, ich bin unſchuldig, ganz wahr⸗ haftig; ich bin der friedlichſte Menſch auf Er⸗ den, fragen Sie jedes Kind, das mich kennt— wenn ich auch mitunter das Maul etwas vorn⸗ weg habe, ſo mein' ich es doch nicht ſo— Wird's? ſchnaubte der Juſtizrath ihn unge⸗ duldig an. Ich bitte tauſendmal um Verzeihung, beſter Herr Juſtiz, fuhr der Andere immer demüthiger fort: aber als guter Bürger— und wenn ich am Ende wohl noch ſelbſt darüber in Strafe kommen ſoll— es iſt ja doch Menſchenpflicht, daß Einer dem Andern beiſteht, und leben will der Menſch ja auch— aus eigenen Kräften und ohne das Geld, das mir die Wirthin dazu hergab, hätte ich es gar nicht betreiben können, ganz wahrhaftig nicht— die Wirthin hat mehr Schuld als ich— und überdies iſt es ja auch ein ganz erlaubtes und anſtändiges Gewerbe. Ich wollte nur ſagen, gnädigſter Herr Fuſtiz, ſetzte er eilig hinzu, da er ſah, wie der Juſtiz — — — — rath bereits nach Leuten winkte, die ihn beim Kragen nehmen ſollten: daß mein guter Freund, der rothe Konrad— das heißt ſo viel als nicht eigentlich mein Freund, nur ſo ein Bekannter — Sie verſtehen ſchon, Herr Juſtiz, er brachte immer viel durch, der Konrad, na ja— er hat mir, fuhr er immer ängſtlicher fort, vor etwa anderthalb Stunden dieſe Sachen in Ver⸗ ſatz gegeben— er ſagte mir, er hätte ſie vom Herrn Commerzienrath geſchenkt gekriegt— nicht ſo eigentlich gutwillig geſchenkt, aber doch geſchenkt.... Damit langte er aus der unergründlichen Rocktaſche Uhr, Kette, Ring hing hervor, die ſofort ſämmtlich als Julian's Eigenthum er⸗ kannt wurden. Reinhold's Sache ſchien ſich da⸗ durch günſtiger zu geſtalten. Andere indeſſen machten darauf aufmerkſam, daß Konrad Rein⸗ hold's Schwager, und daß alſo eine Gemein⸗ ſamkeit des Verbrechens noch keinesweges zu 425 den Unmöglichkeiten gehöre; für keinen Fall dürfe man ihn eher loslaſſen, als bis der wahre Mörder erwiſcht und geſtändig. Der Juſtiz⸗ rath ſchickte einige geeignete Perſonen, um die Herbeiführung des rothen Konrad zu bewirken. Wiederum ſchloß ſich ein großer Theil der Verſammlung daran an und der Saal war auf dieſe Art ziemlich entleert, als plötzlich von der Seite, wo die Kinder zuſammengedrängt ſtan⸗ den(denn hier hatte ſich noch kein Menſch um die armen Würmer gekümmert), zunächſt den Maſchinen, ein durchdringendes Jammergeſchrei laut ward. Und wie hätten die Kinder nicht aufſchreien ſollen, da dies ein Anblick war, bei dem dem kühnſten Manne ſelbſt das Blut in den Adern ſtockte? Es iſt erzählt worden, daß ſeit dem un⸗ glücklichen Ereigniß mit Julian die Thüren des Maſchinenſaals für Jedermann offen ſtanden, — 426 und daß unzählige Menſchen unbeobachtet aus⸗ und einſtrömten. Auch der Vater des Meiſters war darunter. Da bei der furchtbaren Entſcheidung, welche der Meiſter jeden Augenblick in ſeinem eigenen Hauſe erwarten mußte, für den blödſinnigen Alten daſelbſt kein Platz war, ſo hatte er ihm ein Stück Brot in die Taſche geſchoben und hatte ihn geheißen, zum Schulmeiſter zu gehen; der Alte machte dergleichen Gänge öfters, und bei der völligen Harmloſigkeit ſeines Wahnſinns hatte es auch wirklich nichts zu ſagen, ſo we⸗ nig für ihn als für Andere. Allein draußen angekommen, war er von dem Menſchenſtrom ergriffen worden, der aus allen Straßen und Winkeln des Dorfs zu den Feſtlichkeiten im Schloſſe drängte. Er hatte ſich mit fortſchie⸗ ben laſſen, anfangs aus Furcht, dann aus Gut⸗ müthigkeit, endlich war er aus eigener Neugier mitgegangen. Die Muſik, die Fahnen, die geputzten Leute, das Alles machte ihm großes Vergnügen. Mit der Zeit war er auch mit in den Maſchinenſaal geſchlüpft; wie er die großen Räder, Stangen, Kolben erblickte, hatte er laut in ſich hineingekichert und in die Hände ge⸗ klatſcht: Meine Maſchinen, rief er, meine lieben kleinen Maſchinen..! Immer näher, immer dichter hatte er ſich herangeſchlichen, Niemandem war die kleine, geduckte, grauhaarige Figur aufgefallen, zwi⸗ ſchen den Kindern, denen er vorſichtig Schwei⸗ gen zuwinkte, hindurch, mitten hinein in das Gewirre der künſtlich verſchlungenen Räder; wer ihn ja dazwiſchen handtiren ſah, wie er dort mit der Hand wohlgefällig über eine Walze ſtrich, hier die Zähne an einem Kammrad be⸗ fühlte, jetzt vor dem Ofen niederkauerte und Kohlen über Kohlen hineinſchaufelte, hatte höch⸗ ſtens gedacht, es wäre ein Arbeiter, der zu den Ma⸗ ſchinen gehörte, und er wäre da an ſeinem Platze. 428 Da auf ein mal geht ein dumpfes, zitterndes Dröhnen durch den weiten Raum; die Räder ſetzen ſich in Bewegung, die Axen ſtöhnen, die Schrau⸗ ben klappern, erſt langſam, dann ſchneller, immer ſchneller— rieſenhafte Kolben tauchen auf und nie⸗ der und ſchmettern dröhnend an einander— ziſchend, pfeifend fährt der Dampf in die Höhe— Flam⸗ men ſchlagen, praſſeln, lecken gierig aus den über⸗ heizten Defen— mit Gedankenſchnelle kniſtert die Glut an dem rings aufgehängten Tannenreiſig empor— eine ungeheuere Lohe wälzt ſich vom Hintergrund des Saales her.... Mitten in der furchtbaren Zerſtörung, auf einer ſchmalen, eiſernen Galerie, welche in etwa doppelter Mannshöhe zwiſchen den Maſchinen hinlief, um von dort aus alle Theile gehörig beobachten und in Gang erhalten zu können, ſtand der blödſinnige Alte; je toller die Räder raſſelten, je höher die Flammen züngelten, deſto lauter jubelte er. 429 Heida, luſtig, rief indeh er auf der der ſchmalen Brücke auf und ab tanzte und jetzt mit beiden Händen das leichte eiſerne Ge⸗ länder erfaßte, als wollte er die ganze Brücke in Trümmer reißen und ſich mit ihr hinabſtür⸗ zen in das Chaos unter ihm:— heida, luſtig, dreht euch, meine Rädchen! ich habe meine lie⸗ ben Rädchen wieder, meine lieben allerliebſten Maſchinen! Aha, ſie dachten, ich wäre verrückt, ſie dachten, meine Maſchinen gingen nicht— ſo recht, blaſt, ſchnauft, ſtöhnt— hopp, hopp, immer munter— willſt du wohl artig ſein, du lange ſchwarze Schlange da, und nicht ſo nach mir ſchnappen? Ich bin dein Meiſter— heida, meine lieben Rädchen, euer Meiſter iſt da!! Gab das zierlich gearbeitete Gitter ſeinem furchtbaren Rütteln nach oder ſchwang er ſich abſichtlich über daſſelbe hinweg— Ein geller Aufſchrei, Ein Sprung, Ein Fall— und gleich gefräßigen Ungeheuern zerrten, knackten, knirſch⸗ ten die Räder und Walzen an den Knochen des zerſchmetterten Greiſes. Niemand ſah, wie er ſtarb; mit fürchterli⸗ chem Angſtgeſchrei hatte Alles, was nur im Saale war, ſich dem Ausgange entgegengeſtürzt. Die Baronin war unter den Erſten, welche das Freie gewannen; ihr nach, mit abgeriſſenen Rockſchößen und die Brille hoch über dem Kopfe haltend, Herr Florus. Die kleinen weiß⸗ gekleideten Kinder quiekten, als würden ſie alle geſotten; ſie liefen, fielen, ſtürzten über einander hin, rafften ſich wieder auf.... Der Juſtizrath hatte in raſcher Beſonnen⸗ heit eines der großen Fenſter aufgeriſſen. Nur zuerſt mit den Bälgen hinaus! rief er, und raſch fanden ſich hilfreiche Hände, welche die Kleinen von Arm zu Arm zum Fenſter hinaus ins Freie reichten. Aber jetzt drängte der Reſt der Fabrikar⸗ beiter nach; hatten ſie das Räderwerk wirklich nicht mehr zum Stillſtund bringen und die Flamme bewältigen können, oder war es ihnen auch eben genehm, daß die ganze Anlage in Feuer aufging, gleichviel— mit wildem Halloh Alles vor ſich niederwerfend, ſtürzten ſie auf Thüren und Fenſter los: Hinaus! hinaus! ſchrien ſie: rette ſich wer kann! das ganze Ge⸗ bäude fliegt in die Luft!! Der Schreckensruf wirkte; ſelbſt der Juſtiz⸗ rath wurde davon hinweggeriſſen; in wenigen Minuten war der Saal eine Einöde voll Dampf, Flammen, Zerſtörung. Nur zwei lebende We⸗ ſen blieben unbeweglich, gleich Bildſäulen, mit⸗ ten in der allgemeinen, entſetzlichen Flucht— Reinhold und Angelica, die Leiche Julian's zwiſchen ihnen. Retten Sie ſich, gnädiges Fräulein! rief Reinhold.... Angelica ſchüttelte ſchmerzlich das Haupt. 432 Mein Platz iſt hier, ſagte ſie, ich laſſe nicht von dieſer theuren Leiche— Verzweifelnd ſtreckte Reinhold die gefeſſelten Arme in die Höhe: Schnell, ſchnell, rief er, löſen Sie dieſe Stricke, und ich trage Sie mit⸗ ſammt der Leiche unſers Freundes ins Freie! Aber Angelica ſah und hörte nicht mehr. Schon züngelte die Flamme am Gebälk; die Menſchenmenge vor dem Gebäude hatte ſich weithin zerſtreut, der Platz rings umher war wie leer gefegt, weil Alles eine Exploſion be⸗ fürchtete; Niemand dachte an die Zurückgeblie⸗ benen, Niemand wußte nur, daß überhaupt Jemand zurückgeblieben war.... Reinhold zerrte mit den Zähnen an dem Knoten, der ſeine Hände zuſammengürtete. Aber er war zu feſt. Er ſtürzte nieder, taſtete An⸗ gelica mit den gefeſſelten Händen leiſe ins Ge⸗ ſicht— ſie war kalt und ſtarr, wie die Leiche zu ihren Füßen. 433 Wieder ſprang er in die Höhe, in kleinem Kreiſe, wie ein Wahnſinniger, umlief er die Gruppe, ſtürzte zur Thür, kehrte wieder um, ſchrie, weinte, raſte... Näher und näher leckten die Flammen; ein unerträglicher, erſtickender Rauch wälzte ſich in dicken ſchwarzen Wolken an der Decke hin und ſenkte ſich tiefer und tiefer— So hilf du, Allmächtiger, flehte Reinhold: du weißt, ob der Tod mir ſchwer wird, der Tod für dieſe, die ich geliebt habe, ſeitdem mein Auge ſie zuerſt geſehen— die ich noch jetzt liebe, liebe mit heißer, verzweiflungsvoller Liebe, auch da ſie längſt einem Andern gehört— rette nur ſie! nur ſie!! und laß mich untergehen, indem ich ſie rette! Das Gebet hatte ſeine Kräfte verdoppelt; ein letzter gewaltſamer Ruck— die Stricke riſ⸗ ſen— was that es, daß ihm das Fleiſch in Fetzen von den Armen hing? Die zerfetzten Arme waren frei— frei—!! Das Engelchen. III. 19. 434 Mit demſelben Griff faßte er Angelica und die Leiche, nein, ſchon müſſen wir ſagen zwei Leichen— ſchwang Angelica hoch auf ſeine Schulter— die Leiche des Knaben ſchleppte er unter dem andern Arme nach— wenige Schritte — ſie waren gerettet!! Aber wen hatte er gerettet? zwei Todte? L Er legte Angelica leiſe auf den verwelkten Ra⸗ ſen nieder; die armen Ueberreſte ſeines Freun⸗ des bettete er unter eine Trauerweide, die die langen, kahlen Zweige darüber breitete. Dann warf er ſich vor Angelica nieder, rieb ihr die Schläfe, rief ſie leiſe mit den zärtlichſten, ſüße⸗ ſten Namen... Aus der Ferne brauſte dumpfes Geſchrei, Trommelwirbel, Lärmen, Gebrüll— er hörte nichts, dachte an nichts, flüſterte ihr nur immer die ſüßeſten Liebkoſungen in das ach, ſo feſt verſchloſſene Ohr— Angelica erwachte; ihr erſter matter Blick 435 fiel in die treuen braunen Augenſterne ihres Freundes— der Gedanke an ihren Traum durch⸗ zuckte ſie— das waren die Augen, ja, dieſel⸗ ben lieben, treuen Augen, die ihr damals im Traume zugelächelt, jetzt erſt erkannte ſie ihren Strahl!— Mein Retter! mein Retter!! ſtammelte ſie, wie damals im Traum; wohlthätige Thränen, die erſten ſeit Julian's Tode, tropften über ihr ſchönes, bleiches Angeſicht, und in ſeliger Ver⸗ einigung, Tod und Leben vergeſſend, hingen die Liebenden ſich in den Armen. „ 19* — — Funtzehntes Kapitel. Das Gericht. Das Erſcheinen des Militairs hatte die Maſſe ſtutzig gemacht, unwillkürlich gab ſie Raum, ſo daß die Soldaten ſich in langer, ſchmaler Fronte zwiſchen dem Schloſſe und dem Hauſe des Meiſters aufſtellen konnten. Sie ſehen, welch feiges Geſindel es iſt, ſagte Herr von Lehfeldt, der neben dem Major, welcher die Abtheilung commandirte, einherritt. Deſto beſſer für ſie, erwiderte der Major, ein gutmüthiger dicker Herr, indem er den ſchwarzen Schnauzbart ſtrich; er war Soldat durch und durch und hatte ſeinen Muth auf mehr als einem Schlachtfelde erprobt: aber eben deshalb war ihm der Gedanke, dieſe zum größ⸗ ten Theil unbewaffnete, berauſchte Maſſe nieder⸗ metzeln zu ſollen, unerträglich... Deſto beſſer, ſagte der Major, für ſie und auch für uns, ſo werden wir keine Gewalt an⸗ zuwenden brauchen und in Güte mit ihnen fer⸗ tig werden. Damit wollte er vorreiten und die Menge, die immer weiter zurückwich, nach ſeiner derb⸗ freundlichen Weiſe anreden. Aber Herr von Lehfeldt fiel ihm in die Zügel. Halt, ſagte er, dies iſt nicht Ihr Geſchäſt, mein Herr Major. Sie wollen ſich an die er⸗ haltene Ordre erinnern, durch welche Sie ſammt Ihrem Detachement zu meiner Verfügung ge⸗ ſtellt ſind, und Angriff wie Unterhandlung allein von meiner Entſcheidung abhängen. Mit dieſen Worten ſprengte er vor, mitten in den dichten Haufen hinein, der ſich vor der — Wohnung des Meiſters zuſammengeballt hatte; das Roß tanzte, der Hund, ſchweifwedelnd, mit munterm Gebell, hielt ſich dicht an ihn. Halloh, ihr Spitzbuben! rief er, erkennt ihr mich? Ich weiß die niederträchtigen Complotte, die ihr angeſtiftet habt; heraus mit den Rädels⸗ führern, ſo dürfen die Andern vielleicht auf Pardon hoffen! Herr von Lehfeldt wußte recht gut, daß es hier keine Rädelsführer gab, oder wenigſtens, wenn es deren gab, ſo war er ſelbſt der ſchlimmſte. Alles blieb ſtill; mit unendlicher Verachtung ließ er den ſtolzen, kalten Blick über die Menge gleiten, dann zu dem Major zurückſprengend: Laſſen Sie eine halbe Compagnie mit ge⸗ fälltem Bayonnet vorgehen, ſagte er, das Haus dort vor uns iſt mir längſt bekannt als die Spelunke eines der gefährlichſten Aufwiegler; das Haus ſoll beſetzt, und Alles was darin iſt, gefangen genommen werden. 439 Der Major gehorchte; die Trommeln wir⸗ belten, Soldaten mit gefälltem Gewehr, in Sturmſchritt, gingen auf das Haus des Mei⸗ ſters vor.... Ah, nun wollen ſie doch gewiß die Leiche holen, murmelte das Volk, indem es nach allen Seiten hin ängſtlich auseinander ſtob; dieſe Be⸗ völkerung war zu entnervt, zu feig, ſelbſt ein ſo verſchlagener Kopf, wie Herr von Lehfeldt, konnte keine Rebellen aus ihnen ſchnitzen. Die Thür des Hauſes ſtand offen; man ſah den Meiſter am Sarge ſeiner Schweſter lehnen, die treue Axt in der Fauſt, regungslos. Schon hatten die vorderſten der Soldaten die Schwelle erreicht, als Konrad, aus dem Zimmer ſeines Weibes herausſtürzend, im Haus⸗ gange ſichtbar ward. Er war ohne Waffen: aber eine ſo entſetzliche Wuth lag auf ſeinem blutleeren Angeſichte, und mit ſo furchtbarem Geſchrei ſchüttelte er die geballten Fänſte, daß 440 die Soldaten beim Anblick dieſes Mannes, der ſich ihren Bayonneten ſo keck entgegenwarf, unwillkürlich zurückwichen. Die Axt, die Axt!! rief er, ſprang hinüber zum Meiſter, riß ihm die Axt aus der Hand, ſchwang ſie, feſt auf den vorderſten der Sol⸗ daten zielend, in ungeheurem Bogen— Das Beil ſauſte durch die Luft, weit über ſein Ziel hinaus, wo es unſchädlich zu Boden fiel. Aber auch Konrad fiel zu Boden; der angegriffene Soldat, auf ſeine Rettung bedacht, hatte ihm das Bayonnet in die Bruſt gerannt. Gut getroffen, röchelte er, ſollſt Dank ha⸗ ben, Kamerad— daß Niemand anders verfolgt wird! Ich bin der Mörder des gnädigen jungen Herrn.. nicht ſein Mörder... ich wollte ihm blos die ſchöne goldene Uhrkette nehmen... er floh vor mir... ſtürzte— ah, Dank, Kame⸗ rad, das thut gut— ich bin dennoch ſein Mörder. 441 Das erſte Blut, das bei einem Auflauf fließt, hat bekanntlich eine furchtbare, dämoniſche Gewalt. Konrad war im Dorfe nicht beliebt geweſen; aber wie man ihn ſo dahingeſtreckt ſah im blutbefleckten Hemd und ſah die Zuckun⸗ gen des Sterbenden, ſo ſtieg ein aus Schmerz und Wuth gemiſchtes, Unheil verkündendes Ge⸗ heul in die Lüfte. Mord! Mord! ſchrie es von allen Seiten, die Soldaten haben einen Men⸗ ſchen gemordet! Die Soldaten, ſelbſt nicht recht wiſſend, was ſie beginnen ſollten, da ſie eigentlich gar keinen Feind vor ſich ſahen, begnügten ſich, den Eingang des Hauſes zu umſtellen. Herr von Lehfeldt, höchſt ungehalten über die Langſam⸗ keit, mit welcher ſeine Befehle ausgeführt wur⸗ den, wollte ſo eben heranreiten, ſich nach der Urſache zu erkundigen, als ein wüſter, gellender Triumphruf ſeine Aufmerkſamkeit nach der an⸗ dern Seite lenkte. Es war der Vagabund, der 19** 442 mit ſeinen Genoſſen von dem Schloſſe daher⸗ geſtürmt kam; ſie hatten ihn auf den Leichen⸗ wagen geſtellt, die rothe Fahne über ſeinem Haupte ſchwingend, mit wild flatternden Locken, zog er daher wie ein Triumphator. So unwiderſtehlich war der Anlauf und ſo wenig war man auf einen Angriff von dieſer Seite vorbereitet, daß die Linie der Soldaten in einem Nu durchbrochen war. Der wahnſinnige Bettler ſchien nur ein einziges Ziel im Auge zu haben— Herrn von Lehfeldt. Habe ich dich endlich! kreiſchte er: ſeht da, ſeht da: Du Ungeheur mit Schlangengift genährt, Aus deſſen falſchen Augen Dolche ſchießen, Du Baſilisk, du gelbgefleckte Kröte.. Und mit einem einzigen jähen Satz war er dicht vor Herrn von Lehfeldt's Pferd, rang ſich an ihm in die Höhe und klammerte die ehernen Arme um den Leib des jungen Man⸗ 443 nes, mit ſo entſetzlicher Gewalt, daß derſelbe ſich nur mit Mühe im Sattel erhalten konnte. Die Soldaten hatten es längſt nur mit Mis⸗ vergnügen bemerkt, daß ihr alter Major ſich mußte von einem Civiliſten commandiren laſſen; Niemand von ihnen machte daher Miene, Herrn von Lehfeldt beizuſpringen. Auch hielt ſie viel⸗ leicht die Ueberraſchung gefeſſelt über das Selt⸗ ſame dieſes Einzelkampfes, der ſich vor ihnen zu entſpinnen im Begriffe ſtand. Laß die Arme weg, Toller, rief Herr von Lehfeldt, der beim Anblick des Wahnſinnigen alle Farbe, und, wie es ſchien, auch allen Muth verloren hatte: ich mag mit dir nichts zu thun haben, geh weg—! Aber der Wahnwitzige rang und rüttelte; dann einen Schritt zurückſpringend, den Fah⸗ nenſtock ergreifend und auf das Haupt des Jünglings zielend: Denkſt du noch an die Galgenſichte? rief —— 444 er: von da ab habe ich's gewußt, daß du ein Verräther wärſt und daß du ſterben würdeſt durch meine Hand! Nicht durch deine Hand! ſtöhnte der junge Mannz er hatte die Hand auf den Piſtolen am Sattelknopf, aber eine unſichtbare Macht hin⸗ derte ihn, ſie hervorzuziehen—: nicht durch deine! du wirſt nicht die Hand erheben gegen mich, noch ich die meine wider dich— die Na⸗ tur will es nicht haben...! Natur iſt Alles, Natur gebietet Raub und Mord und Brand, Wenn Menſchen leiden, hohnlachte der Tolle: wo iſt dein Muth geblie⸗ ben, Söhnchen? denk' an die Galgenſichte, und wie du mich belogen und betrogen haſt ſeitdem! Ich habe Muth! ſchrie Herr von Lehfeldt; aufs Aeußerſte bedroht, hatte er jetzt die Piſtole aus dem Halfter genommen, die Mündung ſchwebte über dem Kopf des Tollen, aber gleich⸗ — 445 wohl wagte er nicht loszudrücken:— Ich habe Muth, aber nicht gegen dich! Erinnere dich des ſchönen, ſtolzen Fräuleins im Schloſſe der Edeldame, wo du Hauslehrer warſt, vor zwan⸗ zig Jahren— laß den Arm herunter— ich bin dein Sohn!! Mein Sohn!! ſtammelte der Tolle, indem er zurückſank und mit weit aufgeriſſenen Augen den Jüngling anſtierte: ich habe einen Sohn! mein Sohn!! Er hielt den Knittel noch immer halb auf⸗ recht: doch ſchwankte er jetzt offenbar, ob er den Hieb führen ſoll. So, der Eine den Stock, der Andere das geladene Piſtol gegeneinander gerichtet, verharrten ſie zwei Secunden;— es war völlig dieſelbe Situation, wie bei ihrem erſten Juſammentreffen unter der Galgenfichte. Genire dich nicht, Heiner! hau zu, Heiner! quäkte plötzlich eine Stimme aus dem dichteſten Haufen: es iſt dein Junge nicht— ich habe die . 446 Kinder vertauſcht dazumal: das iſt Lenens Sohn, der Sohn der Baronin iſt Reinhold— hau zu! Es war die Stimme des Sandmoll; er hatte ſich überzeugt, daß doch einmal Alles ver⸗ loren war, und wollte wenigſtens noch an Herrn von Lehfeldt ſeine Rache befriedigen. Der Tolle horchte hoch auf, er erkannte die Stimme und kannte auch den Sandmoll ſelbſt zu wohl, um nicht zu wiſſen, daß er in dieſem Augenblicke wenigſtens die Wahrheit ſprach. Lügner! ſtammelte er, Lügner bis zum letzten erbärmlichen Hauch! Will ſich loslügen vom Tode, der feige Wicht— Stirb, ſchnöder Troer! Und wieder ſauſte die Keule über dem Haupte des jungen Mannes! Aber dieſer ſchien einmal feſt entſchloſſen, von ſeiner Waffe keinen Gebrauch zu machen; die Piſtole in der Rechten hoch in die Höhe haltend, ſuchte er mit der Linken den Wahn⸗ 447 ſinnigen von ſich abzuwehren; das geängſtigte Roß ſchnaufte und bäumte ſich, und man mußte ein ſo gewandter Reiter ſein, wie Herr von Leh⸗ feldt es war, um in einer ſolchen Lage den Sitz nicht zu verlieren. Aber dies Gezerre muß denn doch endlich einmal ein Ende nehmen, ſagte der Major, dem es wohl auch nicht ganz unlieb geweſen ſein mochte, daß der Herr Regierungscommiſſar ein wenig in der Patſche ſaß— Allein bevor er noch dazwiſchentreten konnte, hatte Herr von Lehfeldt bereits einen andern, ſo unerwarteten wie entſcheidenden Beiſtand erhal⸗ ten. Sein großer Hund Strom war durch das Gedränge von ihm abgeſperrt worden; ängſtlich lief er die dichten Reihen auf und ab, Jeden neugierig beſchnobernd, nach ſeinem Herrn ſu⸗ chend. Endlich wurde er ihn gewahr; mit ge⸗ waltigem Geheul ſprang er zwiſchen den Näch⸗ ſten hindurch, dem Vagabonden, der eben zum 448 tödtlichen Schlag ausholte, an die Gurgel. Im ſelben Augenblicke ſtieg das Pferd wiehernd vom Boden, die Piſtole in der Hand des Herrn von Lehfeldt entlud ſich— und mit zerſchmettertem Haupt, röchelnd, ſtürzte der Bettler nieder, un⸗ ter ihm der treue Hund, von derſelben Kugel getödtet. Noch hatte die Menge ſich von ihrem Ent⸗ ſetzen nicht erholt, als ein lautes, ſchmetterndes Poſthorn mit Alles überbietendem Tone die Dorfſtraße entlang erſchallte. Ein Feldjäger auf ſchweißbedecktem Roß jagte mitten durch das Gedränge; ein Ordonnanzoffizier mit wehendem Federbuſch hielt ſich dicht an ſeiner Seite. Im Namen des Herzogs, rief der Letztere Herrn von Lehfeldt zu, halten Sie ein— Ich handle im Namen des Herzogs, erwi⸗ derte Herr von Lehfeldt, indem ey ſäuberlich Blut und Staub, womit der Kampf mit dem Tollen ihn bedeckt hatte, von ſich abklopfte. 449 Welches Herzogs? rief der Offizier: geſtern Abend haben Se. Durchlaucht das Zeitliche ge⸗ ſegnet; Sereniſſimus, unſer neuer Regent, hat das Miniſterium entlaſſen, Ihre Miſſion hier iſt zu Ende; Herr Major, Sie ſind verantwort⸗ lich für jeden Tropfen Blut, der noch vergoſſen wird Sechszehntes Kapitel. Ein conſequenter Mann. Es war ein wahres Glück, daß der Juſtizrath im Schloſſe war; bei der ungeheuren Verwir⸗ rung, welche die Familie des Commerzienraths, ja das ganze Dorf betroffen, waren er und Reinhold die Einzigen, welche ihre Beſonnen⸗ heit und Ruhe bewahrten. Auch die Baronin hatte, ſobald die Straße frei geworden war, das Schloß verlaſſen; mit ihr Herr Waller. Nach⸗ dem der Juſtizrath ſich mit den Offizieren ver⸗ ſtändigt hatte und für die Sicherheit des Schloſ⸗ ſes nichts mehr zu fürchten ſtand, machte er ſich auf, die Spur des Commerzienraths zu ver⸗ folgen. Denn dies ſchien ihm für den Augen⸗ blick das Wichtigſte. Das Engelchen ließ er unter Reinhold's Schutz zurück, dem beſten, wie er bereits wußte, dem er die junge Dame an⸗ vertrauen konnte. Der Juſtizrath brauchte nicht weit zu rei⸗ ſen. Schon im nächſten Städtchen, wenige Mei⸗ len vom Fabrikdorf, hatte er den Commerzien⸗ rath eingeholt. Weniger die Dunkelheit und die Ermüdung der Pferde, als ſein eigener Ent⸗ ſchluß hatten ihn nicht weiter kommen laſſen. In ſeiner Begleitung war Niemand als der ſchöne Wilhelm. Doch hatte dieſer Beſonnen⸗ heit genug gehabt, das Nöthigſte an Geld und Garderobe in den Wagen zu werfen. Dem Juſtizrath, ſo alt er war und ſo man⸗ chen ſchweren Gang er ſchon gemacht hatte, pochte das Herz ganz gewaltig, als er die ſchmale Treppe des Gaſthauſes, wo Herr Wol⸗ ſton übernachtet hatte, hinaufſtieg. Schon man⸗ 452 chem Verbrecher hatte er das Todesurtheil vor⸗ leſen hören, hatte ſchon manches verſtockte Ant⸗ litz ſich in letzter, ohnmächtiger Reue verzerren ſehen: aber vor keinem Anblick hatte er noch dies Grauſen empfunden, als vor dem, der ihm jetzt bevorſtand. Allein ſeine Beſorgniß war vergeblich ge⸗ weſen. Herr Wolſton, wiewohl im Geſicht ganz bleich, ja erdfahl, als hätte man ihn aus dem Grabe wieder ausgeſcharrt, mit völlig glanz⸗ loſen, ſtieren Augen, ſaß im Uebrigen ganz ru⸗ hig und wohlbehalten vor dem Frühſtückstiſch. Freilich war das Frühſtück unberührt, freilich zeigte das ganze, unſäglich verfallene Aeußere des Mannes deutlich genug, daß ſeit vielen Stunden weder Speiſe noch Trank über ſeine Lippen gekommen; aber immerhin, es war doch ein Frühſtückstiſch. S Ich dacht' es mir, daß Sie kommen wür⸗ den, ſagte Herr Wolſton mit grober, dumpfer 453 Stimme, indem er ſich bemühte, ein Lächeln auf ſein Angeſicht hervorzulocken: ich habe Sie erwartet, mein Theurer. Es war eine unglück⸗ liche Uebereilung meiner Dienerſchaft, daß ſie mich veranlaßte, den Kampfplatz zu verlaſſen. Denn es iſt ein Kampfplatz geweſen, wie ich höre; wie ſteht es? meine Fabriken ſind ver⸗ nichtet, mein Schloß zerſtört, nicht wahr? Unter uns geſagt, Herr Juſtizrath, es iſt mir Alles ſehr gleichgiltig, unſäglich gleichgiltig ſeit... ſeit... Er gerieth in ein convulſiviſches Stammeln; offenbar wollte er den Tod ſeines Sohnes er⸗ wähnen, und konnte doch das Wort nicht über die erſterbende Lippe bringen. Den Juſtizrath ſchauderte. Denken Sie jetzt nicht mehr an Ihre Fabriken und an Ihr Schloß, Mann, rief er, denken Sie an Ihre eigene arme Seele. Es ſind entſetzliche Dinge von Ihnen zu Tage gekommen— Mann, rief er ganz treu⸗ herzigt wenn das Alles wahr iſt, was in die⸗ 454 ſem Augenblicke gegen Sie vorliegt, ſo ſind Sie der entſetzlichſte Schurke, den die Erde jemals getragen hat! Das war nun ſehr grob; aber Herr Wol⸗ ſton bemühte ſich doch noch darüber zu lächeln. Es iſt nichts davon wahr, lallte er, gar nichts, es ſind nichtswürdige Erfindungen meiner Die⸗ nerſchaft und der abſcheulichen Frauenzimmer in meinem Hauſe.... Und die langjährige Zolldefraudation? und der verbrecheriſche Verkehr mit dem Sandmoll? und das erzwungene Teſtament, gegen welches wir den eigenhändigen, ausdrücklichen Proteſt Ihrer ſeligen Frau Gemahlin in Händen ha⸗ ben? ſchnaubte der Juſtizrath: Es iſt vorbei mit dem Lügen, Mann, Ihre Fuchslöcher ſind um⸗ gangen.... Herr Wolſton ſchnappte nach Luft: Erfin⸗ dungen, Alles Erfindungen, meine gute Frau war wahnſinnig, ich habe die Atteſte. 455 Es wird ſich zeigen, rief der Juſtizrath trotzig, Sie müſſen mit mir zurück, Mann! Sie kommen meinem Wunſche zuvor, er⸗ widerte der Commerzienrath: ich habe kein drin⸗ genderes Verlangen, als mich gegen die abſcheu⸗ lichen Beſchuldigungen zu rechtfertigen.... Wilhelm, mein Reiſenéceſſaire.... Sie ent⸗ ſchuldigen, Herr Juſtizrath, ich will mich nur ein wenig umkleiden.... Denn du mein Gott, es iſt ja doch Feſttag heute.... Weihnacht... es iſt ſchon gut, Wilhelm, ich kann das allein beſorgen, ſieh du nur nach dem Wagen.... Er ging in die Schlafkammer; ſein Gang war weit feſter und ſicherer geworden als zu⸗ vor. Ich laſſe die Thüre auf, Herr Juſtizrath, ſagte er mit blödem Lächeln, damit Sie nicht etwa denken.... ich wollte zum Fenſter hin⸗ ausſteigen oder Ihnen ſonſt entſchlüpfen.... Der Juſtizrath hatte ſich in das Sopha ge⸗ worfen; ein Verbrecher, wie dieſer, war ihm in 456 ſeiner langjährigen Praxis nicht vorgekommen— ein Verbrecher: denn die Beweiſe waren ja zu deutlich, und es war ja gar nicht möglich, daß er ſich rechtfertigen konnte! Herr Wolſton hielt es der Artigkeit gemäß, ſeinen Gaſt, während er ſich ankleidete, zu un⸗ terhalten. Ein ſchlechter Weg hierher, rief er ihm durch die offenſtehende Thüre zu: haben Sie es nicht auch gefunden, Herr Juſtizrath?.... Ich bin gleich fertig.... o je, was man in ſolchen kleinen Gaſthöfen doch mit der Bedie⸗ nung für eine Noth hat... und nun iſt der Wilhelm nicht einmal da,.... das Waſſer iſt ja ganz kalt, und ich bin ſo wenig gewöhnt, mich ſelbſt zu raſiren.... Raſiren!? Der Juſtizrath ſprang in die Höhe, ſtürzte in das Cabinet— zu ſpät! Herr Wolſton hatte ſich die Kehle durchgeſchnitten.. Siebzehntes Kapitel. Schluß. Wir ſtehen am Schluß unſerer Erzählung.— Konrad's Wunde war tödtlich; doch lebte er noch lange genug, um vor giltigen Zeugen ein vollſtändiges Bekenntniß über Julian's Ende abzulegen. Auch die Beichte des alten Sand⸗ moll war erſchöpfend; nachdem er ſich einmal von allen Seiten rettungslos umgarnt ſah, und nachdem er ſich namentlich hatte überzeugen müſſen, daß die Diebslore ſeit Jahren ſeine ge⸗ heimſten Gänge ausſpionirt und verrathen hatte, fand er ein ordentliches Vergnügen daran, nun auch Alles, was jemals ſein ſchwarzes Herz Das Engelchen. MI. 20 458 Zweck damit; auch Lore wurde durch ſeine Ge⸗ ſtändniſſe ſo ſtark compromittirt, daß ſie eben⸗ falls eingezogen ward. Doch ſollte er dieſe Freude nicht lange genießen; ſchon in den erſten Wochen der Unterſuchung ſtarb er. Kurz vor ſeinem Tode hatte er noch durch unzweifelhafte Zeug⸗ niſſe dargethan, daß Reinhold in der That der Sohn der Baronin, Herr von Lehfeldt dagegen der Sohn des Miniſters und der armen, ver⸗ führten Lene war. Lore wurde zu lebenswieriger Einſperrung verdammt, der übrige Proceß dagegen nieder⸗ geſchlagen, namentlich auch in Betreff der Zoll⸗ defraudation, welche Herr Wolſton ſo lange und in ſo großartigem Maßſtabe betrieben. Das war auch wirklich das Klügſte, was geſchehen konnte: denn es zeigte ſich jetzt ziemlich deutlich, daß die Regierung ſelbſt ſeit Langem um den verbotenen Handel gewußt und ſogar unter der belaſtet hatte, zu beichten. Er erreichte ſeinen 459 Hand an dem Gewinn deſſelben Antheil ge⸗ nommen. Der neue Regent war, wie neue Re⸗ genten ſind: er wollte ſeine Regierung mit Milde und Nachſicht beginnen. Der alte Geheimerath wurde entlaſſen; da er ſein Vermögen unge⸗ ſchmälert mit ſich nehmen durfte, ſo konnte er das Unglück allenfalls ertragen. Herrn von Leh⸗ feldt erkannte er als ſeinen Sohn an. Derſelbe verſchwand für längere Zeit, um erſt in den er⸗ ſten Bewegungen des Jahres Achtundvierzig im ſüdlichen Deutſchland wieder aufzutauchen. Er war damals ſehr radical und betheiligte ſich namentlich lebhaft an der Wiener Revolution. Späterhin machte er einige diplomatiſche Rei⸗ ſen, und in dem Augenblicke, da wir dieſes ſchreiben(Panuar Einundfunfzig), iſt er, wenn wir recht unterrichtet ſind, in Dresden.... Die Baronin hielt ihr Wort: ſie hat Rein⸗ hold, ihren Sohn, niemals wiedergeſehen. Der Juſtizrath regulirte einen Vergleich, nach welchem ſie den größern Theil des Wolſton'ſchen Ver⸗ mögens an Reinhold abtrat. Mit dem Reſte ging ſie, in Waller's Begleitung, nach Italien. Sie ſollen daſelbſt Beide kürzlich zur katholiſchen Religion übergetreten ſein. Und das Engelchen? und Reinhold? fragen unſere Leſer. Aber nein, ſie fragen nicht: ihr Herz hat ihnen bereits geſagt, was aus Rein⸗ hold und dem Engelchen geworden iſt— ein durch Liebe beglücktes, beglückendes Paar. Statt der Wolſton'ſchen Fabriken hat Reinhold die alte zünftige Weberkunſt, wie ſie zu Zeiten ſei⸗ nes Großvaters getrieben wurde, wieder herge⸗ ſtelt; der Meiſter, durch Leonhard unterſtützt, geht den jungen, wackern Anſiedlern, die ſich jetzt um das Schloß her anbauen, mit Rath und Beiſpiel voran. Es gibt keine prächtige Schenke mehr im Dorf, die dicke Wirthin iſt in die Stadt gezogen; aber dafür gibt es auch keine Säufer, keine Spieler, keine Verbrecher 461 mehr; ein neues Geſchlecht voll Arbeitſamkeit, Zucht und Sitte wächſt herauf, das in ſeiner jungen Gutsherrſchaft die Muſter jeder häus⸗ lichen und bürgerlichen Tugend verehrt. Herr Florus kommt alle Sommer regelmäßig zum Beſuch ins Schloß, ſein Roman jedoch iſt noch immer nicht fertig. Auch der Juſtizrath ſtellt ſich regelmäßig, wie die Blätter gelb werden, ein. Nur eine einzige Traurige gibt es im Schloß— Margareth. Aber auch ihr Blick erheitert ſich, wenn ſie die holden Kleinen an⸗ blickt, welche Reinhold's und Angelica's Knie umſpielen, und deren blondgelockte, ſchelmiſche Köpfchen Bürge dafür ſind, daß der Name, nach welchem unſer Buch ſich nennt, in die⸗ ſem Hauſe noch lange nicht ausſterben wird, der Name „des Engelchen“. — S—— S * — 4— — S — 8 8 — 8 — — 6 5 8 — — 6 8 S 6 2 3 ſ 5 8 9 10 1 ſſſ 1 12 13 14 13 16 17 1 „