Leihbiblivthek A P deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Ottmann in Gießen, 1 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und eſebedingungen. 6 1 offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 3 pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und„ eträgt;— 3 für wöchentlich 2 Bücher:— Bücher: 6 Bücher: auf1 Monat; 1 V— Pf. 1 W 2 f 3 „ 4„„*— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersätz. 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Im Boudoir............ 133 Neuntes Kapitel. Taube und Schlange 147 Zehntes Kapitel. Vor dem Hauſe des Meiſters 162 Elftes Kapitel. Angelica und Reinhold.. 179 Zwölftes Kapitel. Die Berathung......... 200 Dreizehntes Kapitel. Freudenfeuer 221 Vierzehntes Kapitel. Enthüllungen..... 230 Funfzehntes Kapitel. Der Lauſcher. 246 Piertes Puch. Die guten Werke. Erſtes Kapitel. Dichterleben. 285 Zweites Kapitel. Das offene Geheimniß. 300 Drittes Kapitel. Windſtille 310 Viertes Kapitel. Die Ringe. 325 Fünftes Kapitel. Die barmherzige Schweſter 348 Sechstes Kapitel. Ein Student der Theologie 380 Siebentes Kapitel. Die Nebenbuhler 394 Achtes Kapitel. Die Warteſchule.. 407 Neuntes Kapitel. Mine und Gegenmine. 436 Zehntes Kapitel. Ein vertraulicher Bericht 463 Drittes Buch. Das Teſtament. Das Engelchen. II. 1 ———— — Erſtes Kapitel. Die Heimkehr. Während ſo, unter dem niedern Dach des Weberhauſes, zwei langgetrennte Herzen ſich wieder zuſammenfanden, bereiteten Ereigniſſe ganz entgegengeſetzter Art ſich in dem prächti⸗ gen Schloſſe des Fabrikherrn vor. Wir haben Angelica verlaſſen in dem Au⸗ genblick, da die Pferde wieder anzogen und das arme, geängſtigte Mädchen, überwältigt von Aufregung, Furcht und Scham, halb ohnmäch⸗ tig in die Kiſſen des Wagens zurückgeſunken war. Aber nur wenige Secunden— und der Wagen donnerte über die Brücke, durch das 1* —— ————— 4 alte gewölbte Kloſterthor, das noch immer den Eingang in das Innere des ſogenannten Schloſ⸗ ſes bildete. Angelica fuhr in die Höhe.. Da war er nun wirklich, der Moment, dem ſie ſeit ſo Langem, halb mit Sehnſucht, halb mit Beängſtigung, entgegengeharrt hatte! da war es nun wieder, das Haus, das ſie, wie immer, doch wenigſtens dem Namen nach als ihr väterliches begrüßen mußte! da waren ſie wieder, dieſelben düſtern, einförmigen Mauern, da winkten ihr, über das langgeſtreckte Kloſter⸗ dach herüber, jene Bäume des Gartens wieder, zwiſchen denen ſie aufgewachſen und in deren Schatten ſie, neben mancher bittern, qualvollen Stunde, doch auch, in froher Gemeinſchaft mit Julian und Reinhold, ſo manche glückliche, ſo manche kindlich ſelige verlebt hatte! Der helle, grelle Mondſchein, der über dem weiten Platze lagerte, hier einen Giebel taghell beleuchtend, dort einen andern in tiefſten Schat⸗ ten begrabend, vermehrte noch das ſeltſam Un⸗ heimliche der Scene. Angelica, in deren elaſti⸗ ſcher Seele noch der Eindruck des ſoeben erleb⸗ ten halb wundert umherſchweifen... tritts nachzitterte, ließ die ſchönen, noch on Thränen verdunkelten Augen ver⸗ Ja wohl, dort in jener Ecke, wo der Mond ijetzt ſo hell auf dem raſtlos plätſchernden Waſ⸗ ſerſtrahl glitzerte, hinter dem alten Brunnen, mit dem ſeltſamen Schnitzwerk und den Hei⸗ ligenbildern, die ihnen als Kindern ſo viel Luſt und Grauen zugleich gemacht hatten, dort war es geweſen, dort hatten ſie geſeſſen, wie oft! zu Dreien, in der warmen Mittagsſtunde, wenn Julian einmal das Zimmer verlaſſen durfte, und die ſchwüle Hitze unter dem dichten Laub⸗ dach des Parks ſie hierher verſcheuchte! Auf jenen halbverfallenen Stufen, wo— ſie konnte es natürlich nicht ſehen: aber, verloren in die Erinnerung vergangner Stunden, deuchte es ihr, es müſſe auch jetzt wieder ſo ſein— die Eidechs mit den klugen funkelnden Aeugelchen zwiſchen den Steinritzen hervorlauſchte, wie viel Märchen hatten ſie ſich da erzählt, wie viel Bilder der Zukunft ſich ausgemalt nach Kin⸗ der Weiſe! Durch jene Pforte, die in den Ma⸗ ſchinenſaal führte, mit ſeinem unheimlichen Sau⸗ ſen und Brauſen, ſeinem Klappern und Häm⸗ mern, das Julian jedes Mal ſo wehe in den Nerven that, daß er nicht einmal den Anblick jener Pforte ertragen zu können behauptete und„ in die ſie doch bei alledem ſo gern hineinlauſchten mit wollüſtigem Grauſen, zwiſchen dieſe rieſen⸗ haft geheimnißvollen Räder und Walzen, Stan⸗ gen und Hebel— aber nein, die Pforte war nicht mehr zu finden, ſie war vermauert, und ein hohes geräumiges Thor ſtatt deſſen, mit einem ſtolzen Porticus und einer goldfunkeln⸗ den Inſchrift, wölbte ſich in der Nähe. Und da, gerade über, wo jetzt Alles ſo öd und finſter war, neben der alten Wendelſtiege, o wahrhaſtig, das war ja das trauliche Stüb⸗ chen, wo ſie ſo oft mit Julian beiſammenge⸗ ſeſſen, hinter ſeinen großen bunten Bilder⸗ büchern, und hatte ſich ausſpotten laſſen von ihm, daß ſie die lateiniſchen Namen ſo luſtig verdrehte! Da, zwiſchen dieſen jetzt ſo öden Mauern(denn ſie wußte wohl, daß Julian ſeit⸗ dem andere, viel prächtigere Gemächer bezogen) war jenes herzige Gelächter erklungen, im Chor, zu Dreien, das jetzt noch ſo ſüß in ihrem Ge⸗ dächtniß wiederklang und nach dem ſie ſich ſehnte— ach, ſo kindlich innig! Dicht darun⸗ ter— ja wohl, jetzt fand ſie ſich gleich zurecht, das waren die Fenſter, hinter denen ihre Mut⸗ ter zu wohnen pflegte, die ewig verhangenen, geheimnißvollen, zu denen ſie als Kind ſo oft in banger Sorge emporgeſtarrt hatte, nachgrü⸗ belnd über das Räthſel eines Schmerzes, den 8 ihr klares, ewig heiteres Gemüth nicht verſtand, und der ſie eben darum doppelt ängſtigte. Aber auch hier hatte ſich alles verändert, ein präch⸗ tiger Altan war herausgebaut, die engen, klei⸗ nen Fenſter hatten ſich erweitert zu hohen, ſtol⸗ zen Glasthüren, duftige Blumengewinde, die über das zierliche Geländer herabhingen, ſchau⸗ kelten ſich luſtig im Nachtwind, und ſchienen der Wehmuth zu ſpotten, mit der Angelica zu ihnen emporblickte!— Soviel Veränderungen ſeit ihrer Abweſenheit waren mit dem Gebäude vor⸗ genommen und doch ſo viel altes Bekanntes war auch jetzt noch vorhanden, daß Altes und Neues, in ſeltſamer Miſchung, vor den über⸗ raſchten Blicken des jungen Mädchens zuſam⸗ menfloß, und ſie, wie unter den Erſcheinungen eines Traumes, ſich bekannt und fremd, ver⸗ traut und unheimlich zugleich fühlte. Ach, und wenn auch ſie ſich nun erinnerte, zu welchem Zweck ſie hierher zurückkam, und 9 welches die nächſte Veranlaſſung dieſer Heim⸗ kehr war, ſo wollte ihr das arme junge Herz vor Gram und Bangigkeit ja vor die Füße ſinken. War dies das Wiederſehen eines Va⸗ terhauſes? dies die Heimkehr einer Tochter? Einer Tochter— und indem ſie das Wort dachte, mußte ſie ſchmerzlich lächeln über ſich ſelbſt: in fernem, ungekanntem Grabe ſchlum⸗ merte ihre Mutter, und die Frau, welche jetzt den Namen derſelben in Anſpruch nahm, hatte ſie noch nie mit Augen geſehen, wohl aber ſchon viel zu viel von ihr vernommen, um ſelbſt nur jene Achtung, jene Ehrerbietung vor ihr zu empfinden, ohne die das Verhältniß doch ein ſchlechthin unerträgliches werden mußte. Sie kam in ihr älterliches Haus zurück, weder freiwillig noch eingeladen, ſondern nur durch die gehäſſigſte Nothwendigkeit gezwungen, und mit dem niederbeugenden Bewußtſein, höchſt unwillkommen zu ſein bei den Gebietern des 10 Hauſes ſelbſt. Verletzt in tiefſter Seele durch ein Unrecht, das ihr angethan werden ſollte und das ihr um ſo gefährlicher, um ſo unerträg— licher deuchte, weil es mit allem Anſpruch des Rechtes auftrat und von der Einzigen kam, die ihr armes, ödes Jugendleben, zu Zeiten wenigſtens, mit einem Schein von Aelternliebe verklärt hatte, ihrer eignen todten Mutter— böſe Geheimniſſe ahnend, vor deren Enthüllung ſie eben ſo ſehr zurückſchauderte, als dieſelbe nöthig war zu ihrer Rettung, kam ſie, einem Vater unter die Augen zu treten, der ihr niemals auch nur den kleinſten Anſpruch väterlicher Liebe gegönnt hatte, und der gleichwohl jetzt im Begriff ſtand, alle ſtrengſten Vaterrechte gegen ſie geltend zu machen. Sie, deren ganze Seele nur Heiterkeit und Klarheit athmete, ja deren Natur es mit ſich brachte, daß, wo immer ſie erſchien, ſich auch Freudigkeit und Frieden um ſich verbrei⸗ tete— ſie jetzt kam, gerüſtet zu Widerſpruch 4 und Streit, entſchloſſen, mit allen Mitteln, welche Geſetz und Klugheit ihr zu Gebote ſtel⸗ len würden, das bedrohte Recht ihrer Selbſtän⸗ digkeit zu bewahren.— Die Scene von vorhin, ſchon ſo erſchütternd an ſich für ein junges, ſchutzloſes Mädchen, erſchien ihr unter dieſen Umſtänden als eine Vorbedeutung der trübſten Art. Haß und Zwietracht erwarteten ſie im Hauſe ihres Vaters— und Haß und Zwie⸗ tracht empfingen ſie, noch bevor ſie die Schwelle deſſelben betreten. Was alles mußte geſchehen ſein während ihrer Abweſenheit, welche Ver⸗ änderungen nicht blos im Aeußerlichen, ſondern auch in den Gemüthern der Menſchen mußten ſich zugetragen haben, daß ſie, der Liebling ehe⸗ mals des Dorfes, hatte auf dieſe Weiſe em⸗ pfangen werden können? Auf welche Höhe mußten der Druck des Elends und die Ab⸗ neigung gegen ihren Vater unter der Be⸗ völkerung geſtiegen ſein, um ſich in ſo ge⸗ 12 waltſamem Ausbruch ſelbſt gegen ſie zu ent⸗ laden? Denn in der ſehr natürlichen Aufregung, in welcher die junge Dame ſich befand, hatte ſie weder die Veranlaſſung noch auch den Ver⸗ lauf des ganzen Vorgangs eigentlich begriffen; ſo unverſtändlich das Wuthgeſchrei, mit wel chem man ihren Wagen angehalten, ebenſo un⸗ verſtändlich waren ihr auch die Segenswünſche und Begrüßungen geblieben, mit welchen die raſch umgeſtimmte Volksmaſſe das Engelchen ent⸗ laſſen hatte. Nur das begriff ſie, daß ſie in einer großen Gefahr geſchwebt— und erſt allmälig, wie ſie ſich den Ausdruck der Züge, vor Allem den Klang der Stimme wieder ins Gedächtniß rief, dämmerte es in ihr auf, daß es Reinhold, ihr theuerer Reinhold, der unvergeſſene Ge⸗ fährte ihrer Jugend geweſen, durch den ſie der Gefahr entriſſen worden. Auch die Züge des alten Sandmoll(ie freilich unvergeßlich waren ————— für Jeden, der ſie einmal erblickt hatte) erin⸗ nerte ſie ſich dunkel in dem Gewühl von Ge⸗ ſtalten, in das ſie plötzlich verſetzt war, geſehen zu haben. Welche Rolle bei dieſem ganzen Zufall ſpielte der Unheimliche? ja oder war es— ſie fühlte ſelbſt, wie Schamröthe ihre edle Stirn übergoß, als ſie den Gedanken dachte: aber ſie kannte den Alten zu wohl, um ihn nicht zu denken— war es vielleicht nicht Zufall, war es Veranſtaltung, abſichtliche, daß ſie, der verhaßte Gaſt, ſo empfangen ward? und hatte jene Spukgeſtalt, wie bei allem Bö⸗ ſen und Verbrecheriſchen, die Hand vielleicht auch hier im Spiel? Aber gleichwohl, aus allen dieſen Eindrücken und Empfindungen, die mit Blitzesſchnelle die Seele der Heimkehrenden überfluteten— Ein Bild, in Sonnenklarheit, leuchtete vor allen übri⸗ gen hervor und kämpfte alle Zweifel und alle Bangigkeit nieder, die ihr das Herz übrigens 14 zuſammenſchnürten: das Bild ihres Bruders. Dieſes war der eigentliche Stern der Heimkehr, der ſie bis hierher geleitet hatte; aus ihm floß ihr auch jetzt Troſt und Frieden in das ſtürmiſch bewegte Herz. Was galt ihr ihr eigenes Schick⸗ ſal? oder wenn es ihr etwas galt, war es nicht deshalb blos, weil ſie daſſelbe aufs In⸗ nigſte verbunden wußte mit dem Schickſal ihres Bruders? weil ſie wußte, daß es keine Freude gab für Julian, wo ſie traurig, keinen Genuß für ihn, wo ſie in Entbehrungen wäre? Es war ihr wohl bekannt, in welcher unſeligen Lage ihr Bruder ſich befand, und wie ſein jun⸗ ges Leben, gleich einer Pflanze, die in fremdem Erdreich ſteht, fern von der Luft und der Sonne ihrer Heimat, verſchmachtete in der kal⸗ ten, herzloſen Umgebung des väterlichen Hauſes. Seine Briefe freilich hatten es ihr nicht melden dürfen, mit keinem Wort, keiner Silbe— ſie gingen ja allemal erſt durch die Hand ihres Va⸗ ters! Aber auch ohne Wort und ohne Silbe, ihr Herz hatte den Jammer ſeiner Seele dennoch verſtanden, hatte dennoch den Nothſchrei ge⸗ hört, mit dem der Verſchmachtende ihr rief! Dies, ja dies allein war der eigentliche, der innerſte Zweck ihrer Heimkehr: ſie kam, ihrem Bruder, in der entſetzlichen Vereinſamung ſei⸗ nes jungen Lebens, Troſt, Freude, Erheiterung zu bringen, ſein kummervolles Auge ſollte ſich widerſpiegeln in dem heitern Glanz des ihren, ſein armes, verwaiſtes freudloſes Herz ſollte geneſen, indem es wieder den Herzſchlag einer Schweſter fühlte. Zu jedem Opfer und jeder Entſagung bereit, die nur ihr eigenes Schickſal betraf, war ſie gleichwohl feſt entſchloſſen, den hartnäckigſten Kampf für ihren Bruder zu wa⸗ gen, um ihn aus dieſer unſeligen, ſeiner Na⸗ tur ſo ganz widerſprechenden Lage zu befreien, in welcher die thörichte, ſelbſtſüchtige Eitelkeit ſeines Vaters ihn gefangen hielt. Eine Em⸗ pfindung wie von Mutterliebe durchſtrömte das Herz des jungen Mädchens und gab ihr eine Entſchloſſenheit und einen Muth, den ſie für ſich ſelbſt niemals gehabt haben würde. Sie wollte dem Commerzienrath die Binde von den Augen reißen, ſie wollte ihm zeigen; wie er, in ſtrafwürdiger Verblendung, auf dem beſten Wege war, durch die falſche Art, mit welcher er Julian behandelte, ſelbſt alle die Hoffnun⸗ gen zu vernichten, an denen er übrigens mit ſo viel ſtolzer Begierde hingz ſie wollte ihn zu der Erkenntniß nöthigen, daß Julian niemals wieder geſund werden, niemals ſeine Kraft und Heiterkeit wiedergewinnen könne, wenn er nicht in eine andere Umgebung käme, eine Umgebung, in welcher ſein von der Natur ſo weich geſchaffe⸗ nes Herz mehr Nahrung, das Bedürfniß nach Freundſchaft und Vertraulichkeit, das ſeine arme kranke Bruſt erfüllte, mehr Befriedigung fände. Namentlich und ganz beſonders aber wollte ſie 17 darauf hinarbeiten, das Verhältniß mit dem Sohne des Meiſters wieder herzuſtellen und, wenn irgend möglich, auch Leonhard in ſeine alte Stellung wieder zurückführen, da ihr nicht verborgen war, was Julian durch die Entfer⸗ nung dieſer beiden von ihm ſo geliebten Perſo⸗ nen litt und wie ſehr er ſich nach der Erneuerung ihres umgangs ſehnte. Sie gelobte ſich ſelbſt, alle Abneigung, ſelbſt alle Furcht, die ſie gegen Herrn Wolſton empfand, zu unterdrücken und ſo ehrerbietig, ſo herzlich zu ihm zu reden, wie ſie, ach ſo gern! in früherer Zeit zu ihm gere⸗ det hätte, und wie gleichwohl er ſelbſt es ihr niemals verſtattet hatte. Es iſt ja um meines Bruders willen, daß ich es thue, dachte ſie: er iſt ja auch eine Waiſe ſo gut wie ich, nicht blos ohne Mutter, o nein, auch ohne Vater, und hat ja Niemand mehr auf der Welt als mich.. Dieſer eine Gedanke, der Gedanke an die 18 heilige, edle Pflicht, die ſie zu erfüllen kam, genügte auch jetzt wieder, alle Beſorgniſſe zu verſcheuchen und ihr den ganzen Muth und die ganze Friſche der Seele wiederzugeben. Nit feſtem Tritt ſtieg ſie aus dem Wagen, warf nur einen flüchtigen Blick hinauf zu der Fen⸗ ſterreihe, wo ſie das Wohnzimmer ihres Vaters wußte und wo längſt kein Licht mehr brannte, einen zweiten auf die Fenſter des Geſellſchaftszim⸗ mers, die im Gegentheil noch in hellem Kerzen⸗ glanz leuchteten, und eilte dann raſch durch die zahlreiche, glänzend gekleidete Dienerſchaft, die ſie am Eingang empfing, die breiten, teppichbedeckten Treppen hinauf. Zweites Rapitel. Der Empfang. Wenn das gnädige Fräulein die Güte haben wollten—, ſagte der Diener, der Angelica den ſilbernen Armleuchter vorantrug: der Ein⸗ gang zum Geſellſchaftszimmer iſt jetzt hier.... Das Engelchen, beſchäftigt mit dem Zuſam⸗ mentreffen, das ihr bevorſtand, und in Gedan⸗ ken die Anrede prüfend, mit der ſie den Com⸗ merzienrath und ſeine Gemahlin begrüßen wollte, war mechaniſch, einer Erinnerung von ehedem folgend, in einen falſchen Corridor eingebogen und mußte ſich nun zurechtweiſen laſſen von Fremden in ihrer Aeltern Hauſe. 20 Angelica warf das Köpfchen anmuthig zurück: Ich werde, dachte ſie, halb neckiſch, mich wohl noch in andere Veränderungen finden müſſen.. Die Flügelthüren gingen auf, ſchwere ſeidene Vorhänge, welche dieſelben von innen verſchloſſen, rauſchten zurück, ein heller Lichtglanz, verbun⸗ den mit dem Duft fremder köſtlicher Blumen, quoll ihr entgegen: auch dieſer Lurus der Ein⸗ richtung eine Neuerung, die erſt mit der zwei⸗ ten Gemahlin in das ſonſt ziemlich bürgerliche Haus des Herrn Wolſton gekommen war und die daher auch Angelica, ſo gleichgiltig ihrem unbefangenen Sinne dergleichen Aeußerlichkeiten ſonſt auch waren, ein wenig ſtutzig machte... Als Angelica die Augen in die Höhe ſchlug, ſah ſie ſich— weder Herrn Wolſton noch ihrer Stiefmutter gegenüber, ſondern einem jungen Mann, in gewählter ſchwarzer Kleidung, mit edlen ausdrucksvollen Zügen, denen ſie ſich er⸗ innerte ſchon einmal begegnet zu ſein. 21 Es war der uns bereits bekannte Prediger, Herr Waller, der, da Julian's kränkliche Reiz⸗ barkeit gerade in den letzten Wochen bedeutend gewachſen war, ſeine Wohnung ganz im Schloſſe genommen hatte, um dem geliebten Zögling jeden Augenblick in möglichſter Nähe zu ſein. Herr Waller, dem der Ausdruck der Ueber⸗ raſchung in Angelica's Zügen nicht entgehen konnte, führte ſie mit weltmänniſcher Gewandt⸗ heit, zugleich mit einer Sicherheit, welche deutlich verrieth, wie ſehr er ſich hier zu Hauſe fühlte, zum Sopha. Ich begreife, ſagte er, vollkommen, gnädiges Fräulein, die Ueberraſchung, mit der Sie Sich im Hauſe Ihres Vaters, ſtatt des väterlichen Grußes, den Sie erwarten durften, von einem Fremden bewillkommt ſehen. Denn wenn ich ſelbſt auch während meines Aufenthaltes in der Hauptſtadt Gelegenheit hatte, mich in dem Glanz Ihrer Schönheit und Liebenswürdigkeit zu ſon⸗ nen, ſo war und iſt der Prediger Waller doch ein viel zu unbedeutender Menſch, als daß er hoffen dürfte, auch Ihnen im Gedächtniß ge⸗ blieben zu ſein. Herr Waller? erwiederte die junge Dame, in einem Ton, der nur ihre wachſende Ueber⸗ raſchung verrieth; ob dieſelbe eine unangenehme oder angenehme, ja ob es ihr am Ende wol gar lieb ſei, dies erſte Zuſammentreffen ſtatt mit ihren Aeltern ſelbſt, nur mit dem an⸗ erkannten Freund und Vertrauten derſelben zu haben, war ihr noch nicht anzumerken, ſelbſt nicht für das ſcharfe Ohr des Predigers. In der That jedoch war das Letztere der Fall: trotz aller löblichen Vorſätze, die ſie gefaßt, und ohne daß ſie es ſich ſelbſt eingeſtehen mochte, hatte ſie dennoch eine große Scheu vor dem erſten Wie⸗ derſehen ihres Vaters— und eine vielleicht noch größere vor dem Zuſammentreffen mit ihrer Stiefmutter; es war ihrem Herzen eine or⸗ dentliche Erleichterung, daß die peinliche Scene ſich noch um etwas hinausſchob. Auch durfte ſie hoffen, von Herrn Waller zuerſt und am vollſtändigſten unterrichtet zu werden von dem, was ihr am meiſten am Herzen lag, vom Er⸗ gehen ihres Bruders. Ich habe um Verzeihung zu bitten, Herr Waller, fuhr ſie fort, daß ich Sie nicht ſo⸗ gleich wiedererkannte. Aber das Licht blen⸗ dete mich— und außerdem war ich aller⸗ dings nicht darauf vorbereitet, hier irgend Jemand anders zu treffen, als den Herrn Commerzien⸗ rath und ſeine Gemahlin. Ich entſinne mich, ſetzte ſie mit verbindlichem Lächeln hinzu(denn dieſer Mann hatte ja das Schickſal ihres Bru⸗ ders zunächſt in Händen; ſeinem Rath, wußte ſie, folgte ihr Vater in Allem, was die Erziehung Julian's betraf, mit blindem Ver⸗ trauen: wie hätte ſie gegen ihn nicht ſol⸗ len freundlich ſein?) Ich entſinne mich jetzt ſehr wohl, ſchon früher in der Geſellſchaft mit Ihnen zuſammengetroffen zu ſein— und vor allem, wie könnte ich denn wol den Na⸗ men unſers beliebteſten Kanzelredners vergeſſen haben? Dem Sie aber, auch wenn er wirklich der beliebteſte geweſen wäre, gleichwohl ſelten oder niemals die Ehre Ihrer Zuhörerſchaft gegönnt haben, erwiederte der Prediger mit feinem, doch gutmüthigem Lächeln. Irre ich nicht, ſo war Fräulein Angelica im Hauſe meines würdigen alten Freundes, des Profeſſor Ferber— ein vortrefflicher Mann, ein Kernmann, unterbrach er ſich ſelbſt unter lebhafter Betheuerung, in⸗ dem er ſah, wie bei dieſer Wendung des Geſprächs ein gewiſſes Befremden in Angelica's Antlitz aufſtieg, das von dem frühern ſehr merklich unterſchieden war: wären Alle, die das erhabene Wort der Humanität im Munde führen, zu⸗ gleich ſo ausgezeichnete praktiſche Muſter der⸗ ſelben, wie unſer verehrungswürdiger Freund Ferber, o wahrhaftig, unſer Freund hätte Recht, und wir Prediger, mitſammt K Kirchen und Kir⸗ chengehen, wären in der That ziemlich entbehr⸗ liche Leute. Ich weiß, ſetzte er begütigend hinzu, da er noch immer eine Wolke auf Angelica's Stirn bemerkte, die Wohnung unſeres Freundes liegt etwas entfernt von der Kirche, in der ich damals zu predigen pflegte, und außerdem fühle ich mich auch frei von der ſchwachherzigen Eitel⸗ keit ſo vieler meiner Amtsbrüder, die es als eine Beleidigung nicht blos gegen ſich, o nein, gegen Gott ſelbſt betrachten, wenn man nicht fleißig zu ihnen in die Kirche geht. Ueberhaupt, theures Fräulein, da der Zufall nun einmal gewollt hat, daß gleich unſer Geſpräch dieſe Wendung genommen, ſo gef n Sie mir die Verſicherung, daß ich in dem Hauſe Ihres Herrn Vaters nie⸗ mals der Prediger, immer nur der Mann Waller bin, der aus Kräften bemüht iſt, das Vertrauen, Das Engelchen. II. 2 ₰ mit welchem Ihr Herr Vater ihn beehrt, immer nur zum Beſten dieſes Hauſes und aller, ja gewiß aller ſeiner Glieder zu benutzen. Dies Vertrauen, fuhr der Prediger fort, da er ſah, wie Angelica die großen klaren Augen noch immer fragend auf ihn gerichtet hielt, mag Ihnen denn auch erklären, meine Gnädige, wie ich zu einem Auftrag gekommen bin, der Sie allerdings mit Recht befremdet; daß ich ihn an⸗ genommen, kann nur eben jenes Beſtreben ent⸗ ſchuldigen, deſſen ich Sie ſo eben verſicherte. Ihr Herr Vater— und hier ward ſeine ſonſt ſo klare, feſte Stimme ein Wenig unſicher: aber Angelica merkte auch ſehr ihm nichts daran lag, dieſe Unſicherheit zu verbergen, im Gegentheil, ſie ſollte ſie 8 Ihr Herr Vater, ſagt ger, iſt durch ein plötzliches Geſchäft g gt geweſen, noch. mit Anbruch der Nacht über Land zu reiſen— Sie wiſſen ja wohl, gnädiges Fräulein, wie viel Noth die reichen Leute mit ihrem Reichthum haben, und wie wenig es ihnen vergönnt iſt, ſich jener Behaglichkeit und Ruhe hinzugeben, die das beſcheidene Glück des Mittelſtandes je⸗ dem wahrhaft fühlenden Herzen ſo theuer macht. Ihre Frau Mutter— die Frau Commerzien⸗ räthin, verbeſſerte er ſich ſelbſt, iſt... unpäßlich. So wurde mir der Auftrag, Sie im Namen Ih⸗ rer Aeltern beim Wiedereintritt in das väterliche Haus zu begrüßen: ein Auftrag, zu dem ich, Ihnen gegenüber, freilich kein anderes Anrecht habe, als nur dies, daß ich der Erzieher, ich wage zu behaupten, der Freund Ihres Bruders bin. Bruder? rief ſie: ach Herr Waller, wenn das wirklich ſo iſt, wie Sie ſagen, wenn Sie ſich wirklich den Freund meines Bruders nennen dürfen, wie wollt' ich Ihnen dankbar ſein! 2 Ihre Augen leuchteten, indem ſie dies aus⸗ rief, und unwillkürlich, in der ſchönen, edlen Auf⸗ wallung ihres ſchweſterlichen Herzens, ſtreckte ihre Hand ſich dem fremden Manne entgegen. Herr Waller verneigte ſich, ohne ihre Hand anzunehmen. Aber auch aus ſeinen Augen leuch⸗ tete eine Rührung, auch in ſeiner Stimme lag ein Ausdruck von Wärme und Hetzlichkeit, die Angelica's ganze Aufmerkſamkeit in An⸗ ſpruch nahm, indem er ihr folgendermaßen er⸗ wiederte: Nein, ſagte er, theures Fräulein, ſo beſchä⸗ mend es für mich iſt, ſo muß ich dennoch, ſo gefragt, wie Sie mich fragen, wol nur ſtehen, daß ich zu viel geſagt un Auszeichnung gerühmt habe, die ich wünſche, aber noch lange nicht verdiene. Julian liebt mich noch nicht wirklich, kann mich noch nicht wirklich lieben als ſeinen Freund; nur erſt Erſatz bin ich ihm eines Freundes, den auch , Sie lieben und verehren, theure Angelica— ach, unſer edler, wackrer Leonhard... Herrn Waller's Stimme verhallte hier ſo leis, ſo ehrerbietig— Angelica, die mit aller Zärtlichkeit einer reinen, dankbaren Kinderſeele an dem verehrten Lehrer hing, hätte aufjauchzen mögen vor Freuden über das Zeugniß, das dem verehrten Manne hier geſtellt ward. Zugleich aber konnte ſie ſich einer gewiſſen innern Be⸗ ſchämung nicht erwehren. Zwar hatte ſie in den Kreiſen der Hauptſtadt jederzeit nur das Beſte von Herrn Waller gehört, ſelbſt auch von ſolchen, die, wie der Profeſſor, in deſſen Hauſe ſie gelebt hatte, die kirchliche Richtung deſſelben nicht theilten. Nichts deſto weniger jedoch, ſeit ſie Herrn Waller im Schloſſe ihres Vaters wußte, ſeit ſie wußte, daß Julian ſeiner Leitung ibergeben war, hatte ſie ſich von einem gewiſſen Mistrauen, einer gewiſſen vorgefaßten Mei⸗ nung gegen ihn nicht frei machen können. Wie 30 Unrecht, dachte ſie jetzt, hab' ich dem Manne gethan, und wie verkehrt war es von mir, den Ausdrücken, in denen Julian von ihm ſchrieb, einen geheimen Rückhalt von Kälte und Mis⸗ trauen unterzulegen, die gewiß nirgend exiſtirten, als nur in mir ſelbſt! Er liebt meinen Bruder, er ſpricht mit Ehrerbietung von Leonhard— nein, gewiß nicht, das kann kein böſer Menſch ſein! So natürlich war es dieſem reinen, kindlichen Herzen, von allen Menſchen immer nur das Beſte zu denken, und ſo ſchwer fiel es ihr ſelbſt, gegen irgend Jemand Argwohn oder Mistrauen zu hegen, daß ſie ſich ordentlich erleichtert fühlte, wie von einer Laſt, da ſie Herrn Waller ſo ganz anders fand, ſo viel milder, menſchlicher, als ſie ihn vermuthet hatte. Und ſo war es denn mit dem Ausdruck hetzlichſter, reinſer Freude, daß ſie ihm antwortete.§ Ah Herr Waller, rief ſie, wie dant 6 Ihnen dies Wort„und wie freut es mich, daß 31 auch Sie den werthen Leonhard in ſeiner Vortreff⸗ lichkeit anerkennen! Nun wird, nun muß ja noch Alles gut werden! Nicht wahr? es iſt nicht ſo, wie man mir in der Stadt erzählte? Sie ha⸗ ben Herrn Leonhard nicht angezeigt? er iſt nicht abgeſetzt von Amt und Brod? und auch, daß er draußen im Hirtenhauſe wohnt, mein guter Leonhard mit ſeiner braven tüchtigen Schweſter, und mit Hunger und Elend kämpft, auch das iſt nicht ſo? Der Prediger hatte ſich während ihrer Frage erhoben und war, die Hände auf dem Rücken, das Haupt nachdenklich vorn übergeneigt, einige male vor ihr auf und niedergegangen. End⸗ lich in ehrerbietiger Entfernung, ſtand er vor ihr ſtill und die dunkeln ſchwärmeriſchen Augen feſt auf ſie gerichtet, mit gedämpfter Stimme, die um ſo unwiderſtehlicher zu Herzen drang: Es ſoll nun einmal, wie es ſcheint, ſagte 32 er, Alles ungewöhnlich ſein in dieſer Unterre⸗ dung, wie die Stunde, in welcher ſie ſtattfin⸗ det. Sie tragen einen ſchönen Namen, Ange⸗ lica, und der Mund der Leute hat ihn längſt richtig gedeutet: auch uns werden Sie als ein Engel des Friedens und der Verſöhnung kom⸗ men. Es ſind viele Verhältniſſe in dieſem Hauſe und in ſeiner Nachbarſchaft, die an in⸗ nerer Unklarheit, auch wol manche an innerer Ungeſundheit leiden; wir bedürfen eines Ge⸗ ſtirns, das mit ſiegreichem Aufgang die Nebel niederkämpft und die Rinde löſt, die ſich hier zwiſchen die Herzen gelagert hat. Laſſen Sie mich hoffen, Angelica— und verzeihen Sie dies⸗ mal meinem Stande, wenn meine Worte zudring⸗ lich erſcheinen, er ſoll Ihnen nicht oft läſtig fallen, ganz gewiß nicht— laſſen Sie mich hoffen, daß Sie dieſes Geſtirn ſein werden. Ich brauche, fuhr er fort, indem e 4 Stimme ſich wieder zu ihrer alten Feſtigkeit er⸗ 33 hob, Ihnen nicht erſt zu ſagen, gnädiges Fräu⸗ lein, welche Verhältniſſe es ſind, die ich im Sinne habe. Auch das mit Leonhard gehört dazu. Die letzten beklagenswerthen Ereigniſſe, die aber bei alledem, ich verſichere Sie! nur vorübergehende Irrungen ſind und ſich ganz gewiß in Kürze aufs Glücklichſte löſen werden, haben den vortreflichen Mann einigermaßen verbittert. Der Kirche und ihren Dienern ſchreibt er zu, was doch in der That nur Ausfluß je⸗ ner Beamtenherrſchaft iſt, unter der wir Alle ſeufzen, Weltliche wie Geiſtliche. Mit Ihrem klaren freundlichen Sinn werden Sie auch das ins Gleiche ſtellen und den verbitterten Mann ſich ſelbſt und ſeinen Freunden wiedergewinnen. D was es für eine Qual iſt, rief er, mit die⸗ ſem Beamtenthum und ſeinen todten, herzloſen Formeln! Ich darf das zu Ihnen ſagen, gnä diges Fräulein, ohne Beſorgniß, misverſtanden zu werden nach der einen oder der andern 2** 34 Seite; denn ich weiß, zu welchem verſtändigen Freimuth mein verehrter Freund, der Profeſſor, Sie auch in dieſem Stücke erzogen hat. Hat der gute Leonhard ſich wirklich etwas zu Schul⸗ den kommen laſſen, ſo wird es ein Irrthum, zum Höchſten eine Nachläſſigkeit ſein; man ver⸗ weiſe ſie ihm, aber man entziehe ihn nicht einem Beruf, in dem er ſoviel Gutes und Rütz⸗ liches leiſtet. Ein Lehrer, der das Herz ſeiner Schüler ſo an ſich zu knüpfen weiß, der ſolche Bande des Vertrauens und der Freundſchaft zwiſchen Lehrer und Schüler zu flechten ver⸗ ſteht, wie dies zwiſchen Leonhard und Ihrem Bruder der Fall iſt, der, unter allen Umſtän⸗ den, muß ein vortrefflicher Lehrer ſein. Julian muß Leonhard's Unterricht wiedergegeben wer⸗ den— was ſage ich? ſeinem Unterricht? Viel⸗ mehr ſeiner ganzen Führung, er kann nie eine beſſere finden. Ich ſelbſt würde längſt darauf gedrungen haben, wenn nicht theils mein amt⸗ 354 liches Verhältniß im Wege ſtände, und wenn andererſeits mein Einfluß in dieſem Hauſe größer wäre, als er trotz allen Anſcheins iſt. Aber von Ihnen, der einſichtigen, liebevollen, gelieb⸗ ten— ach, wie geliebten Schweſter! erwarte ich Rath und Beiſtand in dieſer Sache. Angelica, indem das Geſpräch ſich jetzt wie⸗ der auf ihren Bruder wendete, erſchrak ordent⸗ lich vor ſich ſelbſt und wußte ſich nicht zu er⸗ klären, wie es nur jemals von ihm, dieſem vorzüglichſten Gegenſtand ihrer Sehnſucht und Sorge, hatte abkommen können. Und nun, rief ſie, wenn ich bitten darf, von nichts Anderm mehr, als nur von meinem Bru⸗ der! Wie geht es ihm? wie iſt ſeine Stimmung? wie ſeine Geſundheit? Sie können ſich nicht vorſtellen, Herr Waller, wie ich mich um ihn ängſtige und ſorge! Herr Waller ging wiederum ſchweigſam einige male auf und nieder. 36 Sie werden nicht von mir verlangen, gnä⸗ diges Fräulein, ſagte er endlich, daß ich Ihnen ſchmeichle, auch in dem nicht, was Ihrem Her⸗ zen am theuerſten. Herr Commerzienrath Wol⸗ ſton iſt ein einſichtiger und kluger Mann, aber das Geheimniß der Erziehung, fürchte ich, ver⸗ ſtcht er bei alledem nicht. Auch hierüber er⸗ laſſen Sie mir gewiß gern jede weitere Ausfüh⸗ rung; Sie wiſſen nicht nur, ſondern haben wol gar ſelbſt an Sich erfahren, was ich meine. Die Frau Commerzienräthin— Sie werden ſie kennen lernen, ſie iſt eine feine, gebildete Dame, von viel zarter Empfänglichkeit, und ich kann nicht anders ſagen, als daß ſie auch in dem Verhältniß zu ihrem Stiefſohn ſich als ſolche zeigt. Aber bei alledem iſt das hier im Hauſe die Luft nicht, in der ein Gemüth, wie das Ihres Bruders, gedeihen kannz er muß heraus aus dieſer bangen Einſamkeit, muß wieder einen Gefährten bekommen, einen Jugendgenoſſen. Noch(unter⸗ 3 37 brach er ſich ſelbſt, da Angelica ihn zweifelnd anſah) fürchte ich nicht, daß ſeine Kränklich⸗ keit einen ernſtern Grund hat— noch nicht, auf mein Wort, theuerſtes Fräulein—! Aber wenn die Richtung verfolgt wird, die man mit Julian's Erziehung eingeſchlagen, ſo wäre es immerhin möglich, daß es Ernſt mit ſeiner Krankheit würde. Ihrem Herrn Vater natür⸗ lich darf ich mit offenen Einwendungen dieſer Art nicht kommen; er iſt ein Mann von ſehr feſtem Willen, der nur den Argwohn zu faſſen braucht, als wolle man ihn lenken, ſo genügt das ganz gewiß, ihn völlig unlenkſam zu ma⸗ chen. Der bloße Rath eines Mannes, eines Freundes iſt hier zu ſchwach, hier bedarf es jener zarten, leiſen und dabei ſo unwiderſteh⸗ lichen Einwirkung, die nur eine Tochter üben kann. Theure Angelica, es iſt nun einmal mein Schickſal heut, daß ich Ihnen immer un⸗ geſchickt und zudringlich erſcheine: ſei es dar⸗ 38 um! ich will ja nichts für mich, ich will ja gern in dem Dunkel der Vergeſſenheit bleiben, in dem ich ſeither bei Ihnen geſtanden habe. Aber dies Eine noch laſſen Sie mich frei aus⸗ ſprechen: es ſind— Michelligkeiten zwiſchen Ihnen und Ihrem Herrn Vater, es iſt nicht ganz das Verhältniß zwiſchen Ihnen, wie es ſein ſollte, wenn auch aus keinem andern Grunde, ſo doch gewiß ſchon um des Andenkens willen, das Sie einer theuren Todten bewahren und das durch die Fortſetzung Ihrer Mishelligkeiten nur gefährdet werden kann.... Wieder war das Geſpräch hier an einer Wendung, welche Angelica, trotz ihrer großen Unbefangenheit und Gutmüthigkeit, dennoch nicht behagte. Sie ſcheinen ſehr genau unterrichtet zu ſein, ſagte ſie, indem ſie jetzt ihrerſeits ſich vom Platze erhob, von allen Zuſtänden dieſes Hau⸗ ſes. Umſomehr muß es mich überraſchen, daß 39 Sie mit dem gelinden Ausdruck Mishelligkeiten bezeichnen, wo ich doch, mit widerſtrebendem Herzen, Gott weiß es! genöthigt bin, mein Recht und meine Unabhängigkeit zu vertheidi⸗ gen. Sie warnen mich, das Andenken meiner unglücklichen Mutter nicht aufs Spiel zu ſetzen — ich verſtehe Ihre Anſpielung ſehr gut, Herr Waller. Aber erlauben Sie auch mir jetzt Sie zu verſichern, daß weder ich noch meine arme ſelige Mutter es ſind, die dieſen Streit zu ſcheuen haben, und daß, wenn Sie doch nun einmal, wie ich aus Ihrer Vertrautheit mit meinen Verhältniſſen ſchließen muß, mit dem Wortlaut jenes angeblichen Teſtaments bekannt ſind, Sie ſich auch ſelber ſagen müſſen.... Halten Sie ein, gnädiges Fräulein! rief der Prediger, indem er abwehrend einige Schritte zurücktrat: halten Sie ein, und machen Sie mich nicht ſelbſt erſt, wider Abſicht und Wil⸗ len, zum Mitwiſſer eines Geheimniſſes, von dem 40 ich, mein Wort zum Pfand! bis zu dieſem Au⸗ genblicke nichts weiß, noch bin ich lüſtern darnach, es zu wiſſen. Die Zeiten, wo die Geiſtlichen die Vertrauten der Familien waren, ſind ja vorüber, und Sie wollen mir Glauben ſchenken, daß ich am wenigſten darnach trachte, ſie zu er⸗ neuen, zumal in weltlichen Dingen. Ich trage ſchwer genug, ſetzte er mit einem heimlichen Seufzer hinzu, an meiner eignen Laſt, wenn auch ſie freilich keine weltliche iſt.— Auch hatte ich bereits die Ehre Ihnen zu ſagen, daß ich hier niemals der Geiſtliche bin, es wäre denn, daß auch dieſer einmal verlangt werden ſollte, woran ich jedoch fürs Erſte noch zweifle, ſon⸗ dern immer nur der Freund, der geduldete Freund(ſetzte er mit einer Verbeugung hinzu) des Hauſes: und die erſte Regel der Freund⸗ ſchaft bekanntlich iſt, daß ſie ſich in kein Ver⸗ trauen eindrängt, das ihr nicht freiwillig ent⸗ gegengetragen wird. Es iſt längſt Mitternacht 41 vorüber, Sie werden der Ruhe bedürfen, gnä⸗ diges Fräulein, und ich ſelbſt habe morgen, am Sonntag, den heiligen Pflichten meines Amtes zu genügen. Dennoch, ſo ſpät dieſe Stunde auch iſt, und auf die Gefahr hin, eine Theilnahme zu verſcherzen, die ich freilich noch niemals beſeſſen, geſtatten Sie mir meinen Satz zu vollenden. Wie es ſich auch mit dem verhalte, was ich vorhin— irrthümlich, wie ich jetzt belehrt bin — als Mishelligkeit bezeichnete, und ohne auch mit dem leiſeſten Gedanken nur die Ehrfurcht zu verletzen, die ich Ihren Geheimniſſen ſchuldig bin, kann ich gleichwohl nicht umhin, Sie zu erſuchen, gnädiges Fräulein: kommen Sie Ihrem Herrn Vater mit einiger Freundlichkeit entgegen! machen Sie den Verſuch wenigſtens, jenen Ton anklingen zu laſſen, der vielleicht ſeit lange nicht, vielleicht noch niemals zwiſchen Ihnen erklungen iſt— ohne Ihre Schuld, gnä⸗ diges Fräulein, ich weiß es: den Ton kindlicher 42 Verehrung, väterlicher Herzlichkeit! Suchen Sie vor ſich ſelbſt zu vergeſſen, was eigentlich die trübe Veranlaſſung dieſer Heimkehr iſt, und laſſen Sie auch hier, wenn es ſelbſt nur zur Probe ſein ſollte, jene Sonne der Freundlich⸗ keit und des Wohlwollens ſcheinen gegen Ze⸗ dermann, durch die Sie in allen andern Ver⸗ hältniſſen die Freude und der Stolz Ihrer Um⸗ gebung geweſen ſind. Es wird Ihnen ſchwer werden, gewiß: denn ich ſehe Ihrer ſchönen Stirn an, wie ſchwer es Ihnen jetzt ſchon fällt, nur den zudringlichen Schwätzer zu Ende zu hören, und ſchließe daraus auf die Schwere einer Kränkung, die ein ſo ſanftes Herz in ſo ungeduldigen Zorn verſetzen konnte. Aber ich laſſe doch nicht ab, und bitte doch wieder und immer wieder: bringen Sie das Opfer, theures Fräulein! bringen Sie es für Einen, der ſich in dieſem Augenblick in unruhigen Träumen umherwirft, auf deſſen Lippen im Schlummer 43 ſelbſt Ihr Name ſchwebt, der keine andere Hoff⸗ nung und keine andere Erretterin hat, als Sie — bringen Sie es, gnädiges Fräulein, um Ihres Bruders willen, deſſen ganzes Glück und ganze Zukunft abhängt von dem Frieden, den Sie in dieſem Hauſe werden herzuſtellen und zu erhal⸗ ten wiſſen! So verletzt Angelica ſich bei dem Anfang der Rede gefühlt hatte, ſo wenig konnte ſie ſich doch jetzt, beim Schluß derſelben, der innigſten Rührung erwehren, mit ſo viel lebendiger Wärme, ſo viel herzlicher, ungekünſtelter Dring⸗ lichkeit, zugleich ſo viel Beſcheidenheit und Würde floſſen die Worte von der beredten Lippe des Predigers. Sie ſprachen nur aus, erwiederte ſie, mit eben ſo ſanfter als feſter Stimme, was ich mir ſelbſt gelobt habe, noch bevor ich dieſes Haus betrat. Weil es aber immer gut iſt, ſetzte fie halb ſcherzend hinzu, für uns ſchwache Sterb⸗ — liche, wir legen unſere Gelübde noch einmal und öffentlich vor Zeugen ab, gut denn, ſo ver⸗ ſpreche ich es Ihnen: ich will mich nach Kräf⸗ ten bemühen, alles Unrecht zu vergeſſen, das mir aus dieſem Hauſe theils geſchehen iſt, theils angedroht wird, und will ganz ſolche er⸗ gebene, liebevolle, folgſame Tochter zu ſein ſuchen, als ob meine arme Mutter noch am Leben und Herr Wolſton wirklich mein Vater wäre— Alles, wie Sie geſagt haben, um mei⸗ nes Bruders willen. Wann darf ich ihn ſehen? und iſt er von meiner Zurückkunft unterrichtet? Julian's Zuſtand, erinnerte der Prediger nicht ohne Verlegenheit, iſt leider ſeit einigen Wochen von der Art, daß wir ihn vor jeder heftigen Aufregung hehüten müſſen, ſelbſt auch jeder freudigen. Bis zu dieſem Augenblick weiß er von Ihrer Zurückkunft noch nicht. Aber wie er ſich täglich, in Schlaf und Wachen, mit Ihnen beſchäftigt und wie Sie unausgeſetzt den Gegenſtand ſeiner liebſten Unterhaltung bil⸗ den, ſo wird es nur einer geringen Vorberei⸗ tung bedürfen, ihn ſtark genug zu machen für die Freude, die ihm bevorſteht; ich hoffe, daß Sie ihn noch morgen vor Mittag in die Arme ſchließen ſollen. prittes Rapitel. Dämmerſtunde. Angelica verabſchiedete ſich. Auf ihrem Zim merchen angekommen, das ſie, zu ihrer unſägli chen Freude, noch vollkommen unverändert fand, 1 in derſelben einfachen Ausſtattung wie ehedem war ſie von allem Erlebten ſo aufgeregt, na⸗ mentlich auch von dieſer Unterhaltung mit Herrn 3 Waller, daß ſie noch kein Bedürfniß des Schlum⸗ mers empfand. Sie entließ das Kammermäd⸗ chen, öffnete das Fenſter und lehnte hinaus ins Freie, wo ſchon die erſten leiſen Spuren des dàäm mernden Morgens ſichtbar zu werden begannen. Angelica's Zimmer ging nach der Garten⸗ ſeite hinaus, in demſelben Flügel, wo auch Ju⸗ lian's neue Wohnung lag. Sie hatte ſich die Lage der Zimmer von der Dienerſchaft bezeichnen laſſen und ſah jetzt deutlich, indem ſie in den Garten hinunterlauſchte, den Schein der Lampe, der zwiſchen den Vorhängen hindurch aus ſeinen Fenſtern auf das gegenüberſtehende ſchwarz be⸗ ſchattete Laubwerk fiel. Eine unendliche Sehn⸗ ſucht nach ihrem Bruder überkam ſiez nur hinauf⸗ lauſchen zu dürfen zu den erleuchteten Fenſtern, nur zu horchen an der verſchloſſenen Thür ſeines Zimmers, ſchien ihr ein unendlicher Genuß... Dazu lag der Garten ſo ſtill, ſo feierlich da in der linden Morgendämmerung; die Bäume rauſchten ſo geheimnißvoll, ſo lockend, und horch, dort aus dem Buchenwäldchen her ließ der Finke ſein erſtes luſtiges Morgenlied ertönen... Raſch entſchloſſen warf Angelica das Tuch um und ſchlich, indem ſie die Thür hinter ſich geöffnet ließ, auf leiſen Zehen, Treppen und Gänge entlang, hinunter in den Garten. Denn auch dorthin wie viel liebe Erinne⸗ rungen zogen ſie! wie viel kleine ſtille Plätzchen hatte ſie aufzuſuchen, um das Andenken, bald an Jugendfreuden, bald an Jugendleiden zu er⸗ neuen! Morgen ſollte ſie Herrn Wolſton und ſeine Gemahlin ſprechen, wer weiß, trotz aller guten Vorſätze, was morgen begegnete! So wollte ſie dieſe ſtille, heilige Stunde der Däm⸗ merung benutzen, um ungeſtört das Wiederſehen ihres geliebten Gartens zu feiern und gleichſam ihre Andacht zu verrichten vor den Erinnerungs⸗ malen ihrer Kindheit. Ihr Weg führte ſie an Julian's Zimmer vor⸗ über. Auch hier ſah ſie, wie der Lichtſchein durch die Spalten der Thüre drang; noch leiſer, noch unhörbarer wurde ihr Schritt; ſie ſank, im Vorübergehen, in die Knie und ſtreckte die ausgebreiteten Arme gegen die verſchloſſene Thür, 26 als könne ſie den Theuren zu ſich heranziehen und ihn aufwecken mit ihren ſchweſterlichen Küſſen. Um aus dem Flügel, in welchem Angelica wohnte, in den Garten zu gelangen, mußte man über einen kleinen, abgelegenen Seitenhof, der dicht an die eigentlichen Fabrikgebäude grenzte; mit allerhand Schuppen, Bretterwänden und ähnlichen Baulichkeiten beſetzt, wurde er ſelten oder nie von irgend Jemand, es ſei denn von einem der Fabrikarbeiter zu geſchäftlicher Ver⸗ richtung, betreten. Ein langes Stangenwerk, das, mit einem Bache in Verbindung ſtehend, welcher den Garten durchfloß, gewiſſe Maſchinen im Fabrikgebäude in Bewegung ſetzte, lief, in wenig mehr als Mannshöhe, quer darüber hin. Schon da Angelica noch Kind war, hatte dies Stangenwerk mit ſeiner unaufhörlichen, geſpen⸗ ſtigen Bewegung, gleichmäßig Tag wie Nacht, den Gegenſtand ihres ſtillen Entſetzens gebildet Das Engelchen. II. 3 50 Auch jetzt wieder, indem ſie hinaustrat in den engen Hof und ſah in der Dämmerung den ſchwarzen, ungewiſſen Schatten endlos, langſam hin und hergleiten, und hörte das eigenthüm⸗ liche Aechzen und Stöhnen, das die Bewegung der Maſchine begleitete, und fühlte, indem ſie darunter hinwegſchritt, wie die kalten Tropfen, aus der Rinne hindurchſickernd, ihr auf Hals und Stirne fielen— fuhr ſie zuſammen, wie von Geſpenſterhand berührt, und ihr Fuß, un⸗ willkürlich, wurzelte im Boden... In dieſem Augenblick, dicht neben ſich, in einem der Schuppen, dem Fabrikgebäude zunächſt, nur durch eine dünne Bretterwand geſchieden, hörte ſie eine Stimme, der eine zweite antwortete.. Ihre Knie ſchlugen zuſammen vor Ueber⸗ raſchung und Schreck, der Athem in ihrer Kehle ſtockte— horch, jetzt wieder... Nein, ihre Furcht war kindiſch, dieſe Stimme zum wenigſten kannte ſie, kannte ſie ach, 8 — nur allzugut— es war die Stimme ihres Vaters! Und du biſt gewiß, ſagte er, daß jedes an⸗ dere Zeugniß vernichtet iſt? Es iſt ein keckes Mädchen, wie du ſelbſt wohl weißt, und wir haben von ihrem Trotz das Schlimmſte zu be⸗ fürchten. Aber darum eben mußte ſie in meine Hand gegeben werden, daß ich ſie bändige. Alter Sünder, ich warne dich! es ginge um deinen Hals, wie meinen: und ich bekanntlich hätte noch Mittel mich herauszuziehen, wäh⸗ rend du elend verzappeln müßteſt. Es müſ⸗ ſen noch irgendwo Papiere ſein, ich erinnere mich genau, daß ich ſie noch an etwas An⸗ derm ſchreiben ſah, das wir bis jetzt noch nicht gefunden haben... Sowie Angelica die Stimme des Herrn Wolſton erkannt, hatte ſie ſich fortſchleichen wollen. Aber noch immer lähmte der Schreck ihre Glieder, wider Willen hörte ſie— und 3* 352 was ſie hörte, war nicht geeignet, ihre Erſtarrung zu löſen. Sie ſtand an einem der Pfeiler, auf denen das Stangenwerk ſich bewegte, das feuchte Holz durchkältete ihre Kleider; dennoch, in ihrer Angſt, drängte ſie ſich ſo dicht an den Pfeiler, daß es ſchien, als wäre ſie ein Stück von ihm. Jetzt begann die zweite Stimme— frei⸗ lich, wie wäre es auch nur einen Augenblick möglich geweſen, dieſe zu verkennen! Dies Gurgeln und Röcheln, dies langgedehnte Ziſchen und Aechzen, das machte dem Sandmoll Nie⸗ mand nach auf Erden: und auch das vergaß Niemand wieder, der es nur einmal gehört hatte. Ah, ah, ſtöhnte der Sandmoll, was der Herr Commerzienrath heut ſpaßig ſind, ſo ſpät noch in der Nacht! Aber der Herr Commer⸗ zienrath haben Recht, wie immer, habe auch ſchon ſo etwas gemerkt, ah, habe ich das! habe auch ſchon eine Art von Spur, ja, ſolch ein alter abgetriebener Jagdhund ich bin... Woꝰ ſtieß der Commerzienrath heftig hervor. Der Alte mußte durch eine bloße Geberde geantwortet haben, denn unmittelbar darauf fuhr der Andere fort: Ich dachte es mir, knirſchte er: es iſt ja der Fluch meines Lebens, der unter dieſem heil⸗ loſen Dache wohnt, und den ich nicht eher löſen werde, als bis das kleinſte Stäubchen verweſt iſt, von dem Dach ſowohl, als von den Leu⸗ ten, welche darunter wohnen. Sie ſuchen mir eben Alles zu ſtehlen, Alles; das Herz mei⸗ nes Julian haben ſie mir ſchon entwandt, warum ſollen ſie nicht auch die Schriften ge⸗ ſtohlen haben? Auf die Fährte, alter Jagdhund! Der Vorfall von heute Nacht gibt eine präch⸗ tige Veranlaſſung, es könnte leicht zu einer Hausſuchung kommen— Hausſuchung, ver⸗ ſtehſt du? Es wird ſich ohne Mühe machen n — laſſen, daß du, der du, zur Strafe deiner Thor⸗ heiten, doch einmal ſo ein Stück Beamter biſt, dabei zugegen ſein kannſt— wachſam, wachſam, alter Schnüffler! und wenn du mir die Beute geſchleppt bringſt, will ich dich aller deiner Sorgen ledig machen auf einmal! Ah, ah, röchelte der Andere, und ſelbſt wie er mit den langen, dürren Fingern dazu knackte, konnte Angelica von ihrem Verſteck aus hören: weiß wohl, ſehr gnädiger Herr der Commer⸗ zienrath, ſehr gnädig im— Verſprechen! Nichts für ungut, unterbrach er ſich mit heiſerm Ge⸗ lächter, wollen es ſchon beſorgen, meine Lore ſoll dran, der Herr Commerzienrath wiſſen doch, was die Lore für ein Prachtweib iſt? Aber da⸗ für wollen der gnädige Herr auch Acht geben, um was ich bitte— bitte ſowohl für mich, wie für ihn ſelbſt! Das Männchen da aus der Stadt, der Herr Maler— nun, was wird es ſein? Sie werden Wind haben, die Herren in der 55 Stadt: aber wo er herkommt, wiſſen ſie noch lange nicht, auch wenn er ihnen dicht unter die Naſe weht, auch nicht wo er hinfährt.— Aber bei alledem Vorſicht, Vorſicht, gnädiger Herr! Ich glaube nicht, daß es eigentlich um deshalb iſt, daß der Herr Maler gekommen— aber immerhin, man kann nicht wiſſen, ich habe den Spaß ſchon einmal gehabt, und ein vorſichtiger Mann deckt ſich bei Zeiten.. Hier, wie die beiden Sprechenden den Zaun entlang gingen, in das Innere des Fabrikgebäu⸗ des zurück, verloren ſich die Stimmen. An⸗ gelica ſeufzte ſchwer auf— was war das? war ſie im Traum? war es ein Trugbild ihrer auf⸗ geregten Sinne? Aber nein, noch hörte ſie den ungeſchickten, ſchweren Tritt des Alten am Zaun entlang ſchlurfen, hörte, wie er ſtolperte an den Stu— fen der Schwelle, ind wie der Commerzienrath mit dem raſchen, energiſchen Geiſt, der ihm eigenthümlich war, die Thür des Fabrikgebäu⸗ des ins Schloß warf. Sie wachte, ganz ge⸗ wiß, ſie wachte! Der Angſtſchweiß hier auf ihrer Stirn, der Froſt, der ihre Glieder ſchüttelte— o das Alles war ja keine Täuſchung, konnte nicht durch bloße Täuſchung entſtanden ſein! Aber wenn es denn Wirklichkeit war, was bedeutete ſie? was war der Sinn dieſer geheim⸗ nißvollen Reden? Was überhaupt konnte es ſein, das in dieſer ſpäten Stunde der Nacht, in dieſem entlegenſten Winkel des Hauſes, ihren Vater zuſammenführte zu heimlichem Zwiege⸗ ſpräch mit dieſem Verworfenſten aller Sterb⸗ lichen? Sie rief ſich das Gehörte noch einmal ein⸗ zeln ins Gedächtniß zurück, ſie hätte es gern geleugnet vor ſich ſelbſt— aber nein, kein Zweifel, ſie ſelbſt war mit dabei im Spiel! ſie ſelbſt war das kecke, trotzige Mädchen, deſſen Uebermuth der Vater bändigen wollte! Brief⸗ ſchaften ihrer Mutter waren es, ihrer theuren, unglücklichen, todten Mutter, denen nachge⸗ forſcht ward und die der Commerzienrath in ſeine Hände bekommen wollte— Briefſchaften ihrer Mutter?! Wie Schatten des Todes, ſtreckte ein Argwohn, den ſie ſeit Langem kaum mehr unterdrücken konnte, ſich über ihr armes, ſchuld⸗ loſes Herz; eine unſägliche Angſt überfiel ſie, eine Angſt, gegen die Alles, was ſie bei dem Auftritt, vor dem Wirthshaus empfun⸗ den hatte, gleichſam nur Kinderſpiel war:— als ſtreckten zwei lange, unſichtbare Arme ſich durch die Dämmerung ihr entgegen und würg⸗ ten ſie in eiſerner Umklammerung... Die Schatten inzwiſchen waren mehr und mehr geſunken, zum zweiten Mal ſtimmte der Fink im Buchenwäldchen ſein Morgenlied an, hell und ſiegreich wie der Jubel eines reinen, feſten Herzens wirbelten die Töne in die Luft. Auch Angelica's Herz fühlte ſich von dem 3** 58 Morgenlied des Vögelchens erleichtert; ihre Au⸗ gen ſchwammen in Thränen, aber doch ſchon wieder lächelte ſie durch die Thränen... Du wirſt es wohl machen, mein Gott, ſagte ſie, indem ſie die treuen Augen emporſchlug zum Himmel, der ſich ſchon mit roſigen Wölk⸗ chen umſäumte: dir befehl' ich mich, meinen Bruder und Alles, was mir lieb und heilig iſt. Damit hüllte ſie ſich dichter in ihr Tuch und ſchlich, unhörbar, wie ſie gekommen, und eben ſo unbemerkt in ihr Zimmerchen zurück. * Piertes Kapitel. Der Traum. Die Sonne ſtand ſchon hoch am Himmel, als Angelica von kurzem, unruhigem Schlummer endlich erwachte. Die Schreckerſcheinungen der Nacht hatten ſich fortgeſetzt in wunderlich grau⸗ ſenhaften Träumen, dergleichen das junge Mäd⸗ chen, bei dem geſunden, leichten Blut, das ihr durch die Adern hüpfte, noch niemals gehabt hatte und von denen ſie noch jetzt, beim Er⸗ wachen, ſich aufs Tiefſte beängſtigt und er⸗ ſchüttert fühlte. Es war ihr, in leicht erklärlicher Anknüpfung an das kurz zuvor Erlebte, geweſen, als wolle 60 ſie in Geſellſchaft ihres Bruders hinuntergehen in den Garten. Da ſie an das Fabrikgebäude kamen, ſtand die kleine Pforte zum Maſchinen⸗ ſaal offen wie ehemals. Von Furcht und Neu⸗ gier zugleich getrieben, konnte ſie, trotz der Ab⸗ mahnung ihres Bruders, der ſie ängſtlich am Kleide hielt, nicht widerſtehen, einen Blick in den Saal hineinzuwerfen. Es war Alles ſtill und öde darin, wie in einem Grabe; die ſonſt ſo raſtloſen Hämmer ſtanden unbeweglich und große Spinnennetze hatten ſich zwiſchen den Speichen der ungeheuren Räder eingeniſtet. Verwundert wollte ſie ihrem Bruder zurufen und ihn beruhigen: aber in demſelben Augen⸗ blick war ihr Bruder verſchwunden, ſpurlos, wie von der Erde verſchlungen... Entſetzt warf ſie ihr Auge umher— als auf einmal ringsum in den bisher ſo laut⸗ loſen Maſchinen ein Knarren und Sauſen ver⸗ nehmbar ward, langſam und dann immer 2 raſcher und raſcher, in gewaltigem Umſchwung, ſetzten die Räder ſich in Bewegung, die Wal⸗ zen glitten ſauſend übereinander hin, Stampfen und Hämmer dröhnten mit erſchütternden Schlä⸗ gen, das ganze Maſchinenwerk auf einmal war lebendig geworden und drängte, wie von Gei⸗ ſterhand gezogen, unentrinnbar, unabwendbar, von allen Seiten auf das entſetzte Mädchen ein. Wohin ſie, hilferufend, die Hand erhebt, ſchnurren ihr, dichter und dichter, ſcharfgezahnte Räder entgegen; wohin ſie den Fuß ſetzen will, geräth er in das Labyrinth des Maſchinen⸗ werks; ſchon fühlt ſie, wie die Räder, hier und dort, ihr nach den Kleidern ſchnappen, fühlt ſchon den Druck des ſchweren eiſernen Kolben auf ihrer Stirn.. Nein, das iſt nicht der Maſchinenſaal mehr, das iſt ein enger toſender Meeresſtrudel, in den ſie ſich hinabgeriſſen fühlt mit Sturmwinds⸗ eile, immer tiefer, immer ſchneller, ins Boden⸗ 62 loſe; vonk allen Seiten quellen, ſtrömen, ſtür⸗ zen die Waſſer herzu, verzweifelnd, in Todes⸗ angſt greift ſie um ſich... Und wieder fühlt ſie ſich vom Traum auf einen neuen Schauplatz entrückt: eine weite, duftige Ebene, von ſanften blauen Hügeln ein⸗ gefaßt, aus einem nahen Gehölz ſingt der Fink ſein Morgenlied, und Herr Waller ſitzt neben ihr in Prieſterrock und Käppchen und hat ein großes Bund Schriften, in denen er eifrig blättert, auf dem Schoße liegen. Wie ſie jedoch genauer hinſieht, ſo iſt es gar nicht Herr Wal⸗ ler, ſondern ein Doppelweſen, das bald wie ihr Vater ausſieht, bald wie die Spukgeſtalt des alten Sandmoll; indem es, im eifrigen Le⸗ ſen, die Blätter auf ſeinem Schoße umſchlägt, fallen warme, rothe Blutstropfen herunter auf Angelica's Gewand... Von Entſetzen bewältigt, ſpringt ſie auf, will davoneilen, fühlt ſich aber gefaßt und zurückgehalten von einer neuen Erſcheinung, deren Züge ſie irgend ſchon einmal geſehen hat und die ſie ſich gleichwohl vergebens abmartert, in ihrem Gedächtniß wieder aufzufinden: ein jun⸗ ger Mann mit milden, freundlichen Geberden und ſanften hellblauen Augen, der ihr freund⸗ lich zuſpricht und ihr von den Blumen pflückt, welche ſie rings umblühen. Aber Angelica weigert ſich, ſie anzunehmen. Denn es iſt ihr, als hörte ſie von fern die Stimme ihrer Mut⸗ ter, und ſehe einen weißen Schatten, drohend, warnend, zu ſich herüberwinken. Der junge Mann bittet, fleht, fällt in die Knie und weint... Aber, gerechter Gott, das ſind ja nicht Thränen, die er weint, das ſind ja lauter kleine, grüne glitzernde Schlängelchen, die ſich mit Blitzeseile an ihr emporwinden und im Empor⸗ winden immer größer, immer gewaltiger wer⸗ den, rieſengroß—! Und ein langer, ſchwarzer 64 Schatten zugleich fährt quer über den Himmel hin, ſie hört das Gurgeln und Lachen des alten Sandmoll und hört wie das Stangenwerk pfeift und gquiekt— und fühlt, wie die Schlangen ihre heißen ſtechenden Zungen ihr in die Schläfe bohren... Der iſt nun todt, hört ſie eine Stimme ſagen, die ſie an Leonhard den Schulmeiſter erinnert, und nun kommen die Andern an die Reihe. In offenem Sarge aber, in weißem Todtenhemd, ſieht ſie ihren Bruder liegen, der vorhin ſo plötzlich von ihrer Seite verſchwun⸗ den war: mit zerſchmetterter Stirn, die langen glatten Haare wild durcheinander gewirrt und von Blut geröthet. Und wieder iſt es ihr, als ob das nicht ihr Bruder wäre, der im Sarge liegt, ſondern ſie ſelbſt wäre es, lebend, bewußt, mit wachen Sinnen, aber von unſeliger Erſtarrung gebun⸗ den, unfähig, auch nur den Finger zu rüh⸗ 65 ren, oder den kleinſten Laut von ſich zu geben... Und jetzt legen ſie den Sargdeckel auf ſie und ſie hört die Schrauben langſam ins Holz eingreifen und meint durch den geſchloſſenen Deckel hindurch eine hohe, ſtolze Frau zu ſehen, mit eingekniffenen, blaſſen Lippen, die ſie noch nirgend geſehen hat und von der ſie gleich⸗ wohl deutlich fühlt, es müſſe ihre Stiefmutter ſein. Die Frau hat einen Hammer in der Hand und pocht, mit langſam abgemeſſenen Schlägen, die Schrauben im Sargdeckel feſt; jeder Schlag dringt, durch das dröhnende Holz hindurch, in Angelica's Glieder und zu jedem flüſtert die Frau leiſe, aber doch ſo, daß An⸗ gelica es deutlich vernehmen kann: Da haſt du nun doch den Mann, den ich dir zugedacht hatte... In tödtlicher Angſt will ſie aufſchreien, kann nicht, fühlt, wie der Sarg in die Höhe geho⸗ 66 ben wird, fühlt das Schaukeln und Schwan⸗ ken des Leichenwagens... Nicht doch, nicht das Schaukeln des Leichen⸗ wagens iſt das, ſondern wieder jener Meeres⸗ ſtrudel, mit dem ſie ſchon einmal gerungen hat und der ſie jetzt zum zweiten Mal hinabreißt in die unergründliche Tiefe. Schon fühlt ſie, wie auch die letzte Kraft ſie verläßt, fühlt, wie das Herz immer leiſer, immer langſamer ſchlägt, und wie es jetzt ſtill ſteht, ganz ſtill... Aber in demſelben Augenblick auch fühlt ſie ſich von zwei ſtarken Armen gefaßt, lichtweiße Schwingen rauſchen neben ihr, es iſt Jemand, der ſie emporträgt, der ſie rettet, mit jauchzen⸗ dem Entzücken fühlt ſie es.. Nur daß ſie das Antlitz noch nicht ſehen kann! Wie eine Purpurdecke liegt es zwiſchen ihnen, es iſt ihr, als ob durch den Vorhang hin⸗ durch zwei liebe, treue, wohlbekannte Augen ſie anblickten, die ſie erkennt und nicht ſi ieht. ſieht und nicht erkennen kann— Sei nur ruhig, ſagt die Stimme hinter dem Vorhang, ſo ſanft, ſo weich und doch ſo volltönend und ſtark, als wäre es Glockenklang: Gott macht ja Alles wohl, und wir haben uns ja geliebt, ſeit wir uns kannten— D Retter, mein Retter, ſtammelt ſie, und will den Schleier hinwegdrängen.. Und wacht auf von ihrem eignen Ruf und ſitzt nun ſeit einer Viertelſtunde ſchon, aufrecht, das zierliche Haupt in die weiße Hand geſtützt, und ſinnt nach über die peinliche Verwirrung dieſes Traumes und über das Antlitz des Ret⸗ ters, das ſie nicht ſehen konnte und das ſie dennoch, durch die purpurne Finſterniß hin⸗ durch, anblickte mit ſo lieben, treuen, wohl⸗ bekannten Augen.. Ein leiſes Pochen an die Thür weckte ſie aus dieſem zweiten wachen Traume. Raſch ſprang ſie empor, warf ihr Morgengewand über und öffnete die Thür... Schweſter...! Bruder...! Und Küſſe und Thränen...! Sie hielt ihren Bruder in den Armen! Fünftes Kapitel. Die Geſchwiſter. Wir verzichten darauf, das Entzücken zu ſchil⸗ dern, mit welchem das Wiederſehen die beiden Geſchwiſter erfüllte; wenn es möglich wäre, daß die Seele Eines Menſchen ſich ſpaltete in ſich ſelbſt und die beiden getrennten Hälſten, nach langer, einſamer Irrfahrt, flöſſen endlich wieder zuſammen, das Entzücken könnte nicht größer, der Jubel der Wiedervereinigung nicht inniger, nicht ſeliger ſein. Aber ebenſo verzichten wir auch, den Schmerz zu ſchildern, der, mitten durch dieſen Jubel hin⸗ durch, Angelica's Herz durchbebte, indem ſie das 70 Aeußere des geliebten Bruders betrachtete. Sie war darauf gefaßt geweſen, daß ſeine Briefe etwas vor ihr verheimlicht, und auch den Worten des Herrn Waller, in der Unterredung geſtern Nacht, hatte ſie wohl angemerkt, daß Julian's Geſundheitszuſtand nicht ſo unbedenklich war, als der Prediger ſelbſt es gern dargeſtellt hätte. Aber nein, dieſe Bläſſe der eingefallnen, hohlen Wangen, dieſes unheimliche Leuchten der großen, raſtloſen Augen, dieſe Mattigkeit der Sprache, dieſen ganz unaus ſprechlichen Ausdruck ſchmerz⸗ voller Müdheit und Hinfälligkeit in der geliebten Erſcheinung— dies hatte ſie dennoch nicht er⸗ wartet! So heruntergebrannt, ihrem Erlöſchen ſo nahe war die Lebenskraft dieſes armen Knaben, daß ſelbſt die Freude dieſes Augenblicks kaum mehr ein flüchtiges Aufflackern hervorbringen konnte. Julian entging der Eindruck nicht, den ſeine Erſcheinung bei der Schweſter hervorrief, ſo ſehr dieſe ſelbſt ſich auch bemühte, jede Aeußerung deſſelben zu unterdrücken. 3 Nicht wahr? ſagte er, nach den erſten ſtür⸗ miſchen Umarmungen, indem er matt an ihrer Seite niederglitt und mit ſchmerzlichem Wohl⸗ behagen das unſtete Auge ausruhte auf An⸗ gelica's blendender, kraftvoller Fülle: Nicht wahr, meine Schweſter? du findeſt mich auch recht verändert? Denn wie die meiſten Kranken dieſer Art, liebte es auch Julian, von ſeinem Zuſtande zu ſprechen. Aber wenn es von den Andern in der Regel nur deshalb geſchieht, um ihre Be⸗ fürchtungen widerlegt zu hören und ſich Troſt zu ſuchen aus ihren eignen Klagen, ſo war Julian dagegen über den endlichen Ausgang ſeiner Krankheit ſo klar, ſo ſicher, er hatte, in den jahrelangen Leiden ſeiner Kindheit, ſich mit dem Gedanken des Todes ſo vertraut gemacht, das Leben ſelbſt hatte ſo wenig Reiz für ihn: 72 daß er die Fortſchritte ſeiner Krankheit nicht nur mit völliger Ruhe, ſondern ſogar mit einer gewiſſen ſtillen Befriedigung betrachtete und ſich niemals gleichmüthiger, niemals inniger geſtimmt fühlte, als wenn er ſich, mit ganzer, voller Seele, in das Bewufßtſein ſeiner nahen Auflö⸗ ſung vertiefte. Es war ihm ein Uebergang, eine Umwandlung wie jene andern, deren er in der Natur bereits ſo viele beobachtet hatte; wie viel Blumen, die Angelica ihm friſch und duftig aus den Bergen gebracht, hatte er ſchon verwelken, wie viel Raupen ſich zu todten, lebloſen Puppen einſpinnen, wie oft ſchon, von ſeinem einſamen Fenſter aus, die Blätter des Herbſtes fallen ſehen! Je weniger Julian von der Welt und dem Leben kannte, eine um ſo größere Bangigkeit empfand er davor. Es deuchte ihn ein beneidens⸗ werthes Schickſal, durch das Leben hingleiten zu dürfen, leiſe, ſpurlos, wie ein leichtes Morgen⸗ wölkchen, das mit dem erſten Sonnenſtrahl, der 3 es berührt, in nichts zerflattert; hinüberzuträu⸗ men aus der Stille ſeiner Kinderſtube in die noch tiefere, noch ungeſtörtere Stille des Grabes und da nun für ewig zu liegen in friedlichem Schlummer, in dieſem kühlen Schoß der Erde, wo die geliebten Blumen hervorblühen und die kleinen flinken Käferchen niſten, mit deren ſtau⸗ nender Betrachtung er ſich ſo manche ſchmerz⸗ liche Stunde hinweggetäuſcht— es war ihm ein Gedanke, ſüßer als Alles, was ſein junger Kopf zu faſſen vermochte! Nur Reinholo und Leonhard, vor Allem aber die geliebte Schweſter verlaſſen zu müſſen, dies nur that ihm weh. Und doch, war er von Reinhold und Leonhard nicht längſt geſchieden? nicht ſchon längſt wie geſtorben für ſie? Ja ſchlimmer ſogar: denn vielleicht, wenn er im Grabe lag, durfte ſein Schatten doch die geliebten Freunde umgaukeln und ihnen Troſt und Frieden zuführen. Was aber Angelica betraf, ſo wußte er ſich ſo feſt Das Engelchen. II. 4 74 gegründet in ihrem Herzen, daß auch kein Tod und kein Grab ihn je daraus entfernen konnten. Mit dieſem ruhigen, ja innerlichſt freudigen Tone war es denn alſo auch jetzt, daß er ſie fragte: Nicht wahr? du findeſt mich recht ver⸗ ändert, liebe Schweſter? Angelica fühlte, wie ihr das Waſſer in die Augen ſchoß und Angſt und Schmerz ihr die Kehle zuzuſchnüren drohten. Aber ihren Jammer muthig zurückkämpfend: Freilich, mein Julian, ſagte ſie, finde ich dich verändert. Was du ſeit unſrer Trennung gewachſen biſt! Du mußt ja größer ſein jetzt, als deine kleine Schweſter! Und wie ſtark, wie wohl du ausſiehſt! wie deine Augen glänzen! Warte nur! rief ſie und zog ſeinen Kopf mit Ungeſtüm an ihren Buſen, damit er die Thränen nicht ſehen ſollte, die ihr unaufhaltſam über die Wange perlten: jetzt bin ich wieder bei dir, mein Julian, jetzt wollen wir wieder durch Wald — 75 und Garten ſtreifen, und wollen uns Blumen ſuchen oder wollen am Röhrbrunnen ſitzen in der Mittagſchwüle, unter den alten Heiligen, weißt du noch? und wollen uns Märchen er⸗ zählen, wie ehedem.. Julian hatte ſich leiſe aus der Umarmung losgemacht, er ſah ſie lange ruhig, lächelnd an und küßte ihr die Thränen vom Geſicht— Gute Schweſter, ſagte er mit leiſem Kopf⸗ ſchütteln... Aber ein ſo ſchmerzlich bittender Ausdruck lag in dem Antlitz des armen geängſtigten Mäd⸗ chens, daß er den Reſt des Satzes nicht aus⸗ zuſprechen wagte, ſondern mit der Hand über die Stirn ſtreichend, und die andere herzhaft in Angelica's weiches Händchen einſchlagend: Gut, ſagte er, wir wollen es, liebe Schwe⸗ ſter— nämlich, wenn ich es kann. Angelica, die ſich von der Wendung, welche das Geſpräch genommen, unſäglich beunruhigt 4* fühlte, wünſchte demſelben eine andere Rich⸗ tung zu geben. Aber iſt es auch recht, rief ſie, daß du mir ſo zuvorgekommen biſt? Ich wollte dich über⸗ raſchen, und nun biſt du es, der mich über⸗ raſcht hat! Schilt mich nur aus, lieber Bru⸗ der, ich bin eine ſchöne Langſchläferin geworden in der garſtigen Stadt. Aber woher weißt du auch ſchon, daß ich hier bin? Ich glaubte nicht, daß Herr Waller dich ſo bald von meiner Ankunft in Kenntniß ſetzen würde— nämlich wei ich meine Den wahren Grund natürlich konnte Ange⸗ lica ihrem Bruder nicht ſagen, und die Lüge 3 kam ihr ſo ſchwer an, ſelbſt unter Umſtän⸗ den wie dieſe, daß ſie vor Verlegenheit ver⸗ ſtummte. Doch hatte Julian den letzten Theil ihrer Rede gar nicht mehr gehört; ſeine großen Augen funkelten noch unheimlicher als ſonſt: 77 Nun, fiel er ihr in die Rede, mit einem Ausdruck von Altverſtändigkeit und Sicherheit, der, zuſammengeſtellt mit dem Inhalt ſeiner Worte, etwas Erſchütterndes hatte: das ver⸗ ſteht ſich ja ganz von ſelbſt, du ſelber haſt es mir ja geſagt, du kommſt ja alle Nacht vor mein Bett, du und Reinhold und Leonhard auch. Herr Waller, ſetzte er mit geringſchätzi⸗ gem Lächeln hinzu, denkt immer, ich ſchlafe, und ſagt, es wäre blos im Traum, daß ich euch ſehe. Aber ich weiß recht gut, daß ich wach bin und daß das keine Träume ſind; ſondern ſiehſt du, Angelica, das iſt ſo, wie es nach dem Tode ſein wird.. Der Knabe verſtummte, mit weitgeöffneten Augen vor ſich hinſtarrend. Doch hatte ſeine Erſtarrung nichts Aengſtliches, nichts Schreck⸗ haftes, vielmehr es war wie eine tiefe Befrie⸗ digung, in welche ſein Geiſt ſich verſenkte... Banger Schauder durchrieſelte Angelica's 78 Glieder; ſie wußte nicht, was antworten, und wollte den Bruder doch auch nicht in Erſtarrung laſſen.— Und waren wir denn auch heute Nacht wie⸗ der da? fragte Angelica mechaniſch. Ja wohl, erwiederte Julian mit völlig ernſt⸗ haftem Tone, indem er noch immer mit geiſter⸗ haften Blicken vor ſich hinſah: in der dritten Stunde. Ich hörte, wie Herr Waller im Neben⸗ zimmer eben ins Bette ſtieg; du hatteſt lange vor der Thür geſtanden— ich ſah dich recht gut, durch die Thür hindurch— mit ausgebrei⸗ teten Armen und hatteſt gewartet, bis Herr Waller zur Ruhe wäre und Niemand uns ſtören würde. Endlich ging die Thüre auf, und duz kamſt herein, ganz friedlich, und ſagteſt mir, dß du hier wäreſt und daß du bei mir bleiben wollteſt alle Zeit, die ich noch am Leben wäre. Ich wußte es auch ſchon längſt vorher, daß du kommen würdeſt, und mußte ordentlich lachen, wie du dahergeſchritten kamſt, gerade wie jetzt, im weißen Morgenkleid— wenn nun doch, dachte ich, Herr Waller dazu käme, da könnte er ſich ja gleich überzeugen, ob das blos Träume ſind oder Wirklichkeit. Aber ich werde mich wohl hüten und Herrn Waller rufen, ſetzte er mit ſchadenfrohem Gekicher hinzu... Angelica ſprang empor: trotz des hellen Ta⸗ ges, der durch die Fenſter ſtrahlte, und trotz der ſo lang erſehnten Nähe des geliebten Bruders, fühlte ſie ſich gleichwohl von nächtlichem Grauſen ge⸗ packt. Es dauerte einige Minuten, bevor ſie ihrer Aufregung Herr werden konnte. Und doch wirſt du geſchlummert haben, ſagte ſie endlich mit ſo viel Feſtigkeit, ja Strenge, als ihr möglich war: und der gute Herr Waller, um dir die Freude deſto eher zu machen, wird an dein Bett getreten ſein, und hat dir, während du halb ſchliefſt, halb wachteſt, die Neuigkeit meiner Ankunft erzählt. 80 Julian lachte bitter, ſo bitter— es ſchnitt Angelica'n ins Herz. Herr Waller, erwiederte er nach einer Pauſe, iſt auch wol der Mann dazu, mir eine Freude zu machen, er, der die letzte Freude abge⸗ ſtreift hat aus meinem armen, öden Leben und hat meinen Leonhard von mir hinwegge⸗ trieben ins Elend! O, Schweſter(und ganz dicht rückte er dabei an ſie heran und flüſterte ihr mit ganz heimlicher Stimme ins Ohr)... O, Schweſter, glaub mir, was ich ſage: der Herr Whller iſt ein böſer Mann! Thu nie etwas, 1 wozu Herr Waller dir räth, er meint es nicht gut, ich kenne ihn! Verzeih, theurer Bruder, erwiederte Ange⸗ lica, wenn ich einige Zweifel in deine Worte ſetze. Wie ſchmerzlich du unter Leonhard's Entfernung leideſt, habe ich gewußt, bevor du es mir ſagteſt und auch ohne daß deine Briefe es mir verriethen. Daß du unter dieſen Umſtän⸗ den eine Abneigung gegen Herrn Waller haſt, iſt natürlich, wennſchon es mich überraſcht, die⸗ ſelbe ſo heftig zu finden, zumal da Herr Waller ſelbſt mich verſichert hat, daß ihr im Gegen⸗ theil Freunde wäret... Alſo hat er dich ſchon geſprochen? rief Ju⸗ lian: nimm dich in Acht, Schweſter, er iſt eine Schlange, daß er dich nicht auch umſtrickt! Du thuſt ihm wahrhaftig Unrecht, verſetzte Angelica: ich habe allerdings bereits eine Unter⸗ redung mit ihm gehabt, eine ſehr ernſte und ſehr ausführliche, in welcher er die freundſchaft⸗ lichſten, ja zärtlichſten Geſinnungen gegen dich kund gab. Er denkt, zu meiner großen Freude, in den Hauptſachen überein mit mir: er ſelbſt wird dafür Sorge tragen, daß Leonhard dir wiedergegeben wird; ja, er wird mir ſogar auch beiſtehen, hoffe ich, den Zorn des Vaters gegen den Meiſter zu beſänftigen und dir deinen Rein⸗ hold wieder zuzuführen. 4 Mit ſpöttiſchem Unglauben ſchüttelte Julian das Haupt. Der glatte Lügner, ſagte er, daran erkenne ich ihn! Ich bin ein einfältiger Knabe, Schweſter, und der dümmſte Junge aus dem Dorf iſt, was Welt und Menſchen anbetrifft, zehnmal klüger als ich. Aber was Wahrheit iſt, glaub mir, das weiß ich doch: und in dieſem Manne, ſag' ich dir, mit all ſeiner Gelehrſamkeit und all ſeiner feinen Bildung, ſeiner Beredtſamkeit und ſeinem Ruhm, iſt dennoch von Wahrheit keine Spur. Wie ich ihn ſogleich wieder ertappe, rief er, in⸗ dem helle Zornesröthe ſeine bleichen Wangen übergoß: er hat dich, ſagſt du, bereits geſprochen? er hat gewußt, daß du hier wäreſt— und als ich ihm heute Morgen auf den Kopf zuſagte, du wäreſt hier(nämlich du ſelber hatteſt mir es ja geſagt), da lacht' er mich aus und ſchalt mich einen Träumer, bis ich wider ſeinen Willen heimlich aus dem Zimmer ſchlüpfte?!— Nun 83 bin ich hier, theure Schweſter, nun kein Wort mehr zwiſchen uns von jenem Armſeligen, der nicht werth iſt, daß wir die koſtbaren Augen⸗ blicke an ihn verſchwenden! Ach, er wird ſie uns überdies nicht lange gönnen, weder er, noch mein Vater. In der That erſchien auch gleich darauf ein Diener, welcher Julian in Herrn Waller's Na⸗ men erſuchte, in ſein Zimmer zurückzukommen, da es Zeit ſei, Herrn Waller zum Gottesdienſt zu begleiten. Denn ſo krank Julian auch war und ſo wenig er ſonſt ſein Zimmer verließ, ſo war doch dies eine Pflicht, von der er, ſeit ſeine Stiefmutter im Hauſe war, ſelten oder nie entbunden ward, auch nicht durch Herrn Wolſton ſelbſt. Und zwar dies Letztere ein⸗ fach aus dem Grunde, weil Herr Wolſton ſich um das, was er Julian's Privatleben nannte (ls ob das arme Kind noch ein anderes gehabt hättel), die Eintheilung ſeiner Zeit 84 alſo, ſeiner Arbeiten, Beſchäftigungen, Vergnü⸗ gungen, überhaupt nicht bekümmerte. Eine der⸗ artige, auf das Kleine, Einzelne gerichtete Sorg⸗ falt lag einmal nicht in dem Charakter des kalten, weitblickenden Mannes; ſelbſt dem übri⸗ gens ſo geliebten Sohne gegenüber, würde er ſie, als unmännliche Sentimentalität, in die Wei⸗ berſtube verwieſen haben.— Gleichzeitig erſchien ein zweiter Diener mit der Meldung an das gnädige Fräulein, daß der Commerzienrath bereit ſei, ſie zu empfangen. Angelica, beſtürmt von einem Meer von Zweifeln, aus dem nur Eine Nothwendigkeit ſich klar und ſicher herausſtellte, dieſe nämlich, daß Julian aus ſeinen gegenwärtigen Verhältniſſen herausgenommen werden müßte, nahm Abſchied von ihrem Bruder, und bereitete ſich zu dem peinlichen Gange, welcher ihr bevorſtand. . Sechstes Kapitel. Der letzte Wille der Mutter. Als Angelica in das Cabinet des Herrn Wol⸗ ſton trat, konnte derſelbe, trotz der tiefen Ab⸗ neigung, welche er gegen ſeine Stieftochter empfand, eine gewiſſe flüchtige Regung von Wohlgefallen dennoch nicht unterdrücken, ſo glänzend, während Angelica's Abweſenheit aus dem väterlichen Hauſe, hatte die Knospe ihrer Schönheit ſich entfaltet und als eine ſo ſtatt⸗ liche Erſcheinung, mit ſo viel Anmuth und Würde, kam ſie dahergeſchritten. Aber in demſelben Augenblick durchzuckte ihn auch der Gedanke an das blaſſe, kümmer⸗ 86 liche Ausſehen ſeines Julian; dieſe Roſen, die ſo friſch auf den Wangen des Engelchen blüh⸗ ten, dieſe Augen, ſo ſprühend von Leben und Munterkeit, dieſe Lippen, ſo ſchwellend in ſchönſter Jugendfriſche, ließen das verbleichte, kranke Antlitz ſeines Sohnes, mit den erloſche⸗ nen Augen, den hagern, blaſſen Lippen, nur doppelt ſchmerzlich vor ſeine Seele treten. Der Freibrief, welchen die Natur Angelica'n verliehen und vermöge deſſen ſie die Herzen aller Uebri⸗ gen, ſich ſelbſt unbewußt, mit ſtillem Zauber gefangen nahm, gereichte ihr in den Augen ihres Stiefvaters vielmehr nur zu neuem Vor⸗ wurf; mit ſtummem Groll fragte er das Schick⸗ ſal, warum es Dieſe, ſeinem Herzen ſo fremd wie ſeinem Blute, mit ſo viel Liebreiz ausge⸗ ſtattet, daß er ſelbſt, ihr Todfeind, ſich der Rührung kaum erwehren konnte— und ſein Liebling, ſein Alles, der Einzige auf Erden, an dem ſein Herz hing, ſein Sohn ſchlich ſo 87 bleich, ſo kümmerlich einher? und kein noch ſo freundlicher Zuſpruch, keine noch ſo ſchmei⸗ chelnde Bitte des bekümmerten Vaters konnte auf ſeinem Antlitz auch nur den leiſeſten Schimmer jener Freude hervorrufen, die ſelbſt jetzt und in dieſem Augenblick noch aus Angelica's Mienen in ſo entzückender Fülle ſtrahlte?!— Erſt jetzt fing Herr Wolſton an, ſie recht zu haſſen. Sie hätte kommen können mit trotziger Miene, Zorn und Widerſpruch auf der zierlich gewölbten Lippe,— er hätte es ihr vergeben wollen; aber daß ſie kam mit Lächeln, daß ſie kam mit einer Anmuth, einer Heiterkeit, welche faſt ſogar ſei⸗ nen Groll entwaffnete, das konnte er ihr nie⸗ mals vergeben, niemals.. Wir brauchen wol nicht erſt zu ſagen, daß Herr Wolſton bei alledem viel zu ſehr Meiſter ſeiner ſelbſt war, um von Allem, was in ihm vorging, ſei es Haß, ſei es Wohlgefallen, äu⸗ ßerlich auch nur das Geringſte merken zu laſ⸗ 88 ſen. Die Unterhaltung bewegte ſich anfangs in den herkömmlichen, nichtigen Redensarten * per guten Geſellſchaft, namentlich von Seiten des Commerzienraths, der abſichtlich um ſo höf⸗ licher, ja ſo verbindlicher war, je mehr dieſe glatte Verbindlichkeit in Widerſpruch ſtand mit dem natürlichen Verhältniß eines Vaters zu ſeiner Tochter, und je mehr er daher gewiß war, Angelica's Herz damit im Stillen zu verletzen. Sogleich nach den erſten Begrüßungen brachte er das Abenteuer zur Sprache, welches Angelica faſt auf der Schwelle des älterlichen Hauſes begegnet warz er bedauerte den Schreck, welchen ſie gehabt, und verſprach, ihr durch ſtrengſte Unterſuchung des Vorfalls und uner⸗ bittliche Beſtrafung der Schuldigen die Genug⸗ thuung zu verſchaffen, die ihr, als Gaſt des Hauſes(Gaſt ſagte er, nicht Tochter), ge⸗ bühre. Vergebens verſicherte die junge Dame, daß dem ganzen, ihr unerklärlichen Vorfall ohne Zweifel nur ein gufall, ein Misverſtändniß höchſtens zu Grunde liege, und daß Herr Wol⸗ ſton ſie im Gegentheil verbinden werde, wenn er das ganze Ereigniß der Vergeſſenheit über⸗ liefere. Ein junges Mädchen, erwiederte er, die weder von Geſetz und Recht, noch von Handel und Wandel etwas verſtehe, möge immerhin ſo denken, den Mann aber, der ſich von dieſer Modekrankheit der Sentimentalität gefangen neh⸗ men laſſe, würde er verachten. Es ſei die höchſte Zeit, daß dieſen Grundſätzen vermeint⸗ licher, falſcher Humanität, mit welchen man heut zu Tage gerade die niedern Klaſſen des Volks mehr und mehr in Aufregung und Ver⸗ wirrung zu ſetzen beginne, mit der ganzen Strenge des Geſetzes und der ganzen Energie nüchterner, männlicher Einſicht entgegengearbeitet werde. Ich höre freilich, ſetzte er hinzu, daß der 90 Profeſſor, in deſſen Hauſe Sie erzogen wur⸗ den, Angelica, ſelbſt nicht ganz frei iſt von jenen verderblichen Grundſätzen; ja nach ein⸗ zelnen Aeußerungen Ihrer Briefe an Julian muß ich ſchließen, daß ſogar Sie ſelbſt einiger⸗ maßen davon angeſteckt ſind. Ich habe keinen Werth gelegt weder auf das Eine noch auf das Andere und thue es auch jetzt nicht. Sie ſind meine Tochter nicht und iſt es mir daher vollkommen gleichgiltig, in welchem Sinne Sie für gut befunden haben, ſich auszubilden.— Nur das laſſen Sie bei dem zeitweiligen Aufent⸗ halt, mit welchem Sie mein Haus beehren, ſich geſagt ſein, daß, ſo weit der Kreis meiner Au⸗ torität reicht, kein Raum iſt für irgend welche moderne, ſogenannte humane Beſtrebungen. Ich (und es war unmöglich in ſo wenig einfache Worte mehr Spott und mehr verwundende Kälte zu legen, als der Commerzienrath that).. Ich, wie Sie ſich wol noch aus den Klagen Ihrer ſeligen Mutter entſinnen, bin ein Geld⸗ menſch, und muß es den Nachkommen jener Glücklichen, welche nicht nöthig gehabt haben, für Geld und Gut zu ſorgen, überlaſſen, die Ideen der neuen Zeit zu verwirklichen— auf ihrem eigenen Gebiet, verſteht ſich. Dieſer Spott war um ſo grauſamer, als der Commerzienrath ſehr wohl wußte, daß Ange⸗ lica das unglückliche Ende ihres Vaters, in Bankrott und Elend, nicht unbekannt war. Aber ſo feſt hatte das Engelchen(das dieſes Namens in der That niemals würdiger war als in dieſem Augenblick) ſich vorgenommen, um ihres Bruders willen, jeder Herausforderung von Seiten des Herrn Wolſton aus dem Wege zu gehen, daß ſie ſich auch jetzt noch ſtellte, als hätte ſie die Anſpielung nicht verſtanden, und mit unbefangenſtem Tone theils von den kleinen Er⸗ lebniſſen ihrer Reiſe, theils von dem und jenem erzählte, was ſich eben in der Hauptſtadt Neues 92 zugetragen.— Bei alledem war die Unterhal⸗ tung für beide Theile ſehr peinlich, da beide ihre beſtimmten Nebengedanken hatten, und jeder dem andern die Gelegenheit ablauerte, dieſel⸗ ben endlich zur Sprache zu bringen. Am Pein⸗ lichſten natürlich für Angelica, da dieſe am Wenigſten gewohnt war, ſolche halbe, doppel⸗ ſinnige Unterhaltung zu führen. Endlich mochte es dem Commerzienrath, als einem praktiſchen Manne, leid thun um die ſchöne Zeit, die mit dieſer Art von Unterhal⸗ tung verloren ging. Mit raſcher Wendung daher den Dingen auf den Leib gehend: Aber ſind Sie wirklich ſo ganz allein ge⸗ kommen, Angelica? fragte er. Angelica blickte ihn verwundert an. Mit meiner Kammerfrau, erwiederte ſie, ganz gewiß. Es überraſcht mich, in der That, fuhr der Commerzienrath in oberflächlichem Tone fort, und ich bin Ihnen verbunden für dieſe uner⸗ 93 wartete Mäßigung. Denn nach Ihren beiden letzten Briefen erwartete ich allerdings nichts Geringeres, als daß Sie ſofort in Begleitung eines Advocaten, vielleicht auch einiger Gerichts⸗ diener kommen würden. Oder iſt der junge Mann aus der Hauptſtadt, der ſo eben bei mir war, der Secretair des Miniſters oder was er ſonſt iſt, vielleicht einer Ihrer Advocaten, der das Terrain erſt ſondiren will? Bekannt wenig⸗ ſtens ſchien er mit Ihnen zu ſein... Es war Herr von Lehfeldt, den der Com⸗ merzienrath meinte. Derſelbe hatte ſo eben ſeine Aufwartung bei ihm gemacht und die Briefe überreicht, mit denen der Miniſter, der, wie unſere Leſer ſich entſinnen wollen, der nahe Anverwandte der jetzigen Frau Wolſton war, ihn dem Hauſe des Commerzienraths empfohlen hatte. Herr von Lehfeldt hatte den Commer⸗ zienrath dabei zugleich ſowol über die Zwecke ſeiner Reiſe, als auch über die Abſicht unter⸗ 94 richtet, welche ſeinem Incognito zu Grunde lag. Beide liefen ganz einfach darauf hinaus, vaß der Miniſter ihn abgeſchickt hatte, theils dem Schmuggelhandel nachzuſpüren, der ſeit einigen Jahren an dieſer Grenze in immer größerem Maßſtab mit immer wachſenden Mitteln getrie⸗ ben ward, theils und ganz beſonders ſollte er die Fabrikbevölkerung beobachten, über deren zu⸗ nehmende Widerſetzlichkeit allerhand beängſtigende Gerüchte in die Hauptſtadt gedrungen waren⸗ Herr Wolſton empfand aus verſchiedenen Gründen eine lebhafte Abneigung gegen Herrn von Lehfeldt. Einmal konnte er die vornehme Verwandtſchaft ſeiner Frau überhaupt nicht leiden, da er nämlich ſehr wohl wußte, daß es nur ſein außerordentlicher Reichthum geweſen, was ihm die Hand der Baroneſſe erworben, und daß dieſe Heirath, deſſen ungeachtet, ſowol in ihren als ihrer Verwandten Augen doch immer nur eine Misheirath blieb. 95 Außerdem aber beleidigte es ſeinen Stolz höchlich, daß der Miniſter für nöthig gehalten, einen eignen Beamten zur Beaufſichtigung ſei⸗ ner Fabrikarbeiter herzuſchicken: als ob er ſelbſt nicht Mannes genug dazu wäre, ſie im Zaume zu halten, und als ob gegen das Uebergewicht, das ſein Stand, ſein Reichthum, vor Allem ſeine Klugheit und Erfahrung ihm gaben, die Bemühungen eines ſolchen Kundſchafters vom grünen Tiſche nur überhaupt könnten in An⸗ ſchlag gebracht werden. Ja ſo weit ging dieſes Selbſtgefühl, daß Herr Wolſton im Stillen gar nicht daran glaubte, daß dies wirklich die Miſſion des Herrn von Lehfeldt ſei: ſondern er hielt es blos für einen Vorwand, mit welchem derſelbe ihn über noch andere, geheime Gründe ſeiner Hierherkunft zu täuſchen ſuche. Wobei wir es einſtweilen dahingeſtellt ſein laſſen müſſen, welche andern geheimen Gründe bei dem Commerzien⸗ rath ſelbſt zu dieſem Argwohn beitrugen. 96 Gleichwohl, bei dem Gewicht dieſer Empfeh⸗ lungen, welche Herr von Lehfeldt mitbrachte, und bei den mannichfachen Rückſichten, die auch der Commerzienrath gegen den Miniſter zu nehmen, hatte er nicht umhingekonnt, ſowol die Empfehlung ſelbſt zu reſpectiren, als auch ſeinen Reſpect zu verſichern vor dem In⸗ cognito, welches Herr von Lehfeldt während ſeines Aufenthaltes in dem Fabrikort behaupten wollte. Sie werden, hatte er ihm beim Abſchied, mit halb kühlem, halb verbindlichem Lächeln ge⸗ ſagt, nun alſo von jetzt an der Maler Schmidt ſein: und da ich leider, Geſchäftsmann, wie ich bin, mich auf die ſchönen Künſte gar nicht ver⸗ ſtehe, meine Frau dagegen— die Couſine Ihres Chefs, wie Ihnen bekannt ſein wird— eine ſehr eifrige Liebhaberin derſelben iſt, ſo wolen Sie, zumal bei meiner ſehr beſchränkten Zeit, mich wol entſchuldigen, wenn ich Sie eſuche, 97 mehr auf die Unterhaltung meiner Frau, als auf meine eigene zu zählen. Angelica, die nicht die mindeſte Ahnung davon hatte, weder daß Herr von Lehfeldt im Dorfe, noch daß er ſoeben im Zimmer ihres Vaters geweſen, verſicherte mit allen Zeichen der lebhafteſten und aufrichtigſten Verwunde⸗ rung, daß ſie durchaus nicht verſtehe, was er meine. Gleichviel, rief der Commerzienrath, ſo habe ich geirrt. Aber geſtehen Sie ſelbſt, Angelica, daß ich Ihren Briefen nach zu einer Annahme dieſer Art berechtigt war. Oder wie? haben Sie mir nicht bereits ſchriftlich gedroht, einen Proceß gegen mich anhängig zu machen? iſt es nicht in der That Ihre Abſicht, mit den gehäſ⸗ ſigſten Anklagen aufzutreten— ich ſage nicht, gegen Ihren Vater, aber doch gegen den Mann Ihrer verſtorbenen Mutter? Ja was ſpreche ich von mir? Ihre eigene Mutter iſt es ja, deren Das Engelchen. II. 5 98 letzten Willen Sie angreifen, die Sie noch ver⸗ klagen wollen im Grabe ſelbſt! Glauben Sie nicht, fuhr er fort, indem er die goldene Doſe nachläſſig zwiſchen den Fingern drehte, daß ich Ihnen dieſer Abſicht willen zürne: ſie ſteht in ſolcher Uebereinſtimmung mit Ihrem mir wohl⸗ bekannten Temperamente und iſt dabei— Sie müſſen einem Manne meiner Stellung dieſe Offenherzigkeit ſchon erlauben, Angelica— an ſich ſo kindiſch, ſo ohne alle Ausſicht auf Er⸗ folg, daß ſie bei Weitem mehr mein Mitleid erregt als meinen Zorn... Angelica, die wohl fühlte, daß jetzt der ent⸗ ſcheidende Augenblick gekommen und daß ſie mehr als je feſthalten müſſe an der Beſonnen⸗ heit und Ruhe, welche ſie ſich um Julian's willen gelobt, ließ abſichtlich einige Augenblicke vergehen, bevor ſie antwortete. Dann erſt, mit ſo beſcheidener wie feſter Stimme: Ich würde Ihnen dankbar geweſen ſein, 99 ſagte ſie, wenn Sie das Geſpräch nicht gleich bei unſerm erſten Zuſammentreffen auf dieſen Gegenſtand gebracht hätten. Da es nun aber ein⸗ mal Ihr Wille ſo geweſen iſt, ſo füge ich mich. Ja, allerdings, ich kann und werde mich nicht ohne Widerſtand einem Teſtamente fügen, wel⸗ ches, in dem weſentlichſten Punkte meiner Frei⸗ heit, mich auf eine durchaus unerträgliche, durch⸗ aus unerlaubte Weiſe beſchränkt und die wich⸗ tigſte Entſcheidung meines Lebens von fremder Willkür abhängig macht! Ich kann und werde es nicht, weil ich nicht glaube, daß Geſetz und Recht eine derartige willkürliche Verfügung überhaupt geſtatten! weil ich mich nicht über⸗ reden kann, daß das überhaupt der Wille mei⸗ ner Mutter geweſen iſt— oder iſt er es ge⸗ weſen, nun gut, ſo iſt ſie ſelbſt in dem Au⸗ genblick, da ſie dies niederſchrieb, ihres Willens nicht mehr mächtig geweſen! Erwägen Sie ſelbſt eine Mutter, welche, ſoweit ihre un⸗ 8 glückliche Krankheit ihr verſtattete, es ihrer ein⸗ zigen Tochter niemals hat fehlen laſſen an den rührendſten Proben mütterlicher Liebe und Zärt⸗ lichkeit— eine Mutter, von der es gleichwol notoriſch iſt, daß ihr Gemüth in Verwirrung und ſie nicht jederzeit Herrin ihres übrigens ſo klaren Verſtandes geweſen— eine ſolche Mut⸗ ter, wenige Monate, bevor ſie im Irrenhauſe ſtirbt, errichtet, fern von. ihrer Familie, in fremdem Lande, ein Teſtament, durch welches auf die wunderlichſte, ja unerhörteſte Weiſe vorausverfügt wird über die Hand dieſer ihrer einzigen Tochter! Ich bin, nach dem Wortlaut jenes mütterlichen Teſtamentes, verpflichtet, bis zum Ablauf meines zwanzigſten Jahres meine Hand nicht nur überhaupt zu vergeben, ſondern ſie auch an den Mann zu vergeben, der Ihre Zuſtim⸗ mung haben— ja ſprechen wir es nur gerade⸗ hin aus, der mir von Ihnen beſtimmt ſein wird. Heirathe ich bis zu meinem zwanzigſten S Jahre nicht, oder heirathe ich ohne Ihre Zu⸗ ſtimmung und Erlaubniß, ſo ſoll ich mit allen Anſprüchen an das älterliche Vermö⸗ gen abgewieſen und ein für allemal auf eine Rente beſchränkt ſein, ſo kümmerlich, daß ich kaum mein Leben davon friſten könnte und daß dieſe glänzende Erziehung, welche ich Ih⸗ rer Güte verdanke, mir vermuthlich nur zum Fluch gereichen würde. Wahrhaftig, rief ſie, indem ſie raſch aufſtand und den Seſſel zu⸗ rückſchob, das ſcheint mir eher die Erfin⸗ dung eines Romanſchreibers zu ſein oder eines Bühnendichters, der um eine Intri⸗ gue in Verlegenheit iſt, als das Teſtament einer Mutter, und niemals, niemals werde ich mich ihm unterwerfen— wenigſtens, ſetzte ſie mit größerer Faſſung hinzu, nicht ohne zuvor allen Widerſtand erſchöpft zu haben, der in meinen ſchwachen Kräften ſteht. 102 Der Commerzienrath, während Angelica's heftiger Rede, hatte ſeine Ruhe keinen Augen⸗ blick verloren. Ich überzeuge mich, ſagte er, indem er mit verbindlicher Handbewegung ſie aufs Neue zum Sitzen nöthigte, daß ich Ihnen in der That Unrecht gethan habe, Angelica, als ich voraus⸗ ſetzte, Sie hätten bereits Rückſprache mit Ihrem Advokaten genommen. Wäre dies der Fall und hätten Sie auch nur die oberflächlichſte Mei⸗ nung eines Sachverſtändigen eingeholt, ſo könn⸗ ten Sie unmöglich ſelbſt über den einfachen Thatbeſtand ſich in ſolchen Irrthümern befinden, als Sie thun. Es iſt freilich meine Sache nicht, Sie aufzuklären: indeſſen, da es Ihnen vielleicht eine Menge Verdrüßlichkeiten und Koſten erſpart, ſo will ich gleichwohl den Verſuch machen.— Zuerſt ſetzt es mich nicht wenig in Erſtaunen, daß Sie, die eigene Tochter, den Irrthum des Publikums theilen, welches, in ſeiner erbärm⸗ 103 lichen Klatſchſucht, ſich einbildet, als wäre Ma⸗ dame Wolſton im Irrenhauſe geſtorben. Wäre es nur meine Abſicht geweſen, Madame Wolſton im Irrenhauſe unterzubringen, ſo hätte ich kön⸗ nen die Reiſe nach England ſparen. Aber ich kannte ihren Gemüthszuſtand beſſer und hoffte, daß ſchon die heimatliche Luft an ſich, ohne weitere ärztliche Kunſt, genügend ſein würde, ihre einigermaßen erſchütterte Geſundheit wieder⸗ herzuſtellen. Der Himmel hat es anders ge⸗ wollt.— Zedenfalls aber gibt der Todtenſchein, der ſich dem Teſtamente beigeheftet findet und von dem auch Sie, Angelica, eine Abſchrift in Händen haben, den unwiderleglichen Beweis, daß Madame Wolſton in dem Gartenhauſe eines meiner Geſchäftsfreunde geſtorben iſt, demſelben Hauſe, in dem ihr, von ihrer Rückkehr nach Eng⸗ land an, durch meine Fürſorge eine gaſtliche Stätte bereitet war, und das ſie nicht anders als nur als Leiche verlaſſen hat. 104 Zum Zweiten, fuhr Herr Wolſton fort, ſcheint es Ihrer Aufmerkſamkeit völlig entgangen zu ſein, daß das Teſtament Ihrer verſtorbenen Mutter aufs Vollſtändigſte und Erſchöpfendſte verſehen iſt mit all jenen Förmlichkeiten, welche gerade das engliſche Geſetz für dergleichen Acte vorſchreibt; die genaueſten und unverwerflichſten Zeugenausſagen, die in dem Teſtamente ſelbſt vermerkt ſind, bekunden ſowol die Identität der Perſon, als auch, daß Ihre verſtorbene Mutter ſich zur Zeit, da jenes Teſtament abgefaßt ward, im vollkommenſten Wohlſein und im unzwei⸗ felhafteſten Gebrauch aller ihrer Geiſteskräfte be⸗ funden hat. Wie Sie denn überhaupt wohl aus Ihrer eigenen Kindheit wiſſen ſollten, Angelica, daß die Krankheit der verſtorbenen Madame Wolſton ihren Grund weit weniger in einer Zerrüttung oder auch nur Störung ihrer Geiſtes⸗ kräfte hatte, als in den peinlichen Erinnerungen, mit welchen ihre eigene Vergangenheit ſie ver⸗* 105 folgte und die ich Ihnen zur Warnung auf⸗ ſtellen würde, wenn dergleichen Warnungen, bei einem ſo hartnäckigen und eigenſinnigen Cha⸗ racter, wie der Ihre, von irgend einem Erfolg ſein könnten. Sie wiſſen ja wol, welches unglück⸗ liche Ende der erſte Mann der Madame Wolſton, Ihr Vater, genommen, und welchen Antheil an dieſer bejammernswerthen Kataſtrophe Madame Wolſton ſich ſelbſt zuſchreiben mußte... Gut, unterbrach er ſich ſelbſt, da Angelica ihn mit ſtummer Geberde beſchwor, dieſen Gegenſtand zu verlaſſen: Sie wollen nichts da⸗ von hören, und es liegt allerdings auch mir nichts daran, alte vergangene Hiſtorien aufzu⸗ wecken, die zur Entſcheidung unſeres Streites doch nichts beitragen könnten. Aber erinnern will ich Sie doch— oder wenn Sie es noch nicht gewußt haben und wenn Ihre verſtorbene Mutter verſäumt hat, das Gefühl der Dank⸗ barkeit zu erwecken, welche Sie mir in der That 5 ſchuldig ſind— wohlan, ſo mögen Sie es jetzt zuerſt von mir hören, daß ich es damals war, ich, Angelica— der ſich Ihrer verlaſſenen, ver⸗ zweifelnden Mutter annahm, ihre zerrütteten Ver⸗ hältniſſe wiederherſtellte, und in ein frem⸗ des Land führte, in eine neue Umgebung, unter neue, mit ihrer Verſchuldung unbekannte Men⸗ ſchen, wo ſie hätte glücklich werden können, wenn Glücklichſein nicht eben ſo wenig ihre Sache geweſen wäre, als— Glücklichmachen. Das, ſagte der Commerzienrath in demſelben kalten, gemäßigten Tone weiter, führ mich auf den dritten Punkt, den Ihre Leidenſcha tlichkeit Sie hat überſehen laſſen. Die Rente, welche das Teſtament Ihnen für den Fall Ihres Un⸗ gehorſams ausſetzt und die Ihnen, nicht ohne Grund, ſo kümmerlich erſcheint, iſt in der That der ganze Ertrag deſſen, was Sie allenfalls Ihr mütterliches Vermögen nennen dürfen und worauf Ihre Anſprüche daher allein ſich er⸗ 3 —— 107 ſtrecken können. Das Vermögen, an welches das Publikum jetzt denkt, wo es den Namen Wolſton nennen hört, iſt eben mein Vermögen, durch meinen Fleiß, meine Kenntniß, meine Entſagungen erworben; das Geſetz kennt keinen andern Erben deſſelben, als Ihren Bruder, meinen Sohn. Das Teſtament Ihrer Mutter daher, das Ihnen ſo abenteuerlich, ſo romanhaft erſcheint, ſpricht im Gegentheil nur das ganz einfache, ganz proſaiſche Verhältniß aus, das in den Thatſachen liegt und das nothwendig überall eintreten müßte, auch ohne das Teſtament und ohne mütterliche Vorausbeſtimmung, wo Sie ſich in einem ſo wichtigen Schritt, wie Ihre künftige Verheirathung iſt, meiner Autorität entziehen und damit auch den letzten Schatten kindlicher Abhängigkeit zerſtören würden. Finden Sie es nun, ſchloß der Commerzien- rath ſeine Rede, nach dieſem Allen noch ange⸗ meſſen, und namentlich finden Sie einen Advo⸗ 108 katen, der es unter dieſen Umſtänden noch unter⸗ nehmen will, das Teſtament für ungiltig, falſch, oder was weiß ich, zu erklären— immerhin, Angelica, ich lege Ihnen nichts in den Weg, ja nicht einmal an den Mitteln will ich es Ihnen fehlen laſſen, Ihren Advokaten zu— bezahlen. Ihr Geburtstag, wenn ich nicht irre, iſt am Weihnachtabend? Und als Angelica dies mit ſtummer Ver⸗ neigung bejahte: Ganz richtig, ſagte er, halb ſpöttiſch, halb verbindlich, ich wußte ja doch, daß Sie als Weihnachtengelchen gekommen. Es ſind alſo noch faſt ſechs Monate, bis Sie Ihr zwanzigſtes Jahr vollenden und bis die Klauſel des Teſtaments zur Anwendung kommt. Sie ha⸗ ben mithin auch noch vollkommen Zeit bis dahin, zu überlegen und zu prüfen, was Ihnen gut iſt und was beſſer. Ja ſelbſt wenn Sie eine Nei⸗ gung haben oder wenn Sie eine bis dahin faſſen ſollten, und ſie wäre nur irgend von der Art, 109 daß ich ſie billigen könnte,— theilen Sie es mir mit, wir wollen ſehen, was ſich thun läßt, ich gebe Ihnen, bis zum entſcheidenden Termin, in Allem freie Hand. Aber nur ein ernſtes Intereſſe für Ihre Drohungen, gutes Kind, können Sie mir unmöglich zumuthen, und noch weniger, daß ich mich darüber in perſönlichen Zwiſt mit Ihnen einlaſſen ſoll; meine Zeit iſt ſehr be⸗ ſchränkt, wie Sie ja wol noch von früher wiſſen... Das junge Mädchen, das den Zuſammen⸗ hang der Dinge in der That noch nie in dieſem Lichte betrachtet hatte, wußte im Augenblick nichts zu erwidern. Aber eben ſo wenig auch vermochte ſie das Gefühl des Unrechts zu unter⸗ drücken, das ſie bei alledem aus dem ſtreitigen Teſtament herauszuſpüren meinte, und noch we⸗ niger den Argwohn, der ſchon ſeit Längerem in ihr rege war und der durch das Abenteuer von heute Morgen eine ſo weſentliche Nahrung er⸗ halten hatte. —— 110 Aber ſo haben Sie, rief ſie, mit all dieſen Beweisführungen, die ich als unkundiges Mäd⸗ chen weder zu prüfen, noch zu widerlegen ver⸗ ſtehe, mir doch immerhin noch keinen Aufſchluß gegeben, wie es einer Mutter, einer zärtlichen Mutter möglich war, die Zukunft ihrer Tochter auf eine ſolche Weiſe zu feſſeln, und was über⸗ haupt der Zweck dieſer ſeltſamen Beſtimmung ſein ſollte?! Der Commerzienrath ſah ſie mit kaltem Lä⸗ cheln an. Nun, ſagte er nach einer Pauſe, während deren er ſehr ämſig den Deckel ſeiner Doſe blank geſcheuert hatte, ich dächte, das wäre einfach genug: eben weil es eine zärtliche Mutter war. Ich denke mir, ſetzte er lauernd hinzu, Madame Wolſton hat in ihrer erſten unglücklichen Ehe — denn auch Ihr Vater, Angelica, war kein Tugendheld, wahrhaftig nicht!— erfahren, daß es nicht gut iſt, wenn junge Damen bei ihrer 6 — — 111 Verheirathung nur allein der ſogenannten Stimme des Herzens folgen: ſondern daß es gerade hier Noth thut, auf den Rath älterer, einſichtiger Leute zu hören. In ihrer zweiten Ehe ſodann, fuhr er mit immer bittererm Spotte fort, hat ſie, denk' ich mir, gleichwohl empfunden, daß es doch über⸗ haupt ein ſehr großes Glück iſt, verheirathet zu ſein. Nun ſehen Sie, dieſe beiden Erfahrungen und vielleicht auch eine gewiſſe Kenntniß Ihres Charakters, über den ich mich bereits genügend ausgeſprochen, haben ihr, meine ich, jenes Teſta⸗ ment eingegeben; ſie hat Sie vor dem Einen beſchützen und Ihnen gleichwohl das Andere nicht vorenthalten wollen— da iſt das Räthſel auf einmal gelöſt, meinen Sie nicht? Die junge Dame, die ſich außer Stande fühlte, das Geſpräch in dieſem Tone fortzu⸗ ſetzen und die zugleich auch, zu ihrem Schreck, bemerkte, wie die Zeit verſtrich, ohne daß es ihr 112 bis jetzt gelungen, denjenigen Gegenſtand zur Sprache zu bringen, der ihr doch bei Weitem am Meiſten am Herzen lag, das Schickſal ihres Bruders— bat um die Erlaubniß, die Unter⸗ haltung hier abbrechen und zu einem andern, wichtigern Thema übergehen zu dürfen. Mit raſcher Wendung, bevor noch Herr Wolſton Zeit gehabt, die Erlaubniß zu ertheilen oder zu verweigern, ging ſie zu Julian's Verhältniſſen über. Mit der ganzen unwiderſtehlichen Be⸗ redtſamkeit der herzlichſten ſchweſterlichen Liebe und mit dem ganzen Muth, den ſie ſich für di⸗ ſen Augenblick gleichſam zuſanmetett hatte, ſchilderte ſie den ſchmerzlichen Eindruck, welchen Julian's verändertes Ausſehen in ihr hervor⸗ vorgebracht; kein Kopfſchütteln ihres Stiefva⸗ ters, kein drohendes Stirnrunzeln, kein gering⸗ ſchätziges Lächeln deſſelben konnte ſie irre machen, den ganzen Inhalt ihrer Sorgen, ihrer Befürch⸗ tungen, ihrer Wünſche vor ihm auszuſchütten. War es nun die Wärme, mit welcher An— gelica ſprach und die endlich auch das kalte Herz des Commerzienraths entzündete, war es, weil der Gegenſatz ihrer blühenden Friſche ihm das hinwelkende Aeußere ſeines Sohnes erſt recht fühlbar gemacht hatte, ſo daß er in Folge deſſen wirklich ernſtere Beſorgniſſe zu hegen anfing— genug, je länger Angelica ſprach, je nachdenk⸗ licher ward Herr Wolſton, je weicher wurden ſeine Züge, je mehr ſenkte ſich das Haupt, das er ſonſt ſo ſtolz im Nacken trug— bis endlich, da ſie erſchöpft inne hielt, die Angſt der Vater⸗ liebe alle andern Empfindungen aus ſeiner Seele verdrängt und er es faſt vergeſſen hatte, daß es ſeine Feindin, die beneidete, verhaßte Angelica war, die zu ihm ſprach... Ich nehme an, ſagte er, daß die Sentimen⸗ talität und Leidenſchaftlichkeit, welche Ihre Mutter auf Sie vererbt, Sie die Dinge ſchlimmer an⸗ ſehen läßt, als ſie in der That ſind. Aber es iſt mein einziger Sohn, mein Alles, um den es ſich handelt; geſetzt alſo, es wäre wirklich, oder doch wenigſtens zum Theil wirklich ſo, wie Sie es ſchildern— was ſoll ich, was kann ich thun, es zu ändern? Ich bin reich, Sie wiſſen es— ſoll Julian reiſen? ſoll er nach Italien, Griechenland? Ich bin reich, wie geſagt, und all mein Reichthum hat keinen andern Zweck, als nur meinem Sohn das Leben zu erheitern... Auf dieſen Punkt eben hatte Angelica ihn zu führen gewünſcht. In klarer, leidenſchaft⸗ loſer Weiſe, indem ſie ſich ſorgſam bemühte, alle Eigenthümlichkeiten des Commerzienraths zu ſchonen, ſetzte ſie auseinander, wie Julian bei dem weichen, empfindlichen Herzen, das er nun einmal habe und das er erſt in ſpätern Jahren, nach dem verſtändigen Beiſpiel ſeines Vaters, werde bewältigen lernen, nothwendig einen, ſei⸗ nem Alter und ſeinen Neigungen entſprechenderen umgang haben müſſe. Vor Allem, trotz der vor⸗ 15 trefflichen Wahl, welche der Commerzienrath in Herrn Waller getroffen, ſcheine es ihr, daß Julian noch immer mit krankhafter Sehnſucht an ſeinem ehemaligen Lehrer hänge, dem Leonhard.. Der Commerzienrath, bei Leonhard's Namen, zuckte gleichgiltig die Achſeln: er habe in der That nicht das Mindeſte gegen dieſen Herrn Leonhard, und wenn ſein Prozeß beendigt ſei, oder es ſich ſonſt mit den geſetzlichen Vorſchriften vertrage, ſo möge er in Gottes Namen wieder einige Unterrichtsſtunden bei Julian übernehmen — natürlich unter Herrn Waller's Aufſicht. Ermuthigt durch dieſen Erfolg, der ihr von glücklichſter Vorbedeutung ſchien, wagte Ange⸗ lica mit ihrem zweiten Antrag hervorzurücken. Sie erinnerte Herrn Wolſton, welche günſtige Wendung vor ſechs Jahren in der Entwickelung ihres Bruders eingetreten ſei und wie ſehr ſo⸗ wohl ſein Geiſt als ſein Körper gewonnen habe, damals, als er nicht auf den Umgang 116 ſeiner Lehrer allein beſchränkt geweſen ſei, ſon⸗ dern als er zu Unterricht und Spiel einen Ge⸗ fährten, einen Kameraden gehabt habe. Wenn es ſich vielleicht thun ließe, ihm wieder eine ähnliche Geſellſchaft zu verſchaffen, ja wenn es vielleicht möglich ſein ſollte, denſelben jungen Mann, der damals ſolch glücklichen Einfluß auf Julian geübt habe, wieder in das Haus zu ziehen—ʒ ſie wiſſe zwar ſehr wohl, wie ab⸗ geneigt ihr Vater dieſem umgang wäre, mit vollem Recht ohne Zweifel... Aber hier ließ der Commerzienrath ſie nicht weiter ſprechen; kaum daß er merkte, wohin ſie zielte, als er, all ſeiner ſonſtigen Mäßigung vergeſſend, im fürchterlichſten Zorn aufſprang— Angelica bebte, da der Sturm jetzt heran⸗ brach, den ſie ſo lange gefürchtet und den ſie gleichwohl jetzt, ſie mußte es ſich ſelber ſa⸗ gen, einigermaßen leichtſinnig herauf beſchworen hatte— wer hieß ſie auch, die Sache ſo über⸗ 117 eilen und ſo unvorbereitet mit der Thür ins Haus fallen? Aber auf einmal, als hätte ein plötzlicher Gedanke den Commerzienrath überraſcht, legte ſich ſein Zorn.. Sie haben Recht, die Sache iſt zu über⸗ legen, Angelica, ſagte er mit eigenthümlichem Schmunzeln: Sie haben vielleicht nicht Unrecht, der junge Menſch iſt am Ende ſo übel nicht. Auch hat er ſich ja, wie ich höre, bei dem Vorfall geſtern Nacht um die öffentliche Ordnung und Sicherheit einiges Verdienſt erworben, und es iſt um ſo zweckmäßiger, daß ihm eine kleine Auszeichnung dafür widerfährt, je größere Schuld an dem Vorfall dagegen der eigene Vater, dieſer Aufwiegler von Profeſſion, zu haben ſcheint. Ich entſcheide mich noch zu nichts, weder zu ja, noch zu nein. Aber da Sie dem Reinhold doch einigen Dank ſchuldig geworden ſind, ſo will ich nichts dagegen haben, daß Sie 118§ ihm denſelben perſönlich abſtatten und bei dieſer Gelegenheit hinhorchen, wie der junge Menſch etwa geſonnen iſt, und ob er geneigt ſein möchte, irgend eine Stellung in der Umgebung Julian's wieder einzunehmen. Einſtweilen wird es an der Zeit ſein, daß ich Sie meiner Gemahlin, Ihrer Mutter, vorſtelle: Ihren Arm, Angelica. Welche Berechnung dieſer ſo plötzlich ver⸗ änderten Stimmung des Commerzienrathes zu Grunde lag, wer wollte es ergründen? Nur daß eine ſolche Berechnung zu Grunde lag, und zwar eine fremdartige, von Niemand geahnte, das fühlte ſelbſt Angelica aus ſeinem ſo plötzlich umgewandelten, ſeltſamen Benehmen heraus; 3 ihre Reue, das Geſpräch voreilig ſo weit geführt zu haben, verminderte ſich trotz des ſcheinbar glücklichen Erfolges nicht, und mit doppelter Be⸗ fangenheit daher folgte ſie ihrem Vater zu der zweiten peinlichen Begrüßung, welche ſie erwartete. Siebentes Kapitel. Ein Empfehlungsſchreiben. Schon hatte Angelica an der Seite ihres Va⸗ ters die geſchmackvolle, mit Stätuen und Ge⸗ mälden reich verzierte Galerie erreicht, die zu den Gemächern der Baroneſſe führte, als Herr Wolſton plötzlich ihren Arm losließ und, auf eine Geſtalt deutend, die halb im Schatten hinter einem der Pfeiler lauerte: Entſchuldigen Sie mich, rief er, nur auf wenige Minuten, dort ſehe ich eben einen Aufſeher, dem ich noch in einem wichtigen Ge⸗ ſchäft Beſcheid zu ertheilen habe, ich ſtehe Ihnen ſogleich wieder zu Dienſten... Angelica war dem Blick des Commerzien⸗ raths gefolgt— es war ihr lieb, daß er ihren Arm bereits losgelaſſen, ſo fühlte er doch we⸗ nigſtens das Zittern nicht, das ſie ergriff, als ſie in der Geſtalt, die jetzt frei zwiſchen den Säulen hervorkam, den— Sandmoll er⸗ kannte, den nächtlichen Gefährten ihres Vaters, der aber auch bei Tage, wie es ſchien, ſehr un⸗ entbehrlich war in dieſem Hauſe... Während Angelica einſtweilen in den Gar⸗ ten ging, winkte der Commerzienrath den Alten zu ſich, ſtieg mit ihm herab in ſein Cabinet, verriegelte vorſichtig die Thür. Was hatteſt du oben zu ſchaffen, alter Schelm? herrſchte er den Aufſeher an. Was wird's ſein? Weiberſachen, erwiderte der Angeredete mit ſeiner treuherzigſten, ein⸗ fältigſten Miene, der gnädige Herr wiſſen ja, wie die gnädige Frau ſind, alle Tage was Neues und alle Tage beſorgt um das See⸗ 121 lenheil eines armen alten Mannes— ich kann ſie gar nicht alle behalten, ſetzte er tückiſch hinzu, die ſchönen Gebete und Sprüche, die ich hier im Hauſe lerne, auf meine alten Tage noch. Aber ſo behalte jetzt dies, unterbrach ihn der Commerzienrath voll Ungeduld: es gibt zu thun für dich, paß auf, alter Schelm, daß du mir keine Verwirrung anrichteſt. Ich habe n jungen Mädchen Erlaubniß ertheilt, das Hus da drüben zu beſuchen; hätte ich es ihr auch nicht erlauben wollen, ſo hätte ſie es ja doch heimlich gethan— verſtehſt du meine Abſicht, Alter? Sandmoll grinzte und knackte vor Be⸗ hagen. Es iſt zu viel Ehre, ſagte er, daß ich die Gedanken des Herrn Commerzienraths errathen ſoll, wiewohl mir ſchon ſo etwas zu dämmern beginnt.. Das Engelchen. II. 6 Mit dem Prozeß gegen den Meiſter, fuhr der Commerzienrath fort, und der Hausſuchung, von der wir heute früh ſprachen, iſt es, bei reiferer Ueberlegung, noch in weitem Felde. Aber es bedarf dieſer Mittel auch gar noch nicht; ſchon mit viel einfachern, viel geräuſch⸗ boſern werden wir zum Ziele kommen. Exiſtiren jene Schriften, welche wir vermiſſen, wirklich und befinden ſie ſich, wo du vermutheſt, ſo iſt kein Zweifel, daß ſie damit um ſo unvorſich⸗ tiger herausrücken werden, je freiern Zutritt Angelica in dem Hauſe hat. Paß du alſo auf, und da du nach dem geſtern Vorgefallenen nicht gut ſelbſt ſo bald wieder das Haus betreten kannſt, ſo ſtell deine Alte an— ſie iſt zuver⸗ läſſig? Sandmoll, ſtatt aller weitern Aitwort, be⸗ gnügte ſich, die unendlichen Arme betheuernd in die Höhe zu ſchwenken und mit drohender Geberde die Fäuſte dazu zu ballen; vermuth⸗ 123 lich wollte er damit ausdrücken, daß, wenn ſeine Lore einmal nicht zuverläſſig ſein ſollte, es um ſie geſchehen wäre. Gut, ſagte Herr Wolſton, ſo weißt du nun, wofür du zu ſorgen haſt. Wegen des Herrn von Lehfeldt, oder wie er hier heißen will, des WMaler Schmidt, mach dir keine Gedanken wei⸗ ter; es iſt ganz gewiß nur ein Vorwand, wenn er ſagt, er ſei des Schmuggelns wegen da, ich glaube vielmehr, der junge Fant will ſich ſelbſt einſchmuggeln irgendwo. Aber da, wie du geſtern ſagteſt, einige Vorſicht immer gut iſt, ſo ſorge, daß bei Zeiten die richtige Bot⸗ ſchaft nach dem Forſthauſe kommt, du weißt ſchon, was ich meine, nach der alten Baracke dort oben, wo Ihr Gaudiebe Euer Weſen treibt — Ihr ſeid, ſetzte er hinzu, indem er den Alten mit roher Vertraulichkeit auf die Schulter klopfte, doch nur dumme Teufel allzuſammen, und wenn ſie Euch heute kriegten, wie Ihr da ſeid, gegen 6* 124 mich könnte nicht einer von Euch zeugen, das merke dir, Alter, falls dir einmal ein Gelüſte he Angelica inzwiſchen hatte im Garten, wo ſie die Rückkehr des Commerzienraths erwartete, eine unvermuthete Geſellſchaft gefunden; kaum daß ſie in den erſten Gang einbog, hörte ſie ſich bei ihrem Namen angeredet und— Herr von Lehfeldt ſtand vor ihr. Unmittelbar aus dem Cabinet des Commer⸗ zienraths hatte Herr von Lehfeldt ſich zur Ba⸗ roneſſe begeben, um ihr, als Herrin des Hau⸗ ſes, ebenfalls ſeine Aufwartung zu machen. Doch war es keineswegs dieſe geſellige Rück⸗ ſicht allein geweſen, was ihn zu ihr führte: ſein Gönner, der Miniſter, hatte den jungen Mann ganz ausdrücklich und auch in dem, was den perſönlichen Zweck ſeiner Reiſe bildete, dem Schutz und der Fürſorge der Baronin empfoh⸗ len. Schon am frühen Morgen, vom Gaſthof 125 aus, hatte er ſich durch ein eigenhändiges Schrei⸗ ben des Miniſters bei ihr angemeldet; der In⸗ halt deſſelben war vortrefflich geeignet, das leb⸗ hafteſte Intereſſe für den Empfohlenen hervor⸗ zurufen. Ja ſo lebhaft war daſſelbe geweſen, daß die Baronin ſogar den gewohnten Kirch⸗ gang darüber verſäumt hatte. Sie ſind, theuerſte Couſine, ſchrieb der Mi⸗ niſter, eine kluge, einſichtsvolle Frau, welche, wiewohl Sie Sich jetzt, wie ich höre, einiger⸗ maßen in die himmliſche Domaine zurückgezo⸗ gen haben, doch auch den Lauf der Welt und die ſündige, aber ach, ſo ſüße Schwachheit der Menſchen kennen. Wir ſind jetzt beide all⸗ mälig in die Jahre gerathen, von denen es heißt, ſie gefallen uns nicht— oder wenigſtens, da dies allerdings eine Offenherzigkeit iſt, die ſich nicht einmal der Couſin gegen die Couſine darf zu Schulden kommen laſſen, in die Jahre, wo unſer Blut kälter fließt, nur zu kalt viel⸗ — leicht— wo wir Mitleid haben mit den Thor⸗ heiten unſerer Jugend und davon wieder gut zu machen wünſchen, was ſich noch gut machen läßt. Bei alledem, ſie waren ſüß, dieſe Thorheiten, nicht wahr, theuerſte Couſine? Ach, unter uns geſagt, es iſt doch eine elende Welt jetzt, und ſolch heißes Blut, ſolche wilden Streiche, ſolch ſeliger Leichtſinn, wie vor zwanzig Jahren in unſerm Kreiſe, gibt es jetzt gar nicht mehr. Noch jetzt, trotz meines grauen Kopfes, mit* einem Entzücken, das Sie, geehrte Freundin, ohne Zweifel ſehr ſündhaft finden werden und für das ich auch in der That mit Nächſtem Buße thun will, ſo wie ich einmal Zeit dazu habe, gedenke ich noch jenes tollen Frühlings, den ich— vor wie lange iſt es jetzt doch? vor zwei⸗, dreiundzwanzig Jahren, gleich nach dem Kriege, in Ihrer Nachbarſchaft verlebte. Ich ſetze voraus, daß weder Ihr Beichtvater, noch auch(was das Allerſchlimmſte wäre) Ihr Mann Ihre Correſpondenz zu ſehen bekommt; dazu, bei aller Frömmigkeit, ſind Sie doch wohl noch immer eine viel zu gebildete Frau, und darf ich es daher dieſem Blatt wol immer anver⸗ trauen: wir waren beide arge Weltkinder da⸗ mals, ſehr arge, theure Couſine, und ließen, da natürlich weder der Vetter der Muhme, noch die Muhme dem Vetter zum Sittenrichter geſetzt iſt, Einer den Andern ſeine tollen Streiche ſo ziemlich ungehindert treiben. Wie ſchön Sie damals waren, Couſine! wie die Sonne! und freigebig wie die Sonne, mit derſelben Gerech⸗ tigkeit gegen Hohe wie Niedere, vertheilten Sie damals auch die Zeichen Ihrer Gunſt... Nun gut denn, fuhr der Briefſteller fort: ich, wie Sie wiſſen, unterließ nicht einem ſo liebenswürdigen Beiſpiel zu folgen; die glühende, zündende Atmoſphäre, welche Sie damals, gleich einem Feuerkreis, um ſich verbreiteten, erfaßte, umgekehrt, wie in der Geſchichte vom Jupiter 128 und der Semele, auch mein ſterbliches Gebein. Ich kann nicht erwarten, daß Sie Sich meiner Aventuren von damals im Einzelnen erinnern ſollten, auch dürfte vielleicht, aller Ihrer Nach⸗ ſicht ungeachtet, Einiges hinter Ihrem Rücken begegnet ſein: oder Sie ſelbſt, fromme Freun⸗ din, hatten wohl auch an Anderes und doch ſo Aehnliches zu denken— Genug, man wird, wie ich ſchon einmal ſagte, alt, und da die Ehe mit meiner verſtorbenen Frau, wie Sie Sich entſinnen, ohne Kinder geblieben iſt, ſo wäre es mir ganz angenehm jetzt, wenn ich von den lebendigen Spuren, welche mein Aufent⸗ halt damals in Ihrer Gegend zurückließ, noch Einiges wieder entdecken könnte. Ja, ich glaube faſt, die Entdeckung iſt be⸗ reits gemacht. Sie kennen, wenigſtens dem Gerüchte nach, die abenteuerliche Jugendge⸗ ſchichte des jungen Mannes, deſſen Wohl und Weh jetzt von dem Intereſſe abhängt, deſſen 129 Sie dieſen meinen Brief würdigen werden; Sie erinnern Sich auch, in Folge welcher Ereigniſſe er in mein Haus aufgenommen worden iſt. Geſtehe ich Ihnen nur offen, daß gleich damals, da ich, als Präſident des Ge⸗ richtshofs, dieſe Sache unter Händen hatte, ein Argwohn in mir aufſtieg, ob der kleine ſtrup⸗ pige Vagabond mir nicht näher angehörte, als irgend Jemand ahnte, und ob ich nicht, wie jener glückliche Vater eines Schweinetreibers, von dem das Evangelium uns erzählt, ſollte ein Kalb ſchlachten laſſen und jubeln, daß der verlorene Sohn ſich gefunden. Zwar das Gleich⸗ niß, wie ich ſo eben ſelbſt bemerke, paßt nicht ganz. Allein, theure Couſine, mein Studium der Bibel iſt auch noch ziemlich neu und macht keinen Anſpruch darauf, ſo gründlich zu ſein, wie das Ihre: weshalb Sie das unpaſſende Citat entſchuldigen wollen. Jedenfalls(hieß es im Briefe weiter) wiſſen 6** 130 Sie genug jetzt, um das eigentliche Ziel meines Anliegens zu errathen. Ich vermuthe, daß der junge Mann, den ich unter dem Namen des Herrn von Lehfeldt in meinem Hauſe erzogen, und den ich in der That als einen Sohn meines Geiſtes betrachten darf, auch wirklich mein Sohn iſt Ja ich vermuthe es nicht blos, ich wünſche es auch: theils weil ich ihm wirk⸗ lich einen beſſern Urſprung gönne, als von den Landſtreichern und Spitzbuben, aus deren 6 Händen ich ihn empfangen, theils, weil ich, wie ſchon erwähnt, mich nach einem Erben meines Namens und meines Einfluſſes ſehne, — und endlich zum Theil auch deshalb, weil, bei der Richtung, welche Sereniſſimus bekanntlich ſeit einigen Jahren eingeſchlagen es mir ſogar nur zur höchſten Empfehlung gereichen und mich in der Gunſt Sr. Durch⸗ laucht nur befeſtigen könnte, wenn ich Gelegen⸗ heit fände, eine derartige Jugendſünde mit eini 131 gem Eclat wieder gut zu machen. Da nun der junge Mann, gewiſſer anderer Geſchäfte halber, ohnedies in Ihrer Gegend zu thun hat, ſo hielt ich es jetzt für den geeignetſten Moment, die vetreffenden Nachforſchungen anzuſtellen. Mein Schützling, der nun hoffentlich auch bald der hre iſt, wird ſich Ihnen unter dem Namen eines Maler Schmidt vorſtellen; es iſt das ein Incognito, welches gewiſſer politiſcher Abſichten halber nöthig iſt, und das ich daher ſowohl Sie, als Ihren Gemahl und Ihre übrige Um⸗ gebung erſuche, aufrecht zu erhalten. Er ſelbſt iſt mit dem allgemeinſten Inhalt dieſes Briefes nicht unbekannt, wenn auch nur freilich mit dem allgemeinſten; er wird Ihnen in Allem, was Sie zur Sache thun möchten, an die Hand gehen, zumal da es ja ſein eignes, allernäch⸗ ſtes Intereſſe iſt, um das es ſich handelt. Ob und welche anderen Intereſſen ihn noch in Ihre Nähe ziehen, laſſe ich dahingeſtellt, und wird 132 er Ihnen am Beſten ſelber beichten, ſobald dieſe Beichte nöthig ſein ſollte. Die Jugend hat nun einmal ihre Thorheiten, und zwar will Jeder ſeine eigenen begehen; gönnen wir denn, theure Couſine, den jungen Leuten die ihren, und fteuen wir uns, daß wir die unſern gehabt haben und noch jetzt am Gedächtniß derſelben un⸗ ſer froſtiges Alter erwärmen dürfen. Achtes Kapitel. Im Boudoir. Dies alſo der Inhalt des Empfehlungsſchreiben mit welchem Herr von Lehfeldt ſich bei der Com⸗ merzienräthin einführte: und begreifen unſere Leſer hiernach leicht ſowohl das ungewöhnliche Intereſſe, mit welchem dieſelbe den jungen Mann empfing, als auch die eigenthümlich pikante Un⸗ terhaltung, die ſich in Folge deſſen zwiſchen Beiden entſpann. Schon für die Neugier unſerer meiſten Frauen, auch die unbefangenſten, unbeſcholtenſten nicht ausgenommen, haben Verhältniſſe, wie der Brief des Miniſters ſie zur Sprache brachte, einen 134 gewiſſen geheimnißvollen Reiz. Bei der Baronin aber kam dazu, daß ſie, bei allem Anſchein von Frömmigkeit und geiſtlicher Vertiefung, den ſie um ſich zu verbreiten liebte, dennoch im Grunde ihres Herzens noch gerade Frivolität und Lüſtern⸗ heit genug beſaß, um nicht nur an dem lockern Ton des Briefes, ſondern auch an dem zwei⸗ deutigen, ja einer Frau gegenüber geradehin un⸗ ziemlichen Auftrage, den derſelbe ihr ertheilte, gleichwohl ihr heimliches Behagen zu finden. und vielleicht auch kamen noch andere Gründe dazu, Gründe, in der That, von entſcheidender Wichtigkeit, ja deren ganze Bedeutung die Baronin ſelbſt ſich noch nicht einzugeſtehen wagte. Mit forſchenderem Ausdruck, als es die Sitte der guten Geſellſchaft ſonſt verſtattet, hatte ſie ihr Auge auf dem Eintretenden ruhen laſſen; er war ſchön, dieſer junge Mann, ſehr ſchön, es ließ ſich nicht leugnen, und wer die Aeltern dieſes Kindes auch waren, ſo brauchten ſie ſich deſſelben, wenigſtens was ſein Aeußer⸗ liches anbetraf, nicht zu ſchämen!— Herr von Lehfeldt jedoch, mit dieſem voll⸗ kommenen geſellſchaftlichen Takte, der ihm zu Gebote ſtand, hatte der Commerzienräthin raſch über die kleine Verlegenheit hinweggeholfen, von der ſie ſich bei ſeinem Eintritt allerdings nicht ganz frei fühlte; eine ſo geſchickte Miſchung von Ernſt und Scherz, von Frivolität und ehr⸗ erbietiger Zurückhaltung wußte er der Unter⸗ haltung zu geben, wußte ſo zierlich über alles Zweideutige, Anſtößige hinwegzuſchlüpfen, und nicht blos hinwegzuſchlüpfen, nein: ſondern in dem Hinwegſchlüpfen zugleich es auch noch zu be⸗ rühren und zu enthüllen; ſein ganzes Benehmen gegen die Commerzienräthin athmete dabei ſo viel feinſten geſelligen Anſtand, ſo viel, mit zar⸗ teſter Galanterie vermiſchte Ergebenheit— daß ſie ſich auch perſönlich aufs Lebhafteſte von ihm 136 angezogen fühlte und ihn ihres kräftigen Bei⸗ ſtandes bei den ſeltſamen Nachforſchungen, die ihn hieher geführt, verſicherte. Sie ſind Japhet, der ſeinen Vater ſucht, ſagte ſie mit mildem, halb andächtigem, halb ſchalk⸗ haftem Lächeln, und wenn Sie einer theilnehmen⸗ den Freundin bedürfen, gut, ſo weit mein Schutz reicht, ſoll Ihnen derſelbe nicht fehlen. Ich erwarte ſo eben, fuhr ſie fort, indem ſie den Klingelzug in Bewegung ſetzte, einen Mann, der, ſo ver⸗ wahrloſt er auch übrigens von der Natur iſt, ſich doch auszeichnet durch ſeine Geſchicklichkeit und Verſchwiegenheit, auch in den ſchwierigſten Aufträgen. Auch in der Angelegenheit, welche Sie intereſſirt, möchte ſich kaum ein geeigneterer Kundſchafter finden laſſen. Gehen Sie einſt⸗ weilen in den Garten hinunter, er iſt ziemlich geſchmackvoll angelegt und wird Ihnen einige Zerſtreuung bieten; in wenigen Minuten folge ich nach, um Ihnen mitzutheilen, was unſer Kundſchafter zur Sache meint, und was wir nun als das Nächſte werden zu ergreifen haben. Einem Anderen, als Herrn von Lehfeldt, hätte es ſchwer fallen müſſen, hier ſein Lächeln zu verbergen. Denn ganz ohne Frage war ja der Unterhändler, welchen die Baronin meinte, nie⸗ mand anders, als der wohlbekannte Sandmoll, der ſchon von ihm ſelbſt in derſelben Sache hin⸗ länglich mit Aufträgen verſehen war. So je⸗ doch, mit völliger Ernſthaftigkeit, unter den leb⸗ hafteſten Ausdrücken ſeines Dankes, empfahl er ſich und ging hinunter in den Garten, wo, wie wir bereits wiſſen, Angelica mit ihm zuſam⸗ mentraf. Als er durch die Galerie ſchritt, die in das Boudoir der Commerzienräthin führte, ſah er wirklich den Alten bereits des Eintritts harren. Natürlich verrieth keine leiſeſte Miene weder an dem Einen noch dem Anderen, wie wohlbekannt — ſie mit einander waren. Der Sandmoll, nach⸗ dem die Baronin zum zweiten Male geſchellt hatte, trat ein... Wir ſind ſchon einigemale in der Nothwen⸗ digkeit geweſen, Unterredungen mitzutheilen, welche von verſchiedenen Perſonen mit dem alten Falſchmünzer geführt wurden: und leicht mag es da geſchehen ſein, daß der rohe, plumpe Ton, welcher in der Mehrzahl ihrer Unterhal⸗ tungen vorherrſchte, das Zartgefühl unſerer Leſer gekränkt hat. In dieſem Fall haben ſie dergleichen nicht zu beſorgen: der Ton, in wel⸗ chem die Baroneſſe mit dem Alten zu reden gewohnt war, war ganz ſo fein, ſo ſalbungs⸗ voll, wie ſie ihn meiſt zu führen pflegte—: womit wir freilich noch lange nicht behauptet haben wollen, daß die Sachen, welche zwiſchen ihnen verhandelt wurden, weniger unfein ge⸗ weſen wären. Oft ſchon, mein armer, verirrter Freund, 139 ſagte ſie, indem ſie die ſchwarzen, brennenden Augen gegen die Decke kehrte(— auch der Sand⸗ moll, der ſich die wenigen Haare nach Möglich⸗ keit geſcheitelt hatte, ſtand vor ihr, mit einer ſolchen Geberde von Frömmigkeit und Demuth, und machte ſolch angeſtrengte Verſuche, eben⸗ falls die Augen zu verdrehen, daß es ſehr rüh⸗ rend anzuſehen war—) Oft ſchon, mein armer, verirrter Freund, ſagte die Baronin, haben Sie mich verſichert, wie leid es Ihnen thue um die Fehltritte und Sünden, denen Sie, wie ja wir ſchwachen Men⸗ ſchen alle, unterworfen geweſen ſind, und wie eifrig Sie jede Gelegenheit ergreifen würden, den Schaden, den Sie theils ſelbſt angerichtet, theils anrichten halfen, wieder gut zu machen, oder doch wenigſtens aufzuwiegen bei Gott, ſo weit das möglich iſt, durch den Eifer, mit dem Sie jetzt ebenſo alles Gute unterſtützen und befördern wollen, wie Sie ehemals, ach nur zu 4 140 bereitwillig waren, der Schwäche der armen menſchlichen Natur zum Werkzeug zu dienen... Es mußten eigenthümliche Erinnerungen ſein, welche die vornehme Dame bei dieſen Worten überkamen. Denn ſie ließ ihre Blicke dabei auf den Sandmoll fallen, mit einem Ausdruck, den man unter anderen Umſtänden faſt als ein Zeichen von Vertraulichkeit und geheimem Ein⸗ verſtändniß hätte betrachten mögen. Doch war der Alte viel zu wohl geſchult, um ſich ſelbſt dadurch aus der Rolle bringen zu laſſen, die er für dieſen Ort und dieſe Stunde einmal angenommen. Alles, wie die gnädige Frau befehlen, erwi⸗ derte er, indem er den alten grauen Filz mit faſt kindlicher Verlegenheit zwiſchen den narbigen Fingern drehte: um meines Erlöſers willen, und des theuern Blutes, das er für uns Alle vergoß. Wohl denn, ſiel die Baronin raſch ein, ſo haben Sie hier die Gelegenheit. Es wird der Herkunft eines Kindes nachgeforſcht, das vor zwanzig und einigen Jahren hier in der Gegend geboren worden iſt— heimlich geboren... Ich weiß nun, fuhr ſie fort, indem ihr Athem immer mühſamer, immer verhaltener ward, daß Sie, mein Freund, zu eben jener Zeit den Auf⸗ trag hatten, ein Verſteck aufzuſuchen für ein Kind, das unter ähnlichen Verhältniſſen ge⸗ boren war Der Alte ſchüttelte langſam, zweifelnd den Kopf; ſeine klägliche Miene verrieth deutlich, wie leid es ihm jetzt thue, jemals zu Geſchäften dieſer Art die Hand gereicht zu haben,— näm⸗ lich wenn er es überhaupt gethan. Sie brachten damals, ſprach die Baronin weiter, indem ihr Auge jetzt mit derſelben Feſtig⸗ keit in den Teppich zu ihren Füßen bohrte, als es zu Anfang des Geſprächs gen Himmel ge⸗ richtet geweſen war— Sie brachten damals ſchon nach Verlauf weniger Monate ein Zeugniß bei, daß Gott die Frucht der Sünde hinweg⸗ genommen... In den Schvoß ſeiner Barmherzigkeit, Amen, näſelte der Alte.. Aber noch ehe er Zeit gehabt hatte, ſeine ruchloſe Betheuerung zu vollenden, war die Ba⸗ ronin plötzlich, blitzſchnell, auf gleichen Füßen, vor ihm emporgeſprungen; ihr bleiches, noch immer ſchönes Antlitz, auf das mehr die Macht der Leidenſchaften, als die Macht der Jahre feine Linien gezeichnet hatte, erglänzte von einem Ausdruck von Wahrhaftigkeit und aufrichtiger, innerer Erregung, den es ſeit Langem ſchon verlernt; krampfhaft, mit den feinen, ſchmalen Fingern, faßte ſie die Schulter des Alten. Menſch, rief ſie mit zitternder, kaum hör⸗ barer Stimme, und doch ſo bewegt, ſo in⸗ brünſtig war dieſe Stimme, daß ſelbſt die taube Lore ſie hätte verſtehen müſſen— Menſch, ſag mir die Wahrheit! Wobei beſchwöre ich dich? Denn du glaubſt ja keinen Gott, und deine Gedanken ſelbſt ſind Läſterungen! Aber wenn es irgend etwas gibt, das Gewalt über dich hat, ſag mir die Wahrheit, ich beſchwöre dich: ſtarb jenes Kind damals wirklich? oder wenn es noch Man hätte ein Fels ſein müſſen, um dieſem Gemiſch von Angſt und Leidenſchaft, Furcht und Sehnſucht, mit denen dieſe Worte hervorge⸗ ſtoßen wurden, zu widerſtehen. Allein der Sand⸗ moll bekanntlich war auch noch weit ſchlimmer als ein Fels: nur ganz leiſe nach den koſt⸗ baren Ringen ſchielend, deren Druck er auf ſeiner Schulter fühlte: Ach du mein gnädiger Himmel, ſagte er, was die Frau Baronin mir altem Mann auch für einen Schreck einjagen! Ja wenn ich nicht ſo ein alter Mann wäre und wenn das lange Gefängniß, in das die Verleumdung böſer Men⸗ ſchen mich gebracht, mein Gedächtniß nicht ſo geſchwächt hätte! Ich erinnere mich gar nicht mehr an den Vorfall, deſſen die gnädige Frau erwähnen— gar nicht mehr, bei Gott, und wer immer auch mich darnach fragen ſollte, ſo werde ich immer nur ausſagen, was die gnädige Frau mir vorſagen werden— nämlich, ich meine, weil ich ſelbſt mich gar nicht mehr erinnern kann. Inzwiſchen, wenn ich vorhin recht ge⸗ hört habe, ſo ſprachen die gnädige Frau ja wol von einem Zeugniß, was man ſo nennt ein Scheinchen, ein Todtenſcheinchen, das über den Tod des Knaben ausgeſtellt ſei— Oder, unterbrach er ſich ſelbſt, war es vielleicht ein Mädchen? Ich, wie geſagt, weiß von nichts mehr und wenn ich gekreuzigt werden ſollte noch dieſe Stunde, wie unſer Herr Chriſtus. Aber was ich ſagen wollte, wo ein Todtenſchein iſt, meine ich, da muß doch auch wohl vermuthlich ein Todter geweſen ſein... Die Baronin war zurückgetreten, ihre Arme hingen ſchlaff hernieder. Scheine dieſer Art können auch verfälſcht werden, ſagte ſie, indem ſie ſich vergeblich be⸗ mühte, die kleinen, erloſchenen Augen in dem wulſtigen Antlitz des Alten aufzuſpüren.. Ah, ah, röchelte Sandmoll, und diesmal in ſo misbilligendem Tone— es war klar, daß nur der Reſpect vor der Baronin ihn abhielt, ſonſt hätte er beſtritten, daß es wirklich ſolche böſe Menſchen gäbe, die dergleichen Scheine ver⸗ fälſchen könnten. Die Dame, tief aufſeufzend, ſtrich mit der Hand über die langen, ſchwarzen Locken. Ich bin eine Thörin, ſagte ſie erſchöpft, ich wreiß es; nichts mehr von dieſer Sache. Sie aber, mein Freund, bitte ich, und damit meine Bitte deſto mehr Kraft habe, hier(indem ſie ihm einige Goldſtücke zuſchob): denken Sie an die Frage, die ich Ihnen zuerſt vorlegte, und be⸗ Das Engelchen. II. 7 nutzen Sie die Verbindungen, die Sie in der Gegend haben, Nachforſchungen anzuſtellen, ob außer jenem Kinde, deſſen Tod denn alſo gewiß iſt, zur ſelben Zeit noch ein anderes unter ähn⸗ lichen Umſtänden geboren worden und wohin es gekommen.. Damit winkte ſie ihm, hinauszugehen. Sand⸗ moll ließ ſich den Wink nicht zweimal geben; höchſt vergnügt über die neue intereſſante Aus⸗ ſicht, die ſich ihm eröffnete, ſchlich er hinter einen Pfeiler der Galerie, das Geſchenk der Baronin nachzuzählen. Dies war die Situation, aus der, wie wir bereits wiſſen, der Commerzienrath ihn zu ſich rief. Auch was dieſer ihm anzuvertrauen hatte, iſt unſern Leſern bereits bekannt: und ſo mögen ſie ſich ſelbſt das teufliſche Behagen ausmalen, mit welchem dieſe immer ſteigende Verwicklung der Dinge das ſchwarze Herz des Alten erfüllte. 5 — — Ueuntes Rapitel. Taube und Schlange. Kehren wir denn jetzt endlich zu dem Engelchen zurück, das wir in dem Augenblick verließen, als es ſo unvermuthet beim Eintritt in den Garten auf Herrn von Lehfeldt traf. Angelica hatte den jungen Mann ziemlich häufig in den geſelligen Kreiſen der Hauptſtadt geſehen, zu deren beliebteſten Erſcheinungen er gehörte, ſowohl ſeiner glänzenden Bildung, ſeiner Kennt⸗ niſſe und ſeines Witzes wegen, als auch wegen ſeiner Stellung im Hauſe des allmächtigen Mi⸗ niſters, vielleicht auch wegen des geheimnißvollen 7* 148 Anſtrichs, der ſeine Herkunft wie ſeine ganze Erſcheinung umgab. Auch Angelica hatte ſich viel und gern mit dem lebhaft geiſtreichen Manne unterhalten: wie⸗ wohl die Unterhaltung zwiſchen ihnen nur ein fortwährender kleiner Krieg geweſen war. Herr von Lehfeldt war ein Skeptiker, der es auch Angelica'n gegenüber nicht verhehlte, daß er die hohen Ideen von Wohl der Menſchheit, ewigem Fortſchritt und allgemeiner Glückſeligkeit, welche der Profeſſor in ihre Bruſt gepflanzt, zwar ſehr ſchön, ſehr erhaben, ſehr wünſchenswerth finde — aber bei alledem auch ziemlich unausführbar. Gleichwohl, auch bei dieſem Widerſpiel, das er ihr zu halten pflegte, war die Achtung, die er jenen Ideen an ſich zollte, ſo äufrichtig, ja wo das Geſpräch einmal ernſter ward, zeigte der junge Mann ein ſo inniges, faſt ſehnſuchtvolles Bedürfniß nach höherem geiſtigem Glauben und einen ſo tiefen Unwillen gegen ſich ſelbſt, weil 149 er dieſen Glauben nicht feſt zu halten vermochte: daß Angelica ihm nie auf die Dauer hatte böſe ſein können, ſondern ſich im Gegentheil mit dem ganzen aufrichtigen Wohlwollen, das ihr natür⸗ lich war, für ihn intereſſirte. Auch jetzt daher, da ſie ihn ſo unvermuthet im Garten ihres Vaters traf, glitt ein Lächeln anmuthigſter Ueberraſchung über ihr liebliches Geſichtchen. Aber nun hat man doch gewiß Recht, Sie einen wunderbaren Menſchen zu ſchelten, Herr von Lehfeldt! rief ſie: Ohne daß Sie Fauſt's Mantel haben, was in aller Welt verſchafft mir dieſe Ueberraſchung? Still, um des Himmels willen, ſtill, theuerſte Miß! bat Herr von Lehfeldt(denn wie in der vornehmen Welt nun einmal das Fremde immer mehr gilt als das Einheimiſche, ſo hatte man auch in den Geſellſchaften der Hauptſtadt ſich darauf enttirt, die junge Dame, wiewohl ſie von ihrer früheſten Kindheit in Deutſchland einge⸗ bürgert war, doch immer noch als Engländerin zu behandeln und anzureden).. Still, rief Herr von Lehfeldt mit komiſchem Pathos: und nennen Sie mich nicht bei einem Namen mehr, der ſchon zu den verfehmten ge⸗ hört! Wie oft, ſchöne Freundin, habe ich Sie gewarnt vor den himmelſtürmenden Ideen, mit denen der gute Profeſſor Ihr allerliebſtes Köpf⸗ chen erfüllt! wie oft nicht Ihnen prophezeit, daß ich Sie noch ganz gewiß dereinſt als die ſchönſte Staatsverbrecherin unſeres Landes würde zu Protokoll vernehmen müſſen! Und ſehen Sie, fuhr er mit drolligem Seufzer fort, nun muß ich ſelbſt das allgemeine Schickſal der Propheten theilen: Sie habe ich gewarnt und habe mich ſelbſt nicht in Acht zu nehmen verſtanden. Ach, Ihre ſtaatsverrätheriſchen Lehren, liebenswürdigſte Rebellin, haben einen nur zu gelehrigen Schüler an mir gefunden! Aber ernſthaft zu reden: Sie 6 werden gehört haben, wie ſtreng Sereniſſimus im Punkt der politiſchen Rechtgläubigkeit denkt, noch ſtrenger ſogar, als in der religiöſen, und daß mein vortrefflicher Gönner, der Miniſter, wie in allen übrigen Dingen, ſo auch in dieſem nur das getreue Echo Sr. Durchlaucht iſt. Nun behauptet die böſe Welt, ich hätte mir, bei Hofe ſelbſt, ja an der Tafel Sr. Durchlaucht, gewiſſe unvorſichtige Aeußerungen zu Schulden kommen laſſen, die um ſo unverzeihlicher wären, als ſie nicht nur gegen jene Rechtgläubigkeit verſtoßen, ſondern auch eine ſchmeichelhafte Anſpielung auf unſern Erbprinzen enthalten ſollen. Unſer Erb⸗ prinz, wie Sie wohl gleichfalls wiſſen, ſteht, wie die Erbprinzen pflegen, in einigem Geruch des Liberalismus; aber eben deshalb auch ſteht er, ſammt Allem, was irgend wie Lobredner oder Günſtling des Erbprinzen ausſieht, ſehr ſchlecht angeſchrieben bei dem alten Herrn. Ermeſſen Sie danach die doppelte Schwere meiner Ver⸗ gehungen. Zwar was ſoll ich Sie lange auf⸗ halten mit einem Hiſtörchen, das vielleicht drei Tage lang die Pflaſtertreter der Hauptſtadt be⸗ ſchäftigt, um demnächſt vergeſſen zu ſein auf ewig? Mit einem Worte denn: des Herrn Miniſters Excellenz, um ihre unwandelbare Gerechtigkeit zu beweiſen gegen Jedermann, haben mich für einige Zeit ins Exil geſchickt— ein Exil, ſchöne Miß, ſetzte er mit verbindlicher Wendung hin⸗ zu, das ich natürlich nirgend anders nehmen konnte, als hier bei Ihnen. Denn geſtehen Sie nur, daß Sie doch eigentlich an meinem Unglück Schuld ſind und mich angeſteckt haben mit dieſem Gift politiſcher Neuerung, das mir jetzt ſo ver⸗ derblich wird, mir armem, unſchuldigem Tropf... Der muntere Ton, mit welchem der junge Mann ſeine Geſchichte vortrug, bewies Angelica zur Genüge, daß es ſich hier um nichts Ernſt⸗ haftes oder Gefährliches für Herrn von Lehfeldt handelte. Froh, einen Ableiter für die ihr ſonſt ſo fremden Gedanken gefunden zu haben, mit denen ſie ſeit ihrem Eintritt in das väterliche Haus zu kämpfen hatte, ging ſie bereitwillig auf dieſen Ton des Geſpräches ein. Ich bedaure Sie in der That, Herr von Lehfeldt, ſagte ſie... Nein, nein, unterbrach ſie der Angeredete es iſt bei uns wie in China, wo bekanntlich der in Ungnade Gefallene ganz zu exiſtiren aufhört; auch der Name von Lehfeldt exiſtirt nicht mehr, ich bin hier blos der Maler Schmidt.. Nun gut, mein Herr Maler Schmidt, ſagte Angelica, ſo bedaure ich Sie gleichwohl: zwar nicht deshalb, daß Sie die Reſidenz für einige Zeit meiden müſſen— das wird Ihnen ſehr gut ſein und Sie hoffentlich auf beſſere Grund⸗ ſätze bringen: aber doch deshalb, daß Sie ſich keinen intereſſanteren Ort der Verbannung aus⸗ gewählt haben; Sie werden viel Langeweile hier empfinden. 154 Herr von Lehfeldt wurde plötzlich ſehr ernſt, man hätte ſagen können, andächtig. Geſtatten Sie mir, theure Miß, ſagte er, über dieſen Punkt ein andermal mit Ihnen zu ſprechen; es ſoll alsdann mit derſelben Offenheit geſchehen, mit der ich Ihnen ſchon immer ein⸗ geſtanden, daß ich im Grunde ein ſchlechter Menſch bin, wennſchon Sie es mir noch niemals recht glauben wollten. Kleine Urſachen, wiſſen Sie, haben oft große Wirkungen: und ſo wäre es nicht unmöglich, daß auch dieſes an ſich ſo ge⸗ ringfügige Zerwürfniß mit dem Hofe bei mir Veranlaſſung würde zu jener Umkehr meines Weſens, die Sie, ſchöne Bußpredigerin, mir oft ſchon ſo dringend angerathen. Ich will mich einmal hier an Ort und Stelle unb it eignen Augen überzeugen, was es denn eigentlich auf ſich hat mit jenem ſocialen Elend, über das wir uns ſo oft freundſchaftlich geſtritten, und wie es 6 mit der Ausführbarkeit jener erhabenen Ideen * ſteht von Vervollkommnung der Menſchheit, all⸗ gemeiner Glückſeligkeit und unendlichem Fort⸗ ſchritt, die Sie mit ſo hinreißender Beredtſamkeit zu vertheidigen pflegten. Ich will— aber nein, nein, unterbrach er ſich ſelbſt, ein Mann ſoll nie ſagen: das will ich thun, ſondern immer nur: das habe ich gethan— und ſo ſchweige auch ich von den Plänen und Abſichten, die mich gerade hieher, in dieſen ärmſten Winkel unſeres Landes, unter dieſen gedrückteſten, beklagens⸗ wertheſten Theil unſerer Bevölkerung geführt haben. Namentlich um dieſer Pläne willen war es nöthig, daß ich den Namen änderte, und der Niniſter ſelbſt hätte mir keinen größeren Ge⸗ fallen erweiſen könnzn, als durch dieſen Befehl. Wird es doch dem armen, anſpruchloſen Maler Suit vielleicht eher möglich ſein, ein Ver⸗ trauen, ja eine JZuneigung zu erwerben, die dem „Herrn von Lehfeldt, dem Günſtling des Mi⸗ niſters, hätte ewig verſagt bleiben müſſen, 156 und auf die er doch ſo hohen, hohen Werth legt Das Engelchen war viel zu unbefangen, um den Doppelſinn dieſer Worte zu bemerken. Mit lauter, kindlicher Freude ſchlug ſie in die Hände: Nun, das iſt rechtſchaffen von Ihnen, rief ſie: das freut mich! Sie haben es ja oft genug ſchon von mir hören müſſen und von meinem Profeſſor erſt recht: Ihr Herren im Miniſte⸗ rium, pflegt Der zu ſagen, regiert das Volk, beurtheilt, verurtheilt es, ohne es eigentlich zu kennen, ohne jemals mit ihm gelebt, mit ihm gelitten zu haben. Sie wollen es nicht ſo machen— wie brav das von Ihnen iſt! und wie lieb ich Sie dafür habe! Miſchen Sie ſich nur ganz dreiſt unter die Leute hier, Herr Maler* ſie ſind ein wenig ſchlimm von Anſehen hier, es iſt wahr, aber zuletzt doch nicht ſo ſchlimm, 3 als man denkt, und am Allerwenigſten ſo 1 ſchlimm, daß Liebe und Güte ſie nicht am Ende doch noch beſſern ſollte. Und das ſoll auch von Ihnen gelten, mein Freund: ſo bös Sie ſich oft auch geſtellt haben, ich ſehe ſchon, Sie werden am Ende doch noch ein guter Menſch.. Herr von Lehfeldt küßte ihr ehrerbietig die Hand: Wenigſtens will ich es werden, und will es hier werden, theure Miß, ſagte er ernſthaft.. Gerade in dieſem Moment trat die Commer⸗ zienräthin am Arm ihres Gemahls in den Gar⸗ ten; er hatte Angelica, ſie Herrn von Lehfeldt aufſuchen wollen— und ſo hatten Beide ſich auf dem Wege zuſammengefunden.— Als die Boroneſſe Herrn von Lehfeldt erblickte, wie er Angelica die Hand küßte, berührte ſie unwill⸗ kürlich mit raſchem, leiſem Druck den Arm ihres Gemahls: ein Zeichen, deſſen geheime Bedeutung Herr Wolſton ſehr wohl verſtand, 158 auf das er aber dennoch keine andere Ant⸗ wort hatte, als nur ein unmerkliches verächt⸗ liches Achſelzucken. Die peinliche Scene der Vorſtellung zwiſchen Mutter und Tochter wurde nicht wenig erleich⸗ tert dadurch, daß ſie im Beiſein eines Fremden ſtattfand. Das Geſpräch wandte ſich, nach den erſten kühlen Begrüßungen, auch hier wieder auf den Vorfall, der begreiflicherweiſe über⸗ haupt das Tagesgeſpräch des Dorfes bildete, für Gering wie Vornehm, auf den Auftritt mit dem Engelchen vor der Schenke. Herr von Leh⸗ feldt enthielt ſich jedes Urtheils darüber und bedauerte nur den Schreck, den Angelica da⸗ von gehabt haben müſſe. Die Commerzien⸗ räthin dagegen ſtimmte ganz mit Herrn Wolſton überein, daß die Sache aufs Genaueſte zu un⸗ terſuchen ſei und alle Schuldigen aufs Strengſte zu beſtrafen. Nur darin wich ſie von ihm ab, daß, während er gern dem Meiſter die Schuld —,— 159 als Rädelsführer zugeſchoben hätte, ſie dagegen den Heiner, den verdorbenen Candidaten, am Meiſten beargwohnte. Ich bewundere überhaupt, ſetzte ſie, gegen Herrn Wolſton gewendet, hin⸗ zu, Ihre Langmuth, mein Gemahl, daß Sie einen ſo anerkannt nichtsnutzigen Menſchen nicht lieber ganz aus dem Dorf entfernen. Er iſt eine wahre Landplage für die ganze Gegend, der Menſch; bald iſt er hier, bald dort, bald hört man, er ſei im Gefängniß, wo gewiß ſein beſter Platz wäre, bald heißt es gar, er habe Hand an ſich ſelbſt gelegt— und immer wie⸗ der, kaum daß man denkt, man iſt den Unhold los, taucht er von Neuem auf. Er iſt wahn⸗ ſinnig, es iſt wahr, und man muß Mitleid mit ihm haben: aber mein Mitleid fühlt ſich er⸗ kältet, wenn ich bedenke, daß dieſer Wahnſinn ſelbſt nur die Folge ſeiner ruchloſen Ausſchwei⸗ fungen und Gottesläſterungen iſt. Ein Theolog urſprünglich und herabgeſunken zum Gottesläſterer 160 — o mein Himmel, es iſt ja entſetzlich, daß ein Menſch ſo ſinken kann! 5 Es iſt eben ein Vagabond, bemerkte Herr Wolſton trocken, und die haben es ſo an der Art, bald zu verſchwinden, bald wieder aufzu⸗ tauchen; es iſt ein gutmüthiger Kerl bei alle⸗ dem, und wenn unter Denen, die in dieſem Augen⸗ blick in der Kirche ſitzen, keine ſchlimmern wären, wollt' ich gern zufrieden ſein. Die Baronin hatte keine Luſt für jetzt, auf dieſe Streitfrage weiter einzugehen; ſie nahm, mit geſchickter Wendung, Herrn von Lehfeldt bei Seite und ſetzte ihn des Genaueren von dem Auftrag in Kenntniß, den ſie dem Sand⸗ moll ertheilt hatte. Angelica benutzte dieſe Gelegenheit, ſich von der Geſellſchaft zu verabſchieden; ſie eilte auf ihr Zimmer, warf einige flüchtige Zeilen aufs Papier, durch welche ſie Julian in Kürze von dem Reſultat der Unterredung mit ihrem Va⸗ ter unterrichtete, übergab das Blättchen ihrem Kammermädchen zur Beſorgung, ſobald Julian aus der Kirche zurückkäme, und trat dann, ge⸗ ſtützt auf die Erlaubniß des Commerzienrathes, ihren Weg zum Hauſe des Meiſters an. Behntes Rapitel. Vor dem Hauſe des Meiſters. Je näher Angelica dem verfallenen Hauſe des Meiſters kam, deſto lebhafter pochte ihr das Herz. Aber dieſes Herzpochen ſelbſt, wie verſchieden von jenem, mit dem ſie ihren Einzug in das prächtige Schloß ihres Vaters gehalten! Die Glocken läuteten eben den Gottesdienſt aus, und auch dieſer zufällige Umſtand trug nur dazu bei, die feierliche, erwartungsvolle Stimmung zu erhöhen, in welcher Angelica ſich befand. Es war ja der Geſpiele ihrer Kindheit, der Freund ihrer Jugend, der Einzige, den ſie neben ihrem Bruder gehabt hatte, den ſie wieder be⸗ 163 grüßen ſollte!— Wie viel Veränderungen wa⸗ ren in ihrem eignen Innern vorgegangen, wie viel neue Menſchen, neue Sitten, neue Anſich⸗ ten hatte ſie kennen gelernt, ſeit ſie aus dieſem kleinen, traulichen Kreiſe geſchieden und er ſelbſt aufgelöſt war! Dieſe Armuth der Umge— bung, dieſe, trotz der kirchlichen Feier, doch ſo unſaubern, ſo geräuſchvollen Gaſſen, dieſe engen, kleinen Stege, wie kam ihr das ſo anders vor, als damals, wo ſie ihre Mutter zum Kranken⸗ bett der armen Lene zu begleiten pflegte! Ob ſie wohl noch lebte, die arme Dulderin? und wie wohl Reinhold ſich inzwiſchen verändert hatte? Denn nur wie ein Traum ſchwebte ihr das Abenteuer der geſtrigen Nacht noch vor. Sie hatte wohl gehört und hatte es ſich auch endlich wohl ſelbſt wieder vor die Seele gerufen, daß es Reinhold geweſen, dem ſie ihre Rettung ver⸗ dankte: aber das Bild des Freundes ſelbſt, wie 164 er am Wagenſchlag geſtanden und ſie mit kräf⸗ tigem Arm und noch kräftigerem Wort verthei⸗ digt, ſuchte ſie vergebens vor ihr Gedächtniß zurückzuführen.— Mit tiefer Rührung erkannte ſie die eigenthümliche Fügung des Schickſals, welche darin lag, daß gerade er bei jenem Auf⸗ tritt zugegen geweſen, daß ſie gerade ihm ihre Befreiung aus jener ſo mislichen Lage zu ver⸗ danken hatte. Ja gern überredete ſie ſich ſelbſt, daß es nicht blos Schickſalsfügung geweſen, daß der werthe Jugendfreund vielmehr von ihrer Ankunft gewußt, daß er ſie erwartet habe, und daß es ihm auf dieſe Weiſe möglich geworden, zu ihrem Schutz herbeizueilen. Aber um ſo ſchwerer auch fiel ihr die Un⸗ dankbarkeit aufs Herz, die ſie ſich im Augen⸗ blick ihrer Rettung gegen ihn hatte zu Schul⸗ den kommen laſſen. Was er nur von mir den⸗ ken muß, klagte ſie bei ſich ſelbſt: er muß ja denken, ich wäre ſtolz und thöricht gewor⸗ den in der fremden Stadt und hätte meines wackeren Geſpielen vergeſſen!— Und darum nahm ſie ſich auch vor, doppelt freundlich ge⸗ gen ihn zu ſein und das alte Freundſchafts⸗ band mit doppelter Herzlichkeit wieder anzu⸗ knüpfen. Eben, als Angelica an der Schenke vorüber⸗ ging, ſtand die dicke Wirthin in der Thür; ſie hatte ſchon lange darauf gewartet, Jemand aus dem Schloß zu ſehen. Denn die Neugier ſtieß ihr faſt das Herz ab. Ah ſo, ſagte ſie, als ſie das Engelchen den Weg zum Hauſe des Meiſters nehmen ſah: das Ding geht ja vortrefflich. Ja nun freilich, wenn ſolch eine junge Dame mit Federhut und ſeidenem Schleppkleid kommt, da freilich wird der alte Griesgram wol freundlicher ſein können... Nämlich ſie ſelbſt, in aller Frühe, war eben⸗ falls ſchon in der Wohnung des Meiſters ge⸗ weſen; ſie hatte ihm das Geld überbringen wollen, welches der tolle Heiner zu dieſem Zweck bei ihr zurückgelaſſen. Der lange Kar⸗ renſchieber zwar, der trotz des Sonntagmor⸗ 3 gens ſchon wieder im Wirthshaus ſaß, hatte gemeint, das wäre eine ganz überflüſſige Mühe, und ſie möchte doch nicht ſo ſündhaft umgehen mit dem wackern Bischen Geld. Wenn er wäre wie ſie, würde er es dem rothen Konrad bei der Verzehrung allmälig in Abrechnung bringen oder auch dem Vagabonden ſelbſt; dem armen nüchternen Narren, dem Meiſter, thäte es ja doch kein Gut. So ſehr die Wirthin in dieſem letzteren Punkt auch einverſtanden war, ſo erlaubte die Ehrlichkeit, die ſie bei alledem beſaß, ihr den⸗ noch nicht, dem Rathſchlag zu folgen und dem Gelde eine andere Beſtimmung zu geben, als der tolle Heiner ihr aufgetragen: wobei wir es unentſchieden laſſen, wie viel Antheil an dieſer ——— Ehrlichkeit die Furcht vor dem Jähzorn des Wahnſinnigen hatte. In der That jedoch war es richtig ſo ge⸗ kommen, wie ihr der Karrenſchieber vorausge⸗ ſagt. Der Meiſter, noch in fieberhafter Aufre⸗ gung durch die Ereigniſſe der letzten Tage, hatte ſich durch ihren Antrag aufs Tiefſte gekränkt gefühlt; wie arm freilich, ſo arm, um die Al⸗ moſen der Bettler und Wahnwitzigen anzuneh⸗ men, ſei er doch noch lange nicht, noch werde er es jemals ſein. Auch möge er kein Geld, das der Spielteufel zuſammengekehrt, und an dem die Verzweiflung Derer hafte, die es ver⸗ loren. Auch Margareth, an welche die Wirthin ſich demnächſt gewendet, war zur Annahme des Geldes nicht zu bewegen geweſen: und ſo hatte die Wirthin es wieder mit ſich nehmen müſſen, ſowohl zu ihrem lebhaften eigenen, als auch zum ſtillen Verdruß des rothen Konrad. Nach der Verſöhnung jedoch, die ſo eben erſt zwiſchen ihm und Margareth ſtattgefunden, durfte er ſich nichts davon merken laſſen und ſchluckte alſo, ſtatt andern Frühſtücks, ſeinen Aerger ſtumm herunter. Daher alſo dieſe Empfindlichkeit der Wir⸗ thin, mit der ſie das Engelchen vorübergehen ſah. Gleichwohl, als Angelica ſie nach ihrer freundlichen Art begrüßte, konnte auch ſie dem Zauber des holden Kindes nicht widerſtehen; halb geſchmeichelt und halb noch voll Groll, unter tiefen Knixen, indem ſie eiligſt den Schür⸗ zenzipfel in die Höhe ſteckte: Ein Engelchen iſt ſie, das iſt wahr, brummte ſie vor ſich hin, aber leiden kann ich ſie doch nicht.. Ueberhaupt befand die gute Frau Wirthin ſich heut nicht in der roſigſten Stimmung. Sie hatte ſich nicht wenig darauf gefreut, mit den beiden Gäſten aus der Stadt, die ſie geſtern ſo ſpät noch bekommen, recht ein Erkleckliches zu ſchwatzen, und die Sonne ihrer wirthſchaft⸗ lichen Majeſtät recht vor ihnen leuchten zu laſ⸗ ſen. Allein, allein, wie zwiſchen den Leuten am Abend und den Leuten am Morgen wohl öfter ein gewaltiger Unterſchied iſt, ſo waren auch dieſe beiden geſtern Abend ſo artigen, ſo ge⸗ ſprächigen Herren heute früh wie ausgetauſcht. Der Junge, Blaſſe, der Maler, wie die Wirthin richtig herausgekriegt, war ſchon ziemlich zeitig auf Beſuch gegangen, und auch der Andere, der Dicke, Vergnügliche, der ihr geſtern ſo tapfer zugehört, hatte ihr heut kaum fünf Minuten Stand gehalten, ſo eilig hatte er es gehabt, ſei⸗ nem Gefährten nachzukommen. Und richtig, was das Allertollſte war und ſie am Allermeiſten ärgerte: alle Beide waren ſpornſtreichs gelaufen— wohin? in das Haus des Meiſters! Das konnte nun, wie die Wirthin ſich ſo⸗ gleich berechnete, Niemand anders gelten, als Das Engelchen II. 8 der ſchwarzäugigen Margareth, dem Kalkge⸗ ſicht, von dem ſie gar nicht begriff, was nur die Männer davon haben könnten, noch dazu ſolche vornehme Herren aus der Stadt, die ſollten es doch beſſer gewohnt ſein und mehr Geſchmack haben... Aber auch unſer behaglicher Florus ſelbſt war ein wenig verdutzt geweſen, als er, nach verſchiedenen abſichtlichen Um⸗ und Seitenwegen, endlich glücklich vor das Haus des Meiſters ge⸗ trippelt kam— und wer ſtand in der Thür? und zählte dem Meiſter Geld in die hagere Hand? und ſprach von den neuen Beſtellungen, die er ihm aufgegeben? Herr von... Nein, bei Leibe nicht: Maler Schmidt, meinte Herr Florus. Allein ob nun Herr von Lehfeldt oder Ma⸗ ler Schmidt, es ärgerte ihn immerhin ab⸗ ſcheulich, ſich in ſeinen beſten Einfällen ſo von einem Andern überholt zu ſehen. Denn ge⸗ rade daſſelbe hatte Herr Florus ja auch thun wollen! Unſere Leſer werden den guten Herrn Flo⸗ rus hoffentlich bereits hinlänglich kennen ge⸗ lernt haben, um nichts Ueberraſchendes in die⸗ ſem Vorſatz zu finden, ſo ſehr derſelbe auch mit dem, was er bei dem Abenteuer des En⸗ gelchen geäußert hatte, in Widerſpruch ſtand. Dieſer Widerſpruch war gerade eben die Natur des vortrefflichen Mannes: er verſchwor regel⸗ mäßig, was er eben in Begriffe ſtand zu thun, und that, wogegen er ſelbſt noch den Augen⸗ blick zuvor aufs Lebhafteſte geeifert hatte. Nur daß dieſer Widerſpruch bei ihm mit ſo viel drolliger Unbefangenheit gepaart war, daß der⸗ ſelbe wirklich alles Anſtößige dadurch verlor und nur noch als eine ergötzliche, ja liebens⸗ würdige Schwäche erſchien.— Je mehr Herr Florus über die nächtliche Scene nachgedacht, je mehr war ſeine natürliche Weichherzigkeit 8* 172 in ihm hervorgetreten. Er ſtellte ſich gern hart und that, als ob er für nichts in der Welt Sinn hätte als für gutes Eſſen, gu⸗ tes Trinken und allenfalls noch gute Cigar⸗ ren und ein gutes Ecartechen. In Wahrheit aber war er der weichherzigſte und wohlthätigſte WMenſch, der Niemand ungetröſtet leiden ſehen konnte. Dazu nun kam noch, daß er hier irgend einen vortrefflichen poetiſchen Stoff, irgend eine intereſſante abenteuerliche Verwicklung merkte. Die Erfindung war, wie bei den meiſten heuti⸗ gen Poeten, ſeine ſtarke Seite nicht, und wenn er behauptete, in dieſe Gegend gegangen zu ſein, nicht blos der ärztlichen Verordnung halber, ſondern auch um Stoffe zu ſuchen für ſeine erſchöpfte Phantaſie, ſo war das nicht halb ſo übertrieben, als er ſelbſt es gern darſtellte. Und endlich und zuletzt traf auch die Vor⸗ ausſetzung der Wirthin bei Herrn Florus aller⸗ ——————————————— 173 dings ein: er, der ſeinen Worten nach ſolch bitterer Weiberverächter, konnte gleichwohl in Wahrheit keiner Schürze widerſtehen, er befand ſich im Gegentheil in einer fortwährenden Ver⸗ liebtheit, wenn auch freilich alle Tage in einer an⸗ dern und immer nur einer höchſt platoniſchen. Auch die Augen der bleichen Margareth hat⸗ ten es ihm angethan... Voll Verdruß, von ſeinem Reiſegefährten ſo überholt zu ſein, kehrte er unbemerkt wieder um, lief hierhin und dorthin, guckte bald die⸗ ſem, bald jenem Mädchen ins Geſicht, ging zu⸗ letzt ſogar vor Langerweile ein Viertelſtündchen in die Kirche— und fand ſich endlich doch richtig wieder vor der Wohnung des Meiſters, gerade in dem Moment, da Angelica darauf zugeſchritten kam. Auch Herr Florus war ein alter Bekannter Angelica's, man hätte ſogar ſagen können, ein alter Anbeter, wäre nicht die Art und Weiſe, — wie Herr Florus anzubeten pflegte, wirklich ein wenig zu oberflächlich geweſen. Das junge muntere Mädchen hatte an dem ſchwerfälligen, drolligen Poeten tauſend Spaß, und da Herr Florus, zu vielen Gebrechen, auch die ſeltene Tugend beſaß, ſich mit vielem Anſtand und vie⸗ ler wirklicher Liebenswürdigkeit aufziehen zu laſſen, beſonders von jungen hübſchen Mädchen, ſo war das Verhältniß zwiſchen Beiden in der That ein höchſt ergötzliches und anmuthiges. Nun, da ſieht man es ja gleich wieder, rief das Engelchen ihm lachend entgegen, wie Recht der Dichter hat: Nimmer, das glaubt mir, kommen die Götter, nimmer allein— kaum daß ich die Kunſt der Malerei begrüßt habe, ſo wandelt hier leibhaftig, in gewohnter, ange⸗ nehmer Fülle, auch die Dichtkunſt vor meinen überraſchten Augen! Sie ſind doch mit dem Herrn— Maler Schmidt gekommen, nicht wahr, liebſter Freund? 175 Wie? was? Maler Schmidt? brummte der verdutzte Dichter. Alſo Sie wiſſen auch ſchon? Nun ja, meinetwegen, Maler Schmidt— hö⸗ ren Sie, fuhr er fort, indem er noch immer in einiger Verlegenheit ſeine neue Brille bald ſo, bald anders rückte, das war ja eine ganz verwünſchte Geſchichte geſtern, meine Gnädigſte, in der Sie ſteckten? Ich habe es Alles mit angeſehen, ja, von Anfang an, und ich wäre Ihnen ganz gewiß auch ſogleich zu Hilfe ge⸗ kommen, hätte nicht der Maler Schmidt— ach dummes Zeug, unterbrach er ſich ſelbſt, ärgerlich über die Lüge, in die er ſich eben ver⸗ haſpeln wollte, und die viel zu unwahrſchein⸗ lich war, um bei irgend Jemand, der Herrn Florus kannte, Glauben zu finden: ich weiß gar nicht, was das in dem vertrackten Reſte hier iſt, Alles geht Einem der Quere, ſelbſt die Worte im Munde, und ich danke ordentlich Gott, daß ich Ihnen begegnet bin, theure Miß: es iſt das erſte honette Geſicht, das ich hier noch zu ſehen kriege, wahrhaftig, das iſt es. Sie kommen auch wohl, fuhr er fort, indem er auf die Wohnung des Meiſters deutete, ſich bei dem jungen Schlingel, Ihrem Retter von geſtern, zu bedanken? Nun, das wollte ich juſt eben auch— ein beneidenswerther Schlingel das, auf Ehre! hat eine Beredtſamkeit, einen Geſtus— wer ſollte das bei ſolcher Art Leu⸗ ten ſuchen? Aber ich habe es mir gemerkt, ja, wörtlich gemerkt, und bringe es vor mit Näch⸗ ſtem auf dem Theater, Sie ſollen ſehen, theure Miß, die Wirkung—! Aber kommen Sie, ſchöne Miß, ich war, wie geſagt, auch eben auf dem Wege, dem jungen Helden meine Re⸗ verenz abzuſtatten. Denn Sie wiſſen ja doch, daß die ſchöne Angelica keinen ehrerbietigern, treuern Verehrer hat, als mich, und werden es daher vollkommen in der Ordnung finden, daß ich ſogleich geeilt bin, Ihren Retter auf⸗ zuſuchen? Und wirklich, bei der Schüchternheit und dem Ungeſchick, welche Herrn Florus im Um⸗ gang mit der ſogenannten niedern Klaſſe eigen⸗ thümlich waren, und über die ſich Niemand mehr ärgerte, als er ſelbſt, ohne ſie gleichwohl ablegen zu können, war es ihm höchſt ange⸗ nehm, an dem Engelchen gleichſam einen Em⸗ pfehlungsbrief, ja einen Schutz zu finden, mit dem er ſich in das Haus des Webers und in die Nähe der ſchwarzäugigen Margareth ein⸗ ſchmuggeln konnte. Viel weniger Freude hatte das Engelchen ſelbſt an dieſer unvermutheten Begleitung, ſo gut ſie Herrn Florus im Uebrigen auch leiden mochte; es lag ihr ſehr daran, das erſte Ge⸗ ſpräch mit der Familie des Meiſters, und na⸗ mentlich mit Reinhold, ungeſtört und ohne fremde Zeugen zu führen. 8** 178 Dennoch erlaubten theils ihre Gutmüthigkeit, theils auch eine gewiſſe Verlegenheit ihr nicht, die angetragene Begleitung abzulehnen⸗ Auch tröſtete ſie ſich damit, daß das ihr wohlbe⸗ kannte fahrige Weſen des Poeten ihn wohl bald wieder fortführen oder auch in eine Unterhal⸗ tung mit irgend einem Dritten verwickeln würde, in Folge deren es ihr möglich wäre, Reinhold allein und unbemerkt zu ſprechen. Elftes Kapitel. Angelica und Reinhold. Angelica's Berechnung erwies ſich als richtig. JZwar den Meiſter ſelbſt trafen ſie gar nicht zu Hauſe; er hatte ſich mit dem kaum empfange⸗ nen Gelde ſofort und trotz des Sonntags auf⸗ gemacht, neues Garn und andere Vorräthe ein⸗ zukaufen, dergleichen die Beſtellung des fremden Herrn, der heute früh ſo unerwartet, als ſolch ein rettender Bote des Himmels bei ihnen er⸗ ſchienen war, erforderte. Auch hatte er nicht unterlaſſen, einen Theil des Geldes zur Abzah⸗ lung ſeiner Steuerſchuld zurückzulegen. Der Eindruck jenes unvermutheten, für die Familie des Meiſters ſo wichtigen Ereigniſſes ſchwebte noch auf den ſonſt ſo bleichen, kum⸗ mervollen Geſichtern, als das Engelchen ein⸗ trat; man kann leicht denken, daß die Erſchei⸗ nung des holden Mädchens ſie nicht eben trü⸗ ber machte. Margareth, über die heut ein ganz* beſonderer Glanz ſtiller Seligkeit gegoſſen war, wollte ihr laut weinend die Hand küſſen: O, rief ſie, nun iſt ja alles wieder gut, nun iſt ja auch unſer Engelchen wieder da! Tief gerührt ſchloß Angelica ſie ans Herz. Am allerſtärkſten aber war die Freude des Wie⸗ derſehens bei der kranken Lene. Sie ſaß hoch aufrecht im Bett, bemühte ſich vergebens ihrer Freude Worte zu geben, konnte nur die dür⸗ ren Arme weit vorſtrecken und winken, und ach, ſo innig ſchmerzlich winken... Ich wußte es ja, flüſterte ſie ganz leiſe, da Angelica ſich auf den Rand ihres ärmlichen Bettes niedergeſetzt hatte und ihr mit liebenden Worten zuſprach: ich wußte ja, daß ich nicht ſterben durfte, bevor das Engelchen wieder da wäre— o, ich habe dir noch viel, viel zu ſa⸗ gen, du holdes Engelchen, und dann will ich auch gern ſterben, wie gern!. Für Herrn Florus inzwiſchen gab es zwi⸗ ſchen dieſen einfachen vier Wänden ſo viel Neues und Merkwürdiges zu ſehen. Es war ſo ſehr das erſte Mal, daß ſein Fuß eine derartige Wohnung überhaupt betrat, dieſe ärmlichen Geräthſchaften, dieſer Webſtuhl, dieſe bleichen, verkümmerten Menſchen, bis hinunter zu die⸗ ſem blödſinnigen Großvater, an dem er ſich nun vollends nicht ſatt ſehen konnte— das Alles war ihm ſo intereſſant, ſo merkwürdig, daß er, wie man zu ſagen pflegt, aus einer Verwunde⸗ rung in die andere gerieth und ſogar(es klingt un⸗ glaublich, entſprach aber dem Charakter des Poeten vollkommen) die ſchwarzäugige Margareth voll⸗ ſtändig darüber vergaß, beſonders ſeitdem er in ſeinem umherſtöbern und Schnopern auch auf die andere Seite des Hauſes gekommen war, und ſich hier mit dem rothen Konrad, der dem närriſchen fremden Herrn alsbald ſeine Schwäche abmerkte, in eine lange, lange Unter⸗ haltung vertieft hatte, über Weberei, Armuth, Landleben, und was ſie Mittags äßen und wo ſie im Winter ſchliefen, und warum ſie es ſich denn gar nicht ein bischen behaglicher in ihrer Wohnung machten, die vier nackten weißen Wände, das wäre ja nicht ein bischen gemüth⸗ lich, und er, Herr Florus, könne gar nicht be⸗ greifen, wie nur ein Menſch darin aushalten könne.. Während dieſer Unterhaltung, die ſchließ⸗ lich damit endete, daß der gerührte Florus dem ſchlauen Konrad einiges Geld in die Hand drückte, gewann Angelica die erwünſchte Gelegenheit, mit Reinhold unter die Haus⸗ thür zu treten und, in geflügelter Eile, die ———— 183 langerſehnten traulichen Worte zu ihm zu ſprechen. Zwar im Grunde des Herzens hatte ſie nicht übel Luſt, das Wiederſehen, ſtatt, wie es ihre Abſicht geweſen war, mit Gruß und Dank, vielmehr jetzt mit einer kleinen Strafpredigt zu begehen: ſo hölzern, däuchte ihr, war Reinhold's Benehmen, ſo kühl hatte er ihr herzliches Will⸗ kommen, ſo ungeſchickt und linkiſch ihre innige Dankſagung erwidert. Als ſie jedoch jetzt mit dem theuren Jugend⸗ gefährten wieder zuſammenſtand auf derſelben Stelle, wo ſie ſo manches Mal als Kinder zu⸗ ſammen geſpielt, als ſie ihm wieder in die lichten braunen Augen ſchaute, die, bei aller Kälte, welche in Reinhold's übrigem Weſen lag, ſie gleichwohl ſo treu, ſo gut anſchauten„als auch hier wieder die ganze Erinnerung vergangner, glücklicher Zeiten zugleich mit dem Bewußtſein ihrer gegenwärtigen ſorgenvollen Lage ſie über⸗ 184 kam: ſo vermochte ſie ihren Vorſatz nicht auszu⸗ führen und mußte, mitten unter ihren Thränen, ihn dennoch anlächeln. Nun, wie du auch biſt, Reinhold? ſagte ſie, indem ſie ihn mit kindlicher Vertraulichkeit bei veiden Händen faßte: Alle freuen ſich, daß das Engelchen wieder da iſt, und blos du nicht? Biſt du mir böſe, wie? daß ich dich geſtern nicht gleich erkannt und dir nicht gleich meinen Dank geſagt habe für deinen Beiſtand? Ach, guter Reinhold, ich that wohl ſo, als ob ich tapfer wäre: aber wenn du wüßteſt, wie ich mich innerlich geängſtigt habe... O, böſe, erwiderte Reinhold verlegen, in⸗ dem er ſeine Hände ſanft losmachte: wie wäre denn nur ein Tropfen Bluts in meinem Herzen, der böſe ſein könnte auf das Engelchen? Aber verzeihen Sie, gnädigſtes Fräulein, Sie ſind jetzt eine große, vornehme Dame, es ſchickt ſich nicht mehr— Wirklich ſahen ſie auch, wie die Wirthin mit noch einer andern Frau vor der Schenke ſtand und ſpöttiſch zu ihnen herübergeſticulirte; es war daſſelbe ältliche dicke Frauenzimmer, deſſen Kind Reinhold unter den Pferden hervorgeriſ⸗ ſen und das durch ihre unmütterliche Sorgloſigkeit die Veranlaſſung gegeben hatte zu dem ganzen Abenteuer. Angelica fühlte ſich wie von Blut über⸗ goſſen. In ihrer Kindereinfalt hatte ſie an jene Rückſichten, welche Geſellſchaft, Rang, Reich⸗ thum, Verhältniſſe aller Art zwiſchen ſie legten, auch nicht im Entfernteſten gedacht; ja es kränkte ſie beinahe von Neuem, daß Reinhold, der, meinte ſie im Stillen, ſich noch viel eher darüber hinwegſetzen konnte, dieſelben zuerſt in Erinnerung brachte. Dennoch konnte ihr klarer, ruhiger Verſtand nicht umhin ihm Recht zu geben; raſch zog ſie die Hand zurück. Sie haben Recht, Reinhold, es ſchickt ſich 1 3 3 1 3 —— 186 nicht, ſagte ſie, und ich danke Ihnen, daß Sie mich zurecht gewieſen— ach, ich ſehe wohl, es iſt eben Alles anders geworden ſeitdem, und auch wir haben, fürchte ich, unſere guten Zei⸗ ten gehabt... Dieſe Klage, entgegnete Reinhold, indem ein eigenthümliches, faſt bittres Lächeln um ſeine Lippen ſpielte, hätte ich nirgend weni⸗ ger als vom Munde des gnädigen Fräuleins er⸗ wartet: Sie haben ſo viel Schönes erlebt in dieſer Zeit, ſo viel Vortreffliches geſchen und gelernt, der Reichthum Ihres Herrn Vaters iſt ſo gewachſen, das Schloß, wie ich höre, iſt noch ſo viel prächtiger geworden als ehedem, Ihre Ankunft im Schloß zieht gleich am erſten Tage ſo viel fremde Gäſte herbei, daß ich mei⸗ nen ſollte, die glücklichen Zeiten für Sie, gnä⸗ diges Fräulein, gingen erſt recht an. Verwundert, dennoch ruhig, blickte Angelica zu ihm empor. Iſt das, ſagte ſie, unſer Freund Reinhold, der zu mir ſpricht? Ach, armer Rein⸗ hold, wie böſe muß es Ihnen gegangen ſein, daß Ihr Herz hat ſo krank werden können? Die Reihe des Erröthens war jetzt an Rein⸗ hold. Ich habe um Verzeihung zu bitten, ſagte rer, wenn ich durch ein ungeſchicktes oder übel⸗ gewähltes Wort das gnädige Fräulein beleidigt habe; das gnädige Fräulein mag daraus nur ſehen, wie raſch die Hand des Elends den Schimmer jener Bildung von mir abgeſtreift hat, die ich mir einſt in Ihrem Hauſe, in Ihrer Geſellſchaft erwerben durfte— glauben Sie mir, gnädiges Fräulein, ſie iſt ſchwer, ſehr ſchwer, die Hand des Elends.. Erſt bei dieſen Worten und auch jetzt mehr unwillkürlich als abſichtlich blickte Angelica um ſich, und wurde jetzt erſt all dieſe Zeichen tief⸗ ſten Verfalles und bitterſter Armuth gewahr, die aus jedem Winkel dieſes Hauſes, jeder Miene ſeiner Bewohner ſprachen. 188 O, ſagte ſie raſch, dies muß geändert wer⸗ den; armer Meiſter! armer Reinhold! Daß ſie dieſer Familie kein Almoſen bieten konnte, gerade ſie am Wenigſten, das fühlte das junge Mädchen Augenblicks, und darum machte ſie auch keinen Verſuch, keine leiſeſte Andeutung dazu. Aber ebenſo raſch ſtand auch der Entſchluß in ihr feſt, die Dauer ihres Aufenthaltes im Dorf zu benutzen zu Begrün⸗ dung irgend welcher Einrichtungen und Anſtal⸗ ten, durch welche dieſem Elend in einer zweck⸗ mäßigen und nachhaltigen Weiſe könne abgehol⸗ fen werden. Und zwar nicht blos dem Elend des Meiſters allein: im Hauſe des Profeſſors waren Gegenſtände dieſer Art oft und gründlich durch⸗ geſprochen, die zweckmäßigſten Mittel, durch Er⸗ weckung eigener geregelter Thätigkeit dem Elend der Armen und Nahrungsloſen abzuhelfen, man⸗ nigfach geprüft worden; ſogar Angelica ſelbſt hatte bereits an verſchiedenen derartigen Vereinen 189 Antheil genommen und ſich nur deshalb wieder davon zurückgezogen, weil ſie gefunden, daß es bei der Mehrzahl dieſer Vereine weit mehr auf die Eitelkeit der Unternehmer, als wirklich auf das Bedürfniß der Armen abgeſehen war. So ſchien es, beſonders indem ſie ſich an das eben ſtattgefundene Geſpräch mit Herrn von Leh⸗ feldt erinnerte, ihrer leichtbewegten Phantaſie denn allerdings ein Kleines, in Verbindung mit dem überlegſamen, praktiſchen, vielgewand⸗ ten Lehfeldt, Mittel aufzufinden, durch welche die Armuth dieſer Bevölkerung überhaupt ge⸗ lindert würde. Welchen Widerſtand Pläne dieſer Art bei ihrem Vater finden mußten, und wie wenig, nach der ausdrücklichen Erklärung deſſelben, gerade im Umkreis ſeiner Autorität der Ort war, ihre wohlwollenden, humanen Ideen zu verwirklichen, daran freilich dachte das gute Kind nicht.. Reinhold inzwiſchen hatte den Faden des Geſprächs wieder aufgenommen. Seien Sie überzeugt, ſagte er, gnädiges Fräulein, daß ich das Glück, das unſerm Dorfe und jetzt nun gar unſerm armen Hauſe durch Ihre Rückkehr widerfährt, ſo tief empfinde, wie irgend Einer, und daß alle die Jahre Ihrer Entfernung her kein Morgen geweſen iſt und kein Abend, daß ich nicht den innigſten Segen des Himmels herabgefleht habe auf Sie und Julian, den theuren Julian, meinen wie Ihren Bruder. Wol öfters, fuhr er mit trübem Lächeln ſort, habe ich, trotz des Verbotes von Ihrem Herrn Vater und trotz des Kummers, den ich den Meinen damit machte, mich in die Nähe des Schloſſes geſchlichen, und habe emporge⸗ ſehen zu den Fenſtern, ob ich nicht irgendwo das Antlitz meines Freundes erblicken könnte— ach, ich fürchte, er iſt krank, noch kränker als chedem: denn ſchon ſeit Langem bin ich keine Spur mehr von ihm gewahr geworden! Heiße Thränen tropften aus Angelica's ſchö⸗ nen Augen. Sie vermuthen recht, ſagte ſie, theurer Reinhold, mein armer Bruder iſt in der That kränker als je, ſehr krank, fürchte auch ich. Aber in Ihre Hand wird es gegeben ſein, ihn zu heilen und ihm den Muth und die Freude wieder zu bringen, deren Mangel ihn eben krank macht. Muth und Freude? wiederholte der junge Webersſohn bitter: Sie reden von Dingen, gnädiges Fräulein, die ich unmöglich Jemand mittheilen kann, weil ich ſelbſt ſie nicht mehr beſitze. Hätten Sie erlebt, ja könnten Sie ahnen in Ihrem klaren glücklichen Sinn, was ich er⸗ lebt ſeit Jahren, wären Sie auf wenige Tage nur Zeuge geweſen oder dürften Sie es nur jemals ſein— denn Gott behüte mich, daß ich Ihr reines frohes Leben trüben ſollte mit dem Anblick ſolcher Schatten—! von dem Trauerſpiel, das ſich ohne Aufhören, ohne Aen⸗ derung, alle Tage, alle Nächte, abwickelt zwi⸗ ſchen dieſen Mauern; ſähen Sie die Jammer⸗ geſtalt dieſes zum Kind, ja unter das Kind herabgeſunkenen Greiſen, der bei alledem nicht ſterben kann; ſähen Sie das langſame qualvolle Hinſcheiden meiner armen Tante; ſähen Sie dieſe Verzweiflung meiner unglücklichen Schweſter, dieſe faule Nichtswürdigkeit meines Schwagers; ja hätten Sie nur meinen Vater geſehen, nur ein Mal, ein einziges Mal, in einem Augen⸗ 4 blick wie geſtern... Der junge Mann verſtummte. Auch An⸗ gelica, aufs Tieſſte erſchüttert, wagte nicht die traurige Stille zu unterbrechen. Erſt nach einer längern Pauſe fuhr Rein⸗ hold fort: Sie werden meine Muthloſigkeit ſchelten⸗ gnädiges Fräulein, Sie werden verwundert fra⸗ gen, wo mein ehemals ſo heiterer Sinn, meine ſonſt ſo kühnen Hoffnungen, meine Pläne und 193 Träume geblieben ſind. Ich thue es auch, ich ſchelte und frage mich ſelbſt: aber ich finde doch keine andere Antwort, als daß man Muth und Hoffnung und Leben nicht ſuchen darf bei — den Todten. Wir ſind todt, alleſammt, gnädiges Fräulein, wie dieſe Hütte uns hier um⸗ ſchließt: todt, hingewürgt von dem Verhängniß der Zeit, gegen das mein Vater ſich vergebens auflehnt und das die Thätigkeit, zu der wir erzogen ſind, nun einmal nicht mehr haben will. Auch ſind wir es ja nicht allein: noch Hundert⸗ tauſende unſerer Brüder ſind ja in derſelben Lage, ich ſehe das ſehr wohl ein, und ſehe auch ein, daß es gar nicht anders ſein kann, daß wir die unerläßlichen Dpfer ſind, ſein müſſen für die neue Zeit, die neue Weltordnung, die über unſerm Lande emporſteigt. Ihr Herr Va⸗ ter mit ſeinen Maſchinen hat doch Recht, und nur wir ſelbſt tragen die Schuld unſeres Un⸗ terganges. Aber Sie werden auch von einem Das Engelchen. II. 9 194 Sohne, deſſen Gehorſam das Einzige iſt, wo⸗ mit er das kummervolle Leben ſeines Vaters noch erheitern kann, nicht verlangen, daß er ſoll klüger ſein wollen als der Vater, und ſoll ſich dem Verhängniß entziehen, das über jenen unrettbar geworfen iſt. Betrachten Sie uns denn als Geſtorbene, theures Fräulein, und wenden, o wenden Sie, deren ganzer Anblick nur Luſt und Leben athmet, die Sie von Gott berufen ſind, Freude und Glück zu verbreiten überall, wo Sie erſcheinen— wenden Sie Sich ab von dieſem Hauſe der Todten, vergeſſen Sie uns, wie man die Todten vergißt, vergeſ⸗ ſen muß... Nein, nein, rief Angelica, von Schmerz überwältigt, Sie ſollen leben, Reinhold! leben und glücklich ſein, ja Glüc und Leben ver⸗ breiten! Und mit geflügelten Worten(denn ſchon hörte ſie, wie auch Herr Florus wicder in An⸗ ——————————— 195 zug war: derſelbe hatte ſich endlich auch der ſchwarzen Margareth wieder erinnert, ohne jedoch das gehoffte Glück bei ihr machen zu können, im Gegentheil, ſie hatte ihn ſehr kalt und ſtill abfallen laſſen) erzählte ſie in Kürze die Unter⸗ redung, welche ſie in Betreff Julian's mit dem Commerzienrath gehabt hatte. Sie deutete auf die Möglichkeit hin, daß Reinhold der Eintritt in das Schloß wieder geſtattet würde, und bat ihn dringend, ſich für dieſen Fall ihrem Bruder, für deſſen Wiederherſtellung, körperliche wie geiſtige, ſie ſo viel davon hoffe und deſſen Sehnſucht nach ihm ſo unüberwindlich ſei, nicht zu entziehen. Wieder indeß hatte ſie den Schmerz, daß etwas, deſſen bloßer Gedanke ſie ſchon vor Freuden ſchwindeln gemacht hatte, von Rein⸗ hold vielmehr mit mistrauiſcher Kälte zurückge⸗ wieſen ward. Sie vergeſſen, ſagte er, gnädiges Fräulein, daß ich nicht freiwillig aus dem Hauſe Ihres Herrn Vaters geſchieden bin, ſondern gezwun⸗ gener Weiſe, und nach einer Behandlung, welche mir den längeren Aufenthalt daſelbſt unmöglich machte. Ich bin nur ein armer, elender Menſch, ein verhungernder Weber, weiter nichts, und die Bedienten Ihres Herrn Vaters dünken ſich, nicht mit Uunrecht, große Herren gegen mich. Gleichwohl, ſo niedrig ich bin, habe ich doch meine Ehre, gnädiges Fräulein, meine Ehre.. Und indem er dies Wort Ehre wiederholte, funkelte ſein Auge ſo männlich, ſo tapfer, daß Angelica, ſo ungern ſie ſeine Weigerung übri⸗ gens auch hörte, ihm dennoch nicht gram ſein konnte. Dieſe meine Ehre, fuhr der Weberſohn fort, geſtattet mir nicht, Ihren Antrag anzunehmen; es iſt eine Sache, welche eine Dame vielleicht nicht ſo nachempfinden kann, aber genug, ich empfinde ſie. Ja, ſagte Angelica ſchmollend, und da⸗ von, daß mein armer Bruder über Ihrem Ehrgefühl zu Grunde geht, empfinden Sie nichts.. Wohl, erwiederte Reinhold, nach einigem Bedenken: wäre dieſer Grund der einzige, ich würde ihn dem Wunſche Ihres theuren Bru⸗ ders und— Ihrem eignen, gnädiges Fräu⸗ lein, vielleicht zum Opfer bringen. Aber be⸗ denken Sie, daß weder mein Wille allein noch ſelbſt auch der Wille Ihres Herrn Vaters die Entſcheidung geben kann: ſondern daß auch mein Vater eine Stimme hat in dieſer Sache. Nach Allem, was ich über das Verhältniß zwiſchen dem Herrn Commerzienrath und mei⸗ nem Vater weiß, und was allerdings bis auf dieſe Stunde nicht ein Buchſtabe mehr iſt, als alle Welt weiß, zweifle ich ſehr, daß es möglich ſein wird, jemals die Einwil⸗ ligung meines Vaters zu Ihrem Plane zu er⸗ halten. Angelica machte allerhand Vertröſtungen, mehr freilich ſich ſelbſt als Reinhold zu überreden. Reinhold zauderte. Geſtatten Sie mir, gnädiges Fräulein, ſagte er endlich, dieſe Sache, noch bevor mein Vater irgend etwas davon erfährt, mit unſerm gemein⸗ ſchaftlichen Freunde, meinem theuren Jugend⸗ lehrer Leonhard zu beſprechen. Das Unglück, in welchem derſelbe ſich befindet, hat ſeinen Blick nur noch einſichtiger, noch milder ge⸗ macht. Auch wiſſen Sie ja, wie ſehr er Ihrem Bruder, wie ſehr er Ihnen ſelbſt, wie ſehr er uns Allen zugethan iſt; er kennt alle Verhältniſſe, alle Rechte und auch alle Pflich⸗ ten: was er mir räth, dem will ich fol⸗ gen und weiß zum voraus, theures Fräu⸗ lein, daß auch Sie damit einverſtanden ſein werden. Angelica wußte dieſem Vorſchlage nichts entgegenzuſetzen; ſie nahm nur noch Abrede, 199 daß Reinhold, wenn möglich, noch heut mit Leonhard ſprechen ſollte, und verließ ſodann, von dem Poeten begleitet, die Wohnung des Meiſters. Zwölftes Kapitel. Die Berathung. Das armſelige Hirtenhaus vor dem Dorfe, das dem Schulmeiſter Leonhard zum einſtweiligen Aufenthalt diente und wo ſonſt kaum ein Laut gehört ward, als nur Seufzer und unterdrückte Thränen, hallte am Nachmittag dieſes Tages wieder von lautem, luſtigem Geſang, von Scher⸗ zen und Flüchen. Nämlich der tolle Heiner, mißvergnügt dar⸗ über, daß der Meiſter die Annahme ſeines Geldes verweigert, und feſt entſchloſſen, wie er einmal war, es für ſich nicht zu behelten, hatte dem⸗ ſelben keine beſſere Verwendung geben zu können ——— 201 geglaubt, als daß er es dem Schulmeiſter über⸗ brachte. Es war dies auch eine jener Grillen, durch welche die Zerrüttung ſeines Hirns ſich kund gab: geſtern noch hatte er ſich aufhängen wollen, weil er zu arm ſei— und heute lief er den Leuten ordentlich nach und ſuchte, an wen er ſein Geld verſchenken konnte. Auch die Form des Geſchenkes war, für dieſe Verhältniſſe wenigſtens, abenteuerlich und ver⸗ kehrt, wie eben nur der tolle Heiner ſie erdenken konnte. Denn da er vorauswußte, daß auch der Schulmeiſter, der an Stolz und Zartgefühl dem Meiſter wahrlich nicht nachſtand, das baare Geld von ihm ganz gewiß nicht annehmen würde, ſo hatte er allerhand Einkäufe dafür bei der Wirthin gemacht: Einkäufe, bei denen er weit mehr ſeinen Geſchmack und ſeine Neigung zu Rathe gezogen, als die Neigung und das Bedürfniß des Schulmeiſters. Das heißt alſo, außer einigen Broden und Fleiſchwaren, haupt⸗ ſächlich Wein und Branntwein.— Zur Steuer der Wahrheit müſſen wir jedoch hinzuſetzen, daß dieſer unpaßliche Einfall nicht ganz aus dem ver⸗ brannten Hirn des Bettlers allein hervorgegan⸗ gen: ſondern auch die Wirthin und ihr Stamm⸗ gaſt, der Karrenſchieber, hatten darauf zuge⸗ redet, jene aus Gewinnſucht, dieſer aus natür⸗ licher Querköpfigkeit, um nicht zu ſagen Scha⸗ denfreude. Mit dieſer ſeltſamen Fracht beladen, war der tolle Heiner denn alſo in dem Schulmeiſterhauſe erſchienen; es hatte ihn nicht wenig überraſcht, ſtatt der Freude, welche er mit ſeinen Geſchen⸗ ken hervorzurufen gedacht hatte, ſowohl vom Schulmeiſter, wie namentlich von der Schweſter deſſelben, Anna, mit Verlegenheit, ja mit Vor⸗ würfen empfangen zu werden. In der That gehörte die ganze Tollheit eines Verrückten oder die ganze ſchmutzige Berechnung einer gewin⸗ ſüchtigen Wirthin dazu, dem Schulmeiſter, die⸗ ſem Muſter von Nüchternheit und Mäßigkeit, gerade ein ſolches Geſchenk in ſein armes Haus zu bringen. Am Verdrießlichſten darüber war Anna. Sie war ein Frauenzimmer von ernſtem, faſt ſtrengem Charakter, in Mitte der Dreißiger; um ihren Bruder, den ſie zärtlichſt liebte, nicht verlaſſen zu müſſen, war ſie unverheirathet geblieben, und trug jetzt, durch ihre ſtille, geräuſchloſe Thätig⸗ keit und ihren praktiſchen, faſt männlichen Sinn, nicht wenig dazu bei, die mißliche Lage, in welche Leonhard gebracht war, zu erleichtern. Dieſer tolle Menſch, murrte ſie leiſe vor ſich hin, als der Vagabond höchſt vergnügt ſeine Flaſchen auspackte und ſogleich auch, zur Probe, ob der Saft auch gut ſei, wie er ſagte, eine derſelben zu leeren anfing—: wird uns noch mehr in den Mund der Leute bringen, als wir es leider ſchon ſind; du ſollteſt ihn doch aus dem Hauſe weiſen, Leonhard. 204 Aber dazu hatte Leonhard theils zu viel Ach⸗ tung vor jenen Funken von Geiſt, Kenntniß und Bildung, die zu Zeiten in dem Unglücklichen aufblitzten, theils auch rührte ihn die Gutmü⸗ thigkeit, die bei alledem in dem Verfahren des Tollen lag. Und endlich war er auch viel zu reſignirt in ſein Schickſal, viel zu beſchäftigt mit ſeinen eignen düſteren Gedanken, als daß es ihm nicht vollkommen gleichgiltig geweſen wäre, ſowohl was um ihn her vorging, als was die Leute darüber ſagen möchten. Ganz vorzüglich war dies heut der Fall, wo die Nachricht von der Rückkehr des Engelchen, die auch bereits bis zu ihm hinausgedrungen war, all ſeinen Gram und ſeine Sorgen mit verdoppelter Stärke wie⸗ der aufgeweckt hatte. Er begnůgte ſich daher auf alle Vorſtellungen und Aufforderungen ſeiner Schweſter nur mit⸗ leidig mit den Achſeln zu zucken, ſetzte ſich in eine Ecke des Zimmers, von wo er die Ausſicht auf das Schulgebäude hatte, und überließ ſich den gewohnten traurigen Gedanken. Den Tollen natürlich genirte das nicht im Allermindeſten; wenn ſeine Gäſte nicht trinken wollten, auch gut, ſo trank er allein. Nicht blos guter Wein, ſagte er, eine Stelle aus Shakeſpeare parodirend, ſondern auch ſchlechter iſt ein gutes geſelliges Ding: und jeder Menſch, guter wie ſchlechter, vernünftiger und toller, mag ſich wohl einmal davon begeiſtern laſſen.— In der über⸗ müthigen Laune, in der er ſich befand, rückte er einen alten Tiſch mitten in die Stube, ſetzte ſich oben darauf, baute ſeine Flaſchen und Vorräthe rings umher, zechte, ſang, ſchrie— Es war ein wahres Glück, daß das Hirtenhaus ſo einſam lag, ſonſt wären gewiß die Vorübergehenden auf der Gaſſe ſtehen geblieben; ſchon jetzt wußte die arme Anna vor Verlegenheit nicht mehr, was anfangen. Ich bin, ſchrie der Tolle, indem er eine geleerte Flaſche auf ſeinen Knotenſtock ſteckte 206 und gravitätiſch damit unherflcht wie mit einem Scepter, König Prosper auf der verzauberten Inſel, dies iſt mein Zauberſtab und nun red' ich Euch an: „Ihr Elfen von den Hügeln, Bächen, Hainen Und Ihr, die Ihr am Strand, ſpurloſen Fußes, Den ebbenden Neptunus jagt, und flieht, Wenn er zurückkehrt; halbe Zwerge, die Ihr Bei Mondſchein grüne ſaure Ringlein macht, Wovon das Schaf nicht frißt...“ Der halbe Zwerg biſt du, Schulmeiſter, und das Schaf auch; weil du nicht trinken willſt von dieſem grünen ſauren Tranke, mit dem das Eſſig⸗ faß in der Schenke mich angeführt hat.— Aber es thut nichts bei alledem:„wenn das Faß leer iſt, wollen wir Waſſer trinken, vorher keinen Tropfen, alſo haltet Euch friſch und ſtecht an“, ſagt Stephano: und Stephano iſt ein geſcheiter Burſch, weit geſcheiter als Trinculo, obwohl der wieder den geſcheitern Namen hat: Trin⸗ culo, proſt Trinculo.. 207 In dieſer Lage fand Reinhold die kleine Verſammlung. Sowie der Bettler ihn erblickte, trommelte er vor Vergnügen mit den Füßen, daß die Flaſchen rings um ihn tanzten und klirrten. Denn er liebte Reinhold mit einer ganz abſonderlichen Zärtlichkeit und freute ſich jedesmal, wo er ihn erblickte. Ah, ſchrie er, mit den Worten Falſtaff's aus der letzten Scene Heinrich's des Vierten: da kommt mein König Heinz, mein königlicher Heinz— „Mein Fürſt, mein Zeus! dich red' ich an, mein Herz!“ Und gleich darauf in die Worte übergehend, mit denen der alte Pandaros ſeiner Nichte Creſſida den ſchönen Troilus empfiehlt:„O wun⸗ derſchöner Jüngling und noch nicht drei und zwanzig! Hätte ich eine Grazie zur Schweſter oder eine Göttin zur Tochter, er ſollte die Wahl haben. O wunderſchöner Held! Paris iſt ein 208 Quark gegen ihn und ich wette, Helena tauſchte gern und gäbe noch Geld in den Kauf!“ Es dauerte einige Zeit, bevor der Wahn⸗ witzige mit dieſen und anderen Declamationen zu Ende kam und es Reinhold möglich wurde, die Abſicht ſeines Kommens zu erzählen und den Rath der beiden Geſchwiſter(denn auch auf das Urtheil der verſtändigen, überlegſamen Anna legte er großes Gewicht) einzuholen.— Der Bettler, ſobald er hörte, wovon die Rede war, goß raſch noch eine Neige hinunter, ſtieg dann von ſeinem Tiſch und ſetzte ſich mit großer Ernſthaftigkeit zu den Uebrigen. Der Schulmeiſter befand ſich in viel zu niedergedrückter Stimmung, und war auch über⸗ haupt viel zu eingeſchüchtert durch ſeine jüngſten Schickſale, als daß er die entſcheidende Meinung, um welche es Reinhold zu thun war, ſogleich bei der Hand gehabt hätte. So muthvoll und tapfer dieſer Mann, wo es die Vertheidigung — — ſeiner pädagogiſchen und religiöſen Grundſätze galt, ſo bedenklich, ja furchtſam war er in allen Dingen des eigenen praktiſchen Lebens.— Er verkannte nicht, wie ſchwierig, nach einer ſo gewaltſamen, ſo öffentlichen Löſung, die Wieder⸗ anknüpfung des Verhältniſſes mit dem Schloſſe ſein würde, und wie viel ſchwieriger noch die Fortführung, beſonders, da an eine Ausſöhnung der beiden Väter doch ein für allemal nicht zu denken ſei. Auch konnte er nicht in Abrede ſtellen, daß Reinhold dabei in eine ſchiefe, faſt unwür⸗ dige Stellung gerathen mußte, und daß endlich bei alledem der Erfolg, den Angelica ſich für ihren Bruder davon verſprach, noch ziemlich unſicher. Andrerſeits jedoch war auch das Gefühl der Venſchenliebe in Leonhard ſo lebendig, er ſelbſt hing an Julian mit ſo viel Zärtlichkeit, hatte auch Reinhold, deſſen Talente er gar nicht hoch genug anſchlagen konnte, mit ſo viel Bedauern 3 5 —0 an den väterlichen Webſtuhl, in den harten, unfruchtbaren Dienſt der täglichen Nothdurft zurückkehren ſehen, daß die entgegenſtehenden Gründe dadurch faſt wieder aufgehoben wurden. Auch freute er ſich innigſt über das thätige, energiſche Auftreten des Engelchen, das mit ſo kecker Hand in dieſe wirren Verhältniſſe hinein⸗ griff: Verhältniſſe, vor denen gewiß ſelbſt der erfahrenſte Mann ſich gern zurückgezogen hätte und die gleichwohl ſie, das unbefangene, uner⸗ fahrene Mädchen, mit dem frohen Muth der unſchuld zu löſen gedachte.— Wäre es nur auf Leonhard ſelbſt dabei angekommen, gewiß, er hätte es nicht über das Herz gebracht, einem Plane des Engelchen ſeinen Beiſtand zu ver⸗ weigern. Und ſo ſchwankte er denn, nentſchloſſen in ſeinen Aeußerungen hin und her, und that mit allem Hin⸗ und Herreden eben nicht viel mehr, als daß er die Schwierigkeit der Sache, ſo 211 oder ſo, in beiden Fällen, weitläuftigſt dar⸗ legte. Der Vagabond, der, wie ſchon geſagt, ſeit Beginn der Berathung ganz ernſthaft und ver⸗ nünftig geworden war, konnte dieſes unent⸗ ſchiedene Hin- und Herreden nicht länger mit anhören. Nachdem er ſchon mehrfach durch Murren und Schütteln ſeine Ungeduld zu er⸗ kennen gegeben, ſprang er endlich auf und un⸗ terbrach Leonhard mitten im Satze. „Ja und nein zugleich“, rief er mit einer bekannten Stelle aus König Lear:„das war keine gute Theologie!“ Laß mich reden, Schulmeiſter! Zwar ich bin ein Toller und du biſt— „nicht toll: doch mehr gebunden wie ein Toller, Geſperrt in einen Kerker, ausgehungert, Gegeißelt und geplagt“— Darum haſt du keinen Verſtand in dieſer Sache, Schulmeiſter, ſolch ein kluger Mann du auch ſonſt biſt. Höre mich an, Goldprinz, Zucker⸗ 212 ſöhnchen, fuhr er zu Reinhold gewendet fort: das Ende dieſer ganzen gleißenden Bekehrung iſt näher als Ihr Vernünftigen es denkt:— Geiſter, weiß und grau, Geiſter, roth und blau, Rührt, rührt, rührt, Rührt aus aller Kraft! Ich höre(fuhr er fort) ſchon ordentlich dies Rumpeln in der Erde, wie ein großes Magen⸗ knurren, mit dem das Erdbeben heranzieht, näch⸗ ſtens geht der Spectakel los, habt Acht! und bevor Einer von alle den klugen Kerlen noch Zeit gehabt hat, ſich an die Naſe zu faſſen,— „ſo werden Die wolkenhohen Thürme und Paläſte, Die hehren Tempel ſelbſt, der große Ball, Ja was daran nur Theil hat, untergehen Und, wie dies leere Schaugepränge platzt, Spurlos verſchwinden.“ Du biſt mir zu ſchade, Junge, ich habe dich zu lieb mit deinen thörichten braunen Augen, als daß ich dich möchte ſo mit untergehen laſſen. Und darum warne ich dich und befehle dir kraft des Geiſtes Flibbertigibbet, welcher allmächtig iſt in mir—„den Wein liebte ich kräftig, die Wür⸗ fel heftig und mit den Weibern übertraf ich den Großtürken“— Waos wollt' ich ſagen? Ja ſo, das wollt' ich ſagen: der Humor von der Sache, mein Sohn, wie Korporal Nym es nennt, ein Mann, der ſich auf Humore verſtand, iſt dies, daß du nicht wieder in das Schloß gehſt, hörſt du? Du bleibſt, wo du biſt, mein Sohn,— ach(und hier wieder ſchienen ſeine Sinne ſich völlig zu verwirren, ſeine Augen ſtierten gläſern vor ſich hin, indem ſein Mund ſich zu entſetzlichem Hohnlachen verzerrte): es iſt ein verzaubertes Schloß geworden, das Zauber⸗ ſchloß der Armide iſt es, und du biſt zu gut dafür, als Rinaldo dieſer Zauberin zu dienen! Ich— ei ja, was liegt an mir?„Ich bin ein Mann, an dem man mehr geſündigt, als 214 er fündigte“—: und darum habe ich ein Recht, dir das zu ſagen, ſo närriſch ich auch bin. Auch Anna hatte die Aeußerungen ihres Bruders mit ſtillem Mißbehagen angehört. Von früh an hatte ſie ſich gewöhnt, Reinhold wie einen jüngeren Bruder, ja wie einen Sohn zu behandeln und einigermaßen zu leiten. Viel⸗ leicht, wer ſie ſchärfer beobachtete, dem hätte es zuweilen ſcheinen mögen, als ob es nicht blos ſchweſterliche oder mütterliche Zuneigung war, was ſie ſo beſorgt machte um Reinhold's Wohl, ſondern als ob eine leiſe, leiſe Ader noch an⸗ derer Leidenſchaft damit zuſammenflöſſe. Aber jedenfalls, wäre es auch wirklich ſo geweſen, war dieſe Leidenſchaft doch ſo rein, ſo edel, ſo frei von aller Selbſtſucht, daß das Verhältniß dadurch ſogar nur um ſo werthvoller, ja heiliger erſchien.— Was den vorliegenden Fall anbe⸗ traf, ſo war auch Anna dem Gedanken an Rein⸗ hold's Rückkehr in die Familie des Fabrikanten aufs Aeußerſte, mit einer faſt eiferſüchtigen Hef⸗ tigkeit, abgeneigt; ſo widerwärtig das Geſchwätz des tollen Heiner ihr ſonſt auch war, ſo hatte ſie doch diesmal ihre geheime Freude daran, weil es, wie verworren immer, doch ihre eigene An⸗ ſicht unterſtützte. Heiner, ſagte ſie, hat Recht, und ich ſchließe mich ſeinen Worten an— Oho, oho, wieherte der Tolle: „'s iſt Fluch der Zeit, wenn Lolle führen Blinde“.. Anna, ungeſtört durch den Spott des Bett⸗ lers, legte in klarer, ruhiger Auseinanderſetzung ihre Meinung dar. Sie beſtätigte Alles, was ihr Bruder bereits gegen Angelica's Vorſchlag geſagt hatte, und hob namentlich hervor, wel⸗ chen Schein von Eigennutz und Unwürdigkeit es auf Reinhold werfen würde, wenn er, um eines Erfolges willen, der zunächſt nur ihm ſelbſt und ſeiner eigenen Perſon zu Gute käme, ſeine und 216 ſeines Hauſes ſo tief gekränkte Ehre preisgeben und ſich aufs Neue den Anmaßungen und Feind⸗ ſeligkeiten des Commerzienraths, dem kränkenden Hochmuth ſeiner Gemahlin, endlich den Intri⸗ guen des Herrn Waller ausſetzen wollte. Ueberhaupt, ſetzte ſie hinzu, wenn ich wäre wie du, Reinhold, und wäre ſo geſcheit und hätte ſo viel gelernt, ich gäbe meinem Herzen einen Stoß, wie wehe es auch thun möchte, riſſe mich heraus aus all dieſen elenden Verhältniſſen und ginge tapfer hinaus in die weite Welt, wo ein Menſch von deinen Talenten und deinen Fähigkeiten ja unmöglich zu Grunde gehen kann. Du wirſt ſagen, daß die Rückſicht gegen deine Familie dir das verbietet, und zum Theil haſt du darin Recht. Aber auch nur zum Theil. Sieh, wie vortrefflich dein Vater iſt und wie ſehr wir alle ihn verehren, ſo thut er dir doch mit ſeiner thörichten Abneigung gegen die Studien, welche dir ſo lieb ſind, und namentlich gegen dies 217 Maſchinenweſen, in welchem du ſelbſt, wie ich höre, ſchon ſo hübſche Erfindungen gemacht haſt, das äußerſte Unrecht, dir ſowohl, wie ſich ſelbſt. Setz' dich hin, nimm deine Pa⸗ piere und Zeichnungen zuſammen, arbeite was Rechtſchaffenes aus, und dann gehe damit zu Leuten, die dergleichen zu würdigen verſtehen und auch Geld und Intereſſe haben, es ins Werk zu ſetzen; es iſt ja bei dem hohen Werth, der heutzutage aller Orten auf alle neuen mechani⸗ ſchen Erfindungen gelegt wird, geradehin un⸗ denkbar, daß du nicht auch dein Glück damit machen ſollteſt. Dann, ſiehſt du, wenn ich mir uf dieſe Art Geld, Anſehen, Rang erworben hätte, wenn ich ſelbſt ſolch ein Mann geworden wäre, wie dieſer Herr Wolſton, der ja auch, wie man munkelt, nicht eben auf dem Geldſack geboren ſein ſoll, ſiehſt du, dann, aber auch nur erſt dann, wolit' ich meinen Fuß wieder über die Schwelle des Schloſſes ſetzen! Dann ſtellt ich Das Engelchen. II. 10 218 mich hin vor den Herrn Wolſton mit ſammt ſeinem Julian und ſeinem Engelchen und ſagte: jetzt iſt es was Anderes, jetzt, liebes Engelchen... Es war wunderlich anzuſehen, wie bei dieſen Worten Anna's und Reinhold's Augen, die einen forſchend, die andern erwartungsvoll, ſich begegneten, wie Anna, im Begegnen der Blicke, verſtummte und wie dann Beide verlegen vor ſich nieder auf die Erde ſahen. Reinhold, der überhaupt ſeit ſeinem Geſpräch mit dem Engelchen in eine gewiſſe Unzufrieden⸗ heit mit ſich ſelbſt gerathen war, konnte nicht umhin, das Richtige, das in Anna's Worten welche Anna in ſeine Fähigkeiten ſetzte, und dieſer Reſpect, mit welchem ſie von ſeinen Ent⸗ würfen und Zeichnungen ſprach, ſchmeichelte ihm, um ſo mehr, als er wußte, daß ſie gerade in dieſem Punkt nur das Echo ihres ſachverſtändigen Bru⸗ lag, anzuerkennen; dieſe ſo ſicheren Hoffnungen, ders war, und fachte den, unter der kalten Hand ————— ———— 219 des Elends faſt ſchon erloſchenen Ehrgeiz des Jünglings wieder an. Er beſchloß bei ſich ſelbſt, mit noch größerer Anſtrengung als bisher jede freie Stunde für ſeine Studien zu benutzen, ja noch heut Abend, gleich wenn er nach Hauſe käme, wollte er ſie wieder vornehmen und die geſtern ſo unſanft unterbrochene Arbeit weiter fortſetzen. Was dann zuletzt aus dem Ganzen werden und ob es ihm möglich ſein würde, den Widerſtand, welchen der Vater ſeiner Beſchäfti⸗ gung entgegenſetzte, zu beſiegen— nun, der Himmel mochte es entſcheiden. Nachdem man auf dieſe Weiſe die Angele⸗ genheit noch verſchiedentlich durchgeſprochen, ver⸗ einigte man ſich ſchließlich dahin, daß Reinhold zwar den Antrag des Engelchen nicht mit run⸗ den Worten abweiſen, aber ſeine Antwort doch ſo ſtellen ſollte, daß ſie ſelbſt die Ablehnung ſich daraus entnehmen könne. Auch der Bettler war mit dieſem Reſultat 10* 220 zufrieden. Heda, ſchrie er, indem er die beiden Männer faſt mit Gewalt nöthigte, ein Glas Wein mit ihm zu leeren:„hängt alle Männer, die das nicht können!“ Und dann mit allerhand zuſammengewürfelten Stellen aus dem Shak⸗ ſpeare'ſchen Wintermärchen:„Das iſt ein aller⸗ liebſter Kerl“, ſagte er,„er hat Bänder von allen Farben des Regenbogens, ſpitzige Häke⸗ leien, Garn, Wolle, Kammertuch, Leinewand hat er—“ „Fahre wohl! Der Tag wird trüb' und trüber, du kriegſt wohl Ein rauhes Wiegenlied—“ „Komm, Page, Blick' mit dem Himmelsaug' mich an, du Mein Schelm! Herz! mein Schatz Preizehntes Kapitel. Freudenfeuer. Um der Gedanken Herr zu werden, welche die in ihm aufgeweckt, vielleicht auch um ſich deſto ungeſtörter gewiſſen Träumen hinzugeben, die mit unwiderſtehlicher Gewalt ſein Herz umſtrick⸗ ten, ging Reinhold nicht unmittelbaren Wegs nach Hauſe zurück, ſondern machte zuvor noch einen Gang ins Freie. Zwar mußte er ſich ſelbſt darüber ſchelten: für arme Leute, wie er war, gibt es kein Spazierengehen, ſelbſt der Genuß dieſer allumgebenden, allgegenwärtigen Natur iſt bei uns zu einem Privilegium gewor⸗ verſchiedenen Unterredungen des heutigen Tages * den für die Wohlhabenden und Vornehmen, welche die Zeit dazu haben.— Weshalb wir uns denn auch nicht wundern und noch weniger es als Roheit verdammen ſollten, wenn bei un⸗ ſeren ſogenannten niederen Ständen der Sinn für die Natur im Allgemeinen ſo wenig ent⸗ wickelt iſt: gebt ihnen erſt die Muße, gebt ihnen erſt die Freiheit und Unbekümmertheit der Stim⸗ mung, die dazu gehört, und euer Urtheil wird vermuthlich anders ausfallen müſſen.— Aber der Sommerſonntag lockte gar zu lieb⸗ lich, der Himmel war ſo blau, die Berge ſo duftig, die Vögel trillerten ſo hell, ſo muthig, Reinhold ſelbſt war das Herz ſo weich, ſo weh, und doch ſo voll ungewiſſer, ſeliger Ahnung, ſein Kopf ſo glühend, ſein Geiſt ſo voll von allerhand wunderſamen, weitgreifenden Projecten und Plänen— nein, er mußte auch einmal zwei Stunden für ſich haben, mußte auch einmal Troſt und Kühlung ſuchen für das fieberhaft ————— erregte Herz am milden, mütterlichen Buſen der Natur! Die Dämmerung war ſchon längſt herein⸗ gebrochen, als er endlich in die väterliche Woh⸗ nung zurückkehrte. Der Meiſter war noch nicht wieder heim; Margareth war ebenfalls, gewiſſer häuslicher Beſorgungen halber, über Feld. Nur Konrad war bei der kranken Schwägerin und dem armen geſtörten Großvater zurückgeblieben; er hatte ſich, zum Beweis ſeiner Beſſerung, aus freien Stücken dazu erboten. Mit der Zeit in⸗ deſſen war ihm dieſe Geſellſchaft doch ein wenig zu einförmig geworden; gar zu lieblich waren die Fiedeln von drüben, aus der Schenke her, er⸗ klungen, gar zu heiß hatte das Geld, das aus der Hand des Herrn Florus in ſeine Taſche geſchlüpft war, ihn darin gebrannt... Und dann, was die Hauptſache war, mußte er ja auch ſeinen Freunden und Bekannten die Neuigkeit erzählen, daß ein Kind unterwegs ſei von der Margareth und dem rothen Konrad, ein leibhaftiges, lebendiges Kind! Man muß wiſſen, welch außerordentlicher Werth gerade von dieſer, der ärmſten Klaſſe der Geſellſchaft, auf Frucht⸗ barkeit der Ehe gelegt wird, und wie der ent⸗ gegengeſetzte Fall bei ihnen noch immer als eine Art von Makel gilt, um die Ungeduld zu be⸗ greifen, von welcher Konrad brannte, unter ſeinen Wirthshausfreunden eine Neuigkeit zu verbreiten, die ihn ſelbſt im erſten Augenblick ſo tief erſchreckt hatte und die ihn gleichwohl jetzt ſo ſtolz, ſo übermüthig machte. Kaum alſo, daß Lene ein wenig eingenickt war, hatte Konrad ſich leiſe davongeſchlichen; nur auf fünf Minuten, hatte er dem alten Groß⸗ vater betheuert, der zu Lenens Häupten ſaß und ihr die Fliegen wehrte. Der Alte hatte ſo alt⸗ verſtändig genickt und ſo freundlich dazu ge⸗ lächelt, Alles natürlich ohne den mindeſten Ver⸗ ſtand und Sinn und ohne auch Konrad's Worte 225 im Entfernteſten verſtanden zu haben, daß dieſer ſich im vollen Rechte glaubte, als er die fünf Minuten zu einer Viertel⸗, einer halben, einer ganzen Stunde ausdehnte. Ja wie hätte er auch anders können? Die Leute waren ja alle ſo höflich, ſo zuvorkommend gegen ihn, es brachte ſichtlich ſolchen angeneh⸗ men, faſt reſpectvollen Eindruck hervor, daß er, der geſtern ſo völlig ausgebeutelt geſchienen, heute ſchon wieder ſo flott bei Gelde war, der Wein war ſo beſonders ſchmackhaft heute, die Wendungen des geſtrigen Spiels wurden mit ſo viel Sachkenntniß beſprochen, der lange Kar⸗ renſchieber wußte den verhaßten Vagabonden ſo trefflich nachzuahmen, und als Konrad endlich mit der Neuigkeit ſeiner bevorſtehenden Vater⸗ freude hervorrückte, war der Jubel unter den Genoſſen ſo allgemein und ſelbſt die dicke Wir⸗ thin(die ihn ſonſt in der Regel etwas von oben herab behandelte: nämlich weil er ſelten bei Gelde 226 war) ſchüttelte ihm heute ſo theilnehmend, ſo herzhaft die Hand:— daß er ja der gröbſte Menſch von der Welt hätte ſein müſſen, hätte er eine ſo artige, liebenswürdige Geſellſchaft vorzeitig verlaſſen und die gefüllten Gläſer, die ihm von allen Seiten zugebracht wurden, unbe⸗ rührt ablehnen wollen.— Und ſo befanden ſich denn, als die Dämme⸗ rung hereinbrach, die beiden Kranken wiederum, wie in der Nacht zuvor, allein. Lene, welche der Beſuch des Engelchen in eine ganz unge⸗ wöhnliche Aufregung verſetzt hatte, warf ſich in unruhigem Schlummer hin und her; ſie träumte ſo laut und ſprach ſo viel wirres, buntes Zeug durch einander, bald mit dem Sandmoll, bald mit ihrem Bruder, bald auch, wie es ſchien, mit der verſtorbenen Frau Wolſton, daß ſelbſt dem Al⸗ ten des Geredes ein wenig zu viel ward, zumal da nun die Nacht immer ſchwärzer und ſchwär⸗ zer hereinbrach. Er konnte, wie wir ſchon früher 2 erzählt haben und wie es bekanntlich bei den meiſten Kranken dieſer Art der Fall iſt, die Dunkelheit nicht ertragen und dachte mit Ent⸗ ſetzen daran, wieder ſolche qualvolle Stunden zu verleben, wie geſtern Nacht. Wie denn nun drüben, in den Fenſtern des Wirthöhauſes, Licht um Licht erglomm, wie die Lampen im Saal ſich entzündeten und bald das ganze Haus mit den hohen, hellen Fenſtern als Ein prächtiger, funkelnder Lichtpalaſt daſtand: ſo erwachte in dem zerſtörten Hirn des Alten das kindiſche Gelüſte, es auch ſo gut zu haben, wie die da drüben, und auch ſolch prächtiges Feuerwerk zu veranſtalten. Leiſe, vorſichtig, vor ſtillem Vergnügen in ſich hineinlachend wie ein Kind, das ſich eine verbotene Freude be⸗ reitet, tappte er in die Küche, ſuchte nach Holz, fand keines.. Aber hatte nicht der Reinhold da, in der Ecke hinter ſeinem Webeſtuhl, die vielen prächtig 228 weißen Papiere mit den ſeltſamen ſchwarzen Zeichen und Bildern darauf? Und gar erſt die ſauber geſchnitzten Hölzchen und Räderchen, ei, wenn die brannten, das mußte ja eine wahre Pracht ſein? Und der Reinhold iſt ja ſo gut, der hat ihm noch nie ein böſes Wörtchen ge⸗ ſagt, auch nicht das allerkleinſte, der trägt und ſtreichelt ihn immer ſo ſanft, ſo freundlich, wie ſollte der dem alten Großvater die kleine Freude nicht gönnen? Ja vielleicht kommt er gerade ſelbſt noch nach Hauſe, der Reinhold— geſchwind, geſchwind! damit der gute Junge das Feuerchen ſchon in Gang findet und ſich freut über die Ueberraſchung, die der alte när⸗ riſche Großvater ihm bereitet hat! Ganz leiſe alſo, damit nicht etwa die Lene darüber aufwachte und ihm die Ueberraſchung verdürbe, aber auch ganz eilig und immer ſtill in ſich hineinkichernd, trug der Alte ſämmtliche Bücher, Papiere, Zeichnungen, Modelle auf dem 229 Herd zuſammen, ſchüttete ſie über einander, mit einer Vorſicht und einer Ernſthaftigkeit, als ob es die ſchwierigſte und wichtigſte Unterneh⸗ mung von der Welt wäre— und klatſchte vor Freuden in die Hände und ſang und tanzte, als die Flamme hoch in die Höhe züngelte und der graue Mann da neben ihm, der Schatten an der Wand, ſich ebenfalls ſo freute über das Feuerchen und ebenfalls ſo in die Höhe ſprang und tanzte, wie er! Pierzehntes Kapitel. Enthüllungen. In dieſem Augenblick kam der junge Meiſters⸗ ſohn nach Hauſe; ſo emſig auf dem Heimweg hatte er über ſeine mathematiſchen Probleme, nachgedacht und ſo deutlich ſtanden gewiſſe ſchwie⸗ rige Löſungen, die er geſtern noch vergeblich geſucht, vor ſeinem Geiſte, daß er kaum die Zeit erwarten konnte, wieder über ſeinen gelieb⸗ ten Büchern zu ſitzen. Und ſiehe da, dies Alles jetzt, da er ein⸗ trat, war Staub und Aſche. Großvater! war das Einzige, was der ent⸗ — — 2 — 231 ſetzte Jüngling hervorbringen konnte, da er die grauenvolle Zerſtörung erblickte. Nun? nun? fragte der Großvater, einiger⸗ maßen betreten, da er Reinhold's Beſtürzung ſah, aber doch noch immer mit einem gewiſſen innern Behagen über den allerliebſten Streich, den er verübt: biſt du böſe, mein Junge? Nicht böſe ſein auf den alten Großvater! Du hätteſt nur früher kommen ſollen, mein Junge, ach, das war ein Feuerchen! Siehſt du, wie ſo die ſchwarzen Dinger, die Räderchen, ſich anfingen zu drehen von der Hitze— o, ich bin nicht ſo dumm, wie ſie denken, ich verſtehe mich recht gut auf ſolche Räderchen, ja, recht gut, ich will es den Andern blos nicht ſagen — und wie das ſchöne weiße Papier ſo kniſterte, und zuerſt wurde es ganz gelb, und dann wurde es braun, und dann hernach ſto⸗ ben die Funken und der ſchöne blaue Feuer⸗ drache ſtreckte ſeine blanke, leuchtende Zunge 232 hindurch— nein, das war prächtig, zu präch⸗ tig, mein Junge..! Reinhold rang die Hände: nur zu gründ⸗ lich hatte der Alte aufgeräumt, nicht ein Blätt⸗ chen, nicht ein Spänchen war liegen geblieben, die ganze Frucht ſeiner mühſamſten Stunden ver⸗ nichtet, die ganze Hoffnung ſeiner Zukunft zer⸗ ſtört in einem Augenblick! Freilich war der Schade nicht unerſetzlich. Dieſe Dinge lebten in Reinhold's Kopf und was er einmal gerechnet, einmal gezeichnet und geſchnitzt hatte, das konnte auch wieder von ihm geſchnitzt, gezeichnet und gerechnet werden. Aber woher die Zeit nehmen? und woher vor Allem den Muth? Den Muth— ach, vor wenig Augenblicken noch, ermuntert durch Anna's Zu⸗ ſpruch und an die Unterredung mit dem Engel⸗ chen gedenkend, hatte er deſſen ſo viel gehabt, hatte wieder einmal ſo kühn, ſo hoffnungsvoll in die Zukunft geblickt: mußte jetzt dieſe Zer⸗ —— —— —— ſtörung ſeiner Lieblingspläne, ausgeführt in thörichtem Spiel, durch die Hand dieſes blöden, kindiſchen Greiſes, mußte ſie ihm jetzt nicht als ein Hrakel, ein Fingerzeig des Schickſals er⸗ ſcheinen, daß er ſich mit dieſen Dingen über⸗ haupt nicht mehr befaſſen ſolle? daß er ſich ge⸗ duldig fügen ſolle in das Elend ſeines Hauſes und an nichts mehr denken, nichts mehr arbeiten, nichts mehr thun, was ihm Errettung aus die⸗ ſem Elend verſprach? Es war ein Gottesge⸗ richt, ohne Zweifel, und die Vorſehung ſelbſt hatte den Blödſinn des Alten benutzt, ihm eine Lehre zu geben. Wie hatte er doch geſagt heut früh zum Engelchen? Es wäre ein Leichenhaus hier, hatte er geſagt, und ſie alle wären bereits Geſtorbene— gut: ſo war dies denn der Schei⸗ terhaufen. MWit mühſam errungener Faſſung, und in⸗ dem er immer nur mit halber Stimme das ſchmerzlich klagende: Großvater! Großvater!! 234 wiederholte, führte er den Alten, der ſich über den ſichtbaren Schmerz des Enkels jetzt auch ſeinerſeits zu betrüben anfing und allmälig in lautes Weinen ausbrach, in die Wohnſtube zu⸗ rück. Lene lag noch immer in unruhigem Halb⸗ ſchlummer, der Alte kroch wimmernd in ſein gewohntes Winkelchen; kein Wort mehr ward zwiſchen ihnen geſprochen. Nach einiger Zeit kehrte Anna heim; der Bruder hatte das Herz nicht, ſie von dem Vorgefallenen zu unterrichten. Auch ging ſie, ermüdet von ihrer Wanderung und verſtimmt über die Abweſenheit ihres Mannes, bald in ihre Wohnung hinüber. Erſt als in der ſpäten Mitternachtsſtunde der Meiſter ſelbſt nach Hauſe kam, und Nie⸗ mand mehr im Hauſe wachte, als nur Sohn und Vater, ſchüttete Reinhold ſeinen Kummer vor dieſem Letztern aus. Denn zu dringend hatte der Vater nach der Urſache ſeiner Betrübniß gefragt und Reinhold ſelbſt hatte zu viel Ehr⸗ furcht vor ihm, als daß er ihn hätte durch eine Lüge täuſchen mögen. Der Eindruck, welchen Reinhold's Erzäh⸗ lung auf den Vater hervorbrachte, war gewal⸗ tig, weit gewaltiger, als Reinhold ſelbſt, bei der ihm nur zu wohl bekannten Abneigung des Meiſters gegen jene Richtung ſeiner Studien, vorausgeſetzt hatte: ſo daß er faſt wieder be⸗ dauerte, ihm überhaupt nur von dem Vorgang erzählt und die Laſt des Kummers, welche den Meiſter überdies ſchon niederdrückte, dadurch noch vergrößert zu haben. Lange Zeit ſaß der Vater ſprachlos, das Kinn auf ſeinen Weiß⸗ dornſtab geſtützt, ihm gegenüber; die Dunkel⸗ heit ringsum, die nur ſparſam von dem in⸗ zwiſchen emporgeſtiegenen Mond ecrhellt ward, und die unregelmäßigen, ſtöhnenden Athemzüge der beiden Schlummernden neben ihnen mach⸗ ten dies Schweigen nur noch drückender. 236 Endlich erhob ſich der Meiſter, legte beide Hände ſanft auf die Stirn des Sohnes— er war ſonſt, bei aller Zärtlichkeit, doch mit Lieb⸗ koſungen dieſer Art gegen ſeine Kinder äußerſt ſparſam— und ſagte: Ja wohl, mein armer, armer Sohn, iſt das ein Fingerzeig des Schickſals! Es iſt die Rache des Himmels, vollzogen durch denſelben Mann und dieſelbe Hand... Hier verſtummte er, trat von Reinhold zu⸗ rück und ging langſam einige Schritte durch die Dunkelheit auf und ab; es war ſichtbar, daß er mit irgend einem bedeutenden und folgen⸗ ſchweren Entſchluſſe kämpfte. Endlich wieder ſtand er ſtill. Reinhold, ſagte er mit feierlicher Stimme, Reinhold, mein— Sohn, mein Kind, ja wohl mein Kind, das Kind meines Kummers und meiner Schmerzen! Seit Langem kämpfe ich, dir ein Geheimniß mitzutheilen, das ich dir in vie⸗ lem Betrachte ſchuldig bin, und mit dem ich doch nur ungern deine reine, ſchuldloſe Jugend vergiften möchte. Ich kann dir kein Erbtheil nachlaſſen, und ſo möchte ich dir auch nicht gern dieſen Argwohn, dieſen Haß, dieſe Hölle von Zweifeln zurücklaſſen, die mich quält. Aber es iſt des Himmels Wille ſo, ich ſche es wohl: dieſe Stunde des Schmerzes hat dich mündig ge⸗ macht, mein Sohn, jetzt oder nie ſollſt du mein Geheimniß wiſſen... Trotz der Dunkelheit, die zwiſchen ihnen herrſchte, war es Reinhold doch, als könnte er ſehen, wie das Antlitz des Vaters während die⸗ ſer Worte immer bleicher, immer ernſter ward; er konnte das Arbeiten ſeiner Bruſt hören und hörte, wie er, bald zögernd, bald ſtockend, ver⸗ geblich nach Athem rang. Eine unendliche Bangigkeit ergriff die ge⸗ gen alle äußere Gefahren ſonſt ſo tapfere Seele des jungen Mannes. Wie oft hatte auch ihn der Wunſch beſchlichen, die Geheimniſſe ſeines Vaters zu kennen? Nicht aus Neugier, wahr⸗ haftig nicht, ſondern nur ihm die Laſt derſel⸗ ben zu erleichtern. Und jetzt dennoch, da er an der Schwelle dieſer Geheimniſſe ſtand, da ſchon auf der Lippe des Vaters das Wort ſchwebte, das ſo viel langjährige, bange Räthſel enthüllen ſollte, wie gern wäre er dem Vater ins Wort gefal⸗ len! wie gern hätte er ihn gebeten, ihn mit einer Mitwiſſenſchaft zu verſchonen, vor der es ihn jetzt auf einmal ſchauderte! Der Meiſter indeſſen war vor die beiden Schlummernden getreten und hatte ſich über⸗ zeugt, daß ſie wirklich ſchliefen; auch an die Thür hatte er gefaßt und den Riegel noch ein⸗ mal angezogen. Jetzt, mit derſelben langſamen Feierlichkeit, trat er wiederum auf Reinhold zu, zog ihn in die Höhe: Komm, ſagte er, mein Sohn, in die Kam⸗ mer, wo wir allein ſind und Niemand uns be⸗ lauſchen kann; die Stunde iſt da, ich fühle es, das Schickſal vollendet ſich— und wir Men⸗ ſchen ſind ja doch nur die Sklaven, vielleicht nur die Narren des Schickſals... Er führte den Sohn in die Kammer, in der ihre Bettſtatt aufgeſchlagen ſtand. Sie war von allen Seiten umſchloſſen, ohne Ausgang ins Freie. Nur zu oberſt an der Decke befand ſich ein Fenſter, das auf die Rückſeite des Ge⸗ bäudes führte, in den kleinen, mit Gerüll aller Art dicht beſetzten Hof; daſſelbe ſtand, wie des Sonmers immer, offen und ließ die kühle, er⸗ quickliche Nachtluft frei in die dumpfige Kam⸗ mer ſtrömen. Der Meiſter ſetzte ſich auf die Schütte von Stroh und trocknem Laub, die ihnen gewöhn⸗ lich zum Lager diente; Reinhold, erwartungs⸗ voll, bebend, zu ſeinen Füßen. 240 Noch immer ſchwieg der Meiſter; es koſtete ihn offenbar einen unermeßlichen Kampf, einen Schleier hinwegzunehmen, den er ſo lange, ſo ſorgſam gehütet. Ja ſchon begann Reinhold wieder leichter zu athmen: denn er glaubte, der Vater ſei von ſeinem Vorſatz zurückgekommen, als der Meiſter endlich folgendergeſtalt anhub: So wenig du auch ſonſt über deine Her⸗ 3 kunft und die Geſchichte deiner Familie weißt, mein Reinhold, ſo wird dir doch dies nicht unbekannt ſein, daß unſere Familie, ſeit Men⸗ ſchenaltern, ſo weit das Gedächtniß derſelben reicht, immer daſſelbe Gewerbe getrieben hat, das Gewerbe, dem ich den Beinamen des Mei⸗ ſters verdanke und das erſt uns jetzt, den un⸗ glücklichen Verſpäteten, die Nahrung verweigert. Auch daß wir nicht in dieſem Dorfe zu Hauſe ſind, ſondern urſprünglich einige Stunden wei⸗ ter hinauf im Gebirge lebten, wirſt du wiſſen. Mein Vater, der unglückliche Greis, den du als deinen Großvater liebſt und ehrſt, verdient den Beinamen des Meiſters in noch viel höhe⸗ rem Grade, als ich ſelbſt. Er beſaß nicht nur im reichſten Maße alle jene Fertigkeiten, die ich ihm nur unvollſtändig abgelernt: ſondern er war auch, gleich dir, mein Reinhold, eingeweiht in jene höheren Geheimniſſe der Wiſſenſchaft und der Kunſt, vor denen es mir von jeher gegrauſt hat, ja die ich haſſe mit einem Haß, den du erſt von dieſer Stunde an recht verſte⸗ hen wirſt. Das Geſchäft des Webens ging damals noch beſſer als heutzutage. Auch war ich, ohne mich zu rühmen, in Allem, was ſich mit der Hand leiſten läßt, ein flinker und un⸗ verdroſſener Arbeiter: ſo daß der Vater, ohne ſeine nächſte Pflicht gerade allzuſehr zu vernach⸗ läſſigen, ſich faſt ausſchließlich ſeinen Projecten und Plänen widmen konnte, denfelben, denen auch du, mein Reinhold, zu meinem Schmerz ſo Das Engelchen. II. 11 242 oft ſchon die Ruhe deiner Nächte, das Nach⸗ denken deiner Tage geopfert haſt. Gleich dir, ſann auch der Vater nach über gewiſſe große künſtliche Maſchinen, welche die Handarbeit unſers Gewerbes immer mehr er⸗ ſetzen und den Gewinn deſſelben ins Tauſend⸗ fache ſteigern ſollten. Die Maſchine, die ihn beſchäftigte und deren Herſtellung, wie er uns von Jahr zu Jahr verſicherte, ihm ganz gewiß nun mit Nächſtem glücken würde, ſollte alles bisher Bekannte überbieten und ganz neue, bis dahin unerhörte Vortheile gewähren. Allein der Dämon, den Gott in dieſes todte und doch ſo lebendige Räderwerk gebannt hat, und dem du, mein Sohn, wie ich hoffe, durch den heutigen Vorfall auf ewig entriſſen biſt, gewann auch über meinen armen Vater mit jedem Tage immer größere Macht; immer mehr ließ er ſein eigentliches Gewerbe liegen, immer ſchwerer ward es mir, der ich ihm 5 243 ſeit einigen Jahren die Schwiegertochter ins Haus geführt und ſchon für ein Kind, un⸗ ſere Margareth, zu ſorgen hatte, auch nur das Nothdürftigſte unſers Unterhaltes zu erwerben. Dazu kamen die ſchweren Kriegszeiten damals, wo Verkehr und Handel faſt ſtille ſtanden; ſelbſt für Erfindungen, wie diejenigen, über denen mein Vater grübelte, hätte dazumal kaum irgend Jemand noch Sinn und Muth gehabt. War es nun die raſtloſe Anſtrengung dieſes Grübelns, war es dies ununterbrochene Rechnen, Denken, Brüten, bei Tag, bei Nacht, oder war es auch die beängſtigende Vorausſicht„daß er, ſelbſt wenn die Erfindung ihm geglückt wäre, doch bei da⸗ maligen Zeitläuften Niemand finden würde, der die nöthigen Capitalien zur Ausführung geben würde— genug: die Stimmung unſeres armen Vaters wurde immer düſterer, immer trüber. Ja wenn ich mir jetzt alle Umſtände von da⸗ mals vergegenwärtige, ſo kann ich mich kaum 11 ½ 244 des Zweifels erwehren, ob er nicht damals ſchon mit den Anfällen jener unglücklichen Krank⸗ heit gekämpft haben ſollte, die ſeinen Geiſt kurz darauf völlig zerſtörte. Bei lichtem Tage war er wie ein Nachtwandler, Niemand von uns ſah er noch an, kaum daß er ſich das Noth⸗ dürftigſte gönnte an Trank und Speiſe und Schlaf; unausgeſetzt, ohne Raſt, mit einer Be⸗ harrlichkeit und doch einer Unruhe, in der ich jetzt, wie geſagt, die Spuren des beginnenden Wahnſinns erkennen muß, brütete er ewig und ewig nur über ſeiner Maſchine. Schon ſahen Noth und Elend zu allen Ecken in unſer Haus hinein, ſchon wollten wir Anderen, die wir von den Plänen unſers Vaters theils nichts ver⸗ ſtanden, theils nichts erfuhren(denn mit un⸗ glaublicher Eiferſucht bewachte er ſie, ſelbſt auch vor mir, dem eignen Sohn), und die wir mithin ſeine Hoffnungen ſo wenig als ſeine Befürchtun⸗ gen zu würdigen wußten— ſchon, ſage ich, wollten wir Andern im Stillen oft verzweifeln, wenn wir den ſonſt ſo muntern, ſo thätigen Mann jetzt ſo ganz in Trübſinn und ſcheinbare Unthätigkeit verſinken ſahen. Horch, unterbrach an dieſer Stelle der Mei⸗ ſter ſeine Erzählung, rührte ſich da nichts? Reinhold ſah hinaus in das Zimmer. Aber der Großvater ſowohl, wie die Tante lagen in feſtem Schlaf. Es wird der Nachtwind geweſen ſein, ſagte Reinhold, indem er wieder neben dem Vater Platz nahm, der das Fenſter hin und her bewegt. Funßehntes Rapitel. Der Lauſcher. Endlich, fuhr der Meiſter fort, nach jahrelangem, verzweifeltem Warten und Harren war der Tag erſchienen, wo der Vater mit freudeſtrahlendem Geſicht in unſere Mitte trat und uns die Voll⸗ endung ſeines Werks eröffnete. Er war damals, durch die unaufhörliche geiſtige Anſtrengung und die vielen Sorgen, mit denen er täglich zu kämpfen hatte, bereits in einen ſolchen Zuſtand der Aufregung gekommen, daß wir ſelbſt kaum wußten, ob wir ſeinen Worten Glauben ſchen⸗ ken ſollten, oder ob die Erfindung, mit der er jetzt ins Reine gekommen zu ſein behauptete, am Ende nicht blos eine Täuſchung war. Denn eine Prüfung ſeiner Berechnungen und Entwürfe, wie ich dir bereits ſagte, geſtattete er Keinem von uns, auch mir nicht, von deſſen Fähigkeit in dieſem Punkt er überhaupt nur ſehr gering dachte,— und ganz gewiß mit Grund, ſetzte der Meiſter beſcheiden hinzu. Aber dies ſiegreiche Lächeln und dieſe herz⸗ innige, ſelige Freude, mit der er das Blatt, welches ſeine Zeichnungen und Anſchläge um⸗ ſchloß, vor uns in die Höhe ſtreckte, widerlegte jeden Einwand, vorausgeſetzt, daß wir den Muth gehabt hätten, dergleichen zu erheben. Ihr habt genug jetzt gehungert, ſagte er, nun iſt das Elend am Ende, und wir werden nun alle reiche, reiche Leute. Auch du, mein Sohn, wandte er ſich zu mir, ſollſt deinen Antheil haben, nicht blos an dem Glück unſerer Familie, ſondern auch an der Ar⸗ beit, durch die es gegründet wird; ich weiß, daß 248 dies Letztere dir zum Mindeſten ebenſo lieb iſt wie das Erſtere. Während Ihr noch dachtet— ja geſteht es nur, Ihr Schelme, Ihr habt es gedacht—! Euer Vater wäre am Ende wohl gar nur ein Faſelhans und es könne ſolche Ma⸗ ſchine gar nicht geben, wie die, über der ich brü⸗ tete, habe ich bereits auch den zweiten, leichtern, doch noch immer nicht ganz leichten Schritt zu uſem Glücke vorbereitet. Auch er, trotz der ſchlechten Zeiten, iſt mir gelungen. In der fernen Seeſtadt Hamburg habe ich ein Handelshaus auf⸗ getrieben, welches mir meine Erfindung abkau⸗ fen und mich auch in Zukunft noch an dem Ge⸗ winne derſelben will Antheil nehmen laſſen. Daß die Herren meine Zeichnungen und Pläne vorher einſehen wollen und ſich überzeugen, daß es wirklich ſo iſt, wie ich ihnen geſchrieben, ver⸗ ſteht ſich von ſelbſt und muß ich ſelbſt ſo in der Drdnung finden. Uebrigens iſt die Sache— ſie war ſchwer, wahrhaftig ſehr ſchwer, ſchaltete er mit 249 leuchtenden Augen dazwiſchen, und ich bin oft an mir ſelbſt verzweifelt, ob ich ſie nur glücklich zu Ende bringen würde! Gleichwohl, da ſie jetzt auf dem Papiere ſteht, ſo iſt ſie ſo klar, ſo leicht, ein Kind könnte ſie begreifen, auch du, mein Junge, der du, ſo wacker du ſonſt auch biſt, deinem Vater das doch gewiß nicht nach⸗ machen ſollteſt, was er gemacht hat! Ich zeig es dir auch nicht, nein, auch dir nicht, mein Sohn: in ſo etwas gibt es keine Verwandt⸗ ſchaft, wer das wiſſen will, der erfind' es ſich ſelbſt oder gedulde ſich! Aber es thut auch nichts weiter, ſetzte er begütigend und den früher begonnenen Satz wieder aufnehmend hinzu, du ſollſt doch auch deine Ehre bei der Sache einlegen. Nach Ham⸗ burg iſt ein gar weiter Weg, die Kriegszüge, die durch das Land gehen, machen ihn doppelt mühſam und gefährlich, ich alter, kränklicher Mann tauge dazu nicht. Da mußt du für mich 11 250 eintreten, mein Junge: du biſt jung, wacker zu Fuß, und haſt Kopf und Herz auf dem rechten Fleck. Da, indem er mir das Papier über⸗ reichte, nimm meinen Schatz, mein Alles, ich vertraue ihn dir! Ich weiß, daß du dir eher würdeſt das Leben nehmen laſſen, als ihn. Und auch das weiß ich, daß mein einfaches Verbot hinreicht, dich von jedem vorwitzigen Blick in die Papiere abzuhalten; es ſoll ſie durchaus Niemand ſehen, Niemand, auch du nicht, als blos die Hamburger Herren, die ſie mir ab⸗ kaufen werden— hörſt du, mein Junge? auch du nicht— ſchwör' es mir! auch du nicht!! Ich kannte die Eiferſucht meines Vaters und gelobte, was er verlangte. Gut, erwiderte er, du haſt geſchworen; nun geh, mein Junge, du trägſt das Glück und die Zukunft deiner Fa⸗ milie, den Stolz der Kunſt, den Ruhm oder die Verwerfung deines Vaters. Geh, geh, eile dich! Und wenn du dich auch am Ende hinbetteln 251 mußt nach Hamburg: ein Wanderer, in Zeiten wie dieſe, kann auch wohl einmal betteln und zurück laſſen dich die Hamburger Herren mit Extrapoſt fahren, ich ſag's dir voraus, vor lau⸗ ter Dankbarkeit und Freude— Wieder horchte der Meiſter hier einige Au⸗ genblicke auf. Es muß, ſagte er, ein Gewitter im Anzuge ſein; es iſt mir, als ob ich den Wind in den Bäumen gehen hörte... Auch Reinhold horchte auf. Es wird die Katze geweſen ſein, ſagte er, die auf den Boden klettert. Du begreiſſt, mein Reinhold, erzählte der Meiſter weiter, mit welchem Herzklopfen und doch welcher Bereitwilligkeit ich den Auftrag des geliebten Vaters übernahm. Es war meine erſte Reiſe, die ich antreten ſollte, noch nie war ich aus unſerm engen Gebirg herausgekommen. Mein gutes Weib ging eben mit ihrem zweiten Kinde(hier bekam die Stimme des Meiſters eine eigenthümliche Unſicherheit: doch war Rein⸗ hold viel zu geſpannt auf die Fortſetzung der Erzählung, als daß er auf dergleichen hätte Acht haben können)— mit dir, mein Reinhold; ich verließ das Haus ungern. Auch war der Auftrag an ſich ſchwierig und nicht ohne Be⸗ denklichkeit. Allein mit Recht erinnerte der Va⸗ ter dagegen, daß derſelbe, bei der Lage unſerer Familie, keinen Aufſchub geſtatte, und auch eine ſo wichtige Angelegenheit in fremde Hände oder wohl gar auf die Poſt zu geben, ſei un⸗ thunlich, zumal in dieſen Kriegszeiten. So, fuhr der Meiſter in ſeiner Erzählung fort, machte ich mich denn auf den Weg, mit wenig Geld, du wirſt es mir glauben, aber dafür mit einem Ueberfluß von Muth und Hoffnungen. Das theure Document, das uns Bettler, nach der Verſi icherung unſers Vaters, auf einmal zu reichen Leuten machen ſollte, lag, wohl ver⸗ wahrt, in einer feſt zugeknüpften Mappe auf mei⸗ ner Bruſt, dicht an meinem Herzen; wer es mir 253 rauben wollte, mußte mir zuerſt das Leben rau⸗ ben. Doch brauchte ich in dieſer Hinſicht keine Be⸗ ſorgniß zu hegen, da Niemand die Anweſenheit eines ſolchen Kleinods bei mir vermuthen konnte, eines Kleinods überdies, das nur dem Sachver⸗ ſtändigen als ſolches gelten konnte, jedem Andern dagegen als eine zufällige, werthloſe Schrift er⸗ ſcheinen mußte. Auch gehörte ich übrigens meinem Aeußern nach keineswegs zu der Art von Leuten, denen Räuber und Diebe nachzuſtellen pflegen. Ich übergehe die Schilderung einer Reiſe, von der mir in der That faſt nichts in der Er⸗ innerung übrig geblieben iſt, ſo ſehr hat der endliche entſetzensvolle Ausgang alle anderen Ein⸗ drücke derſelben hinweggewiſcht. Schon war ich ſeit geraumer Zeit ins flache Land herabgeſtie⸗ gen, ſchon war mein kleines Reiſegeld längſt verzehrt, und ich brachte mich kümmerlich weiter durch das Mitleid guter Menſchen, meine Füße waren wund, ich war herzlich müde und ſehnte 254 mich unausſprechlich ans Ziel meiner Reiſe: als ich eines Abends— es war ein Sonntag wie heut, der Tag wird mir ewig, ewig unvergeßlich ſein— bei ſinkender Dämmerung an ein großes, breites Waſſer gelangte. Das, ſagten mir die Leute, wäre die Elbe, und die Thürme und Wälle da⸗ hinter am Horizont, das wäre Hamburg, das glückliche, reiche Hamburg, wo ja nun auch unſer Glück und Reichthum beginnen ſollte... So mächtig wurden die Erinnerungen hier in dem Meiſter, daß er wiederum für einige Augenblicke verſtummte; plötzlich fuhr er auf: Es ſcheint doch wirklich, ſagte er, ein Ge⸗ witter im Anzug zu ſein, immer deutlicher höre ich den Wind draußen, du ſollteſt doch lieber das Fenſter ſchließen, Reinhold. Aber Reinhold war zu ſehr in Spannung über den Ausgang der Sache, er konnte den Vater nur mit ſtummer Bitte auffordern, in ſeiner Erzählung fortzufahren. 255 Ich habe, begann der Meiſter demnach von Neuem, viel Noth und Elend erlebt ſeitdem, du weißt es, mein Sohn. Aber wenn ich zehn⸗ tauſend Jahre alt würde und ſo fluchwürdig übrigens das Andenken dieſer Reiſe mir auch iſt, ſo werde ich doch niemals dies Gefühl von Behaglichkeit und Wohlſein vergeſſen, mit dem ich, an dieſem letzten Abend meiner Reiſe, meine müden Glieder in den Sand am Ufer ſtreckte und auf die Thürme mir gegenüber ſchaute, die mehr und mehr im Abendnebel verſchwammen. Der Strom zu meinen Füßen fluthete majeſtä⸗ tiſch im Abendgold: ja fluthe nur, fluthe nur, dachte ich, flüſſiges Gold, bald ſchwimme ich auf deinem Rücken heimwärts, und auch unſre arme Hütte alsdann ſoll überfluthet wer⸗ den von Gold! Sowohl die Spannung, mit welcher Rein⸗ hold zuhörte, als die Aufregung, in welche den Meiſter ſeine eigene Erzählung verſetzte, wurde immer größer, die Pauſen, die er machte, im⸗ mer häufiger. Es iſt doch gewiß, ſagte er nach längerem Schweigen, daß uns Niemand hier hören kann? weder der Vater, noch meine Schweſter Lene, noch ſonſt ein Menſch? Denn ich komme nun, o Sohn, an ein Geſtändniß, welches Wunden aufdeckt in meiner Bruſt, die nicht verharſcht ſind, noch jemals verharſchen werden; an ein Ge⸗ ſtändniß komme ich, o Sohn, das mich ſelbſt vielleicht zum Schuldigſten macht in dieſer gan⸗ zen unglückſeligen Begebenheit, und das ich nach ſo viel Jahren noch, und ſelbſt vor dir, mein Sohn, nicht ablegen kann, ohne daß jeder Blutstropfen erſtarrt in meinen Adern und ich, in Verzweiflung und Reue, Hand anlegen möchte an mich ſelbſt... Vielleicht! vielleicht! Gott allein ſieht ja das Verborgene! ſetzte er nach einer Pauſe hinzu: Ich will gegen Niemand den Stein aufheben, ſo laut auch jeder Gedanke in meinem Hirn ſich auflehnt gegen den Räuber unſers Glücks; auch du, mein Reinhold, wirſt ihn nicht aufheben gegen mich, wenn ich ſchuldig bin.— Es war, wie ich dir erzählt habe, bereits am ſpäten Abend, und da ich natürlich viel zu arm war, ein eigenes Schiff zu bezahlen, ſo mußte ich mich gedulden bis zum nächſten Morgen, wo wie⸗ der die Fähre gehen würde. Da die Nacht mild und ſtille war, ſo beſchloß ich am Ufer im Freien zu übernachten. Ich hatte das ſchon häufig gethan auf meiner Reiſe, und fand dies⸗ mal um ſo weniger Bedenken, als ich obenein noch einen Schlafgefährten traf, einen jungen Mann, der ſich mit mir in derſelben Lage be⸗ fand. Es war ein hübſcher, wohlgewachſener Burſch, ungefähr in demſelben Alter, wie ich, vielleicht auch einige Jahre jünger, mit offnem, friſchem Geſicht und lebhaften, zutraulichen Au⸗ gen. Redſelig, wie er war, hatte er mir bald ſein 258 ganzes Schickſal und ſeine ganzen Pläne an⸗ vertraut. Stiefkind des Glücks gleich mir, ohne Aeltern, ohne Familie, hatte er den Vorſatz gefaßt, nach Amerika auszuwandern. Sein ganzes Gepäck beſtand in einem kleinen Arznei⸗ käſtchen, mit allerhand Flaſchen und Schachteln, Pillen und Pulvern. Er verſtehe zwar, ſagte er mit der ihm eigenthümlichen Offenherzigkeit, auch nicht das Allermindeſte von der Arzneikunſt; da er jedoch gehört habe, daß man damit bei den einfältigen Leuten in Amerika am Beſten fortkomme, ſo habe er ſich für ſein letztes Geld ſo einigen Kram der Art zuſammengekauft. Helfe es nichts, ſo werde es ja wohl auch nichts ſchaden, und wem ſein Toͤd beſtimmt ſei, der müſſe ja doch ſterben, ſei es mit, ſei es ohne Arzt. So wenig mir das nun auch gefiel, ſo großes Gefallen hatte ich doch übrigens an der heitern, dreiſten Weiſe meines Kameraden. Er war ſchon 259 weit in der Welt umhergeweſen und hatte tauſen⸗ derlei Menſchen und Verhältniſſe kennen gelernt, von denen ich in meinem ſchlichten Sinn kaum eine Ahnung beſaß. Auch in der ſchönen reichen Stadt Hamburg war er bereits geweſen, und wußte mir, da er hörte, daß hier das Ziel meiner Reiſe, mancherlei von ihren Herrlichkeiten zu erzählen. Ich im Gegentheil, ſchüchtern, wie ich von jeher geweſen, hatte große Bangigkeit vor der rieſen⸗ haften, fremden Stadt und dem Geſchäft, das meiner daſelbſt harrte. Um ſo größer war meine Freude, da der neue Freund, als ich ihm den Na⸗ men des Handlungshauſes nannte, an das der Auftrag meines Vaters lautete, auch dieſes kannte und mir Straße, Wohnung und Perſönlichkeiten gar deutlich zu ſchildern wußte. Das ſeien gar reiche, große Herren, ſagte er, und ſeit er wiſſe, daß ich mit denen zu thun habe, bekomme er ordentlich Reſpect vor mir; kleine Geſchäfte machten die nicht, das ſei ihm wohl bekannt, 260 und könne er mir daher nur Glück wünſchen, mit ſolchen Leuten in Verbindung zu ſtehen. Wie ſo nun ein Wort das andere gab, ich in der Freude meines Herzens, das Ziel meiner Reiſe ſo dicht vor mir zu ſchen und ſo viel Gutes zu hören von den Leuten, von denen unſer Schickſal jetzt zunächſt abhing und vor denen ich mich bisher im Stillen ſo ſehr gefürchtet hatte. O Reinhold, unterbrach der Meiſter ſich hier ſelbſt, du kennſt mich ſeit ſo viel Jahren, wir haben uns ſo viel Tage und Wochen einander gegenüber geſeſſen am Webſtuhl, jeder bei ſeiner Arbeit— ſag mir, bin ich ein Schwätzer? gehöre ich zu den Leuten, die den Mund nicht zähmen kön⸗ nen und ihre Geheimniſſe auf der Zunge tragen? Reinhold konnte nicht anders, als, der Wahr⸗ heit gemäß, das Gegentheil verſichern. Gut, nahm der Meiſter den Faden ſeiner Erzählung wieder auf, es iſt ſo, ich ſelbſt darf es ſagen: denn ich bin ſo geboren, es liegt 261 einmal in meiner Natur ſo, auch wenn ich ſelbſt anders ſein wollte. Aber bei alledem, ſei es jene Freude meines Herzens, ſei es die Stille der Nacht und das muntre, zutrauliche Weſen meines Reiſegefährten, oder auch ſei es die Fügung Gottes, der dieſes Elend nun einmal über uns beſchloſſen hatte—: die ganze lange Reiſe hindurch war niemals auch nur das leiſeſte Wort über den Zweck meiner Reiſe von mei⸗ nen Lippen gekommen; oft befragt von den gutmüthigen Leuten, die mir hier und da einen Zehrpfennig reichten, hatte ich mich lieber als Landſtreicher ausſchelten laſſen oder hatte wohl auch zu einer Nothlüge meine Zuflucht genom⸗ men, als daß ich nur irgend etwas von dem Schatz verlautete, den ich bei mir trug. Aber ietzt, Reinhold, jetzt— begreifſt du es? ich be⸗ greife es nicht— jetzt wurde mir das Herz weich gegen meinen Gefährten. Was konnte es auch ſchaden? Wir waren beide ſo ein Paar arme 262 Burſche in dieſem Augenblick, kaum noch die paar Schillinge hatten wir zur Ueberfahrt. Er war auf dem Wege nach Amerika; ich wollte ihm mit meiner Erzählung gleichſam ein Unter⸗ ſchaft, daß Gott, wenn man nur ernſtlich aus⸗ harrt, am Ende doch noch hilft, und daß kein Elend ſo groß iſt, es findet zuletzt doch noch ſeine Rettung. Er hatte mir von ſeiner Herkunft, ſei⸗ nen Abenteuern, ſeinen Plänen erzählt. Ganz ſo offenherzig war ich nun freilich nicht; vielmehr dachte ich meine Sache recht klug zu machen, nannte eine ganz andere Landſchaft, aus der ich käme, ein ganz anderes Dorf, in dem ich zu Hauſe wäre.— Denn mein Vater hatte mich ja ernſtlich verwarnt, Niemand mit meinen wahren Verhält⸗ niſſen bekannt zu machen.— Aber gerade die Hauptſache, ach, elender Schwätzer, der ich war, die erzählt' ich ihm doch! Ich erzählte ihm, daß irgendwo von irgend Jemand eine pfand mitgeben auf ſeine weite, weite Wander⸗ 263 Maſchine erfunden, ein Geheimniß entdeckt ſei, das ich bei mir trüge, mit dem ich nach Ham⸗ burg wollte und das für den, der es zu brau⸗ chen verſtehe, ein wahrer Stein der Wei⸗ ſen werden müſſe. Der junge Menſch nahm meine Nachricht ziemlich gleichgiltig, ja un⸗ gläubig hin. Zwar, ſagte er, verſtehe er vom Maſchinenweſen nicht das Mindeſte, ſchon wie ein bloßer Webſtuhl ausſehe, wiſſe er kaum, habe auch wahrhaftig keine Luſt, ſich dahinter zu ſetzen. Aber was ich ihm da erzähle, komme ihm doch ein wenig fabelhaft vor, eine Maſchine mit ſolchen Erfolgen könne er ſich gar nicht denken. Wie wenig Genaueres ich ſelbſt nun auch von der väterlichen Erfindung wußte, ſo hielt ich mich doch verpflichtet, die Ehre meines Vaters gegen ſolche Zweifel zu vertheidigen, und plauderte alſo in meiner Jugendeinfalt Alles, was ich wußte und nicht wußte, bloß aus den gelegentlichen Aeußerungen meines Vaters mir im Stillen ———————— 264 zuſammengereimt hatte, ehrlich heraus. Mei⸗ nem guten Gefährten ſchien es ſehr leid zu thun, daß er mich ſo in Eifer gebracht. Wir wollten die Sache gut ſein laſſen, ſagte er, ich müſſe es ja beſſer verſtehen als er, und ſo wolle er mir ſchon glauben, daß dieſe Erfindung, wohlbe⸗ nutzt, allerdings eine Quelle des außerordentlichen Reichthums werden könne. Nur das nehme ihn Wunder alsdann, daß wir uns damit an ein Hamburger Haus gewendet, da er vielmehr immer gehört, daß es für dergleichen Unterneh⸗ mungen nur Ein Land in der Welt gebe: Eng⸗ land. In England allein hätten die Leute Geld und Muth und wüßten Erfindungen dieſer Art zu benutzen; dahin hätten wir uns wenden ſollen. Nit großer Herzlichkeit ermahnte er mich, ob ich das Papier mit den Zeichnungen und Anſchlägen auch ja gut verwahrt habe, das ſei, wie er ebenfalls gehört habe und wie es ſich freilich auch denken laſſe, eine Hauptſache bei ſolchen 265 Dingen, daß ſie geheim blieben in der Hand Eines Unternehmers. Ueber dieſen Punkt nun konnte ich ihn voll⸗ ſtändig beruhigen. Ich trug das Document wohl⸗ verpackt, wie du gehört haſt, unmittelbar auf der Bruſt, und keinen Morgen war ich aufge⸗ ſtanden, hatte keinen Abend mich hingelegt, ohne unvermerkt nach der Stelle zu faſſen, wo es lag; ja wie oft ſelbſt aus dem Schlaf war ich emporgefahren und hatte mich verſichert, daß es noch da war!— Der junge Menſch ſchien an meiner Erzählung ſchließlich viel Freude zu finden; ſo ſei es recht, ſagte er, und er wolle ſich meine Geſchichte zum Troſte dienen laſſen, er werde ja auch irgendwo noch ſein Stückchen Glück finden. Unter dieſen Erzählungen allmälig(berich⸗ tete der Meiſter weiter) war es völlig Nacht geworden. Doch ſchien der Mond hell, wir ſuch⸗ ten eine Rinde Brod aus der Taſche, ſchöpften Das Engelchen. II. 12 Waſſer dazu aus dem Strom, und da die Nacht ein wenig kühl war und es uns zu frö⸗ ſteln begann, ſo nahm der Gefährte ein Fläſch⸗ chen aus ſeinem Kaſten, es ſei Branntwein, ſagte er, aber vom allerfeinſten, goß davon unter das Waſſer und trank es mir zu auf gu⸗ tes Glück. Es war ein wohlſchmeckender kräf⸗ tiger Trank, der neues Leben durch meine Adern goß. Bald darauf legten wir uns in den feuchten Sand, den geſtirnten Himmel über uns; ich gedachte meines Vaters, meiner Frau, meiner Margareth und des zweiten Kindes, das meine Frau unter ihrem Herzen trug, dachte auch an Hamburg, an das Handelshaus, und wie gut es doch ſei, daß ich dieſen wackern Reiſegefährten getroffen. So endlich ſchlief ich ein—— Licht! Licht!! ſchrie der Meiſter und ſprang entſetzt in die Höhe, indem er mit krampfhaft zitternden Händen ſich das Hemd von der keu⸗ 267 chenden Bruſt riß: Licht!! ich kann das nicht ſo im Dunkeln erzählen, es erſtickt mich.. Beſtürzt fuhr Reinhold in die Höhe, zün⸗ dete die Kienfackel an. Endlich hatte der Meiſter Kraft und Ruhe genug gewonnen, ſeine Erzählung fortzuſetzen. Ich entſchlief, ſagte er, und auch im Traum ſetzten die Gedanken, unter denen ich entſchlum⸗ mert, ſich fort. Da plötzlich war es mir— und wenn in dieſem Augenblick, mein Sohn, ein Engel Gottes mit dem Richtſchwert vor mir ſtände, und ich ſollte ſagen, ob es Wahr⸗ heit oder Traum geweſen, was mir begegnete, ich weiß es nicht, ich armer, unglückſeliger Mann—! Aber es war mir, während ich ſchlummerte, als würden die Kleider über meiner Bruſt langſam zurückgeſchoben, ſiehſt du, Rein⸗ hold, ſo— ſo— Eine leiſe, leiſe Hand faßte hin— löſte das Band, an dem die Mappe auf meiner Bruſt hing— nahm ſie fort... 12 268 Der Meiſter hatte die Augen weit aufge⸗ riſſen bei dieſer Erzählung, die Hände hielt er vor ſich hingeſtreckt, als wolle er etwas Ent⸗ ſetzliches abwehren, ſeine Stimme war hohl, als käme ſie aus dem Grabe— Ich rang und ſtöhnte und wollte den Schlaf von mir wälzen, der mit entſetzlicher Gewalt, wie Alpdrücken, auf mir lag: aber all meine Glieder waren gebunden, ich wollte ſchreien, vermochte es nicht... So unheimlich war dieſe Erzählung, zumal in dieſer einſamen Mitternachtsſtunde, daß Rein⸗ hold dicht an den Vater gerückt war und ihn mit beiden Händen umklammerte— Wie es weiter mit mir geworden, ſagte der Meiſter, und wie ich wieder in ruhigeren Schlummer gerathen, weiß ich nicht. Als ich endlich erwachte, war mein erſter Griff nach der Bruſt, unter das Hemd— Gottlob, es war nur ein Traum geweſen! da fühlt' ich ja den Schatz 269 noch, feſt und ſicher, wie zuvor! Die Sonne ſtand ſchon hoch am Himmel, mein Gefährte wuſch ſich Geſicht und Hände im Strom, mun⸗ teres Leben von Ab⸗ und Zugehenden erfüllte den Strand, der Fährmann ſtieß vom Ufer; nach einer kurzen Stunde war ich mitten im Gewühl von Hamburg. Leider war im Gedränge des Hafens mein guter Reiſegefährte mir von der Seite gekom⸗ men. Ich bedauerte das, weil ich ihm noch meinen Dank ſchuldig war für die liebe Geſell⸗ ſchaft und für ſo manchen nützlichen, prakti⸗ ſchen Rath, den er mir ertheilt. Aber immerhin, ſo wußte ich nun doch Straße und Haus meiner Handelsfreunde und hatte ſie auch bald, nach kurzem Suchen, richtig erfragt. Es war ein ſchönes, blankes Haus mit hohen Scheiben und glänzenden Meſſinggriffen an den Thüren. Das Herz wollte mir wieder ganz klein werden, als ich in das hohe, gewölbte Comtvir geführt 270 ward, wo die vielen Pulte ſtanden und die Fe⸗ dern dahinter ſo ämſig kritzelten. Allein ich gedachte des theuren Vaters, wie ſtolz dem das Herz pochen würde, wenn er mich hier ſtehen ſähe, und auch meines wackern Kamera⸗ den von geſtern Abend gedachte ich, der ſich ja noch ſo viel größere Dinge in der Welt ver⸗ ſuchen wollte. Wie ich meinen Namen geſagt hatte, und woher ich käme, und daß die Her⸗ ren wohl ſchon ſelbſt wüßten, was meine An⸗ gelegenheit wäre, wurde ich in ein kleines Sei⸗ tengemach geführt, wo die eigentlichen Princi⸗ pale ſaßen. Es waren ein Paar große wohl⸗ genährte Herren, mit runden glänzenden Ge⸗ ſichtern, die mich verwundert von Kopf bis zu Füßen maßen und meinen ſchlichten Rock, meine zerriſſenen Schuhe und die ſchlechte, ab⸗ getragene Kappe halb ſpöttiſch, halb mitleidig betrachteten. Auch nahmen ſie keinen Anſtand, ihren Gedanken ſogar Worte zu geben. Es ſollte — mich doch wirklich wundern, ſagte der Eine zum Andern, wenn an der Sache etwas wäre und von dieſen armen bäuriſchen Leuten wäre ein Geheimniß entdeckt worden, an dem unſte beſten Mechaniker ſich bis jetzt noch den Kopf zerbrechen. Indeſſen, wer weiß, man hat der Beiſpiele mehre. Laß dir dein eignes Herz ſagen, lieber Reinhold(fuhr der Meiſter fort), was das meine empfand, als ich den Herren das Docu⸗ ment wohlverſchloſſen überreichte, als ich das Papier rauſchen hörte, als ich ſah, wie die beiden Herren ſich begierig in den Inhalt vertieften... Hier ſchwieg der Meiſter. Nun? und dieſer Inhalt?! fragte Reinhold athemlos. Mit entſetzlicher Lache—: Weißes Papier! rief der Meiſter, leeres, weißes Papier, nichts weiter!! Reinhold taumelte entſetzt zurück.. 272 Ob, ſprach ſein Vater weiter, indem er, in Gedanken vertieft, die glatten, dünnen Haare einzeln durch die Finger gleiten ließ, der Wahn⸗ witz meines Vaters ſchon damals heimlich zum Ausbruch gekommen war, als er ſeine Maſchine erdacht zu haben glaubte, ob das Document, ſchon da er es mir übergab, nichts weiter enthielt als leeres Papier, oder was damit vorgegangen in der letzten Nacht, da jener entſetzliche Traum mich quälte— ich weiß es nicht! wage es nicht zu wiſſen, ſo furchtbarer Argwohn mir auch oft zuraunt, ich wüßte es—! Und ja, ja, ich weiß es ja doch, unterbrach er ſich ſelbſt: o mein armer Kopf— ich werde wahnſinnig, gewiß, ich auch!!— Die Handelsherren, hub er endlich aufs Neue an, zeigten ſich ſehr beleidigt, wie wir uns unterfangen dürften, ſolch kindiſches Spiel mit ihnen zu treiben. Nur auf mein jammer⸗ vollſtes Bitten gaben ſie mir ein kärgliches Ge⸗ 273 ſchenk, mit dem ich mich, den Tod im Her⸗ zen, in die Heimat aufmachte. Als ich nach Hauſe kam und dem Vater die lee⸗ ren Blätter entgegenſtreckte, brach im ſelben Mo⸗ ment der langverhaltene Wahnſinn in ihm aus; meine Frau, vor Schreck, kam zur Unzeit nieder, ſie ſtarb; meine Schweſter Lene krankt ſeitdem— Ich bin zu Ende, mein Sohn, ſagte der Mei⸗ ſter tonlos. Eine furchtbare Pauſe!— Und biſt du wirklich zu Ende, Vater? fragte Reinhold mit derſelben tonloſen Stimme, in⸗ dem er ſich langſam an ihm emporhob, daß ihre verwilderten Augen ſich begegneten. Der Meiſter winkte abwehrend mit der Hand. Du biſt es nicht, Vater, ſchrie Reinhold, dort, dort—! indem er mit der Hand über die Schulter hinweg nach der Richtung des Schloſſes deutete... Dort, wiederholte der Meiſter: du haſt es geſagt, mein Sohn und auch ich, in tauſend jam⸗ mervollen Kämpfen, habe denſelben Gedanken durchgerungen. Gleich als dieſer Herr Wolſton, wie er ſich jetzt nennt, aus England hierher kam — er wußte ja nicht, ſchaltete der Meiſter ein, daß ich aus dieſer Gegend, ich hatte ihm eine ganz andere angegeben, auch hatten wir in Folge des Unglücks und um dem Gerede der Leute zu entgehen, unſere eigentliche Heimat verlaſſen, Niemand hier wußte Genaueres von uns, und er hatte alſo nicht den geringſten Grund in der Welt, dieſen Ort zu meiden, noch konnte er auf irgend eine Weiſe hinter das wahre Sachverhältniß kommen. Gleich als er zuerſt hierher kam, war ein Etwas in den Zügen dieſes Herrn Wolſton, ein Blick in ſeinen Au⸗ gen, wenn er lächelte, ein Ton in ſeiner Stimme, wenn er mir ſchmeichelte, daß mich kaltes Grauſen überfiel, ſo oft ich ihn erblickte. Daß er mich nicht ſogleich erkannt hat, darf P dich nicht Wunder nehmen: es war eine Nacht, eine einzige, daß wir zuſammen waren, und die acht Jahre dazwiſchen hatten mich aus einem ju⸗ gendlichen Mann zu dem gebrochenen Greis ge⸗ macht, der ich jetzt bin. Und vielleicht auch hat er mich erkannt, ach, er iſt ja ſo ſchlau, ſo klug—! Lange Zeit, fuhr der Meiſter fort, kämpfte ich den Gedanken nieder, der dennoch immer wieder von Neuem in mir aufſtieg und mir keine Ruhe ließ. Ich mochte ſeine Fabrik nicht betreten, mochte nichts hören von ſeinen Rä⸗ dern und Maſchinen, nichts ſehen von dieſer ganzen außerordentlichen Thätigkeit, welche das Geſchäft des Herrn Wolſton entfaltete. Denn wennſchon, wie ich dir bereits geſagt habe, meine ganze Kenntniß von dem Project unſers un⸗ glücklichen Vaters ſich auf bloße Vermuthungen, bloße Andeutungen beſchränkte, ſo fürchtete ich mich doch vor mir ſelber, ich möchte an irgend etwas, einem Stiftchen, einem Rädchen, eine 276 Spur derſelben erkennen. Haſt du nicht auch davon gehört, daß Herr Wolſton noch ganz beſonders geheimnißvolle Maſchinen hat und ganz beſonders künſtliche Erfindungen?— Und wenn es ſich nun auch wirklich ſo verhielt und wenn mein Verdacht begründet war, welche Mittel hatte ich, mein Anrecht zu be⸗ weiſen? welches Gericht der Welt hätte auf dieſen Grund hin eine Klage angenommen? Was mein Vater mir anvertraut, war ein zu⸗ ſammengebundenes Stück Papier, vielleicht be⸗ ſchrieben, vielleicht leer, aber immerhin nur ein Stück Papier. Was dort drüben ſteht, bei Herrn Wolſton, iſt eine Fabrik, die ihre Hun⸗ derttauſende werth iſt unter Brüdern. Hat er in jener Nacht am Ufer der Elbe mich wirklich argliſtig betäubt, hat er mir das Geheimniß meines Vaters abgetauſcht und mir ein leeres Blatt dafür an die Stelle gelegt— es iſt ein Betrug geweſen, ein Diebſtahl, ganz gewiß: 277 aber ſo hat er dieſen Betrug ſo geſchickt zu be⸗ nutzen verſtanden, ſo hat er das geſtohlene Gut mit ſo viel eignem Fleiß, ſo viel eigner Arbeit ſo hoch zu verwerthen gewußt, daß ich mit meinen armſeligen Anſprüchen dagegen in nichts verſchwinde. Aber thun wir ihm am Ende doch nicht Un⸗ recht? fragte Reinhold, der, je länger er die Sache bedachte, je unſchlüſſiger ward. Der Meiſter ſchüttelte bedeutungsvoll den Kopf. Sieh noch einmal nach, ſagte er, ob wirklich Alles ſchläft, ſo will ich dir auch den Reſt meines Geheimniſſes ſagen, und du wirſt mir zugeſtehen müſſen, daß wir ihm nicht Unrecht thun und daß er ſich ſelber ver⸗ rathen hat. Lange Zeit, fuhr der Meiſter fort, nachdem Reinhold zurückgekehrt war, kämpfte ich jenen Argwohn nieder. Als aber endlich das Elend unſrer Lage immer drückender ward und als ich 278 namentlich nicht mehr den Schmerz ertragen konnte, meinen armen blödſinnigen Vater in Noth und Mangel verkümmern zu ſehen, wäh⸗ rend Jener da drüben ſchwelgte von den Früchten ſeines Geiſtes, da, als ich eben eines Tages bei ihm im Cabinete war, nahm ich meinen Muth zuſammen und wagte, nur ganz von ferne, ganz leiſe, auf meinen Argwohn anzuſpielen. Ich ſprach von dem Wahnſinn meines Vaters, von Ham⸗ burg, von der Elbe und von jener Nacht an ihrem Ufer... O Reinhold, Reinhold, ſchrie der Meiſter und rang die Hände, da hat er ſich verrathen! In ſolchen Zorn geräth kein Menſch, der un⸗ ſchuldig iſt! mit dieſem Haß, mit dem er mich von da ab verfolgt, verfolgt kein Menſch ſei⸗ nen Nebenmenſchen, der ihn mit nichts Anderem beleidigt hat, als nur mit einem Argwohn, einer Frage nur! Ich zweifle oft ſelbſt wieder, auch ſeitdem noch— ach, ich weiß ja nicht mehr, 279 was ich thue! Aber immer wieder, wenn ich an die Wuth und das Entſetzen denke, das damals ſeine Züge verzerrte, und wenn ich den Haß überlege, mit dem er mich ſeit dieſer Stunde verfolgt, und zu dem kein Grund auf Erden denkbar iſt ohne dieſen, ſo muß ich mich ſelbſt ſchelten, wegen meiner Zweifel, und jede Fi⸗ ber meines Leibes und jeder Tropfen meines Blutes ſchreien auf: Er iſt es——! Laß nun, ſchloß der Meiſter ſeine Erzäh⸗ lung, dieſes Geheimniß begraben ſein zwiſchen mir und dir, den Einzigen, welche darum wiſ⸗ ſen; ich will nicht, daß außer uns ein Menſch noch ahne, was ja bei mir ſelbſt nur Ahnung iſt, wenn auch freilich eine entſetzliche—! oder daß irgend Jemand es benutze zu Anklagen und Erpreſſungen, die in der Sache nichts beſ⸗ ſern und unſerm Namen nur Schande machen könnten. Ich fordere keinen Schwur von dir, ich weiß, daß du mein Geheimniß bewahrſt 280 auch ohne Schwur; denn du biſt ein Mann und biſt viel zu ſtolz, viel zu rechtſchaffen, um das Geheimniß wider meinen Willen zu benutzen. Bei alledem würde ich es ſelbſt dir, mein Reinhold, * nicht enthüllt haben— denn es iſt ein jammer⸗ volles, verzweifeltes Geheimniß, ein Geheimniß, über das man toll werden kann, nicht wahr?!— wäre nicht auch mir der heutige Vorfall als ein Fingerzeig des Schickſals erſchienen. Es iſt der Fluch jener verhängnißvollen Erfindun⸗ gen, es iſt der Dämon der Maſchine, der ſchon einmal meinen armen unglücklichen Vater um das Licht ſeines Verſtandes gebracht hat, und durch den auch heut deine Zeichnungen und Ent⸗ würfe, von denen du jetzt begreifen wirſt, mein Reinhold, wie ſie mein Herz zerriſſen haben, zum kindiſchen Feuerwerk in die Hände des Blödſinnigen gegeben wurden.— Laß denn damit den Kreislauf des Verhängniſſes vollendet ſein, mein Sohn! Halte dich feſt und treu zu dem 281 Gewerbe deiner Väter, ja ſtirb auf ihm, wenn es ſein muß, wie der Soldat auf ſeiner Waffe, ſtirb auf ihm, mein Reinhold, wie ich es thue Noch immer ſchien es, als wäre der Mei⸗ ſter nicht ganz zu Ende; er ſtand auf, ſetzte ſich wieder, ſtand wieder auf, trat dicht vor das Lager ſeiner Schweſter, dann vor Rein⸗ hold, ſah ihm prüfend in die Augen— aber nein, er war doch wohl zu Ende. Sprachlos, mit ſtummem Händedruck winkte er Reinhold zur Gutenacht; bald empfing Jeden von ihnen das kärgliche Lager. Aber während ſie noch vergebens den Schlum⸗ mer ſuchten, der ſie floh, horch, da glitt es leiſe, leiſe über das Dach in die offene Bo⸗ denluke, mit ausgezogenen Schuhen die Treppe hinunter, hinein in die Stube, wo ſchon längſt die ſchwarze Margareth in ruhigem Schlum⸗ mer lag... 12** Es war Konrad, ihr Mann. Im Wirths⸗ haus verſpätet, hatte er ſich vor ſeiner Frau geſchämt an der verſchloſſenen Thür zu pochen, war über den Hofzaun geſtiegen und unver⸗ merkt aufs Dach geklettert, um durch die Bo⸗ denluke den Weg ins Haus zu gewinnen. Da, wie er eben über dem offenen Kam⸗ merfenſter hing, hatte er des Meiſters Stimme gehört; mehr Anfangs aus Muthwillen als aus Argliſt hatte er gelauſcht... Und nun floh auch ihn der Schlaf. Den⸗ noch, als er am nächſten Morgen aufſtand, ſich in die Fabrik zu begeben, meinte er im Stil⸗ len, die Nacht ſei gleichwohl keine verlorene geweſen.. 3 8 *= 2 *— — — *— — 3 Die guten Werke. Erstes Kapitel. Dichterleben. Wir führen den Leſer raſch über eine Reihe von Wochen hinweg, welche ſeit dem Schluß unſers vorigen Abſchnittes vergangen ſind. Der Som⸗ mer, der beim Beginn unſerer Erzählung eben in ſeiner üppigſten Fülle ſtand, hatte ſchon längſt dem Herbſte Platz gemacht, und auch dieſer fing bereits an, vom Winter verdrängt zu wer⸗ den, ohne daß in den Verhältniſſen, welche uns hier beſchäftigen und die wir in jenen Som⸗ mertagen in ſo bedenklicher Verwirrung zurück⸗ gelaſſen haben, irgend eine bemerkenswerthe Ver⸗ änderung ſtattgefunden hätte. Das Schickſal, 286 ſo ſchien es, hatte nach jenen gehäuften Aben⸗ teuern und Verwickelungen eine Art von Waf⸗ fenruhe beſchloſſen, während deren es ſelbſt frei⸗ lich nicht aufhörte, in geheimnißvoller Stille ſein Rad zu drehen und ſein Meſſer zu ſchleifen. Auch die drei Gäſte aus der Hauptſtadt, welche ſich damals, an demſelben Tage, oder, genauer zu ſagen, in derſelben Nacht, auf ſo unerwartete und abenteuerliche Weiſe in dem Fabrikdorf zuſammengefunden und durch ihre Erſcheinung, wenn auch freilich aus ſehr ver⸗ ſchiedenen Gründen und in ſehr verſchiedenen Kreiſen, zu ſo mannichfachen Gerüchten, Plä⸗ nen und Anſchlägen Veranlaſſung gegeben hat⸗ ten, treffen wir, der vorgerückten Jahreszeit unerachtet, noch an derſelben Stelle wieder. Von dem Engelchen kann uns dies am wenigſten überraſchen; wir wiſſen, welch pein⸗ liches Geſchäft ſie, gegen ihren eigenen Wunſch, an das Haus des Commerzienraths feſſelte. 287 Schwerer möchte zu ſagen ſein, was die bei⸗ den Andern, den Poeten Florus und den an⸗ geblichen Maler Schmidt, ſo lange in der win⸗ terlichen Einſamkeit zurückhielt,— wenn nicht etwa auch dieſe Frage durch die Anweſenheit des Engelchen erledigt iſt. Mit beſonderer Behaglichkeit hatte Herr Flo⸗ rus ſich eingerichtet. So ungern er, ſeiner Ver⸗ ſicherung nach, ſich zu der Reiſe überhaupt ent⸗ ſchloſſen hatte und mit ſo viel Widerſpruch und Seufzen er dieſe Gegend betreten, ſo ſchwer fiel es ihm jetzt, wieder davon loszukommen. Aber freilich iſt die Eitelkeit ein ſehr mäch⸗ tiges Motiv, für alle Menſchen, ſagt man, wie nun gar erſt für einen Poeten, zumal von der Beſchaffenheit des Herrn Florus.— Die Com⸗ merzienräthin, als eine Dame von Bildung und gutem Ton, ließ ſich nicht leicht etwas entge⸗ hen, auf zehn Meilen in der Runde, was irgend geeignet war, ihren Salon zu verherrlichen; ihr —————— 288 Gemahl, der die Poeten, die Maler, die Mu⸗ ſiker allerdings zwar als die überflüſſigſten Men⸗ ſchen von der Welt, aber zugleich auch als das unvermeidliche Gefolge, den nothwendigen Hof⸗ ſtaat gleichſam des Reichthums betrachtete, ließ ihr darin, wie überhaupt in allen geſellſchaft⸗ lichen Einrichtungen, gern und willig freie Hand. Kaum daher, daß die Baronin in Erfah⸗ rung gebracht, welch berühmter Schriftſteller in ihrer Nachbarſchaft angelangt, als ſie Herrn Florus ſogleich auch mit den ſchmeichelhafteſten Beweiſen ihrer Aufmerkſamkeit überſchüttete; da ſie hörte, daß er einige Zeit in dieſer Gegend zu verweilen gedenke, ſo lud ſie ihn ein, ſeine Wohnung im Schloſſe zu nehmen und ihr Haus in allen Stücken als das ſeinige zu be⸗ trachten. Wir kennen Herrn Florus bereits zur Ge⸗ nüge und wiſſen, daß er mehr Werth auf die 289 kleinen Bequemlichkeiten und Genüſſe des Le⸗ bens legte und die Entbehrung derſelben ſchwe⸗ rer empfand, als man es, wir laſſen dahinge⸗ ſtellt mit welchem Recht, mit einem poetiſchen Gemüth für vereinbar zu halten pflegt. Es begreift ſich hiernach, mit welcher Freude er die Einladung der Baronin annahm. Er hatte überhaupt alle Anlage zum Hofpoeten, ſo wenig er ſelbſt ſich darüber auch deutlich war, und ſo bitterböſe er allemal ward, wenn ſeine Freunde ihn halb ſcherzend darauf aufmerkſam machten. In einem ſtattlichen Schloſſe zu wohnen, bei einer gutbeſetzten Tafel, an der Seite einer geiſt⸗ reichen und noch immer anmuthigen Frau, die ſich aufs Aeußerſte geſchmeichelt fühlte, nicht nur durch die Artigkeiten, welche Herr Florus ihr ge⸗ legentlich ſagte, ſondern noch weit mehr dadurch, daß die Artigkeiten, mit denen ſie ihn überſchüt⸗ tete, von dem berühmten Mann ſo wohlgefällig aufgenommen wurden— nun ja doch, die Hand Das Engelchen. I. 13 290 aufs Herz, das war ein Leben, völlig nach Herrn Florus' Geſchmack. Auch kam faſt in allen ſeinen Novellen und Erzählungen ein derartiges Verhältniß vor, das er dann jedesmal mit ſichtbarer Vorliebe des Brei⸗ teſten ſchilderte; es iſt, ſagte er im Stillen zu ſich ſelbſt, als er von der dicken Wirthin, zum großen Leidweſen derſelben, Abſchied nahm und das enge Kämmerchen in ihrem Hauſe mit den behaglichen, wohlausgeſtatteten Gaſtzimmern im Schloſſe des Fabrikanten vertauſchte,— es iſt wahrhaftig auch das Wenigſte, was der Menſch verlangen kann, und nur eine ganz billige Aus⸗ gleichung des Schickſals, daß man es ſelbſt und in Wirklichkeit auch einmal ſo gut bekommt, wie man es, zur Kurzweil der Leſer, von den Kindern ſeiner Phantaſie ſo oft erzählt und ge⸗ ſchildert hat. Außerdem aber hatte er noch einen andern Grund, um deſſen willen ihm die Einladung 291 der Baronin gerade in dieſem Augenblicke höchſt willkommen war. Sein Stern in der Haupt⸗ ſtadt— bei allen Schwächen und Wunderlich⸗ keiten war er doch innerlich eine viel zu klare, viel zu nüchterne Natur, um ſich ſelbſt darüber zu täuſchen— fing ein wenig zu verbleichen an; ein jüngeres Geſchlecht von Poeten war unvermerkt neben ihm aufgewachſen, Poeten, welche ſich, vielleicht nicht zum Vortheil der Kunſt, aber jedenfalls zum Vortheil ihres au⸗ genblicklichen Erfolgs, der politiſchen und ſocia⸗ len Fragen des Tages bemächtigt hatten und im Vergleich mit denen Herr Florus mit ſeinen zierlichen Taſchenbuchnovellen, ſeinen ſentimen⸗ talen Liederchen und hiſtoriſch romantiſchen Dra⸗ men ſich denn allerdings ein wenig altfränkiſch ausnahm. Auch Herr Florus, bei all ſeiner Gutmüthig⸗ keit, hatte doch nicht blos Eitelkeit, ſondern auch Ehrgeiz. Er hatte den Parnaß der Hauptſtadt 13 292 ſo lange, ſo ausſchließlich beherrſcht und war ſo allgemein anerkannt als der einzige Dichter von Ruf, welchen die ganze Landſchaft aufzu⸗ weiſen hatte, daß er dieſen ſeinen Platz wenig⸗ ſtens nicht ohne Widerſtand räumen wollte. Was die jungen Leute können, dachte er, das kann ich auch. Gelbſchnäbel, die ſie ſind! Ich bin länger beim Handwerk und kenne die Kunſt⸗ griffe beſſer als ſie. Der Geſchmack hat ſich verändert, das Publicum iſt von einer neuen Laune ergriffen, weiter nichts; es kommt blos darauf an, ſich in die neue Methode einzuarbei⸗ ten. Dergleichen kann dem Beſten begegnen und wir ſelbſt haben es ſchon öfters gehabt in dieſen fünfundzwanzig Jahren, ſeit wir unſere erſten Verſe drucken ließen, und haben uns im⸗ mer glücklich oben behauptet; wohlan denn, wir werden auch jetzt hinter das Geheimniß kommen. Es war ſomit in der That ſein voller Ernſt geweſen, als er Herrn von Lehfeldt, bei ihrem erſten ſeltſamen Zuſammentreffen, den Zweck ſei⸗ ner Reiſe dhin angegeben hatte, daß er hier das Elend der armen Gebirgsbewohner ſtudiren wolle. Er trug ſich mit dem Plan eines gro⸗ ßen, weitſchichtigen Romans, den er ganz auf dem Boden der modernſten politiſchen und ſo⸗ cialen Zuſtände aufbauen wollte; derſelbe ſollte Alles übertreffen, was in dieſer Art noch er⸗ ſchienen war, und namentlich ſeine jungen Ne⸗ benbuhler auf einmal und gründlich aus dem Felde ſchlagen. Leider nur, wie in den meiſten menſchlichen Dingen, war auch hier zwiſchen Plan und Aus⸗ führung eine weite Kluft: und das Muſenpferd, das jederzeit ſo bereitwillig geweſen war, Herrn Florus in die Gefilde der alten Romantik zu tragen, weigerte ſich dieſelbe zu überſpringen. Und doch ſtand ſein ganzer literariſcher Ruf dabei auf dem Spiel. Schon lange vor ſeiner Abreiſe von der Hauptſtadt hatte er ſelbſt, ver⸗ blümt und offen, von dem großen poetiſchen Werke geſprochen, mit dem er zurückkehren werde. Einige dienſtbereite Zeitungen, wie das zu gehen pflegt, hatten ſeine Aeußerungen wei⸗ ter verbreitet, ſogar mit einem Buchhändler hatte er ſich bereits in Verhandlungen einge⸗ laſſen; der neue ſocial-politiſche Roman des Herrn Florus war eine Thatſache, noch bevor eine Zeile davon niedergeſchrieben war. Und als eben ſolche Thatſache ſtand es auch bei ihm ſelbſt feſt, daß er ſich ohne denſelben nicht in die Hauptſtadt zurückwagen dürfe. Sei es nun aber, daß die einigermaßen ab⸗ ſtoßenden und widerwärtigen Stoffe, auf welche er ſeine Gedanken jetzt mit aller Anſtrengung gerichtet hielt, der angeborenen Weichheit ſeines Charakters widerſtanden, ſei es, daß ihm, wie den meiſten deutſchen Poeten, der Blick für die Wirklichkeit der Dinge gebrach, oder ſei es endlich, daß er ſich die Sache überhaupt zu leicht vorgeſtellt 295 hatte, und daß in der That noch etwas mehr dazu gehörte als nur eine veränderte Manier— genug, Herr Florus hatte große Noth mit ſei⸗ nem Buche. Trotz allen Fleißes, den er darauf verwendete, rückte es nur höchſt langſam vorz; nachdem er einige Zeit hindurch an jedem näch⸗ ſten Morgen regelmäßig wieder verworfen, was er an dem vorigen geſchrieben hatte, hielt er es fürs Beſte, den Gegenſtand überhaupt bis auf Weiteres bei Seite zu legen, und zuvor noch, wie er meinte, einige praktiſche Studien zu machen. Dazu hatte er denn nun in dem Fabrikdorf überhaupt, namentlich aber in dem Hauſe des Fabrikherren die allervortrefflichſte Gelegenheit. Auch war er wirklich überall in dem weitläu⸗ figen Gebäude zu finden, bald bei den Arbeitern im Maſchinenſaal, bald(und dies Letztere aller⸗ dings noch etwas öfter) bei den Arbeiterinnen, bald unten im Comptoir, bald oben auf dem Trockenboden; nach Allem fragte er, Alles ließ 296 er ſich auseinanderſetzen, Alles trug er in ſein Notizbuch. Auch außerhalb des Schloſſes, zwiſchen den Häuſern des Dorfes wäre er gern umherge⸗ ſtrichen. Hier aber hinderte ihn ſeine Blödigkeit und ſein Ungeſchick, mit Leuten niedern Standes zu verkehren.— Am häufigſten war er noch im Hauſe des Meiſters, wo die Bekanntſchaft einmal eingeleitet war und wo ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit ſich zwiſchen der ſchwarzen Margareth und dem blödſinnigen Großvater theilte. Zuletzt aber blieb ſie doch an dieſem haften, da derſelbe, wie er behauptete, beiweitem effectreicher und auch weit leichter zu verarbeiten ſei. Alles, was er auf dieſe Weiſe ſah und hörte, war ihm un⸗ ſäglich neu und wichtig, Allem glaubte er eine poetiſche Seite abgewonnen zu haben, Alles wollte er in ſeinen Roman einſchachteln. Dennoch konnte er ſich ſelbſt nicht verheh⸗ len, daß dieſer bei alledem mehr und mehr ins 297 Stocken gerieth. Jeden Morgen ſtand er mit dem feſten Vorſatz auf, nun auch ganz gewiß wieder daranzugehen, jeden Abend bat er bei der Wirthin des Hauſes im Voraus um Ent⸗ ſchuldigung, wenn er etwa morgen nicht recht⸗ zeitig zur Tafel erſcheinen ſollte, aber ſein neuer Roman nehme ihn gar zu ſehr in Anſpruch— und wer regelmäßig, lange vor Mittagszeit, die Hände auf dem Rücken, mit einem höchſt ernſt⸗ haften, kritiſchen Geſicht bald dieſen, bald jenen Winkel der Fabrik durchſtöberte, bald wieder wie ein Spion durchs Dorf ſchlich, mit langem Halſe bald hier in eine Thür, dort in ein Fen⸗ ſter guckend, und überall etwas zu fragen und zu erkundigen und nachzuforſchen hatte, nur daß er die Einleitung dazu niemals recht finden konnte: bis endlich die Zeit zur Tafel glücklich herangekommen war und er wieder zur Seite der Baronin ſaß, dem Engelchen Aug' in Auge, und Anekdoten erzählte und gereimte Trink⸗ 13** 298 ſprüche ausbrachte und, in ſeiner drolligen, halb trotzigen Manier, den unendlich Geſchäftigen und Liebenswürdigen ſpielte— nun verſteht ſich, das war kein Anderer als Herr Florus. Ebenſo ſprach er zu Anfang jeder Woche mit großer Ernſthaftigkeit ſein Bedauern aus, daß dies nun leider die letzte ſein müſſe, wo er die Gaſtfreundſchaft eines ſo angenehmen Hau⸗ ſes genießen dürfe; aber dieſe Woche werde ſein Roman fertig und da müſſe er nun eiligſt nach Hauſe, ihn drucken zu laſſen— und jedesmal zu Anfang der nächſten Woche hatte ſich noch wieder etwas nachzutragen, zu verändern oder umzuſtellen gefunden, ſo daß er ſeinen Aufenthalt immer wieder verlängern mußte. Zuletzt hatten beide Theile ſich ſo daran ge⸗ wöhnt, Herr Florus immer abzureiſen, ſeine Umgebung ihn immer bleiben zu ſehen, daß Niemand mehr etwas Auffälliges darin fand⸗ Und da dieſe Art geſchäftigen Müßiggangs, in „ 299 welcher er ſich auf dieſe Weiſe erhielt, Herrn Florus außerordentlich zuſagte, und da anderer⸗ ſeits auch ſeine Hausgenoſſen für manche ver⸗ drießliche, ja angſtvolle Stunde einen immer heitern, immer mittheilſamen und dienſtfertigen Geſellſchafter an ihm hatten, ſo konnten beide Theile recht wohl damit zufrieden ſein. Zweites Kapitel. Das offene Geheimniß. Ganz anders hatte Herr von Lehfeldt ſein Le⸗ ben eingerichtet. Auch ihm hätte die Commerzienräthin gern ihr gaſtliches Haus angeboten. Denn bei der innern Unruhe und Oede, von der ſie ſich ſeit einiger Zeit befallen fühlte, war es ihr ein Be⸗ dürfniß, jederzeit ſo viel Menſchen wie möglich* um ſich zu verſammeln. Aber eine ſehr natür⸗ † liche Rückſicht auf die geheimnißvollen Bezichun gen des jungen Mannes hatte ſie davon abge Doch war er ſo gut wie Herr Florus der F tägliche Gaſt ihres Hauſes und wurde bei jeder Gelegenheit aufs Sorgfältigſte von ihr ausge⸗ zeichnet. Wiewohl er ſelbſt nur wenig Gefallen an dieſem geſelligen Treiben zu finden ſchien. Den größern Theil des Tages ſtreifte er einſam, auf den entlegenſten Pfaden, in Gebirg und Wald umher; ſelbſt die rauhere Jahreszeit, welche ein⸗ getreten war, hatte keine Aenderung darin her⸗ vorbringen können. Nicht ſelten verſchwand er auf Wochen gänzlich, um dann ebenſo unerwartet wieder aufzutauchen, Niemand wußte wohin noch wo⸗ her Allein Niemand hätte auch den Muth ge⸗ habt, ihn danach zu fragen, ſo ſehr wußte er durch einen einzigen Blick ſeiner großen kalten Augen jede vorwitzige Frage abzuweiſen, noch bevor dieſelbe ausgeſprochen war. Anfänglich, um ſeine Maske als Maler auf⸗ rechtzuhalten, pflegte er bei dieſen Streifzügen ſeine Zeichnenmappe mit ſich zu führen. Allein das war eine vergebliche Mühe. Nirgend, ſelbſt nicht unter den Bewohnern des Dorfs, fand ſein Incognito den geringſten Glauben mehrz; überall wußte man oder glaubte doch zu wiſſen, daß dieſer angebliche Maler Schmidt vielmehr ein vornehmer Herr aus der Hauptſtadt, der nur zur Strafe in dieſe entlegene Gegend ver⸗ wieſen ſei. Ueber Veranlaſſung und Zuſammenhang die⸗ ſes Ereigniſſes gingen die ſeltſamſten Gerüchte. Die meiſten liefen darauf hinaus, ihn als das Opfer einer Hofintrigue darzuſtellen, welche ei⸗ gentlich gegen den jungen Erbprinzen gerichtet geweſen ſei und der dieſer myſteriöſe Fremdling ſich mit edler Großmuth freiwillig zum Opfer gebracht habe. Ja, einen gewiſſen Winkel in der Schenke gab es, wo allabendlich einige ſehr feine Politiker, den wohlbekannten langen Karren⸗ ſchieber an der Spitze, ihren Kopf darauf ver⸗ 303 wetten wollten, daß dieſer geheimnißvolle Fremd⸗ ling niemand Geringeres ſei als— der Erbprinz in Perſon! So abgeſchmackt dieſe Gerüchte nun zum größten Theil auch waren, ſo breiteten ſie ſich dennoch immer weiter aus und fanden auch außerhalb der Schenke immer mehr Glauben. Ganz beſondern Vorſchub leiſtete ihnen die Wirthin; nicht nur ihre Redſeligkeit, ſondern auch ihr Vortheil führte das ſo mit ſich. Seitdem Herr Florus ihrem Hauſe auf ſo ſchnöde Weiſe den Rücken gewendet, war der Maler deſto höher in ihrer Gunſt geſtiegen; auch ſchmeichelte es ihrer Eitelkeit, eine ſo viel beſprochene Per⸗ ſon, den Gegenſtand ſo vieler Auslegungen und Vermuthungen, ſchon ſo lange unter ihrem Dache zu beherbergen. Sie ſelbſt zwar wußte über die Herkunft des Fremden nicht einen Buchſtaben mehr, als in ſeinem Paß zu leſen ſtand: und das war und blieb der einfache, geheimnißvolle 304 „Maler Schmidt“. Aber das hinderte ſie nicht, ihren Gäſten gegenüber, wenn die Rede auf den Fremden kam, jedesmal eine höchſt überlegene, höchſt bedeutungsvolle Miene anzunehmen. Sie ließ Jeden ſeine Meinung vortragen, ſelbſt auch den Karrenſchieber, ohne ein Wort dazwiſchen⸗ zuſprechen. Nur zum Schluß: Ihr ſeid Tröpfe, Einer mit dem Andern, pflegte ſie zu ſagen, und patſchte dazu mit der rothen, fleiſchigen Hand dem Karrenſchieber derb zwiſchen die ma⸗ gern Schultern. Aber der Ausdruck, mit dem ſie das ſagte, und dies Schmunzeln, mit dem ſie die Lippen vorſichtig einkniff, gleichſam damit ihr nicht wi⸗ der Willen ein unvorſichtiges Wort entſchlüpfe, gab deutlich zu verſtehen, daß ſie wohl noch mehr ſagen könne, wenn ſie nur eben mehr ſagen wolle. Auch verſäumte ſie niemals, das Ge⸗ ſpräch gleich danach auf die feine Wäſche und die prächtige Garderobe zu bringen, welche der 305 Maler ſich habe nachſchicken laſſen, ſowie auf die vielen Briefe und Meldungen aller Art, welche faſt täglich bei ihm ein⸗ und ausgingen. Der Erfolg natürlich war ganz derjenige, den die Wirthin bezweckte: ſie beſtätigte, was ſie zu leugnen ſchien, und machte ſowohl ihren Gaſt als ſich ſelbſt täglich intereſſanter. Jedenfalls indeß, wenn dies ein vornehmer Herr war, ſo konnte derſelbe, je nach Gelegen⸗ heit, von außerordentlicher Herablaſſung und Leutſeligkeit ſein. In größerer Geſellſchaft zwar, wo er von Mehren zugleich beobachtet ward, gab er nicht leicht jene Zurückhaltung auf, welche in ſeiner ganzen äußern Erſcheinung ausgeprägt lag; das galt ſo gut von den glän⸗ zenden Soireen, welche die Baronin um ſich verſammelte, als von den Zechgelagen der Fa⸗ brikarbeiter, denen er nicht ſelten beiwohnte. Dagegen wer unter vier Augen mit ihm zu⸗ ſammentraf, der wußte hernach nicht genug zu 306 rühmen, wie geſprächig und theilnehmend der junge Herr ſich gezeigt. Forſchte man freilich genauer nach, ſo ergab ſich in der Regel, daß er weit weniger ſelbſt geſprochen, als den An⸗ dern zum Sprechen veranlaßt hatte. Aber Das iſt es ja eben, was die meiſten Menſchen von einer guten Unterhaltung begehren; während Herr Florus das äußerſte Maß von Umgäng⸗ lichkeit erreicht zu haben glaubte, indem er die Leute fortwährend unter die Preſſe ſeiner Fra⸗ gen legte und ſich aufs Genaueſte nach allen Einzelnheiten ihres häuslichen und gewerblichen Lebens erkundigte— was denn in den meiſten Fällen gerade den entgegengeſetzten Effect her⸗ vorbrachte—: war Herr von Lehfeldt Meiſter in der Kunſt, den Leuten die Lippen zu öffnen, ohne daß ſie ſelbſt es wußten, und Alles zu er⸗ fahren, ohne eine einzige Frage zu thun. Beſonderes Intereſſe ſchien er in dem Um⸗ gang mit dem tollen Heiner zu finden; man ſah ſie nicht ſelten in der Einſamkeit des Waldes neben einander ſitzen, den großen Hund des Malers, mit dem aufmerkſamen, verſtändigen Geſicht zwiſchen ſich, als ob er an den geheim⸗ nißvollen Geſprächen, die zwiſchen dem ſeltſa⸗ men Paare gepflogen wurden, bedachtſam An⸗ theil nähme. Auch in der Schenke, welche der Wahnwitzige, wie wir wiſſen, nur allzu häufig beſuchte, verfehlte der Fremde nicht leicht, durch ein gemeſſenes Kopfnicken ſeine Bekanntſchaft mit demſelben anzudeuten. Das Haus des Meiſters dagegen hatte er nach jenem erſten Beſuch in der Sonntagfrühe nicht wieder betreten. Zwar verſorgte er ihn noch immer mit Aufträgen, nicht eben allzu⸗ reichlich und auch nicht immer ganz regelmäßig, dennoch ſo, daß der Meiſter, bei ſeinem Fleiß und bei dem unermüdlichen Beiſtand, welchen Reinhold ihm leiſtete, das nothdürftigſte Aus⸗ kommen dabei fand.— Dieſe Beſtellungen, ſo⸗ 308 wie der ganze Verkehr mit dem Hauſe des Mei⸗ ſters gingen ſämmtlich durch die Hand der Wir⸗ thin, welche ſich, wie man denken kann, nicht wenig darauf zu gute that, einem ſo vornehmen Herrn als Unterhändlerin zu dienen, beſonders ſeitdem ſie ſich überzeugt hatte, daß ihr Ver⸗ dacht in Betreff der ſchwarzäugigen Margareth vollkommen unbegründet geweſen. Wie nun aber das Publicum, im Großen und Kleinen, in Städten und Dörfern, in po⸗ litiſchen und andern Dingen, ſich endlich an Al⸗ les gewöhnt und Alles ertragen lernt, ſo ge⸗ wöhnte man ſich in dem Fabrikdorf allmälig auch an die Anweſenheit des räthſelhaften Frem⸗ den und lernte ſeine eigene Neugier ertragen. Der Maler Schmidt, der ſo oft verſchwand und ſo oft wiederkam, von dem Jedermann wußte, daß er kein Maler war, und den doch, um ein Großes, Niemand anders anzureden gewagt hätte, mit dieſen geheimnißvollen Verbindungen, die Jedermann beſchäftigten und die doch Niemand ergründen konnte, war in Kurzem eine herkömm⸗ liche Perſon im Dorfe und gehörte zur Staffage deſſelben— nun ja, ebenſo gut und ebenſo noth⸗ wendig, wie der ewig Abſchied nehmende und doch niemals abreiſende Herr Florus zur un⸗ entbehrlichen Staffage in dem Salon der Com⸗ merzienräthin gehörte. Prittes Rapitel. Windſtille Auch das Engelchen ſogar ſollte eine einiger⸗ maßen ähnliche Erfahrung machen. Unſere Le⸗ ſer entſinnen ſich, mit wie viel Muth und zu⸗ gleich mit wie viel Entſagung ausgerüſtet, die junge Dame das väterliche Haus betreten hatte; zum Handeln wie zum Leiden gleich entſchloſ⸗ ſen, hatte ſie ſich, im Bewußtſein ihres guten Rechts und gehoben durch das Gefühl ihrer ſchweſterlichen Zärtlichkeit, auf alle Angriffe des Haſſes, auf jede Art von Anfeindung, Krän⸗ kung und Demüthigung gefaßt gemacht. Aber nur auf Eines nicht: nicht auf die Un⸗ 311 thätigkeit, zu welcher ſie ſich durch die Verhält⸗ niſſe verurtheilt ſah! nicht auf die Gleichgiltig⸗ keit, mit welcher Herr und Frau Wolſton über den Zweck ihrer Anweſenheit völlig hinweg⸗ ſahen! nicht darauf, den bitterſten Gram im Herzen, von der ängſtlichſten Sorge gefoltert, gleichwohl äußerlich ſo ruhig, unter ſo nichtigen geſelligen Zerſtreuungen dahinleben, einem Va⸗ ter, von dem ſie ſich ſo gehaßt wußte, einer Mutter, die ſie ſelbſt ſo wenig achtete, täglich mit ſo gelaſſener Miene entgegentreten zu müſ⸗ ſen, wie dies Alles in der That nun ſchon ſeit Monaten der Fall war! Auf Sturm und Un⸗ wetter hatte ſie ſich vorbereitet, dieſe Windſtille dagegen, die ſie hier fand, lähmte die Schwin⸗ gen ihrer Seele und machte ſie irre an ſich ſelbſt. Tag auf Tag, Woche auf Woche, ja endlich Monat auf Monat verrannen, immer näher rückte die Stunde, welche über ihr Schickſal ent⸗ ſcheiden mußte— und gleichwohl geſchah nichts, „ 312 nicht einmal von ihr ſelbſt, daſſelbe zu ändern oder auch nur aufzuhalten. Die Unterredung, welche ſie am Tage nach ihrer Rückkunft mit Herrn Wolſton gehabt hatte, war und blieb die einzige, welche er ihr über dieſen Gegenſtand verſtattete; alle Verſuche, das Geſpräch noch einmal darauf zurückzulenken, alle Vorſtellungen, alle Bitten, ſelbſt alle ſchriftlichen Annäherungen, wurden von Herrn Wolſton mit derſelben kalten, lächelnden Höflichkeit zurückge⸗ wieſen, durch welche er das Herz des jungen Mädchens bereits in jenem erſten Geſpräche ſo tief verwundet hatte. Vergeblich beugte ſie ihren Stolz ſo weit, die Vermittelung ihrer Stiefmutter, ja endlich ſogar diejenige des Herrn Waller in Anſpruch zu nehmen.— Denn daß das Gerücht nicht zu viel geſagt hatte über den Einfluß, deſſen dieſer Letztere im Hauſe des Commerzienraths ſich erfreute, 313 und daß es von ihm ſelbſt nur eine ſehr erklär⸗ liche Zurückhaltung geweſen war, wenn er den⸗ ſelben bei ihrer erſten Begegnung in Abrede ge⸗ ſtellt, davon hatte das Engelchen ſich längſt überzeugen müſſen. Andererſeits aber hatte ſie bei aller Aufmerkſamkeit auch nichts entdecken können, was den Argwohn ihres Bruders be⸗ ſtätigt hätte. Im Gegentheil, Herr Waller zeigte ſich fort und fort als derſelbe beſcheidene, re⸗ ſpectvolle, ja ergebene Mann, als der er ſich ihr in der erſten Stunde vorgeſtellt hatte; ſelbſt der Einblick, welchen Angelica ihm, in der Angſt ihres Herzens, in ihre eigenen Verhältniſſe ge⸗ ſtattet und den er ihr auf die zarteſte Weiſe erleichtert hatte, konnte ihn nicht um die Breite eines Haares aus dieſer ehrerbietig gemeſſenen Stellung herausbringen. Allein auch dieſe Vermittelungen ſchlugen fehl Die Commerzienräthin erklärte in kurzen beſtimmten Worten, daß ſie ſich um die Ver⸗ Das Engelchen. II. 14 5 * 31 6 wandtſchaft ihres Mannes ein für allemal nicht bekümmere; da ihr Gemahl es ſo wolle, und ſo lange derſelbe es ſo wollen werde, ſei Ange⸗ lica Gaſt ihres Hauſes und dürfe auf jede Pflicht der Gaſtlichkeit zählen, aber auch auf nichts weiter. Und ebenſo auch Herr Waller, ſo viel Theil⸗ nahme er Angelica auch bezeigte und mit ſoviel kluger Behutſamkeit er die ganze Angelegenheit behandelte, ſo konnte auch er ihr dennoch keine andere Antwort überbringen, als die Herr Wol⸗ ſton ihr bereits mündlich zu wiederholten Malen gegeben hatte: nämlich daß Alles, was ſich über dieſe Sache ſagen laſſe, von ihm geſagt ſeiz brauche Angelica noch andern Rath und andern Aufſchluß, ſo möge ſie ſich denſelben von ihrem Advocaten geben laſſen. Freilich wohl, es war leicht geſagt, von ihrem Advocaten. Aber das vermehrte ja eben das Beängſtigende ihrer Lage, daß auch der Juſtiz⸗ 3 5 315 rath, dem ſie ſich auf Anrathen des Profeſſors noch während ihres Aufenthalts in der Haupt⸗ ſtadt anvertraut hatte, ſie im Stiche zu laſſen ſchien.— Wir werden binnen Kurzem noch die perſönliche Bekanntſchaft des Juſtizraths ma⸗ chen. Bis dahin genügt die Verſicherung, daß ſowohl ſeine Geſchicklichkeit als ſeine Zuverläſſi ig⸗ keit über jeden Zweifel erhaben war; in einer faſt funßzigjährigen Praris als der erſte Advocat der Hauptſtadt anerkannt, ward er überall als ein Muſter von Uneigennützigkeit und Redlich⸗ keit verehrt. Mit dem Engelchen war er über⸗ dies im Hauſe ihres Erziehers bereits vor Län⸗ germ perſönlich bekannt geworden und hatte das Behagen, das ihr munteres, friſches Weſen ihm erweckte, in ſeiner freundlich derben Weiſe gern und häufig kundgegeben. Auch noch bei ihrer Abreiſe hatte er ihr allen möglichen Schutz und Beiſtand verſprochen und ſie aufgefordert, ihm vom Stande der Dinge jederzeit treuen und 14* 316 ausführlichen Bericht zu geben; es müßte ja, hatte er gemeint, nicht mit rechten Dingen zu⸗ gehen, wenn er, der ſo manchem armen Schelm, zum Theil wider Verdienſt und Würdigkeit, von Rad und Galgen geholfen, nicht ſolchem wackern, unſchuldigen Kinde aus den Fall⸗ ſtricken eines zweideutigen Teſtaments ſollte hel⸗ fen können. Und wenn der Juſtizrath nun, nach ſolchen Verheißungen und Zuſicherungen, für Angelita deſſenungeachtet ſchon ſeit Monaten ſo gut wie verſtummt war, wenn er ihre dringendſten Mah⸗ nungen, ihre beſorglichſten Anfragen und Bit⸗ ten nur höchſt ſparſam, mit allgemeinen un⸗ ſichern Vertröſtungen, ja wohl gar mit Scherz⸗ reden beantwortete, für welche das arme ge⸗ ängſtigte Mädchen, ſo wohl dieſelben in der That gemeint ſein mochten, unter dieſen Ver⸗ hältniſſen doch keinen Sinn mehr hatte, noch haben konnte— woher konnte das kommen,. 317 was konnte es bedeuten, als daß auch er, der ſcharfſichtige, erfahrene Rechtsgelehrte, ihre Sache für verloren hielt? als daß auch er, dem die ganze Rüſtkammer vieljähriger Erfahrung zu Ge⸗ bote ſtand, gleichwohl für Angelica keinen Aus⸗ weg mehr ſah, als entweder ſich der ſchmach⸗ vollen Bedingung des mütterlichen Teſtaments zu unterwerfen oder aber allen Rechten und Anſprüchen widerſtandlos zu entſagen? Und wäre es nur dieſes Letzter allein ge⸗ weſen! So lebhaft das Rechtsgefühl des jun⸗ gen Mädchens auch war und ſo ſehr jede Fiber ihres Weſens unwillkürlich, inſtinctmäßig ſich auflehnte gegen das Unrecht, das ihr, nach ihrer Anſicht, widerfahren ſollte— nicht weil ſie es war, der es widerfuhr, ſondern überhaupt weil es ein Unrecht war— ſo hatten dennoch dieſe bangen, peinlichen Monate, die ſie im väter⸗ lichen Hauſe verlebte, ohne daß von Allem, um deſſen willen ſie die Schwelle deſſelben über⸗ 318 ſchritten, ſich auch nur das Mindeſte verwirk⸗ lichen wollte, ihren Muth allmälig ſo erſchüt⸗ tert, ihr Herz, von der endloſen, quälenden Sorge, die es lautlos in ſich verſchließen mußte, war ſo müde, ſo mürbe geworden, ſie ſehnte ſich mit ſo inniger, ſo ſchmerzlicher Sehnſucht hinaus aus dieſem ganzen unklaren, unſichern Getreibe: daß ſie ja gern auf jedes Recht und jeden Anſpruch verzichtet hätte,— wäre es eben nur ihr Recht und ihr Anſpruch allein ge⸗ weſen! Ja es gab Stunden, wo ſie ſich Vorwürfe darüber machte, das Haus ihres Stiefvaters überhaupt nur betreten und ſich in einen Kampf eingelaſſen zu haben, der für ſie ſchon kein Kampf mehr war, nur noch ein ohnmächtiges, würdeloſes Unterliegen; es kam ihr vor, als ſei ſie herabgeſtiegen unter ſich ſelbſt und habe ſich zur Mitſchuldigen gemacht an den Anſchlägen und Plänen, deren Spuren ſie überall erblickte, 319 und die um ſo ſchwerer auf ihre reine, klare Seele drückten, je weniger ſie ſich dieſelben ent⸗ räthſeln konnte, dadurch allein ſchon, daß ſie die Gaſtfreundſchaft dieſes Hauſes angenommen und ſich dem geſelligen Verkehr deſſelben ange⸗ ſchloſſen hatte. Sie erſchrak vor ſich ſelbſt, ſie hätte auffahren mögen und ſich bei den Händen nehmen, nur um ſich zu überzeugen, daß ſie es wirklich war, wenn ihr Blick zufällig in die Spiegel fiel, die in dem prächtigen Salon ihrer Stiefmutter von allen Pfeilern prangten— und ſie ſah ſich in den zierlichen Gewändern, welche die Sitte des Hauſes ihr auferlegte, und ſah ſich wieder und immer wieder dem kalten, höf⸗ lichen Lächeln ihres Stiefvaters gegenüber und ertappte ſich ſelbſt dabei, wie ſie leere, nichtige Höflichkeiten mit ihm wechſelte! Wie oft be⸗ ſchloß ſie, all dieſen Flitter von ſich zu ſtreifen und nicht länger eine Heiterkeit zu heucheln, von der ihr Herz doch längſt nichts mehr em⸗ 320 pfand! wie ſehnte ſie ſich nach Armuth und Niedrigkeit, wie leicht kam es ihr vor, jedem Beſitzthum und jedem Vortheil der Geburt zu entſagen, nur um Wahrheit und Freiheit der Exiſtenz dagegen einzutauſchen! wie oft ſchon, in unwillkürlicher Bewegung, erhob ſie ihren Fuß, den Staub dieſer Teppiche von ſich zu ſchütteln und hinaus zu ſchreiten in die kalte, finſtre, freudloſe Nacht, gleichviel wohin, wenn ſie nur dieſe Unwahrheit und Lüge hinter ſich hatte! Aber nein, da fiel ihr Blick wieder auf das blaſſe, ſchwermüthige Angeſicht ihres Bruders, das aus der Ecke ſeines Lehnſtuhls ſo kalt, ſo ſtill, ſo ernſt in dieſe prunkvolle Umgebung hin⸗ einſtarrte— Angelica ſelbſt war zuſammenge⸗ ſchaudert, als ſich ihr das Gleichniß zum erſten Male aufgedrängt hatte, allein es half nichts, es kam immer wieder: wie das Antlitz einer Leiche herabſtarrt auf die Pracht des Katafalk, 321 auf welchen man ſie erhöht hat— und das doch in demſelben Augenblick Glanz und Farbe und Freudigkeit gewann, da der Strahl ihres Auges dem ſeinen begegnete! Denn wie fruchtlos der Aufenthalt im väter⸗ lichen Hauſe auch bisher für ihre eigenen An⸗ gelegenheiten geweſen war, für Julian war er es nicht geblieben. Zwar von Dem, was ſie urſprünglich be⸗ abſichtigt, war, wie wir bereits wiſſen, auch in Rückſicht auf ihren Bruder nichts zu Stande gekommen; Reinhold's Weigerung, in das Haus⸗ des Fabrikherrn zurückzukehren, hatte ihren weit⸗ greifenden Entwürfen und Hoffnungen ein raſches Ende gemacht. Auch von Leonhard's Wiedereintritt wurde kaum noch geſprochen. Die Unterſuchung gegen denſelben, verſicherte Herr Waller, ſei ſo gut wie geſchloſſen und habe, was er ſelbſt kaum mehr zu hoffen gewagt, die Unſchuld des wackern Mannes ziemlich deutlich ergeben; der Wiedereinführung in ſein Amt ſtehe, aller Wahrſcheinlichkeit nach, kein weſentliches Hinderniß mehr entgegen. Dann, aber auch nur erſt dann, werde es an der Zeit ſein, ihn auch in ſein Verhältniß zu Julian zurückzuführen; es ſei dies eine Rückſicht, welche man nicht nur der Vorſchrift der Behörden, ſondern weit mehr noch der Ehre des Hauſes, ja Leonhard's eigener Ehre ſchuldig ſei. Julian, wie wir uns entſinnen, hatte die Hoffnungen und Entwürfe des Engelchen nie⸗ mals getheilt. Die Anweſenheit der geliebten Schweſter allein machte ihn ſchon ſo glücklich und erfüllte ſein Herz mit einem ſo ſchönen, tiefen Frieden, daß er nichts mehr wünſchte, nichts mehr verlangte. Wie eine Blume, aus enger, dumpfiger Zimmerluft in den warmen, lebendigen Sonnenſtrahl getragen, die welken Blätter emporrichtet und Kraft, Duft und Farbe gewinnt, ſo blühte Julian auf, ſobald er mit Angelica zuſammen war. Es war nichts Krank⸗ haftes, nichts Leidenſchaftliches in dieſer Zärt⸗ lichkeit: ein ſchönes, glückliches Genügen, eine geiſtige Geſundheit gleichſam, die ſein tiefſtes Innere gleich einem Wunderquell durchrann. Auch körperlich ſogar ſchien er ein Anderer zu werden, ſobald Angelica ſich ihm näherte; die müde Bruſt athmete freier, das geſenkte Haupt erhob, das matte Auge belebte ſich, wie er nur den Klang ihrer Stimme hörte. Welch ein Feſt war das geweſen, da er zuerſt wieder, auf den Arm der Schweſter gelehnt, in den Garten hinabgeſtiegen war und hatte gemeinſam mit ihr all jene Erinnerungsplätze und Denkmale ihrer Kindheit aufgeſucht, die ihnen Beiden und noch einem Dritten, ach! ſo theuer waren! Herrn Waller gebührte das Anerkenntniß, daß er dieſen wohlthätigen Einfluß des Engel⸗ chen nicht nur erkannte, ſondern auch, ohne Eiferſucht auf ſeine pädagogiſche Autorität, in 324 aller Weiſe unterſtützte. Unmerkbar, ſeit Ange⸗ lica im Hauſe war, hatte er Julian's Leitung mehr und mehr in ihre Hände übergehen laſſen; er ſelbſt ſchien nur noch die Stelle eines be⸗ obachtenden, ja ſchützenden Freundes einzuneh⸗ men. Auch Julian ſelbſt blieb das nicht ver⸗ borgen: aber dankbar dafür konnte er doch nur ſeiner Schweſter ſein, nicht Herrn Waller.... viertes Kapitel. Die Ringe. Unter dieſen Umſtänden war Julian denn auch durch Reinhold's Weigerung beiweitem nicht ſo überraſcht worden, als Angelica es befürchtet hatte, und als ſie ſelbſt es im erſten Augen⸗ blicke geweſen war. Im Gegentheil, hatte er geſagt, er habe ſeinen Freund deshalb nur um ſo lieber. Wenn er ſelbſt auch kaum noch ein Jüngling, ja nur noch ein Knabe ſei, und ſo⸗ gar keine Hoffnung habe, jemals zum Manne heranzureifen, ſo empfinde er in ſeinem Un⸗ verſtande doch ſo lebhaft wie Einer, daß die Ehre das Höchſte des Mannes ſei und daß 326 keine Freundſchaft, keine Zärtlichkeit, kein Mit⸗ leid ſelbſt dem Manne jemals ſo über den Kopf wachſen dürfe, daß er darüber ſeine Ehre und ſeine Selbſtändigkeit in Gefahr ſetze. Seine Schweſter habe es gut mit ihm gemenit und er danke ihr dafür herzlich: aber Reinhold habe beſſer gewußt, was ihnen Allen wirklich gut ſei. Was ihm zum Glücke denn noch fehle, ſeitdem er ſeine Schweſter leibhaftig in den Ar⸗ men habe, dieſe Schweſter, in deren treuem, liebevollem Herzſchlag er zugleich das Herz des Freundes pochen fühle? So glücklich, wie er jemals auf Erden werden könne, ſei er jetzt, glück⸗ licher ſogar, als er jemals zu werden gehofft; ein Tropfen mehr noch in dieſen Becher der Freude würde das Gefüß ſelbſt zerſprengen. Angelica möge Reinhold nur ruhig gewähren laſſen, es ſei ihm ſelbſt keine Entſagung; ſchon längſt habe er ſich ja daran gewöhnt, ſeine Freunde nur aus der Entfernung, nur wie vom Däm⸗ 327 mer des Jenſeit her zu lieben, ja ſie ſelbſt müßten, unwiſſend, dem Geiſterrufe ſeines Her⸗ zens folgen, und müßten Nachts vor ſein Bette treten, in unbelauſchtem, traulichem Geſchwätz die langen Stunden mit ihm zu verplaudern. Was er noch weiter brauche? und wenn es ja noch einer Verſtändigung zwiſchen Reinhold und ihm bedürfe, welches Herz ihre leiſeſten Gedanken beſſer verſtehe, welcher Mund ſie lieb⸗ licher ausſprechen könne als Angelica's?— Er hatte heimlich drei ganz gleiche Gold⸗ reife anfertigen laſſen, mit Locken ſeines Haa⸗ res; die wollten ſie gemeinſam tragen, er, ſeine Schweſter und Reinhold, und wie ein Jeder von ihnen ſeinen Ring anblickte, würde das Herz des Andern es empfinden, und ſie würden beiſammen ſein, unſichtbar, und ſich verſtehen ohne Worte, ſelbſt dann noch, wenn er ſchon längſt im Grabe läge. Es war kein leichter Gang geweſen für An⸗ 328 gelica, da ſie ſich eines Tages aufmachte, im Auftrage ihres Bruders den Ring an Reinhold zu überreichen: die Erinnerungsgabe eines Le⸗ benden, der ſich ſelbſt bereits unter die Todten zählte, ausgehändigt an einen Freund, der im erſten, freudigſten Augenblick eines langerſehn⸗ ten Wiederſehens ebenfalls kein anderes Geſtänd⸗ niß für ſie gehabt hatte, als daß er nur noch ein todter Menſch ſei und daß Glück, Muth, Hoffnung ſeit Langem weit, weit hinter ihm liege Aeußerlich zwar war Reinhold in den letz⸗ ten Monaten ungleich gefaßter und ruhiger ge⸗ worden, als Angelica ihn an jenem erſten Sonn⸗ tagmorgen gefunden hatte; das unſelige Ereig⸗ niß, welches den Abend deſſelben Tages fi ihn beſchloſſen, hatte eine merkwürdige und u greifende Aenderung in ihm hervorgebracht. Ueber den Vorfall ſelbſt war kein Wort wieder geſprochen worden, nicht einmal zwiſchen Neig * und ſeinem Vater; ebenſo wenig über das ver⸗ hängnißvolle Geheimniß, in welches Reinhold in jener Nacht eingeweiht worden. Den alten Großvater behandelte er mit derſelben ehrerbie⸗ tigen Ergebenheit wie früher. Auch zur Wiederherſtellung jener Zeichnun⸗ gen und Modelle, die ihn ehemals ſo lebhaft beſchäftigt und auf die er ſo kühne Hoffnungen gebaut hatte, machte er nicht den geringſten Ver⸗ ſuch; nicht blos Luſt und Muth, ſondern ſelbſt auch die bloße Erinnerung an dieſe Arbeiten ſchien völlig aus ſeiner Seele ausgelöſcht. Wenn Leonhard oder Anna ihn nach dem Stande der⸗ ſelben fragten, that er in der Regel ganz fremd, als wüßte er gar nicht mehr, was ſie meinten; wenn ſie lebhafter in ihn drangen, ſo entſchul⸗ digte er ſich theils mit den Beſtellungen des ge⸗ heimnißvollen Fremden, welche ihn an den Web⸗ ſtuhl gefeſſelt hielten, theils mit den Verhält⸗ niſſen ſeines Hauſes überhaupt. 330 Und allerdings waren dieſe auch jetzt noch immer traurig genug und wenig geeignet, Ar⸗ beiten und Pläne zu befördern, wie diejenigen, zu welchen namentlich die Schweſter des Schul⸗ meiſters ihn antrieb. Die Krankheit der Tante hatte in Beſorgniß erregendem Grade zugenom⸗ men. Es iſt früher erzählt worden, in welche unheimliche Aufregung die Kranke, nach der er⸗ ſten frendigen Begrüßung, durch die Ankunft des Engelchen verſetzt worden war. Dieſe Sce⸗ nen wiederholten und ſteigerten ſich faſt mit je⸗ dem Tage. Es war ein unerklärlicher Wider⸗ ſpruch in dem Benehmen der Kranken: ſo lange Angelica nicht an ihrem Bette ſaß, wollte ſie vergehen vor Ungeduld und Sehnſucht nach ihr— und wenn ſie nun gegangen kam und wenn ihr melodiſcher Gruß an das Ohr der Kranken ſchlug, was war es dann, was bedeu⸗ tete es, daß dieſe auf einmal ſo wild in die Höhe fuhr, mit angſtvollen Blicken jetzt das Engel⸗ 331 chen zu ſich heranzog, dann wieder weit von ihm rückte, dicht an die ärmliche Wand heran, jetzt ſprechen wollte, jetzt wieder verſtummte und endlich unter bitterlichen Thränen bat, Angelica möge ſie allein laſſen, ſie ſei jetzt nicht im Stande, es ſei noch nicht die Zeit jetzt, mit ihr zu ſprechen? Und kaum wieder daß Angelica den Rücken gewendet, was wollten dieſe jammervollen Bit⸗ ten, dieſe ſchmerzlichen Selbſtanklagen, mit de⸗ nen ſie dieſelbe wieder zurückzurufen ſuchte, um gleich darauf das alte Spiel mit ihr zu begin⸗ nen? Ueberall ſonſt, wo Angelica auftrat, ver⸗ breitete ſie Heiterkeit und Freude um ſich her; welch Geheimniß lag denn hier zu Grunde, durch welchen ſeltſamen Zuſammenhang geſchah es, daß die Nähe der jungen Dame gerade hier ſo anders wirkte, hier, wo ſie mit ſo viel Unge⸗ duld erwartet, mit ſo viel Freude begrüßt wor⸗ den war? — Natürlich wurden die Kräfte der Kranken durch dieſe fortwährende peinliche Aufregung aufs Aeußerſte erſchöpft; es war nicht wahr⸗ ſcheinlich, daß ſie nur den Winter überleben würde. Aber um das Maß dieſer Widerſprüche voll zu machen: dieſelbe Frau, die ſonſt ſo voll Dul⸗ dung und Ergebenheit geweſen, über deren Lippe während der ganzen jahrelangen Krankheit kaum je eine Klage gekommen war, wie bangte ſie jetzt vor dem Tode! wie hing ſie, voll verzwei⸗ felter Begier, ſich an jede leiſeſte Hoffnung! wie verwirrte ſich, in grauenvollſten Bildern, dieſer ſonſt ſo klare, ſo gottergebene Sinn, ſobald der Gedanke des Todes vor ihre Seele trat! Der Meiſter litt unſäglich bei dieſen Leiden ſeiner Schweſter. Allein auch ſeine Angſt und Unruhe ſchien noch andere Quellen zu haben, als nur die zunehmende Krankheit der armen Lene. In ſtiller Nacht, wenn der Meiſter den 333 Sohn längſt in tiefem Schlummer glaubte, hatte Reinhold, wach gehalten durch den Kummer, der auch auf ſeinem Herzen laſtete, den Vater ge⸗ ſehen, wie er aufrecht ſtand am Bette der Kranken und Worte mit ihr tauſchte— von Sarg, Grab, Sterben— Worte, ſo dunkeln, ſo grauenhaften Sinnes, daß Reinhold ſich gern überredet hätte, es wäre Alles nur ein Traum... Und dann wieder ein ander Mal, an einem Abend, da der Vater weggegangen war, wie er ſagte, zum Beſuch beim Schulmeiſter— Rein⸗ hold hatte ſeinen eigenen Augen nicht getraut: aber dennoch war es ſo, er hatte es zu deutlich geſehen, der Mond ſchien zu hell und ſo vor⸗ ſichtig die beiden Geſtalten ſich auch in den Schatten der alten Schloßmauer verſteckten, ſo hatte das Auge des jungen Mannes ſie dennoch erkannt:— den Vater in heimlichem, ängſtlichem Zwiegeſpräch mit dem Sandmoll, demſelben 334 Sandmoll, den er übrigens ſo tief verachtete, der ſich in ſeinem Hauſe nicht mehr durfte ſehen laſſen, ja an dem er faſt ſchon einmal zum Mörder geworden war?!— Auch auf der andern Seite des Hauſes hat⸗ ten Kummer und Trübſal ihre Wohnung auf⸗ geſchlagen. Die Beſſerung, welche Konrad in der erſten ſtürmiſchen Aufwallung ſeiner Vater⸗ freude ſeiner Frau gelobt hatte, war nur von ſehr kurzer Dauer geweſen; noch ungezügelter als früher überließ er ſich ſeinen böſen Neigun⸗ gen. Die Fabrik beſuchte er wenig mehr; wenn Margareth ihm Vorſtellungen deshalb machte und ihre Beſorgniß ausſprach, er möchte, bei ſolcher Unregelmäßigkeit, die Arbeit in derſelben wohl ganz verlieren, lächelte er verſchmitzt: wes⸗ halb ſie ſich denn jetzt auf einmal ſo ſehr für die 5 Fabrik intereſſire? Sie möge nur ganz ruhig ſein, Herr Wolſton werde ſich wohl hüten, ihn wegzujagen; und wenn er die Fabrik gar nicht 335 mehr beſuche, ſo müſſe Herr Wolſton ihn den⸗ noch in Lohn und Brot behalten, dafür ſei er ihr gut, er kenne ſeinen Mann und habe ſeine Mittelchen... Auch war es allerdings ſeltſam, daß es ihm, trotz dieſer wenigen Arbeit und trotz der wüſten Le⸗ bensweiſe, welche er führte, doch niemals an Geld fehlte. Wenigſtens nicht für die Wirthin, die ihn ſeit einiger Zeit zu ihren reſpectabelſten Kunden zählte. Er ſpielte, zechte, ſchwärmte, wie kaum ein Anderer im Dorf. Daß Margareth inzwiſchen zu Hauſe mit der bitterſten Noth zu kämpfen hatte, daran dachte er in ſeinem Leichtſinn nicht; genug, daß er dafür in der Schenke bei ſeinen Spiel⸗ und Trinkgenoſſen in deſto unbeſtrittenerm Anſehen ſtand. Freilich ging auch unter dieſen allerlei ſeltſames Gemunkel über die Quellen, aus denen Konrad ſeinen Aufwand beſtritt, beſonders, da man auch ihn ſeit einigen Monaten in geheimniß⸗ vollem Verkehr mit dem alten Sandmoll erblickte. 336 Konrad hatte an dieſem Gerede großes Be⸗ hagen; es ſchmeichelte ſeiner Eitelkeit und gab zugleich ſeiner Schadenfreude Nahrung. Ich habe einen Drachen im Schornſtein, rief er, in⸗ dem er die Würfel klappern ließ und rechts und links die Gläſer vollſchüttete, daß ſie überſtröm⸗ ten: Das iſt's, ihr Narren, und nun laßt nur meine Margareth erſt mit einem tüchtigen Jun⸗ gen niederkommen, ich ſag' euch, Das ſoll einen Kindtaufſchmaus geben, im Schloſſe da drüben ſollen ſie es nicht beſſer können! Wirklich war Dies bei ihm zu einer Art von fixer Idee geworden. War es die rohe, ſinnliche Natur des Mannes, der ſelbſt für die reinſte und edelſte Freude, welche dem menſch⸗ lichen Herzen vergönnt iſt, keinen höheten Aus⸗ druck kannte, oder war es ſeine Eitelkeit, welche ſich ſchämte, ein leichtfertig gegebenes Vort wieder zurückzunehmen: kurz, ſeitdem er ein⸗ mal, halb im Rauſche und gedrängt durch die — 337 Neckereien ſeiner Kameraden, die ganze Geſell⸗ ſchaft, wie ſie ſich in dem Wirthshauſe zu ver⸗ ſammeln pflegte, zum Taufſchmauſe eingeladen hatte, war er von dieſem Gedanken nicht wie⸗ der abzubringen. Im Gegentheil, es war ſein Lieblingsgedanke geworden, den er unermüdlich ausmalte, ſelbſt auch vor Margareth's Ohren, und Das nicht ſelten in Augenblicken, wo das arme Weib Mangel am Nothwendigſten litt. Margareth hatte es ſich zum Geſetz gemacht, weder ihrem Vater noch ihrem Bruder jemals mit Klagen über ihren Mann beſchwerlich zu fallen. Auch hatte der Meiſter, wenigſtens dem Anſcheine nach, für Alles, was auf der andern Seite des Hauſes vorfiel, kein Auge; ſogar die Großvaterfreude, welche ihm bevorſtand, hatte ihn in kein beſſeres Verhältniß zu Konrad brin⸗ gen können. Reinhold freilich entging nichts von Al⸗ lem. Allein da auch er ſich längſt hatte über⸗ Das Engelchen. II. 15 338 zeugen müſſen, daß alle gütlichen Vorſtellungen an ſeinem Schwager verloren waren, ſo konnte die unglückliche Lage ſeiner Schweſter nur dazu dienen, die Laſt ſeiner eigenen zu vermehren. Und doch, wie ſchon geſagt, ertrug er dies Alles äußerlich mit der vollkommenſten Faſſung; als hätten die entſetzlichen Enthüllungen jener Nacht ihn auf einmal zum Manne gereift, war ſein ganzes Weſen jetzt ſo feſt, ſo ruhig, ſo gleichmüthig geworden, daß Angelica ihre herz⸗ liche Freude daran hatte. Ach, es war eine ähnliche Täuſchung wie diejenige, in welcher das arme junge Mädchen ſich in Betreff Julian's erhielt; auch hier ahnte ſie nicht, welcher Ab⸗ grund unter dieſer ſcheinbar ſo ruhigen Ober⸗ fläche ſich verbarg. Wer mit allen Hoffnungen und allen Wünſchen abgeſchloſſen hat, für den iſt es freilich leicht, gefaßt und gleichmüthig zu erſcheinen. Dies war Reinhold's Fall. Das unglückliche Geheimniß, welches ſein Vater ihm 339 in jener Nacht anvertraut, lag auf ihm mit Felſenwucht; fort und fort, im Innerſten der Seele, arbeiteten ſeine Gedanken daran und ver⸗ mochten es dennoch nicht zu löſen. Das war es, warum er jetzt ſo ruhig und ſtill erſchien: ganz andere Gedanken hielten ihn gefangen, über ganz andern Dingen, in unheimlicher Stille, brütete ſein Geiſt; er hatte keine Zeit, ſich um das Uebrige zu grämen. Nur mitunter, wenn er am Webſtuhl ſeinem Vater gegenüber ſaß — mechaniſch, von der Arbeit hinweg, irrte ſein Blick hinüber zum Dach des Schloſſes und unwillkürlich, wie gelähmt, fiel ſeine Hand nieder und das muntere Schnurren der Räder verſtummte, daß der Vater verwundert in die Höhe ſah: und nun begegneten ſich die bei⸗ den bleichen, kummervollen Geſichter, begeg⸗ neten ſich in demſelben Schmerz, derſelben ſtummen, fürchterlichen Frage— ja wohl, da ſeufzte er tief auf, da, an dieſem ſchmerzlichen 15* 340 Zucken des Herzens, an dieſer Glut, die ihm da aus dem Auge blitzte, an dieſer Fauſt, die ſich unwillkürlich ballte, da fühlte er und mußte ſich ſelbſt eingeſtehen, daß ſeine Ruhe nur eine erlogene war, und daß dies dem An⸗ ſcheine nach ſo ſchweigſame, ſo ſtille Herz im Gegentheil Dämonen beherbergte, vor denen er ſelbſt ſich entſetzte!— Aber auch dieſe Dämonen ſchwiegen, ſobald er mit dem Engelchen zuſammen war; die be⸗ ruhigende Macht ihrer Erſcheinung, die an der kranken Lene auf ſo wunderbare Weiſe verloren ging, übte wenigſtens auf Reinhold noch den ganzen alten Zauber. Mit ſchmerzlicher Ironie gedachte er jetzt ſelbſt der verwegenen Wünſche, die er ehemals vielleicht genährt— ſie waren vorbei, ganz vorbei jetzt— und mit deſto offe⸗ nerer Seele, von keiner Hoffnung, keiner Furcht mehr bewegt, gab er ſich dem Glück dieſer zau⸗ beriſchen Nähe hin. Wie ein Kranker, der mit dem Leben längſt abgeſchloſſen hat, am Morgen vor ſeinem Tode noch einmal den ſchönen warmen Strahl der Sonne trinkt, noch einmal, zum letztenmal, das ſchon halbum⸗ florte Auge an der Pracht der Schöpfung wei⸗ det, ſo innig, ſo andächtig und doch zugleich mit ſo ruhiger Entſagung hing Reinhold an der theuren Jugendfreundin. Hätte er noch ei⸗ nen Wunſch, eine Hoffnung genährt, o gewiß, er würde ſich gerettet haben vor dem klaren, milden Glanz dieſer Augen, die ſo ſanft, ſo tief in ſeine Seele ſchienen. Jetzt aber, was hatte er zu fürchten? Er durfte ſo glücklich ſcheinen, weil er in der That ſo tief unglück⸗ lich war. Auch den Ring, welchen Angelica ihm in Julian's Namen überbrachte, nahm er mit der⸗ ſelben ruhigen, beinahe heitern Faſſung hin. Er hielt das Geſchenk des Freundes wie ein Heiligthum; um kein Aufſehen zu erregen, trug 342 er es auf der Bruſt verborgen, zunächſt am Herzen. Und wenn er Angelica erblickte und ſah den kleinen unſcheinbaren Reif an ihrem Finger und fühlte den Druck des ſeinen auf ſeiner Bruſt, da war es ihm, als wäre er ſelbſt an der Stelle des kranken Julian, ja als lägen ſie Alle, Alle ſchon in der ſtillen, traulichen Gruft, und dieſe drei Seelen, ſo geſchieden durch Schickſalsſchluß und Eigenſinn der Menſchen, dürften frei und ungehindert, in ſeligem Ent⸗ zücken, ineinanderfließen.— Unter dieſen Umſtänden konnte denn auch der Verkehr mit dem Hauſe des Meiſters, ſo fleißig Angelica ihn auch erhielt, ihr im Gan⸗ zen nur wenig Troſt in ihrer kummervollen Lage gewähren. Nur mit dem einzigen Rein⸗ hold war es ihr gelungen, das alte herzliche Einverſtändniß wiederherzuſtellen. Oder wenig⸗ ſtens glaubte ſie es ſo, und Reinhold ſelbſt, bei der ehrfurchtsvollen Ergebenheit, welche er 343 der jungen Dame zollte, fand eine ſchmerzlich ſüße Befriedigung darin, ſie in dieſem Glauben zu erhalten. Doch wurde ihm Das bald recht ſchwer ge⸗ macht, und zwar von Niemand geringeres als von Angelica ſelbſt. Eines Herzens bedürftig, in das ſie ihre Angſt und ihre Sorgen aus⸗ ſchütten konnte, hatte ſie mehr als einmal ſchon im Begriff geſtanden, den ganzen Stand ihrer Angelegenheiten an Reinhold zu entdecken und bei ſeinem, wie es ihr ſchien, ſo klaren, ſo feſten, ſo gemäßigten Sinne Rath und Beiſtand zu ſuchen in den mancherlei Zweifeln, von denen ſie ſich hin⸗ und hergeriſſen fühlte. Allein jedesmal wieder hielt eine ihr ſelbſt un⸗ erklärliche Scheu ihr das Wort auf der Lippe zurück; ſo feſt ſie es ſich immer aufs Neue vornahm, ſo unmöglich fiel es ihr dennoch, gegen Reinhold von der ſeltſamen Clauſel des Teſtaments Er⸗ wähnung zu thun. Sie zürnte mit ſich ſelbſt 344 deshalb und klagte ſich, in ihrer kindlichen Ein⸗ falt, deſſelben Mangels an Vertrauen an, durch den Reinhold ihr beim erſten Wiederſehen ſo viel Kummer bereitet hatte. Aber der Inſtinct des Herzens war mächtiger als ihr noch ſo ernſtlich gemeinter Vorſatz; und wenn ihr Leben von dieſem Worte abgehangen hätte, ſie hätte es dennoch nicht ausſprechen können— zu Je⸗ dermann, wenn es ſein mußte, ſelbſt zu Herrn von Lehfeldt— aber nur zu Reinhold nicht! Reinhold ſeinerſeits hatte viel zu viel Ehr⸗ furcht vor Angelica, als daß er auch nur durch die leiſeſte Frage, die zarteſte Hindeutung hätte an ein Geheimniß rühren mögen, welches, wie er wohl merkte, Angelica abſichtlich vor ihm verbarg. Auch hatte er ſeit jener un⸗ ſeligen Nacht eine ſehr begründete Scheu vor allen vertraulichen Mittheilungen und Enthül⸗ lungen.... Auf dieſe Weiſe kam denn in das Verhält⸗ 345 niß der beiden jungen Leute eine gewiſſe abſicht⸗ liche Zurückhaltung, eine Spannung, möchten wir es nennen, wenn nicht auch dieſer Aus⸗ druck ſchon viel zu herb wäre, welche auch den Gleichmuth, den Reinhold äußerlich angenom⸗ men, allmälig zu erſchüttern drohte und beſon⸗ ders dem Engelchen wie eine wirkliche Schuld auf dem Gewiſſen laſtete. Am allermeiſten aber peinigte ſie das ſelt⸗ ſam räthſelhafte Benehmen der kranken Lene. Daß die Geheimniſſe, mit denen dieſelbe rang, in genauem Zuſammenhange mit Angelica's eige⸗ nem Schickſale ſtanden, Das unterlag für dieſe ſelbſt keinem Zweifel mehr. Aber nur wie den Schlüſſel dazu finden? da der Zuſtand der Kran⸗ ken kein ernſthafteres Eindringen verſtattete. Aber gerade dieſe Geheimniſſe, von denen das Engelchen ſich auf Schritt und Tritt um⸗ geben ſah, beſtärkten ſie wiederum in dem Ent⸗ ſchluſſe, das Feld zu behaupten. Es lag ein 15** 346 gewiſſer trotziger Muth in der Natur dieſes jungen Mädchens, der durch die Gefahren, von denen ſie ſich auf allen Seiten umlagert wußte, erſt recht herausgefodert ward. Selbſt von ihrem eigenen, ſo dringenden Intereſſe abgeſehen, fühlte ſie ſich ſchon durch ihren Wahrheitsſinn allein genöthigt, den dunklen, räthſelhaften Mächten in ihrer Umgebung Stand zu halten, ja das eigene Intereſſe verſchwand allmälig gegen das höhere, das unparteiiſche Intereſſe der Wahr⸗ heit. Das Teſtament der Mutter, dieſe Ueber⸗ zeugung ſtand in ihr feſt, war falſch; ſie durfte nicht nachgeben, durfte nicht vom Platze wei⸗ chen, nicht blos um ihre eigene Ehre, die Ehre der todten Mutter, nein, um die Ehre der Wahr⸗ heit ſelbſt zu retten! Unzählige Male, in den rüben, bangen Wo⸗ chen, die auf dieſe Weiſe für ſie dahinſchlichen, gedachte ſie des Traumes, der ſie in der erſten Nacht, die ſie im väterlichen Hauſe zugebracht, 3 —— 347 ſo gewaltig erſchüttert hatte. Dieſe Beſorgniſſe und Zweifel, die ſie unabläſſig hin⸗ und her⸗ warfen, dieſe Anſchläge, Pläne und Intriguen, die ſie rings um ſich her in geheimnißvoller Thä⸗ tigkeit wußte, ohne ihnen doch entrinnen zu kön⸗ nen— ja wohl, das waren jene Räder und Schrauben, die ihr im Traume immer näher und näher gerückt waren und immer begieriger, im⸗ mer unvermeidlicher mit eiſernen Armen nach ihr geſchnappt hatten; dieſe einförmigen, un⸗ thätigen Wochen, die ſie hier verleben mußte, und die in unmerklichem Verlaufe ſie der ent⸗ ſcheidenden Stunde immer näher und näher führ⸗ ten, da war er ja, jener unabſehbare, endloſe Meeresſtrudel, der ſie damals mit ſo unwider⸗ ſtehlicher Gewalt in ſeine furchtbare Tiefe herab⸗ geſpült hatte! Werden auch die übrigen Scenen jenes entſetzlichen Traumes ſich verwirklichen? die übrigen alle— vielleicht nur bis auf die letzte?! Fünttes Kapitel. Die barmherzige Schweſter. Es iſt das eigentlich Herzerhebende an ſolchen Charakteren wie derjenige, welcher den Mittel⸗ punkt dieſer Erzählung bildet, daß Noth und Misgeſchick ihre Heiterkeit wohl vorübergehend trüben, den feſten, klaren Grund ihres Weſens aber dennoch nicht erſchüttern, geſchweige denn zerſtören kann. Die angeborene Schwungkraft dieſer unverwüſtlich freudigen Gemüther ſchnellt immer und immer wieder in die Höhe; ſelbſt innerlich beängſtigt, haben ſie gleichwohl kein dringenderes Bedürfniß, als wenigſtens nach außen hin noch Troſt und Freude zu verbreiten. 349 Wir erinnern uns des edlen Vorſatzes, der in Angelica während ihrer erſten Unterredung mit Reinhold ſo raſch und plötzlich aufgeſtiegen warz ſie wollte, wie es früher erzählt iſt, ihren Aufenthalt im Dorfe benutzen, gewiſſe Einrich⸗ tungen und Veranſtaltungen zu treffen, durch welche nicht blos der äußerlichen Noth, ſondern ganz beſonders auch dem ſittlichen Elend dieſer Bevölkerung entgegengearbeitet würde. Ihr nächſter Zweck war dabei geweſen, auf eine würdige und unmerkliche Weiſe die Hand zu bieten zur Linderung jenes Elends, deſſen Anblick ſie im Hauſe des Meiſters ſo ſchmerz⸗ lich überraſcht hatte. In naher und natürlicher Anknüpfung an das traurige Ereigniß, welches ſie beim Eintritt in ihre Heimath empfangen, hatte ſie ſich der armen aufſichtloſen Kinder der Fabrikarbeiter annehmen wollen; es ſollte, wenn auch fürs erſte nur in kleinſtem Umfang und mit den beſcheidenſten Mitteln, ein Wartehaus 350 für die verlaſſenen Kleinen geſtiftet werden, bei welchem Reinhold und Leonhard, in Gemein⸗ ſchaft mit ihren Schweſtern„ die Aufſicht führen ſollten. Auf dieſen Plan jetzt kam Angelica zurück. Oder beſſer geſagt: ſie hatte ihn, mitten in ih⸗ rem eigenen Drangſal, keinen Augenblick aus dem Geſicht verloren. War ſie doch ſelbſt ſolch eine arme Waiſe, ſchutzlos hinausgeworfen, preis⸗ gegeben von der ſtiefmütterlichen Laune des Schickſals, vielleicht, wie bald! zertreten unter ſeinem Hufſchlag; es war ihr eine ſüße Befrie⸗ digung, ſich, ſolange ſie ſelbſt es noch ver⸗ mochte, jener unglücklichen Weſen anzunehmen, in denen ſie, wenn auch in anderer Form, die Genoſſen ihres eigenen Schickſals zu ſehen meinte, und für die Milderung ihres Lvoſes zu ſorgen, zu derſelben Zeit und an derſelben Stelle, wo das Loos für ſie ſelbſt allem Vermuthen nach ſo unglücklich fiel. Es wird unſern Leſern wunderbar, vielleicht unglaublich erſcheinen, woher dem jungen Mäd⸗ chen nur der Muth kam, einen ſo kühnen, den Umſtänden nach ſo höchſt ſchwierigen, ja faſt ſchlechthin unmöglichen Plan bei ſich zu nähren. Und wirklich war es auch ein Wunder an⸗ zuſehen, welche Gewalt der Liebreiz des holden Kindes auch in dieſer Angelegenheit über Jeden übte, Jung wie Alt, Vornehm wie Gering, mit dem ſie in Berührung kam, und wie keine Ro⸗ heit ſo wild, kein Trotz ſo hartnäckig, keine Schlechtigkeit ſo verſtockt war— vor dem An⸗ blick des Engelchen und ſeinem heitern, milden, verſtändigen Zuſpruch mußten Roheit, Trotz und Schlechtigkeit ſich überwunden geben. Vielleicht, bei der Schilderung, die wir oben von der Erziehung des Engelchen im Hauſe des Profeſſors entworfen haben, ſind einige unſerer Leſer auf den Verdacht gerathen, als ſollten ſie es hier zu thun bekommen mit einem jener phi⸗ 352 ————— loſophiſchen Frauenzimmer, einer jener demon⸗ ſtrirenden, theoretiſirenden, politiſirenden Schön⸗ heiten, wie unſere neueſte Cultur deren leider ſo viele erzeugt und wie ſie nur allzu oft in unſern Tagen den heimlichen Ueberdruß der Ge⸗ ſallſchaft und bald auch die offene, ſtadtkundige Plage der armen Kreuzträger, ihrer Männer, bilden. Aber dies wäre ein Irrthum, den wir zu berichtigen eilen. Nicht der unglückliche Drang, den ſocial⸗politiſchen Blauſtrumpf zu ſpielen, noch weniger gar das coquette Gelüſte, ſich zur künftigen Parlamentsfrau heranzubilden, hatte Angelica dieſer Art von Intereſſen igefhn dergleichen Gelüſte lagen dieſer reinen, unver⸗ bildeten, echt weiblichen Seele überhaupt unaus⸗ ſprechlich fern. Vielmehr was ſie dazu geführt hatte, war zunächſt und ganz einfach der Vor⸗ gang und die Anweiſung ihres Lehrers, des Pro⸗ feſſors, geweſen. — Wir haben ſchon früher einige Andeutun⸗ gen gegeben über die freiſinnige, im beſten Sinn humane Richtung, welche der Profeſſor verfolgte. In genauem Zuſammenhange mit dieſer Richtung ſtand es auch, daß er alle Werke der öffentlichen Wohlthätigkeit, alle Für⸗ ſorge und Pflege der Armen vornämlich, wenn nicht ausſchließlich in die Hände der Frauen gelegt und dieſe ſelbſt hierzu, als zu einem we⸗ ſentlichen Theil ihres Berufes, ausdrücklich er⸗ zogen und vorbereitet wiſſen wollte. Alles Elend der Zeit, pflegte der Profeſſor zu behaupten, komme von dem Müſſiggang, zu welchem die Mehrzahl unſerer Frauen, wenigſtens in den ſogenannten gebildeten Ständen, erzogen werde und der in vielen Fällen zugleich ein Müſſig⸗ gang des Herzens und der Seele ſei. Die Frauen ſeien die wahren, natürlichen Hüterinnen alles Edeln und Göttlichen im Leben; auch die politiſche Gemeinſchaft(und nur dieſer, nicht 354 der kirchlichen, wollte der Profeſſor Recht und Pflicht der Armenpflege zugeſtehen) müſſe ſie als ſolche anerkennen, und zwar hauptſächlich dadurch, daß ſie die Frauen mit der Pflege der Armen, der Wartung der Kranken, der Erzie⸗ hung der hülfsbedürftigen Jugend, kurzum mit allen jenen Werken der Barmherzigkeit und Bruderliebe, welche der Gemeinde obliegen, gleich wie mit einem bürgerlichen Ehrenamte, förmlich und feierlich betraue. Nur auf dieſe Weiſe er⸗ halte der enge häusliche Kreis, in deſſen aus⸗ ſchließlicher Begrenzung das moderne Weib ſich nun einmal auf die Dauer nicht mehr wohl fühlen könne, noch wohl fühlen dürfe, ſeine wahr⸗ hafte und allein würdige Erweiterung; ja, es werde auf dieſe Art auch denen noch ein Haus gegründet und eine Familie gebildet, die etwa ſelbſt ſo unglücklich wären, kein Haus und keine Familie zu haben.— Mit beredten Worten führte er aus, welchen höhern Werth der Zau⸗ 355 ber weiblicher Anmuth den Werken der Wohl⸗ thätigkeit ſelbſt verleihe, und wie viel glück⸗ lichere Erfolge daraus hervorgehen müßten, nicht nur für Diejenigen, welche die Wohlthaten un⸗ mittelbar empfingen, ſondern auch für das ganze Gemeindeleben, den Staat, die Geſellſchaft, die Menſchheit ſelbſt.— Der Profeſſor gab zu, daß es noch lange dauern werde, bis der Staat dieſen Beruf der Frauen begreife und benutze. Allein weil das Gute niemals zeitig genug ge⸗ ſchehen könne, ſo erzog er die ihm anvertrauten jungen Mädchen einſtweilen ſo, als ob die Zeit, auf welche er hoffte, wirklich bereits gekommen wäre, und als ob der Staat die Frauen in der That ſchon als ſeine geborenen Almoſeniere an⸗ erkannt hätte.— Die Richtigkeit dieſer Grundſätze zu prüfen oder gar die weltgeſchichtlichen Folgen zu er⸗ örtern, die ſich nach der Anſicht des Profeſſors daraus ergeben mußten, iſt hier natürlich kein 356 Raum. Genug, daß Angelica, einmal in dieſe Rich⸗ tung gebracht, dieſelbe mit all dem Eifer ergriff, und daran feſthielt mit all der Ausdauer, all der Gewiſſenhaftigkeit, all der Luſt am Thun und Handeln, Schaffen und Wirken, welche ihr ange⸗ boren war. Sie war überhaupt eine praktiſche, keine theoretiſche Natur; wenn ſie ſich hin und wieder, namentlich in ihren Unterhaltungen mit Herrn von Lehfeldt, in ein Wortgefecht einließ über politiſche oder geſellſchaftliche Fragen, ſo ſollte das nach ihrer eigenen Abſicht eben nur ein Wortgefecht, eine anmuthige Unterhaltung, ein Spiel ſein, mit einem Wort, wie das geſel⸗ lige Leben deren mit ſich bringt und erfodert.— Weshalb es denn auch ſo leicht war, ſie in der⸗ gleichen Geſprächen zu überholen und in Ver⸗ wirrung zu ſetzen. In größern Kreiſen vermied ſie es ſogar ſtandhaft, ſich in Unterhaltungen die⸗ ſer Art überhaupt nur einzulaſſen; es ſei das nicht ſchicklich, meinte ſie, für Frauen. Dagegen, wo es darauf ankam, dieſe Grund⸗ ſätze der Humanität, der Wohlthätigkeit und Menſchenliebe, die ſie von ihrem Lehrer empfan⸗ gen hatte, und auf deren theoretiſche Sr dung ſie um ſo lieber verzichtete, je mehr die Autorität des verehrten Lehrets iz⸗ſbſt ge⸗ nügte, nun auch praktiſch durchzuführen, wo es darauf ankam, durch Fleiß, Thätigkeit und be⸗ ſcheidene Unterordnung gleichſam die Probe zu machen auf jene porialen rincipien, welche ihr Lehrer ſo eifrig verfocht: da konnte Niemand bereiter, Niemand unermüdlicher ſein als Ange⸗ lica; da konnte Niemand beſſer jene kleinen Künſte der Weiblichkeit, jenes Schmeicheln, Drohen, Nachgeben, Ermuntern in Ausübung bringen, als es alsdann, zur Erreichung ſo edler Zwecke, von ihr geſchah; da endlich war keine Verhandlung ſo mislich, keine Beſorgung ſo mühſam, kein Dienſt ſo unſcheinbar, ſie unter⸗ zog ſich allen mit Verſtand und Anmuth, und 358 brachte eben dadurch P glicklich zu Ende.— Sie müſſe ſich bei Zeiten gewöhnen, pflegte ſi ſie in ſolchen? illen zu ſagen, der Welt etwas zu nützen, und enher auch ſich ſelbſt; Niemand ſei es an der 1. geſungen, wie noch dereinſt ſein Schick ſal ſih vende, und vielleicht wäre es auch für ſie z3 noch ein rechtes Glück, wenn ſie wenigſtens zur Lehrerin oder Krankenpfle⸗ gerin tauglich befunden würde. Angelica hatte blſolchen Aeußerungen die verhängnißvolle Clauſel im Teſtament ihrer Mutter im Sinne. Das Publicum indeß, das von dieſem Verhältniß natürlich keine Ahnung hatte, faßte dieſe und ähnliche Reden eben nur als wohlberechnete Kundgebungen der Eitelkeit, als eine kleine coquette Schwäche auf, die ihm gerade bei der Millionairstochter ſehr am Platze ſchien, und freute ſich im Stillen, ſomit auch an Angelica jenen kleinen Schatten gefunden zu haben, ohne den die Welt, wie ſie iſt, ſich 359 nun einmal nichts Glnzendes denken mag, und ohne den ſie namentlich eine Erſcheinung gleich dem Engelchen kaum nur würde verziehen haben. Doch würde alles dies begreiflicherweiſe noch lange nicht hingereicht haben, den Wider⸗ ſtand des Commerzienraths zu brechen, einen Widerſtand, der in dem ganzen Charakter und der ganzen Stellung deſſelben aufs Allertiefſte begründet lag und der überdies gerade in die⸗ ſem Fall, der verhaßten Perſönlichkeit Angelica's gegenüber, doppelt heftig hervortreten mußte— hätten die Abſichten des jungen Mädchens nicht von ſehr verſchiedenen Seiten her ſo unerwar⸗ tete wie kräftige Unterſtützung gefunden. Freilich auch aus ſehr verſchiedenen Mo⸗ tiven. Am Erſten und Lauteſten für Angelica's Pläne erklärte ſich die Commerzienräthin. Oder viel⸗ mehr ſo hatte Angelica es einzurichten gewußt, daß die ganze Idee bei ihrer Stiefmutter zuerſt entſtanden, von ihr zuerſt ausgeſprochen ſchien; ſogar die Baronin ſelbſt glaubte es nicht an⸗ ders.— Trotz der Kälte, mit welcher dieſelbe das Engelchen empfangen hatte und mit der ſie es auch fortdauernd behandelte, konnte man doch nicht eigentlich ſagen, daß ſie den Haß ihres Gemahls gegen ihre Stieftochter theilte. Ab⸗ neigung allerdings hatte auch ſie gegen das En⸗ gelchen. Doch war dieſe Abneigung nicht grö⸗ ßer, als ſie bei einem verblühenden, alternden Frauenzimmer, von dem Charakter und den Le⸗ bensſchickſalen der Baronin, gegen eine jung aufblühende, allbewunderte Schönheit, wie An⸗ gelica, nothwendig ſein mußte; es war mehr eine inſtinctmäßige, unwillkürliche Abneigung, als ein bewußter abſichtlicher Haß und daher auch ohne jene Färbung des Ingrimms und der Leidenſchaft, welche das Benehmen des Com⸗ merzienraths gegen Angelica, trotz der Mühe, die er ſich deshalb gab, doch nicht jederzeit ver⸗ 361 bergen konnte, wenigſtens nicht vor Angelica's eigenem Bewußtſein. Ferner war die Baronin in das geheimniß⸗ volle Teſtament eingeweiht. Und wie nun jedes Frauenzimmer, das verheirathet iſt, an jedem Frauenzimmer, das verheirathet werden ſoll, ein ganz eigenthümliches Intereſſe nimmt, ganz be⸗ ſonders, wenn es bei dieſer Verheirathung ſelbſt eine Stimme hat oder zu haben glaubt: ſo wurde binnen kurzem auch Angelica für ihre Stiefmutter ein Gegenſtand, wir wagen nicht zu ſagen der Theilnahme, aber doch der Auf⸗ merkſamkeit, vor Allem der Berechnung und der Intrigue. Dazu kam nun noch, daß die Baronin all⸗ mälig in Erfahrung gebracht, in wie wenig ſchmeichelhaftem Ruf, dem Ruf des Stolzes, des Hochmuthes, der Hartherzigkeit(um von Schlimmerm zu ſchweigen), ſie bei der Bevöl⸗ kerung des Dorfes ſtand, und wie wenig vor⸗ Das Engelchen. II. 16 362 theilhaft für ſie die Vergleiche ausfielen, welche man zwiſchen ihr und der erſten, bei all ihren Seltſamkeiten und trotz ihrer unglücklichen Krank⸗ heit doch ſo mildherzigen, ſo wohlthätigen Frau Wolſton anſtellte. An und für ſich zwar würde dieſe Erfah⸗ rung die Baronin ziemlich ruhig gelaſſen haben. Denn ſie war in der That, wofür ſie galt, ſtolz, hochmüthig, von hartem, verſchloſſenem Herzen. Was ſo geringe Leute wie die Be⸗ wohner des Dorfs über ſie meinen möchten, war ein Gegenſtand, der ſie ſchlechthin nicht kümmerte; es machte ihr mehr Freude und ſelbſt wenn ſie die Wahl gehabt hätte, würde ſie es vorgezogen haben, von ihnen gefürchtet zu ſein, als geliebt. Allein ſeitdem nun das Engelchen gekommen war und ſeit nun überall, wohin ſie hörte, alle Lippen überfloſſen von der Mildthätigkeit, der Sorgfalt und Anſtelligkeit des jungen Mäd⸗ chens, da erwachte die Eitelkeit der Dame— Eitelkeit, wohl zu merken, nicht Eiferſucht. Denn um auf Angelica eiferſüchtig zu ſein, dazu war ihr dieſelbe nicht nur viel zu gleichgültig, ſon⸗ dern auch von ihrer eigenen Ueberlegenheit war ſie dazu viel zu feſt durchdrungen. Die Baronin ſetzte ſich alſo, wenn wir es ſo nennen dürfen, moraliſch in Poſitur; ſie be⸗ ſchloß zu zeigen, daß, wenn ſie ſich bisher um tiemand im Dorf gekümmert, Dies eben nur aus Geringſchätzung und nur deshalb geſchehen ſei, weil ſie es ſelbſt ſo gewollt habe, daß aber, ſobald ſie anders wolle, ſie auch ebenſo herab⸗ laſſend, ebenſo mildthätig, ebenſo hülfreich ſein könne, wie das junge, unerfahrene Mädchen, das doch endlich nichts hatte und nichts ver⸗ mochte als das bischen ungeſchickten guten Wil⸗ len. Wie ganz anders mußten dieſe Dinge ſich geſtalten, wie viel wirkſamer mußte dieſe Wohl⸗ thätigkeit, wie viel erfolgreicher dieſe Unter⸗ 16* 364 ſtützung werden, wenn ſie ſelbſt, die Herrin des Dorfes, mit der bekannten Energie ihres Cha⸗ rakters, der Macht ihres Anſehens, der Fülle ihres Reichthums ſich an die Spitze ſtellte! Noch einige andere Motive ſpielten mit hin⸗ ein, Motive von ſo räthſelhafter, ſo geheimniß⸗ voller Natur, daß die Baronin ſie gern vor ſich ſelbſt verborgen hätte: aber nein, gleich Blut⸗ flecken, die an ein Verbrechen mahnen und die kein Waſſer und keine Thräne hinwegbringt, drängten ſie ſich immer und immer wieder in den Vorgrund. Die Ankunft des r von Lehfeldt hatte die Baronin, wie unſere Leſer bereits aus ihrem erſten Geſpräch mit demſelben und noch deut⸗ licher aus der darauf folgenden Unterredung mit dem Sandmoll gemerkt haben werden, in eine höchſt peinvolle Aufregung verſetzt. So gleich⸗ giltig es ihr war, was das gemeine Volk von ihr dachte und über ſie urtheilte, mit ſo ängſt⸗ licher Vorſicht war ſie von jeher darauf bedacht geweſen, ihren Ruf in der Meinung Derjenigen zu bewahren, die mit ihr von demſelben Range, das heißt alſo Derjenigen, die ſie im Grunde ihres Herzens überall nur als vorhanden aner⸗ kannte. Sie konnte ſich ſelbſt nicht verhehlen, daß bei aller Vorſicht ihr dies gleichwohl nicht immer gelungen war, und daß es Zeiten gegeben hatte, wo das heiße Blut und die jugendliche Leidenſchaft mächtiger geweſen als die Vorſicht; es gab Geheimniſſe in ihrem Leben, von ſo ban⸗ ger, ſo peinlicher Beſchaffenheit, daß ſie ſich ſelbſt auf keine andere Weiſe davor hatte retten kön⸗ nen als durch Vergeſſenheit. Aus dieſer war ſie zunächſt durch den Brief des Miniſters, ſodann aber und in noch viel höherm Grade durch die Erſcheinung des Herrn von Lehfeldt aufgeſchreckt worden. Den Brief, ſoweit er auf die Abenteuer ihrer Jugend zu⸗ rückging, konnte ſie verſchmerzen, ſogar belächeln. 8 2 S5 — nes die Indiscretion des Andern zu befürchten. Aber das Geheimniß, das die Herkunft des Herrn von Lehfeldt bedeckte, und das ſie in ſo bedenklicher Weiſe an gewiſſe Geheimniſſe ihres eigenen Jugendlebens erinnerte, drohte ſie zur Verrätherin zu machen an ſich ſelbſt. Sie fühlte — und fühlte zum erſten mal in ihrem Leben, daß es doch noch etwas Höheres, etwas Heili⸗ geres gebe, als jene kalte äußerliche Rückſicht, jenen glatten geſellſchaftlichen Anſtand, den ſie bis dahin als das wahre Palladium ihres L⸗ bens verehrt hatte.— Kein Menſch iſt ſo ver⸗ derbt, kein Herz ſo leer gebrannt, daß nicht noch irgendwo ein Funke höherer Empfindung verborgen läge, daß nicht noch irgend ein Mo⸗ ment käme, wo, und wenn es eben nur für den Moment wäre, der urſprüngliche Adel der menſch⸗ 367 lichen Natur ſich auch in ihm herſtellte. Für die Commerzienräthin war dieſer Moment gekom⸗ men, ſeitdem ſie angefangen hatte, die räthſel⸗ hafte Herkunft des jungen Mannes mit den Räthſeln ihres eigenen Lebens in Verbindung zu ſetzen. Warum ſie das gethan, warum ſie, unter ſo viel tauſend Möglichkeiten, gerade an dieſer mit ſo zäher Feſtigkeit feſthielt, dafür wußte ſie ſich ſelbſt keinen völlig ausreichenden Grund anzugeben. Aber eben das Unwillkür⸗ liche, Dämoniſche dieſer Ahnungen, die ſo plötz⸗ lich in ihr aufgetaucht waren und die ſie ſeit⸗ dem nicht wieder von ſich abzuſchütteln ver⸗ mochte, ließ ihr dieſelben um ſo bedeutungsvol⸗ ler erſcheinen. Sie fühlte ſich ſeit der Ankunft des Herrn von Lehfeldt mehr und mehr in ei⸗ nen völlig veränderten, faſt traumhaften Zu⸗ ſtand verſetzt. Fort und fort, ein kleines armes Grab ſtand vor ihren Augen, ein Grab, das ſie nie geſehen hatte, für das ihr bisher kein 368 Winkel des Gebirgs verſchwiegen, kein Abgrund tief genug geweſen war— und das ſie nun auf einmal hätte aufgraben mögen in verzweiflungs⸗ voller Neugier mit dieſen ihren eigenen Nägeln! Ein Wort ſchwirrte vor ihren Ohren, unabläſſig, in Schlaf und Wachen, das noch nie von einer menſchlichen Lippe war an ſie gerichtet worden, das ſie nicht zu flüſtern gewagt hatte, ſelbſt nicht in der Stille der Nacht, in der Einſam⸗ keit ihres Zimmers, wo kein Menſch ſie belau⸗ ſchen konnte, ſo fürchtete ſie ſich vor dem Wort — und von dem es ihr jetzt zuweilen däuchte, als wäre es das ſüßeſte Wort der Welt, und dieſer eine kleine Laut müßte im Stande ſein, alles Lärmen und Treiben der Geſellſchaft, ja ſelbſt ihr Ziſchen und Spötteln zu übertönen, und nie gekannte, unendliche Befriedigung in ein Herz zu gießen, deſſen ſchauerliche Oede ſie jetzt zuerſt— und jetzt mit viel Schauder erkannte! Wir wollen die Commerzienräthin nicht beſ⸗ 369 ſer machen, als ſie wirklich war. Deshalb dür⸗ fen wir nicht verſchweigen, daß auch noch an⸗ dere ſehr weltliche, ſehr verwerfliche Rückſichten ſich in dieſe Empfindungen miſchten. Julian ging ſeiner Auflöſung mit raſchen Schritten ent⸗ gegen; darüber konnte wohl die egviſtiſche Liebe eines Vaters, wie Herr Wolſton, oder die leicht⸗ gläubige Zärtlichkeit einer Schweſter, wie An⸗ gelica, ſich täuſchen, nicht aber der klare, ſcharfe Blick einer Frau, gleich der Baronin. Das un⸗ geheure Vermögen ihres Gemahls war alsdann ohne natürlichen Erben, es fiel, nach aller ver⸗ nünftigen Berechnung, ſowie nach der ausdrück⸗ lichen Beſtimmung des zwiſchen ihnen errichte⸗ ten Ehevertrags, nach Herrn Wolſton's Tode ihr zu— und wem nach ihrem eigenen? Die Stimme des Herzens, die nach einem Erben ih⸗ res Bluts verlangte, konnte ſie vielleicht wieder zur Ruhe bringen, die Stimme der Habſucht und des Ehrgeizes nicht. 370 Der Sandmoll, gleich als hätte er gewußt, in welchen innern Kämpfen und Schwankungen ſeine Gebieterin ſich befand, that durch ſeine Nachrichten das Seine, den qualvollen Zuſtand derſelben noch zu vermehren. Unſere Leſer entſinnen ſich, welcher Auftrag ihm zu Theil geworden. Aber ſo gewandt der verſchmitzte Alte ſich ſonſt in dergleichen Ge⸗ ſchäften zu erweiſen pflegte, ſo unſicher und un⸗ geſchickt zeigte er ſich in dieſem Falle. An Nachrichten zwar ließ er es der Baronin nicht fehlen, im Gegentheil er überhäufte ſie damit. Nur Schade, daß in der Regel eine der andern widerſprach; die Spur, die er heute ent⸗ deckt, hatte ihn morgen bereits im Stich gelaſſen; was er in der einen Stunde als ſicherſte Neuig⸗ keit gemeldet, beeilte er ſich ſelbſt, in der näch⸗ ſten zu widerrufen. Mit wie viel frommer Em⸗ phaſe nicht hatte er der Baronin widerſprochen, als ſie die Echtheit des Todtenſcheins in Zweifel gezogen! Und gleichwohl wenige Tage ſpäter kam er herbeigeſchlurft: es wäre allerdings nicht ganz unmöglich, daß die gnädige Frau doch recht ge⸗ habt, er wolle Niemand etwas Böſes nachſagen; aber die Frau im Gebirge, der das bewußte Kind damals übergeben worden, ſcheine in der That nicht ſo ehrlich und zuverläſſig geweſen zu ſein, als er, in der Einfalt ſeines Herzens, geglaubt. Er habe neuerlich allerhand zweideutige Streiche von ihr erfahren, denen zufolge ſie allerdings wohl eine Perſon geweſen, zu welcher man ſich einer derartigen That verſehen könne. Aber leider ſei ſie verſchollen und todt, ganz unzweifelhaft todt, ſchon ſeit funfzehn Jahren; woher alſo etwas Genaueres erfahren? Und dann gleich darauf kam er wieder ge⸗ ſchlichen: nein, er habe dem Dinge weiter nach⸗ gedacht und da ſei er dahintergekommen, daß er der armen todten Frau am Ende doch un⸗ recht gethan. Zwar habe er ſelbſt keinen Be⸗ 372 griff davon, wie man einen falſchen Schein ausſtellen könne: allein jedenfalls gehöre mehr Kunſt und mehr Einſicht dazu, als jene bäu⸗ riſche Frau gehabt haben könne. Auch wäre ja ihr eigener Vortheil an das Leben des jungen Pfleglings geknüpft geweſen; ob ſich denken laſſe, daß ſie ſelbſt einen Todesfall erdichtet, der ſie um alle Vortheile gebracht, welche ſie von dem Lebenden würde gehabt haben?— Von einem zweiten Kinde zu wiſſen, das ungefähr zu derſelben Zeit unter ähnlichen Umſtänden zur Welt gekommen ſein ſollte, gab er zuweilen zu, andere male wieder wollte er nie etwas davon vernommen haben. Ja es gab Tage, wo er ſich vollkommen unwiſſend ſtellte und überhaupt von gar keinem Kinde, weder einem erſten noch ei⸗ nem zweiten, jemals das Geringſte gehört zu haben behauptete. Machte die Baronin ihn auf dieſe und ähn⸗ liche Widerſprüche aufmerkſam, ſo entſchuldigte 373 er ſich bald mit der Gedächtnißſchwäche, welche ſein Alter und ſeine lange Gefangenſchaft ihm zugezogen, bald auch mit ſeinem Dienſteifer ge⸗ gen die gnädige Frau, der ihn, bei ſeinem ſchwa⸗ chen guten Herzen, wohl ab und zu verleite, mehr nach ihren Wünſchen zu ſprechen, oder nach Dem wenigſtens, was er in ſeiner Einfalt für ihre Wünſche halte, als er in Wahrheit verantwor⸗ ten könne. Die gnädige Frau möge deshalb nicht auf ihn zürnen, noch ihm ihren chriſtlichen Beiſtand entziehen; ſo werde er zuletzt wohl noch des Teufels Herr werden, den er gleich allen Menſchen in ſich trage und der ihm denn zu⸗ weilen auch, wider Wunſch und Willen, die eige⸗ nen Worte im Munde verkehre. Daß ſeine Gebieterin ihm dabei jede ſeiner Neuigkeiten, die unerheblichſten, unwahrſten nicht ausgenommen, mit baarem Gelde aufwiegen mußte, brauchen wir natürlich gar nicht erſt hinzuzuſetzen. Aber noch mehr als die Habſucht, 374 fühlte die Bosheit des Alten ſich in dieſem Ver⸗ hältniß befriedigt. Dieſe ſtolze, herrſchſüchtige Frau, war ſie nicht in ſeine ſchmutzige, ſchwie⸗ lige Hand gegeben, gleich einem Rohr, das er biegen konnte nach ſeinem Willen? Ob dies feurige Auge lächeln oder ſich in Thränen ver⸗ ſchleiern, dieſe fein gewölbte Wange in Scham erglühen oder in Angſt erblaſſen ſollte, hing es nicht ab von einer Miene ſeines garſtigen An⸗ geſichts, einem Hauch nur ſeines unreinen Mun⸗ des? Die Nächte dieſer Frau ſelbſt, ob ſie ſich ſchlaflos, verzweifelnd zwiſchen ihren ſeide⸗ nen Decken umherwälzen oder ob ein ſchmeich⸗ leriſcher Traum ihr Troſt zuflüſtern ſollte— wa⸗ ren nicht auch ihre Nächte in ſeiner Gewalt? Geld iſt ſüß, ganz gewiß: aber noch ſüßer war dem Alten das Bewußtſein dieſer Herrſchaft, die er über ſeine eigene Herrin übte; ſeine ganze niedrige Seele erhob ſich und er mußte lachen vor ſich ſelbſt, wenn er dachte, daß die reichſte, 375 die vornehmſte, die mächtigſte Frau des Dorfes zitterte vor ihm, dem ehemaligen Zuchthäusler! Was inzwiſchen Herrn von Lehfeldt ſelbſt anbetraf, blieb der Sandmoll ſtandhaft bei der Behauptung, daß derſelbe in der That ſein Sohn. Allein mit ſo viel Eiden und Betheuerungen er dieſe Ausſage auch bekräftigte, ſo kannte die Commerzienräthin ihn doch viel zu wohl und verſtand ſich zu gut auf dieſes unheimliche, bos⸗ hafte Glitzern der kleinen verſunkenen Augen, auf dies Näſeln, Quäken, Händefalten, als daß nicht bei alledem ein Stachel des Zweifels in ihrem Herzen hätte zurückbleiben ſollen.— So zwiſchen den verſchiedenartigſten Stim⸗ mungen hin⸗ und hergeſchleudert, mit einem Ge⸗ heimniſſe ringend, deſſen Enthüllung ſie ebenſo ſehr fürchtete als hoffte, ging die Baronin mit einer faſt leidenſchaftlichen Begier auf die Pläne ein, welche Angelica ihr ſo geſchickt, als wären es die ihren, untergeſchoben hatte.— Die Geſin⸗ 376 nung, die im Mittelalter Klöſter ſtiftete und Kirchen weihete, nicht blos um Vergebung für begangene Sünden zu erkaufen, ſondern ſelbſt für das Böſe, was man noch erſt zu thun ge⸗ dachte, für die verbotenen Wünſche, die man noch hegte, glaubte man die Zuſtimmung des Himmels damit erkaufen zu können, iſt keines⸗ wegs unter uns ausgeſtorben, wenn ſie ſich auch nicht mehr ſo augenſcheinlich, in ſo groß⸗ artiger Weiſe äußert.— Auch dem Verfahren der Baronin lag etwas Aehnliches zu Grunde. Trotz der Lockerheit ihres Lebenswandels, und ſo entblößt ſie von allem ernſtern ſittlichen Gehalt auch war, war ſie dennoch von jeher überzeugt geweſen, unter einer ganz beſondern, ganz un⸗ mittelbaren göttlichen Führung zu ſtehen; ariſto⸗ kratiſch durch und durch, war ſie auch feſt über⸗ zeugt, ein beſonderes Lieblingskind der Vor⸗ ſehung zu ſein. Die Vergehungen und Fehl⸗ tritte ihrer Jugend, weit entfernt ſie in dieſem Glauben zu erſchüttern, hatten ſie im Gegen⸗ theil erſt recht darin befeſtigt. Wie oft nicht hatte ſie das göttliche Gebot übertreten! welche bedenklichen Geheimniſſe hatte ſie zu verbergen gehabt! wie oft nicht war ſie in der Gefahr geweſen, zu Schanden zu werden vor der Welt! Und jedesmal wieder hatte die Vorſehung ihr herausgeholfen, jedesmal hatte ſie ihr Mittel an die Hand gegeben, ſich dem drohenden Unter⸗ gange zu entziehen; wo alle Rettung verloren ſchien und kein Ausgang mehr zu ſehen, hat⸗ ten ſich plötzlich Wege vor ihr eröffnet, die aller⸗ dings an ſich eben nicht die löblichſten waren, die zu beſchreiten ſie aber gleichwohl keinen An⸗ ſtand nahm, da unzweifelhaft Gott ſelbſt es war, der ſie ihr gewieſen. Einen ſolchen Weg, wie ehemals den äußern, ſo jetzt den Gefahren und Verlegenheiten ihres eigenen Innern zu entfliehen, erblickte ſie denn nun auch in dieſer Werkthätigkeit, zu welcher 378 ſie durch Angelica's heimliches Anſtiften ermun⸗ tert ward. So peinvolle Gegenſtände, wie die⸗ jenigen, in welchen die Baronin ſich ſeit An⸗ kunft des räthſelhaften Fremden befand, laſſen überhaupt jede Beſchäftigung, welche den Geiſt nach außen leitet, als willkommene Rettung er⸗ ſcheinen; um ſich ſelbſt zu entfliehen, thun die Menſchen ſo unendlich viel Böſes, warum nicht, wenn die Gelegenheit es ſo mit ſich führt, auch einmal etwas Gutes? Die Commerzienräthin aber, nach ihrer eigenthümlichen Denkweiſe, ſchmeichelte ſich damit zugleich auch, die Gunſt des Himmels zu erkaufen, ſei es um ihn mi der Vergangenheit auszuſöhnen, ſei es um ihn zu beſtechen für die Zukunft. Dieſe forcirte Wohlthätigkeit, der ſie ſich auf einmal hinzu⸗ geben anfing, entriß ſie nicht nur den unbe⸗ quemen Gedanken des Augenblicks, ſondern ſie fand darin namentlich auch eine troſtreiche Be⸗ ruhigung wegen des Künftigen; hatte der Him⸗ 379 mel ſich ihrer ſo oft erbarmt, als ſie noch eine Sünderin war, in den Verlockungen und Irr⸗ thümern der Welt befangen, um wieviel kräfti⸗ ger mußte er ſich ihrer nicht erſt jetzt anneh⸗ men, ſeitdem ſie, nach der buchſtäblichen Ver⸗ heißung des Evangeliums, die Hungrigen ſpeiſte und die Nackten bekleidete? Wir brauchen wohl kaum erſt zu erwähnen, daß auch bei dieſer Entſcheidung die Stimme des Herrn Waller, den wir ja recht eigentlich als den geiſtlichen Rath der Baronin kennen, von entſcheidendem Einfluß geweſen war. Dies Verhältniß iſt indeſſen wichtig genug, um damit ein eigenes Capitel zu eröffnen. Sechstes Kapitel. Ein Student der Theologie. Es gibt Charaktere, welche von der Natur ſelbſt beſtimmt ſcheinen, ſich überall, wo ſie mit ein⸗ ander in Berührung kommen, feindſelig entge⸗ genzutreten; ja von einem dunkeln Inſtinct ge⸗ trieben, ſuchen ſie ſich ſogar gegenſeitig auf, um ſich zu bekämpfen: die einen, weil ihre natür⸗ lichen Anlagen in der That in unerträglichem Widerſpruch mit einander ſtehen, die andern im Gegentheil, weil ſie einander zu ähnlich ſind. Wir laſſen für den Augenblick noch unent⸗ ſchieden, zu welcher von beiden Gattungen Herr Waller und Herr von Lehfeldt gehörten. 381 Nur daß eine geheime und grundſätzliche Eifer⸗ ſucht zwiſchen Beiden beſtand, das konnte Nie⸗ mand entgehen, der die beiden jungen Männer längere Zeit mit einiger Aufmerkſamkeit beobach⸗ tet hatte. Dieſelbe ſchrieb ſich ſogar ſchon von ihren Studentenjahren her. Als Herr von Lehfeldt die Univerſität bezog(es war eine der kleinern Univerſitäten Mitteldeutſchlands und faſt nur von Angehörigen des eigenen Landes beſucht), hatte Herr Waller bereits im Begriff geſtanden, dieſelbe zu verlaſſen. Herr Waller war niemals geweſen, was man einen flotten Studenten nennt. Nicht durch ſeine Schuld. Im Gegentheil, das Blut brauſte ihm eben ſo wild durch die Adern, ſein Herz klopfte eben ſo ſtürmiſch, dürſtete eben ſo ſehr nach Ju⸗ gendluſt und Jugendthorheit, wie irgend Einem; auch waren ſein Muth und die Energie ſeines Willens nicht geringer als ſein Ehrgeiz. 382 Aber die große Armuth, in der er aufge⸗ wachſen war, und die Abhängigkeit von fremder Unterſtützung, in welcher er namentlich als Stu⸗ dent lebte, verbunden mit der Rückſicht auf ſeine künftige Stellung als Geiſtlicher, geſtatteten ihm nicht, ſeiner jugendlichen Leidenſchaft zu folgen; von der Natur nichts weniger als zur Entſagung beſtimmt, ſah er ſich gleichwohl vom Schickſal zu täglich neuen Entſagungen verdammt. Sein erfindſamer Geiſt indeſſen wußte auch dieſen Widerſpruch auszugleichen. Um mehre Jahre älter als die Mehrzahl ſeiner Genoſſen, war er Allen an Kenntniſſen und Reichthum der Bildung, ſo wie namentlich an Selbſtbe⸗ herrſchung und zäher Ausdauer des Charakters überlegen; gerade die Abhängigkeit ſeiner äußern Lage hatte ſein Auge frühzeitig für die Eigen⸗ thümlichkeiten ſeiner jedesmaligen Umgebung ge⸗ ſchärft und ihn vertraut gemacht mit ihren Ein⸗ ſeitigkeiten und Schwächen. Je ſeltener nun dieſe Eigenſchaften in ſtuden⸗ tiſchen Kreiſen, je leichter fiel es Herrn Waller, ſich vermittels ihrer eine Stellung zu gründen, wie ſein Ehrgeiz ſie verlangte. Indem er ſeine geiſtige Ueberlegenheit vorſichtig, mit kluger Be⸗ rechnung der Verhältniſſe, nicht ſowohl ſelbſt gel⸗ tend machte, als ſie gelegentlich von Andern zur Geltung bringen ließ, indem er ſich ferner gefliſ⸗ ſentlich ſo weit wie möglich außerhalb des eigent⸗ lichen akademiſchen Treibens ſtellte und überall nur der reſignirte, unbetheiligte, über die blos ſtu⸗ dentiſchen Intereſſen weit hinausgeſchrittene Zu⸗ ſchauer ſein wollte, gelang es ihm unvermerkt, ſich das allgemeine Vertrauen ſeiner Kameraden und damit ein Anſehen und einen Einfluß zu er⸗ werben, die kaum größer gedacht werden konnten. Ohne ſelbſt förmlich dazu zu treten, wurde er die Seele einer ſtudentiſchen Verbindung, die ſich in vielen Stücken der ehemaligen Burſchenſchaft nä⸗ herte; nur freilich ohne deren politiſche Färbung. 384 Es war eine ernſthafte, faſt asketiſche Geſellſchaft; nie ſah man die Mitglieder derſelben auf der Menſur, noch beim lauten, jubelnden Zechgelag; die Verachtung jener burſchikoſen Vergnügungen, auf welche Herr Waller nothgedrungen hatte Verzicht leiſten müſſen, war durch ihn zu einem ausdrücklichen Geſetz der jugendlichen Genoſſen⸗ ſchaft erhoben worden. Es war gewiß kein geringer Beweis für das Anſehen, in das er ſich geſetzt hatte, und kann als Maßſtab dienen für die Ueberlegenheit, mit welcher er ſeine Umgebung beherrſchte, daß ſelbſt dieſe Abweichung vom ſtudentiſchen Herkommen ihm nicht blos verziehen ward, ſondern die faſt ehrfurchtsvolle Aufmerkſamkeit, welche man ihm zollte, ſogar noch erhöhte. Gerade die Conſequenz, mit welcher er ſich den Traditionen des Studen⸗ tenlebens entzog, ohne dabei doch von ſeinen An⸗ ſprüchen auf vollſte perſönliche Geltung nur das Mindeſte nachzulaſſen, beſtärkte ſeine Gefährten in 385 der Ueberzeugung, daß ſie es hier mit einer un⸗ gemeinen Perſönlichkeit zu thun hätten. Nur der einzige Herr von Lehfeldt bezeigte keine Luſt, dieſe Ehrfurcht zu theilen. Ehrfurcht lag überhaupt nicht in ſeinem Charakter; der frivole Ton, der in dem Hauſe des Miniſters herrſchte, hatte nur allzu bereiten Anklang in ihm gefunden. Eben ſo ehrgeizig wie Herr Wal⸗ ler, und eben ſo geübt in der Kunſt, ſein in⸗ nerſtes Denken und Wollen in undurchdringliche Schleier zu hüllen, hatte er ſowohl die Mittel, auf welche Herr Waller ſeine ſtudentiſche Auto⸗ rität gegründet, als die Zwecke, welche er damit verfolgte, im erſten Augenblicke durchſchaut. Und zugleich auch im zweiten ſtand der Ent⸗ ſchluß in ihm feſt, dieſe Autorität ſelbſt zu be⸗ kämpfen. Der außerordentliche, faſt märchen⸗ hafte Glückswechſel, den er ſo frühzeitig erfah⸗ ren, hatte den natürlichen Uebermuth des jun⸗ gen Mannes aufs Aeußerſte geſteigert. Nachdem Das Engelchen. II. 17 386 ihm dieſes Seltſamſte einmal gelungen war, nachdem der arme, verſtoßene Bettelknabe, der Genoſſe der Diebe und Falſchmünzer, ſich aus der Nachbarſchaft des Zuchthauſes, das ſchon für ihn geöffnet ſtand, in die Höhe gearbeitet hatte zum Liebling und Pflegeſohn des allmäch⸗ tigen Miniſters, wovor jetzt hätte er noch ſol⸗ len zurückſcheuen? was, nachdem er ſich mit ſo bewundernswerther Leichtigkeit in die Bedingun⸗ gen ſeines neuen Standes gefunden, hätte er noch ſollen für unerreichbar halten? welche Au⸗ torität anerkennen, vor welcher Verlegenheit ſich zurückziehen? Die Zuverſicht, die er in ſich ſelbſt und ſeinen Stern ſetzte und deren letzte Wurzel die unausſprechbarſte Weltverachtung war, trieb ihn vorwärts, wie mit Adlerflügeln, in Ernſt und Spiel, im Großen wie im Klei⸗ nen; es ließ ihm keine Ruhe, es war ein wahr⸗ haftes Bedürfniß ſeiner Natur geworden, die Ueberlegenheit ſeines Geiſtes wie ſeines Glücks —— 387 in immer neuen Kämpfen zu erproben und einen Wettſtreit einzugehen mit Allem und Jedem, was irgend Bedeutendes in ſeiner Nachbarſchaft auftauchte. Die theologiſche Duckmäuſerei, wel⸗ cher, wie er behauptete, Herr Waller ſein An⸗ ſehen verdankte, widerſtand ihm aufs Tiefſte; je mehr er mit ſeinem angeborenen Scharfſinn herausfühlte, daß es kein ſelbſtändiger, freier Entſchluß, nur leidiger Zwang der Noth war, was die Waller'ſche Asketik hervorgebracht, deſto größeres Vergnügen fand er darin, ſeinerſeits vor den Augen des verſchmachtenden Nebenbuh⸗ lers den Becher ſtudentiſcher Luſt bis auf den Grund zu leeren. Mit Geldmitteln reichlich, ſo⸗ gar überflüſſig verſehen, überdies Meiſter in allen körperlichen Uebungen und eben ſo unüberwind⸗ lich auf dem Fechtboden wie hinter der Flaſche, war er bald der Mittelpunkt eines Kreiſes ge⸗ worden, der ſich in allen Stücken als das offene Gegenſpiel desjenigen kund gab, als deſſen Seele 17 388 wir Herrn Waller kennen: eben ſo übermüthig und wild, wie jener zurückgezogen und ſchweig⸗ ſam, in ungezügelter Luſtigkeit die ſtudentiſche Sitte ebenſo weit überbietend, wie jener dahin⸗ ter zurückblieb.— Jede Gewalt iſt ſüß, jede wird mit Eifer⸗ ſucht behauptet, mit Schmerz und Grimm nie⸗ dergelegt, wäre es ſelbſt nur die eingebildete Gewalt ſtudentiſchen Anſehens. Herr Waller, in der irrthümlichen Meinung, als habe er es hier nur mit dem gewöhnlichen Uebermuth eines neuen Ankömmlings zu thun, hatte Herrn von Lehfeldt anfangs ein wenig mehr von oben herab, mit mehr Ueberhebung und Herbigkeit be⸗ handelt, als es ſonſt in ſeiner ſchmiegſamen Weiſe lag und als ihm namentlich in dieſem Falle die Klugheit geboten hätte. Bald jedoch, und zu ſeiner ſchmerzlichen Be⸗ ſchämung, hatte er ſich überzeugen müſſen, daß dieſer wüſte, ausgelaſſene Student, dieſer Anfüh⸗ 389 rer und Häuptling bei jedem wilden, kecken Un⸗ ternehmen, ihm an Geiſt, Kenntniſſen und Er⸗ fahrung zum Mindeſten ebenbürtig war. Zu ſpät hatte er einlenken wollen; die Verſuche, welche er machte, ſich Herrn von Lehfeldt perſönlich zu nähern und eine freundſchaftliche Verſtändigung mit ihm ins Werk zu ſetzen, lieferten dieſem nur den Beweis, daß ihm nicht mehr ein Nebenbuh⸗ ler, nur noch ein Beſiegter gegenüber ſtand. Verſchiedene unangenehme Reibungen, an⸗ fangs zwiſchen den beiderſeitigen Anhängern, dann zwiſchen den beiden Parteihäuptern per⸗ ſönlich, brachten das erſchütterte Anſehen des Herrn Waller völlig zum Sturz. Es war ein Glück für ihn, daß er, wie ſchon erwähnt, im Begriff geſtanden hatte, die Univerſität zu ver⸗ laſſen, ſo konnte er die Wahlſtatt wenigſtens un⸗ ter gutem Vorwande räumen, und ſeine Nie⸗ derlage wurde um ſo früher vergeſſen. Aber der Stachel derſelben blieb in ſeiner Bruſt zurück 390 und erneuerte ſich, ſo oft er in ſpäterer Zeit mit Herrn von Lehfeldt wieder zuſammentraf. Und dies war denn allerdings ſehr oft der Fall, da, wie wir bereits wiſſen, Herr Waller als Candidat in derſelben Hauptſtadt lebte, wo Hert von Lehfeldt auch die Bekanntſchaft des Engelchen gemacht hatte. Die Kluft in den Verhältniſſen der beiden jungen Männer war hier natürlich noch weit größer als auf der Uni⸗ verſität. Herr Waller hatte den jungen Stu⸗ denten vor Jahren mit dem Anſpruch empfan⸗ gen, von ihm als Reſpectsperſon behandelt zu werden; jetzt umgekehrt war Herr von Lehfeldt, der ſich immer öffentlicher als der anerkannte Günſtling des Miniſters geberden durfte, für den armen, ſchutzbedürftigen Candidaten eine Reſpectsperſon geworden, und zwar eine ſehr mächtige, ſehr einflußreiche. Der Miniſter ſelbſt (wir erinnern an den Brief, den er an die Com⸗ merzienräthin geſchrieben und den wir früher 391 mitgetheilt haben) war der frommen Richtung, welcher Herr Waller ſich angeſchloſſen, keines⸗ wegs geneigt. Im Gegentheil, ſie war ihm von Herzen zur Laſt, und gern hätte er ſich ganz von ihr losgemacht. Aber der Fürſt ſelbſt, ſein Herr, hatte ſich in den letzten Jahren mehr und mehr von ihr umſpinnen laſſen; um ſeine eigne Stellung nicht aufs Spiel zu ſetzen, mußte der Miniſter ſich wenigſtens äußerlich in gutem Vernehmen mit ihr zu erhalten ſuchen. Herr Waller kannte dieſe Verhältniſſe, ja ſeine eigene Zukunft war zum großen Theil mit darauf berechnet. Aber deſto ſchwieriger und peinlicher geſtaltete ſich unter dieſen Umſtänden ſeine Beziehung zum Hauſe des Miniſters, das doch ein Supplicant, wie er, nun einmal nicht vernachläſſigen durfte. Er wußte, daß man ihn eigentlich von Herzen ungern ſah, wußte, daß der Beifall, den er in der Stadt als Kanzel⸗ redner fand, im Salon des Miniſters nur von 392 heimlichem Achſelzucken begleitet war, und daß namentlich Herr von Lehfeldt keine Gelegenheit verſäumte, die ganze ätzende Lauge ſeines Witzes über den neuen Johannes, wie er ihn ſpöttiſch zu nennen pflegte, auszuſchütten— wußte das Alles und mußte doch fort und fort den ergebenſten Diener machen vor dem Miniſter und durfte doch mit keinem Blick, keiner Miene die tiefe, in⸗ grimmige Abneigung verrathen, die ihn gegen Herrn von Lehfeldt, dies übermüthige, verwöhnte Kind des Glücks, erfüllte! Herr von Lehfeldt war nicht boshaft, Herr Waller ſelbſt ihm nicht wichtig genug, als daß. er ihm hätte ſollen bei dem Miniſter zu ſchaden ſuchen. Es war vielmehr ein Triumph für ihn, den alten akademiſchen Nebenbuhler gelegentlich unter ſeine ſchützenden Fittige zu nehmen; ſo⸗ gar an der Berufung des Herrn Waller in die wohldotirte Stelle im Dorfe des Commerzien⸗ raths war Herr von Lehfeldt nicht ohne fördern⸗ 393 den Antheil geblieben. Aber ſo großmüthig frei⸗ lich, ſeinen Nebenbuhler die Schonung nicht fühlen zu laſſen, die er ihm erwies, war er nicht; es war eben ein Triumph, den Herr von Lehfeldt feierte, und dem Uebermuth ſeines Weſens entſprach es vollkommen, den Ueber⸗ wundenen ſelbſt zum Zeugen deſſelben zu machen. Siebentes Kapitel. Die Nebenbuhler. Und mun denke man ſich dieſe beiden jungen Männer, wie das Schickſal ſie plötzlich wieder auf demſelben entlegenen Fleck Erde, unter dem⸗ ſelben Dache, in demſelben Netz von Intriguen, ja ſetzen wir es nur gleich hinzu— unter dem Strahl deſſelben ſchönen Auges zuſammenführt! Es war überhaupt nicht wohl denkbar, daß zwei junge Männer ſo lange, ſo nahe in der Nachbarſchaft eines ſo entzückenden Weſens leben konnten, wie das Engelchen, ohne von verzeh⸗ render Eiferſucht erfaßt zu werden; was ſtand hier erſt bevor, wo zwei alte Nebenbuhler unter 395 einem ſo flammenden Geſtirn wieder zuſammen⸗ trafen? War das Herz des Herrn von Lehfeldt wirklich ſo mit Eis umpanzert, hatte der fromme Geiſtliche ſich wirklich ſo losgemacht von allen weltlichen Leidenſchaften und Wünſchen, war Angelica in ihrer unvergleichlichen Anmuth und Liebenswürdigkeit Beiden wirklich ſo fremd, ſo gleichgiltig, daß die Flamme der Eiferſucht, welche ſeit ſo lange ſchon zwiſchen dieſen beiden Männern glimmte, durch dieſes Zuſammentreffen nicht aufs Neue zur wilden, vernichtenden Flamme angefacht werden mußte? Herr von Lehfeldt, der auf dieſes Zuſammen⸗ treffen ſeit Längerm vorbereitet war und ge⸗ nügende Zeit gehabt hatte, ſein Benehmen ge⸗ gen Herrn Waller im voraus zu überdenken, hatte ſich mit ziemlicher Leichtigkeit darein ge⸗ funden. Um ſo unvorbereiteter dagegen traf die Be⸗ gegnung Herrn Waller. Es hatte ihn lange 396 nichts ſo tief, ſo feindſelig berührt, als da er an jenem Sonntag Mittag bei der Rückkehr aus der Kirche in den Speiſeſaal des Commer⸗ zienraths getreten war— und das Erſte, was er erblickte, wohlbehäglich in der Mitte zwiſchen Herrn und Frau Wolſton, der ſchönen Angelica gegenüber, war Herr von Lehfeldt geweſen, mit dieſem ſelben klaren Lächeln, dieſer ſelben vor⸗ nehm kalten Freundlichkeit, die ihn ſchon ſo oft 6 4 in ſtille Verzweiflung geſetzt hatte. Herrn von Lehfeldt, wie wir bereits wiſſen, ſtand jeder Ton zu Gebote, den er etwa anzu⸗ ſchlagen für geeignet hielt. Und ſo war es 5 denn auch nicht ohne tiefe Berechnung, daß er in der erſten einſamen Unterredung, welche er mit Herrn Waller hatte, gerade den längſt ver⸗ klungenen Ton der Studentenjahre anſchlug. Nachdem er dem Prediger das Allgemeinſte über den Zweck ſeiner Reiſe eröffnet und ihn im Na⸗ men des Miniſters angewieſen hatte, wie weit 397 und auf welche Weiſe er denſelben ſeinerſeits zu unterſtützen habe, wandte er ſich ſogleich auf die häuslichen Verhältniſſe im Schloſſe, zu denen Herr Waller ſichtlich in ſo naher 6 ſtand. Nun aber das muß man dir laſſen, ſagte er Xdenn ſo wenig es übrigens zu den Verhältniſ⸗ ſen paßte, eine ſo beſondere Genugthuung ge⸗ rade hatte Herr von Lehfeldt darin gefunden, das ſtudentiſche Du zwiſchen ihnen aufrecht zu 3 erhalten, trotz aller demüthigen Einrede, welche die Beſcheidenheit— oder, daß wir das Ding bleſſer bei ſeinem Namen nennen: der verletzte Stolz des jungen Geiſtlichen dagegen erhoben hatte). Wer das muß man dir laſſen, Pfaff, ſagte er, daß du dich zu betten verſtehſt.... Das Wort Pfaff war der Spitzname, wel⸗ chen Herr von Lehfeldt ſeinem Nebenbuhler ſchon als Student gegeben; war es die Erinnerung an jene Zeit oder was ſonſt, genug, kein Dolch⸗ ſtoß hätte dem Ohr des Predigers weher thun können als dieſes Wort Pfaff, ſo breit hinge⸗ worfen, aus ſo tiefer Kehle, mit dieſem Anflug unausſprechlichen, geringſchätzigen Mitleids, wie es zwiſchen den feinen Lippen des Herrn von Lehfeldt hervorkam. Herr Waller faltete die Hände noch graziö⸗ ſer und neigte das Haupt mit mildem Lächeln noch zierlicher ſeitwärts, als er ſonſt zu thun pflegte. Ich verſtehe nicht, ſagte er, was mein Gön⸗ ner meint; die arme, mühſelige Stellung, die ich in dieſem Dorfe einnehme, kann ja doch nur das Mitleid, nicht den Neid meines theuren Freundes erregen. Neid, wiederholte Herr von chſeldt achſel⸗ zuckend, nun freilich, davon ſind wir weit ent⸗ fernt; ſo viel Sünden du ſonſt auch an mir„ 6 beſſern hätteſt, Pfaff, von dieſer einen weiß ich 399 mich frei. Aber laß dies und dieſe Johannesmiene, du mußt ja doch wohl wiſſen, daß ich dich kenne, noch von Alters her, und daß die theologiſchen Kunſtſtückchen bei mir nicht verfangen. Du haſt dich gut gebettet, ſage ich: eine bequeme Stelle, ein reicher Patron, zur Herrin eine Betſchweſter, die eben noch hübſch genug iſt, um an Das zu erinnern, was ſie che⸗ dem geweſen— und zu alledem das hübſche kleine Ding von Stieftochter— du haſt ſie wohl ſchon früher gekannt? Ah ja, man kennt deine Schliche, pfaff: wie ſtehſt du mit ihr? Es wäre keine ſchlechte Partie für ſolchen Haus⸗ kaplan, wie du biſt.... Erröthete Herr Waller jetzt? wurde er zor⸗ nig? nahm er die Ehre einer Dame in Schutz, der er vor wenig Stunden erſt ſo viel Ergeben⸗ heit gelobt hatte?— Nichts von dem Allen: er ſrirte Herrn von Lehfeldt einige Augenblicke lang mit gutmüthigem Schmunzeln, hob dann den 400 Finger zu( vnn in die Höhe und ſagte: Verrathen, mein beſter Herr von Lehfeldt! ich fürchte ſehr, verrathen! So fragt weder die Neugier, noch die Freundſchaft: ſo, mein Theuer⸗ ſter, fragt allein die Eiferſucht..... Herr von Lehfeldt fuhr zornig in die Höhe: Ich glaube, Pfaff, ſagte er, du haſt dich überſtudirt; ich und ſolch ein Mädchen! Mir ſteht wohl eine andere Zukunft bevor und auf andere Partien bin ich angewieſen als auf eine ſolche Misheirath. Der Prediger zuckte bedeutungsvoll die Brauen, indem ein ſpöttiſches, faſt hämiſches Lächeln über die geiſtreichen Züge dahinflog. Doch unterdrückte er den Einfall, der ihm auf die Zunge geſtiegen war, und wiederum in ſeine gewöhnlich geiſtlich⸗weltmänniſche Haltung zu⸗ rückfallend: So ſind wir alſo Beide unbetheiligt, ſagte 401 er, und können ohne Eiferſucht und ungeſtört von Liebesgedanken die Geſchäfte verfolgen, die uns obliegen. Der Inhalt dieſes Geſprächs wiederholte ſich ſeitdem in immer neuen Formen, bald deut⸗ licher, bald verſteckter, noch unzählige malez Je⸗ der von Beiden ſuchte dem Andern zu beweiſen, daß er ſich ganz nothwendig um die Hand An⸗ gelica's bewerben und dadurch den Frieden in der Familie, wenn irgend möglich, wiederher⸗ ſtellen müſſe— und Jeder glaubte gerade darin nur den Beweis zu finden, daß der Andere ſich in der That mit dieſem Gedanken trage. Wie groß auch die Spannung, die zwiſchen den ver⸗ ſchiedenen Gliedern dieſes Kreiſes herrſchte, zwi⸗ ſchen Niemand war ſie größer als zwiſchen Herrn von Lehfeldt und dem Prediger. Wie zwei gleich geübte, gleich aufmerkſame Schachſpieler, beob⸗ achteten ſie ſich gegenſeitig; kein Zug konnte ge⸗ than, kein Finger erhoben werden, keine Miene 402 ſich verändern, ohne daß der Andere es ſofort gewahrte. Man mußte ſo völlig unbefangen, von ſo wahrhaft kindlichem Sinne ſein, wie das Engelchen, oder ſo vertieft in die Gebilde ſeiner Phantaſie und ſo blind gegen alles wirklich Vor⸗ handene, wie Herr Florus, um nichts von die⸗ ſer Nebenbuhlerſchaft zu merken. Deſto mehr merkte die Commerzienräthin davon. Wir wiſſen, wie verhaßt derſelben Alles war, was einem öffentlichen Skandale ähnlich ſah. So gleichgiltig ihr das Schickſal ihrer Stieftochter daher auch war, ſo lebhaft wünſchte ſie dennoch, die Kataſtrophe, welche in Folge des mütterlichen Teſtaments bevorſtand, auf dem Wege gütlicher Ausgleichung zu beſeitigen. Eine Heirath, welche ſich die Billigung des Herrn Wolſton verſprechen durfte, war hierzu ohne Zweifel das geeignetſte Mittel, ja ſogar das einzige, das ſich überhaupt erdenken ließ. Die Baronin glaubte ſich ein Verdienſt zu 403 erwerben, nicht blos um Angelica, ſondern noch viel mehr um ihren Gemahl, ja um die Ehre ihres Hauſes ſelbſt, indem ſie auf dies Mittel hinarbeitete und ſein Gelingen aus allen Kräf⸗ ten zu erleichtern ſuchte. Weit entfernt daher, dem Verkehr der jungen Dame mit den beiden Bewerbern(denn das waren ſie für die Phan⸗ taſie der Baronin nun ſchon ganz unzweifel⸗ haft) irgend welche Hinderniſſe in den Weg zu legen, unterſtützte und beförderte ſie vielmehr auf alle Weiſe. Mit Beiden, ſagen wir. Denn in der That konnte die Baronin bei ſich ſelbſt noch zu kei⸗ ner rechten Entſcheidung gelangen, welchem von Beiden ſie den Vorzug geben ſollte. Daß die Ehe mit einem ſo unbedeutenden, ſo eigenſinni⸗ gen und verbildeten Dinge, wie das Engelchen, immer und unter allen Umſtänden ein Opfer, und daß daher Keiner beſonderen Grund hatte, ſich ſeines Glückes zu freuen, darüber freilich 404 war ihr ſelbſt nicht der geringſte Zweifel. Aber wurde nicht durch dieſes Opfer zugleich auch die zarteſte und dauerndſte Verbindung mit ihr ſelbſt erkauft? Wenn ſie alſo in Zweifel ſchwebte, wem von Beiden, Herrn von Lehfeldt oder dem Prediger, ſie das Opfer zumuthen ſollte, ſo war es nur deshalb, weil ſie ungewiß war, wem von Beiden ſie den Preis deſſelben am liebſten gönnte. Es war dies mit eine Veranlaſſung, ihre Ungeduld in Betreff des Geheimniſſes, mit deſ⸗ ſen Enthüllung ſie den Sandmoll beauftragt hatte, noch zu vermehren. War dieſe wunder⸗ bare Ahnung, die ſie immer und immer wieder beſchlich, ſo oft ſie Herrn von Lehfeldt erblickte, ein Irrthum, gab es kein anderes Band, durch welches derſelbe ihrem Herzen noch näher an⸗ gehörte, nun wohl, ſo mochte er wenigſtens ihr Schwiegerſohn werden. Betrog ihre Ahnung ſie dagegen nicht, war ſie ihm wirklich ſchon 405 jetzt und noch viel näher, viel unmittelbarer verwandt, o freilich, da konnte von dieſem Plane keine Rede mehr ſein, da wäre das ja eine Misheirath für Herrn von Lehfeldt geweſen, und der gute, ſanfte, gotterge⸗ bene Herr Waller mochte alsdann das Opfer bringen. So feſt hatte die Commerzienräthin ſich in dieſe Intrigue eingeſponnen, daß ſie ſo⸗ gar die Gelegenheit ſuchte, nicht nur gegen ihren Gemahl, ſondern ſogar gegen Angelica ſelbſt einige Andeutungen davon fallen zu laſſen. Aber dieſe Letztere, in ihrem unſchuldsvol⸗ len Sinne, verſtand ſie nicht— und Herr Wolſton, indem er den Deckel ſeiner Doſe noch langſamer, noch bedeutungsvoller auf- und niederklappte als gewöhnlich, erwiderte auf all ihre Vorſchläge und Andeutungen nichts als 406 jenes halb gleichgiltige, halb mitleidige Achſel⸗ zucken, das ſo oft bei ihm, beſonders in der Unterhaltung mit ſeiner Gemahlin, die Stelle einer ausführlichen Antwort vertreten mußte. Achtes Kapitel. Die Warteſchule Nach dieſer Auseinanderſetzung werden unſere Leſer jetzt begreifen, von welcher Wichtigkeit das Project, welches Angelica ihrer Stiefmutter in die Hände geſpielt hatte, für die beiden Neben⸗ buhler wurde, und mit welchem Eifer ſie ſich gegenſeitig bemühten, die Verwirklichung deſſel⸗ ben zu befördern. War es doch das ſicherſte Vittel, ſich die Dankbarkeit der jungen Dame zu gewinnen und zugleich auch die Baronin ſelbſt zu verbinden; wer es verſtand, die Eitel⸗ keit der Einen zu befriedigen, durfte damit zu⸗ gleich auch hoffen, dem Herzen der Andern näher zu treten. 408 Am offenſten und lauteſten ſprach ſich Herr von Lehfeldt zu Gunſten des Planes aus. Wer die übrigen Beziehungen des jungen Mannes kannte oder wer gar in die geheimnißvolle Ab⸗ ſicht ſeiner Sendung eingeweiht geweſen wäre, hätte ſich allerdings darüber verwundern mögen. Angelica dagegen fand es vollkommen in der Ordnung; hatte er ihr nicht mit Hand und Mund gelobt, ſich von ſeinen frühern leichtfer⸗ tigen Grundſätzen zu bekehren? Hatte er, ver⸗ ſtoßen aus dieſer Welt des leeren, höfiſchen Glan⸗ zes, es ſich nicht zur ausdrücklichen Aufgabe geſtellt, ſtatt deſſen auch einmal die Kehrſeite des Lebens kennen zu lernen und dem Elend und der Verwilderung, über die er bisher nur hochmüthig die Achſeln gezuckt oder gar als harter Richter den Stab gebrochen hatte, ein⸗ mal wirklich Auge in Auge zu ſehen? Es war eine große Freude für Angelica, wenn ſie den jungen Mann jetzt ſo eifrig bemüht ſah, ihren Plan 409 zu unterſtützen und die Schwierigkeiten, welche ſeiner Ausführung entgegentraten, hinwegzuräu⸗ men; es ſchien ihr das ein Unterpfand zu ſein für die Aufrichtigkeit jener Umwandlung, welche er ihr gelobt hatte, und ſo beſcheiden ſie ſonſt auch war, ſo konnte ſie ſich doch eines kleinen Stolzes darüber nicht erwehren. Auch die beſondere Anſtelligkeit und Gewandt⸗ heit, mit welcher Herr von Lehfeldt ſich dabei den Grillen der Commerzienräthin fügte, be⸗ luſtigte ſie ſehr; indem es ihm dem Anſcheine nach nur darum zu thun war, die Wünſche der eiteln Frau zu erfüllen, ließ er bei alledem doch auf eine für Angelica ſelbſt höchſt deutliche, höchſt ſchmeichelhafte Weiſe hindurchfühlen, daß ihm ſehr wohl bewußt war, wo eigentlich der urheber dieſes ganzen Projects zu ſuchen und in welchem Kopfe, welchem Herzen daſſelbe ent⸗ ſtanden. Ganz von ſelbſt und ohne daß Herr von Leh⸗ Das Engelchen. II. 18 410 feldt es irgend geſucht hätte, ja ohne daß An⸗ gelica ſelbſt nur eine Ahnung davon hatte, ent⸗ wickelte ſich auf dieſe Weiſe zwiſchen den beiden jungen Leuten eine Art geheimen Einverſtänd⸗ niſſes; es wurden, in aller Unſchuld und Heiter⸗ keit, verſteckte Anſpielungen zwiſchen ihnen ge⸗ geben und verſtanden, doppelſinnige Reden wur⸗ den gewechſelt, Blicke ausgetauſcht— Anſpie⸗ lungen, Reden, Blicke, welche die Eiferſucht des Herrn Waller ins Unerträgliche ſteigerten! Aber warum, werden unſere Leſer fragen, ließ Herr Waller ſelbſt ſich dieſe Vortheile ent⸗ gehen? Herr Waller, der durch ſein Verhält⸗ niß zu Julian bereits eine ſo bevorzugte, ſo vertrauliche Stellung zum Engelchen einnahm und der überdies durch ſeinen geiſtlichen Beruf, ſo hätte man meinen ſollen, recht eigentlich dar⸗ auf angewieſen war, ſo wohlthätige, ſo wahr⸗ haft fromme Abſichten, wie dieſe, zu unter⸗ ſtützen? 411 Aber nein, ſo einfach war das Verhältniß, welches Herr Waller zu Angelica's Plänen ein⸗ nahm, keineswegs. Gerade was ihn ihr hätte nähern ſollen, entfernte ihn von ihr; gerade der durch Stand, Pflicht und Verhältniſſe am mei⸗ ſten geeignet ſchien, ihr Vorhaben zu unter⸗ ſtützen, war, wenn auch nur ganz in der Stille, ihr entſchiedenſter und thätigſter Widerſacher. Wir kennen bereits den Ehrgeiz, der in der Bruſt des jungen Geiſtlichen loderte, und wiſ⸗ ſen, durch welche äußern Lebensbedingungen der⸗ ſelbe nur immer heftiger angeſchürt worden war. Je weniger ſein perſönlicher Ehrgeiz ſich hervor⸗ wagen durfte, deſto bereitwilliger hatte Herr Waller ſich in das Bewußtſein ſeines geiſtlichen Standes verſenkt. Der geiſtliche Hochmuth war der Deckmantel ſeines weltlichen geworden, ſein unbefriedigter perſönlicher Ehrgeiz rettete ſich hinter den Stolz des Prieſters, des auserko⸗ renen, gottbegnadeten. Darum konnte er ſo 18* 412 ſanft, ſo ſchmiegſam, ſo unterwürfig ſcheinen— es kam ja endlich doch Alles ſeinem prieſterlichen Anſehen zu gute; darum war er ſo anſpruchs⸗ los im Umgange mit den Vornehmen, ſo herab⸗ laſſend, ſo geduldig im Verkehr mit den Nie⸗ deren— durch Beides, hier wie dort, breitete er ſeine prieſterliche Herrſchaft aus; darum end⸗ lich leiſtete er dem Anſcheine nach ſo bereitwillig Verzicht auf allen Glanz und alle Luſt des Ir⸗ diſchen— ſo wußte er ja, daß auf dieſem dun⸗ keln Grunde der Glanz ſeines prieſterlichen An⸗ ſehens nur deſto heller leuchtete! Dieſelben Rückſichten walteten auch in dieſem Falle. Gerade als Geiſtlicher war Herr Waller Plänen, wie Angelica ſie hegte und wie jetzt Madame Wolſton ſie ſo geräuſchvoll ins Werk zu ſetzen ſtrebte, bei weitem mehr ab⸗ als zuge⸗ neigt. Daß die Armen unterſtützt, die Unwiſ⸗ ſenden unterrichtet, die Verwilderten erzogen und gebeſſert wurden, gut, es mochte ſein, und 413 auch dagegen hatte er nichts einzuwenden, daß die Mildthätigkeit der Privatperſonen ſich damit beſchäftigte. Aber nur die Leitung des Ganzen mußte bei ihm, mußte bei der geiſtlichen Macht und Würde bleiben; es war ihm ſehr recht, wenn die Frömmigkeit der Baronin nachgerade auch an guten Werken etwas fruchtbarer zu wer⸗ den anfing als bisher— aber nur, daß es überall ſein Rath ſein mußte, welcher dieſe Wohlthätig⸗ keit beſtimmte, ſeine Anweiſung, die ſie regelte, ſeine Hände, die ihre Gaben vertheilten. Herr Waller kannte Angelica's Lehrer, den alten Profeſſor, zu genau und war zu wohl unterrichtet über die Grundſätze, nach denen derſelbe die Erziehung des jungen Mädchens geleitet hatte, um nicht zu wiſſen, daß ſeine Wohlthätigkeit und die Wohlthätigkeit des En⸗ gelchen zwei völlig verſchiedene, ja feindſelige Dinge waren. Die eine unterſtützte den Men⸗ ſchen, um ihn frei zu machen, ſie wollte den 414 Armen vor Allem von dem Bewußtſein ſeiner Armuth entladen und ihm das Gefühl menſch⸗ 1 licher Würde, menſchlichen Rechtes wiedergeben; nicht ein Almoſen geben, nein, eine Pflicht wollte ſie erfüllen, eine Schuld zurückzahlen, welche ſchon allzu lange war verſiumt worden. Die Wohlthätigkeit des Herrn Waller dagegen ſollte zuerſt und vor allem Uebrigen als eine Gnade empfunden werden, eine Gnade des Himmels, ausgetheilt durch Menſchen, welche er ſelbſt zu dieſem Zwecke auserſehen und bevorzugt hatte; nicht erheben wollte ſie das menſchliche Bewußt⸗ ſein, nicht den Armen zu eigner Thätigkeit, eigner Anſtrengung ermuntern, nicht ihn auf⸗ richten an dem erhebenden Gefühle, daß doch am Ende er ſelbſt es ſei, dem er ſeine Rettung verdanke— ganz im Gegentheil: dieſe Mild⸗ herzigkeit wollte die Herzen der Armen zuvor zerknirſchen, die äußerliche Unterſtützung ſollte erkauft und verdient werden durch die unbe⸗ 8 415 dingteſte innerliche Abhãngigkeit; es kam weit weniger darauf an, dem Bedürftigen zu helfen, als den Gebeſſerten, Beſſerung Gelobenden, ja ſelbſt nur den Unterwürfigen, Folgſamen zu be⸗ lohnen. Armuth und Elend zu beſchränken, immerhin, es war etwas: aber das Reich Gottes auszubreiten und die Prieſter als die eigentlichen Statthalter und Lehensträger dieſes Reiches in ihrem Einfluß zu beſtärken, das ei⸗ gentlich war der Punkt, um den es ſich han⸗ delte, und nur darum eigentlich verlohnte es ſich, Werke der Wohlthätigkeit zu verrichten und zu befördern. Herr Waller hatte ſich keineswegs begnügt, dieſe Grundſätze theoretiſch zu hegen, ſondern gewandt und energiſch, wie er war, hatte er dieſelben auch überall in ſeinem Wirkungskreiſe zur Ausführung zu bringen geſucht. Wir er⸗ innern an die Worte, welche die Diebslore ge⸗ legentlich fallen ließ, da wir dieſelbe zuerſt ken⸗ 416 nen lernten. Drohungen und Bußpredigten auf der einen, Geſchenke und kleine Vertraulichkeiten auf der andern Seite, heute ſchöne fromme Ge⸗ ſangbücher und morgen noch ſchönere warme Strümpfe— urtheile man über den Werth die⸗ ſer Mittel, wie man wolle, aber gut berechnet waren ſie, wenigſtens für dieſe Umgebung und für eine Gemeinde, wie Herr Waller ſie hier hatte. Mit ihnen hatte er Zutritt gefunden zu dem harten, verſtockten, in Gräuel und Bosheit aller Art gleichſam verſchütteten Herzen der al⸗ ten Diebsgefährtin; ihr verdankte er's, daß er vor der unkeuſchen, befleckten Phantaſie dieſes Weibes daſtand, nicht anders denn als ein Heiliger, ein Geſandter Gottes, vor deſſen leiſe⸗ ſten Winken ſie hinſchmolz wie weiches Wachs— daſſelbe Weib, deſſen harter, verſtockter Charak⸗ ter ſich weder vom Scharfblick des alten Sand⸗ moll jemals völlig durchſchauen, noch von ſeinen Mishandlungen hatte beugen laſſen! 417 Und wie in dieſem Falle, ſo war es ihm noch in unzähligen andern geglückt; es war ein wahres Netz geheimen Einverſtändniſſes und un⸗ ſcheinbaren, darum nur um ſo wirkſamern Ein⸗ fluſſes, das Herr Waller über ſeine Gemeinde ausgeſponnen hatte. Und nun hätte er ſelbſt dieſen Einfluß aufs Spiel ſetzen, hätte wenigſtens die Unbeſchränkt⸗ heit deſſelben zerſtören ſollen, indem er ein Un⸗ ternehmen beförderte, wie Angelica es beabſich⸗ tigte? Zugeben hätte er ſollen, daß Anſpruchs⸗ loſigkeit und unbefangenes menſchliches Mitleid ihn von einer Stelle verdrängten, wo er bisher ſeiner geiſtlichen Herrſchſucht mit ſo viel Geſchick⸗ lichkeit und mit ſo ſichtbarem Erfolg eine ſo ſichere Herrſchaft bereitet hatte? Nimmermehr! Herr Waller war und blieb vor Allem Prieſter, Prieſter in dem Sinne, wie wir es ſo eben aus⸗ einandergeſetzt haben; ſelbſt die glänzende Flamme der Eiferſucht, ſelbſt die brennende Gluth der 18* 418 Liebe(wenn ſein Herz ja fähig war, dergleichen zu empfinden) durfte nicht dieſen prieſterlichen Heiligenſchein durchkreuzen, mit welchem er ſein Haupt umwoben. Sogar daß die Ausführung jener Pläne zu⸗ nächſt in die Hände der Madame Wolſton über⸗ gegangen, konnte ihn nicht völlig beruhigen. Freilich war er auf dieſe Art gewiß, daß von Dem, was Angelica eigentlich beabſichtigte, von dieſer wahrhaft menſchlichen, auf das Menſch⸗ liche gerichteten, an das Menſchliche anknüpfen⸗ Den Wohlthätigkeit, fürs Erſte nur herzlich we⸗ nig zur Ausführung kam; ein ſo durchweg eit⸗ les, ſelbſtſüchtiges Geſchöpf, wie die Baronin, konnte, das wußte er zum voraus, auch den Dienſt des Erbarmens und des Mitleids nur zu einem Dienſt der Eitelkeit und der eigenen Selbſtſucht machen. Auch unterlag es bei der großen Herrſchaft, welche er ſich über das Ge⸗ müth der Madame Wolſton erworben hatte, 419 allerdings keinem Zweifel, daß ſie ihn, wie überall, ſo auch in dieſem Stück als ihren Vertrauten und Rathgeber gebrauchen würde. Allein erſtlich hatte er ſich ſeit der Ankunft des Herrn von Lehfeldt überzeugen müſſen, daß dieſe Herrſchaft doch noch keineswegs ſo ſicher begründet, noch auch ſo unbeſchränkt war, als er ſelbſt vielleicht geglaubt hatte und daß ſchon jede neue, piquante Erſcheinung genügte, das Herz ſeiner Gönnerin, auf einige Zeit wenig⸗ ſtens, von ihm abzulenken. Und zweitens auch kannte er den ungün⸗ ſtigen Ruf, in welchem Madame Wolſton bei den Dorfbewohnern ſtand, zu genau und ſah daher auch zu deutlich voraus, welchen Wi⸗ derſtand das an ſich ſo verſtändige, ſo nützliche Unternehmen gleichwohl bei der Bevölkerung finden würde, und zwar dies lediglich deshalb, weil die verhaßte Herrin ſich an die Spitze deſ⸗ ſelben ſtellte: als daß es ihn hätte locken ſollen, 420 die Ehre der Unternehmung unter dieſen Um⸗ ſtänden und in einer ſo misliebigen Geſellſchaft zu theilen. Die Baronin ſollte ſein Werkzeug ſein, und nicht blos ſein, ſondern auch vor den Menſchen ſo erſcheinen, niemals aber umgekehrt; nicht er ſollte unterſtützen, was ſie erdacht, ſon⸗ dern im Gegentheil, ſie ſollte die Wege wan⸗ deln, wiſſentlich und unwiſſentlich, auf welche er ſie gewieſen. Hätte Herr Waller alſo nur dieſe ſeine näch⸗ ſten Zwecke ins Auge faſſen wollen, ſo würde er ſich dieſer Warteſchule, mit deren Entwurf die Baronin alle Tage deutlicher und dringlicher hervortrat, haben offen widerſetzen müſſen. Herr Waller jedoch zeichnete ſich vor vielen Andern ſeiner Richtung namentlich auch dadurch aus, daß er eben ſo ſtark, ja noch ſtärker war in der Geduld als im Eifer; nur dadurch beherrſchte er ſeine Umgebung ſo ſicher, daß er ſeiner ſelbſt ſo völlig Meiſter war. Es wäre ihm ein ſehr 421 Leichtes geweſen, das Vorhaben der Baronin zu vereiteln; er brauchte es blos nicht zu un⸗ terſtützen, brauchte blos nicht den Fürſprecher und Vertheidiger deſſelben bei Herrn Wolſton zu machen, ſo war, bei der außerordentlichen Abneigung, welche dieſer dagegen hegte, das Scheitern deſſelben außer Zweifel. Aber Herr von Lehfeldt hatte ſich des Planes einmal an⸗ genommen, ſchon war er dadurch in die Rolle des Vertrauten gekommen, bei der Mutter ſo⸗ wohl wie bei der Tochter— wie hätte Herr Waller dieſer Herausforderung widerſtehen, wie hätte er kurzſichtig genug ſein können, durch ſeinen Widerſpruch oder auch nur durch ſeine Gleichgiltigkeit die Gunſt Beider gleichmäßig aufs Spiel zu ſetzen? Er unterſtützte denn alſo den Plan der bei⸗ den Damen eiftigſt, aber freilich nur ſo weit ſie ihn ſahen, und auch da nur in ſeiner Art. Er ging im Dorfe von Haus zu Haus, notirte 422 überall mit vielem Geräuſch und einem Auf⸗ heben, deſſen es in Wahrheit gar nicht bedurft hätte, die Kinder, welche er für geeignet hielt, in die beabſichtigte Anſtalt aufgenommen zu werden, ermahnte dabei auch die Väter und Mütter, die große Güte der Frau Baronin an⸗ zuerkennen und ſich mit Demuth in ihre gott⸗ gefälligen Abſichten zu fügen. Allein in einer ſolchen Weiſe that er dies Alles und ſo geſchickt wußte er dabei ſeine Worte zu ſetzen, daß die Wirkung gerade die entgegengeſetzte ward. Den Kindern malte er aus, Alles freilich in ſanften Worten und mit milder, väterlicher Geberde, welche ſtrenge Zucht ſie ins Künftige genießen würden, und wie nun ein⸗ für allemal keine Rede mehr ſei von die⸗ ſen Scherzen und Spielen, dieſen jugendlichen Thorheiten und Streichen, in denen ſie ſich bis⸗ her, dem Himmel ſei es geklagt, ſo wohl gefal⸗ len; ſondern wie ſie nun, früh von ihren Ael⸗ 423 tern abgeholt, den ganzen Tag würden in der engen Stube ſitzen müſſen und beten und ſin⸗ gen, und wenn nur Einer zum Fenſter hinaus⸗ blicken wollte, klapp, da ſchlüge gleich die Ruthe darein— Alles natürlich zu ihrer Beſſerung und weil ſie ja ſeinen bisherigen milden Ermah⸗ nungen kein Gehör geſchenkt. Eben ſo ſtellte er auch den Aeltern vor, welch eine Schmach das ſei und wie tief ſie geſunken wären, daß man ihnen jetzt ſogar ihre Kinder wegnehmen müſſe, tiefer noch als der Vogel im Walde und das Thier auf dem Felde, deren jedes doch wenigſtens ſeine Jungen bei ſich habe und ſie pflege und warte, bis daß ſie erwachſen wären. Aber freilich wohl, ſie wären ja auch ſchlimmer als das Thier im Walde; das Ge⸗ fieder des Raben wäre weiß gegen die Schwärze ihrer verſtockten, ungläubigen Gemüther. Wie oft, rief er, mit einem Ausdruck, in welchem Zorn und Mitleid mit einander kämpf⸗ 424 ten, habe ich euch nicht ermahnt und gewarnt, o, ihr Unſeligen! wie oft, in Ernſt und Güte, euch nicht den Weg gezeigt, den Weg des Heils, auf welchen der Herr euch führen will durch den Mund ſeiner Geſalbten, ſeiner Prieſter! Aber ihr verſchloſſet eure Ohren und verhärtetet eure Herzen. Nun bricht das Gericht herein— arme Thoren, ich kann euch nicht mehr helfen; nun beugt euch wenigſtens in Demuth und küßt die Ruthe, die euch züchtigt! Die Wirkung, welche dieſe und ähnliche Re⸗ den hervorbrachten, iſt nicht ſchwer zu ermeſſen. Es war überdies ſeit einiger Zeit eine ſeltſam aufgeregte Stimmung im Dorfe. Waren es die gehäuften Abenteuer jener Nacht, da das En⸗ gelchen ankam, die noch immer nachwirkten; war es jenes Beiſpiel thätlicher Widerſetzlichkeit, wel⸗ ches der Meiſter damals gegeben hatte und das, zur großen Ueberraſchung der Dorfbewohner, noch immer ungeſtraft geblieben war; waren es 3 425 vielleicht auch die wunderlichen Gerüchte, welche ſich an die Erſcheinung des Fremden knüpften: genug, die Gemüther waren mehr als je von einer ſeltſamen Aufregung ergriffen, einer Er⸗ wartung, einer Spannung auf etwas Außer⸗ ordentliches, Ungemeines, das ſich begeben ſollte, und von dem doch gleichwohl Niemand zu ſa⸗ gen wußte, worin es beſtehen oder woher es kommen würde. Eben ſo wenig ließ ſich auch der Urſprung dieſer Stimmung ſelbſt nachweiſen; ſie ſchien in der Luft zu liegen, mit den dicken, ſchweren Herbſtnebeln ſchien ſie gekommen zu ſein, dieſe allgemeine Gährung und Unzufriedenheit, dieſer Argwohn und Mismuth, von dem ſich Jeder ergriffen fühlte, ohne zu wiſſen, woher er ſtammte und warum er ſich eben jetzt ſo heftig äußerte. Der Winter war ungewöhnlich mild, das Elend ſchien in Folge deſſen geringer, als es ſonſt um dieſe Jahreszeit zu ſein pflegte; gleichwohl, als ¹ 426 ob ein Zauberer, ein umgekehrter Rattenfänger von Hameln durch das Land gezogen wäre, waren alle Herzen in höherm Grade als je zu⸗ vor mit Groll und Unzufriedenheit erfüllt. Einzelne Zufälligkeiten trugen noch dazu bei, dieſe üble Stimmung zu erhöhen. Herr Wol⸗ ſton hatte den Bau eines neuen, großartigen Fabrikgebäudes begonnen; neue, verbeſſerte Ma⸗ ſchinen waren aus England verſchrieben worden. Schon war der Bau unter Dach, die fremden Werkmeiſter, welche die Maſchinen aufſtellen ſollten, waren bereits angekommen; waren die⸗ ſelben erſt im Gange, ſo waren damit wiederum ein paar Hundert Menſchenhände entbehrlich ge⸗ worden, ſo mußte der karge Arbeitslohn aufs Neue herabſinken, ſo mußte das Elend der ge⸗ drückten Bevölkerung noch höher ſteigen. So wenigſtens behaupteten die Dorfbewoh⸗ ner ſelbſt. Möglich, daß ſie irrten; denn wer hätte ſie in Herrn Wolſton's Pläne eingeweiht? Aber genug, ſie glaubten es ſo, ja ſie gefielen ſich ordentlich in dem Gedanken an die Ge⸗ fahr und das neue Elend, das ihnen bevor⸗ ſtehe, ſo ſehr, daß wir Niemand hätten rathen mögen, einen Verſuch der Belehrung mit ihnen anzuſtellen. Auch gab ſich, die Wahrheit zu ſagen, Nie⸗ mand dieſe Mühe. Im Gegentheil, einige Lieb⸗ lingsredner der Schenke hatten ſich ein ordent⸗ liches Gewerbe daraus gemacht, ihre Zuhörer⸗ ſchaft durch immer neue und immer ſchreckhaftere Gerüchte in Unruhe zu ſetzen. Am meiſten excel⸗ lirte in dieſer Hinſicht der tolle Heiner; die ganze groteske Phantaſie dieſes zerrütteten Kopfes ſchien noch einmal zu erwachen, indem er, mit Farben, die um ſo ſicherer wirkten, je greller ſie gewählt waren, den allgemeinen Nothſtand ausmalte, in welchen das Dorf mit Nächſtem gerathen würde. Aber es geſchieht euch recht, ſetzte er dann 428 in der Regel mit Hohnlachen hinzu: habt euch das Fleiſch von den Knochen gearbeitet und nun nehmen ſie euch die Knochen obendrein, ſich allerliebſte Spielſachen, Kochlöffelchen und Würfel daraus zu drehen— heda, Würfel her! Würfel! dem Narrenkönig Gehört die Welt.... Vivat der Müſſiggang! und den Teufel auf die armen Schlucker, welche ſich mager arbeiten, damit Andere feiſt werden! Der Karrenſchieber, der ebenfalls allerhand Verdächtiges über die nächſte Zukunft zu mun⸗ keln pflegte, fand in dieſen Reden allemal große Weisheit. Sogar die Wirthin, deren Vortheil allerdings ſehr weſentlich dabei betheiligt war, daß ihre Gäſte zwar arm waren, aber doch nicht allzu arm, machte ein ganz nachdenkliches Geſicht dazu, beſonders wenn der Maler Schmidt dabei ſaß. 429 Denn ohne daß dieſer ein Wort in das Geſpräch hineingeworfen hätte, lag doch in die⸗ ſem leiſen Wiegen des Kopfes, mit welchem er daſſelbe dann wohl begleitete, ſo wie in der ha⸗ ſtigen Art, wie er Glas und Flaſche plötzlich von ſich rückte und in ſich gekehrt, mit kurzem düſtern Gruß, die Gaſtſtube verließ— es lag in dieſem Allen, ſagen wir, ſo viel ſchmerzliche Zuſtimmung, daß es Niemand entgehen konnte, am wenigſten der Wirthin, welche, wie wir wiſ⸗ ſen, die Augen ſtets überall hatte— öder doch zu haben glaubte. Unter dieſen Umſtänden waren denn die Re⸗ den, mit welchen der Prediger die beabſichtigte Warteſchule bei den Leuten zu empfehlen ſuchte, wie Oel ins Feuer gegoſſen. Noch lange bevor zur Ausführung des Plans geſchritten ward, ja zu einer Zeit bereits, da es noch ſehr fraglich war, ob derſelbe nur jemals zur Ausführung kommen würde, befand ſich die geſammte Be⸗ — 430 völkerung des Dorfs bereits in der lebhafteſten Widerſetzlichkeit dagegen. Alles, verſicherten die Männer, wollten ſie ſich gefallen laſſen, Hun⸗ ger und Durſt und Arbeit, daß ſie umfielen; aber nur bei ihren Kindern, da höre der Spaß auf, die ſeien ihr eigen, Niemand(das wollten ſie wenigſtens hoffen) habe ihnen etwas dazu gegeben, und ſo wollten ſie dieſelben auch in. Zukunft allein durchbringen. Sie, die Väter, hätten auch nichts gelernt, und wären auch, Gott beſſere es, Tagediebe und Hallunken ge⸗ weſen von Klein auf. Aber ein vergnügtes Le⸗ ben ſei es geweſen bei alledem; ihre Kinder ſollten es nicht anders haben als ſie, weder beſſer noch ſchlechter, und wenn ſie ſelbſt in der Hölle braten ſollten, nun gut, ihre Kinder brauchten auch keine Engel zu werden. Am ungeberdigſten in dieſer Hinſicht zeigte ſich der rothe Konrad; mit Leib und Leben ver⸗ ſchwor er ſich, ehe er ſeinen Jungen dermaleinſt in ein ſolches Sklavenhaus(wie er es nannte) gebe, lieber wolle er ihm mit eigner Hand den Schädel eindrücken. Es war dies etwas ſpaßhaft eigentlich von ihm, da die Gefahr für ihn jedenfalls noch am weiteſten im Felde war. Indeſſen, das blanke baare Geld, das er, wie wir bereits gehört haben, ſeit einiger Zeit ſehen ließ, ſo wie namentlich die Ausſicht auf den großen Taufſchmaus, den er ſeinen Kameraden verſprochen hatte, ließen ſeine Zuhörer über dergleichen kleine Bedenken hinwegſehen. Ein Kind, deſſen Eintritt in die Welt mit ſolchem Glanz gefeiert werden ſollte, war eine Reſpectsperſon, auch noch bevor es geboren, das verſteht ſich, und es war eine Abſcheulichkeit, ja der Gipfel aller Abſcheulich⸗ keit, ganz gewiß, eine Warteſchule zu errichten, in die möglicherweiſe auch ein ſo ausgezeichnetes Geſchöpf wie das Kind des rothen Konrad ge⸗ bracht werden ſollte. —— — 432 Und doch war ja der Zorn der Män⸗ ner noch wahres Kinderſpiel gegen dieſen Zorn und dieſe Wuth, mit welcher die Frauen, eine wie alle, ſich gegen das beabſichtigte Unternehmen erhoben. Vielleicht, wenn ſie gewußt hät⸗ ten, daß der Plan dazu urſprünglich beim Engelchen entſtanden, hätten ſie leidenſchaft⸗ loſer darüber geurtheilt. So jedoch war ſchon der einzige Umſtand, daß die Commerzienräthin als die Schöpferin dieſes Planes galt, vollkom⸗ men hinreichend, alle Weiber zu geſchworenen Feindinnen deſſelben zu machen. Alle böſen Gerüchte, welche von der Ba⸗ ronin umgingen, alle harten Beſchuldigungen, die jemals gegen ſie erhoben worden, alle Ueber⸗ hebungen des Hochmuths und der Eitelkeit, welche ſie ſich jemals hatte zu Schulden kommen laſſen, tauchten aufs Neue hervor. Ob es ihr denn gar zu ſehr leid ſei, fragte man höhniſch, keine eigenen Kinder zu haben, und ob der 433 Schade ſich denn wirktich in keiner Weiſt gut machen laſſe, daß ſie ſo begierig ſei, Mutterſtelle an Fremden zu vertreten. Andere erinnerten an das offenkundige Mis⸗ verhältniß, in welchem ſich Madame Wolſton zu ihrer Stieftochter befand; ſo möchte ſie doch erſt das Engelchen behandeln, das gute, ſanfte, fromme Engelchen, wie daſſelbe es verdiene, be⸗ vor ſie daran denke, andern Leuten eine Mild⸗ thätigkeit aufzudrängen, nach welcher Niemand verlange. Zwei Frauen beſonders zeichneten ſich durch die Heftigkeit ihrer Angriffe aus: erſtlich die Wirthin, welche überhaupt keine Kinder hatte und die überdies, wenn ſie deren gehabt hätte, durch ihren Wohlſtand ſicher genug geweſen wäre, dieſelben in der Warteſchule der Baronin ſehen zu müſſen— und zweitens jene wüſte, unordent⸗ liche Mutter, die wir zuerſt mit der Brannt⸗ weinflaſche in der Hand in der Schenke ken⸗ Das Engelchen. II. 19 434 nen gelernt haben und deren Kind alsdann unter die Pferde des Wagens gerathen war, welcher Angelica in die Heimat getragen. Gut⸗ willig, ſo verſicherte dieſe, gäbe ſie ihren Jun⸗ gen nicht, und wenn ſie wüßte, daß er von der Baronin mit Roſinen und Mandeln gefüt⸗ tert würde; zwei Landjäger wenigſtens müßten kommen, ihn zu holen— und die möchten auch noch ſehen, wie ſie lebendig wieder zum Hauſe hinaus kämen. Dabei hatte ſie die Linke in die Seite ge⸗ ſtemmt und mit der Rechten focht ſie in der Luft, daß es ſauſte. Alles jubelte und klatſchte Beifall. Der tolle Heiner aber, das gefüllte Glas hoch über dem Kopfe ſchwingend, ſchritt mit tollem Gelächter auf ſie zu: Seht da, rief er, eine Römerin: Gebär mir Söhne, ſtolze Römerin.. 435 Und die ſtolze Römerin nahm das Glas, machte die mächtigen Schultern noch weiter, und goß es hinunter— der tolle Heiner ſelbſt hätte es nicht beſſer können. Ueuntes Liapitel. Mine und Gegenmine. Aehnliche Mittel, mit ganz ähnlichem Erfolge, wandte Herr Waller auch bei dem Commerzien⸗ rath ſelbſt an. Nur freilich mußten die Fäden hier beiweitem feiner geſponnen werden. Der Commerzienrath, bei der Ueberlegenheit ſeines Verſtandes und bei ſeiner verſchloſſenen, ein⸗ ſylbigen Natur, war für fremden Einfluß über⸗ haupt nur ſehr ſchwer zugänglich; ſchon der leiſeſte Verdacht, daß ein Einfluß auf ihn geübt werden ſollte, würde genügt haben, jeden der⸗ artigen Verſuch zu vereiteln. Herr Waller machte darin allerdings eine Ausnahme, aber auch nur dem Anſcheine nach. Der Fabrikherr, wie früher erzählt worden, liebte es, den jungen Prediger um ſeine Meinung zu befragen; und das keineswegs blos in ſolchen Dingen, welche dem Beruf und der Kenntniß des Predigers zunächſt angehörten, ſondern auch in recht weltlichen, ja ſogar in dieſen am mei⸗ ſten. In Wahrheit jedoch kam es ihm dabei weit weniger darauf an, die Meinung ſeines Günſtlings zu vernehmen, als vielmehr darauf, ſeine eigene vorgefaßte von ihm beſtätigt zu hö⸗ ren. Er hatte die verwandte Natur in Herrn Waller erkannt, den Entwurf und Anſatz gleich⸗ ſam zu dem, als was er ſich ſelbſt mit ſo viel ſtolzer Genugthuung fühlte: von nüchternſter Verſtändigkeit, ohne Leidenſchaft, ohne Senti⸗ mentalität, mit unerſchütterlicher Conſequenz nur Dasjenige verfolgend, was Herr Wolſton ſein Recht, Herr Waller ſeine Pflicht nannte— und was doch in der That bei Beiden Eins und 438 Daſſelbe war, nämlich der eigene Vortheil; es war ihm eine eigenthümliche Empfindung, Herrn Waller, ungefähr wie der Meiſter den Schüler, zum Echo ſeiner Entſchließungen zu machen und in der Zuſtimmung, der Bewunderung des jun⸗ gen Mannes ſich ſelbſt zu ſpiegeln. Allein dieſer Schüler war der Meiſterſchaft weit näher, als Herr Wolſton es ahnte. Herr Waller durchſchaute ſeine Stellung auch in die⸗ ſer Hinſicht vollſtändig; er wußte ſehr wohl, daß in demſelben Augenblick, wo er ſich einen Widerſpruch gegen den Willen ſeines Gönners erlauben würde, dieſer ſelbſt ihn würde fallen laſſen, und daß daher jede Abſicht, die er bei Herrn Wolſton durchzuſetzen gedachte, ſich ſo einkleiden und ſo auftreten mußte, als ob es vielmehr nur Herrn Wolſton's eigene Ab⸗ ſicht wäre. Herr Wolſton war nicht allein zu ſtolz, ſich ſelbſt zu verſtellen: er hielt ſich auch für zu klug, als daß es irgend eine Ver⸗ 439 ſtellung geben könnte, die er nicht ſofort durch⸗ ſchaute. Dadurch wurde das Vorhaben des jungen Predigers weſentlich erleichtert. Es war in einer jener glänzenden Abend⸗ geſellſchaften geweſen, welche die Commerzien⸗ räthin um ſich zu verſammeln liebte, wo ſie zuerſt mit ihrem Project gegen ihren Gemahl herausgerückt war. Sie hatte es mit all der Emphaſe gethan und all dem Aufwand von frommen Redensarten, der ihr gelegentlich zu Gebote ſtand und an dem doch, wie wir wiſſen, Niemand weniger Geſchmack fand als ihr eige⸗ ner Gemahl. Herr Wolſton hatte in ſeiner ſar⸗ kaſtiſch ablehnenden Art geantwortet und ſogar noch etwas herber als gewöhnlich, eine etwas peinliche Scene war in Anzug geweſen: als eben noch zu rechter Zeit Herr Waller das Wort ergriffen und den Gegenſtand durch allerhand hiſtoriſche und moraliſche Erläuterungen in das 440 Gebiet allgemeiner neutraler Betrachtung hin⸗ übergeſpielt hatte. Abſichtlich erging er ſich dabei viel weitläu⸗ figer, als ſonſt ſeine Art war. Ein geiſtreicher Mann muß, wenn die Umſtände es erfordern, auch ſchon einmal langweilig ſein können; als Herr Waller ſeinen Vortrag über den Begriff und das Recht der Wohlthätigkeit, über Armen⸗ pflege, Warteſchulen, Rettungshäuſer u. ſ. w. endlich ſchloß, fühlte die Geſellſchaft ſich ſo überſättigt von dieſem Gegenſtand, daß wenig⸗ ſtens für heute Abend Niemand mehr Luſt em⸗ pfand, ihn wieder aufzunehmen, und auch Herr und Frau Wolſton hatten Zeit gewonnen, in das gewöhnliche vornehme Gleis ihres Umgangs⸗ tons zurückzukehren. 6 Als Herr Waller den Commerzienrath dann einige Tage ſpäter allein traf, bat er mit die⸗ ſem Gemiſch von Demuth und Zurückhaltung, das ihn ſo vortrefflich kleidete, um Entſchuldi⸗ —— gung bei ihm, daß er ihn neulich mit ſo pedan⸗ tiſchen Auseinanderſetzungen gelangweilt habe. Sie wiſſen, ſagte er, daß es ſonſt meine Art nicht iſt, den Prediger mit in die Geſell⸗ ſchaft zu nehmen; wenigſtens gebe ich mir Mühe, dieſe Unart meiner meiſten Amtsbrüder abzulegen, und wenn mir doch noch hier und da etwas theologiſche Schwerfälligkeit anklebt, ſo iſt mir ja in Ihrem Hauſe und Ihrem bil⸗ denden Umgang eine Schule eröffnet, in wel⸗ cher ich dieſe Schwäche mit der Zeit hoffentlich beſiegen werde. Aber vorgeſtern, ich muß es geſtehen, war mir der theologiſche Eifer dennoch über den Kopf gewachſen. Wer kann die edlen Abſichten, welche Ihre Frau Gemahlin hegt, dankbarer anerkennen als ich? Das Elend un⸗ ter den niedern Volksclaſſen iſt überall groß, auch hier ganz gewiß, und der Gedanke, dem⸗ ſelben entgegenzuwirken, indem man die geiſtige und ſittliche Entwicklung der Jugend zu heben ſucht, darf nicht ganz ohne Weiteres verworfen werden. Ich brauche Ihre Geduld über dieſen Gegenſtand nicht weiter zu ermüden, da Sie ſelbſt ja erſt kürzlich bei einer widerwärtigen Veranlaſſung die Erfahrung erneuert haben, wie verderbt dieſe Volksklaſſen ſind, und wie wenig ſelbſt dieſe einzig richtige, dieſe wahrhaft väter⸗ liche Zucht, mit welcher Sie, Herr Commerzien⸗ rath, Ihre Untergebenen behandeln, im Stande iſt, alles Anſtößige bei Seite zu räumen..... Der Prediger deutete damit auf die Unter⸗ ſuchung hin, welche der Commerzienrath in Be⸗ treff der Vorgänge bei Ankunft des Engelchen hatte einleiten laſſen. Es waren dabei jedoch ſo viel verworrene, wüſte Geſchichten zum Vor⸗ ſchein gekommen, es hatte in dieſem allgemeinen Durcheinander von Trunk, Spiel, Liederlichkeit ſo ſchwer gehalten, nur die einzelnen That⸗ ſachen feſtzuſtellen, daß der Commerzienrath, vielleicht auch noch durch andere Rückſichten be⸗. wogen, es vorgezogen hatte, die ganze Ange⸗ legenheit auf ſich beruhen zu laſſen. Der Commerzienrath verſtand die Anſpie⸗ lungz ſie erfreute ihn eben nicht und winkte er dem Prediger daher mit ziemlich kalter Miene fortzufahren. Aber ſo ſicher hatte dieſer ſein Ziel im Auge und ſo gewiß war er über den Weg, den er dabei einzuſchlagen hatte, daß ihn ſelbſt die augenblickliche Misſtimmung ſeines Gönners nicht irre machen konnte. Auch kannte er ja die Mittel, dieſelbe zu beſänftigen. Das iſt das wahre Unglück der Zeit, ſagte er, indem er, nur in etwas wortreicherer Faſ⸗ ſung, einen Gedanken wiederholte, der zu den Lieblingsſätzen des Commerzienraths gehörte und auf den derſelbe, als auf ein wahres Axiom von Weisheit und Lebenswahrheit, ſich nicht wenig zu Gute that— das iſt das wahre Un⸗ glück der Zeit, und daher kommt all dieſe un⸗ 444 ſelige Verwirrung, an der wir leiden, daß ein Jeder glaubt, es ſei ſchon an dem guten Willen genug, deſſen er ſich bewußt iſt, und Alles, was nur mit guter Abſicht unternommen wird, müſſe darum auch wirklich gut ausfallen. Auch die Abſicht Ihrer Frau Gemahlin, ich wiederhole es, iſt höchſt ehrenwerth; aber die Ausführung — die Nachſicht und Güte, an welche Sie mich gewöhnt haben, gibt mir den Muth, es offen vor Ihnen auszuſprechen— dünkt mich höchſt gefährlich. Ich habe es Ihnen früher ſelbſt nicht glauben wollen, und es iſt dies auch wie⸗ der einer von den Punkten, in denen ich Ihrer beſſern Einſicht zu Dank verpflichtet bin: der Menſch iſt nicht geſchaffen durch Güte gelenkt zu werden; er braucht einen ſtarken, eifernden Gott, den er fürchtet, ein ſtrenges Geſetz, das ihn mit Schrecken erfüllt, ein mahnendes Ge⸗ wiſſen, das ihn ängſtigt und durch dieſe Be⸗ ängſtigungen belehrt und leitet. Dieſe moder⸗ nen Verſuche, alle unebenheiten des Lebens in Güte auszugleichen, ſind höchſt gefährlicher, ja höchſt ſtrafbarer Naturz denn ſie erſchüttern und verderben die ewige Ordnung Gottes. Nicht das Herz mit ſeinen ſchmeichelnden Leidenſchaf⸗ ten und ſeinen warmen, weichen Empfindungen hat Gott uns zur Richtſchnur des Lebens ge⸗ ſetzt: ſondern das ernſte, ſtrenge, unerſchütter⸗ liche Geſetz, das er unſerm Gewiſſen eingegra⸗ ben. Es wäre unziemlich von mir geweſen, ich weiß es, hätte ich der Frau Commerzienräthin offen widerſprechen und ihr nachweiſen wollen, daß dieſe ſogenannten humanen Einrichtungen vielmehr im Gegentheil nur dazu angethan ſind, das Volk noch immer trotziger, immer hoch⸗ müthiger und alſo noch immer elender zu ma⸗ chen. Allein ich vermochte auch nicht einen ſchwei⸗ genden Zuhörer abzugeben bei ſo viel ſchönen, ſo viel liebenswürdigen Irrthümern, die aber doch immer Irrthümer bleiben; darum bemäch⸗ 446 tigte ich mich dieſes Gegenſtandes, um ihn we⸗ nigſtens durch einige allgemeine Betrachtungen in ein geeigneteres Licht zu rücken... Und glauben Sie, fragte der Commerzien⸗ rath lächelnd, daß Sie mit all Ihrer theologiſch⸗ hiſtoriſchen Weisheit und all Ihren ſchönen Re⸗ densarten von Einrichtung und Zweck der Ge⸗ ſellſchaft meine Frau bekehrt haben? Guter Pre⸗ diger, meine Frau iſt eine Frau— und dieſe Art von Wohlthun iſt jetzt eine Mode. Sie ſprechen es richtig aus, ſiel der Predi⸗ ger mit Lebhaftigkeit ein, eine Mode! und einem ſo geiſtreichen Menſchenkenner, wie der Herr Commerzienrath, iſt es auch nicht unbekannt, daß Moden vergänglich ſind, um ſo vergäng⸗ licher, je raſcher ſie ſich verbreiten und je weni⸗ ger Widerſtand ihnen geleiſtet wird. Wo ein ſo ſtarker Arm die Zügel führt, wie hier, da hat es keine Gefahr. Es thut gar nichts, daß das Volk ſeit einiger Zeit immer widerſpänſti⸗ ger, immer aufſätziger wird: Sie haben die Macht, dieſen Hochmuth zu brechen, und wer⸗ den wiſſen, wann die Zeit dazu gekommen iſt. Sie daher mögen es auch ruhig geſchehen laſ⸗ ſen, daß die Kenntniß von Plänen und Projec⸗ ten, wie Ihre Frau Gemahlin dieſelben nährt, ſich unter den Leuten verbreitet und die Ge⸗ müther mit ungewiſſen Hoffnungen, thörichten Erwartungen täglich mehr in Aufregung ver⸗ ſetzt; Ihre Autorität iſt zu anerkannt, Ihre Macht zu feſt, Sie brauchen ſie nicht noch feſter zu gründen. Wäre es anders oder könnte es Ihnen überhaupt darum zu thun ſein, mit Einem Schlage die ganze Nichtigkeit dieſer Theo⸗ rien zu beweiſen, o wahrhaftig, man könnte ja nichts Beſſeres thun, als ihnen freien Lauf laſ⸗ ſen und ihre Ausführung ſogar befördern! Sie ſind zu nachſichtig, zu zärtlich gegen Ihre Frau Gemahlin; Sie werden ihr dieſe Verlegenheit erſparen, in welche ſie ſich verſetzt ſähe in demſelben Augenblick, wo ſie an die Ausfüh⸗ rung ihres Vorhabens ginge. Durch nichts— auch dies habe ich von Ihnen gelernt, mein theurer Gönner— kann ein Irrthum ſo gründlich zerſtört werden als dadurch, daß man ſeine ganze Conſequenz ſich vollſtändig erfüllen läßt. Denke ich mir dieſe Warteſchule, welche Ihrer Frau Gemahlin ſo ſehr am Herzen zu liegen ſcheint, errichtet; denke ich mir die feine, vornehme Frau inmitten dieſer unſaubern Kinder, dieſer keifen⸗ den, widerſpänſtigen Mütter; denke ich mir die Enttäuſchung, welche ſich der Leute ſelbſt be⸗ mächtigen würde, wenn nun einmal eine ſoge⸗ nannte humane Einrichtung bei ihnen zu Stande gekommen wäre, und ſiehe da, es wäre nichts, weder für die Gebenden noch für die Empfan⸗ genden— und denke ich mir dann zu alledem, wie Sie, Herr Commerzienrath, mit Ihren kla⸗ ren, verſtändigen Principien und Ihrer auf Le⸗ benserfahrung geſtützten heilſamen Strenge in dies Chaos guter Abſichten und edler Beſtre⸗ bungen hineintreten, und wie es da auf einmal dem Verſtockteſten gleich Schuppen von den Augen fallen müßte, wie viel heilſamer Ihre Strenge als all dieſes ohnmächtige humaniſtiſche Getreibe.... Der Prediger konnte ſeinen Satz nicht voll— enden; der Commerzienrath, mit ſeinem behag⸗ lichſten Schmunzeln, klopfte ihm auf die Schulter: Noch, ſagte er, iſt die Noth nicht ſo groß, glaube ich, und ich ſelbſt, wie Sie wiſſen, liebe es nicht, eine Macht zu zeigen, deren Beſitz mir ohnedies gewiß iſt. Aber wenn es einmal ſo käme, ſo iſt das ein Gedanke, den ich ſelbſt zuweilen genährt habe. Von da ab ſetzte der chenn den Plänen ſeiner Gemahlin beiweitem nicht mehr dieſen ſchroffen, feindſeligen Widerſtand entge⸗ gen als früher; es war ihm weniger ein Ge⸗ genſtand des Zornes als des Spottes; wes⸗ 450 halb er ihn jetzt auch wohl ſelbſt zur Sprache brachte. Die Baronin, zufrieden, nur wenigſtens ſo weit gekommen zu ſein, ließ ſich die Spöttereien gern gefallen; verſtärkten ſie ihr doch nur den Reiz dieſes Dulderbewußtſeins, in dem ſie ſich überhaupt ſo wohl gefiel und das ſie für ſo manches Misliche ihrer Ehe hinlänglich ent⸗ ſchädigte. Unter dieſem Necken und Spotten ließ der Commerzienrath es denn geſchehen, daß aller⸗ hand Einrichtungen für die Warteſchule getrof⸗ fen wurden, als ob dieſelbe wirklich mit Näch⸗ ſtem eröffnet werden ſollte. Daß es mit ſei⸗ ner Einwilligung geſchehe, konnte freilich Nie⸗ mand ſagen. Aber auch das Gegentheil ließ ſich nicht behaupten; es war eben ein Gemiſch von Ernſt und Scherz, eine halb ſpieleriſche Laune, bei welcher die letzte Entſcheidung noch immer vorbehalten blieb. 451 Die Commerzienräthin betrieb ihre Anſtal⸗ ten mit großem Geräuſch; der armen Angelica wollte oft das Herz brechen, wenn ſie an ihren einfachen praktiſchen Plan zurückdachte und nun ſah, wozu Eitelkeit und Selbſtſucht denſelben entſtellten. Es war ein förmliches Comité ge⸗ bildet worden, bei welchem Herr Florus als Protokollführer ſich beſonders thätig erwies. Die Baronin präſidirte mit großer Würde; Correſpondenzen wurden angeknüpft, Berichte verleſen, kurz, es wiederholte ſich das ganze nichtige Schauſpiel, das Angelica ſchon ehemals bei den vornehmen Frauen der Reſidenz hatte kennen gelernt und von dem ſie ſich ſchon da⸗ mals mit ſo viel Unluſt abgewendet hatte. Auch jetzt nahm ſie daher an dieſem Allen keinen perſönlichen Antheil. Das Wenige, was ſie von ihrem urſprünglichen Plane noch ret⸗ ten zu können glaubte, hatte ſie dem Herrn von Lehfeldt anvertraut, deſſen Gewandtheit 452 und Thätigkeit, wie wir ſchon früher gehört haben, ſich auch in dieſem Falle ſo glänzend bewährte. Herrn von Lehfeldt war es denn auch vor⸗ behalten, die Sache endlich zur Entſcheidung zu bringen und die unumwundene Zuſtimmung des Commerzienraths auszuwirken. Es war Alles in ſoweit vorbereitet, und fehlte nichts mehr als nur noch ein geeignetes Local. Ma⸗ dame Wolſton wollte eines der vielen Neben⸗ gebäude dazu benutzt wiſſen, die zu dem alten Kloſterbau gehörten und die meiſt leer, in hal⸗ ber Verfallenheit, ſtanden. Aber ſei es, daß der Commerzienrath über⸗ haupt bisher nur ſein Spiel getrieben hatte, oder ſei es auch, daß ſein Humor ſich verlor, da er die Sache jetzt ſo nahe an der Ausfüh⸗ rung erblickte, mit einem mal, wie die Ange⸗ legenheit bis zu dieſem Punkte gediehen war, wollte er überhaupt nichts mehr davon wiſſen; er weigerte ſich nicht nur, eine geeignete Räum⸗ lichkeit anzuweiſen, ſondern erſuchte ſeine Ge⸗ mahlin auch, mit der gewohnten ſtrengen Miene, denn nun doch endlich von dieſen Thorheiten abzuſtehen. Und hier war es nun, wo Herr von Lehfeldt ſich, ſo zu ſagen, in die Breſche warf und durch einen unvermutheten kühnen Angriff den Sieg plötzlich auf die Seite ſeiner Verbündeten brachte. Aber nun, rief er, ſoll unſer vortrefflicher Commerzienrath doch ſehen, daß man mit ei⸗ ner Verſammlung, in welcher ſchöne Damen, fromme Prieſter, berühmte Poeten und prädi⸗ catloſe Vagabonden bei einander ſitzen, nicht ungeſtraft ſein Spiel treiben darf! Es fehlt nichts weiter als ein Local? und alles Andere haben Sie uns früher bereits zugeſtanden? D charmant, auch das Local iſt gefunden: die ehemalige Förſterwohnung, rechts an der Heer⸗ 454 ſtraße, die jetzt ſchon ſeit Jahren leer ſteht, gehört, wie Sie wiſſen, der herzoglichen Kam⸗ mer; es iſt ein wenig weit dahin, ich geb' es zu: aber dieſe kleine Turnfahrt alle Morgen wird der hoffnungsvollen Jugend erſt recht von Nutzen ſein. Nun alſo denn: ein einziges Wort des Herrn Miniſters an Sereniſſimus, bei dem, wie Sie ebenfalls wiſſen, dergleichen Anſtalten in ganz beſonderem Wohlgefallen ſte⸗ hen— und das Haus iſt der Frau Baronin zu Dienſten. Oder irre ich, wendete er ſich leichthin an den Commerzienrath, und ſtände das Gebäude nicht mehr unbenutzt. 2 Der Commerzienrath ſchlug unwillkürlich die Augen zu dem Fragenden empor; Herr von Lehfeldt blickte ihn ebenfalls an, ſo ruhig, mit ſolchem gleichmüthig unbefangenen Lächeln— Es war eine Secunde nur, daß die Männer ſich anblickten; dann ließ Herr Wolſton ſich nachläſſig in den Armſtuhl zurückſinken. 455 Nein, ſagte er, ebenfalls mit dem gleich⸗ giltigſten und gutmüthigſten Lächeln, das ſeine harten Züge nur jemals gemildert hatte: für ſo hartherzig ich in dieſem edlen chriſtlichen Kreiſe auch gelte, ſo könnte ich das doch nicht über mein Gewiſſen bringen, die kleinen bar⸗ füßigen Teufelchen jeden Tag die Stunde Wegs laufen zu laſſen bis zu dem alten Jägerhauſe. Ich gebe mich gefangen, gnädige Frau; der Vorſchlag unſeres Freundes(und auch dies wieder ſagte er mit einer Betonung, die, ſo unmerklich ſie war, doch von Herrn von Leh⸗ feldt ſehr wohl verſtanden ward) hat meinen Widerſtand erſchüttert; ſprechen Sie mit mei⸗ nem Baumeiſter, er wird Ihnen einen geeigne⸗ ten Platz anweiſen, das Kreuz Ihrer Barm⸗ herzigkeit aufzupflanzen. Denken Sie jedoch nicht, meine Gnãdige, fuhr er nach einer augenblicklichen Pauſe fort, daß ich deshalb die Waffen ſchon völlig ſtrecke. 456 Nein, ich habe ritterlich, wie Sie mich ja wohl kennen, nur für gleichen Wind und gleiche Sonne geſorgt; der Kampf ſelbſt ſoll jetzt erſt recht beginnen. Verſuchen Sie denn, wie weit Sie mit Ihren modernen humanen Principien kommen, ich will bei meinen alten vielgeſchol⸗ tenen praktiſchen bleiben. Almoſen oder Ar⸗ beit, Warteſchule oder Maſchinenſaal— machen wir die Probe, womit man am weiteſten kommt und was die brauchbarſte Generation erzieht! An demſelben Tage, was gilt die Wette? wo Sie, meine Theure, Ihre Warte⸗ ſchule eröffnen, eröffne ich das neue Fabrikge⸗ bäude; Sie werden fromme Lieder ſingen laſ⸗ ſen, werden warme Strümpfe und Brezeln ver⸗ theilen, ich werde die Hefen rauchen, die Räder raſſeln, die Maſchinen arbeiten laſſen— wie wäre es, wenn wir beide Feſtlichkeiten vereinig⸗ ten auf denſelben Tag? Zum Beiſpiel, ſetzte er nachläſſig, mit einem ſpöttiſchen Augenblin⸗ . † 457 zeln gegen Angelica hinzu, auf den Weih⸗ nachtsabend. Es iſt ja ſo ein Feſttag, ein Feſttag, wie man zu ſagen pflegt, für Jeder⸗ mann. Die Baronin nahm den Vorſchlag mit gro⸗ ßer Genugthuung an. Sie beſaß eben ſo viel Neigung als Geſchicklichkeit für allerhand Ar⸗ rangements und Decorationen, und ſo entwarf ihre geſchäftige Phantaſie denn auch jetzt ſo⸗ gleich den Plan zu einem doppelten Feſtzuge, mit dem ſie die Eröffnung des neuen Fabrik⸗ gebäudes wie der Warteſchule verherrlichen wollte: die Arbeiter mit ihren Aufſehern und Werkzeugen auf der einen, die Wartekinder in feſtlicher Tracht auf der andern Seite„von ihr ſelbſt und dem Prediger geleitet. Es half dem Poeten nichts, daß er, wie gewöhnlich, die große Arbeit ſeines Romans vorſchützte: die Baronin ſprach ihre Erwartung, er werde ſie bei den betreffenden Einrichtungen mit ſeinem Das Engelchen. II. 20 458 künſtleriſchen Geſchmack unterſtützen, nament⸗ lich durch einige Liedertexte, welche dabei öffent⸗ lich abgeſungen werden ſollten, mit ſo viel Beſtimmtheit aus, daß kein Widerſpruch mög⸗ lich war. Auch Herr Waller mußte ſofort in die Haupt⸗ ſtadt ſchreiben, ein paar junge Seminariſten, von einer durch ihre ſtrenge kirchliche Richtung bekannten Anſtalt, zur Uebernahme der Schule einzuladen— nur verſuchsweiſe, wie er Ange⸗ lica verſicherte: da ja auf jeden Fall der gute Leonhard binnen Kurzem in ſeine Stelle wie⸗ der eintreten müſſe, wo es alsdann Leonhard's Sache ſein werde, das Nähere wegen des Un⸗ terrichts und der perſönlichen Beaufſichtigung der Kleinen zu ordnen. Angelica jedoch, wie wir ſchon vorhin an⸗ gedeutet haben, war alle Luſt und Freude an ihrem eigenen Werk vergangen, ſeitdem daſ⸗ ſelbe in ſo ganz andere Hände gerathen und —— * 459 dadurch allerdings zu etwas ſo ganz Anderm geworden war. Nicht nur auf ſich ſelbſt war die junge Dame ungehalten, daß ſie dieſe Wen⸗ dung, in dieſer Umgebung und bei dieſen Ver⸗ hältniſſen, nicht ſogleich vorausgeſehen, ſondern auch Herrn von Lehfeldt wußte ſie nur wenig Dank für die unvermuthete Art und Weiſe, wie er die Sache zuletzt doch noch bei dem Com⸗ merzienrathe durchgeſetzt hatte. Sie haben einmal, ſagte ſie, das Vorrecht, der Mann des Geheimniſſes zu ſeinz ich weiß es und habe mich darein ergeben, in der Hoff⸗ nung, daß Sie, reuiger Sünder, wie Sie ſind, ſich auch in dieſem Punkte allmälig beſſern werden, und daß das Geheimniß dieſer Ver⸗ bannung das letzte, in welches Sie ſich ver⸗ ſtricken. Aber, arge Täuſchung! Sogar mit Herrn Wolſton, wie ich jetzt merke, ſtehen Sie in geheimnißvoller Beziehung— ja, Sie thun es, leugnen Sie nicht! Ich darf keinen An⸗ 20* 460 ſpruch machen auf diplomatiſchen Scharfſinn; daß jedoch Ihr Vorſchlag mit dem alten Jä⸗ gerhauſe nicht ernſt gemeint ſein konnte und daß das Ganze zwiſchen Ihnen und Herrn Wol⸗ ſton nur eine abgekartete Sache war, ei nun, um das zu merken, dazu iſt der Verſtand ei⸗ nes Frauenzimmers denn allenfalls auch noch hinreichend. Herr von Lehfeldt küßte der ſchönen Straf⸗ predigerin ehrerbietig die Hand. Nur bevorzugten Naturen, erwiderte er, gleich Ihnen, iſt es gegeben, das Gute ſtets auch nur durch gute Mittel ins Werk zu ſetzen; wir andern ſündhaften Menſchenkinder müſſen eben ſehen, wie wir zurechtkommen. Und wie dürfen Sie auf die Geheimniſſe ſchelten, ſetzte er in einen leichtern Ton übergehend hinzu, da ja Sie ſelbſt, ſchöne Freundin, das größte Geheimniß dieſes Hauſes ſind, der eigentliche Mittelpunkt für all dieſe Fäden und Anſchläge, v ½ 461 die ſich hier im Verborgenen kreuzen? Schüt⸗ teln Sie das ſchöne Haupt nicht ſo verwun⸗ dert: Dies zum Wenigſten iſt kein Geheimniß, ich wiederhole nur, was Jedermann weiß und worüber unſer Prediger— meinen Sie nicht?— wohl allenfalls genauern Aufſchluß geben könnte — nämlich wenn die Verſchwiegenheit dieſes würdigen Mannes nicht eben ſo groß wäre wie ſeine Frömmigkeit. Denken Sie nicht, daß dies ein Vorwurf ſein ſoll. Herr Waller ſteht Ih⸗ rem Herzen näher, ganz natürlich— wegen Ihres Bruders, meine ich; und ſo muß ich in Ge⸗ duld abwarten, bis Sie mich etwa würdig fin⸗ den werden, auch mich in Ihr Vertrauen zu ziehen. Einſtweilen glauben Sie mir, daß Sie keinen treuern und aufmerkſamern Diener ha⸗ ben als mich; wenn ich mit Geheimniſſen um⸗ gehe, ſo ſind auch dieſe Geheimniſſe nur zu Ihrem Dienſte. Vertrauen Sie denn nicht mir, aber vertrauen Sie der Zukunft; wo der auch das dichteſte Gewölk ſich endlich doch ver⸗ ziehen und der Himmel eben ſo klar und rein 2 ₰ 8 8 8 4 — S S — — 2 — S — 5 — — — S 27 S — — G — — — — — S werden, wie Ihre Seele. Zehntes Rapitel. Ein vertraulicher Bericht. Da dieſe Vertröſtung auf die Zukunft unſern Leſern jedoch vermuthlich etwas zu allgemein gehalten ſein möchte, ſo ſchalten wir hier noch zum Schluß dieſes Abſchnittes das Bruchſtück eines vertraulichen Berichtes ein, welchen Herr von Lehfeldt um dieſe Zeit an ſeinen Gönner, den Miniſter, ſchrieb. Wir haben früher einen Brief des Miniſters an Madame Wolſton mit⸗ getheilt, der mancherlei Einblick in die Vergan⸗ genheit der Perſonen verſtattete, mit deren Schickſalen wir uns hier beſchäftigen; ſo wird dieſer Bericht geeignet ſein, uns nicht nur eine 464 Ueberſicht über die gegenwärtige Lage der Sa⸗ chen zu gewähren, ſondern auch einen Blick in die Zukunft wird er uns eröffnen und uns auf das zunächſt Bevorſtehende vorbereiten. Wie recht hatten Sie doch, ſchrieb er, mein theurer, väterlicher Gönner, und wie oft in die⸗ ſen Tagen wiederhole ich mir die Lehre, mit welcher Sie mich entließen: nämlich daß der Menſch keinen größern Feind hat als die Furcht, und daß wir uns vor nichts in der Welt fürch⸗ ten ſollen, als nur vor der Furcht ſelbſt! Auch ich, Sie wiſſen es, übernahm den Auftrag, mit welchem Sie mir ein ſo koſtbares Unterpfand Ihres Vertrauens gegeben haben, gleichwohl nicht ohne geheimes Widerſtreben; nicht nur meinen Kräften mistraute ich, ob ſie einer ſo vielfach verwickelten Aufgabe gewachſen wären, ſondern es hatte mir auch überbaupt etwas Pei⸗ nigendes, dieſe Gegend wieder zu betreten, an welche ſich ſo düſtere, ſo räthſelhafte Erinne⸗ 465 rungen für mich knüpfen. Auch dieſe Räthſel aufzulöſen, habe ich noch nicht alle Hoffnung aufgegeben, wennſchon die bekannte Hart⸗ näckigkeit des Alten mir die Arbeit ſehr er⸗ ſchwert. Allein auch ihn halten wir ja an Fä⸗ den, die gar nicht mehr Fäden ſind, ſondern in der That recht dauerhafte, recht handfeſte Ketten. Er ſelbſt hat eine Ahnung davonz ich ſehe ihn Ihrer Vorſchrift gemäß nur ſelten und ſtets ohne Zeugen. Aber es ergötzt mich in tiefſter Seele, wie der alte graue Sünder ſich da unter der Laſt ſeiner Furcht krümmt und windet; wäre es ihm möglich, ich glaube, er ergriffe gern die Flucht vor uns. Daß er das Werkzeug des Commerzienraths, wie in allen andern Dingen, ſo auch in der bewußten An⸗ gelegenheit, iſt ohne Zweifel. Der Commer⸗ zienrath ſelbſt ſcheint die Sache höher anzu- ſchlagen, als wir es eigentlich im Sinne ha⸗ ben; auch ſcheint er ſich perſönlich nicht ſo 466 gedeckt zu haben, wie ich es bei ſeiner ſonſtigen unleugbaren Klugheit vermuthete. Als ich ihn vor einigen Tagen, nur ganz ſcherzweiſe, an das Jägerhaus erinnerte, fuhr er innerlich zuſammen: innerlich, ſage ich, denn ſeines Aeußern iſt er allerdings in hohem Grade Meiſter, und man muß ein ſo genaues Studium aus ihm ge⸗ macht haben und ſeine verwundbare Seite ſo kennen wie ich, um die Bewegung ſeines In⸗ nern überhaupt nur zu bemerken. Auch dieſer ſonſt ſo feſte, ſo beſonnene Mann hat alſo ſei⸗ nen Herrn, vor dem er ſich beugt: die Furcht, mit unſerer Zollbehörde in eine etwas unange⸗ nehme Berührung zu kommen.... Zum Ruhme jedoch muß ich ihm nachſagen, daß dies auch die einzige Furcht iſt, die er kennt, und daß er im Gegentheil übrigens durch den verwegenen Muth, mit dem er die Unzufriedenheit ſeiner Untergebenen herausfor⸗ dert, uns unbewußter Weiſe aufs Glücklichſte — — 467 in die Hände arbeitet. Auch der Alte hat ſich, freilich ebenfalls ohne es zu wiſſen, in die⸗ ſer Hinſicht große Verdienſte um uns erwor⸗ ben, und ich erlaube mir deswegen ihn zum voraus Ihrer Gnade zu empfehlen, wenn end⸗ lich die Mine platzen wird und unſer guter al⸗ ter Schelm zu ſeiner großen Verwunderung, ſtatt zu prellen, vielmehr auf einmal der Ge⸗ prellte ſein wird. Er iſt wie geſchaffen dazu, Haß und Unzufriedenheit zu verbreiten; ſelbſt eine geduldigere Bevölkerung als die hieſige würde es auf die Dauer nicht ertragen, von einem ſolchen Menſchen gehetzt und geknechtet zu werden.— Das Ereigniß in der Nacht meiner Ankunft, von dem ich Ihnen in mei⸗ nem erſten Bericht meldete, wirkt noch immer nach. Herr Wolſton wollte eine große Unter⸗ ſuchung deshalb einleiten; aber die Saat iſt noch nicht reif, und ſo habe ich jenen Vorſatz hintertrieben. Der ſogenannte Meiſter wird 468 von mir, Ihrer Anweiſung gemäß, unterſtützt, nicht eben reichlich, aber doch ſo, daß er das Leben dabei friſtet und daß ſein Trotz gegen den Fabrikherrn ſich friſch erhält. Hier jedenfalls muß der erſte Schlag fal⸗ len; die abergläubiſche Ehrfurcht, mit welcher die Maſſe den Meiſter betrachtet, und dieſe, wie ich glaube, nicht ganz grundloſen Gerüchte von einem intimen Verhältniß, welches frü⸗ herhin zwiſchen ihm und Herrn Wolſton beſtan⸗ den, prädeſtiniren ihn gleichſam, die Breſche für uns zu eröffnen. Auch jener tolle Candidat, über den Sie bereits mehrmals Meldung von mir erhalten haben, ſowie der Schwiegerſohn des Meiſters, ein nichtsnutziger, verlorener Menſch, voll Faul⸗ heit, Eitelkeit und Hochmuth, wirken, ein Jeder in ſeiner Art, vortrefflich für unſere Zwecke. Der Vagabond, mit ſeinem verlumpten poeti⸗ ſchen Genie und ſeinen wahnwitzig abenteuer⸗ — 469 lichen Einfällen, iſt von mir völlig zum Apo⸗ ſtel des Aufruhrs angeworben. Mir perſönlich traut er nicht, das merk' ich wohl: allein die Dinge, die ich ihm erzähle, ſind ſo ſehr nach ſeinem Sinn, und entſprechen ſo völlig ſeiner wüſten Einbildungskraft und den geheimen Wünſchen ſeines ungebändigten Herzens, daß er ſie mit wahrer Wolluſt verbreitet. Auch daß Konrad ihm zum Spion geſetzt iſt, merkt er, wie ich glaube; allein ſo erbittert ihn das nur um ſo mehr und wird im entſcheidenden Moment nur dazu dienen, die Verwicklung zu ſteigern.— Ueberhaupt, wenn unſere verſchie⸗ denartigen Veranſtaltungen und Intriguen auch ſonſt noch keinen directen Vortheil gebracht hätten, ſo haben ſie uns doch den weſentlichen Dienſt erzeigt, die Bevölkerung des Dorfes, durch dieſe geheimnißvollen, abenteuerlichen Be⸗ ziehungen und Einwirkungen, die ſie überall verſpürt, in eine erwartungsvolle und aufge⸗ 470 regte Stimmung verſetzt zu haben, eine Stim⸗ mung, die, wie ein langſam, leiſe gährender Moſt, mit Nothwendigkeit und ſchon ganz aus ſich ſelbſt eine plötzliche Exploſion erzeu⸗ gen muß. Den größten Dienſt von Allen aber(fuhr das Schreiben fort) leiſten uns die Frauen. Eure Excellenz entſinnen ſich des Berichtes, den ich früher über die ſocialiſtiſchen Umtriebe der Miß Angelica abgeſtattet. Es iſt die reine kindliche Einfalt, mit der ſie es thut; ja das Fräulein hat gewiß ſelbſt gar keine Ahnung davon, was dieſe Dinge eigentlich bedeuten. Uns aber iſt ein großer Vortheil daraus er⸗ wachſen, beſonders ſeitdem Ihre Frau Couſine, meine hochgeehrte Gönnerin, ſich dieſer Pläne angenommen hat. Sie hatten mich hinläng⸗ lich auf den Charakter der Frau Commerzien⸗ räthin vorbereitet; ſo hat mich auch dieſe neueſte Wandelung deſſelben nicht überraſchen können. 1 — Ihre Frau Couſine— Eure Excellenz wollen meine Freiheit verzeihen— unterliegt dem all⸗ gemeinen Fluch der Sterblichkeit: ſie wird mit jedem Jahre ein Jahr älter. Auch ſcheint Ihr Brief ſie einigermaßen derangirt zu haben; es genügt ihr nicht mehr, blos fromm zu ſein, ſie will auch gute Werke thun. Gute Werke, in der That! Denn wenn ich nicht ein Stüm⸗ per bin in meinen Berechnungen, ſo wird ge⸗ rade dieſe Warteſchule, welche Ihre gnädige Couſine im Begriffe iſt einzurichten, und mit der ſie ein ſo chriſtliches Werk zu thun ge⸗ denkt— gerade dieſe, ſage ich, wenn nicht alle Berechnungen mich täuſchen, wird uns die ge⸗ eignetſte Gelegenheit bieten, unſern langgeheg⸗ ten Plan zur Ausführung zu bringen und dieſe geſammte fromme Sippſchaft, die Eurer Excel⸗ lenz geprüfte Staatsweisheit vom Ohr des Für⸗ ſten zu entfernen droht, in ihrer ganzen un⸗ behülflichen Ohnmacht darzuſtellen, den arm⸗ 472 ſeligen Menſchen, den Waller, mit einge⸗ rechnet. Auch die Speculation der Pfaffen iſt in der erſten Anlage allerdings nicht falſch; auch ſie rechnen auf die Furcht. Aber Menſchenfurcht bekanntlich iſt mächtiger denn Gottesfurcht. Die Schrecken des Jenſeit, mit welchem un⸗ ſere vortrefflichen Pfaffen Seine Durchlaucht ängſtigen, ſind weit; die Schrecken des Auf⸗ ruhrs, die wir ihm zeigen werden, ſind nahe. Die Partie ſteht in jedem Betracht günſtig für uns, das Pulver iſt ausgeſtreut— ein Wink von Ihnen, gnädigſter Herr, und der Spectakel geht los, ſo lärmend, ſo furchtbar, für Die⸗ jenigen nämlich, welche überhaupt Furcht ken⸗ nen, daß nicht blos Sereniſſimus ſelbſt, ſon⸗ dern auch ſeine geiſtlichen Rathgeber froh ſein ſollen, ſich unter Ihren Schutz flüchten zu dür⸗ fen! Daß es uns ſelbſt an den nöthigen Mit⸗ teln nicht fehle, das Feuer, das wir angeſchürt, auch zur rechten Zeit wieder zu löſchen, dafür wird Ihre Weisheit Sorge tragen und ver⸗ traue ich in dieſer Hinſicht ganz Ihren Ver⸗ anſtaltungen. Auch kann es gar nicht ſchaden, wenn die Gluth unſern Nebenbuhlern erſt ein bischen auf die Nägel brennt; ſo wird man die Finger in Zukunft nicht wieder ſo weit aus⸗ ſtrecken. Ich komme mir vor wie der Com⸗ mandant eines Branders; geben Sie denn das Zeichen und ſeien Sie um mein eigenes Schick⸗ ſal unbeſorgt.— Zuletzt kam noch eine Nachſchrift, die wir unſern Leſern ebenfalls nicht vorenthalten wollen. Indem ich, ſchloß Herr von Lehfeldt ſeinen Bericht, die letzten Worte noch einmal durch⸗ leſe, muß ich der Warnung gedenken, mit wel⸗ cher Sie ſo gütig waren, Ihren letzten Brief zu ſchließen. Ja wohl, mein väterlicher Gön⸗ ner, iſt das Feuer eines ſchönen Weiberauges 20** 474 das gefährlichſte, in dem wir ſtehen können; aber wenn es mir jemals möglich wäre, mich über die Ueberlegenheit zu täuſchen, welche Ihr Genius behauptet, das Verhältniß, auf wel⸗ ches Sie hier anſpielen, würde gerade geeignet ſein, meinen Wahn zu zerſtören und mich aufs Neue daran zu erinnern, welch ein Schüler ich bin gegen Ihre Meiſterſchaft! Es wäre Ihnen eben genehm, ſchreiben Sie, wenn ich mir die Beſchwerden dieſes Winterfeldzugs, wie Sie es nennen, durch ein zärtliches Abenteuer verſüßen wollte. Zärtliches Abenteuer— o theuerſter Meiſter, was ſind wir junge Gene⸗ ration doch für ein ſchwerfälliges Geſchlecht, daß wir den Zauber dieſes Wortes gar nicht mehr verſtehen! Wollte ich Ihre gütige Er⸗ laubniß benutzen, es würde der einzige Punkt werden, in dem auch ich mich dem allgemei⸗ nen Dãmon Furcht ebenfalls unterwerfen müßte — der Furcht nämlich, daß es nicht bei dem 475 zärtlichen Abenteuer bliebe, ſondern daß(o be⸗ ſchämendes Geſtändniß) eine ganz ernſtliche Lei⸗ denſchaft daraus würde.. Und die, wie Eure Excellenz mir oft ge⸗ ſagt haben, iſt ja doch das Hauptſächlichſte, wovor ein Diplomat ſich hüten muß. Druck von F. A. Brockhaus ineLeipzig. 8 16 17 18 ſſſiſ 10 12 13 14 15