Leihbibliothekt deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 6Ednard Okimann in Gießen. Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih und eſebedingungen. 1 Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jeem Ta Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe terlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet d. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. wenelich Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 5—.—————— auf 5 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. gar beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und b defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der 4 Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ 3 lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen 6 der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Das Engelchen. Erſter Theil. Da⸗ Engelchen. Roman von NWobert Prutz. Erſter Theil. ——— Leipzig: W ch u 1851. S— Dem Fräulein Alwine Göttling in Jena. In Ihrer Nähe, Theuerſte Freundin, in der glücklichen Umfriedung Ihres ſchönen Jenaiſchen Thales, ermuntert durch Ihre Theilnahme, Ihren Zuſpruch, mitunter ſogar Ihr freundſchaftliches Schelten, habe ich, mit der wiederkehrenden kör⸗ perlichen Geſundheit, auch die geiſtige Kraft und Friſche gewonnen, das vorliegende Werk, das be⸗ reits vor fünf Jahren entworfen und begonnen war, endlich zu vollenden. Es iſt daher nur eine Schuld, die ich entrichte, eine Schuld der Freundſchaft und der Dankbarkeit, wenn ich Ihnen daſſelbe jetzt auch öffentlich zu— ſchreibe, nachdem es Ihnen in der Stille ſchon ſeit ſo Langem angehört. Ich weiß, daß Ihre Be⸗ ſcheidenheit mir über das Oeffentliche dieſer Wid⸗ mung zürnen wird. Aber ſind, in dieſen zerriſſenen, ruheloſen Zeiten, die guten, friedlichen Stunden, die wir dieſen Sommer zuſammen verlebt haben, nicht ſo ſelten? iſt es nicht ſo ſelten, überhaupt eine ſolche Freundin zu haben, wie Sie uns ſind? und warum alſo dies ſeltene Glück nicht auch öffentlich bekennen? Der Beifall, den Sie meinem Verſuch ge⸗ ſchenkt, beruhigt mich, daß er wenigſtens nicht ganz misglückt ſein kann, und daß namentlich auch jene höheren ſittlichen Ideen, die ich ihm zu Grunde ge⸗ legt habe, nicht ganz unbemerkbar geblieben ſind, ſo wenig dieſelben ſich allerdings hervorzudrängen ſuchen. Möge das Buch nun ſeinen Lauf ſo heiter vollenden, wie es ihn bei Ihnen, im Kreiſe Ihrer Freunde, begonnen hat, und möge es überall einem ſo nachſichtigen, das Verfehlte ſo mild berichtigenden, das Mangelhafte ſo feinſinnig ergänzenden Urtheil begegnen, wie es bei Ihnen der Fall war. Leben Sie glücklich, Theure Freundin! ganz ſo glücklich, wie Ihre Freunde es Ihnen wünſchen, ja wie Sie ſelbſt, in dem Bewußtſein der vielen Freude, die Sie um Sich verbreiten, es S ſein müſſen! Jena, Oetober 1850. 3. p. Inhalt des erſten Theils. Erſtes Puch. Die Galgenfichte. Seite Erſtes Kapitel. Unter der Galgenſichte........ 3 Zweites Kapitel. Eine Störung............. 16 Drittes Kapitel. Tiſchgeſpräche.............. 35 Viertes Kapitel. Vater und Sohn........... 57 Fünftes Kapitel. Eine gemüthliche Unterhaltung. 75 Sechstes Kapitel. Feierabendgedanken..... 103 Siebentes Kapitel. Das Fabrikdorf.......... 1¹9 Achtes Kapitel. Eine ſtille Familie........... 133 Zweites Puch. Schloß und Hütte. Erſtes Kapitel. Das düſtre Haus........... 157 Zweites Kapitel. Das Abenteuer............ 164 Drittes Kapitel. Diplomatiſche Verſtändigungen. 181 Seite Viertes Kapitel. In der Schenke...... 201 Fünftes Kapitel.„Messieurs, faites votre jeu, 213 Sechstes Kapitel. Das Haus des Meiſters. 239 Siebentes Kapitel. Der Fabrikant......... 260 Achtes Kapitel. Der Hausfreund.......... 299 Neuntes Kapitel. Der Beſuch am Krankenbett. 341 Zehntes Kapitel. Der Meiſter... 361 Elftes Kapitel. Der Aufwiegler.......... 370 Zwölftes Kapitel. Das Engelchen....... 395 Dreizehntes Kapitel. Vaterfreuden........- 413 Erſtes Buch. Die Galgenſichte. Das Engelchen. I. 1 Erstes Rapitel. Unter der Galgenſichte. Seitwärt von der großen Straße, die über das Gebirge führt, eben an der Stelle, wo ſie die äußerſte Höhe erreicht hat und nun, in künſtlichen Windungen, herniederfällt ins Thal, zweigt ſich, zur rechten Hand, ein Fußſteig ab. Ehemals vielleicht, da dieſe Gipfel noch weit und breit mit dichtem Hochwald beſtanden wa⸗ ren, als Holzſchleife benutzt, liegt er jetzt ſeit Langem überwachſen und verwildert; es hält ſchwer und du mußt ſchon ſehr genau bekannt ſein in der Gegend, ihn überhaupt nur aufzu⸗ finden. 1 weitert; die Bäume hören auf, das Gras ſelbſt Fſt dies gelungen und du haſt dich einige hundert Schritte zwiſchen den Bäumen hindurch gearbeitet, ſo kommſt du zuerſt an einige ver⸗ witterte Steinbilder, Reſte vermuthlich aus frü⸗ hern katholiſchen Zeiten, Heiligenbilder, vor denen der Wanderer, indem er die Höhe des Gebirgs glücklich erreicht hatte, ſeinen Dank ausſprach, oder, niederſteigend, ſich der Fürſorge ſeines Schutzpatrons empfahl.— Jetzt, tief ein⸗ geſunken, mit Moos bedeckt, unkenntlich, gewäh⸗ ren ſie, mitten in der Einſamkeit des Waldes, einen unheimlich befremdlichen Anblick. Zu ih⸗ ren Füßen, zwiſchen misfarbigem Mooſe, kaum ſichtbar, in ſparſamen Tropfen, ſickert eine Quelle hervor; ihr leiſes Brodeln, einförmig, in ewig gleichem Takte, vermehrt noch das ſeltſam Schauerliche der Scene. Einige Schritte weiter vorgedrungen, ge⸗ wahrſt du, wie auch der Weg allmälig ſi ſich er⸗ 5 verſchwindet und der kahle, nackte Stein hallt klirrend unter deinem Tritt. Plötzlich, bei einer unerwarteten Wendung des Weges... und du taumelſt entſetzt zurück vor dem Abgrund, der, ſenkrecht, zu deinen Füßen, dir entgegengähnt! Ein beängſtigender Anblick!— Es iſt die Nordweſtſeite des Gebirges, das hier in einer einzigen ſchmalen Klippe, jählings, thurmtief, herabfällt. Wie ein Vogel in der Luft ſchwe⸗ bend, von allen Seiten frei, umfaſſeſt du hier mit Einem Blick eine unermeßliche Landſchaft: Berge und Thäler, Schluchten und Abgründe, in wildem Getümmel durch einander ſtürzend; ein empörtes Meer, plötzlich, im äußerſten Mo⸗ ment des Aufruhrs, zu Stein verwandelt. Dicht unter der Klippe hin, wol vierzig Klafter tief, windet ſich die Landſtraße. Sie drängt ſich hier ſo eng an den Felſen, daß man ſie von oben nicht ſehen kann. Nur das Knar⸗ ren der Räder, das Zurufen der Fuhrleute, ja ſelbſt das trauliche Geſpräch zweier Wanderer tönt, in abgebrochenen Lauten, herauf nach oben: erſt indem dieſe Klänge dein Ohr berühren, hörſt du, wie unermeßlich einſam, wie grabes⸗ ſtille es auf der Klippe iſt.— Weiterhin taucht die Straße, gleich einem ſchmalen gelben Bande, leuchtend auf; du ſiehſt, wie ſie hier einen Fel⸗ ſen hinanklimmt, dort über eine Brücke läuft, an einer andern Stelle ſich in einer Schlucht verliert, um jenſeit, in weitem Bogen, wieder aufzutauchen. In noch größerer Entfernung, aus einer Art von Keſſel, in den die Landſtraße mündet, ragen Imächtige kloſterähnliche Gebäude hervor, umge⸗ ben von einer Anzahl niedriger hölzerner Dächer; auch wenige Ziegeldächer, höher als die übrigen, leuchten, grellroth, aus der dunkeln umgebung hervor.— Doch muß der Tag beſonders hell ſein und die Sonne gerade ſehr günſtig ſtehen, 7 um dieſe Baulichkeiten im Einzelnen zu unter⸗ ſcheiden: ſo grau, gleichſam Fels auf Felſen, ſind dieſe Mauern, ſo unſcheinbar die Mehrzahl dieſer Dächer; nur an der Rauchſäule, welche Tag und Nacht, unbeweglich, über dieſer Stelle ſchwebt, gewahrſt du, daß hier eine Wohnſtätte von Menſchen iſt. Darüber hinaus dehnt ſich eine weite, unter⸗ ſchiedloſe Ebene: bis endlich jener zarte blaue Duft, der namentlich in Gebirgsgegenden zu Hauſe zu ſein pflegt, die Ausſicht ſchließt.— Es iſt, wie ſchon geſagt, die Nordweſtſeite des Gebirgs; der Sturm, der den größten Theil des Jahres hindurch hier widerſtandlos daher⸗ brauſt, hat Alles öd' und kahl gepeitſcht. Auf den Gipfeln kein Baum, an den Wänden kein Halm! Die wilden Waſſer, die ſich bei den häufigen Regengüſſen, Sündfluthen gleich, ins Thal herniederſtürzen, haben längſt jedes Körnchen Erde, in dem ein Unkraut, ein Gräschen Wurzel faſſen könnte, hinwegge⸗ ſchwemmt. Nur ein einziger Baum ragt in der ganzen Gegend: und der ſteht auf der Klippe ſelbſt, wenige Schritte vom Abgrund, ein alter, rieſi⸗ ger Fichtenbaum. Zeit, Sturm, Blitz haben ihn beſchädigt und zerſchlagen; auf der Wetter⸗ ſeite, nach dem Abhang zu, iſt er ſchon völlig abgeſtorben. Aber auch dieſe todten Aeſte, in knorrigem Wuchs, ragen noch ſo trotzig, ſtrecken noch ſo keck ſich über den Abgrund hin, die Wurzeln, halb bloßgelegt, in abenteuerlichen Windungen, klammern ſich noch ſo feſt, ſo eiſern an den Boden, als ſollte noch manch ein Jahrhundert vergehen, bevor der Sturm ſie völlig löſen und zerſchmettern wird. Dieſer Baum und mit ihm die Klippe, wo er ſteht, heißt im Munde des Volks die Gal⸗ genſichte. Woher der Name ſtammt? 9 Niemand weiß es mehr. Vielleicht, daß hier vor Alters einmal eine That der Verzweiflung geſchehen; vielleicht auch, daß die Geſtalt des Baumes Veranlaſſung gegeben, der ſeine kahlen Aeſte galgenähnlich durch die Luft ſtreckt; oder auch, daß der Name nur im Allgemeinen den unheimlichen, grauſigen Charakter wiedergeben ſoll, der auf dieſer Stelle laſtet und um deſſen willen ſie von den Leuten gemieden wird und geflohen weit und breit. Jedenfalls, hätte ſie ihren Namen noch nicht gehabt, heute war Gelegenheit, ihn zu be⸗ kommen! Es war im Hochſommer, ein Sonnabend Nachmittag. Die Sonne ſchoß glühende Strah⸗ len und die kahlen Felswände warfen ſie, gleich Brennſpiegeln, mit verdoppelter Gewalt zurück. Kein Lüftchen ging; ſelbſt auf der Höhe lagerte gleichmäßig drückende Schwüle. Unter dem Fichtenbaum, den Kopf an den 1** Stamm gelehnt, die Füße faſt über dem Ab⸗ grund ſchwebend, lag ein Mann und ſchlief. Es war eine ſtolze, kräftige Geſtalt, dem An⸗ ſchein nach im Anfang der Vierziger; das Haupt, von ſtruppigen, ſchwarzen Locken wild umwallt, war unbedeckt und ließ die ſcharf ausgeprägten Züge eines urſprünglich edeln, aber von Leiden⸗ ſchaft durchfurchten, ja zerriſſenen Antlitzes frei erkennen. Der Anzug, aus gröbſtem Stoffe, hing in Fetzen; die Füße waren nackt. Um die Schultern trug er einen Zwerchſack, wie Fuß⸗ boten und Bettelleute ihn zu tragen pflegen. Ein mächtiger Knotenſtock war ſeiner müden Hand entglitten; er lag neben ihm, wie ein ab⸗ gegürtetes Schwert. Die Sonne brannte dem Manne grade ins Antlitz, ſeine Wangen waren geröthet, der Schweiß, in dicken Tropfen, perlte von ſeiner Stirn— er fühlte es nicht. Neugierig, ver⸗ wundert, krochen Ameiſen und kleine Käfer, die 11 in dem Fichtenbaum ihre Neſter hatten, über ihn hin— er ſpürte es nicht. Nur mitunter, als ob ein ängſtlicher Traum ihn quälte, mur⸗ melte er aus tiefem Schlaf abgeriſſene, unver⸗ ſtändliche Laute und ein hohles, heiſeres Lachen ſtahl ſich zwiſchen den halbgeöffneten Lippen hervor. Endlich wacht' er auf— nicht langſam, nicht allmälig, nicht die Glieder behaglich deh⸗ nend: ſondern jählings, als hätte eine Stimme ihm Entſetzliches ins Ohr gerufen... wachte auf und, die ſehnigen Arme gegen die Erde ſtem⸗ mend, mit einem gewaltigen Ruck, hoch aufrecht ſaß er da! Keine Spur von Müdigkeit lag mehr auf ſeinem Antlitz; alle Fibern waren angeſpannt und ſtraff; ohne zu zucken, gleich⸗ müthig, blickt er in den Abgrund zu ſeinen Füßen. So ſaß er etwa zwei Minuten. Dann wur⸗ den die gewaltigen Arme ſchlaff, der Nacken ſenkte ſich, die ganze Geſtalt brach ohnmächtig, krankhaft, in ſich zuſammen; er preßte die Hände vor die Stirn, das Haupt wiegend, leiſe, lang⸗ ſam, und doch mit ſo viel innerer Heftigkeit, daß die ſchwarzen Locken ihn, Schlangen gleich, umzüngelten. Und wiederum ſaß er ſo einige Minuten. Dann, mechaniſch, griff er in den Zwerch⸗ ſack. Der Sack war leer; er kehrte ihn um— und nichts fiel heraus, als eine geleerte Brannt⸗ weinflaſche und wenige unſaubere, verſchimmelte Broſamen. Die Broſamen rollten vor ihn hin, das ab⸗ ſchüſſige Geſtein entlang, bis hart vor den Ab⸗ grund. Ein Vögelchen, das in einer Spalte des Felſens, dicht unter dem Abhang, niſtete, kam begierig herbeigeflattert und pickte mit hun⸗ grigem Schnabel von den harten Krumen. Da war es wunderſam zu ſehen, welch eine Veränderung in dem Angeſicht des Mannes vor — ſich ging. Wie Sonnenſchein glitt es darüber hin; die harten, wilden Züge wurden weich und mild, in das ſtarre, umflorte Auge trat ein warmer, lebensvoller Schein, den trotzigen Mund umſpielte ein gutmüthig kindliches Lächeln. Ge⸗ räuſchlos, vorſichtig, den kleinen Näſcher nicht zu ſtören, bog er ſich vorwärts, mit verhalte⸗ nem Athem und langgeſtrecktem Halſe; alles Andere war vergeſſen und verſunken, keine Sorge mehr ſchien er zu kennen, nichts mehr zu thun zu haben, als nur das Treiben des Vögelchens mit einer faſt mütterlichen Sorgfalt zu bewachen. Von dem Neſt herauf tönte das Zirpen und Girren der Jungen; das Vögelchen, mit großer Aemſigkeit, flog hin und wieder. Wo eine Krume zu groß war und ſie entfiel ſeinem Schnabel, kehrt' es um, pickte ſie entzwei, koſtete von den Stückchen, piepte laut, wetzte den Schnabel, ſah mit den klugen Aeugelchen um ſich; dann, mit raſchem Fluge, trug es ſie einzeln zu Neſte. Der Mann wurde nicht müde, dem Spiele zuzuſehen; wo ein Krümchen gar zu weit ge⸗ fallen war, ſchob er es dem Vögelchen leiſe, leiſe in die Nähe: und wenn es dann glücklich aufgepickt ward, lachte er ſtill in ſich hinein. Auf einmal verzerrten ſich ſeine Züge: ein kurzes, ſchreckliches Lachen ausſtoßend— oder war es mehr Schrei als Lachen?— ergriff er die Flaſche und warf ſie, mit bebender Hand und indem es ſchien, als ob ſein Auge Funken ſprühte, nach dem Vögelchen. Der Vogel floh, laut kreiſchend, davon; die Flaſche, in tauſend Trümmern, klirrte den Ab⸗ grund hinab. Der Mann ſtand auf; ſein Geſicht war jetzt wieder ganz ruhig geworden, nur daß es bleich war, wie eines Todten. Er ſchüttelte ſich und reckte die Glieder, daß ſie knackten. Dann, einen 15 Schritt zurücktretend, maß er mit ſicherm Blick den Fichtenbaum. Zwei Schuh über Mannshöhe ragte aus dem zerſplitterten Stamm ein abgebrochener Aſt her⸗ vor. Der Mann trat auf die Zehen, und ſich gewaltſam in die Höhe dehnend, prüfte er mit nerviger Fauſt die Haltbarkeit des Stumpfes. Er ſchien mit dem Ergebniß zufrieden. Zwei Schritte ging er vorwärts, nach dem Abgrund hin, holte einmal kurz Athem; dann, rückwärts⸗ ſchreitend, indem er den Baum unausgeſetzt im Auge behielt, mit einer ſolchen Ruhe, als machte er die Nachttvilette, um ſich ins Bett zu legen, löſte er ſein zerfetztes Halstuch, rutſchte den Stamm in die Höhe, knüpfte das Tuch um den Aſt, zog den Knoten derb zuſammen, ſteckte den Kopf durch die Schlinge... In dieſem Augenblick tönte eine Stimme an ſein Ohr. Zweites Rapitel. Eine Störung. Ihr ſeid da bei einem guten Stück Arbeit; ſoll ich vielleicht helfen? Der Ton, in welchem dieſe Worte geſpro⸗ chen wurden, war ſo gemüthlich, ſo ruhig, daß die Ruhe deſſelben Mannes, der ſoeben noch mit ſo viel kaltem Blute zu einer ſo entſetzlichen That geſchritten war, daran zu Schanden ward. Er zog den Kopf aus der Schlinge, taumelte mehr herab, als er ſprang, und ſah ſich entſetzt nach der Seite um, von woher die Stimme ge⸗ kommen war. Er brauchte nicht weit zu ſuchen. An der Krümmung des Wegs, wo er von den Stein⸗ bildern her ſcharf umbiegt, auf eine kleine Er⸗ höhung des Felſen gelagert, ſaß ein junger Mann in zierlichem Reiſeanzug; ein Stroh⸗ hut mit breitem Rande überſchattete ſein An⸗ geſicht. Neben ihm, geſenkten Haupts, mit ſtachlichten Nüſtern den kahlen Stein beſchno⸗ pernd, ſtand ſein Pferd, ein kleines, ſtrup⸗ piges Thier, von jener unſcheinbaren, aber eiſernen Rate, welche in Gebirgsländern zu Hauſe iſt. Ein Hund, von außerordentlicher Größe, die klugen, hellbraunen Augen unver⸗ wandt auf ſeinen Herrn gerichtet, hielt es beim Zügel. Die ganze Gruppe war ſo lautlos, ſo ſtumm, als ob ſie ebenfalls von Stein wäre. Der junge Mann hielt eine Jägermahlzeit, und zwar eine vortreffliche. Ein gebratenes Feldhuhn, ſauber in Papier gewickelt, lag auf ſeinem Knie; der Reſt einer Paſtete, feines 18 Weißbrod, eine Eitſtöpſet Korbflaſche ſtand neben ihm.— So ſaß er da, ein Bild des Wohlſeins und der Gemüthlichkeit: und mit dieſem gemüthlichen, wohlbehäglichen Tone war es auch, daß er jene, für den Bettler ſo er⸗ ſchütternden Worte rief: Ihr ſeid da bei einem guten Stück Arbeit; ſoll ich vielleicht helfen? Der Bettler ſtarrte die Gruppe mit weit⸗ aufgeriſſenen Augen ſprachlos an; dann, ſich gewaltſam zuſammenraffend, mit einer Stimme, welche gleichgiltig ſein ſollte, aber heiſer und röchelnd war, wie die Stimme eines Erſtickenden: Euer Pferd, ſagte er, muß einen feſten Tritt haben. Der Fremde hatte während deſſen ein Glas Wein eingeſchenkt, ließ es in der Sonne fun⸗ keln, trank, blies die Tropfen aus dem feinen blonden Schnurrbart, der ſich auf ſeiner Lippe kräuſelte: Feſt? antwortete er: o ja, es macht ſich; aber doch lange nicht ſo feſt als Euer Schlaf. Ihr habt mir rechten Spaß gemacht, ſetzte er nach⸗ läſſig hinzu, indem er wieder anfing ſich mit dem Huhn zu beſchäftigen: erſt die Geſchichte mit dem Vogel und der Flaſche und dann das Halsband da oben— in der That, ſehr gut das, ſehr unterhaltend... Und damit winkte er den Hund zur Ruhe, der durch ein halblautes, unterdrücktes Knurren zu erkennen gab, daß die Nähe des Bettlers ihm weniger angenehm als ſeinem Herrn. Der Unglückliche ſtand noch immer, vergeb⸗ lich nach Faſſung ringend; ſein Blick irrte bald auf den Fremden, bald auf den Hund, bald auf den Gaul, aber mit einem ſo ungewiſſen, faſt blödſinnigen Ausdruck, daß man leicht gewahr werden konnte: dieſes Rollen ſeines Auges war nur mechaniſch und er erblickte von Allem ei⸗ gentlich nichts. Der junge Mann, der ſich an ſeiner Verle⸗ genheit zu weiden ſchien, erwiderte ſeinen Blick mit ſchalkhaft blinzelndem Auge, ohne darum ſeine übrige höchſt angenehme Beſchäftigung zu unterbrechen. Es iſt Gebirgsrace, ſagte er endlich, Suf das Pferd hindeutend: neunjährig, hat Knochen wie Eiſen und eine Naſe wie ein Jagdhund. Und dann mit einem Tone übertriebenſter Höf⸗ lichkeit: Aber verzeiht, unterbrach er ſich ſelbſt: Ihr wart da eben, wie geſagt, bei einem ſo guten Stück Arbeit, daß ich mir ein Gewiſſen daraus machen würde, Euch geſtört zu haben. Dieſe Worte ſchienen dem Bettler auf einmal ſein ganzes Bewußtſein wiederzugeben. Er fuhr mit der Hand an den Nacken, preßte das Kinn gegen die Kehlez darauf, mit voller Stimme und trotzigem Ausdruck, indem er der Gruppe einen halben Schritt näher trat und ſie mit feſtem, faſt durchbohrendem Blicke maß: —— Ihr habt Recht, ſagte er, ein gut Stück Arbeit, und doch nicht ſo gut, daß ich nicht noch ein beſſeres wüßte. Der Fremde hatte ein zweites Glas Wein geleert; mit größter Ruhe ſchwenkte er den Kriſtallbecher aus und, ohne den Bettler eines Blicks zu würdigen: Als zum Beiſpiel, ſagte er, Rebhühner eſſen? Habt nur Geduld, es wird ſchon noch etwas für Euch übrig bleiben. Nicht wahr, Strom, ſetzte er, zum Hunde gewendet, hinzu, du theilſt mit dem Manne? Dem Bettler ſtieg das Blut in die Stirn. Ich dank' Euch, ſagte er mit derſelben vollen, nachdrücklichen Stimme, und es freut mich, daß Ihr ſo höflich geworden ſeid. Ihr wart es, entſinne ich mich recht, nicht immer. Denn ich denke(und damit trat er ihm wieder einen Schritt näher) wir haben uns ſchon einmal geſehen. Der Fremde ſchien einen Augenblick zu ſchwanken, was er thun ſollte. Gleich darauf, mit einem zuvorkommenden Lächeln, beeiferte er ſich, den preitrandigen Strohhut aus der Stirn zu ſchieben, gleichſam als wollt' er dem Andern die Erkennungsſcene erleichtern. Denk' es gleich⸗ falls, ſagte er: heut früh, drüben im Wald⸗ dor Ja, Herr, antwortete der Bettler, und ſeine Stimme bebte jetzt vor Zorn, heute früh im Walddorf; Ihr rittet über die Brücke, ich ſprach Euch um ein Almoſen an.. Der junge Mann, aufs Neue in ſein Früh⸗ ſtück vertieft, mit vollen Backen, fand für gut, ſeine Zuſtimmung nur durch ein leichtes Kopf⸗ nicken zu erkennen zu geben. Der Andere fuhr fort: Und Ihr, Herr, ſtatt eines Almoſens gabt Ihr mir einen Schlag mit der Peitſche, Herr Der Fremde ſah gleichmüthig zu ihm empor und lachte. Man hat ſo mitunter ſeine Humore, ſagte er. Gewiß, antwortete der Bettler: man hat ſeine Humore, Herr, und zum Beiſpiel ich, Herr, da ich doch einmal aus der Welt zu gehen entſchloſſen bin... Und dabei hatte er, mit raſchem Griff, den Knotenſtock an ſich gerafft und ſtand dem Frem⸗ den dicht gegenüber.. Wenn ich nun zum Beiſpiel, ſagte er, den Humor hätte, Euch vorher ein Weniges den Schädel einzuſchlagen, wie dann, Herr? Auch jetzt noch blieb der junge Mann un⸗ erſchüttert. Er hatte eben ein Hühnerflügelchen zwiſchen den Zähnen. Der Gedanke an ſich betrachtet, ſagte er langſam, wäre ſo übel nicht.... Hier hatte er das Flügelchen abgenagt und ſchnellte es, mit einer zierlichen Handbewegung, hinter ſich Nur was die Zeit der Ausführung betrifft,.. indem er die Finger flüchtig gegen ein Teller⸗ tuch von blendender Weiße drückte,.. ſo ſcheint mir dieſelbe... hier fuhr er mit der Hand in den Buſen... nicht ganz paſſend gewählt! Dieſe letzteren Worte haſtig, mit herriſcher Stimme hervorſtoßen, ein doppelläufiges Ter⸗ zerol aus der Bruſttaſche ziehen, aufſpringen und das Gewehr, den Finger am Drücker, dem Bettler vor die Bruſt halten— das Alles war das Werk eines Augenblicks. In demſelben Moment ließ der Hund den Zaum des Pferdes fahren und ſtellte ſich, mit grimmig gefletſchten Zähnen, ſprungfertig neben ſeinen Herrn. Selbſt das Pferd ſchien die Bedeutung der Situation zu erkennen; es ſpitzte die Ohren, biß in den Zügel und ſtieß ein unterdrücktes, geſchreiähnli⸗ ches Wiehern aus. Der Bettler hatte den Stock zum Schlag er⸗ hoben; ſein Arm war feſt, ſein Auge unbeweglich · So ſtanden ſich Beide eine Minute lang gegenüber. Kein Wort wurde gewechſelt. Zuerſt brach der Bettler das Schweigen. Ihr ſeid ein tapferes Kerlchen, ſagte er, ich mag Euch leiden.... Dann, den dicken Kno⸗ tenſtock mit einem einzigen mächtigen Griff über dem Knie zerbrechend, wie von einem plötzlichen Wahnſinn befallen, ſchleuderte er die Stücke weit von ſich und tanzte, in abenteuer⸗ lichen Sprüngen, jauchzend umher. O, o! ſchrie er und hielt ſich die Seiten vor Lachen: es wäre doch auch gar zu toll ge⸗ weſen! ein Mann, der die Weihen hat— denn Sie ſehen es mir doch an, mein Herr, daß ich die Weihen habe?! ein Candidatus reverendi ministerii, ein Magiſter der freien Künſte— und ein Straßenräuber! ein Todtſchläger! ein Mörder!! O, o, es wäre ja zum Todtlachen geweſen! Und immer wilder tanzte er umher. Das Engelchen. I. 2 Plötzlich, ſtillehaltend, mit burleskem Pathos: Alle Wohlgerüche Arabiens, rief er, wären ja nicht hinreichend geweſen, dieſe kleine lilienweiße Hand wieder rein zu waſchen!! Und damit ſtreckte er ſeine grobe ſchwielige Fauſt pathetiſch gegen die Sonne. Jetzt war die Reihe zu erſtaunen an dem Fremden. Mit einem überaus ſpaßhaften, ſicht⸗ var ſich ſelbſt ironiſirenden Ausdrucke von Ver⸗ wunderung, mit offenem Munde, ſtarrte er den Bettler an; es war kein Zweifel, er wollte etwas erwidern, vermochte jedoch die richtige Anknüpfung nicht ſogleich zu finden. Er be⸗ gnügte ſich daher, das Pulver auf der Pfanne ſeines Terzerols zu unterſuchen, ſchob daſſelbe darauf in die Bruſttaſche zurück und ſetzte ſich alsdann, kopfſchüttelnd, auf ſeinen Platz. Der Bettler inzwiſchen fuhr fort: Das iſt von Shakeſpeare, Herr; ich hoffe doch, daß Sie Shakeſpeare kennen? Was halten Sie von — 27 Shakeſpeare?... Mit dieſen Worten hockte er dicht vor dem Fremden nieder und ſah ihm mit größter Ernſthaftigkeit ins Geſicht. Der junge Mann konnte noch immer den Ton der Antwort nicht finden. Doch der Bett⸗ ler überhob ihn der Verlegenheit, indem er, ohne eine Antwort abzuwarten, mit jener ängſt⸗ lichen Geſchwätzigkeit, welche ſo häuſig an Ir⸗ ren beobachtet wird, fortfuhr: Shakeſpeare, ſagte er, iſt überhaupt der ein⸗ zige Poet, der werth iſt, daß man ihn lieſt. Ich habe ſie Alle geleſen, ich kenne den ganzen Quark, alte und neue, ja ich kann ſie auswen⸗ dig— befehlen Sie? Und hier fing er an, in richtigſtem Takt und mit genaueſter Betonung, ein Bruchſtück aus dem Ajax des Sophokles, im griechiſchen Urtext, zu recitiren. Aber nur wenige Verſe— und die berühmte Schilderung des Seeſturms aus dem Anfang der Aeneide floß von ſeinen Lippen ſo 2* wohllautend, mit ſo richtiger Empfindung, daß das Erſtaunen des Fremden ſich mit jedem Worte höher ſteigerte. Gleich darauf, ſich ſelbſt unterbrechend, fuhr er fort: Aber das Alles, ſehen Sie, iſt nur auswen⸗ dig gelernt; jeder Schuljunge kann es. Dagegen wenn ich etwas von Shakeſpeare citire, verſte⸗ hen Sie mich recht, ſo iſt es mir allemal, als ob ich ſelbſt es eben erſt erfände und es hätte nie einen Shakeſpeare gegeben, ſondern der Shakeſpeare, das wäre das Ding, das in mir ſitzt und mir zuflüſtert, bei Tag, bei Nacht. Das macht, ſetzte er mit einem unbeſchreib⸗ lichen Ausdruck von Selbſtgewißheit und Alt⸗ verſtand hinzu, weil die großen Geiſter ſich be⸗ gegnen. Engliſch, mit gewandter und richtiger Ausſpra che, die berühmte Stelle aus Shakeſpeare's — Und ſogleich wieder hub er an, in reinſtem † — Si 29 „Des Dichters Aug', in ſchönem Wahnſinn rol⸗ lend ꝛc.“ zu declamiren. Der junge Fremde mittlerweile ſchien ſeine Wartie genommen zu haben. Mit einem An⸗ ſtrich von Herzlichkeit und feiner, gebildeter Sitte, der mit ſeiner eben erſt bewieſenen Bru⸗ talität allerdings im ſchneidendſten Gegenſatze ſtand, ihn jedoch nichtsdeſtoweniger vortrefflich kleidete, erhob er ſich, reichte dem Bettler die Hand und ſagte, wie beſchämt, mit niederge⸗ ſchlagenen Augen und halber Stimme: Verzeihen Sie, mein Herr, die rohe und unwürdige Behandlung, welche ich Ihnen ſo eben angethan habe; Sie können mich nicht tiefer darum verabſcheuen, als ich ſelbſt es in dieſem Augenblick thue. Hätte ich ahnen kön⸗ nen, welch ein Kern ſich unter dieſer unſchein⸗ baren Hülle verbirgt, mein Wort darauf, Sie hätten mich ſollen von einer andern Seite ken⸗ nen lernen. 30 Ich fühle ſehr wohl, fuhr er nach einer kleinen Pauſe fort, während welcher er vergeb⸗ lich auf eine Antwort von Seiten des Bettlers gewartet hatte, daß mich das durchaus nicht entſchuldigen kann. Wir ſollen(hier erhob er ſeine Stimme zu einem unbeſchreiblich herzge⸗ winnenden, rührenden Tone, ſodaß ſelbſt der Bettler aus ſeinem Nachdenken emporfuhr und ihn erwartungsvoll anblickte)... Wir ſollen, ſagte der junge Mann, für das Elend unſerer Mitbrüder unter allen umſtänden und in jeder Loge offene Augen, offene Herzen haben; das iſt eine allgemeine Pflicht, um wie viel mehr alſo die meinige, der ich das Elend unſerer Ge⸗ ſellſchaft mitfühlend im tieſſten Herzen trage, ja der ich kein höheres Ziel kenne, keinen glů⸗ hendern Wunſch hege, als mich der Menſchheit und ihrer Befreiung zu opfern!... Es iſt wahr, fuhr er wiederum nach einer kleinen Pauſe fort, daß das Betragen, welches ich mir gegen Sie habe zu Schulden kommen laſſen, Demjenigen, was ich in dieſem Augen⸗ blick äußere, auf eine für mich ſehr beſchämende Weiſe widerſpricht, ſo ſehr, daß, wollen Sie meine gegenwärtige Aeußerung für eitel Lüge und Heuchelei erklären, ich ſelbſt nichts dagegen einwenden kann. Ich verſchmähe, wie geſagt, jede Entſchuldigung; ich verzichte ſogar darauf, Sie in mein Herz blicken zu laſſen, ich verzichte Ihnen zu zeigen, welche ſchmerzliche Wunden hier brennen, und welche bittere, welche ver⸗ nichtende Erfahrungen ich, mitten in meinen uneigennützigſten und edelſten Bemühungen, ge⸗ macht habe. Denn wie ſagt unſer göttlicher Freund Shakeſpeare?— Auch weiß ein Mann von Ihrem Geiſt, Ihren Kenntniſſen, vor Allem von Ihren Schickſalen, die wunderbar und un⸗ gewöhnlich ſein müſſen, wie ein Werk unſers Dichters— ein ſolcher Mann, ſage ich, weiß ja ohnedies, wie nahe im menſchlichen Herzen Gutes und Böſes grenzen, und wie leicht, in Folge vielfacher Täuſchungen, die reinſte Men⸗ ſchenliebe umſchlägt in den bitterſten Menſchen⸗ häß Der Redner(denn ſo, bei dem faſt theolo⸗ giſchen Pathos, zu dem er ſich allmälig erhoben hatte, mußte man ihn in Wahrheit nennen) ſchien hier mit Gewißheit auf eine Antwort ſeines Zuhörers zu rechnen. Da dieſer jedoch nur unabläſſig, mit geſpreizten Fingern, die Handfläche auf dem faſt nackten Schenkel im Kreiſe reibend, in ſeinem Stillſchweigen beharrte, ſo fuhr der Andere fort: Ja, ich bekenne mich ſchuldig! Die knech⸗ tiſche Unterwürfigkeit, mit welcher das Volk ſein Elend erträgt— erträgt, ohne auch nur zu ahnen, was es erträgt!— hatten mein Herz verhärtet; ich fing an, ein Geſchlecht zu verab⸗ ſcheuen, welches, ſtumpfſinniger als das Thier, nicht einmal ſo viel Muth hat oder ſo viel Ein⸗ ſſiht, die Hand zu beißen, die es ſchlägt und die es doch nicht einmal futtert.... Laſſen Sie mich(indem er, als hätte er bereits zu viel ge⸗ ſagt oder fürchtete noch es zu thun, die Hand flüchtig gegen den Mund preßte), laſſen Sie mich hier abbrechen! Es gibt Dinge, über die (hier legte er dem Bettler die Hand feierlich auf die Schulter und ſah ihm mit flammendem Blick feſt ins Auge) man entweder gar nicht ſprechen muß— oder aber(dies ſetzte er faſt tonlos hinzu) erſchöpfend.— Für jeden Fall erlauben Sie mir, daß ich mich als Ihr Schuld⸗ ner bekenne; wo und wie es ſei, mit Rath und That, Sie dürfen über mich verfügen. Bei dieſer, mit etwas mehr Pathos, als nöthig war, hervorgebrachten Erklärung blickte der Bettler endlich aus ſeinem Nachſinnen in die Höhe. Er firirte den Fremden lange und brach dann wiederum in ein faſt wahnſinniges Gelächter aus. 2** „Wär' alles Leben von Athen in Dieſem“, rief 7 er,„ſo äß' ich's!“ Nit dieſem Citat aus Shakeſpeare ohne eine Einladung ſeines neuen Freundes ab⸗ zuwarten, indem er nur gegen den Hund eine hämiſche Verbeugung machte, warf er ſich auf die Reſte des Mahls und ſchlang ſie, mit ent⸗ ſetzlicher Gefräßigkeit, hinunter. 's Timon, Drittes Kapitel. Tiſchgeſpräche. Der Fremde war durch dieſe unerwartete Wen⸗ dung, welche der Bettler der Unterhaltung gab, im erſten Augenblick ſichtlich überraſcht; mit einem unnennbaren Blick ſah er den Hund an, der, das kluge Haupt auf die Pfoten geſtreckt, jede Bewegung des ſeltſamen Gaſtes aufmerk⸗ ſam verfolgte, und ſchien ihn zu fragen, was er dazu meine. Doch fand er ſich ſogleich wieder zurecht und bediente den Bettler nun ſogar eigenhändig auf die zuvorkommendſte Weiſe. Er ging ans Pferd, öffnete den Mantelſack und holte ein zierliches Flaſchenfutter hervor, aus welchem er 36 nicht verſäumte, ſeinem Gaſtfreund wiederho⸗ lentlich zuzutrinken.. Bei alledem, wer ihn ſchärfer beobachtet hätte, würde nicht umhin gekonnt haben, einen gewiſſen Zwang, zum wenigſten eine gewiſſe Ungeduld an ihm zu bemerken. Er ſah öfters verſtohlen nach der Uhr, prüfte den Stand der Sonne und dann wieder mit Sorgfalt blickte er in das Thal hinab, auf den gelben Streifen, in welchem die Landſtraße ſich dahinzog und auf dem ſein ſcharfes Auge Wagen, Reiter, Fußgänger deutlich unterſchied. Den Bettler inzwiſchen ſtörten dieſe kleinen Anzeichen der Ungeduld nicht im Mindeſten, bemerkte. Er aß, wie Leute niedern Standes, Leute, die an harte Arbeit und ſchlechte Koſt gewöhnt ſind und denen die Stunde der Mahl⸗ zeit oft die einzige Stunde der Erholung iſt, zu eſſen pflegen: mit Leib und Seele und ohne ſchon um deshalb nicht, weil er ſie gar nicht * für irgend etwas außer dieſer Beſchäftigung noch Auge oder Ohr zu haben. Auch die aus⸗ geſuchte Beſchaffenheit der Speiſen ſchien keinen beſondern Eindruck auf ihn zu machen; er ſchlang die Paſtete hinunter, goß den edlen To⸗ kaier in den Schlund, gerade mit derſelben Ruhe und derſelben unerſchütterlichen Tapferkeit, wie vielleicht noch Tags zuvor das Kleienbrod und den Fuſelſchnaps, die, allem Vermuthen nach, ſeine gewöhnliche Nahrung bildeten. Es hat allemal etwas Langweiliges, Jemand zuzuſehen, wie er ißt, ohne ſelbſt an der Mahl⸗ zeit theilzunehmen. In dieſem Falle, für den Fremden, da der Bettler durchaus keinen Laut von ſich gab und auch alle Aufforderungen und Einladungen, an denen ſein freigebiger Wirth es nicht fehlen ließ, nur mit ſtummer Geberde erwiderte, war es doppelt langweilig. Er be⸗ ſchloß daher, nach einigem Jaudern, das Pein⸗ liche dieſer Lage abzukürzen und den Bettler durch eine Frage, der ſich nicht wohl entſchli⸗ pfen ließ, zur Antwort zu nöthigen. Sie werden, ſagte er, es nicht unbeſchei⸗ den finden, wenn ich, nachdem das Schickſal einmal auf ſo wunderbäre Weiſe unſere Be⸗ kanntſchaft vermittelt hat, nun auch den Wunſch hege, des Nähern mit Ihnen vertraut zu werden. Ich ſelbſt, wie Sie mich hier ſchen, bin Landſchaftmaler; mein Name iſt Schmidt, mein gewöhnlicher Aufenthalt die Reſidenz, die ich auch jetzt nur verlaſſen habe, um in dieſer intereſſanten Gebirgsgegend mein Album mit Studien und Skizzen zu bereichern. Ich ge⸗ denke einige Wochen in der Nachbarſchaft zuzu⸗ bringen; da wird es mir denn hoffentlich we⸗ der an Zeit noch Gelegenheit fehlen, mich Ih⸗ nen näher bekannt zu machen und Ihre Freund⸗ ſchaft zu erwerben. Für jetzt liegt mir Alles daran, durch eine kräftige und dauernde Hilfe das Unrecht, das ich gegen Sie begangen habe, wieder gut zu machen und damit an einem Flecke wenigſtens die bejammernswerthe Un⸗ gleichheit des Glückes, die neidiſche Ungerechtig⸗ keit der Geſellſchaft, ſoweit in meinen Kräften ſteht, auszugleichen. Alſo frei heraus mit der Sprache, ein Vertrauen iſt des andern werth: wer ſind Sie, mein Freund, und welche wun⸗ derbaren, welche unerhörten Schickſale haben Sie in dieſe Ihrer ſo unwürdige Lage verſetzt? Dieſe Worte, trotz der ſonderbaren Situa⸗ tion, in welcher ſie, von einem ſtädtiſchen Herrn zu einem zerlumpten, halb wahnwitzigen Bettler geſprochen wurden, kamen nichtsdeſto⸗ weniger mit ſo viel ungezwungenem Anſtand, ſo viel natürlicher Herzlichkeit heraus, daß es unmöglich war, ihnen zu widerſtehen. Auch der Bettler, der ſich endlich geſättigt fühlte, und dem überdies, ſeltſam genug, der ſtarke und feurige Wein, den er in ziemlich reichlichem Maße genoſſen, das Blut, ſtatt es aufzuregen, vielmehr beſänftigt zu haben ſchien, vermochte ſich ihrem ſchmeichleriſchen Eindruck nicht zu entziehen. Er leerte ſein Glas, putzte den Mund am Aermel und antwortete dann mit einer merk⸗ würdigen Ruhe und Beſonnenheit. Wie ich heiße, mein Herr, ſagte er, wird Ihnen in der ganzen Gegend hier herum jedes Kind ſagen können: der tolle Heiner. Nämlich wohl zu merken, mein Herr, ich bin gerade mit demſelben Rechte toll, wie der arme Thoms in Shakeſpeare's unſterblichem Lear:„der den ſchwimmenden Froſch ißt, die Kröte, die Unke, den Kellermolch und den Waſſermolch, der ge⸗ peitſcht wird von Kirchſpiel zu Kirchſpiel und in die Eiſen geſteckt, geſtäupt und eingeker⸗ kert“— und vielleicht, ſetzte er mit trübem Lächeln hinzu, ſogar noch mit größerm Recht. Ich bin eines Geiſtlichen Sohn, mein Vater war Prediger unten im Thal... Aber hier ſchien der frühere wilde Dämon 8 41 wieder über ihn zu kommen; er ſprang in die Höhe, ſtellte ſich feſt auf geſpreizten Beinen, ſtreckte die Arme in die Luft.... Ich bitt' Euch, rief er, ſeht mich an! ſeht dieſe Bruſt, dieſe Arme, dieſe Schenkel! Ich ſage, was der wackre Ritter Sir John zum Prinzen Heinz ſagt:„Der arme Sir John hat mehr Fleiſch als die andern Menſchen, darum iſt es auch billig, daß er mehr Sünde hat, das Erbtheil des Fleiſches.“ Was? iſt dies ein Bauch für einen Habenichts? ſind dies Lenden für einen armen Pfarrersſohn? Schmach, Schmach meinem alten Vater in die Gruft, daß er ſich unterſtanden hat, einen ſolchen Sohn zu zeugen, ſo geſund, ſo lebensfriſch, ſo ange⸗ wieſen auf jeden Genuß der Erde— und hatte kein Rittergut ihm in die Wiege zu legen! und hatte keine Tonne Goldes, ſeine Gier zu füllen! Der Bettler war entſetzlich anzuſehen in dieſem Augenblick. Seine Locken flogen, ſeine E Lumpen flatterten; mit rieſiger Fauſt hämmerte altigen Schlägen auf die hochgewölbte, zottige Bruſt, daß ſie krachte; ſeine Finger bohrten in das Fleiſch ſeiner Arme, krampfhaft, als wollten ſie es herunterreißen von den allzu feſten Knochen! Es war in dieſem Spiel(oder wofür ſonſt ſollte man es halten 2) ſo viel Wahrheit bei ſo viel Lüge, ſo viel Ernſt bei ſo viel Uebertreibung, daß ſelbſt der junge Ma⸗ ler ſich beſtürzt abwendete. Dem Bettler entging dieſe Beſtür er glaubte, ſein gütiger Gaſtfreund fürchte vie leicht für ſeine Sicherheit. Sogleich daher ſein grotesken Bewegungen einſtellend, ſetzte er ſich wieder auf ſeinen Platz und fuhr aufs Neue in ruhigem, klarem Tone alſo fort: Ihr wißt, Herr, wie es mit den Landpfar⸗ rern geht: Kinder und Bücher, es iſt ein altes Sprichwort. Nun gut, mein alter Vater machte es nicht zu Schanden; bei hundert und funfzig er in gew zung nicht; Gulden Gehalt und einer Kuh auf der Gemeinde⸗ weide zwölf Kinder und zwölfhundert Bücher— nun, Ihr könnt Euch denken, wie es da unge⸗ fähr zugegangen. Die zwölf Kinder, Gott Lob, hat der Teufel geholt, bis auf Eines, das er ſich vermuthlich, als beſten Biſſen, bis zuletzt aufſpart und das, ohne Ihr gütiges Dazwiſchen⸗ kommen, in dieſem Augenblick zweifelsohne an jenem Aſte baumelte.— Laßt gut ſein, unter⸗ brach er den Fremden, da dieſer einige Worte dazwiſchen ſchieben wollte: der Baum da ſteht noch ſeine Zeit; kommt die Gelegenheit wieder ſo, ſo weiß ich ſchon, wohin mich wenden.— Aber was ich ſagen wollte: die zwölf Kinder, bis auf mich, hat der Teufel glücklich geholt; die zwölfhundert Bücher, als der Alte ſtarb, holten die Gläubiger: die Kirchenväter nahm der Würzkrämer für den Tabak, den er gelie⸗ fert und der dem Alten Eſſen und Trinken war; mit Plato machte der Schuhmacher ſich für die enophon fiel Paar geflickte plar von untergelegten Sohlen bezahlt; dem Schneider anheim für ein Mancheſterhoſen; ein illuſtrirtes Erem Ovidius de amore, das der fromme Herr ſo ſorgſam im Pult verſchloſſen hielt vor ſeinen n und das die Jungen jederzeit ſo richtig diente der Nähterin zur D o Junge aufgefunden hatten, Entſchädigung für das Leichentuch. rief er und ſprang wiederum, wie beſeſſen, in die Höhe: es iſt ſchmachvoll, ſchmachvoll, ſo umzugehen mit den Freuder nes, ſeinen einzigen, während eines ſiebzigjäh⸗ mühevollen Lebens! Plato bei einem rigen, Schuhmacher, enophon bei einem „Warum ſollte die Einbildungskraft nicht den edlen Staub Alexander's verfolgen können, bis ſie ihn findet, wo er ein Spundloch verſtopft?!“ Der Maler, der den ſeltſamen Geſellen bei der Stange zu halten, wie überhaupt ſeine Er⸗ zählung möglichſt zu beſchleunigen wünſchte, 5 fragte mit außerordentlicher Höflichkeit: Ihr ſeli⸗ ger Herr Vater hatte Sie ſtudiren laſſen? Sie waren damals vermuthlich auf der Univerſität? Der Bettler antwortete wiederum mit einem Citat aus Shakeſpeare: „Was iſt dein Studium?“ ſagt Lear;„den Teufel fliehn und Ungeziefer tödten“ Meines war umgekehrt: den Teufel aufſuchen und Un⸗ geziefer aufgreifen, wo ich es fand. O, dieſer Einfall meines Vaters, mich ſtudiren zu laſſen! auf den Pfaffen ſtudiren zu laſſen, mich, der ich von der Natur beſtimmt war, Gott ſelbſt aus ſeinen Himmeln zu ſchlagen und das fröh⸗ liche Reich der Heiden wiederherzuſtellen! Iſt es meines Vaters eigener Einfall geweſen, gut, ſo ſei er ihm vergeben; er hat ihn ſchmerzlich genug gebüßt durch den Kummer, den ich ihm bereitet. Hat aber ein fremder Mund dazu gerathen, ſo ſoll er verflucht ſein über das Grab hinaus. Pfaffe werden! Pfaffe, Duckmäuſer, Scheinhei⸗ liger! mit meinem Fleiſch, meinem Blut! ver⸗ zichten auf die Welt, da alle Pulſe in mir ſchlugen, jeder Tropfen Bluts in meinen Adern raſte: genieße! genieße!!— Ich wollte, ſetzte er ingrimmig, mit auf einander gebiſſenen Zähnen hinzu, mein Vater hätte mich Viehtreiber wer⸗ den laſſen, ja Knecht des Abdeckers lieber, als nur nicht Das! Aber, warf der Fremde ein, wenn das Ihr Ernſt iſt, wie ich nicht zweifle, warum haben Sie denn nicht ſpäterhin wenigſtens einen an⸗ dern Lebensberuf zu ergreifen verſucht? Ob ich's verſucht habe! erwiderte der Bettler: Alles hab' ich verſucht im Leben, habe Frohndienſte gethan als Hauslehrer hoch⸗ gnädigſter Familien, habe Steine geklopft am Wege, bin der Reihe nach Literat, Schau⸗ ſpieler, Separatiſtenprediger geweſen!.. 3 Ei ja(und dabei ſchmunzelte er in ſich hinein): glaubt nur, ich war ein ſchlimmer Geſell! der Sect, guter Herr, der Sect und Dorchen Laken⸗ reißer, ei ja, es ließe ſich davon erzählen! Mit dieſen Worten ſchloß er die Augen und ſaß unbeweglich, als ob er ſchliefe. Vergebens rief der Fremde ihn an; er hörte nicht, noch ſah er in die Höhe. Endlich, nach einer geraumen Pauſe, noch immer mit geſchloſſenen Augen, als ob er für ſich ſpräche, mit ganz heimlicher, ſingender Stimme, indem er, die Ellenbogen auf die Knie geſtützt, mit großem Eifer beide Seiten ſeines bärtigen Kinnes gegen die flachen Hände rieb: Es iſt nicht wahr, hub er an, es war nicht Dorchen Lakenreißer allein und auch nicht blos der Sect, was mich ins Unglück brachte: ſon⸗ dern daß ich nicht den rechten Glauben hätte, ſagten ſie, und wäre ein Weltkind und hätte Chriſtum nicht, daran läg' es.... Es iſt ja eine wahre Lächerlichkeit, fuhr er auf einmal in die Höhe und riß die Augen weit auf, Glauben zu haben, für einen Kerl, wie ich bin! Glauben? Pah, die Stubenhocker, die Männ⸗ chen mit den eingedrückten Bruſtkaſten und den heiſern Stimmen, die ſich ins Bett legen müſ⸗ ſen, wenn ſie zu Dreien eine Flaſche Wein aus⸗ geſtochen haben, die mögen glauben, für die wird es gut ſein, Religion zu haben: Kerle von zehn Zoll und mit geſundem Magen, wie ich, die brauchen keinen Glauben,— ſelbſt, fügte er ſpöttiſch hinzu, wenn ſie nichts im Magen haben und auch nicht wiſſen, wie etwas hineinbekommen. Und das iſt mein Fall. Ich habe, ſeitdem die Geiſtlichkeit mich wegen mangeln⸗ den Glaubens von ſich ausſtieß, der Reihe nach Alles verſucht und bin Alles geweſen; ſogar im Zuchthauſe hab' ich geſeſſen, ein volles Jahr, wegen Londfriedenbruchs— das heißt, wegen einer Tracht Prügel, die ich dem Feldhüter zu⸗ maß, Acker zu ziehen, da mich doch hungerte!— der mich hindern wollte, Rüben aus dem * 49 Seitdem will mich nun gar Niemand mehr haben; ſogar von der Ramme, drüben am Brückenbau, haben ſie mich fortgewieſen.— Eigentlich bin ich jetzt Weber; ich habe die Handgriffe abgelernt, als ich im Zuchthauſe ſaß. Aber erſtlich habe ich keinen eigenen Stuhl und zweitens iſt mir die Arbeit auch zu ſchlecht. Den ganzen Tag zuſammengepreßt, wie ein Hä⸗ ring, im Joche ſitzen, hier ein Tritt und da ein Tritt und die Schmerzen an der Bruſt, wenn man das Schiff ſo unaufhörlich vor ſich her ſtößt— nein, wahrhaftig ich vermuthe, ich bin noch zu geſund für dieſe Arbeit, darum werde ich krank davon; man muß, glaube ich, ſiech dazu kommen, um ſie auszuhalten. Ueberhaupt will ich mich nicht beſſer machen, als ich bin: trotz meiner rieſigen Knochen, ich habe keine Luſt mehr zu arbeiten, alle Beſchäftigung ckelt mich an, ich möchte nichts thun, als immer nur auf dem Rücken liegen, in den blauen Das Engelchen. l. 3 Himmel ſtarren und den Vögeln zuſchauen, wie ſie Neſter bauen, den Blumen, wie ſie blühen, und dabei denken, denken an etwas. Seine Stimme war bei dieſen letzten Wor⸗ ten weich und zärtlich geworden; er ſah ſtarr zur Erde, mit einer Ausdauer und einer Ver⸗ tieftheit, als wollt' er mit ſeinen Augen ein Loch in den Felſen bohren. In dieſer Stellung, mit kaum h Stimme, fuhr er fort: Und weil ich das nicht kann, und weil 66 fühle, daß ich nichts nütze bin in der Welt und daß die Leute Recht haben, wenn ſie mich den tollen Heiner nennen und weiſen mit Fingern auf mich, ſo hielt ich es fürs Beſte... Es wäre eine Aufgabe geweſen für einen Zeichner, den verſchiedenartigen Geſi ichts ausdruck, mit dem der Fremde die Erzählung des Bett⸗ lers begleitete, dieſe leiſen uebergänge von Freude und Spott und Hohn und Langeweile und dann 1 wieder von Theilnahme und Rührung und Mit⸗ gefühl, zu Papier zu bringen. Jetzt plötzlich, mit jener kanzelhaften Beredtſamkeit, von der er vorhin ſchon ſo glänzende Proben abgelegt, fiel er dem Bettler in die Rede: Hand zu legen, rief er, an ſich ſelbſt?! D mein theurer, mein unglücklicher Freund, auf welchem entſetzlichen Irrwege befinden Sie ſich! dieſe Reue, wie edel in ihrem Urſprung, den⸗ noch in ihrer Wirkung wie verderblich! dieſer Ueberdruß am Leben, wie gerechtfertigt durch Ihre Schickſale, dennoch in ſeinen Folgen wie verbrecheriſch! Wie?! ſo gebildet, ſo geiſtreich, ſo erhaben über das gemeine Vorurtheil der Menſchen— und es könnte Ihnen entgehen, daß die Fehler, deren Sie ſich anklagen, die Verbrechen, deren Sie ſich Einzelnen beſchuldi⸗ gen, vielmehr Fehler der Geſammtheit, Ver⸗ brechen der Geſellſchaft als ſolcher ſind?! und Sie könnten, wie ein Deſerteur, Ihren Poſten 3* 52 verlaſſen, gerade in dem Augenblicke, da das Elend, unter deſſen Streichen Sie, und mit Ih⸗ nen Unzählige, unverſchuldet geblutet haben, das Elend des Beſitzes, des Rangs, des Aber⸗ glaubens mitempfunden wird von Millionen Her⸗ Zzen? ja, da ſchon tauſend, hunderttauſend Hände bereit ſind, dieſes unwürdige Joch zu zerbre⸗ chen?!... O pfui, pfui! rief er, mit einem Ausdruck ſittlicher Entrüſtung, der an der Auf⸗ richtigkeit ſeiner Ueberzeugung durchaus nicht den leiſeſten Zweifel mehr zuließ ſich ſelbſt das Leben nehmen zu wollen! das Schwert gegen ſich ſelbſt zu kehren, ſtatt gegen ſeine Feinde! Wie unklug, wie kleinmüthig! Nein, ſtatt ſich ſelbſt zu morden, tauſendmal lieber.. Es war allerdings merkwürdig, daß den jungen Mann gerade hier, mitten in ſeiner be⸗ geiſterungsvollen Rede, ein heftiger Huſten be⸗ ſiel, der ihn hinderte, den angefangenen Satz zu vollenden. Der Bettler, der die ganze Zeit faſt theil⸗ nahmlos neben ihm geſeſſen, blickte ihn mit verſchmitztem Lächeln ſeitwärts an: Ihr habt da einen ſchlimmen Huſten, ſagte er; aber laßt mich Eure Rede ergänzen: tau⸗ ſendmal lieber, wolltet Ihr ſagen, als ſich ſelbſt, einen Andern morden, nicht wahr? Der Maler konnte noch immer nicht von ſeinem Huſten zu ſich kommen. Der Bettler fuhr fort: Und doch, mein ſchöner Herr, als ich vor Kurzem Luſt bezeigte, dieſe Eure Weisheit an Euch ſelbſt zur Ausführung zu bringen, ſchien ſie Euch ſehr wenig am Orte; Ihr hiel⸗ tet mir, noch bevor ich Euch an den Hals ge⸗ kommen, ein Paar Augengläſer entgegen, es fehlte nicht viel, ſie hätten mich geblendet.— Aber es thut nichts, ſetzte er mit rauher Freund⸗ lichkeit hinzu: Ihr habt Euch dabei doch wie ein braver Kerl benommen, der Haare auf den Zähnen hat, und ich achte Euch darum. Im Uebrigen geht mir mit Euern guten Rathſchlä⸗ gen! Ihr ſeid Einer wie der Andre, alleſammt; ich aber antworte Euch mit Apemantus, mei⸗ nem Liebling: Dein Elend lieb', und lebe! Damit ſtand er auf und ſchien ſich entfernen zu wollen. Der Fremde erhob ſich gleichfalls. Ich hoffe, ſagte er, Sie werden mich ge⸗ nauer kennen und alsdann beſſer beurtheilen lernen. Ich bleibe einige Tage in dem Fabrik⸗ dorf und rechne darauf, daß Sie mich daſelbſt aufſuchen werden. Einſtweilen— indem er ihm ein blankes Thalerſtück in die Hand drückte— nehmen Sie dies, denken Sie nach über Ihre Lage, erwägen Sie, was ich Ihnen über die eigentlichen Gründe derſelben ſagte, und theilen Sie das Ergebniß Ihren Freunden mit— Ihren Freunden, zu denen ich in Jukunft auch mich zu zählen bitte. Daß Sie unſer heutiges Be⸗ 55 gegniß einſtweilen unter uns laſſen, darum brauch' ich Sie gewiß nicht erſt zu erſuchen; es geſchieht, das ſehen Sie ein, n Ihret⸗ noch meinetwegen, ſondern um einer größern Sache willen, daß ich dieſen Wunſch äußere, und eben deshalb werden Sie ihn ohne Zweifel erfüllen.— Und damit für heute leben Sie wohl! Der Abend rückt heran, ich will noch eine Skizze dieſer Gegend aufnehmen und muß mich eilen, damit zu Stande zu kommen. Er winkte, Abſchied nehmend, etwas vor⸗ nehm mit der Hand. Der Bettler betrachtete mit ſprachloſem Erſtaunen bald das Geld, bald den Geber; dann, das Geldſtück in die Taſche ſchie⸗ bend: Ich will Euch danken, ſagte er, wie Timon dem Alcibiades dankt: Verſprich mir Freundſchaft, aber halte nichts; Verſprichſt du nicht, ſo ſtrafen dich die Götter: Denn du biſt Menſch! und hältſt du, ſo vernichten Die Götter dich: denn du biſt Menſch! 56 Nit dieſen Worten wandte er ſich den Fuß⸗ ſteig; ück. Der Fremde glaubte ihn ſchon eine gute Strecke entfernt, als er plötzlich wie⸗ der vor ihm ſtand. Er ging auf den Fichten⸗ baum zu, rutſchte in die Höhe, knüpfte das Tuch los, das noch oben am Aſte hing, und ſteckte es ſorgfältig ein.... Man kann doch nicht wiſſen! grinſte er dem Fremden zu und ſprang, in wilden Sätzen, den Fußſteig entlang. —, Piertes Rapitel. Vater und Sohn. Nachdem der Fremde ſich überzeugt hatte, daß der Bettler ſich diesmal wirklich entfernt, ath⸗ mete er tief auf, wie Jemand, der ſich von ei⸗ ner ſchweren Laſt endlich erleichtert fühlt; er fuhr mit der Hand um den Mund— und daſ⸗ ſelbe Geſicht, das ſo eben noch von der edelſten Leidenſchaft zu glühen ſchien, zeigte augenblick⸗ lich wieder jenen gleichgiltig behaglichen Aus⸗ druck, aber auch zugleich jene beleidigende Si⸗ cherheit, jene brutale Ruhe, mit der er den Bett⸗ ler zuerſt angeſprochen.— Er eilte die Reſte des Mahls hinwegzuräumen; dann, eine feine 3* Cigarre anzündend und den Rauch in bläulichen Ringen behaglich in die Luft ſtoßend, nahm er ein Notizbuch aus der Bruſttaſche und zeichnete, mit flüchtiger Hand, verſchiedene ſeltſame Cha⸗ raktere darin auf. Gleichwol ſchien dieſe Beſchäftigung ihn im Ganzen nur wenig zn intereſſiren. Bald war die Cigarre ausgegangen und mußte neu ange⸗ brannt werden; bald ſtand er auf, etwas an Sattel und Zaum zu ſchnallen; bald zog er die Uhr hervor und verglich den Stand der Sonne, die ſich mehr und mehr nach Weſten neigte und ſchon hier und da den Horizont mit röth⸗ lichen Streifen vergoldete. Zuletzt ſteckte er das Notizbuch haſtig bei Seite und ging, die Hände auf dem Rücken, ein Liedchen halblaut zwiſchen den Zähnen ſum⸗ mend, mit ſtarken Schritten, in engem Kreiſe, auf der kleinen Plattform der Klippe auf und ab. Es war augenſcheinlich, daß er Jemand erwartete; der leiſe Nebel, der, ein Vorbote der nahen Dämmerung, allgemach im Th le ufſtieg und die Ausſicht auf die Straße zu verdecken anfing, diente nur dazu, ſeine Ungeduld zu ver⸗ mehren. Plötzlich von der Straße aufwärts, dicht an der Klippe herauf, ſcholl ein ſcharfes, trocke⸗ nes Hüſteln, begleitet von dem Schlurfen ſchwe⸗ rer, ungeſchickter Tritte. Der junge Mann horchte aufmerkſam; mit der einen Hand an den Fichtenbaum ſich ſtützend, hielt er die andere lauſchend ans Ohyr, jedes lei⸗ ſeſte Geräuſch deſto ſicherer aufzufangen. Das Hüſteln wiederholte ſich in kurzen ab⸗ gemeſſenen Zwiſchenräumen; endlich, wie der Weg in die Höhe ſteigt und ſich damit von der Klippe entfernt, verlor es ſich. Der junge Mann lauſchte noch einige Minuten; ſein geſchärftes Ohr, in die Stille hinauslauſchend, glaubte noch immer, das eigen⸗ 60 thümliche Scharren und Schleifen jenes ſelt⸗ zu vernehmen.— Jetzt trat er zurück; ein zufriedenes Lächeln flog über ſein Geſicht. Ehe der alte Maulwurf, ſagte er, hinaufge⸗ ſchlappt kommt, habe ich noch eben Zeit, meine Cigarre zu Ende zu rauchen. Und wiederum, mit der gleichgiltigſten Miene von der Welt, als hätte er den ganzen Tag nichts Anderes zu thun gehabt, als nur den Rauch vor ſich hinzublaſen, ſtreckte er ſich auf die Felsbank. Nicht lange: und daſſelbe trockene Hüſteln, derſelbe ſchwerfällige Tritt, der vor einiger Zeit die Klippe herauf erſchollen war, tönte jetzt in dichteſter Nähe vom Fußſteig her. Der Hund, der, den Zaum im Munde, in wachem Schlaf geſeſſen hatte, fuhr mit leiſem Knurren in die Höhe. Wenige Augenblicke noch: und aus der Krümmung des Weges trat eine der 61 ſeltſamſten Geſtalten, dergleichen die Phantaſie eines Callot oder Höllenbreughel jemals e nen hat. Es war ein altes gebrechliches Männchen, kaum vier Schuh hoch; die krummen Knie, die gebückte Haltung ließen ihn ſogar noch klei⸗ ner erſcheinen. Tief in den Schultern ſteckte ein unförmlicher Kopf, von ſtruppigen weißen Haaren ſpärlich umgeben; ein zerknüllter grauer Filzhut, breitkrämpig, von der Form, wie die Quäker und Stillen im Lande ihn zu tragen pflegen, ſaß weit in die Stirn. Das Geſicht war von abſchreckender Häßlichkeit, ein geſtalt⸗ loſer, aufgedunſener Fleiſchklumpen; es war auf den erſten Blick unmöglich, irgend welche menſch⸗ liche Züge darin zu unterſcheiden, ſo zerfloſſen, gleichſam zu Brei verſchwemmt war das ganze Angeſicht. Erſt indem man wiederholt hin⸗ blickte, gelang es, die dicken wulſtartigen Lippen, die unnatürlich aufgeſchwollenen Wangen, zwi⸗ 62 * ſchen denen eine kleine aufgeſtülpte Naſe förm⸗ lich begraben lag, zu erkennen. Die Augen, ohn Brauen, lagen ſo tief im Kopf, daß ſie nur ein Strich zu ſein ſchienen, aus dem nur hin und wieder ein grünliches Feuer, funkenartig, hervorſchoß. Eine ungeheure Warze, mitten auf der Stirn, mit langen weißlichen Haaren beſetzt, vollendete den abſchreckenden Eindruck dieſes Antlitzes.— Die Arme, von unverhält⸗ nißmäßiger Länge, baumelten bis an die Knie: dergeſtalt, daß die dünnen knöchernen Finger, ſchwarz, mit Einſchnitten und Runzeln bedeckt, gleichſam in die Erde zu greifen ſchienen.— Die Beine waren vom Knie abwärts wie mit Gewalt nach außen gedreht; die großen, mit groben Schuhen bedeckten Füße ſchleppten nach, gleichſam wie ein fremder, todter Körper, oder als ob ein langwieriger äußerer Zwang, den Gliedmaßen gewaltſam eine andere Richtung gebend, die Kraft der Muskeln gelähmt hätte.— Bekleidet war dieſe abenteuerliche Geſtalt mit einem langen hellgrauen Rocke, dem urzer ſtehender Kragen von grüner Farbe ein halb militairiſches Anſehen verlieh. Indem dieſe wunderliche Figur ihre Anni— herung durch Hüſteln und Schlurfen ſchrittweis verkündigte, konnte der Fremde, trotz der Gleich⸗ giltigkeit, welche er zu erheucheln für gut be⸗ fand, ſich dennoch nicht enthalten, den Kopf danach umzudrehen. Seine Züge ſtrahlten von Vergnügen; aber dieſes Vergnügen war zu⸗ gleich mit ſoviel teufliſcher Bosheit gemiſcht, das regelmäßige, ſchöne Antlitz des jungen n d Augenblick ſogar häßlich er⸗ Eine weit weniger angenehme Ueberraſchung ſchien der Anblick des Fremden dem Alten zu gewähren. Er ſtand ſtill, öffnete, nach Luft ſchnappend, wie ein auf den Sand geworfener Fiſch, mehrmals raſch hintereinander den wei⸗ „ * * ten Mund, ohne jedoch einen Ton hervorzu⸗ mit jener ungelenken Haſt, welche die Bewegungen einer Marionette ſo ſpaßhaft macht, ſchleuderte er einen ſeiner lan⸗ gen Arme an den Hut, riß ihn herunter und warf den Kopf nach hinten. Es war ein kläglicher Anblick Der Abend⸗ wind, der ſich inzwiſchen erhoben hatte, ſtreifte das dünne weiße Haar des alten Mannes; ſein Antlitz, roth glühend, ſta vie eine Feuerku⸗„ gel, gegen den reinen Abendhimmtl ab. * Und doch, der junge Fremde ſchien an die⸗ 1 ſem Anblick ſeine Freude zu haben. Me Minuten ließ er den nh ſeiner demüthi gen Stellung verharren; dann erſt winkte er „ ihm näher zu treten. Nun, rief er, alter Dachs, kommt Ihr end⸗ lich? Das ſind mir ſchöne Geſchichten, die Ihr hier treibt! Seit drei Stunden wart ich auf Euch; habt Ihr die Zeit verſchlafen? oder * können die alten Beine die Eiſen noch immer nicht verwinden? Ihr ſchlappt B er⸗ bärmlich. Dieſe Worte wurden mit einer gewiſſen verächtlichen Vertraulichkeit, einer Art grober geſprochen. Der Alte, noch im⸗ er ſach Luft ſchnappend, hielt es für ſeine S ſie überaus witzig zu fi nden. Er machte dahen einen Verſuch zu lachen: das heißt, er preßte den Kopf noch weiter nach hinten, ließ die Augen(nämlich wenn dies möglich war) noch mehr verſchwinden, riß den Mund weit auf und ſtieß in dieſer Stellung einen gurgelnden Laut aus, ähnlich dem Ge⸗ räuſch, mit welchem Waſſer aus einer jählings umgekehrten Flaſche hervorſtürzt. Darauf huſtete er heftig, that, als ob er ſich die Augen wiſchen wollte, und antwortete dann, noch immer in de⸗ müthiger Zurückgezogenheit, mit einer unglaub⸗ lich heiſern, faſt völlig erloſchenen Stimme: * 66 Ah, ah! ſagte er, noch immer dieſe vor⸗ treffli Einfälle, wie ſonſt! noch immer dieſe aller en Späßchen, die er ſchon als Kind gemacht hat! Ja, ja, der gnädige Herr Sohn haben es weit gebracht. Aber der alſo S v Lyſt, auf die Spiße des Alten einzugehen; einer ſehr ablehnenden, trockenen Ernſthaftigkeit: Ich frage, antwortete er, um man ſo ſpät kommt, und erwarte, daß man mir Ant⸗ wort gibt auf meine Frage. Der Alte gerieth durch dieſen trockenen Ernſt augenſcheinlich in immer größere Verlegenheit. Ah, ah! keuchte er(denn ſei es, daß er die⸗ ſen Eingang benutzte, ſeine Gedanken zu ordnen und ſich deſto genauer zu beſinnen auf Das, was er antworten wollte; ſei es, daß er dieſes Vor⸗ ſpiels bedurfte, gleichſam um ſeiner Stimme Luft zu machen und ſich zu vergewiſſern, daß ſie überhaupt noch eines Tones fähig; ſei es 5 endlich nur im Allgemeinen eine üble Gewohn⸗ heit geweſen— genug, der Alte bega n keinen Satz, ohne ihm dieſes ziſchende, röchelnde urz hervorgeſtoßene: Ah, ah! voranzuſchicken) Hätte ich, keuchte der Alte, ahnen können, daß der gnädige Herr Sohn ſelbſt mir die Ehre anthun würde.. Da haſt du, fiel der junge Mann ihm in die Rede, einen ſehr ſchlechten Begriff vom Dienſt, Sandmoll. Die Ordres müſſen befolgt werden, blindlings, bei Tag wie bei Nacht, ohne Anſehen der Perſon. Aber ich merke ſchon, du haſt zu gute Tage; es wird nöthig, dich etwas ſchärfer anzuſpannen.— Wann, ſetzte er in herriſchem Tone hinzu, haſt du den Befehl bekommen? Geſtern Nacht, entgegnete der Andere mit einer Verlegenheit, welche in jedem Augenblick wuchs, ſo ſehr er ſich auch bemühte, ſie hinter einer ſcheinbar ſorgloſen Geſchwätzigkeit zu ver⸗ ſtecken: Der Wegereiter Helmuth brachte ihn mir Fenſter; er klopfte, ich ſtand auf. Hier, ſag ein Brief für euch, Vater Schlapp⸗ fuß— denn der gnädige Herr Sohn wiſſen ja wohl, es iſt eine böſe Welt, es meint Jeder ſo ſein Späßchen machen und ſich reiben zu dürfen an einem armen, alten, gebrechlichen Manne... Allein der Fremde war ſehr weit entfernt, ſich durch dieſe mit kläglichſtem Ausdruck vor⸗ gebrachte Zwiſchenrede auch nur im Mindeſten beirren zu laſſen. Wenn man, ſagte er mit derſelben uner⸗ ſchütterlichen Kälte, ſo alt iſt, wie du, Vater Sandmoll oder meinetwegen auch Vater Schlapp⸗ fuß, ſo ſollte man wiſſen, daß es, einem Vor⸗ geſetzten gegenüber, unſchicklich iſt, mehr zu ant⸗ worten, als man gefragt iſt. Der Wegereiter Helmuth hat gethan, wie ihm befohlen war; du aber biſt ein Faulpelz, wo nicht Schlimmeres. 69 Und was ſtand in der Ordre? fuhr er mit lich erhöhter Stimme fort. Mich Sonnabend Nachmittags un der Galgenſichte einzufinden; es würde dort Je⸗ mand ſein, von dem ich weitere Anweiſung em⸗ pfangen würde, verſetzte der Alte, kaum noch hörbar. Und nennſt du das Nachmittags? entgegnete der junge Mann, indem er die Hand erhob und auf den Himmel deutete, der ſchon in prächtig⸗ ſtem Abendroth brannte. Das Geſpräch drohte hier, nach dem Tone des Fragenden zu ſchließen, eine ſo ernſthafte Wendung zu nehmen, daß der Alte noch einen letzten verzweifelten Verſuch wagte, ſeinen Ge⸗ ſellſchafter in beſſere Laune zu verſetzen. Er ſtieß noch einmal jenes gurgelnde Lachen hervor, ſchleuderte gleich darauf, blitzſchnell, wie vom Faden des Puppenſpielers in Bewegung geſetzt, den Kopf halb auf die Seite, dehnte die uner⸗ 70 meßlichen Arme völlig bis an die Fußſpitzen— un ieſer Stellung, unwiderſtehlich für Je⸗ den, der mit einer minder eiſernen Ernſthaftigkeit begabt geweſen wäre, als ſein Widerſacher: Es iſt wahr, antwortete er, ich bin ein Faul⸗ pelz, ich habe mich verſpätet, der gnädige Herr Sohn haben Recht. Aber bedenken der gnädige Herr Sohn auch nur die Gebrechlichkeit dieſer beiden Spazierhölzer... Der junge Mann fuhr in die Höhe, wie von einer Schlange gebiſſen. Sohn! Sohn! rief er in einer Wuth, welche diesmal durchaus nichts Verſtelltes oder Erkün⸗ ſteltes mehr hatte: Wie oft, Unglücklicher, habe ich dir verboten, dieſen Namen mir gegenüber auf die Lippe zu bringen— und doch hörſt du nicht auf, mein Ohr damit zu foltern?!— Ich und dieſer! Es iſt nicht wahr, es kann nicht ſein, ich bin nicht ſein Sohn! rief er und warf das trotzige Haupt in den Nacken, dem Himmel — 74 entgegen, daß der purpurne Glanz der Abend⸗ ſonne voll auf die edlen Züge fiel. Und allerdings würde gewißlich Niemand, der die Beiden in dieſem Augenblicke neben einander geſehen hätte, eine Verwandtſchaft zwi⸗ ſchen ihnen vermuthet haben. Während es un⸗ möglich war, die Unform des Alten ohne Be⸗ ſtürzung, ja ohne Abſcheu zu betrachten, lag im Gegentheil auf dem feinen, zartgeformten Antlitz des Fremden, ſowie in ſeiner ganzen Erſchei⸗ nung ein unwiderſtehlich geheimnißvoller Reiz.— Er war wenig über mittlerer Größe, behend und zierlich gebaut: aber von jener Zierlichkeit, welche die Kraft, jener Behendigkeit, welche die Feſtig⸗ keit nicht ausſchließt; man ſah es dieſem ſchlan⸗ ken Arm, dieſer vornehm feinen Hand unwill⸗ kürlich an, daß ſie, wo es Noth that, zufaſſen und umklammern konnte, wie mit eiſernen Ban⸗ den.— Der Kopf war von der edelſten Form; die Feſtigkeit, mit der er getragen ward, und 72 das trotzige, kecke Weſen, das ihn leicht hinten⸗ warf, ließ ihn noch bedeutender erſcheinen. 3 Haar, hellblond, von außerordentlicher Feinheit, lag, zierlich geſcheitelt, der hohen Stirn glatt an. Unter prächtig geſchweiften Brauen leuchteten große, hellblaue Augen, Augen, die zu ihrer Schönheit nur noch ein klein wenig mehr Feuer bedurft hätten, um jedes Herz un⸗ lösbar zu feſſeln; ſie blickten ſtolz und klar, wie Sonnen, aber, die ſeltenen Momente leiden⸗ ſchaftlicher Erregung ausgenommen, zugleich kalt und unergründlich wie das Meer.— Die Naſe war gerade und ſcharf; die Lippen ſchmal, feſt auf einander gepreßt, faſt herb: öffneten ſie ſich aber(was freilich ſelten geſchah) zu einem wohl⸗ wollenden Lächeln, und die kleinen, ſchneeweißen, gleichgeformten Zähne glänzten unter dem ʒier⸗ lichen blonden Bart hervor, ſo hielt es ſchwer, einen anmuthiger geformten, lieblichern Mund zu ſehen.— Die Farbe des Angeſichts war blaß, das heißt, nicht von jener unreinen, krankhaften, vielmehr von jener zarten, durchſichtigen die namentlich bei den Damen der ſogenannten guten Geſellſchaft beliebter iſt und das Auge mehr feſſelt, als die friſcheſten Farben es ver⸗ möchten.— Der Alte war klug genug, dieſen plötzlichen Ausbruch der Leidenſchaft ruhig vorübergehen zu laſſen; wären ſeine Züge im Stande geweſen, irgend eine Bewegung des Innern widerzuſpie⸗ geln, kein Zweifel, daß ſie in dieſem Moment geleuchtet haben würden von Schadenfreude und heimlicher, boshafter Zufriedenheit. So jedoch ließ er den jungen Mann ruhig gewähren. Endlich, nach einer Pauſe, während deren er unvetwandt in den Abendhimmel geſtarrt hatte, drehte der junge Fremde ſich um und ſagte mit völlig ruhiger, gemäßigter Stimme: Du behaupteſt, mein Vater zu ſein. Gut, ich kann dich nicht widerlegen und ſo muß ich Das Engelchen. I. 4 5 74 deiner Verſicherung Glauben ſchenken. Inzwi⸗ ſchen(und hier ward der Ton wieder laut und leidenſchaftlich) höre meinen Vorſchlag: hundert Thaler, wenn du mir Beweiſe bringſt, daß ich dein Sohn bin; aber tauſend, beweiſeſt du, daß ich es nicht bin! Bis dahin, daß dieſes ſich entſchieden hat, wagſt du niemals wieder, das Wort Sohn gegen mich auszufprechen, noch ſonſt irgend einer menſchlichen Seele zu offen⸗ baren, daß du dich für meinen Vater hältſt. Im entgegengeſetzten Falle weißt du, daß ich Nittel habe, dich an einen Ort zu bringen, wo du, wenn es dich ſonſt gelüſtet, mich Sohn nen⸗ nen kannſt zehntauſend mal in Einer Secunde— und Niemand hört dich! Fünftes Rapitel. Eine gemüthliche Unterhaltung. Auch dieſer Drohung des Fremden, wie gebie⸗ teriſch ſie auch ausgeſprochen ward, ſetzte der Alte nur ein beharrliches Stillſchweigen ent⸗ gegen. Ueberhaupt von dem Moment an, wo der Andere in Leidenſchaft gerathen war, hatte das Weſen des Alten ſich merklich verändert. Keine Spur mehr von Unruhe und Verlegen⸗ heit, im Gegentheil, er benahm ſich wie ein Mann, der nicht nur ſeiner ſelbſt, ſondern auch ſeiner Umgebung vollkommen ſicher iſt und ſie beherrſcht. Wiewohl von Niemand dazu einge⸗ laden, hatte er, die müden verkrüppelten Beine 4* 76 nach beiden Seiten weithinſpreizend, neben dem jungen Manne Platz genommen und ſchaute, indem er alle Geberden deſſelben genau nach⸗ ahmte, ebenſo unverwandt in die Sonne wie dieſer. So ſaßen Beide geraume Zeit, ohne ein Wort zu ſprechen; wer ſie ſo neben einander geſehen, hätte ſie unvermeidlich für ein Paar recht harmloſe, friedliche Leute halten müſſen, die, nach einem gut vollbrachten Tagewerk, ſich gemeinſchaftlich in den Genuß des ſchönen Abends vertieften. Endlich unterbrach der Alte die lange Pauſe. Es iſt, ſagte er in komiſch kläglichem Tone, doch gewiſſermaßen recht hart für einen armen alten Mann, ſeinen einzigen Sohn verläugnen zu ſollen, einen Sohn, für den er doch, ſo lange es ihm möglich war, jederzeit 300 Kräften ge⸗ ſorgt hat.. Ja wohl, miceolte der Andere mit ßu lich bitterm Spott, indem er das Auge noch immer feſt auf die Sonne gerichtet hielt, die eben noch wie ein kleiner rother Stern über den Wolken ſchwebte und gleich darauf völlig verſank: nach Kräften geſorgt! Mein Vater oder nicht— deine Schuld, beim Allmächtigen, iſt es nicht, daß ich in dieſem Augenblick nicht ein Dieb bin und ein Gauner oder vielleicht auch ein Mörder!— He, alter Sandmoll, rief er, in eine plötzliche wilde Luſtigkeit übergehend: weißt du noch, wie wir dieſe Gebirge durchſtri⸗ chen, du und deine Spießgeſellen, ich als ein armſeliger, nacktbeiniger Bettelbub hinterdrein, ſchmuggelnd, ſtehlend, nach Schätzen grabend, und dabei die dummen Bauern prellend, wo wir ſie trafen?! Als ich heut Mittag den verwilderten Fußſteig aufſuchte, an den Stein⸗ bildern vorüber, mußte ich ſelbſt beinah darüber lachen. Ihr habt, dächt' ich, ſchon einige Mal unter dem Baume dort geſeſſen 78 und habt Geld nachgezählt, das nicht für Eure Taſche beſtimmt war, oder Ihr lagt auf der Lauer und ich kam und brachte Euch die Kund⸗ ſchaft, oder bracht' ich ſie nicht, um ſo ſchlim⸗ mer für mich! ſo bekam ich Schläge, i Schläge, Sandmoll. Dieſen letzten ei der Rede überhörte der Alte gefliſſentlich; er gurgelte aus tiefſter Kehle: Ov ich es weiß? ſagte er: freilich weiß ich es! Es war, abgerechnet die Sündhaftigkeit, welche mein lieber Heiland um ſeines theuren Blutes willen(bei dieſen Worten rückte er den grauen Filz, der ſein Haupt gleich einem Hei⸗ ligenſchein umgab) mir vergeben möge, eine recht vergnügliche Lebensweiſe. Ja wenn es nicht meiner armen Seele wegen wäre und weil man doch nie ſo recht wiſſen kann, was das Ding für ein Ende nimmt, es giebt Augen⸗ blicke, wo ich wünſche, es wäre noch ſo. Man hatte ſeine Talente, hatte ſein Anſehn, ſeinen Wirkungskreis; es gab zu thun, man legte et⸗ was zurück dabei— mein jetziges Handwerk iſt anſtändiger, iſt auch bequemer und ſicher iſt es nun gar; aber du lieber Himmel, was bringt es auch?! Ah und Ihr erſt! Ihr erſt, Söhnchen! Um Euch iſt es Schade, Ihr hattet Gaben, aus Euch konnte etwas werden, etwas Broßes! Noch nicht zehn Jahre wart Ihr alt und machtet Euer Stückchen wie ein Alter! Die Schlöſſer, die Ihr abdrücktet! Die Schlüſ⸗ ſelchen, die Ihr feiltet! Und vor allem die Handſchriften! die Handſchriften! ah, ah, dieſe Handſchriften! Die Stimme des Alten verröchelte bei die⸗ ſen Worten... habt ihr wol jemals einen Gutſchmecker von Auſtern und Trüffeln erzäh⸗ len hören? oder einen jener weißköpfigen, ſpitz⸗ bäuchigen Habitus des Ballets und der großen Oper, wenn ihn die Erinnerung an die Pirouet⸗ ten einer Elsler, die Triller einer Catalani über⸗ 80 kam? Nun gut, ſo wißt Ihr auch, wie bei dieſen Worten die Stimme des Alten in Wol⸗ luſt verröchelte.... Der junge Fremde inzwiſchen, von dieſer Bewunderung unbeſtochen, maß den Alten mit einem unausſprechlichen Gemiſch von Witleid und Verachtung. Ihr habt Euch garſtig verworfen ſeitdem, Sandmoll, ſagte er: Ihr ſpielt eine miſerable Figur jetzt; Eure Beine waren etwas gerader dazumal, wißt Ihr noch? als Ihr vor den Grenziägern lieft, einen ganzen vollen Tag lang, und endlich entwiſchtet Ihr ihnen doch? Das ließt Ihr jetzt bleiben, alter, lahmer Sandmoll, ſetzte er mit einem Lachen hinzu, ſo roh, ſo widerwärtig— Niemand hätte für möglich ge⸗ halten, daß jemals von dieſen feinen Lippen ein ſo grobes Gelächter kommen könnte! Aus den Augenſchlitzen des Alten ſchoſſen grünliche Blitze. Das machen die Ketten, röchelte er: zwölf Jahre Ketten, Söhnchen, es will etwas heißen! Und das verwetterte Sperreiſen zwiſchen den Knöcheln, das iſt eine ſchlechte Erfindung: und Ihr am Wenigſten, Söhnchen, ſolltet mich darüber ausſpotten, da es im Grunde doch Nie⸗ mand war, als Ihr, kleiner Schäker, dem ich das Vergnügen zu danken hatte. Wir hatten falſche Scheine gemacht, es iſt wahr; aber, du großer Gott, ſo lange die Leute ihn nehmen, iſt ein falſcher Schein nicht ſo gut wie ein ächter? und ſind ſie nicht aus Papier alle beide? Auch hät⸗ ten die Herren Commiſſäre ſollen lange an uns herum rathen und wären nicht klüger geworden als ſie waren: und das war wenig klug. Aber da tratet Ihr auf, ich ſeh' Euch noch! wie Da⸗ niel vor den Richtern, ein kleiner zehnjähriger Knirps: die Haut, die jetzt ſo weiß ſcheint, wie eitel Milch, war ſchwarz damals, wie Ebenholz, vor Sonnenbrand und, mit Permiß zu ſagen, vor Schmutz; die Haare waren voll Zotteln und wenn Euch das Hemd nicht aus den Hoſen hing, ſo war es nur darum, weil Ihr nämlich keins anhattet.— Ei ja, Söhnchen, damals wart Ihr eine miſerable Figur, und die Herren Commiſſäre, wie Ihr auftratet, hielten die Na⸗ ſen zu... Der Alte ſchien eine Entgegnung von Sei⸗ ten des jungen Mannes zu erwarten; da ſie in⸗ deſſen nicht erfolgte, fuhr er fort: Alſo tratet Ihr auf vor verſammeltem Ge⸗ richt und zeugtet gegen uns, und alle unſere Streiche decktet Ihr auf, und unſere feinſten Ausreden, ſogar auch die allerfeinſten, machtet Ihr zu Schanden. Und wo einer von den Herten Commiſſären zweifeln wollte an Eurer Ausſage und wollte Euch das Concept verrücken durch Querfragen und Zwiſchenreden, huſch, hat⸗ tet Ihr den Beweis bei der Hand und gabt ihm eins auf den gelehrten Schnabel, daß er ſtille ——— ward und glaubte: und der ganze Gerichtshof rieb ſich die Hände vor Vergnügen. Es war ein großes Schauſpiel das, und ich vergeſſe es nicht und wenn ich alt werde wie Methuſalem; ganz gewiß, ich vergeſſe es nicht! Tinte und Feder ließt Ihr Euch geben und zeichnetet den Herren vor der Naſe die Unterſchriften von dem Schein, Unterſchriften, ſo gleich und ſo ähnlich, daß ſie außer ſich geriethen vor Verwunderung. Wie ſie aber fertig waren mit Wundern, ließt Ihr Euch einen Schein geben, einen ächten, und zeigtet die Unterſchiede an der Schrift— Unterſchiedchen, ſo fein, ſo winzig, es hätte Einer können ein Schreibmeiſter ſein und er hätte ſie nicht gemerkt. Und darauf auf der Stelle zeichnetet Ihr die Schriften noch einmal; da waren ſie ächt! und die Herren Commiſſäre ſchlugen ſich vor den Kopf und rückten auf den Stühlen vor Verwunderung: Ein Wunderkind! ein Wunderkind!! ſchrien ſie und ſahen Euch 84 ordentlich mit Ehrfurcht an und dachte keiner mehr an ſeine Naſe. Und hernach wieder, wie Ihr Eure Kindheit ſchildertet und weintet und ſchwurt Stein und Bein, daß Ihr unſchuldig wäret und es ſei Alles blos erzwungener Weiſe geſchehen, und weil Ihr noch ein Kind wäret und hättet kein Einſehn gehabt und keinen Ver⸗ ſtand von der Sache; mich aber, der ich Euch doch immer ein guter Vater geweſen war, und wenn Ihr Talente hattet und hattet Kenntniſſe, von wem hattet Ihr ſie, als von mir?!... mich maltet Ihr ſchwärzer als den Teufel. Ei nun, ich wußte recht gut, daß es nicht Alles ſo war, wie Ihr ſagtet, und auch, daß wir es waren, die darüber zu Grunde gingen, die größte und ſchönſte Bande, die ſeit Jahren geweſen war im ganzen Lande, das wußt' ich ebenfalls recht gut. Aber ich hätte Euch doch nicht widerſpre⸗ chen mögen, auch wenn ich es gekonnt hätte, ſo freute ſich mein väterliches Herz und war ſtolz auf Euch, da ich Euch ſprechen hörte vor den Herren Commiſſären. Es war aber auch ſehr recht von dem Herrn Präſidenten, daß er Eure Jugend geltend machte und Eure wichti⸗ gen Geſtändniſſe, auch daß Ihr verführt wor⸗ den wärt und gezwungen von Euerm eignen Vater: ſodaß Ihr pardonnirt wurdet und kamt blos zwei Jahre in eine Schule, wo ſi Euch lernen ließen, gute Sachen, wie die vornehmen Leute lernen, und bei denen man nicht nöthig hat zu ſchmuggeln und zu ſtehlen. Und auch daß er Euch nach zwei Jahren herausnahm aus der Schule und nahm Euch zu ſich in ſein Haus und machte einen großen Herrn aus Euch und ſchickte Euch auf Univerſitäten und hohe Schu⸗ len, das war auch ſehr recht von dem Herrn Präſidenten, und hab' ich recht meine ſtille väterliche Freude daran gehabt, derweil ich ſaß in den Eiſen.... Während dieſer langen Rede, welche der 86 Alte in einem Tone vortrug, von dem es un⸗ möglich war zu beſtimmen, ob Ernſt oder Spott, ſo künſtlich hielt er die MWitte zwiſchen beiden, war der Fremde ernſter und ernſter geworden. Wenn es wahr iſt, ſagte er nach einer Weile, da der Alte endlich ſchwieg, und du biſt wirklich mein Vater, ſo ſehe ich es ein, ich habe ruch⸗ los gehandelt an dir und du haſt Entſetzliches erdulden müſſen, da du dich verkauft ſahſt und verrathen von deinem eigenen unmündigen Fleiſch und Blut... Nit dieſen Worten, mit einer raſchen, gleich⸗ ſam unwillkürlichen Bewegung griff er haſtig— Wohin? die Hand des Alten zu ergreifen? Faſt hätte es ſo ſcheinen können. Aber nein: es war nur ein Glühwürmchen, das ſich 4 dieſe Einöde verirrt hatte und das der junge Mann, es ſorgſam vor ſich hinſctzend, mit einer Aufmerkſamkeit betrachtete, als hätte er noch nie ein Glühwürmchen geſehen. 87 Thut nichts, thut nichts, Söhnchen, beru⸗ higte ihn der Alte, einen heftigen Huſtenanfall zurückkämpfend: Biſt doch bei alledem ein gutes Söhnchen geweſen, bis auf jetzt, wo du gar mein Söhnchen nicht mehr ſein willſt und ich ſoll nicht mehr dein Vater ſein. Haſt mir, als ich herauskam aus den Eiſen, Geld gegeben und haſt mich hiehergeſchickt ins Gebirge, wo ich lebe als ehrlicher Mann und bekehre mich alle Sonntage in der Kirche. Ich will nicht behaupten, daß es geradezu Liebe geweſen, wes⸗ halb du das an mir gethan. Denn warum, Söhn⸗ chen? Ein alter Mann wird vorſichtig in ſei⸗ nen Behauptungen und angenehm kann es auch nicht ſein, wenn man ein vornehmer Herr iſt, einen Vater zu haben vor ſeinen Augen und vor den Augen der Leute, der im Zuchthaus ge⸗ ſeſſen hat und muß betteln an den Straßen⸗ ecken. Aber immerhin, ich bin nun hier und wer mir vorwerfen will, ich hätte geſeſſen im 88 Zuchthaus, den zeig' ich an bei den Herren Commiſſären und er muß mir zahlen, was Ge⸗ ſetz iſt. Zwar geſteh' es nur, Söhnchen: ein bischen verſchieden ſind unſere Schickſale immer noch, und der Vater eines ſo großen Mannes, eines ſo mächtig großen Mannes, wie du biſt, ſollte es beſſer haben. Was bin ich? Ein ar⸗ mer alter Greis, der ſich quälen muß, wie er ſich durchbringt bei den theuren Zeiten; ein Steuereintreiber, ein Greifzu und Haltefeſt, dem die Leute aus dem Wege gehn auf hundert Schritt; ein Polizeiſpion, ein Angeber und Auf⸗ paſſer von der allerunterſten Sorte. Aber du? Ich weiß es recht wohl: der Herr Präſident ſind Miniſter geworden ſeitdem, der Herr Mi⸗ niſter regieren das Land, es iſt kein Geheimniß, ſelbſt nicht für einen armen alten Mann, wie ich— und du biſt dem Herrn Miniſter ſeine rechte Hand. Ich heiße Vater Schlappfuß und Sandmoll, und lebe von den Pfennigen, die ich den armen Webern abſchinde: du lebſt in Pracht und Herrlichkeit, du führſt ein Wappen und heißeſt Herr von Lehfeldt... Hätte der alte Mann Zähne gehabt, kein Zweifel, daß man ſie in dieſem Augenblick hätte knirſchen hören. Aber mit Herrn von Lehfeldt war ſchwer verkehren; wer mit ihm zu thun hatte, mußte ſich gefaßt halten auf wechſelnde Launen, raſch umſpringende Stimmungen.— Kaum daß der Alte den Namen genannt hatte, auf einmal jäh auffahrend, mit einer Stimme, in der das Brül⸗ len des Löwen vereint ſchien mit dem Ziſchen der Schlange: Wie heiß' ich? rief er: Landſchaftmaler Schmidt heiß' ich! Hört Ihr? Schmidt— geht Euch der Name ein? Der Landſchaftmaler Schmidt wird ſich in Euerm Dorf aufhalten, drei Tage, drei Wochen, drei Monate, gleich⸗ viel: wo Ihr dem Landſchaftmaler Schmidt be⸗ 90 gegnet, da iſt es das erſte Mal, daß Ihr ihn ſeht, und Ihr kennt ihn nicht ehe, als bis man Euch ſagt, wer es iſt; daß es aber einen Herrn von Lehfeldt in der Welt gibt, davon wißt Ihr ſo viel, wie von dem Mann im Mond, ver⸗ ſtanden?— Im Uebrigen, ſetzte er mit ge⸗ mäßigterer Stimme hinzu: was Euch angcht, ſo ſeid Ihr nicht deswegen hieher beſchieden und nicht dazu werdet Ihr in Sold und Brod gehalten, hier alte dumme Geſchichten, Träume eines altersſchwachen Hirnes zu erzählen: ſon⸗ dern Red' und Antwort ſollt Ihr ſtehen und ſollt Auskunft geben, wonach man Euch fragt. Der Alte hatte ſeine Faſſung keinen Augen⸗ blick verloren. eSie ſind der Landſchaftmaler Schwidt, ſagte er mit trotziger Kälte: Fragen Sie; ich werde antworten. Herr von Lehfeldt fuhr fort: Man iſt, ſagte er, höhern Ortes ſehr wenig zufrieden mit Euch; ich habe ſchon manche böſe Rede hören müſſen um Euretwillen. Es heißt, Ihr neigtet Euch ſehr merklich zu Euerm alten Lebenswandel zurück; kein ſchlechter Streich, heißt es, auf zehn Meilen in der Runde, daß Ihr nicht Eure Hand dabei im Spiele hättet. — Was dieſe Beſchuldigungen betrifft, ſprach Herr von Lehfeldt weiter, indeſſen der Alte un⸗ beweglich ſaß, wie eine Marmorſäule, ſo will ich ſie auf ſich beruhen laſſen, nämlich für jetzt. Was ich dagegen gewiß weiß und weswegen ich Euch ernſtlichſt verwarnt haben will, iſt dies, daß Ihr weder als Steuereintreiber, noch als Beauftragter der Polizei Eure Dienſte mit der⸗ jenigen Accurateſſe und derjenigen pünktlichen Strenge verrichtet, welche der Staatsdienſt über⸗ haupt von Jedem erwartet und verlangt, dop⸗ pelt aber von Euch, als einem entlaſſenen Sträfling, der ſo vieler Gnade gar nicht werth iſt und der daher ſchon wegen der übeln Dinge, 92 die man ſich ein für alle Mal zu ihm verſehen darf, vor vielen Andern ganz beſondere und außergewöhnliche Proben ſeines Wohlverhaltens und ſeiner dienſtlichen Aufmerkſamkeit und Treue beizubringen hat. Es zeigen ſich, ſicherm Ver⸗ nehmen nach, bereits ſeit Längerem unter den Webern des hieſigen Diſtricts unverkennbare Spuren von Aufſäſſigkeit und übelm Willen, ohne daß Eure Berichte bisher auch nur das Mindeſte davon gemeldet hätten— Kein Wi⸗ derſpruch! ſchnaubte er den Alten an, der bei dieſer Stelle allerdings nicht übel Luſt bezeigte, eine Bemerkung einzuſchieben: das Volk iſt auf⸗ ſäſſig, es muß aufſäſſig ſein, ich will es ſo!! und erwarte von Euch, daß Ihr Eure ganze Sorgfalt auf dieſen Punkt wenden werdet; jede Anzeige, welche Ihr in dieſem Sinne macht, wird Euch Lob und Beförderung einbringen und Nachſicht mit Euern ſonſtigen Schwächen. Desgleichen empfehle ich Euch fortan die un. 93 nachſichtigſte und unerbittlichſte Strenge bei Ein⸗ treibung der Steuern und Gefälle. Es iſt der Wille Seiner Epcellenz und eine hochpreisliche Regierung läßt hiemit durch meinen Mund an Euch, als ihren beſtallten Executor, die gemeſ⸗ ſene Weiſung ergehen, durchaus von Stund' an mit Niemand mehr auch nur die allermin⸗ deſte Nachſicht zu haben— mit Niemand, hört Ihr? Denn es kann dem Staate nichts daran gelegen ſein, Unterthanen zu haben, welche au⸗ ßer Stande ſind, ihren Verpflichtungen gegen Staat und Gemeinde nachzukommen. Und zwar wird Euch dies durch meinen Mund geſagt, in der Abſicht, daß, falls eine hochpreisliche Regie⸗ rung ſich veranlaßt ſehen ſollte, ſchriftliche Be⸗ fehle und Verordnungen im entgegengeſetzten Sinne zu erlaſſen, Ihr dieſe Befehle, als bloß oſtenſible, zu höheren Regierungszwecken gege⸗ bene, durchaus unbeachtet laſſen und Euch in Allem und Jedem nur an diejenige Weiſung 94 vinden ſollt, welche Seine Excellenz Euch hie⸗ mit durch mich unmittelbar ertheilen. Auch ſollt Ihr in dieſem Falle von der ſonſtigen Amts⸗ verſchwiegenheit entbunden ſein und wird es nicht allein nicht ungnädig, ſondern im Gegen⸗ theil mit Wohlgefallen bemerkt werden, wenn Ihr die bevorſtehenden ſtrengen Maßregeln auf geſchickte und unverfüngliche Weiſe ins Publi⸗ kum zu bringen wißt: damit nämlich ein Jeder zum Voraus wiſſe, was er zu erwarten hat, und nicht unvorbereitet zu Schaden komme. Ja ſelbſt wenn Seine Durchlaucht unſer allergnä⸗ digſter Fürſt, in Perſon oder durch eigenhändige unterſchrift, das Gegentheil verfügen ſollten, ſo ſollt Ihr wiſſen, daß auch dieſe durchlauchtigſten Verfügungen lediglich dazu beſtimmt ſind, den Dienſteifer der Angeſtellten auf die Probe zu . ſtellen, und ſollt Ihr daher deſſen unerachtet auch kein Haarbreit nachlaſſen, ſo lieb Euch Euer Dienſt— Alles, ſetzte der junge Mann, plöt⸗ 95 lich wieder in ſeinen ſkurrilen Ton zurückfallend, hinzu, unter Androhung ſofortiger Wiederauf⸗ nahme gewiſſer Prozeſſe, von denen Euch ohne Zweifel ſelbſt bekannt iſt, alter Sandmoll, daß ſie zwar aufgeſchoben ſind, aber noch keineswegs aufgehoben. Und dann mit einem Male ſich dicht vor den Alten ſtellend, die Arme auf dem Rücken, ſich behaglich in den Hüften wiegend: Wozu, fragte er, denkſt du wohl, daß ich eigentlich hier bin, Sandmoll? Allein ſo leicht ließ der Alte ſich nicht aufs Glatteis führen. Sie ſind, ſchnarrte er, der Landſchaftmaler Schmidt; ich ſoll Acht haben auf die unruhigen Köpfe; ich ſoll die Steuern eintreiben ohne Nachſicht— und wozu Sie hier ſind, weiß ich nicht. Der junge Mann lächelte. Zum Exempel, ſagte er und fixirte den An⸗ 96 dern dabei mit einer Schärfe, die auch den Un⸗ ſchuldigſten hätte können befangen machen: es wird ſeit einiger Zeit wieder entſetzlich viel ge⸗ ſchmuggelt in dieſer Gegend. Es müſſen freche Spitzbuben ſein, die Geld hinter ſich haben; denn ſie treiben das Geſchäft im Großen. Da⸗ für, wenn ich ſie packe, ſollen ſie auch ſitzen im Großen. Der Alte hielt baumſtill. Nur, indem er ſeine Verwunderung über dieſe Neuigkeit aus⸗ drücken wollte, verſagte ihm die Stimme völlig und er brachte nichts heraus, als ein einmaliges, ſehr kurzes, dünnes Ah.. Herr von Lehfeldt pn ihn noch einige Augenblicke. Dann kehrte er ſich kurz um, ſetzte ſich und fuhr im gutmüthigſten Ton, den man ſich denken konnte, fort: Von etwas Anderem. Aber erſt, mein' ich, 3 brennen wir uns eine Cigarre an. Mit einer Leurſeligkeit⸗ die noch — Minuten zuvor platterdings unmöglich geſchie⸗ nen hätte, bot er dem Alten Cigarre und Feuer an. Und nun, während Beide den Rauch in lan⸗ gen Wolken von ſich blieſen, entſpann ſich fol⸗ gendes ſeltſame Geſpräch, das von beiden Sei⸗ ten mit einer ſehr wohl berechneten ſchläfrigen Gleichgiltigkeit geführt und mit einer Virtuoſi⸗ tät zwiſchen halbgeſchloſſenen Lippen hervorge⸗ murmelt ward, daß nichts darüber ging. Herr von Lehfeldt, den Kopf in die Hände geſtützt, ſagte: Im Schloſſe bekannt, Sandmoh? — Mäßig bekannt. Guter Herr, der Commerzienrath? — Mäßig guter Herr. Klug? B Sehr klug. Hart gegen ſeine Arbeiter? — Sehr hart. Das Engelchen. I. 98 Viel Geld da? — Sehr viel Geld da— dem Anſcheine nach, verbeſſerte der Alte ſogleich vorſichtig ſich ſelbſt. Verheirathet? — Zweite Frau; vornehme Dame. Kinder? — Zwei Kinder, beide Ehe: eine Toch⸗ ter, faſt zwanzigjährig, in der Penſion in deß Hauptſtadt; ein Knabe, zwölfjährig, ſchwind⸗ ſüchtig, wird nimmer alt. Einigkeit in der Familie? ₰ — Mäßig einig. Herr von Lehfeldt wußte das natürlich längſt und weit vollſtändiger aus beſſern Quellen, als der Alte ihm bieten konnte⸗ Aber er liebte es und war dies eine ſeiner Eigenthümlichkeiten, über Dinge, die er längſt und vielleicht beſſer als ir⸗ gend Jemand wußte, ſich von den verſchieden⸗ ſten Perſonen noch einmal anſcheinend unterrich⸗ ten zu laſſen. 99 Das Ergebniß der eben angeſtellten Prüfung ſchien ihn zu befriedigen. Er ſtand auf, pfiff dem Hund. Hilf mir, ſagte er zu dem Alten, das Pferd den Fußſteig zurückführen auf die große Straße. In einer Viertelſtunde geht der Mond aufz du gehſt voran ins Dorf, ich ſelbſt, auf einem Umweg, folge dir noch dieſe Nacht. Mechaniſch gehorchte der Alte; er fühlte ſich von der innern Aufregung, die er ſtundenlang gewaltſam zurückgepreßt hatte, an allen Gliedern wie gerädert. Herr von Lehfeldt dagegen war friſch und munter, in jener angenehm erhöhten Stimmung, wie man ſie aus geiſtreich anmuthiger Geſell⸗ ſchaft mitzubringen pflegt. Er pfiff eine leiſe WMelodie zwiſchen den Zähnen und redete mit Hoh! und Hah! dem Pferde, das auf dem ſchlechten Wege öfters auszugleiten drohte, gut⸗ müthig zu. Den Steinbildern gegenüber, wo der Quell im Mooſe brodelt, hielt er plötzlich 5 100 ſtill und ſah dem Alten, der mühſelig hinter ihm daherkroch, ſo ſcharf ins Antlitz, als die Dämmerung es irgend erlaubte. Der tolle Heiner, ſagte er, wer iſt das? Das völlig Unerwartete dieſer Frage machte den Alten, der ehe auf alles Andere gefaßt war, einen Augenblick völlig verdutzt; er focht mit den langen Armen hin und her, wackelte mit dem Kopf, rollte die Augen und konnte bei alledem keine Antwort finden. Der tolle Heiner, ſagte er zuletzt, je nun, das iſt der tolle Heiner: ein verrückter Menſch, über den ſich von vernünftigen Leuten nichts ſagen läßt. Wie es heißt, fügte er hinzu, ſo iſt er ehedem Geiſtlicher geweſen, auch Schul⸗ meiſter. Jetzt iſt er Vagabond; doch glaube ich nicht, daß er ſtiehlt. Der Weg wand ſich jetzt ſo mühſam zwi⸗ ſchen den Bäumen hindurch, daß er die größte Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahm, beſonders 101 in Anbetracht des Pferdes. Endlich hatten ſie die große Straße erreicht. Herr von Lehfeldt zäumte das Pferd auf und machte ſich fertig, aufzuſitzen. Schon den Fuß im Bügel: Dieſer Heiner, ſagte er, iſt ein höchſt gefähr⸗ licher Menſch, der unter ſeinen irren Reden mehr Verſtand verbirgt und mehr böſe An⸗ ſchläge, als ihm gut iſt. Ich will, daß er un⸗ vermerkt in Aufſicht genommen wird. Gib einem Manne aus dem Dorf, der ſich am Beſten dazu paßt, den Auftrag; ich werde ſor⸗ gen, daß ihm ſeine Mühe hin und wieder durch eine Kleinigkeit vergolten wird. Der Alte ſah ihn erſtaunt anz er zweifelte, ob er recht gehört.— Herr von Lehfeldt be⸗ achtete es nicht; er ſaß ſchon im Sattel. Adieu, Sandmoll, rief er, und vergiß nicht, was ich dir verſprochen habe: hundert Thaler, wenn du mir Beweiſe bringſt, daß ich dein 102 Sohn; tauſend, wenn du mir beweiſeſt, daß ich es nicht bin! Damit lenkte er das Pferd um, drückte ihm die Sporen in die Seiten und jagte in ſcharfem, kurzem Trabe den Berg hinan; der Hund, ge⸗ waltig anſchlagend, folgte in langen Sätzen. Sechstes Kupitel. Feierabendgedanken. Der Alte blickte dem Reiter nach, bis er ihm völlig aus dem Geſicht verſchwunden, ja bis auch der letzte Hufſchlag ſeines Pferdes, das letzte Klaffen des Hundes in der Stille der Nacht verklungen war. Dann, einen entſetzlichen Fluch ausſtoßend, wandte er ſich um und, die langen Arme ge⸗ ſpenſtig, gleich Mühlflügeln, in die Höhe wer— fend, in wahnſinniger Wuth: Ah, ah! ſtöhnte er, was hab' ich wiederum ausſtehn müſſen von dieſem Buben! Daß ich ihn hätte zwiſchen dieſen Händen! mit dieſen 104 Fingern, wie wollt' ich ihn würgen! ihn zer⸗ reißen mit dieſen Nägeln! Er iſt— fuhr er fort, indem er mit einer + Schnelligkeit, die man den verkrüppelten Beinen kaum zugetraut hätte, den ſteilen Weg hinunter⸗ ſchlurfte— mir zum Hohn und Unglück ge⸗ boren, ich weiß es, von der erſten Stunde an. Thor, der ich war, ihm nicht den Schädel ein⸗ zudrücken, damals, als ich die Macht dazu hatte! als ſein Leben in⸗ Hand gegeben war! als er vor mir lag, ein wimmernder Säugling, und ſtreckte die kleinen Arme nach mir und ſah an mit denſelben fuſchen ſchönen Augen.. Aber es thut nichts, es thut nichts! er nach einer kleinen Weile hinzu und gurgelte vor Vergnügen: ich habe doch meinen Spaß daran gehabt, lange Jahre, und hab' ihn noch! und bin doch noch jetzt jeden Augenblick im Stande, ein Herz damit zu brechen, in armes, frommes, kindliches Herz! Gib Acht, gib Acht, ſchönes 3 ————— 105 Herrchen! Wer zuletzt lacht, lacht am Beſten; ich habe ſchon Manchen geſehen, der ſaß noch ſtolzer zu Roß als du— und hernach lag er am Wege, mit abgeſtürztem Genick, und die Hunde fraßen von ſeinem Fleiſch. Es kommt — meinen alten Kopf wette ich gegen deinen jungen Adel— es kommt, gib Acht! doch noch eine Zeit, wo du weinſt, während ich lache! Dieſer Gedanke ſchien außerordentlich viel Beruhigendes für den Alten zu haben, ſo daß er ſich mit Wohlgefallen darin vertiefte. Er ſchnalzte mit den langen Fingern, daß ſie knack⸗ ten, wie Nüſſe im Feuer; zugleich bewegte er ſich mit einer Schnelligkeit, die lahmen Füße drehten ſich wie Walzen, dergeſtalt, daß der Weg förm⸗ lich vor ihm zu verſchwinden ſchien. Der Mond war inzwiſchen aus den Wolken getreten und warf ſein helles, grelles Licht weit über das Gebirge. Es war ein ſeltſamer An⸗ blick: auf der hellbeſchienenen Straße, auf der ſich im Uebrigen weit und breit kein Fußtritt rührte, die Unform des Alten, im langen grauen Rock, geiſterhaft dahinwalzend, von Minute zu NMinute ſein kurzes trocknes Hüſteln oder auch jenes widerwärtige polternde Lachen heraus⸗ ſtoßend.... Auf ein Mal, an eine der zahlreichen Brücken gekommen, über welche die Straße ſich dahin⸗ wölbte, ſtand er ſtill, holte kurz Athem und ſagte, unwillkürlich auffahrend, wie Jemand, dem eine längere, wohlgeordnete Gedankenreihe plötzlich durch einen unerwarteten Einwand un⸗ terbrochen wird: Wegen des Schmuggelns käme er hieher Pah, ſo dumm bin ich noch lange nicht, um das zu glauben. So ein bischen Schmuggeln, was will das ſagen? Darum kommt ſo ein großer Herr noch lange nicht ſo weit her 3 2 Nein, nein, es muß etwas Anderes ſein, mur⸗ melte er, etwas Anderes! und ich muß es, muß * 8— ———————— es wiſſen, oder die Angſt, wie ein hänfner Strick, würgt mir die Kehle zu! Er zitterte bei dieſen Worten an allen Glie⸗ dern, weniger vor Angſt als vor Wuth; wäre es ihm bei der elenden Beſchaffenheit ſeiner Gliedmaßen möglich geweſen, kein Zweifel, er hätte mit den Füßen in die Erde geſtampft. So jedoch mußte er ſich begnügen, dem Mond, der ihn ſtill und friedlich anlächelte, eine fürch⸗ terliche Fratze zu ſchneiden und mit den ausge⸗ reckten knöchernen Fingern gen Himmel zu drohen. So ſtand er einige Secunden; dann mit ſataniſcher Freude: Ich hab' es! ich hab' es! rief er und ſchnellte ſich, der Himmel mag wiſſen wie, vor Entzücken eine ganze Hand hoch über den Erdboden: Hat er nach dem tollen Heiner gefragt? Er hat nach dem tollen Heiner ge⸗ fragt! Und der Commerzienrath...? Und das 108 Engelchen, das aus der Stadt kommt Ah, ah!.. Aber diesmal war es nicht das gewöhnliche Ah, das kurz aus der Kehle hervorkam: dies quoll aus der tiefſten Bruſt, langgedehnt und weich wie ein Flötenton— das heißt natürlich, wie ein ſehr verſtimmter. Weil er irgend etwas haben mußte, ſeine Freude daran auszulaſſen (eine Freude übrigens, die ſich bei ihm in den⸗ ſelben Merkmalen offenbarte, wie bei anderen Leuten die äußerſte Wuth), ſo riß er, unbe⸗ ſorgt um die Nachtluft, den grauen Quäker vom Kopf und ſtieß und drückte und knüllte ihn mit den langen Fingern in die wunderſamſten Formen, wobei er jenes Ah, ah! immer länger, immer ſchriller wiederholte. Endlich mochte der Freudenſturm ſich ge⸗ legt haben; der Alte wurde ruhiger, ſetzte den Hut tief in die Stirn, zog den kleinen Kragen nach Möglichkeit ins Geſicht und watſchelte mit verdoppelter Schnelligkeit davon.— Bald war er am Eingang des Dorfes, das, von wenig kümmer⸗ lichen Lichtern ſpärlich erhellt, in dichten ſchwarzen Maſſen vor ihm lag. Den tiefſten Schatten auf⸗ ſuchend, drückte er ſich, auf den entlegenſten Wegen, Häuſer und Zäune behutſam entlang; ſein Tritt, für gewöhnlich ſchwerfällig und lärmend, war jetzt ganz leiſe, kaum hörbar geworden. Jeden Stein, der im Wege lag(und, die Wahrheit zu ſagen, es lagen außerordentlich viele im Wege), wußte er vorſichtig zu vermeiden; die zahlreichen Ueber⸗ gänge über den Bach, welcher, faſt von Haus zu Haus von großen, rohen Steinplatten über⸗ brückt, das Dorf in eigenſinnigen Krümmungen mitten durchfloß, traf er jedesmal mit erſtaun⸗ licher Sicherheit. Es war, wie erwähnt, ein Sonnabend Abend eine Tageszeit alſo, die ſich faſt überall durch ein eigenthümliches Gepräge des Frie⸗ dens, eine gewiſſe feierliche Stille auszuzeichnen — pflegt, am Meiſten auf dem Lanbe, Gang des Lebens noch einfacher und regelmäßi⸗ ger iſt und wo daher auch die kleinen Abſchnitte deſſelben noch merklicher hervortreten. Wie ſchön, wie herzerquickend dieſe Feier⸗ abendſtille auf dem Lande, zumal in der ſchö⸗ nen und fruchtbaren Jahreszeit, in welcher dieſe Geſchichte ſich begibt!— Die Felder, von Segen prangend, ſchimmern im Abendgold; zwiſchen ihnen, den Rain entlang, von der Arbeit heim⸗ kehrend, ſein Geräth auf der Schulter, wandelt der Landmann. Er ſteht oft ſtill, bald die Schwere der Aehren, bald die gelbliche Farbe des Halms zu prüfen, bald unter einem jungen Obſtbaum, deſſen Zweige zu brechen drohen, ſo reichlich trägt er zu, eine Stütze feſter zu rücken; fertig mit ſeiner Arbeit, findet er doch überall* noch etwas zu thun: und zwar thut er dies mit einer Umſtändlichkeit, einem gemüthlich freu⸗ digen Behagen, wie er es die lange ſaure 111 Woche über nicht gekannt hat.— Wo ſich Zwei begegnen, rufen ſie einander ſchon von Weitem zu und bieten ſich Feierabend. Näher gekom⸗ men, ſtehen ſie ſtill und plaudern, länger als ſonſt: von der nahen Ernte, von dem reichen Segen, der auf den Feldern wächſt, und wie es ſich heuer ſo gut macht mit dem Wetter.— Nun, vom nächſten Kirchenthurm, erhebt ein Glöcklein ſeine Stimme, leiſe, ſchüchternen Klan⸗ ges; ein zweites antwortet; nun ein drittes, ein viertes: bald, wohin du horchſt, aus allen Him⸗ melsgegenden, mit jedem leiſeſten Luftzug, quilit lieblicher Wohllaut dir entgegen. Im Dorfe ſelbſt, unter der Linde, wo der Brunnen rauſcht, ſteht das junge Volk, Mägde und Burſche, bei einander. Sie ſprechen wenig, mit halblauter Stimme, einzelne, abgebrochene Reden; ſchon ſo müßig bei einander ſtehen, ſchon ſo die Hände einmal in den Schooß legen zu dürfen, ohne Furcht, dafür ausgeſchmählt zu 112 werden vom Großknecht oder gar vom Herrn Inſpector ſelbſt, ſchon dies iſt dieſen einfachen Leuten genug zu Genuß und Unterhaltung.— Nur wo zwei Liebende zuſammenſtehen, da iſt das Geſpräch, wenn auch nicht lauter, doch eifriger: vom morgenden Sonntag, vom Mie⸗ der, mit welchem das Mädchen, vom Hutband, mit dem der Burſche ſich ſchmücken will; wie ſie ſich treffen wollen auf dem Plan und dann abſeit vom Tanz ſich in den Erlenbuſch ver⸗ lieren— ſüße, bethörende Geſpräche, die mehr mit den Augen geführt werden, mit Fuß und Knie und Ellenbogen, als mit Worten! Andere wieder, halbwüchſige Mädchen, denen noch nicht verſtattet iſt, an den abendlichen Zu⸗ ſammenkünften unter der Linde theilzunehmen, wandeln, Arm in Arm verſchränkt, in langer Reihe die Dorfgaſſe auf und nieder; die dünnen jugendlichen Stimmen klingen in einfachen Lie⸗ derweiſen zuſamm en oder wiſpern und flüſtern kleine, läppiſche Heimlichkeiten von Ohr zu Ohr. Nur wo ſie ſich dem Pfarrhofe nähern, unter dem Giebel, wo der Herr Prediger ſeine Stu⸗ dirſtube hat und wo jetzt noch die Aſtrallampe, die einzige im Dorf und darum das Wunder der neugierigen Jugend, mit magiſchem Glanz durch die Gardine ſchimmert, da verſtummt ihr leiſer Geſang da ſchleichen ſie auf den Zehen, halb voll Ehrfurcht, halb voll Muth⸗ willen, und ſtoßen eine die andere in die Seite und kichern, den Finger zwiſchen den Zähnen beißend, über den Schatten des Predigers, wie er, an ſeiner morgenden Predigt ſtudirend, auf und nieder wandelt im Zimmer, indem hier ein Arm, dort eine Hand, hier ein rieſig vergrößerter Kopf, deklamirend, geſti⸗ fulirend, ſich abmalt auf der Gardine. Jetzt hat der Prediger ihr Kichern gehört, die Gardine verſchiebt, das Fenſter öffnet ſich— huſch! wie geſcheuchte Rehe, die Röcke hoch⸗ 114 geſchürzt, über Stock und Stein, platzen ſie auseinander! Aber nun auf einmal, was ſtutzt das ganze Dorf, horcht auf und lauſcht— und plötzlich, aus allen Ecken, ſummt es wie ein Bienen⸗ ſchwarm? Der alte Stelzfuß, drüben im fin⸗ ſtern Häuschen, der Walzerkönig des Dorfs, ſtimmt ſeine Geige und übt die Melodieen, mit denen er morgen die jungen Füße beflügeln wird. Ja gewiß wird er ſie beflügeln! Denn ſchon heut, bei dieſer Probe ſchon, zucken ſie unwillkürlich, die Burſche ſtampfen den Takt, hier und dort faßt Einer ſein Mädchen, Geiauchz und Jubel weithin durch die Nacht... Der Herr Prediger aber, halb verdrießlich, halb lachend, klappt die ſchwere Poſtille zu: für ſolch leichtfertiges Geſindel, was ſoll er ſich noch lange quälen? Sie werden ja hof⸗ fentlich auch ohnedies ſchon in den Himmel kommen.. Vor den Thüren indeß ſitzen die Alten, Greiſe und Weiber, mit den Kindern. Die Kinder ſpielen im Dämmerlicht mit Glasſcher⸗ ben und Stecknadeln oder erzählen ſich Märchen oder ſchauen verwundert aufwärts nach den Sternen. Die Alten aber, leiſe murmelnd, ſprechen von dem und jenem: von dem har⸗ ten Winter und was ſie für Noth ausgeſtanden und wie ſie ſchier nicht geglaubt haben, daß ſie ſich würden durchbringen bis zum Früh⸗ jahr; wie mun aber die liebe Gottesfrucht ſo ſchön im Felde ſteht, und wenn nur kein Ha⸗ gelſchlag mehr kommt und kein Regen wäh⸗ rend der Ernte, und wenn nur die großen Herren aus der Stadt, die Getreidehändler, die Preiſe nicht zu ſehr herunterdrücken, und die Herrſchaft den rückſtändigen Zins nur nicht gar zu ſtreng eintreibt: ſo, meinen ſie, könne es mit Gottes Hilfe wohl ſchon ſein, daß das Ding noch eine Weile ginge, ja vielleicht ſogar, 116 wenn das Glück gut iſt, brauchen ſie alsdann dieſen Winter etwas weniger zu hungern, als den letzten?! Allmälig jedoch verſiegen auch dieſe Unter⸗ haltungen; eine Gruppe nach der andern löſt ſich auf, eine Thür nach der andern klappt zu. Der alte Geiger liegt ſchon längſt auf ſeiner Streu und ſpricht im Schlaf und träumt von Schlachten, die er mit geſchlagen, von Aus⸗ zeichnungen, welche ihm nicht zu Theil gewor⸗ den. Der Prediger, zwiſchen den Daunenl ken des Ehebettes, träumt ebenfalls: von ſchwe⸗ ren fetten Zinshühnern, welche die Bauern brin⸗ gen, von Stipendien für ſeine Jungen, von Be⸗ lobungsſchreiben und Gehaltszulagen; ja, im ſchönſten Moment des Traumes ſieht er ſich in die Stadt verſetzt, hört ſeine Frau im ſchwar⸗ zen Taftkleid rauſchen und hört ſich ſelbſt Herr Conſiſtorialaſſeſſor tituliren!— Jetzt endlich huſcht auch das letzte Liebespaar vom Brun⸗ — nen— Gute Nacht Noch nicht— Auf morgen— Die Hunde ſchlagen an— leiſe..! vorſichtig...! Und nun iſt Alles ſtill, ſo ſtill... Auf allen Augen Schlaf! in allen Herzen Friede! nichts regt ſich! kein Laut weit und breit, als das Plätſchern des Brunnens und hie und da, aus einem geöffneten Fenſter, die tiefen, gleichmäßigen Athemzüge der Schlafen⸗ den D wahrlich, man braucht eben kein Kopf⸗ hänger zu ſein, noch den Empfindſamen zu ſpie⸗ len, oder überhaupt einen beſondern Werth zu legen auf den Sonntag, wie ihn die Kirche feiert, um dennoch in tiefſter Seele ſich ergriffen zu fühlen von einem ſolchen ländlichen Feier⸗ abend! um auch hier, in dieſer wohlthätigen Stille, dieſer ächten, wahren Sabbathruhe, in der das laute, lärmende Leben ſich hier erholt, in dieſen dürftigen Freuden, ärmlichen Genüſſen, 118 denen dieſe harten, gepreßten Herzen ſich hier ſo bereitwillig erſchließen, ein wahrhaftiges, ſichtliches Niederſteigen eines göttlichen Geiſtes, einen wahren Tag des Herren zu verſpüren! Siebentes Rapitel. Das Fabrikdorf. Von dem Allen nun war freilich in dem Fa⸗ brikdorfe, in welches wir ſo eben mit dem Alten eingetreten ſind, nichts zu bemerken. Wohl wa⸗ ren auch hier die Glocken geläutet worden, ſehr lange ſogar und ſehr kunſtreich, ein ſehr wohl⸗ lautendes und ſehr vollſtändiges Geläute, das erſt ganz kürzlich die gnädige Frau hierher ge⸗ ſchenkt hatte: nur daß es übertäubt worden war vom Raſſeln der Maſchinen, vom Pochen der Hämmer, vom Sauſen der Webſtühle! Auch hier war die Sonne hinabgeſtiegen, goldig, 120 in purpurnem Glanz, auch hier hatte die Lerche ihr Abendlied getrillert: nur daß Niemand Zeit gehabt hatte, darauf zu merken! Erſt als die große heiſere Fabrikuhr ſelte als die Thüren der ungeheuern Arbeitsſäle auf⸗ ſprangen in knarrenden Angeln und die Auf⸗ ſeher, durch Wolken von Staub und Schweiß und Qualm hindurch, mit rauher Stimme den Schluß der Arbeitsſtunden verkündigten: da erſt begann auch hier der Feierabend. Aber wie beginnt er!— Nicht mit Frieden und Stille und heitrer, ſeliger Befriedigung, ſondern im Gegentheil, mit Lärm und Streit und widerwärtigem Gezänke. Flüche ſind das Erſte, wozu dieſe Lippen, ſo lange verſtummt, ſich wiederum in Bewegung ſetzen! Drohungen, Stöße, Schläge das Erſte, wozu dieſe arbeit⸗ müden, dieſe zitternden Hände ſich erheben!— Saal um Saal entleert ſich, Männer, Weiber, Kinder, in wüſtem Durcheinander— Heda, wartet! drängt nicht ſo! nehmt das Kind in Ach Umſonſt! Niemand hört! Alles, in wilder Gier, drängt, ſtößt, ſtürzt ſich die breiten, aber unſaubern Treppen abwärts, die dumpfigen Gänge entlang, den Geſchäftszimmern zu, wo, an vergitterten Pulten, mächtige Säcke mit kleiner Münze neben ſich, die Kaſſenführer ſie erwarten. Nun Ordnung, Geſindel! der Reihe nach, Mann für Mann, tretet vor! Wo ſind Eure Arbeitbücher?— Du da, Weib, du biſt drei⸗ mal eine halbe Stunde zu ſpät gekommen... Du haſt ein kleines Kind zu Hauſe, ſagſt du? Das heckt gedankenlos in die Welt hinein; als ob es nicht ſchon genug ſolch Geſindel gäbe wie Ihr! Und krank obenein? Gut, ſo werde Krankenwärterin, in der Fabrik kann man dich nicht dafür bezahlen, daß du zu Hauſe kranke Kinder pflegſt.. Nichts da geheult! Hier iſt Das Engelchen. I. 6 122 der halbe Wochenlohn, die andere Hälfte kommt zur Strafkaſſe... Du raiſonnirſt? du willſt dich beim gnädigen Herrn beſchweren? Ah charmant, beſchwere dich— Herr Werkführer, ſtreichen Sie das Weib aus Ihren Liſten, ſie iſt zum letztenmal heut in der Fabrik gewe⸗ ſen... Nichts da! die Ordnung der Fabrik verträgt es nicht, daß wir Arbeit geben an Leute, welche die reglementsmäßigen Stunden nicht inne halten und dann hinterdrein, ſtatt die geſetzliche Strafe auf ſich zu nehmen, noch mit Beſchwerden und Chikanen drohen.... Was gibts, Alter? Du haſt allemal et⸗ was zu reden, faß dich kurz... Ah ſo, ja wohl, ganz richtig, da find' ich dich ſchon auf meiner Liſte— du haſt zweimal die Spindel zerbrochen, nicht wahr? Das wird gebüßt, du weißt, nach Paragraph ſieben.. Ei was, Zittern in den Händen, das kann jeder ſagen: ungeſchicklichkeit, reine Ungeſchicklichkeit.. Dreiundſiebzig Jahre? Aber du närr'ſcher Kerl, wer heißt dich auch dreiundſiebzig Jahre werden? Da gibts andere Leute, als du, und werden nicht ſo alt.... Nun genug davon! Para⸗ graph ſieben— ich kann die Statuten nicht ändern, und wenn ich's könnte, thät' ich es doch noch nicht; Volk wie Ihr muß kurz gehal⸗ ten werden... So? Nun, für deine unge⸗ bührlichen Reden verdopple ich hiermit den Ab⸗ zug— und übrigens rath' ich dir, mach', daß du ſtirbſt, alter Narr: denn es iſt ja doch nur ein reines Almoſen, was du bekommſt, und die Zeiten ſind nicht danach angethan, Almoſen zu geben an Tagediebe.... Und nun Ihr da, Platz! und laßt die Kleine vor, die da, mit den ſchwarzen Augen, die kleine friſche.. Aber weißt du auch, du kleiner Sa⸗ tan, daß das ſehr ſchlecht zuſammenpaßt, ſolche verwetterte ſchwarze Augen im Kopfe haben und dabei ſo unartig ſein? Der Werkführer hat Be⸗ 6* * ſchwerde über dich angebracht; du biſt ſchnip— piſch, ſagt er, und faul... Ah bah, geh doch! Wegen eines Kuſſes? Du biſt auch wol Eine, die ſich lange bitten läßt wegen eines Kuſſes? Und nach dem Fabrikreglement fällt ja auch ſo etwas gar nicht vor... Es käme darauf an, ſagſt du? und willſt mir die Sache auseinander⸗ ſetzen? Hm? Ei? So? Auseinanderſetzen? Sieh mal an... Auf meinem Zimmer? Mor⸗ gen ftüh? Gut, gut, du Teufelsauge, morgen. früh!... Ei, eil hm, hul... Komn doch noch ein Bischen näher, wie ſchmuck du biſt... Wir werden ſehn, mein Schatz! wir werbes ſehn! Einſtweilen mag es dir für diesmal noch ſo hingehn. Aber wenn du nicht Wort hältſt, Teufelsauge 3 Und ſo geht es ohne Aufhören, hier und dort, da und drüben! Zanken, Schreien, Dro⸗ hen! Gekreiſch der Weiber, Fluchen der Män⸗ ner, Heulen der Kinder, Schelten der Beamten! 125 Dazwiſchen Klappern der Münzen, Kritzeln der Federn— bis endlich, unter tauſend Wider⸗ ſprüchen, tauſend Schimpfworten, das ſchwere Geſchäft der Abrechnung beendet iſt und der ganze zahlloſe Haufe, gleich einem entfeſſelten Strom, über den Vorplatz weg ſich in das Dorf ergießt. Wohin? Welche Frage! Iſt es nicht ein Feierabend im Fabrikdorf, den wir ſchildern? Und wohin anders alſo kann der Zug ſich wäl⸗ zen, als in die Schenke? Die Schenke! die das ſtattlichſte Haus im ganzen Dorfe iſt! die, gleich einem Palaſt, mit hohen, hellen Fenſtern, in ſauberem Anſtrich, mit prangendem Schilde, dem Fabrikgebäude gerade gegenüberliegt! wo die Kaffeekeſſel ſchon ſieden! die Suppen ſchon dampfen! wo, die Wand entlang, hinter dem erhöhten Sitz des Wirthes, auf vergoldetem Geſtelle, die Flaſchen winken, die köſtlichen, gelb, roth, grün, mit 126 langen goldenen Buchſtaben daran, und jede hat ein Spiegelchen hinter ſich, das glitzert und blinkt und wirft den geliebten Anblick verdop⸗ pelt zurück! Alſo in die Schenke— Heda, Wirthſchaft! Hier iſt Geld— Branntwein, Branntwein her! Und Würfel! Karten!!... Was da, ihr Wei⸗ ber? Laßt die Taſche los, ſag' ich... Kein Brod im Hauſe? Lächerlich! Wozu Brod im Hauſe, da wir hier Alles in der Schenke haben können, fir und fertig, Branntwein, Muſik, Ver⸗ gnügen?! Setzt euch heran, ihr Weibsgeſichter, ihr ſollt ja nicht leer ausgehen; da, trinkt! und macht die Schultern weit...! Die Kinder? Ah pah, die Kinder! Gebt ihnen Branntwein zu ſaufen, den Kindern, ſo werden ſie ruhig ſein! Und nun Muſik! Muſik!! den allerneueſten Schleifer, und ob es mein letzter Groſchen in der Taſche wäre und mein letzter Athem in der Kehle: Muſik!— 127 Hinwirbeln die Paare; dieſelben Menſchen, die noch ſo eben todtmüde, kraftlos zuſammen⸗ zubrechen drohten— dennoch, wie die Muſik ihr Ohr berührt, der Branntwein Feuer durch ihre Adern jagt, fühlen ſie ſich ergriffen, ge⸗ packt, bewältigt von bacchiſchem Taumel! raſen ſie hin, unaufhaltſam, mit verrenkten Gliedern! fallen, ſtürzen, taumeln durcheinander! Die Tänzer jauchzen, Dirnen ſchreien, Kinder guie⸗ ken, zerſchmetterte Flaſchen klirren; dazwiſchen das Scharren der Füße, das Krächzen der Gei⸗ gen, der gellende Triller der Pickelflöte, Krei⸗ ſchen, Stampfen, Toben— ein Sabbath, ja: aber ein Hexenſabbath!—— Und doch, was ſich hier immer begibt, beim Glanz der Lampen, Angeſichts der ganzen Ver— ſammlung, wie roh, wie widerwärtig an ſich: es iſt ſittſam, es iſt tugendhaft im Vergleich mit dem, was draußen geſchieht!— Hinaus mußt du treten auf die Gaſſe, die ſonſt ſo ſtill, 128 ſo öde, jetzt wiederhallt von rohen Flüchen und unzüchtigen Geſängen; ſehen mußt du, wie in jedem abgelegenen Winkel, jeder Höhlung des Wegs Laſter ſich zu Laſter gattet; hören mußt du, wie halberwachſene Dirnen, zehn⸗ und zwölf⸗ jährige Kinder, den Vorübergehenden anfallen mit ſchamloſen Reden und den armen unreifen Leib feilbieten um eine Scheidemünze, ja nur um ein Glas Branntwein. Verhülle, wohlthätige Nacht, mit keuſchem Schleier den entſetzlichen Anblick dieſes Elends! Sechs Tage haben dieſe Unglücklichen gearbeitet, von früh bis ſpät, Maſchine unter den Maſchi⸗ nen, ohne Trieb, ohne Gedanken, ohne Gefühl des Eigenthums, ſtumpfſinnig, bewußtlos, wie das Thier im Pfluge, ja ſchlimmer noch: denn das Thier im Pfluge athmet doch wenigſtens reine Luft— darf es uns Wunder nehmen, dürfen wir den Stein aufheben wider ſie, weil ſie jetzt, am Schluß dieſes langwierigen Tage⸗ werks, in den wenigen Stunden, die ſie aus ihrem Joch entlaſſen werden, ſich in ihren Freu⸗ den gleichfalls roh und thieriſch zeigen? Sechs Tage lang ununterbrochen, Jahr aus, Jahr ein, von Kindesbeinen an, iſt an dieſen Armſeligen gearbeitet worden, den letzten Reſt von Men⸗ ſchenwürde, den letzten Funken menſchlichen Be⸗ wußtſeins in ihnen zu erſticken— und jetzt wollt ihr Zeter ſchreien und wollt den Stab über ſie brechen, weil ihr euch überzeugt, daß euer Werk gelungen iſt? Alles, was das Leben veredelt und verſchönert, was ihm Anmuth, Werth und Würde verleiht, das Glück des eignen Herdes, die Gemeinſchaft der Familie, der Segen der Bildung, habt ihr es ihnen nicht vorenthalten und verkümmert, habt ihr ſie nicht abſichtlich blind, dumm, taub erhalten, weil ſie euch ſo beſſer dienen und weil blinde Pferde am Beſten in das Tretrad taugen— und nun überraſcht es euch, daß ſie wirklich geworden ſind, wozu 6** 130 ihr ſie mit ſo vielem Eifer zu machen geſucht habt— Beſtien?! Und redet mir auch nichts vom ſträflichen Leichtſinn dieſes Volkes! Leichtſinn? D ganz gewiß: der Leichtſinn der Verzweiflung! Sie wiſſen Alle, wie ſie hier ſind, daß ſie dem Tode verfallen! Sie wiſſen wohl, wie jede Stunde, die ſie an dieſen Maſchinen zubringen, jeder Athemzug, den ſie in der verpeſteten Luft die⸗ ſer Werkſtätten thun, an ihrem Leben zehrt; ſie ſind auch durchaus nicht im Unklaren dar⸗ über, zu welchem Schickſal ihre Kinder gleicher Weiſe emporwachſen und daß Armuth, Siech⸗ thum, Knechtesdienſt das einzige Erbtheil iſt, das ſie ihnen zu hinterlaſſen im Stande ſind iſt es nicht— wir wollen nicht ſagen gerechtfer⸗ tigt: aber iſt es nicht zum Wenigſten erklärbar, iſt es nicht menſchlich, ja das Einzige, was noch menſchlich iſt an ihnen, daß ſie die elende Neige Leben, die ihnen übrig ſo wild, ſo luſtig zu verſchlemmen wünſchen, als ſie kön⸗ nen? daß ſie mit wahnſinniger Haſt jedem Genuß, jeder Freude nachjagen, wie vergäng⸗ lich, wie nichtig, wie entwürdigend ſie ſei, genug, wenn ſie nur auf Augenblicke wenig⸗ ſtens das Bewußtſein ihres Jammers über⸗ täubt? Ja ſelbſt daß ſie ihre Kinder ſogar gefliſſentlich anlernen zu dieſer elenden Lebens⸗ weiſe, daß ſie frühzeitig ſie vertraut machen mit aller Verworfenheit, allen Laſtern ihres fünftigen Schickſals— iſt nicht auch dies, wie ſehr immerhin unſer Gefühl ſich dagegen empören mag, iſt es nicht recht eigentlich menſchlich, nicht wahrhaft väterlich gehan— delt, der ganze Reſt von Aelternliebe, den dieſe Unglückſeligen ihren Kindern erweiſen können?! Oder wie wollte ein Menſch— ich ſage gar nicht die tägliche Erfahrung, nein: nur den täglichen Anblick dieſes Jammerlebens er⸗ tragen, es wäre denn, daß er von Kindheit an daran gewöhnt und gleichſam abgeſtumpft iſt gegen ſeine Schrecken?! Achtes Rapitel. Eine ſtille Familie. Und abgeſtumpft dagegen bis zum Unfühlbaren war auch der Alte, den wir auf ſeiner Rückkehr von der Galgenfichte bis hierher begleitet haben. Auch ihm waren Scenen, wie die eben geſchil⸗ derten, etwas viel zu Alltägliches, als daß er hätte groß darauf merken ſollen, vorausgeſetzt ſogar, daß ſeine eigenen Angelegenheiten ihm Zeit dazu gelaſſen hätten. Dies war jedoch keineswgs der Fall. Viel⸗ mehr indem er, nach allerlei Kreuz⸗ und Quer⸗ wegen, auf den freien Platz in der Mitte des Dorfes gelangt war, wo die große Schenke von 134 Lichtern glänzte und betrunkene Männer, ze⸗ ternde Weiber, verworfene Dirnen ihr Weſen wüſt durcheinander trieben, war ihm offenbar weit weniger daran gelegen, ſeine Umgebung zu beobachten, als unbeobachtet und unerkannt zu bleiben von ihr. Seine Beſorgniß war unnöthig. Wie wild die Luſtbarkeit, wie toll die Stimmung dieſes Haufens, dennoch, wo einer den Alten erblickte in ſeiner dämoniſchen Mißgeſtalt, trat er, wie von einer plötzlichen Furcht ergriffen, bei Seite und gab ihm Raum. Einige Gaſſenbuben, die ihm von Weitem allerhand Spitz⸗ und Schimpf⸗ namen entgegenriefen, verſtummten, ſo wie er ſich näherte; die kühnſten von ihne langen Arme im Vorübergehen anzuſtreifen ſchie⸗ nen, ergriffen ſchreiend die Flucht. So bildete ſich, mitten im dichteſten Ge⸗ dränge, eine Gaſſe, durch welche der Alte, ſicht⸗ lich ergötzt von dieſem, wenn auch etwas zwei⸗ deutigen Reſpect, den man ſeiner Perſon er⸗ wies, frei dahinſchritt, bis zur entgegengeſetzten Seite, wo die Fabrikgebäude, in ſchweren, alter⸗ thümlichen Maſſen, in die Höhe ragten. Es war dies ehemals ein Kloſter geweſen. Erſt zu Anfang des Jahrhunderts, nachdem Krieg und Wechſel der Zeiten die fromme Be⸗ wohnerſchaft größtentheils verjagt hatte, war daſ⸗ ſelbe aufgehoben worden. Die Kloſtergüter hatte der Staat eingezogen; die weitläufigen Gebäude, nachdem ſie eine Reihe von Jahren wüſt und öde geſtanden, waren endlich, wie es in ſolchen Fällen zu geſchehen pflegt, dem erſten, dem beſten Käufer, weit unter ihrem eigentlichen Werthe, zugeſchlagen worden.— Der künſtlich zugeſpitzte Thurm, der ehedem das langgedehnte, fenſter⸗ reiche Hauptgebäude gekrönt, hatte längſt, we⸗ gen Baufälligkeit, abgetragen werden müſſen. Ein breiter, jetzt waſſerleerer Graben, der die Gebäude in regelmäßigem, ſcharfgeſchnittenem 136 Viereck umgab, war, nebſt der alterthümlichen Brücke und der ſchwerfälligen, thurmartigen Eingangspforte, ſo ziemlich das Einzige, was noch an die urſprüngliche Beſtimmung des Ge⸗ bäudes erinnerte, wenigſtens ſo lange man es nur von außen betrachtete. In dieſem Graben nun, angeklebt, gleich einem Schwalbenneſt, an die rieſenhafte Umfaſ⸗ ſungsmauer des Fabrikgebäudes, oder um es gleich mit dem Namen zu nennen, der bei Bei⸗ den, den Bewohnern des Dorfes ſowohl, wie des Gebäudes ſelber, üblich war: des Schloſſes, lag das armſelige Häuschen, welches dem Al⸗ ten zur Wohnung diente. Wenn auch nicht ganz mit der Behendig⸗ keit einer Katze, doch ebenſo unhörbar wie dieſe, kletterte er die ſchlecht zuſammengeflickten Stu⸗ fen hinunter. Das Haus, von der gegenüber⸗ liegenden Seite des Grabens überſchattet, lag ganz im Finſtern; nur durch den Laden des einzigen niedrigen Fenſters quoll, wie ein ein⸗ ſam verlöſchender Stern, der ſpärliche Schein einer Lampe. Ebenſo geräuſchlos, wie er gekommen, öffnete der Alte die Thür, die er ſogleich wieder hin⸗ ter ſich verſchloß. Auf dem kleinen dunklen Hausflur blieb er mit verhaltenem Athem ſtehen, indem er das Ohr dicht an die Thür des Wohnzimmers legte. Aus dem Zimmer heraus tönte der Geſang (wenn man es Geſang nennen konnte) einer rauhen weiblichen Stimme; es war eine einför⸗ mige geiſtliche Melodie, vorgetragen in jener unausſtehlichen Weiſe, mit jenem Zittern, Deh⸗ nen, Ueberſchlagen, jenem Näſeln und Trillern, durch welches unſere alten Weiber Sonntags in der Kirche ihre ganz beſondere Gottesfurcht darzuthun pflegen Der Alte horchte einige Secunden; dann brachte er das Auge ans Schlüſſelloch.— Sie betet, ſagte er, mit einem Ausdruck, der aus Befriedigung und Verachtung wunderbar ge⸗ miſcht war— dummes Weib! Damit endlich trat er in das Zimmer. Es war ein weites niedriges Gemach, ganz ſo unwohnlich und widerwärtig, wie das un⸗ heimliche Aeußere des Gebäudes es vermuthen ließ. Dem Fenſter zunächſt, in einer Niſche, halb überwachſen von Staub und Spinnenge⸗ webe, ſtand ein alter wurmſtichiger Tiſch, mit Kaſten und Schubläden; auf dem Tiſch lagen, neben einem rieſigen Tintenfaß, allerhand Bü⸗ cher und Papiere. An der Wand darüber hing eine abſcheuliche Fratze in Holzſchnitt, buntge⸗ klext; dieſelbe ſollte nichts Geringeres darſtellen, als den durchlauchtigſten regierenden Fürſten in allerhöchſt eigener Perſon. Daneben ein Kalender, aber ſo beſchmutzt von Fliegen und anderm Ungeziefer, daß es eines eignen Stu⸗ diums bedurfte, ſich darin zurecht zu finden. Bei dem Tiſch ſtand ein zerlumpter lederner Seſſel; beide, Tiſch und Stuhl, waren von Staub und Flecken überdeckt.— Das übrige Zimmer war leer, abgerechnet zwei oder drei hölzerne Schemel und den ungeheuern ſchwarzen Ofen, in welchem, der lauen Sommernacht zum Trotz, ein knatterndes Kohlenfeuer brannte. Dicht an den Ofen gekauert, auf einer ge⸗ brechlichen Fußbank, eine ſchmierige Oellampe neben ſich auf dem Boden, ſaß ein langes hageres Frauenzimmer, dem Anſcheine nach von funfzig und etlichen Jahren; die kahlen Schläfe, die weitaufgeriſſenen glanzloſen Augen, die her⸗ vorſpringenden Backenknochen, der geöffnete zahnloſe Mund verliehen, in der ſcharfen, von untenher fallenden Beleuchtung, ihrem Geſicht eine ſo merkwürdige wie abſchreckende Aehnlich⸗ keit mit einem Todtenkopfe. Sie hielt das Haupt mit beiden Hinden geſtützt; auf ihrem Schooße lag ein auffallend wohlerhaltenes, faſt zierliches Geſangbuch, aus welchem ſie, unzwei⸗ felhaft zu ihrer Privaterbauung, einen Choral abſang. Dieſe Geſtalt, die mit ihrem langen Wuchs, ihren großen Augen den entſchiedenſten Gegen⸗ ſatz— und doch zugleich in ihrer ebenſo ab⸗ ſchreckenden Häßlichkeit das vollkommenſte Sei⸗ tenſtück zum Sandmoll bildete, führte den Na⸗ men Lore, gemeiniglich Diebslore; ſie war nach der Behauptung Einiger eine Anverwandte, nach Anderen ſogar die Frau, in der That aber nicht mehr noch weniger als die Geſellſchafterin und Hausgenoſſin des alten Sandmoll.— Verwandt konnte man ſie ihm freilich auch nennen: näm⸗ lich inſoweit gleiche Verworfenheit der Sitten, gleiche Laſter, gleiche Verbrechen eine Ver⸗ wandtſchaft begründen können. Möglich auch, daß ſie vor Jahren in der That ſeine Frau geweſen; nur der Prieſter war alsdann bei die⸗ ſer Ehe nicht bemüht worden. Wie nun aber ein ſo abgeſchloſſenes, ſo ver⸗ ſtecktes, ja heimtückiſches Weſen, wie wir den Sandmoll bereits kennen gelernt haben, über⸗ haupt zu einer Geſellſchafterin kam? Ganz einfach und ganz nothwendig: wie alte Jungfern zu ihren Schooßhunden kommen, wie ergraute Hageſtolze ſich Papageien und Dompfaffen halten, wie kinderloſe reiche Wit— wen armer Leute Kind zu ſich ins Haus neh⸗ men—: um etwas zu beſitzen, womit ſie, je nach ihrer Laune, ſpielen können und zanken; um ein Ding um ſich zu haben, das ein leben⸗ diges Weſen und im Uebrigen doch nicht beſſer iſt, wenigſtens von ihnen nicht höher geachtet zu werden braucht, als wie ein todter Stein; dem ſie erzählen können und es darf nicht ant⸗ worten; das ſie puffen und knuffen können und es darf ſich nicht widerſetzen!— Lore, wie ſchon ihr Beiname vermuthen ließ, war ehedem eine gewandte Diebsgefährtin des alten Sandmoll 142 N geweſen; daſſelbe urtheil hatte Beide in daſſelbe Zuchthaus geliefert. Als endlich derſelbe Tag Beiden die Freiheit zurückgab und Sandmoll, durch die Vermittlung ſeines Sohnes, des ſo⸗ genannten Herrn von Lehfeldt, die nichts weni⸗ ger als ehrenvolle, aber ſichere Stelle im Fabrik⸗ dorf als Executor und Polizeiſpion erhielt, ver⸗ gaß er, ſei es aus den eben angedeuteten Grün⸗ den, ſei es aus Gewöhnung, ſei es endlich auch aus einer Art von Gutmüthigkeit, die man ja bei gewiſſen Verbrechern dieſes Schlages nichts weniger als ſelten findet— genug, der Sand⸗ moll vergaß ſeiner alten Gefährtin nicht; er nahm ſie zu ſich ins Haus, ſowohl um ſich von ihr die Nothwendigkeiten der Wirthſchaft 3 beſorgen zu laſſen, als auch, um Seng um ſich zu haben, an dem er ſeiner Laune, je nach Beſchaffenheit, ungehindert Luft machen durfte. Lore beſaß überdies zwei Eigenſchaften, welche für einen Mann von Sandmolls Lage und Ver⸗ hältniſſen geradehin unſchätzbar waren und die auch allem Vermuthen nach ſeine Wahl ent⸗ ſchieden hatten: ſie war ſchwerhörig, beinahe taub, und in Folge deſſen, bei einer erprobten Verſchwiegenheit, im äußerſten Grade wortkarg; es gab, ihren Gebieter abgerechnet, kaum einen Menſchen im ganzen Dorfe, der ſich rühmen konnte, eine zuſammenhängende Rede von eini⸗ gem Umfang aus ihrem Munde vernommen zu haben. Wie Sandmoll übrigens gewohnt war, mit ſeiner Freundin umzugehen, davon gab er ſo⸗ gleich beim Eintritt eine deutliche Probe. Ohne Begrüßung oder ohne ſonſt irgend ein Wort zu ſagen, ging er geradewegs auf ſie los und, einen ſeiner gewaltigen Arme in Bewegung ſetzend, mit einem einzigen wohlgezielten Schlage, mitten im ſchönſten Choral, ſchleuderte er ihr das Geſangbuch vom Schooße. Plärre, ſagte er, wenn dich die Leute hören; 144 um mich brauchſt du dir keine Mühe zu geben. — Diebslore, ohne eine Silbe zu erwiedern, ſah ihm ſteif ins Geſicht; dann, als wäre nichts vorgefallen, nahm ſie das Geſangbuch auf, rückte ſich noch näher an den Ofen und ſetzte, wenn auch mit einigermaßen gedämpfter Stimme, ih⸗ ren Geſang unerſchüttert fort. Sandmoll fühlte ſich von der einmaligen Kundgebung ſeines ſouverainen Willens befrie⸗ digt; indem er ſich ſtellte, als ob er den Geſang weiter nicht hörte, ging er das Zimmer einige Male mit ſtarken Schritten(nämlich was für einen Mann von ſeiner Beſchaffenheit ſtarke Schritte waren) auf und nieder, wobei er die Finger heftig knacken ließ, was bei ihm allemal ein Zeichen großer gemüthlicher Aufregung und lebhafter geiſtiger Arbeit war. Einige Minuten mochten auf dieſe Weiſe vergangen ſein und jeder Andere würde geglaubt haben, das Vorgefallene ſei auf beiden Seiten 145 längſt vergeſſen, oder es ſei überhaupt niemals beachtet worden: als plötzlich die taube Lore ihren Geſang unterbrach und mit einer auffal⸗ lend rauhen, faſt männlichen Stimme, gleichſam als ob ſie jetzt erſt dahinter käme: Wenn ich nicht mehr ſingen ſoll, ſagte ſie, ſo wird der Herr Prediger ſich auch hüten, mir neue Geſangbücher zu ſchenken— und warme Strümpfe gar erſt. Sandmoll achtete es nicht der Mühe werth, auf dieſe Bemerkung, ſo viel Richtiges ſie auch haben mochte, etwas zu erwiedern. Er ſetzte ſeinen Gang durchs Zimmer fort, indem er jetzt zum Fingerknacken auch noch jenes ſchon früher geſchilderte, eigenthümlich girrende Lachen ver⸗ nehmen ließ. Die Alte hub aufs Neue an— oder rich⸗ tiger, ſie fuhr, als wäre gar keine Pauſe ge⸗ weſen und ſie brächte ihren Satz ruhig zu Ende, fort: Das Engelchen. I. 7 Und wenn er mir keine neuen Geſangbücher mehr ſchenkt und keine warmen Strümpfe, dann iſt er auch nicht unſer Freund mehr. Und wenn er nicht mehr unſer Freund iſt, dann hat auch unſere Herrlichkeit ein Ende mit Nächſtem.— Denn, ſetzte ſie wiederum nach einer Pauſe hinzu: der Herr Prediger kann Alles— Alles Sandmoll ſchien mit ſeinen Betrachtungen wieder einmal zum Schluß gekommen. Er ſchüt⸗ telte ſich ein, zwei Mal über den ganzen Leib; dann, vor ſeiner Freundin ſtehen bleibend: Was Neues unterdeß? fragte er. Statt aller weitern Antwort und ohne den wieder begonnenen Geſang zu unterbrechen, be⸗ gnügte Lore ſich, rückwärts mit dem Daumen nach dem Schreibtiſch zu deuten, wo, bei den übrigen Papieren, einige ftiſch angekommene Steuerliſten, Executionszettel und Aehnliches lagen. Und nichts von da? fragte Sandmoll wei⸗ ter, indem er, ebenfalls mit ſtummer Geberde, nach der Gegend des Schloſſes deutete. Wieder eine Pauſe. Dann in einem Tone, der es völlig unentſchieden ließ, ob dies eine Antwort ſein ſollte auf ſeine Frage oder eine ſelbſtändige Rede: Der Commerzienrath, ſagte ſie, indem ihre Augen noch immer ſtier auf den Zeilen des Ge⸗ ſangbuchs hafteten, ritt heute vorbei. Der Alte horchte mit unbeſchreiblicher Span⸗ nung. Doch kannte er ſeine Gefährtin zu gut, als daß er, und ob er vor Ungeduld geſtorben wäre, ſie hätte zu größerer Eile antreiben ſollen: er wußte, daß dies das beſte Mittel geweſen wäre, ſie gänzlich verſtummen zu machen, und daß dann keine Drohungen und keine noch ſo grau⸗ ſamen Mishandlungen ihre Lippen in Bewe⸗ gung ſetzen konnten. Auch fuhr ſie wirklich ſchon fort. 7* Der gnädige Herr, ſagte ſie, rief mich an: ich ſolle dir ſagen, ſagt' er, es würde bald Regen geben; wer etwa noch Gras auf der Wieſe hätte, ſollt' ich dir ſagen, ſagt' er, der möchte zuſehen, daß er es hereinbekäme, aber ſchnell. Der Alte zog die Schultern hoch und lachte höhniſch. Weiß er es auch ſchon? ſagte er: Nun gut, ſo wiſſen wir es alle Beide.— Und wann, meinte der gnädige Herr, würde das Wetter kommen? Morgen mit dem Früheſten, erwiederte Lore: und eine Stunde nach Mitternacht, im Weſten, müßt' es ſich entſcheiden. Eine Stunde nach Mitternacht, im Weſten; es iſt gut, wiederholte der Sandmoll. Aber in der Art, wie er dieſe Worte vorbrachte und die jedem Fremden gewiß völlig unverfänglich erſchie⸗ nen wäre, erkannte Lore, daß die angekündigte Wetterveränderung ihn näher anging, als er wollte merken laſſen. Sie klappte das Buch zu und ſchickte, die Arme in einander gelegt, ſich eben an, ihre glanzloſen Augen auf ihn zu richten: als der Sandmoll haſtig die Lampe ergriff, an den Tiſch trat, die Papiere öffnete... Einige davon ſteckte er zu ſich, andere warf er zu dem übrigen Haufen; noch andere endlich, die er aus dem Innern des Tiſches, aus einem verborgenen Fache nahm, verbrannte er an der Lampe. Darauf aus einem andern Fach nahm er ein großes wappenähnliches Schild, aus blan⸗ kem Meſſing, dergleichen Gerichtsdiener, Exe⸗ cutoren und ähnliche Leute bei ihren amtlichen Verrichtungen zu tragen pflegen. Er rieb und putzte daran und ließ es an der Lampe ſpiegeln, bis es ihm blank genug ſchien; dann befeſtigte er es an ſeinem Rocke, auf der linken Bruſt. 150 Er vertauſchte ferner den abenteuerlichen grauen Filz mit einer dienſtmäßigen runden Mütze mit ſchmalem grünem Streifen. Endlich warf er einen alten misfarbigen Mantel über, und nahm den großen Amtsſtock, oben mit Meſſing beſchlagen, in die Hand. So, zum Aufbruch gerüſtet, ſtellte er ſich ſeiner Freundin gegenüber. Sie war ſo groß oder er ſo klein— genug, es fehlte nicht viel, ſo war ſie im Sitzen ebenſo groß, wie er im Stehen; ſie konnten ſich alſo ſehr bequem Aug' in Auge ſehen. Nur Schade, daß die Augen der Einen ſo erloſchen waren, die des Andern ſo tief in ihren Höhlen lagen, ſo daß, wer die beiden Perſonen nicht kannte, ſie in dieſem Augen⸗ blick, da ſie einander ſo ausdruckslos anſtarrten, nothwendig für zwei Blinde gehalten hätte. Aber dieſe ſeltſamen Geſchöpfe, ſo zu einan⸗ der gehörig, ſo in einander verwachſen durch ge⸗ meinſames Elend, gemeinſame Verworfenheit, 8 „ 151 verſtanden ihre kaum ſichtbaren Blicke gegenſei⸗ tig beſſer, als viele ehrliche Leute ihre ausge⸗ ſprochenen deutlichen Worte.— Nachdem Lore ihre großen faden Augen eine Zeitlang auf dem Antlitz des Alten hatte ruhen laſſen, mit einer Beſtimmtheit, die etwas Entſetzen Erregendes hatte: Der Junge iſt wieder da, ſagte ſie. Sandmoll nickte; es war ein langſames, nachdenkliches Nicken. Jetzt erſt ſchien Diebslore ſeinen veränderten Anzug zu bemerken. Wohin ſo ſpät noch? fragte ſie. Dienſt, antwortete Sandmoll, indem er mit einem unbeſchreiblich boshaften Grinſen die Mütze feſter rückte.— Auch dies war etwas Merkwür⸗ diges in dem Umgang dieſer beiden Perſonen, daß, trotz der notoriſchen Schwerhörigkeit des Frauenzimmers, der Alte ſeine Stimme doch nicht im Mindeſten anzuſtrengen brauchte, um ihr jederzeit vollkommen verſtändlich zu ſein— nämlich ſobald ſie ihn verſtehen wollte! Sie las, würde man in anderen Fällen geſagt haben, die Worte von den Lippen;— aber nur von dieſen aufgeſchwollenen, wulſtartigen Lippen, was ließ ſich leſen?! Das Weib verſank wieder in ſein früheres theilnahmloſes Schweigen. Nur indem der Alte bereits unter der Thüre ſtand, mit derſelben, ſtarken, harten Stimme, wie bisher: Wenn es der Junge gar zu arg macht, ſagte ſie, mußt du doch einmal die Gelegenheit wahr⸗ nehmen und ihn auf den Kopf ſchlagen. Sandmoll, der eben damit beſchäftigt war, pantomimiſchen Abſchied von ſeiner Freundin zu nehmen, das heißt, er hob den meſſing⸗ beſchlagenen Stock mehrmals drohend in die Höhe,— nickte wiederum, aber diesmal auf eine durchaus vergnügte und beifällige Weiſe. 4 Ah, ah, röchelte er, indem er ſich 8. 153 Schwelle vorſichtig hinabließ, iſt doch bei alle⸗ dem ein gutes Weib, die alte Lore! ein gutes Weib! ein kluges Weib! Mit dieſen Worten ſchloß er die Hausthür ſorgfältig hinter ſich ab. Das gute kluge Weib verhielt ſich einige Minuten hindurch unbeweglich. Dann, ſowie ſie die Ueberzeugung gewonnen, daß der Alte das Haus wirklich verlaſſen und ſie nicht etwa nach hinterwärts belauſche, auf nackten Füßen, ſchlich ſie ans Fenſter und lauſchte durch den Spalt im Laden.— Dienſt will er haben? murmelte ſie dabei vor ſich hin: das mag er einem Andern weiß machen— Dienſt um zehn Uhr in der Nacht?... Richtig, fuhr ſie fort, indem ſie, vollkommen befriedigt, vom Fenſter zurücktrat: ins Haus des Meiſters, ich dacht' es mir. Zehn Uhr Nachts und er geht noch in das Haus des Meiſters? Ah, ſteh' mir Gott bei, das muß ein garſtiger Aerger geweſen ſein, 7* ½ den er gehabt hat! Für den bin ich zu ſchlecht, ihn an mir auszulaſſen, da muß er ſich was extra zu Gute thun; darum geht er ins Haus des Meiſters... Faſt dauert er mich, ſetzte ſie hinzu, der arme Meiſter; es wäre beſſer todt ſein, obſchon todt ſein höchſt entſetzlich ſein muß, höchſt entſetzlich—!(und hier ſchlugen ihr die Zähne an einander) als dies Leben. Aber wo⸗ her kommt's? Er iſt ein Ketzer, ſagt der Herr Prediger, und will nicht aus dem Geſangbuch ſiügen Damit hatte ſie ſich ihren Sitz am Ofen wieder zurecht gerückt und hub von Neuem an mit lauter plärrender Stimme die geiſtlichen Melodien des Geſangbuchs abzuſingen. 8 — 2 — 8 S — —— *—— — Sb — — — — 8 — — H Erstes Kapitel. Das düſtre Haus. Nachdem Herr von Lehfeldt, nach ſeinem Ab⸗ ſchiede von dem Alten, ſcharf zutrabend, eine ziemliche Strecke Wegs auf der großen Straße zurückgelegt hatte, wandte er ſich plötzlich in faſt entgegengeſetzter Richtung querfeldein, durch Geſtrüpp und Steine, auf ein Gebäude zu, welches, etwa eine Viertelſtunde von der Straße entfernt, in trauriger Einſamkeit, mitten in der unfruchtbaren Ebene lag. Vor Alters als För⸗ ſterwohnung benutzt, diente daſſelbe jetzt, halb verfallen und zum Abbruch beſtimmt, Wegauf⸗ ſehern, Grenzjägern und anderen untergeordne⸗ ten Beamten, die eben in dieſer Gegend zu thun hatten, zu gelegentlichem Aufenthalt.— Im Munde des Volks war ſogar noch von anderen Gäſten die Rede, und minder ehrba⸗ ren, welche das öde Haus zu Zeiten bevölkern ſollten: Schmuggler, behauptete man, Land⸗ ſtreicher und ſonſtiges Geſindel, dergleichen ſich, bei der Nähe der Grenze, hier viel zuſammen⸗ fand, hätten hier ebenfalls, abwechſelnd mit ihren Verfolgern, ja zuweilen, ſetzte das Ge⸗ rücht hinzu, gleichzeitig und nicht ohne gehei⸗ mes Einverſtändniß mit ihnen, eine bequeme Zufluchtsſtätte. Indeſſen wie es damit auch ſein mochte, in dieſem Augenblick wenigſtens ſtand das Gebäude, allem Anſcheine nach, völlig unbewohnt; nirgend ein Licht, nirgend eine Spur von Menſchen. Das ganze Haus, wie es ſo dalag, lautlos, leblos, auf der hellbeglänzten Fläche, mit der langen, ſchwarzen, halbzerſtörten Eſſe, die ihren abenteuerlichen Schatten weithin warf, den dunklen Fenſterhöhlen, wo auf zerknickten Schei⸗ ben der Mond ſich ſpiegelte, gewährte einen unendlich düſtern, unheimlichen Anblick; Nie⸗ mand, der es zum erſten Mal geſehen, zumal in dieſer nächtlichen Stunde, hätte ſich eines geheimen Grauens erwehren mögen. Von einem derartigen Grauen empfand Herr von Lehfeldt nun freilich nichts. Aber daß auch er ſich dem Hauſe nur mit einer beſon⸗ dern Vorſicht näherte, war nicht zu verkennen. Die Rechte hatte er feſt in der Bruſttaſche, wo die Terzerole ſteckte; mit der Linken hemmte er von Zeit zu Zeit die Zügel, indem er, mit geſpannteſter Aufmerkſamkeit, nach dem dunklen Hauſe hinüberlauſchte. Aber nirgend regte ſich ein Laut; nur das kurze Schnaufen des Hundes, der, die Naſe dicht an die Erde gedrückt, eine Spur zu ſuchen 160 oder eine gefundene zu erkennen ſchien, unter⸗ brach die allgemeine Stille. Herr von Lehfeldt war jetzt bis dicht vor das Haus gelangt. Langſam ritt er um daſ⸗ ſelbe herum, bis unter den ſüdlichen Giebel, wo ein kleines Gehöft, von einem hohen Zaun umſchloſſen, ſich anlehnte. Wieder lauſchte er zwei Minuten. Aber wiederum blieb Alles ſtill. Der Hund, als wäre er jetzt vollkommen im Reinen und wüßte, wo er wäre, hatte ſich traulich unter den Thor⸗ weg gelagert und blickte, mit dem gewaltigen. Schweif den Staub von der Schwelle klopfend, mit muntern Augen zu ſeinem Herrn empor. Jetzt endlich ſchien Herr von Lehfeldt zu einem Entſchluß zu kommen. Sich leicht in den Bügeln erhebend, pochte er mit der Spitze ſeiner Gerte dreimal, in eigenthümlichem Tact, an das Giebelfenſter, das ſich zunächſt über 4 ſeinem Haupt befand. — In demſelben Augenblick wurde das Zeichen von innen wiederholt. So wie er es vernommen, ſchwang ſich Herr von Lehfeldt aus dem Sattel; er lüftete den Hut, knöpfte den Rock auf, gähnte leicht, kurzum, er benahm ſich ganz wie Einer, der ſich in dem angenehmen Bewußtſein ergeht, eine misliche Situation glücklich überſtanden zu haben. Inzwiſchen war es im Innern des Hauſes lebendig geworden. Das hüpfende Licht einer Blendlaterne lief durch die öden Kammern. Jetzt hörte man ein Geräuſch am Thorweg; derſelbe öffnete ſich und zwei Männer in unſcheinbarer Kleidung wurden ſichtbar. Herr von Lehfeldt warf dem Nächſtſtehen⸗ den die Zügel zu: Alles in Ordnung? fragte er den Andern, indem er raſchen Schrittes in den engen Hofraum trat. Alles in Ordnung, wiederholte der Mann, die Hand zu militairiſchem Gruß an die Mütze legend. Damit war die Gruppe eingetreten. Der Thorweg ſchloß ſich; zum zweiten Mal hüpfte der Lichtſchein durch das dunkle Haus, um gleich darauf im Innern deſſelben zu verſchwinden... Und wiederum war es ſo ſtill, ſo todt— man hätte ſchwören mögen, daß keine lebendige Seele darin. Kaum eine Viertelſtunde war vergangen, als der Thorweg ſich aufs Neue öffnete. Herr von Lehfeldt, jetzt in der bequemen Tracht eines Fußgängers, trat heraus. Hinter ihm das Pferd, von einem der Diener geritten. Schon auf der Schwelle wandte Herr von Lehfeldt ſich noch einmal um. Bis morgen Abend, ſagte er, iſt nun nichts weiter zu erwarten. Du, Andres, reiteſt das Pferd auf die Station zurück; gib die beiden Zettel ab, aber nur an den Mann, der das Wort weiß. Ihr, Samuel, wandte er ſich zu dem Andern, haltet Euch wacker in Eurer Ein⸗ ſamkeit; wenn Ihr einſchlaft, ſei's mit Einem Auge. Um Mittag iſt Andres wieder zurück; wenn etwas vorfällt, ſo wißt Ihr den Weg, wie Eure Nachrichten mich finden. Die beiden Angeredeten verneigten ſich; der Eine verſchloß das Thor, der Andere, mit lau⸗ tem Zungenſchlag, ſetzte das Pferd in Trab, rückwärts denſelben Weg, nach der großen Straße zu, den es vor Kurzem erſt gekommen. Herr von Lehfeldt ſah ihm einige Augen⸗ blicke nach: Wackres Geſchöpf, immer wachſam, immer unverdroſſen, ſagte er, in einem Tone, der es unentſchieden ließ, ob er von dem Roß ſprach oder von dem Reiter— pfiff dem Hunde und wandelte mit muntern Schritten nach der entgegengeſetzten Seite hin, abwärts in das Thal. Zweites Kapitel. Das Abenteuer. Der Weg, auf welchem der junge Mann da⸗ hinſchritt.... Aber nein, das war kein Weg mehr zu nennen! Kaum einen Büchſenſchuß von dem unheimlichen Hauſe ſtürzt das Terrain ſteil ab; eine Schlucht öffnet ſich— folge ihr Niemand! Denn wenige Schritte nur und der vorwitzige Wanderer ſieht ſich von allen Seiten, vorwärts, g rückwärts, umgeben, eingeengt, gefangen in einem „ Labyrinth von Kegeln und Klippen, Schluchten 3 und Gründen, ſo regellos, ſo wild phantaſtiſch, als hätte in Urzeiten die Fauſt eines Rieſen hier, in übermüthigem Spielwerk, die weiche Rinde des Erdballs durcheinander gequetſcht. Der Boden iſt abſchüſſig, ſumpfig; unter dem Tritt des Wanderers ſickern kleine Quellen her⸗ vor; zahlloſe Bäche, in ſeltſamen Windungen, ſchleichen träg von Fels zu Fels. Herr von Lehfeldt jedoch durchſchritt dies Labyrinth unbeirrten Fußes, mit ſtolzer Sicher⸗ heit, als ob er auf dem Parquet eines Tanz⸗ ſaals wandelte. Er wußte, daß die große Straße in dieſer Gegend genöthigt iſt, einen beträchtlichen Umweg zu machen, und da ihm daran gelegen war, das Fabrikdorf ſo bald wie möglich zu erreichen, vielleicht auch, weil es ihm läſtig fiel, denſelben Weg noch einmal zu Fuß zu⸗ rückzulegen, ſo hatte er keinen Augenblick Beden⸗ ken getragen, dieſe nähere, wenn auch mühſe⸗ 3 lige und gefahrvolle Richtung einzuſchlagen. Und welche Bedenken hätte er auch dabei haben können? Da es in der That ſo war, wie wir es unlängſt aus ſeinem Geſpräch mit dem Alten vernommen: es war in der That der Schau⸗ platz ſeiner Kindheit, auf dem er hier wan⸗ delte! in dieſen Gründen und Schluchten, zwi⸗ ſchen dieſen Felſen und Klippen war er aufge⸗ wachſen! jeden Stein und jeden Buſch in die⸗ ſer wüſten Gegend erkannte er wieder, mit der⸗ ſelben inſtinctmäßigen Sicherheit, mit der An⸗ dere, nach dreißigjähriger Trennung, den Nuß⸗ baum wiedererkennen und die Roſenhecke, un⸗ ter der ſie als Kinder in ihres Vaters Garten Verſteck geſpielt! Aber allerdings nicht mit derſelben Freude. War es eine Folge der Anſtrengungen und Auf⸗ regungen, denen er ſich den Tag über ausge⸗ ſetzt hatte und die nun allmälig anfingen, wenn nicht ſeinen Körper, doch die Kraft ſeines Gei⸗ ſtes abzuſpannen; war es ein Nachhall jener Geſpräche, die er mit dem alten Falſchmünzer geführt hatte, oder endlich war es der geheim⸗ nißvolle Zauber dieſer Mondnacht, die ihn mit lindem Hauch wollüſtig umſchmeichelte und ſeine ſtarre Seele löſte: genug, in dem Hirn des einſamen Wanderers ſtiegen Gedanken auf, Bilder zogen vorüber an ſeinem innern Auge, Empfindungen wurden wach in ſeinem Herzen, die er längſt verwiſcht, längſt geſtorben glaubte! Eine tiefe Sehnſucht überkam ihn nach jener wüſten, rohen Jugendzeit, nicht um ihrer un⸗ gebundenen Freiheit willen, nicht wegen der Abenteuer und Gefahren, in denen ſeine junge Seele ſich gebadet hatte, wie ein Schwan im Waſſer— nein: nur weil er damals ein Kind geweſen war, ein Kind! und trotz aller Ver⸗ worfenheit, die ihn umgeben, trotz allen Elends mit dem er zu kämpfen gehabt hatte, beſſer dennoch im Grunde und glücklicher als jetzt. Ja, indem er, mit peinlicher Genauigkeit, ſich vertiefte in den Gegenſatz ſeiner früheren und ſeiner gegenwärtigen Lage; indem er ſich ſelbſt zu erblicken meinte, wie er hier mitten in der Nacht, einſam, das Auge der Menſchen ſcheuend, wie ehedem, ſich zum zweiten Mal dahinſtahl zwiſchen dieſen öden Felſen; indem er ſich un⸗ willkürlich genöthigt fühlte, ſich ſelbſt Rechen⸗ ſchaft zu geben über die Verbindungen, die ihn hieher geführt, die Zwecke, die ihn zurückge⸗ bracht an dieſe Stelle: ſo überfiel den ſtarken Mann, der ſoeben erſt einer drohenden Gefahr mit ſo viel kühler Beſonnenheit entgegengegan⸗ gen war ja der nicht mit dem Auge geblinkt hatte, als der Wahnſinnige die Keule gegen ſein Haupt ſchwang— es überfiel, ſage ich, denſelben Mann eine unſägliche Angſt vor ſich ſelbſt und er hätte aufſchreien mögen, wie vor einem Geſpenſt, vor ſeinem eignen Schatten. Perſonen von der Charakterſtärke und der eiſernen Selbſtbeherrſchung, wie Herr von Leh⸗ feldt, führen keine Selbſtgeſpräche, wenigſtens keine lauten, auch nicht im Mondenſchein und ſelbſt dann nicht, wenn die Fluth ihrer Seele hoch aufſchwillt in ſchmerzlicher Empörung. Wir müſſen daher in dieſem Falle auf den Vortheil, deſſen andere Romanſchreiber ſich bedienen, in⸗ dem ſie die Selbſtgeſpräche ihrer Helden belau⸗ ſchen, Verzicht leiſten: unſere Leſer würden den angeblichen Monologen eines Herrn von Lehfeldt doch keinen Glauben ſchenken. Dagegen wenn wir ihnen ſagen, daß derſelbe zu wiederholten Malen tief aufathmend ſtehen blieb und die bei⸗ den Hände flach gegen die Bruſt preßte, als wollte er ſich eine Laſt davon herunterwälzen: ſo werden ſie hoffentlich fühlen, was dieſe krampfhafte Aufregung bei einer ſo ehernen Natur, wie dieſe, zu bedeuten hatte, und daß damit in der That mehr geſagt war, als An⸗ dere in ſtundenlangen Monologen jemals ſagen können. Das laute Anſchlagen ſeines Hundes ſcheuchte Das Engelchen. J. 8 170 Herrn von Lehfeldt aus dieſen Gedanken und Träumen empor, eine klägliche Stimme rief dazwiſchen... Herr von Lehfeldt fuhr mit der Hand über die Stirn— hinunter, hinunter, träumende Gedanken! und Ihr da, gebt Raum, unſicht⸗ bare Geiſter der Nacht! Alle Teufel, Mann, den Hund zurück! Heda— oh, ah— verwünſchtes Thier! Die Situation, in welcher dieſe Worte ge⸗ ruſen wurden, war kläglich genug, wenigſtens für den, der ſich darin befand. Für den Zu⸗ ſchauer im Gegentheil hatte ſie etwas Komiſches: ein Herr, in geſchmackvoller ſtädtiſcher Klei⸗ dung, breitſchultrig, von ungewöhnlicher Kor⸗ pulenz, mit Armen und Beinen vergeblich den Hund von ſich wehrend, der, mit grimmigem Gebell, beide Pfoten auf ſeine breiten Schul⸗ tern gelagert hielt und die kalte feuchte Schnauze dicht an ſein wohlgenährtes Antlitz preßte. Hl Ein Wink des Herrn von Lehfeldt brachte den Hund zurück. Uf, rief der Fremde, das fehlte noch— o du verwünſchte Mondnacht! Mein Kragen, meine Weſte! Wißt Ihr auch, Mann, wandte er ſich zu Herrn von Lehfeldt, daß es geradezu ab⸗ geſchmackt iſt, mit ſolchen großen Kötern Nachts zwiſchen den Bergen umherzuziehen und idylliſche Wanderer zu beunruhigen, von der Polizeiwi⸗ drigkeit gar nicht zu ſprechen? Aber freilich, ſetzte er hinzu, indem er ſich eifrigſt bemühte, die Spuren der eben erlittenen Umarmung von ſich abzuklopfen, ein dummer Streich kommt aus dem andern, und ſo wahr ich Florus heiße, ich wollte, ich hätte dies verwetterte Gebirge nie geſehen. Gebirge? Pah, dummer Unſinn! leere Renommage! Steine, an denen man ſich die Schienbeine zerſtößt, Schluchten, wo man den Hals bricht, Sümpfe, in denen man ſtecken bleibt— ein ſchönes Gebirge das! 8* 172 Herr von Lehfeldt ſchien keine Luſt zu ha⸗ ben, den Verlauf dieſes Abenteuers abzuwarten. Da der Weg zu eng war, um mit Bequem⸗ lichkeit an einander vorüber zu können, ſo deu⸗ tete er mit einer leichten Bewegung der Hand an, daß er geneigt ſei, dem Andern den Vortritt zu laſſen, indem er zugleich eine flüchtige Entſchuldigung wegen des Hundes ausſprach. Der nächtliche ahne ſet die Geberde des Herrn von Lehfeldt ſehr wohl verſtanden; ſie war jedoch durchaus nicht nach ſeinem Sinne. Was? rief er, hier vorbeipaſſiren? Nun wahr⸗ haftig: zu geſchweigen von der Gefahr, zwiſchen dieſen verwünſchten Felſen ſtecken zu bleiben, wie eine Maus in der Falle— wiewohl mir, unterbrach er ſich ſelbſt, dieſelbe ziemlich nahe iſt: denn bekanntlich, wenn auch leider nicht der größte, ſo bin ich doch der dickſte Dichter Deutſchlands— denkt Ihr denn, Mann, fuhr 173 er mit erhobener Stimme fort, daß ich zum Vergnügen umherwandle zwiſchen dieſen elen⸗ den Steinen, und das noch dazu in nachtſchla⸗ fender Zeit? Vergnügen, ei ja doch: verirrt bin ich, guter Mann, verirrt auf eine ganz maliciöſe Weiſe— Oder nein, verbeſſerte er ſich, nicht maliciös, ſondern ganz gerechter Weiſe, zur Strafe meines Uebermuths, weil ich meine Naſe auch einmal in Gebirgsluft tra⸗ gen wollte. Der Mond, der Mond— o Beſter, glauben Sie keinem Menſchen ein Wort, der Ihnen etwas Gutes vom Monde ſagt! Es iſt das abſcheulichſte Geſtirn am ganzen Himmel; ſchläft man, ſo kriegt man Alpdrücken von dem dummen blaſſen Geſicht da uben, und wacht man, ſo führt es Einen in die Patſche. Es iſt eine bloße poetiſche Tradition mit dem ganzen Monde, auf mein Wort, und ich ſage mich los davon, wiewohl ich ein Poet bin; jede honette Straßenlaterne iſt mir lieber. Da ſcht, — Mann, rief er und ſtreckte in komiſchem Zorn das Haupt entgegen, das, ſeltſam genug, mit einem bunten ſeidnen Tuch, wie mit einem Turban, umwunden war: ſeht her, wie ich zu⸗ gerichtet bin! Hut weg— das war, wie ich zwiſchen die Klippen rutſchte; Stock weg— das war, wie ich in den Sumpf fiel; Ka⸗ maſchen zerriſſen— das war überall; Rock zerriſſen— das war Euer Hund, und an dem Allen iſt nichts Schuld, als der Mond und das Gebirge. Ich bin ein Dpfer meiner poe⸗ tiſchen Studien, ſetzte er in etwas getröſtetem Ton hinzu, das iſt's! Itch bedaure Ihre Unfälle, mein Herr, er⸗ wiederte Herr von Lehfeldt, mit einer Stimme, welche ſeine wachſende Ungeduld verrieth, denn er ließ die Worte kaum halb zwiſchen den Zäh⸗ nen hervor: aber ich erſuche Sie zu bemerken, daß ich Eile habe und daß weder Zeit noch Ort geeignet ſein dürften... 175 Aber der dicke Poet ließ ihn nicht zu Ende ſprechen. Eile? rief er, Eile, Herzensmann? Nun ſehen Sie, das iſt ja gerade mein Fall! Eile, verſteht ſich! Eile nach einem warmen Bett! Eile nach einem guten Glaſe Glühwein— ich wünſche mir nichts Beſſeres: denn ich bin naß bis über die Knie und wenn ich morgen nicht meinen allerſchönſten Gichtſchmerz habe, ſo iſt's ein Mirakel. Sie hören, mein Allervortrefflich⸗ ſter, fuhr er fort und pflanzte ſeine dicke Figur, gleich einer Schanze, quer über den Weg, ſo daß Strom ſchon nicht übel Luſt bezeigte, ſeine Umarmung zu wiederholen— Sie hören, daß ich ein Poet bin und darum denken Sie, daß ich auch ein Phantaſt ſein muß, nicht wahr? Aber weit gefehlt! Das Rützliche zum Schö⸗ nen, da liegt's, und ich kann zu Zeiten ein Lo⸗ giker ſein, ein gefährlicher Logiker, ſag' ich Ihnen! Geben Sie Acht, Vortrefflichſter: da Sie hier gehen, ſo müſſen Sie auch irgendwo⸗ hin gehen; da Sie dieſe Richtung frei haben wollen, müſſen Sie auch wiſſen, wohin dieſe Richtung führt— warum? weil ſonſt kein zu⸗ reichender Grund vorhanden wäre— Nun denn, charmanter Mann: wohin Sie wollen, will ich auch, es iſt mir ganz egal, wohin es iſt, wenn ich nur auf irgend eine Weiſe aus dieſem ver⸗ wünſchten Labyrinth herauskomme. Oder den⸗ ken Sie, Herr, daß ich mir werde von Ihrem Hunde den Rock zerreißen laſſen und hinter⸗ drein wollen Sie mich nicht einmal zurecht⸗ weiſen? Nein, Herr, das werden Sie nicht! Sie haben einen guten Rock an, Herr, und ein menſchliches Angeſicht! Sie werden ſich eines Poeten erbarmen, den Gebirg und Mondſchein und, wenn Sie wollen, ſeine eigene Thorheit irre geführt haben und der wol noch im Stande iſt, Ihren Namen. Bei dieſen Worten, die er halb ſpaßhaft, diclel halb ärgerlich hervorſtieß, war er, mit erhobe⸗ nen Händen, dicht vor Herrn von Lehfeldt ge⸗ treten und ſah ihm, der ſein Geſicht jetzt un⸗ möglich mehr wegwenden konnte, dicht in die Augen.. Nun, beim Apoll und ſeinen neun lieder⸗ lichen Dirnen, rief er, indem er vor Ueber⸗ raſchung zwei Schritte zurückprallte, das nenn' ich mir ein Abenteuer! Iſt's möglich? an dieſer Stelle? Herr von Lehfeldt?! und mit ſtürmiſcher Freude wollt' er ihn umarmen. Aber jetzt trat Herr von Lehfeldt ſeinerſeits zurück. Mein Herr, ſagte er mit vollkom⸗ menſter Ernſthaftigkeit und einem Nachdruck auf jedem einzelnen Worte, der unwillkürlich Reſpect einflößte: da ich den Umſtänden nach nicht vorausſetzen darf, daß es Ihnen gefäl⸗ lig ſein ſollte, mit einem Unbekannten einen Muthwillen zu treiben, der in der That ſehr S** wenig am Ort ſein würde und gegen den ich überdies(mit einem Seitenblick auf den Hund) mich in jeder Hinſicht gedeckt fühlen dürfte, ſo wollen Sie mir die Verſicherung erlauben, daß eine zufällige Aehnlichkeit Sie täuſcht und daß ich nicht die Ehre habe... Nicht die Ehre habe, wiederholte der Poet mechaniſch, mit verhallender Stimme: ah ſo, bitte tauſend Mal um Entſchuldigung... meine Brille.. ich merke jetzt erſt, daß ich auch meine Brille verloren habe... Sie wiſſen, Herr von Lehfeldt— oder nein, da Sie nicht Herr von Lehfeldt ſind, ſo wiſſen Sie auch nicht, daß ich außerordentlich kurzſichtig bin... ganz außerordentlich... Ei zum Teufel, rief er dazwiſchen und ſtarrte Herrn von Lehfeldt mit aufgeriſſenen Augen ins Geſicht: Aehn⸗ lichkeit! was da Aehnlichkeit! Solche Aehnlich⸗ keiten gibt es nicht, Sie ſind es ſelbſt, Herr von Lehfeldt! Wir kennen Sie, Sie ſind ein Schalk, Sie lieben dergleichen Streiche; aber hier mitten in der Nacht iſt das, wenn Sie mir erlauben wollen, eine Grauſamkeit! eine pure Grauſamkeit, Herr von Lehfeldt! Herr von Lehfeldt ſah ihn mit leichtem Kopf⸗ ſchütteln fragend an, wie Einer, der durchaus nicht weiß, wovon die Rede iſt. Nein, nein, rief der Poet, der jetzt wirk⸗ lich ernſthaft in Verzweiflung gerieth: das iſt zu viel! das heißt den Scherz übertreiben! Was? Sie wollen nicht Herr von Lehfeldt ſein? Sie wollen mich nicht kennen? Was? Und wir haben ein Jahr lang zuſammen ge⸗ ſpeiſt, im Schwanen, wiſſen Sie, rechts an der Ecke? und wie mein Stück durchgefallen war, machten Sie noch den ſchlechten Witz darüber, bei den erſten Schoten, wie? Und es ſind noch nicht drei Wochen, da war ich mit Ihnen in der Soirce bei Ihrem Onkel, dem Herrn Miniſter, was? Und wollen mich verleugnen? mich? Ihren Freund? den dicken Florus? mich? bei nachtſchlafender Zeit, in wildfremdem Lande, mich?! Drittes Kapitel. Diplomatiſche Verſtändigungen. Herr von Lehfeldt firirte den Poeten mit kla⸗ ren, kalten Blicken, während ein feines Lächeln ſeinen Mund umſpielte. Wiewohl, ſagte er mit einer artigen Vernei⸗ gung, nur ein unbedeutender Mann, bin ich doch in der neueſten Literatur unſeres Vaterlandes nicht unbekannt genug, um nicht den Namen Florus zu kennen und zu verehren; ſind nicht „Die getreuen Schotten“ aus Ihrer geiſtreichen Feder? Ja, ſagte der Dichter, ſie ſind es und ſollen * 182 es auch bleiben, und das iſt gerade das Stück, das die Gründlinge des Parterre mir durchfal⸗ len ließen und worüber Sie bei den erſten Schoten.. Aber der unerbittliche Herr von Lehfeldt ſchnitt ihm das Wort vom Munde ab. Ich war damals, ſagte er, ſelbſt im Theater und entſinne mich noch ſehr wohl, mit welchem Un⸗ willen mich der Ungeſchmack unſeres Publicums erfüllte; haben Sie vielleicht damals unter dem allgemeinen Pfeifen einen Klatſcher gehört, ich ſage Einen? Das war ich, mein Herr. Herr von Lehfeldt hatte ſich jetzt, ähnlich, wie einige Stunden zuvor dem Vagobonden gegenüber, vollkommen in die Situation gefun⸗ den; nachdem er ſie vergebens geſucht hatte ab⸗ zuwenden, gedachte er ſie jetzt, durch humoriſtiſche Verarbeitung, zu einem freien Spiel des Witzes zu erheben. Auch war er insgeheim unwillig auf ſich ſelbſt wegen der Weichheit, die ihn vor⸗ ————— hin beſchlichen; es konnte ihm nichts Erwünſch⸗ teres kommen, ſich von dieſer, wie es ihm jetzt wieder vorkam, verächtlichen und unmännlichen Stimmung gründlich zu befreien und ſich zurück⸗ zuverſetzen in ſeine gewohnte ſtachligte Herbig⸗ keit, als dieſes Zuſammentreffen. Florus ſah ihn mistrauiſch von der Seite an, ohne ein Wort zu erwiedern. Erlauben Sie mir, fuhr Herr von Lehfeldt fort, Ihnen meine Freude auszudrücken über den unerwarteten Zufall, einen ſehr unerwar⸗ teten, in der That, der mir die Ehre dieſer geiſtreichen und berühmten Bekanntſchaft ver⸗ ſchafft; genehmigen Sie aber auch zugleich die wiederholte und wahrhafte Verſicherung, daß der Herr von Kleefeld, mit dem Sie die Güte hatten, mich zu verwechſeln... Lehfeldt, brummte der Dichter. Ganz zu Ihrem Befehl, mein Herr: aber ich erſuche Sie, die Verſicherung zu genehmi⸗ gen, daß gedachter Herr mir vollkommen un⸗ bekannt iſt und daß ich bis zu dieſer Stunde durchaus nicht die Ehre gehabt habe, mich Ihrer ausgezeichneten Bekanntſchaft rühmen zu dür⸗ fen. Was übrigens die Aehnlichkeit, mit dem Herrn von Seefeld.. Lehfeldt, Florus. Sehr richtig: und ich bitte um Verzeihung, daß ich den Namen Ihres Freundes, gegen den ich ſchon um deswillen eine außerordentliche Hochachtung hege, durch falſche Ausſprache verunſtalte; es geſchieht ganz gewiß in keiner böſen Abſicht, ganz gewiß nicht, Herr Florus.. Oh, ſtöhnte der Dichter voll Ungeduld und befühlte ängſtlich die naſſen Kamaſchen. Die Bemerkung, Herr Florus, fuhr der Andere fort, welche ich mir erlauben wollte, war dieſe: daß es nämlich bei Mondſchein au⸗ ßerordentlich ſchwierig iſt, über Achnlichkeiten zu urtheilen, beſonders, Herr Florus, wenn 185 man, wie Sie ſoeben die Geneigtheit hatten, mich zu verſichern, ſeine Brille verloren hat. Ich darf dieſe Meinung vielleicht äußern, ſelbſt einem ſo berühmten Manne gegenüber, ohne mich einer ſträflichen Anmaßung ſchuldig zu machen, indem mein Metier es gewiſſermaßen ſo mit ſich bringt und es nicht gut wäre, wenn ich nicht wenigſtens darüber einige Erfahrung hätte: ich bin Maler, Herr Florus— das heißt ein ganz unbedeutender, ſo unbedeutend und anſpruchlos, wie mein Name: Schmidt, ganz kurzweg Schmidt— oder wenn Sie ſehr gütig ſein wollen, Herr Florus: Landſchaftmaler Schmidt.... Schmidt— ſehr ſchöner Name das, ſagte der Dichter trocken, ſei es nun, daß die aus⸗ führliche Rede des Herrn von Lehfeldt und dieſe unvergleichliche Ruhe, mit der er dieſelbe vor⸗ getragen, ihn wirklich überzeugt hatte, oder daß er aus irgend einem andern Grunde ge⸗ neigt war, den Streit, für dieſen Augenblick wenigſtens, fallen zu laſſen: Nun denn, mein vortrefflichſter Herr Schmidt, ſo wollen wir denn alſo dieſen Herrn von Lehfeldt laufen laſ⸗ ſen; es iſt wirklich, unter uns geſprochen, ein ganz ſchlechter Geſelle und nicht werth, daß man ſich einen Schnupfen an ihm holt, wie ich es ohne Zweifel in dieſem Augenblick thue. So erſuche ich Sie denn, mein vortrefflichſter Herr Landſchaftmaler Schmidt, mich für dies⸗ mal unter Ihre Fittige zu nehmen und mir aus dieſem geſchmackloſen Wirrwarr von Fels und Sumpf und Moor auf eine ordentliche Straße und zu einem menſchlichen Obdach zu verhelfen. Der Maler(denn bei dem außerordentlichen Gewicht, das Herr von Lehfeldt hiernach auf ſein Incognito zu legen ſchien, müſſen wir ihn ja auch wohl nur wiederum ſo nennen) ver⸗ ſicherte ſeine vollſte Bereitwilligkeit und der Dichter folgte ihm, ſo gut ſeine umfangreiche igur und die ſchwierige Beſchaffenheit des Bo⸗ dens es nur immer zuließ. Er war jetzt ganz in tiefes Schweigen verſunken, was auf eine auffällige Art gegen die Redſeligkeit contraſtirte, die er zu Anfang gezeigt hatte. Vielleicht indeß konnte er deshalb den Mund nicht öffnen, weil ſeine Augen gar ſo ſehr be⸗ ſchäftigt waren; wo der Weg irgend einmal erlaubte aufzuſehen, heftete er ſeine Blicke mit einer wahrhaft inquiſitoriſchen Wißbegier auf die Geſtalt ſeines Führers, als wollte er ihn durch und durch blicken. Da er jedoch in der That ſehr kurzſichtig war, ſo hatte er bei alledem wenig Vortheil davon. Nur ein einzig Mal— ſie paſſirten eben eine breite Sumpfſtrecke und der Maler hatte allen Fleiß anzuwenden, die trockenſten Stellen auf⸗ zufinden— unterbrach er ſein ungewohntes Schweigen. Herr von— Schmidt, wollt' ich ſagen, 188 rief er: ah ſo, verzeihen Sie, ich vergaß, daß Sie Herrn von Lehfeldt gar nicht kennen und daß es Sie daher auch unmöglich intereſſiren kann, was man in dieſen Tagen von ihm in der Hauptſtadt erzählte? Man erzählte, rief er und arbeitete dabei aus allen Kräften, die Flanke ſeines Führers zu gewinnen, daß Herr von Lehfeldt ſeit einigen Tagen aus der Haupt⸗ ſtadt verſchwunden iſt! man erzählte von einem auswärtigen Geſchäft, einer geheimen Miſſion, aber(wobei ſeine Stimme immer lauter wurde und er ſich immer näher an den Maler heranzu⸗ arbeiten ſuchte) man erzählte von anderer Seite auch, daß böſe Geſchichten mit Herrn von Lehfeldt vorgefallen wären, von Unterſuchung erzählte man, unfreiwilliger Entfernung und allerhöchſter Ungnade— Nun? das intereſſirt Sie nicht im Mindeſten, Herr Schmidt, nicht wahr? Nicht im Mindeſten? Und ich erzähle es Ihnen auch blos, um Ihnen zu ſagen, daß es mich eben⸗ 6 falls nicht intereſſirt und daß ich überhaupt von der ganzen Geſchichte nicht ein Wort glaube, verſtehen Sie mich? Nicht ein Wort glaube ich! Herr von Lehfeldt iſt ein feiner Fuchs, ein ſchlauer Kunde iſt Herr von Lehfeldt; aber an⸗ dere Leute ſind auch nicht... Und damit, pumps, ſtand er bis über die Knöchel im hellen Waſſer. Sie müſſen hinter mir bleiben, verehrteſter Herr Florus, ſagte der Maler ruhig: für Zwei iſt hier kein Platz und ich fürchte ernſtlich für Ihre Gicht. Endlich, nachdem ſie auf dieſe Weiſe eine reichliche Stunde herumgekrochen waren, hat⸗ ten ſie das Schlimmſte überſtanden; das Erd⸗ reich wurde feſter, die Felſen traten zurück und der Keſſel, der das Fabrikdorf umſchließt, lag offen vor ihnen. Je näher ſie dem Dorfe ka⸗ men, um ſo mehr beſchleunigte der Maler ſeine Schritte. Es geht ſtark auf Mitternacht, ſagte 190 er, und ich fürchte, Herr Florus, Sie werden in Verlegenheit kommen um Ihren gewärmten Wein. Aber Herr Florus, wacker zuſchreitend, hielt ſich dicht an ſeiner Seite. Eben wollten ſie über die Brücke ſchreiten, die von der großen Straße her in das Dorf führt, als der Dichter auf ein Mal den Arm ſeines Nachbarn ergriff, mit einer ſolchen, faſt müſſen wir ſagen, innigen Heftigkeit, und zu⸗ gleich in Ton und Ausdruck lag ſolche unge⸗ wohnte dringliche Feierlichkeit, daß der Ange⸗ redete ihm nothgedrungen ſtille hielt. Herr von Lehfeldt, ſagte der Dichter— nein um Alles in der Welt, unterbrechen Sie mich nur jetzt nicht! Ich habe die ganze Zeit her Ihre Geſtalt und jede Ihrer Bewegungen aufs Genaueſte geprüft; das iſt keine Aehnlich⸗ keit, die ſich verwechſeln läßt, da können mir Mondſchein und verlorene Brille nichts anha⸗ ben: ſo wahr ich der Dichter Florus bin und ſo wahr ich Ihren Arm hier leibhaftig zwiſchen meinen Händen halte, ſo wahr ſind Sie Herr von Lehfeldt— nein bitte, laſſen Sie mich zu Ende reden! Welche Gründe Sie haben, dies Incognito anzunehmen— anzunehmen, Herr von Lehfeldt, auch gegen mich, der ich ein gan⸗ zes Jahr mit Ihnen im Schwanen gegeſſen habe und der ich noch vor drei Wochen mit Ihnen in der Soirte bei Ihres Herrn Onkels Excellenz geweſen bin—! weiß ich nicht, will es auch nicht unterſuchen. Ich habe manche Fehler, Herr von Lehfeldt, ich weiß es, und wenn gewiſſe Leute zuweilen über mich lächeln, ſo beruhigt mich dies, daß ich noch öfter über mich ſelber lache, ja im Grunde genommen in einem fortwährenden moquanten Vergnü⸗ gen über mich ſelbſt lebe. Aber Indiscretion und Zudringlichkeit, Herr von Lehfeldt— Sie müſſen es mir bezeugen, gerade weil 192 Sie Herr von Lehfeldt ſind— ſind meine Fehler nicht. Nach einer augenblicklichen Pauſe fuhr er fort: In Ihre Geheimniſſe alſo mich eindrängen will ich nicht; ſeien Sie Herr Schmidt oder Herr Müller oder Herr Schulze, ich laſſe Ihnen freie Auswahl, da ich doch recht gut weiß, wer Sie ſind und keine Verſtellung mich länger irre machen kann. Aber da es möglich wäre, daß die Gründe Ihres Verfahrens in mir lägen, ich meine, daß mein unvermuthetes Erſcheinen in dieſer Gegend in Ihnen gewiſſe Befürchtun⸗ gen... Sie ſehen, wohin ich ziele, Herr von Lehfeldt... eine gewiſſe Eiferſucht... unter Umſtänden.. und die an ſich ganz natürlich wäre.. ganz natürlich, Herr von Lehfeldt... Sei es, daß er den Flug zu hoch genom⸗ men, ſei es, daß er ſelbſt noch nicht recht klar war über die Sache, die er eigentlich ausdrücken wollte— genug, der Redner hatte ſich hier 193 aufs Schönſte verhaſpelt. Mechaniſch, weil er es ſonſt ſo gewohnt war, griff er ſich ins Ge⸗ ſicht, um an der Brille zu rücken: und der Um⸗ ſtand, daß er dieſelbe da nicht fand, ſowie die boshafte Freundlichkeit, mit welcher Herr von Lehfeldt, mit ſeitwärts geneigtem Kopfe, die Fortſetzung ſeiner Rede erwartete, trug nur dazu bei, ſeine Verlegenheit noch zu vergrößern. Bald indeß fand er ſich zurecht und, Silbe vor Silbe zählend, mit pathetiſcher Langſamkeit: Es iſt in der Hauptſtadt, ſagte er, eine bekannte Sache und die Salons haben ſich zwei ganze Abende davon unterhalten, daß Miß Angelica— ich bitte zu bemerken, Miß Ange⸗ lica— im Begriffe ſteht, die Reſidenz zu ver⸗ laſſen und zu ihrem Vater zurückzukehren, einem würdigen Manne, Herr von Lehfeldt, wie wir nicht zweifeln dürfen, da er allgemein als ein MVillionair bekannt iſt— verſtehen Sie, Herr von Lehfeldt? ein Millionair... Das Engelchen. I. Ich lege keinen Werth auf die mancherlei Gerüchte(fuhr er, jetzt wieder völlig im Zuge, fort), die in der Hauptſtadt über das Ver⸗ hültniß der liebenswürdigen Tochter zu dem— vielleicht nicht liebenswürdigen, aber jedenfalls, wie ſchon bemerkt, höchſt verehrungswürdigen Vater curſiren. Nur die Bemerkung kann ich 3 nicht unterdrücken, daß für einen jungen Mann, welcher etwa geneigt wäre, ſeine unſchätzbare Freiheit an ein ſchönes Mädchen und eine Tonne Goldes zu verlieren, ſich hier eine höchſt günſtige Gelegenheit eröffnen dürfte, ganz beſonders wenn beſagter junger Mann etwa Juriſt ſein ſolte. Denn wie ich hörte, ſo wird es ſich dabei noch um Teſtamente und Proceſſe handeln. Ich komme ſogleich zum Schluß, Herr von Lehfeldt! Ich enthalte mich aller Vermuthungen und führe 3 dieſe Thatſache nur an, um die Verſicherung daran zu knüpfen, daß ich für meine Pekſon lieber(und hier endlich fiel er wieder in ſeinen * 6 195 alten cordialen Ton zurück) von zehn Teufeln lebendig zerpflückt ſein will, als eine Frau neh⸗ men— warum, Herr von Lehfeldt? Sie wiſſen es recht gut: weil ich ſchon eine gehabt habe und weil dieſelbe mir gerade Geld genug hin⸗ terlaſſen hat, um mit Anſtand davon zu le⸗ ben. Wer ſich alſo um deswillen gegen mich ins Geheimniß hüllen wollte, weil er, in ſehr ſchmeichelhafter Eiferſucht, in mir einen Neben⸗ buhler und Mitbewerber um die ſchöne Ange⸗ lica— oder, wenn Sie nichts dagegen haben, Nebennarren und Mitraſenden fürchtet, der, mit Reeſpekt zu ſagen, ſteckt im Sumpf— im Sumpf, Herr von Lehfeldt! und iſt von der richtigen Fährte wenigſtens ſo weit entfernt, wie ich es vorhin war. Nein, Verehrteſter: was mich zu dieſer thörichten Reiſe veranlaßt hat, iſt ſo wenig eine Herzens- als eine politiſche Affaire, ſondern reinweg eine literariſche. Ich fühle ſehr wohl, junger Spötter, wie ich mich 9* 196 mit dieſem Geſtändniß den Waffen Ihres Witzes widerſtandlos überliefere. Aber es liegt einmal ſo in meiner Natur, daß ich mich lieber wiſſent⸗ lich blamiren will, als ohne Grund zum Narren gehalten werden. Die ſociale Frage, Vortreff⸗ lichſter, da haben Sie's! Wir haben oft darü⸗ ber zuſammen gelacht, nicht? und nun treibt das verwetterte Ding mich in dieſe Berge. Es iſt reine Illuſion damit, ich geb' es zu, eine Art Mondſchein, nichts weiter: und wiederum iſt mir ein geſpickter Haſe lieber als der ganze Socia⸗ lismus. Indeſſen was will man machen? Das Ding iſt einmal in der Mode, alle Welt will etwas Sociales leſen: verhungernde Proletarier, reicht Wucherer, bleicht Weberkinder auf mein Wort, Herr von Lehfeldt, ich liebe eine behag⸗ liche Exiſtenz und mein ganzer äſthetiſcher Ma⸗ gen dreht ſich um, wo ich eine von dieſen Jammerhöhlen erblicke, ſelbſt nur im Buche. Aber die Zeit will es, die Literatur verlangt es. Auch behauptet mein Arzt, ich würde zu ſtark— eine leidige Wahrheit! rief er und blickte, halb wehmüthig, halb ſelbſtgefällig, auf das wohl⸗ genährte Bäuchlein, das er vor ſich hertrug: und Landluft und Fußreiſen und bäuriſche Diät müßten meiner Taille wieder aufhelfen. Gut denn, ſo werd' ich mich hier ſechs Wochen auf das Elend legen— begreifen Sie jetzt, Herr von Lehfeldt? ſechs Wochen lang auf das Elend! Socialiſtiſche Studien will ich machen, das iſt mein ganzer Zweck; was ich ſo ſocia⸗ liſtiſche Studien nenne: einige Greulgeſchichten, Scandäle, Abenteuer, einige ruppige, mord⸗ verbrannte Geſtalten, Peſt, Elend, Hungers⸗ noth, was ſich ſo etwa als haarſträubende Dorfgeſchichte oder ländliches Trauerſpiel ver⸗ arbeiten läßt. Bin ich Ihnen nun weit genug aus dem Gehege? und ſehen Sie ein, wie unnöthig Ihre Beſorgniß? Sie, Glücklicher, werden Honig der Liebe ſammeln von den 198 Lippen Ihrer Angebeteten, indeſſen ich, Diener der Muſen, einigen romantiſchen Dreck zuſam⸗ menkehren werde aus den Hütten des Elends. Der dicke Mann war von der langen Rede ganz erſchöpft; er haſchte künſtlich einen Zipfel des Tuchs, um ſich damit den Schweiß von der Stirn zu trocknen. Der Maoler, nach einem kurzen Bedenken, erwiederte: Auch ich, geehrteſter Herr Florus, habe mich während unſerer Wanderung mit dem Ge⸗ danken an die wunderſame Aehnlichkeit beſchäf⸗ tigt, die Sie mir aufzudrängen belieben. Ich gerieth dabei unter Anderm auf jene Stelle im Cervantes, die Ihnen, bei Ihrer ausgebreiteten Kenntniß der Literatur, ohne Zweifel ſogleich vollſtändig gegenwärtig ſein wird: nämlich wo er von Perſonen ſpricht, welche, ohne ſich in der That auch nur im Mindeſten ähnlich zu ſehen, dennoch Tag für Tag von der Ein⸗ 3 199 wohnerſchaft ganzer Städte mit einander ver⸗ wechſelt wurden. Wenn das in Spanien paſ⸗ ſirt iſt vor dreihundert Jahren, warum nicht auch jetzt bei uns?— Das, Herr Florus, iſt die eine Seite von der Sache. Aber ich ſehe noch eine zweite daran und bitte um Erlaubniß, Ihnen dieſelbe ebenfalls andeuten zu dürfen. Geſetzt nämlich, der Herr von Lehfeldt, von dem Sie ſprechen, hätte nun einmal, aus irgend welchen Gründen, die Laune, für einige Zeit für einen Landſchaftmaler Schmidt gelten zu wollen; geſetzt ferner, er hätte ſich ſelbſt das Gelübde gethan und erklärte es hiermit feier⸗ lichſt(und bei dieſen Worten ſtellte der Maler ſich dem aufmerkſam zuhorchenden Dichter auf einmal ſchroff in den Weg), ein paar Kugeln wechſeln zu wollen mit Jedem, der ſich dieſer Laune nicht fügen möchte, überall und ſo lange, bis er ſelbſt ihn davon entbinden wird... Der Poet, zu deſſen Gebrechen Raufluſt 200 nicht gehörte, war vor Ueberraſchung weit zu⸗ rückgeprallt. Ei verſteht ſich, ſagte er haſtig, dieſe hre zweite Anſicht hat außerordentlich viel für ſich, Herr Schmidt, und ich trete ihr vollkommen bei, Herr Schmidt. Ueberhaupt, Herr Schmidt, habe ich nicht das geringſte Talent für Aehn⸗ lichkeiten, Herr Schmidt, und wenn ich vorhin dergleichen geſagt habe, ſo iſt das ein bloßer Scherz geweſen, ſo zu ſagen, ein Reiſeſcherz, Herr Schmidt... Unter dieſen Verhandlungen endlich hatten ſie die Schenke erreicht, wo alle Fenſter noch hell erleuchtet waren und noch ein wildes, jauch⸗ zendes Leben durch alle Säle tobte. Piertes Kapitel. In der Schenke. Die Wirthin, eine raſche, runde Frau, in den ſogenannten beſten Jahren, empfing die Frem⸗ den, trotz der ſpäten Stunde und trotz der zahl⸗ reichen Gäſte, die ihre Aufmerkſamkeit ohnedies ſchon in Anſpruch nahmen, mit großer Zuvor⸗ kommenheit. Sie hatte, als Mädchen, einige Jahre in einer Weinſtube der Reſidenz ſervirt und ſetzte etwas darin, gebildetere Gäſte, die ihr Haus gelegentlich betraten, durch ihre ſtädti⸗ ſchen Manieren und die Zierlichkeit ihrer Be⸗ wirthung zu überraſchen. Geld, pflegte ſie zu ſagen, nimmt man von Jedem, und dreißig 9** ſchmutzige Groſchen ſind auch ein Thaler: aber von ſeines Gleichen will man nicht blos Geld, ſondern auch Ehre.— Auch fiel es ihr in dieſem Fall nicht ſchwer, den Glanz ihres Hauſes zu behaupten. Denn wie ſich jetzt erſt ergab, ſo war dies, durch einen höchſt erwünſchten Zufall, daſſelbe Dorf und daſſelbe Wirthshaus, wo Herr Florus, der in dergleichen Dingen außer⸗ ordentlich genau zu ſein pflegte, ſich ſchon ſeit acht Tagen zum Voraus Quartier beſtellt hatte. Ein paar freundliche Kammern, von de⸗ nen er ſogleich die eine an ſeinen Reiſegefährten abtrat, waren in Bereitſchaft. Auch ein wohl⸗ ausgeſtatteter Mantelſack, den er ebenfalls von Hauſe vorausgeſchickt hatte, und der ihn ſo⸗ gleich in den Stand ſetzte, ſeine Toilette zu verbeſſern, fand ſich vor. Durch all dieſe Umſtände war der Dichter in die glücklichſte Laune verſetzt; er hatte ſeine ganze alte Redſeligkeit wieder gewonnen und 203 wurde nicht müde, ſeinen guten Stern zu prei⸗ ſen, der ihn durch alle Fährlichkeiten zu dieſem behaglichen Ausgang geführt hatte. Ich halte, ſagte er zu ſeinem Gefährten, vom Reiſen ſonſt, im Ganzen genommen, nicht viel. Ich habe das in meiner Jugend abge⸗ macht, wo ich noch ein armer Teufel war und die Bequemlichkeiten des Lebens nicht zu ſchätzen verſtand. Jetzt weiß ich, daß beim Reiſen, Summa, mehr Laſt iſt als Vergnügen, und hier herum nun gar. Aber was wahr iſt, muß wahr bleiben: Abenteuer erlebt man auf ſolcher Fahrt, Einfälle bekommt man und Anſchauungen— man könnte zu Hauſe ein halbes Jahr darüber nachdenken und käme nicht auf ſolche Geſchichten. In dieſer roſenfarbenen Stimmung, an der je⸗ doch, um gerecht zu ſein, auch der gewärmte Wein nicht ganz ohne Antheil war, beſtand er denn auch darauf, noch in den großen Saal hinunterzu⸗ gehen, wo die Fabrikarbeiter ihre Orgien feierten. 204 Ich reiſe, ſagte er, nicht des Vergnügens halber, ſondern zum Studium: und alſo darf ich mich nicht ſchonen. Der Maler zeigte anfangs wenig Luſt, ihn zu begleiten; er ſei müde, meinte er, und wolle ſich zur Ruhe legen. Zuletzt indeß gab er dem dringenden Zureden des Dichters nach. Sehn Sie, ſagte dieſer, indem ſie die Stiege hinuntergingen, mein beſter Herr Schmidt: zwei Leute, die ſich ſo wunderſam getroffen haben, wie wir beide, für die iſt das ein Fingerzeig, daß das Schickſal noch etwas Beſonderes mit ihnen vorhat und daß ſie daher ſo lange bei einander bleiben ſollen wie möglich. Es iſt ein wahres Luſtſpiel, das wir mit einander auf⸗ führen, und da ein Jeder von uns Acteur und Zuſchauer zugleich iſt, ſo iſt es nicht möglich, ſich beſſer zu amüſiren. 33 Der gute Mann hätte noch einen andern Grund anführen können und einen noch ſtich⸗ 205 haltigern. So ſehr ihn nämlich lüſterte, das abenteuerliche Treiben im Saal in der Nähe zu betrachten, ſo ſpürte er andererſeits doch auch einiges Grauen davor; ein glücklicher Geſellſchaf⸗ ter in den lockern Kreiſen der Hauptſtadt, fehlte ihm alle Gabe, ſich mit Leuten aus dem Volke zu verſtändigen. Von ſeinem Gefährten dage⸗ gen wußte er, daß derſelbe, mit unvergleichlicher Gewandtheit, ſich mit Jedermann in jedem Ver⸗ hältniß zurecht fand; auch ſein Muth und ſeine körperliche Stärke waren ihm wohlbekannt. Unter welchem beſſern Schutz alſo konnte er ſeine poetiſchen Studien eröffnen? Aber auch der Maler war nicht ganz ehrlich geweſen, als er ſeine Müdigkeit vorſchützte. Im Gegentheil: mit dem ſcharfen Blick, der ihm eigenthümlich war, hatte er, gleich wie ſie zuerſt an der offenen Saalthür vorübergingen, aus dem wogenden Meer von Geſtalten eine erkannt, die ihn in hohem Grade intereſſirte und für de⸗ 206 ren weitere Bekanntſchaft er gern eine Stunde von ſeiner Nachtruh' opferte: den Vagabonden, mit dem er vor Kurzem unter der Galgenſichte zuſammengetroffen.— Warum er eine Einla⸗ dung, die ihm ſelbſt ſo erwünſcht kam, dennoch erſt nach einiger Weigerung angenommen? Un⸗ ſere Leſer, nach den Blicken, die ſie bereits in das Weſen des Herrn von Lehfeldt gethan, wer⸗ den ſich die Frage leicht beantworten können: dieſem wunderbaren Charakter geſtaltete ſich un⸗ willkürlich Alles, womit er in Berührung kam, Perſonen, Verhältniſſe, Umgebungen, zu einem Stoff, die Ueberlegenheit ſeines Geiſtes daran zu prüfen. Wie ein geſchickter Kartenſchläger, in ruhigem Geſpräch, mit leeren Fingern, ja ſelbſt im Schlaf, unmerklich die Handgriffe wiederholt, durch welche er ſeine Zauberſtücke bewerkſtelligt: ſo auch Herr von Lehfeldt, bei jeder geringfügigſten Gelegenheit, an jedem kleinſten Stoff, übte er ſeine Neigung zur In⸗ 2 trigue. Es war ihm ebenſo unmöglich, irgend einen Zweck, ohne Umſchweif, auf geradem Wege zu verfolgen, als es einem Schielenden unmög⸗ lich iſt, geradeaus zu ſehen. Die Wirthin, die ſich durch dieſe Herab⸗ laſſung ihrer vornehmen Gäſte ſehr geſchmeichelt fühlte, beeilte ſich, ihnen den ſogenannten Her⸗ renwinkel einzuräumen: eine Art Verſchlag, zunächſt am Schenktiſch, ein bequemes, heim⸗ liches Plätzchen, in einiger Höhe, von dem aus ſie den ganzen Saal überſchauen konnten, und wo ſie gegen die Zudringlichkeit der übrigen Gäſte, ja ſogar gegen die Blicke derſelben hin⸗ länglich geſichert waren. Es iſt freilich, ſagte ſie, indem ſie raſch noch mit der Schürze die Stühle abkehrte, ſo eifrig, daß das mächtige Schlüſſelbund an ihrer Seite läutete, wie ein Glockenſpiel— Es iſt freilich nicht Alles, wie Euer Gnaden es gewohnt ſind und wie man ſelbſt es haben könnte, wenn das 208 Volk nicht gar zu roh wäre. Ich habe es auch nicht gedacht, als ich als Mädchen ſechs Jahre in der Hauptſtadt ſervirte, wiſſen Sie? beim ſeligen Herrn Heckmeier, der den guten Ungar hatte, rechts vom Schloß, wo der nackte Herr⸗ gott über dem Keller ſteht, daß es einmal ſo mit mir zu Ende gehen ſollte. Aber was mehr? Gott ſorgt für die Seinen und ein Jeder für ſich, und wenn man ſein gutes Auskommen hat und ein bischen Ehre bei den Leuten, ſo darf man es mit dem Uebrigen ſo genau nicht nehmen. Für Herrn von Lehfeldt hätte es dieſer Ent⸗ ſchuldigungen am Wenigſten bedurft. Denn für ihn hätte der Platz nicht glücklicher gewählt ſein können: dicht darunter ſaß die Gruppe, die ſich um den Vagabonden, als ihren Mittelpunkt, zuſammengefunden hatte; kein Wort, keine Miene konnte ihm hier entgehen. Der Landſtreicher ſtand zu cberſ am Tiſch; er war ſonſt eine ſehr verachtete Perſon, aber da er heut mit Geld in der Taſche gekommen war, ſo ſpielte er den Meiſter. Seine Blicke ſprühten; auf ſeiner Stirn brannten große rothe Flecken; ſeine Stimme, von dem vielen Schreien und Trinken, war unerträglich heiſer. Einen ſchmutzigen ledernen Becher hoch über dem Kopfe ſchwingend: Aufgeſchaut, meine Herrſchaften! rief er in dem burlesken Ton eines Marktſchreiers, und tutete gleich darauf in den Becher, wie in eine Trompete: Hier werden Sie ſehen die Metze Fortuna, tanzt auf einem Bein— Grinſend Geſicht, den Steiß herausgekehrt— — hop!!* Laß deine Sprüche, Narr, ſagte ein kleiner blaſſer Mann, mit hochblondem Haar und klei⸗ nen funkelnden Auen, der ihm zunächſt ſaß— und wirf zu. Wem's fällt, dem fällt's: und das Andere iſt Alles nur Zeit verdorben. 210 Der Leſer merkt, um was es ſich eigentlich handelte: es war ein gemüthliches Würfelſpiel, womit dieſe ehrenwerthe Geſellſchaft ſich unter⸗ hielt. Mit Hellern, Pfennigen, Groſchen hatte man angefangen, verſuchsweiſe, bloß zum Spaß— und jetzt rollten Guldenſtücke und Thaler auf dem Tiſch, der Wochenlohn und ganze Unterhalt mehr als einer Familie. Ja, Einige hatten ſchon die Uhr locker gemacht, tom⸗ backne Uhren, ſilberne zum Höchſten, aber doch ein ſehr werthvoller Einſatz in dieſem Kreiſe. und fünf ſind vierzehn, rief der tolle Heiner, der inzwiſchen geworfen hatte: Rother Konrad, ich kann dein Geſicht nicht leiden, und was dahinterſteckt erſt recht nicht: aber dein Geld nehm' ich doch— warum? Wir können nicht von Kräutern Beeren, Waſſer, Wie wildes Thier und Fiſch und Vogel leben.— Eine Flaſche Wein, Frau Wirthin, dieſer Brannt⸗ wein ſtinkt mich an... pfui, pfui! pah, pah! Gib etwas Biſam, guter Apotheker, Die Phantaſie zu würzen! Da iſt Gold! Es herrſcht ein alter Aberglaube unter Spie⸗ lern gleich den hier verſammelten, daß es ſich nie⸗ mals glücklicher ſpielt, als mit geſchenktem Geld, oder gar mit geſtohlenem. Wenigſtens der erſte Theil dieſer Tradition ſchien heute ſeine Be⸗ ſtätigung finden zu ſollen: der Thaler des Herrn von Lehfeldt hatte ſich unter den Händen des Landſtreichers ſchon mehr als verzehnfacht; alles Geld, das gegen ihn geſetzt ward, zog er an, wie mit magnetiſcher Gewalt. Die Wirthin ſetzte Wein auf, eine Flaſche um die andere. Dein wenn der tolle Heiner den Uebrigen das Geld abgewann, ſo gewann er es doch nicht für ſich; er ließ mittrinken, Je⸗ den, der mochte. Die Wirthin, der das viele baare Geld ſehr angenehm in die Augen ſtach, hatte ihr ordentliches Wohlgefallen an ihm und 212 ließ es willig geſchehen, daß er ſie gelegentlich Frau Hurtig nannte, die Wirthin zum Schweins⸗ kopf, des Teufels abgelegte Lockſpeiſe und ein leeres Eſſigfaß, das nur noch den Geruch hätte: Frau Venus allenfalls hätte ſie verſtanden... Aber dies iſt ja nur ſolch ein Gerede, ſagte ſie, als wenn unſer Rabe Spitzbub ſagt: und unſer Rabe hat noch mehr Verſtand als der, außer was aufs Trinken iſt. Fünftes Rapitel. „Messieurs, faites votre jeu, rien ne va p Du haſt gewonnen, Toller, ſagte Konrad, und ſeine Mienen verzerrten ſich: Aber noch ſind wir nicht zu Ende, es klimpert da noch etwas in der Ficke— da, halte dies— und doppelt oder nichts. Es iſt eine Sünd' und Schande, meinte einer von den Umſtehenden, indem er das ver⸗ lorene Geld über den Tiſch ſchob, daß wir ver⸗ nünftige Kerle unſer Geld verlieren ſollen an ſolchen Tropfz da iſt keine Vernunft mehr in der Welt, wenn die Narren gewinnen und die Klu⸗ gen müſſen's leiden. 21½ Ja, ſagte der Wirth, der, eine ernſthafte, trockne Geſtalt, die Hände in den Taſchen, am Tiſche ſtand und dem Spiel mit kauſtiſcher Miene zuſchaute: mit ihm arbeiten mögt Ihr nicht, aber mit ihm ſpielen, das ſchmeckt Euch. Und wenn es ihnen ſchmeckt, was kümmert es uns? eiferte die Wirthin dazwiſchen: du wärſt auch beſſer Leichenbitter geworden mit Deinem ſauern Geſicht, als Gaſtwirth. Das ſind Männer hier— Heiner, unterbrach ſie ſich ſelbſt, es waren zwei Flaſchen, die ich brachte, nicht eine... ſo, nun ſtimmt's— und keine Kinder, da hat Niemand was drein zu reden, und das ſoll meinem Hauſe nicht nachgeſagt werden, daß die Gäſte hier beten müſſen, wenn ſie anderwärts tanzen. Spaß muß ſein, das verſteht ſich, und wegen meiner kann hier ein Jeder thun, was ihm beliebt; wer's Glück hat, kriegt die Braut.— Ich meine, ſetzte ſie hinzu, ſo lang er bezahlt. Es iſt, ſagte ein Anderer, wie mit den Lottv⸗ zahlen: dieſen ſelbigen Menſchen, als welche nicht recht im Kopfe ſind, wohnt allemal ein eigenthümliches Glück bei: und wenn ich mir den Heiner ſo recht betrachte, ſo möcht' ich wetten, er weiß im Stillen recht gut, warum er toll geworden iſt. Du, Toller, rief der Erſte wieder: wo haſt du das Geld hergeſtohlen, mit dem du ſpielſt? Aus dem Kirchſtock wenigſtens, weil du ſolch greuliches Glück haſt. „Dieb iſt Alles!“ jauchzte der Wahnſinnige, indem er die Würfel rollen ließ, und ſogleich in eine andere Stelle überſpringend:„den Platz gewechſelt und die Hand gedreht! Wer iſt Rich⸗ ter, wer Dieb? Sahſt du wol je eines Bauern Hund einen Bettler anbellen?“ Deine Sprüche ſollſt du laſſen, ſchrie Konrad... Der Landſtreicher hatte zum zweiten und 216 zum dritten Mal gewonnen und feierte ſein Glück mit einem Schwall von Citaten, Ausru⸗ fungen und Declamationen, die von ſeinem Pu⸗ blikum um ſo lebhafter bejubelt wurden, je we⸗ niger ſie davon verſtanden. Jetzt gebt Acht, ſagte ein baumlanger, vier⸗ ſchrötiger Geſell, der dem Laondſtreicher gegen⸗ überſtand, und winkte ſeinen Nachbarn vergnüg⸗ lich mit den Augen: jetzt iſt er im Zuge, jetzt kriegt er's. Ich könnte mich todt lachen über den ſchnak'ſchen Kerl— he, Hanne? wo iſt Hanne? Hanne muß das auch hören... Es war die Liebſte des langen Goliath, die Hanne Aber in dieſem Augenblick, von Tanz und Branntwein überwältigt, lag ſie unter ei⸗ nem Pfeiler des Saals und ſchlief. Jammerſchade, meinte ein Anderer(er war ehemals Kornhändler geweſen, von mittelmäßi⸗ 9 5 gem Wohlſtand; aber Trunk und Si und ein unglückſeliger Hang zu allerhand Pro⸗ 217 jecten und Erfindungen hatten ihn herunterge⸗ bracht, daß er kaum noch als Karrenſchieber ſein dürftiges Brod fand) Jammerſchade um den Mann! das hätte einen Prediger gegeben— man hört's ihm ordentlich noch an. Nun? ſagte Herr von Lehfeldt zu dem Poe⸗ ten, der ſprachlos, mit verdutzten Augen, in das Gewirr zu ſeinen Füßen ſtarrte: was meinen Sie dazu? und wie gefällt Ihnen dieſer Anfang Ihrer Studien? Der Poet probirte mit der Miene eines tiefbekümmerten Mannes den Glühwein, den die Wirthin ihm ſoeben friſch hingeſetzt hatte; dann, das Kinn tief in die Binde drückend, was ſeinem vollen, friſchen Geſicht einen eigen⸗ thümlichen Ausdruck von Würde verlieh, faſt wie ein Truthahn, welcher die Federn pluſtert: Ach, ſagte er mit einem tiefen Seufzer, ich ſche ſchon, mein beſter Herr. Schmidt: es hat mit dieſer ſocialen Frage doch mehr auf ſich, Dns Engelchen. I. 10 218 als ich dachte. Gott, welche Verdorbenheit! und welche Stürme für die bürgerliche Geſellſchaft müſſen hervorgehen aus dieſem Abgrund! Auf Elend war ich gefaßt, und auf eine Hand voll Thaler hätte es mir auch nicht ſollen ankom⸗ men, ganz gewiß nicht. Actionair der großen Wohlthätigkeitslotterie bin ich ja ſo ſchon, Sie haben doch gehört davon? wo der dicke Hey⸗ mann an der Spitze ſteht und ſtatt der garan⸗ tirten Leinwand, die den armen Webern abge⸗ kauft werden ſoll, bringt er mit der Manier ſeine eigene alte Baumwolle an den Mann? Die ganze Stadt weiß es; aber weil es ein Almoſen ſein ſoll und weil Niemand den Schein haben mag, als hätt' er für ſeine Wohlthätig⸗ keit auch noch einen reellen Vortheil haben wol⸗ len, ſo ſchweigen die Leute und der dicke Hey⸗ mann hat den Profit davon. Ob ich alſo mein bischen Geld ſo verliere oder ſo, bleibt ſich's nicht gleich? Aber dies iſt mehr, als ich et⸗ 219 wartet, ja als ich für möglich gehalten. Trin⸗ ken— nun, es iſt menſchlich und ich habe Nachſicht damit; Tanzen— ein dummes Ver⸗ gnügen im Grunde, wiewohl, wem es Spaß macht, da mag es ſein. Aber Spielen! Spie⸗ len um Geld!! Nein wahrhaftig, das heißt die Grundlagen der menſchlichen Geſellſchaft er⸗ ſchüttern. Ich bin kein Aſcetiker, Sie wiſſen es. oder können es mir doch glauben, Herr Schmidt; ich habe nichts gegen ein Spielchen an ſich, ſogar ich liebe es, und ein Ecartéchen nach Tiſch, in der Fenſterecke, Partie zum Du⸗ katen, wirkt ganz angenehm auf die Verdauung. Aber ein Unterſchied muß ſein; Schranken müſ⸗ ſen aufrecht erhalten werden. Sie— und wir, da liegt es! Wir wiſſen, was wir thun, und haben das Geld dazu. Dagegen wenn Bettler und Tagelöhner nun auch ſchon anfangen wol⸗ len zu ſpielen... Die Wirthin, die noch hinter dem Stuhl 10* 220 des Dichters ſtand und ſeiner Rede mit großer Aufmerkſamkeit gelauſcht hatte, wollte es gern mit keiner Partei verderben. So iſt es, gnädigſter Herr, ſagte ſie, und das iſt eben meine Meinung; nur daß man ſie nicht immer ſo herausſagen darf von wegen der Leute. Es iſt ein ſchrecklicher Hochmuth eigent⸗ lich von der Art Volk und ich ſchäme mich im Stillen genug darüber, daß ſo was in meinem reinlichen Hauſe paſſiren kann. Du, ſag' ich immer zu meinem Mann, wenn das einmal einer von unſern Freunden in der Hauptſtadt hört, was müſſen ſie denken? Sie müſſen ja denken, Gott verzeih' mir die Sünde! ſag ich, als ob unſer Haus ein Spielhaus wär. Aber da ſollte mir Einer kommen! Das könnt ich gerade leiden! Ein Spielhaus? Ei ja doch ſehen Sie wohl, ob mein eigener Mann ſpielt? Er möchte wohl, der Sauertopf, ich kenn' ihn recht gut! und darum ſchimpft er auch darauf 221 und ſtellt ſich ungeberdig. Aber eine ordent⸗ liche Frau muß immer Obacht haben, ſonſt verwirft ſich der beſte Mann. Und darum, Mann, hab' ich geſagt, daß du mitſpielſt, das darf nicht ſein, das leid' ich nicht, Mann! Ja ich leide das Spielen in meinem Hauſe über⸗ haupt gar nicht, gnädigſter Herr, gar nicht— als bloß des Sonnabends, gnädigſter Herr, wo die armen Schelme das bischen Lohn aus⸗ gezahlt kriegen— Nu, du lieber Himmel, ſo was iſt das nicht gewohnt, da brennt das bis⸗ chen Geld in der Taſche und ihr menſchliches Plaiſir wollen ſie doch auch haben, alle Woche einmal; es iſt doch noch immer beſſer, als wenn ſie ſich betrinken und ſchlagen uns Stühle und Fenſter entzwei, nicht wahr? Und der zottige Menſch da, der ſo ſehr gewinnt, das denken Sie nur ja nicht, gnädigſter Herr, der iſt nicht ſo ohne, der hat ſtudirt, ei ja! wenn der ſei⸗ nen richtigen Verſtand hätte.. 222 Dem Dichter wurde angſt bei der Bered⸗ ſamkeit, welche die Wirthin entwickelte. Laſſen wir das, ſchöne Frau, unterbrach er ſie, und ſagen Sie mir lieber, wenn Sie es wiſſen, wer die junge Frau iſt, jene dort, die ſchwarzhärige, mit dem weißen Kopftuch— Schon ſeit einer Viertelſtunde ſeh' ich ihr zu, wie ſie ſich durchzudrängen ſucht zu den Spie⸗ lern.. eben wieder, ſehen Sie? Die dort um den Pfeiler hervorguckt— nein, jetzt ſteht ſie an der Thür, dort, bei dem Kinde. Arme Frau, rief er mit raſch entzündetem Mit⸗ leid: was ſie bekümmert ausſieht! und welch edles Antlitz unter all dieſen verworfenen Ge⸗ ſichtern! Dieſer letztere Zuſatz klang für das Ohr der Wirthin denn freilich nicht ſehr ſchmeichelhaft. Vielleicht war es alſo deshalb, daß ſie, nach einem flüchtigen Blick in der von Herrn Florus angedeuteten Richtung, den Kopf halb gering⸗ 223 ſchätzig hintenüberwarf und in merklich gereiz⸗ tem Ton erwiderte.. Aber machen wir zuvor unſere Leſer ſelbſt bekannt mit der Erſcheinung, um die es ſich handelt. Eine Frau mit ſchwarzem Haar und tiefſchwarzen, melancholiſchen Augen, dem An⸗ ſchein nach in Mitte der Zwanziger; doch war ſie möglicher Weiſe auch jünger und nur der tiefe Gram, der ihr feines, aber abgehärmtes Antlitz beſchattete, legte ihr einige Jahre zu. Sie war ſehr bleich; das Haupt trug ſie leicht vornüber, was ihrer übrigens feinen und wohl⸗ gebildeten Geſtalt Abbruch that. Ihr Anzug war ärmlich, ja mehr als das: aber durch Eines dennoch ſtach er vor allen übrigen hervor: er war reinlich; das Kopftuch, das ſie um die dichten, wohlgeſcheitelten Haare trug, war ſau⸗ ber gefältelt und von tadelloſer Weiße. Trotz der Hitze im Saal ſchien die Aermſte zu frie⸗ ren; ſie hatte beide Arme dicht unter ihre Schürze 224 eingeſchlagen, und wenn man genauer hinſah, ſo ſchien es, als ob ihre Zähne gegeneinander ſchlugen. Oder war es vielleicht vor Angſt? Denn wie von Angſt getrieben, ruhelos, drängte ſie ſich zwiſchen den Uebrigen umher. Jetzt trat ſie einige Augenblicke durch die offene Thür hinaus ins Freie und horchte mit aufgerichtetem Haupt; jetzt wieder ganz eng zuſammengedrückt, ganz leis, ſo leis—! glitt ſie durch die dichten Gruppen, welche die Spielenden umlagert hiel⸗ ten, vorſichtig, immer näher, aber auch immer leiſer, immer demüthiger, mit immer flehendern Blicken Was war das? Warum jetzt zuckt ſie zu⸗ ſammen? Aus welchem Auge droht der Strahl, vor dem ſie den keuſchen Glanz des ihren ver⸗ birgt? Ja wohl: arme Frau! Wie ſie jetzt mit gebrochenen Gliedern zurückwankt! wie ſie das Kopftuch dicht, dicht in die Stirne zieht, die 225 Thränen zu verbergen, die ihr über die bleichen Wangen rieſeln.... Selbſt die Umſtehenden ſchienen Mitleid mit ihr zu haben, wenigſtens die Weiber. Er iſt ſchlimm heut, gelt? ſagte ein dickes, ältliches Frauenzimmer, das auf der Bank an der Thür ſaß, und nickte ihr halb frech, halb mitleidig zu: da— laß los, wilder Satan, un⸗ terbrach ſie ſich ſelbſt, und zog einem kaum dreijährigen, verkümmerten Knaben, der zwiſchen ihren Füßen hockte, das Branntweinglas aus den Händen, daß er vor Unwillen laut auf⸗ kreiſchte: trink eins, kleine⸗Frau— ſie ſind Alle nicht anders und du wirſt es auch ſchon gewöhnen. Die Unglückliche ſchüttelte heftig abwehrend mit dem Haupt. O nur dem Kinde nicht, um Gottes willen! ſagte ſie, und mitten in ihrem tiefen Kummer blieb ſie vor dem ſchreienden Kinde ſtehen, zog 10** es mit Inbrunſt an ſich und ſtreichelte ſeine un⸗ ſaubre Wange.. Dieſe Frau alſo war es, und in dieſem Augenblick, welche die Wirthin, dem Finger⸗ zeig des Poeten folgend, ins Auge faßte. Ah ſo, rief ſie, in gereiztem, ſüßſaurem Ton: frei⸗ lich wohl, das muß man ſagen, die Herren aus der Stadt verſtehen ſich darauf. Je nun, das iſt auch kein Frauenzimmer wie die andern: das iſt auch unſere Prinzeß, ei ja, unſere Mei⸗ ſterstochter iſt das... Herr Florus, dem mit dieſer Antwort noch wenig gedient war, wollte eben um weitere Aus⸗ kunft bitten. Allein die Aufmerkſamkeit der Wirthin war bereits wieder durch einen andern Gegenſtand in Anſpruch genommen: ein ſchlan⸗ ker Jäger, in glänzender herrſchaftlicher Livrec, ſah mit vorgebogenem Hals in den Herrenwin⸗ kel hinein, offenbar in der Abſicht, ſich ſelbſt darin niederzulaſſen; da er jedoch vornehmere Gäſte darin erblickte, ſo zog er ſich ſogleich zurück und ſchritt der Ausgangsthüre zu. Die Wirthin eilte ihm nach. Nun wohl gar, Herr Wilhelm, rief ſie: Sie werden doch nicht ſchon nach Hauſe wollen? Das Vergnü⸗ gen ſoll ja erſt recht angehen. Muß wohl, antwortete der Jäger misver⸗ gnügt, bin noch in Dienſt heut... So ſpät? und wo denn da, Herr Wilhelm, wenn man fragen darf? ſagte die Wirthin mit einem vielſagenden Schmunzeln. Spät zum Verzweifeln, erwiderte der Jä⸗ ger, und ich wollt' auch, ich läge im Bett, zumal mit etwas Hübſchem. Aber Frauenzim⸗ mer, wiſſen Sie wohl von ſich ſelbſt, Frau Wirthin, haben in Allem ihre eigene Manier; das reiſt, wo Andere ſchlafen, und verdirbt dar⸗ über einem ehrlichen Kerl die Nacht. Wir war⸗ ten noch auf unſer gnädiges Fräulein... Auf das Engelchen? wirklich?! rief die Wir⸗ 228 thin, indem ſie vor Verwunderung beide Arme in die Hüften ſtemmte: Nu da wird die Freude ja groß ſein! Ungeheuer groß, wiederholte z Jäger ſar⸗ kaſtiſch: und Beide, die Hände zum Abſchied ineinander ſchlagend, brachen in ein widerwär⸗ tiges Gelächter aus.— Herr von Lehfeldt, wiewohl ſcheinbar ganz in Betrachtung der Spielenden verſunken, ließ ſich doch in Wahrheit von Allem, was um ihn her vorging, nicht das Mindeſte entgehen. Auch von dem Geſpräch zwiſchen der Wirthin und dem Jäger hatte ſein geübtes Ohr keine Sylbe verloren; auch den Ton nicht, den es annahm, als es ſich auf das gnädige Fräulein wandte, und am Allerwenigſten das grobe, ſchadenfrohe Gelächter, mit dem es ſchloß. Es war auch das ein neuer Poſten, den er eintrug in ſeine kunſt⸗ volle Berechnung: er zog die Summe in Gedan⸗ ken— und ſiehe da, ſeine Rechnung ſtimmte. 229 Die Wirthin war inzwiſchen zurückgekom⸗ men und nahm die frühere Unterhaltung wie⸗ der auf. Es iſt Meiſters Margareth, ſagte ſie, ſeine einzige Tochter, die Frau von dem rothen Konrad. Aber ich glaube, der Alte ließe ſich zwei Finger der rechten Hand abnehmen, daß ſie es nicht wäre. Er wollte auch gar nicht heran, ſie ihm zu geben; er wußte, denk' ich mir, was es für ein Früchtchen war, der rothe Konrad— ſehen Sie? der da, gerade gegen Sie über, dem unſer Toller eben das Geld ab⸗ nimmt— baff, da liegen ſie, alle drei Sech ſen! Nun ſag' mir noch Einer, daß die Ver⸗ rückten es nicht am Beſten haben. Der rothe Konrad hatte den letzten Heller verſpielt; ingrimmig fluchend, wühlte er die Taſchen um... „Sein Beutel iſt ſchon leer, alle ſeine gol⸗ denen Worte ſind ſchon ausgegeben— ſtirb, ſchnöder Trojer!“ jauchzte der Bettler und trommelte mit beiden Fäuſten einen Triumph⸗ marſch auf dem Haufen gewonnenen Geldes, der vor ihm lag, daß die Stücke klirrend durchein⸗ ander rollten. Geld hab' ich nicht mehr, knirſchte Konrad: aber ſo fortlaſſen thu' ich dich nicht, Toller, und ob ich meinen eigenen Kopf einſetzen ſollte. Da, ſpielen wir um den Ring— was hältſt du gegen? Und damit zog er einen einfachen ſilbernen Reif vom Finger, mit einem kleinen rothen Stein in der Mitte— ſeinen Trauring. Margareth, von raſtloſer Angſt hin und her⸗ getrieben, den Saal bald verlaſſend, bald wie⸗ der betretend, ſtand ſeit einigen Minuten dicht hinter ihres Mannes Schemel. Als ſie ſah, wie er die leeren Taſchen umkehrte, hatte ſie unwillkürlich die Lippen geöffnet... Aber kein Ton ward laut! Nur das Haupt neigte ſie noch tiefer nach vorwärts, als ſonſt, 231 ſchloß die langen ſchwarzen Wimpern und lehnte ſich, erſchöpft, an die Säule, unter der ſie ſtand und von der man ſie ſelbſt für einen Theil hätte halten mögen, ſo regungslos ſtand ſie da. Als ſie jetzt aber hörte, wie ihr Mann von dem Ringe ſprach— die Augen riß ſie weit auf, der letzte Tropfen Blut war ihr ent⸗ wichen, ihre Kniee bebten und neigten ſich, die Arme hob ſie, als wollte ſie beſchwörend nie⸗ derſinken, den Spielern zu Füßen... Aber nein, nein, auch das war nur ein Augenblick: wie der Ring vom Finger glitt, mit hellem Klang auf den Tiſch klirrte, wandte ſie ſich lautlos, mit krampfhaft zuckendem Mund — und ſchritt zur Thür hinaus. Um den Ring ſpiel' ich nicht, ſagte der Tolle mit tiefer Stimme, und ſein Geſicht, wie verzerrt noch den Augenblick zuvor, wurde bei dieſen Worten ganz ernſthaft und verſtän⸗ dig. Aber abkaufen will ich ihn dir... 232 Es iſt gutes Silber, betheuerte Konrad. Sehr gutes Silber, wiederholte der Bettler mit ſeltſamem Kopfwiegen, indem er den Ring anſtarrte, ſo feſt, ſo glühend, als ſollt' er ſchmelzen unter dem brennenden Strahl ſeines Auges: zu gutes, Konrad, zu gutes! Es iſt Schad' um das ſchöne Silber, daß ſolch ein Reif daraus geworden iſt— da, rief er und ſchob ihm eine Handvoll Geld über den Tiſch zu, das iſt für den Ring, kein Jude hätte ihn beſſer bezahlt— nii das! und ſpiele weiter, wenn du magſt. Ich aber will ſchlafen gehen. Mit dieſen Worten ſtand er auf, ſcharrte den Reſt des Geldes zuſammen und wollte gehen. Nimmermehr, ſchrie Konrad, indem er ihn am Aermel niederzerrte: du darfſt jetzt nicht, Heiner, ich laſſe dich nicht fort, du mußt mir gegenhalten... Die Umſtehenden miſchten ſich in den Streit; es ſei Unrecht, ſagten ſie, und da Konrad jetzt wieder Geld habe, ſo müſſe der Bettler mit ihm weiter ſpielen. Haſt du Verſtand genug ge⸗ habt, uns das Geld abzugewinnen, Toller, ſagte der lange Karrenſchieber, ſo mußt du jetzt auch noch ſo viel haben, zu thun, was ſich ſchickt. Der Vagabond lachte, daß ihm die Seiten ſchütterten:„'s iſt Fluch der Zeit“, rief er, „wenn Tolle führen Blinde.“ Wenn Ihr denn ſo wollt, gut: ein alter Römer bin ich, nicht ein Däne, hier iſt noch Trank zurück— Komm an, rothhäriger Macduff: Vor die Bruſt Werf ich den mächt'gen Schild: nun magſt dich wahren; Wer Halt! zuerſt ruft, ſoll zur Hölle fahren! Die Würfel klapperten und das Spiel be⸗ gann aufs Neue, unter allgemeinſter Spannung der Umſtehenden.— Anfangs ſchien es, als ob das Glück dem rothen Konrad jetzt geneigter 4 geworden ſei. Allein es ſchien auch nur. In⸗ & 234 dem er die Einſätze in thörichter Haſt verdop⸗ pelte, hatte er den erreichten Vortheil nach we⸗ nigen Minuten wieder verſcherzt; Fortuna war zurückgekehrt zu ſeinem Gegner und ſtand ihm treulicher bei als je. Nicht lange— und das ganze Geld war in die Taſche des Bettlers zurückgerollt. Als zum zweiten Mal der letzte Heller hin⸗ überwanderte, ſuchte Konrad ein ſpöttiſches Ge⸗ lächter auszuſtoßen. Aber es gelang ihm nicht. Er ſtand auf, knöpfte mehrmals hinterein⸗ ander die Weſte auf und zu; er wollte etwas ſagen, aber der Kopf ſchwirrte, die Zunge ver⸗ ſagte ihm. Der Bettler hatte mit Gelaſſenheit die Neigen geleert. Dann, vorſichtig, bündelte er das Geld zuſammen und ſchob es in ſeinen Zwerchſack. Konrad ſtand noch immer und knöpfte. Die umſtehenden, ihre Meinung austauſchend über den Gang des Spiels und wenn der rothe Kon⸗ 235 rad damals ſo und das nächſte Mal ſo geſetzt hätte, ſo hätt' es ja müſſen mit dem leibhafti⸗ gen Teufel zugehn, oder er hätte den Vaga⸗ bonden ausgebeutelt, wie dieſer jetzt ihn— zer⸗ ſtreuten ſich durch den Saal. Toller, ſagte Konrad mit halber Stimme— er ſprach es gerade vor ſich hin, ohne ihn an⸗ zuſehen, und ſo leiſe, daß man kaum ſah, wie er die Lippen bewegte: es war all mein Geld auf acht Tage, das du mir abgenommen haſt, nicht einen Biſſen Brod hab' ich im Hauſe.. Der Bettler lachte. Ich will es ja nicht geſchenkt haben, mur⸗ melte Konrad weiter, blos gebörgt. Wozu iſt das viele Geld dir nutz? Und ich will es dir ja wiedergeben als ehrlicher Kerl. Gute Nacht, rief der Bettler und ſchüttelte ſich vor Behagen. Es iſt nicht um meinetwillen, fuhr Kon⸗ rad fort: aber meine Frau, meine Frau, Hei⸗ 236 ner— biſt du ſo toll, daß du nicht weißt, was das heißt?! Der Bettler pfiff und fühlte dabei nach dem Ring, den er in Papier gewickelt und ſorgfäl⸗ tig unter ſeinem Hemd verborgen hatte. Meine Frau, ſagte Konrad, mit einer Stimme, die immer leiſer, immer gepreßter ward und ſeine Rechte, wie von einem magnetiſchen Strom erfaßt, glitt unmerklich ſeitwärts über den Tiſch, wo ein aufgeſchlagenes Brodmeſſer auf einem Teller lag. Meine Frau iſt ohne Speiſe ſeit geſtern, ſagte er, ſie muß verhungern, Toller, hörſt du: verhungern.. 21 Der Bettler, aus dem übergeſchütteten Wein, der auf dem Tiſche ſtand, zog mit dem Finger Kreiſe und Sterne— und ſchwieg. Toller, ſprach Konrad weiter— aber dies war kein Sprechen mehr, nur ein heiſeres Stöh⸗ nen, ein tonloſes Röcheln, wie der letzte ver⸗ 237 zweifelte Athemzug eines Sterbenden; ſeine Hand aber ſchob ſich immer näher, immer dichter an das Meſſer: Haſt du gehört, Toller? Geld will ich haben, Geld— meine Frau verhungert— Geld...! Oder, beim ew'gen Gott, ich thue, was nicht recht iſt— Und indem er dies hervorſtieß aus der zu⸗ geſchnürten Kehle, zuckten ſeine Finger bereits an dem Griff des Meſſers.. Als plötzlich von draußen ein wilder Lärm in den Saal drang; ſcheltende Männerſtimmen, Flüche und Drohungen, dazwiſchen das Weh⸗ klagen einer weiblichen Stimme... Alles im Saal fuhr in die Höhe. Horch, rief die Wirthin, das iſt die Stimme des Meiſters! In demſelben Moment ſtürzte Margareth in den Saal, auf Konrad zu. Um Gottes willen, Konrad, ſchrie ſie, zu Hilfe! Mein Vater, mein Bruder— zu Hilfe, Konrad! 238 Konrad murmelte einen Fluch zwiſchen den Zähnen; er ſchleuderte das Meſſer von ſich, ſo heftig, daß es zwiſchen ihm und dem Bettler in die Erde fuhr. Dann folgte er ſeinem Weibe. Die ganze Verſammlung gerieth in Aufruhr. Brennt es? brennt es? riefen die Einen. Ja, ja, ſchrieen Andere... Nichts von Brennen, ſchmetterte die dicke Wirthin dazwiſchen: dem armen Narr, dem Meiſter iſt die Galle übergelaufen, er macht ſich Luft Aber diesmal hatte Niemand Luſt, auf die Scherzreden der Wirthin einzugehen; Alles, wild durcheinander rennend, ſtürzte erwartungsvoll ins Freie: Fort, fort, zum Hauſe des Meiſters! murmelte es.. Auch Herr von Lehfeldt und der Maler lie⸗ ßen ſich mit fortſchieben von dem Strom. Sechstes Rapitel. Das Haus des Meiſters. „Zum Hauſe des Meiſters“.. Es iſt nicht das erſte Mal, daß wir dieſen Ausruf verneh⸗ men— welche geheimnißvolle Bedeutung hat er? was meint dieſes ſeltſame Gemiſch von Ehr⸗ furcht und Grauen, von Neugier und Beſtür⸗ zung, mit dem er vorgebracht wird? Als Lore den alten Sandmoll auf ſeiner nächtlichen Wanderung belauſchte, als ſie ſah, wie er, der hell erleuchteten Schenke vorüber, auf eine Hütte zuging, die ſich ſeitab, in be⸗ ſcheidenem Dunkel, verbarg, was war es da, was lag in dieſem an ſich ſo einfachen, ſo un⸗ 240 verfänglichen Worte, daß ſelbſt die harte, herz⸗ loſe Stimme dieſes Frauenzimmers zu zittern ſchien und ſchien zu ſtocken für einen Augen⸗ blick, indem ſie es ausſprach—: Zum Hauſe des Meiſters, richtig, ich dacht' es mir?! Und als jetzt derſelbe Ruf ſich durch die Schenke verbreitete, wie kam es, was bedeutete dies, daß der Lärm auf einmal verſtummte, die Trinker aufſprangen vom halbgeleerten Glaſe und: Fort, fort, zum Hauſe des Meiſters, raunte Einer dem Andern zu?!— Nun immerhin, im Aeußern des Huuſes konnte es zum Wenigſten nicht liegen. Denn das unterſchied ſich durch nichts von dem Aus⸗ ſehn aller übrigen im Dorfe— oder nur durch ſehr wenig. Es war eine der älteſten Hütten und darum auch eine der unſcheinbarſten: von übereinan⸗ dergelegten Baumſtämmen roh aufgezimmert, wie man im Gebirg zu bauen pflegt; das Dach überſpringend, ſteil, mit Holzſchindeln gedeckt und hie und da mit großen, ſchweren Steinen belaſtet, damit der Sturm das leichte Sparr⸗ werk nicht von dannen führe. Aber ſo ſorg⸗ ſam waren die Fugen zwiſchen den Balken mit gelblichem Moos verſtopft, die dünnen Holz⸗ ſtreben, welche das Dach ſtützten, waren ſo glatt behauen, ſogar mit kunſtfertigem Meſſer ſo zierlich ausgeſchnitzt, das klein geſpaltene Holz, das, nach der Gewohnheit jener Gegend, am Giebel emporgeſtapelt lag, war ſo ſauber geſchichtet, die Fenſter, wiewohl klein und nie⸗ drig und zum Theil mit zerſprungenen Schei⸗ ben, waren dennoch ſo reinlich und hell gehal⸗ ten, daß das Haus dadurch allerdings vor den übrigen auffallen mußte— nämlich wenn von Allen, die täglich daran vorübergingen, irgend Einer für Unterſchiede dieſer Art ein Auge ge⸗ habt hätte. Aber wodurch es ſich am Meiſten unter⸗ Das Engelchen. I. 11 242 ſchied und weshalb auch wohl die Nachbarn gelegentlich davor ſtehen blieben, das war der leine Garten, der ſich, zu beiden Seiten der Hausthür, unter den Fenſtern dahinzog— Garten, ſag' ich? Ei nicht doch, ein Beet zum Höchſten war es zu nennen: ein Streifen Landes, kaum zehn Schritte lang und ſo ſchmal — ein Find von acht Jahren konnte mit Be⸗ quemlichkeit darüber hinſteigen. Aber dieſes dürftige Stückchen Land, wie ſorgfältig war es gehalten! wie ſinnig benutzt! wie zierlich einge⸗ faßt, mit handhohen grauen Weidenſtäbchen, kreuzweis geſteckt! Auf den Beeten blühten arme, beſcheidene Wieſen⸗ und Heideblümchen, lauter einfache und gemeine Sorten: aber ſie waren verſtändig zuſammengeſtellt, und gewähr⸗ ten, in ihrem ſinnreichen Farbenwechſel, bei aller Einfachheit einen überraſchend wohlthãti⸗ gen Anblick.— Der Thür zunächſt prahlte eine Sonnenblume; die Fenſter rechter Hand waren mit wildem Wein bezogen, bis an das Dach. Auf der andern Seite ſtand ein Roſenſtock, ein prächtiges, hochſtämmiges Gewächs. Allein der ſtrenge Froſt in den letzten Wintern mußte ihm Schaden gethan haben; er kränkelte ſeit einigen Jahren und die Knospen, die er trug, ſielen ab, bevor ſie ſich noch entfaltet... Dies alſo die Stätte, die unter den Dorf⸗ bewohnern, weit und breit, als das„Haus des Meiſters“ bekannt war— ſie konnte nicht ein⸗ facher ſein, nicht wahr? Und Niemand, der an dieſem geringfügigen Fleckchen Erde vor⸗ überging, hätte vermuthet, daß es gerade dies ſei, was ſo oft und mit ſo vielem Nachdruck im Munde der Leute genannt ward?! Und doch war es ſo! und doch gerade dieſe anſpruchloſe, ſtille Hütte, mit ihren noch an⸗ ſpruchloſeren Bewohnern, war ein Gegenſtand der öffentlichen Aufmerkſamkeit, ſeit langen Jah⸗ ren, für die ganze Gegend! Und doch an die⸗ 11* 244 ſes arme, niedere Dach, dieſe dürftige, geräuſch⸗ loſe Schwelle knüpften ſich Erzählungen, hin⸗ gen ſich Gerüchte, die geradewegs hinüberleite⸗ ten zu dem großen, ſtolzen Schloß und ſeine prächtigen Säle, ſeine glänzenden Zimmer, ſeine ſtolzen Bewohner in geheimnißvollen Zuſam⸗ menhang brachten mit dem kleinen, elenden „Hauſe des Meiſters!“— Das ganze Fabrikdorf, wie es da lag, war eine ſehr junge Anlage; bei Weitem die Mehr⸗ zahl ſeiner Bewohner war erſt in den letzten Jahren, angelockt durch die immer wachſende Ausdehnung des Fabrikgeſchäftes und ſeinen immer ſteigenden Bedarf an Arbeitern, einge⸗ wandert. Und zwar meiſt aus weiter Entfer⸗ nung und den verſchiedenſten Himmelsſtrichen. Ein Theil verließ das Dorf ebenſo ſchnell, wie ſie gekommen, um ihr Glück an einer andern Stelle beſſer zu verſuchen: ſo daß die Bevölke⸗ rung, unter fortwährendem Ab⸗ und Zufluten, 245 ſich in ſtetem Wechſel befand, und wer zwei Jahre aus dem Dorf entfernt geweſen war, fand im dritten die alten Nachbarn ſchwerlich wieder. Vermuthlich war es durch dieſe Umſtände geſchehen, daß die Erzählungen vom„Hauſe des Meiſters“ ſich ſo ſeltſam geſtaltet hatten, und daß Begebenheiten, welche, nach aller Be⸗ rechnung, kaum nur vor Jahrzehnten ſich konn⸗ ten zugetragen haben, nach ſo kurzer Zeit ſchon im Munde des Volks zu Mythen und Mär⸗ chen geworden waren. Es hielt ſchwer jetzt und bedurfte ſchon einer genauern Kritik, als das Publicum wohl anzuwenden liebt, zumal ein ſo neugieriges, ſo leichtgläubiges, wie die⸗ ſes, um aus dem wunderlichen Gewirr von Ge⸗ rüchten, Uebertreibungen und Entſtellungen nur noch einen leidlich vernünftigen Kern geſchicht⸗ licher Thatſachen herzuſtellen. Das Wichtigſte, was auf dieſe Weiſe erhellte, mochte etwa Fol⸗ gendes ſein. Lange, bevor die Fabrik hier entſtanden, ja ſeit Uralters ſchon war der Betrieb der Webe⸗ rei in dieſem Gebirge heimiſch geweſen. Wie⸗ wohl in ganz anderer Art als jetzt. Nämlich ein jeder dieſer kleinen Eigenthümer, wie ſie damals im Gebirg zerſtreut umherwohnten, hatte zu ſeinem Fleckchen Land und neben ſeinem ſonſtigen Gewerbe noch einen Webſtuhl aufge⸗ ſchlagen, auch wohl nach Gelegenheit, wie er⸗ wachſene Söhne oder Vettern im Hauſe waren, ihrer zwei und mehr. Jeder dieſer Stuhlbeſitzer hieß Meiſter. Denn Niemand(ſo wollte es das Herkommen dieſer Gegend, an dem feſtgehalten ward, wie an einem unverbrüchlichen Geſetz) durfte ſelbſtändig einen Stuhl aufſchlagen noch Andere dazu an⸗ ſtellen, als wer eine gewiſſe Reihe von Jahren bei einem ältern Meiſter gelernt und endlich, vor verſammeltem Meiſterrath, gewiſſe Proben ſeiner Geſchicklichkeit abgelegt hatte. 247 Mit andern Worten alſo eine Innung, wie dieſelben ſonſt nur bei ſtädtiſchen Handwerkern üblich waren: mit dem Unterſchiede jedoch, daß, bei der Sparſamkeit dieſer Bevölkerung und ihren einfachen, ſchlichten Sitten, der kleine ge⸗ häſſige Neid und die thörichten Bocksbeuteleien, welche das Innungsweſen anderwärts entſtell⸗ ten, hier keinen Platz greifen konnten. In derſelben naiven, urſprünglichen Weiſe wurde das ganze Geſchäft damals getrieben. Die Weiber ſpannen, die Alten hechelten, die Kinder ſchlichteten das Garn: aber das Alles geſchah nur gleichſam beiher, nur zur Ausfül⸗ lung der Mußeſtunden, während Landbau und Viehzucht die eigentliche Grundlage der Exi⸗ ſtenz bildeten. Alljährlich einmal, zum Herbſt, kamen die Kaufleute aus dem Flachland herauf und kauften, zu angemeſſenen, durch lange Ge⸗ wohnheit faſt unveränderlich gewordenen Prei⸗ ſen, die fertige Waare. Oder auch die Geſammt⸗ 248 heit der Meiſter, die mit großer Sorgſamkeit, Einer um den Andern, die Gediegenheit der Waare, die Richtigkeit des Maßes, wie auch die Gleichmäßigkeit der Preiſe überwachten, ſchickte Einige aus ihrer Mitte mit dem angeſammel⸗ ten Vorrath ins Thal herunter, auf Jahrmärkte und Meſſen: worauf der gewonnene Erlös dann gewiſſenhaft vertheilt ward. Und da, wie geſagt, die Waare preiswerth, die Arbeit gut und tüchtig, die Muſter vielleicht etwas veraltet, aber geſchmackvoll und kunſt⸗ reich waren, endlich da auch Niemand mehr arbeitete noch arbeiten ließ, als er, nach dem Durchſchnitt einer jahrelangen Erfahrung, ge⸗ wiß war an den Mann zu bringen, ſo fehlte es auch an Abſatz nicht: und die ganze Gegend zog aus dieſem Gewerbe einen zwar nur ſehr mäßigen, aber ſichern und ſtetigen Gewinn. Aber dieſe beſcheidene Blüte ward geknickt, als die langen Kriegsjahre über das Land her⸗ 249 einbrachen. Die Kaufleute verarmten und blie⸗ ben aus, die Jahrmärkte hörten auf. Ein Theil der Männer wurde ausgehoben zum Kriegs⸗ dienſt; Andere, der ewigen Plackereien, der Durchmärſche und Plünderungen müde, mach⸗ ten ſich heimlich davon. Die Webſtühle ſtan⸗ den ſtill, die muntern Räder verſtummten. Selbſt die Felder blieben unbeſtellt, das Vieh war weggetrieben, die Häuſer verfielen; Noth und Elend, in wenig Jahren, verwandelte die noch vor Kurzem ſo muntre, ſo thätige Ge⸗ gend in eine traurige Wüſtenei. Und was etwa ja vom alten Fleiß und der alten Betriebſamkeit noch übrig geblieben wäre, das wurde bald darauf durch die Umwandlung, welche, vor vielen andern, gerade dieſer Ge⸗ werbszweig erfahren und gegen die der naive Geſchäftsbetrieb dieſer Gebirgsbewohner nicht Stand halten konnte, völlig vernichtet. Große Fabriken wurden eingerichtet: Fabriken, deren 11*— 250 bloße Anlage größere Kapitalien erforderte, als alles Geld zuſammengenommen, das ſeit Jahr⸗ hunderten jemals in dieſen Gegenden curſirt hatte, die dafür aber auch, mit ihren kunſtrei⸗ chen Maſchinen, ihren unermüdlichen eiſernen Armen, mehr leiſteten und eine ungleich billigere Waare herſtellten, als Hunderte der fleißigen Hände jemals vermocht hätten. Was that es, daß die neue Waare leicht, unhaltbar, ja zum Theil verfälſcht war? Das Publicum gewöhnte ſich an die leichte, aber augenfällige, unhaltbare, aber billige und bequeme Waare; es fand es ſeinem Vortheil ganz angemeſſen, zweimal mit wenigem Gelde zu kaufen, was es ehedem in derſelben Zeit nur einmal gekauft hatte, aber doppelt, ja dreifach ſo theuer. Dazu kam die ſittliche Verwilderung welche, im Geleit der Kriegsjahre und mit der wach⸗ ſenden Verarmung, auch in dieſe entlegene Ge⸗ gend ſich eingeſchlichen hatte. Die alte patri⸗ — 251 archaliſche Satzung war in Vergeſſenheit gera⸗ then. Die jungen Leute fanden es widerſinnig, erſt eine Reihe von Lehrjahren durchmachen, eine Reihe von Probeſtücken und Prüfungen beſtehen zu müſſen, bevor ſie ſich ſelbſtändig ſetzen konnten; ſie fanden es auch widerſinnig, mit Mühe und Fleiß gute und theure Waare zu liefern, die nur ſehr Wenige kaufen moch⸗ ten, während die Käufer um die ſchlechte, aber billige ſich drängten. Sie fingen daher an, ebenſo leichtfertig, ebenſo unſolid zu arbeiten, wie es nur irgend in den großen Fabriken ge⸗ ſchah— und verſcheuchten ſich damit natürlich die wenigen Abnehmer noch vollends. Kurzum, die ganze alte Meiſterſchaft löſte ſich auf; Einige ſtarben, Andere verdarben; bald, daß nur jemals ein ſolches Ding exiſtirt hatte, galt wie ein Märchen.— Als ein ſolcher Meiſter nun, und zwar der letzte und einzige Ueberreſt derſelben in dieſer 8 252 ganzen Gegend, war, vor etwa zwanzig Jah⸗ ren, auch Karl Werner, der Beſitzer der oben beſchriebenen Hütte, hier eingewandert. Seine urſprüngliche Heimat, behauptete man, lag einige Stunden weiter ins Thal herab, in dem fruchtbaren und anmuthigen Gelände, das den uebergang zu dem eigentlichen Gebirge bildete: und auch über die Ereigniſſe, welche ihn be⸗ ſtimmt hatten, dieſen angenehmen, durch Ver⸗ kehr und Gewerbe blühenden Aufenthalt zu ver⸗ tauſchen mit dem öden, einſamen Hochland, gingen allerhand ungewiſſe, dunkle Gerüchte, wie von etwas Ungemeinem und Entſetzlichem. Nur was es eigentlich geweſen war, konnte Niemand mehr ſagen.— Einer alten kunſtverſtändigen Weberfamilie entſproſſen, war er in der That ein Meiſter ſeines Handwerks und verdiente vollkommen den Namen, bei dem er gewöhnlich genannt ward, ſo gewöhnlich, daß ſein eigent⸗ licher darüber ganz in Vergeſſenheit gerathen 253 war; Niemand verſtand ſich auf ſo kunſtreiche, zierliche Muſter, Niemand wußte ſeinem Ge⸗ webe ſolchen Glanz, ſolche Glätte zu geben, als er. Und mit dieſer gewerblichen Geſchicklichkeit verband ſich bei dem Meiſter(wie wir ihn von jetzt an ebenfalls nennen werden) die erprobteſte ſittliche Tüchtigkeit; kam ihm Niemand gleich, nah und fern, an Kunſtverſtand und Geſchick⸗ lichkeit, ſo hätte er dagegen durch ſeinen Fleiß, ſeine Sparſamkeit, ſein ſtilles, nüchternes We⸗ ſen auch noch eine weit beſſere Nachbarſchaft übertroffen, als diejenige war, unter welcher er lebte. Mit größter Unverdroſſenheit, völlig un⸗ bekümmert um den veränderten Geſchmack der Zeit, hielt er, mit peinlicher Strenge, feſt an der alten gewiſſenhaften Arbeitsweiſe, wie er dieſelbe von ſeinen Vorfahren hatte überliefert bekommen; unverbrüchlich, als wäre die Mei⸗ ſterſchaft von ehedem noch in Flor und das 254 Auge des Meiſterraths wachte noch, wie frü⸗ her, über jeden Faden, welcher verwebt ward, beobachtete er die alten Satzungen und Ge⸗ bräuche und die alte, einfache Ehrlichkeit. und dieſer Fleiß und dieſe Ehrlichkeit be⸗ lohnten ſich. Als der große Haufe ſchon längſt der billigen Fabrikwaare nachlief, fanden die mühſam kunſtreichen Gewebe des Meiſters noch immer ihre Abnehmer. Keine vornehme Dame auf Meilen in der Runde weit ins Land hinein, die nicht wenigſtens ein auserleſenes Gedeck, ein köſtliches Tuch von der kunſtreichen Hand des Meiſters beſitzen wollte; keine Ausſtattung reicher Töchter, zu der er nicht das Prachtſtück an Linnen zu liefern hatte. Nicht ſelten kamen aus der Hauptſtadt ſelbſt große künſtliche Zeich⸗ nungen, zu der berühmte Maler die Umriſſe geliefert: und wie künſtlich ſie waren, der Mei⸗ ſter verſtand es doch, ſie auf ſeine ſchillernden Fäden zu übertragen. 255 Damals ſah das Haus des Meiſters nicht ſo ärmlich aus, wie jetzt: damals ſtrahlten die kleinen Scheiben und in der ſauber getünchten Stube klapperten vergnüglich die Webeſtühle. Denn es war der Arbeit mehr, als er allein, wiewohl von unermüdlichem Fleiß, bei Tag, bei Nacht, bewältigen konnte. Darum nahm er ſich zu Zeiten Geſellen an. Wiewohl es ihm nicht leicht fiel, deren zu finden, die ihm ge⸗ nügt hätten. Denn mit der ganzen Strenge eines alten Meiſters hielt er auch in dieſem Punkt an den ererbten Vorſchriften und wollte Niemand zum Gehilfen annehmen, als wer ſich verpflichtete, die ganze mühſelige Lehrzeit von ehedem bei ihm durchzumachen.— Dazu fand er denn freilich, bei der völlig veränderten Stim⸗ mung der Zeit, nur Wenige bereit. Und auch dieſe Wenigen hielten hinterdrein meiſt nicht aus. Aber bei alledem war der Meiſter ein un⸗ glücklicher Mann; die Hand des Schickſals lag 256 ſchwer auf ihm und den Seinigen. Seine Frau (Niemand von den jetzt im Dorfe Lebenden wußte ſich ihrer zu erinnern, doch ging die Rede, daß es eine ſtille, fleißige Frau geweſen, eben⸗ falls aus einer alten Weberfamilie) war im zweiten Kindbett geſtorben; ſeine Schweſter, Lene, war ſchwindſüchtig und hatte ſeit vielen Jahren das Bett nicht verlaſſen; ſein Vater 3 endlich, ein Greis von wahrhaft ehrfurchtgebie⸗ tender Geſtalt, groß und ſchlank, trotz ſeines hohen Alters geſund am ganzen Leibe, der ſchönſte Greiſenkopf, den man ſehen konnte, mit großen lichtblauen Augen und langen zart⸗ gekräuſelten Locken, die ihn, ſilberweiß, gleich einem Heiligenſchein, umfloſſen. Aber dieſer ſo liebenswürdige, ſo ehrfurcht⸗ gebietende Greis war kindiſch! Sein Leib war geſund, aber ſein Geiſt war zerrüttet ſeit zwan⸗ zig Jahren; Tag' und Nächte, unabläſſig, kauerte er in derſelben Ecke und ſpielte, Kinderſpiele, 257 mit Papierſchnitzeln und zerbrochenen Strohhal⸗ men; ſanfte Worte ſprach er, mit leiſer, lieb⸗ licher Stimme— aber ſie waren ohne Sinn. Auch über den Urſprung dieſer wunderbar gehäuften Unglücksfälle gingen allerhand finſtre, unheimliche Gerüchte, aber ebenfalls völlig un⸗ beſtimmter Natur: indem ſie alle nur darauf hinausliefen, dieſelben als die Wirkung eines und deſſelben außerordentlichen und furchtbaren Ereigniſſes darzuſtellen. Allein auch hier wie⸗ der, worin daſſelbe eigentlich beſtanden, wußte Niemand mehr anzugeben. Deſto glücklicher, in friſcheſtem Jugend⸗ ſchmuck, blühten die beiden Kinder, welche die Frau des Meiſters ihm hinterlaſſen: die Ael⸗ teſte, Margareth, dieſelbe, die wir, freilich un⸗ ter ſehr veränderten Verhältniſſen, bereits ken⸗ nen gelernt haben; der Jüngere, deſſen Geburt der Mutter das Leben gekoſtet, Reinhold, ein prächtiger brauner Knabe, von hellem Geiſt und 258 tüchtigen Kräften, der dem Vater ſchon früh⸗ zeitig bei der Arbeit wacker zur Seite ſtand. Dieſe beiden Kinder waren der Schmuck des ſonſt traurigen, ſchwer heimgeſuchten Hau⸗ ſes; der Vater hing an ihnen mit einer un⸗ glaublichen Zärtlichkeit, die aber von ihnen nicht minder lebhaft erwidert ward. ueberhaupt, bei all dem traurigen Schick⸗ ſal, das auf dieſer Familie laſtete, ſowie bei der raſtlos ſauren Arbeit, zu welcher der Haus⸗ vater verurtheilt war, konnten doch nur ſehr wenige gefunden werden, in denen eine größere Anhänglichkeit, eine zartere Aufmerkſamkeit im wechſelſeitigen Verkehr heimiſch geweſen wäre: und das nicht blos bei Familien dieſes niedern Standes. Sie war wahrhaft rührend, dieſe ehrfurchtvolle Ergebenheit, mit der alle Glieder des Hauſes, der Sohn und Hausherr an der Spitze, den alten blödſinnigen Aeltervater be⸗ handelten— und noch rührender die ſchüchterne Fügſamkeit, die kindliche Demuth, mit welcher der arme irre Greis dieſe Huldigungen annahm. Nie für die geſundeſte, die ſchönſte, die reichſte Schweſter konnte ein Bruder größere Sorgfalt bezeigen, als der Meiſter ſeiner ſiechen Schwe⸗ ſter bewies. Und nie hinwiederum die geſun⸗ deſte, rüſtigſte Frau konnte die Erziehung der beiden Waiſen mit größerer Aufmerkſamkeit und unermüdlicherer Geduld überwachen, als es von der kranken Tante Lene geſchah; ihr vornäm⸗ lich und ihren ſanften, liebevollen Lehren, nächſt dem Beiſpiel des Vaters, verdankten die Kin⸗ der den frommen, nüchternen, keuſchen Sinn, der ſie tiefinnerlich belebte und an dem auch das ſchlechte Beiſpiel der übrigen Dorfjugend nichts verderben konnte,— zunächſt ſchon des⸗ halb nicht, weil ſie, die Schulſtunden ausge⸗ nommen, niemals mit ihr zuſammenkamen. Sirbentes Rapitel. Der Fabrikant. Auf dieſe Weiſe, wie wir es im vorigen Ka⸗ pitel geſchildert haben, führte der Meiſter ein Leben, das allerdings nichts weniger als benei⸗ denswerth war, aber doch auch nicht ganz freu⸗ denlos. Freilich hatte er zu arbeiten, ſchlimmer als ein Galeerenſklav; ein Zuchthäusling war gegen ihn ein Freiherr an Sorgloſigkeit. Aber dafür auch, wenn, nach durchwachter Nacht, der erſte Sonnenſtrahl ihn aufſchreckte von dem Webeſtuhl, über dem er kaum erſt eingenickt war, und er den Schlummer gewaltſam ab⸗ ſchüttelte von Augen, die ihn kaum noch ge⸗ koſtet hatten: ſo durfte er bei alledem doch ſich ſelber ſagen, daß es noch keinen Abend gege⸗ ben hatte, wo ſeine Kinder ungeſättigt zu Bette gegangen waren, und daß der kranken Schwe⸗ ſter, dem bejammernswerthen alten Vater nichts fehlte am Nothwendigen.— Und ſolch Be⸗ wußtſein gibt gar eine eigene Kraft und erſetzt Freuden, die Andere für unentbehrlich halten. Auch als die alten Kloſtergebäude zur Fa⸗ brik umgeſchaffen wurden und der Feind gleich⸗ ſam, der die alte Meiſterſchaft zerſprengt hatte, ſeinen Sitz nun aufſchlug in nächſter Nachbar⸗ ſchaft, unter den Augen des Meiſters ſelbſt: ſo verſchlimmerte ſich die Lage deſſelben darum noch keineswegs. Der Unternehmer der Fabrik war ein Eng⸗ länder, Herr Wolſton. Oder wenigſtens galt er dafür. Denn Andere wieder wollten wiſſen, er ſei urſprünglich ein Deutſcher, den ſein Schick⸗ 262 ſal erſt nach England verſchlagen; auch ſei der Name, den er führe, gar ſein rechter nicht. Jedenfalls hatte er engliſches Geld mitge⸗ bracht, engliſche Maſchinen und engliſchen Un⸗ ternehmungsgeiſt. Alles Dreies wirkte mächtig zuſammen. Beſonders ſeine Maſchinen, nach einer ganz neuen Einrichtung, die er ſelbſt als Geheimniß bewahrte, übertrafen in ihren Lei⸗ ſtungen weit alle übrigen, die man zu der Zeit auf dem Continent kannte. Bald war ſeine Fabrik eine der bedeutendſten im Lande; das bis dahin ſo öde, ſo ſchweigſame Thal wurde der Sammelplatz einer zuſtrömenden Bevölke⸗ rung, und erfüllte ſich mit ruhloſem, lärmen⸗ dem Leben. Allein auch durch dieſe ihm ſo nah gerückte Concurrenz ließ ſich der Meiſter in ſeinem ſtillen, ehrlichen Fleiß nicht ſtören. Lieb war dieſelbe ihm freilich nicht: wennſchon nicht eigentlich aus perſönlichen Rückſichten. Aber er haßte 263 alles Fabrikweſen, haßte alle Maſchinenarbeit, mit einem Haß, ſo ingrimmig, ſo glühend— wir wiſſen kein paſſenderes Beiſpiel: wie der flüchtige Indianer, der arme Sohn der Wäl⸗ der, den klugen, ſinnreichen Weißen haßt, der ihn unaufhaltſam, Schritt vor Schritt, Meile vor Meile, herunterdrängt von dem Erbe ſeiner Väter. Der Meiſter war überhaupt von außeror⸗ dentlicher Schweigſamkeit, ein hagrer, bleicher, in ſich gekehrter Mann. Allein wenn er auf dieſen Gegenſtand geführt ward, ſo konnte ſeine ſonſt ſo ſtumme Junge kein Ende finden; ſeine ſonſt ſo ſchlichte Ausdrucksweiſe erhob ſich, in⸗ dem er auf Fabriken und Maſchinen zu ſpre⸗ chen kam, zu den gewaltigſten und kühnſten Bildern. Die großen Fabriken, ſagte er, wie ſie jetzt, nach dem Frieden, von England nach Deutſchland verpflanzt würden, ſeien Werkſtät⸗ ten, o ja: aber Werkſtätten des Teufels; der 264 Gewinn, den ſie brächten, gleiche jenen Geſchen⸗ ken der Kobolde, die ausſähen wie Gold— aber am nächſten Morgen wären ſie verwan⸗ delt in eitel Unrath. Wer eine dieſer Maſchi⸗ nen ſehen könne zum erſten Mal, mit ihren langen, ſchwarzen, ruhloſen Armen, ihren ewig ſchnappenden, ewig knirſchenden Rädern, ihrem unaufhörlichen dumpfen Brüllen— und es wäre ihm nicht, als ſäh' er die gigantiſchen Un⸗ thiere der Vorwelt, Drachen und Kraken, her⸗ aufbeſchworen aus dem Abgrund des Meeres, mit ihren eiſernen Kiefern, ihrem unerſättlichen Schlund die blühende Welt, zahlloſe Geſchlech⸗ ter und Recht, Scham Tugend hinabzuſchlin⸗ gen und zu vernichten? In jeder Maſchine, behauptete er(und ſeine Augen, bei dieſen Wor⸗ ten, nahmen einen Schein an, ſeine Stimme verlor ſich in ein unheimliches Flüſtern, als käme der irre Geiſt ſeines Vaters über ihn)... In jeder Maſchine ſäße, zu ewiger Höllenqual, 265 die Seele ihres Erfinders: und was in dieſen Hebeln ſauſe, krache in dieſen Walzen, pfeife und quietſche in dieſen Röhren, dröhne in die⸗ ſem zitternden Fußboden, ausathme in dieſer trocknen, brennenden Atmoſphäre—, das ſei das Jammergebrüll des Verzweifelnden, der ewig erneute Todesſeufzer ſei es des raſtlos Ge⸗ peinigten! Auch hatte er wirklich Anfangs, als die Fa⸗ brik hier errichtet ward, die Abſicht geäußert wegzuziehen aus der Gegend: und üur die Rückſicht auf die Kranken in ſeinem Hauſe hatte ihn genöthigt, von dieſem Vorhaben abzuſtehen. Mit um ſo größerer Zuvorkommenheit da⸗ gegen ſuchte Herr Wolſton, der Fabrikbeſitzer, die Bekanntſchaft des Meiſters auf. Und mit gutem Grund: da derſelbe, wie früher erwähnt, weit und breit berühmt war als der tüchtigſte Mann ſeines Faches; ein ganzer Schatz von Erfahrungen, ſagte man, Handgriffen und Kunſt⸗ Das Engelchen. I. 12 266 geheimniſſen, von Urältern her ererbt, hatte ſich zuſammengefunden bei dem Meiſter; wenn es Herrn Wolſton gelang, dieſen Mann für ſeine Fabrik zu gewinnen, ſo war das, behauptete man, zum Wenigſten ebenſo viel werth, als ſeine beſte engliſche Maſchine. Daran jedoch, bei der bekannten Geſinnung des Meiſters, war nun freilich nicht zu denken: vielmehr wies er alle Anerbietungen, welche Herr Wolſton, bald nach ſeiner Ankunft, ihm in die⸗ ſer Hinſicht machte, auch die glänzendſten, hart⸗ näckig ab. Niemals, ſchwur er, weder er ſelbſt noch Jemand der Seinigen, werde in einer Fa⸗ brik arbeiten; ja lieber im Sarge wollt' er ſeine Kinder ſehen, denn als Fabrikarbeiter. O und daß es ihm Ernſt war mit dieſem Schwur, das bewieſen die Thränen, die ihm dabei in die hohlen, entzündeten Augen traten. Nur erſt allmälig und auf vieles Zureden verſtand er ſich dazu, die Fabrik überhaupt nur 267 zu betreten und Herrn Wolſton, in dieſem und jenem, mit Rath und Meinung an die Hand zu gehen. Und auch das that er nur gleichſam verſtohlen und als ob es ein Unrecht wäre, das er damit beginge. Herr Wolſton bewies mit dieſer Ueberſpannt⸗ heit(oder wie man ſie ſonſt nennen wollte) des Meiſters große Nachſicht. Wie er denn über⸗ haupt ein Mann war, den man, trotz ſeiner höchſt verwickelten und oft über die Maßen verdrießlichen Geſchäfte, öffentlich niemals ver⸗ drießlich oder gar in Zorn ſah: ſondern immer und gegen Jedermann zeigte er denſelben gleich⸗ mäßigen, kaltfreundlichen Ausdruck in dem vol⸗ len, ſtattlichen Geſicht. Eine Maſchine, ſagte er in Beziehung auf den Meiſter, ſei freilich ein gar kunſtreiches, wundervolles Geſchöpf und nicht Jedermanns Sache ſei es, das einzuſehen; ein Dämon allerdings ſitze darin, aber darum ſei dem Menſchen der Verſtand geworden, ihn 123 zu feſſeln und zu ſeinem Dienſt zu zwingen. Der Meiſter, ſetzte er dann wohl mit kühler Höflichkeit hinzu, nach ſeiner Einſicht und ſei⸗ nen Bildungskräften, thue allerdings ganz Recht, bei ſeinem Webeſtuhl zu bleiben, ja nach ge— nauerer Ueberlegung müſſe er jetzt ſich ſelbſt Vorwürfe machen, daß er nur jemals daran gedacht habe, ihn demſelben zu entziehen.— Blieb das Verhältniß zwiſchen den beiden Männern auf dieſe Art ein, wenn auch keines⸗ wegs feindſeliges, doch immerhin ziemlich ein⸗ ſilbiges und kühles: ſo deſto traulicher dagegen geſtaltete es ſich zwiſchen den beiderſeitigen Fa⸗ milien. Oder eigentlich nur zwiſchen den Kindern. Auch der Fabrikherr, ſo viel in ſeinem Ge⸗ ſchäft ihm glückte, hatte doch in ſeinem Hauſe ebenfalls ein ſchweres Schickſal zu beſtehen: Frau Wolſton war tiefſinnig. Tiefſinnig, nicht geſtört; ihre Gedanken wa⸗ * ren vollkommen richtig und wohlgeordnet: nur daß ſie Zeiten hatte, wo ſie von einer unbe⸗ zwinglichen, vernichtenden Traurigkeit überwäl⸗ tigt wurde. In ſolchen Zeiten ſchwand ihr jede Ueberlegung und jede Rückſicht; ſtrömenden Au⸗ ges, die Hände ringend, mit aufgelöſtem Haar, irrte ſie dann einſam durch Wald und Flur, mit unverſtändlicher Zunge(ſie war eine Eng⸗ länderin und ſprach das Deutſche nur mühſam und mit fremdartiger Betonung) jammervollſte Klagen ausſtoßend. Das Gerücht behauptete, dieſe Klagen meinten ihren erſten Mann, einen reichen Londoner Kaufmann, den ſie, ein Weib, wie man noch jetzt in einzelnen Spuren erken⸗ nen konnte, von außerordentlicher, ſinnbethören⸗ der Schönheit, durch Leichtſinn und Eitelkeit zu Grunde gerichtet hatte: ſo daß er geſtorben ſei in Bankerott und Selbſtmord. Allein wie das nun war: dieſe traurigen Epochen wiederholten ſich immer häufiger; bald 270 waren die lichten Augenblicke die Ausnahmen, und zwar höchſt ſeltene. Die Aerzte hatten den Verſuch gemacht, ſie, wenn die Anfälle ſich nahten, durch Wechſel des Orts und auf an⸗ dere Weiſe zu zerſtreuen oder wenigſtens ihr jammerndes Umherwandern zu verhindern. Al⸗ tein beides mit ſchlechteſtem Erfolg: ihr Tief⸗ ſinn hatte ſich über dieſen Verſuchen in Tob⸗ ſucht verwandelt: und darum, ſollte ihr Zu⸗ ſtand nicht noch viel elender werden, mußte man ſie frei gewähren laſſen. Auch konnte man es ohne Gefahr: da ihr Tiefſinn Niemand etwas zu Leide that, als höch⸗ ſtens nur ihr ſelbſt. Im Gegentheil, ſie war dabei das ſanftmüthigſte, ja unterwürfigſte We⸗ ſen, das man ſich denken konnte, und von un⸗ erſchütterlicher Wohlthätigkeit. Die Hütten der Kranken und Elenden aufzuſuchen und mit re chen Händen Almoſen auszutheilen, war ihre einzige Freude in geſunden Tagen. Und ſelbſt 271 wenn der Dämon der Melancholie ſie gefeſſelt hielt, vergaß ſie doch ihre Armen nicht, ſon⸗ dern trug ihnen ſelbſt dann noch Geld und Speiſen zu. Nur wer ſie alsdann, vielleicht aus Dankbarkeit, vielleicht auch Mancher aus Neugier, mit theilnehmenden Worten beſänftigen und tröſten wollte, gegen den konnte ſie ſich un⸗ wirſch und ſogar boshaft zeigen. Sobald jedoch der Paroxysmus vorüber, war auch von dieſer Gehäſſigkeit jede Spur verſchwunden. Am Liebſten hielt ſie ſich im Hauſe des Meiſters auf, am Bett der kranken Lene. Stun⸗ denlang konnte ſie da ſitzen, unermüdlich in kleinen Handreichungen: oder auch, wenn ihre trübe Zeit gekommen war, ſaß ſie, ſtarrte in das bleiche, friedliche Antlitz der Kranken und weinte dabei, weinte, weinte— o Gott, als ob ſie die Seele ſelbſt verſchütten wollte mit dieſen Thränen! Herr Wolſton, der die Krankheit ſeiner Frau 272 von einer großen Gefahr her datirte, in welcher dieſelbe einmal auf einer ſtürmiſchen Seereiſe ge⸗ ſchwebt habe, und ſie für unheilbar hielt, legte ihr, ſo viel man ſehen konnte, durchaus nichts in den Weg, weder zum Guten noch zum Böſen. Er wohnte in einem entgegengeſetzten Flügel des weitläufigen Gebäudes und ſah Frau Wol⸗ ſton oftmals in Wochen nicht, nicht einmal bei Tiſche, und auch nicht in ihren geſunden Tagen. Ebenſo wenig ſeine Tochter— oder vielmehr die Tochter ſeiner Frau. Denn das Kind war aus deren erſter Ehe: Angelica— oder wie die Leut' im Dorf ſie hießen, ſei es, weil der einiger⸗ maßen ungewöhnliche Name ihnen ſchwer ein⸗ ging und ſie ihn ſich auf dieſe Weiſe verſtänd⸗ licher machen wollten, ſei es, daß die engliſche Abkunft des Kindes mit hinein ſpielte, oder auch ſei es, weil es allerdings der paſſendſte Name war für das unſäglich anmuthige, engel⸗ gleiche Kind— genug, die Leut' im Dorf 273 hießen die Kleine nicht anders als das En⸗ gelchen. Und nicht blos wegen ſeiner äußern An⸗ muth hätte das Kind dieſen Namen verdient: auch an Gemüth war es ein Engelchen, mit dem Unterſchiede vielleicht nur, daß man ſich die Engel nicht wohl ſo ſchalkhaft, ſo muth⸗ willig vorſtellt, als die Kleine zu Zeiten war, ja immer, ſobald ſie es nur ſein durfte. Denn auch dieſes ſo reine, ſo unſchuldige, ſo in Freude blühende Gemüth hatte, trotz ſei⸗ ner Jugend, ſchon ſein zugemeſſenes Theil zu tragen an dem finſtern Schickſal, das über ſei⸗ nem älterlichen Hauſe brütete, und dieſer be⸗ klagenswerthen Entfremdung, welche Vater und Mutter immer weiter auseinander brachte. Herr Wolſton, wie eben erwähnt, überſah ſeine Stieftochter völlig. Auch von ihrer Seite geſtattete er keine Annäherung; bange Furcht, ſtummer Gehorſam, ſchweigende Unterwerfung in 12** 274 das, was einmal als der Wille des Herrn Wol⸗ ſton feſtſtand, war Alles, worauf Angelica ihre Empfindungen beſchränken durfte gegen einen Mann, den ſie ſo gern geliebt hätte, wie ihren Vater— und der doch ein für allemal ihr Va⸗ ter nicht ſein wollte.— Kindergemüther ſpie⸗ geln mit außerordentlicher Treue die Eindrücke wieder, die ſie von ihrer Umgebung empfan⸗ gen: und ſo auch in der Seele dieſes ſo weich⸗ herzigen, ſo gutgearteten Kindes ſetzte ſich, durch die vernichtende Kälte, mit welcher Herr Wol⸗ ſton es behandelte, eine Verſchloſſenheit und Strenge feſt, ja faſt müſſen wir ſagen eine Her⸗ bigkeit, die zwar nirgend anders hervortrat, als nur in Wolſton's Gegenwart, dann aber auch mit einer Entſchiedenheit und einer Ener⸗ gie, die mit dem übrigen Weſen des Kindes kaum vereinbar ſchien.* Ganz anders dagegen, nicht eigentlich frer. diger, wohl aber unendlich zärtlicher und darum 275 auch unendlich glücklicher, war das Verhältniß zur Mutter. In den ſchwarzen Stunden, wenn der Geiſt der Verzweiflung die Unglückliche faßte, war Angelica die Einzige, die ſich ihr nahen durfte; die ſüßflötende Stimme dieſes Kindes war die einzige, auf die ſie horchte mit⸗ ten in ihrem tiefſten Gram; ſeine kleine, ſchmeich⸗ leriſche Hand die einzige, von der ſie ſich, wenn auch nicht ohne Widerſtreben, nach Hauſe füh⸗ ren ließ von ihren grauenvollen Wanderungen. Wer die Kleine alsdann hörte, wie ſie mit den ſüßeſten, zarteſten Worten der Mutter zuſprach, wer ſie ſah, wie ſie, ſobald die Mutter ſich nur ein wenig zu beruhigen ſchien, die allerliebſten Mäulchen ſchnitt, die ſchalkhafteſten Spiele trieb, Alles in der guten Abſicht, die Mutter aufzu⸗ heitern— und wie dieſe dann plötzlich dem Kinde zu Füßen ſfiel, ihm Hände und Füße küßte mit verzweifelnder Inbrunſt und ihm lieb⸗ koſte mit den ſchmelzendſten, zärtlichſten Wor⸗ 276 ten, Angelica aber, ganz ſacht, ganz ſtille hielt, mit einem lieben, begütigenden Lächeln um den Mund, während dichte Thränen. ihr die großen braunen Augen verdunkelten— o wahrhaftig, wer das ſah und hörte, ein Herz von Stein hätte er haben können und es wär' ihm doch „geſchmolzen bei dieſem Anblick! Ach, die kranke Mutter war nicht die Ein⸗ zige, welche die frühe Pflege dieſes lieblichen Kindes in Anſpruch nahm. Auch aus ihrer Ehe mit Herrn Wolſton hatte ſie ein Kind ge⸗ boren, einen Knaben, Julian. Auch Julian war ein wohlgeartetes Kind und ebenfalls von ſeltener Schönheit. Aber ſeine Schönheit hatte etwas Beängſtigendes. Aus dieſer ungewöhnlich ſchlanken, ſchmalen Ge⸗ ſtalt, der durchſichtigen Röthe dieſer hagern Wangen, dieſen glanzvoll leuchtenden Augen, dieſen ſchmalen, kirſchfarbenen Lippen, den milch⸗ weißen Zähnen— es war noch lange kein Arzt nöthig und die gewöhnliche Erfahrung reichte hin, um aus dieſen Zeichen auf einen Wurm zu ſchließen, der im Innern dieſes ſchönen Kna⸗ ben nagte— einen langſamen, aber unerſätt⸗ lichen, einen gefährlichen Wurm! Auch die überraſchende Schnelligkeit ſeiner geiſtigen Entwicklung ſtand damit in beſorg⸗ licher Uebereinſtimmung; kaum ein Knabe, ja ein Kind noch, war er ſeinen Jahren an Ver⸗ ſtand und Kenntniſſen weit vorangeeilt. Was jedoch am Rührendſten war an der Erſcheinung dieſes Knaben, das war die außer⸗ ordentliche Hingabe, die faſt mädchenhafte De⸗ muth und Zärtlichkeit, die er, mit wenigen Ausnahmen, von denen wir ſogleich noch ſpre⸗ chen werden und die allerdings dadurch nur um ſo greller hervortraten, gegen Jedermann erwies. Dienſte thun, weggeben, verſchenken, war ſeine Leidenſchaft; gleichſam als ahnte er in ſeinem kleinen jungen Herzen das frühzeitige Ende, zu dem er heranreifte, ſuchte er, mit ungeduldiger Haſt, in die kurze Spanne Leben, die ihm vergönnt war, ſo viel Liebe zu ver⸗ ſammeln, die karge Neige ſeines jungen Da⸗ ſeins mit ſo viel Blumen der Freundſchaft und des Wohlthuns zu überdecken, als ihm nur im⸗ mer möglich war. Julian war der Abgott ſeines Vaters. Die⸗ ſer ſo gleichmäßige, ſo feſte Mann, der für die Leiden ſeiner Gattin längſt kein Auge mehr hatte, der gegen Angelica'n, dieſes lieblichſte Kind, das aller Andern Herzen bezauberte, nie, aber auch niemals nur die leiſeſte Spur väterlicher Empfindung gezeigt hatte, ſondern von früh auf, unverändert, behandelte er ſie ſtets nur als das, was ſie im Grunde für ihn war, eine Fremde— aber an ſeinem Knaben hing er mit ſchwärmeriſcher Neigung! aber ein Wort aus Julian's Munde, ein Blick ſeiner Augen, ein Wink ſeines Fingers hätte genügt, 279 den ſonſt ſo unbeweglichen Mann umzuſtimmen, wie er wollte!— Daß Julian im Innerſten krank war, ſah Herr Wolſton nicht— oder wollte es nicht ſehen. Es ſeien das nichts, be⸗ hauptete er, wenn Andere ihn auf den bedenk⸗ lichen Zuſtand des Kindes aufmerkſam machten, als die gewöhnlichen Begleiter eines beſchleu⸗ nigten Wachsthums, vielleicht auch noch die Nachwirkungen der ungeſunden engliſchen Ne⸗ bel, in denen es ſeine früheſten Lebensjahre verbracht habe, ja ſchlimmſten Falls eine ner⸗ vöſe Aufregung, die es von ſeiner Mutter geerbt habe, und die, mit vorrückenden Jah⸗ ren, ſich ganz gewiß von ſelbſt verlieren würde. Und da Herr Wolſton bekanntlich ein ſehr reicher Mann war und die Aerzte, die ſich um ſeinen Knaben bemühten, mit mehr als fürſt⸗ licher Freigebigkeit belohnte, ſo fand ſich Nie⸗ mand, der den Muth gehabt hätte, ihn aus 280 dieſem, für ſein Vaterherz ſo wohlthätigen Irr⸗ thum emporzuſchrecken. ungehindert alſo konnte er ſich in den tühn⸗ ſten Träumen, den glänzendſten Bildern er⸗ gehen über die Zukunft ſeines Sohnes. Auch darin bewies er einen Schwung der Phantaſie, eine gewiſſe liberale, ja poetiſche Imagination, die man nicht ſo leicht von ihm erwartet hätte. Der Knabe zeigte zu Allem, was nach kauf⸗ männiſchen Geſchäften ſchmeckte, nach Fabrik⸗ weſen und Induſtrie, nicht nur keine Neigung, ſondern ſogar einen entſchiedenen, ja leiden⸗ ſchaftlichen Widerwillen zeigte er dagegen.— Auch dieſer Leidenſchaft ließ Herr Wolſton freien Raum. Seine Geſchäfte ließen ihm we⸗ nig Zeit, ſelbſt ſeinem geliebten Kinde konnte er nur wenig ſeltene Minuten widmen. Aber ſtundenlang hätte er ſitzen können und zu⸗. hören, mit aufeinandergepreßten, ſchmunzeln⸗ den Lippen und bedeutungsvollem Wiegen des Hauptes, wie Julian, in einem Tone, von dem man faſt hätte glauben mögen, er habe ihn dem Meiſter abgelernt, ſeinen Abſcheu ausſprach gegen Zahlen und Ziffern, und die ſchwülen Arbeitsſäle in der Fabrik und das Raſſeln der Maſchinen, das, behauptete er, bis in ſeine kleine, ſtille Stube hinüberdränge und ſelbſt ſeine Träume ſtöre... Gut, gut, pflegte Herr Wolſton in ſolchen Fällen zu ſagen: Hat Recht, mein Junge! ſoll es nicht nöthig haben, mein Julian, ſein fri⸗ ſches Leben zu vergraben unter Ziffern und ſeine Seele zu verkaufen an die todten Maſchinen! Soll es nicht nöthig haben, o nein! Soll trei⸗ ben können, was ihm beliebt, ein freier Mann, malen, dichten, reiſen, was er will, und kein Prinz ſoll es beſſer haben als er... Wie Julian ſo viel Zärtlichkeit erwiderte?— Dies von Allem war das Wunderſamſte. Ein Herz, ſo ſanft, ſo weich, ſo überſtrömend in 282 Liebe, ſo zuvorkommend auch gegen den Ge⸗ ringſten ſeiner Dienerſchaft— und war doch kalt und verſchloſſen gegen diejenigen, die ihm gerade am Nächſten ſtanden und das meiſte An⸗ recht gehabt hätten auf ſeine Liebe: ſeine Aeltern. Julian war gehorſam, demüthig, ehrerbie⸗ tig gegen ſeine Aeltern; niemals, auch mit dem leiſeſten Gedanken nicht, misbrauchte er die Herrſchaft, die ſein Vater ihm über ſich ein⸗ räumte und die auch dem ſcharfſichtigen Kinde unmöglich verborgen bleiben konnte— Aber Liebe? Nein, von Liebe gegen ſeine Aeltern empfand ſeine junge Seele nichts. Die Mutter, allen Anzeichen nach, erwiderte dieſe geheime Abneigung. Es war ein ähn⸗ liches Verhältniß zwiſchen ihr und Julian, wie zwiſchen Herrn Wolſton und Angelica: ſie ſah den Knaben wenig, faſt nie, und wenn es geſchah, ſo war es deutlich, daß ſchon ſein bloßer Anblick ihrem Herzen Zwang anthat. So blieb Julian faſt ausſchließlich der Ge⸗ ſellſchaft und Pflege ſeiner Schweſter überlaſſen. Die beiden Geſchwiſter liebten ſich mit unbe⸗ ſchreiblicher Zärtlichkeit. Die geheime Eifer⸗ ſucht der Aeltern, die ſich ſelbſt in ihrem Ver⸗ hältniß zu den Kindern widerſpiegelte, indem jeder von ihnen gerade dasjenige Kind zu haſ⸗ ſen ſchien, das der Andere liebte und weil er es liebte— in dem Verkehr der Geſchwiſter wenigſtens war ſie ausgelöſcht und verſöhnt; Unbefangenheit und Vertraulichkeit, für die in dem glänzenden Hauſe des Fabrikherrn im Uebrigen keine Stätte war— in die Herzen dieſer beiden Kinder wenigſtens hatten ſie ſich geflüchtet und hier, unbekümmert um die Kälte und die Verſtimmung um ſie her, ihren rein⸗ ſten, köſtlichſten Tempel aufgeſchlagen.— An⸗ gelica war fünf oder ſechs Jahre älter als Ju⸗ lian. Aber das gab dem Verhältniß eben erſt ſeine rechte Weihe: um ſo mütterlicher geſtaltete ſich die Liebe des heranwachſenden Mädchens, um ſo reizender war ſie in ihrer zarten, vor— ſorglichen Bethulichkeit um den kränkelnden Bruder. Julian theilte dieſe Liebe in tiefſter Seele. So verhaßt ihm alles kaufmänniſche Weſen war, ſo ſehr liebte er wiſſenſchaftliche Beſchäf⸗ tigung, beſonders die Naturwiſſenſchaften, und von ihnen wieder am Meiſten die Botanik. Allein der Aermſte durfte, ſeiner Geſund⸗ heit halber, nur wenig ins Freie; ſeine meiſten Tage mußte er im engen, dumpfen Zimmer ver⸗ leben; ſchon mehr als einen Frühling hatte er nur vom Fenſter aus begrüßt. Da war es nun gar herrlich, wie Angelica für ihren Bruder durch Wald und Buſch lief und ihm Blätter, Blumen, Kräuter, was ihn irgend intereſſirte, zuſammentrug. Ein Win⸗ kelchen im Treibhaus hatte ſie für ſich einge⸗ richtet und zog, in kleinen Töpſfchen, ſo gut ſie 285 konnte, allerhand ſeltene Pflanzen, die Julian ſich gewünſcht oder von denen er geſprochen hatte. Und wenn es ihr gelang und wenn ſie dem Bruder unverſehens ihre blühenden Töpf⸗ chen vors Bette tragen konnte— o da war ja nie ein König glücklicher geweſen als ſie! Und ebenſo herrlich war es auch, wenn Ju⸗ lian, ſeine prächtigen Kupferwerke vor ſich, mit ernſthafter Miene den Lehrmeiſter machte für ſeine Schweſter. Wie ſie die Köpfchen ſo dicht zuſammenſteckten! wie ſich die lockigen Haare ineinander kräuſelten, das feine, aſchfarbene des Knaben und die dicken, kaſtanienbraunen Locken des Engelchen! wie das Mädchen ſich mit ſo viel poſſenhaftem Ernſt bemühte, die ſchweren lateiniſchen Namen richtig herauszubringen! Und wenn es ihr doch mislang, wie Julian den Spaß ſo köſtlich fand und ſich ſchüttelte vor herzensfreudigem Gelächter, ſo freudigem, daß er den böſen Huſten, mit dem das Gelächter 286 ſich ſogleich beſtrafte, kaum verſpürte und noch fortlachte unter Huſten und Thränen!— Wir haben ſchon geſagt, daß jeder Wunſch des Knaben für Herrn Wolſton Geſetz war. Als derſelbe daher eines Tags, veranlaßt durch eine zufällige Erzählung Angelica's, den Wunſch äußerte, den Schulmeiſter des Orts, einen aller⸗ dings ſehr tüchtigen Mann, der ſich namentlich als Botaniker auszeichnete, zum Lehrer zu ha⸗ ben: ſo mußten die hochſtudirten, koſtbaren Hauslehrer, die Herr Wolſton ihm bis dahin gehalten, ſogleich in die zweite Stelle treten und die Hauptleitung der Erzichung ging über in die Hände des ſchlichten, unſcheinbaren Dorf⸗ mannes. Aber keineswegs zum Schaden Julian's. Es war in der That ein vortrefflicher Lehrer, einfach, aber gediegen und treu in allen Stücken. Da er Julian nicht überſchüttete mit Dingen, die der Natur des Kindes widerſtanden, aber auch das, was ihm ferner lag, ihm durch ge⸗ ſchickte Behandlung bedeutend und wünſchens⸗ werth zu machen wußte: ſo nahm Julian, un⸗ ter dieſer veränderten Leitung, nicht nur an Heiterkeit und Frohſinn, ſondern auch an Kenntniſſen merklich zu. Selbſt der Unterricht der übrigen Lehrer gefiel ihm jetzt beſſer, als bisher. Der Schulmeiſter, um dem Knaben etwas Männlicheres zu geben und der allzu großen Weichheit ſeines Gemüthes in wohlthätiger Weiſe entgegenzuarbeiten, hielt es für wünſchenswerth, ihm, in irgend einem Knaben des Dorfs, ei⸗ nen Schul- und Spielgefährten zu geben. Auch dieſer Wunſch wurde von Herrn Wol⸗ ſton ſogleich gewährt und der Schulmeiſter mit der Wahl eines geeigneten Knaben beauftragt. Seine Wahl fiel auf den Sohn des Mei⸗ ſters, Reinhold. Reinhold, noch zwei Jahre älter als Angelica, war der Schule eigentlich 288 ſchon entwachſen. Auch was er in der Dorfſchule lernen konnte, hatte er gelernt und dabei ſo viel Fleiß und ſo viel glückliche Anlage entwickelt, daß der wackre Schulmeiſter eben deshalb mit Freu⸗ den dieſe Gelegenheit ergriff, ſeinem Liebling (denn das war ihm Reinhold ſeit Langem) den Zutritt zu eröffnen zu Bildungsmitteln, welche, nach menſchlicher Berechnung, ihm ohne das ewig verſchloſſen geblieben wären und die doch, deſſen war der Schulmeiſter gewiß, Niemand eifriger benutzen, glücklicher verarbeiten konnte,* als Reinhold. Der Meiſter ſah dieſe unvermuthete Wen⸗ dung im Schickſale ſeines Sohnes im Grunde nicht gern; er hatte eine außerordentliche Scheu vor Allem, was den Menſchen auf irgend eine Weiſe über den zunächſt vorgeſchriebenen Le⸗ benðpfad hinauszuführen ſchien, in Verhältniſſe, für die er urſprünglich nicht geboren. Das ſei ein Auflehnen, behauptete der Meiſter, gegen 289 die Ordnung Gottes, das allemal nur zum Verderben ausſchlage. Dem dringenden Zureden des Schulmeiſters indeß, der im Gegentheil behauptete, das ſei die wahre göttliche Ordnung und darin zeige ſich der Finger der Vorſehung, daß für ſo glück⸗ liche Anlagen, wie der Sohn des Meiſters ſie zeige, ſich hier ſo ganz ungeſucht und un⸗ vermuthet die günſtigſte Schule eröffne, wagte er auf die Dauer nicht zu widerſtehen und gab daher endlich, wenn auch ungern, ſeine Ein⸗ willigung. Auf dieſe Weiſe alſo wurde Reinhold nun der Schul- und Spielgefährte Julian's; der arme Webersſohn erhielt Zutritt zu den präch⸗ tigen Gemächern des Schloſſes, nahm Theil an dem ausgewählten unterricht, den Spielen und Erholungen dieſer vom Glück begünſtigten Kinder. Bald auch an ihren kleinen Geheimniſſen Das Engelchen. I. 13 290 und Leiden.— Die Wahl des Schulmeiſters rechtfertigte ſich glänzend. In allen wiſſenſchaft⸗ lichen Gegenſtänden, beſonders in der Mathe⸗ matik, die im Gegentheil von Julian vernach⸗ läſſigt ward, machte Reinhold die außerordent⸗ lichſten Fortſchritte; in kurzer Zeit, durch ſei⸗ nen angeſtrengten Fleiß, erwarb er ſich eine Bildung, die nicht nur weit(wie man das zu nennen pflegt) über ſeinen Stand hinaus, ſon⸗ dern auch unter allen Umſtänden und für Je⸗ dermann eine höchſt achtbare und gediegene Bil⸗ dung war. Allein was immer die Hauptſache blieb auch von Seiten des Gemüths und des ſittlichen Charakters bewährte Reinhold ſich auf das Vortrefflichſte. et glänzende Anblick des Reichthums und der Behaglichkeit, die ſich, im Hauſe des Fabrikanten, jetzt täglich vor ſeinen Augen entfalteten, ließ ihn völlig unverführt. Nicht der leiſeſte Hauch von Neid oder Eifer⸗ ſucht oder Habgier, nicht der leiſeſte Schatten einer erzwungenen ſchmerzlichen Entſagung, noch auch die entfernteſte Spur irgend eines Hoch⸗ muths oder einer Ueberhebung über die Genoſſen ſeines väterlichen Hauſes trübte den keuſchen Spiegel ſeiner Seele: ſondern dankbar alles Ge⸗ botene hinnehmend, hielt er ſich doch in jedem Augenblick durchaus beſonnen und ſelbſtändig und ging Abends, zu Schlafenszeit, aus der prächtigen Behauſung des Herrn Wolſton, von den warmen Decken, den weichen ſeidenen Seſſeln in die arme kalte Hütte ſeines Vaters, auf das harte, grobe Kiſſen, das ihm zur Bettſtatt diente, ſo unbefangen, ſo gleichmäßig, als müßt' es nur ſo ſein. Julian fühlte den Werth ſeines neuen Ka⸗ meraden raſch heraus; ſein Herz, geſchaffen, ſo ſchien es, mit einem inſtinktmäßigen Gefühl für iede wahre, aufrichtige und uneigennützige Liebe, ſchwelgte in dem ſo neuen, ſo ungewohnten Beſitz eines Freundes. 13* 292 Auch Angelica wurde in dieſe Freundſchaft hineingezogen; wie hätte Julian ſie auch ent⸗ behren, wie auf ſie, die ihm ſo innig nahe ſtand, ſo ganz verwachſen war mit ſeinen Wün⸗ ſchen und Träumen, Freuden und Schmerzen, verzichten können gegen irgend eine neue Erwer⸗ bung?— Bald hielt das anmuthigſte Verhältniß die drei Kinder umſchloſſen. Sie waren recht ei⸗ gentlich, was man ſo nennt, Ein Herz und Eine Seele—: Angelica und Reinhold, beide faſt gleichaltrig, beide ſtrahlend in Geſundheit und Jugendſchöne, beide überſchäumend von gleicher Lebensfriſche; zwiſchen ihnen, mit gleicher Zärt⸗ lichkeit gepflegt, von gleicher Liebe getragen, der blaſſe, kranke, ſchwermüthige Julian— wie zwiſchen zwei ſonnenhellen Tagen die ernſte, düſtre, geliebte Nacht. Aber dieſes reizende Zuſammenleben, nach mehrjähriger Dauer ſollte, auf völlig unerwar⸗ tete Weiſe, plötzlich und für immer zerriſſen werden. Wie es eigentlich gekommen, war ein Geheimniß, über welches diejenigen, welche allein im Stande geweſen wären, es zu löſen, ein Todesſchweigen bewahrten. Man wußte nur und nur dies ſtand feſt, daß der Meiſter eines Morgens, wie öfters geſchah, bei Herrn Wolſton im Kabinet geweſen, um von demſel⸗ ben über gewiſſe gewerbliche Gegenſtände um ſeine Meinung befragt zu werden. Was da zwiſchen den Beiden vorgegangen, wußte außer ihnen ſelbſt nur Gott. Aber auf einmal hatte die Stimme des Fabrikanten ſich erhoben, in fürchterlichem Zorn, wie niemals ſonſt, die Thür ſeines Kabinets war aufgeriſſen worden, der Mei⸗ ſter, todtbleich, bebend vor Zorn, mit Augen, aus denen der Wahnſinn leuchtete, war her⸗ ausgetreten, hatte, den Hut auf dem Kopf, ohne anzupochen, ſich Bahn gemacht bis in die Zimmer Julian's, hatte ſeinen Sohn bei der Hand ergriffen und ihn, mit zitterndem Fuß, aber ohne auch nur einen Augenblick zu zau⸗ dern oder auch nur mit einer Silbe Rechen⸗ ſchaft zu geben von dem, was er that, ihn mit ſich zurückgeführt nach Hauſe. Auf der Schwelle des Kloſters, unter der gewölbten Eingangspforte, hatte er einen Moment ſtillge⸗ ſtanden und hatte, mit erhobenem Arm, ſich umgewendet zu den Maſchinenhäuſern; ſeine Lippen hatten gezittert, lautlos— aber wer ihn geſehen hatte in dieſer Stellung, der wußte auch, daß in dieſem Moment ein Fluch ge⸗ kommen war von dieſen lautloſen, ſonſt ſo frommen Lippen, ein Fluch, der zum Himmel drang.. Damit war aller Umgang zwiſchen den bei⸗ den Familien auf immer eingeſtellt. Vergebens warf Julian ſich ſeinem Vater zu Füßen, ver⸗ gebens erklärte er, ohne ſeinen Freund nicht leben zu können: in dieſem einen und erſten Punkt blieb Herr Wolſton unbeweglich. Nur 295 nach lebhaftem Widerſtreben und weil die Aerzte es ihm als nothwendig ſchilderten für die Ge⸗ ſundheit ſeines Sohnes, hatte er erlaubt, daß Reinhold, der nun in Allem zum Webeſtuhl ſeines Vaters zurückgekehrt war, Julian noch zu⸗ weilen auf Augenblicke beſuchen durfte. Die Art jedoch, wie Herr Wolſton von jetzt an die Ge⸗ ſpräche der jungen Leute überwachte, und die ganze geringſchätzige, ja verächtliche Weiſe, mit welcher er Reinhold behandelte, war ſo empfind⸗ lich für die beiden Freunde, daß ſie nach kur⸗ zer Zeit freiwillig auf dieſen entwürdigenden Verkehr verzichteten.— Auch Angelica wurde mit außerordentlicher Härte beobachtet, daß ſie keinerlei Verbindung mit dem Hauſe des Mei⸗ ſters unterhielt. Ebenſo Frau Wolſton: wie⸗ wohl es gefährlich und ſelbſt unmöglich war, dieſe auf ihren Streifzügen überall zu überwachen. Doch waren die Folgen dieſes Zerwürf⸗ niſſes damit noch lange nicht erſchöpft; es war 296 überhaupt kein Zerwürfniß— dieſer Name iſt viel zu gelind: ſondern eine Feindſchaft war es, eine tödtliche. Zwar der arme, vereinſamte Meiſter hatte keine Waffen in Händen gegen den mächtigen Fabrikanten: oder wenn er deren hatte, ſo wa⸗ ren es ſolche, die er ſelbſt nicht anzuwenden wagte. Nit deſto größerer Energie dagegen bediente Herr Wolſton ſich der ſeinigen gegen den Mei⸗ ſter. Bei ſeinen Verbindungen, ſeinem Einfluß und Anſehn war es ihm ein Leichtes, den klei⸗ nen Abſatz, den der Meiſter ſich noch immer erhalten hatte, zu vernichten. Bald wagte, aus Furcht vor dem reichen Herrn Wolſton, bei dem ſie ja alle in den Büchern ſtanden, kein einziger mehr von den kleinen Kaufleuten der Nachbarſchaft, eine Beſtellung bei dem Meiſter zu machen, oder ſeine Waare in Vertrieb zu nehmen. Auch die Beſtellungen der vornehmen 297 Damen blieben aus: Herr Wolſton war jetzt ſelbſt ein vornehmer Mann geworden, er hatte den Titel als Commerzienrath— und er be⸗ nutzte ſeine vornehmen Verbindungen. Mit Einem Worte: der Meiſter verſank in kurzer Friſt in das alleräußerſte Elend. Längſt hatte er die Gehilfen entlaſſen müſſen und nur Rein⸗ hold theilte ſeine kummervolle Arbeit. Allein wie ſehr Beide ſich auch anſtrengten und wie unermüdlich ſie waren, Tag und Nacht, ſo konnten ſie doch dem immer zunehmenden Ruin ihres armen Glückes mit alledem keinen Ein⸗ halt thun. Aber auch im Hauſe des Fabrikanten wa⸗ ren kurz nach jener Kataſtrophe wichtige und folgereiche Veränderungen eingetreten. Ange⸗ lica war in eine Penſion der Hauptſtadt ge⸗ bracht worden, um dort ihre Erziehung in Allem, was der Ton und die Sitte der großen Welt verlange, zu vollenden. Ebenſo plötzlich war eines Morgens auch Frau Wolſton verſchwunden; ihre zunehmende Gemüthskrankheit, hieß es, habe ihre Rückkehr nach England, in ein dortiges Irrenhaus, nö⸗ thig gemacht. Bald darauf kam die Nachricht von ihrem Tode. Achtes Rapitel. Der Hausfreund. Wenige Monate ſpäter ſchritt Herr Wolſton zu einer zweiten Ehe; er müſſe, ſagte er, für Geſellſchaft und Pflege ſorgen für ſeinen gelieb⸗ ten Julian, der in ſeiner jetzigen Einſamkeit immer düſtrer, immer hinfälliger ward— und welche Geſellſchaft tröſtender, welche Pflege ſorgſamer ſei, als die einer Mutter? Hatte Herr Wolſton wirklich nur dies Motiv gehabt, ſo konnte die Wahl, die er bei dieſer zwei⸗ ten Ehe traf, allerdings nicht umhin, einige Ver⸗ wunderung zu erregen.— Die Dame war ehedem eine der gefeiertſten Schönen des Landes gewe⸗ 300 ſen und konnte noch jetzt für eine ſtattliche, ſo⸗ gar eine angenehme Erſcheinung paſſiren. Von ihrer Häuslichkeit jedoch und ihren wirthſchaft⸗ lichen Tugenden wußte Niemand zu rühmen. Im Gegentheil, ſie hatte ein nicht unbeträcht⸗ liches Erbtheil auf ziemlich leichtſinnige Weiſe verthan und nur der Umſtand, daß ſie eine Couſine war des Miniſters, des allvermögen⸗ den, hatte ſie vor ernſtern Verlegenheiten be⸗ wahrt. Ihre Freundſchaft war zahlreich, ihre Bekanntſchaft war ausgebreitet, aber ihrer Tu⸗ gend, meinte man, wäre es vortheilhafter ge⸗ weſen, ſie hätte der Freunde und Bekannten weniger gehabt; ihr Stammbaum der älteſte und ohne Makel, aber deſto makelvoller ihr Ruf; wenn ſie in neueſter Zeit fromm gewor⸗ den war, ſo hatte das, wie der Volksmund behauptete, ſeinen guten altbekannten Grund. Dieſer Dame alſo bot Herr Wolſton ſeine Hand: und wenn man den Reichthum in Er⸗ wägung zog, den der Commerzienrath täglich üppiger und in einem Maße entfaltete, der ſo⸗ gar mit dem anerkannt blühenden Betriebe ſeiner Fabrik nicht mehr ganz in Verhältniß ſtand, ſo daß man auf neue, unbekannte, ver⸗ muthlich überſeeiſche Erwerbsquellen zu ſchließen anfing, ſowie die precaire Lage, in welcher das Fräulein ſelbſt ſich befand: ſo war es das na⸗ türlichſte Ding von der Welt, daß ſie den An⸗ trag des bejahrten, aber ſteinreichen, bürger⸗ lichen, aber angeſehenen Mannes nicht aus⸗ ſchlug. Auch war dieſe zweite Ehe des Herrn Wol⸗ ſton, ſo viel man merken konnte, vollkommen glücklich. Die Commerzienräthin repräſentirte mit unvergleichlichem Anſtand und machte das traurige, öde Kloſter bald zum Mittelpunkt der ausgeſuchteſten Geſelligkeit von nah und fern. Herrn Wolſton ſchien dies zu genügen: wie⸗ wohl er, ſeiner ganzen Natur nach, an dieſen 302 geſelligen Vergnügungen nur höchſt ſparſamen Antheil nahm, ſogar, in der Ueberlegenheit des reichen Mannes, dem man dergleichen denn ſchon paſſiren ließ, ſich meiſt nur ironiſch dagegen verhielt. Uum den Sohn Julian dagegen kümmerte die neue Stiefmutter ſich wenig, beinahe gar nicht. Und wer wollte ſie darum tadeln, da der(wie es ſich nun auf einmal herausſtellte) eigenſinnige, verzogene Knabe ihre zärtlichſten Annäherungen auf die ſtandhafteſte, ja unge⸗ ziemendſte Weiſe zurückgewieſen hatte? Gegen ſeine verſtorbene Mutter hatte er nur Abnei⸗ gung, nur Kälte gezeigt, ſein Benehmen gegen ſie, wie gegen Herrn Wolſton ſelbſt, war nur ablehnend, nur gleichgiltig geweſen; gegen ſeine Stiefmutter dahingegen zeigte er offene Wider⸗ ſetzichkeit und unzweideutigen, unkindlichen Haß. Ein Ereigniß ganz beſonders ſchien dieſen Haß hervorgerufen zu haben, eines der erſten, 303 durch welches die Baroneſſe ihren Eintritt in das Haus des Fabrikanten bezeichnet hatte: ſie hatte ihren Gemahl aufmerkſam gemacht auf das Verwunderliche, ſogar Unziemliche, daß die Erziehung eines ſo talentvollen, ſo viel ver⸗ ſprechenden Kindes, wie Julian, eines Kindes von einer ſo glänzenden Zukunft, Erbe eines ſo außerordentlichen Vermögens, in die Hände gelegt ſei eines bloßen einfachen Dorfſchulmei⸗ ſters. Ob ihr Gemahl allein nicht wiſſe, was doch übrigens kein Geheimniß ſei, nämlich daß Leonhard(dies war der Name des Schulmei⸗ ſters) unausgeſetzt den genaueſten Verkehr un⸗ terhalte mit der ihm ſelbſt ſo verhaßten Fami⸗ lie des Meiſters? Die Gründe dieſes Haſſes kenne ſie nicht, trage auch kein Verlangen, ſie kennen zu lernen, da Perſonen und Verhält⸗ niſſe dieſer untergeordneten Gattung ſie über⸗ haupt nicht zu intereſſiren vermöchten. Sei es indeß einmal ſein Wille ſo und habe ihr Ge⸗ mahl ſich einmal entſchloſſen, keine Verbindung mehr zwiſchen ſeinem und dem Hauſe des Mei⸗ ſters zu dulden, ſo begreife ſie auch nicht, wie er die Anweſenheit dieſes Mannes noch länger geſtatten könne, des offenkundigen Zwiſchenträ⸗ gers zwiſchen Julian und den Angehörigen des Meiſters. Nicht undeutlich gab ſie zu ver⸗ ſtehen, daß dieſe ſeltſame Gehäſſigkeit, welche Julian gegen ſie bezeige, die ſie jedoch übri⸗ gens, dem Vater gegenüber, auf alle Weiſe zu entſchuldigen ſuchte, ihren urſprung ledig⸗ lich in dem Einfluß dieſes Lehrers habe und den Einflüſterungen aus dem Hauſe des Mei⸗ ſters, welche Julian durch dieſen Kanal zuge⸗ tragen würden. Ja ſo weit ging ſie in ihrem Eifer, daß ſie Julian's ganzen Trübſinn, ſeine Menſchenſcheu, ſelbſt ſeine Kränklichkeit nur dieſem Verhältniß zuſchrieb; es komme nur dar⸗ auf an, dieſen einen verhängnißvollen Faden zu löſen— und Julian's von Haus aus ſo ge⸗ 305 ſunde, ſo fügſame Natur, dieſem verderblichen Einfluß entrückt, würde ſich nach allen Seiten hin frei und glücklich, in liebenswürdiger Ein⸗ tracht, entfalten. Herr Wolſton, der ſelbſt ſchon ſeit Länge⸗ rem ähnliche Gedanken bei ſich genährt hatte, fand dieſe Vorſtellungen höchſt beachtenswerth, um ſo beachtenswerther, als er darin zugleich einen Beweis erblickte von der mütterlichen Sorgfalt, welche die Baroneſſe ſeinem Sohn bei alledem widmete. Die Beſorgniß indeß, durch die Entfernung des geliebten Lehrers das empfindliche, ohnedies ſchon ſo mannichfach ge⸗ reizte Gemüth ſeines Sohnes allzu tief zu ver⸗ letzen, hatte ihn noch immer zurückgehalten von der Ausführung eines Schrittes, der ihm ſelbſt gleichwohl mit jedem Tage nöthiger erſchien. Der Zufall kam ſeiner Unſchlüſſigkeit zu Hilfe. Der Prediger des Orts, ein bejahrter Mann von altem Schlage, der ſich um ſeine 306 Pfarrkinder herzlich wenig gekümmert hatte, deſto mehr dagegen um ſeine Aecker, ſeine Bienen und ſein tägliches Tarockſpiel, ſtarb. Frau Wol⸗ ſton, von deren frömmelnder Richtung wir be⸗ reits geſprochen haben, ſetzte es ohne große Mühe bei ihrem Vetter, dem Miniſter, durch, daß die erledigte Stelle einem Geiſtlichen der⸗ ſelben ſtrengen Richtung übertragen ward. Es war ein noch außerordentlich junger Mann, dieſer Geiſtliche: aber durch ſeine exem⸗ plariſche Frömmigkeit und ſeine glänzende Red⸗ nergabe hatte er gleichwohl ſchon als Candidat die Aufmerkſamkeit der Hauptſtadt, wo er bis⸗ her gelebt hatte, auf ſich gezogen. Vielleicht auch war ſeine anmuthige Perſönlichkeit dabei nicht ohne Einfluß geblieben, zumal auf die weibliche Zuhörerſchaft, die ja bei dem Ruf ei⸗ nes Predigers bekanntermaßen allemal eine ent⸗ ſcheidende Stimme hat: Herr Waller galt für einen ſchönen Mann— und auch wer ſein 307 Aeußeres etwa zu glatt, zu weichlich gefunden hätte, mußte ihm doch zugeſtehen, daß er ein Mann war von den angenehmſten Sitten und einer Tournure, deren kein Cavalier ſich hätte zu ſchämen brauchen.— Der Commerzienrath, der ſehr weit davon entfernt war, die religiöſe Richtung ſeiner Ge⸗ mahlin zu theilen, der es ſogar liebte, ſie ge⸗ linde damit aufzuziehen, beſonders bei Gelegen⸗ heit der glänzenden Routs, der Feſte und Luſt⸗ barkeiten, welche ſie veranſtaltete, war mit die⸗ ſer Ernennung Anfangs nicht ganz einverſtanden geweſen. Die Baroneſſe wußte ihm jedoch mit ſolcher Beredſamkeit auseinanderzuſetzen, wie nöthig ein Geiſtlicher von dieſer ſtrengen Rich⸗ tung wäre, gerade nach einer Amtsführung, wie diejenige ſeines Vorgängers, und für eine Bevölkerung, ſo verwahrloſt, ſo ſitten- und glaubenlos, wie dieſe Fabrikarbeiter: daß Herr Wolſton ſchwieg— ſchwieg, nicht beiſtimmte, 308 und nur mit einem Lächeln, noch kälter, noch farkaſtiſcher, als er es gewöhnlich zeigte, ſeine ſchwere goldene Doſe auf⸗ und zuklappte. Allein auch dieſes Vorurtheil verſtand Herr Waller zu widerlegen. So geſchickt war ſein Auftreten im Hauſe des Commerzienraths, ſo zurückhaltend bei ſo viel Theilnahme, ſo abge⸗ meſſen bei ſo viel warmer Ergebenheit, religiöſe Angelegenheiten hielt er von der täglichen Un⸗ terhaltung ſo fern und hatte über Gegenſtände des praktiſchen Lebens ein ſo vielſeitiges, ſo duldſames, ſo beſonnenes Urtheil, den Enthu⸗ ſiasmus ſelbſt, den die Baroneſſe ihm entgegen⸗ getragen, lehnte er ſo leiſe ab, führte ihn ſo vorſichtig, mit ſo guter Manier, in die Schran⸗ ken einer alltäglichen, nüchternen Freundſchaft zurück: daß der Commerzienrath ſelbſt, der ſich gefaßt gemacht hatte in ſeinen Gedanken auf einen wüſten, unverträglichen Eiferer oder ei⸗ nen unleidlich ſüßen, verhimmelnden Schwär⸗ mer, ſeine angenehmſte Uebertaſchung nicht ver⸗ bergen konnte. Auch in den eigentlichen Angelegenheiten ſeines Amtes zeigte er ſich ganz anders und weit nachgiebiger, als der Ruf ihn bezeichnet hatte. Die Gemeinde, ſagte er, ſei freilich ein wenig verwildert und eine ſtrengere Kirchenzucht thue dringend Noth; Herr Wolſton werde den Vor⸗ theil davon ſchon in ſeiner Fabrik verſpüren. Aber das laſſe ſich nicht auf einmal und nicht gewaltſam erreichen, ſondern allmälig nür, durch gütliche Einwirkung und indem man den Leu⸗ ten, durch perſönlichen Verkehr und unmittel⸗ baren Beiſtand, die Ueberzeugung beibringe, daß man es wirklich gut mit ihnen meine und daß, mit der Verwandlung und Beſſerung ihres innern Menſchen, ſie auch für ihre gedrückten äußeren Verhältniſſe Abhilfe und Beſſerung fin⸗ den würden. Dieſer Anſicht gemäß richtete Herr Waller 310 auch ſein perſönliches Verhalten zur Gemeinde ein. Für die faſt täglich vorfallenden öffent⸗ lichen Scandale ſchien er kein Auge zu haben, oder wo ſie unmittelbar an ihn gebracht wur⸗ den, antwortete er nur mit Seufzen und Ach⸗ ſelzucken. Dagegen fing er an die Wohnun⸗ gen der einzelnen Familien zu beſuchen, erkun⸗ digte ſich nach ihren perſönlichen Angelegenhei⸗ ten, nahm Theil an ihren häuslichen Sorgen und Kümmerniſſen. Anfangs, da dies Ver⸗ fahren hier etwas ganz Neues und Unerhörtes war, hatte er viel Unannehmlichkeiten deshalb zu beſtehen; ſogar perſönliche Beleidigungen blieben, bei dem rohen Sinn dieſer Bevölke⸗ rung, nicht aus. Allein auch dies ertrug Herr Waller mit ſo guter Manier und wußte ſich auch dieſen Leuten ſo angenehm zu machen, beſonders auch durch gelegentliche Almoſen und Geſchenke, mit denen er ſeine Rathſchläge un⸗ terſtützte, daß man ſich ſeinen Beſuch bald nicht nur gefallen ließ, ſondern ſelbſt eine Ehre darin ſetzte, vornämlich die Weiber, die nicht genug bewundern und rühmen konnten, wie theilneh⸗ mend und freundlich der neue Herr Pfarrer ſei; Alles könne man ihm erzählen, die klein⸗ ſten Dinge, von Mann und Kind, von Feld und Vieh, er höre Alles freundlich an und habe für Alles eine theilnehmende und begüti⸗ gende Antwort. Nur ſeine Predigten allerdings athmeten eine außerordentlich ſtrenge kirchliche Geſinnung. Der junge Mann, ſowie er die Kanzel beſchritt, ſchien mit dem weltlichen Kleide auch jede welt⸗ liche Berechnung, jede weltliche Nachgiebig⸗ keit und Milde abgelegt zu haben; ſein bleiches, bebendes Antlitz, die verzückten brennenden Au⸗ gen, die ſchwarzen flatternden Haare, die leb⸗ hafte, bis an die äußerſte Grenze des Zuläſſi⸗ gen geſteigerte Action, und zu dem Allen der gewaltige, jetzt rauſchende, donnernde, zerſchmet⸗ 312 ternde, jetzt die Gemüther zu tieſſter Rührung zerſchmelzende Fluß ſeiner Beredſamkeit ließ ihn in ſolchen Augenblicken erſcheinen wie einen je⸗ ner Bußprediger des Mittelalters, von denen die Legenden uns erzählen: und ſelbſt die harten Herzen ſeiner Zuhörerſchaft fühlten ſich, wenig⸗ ſtens ſo lange er ſprach, wunderſam davon er⸗ griffen. Da indeß der Fabrikherr die Kirche grund⸗ ſätzlich nur einmal alle Vierteljahre beſuchte, ſo bekümmerte ihn das wenig; er hörte den be⸗ geiſterten, ſchwungvollen, zerknirſchenden Vor⸗ trag des neuen Predigers mit derſelben kalten, höflichen Aufmerkſamkeit an, wie ehedem den nüchternen, ſchleppenden ſeines Vorgängers. Sogar im Gegentheil, er könne es leiden, meinte er, mit Bezug auf die Wallerſchen Reden, wenn ein Jeder, was einmal ſein Beruf ſei und wofür er bezahlt werde, mit Eifer treibe und ſo, daß man ihm ſelbſt die Luſt dazu anmerke. 313 Auf dieſe Weiſe kam es denn, daß Herr Waller in kürzeſter Friſt der erklärte Vertraute und Günſtling im Schloſſe war. Und das nicht blos bei der Baroneſſe und auch nicht blos in geiſtlichen Dingen: ſondern auch Herr Wolſton ſelbſt fing an, den gewandten, wohlerfahrenen Mann gelegentlich in ſein Vertrauen zu ziehen. Und da der junge Geiſtliche ſich dieſem Ver⸗ trauen niemals aufdrängte, wohl aber, wo es ihm erwieſen ward, dieſe Auszeichnung jeder⸗ zeit aufs Dankbarſte zu empfinden ſchien, ſo war es höchſt natürlich, daß dies gute Verhält⸗ niß mit jedem Tage zunahm und ſich befeſtigte. So wurde ihm denn auch die Angelegenheit wegen Julian's und ſeines Lehrers zu vertrau⸗ licher Berathung vorgelegt. Allein mit großer Lebhaftigkeit erklärte Herr Waller ſich gegen jede Aenderung. Er wolle, ſagte er, ſein Urtheil nicht übereilen, und ein liebloſes würde ſich gerade für ihn und ſeinen Das Engelchen. l. 14 Stand am Wenigſten geziemen. Aber die Fa⸗ milie des Meiſters, nach Allem, was er von ihr geſehen und gehört, ſcheine ihm die üble Meinung, in welcher ſie im Dorfe ſtehe(es war eigentlich nur im Schloſſe, bei Herrn Wol⸗ ſton: aber Herr Waoller, der das natürlich noch nicht ſo genau unterſcheiden konnte, ſagte im Dorf), allerdings zu verdienen; ſchon ihr ſcheues heimliches Weſen, ihre Einſamkeit und Abſon⸗ derung, die ſich, zu ſeinem großen Schmerz, ſelbſt bis in die Kirche erſtrecke und mit der ſie auch, faſt die einzige im Dorf, ſeine theil⸗ 5 nehmenden Beſuche ſtandhaft zurückgewieſen, ließen auf ein böſes Gewiſſen ſchließen und viel⸗ leicht auf noch böſere Abſichten. Das Alles jedoch, fuhr Herr Waller fort, habe nichts zu ſagen bei der anerkannten und erprobten Tüchtigkeit des Schulmeiſter Leon⸗ hard. Er ſelbſt freilich, der Prediger, kenne ihn aus eigener Prüfung noch nicht. Aber un⸗ 315 möglich könne er etwas Unrechtes vermuthen von einem Manne, der bei ſeinem Amtsvorgãän⸗ ger in ſo außerordentlicher Gunſt geſtanden und dem(was eigentlich allein ſchon entſchei⸗ dend ſei) ein ſo ſcharfer Menſchenkenner, wie der Commerzienrath, ſchon ſeit ſo viel Jahren in einer ſo wichtigen Angelegenheit, wie die Erziehung ſeines einzigen Kindes, ein ſo ſchmei⸗ chelhaftes Vertrauen geſchenkt habe. Zwar was ſeine öffentliche Amtsführung in der Schule an⸗ betreffe, ſo ſcheine der gute Leonhard(er ſage, ſetzte Herr Waller hinzu, dies nur ganz im Vertrauen und weil er wiſſe, daß der Commer⸗ zienrath keinen Gebrauch davon machen werde) ihm nicht völlig der Mann, als welcher er im Allgemeinen gelte; er ſcheine es ſich da mitun⸗ ter etwas bequem zu machen, der gute Leon⸗ hard, bequemer, als mit einer geregelten Schul⸗ zucht verträglich ſei und der wohlverſtandene Vortheil der Gemeinde es geſtatte. Allein ſehr 14* wahrſcheinlich rühre dies nur von dem Eifer her, mit welchem Leonhard ſich ſeinem Neben⸗ amt, der Erziehung Julian's, widme— und wer ihm das verdenken möchte, da an dieſem Einen hochbegabten, zur glänzendſten Zukunft berufenen Knaben allerdings unendlich mehr ge⸗ legen ſei, als an der ganzen, verwahrloſten Ju⸗ gend des Dorfs? Vor Allem aber widerrieth er jede Aende⸗ rung aus Rückſicht auf den Knaben ſelbſt. Ju⸗ lian's ſogenannte Kränklichkeit und Reizbarkeit 3 ſei allerdings, wie Herr Wolſton ſelbſt das f ſehr richtig einſehe, nichts weiter als eine er⸗ höhte Nerventhätigkeit, in Folge der ungewöhn⸗ lich raſchen und glücklichen Entwicklung ſeiner geiſtigen Fähigkeiten. Aber eben dieſe Thätig⸗ keit dürfe nicht gehemmt, dieſe Entwicklung nicht unterbrochen werden; Julian habe ſich einmal an Leonhard gewöhnt, die unbewußte Herrſchaft, welche der geiſtreiche Knabe über 317 den wohlmeinenden, aber freilich einigermaßen beſchränkten Leonhard übe, trage nur dazu bei, ſeinen Geiſt zu zeitigen und ihm jenes gedie⸗ gene, männliche Weſen zu verſchaffen, das der Vater noch zuweilen an ihm vermiſſe: ſo daß ſogar der Schade, welchen Leonhard's Erzie⸗ hung ihm ſchlimmſten Falls zufügen könne, un⸗ bedeutend ſei gegen die Gefahr, welche eine plötzliche, gewaltſame Entfernung deſſelben für Julian ſelbſt mit ſich führen müſſe.— Der Prediger unterſtützte dieſe Anſicht mit ſo viel praktiſchen Belegen und entwickelte, indem er von dem Sohn des Fabrikherrn ſprach, eine ſo tiefe Ehrerbietung für Beide, den Sohn ſo⸗ wohl wie den Vater, daß endlich auch die Ba⸗ roneſſe ſich überwunden erklären mußte. Herr Wolſton ſelbſt aber, mit einem eigenthümlichen, wohlgefälligen Schmunzeln, pflegte ihn von da nicht anders zu nennen als„ſeinen“ Prediger. Wenige Wochen waren ſeit dieſer Unterre⸗ 318 dung vergangen, als Herr Waller eines Tags mit tiefbekümmerter Miene beim Commerzien⸗ rath eintrat. Lange wollte er mit der Sprache nicht heraus, zuletzt jedoch, unter allen Zeichen einer innigen und ſchmerzlichen Theilnahme, er⸗ klärte er ſich folgendermaßen. Der Commerzienrath, ſagte er, werde von der Reviſion gehört haben, welche das Mini⸗ ſterium in Betreff der hieſigen Kirchen- und Schulangelegenheiten kürzlich verordnet habe. Die Herren in der Reſidenz, ſetzte er mit ge⸗ lindem Lächeln hinzu, ſchienen einige Beſorgniß zu haben wegen der Fabrikbevölkerung, ſie hät⸗ ten vermuthlich keine Ahnung von der geiſtigen Ueberlegenheit und der wahrhaft imperatoriſchen Gewalt, durch welche Herr Wolſton dieſe rohe Genoſſenſchaft in Ordnung erhalte, und müh⸗. ten ſich daher ab mit Projecten und Vorſchlä⸗ gen, wie dem Dinge anderweitig entgegenzu⸗ arbeiten ſei. Bei dieſer Reviſion nun habe ſich, 319 zu ſeinem größten Schrecken, herausgeſtellt, daß der gute Leonhard ſeine Pflichten ſchon ſeit Langem aufs Gröblichſte vernachläſſigt. Einige Unregelmäßigkeit habe er freilich ebenfalls ver⸗ muthet, ſo arg jedoch habe er ſich die Sache nicht vorgeſtellt. Ja man könne eigentlich gar nicht mehr ſagen vernachläſſigt: ſondern wenn Leonhard(dies nämlich werde ihm Schuld ge⸗ geben: aber hoffentlich nur aus Misverſtand und einſeitiger, vielleicht gar böswilliger Auf⸗ faſſung)... wenn Leonhard, ſagte der Pre⸗ diger, ſchon ſeit Jahren die vorgeſchriebene chriſt⸗ liche Norm und Grundlage des Unterrichts gänzlich bei Seite geſetzt, wenn er die Reli⸗ gionsſtunden ſelbſt mit offenbarer Gleichgiltig⸗ keit abgehalten, ja ſie misbraucht habe, die jun⸗ gen, ungebildeten Gemüther durch allerlei ge⸗ fährliche freidenkeriſche Lehren aufzuregen und in Verwirrung zu ſetzen: ſo ſcheine das, die Richtigkeit der Thatſache angenommen, bei ihm nicht mehr Nachläſſigkeit oder Leichtſinn, ſon⸗ dern Grundſatz und Abſicht ſcheine es bei ihm zu ſein. Nun freilich, fuhr Herr Waller fort, ſei es mit dem chriſtlichen Glauben ein köſtliches, aber auch ein eignes Ding. So ſehr er ſelbſt durch⸗ drungen ſei von der einzigen, durch nichts zu erſetzenden Beſeligung deſſelben und ſo ſehr er, aus der Tiefe ſeines Herzens, Allen, die er lieb habe und verehre, die Stunde herbeiwünſche, 2 wo dieſe Beſeligung auch ihnen aufgehn möge (und indem der Prediger dies ſagte, ſah er Herrn Wolſton an, mit einem ſo feſten und doch ſo beſcheidenen, ſo ehrerbietigen Blick, daß dieſer das Lächeln, mit welchem er dergleichen Aeußerungen hinzunehmen pflegte, diesmal un⸗ willkürlich zurückhielt)—: ſo beſcheide er ſich doch auch in Demuth, daß die Wege, welche zum Himmel führten, nach der Weisheit Got⸗ tes, mannichfacher Art ſeien. Wenn daher der gute Leonhard ſich zu jenen Anſichten und Grundſätzen aus aufrichtigem Gewiſſen und wirk⸗ licher, ehrlicher Ueberzeugung bekenne, wer als⸗ dann verwegen genug ſein wolle, den erſten Stein auf ihn zu ſchleudern?! Nur dies ſcheine ihm außer Zweifel und auch der Commerzienrath werde ihm darin bei⸗ ſtimmen, daß, wer ein gewiſſes Amt einmal auf gewiſſe Bedingungen und Vorſchriften hin übernommen, dieſe Bedingungen und Vorſchrif⸗ ten auch erfüllen müſſe— oder aber das Amt ſelbſt aufgeben. In dieſem Sinne und aus freundſchaftlichſter Abſicht habe er eine vertrau⸗ liche Unterredung mit dem Schulmeiſter geſucht. Allein der liebe Mann, gereizt vielleicht durch den ganzen Vorgang, vielleicht auch(und dies hoffe er am Meiſten) in dem gerechten Stolz der Unſchuld, habe jede vertrauliche Auslaſſung verweigert und ſich mit Heftigkeit auf eine or⸗ dentliche, gerichtliche Unterſuchung berufen. Un— 14*5 322 ter dieſen Umſtänden und um Leonhard's eige⸗ nem Verlangen zu genügen, habe der Prediger denn freilich nicht anders können, als dem Mi⸗ niſterium von der ganzen Lage der Sache vor⸗ ſchriftmäßigen Bericht erſtatten. Und ebenſo habe das Niniſterium nicht anders können, als Leonhard einſtweilen von ſeinem Amte ſuspen⸗ diren: womit denn natürlich, als weitere Con⸗ ſequenz, auch ſeine einſtweilige Entfernung aus dem Hauſe des Commerzienraths bedingt ſei. Der Commerzienrath verſpürte, begreiflicher Weiſe, nicht die mindeſte Luſt, ſich dieſer Con⸗ ſequenz zu widerſetzen. Leonhard wurde ent⸗ laſſen: und Herr Waller ſelbſt trat an ſeine Stelle. Den Schmerz Julian's bei dieſem Wechſel zu ſchildern, verzichten wir. Herr Waller that alles Mögliche, ſich die Neigung ſeines neuen Zöglings zu erwerben; er wurde nicht müde, ihm Gutes von Leonhard zu ſprechen, täglich * 323 brachte er dem Knaben Grüße von ihm(wie⸗ wohl, die Wahrheit zu ſagen, er ihn faſt nie⸗ mals ſah, indem Leonhard ſich gefliſſentlich je⸗ dem Verkehr mit dem Prediger entzogen hatte) und vertröſtete ihn auf ſeine Rückkunft. Aber das Mistrauen Julian's vermochte er mit alle⸗ dem nicht zu beſiegen. War Herr Waller nicht der Freund ſeines Vaters? der Günſtling ſei⸗ ner Stiefmutter? Schon dies war hinreichend, ihn unempfindlich zu machen gegen alle noch ſo freundlichen Bemühungen des Predigers. Der Knabe verſank, geiſtig und körperlich, in einen Trübſinn, eine Schwermuth, die faſt an Ge⸗ fühlloſigkeit grenzte. Mit Leonhard's Entfer⸗ nung hatte ſich für ihn das letzte gemüthliche Band, das letzte Band von Freundſchaft, An⸗ hänglichkeit und Liebe gelöſt und ein entſetzliches Gefühl von Vereinſamung, Bangigkeit und Leerheit überkam ihn, ſo heftig, ſo verzehrend, wie ein jugendliches Herz, in ſo frühen Jahren, 324 in einer äußerlich ſo glänzenden umgebung, wohl noch niemals empfunden hat. Denn auch der Briefwechſel mit Angelica, welche, trotz ihrer wiederholten Bitten, durch den ausdrücklichen Willen ihres Stiefvaters noch immer in der Reſidenz zurückgehalten ward, konnte ihm keinen Erſatz bieten. Der Commer— zienrath hatte der Abneigung, welche er gegen das junge Mädchen empfand und daß er ſie am Liebſten gar nicht wieder in ſeinem Hauſe geſehen hätte, kein Hehl; ſie habe, behauptete er, zu viel in ſich von dem unruhigen, ſchwe⸗ ren Blute ihrer Mutter; auch ſei es eine Rück⸗ ſicht, die er der Baroneſſe und ſeinem eigenen häuslichen Frieden ſchulde, zu dem Stiefſohn nicht noch eine erwachſene, anſpruchsvolle Stief⸗ tochter ins Haus zu nehmen. Aber damit nicht zufrieden und als ob ſchon Angelica's Briefe den Bruder anſtecken könnten mit den Fehlern, deren Herr Wolſton ſie beſchuldigte, hielt er * * 325 auch den ſchriftlichen Verkehr der beiden Ge⸗ ſchwiſter unter einer höchſt peinlichen Aufſicht; keinen Brief konnte Julian abſenden, keinen von Angelica empfangen, der nicht durch die Hände ſeines Vaters gegangen wäre. Nicht einmal der Troſt, ſchriftlich ihr Herz gegen einander ausſchütten zu können, war den Ge⸗ ſchwiſtern geblieben: ſondern bis in ihre Briefe hinein erſtreckte ſich dieſer Zwang und dieſe fto⸗ ſtige, ängſtliche Beklommenheit, die in dem Schloß des Commerzienraths einmal zu Hauſe waren und die auch die geräuſchvolle Geſelligkeit der Baroneſſe wohl für fremde Augen ver⸗ decken, nicht aber daraus verbannen konnte, ja auch gar nicht daraus verbannen wollte, ſchon darum nicht, weil ſie dieſelbe überhaupt gar nicht verſpürte. Auch im Dorf erregte Leonhard's Entfer⸗ nung, aus ſeinem Amt ſowohl wie aus dem Schloß, großes Aufſehen. Zwar von der Theil⸗ 326 nahme, der Ehrfurcht ſogar, welche einem Leh⸗ rer der Jugend unter allen Umſtänden gebührt und deren Mangel, ſo oft wir ihn auch heut⸗ zutage zu beklagen haben, allemal ein trauriges Zeichen iſt, entweder für die Gemeinde oder 5 auch für den Lehrer ſelbſt, konnte bei dieſer Beölkerung natürlich keine Rede ſein. Aber . als die Unterſuchung gegen Leonhard ſich nun, nach Art ſolcher Proceſſe, endlos hindehnte; als er das Schulhaus verlaſſen mußte, in dem er ſo lange Jahre gewaltet hatte und wo ſchon mehr als ein Geſchlecht herangewachſen war un⸗ ter ſeinen Augen; als er Abſchied nehmen mußte von dieſen Räumen, wo ſo manche ſtille Freude und mancher noch ſtillere Schmerz für ihn hin⸗ durchgeſchritten war, Abſchied von dieſen Blu⸗ men, die er ſo ſorgſam gepflegt, dieſen Obſt⸗ bäumen, die er ſo trefflich gewartet hatte; hin⸗ aus, weit vors Dorf, in das allerletzte Haus, das ehemalige Hirtenhaus der Gemeinde, das 327 aber ſeitdem als eine Art Zufluchtſtätte für Waiſenkinder und Dorfarme benutzt ward; als Noth und Elend, in ihrer ſchreckhafteſten Ge⸗ ſtalt, den armen Verfolgten überkam(denn in Folge der Suspenſion war ihm der größere Theil ſeines ohnehin ſehr dürftigen Gehaltes entzogen, das beträchtliche Geldgeſchenk aber, mit dem der Commerzienrath ihm die Entfer⸗ nung aus ſeinem Hauſe verſüßen wollen, hatte er hartnäckig ausgeſchlagen und ebenſo auch die Unterſtützung, welche der Prediger ihm angebo⸗ ten); als ſein Antlitz immer bleicher, ſeine Hal⸗ tung immer gebückter, ſeine Stimme immer lei⸗ ſer ward; als man ihn ſitzen ſah, ganze Tage auf einem Fleck, mit gerötheten Augen vor ſich hinſtarrend, oder auch in weitem Bogen um⸗ ſchlich er das Schulhaus, wo jetzt ein neuer Lehrer waltete, ein ſehr eifriger und ſehr from⸗ mer, den Herr Waller direct hatte aus der Hauptſtadt kommen laſſen, und vor jedem Kinde, 3 328 das ihm begegnete, ſtand er ſtill und grüßte es mit Namen und legte ihm die Hand auf den Kopf— es war wunderlich genug: ſo lange er im Amt geweſen, hatten die Leute rechtſchaffen auf ihn geſchimpft und jeden Scha⸗ bernack und jedes gebrannte Herzeleid, das ſie ihm anthun konnten, das hatten ſie ihm mit Vergnügen gethan— weshalb? ei was, es war ja blos der Schulmeiſter, den ſie plagten, wie er ihre Kinder plagte— jetzt dagegen, ſeit er im Unglück war, gewannen ſie ordentlich Re⸗ ſpect vor ihm und betrachteten ihn mit einer Theilnahme, die nicht blos Neugier war. Wiewohl es auch an der nicht fehlte. Denn auch Leonhard's Schickſal, ſo einfach und na⸗ türlich es war, ſchmückte die Phantaſie der Maſſe aus mit irgend welchen geheimnißvollen Beziehungen, vornämlich deshalb, weil er der vertrauteſte, ja der einzige Freund des Meiſters war; wie man des Verwunderns nicht ſatt be⸗ 329 kommen und ſich ſchier den Kopf zerbrochen hatte, als er, der ſimple Dorfſchulmeiſter, der⸗ ſelbe, der ſich mit ihren eigenen unartigen Bu⸗ ben plagen mußte, nicht zu ſchlecht befunden ward, die Erziehung des jungen gnädigen Herrn zu übernehmen, ebenſo wunderte man ſich jetzt über dieſe gewaltſame und plötzliche Löſung die⸗ ſes Verhältniſſes. Dem Prediger Waller ſchrieb man dabei keinen Antheil zu oder doch nur den unvermeidlichen, den ſein Amt mit ſich gebracht hatte. Vielmehr für die eigentliche Urheberin des Ganzen galt, in der des Dorfs, die Baroneſſe. Wie dieſe denn überhaupt ſehr wenig beliebt ar, ja beinahe ſchon gehaßt. Herr Wolſton war hart, es ließ ſich nicht leugnen, aber er war es gegen Jedermann; er behandelte ſeine Arbeiter, als wären ſie Stücke ſeiner Maſchinen, ohne die geringſte perſönliche Neigung oder Mit⸗ gefühl, aber auch ohne Jähzorn und Ueberhebung. 330 Beides dagegen gab man der Baroneſſe ſchuld; die Gleichgiltigkeit des Fabrikherrn wurde nicht empfunden, deſto mehr die ekle Gering⸗ ſchätzung, welche die Baronin allerdings an den Tag legte, ſowie die Art und Weiſe, mit der ſie den Reichthum ihres Gemahls zur Schau trug, beſonders, wenn man ſich dabei der Mild⸗ thätigkeit ihrer Vorgängerin erinnerte. Auch wegen ihrer Frömmigkeit mußte ſie manch bö⸗ ſes Wort über ſich ergehen laſſen; tagtäglich, von hundert Zungen, wurden die lockern Aben⸗ teuer ihrer Jugend friſch aufgewärmt, keine Er⸗ findung war ſo albern, kein Märchen ſo toll, auf ihren Namen wurde es geglaubt.— Wie viel die geſellige Stellung des Commerzienraths durch ſeine zweite Ehe alſo auch übrigens ge⸗ wonnen haben mochte: ſein Verhältniß zu ſei⸗ nen eigenen Arbeitken war dadurch nicht ver⸗ beſſert worden.— Ueber dieſen Veränderungen und Neuigkei⸗ 331 ten im Schloſſe jedoch war der Bevölkerung des Dorfes das kleine arme Haus des Meiſters keineswegs aus dem Gedächtniß gekommen. Schon die Hartnäckigkeit, mit der der Meiſter auf ſeinem einmal eingeſchlagenen Wege be⸗ harrte, imponirte der Menge; ſchon als Ueber⸗ reſt und einziger ſtandhafter Zeuge einer Ge⸗ werbthätigkeit, welche ſeit Errichtung der Fa⸗ brik in dieſer Gegend längſt nur noch zur Fa⸗ bel gehörte, intereſſirte er ſie: aber ſie bewun⸗ derte ihn, als ein geheimnißvolles, übernatür⸗ liches Weſen, um des Muthes willen, mit dem er, der Einzelne, Arme, Machtloſe, den Kampf aufzunehmen wagte mit dem reichen, großen, mächtigen Fabrikherrn.— Man wußte(oder wollte doch wiſſen), daß der Commerzienrath einen hohen Preis darauf geſetzt hatte, den Stolz des Meiſters zu brelhen; er müſſe weg⸗ gebracht werden von ſeinem Webſtuhl, hatte der Commerzienrath geſagt, heran an dieſelbe 332 Maſchine, als unterſter Handlanger, gegen die er, in freventlicher Thorheit, durch unüberlegte, unſinnige Reden die Menge aufſtachle. Sogar, man behauptete, Herr Wolſton habe deshalb ſchon einmal Anzeige gegen ihn beim Gericht gemacht: und als das Gericht die Klage, als unbegründet, zurückgewieſen, habe er ihm Geld bieten laſſen unter der Hand, dieſe Gegend nur überhaupt zu räumen. Aber vergebene Müh'! Gegen Drohungen wie Beſtechungen, der Meiſter blieb unbeweg⸗ lich. Noch entſchiedener, als früher, hatte er ſeit der geheimnißvollen Kataſtrophe mit dem Commerzienrath allen Umgang mit der übrigen Bevölkerung des Dorfes, den Fabrikarbeitern, abgebrochen,— natürlich nicht, ohne eben durch dieſe Abſonderung noch um ſo mehr der Gegenſtand ihrer Aufmerkſamkeit zu werden. Auch war dieſe Standhaftigkeit in der That um ſo bewundernswerther, als nicht nur die 333 Armuth des Meiſters mit jedem Tage zunahm: ſondern auch das häusliche Verhältniß zu ſei⸗ nen Kindern, aus dem er bis dahin noch ſo ſüßen Troſt geſchöpft, hatte angefangen ſich zu trüben. Reinhold, ſeitdem er das Haus des Commerzienraths hatte meiden müſſen, war wie umgetauſcht. Zwar in Anſtrengung und Ar⸗ beit ſtand er dem Vater bei, unverdroſſen und mit einem Gehorſam, einer Aufopferung, die nicht größer gedacht werden konnten. Aber ſei es Sehnſucht nach dem Freunde, aus deſſen Umgang er verbannt war, ſei es, daß das Wohlleben und jene feinern, geiſtigen Genüſſe, die er im Schloſſe gehabt hatte, ihn erſt jetzt beunruhigten, da er für immer davon abgeſchnit⸗ ten war und da nur noch ſeine Phantaſie zu⸗ rückkehren durfte in jene behaglichen, hohen Ge⸗ mächer, zu jenen ergötzlichen und lehrreichen Bildern, zu dem ganzen ſo angenehmen, ſo be— glückenden Verkehr mit jenen wohlgebildeten, lie⸗ 334 benswürdigen Genoſſen— genug, ſeine ganze alte Freudigkeit war dahin. Er arbeitete wohl, und auch kein Seufzer ſagte, wie ſchwer es ihm innerlich ward und wie ſeine ganze Stele ſich dagegen ſträubte, ſo Tag für Tag, Nacht für Nacht, immer nur am Webſtuhl zu ſitzen: aber das Auge des Vaters ertieth ihn doch. Jede Minute, die er erübrigen konnte, brachte er über ſeinen Heften zu, das ehemals Gelernte zu wiederholen und durch Nachdenken zu erwei⸗ tern. Namentlich ſeine Leidenſchaft zur Mathe⸗ matik war mit außerordentlicher Heftigkeit zu⸗ rückgekehrt; mehr als einmal hatte der Vater ihn betroffen, wie er die kärgliche Nachtruhe opferte, heimlich, bei Mondenſchein, mit einem armen Stückchen Kohle, ſeltſam verwickelte Zeich⸗ nungen, lange Zahlenreihen und Ghiffern zu entwerfen. Auch Modelle entwarf er, ſchnitzte Räder, Stangen, Kolben, in künſtlicher Zuſam menſetzung; es war ſichtbar, daß ſein Geiſt 335 nur eigentlich unter dieſen Zahlen und Zeichen, Winkeln und Strichen lebte und daß, was dem Vater gegenüber, träumeriſch, ſchweigſam, am Webſtuhl ſaß, nur ſein Körper war. Der Meiſter empfand dieſe Veränderung mit tiefem Kummer. Wäre Leonhard nicht ſeitdem ſelbſt ſo tief ins Unglück gerathen, er hätte ihm gewiß Vorwürfe gemacht, durch dieſe Erziehung über ſeinen Stand hinaus die klare Seele ſei⸗ nes Sohnes, wie er meinte, in Verwirrung und Unruhe geſetzt zu haben. So begnügte er ſich, nur ſich ſelber anzuklagen, daß er, ſeiner beſſeren Einſicht zum Trotz, dieſen thörichten Un⸗ terricht dennoch zugelaſſen.— Reinhold ſeiner⸗ ſeits wurde durch das Bewußtſein, die geheime Unzufriedenheit ſeines Vaters auf ſich gezogen zu haben und nicht ſo zu ſein, wie der Vater ihn doch wünſchte, aufs Aeußerſte beängſtigt und gequält. Er fühlte ſelbſt die Wandelung, die mit ihm vorgegangen; er betrachtete es als 336 ſeine nächſte und erſte Pflicht, widerſpruchlos, in Allem ſich dem Vater zu fügen; er klagte ſich mit Thränen an, noch mehr des Leids zu häufen auf ein Haupt, das ihm ſo verehrungs⸗ werth und ach, ſchon ſo gebeugt von Kummer war— und fühlte bei alledem doch keine Kraft in ſich, dieſe ſeltſame Spaltung ſeines Weſens abzuſchütteln und wieder zu werden, unbefan⸗ gen, zufrieden mit ſeinem Schickſal, der er ſonſt geweſen!— So laſtete auch zwiſchen dieſen beiden ſo edeln, ſo gefühlvollen, in Liebe und Hingebung ſo wetteifernden Herzen eine Wolke geheimen Misverſtändniſſes, die ſie wechſelweis peinigte und ihre freudenloſen Tage nur noch immer ärmer machte. Auch an ſeiner Tochter, der ſchwarzäugigen Margareth, hatte der Meiſter einen tiefen Kum⸗ mer zu erleben. Der rothe Konrad, einer der jungen Leute, die ehedem als Geſellen bei ihm gearbeitet hatten, der aber ſeitdem, wie ſo Viele 337 Fabrikarbeiter geworden war bei Herrn Wol⸗ ſton, hatte die Neigung des jungen Mädchens gewonnen und ſie zur Ehe begehrt. Konrad war urſprünglich ein wackrer Menſch, von ſelt⸗ ner Anſtelligkeit, ein fleißiger und geſchickter Arbeiter; erſt das Elend, in das er im Ver⸗ lauf der Ehe gerieth und die ſchlechte Geſell⸗ ſchaft in der Fabrik weckten jene Dämonen in ihm, unter deren furchtbarer Herrſchaft wir ihn vorhin, in der Scene im Wirthshaus, geſehen haben. Dennoch hatte der Meiſter ſich lange Zeit heftig geweigert, aus keinem andern Grunde, als weil er ſeine Tochter keinem Fabrikarbeiter geben, Konrad dagegen(was ihm freilich auch nicht zu verdenken war: denn was ſonſt ſollte er beginnen²) die Fabrik nicht verlaſſen wollte. Und auch nachdem die Thränen der Tochter und das eidliche Gelöbniß Konrad's, weder ſeine Frau noch ſeine etwaigen Kinder jemals Das Engelchen. I. 15 338 mit zur Fabrikarbeit anzuhalten, ihm die Ein⸗ willigung endlich abgerungen, hielt er mit ſei⸗ nem Schwiegerſohn doch faſt gar keinen Ver⸗ kehr. Er hatte den jungen Leuten die Hälfte ſeines Hauſes eingeräumt, diejenige, wo der verdorrende Roſenſtrauch ſtand— nur ein 5 ſchmaler Gang trennte die beiden Haushaltun⸗ gen— ſeine Tochter ſah der Meiſter täglich, zu jeder Stunde, Konrad, der überdies den größeren Theil des Tages in der Fabrik und den Reſt in der Schenke zubrachte, faſt nie. 4 Was aber im Kreiſe der Dorfbewohner das meiſte Aufſehen machte, das war, daß dieſer Meiſter, ſo ehrwürdig in jedem Betracht, ſo rein von Sitten, ſo erhaben über jede leiſeſte 3 Verdächtigung des Rufes, Umgang hielt mit einem ſo allgemein gefürchteten, allgemein ver⸗ worfenen Weſen, wie der Sandmoll. Zwar man konnte nicht eigentlich ſagen hm gang hielt; aber doch er geſtattete ihm den Zu⸗ tritt zu ſeinem Haus, er litt doch, daß dieſes Ungeheuer, verpeſtet durch Verbrechen und ge⸗ zeichnet gleichſam ſchon von außen durch die Hand Gottes, ſich ſetzen durfte in ſeine reine Nähe, ſeine Füße ſtrecken unter ſeinen armen, aber ehrlichen Tiſch... Da nun der Alte gleichzeitig, ſeit er im Dorfe war, zu der unmittelbarſten Dienerſchaft des Commerzienraths ſowohl wie ſeiner Gemah⸗ lin gehörte und ganz öffentlich ihr Agent und Vertrauter war in den ſchwierigſten Beſorgun⸗ gen: ſo wurde die öffentliche Neugier durch dies Doppelverhältniß begreiflicher Weiſe nur erhöht. Und da ebenſo begreiflich eine Bevölkerung, ſo ſchlaff, ſo verwahrloſt, ſo abgenutzt, wie dieſe, keinen Begriff hatte von dem ehrenhaften Stolz eines Mannes, wie der Meiſter, noch on der unerſchütterlichen Feſtigkeit, die er, allem Elend zum Trotz, aus dem Bewußtſein 158 340 ſeiner Unſchuld ſchöpfte, ſo griff dieſelbe, zur Erklärung ſo unerklärbarer Verhältniſſe, mit Vorliebe zu den ſeltſamſten und ungeheuerlich⸗ ſten Auslegungen. Die Stenc, wie der Mei⸗ ſter unter dem Portal des Schloſſes geſtanden hatte, ſeinen Sohn an der Hand und den ſtum⸗ men Fluch auf der bebenden Lippe, war unver⸗ geſſen geblieben. Der Meiſter, raunte man ſich zu, beſitze ein Geheimniß, welches im Stande ſei, die unermüdlichen Maſchinen des Commer⸗ zienraths auf einmal zu lähmen, ſeinen ganzen ſtolzen Reichthum in Aſche zu verwandeln, ihn ſelbſt zum Elendeſten zu machen aller Sterb⸗ lichen. Dieſes Geheimniß zu bewachen und ſeine Verbreitung zu hindern, ſei der Sandmoll von Herrn Wolſton beauftragt. Uenntes Rapitel. Der Beſuch am Krankenbett. Dies alſo jenes Haus des Meiſters, welches der Sandmoll noch in ſo ſpäter Stunde auf⸗ ſuchte. Indem er an der Schenke vbrüberging, warf er, aus den verquollenen Augen, einen ſcheuen, ſchnellen Blick in die hellſtrahlenden Fenſter; er ſah den rothen Konrad, im Spiel mit dem Vagabonden, ſah des Meiſters Mar⸗ gareth, auf⸗ und abwandelnd vor dem Hauſe, mit gerungenen Händen— und wie er es ſah, gurgelte er vor Vergnügen. In demſelben Augenblick bildete ſich ein Ge⸗ danke bei ihm aus, der ſchon einmal, auf dem 342 Rückweg von der Galgenſichte„flüchtig in ihm aufgeſtiegen war. Herr von Lehfeldt hatte ihn beauftragt, für einen Mann zu ſorgen, der den Vagabonden in heimliche Aufſicht nähme; die⸗ ſen Mann jetzt hatte er gefunden: Niemand an⸗ ders ſollte es ſein als Konrad. Dem Spiel mit Leidenſchaft ergeben, von häuslichen Sor⸗ gen gepeinigt, in ewiger Geldnoth, mußte Kon⸗ rad, darüber war kein Zweifel, mit Begier jede Gelegenheit zur Verbeſſerung ſeiner Lage ergrei⸗ fen, zumal eine ſo bequeme. Das fortdauernde Elend(wir haben es bereits geſagt), verbun⸗ den mit dem ſchlechten Beiſpiel ſeiner Kamera⸗ den, hatte Konrad verdorben; ein Tagewerk, wo er nichts weiter zu thun gehabt hätte, als mit dem tollen Heiner in Wirthshäuſern und Schenken herumliegen, Branntwein zechen mit ihm und den Zuhörer abgeben für ſeine tollen Reden, kam bei ihm eben an den rechten Mann⸗ Auch war es dem Sandmoll nicht unbekannt, 343 daß zwiſchen dem Fabrikarbeiter und dem Land⸗ ſtreicher eine geheime, eiferſüchtige Abneigung beſtand; war Heiner alſo wirklich der gefährliche Menſch, für den Herr von Lehfeldt ihn hielt, und ließ aus ſeinen Reden ſich in der That etwas Strafbares nachweiſen, ſo durfte er gewiß ſein, daß wenigſtens Konrad nichts davon verſchwieg. Und endlich war dies ein neuer Faden, den der Sandmoll mit dem Hauſe des Meiſters anknüpfte. Hielt der Meiſter auch keinen per⸗ ſönlichen Verkehr mit ſeinem Eidam, ſo lebte er doch unter einem Dache mit ihm; Konrad, einmal an das Aufpaſſen und Angeben ge⸗ wöhnt, mußte bald auch einen trefflichen Kund⸗ ſchafter abgeben über den Meiſter ſelbſt. Der Alte, wie er mit dieſem Plane fertig war, gurgelte vor Vergnügen noch ein zweites Mal; dann ſchritt er auf das Haus des Mei⸗ ſters zu. Die Thür deſſelben war noch geöffnet; auch 344 hinter den Fenſtern auf der Seite des Meiſters brannte noch Licht. 3 Er ſelbſt war nicht daheim. Seit er von dem Commerzienrath, ſo zu ſagen, in Bann gethan war, wagten, wie ſchon erwähnt, die kleinen Han⸗ delsleute der Umgegend nicht mehr, in ſeine Be⸗ hauſung zu kommen; er ſelbſt jetzt mußte, wie ein Stück fertig war, damit herniederſteigen ins Thal und von Ort zu Ort, von Haus zu Haus, nach einem Käufer ſuchen für dieſelbe Waare, um welche die Abnehmer ſich ehemals gedrängt hat⸗ ten. Das waren die bitterſten Gänge für den armen Meiſter; nicht nur daß er jedesmal krank und erſchöpft davon zurückkehrte, ſondern auch ſchon vorher, während der Arbeit, lag der Ge⸗ danke an die Kränkungen, die er dabei ertra⸗ gen, die Demüthigungen, denen er ſich dabei ausſetzen mußte, auf ihm wie ein Alp. Gern hätte Reinhold ihm dieſe läſtige Handelsſchaft abgenommen. Aber dem jungen Mann fehlten 345 die Bekanntſchaften, die der Meiſter allenfalls noch aus frühern Zeiten her beſaß und die auch gegen ihn ſich mit jedem Monat ſchwieriger er⸗ wieſen. Immer weiter mußte er ſeine Wande⸗ rungen ausdehnen, immer demüthiger ſeine Worte, immer niedriger ſeine Preiſe ſtellen— und konnte mit alledem doch nicht verhindern, daß die Käufer, die ihm endlich noch für ſchlech⸗ tes Geld ſeine gute Waare abnahmen, ſich oben⸗ ein noch den Anſchein gaben, als ſei es ein Al⸗ moſen, das ſie ihm damit erwieſen.— Auch jetzt war er auf einer derartigen Reiſe begrif⸗ fen; ſchon der zweite Tag war es, ſeit er von Hauſe entfernt, und in dumpfer Angſt, ohne Arbeit, ohne Brot inzwiſchen, wartete die Fa⸗ milie ſeiner Rückkunft. Der Sandmoll, der ſehr wohl die geöff⸗ nete Thür bemerkte, hätte füglich geradewegs hineinſchreiten können. Doch fand er es ſeinen Neigungen angemeſſener, über die niedrige Ein⸗ faſſung des Gärtchens hinwegzuſchlurfen und, mit ſeinen ſchweren, plumpen Füßen, die armen kleinen Pflänzchen niederſtampfend, von außen in das erleuchtete Zimmer hineinzulauſchen. Dem Fenſter gegenüber ſtand das Bett der kranken Lene; ſie lag mit dem Geſicht herwärts, die Augen an die Decke gerichtet, und zählte, in qualvoller Sorge, die Minuten, die ach, ſo langſam ſchlichen... In der Mitte des Zimmers, in dem engen Raum, welchen die beiden Webſtühle frei lie⸗ ßen, zunächſt unter der Kienfackel, die ihr flat⸗ terndes Licht grell durchs Zimmer warf, ſaß Reinhold. Bevor der Vater aus dem Erlös der letzten Arbeit Garn mitbrachte zur neuen, mußte der Webſtuhl nothgedrungen feiern. Mit gutem Gewiſſen daher hatte Reinhold die Ab⸗ weſenheit des Meiſters benutzen mögen für jene Unterſuchungen und Studien, die ihm ſo theuer waren und die er doch unter den Augen des Vaters nicht treiben durfte. Das Reißbret auf ſeinen Knieen, die Bücher zu ſeinen Füßen, das ſaubre kleine Modell neben ihm zeigten deutlich, in welche Speculationen er ſich vertieft hatte. Der blödſinnige Großvater, in kindiſcher Geſchäftigkeit, ſtand bald hinter ihm und ſah, mit großer Ernſthaftigkeit, auf Zeichnungen und Jahlen, von denen ſein armer getrübter Geiſt doch längſt nichts mehr verſtand; bald, mit ganz vorſichtigen Schritten, das Nachdenken ſei⸗ nes Enkels nicht zu ſtören, trippelte er an das Bett der Kranken, beugte ſich über ſie, nickte ihr und ſtrich mit leiſen, leiſen Fingerſpitzen die Deckel glatt; dann wieder kauerte er ſich in ſeine Ecke und knüpfte, mit verwundertem Kopf⸗ ſchütteln, Strohhalme aneinander... Sandmoll, das Geſicht dicht an die Scheibe gepreßt, konnte dies Alles mit größter Bequem⸗ lichkeit überſehen. Ob er ſeine Freude daran hatte oder ob es ihn ärgerte, wiſſen wir nicht zu 348 ſagen; nur jedenfalls, je länger er hinſah, je mehr verzerrte, in widerwärtigem Grinſen, ſich ſein unförmliches Angeſicht. Jetzt auf einmal hob er den Stock in die Höhe, ſchwang ihn einige Mal in die Luft und dröhnend dann ließ er ihn gegen die Scheibe fallen... Die Kranke fuhr mit einem lauten Schrei in die Höhe, ihre Augen, wie ſie das entſetz⸗ liche Antlitz hinter der Scheibe erblickten, verdun⸗ kelten ſich Das hat ſie weg, knurrte der Sandmoll und zog, vor Behaglichkeit, die Schultern noch einmal ſo hoch. Dann endlich, mit einer letz⸗ ten ſcheußlichen Geberde ins Fenſter hineinwin⸗ kend, trat er in das Zimmer. Daß ſein Beſuch nicht angenehm war, das ließ ſich merken. Reinhold, der der kranken Lene beigeſprungen war, ſah ihn, mit ſtummem Kopfnicken, halb fragend, halb unwillig, an. Die Kranke ſelbſt hatte ſich gegen die Wand 349 gekehrt, mit feſt zuſammengepreßten Augen. Nur der Alte, in kindiſcher Gutmüthigkeit, trip⸗ pelte, mit vielem Neigen und Bücken, hinter dem Sandmoll her und becomplimentirte ſich mit ſeinem Schatten. Aber angenehm oder nicht, was fragte der Sandmoll danach? Mit grober Geberde ſchob er Reinhold bei Seite, ergriff einen Schemel und pflanzte ſich, die Kranke unverwandt an⸗ ſtarrend und ſeine greulichſten Geſichter dazu ſchneidend, dicht ans Bett. Reinhold zuckte ſchweigend die Achſeln, führte den Großvater ſanft in ſeine Ecke und ſetzte ſich zurück zu ſeinen Büchern. So war die Geſellſchaft geraume Zeit bei⸗ ſammen, ohne daß ein Wort verlautete. Endlich mochte es dem Sandmoll doch zu langweilig werden. Er ſtreckte die Füße noch weiter auseinander, tippte mit den langen ſchwar⸗ zen Fingern keck auf die Decke: Nun, ſagte er, Jungfer Lene? Gefällt Euch mein Geſicht nicht mehr, daß Ihr ſo aufſchreit? Oder dachtet Ihr„es wäre Jemand anders und wollt' Euch holen? Die Kranke bebte innerlich vor Aufregung und Angſt; die Anſtrengung, mit welcher ſie dieſelbe niederkämpfte, zog ihr einen Krampf zu, der ſie faſt zu erſticken drohte. Sobald ſie ſich wieder erholt hatte: Ah, ſagte der Sandmoll mit gleichgiltiger Stimme, Ihr macht's nimmer lang, mit Euch geht's zu Ende, gebt Acht; nächſtens ſchneiden ſie das Korn— und wenn ſie den Hafer einbringen, ſeid Ihr todt. Reinhold, dem dies Geſpräch unerträglich zu werden drohte, miſchte ſich in daſſelbe. Es geht leidlich mit der Tante, ſagte er, mit einer Stimme, der man deutlich anhörte, welche Gewalt er ſich that, ruhig zu bleiben: und wenn das warme Wetter anhält, ſo hoffen wir, ſoll ſie recht bald wieder auf den Beinen ſein. Der Alte drehte ſich halb um und ließ, voll teufliſcher Bosheit, ſeine kleinen Augen über den Jüngling funkeln. Seid Ihr auch da, Junker? ſagte er in ge⸗ ringſchätzigem Ton: ei ſeht doch! Und wie lieb er ſie hat, die gute Tante! Nicht wahr? das iſt eine einzige Tante, die Tante Lene! Solch eine Tante gibt es nicht mehr auf der ganzen Welt! Meint Ihr! gibt es? wandte er ſich an die Kranke ſelbſt, indem er ſeine Frage mit unheimlichem Gelächter begleitete. Gewiß nicht, antwortete der Jüngling ſtatt ihrer mit Herzlichkeit und neigte ſich über die abgezehrte, bleiche Hand der Armen: und ich ehre ſie wie eine Mutter. Wie eine Mutter! wiederholte Sandmoll und röchelte vor Vergnügen: Warum gerade wie eine Mutter, Junker? Aber es iſt köſtlich, 352 Jungfer Lene, nicht wahr? ganz köſtlich, ſag' ich! Ah, ah, es geht doch nichts über ein kindliches Gemüth, meint Ihr nicht auch? Lene erwiderte leiſe den Händedruck des Nef⸗ fen. Ich danke für Ihre Nachfrage, Herr In⸗ ſpector, ſagte ſie.. Nämlich Herr Inſpector war der Titel, mit dem der Sandmoll ſich am Liebſten nennen hörte. Er hatte natürlich nicht den mindeſten Anſpruch darauf; aber für die mannichfachen Verrichtungen, die ihm oblagen, ſchien es dem Publicum des Dorfs der paſſendſte, und ſo hatte er ſich gleichſam von ſelbſt gebildet... Ich danke, ſagte ſie mit mildem, begütigen⸗ dem Ton und wendete ſich zum Sandmoll, ohne jedoch ihr Auge zu ihm zu erheben, für Ihre Nachfrage, Herr Inſpector. Eine arme Kranke, wie ich, hat freilich wenig Hoffnung mehr. Aber ich bete täglich zu Gott, daß er mir Kraft gibt— und allen guten Menſchen, ſetzte ſie 353 mit einem unbeſchreiblich rührenden Ausdruck hinzu, auch für Euch, Herr Inſpector, bet' ich, ganz gewiß, auch für Euch. Der Sandmoll glotzte ſie frech an. Ich bin kein guter Menſch, ſagte er nach einer klei⸗ nen Pauſe, ich bin ein Verworfener, ein Un⸗ geheuer, ein Scheuſal, war's nicht ſo? Die Krankheit, vermuth' ich, hat Euch das Ge⸗ dächtniß zuſammengeſchrumpft; aber ich— ah, ich, ich habe ein vortreffliches! Gott erhalte es Euch, erwiderte Lene, zu allen guten Dingen: und auch dafür will ich beten. Beten? ſpottete der Alte: ſeit wann geht es denn ſo fromm her im Hauſe des Meiſters? Seit Herr Leonhard im Hirtenhauſe ſitzt, hat er ſeine Weisheit etwa vergeſſen? Es wäre beſſer, fuhr er fort, indem er mit einer zufälli⸗ gen Handbewegung den Mantel zurückſtreifte, daß das Schild auf ſeiner Achſel ſichtbar ward, 354 es würde weniger gebetet hier im Hauſe, aber beſſer gezahlt. Es iſt viel Geſindel hier im Dorf, der Teufel weiß es; aber Ihr ſeid von dem ärmſten. Ich muß Geld haben, Geld! rief er plötzlich und ſtampfte mit dem Stock auf den Boden: ich habe die Verſprechungen ſatt, man nimmt mich von obenher ſelbſt bei den Ohren— Geld, fromme Schöne!! Eine verlegene Pauſe folgte. Durch das laute Sprechen war der alte Blödſinnige aus ſeinem Winkel hervorgelockt worden, in ehrer⸗ bietiger Entfernung ſtehend, betrachtete er den glitzernden Meſſingbeſchlag an dem Stock des Sandmoll: etwas ſo Merkwürdiges, ſchien es, hatte er noch nie geſehen. Der Vater, ſagte Reinhold endlich, iſt nicht zu Hauſe Und der Schwager auch nicht, fiel Sand⸗ moll mit ſchadenfrohem Gelächter ein: Ah, das iſt ein Schwager! der verſteht es, ah! Geht hinüber, geht hinüber, Junker, und lernt von ihm! Der hat Haufen Geld vor ſich, ſo groß, und Eure ſchöne Schweſter, ah, die hat ſchon die ganze Schürze voll, ſie kann es ſchon gar nicht mehr tragen, ah! Der Spott war um ſo bittrer, als in dem⸗ ſelben Moment die Aermſte in der Thür er⸗ ſchien. Aber ſobald ſie den Alten erblickte, ver⸗ ſchwand ſie wieder. Ihr habt gehört, wiederholte Reinhold mit etwas nachdrücklicher Stimme, daß der Vater nicht zu Hauſe iſt... Ich hab' es gehört, ja, antwortete der alte Falſchmünzer, dem beides, die Angſt der Kran⸗ ken, die in fieberhaften Zuckungen neben ihm lag, und die wachſende Ungeduld des Jüng⸗ lings gleiches Vergnügen zu machen ſchien: und was noch mehr iſt, ich hab' es auch ge⸗ ſehen. Oder meint Ihr, ſagte er, und ſtieß mit dem langen Stock zwiſchen die Bücher und 356 Papiere, die Reinhold vor ſich ausgebreitet hatte: ich wüßte nicht, daß Ihr dieſen Kram einpacken müßt, ſo lange der Alte zu Hauſe iſt, Junker? Reinhold konnte ſeinen Aerger über die ſpöt⸗ tiſche Anrede, deren der Sandmoll ſich unaus⸗ geſetzt gegen ihn bediente, nicht länger unter⸗ drücken. Ich bitt' Euch, ſagte er, wenn Ihr mit mir ſprecht, Herr Inſpector, nennt mich bei meinem Namen... Bei ſeinem Namen, jauchzte der Alte und ließ die Finger knacken, daß die Kranke im Bett ſtöhnend auffuhr: ah, ah, bei ſeinem Namen! Habt Ihr's gehört, Jungfer Lene? Ein köſtlicher Junker das! ein charmanter Junker! Der blödſinnige Großvater, der natürlich nicht im Mindeſten verſtand, um was es ſich handelte, ſtimmte in das Gelächter ein, indem er Reinhold zunickte und winkte, als ob er recht etwas Verſtändiges thäte.. Reinhold gerieth ernſtlich in Zorn. Ich mag und will, rief er, Euer Junker nicht ſein, Reinhold iſt mein Name und der Name iſt ehr⸗ lich, dächt' ich.. Mein Junker will er nicht ſein! ah, ah, mein Junker! ſpottete der Falſchmünzer: wie gefällt Euch das, Jungfer Lene, wenn das mein Junker wäre, he? Nein, nein, Junker, ſo hoch hinaus hat das Ungeheuer es nicht ge⸗ bracht, das Scheuſal, der Unmenſch— iſt das Lied ſo richtig, Jungfer? Aber laßt Euch ſa⸗ gen, fuhr er fort: es gibt verſchiedene Junker, einige ſind es vom Vater und einige von der Mutter: und vor Euch, Junker, hab' ich ſol⸗ chen Reſpect, daß ich glaube, Ihr ſeid es von allen beiden. Reinhold ſtand auf. Es iſt ſpät, Herr In⸗ ſpector, ſagte er, und da ich nicht denken kann, daß Euer Amt von Euch verlangt, daß Ihr noch um Mitternacht.. 358 Aber der Alte hörte nicht. Auch er war aufgeſtanden und betrachtete mit hämiſcher Neu⸗ gier Reinhold's Modelle und Zeichnungen: das iſt was Schönes, ſagte er, das gefällt mir, die ſchwarzen Räder da— wird das vielleicht ein Leichenwagen für Eure liebe Jungfer Tante? Reinhold packte ſeine Papiere zuſammen; er war entſchloſſen, dem unerträglichen Alten nicht mehr zu antworten. Allein dieſer ſchien hier auf ein Thema ge⸗ kommen, das er nicht ſo bald wieder verlaſſen wollte. Ihr ſeid, ſagte er, ſo ein erſtaunlich gelehrter Mann, Junker, und habt vornehme Weisheit gelernt, ſehr vornehme: ſo ſagt mir, was iſt angenehmer, wenn man todt iſt, zu Grabe getragen werden oder gefahren? Indem der Sandmoll dieſe Frage that, hatte er ſich umgekehrt und firirte die Schweſter des Meiſters auf ihrem Schmerzenslager, mit Blicken, wie einer Klapperſchlange. 359 Reinhold, trotz ſeines Vorſatzes, konnte den Einfall nicht unterdrücken. So viel ich weiß, ſagte er, iſt es nur in den großen Städten Mode, bei den Vornehmen, daß ſie zu Grabe gefahren werden; wir armen Dorfleute müſſen froh ſein, wenn wir nur Schultern finden, die uns dieſen letzten Dienſt erweiſen. Aber da Ihr ſo neugierig ſeid, Herr Inſpector, ſo erlaubt, daß ich Euch einen Rath ertheile: ſterbt— und dann probirt es ſelbſt. Der Alte ſtellte ſich, als hätte er den letz⸗ ten Theil der Rede überhört. Es geht doch nichts, erwiderte er, über gelehrte Leute. Alſo blos die Vornehmen werden zu Grab gefah⸗ ren? und wir armes Volk müſſen froh ſein, wenn man uns trägt? Nun ſeht, das freut mich recht: Eure liebe Jungfer Tante ſoll auch gefahren werden, ganz gewiß, fragt ſie nur ſelbſt— der Wagen wartet ſchon, iſt's nicht ſo, Jungfer Lene? Ich hör' ihn ſchon 360 poltern— macht Euch fertig, fertig, Jungfer Lene!! Welcher Sinn ſich auch mit dieſen ſeltſa⸗ men Worten verband, es mußte ein entſetzlicher ſein, das bewies der Ausdruck, mit welchem der Alte dieſe Worte hervorröchelte. Lene warf die Arme gen Himmel: Barmherzig⸗ keit! ſtöhnte ſie: Barmherzigkeit, mein Gott...! Margareth war zurückgekommen; ſie ſprach dem Bruder leis ins Ohr. Herr Inſpector, ſagte Reinhold barſch und wies nach der Thür: es iſt Mitternacht vor⸗ über, meine Tante bedarf der Ruhe. Was Ihr auch mit meinem Vater zu ſprechen habt, kommt morgen wieder; für heut, wie Ihr Euch wohl ſelbſt überzeugt„erwarten wir ihn vergebens. Aber indem er dies ſagte, hörte er auch ſchon die bekannten Tritte auf der Schwelle; die Thür öffnete ſich und der Meiſter ſelbſt trat herein. Zehntes Rapitel. Der Meiſter. Es war eine lange hagre Figur, der Meiſter, im dunkelfarbigen, ſelbſtgewebten Rock. Spär⸗ liche ſchwarze Haare, glatt anliegend, umſchloſ⸗ ſen ein bleiches, abgehärmtes Antlitz, ſo mild, ſo ſchüchtern, daß es unbegreiflich ſchien, wie ein Mann von dem unbeugſamen, ehernen Cha⸗ rakter, als welchen das Gerücht den Meiſter be⸗ zeichnete, zu dieſem Geſichte kam. Nur um den Mund, mit ſchmalen blaſſen Lippen, feſt eingekniffen, ſpielte ein Zug— war es Schmerz? war es Bitterkeit? aber jedenfalls ein Zug, der auf eine ungewöhnliche Energie hindeutete. Das Engelchen. I. 16 362 Der Meiſter, noch in der Thür, warf ein ſchweres Pack vom Rücken. Die Kranke, in der Angſt ihres Herzens, hatte nicht gewagt, den Bruder anzuſehen; ſie lag, wie ſchlummernd, und ließ nur aus dem Grund ihrer Seele ſtumme, verzweifelnde Gebete gen Himmel ſteigen. Aber auch ohne die Augen aufzuſchlagen, an dem dumpfen Hall, mit dem das Pack zu Boden fiel, an der Art dann, wie der Meiſter ſeinen Weißdornſtab, erſchöpft, in die Ecke ſin⸗ ken ließ und nun, ſtatt allen Grußes, tief auf⸗ ſeufzte aus beklemmter Bruſt— an dieſem Allen, auch ohne die Augen aufzuſchlagen, hatte ſie gemerkt und wußte: es war dieſelbe Lein⸗ wand, die unter tauſend Angſt und Qual ge webte, mit welcher er Tags zuvor das Haus verlaſſen, und der unglückliche kehrte, von ver⸗ geblicher Wanderung, rathlos, hilflos zurück! Auch Reinhold dröhnte der dumpfe Hall 363 durch die Seele; ſo gebrochen, ſo ganz zer⸗ knickt, wie in dieſem Augenblick, hatte er den Vater noch nie geſehen. Lenens Entſchluß war ſogleich gefaßt. Sie ſchlug die Augen auf, richtete ſich, ſo ſchwer es ihr ward, in die Höhe— und mit dem lieb⸗ lichſten, troſtvollſten Lächeln, als wär' es zu einem recht freudigen Empfange und es gäbe nichts in dieſem Augenblick, was ihre Herzen angſtvoll zuſammenſchnürte, ſtreckte ſie dem Bruder die bleiche, zitternde Hand entgegen. Der Meiſter, ohne die Anweſenheit des Fremden auch nur im Geringſten zu beachten, ging, quer durchs Zimmer, auf das Bette zu, ergriff die dargereichte Hand und fuhr mit der andern leiſe über das dünne, feuchte Haar der Kranken. Der Großvater, nach ſeiner bethulichen Weiſe, hatte ein Fußbänkchen herbeigetragen. Der Mei⸗ ſter küßte ihm ehrerbietig die Hand, nickte Rein⸗ 16* 364 hold mit wehmüthiger Freundlichkeit; dann, laut⸗ los, ſetzte er ſich in die Ecke. Auch hier wieder war Sandmoll der Erſte, der die allgemeine ſchwüle Stille zu unterbrechen wagte. Schöne Leinwand das, ſagte er, nach dem Thürwinkel deutend: nämlich wenn ſie Einer möchte. Aber ich geb' Euch einen Rath, Mei⸗ ſter, wißt Ihr was? Macht Leichentücher dar⸗ aus für Eure Jungfer Schweſter. Aber nein (unterbrach er ſich ſelbſt: es mußte etwas ſehr Angenehmes für ihn ſein, was er da ſagte, denn er gurgelte beträchtlich)— bei jedem Schaden iſt noch allemal ein Vortheil, und Jung⸗ fer Lene, wenn ſie todt iſt, wett' ich, braucht keine Leichentücher... Der Meiſter hatte die Worte nicht verſtan⸗ den; aber ſchon der Ton der Stimme ſchreckte ihn empor. Wer ſprach da? rief er und ſprang, mit gleichen Füßen, in die Höhe. Ich, erwiderte Sandmoll phlegmatiſch: und ich denke, Ihr werdet mir's erlauben. Seltſame Macht, die dieſem dämoniſchen Unhold beiwohnte! Der Meiſter, als er aus ſeiner Verſunkenheit in die Höhe fuhr, hatte offenbar im Begriff geſtanden, in hellem Zorn zu entbrennen. Aber kaum daß ſein Blick das grinſende Antlitz des Sandmoll ſtreifte, als er auch ſeinen Zorn niederkämpfte und mit völlig gemäßigter, ja demüthiger Stimme: Ich bitt' um Entſchuldigung, Herr Inſpec⸗ tor, ſagte er, daß ich Euch nicht früher geſehen habe; aber ich war mir in ſo ſpäter Stunde keines Beſuchs mehr gewärtig. Ich bin, ſetzte er in ganz gebrochenem Ton hinzu, ein armer müder Mann und ihr werdet mich ganz gewiß entſchuldigen, Herr Inſpector. Ein Thor ſeid Ihr, erwiderte der Andere, ein unverbeſſerlicher alter Thor! Nicht wahr? Sie haben Euch die Thür vor der Naſe zuge⸗ 366 worfen als Ihr angezogen kamt mit Eurem Bettel? haben geſagt, ſie brauchten das nicht mehr und wenn Ihr es geſchenkt geben wolltet, ſie nähmen es doch nicht? O geht doch: Ihr thätet ja beſſer, Steine zu klopfen, wenn Eure erbärmliche Bruſt es aushielte, als die Zeit zu verlieren an ſolche Arbeit. Der Meiſter wollte etwas ſehr Bitteres er⸗ widern, aber noch einmal bezwang er ſich. Ein Jeder, ſagte er, treibt, was er gelernt hat, Herr Inſpector... So lernt auch verhungern, fiel Sandmoll mit grobem Gelächter ein: Ah pfui, ſolch ein alter Kopf und bildet ſich noch ein, er könnte die Welt einrennen? Packt ein, Meiſter, be⸗ ſinnt Euch, es wird ja doch nicht anders; ich ſeh' Euch ja doch ſchon, wie Ihr die Räder ein⸗ ſchmiert in der Fabrik, ei ja, das wird hübſch ſein! Und der Junker da, gebt Acht, das iſt ein feiner Geſell, es fehlte nicht viel vorhin, ſo 367 hätte er mich zur Thür hinauscomplimentirt, noch eh' ich Euch guten Abend ſagen konnte. Der artet nach Eurem charmanten Schwieger⸗ ſohn, ei ja: das wird ein vergnügtes Paar, wenn die erſt zuſammen hinter der Spindel ſitzen... Der Meiſter ſah Reinhold fragend an. Hat mein Junge unrecht gegen Euch gethan, ſagte er, ſo wird er Euch um Verzeihung bitten. Reinhold wurde blutroth; bei aller Ver⸗ ehrung, die er ſeinem Vater zollte, war dieſe Unterwürfigkeit, welche der Meiſter vor dem unheimlichen Alten zeigte, doch mehr als ſein jugendliches Herz ertragen konnte. Aber ein ſtrenger Blick des Vaters hielt auch ihn in Schranken. Der Herr Inſpector. ſagte er, kam zu ſo ſpäter Stunde und die Reden, die er zu der Tante führte, ſchienen ihr ſo viele Unruhe zu machen... Ju meiner Schweſter?! ſchrie der Meiſter, indem unwillkürlich ſeine Hand ſich ballte. O nicht doch, flüſterte die Kranke dazwi⸗ ſchen, es war nichts... Gewäſch, ſagte der Sandmoll gleichmüthig: was ſoll man reden, wenn Einem die Zeit lang wird? Ich habe auf Euch gewartet, Meiſterz ich meine, Ihr wißt, weshalb... Der Meiſter lachte bitter. Iſt es ſo weit gekommen, ſagte er, daß Ihr Euch noch um Mitternacht in die Häuſer Eu⸗ rer Schuldner drängt? ward auch unſer Schlaf an Euch verpfändet? Für Euern Schlaf, erwiderte Sandmoll, in⸗ dem er die Spitze ſeines Stocks zwiſchen die Dielen bohrte, geb' ich nichts— warum? weil Ihr wenig ſchlaft, denk' ich. Und mein Schuld⸗ ner ſeid Ihr auch nicht: ſondern dem Staat ſeid Ihr ſchuldig und dem Herrn Commerzien⸗ rath, als welchem der Grundzins gehört von jedem Haus im Dorf und viele andere gute Abgaben noch. Was aber Eure übrige Frage betrifft, ſo iſt es allerdings ſo weit gekommen und wird noch viel weiter kommen mit Näch⸗ ſtem. Ich ſag' Euch, rief er und ſeine Lippen ſchnalzten ordentlich vor Behagen, indem er dies Gemälde bevorſtehenden Elends entwarf: es werden Zeiten kommen für arme Narren, wie Ihr ſeid— Mitleid wird ſo rar werden, wie eine Roſe im Schnee, und Erbarmen wird es geben, gerade ſo viel wie Haare wachſen in meiner flachen Hand. Wohl dem Manne, der ſein Haupt im Sichern hat, wie ich! Es iſt beſſer, Henker ſein als gehängt werden. Und ans Hängen geht es, verlaßt Euch drauf! Es iſt ſchon heraus bei der Regierung: alle Ar⸗ men, die nicht bezahlen können, ſollen gehängt werden. Ja, was ſag' ich gehängt? In Stücke ſollen ſie geſchnitten werden, bei lebendigem Leib' in lauter kleine Stücke— und das muß 370 doch noch häßlicher ſein, als bei todtem, wie⸗ wohl auch das ſehr abſcheulich iſt, ſehr abſcheu⸗ lich, Jungfer Lene...7 Denn überhaupt hatte er dieſe ganze tolle Rede mehr an die Kranke neben ihm gerichtet, als an den Meiſter. Der Meiſter war, bei den erſten Worten des Alten, wieder in trübes Nachdenken ver⸗ ſunken. Ihr wollt Geld, ſagte er endlich: nun denn, ein Wort für tauſend: ich habe keins. Eure Rechnung iſt verdammt kurz, ſpottete Sandmoll, aber meine iſt deſto länger: Kopf⸗ ſteuer, Gewerbſteuer, Grundzins, Hauszins, Ihr ſeid ein flinker Rechner und werdet es wohl ſelbſt im Kopfe haben. Ich hab' es, erwiderte der Meiſter mit ge⸗ preßter Stimme, und ich bitt' Euch, habt nur noch Geduld bis morgen— oder da, da, nehmt meine Leinwand.. Eure Leinwand, antwortete der Alte, behal⸗ tet ſelbſt, ich mag ſie nicht; brennt Zunder daraus, alter Tropf, und ſeht zu, ob Ihr in Euerm harten Schädel einen Funken habt, an dem ſie zündet— ich aber will Geld, Geld!! ſchrie er, mit derſelben drohenden Heftigkeit, wie ſchon einmal: oder ich bleibe ſitzen an Eu⸗ rer Schweſter Bett, die ganze Nacht und alle Tage, bis Ihr mich bezahlt habt! Während der letzten Worte war Margareth (unſere Leſer entſinnen ſich, welches der Grund war, der ſie ſo raſtlos hin⸗ und hertrieb zwi⸗ ſchen der Schenke, wo ihr Mann ſaß, und ihres Vaters Haus) ins Zimmer getreten. Da ſie den Alten noch immer auf ſeiner Stelle ſah und ſeine drohenden Worte hörte, erſchrak ſie heftig und blieb beſtürzt unter der Thüre ſtehen. Ueber des Meiſters Antlitz, wie er ſein Kind anſah, ging ein mildes Lächeln. Er winkte ihr: Komm, meine Margareth, ſagte er, ſchütz' deinen Vater; du biſt allzeit mein gutes Kind — geweſen, es wäre ja nicht Recht von einem Vater, wollt' er nicht auch Gutes nehmen von ſeinem Kinde.— Es iſt Sonnabend heut, du wirſt Geld haben: gib dem Manne— und morgen trag ich meine Leinwand noch einmal herum. Das war zu viel für das gequälte Herz des Weibes. O mein Vater! ſchrie ſie und fiel, mit gleichen Knieen, in Thränen zerſchmelzend, vor ihm nieder. Sandmoll knackte, wahres Pelotonfeuer. Ah, ah, gurgelte er, ſolchen Spaß hab' ich nicht erlebt, ſo alt ich bin! Denkt, es iſt Sonna⸗ bend, der Narr! will Geld haben von ſeiner Tochter, der Thor! Geld? Aber thut mir den Gefallen, Meiſter, geht hinüber in die Schenke! nehmt Eure vortreffliche Leinwand mit, Euer Schwiegerſohn braucht ſie! auf mein Wort, er braucht ſie! denn ſo eben, denk ich mir, wird er wohl das Hemd verſpielt haben vom Leibe.. Der Meiſter ſah Margarethen voll Beſtür⸗ zung an; ſie wagte ſeinen Blick nicht zu er⸗ widern. Der Meiſter holte tief Athem; an der blei⸗ chen Stirn ſchlugen die Adern, als ob ſie ſprin⸗ gen müßten Nun denn, rief er, und ſtreckte beide Arme verzweiflungsvoll gen Himmel: ſo ſind wir zu Ende und der Blitz Gottes zerſchmettere mich und mein Haus! Da, da, ſchrie er, indem er das Wams von einander riß, daß die arme, eingedrückte Bruſt ſichtbar ward: Hier iſt mein Herz! Ich kann nicht weiter, ich bin müde— da, nehmt! nehmt! Schneidet mir das Herz aus dem Leibe, ich will ſtill halten, und münzt Geld daraus, wenn Ihr könnt— ich habe keins! und weiß auch keins mehr zu er⸗ werben! Reinhold war erſchrocken aufgeſprungen— Laßt ihn nur, ſagte der Sandmoll ruhig, er iſt im Zuge und daß ihm Keiner das Herz ausſchneidet, weiß er doch; dergleichen paſſirt alle Tage und einen erfahrenen Mann, wie ich bin, alterirt es nicht. Und dabei ſteckte er die ſchwieligen Hände in die Taſchen, ſo unerſchüttert, ſo behaglich, als wäre dies das angenehmſte Schauſpiel von der Welt. Aber der Danm der Zurückhaltung, welche der Meiſter bisher noch ſo mühſam erkünſtelt hatte, war gebrochen und in überſtrömender Rede ergoß ſich die Fluth ſeines Jammers. Hörſt du es, rief er, hörſt du es, Gott dort oben? Alle Tage paſſirt das! alle Tage Tau⸗ ſende deiner Geſchöpfe gehen unter in Elend und Verzweiflung! alle Tage, in deiner reichen Schöpfung, vor den Augen der Welt, die ſich fühllos wälzt in der Fülle deines Segens, ſind Tauſende, die nicht wiſſen, wovon den Leib er⸗ nähren, den du ſelbſt ihnen gegeben haſt! Tau⸗ ſende, die zu Grunde gehen in Noth und Schande, weil ihnen die Broſame fehlt, die die Hunde der Reichen nicht mehr mögen! Allgerechter Gott, rief er und die hellen Thränen ſtürzten aus den Augen des gepeinigten Mannes: iſt das deine Weltordnung? Haſt du das gewollt, Erbarmender, daß ich leide und verzweifle und muß leiden und verzweifeln ſehn, die mir die Liebſten ſind auf Erden, indeſſen das ſatte La⸗ ſter trotzt auf ſeine Sicherheit?! Du kennſt mein Leben, Allwiſſender, du haſt meine Tage geſehen von Kindheit an, du haſt die Nächte gezählt, die ich ſchlaflos in Sorgen verbracht habe, du weißt, wie oft ich zu dir gebetet— um kein Glück, Herr, wie die Menſchen es wün⸗ ſchen, nur um Ergebung und Kraft, daß ich die Laſt aushalte, die du auf mich gelegt und die ich ja tragen will ohne Murren, ſo lange du es willſt; du weißt auch, ob ich je ein Schwelger geweſen bin und ein Faullenzer und 376 ob ich das Elend verſchuldet habe, das mich verſchlingt— es iſt nicht um meinetwillen, um deinetwillen, Gott der Gerechtigkeit, daß der Glaube an dich nicht zu Schanden werde vor den Menſchen— errette mich! oder tödte mich! tödte uns Alle, wenn du nicht erretten willſt!! und ſeiner Sinne unmächtig, ſank er ſei⸗ nem alten Vater, der ängſtlich hinter ihm ſtand, um die Schultern und ließ ſich tröſten von ihm und ſtreicheln wie ein Kind. Ja, ſpottete der Sandmoll ruhig, das muß der Neid Euch laſſen, ein ordentlicher Mann ſeid Ihr geweſen jederzeit. Ihr ſeid ein Bett⸗ ler— aber Ihr wart immer fleißig; der Hun⸗ ger ſchrumpft Euch das Gebein zuſammen— aber Ihr wart immer mäßig und nüchtern; Ihr geht zu Grunde, ohne Erbarmen, wie Ihr da ſeid— aber Ihr wart immer tugendhaft; auch Eure Kinder ſind tugendhaft, auch Euer alter 377 Vater, der blöde Narr, war tugendhaft— und Ihr da, Jungfer Lene, Ihr wart auch tugend⸗ haft, nicht wahr? Bei dieſen Worten, um die Aufmerkſam⸗ keit der Kranken mehr anzuregen, ließ er den Stock leicht auf die Decke des Bettes fallen: Ihr wart auch tugendhaft, nicht wahr, Jung⸗ fer Lene? Allein plötzlich bei dieſer Geberde, wiewohl ſie im Grunde kaum ſo böſe gemeint war, zerriß der Geduld des Meiſters der letzte Faden. Elen⸗ der, ſchrie er und ſtürzte ſich, ſtammelnd vor Wuth, auf den erſchrocknen Alten: Du wagſt es, Hand zu legen an meine Schweſter?! Ja ſie iſt tugendhaft, eine Heilige, Elender, an deren Reinheit deine verpeſteten Gedanken nicht reichen— Hinweg! hinweg! rief er und ſchleifte, mit einer Gewalt, die Niemand dem bleichen, ſchwächlichen Manne zugetraut hätte, den zitternden Alten quer durchs Zimmer, über den Flur hinweg, unaufhaltſam, hinaus auf den freien Platz vor dem Hauſe: hinweg! daß ihr frommes Auge ſich nicht länger an deinem Anblick beſudele! Elſtes Rapitel. Der Aufwiegler. Unſere Leſer wiſſen jetzt alſo, woher der Lärm ſtammte, der die Gäſte in der Schenke in Be⸗ wegung ſetzte, und welcher Art die Scene war, zu der ſie, voller Neugier, ſich herzudrängten. — Vergebens hatte Reinhold ſich zwiſchen ſei⸗ nen Vater und den Alten geworfen; verge⸗ bens hatte Margareth, mit flehender Stimme, ihn zu beſänftigen geſucht, bis ſie, rathlos, in die Schenke geſtürzt war, ihren Mann zu Hilfe zu holen: der ſtille, ruhige Meiſter kannte ſich ſelbſt nicht mehr. Noch immer, mit uner⸗ bittlicher Fauſt, hielt er die Kehle des unglück⸗ —— 5 3 lichen Sandmoll umklammert; ſeine Stimme, ſonſt leis und ſchüchtern, hatte ehernen Ton; wie Glockenklang, machtvoll, nachhallend, tönte ſie über den weiten Platz. Was, rief er, Elender, hindert mich, dieſe Kehle zuſammenzudrücken, aus der des Unlau⸗ tern und Verworfenen ſo viel geſprudelt iſt? auszulöſchen mit Einem Griff dies elende Le⸗ benslicht, das mit ſeinem ekeln Qualm ſo viel Würdiges beſchmutzt, ſo viel Edles vergiftet hat? Bin ich einmal dem Untergang geweiht und hat Gott beſchloſſen, daß ich in Schanden enden ſoll, iſt es nicht beſſer, ich befreie die Welt vorher von dieſem Ungeheuer und ſtelle ein Beiſpiel auf, an dem ſeine Beſchützer und Helfershelfer ſich ſpiegeln mögen? Ja, fuhr er fort, indem er ſich zu den Umſtehenden wandte, die mit ſprachloſer Neugier das unerhörte Schau⸗ ſpiel betrachteten: ſeht her, das bin ich und das iſt dieſer! Das bin ich, der ich ſtill und 381 kümmerlich meinen Weg gehe und wo ein Wurm darüber kröche, gerechter Gott, ich nehm' ihn ja lieber heraus und ſtehe ſtill, ehe ich nur den Wurm zertrete— und das iſt dieſer, aufge⸗ nährt, entſtellt, gedunſen von jeder Art von Scheußlichkeit und Laſter, gebrandmarkt an ſei⸗ nen Gliedern von der Hand Gottes, daß die Knaben ihn verſpotten auf der Gaſſe und wer ihn ſieht, ſpeit aus vor ihm— und dieſem iſt Macht gegeben über mich! und dieſer hat das Ohr der Großen und Vornehmen im Lande und in meiner eignen armen Hütte darf er ſeine ſchmutzige Hand erheben gegen meine ſterbende Schweſter! und dieſer darf mich anſtecken mit ſeinem Gift und darf mich machen zu dem, was Ihr mich jetzt ſeht, rathlos, ſinnlos, daß ich mich ſchäme vor mir ſelbſt?! Eine prächtige Figur, ſtraf' mich Gott, flü⸗ ſterte Herr Florus, indem er ſich zutraulich in den Arm ſeines Reiſegefährten hängte: brächte 382 man dieſen Mann ſo auf die Scene, ich möchte das Parterre ſehen, das ſich das Schluchzen verhielte... Herr von Lehfeldt winkte lächelnd. Denn ſchon begann der Meiſter aufs Neue; die Umſtehenden zitterten ordentlich vor Neu⸗ gier und reckten die Hälſe in die Höhe. Denn ſie hielten ſich feſt überzeugt, daß jetzt, aber auch ganz gewiß jetzt das große Geheimniß, das ſie ſo lange ſchon beſchäftigt hatte, an den Tag kommen müßte und jedes nächſte Wort, das der Meiſter ſprach, müßte die Löſung bringen. Allein für diesmal irrten ſie ſich noch; der Meiſter konnte nicht loskommen von der Be⸗ trachtung ſeines Unglücks. Ihr kennt nicht mich, fuhr er fort, und ich kenne nicht Eure Geſich⸗ ter. Ich habe Niemand geſchmeichelt, Niemand in meinem Leben, und bin zu alt, es vor Euch zu lernen. Und darum ſag' ich Euch frei, daß ich auf den meiſten etwas leſe, das mir nicht gefällt. Sei's, es kümmert mich nicht, es iſt die Sache Eurer Lehrer und Prediger: und wie ich höre, habt Ihr ja deren jetzt ſehr fromme im Ort. Aber ſo wahr Ihr noch ein menſchliches Antlitz tragt, das der Himmel dieſem Verwor⸗ fenen nicht mehr gönnt, ſo wahr frage ich Euch, und Ihr ſollt mir als Zeugen dienen vor aller Welt: wißt Ihr etwas Uebles von mir? Ihr habt Euch verkauft an den Teufel der Maſchi⸗ nen; Ihr opfert dem Moloch und erhaltet Eu⸗ ren Lohn von ihm, alle Woche, regelmäßig, für den Ihr Eure Seele dahin gegeben habt. Auch das mag ſein: ein höheres Auge... Hier wagte Niemand mehr auch nur zu athmen, ſo feſt glaubten ſie, jetzt müſſe das Stichwort kommen; auch war der Meiſter, in ſeiner langen, hagern Geſtalt, entblößten Haupts, umfloſſen vom bleichen Mondlicht, in der That erſchütternd anzuſehen... Ein höheres Auge, ſagte der Meiſter, wacht 384 über dieſen ſchwarzen Geiſtern, eine ſtärkere Hand wird ihre Herrlichkeit in Aſche legen, wenn ihre Stunde gekommen. Aber weil ich meine Knie nicht beuge vor dem allgemeinen Götzen, weil ich nicht abfallen will von dem Gewerbe meiner Väter und will nicht zum Ver⸗ räther werden an der edlen Kunſt, die meine Altvordern erhalten, Jahrhunderte lang, und Eure auch, in glücklicheren Zeiten, wo man noch nichts wußte von den eiſernen Dämonen, die uns jetzt gefeſſelt halten— bin ich darum ein Verbrecher? muß ich darum gehetzt werden und verfolgt, bei Tag, bei Nacht, offen und heimlich, als wär' ich Kain der Brudermörder und Gott hätte mich preisgegeben den wilden Thieren des Waldes? Darf darum um Mit⸗ ternacht, in der Stunde, welche die Weisheit des Himmels beſtimmt hat, ſich durch Schlaf zur Arbeit zu ſtärken, dieſer Unhold, unter dem Namen des Geſetzes und geſchützt durch ſein heiliges Anſehn, ſich niederſetzen unter meinem Dach und darf durch ſeine Drohungen den Schlaf ſcheuchen von den müden Wimpern mei⸗ ner Schweſter? Wenn Ihr ein Zugthier habt und es iſt von Kräften und fällt hin am Wege und ſtirbt, wer von Euch würde es nicht in Ruhe ſterben laſſen? Was?! und ich bin ein Menſch und ſoll nicht verenden dürfen in Ruhe?! Die Rede des Meiſters und zwar am Aller⸗ meiſten vielleicht, ganz abgeſehen von ihrem Inhalt, das ungewohnte, der Mehrzahl unver⸗ ſtändliche Pathos, mit dem er ſie vortrug, fing an Mitleid zu erregen unter den Umſtehenden. Er hat Recht, ſagte der lange Karrenſchie⸗ ber, es iſt ein Greuel, wenn man's bedenkt, wie es zugeht in der Welt; wenn da nicht bald auf Aenderung gedacht wird, müſſen wir ſelbſt ein Einſehn nehmen. Ein Narr iſt er geweſen, ſchluchzte die dicke Wirthin, ſein Lebelang und ich habe den dum⸗ Das Engelchen. I. 17 386 men Kerl, der ſo ſtolz iſt und im Wirthshaus läßt er ſich niemals ſehen, nicht leiden können alle meine Zeit. Aber was wahr iſt, muß wahr bleiben: ein guter dummer Narr iſt er und wer den hören könnte ohne Thränen, als was ein anſtändiges Frauenzimmer iſt, das müßte ja auch gar kein bischen chriſtlichen Glau⸗ ben in ſeinem ſchwarzen Herzen haben. Das Auge des Meiſters war auf Konrad gefallen, der verlegen neben ihm ſtand und Margarethen böſe Blicke zuwarf. Es war, ſo ſchien es, des Meiſters Abſicht, ſein Herz heute einmal ganz zu erleichtern und Alles auszu⸗ ſchütten, was ihm, ſeit Jahren, heimlich daran gefreſſen: einer Wolke gleich, die, nachdem ſie einmal angefangen, ſich zu ergießen, nicht che wieder aufhört, als bis ſie ſich ſelbſt verzehrt hat. Ah, ſagte er und ließ den Sandmoll fahren, da biſt du ja, mein würdiger Schwie⸗ gerſohn! du Troſt meiner Tochter! du Stab 387 und Stütze meines Alters! Schelt' ich mit dir? Nein, mit dir ſchelt' ich nicht: die trifft mein Fluch, die dich beſchwatzt haben und hin⸗ weggelockt von meiner ehrlichen Armuth an die große Schlachtbank, wo die Maſchinen raſſeln und die Hefen geheizt werden mit dem Mark unſerer Söhne und Töchter! ihn trifft er, der den Unterhändler gemacht hat und hat dich, in der Einfalt deines Herzens, beſtrickt und ent⸗ zündet mit hölliſchen Künſten! Man braucht Trunkenbolde wie du, braucht Spieler, die, gleich dir, im Stande ſind, ihren eigenen Leib auf die Augen eines Würfels zu ſetzen— unſre Reichen brauchen ſie: denn ſie brauchen Skla⸗ ven. O Menſchen, Menſchen, rief er mit ei⸗ ner herzdurchdringenden Stimme: ſeht Ihr denn nicht, wie der Satan ſeine Stätte aufgeſchla⸗ gen hat unter Euch und ſeine Nüſtern ſchnau⸗ ben vor Wolluſt?! Aller Augen, bei dieſen Worten, wandten 388 ſich unwillkürlich nach dem Fabrikgebäude hin, wo, Tag und Nacht, eine Dampfmaſchine in Bewegung war; auch jetzt wieder, in langem Schwall, ſpie ſie Dampf und Funken gegen den reinen Nachthimmel, daß die Sterne da⸗ von für Augenblicke überdunkelt wurden.— Der Eindruck dieſes zufälligen Zuſammentref⸗ fens war gewaltig; ein dumpfes Brauſen, wie von Meereswogen, ging durch die Verſamm⸗ lung. Herr von Lehfeldt ſchien an dem ganzen Vorgang ein außerordentliches Vergnügen zu finden; er drehte behaglich an den Knöpfen ſei⸗ nes zierlichen Gilets und ſummte ganz leiſe ein Liedchen zwiſchen den Zähnen. Banz anders der Dichter. Nachdem er kurz zuvor dem Meiſter ſeine poetiſche Anerkennung dargebracht, zog er jetzt auch die praktiſche Seite des Vorfalls in Betracht: und dieſe fand er weniger angenehm. Ich gäbe was darum, flüſterte er zu ſeinem Nachbar, mein beſter Herr... Schmidt, daß Herr von Lehfeldt dieſen Auftritt mit anſähe. Das iſt ja der pure Aufruhr, die pure Rebellion iſt das ja, was der Kerl da predigt! Ob die Regierung nur nichts davon weiß? und ob denn kein Militair liegt in der Gegend? Herr von Lehfeldt wiegte lächelnd den Kopf und begann ſeine Melodie von Neuem. Laßt mich aus dem Spiel, Meiſter Wer⸗ ner, ſagte Konrad mit grober, drohender Stimme: ich bin nicht in der Laune heut, Faſt⸗ nachtsdienſtag mit Euch zu ſpielen— und miſchte ſich brummend in den dichten Haufen. Der Sandmoll dagegen, ſowie er ſich von der Hand des Meiſters erlöſt und ſichern Bo⸗ den unter ſeinen Füßen fühlte, erhob ſeine Stimme, ſo laut er konnte. Ah, ah, ſchrie er, Gewalt! Hilfe! Mörder! Ihr habt es geſehn, Ihr müßt mir zeugen allzuſammen: ich bin be⸗ 390 leidigt worden in meinem Amt! Amt! der Meiſter muß in den Karren, lebenslang, weil er ſich vergriffen hat an einem Beamten des Staats!!* Aber nur ein wieherndes Gelächter von allen Seiten ward ihm zur Antwort. Selbſt der dicken Wirthin, die doch ſonſt vor allen öffent⸗ lichen Autoritäten einen unerſchütterlichen Re⸗ ſpect bezeigte, war dies denn doch auch zu viel. Gnade Gott, murrte ſie in ihrer Einfalt, dem Staat, wo du ein Amt haſt, du verhutzeltes Nußknackergeſichte du, das müßte ja, mit Ver⸗ laub zu ſagen, ein rechter Lumpenſtaat müßte das ſein.. Wir wollen ihm unſer Zeugniß gleich ſchrift⸗ lich aufſetzen, meinten Einige von den Bur⸗ ſchen, indem ſie die Aermel in die Höhe ſtreiften. Dieſer Vater Schlappfuß, ſagten Andere, iſt der verruchteſte Menſch im Dorf, es iſt eine 391 Schande für uns, daß wir ihn ſo lange unter uns geduldet haben. Soll der Meiſter in den Karren, meinte ein Dritter, ſo ſoll Vater Schlappfuß wenig⸗ ſtens erſt darunter.. Wieder Andere erinnerten ſich gegenſeitig an die Härte, welche der Sandmoll bei ver⸗ ſchiedenen Gelegenheiten auch gegen ſie bezeigt. Mit einem Wort: die Stimmung für den Va⸗ ter des Herrn von Lehfeldt, wenn er es war, war ſehr ungünſtig. Der tolle Heiner drängte ſich in den Kreis. Heda, Platz! jauchzte er:„Laßt mich ein Wort ſprechen mit dieſem kundigen Thebaner.“ Ein Wort, Jungens: dieſe Misgeburt voll Mäler, wühlend Schwein, Er, der geſtempelt ward bei der Geburt Zum Sklaven der Natur, der Hölle Sohn.. iſt nicht werth, daß eine ganze honette Geſell⸗ ſchaft, wie wir ſind, ihre Hände an ihm be⸗ 392 fleckt: wir wollen ihn auswürfeln, gelt? und wer ihn gewinnt, ſoll das Recht haben, ihn aufzuhängen. Dieſer Einfall, allerdings werth, in dem Hirn eines Wahnwitzigen entſprungen zu ſein, fand bei einer Verſammlung, gleich der gegen⸗ wärtigen, die glänzendſte Aufnahme; der Brannt⸗ wein, der in ihren Adern brannte, und die ganze wüſte Aufregung der durchſchwärmten Nacht ließ ſie die Scheu, welche ſie ſonſt vor dem un⸗ heimlichen Alten empfanden, ganz vergeſſen. Ja, ja, riefen ſie wild durcheinander: der Tolle hat wieder einmal den geſcheitſten Ein⸗ fall: auswürfeln wollen wir ihn, ſo ſoll es ſein! und wer ihn gewinnt, ſoll ihn aufhängen dürfen, wo er will! Der Meiſter, bei dem jetzt allmälig die Schwingen der Leidenſchaft ſich zu ſenken be⸗ gannen, erſchrak über das Unheil, das er an⸗ zurichten im Begriffe ſtand; mit gläſernen Au⸗ —— gen, wie Einer, der aus einer ſchweren Trun⸗ kenheit zu ſich ſelbſt zurückkehrt, im Kreiſe um⸗ her irrend, wollte er dem wahnwitzigen Begin⸗ nen Einhalt thun. Allein Niemand hörte mehr auf ihn; Alles, mit entſetzlichem Jubelgeſchrei, warf ſich auf den Alten und zerrte ihn, unter Stößen und Püffen, herüber und hinüber, nach der Schenke zu. Herr Florus, der ſich immer dicht an den Maler hielt, konnte kaum Worte finden, ſeine äußerſte Empörung auszudrücken. Es iſt un⸗ verantwortlich, ſagte er, von der Regierung, und ſo wenig ich mich ſonſt in Staatsangelegen⸗ heiten miſche, ſo werd' ich doch kaum umhin können, einen Artikel darüber zu ſchreiben in 6 die Zeitungen, daß ſie kein Militair gelegt hat in dieſe Gegend. Es iſt ja die reine Mord⸗ brennerbande hier und kein anſtändiger Mann iſt ſich ſeines Lebens ſicher. 1 17** 394 Herr von Lehfeldt lächelte. Sie machen da, ſagte er, dem„wühlenden Schwein“ ein Com⸗ pliment, dergleichen es gewiß lange nicht ver⸗ nommen hat. Mit dieſen Worten, ganz gleichmüthig, drängte er ſich dicht an die Gruppe, die ſich um den Alten zuſammengeballt hatte und ihn, der Eine hier, der Andere dort, vorwärts zu ſchleppen ſuchte.— Daß Herr von Lehfeldt ſich bei alledem immer möglichſt tief im Schatten hielt, war gewiß nur reiner Zufall. Zwölſtes Rapitel. Das Engelchen. Auein die Verwirrung ſollte ſich noch höher ſteigern. Schon zu wiederholten Malen, näher und näher kommend, hatte der Ton eines Poſt⸗ horns, mahnend, warnend, ſich vernehmen laſ⸗ ſen; Niemand jedoch, bei der allgemeinen Auf⸗ regung, hatte darauf geachtet. Jetzt auf ein⸗ mal, mitten in die dichte Maſſe, brauſte eine ſchwere vierſpännige Reiſekutſche daher. Der Poſtillon, bei der ſcharfen Biegung aus der engen Dorfgaſſe auf den freien Platz, hatte die Wendung zu kurz genommen; die Vor⸗ derpferde, vor der lärmenden Menſchenmenge, 396 ſcheuten jählings zurück, der Poſtillon verlor die Gewalt über die Zügel, die Stränge ver⸗ wirrten ſich, das vorderſte Handpferd ſtürzte. Mit wildem Gekreiſch prallte der Haufe auseinander. Aber mitten zwiſchen den Pferden lag ein Kind. Es war derſelbe verkümmerte Knabe, der vorhin in der Schenke ſich ſo un⸗ gern von der Branntweinflaſche trennen wollte; die Mutter, um dem Lärmen bequemer zuzu⸗ hören(und dazu natürlich mußte ſie beide Arme in die Seite ſtemmen, ſonſt wär' es ja gar kein Plaiſir geweſen), hatte ihn vor ſich an die Erde geſetzt— und als die Pferde herange⸗ brauſt kamen, in der ſchnellen Flucht, hatte ſie ihn nicht mehr abreichen können. Das Kind ſchrie erbärmlich; jeder nächſte Hufſchlag der ungeduldig ſich ſträubenden Roſſe drohte es zu zerſchmettern. Die Mutter zeterte: Mein Kind! mein Kind! 397 Der ſchöne Wilhelm, der bis dahin hinter der Wirthin geſtanden hatte, drängte ſich mit groben Manieren durch den Haufen. Nun was wird es ſein? rief er: mit ein bischen Geld wird der Schade auch noch gut gemacht! Macht Ihr Eure Kinder für Geld? Eine feine Kunſt, die ich auch lernen möchte, unſere koſten uns, ſagte der Karrenſchieber... Beiläufig bemerkt, der Karrenſchieber hatte Frau und ſechs Kinder im Stiche gelaſſen, ſie mußten ihr Brod an den Thüren ſuchen. Was Geld? ſchrie die verzweifelte Mutter: mein Kind will ich! mein Kind! es blutet! es iſt todt! mein Kind!! Das iſt die Art dieſer Vornehmen, ſagte Einer, daß ſie denken, Alles mit Geld abzu⸗ machen; der Meiſter hat Recht, es iſt der leib⸗ haftige Teufel, der in dem Volke ſitzt, wir ſoll⸗ ten ſie alle erwürgen... Herr von Lehfeldt, deſſen ſcharfes Ohr das 398 Poſthorn wohl vernommen, hatte ſich noch recht⸗ zeitig unter den Thorweg der Schenke geflüch⸗ tet. Her Florus, der ihm nachlief, wie ein Küchelchen der Henne, fand ſich ebenfalls zu ihm, ein wenig athemlos zwar, aber er war doch im Sichern. Das Jutſchfenſter ward herabgelaſſen; eine junge Dame, bleich vor Schreck— aber auch der Schreck hatte die Anmuth dieſes lieblichſten Antlitzes nicht verwiſchen können! Kaſtanien⸗ braune Locken umringelten in ſeidener Fülle die zarten Wangen, die dunkeln Augen leuchteten ſanft wie der Mond, die rothen runden Lippen, wie ſie ſich öffneten, glichen einer Roſenknoſpe im Mai, ſo keuſch, ſo duftig... Eine junge Dame, bleich vor Schreck, neigte ſich heraus; ſie winkte mit der Hand, ſie wollte ſprechen, aber ihre weiche Stimme verhallte in dem wüſten Lärm. Auf der andern Seite rang eine Kammer⸗ 399 frau die Hände und ſchrie— man hörte es über das Kind hinaus. Der ganze Verlauf der Scene war viel ſchneller, als wir es hier erzählen können. Der ſchöne Wilhelm zankte mit den Leuten, die ihn nicht heranlaſſen wollten zum Wagen; Einige erhoben ſchon die Fäuſte gegen ihn. Ja, ja, riefen ſie, ſo ſind die Reichen! Armer Leute Kinder zu Tode fahren, das iſt ſo ihr Vergnügen! Der Poſtillon, der bei dem Zuſammenſtoß eine heftige Contuſion am Fuß erhalten hatte, war abgeſtiegen und bemühte ſich, hinkend, flu⸗ chend, um die Pferde. Aber wie es in dergleichen Fällen zu ge⸗ ſchehen pflegt: an das, was das Nächſte ge⸗ weſen wäre, das gefährdete Kind zu retten, dachte Niemand. Oder vielleicht auch Niemand hatte den Muth dazu. Denn die Roſſe bäum⸗ ten ſich und ſchlugen aus nach allen Seiten. =eeee —— . S 400 Einer gleichwohl hatte den Muth: der Sohn des Meiſters, Reinhold. Während des Vorfalls mit ſeinem Vater hatte er, dicht an ihn ge⸗ drängt, aber regungslos geſtanden; theils die Ehrfurcht vor ſeinem Vater, theils und mehr noch das Erſtaunen und der Schmerz über die⸗ ſen gewaltigen Ausbruch ſeiner Leidenſchaft hatte ihn gefeſſelt gehalten. Jetzt jedoch, mit keckem Sprunge, warf er ſich zwiſchen die brauſenden Roſſe, griff das Kind, ſchleuderte es ſeiner Mutter in die Arme: Es lebt! rief er, es iſt geſund, kein Haar iſt ihm gekrümmt! Und ſo war es wirklich; lediglich aus Angſt hatte das Kind ſo jämmerlich geſchrieen. Der ſchöne Wilhelm war mittlerweile in die allerſchönſte Schlägerei gerathen. Das iſt der Rechte, ſchrieen ſie, der hat auch Grund, hier noch das große Wort zu führen! der Mädchenjäger! der Löffler! Zerbläut ihm die glatte Fratze! Reißt ihm die goldnen Treſſen vom Leibe! Drauf! drauf!! Wilhelm, in der Noth, zog den Hirſchfän⸗ ger blank. Aber das war Oel ins Feuer gegoſſen. Was? brüllte der Haufen, der durch die vorangegangene Scene mit dem Meiſter und dem alten Sandmoll eben in der rechten Stimmung war zu jederlei Unfug: blanke Meſſer hier? Nun warte, Bürſch⸗ chen, dir wollen wir den Federbuſch knicken...! Drauf! drauf! ſchrieen Andere: an den Wagen! Heraus aus dem Wagen! wir wollen ſehen, wer in dem Wagen ſitzt! Heraus! heraus! wiederholte der ganze Cho⸗ rus: wir wollen ſehn, wer Nachts mit Vieren lang friedliche Menſchen über den Haufen fährt! Ja: und armer Leute Kinder todtfährt, ſetzte ein Anderer hinzu. Ja: und mit blanken Meſſern auf lebendige Menſchen gehen läßt, brüllte ein Dritter. 402 Ja: und Schleierhüte dazu trägt und ſeidne Handſchuh, kreiſchte eine dicke freche Dirne Ueberhaupt waren die Weiber bei Weitem die gehäſſigſten und machten den meiſten Lärm. Heraus! heraus!! Herum mit den Wagen! werft ihn um! hängt die Pferde aus! Drauf! drauf! Hurrah!! Reinhold war zunächſt an den Wagenſchlag geſprungen; ein einziger Blick hatte hingereicht, ihn die Dame erkennen zu laſſen, die in dem Wagen ſaß. Er legte die Hand durch das offene Fen⸗ ſter feſt über den Schlag. Fürchten Sie nichts, gnädiges Fräulein, rief er in den Wagen... Die Dame ſtand aufrecht im Wagen. Ich fürchte mich auch nicht, ſagte ſie und verſuchte zu lächeln.— Aber ihre Stimme zitterte dabei und vor ihren Augen lag es wie ein Flor, daß ſie Niemand erkennen konnte. Der Haufe wälzte ſich gegen den Wagen. Reinhold ſtand unerſchütterlich. Sein Auge leuchtete, die Muskeln ſeines Arms waren ſtraff geſpannt; wiewohl nur von mäßigem Wuchs, ſchien es in dieſem Augenblicke doch, als ob er um Kopfeslänge hinausrage über alle Uebrigen. Unſinnige! rief er: was beginnt Ihr? Kommt zu Euch, faßt Euch! Gott hat ſeine Hand ge⸗ breitet über das Kind, daß ihm kein Haar ver⸗ letzt iſt auf dem Haupte: aber wär' es ſogar anders, wer trüge die Schuld? Der Poſtillon hier, der ſeine Pflicht gethan hat und hat das Signal gegeben, wie ihm vorgeſchrieben iſt? Seht, er iſt ſelbſt verwundet und leidet mehr Schmerzen als das Kind. Die unvernünftigen Pferde? Es iſt mehr Vernunft geweſen in die⸗ ſer Creatur, als in Euch, die Ihr Euern Zorn kehrt gegen Die, die ihn nicht verdienen! Nein, gegen Euch ſelber kehrt ihn! Ihr ſelbſt, wenn hier ein Unglück geſchehen wäre, hättet die Schuld getragen! Warum drängt Ihr Euch hier zuſammen? warum ſchwärmt und tobt Ihr durch die ſtille Nacht? Du da, Mutter, die du dein gerettetes Kind jetzt mit Thränen an dich preſſeſt, was thuſt du hier außen in dieſer ſpäten Stunde unter den Trunkenbolden und Dirnen? warum ſitzſt du nicht daheim, wohin du gehörſt, am Bett deines Kindes, und be⸗ wachſt ſeinen Schlaf? Und wenn du jetzt, ſtatt des lebendigen Kindes, einen zerquetſchten blutigen Leichnam umklammert hielteſt, wer wäre ſeine Mörderin? du ſelbſt, du ſchlechte Mutter!! Das Unerwartete dieſer Rede machte, wie alles Unerwartete, großen Eindruck auf die Ge⸗ müther. Es iſt wahr, ſagten Einige, es iſt eigentlich eine rechte Rabenmutter, das eigne Kind ſo den Pferden in den Weg zu ſetzen. Sie hat nie viel getaugt, meinten Andere, ihr Mann hatte auch ſein Kreuz mit ihr, wohl ihm, daß er todt iſt. Etliche jedoch waren nicht ſo leicht beruhigt. Heraus aus dem Wagen! ſchrieen ſie: Wir wollen wiſſen, wie die Heiligen ausſehn, für die du ſo niedlich predigſt! Da, rief Reinhold, indem er den Wagen⸗ ſchlag aufriß, ohne doch einen Schritt davon zurückzuweichen: da ſeht! hier iſt ſie, ein ver⸗ laſſenes, ſchutzloſes Mädchen! O über die Hel⸗ denthat, ein ſchutzloſes Mädchen anzufallen zu Hunderten mitten auf der Straße? Kennt Ihr ſie nun? fühlt Ihr nun, zu welchen Thie⸗ ren Eure blinde Wuth Euch gemacht hat? Es ſind Jahre vergangen, ſeit wir dies Angeſicht nicht geſehen: aber es ſind doch wohl noch Ei⸗ nige unter Euch, die werden es erkennen! die werden noch wiſſen von ihm und ſeiner todten Mutter, die die Wohlthäterin war des ganzen Dorfes! Seht her, wie die kleine Hand zit⸗ tert— es iſt dieſelbe Hand, die Euern Kran⸗ ken ſo oft Brod und Speiſe gereicht! Seht in das klare Auge— es iſt das Auge der todten 406. Mutter, das auch für den Schlechteſten von Euch noch immer eine Thräne des Mitleids hatte! Da, hier ſteht ſie— nun? es ſind nur zwei Arme, die ſich für ſie erheben, Ihr könnt mich leicht in Stücke reißen— wie iſt es? will Niemand mehr die Heldenthat vollbringen? Richts bekanntlich iſt beweglicher und leich⸗ ter unzuſtimmen, als erregte Volkshaufen. Sei es, daß die Wuth des Pöbels ſich an dem ge⸗ hörig abgeprügelten ſchönen Wilhelm befriedigt hatte, ſei es die Gewalt, mit welcher Reinhold ſprach, und weil wirklich Einige ſich der ver⸗ ſtorbenen Madame Wolſton noch mit Dank⸗ barkeit erinnerten— oder endlich war es(und ganz gewiß, dies war es) die Erſcheinung der jungen Dame ſelbſt, was ſich, wie Del, über die eben noch ſo wild erregten Fluthen lagerte: genug, die Stimmung ſchlug um, wie man eine Hand umwendet. Alles ſtarrte auf die junge Dame, die noch immer aufrecht im Wa⸗ 407 genſchlag ſtand; da ſie halb hinter Reinhold ſtand, ſah es aus, als ob ſie ſich auf ihn ſtützte. Ein dumpfes Gemurmel ging durch die Menge: das Engelchen! das Engelchen...! Denn auch dieſer Name hatte ſich unter den Dorfbewohnern fortgeerbt. Es gab ein Fra⸗ gen und Ziſcheln, geſchäftige Zungen erzählten, was das für ein liebenswürdiges Kind geweſen ſei und wo ſie mit ihrer Mutter gekommen wäre, hätt' es doch, Gott verzeih' Einem die„ Sünde, nicht anders gelaſſen, als die Mutter Gottes käme gegangen mit einem leibhaften En⸗ gelchen. Auch die Abneigung, welche der Com⸗ merzienrath gegen ſeine Stieftochter hegte und die im Dorf ebenfalls kein Geheimniß war, ſprach zu ihren Gunſten... Das Engelchen! das Engelchen! raunte Ei⸗* ner dem Andern zu: da ſei Gott vor, daß wir dem Engelchen ein Leids thun! Gott ſegne das 1 Engelchen! das Engelchen ſoll leben! 408 Jetzt erſt traten dem jungen Mädchen die Thränen in die Augen; ſie fing an zu ſchwan⸗ ken, die Stimme verſagte ihr: nur die flachen Hände konnte ſie gegen das Herz drücken und ſie dann, mit unendlichem Liebreiz, lächelnd unter ihren Thränen, gegen die Menge zurückwenden. Die Pferde waren wieder angeſchirrt, der Poſtillon ſaß im Sattel. Reinhold trat vom Schlage zurück; ſo auf⸗ geregt oder ſo befangen war die junge Dame, daß ſie gar nicht einmal daran dachte, ihrem Retter zu danken oder ſich nur nach ihm um⸗ zuſehen: ſchluchzend ſank ſie in die Kiſſen zu⸗ rück und preßte ihr Tuch vor die Augen... Die Pferde zogen an; langſam lenkte der Wagen über die Brücke in das Schloßthor... Gott ſegne das Engelchen! riefen die Um⸗ ſtehenden noch einmal und ſchwenkten ihre Mützen und Tücher: wenn ſie Alle ſo wären, da ſtänd' es beſſer mit der Welt! * —09 Nur die Wirthin rümpfte die Naſe. Schnack, ſagte ſie, mit dem ganzen Engelchen; als ob das nicht aus demſelben Lehm wäre, wie wir Alle. Auch der lange Karrenſchieber fand ſich von dieſem Ausgang nicht befriedigt. So ſeid Ihr Tröpfe, brummte er: ein paar hochtrabende Worte und eine hübſche Fratze— und zum Teufel iſt Eure ganze Courage. Allein dieſe Weisheit kam jetzt zu ſpät, Niemand mochte ſie mehr hören. Einer um den Andern, unter Erzählungen von dem En⸗ gelchen und ſeiner Mutter, wo es ſo lange ge⸗ weſen und ob es nun wohl wieder im Schloſſe bleiben würde, verlief ſich nach Hauſe; ſelbſt der Sandmoll, der übrigens ſeine Zeit längſt wahrgenommen und ſich in aller Stille glück⸗ lich davongeſchlichen hatte, war vergeſſen. Auch Herr von Lehfeldt und der dicke Flo⸗ rus zogen ſich zurück. Verdammte Geſchichten Das Engelchen. I. 18„ 410 das! murmelte der Poet, indem ſie die Treppe hinaufſtiegen: kann ein vernünftiger Menſch daraus klug werden? Aber intereſſiren thut es mich bei alledem.— Herr von Lehfeldt, der ſeit einiger Zeit merklich verſtimmt war, erwiderte nichts, ſondern zog ſich, mit kühlem Gruße, in ſeine Kammer zurück. Der Meiſter, zum Tod erſchöpft von Allem, was ihm im Lauf dieſer letzten Tage begegnet war, hatte ſich, halb bewußtlos, auf den Arm ſeiner Tochter geſtützt; er hatte von dem gan⸗ zen letzten Vorgang wenig oder nichts geſpürt. — Konrad war ſchon längſt ins Haus gegan⸗ gen. Reinhold ſah dem Wagen ſinnend nach. Dann fuhr er mit der Hand über die Stirn, drehte ſich kurzum:* Laßt uns hineingehn, Vater, ſagte er: Ihr ſeid erſchöpft, kommt ins Haus... Der Meiſter richtete ſich langſam in die Höhe. * Ach meine arme Schweſter, ſagte er dumpf. . Die dicke Wirthin, die es nicht vor ſich ſelbſt hätte verantworten können, wäre ſie, bei einer ſo merkwürdigen Begebenheit, nicht die Letzte auf dem Platz geweſen, ſtand noch, mit wenigen Andern, und wartete der Dinge, die etwa noch kommen könnten. Auf einmal fühlte ſie ſich derb auf die Schulter gepocht. Erſchrocken ſah ſie ſich um.. Es war der tolle Heiner. Da, ſagte er und legte ihr das Tuch mit dem Gelde zwi⸗ ſchen die offnen fleiſchigen Hände: das ſoll für den Meiſter ſein: er ſoll dem Sandmoll den Hals damit ſtopfen und was übrig iſt, da ſoll er ſich eine Suppe davon kochen. Denn Brannt⸗ wein trinkt er ja doch nicht, der Pinſel. Nehmt, nehmt, rief er, da die Wirthin zauderte: Ihr ſeid ja eine ehrliche Frau ſo weit— und hier ſtehn die Zeugen. Wollt' ich es dem Meiſter ſelbſt geben, er nähm' es nicht— und ich weiß mit dem Quark nichts anzufangen. 18* Und dann auf Margareth zutretend: Gute Nacht, Margareth, ſagte er, und wenn dein Mann was von dir will, ſag's mir, ich will ihn zermörſern, daß er ſich ſeine Knochen ſoll einzeln zuſammenleſen... Damit drückte er ihr die Hand, vorſichtig, feſt— es war der ſilberne Trauring, den er ihr mit dem Händedruck zurückgab. Dann, ein wildes Zotenlied anſtimmend, verſchwand er zwiſchen den Häuſern. Alles verlief ſich. Die Wirthin, die ſchwe⸗ ren Hausriegel vorſchiebend, wog das Tuch: Ein närriſcher Menſch, ſagte ſie, der tolle Heiner ———————— — Dreizehntes Kapitel. Vaterfreuden. Als der Meiſter mit ſeinen Kindern in ſeine Behauſung zurückkehrte, war die Kienfackel längſt erloſchen. Der blöde Großvater, der die Dunkelheit nicht ertragen konnte, hatte ſich, laut jammernd, auf das Bett ſeiner kranken Tochter geflüchtet; ſie hielt ſeinen Kopf in Händen und redete ihm mit leiſer Stimme zu, wie einem Kinde. So endlich war er eingeſchlafen— und ſo fanden die Zurückkehrenden die Gruppe. Margareth nahm Abſchied von den Ihren; dann, quer über den Flur, begab ſie ſich in ihre eigne Wohnung. Ihr Mann war noch wach; mit ſtarken Schritten auf⸗ und niederſchreitend, maß er die kleine Stube. Schon vor der Thür hörte Mar⸗ gareth ihn laut vor ſich hin murren und knur⸗ ren; ſo wie ſie eintrat, überſchüttete er ſie mit einer Fluth von Schmähreden und Vorwürfen. So müſſe es kommen, meinte er zornig, und das habe ihnen gerade noch gefehlt zu ihrem Elend, daß der Meiſter ſich jetzt gar ein⸗ fallen laſſe, ihn, ſeinen eignen Schwiegerſohn, einen freien und ſelbſtändigen Mann, auszu⸗ putzen wie einen Schulknaben, öffentlich vor aller Welt. Ob ſie es denn nicht ſchon längſt ge⸗ merkt habe, daß ihr Vater von Verſtande ſei, ſo gut wie ihr Großvater? und ob es nicht genug ſei, daß des Meiſters eigene Wirthſchaft zu Grunde gehe über ſeinen Grillen und Lau⸗ nen? ob er dafür, daß er ſo thöricht geweſen, in eine ſolche Familie zu heirathen, auch an⸗ geſteckt ſein müſſe von ihrem Unglück und der ——————— 415 Teufel müſſe ihn holen, wie ſie? Denn darauf könne ſie ſich verlaſſen: die heutige Nacht bräche dem Meiſter den Hals; er kenne den Sand⸗ moll, wenn der es nicht dahin brächte, daß der Meiſter krumm geſchloſſen würde, Zeit ſeines Lebens, ſo wolle er nie wieder auf geraden Füßen ſtehen. Und wenn ſie nun ebenfalls ver⸗ hungerten, ob der Meiſter wohl der Mann⸗ ſei, ihnen zu helfen? ja woher der ganze Aerger entſtanden ſei, als nur davon, weil der Mei⸗ ſter ſich habe Geld von ihnen borgen wollen und ſie hätten ſelbſt keins gehabt? Eine ſchöne Wirthſchaft das, höhnte er, wo Einer betteln gehe beim Andernz eine ſaubre Verwandtſchaft, wo der Schwiegervater Schulden machen wolle beim Eidam! Aber es iſt mein Vater! wimmerte das un⸗ glückliche Weib.. Gut, ſchrie Konrad: es iſt dein Vater— aber ich bin dein Mann! Freilich wohl, ich 416 weiß recht gut, daß dein Herz noch immer hängt an der Sippſchaft da drüben und über dem lieben Vater und dem charmanten Bruder und der vortrefflichen Tante und dem koſtbaren Kerl, dem tollen Großvater, könnte ich, dein Mann, zehnmal ſterben und du ſähſt dich noch nicht um nach mir. Aber gib Acht, ich änder's! ich änder's, ſag' ich dir!! Haſt du deinen Vater lieber als deinen Mann, gut, heirath' ihn; aber ſo lange du mein Weib noch biſt, ſollſt du auch merken, daß ich dein Mann. Was Verſprechen, was Eid! Wem das Meſ⸗ ſer an der Kehle ſitzt, der bricht wohl zehn Eide— und dies war ja gar kein rechter Eid, ſondern der pure Wahnwitz war dies— und ich ſelbſt, daß ich mich dazu betölpeln ließ, war der Wahnwitzigſte von Allen! Morgen am Tage geh' ich zum Commerzienrath und melde dich an zur Arbeit! morgen am Tage, ſchrie er, und ſollt' ich dich mit meinen eignen Hän⸗ den an die Maſchine reißen! Ich will doch ſehn, ſetzte er trotzig hinzu, wer eigentlich Herr in meinem Hauſe iſt, dein Vater oder ich. Du biſt mein Herr, ſagte Margareth. Aber dies wirſt du nicht von mir verlangen: denn es wäre, weißt du, meines Vaters Tod. Konrad theilte die üble Gewohnheit vieler Männer: war er einmal in Zorn, ſo redete er ſich ſelbſt, je länger er ſprach, immer tiefer hinein; Widerſpruch oder Schweigen, es wirkte alsdann Alles gleich ſchlimm auf ihn; ja er fand ein grauſames Vergnügen daran in ſol⸗ chen Fällen, ſich noch ſchlechter und wüthiger zu ſtellen als er war.— Und diesmal reizte das geheime Bewußtſein ſeines Unrechts und wie ſtrafbar er gegen ſeine Frau gehandelt, ſeine Wuth noch immer mehr. Ah, höhnte er, pfeift es aus dem Ton? Ei ja wohl, wo denk' ich auch hin? Ich habe ja auch eine Meiſterstochter geheirathet, eine 18 3 418 Prinzeſſin, die mir eine Million mitgebracht hat, eine ganze Million! Die kann nicht arbeiten, wie Andere, das verſteht ſich; die darf ſich die Schleppe nicht ſchmutzig machen in der Fabrik, ei bewahre, das iſt ein Goldkrönchen, der ihre zuckrige Schönheit könnte auseinander ſchmel⸗ zen, die zarten Ohren könnten ihr ſpringen und die delikaten Aeugelchen verfärbten ſich, wenn ſie hören und ſehen müßte, was nicht ſchön iſt, das ſag' ich nicht— aber hundert andere Wei⸗ ber ſehen und hören es auch, die ſo cehrlich ſind wie du, und fallen auch nicht in Ohn⸗ macht davon! Ich will auch nicht länger der Narr der Familie ſein und will mich zu Schan⸗ den arbeiten in der ſtinkigen Fabrik, derweile du dem alten Großvater Märchen erzählſt und ſchöne blaue Blümchen pflanzſt oder Mücken fängſt vor langer Weile.. Konrad wußte ſehr wohl, daß das Alles gar nicht ſo war, wie er ſagte und daß im Ge⸗ 419 gentheil Margareth durch ihre häusliche Arbeit mehr leiſtete und mehr zuſammenhielt, als ſie durch die Arbeit in der Fabrik jemals hätte er⸗ werben können. Aber er war nun einmal in der Laune ſo und wär' ihm eingefallen, daß irgend einmal irgend eine Frau ihren Mann todt geſchlagen, Margareth, hätte er behauptet, hätte das auch gethan— oder würde es doch thun mit Nächſtem. Margareth kannte ihn darin. Du biſt gut, ſprach ſie, du ſprichſt das heut nur ſo; laß uns ſchlafen gehn, morgen iſt wieder ein Tag. Aber gerade darüber ereiferte Konrad ſich immer heftiger. So? ſchrie er: alſo ſo weit ſind wir ſchon, daß es dir einerlei iſt, was ich ſage oder nicht, du denkſt, es wird doch nichts daraus?! Nun gut, gut: ich bleibe gleich auf, der Tag dämmert ſo ſchon, mit dem erſten Glockenläuten geh' ich hinüber und melde dich — du mußt mit! rief er, auf der Stelle mit! 420 ich laſſe dich gleich anſtellen, das laſſ' ich, in dem allerſchlechteſten Saal, bei den allerſchmutzig⸗ ſten Weibern, das ſollſt du! Margareth zauderte; ſie ſetzte mehrmals an, wollte etwas ſagen— ihre Augen ſchwammen in Thränen, aber ſie zwang ſich zum Lächeln. Sie ſtellte ſich dicht vor ihn, ſtreckte beide treue Arme auf ſeine Schultern, ihre Augen hafteten auf der Erde.. Konrad, ſagte ſie mit ganz leiſer, lieblicher Stimme, guter Konrad— und wenn ich es auch wollte, es ginge jetzt doch nicht— jetzt nicht Aber Konrad merkte nicht darauf. Wir werden es ſehn, rief er, wir werden! Zieh dich an, auf der Stelle, binde die Haare auf... Denn während ſie ihren Vater in den Ar⸗ men gehalten hatte, war ihr das Kopftuch auf⸗ gegangen und die prächtige Fülle ihres Haares ergoß ſich frei in langen ſchwarzen Locken. — 421 Margareth blinzelte verſchämt in die Höhe. Es geht doch nicht, guter Konrad, ganz gewiß nicht— Aber laß gut ſein, brach ſie ab, es iſt etwas Schönes, etwas ſehr Schönes, Kon⸗ rad, was ich dir zu ſagen habe— o um Got⸗ tes Willen, rief ſie und brach in helle Thrä⸗ nen aus, ich möchte dir das ja nicht ſagen, während du bös auf mich biſt, nie! nie! Und nun gerade will ich es wiſſen, ſprichſt du? ſprichſt du?! ſchrie Konrad und zerrte ſie an der Hand. Margareth ſah ihn ſchmerzlich an mit ihren dunkeln, treuen Augen— und doch wieder mußte ſie lächeln. Ach Ihr Männer, ſagte ſie ſchalkhaft, was Ihr auch dumm ſeid! Merkſt du denn nichts, guter Konrad? Ich wollt' es dir ſchon lange ſagen, aber ich hatte das Herz nicht— es iſt ſo was gar Schönes vom lie⸗ ben Gott, da müſſen wir recht fromm dabei ſein = — 422 Konrad verſtummte und ſah ſie forſchend an. Margareth hing an ſeinem Halſe. Ich tauge nichts mehr in die Fabrik, guter Kon⸗ rad, flüſterte ſie: ich muß zu Hauſe bleiben, Windeln nähen, guter Konrad, und Hemdchen, ganz kleine Hemdchen, Konrad... Das arme Weib wußte nicht mehr, ſollte ſie lachen oder weinen. Aber mit Konrad ging eine entſetzliche Ver⸗ änderung vor ſich. Er machte ſich los von ſei⸗ nem Weibe— zwei Minuten war er ganz ſtill — er war leichenblaß und ſeine Glieder zitter⸗ ten— dann auf einmal, mit einem fürchter⸗ lichen Fluche: Nun, rief er, ſo wollt' ich doch, daß die Erde mich hinunterſchlänge klaftertief! Was? auch noch Kinder?! wiſſen wir nicht, wovon wir ſelbſt leben ſollen— und auch noch Kinder?! O, o, rief er und ſchlug ſich verzweiflungsvoll vor die Stirn, ich bin ein ruinirter Mann! — 7 —— 423 Das hatte die Unglückliche nicht erwartet. Mit offnem Munde, fliegendem Athem, ſtarrte ſie ihren Gatten an: Aber, Konrad, ſtammelte ſie, wie oft in frühern Jahren haben wir uns geſehnt danach! wie oft haſt du geſagt, du könnteſt nicht glücklich ſein ohne Kinder— Ich dachte dir eine Freude damit zu machen, ſchrie ſie auf, und Alles würde gut werden— und nun!! Ja, ſagte Konrad mit entſetzlicher Kälte, das war auch ehedem, mein Kind, da wir noch zu leben hatten; jetzt wo wir verhungern, was ſollen wir mit Kindern? Kinder, mein Schatz, ſind nur für Leute, die Geld haben, für un⸗ ſereins iſt es ein Unglück, ein recht bittres Un⸗ glück— Ich muß ins Waſſer gehn, ſetzte er gleichgiltig hinzu, reinweg ins Waſſer. Die unſeligſte aller Mütter war in die Knie geſunken, ihre Stirn ſchlug gegen die Erde— Nein, nein, ſtöhnte ſie, ich will's ja thun! lebe, lebe du— wir wollen ins Waſſer gehn, ich und mein armes ungeborenes Kind!... Konrad war in die Ecke des Zimmers ge⸗ gangen; er preßte den Kopf gegen die kalte Wand. Auf einmal drehte er ſich um— die Haare ſtrich er ſich aus der Stirn, ſein ganzes Ge⸗ ſicht war ein Lächeln.. Und iſt's denn wirklich wahr? ſagte er: ein Kind? ein ordentliches lebendiges kleines Kind ſollen wir haben? ein Kind, das man auf dem Arm tragen kann und das lernt Vater ſagen? ein Kind von meiner Margareth?! Hei, ſchrie er und tanzte vor Vergnügen durch die Stube: ein Kind! Wem Gott Kinder gibt, dem gibt er Segen— bis Gottwillkommen, mein liebes Kind! Er richtete das ſchluchzende Weib in die Höhe: Weine nicht mehr, ſagte er, das war ich — 425 nicht, der vorhin ſprach, das war der Teufel— vergiß es! und habe deinen kleinen Mann lieb! Mann! Vater! der rothe Konrad ein Vater! es iſt zu pudelnärriſch, rief er und lachte, daß ihm das Waſſer in die Augen trat. Ach was du gut biſt, lieber Mann, ſtam⸗ melte Margareth, ich danke dir auch recht ſehr, daß du nicht mehr bös biſt auf mich... Konrad nahm ihren Kopf zwiſchen die Hände. Er ſah ſie lange an. Du haſt einen böſen Mann, ſagte er dann, mit verhaltner Stimme: Aber du ſollſt ſehn, Margareth, ich will mich auch beſſern! ganz gewiß will ich mich beſſern! ein guter Menſch will ich werden, ich ſchwör' es dir bei dem Leben unſers Kin⸗ des! Hei, hei, rief er wieder und drehte ſich auf einem Fuß: ein Kind! ein wirkliches le⸗ bendiges kleines Kind! Jetzt will ich dir's nur geſtehn, Margareth, ſchwatzte er vertraulich wei⸗ ter, es hat mich lang gewurmt, daß wir ohne 426 Kinder waren, und ich habe viel Neckerei des⸗ halb aushalten müſſen von den Andern. Was es wol ſein wird? ein Junge? oder ein Mäd⸗ chen? Ein Mädchen, Margareth, ein Mäd⸗ chen wünſch' ich: denn es ſoll ſein, wie du, rief er, indem er plötzlich in bittere Thränen ausbrach: du biſt fromm, meine Margareth, ich aber bin ein ſchlechter Menſch, der gar kein Kind werth iſt.. Gott wird helfen, theurer Mann, ſagte Margareth und umſchlang ihn zärtlich. Ich hoff' es, ſagte Konrad unter Schluch⸗ zen, Gott wird es. Und arbeiten will ich, meine Margareth, arbeiten, daß mir das Blut aus den Nägeln ſpritzt. Ah wir ſind noch nicht ſo verloren, wie du denkſt, wenn ich nur will, ich kann's ſchon— Hemden mußt du nähen, das verſteht ſich, Windeln, Tücher— es darf unſerm Kinde an nichts fehlen, nichts, Alles muß da ſein, wie ſich's gehört— Und eine — 427 Taufe ſoll es haben, na wartet, eine Taufe, der Tiſch ſoll ſich biegen! Und ſo ſchwatzte er weiter, in kindiſcher, ſe⸗ liger Vaterfreude.— Es iſt eine wahre Geſchichte, eine Geſchichte aus dem Volk, die wir hier erzählen: und ſo dürfen wir uns keine Ausſchmückung oder Auslaſſung geſtatten, ſelbſt da nicht, wo wir in Gefahr ſind, durch die nackte Treue des Hi⸗ ſtorikers das Gefühl unſerer Leſer zu ver⸗ letzen. Konrad, dem es nach der durchſchwärm⸗ ten Nacht, in der froſtigen Morgenkühle und nach den wechſelnden Empfindungen, die ſeine Bruſt durchtobt hatten, ein wenig unbehaglich zu werden anfing, ſah ſich endlich gähnend Mich hungert, ſagte er: gib mir etwas zu eſſen, Frau, nur eine Rinde Brod— und dann wollen wir noch eine Stunde ſchlafen. ſein, ſagte er, es iſt verdrießlich, hungrig zu Unſere Leſer werden das, wie geſagt, ſehr unäſthetiſch finden; wie kann man eſſen wollen auf ſolche Scene?! Ganz gewiß, ſchöne Leſerin: hätte bei Ihnen, nach einem ähnlichen Vorgang, die Schwäche der Natur ſich gemeldet(wiewohl ſchon das im Grunde eine Beleidigung iſt gegen Ihre Bil⸗ dung), allen Reſpect vor Ihrer Zartheit, Sie hätten ſie unterdrückt, ja nicht ſich ſelber hät⸗ ten Sie eingeſtanden, daß Sie hungert. Aber die ſchlechte Geſellſchaft, in welche dieſes Buch Sie nun einmal geführt hat, beſitzt dieſe Re⸗ gards nicht—: Konrad fühlte, daß ihn hun⸗ gerte und ſo ſagte er's. Margareth erſchrak. Zu eſſen? Gerechter Gott, auch die Rinde Brod, nach der ihren Mann verlangte— ſeit zwei Tagen war ſie nicht mehr im Hauſe! Konrad errieth ihre Verlegenheit. Laß gut Bett zu gehn. Aber es thut nichts und ich denke ſchon nicht mehr daran. Aber Margareth war ein Gedanke durch den Kopf geſchoſſen— In dem Gebirg, wo dieſe Geſchichte ſich zuträgt, wie in vielen andern Gegenden Deutſch⸗ lands, iſt es ein alter Hochzeitgebrauch, den Neuvermählten am Tage der Trauung ein Laib Brod unter die Schwelle der Wohnung zu le⸗ gen: frommes Symbol, daß es dem jungen Paare niemals an Brod fehlen möge im Hauſe und daß ihr Fuß ſtets über Segen wandle! Auch bei Margareth's Trauung war dieſe Sitte bewahrt worden; unter der Schwelle des Zimmers, in einem reinlich ausgeklebten Niſch⸗ chen, ſeit Jahren unberührt, lag der Laib Brod, den ihr Vater einſt, unter Thränen und Se⸗ gensſprüchen, da verſenkt hatte. Sie kniete nieder, reichte das Brod hervor. Auch Konrad kniete neben ſie. Theurer Mann, ſagte ſie und gemeinſame Thränen aus dieſen Augenpaaren, die ſich ſchon ſo lange nicht mehr in gegenſeitiger Liebe an⸗ gelächelt hatten, tropften nieder auf die harte Rinde: drei Jahre ſind es, ſeit mein Vater dies Brod unter der Schwelle barg, drei Jahre ſind vergangen voll Noth und Jammer und unſere Herzen haben ſich oft von einander ent⸗ fernt. Ach theurer Mann, als ſie das Brod hier verſenkten unter Blumen und Segens⸗ ſprüchen, da dachten wir nicht, daß es ſo kom⸗ men ſollte mit uns... Ich klage nicht, ge⸗ liebter Mann, ich bin dein ehrliches, treues Weib, bis in den Tod, und feſt wie damals. Aber nun, da durch die Gnade Gottes ein neues Leben aufblüht zwiſchen uns, o mein Geliebter, laß uns unſere Hände legen auf dies harte Brod und laß uns zum Zeugen anrufen dieſen ſtillen, ſtummen Wächter unſeres Hau⸗ ſes— wir wollen gut ſein, theurer Mann, 431 Einer mit dem Andern, wollen Geduld und Nachſicht üben, und was auch komme, es ſoll ſich nichts mehr, nichts zwiſchen unſere Herzen drän⸗ gen— um unſeres armen Kindes willen! rief ſie und überdeckte die harte Hand ihres Man⸗ nes mit heißen Küſſen. Konrad nahm ein Krümchen von der harten Rinde— und er gedachte dabei, wie er als Knabe einmal das Abendmahl genommen, ſo heilig war es ihm. Er hob ſein Weib auf und küßte ſie ehr⸗ furchtsvoll auf die klare, reine Stirn. Du biſt heilig, ſagte er. Dann ſuchten beide das ſpäte, ärmliche La⸗ ger; Arm in Arm entſchliefen ſie.. Und der Engel des Friedens, ſo lange ver⸗ ſcheucht von dieſer Stätte, breitete noch einmal ſeine Schwingen ſegnend über ſie. 8 2 ₰ — * 8 8 — — 8 5 20 8 — 8 3 — 8 — — 3 A ſſſſſſiſſſſſſſſſſiſ 7 8 9 10 11 15 1 . 12 13 14 6 F—*